Erzählüngen volt d I Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, 3 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leiß- und Jeſebedingungen. 1 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothet ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 lhyr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme 8 4 eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe 7 —— Pmterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 3 wird. 6 bet Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und peträgt: 1 für vchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: — ·—— auf 1 Monat: 1 Mk. Ff. 1 Nk. 50 Ff. 2 N. fff. „ 3„„—„„=„=„ 5, Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der ) Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder deferte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz ves Ganzen verpflichtet. 3 4 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird 5 53 ſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen r Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——— —-—— V — 1 — Frauen⸗Liebenn Leben. Erzählungen A. Godin. Zweiter Band. — eRSeo eipzig, Ernſt Julius Günther. 1876. Das Bild ohne Gnade. 1973. Motto: Manche Naturen gleichen der Lava; es drückt ſich Vieles in ihnen ab, und verwiſcht ſich Nichts.. Rahel. Godin, Frauenliebe und Leben II. 1 Erſte Abtheilung. Dora. J. Auf der Rampe eines ſchönen Giebelhauſes in Danzig ſaßen gegen Abend zwei Frauen im Geſpräch. Die Aeltere, eine feingebaute Erſcheinung mit zarten, etwas leidenden Zügen, folgte mit Intereſſe der Mit⸗ theilung ihrer Gefährtin, deren heitere Augen dem ernſten Ausdruck ihres Geſichts zu widerſprechen. ſchienen. „Viel Sorgen, ja, und doch, wie glücklich biſt Du!“ ſagte die Zuhörende.„Dürften wir tauſchen, gern nähme ich all Deine Sorgen auf mich, um nur eines der Kinder zu beſitzen, deren Dir ſo viele er⸗ blüht ſind.“ Ihr ſchwermüthiger Blick ſtreifte nach der Bruſt⸗ 1* 4 wehr, welche den Vorbau des Hauſes von der Straße ſchied, und haftete auf einer durch ſich ſelbſt ſowohl, wie durch ihre Umgebung maleriſchen Gruppe. Auf den Platten der Rampe kauerte ein blühender Kraus⸗ kopf von etwa ſechs Jahren und reichte der wenig älteren Schweſter Kornblumen zu, welche ſie zum Kranze band. Die Kleine ſaß auf der oberſten Stufe der Freitreppe, deren mit Sculpturen geſchmückter Auf⸗ gang dem holden Bilde gleichſam einen künſtleriſchen Rahmen gab; ihr mit Halmen und Blumen gefülltes Strohhütchen hing mit flatterndem Bande am Kopfe eines vor Zeiten in Venetien gemeißelten Löwen. Des Kindes dunkles Gelock regte ſich leicht im Winde und hüllte auf Momente ihre freie Stirn, die ſtrahlenden Augen ein. Durch den Blick der Freundin aufmerkſam gemacht, ward die Mutter ſelbſt von dieſer Anmuth betroffen und rief unwillkürlich mit zärtlicherem Laut als ſonſt: „Dora!“ Die Kleine ſprang auf wie eine Feder. Kranz und Blumen rollten ihr vom Schooße die Stufen hinab, und mit einem Jubelton, mit ausgebreiteten Ar⸗ men lief ſie zur Bank und ſiel ihrer Mutter um den Hals. „Aber Dora, wie biſt Du wieder ſo wild! Du erwürgſt mich ja— und Dein Kranz! Sieh, da liegt er im Straßenſtaub. Immer Alles halb.“ „Immer Alles ganz!“ murmelte die Fremde, währeud Dora, vom Tadel der Mutter beſchämt, ſtill zur Treppe zurückſchlich und die zerſtreuten Blumen aufſammelte. Den feinen Kopf leicht geſenkt, ſchwieg die Frau; dann legte ſie plötzlich ihre Hand auf den Arm der Freundin und ſagte mit leiſer Innigkeit die dringender klang, als das lebhafteſte Wort:„Gieb mir Deine Dora!“ „Wie?“ fragte die Mutter mit weitgeöffneten Augen. „Gieb mir Dora!“ wiederholte die Fremde.„Es wäre ein Liebeswerk. Ich habe Dir vertraut, wie einſam ich bin, Sophie. Dir bleibt viel, ſo unendlich viel, wenn Du meiner Bitte nachgiebſt. Ein Gatte, welcher Dir ſympathiſch, vier liebe Kinder noch. Ich ſpreche Dir nicht von den Sorgen, die Du mir noch eben bekannteſt— das hat mit unſerer Frage Nichts zu ſchaffen, aber giebſt Du zu, daß Dora mein wird, ſo wäre dies von Einfluß, nicht für ihre Zukunft allein. Ich will ſie nicht ganz an mich reißen, würde ſie all⸗ jährlich zu Euch führen, damit ihr Eltern und Ge⸗ ſchwiſter nicht fremd werden. Du wirſt ſie entbehren, Sophie, Du und Dein guter Mann— aber bedenkt 6 Ihr, welche namenloſe Wohlthat Ihr einer Frau er⸗ weiſt, die Euch ewig dafür danken würde, dann erſcheint Euch ſolches Opfer doch vielleicht möglich.“ „Noch kann ich den Gedanken nicht faſſen“, ſtam⸗ melte Sophie,„und was wird Roſtan ſagen?“ „Daß Du dies fragſt, giebt mir den Troſt, daß Du den Gedanken dennoch gefaßt. Ich verlange, er⸗ bitte ja nicht augenblickliche Entſcheidung. Keinen Raub möchte ich an Euch begehen zur Vergeltung Eurer Gaſtlichkeit, nur ein Band zwiſchen uns weben, das die alte Jugendfreundſchaft zur unlöslichen Verbindung knüpft. Ich reiſe morgen, wie Du weißt. Sprich mit Deinem Manne erſt, nachdem ich gegangen! Folget dann ganz der Eingebung Eures Herzens! Widerſpricht er meinem Wunſche entſchieden, dann ſchreibe mir dies aufrichtig, in dieſem Falle komme ich nicht wieder. Aber ich hoffe, hoffe auf die Liebe zu Dora, der ich, was Aeußerliches betrifft, eine geſicherte Zukunft bieten kann, hoffe auf Sympathie für mich, die nicht nur Du, die mir auch Roſtan in warmer Weiſe bewieſen, ſeit ich ſo glückliche Wochen in Eurem Hauſe verleben durfte.“ „Der Graf aber, Dein Mann, liebſte Minna, wird er einverſtanden ſein?“ Die Gräfin lächelte ſchwach.„Mattern iſt mit 7 Allem einverſtanden, was ich beſchließe, ſobald es ſeine perſönliche Freiheit nicht beſchränkt; er wird zufrieden ſein, mich beſchäftigt zu wiſſen. Du weißt nun, wie ich denke, was ich erbitte. Willigt Ihr ein, ſo komme ich auf der Rückreiſe in Mattern's Begleitung hier durch und hole mir mein Kleinod. Bis dahin laß zwiſchen uns ruhen, was mir zwar nicht der Augen⸗ blick eingegeben, was aber der Augenblick zur Aeu⸗ ßerung gebracht.“ Sie erhob ſich, indem ſie Sophiens Hand drückt und trat an die Bruſtwehr. Dora ſtand vor dem Ge⸗ länder, den vollendeten Kornblumenkranz in der Hand, und bot ihn der Gräfin mit lieblichſter Geberde dar, wandte ſich aber, als dieſe ihr ihn lächelnd auf den eigenen dunklen Lockenkopf drückte, gekränkt ab und rief mit blitzenden Augen:„Du willlſt ihn nicht!“ Minna neigte ſich und ſchloß ihre Arme feſt um das Kind.„Ich will Euch Beide“, flüſterte ſie in⸗ brünſtig. Dora drückte ihr Geſichtchen liebkoſend in die Falten des Kleides der hohen Frau, rief, indem ſie mit leuchtender Freude aufſah:„Du biſt lieb, ich habe Dich auch lieb“ und rannte verſchämt in’s Haus. Nachdem Gräfin Mattern in der Morgenfrühe des nächſten Tages von dem Roſtan'ſchen Ehepaare zum Bahnhof begleitet worden war, veranlaßte Sophie 8 ihren Mann zu einem Umweg und theilte ihm auf dieſem Spaziergange den Vorſchlag ihrer Jugendfreun⸗ din mit. Der erſte Eindruck auf Roſtan war der einer unerhörten Zumuthung, die er ohne Weiteres verwarf. Er hing mit beſonderer Vorliebe an Dora, dem erſt⸗ geborenen, begabteſten ſeiner Kinder, und die Vor⸗ ſtellung, ſie hinzugeben, erſchien ihm unfaßbar. Viel⸗ leicht war es aber gerade dieſer Vaterſtolz, der ihm neue Anſchauungen eingab, als ſtille Stunden und Tage dem erſten Gefühl entſchiedenen Verneinens folg⸗ ten. Er ſtellte die Gräfin, welche er durch ihre Briefe an ſeine Frau längſt ſchätzen gelernt, doppelt hoch, ſeitdem ſie einige Zeit unter ſeinem Dache gelebt. So⸗ phie war mit Minna v. Mattern zuſammen aufge⸗ wachſen. Die Tochter des Rittergutsbeſitzers hatte dem jüngeren Pfarrtöchterchen eine Gefühlstreue be⸗ wahrt, die an ſich ſchon bezeichnend für ihren Charak⸗ ter erſchien, denn nicht allein waren Temperament und Weſen beider Frauen ganz verſchieden geartet, ſondern äußere Verhältniſſe gaben dieſem Unterſchiede noch eine gewiſſe Prägnanz. Während Sophiens raſches, praktiſch⸗friſches Naturell ſich in der kinderreichen, hin⸗ ſichtlich materieller Hülfsmittel ſehr beengten Häuslich⸗ keit bei ſteter Uebung erhielt, fand ſich Minna auf jenes geiſtige Pflanzenleben angewieſen, das Frauen —— — —— —— — 9 leicht eine gewiſſe Gefühlskränkelei anerzieht. Und dennoch war ſie von ſolchen Auswüchſen frei, war einfach, treu und liebreich geblieben, nie falſcher Sen⸗ timentalität verfallen und vom reinſten Willen geſtärkt. Ihre Ehe mit dem Grafen, von ihr nach Wunſch ihrer Eltern, ohne Widerſtreben, aber auch ohne Herzenszug eingegangen, ließ ſie einſam. Kein Kinderſegen ſchlug eine Brücke über die gänzlich verſchiedenen Lebensan⸗ ſchauungen beider Gatten, und ſo kam es, daß die junge Frau, trotz unabläſſigen Bemühens, ihrem Ge⸗ fährten etwas zu ſein, nicht mit ihm, ſondern auf ödem Pfade durch's Leben ging. Daß dieſe Frau ein Kind, welches ſie lieben konnte, als höchſten Schatz betrachten, ihm Alles geben würde, was an Geiſt und Herz in ihr ſo unbenutzt keimte wie Früchte an verlaſſenen Stätten, empfand Roſtan tiefer noch, als Sophie es in ihrer lebhaften Weiſe gegen ihn ausſprach. Hier ward Dora's reichen An⸗ lagen ein Boden gewährt, der höchſte Entfaltung ver⸗ hieß— durfte ſelbſtſüchtiges Feſthalten ihr Solches entziehen? Liebe beſiegte die Liebe. Der folgenſchwere Entſchluß wurde gefaßz, und Roſtan ſelbſt theilte der Gräfin, welche ſich mit ihrem Manne in Königsberg zu Beſuch aufhielt, ſchriftlich die Zuſtimmung in ihren Wunſch mit. 10 Es war Herbſt, als Graf Mattern mit ſeiner Gattin in Danzig eintraf. Roſtan fand ſich mit dem Grafen, den er jetzt erſt kennen lernte, bald auf dem Fuße klaren Verſtändniſſes, obgleich der raſtloſe Geiſt dieſes Mannes dem ruhigen, durch Beruf wie Charakter ſtreng geſchulten Beamten keineswegs ſympathiſch war. Mattern war aber im beſten Sinne Cavalier, und dieſe Seite trat günſtig hervor, als der ſchwebende Punkt zur Be⸗ ſprechung kam. Er zeigte ſich mit den Abſichten ſeiner Frau durchaus einverſtanden, ſchien von Dora's Er⸗ ſcheinung ganz entzückt und ſagte den ritterlichſten Schutz für ihre Zukunft mit einer Wärme zu, die ihm gut ſtand. Die Frage eines Fixirens der äußeren Verhältniſſe, von ihm ſelbſt in discreter Form zur Sprache gebracht, ſollte durch ein von der Gräfin no⸗ tariell zu vollziehendes Teſtament präciſirt werden, in welchem ſie der Pflegetochter eine namhafte Summe zuſchreiben wollte. Roſtan, der ſich hier einfach zu⸗ ſtimmend verhielt, beſtand ſeinerſeits darauf, daß ſein Kind den väterlichen Namen nicht vertauſchen dürfe und im Zuſammenhange mit ihrer Familie bleiben ſolle, ſoweit dies möglich war. Während die Männer dies miteinander feſtſtellten, ſaßen beide Frauen zuſammen und gaben ſich gegen⸗ ſeitige Zuſagen und Tröſtung. Noch wußte das junge 441 Leben, über deſſen Zukunft verfügt wurde, von nichts, und es war beſchloſſen, der Kleinen nur von einer Reiſe zu ſagen, die ſie mit Tante Mattern unterneh⸗ men dürfte. Dora empfing dieſe Mittheilung ſtrahlen⸗ den Auges, und ihr Jubel wuchs, als ſie allerlei Neues für ſich einkaufen und die hübſchen Sachen in Koffer verpacken ſah. Als aber die Stunde des Scheidens kam, als der Wagen, welcher die Familie Mattern mit der Kleinen zur Bahn bringen ſollte, vor dem Hauſe ſtand und Vater und Mutter ſie unter heißen Thränen in die Arme preßten, ſchien es plötzlich wie eine Ahnung in der kleinen Bruſt aufzuſteigen. Dora riß ſich aus der Mutter Armen. Glühende Tropfen ſchoſſen gewaltſam in ihre Augen, und während die Gräfin ſie in den Wagen hob, rief ſie mit unbeſchreiblichem Tone zurück: „Ihr gebt mich weg.“ II. Gräfin Mattern pflegte den größten Theil des Jahres auf ihrem Stammgute zu verleben, während ſich ihr Gatte meiſt in der Reſidenz oder auf Reiſen bewegte und nur ab und zu für einige Zeit bei den Seinigen einſprach. Stille Jahre floſſen Minna in reicher Befriedigung hin, während ſie ſich ganz ihrer Pflegetochter widmete. Indem ſich ihre eigene hohe Bildung mit dem 12 Unterrichte des Pfarrers verband, um dem heranwach⸗ ſenden Kinde zugeben, was deſſen lebhaft fordernder Geiſt bedurfte, war ſie darauf bedacht, die gährenden Stoffe, welche dieſem reichen Naturell nicht fehlten, mit feiner Hand in richtige Bahnen zu leiten. Dora's allzu be⸗ wegliches Temperament drohte mitunter die Herrſchaft über den ſich kräftig entwickelnden Charakter zu ge⸗ winnen. Geneigt, Alles tollkühn zu wagen, jeder Schranke gegenüber als erſten Impuls die Regung hegend, daß es nur darauf ankomme, ſie zu über⸗ ſpringen, bedurfte das reifende Mädchen gerade ſolch ſanften, ſtetigen Einfluſſes, welcher durch ſeinen war⸗ men Herzſchlag den brauſenden Kopf ſtets zu bezähmen wußte. Was Minna von Mattern am beſten verſtand, lehrte ſie aber, während ſie ſelbſt es erſt ganz lernte — zu lieben! Die ganze Seele der vereinſamten Frau hing an dem Kinde ihrer Wahl, ſo warm und innig, daß ſie zuweilen faſt davor erſchrak und ſich mahnte, dies eine Gefühl nicht auf Koſten ihrer Lebenspflichten allzu mächtig aufwuchern zu laſſen. Ihr Verſprechen, Dora alljährlich zu den Eltern zu führen, ward treu gehalten. Gegen den Herbſt zu, ſobald die Erntezeit vorüber, brachte ſie ihr Pflegekind regelmäßig nach Danzig, und dies war die glückliche Zeit für alle Betheiligten. Das Roſtan'ſche Haus 13 nahm während dieſer Wochen einen feſtlichen Charakter an. Alles Schöne und Angenehme, Alles, was ſonſt als ſeltener Aufwand galt, drängte ſich für die Kinder in die Beſuchszeit Dora's zuſammen. Sie ſahen ſich beſchenkt, berückſichtigt, genoſſen wundervolle Ferientage bei Ausflügen nach Oliva oder Zoppot, wo ſich die Gräfin einzumiethen pflegte, während ſie Dora ganz den Eltern überließ, und blickten um ſo neidloſer auf die Schweſter, weil ſie ihnen nicht nur längſt als Aus⸗ nahme galt, ſondern weil ſie wirklich das liebenswer⸗ theſte Geſchöpf war. Den Eltern, welche ihr Kind wie eine Sonne aufgehen und wieder ſcheiden ſahen, war dabei ſeltſam zu Muthe. Während der Zeit des Be⸗ ſitzes regte ſich das Bewußtſein der Entbehrung mit doppelter Stärke, und doch konnte ihnen keine Reue erwachſen, denn Dora's harmoniſche Entwickelung be⸗ wies, daß ſie jene Lebensluft athmete, für die ſie ge⸗ ſchaffen erſchien. Einfach, und