en⸗Liebe und Leben. zählungen von A. 6 οdin. 2 Lripzig, Jukins an —— „—- Leihbibliothe deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Lite von 1 3 Ednard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Ceſebedingungen. 1. 0ffensein der Bibliothek. Die Mhliothet ſteht Pr n⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. Wher 3 Nen jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. r 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für schentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3„ 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, dar das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem iejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ————ͤſͤſͤſͤſſſ 8 Frauen⸗Liebenn Leb en. —— Erzählungen von A. Godin. Dritter Band. — ee— eipzig, Ernſt Julius Günther. 1876. Ein Aruziftx. 1865. Motto: Jede Seele, die von der Vollendung zurückgehalten iſt, ſiecht und welkt dahin. Brentano. Godin, Frauenliebe und Leben III. 1 Seit früheſter Jugend galt ich, nicht mit Unrecht, für einen Muſiknarren. Die Verlockung eines guten Concertes bedrängte mich heißer, als dem heiligen An⸗ tonius von Padua durch alle Verſuchungen geſchah, und ſtürzte mich in Conflikte mit Pflicht und Gewiſſen, wenn mitunter beſonders Schönes winkte. Denn leider mußte alles Vortreffliche auswärts geſucht werden; die kleine Univerſitätsſtadt, an welche Profeſſur und ärzt⸗ liche Praxis mich längere Zeit band, war, wenn auch nicht von den Grazien, doch von den Muſen gänzlich verlaſſen. Was man dort ein Concert nannte, war mir wiederholt zu ſolcher Folter geworden, daß ich es verſchwor, mich ſolcher Mißhandlung ferner auszuſetzen. Eines Tages that ich es aber doch. Eine junge Violinvirtuoſin berührte auf ihrer erſten Kunſtreiſe unſere Stadt; die muſikaliſchen Zeitſchriften rühmten ihr Talent, und ich mochte die Gelegenheit, 1* 4 einmal Gutes zu hören, ohne erſt darum zu reiſen, um ſo weniger verſäumen, als ich hoffte, vielleicht an Thereſe Milonollo erinnert zu werden, deren tiefſin⸗ niges Spiel zur Zeit lebhaft auf mich gewirkt hatte. Faſt bereute ich indeſſen meinen Entſchluß, als die Ouvertüre zum Don Juan zur Geißel für meine Ohren geworden, und dann ein Weſen auf das Podium trat, welches zu Thereſens knospenhafter Erſcheinung einen ſcharfen Gegenſatz bildete. Eine unentwickelte, hochaufgeſchoſſene Geſtalt mit eckigen, niemals ſchönen, wenn auch ſtets wechſelnden Bewegungen trug einen frappanten Kopf. Tiefſchwarzes Haar über der ſtark entwickelten Stirn, dichte, faſt zuſammenſtoßende Brauen über ſo dunkeln Augen, daß ſie kaum zu glänzen ſchie⸗ nen, nur mitunter aufflackerten wie ein Blitz, um den Mund ein herber, knabenhafter Zug. Und doch lag, trotz ſo vorherrſchender Schatten ein eigenthümlicher Reiz auf dem jungen Geſicht, das ſich mitunter auf Sekunden erhellte, wie eine pittoreske Gebirgslandſchaft, auf welche das Streiflicht eines Sonnenſtrahles fällt. Mein Nachbar zur Linken war ein Clubbekannter, nicht ohne Geiſt, aber in Allem was Kunſt betraf ein „guter Menſch und ſchlechter Muſikant“, der gerne Kennern ihre Meinung ablauſchte, um danach Kritiken für ein Sonntagsblatt zurecht zu machen. Es machte 8 V —— 5 mir immer Spaß, ihn auf das Eis zu führen, und ſo fragte ich denn nach Schluß des erſten Theiles: „Was halten Sie vom Spiel dieſer beauté de diable, Meiſter Borell?“ „Wundervoll, ganz wundervoll!“ rief der Kunſt⸗ kenner;„famoſer Strich, ſtupende Technik— ein Phä⸗ nomen! und doch, die Wahrheit zu ſagen, fehlt mir mitunter etwas— etwas?—“ „Dieſen Rebus will ich Ihnen löſen! Das Mäd⸗ chen iſt ein Blatt, auf welches bis dato nur Noten geſchrieben worden; ſie hat noch nichts erlebt— das fehlt!“ „Nichts erlebt? mehr als wir Beide! ich weiß mancherlei über ihre Vorgeſchichte— romantiſch! Die Uranfänge ſind nicht bekannt; zuerſt tauchte die Kleine im Korbe des Warſchauer Findelhauſes auf und ward in der Anſtalt mit den Bälgern in Pauſch und Bogen aufgefüttert. Hat aber dort nicht gut gethan, wollte nicht pariren und brannte durch, als ſie, etwa ſieben Jahre alt, eine verwirkte Strafe abbüßen ſollte. Wie ſie an den blinden Mann gerathen iſt, der höchſt wahr⸗ ſcheinlich eben ſo gut ſah, als Sie und ich, und mit dem ſie ein paar Jahre ſpäter in den Straßen von Warſchau zuerſt wieder an's Licht kam, weiß ich nicht Sie führte den Menſchen, und begleitete ſein Flöten⸗ 6. 0 gedudel mit ein paar Griffen auf einer alten Violine. So zogen die Beiden von Thür zu Thür, und das Kind ſammelte ein, was die Leute geben mochten, um ſich vom Anhören des Duo's loszukaufen. Auf dieſe Art geräth Valeska eines Morgens in das Haus des Bankier Markus, eines Warſchauer Cröſus, der ſich etwas damit weiß ein Kunſt⸗Mäcen zu heißen; es fand gerade eine muſikaliſche Matinée ſtatt Vieuxtemps zu Ehren, der am Abend vorher in der Stadt concertirt hatte. Die Kleine ſchleicht bis vor die Thür des Muſik⸗ zimmers, bleibt dort ſtehen wie verzaubert, horcht mit all ihren Sinnen, und vergißt den alten Kerl drunten auf der Straße ganz und gar. In der Verzückung läßt ſie den Teller mit den Kupferſtücken fallen, verliert vor Schreck über das verurſachte Geräuſch ſelbſt das Gleich⸗ gewicht, ſtolpert, und fällt mit der Naſe gegen die Thür, mit den Knieen auf ihre Violine, die in Stücke geht. Der Lärm wird drinnen gehört, man ſieht nach und findet das ſchluchzende Kind, das ſtammelt und bittet, ſie nicht fortzujagen bis die Muſik zu Ende ſei. Die Herren nehmen ſie mit hinein, man läßt ſie zu⸗ hören, ſelbſt ein paar Griffe thun, und das Reſultat der Situation ſind großmüthige Protektionsgedanken, die dem Hausherrn bei Quartett⸗ und Sektſtimmung aufſteigen, und ihm den lebhaften Applaus ſeiner Gäſte 7 eintragen, als er ſie ausſpricht. Worte binden! Der blinde Mann wird abgefunden, das Mädchen zur Schule geſchickt, und einem tüchtigen Muſiklehrer in die Hände gegeben. Nach drei Jahren hat ſie ſolch erſtaun⸗ liche Fortſchritte gemacht, daß ihr Protektor ſie nach Paris ſendet, wo ſie die hohe Schule abſolvirt, und jetzt iſt der Vogel flügge und läßt ſich auf eigenen Schwingen über den Erdball tragen. Ich ſage Ihnen, dieſer Backfiſch— denn nach den Kalenderjahren dürfte ſie noch ſo genannt werden, dieſe beauté de diable, wie Sie zu ſagen beliebten, hat eine große Zukunft! Und ſie iſt ein Charakter! Mein Correſpondent fügte ſeinem Berichte bei, ſie ſei nichts weniger als lenkſam und habe, namentlich in Betreff des Ganges ihrer Aus⸗ bildung, ihrem Protektor gegenüber mehrfach auf dem eigenen Kopfe beſtanden. Auch ſoll die Art von Duenna, welche ihr Markus mitgegeben, ihre liebe Noth haben. Sehen Sie nur, wie ſonderbar ſich das Mädchen aus⸗ ſtaffirt hat! Iſt das eine Toilette für öffentliches Auf⸗ treten einer ſo jungen Künſtlerin? Dies knappe ſchwarze Kleid, worin ſie noch magerer ausſieht, als ſie ohnehin ſchon iſt, nichts Lichtes an der ganzen Erſcheinung als die flackernden Augen und das ſilberne Kruzifix, das ihr ſo ſonderbar mitten auf der Bruſt hängt. Inter⸗ eſſant iſt ſie aber doch!“ 8 Ich mußte lachen. Was finden dieſe Halb⸗Genie's nicht alles intereſſant! Die ſpröde Virtuoſität der klei⸗ nen Polin ließ mich, ſeit ich deren abenteuerliche Kind⸗ heitsgeſchichte angehört, kälter als zuvor, und ich machte mich davon, als zum zweiten Theil geſtimmt wurde. Kraft ohne Grazie, war der Eindruck den ich mit hin⸗ wegnahm. Wenige Jahre ſpäter erfüllte ſich mir ein langge⸗ hegter Wunſch: ich wurde an den Lehrſtuhl nach Bonn berufen. Nur ein Rheinländer weiß, wie man ſich lebens⸗ lang nach den ſonnigen Gauen des Rheines zurückſehnt, wenn Einem dort die Wiege geſtanden; ich war glück⸗ lich, der Heimath, des Lebens froh wie nie. Wem ginge nicht das Herz auf, wenn der deutſche Strom im Son⸗ nenlicht vor ihm funkelt, wenn die rebengrünen Berge niedergrüßen, und rings vom Ufer, aus jedem vorüber⸗ gleitenden Nachen Laute der Fröhlichkeit ertönen! Dann die ſternhellen Nächte, wo epheubekränzte Ruinen im Mondlicht ſchimmern, und von alten Sagen und Geſchichten flüſtern! Und nun all der Sang und Klang am Rhein! Von der Prozeſſion, die der hoch⸗ gelegenen Kapelle zu wallfahrtet, bis zum Pfingſt⸗ Muſikfeſte— immer gleiches Bedürfen, Nehmen und Geben, immer gleiche Huldigung der ſchönſten aller Heiligen, der divina Cäcilia! Endlich athmete ich wie⸗ 9 der natürliche Lebensluft, und ſog ſie mit vollen Zügen ein. Obgleich dazumal noch keine Eiſenbahn Cöln und Bonn verband, verſagte ich es mir nur ſelten, mich an den Cölner Concerten zu erlaben; namentlich ver⸗ ſäumte ich ein Gürzenich⸗Concert nur im Fall abſo⸗ luter Unmöglichkeit. Als ich eines Abends wieder zu einem ſolchen hinüberfuhr, ſtand auf dem Programm der Name eines Fräulein Lange, von deren Violinſpiel ich bereits Rühmliches gehört. Eine prachtvolle Geſtalt! Wenn es mir auch über Alles geht, etwas Schönes zu hören, ſo bin ich darum doch nicht blind, und gönne Augen und Ohren gern zugleich ein Feſt. Während ich die ſchöne Erſcheinung fixirte, dämmerte mir eine Er⸗ innerung auf, und ehe die Künſtlerin noch den erſten Bogenſtrich gethan, hatte ich Valeska Wola erkannt— dieſe Art von Geſichtern vergißt man nicht! Und doch hatte ſie ſich verändert— nicht nur die hageren Kin⸗ derformen zu impoſanter Schönheit entwickelt, die ſchar⸗ fen Züge gerundet, der fahle Teint der Haut zu durch⸗ ſichtig bräunlicher Färbung erwärmt— vor Allem war der ſeeliſche Ausdruck ein ganz anderer geworden. Fort das trotzige, knabenhafte Gepräge von damals, nur ein energiſcher Zug um den Mund zurückgeblieben, ſonſt alles phantaſievoller Reiz. Und wie ſie ſpielte! 10 es konnte Einem die Seele entführen. Die ſpröde Knospe war erſchloſſen, ein Gluthſtrahl mußte auf ſie gefallen ſein. Ob er nur Leben geweckt, nicht auch Leben verſengt hatte? nachdenklich ſah ich mir das ſchöne Mädchen an; ihre Augen hatten einen eigen⸗ thümlichen Blick; ſie ſchauten gleichſam in ſich hinein, geheimnißvoll wie dämmerige Sternennacht. Als ſie den Bogen abſetzte, lies ein ſchwerer, faſt ſtöhnender Seufzer dicht hinter mir mich unwillkürlich den Kopf wenden. An dem Pfeiler, gegen den ich mei⸗ nen Stuhl gerückt, ſtand ein junger Mann, der offen⸗ bar vergeſſen hatte, daß er ſich in einem dicht mit Menſchen gefüllten Saale befand, denn er machte gar keine Anſtrengung die heftige Aufregung zu verbergen, die ihn beherrſchte. Die Stirn gegen den Pfeiler ge⸗ ſtützt, die Lippen feſt auf einander gepreßt athmete er ſchwer, wie Einer, der eben Todesgefahr beſtanden hat. Er ſtarrte auf das, von der Künſtlerin verlaſſene Podium, ohne durch die Beobachtung geſtört zu werden, die ſeine Haltung erweckte, und in ſeinen dunkeln Augen flackerte ſo wildes Feuer, daß mein Intereſſe als Arzt rege wurde. Eine ſeltſame Combination ſchoß mir durch den Kopf. Hatte mich ſchon der Namenswechſel Valeska's frappirt, ſo witterte ich jetzt einen Zuſammenhang zwi⸗ ſchen ihr und meinem Nachbar; zwar ironiſirte ich mich 44 im nächſten Augenblick ſelbſt über dieſe Idee, dennoch beſchloß ich aufzupaſſen, und rückte meinen Stuhl. Zwei Nummern lagen zwiſchen dem eben gehörten und dem nächſten Vortrag der Künſtlerin. Sie ſpielte nun eine der träumeriſchen Phantaſieen von Ernſt, und riß mich ſo hin, daß ich den Gegenſtand meiner Beobachtung darüber vergaß, und ganz Ohr war; plötzlich drängte ſich aber der Fremde ſelbſt der ver⸗ ſäumten Aufmerkſamkeit entgegen. Er trat mitten im Spiel entſchloſſen hinter dem Pfeiler hervor, und ſtellte ſich in auffallender Weiſe an einen etwas iſolirten Platz. Erſt jetzt überſah ich den ungewöhnlich hohen Wuchs, den energiſchen, charaktervollen Kopf vollſtändig. Er verſchlang die Künſtlerin mit den Augen; könnten Blicke verbrennen und verzehren, ſo hätte ihr das geſchehen müſſen. In ſeinem Anſchauen lag jedenfalls jener ſelt⸗ ſame Magnetismus, den wir Alle ſchon erfahren haben — Valeska's Augen hoben ſich plötzlich von ihrem In⸗ ſtrument empor und trafen mit den ſeinigen zuſammen. Flammen lohten über ihr Geſicht, während das ſeine weiß und blutlos wurde, wie das eines Todten. Den Körper etwas vorgebeugt, den Blick zunverwandt auf den Fremden gerichtet, ſpielte ſie weiter, bis das Feuer auf ihren Wangen mit einem Male erloſch; ein ſchriller Ton des Inſtruments, dann entſank der Bogen der 12 willenloſen Hand, und das Mädchen glitt zur Erde, wie von einem unſichtbaren Streiche getroffen. Die Ohnmächtige ward umringt, man rief nach einem Arzte, und willig wurde mir Raum gegeben, um durch den Saal in das Nebenzimmer zu gelangen, wohin ſie gebracht worden. Nur Sekunden waren ſeit⸗ dem vergangen; dennoch beugte ſich der Fremde ſchon über das Sopha, worauf ſie gebettet lag, und bedeckte ihre ſchlaffe Hand mit leidenſchaftlichen Küſſen. Ich entfernte vor Allem die Zudrängenden aus dem ohnehin kleinen Zimmer, machte aber keinen Verſuch auch den jungen Mann in dies Gebot einzuſchließen, was ohne Zweifel nur eine nutzloſe Scene hervorgerufen haben würde. Er trat augenblicklich zurück, als ich der Be⸗ wußtloſen die einfache Hilfe leiſtete, welche hier am Platze war, und lehnte mit verſchränkten Armen am Fenſter, ohne ſie mit dem Blicke loszulaſſen. Bald ſchlug ſie die Augen auf; ihr erſter, ſtarrer Blick traf mich, ihr zweiter fiel auf den ſtummen Gaſt. Heftig zuſammenzuckend, ließ ſie die Füße auf den Boden gleiten, und rief mit flehendem Ton ein paar Worte in polniſcher Sprache. Er trat haſtig vor, und herrſchte mir zu:„Laissez— nous!“ „Nein, bleiben Sie, bitte!“ ſagte Valeska, gleich⸗ falls in franzöſiſchem Idiom, indem ſie meine Hand 13 ergriff und krampfhaft preßte;„verlaſſen Sie mich nicht!“ „Unter keinen Umſtänden verlaſſe ich meine Pa⸗ tientin, ehe ſie ſich wohler befindet“, ſagte ich ruhig, und nahm neben ihr Platz;„was Sie etwa mit der jungen Dame zu beſprechen haben, mein Herr, bleibt beſſer verſchoben. Das Fräulein iſt jetzt nicht in der Verfaſſung ein lebhaftes Geſpräch ohne Nachtheil zu beſtehen.“ „Verlangſt Du, daß ich gehe, Valeska?“ fragte er mit finſterem Auge. Das Mädchen ſchwieg mit geſenktem Kopf; nach wenig Momenten richtete ſie ſich aber kräftig auf, ein Zug feſten Willens trat in das zerſtörte Geſicht.„Bleibe, Fedor“, ſagte ſie,„und ſprich! aber laß es in Gegen⸗ wart dieſes Herrn geſchehen.“ Ihr Auge traf mich mit ſtummer Bitte; ich antwortete nur durch ein Zeichen, und zog mich etwas zurück. Ein wahrer Sturm von Worten brach aus dem Munde des Polen hervor; denn dieſe Nationalität ver⸗ rieth mir die Sprache, deren er ſich ſo leidenſchaftlich bediente; verſtand ich auch keine Silbe, ſo war doch der abwechſelnd flehende und zürnende Ton ein Dol⸗ metſcher der Bitten und Vorwürfe, womit er auf Va⸗ leska einſtürmte. Sie unterbrach ihn wiederholt mit 14 gleicher Leidenſchaftlichkeit, verſtummte aber zuletzt ganz und gar. Ich ſtand von Beiden abgewendet und ſchaute in die Nacht hinaus, bis ein Aufſchluchzen meiner Patientin mich veranlaßte, der Scene ein Ende zu machen. In der That war es Zeit dazu; nachdem ich, ohne mich von des Polen finſteren Blicken beirren zu laſſen, Valeska den Puls gefühlt, erklärte ich aus ärztlicher Autorität die Sitzung für geſchloſſen; nach Verlauf einer ruhigen Nacht ſei gegen Fortſetzung des Geſpräches nichts einzuwenden. Ein ſchwaches Roth huſchte über Valeska's Wan⸗ gen:„Ja, Fedor, auf morgen!“ rief ſie angſtvoll. „Suche mich im Hotel de Belge auf, ſo früh Du willſt — jetzt— ich kann nicht mehr! Und Sie, Herr Doc⸗ tor, möchten Sie mich nach dem Hotel begleiten? Der Wagen erwartet mich, aber ich bin ſehr angegriffen, und wollen Sie ſo gütig ſein—“ „Verſteht ſich!“ ſagte ich mit Erleichterung, indem ich ihren zitternden Arm in den meinen ſchob.„Gute Nacht werther Herr, und, nicht wahr, morgen laſſen wir unſere Patientin vor Allem ruhig ausſchlafen!“ Als wir bereits auf der Schwelle waren, machte ſich Valeska plötzlich von mir los, eilte zurück und bot dem Zurückgebliebenen beide Hände entgegen. Er ſtand unbeweglich, ohne den Blick vom Boden zu erheben; 15 ſeine Stirn war finſter, wie eine Novembernacht. Trau⸗ rig ließ ſie die Arme ſinken. „Gute Nacht!“ der Ton kam wie ein Hauch; kein Zeichen verrieth, daß er vernommen worden. Sie folgte mir ſtumm in den Wagen; auch ich verhielt mich ſchweigend, bis ich neben mir unterdrücktes Schluchzen vernahm.„Kann ich Ihnen nützlich ſein, als Menſch, als Freund, liebes Fräulein, ſo verfügen Sie über Ihren Arzt“, ſagte ich nach kurzer Pauſe; „wir kennen uns erſt ſeit einer Stunde, aber wenn Sie ſich das Herz faſſen wollen, einem vielerfahrenen alten Mann Ihr Vertrauen zu gönnen, ſo fänden wir vielleicht zuſammen etwas Tröſtliches aus.“ Sie antwortete nicht, drückte mir aber lebhaft die Hand. Im Hotel angelangt, begleitete ich ſie nach ihrem Zimmer, um ein beruhigendes Mittel zu verſchreiben. Als die ältliche Kammerfrau, welche ſie erwartete, mit dem Recept das Zimmer verlaſſen hatte, erfaßte Va⸗ leska plötzlich meinen Arm, ſah mir forſchend in die Augen und ſagte haſtig:„Ich nehme Sie beim Wort! Wollen Sie mir beiſtehen, ſo müßte ees aber auf der Stelle ſein. Können Sie mich noch in dieſer Nacht aus der Stadt bringen, dann bleibe ich Ihnen dankbar bis zum Ende meines Lebens!“ Betroffen ſtand ich vor ihr.„Liebes Kind, die 46 Nacht iſt keines Menſchen Freund! Sie ſind unwohl, erregt, gar nicht in der Verfaſſung, die mich als Arzt und Menſch eine Nachtreiſe bei Novemberſturm gut heißen ließe. Jagt Sie der heißblütige Herr in die Flucht, dem wir Ihren Zuſtand danken, iſt es Ihnen unlieb, ihn morgen zu empfangen, ſo geben Sie mir Vollmacht, es ſtatt Ihrer zu thun. Ich bin zu Allem bereit, was Sie beruhigen kann, aber Sie bei Nacht und Nebel vor das Thor zu ſchaffen, wäre wahrlich kein Gegengift, ſondern—“ Das arme Mädchen unterbrach mich in troſtloſem Ton:„Heute, wie immer— verlaſſen in der Stunde der Noth!“ Mein altes Herz ward weich.„Muß es denn ſein?“ „Fedor hat Rechte auf mich“, ſagte ſie ſtockend, „er kann fordern, daß ich ihn begleite, er behauptet mich ſogar durch das Geſetz dazu zwingen zu können; kommt es aber bis dahin, dann gehe ich aus der Welt, ehe ich mit ihm gehe! Genügt Ihnen das nicht, dann überlaſſen Sie mich meinem Schickſal. Kommt es zum Aeußerſten, ſo werde ich mir auch allein zu hel⸗ fen wiſſen!“ Da war wieder der feurige Trotz, der dem Kinde eigen geweſen, ehe es zur Jungfrau erwachſen, die 18 17 dunkeln Augen ſprühten, um die blaſſen Lippen lagerte ſich ein Zug eiſernen Willens. Das Mädchen hatte es mir bereits ſo ſehr angethan, daß ſie Macht über mich bekam; ich beſchloß nachzugeben, obgleich mir ſtarke Zweifel aufſtiegen, ob ich das verantworten könnte. Ihre letzten Worte hatten mich auf die Vermuthung gebracht, daß ſie mit dieſem räthſelhaften Fedor ver⸗ heirathet ſei. Selbſt in dieſem Falle ſchien es aber räthlich, Zeit und ihr Vertrauen zu gewinnen, um dann vielleicht Ausgleichung der offenbar zerrütteten Verhältniſſe zu verſuchen. Sobald Valeska meine Zuſage hatte, wurde ſie ruhig, und beſprach mit Umſicht, was zunächſt zu be⸗ rückſichtigen war. Vor Allem handelte es ſich darum aus der Stadt zu kommen, was gar keine einfache Sache war; wir lebten im Jahre 1849, die rheiniſchen Feſtungen waren armirt, deshalb die Thore von neun Uhr an geſchloſſen. Während Valeska ſich rüſtete, be⸗ gab ich mich nach der Kommandantur, um mir zum Durchgang des Thores eine Paßkarte zu verſchaffen, die ohne Schwierigkeit ausgehändigt wurde, nachdem ich mich legitimirt, und zugleich das Recht erworben hatte, eine, von mir noch zu wählende Pflegerin mit mir zu nehmen. Der Vorwand, eiligſt zu einem Schwer⸗ erkrankten zurückberufen zu ſein, diente hier, wie im Godin, Frauenliebe und Leben. III. 2 18 Hotel, wo ich ſchon zuvor die Beſorgung eines Mieth⸗ wagens angeordnet; ſo fuhr ich ohne alles Aufſehen nach elf Uhr ab, und traf, wie verabredet, mit meinem Schützling auf dem neuen Markt zuſammen, wohin ſie mit ihrer Jungfer vorausgegangen war. Da zu vermuthen ſtand, daß Fedor ihre Spur zunächſt auf der Mindner Bahn ſuchen würde, ſollte zur Unter⸗ ſtützung dieſer Annahme die Jungfer den Frühzug be⸗ nützen, alle Effekten mit ſich nehmen, und in Braun⸗ ſchweig ihre Herrin erwarten. Valeska gab mit ruhiger Beſtimmtheit ihre letzten Befehle, ſchärfte der Dienerin nochmals ein, den ihr zurückgelaſſenen Brief an den jungen Herrn erſt in Braunſchweig, dort aber pünktlich zur Poſt zu geben, und nahm dann neben mir Platz, mit einem Seufzer der Erleichterung, welcher bei mir ein, wenn auch unhörbares Echo fand; bis zum letzten Moment war ich auf ein unerfreuliches Auftreten des Polen gefaßt geweſen, deſſen exaltirtes Benehmen Grund genug zu der Annahme gab, daß er über das Haus, welches ihm Valeska entzogen hatte, Nachtwache halten könnte. Glücklicher Weiſe hatte ich mich geirrt, und wir fuhren unangefochten von dannen. Meine Erinnerung zeigt mir viele Bilder und Ge⸗ 19 ſtalten, oft genug ward der Menſch in tiefe Mitleiden⸗ ſchaft gezogen, wo der Arzt gerufen worden, und ver⸗ gangene Stunden erſcheinen mir zuweilen wie in einem Spiegel. Wenige aber haben ſich ſo tief in mein Ge⸗ dächtniß geprägt, als jene Nachtreiſe. Praſſelnder Regen ſchlug unaufhörlich gegen die Wagenfenſter; der losgelaſſene Novemberſturm durchſchnitt die Finſterniß wie mit articulirten Tönen; der Wagen erſchien wie ein Zufluchtsort, und was man in dieſer Weiſe phyſiſch empfand, ſchien auf meine Begleiterin auch ſeeliſch zu wirken. Nachdem wir geraume Zeit ſchweigend neben einander geſeſſen, äußerte ſie ein flüchtiges Wort von Geborgenſein. Zufrieden, das laſtende Schweigen von ihr mit ſo gelaſſenem Tone gebrochen zu ſehen, äußerte ich in leichter Weiſe gegen ſie, daß ſie mir eigentlich ſchon eine alte Bekanntſchaft ſei, und erwähnte jenes Concertes in R., wo ich ſie unter anderem Namen auf ihrem erſten Künſtlerflug gehört. Kaum geſprochen, be⸗ reute ich das Wort. Ich hörte ſie ſchwer athmen; ſie antwortete nicht, plötzlich aber, nach langer Pauſe, brach aus der gequälten Seele die Geſchichte ihrer Schmerzen hervor, wie die Fluth über einen gebroche⸗ nen Damm ſtürzt. Es war wie ein Schrei, der ſich nicht mehr unterdrücken läßt, der als Echo eine Men⸗ ſchenbruſt fordert, wenn das eigene Herz nicht daran 22 erſticken ſoll. Was lange ſtumm bewältigt worden, einmal will es an's Licht! Die Verhältniſſe, in welche ſie mich einweihte, er⸗ ſchienen mir merkwürdig genug, um ſie in den folgen⸗ den Tagen aufzuzeichnen. Was ich über Valeska's Vorgeſchichte erfahren, ſtimmte in den Hauptzügen mit der Wirklichkeit über⸗ ein. Sie ging hierüber eben ſo flüchtig hinweg, als über ihre öffentlichen Erfolge, doch ward mir klar, daß die Triumphe ihres Virtuoſenthums ſie nie befriedigt hatten. Was der einzige Ehrgeiz vieler Talente iſt: von einer beſtändig wechſelnden, verſtändnißarmen Maſſe bewundert zu werden, konnte ihrer Künſtlernatur nicht genügen. Ein Ehrgeiz anderer Art trieb ſie auf dieſem Wege vorwärts. Sie war ſtolz, und verzehrte ſich im Verlangen nach Unabhängigkeit. Als ſie nach ihrer erſten Kunſtreiſe zu ihrem Warſchauer Gönner zurückkehrte, legte ſie deren pecuniäres Reſultat mit dem Bemerken in ſeine Hände, daß es zum Theile die, für ihre Ausbildung gemachten Auslagen decken würde. Bankier Markus, der ſeinen Schützling lieb gewonnen, fühlte ſich hierdurch zwar nicht angenehm berührt, doch dachte er freiſinnig genug, des Mädchens reizbares Chrgefühl zu achten; er widerſprach nicht, trug aber .21 die ihm jetzt, wie ſpäter übergebenen Summen unter ihrem Namen in ſeine Bücher ein. Nun erſt, im Gefühl errungener Selbſtſtändigkeit, fühlte ſich Valeska in dem Hauſe, das für ſie die ein⸗ zige Heimath war, wirklich wohl. So oft ſie ſich eine Pauſe in ihrem Wanderleben gönnte, ward ſie nicht allein von Markus, ſondern von dem ganzen Kreiſe ſeiner Freunde mit lebhafter Freude willkommen ge⸗ heißen. Ihr Erſcheinen gab für das Haus des bejahrten Wittwers ſtets das Signal zur anregendſten Geſellig⸗ keit, deren Stern und Mittelpunkt die junge Künſtlerin war. Ihr ſelbſt wurden dieſe Monate der Ruhe zu hohem Genuß; während derſelben durfte ſie auf mu⸗ ſikaliſchem Gebiete einzig ihrem Genius folgen, und arbeitete zugleich raſtlos an ihrer geiſtigen Ausbildung. Das Bewußtſein ihrer Einzelſtellung erhöhte den ihr natürlichen Drang, ſich alle Quellen des Lebens zu er⸗ ſchließen. Jeder, von natürlichen Banden abgelöſte Menſch wird dem Leben mit einem inneren Gefühl der Nothwehr gegenüber ſtehen, ſelbſt dann, wenn ſeine Einſamkeit freiwillig iſt; wie viel mehr galt dies von dem kraftvollen, und doch echt weiblichen, deshalb reiz⸗ baren Charakter des Mädchens, die nie erfahren hatte, was Familienrechte bedeuten, die ſich inmitten aller Erfolge, aller Liebe dennoch tief einſam und wurzellos 22 auf Erden fühlte. Als ihr einziges, unveräußerliches Anrecht galt ihr nur die Kunſt; aber die Kunſt iſt eine Flamme, welche leuchtet, jedoch zugleich verzehrt. Im kaum bewußten Bedürfniß eines feſten Gleichgewichtes, raſtete ſie nicht mit ſtetem Aufmerken, Denken und Lernen. Nach einem, in England verlebten Jahre war ſie wieder nach Warſchau zurückgekehrt, um dort ein paar Monate zuzubringen. Hier traf ſie ihr Geſchick.— Zuerſt kam das Glück! Wie oft gleicht es der Blüthe, die als lächelnder Bote der Frucht vorangeht— wer, der ſie in ihrer Friſche leuchten ſieht, wüßte zu ſagen, ob ein Sturm ſie knickt, oder ob die Sonne wirklich erhoffte Früchte reifen läßt? Valeska und Fedor lernten ſich kennen.— Blitz⸗ ſchläge der Leidenſchaft ſind Ausnahmen; aber ſolche Ausnahmen gehören dem Leben zu. Beide, tief ver⸗ wandte Naturen fanden ſich von der erſten Stunde an; ſie glühten und liebten, wie es Tauſenden nie, und den dazu Erwählten nur einmal im Leben ge⸗ ſchieht. Wie ein jauchzender Bote ging die Liebe der Erfüllung voraus, ohne Sorge noch Zweifel! Wohl äußerte Valeska letztere, als der Geliebte ſein Herz in Worten gegen ſie ausgeſtrömt hatte. Fedor Prokinsky gehörte einer der erſten Familien des Landes an— 23 ſie, das Findelkind, hatte nicht einmal einen Vaters⸗ namen. Er ſchlug ihre Bedenken mit ſiegreicher Zuver⸗ ſicht nieder, und verſprach nicht nur, ihr bald den Be⸗ weis zu bieten, daß er Herr ſeines Willens, und kein Hinderniß ihrer Vereinigung zu fürchten ſei, ſondern vermochte auch Wort zu halten. Auf den Brief, wel⸗ chen er an ſeinen, gegenwärtig auf den Gütern leben⸗ den Vater richtete, traf raſche Antwort ein, die zwar keine unbedingte Zuſtimmung brachte, aber den Wunſch ausſprach, die Erwählte des Sohnes kennen zu lernen. Eine Einladung für Valeska, den Grafen Prokinsky zu beſuchen, wurde um ſo bedeutungsvoller, als Fedor's Großmutter, welche im Laufe der nächſten Zeit War⸗ ſchau auf der Durchreiſe nach Wilna berühren wollte, ſich zu gleicher Zeit erbot, das junge Mädchen ſelbſt zu ihrem Schwiegerſohn zu führen. Fedor ſollte dann den Damen folgen, ſobald er es wünſche. Ddieſer Brief brachte Sonnenſchein in alle Gemü⸗ ther. Bankier Markus, dem der ältere Graf Prokinsky durch den Ruf als ſtolz und ſchroff bekannt worden, hatte trotz Fedor's Zuverſicht ſchwere Zweifel an der Einwilligung des Vaters gehegt, und ſehr ungern ge⸗ ſchehen laſſen, was er nicht ändern konnte: daß der junge Mann ſein Verhältniß zu Valeska von vorn herein als unwiderruflich angenommen, und ſie den 24 Freunden des Hauſes als ſeine Braut vorgeſtellt hatte. Wie die Dinge nun ſtanden, durfte er ſeinem lieben Schützling mit freiem Herzen Glück wünſchen. Valeska ſelbſt war tief ergriffen. Wie ein Traum zog das Glück in ſeiner reizvollſten, nie ſo erhofften Geſtaltung in ihr Herz, ihr Leben ein. Nicht nur das Höchſte, was dem Menſchen werden kann, getheilte Liebe war ihr geworden, zugleich that ſich ihr auch das tief⸗ ſelige Gefühl auf, einer Familie wirklich zuzugehören. Von der erſten Stunde an, als Fedor's Großmutter, Fürſtin Koncewska, ſie zu ſich berief, und bald darauf mit ſich nahm, empfand das junge Mädchen einen nie gekannten tief ſympathiſchen Zug zu dieſer milden Frau, der ſichtlich getheilt wurde. In Blick und Ton der alten Dame lag ein Ausdruck wehmüthiger Zärtlichkeit, ſo oft ſie Auge und Wort auf Valeska richtete, und als ſie nach mehrtägiger Reiſe mit derſelben auf dem Gut des Grafen anlangte, durfte ſie ſich ſagen, daß ihr vom würdigſten Gliede der Familie bereits Herzens⸗ rechte eingeräumt worden. Ihre Stellung befeſtigte ſich wunderbar raſch. Der prüfende, etwas kalte Blick, womit Fedor's Vater bei erſtem Zuſammentreffen ihre Erſcheinung erfaßt hatte, wechſelte ſeltſam den Ausdruck, nachdem er ſie kaum geſehen. Sie ſah ſich als Tocher des Hauſes aufge⸗ 25 nommen und bevorzugt, und bald nach Fedors Eintreffen wurde die Verlobung des jungen Paares feierlich begangen, und der Tag der Hochzeit feſt⸗ geſetzt. Während der Zeit, welche bis zu dieſem Traum verging, erfuhr Valeska aus dem Munde der, ihr täg⸗ lich größere Innigkeit zeigenden Fürſtin Vieles, wodurch ihr das, was ihr Fedor über ſeine Familienverhältniſſe vertraut hatte, erſt ganz verſtändlich wurde. Die Ur⸗ ſachen, welche den älteren Grafen zu ſo unerwarteter Bereitwilligkeit geſtimmt, dem einzigen Sohn die Ver⸗ bindung mit einer Namenloſen zu geſtatten, führten in ferne Vergangenheit zurück, in der ſchwere Kämpfe das Familienleben unterwühlt hatten. Der Fürſtin älteſte Tochter, Fedor's Mutter, lebte nur während der erſten Ehejahre mit ihrem Gatten in Warſchau, wo Graf Prokinski damals eine Compagnie des dort garniſoniren⸗ den Garderegimentes führte. Ueber die Urſachen früher Zerwürfniſſe zwiſchen dem Ehepaar ging die Fürſtin in ihrer Erzählung hinweg, nur das eine betonend, daß der Graf, in einer Petersburger Militäranſtalt des Kaiſers erzogen, Letzterem ganz und gar angehörte, einzig das Leben in der ruſſiſchen Hauptſtadt ſchätzte, und durch dieſe Richtung die junge Frau, eine Polin mit jedem Blutstropfen, in all ihren Sympathieen ver⸗ 26 letzt hatte. Im Lauf der Zeit führte dieſer Gegenſatz zwiſchen den Gatten zu ernſten Zerwürfniſſen. Während die Gräfin die erſten Jahre über den Winter ſtets in Warſchan zugebracht, den Sommer dagegen auf den, bei Wilna gelegenen Gütern verlebt hatte, verließ ſie Letztere ſeit der Geburt eines Töchter⸗ chens gar nicht mehr. Der Graf, einem halben Witt⸗ werleben überlaſſen, behielt den Sohn unter der Auf⸗ ſicht eines Hofmeiſters bei ſich, und begab ſich, ſo oft es ihm gelang, Urlaub zu erreichen, zu längerem Auf⸗ enthalte nach Petersburg; nur ein loſer Zuſammen⸗ hang verband noch dieſe, der Weſenheit nach getrennte Che. Die Gräfin verkehrte viel mit dem, in Wilna und den benachbarten Gütern angeſiedelten Adel, und fana⸗ tiſirte ſich für die, in jenen Kreiſen herrſchenden Grund⸗ ſätze, welche eine nationale Erhebung gegen Rußland als Recht und Pflicht jedes Polen aufſtellten. Dieſe Ideen fanden bei der jungen Frau einen vorbereiteten Boden; in ihrem elterlichen Hauſe war Unzufriedenheit mit dem Beſtehenden ein häufig beſprochenes Thema geweſen. Erfreute ſich auch das polniſche Volk größeren Wohlſtandes als dereinſt, und ſehnte ſich deshalb nicht danach, den ruſſiſchen Scepter mit dem anarchiſchen Chaos früherer Selbſtregierung zu vertauſchen, ſo fühlte —jjj—— 4 3 —— 3 27 ſich dagegen der Adel, einſtiger Selbſtſtändigkeit und Ungebundenheit eingedenk, tief unzufrieden. Doch ge⸗ nügten die Pläne der höheren Ariſtokratie, welche, ohne Bruch mit Rußland, ihr Ziel nationaler Selbſtſtändig⸗ keit auf dem Verfaſſungswege zu erreichen dachte, dem Enthuſiasmus der feurigen Frau keineswegs: perſön⸗ liches Zuſammentreffen mit Lelewel, dem begeiſterten Univerſitätslehrer, fanatiſirte ſie ganz, ſie ließ ſich in Verbindungen mit geheimen Club's ein, und, ohne daß der ferne Gatte dies ahnte, war das Haus der Gräfin zu einem Hort jener Verſchwörung geworden, die an der Nachricht von der Pariſer Julirevolution zur That reifte. Trotz dunkler Erwartung eines bevorſtehenden Schlages war der Vicekönig, Großfürſt Conſtantin, keineswegs auf den urplötzlichen Ausbruch des Auf⸗ ſtandes vorbereitet, und entging nur mit Mühe der Ermordung, während der Kampf zwiſchen Volk und Truppen begann. Schon am folgenden Morgen verließ das ruſſiſche Militär auf Conſtantin's Befehl die Stadt, und zog ſich nach der Grenze zurück, unter ihm das treugebliebene polniſche Garderegiment, dem Fedor's Vater angehörte. Der Hofmeiſter verließ Warſchau mit dem, zu dieſer Zeit neunjährigen Knaben unmittelbar nachher, um mit dem Grafen auf ruſſiſchem Gebiet 28 zuſammenzutreffen. Der Gräfin war gleiche Auffor⸗ derung zugegangen. Jetzt erſt erfuhr Prokinsky, daß ſich die Frau, welche ſeinen Namen trug, mit allen einem Weibe zu Gebot ſtehenden Mitteln am Aufſtande betheiligte. Sie weigerte ſich, dem Vertrauensmann, welchen er an ſie abgeſandt, ihre Tochter zu übergeben. Für den Augenblick war der Graf machtlos, ſeine Rechte als Gatte und Vater zu erzwingen. Ein Jahr ſpäter zogen die Ruſſen nach zweitägiger Beſtürmung wieder in Warſchau ein. Der Reſt der polniſchen Armee zerſtreute ſich, die Führer flüchteten in’s Ausland, ein furchtbares Strafgericht folgte. Es gelang dem Grafen, ſeine Frau zu ſprechen, ehe ſie mit vielen Andern nach Sibirien transportirt wurde. Die Unglückliche äußerte weder Reue noch Furcht vor dem Geſchick, das ſie erwartete. Ohne mit der Wimper zu zucken, kalt und ſtarr, empfing ſie ihren Gatten, in dem ſie nur den Vaterlandsverräther ſah; ohne zu er⸗ blaſſen, theilte ſie ihm den kürzlich erfolgten Tod ſeines jüngſten Kindes mit, und zog den Trauring vom Fin⸗ ger, als ihre letzte Gabe für Fedor. Nur eine Regung des Gefühls entſchlüpfte ihr: ein Wort der Freude darüber, daß ihre Mutter im Auslande ſei. Die Fürſtin hatte ihre unglückliche Tochter nicht wiedergeſehen; ſie pflegte bereits ſeit Jahren den todt⸗ 4 3 * 4 4 ½ 4 3 29 kranken Gatten in Italien, deſſen warme Luft ſein Leben nur friſtete, aber nicht erhielt. Als ſie verwittwet heimkehrte, war ſie auch bereits kinderlos. Gräfin Pro⸗ kinska ſtarb jung in der Verbannung; ein Grab im fernen Sibirien war alles, was von der lebensvollſten Frau übrig blieb. Der Graf beſtimmte ſeinen Sohn zur militäriſchen Laufbahn. Ehe Fedor als Offizier in die Armee ein⸗ trat, geſtattete ihm der Vater eine europäiſche Reiſe. Der neunzehnjährige Jüngling hielt ſich namentlich in Paris lange auf, wo er mit einzelnen ſeiner 1830— 34 geflüchteten Landsleute in Berührung kam. Es gab darunter mehrere, die mit ſeiner Mutter verkehrt hat⸗ ten, und ſie ihm nun als Märtyrin, als hochbegabte Natur ſchilderten. Je ſtrenger der Name dieſer Hinge⸗ ſchiedenen im väterlichen Hauſe ausgelöſcht war, deſto heißer wurde Fedor's Phantaſie für das Bild ent⸗ flammt, welches ihm begeiſterte Freunde von der ſchö⸗ nen feurigen Frau zeichneten. Er ſchloß ſich näher an jene Männer an, lernte ihr politiſches Glaubensbekennt⸗ niß theilen, und ward, gleich allen Proſelyten, Feuer und Flamme für die neugewonnene Ueberzeugung. Als ein Verwandelter kehrte der junge Mann end⸗ lich, nach wiederholtem Ruf, zu ſeinem Vater zurück; er hatte gelernt, ihn im Lichte eines, von der guten 30 Sache Abtrünnigen, als einen Ruſſenfreund und Lan⸗ desverräther zu betrachten. Das leidenſchaftliche Tem⸗ perament, welches er von der Mutter geerbt hatte, ließ ihn mit ſeinen Meinungen nicht zurückhalten; er er⸗ klärte, nie in ruſſiſche Dienſte treten zu wollen. Es gab heftige Auftritte, welche tiefe Spannung zwiſchen Vater und Sohn zur Folge hatten, doch wurzelte dieſelbe mehr in Letzterem. Graf Prokinsky, der ſchon ſein Weib und ſein jüngſtes Kind durch gleiche Spaltung verloren hatte, ſträubte ſich gegen die Vorſtellung, auch den ein⸗ zigen Sohn daran aufzugeben, und machte ſich höchſte Mäßigung zur Vorſchrift. Statt in die Armee einzu⸗ treten, begab ſich Fedor auf die Güter, und vertauſchte dieſen Aufenthalt, nach des Vaters eigenem Wunſch, nur ſelten mit einem anderen, zeitweilige Reiſen in das Ausland ausgenommen. Der Graf hoffte, daß Zeit und wechſelnde Eindrücke der, in ſo unerwünſchter Art aufgeſchoſſenen jugendlichen Energie eine andere Rich⸗ tung geben würden. Um den Sohn wieder perſönlich an ſich zu ziehen, kam er in Allem, was nicht den ſtrei⸗ tigen Punkt betraf, ſeinen Wünſchen entgegen. Auf dieſe wohlbegründete Ueberzeugung hatte ſich denn auch Fedor's Zuverſicht gebaut, daß der Vater die Zuſtimmung zu einer von ihm getroffenen Wahl nicht verweigern würde. Er täuſchte ſich nicht, ward ——— 31 aber dennoch über den völlig geebneten Weg, den ſeine Wünſche fanden, in Erſtaunen verſetzt. Vielleicht hatte Graf Prokinsky Anfangs nur Zeit gewinnen wollen; nachdem er Valeska kennen gelernt, rechnete er auf eigenen Einfluß ihr gegenüber, wodurch er auf den Sohn wirken, und im Laufe der Tage reiche Früchte einer nicht ohne Ueberwindung geübten Nachgiebigkeit zu ernten hoffte. Die Fürſtin, welche Fedor's Charakter richtiger beurtheilte als ſein Vater, theilte letztere Hoffnung nur in geringem Grade, doch war ihrem milden Herzen Verſöhnung und Familienliebe ein ſo tiefes Bedürfniß, daß ſie ſich angelegen ſein ließ, die kurze Zeit, welche ſie mit Valeska zubringen ſollte, in dieſem Sinn nutz⸗ bar zu machen. Nur dieſe Erwägung hatte ſie vermocht, alte, nie vernarbte Wunden aufzureißen, um das junge Weſen, welches zwiſchen Vater und Sohn ein vermit⸗ telndes Band werden konnte, in alle geheimen Wirr⸗ niſſe einzuweihen. Leiſe nur, aber Valeska's feinem Sinne wohl verſtändlich, ſtellte ſie die Aufgabe vor ſie hin, das, was ſich nicht überwinden laſſen würde, doch zu erweichen und zu entwaffnen. Beide Frauen faßten tiefe Zuneigung für einander. Der, von Fedor heißerſehnte Tag der Vereinigung war da; die Stunde der Trauung nahe. Valeska hatte eben die Kammerfrau entlaſſen, welche ſie bräutlich geſchmückt, und lauſchte in Einſamkeit der Stimme des eigenen Herzens. Ihr Geſchick überwältigte ſie mit ſol⸗ chem Schauer von Wonne, daß ſie unwillkürlich auf die Kniee ſank, und die überſtrömenden Augen zum Himmel wandte. So traf ſie die ſtill eintretende Für⸗ ſtin, und ſchloß die Erglühende, welche ſich haſtig er⸗ hob, innig in ihre Arme. Worte wurden getauſcht, wie zwiſchen Mutter und Kind; dann reichte die alte Dame der Braut ein mit Diamanten reich ausgeſtattetes Schmuckkäſtchen.