ſtets überraſchend, alles Geiſtige mit Leichtigkeit, alles Seeliſche mit Inbrunſt erfaſſend, war Dora ſchon im vierzehnten Jahre ein ungewöhnliches Kind, und verſprach ein ausgezeichnetes Mädchen zu werden. Die Art und Weiſe, womit ſie ſich im Elternhauſe bewegte, hatte etwas Reizendes. Ihre freudenvolle Hingabe an jede kleinſte Erinnerung aus frühen Kindertagen, ihr Anſchmiegen an die Ge⸗ 14 wohnheiten des Hauſes hoben den leiſen, im Grunde weſenloſen, und doch nicht zu überſehenden Unterſchied gleichſam auf, welcher ihre Erſcheinung von der ihrer heimathlichen Umgebung abhob. Vor Allem verband zärtlichſte Liebe ſie ihrem Vater und ihrem, nur zwei Jahre jüngeren Bruder Robert. Der Knabe, als Ael⸗ teſter des Hauſes betrachtet, und durch ſeinen klugen klaren Kopf ſchon früh den Eltern naheſtehend, ſah zu der ſchönen Schweſter auf wie zu einem höheren Weſen und liebte ſie mit der tiefen Innigkeit einer ſonſt etwas verſchloſſenen Natur. Ihr alljährliches Erſcheinen war für ihn der lichte Punkt des Lebens, worauf ſein Sin⸗ nen und Denken ſich faſt ſchwärmeriſch concentrirte. Wieder wurden die lieben Gäſte erwartet, als ſtatt ihrer ein Brief bei Roſtan's anlangte, der nicht nur die nahe Hoffnung aufhob, ſondern Neues brachte, das von keiner Seite vorgeſehen war. Die Gräfin theilte Sophien ein Geheimniß mit, das nicht mehr lange ein ſolches bleiben ſollte. Was früher ſo heiß erfleht, als Verſagtes ſo herb empfunden worden, kam jetzt noch als ſpäte, kaum noch erſehnte Gabe: Mat⸗ terns ſahen eigenem Cheſegen entgegen. Indem Minna dies ihrer Freundin ſchrieb, mehr verzagt als freudig faſt, berührte ſie auch den unvermeidlichen Einfluß, welcher hierdurch auf ihre, zu Dora's Gunſten getrof⸗ 15 fene teſtamentariſche Beſtimmung geübt wurde, welche abzuändern ihr jetzt eine nähere Pflicht gebot. Dieſer Botſchaft, welche Roſtan nicht ohne Beden⸗ ken aufnahm, folgte bald eine Hiobspoſt. Der Gräfin Entbindung trat vorzeitig ein, ſie gab unter ſchweren Kämpfen einer Tochter das Leben und erkaufte dies verfrühte, kaum einen Hauch beſitzende Daſein des Kindes mit ihrem eigenen. Sophie folgte auf der Stelle der Eingebung ihres raſchen praktiſchen Weſens; ein paar Stunden nach Empfang der Trauerbotſchaft war ihr Koffer gepackt, für Mann und Kinder vorgeſorgt, ſo weit dies thun⸗ lich, und ſie ſelbſt mit dem Nachtzug unterwegs, um Beiſtand zu bieten, und nach Befund der Verhältniſſe einzugreifen. Als ſie am folgenden Nachmittag im Schloſſe eintraf, fand ſie doppelte Trauer; das ſchwache Leben der kleinen Neugeborenen war vierundzwanzig Stunden nach dem der Mutter verloſchen. Frau Roſtan's Anweſenheit wurde für das zer⸗ ſtörte Haus zum wahren Segen. Ruhig, als ſei dies ſelbſtverſtändlich, ergriff ſie ſofort die Leitung des aus dem Geleiſe gebrachten häuslichen Triebwerkes, ordnete und ſorgte, bis Alles wieder ſeinen gewohnten Gang hatte, und that damit namentlich dem Wittwer wohl, der ſich ganz außer ſeinem Elemente, und doch abge⸗ 16 ſehen von der Erſchütterung, eine Hoffnung verloren und ein Gewohnheitsband gelöſt zu ſehen, ſchon durch den Anſtand vorerſt an die Stätte gefeſſelt fand. Hugo Mattern war einer jener univerſellen Köpfe, die überall zu Hauſe ſein wollen, und es deshalb nir⸗ gends ſind— ſchnell mit Allem fertig, immer dem kom⸗ menden Tage voraus. Die Ausſichten dieſes Sproſſes einer verarmten Linie ſeines angeſehenen Namens wa⸗ ren urſprünglich ſehr gering. Aus dem Cadettenhauſe in ein Garderegiment übergegangen, wo ſein vielver⸗ heißendes Weſen ihm bald den erſtrebten Adjutanten⸗ poſten erwarb, betrachtete er ſpäteren Eintritt in den Generalſtab als ſein Lebensziel. Eine Zulage des Majoratsherrn, ſeines Onkels, machte ihm möglich, das, was Name und Stellung von ihm forderten, äußerlich aufrecht zu erhalten. Durch den frühen Tod des einzigen Sohnes dieſes Oheims wurde ſeine Zu⸗ kunftsausſicht weſentlich erhöht, ſeine gegenwärtige Lage aber kaum verändert. Graf Mattern der Aeltere beſaß eine rüſtige Geſundheit und war ſeinem Neffen nur etwa zwölf Jahre im Alter voraus. Ging auch die Anwartſchaft des Erbes jetzt auf dieſen über, ſo lag der Antritt deſſelben doch vorausſichtlich in weiter Ferne⸗ Anders geſtalteten ſich die Dinge, als der Majo⸗ ratsherr den Hauptmann zu längerem Beſuche bei ſich ——— einlud und ihm eröffnete, daß er an eine Verbindung zwiſchen ſeiner einzigen Tochter und dem Stammhalter gedacht. Da letzterem die junge Couſine ſehr wohl gefiel, ſtimmte er dem Vorſchlage bereitwillig zu. Minna, zu dieſer Zeit kaum ſiebzehnjährig, zurückhal⸗ tend, höchſt anmuthig, erſchien ihm vielverſprechend. Mit der Exaltation, welche Graf Hugo allem Neuem entgegentrug, bildete er ſich für ſeine Braut ſogar eine jener Kopfleidenſchaften an, die in ihrem Gegenſtande zu erblicken glaubt, was ſie ſelbſt hineinphantaſirt. Da er auch nach vollzogener Verbindung bei dem Regimente verblieb, und ſeine junge Frau ſtets den Sommer bei ihren Eltern auf dem Lande zubrachte, empfand er ſeine Ehe nie als drückende Feſſel. Er ließ es nicht an Aufmerkſamkeiten für Minna fehlen; ſein Ehrgeiz, überall als Cavalier par excellence zu erſcheinen, bezeichnete auch den Ton, welchen er gegen die ihm wenig ſympathiſche Gattin feſthielt. Denn unſympathiſch war ihm bald Alles an ihr geworden: ihre Einfachheit, ihr Vertiefen in die Dinge, ihr leiſer aber feſter Widerſtand, ſo oft er ſie in die, ihm eigen⸗ thümlichen Ueberſtürzungen hineinzuziehen verſuchte. In der großen Welt wurde Graf Hugo ſehr ge⸗ ſchätzt; Alles, was er als Näſcherei betrieb, und wo⸗ von er im Geſpräch den glücklichſten Gebrauch zu 2 Godin, Frauenliebe und Leben II. 18 machen verſtand, ward ihm als ungewöhnliches Stre⸗ ben, als werthvoller Erwerb angerechnet, und vielleicht war es dies Bewußtſein, welches ihn ungern aus den Kreiſen zurücktreten ließ, die ihn auf ſolches Piedeſtal gehoben. Nachdem die Zeit herangekommen, wo er als Gutsherr Pflichten und Leiſtungen zu überneh⸗ men hatte, eine Zeit, der er ſtets mit dem Gedanken entgegengeſehen, dann zu beweiſen was er als Menſch und Denker ins Leben zu rufen vermöchte, erwies ſich auch dies wieder als eine jener, bereits durch manche Phaſe erlebten Selbſttäuſchungen. Die neue Aufgabe ward mit Haſt ergriffen; Mattern quittirte den Dienſt und warf ſich in Feuereifer auf die Führung des Haus⸗ und Hofregiments, um überraſchend ſchnell daran zu ermüden. Gewöhnt, alle ſeine Fähigkeiten bei dem geringſten Anlaß voll auszugeben, fehlte ihm Kern und Probe aller Kraft: die Ausdauer, und war dies Kapital erſchöpft, ehe es noch Zinſen getragen. Als der zweite Winter auf dem Lande hereindrohte, begab ſich der Graf, einer kleinen Hofcharge Rechnung tra⸗ gend, nach der Reſidenz, und nahm von dieſer Zeit an alle früheren Lebensgewohnheiten wieder auf. Er ſtörte ſeine Frau nicht in ihrem Wunſche, daheim auf dem Gute zu bleiben, überließ es ihr, dort die Zügel zu führen, und fühlte ſich, wenn er von Zeit zu Zeit 19 einſprach, ungleich behaglicher als vordem. Unter die⸗ ſen Zuſtänden hatte ſich während der letzten Jahre ſogar ein Verhältniß zwiſchen den Gatten hergeſtellt, das für den, Alles nach ſeinem perſönlichen Bedürfniß färbenden Sinn Matterns einen gewiſſen Reiz erhielt. So auftauchen, wieder verſchwinden, Liebenswürdig⸗ keit auszugießen wie aus einem Füllhorn und mit der ſtillen Ueberzeugung von dannen zu gehen, daß ein Mann wie er, unendliches Vermiſſen hinter ſich laſſen müſſe, entſprach ganz und gar ſeinem Weſen. Als ihm nun ſo unverhofft noch Ausſicht zu einem Erben aufging, ſteigerte ſich das Gefühl für ſeine Frau bis zur Wärme; er blieb ſeit Jahren zum erſten Male monatelang daheim, und fand im Studium der ver⸗ ſchiedenſten Bücher, bei Jagden und nachbarlichem Verkehr, daß ſich auch auf dem Lande angenehm leben laſſe. Der Schlag, welcher ihm Beſitz und Hoffnung zu⸗ gleich raubte, traf ihn tiefer, als er ſelbſt für möglich ge⸗ halten. Aus dieſer Gemüthsſtimmung erwuchs ihm ein Ernſt, eine Herzenswärme, die Frau Roſtan überraſchte und wohlthuend berührte. Sophie hatte bisher wenig Sympathie für den Grafen empfunden. Zwar geſtattete der Verſtorbenen Zartgefühl ihr der Freundin gegenüber kaum eine Andeutung des Mangels, worunter ſie ge⸗ 2* 20 litten, und war ihr je ein ähnliches Wort entſchlüpft, ſo ſuchte ſie es durch lebhaftes Betonen der guten Eigenſchaften ihres Gatten zu mildern; dennoch hatte Sophie ſich längſt ein eigenes Urtheil gebildet. Der Halt, welchen ſein zerfahrenes Weſen durch wirkliche Trauer empfand, ließ ſie dies Urtheil nun als voreilig betrachten; ſie gewann weit höhere Meinung von ſeinem Charakter. Seit der Gräfin Beſtattung war etwa eine Woche vergangen. Sophie ſprach die Abſicht aus, am näch⸗ ſten Tage heimzukehren, und Dora mit ſich zu nehmen. Mattern blickte bei dieſer Aeußerung lebhaft auf. Er ſaß mit der Hausgenoſſin allein; Dora, die mit leiden⸗ ſchaftlichem Herzen trauerte, war gegangen, Blumen nach dem friſchen Hügel zu tragen. „Morgen ſchon?“ ſagte der Graf bedauernd;„und doch darf ich nicht widerſprechen, liebe Freundin! Ihr Haus hat nähere Rechte an Sie, ich bin Ihnen viel Dank ſchuldig, daß Sie überhaupt gekommen. Aber laſſen Sie mir Dora!“ „Das geht nicht an“, erwiderte Sophie mit Be⸗ ſtimmtheit.— „Hören Sie mich zu Ende“, bat Mattern.„Ich verſchob es abſichtlich, mit Ihnen über gewiſſe Ver⸗ hältniſſe zu ſprechen, bis wir einander etwas näher getreten. In Tagen, wie wir ſie zuſammen trugen, beurtheilt man ſich raſcher, als zur Alltagszeit. Ich hoffe Ihnen nicht mehr fremd zu erſcheinen, rechne ſo⸗ gar darauf, denn was ich zu ſagen habe, ſetzt perſön⸗ liches Vertrauen voraus.“ „Dies gehört Ihnen“, verſicherte Sophie. „Ein Wort alſo über Aeußerliches! Meine Frau hatte Dora den größten Theil ihres Privatvermögens zugedacht, und da wir jede Erwartung eigener Kinder aufgegeben, bereits teſtamentariſch zugeſichert. Als uns die ſpäte Hoffnung aufging, kam eine nun unvermeid⸗ liche Abänderung des Teſtamentes zur Sprache, das nur dann zu Recht beſtehen konnte, wenn uns in einem Sohn zugleich der Majoratserbe geſchenkt werden ſollte. War uns dagegen eine Tochter beſchieden, ſo blieb dieſelbe einzig auf das Privatvermögen angewieſen Leider ſtritt Minna's große Liebe zu Dora ſo lange mit ihrem Rechtsgefühl, daß Monat um Monat ver⸗ ging, ohne ihr einen entſcheidenden Entſchluß abzuge⸗ winnen. Sie wiſſen, wie ſchnell die Kataſtrophe kam. Bei dem Anblick ihres Töchterchens ward meine Frau von lebhafter Unruhe ergriffen. Auf ihr Verlangen verbrannte ich das noch unberührt im Schreibpult liegende Teſtament vor ihren Augen. Eine andere Willensmeinung zu diktiren, reichte ſchon ihre Kraft 22 nicht mehr aus. Doch verließ ſie dieſer Gedanke keinen Augenblick. Ihr letztes Wort an mich, wobei ſie meine Hand mit ſchon erkaltenden Händen drückte, war: „Dora.“ Mattern ſchwieg, und blickte Sophie an, als er⸗ warte er eine Entgegnung. Als ſie nur ſtumm den Kopf neigte, fuhr er fort:„Da keine geſetzliche Be⸗ ſtimmung vorlag, fiel das Privatvermögen meiner Frau an unſere Kleine, und nachdem ſie ihre Mutter überlebt hat, ſchließlich an mich. So bin ich nun in die Herzensverpflichtung eingetreten, welche Minna einſt übernommen, und hoffe, daß Sie, beſte Freundin, Dora meiner Ehre anvertrauen. Löſen Sie das Band nicht, welches Dora dieſem Hauſe verknüpft! Meine Abſicht iſt, zunächſt ein paar Jahre zu reiſen. Kein Wanderer von Ort zu Ort ich denke, mich im Auslande, in großen Städten zu fixiren, welche Centralpunkte gei ſtigen Strebens ſind. Dort möchte ich, frei von allen Aeußerlichkeiten, dem Studium, meinen Liebhabereien leben, und wünſchte, dieſe Zurückgezogenheit von Dora getheilt zu ſehen.“— Sophie war dieſen Auseinanderſetzungen mit An⸗ theil gefolgt. Nun äußerte ſie kopfſchüttelnd, in bedenk⸗ lichem Ton:„Dieſer Plan, lieber Graf, erſcheint mir gewagt. Sie ſelbſt würden ſich durch die Gegenwart 1 23 eines halberwachſenen Kindes oft beengt fühlen, weit mehr als Sie denken! und Dora könnte bei wieder⸗ holtem Scenenwechſel, ohne jede Frauenleitung ſchwer zu ſtetiger Durchbildung gelangen.“ „Vertrauen Sie mir nur!“ rief Mattern lebhaft. „Ich gebe Ihnen mein Wort, daß Dora mein Haupt⸗ augenmerk werden ſoll, daß ich es an nichts fehlen laſſen werde, ihre bedeutenden Anlagen zur reichſten Entwickelung zu bringen. Sie wünſchen Ihr Kind in Ihr Haus zurückzuführen— begreifllich! aber— ver⸗ zeihen Sie meine Offenheit— Dora paßt nicht mehr dorthin.“ Sophie ſchwieg betroffen.„Hierin dürften Sie Recht haben“, ſagte ſie nach einem Moment.„Viel⸗ leicht iſt Dora unſeren beſcheidenen Lebensverhältniſſen in der That ſchon entwachſen, doch kann ich mich kaum überzeugen, daß Ihr Plan günſtiger wirken ſollte. Wie aber wäre es mit einem guten Inſtitut?“ „Um Gotteswillen, nein!“ unterbrach Mattern. „Ich weiß mir nichts Unleidlicheres, als dieſe Treib⸗ häuſer, welche es darauf anlegen, jede Eigenart zu er⸗ ſticken! Wenn Sie nicht darauf beſtehen, Dora heim zu nehmen, liegt kein Grund vor, ſie mir nicht anzu⸗ vertrauen! Ich bin ein einſamer Mann, nicht mehr jung, mit allen perſönlichen Anſprüchen an das Leben 24 fertig. Dies Kind, das einzige lebende Gedächtniß, welches mir von meiner zerſtörten Häuslichkeit übrig bleibt, iſt mir während der letzten Monate ſehr werth geworden. Dora intereſſirt mich, ich habe ſie lieb. Reißen Sie das nicht gewaltſam auseinander, drängen Sie mich nicht zu Fremden hin. Und bedenken Sie auch Dora's eigenartigen Charakter. Bei ihrer Selbſt⸗ ſtändigkeit, ihrer ſcharfen Auffaſſung der Dinge, wäre ſie wohl im Stande, materielle Vortheile ſpäter zurück⸗ zuweiſen, wenn ſie dieſelben nicht im Lichte einer Lie⸗ besgabe betrachten kann. Laſſen Sie ihr Zeit, ſich an mich anzuſchließen— wenn ſie erwachſen ſein wird, mag ſie über ſich ſelbſt beſtimmen.“ Sophie fühlte ſich halb beſiegt.„Laſſen Sie mich dies noch überdenken“, entgegnete ſie freundlich.„Jeden⸗ falls wird Dora mich jetzt nach Hauſe begleiten. Ehe Sie ſich auf Reiſen begeben, ſprechen Sie wohl bei uns vor, dann kommen wir zum Entſchluß, nicht wahr?