„Es war mein Wunſch, Dich heute ſelbſt zu ſchmücken, liebe Valeska“, ſagte ſie herzlich, „deshalb erbat ich mir vom Grafen Erlaubniß, Dir perſönlich den Familienſchmuck zu übergeben, der ſeit Generationen die Bräute dieſes Hauſes vor den Altar begleitet. Möchteſt Du glücklicher ſein, als die, welche ihn zuletzt getragen! Meine arme Tochter ſandte dies Familiengut zurück, als ihr Schickſal ſie ereilte— be⸗ trachte es darum nicht als ein ſchlimmes Omen! Mir ſelbſt bedeutet es heute nur, daß uns Erſatz geworden, daß der Himmel gerade Dich dazu beſtimmt, denn im Blick Deines Auges, im Ton Deiner Stimme liegt ein Etwas, das mich ſtets an mein verlorenes Kind mahnt! Beuge Deinen Nacken, liebe Tochter, und laß mich dies Kruzifix losknüpfen. Ich ſchätze den beſcheidenen Sinn, 33 welcher ſelbſt heute das einfache Symbol unſeres Er⸗ löſers jedem andern Schmucke vorzieht, aber Du mußt aus Rückſicht für den Grafen das Familienkleinod während der Trauung tragen.“ Valeska kam der Fürſtin zuvor, und löſte ſelbſt das Sammtband mit dem ſchlichten ſilbernen Kreuze von ihrem Halſe; ſinnend betrachtete ſie es einen Au⸗ genblick.„Ich trenne mich gerade in dieſer Stunde ſchwer davon“, ſagte ſie mit ernſtem Aufblick;„es iſt der einzige Gegenſtand auf Erden, den ich mein eigen genannt, ſeit ich Erinnerungen kenne; es war dem ver⸗ ſtoßenen Findelkinde um den Hals gebunden. Wie oft habe ich in Stunden der Verlaſſenheit über den Ziffern und Zahlen gebrütet, die darin eingegraben ſind, deren Bedeutung ich niemals kennen werde.“ Die Fürſtin nahm ihr das Kreuz aus der Hand. Als ſie einen Blick auf die, der Rückſeite eingegrabenen Zeichen geworfen, erblaßte ſie, und erfaßte unwillkür⸗ lich die Lehne eines Seſſels, wie zur Stütze.„Dies Kreuz haſt Du getragen, als Du dem Findelhauſe über⸗ geben wurdeſt?“ fragte ſie mit gepreßter Stimme. „Ja!“ entgegnete Valeska von unbeſtimmten Schauern ergriffen, den Blick angſtvoll auf die Fürſtin gerichtet, welche ſie plötzlich umfaßte, und ihr, kaum verſtändlich entgegen athmete:„Daſſelbe Krans gab ich Godin, Frauenliebe und Leben III. — meiner Tochter am Tage ihrer erſten Communion— es trägt ihre Namenschiffre, es trägt das Datum jenes Tages, und hier, am unterſten Ende die Initialen meines eigenen Namens. Allmächtiger Gott! war die Nachricht falſch, daß meine Enkelin in zartem Alter geſtorben? Biſt Du meiner Tochter Kind, biſt Du un⸗ ſere Valeska? Wer rettet uns aus dieſem Wirrniß!“ Ein ungeduldiger Finger klopfte an die Thüre; obgleich keine Antwort laut wurde, trat Fedor ein, und zeigte den faſſungsloſen Frauen ſein glückſtrahlen⸗ des Geſicht. Es änderte raſch genug den Ausdruck, als er ſeine Braut wie entgeiſtert nach ihm hinſtarren ſah. Betroffen eilte er zu ihr, um ſie mit angſtvoller Frage in ſeine Arme zu ſchließen. Valeska entzog ſich ihm mit unwiderſtehlicher Gewalt, ein gebrochener, unver⸗ ſtändlicher Laut entrang ſich ihrer gequälten Bruſt, im nächſten Augenblick war ſie im Nebenzimmer verſchwun⸗ den, und hinter ihr klirrte ein Riegel. Fedor ſtand faſſungslos, und ſtarrte, ohne ein Wort zu ſprechen, nach der Thür; er ſchien ganz ent⸗ rückt, all ſeine Sinne wie betäubt. Es dauerte Minu⸗ ten bis die ſtockenden, immer drängender hervorquellen⸗ den Worte ſeiner Großmutter auch nur ſein Ohr feſſel⸗ ten; endlich ward ihr Gehör— zuletzt Verſtändniß— aber kein Glaube! Der Unglückliche erklärte mit toben⸗ 25 35 der Leidenſchaftlichkeit die vorgebliche Entdeckung als eine, bis zur letzten Stunde verſchobene Liſt, um ihn von der unebenbürtigen Braut loszureißen. Er wollte von keinem Aufſchub der Trauung hören, ſtieß die Fürſtin bei Seite, wie ſinnlos, und rief, an der Thüre rüttelnd, ungeſtüm nach Valeska, die von Qual und Mitleid überwunden, endlich heraustrat, den Sturm zu beruhigen, welchem ſie ſelbſt faſt erlag. Nur Gott war Zeuge der jammervollen Scene, welche die Liebenden beſtanden, während die Fürſtin den Grafen aufſuchte, um ihm das Erſchütternde mit⸗ zutheilen. Valeska erreichte es, dem Widerſtrebenden das Gelübde abzuringen, daß er ſie ſchonen wollte, bis er ſelbſt Ueberzeugung gewonnen, ob ſie ihm Braut oder Schweſter ſei. Er fügte ſich; doch nur, wie der Sturm ſchweigt, ehe er ſich ausgetobt hat— auf Momente. Aufreibende Kämpfe folgten der verhängnißvollen Stunde, Kämpfe ohne Ziel und Ausgang Graf Pro⸗ kinsky und Fedor verließen am folgenden Tage gleich⸗ zeitig die Heimath, um alle, im Gebiet des Erreich⸗ baren ſtehenden Nachforſchungen einzuleiten. Fedor traute weder ſeinem Vater, noch ſonſt einem Menſchen, und beſchloß, jeden Schritt ſelbſt zu thun und zu prüfen. Der Graf kehrte zurück; wenige Tage nach ihm, 3*½ 36 ſein Sohn. Das Ergebniß, welches Beide gefunden, war kein entſcheidendes, dennoch warf es nicht unbe⸗ deutendes Gewicht in die Wagſchale häuslichen Unglücks Was von Seiten des Findelhauſes zu ermitteln geweſen, hatte Markus längſt erforſcht. Den Liſten zu Folge war das Kind am 8. September 1832, dem Tage der Wiedereinnahme Warſchau's durch die Ruſſen, im Korbe des Hauſes der Barmherzigkeit gefunden worden; etwa zweijährig, ohne Zeichen in der Wäſche, nichts an ſich, was zu einer Wiedererkennung führen konnte, als das Kruzifix an ihrem Halſe. Die Kleine ſprach ſchon ein⸗ zelne Worte deutlich aus, und nannte ſich ſelbſt Valeska, weshalb man ihr den Namen ließ. Wichtiger war eine andere Ermittlung. Es gelang dem Grafen, eine frühere Dienerin ſeiner Frau, die hochbetagt in Wilna lebte, zum Geſtändniß zu bringen, daß ihr das Kind zur Aufſicht übergeben worden ſei, als ſich ihre Herrin nach Warſchau begab; nach ihrer Ausſage hatte ſich die kleine Valeska mehrere Monate nach der Zeit, welche die Gräfin als die ihres Todes bezeichnet, noch in ihrer Pflege befunden, war ihr aber im Juli durch einen Bevollmächtigten ihrer Herrin ab⸗ gefordert worden, wonach ſie nie wieder von Mutter und Kind gehört. Dies Zeugniß zu beſchwören, war die Alte erbötig. Weder in Wilna noch in 3 * 4 4 3 Warſchau fand ſich ein Todtenſchein in den Kirchen⸗ büchern. Hierbei blieben alle Enthüllungen ſtehen. Die Per⸗ ſonen, von welchen die Gräfin in den letzten Monaten vor ihrer Verbannung umgeben geweſen, waren zer⸗ ſtreut, zum Theil proſkribirt, zum Theil todt. Dem Grafen war nie ein Zweifel in den Sinn gekommen, daß die, den Tod ihres jüngſten Kindes betreffende Angabe ſeiner Frau eine falſche ſein könnte— jetzt aber ſtand ihm, wie auch der Fürſtin, dieſe Ueberzeu⸗ gung moraliſch feſt. Neben der Zeugenſchaft des Kreuzes und der alten Dienerin ſtand Valeska ſelbſt als leben⸗ der Beweis vor ihren Augen— nun war jene Aehn⸗ lichkeit erklärt, welche auf Mutter und Gatten ſchon im erſten Augenblick des Begegnens gewirkt hatte! Nur Fedor theilte dieſen Glauben nicht. Die Un⸗ wahrſcheinlichkeit, daß ſeine Mutter ihr Kind der öffent⸗ lichen Barmherzigkeit übergeben haben ſollte, nur um es dem Gatten zu entziehen, war das nie endende Thema ſeines leidenſchaftlichen Proteſtes gegen alle Zeugniſſe, von denen er keines als unantaſtbar gelten ließ. Weshalb ſollten im weiten Lande Polen, ja im Bereich der weiten Welt nicht zwei Kruzifixe gleich be⸗ zeichnet ſein können? Welche Nationalität konnte durch Chiffern beſtätigt werden? Wo lag die Gewißheit, daß 38 ein altersſchwaches Gedächtniß nicht irren könnte? Was wurde durch eine Aehnlichkeit bewieſen, die nur in Einzelnheiten hervortrat, durch einen gleichlautenden Namen, den ſo Viele tragen? Der Unſelige litt furchtbar; denn kein Menſch er⸗ gibt ſich in Das, was nach ſeiner Ueberzeugung ge⸗ ändert werden kann. Valeska rang mit ſeiner ewig neu aufbäumenden Hoffnung bis zur Grenze der Vernichtung— ſie hatte längſt keinen Zweifel, kein Hoffen übrig. Nicht umſonſt hatte das Leben ſie geſtählt; ſie beſaß die Kraft zu wollen, und nachdem der erſte, lähmende Todesſchreck durchgekämpft war, übte ſie dieſe Kraft. Den Gelieb⸗ ten, den Bruder ſich ſelbſt wieder zugeben, ihn nicht vor ihren Augen fruchtlos zu Grunde gehen zu ſehen, ward das Ziel all ihres Denkens, und als er, von ſeinem Recht überzeugter als je, von einer erfolgloſen Reiſe nach Paris heimgekehrt war, wo er die alten Genoſſen ſeiner Mutter aufgeſucht, faßte ſie ihren Ent⸗ ſchluß, zu deſſen Ausführung ſie nur ſeine neue Ent⸗ fernung abwartete. Bald genug trieb ihn fieberiſche Raſtloſigkeit auf wiederholte Jagd nach Gegenbeweiſen, und nun, ohne Zögern, entfloh ſie dem Hauſe, das ihre natürliche Heimath war, und doch nicht den Schutz und Frieden der Heimath bot. Mit heißen Thränen ————— entwich ſie ohne Abſchied von den Ihren, die ſie als Tochter lieben gelernt.— Niemand ſollte erfahren, wohin ſie ſich gewandt. In zurückgelaſſenen Briefen ſprach ſie die Bitte aus, ihrer zu gedenken, wie einer Todten, und beruhigte zugleich über ihre Zukunft. Am Tage vor ihrer beabſichtigten Vermählung hatte Ban⸗ kier Markus ihr ausgehändigt, was die Künſtlerin ſich ſelbſt errungen; außer dieſer Summe nahm ſie Nichts mit ſich, als ihre Violine. Ihre Vorbereitungen waren ſo umſichtig getroffen, daß es ihr gelang, un⸗ aufgehalten nach Deutſchland zu kommen. Sie wandte ſich nach Wien. Da ſie die deutſchen Lande nur einmal in der erſten Zeit ihres öffentlichen Auftretens durchreiſt hatte, hoffte ſie, dort am wenig⸗ ſten erkannt zu werden. Unter dem Namen Anna Lange in tiefſter Zurückgezogenheit lebend, empfand ſie nun erſt die ſeeliſche und phyſiſche Nachwirkung des Erlebten in ihrer ganzen Schwere. Tief gebeugt, ge⸗ bvochen und vernichtet, galt ihr lange Zeit das Leben als harte, kaum lösbare Aufgabe. Aber Valeska war Künſtlerin! kein Schmerz vermochte es, den innerſten Nerv ihrer Exiſtenz zu tödten. Als ſie fähig ward, ſich dem eigentlichſten Element ihres Lebens wieder hinzugeben, erſtarkte hieran auch ihr wundes Herz. Ein Zufall führte ſie in muſikaliſche Kreiſe ein; nach 40 einem Jahre wagte ſie es, unter dem Schutze des an⸗ genommenen Namens, und der nun vollkommen von ihr beherrſchten deutſchen Sprache, öffentlich aufzutreten, und, nachdem ſich der Ruf ihres Talents weiter ver⸗ breitete, wiederholt Aufforderungen nach auswärts zu folgen. Die ſchwache Schutzmauer, hinter welcher ſie ſich geborgen glaubte, war aber nur ein Kartenblatt dem glühenden Willen gegenüber, der, von Zeit und Raum unberührt, ohne Unterlaß auf ſie gerichtet war. Fedor durchſtreifte raſtlos alle Länder, eine Spur der Ent⸗ wichenen zu entdecken; heute hatte er ſie gefunden. Seine glühenden Bitten forderten von ihr nur Eines: ihm zurück in das Vaterhaus zu folgen. Er gelobte, nur die Schweſter in ihr ſehen, ihre Ruhe ſchonen zu wollen, und flehte um Nichts, als ihre Nähe. Ihre Weigerung ſteigerte ſeine Leidenſchaftlichkeit ſo maßlos, daß er die Drohung ausſprach, im äußerſten Falle den Spruch des Gerichtes anzurufen, um die unmün⸗ dige, aus dem Vaterhauſe entflohene Schweſter auch wider Willen dorthin zurückzuführen. Jedes Wort, jeder Blick des Unglücklichen fand in des Mädchens Seele Widerhall. Stockend, in ab⸗ geriſſenen Worten nur, ſprach ſie vom eben beſtandenen Zuſammentreffen, aber aus dieſen einzelnen Lauten ——y— des gequälten Herzens brach ein Unerſchütterliches durch: lieber zu ſterben, als nachzugeben. Was ſie nicht ausſprach, lag mir offen— aller Ueberzeugung zum Trotz war es nicht der Bruder, den ſie floh, es war der Geliebte. Deshalb beharrte ich, als wir in Bonn eingetrof⸗ fen, nicht auf dem Vorſchlag, den ich ihr gethan, dort in meinem Hauſe zu raſten. Die Angſt, welche ſie vorwärts drängte, war berechtigt, und ihre Beichte hatte mir gezeigt, daß ein wackerer, muthiger Charak⸗ ter ſie ſtützte. Ich beſorgte ihr ſofort Mittel zur Wei⸗ terreiſe, und wir ſchieden von einander wie altbe⸗ währte Freunde. Ihrer Zuſage gemäß, gab mir Va⸗ leska nach einigen Wochen Nachricht. Der Brief kam aus Berlin und theilte mit, daß es ihr geglückt, den gewählten Zufluchtsort zu erreichen. Sie hatte ihrer Kammerfrau briefliche Anweiſungen zukommen laſſen, die ihr Zeit gewannen, indem die treue, ihr ganz er⸗ gebene Perſon, deren Spur Fedor, wie erwartet nach Braunſchweig gefolgt war, ihn von Ort zu Ort weiter zu locken verſtanden hatte, und zuletzt, in ihrer eigenen Heimath von ihm erreicht, der Wahrheit gemäß aus⸗ ſagte, daß ſie entlaſſen ſei und den Aufenthalt ihrer Herrin nicht kenne. Valeska berührte dies nur kurz, und ſagte mir ein Lebewohl, das ich nicht annahm, 42 denn gar oft ſchon hatte ich erfahren, wie unerwartet das Leben Getrenntes wieder zur Begegnung führt. Dennoch war und blieb es das letzte Wort, welches ich von ihr vernahm. Es war im Jahre 1863. Familienangelegen⸗ heiten hatten mich nach Berlin gerufen, und ich be⸗ nutzte die ſeltene Gelegenheit dieſes Losreißens von Berufs⸗ und Lebensgewohnheiten, um mich einmal für längere Zeit frei zu erhalten, und manche alte Freunde aufzuſuchen. In Berlin ſelbſt fand ich unter meinen Collegen einige Univerſitätsgenoſſen, worunter Einer, mit welchem briefliche und wiſſenſchaftliche Verbindun⸗ dungen dauernd forterhalten worden waren. Er war ein Arzt von bedeutendem Rufe, als Menſch einer der verläſſigſten Charaktere. Um ſo mehr bedauerte ich, daß er Berlin gerade um dieſe Zeit zu verlaſſen dachte. An der polniſchen Grenze herrſchte der Typhus, wahr⸗ ſcheinlich durch die, jenſeits derſelben kämpfenden Ruſ⸗ ſen und Polen eingeſchleppt, und ungewöhnliche Symp⸗ tome, welche ſich der Krankheit epidemiſch geſellten, erſchienen dem eifrigen Jünger der Wiſſenſchaft nach eingelaufenen Berichten ſo intereſſant, daß er ſich ent⸗ ſchloſſen hatte, dieſelben an Ort und Stelle zu beob⸗ achten. Feuer und Flamme für Alles, was Erweite⸗ 3 1 1 4 4 1 1 4 — 43 rung der ärztlichen Erfahrung verhieß, redete mir der College lebhaft zu, mich ihm zu dieſer Excurſion an⸗ zuſchließen, und ich ließ mich bereden. Was wir ermittelt und beobachtet, gehört nicht hierher; mir bleibt nur von dem letzten Abende zu er⸗ zählen, welcher mich dort, in einem Grenzdorfe, das wir in ein Lazareth verwandelt gefunden, Unerwar⸗ tetes erleben laſſen ſollte. Der Ausdruck Lazareth, welchen ich eben gebraucht, gilt hier nicht nur den Typhuskranken, ſondern mehr noch ſeiner gemeinhin giltigen Bedeutung nach. Dicht an der Grenze der preußiſch⸗polniſchen Provinz tobte der Inſurrektions⸗ kampf gegen Rußland; die täglichen Gefechte wurden um ſo heißer ausgefochten, als die überall unterliegen⸗ den Polen die Waffen einer verzweifelnden Partei mit wilder Energie gegen den gehaßten Bezwinger führten. Tag um Tag wurden ſchwer Verwundete auf Wagen und Karren heimlich über die Grenze geſchafft, und von den Bauern willig aufgenommen und verpflegt. Wir hatten Stoff zur Thätigkeit und Beobachtung in weit größerem Maße getroffen, als wir vorausgeſehen, und verweilten ſo lange wir irgend abkömmlich waren. Am folgenden Tage mußten wir zurück nach Ber⸗ lin. Ich war eben dabei, im Hauſe des Dorfpfarrers, wo wir Aufnahme gefunden, mein Bündel zu ſchnüren, 44 als der hochwürdige Herr bei mir eintrat, und mich erſuchte, einen Gang mit ihm zu machen. Er war von einem ſeiner Bauern gerufen worden, um einen ſterbenden Inſurgentenführer, der ſo eben über die Grenze gebracht worden, die letzten Heilsmittel zu ſpen⸗ den, und meinte, dort könnte vielleicht der Arzt doch noch früher zu thun finden, als der Geiſtliche. Wir traten in das enge, von Schmutz ſtarrende Bauernhaus. Schon herrſchte draußen tiefe Däm⸗ merung, in dem niedern Wohnraum waren kaum die Conturen der Dinge zu unterſcheiden. Ich trat an das Lager, auf welchem die, in einen Reitermantel gehüllte Geſtalt des Kranken lag, und fühlte ihm den Puls. Hier war nichts mehr zu retten, der Tod konnte in der nächſten Viertelſtunde eintreten. Ich verſtändigte den Pfarrer, und war eben im Begriff, mich zurück⸗ zuziehen, als der Bauer mit einem Kienlichte eintrat, deſſen Schein mit ſcharfem Streif auf das Geſicht des Sterbenden fiel. Unwillkürlich hielt ich den Schritt an, und prüfte mein Gedächtniß, wo und zu welcher Zeit es dieſen Zügen ſchon begegnet: Im nächſten Augenblick hatte ich Fedor Prokinsky erkannt. Der Eindruck war ſtärker als ich ſelbſt begriff. Wie durch eine Beſchwörung ſtanden die Bilder und Geſtalten der, nun doch ſchon ſeit Jahren verklungenen Nacht 4 4 — 5 45 in friſcher Lebendigkeit vor meinem Geiſte und der ſo lang gehegte Wunſch, von Valeska's Geſchick Ferneres zu erfahren, regte ſich laut in mir. Ich trat zurück und wartete, bis der Prieſter ſein Amt verrichtet. Es dauerte nicht lange; in jenen Ta⸗ gen lernten die Sterbenden wie die Lebenden ſich mit den Grundzügen aller Aufgaben begnügen. Ueberall drängte die Zeit; jedes Beiwerk ſiel von ſelbſt. Als der Pfarrer von ſeinem Meßdiener begleitet, an den auf den Knieen liegenden Hausleuten vorüber und hinausgeſchritten war, näherte ich mich dem Lager. Der Sterbende lag ſtill, die halbgeſchloſſenen Augen auf ſeine in einander gefalteten Hände gerichtet, die ein kleines Kruzifix umſchloſſen. „Graf Prokinsky“, ſagte ich ruhigen Tones,„ſoll⸗ ten Sie Aufträge zu beſtellen wünſchen, die weltlicher Art ſind, ſo verfügen Sie über mich. Vielleicht erin⸗ nern Sie ſich meines Namens: Doktor K., im Jahre 1849 Profeſſor in Bonn.“ Er ſchlug die dunkeln Augen weit auf, ein Hauch von Farbe flog über das fahle Geſicht.„Ich erinnere mich“, ſagte er mühſam,„und ich danke Ihnen. Auf⸗ träge habe ich nicht, nur einen Wunſch. Sorgen Sie, daß mit mir das Kreuz begraben wird, das ich in den Händen halte. Ich vertraue ſes Ihnen an.“— 46 Die Hand, welche die meinige berührte, als ſie mir das Pfand übergab, war ſchon kalt. Ich warf einen Blick auf das mir Anvertraute. Es mußte Valeska's Kruzifix ſein, das ſie mir einſt beſchrieben. Unwillkürlich entſchlüpfte mir ihr Name. „Sie haben ihr Gutes gethan“, ſagte Fedor mit oft unterbrochenen Lauten;„ſie ſprach von Ihnen, ich weiß, daß ſie Ihnen Alles erzählt hat.“ „So häben Sie Valeska dennoch wieder aufge⸗ funden?“ frug ich lebhaft ergriffen. Er verneinte mit leiſer Kopfbewegung.„Sie iſt freiwillig gekommen. Allerdings nur, weil ſie wußte, daß es mit ihr zu Ende ging. Damit ich ſie nicht finden ſollte, hatte ſie ihre Violine nicht mehr berührt. An dieſem Entbehren hat ſie ſich verzehrt, wie eine Kerze an der eigenen Flamme. Jetzt ſchläft ſie— daheim!“ In der Morgenfrühe des nächſten Tages ließ ich den Todten beſtatten. Auf ſeiner Bruſt ruhte Vales⸗ ka's ſchmerzensreiches Muttererbe, ihr letztes Vermächt⸗ niß an den Mann ihrer Liebe— das Kruzifix. — Herzenstiefen. 1966. Motto: ——— es liegt um uns herum Gar mancher Abgrund, den das Schickſal grub, In unſern Herzen aber iſt der tiefſte, Und reizend iſt es, ſich hinabzuſtürzen. (Göthe.) f ——— Erſtes Kapitel. Das Moſeldampfſchiff, welches dem Verkehr zwi⸗ ſchen Trier und Coblenz dient, bewegte ſich an einem hellen, etwas kühlen Maimorgen ſtromaufwärts. Die Zahl der Paſſagiere war nicht groß, und nur wenige derſelben gehörten den beſſeren Ständen an. Unter dieſen zeichnete ſich die Geſtalt einer Dame aus. Sie war nicht mehr jung, ihr völlig ergrautes Haar ließ ſie auf den erſten Blick ſogar älter erſcheinen, als ſie wirklich ſein mochte; doch ſtand die große, lichte Locke, welche ſie zu jeder Seite der noch faltenloſen Stirne trug, dem fein gezeichneten Geſicht eigenthümlich kleid⸗ ſam. Die blauen Augen blickten freundlich, um den Mund lag ein ſinnender Zug. Eben trat der Capitän zu ihr:„Nun ſind Sie bald am Ziel“, ſagte er, indem ſeine flüchtige Hand⸗ Godin, Frauenliebe und Leben. III. 4 50 bewegung eine anmuthig gelegene Ortſchaft bezeichnete, deren von hochgelegenen Ruinen überragte Häuſer ſich halb hinter blühenden Bäumen verſteckten. Die Dame erhob ſich raſch. „Sie haben noch Zeit“, ſagte der Capitän,„es dauert wohl ein Viertelſtündchen, bis wir anlegen. Kann ich Ihnen behülflich ſein?“ „Danke beſtens!“ erwiderte die Reiſende.„Mein Koffer iſt vorausgeſandt, ich habe nur leichtes Hand⸗ gepäck.“ Sie ſetzte ſich nicht wieder, eine ſchwache Röthe lag auf ihrer Wange, jene Erregung hatte ſich ihrer bemächtigt, welche auch einer gefeſtigten Natur nicht aus⸗ bleibt, wenn ein neuer Abſchnitt des Lebens bevor⸗ ſteht. Und doch hätte Profeſſorin Halm an ähnliche Eindrücke gewöhnt ſein müſſen. Nach kurzer, glücklicher Ehe früh verwittwet, ver⸗ tauſchte ſie ſeit Jahren in dem mühevollen Beruf einer Erzieherin Haus mit Haus, Landſchaft mit Landſchaft. Erſt ſeit kurzer Zeit boten ihr die Erſparniſſe dreißig⸗ jähriger Wirkſamkeit Ausſicht auf Selbſtſtändigkeit, und ſie ſchwankte, ihr kleines Kapital zu einer Rente, oder zur Begründung eines Penſionats anzulegen. Noch war kein Entſchluß gefaßt, als der Profeſ⸗ ſorin Vorſchläge anderer Art zukamen. Ein Verwandter 1 . 8 1 4 4 3 4 51 ihres verſtorbenen Mannes war Beſitzer eines großen Hüttenwerkes in der Eifel. Sie hatte von dieſem Vetter, dem Kröſus der Familie, oft ſprechen hören, ſeine perſönliche Bekanntſchaft aber nicht gemacht. Doch war er ihr keineswegs fremd geblieben; er hatte nach dem Tode des Profeſſors der mittelloſen Wittwe in zartſinnigſter Weiſe Beiſtand angeboten, welchen ſie zwar nicht annahm, den Dank dafür aber im Her⸗ zen bewahrte. Wiederholt zum Beſuch ſeines Hauſes eingeladen, hatte ſie wohl im Sinne gehabt, dieſer Aufforderung zu folgen, ohne doch zur Ausführung zu gelangen. Vor einem halben Jahre etwa kam ihr die Anzeige des Todes dieſes Verwandten zu und ſeitdem waren verſchiedene Mittheilungen gefolgt, welche in neuerdings erhaltenen Briefen einen, ſie ſelbſt berüh⸗ renden Abſchluß fanden. Franz Halm, ſeit Jahren Wittwer, hatte nur eine Tochter hinterlaſſen, die ſeine Haupterbin, und als ſolche die gegenwärtige Patronin des Hüttenwerkes war. Nach dem Teſtamente des Vaters durfte die Eiſenhütte während Martha's Lebzeiten nicht in fremde Hände übergehen. Sie war bereits mündig und freie Herrin ihres Willens, doch erſchien ein Mädchen von zweiundzwanzig Jahren zur Führung eines Geſchäftes von bedeutender Ausdehnung wenig geeignet. Aller⸗ 4 52 92 dings war die Leitung der Arbeiten ſchon ſeit Jahren faſt ausſchließlich dem Inſpector des Werkes überlaſſen worden, da der Beſitzer viel kränkelte. Derſelbe ſehr erfahrene und erprobte Mann, der Halm's volles Ver⸗ trauen beſeſſen hatte, durfte auch für die Zukunft als tüchtiger Vertreter der Intereſſen des Hauſes gelten. Martha's Verwandte widerſprachen deshalb nur dem hartnäckigen Verlangen des jungen Mädchens, auf dem einſam gelegenen Hüttenwerk ferner wohnen zu wollen. Nach Halm's Tode war ein Schwager des Ver⸗ ſtorbenen zu ihrem Beiſtand gekommen, und nachdem den erſten traurigen Pflichten genügt worden, hatte ihn Martha ohne Weigerung nach Trier begleitet. Sobald jedoch der Druck, der dumpfe, betäubende Schmerz der erſten Trauermonate überwunden war, ſprach ſich ihr Verlangen nach der alten Heimath immer ſehnſüchtiger aus. Endloſes Hin⸗ und Herreden und Schicklichkeitsbedenken traten ihrem Wunſche in den Weg. Namentlich war die Tante, des Verſtorbenen Schweſter, außer ſich über die Vorſtellung, daß ein junges Mädchen das Leben auf jener einſamen Stätte dem natürlichen Schutz, den Annehmlichkeiten eines Familienlebens, wie ihr Haus ihn bot, vorziehen wollte, und widerſetzte ſich energiſch dieſer, nach ihrer Anſicht ganz unausführbaren Extravaganz. 53 Das Ende monatelangen Parlamentirens war, daß ſich Martha eines ſchönen Tages auf das Moſel⸗ dampfſchiff begab, während die Familie des Regierungs⸗ rathes noch in ſüßem Morgenſchlummer lag. Jeder⸗ mann unerwartet traf ſie auf ihrer Beſitzung ein, und ſprach von dort brieflich den Entſchluß aus, fortan im eigenen Hauſe leben und ſterben zu wollen. Eine Entführung durch Freibeuter hätte bei ihren Ver⸗ wandten kein größeres Entſetzen hervorrufen können, als dieſe plötzliche Flucht und thatkräftige Emancipa⸗ tion der Nichte. Der Oheim folgte ihr ſofort, fand aber den kleinen Trotzkopf in der eigenen Feſtung noch weit entſchiedener als zuvor, und alles was er erreichte, war ihre Genehmigung ſeines Vorſchlages, bei Couſine Anna anzufragen, ob ſie ihr als Ehrenwächterin Ge⸗ ſellſchaft leiſten wolle. Dies war der, durch diplomatiſche Wendung ge⸗ milderte Inhalt eines Briefes des Regierungsrathes an Anna Halm, ſie legte ihn mit leiſem Kopfſchütteln nieder um den Beiſchluß des jungen Mädchens zu leſen, deſſen Inhalt ſie angenehmer berührte als ſie erwartet. Martha deutete mit keiner Silbe auf eine dauernde Verabredung hin, lud aber die Couſine herz⸗ lich ein, den früher zugeſagten Beſuch nun endlich 54 auszuführen, und die eben beginnende ſchöne Jahres⸗ zeit mit ihr in der Eifel zu verleben. Der Ton dieſes Briefes erſchien der Leſerin ſo anſprechend, daß der Gedanke, die Schreiberin kennen zu lernen, Reiz gewann. Allerdings zögerte ſie noch, eine Zuſage zu geben, denn ein Zuſammenleben mit einem eigenartigen Charakter, der ihr vielleicht doch nicht zuſagen würde, hatte manches Bedenkliche. Aus Allem, was ſie erfahren, ſtellte ſich ihr das Bild eines begabten, aber ſehr verwöhnten und ſelbſtſtändigen Weſens zuſammen, und eine neue Beeinträchtung ihrer freien Selbſtbeſtimmung war gerade das, was die er⸗ müdete Frau am meiſten ſcheute. Dennoch entſchloß ſie ſich zu einer Zuſage. Den Eindrücken, die ſie empfangen würde, dachte ſie es zu überlaſſen, ob ſie auf die Pläne eigener Niederlaſſung zurückkommen, oder abermals einen Theil ihres Lebens der Rückſicht auf Andere widmen wolle. Den Reſultaten dieſes Beſchluſſes ging die Pro⸗ feſſorin entgegen, als nun das Dampfboot an der Alfer Landungsbrücke anlegte. Ihr ſpähender Blick begegnete ſchon von fern einem flatternden Taſchentuch und einer grüßenden Hand. Während die Communi⸗ cation hergeſtellt ward, faßte Anna die jugendliche Erſcheinung, die ihrer wartete ſcharf in das Auge. 55 Eine kleine, ſylphenhafte Geſtalt, mit hellem, von blon⸗ den Flechten umrahmtem Geſicht, in weiße Gewänder luftig eingehüllt, überraſchte ihre Phantaſie, welche ein ganz anderes Bild gezeichnet hatte, ſo ſehr, daß ſie zweifelhaft wurde, ob dies wirklich ihre junge Wirthin ſei. Sobald aber der Weg frei war, ſchwand jede Ungewißheit, denn daſſelbe anmuthige Weſen eilte mit Sicherheit auf ſie zu, begrüßte ſie mit herzlichem Wort, und entführte ſie raſch in den bereit ſtehenden Wagen. „Willkommen am Moſelſtrande, liebes Tantchen, denn ſo möchte ich Sie nennen, wenn ich darf!“ rief Martha mit koſender Stimme, indem ſie mit herzge⸗ winnendem Blick die Hand der alten Dame zwiſchen ihre beiden Händchen ſchloß, während der Wagen dahin⸗ rollte.„Möchte es Ihnen doch in unſeren Thälern gefallen! Still iſt es hier allerdings, aber ich meine das ſoll Ihnen wohlthun— wie ermüdend denke ich mir das Erziehungsgeſchäft. Davon muß man ſich gründlich ausruhen! Freilich werden Sie auch bei uns zuweilen finden, daß Ihre vielerfahrene Fähigkeit als Erzieherin am Platze wäre, aber, nicht wahr Tant⸗ chen, Sie wollen ſich ausruhen!“ Die Profeſſorin konnte ſich eines Lächelns nicht erwehren, als die lebhafte Sprecherin auf die letzten Worte beſonderen Nachdruck legte. 5 9 „Im Gegentheil liebe Martha“, entgegnete ſie, nicht ohne einen Anflug von Schalkheit,„es wird gut für mich ſein, einmal die Rolle zu vertauſchen, und mich von der Jugend erziehen zu laſſen, zur Heiterkeit, zur Leichtigkeit friſcher Umſchau, die mir ſo ziemlich abhanden gekommen ſein mag. Wer möchte in ſo lieblicher Gegend auch Anderes thun, als ſich ihrer zu freuen! Wahrlich, liebes Kind, ich hatte mir Ihre Thäler nicht ſo anmuthig gedacht!“ „Bald ſoll es Ihnen noch beſſer gefallen, Tant⸗ chen Sehen Sie dort wo die Straße ſich wendet, biegen wir nach dem Hüttenwerk ein. Die Leute hier herum nennen unſer Haus auch das Schlößchen, weil früher ein Jagdſchloß dort ſtand. Als mein Vater das Grundſtück kaufte ließ er das baufällige Gemäuer ab⸗ brechen, und ſetzte Eliſenhof an die Stelle. Der Name ſtammt von meiner Mutter, die ich nie gekannt. Jetzt habe ich auch Den nicht mehr, der ſie mich nie hat entbehren laſſen.“ Anna liebkoſte ſchweigend die kleine Hand, welche noch auf ihrem Schooße lag. Wie ein Schatten war bei Martha's letzten Worten Traurigkeit über das aus⸗ drucksvolle junge Geſicht gefallen, Auge, Mund, Stirn, alles ſchien von Leid ergriffen. „Sie werden mir von Allem erzählen was Ihnen ——— ——— 7 1 9 dies letzte Jahr gebracht hat“, ſagte die Profeſſorin herzlich.„In den Räumen Ihrer Heimath wird mir das Bild des Heimgegangenen durch Ihre Schilderung lebendig werden. Leider kannte ich Ihren Vater nicht perſönlich, aber ich weiß er war ein Charakter von unbegrenzter Güte.“ Martha's Auge leuchtete auf.„Ja, Güte war ſein Weſen! Sie kennen das ſchöne Wort von Clau⸗ dius, der ſeinem Vater nachrief:„ſie haben einen guten Mann begraben, mir war er mehr!“— Mir war er Alles, ſo lang ich denken kann, Alles, Vater, Freund und Lehrer. Nie wieder werde ich ſo geliebt! In meiner Erinnerung lebt kein rauhes Wort, kein Stirnrunzeln, keine Regung übler Laune, ſelbſt in den letzten Jahren nicht, wo er ſo häufig litt. Liebe und Nachſicht war Alles, nie haben ſeine Augen mich an⸗ ders als mit warmem Strahl getroffen, nie vermochte er es, mir einen Wunſch zu verſagen. Und nicht für mich allein war er mild und gütig, es gibt Hunderte, die ſein Andenken ſegnen. Darum war auch ſein Einfluß auf die Menſchen ungewöhnlich, ſeinem Wort, ſeiner Bitte widerſtand ſelbſt der Unfreundlichſte nicht leicht. So lang ich zurückdenken kann, geſchah dies nur einmal, und da———“ ſie brach lebhaft er⸗ röthend plötzlich ab, und rief nach kurzem Schweigen 58 mit friſchem, hellem Ton:„Hier ſehen Sie Eliſen⸗ hof!“ Ein anmuthiges Landſchaftsbild öffnete ſich vor Anna's Blicken. Das Thal erweiterte ſich zu üppigen Wieſenauen, deren ſaftiges Grün durch die dunkeln Obſtwälder, welche ſie begrenzten, noch gehoben wurde. Zwiſchen den Bergen quoll ein Bach mit klarem Ge⸗ rieſel hervor, mündete hier in den größeren Alfbach ein, der den Reiſenden bisher Geleit gegeben hatte, und ſtrömte nahe an dem ſtattlichen Hüttenwerke vor⸗ über, das mit ſeinen weitläufigen Baulichkeiten und dem in einiger Entfernung liegenden zierlichen Wohn⸗ hauſe, einen bedeutenden Flächenraum einnahm. Mäch⸗ tige Berge, mit Eichwald und Niederholz bewachſen, rahmten den Thalgrund ein, und zwiſchen ihnen ragte vom Gipfel eines ſchön geformten Sattelberges die Burg⸗ ruine von Arras empor, gleich einem Wächter das ganze Panorama beherrſchend. „Sehen Sie hier unſer Stückchen Mittelalter, das ich gewohnt bin, als perſönliches Eigenthum zu be⸗ trachten“, rief Martha, nach der Ruine deutend;„vor Zeiten war es nicht ſo ungefährlich als heute hier unten ſpazieren zu fahren, und mancher Kauf⸗ mann, der die Alfer Straße zog, hat den Weg mit Gut und Leben gebüßt. Dort oben auf Arras hauſten ———— 59 zwei Brüder von Nantersberg, die, wie man heute ſagen würde, die Burg gelegentlich annectirt hatten, und führten das luſtigſte Räuberleben. Der Erzbiſchof von Trier, Herr Albero, mußte des Unfugs wegen ſo vielen Klagenden Audienz ertheilen, daß er der Sache müde wurde und feierlich gelobte, kein Scheermeſſer ſollte ſeinen Bart berühren ehe er die Räuber unſchäd⸗ lich gemacht. Sofort begab er ſich mit einer gewal⸗ tigen Schaar auf den Weg, zerſtörte erſt die Stamm⸗ burg der Nantersburger, und ſtürmte dann Arras mit Feuer und Schwert. Bis dahin mag aber manch ein Tag vergangen ſein, und wenn der Herr Erzbiſchof ſein Gelübde treu gehalten hat, muß er ausgeſehen haben, wie der wilde Mann im Buſch. Hätten Sie Luſt gehabt, ihm einen Kuß zu geben?“ „Kleine Leichtfertige! iſt das Ihr Reſpekt vor frommen Kirchenvätern? Alle Achtung übrigens vor Ihren antiquariſchen Kenntniſſen. Sie imponiren mir in der That!“ „Man muß doch in der Heimath den Cicerone ſpielen können! Nun aber Tantchen ſind wir auf meinem eigenen Grund und Boden, nun erſt nenne ich Sie wirklich mein und heiße Sie willkommen!“ Kaum hielt der Wagen, als das lebhafte Mäd⸗ chen bereits mit leichten Füßen herausgeſprungen war, 60 die Unterſtützung verſchmähend, die ein wohlbeleibter Herr, der unter der Hausthüre ſtand, ihr bieten wollte. Doch nickte ſie ihm freundlich zu, und ſtellte ihn der Ankommenden als den Geſchäftsführer und Inſpector des Hüttenwerkes, Herrn Scholz vor, indem ſie ihn aufforderte, zu folgen, und ſich das Mittagsbrot heute in Damengeſellſchaft gefallen zu laſſen. Mit der gewinnenden Anmuth die Martha's ganzes Weſen bezeichnete, nahm ſie ihrem Gaſt Hut und Tuch ab, rückte ihr einen bequemen Seſſel in die Fenſterniſche, und verſchwand mit dem Verſprechen, nun ſogleich ſerviren zu laſſen. Anna blickte der graziöſen Erſcheinung mit ſicht⸗ lichem Vergnügen nach, das noch in ihrem Auge leuch⸗ tete, als ſie zu dem Inſpector aufſah, und unwillkür⸗ lich ſagte:„Welch' ein liebes Geſchöpf!“ „Ja, ja“, entgegnete der alte Herr, bedächtig ſei⸗ ner ſtattlichen Naſe eine Priſe zuführend,„das ſagt Jeder, der ſie zuerſt zu Geſicht bekommt, hm— hm—“ Anna ſah ihn erſtaunt an. Eine plötzliche Verlegenheit lief wie Wetterleuchten über das ehrliche, braunrothe Geſicht des guten Scholz. „Das iſt ſchön von Ihnen, Frau Profeſſorin, daß Sie unſerem Marthachen Geſellſchaft leiſten wollen. Es iſt ein gar gutes, liebes Kind, darin haben Sie —— 61 ganz recht, und ich denke, Sie werden ſich hier bald heimiſch fühlen. Freilich, wenn Sie gekommen wären, als der Herr noch lebte! Damals hatte doch alles einen andern Schick. S' iſt wahr, ich habe jetzt im Hüttenwerk allein das Regiment, und kann ſchalten und walten nach Gutdünken, habe mich vordem auch manchmal ärgern müſſen, denn der Herr war zu gut. Wollte aber gern Alles ausführen, was u nir nicht be⸗ hagt, und meinetwegen jedem Strolch Vorſchuß geben, wenn's nur beim Alten wäre! Weiberregiment im Hauſe, und Subalternregiment im Geſchäft hat noch nie und nirgend getaugt.“ „Je nun“, ſagte die Profeſſorin lächelnd,„was das Letztere betrifft, ſo bin ich nicht competent, wenn aber von irgend einem Weiberregiment die Rede ſein ſoll, ſo wäre das Haus doch gewiß die richtige Stelle dafür, und ich ſollte meinen, es könne dieſes Regimen⸗ tes nicht wohl entbehren.“ „Wie man's nimmt! Wenn die Launen nicht wä⸗ ren, ſo möchte es wohl angehen, wenn die Wetter⸗ wendigkeit nicht wäre, ſo wollte ich nicht nein ſagen, aber ſie wiſſen Alle morgen nicht mehr, was ſie heute gewollt haben.“ „Sind Sie verheirathet, Herr Scholz?“ unterbrach Anna ihn beluſtigt. 62 „Danke ergebenſt, nein! Mein Geſpons iſt die Hütte, da habe ich ſo viel Lärm als ich brauche, um des Nachts trefflich zu ſchlafen. Für Extravorſtellungen ſorgt zuweilen die Wirthſchafterin. Uebrigens ein re⸗ ſpectables Frauenzimmer; ſie kann kochen und das iſt das ſicherſte Kennzeichen von Prima⸗Qualität.“ „Kann Martha auch kochen?“ frug Anna ganz ernſthaft. „Allerlei zuſammenrühren kann ſie wenigſtens“, entgegnete Scholz gutlaunig, indem ſeine kleinen, einem Knopfloch gleichenden Augen zwinkerten. Eben trat die junge Herrin des Hauſes wieder ein. Nun ſie den dunkeln beſchattenden Strohhut ab⸗ gelegt hatte, trat die glänzende Friſche ihrer Farben, die helle, kluge Stirn leuchtend hervor, und mit jenem Gefühl unwillkürlicher Neigung, die ein durchaus har⸗ moniſch gebildetes Menſchenkind ſo leicht hervorruft,— ſtreckte Anna dem ſchönen Mädchen liebevoll die Hand entgegen. „Schon ein Bischen heimiſch? Und, wie mir ſcheint, im beſten Einvernehmen mit unſerem Allergeſtrengſten, der förmlich ſchmunzelte, als ich eben eintrat! Nun aber zu Tiſche, und wenn Sie ſich geſtärkt haben, Tantchen, dann ſollen Sie vor Allem in Ihren eigenen vier Wänden ein gutes Mittagſchläfchen halten, wie * ——— —— 63 ſich das für Reiſende ziemt. Später benützen wir den Abend dazu, noch ein wenig herumzuſtreifen, wenn es Ihnen angenehm iſt.“ Die Profeſſorin gab ſich mit ſtillem Behagen je⸗ dem Vorſchlag ihrer jugendlichen Wirthin hin. Es that ihr, die ſtets für Andere hatte bedacht ſein müſſen, beſonders wohl, einmal für ſich ſorgen zu laſſen, und die Sicherheit, mit der Martha ſich bewegte, ſteigerte das bereits erwachte Heimathsgefühl. Als das junge Mädchen den Gaſt in die ihr be⸗ ſtimmten Räume geleitete, bat ſie, ihr erſt in ihr eige⸗ nes Schlafzimmer zu folgen.„Ich muß Sie, Liebe, vor Allem dem Herrn des Hauſes vorſtellen“, ſagte Martha weich.„Iſt er auch unſerm Auge entrückt, ſo bleibt er für mich immer gegenwärtig, und alles was mich trifft, muß ich mit ihm theilen. Beſonders alles, was mich erfreut, denn er liebte die Freude! Deshalb ſehen Sie mich auch nicht im ſchwarzen Ge⸗ wand, wie die Sitte es vorſchreibt— er haßte Trauer⸗ kleider, darum trage ich ſie nicht mehr, ſeit ich wieder zu Hauſe bin.“ Gerührt von dem herzlichen Ton dieſer Worte, betrat Anna das kleine Gemach, das höchſt einfach, nur ſeinem Zweck entſprechend, ausgeſtattet war. Ueber dem Bette hing das lebensgroße Bruſtbild eines Man⸗ nes von etwa fünfzig Jahren, ein kluges Geſicht mit freundlichen Augen, und dunklem krauſem Haar. Mar⸗ tha drückte ſchweigend die Hand der Gefährtin, als ſie vor dem Bilde ſtehen blieb und zu ihm aufſah, und auch Anna ſagte nur halblaut:„Das ſind milde Augen!“ Während dieſer ſtillen Augenblicke ſchweifte der Blick der alten Dame abwärts zu einem Paſtellbild⸗ chen, das unter dem Porträt des Verſtorbenen hing, und verweilte gefeſſelt auf dem ungemein ſprechenden kleinen Gemälde, das einen etwa funfzehnjährigen Knabenkopf von kühnem, lebensfriſchem Ausdruck zum Gegenſtand hatte. Intereſſirt frug ſie: „Und wer iſt dies, Martha? Sie haben doch kei⸗ nen Bruder, ſo viel ich weiß.“ „Nein. Es iſt das Porträt eines früheren Mün⸗ dels von Papa. Da es im Wohnzimmer ſtets unter ſeinem Bilde hing, und er dem Original ſehr zugethan war, mochte ich es als ich nach des Vaters Tode jenes hierher brachte, nicht davon trennen.“ „Alſo auch Einer, der an Ihrem Vater viel ver⸗ loren hat. Und wo hält der junge Menſch ſich jetzt auf?“ „Der Vormundſchaft iſt er längſt entwachſen“, ſagte Martha ohne ihr gewohntes Lächeln.„Das Bild 65 iſt vor zwölf Jahren gemalt. Wo Richard Santer jetzt lebt, und was er treibt, weiß ich nicht, ich ſtehe in keiner Verbindung mit ihm.“ Die Worte fielen ha⸗ ſtig, und in ſo eigenthümlichem Ton, daß Anna auf⸗ merkſam ward. Ehe ſie aber eine weitere Frage oder Bemerkung äußern konnte, umfaßte das junge Mädchen ſie leicht, und ſagte, ſich der Thüre zuwendend:„Nun darf ich Sie durchaus nicht länger feſthalten, Tant⸗ chen! Wenn Sie ausgeruht haben, zeige ich Ihnen unten im Gartenzimmer noch das Bild meiner Mutter. Sie iſt als Braut gemalt und Jedermann findet, daß ich ihr gleiche.“ Godin, Frauenliebe und Leben. III. 5 Zweites Kapitel. Es war Sonntag. Ein rechter Frühlingsſonntag, maienhaft, duftig, einer jener Tage, die ſelbſt den Mi⸗ ſantropen ſo umſchmeicheln, daß er aus der dunkeln Ecke ſeines Mißmuthes unwillkürlich hervorblinzelt, und die ein freies Gemüth auf die Höhe des Daſeins heben. Der Einfluß der wonnigen Luft machte ſich auch in der Stimmung einer kleinen Mittagsgeſellſchaft geltend, die an dieſem Tage nach Eliſenhof gebeten war. Seit Stunden ſchon war das heiterſte Geſpräch im Gange, deſſen belebendſter Nerv heute durch den Badearzt eines nahe gelegenen Curortes vertreten ward. Doctor Waldau war ein Fünfziger, trotz aller Bedenklichkeiten der Damengäſte, die ihren Arzt gern als Hausvater kennen, eingefleiſchter Junggeſelle, und eine eben ſo originelle, als bei näherer Bekanntſchaft 67 anziehende Perſönlichkeit. Von bedeutender Länge, er⸗ ſchien ſein hagerer Körper doch nicht viel über Mittel⸗ größe, da er ihn etwas vorgebeugt trug, und die wei⸗ ten, langausholenden Schritte, die er bei ſeinen Gän⸗ gen zu machen pflegte, kennzeichneten ihn um ſo mehr ſchon von Weiten, als der, ſtets etwas zu weite Rock, den er zu tragen liebte, dann meiſt um ihn herflatterte. Der ausdrucksvolle Kopf war nichts weniger als ſchön zu nennen, doch prägten die Züge, die unter dem kreuz und quer gewachſenen, an den Schläfen ſchon ſtark ergrauendem Haar hervortraten, ſich dem Gedächtniß ein. Den ſcharfgeſchnittenen, herben Mund umſpielten loſe Geiſter der Ironie, die keineswegs Vertrauen er⸗ weckten, wer aber nur einmal in des Mannes tiefe Augen geſchaut hatte, faßte ſofort eine andere Anſicht, denn in dieſen Augen lag ſo viel Sanftheit, ja ſogar eine gewiſſe Schwermuth, daß man unwillkürlich ver⸗ ſucht ward, den ganzen Mann als eine Perſonifica⸗ tion des Humors zu betrachten, der„lacht, mit einer Thräne im Auge.“ Als Arzt genoß Waldau große Popularität und weitverbreiteten Rufes, es hatte ihm nicht an Aner⸗ bietungen gefehlt, die eine ehrgeizige Natur verlockt haben würden; eine Profeſſur ſowohl an einer ſüddeutſchen Univerſität, wie auch die Stellung als 5* 68 Director des Krankenhauſes einer großen Stadt waren von ihm abgelehnt worden. Unerſetzbar war der Doctor als Geſellſchafter, Niemand verſtand ſo, ie er, das Geſpräch anzuregen; wo er ſich aufhielt, entflohen alle Gemeinplätze, mit Feinheit wußte er einem erſchöpften Thema ein friſches Reis einzupfropfen, und dem was eben abgehandelt wurde, durch ein raſch hingeworfenes Schlagwort, einen zündenden Witz⸗ funken die höchſte Steigerung zu geben. Auch heute hatte er in dem Hauſe, das ihn ſeit vielen Jahren zu ſeinen treuſten Gäſten zählte, dies Talent zur vollen Geltung gebracht, und als ſich der kleine Kreis von der Tafel erhob, leuchtete ein Sonnenſtrahl der Heiter⸗ keit auf allen Geſichtern. Martha lud ihre Gäſte zum Kaffee in das an⸗ ſtoßende Zimmer. Dies war ein behaglicher, in un⸗ mittelbarem Zuſammenhange mit dem Garten ſtehender Raum; ſteinerne Stufen, von blühenden Topfblumen eingeſaßt, führten durch eine Glasthüre in's Freie. Das Zimmer war nur mit zierlicher Korbflech⸗ terarbeit möblirt, den einzigen Schmuck der Wände machte ein lebensgroßes Oelbild aus, das für ein ge⸗ lungenes Portrait Martha's hätte gelten können, hät⸗ ten die Gewänder nicht die Mode vergangener Zeiten gezeigt. Mit leuchtender Friſche blickte der blonde —— — ——— 69 Kopf aus dem Rahmen hervor, der von Epheu um⸗ kränzt war, welcher ſich in gleichen Ranken um Thü⸗ ren und Fenſter ſchlang. Während der Mahlzeit war einer der plötzlichen Sommerregen gefallen, die in jener Gegend häufig die Natur erfriſchen, nun drang der würzige Duft des neubelebten Laubes und der Blumen mit jener leiſen Feuchtigkeit, die an einem warmen Tage ſo angenehm wirkt, durch die geöffneten Flügel⸗ thüren herein. Schon blitzte die Sonne wieder auf dem Geräth des Kaffeetiſches, an dem die junge Wir⸗ thin ſervirte. Die Herren durchſtreiften den Garten, oder ſetzten ſich zu den Frauen, die ihre Arbeiten her⸗ vorgezogen hatten, freilich hier mehr Symbole, als Gegenſtände des Fleißes. Der Doctor hatte Martha's Lieblingsplätzchen am Fenſter eingenommen, lehnte ſich in den runden Korb⸗ ſtuhl zurück, und ſtreckte ſeine langen Beine behaglich unter dem Tiſchchen aus, das, mit Arbeitsgeräth und Büchern bedeckt, davor ſtand.„A propos, werthes Schloßfräulein“, ſagte er, indem er achtlos in den Büchern blätterte,„wiſſen Sie auch, daß Ihr Dichter über alle Dichter, Ihr menſchgewordener Apollo, ſeit geſtern in Bertrich iſt?“ Martha ſprang auf, wie von einer Feder geſchnellt, und verfehlte nicht, dabei die halbgefüllte Taſſe, die 70 ſie in der Hand hielt, umzugießen.„Wer, ſagen Sie, iſt in Bertrich?“ „Wer anders, als der himmelſtürmende Verfaſſer all dieſer Teufeleien da, die Ihnen zur Zeit, eingeſtan⸗ dener Maßen, den kleinen Kopf verdreht haben.“ „Arnold Welf! Ich muß ihn kennen lernen!“ „Verſteht ſich“, ſagte Waldau trocken.„Solch eine gute Gelegenheit, ſeine fünf Sinne einmal wieder los zu werden, darf unſer Schloßfräulein nicht ver⸗ paſſen— das wäre Jammer und Schade! Für's Erſte aber müſſen Sie ſich gedulden, der Liebling der Muſen wie der Damen reiſt heute wieder ab.“ „Abſcheulich!“ rief das ſchöne Mädchen, und ſah wirklich erzürnt aus.„Konnten Sie mir das nun nicht geſtern ſagen laſſen? Grade da Sie mein Inte⸗ reſſe an Welf's Werken kennen, wußten Sie, daß es mir Freude gemacht haben würde, den Dichter wenig⸗ ſtens zu ſehen. Aber ſo machen Sie es immer, es iſt mit Ihnen nichts anzufangen!“ „Gemach, meine Holde, noch iſt nicht alle Hoffnung dahin. Abgereiſt iſt der Held Ihrer Träume allerdings, aber er kömmt wieder, und wird Ihrer Bewunderung dann nicht entrinnen. Einſtweilen hat er uns ein le⸗ bendes Pfand ſeiner Rückkehr gelaſſen, ſeine Frau, die in Bertrich die Cur beginnen ſoll, während der Mann 71 umherreiſt. Später hat er die Abſicht, ein paar Mo⸗ nate in unſerer Gegend zu verleben.“ „Welf iſt verheirathet? Das wußte ich nictie „Allerdings, meine Schöne! Hatten Sie vielleicht ſelbſt ſo eben den Plan gefaßt, mit dem Dichter, der laut Schiller eine ſtets offene Einlaßkarte zu den himm⸗ liſchen Regionen hat, dieſe Ausflüge als legitime Ge⸗ fährtin zu theilen? Ich weiß, wie raſch Sie zu gehen pflegen, und beklage tief mein Loos, einen ſo ſchönen Traum durch meine Perſaiſchs Mittheilung zerſtört zu haben.“ „Sie mißbrauchen Ihr Gaſtrecht, Doctor! Erzäh⸗ len Sie mir lieber von der jungen Frau, iſt ſie hübſch, apart, iſt ſie ganz jung, oder ſchon längere Zeit ver⸗ heirathet?“ „Jung und ſchön, aber leider nicht geſund. Das Frauchen iſt blaß wie Mondſchein, und hat gut gethan, hierher zu kommen.“ „Doch nicht ernſtlich leidend?“ fiel die Profeſſorin ein, die dem Geſpräch mit Antheil gefolgt war.„Das würde mich wahrlich betrüben, Emma war ein ſo blühendes Kind.“ „Sie kennen Frau Welf, Tantchen?“ frug Mar⸗ tha in lebhafter Spannung. „Gewiß, liebes Kind. Ich habe mehrere Jahre ihre Erziehung geleitet, nachdem ſie ihre Mutter plötz⸗ lich verloren hatte. Emma's Vater war ein Verwand⸗ ter des Hauſes, dem ich mich damals widmete. Der Wittwer lebte auf dem Lande und wollte ſich von dem einzigen Kinde nicht trennen, deshalb trat ich aus jener Familie in ſein Haus über. Noch jetzt denke ich gern an die dort verlebten Jahre zurück; Emma war eine liebenswürdige Natur, faſt zu weich und eindrucks⸗ fähig, dabei heiter und liebevoll, und ein Charakter rein wie Gold. Nachdem ſie eingeſegnet war, verließ ich die Familie. Wir correſpondirten noch ein paar Jahre. Zuletzt hörte ich von ihr, als ſie mir ihre Verlobung mit Welf anzeigte, der ſich eben damals durch ſeine„Wilde Roſen“ berühmt gemacht hatte. Ich würde mich ſehr freuen, das liebe Kind wiederzu⸗ ſehen, und wenn Sie Ihr Verſprechen, mir Bertrich zu zeigen, nun bald einlöſen wollen, Liebſte, ſo machen Sie mir doppeltes Vergnügen.“ „Das ſoll gleich morgen geſchehen“, entgegnete Martha ganz belebt.„Wir dürfen der jungen Frau, die dort fremd und einſam iſt, die Freude nicht vor⸗ enthalten, ein liebes, vertrautes Geſicht zu begrüßen!“ „Sie kennen alſo unſer Bertrich noch nicht,“ ſagte Waldau zu Anna, indem er ſich zu ihr ſetzte.„Ich denke, es ſoll Ihnen wohlgefallen! Selbſt mir, der ich ——— 73 ſeit manchem Jahr an die Gegend gewöhnt bin, ge⸗ währt das ſchöne Thal, die maleriſche Umgebung unſeres alten, von Bergen bekränzten Badeortes noch manchmal ein Gefühl der Ueberraſchung. Ueberdies ſind Sie wenn auch kein Archäologe doch eine Schul⸗ gelehrte, da wird das hohe Alter der Heilquelle, oder vielmehr ihre Benützung nicht ohne Intereſſe für Sie ſein. Freilich iſt in unſerem beſcheiden ausgeſtatteten Curort von den Prachtgebäuden nichts mehr zu finden, die ſchon im vierten Jahrhundert dort von den Römern aufgeführt waren; als Belege zu jener Nie⸗ derlaſſung finden ſich aber noch gar manche Reſte und Trümmer. Nebenbei ein Lavaſtrom, deſſen Ab⸗ fluß deutlich zu verfolgen iſt, wie denn überhaupt die Eifel Sie durch manches Abſonderliche überraſchen dürfte.“ „Ich kann es begreifen“, ſagte Anna ſinnend, „wie dieſe ſo ganz eigenartigen, romantiſchen Thäler ein ſtarkes Heimathsgefühl erzeugen, und für den, der hier aufwuchs, unwiderſtehlich feſſelnd werden können.“ Waldau lachte.„Sie denken an unſeres Schloß⸗ fräuleins große Ausreißerei? Da hat doch wohl noch manches andere Motiv mitgeſpielt, als nur die Ro⸗ mantik der Heimath. Kennen Sie die Familie des Regierungsrathes von Hildheim? Nicht? Nun, da ſtellen 74 Sie ſich ein friſches, ſaftig und dornig blühendes Haideröschen vor, das zwiſchen einen Strauß ſauber gemachter Blumen aus Papier und Draht gerathen iſt— das gibt Ihnen ungefähr einen Begriff von dem Grade der Behaglichkeit, den die Kleine dort empfunden und verbreitet hat. Gut iſt's, Frau Profeſſorin, daß Sie hier ſind, und hoffentlich auch bleiben.“ „Für's Erſte jedenfalls. Martha hat in der kur⸗ zen Zeit bereits mein Herz gewonnen, und von den Dornen, die Sie in Ihr Gleichniß einſchlüpfen ließen, habe ich bis jetzt nichts wahrnehmen können.“ „Es ſind ja auch nur die kleinen weichen Dörnchen eines Heckenröschens! Sie werden ſich nicht daran ver⸗ letzen, denn Sie werden den wahnſinnigen Verſuch gar nicht unternehmen, daraus eine künſtliche Blume zu machen. Sollte es Ihnen aber gelingen, das ſchwan⸗ kende, flatternde Zweiglein unvermerkt auf einen kräf⸗ tigen Roſenbaum zu pfropfen, ſo würde das nicht ſchaden. Ich bin kein Freund von Treibhausblüthen, eine volle, geſunde Centifolie iſt mir aber lieber als ein Röslein auf der Haiden.“ „Der Himmel läßt beide wachſen und gedeihen“ — entgegnete Anna herzlich.„Er iſt ja ſelbſt ein Gärtner, und ſchickt Regen und Sonnenſchein zur rech⸗ 75 ten Zeit. Laſſen Sie uns abwarten was ſich vor uns entfalten mag, und vor Allem nicht vergeſſen, daß Roſen, wie ſie auch blühen, immer eine Wonne für das Auge ſind!“ Drittes Kapitel. Tief im Gebirg verſteckt liegt der ſtille Curort Bertrich, deſſen mineraliſche Bäder, obgleich ſie ſchon ſeit Jahrtauſenden ſo manchen Leidenden Heilung bringen, doch von der launiſchen Fama ſelten in weite Ferne hinauspoſaunt werden. Allerdings bietet der ländliche Charakter des Bades Denen keine Verlockung, die einen Curort als Sammelplatz der ſogenannten ſchönen Welt, des Putzes, der rauſchenden Geſelligkeit aufſuchen; um ſo freundlicher aber winkt es den wirk⸗ lich Leidenden, namentlich Denen, die, an Seele und Körper zugleich ermattet, dort neben der Heilquelle auch die eigenartige, romantiſche Umgebung auf ſich wirken laſſen. Die Felſenwand des Palmenberges, mit dunkelgrünem Buchsbaum bewachſen, der grüne Gipfel des Petersberges, ragen über ein maleriſches 8 77 Thal herein, deſſen Vegetation auf vulkaniſchem Boden noch heute durch vulkaniſche Kräfte belebt und geſteigert zu ſein ſcheint. Von rieſigen Bergen beſchirmt, zwi⸗ ſchen Bäumen und Gebüſchen halb verſteckt, liegen die Wohnhäuſer in friedlicher Reihe. Die verſchlungenen Pfade des Gehölzes, wo der Waldbach ſchäumend über Felsblöcke dahin ſprudelt, wo einſt ein Lavaſtrom ſich ſeinen Weg bahnte, und ſchwindelnde Brücken ſich hoch über Abgründe bauen, locken ebenſo das bedrückte Gemüth mit geheimnißvollen Stimmen der Einſamkeit an ſich, wie ſie in ihrem mannigfaltigen Reiz auch die heiteren, unbefangenen Gruppen anſprechen, deren geſelliger Stimmung jede Staffage gleich genehm iſt. Dicht an dem breiten, von Acazien beſchatteten Wege, der längs dem Buchsbaumgehänge zur Kirche aufſteigt, lag ein kleines, weißgetünchtes Haus mit grünen Fenſterläden. Ein ziemlich ausgedehnter Gar⸗ ten umgab es von drei Seiten; nur die, mit eben er⸗ grünendem Weinlaub dicht bezogene Vorderwand lag hart an der Straße. Die ſchlichten Parterreräume des Häuschens wurden von der Familie des Eigen⸗ thümers bewohnt, eines Gärtners, zu deſſen Haupt⸗ erträgniſſen die Vermiethung des oberen, wohleinge⸗ richteten Stockwerkes gehörte. Die zierliche Wohnung war alljährlich während der Badezeit ſehr geſucht, und in dieſem Jahre ſogar ungewöhnlich früh ver⸗ miethet worden, denn die Mehrzahl der Gäſte pflegt ſich dort erſt einzufinden, wenn die Wieſen gemäht ſind und die Kornfelder reifen. Die Wohnung im Gärtnerhauſe war auf drei Monate gemiethet und bald darauf bezogen worden. Bis jetzt beherbergte ſie nur einen einſamen Gaſt. In dem hellen, mit ſchneeweißen Vorhängen ge⸗ ſchmückten, zierlich ausgeſtatteten Hauptgemach beſchäf⸗ tigte ſich eine junge Frau damit eine Fülle von Blumen zu ordnen, die offenbar nicht dem, nur dem Princip der Nützlichkeit gewidmeten Hausgarten entſtammten. Es waren meiſt Roſen der edelſten Sorten, welche die feine Hand, die unter ihnen waltete, in anmuthige Farbengruppen vertheilte. Die ſo Beſchäftigte war ſelbſt jung und lieblich wie dieſe Roſen, aber nicht ſo friſch wie ſie. Es lag etwas über ihrer anmuthigen Erſcheinung, das unwillkürlich zur Wehmuth ſtimmte. Wenig über Mittelgröße, war ſie ſehr zart gebaut, und das Oval des edeln Geſichts zeigte nur die Run⸗ dung der Jugend, nicht die Fülle der Geſundheit. Die rehbraunen Augen blickten klar und ruhig, um den Mund aber lag ein Zug feſtſtehenden Leides, der dem erſten Eindruck unwillkürlich die Frage geſellte, ob dies Leiden körperlicher oder ſeeliſcher Natur ſei? 3 —— 79 Als die Blumen geordnet waren, nahm die junge Frau eine Handarbeit vor, und ließ ſich am Fenſter nieder. Bald ſank die Arbeit in ihren Schooß. Es läutete zum„engliſchen Gruß.“ Sie blickte nach der hochgelegenen kleinen Kirche auf, ein leichtes Roth lief über ihre Wangen hin, leiſe Worte glitten über ihre Lippen. Was ſie ſprach war aber kein Gebet. Es war ein Gedicht, das mit melodiſchem Wortfall das abendliche Glockenläuten als die Stunde willkommen hieß, die zur Geliebten rief. Träumeriſch lächelte der flüſternde Mund, ſie erhob ſich, ergriff ein kleines Buch, und vertiefte ſich in deſſen Blätter. Wie ein Streif⸗ licht der halb verſteckten Sonne genügt, um eine ganze Landſchaft zu beleben, ſo erhellte innere Gluth das nun wirklich ſchöne Geſicht, gleich einem Streiflicht aber verſchwand ſie auch wieder. Die Leſerin deckte die überſtrömenden Augen mit Hand und Buch, und ſeufzte auf:„Dahin— alles dahin!“ Schon war Dämmerung hereingebrochen, und noch ſaß die Einſame unbeweglich. Plötzlich ſchreckte ſie auf, tiefe Gluth überfluthete ihr Wangen, Stirn und Nacken. Sie horchte— ihr Ohr hatte ſie nicht ge— täuſcht, die kräftigen Schritte die es vernommen, näher⸗ ten ſich raſch und nach wenigen Secunden trat ein hochgewachſener Mann in's Zimmer Die junge Frau flog ihm mit einer Bewegung entgegen, als wollte ſie ihn ſtürmiſch in ihre Arme ſchließen; der erſte Blick in des Mannes Geſicht genügte aber, um ſie gleichſam in Bann zu thun. Sie ſtand regungslos, und legte ihre Hand mechaniſch in die ſeinige, die er ihr ent⸗ gegenbot. „Hoffentlich wohlauf, Emma?“ ſagte der Ankömm⸗ ling, indem er Hut und Handſchuh ablegte.„Mit Vergnügen erfuhr ich aus Deinen Briefen, daß es Dir hier gefällt. Entſchuldige, daß ich ohne Anmeldung eintreffe, ich entſchloß mich erſt geſtern zu der Fahrt hierher.“ „Du findeſt alles zu Deiner Aufnahme bereit, nächſte Woche durfte ich Dich ja erwarten“, ſagte Emma ſanft.„Ich glaube, daß der Ort auch Dir zu⸗ ſagen wird, die Landſchaft iſt voll Reiz, und bis jetzt keine ſtörende Staffage darin. Iſt Dir eine Erfriſchung gefällig, Arnold? Deine Theeſtunde iſt nahe.“ Der junge Mann nickte ſchweigend, und lehnte ſich in das Sopha zurück. Emma ging geräuſchlos ab und zu, um den Thee zu bereiten. Sie bewegte ſich mit großer Leichtigkeit, in jeder unwillkürlichen Geberde lag etwas harmoniſches, das dem weichen Klang ihres Organs entſprach. Der Blick ihres Gatten, der ihrem Walten folgte, war ſichtlich für dieſen Reiz —— ——————— 1 4 4 ————y— 81 empfänglich; plötzlich aber wendete er ſich mit einem Stirnrunzeln ab, und ließ das Auge über die nächſten Gegenſtände hinſchweifen. „Das ſind prachtvolle Roſen“, ſagte er nachläſſig. „Iſt unſer Hauswirth ein Blumenzüchter?“ „Das nicht. Sie kommen aus einer feineren Hand, und würden mir vielleicht nicht blühen, wenn ich nicht den Namen Welf trüge, der mit Roſen ſo eng verknüpft iſt.“ „Schon Bekanntſchaften angeſponnen?“ warf Ar⸗ nold etwas unmuthig ein. „Vielmehr eine alte Bekanntſchaft erneuert. Du erinnerſt Dich wohl des Namens der Profeſſorin Halm, von der ich Dir oft erzählte. Sie lebt hier in der Nähe, erfuhr die Anweſenheit ihrer früheren Schülerin, und ſuchte mich auf. Ihre Hausgenoſſin und Ver⸗ wandte, die Spenderin dieſer Roſen, begleitete ſie, und überſchüttet mich ſeitdem mit Freundlichkeit. Ein lieb⸗ reizendes Mädchen, die für Deine Schöpfungen ſchwärmt, und Dir ſehr gefallen wird.“ „Für's Erſte begehre ich nicht nach neuen Geſich⸗ tern, und noch weniger nach ſchwärmenden Damen,“ ſagte Welf trocken.„Ich denke hier zu arbeiten, und bedarf ungeſtörter Ruhe. Das ſoll Dich aber nicht beeinträchtigen, liebe Emma. Im Gegentheil kann es Godin, Frauenliebe und Leben III. 6 82 mir nur lieb ſein, wenn ein paſſender Verkehr für Dich geboten iſt, denn auf mich wirſt Du wenig rech⸗ nen können.“ Das junge Weib blickte raſch zu ihm auf, ein Wort ſchien auf ihren halbgeöffneten Lippen zu ſchwe⸗ ben, ſie unterdrückte es aber, und ſchwieg. Er ſah den Blick, die Bewegung des wehmüthigen Mundes, aber auch er blieb ſtumm. So verging die erſte Stunde des Wiederſehens zwiſchen einem jungen Paare, das ſeit Wochen von einander getrennt war. ——— Viertes Kapitel. Von Tag zu Tag gewann der, zwiſchen Eliſen⸗ hof und dem Gärtnerhauſe in Bertrich angeknüpfte Verkehr an Lebhaftigkeit. Mit dem leicht erregten Feuer ihres Naturells hatte Martha Halm ſich für das junge Weib ihres Lieblingsdichters begeiſtert, das ihr Intereſſe auch dann erregt haben würde, wenn ſie eine weniger anziehende Erſcheinung geweſen wäre. Die große Verſchiedenheit Emma's von ihr ſelbſt war für das junge Mädchen ein Reiz mehr. In dem zurück⸗ haltenden und doch ſo ſeelenvollen Weſen der erwähl⸗ ten Freundin fand ſie Elemente, die ihr unerreichbar waren, und ihre raſch emporgeſchoſſene Zuneigung durch ſtille Achtung verſtärkten. Um ſo betroffener und in der Seele ihres weib⸗ lichen Ideals gekränkter war Martha aber auch, als der mit brennender Ungeduld erwartete Dichter nun wirklich auf dem Schauplatz erſchien, und nicht allein dem Bilde das ihre Phantaſie im Voraus von ihm erſchaffen hatte ganz und gar nicht glich, ſondern durch ſein kühles, ja froſtiges Benehmen ſeiner Frau gegenüber des Mädchens feuriges Herz empörte. Ihr, die dem Paare ſo lebhafte Theilnahme entgegentrug, konnte es nicht entgehen daß es zwiſchen dieſen Bei⸗ den nicht ſtand wie es ſollte, und bereits ganz und gar von Emma eingenommen, brach ſie ſofort den Stab über einen Mann, der das Juwel welches er beſaß ſo wenig zu ſchätzen wußte. Trotz der ängſt⸗ lichen Zurückhaltung, womit die junge Frau ihr eigenes Benehmen in Schranken hielt, war es nicht zu ver⸗ kennen daß ſie mit jeder Faſer ihrer Seele an dem Gatten hing und unter ſeiner formellen Begegnung unabläſſig litt— Beweis genug für Martha, daß er allein die Schuld eines Zerwürfniſſes tragen müſſe. Das ganze Naturell des Mädchens drängte ſie ſtets vorwärts, und wies ſie überall mehr auf das Handeln als auf das Abwarten an, deshalb war ſie nicht im Stande, bei Dingen die ſie innerlich beſchäf⸗ tigten, eine müſſige Zuſchauerin zu bleiben. Bald reg⸗ 1 ten ſich in ihrem Köpfchen Wünſche, ſogar Pläne, die ihr unbegreifliche Scheidewand zwiſchen dem intereſ⸗ 4—— 85 ſanten Paare mit ihren eigenen kleinen Händen nieder⸗ zureißen. Von dieſem heimlichen Verlangen gedrängt, begann ſie nach einigen Wochen ſich Welf in ihrer koſenden Art zu nähern, und die künſtliche Gleichgül⸗ tigkeit fallen zu laſſen, die ſie bisher ſeinem ſpröden Ueberſehen entgegengeſtellt hatte. Ihr großes Ziel war, den Dichter in den Kreis zu locken deſſen Mittel⸗ punkt ſie ſelbſt war, während ſie mit voller Ueber⸗ zeugung Emma als ſolchen betrachtete. Wirklich ſiegte die Lieblichkeit des Mädchens über Welf's einſiedleriſche Laune. Ihr durch und durch unverſtelltes, friſches Naturell zog ihn an, und der Plan, ihn für ſein eigenes Haus, für Eliſenhof, für gemeinſchaftliche Ausflüge zu gewinnen, hatte raſcheren Erfolg als ſie ſelbſt gehofft. Die ſtrahlende Freude, die jeden Zug ihres ſprechenden Geſichtes erhellte, ſo oft es ihr wieder gelungen war, den Dichter, der ſich erſt ſo abweiſend gegen jede geſellige Zumuthung er⸗ wieſen hatte, aus ſeiner Iſolirung hervorzulocken, ward für ihn ſelbſt bald genug zu einem Reiz, dem er ſel⸗ tener und ſeltener widerſtand. So wenig er es ſich auch zugeſtehen wollte, wirkte auf ihn nicht geringer die naive Begeiſterung, womit Martha ſeinen poetiſchen Schöpfungen anhing. Hier war nichts von äſthetiſcher Verhimmlung, nichts von den ungeſchickten Exclama⸗ 86 tionen halben Verſtändniſſes— Sympathie und Ein⸗ drucksfähigkeit einer phantaſievollen Natur aber ſprach ſich ſo ungeſchminkt uud urſprünglich aus, daß ihr Entzücken auf ihn wirkte, wie auf uns Alle das naive Lob eines Kindes. Welf gewöhnte ſich unmerklich daran, mit dem ſchönen Mädchen über ſeine Arbeiten zu ſprechen, was ihm nicht leicht geſchah. Er gewöhnte ſich ſogar, ihr ſeine Entwürfe und Neuentſtehendes mitzutheilen, und oft und öfter wanderte er in den Morgenſtunden allein nach Eliſenhof. Martha ahnte nicht, daß ſie ſelbſt unmerklich jener Stelle näher rückte, die ſie für die Freundin hatte er⸗ obern wollen. Die erſten Reſultate, die ſie für ihren Zweck erreicht hatte, machten ſie ſicher, und ſogar ziem⸗ lich zufrieden. Zu verkennen war nicht, daß Emma in der That während einiger Zeit heiterer und weniger in ſich ſelbſt zurückgezogen erſchien. Die angeregte Stimmung, der ſich Welf hingab, ſchien in manchem Augenblicke das Eis aufzuthauen, das bisher in ſeinem Wort und Zlick der Gattin gegenüber vorgeherrſcht hatte, und oft wandte er ſich im Geſpräch ihr mit Lebhaftigkeit zu. Wenn dann des Weibes Auge auf⸗ leuchtete, ihre Wange ſich röthete, ſagte Martha ſich 87 jedesmal mit naiver Genugthuung, daß dies ihr eigenes Werk und Gelingen ſei. Während aber die, von jedem Makel freie Seele des Mädchens noch vor Allem der Freundin anzu⸗ hängen glaubte, erfüllte Arnold's Geſtalt bereits ihre Phantaſie und ihre ſtets raſtloſen Gedanken ſo ſehr, daß er als Hauptfigur den ganzen Vordergrund ein⸗ nahm, und was es ſonſt an Menſchen und Dingen gab, zur ſchattenhaften Staffage erblich. Als Martha endlich doch bemerken mußte, daß jenes freudige Auf⸗ leben Emma's doppelter Verſunkenheit zu weichen be⸗ gann, ſagte ſie ſich ſchon im Stillen, die junge Frau ſei bei all ihrer Holdſeligkeit doch eine zu matte Natur, um dem Feuergeiſte ihres Gatten als Gefährtin zu genügen. Mit tiefer Sorge folgte Anna Halms ſtill beob⸗ achtendes Auge der Entwicklung dieſer Beziehungen. Sie hatte während ihres langen Wanderlebens zu viel erfahren und geſchehen ſehen, um nicht die wachſende Gefahr richtig zu beurtheilen, die für den Frieden dreier Menſchen zur alles verſchlingenden Lawine wer⸗ den konnte. Ihrem theilnehmenden Auge konnte es nicht entgehen, daß Emma ihre Unruhe bereits zu theilen begann. Noch ſah ſie Martha ſicheren Fußes 88 am abſchüſſigen Rande der gähnenden Kluft dahin⸗ wandeln, aber ſie wagte nicht ſie zu warnen. Ihre Herzensreinheit ſtand der mütterlichen Freun⸗ din außer Frage, doch kannte ſie bereits allzugut des Mädchens feuriges Temperament, und bangte davor, den Zunder der dieſe lodernde Phantaſie in Flammen ſetzen würde, durch ein allzu früh geſprochenes Wort, ſelbſt hineinzuwerfen. Ihre Unruhe war um ſo größer, als ſie Welf nicht kannte. Hätte ſie in ſein Inneres blicken können, ſo würde ſie erkannt haben daß auch er ſich noch ſicher fühlte. Dennoch war die Gefahr hier für den Mann weit ſtärker, als für das junge Mädchen. Niemals iſt der Widerſpruch der innerſten Natur, der in Geſtalt lockender Verſuchung an uns herantritt, gewaltiger, als wenn vorher ein Gefühl von Unbehag⸗ lichkeit und innerer Leere in uns Raum gefunden hatte, wenn das was wir ſind und haben, uns nicht genügt. In dieſer geiſtigen Lage befand ſich Arnold Welf in der Zeit, in der er vor uns erſcheint. Von lang ertragenen, unerquicklichen Verhältniſſen des äu⸗ ßeren Lebens aus denen er ſich kaum erſt losgeriſſen hatte, tief ermüdet, der neugewonnenen Freiheit noch nicht froh, die ihm zwar den erſehnten Raum zu gei⸗ ſtigem Schaffen gab, aber die alte Spannkraft und 89 friſche Fähigkeit dazu noch nicht zurückgebracht hatte— eine tiefe Störung ſeiner häuslichen Zufriedenheit mit Bitterkeit in ſich verarbeitend, war er in der verhäng⸗ nißvollen Stimmung, in der man ſich frägt, ob der Baum des Lebens denn wirklich nur ſchaale Früchte trage? Wem dieſe Stimmung naht der möge wachen, daß dem dürſtenden, lechzenden Geiſte nicht unverſehens die verbotene Frucht lockend winke! Das Heilmittel, welches bei den Meiſten, die eines guten Willens ſind, das hereinbrechende Gefühl innerer Unzufriedenheit zum Schweigen bringt und umſtimmt: erhöhte Thätigkeit, volle Hingabe an die eigene Berufsarbeit, wird für den Dichter leicht zu einer neuen Gefahr. Ein men⸗ ſchenfreundlicher Denker ſagte einſt, der Dichter müſſe ſeine Stimmungen benützen, wie der bildende Künſtler den Marmorblock, und er hat Recht. Die Stimmung aber, die ſich zum Kunſtwerk geſtaltet und ſo in Thä⸗ tigkeit verwandelt, iſt innerſte Anſtrengung, doch nicht immer innerſter Sieg. Die