“ „Einverſtanden“, ſagte der Graf mit einer Herz⸗ lichkeit, wie ſie ihm ſeelten in die Augen trat.„Sie ſind meiuen Wünſchen nicht ganz entgegen— nehmen Sie Dank dafür!“ 25 III. Der Kampf, welchen Mattern zu beſtehen hatte, um Dora mit ſich nehmen zu dürfen, erhöhte ſein Intereſſe an ihr ganz weſentlich. Als er einige Wo⸗ chen nach dieſem Geſpräch in Danzig eintraf, fand er Roſtan ſeinen Wünſchen ſehr abgeneigt, und es be⸗ durfte langer Conferenzen, bis die erſtrebte Einwiligung errungen war. Selbſt dann gab der Regierungsrath nicht freudig nach. Wenn auch Dora's unſtillbare Trauer um die Verlorene den Anſchluß an die Häus⸗ lichkeit der Ihrigen weniger innig erſcheinen ließ, als ſonſt, wenn ihr vielforderndes Naturell den Vater auch bedenklich machte, ihr durch ſeine Weigerung vielleicht weſentliche Vortheile zu verſcherzen, ſo würden doch dieſe Erwägungen kaum den Ausſchlag gegeben haben. Derſelbe ward durch den günſtigen Eindruck herbeige⸗ führt, welchen Mattern auf Roſtan machte, während er in Danzig verweilte,„um Dora zu werben.“ Graf Hugo gab leicht den Ton eines Jeden an, mit dem er verkehrte, nicht aus Verſtellung, ſondern durch die Schmiegſamkeit ſeines beweglichen Naturells. Er trat dem Regierungsrath näher und ſo manche gediegene Anſicht, welche er laut werden ließ, hatte die Wirkung, daß Jener ſeine ſchließliche Zuſtimmung zwar noch als ein Opfer, aber nicht mehr als eine Gefahr betrachtete. 26 Mattern entführte das ſchwierig gewonnene Gut im Triumph, und theilte lange Zeit hindurch dies Intereſſe mit keinem zweiten. Er verlebte drei Jahre im Auslande; zuerſt fixirte er ſich in Rom, ſpäter in Paris, und ſein Gelöbniß ſich dem heranreifenden Kinde ganz weſentlich zu wid⸗ men, ward treulich gehalten. Allzu getreulich! Mit der Haſt, welche er in alle Dinge brachte, im Gefühl momentaner Leere, riß er das Denken und Werden des jungen Mädchens an ſich, ſo weit er dieſem ſelbſt⸗ ſtändigem Naturell gegenüber dazu im Stande war. Als charakteriſtiſch für die Art und Weiſe, womit er Alles anzugreifen pflegte, durfte gelten, daß er ſogar ihren Namen umſchuf. Weigerte ſich Dora auch, ſtatt der gewohnten Abkürzung den vollen Klang des feier⸗ lichen Theodora anzunehmen, ſo gefiel ſeine Erfindung, ſie Thea zu rufen, ihr ſelbſt. Jeden romantiſchen Zug zu vertiefen, jeden An— flug von Phantaſie zu wecken und auszuſpinnen, dahei von allem Geiſtigen den Schaum zu naſchen, lag zu ſehr in Matterns Art und Weiſe, als daß er nicht auf dem volltönenden Inſtrument, das ſeine phantaſie⸗ volle Gefährtin ihm bot, alle Saiten angeſchlagen hätte. Die Treibhausluft, in welche das junge Mädchen — q¶-ᷣ— 2 ſo plötzlich verſetzt worden, blieb nicht ohne Einfluß auf ſie. Zu unerfahren, um bereits zu unterſcheiden, wie oberflächlich die Bildung des Grafen war, fühlte ſich das feurige Kind durch ſeine blendende Art, Alles auszudrücken, ganz beherrſcht, und ſchrak ſie auch An⸗ fangs vor ſeiner Skeptik zurück, ſo regte gerade das, allen ihren bisherigen Anſchauungen Widerſprechende, den ſpürenden Geiſt lebhaft an. War des Mädchens Natur auch zu hoch angelegt, um nur einen Schatten von Affektation zuzulaſſen, ſo wich dagegen ihre köſt⸗ liche Einfachheit allmählig einem Emporwuchern ſtar⸗ ker, aber regelloſer Kräfte. Der Kreis, welchen Mattern hier und dort em⸗ pfing, und der nur der Männerwelt angehörte, beſtand vorzugsweiſe aus Gelehrten und Literaten. Nach ſei⸗ nem Wunſche blieb Thea meiſt anweſend, wenn er Beſuch hatte, und jedes Thema, das nur denkbar zwi⸗ ſchen Himmel zund Erde, wurde in Gegenwart der ſchweigſamen Zuhörerin abgehandelt. Allmählig ver⸗ hüllte ſich ihr jede Gottheit ihrer freundlichen Kinder⸗ jahre; der ſüße Jugendglaube, der alles Irdiſche um⸗ faſſen und lieben möchte, wich in gleiche Fernen zurück, noch ehe ſich die Knospe zur Blüthe erſchloſſen hatte. Schon war ihr aufgegangen, daß es trübe Quellen, daß es hohle Verhältniſſe giebt, ſchon hatte ſie gelernt, 28 4 1 an Allem zu zweifeln, was bisher die Baſis ihres jungen Lebens geweſen, was ſie dereinſt ſo freudig auf Treu' und Glauben hingenommen. Täglich ſuchte ſcharfe Logik vor ihr zu beweiſen, daß heute Irrthum ſei, was geſtern Wahrheit geweſen. Thea war eben ſiebzehn Jahre alt geworden, als ihr der Graf eröffnete, daß er nach Deutſchland zurück⸗ zukehren gedenke und ihren Eltern die Zuſage gegeben hätte, ſie ihnen für längeren Aufenthalt zuzuführen. Dieſe Mittheilung traf das junge Mädchen nicht er⸗ freulich; obgleich ſie mit den Ihren in ſtetem Brief⸗ wechſel geblieben, fühlte ſie doch ihnen gegenüber ein Fremdſein, das ſie ſich ſelbſt kaum eingeſtehen mochte, eine Scheu, ſich der Enge des väterlichen Hauſes, und Kreiſes zu fügen, die mehr inſtinctartig, als bewußt, aber doch ein lauter Zeuge für den Wandel war, der mit ihr vorgegangen. Doch war ſie klug genug, keine Einwendung zu machen, ſelbſt keine Frage zu ſtellen, als ſich Graf Hugo in ziemlich verworrenen Redens⸗ arten darüber erging, daß ſich vielleicht bis zu ihreur beiderſeitigen Wiederſehen Manches geändert haben, ihr gegenſeitiges Verhältniß aber unter allen Umſtän⸗ den beſtehen bleiben würde. Es war Frühlingszeit, als der Plan zur Aus⸗ führung kam und Graf Mattern das ihm vertraute 4 3 1 1 3 Gut in die Hände ihrer Eltern zurückbrachte. Nur für einige Zeit, wie er ſich äußerte. Daheim!— Als Dora zum erſten Male wieder im Vaterhauſe die Augen aufſchlug, umfing ſie ein wunderſamer Zauber. Noch halb von Träumen be⸗ fangen, die ihr den Pont royal gezeigt, ließ ſie den Blick über das kleine Giebelzimmer ſchweifen, das ſie kannte, ſoweit ihre Gedanken zurückreichten, wo ihr ſtets gebettet worden, ſo oft ſie zum Beſuch in die Heimath kam. Wie vertraut war ihr Alles! Die Wände 3 mit den alterthümlichen Tapeten, deren gemalte Laub⸗ gänge das Zimmer zu erweitern ſchienen, die geſchweifte Kommode mit Bronzebeſchlägen, welche die Mutter einſt zwiſchen altem Gerümpel auf dem Boden gefun⸗ den und reſtauriren laſſen, der Spiegel darüber mit ſeiner Einrahmung von Spiegelglas, in welche Mai⸗ blumenſträuße eingeſchliffen waren— Alles heimelte ſie an, und ein Gefühl kam plötzlich über ſie, ſüß und weich wie Frühlingswehen. Erinnerung berührte ſie mit heiliger Hand; das alte Kinderherz wachte auf. Den ſchönen Kopf auf den Arm geſtützt, blickte ſie mit leuchtenden Augen umher. Alles, was ihr einſt lieb geweſen, war von der Liebe zuſammen getragen worden, um das Kind des Hauſes zu erfreuen. Dort hing, ihrem Bett gegenüber, der alte Kupferſtich— Romeo angeſchaut, darüber ihr eigener Namenszug, aus den erſten Frühlingsblüthen und jungen Laub gewunden. Neben dem Seitentiſchchen die Hänge⸗Etagère mit all den Sächelchen, den Schätzen aus der Kinderzeit, die von der Mutter ſorgſam bewahrt worden, nachdem die kleine Beſitzerin in die Ferne gewandert. Die Augen des jungen Mädchens wurden feucht. Alles, was während der letzten Jahre ſo bunt an ihr vorübergezogen, verſank; ſie beſann ſich auf nichts mehr, was nicht Heimath hieß. Da tönte eine Choralmelodie an ihr Ohr— das Glockenſpiel der Katharinenkirche. Wie ein Kind ſprang Thea von ihrem Lager hinab, warf ein Morgenkleid über, ſchlüpfte mit den bloßen Füßchen in die weichen Schuhe und eilte an's Fenſter. Als ſie den Laden zurückſchlug, drang die Sonne mit vollem heiterem Strahl herein und tauchte draußen Alles in ihr goldenes Licht. Es hüpfte in blendenden Funken über die Radaune hin und lag in breitem Streif auf der noch menſchenleeren Brücke. Zur Rechten ruhte, von den alten, wohlbekannten Bäumen umſchat⸗ tet, die große Mühle ſtill auf der maleriſchen kleinen Inſel, dahinter hob ſich der vierkantige Thurm mit dem zierlichen Aufſatze, von dem der letzte Ton des Glockenſpiels eben verhallte. und Julia auf dem Balle— den ſie ſtets ſo gerne — 31 Daheim!— Eine Sehnſucht, die lange geſchlum⸗ mert, auf welche ſie ſich im letzten Jahre kaum mehr beſonnen hatte, kam über ſie— Sehnſucht nach der Stimme, den Augen der Ihren! Sie ordnete raſch ihr Haar, ihren Anzug und eilte hinab. Alles grüßte, die Treppe mit dem gedunkelten Eichengeländer, die ſchwere, in leiſen Angeln gehende Thür, welche beide Stockwerke ſchied, drunten im geräumigen Flur die bis zur Decke reichenden braunen Leinenſchränke und über den drei Zimmereingängen wohlvertraute, vergilbte Kupferſtiche in ſchwarzer Holzumrahmung. Durch die mittelſte Thür klang fröhliches Pfeifen, und als Dora öffnete, prallte Robert zurück, um ſie ſofort mit einem lauten „Bravo!“ in den Arm zu nehmen. Schon ſaßen die drei kleinen Schweſtern um den gedeckten Frühſtücks⸗ tiſch, anf dem heute ein Maiblumenſtrauß und ein großer Napfkuchen prangte. „Dir zu Ehren, Dora! Die Mutter hat ihn geſtern ſelbſt gebacken“, vertraute ihr die Jüngſte der Schweſtern, während ſie ihr entgegenrannte und gleich nach dieſer Cröffnung das friſche Geſichtchen ſchämig verſteckte. Thea ſah ſich um; mehr und mehr war ihr, als erwache ſie aus Träumen zum lichten Tage. Ja, dort in der Ecke ſtand noch der alte Sorgenſtuhl, in welchem ſie als Kind ſo gerne zur Dämmerzeit gekauert, und 32 Robert, der daneben auf dem Schemel hockte, ſelbſt⸗ erfundene Märchen erzählt hatte. Leichten Fußes eilte ſie hin und rollte ihn zum Tiſche an den Platz des Vaters, der ſich heiter gefallen ließ, darin eingeheimſt zu werden. Frau Sophie erſchien mit dem Kaffee. Ihr immer noch hübſches Geſicht lächelte aus dem friſchen Morgenhäubchen auf die volle Zahl der Ihren, die ſie endlich wieder am eigenen Herde vereint ſah. Mutterſtolz leuchtete ihr aus den Augen, ſo oft ſie ihre ſchöne Tochter anblickte, ſo oft ein Wort Doras mit der Gedankenſchnelle und glücklichen Ausdrucksform, die dem jungen Mädchen eigen war, ihr überraſchend erklang. Ein unerhörter Bruch aller Gewohnheiten geſchah— die unermüdlich ſchaffende Hausfrau ſaß heute eine volle Stunde am Frühſtückstiſch, bis die nahe Schulſtunde den Familienkreis zerſprengte. Nun gehörte das heimgekehrte Kind des Hauſes ganz ihrem Vater, und wie in traulichem Zwiegeſpräche Frage und Wort ſich aneinander reihten, ſtiegen auch wieder die Geſtalten und Bilder der jüngſten Vergangenheit auf— doch ſchien ihr Alles, was ſie erfahren und gelernt, heute in weiter Ferne zurückzuliegen. Dora— fand ſich zu ihrer eigenen Ueberraſchung im Elternhauſe dauernd wohl, obwohl den geiſtigen Elementen, welche ihr zum Bedürfniß geworden, wenig 5 33 Nahrung geboten war. Unbewußt empfand ſie, daß ein ganz natürliches Leben Allem die Wage hält. Der warme Odem glücklicher Familienverhältniſſe umfing das junge Mädchen unendlich wohlthuend, und dieſes Gefühl verließ ſie nur dann, wenn Beziehungen von außen, aus einem ziemlich ausgedehnten Umgangskreiſe an ſie herantraten. Hier ſtellte ſich ihr, an feinſte Lebensformen gewöhnter Geſchmack meiſt zur Wehre, und ſie iſolirte ſich bis zur Rückſichtsloſigkeit, was nicht ohne Verſtimmungen ablief. Während dies im Laufe der Zeit manchen Gegenſatz mit den Eltern hervorrief— denn auch Roſtan forderte von ſeiner Tochter, daß ſie ſich den Formen jener Welt fügen ſollte, mit welcher ſein Haus im Zuſammenhange war — wurde Dora umſomehr von ihren Geſchwiſtern ver⸗ göttert, die ſie ſtets bereit fanden, ſich ihnen zu widmen. Zwiſchen Robert und ihr entſtand das innigſte Ver⸗ hältniß. Der ernſte junge Menſch fand in der Schweſter ſein Ideal; ſie allein theilte das Vertrauen über all ſein innerſtes Denken und Leben, das er bisher nur Einem auf Erden gegönnt. Von dieſem Einen ſprach er Dora gern, mit aller Inbrunſt jugendlicher Be⸗ geiſterung. Der älteſte Sohn einer mit Roſtans be⸗ freundeten Familie, die vor Kurzem durch Verſetzung von Danzig entfernt worden, hatte ſich des früher im Godin, Frauenliebe und Leben. II. 3 ——ꝛõ— Lernen zurückgebliebenen Knaben angenommen und ihm durch ſeine Nachhülfe das Aufſteigen in die höheren Claſſen früher erreichbar gemacht. Er beſaß an dem jüngeren Freunde nun einen tiefergebenen Anhänger. Nur Dora allein durfte die Briefe leſen, welche Robert von Zeit zu Zeit aus Berlin erhielt, wo Ernſt Wernick ſeine Univerſitätsſtudien beendete. Ihr aber brachte er die ihm heiligen Blätter um ſo lieber, als das lebhafte Intereſſe, womit Dora ſie aufnahm, ſelbſt ſeinem Enthuſiasmus genugthat. Was ſie jahrelang umgeben, was ſie jetzt oft entbehrte, der Ausdruck geiſtig concentrirten Lebens, trat dem jungen Mädchen aus dieſen Briefen entgegen, vertraut und doch völlig neu. Was ihr früher in glänzender Dialektik, im Streit aufeinander prallender Meinungen ſcharf und doch für ihren jungen Geiſt nicht völlig erfaßbar auf⸗ gegangen, trat ihr hier in ſchlichter Klarheit entgegen. So oft ſie eines dieſer Blätter aus der Hand legte, blieb ein befruchtender Gedanke bei ihr zurück, der gleichſam ein Licht über die Dinge ausſtrömte. Des⸗ halb theilte Dora auch ihres Bruders Freude, als ſein Freund im Laufe des Sommers ſchrieb, daß er einige Zeit in Danzig verleben würde, wohin ihn Geſchäfte riefen. Ein kleines ſeinem Vater zugehöriges Grund⸗ ſtück ſollte verkauft werden, und da Jener nicht ab⸗ 35 kömmlich, wurde dem Sohne, welcher eben jetzt ſeine Studienjahre vollendet, dieſe Angelegenheit zur Erledigung übertragen. Die Einladung Roſtan's, während ſeiner Anweſenheit ihr Gaſt zu ſein, war gern angenommen worden, und Groß und Klein freute ſich auf den ſeit Jahren ſchon dem Hauſe vertrauten Freund. Um die gleiche Zeit etwa trafen, nachdem in der anfangs eifrig unterhaltenen Correſpondenz des Grafen Hugo mit ſeiner Pflegetochter ſeinerſeits eine ziemliche Pauſe eingetreten war, Briefe ein, worin er Dora und ihren Eltern ſeine Verlobung mit einer vornehmen Wienerin mittheilte. Er lud Dora nicht zu ſeiner Hochzeit ein, welche nahe bevorſtand, ſchrieb ihr jedoch, daß er nach Rückkehr von der beabſichtigten Hochzeits⸗ reiſe ſie mit ſeiner Frau entweder abzuholen gedenke, oder, falls ſich dies nicht ſollte einrichten laſſen, jeden⸗ falls darauf rechne, ſie wieder bei ſich zu ſehen, ſobald ſich entſchieden, wo das Ehepaar ſich zunächſt fixiren würde. Der Ton dieſes Briefes war nicht ſo unbe⸗ fangen als jener, der an Roſtans gerichtet war und mehr Aeußerliches verhandelte. Seine Braut ſei reich, ſchrieb er, und nachdem er ihr Mittheilung gemacht, wä⸗ ren Beide übereingekommen, daß er in gleichem Sinne, wie früher ſeine Frau, über das der Pflegetochter ur⸗ 3* 36 ſprünglich zugedachte Vermögen verfügen würde, da nun von nöthiger Vorſorge für etwaige weibliche Nach⸗ kommen abzuſehen möglich wäre. Dieſe Verfügung zu Dora's Gunſten ſchon zu ſeinen Lebzeiten in Kraft treten zu laſſen, behalte er ſich vor, wenn ſie ſelbſt ſich einen Lebensgefährten gewählt. War Dora über den ſichtlich gezwungenen Ton betroffen, der ſie aus den an ſie gerichteten Worten kühl anwehte, ſo wurden dies ihre Eltern noch mehr durch die ihnen gemachte Mittheilung. Daß der Graf noch jetzt darauf bedacht war, ſein Pflegekind in Ab⸗ hängigkeit von ſich zu erhalten, erſchien bei der neue⸗ ſten Geſtaltung ſeiner Verhältniſſe ganz unmotivirt und ſtimmte nicht zu dem cavalieren Bilde, welches Roſtans von ihm feſthielten. Wurden dieſen Eindrücken auch zwiſchen Eltern und Kind keine Worte geliehen, ſo wuchs aus denſelben ein doppelt warmes Aneinanderſchließen empor. Der Entſchluß, ſeine Dora nicht zum zweiten Male aus dem Hauſe, von dem Herzen des Vaters fortzugeben, ſchlug in Roſtan immer feſtere Wurzeln. Er ſah kei⸗ nen Grund mehr, ſein Theuerſtes einem Fremden über⸗ laſſen zu müſſen. Bald ſollte dieſer Gedanke des Feſt⸗ wachſens in der Heimath im Herzen ſeines Kindes ein 37 ſtärkeres Echo finden, als er mit all ſeiner Liebe darin zu wecken vermocht hätte. IV. Es giebt ein Lied von einfach ſüßer Melodie, deſ⸗ ſen Refrain Jedem, der ihn vernimmt, Vergangenheit aufweckt, gehörte ſie auch längſt zu den Todten:„Nim⸗ mer vergißt das Herz den Traum der erſten Liebe.