erſte Wandlung deren Arnold ſich bewußt ward, war die einer neubelebten, erhöhten Seelen⸗ thätigkeit. Die Hypochondrie, die Jene am leichteſten ergreift, die gewohnt ſind, in den Tiefen der eigenen Bruſt zu wühlen, und die ihn ſogar an ſeiner dich⸗ teriſchen Begabung hatte zweifeln laſſen, begann von 90 ihm zu weichen; die lang und ſchwer entbehrte Ela⸗ ſticität des Geiſtes kehrte geſteigert zurück, und er empfand deutlich, von woher all dieſe Anregung ihm ausging. Nichts ſcheint natürlicher, ja gerecht⸗ fertigter, als den Umgang aufzuſuchen, der die Fort⸗ ſetzung der Lebensarbeit erleichtert, das Gemüth er⸗ friſcht. So ward Martha ihm vor Allem zu einem Bedürfniß jenes feinen Egoismus, dem die Begabteſten am leichteſten verfallen, da ſie bei der ihnen eigenen Zergliederung ihrer inneren Zuſtände, ſich unbewußt als Mittelpunkt der Welt betrachten. Wie beim war⸗ men Hauch des Frühlings Blatt und Blüthen ſich tau⸗ ſendfach hervordrängen, ſo regten ſich in der koſenden Nähe des ſchönen Mädchens alle ſchlummernden Kräfte der Phantaſie und durchdrangen das ganze Weſen des Dichters. Die lang verſtummte Muſe ſchlug ihre reich⸗ ſten Harfentöne an, jeder Tag brachte ein duftiges Lied, einen glücklichen Gedanken mit. Eine bedeutende künſtleriſche Aufgabe, die er ſich längſt geſtellt und die zu geſtalten er faſt verzagt hatte, entwickelte ſich nun wie von ſelbſt, ein freies Geſchenk der Götter. Das Leben erſchien Arnold in dieſen Tagen wie eine Blume, aus der ſich eine ſtolze, ſchimmernde Frucht langſam entfaltet. Fünftes Kapitel. Unterdeſſen war der Hochſommer herangekommen. Der Badeort hatte ſich mit Gäſten gefüllt, der kleine Kreis in Folge deſſen erweitert. Welf wahrte ſeine Freiheit, und verſtand es trefflich, ſich den vielfachen Annäherun⸗ gen die ihm entgentraten, mit kühler Artigkeit zu ent⸗ ziehen. In Eliſenhof mußte dagegen mancher früher angeknüpften Bekanntſchaft Rechnung getragen werden; das Bad hatte Stammgäſte, die ſich jeden Sommer dort einzufinden pflegten, und von denen manche mit Martha's Vater verkehrt hatten. Die Ungeduld, mit der das junge Mädchen die ihr früher ſtets Willkom⸗ menen in ihren enggezogenen Kreis eindringen ſah, war bezeichnend genug. Oft genug verſuchte ſie alles abzuſchütteln was ihr die Geſellſchaft Welf's zu rau⸗ ben drohte, wenn es ſich um Perſönlichkeiten handelte, 92 die ihm nicht zuſagten, und mitunter mußte ihr ganzer Scharfſinn aufgeboten werden, um ſich von Menſchen los zu machen, die ſie nicht geradezu verletzen wollte und durfte. Eines Tages hatte denn auch das kleine Schloß⸗ fräulein mit diplomatiſcher Gewandtheit die ganze mobile Badegeſellſchaft zu einem gemeinſchaftlichen Aus⸗ fluge nach dem Pulvermaar beſtimmt, ſich ſelbſt aber in der letzten Stunde vom Antheil daran frei gemacht, um, vor jeder läſtigen Begleitung ſicher, eine Fahrt nach der Marienburg mit Welf's und Doctor Waldau zu unternehmen. Der Tag war nicht beſonders heiß; ein Gewitter hatte am Abend vorher die ſommerliche Gluth der vergangenen Woche gedämpft. Welf und der Doctor beſchloſſen deshalb die Damen allein nach Alf fahren zu laſſen, und gleich nach Tiſche den Weg durch das liebliche Thal zu Fuß zu machen, wozu ſich ihnen ein Pfad bot, der vom Geſang der Vögel aus nahen Büſchen, vom Rauſchen des nicht allzufernen Baches belebt, und mit hundertfarbigen Blumen der dort ſo reichen Vegetation begrenzt war. Vor Alf fand ſich die kleine Geſellſchaft zuſammen, um durch eine Reihe von Weinbergen, die ſich eben dichter zu belauben begannen, den Pfad zur Höhe hinaufzuſteigen. Dort wird das Auge in einer Weiſe 93 überraſcht, wie kaum an einem zweiten Orte. Die Krümmungen, welche die Moſel von Cröw bis Kochem macht, erhöhen durch ihre Ungewöhnlichkeit überall die Romantik des Moſelthales, denn wieder und wieder erſcheint der Fluß gleichſam in Stücke zerriſſen. Um das Bergplateau nun, das die Ruinen des Kloſters Marienburg trägt, windet die Moſel ſich in ſo bedeu⸗ tendem Grade rückwärts, daß der auf dem Dampf⸗ boot ſtromaufwärts Reiſende daſſelbe ohne Sorge bei Alf verlaſſen, die ziemlich anſehnliche, ſteile Höhe ge⸗ mächlich erſteigen, ſich der Ausſicht erfreuen, und dann von der andern Seite des Berges herabkommend, mit dem inzwiſchen fortgebrauſten Dampfer zugleich am Ufer anlangen kann. Während dem Erſteigen des Berges ergibt ſich aus dieſer Schlangenwindung des Fluſſes das wunderbarſte Bild. Zur Rechten wie zur Linken begegnet das Auge demſelben klaren, von ſteilen Schie⸗ ferfelſen eingeſchloſſenen Strom, gleich einem Doppel⸗ gänger. Die Krümmung die ihn zurückführt, bleibt dem Wanderer durch den Berg deſſen Boden ihn trägt, völlig verhüllt, und er glaubt in den engen Keſſel zweier Bergſeen hinabzublicken. Der röthlich graue Schimmer der rebumpflanzten Höhen, der blaue Himmel der ſich lachend in doppel⸗ tem Spiegel begrüßt, dazwiſchen das düſter blickende alte Gemäuer des längſt verfallenen, aber noch als Ruine großartigen Kloſters, wirkte mit dem vollen Reiz ſeiner Gegenſätze auf unſere Ankömmlinge, die, Martha und den Doctor ausgenommen, dieſe Stätte zum erſten Mal betraten. Das erfreute Mädchen weidete ſich mit vollem Heimathsgefühl am Entzücken ihrer Gäſte, und geleitete ſie nach ihrem eigenen Lieb⸗ lingsplätzchen, wo durch den vorausgeſandten Diener ein behagliches Unterkommen bereitet war. Beherbergt das Kloſter auch keine Inſaſſen mehr, ſo gibt es doch noch einen Kloſterwirth und denſelben guten Wein, der die frommen Herren vor Jahrhunder⸗ ten dort labte. Den Ermüdeten war der ſchattige Platz eine willkommene Ruheſtätte. Bald herrſchte die angeregteſte Stimmung. Martha und der Doctor lie⸗ ferten einander jene raſchen Scharmützel, die ſtets das höchſte Ergötzen der Zuhörer ausmachten, und wobei das Schloßfräulein ihren Hausfreund nicht mit Un⸗ recht mit einem ſchwarzen Kater verglich, der Funken von ſich gibt, wenn man ihn verkehrt ſtreichelt. Auch Emma erſchien heute angeregter als gewöhnlich und gab ſich mit einer, ihr ſonſt nicht eigenen, faſt fie⸗ beriſchen Lebendigkeit dem Geſpräch hin, während Ar⸗ nold mit ſtrahlendem Auge jedem Wort, jeder Bewe⸗ gung Martha's folgte, und ihr bei ihrem häufigen 95 Gehen und Kommen ſtets zur Seite blieb. Erſt gegen Abend verlief ſich das hin⸗ und herſpringende Necken und Scherzen in ruhigeres Geſpräch. „Wie mag es zugehen, daß Sie, goldenes Schatz⸗ käſtlein aller Moſelſagen, uns hier wo wir gewiß auf claſſiſchem Boden ſind, noch keine Mähr von Marienburg erzählt haben?“ wandte Welf ſich an das junge Mädchen. „Weil es wirklich nichts zu berichten giebt“, klagte Martha.„Vor Zeiten hat hier allerdings ein Schloß geſtanden, da müſſen aber lauter hausbackene Leute darin gewohnt haben, denn man„ſagt“ nichts von ihnen, und als ſpäter der Erzbiſchof Hillin die Burg für die Auguſtiner zu einem Kloſter einrichten und ausbauen ließ, haben die hochwürdigen Herren auch nichts ſagenhaftes zu beſchaffen verſtanden.“ „Um ſo beſſer wußten ſie ſich hier, wie überall, das richtige Plätzchen zu wählen, wo Wild, Wein und Fiſche nicht weit waren“, ſchaltete Waldau ein. „Iſt Ihnen jedoch an Kloſter⸗ und Kirchenſagen gelegen,“ fuhr das Schloßfräulein fort,„ſo kann ich aus der Nähe manches Derartige berichten. Zum Beiſpiel vom Kloſterſtift Springiersbach bei Reil, wo jedesmal eine weiße Lilie im Chor gefunden wird, wenn ein Todesfall bevorſteht. Iſt das nicht anmuthig? ——·—·——ꝛ 96 Oder die hübſche Geſchichte von der Neefer Petersca⸗ pelle, die nicht gar weit von hier liegt. Sie iſt hoch auf dem Berge erbaut, und grüßt von ihrem Friedhof umgeben, ſinnig zum Fluß hinab. Vor Zeiten nun war die Neefer Kirche, die nebſt dem Gottesacker dicht beim Dorfe im Thale lag, baufällig geworden, und eine neue ſollte errichtet werden. Alles war zum Bau vorbereitet, und das Werk ward begonnen, aber ſchon am zweiten Arbeitstage fand man Frühmorgens das Geſchaffene entfernt, und einen Theil des Holzes und der Steine oben auf dem Berge liegen. Wer es dort⸗ hin geſchafft hatte war nicht herauszubringen. In der nächſten Nacht wurden Wachen ausgeſtellt, und dieſe ſahen aus dem ſternhellen Himmel geflügelte Engel nieder ſteigen, und das noch übrige Baumate⸗ rial zur Höhe tragen. Da merkten die Neefer, daß der heilige Petrus ſeine Capelle auf dem Berge haben wollte, und erbauten ſie dort wo ſie heute noch allen Stürmen trotzt.“ „Die Sage iſt ſchön“, ſagte Welf erfreut,„doch gehört ſie nicht der Moſel ſpeciell an. Aehnliches iſt mir in verſchiedenen deutſchen Gauen erzählt worden, und der Tradition nach, ſind die hochgelegenen Kirchen meiſtens an die Stelle irgeud eines Götterſitzes getre⸗ ten, und bezeugen den Sieg des Kreuzes über das 97 ſtarre Heidenthum. Deshalb ziehe ich jene Geſchichten vor die hier ganz local ſind, und deren ich ſchon ſo manche mit Freuden geerndtet habe.“ „Warum machen Sie nicht ein Buch aus dem Sagenſchatze der Moſel, da Sie ſich für Dergleichen intereſſiren?“ frug der Doctor.„Sie könnten ja Ihre diesjährige Sommerfriſche nicht beſſer ausbeuten! Die Sache ließe ſich ſyſtematiſch ausführen, man könnte den Stoff der bei unſern Burgen und Thälern weit öfter hiſtoriſch als rein märchenhaft iſt, ſehr wohl nach Jahrhunderten eintheilen. Da ließe ſich das Bedeutſamſte im Ernſt und im Heiteren irgend einer Perſon in den Mund legen, die ſelbſt vergangenen Zeiten angehört, und dann von einem Fürſten oder Abte aufgefordert, erzählt was ſie nur immer weiß. Oder wenn das Ihnen nicht gefällt, ließen die meiſten unſerer inhaltsreichen Sagen ſich auch novelliſtiſch ver⸗ arbeiten, wie?“ Welf lächelte.„Verführeriſch wäre das allerdings für Manchen, ſchon um der köſtlichen Scenerie willen. Doch geſtehe ich Ihnen, daß derartige Stoffe in meinen Augen ſtets etwas überaus Gewagtes, ja faſt Unmög⸗ liches haben. Wenn wir ehrlich gegen uns ſelbſt ſein wollen, haben wir ſogar vom ſpäteren Mittelalter ſo oft es uns auch ſeiner Zeit in Ritter und Schauer⸗ Godin, Frauenliebe und Leben III. 6 romanen vorgeführt wurde, ein ungemein unſicheres Bild in uns. Was nun gar vor dieſer Zeit liegt iſt uns durchaus fremd, und es kann bei einer Schil⸗ derung ſolcher Zeiten und ihrer Menſchen nie mehr auf unſere Kenntniſſe, ſondern nur auf unſere Phan⸗ taſie gerechnet werden. Daß uns dieſe Menſchen und Zuſtände wirklich gegenſtändlich werden, darauf iſt ſelbſt bei der trefflichſten dichteriſchen Schilderung kaum zu hoffen. Sie laſſen ſich nicht von dem Duft der Ferne ablöſen, in dem ſie begraben ruhen.“ „Das kann ich nicht gelten laſſen!“ rief Martha lebhaft.„Im Gegentheil fand ich immer, daß nament⸗ lich die Geſtalten unſerer Heimathſagen ein echt menſch⸗ liches Intereſſe in uns erwecken! Sie erinnern ſich gewiß an Schiller's Wort, daß der Dichter mit dem Antheil eines Liebenden ſeinem Helden zugethan ſein müſſe! Ich bin kein Dichtergemüth, aber dieſen Antheil des Herzens fühle ich für alle jene, wahrlich nicht ſchattenhaften, ſondern klar gezeichneten Bilder einer Vergangenheit in der jene Menſchen lebten, fühlten, litten gleich uns! Wo finden Sie einen lieblicheren Novellenſtoff als in der holden Sage von Veldenz, wo die alte Ritterdame ihr Töchterlein beredet, den Verlobungsring des beim Kreuzzuge verſchollenen Rit⸗ ters zu vernichten, um der Trauer ledig zu werden 99 die durch den Zauberreif das junge Herz bindet? Wo der Ring dann in den Brunnen verſenkt, der Lieben⸗ den beim Waſſerſchöpfen im Eimer wiederkehrt; ſpäter in die Erde tief vergraben, ſich an einer Bohne hinauf rankt bis an ihr Kammerfenſter, und nun zuletzt, als der Reif in der Gluth der Eſſe vernichtet werden ſoll, der Todtgeglaubte ſelbſt auf dem Schauplatz als Ret⸗ ter ſeiner Liebesgabe erſcheint.“ „Sie mögen Recht haben, liebe Martha“, warf Emma ein, indem ihre wunderſchönen Augen ſich dunk⸗ ler zu färben ſchienen.„Dennoch ſcheint es mir, als ob grade der duftigſte Reiz dieſer und ähnlicher Sagen verſchwinden würde, wollte man beginnen zu charak⸗ teriſiren und zu erweitern. Es kommt ja nicht auf die Form, ſondern auf den Inhalt deſſen an, woran der Sinn ſich erfreut— hier gibt die ſchlichte Mähr allein ſchon Alles vollauf, und eine Umſchreibung zur Novelle würde mir erſcheinen wie ein allzuwohlgefügter Bau, in dem keine Dachlücke zu den Sternen offen gelaſſen ward!“ Welf blickte nach dieſen Worten freundlich zu ſei⸗ ner Frau hinüber; ihr Auge haftete mit tiefer Innig⸗ keit auf ihm, und mädchenhafte Gluth übergoß ihr ed⸗ les Geſicht als Arnold ſich, einem raſchen Impulſe 7*½ 100 folgend erhob, ſie leicht auf die Stirn küßte, und ſich neben ſie ſetzte. „Erzählen Sie uns doch eine dieſer Geſchichten nach Ihrer Auffaſſung“, ſagte der Doctor mit dem liebreichen Ton, den er ſeiner jungen Patientin gegen⸗ über anzunehmen pflegte. Emma lachte.„Eine originelle Idee! Die Fremde ſoll dem Heimiſchen berichten, was er beſſer weiß, als ſie.“ „Und weshalb nicht?“ meinte Waldau.„Wir Alle geben doch nur wieder, was wir einmal gehört, und jeder Deutſche hat hier gleiches Eigenthumsrecht. Warum ſollten wir uns nicht heute einmal als Tafel⸗ runde conſtituiren, und ſtatt eines Rundgeſanges Ge⸗ ſchichten erzählen?“ „Der Gedanke iſt gut“, ſtimmte Welf bei.„Alſo, holdes Schloßfräulein, beſtimmen Sie wer beginnen ſoll!“ Martha bog ſich lächelnd rückwärts, pflückte einige Grashalme, theilte ſie in ungleichmäßige Längen ab, und bot die improviſirten Looſe umher:„Das kürzeſte beginnt!“ Dies Loos traf den Doctor, der ein Geſicht zog, denn ſein Plan war, während die Andern ſeinem Vorſchlag gemäß, erzählten, das behagliche Schweigen —— 101 zu genießen, deſſen Wonnen nur ein Raucher⸗ und Weinkenner ganz zu würdigen verſteht. Doch fügte er ſich mit guter Manier und begann, indem er ſich behaglich zurücklehnte:„Ein Kochemer Stückchen alſo! Unſer Moſelland hat auch ſein Lalenburg, ſo gut wie andere deutſche Gauen, und im luſtigen Kochem iſt noch heut ein drolliges Völkchen zu Hauſe. Die Stadt iſt uralt und ließen ſich von ihr ernſthafte und nachdrückliche Geſchichten genug erzählen, aber ihr geht's wie unſer Einem; hat man ſein Lebtag ehrbar dahin gelebt und macht nur einmal einen dummen Streich, ſo wird alle bewährte Weisheit raſch ver⸗ geſſen, der dumme Streich aber bleibt getreulich im Angedenken der Leute. Daß Pfalzgrafen auf der Burg reſidirt haben, daß Heinrich der Tolle dort ſein blond⸗ haariges Weib abſchlachtete wie ein Huhn, daß Kai⸗ ſer und Reich ſich um die Stadt geſtritten haben, und im dreißigjährigen Krieg dort alles darunter und dar⸗ über ging, daran denkt heute kein Menſch mehr als höchſtens ein närriſcher Geſchichtsforſcher, die Kochemer Stückchen aber bleiben ewig friſch und jung! Befehlen Sie nun ſelbſt Dame Präſidentin, welches ich berich⸗ ten ſoll! Vom Capuzinerpater Martin, der als ab⸗ ſonderlicher Geometer den Umfang der Hölle nach Mei⸗ len und Vierecken ausgemeſſen hat, oder von dem be⸗ —&% — — 102 rühmten Krebs, der den Herrn Bürgermeiſter in den Haarzopf zwickte und zur Strafe in der Rathsſitzung verurtheilt wurde den Tod im Waſſer zu erleiden?“ „Und das wollen Sie für eine Geſchichte aus⸗ geben?“ frug Martha lächelnd.„So kommen Sie nicht durch, Meiſter Aesculapp! Wenn Sie Ihre Pflicht nicht erfüllen, ſo nehme ich als Pfand Ihr Weinglas hinweg!“ „Vom Weinglaſe alſo, und regelrecht“, ſagte Wal⸗ dau kaltblütig, indem er ſein Glas zum Munde führte. „Es war einmal ein Erzbiſchof von Trier, der lag krank auf ſeinem Schloſſe zu Bernkaſtel. Der Mann Gottes hatte das Fieber, und Chinin war damals noch nicht erfunden. Die Doctoren, die er um ſich hatte, wußten nichts mehr; das kann heut zu Tage natürlich nicht mehr vorkommen. Zuletzt ließ der Bi⸗ ſchof im ganzen Moſellande bekannt machen, daß er Den der ihm ein hilfreiches Mittel brächte, fürſtlich belohnen wolle. Sie können ſich vorſtellen, meine Herrſchaften, daß ihm nach dieſer weiſen Maßregel alle Arten von Teufelsquark offerirt wurden, und un⸗ ſer Biſchof ſchlang alles hinter; das Fieber lachte dazu und gedieh bei dieſer Fütterung vortrefflich. Eines Tages hörte ein alter Ritter von der Sache, ein ech⸗ ter Moſelaner der das Herz auf dem rechten Fleck 103 und ein köſtlich Tröpfchen in ſeinem Keller hatte. Der ſagte, die Narren wiſſen Alle nichts, ich bin nun ſchon ſiebzig Jahre alt und habe meiner Tage nichts ge⸗ braucht als meinen guten Wein, der ſtärkt Herz und Nieren, der wird auch den Biſchof geſund machen!“ Wahrſcheinlich hatte er über keinen Knappen zu ver⸗ fügen, denn er ſchnallte ſich ein Fäßchen auf ſeinen eigenen Rücken, klopfte an des Biſchofs Thür und mel⸗ dete ſich als Doctor. Der Biſchof verſuchte die neue Medicin, und das Herz lachte ihm im Leibe. Wie oft er das Medicinglas geleert hat, beſagt die Mähr nicht, aber geſund iſt er geworden, und die Sorte heißt noch heutigen Tages: der Doctor. Manch Einer hat ſeitdem die Cur nachprobirt. Proſit, meine Herr⸗ ſchaften!“ „Bravo, Herr Doctor“, ſagte Welf vergnügt. „Wenn Sie ſolchen Curen das Wort reden, melde ich mich auch als Patient. Nun aber, Nummer zwei!“ Die Reihe war an Martha. Sie ſann einen Augenblick, träumeriſch blickten die großen Augen in's Weite.„Ich führe Euch nach Burg Elz!“ ſagte ſie langſam.„Das Flüßchen an dem ſie liegt, iſt gleich mir ein Kind der Eifel, es windet ſich ſchäumend . durch's Thal bis es ſich mit der Moſel vermählt. Schloß Elz blickt nicht von der Höhe hinunter, es iſt 104 auf einer Landzunge aufgebaut, und liegt da wie ein lebendig Märchen. Hoch ragen die ſpitzen Giebel auf, überall Erker, die gothiſche Thürmchen und ſeltſame Schnörkel tragen, an Thoren und Gittern hängen epheuumrankte Wappen, der gelbe und der weiße Leu ſtehen noch unzerſtückelt. Das Flüßchen Elz rauſcht durch grüne Ufer daran vorbei, eine Zugbrücke führt ins gewölbte dunkle Thor in den dunkleren Hof. Dort lebte und ſtritt ein gar ſtolzes Geſchlecht, und nicht die Ritter allein waren tapfer, auch die Damen! Manche Mähr gibts darüber. Die vom Fräulein Bertha iſt mir die liebſte. Sie war natürlich ein echtes Edel⸗ fräulein, ſchön und ſtolz, wie ſich's für eine Elz ge⸗ ziemte, und mancher Ritter ſenkte huldigend vor ihr den Speer. Darunter war ein Ritter, Bodo von Braunsberg, der warb mit Ungeſtüm, aber er war ein roher Geſelle und Dame Bertha ſagte Nein, nach ihrem Frauenrecht. Als nun ihre Brüder auf Fehde ausgezogen waren, fiel zur Nacht der Braunsberger gegen die Burg ein, und gewann den Paß über die Brücke. Als er in den Schloßhof drang, weigerten die Mannen der Elzen, deren nur wenige in der Burg zurückgeblieben waren, den Kampf, weil ihnen der Führer fehlte. Da ſchnallte Bertha ſich einen Panzer ihres jüngſten Bruders um, beſtieg ihr Roß, und 105 ſprengte, ihre Mannen anfeuernd, muthig vor das Thor, um den Ueberfall abzuwehren, denn ſie wollte dem Braunsberger nicht gehören, weder freiwillig noch durch Gewalt. Er kannte ſie nicht im Dunkel der Nacht, bei geſchloſſenem Viſir hielt er ſie für den jüng⸗ ſten der Gebrüder Elz, und ſeine eigene Kugel traf ſie zum Tode. Als ſie ſank, ermannten ſich ihre Hö⸗ rigen und fingen die Braunsberger alle. Wie nun der wilde Bodo ſah daß er ſein blondes Lieb ſelbſt gemordet hatte, ſtürzte er ſich in ſein eigenes Schwert. Der von der Kugel durchlöcherte Bruſtharniſch der Dame hängt noch heute dort im Thurmgemache zur Schau, und ihr Grab liegt am Uferrande auf felſigem Grund, beſchattet von einer Trauerweide.“ „Eine tragiſche Geſchichte!“ ſagte die Profeſſorin, als Martha ſchwieg. „Das finde ich nicht“, warf das ſchöne Mädchen ein, und ihre Augen blitzten.„Tragiſch wäre die Geſchichte nur geworden, wenn der wilde Freiwerber ſie gegen ihren Willen hätte zwingen können. Das Herz iſt frei, und ſein Recht muß gewahrt werden!“ „Um jeden Preis, Martha? Auch um den dop⸗ pelten Menſchenlebens?“ ſagte Anna ſanft. „Um jeden Preis!“ entgegnete Martha lebhaft. Sie ſah in dieſem Augenblick hinreißend aus. Ihr 106 tiefes graues Auge zeigte ein Leuchten, das electriſch auf ihre Umgebung zurückwirkte, ihre immer ſchönen Farben waren heute von durchſichtigem Glanz, die Adern ſchimmerten durch die ſchneeweiße Schläfe, feucht wie eine friſchgepflückte Frucht waren die halb⸗ geöffneten Lippen, eine unbeſchreibliche Grazie goß ſich über die jugendlichen, im Mooſe hingeſtreckten Glieder. Arnolds Wangen färbten ſich ſchwach, als er ſie gleich allen Andern betrachtete. Er ſtand auf, lehnte ſich gegen einen Baumſtamm und begann unaufgefor⸗ dert zu erzählen:„Zu Starkenburg an der Moſel reſidirte eine ſchöne Wittwe— Lauretta von Spon⸗ heim war ihr Name. Die fing einen Erzbiſchof ein, der mit ihrem Geſchlechte in Fehde lag und ihres Söhnchens Erbe bedrohte. Man nannte den Erzbiſchof Balduin auch den jungen Löwen von Trier, denn er war noch von Keinem beſiegt worden, und ein ſtarker Held. Als er, von ſchlauer Liſt bezwungen, das Gat⸗ ter der Starkenburg hinter ſich fallen hörte und zähne⸗ knirſchend ſein Loos verwünſchte, wußte er, daß er in Banden ſei; welche Bande das waren, wußte er aber nicht. Die Gräfin lächelte, ſcherzte und koſte dem un⸗ freiwilligen Gaſt die Tage hinweg, daß er der Haft vergaß. Zuletzt ließ ſie ihn frei, nachdem er ihr rei⸗ ches Löſegeld und ewigen Frieden zugelobt hatte. Die 107 Pforte ſtand ihm offen, er zog auch von dannen, aber ſein freier Fuß zögerte, und ſeine Stirn war finſterer, als da er einzog. Als er kam, war ſein Leib gefan⸗ gen, als er ging, ſeine Seele. Das hat die ſchöne Lauretta von Sponheim gethan. Sie hätte es aber lieber nicht thun ſollen, denn doppelte Bande ſind zu viel für ein und dieſelbe Seele, und der junge Löwe von Trier trug ſchon ſchwer genug an ſeinem Prieſter⸗ gelübde.“ Die Pauſe, welche entſtand, als Welf hier plötzlich abbrach, war drückend, denn ſeine letzten Worte tru⸗ gen nicht mehr den Charakter des Erzählens, ſondern den abgebrochenen, achtloſen Klang eines Selbſtgeſprä⸗ ches das ſich ſchwerer Stimmung entringt. In das momentane Schweigen hinein, das Jeder zu unter⸗ brechen wünſchte ohne das rechte Wort finden zu kön⸗ nen, ertönte aus geringer Entfernung der Klang einer ſonoren Männerſtimme, die Otto's herrliches Moſel⸗ lied angeſtimmt hatte: Ein donnernd Hoch aus voller Bruſt Erkling zum Himmel laut, Dir, ſchönem, deutſchen Moſelſtrom, Dir, deutſchen Rheines Braut! Mit Erſtaunen ſah die Profeſſorin, die Martha gegenüber ſaß, wie das junge Mädchen bei den erſten 108 Tönen der vollen Tenorſtimme heftig zuſammenfuhr und jeder Blutstropfen aus ihrem Geſicht zurückwich. Noch war die Geſtalt des näherkommenden Sängers durch das Gemäuer verdeckt, nach wenigen Augenblicken aber erſchien er in einer Lücke der Ruine, an einer, über die Sitze der Anweſenden etwas erhöhten Stelle, und blieb dort einen Augenblick ſtehen, die Augen gegen den blendenden Glanz der eben ſinkenden Sonne mit der Hand beſchirmend. Es war ein junger Mann von fünf⸗ bis ſechs⸗ undzwanzig Jahren, von Mittelgröße, etwas unter⸗ ſetzt, aber von gefälligem Bau. Röthlichblondes Haar war über einer breiten, ſchneeweißen Stirn ganz zurück⸗ geworfen, dagegen beſchattete ein ſtarker, noch mehr in's röthliche ſpielender Bart die friſchen Lippen und die ſtark markirten, faſt eckigen Umriſſe von Wangen und Kinn. Lebhafte, ſtets beſchäftigte Augen von in⸗ tenſivem Blau blickten eben jetzt neugierig nach der Geſellſchaft hinab. So wenig Außergewöhnliches die Erſcheinung des Ankömmlings auch bot, wirkte ſie doch auf den kleinen Kreis den er muſterte, faſt wie die eines Geſpenſtes, und veränderte mit einem Schlage den Ausdruck jedes Geſichtes. Welf hatte kaum flüchtig emporgeſehen, als er mit zuſammengekniffenen Lippen und gefalteter —— ,— 109 Stirn einen haſtigen finſtern Blick auf ſeine Frau warf, die wie vom Donner gerührt, lautlos, aber heftig erröthend daſaß. Die Aufregung Beider ent⸗ ging zwar Anna Halm, deren Aufmerkſamkeit ganz durch Martha's eben ſo unverkennbare Bewegung in Anſpruch genommen war, nicht aber dem Doctor, deſ⸗ ſen kluges Auge flüchtig, aber mit eigenthümlichem Ausdruck über alle Anweſende hinflog, der aber auch der Erſte war, den momentanen Bann dadurch auf⸗ zuheben, daß er, raſch aufſpringend, dem Fremden zu⸗ rief:„Richard, alter Junge, willkommen in der Hei⸗ math! Fix herunter mit Ihnen, damit ich mich über⸗ zeuge, ob dieſer unbekannte Urwald von einem Barte auch wirklich zu dem richtigen Geſicht gehört!“ Mit einer Leichtigkeit die man der gedrungenen Geſtalt kaum zugetraut hätte, ſprang der junge Mann ſogleich von der Mauer hinab, grüßte die Uebrigen artig, und ſchüttelte dem Doctor die Hand. Raſch näherte er ſich darauf Martha und ſtreckte auch ihr ſeine Hand entgegen.„Hoffentlich darf der Jugendfreund auch bei Ihnen auf freundliches Willkommen rechnen, Fräulein Martha?“ ſagte er ungezwungen, indem er ſie herzlich anblickte. Auf dem ſprechenden Geſicht des Mädchens wech⸗ ſelte der Ausdruck in jeder Secunde. Sie erwiderte 110 ein paar undeutliche Worte, und wandte ſich, offenbar voll Ungeduld über ihre eigene Faſſungsloſigkeit, haſtig ihren Begleitern zu, den Fremden vorſtellend:„Herr Santer, meines Vaters früherer Mündel.“ Der junge Maun verbeugte ſich gegen die Profeſ⸗ ſorin, äußerte leichthin daß er bereits die Ehre habe, Herrn und Frau Welf zu kennen, und knüpfte ſofort ein Geſpräch mit Arnold an, das von beiden Seiten mit Lebhaftigkeit geführt wurde. Keine Spur des Un⸗ muths, der Welf im Augenblick vorher beherrſcht hatte, kam jetzt zu Tage. Im Gegentheil wandte er ſich mit beſonderer Artigkeit dem jungen Mann zu, der die Befangenheit, welche ſein Erſcheinen nach ſo verſchie⸗ denen Seiten hin hervorgerufen hatte, keineswegs zu theilen ſchien. Heiter nahm der Gaſt die Bewirthung an, die ihm dargeboten wurde, und als das Glas des Doe⸗ tors mit einem:„Willkommen, nochmals!“ an das ſeine klang, rief er fröhlich:„Willkommen habe auch ich ſeit geſtern hundertmal unſerer lieben alten Moſel zugerufen! Es lebe die Heimath, wo kann es ſchöner ſein? Nirgend gibt es ſo traute Thäler, ſo hübſche alte Städte, ſolch einen Reigen von Burggemäuern, Kloſterhallen und Wingertsbergen mit freundlichen ——————— 414 Winzerinnen darin— nirgend ſolch ein kühles friſches Tröpfchen wie dies— es lebe die Moſel!“ „Und doch haben Sie ſich länger als ein Luſtrum nicht an dem gerühmten Geſtade blicken laſſen“, ſagte Waldau ſpöttiſch.„Wo haben Sie denn indeſſen Ihre Oden an die Heimath verfaßt? Auf anderen Weltthei⸗ len etwa?“ „Wenigſtens da, wo man andere Zungen ſpricht. Den größten Theil der letzten Jahre verlebte ich in England. Nun bin ich aber ſchon geraume Zeit wieder auf deutſchem Voden, und werde dieſen Herbſt endlich wieder heimiſche Trauben pflücken. Der alte Hagen in Zell hat mich angeworben, ihm eine Villa zu bauen.“ 83 *. Die Sonne war völlig hinabgeſunken, und es ward Zeit, an den Aufbruch zu denken. Martha, die ſeit dem Auftreten des alten Bekannten wortkarg ge⸗ blieben war, hing ſich an Emma's Arm und ſchlug den Rückweg ein, indem ſie es, gegen ihre Gewohnheit, der Profeſſorin überließ, die nöthigen Anordnungen zum Aufräumen und Beſeitigen der gebrauchten Ge⸗ räthſchaften zu treffen. Arnold folgte, im Geſpräch mit dem Architekten, den Frauen auf dem Fuße, wäh⸗ rend Waldau, trotz Anna's Proteſtes, bei ihr zurückblieb. Schon waren die Vorangeeilten nicht mehr ſichtbar, 442 als die Nachzügler bei wachſender Dämmerung ebenfalls den Pfad durch die Weinberge einſchlugen. Anna überließ ſich ihren Gedanken, bis der Doc⸗ tor, ſtehen bleibend, mit Nachdruck ſagte:„Jetzt fängt der Roman an, ſich zu verwickeln. Zwei Helden, zwei Heldinnen, Kreuzfeuer von allen Seiten.“ Die Profeſſorin ſah ihn einen Augenblick ſchwei⸗ gend an, dann frug ſie mit Ueberwindung:„Sie wiſ⸗ ſen, wie Martha zu dieſem jungen Manne ſteht?“ „Natürlich weiß ich es, und die halbe Eifel weiß es auch. Wenn Ihnen die Sache unbekannt geblieben iſt, ſo gilt das eben als ein neuer Beweis Ihres dis⸗ creten Auftretens, das jede Klatſcherei von ſelbſt ab⸗ wehrt. Aber hierüber müſſen Sie Beſcheid haben, wer weiß ob nicht ein Nachſpiel des verjährten Stückes in Ausſicht ſteht!“ „Sprechen Sie offen, Doctor, Ihr Vertrauen wird nicht mißbraucht werden.“ „Das weiß ich. Uebrigens handelt es ſich nicht um Geheimnißvolles. Daß der alte Halm Santer's Vormund war, wiſſen Sie. Richard's Vater war ein Intimus unſeres Halm; der alte Herr hatte ſpät ge⸗ heirathet, die Frau ſtarb im erſten Wochenbett, und als er ſelbſt einem langwierigen Uebel erlag, war der Junge kaum zehn Jahre alt. Der Beſtimmung ſeines 113 Vaters gemäß, kam er nebſt einem Hauslehrer nach Eliſenhof, um dort erzogen zu werden. Richard war von jeher ein prächtiger Burſche, lebensfriſch, aufge⸗ weckt, voll Talent. Martha, die nur vier Jahre jün⸗ ger iſt, hing an dem Spielkameraden wie eine Klette, und ſteckte ſtets mit ihm zuſammen, bis er zur Ge— werbeſchule nach Trier abging, da er Luſt und Anlage zum Baufach hatte. Natürlich war er während der Ferien immer hier. Aus den Kindern wurden junge Leute, aus den Spielgenoſſen ein Liebespärchen. Unſerem alten Herrn war dieſe Entdeckung nichts weniger als unlieb, er hielt viel von dem Jungen, und obgleich Richard erſt neunzehn Jahre alt war, als die Sache vor ſeinem Abgang nach der Bauaka⸗ demie zur Sprache kam, gab Halm mit Freuden ſeine Zuſtimmung zu einer ſpätern Heirath, knüpfte aber die Bedingung daran, der junge Menſch ſolle das bisher erſtrebte Fach aufgeben und ſich zum Techniker aus⸗ bilden, um dann ſpäter das Hüttenwerk übernehmen und leiten zu können. Was verſpricht nicht ein Verliebter! mit neunzehn Jahren beſonders! Alles ſchien in ſchönſter Ordnung zu ſein. Richard begab ſich nach Karlsruhe, um dort die polytechniſche Schule zu beſuchen, und ſollte nach⸗ her reiſen, um verſchiedenes Neue in ſeinem Fache Godin, Frauenliebe und Leben III. 114 kennen zu lernen. Halm verlangte, der junge Menſch ſolle erſt wieder nach Eliſenhof kommen wenn er mün⸗ dig geworden ſei, und erſt dann die Verlobung erklärt werden; beide waren ja noch halbe Kinder. Nach etwa zwei ein halb Jahren und lebhaft ge⸗ führter Correſpondenz kam Richard nach Hauſe, an Leib und Seele prächtig entwickelt, aber mit Entſchlüſ⸗ ſen, die eine große Revolution herbeiführten. Er er⸗ klärte nämlich in voller Ruhe, daß er ſeinen urſprüng⸗ lichen Lebensplan Architekt zu werden, nicht aufgeben könne, daß dies der einzige Beruf ſei für den er paſſe, und er davon nicht laſſen würde. Der gute Junge ſchien gar nicht daran zu zweifeln, daß Halm ihn unter dieſen veränderten Anſpicien eben ſo gern als Schwiegerſohn ſehen würde, als vorher. Dieß war aber ein Rechnungsfehler. Das Hüttenwerk war die eigene Schöpfung das alten Herrn, ſein ganzes Herz hing daran, und der Gedanke daß es nach ſeinem Tode in fremde Hände fallen oder gar verwahrloſt werden könnte, war ihm unerträglich. Es gab ſtür⸗ miſche Auftritte. Von den Männern wollte keiner nachgeben und die Kleine ſtellte ſich entſchieden auf des Vaters Seite. Seitdem ſie ſich überhaupt eines Willens bewußt war, hatte ſie den ihrigen ſtets durch⸗ geſetzt— was Wunder, daß ſich das ſiebzehnjährige 115 Köpfchen eine Rebellion des Anbeters nicht gefallen laſſen wollte! Verwöhnt und auf den Händen getra⸗ gen von Gott und aller Welt, umworben von manchem brillanten Freier, begriff das Mädchen Richard's Wei⸗ gerung nicht; nachdem Bitten und Schmollen vergebens verſucht waren, kam es zuletzt zum förmlichen Bruch. Halm legte dem jungen Manne ſeine Vormundſchafts⸗ rechnung ab, übergab ihm das anſehnliche väterliche Erbe, und verabſchiedete ihn dann ſehr entſchieden. Richard reiſte ab, und ſeitdem ward nichts mehr von ihm gehört noch geſehen. Das iſt nun etwa fünf Jahre her.“ Die Profeſſorin hatte Waldau nicht unterbrochen. „Seltſam“, ſagte ſie nun.„Martha hat dieſer Erleb⸗ niſſe nie gegen mich erwähnt. Freilich ſtehe ich ihrem Vertrauen auch noch nicht lange nahe.“ „Und doch gibt dies Stillſchweigen zu denken“, warf Waldau ein.„Wäre die Sache ein überwundener Standpunkt, ſo würde die Kleine davon erzählt haben, denn rückhalten iſt ihre Sache nicht, und ſie hält viel von Ihnen. Nun, wer weiß wozu es gut iſt! Richard ſchien es heute ziemlich kaltblütig zu nehmen. Was unſer Schloßfräulein betrifft“— der Doctor brach ab, und pfiff einige Tacte zwiſchen den Zähnen. Als die Nachzügler am Fuße des Berges anlang⸗ 8* 116 ten, ſtand dort ſchon der Wagen beſpannt, Santer hob eben die Damen hinein, und verabſchiedete ſich um nach Alf zurückzukehren, wo er ſein erſtes Nacht⸗ quartier aufgeſchlagen hatte. Sechstes Kapitel. Der Hochofen ward eben neu geſpeiſt. Bereits wirbelten die Flammenſäulen hoch empor; aus gewal⸗ tigen Kohlenmeilern die umher aufgeſchichtet lagen, ſtieg ruhig, nebelgleich, der weißliche Dampf, qualmend und glitzernd knitterten daneben die bräunlichen Erz⸗ röſten. In Beleuchtung der Gluth die aus dem Kra⸗ ter der Hütte immer neu hervorbrach, im ungewiſſen Lichte der ſommerlichen Dämmerung hatten die Ge⸗ ſtalten der Arbeiter, die ſich beſchäftigt umherbewegten, faſt etwas Geſpenſtiſches. Die dunkeln Tragkörbe welche, mit Kohlen und Erzen gefüllt, über ihren brei⸗ ten Klapphüten aufragten, die ſchwarzen Lederſchürzen, die ſie umgürteten, verliehen den kräftigen Geſtalten unförmliche Umriſſe. Seltſame Töne füllten die Luft, ſo oft der Aufſeher das meſſende Winkeleiſen zurückzog 118 und neues Material herbeiwinkte. Die zurückgedrängte, von den wuchtigen Maſſen halb erſtickte Gluth rang unwillig um ihre Exiſtenz, knatternd, ſtöhnend wand ſie ſich unter dem Druck, blauſchwarzer Dampf wälzte ſich in breiten Wolken aufwärts, dann leckte ſich die Flamme züngelnd wieder Bahn in wechſelndem Far⸗ benſpiel, und brach endlich ſiegreich hervor, einer ge⸗ waltigen Feuerſäule gleich. In tiefem Schweigen ward das Werk der Arbeiter gethan, nur die etwas heiſer klingende Stimme des Inſpectors, der mit unterge⸗ ſchlagenen Armen ſtand, die Speiſung des Ofens zu beaufſichtigen, tönte zuweilen mit einem lauten, kurzen Befehl in die Stille hinein. Eben wollte der alte Scholz ſich wenden, um in ſeine Wohnung zurückzukehren, als er von rückwärts einen kräftigen Schlag auf die Schulter erhielt.„Zum Donnerwetter!“ rief er, ſich ärgerlich umſchauend, und ſeine Stirn entrunzelte ſich nicht, als er hinter ſich in der ungewiſſen Beleuchtung ein bärtiges Geſicht er⸗ blickte, das nicht auf ſein Terrain gehörte. Nach einer Sekunde hatte er aber die lachenden Augen erkannt, die treuherzig auf ihn gerichtet waren, und rief, mit dem Finger ſchnalzend:„Da iſt er, ſoll mich der Kukuk holen, wenn er's nicht iſt!“ „Brauchen den Kukuk nicht zu bemühen“, lachte 119 Santer,„es iſt alles richtig! Grüß Gott, nach man⸗ chem Jahr, Herr Scholz!“ „Den ganzen Tag hab' ich ſchon auf Dich ge⸗ lauert, ſeit ich erfuhr daß Du in der Nähe biſt“, rief der Inſpector vergnügt, und rieb ſich die Hände.„Nun aber komm und laß Dich bei Kerzenlicht beſehen! Junge, Du kommſt grade recht zum Abendbrod, und triffſt es gut— es giebt delikate Rebhühner. Oder willſt Du etwa ins Schlößchen?“ „Denke nicht daran!“ ſagte der junge Mann, indem er ſeinen Arm durch den des alten Freundes zog, und mit ihm dem Nebenbau zuſchritt.„Für heute iſt's zu ſpät, um Damen eine Antrittsviſite abzuſtatten. Ich mußte erſt nach Zell, um mich als vorhanden zu melden und manches abzumachen. Dann verlangte mich aber ſehr danach, Sie zu begrüßen. Wenn Sie nichts dagegen haben, kampire ich heute Nacht auf dem ſchwarzen Lederſopha wohlbekannten Andenkens, und mache dann morgen Beſuche hier herum, ehe ich mich in Zell etablire.“ „Brav gemacht“, ſchrie der Inſpector mit Sten⸗ torſtimme.„Bei mir giebts auch ein Pfeifchen, ein extrafeines Tröpfchen Bernkaſtler und nichts Weib⸗ liches, als meine ſchwarze Katze!“ „Immer der Alte!“ ſagte Richard lachend, und 120 ſah ſich behaglich in dem vertrauten Raume um, den Beide nun betraten. Während der Inſpector nach dem Keller ging, lehnte der junge Mann ſich in das Sopha zurück und dachte vergangener Zeiten. Bei dem alten Scholz war einſt ſeine Hauptniederlage geweſen, manchen dummen Streich des wilden Jungen hatte der freundliche Mann vertuſchen helfen, oder gar dabei mitgewirkt. Auf ra⸗ ſchen Schwingen wanderten die Gedanken des Heim⸗ gekehrten zurück in die fröhliche Knabenzeit. Der Inſpector kam zurück, in jedem Arm eine wohlverſiegelte Flaſche.„1847er“, ſagte er wohlgefällig, indem er beide niederſetzte, und mit ſo liebreichem Aus⸗ druck betrachtete, als ſeien ſie lebende Weſen.„Die Rebhühner kommen auch gleich, und nun laß Dich be⸗ ſchauen.“ Richard erhob ſich, nahm in jede Hand eine bren⸗* nende Kerze und rief:„Porträt in Lebensgröße. Iſts getroffen?“ „Bis auf den Bart ſo ziemlich“, meinte der Alte ſchmunzelnd, und zauſte ihn am Kinn.„Der aber ge⸗ hört abſolut nicht unſerm Richardchen, ſondern dem Herrn Architekten oder wie man ihn ſonſt titulirt, und Angeſichts ſolcher Aemter und Würden muß ich mir jetzt das Dutzen abgewöhnen?“ „Sprechen Sie doch keine ſolche Albernheiten, al⸗ ter Herr! Sie werden ſich doch nicht vor meinem ro⸗ then Bart fürchten? Wenn Sie mir mit Redensarten kommen, ſo empfehle ich mich ſofort.“ „In dieſem Falle aber Schmollis, mein Junge!“ rief der Alte ſeelenvergnügt, indem er die Gläſer füllte. „Auf Deine Geſundheit, und willkommen daheim! Nun aber auch wacker erzählt, wie Dir's in der Fremde er⸗ gangen iſt, wo Du Dich herumgetrieben haſt, und ob wir Dich jetzt in der Nähe behalten!“ „Davon nachher. Das Alter hat überall den Vorrang, und der Wanderer muß zuerſt erfahren wie es zu Hauſe ausſieht. Daß Papa Scholz wohlauf iſt, ſehe ich ſelbſt, die Bäckchen ſind roth wie Borſtorfer Aepfel! Wie gehts und ſtehts aber ſonſt?“ Der Inſpector paffte gewaltige Wolken aus ſeiner langen Rohrpfeife.“„Darüber ließe ſich mancherlei ſa⸗ gen! Im Geſchäft geht alles glatt, Beſtellungen vollauf und ſchöne Ueberſchüſſe. Aber im Uebrigen! Weißt Du, Richardchen“, ſagte er halblaut, indem er ſich mißtrauiſch umſah,„im Schlößchen drüben— hm— es taugt nicht, es ſind lauter Weiber da, und ſie trei⸗ ben nichts als Unſinn. Zuerſt, als die Alte herkam, da ſchien es beinahe, als ob es ſich machen wollte, ſie iſt im Ganzen ein reputirliches Frauenzimmer, ganz 122 geſetzt, und hat förmlich Vernunft in ſich. Die Kleine ſchien ſich das zu Herzen zu nehmen und that auch ein Weilchen ganz ehrbar, aber jetzt, ſeitdem der Kukuk einen Versmacher in unſere Luft geführt hat, geht Alles drunter und drüber. Sonſt ſah die Martha doch noch manchmal nach der Wirthſchaft, hörte Einem auch zu, wenn man ihr den Monatsbericht vorlegte,— ſie verſteht freilich keinen Pfifferling davon aber es gehört doch zur Ordnung— jetzt iſt ſie aber rein überge⸗ ſchnappt. Schon Frühmorgens kommt der Patron täglich anſpaziert, dann gehen die Beiden im Garten umher, oder er ſchreibt gar in irgend einer Laube ſei⸗ nen Hokuspokus auf's Papier, und da ſitzt dann die Kleine daneben und guckt ihn an, als wär's ein Erz⸗ engel. Man weiß nicht, ſoll man darüber lachen oder weinen.“ „Wie kann Sie das ſo in Eifer bringen, alter Freund? Laſſen Sie doch dem Mädchen das unſchul⸗ dige Vergnügen, von Verſen ſtirbt man nicht!“ „Unſchuldiges Vergnügen? Wer weiß! Der Ver⸗ ſifer hat freilich eine Frau, aber die ſieht aus wie ein Ausrufungszeichen ſo dünn, wenn die eines Tages ein ſchöner Engel wird, ſo iſt unſere Kleine zu Allem im Stande— das wäre dann grade der richtige Schwie⸗ gerſohn fürs Geſchäft. Ja, ja Richardchen, Du brauchſt - 123 kein ſo verblüfftes Geſicht zu machen, Du biſt doch an Allem Schuld mit Deinem verteufelten Eigenſinn.“ „Laſſen Sie das, Scholz“, ſagte der junge Mann kurz. „Ich laſſe es aber nicht“, entgegnetete der In⸗ ſpector nachdrücklich.„Denn bis zu dem heutigen Tage weiß ich noch nicht, was Dich damals ſo aufſäſſig gemacht hat. War unſere Kleine Dir auf einmal nicht mehr recht, oder was iſt ſonſt in Dich gefahren? Ein ſo ſchönes Geſchäft, und Alles fix und fertig! Du hat⸗ teſt ein Leben vor Dir, wie unſer Herrgott in Frank⸗ reich! Das Kind hat den Kopf lange hängen laſſen, wenn ſie's auch nicht Wort haben mochte, und unſer Herr iſt nicht wieder froh geworden, ſeit Du ſeine Hoff⸗ nungen ſo zu Schanden gemacht haſt.“ „Daß ich dem Vater nicht zu Willen ſein konnte, iſt mir nahe genug gegangen“, ſagte Richard ernſt. „Ich wußte, daß ſein Herz daran hing, und daß er überdieß mehr von mir hielt, als ich damals werth ſein mochte Was Martha's Kopfhängen betrifft, ſo iſt das aber eine ſchöne Fiction, alter Scholz. Wenn ein Mädchen zum Vater hält ſtatt zu ihrem Schatz, ſo liegt ihr nicht gar zu viel an Letzterem. Ihre eigene Frage, ehrlich geſagt, begreife ich nicht recht. Sie 124 wollen wiſſen, warum ich, zum Manne aufgewachſen, dem Berufe nicht folgen wollte, den Andere für mich gewählt haben, aber die Antwort darauf haben Sie ſelbſt ſchon gegeben, als Sie vorhin ſagten, das Ge⸗ ſchäft wäre mir fix und fertig zugefallen. Sollte ich ein Leben als beſchäftigter Müßiggänger vor mir ha⸗ ben, während ich mir bewußt war, für einen beſtimm⸗ ten Beruf Anlage und Geſchick zu beſitzen? Nein, und tauſendmal nein! Die Arbeit iſt das höchſte Eigenthum des Mannes! Soll ſie uns und Andere fördern ſo darf ſie uns nicht von außen her befohlen ſein, ich wenigſtens könnte in ſolchem Falle meine Kraft nicht mit Erfolg einſetzen. Sie ſelbſt alter Freund, gehören Ihrem Fach mit Leib und Seele, Sie müſſen das be⸗ greifen! Jede Arbeit kann nur dann zur rechten wer⸗ den wenn ſie für unſere Individualität paßt. Mög⸗ lich, daß ein junger Menſch ſeine eigene Anlage ver⸗ kennt, und einen Beruf ſelbſt wählt für den er nicht geſchaffen iſt— in dieſem Falle kann es Pflicht wer⸗ den dabei zu beharren, und zum Rechtthun muß man ſich zwingen können. Habe ich aber das Leben noch vor mir, und fühle deutlich daß es Eines giebt, dem all meine Fähigkeiten ſich anpaſſen, dann werde ich zum Feigling und Ueberläufer an mir ſelbſt, wenn ich, um was es auch ſei, mein innerſtes Sein aufgebe. harmloſem Geplauder klang die momentane Erregung 125 Das iſt mein Glaubensbekenntniß— und nun zu Ende mit dieſem Thema!“ „Nützt auch nichts, es weiter auszuſpinnen“, brummte der Alte verdrießlich.„Für Eure neumodi⸗ ſchen Ideen iſt mein alter Kopf zu dick, ſie gehen nicht mehr hinein. Zu meiner Zeit war kein langes Reden über Beruf und ſolches Zeug, der Vater gab Ordre, der Sohn parirte, und ſaß dann für ſein Lebtag im richtigen Beruf mitten drin. Ich will mich aber nicht damit abmühen, einen Mohren weiß zu waſchen! Was für Herrlichkeiten haſt Du denn zur Welt gebracht, Du berufener Baumeiſter?“ „Aus eigener Machtvollkommenheit bis Dato noch nichts als ein Fabrikgebäude und ein paar Landhäu⸗ ſer“, ſagte Richard lächelnd,„als ich in die Fremde ging, hatte ich noch zu lernen. Nun haben Sie ja Gelegenheit, meine Künſte ſelbſt zu inſpiciren und zu recenſiren, da ich in Ihrer Nähe handire! Es iſt lei⸗ der ſchon ſpät im Jahr, aber hoffentlich ſoll der Bau doch bis zum Spätherbſt noch unter Dach kommen. Laſſen Sie uns bis dahin gute Nachbarſchaft halten, Papachen! Wer weiß, wo der Wind mich nachher hin⸗ treibt, und wann man wieder zuſammentrifft!“ Noch lange ſaßen die Beiden zuſammen und in 126 aus, die ſich wie ein ungebetener Gaſt in die Fröh⸗ lichkeit des Wiederſehens eingedrängt hatte. Voll des innigſten Behagens vertieften ſie ſich in alte Geſchich⸗ ten, und während die rothe Naſe des ehrlichen Scholz ſich von Stunde zu Stunde um eine Schattirung tie⸗ fer färbte, ſchrie er einmal über das andere Mal: „Der Kukuk ſoll mich holen, wenn ich nicht froh bin, Dich endlich wieder hier zu haben, Richardchen!“ — Siebentes Kapitel. Etwa vierzehn Tage nach jenem Ausfluge nach Marienburg ſaß Emma Welf des Morgens, den Ar⸗ beitskorb vor ſich, in der dichtumzogenen Laube am Ende ihres Hausgartens. Dort war der Lieblingsplatz der jungen Frau, den ſie einzunehmen pflegte ſobald ſie ihren Pflichten als Badegaſt genügt hatte. Sie war allein, und es war ſtill um ſie her, da zu dieſer Stunde der Garten bereits beſtellt war. Kein Laut von außen ſtörte die ſommerliche Stille, nur zuweilen ein Glocken⸗ ſchlag vom Thurm, oder der ſchwache Schall einer vor der Reife fallenden Frucht. Die Vögel hatten ſchon ihre Lieder eingeſtellt— die Brautzeit war vorüber, die Häuslichkeit des vollendeten Neſtes läßt den Ge⸗ ſang verſtummen. Schimmernd glänzte der Raſen im Sonnenſchein, kein Lufthauch bewegte die breiten Wipfel 128 der Obſtbäume, die auf die ſonnenheißen Wege ihre wohlthuenden Schatten warfen. Emma ſah nicht von ihrer Arbeit auf, an der die feinen Finger raſtlos thätig waren, während die Gedanken in ihr noch weit raſtloſer arbeiteten. Die junge Frau ſah heute leiden⸗ der aus als gewöhnlich, der perlengleiche Schimmer, der ihre Bläſſe ſonſt ſo anziehend machte, war einer tiefen Abſpannung gewichen, ſie erſchien matt und farb⸗ los wie eine abgefallene Blüthe. Ein leichter Schritt der ſich durch den Kiesweg näherte, ließ ſie aufblicken, und mit ſichtlicher Freude erhob ſie ſich, um der Pro⸗ feſſorin entgegenzugehen, die Hut und Tuch abnahm und ſich neben ihr niederließ. „Es verlangte mich gar ſehr nach Ihnen, liebes Kind“, ſagte die alte Dame herzlich.„Sie erſchienen mir geſtern Abend als wir uns trennten ſo leidend, daß ich nach Ihnen ſehen mußte!“ Emma ſah auf, ein ſo warmer, inniger Blick be⸗ gegnete ihrem Auge, daß ihr das erſtarrte Herz davor ſchmolz. Wer hätte nicht ſchon Augenblicke erlebt, wo die Seele ſich ſo verarmt und vereinſamt fühlt, daß Alles was ihr erreichbar bleibt, erſcheint wie über⸗ tünchte Gräber, wo dumpfe Gleichgültigkeit an die Stelle brennender Schmerzen tritt— vielleicht nur als Ausdruck ſeeliſcher Erſchöpfung, die den Geiſt über⸗ 129 kommt, wie plötzlicher Schlaf den übermüdeten Körper. In ſolcher Stimmung iſt das ermattete Herz ſelten fähig die Theilnahme Anderer zu empfinden. Das kömmt aber nur daher, weil die Mehrzahl der Freunde die an irgend einem Leide theilnehmen, dabei an Das denken, was ſie ſelbſt betroffen hat oder ſie noch be⸗ reffen kann— die Wenigſten ſind fähig ſich ſelbſtver⸗ geſſend dem Seelenzuſtand eines Andern ganz hinzu⸗ geben. Dieſe Wenigen aber haben eine Macht zu tröſten und zu beſänftigen, die dem wunden Gemüthe wohl thut wie Gebet. Emma empfand, daß eines dieſer ſchlich⸗ ten, treuen Herzen ihr in in dieſem Augenblick zur Seite war, und von lang zurückgedrängter Empfindung überwältigt, die in ihre erſtarrte Seele eindrang wie Thauwind über eiſige Flächen, barg ſie ihr ſchönes Haupt an Anna's Schulter, und weinte wie ein Kind. „Kann der Rath, die Liebe eines mütterlichen Herzens Ihnen wohlthun, ſo ſprechen Sie mir aus was Sie drückt, meine theure Emma“, ſagte die tief⸗ ergriffene Frau nach langem Schweigen.„Ich ſehe Sie ſeit kurzem als Beute einer inneren Angſt die mir nur zum Theil verſtändlich iſt, und wenn Sie mir vertrauen können, bin ich vielleicht fähig Ihnen beizu⸗ ſtehen!“ Godin, Frauenliebe und Leben. III. 3 9 130 „Es iſt nicht leicht, eine Schuld zu bekennen“,— entgegnete Emma kaum verſtändlich. „Und ſei es auch eine Schuld, ſo dürfen Sie nicht bangen Ihr Herz vor mir zu enthüllen.— Sie haben mich in vergangener Zeit gar manchmal koſend Ihre Mutter genannt, denken Sie heut ich ſei es, und laſſen Sie mich Ihr Leid theilen, deſſen Druck Sie nicht mehr allein gewachſen ſind! Daß zwiſchen Ihnen, zwiſchen Ihrem Gatten und dem jungen Santer peinliche Er⸗ innerungen liegen, iſt mir längſt klar geworden, ſein Erſcheinen hat Ihnen die Ruhe genommen mit der Sie vorher ſo manches Schwere getragen, und Sie ſehen mich vorbereitet in ihm den Anlaß Ihres Kum⸗ mers zu erkennen. Aber ich kenne Ihr lauteres Weſen, Emma, und weiß, daß hier nur von einer Verirrung Ihrer Phantaſie, gewiß aber von keiner wirklichen Schuld die Rede ſein kann— auf alle Fälle theures Kind, dürfen Sie von mir nur das Urtheil der Liebe erwarten!“ „Und doch habe ich Ihnen eine wirkliche Schuld zu bekennen“, ſagte Emma tief erglühend und das ge⸗ beugte Haupt frei erhebend,„aber ſie iſt anderer Art, als Sie zu ahnen ſcheinen. Vielleicht hätte ich ohne Ihre letzte Andeutung geſchwiegen, denn es iſt mir als ob ich mein Innerſtes entblößen ſollte, wenn ich 131 einem fremden Auge und ſei es ſelbſt einem mütter⸗ lichen, mein Heiligſtes, mein Eheleben preisgebe. Das aber ſollen, dürfen Sie nicht glauben, daß ich von dem Manne der mein Alles iſt, dem ich vor Gott und Menſchen angehöre, auch nur mit einem Gedanken hätte abfallen können! Allerdings knüpfen quälende Erinne⸗ rungen uns an Santer, und ich kann ohne Beſchämung nicht mit ihm zuſammentreffen, der Anlaß dazu iſt aber an ſich ein höchſt kleinlicher, und nur in ſeinen Folgen ſo ſchmerzlich für mich geworden, daß ich ihn nie ver⸗ geſſen kann. Wenn ich Ihnen denn mein Herz aus⸗ ſchütten ſoll, ſo laſſen Sie mich bis zur erſten, ſeligen Zeit meiner Ehe zurückgreifen, die hinter mir liegt wie ein verlorenes Paradies. Es erſchien mir wie ein Traum, daß ſich mir, einem ſo ſchlichten Geſchöpf, der hochbegabte Geiſt dieſes Mannes zugeneigt hatte— liebſte Freundin, Arnold iſt überreich, und er über⸗ ſchüttete mich mit ſeinen Gaben! Ich lernte nicht nur ihn, auch mich ſelbſt erſt kennen, ſein vielſeitiges Weſen lockte neue Gedanken und Eindrücke in mir hervor, alles was in mir ſchlief ward wach, und begann zu blühen und ſich aufzuranken an dem herrlichen Gefährten! So gingen die erſten zwei Jahre hin, für ewig un⸗ vergeßlich. Um dieſe Zeit kehrten wir von einem län⸗ geren Aufenthalte in der Schweiz zurück, wo ich die 9* Trauernachricht vom Verluſt meines guten Vaters em⸗ pfangen hatte. Dieſer Todesfall hatte dazu beigetragen, Arnold zur Annahme einer Stellung als Bibliothekar in Bonn zu beſtimmen, die ihm angetragen war. Das Aufhören der reichlichen Zulage die der Vater uns ausgeſetzt, ließ es wünſchenswerth, ſogar nöthig erſchei⸗ nen eine geſicherte Einnahme in Ausſicht zu haben. Wir waren im Begriff uns nach dem neuen Wohn⸗ orte zu begeben. Bei Benutzung des Nachtzuges hatten wir ein leeres Coupé eingenommen, und ſchliefen Beide einige Stunden. Als ich gegen Morgen erwachte, war meine Handtaſche hinabgeglitten, einige der darin ent⸗ haltenen Gegenſtände rollten hinaus, und während ich dieſelben zuſammenſuchte fand ich unter dem Sitze zugleich eine gehäkelte Geldbörſe von ziemlichem Ge⸗ wicht. Wir unterſuchten den Fund genauer, die Börſe enthielt etwa hundert Thaler, größtentheils in Gold. An der nächſten Station angelangt, wo zwei Bahnen ſich theilten, telegraphirte mein Mann nach München, wo wir das Coupé beſtiegen hatten, die Anzeige des Fundes und gab unſere Adreſſe an. Noch an demſel⸗ ben Tage erreichten wir die neue Heimath. Ich weiß nicht welche fröhliche Laune mir eingab, den Fund den ich gemacht, ſelbſt verwahren zu wollen, doch er⸗ innere ich mich wohl, Arnold darum ausdrücklich ge⸗ 133 beten zu haben. Wir erwarteten um ſo mehr eine bal⸗ dige Anfrage des Beſitzers, als Arnold den Fund in ein paar geleſenen Zeitungen hatte bekannt machen laſſen, doch vergingen Wochen und Monate ohne daß Nachfrage geſchah. Darüber kam die ganze Sache in Vergeſſenheit, um ſo mehr, als meine Gedanken all⸗ mälig durch ganz andere Dinge in Anſpruch genommen wurden. Ein kleines Mädchen das der Himmel uns bald nach unſerer Ankunft in Bonn ſchenkte, ward uns nach wenig Monaten wieder entriſſen. Die frohen Aus⸗ ſichten womit wir der neuen Lebensſtellung entgegen⸗ gegangen waren, erfüllten ſich überhaupt nicht. Arnold fand als Bibliothekar weit mehr Arbeit als er erwartet hatte, und zwar Arbeit der trockenſten, mühſeligſten Art; nur ſelten erübrigte er Zeit zu eigenem Schaffen, und das begann bald ihn zu bedrücken und zu verſtim⸗ men. Geſelligkeit erſchien ihm unentbehrliche Erfriſchung nach dem ermüdenden Tagewerk. Bald hatte ſich auch ein Kreis intereſſanter Männer um ihn gefunden, die ihre Abende meiſt bei uns zu verleben pflegten. Arnold, deſſen äſthetiſche Richtung einen hoch entwickelten Schön⸗ heitsſinn bedingt, hielt ſehr darauf, dieſe Stunden in jeder Beziehung zu genußreichen zu machen. Es durfte an Nichts fehlen, weder an friſchen Blumen, noch zier⸗ licher Anordnung der Räume, der Tiſch mußte gut 134 beſetzt, der Wein reichlich ſein. Ohne vorher zu über⸗ legen, daß ein Mann, wie Arnold, deſſen ganze Rich⸗ tung den praktiſchen Anforderungen der Wirklichkeit fremd iſt, zur rechten Zeit auf die Schranken der Ver⸗ hältniſſe aufmerkſam gemacht werden mußte, folgte ich hier wie früher ſchon, allen Winken ſeines gewählten Geſchmackes, fand aber mit geheimem Schreck zu ſpät heraus, daß unſere Mittel mit dem Leben das wir führten nicht mehr harmonirten. Die reichlichen Hono⸗ rare wiederholter Auflagen der früheren Arbeiten Welfs floſſen uns gegenwärtig nicht mehr zu wie vorher, und Neues entſtand nicht. Der Gehalt der neuen Stellung betrug kaum mehr, als der Zuſchuß meines Vaters ausgemacht hatte. Mehr als einmal nahm ich mir vor, über dieſen Punkt aufrichtig mit Arnold zu ſprechen, wenn ich ihn aber ſo abgeſpannt und unluſtig nach Hauſe kommen ſah, wenn ich dann ſah wie er ſich belebte und wieder er ſelbſt ward wenn der an⸗ regende Kreis ſich in gewohnter Weiſe um ihn ſam⸗ melte, fehlte mir der Muth, ihn in dem zu beſchränken was ſeine Freude war. Ich ſuchte durch ängſtliche Spar⸗ ſamkeit das Unzureichende des Wirthſchaftsgeldes zu erſetzen, das Welf, im Verhältniß reichlich, zur Beſtrei⸗ tung des Haushaltes beſtimmt hatte— es half nichts, ich gerieth nach und nach in Verlegenheiten, die mir 2ᷣ 135 bis dahin nicht dem Namen nach bekannt geworden waren. Zuletzt blieb mir doch kein Ausweg, als mit Ar⸗ nold darüber zu ſprechen— zum erſten Mal ſah ich ihn heftig, ja hart gegen mich. Meine Hindeutung auf eine Beſchränkung der bei uns herrſchenden Gaſtlichkeit verſtimmte ihn tief. Er begann nun, ſeine Abende außer dem Hauſe zu verleben, und meine Angſt den Gelieb⸗ ten mir entfremdet zu ſehen, wuchs von Tag zu Tage. Allmälig verſchwand ſeine Verſtimmung, und die alten Gewohnheiten lebten wieder auf— mit ihnen auch die alten, kläglichen Sorgen, und nun hatte ich noch weniger Muth, als vorher, dieſe zu bekennen. Dieſe Zeit war für mich eine Zeit beſtändiger Qual. Nachts lag ich wachend, nicht mehr mit dem Gedanken an meine Liebe beſchäftigt, nicht mit den Fragen gei⸗ ſtigen Lebens die ſonſt mein Intereſſe ausmachten, nein, rechnend, mich abängſtigend, wie ich jene Lücke ſchließen und dieſen Ausfall decken könne— wie ich die Zierlichkeit, die Arnold an meiner Erſcheinung, in ſeiner Umgebung gewöhnt war, mit den gegebenen Mit⸗ teln herſtellen ſolle. Monate gingen ſo hin, ich ſollte ſagen Jahre, denn faſt zwei Jahre dauerte dieſer Zu⸗ ſtand, und ich verwickelte mich immer tiefer. Es war eine Feigheit, deren ich mir allzuwohl bewußt war, 136 und hier liegt die Schuld deren ich mich vor Gott anklagen muß, nicht in dem Moment augenblicklichen Selbſtvergeſſens, der ſpäter daraus hervorging! Ich empfand täglich deutlicher, Arnold müſſe erfahren, daß ich ſein Gebot übertreten habe, daß neue Schulden auf⸗ gelaufen ſeien, und doch fehlte mir die Kraft zu dieſem Geſtändniß, fehlte mir um ſo mehr, als es zwiſchen uns nicht mehr ſo ſtand wie früher. Ich durfte es mir nicht verhehlen, Arnold hatte ſich innerlich von mir entfernt— ach, ich war nicht mehr die Emma, welche er einſt lieb gewonnen hatte, weder das einfache, freimü⸗ thige Mädchen, noch das angeregte und anregende Weib, das gleich dem Doppelklange eines Accordes allen ſei⸗ nen Gedanken und Stimmungen folgte! Die elenden Sorgen, welche unabläſſig meine Gedanken ausfüllten verſchlangen Alles— zerſtreuten mich im Geſpräch mit ihm und Anderen, machten mich befangen, unluſtig, geiſtesträge. Nur eine Fähigkeit war ungeſchwächt ge⸗ blieben, die grenzenloſe Liebe zu ihm, in der all meine Schwächen wurzelten. Eines Morgens— nie werde ich dieſen Tag ver⸗ geſſen, es war ein Sonntag, und ich hatte mich eben angekleidet um zur Kirche zu gehen— trat ein junger Mann in mein Zimmer und legte mir mehrere, bereits quittirte Rechnungen vor, die ſeit länger als einem 137 Jahr aufgelaufen waren. Er fügte artig bei, daß er den Auftrag von ſeinem Patron habe, ſich den Betrag derſelben zu erbitten. Ich ſuchte meine Beſtürzung zu verbergen, indem ich den jungen Mann erſuchte, nach Tiſche zurückzukommen, wo mein Mann zu Hauſe ſein und die Zahlung erfolgen würde. Er ging ohne eine Einwendung zu machen. Mit wild klopfendem Herzen ſtand ich lange in Gedanken. Jetzt war der gefürchtete Augenblick gekommen, es blieb mir keine Wahl, ich mußte Arnold wenigſtens dieſe Schuld bekennen, und die nicht unbedeutende Summe von ihm fordern. Die Vorſtellung, daß ich doch nur dem Mann gegenüber treten ſolle der mich ſo oft ſein Liebſtes genannt hatte, der mir nicht lange zürnen könnte, gab mir endlich Faſſung, und ich ging ihn in ſeinem Arbeitszimmer aufzuſuchen. Statt ihn wie ſonſt am Sonntagsmorgen, am Schreibtiſch und in guter Stimmung zu finden, traf ich ihn mit trüber Stirn auf und niederſchreitend, offenbar in unangenehmer Erregung. Faſt wäre ich, ohne zu ſprechen, wieder gegangen, hätte ich nicht ge⸗ fühlt es müſſe ſein, und ſo legte ich denn die Hand auf ſeinen Arm und ſagte beklommen:„Arnold, ich habe Dich um etwas zu bitten.“ „Nur hoffentlich nicht wieder um Geld“, war ſeine Antwort, indem er ſich unſanft von mir losmachte, verläßt— glaube mir, ich bin hier nicht auf Roſen „da wäre wenigſtens der Moment beſonders glücklich gewählt Ich habe eben die angenehme Nachricht erhal⸗ ten, daß unſer bischen Hab und Gut mit dem Falliſſe⸗ ment von Korn zum Teufel gegangen iſt. Nun kann ich für immer in dieſen elenden hieſigen Verhältniſſen vegetiren, und es heißt nun ſich einſchränken, Emma!“ — Die Kniee zitterten unter mir, meine Todesangſt, deren augenblickliche Quelle er nicht kannte, rührte ihn wohl, er umfaßte mich, ſtrich mir mit der lieben Hand über das Haar, und ſagte ſanft:„Du armes Kind, habe Geduld mit mir wenn die Faſſung mich mitunter gebettet.“ Was ich Arnold antwortete, weiß ich nicht mehr, das, warum ich gekommen, war es nicht. In angſt⸗ vollem Brüten vergingen mir die Stunden, ich wußte keinen Rath, als den, mich in Gottes Namen zu demü⸗ thigen, und von Neuem Aufſchub zu verlangen. In⸗ zwiſchen wollte ich an meinen Onkel Winter ſchreiben und ſeinen Beiſtand erbitten. So oft die Klingel ſich bewegte, zitterte ich— ich konnte nicht vergeſſen, daß mir, der Tochter eines guten, wohlgeordneten Hauſes, Auftritte wie der bevorſtehende, ſo fern als möglich geblieben waren. Dazwiſchen jagte mir die Angſt das Blut ins Geſicht, Arnold könnte dazu kommen, die —— 139 Verhandlungen mit anhören, in ſeiner gereizten Stim⸗ mung erfahren, was ich ihm ſo lange verhehlt hatte! Mit dem Schlage drei kam der Erwartete. Stockend brachte ich mein Erſuchen vor, die Entgegnung aber war eben ſo artig als beſtimmt, er ſei beauftragt, entweder den Betrag der Rechnungen mitzubringen, oder eine ihm bereits eingehändigte Klage ſofort ein⸗ zureichen. Wie ich ſpäter erfuhr trieb jener Kaufmann den größten Theil ſeiner ausſtehenden Rechnungen in gleicher Weiſe ein, um eine Summe zu realiſiren, mit der er dem ihm bevorſtehenden Concurs am folgenden Tage entfloh. Im Augenblick jener Drohung, die für mich der Inbegriff alles Schrecklichen war, durchblitzte mich plötz⸗ lich ein Gedanke. Noch lag die Börſe mit dem einſt gefundenen Gelde unberührt in meinem Schreibtiſche, mehr als zwei Jahre waren vergangen und Niemand hatte es zurückgefordert, Niemand würde es zurückfor⸗ dern nach ſo langer Zeit! Der rettende Gedanke ſchien mir vom Himmel ſelbſt eingegeben— in athemloſer Eile ſtürzte ich an das Schreibepult, riß die Börſe heraus, zählte die geforderte Summe die den größten Theil ihres Inhaltes ausmachte, haſtig auf, und drängte, indem ich die Quittungen verſchloß, den erſtaunten jungen Menſchen faſt willenlos gegen die Thüre. Kaum hatte er das Haus verlaſſen, als ein Thrä⸗ nenſtrom aus meinen Augen ſchoß— ſchon riß die Wolke die mein Urtheil umnebelt hatte, und das ſcharfe, klare Licht deſſen was ich gethan, brach ret⸗ tungslos über mich herein! Der Schritt war nicht un⸗ geſchehen zu machen, und ich mußte mir ſagen, daß ich gar keine Ausſicht hatte, das, was ich mir zuge⸗ eignet, wieder zu erſetzen. Von dieſer Stunde ergriff mich die Angſt eines Verbrechers, der ſtündlich vor Ent⸗ deckung zittert. Dieſe Angſt war mehr als eine Strafe, ſie war auch eine nur zu richtige Ahnung. Acht Tage nach dem unſeligen Sonntag ſaß Ar⸗ nold, in ſeiner noch andauernden Verſtimmung nicht zum Schaffen aufgelegt, ſtill brütend bei mir im Wohn⸗ zimmer. Es klingelte, und noch heute fühle ich wie der Ton mich gleich einem Schreck durchzuckte,— nicht, als ob ich damit einen beſtimmten Gedanken verbun⸗ den hätte, aber in jenen Tagen erſchreckte mich eben Alles. Das Hausmädchen trat ein, und überreichte mei⸗ nem Manne eine Viſitenkarte.„Führe den Herrn in mein Arbeitszimmer“, ſagte Arnold, ſtand auf und ging hinüber. Die Karte blieb liegen, ich ſah ſie an. Richard Santer— ein Name, den ich nie gehört. Er ſollte fortan in meinem Gedächtniß bleiben! Kaum waren zehn Minuten vergangen, als ich Arnold lebhaft ſprechend 144 über den Flur kommen hörte, und er mit dem Gaſte bei mir eintrat. Beide Herren ſchienen heiter angeregt. Arnold blickte mich freundlich an, indem er mir ſeinen Begleiter mit den Worten vorſtellte:„Herr Architekt Santer, meine liebe Emma— hier Herr Santer ſehen Sie die glückliche Finderin Ihrer Börſe, ſie hat ſich längſt darauf gefreut ſie dem Eigenthümer ſelbſt wie⸗ der zuſtellen zu dürfen.“ „Ich habe Sie das unfreiwillige Depoſitum lange bewahren laſſen, gnädige Frau!“ ſagte der Fremde heiter.„Eben erzählte ich Ihrem Herrn Gemahl aus⸗ führlicher wie es zuging, daß ich, auf einer Reiſe nach England begriffen, den Verluſt erſt am folgenden Tage bemerkte. Ich hatte inzwiſchen eine weite Strecke zu⸗ rückgelegt, wiederholt die Waggon's gewechſelt, und war leichtſinnig genug, ein Wiedererlangen des Ver⸗ lorenen für zu unwahrſcheinlich zu halten, um Zeit damit verſäumen zu mögen. Ein komiſcher Zufall ſpielte mir nun geſtern, nachdem ich mich ſeit Kurzem in Cöln aufhalte, eine alte Zeitung in die Hand der ich jetzt das Vergnügen ſo liebenswürdiger Bekannt⸗ ſchaft zu danken habe!“ Die Worte ſchlugen an mein Ohr wie Donner. Der Boden wankte unter meinen Füßen, ich fühlte wie mein Herz erſtarrte, und eiskalte Bläſſe über mein Geſicht hinkroch. Hilflos ſank ich auf den nächſten 3 Stuhl. „Biſt Du unwohl, Emma?“ ſagte Arnold be⸗ troffen.— Ich weiß nicht was ich ihm antwortete, und er⸗ innere mich nur, daß der Fremde, der noch mit dem Hut in der Hand vor mir ſtand, ſich artig wegen der veranlaßten Störung gegen mich entſchuldigte, und eine Bewegung machte das Zimmer zu verlaſſen. „Nur einen Augenblick Herr Santer“, rief Ar⸗ nold;„da es wirklich den Anſchein hat, als ſei meine Frau augenblicklich außer Stande ſich als Wirthin zu zeigen, ſo erlauben Sie mir wenigſtens Ihnen Ihr Eigenthum zuzuſtellen, ehe Sie unſer Haus verlaſſen. Gib mir den Schlüſſel zu Deinem Pult, liebes Kind.“ Der Ton, in dem ich erwiderte:„Ich habe den Schlüſſel nicht, er iſt verloren“, kam mir ſelbſt geiſter 6 haft und unnatürlich vor. Ich war wie betäubt, doch ſah ich, um es nie wieder zu vergeſſen, wie ein leiſes, ſpöttiſches Lächeln gleich einem Blitze über das Geſicht des Fremden zuckte, und Arnold ſah es mit mir zu⸗ gleich. Erſt jetzt ſchien er die Wahrheit zu ahnen. Ein vernichtender Blick aus den geliebten Augen traf mich; dann ſah und hörte ich nichts mehr— für kurze Zeit war ich jeder irdiſchen Qual entrückt. Erlaſſen Sie mir, Liebſte, Ihnen die Scene zu ſchildern, die nun erfolgte, als ich wieder bei Beſin⸗ nung, und mit meinem Manne allein war. Er ſprach nur wenige Worte, aber es waren ſolche, die ſich in die Seele bohren, wie ein zweiſchneidiges Schwert. Arnold nahm die unſelige Börſe an ſich, er hat ohne Zweifel Sorge dafür getragen dem Beſitzer ſein Eigen⸗ thum zuzuſtellen, ich habe nie wieder eine Silbe darüber gehört. Uéberhaupt kam Arnold nur einmal auf die ganze Sache zurück, indem er kurz und ſchroff eine ge⸗ naue Angabe meiner Rückſtände von mir forderte, die ſofort getilgt wurden. Meine wiederholten Verſuche, mich gegen ihn auszuſprechen, ihm zu erklären, wie ich zu dieſem Aeußerſten gekommen war, wies er zurück. Seit jenem Tage iſt unſer häusliches Leben dahin! Arnold entfremdete ſich dem eigenen Hauſe mehr und mehr, er ſah nur ſelten ſeine Freunde bei ſich, brachte dagegen ſeine Abende auswärts zu, und kam meiſtens ſpät in der Nacht zurück. Ich empfand, daß ich mehr als ſeine Liebe, daß ich ſeine Achtung verloren hatte! Alles würde er mir leichter verziehen haben, als das, was ihm eine Niedrigkeit erſcheinen mußte. Seitdem lebe ich nicht mehr, ich leide nur. Arnold ſagt mir nie ein bitteres Wort, er iſt, auch wenn wir allein ſind, ſo, wie Sie ihn ſehen, artig und kühl. Wie ein —— *— 144 Hohn des Schickſals fiel mir ein paar Wochen nach jenem Vorfall eine nicht unbedeutende Erbſchaft zu. Auch die Verluſte, die meinen Mann bedroht hatten, ſtellten ſich als weit geringer heraus, als die erſte Nachricht erwarten ließ. Wir ſind jetzt äußerlich gut geſtellt— jetzt, wo es mit allem Glück vorbei iſt! Das hat Arnold die Ausführung ſeines Vorhabens erleich⸗ tert, ſeine Stelle an der Bibliothek aufzugeben, und er machte ſich frei, ſobald es möglich ward. Ich bekenne Ihnen, Liebſte, daß mein ſchwaches Herz neu zu hoffen begann, als Arnold ſich beſorgt zeigte, während ich den Winter über viel kränkelte. Als unſer Arzt ver⸗ ordnete, daß ich hier die Badecur brauchen ſolle, hatte ich gefürchtet, mein Mann würde dies benutzen, um ſich auf lange Zeit von mir zu trennen, und ich lebte auf bei ſeinem Vorſchlage, daß wir Beide den Som⸗ mer hier zubringen ſollten. Ein thörichter Wahn flüſterte mir zu, hier, wo wir allein unter Fremden, in Gottes ſchöner, freier Natur ſein würden, könnte es mir ge⸗ lingen ihn zu rühren, um meiner Liebe willen Verzeihung zu erlangen. So demüthig war ich geworden, daß ich ſogar auf ſein Mitleid mit der Schwachen, Kranken rechnete! Es iſt anders gekommen— erſt jetzt habe ich er⸗ kannt, daß ich ihn wirklich für immer verloren habe, und nun muß auch noch der Zeuge meiner Schwäche 145 auftreten, und Arnold's Gedächtniß durch ſein Erſchei⸗ nen ſchärfen! Ich habe mit dem Leben abgeſchloſſen, denn ich habe keine Hoffnung mehr.“ Emma ſchwieg und ſenkte das blaſſe, ſchöne Haupt auf ihre gefalteten Hände. Leiſe legte die Profeſſorin den Arm um die zuſammengeknickte Geſtalt und ſtrich ſanft über ihr glänzendes Haar.„Wenn wir auch von der Hoffnung laſſen, ſie läßt nicht von uns, mein Kind“, ſagte ſie innig.„Unſichtbar bleibt ſie uns zur Seite, bis ſie uns nach Gottes Willen wieder als Tröſterin erſcheinen darf. Sie haben einen Irrthum Ihrer ſchwachen Seele ſchwer gebüßt, aber die Zukunft gehört Ihnen noch! Halten Sie nur feſt an der eige⸗ nen Liebe, das iſt ein Beſitz den Keiner Ihnen ent⸗ reißen kann, und läutern Sie Ihr Herz, bis Sie füh⸗ len es ſei jeden Glückes werth! Ich will Ihnen nicht die eigene Schuld verkleinern— Sie haben ſchwer gefehlt. Das Leid aber meine Emma, das Ihnen daraus er⸗ wuchs iſt ein Ruf zu neuen Pflichten, und um ſie zu üben dürfen Sie nicht länger in dumpfer Hingabe an das Gefühl Ihres Kummers dahinleben! Sie müſſen ſich und Anderen beweiſen, daß Sie hoch über Ihren Fehlern ſtehen, indem Sie die härteſten aller Schmer⸗ zen, ſelbſtverſchuldete wie unverdiente, fortan mit Ge⸗ duld ertragen. Bloßes Dulden aber iſt nicht Geduld!“ Godin, Frauenliebe und Leben. III. 10 146 „Ich verſtehe Sie nicht ganz“, ſagte Emma, ge⸗ ſpannt aufblickend. „Sie ſagten vorhin, Sie hätten mit dem Leben abgeſchloſſen, mein Kind. Dies Wort hat mir wehe gethan, denn ihm fehlte eben die Geduld, die ich meine. Das Leben behält ſeinen Werth, ſo lang es Aufgaben bietet, woran das Gemüth reifen kann. Ihre Aufgabe, liebſte Emma, iſt aber nicht, mit unfruchtbarer Reue rückwärts zu blicken, ſondern gut zu machen, was Sie verſchuldeten.“ „Wie vermöchte ich das!