“ Bei ſeinem Klang ſteigt die Jugend wieder auf, rei⸗ zender Schwermuth, köſtlicher Wonnen voll; vor dem zarten Glanz der Erinnerung erblaßt jedes Bild der Leidenſchaft, deren glühender Pinſelſtrich die lichten Farbentöne übermalt und verdrängt hat— unver⸗ welklich blüht der Frühligskranz, ein Duft, ein Accord, der Traum der erſten Liebe. Das Paar, welches an einem ſonnigen Auguſt⸗ tage zu der Felswand von Adlershorſt aufſtieg, träu ihn auch. Den Anderen, deren Geſellſchaft ſie hörten, weit voran, unwillkürlich in gleichem Tempo ſchreitend, ſchien dort, wo ſie wandelten, das Laub der Büſche grüner zu werden, das Sonnenlicht feuriger durch die Stämme des Waldpfades zu' blitzen. Sie waren Beide ſo jung, ſo ſchön! Auf ihren leuchtenden, einander zugewandten Geſichtern lag göttliches Ge⸗ nügen. ———— ———— — — „Hier“, rief Dora lebhaft, indem ſie mit ihrem Begleiter aus den Bäumen hervor auf die freie Höhe trat und einer dicht am ſteilabfallenden Grat der Klippe ſtehenden Bank zueilte,„hier iſt mein Lieblings⸗ platz.“ „Und der meine“, ſagte der junge Mann leiſe, indem er ſich neben ihr niederließ. Dann verſtummten Beide. Das Meer lag in überwältigender Großartigkeit vor ihnen ausgebreitet — ſo weit, als könnte der Sinn es nicht erfaſſen, ſo nahe, als ſei es ein Theil ihrer ſelbſt. Das dichte Laub der Büſche, welche die Klippe niederwärts be⸗ ſtanden, verbarg Landſchaft und Ufer; nur die grünen Blätter zitterten als letzter, leiſer Gruß der Erde zwi⸗ ſchen den beiden jungen Geſtalten und den unendlichen Waſſern, die an den Himmel grenzten, gleich ihren Gedanken. Verhallt jeder Laut, überwältigt ſelbſt das ue und Lieben. Nachdem ſie einander mit einem einzigen langen Blick angeſchaut, hing ihr Auge wie gebannt an der ruhigen Majeſtät des Meeres. Die langſam ſinkende Sonne warf goldigen Hauch darüber hin und wob lichte Glorie um ein Segelſchiff, das ſich ſchwanenartig am Horizonte wiegte. Ernſt Wernick's Auge hing ſo geſpannt an dem ſchimmernden Segel, das unbeweglich zu ruhen ſchien, 1 * 39 als vernähme er ein Orakel. Sobald es nun weiter⸗ zugleiten begann, wandte er den Kopf und ſah Dora an. Auch ihr Blick folgte dem ziehenden Fahrzeug, als wüßte ſie des Freundes Gedanken. Seine Hand erfaßte die ihre:„Noch badet ſich's im Lichte“, ſagte er halblaut,„dann ſchwindet es hin. So muß auch ich bald aus Licht und Glanz von dan⸗ nen— wird Ihr Gedanke mir folgen, wie dem ſchei⸗ denden Segel? Dora, ich liebe Sie!“ Dora ſprach kein Wort. Sie nickte nur ſtill, zog die Hand, welche ihre Rechte umſchloß, empor und legte ihr)e Wange darauf. In der Bewegung lag ſo volle Hingebung, daß Ernſt's zögerndes Hoffen urplötz⸗ lich zum ſiegreichen Glück aufglühte. Sein Arm um⸗ fing die reizende Geſtalt; ſein Mund flammte auf ih⸗ rem Munde.„Meine Dora— meine Braut!“ Nur Himmel und Meer waren Zeugen des Bun⸗ des. Den jungen Lippen, welche ſich Treue gelohten, war bis zu dieſer Stunde noch nie ein Liebeswort entglitten; die Augen, welche ineinander tauchten, ga⸗ ben und empfingen ihren Strahl aus ungekannten Sphären. Alle Himmel thaten ſich auf. Nahe Stimmen aus dem Walde weckten die G benden aus dem erſten Glückstraum. Dora ſprang auf; noch einmal tranken ihre Augen jeden Zug des —— 4* 40 geliebten Geſichtes in ſich, dann enteilte ſie, indem ſie den Finger auf die Lippe drückte, und ſtand, als die Geſellſchaft aus der Lichtung trat, bereits auf einer etwas tiefer gelegenen Stelle unter einem Rand von Bäumen, während Ernſt den Anlangenden entgegen⸗ ging. Nicht ſeines Mädchens Auge allein haftete bewun⸗ dernd auf dem jungen Mann, während er, von ſeinem Glück wie auf Flügeln getragen, einherſchritt. Ein eigenthümlicher Hauch des Idealen umgab dieſe Jüng⸗ lingsgeſtalt, blickte aus den dunkelblauen Augen, ruhte um den feinen ernſten Mund. Wo er immer erſchien, feſſelte er das Intereſſe, ohne ſelbſt etwas dazu zu thun, als daß er ſich gab, wie er war. Es giebt einen indiſchen Stamm, deſſen Unſterblichkeitsglaube dem Böſen jede Fortdauer abſpricht, dem Guten aber in der Sterbeſtunde eine Lichtgeſtalt erſcheinen läßt, die ihm ſagt:„Ich bin, was Du gewollt haſt, aber nicht erſtreben konnteſt. Komm' mit, es jetzt zu erreichen!“ Aehnlich wirkte Ernſt's reine, tief wahre Natur auf Alle faſt, denen er begegnete. Die Lichtgeſtalt der eigenen frühen Jugend trat vor ſie hin und ſprach: as Du gewollt und nicht erſtrebt— Dieſer er⸗ feicht es.“ Und dennoch war, als Dora am Abende deſſelben —— 41 Tages den Eltern in ihr Schlafzimmer folgte und ih⸗ nen vertraute, daß ſie dem Gaſte des Hauſes Wort und Treue gegeben, der Eindruck dieſes Geſtändniſſes mehr Beſtürzung als Freude. Namentlich erſchrak Frau Sophie, ſo lieb ihr auch der junge Mann war, den ſie ſeit ſeiner Kindheit kannte, wie ihren eigenen Sohn. Der Gedanke, Dora je mit ihm verbunden zu ſehen, lag ihrem Geiſte ſo fern, daß der trauliche Ver⸗ kehr des Paares ihr nicht die geringſte Beſorgniß ein⸗ geflößt hatte. Jetzt hielt ſie mit ihren Bedenken nicht zurück: Auf der einen Seite ein junger Menſch von dreiundzwanzig Jahren, geiſtreich und ſtrebſam zwar, aber erſt auf der Schwelle künftigen Lebensberufes, ohne Vermögen, ſelbſt ohne Protection, vor einer noch ganz unſicheren Zukunft ſtehend— auf der andern Seite Graf Mattern, der unverblümt geäußert, daß er Dora nur im Falle ſeiner Zuſtimmung zu einer von ihr getroffenen Wahl ausſtatten würde, um deſſen gu⸗ ten Willen ſolche Partie, die ſicher ſeinen Anſichten nicht entſprach, Dora bringen könnte— dieſes Beden⸗ ken gab das Thema zu lebhaften Einwendungen, die bei ihrem Manne nicht ohne Echo blieben. Sah Ro⸗ ſtan, der den ganzen Werth Ernſt's kannte und aner. ßt kannte, gleich mit freierem Blick auf das Verhältniß, welches ſich geknüpft, ſo erfüllte es doch auch ihn mit 42 ‿ι ernſten Beſorgniſſen. Er beurtheilte Dora zu richtig, um vor ihr auszuſprechen, daß ſeine Sorge ſich vor Allem auf ihr eigenes reizbares Naturell richte. Ob ein Gefühl probehaltig ſein würde, das, in täglichem Zuſammenleben aufgekeimt, doch nur wenige Wochen zur Baſis ſeines Entſtehens hatte; ob ſeiner Tochter bewegliches, viel forderndes Weſen zu dem ernſten, bei⸗ nahe ſtrengen Charakter ihres Erwählten überhaupt paſſe; ob die junge Liebe all den Opfern gewachſen ſei, welche hinſichtlich der Lebensgewohnheiten Dora's und der ihr Jahre hindurch eingeimpften Anſprüche von ihr gebracht werden müßten— das waren ſchwere Bedenken, die ihn allen Bitten und Stürmen ſeines Kindes gegenüber feſt machten. Er verſagte, jetzt in eine Verlobung zu willigen, und forderte Aufſchub je⸗ des bindenden Gelübdes, bis Ernſt in der Lage ſei, an Gründung eines Hausſtandes zu denken. Hatten die Jahre, welche bis dahin verfließen mußten, die Treue erprobt, dann blieb es frühe genug, ein un⸗ widerrufliches Band zu knüpfen. Dora widerſtand dieſer Forderung mit aller Leiden⸗ ſchaftlichkeit ihres Fühlens und Denkens. Was galt ihr der Graf, was galten ihr die Gewohnheiten eines Lebens voller Luxus, welche ſie meinte, abſtreifen zu wollen, wie ein überflüſſiges Gewand! Ihre Liebe 43 45 verleugnen und vertagen, um äußere Vortheile nicht in Frage zu ſtellen, erſchien ihr empörend, und doch mußte ſie ſich fügen, denn nach einer Unterredung, welche ihr Vater am folgenden Morgen mit Wernick tauſchte, fand ſie den Geliebten überzeugt, daß die an ihn geſtellte Forderung erfüllt werden müßte. Dora begriff ihn nicht, wollte ihn nicht begreifen. Die erſte Wolke ſtieg am Himmel der Liebenden em⸗ por. Sie zürnte; er litt, ließ ſich aber nicht beſtimmen, Dora's Verlangen nach zugeben, die ihn drängte, den Grafen aufzuſuchen, ſich ihm vorzuſtellen und dort um ſie zu werben, um ſo zu ertrotzen, was ihr der eigenen Eltern Wille noch entzog. Erſt im Moment des Schei⸗ dens empfing er wieder einen Blick der Liebe. V. Alles, was Dora das Elternhaus lieb und theuer gemacht, erblich vor dem Widerſtande, den ſie gefunden. Umſonſt verſuchte des Vaters liebreiche Hand, das Kind wieder ſo nahe an ſein Herz zu ziehen wie zu⸗ vor; ſie wandte ſich kühl von ihm, trotziger noch von der Mutter ab, deren Weltklugheit ſie die Schuld von Dem beimaß, was ſie jetzt litt. Um ſo feſter ſchloß ſie ſich an Robert, den einzigen Vertrauten ihrer Liebe. Hatte Ernſt dem Vater auch ſein Wort gegeben, mit — — —4 Dora keine Briefe zu wechſeln, bis derſelbe es geſtat⸗ ten würde, ſo beſtand ſeinem jungen Freunde gegen⸗ über gleiche Vorſchrift nicht, und Alles, was ſich die Liebenden nicht ſagen durften, ſtand zwiſchen den Zei⸗ len der häufig hin- und wiedergehenden Briefe. Schon brach der Winter herein, als ein paar kurze Zeilen des Grafen Mattern ſein nahes Eintreffen in Danzig ankündigten und er denſelben faſt auf dem Fuße folgte. Er kam allein, mit der Abſicht, Dora zu ſeiner Frau zu bringen, mit welcher er ſich vor Kurzem in der Reſidenz eingerichtet hatte. Dem früheren Entſchluſſe entgegen, ſtimmten das junge Mädchen und ihre Eltern ohne Einwendung zu, Dora mit geheimen Abſichten, Roſtan mit dem Gedan⸗ ken, daß ein vorübergehendes Zurücktreten in die lang⸗ gewohnten Verhältniſſe jetzt als Probe des Neuerlebten ſehr am Platze ſei, Sophie mit der ſtillen Hoffnung, eine Zukunft, die ihren Erwartungen nicht entſprach, den glänzenden Ausſichten wieder weichen zu ſehen, von denen ſie für all die Ihrigen ſo viel erträumt hatte. Graf Hugo verbarg die Befriedigung nicht, womit er ſeine Pflegetochter wiederſah. In der That hatte ſich Dora's Schönheit während dieſes letzten Jahres glänzend entwickelt. Schon während der kurzen Zeit ſeiner Anweſen⸗ 45 heit und der gemeinſchaftlichen Reiſe bot Thea, wie ſie ſich nun wieder nennen hörte, allen Reichthum ih⸗ res Weſens auf, um dem Grafen innerlich nahe zu rücken; all ihr Hoffen und Denken bewegte ſich nur Einem Ziele entgegen. Den Anſichten ihrer Eltern zum Trotze, dem eigenen Urtheile über Mattern ent⸗ gegen, das aus ihren Erinnerungen aufſtieg, wollte ſie ſeinem Gemüthe abgewinnen, was ſeine Weltan⸗ ſchauung allerdings nicht zu gewähren verſprach. Es bedurfte der Zeit, bis ihre Jugend begreifen lernte, daß Phantaſie über leere Klüfte wohl Brücken ſchlagen, den Abgrund aber nicht ausfüllen kann. Als ſie das Haus ihres Pflegevaters betrat, ſah ſie in ihm noch die Züge des ſelbſtgeſchaffenen Bildes und bedurfte ſolcher Illuſion um ſo mehr, als Gräfin Wanda ihr vom erſten Moment an unſympathiſch war und blieb. Die Gattin, welche Mattern ſich erwählt, gehörte einer der vornehmſten magyariſchen Familien an. Eine ariſtokratiſche Erſcheinung, aber keine ariſtokratiſche Natur. Ganz und gar fehlte ihr der vornehme Zug, die Dinge im Einzelnen gehen zu laſſen. Ein raſtloſes Sichbekümmern um Alles und Jedes, was in ihren Bereich kam, wurde durch beſte Formen zwar im Aus⸗ drucke, aber nicht in der Weſenheit beſchränkt. Das junge Mädchen, deſſen Stellung zu ihrem Gatten ſie ———— —— —-—— —— — — ——— 46 in ihrer Weiſe aufgefaßt und angenommen hatte, miß⸗ fiel ihr von Anfang an durch die Selöſtſtändigkeit, womit ſie ſich bewegte, womit ſie den Ton des Pro⸗ tegirens, der ihr entgegenklang, ganz und gar zu igno⸗ riren verſtand. Noch mehr! Thea, vom Grafen in jeder Weiſe gehalten und gehoben, erregte Aufſehen und wurde zur bewundertſten Perſönlichkeit, ſo oft ſie erſchien. Zwar begleitete ſie Mattern ſelten oder nie in Geſellſchaft außer dem Hauſe, der vielbeſuchte Salon der Gräfin bot jedoch ein Terrain, auf welchem Raum genug war, eine außergewöhnliche Erſcheinung zur vol⸗ len Geltung zu bringen. Während Graf Hugo eine perſönliche Eitelkeit darein ſetzte, die Erfolge ſeines Pflegekindes ſo bemerklich zu machen wie möglich, wurde ſeiner Frau die Rolle, welche das bürgerliche Mädchen in ihrem Kreiſe ſpielte, geradezu unerträglich. Zu hochmüthig, dies auch nur anzudeuten, befriedigte ſie ihren Mißmuth durch hundert kleine Nadelſtiche, welche Thea's ſtolzen Charakter jedoch nur zu ſtummer Oppoſition reizten, die ſich in völliger Nichtbeachtung der verſteckten Angriffe äußerte. Von Tag zu Tag gewann das junge Mädchen mehr an Sicherheit und freier Beherrſchung der geſell⸗ ſchaftlichen Formen; von Tag zu Tag verlor ſie dabei an jener Lauterkeit des innerſten Weſens, die in der — — 47 Heimath ſo duftend emporgeſtiegen war. Thea ſelbſt empfand dies nur zu oft. Dann überfiel ſie ein Heim⸗ weh, eine Verlaſſenheit, die ſie in troſtloſe Stimmun⸗ gen ſtürzte; dann flüchtete ſie zu den Briefen, die, ihrem Bruder geſchrieben, ihr zugedacht, regelmäßig den Weg zu ihr fanden, und badete darin ihre Seele wieder rein. Ernſt lebte in ihrem Gemüth als Urbild alles Edeln und Hohen. Er ſtand ihr an der Stelle der Gottheit, zu der ſie längſt verlernt hatte den Weg zu finden. Dieſem ſchwärmeriſch geliebten Bilde gegen⸗ über erſchrak ſie dann vor ſich ſelbſt. Eine Ahnung überkam ſie, als wäre ſie ſeiner nicht werth; ſein un⸗ beugſam reiner Sinn, der Alles verſchmähte, was ihm zu klein und zu niedrig für ſein wahres Sein erſchien, zeigte ihr das eigene Spielen mit der bunten Welt, in der ſie lebte, oft in vernichtender Beleuchtung. Noch hatte ſie nicht mit dem Grafen geſprochen— anfangs warnte ſie davor nur ein banges Befürchten des Miß⸗ erfolges; ſpäter zögerte ſie freiwillig hin, was ihr im Wirbel der vielbewegten Tage nicht am Platze ſchien, und ſagte ſich, im Sommer auf dem Lande würde ſie bei ihrem Pflegevater beſſere Stimmung für ſolche Mittheilung finden. Ein äußerer Anlaß ſollte gelegent⸗ lich zur Sprache bringen, was Thea vor Monaten ſo ſtürmiſch zu erzwingen gedacht. 