“ rief die junge Frau ſchmerzlich. Anna Halm ſchwieg, in Nachdenken verſunken. „Lange Zeit iſt es mir ſeltſam erſchienen“, ſagte ſie endlich,„daß es ſo erſchreckend wenige gluͤckliche Ehen gibt, glücklich in der edlen Bedeutung, die ich im Sinn habe. Aber mir iſt klar geworden, daß die Frauen daran meiſt die erſte Schuld tragen, weil nur Wenige das heilige Feuer zu wahren verſtehen, deſſen Prieſte⸗ rinnen ſie ſind. Wenn das Herz Ihres Gatten ſich Ihnen entfremdet hat, mein theures Kind, ſo geſchah dies nur weil Sie ihm die Vorſtellung Ihrer idealen Würde verloren gehen ließen, die nur durch Wahrheit zu behüten iſt! In der Ehe iſt jede, auch die ſtill⸗ ſchweigende Lüge ein Meineid. Verzeihen Sie mir, 147 wenn ich Ihnen wehe thue, aber Sie haben mir Ihre Wunde enthüllt, und der Arzt darf nicht ſchonen, wo er heilen möchte! Ich fürchte, Sie legen zu viel Ge⸗ wicht auf die Liebe, die Sie fehlen ließ, und haben in dieſem Sinne zu raſch auf Ausgleichung des ſchmerz⸗ lichen Riſſes gehofft. Die äußerlichen Mißſtände, ſelbſt die, für einen Mann allerdings tief empfindliche Ver⸗ letzung ſeines Selbſtgefühls vor einem Dritten, könnten längſt vergeben und verſchmerzt ſein— das erſchüt⸗ terte Vertrauen in Ihren höchſten Werth, das dem Liebenden um ſo unentbehrlicher iſt, wenn er, wie Welf, das ganze Leben ideal aufzufaſſen gewohnt iſt, bedarf aber der Zeit und ernſten Strebens von Ihrer Seite, um wieder hergeſtellt zu werden! Stellen Sie ſich im Geiſte über Ihr Leid, wie die Sonne über Wolken ſteht, und Ihr Himmel wird einſt wieder klar werden. Haben Sie Geduld, Himmelsgeduld bei Allem was da kommen mag! Ein Recht der Liebe, Glück zu geben und zu fordern, iſt Ihnen jetzt genommen— ein anderes, höheres aber blieb Ihnen, das Recht, ihm ſorgend und ſchützend nahe zu ſein. Wenn er erkranken ſollte dürfte ja keine andere Hand ihn pflegen als die Ihre und wenn er irren ſollte, Emma, darf kein an⸗ deres Herz ihn mit unſichtbarem Schutz umgeben, als das ſelbſtvergeſſende, treue, geduldige Herz ſeines Weibes!“ 10* 148 Emma hatte regungslos den Worten der tief er⸗ griffenen, mütterlichen Freundin zugehört. Hohe Röthe deckte ihre Wangen, ihre Augen blickten, von ſeltſamem Lichte ſtrahlend, ins Weite. Endlich rollten Thränen über das ſchöne Geſicht, ſie beugte ſich nieder, um Anna's Hand zu küſſen, und flüſterte:„Dank!“ Achtes Kapitel. Der Herbſt kam mit raſchen Schritten, ſchon rie⸗ ſelten ſeine Schauer durch die lichter gewordenen Bäume, an dem üppig bewachſenen Rebengehänge reifte die Traube der Leſe entgegen. Noch einmal blühte die Uferwieſe, als wolle ſie vor dem langen Winterſchlafe noch einen Scheidegruß ſpenden, auf allen Hecken flat⸗ terten die luftigen, ſpinnwebgleichen Sommerfäden, und weiße Nebel zogen allmorgentlich über die Land⸗ ſchaft hin. Bunter blickten die Waldungen von der Höhe nieder, und die geſtützten Obſtbäume boten den Segen, den der Herbſt ſo gern mit vollen Händen austheilt. Schon wurden die Abend⸗ und Morgen⸗ ſtunden recht kühl, und die Mehrzahl der Sommergäſte hatte das Thal verlaſſen. Das Gärtnerhaus in Bertrich war aber noch be⸗ 150 woohnt. Arnold Welf ſprach die Abſicht aus die Zeit der Weinleſe dort zu erwarten. Ein Wink des Arztes, daß zu dieſer Jahreszeit, nach beendigter Brunnencur eine Stadtwohnung für Frau Welf angemeſſener er⸗ ſchiene, als die dortigen, nur aus Fachwand erbauten Räume, fand bereitwilliges Eingehen von Arnold's Seite. Doch äußerte er zugleich, daß er ſelbſt, nach⸗ dem er Emma nach Trier gebracht, und dort für ihr behagliches Unterkommen geſorgt haben würde, jeden⸗ falls noch einige Wochen in Bertrich zu verleben gedenke, um in ungeſtörter Ruhe ſein, der Vollendung entgegen⸗ reifendes Buch druckfertig zu ſchaffen. Die junge Frau die bis dahin nie den Wunſch einer Veränderung hatte laut werden laſſen, ſprach ruhig das Verlangen aus, ebenfalls noch an dem Orte zu verweilen, der ihr ſo wohl gethan, und damit waren die Erörterungen ab⸗ geſchnitten. Es ließ ſich nicht verkennen, daß Emma's Geſund⸗ heit ſich in der That weſentlich verbeſſert hatte. Mochte nun der Gebrauch des Gebirgsbades und die ſtärkende Luft des Thales ihre Nerven wirklich gekräftigt haben, genug, ſeit den letzten Monaten war in ihrem ganzen Weſen eine Veränderung vorgegangen, die nur wenige Spuren der geknickten Erſcheinung welche die junge Frau zu Anfang des Sommers bot, wieder erkennen 151 ließ. Zwar lag noch immer durchſichtige Bläſſe auf den edlen Zügen, aber die frühere, erſchlaffte Haltung war verſchwunden, in den erſt ſo verſchleierten Augen ſchimmerte ein klares Licht, und der vorherrſchend lei⸗ dende Zug war zum Ausdruck ſanfter Weichheit ge⸗ mildert. Auch die ſcheue Zurückhaltung, die gedrückte Schweigſamkeit jener Tage war gewichen. Die junge Frau betheiligte ſich in anmuthig gemäßigter Weiſe an allem, was um ſie her gethan und geſprochen ward, und überraſchte oft ihre Umgebung durch Aeußerungen ihres feinen Geiſtes. Emma beſaß in hohem Grade jene Höflichkeit des Herzens, die abſichts⸗ los auch dem Gleichgültigſten Wohlthuendes zu bieten weiß, und den aufmerkſamen Blick auf kleine Wünſche und Bedürfniſſe Anderer in ſich ſchließt. Unmerklich war ſie der Liebling des Kreiſes geworden, in dem ſie ſich bewegte, ward es um ſo mehr, als ihre zarte Lage den ſtillen Antheil der Freunde nur zu ſehr rechtfertigte. Die wachſende Leidenſchaft, welche Arnold zu Mar⸗ tha zog und ihn außer ihr nichts mehr anerkennen ließ, konnte auch dem fernſten Beobachter nicht mehr zweifelhaft ſein, und mancher neugierige, aber auch mancher tief mitempfindende Blick folgte der Steigerung dieſer Beziehungen. Schonung umgab Emma Welf 152 von allen Seiten, doch blieb es ungewiß ob ſie dieſer Schonung wirklich bedürfe. Kein Blick, kein Zucken des Mundes verrieth den Aufmerkenden, ob ſie das was den Augen Aller offen lag, in gleicher Weiſe auffaßte. Ihr Benehmen gegen Martha blieb immer gleich freundlich, uie zog ſie ſich von dem Zuſammen⸗ ſein mit ihr zurück. Auch ihre Rückſicht und Aufmerk⸗ ſamkeit auf alle Lebensgewohnheiten Arnold's war unvermindert, doch zeigte ihr Ton ihm gegenüber die frühere Aengſtlichkeit nicht mehr. Sie ſuchte ſeine Nähe weder, noch mied ſie ihn, ſobald er ſich ihr aber zu⸗ wandte, war ihr liebreicher Blick, ihr Lächeln ihm gewiß. Noch ſeltſamer erſchien den Beobachtern jedoch des Dichters eigene Haltung gegen ſein junges Weib. Während er ſich in dem was ſie am tiefſten treffen mußte, weder Rückhalt noch Zügel auferlegte, begegnete er ihr mit einer Weichheit, wie einem kranken Kinde, die ſchroffe Kälte, mit der er ihr zuvor gegenüber ge⸗ ſtanden, ſchien in gleichem Maße dahin zu ſchmelzen, als ſeine lebhafte Neigung zu Martha wuchs. Um dem Dichter in dieſe Widerſprüche ſeiner Stimmung folgen zu können, müſſen wir einen Biick auf ſeine Vergangenheit werfen. Arnold's Lebensweg war ein geebneter geweſen, 153 und bis dahin war ihm ſtets zu Theil geworden, was er begehrt und erſtrebt hatte. Schon in früher Jugend umgaben ihn poetiſche Eindrücke, da er in dem gaſt⸗ freien Hauſe ſeines Vaters, eines Gelehrten von Ruf, gleichſam unter den Augen und im Kreiſe bedeutender Menſchen erwuchs. Der Richtung ſeines empfänglichen Naturells entſprachen ſeine, in einer ſchönen Reſidenz⸗ ſtadt verlebten Jugendjahre, denen es an geiſtreichem Weltverkehr, an Lebensluſt und bequemen Genußmit⸗ teln nicht fehlte. Zum Studium der Jurisprudenz hatte er ſich dann nach einer rheiniſchen Univerſität begeben, und dort heitere Jahre zugebracht, während welcher er ſein erſtes Dichterwerk, ein friſches kleines Epos in die Welt ſandte. Er hatte damit einen ſo glücklichee Wurf gethan, daß ſein Wunſch der beabſichtigten Beamtenlaufbahn zu entſagen und ſich gänzlich literariſchem Streben zu widmen, keinen Widerſtand bei den Seinigen fand. Mit einer Leichtig⸗ keit die dem jungen Dichter oft verſagt iſt, öffneten ſich ihm, deſſen Name durch manches gelehrte Werk ſeines Vaters rühmlichſt in der Bücherwelt bekannt war, alle Pforten. Das früheſte Element ſeiner Muſe, friſchathmende Heiterkeit, dem eine reich beſaitete In⸗ nerlichkeit nicht fehlte, gewann ſchon ſeinen erſten Wer⸗ ken Theilnahme und raſche Verbreitung. 154 In dieſer Zeit bot ihm das Leben ſeinen vollen, bekränzten Becher. Welf's Perſönlichkeit gehörte zu denen, die auf den erſten Blick frappiren, und in einem Kreiſe von Hunderten die Aufmerkſamkeit anf ſich ziehen. Um ihn zu ſchildern, drängt ſich unwillkürlich Gretchen's Lied aus dem Fauſt vor die Seele— ſeine Erſcheinung bot jenen hohen Gang, jene edle Geſtalt, ſein Auge beſaß eine Gewalt, ſein Mund ein Lächeln, in ſeiner Rede lag ein Zauberfluß, der ihn für Alle unvergeß⸗ lich machte, die jemals mit ihm in Berührung traten. Der Ausdruck einer beweglichen, tief empfänglichen Pſyche gab ſeinen männlichen Zügen immer wechſeln⸗ den Reiz, in allem was er ſprach, lag ein verborgenes Feuer, und die dunkeln Augen blickten unergründlich. Daß er bei ſolcher Perſönlichkeit, von beſtechendem Dichterruhm gehoben, leichtes Spiel bei den Frauen fand die er auszeichnete, iſt zu begreifen. Mit jenem tiefſten Bedürfniß des Dichters, dem Leben Inhalt zu geben, ſei es an Luſt oder Schmerz, knüpfte und löſte er manches Band und empfing in ſtrömender Empfin⸗ dung die Feuertaufe, die ſolche Naturen zwar mit ihrem Herzblut bezahlen, aber die ihnen auch die Macht verleiht, fortan in allen Zungen zu reden. So ward aus dem Jüngling ein Mann, der ſich bald der Hefe bewußt war die auf dem Grunde des ſüßen Bechers lag, und nach Befriedigung des ungeſtillten Dur⸗ ſtes lechzte. Er war es müde geworden, die Frucht, nach der er kaum aufgeſchaut, in ſeinen Schooß fallen zu ſehen, ehe noch der Wunſch ſich zu Sehnſucht ge⸗ ſtaltet hatte. In dieſer Zeit begegnete ihm Emma, und ſie ward die erſte echte Liebe ſeines Lebens. Dieſem zarten Mädchenbilde gegenüber, die ihm in voller Lieblichkeit erſter Jugendblüthe und reinſten Herzens erſchien, wagte er es nicht, ſiegesgewiß wie ſonſt und ſtürmiſch zu werben, und empfand den Ge⸗ winn ihrer Liebe als ein Errungenes, Erſehntes, mit tiefer Befriedigung. Arnold war keine Natur, mit der es ſich leicht und bequem leben ließ, und er ſelbſt war ſich deſſen gar wohl bewußt. Stimmungen nicht zu haben, iſt eine Forderung, die kein Menſch an ſich und Andere richten wird; Welf's beweglicher Geiſt fiel aber allzu⸗ leicht und oft Verſtimmungen anheim, die ſein Weſen entſtellten, ihn herb und unzugänglich machten, und ſo recht dazu angethan waren, grade Denen die ihn liebten, ſchwere Stunden zu bereiten. Hier hatte Emma's liebe⸗ voller, ſelbſtloſer Charakter ſich ſtets bewährt, und das Götterbild ſchönſter Weiblichkeit, das ſie dem innerſten Herzen des Gatten war, erſchien ihm ſelbſt dann wenn 156 er es ſcheinbar verletzte, als der feſte Hort ſeines Le⸗ bens, ſeiner Zukunft. Mehr oder weniger iſt jede Liebe ein Geſchöpf unſerer eigenen ideellen Vorſtellung, die alles, was uns als ſchön und liebenswerth gilt, wie in einem Brenn⸗ punkte auf das Bild concentrirt, das unſerem Ideal ſeine Züge leiht. Daß ſich dies Ideal ihm entſtellte, 1 daß aus dem Götterbilde ein irdiſches, vom Staube der Alltäglichkeit umhülltes Weib ward, war für Welf's ganzes Seelenleben von tiefgreifender Wirkung. Viel⸗ leicht empfand er aber noch tiefer und ätzender, daß auch er für Emma nicht mehr auf jenem Piedeſtal höchſter ſittlicher Würde ſtand, deren Feſthalten er von ſich forderte und erſtrebte. Ihre Schwäche bewies ihm, daß ſie ſich der ſeinen bewußt war— was ſie gefehlt, war nur geſchehen um ihn da zu ſchonen, wo, ihm ſelbſt kaum bewußt, die wunden Stellen ſei⸗ nes eigenen Werthes lagen. Wir alle bedürfen einen Zeugen unſeres Lebens, der uns gleich dem hilfreichen Faden durch das Laby⸗ rinth begleitet, aber nicht immer ertragen wir eine helle Beleuchtung des Pfades, den wir wandeln. Was iſt ſchwerer feſtzuhalten, als ein entflatterndes Ideal? Arnold fühlte den Boden wanken auf dem er für alle Zeit einen Tempel errichtet glaubte— er ſtreckte die 157 Hand nicht aus, als dieſer in Trümmer fiel, denn es ſchien ihm noch leichter auf Ruinen zu blicken, als aus jenen Trümmern ein alltägliches Haus neu zu erbauen. Noch war er ſich nicht bewußt, daß der zer⸗ ſtörte Bau auf feſten Fundamenten errichtet war, die unſichtbar, aber um ſo unerſchütterlicher in der Tiefe ruhten. Ein Verluſt läßt ſich tragen, wenn der Blitz⸗ ſtrahl der uns das Beſeſſene raubt, es zugleich ver⸗ klärt, iſt dies aber nicht der Fall, ſo öffnet ſich gleich einer Wüſte das öde Gefilde der Gleichgiltigkeit. In ſochen Gefilden zu wandeln war aber des Dichters thätiges Temperament nicht geſchaffen, und als die Leidenſchaft an ihn herantrat, fand ſie den Boden wohl bereitet. Plato nennt die Leidenſchaften ein Fieber der Seele, das heilſame Kriſen zu erzeugen vermag wie das des Körpers. Ob die Kriſis mit der Arnold in der Zeit rang während welcher wir ihm folgen, ihm und Andern Heil oder Tod bringen würde, lag jetzt noch in tiefe Schatten verhüllt— Alles aber was ihn berührte ward durch die neuerwachte Kraft ſeines Seelenlebens in Mitleidenſchaft gezogen, und ſo nu auch die, zwiſchen Unmuth und Gleichgültigkeit ſchwan⸗ kende Stimmung, mit der er Emma gegeniberſtand, in eine neue Phaſe treten. 158 Das ſchweigende Verzichten ſeines Weibes, das ſich nie verleugnete, hatte längſt begonnen ihn tief zu rühren, und die Bitterkeit die er bergehoch zwiſchen ſich und der einſt ſo Geliebten aufgethürmt, ſchwand vollends dahin, ſeit er verſuchte, ihre Geſtalt von ſei⸗ ner Zukunft zu löſen. Er ſagte ſich jetzt, daß er ihre Schwäche zu herb empfunden, zu ſtrveng gerügt habe, daß ihre Jugend und Unerfahrenheit das Urtheil, in dem er ſie ſo tief geſtellt, nicht rechtfertige. Mit ſchmerz⸗ licher Wehmuth empfand er aber zugleich, daß dieſe Erkenntniß zu ſpät gekommen war. Das Mädchen, welches ihm einzig für ihn ge⸗ ſchaffen erſchien, erfüllte ſeine ganze Seele, in deren Tiefen ſich, kaum geboren, und doch ſchon gewaltſam, der Gedanke regte, eine Ehe zu löſen, deren Inhalt für ihn dahin war. Mit der Sophiſtik der Leiden⸗ ſchaft hing er der Vorſtellung nach, daß Emma doch nie wieder mit und durch ihn glücklich werden würde, daß es für ſie ſelbſt beſſer ſei ein Band gewaltſam zu durchreißen, das keine beſſere Zukunft verheiße, und ihr die tägliche Qual zu erſparen mit ihrem verlan⸗ gendem Herzen an ſein erkaltetes gekettet zu ſein. Das eigene heiße Begehren, das oft die Urtheilskraft ſo grauſam entſtellt, ſpiegelte ihm bei ſolcher Betrachtung ſogar die Möglichkeit vor, auch für Emma, die ſo 159 jung und liebenswerth war, könnte neues Glück einſt noch erblühen. Keineswegs fühlte er ſich aber ſicher darüber, ob Martha in ſolchem Falle die Seine werden wolle. Daß ſie katholiſch war und ſo keines Geſchiedenen Weib ſein dürfte, galt ihm kaum als Hinderniß— wenn ſie ihn liebte, ſo würde ſie die Schranke durch⸗ brechen, die ſie von ihm trennte. Ob ſie ihn aber liebte?—— Welf war kein Neuling im Verkehr mit Frauen, ein Weſen von Martha's Gepräge war ihm jedoch nie zuvor begegnet. Ihr Blick, ihr Ton, die hingebende Wärme, die ſie in ſeiner Nähe beſeelte, ihre Wange in Gluth, ihr Auge in Feuer tauchte, der Einfluß, den ein Wink von ihm auf ihre Entſchlüſſe übte, ſprachen allerdings lebhafte Neigung aus. Aber grade der unverholene Ausdruck dieſer Wärme machte Arnold ſo zweifelhaft. Daß ſie ſich ohne allen Wider⸗ ſtand dem Gefühl für den Gatten einer Andern, ihrer Freundin, hingab, daß kein Zurückweichen, kein Ab⸗ wenden jemals inneren Kampf verrieth, war ein Räth⸗ ſel für ihn, an deſſen Löſung ſein glühender Gedanke vergebens rüttelte. Zu tief war er ſich des Mädchens ſchöner Natur bewußt, um ſie niedriger Geſinnung zeihen zu dürfen, und doch erſchien ſie ihm ſtets von Neuem unbegreiflich, wenn ſie ſich mit Herzlichkeit ſei⸗ 160 ner Frau näherte, ſie mit Aufmerkſamkeiten über⸗ häufte, und gleich darauf wieder einen jener tiefen Blicke, die beredter als Worte ſind, in ſeine Augen tauchte. Noch hatte er mit keinem geſprochenen Worte an die Schranke gerührt, die den vorauseilenden Gedan ken von unwiderruflicher Handlung ſcheidet, doch em⸗ pfand er mit jedem Tage lebhafter, daß die Grenze nahe ſei, bis zu welcher der Wille noch Herr des Augenblicks bleibt. Was lag jenſeits dieſer Schran⸗ ken? War es wirklich das neue, das unbekannte Glück, deſſen Phantasmagorie ihm in ſo ſchimmernden Farben entgegenwinkte? Oder war es das Zauberſchloß, das über den, der es wagend betritt, zuſammenſtürzt, und den Unſeligen unter ſeinen Trümmern begräbt! Arnold's Ungewißheit ſteigerte ſich, ſo oft er Martha in Richard Santer's Geſellſchaft ſah. Das Gerücht von den früheren Beziehungen Beider war begreiflicher Weiſe neu aufgetaucht und ward viel be⸗ ſprochen, ſeit der Architekt wieder in der Nähe lebte und in Eliſenhof verkehrte. Auch Welf hatte davon erfahren, und glaubte wahrzunehmen daß Martha jedesmal befangen und in ihrem Benehmen unſicher erſchien, ſo oft der junge Mann in ihrer Nähe war. Arnold wußte, daß es ihm bei der Macht, die er über 161 das Mädchen beſaß, nur eine Andeutung koſten würde, um ſie zur Beſchränkung dieſer Begegnungen zu be ſtimmen. Doch mochte er ſelbſt ſich nicht dazu ent⸗ ſchließen, Santer zu vermeiden, theils aus dem ſelbſt⸗ quäleriſchen Bedürfniß, Martha's Verhalten gegen den früheren Verlobten zu beobachten, theils deshalb, weil er bei dem Architekten nicht den Argwohn zu erregen wünſchte, als trage er noch die Erinnerung an jenes erſte, peinliche Zuſammentreffen mit ſich herum, bei welchem Santer ſich mit großer Zartheit benommen hatte. Die Haltung des Achitekten war übrigens nicht der Art, um die eiferſüchtigen Regungen zu recht⸗ fertigen, die Welf oft mit wildem Unmuth in ſich verarbeitete. Zwar ſuchte Santer die Geſellſchaft in Bertrich und Cliſenhof ſo oft auf, als ſeine Zeit es nur im⸗ mer erlaubte, ſein Benehmen gegen das ſchöne Schloß⸗ fräulein war aber eben ſo unbefangen, als den an⸗ dern Damen gegenüber, und der Ton brüderlicher Ver⸗ traulichkeit, den er zuweilen anſchlug, wenn irgend ein äußerer Anlaß Reminiscenzen der Kinderjahre Beider hervorrief, ſchloß jeden Anſpruch auf wärmere Be⸗ ziehungen aus. Wenn der junge Mann eine Dame des Kreiſes auszeichnete, ſo war dies nur bei Emma der Fall, gegen die er ſtets beſondere Aufmerkſamkeit Godin, Frauenliebe und Leben III. 11 * 162 und zarte Ehrerbietung an den Tag legte. Meiſt ward er als Gemeingut Aller betrachtet, da ſein friſches, lebensvolles Weſen als eines der anregendſten Ele⸗ mente wirkte, und ſein ſchönes muſikaliſches Talent trug überdies dazu bei, ſeine Geſellſchaft begehrt zu machen. So artig und von den beſten Formen bezeich⸗ net jedes Zuſammentreffen Welf's und des Archi⸗ tekten indeſſen war, würde ein ſcharfer Blick doch her⸗ ausgefühlt haben, daß die beiden Männer nicht allein nicht ſympathiſirten, ſondern ſich vielleicht im Grund der Seele feindlich waren. Neuntes Kapitel. Martha ſaß unbeſchäftigt in der Weinlaube am Ende des Gartens. Es war noch ſehr früh am Mor⸗ gen, kühl ſtrich der friſche Herbſtwind durch die Zweige und löſte einzelne welke Blätter die mit leiſem Kniſtern zur Erde ſanken. In ein weiches Tuch eingehüllt, ſchien das ſchöne Mädchen die Schärfe der Luft nicht zu empfinden die einem verzärtelten Körper ſehr un⸗ behaglich erſchienen ſein würde. Ihr zierlicher Kopf war geſenkt, einzelne Tropfen weilten halb getrocknet auf den heute etwas blaſſen Wangen und blitzten in den grauen Augen. Sie war tief in Gedanken— woran ſie dachte, hätte ſie ſelbſt kaum zu ſagen ver⸗ mocht. Heute war ihr Geburtstag, und die Thränen mit denen ſie ihn begrüßt hatte galten dem, der ihr ſo manches Jahr hindurch dieſen Tag zum Feſte ge⸗ 41* 164 macht, und nun ſeit vierzehn Monaten unter einem grünen Hügel ſchlief. Es litt das junge Mäd⸗ chen nicht in dem geſchloſſenen Raume ihres Schlafge⸗ maches, ihr beklommenes Herz drängte ſie in's Freie, und wohl ſeit einer Stunde ſchon ſaß ſie mit wan⸗ dernder Erinnerung an ihrem Lieblingsplätzchen. Die trauernden Gedanken waren jetzt verdrängt. Vor ihrer Seele ſtanden zwei dunkle Augen, die mit einem Blicke auf ihr hafteten der ihr ſeit manchem Tag in Schlaf und Wachen immer gegenwärtig war. Die ſeltſame Magie des Herzenslebens ſpricht ſich wohl durch nichts ſo geheimnißvoll aus, als durch die zauberiſche Ge⸗ dächtnißkraft, die ein Weſenloſes, den Blick eines lie⸗ ben Auges, für alle Zeit zum unveräußerlichen Eigen⸗ thuu der Seele macht. Solche Augen, deren Macht einmal empfunden ward, üben eine magnetiſche Gewalt, der Zeit und Raum keine Grenzen ſtecken— bei Tag und bei Nacht, im Kreiſe der Gleichgültigen, wie in den Stunden der Einſamkeit ſind ſie allgegenwärtig und ſagen mit beredtem Schweigen:„Du haſt uns verſtanden, Du biſt unſer!“ Kein Vornehmen ſchützt vor ihrem Zauber, ſie folgen dem Betenden an den Altar, dem Erſchöpften bis in den tiefſten Traum hin⸗ ein. Wehe dem, der ſich der verhängnißvollen Macht bewußt iſt und dagegen ringt und ſtreitet— es iſt 165 ein Kampf auf Leben und Tod, und der Sieg iſt zweifelhaft. Martha war ſich des Zaubers bewußt, aber ſie ſtritt nicht dagegen. Wie ein Roſenblatt von der glei⸗ tenden Welle getragen wird, ſo wiegte ſich ihre be⸗ rauſchte Seele auf den Wogen der gehobenen Empfin⸗ dung, die ihr den reißenden Strom noch nicht verrie⸗ then, dem ſie ſorglos entgegenſchiffte. Sie war ein tief liebenswürdiges Geſchöpf, inneren Halt aber hatte ſie noch nicht gefunden. Ihre Religion war ihr eine Uebung leichter Pflichten, nicht der Weckruf zu ſittlicher Willenskraft. Von unbegrenzter Gutmüthigkeit und mit jenem ſechſten Sinn, holdem Takt des Benehmens ausgerüſtet, hatte ſie ſeit ihrer zarteſten Jugend ſich und Andern nicht allein genug gethan, ſondern ihr war überall und faſt ohne Ausnahme, jene warme Billigung, das liebreiche Gutheißen zu Theil geworden, das die leichten Aufgaben ihres Lebens und Wirkens noch leichter machen mußte. Gar manchmal ſchon war ſie geliebt und begehrt worden, doch hatte der tiefem⸗ pfundene Riß, den der Bruch ihrer frühen Jugendnei⸗ gung in ihrem leichtverletzlichen Gemüth erzeugte, ſie gegen die Bewerbungen angenehmer, aber durch nichts ausgezeichneter Freier unempfänglich gelaſſen. Zum erſten Mal in ihrem Leben fühlte ſie ſich 166 nun vom Hauch einer heißen Leidenſchaft umweht, die ſie unbewußt gefangen nahm, ihren Blick für das was jenſeits des Zauberkreiſes lag, verdunkelte, und bald begann ſie zu beherrſchen und mit ſich fortzu⸗ ziehen. Die ſchwankende Bewegung zwiſchen Vergan⸗ genheit und Zukunft, in der ihre ſtets arbeitende Phan⸗ taſie bis dahin auf⸗ und niederwogte, nahm die Ge⸗ ſtalt traumhafter, aber farbenreicher Umriſſe an. Ein poetiſches Gemüth, von empfänglichen Sinnen gehoben, nährt ſich allzuleicht von Freuden und Leiden, die wurzellos wie Waſſerblüthen, aber prächtig an Farbe und Form, an das Licht drängen. Ein phantaſtiſches Zwiſchenreich thut ſich auf wie ein Zauberkreis, der mit fliegendem Fuß betreten, und, ach, wie oft! mit gebrochenen Schwingen wieder verlaſſen wird. Heute lächelte Martha noch wie ein Kind, das von Weihnachten träumt. Die wehmüthigen Gedanken, unter deren Bann ſie erwachte, waren nun weit zurück⸗ gewichen. Roſig winkte ihr der neue Tag, geſtern, heute und morgen waren eins— die ſichere Erwar⸗ tung eines Glückes, das ihren Geiſt beflügelte, und noch nicht mit jenem Namen gerufen ward, der den Nachtwandler ſtürzen läßt. An ihrem Kleide raſchelte etwas nieder; es war ein unbeſchriebenes Blättchen, das der Wind vom Tiſch herabgeweht hatte. Das 167 ſchöne Mädchen nahm es auf und ſah es ſinnend an. Geſtern hatte Welf hier geſeſſen und in ihrer Gegen⸗ wart einige Notizen gemacht; die ungebrauchte Hälfte des Blattes war liegen geblieben, auch der benutzte Bleiſtift lag noch auf dem Tiſche. Ein träumeriſches Lächeln glitt über das ſüße Geſicht, raſch ergriff ſie die Bleifeder und ſchrieb mit fliegender Hand: Ein Blick, der aus den Augen Des Liebſten innig fällt In's Herz, kann tiefer tauchen Als jedes Wort der Welt! Nur Boren ſind die Worte, Und künden ſie auch Glück— Doch ſchickt aus ſeiner Pforte Das Herz zuerſt den Blick! Ihr Lippen, ſchweigt nur immer! Dein Auge alles trägt In ſeinem feuchten Schimmer, Wovon das Herz mir ſchlägt! Minutenlang ſtarrte Martha auf die vollendeten Zeilen, die ihr den Gedanken, dem ſie nachgehangen, wie ein Lebendiges entgegenboten. Eilige Schritte, die auf dem Kieswege kniſterten und ſich der Laube näherten, ließen ſie plötzlich auf⸗ fahren. Sie erröthete heftig und barg das Blatt in 168 der Taſche ihres Kleides, indem ſie ſich raſch erhob. War die Unterbrechung ihrer Einſamkeit der jungen Herrin jedoch eine Störung, ſo ſchien ihre Anweſenheit dies in noch höherem Grade für die Profeſſorin zu gelten, die, eine Guirlande von Aſtern und Georginen in der Hand, beim Anblick des jungen Mädchens zu⸗ rückprallte und ſo beſtürzt ausſah, daß Martha lachend rief:„Ich drücke die Augen zu, Tantchen, und ver⸗ ſchwinde wie Nebel vor der Sonne! Dann können Sie denken, wir hätten uns gar nicht geſehen!“ Anna Halm legte ihre Blumenlaſt auf den Tiſch und ſtrich Martha liebreich über die blonden Flechten. „Wer hätte gedacht, unſer Geburtstagskind ſchon ſo früh aus den Federn zu finden“, ſagte ſie heiter.„Nun können Sie ſelbſt helfen, Ihr Lieblingsplätzchen aus⸗ zuſchmücken, wozu Sie zum Frühſtück überraſcht wer⸗ den ſollten! Wiſſen Sie aber auch, daß es gar nicht Stil iſt, an ſolchem Feſttage mit der Sonne aufzu⸗ ſtehen? Da bleibt man hübſch in der Verborgenheit, und ſtört nicht die Leute in ihren ſchönen Arrange⸗ ments!“ „Gerade deshalb habe ich mich bis an der Welt Ende zurückgezogen, Liebe, um Euch Allen nicht im Wege zu ſein— und nun bekomme ich Schelte, ſtatt 1⁰9 des Glückwunſches und Geburtstagskuſſes, den Sie mir noch ſchuldig ſind!“ „Im Geiſte hab' ich Ihnen ſchon Gottes Segen gewünſcht, und für Sie, mein Herzenskind, aus voller Seele gebetet“, ſagte die alte Dame, und ihre Stimme bebte.„Möge Ihnen ein frohes Jahr beſchieden ſein, und echtes, rechtes Glück, wie es vom Himmel kommt!“ Martha machte ſich mit einem lebhaften Kuſſe aus dem Arme los der ſie umfaßte, und wich dem tiefen Blicke aus, der ihr Auge ſuchte.„Es iſt hohe Zeit daß ich mich ankleide“, ſagte ſie flüchtig.„Um halb acht Uhr habe ich den Wagen beſtellt, um nach Alf zu fahren, ich möchte heute die Frühmeſſe nicht ver⸗ ſäumen, und dort mein liebes Grab beſuchen um dem Blumen zu bringen, der mir keine mehr ſchenken kann!“ „Sie bleiben doch nicht lange?“ frug die Profeſ⸗ ſorin, indem ſie das Mädchen den Gartenweg entlang begleitete. „Gewiß nicht Tantchen— ſonſt würde ich ja den guten Leutchen hier ihr wohlbekanntes Programm ver⸗ derben! Heut werde ich mein Herz recht feſthalten müſ⸗ ſen, um all die gewohnten Feſtlichkeiten zum erſten Mal ohne den geliebten Vater ſtandhaft zu erleben! Im vorigen Jahre gab es keine Feier, damals war ich in Trier und zum Sterben traurig. Das muß 170 aber überwunden ſein, meine Geburtstagsgäſte dürfen nicht mit trübem Geſicht empfangen werden.— Bald werden wir überhaupt wenig Gäſte mehr begrüßen, Tantchen, die Blätter fallen, und die Freunde wan⸗ dern!“ „Laſſen wir die Zugvögel nur wandern“, ſagte Anna ruhig,„wir wiſſen ja, daß ſie hier nicht daheim ſind, und manchem von ihnen mag im eigenen Neſte wohler ſein“ „Der Winter wird recht lang und öde werden“, äußerte das Mädchen, ohne aufzublicken.„Ich habe ſchon daran gedacht, daß wir uns während der rauhe⸗ ſten Monate in Trier häuslich niederlaſſen ſollten— im Grunde war ich doch unartig gegen Hildheims, ich möchte Zeit und Gelegenheit haben, ſie wieder freund⸗ lich für mich zu ſtimmen“ Die Profeſſorin ſah ihre junge Gefährtin feſt an: „Und iſt das wirklich der Grund, der Sie nach Trier zieht, Martha?“ ſagte ſie ernſt.„Ich fürchte, er iſt es nicht. Sie äußerten einſt, Sie wären gewohnt den, Ihnen ſtets gegenwärtigen Geiſt Ihres Vaters bei je⸗ dem Ihrer Entſchlüſſe zu Rathe zu ziehen,— denken Sie auch an dieſen, mein theures Kind, wenn Sie heute an ſeinem Grabe knieen.“ Martha ſchlüpfte, ohne den Kopf zu wenden, in 171 das Haus, an deſſen Thüre Beide während der letzten Worte angelangt waren. Die alte Dame blickte ihr mit trübem Ausdruck nach. Es war nicht das erſte Mal, daß ſie mit einem ernſten Wort an der jnngen Seele rüttelte. Bis jetzt war jeder ähnliche Wink an Martha abgeglitten, wie Unverſtandenes, heute aber ſchien ſie davon getroffen— Anna wußte nicht ob das Abwenden des von ihr ſo geliebten Kindes als Er⸗ ſchrecken oder als Zürnen zu deuten ſei. Beides war ihrer mütterlichen Empfindung gleich ſchmerzlich, und mit ſchwerem Herzen ging ſie, die mancherlei Zurü⸗ ſtungen zum heutigen Feſte zu leiten, womit das Dienſt⸗ perſonal ſeit aller Frühe beſchäftigt war. Zehntes Kapitel. Heute ruhten die Arbeiten des Hüttenwerks, doch ward es, bald nachdem der Wagen der jungen Herrin auf der Alfer Straße fortgerollt war, lebendig auf dem Terrain deſſelben. Geſchäftig liefen Frauen und Kin⸗ der im Feiertagsputz umher, und waren den Männern behülflich, die bedächtig Fahnen aufſteckten und bereit gehaltene Kränze ſowohl an der Eiſenhütte, als an der Fronte des Wohnhauſes befeſtigten. Die Dienerſchaft, von einigen Arbeitern unterſtützt, ſchlug auf der freien Fläche zwiſchen beiden Gebäuden Tiſche und Bänke auf, denn Mittags war nicht nur im Schlößchen Ge⸗ ſellſchaft, auch den Arbeitern und ihren Familien ſtand eine Feſtlichkeit bevor, auf die ſich das lebensluſtige Völkchen von Jahr zu Jahr zu freuen gewohnt war. 173 Während die Arbeiten, von der Profeſſorin und dem alten Inſpector beaufſichtigt, unter manchem Scherzworte vorrückten, fand ſich auch nach und nach das Muſikcorps zuſammen, das bei der feierlichen Gratulation des Perſonals eine Hauptrolle zu ſpielen, und deſſen profeſſioneller Theil Nachmittags für die Tanzfreuden einzuſtehen hatte. Um es für die bevor⸗ ſtehende Huldigung vollſtimmiger zu machen, waren mehrere Dilettanten der Umgegend rekrutirt worden, die ſich durch den Aplomb mit welchem ſie auftraten, zu erkennen gaben. Der Dirigent hatte ſich weder Zeit noch Mühe verdrießen laſſen, um ein möglichſt vollzähliges Orcheſter zuſammen zu bringen, und Allen eingeſchärft ſich pünktlich einzufinden; man wußte, daß die Patronin an ihrem Geburtstage nach Alf zur Kirche fuhr, und dieſe Abweſenheit ſollte benutzt werden, den von ihm ſelbſt componirten Feſtmarſch, der ihm ſtets ein ſchönes Douceur einbrachte, an Ort und Stelle und bei richtiger Aufſtellung noch einmal durchzuſpie⸗ len, ehe der Hauptmoment kam. Auf einer umgeſtürz⸗ ten Erzröſte, die mit Hülfe eines alten Teppichs zum Podium umgeſchaffen war, ſtand jetzt der klapperdürre Muſtker, und focht eifrig mit ſeinem Tactſtock durch die Luft, indem er der, rechts und links von ihm auf⸗ geſtellten Truppe flehend zurief:„Im Takt meine 174 Herren, und bei dem Uebergang in D-dur aufgepaßt, ſonſt werfen wir um!“ Die Inſtrumente ſetzten zu einer nicht ungefälligen Melodie ein, das Quieken der Clarinette hätte weniger obligat ſein dürfen, aber alles ging gut von Statten, bis der Uebergang kam, vor dem der Meiſter gewarnt hatte, und der durch die Diſſonanz ſeltſam grunzender Töne zu einem Chaos wurde. Mit verzweifelter Miene ließ der Dirigent den Taktſtock fallen und fuhr grim⸗ mig gegen den ſehr behäbigen Beſitzer einer Baßgeige los:„Schon wieder einen Takt zu früh, Herrrr— das Donnerwetter ſoll dreinſchlagen!“ Der Uebelthäter, ein wohlhabender, dickbäuchiger Bäcker aus Alf, antwortete in grobem, aber phlegma⸗ tiſchem Ton:„Ach wat, Herr Zinſel, laſſe Se mich in Ruh. De Baß is mein, auf dem kann ich ſpiele wie ich will!“ Dor Componiſt fuhr ſich mit troſtloſer Geberde in die Haare.„Jeſumariuſep!“(Jeſus, Maria, Joſef!) ſagte er endlich mit kläglichem Ton—„thun Sie mir nur heut die Liebe, Herr Brauns und zählen Sie, es iſt ja nur für einmal, aus dem ſchönen Stück wird ja ſonſt der reine Hexenſabbath. Vom Tempo 2 an, meine Herren— eins, zwei— drei!“ Es ſchlug elf Uhr. In demſelben Augenblick 175 ſprengte ein halbwüchſiger Burſche auf einem dürren Klepper ſpornſtreichs einher, und ließ ſchon von Wei⸗ tem ſein karrirtes Taſchentuch flattern, ehe noch ſein Ruf zu hören war:„Sie kommt, der Wagen kommt!“ Eiligſt löſten ſich die Gruppen der Plaudernden; die Hüttenleute, den Inſpector an der Spitze, ſtellten ſich in einer Reihe auf, Frauen und Kinder hinter ihnen. Ein lautes: Vivat hoch! tönte dem Wagen entgegen, die Männer ſchwenkten ihre großen Klapp⸗ hüte, der wackere Zinſel ſeinen Tactſtock, und tadellos rauſchte der vielgeübte Feſtmarſch der jungen Herrin entgegen. Schon hielt der Wagen. Martha ſprang herab, und grüßte freundlich nach allen Seiten. Die Scene bot in dieſem Augenblick ein hübſches, maleriſches Bild — links die charakteriſtiſchen Geſtalten der Arbeiter, die, als Zeichen der Zunft, die wohlgereinigten Leder⸗ ſchürzen auch heute über dem langen Sonntagsrock trugen, zwiſchen ihnen hervorlugend die ſchmucken kräf⸗ tig gebauten Frauen und Mädchen, mit dem kleidſamen geſtickten Mützchen, unter dem das reiche Hinterhaar mit einem ſilbernen oder vergoldeten Pfeile zuſammen⸗ gehalten wird, der nicht bloß ein Schmuck ſondern ein Ehrenzeichen iſt, denn die Gefallene darf ihn nicht mehr tragen. Zur Seite der offene Wagen mit den 176 blanken Braunen und dem alten Kutſcher, der nicht. weniger laut als die Uebrigen Vivat! ſchrie und ſchmunzelnd ſeine Herrin im Auge behielt— im Hin⸗ tergrund, als Abſchluß des Bildes, die geſchmückten Gebäude, in leuchtenden Sonnenſchein getaucht, und als Mittelpunkt des Ganzen das ſchöne, roſige Mäd⸗ chen, der all dieſe liebreichen Anſtalten galten, die all dieſen ſchlichten Leuten bekannt und werth war, ſeit jenem Tage, an dem der ſelige Patron ſie ihnen zuerſt im Wiegenkiſſen gezeigt hatte. Sobald die Muſik ſchwieg, trat der alte Scholz vor, räusperte ſich kräftig, und hielt nun in ſteifem, wohlgeſetztem Stil in ſeinem und der Leute Namen eine Gratulationsrede, deren feſtſtehende Form Allen wohlbekannt war, deßhalb aber nicht weniger wirkte. Martha war lebhaft erregt. Freud und Leid drängten ſich in ihrer Bruſt, mit feuchten Augen drückte ſie die Hand des ehrlichen Inſpectors, und wanderte nun von Gruppe zu Gruppe, die rauhen Hände ſchüttelnd, den Frauen zunickend, Dank gebend und empfangend, denn ihre immer offene Hand, ihr gutes, hilfreiches Herz hatte den Meiſten ſchon dies und jenes zu Liebe ge⸗ than. Sie wußte, daß die Huldigung die ihr ward, mehr war als eine Form. Von tauſend Erinnerungen bedrängt, zog das 177 erregte Mädchen ſich endlich in das Haus zurück, nach⸗ dem ſie die Einladung für den heutigen Tag wieder⸗ holt hatte, womit der Inſpector ſchon früher den Leu⸗ ten gegenüber beauftragt war. Als ſie den Flur über⸗ ſchritt, und an dem Gartenzimmer vorbei kam, neben dem die Treppe in die oberen Räume hinauf führte, öffnete ſich plötzlich deſſen Thür und Richard Santer trat ihr mit der Bitte entgegen, ihm einen Augenblick zu ſchenken. Betroffen trat Martha in den freundlichen Raum. Der junge Mann ließ ihr nicht Zeit, dem unſicheren Blick mit dem ſie ihn anſah, eine Frage beizufügen, oder ihn zum Niederſitzen einzuladen.„Sie haben mich, gleich all Ihren Freunden mit einer Einladung zu Mittag beehrt, Fräulein Martha“, ſagte er ernſt. „Da ich aber an der heutigen Feier nicht Theil neh⸗ men kann, erlaubte ich mir ſo früh hier zu erſcheinen, um meine Entſchuldigung perſönlich auszuſprechen. Ich fürchte daß ich ein allzu ungeſelliger Gaſt Ihres Kreiſes ſein würde, und bitte deshalb um Erlaubniß, demſelben heute fern zu bleiben. Doch wollte ich es mir nicht verſagen den Glückwunſch gegen Sie aus⸗ zuſprechen, mit dem ich ſeit ſo manchem Jahre dieſes Tages gedenke.“ Ehe Martha noch ein Wort der Erwiderung ge⸗ Godin, Frauenliebe und Leben. III. 12 178 funden hatte, wandte der junge Mann ſich nach einem Seitentiſche und nahm einen dichten Strauß duftender Veilchen auf. Indem er ihr die Blumen entgegenbot, faßte er plötzlich ihre Hand und ſagte leiſe:„Nehmen Sie an, um alter Zeiten willen!“ Martha erblaßte, als ſie die Blumen ergriff. Wohl ſprachen ſie von alten Zeiten! Das Veilchen war ihre Lieblingsblume, und auf eine kindiſche Klage hin, daß ſie gerade dieſe an ihrem herbſtlichen Feſttag im⸗ mer entbehren müſſe, hatte Richard zu ihrem fünfzehn⸗ ten Geburtstag den erſten Veilchenſtrauß von Metz kommen laſſen. An demſelben Tage auch hatte er zum erſten Mal dem geliebten Mädchen ſein Herz erſchloſſen, und ein höheres Recht als das brüderliche, auf ſie ge⸗ wonnen. Seitdem war ein Veilchenſtrauß ſein Ge⸗ burtstagsgruß, auch aus der Ferne, geblieben, bis zu dem Tage, der Beide für immer trennte. Des Mädchens Herz ſchlug zum Erſticken— mit einem unbeſchreiblichen Ausdruck ihres ſprechenden Ge⸗ ſichtes ſah ſie zu Richard auf, der, ihre Hand noch in der ſeinen haltend, unbeweglich vor ihr ſtand, das Auge unverwandt auf ſie gerichtet. Es war nicht der Blick vergangener Zeiten, aber auch nicht der ruhiger Gelaſſenheit, dem ſie ſeit Monaten begegnet war. Einige Augenblicke ſtanden Beide ſich wortlos gegen⸗ 1⁷9 über, dann ließ Richard des Mädchens Hand los und verließ das Zimmer plötzlich. Als die Thür ſich hinter ihm geſchloſſen hatte, barg Martha das Geſicht in beide Hände und weinte, als ob ihr das Herz brechen wolle. Ein halbe Stunde mochte vergangen ſein, und noch ſaß das Mädchen auf derſelben Stelle. Ihre Gedanken ſchweiften weit zurück in die ſelige Kinder⸗ zeit— ſie hatte des Tages und ſeiner Anſprüche an ſie, die ihr ſolches Zurückziehen kaum vergönnten, völ⸗ lig vergeſſen. Das ſchüchterne Klopfen eines Kinderfingers an die Thüre ſchreckte ſie aus der Träumerei auf. Ihr Hereinruf blieb unbeachtet, deßhalb erhob ſie ſich, um ſelbſt zu öffnen. Ein rothbäckiger Junge von etwa neun bis zehn Jahren ſtand verlegen vor ihr, während er mit der einen Hand ein Päckchen krampfhaft an ſich drückte, und den Daumen der andern in den Mund ſteckte. Martha kannte den Kleinen, er gehörte dem Gärtner in Bertrich. „Suchſt Du mich, Peter?“ frug ſie freundlich. „Der Herr hat mich herſchickt“, ſagte der Junge. „Sollſt Du denn etwas beſtellen? Du biſt doch nicht den weiten Weg zu Fuß gelaufen?“ Vergnügt zeigte der Krauskopf ſeine weißen Zähne 12* 180 und nickte.„Der Herr hat mich herſchickt“, wieder⸗ holte er, und reichte Martha das kleine, an ſie adreſ⸗ ſirte Packet.„Ich darf's nur dem Fräulein im Schlöß⸗ chen geben. Er hat mir auch vier Kaſtenmännchen ge⸗ ſchenkt, die ſind mein!“ „Geh in die Küche, Peter, und laß Dir Kaffee geben, und Geburtstagskuchen. Beſtelle nur an die Lisbeth daß Dich das Fräulein ſchickt, dann bekömmſt Du's.“ Mit lachender Miene trollte der Kleine hinaus. Martha hielt das Päckchen einige Minuten uneröffnet in der Hand; eine Wolke lag auf ihrer hellen Stirn. Endlich brach ſie das Siegel und löſte die Schnur. Es enthielt ein Buch in prachtvollem Einbande, Moritz von Strachwitz's Gedichte, die Welf ihr kürzlich vor⸗ geleſen und die ſie zu beſitzen gewünſcht hatte. Als ſie den Band öffnete, fiel ihr ein kleines beſchriebenes Blatt entgegen. Sie entfaltete es und las: „Mit tauſend Grüßen ſend ich Dir Was uns zuſammen lieb geworden— Es ſoll hinfort Dich für und für An mich erinnern aller Orten! Mit tauſend Grüßen nimm es hin Wie längſt Du nahmſt mein Sein und Denken! 181 Dürft' alles was ich hab' und bin Ich Dir doch auch ſo freudig ſchenken! Es ſei mein Schirm, mein Schutz, mein Schild— Und will wie Nebel einſt zerfließen Vor Dir mein halb vergeſſ'nes Bild, Dann mahn' es Dich mit tauſend Grüßen!“ Tiefer Purpur ſtieg, während Martha dieſe Zei⸗ len las bis in ihre Schläfen hinauf, doch entwölkte ihre Stirn ſich nicht. Sie ließ die Hand mit dem Blatte ſinken, nach wenigen Minuten überlas ſie es zum zweiten Male, faltete es dann mechaniſch zuſam⸗ men, und legte es neben den Veilchenſtrauß auf das Fenſtertiſchchen. Mit brennendem Auge dem der, eben noch ſo gewaltſam entfeſſelte Thränenquell nicht mehr zu Gebote ſtand, ſtarrte ſie auf die beiden ſtummen Zeugen von Gefühlen, die ein Echo in ihr ſuchten. Wer weiß, wie lange ſie noch ſo geſtanden hätte, wäre ſie nicht durch das Heranrollen mehrerer Wagen daran erinnert worden, daß es die höchſte Zeit war, ihre Toilette zu vollenden, und die Gäſte zu empfangen, die bereits einzutreffen begannen. Den Moment ablauſchend, wo Flur und Treppe frei waren, ſchlüpfte Martha eilig hinauf in ihr Zim⸗ mer, badete ſich die heißen Augen in friſchem Waſſer, glättete ihr Haar und vertauſchte haſtig den Morgen⸗ 182 anzug mit dem bereit liegenden Geſellſchaftskleide. Als ſie hinabkam fand ſie bereits den größten Theil der Eingeladenen verſammelt, die in dem verzögerten Er⸗ ſcheinen der Geburtsträgerin heut eine verzeihliche Ko⸗ ketterie erblickten, und ihr mit lebhafter Begrüßung entgegen traten. Der große runde Tiſch in der Mitte des Zimmers war mit Blumen und Gaben bedeckt, und jeder neu Eintretende bot ein neues Liebeszeichen. Welfs trafen faſt mit ihr zugleich ein, und während Emma ihr mit einfachen Worten eine ſelbſtgefertigte Stickerei übergab, zog ſich Arnold nachdem er einen formellen Glückwunſch ausgeſprochen, ſogleich in die Gruppe der Anweſenden zurück, von denen er ſich beobachtet wußte. Sein ſcharfes Auge hatte raſch er⸗ ſpäht, daß ſeiner Gabe nicht unter dem übrigen Auf⸗ bau des Geburtstagstiſches ein Platz angewieſen war. Die Befriedigung, die er darüber empfand würde tie⸗ fem Unmuth gewichen ſein, hätte er ahnen können, daß noch eine zweite Gabe den Augen der Welt ent⸗ zogen war. Während Emma noch mit dem jungen Mädchen ſprach, näherte ſich Doctor Waldau und drückte den flüchtigen Kuß auf Martha's Stirn, der als ſein al⸗ tes Freundesrecht galt.„Was ſoll man Ihnen heute wünſchen, lieb Schloßfräulein“, ſagte er etwas ſpöt⸗ 183 tiſch;„es iſt ja ſchon Alles in Fülle vorhanden! Ha⸗ ben die Feen denn gar nichts vergeſſen? Iſt keine Un⸗ geladene da, die ein böſes Codizill an die ſchöne Be⸗ ſcheerung hing, das ein echter Rittersmann bekämpfen könnte? Hollah! was halten Sie da in der Hand? Eine Perlenſtickerei? Ominös, höchſt ominös! Perlen, meine Damen, Perlen bedeuten Thränen! Da haben wir's ſchon! Nehmen Sie ſich in Acht, Geburtstags⸗ kind, vor der Perlenfee!“ Emma wechſelte die Farbe.„Wenn Perlen Thrä⸗ nen bedeuten“, ſagte ſie raſch, ohne die Augen aufzu⸗ ſchlagen,„ſo iſt es ja keineswegs entſchieden, wem die Deutung gilt— der Empfängerin oder der Geberin.“ Martha legte die Arbeit nieder als ob Feuer ihre Hand berührte, und heſtete einen ſeltſam ſtarren Blick auf das blaſſe Geſicht der jungen Frau. Eben meldete der Diener unter der Thüre:„Es iſt ſervirt.“ Waldau bot der jungen Herrin des Hau⸗ ſes ſeinen Arm, und bald waren die Gäſte um den Tiſch gereiht, wo lebhaftes Geſpräch und Gläſerklingen raſch die Herrſchaft gewann, und die Stimmungen der Einzelnen unter der Maske geſelliger Heiterkeit barg. Daß die Gaſtgeberin ſelbſt aufgeregt und weniger theil⸗ nehmend erſchien als gewöhnlich, daß ſie oft die Farbe 184 wechſelte und dem friſchen Lächeln das ſie ſich eben abgewann, ſogleich ein trübes Hinſtarren folgte, war allerdings nicht zu verkennen, denn Martha vermochte es nie, ihre Eindrücke ſo zu beherrſchen, daß ſie ver⸗ hüllt blieben. Die Anweſenden, faſt ausnahmslos alte Bekannte des Hauſes, erklärten ſich aber die gedrückte Stimmung des Mädchens durch die Eindrücke, die ihr, die ſo ſehr an ihrem Vater gehangen hatte, die erſte Feier dieſes Tages nach ſeinem Verluſt hervorrufen mußten, und waren um ſo eifriger bemüht eine ſo natürliche Traurigkeit zu verſcheuchen. In die Toaſte die der jungen Wirthin gebracht wurden, klang der laute Vivatruf der im Freien ta⸗ felnden Arbeiterfamilien hinein, und des Doctors Vor⸗ ſchlag, nach aufgehobener Mahlzeit das luſtige Völk⸗ chen unten zu beſuchen, fand allgemeine Zuſtimmung. Bald hatten die fremden Gäſte ſich mit den heimiſchen vermiſcht. Die echte Fröhlichkeit, der derbe, friſche Humor der ehrlichen Moſelaner, vom Getränk der hei⸗ mathlichen Berge befeuert, wirkte auf die Geſellſchaft des Schlößchens zurück, und als ſpäter der Tanz be⸗ gann, verſchmähten Jene es auch nicht, die improvi⸗ ſirte Tanzhalle zu beſuchen, und an dem lebhaften Ver⸗ gnügen der heitern Leutchen noch eine Stunde Theil zu nehmen. 185 Erſt hier, wo Jeder beſchäftigt war, ließ Welf den Zügel, mit dem er bis jetzt ſein Verlangen gebän⸗ digt, ſich Martha zu nähern, etwas nach. Er hatte bisher jedes Geſpräch mit ihr vermieden, ſie aber fort⸗ während beobachtet. Die heftige Erregung die in ihr wogte, war ihm nicht entgangen, und er zweifelte nicht an der Urſache derſelben. Sein Herz klopfte wild bei dem Gedanken daß die Zeilen die er ihr geſandt, end⸗ lich die träumeriſche Sicherheit erſchüttert hatten, welche gleich einer Mauer vor ſeinem Begehren ſtand. Das Verlangen ſich noch heute rückhaltlos gegen ſie auszu⸗ ſprechen, wuchs von Stunde zu Stunde, und von die⸗ ſem Gedanken beherrſcht, hielt er ſich aus ihrer Nähe entfernt, den Augenblick abwartend, wo er ſie unbeo⸗ bachtet würde ſprechen können. Nicht umſonſt hatte er Gelegenheit dazu erhofft. Von den Empfindungen faſt erſtickt, die ſeit dem Mor⸗ gen ſo vielgeſtaltig auf ſie eingedrungen waren, dachte das erregte Mädchen die Zeit zu benutzen, wo ſie ihre Gäſte beſchäftigt ſah, um ſich in das Haus zurückzu⸗ ziehen, in der Einſamkeit ihres Zimmers aufzuathmen und Faſſung zu gewinnen. Kaum hatte Arnold der ſie nicht aus den Augen ließ, ihr Entſchlüpfen bemerkt, als er ihr folgte, und von der wachſenden Dämmerung begünſtigt, ihr plötzlich entgegentrat, während ſie den 186 einſamen Garten durchkreuzte, um durch den hinteren Eingang in das Haus zu gelangen. Martha ſtand wie angewurzelt, als Welf ihr in den Weg trat, als ſei er aus der Erde emporgewachſen, ſich zu ihr niederbeugte, und, ihre beiden Hände er⸗ greifend, mit leiſer, leidenſchaftlich bebender Stimme zu ihr ſprach. Erſt war es nur ein Stammeln ihres Namens, dann kamen abgeriſſene, fliegende, nur zu verſtändliche Worte. „Ich trage es ſo nicht länger“, ſchloß der Hoch⸗ erregte, indem er die kleinen Hände feſter drückte,„und warum auch verſchweigen, was in mir kämpft und ſtürmt, was Du längſt ſchon weißt, daß ich Dir ge⸗ höre mit jedem Athemzug, daß ich Dich gewinnen, oder zu Grunde gehen muß!“ Das Mädchen zitterte wie Espenlaub. In dem durchſichtigen Helldunkel des Abends unterſchied er, wie blaß ſie war. Mit geiſterhaftem Blick ſah ſie zu ihm auf und ſagte mechaniſch:„Perlen bedeuten Thränen.“ „Ich verſtehe Sie nicht“, rief Arnold betroffen. „Emma verſteht es um ſo beſſer“, erwiderte Martha tonlos. „Was ſoll uns dies!“ ſagte Welf, indem er ihre Hände losließ, und, die Arme verſchränkend, finſter 187 blickend vor ihr ſtehen blieb.„War es nicht Martha, die ich ſagen hörte:„Das Recht des Herzens muß ge⸗ wahrt werden, um jeden Preis!“ „Nicht um dieſen“— ſtammelte das Mädchen. „Gott vergebe uns beiden— Emma darf nicht un⸗ glücklich werden.“ „Der Wunſch kommt zu ſpät“, unterbrach ſie Arnold, und ſeine Stimme klang herb.„Unglücklich iſt Emma bereits, und großmüthige Bedenken helfen uns Allen über dieſe Kluft nicht hinüber. Ich fordere heut nur Eines, Martha, dies aber haben Sie kein Recht zu verſagen, ich muß es aus Ihrem Munde hören— haben Sie nur mit mir geſpielt, oder lieben Sie mich?“— „Je ſpäter am Abend, je ſchöner die Leute“, klang eine ſcharfe Stimme vom Hauſe her, und mit wenigen Schritten ſeiner langen Beine erreichte der Doctor, von einem Krankenbeſuch zurückkehrend der ſein geſelliges Vergnügen unterbrochen hatte, das faſ⸗ ſungsloſe Paar. Arnold wandte ſich ab ohne ein Wort zu ſprechen; außer ſich über die Störung eines Augenblickes, nach dem ſein ganzes Weſen ſeit Mona⸗ ten hingeſtrebt hatte, ſetzte er in ſeiner Erregung jede Rückſicht aus den Augen, und verſchwand mit ſtürmi⸗ ſchen Schritten unter den Bäumen des Gartens. 188 Martha war eben ſo wenig im Stande ihre Aufre⸗ gung zu verbergen; ſie ſtand unbeweglich, und rang vergebens nach einem Worte um Waldau's Anrede zu erwidern. Ohne von ihrer Faſſungsloſigkeit Notiz zu neh⸗ men, ſagte der Doctor leichthin:„Und wohin geleite ich Sie nun, Wiegenkind? In's Haus zurück, das übrigens ausgeſtorben iſt, wie ein wahres verzaubertes Schlößchen, oder zu Spiel und Tanz und Geburts⸗ tagsfeſtlichkeit?“ „Ich wollte mich nur ein Weilchen ausruhen“, entgegnete das Mädchen mit kaum verſtändlicher Stimme.„Der Kopf thut mir weh von all der Un⸗ ruhe.“ „Ich wollt' es wäre Schlafenszeit und Alles wär' vorüber!“ parodirte Waldau indem er ihr ſeinen Arm bot und ſie in das Haus führte.„Laſſen Sie mich einmal nachſehen— hui, wie das Köpfchen brennt! Hier ſetzen Sie ſich ſtill in die Sophaecke, die Lampe hat einen braven Schirm und wird Sie nicht incom⸗ modiren, und nun ruhen Sie ſich gehörig aus.“ Willenlos, wie ein Kind, nahm Martha den an⸗ gewieſenen Sitz ein, deckte die Augen mit der Hand und rührte ſich nicht. Der Doctor wanderte mit weiten Schritten im 189 Zimmer auf und nieder, und warf von Zeit zu Zeit einen ſcharfen Blick auf das Mädchen:„A propos“, ſagte er, nach einer langen Pauſe vor ihr ſtehen blei⸗ bend, indem er aus ſeiner tiefen Rocktaſche ein Buch hervorlangte, und es nachläſſig vor ihr niederlegte— „der Tag iſt beinahe herum, und ich habe Ihnen noch nicht einmal mein Geburtstagspräſent ſpendirt. Hier Sie kleiner Leſewolf, haben Sie etwas zu naſchen, Zuckerwerk iſt's aber nicht.“ Martha ſah den Band gedankenlos an. Es war Sallet's Laienevangelium. Ein ſchönes Leſezeichen, im Stil alter Vignetten gemalt, ſah ziemlich oſtenſibel daraus hervor. Mechaniſch nahm das junge Mädchen das Buch in die Hand und ſchlug es an dieſer Stelle auf. Eine glühende Flamme ſchlug über ihr Geſicht, als ihr Auge auf der Seite haftete, deren Ueberſchrift mit einem kräftigen Bleiſtiftſtrich bezeichnet war. Es war jenes Gedicht, das:„Gedankenſünde“ überſchrie⸗ ben iſt, und mit den Worten beginnt:„Du ſollſt nicht ehebrechen, ward geſagt den Alten einſt.“ „Soll das mir gelten?“ rief Martha heftig. Waldau ſchwieg einen Augenblick, dann ſagte er nachdrücklich:„Ja.“ „Welches Recht haben Sie, mich zu beleidigen!“ rief das Mädchen aufſpringend, indem ſie ihn mit 190 flammenden Augen anſah, und jener Zug aufgeregten Trotzes, den er ſeit ihrer früheſten Kindheit kannte, ſo ſelten er auch zum Vorſchein kam, mit einem Schlage den Ausdruck ihres Geſichtes veränderte. „Das gute Recht Ihres älteſten Freundes“, ſagte Waldau bedächtig.„Und es iſt wahrlich hohe Zeit, daß ich mich deſſen bediene. Ich weiß freilich, daß zarte Ohren die Dinge nicht allzugern bei ihrem rechten Namen nennen hören, und daß Eure poetiſche Schwär⸗ merei das plumpe Wort:„Gedankenſünde“ mit einem viel liebenswürdigeren Ausdruck zu taufen verſteht. Das Reſultat bleibt aber immer daſſelbe, und wo ein heiliges Recht verletzt wird, kommt auf den Titel, un⸗ ter dem es geſchieht, nicht viel an!“ „Wer ſagt Ihnen, daß durch mich heilige Rechte angetaſtet werden!“ rief Martha außer ſich.„Können Sie in mein Herz blicken? Schmach über Sie, der ſich meinen älteſten Freund nennt, und in demſelben Athem⸗ zuge mich des Niedrigſten zeiht!“ „Richtig, ich kann nicht in Ihr Herz blicken— aber bitte, blicken Sie doch ſelbſt einmal hinein, doch wohlgemerkt, erſt fort mit den ſieben und abermals ſieben Schleiern, womit Sie es fein ſäuberlich zuge⸗ deckt haben. Was finden Sie darin? Bloß Träume der Phantaſie, ohne Wunſch der Verwirklichung? Kei⸗ 191 nerlei Anſprüche alſo, die fremde Rechte antaſten? Ganz recht, Sie wollen von dem, der nicht Ihr eigen iſt, nur eine Kleinigkeit beſitzen— ſeine Seele und ſeine Gedanken. Alles Uebrige laſſen Sie willig der erſten Eigenthümerin, der eine gar ſchöne Rolle übrig bleibt, wenn Seele und Gedanken von der Summa ihres Beſitzthums abſtrahirt ſind. Soll ich Ihnen ſa⸗ gen, was ihr bleibt?“ „Schweigen Sie!“ rief Martha empört,—„Sie mißbrauchen die Freiheiten, die ich ſelbſt Ihnen einge⸗ räumt— Sie überſchreiten das Recht des Freundes, das ſo weit nicht geht!“ Ein krampfhaftes Schluchzen, das ſie nicht zu bändigen vermochte, erſtickte ihre Stimme. Die Profeſſorin erſchien unter der Thüre. Als ſie wahrnahm, daß ſie ein bewegtes Geſpräch un⸗ terbrach, wollte ſie ſich ſtillſchweigend zurückziehen. Schon hatte Martha ſie aber erblickt, und eilte ihr mit ſprühendem Auge entgegen.„Uebernehmen Sie es, mich nicht vermiſſen zu laſſen, liebe Tante“, ſagte ſie mit fieberiſcher Haſt,„und entſchuldigen Sie mich ſpä⸗ ter. Ich bin heute nicht mehr im Stande, Menſchen zu ſehen.“ Ohne Antwort abzuwarten, ſtreifte ihre brennend 492 heiße Hand die der Profeſſorin, und im nächſten Au⸗ genblick war das Mädchen verſchwunden. Anna ſah den Doctor betroffen an:„Was iſt vorgefallen?“ „Damit nicht etwas vorfällt, woran wir Alle unſer Päckchen Verantwortung mit uns herumzuſchlep⸗ pen hätten, habe ich mich ſo eben zu einer Operation entſchloſſen“, ſagte Waldau rauh.„Mit Euren weißen Salben iſt es nicht gethan, wo nur heroiſche Mittel helfen können. Operationen thun aber dem Patienten weh, beſonders wenn man tief einſchneiden muß. Beſ⸗ ſer aber Schmerzen, als der Tod.“ Mit finſterer Stirn nahm der Doctor Hut und Stock und ging. Am folgenden Morgen ſah die Profeſſorin dem Erſcheinen Martha's mit einer Unruhe entgegen, die ihr den Schlaf der Nacht geraubt hatte. Sie empfand, daß eine Kriſis bevorſtand, und hatte das Herz voll Sorgen. Die düſtere Stimmung Welfs, der er keinen Zwang auferlegte, als er gleich den Uebrigen Martha's frühes Zurückziehen vernommen hatte, war der beweg⸗ ten Frau als Beweis erſchienen, daß er mit der un⸗ gewöhnlichen Erregung des Mädchens in engem Zu⸗ ſammenhange ſtand. Er war einer der Erſten, die aufbrachen, überhaupt hatte die Geſellſchaft ſich bald 193 aufgelöſt, nachdem das Unwohlſein der Wirthin be⸗ kannt geworden war. Der ſo feſtlich begonnene Tag ſchien mit allgemeiner Verſtimmung enden zu ſollen. Von ihrem ſorgenvollen Gemüthe gedrängt, entſchloß ſich Anna, an Martha's Thüre zu pochen, ſobald die Gäſte ſich zerſtreut hatten. Einlaß war ihr aber nicht geworden, ſo innig ſie auch darum bat, als das er⸗ ſtickte Schluchzen des Mädchens an ihr Ohr drang, und keine andere Antwort, als die angſtvolle Bitte um Einſamkeit. Mit ſchwerem Herzen zog ſie ſich endlich zurück. Als Martha am folgenden Morgen am Früh⸗ ukkstiſche erſchien, lagen zwar die Spuren einer durch⸗ wachten, durchweinten Nacht ſichtbar auf ihren er⸗ ſchöpften Zügen, doch hatte ihre Haltung, ihr ganzer Ausdruck die Sicherheit wieder gewonnen, die ihr in jüngſter Zeit faſt ganz abhanden gekommen war. „Heut werde ich Sie überraſchen, Tantchen“, ſagte ſie bald nach der erſten Begrüßung.„Ich trage mich mit Reiſegedanken, und denke noch vor Mittag auf und davon zu fliegen. Sehen Sie nur nicht ſo be⸗ ſtürzt aus, Sie wiſſen ja daß ich eine Wetterfahne bin, und ſollen auch ſogleich erfahren woher der Wind weht. Geſtern fand ich nicht Zeit Ihnen zu erzählen, daß unter den Geburtstagsbriefen die ich erhielt, auch Godin, Frauenliebe und Leben III. 13 194 einer von Eliſabeth Hildheim war der Neuigkeiten brachte. Onkel Hildheim iſt als Oberregierungsrath nach Aachen verſetzt, und mußte ſofort dahin abreiſen, da ein Todesfall das Avancement veranlaßt hat. Tante iſt kränklich, und wie es ſcheint wiſſen ſich die Mädchen mit ihren Umzugsangelegenheiten nicht zu rathen und zu helfen. Sie ſind unpraktiſch wie Fle⸗ dermäuſe, und der Brief iſt angefüllt mit Klageliedern aller Art. So habe ich mir denn ausgedacht, zur Sühne aller meiner vorigen Miſſethaten meine Hilfe anzubieten, und will es perſönlich thun um alle Re⸗ densarten abzuſchneiden. Da Onkel ſchon abgereiſt iſt, fehlt es dort nicht an Platz für mich, und wenn wir mit dem Einpacken fertig ſind, nehme ich die Kleinen mit nach Eliſenhof, wo ſie bleiben können, bis die Einrichtung in Aachen völlig im Gange iſt. Was halten Sie von meinem Project, Tantchen?“ Martha hatte in faſt geſchäftsmäßigem Tone ge⸗ ſprochen, ohne die Augen aufzuſchlagen. Die Profeſſorin entgegnete halblaut, mit bewegter Stimme:„Ich lobe Ihren Entſchluß, liebes Kind, und — es freut mich, daß Sie gehen!“ Martha blickte auf, und begegnete zwei treuen Augen, die mit Thränen gefüllt auf ihr ruhten. Ihre künſtliche Faſſung drohte ſie zu verlaſſen, raſch erhob 195 ſie ſich, ſchlang den Arm um Anna's Hals, und flü⸗ ſterte, ſich zu ihrem Ohre niederbeugend:„Loben Sie mich nicht zu früh!— gehen aber will und muß ich.“ „Und heute noch, wenn ich Sie recht verſtand?“ „Ja“, entgegnete das Mädchen ruhiger, indem ſie ihren Platz wieder einnahm. „Ich will den Wagen nehmen, dann bin ich Abends in Trier. Das Dampfboot geht erſt übermorgen, das wird mir zu lange. Was ich bedarf iſt raſch gepackt und Haus und Hof ſind ja in guten Händen. Ueber⸗ nehmen Sie es, Liebe, die Freunde zu grüßen. Bis zur Leſe bin ich jedenfalls zurück. Sagen Sie dem Doctor: ſein Geburtstagsgeſchenk würde ich mitnehmen — oder nein, ſagen Sie ihm lieber nichts!“ Zwei Stunden nachher rollte der leichte Halb⸗ wagen mit den Braunen beſpannt, die Lutzerather Straße entlang. Der herabgelaſſene Schleier deckte das Geſicht des jungen Mädchens, das allein im Fond ſaß. In ihrem Gürtel trug ſie einen halbverwelkten Veilchenſtrauß. 137 Elftes Kapitel. Dem leidenſchaftichen Unmuth, womit Arnold die erſte Nachricht von Martha's unerwarteter Abreiſe aufnahm, folgte dald die Erkenntniß, daß ſeiner, bis zum Aeußerſten angeſpannten Stimmung dadurch eine Wohlthat zu Theil geworden. Nach monatelanger, fieberiſcher Aufregung lag in dem ihm auferlegten Stillſtand eine Art von Erleichterung. Daß Martha ihn floh, nachdem er ſich ihr gegenüber weiter hatte fortreißen laſſen, als er vor ſich ſelbſt verantworten konnte, ſtimmte ſeine Zuverſicht auf ihr Gefühl für ihn keineswegs herab. Der Entſchluß, ſich gegen ſein Weib zu erklären, ehe er Martha wiederſah, ſtand feſt in ihm; dennoch ſchlich Tag um Tag vorüber ohne das Wort, das er zu ſprechen gewillt war, über ſeine Lippen zu bringen. 197 Von einer jener Leidenſchaften vorwärts getrieben, die keine Schranken mehr achten, ſah er zugleich mit furchtbarer Klarheit ſein gegenwärtiges, wie ſein ver⸗ gangenes Verhältniß zu Emma im ſchärfſten Lichte. Was er ihr ſo herb zum Vorwurf gemacht, was ihn der holden Gefährtin ſeines Herzens, ſeines Lebens ſo tief entfremdet hatte, was war das jetzt vor ſeinem Hellſeherblick? Klein erſchien ihm nichts mehr, als nur — er ſelbſt! Die Schwäche all zu nachſichtiger Liebe hatte er ſein junges Weib büßen laſſen, gleich einem Verbrechen— wie bitter empfand er das nun, als er die Stärke derſelben Liebe erkannte, die ohne Vor⸗ wurf ſchweigend neben ihm ſchritt, ſich längſt jedes anderen Rechtes auf ihn begeben hatte, nur nicht des einen, als der gute Geiſt ſeines Hauſes ſorgend um ihn zu walten. Kein Gedanke an Umkehr kam aber in ſeine Seele— das Wort, welches er gegen Martha ausgeſprochen, ſchien ihm allein noch Rechte an ihn zu haben, und inmitten der brennendſten Qual einer Seelendisharmonie, die ſich bis an das Ewige in ihm wagte, drängte es ihn einzig nur vorwärts. Waldau gab den Herren ſeiner Bekanntſchaft ein Souper in der eigenen Junggeſellenwohnung. Auch Welf war der Einladung dahin gefolgt, und gab ſich, im Bedürfniß ſeiner kranken Stimmnng zu entfliehen, 198 einer gewaltſam geſteigerten Lebhaftigkeit hin. Seine Erregtheit mußte jedem der Gäſte auffallen; eine ihm ſonſt niemals eigene faſt maßloſe Luſtigkeit wurde von ſcharf ſarkaſtiſchen Bemerkungen abgelöſt, die auf⸗ hörten belacht zu werden, als er gegen Santer welcher ihm gegenüber ſaß, zu wiederholten Malen Ausfälle richtete, die zwar die Form des Witzes trugen, aber in ihrer Schärfe doch die gährende Stimmung verrie⸗ then der ſie entſprangen. Die ganze Ruhe des Ange⸗ griffenen und aller Takt des Wirthes waren erforder⸗ lich, um ernſtliche Störung des geſelligen Kreiſes fern zu halten. Während ſich, vielleicht mit einziger Ausnahme des Doctors, der ganze Geſellſchaftskreis durch die ruhige Haltung des Architekten gegen Martha hatte täuſchen laſſen, waren Arnold's durch den Inſtinkt ſeiner Leidenſchaft geſchärfte Augen die ruheloſen Wäch⸗ ter jedes Blickes geweſen, der doch mitunter Santer's Empfindung verrieth. Das Unbehagen deſſen ſich auch der reinſte Menſch nicht erwehren kann, ſobald er einem Anderen gegenüber ſteht, der ihn in demü⸗ thigender Lage getroffen hat, mußte die Reizbarkeit Welf's noch ſteigern. Die verborgene Abneigung, welche Richard ihm einflößte, und die von dieſem in vielleicht noch höherem Grade getheilt ward, war bis⸗ 199 her von höflichen Formen verhüllt geblieben, aber ſo intenſiv, wie Gluth unter der Aſche. Dieſe beiden, ſo durchaus verſchieden angelegten Naturen hätten in aufrichtiger Anerkennung des Werthes ihrer gegenſei⸗ tigen Individualitäten neben einander leben und ſogar Freunde ſein können, wären ſie ſich nicht in ein und demſelben Brennpunkte begegnet. So, wie es war, mußte grade das Eigenartige, was Beide beſaßen, ab⸗ ſtoßend wirken. Die Gäſte erhoben ſich von der Tafel und begaben ſich zum Genuß der Cigarre in das nebenanliegende Studierzimmer des Doctors. Welf, der dieſen Raum noch nicht betreten hatte, bemerkte über dem Schreib⸗ tiſch ein Miniaturbild Martha Halm's, das zu der Zeit gemalt war, als ſie in dem knospenhaften Reiz jenes Alters ſtand, das zwiſchen Kind und Jungfrau die Mitte hält. Lebhaft nahm Arnold das Bild von der Wand, und verſank, ohne ſeine Umgebung zu be⸗ achten, in das Anſchauen des ſüßen Geſichtes. Richard Santer, der ſeinen Bewegungen mit zu⸗ ſammengepreßten Lippen gefolgt war, verlor die ihm ſonſt ſo ſehr zu Gebot ſtehende Ruhe mit jeder Minute mehr, da Welf in einer Stellung verharrte, welche die Blicke der übrigen Gäſte wiederholt auf ihn lenkte. 200 Plötzlich trat er an ihn heran und ſagte ſchroff:„Hän⸗ gen Sie das Bild an ſeine Stelle.“. „Was ſoll das heißen?“ rief Arnold ſtirnrunzelnd, indem er den jungen Mann mit ſprühendem Auge betrachtete. „Es ſoll heißen, daß Sie ein Mädchen, das Ihrer höchſten Achtung werth iſt, bereits genug compromittirt haben, und daß ich nicht dulden will, daß es hier vor aller Welt Augen von Neuem geſchieht.“ Welf, deſſen kochende Aufregung jeden Blutstro⸗ pfen aus ſeinen Wangen trieb, ſagte mit gewaltſamer Ruhe in ſpöttiſchem Tone:„Hat Fräulein Halm Sie etwa zu ihrem Ritter erwählt? Oder mit welchem Recht treten Sie in ſo origineller Weiſe, für ſie in die Schranken?? „Martha Halm iſt die Tochter meines Adoptiv⸗ vaters“, entgegnete Richard kalt, aber mit finſterem Blick.„Sie ſelbſt hat Freiheit zu thun und zu laſſen was ihr beliebt, in ihrer Abweſenheit aber dulde ich nicht, daß meiner Schweſter Ruf Ihrem unverantwort⸗ lichen Betragen zum Opfer wird.“ „Herr!“ rief Welf drohend. „Oder wie nennen Sie es ſonſt“, fuhr Richard unbeirrt fort,„wenn ein Mann ohne Scheu als Be⸗ werber um die Gunſt eines ſchutzloſen Mädchens auf⸗ 201 tritt, der genau weiß, daß er niemals in der Lage ſein wird, den Ruf, den er zerſtört, vor den Augen der Welt wieder herzuſtellen?“ „In Ihrer Analyſe iſt ein Rechnungsfehler“, un⸗ terbrach ihn Arnold mit vor Leidenſchaft bebender Stimme.„In wenigen Monaten werde ich in der Lage ſein, die Sie mit ſo viel Nachdruck als unerreich⸗ bar bezeichnen. So viel ich weiß, verſagen die Geſetze unſeres Landes eine Scheidung nicht, die mit gegen⸗ ſeitiger Zuſtimmung gefordert wird, und ich bin Dem, der ſich ſo lebhaft um den guten Namen des Mädchens annimmt, das einſt meinen Namen tragen wird, zu ſehr zu Dank verpflichtet, um an der ſeltſamen Form in der es geſchah, Anſtoß zu nehmen.“ Mit hochmüthigem Neigen des Hauptes wandte ſich Arnold von dem, durch ſeine Worte wie vom Donner gerührten Gegner ab, und näherte ſich der Gruppe der Gäſte, welche der Doctor während der letzten Augenblicke beſchäftigt hatte. In ſchwerer Stimmung wanderte Arnold ein paar Stunden ſpäter durch die Nacht ſeinem Hauſe zu. Das Unwiderrufliche war geſchehen! Nicht länger ruhte der Gedanke, der den Rubikon überſchritt, in den ſtummen Tiefen ſeiner Bruſt— er hatte ſich her⸗ vor an's Licht gedrängt, zum Worte geſtaltet und 202 ſtand nun zwingend, rieſenhaft mitten in ſeinem Leben. Nach ſo viel heißen Kämpfen hatte nicht ſein Wille ihm dies Wort entrungen, nicht Die, deren ſchmerz⸗ liches Recht es war, hatte es zuerſt von ihm gehört, nein— in der Leidenſchaft des Augenblickes hatte er es dem Fremden, dem Feinde zugeſchleudert, wie ein Wurfgeſchoß, das den Angegriffenen verletzt, den An⸗ greifer aber zugleich wehrlos macht. Die Zukunft blickte ihn geſpenſtiſch an. Wir alle haben die Erfahrung gemacht, daß ſelbſt das, was wir mit voller Zuſtimmung unſerer Kräfte beſchließen, meiſt eine andere Geſtalt empfängt, als die berechnete — doch laſſen alle Elemente, die ſich von Außen her umgeſtaltend in unſere Handlungen miſchen, ſich ertra⸗ gen, wenn die Achtung vor dem eigenen Selbſtbewußt⸗ ſein gerettet wird. Welf aber empfand in dieſer Stunde, daß ihm das freie Recht des Wollens und Könnens entwichen war,— daß ihm keine Wahl mehr blieb, und dies war für einen Charakter, deſſen erſtes Bedürfniß es war, ſich auf ſich ſelbſt zu concen⸗ triren, ein bitteres Bewußtſein. Der Morgen, der auf dieſe Nacht folgte, war einer jener herbſtlichen Regentage, die den wohnlichſten Raum verdüſtern. Der Sturm ſchüttelte und beugte die Krone des alten Kaſtanienbaumes, deſſen Zweige 203 ſich bis an das Geſims des Fenſters erſtreckten, an dem Emma zu arbeiten pflegte. Unabläſſig rieſelte der Regen auf die ruheloſen Blätter, die, vom Winde gepeitſcht, den letzten Halt aufgaben und maſſenweiſe zur Erde taumelten. Die junge Frau ſaß auch heute Morgen an ihrem gewohnten Plätzchen, und bewegte die ſchlanken Finger mechaniſch an einer Handarbeit, während ihr Auge immer wieder und wieder zu der regungsloſen Geſtalt hinüberſchweifte, die ſeit länger als einer Stunde ſtumm in der Ecke des Sophas lehnte, den Kopf auf die Hand geſtützt deren Schatten den düſtern Ausdruck, ſeines Geſichtes nicht ganz verbarg. Mit Herzklopfen ſah Emma wie es in ihm arbeitete, und die dumpfe Re⸗ gungsloſigkeit ſeiner Haltung contraſtirte ſo ſeltſam mit der ſtürmiſchen Aufregung, die ſeine Züge verriethen, daß ihre innere Angſt von Augenblick zu Augenblick wuchs. Endlich vermochte die junge Frau das drückende Schweigen, die quälende Rolle einer Zuſchauerin nicht mehr zu ertragen. Leiſe erhob ſie ſich, glitt geräuſch⸗ los an Arnolds Seite, und ſtrich über ſein dunkles Haar— ihre Hand zitterte, es war ſeit vielen Mona⸗ ten die erſte Liebkoſung, welche ſie wagte. Arnold ſah zu ihr auf. In dem Blicke, der ſie traf, lag unausſprechliche Qual. 204 Es war Emma zu Muth, als ſollte das Herz ihr ſpringen. Unwillkürlich kniete ſie an ſeiner Seite nieder, lehnte den ſchönen Kopf gegen ſeinen Arm und rief mit ſchmerzlicher Innigkeit:„Du leideſt, und ich kann nichts für Dich thun!“ „Doch!“ ſagte Welf mit einem fremden Klang in ſeiner Stimme.„Aber ſteh' auf— der Platz, den Du einnimmſt, würde für mich beſſer paſſen als für Dich. Wer etwas erlangen will, kniet mitunter— und ich habe eben nachgeſonnen, wie ich Seltſames von Dir erlangen könnte. Du willſt etwas für mich thun,— wohlan, ich nehme Dich beim Worte. Gieb mich frei!“ Emma'’s Antlitz ward weiß wie Schnee. Lang⸗ ſam erhob ſie ſich, erfaßte krampfhaft die Sophalehne und ſah Arnold mit geiſterhaftem Blicke an.„Iſt es ſo weit gekommen!“ hauchte ſie tonlos. „Ja, Emma, ſo weit iſt es mit mir gekommen“, ſagte Welf immer noch in dem gleichen unnatürlich ruhigen Tone.„Das ließeſt Du Dir freilich nicht träumen als Du mir damals Deine Hand reichteſt, daß ich ſie freiwillig wieder laſſen würde. Aber, ſage nicht Nein!“ Die junge Frau war auf einen Schemel nieder⸗ geſunken und beugte ihr blaſſes Haupt tief auf ihre 205 gefalteten Hände. Lange Minuten vergingen in einem Schweigen, das nur durch ſchwere Athemzüge von dem des Todes unterſchieden war. Endlich richtete ſie ſich auf, drückte die Hand feſt auf ihr ſtockendes Herz und ſagte langſam:„Ich will Dich nicht halten. Lebte unſer Annchen noch, ſo müßte ich's. Eben habe ich Gott dafür gedankt, daß er ſie in ſeinen Himmel ge⸗ nommen hat. Daß ich Deinem Herzen nichts mehr bin, weiß ich längſt— Gott wird mir helfen es zu tragen, daß ich nun auch Deinem Leben nichts mehr ſein ſoll. Ich habe mir zugelobt, in Alles einzuwilligen, was er mir auferlegt; ſo willige ich auch in Dein Begehren!“ Sie hatte die Worte ruhig geſprochen, ohne inne zu halten. Ihre Kraft verließ ſie aber, als ſie ſich wandte, um von ſeiner Seite zu gehen. Die wanken⸗ den Kniee hielten ſie nicht mehr, und ſie wäre zu Boden geſunken, wenn der Arm der ſie einſt zu ſtützen gelobt hatte bis zum letzten Athemzug, ſie nicht gehal⸗ ten hätte in dieſer Stunde des Scheidens. Faſſungslos umſchlang ſie den heißgeliebten Mann, und rief mit brechender Stimme:„Mag ſie Dir das Glück ſchenken, das ich Dir nicht geben konnte! Wenn ich fern bin, wirſt Du meiner gedenken wie einer Tod⸗ ten, und die Schuld vergeſſen, die mich aus meinem Himmel ſtieß.“ — 206 „Sprich nicht von Schuld“, ſagte Arnold qualvoll, „wenn Du Dich anklagſt, ſo häuft dieß nur den Vor⸗ wurf, der mich allein trifft. Von Allem was ich Dir in glücklichen Stunden zugelobt, habe ich nichts gehal⸗ ten— Glück, Schutz und Treue ſchwur ich Dir am Altar, und ahnte nicht, wie es enden würde. Gedemüthigt und zerbrochen ſtehe ich vor Dir, ein Bettler, der nichts mehr zu geben hat. Und von Glück ſprichſt du! Emma, Du kennſt mich genug um zu wiſſen, daß mit einer Stunde wie dieſe Glück nicht erkauft wird. Aber ich kann nicht anders, ſelbſt wenn Du zum Vergeben bereit biſt, nicht anders! Dir darf ich, will ich nicht lebenslang ein täglich Almoſen bieten, und den Schatz, den ich Dir ſchulde— den habe ich nicht mehr.