48 Einer der jungen Männer, welche im gräflichen Hauſe verkehrten, ein wohlhabender Offizier von ange⸗ ſehener bürgerlicher Familie, hielt um ihre Hand an, und Graf Hugo machte ſeinen Freiwerber. Wie ſehr ſie ihrer Sache geſchadet, indem ſie nicht dem erſten Herzensinſtinkt gefolgt und ihrem Pflegevater gleich beim Wiederſehen den geſchloſſenen Bund anvertraut, hatte Thea nun zu empfinden. All ihren Worten zum Trotz behandelte Graf Hugo das Geſtändniß, welches ſie ihm ablegte, ganz obenhin als bloße Kin⸗ derei, die von ihren eigenen Eltern richtig taxirt wor⸗ den ſei, und als Thea ihm mit leidenſchaftlichem Nach⸗ drucke erklärte, ſie betrachte ſich als Braut und würde nie einem andern Manne die Hand reichen, erwiderte er ihr ſcharf und trocken, daß er ſeinerſeits zu einer ſo unpaſſenden Partie weder ſeine Zuſtimmung geben, noch je dazu beitragen würde, ſolche Heirath möglich zu machen. Dieſe Unterredung, dieſes Beanſpruchen von Rech⸗ ten, welche Thea dem Grafen keineswegs zugeſtand, regte ihr Selbſtgefühl zugleich mit ihrer Liebe leiden⸗ ſchaftlich auf. Alles, was ſie äußerlich umſponnen hatte, wich vor den Forderungen ihrer innerſten, groß angelegten Natur zurück. Sich unabhängig zu ſtellen, um ihre Liebe muthig zu kämpfen, ſei es auch in. der Geſtalt, die ihrem Naturell am ſchwerſten zu erfaſſen war— des Wartens und Schweigens, erſchien ihr allein möglich. Sie ſchrieb ihrem Vater und öffnete ihm ihr ganzes Herz mit all' ſeinen Schwächen, in all ſeiner Kraft. Schonungslos klagte ſie ſich ſelbſt des Einfluſſes an, den der Cultus der Eitelkeit auf ihr Sein und Weſen geübt, und bat, ſie heimzurufen, damit ſie wieder geſunde. Die Antwort auf dieſen Brief blieb lange aus. Als ſie endlich kam, war ſie ein Donnerſchlag. Der Vater, an deſſen liebevolles Herz ſie ſich geflüchtet, hatte die Worte ſeines Kindes nicht mehr vernommen. Auf einer Dienſtreiſe ſchwer erkrankt, hatte der Rath ſein Haus nur erreicht, um dort die Augen für immer zu ſchließen. Thea ſtand wie erſtarrt vor dem ungeahnten Ge⸗ ſchicke. Daß ſie begehrte, ſofort zu den Ihrigen zu reiſen, fand keine Widerrede; die Gräfin ſelbſt zeigte ſich theilnehmend und beſtand darauf, ihre eigene Kam⸗ merfrau als Begleiterin bis zur letzten Tagesſtation mitzugeben. Thea widerſprach in nichts. Sie ver⸗ langte nur nach Hauſe, mit dem dumpfen Gefühl, daß ihr ſtarres Empfinden dort allein ſich in Thränen lö⸗ ſen könnte. Ja, Thränen floſſen ohne Ende in dem Hauſe der Godin, Frauenliebe und Leben. II. 4 Troſtloſigkeit. Sophiens ſtets ſo friſche Kraft ſchien gebrochen. Es war, als ſei mit dem Hausvater der bindende Reif gefallen, der alles Leben der Seinen gehalten, als ſtürze nun Alles und Jedes zuſammen. Nicht der männliche liebevolle Geiſt allein, auch die nährende Hand war dahin, und rathlos erſchien die Zukunft. An der völligen Vernichtung, welche die Mutter gleichſam lähmte, ſtärkte ſich Kraft und Wille der beiden älteſten Geſchwiſter. Dora fand hier den Schwerpunkt wieder, der ihr während des letzten Jah⸗ res abhanden gekommen war. Sie überſah klar, was geſchehen mußte, und daß es an ihr ſei, Das, was vor Kurzem noch Gefahr und Verſuchung geweſen, nun zum Opfer zu heiligen. Sie ſchrieb zum erſten Male an Ernſt— keinen Liebesbrief, wie das bräutliche Herz ihn in Gedanken tauſendmal geſchrieben. Mit voller Offenheit bekannte ſie dem Geliebten Alles, was in ihr, was um ſie her vorgegangen, legte ihm die gegenwärtigen Verhältniſſe und was ſie ſelbſt zu thun geſonnen, dar und forderte ſeine Entſcheidung. Er brachte die Antwort ſelbſt und brachte damit Troſt in's Haus, in all die leidvollen Herzen. Erſt jetzt empfand Dora ganz, was er ihr war. Selbſt wenn er nicht in der Nähe, wenn ſie aus dem anſtoßendne —- 51 Raume ſeine Stimme vernahm, einen Schimmer ſeiner Geſtalt ſah, erſchauerte in ihr ein ſüßes Gefühl, das Trauer und Thränen in unbewußtes Lächeln verwan⸗ delte— wie Nebelbilder glitten dann vielfache Geſtal⸗ ten, die ihr begegnet, die ſich ihr zu nähern verſucht, an dem träumenden Sinn voüber— weſenlos! Er war der Eine, der Einzige. Alles, was echt, was gut in ihr war, hob ſich wie auf Schwingen, gehörte ihm allein. Ihr ganzes Innere blühte, duftete, ſtrömte dem Geliebten entgegen— ihr war, als habe ſie nicht nur ihn, als habe ſie ſich ſelbſt wiedergefunden nach langer Entbehrung, langer Verbannung. An ſeiner Seite ſitzen oder ſchreiten, in das tiefe, ſtille Auge blicken, ihren Namen mit dem Klang nennen hören, der nur der Liebe eigen, war Seligkeit. Ernſt betrachtete ſich von dem einſt dem Hinge⸗ ſchiedenen gegebenen Worte frei; wie die Verhältniſſe heute lagen, durfte er den Verlaſſenen eine moraliſche Stütze für die Gegenwart, ein Halt für die Zukunft ſein. Er beſprach mit Dora und Robert, was zu thun möglich, und ſie legten der armen, noch immer ſtumpf hinbrütenden Mutter beſtimmt gefaßte Vorſchläge zur Erwägung und Entſcheidung vor, denen ſie nicht nur ihre Zuſtimmung gab, ſondern woran ſogar ein Funke ihrer alten Energie wieder aufzuleben ſchien. Der Ge⸗ 4*† — 52 danke, daß ſie mit den Kindern in ihre Vaterſtadt überſiedeln und dort mit Beiſtand ihrer Verwandten eine Arbeitsſchule für Mädchen gründen möchte, er⸗ ſchien ihr ausführbar. Die Summe, welche vom Gra⸗ fen Mattern alljährlich als Zins des zu Dora's Gun⸗ ſten niedergelegten Capitals an Roſtan's geſandt wurde, ſollte verwandt werden, um Robert's bevorſtehende Univerſitätsjahre zu ermöglichen, für welche Ernſt ein Zuſammenleben mit ihm anbot. Deſſen eigenes Doctor⸗ examen war bereits abgelegt; in drei, längſtens vier Jahren hoffte er ſein nächſtes Ziel zu erreichen, als Privatdocent habilitirt zu ſein und eine auskömmliche Exiſtenz erreicht zu haben. Bis dahin mußte Dora im Hauſe des Grafen ausharren. Ernſt gelobte der Mutter, daß er die Stellung ſeiner Braut zu ihrem Pflegevater durch keine Unvorſichtigkeit gefährden und das Geheimniß wahren würde, bis er in der Lage ſei, als ſelbſtſtändiger Mann ihre Hand zu begehren. Die Liebenden tauſchten Ring und Gelübde. ——— Zweite Abtheilung. Thea. J. Ein Jahr war vergangen. So ungern Graf Hugo darauf verzichtete, mit Thea Parade zu machen, hatte er doch ihrer Trauerzeit Rechnung getragen. Das Stillleben, welches ſie ſich nach ihrer Rückkehr von der Heimath zu ſchaffen gewußt, und worin er ſie gewäh⸗ ren ließ, brachte ſie der Gräfin etwas näher. Ein Sohn und Erbe wurde inzwiſchen geboren; man verlebte mehr Zeit auf dem Lande, als während des erſten Ehejahres, und die Liebe, welche Thea dem kleinen Stammhalter zeigte, gewann ihr die Nachſicht der Mutter in um ſo höherem Grade, als zu den früheren Aergerniſſen jetzt kein Anlaß vorlag. Daß der Graf mit ſeiner Pflegetochter philoſophiſche Werke 54 las und von den Literaturen aller Länder naſchte, ſtörte ſeine Frau höchſtens dann, wenn ihr die lang⸗ weiligen Studien in ihrer Gegenwart zum Geſprächs⸗ thema wurden. Im Stillen tauchte ihr der Gedanke auf, in dem klugen Mädchen, deren Zwitterſtelluug ſie ſchwerlich zu einer paſſenden Heirath mochte ge⸗ langen laſſen, ſpäter eine ganz geeignete Gouvernante für ihre Kinder zu beſitzen; dies gab Thea's Zugehörig⸗ keit zur Familie in ihren Augen gleichſam einen Boden. Graf Hugo, deſſen jüngſte Laune ſich auf Natur⸗ wiſſenſchaften und dahin einſchlagende Philoſophie ge⸗ worfen, gab die Weisheiten, welche ihm aufgingen, friſch und mit ſeiner individuellen Auffaſſung verbrämt, an die junge Schülerin weiter. Alles, was er ihr bot, war von prächtiger Fagade und lud zum Eintritt ein. Das geiſtvolle Mädchen, deren Scharfſinn es nicht ent⸗ ging, daß ihr Wegweiſer von den Dingen, die er ihr zeigte, nur die glänzende Oberfläche ſah, fand ſich vom brennendſten Durſt ergriffen, in die geheimnißvollen Tiefen zu tauchen, aus welchen früher Gehörtes, Un⸗ verſtandenes ihr doch ſchon als Bekanntes entgegen⸗ leuchtete. Mit Ungeſtüm drang ſie in den dunklen Schacht, um zu den Goldadern zu gelangen, die ſie dort ahnte. Gewöhnt, all ihr Denken an das Bild 8 5 5 ⅓ des geliebten Freundes zu knüpfen, wurden ihre Briefe an ihn, welche unter Robert's Adreſſe gingen und ka⸗ men, nach und nach zu den Tagebüchern eines Stre⸗ bens und Forſchens, das Ernſt keineswegs erfreute Ihm war der Geiſt des Weibes ein köſtlicher erquicken⸗ der Quell, an geſegneter Stätte entſprungen und ein⸗ gehegt, ein Brunnen, der ihr allein gehört, aus dem Keiner ſchöpfen darf, dem ſie es nicht geſtattet. Tief⸗ ſtes Bedauern ergriff ihn, ſo oft er ſah, daß ſolch' eine Begnadete hinausging an den großen See, wo ihrer Hunderte ſtehen, und daß ſie meinte, was ſich dort ſchöpfen ließ, ſei mehr werth als ihre eigene Quelle. Der reine Sinn, der Scharfblick des eigenen prophetiſchen Herzens lehrte nach ſeiner Ueberzeugung das Weib die ganze Welt verſtehen; dieſes Orakel mußte ihr ſtets Alles verkünden, woran am meiſten gelegen. Und gab er Ausnahmen zu, war ein Ver⸗ tiefen in abſtracte Fragen für einzelne Frauen wirk⸗ lich ein Lebensbedürfniß, ſeine Dora war ſolche Aus⸗ nahme nicht! Dieſe phantaſievolle, leidenſchaftliche Natur bedurfte überſinnlicher Ideale; wenn ſie die ſtei⸗ len Höhen, von welchen aus weiteſte Umſchau geboten, wirklich erklimmte, ſo würde ſie dort eine Luft finden, in der zu athmen, für ſie unmöglich war. Er ſprach dieſe Ueberzeugung rückhaltslos gegen die Geliebte aus nnd erweckte damit in ihr tiefſte Miß⸗ ſtimmung. Sie fühlte ſich unverſtanden und gedemü⸗ thigt. Der geiſtige Hochmuth, welcher ſich in halb⸗ fertigen Naturen am ſchärfſten regt, bäumte ſich auf. Und wie denn Alles leicht mißverſtanden wird, was ſich, aus ſeiner Verbindung geriſſen, einzeln der Be⸗ trachtung darſtellt, erſchien ihr des Verlobten liebevolles Ablenken nur engherzige Nichtachtung ihrer Fähigkeiten. In den Briefwechſel, der ſeit einem Jahre Beider höch⸗ ſtes Glück geweſen, ſchlich ſich jene leiſe Verſtimmung ein, die aus Scheu, falſch verſtanden zu werden, ſich nicht zur löſenden Offenheit losringt, und Todesgefahr im Gefolge führt, wenn das kranke Selbſtgefühl ſich in ſtolzes Schweigen verhüllt. Was ein Blick, ein Händedruck oder ein warmes Wort raſch ausgleicht, glimmt träge aber doch zerſtörend fort, wo das zwiſchen Zürnen und Sehnen geſchriebene Blatt Tage und Nächte bedarf, bis es die Hand, das Herz erreicht, für das es beſtimmt iſt. Ernſt empfand die Kühle, welche ihn aus den Briefen der Geliebten anwehte, mit tiefem Schmerz; im Bewußtſein voller Liebe und Treue verſuchte er jedoch nicht, ſtürmiſch wieder zu gewinnen, was, wie er empfand, unveräußerlich ſein war. Er kannte die gährenden Elemente des Feuergeiſtes, dem er ſich ver⸗ 57 bunden, und vertraute auf die Kraft der wahren tief⸗ innerſten Natur ſeiner Dora. II. Ende Mai, als Mattern mit den Seinigen ſich eben rüſtete, von der Reſidenz nach dem Gute überzuſiedeln, empfing Thea einen kurzen Brief aus der neuen Heimath der Ihren, welcher ihr mittheilte, die Mutter ſei erkrankt und verlange nach ihr. Erſchreckt durch dieſe Nachricht, reiſte das junge Mädchen ſogleich ab und traf Frau Roſtan zwar außer Gefahr, aber noch ſchwer leidend. Wochenlanges Krankenlager ließ, trotz der ſorgfältigſten Pflege, bei Frau Sophie eine Schwäche und Nieder⸗ geſchlagenheit zurück, die für Thea äußerſt bedrückend war. Die ganze Friſche ihrer Mutter, welche ſo deut⸗ lich in der Erinnerung ihrer Kinder lebte, war dahin. Sie hatte ſich geiſtig von dem Schlage nicht mehr er⸗ holt, welchen ſie durch den Verluſt des Gatten erlitten. Ueberanſtrengung mochte mitgewirkt haben, ihre körper⸗ lichen Kräfte zu lähmen, und jetzt nach überſtandener Krankheit ſchien das einſt ſo ſanguiniſche Temperament ganz in das Gegentheil umgeſchlagen. So oft ſie mit ihrer Tochter allein war, gab ſie den Sorgen und Klagen Ausdruck, welche ihre Gedanken einnahmen. „Was ſoll aus den Kleinen werden, wenn ich, wie es eben noch ſo nahe gedroht, frühzeitig ſterben muß?