“ Während er ſprach, hatte ſich die junge Frau aus ſeinem Arme losgemacht.„Einen Wunſch habe ich noch“, ſagte ſie gefaßter indem ihre Hand leicht die ſeine berührte.„Ich weiß nicht welche Schritte Du zu thun haſt— bis dahin aber laß mich in Deiner Nähe bleiben.“ Sein betroffener Blick jagte ihr dunkle Gluth auf Wange und Stirn.„Fürchte nicht, daß ich daran denke, Dich umzuſtimmen“, ſagte ſie, und der Stolz des Weibes der kein reines Herz verläßt leuchtete aus 207 ihrem Blicke.„Aber ich habe einſt als mir volle Er⸗ kenntniß kam was ich gegen meinen Frauenberuf ge⸗ ſündigt, ein heiliges Gelübde vor mir ſelbſt abgelegt. Ich möchte es halten, bis zur letzten Stunde. Daß ich keinen Anſpruch mehr auf Dich mache, dafür bür⸗ gen Dir die verwichenen Monate. Keiner hat mich lieben und leiden geſehen, und Keiner wird es, auch Du nicht, Arnold!“ Mit ſeltſam gehobenem Ausdruck wandte ſie ſich von ihm und ließ ihn allein. Zwölftes Kapitel. Es war am Abend deſſelben Tages, welcher zwi⸗ ſchen den Gatten das Scheidewort zur Ausſprache ge⸗ bracht, deſſen Nachwirkung ein drittes gleich Leben tief berühren ſollte. Martha verweilte noch in Trier, doch war der folgende Morgen zur Abreiſe der Familie beſtimmt, nachdem alles Unbehagen des bevorſtehenden Umzuges glücklich bewältigt worden. Die Regierungs⸗ räthin wollte mit den ältern Töchtern ihrem Gatten folgen, während Martha ſich erboten hatte, die Kleinen mit ſich nach Eliſenhof zu nehmen, bis am neuen Wohnort der Familie eine ruhige Häuslichkeit geſchaffen ſei. Das etwas froſtige Willkommen, welches der Nichte bei ihrem unvermutheten Eintreffen von Seiten der Verwandten zu Theil geworden, hatte bald der Befriedigung Platz gemacht, an ihr den Beiſtand zu 209 finden, den ihre Gewandtheit in jeder praktiſchen Ver⸗ richtung für die Damen momentan von großem Werth machten. Nun war Alles abgethan, die Abreiſe vor der Thür, und man ſaß auf Kiſten und Käſten um⸗ her, um das gewöhnliche Frage⸗ und Antwortſpiel abſchiednehmender Beſucher zu erledigen. Martha nahm unvermerkt Shawl und Hut, und ſchlüpfte aus dem Hauſe, um auf einſamem Spaziergang die beäng⸗ ſtigende Spannung zu mildern, die ſie zu erſticken drohte. Der Impuls welcher ſie dazu getrieben hatte, um jeden Preis dem Wirrſal zu entrinnen das ſie ſo plötzlich aufgerüttelt, war in die ſchmerzlichſte Seelen⸗ ſtimmung übergegangen, ſeit ſie dieſen Schritt gethan der nur ein Aufſchub, aber keine Löſung war. Und was nun, da die neue Heimkehr drängend vor ihr ſtand? Sie empfand ſcharf und klar, daß die Bande, welche ſie ſo ſchmerzlich beglückend umſponnen hatten, gebrochen werden mußten, und doch wichen alle guten Geiſter, wenn Arnold's Bild auftauchte wie es zuletzt vor ihr geſtanden, in jenem Moment, der ſchrill unter⸗ brochen worden, wie das Springen einer Saite ſtrö⸗ mende Melodien unterbricht. Und neben dieſem Bilde ſtand noch ein zweites. Maſchinenmäßig wanderte ſie aus dem Thore, Godin, Frauenliebe und Leben III. 14 210 die ſchattige Nußbaum⸗Allee entlang, und bog in die Anlagen, die ſich um die Stadt ziehen. Es war ſehr kühl, die Zeit der Spaziergänger vorüber; nur hier und da erſchien ein verſpäteter Wanderer, der auf ärztliche Verordnung nach beendigten Bureauſtunden ſeine vorſchriftsmäßlige Promenade abmachte. Müde an Leib und Seele ließ Martha ſich auf einer von Pappeln und Strauchwerk umgebenen Bank nieder, die den„römiſchen Bädern“ gegenüber angebracht war, und blickte träumeriſch nach den Thermen hin, durch deren weite Fenſterbogen die Thürme der Stadt ſichtbar waren. Die Abendſonne beleuchtete das längliche Viereck der Ruinen und die runden Thürme, welche einen der noch erhaltenen Vor⸗ ſprünge einfaſſen, mit roſigem Schein. Die magiſche Durchſichtigkeit herbſtlicher Lichter lag auf der Land⸗ ſchaft, und Martha empfand die Schönheit der Um⸗ gebung, wie ein krankes Kind Ausruhen an der Mutter Bruſt. Ihre gepreßte Stimmung löſte ſich in Weich⸗ heit, das liebliche Lebewohl das der Herbſt der Erde ringsum gab, drang in ihr Gemüth und ſtimmte es bereitwilliger zu dem Scheiden, das ihr drohte. Sie empfand ein Verzichten, als ſei mit den fallenden Blät⸗ tern, mit den ziehenden Wandervögeln alles vorbei, als gäbe es keine Wiederkehr der abgeſponnenen Lebens⸗ 211 thätigkeit, als ſei ſie ſelbſt abgelöſt von Allem was ſie bis zu dieſer Stunde ſo ſtürmiſch bewegte. Die harmoniſche Natur um ſie her war in dieſem Augen⸗ blick nicht ruhiger als ihr Herzſchlag. Ein Schatten, der über den Weg fſiel, veranlaßte das junge Mädchen, aufzublicken. Vor ihr ſtand eine der Geſtalten, welche in dem Aufruhr, der ihre Seele aus den Geleiſen zu drängen gedroht, die Hauptrollen geſpielt hatten. Jetzt ſah ſie ohne Ueberraſchung zu ihm auf, als müßte es ſo ſein. Es war Richard Santer. Schweigend ſahen die beiden jungen Leute einan⸗ der Auge in Auge.„Ich muß Sie ſprechen, Martha“, ſagte Santer ruhig.„Werden Sie mir einige Augen⸗ blicke gönnen? Vor Allem bekenne ich Ihnen frei, daß es kein Zufall iſt, der mich hier mit Ihnen zuſammen⸗ führt. Seit vorgeſtern bin ich in Trier und habe Ihr Haus im Auge behalten, bis ſich mir endlich Gelegen⸗ heit bot, Sie zu treffen. Es würde mir nichts genützt haben Sie bei Ihren Verwandten aufzuſuchen, denn ich muß Sie ungeſtört ſprechen. Wollen Sie mich anhören?“ Schweigend gab das Mädchen ein bejahendes Zeichen. „Erlauben Sie mir dann, Sie auf einem Gange 14* 212 um die Stadt zu begleiten“, ſagte Richard mit der ruhigen Beſtimmtheit, die ihm eigen war.„Es wird zu kühl für Sie, um hier noch länger zu ſitzen, und iſt auch in Rückſicht auf hieſige Kleinſtädterei vorzu⸗ ziehen.“ Ohne eine Einwendung zu machen, erhob ſich Martha, zog das Tuch das ſie einhüllte, dichter um ihren ſchlanken Leib, und nahm den Arm, den Santer ihr bot. In tiefen Gedanken legte das Paar eine Strecke zurück, ohne das beklommene Schweigen zu brechen. Die Alleen, welche ſie durchwanderten, hüllten ſich in wachſende Dämmerung. Tief aufathmend begann Richard endlich, indem ſein Auge leuchtend auf dem ſchönen Geſicht haftete, das ihm ſo nahe war:„Der Entſchluß der mich ver⸗ anlaßte ein Geſpräch mit Ihnen zu ſuchen, Martha, iſt kein leichter geweſen— ich weiß, daß Sie mir zür⸗ nen werden, wenn ich geſprochen habe, daß jede Hoff⸗ nung Ihnen noch einmal im Leben näher zu ſtehen, an der Kühnheit die meine Worte dictiren muß, vol⸗ lends ſcheitern wird. Gleichwohl aber— ich kann nicht anders! Nur um eines bitte ich Sie vorher, denken Sie, während Sie mich anhören, nur an un⸗ ſere ewig unvergeßlichen Kinderjahre, ſehen Sie in mir nur den Bruder, der ich Ihnen ſo lange Zeit 213 hindurch geweſen bin, und der heute noch, wie damals, mit Freuden Gut und Blut für Sie hingeben würde. Gönnen Sie mir deshalb heute das Recht eines Bru⸗ ders und ſei es auch zum letzten Mal!“ Martha's Arm bebte auf dem ſeinen.„Sprechen Sie, Richard“, flüſterte ſie, ohne die Augen zu erheben. „Ich weiß, daß Sie es treu mit mir meinen!“ „Als wir noch Kinder waren“, ſagte der junge Mann, wie aus tiefen Gedanken heraus,„ſah ich das kleine Mädchen oft genug auf Klippen ſteigen, an den Borden der Maare hin klettern, den Schwindel am Rand ſteiler Abgründe herausfordern— ich traute ihrem ſicheren Fuße jedes Gelingen zu, aber doch ließ ich ſie nicht aus den Augen, und, Du weißt esl zwei⸗ mal kamen Augenblicke, wo mein Arm wilrklich einen Sturz aufhielt, der das Leben bedrohte. Martha!“ rief er mit ausbrechender Erregung,„heute wieder ſehe ich das liebſte Mädchen am Abſturz einer Klippe, in Gefahr zu Grunde zu gehen, und, Gott helfe mir! ich muß den Arm ausſtrecken um ſie zu halten, auch auf die Gefahr hin daß ſie mich zurückſtößt, weil ich ſie nicht will ſtürzen laſſen!“ Martha fuhr heftig zuſammen, machte ſich mit haſtiger Bewegung von ihrem Begleiter los, und blieb, indem ſie ſich einen Schritt von ihm entfernte, plötz⸗ 214 lich ſtehen.„Bedenken Sie wohl, was Sie ſprechen, Richard“, rief ſie mit verdunkeltem Blick,„nicht Alles kann ich anhören!“ Der junge Mann lehnte ſich gegen einen der alten Bäume, und ſagte langſam und mit nachdrücklicher Betonung:„Sie haben mir für dieſe Stunde das Recht des Bruders zugeſagt, und ich werde es nicht aufgeben.“ Martha brach in Thränen aus.„So ſoll ich aus Deinem eigenen Munde hören, daß Du mich miß⸗ achteſt!“ rief ſie leidenſchaftlich.„Haſt Du mir nicht ſchon weh genug gethan, mußt Du zu alle Dem was Du mich tragen ließeſt, auch dieſe Bitterkeit noch häufen!“ Richard erblaßte bis in die Lippen hinein. „Wenn Du ſagſt, ich habe Dir weh gethan, ſo zahlſt Du alle Bitterkeiten mit dieſem Worte doppelt und dreifach heim. Ich Dich mißachten! Seit Mo⸗ naten bin ich ein täglicher Zuſchauer des frevelhaften Spieles, das jener Mann mit Deiner Ruhe treibt, und, ſage ſelbſt, ob je ein Blick, ein Laut Dir ver⸗ rathen hat, daß ich an Dir zweifle? Daß Martha irren, aber niemals ſinken kann, ſteht mir ſo feſt wie der Glaube an göttliche Wahrheit! So lange die Hand, die ſich nach Dir ausſtreckte nicht frei war, hatte ich 215 nur um Dein Glück, um Deine Ruhe zu zittern, und mochten dieſe noch ſo tief erſchüttert werden, ſo blieb Dir doch eine Zukunft. Welf's Hand wird aber frei werden!“ „Frei!“ rief das Mädchen mit ſeltſamem Ausdruck. Richard's Lippen preßten ſich feſt auf einander. „Geſtern“, ſagte er nach kurzem Schweigen mit gewalt⸗ ſamer Ruhe,„hatte ich mit Welf ein ernſtes Zuſammen⸗ treffen— gleichviel aus welchem Anlaß. Er erklärte mir, daß er in wenigen Monaten von ſeiner Frau geſchie⸗ den ſein, und dann in voller Berechtigung ſeiner Frei⸗ heit um Martha Halm werben würde. Dieſe Erklä⸗ rung, die ſehr bündig, und des Erfolges ſehr ſicher gegen mich ausgeſprochen wurde, drängte mich zu dem Entſchluß, vor Deiner Heimkehr mit Dir zu ſprechen, Ich habe nur zu oft geſehen, welche Macht dieſer Mann über Dich ausübt! Wenn er wirklich frei iſt, wenn Du ihn wiederſiehſt, wirſt Du ihm nicht wider⸗ ſtehen. Du wirſt ſein Weib und für immer unglück⸗ lich werden. Ich kenne dieſe Naturen, Martha, und wahrlich, es iſt nicht Haß der mich verblendet wenn ich Dir ſage, daß Dein Schickſal an ſeiner Seite ein unſeliges ſein würde. Emma Welf iſt ein Weib, das man wohl verlaſſen, aber nicht vergeſſen kann. Reue und Selbſtvorwurf wird in dieſer rührenden Geſtalt an Deiner wie an ſeiner Seite gehen— und das iſt nicht Alles! Die ewig dürſtende Phantaſie, die heute Dich fordert um jeden Preis, kann ſich auch zurück⸗ wenden zum Opfer dieſes Bundes!“ „Ich habe Dich zu Ende kommen laſſen“, ſagte Martha mit leiſer, aber klarer Stimme, als Richard inne hielt,„denn ich wollte erfahren, was Du denkſt. Nun höre auch mich an. Niemals werde ich den Platz einnehmen der einer andern gehört, auch dann nicht, wenn ſie ihn aufgiebt! Du willſt, wenn ich Dich recht verſtanden habe, daß ich Welf nicht wiederſehen ſoll, weil Du mir keine Kraft zum Widerſtande zutrauſt. Wiederſehen aber muß ich ihn, gerade um deſſen willen, was Du mir heute ſagſt— vielleicht iſt Emma's Zu⸗ kunft noch zu retten, und mit ihr die meine, denn wahrlich, Du haſt Recht! Reue und Selbſtvorwurf würde in dieſer rührenden Geſtalt für immer an mei⸗ ner Seite gehen!“ „Das iſt meine Martha!“ rief Richard, lebhaft ihre Hand ergreifend. „Deine Martha iſt es nicht“, ſagte das Mädchen, traurig das ſchöne Haupt ſchüttelnd.„Die war ein glücklich, ſorglos Kind, der Schuld und Weh wie Märchen vorkamen, von denen man wohl erzählen hört, die man aber nimmer erleben wird. Jene Martha hat ſchon den beſten Theil ihres Weſens eingebüßt, als ſie erfahren mußte, wie wenig ſie Dem galt, dem ſie alles geboten hatte, was das Herz an Liebe kann und weiß!“ „Nicht das, Martha, nicht das laß mich hören!“ rief der junge Mann in leidenſchaftlicher Bewegung. „Ob es mir heute beſſer gelingen würde Dich zu überzeugen, daß ich damals that was ich mußte, um mir ſelber treu zu bleiben, weiß ich nicht— das ſind Regionen, in deren Verſtändniß das Weib dem Mann ſelten folgen will oder kann. Das aber muß ich Dir ausſprechen, daß der Preis, mit dem ich meine Selbſt⸗ achtung bezahlte, mir immer als der höchſte Preis der Welt galt, daß Dein Bild mich in die Fremde beglei⸗ tet hat, und bei Tag und Nacht um mich war, wie die Luft, die ich athmete— daß es mich heimgelockt hat, als die höchſte Lebenshoffnung, deren Scheitern zu tragen all meinen Mannesmuth von Neuem auf die Probe ſetzt! Es mag Dir ſeltſam, vielleicht unzart erſchienen ſein, daß ich Deine Nähe freiwillig wieder aufſuchte— ehe wir aber heut zum zweiten Male ſcheiden, ſollſt Du erfahren, warum ich kam. Im vo⸗ rigen Jahre, etwa zwei Monate vor dem Tode des Vaters, hatte ich an ihn geſchrieben— ihm, dem Gü— tigen, deſſen Groll gewiß gemildert war, mein ganzes 218 Herz aufgeſchloſſen, ihn gefragt, ob der Schatz, den ich einſt beſeſſen und nicht verſchmerzen konnte, mir denn unwiderbringlich verloren ſei? Ich gelobte ihm mein Wort zum Pfande, daß ſeines Lebens Schöpfung niemals verſäumt und verwahrloſt werden ſolle, wenn auch meine Berufsthätigkeit eine andere ſei, und er glaubte mir! Er berechtigte mich, heimzukehren, und von Neuem um Dich zu werben, ſagte mir, daß Dein tief verletztes Gefühl ſich mir vielleicht nicht wieder zu⸗ wenden würde, daß aber ſein Segen mir nicht fehlen ſolle, wenn Dein Herz mir noch zu eigen ſei.— Es war ein Brief, wie nur unſer Vater ihn ſchreiben konnte, ſo voll ſeelenvoller Güte und Milde! Als ich ihn erhielt, war ich contractlich noch auf einige Zeit in England gebunden— ehe der Termin vorüber war, traf mich die Botſchaft ſeines Todes.“ „Jetzt verſtehe ich die Andeutungen, die er in den letzten Stunden ſeines Bewußtſeins gegen mich äußerte, und die mir ſo viel zu denken gaben!“ rief Martha tief erſchüttert.„Dein Name war eines der letzten Worte, die ich von ſeinen Lippen vernahm!“ „Meine erſte Empfindung“, ſagte Santer nach kurzem Verſtummen,„drängte mich, nach Empfang dieſer Trauerbotſchaft in Deine Nähe zu eilen— bald aber empfand ich, daß ich es nicht dürfe, nicht 219 könne! Wie anders ſtand ich Dir gegenüber, wenn der Vater dem Zurückkehrenden das Heimathsrecht ge⸗ währte, das ſo weit älter war als die Urſache, die ihn einſt verbannt hatte! Der Mann von dem Du Dich verletzt abgewendet, durfte ſich am wenigſten in Deine Trauer eindrängen. So mußte ich mir den Entſchluß abringen, zu warten, doch litt es mich nicht mehr im Ausland. Ich kehrte nach Deutſchland zu⸗ rück, um Dir wenigſtens näher zu ſein, mir leichter und öfter Nachrichten von Dir verſchaffen zu können. Endlich glaubte ich meine Zeit gekommen. Es gelang mir in der Nähe Beſchäftigung zu finden, die meiner längeren Anweſenheit Berechtigung gab, denn ich mußte mir ſagen, daß all' meine Hoffnungen ſcheitern könn⸗ ten, wenn ich ihnen zu ungeſtüm Geſtalt geben wollte. Ich kam— was ich fand, weißt Du!“ Tief athmend, mit wogender Bruſt, war Martha den Worten des Jugendgeliebten gefolgt. Nun blickte ſie ihn an. Auf ſeinem männlichen Geſicht lag eine Trauer, der jeder Erdgeborne in den tiefſten Gründen ſeines Herzens Herberge gibt, bis ſie, gewaltſam auf⸗ gerüttelt, an das Licht des Tages ſteigt. Große Thränen rollten langſam über des Mäd⸗ chens erglühte Wangen. „Du kamſt, und nun gehſt Du wieder“, ſagte ſie 220 gedrückt.„Auch ich will Dir offen ſein, wie Du es mir warſt, und Dir nicht verbergen, daß ich jahrelang Deiner gedacht habe, als Eines, der nicht vergeſſen werden kann. Ich habe den Willen gehabt, Dich aus meiner Seele zu löſchen, denn es wollte mir nicht in den Sinn, verſchmäht zu ſein, aber ich vermochte es nicht. Vielleicht wollte ich es auch nicht ernſtlich— Dein Bild, das Bild des Knaben, an den meine lieb⸗ ſten Erinnerungen ſich knüpfen, hängt noch heute in meinem Schlafzimmer. Daß Du meiner noch gedäch⸗ teſt, glaubte ich längſt nicht mehr. Du haſt es doch gethan, und haſt nicht aufgehört, mir gut zu ſein. Das Alles iſt verſcherzt— Du kamſt und nun gehſt Du wieder! Ich darf Dich nicht halten, denn ich ver⸗ mag das Bild deſſen, der zwiſchen uns ſteht, ſo wenig aus meiner Seele zu bannen, als das Deine. So leb' denn wohl, und Gott behüte Dich!“ Mit ſtarkem Druck faßte ſie Richard's Hand, ſah ihn einen Augenblick mit den lieben, ſchönen Augen an, und wandte ſich dann raſch, um von ihm zu gehen. Er hielt ſie nicht zurück, doch folgte er ihr in kurzer Entfernung, bis ſie in der Thür des Hauſes ihrer Verwandten verſchwand. Dreizehntes Kapitel. Es war am Sonntag vor Beginn der Leſe. Das Wetter hatte ſich wieder aufgeklärt, der Tag war warm und ſchön wie ein Sommertag, und die Sonne beſchien am ganzen Moſelſtrande fröhliche Geſichter. Ein gutes Weinjahr ſtand in Ausſicht, kaum trugen die Stöcke die ſüße Laſt der Trauben. Dem Weinbauer an der Moſel iſt das geſegnete Weinjahr doppelt zu gönnen, denn ſchwer und mühevoll iſt dort der Anbau des edlen Gewächſes— auf dem Rücken müſſen die Win⸗ gertsleute die düngende Erde bis zum höchſten Grat des ſteilen Berges hinaufſchaffen, und oft iſt ein Miß⸗ jahr der Lohn ſo vieler Anſtrengung. Darum leuch⸗ teten heute auch die Geſichter der Bertricher Weinguts⸗ beſitzer, die, ihr Pfeiſchen ſchmauchend, gegen Sonnen⸗ untergang vor ihren Häuſern ſaßen. Vor den Haus⸗ 222 thüren ſtanden die Moſtbütten mit Waſſer gefüllt, die ſchon geſtern geſcheuerten Legel⸗ und Leſebüttchen da⸗ neben, hier und da ein neues Faß, das noch des Käufers harrte. Ab und zu zog ein ſingender Trupp von Burſchen und Mädchen durch den Ort, mit dem Abzeichen ihrer Thätigkeit, geräumigen Hotten mit Trage⸗ riemen verſehen. Dies waren die ſchon lange vorher beſtellten Leſer vom Hunsrück, deren Hilfe beſonders gern geſucht wird, denn dies Gebirgsvölkchen iſt flink bei der Arbeit und bringt eine unverwüſtlich gute Laune dazu mit. Im Gärtnerhauſe ſtanden die Koffer gepackt. Die Bewohner beabſichtigten übermorgen zu reiſen. Nach dem was vorgegangen war, wollte Welf Martha um keinen Preis wiederſehen, ſo lange Emma noch in ſei⸗ ner Nähe weilte. Gern hätte er den Ort unmittelbar nach der Erklärung mit Letzterer verlaſſen, aber jene Rückſicht auf die öffentliche Meinung, die wir Alle ſo kleinlich finden, der wir uns aber Alle beugen, be⸗ ſtimmte ihn noch ein paar Tage zu verweilen. Seit Monaten hatte er den Wunſch ausgeſprochen, einer Weinleſe beizuwohnen, und ſein langes Bleiben bei vorgerückter Jahreszeit mit dieſer Abſicht motivirt. Er mochte ſich nicht entſchließen, nun in auffallender Weiſe unmittelbar vor dem Termin abzureiſen, den er ſo oft 223 als ſein Ziel bezeichnet hatte. Was ihn fortdrängte, die unerträgliche Vorſtellung, jetzt, wohl gar in Emma's Gegenwart, ein Zuſammentreffen mit Martha zu be⸗ ſtehen, war für die nächſten Tage nicht zu befürchten. Der Abſchiedsbeſuch, den er heute mit Emma bei der Profeſſorin abgeſtattet, hatte die vorher ſchon einge⸗ zogene Erkundigung beſtätigt, daß die junge Herrin von Eliſenhof von ihrer Rückkehr noch nichts hatte verlau⸗ ten laſſen, und vor Mittwoch nicht zu Hauſe erwartet würde, da für ihr Weingut die Leſer erſt zum Don⸗ nerſtag beſtellt waren. So dachte er den folgenden Tag noch zu überſtehen, der längſt angenommenen Einladung des Doctors zur Leſe auf ſeinem Beſitzthum zu folgen, und Dienſtag in aller Frühe mit Emma den Ort zu verlaſſen, der für Beide ſo verhängnißvoll geworden war. Hell lachte am Morgen, des von ſo Vielen froh erwarteten Montags die Sonne auf das emſige Völk⸗ chen nieder, das allerwärts zuſammenſtrömte. Schon um ſechs Uhr läuteten die hellen Glocken, und ernſt tönte, als ſie verklungen waren, voller Chorgeſang in die blaue Luft hinaus. Mit Jauchzen und Frohlocken zogen die bunten Gruppen der Leſer durch Berg und Flur in den Herbſt. Allerwärts ertönte fröhlicher Ge⸗ ſang. Voran ſchritten die Legelträger und Burſche, 224 nach ihnen die Leſerinnen, das Haar mit Wein bekränzt; die mit ſtattlichen Ochſen beſpannten Leiterwagen, worauf mächtige Kufen lagen, beſchloſſen den Zug. Wer vermöchte das bunte Leben eines ſolchen Leſe⸗ tages in all ſeiner Friſche zu ſchildern! Worte ver⸗ mögen nicht das Luſtgeſchrei, die jubelnden Geſänge wiederzugeben, die von Berg zu Thal klingen, nicht das Aufjauchzen der hochgeſtimmten Jugend, deren übermüthige Luſt ſich mitunter in einem Piſtolenknall Luft macht, der wie Donner vom Abhang widerhallt. Wenn in den Händen der Mädchen das Meſſer glänzt und Traube auf Traube fällt, wenn die Männer, hoch⸗ beladen, den ſteilen Pfad abwärts klettern, und die geſammelte ſüße Ernte in die ſchweren Kufen aus⸗ ſchütteln, gibt dies ein ſo friſches, lebensvolles Bild, daß Keiner der ſolch herbſtliches Feſt erlebt hat, es wieder vergißt. Auch an komiſchen, ſelbſt derben Intermezzos fehlt es nicht. Dem Städter, der ſich unter die Leſerinnen miſcht, um zu naſchen und zu nippen, vielleicht nicht von den Trauben allein, wird von den übermüthigen Mädchen ſchalkhaft das Meſſer gereicht. Wehe ihm, wenn er es als Laie handhabt, und die Traube grade durchſchneidet, ſtatt ſie mit ſchrägem Schnitt von der Rebe zu löſen, oder gar, wenn er die Frucht fallen 225 läßt! Ein Dutzend hübſcher, aber ſehr kräftiger Hände bemächtigen ſich nach Weinbergsrecht des Uneingeweih⸗ ten, reißen ihn zu Boden, und züchtigen ihn ſo lange mit Rebenzweigen, bis er ſich durch ein gutes Löſegeld Freiheit erkauft. Gleich einem Nachtwandler wanderte Arnold durch das fröhliche Treiben. Es war ihm zu Muth als ſei er in der Fremde, und vermöchte die Sprache nicht zu verſtehen, die rings um ihn geſprochen ward. Eine Ahnung durchſchauerte ihn, daß er vielleicht niemals wieder die Sprache der Freude verſtehen würde! Oft ſuchte ſein Auge Emma, die, vom Feſtgeber beſonders ausgezeichnet, der Mittelpunkt der anweſenden Gäſte zu ſein ſchien. Ihre Faſſung erweckte in ihm eine Regung des Neides und ein Erſtaunen, das nicht frei von Bit⸗ terkeit war. Die langgeübte Kraft der Selbſtbeherrſchung, eine jener Fähigkeiten in der, wie zur Ausgleichung für manche Schwäche, die Frauen den Männern ſtets überlegen ſind, gab dem geprüften Weibe auch jetzt die ſtille Haltung, die ſie ſeit Monaten unantaſtbar ge⸗ macht hatte. Bis zu dieſem Tage hatte Arnold ihr dieſe Selbſtbeherrſchung als hohes Verdienſt gelten laſſen, heute frug er ſich, ob es ihr denn ſo wenig koſte, ihn zu verlieren. Unmuthig zog Welf ſich zuletzt in eine Weinlaube Godin, Frauenliebe und Leben. III. 15 226 zurück, um von Allem was um ihn her vorging, nichts mehr zu ſehen und zu hören. Als er wieder hinaus⸗ trat, war die Geſellſchaft um einen neuen Ankömm⸗ ling vermehrt worden. Jeder Blutstropfen drängte ſich bis zu ſeinem Herzen zurück. Es war Martha. Der Tag neigte ſich zu Ende. Schon hatten die Glocken im Thale die Stunde des Feierabends einge⸗ läutet, die Meſſer ruhten und die letzten gefüllten Hotten wurden von den Männern hinabgetragen. Im Auf⸗ bruch begriffen, hatten ſich die Gruppen der Gäſte ge⸗ löſt wie die der Leſerinnen, und jene ſchritten nun vereinzelt durch die ſchmalen Pfade. Mit verſchränkten Armen ſtand Arnold zwiſchen den zerſtört herabhängenden Rebengeländen, und blickte finſter auf ſeine Frau und Martha, die in dieſem Au⸗ genblick neben einander ſchritten, und, wie es ihm ſchien, in bewegtem Geſpräch den mittleren Weg ent⸗ lang abwärts wandelten. Er hatte ſich, ſeit das Mäd⸗ chen ſo unerwartet auf dem Schauplatz erſchienen war, fern gehalten und ſie nur ſtumm begrüßt. Der ganze Zauber ihrer Erſcheinung war ihm bei ihrem Anblick wieder übermächtig entgegengetreten, doch lag heute etwas Fremdes in ihrem Reiz,— ob es von ihrem Weſen ausging, ob von ſeinem eigenen Innern, frug er ſich nicht. Auch ihr Auge hatte ihn nur einmal, . 4 ͤͤ — 9 227 bei jener wortloſen Begrüßung getroffen— mit einem ſchwermüthigen Blick getroffen, der ihm das tiefſte Herz erſchütterte. Nun ſtand er und ſah wieder auf ſie, doch nicht auf ſie allein. Er hätte einen Theil ſeines Lebens darum gegeben, die Worte zu verſtehen, die Emma mit ihr wechſelte. Was mochten, was konnten dieſe beiden Frauen ſich zu ſagen haben!— Ein plötzliches Geräuſch, dem gleichzeitig ein Auf⸗ kreiſchen mehrerer Stimmen folgte, ließ ihn aus ſeiner Verſunkenheit auffahren und zur Höhe des Berges em⸗ porblicken. Was er ſah entrang auch ihm einen dum⸗ pfen Ausruf. Eine der großen, bis an den Rand ge⸗ füllten KRufen war dem Wagen beim Anfahren entglitten und rollte nun unaufhaltſam den Berg hinab, den Pfad entlang, auf dem Martha und Emma ſchritten. Was Worte langſam erzählen, geſchah hier mit der Schnelligkeit eines Blitzes. Und plötzlich auch, gleich einem Blitze war die Bewegung mit der Arnold vorſtürzte, ohne Wahl, mit jenem Inſtinkt der eine Mutter zu ihrem gefahrbedrohten Kinde jagt, ſein Weib ergriff, und mit gewaltſamen Sprunge aus dem Wege trug. Als er die halb bewußtloſe Geſtalt aus ſeinen Armen gleiten ließ, ſah er eben noch wie der Koloß polternd über die Stelle hinwegrollte, von der auch 15* —— ÿÿ 228 Martha durch den ſtarken Arm eines nahen Leſers hinweggeriſſen worden war, und brach dann, das Haupt in Emma's Gewand bergend, in ein Schluchzen aus, das ſich ſeiner Mannesbruſt entrang wie die Seufzer eines Sterbenden. Es gibt Augenblicke, wo vor der einfachen, durch gemeinſames Leben tiefgewurzelten Empfindung die uns an unſere Nächſten bindet, alles verſchwindet und zer⸗ ſtiebt, was wir, und ſei es noch ſo heiß, erſehnt und begehrt haben. Dieſe Macht der erinnerungsreichen, geheiligten Gewohnheit fluthete in jenem Momente gleich einen Strom über Arnolds Seele hin— er empfand bis in ſein innerſtes Herz hinein, die er gerettet hatte war ſein Weib! Wie Einer, der nach langer Irr⸗ fahrt aus der Fremde heimkehrt und wiederfindet was er ſchon verloren glaubte, kniete er vor der beſinnungs⸗ loſen Geſtalt, deren Kopf auf ſeinem Arm ruhte. Sie hörte die Laute tiefer Empfindung nicht, mit denen er ihren Namen rief, ſie fühlte nicht die heißen Lippen, die ſich wieder und wieder auf ihre erſtarrten Hände preßten— aber was bedeutete das! Er ſelbſt vernahm den Ruf des eigenen Herzens, den neuen Flügelſchlag der verwehten Brautliebe! Wie lange er ſich dieſen ſtrömenden Gefühlen hin⸗ gab, wußte er nicht— der Klang einer leiſen, nur zu 229 wohl bekannten Stimme rief ihn zum Bewußtſein der Gegenwart zurück. Als er aufblickte, ſah er Martha neben ſich, die, blaß und hold, mit ſeltſam durchgei⸗ ſtigtem Blick das Wort wiederholte, das ſchon ſein Ohr getroffen hatte, ehe er noch ihre Geſtalt erblickte:„Lebe⸗ wohl!“ Ohne ſeine Stellung zu verändern, ſagte er leiſe: „Gott ſegne Sie, Martha, und wenn Sie können, ſo vergeben und vergeſſen Sie!“ „Ich habe nichts zu vergeben, und vergeſſen will ich nicht“, ſagte das ſchöne Mädchen mit klangloſer Stimme.„Um Lebewohl zu ſagen, war ich heut gekom⸗ men— der harte Kampf, dem ich entgegenzugehen meinte, iſt uns Beiden erſpart worden. Sie wiſſen nun ſelbſt, daß es nicht Ihr Herz war, das Sie zu mir zog Ich weiß es auch. Gott hat es gut gemeint — Lebewohl!“ Sie glitt zwiſchen den Reben fort. Einen Augen⸗ blick nachher ſchlug Emma die Augen auf. Aus dem geliebten Antlitz, das ſich über ſie beugte, fielen heiße Tropfen auf das ihre. Schluß. Ein Jahr war vergangen. Wieder ward auf Eliſenhof das wohlbekannte Geburtstagsprogramm ab⸗ 230 geſpielt, und die ſchöne Herrin empfing die Huldigun⸗ gen ihrer Freunde und Untergebenen. Mit bewegtem Gemüth ſtand die Profeſſorin Halm an einem Fenſter des Schlößchens und blickte hinab auf die belebte Gruppe, welche Martha umgab. Von Tag zu Tag war ihr das junge Mädchen inniger an's Herz gewachſen. Das Intereſſe, das die holde Erſchei⸗ nung ihr von der erſten Stunde an abgewonnen, war durch Sorgen vertieft, zur wärmſten Empfindung ge⸗ reift. Die Sorgen waren verſunken, die Liebe aber, das mütterliche Gefühl war geblieben, und feſſelte ihre Neigung für immer an das liebenswürdigſte Geſchöpf, das ihr jemals begegnet war. Bewegt dachte ſie heute an die erſte Zeit ihrer Anweſenheit zurück, an jenes Geſpräch mit Waldau, in dem er Martha einem Haide⸗ röschen verglich. Der Wunſch, den der alte Freund des Hauſes damals halb ſcherzend ausgeſprochen, war er⸗ füllt— keine Heckenroſe mehr auf flatterndem Zweig, nein, eine hundertblättrige Centifolie auf kräftigem Stamm, der auch Stürmen Trotz zu bieten vermochte, füllte mit dem würzig ſüßen Duft ihres Weſens den Raum, in dem ſie blühte! Nicht ohne harten Kampf war die Wandlung geſchehen. Das Reis, das auf das edlere Bäumchen gepfropft wird, muß ja auch zuerſt den ſcharfen Schnitt des Meſſers erleiden, und der e 231 Lebensſaft tropft aus dem gewaltſam getrennten Marke — wenn aber die Wunde zu heilen beginnt, quillt friſches, neues Leben aus dem Stamme empor, durch⸗ dringt ſchöpferiſch jeden Zweig und Keim, und erſchafft die friſche, herrliche Blüthenkrone. Anna's Auge wurde feucht, während ihr Blick an dem ſtrahlenden Mädchenbilde hing, das auf jedem Antlitz, dem es ſich zuwandte, Luſt und Sonnenſchein hervorrief.„Das Leid iſt verſchwunden, aber noch iſt das Glück nicht da!“ flüſterte ſie vor ſich hin.„Gott ſegne Dich, mein Liebling!“ Unter den Gäſten, die ſich an dieſem Tage ein⸗ fanden, fehlte einer der Getreuſten. Doctor Waldau hatte eine Erholungsreiſe unternommen, und trotz ſei⸗ nes ſcherzhaft gegebenen Verſprechens, unter den Gra⸗ tulanten nicht zu fehlen, nichts von ſich hören und blicken laſſen. Dennoch hielt er Wort. Als die Tiſchgeſellſchaft ſich eben von der Mittagstafel erhob, rollte der wohl⸗ bekannte Einſpänner mit dem Apfelſchimmel des Doc⸗ tors in den Hof, und während die Gäſte ſich im Gar⸗ ten zerſtreuten, erklang mit einem Male die vertraute Stimme des Hausfreundes hinter der jugendlichen Herrin. Lebhaft wandte Martha ſich ihm zu, und ihr 232 Willkommen ſprach die kindliche Herzlichkeit früherer Zeiten aus. „Sehen Sie mich einmal genau an, Schloßfräu⸗ lein!“ ſagte Waldau nach der erſten Begrüßung, in⸗ dem er mit komiſcher Grandezza Poſitur einnahm. „Was bemerken Sie an mir?“ „Nichts Abſonderliches!“ lächelte Martha.„Sie haben den Schalk im Nacken, wie immer, Ihre Hals⸗ tuchſchleife iſt losgegangen, wie immer, Sie halten die Hand mit dem Stock auf Ihrem Rücken, wie immer—“ „Halt!“ unterbrach der Doctor,„das war fehlge⸗ ſchoſſen. Einen Stock— pah! Stöcke tragen nur Doc⸗ toren und Schulmeiſter, ſehe ich etwa heute aus wie ſolch ein Pedant und Stockträger? Antwort, Geburts⸗ tagskind, wie ſehe ich aus?“ „Wie ein Ausrufungszeichen allenfalls!“ „Warum nicht wie ein Fragezeichen? Und hier wäre der Punkt darunter!“ Die Hand des Doctors, die endlich zum Vorſchein kam, umſchloß einen dichten 4 Veilchenſtrauß. Martha wurde flammend roth. 3 „Ich ſehe, Sie verſtehen ſich auf den Selam“, 3 ſagte Waldau trocken.„Da wir auf dieſe Art bem Orient angelangt wären, ſo ſind wir von der bibliſchen Geſchichte nicht mehr weit, und wenn mir recht iſt, 233 ſteht dort zu leſen, daß ein gewiſſer Jakob ſeinen Schatz nach ſiebenjähriger Freierei heimgeführt hat. Wie alt wird doch heute unſer Geburtstagskiud? Fünfzehn von dreiundzwanzig abgezogen, bleibt nach Adam Rieſe's Rechenbuch acht— alſo wäre der ſelige Jakob ſogar um ein Jahr im Vortheil. Nehmt ein Exempel dran! A propos, im Gartenzimmer wartet auch noch ein Gratulant— das hätte ich beinahe auszurichten ver⸗ geſſen, und ſomit wäre denn für heute mein Gewerbe beſtellt. Ein Schelm macht's beſſer, als er kann.“ Während er mit ſeinen langen Beinen dem Nuß⸗ baum zuſchritt, unter welchem der Kaffeetiſch gedeckt war, wandelte Martha langſam, das Köpfchen tief ge⸗ ſenkt, dem Hauſe zu. An der Thüre des Gartenzim⸗ mers ſtand ſie einige Augenblicke ſtill, ihre Hand lag auf der Klinke, ohne ſie niederzudrücken. Endlich glitt ein ſonniger Strahl über ihr holdes Geſicht und ſie trat ein. Am Fenſter ſtand eine liebe, ſeit den früheſten Tagen der Kindheit liebe und vertraute Geſtalt, und mit dem erſten Blick, den Beide auf einander hefteten, lag Martha an der treuen Bruſt, die nie ein anderes Bild beherbergt hatte als das ihre! Wir wollen die Liebenden in der Weiheſtunde ihres Wiederſehens nicht ſtören, dürfen aber nicht verſchwei⸗ 2 34 gen, daß andere Augen neugieriger waren als die unſrigen. Während das junge Paar die ganze Welt vergaß, ſtand vor dem tiefgehenden Fenſter des Gar⸗ tenzimmers die corpulente Geſtalt des Inſpektor Scholz auf den Zehenſpitzen, und ſtarrte mit einem Erſtaunen, das ſeine kleinen Augen funkeln und ſeine ſtattliche Naſe noch tiefer erglühen ließ, eine Gruppe an, die ihm ſeine junge Herrin auf dem Korbſtuhle ruhend und vor ihr eine Geſtalt zeigte, die, halb kniend, ſie um⸗ ſchlang, und den blonden Kopf an ihre Bruſt lehnte. Eben hob ſich dieſer Kopf und wandte ſich dem indiscreten Lauſcher zu, der, mit grotesker Bewegung ſeine kurzen Arme in die Luft ſtreckend, in den Ruf ausbrach:„Soll mich der Kukuk holen, es iſt unſer Richardchen!“— Ehe die Gäſte an dieſem Abend Eliſenhof ver⸗ ließen, ward mit lautem Jubel auf die Geſundheit des Brautpaares angeſtoßen. Doctor Waldau, der den Toaſt ausgebracht hatte, ſchlug bald nachher zum zwei⸗ ten Male an ſein Glas:„Sie Alle, meine Herrſchaften, erinnern ſich gewiß noch an die ausgezeichneten Gäſte, die wir heute vor einem Jahr in unſerer Mitte ſahen, das Welf'ſche Ehepaar, deſſen Grüße zu überbringen ich beauftragt bin. Ich lade Sie ein, mit mir auf das Wohl Arnold Welf's junior zu trinken, bei dem ich 235 vorgeſtern perſönlich Gevatter geſtanden habe. Mögen ihm die Muſen hold ſein, wie ſie es ſeinem Vater, und die Grazien, wie ſie es ſeiner Mutter ſind! Er lebe hoch!“ Während die Gläſer klangen, legte Waldau ein ſchön ausgeſtattetes Buch vor Martha hin.„Hier, Kleine“, ſagte er leichthin,„ein Geburtstagsgeſchenk, das ich faſt verſäumt hätte abzugeben.“ Martha ſchlug den Band auf. Es war eine ſo eben erſchienene Sammlung jener hinreißenden, aber tief ſchwermüthigen Gedichte Arnold Welf's, die ſeinem Dichterruhm neuen Glanz geben ſollten. Das Buch trug den Titel:„Herzenstiefen.“ Ende des dritten Bandes. Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. ffffff auuuuuuunn fffffffffffffffff 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 üuu