“ Immer und immer wieder drängte ſich dieſe Frage auf ihre Lippen. Seufzend gedachte ſie des von Thea geſchloſſenen Bundes: „Wenn nun Alles übel endet? Wenn ſich der Graf, entrüſtet über die Nichtachtung ſeines Willens, beleidigt von Dir abwendet, ſobald Du das Ziel, Wernick Deine Hand zu reichen, erlangt haſt? Wer ſoll dann für die Waiſen ſorgen? Robert bedarf noch auf Jahre hinaus ſelbſt der Beihülfe; Wernick kann im glücklichſten Falle für den eigenen Hausſtand Rath ſchaffen. Wie anders hätte ſich Alles geſtalten können, wenn—“ Der nicht ausgeſprochene Schlußgedanke dolmetſchte ſich in einem Blick des Vorwurfs. Das junge Mädchen widerſtand dem Drängen des Grafen, zu ihm zurückzukehren, nicht länger, als ihr die Pflicht gebot. Ihre Mutter war wieder rüſtig genug, um keines Beiſtandes mehr zu bedürfen; es gab für Thea Nichts mehr zu leiſten, und ſie fühlte ſich wie erlöſt, als ſie Anfang Juli ihr baldiges Ein— treffen nach Schloß Mattern melden durfte. Wie be⸗ drückend erſchien ihr diesmal die Enge des eigenen Familienlebens! Dahin jeder Reiz der Erinnerung, welche dieſe kleine Welt einſt ſo reich erſcheinen ließ — fremde Umgebungen, niedrige Räume— dahin der — 59 warme Blick des Vaterauges, Alles ſo kleinlich, ſo kümmerlich um ſie her, daß ihr war, als müßte ſie vor Mangel an Lebensluft erſticken. Sie ließ als Gabe Alles zurück, was ſie irgend beſaß. Mehr be⸗ ſchämt als freudig, verſchenkte ſie alles an die Ihrigen. Der Graf hatte ihr, als die Zeit ihrer Rückkehr feſt ſtand, einen Carton mit hübſchen friſchen Sommer⸗ toiletten zugeſandt. Er knüpfte daran die Bitte, nun, nachdem länger als ein Jahr über ihren Verluſt hin⸗ gegangen, auch die Trauer abzulegen, er bat zugleich um das Verſprechen, daß ſie ſich fortan nicht mehr vom geſelligen Verkehr abſchließen würde. Thea geſtand ſich nicht, wie ſehr dieſer Wunſch ihrem eigenen momentanen Bedürfniſſe entgegenkam. Durch neue Eindrücke, durch äußerlich bewegtes Leben und Treiben all den peinlichen Gedanken zu entrinnen, welche ſie während der letzten Monate bedrängt hatten, erſchien willkommen. Als ſie eintraf, fand ſie das Schloß mit zahlreichen Gäſten beſetzt. Beſuche aus der Kreishauptſtadt, einzelne Paſſanten, die ein paar Tage blieben, um neuen Erſcheinungen Platz zu machen, endlich Verwandte der Gräfin, die zu längerem Ver⸗ weilen aus Ungarn gekommen, füllten das Haus. Thea's Perſönlichkeit, Manchen bekannt, Andern neu, wirkte ſofort belebend. Das ſchöne Mädchen ward unmerklich zum ſtillſchweigend anerkannten Mittelpunkte für den anweſenden Kreis, und das Verlangen, die geheime Mißſtimmung zu übertäuben, die in ihr wühlte, ließ ſie mit all ihren Gaben und deren Wirkung ſpielen wie mit Bällen, welche der Jongleur in die Luft wirft, um ſie ſelbſt wieder aufzufangen. Nichts von Coquet⸗ terie lag in der Weiſe, womit ihr glänzendes Naturell ſich äußerte; aber eine fieberiſche, ihr ſonſt nicht eigene Lebendigkeit brach Stunde um Stunde hervor, um raketengleich aufzuflammen und ebenſo plötzlich wieder zu verlöſchen. Sie nahm jede Huldigung, die ihr ge⸗ bracht wurde, in ihrer ſorgloſen und doch ſtolzen Weiſe hin, ebenſo unbekümmert um der Gräſin Stichelreden wie um die prahleriſche Eitelkeit, mit der Graf Hugo ſeine Pflegetochter zur Schau zu ſtellen ſtets bedacht blieb. Die Freiheit, mit der ein ſo junges Mädchen ſich zwiſchen Allem bewegte, erregte indeß bald das Staunen oder den ſtillen Aerger Derer, welche ihre Stellung zum Hauſe kannten. Dafür aber, daß über letzeren Punkt Niemand in Zweifel bleiben konnte, ſorgte die Gräfin, namentlich ihren Verwandten ge⸗ genüber. Faſt ſchien es, als hätte dieſe Mittheilung das Intereſſe welches ſie dämpfen ſollte, bei einem derſelben noch erhöht. Stephan Sandor, ein Vetter der Haus⸗ 81 On frau, hielt ſich von der erſten Stunde an, in der ihm Thea begegnete, wie gebannt in ihrer Nähe und warf die ganze Macht ſeiner Perſönlichkeit in jeden Moment, den er mit ihr verlebte. Nicht umſonſt. Ohne die gebotenen Lebensformen zu verletzen, löſte er allmählich das ſchöne Mädchen gleichſam los von ihrer Umgebung. Der Platz an ihrer Seite, ein Fluß des Geſprächs, wie er nur Zweien unter Vielen möglich wird, das Recht, ihr jene ſtillen Aufmerkſamkeiten zu erweiſen, die namenlos ſind und doch Geber und Empfänger ſo eigenthümlich aneinander feſſeln, dies alles war nach kurzer Zeit ſein Monopol geworden. Befand er ſich nicht neben ihr, ſo folgte ihr ſein Auge wie ihr Schatten; er wußte ſtets, wo ſie war, was ſie eben that; mitten im Geſpräche mit Anderen wandte er oft plötzlich den Kopf, um mit einem kurzen Worte, das wie ein Vogel zu ihr hinüberflatterte, den Beweis zu geben, daß kein Laut von Dem, was ſie zu einem Dritten geſprochen, ihm entging. Bald erblickte man dieſe Beiden immer zuſammen. Die Freiheit des Land⸗ lebens unterſtützte den geheimen Zug des Suchens und Findens. Es war, als unterliege Thea einer ſouve⸗ rainen Macht, der Widerſtand entgegenzuſetzen nicht möglich ſei. Stephan Sandor gehörte zu jenen Perſönlichkeiten, 62 die ſich dem Gedächtniſſe unverwiſchbar einprägen, ſelbſt wenn man ihnen nur einmal begegnet und nicht wieder, gleich ungewöhnlich durch die feſſelnde äußere Erſcheinung wie durch ſein geiſtiges Gepräge. Die kühn geſchnittenen lebensvollen Züge intereſſirten. Ein Blick großer Sanftheit weckte ſofort das Vertrauen; bei jeder Regung glühte ſein ganzes Weſen auf wie in Funken eines verborgenen Feuers. Ein wunderbar 4 verwandter Zug blitzte Thea im Verkehr mit dem jungen Ungar entgegen. So oft er ſprach, war ihr als träten ihre eigenen Gedanken wie lebendig gewordene Geiſter vor ſie hin— doch nicht ihre Gedanken allein. Wenn ſie ſeinen Ideen auch zu folgen, ſeine Phantaſien zu überflügeln und ſeinen überlegenen Geiſt zu faſſen vermochte— Eines war an und in ihm, das ſie rührte und feſſelte, wie nichts auf Erden je zuvor: eine Kind⸗ lichkeit des Gemüthes, die ſein ganzes Weſen durch⸗ ſtrömte, wie ein friſcher Quell. An das, was er gab, nicht unbedingt zu glauben, war unmöglich, und hier lag der Schlüſſel zu der Macht, welche Stephan auf Alle übte, denen er ſich je gewidmet, zu derſelben Macht, welche auch Thea mehr und mehr umſpann. Sie wußte ſelbſt nicht, wie ganz ſie in dieſer Er⸗ ſcheinung aufging, die gleich einem Meteor in ihr Le⸗ ben gefallen war; aber ſie folgte ihm willenlos in alle Stunden und Tage hinein, wie dem Winke eines Mag⸗ netiſeur's, vor deſſen leiſer Beſchwörung jedes Beſinnen ſchwindet und nur der Traum übrig bleibt. Nach einem jener heißen Auguſttage, die ſich in ſo köſtlichen Nächten ausleben, begab ſich die Tiſch⸗ geſellſchaft, als die Abendtafel aufgehoben war, aus dem Gartenſalon nach dem tiefer im Park gelegenen Teiche, üͤber welchem um dieſe Stunde der Mond zu erwarten ſtand. Bereits zitterte ſilbernes Licht im weichen Reflex über das Waſſer hin, in deſſen ſtiller Ruhe jeder einzelne Stern ſich ſpiegelte. Die Nacht trug ihren Königsmantel; auf dunkelblauem Grunde flimmerte Funke an Funke. Kein Blättchen regte ſich; nur der Duft des Jasmins drang mit betäubender Süße aus den Büſchen. Ein Lauſchen rings, als verhauchte ſelbſt der leiſe Athem der Natur, harrend und hoffend. Da brach Geſang die Stille. Weiches Tönen melodiſcher Frauenſtimmen, die jenſeits des Waſſers ein zweiſtimmiges Lied ſangen:„Du biſt wie eine ſtille Sternennacht. 77 3 Eien un trat zu Thea, die im Schatten! ſtand und ſchweigend in die Höhe blickte.„In meiner Heimath“, ſagte er mit gedämpfter Stimme,„in Winternächten iſt es, als zuckte der ganze Himmel. Jeder Stern ſcheint 64 dann zu beben. Dies gleicht Ihnen— auch Sie ſind eine ſtille Sternennacht.“ Sie ſchüttelte ſchweigend das ſchöne Haupt und ließ die Wimpern ſinken, ohne damit den Tropfen verbergen zu können, der ſich langſam löſte und über ihre durchſichtig blaſſe Wange fiel. Stephan ergriff ihre Hand.„Thea,“ ſagte er mit leidenſchaftlicher Innigkeit,„wollen Sie mir folgen in meine ſchöne Heimath? Thea, ich liebe Sie!“ „Ich liebe Sie!“ Dieſer Klang, dieſes Wort, der⸗ einſt von einer anderen Stimme gehört, nicht unter den Sternen, nein, im klaren Lichte des Tages, Ant⸗ wort heiſchend, wie heute, und Antwort empfangend als williges Gelöbniß der Treue! Ein Abgrund gähnte plötzlich vor Thea auf. Ihr war, als ſei eine Saite geſprungen, deren Riß für ewig alle Harmonie ihres Inneren unmöglich gemacht, als ſei etwas zerbrochen, das ſich nimmer aneinanderfügen ließ. Mit gewalt⸗ ſamer Haſt zog ſie ihre Hand zurück, warf einen heftigen Blick zu dem Geſicht empor, das ſich über ſie beugte, und verſchwand ohne eine Silbe, einen Laut. Wie ſie ihr Zimmer erreicht, wußte ſie nicht. Wie lange ſie auf den Knieen gelegen, das Angeſicht in die Polſter des Stuhles gedrückt, vor welchem ſie ſich niedergeworfen, wußte ſie nicht. Als ſie aus dem 65 Wirbel tobender Empfindungen zum Beſinnen auffuhr, war es tiefe Nacht um ſie her. Sie ſtrich ſich die Haare aus den Schläfen wie eine Traumwandlerin, ſtand einen Moment regungslos, fachte dann Licht an, und trat ungeſtüm an ihr Schreibpult, das ſie erſchloß, um aus einem der Fächer ein Bild hervorzunehmen. Ihre Augen hingen an den Zügen des Mannes, dem ſie Treue gelobt, ſo durſtig, als wollten ſie jede Linie in ſich trinken, bis ſie plötzlich die Hand mit dem Bilde wie leblos ſinken ließ. Sie empfand in ſich eine Möglichkeit, an welche ſie nie gedacht— die Möglichkeit neuer Liebe. Die Farben dieſes Bildes ſtanden erblaßt in ihrem Herzen, ein anderes war da, war näher, nahm ihr Sein und Denken ſo gefangen, daß für den Fernen nichts übrig blieb, als ein dumpfes Wehgefühl. Sie ſchauderte vor ſich ſelbſt. Mit fliegender Hand riß ſie ein Paket Briefe an ſich, löſte das Band und ſtreute die eng⸗ beſchriebenen Blätter vor ſich hin; ihr Auge irrte von einer Seite auf die andere. Bilder der Vergangenheit ſtiegen aus den Zeilen auf, waren um ſie ausgeſtreut, gleich den weißen Bogen— Alles kalt und farblos. Sie blickte auf das Geweſene, wie ein Geſtorbener auf ſein Leben zurückblicken mag— es war todt, es war kein Leben mehr. Nur die Widerſprüche zwiſchen ihrem Godin, Frauenliebe und Leben II. 66 ſtürmenden Temperamente und dieſem feſt in ſich ge⸗ ſchloſſenen Charakter, nur dieſe traten lebendig vor ſie hin. Und wo ihr Auge auf Liebesworte traf, da tönte eine andere Stimme hinein;„Ich liebe Dich!“ Die Sterne zuckten vor ihren geſchloſſenen Augen, und der Duft des Jasmins drang auf ſie ein, ein Hauch der Leidenſchaft. So ging die Nacht hin. Am Morgen ließ Thea ihr Nichterſcheinen durch Unwohlſein entſchuldigen, empfing aber Graf Hugo, der wiederholt nach ihr gefragt, ein paar Stunden ſpäter in ihrem Zimmer. Sein Beſuch war ihr lieb. Das Alleinſein wurde unerträglich, und doch mochte ſie nicht daran denken, unter Menſchen zu gehen. Der Graf wurde von ihrem Anblick frappirt. Er hatte eine Laune vermuthet und ſah nun in dem gleichſam zerwühlten, gealterten Geſichte die Spuren wirklichen Leidens.. „Doch nicht ernſtlich unwohl, Thea?“ fragte er beſorgt, indem er ſich neben ihr niederließ.„Ich kam, über Wichtiges mit Dir zu ſprechen— vielleicht iſt es Dir jedoch lieber, wenn das aufgeſchobtt bleibt?“ Jähe Gluth flammte in ihrem Geſichte auf. Sie ſchüttelte ſtumm den Kopf und ſah ihn erwartend an. Mattern nahm Poſition.„Was wir heute zu beſprechen haben, liebes Kind“, ſagte er mit einiger 67 Emphaſe,„das zähle ich zu den größten Freuden meines Lebens. Sandor hat mir dieſen Morgen mitgetheilt, daß er Dir ſeine Hand angeboten, Du aber ſeiner 5 Werbung noch keine Zuſage gegeben. Ich konnte ihn hierüber beruhigen— er ſchien ſich nämlich Dein heutiges Zurückziehen zum Nachtheil auszulegen—, ſolche Seru⸗ pel macht ſich nur die Leidenſchaft. Für mich, wie für Jeden, der Dich in Stephan's Geſellſchaft geſehen, blieb über Deine Entſcheidung kein Zweifel möglich. Laß mich alſo der Erſte ſein, liebſte Thea, Dir zu einer Zukunft Glück zu wünſchen, welche meine kühnſten Hoffnungen für Dich überflügelt.“ Thea's Wange wurde fahl. Sie ſchüttelte heftig den Kopf und verſuchte zu antworten, doch erſtarb der Laut an dem wilden Schlage ihres Herzens. Endlich ſprach ſie mühſam: „Sie wiſſen, daß ich nicht frei bin.“ Der Graf machte mit eigenthümlichen Lächeln eine leichte Handbewegung.„Was ſoll uns dieſe Kinderei!“ ſagte er nachläſſig.„Nachdem Du ſelbſt die Sache hatteſt fallen laſſen, glaubte ich ſie abgethan.“ „Abgethan? Ich ſagte Ihnen damals, daß Ernſt Wernick mein Wort hat, und Sie kennen mich nicht erſt von heute.“ Mattern kannte Thea in der That und lenkte ein. 5* N8 68 „Gut“, ſagte er kühl,„dieſer junge Mann hat Dein Wort, Du aber hatteſt auch das meinige, und Eines hob das Andere auf. Kraft des Rechtes, das mir von meiner ſeligen Frau überkommen und das ich ſelbſt mir auf Dich erworben habe, verſagte ich meine Zu⸗ ſtimmung zu dieſer für Dich ganz ungeeigneten Ver⸗ bindung ſchon vor zwei Jahren und werde ſie ſtets verſagen. Allerdings habe ich keine anderen Rechte auf Dich, als moraliſche, und verharrſt Du eigenſinnig bei dieſer Thorheit, ſo kann ich Dich nicht verhindern, Deinem Unheil zu folgen. Nie aber werde ich die Hand dazu bieten, es Dir erreichbar zu machen. Ich kenne Dich beſſer, Thea, als Du Dich ſelbſt kennſt. Der Mann, dem Du zu jener Zeit, als Du noch un⸗ fähig warſt, zu wählen und zu urtheilen, Dein Kinder⸗ wort gegeben, paßt in keiner Weiſe für Dich. Anlage, Erziehung, Lebensgewohnheiten— Alles trennt Euch.“ .„Mir graut“, fuhr er nach einer Pauſe ſort, „wenn ich mir Deine Zukunft ausmale, wie Du ſie Dir aufzubauen dachteſt— enge, bürgerliche Verhält⸗ niſſe im beſchränkteſten Sinne, und, um ſolches Ziel überhaupt zu ereichen, noch Jahre des Wartens, an denen Deine Jugend verblüht und die von Deiner augenblicklichen Romantik nichts, gar nichts übrig laſſen werden. Willſt Du behaupten, daß Du Stephan 69 gegenüber kalt geblieben? Behaupteſt Du's, Thea, ſo wäre ich ſtark verſucht, der Koketten den Rücken zu wenden. Der edle Mann aber, den Du in volle Lei⸗ denſchaft hineingetäuſcht, empfinge das Recht, Dich zu verachten. Aber dem iſt nicht alſo. Nieder mit klein⸗ lichen Bedenken— ich gebe Dir Alles zu, allein über Einen von Beiden mußt Du hinwegſchreiten, wie die Dinge heute ſtehen. Denke der Zukunft, welche Dich an Stephan's Seite erwartet! Als Gattin dieſes Man⸗ nes kannſt Du ſein, was ich in Dir erzogen. Seine großen Güter bieten überdies Deinem energiſchen Thätigkeitsbedürfniß weiten Spielraum. Er ſelbſt iſt einer der ausgezeichnetſten Männer; der Platz an ſeiner Seite wird Dir von den Beſten Deines Geſchlechts beneidet werden. Wirf muthig hinter Dich, was doch nur noch ein abgeſtorbener Zweig iſt! Das Gegentheil wäre klägliche Feigheit, denn glücklich machſt Du den Andern— jetzt wahrlich nicht mehr.“. Thea ſaß wie verſteinert. Kein Zeichen verrieth, ob ſie von allen Worten, die an ſie gerichtet worden, auch nur eine Silbe gehört. Mattern erhob ſich und ſchritt ſchweigend auf und nieder. Endlich blieb er vor ihr ſtehen und ſagte mit einiger Kälte: „Ich laſſe Dich allein. Haſt Du keinen Auftrag für mich?“ Sie blickte nicht auf.„Sagen Sie Herrn von Sandor, mir ſei nicht wohl, und ich bitte um Ent⸗ ſchuldigung— für ein paar Tage.“ Der Graf legte die Hand auf ihre Schulter und ſah ſie geſpannt an.„Bedenkzeit?“ „Zeit, meine elende Treuloſigkeit wenigſtens Dem zu erklären, der ein Recht darauf hat, ſie zuerſt zu erfahren,“ brach Thea aus,„Zeit, mir das Wort we⸗ nigſtens zurückgeben zu laſſen, das ich brechen will.“ „Es wäre beſſer, dieſe Erklärung mir zu überlaſſen. Ich würde dafür die geeignete Form zu finden wiſſen. Doch will ich Dir hierin nicht entgegen ſein; nur laſſe es bald geſchehen! Stephan ſoll erfahren, daß Dir in der That unwohl iſt und wird ſich gedulden. Ich gebe Dir zu, daß Du einiger Zeit bedarfſt, Deine überſpannte Auffaſſung der Dinge zu mäßigen. Bleibe in Einſamkeit, ſo lange es Dir nöthig ſcheint.“ Er ging und ließ Thea in einem Zuſtande zurück, der die Gefühle gleichſam zu thurmhohen Wogen auf⸗ wirbelte, gähnende Klüfte öffnete, wie ein Orcan. Eine Art von Ekel ergiff ſie der ganzen Auffaſſung gegen⸗ über, die ihr Pflegevater eben vor ihr entwickele, und doch war etwas da, was ihm Recht gab. Es trieb ſie vorwärts, gleich einem Wirbelwinde— nur hinaus aus der zerſtörten Vergangenheit, nur fort aus Allem, 71 was bisher ihr Leben ausgemacht! Nirgends mehr eine Stelle, wo ſich raſten ließ. Wo war noch ein Heil? Eine Treue feſthalten, die bereits gebrochen war? Wirklich in die Enge hinein, die ihr eben gezeichnet worden, in Armuth und Entbehrung hinein, und da⸗ bei das himmelsreine Gewölbe ewiger Liebe nicht mehr über ſich, welches die Hütte zum Tempel um⸗ ſchafft? Oder, um ſich ſelbſt getreu zu bleiben, auf den Einen verzichten wie auf den Andern? Und was dann? Sollte ſie ſo weiterleben im Hauſe des Grafen, kaum geduldet von ſeinem Weibe, für ihn ſelbſt, nach ſolchem Erlebniß, ſicher kein befriedigendes Spielzeug mehr, der Welt, in welcher ſie lebte, eine bunte wurzel⸗ loſe Pflanze, die man beſchaut um dann kalt weiter zu gehen? Oder ſollte ſie ſich heim begeben zu den Ihrigen, die Sorgen der Mutter zu vermehren, nach⸗ dem ſie ihre Hoffnungen getäuſcht— oder hinaus unter Fremde, ihr Brod erwerben, heimathlos und rechtlos von Haus zu Hauſe wandern, ſich beugen und fügen?— Nimmermehr!— Gleich einem Leucht⸗ thurme über ſtürmiſcher Brandung erhob ſich vor ihr die Geſtalt des Mannes, der ihr allein noch geben konnte, was ſie bedurfte, um weiterzuleben— neue Zukunft. Sie ſchloß ſich ein und begann, an Ernſt zu ſchreiben. In fliegender Haſt reihte ſich Wort an Wort, das ihm abſagte für alle Zeit. Während ſie ſchrieb, ſtieg ſein Bild vor ihr auf, wie ſie es einſt geſchaut— während ſie ſchrieb, lebte ſie den ewig unvergeßlichen Moment auf der Adlerklippe noch ein⸗ mal durch, wo ſie ſich ihm zu eigen gegeben. Mit furchtbarer Heftigkeit drang auf einmal die alte Liebe wieder in ihr Herz, und doch brachte ſie den Brief zu Ende. Indem ſie den ganzen Werth Deſſen empfand, den ſie aufgab, folterte ſie das Bewußtſein eigenen Unwerthes bis zur Vernichtung— nichts mehr durfte er mit ihr gemein haben. Ihr Brief war keine Beichte; Stephan's Name wurde nicht genannt. Sie erbat nur ihr Wort zurück, weil ſie erkannt, daß ſie nicht die Kraft beſitze, demſelben bis an's Ende getreu zu blei⸗ ben. Das war Alles. Dann zog ſie langſam den ſchlichten Reif mit dem kleinen Sapphir vom Finger, legte ihn zwiſchen das Blatt und ſiegelte den Brief. Ihr Klingeln berief den Jäger, dem ſie befahl, die Poſttaſche zu bringen, wozu jedes Familienglied einen eigenen Schlüſſel beſaß. Thea verſenkte das Couvert in die Taſche und ſchloß ſie wieder zu. Der leiſe Ton, mit dem die Feder einſprang, ſollte ſie verfolgen durch Tage und Nächte, lange, endlos lange Jahre hindurch. Tage und Nächte ſchlichen dahin; dann kam Ant⸗ ——— 73 wort. Ein Paket. Als Thea auf der Aufſchrift die Hand erblickte, deren Züge ſie Jahre hindurch mit ſeliger Freude begrüßt, ward ihr zu Muthe, als gälte es den Tod. Sie hatte während dieſer Zeit ihr Zim⸗ mer nicht verlaſſen, Niemand empfangen, auch Mattern nicht, nur wenige Silben mit ihrer Dienerin gewechſelt, und in ſtumpfen Brüten nur ſo hingewartet. Jetzt lag das Erwartete in ihren Händen. Ihr Herzſchlag ſtockte, als ſie das Siegel gelöſt. Aus der geöffneten Hülle fielen zwei Päckchen. Das eine enthielt alle Briefe, jedes Zettelchen, welches ſie je an Ernſt ge⸗ ſchrieben; ein paar kleine Stickereien lagen dazwiſchen. Das zweite umſchloß einen Brief. Zitternd entfaltete ſie den Bogen— es war ihr eigener Scheidebrief, aus welchem ihr eine Locke ihres Haares und ein gol⸗ dener Ring entgegenfiel, in deſſen innere Fläche ihr Name gravirt war. Keine Zeile ſeiner Hand lag bei. III. Gegen Abend deſſelben Tages verließ Thea ihr Zimmer um verſtohlen die Hintertreppe hinabzuſchlü⸗ pfen, welche in den Hof und von dort durch ein Seiten⸗ pförtchen in den Park führte. Ein dunkler Drang trieb ſie nach dem Teiche, von dem ſie vor wenigen Tagen ſo faſſungslos entflohen war. Sie wußte die Schloßgeſellſchaft noch bei Tafel und fand die Gänge ſowohl wie den Platz, welchen ſie aufſuchte, ganz ſo einſam, wie ſie erwartet. Entſchloſſen, Stephan heute noch wiederzuſehen, wollte ſie zuvor ſein Bild lebendig in ihre Erinnerung heraufbeſchwören. Eine wilde Sehnſucht faßte ſie, glücklich zu ſein— ſie verlangte nach Stephan's ſanftfeurigem Blicke, ſie verlangte nach der Stimme, die ihr ſtets wie ein Echo des eige⸗ nen Denkens geklungen, um einen andern Blick, eine andere Stimme zu übertäuben, welche ſie unabläſſig verfolgten. Ihr Auge irrte über das Waſſer hin. Sie ſuchte den Stamm, an welchen ſie ſich an jenem ver⸗ hängnißvollen Abende gelehnt und nach den Sternen geſchaut, und ſchlang den Arm um die ſchlanke Birke, als müßte ſie etwas faſſen und halten. Als hätten ihre Gedanken Macht beſeſſen, Stephan zu rufen, ſtand er unerwartet neben ihr. Sein wach⸗ ſamer Blick hatte einen Schimmer ihrer Geſtalt erſpäht, als ſie im Bereiche der Fenſter des Speiſeſaales vo⸗ rübergegangen. Er ſprach zu ihr, und ſie trank jeden Laut ein wie berauſchende Muſik. Sein Arm umfing ſie; ſein Mund berührte ihre Augen, ihre Lippen; ſie duldete Alles und ſchmiegte ſich an ſeine Bruſt wie ein Vogel in's bergende Neſt, doch kam kein Ton über „. — 75 ihre Lippen. Bis dem Glücklichen die ſtumme Hin⸗ gabe nicht mehr genügte, war mancher Augenblick ver⸗ gangen— zuletzt kam doch das flehende Wort:„Sprich es aus, daß Du mein biſt!“ Thea löſte ſich aus ſeinen Armen. Ihre Hand wurde kalt in der ſeinigen.„Erſt muß ich Anderes ausſprechen“, ſagte ſie mit fliegendem Athem.„Ob ich die Ihrige ſein kann, Stephan, haben Sie noch zu entſcheiden. Ein Bekenntniß bleibt übrig, das Sie vielleicht auf jeden Wunſch verzichten läßt.—“ „Thea“ „Sie wiſſen nichts von mir. Sie kennen mich nicht, und wollen mich hinnehmen auf Treu und Glau⸗ ben? Treu und Glaube iſt gerade Das, was ich am wenigſten verdiene; denn einmal ſchon habe ich Treue gelobt und— gebrochen.“ Stephan erblaßte, doch trat in ſeine milden Au⸗ gen kein veränderter Blick. Er ließ Thea mit leiſer Bewegung auf die Moosbank niedergleiten, blieb vor ihr ſtehen und ſah zu ihr nieder, wie zu einem büßen⸗ den Kinde.„Sie wollen mir Wahrheit geben, Das allein hebt jeden Vorwurf auf.“ 3 „Wahrheit Ihnen geben, Wahrheit dann von Ihnen fordern, ob mir gleich ahnt, daß ſie uns für immer trennt. So hören Sie denn, Stephan: ich war verlobt— ſeit Jahren— mit einem Manne, deſſen Werth ich heute höher anerkenne als je zuvor, der mir nie den leiſeſten Zweifel an ſeiner Liebe gegeben. Und doch hab ich ihm Wort und Treue gebrochen.“ „Um meinetwillen, Thea?“ „Ja.“ „Um meinetwillen! Und ſind Sie an ihn gebun⸗ den, noch jetzt gebunden?, „Er gab mich frei, wie ich es von ihm gefordert. Frei von Wort und Gelöbniß, nicht frei von der inne⸗ ren Schuld, deren Gewicht mich Ihnen gegenüber ſchwerer drückt, als ſelbſt vor ihm. Können Sie mich noch lieben, mir noch vertrauen, nachdem Sie erfahren, weſſen das Herz fähig iſt, das Sie zu eigen verlangt? Ich weiß es nicht— ich glaube es nicht—“ Ihre Augen hoben ſich düſter zu ihm empor. Sie begegneten einem Ausdruck ſo tiefer Liebe, daß alle dunkeln Geiſter davor wichen. Er zog ſie heftig an ſeine Bruſt, und ſagte mit ſtrömender Innigkeit:„Ich ſollte von Dir laſſen, weil Du menſchlich geirrt und gelitten? Welches Leben wäre ganz frei von Schuld gegen ein anderes Leben— auch das meine nicht, Thea! Was Dir geſchehen, ehe wir uns begegnet, geht mein Herz nichts an. Ich liebe, was Du biſt, nicht was Du warſt! Sei mein und blicke nicht zurück, —.—— 77 denn ich will Dich vorwärts führen— in die Zu⸗ kunft, zum Glücke.“ „Dann nimm mich hin mit Allem, was ich bin und habe!“ rief Thea glühend.„Nichts will ich mehr wiſſen und kennen als Dich auf der weiten Welt. Nimm heute noch meine volle Beichte hin! Dann ſoll die Vergangenheit, wie Du es forderſt, verſunken und vergeſſen ſein.“ „Laß ſie jetzt ſchon verſunken bleiben, Geliebte!“ ſagte er ſanft,„ich erbitte von Dir nur Schweigen. Nicht den Namen Deſſen, der vor mir Dein Wort beſeſſen hat, kein Wann und Warum will ich kennen. Was Du mir geſagt, genügt. Konnte mir Dein Herz ſchlagen, ſo hat es ihm ja doch nie gehört. Ein ver⸗ wehter Jugendtraum war keine Liebe.“ Wo war jetzt die ſtürmiſche Glückſeligkeit, welche Thea einen Moment vorher überfluthet? Noch ruhte ſie an der Bruſt des Mannes, deſſen Nähe all ihre Pulſe ſchlagen ließ, und ſchon war der ſtille Blick wieder neben ihr und fragte: Nur ein verwehter Ju⸗ gendtraum?— IV. Die Verlobung Stephan Sandor's mit Thea Ro⸗ ſtan erregte in der Welt, welcher Beide angehörten, 78 ungewöhnliches Aufſehen. Daß der vornehme, als reicher Grundbeſitzer bekannte Ungar die Pflegetochter des ihm verwandten Hauſes wirklich zur Gattin wäh⸗ len würde, war ſelbſt Denen, welche beobachtet hatten, wie er ſich ihr gewidmet, eine ſo große Ueberraſchung, daß des Redens hierüber kein Ende gefunden ward. Was aber auch Neid und ſtille Bosheit bei dieſem Anlaß aushecken mochten, prallte an dem Brautpaar ab, ohne nur bemerkt zu werden, und ſelbſt die Gräfin, deren Widerſpruch mit einer Heftigkeit laut geworden war, die Stephan's formelle Haltung kaum in ſchick⸗ liche Grenzen zurückzuführen vermochte, fand ſich in das Unvermeidliche und begann, Thea als künftige Verwaͤndte mit Rückſichten ihres Standes zu behandeln. Graf Hugo ließ es ſich nicht nehmen, die ihm höchſt erwünſchte Verlobung nach außen hin mit jedem Nim⸗ bus zu umgeben, und veranſtaltete eine Reihe von Feſtlichkeiten, welche den Glücklichen nur ſelten ſtille Tage als erſehnte Oaſe vergönnten. Nach Sandor's Wunſch hatten Matterns Frau Roſtan zum Beſuch eingeladen, und Sophie, deren geheimſte Wünſche ſo unverhofft in Erfüllung gegangen, ſonnte ſich in dem Glanze, welcher Thea ſchon jetzt umgab. Was Stephan nur erſinnen konnte, ſeine Braut zu erfreuen, ward ihr in zartſinnigſter und zugleich verſchwenderiſcher —— 79 Form zu Füßen gelegt. Seine Liebenswürdigkeit ent⸗ zückte Frau Sophie ganz und gar, und die Thränen der glücklichen Mutter floſſen nur, wenn ſie des Gat⸗ ten gedachte, der ſolche Sonnenhöhe für ſeinen Lieb⸗ ling nicht mehr hatte erleben dürfen. Alle Zukunfts⸗ ſorgen ſchienen gehoben. Der Graf, welcher nun dar⸗ auf beſtand, ſeiner Pflegetochter die ihr ſo lange zuge⸗ dachte Summe ſofort zu überantworten, konnte nichts einwenden, als Stephan ſelbſt ſeine Braut veranlaßte, das ihr Zugehörige zu Gunſten ihrer Familie anzu⸗ legen. Etwa ſechs Wochen, nachdem Sandor Thea's Wort empfangen, reiſte er ab, um in der Heimath Zurüſtungen für den Empfang der jungen Frau zu machen, und beabſichtigte, in kurzer Friſt wiederzukeh⸗ ren, um ſie heimzuführen. Der Graf betrachtete es als ſelbſtverſtändlich, daß die Hochzeit in ſeinem Hauſe ſtattfinden ſollte; mit Frau Roſtan war verabredet, daß ſie zu dieſer Zeit nebſt allen Geſchwiſtern Thea's wiederkehrte, um dem Ehrentage ihres Kindes anzu⸗ wohnen. Hieran dachte die Braut nur mit ſchwer be⸗ klommenen Herzen. Robert wiederzuſehen, war ihr furchtbar, nur die Hoffnung, daß er ausbleiben würde, hielt ſie dieſer Vorſtellung gegenüber aufrecht. Er hatte, nachdem die Mutter ihm ihre Verlobung brieflich mit⸗ 80 getheilt, keine Silbe geantwortet, und Thea verſtand dieſes Schweigen allzugut. Die Zeit, zu welcher Sandor zurückerwartet wurde, rückte immer näher. Seine Briefe folgten einander faſt Tag für Tag. Thea lebte wie in einem Rauſch dahin; jedes Wort des Geliebten ſtrömte glühenden Lebensodem über ſie aus. Ihr eigenes Herz glich einer heißen Sprudelquelle, die unabläſſig wühlend und auf⸗ ſiedend keine Raſt noch Ruhe findet. Fieberiſche Exal⸗ tation verdrängte Alles, was ſie je beſchäftigt und intereſſirt; ſie bewegte ſich wie eine Traumwandlerin, müßig, theilnahmlos gegen ihre Umgebung, die fürſt⸗ liche Ausſtattung, welche für ſie gerüſtet wurde, kaum eines Blickes würdigend. Alle ihre Gedanken klammer⸗ ten ſich mit krankhafter Heftigkeit an Zukunftsbilder; ſie flüchtete vor jedem leiſeſten Ton der Vergangenheit in dem Bewußtſein, daß ſie erſtarren müßte wie Lot's Weib, ſtände ſie auch nur einen Augenblick ſtill, um ſich umzuſchauen. Und doch blieb ihr ſolcher Rückblick nicht erſpart. Eines Tages lag ein Brief von ihres Bruders Hand in der ihren. Sie fühlte ſich verſucht, ihn un⸗ geleſen den Flammen zu übergeben. Ein Reſt der al⸗ ten trotzigen Energie warf ihr aber allzu bitter Feig⸗ heit vor; ſie brach das Siegel und las: 8¹ „Daß ich Dir bis heute nicht geſchrieben, Dora, wird Dich nicht überraſcht haben. Oder hätteſt Du auch von mir einen Glückwunſch erwartet? Nein, dafür traue ich Dir doch zu viel Schamgefühl zu. Du hoff⸗ teſt vielleicht, ich würde ganz und gar ſchweigen, und das war auch zuerſt mein Vorſatz; daß ich ihn breche, iſt ſicher nicht wohlgethan, denn Vergeſſen und Ver⸗ achten wäre die rechte Vergeltung für ein Thun wie das Deine. Seit mich aber die Mutter auf ihrer Heim⸗ reiſe beſucht und mir eine ſo glänzende Beſchreibung Deiner gegenwärtigen Verhältniſſe gegeben, iſt doch etwas in mir aufgeſtiegen, das mir befiehlt, Deinem Gewiſſen einen Spiegel vorzuhalten, ehe Du in die Fremde gehſt und kühn unternimmſt, glücklich ſein zu wollen. Daß ein Mädchen ihr Wort bricht, mag ſchon öfters vorgekommen ſein, und kannſt Du mit dem Ge⸗ fühl ſolcher Ehrloſigkeit fertig werden, um ſo beſſer für Dich. Wem Du aber dieſes Wort gebrochen, was Du damit zu Grunde gerichtet haſt, das will ich Dir jetzt in's Gedächtniß zurückrufen. Ich weiß von Ernſt, daß er Dich, indem er Dich frei ließ, keines Wortes gewürdigt hat. Auch gegen mich äußerte er ſonſt Nichts, als daß ich nicht um ihn in Sorge ſein möchte. Er geht ſeinen gewohnten ſtillen Gang, aber für Einen, der ihn liebt und kennt wie ich, liegt es offen, daß er Godin, Frauenliebe und Leben II. 6 durch das, was Du ihn haſt erleben laſſen, innerlich zerſtört iſt. Ob ſich dies je wieder ausheilt, oder ob der herrlichſte Menſch, der je auf Erden gelebt, um Anderen zum Vorbild zu dienen, daran zu Grunde geht, wer könnte das heute ſagen! Ich fürchte das Aeußerſte. Du biſt geliebt worden wie kein Weib vorher. Er ſah in Dir ſein Alles. Seit Jahren ſetzte er jede Kraft ein, um das Haus aufzubauen, das Eure Hei⸗ math werden ſollte, und nun er das Ziel nahe vor ſich ſieht, wendeſt Du ihm plötzlich den Rücken. Denke ich der Jahre, die an das Heute grenzen, ſo frage ich mich, ob Du ein Abgrund von Lüge und Falſchheit biſt, oder ein leichtfertiger Charakter, der um Prunk und äußeren Glanz ſein Herzblut verkauft. Ich war von Beginn an Zeuge Eures Verhältniſſes; ich allein kann und muß Dein Ankläger ſein. Jahrelang haſt Du betheuert, Ernſt ſei Dein Ideal an Manneskraft und Würde, jahrelang haſt Du Alles angenommen, was der treueſte Menſch Dir aus ſeiner Fülle gab, um ihn auf einmal, ohne den Schatten eines Vor⸗ wandes, zu verrathen und Dich einem Fremden in die Arme zu werfen. Pfui über Dich! Und auf Dein falſches Herz alle Verantwortung für jede Folge Dei⸗ nes Thuns! Du und ich, wir ſind gleichfalls geſchieden. 83 Ich habe Dich geliebt, wie Niemand außer ihm. Seit ich denken kann, habe ich zu Dir aufgeſchaut, wie zu einem bevorzugten Geſchöpfe Gottes, aber damals kannte ich Dich nicht. Was ich durch Dich empfangen, dankte ich Dir gern im Herzen, weil ich Dich liebte, und wußte nicht, war der Dank ſtärker oder die Liebe. Fortan wird mich keine Macht der Erde dazu bringen, Wohlthaten aus einer Hand anzunehmen, die ich nie berühren werde. Robert.“ Wie erſtarrt ſaß Thea, als ſie zu Ende geleſen; ſie hatte das Feuer geſchaut, das vom Himmel nieder⸗ regnete. Was ihr der dumpfe Laut des eigenen Ge⸗ wiſſens beſtändig zugeraunt, was, ſich ewig neu auf⸗ bäumend, ewig neu erſtickt worden: die Wahrheit, vom ſtrengen, reinen Jünglingsherzen ihr unerbittlich zuge⸗ ſchleudert, umklammerte ſie mit dämoniſcher Macht und drohte ſie zu vernichten. In ihrem Hirn und Herzen wallte und wogte etwas, das herausbrechen oder ſie erſticken mußte. Sie fühlte ſich wie in einem brennen⸗ den Hauſe, Flammen rings, keine Rettung, nur ein Sprung der Verzweiflung noch einzig möglich. Noch einmal las ſie das Blatt von Anfang bis zu Ende durch— jedes Wort bohrte ſich in ihre Seele. Dann ſchrieb ſie an den Rand wenige Zeilen, 6* faltete den Brief, ſchob ihn in ein Couvert und ſandte ihn unter Sandor's Adreſſe ins Weite. V. Tag um Tag verging; ſchon trafen die erſten Hochzeitsgäſte ein. Die Trauung war auf den 20. September anberaumt; heute ſchrieb man den fünf⸗ zehnten. Sandor wurde ſtündlich erwartet. Graf Hugo, ganz in ſeinem Elemente, war überall, um die mannigfachſten Anordnungen zu leiten, ſeine Gäſte zu befriedigen, und Thea, welche leidend war und ihr Zimmer hütete, immer von Neuem zu ermahnen, ja Nichts an eigener Pflege zu verſäumen, um bei Ste⸗ phan's Ankunft friſch zu ſein. Mit jedem vorfahren⸗ den Wagen erwartete man den Bräutigam, den, nach ſeiner letzten Mittheilung, der Gräfin jüngerer Bruder, mit welchem er ſehr befreundet, als Trauzeuge beglei⸗ ten würde. Gegen Abend des genannten Tages fuhr bei leich⸗ tem Regenſchauer ein bedeckter Hotelwagen durch das Schloßthor und der Graf erblickte vom Fenſter aus an dem ihm zugewandten Schlage das Geſicht ſeines Schwagers. Erfreut eilte er hinab, die Erſehnten zu empfangen, doch brach ſein heiterer Willkommengruß plötzlich ab, als er den jungen Mann allein und mit 85 unheilvoller Miene ausſteigen ſah. Böſe Ahnung über⸗ fiel ihn, wie Sonnenfinſterniß den hellen Tag. Er faßte ſeinen Schwager beim Arme und führte ihn, ohne eine Silbe zu äußern, eiligſt in ſein Zimmer, um dort nach den erſten Worten, die er vernahm, ſprachlos in einen Seſſel zu ſinken. Stephan Sandor gehörte nicht mehr zu den Leben⸗ den. Eine Piſtole, deren Schloß er unterſucht haben mochte, und die er ſicher nicht geladen wähnte, war in ſeiner Hand losgegangen und hatte die unſeligſte Richtung genommen. Das Verhängniß war am Abend vor dem zur Abreiſe beſtimmten Morgen hereingebrochen, nachdem der Freund auf Stephan's Wunſch ſchon ſeit einigen Tagen ſein Gaſt geweſen. Beide hatten noch an demſelben Tage einen Abſtecher nach Peſt gemacht, wo Sandor den beſtellten Brautſchmuck perſönlich ab⸗ geholt und des Vetters Zeugenunterſchrift bei ſeinem Notar in Anſpruch genommen hatte, um die gerichtlich beglaubigte Schenkung eines ſeiner Güter an Thea vollziehen zu laſſen, welches er der Braut als Morgen⸗ gabe zugedacht. Er hatte ſich nach der Rückkehr auf das Gut zeitig zurückgezogen, nachdem beide junge Männer die erſten Abendſtunden heiter verplaudert, und dabei geäußert, daß er Thea noch zur letzten Mel⸗ dung ſeiner nahen Ankunft ſchreiben und ſein Reiſe⸗ 86 geräth ordnen wollte. Nachdem der unheilvolle Schuß gefallen, fand ſich in der That ein bereits geſiegelter Brief an Fräulein Roſtan auf dem offenen Schreib⸗ pulte, während die Schenkungsurkunde und das Etui mit den Brillanten daneben lagen. Auf einem Seiten⸗ tiſche ſtand das geöffnete Piſtolenkäſtchen, welches San⸗ dor bei ſeinen Reiſen ſtets mit ſich zu führen pflegte. Ein Notizbuch, das ſich in der Taſche ſeines Rockes fand, umſchloß einige Briefe und die Photographie ſeiner Braut, nebſt trockenen Blumen und einer zer⸗ knickten Schleife: ſprechende Zeugen eines hoffnungs⸗ reichen Glücks, das durch die furchtbarſte Kataſtrophe plötzlich zertrümmert worden. Der junge Mann brei⸗ tete dieſe Reliquien ſeines Freundes mit ſtrömenden Augen vor Mattern aus und übergab ihm Brief, Schmuck und Urkunde als Eigenthum der verwittweten Braut. Thea! Beide Männer bebten vor der Aufgabe zurück, der Unſeligen mitzutheilen, was ihr nicht verborgen bleiben konnte, und entſchloſſen ſich nach langem Ueber⸗ legen, die ſchwere Stunde ſogleich und gemeinſam zu beſtehen. Mattern frug durch ein paar Zeilen an, ob ſeine Pflegetochter ſich wohl genug befinde, um ihn und einen Boten Stephan's, der Kunde über deſſen 87 Ausbleiben brächte, noch heute zu empfangen, und er⸗ hielt die mündliche Beſtellung zurück, daß Thea die Herren in ihrem Zimmer erwarte. Der erſte Blick, welchen der Unglücksbote auf die Braut ſeines Freundes warf, frappirte ihn auf das Aeußerſte. Gab es wirklich Ahnungen? Thea's Wange hätte nicht farbloſer, ihr Blick nicht erloſchener ſein können, wenn ſie bereits Alles gewußt, und doch lag ein Ausdruck unſagbarer Spannung um den zuckenden Mund. Unendliches Erbarmen ergriff ihn, dem ſchö⸗ nen jungen Weſen gegenüber, der die Götter das Höchſte ihrer Gaben nur geſchenkt, um es ihr wieder zu entreißen. Er verſuchte zu ſprechen, die furchtbare Kunde wollte aber nicht über ſeine Lippen. Als der Fremde ſie nur anſah und fortdauernd ſtumm blieb, als ſie des Grafen zerſtörte Miene ſchaute, kam ein Wandel über Thea; es war, als würde ſie ſteinern. Das lebensvolle Antlitz erſtarrte. Sie war es, welche das Schweigen brach:„Keine Schonung— ſagen Sie das Aeußerſte— ich werde Stephan nicht wiederſehen—“ Des jungen Mannes Thränen brachen unaufhalt⸗ ſam hervor. Er verſtand die Worte, welche ſchwer und kalt niederfielen, wie etwas Todtes, nur in ſeinem Sinn. Das ahnende Herz der Braut hatte ihr das Ungeheure voraus verkündet, und mit dem heißen Schmerz des eigenen Verluſtes ſtrömte nun die jam⸗ mervolle Geſchichte, die er miterlebt, aus ihm her⸗ vor. Thea regte ſich nicht. Ihre Lippen wurden weiß, aber die Beſinnung verließ ſie keinen Augenblick. Als das letzte Wort gefallen, ſagte ſie tonlos:„Der Brief— wo iſt der Brief?“ Das Couvert lag in ihrer Hand. Sie blickte das Siegel an, dann drehte ſie den Brief langſam herum. Schauer durchrieſelte ſie vom Kopfe bis zu den Füßen. Plötzlich barg ſie das Couvert in den Falten ihres Kleides, wie einen Raub, ſtand haſtig auf und winkte den Männern mit ſo ſprechender Ge⸗ berde, ſie allein zu laſſen, daß ſelbſt Mattern, nach einem kurzen Verſuche, ihr zuzuſprechen, ſeinem Schwa⸗ ger faſt auf dem Fuße folgte. Thea eilte zur Thür und ſtieß den Riegel vor. Sie rang die Hände und riß den Brief hervor. Mit⸗ ten im Zimmer ſtehend, brach ſie das Siegel. Im Couvert lag Robert's Brief von einem Blatte umſchloſ⸗ ſen, das Sandor's Schriftzüge trug: „Du ſagſt mir, Geliebte, ich ſollte und müßte Dein Bild ſo ſchauen, wie es ſich in den Augen De⸗ 89 rer ſpiegelt, die Dich früher geliebt. Vielleicht haſt Du Recht, vielleicht forderte es die Wahrheit, welche wir einander zugelobt, daß ich Dich wirklich ſo ſchauen mußte. Ich ſende Dir, ehe wir uns wieder begegnen, das Blatt zurück, welches zu vernichten nur Dein Recht iſt. Was Andere darüber denken, daß Du Dich mir zu eigen gegeben, berührt mich nicht, und erpreßt Dir ſolches Urtheil der Deinigen Thränen, ſo kann ich ſie Dir nur von den Wangen küſſen. Dennoch haben die Worte dieſes Briefes einen ſchweren Gedanken in mir zurückgelaſſen— keinen Vorwurf für Dich, meine Thea, uur eine Sorge um Dich. Wirſt Du an meinem Herzen auf die Dauer vergeſſen, was Dich vorher ſo tief gefeſſelt hatte?— Mir iſt, als könnte der Geiſt des Mannes, den auch Du mir hoch gerühmt, dereinſt unſichtbar neben Dir an unſerem Herde ſitzen und ſein Recht einfordern— ich habe Dein Auge mitunter ſeltſam lauſchend in ſich hineinblicken ſehen. Darum, Geliebte, gebe ich Dich heute vor Dir ſelbſt noch einmal ſo frei, wie Du mir gegenüber warſt, als wir uns begegneten. Dieſe Zeilen werden Dich früher erreichen als ich. Dein Glück iſt mein höchſtes Wünſchen und Bedürfen, das bedenke! Und wie es auch enden möge, nimm Dank für das, was Du mir warſt und ewig bleibſt! Ich habe durch Dich das Höchſte kennen gelernt, was die Erde giebt— ich habe grenzenlos geliebt. In Zeit und Ewigkeit Dein Stephan.“ Thea faltete das Blatt zuſammen und nickte ein paarmal vor ſich hin. Dann ging ſie gelaſſenen Schrittes, als ſei nichts vorgefallen, zu ihrem Schreib⸗ tiſche, erſchloß eines der Fächer und legte beide Briefe ſorgfältig hinein. Im Begriffe, das Fach zu ſchließen, fiel ihr ausdrucksloſer Blick auf ihre Rechte. Sie zuckte zuſammen, betrachtete ihre Hand ein paar Mi⸗ nuten regungslos und ſtreifte dann mechaniſch Stephan's Verlobungsring von dem Finger, den er umſchloß, wie ein anderer Ring ihn umſchloſſen hatte, den ſie gleich⸗ falls abgeſtreift. Sie hob ihn dicht vor ihr Auge, ließ ihn dann leiſe auf die Briefblätter gleiten und ſchloß ab. Im nächſten Augenblicke lag ſie bewußtlos am Boden. VI. Dieſelben Wochen, welche Thea vom Treubruch zur Kataſtrophe geführt, hatten das Herz ihres Erſt⸗ geliebten Schlag um Schlag zu Stahl gehärtet. Das Erwachen aus dem erſten Liebestraum, dem Brenn⸗ 91 punkte ſeines Lebens, war allzu jäh gekommen; ſtum⸗ pfen Unglauben folgte plötzliches, tödtendes Begreifen. Die ſchneidend klaren Worte, womit ihm die Geliebte abgeſagt, ließen keine Deutung zu: ihr fehlte die Kraft, dem Gelübde treu zu bleiben, das ſie ihm verband. So hatte ſie geſprochen, und er hatte es empfangen wie einen Todesſtreich. Schwer und kalt ſank die Liebe in ihm nieder, und regte ſich nicht mehr. Nach⸗ dem er den Reif, der ihm Glück und Zukunft bedeutete, vom Finger gezogen und ihn zurückgeſandt hatte, kam ein ſeltſames Stilleſein über ihn; ihm war, als habe er mit den Pfändern der verrathenen Liebe auch die Erinnerung daran von ſich abgethan. Das Idol ſei⸗ nes Herzens erwies ſich als ein Phantom— die, welche ihn fallen ließ, welche der Treue nicht fähig war, dieſe kannte er nicht. Das heilige Feuer, wel⸗ ches ſie muthwillig verlöſcht hatte, war nur noch todte Aſche— kein Funke übrig, woran ſich auch nur der Schmerz hätte entzünden können. Welcher Wahn! Als das, was er bei Empfang ihrer Zeilen wie durch Hellſeherei erſchaut, was er ſeitdem täglich zu hören in ſtumpfer Gleichgültigkeit erwartet, nun wirklich eintraf, brachen aus dieſer Aſche Flammen hervor, wie aus einem Vulkan. Alle Hold⸗ ſeligkeit, aller Reiz der Geliebten wachte vor ſeinem Geiſte, ſeinen Sinnen auf— ihre Augen blickten ihn wieder an mit dem unvergeßlichen Blick, der ſich nun einem Andern zugewandt! Der beredte Mund mit dem feinen ſinnenden Zuge, der Mund, der ſeine Lippe geküßt, von dem er ſo viel liebe, ſo viel kluge Worte vernommen— ihm war er auf ewig verſtummt! Qualen, von denen ſein unerfahrenes Herz nie etwas geahnt, bohrten ſich wie ein glühender Stachel in ſeine Seele, daß er meinte, es nicht tragen zu können. Und doch trug er es ſtumm und klaglos. Selbſt dieſe wühlenden Schmerzen vermochten nicht, ſein in⸗ nerſtes Leben zu wandeln, das auf Fundamenten von Granit ſtand. Er ſah dem Unabänderlichen feſt in's Antlitz, und die Thränen, welche ſich in einſamen Näch⸗ ten ſeinem Auge entrangen, glichen jenen Tropfen, die ſich in unterirdiſchen Gründen langſam zum Pfeiler geſtalten. Was dem Jüngling, dem Manne nächſt ſeiner Liebe ſtets das Steuer des Lebens geweſen, Hingabe an geiſtige Arbeit, ward nun zugleich ſein Anker. Er wurde ſich einer Kraft bewußt, die ihn nicht am Erlebten ſcheitern ließ. Wohl hatte er Schiff⸗ bruch erlitten an Glück und Glauben, an Allem, was er als Wurzel ſeines Daſeins betrachtet; doch fühlte er ſich entſchloſſen, nicht auf dieſem Wrack zu Grunde zu gehen, ſondern mit männlicher Kraft den rettenden Hafen zu erreichen. Nicht umſonſt! Zu den Dingen, welche ſich der Menſch mit vollem Aufgebot ſeines Willens geben kann, gehört Ruhe— in ihrem ſtillen Schatten kühlt ſich die brennendſte Wunde. Auch Wer⸗ nicks Beruf war geſchaffen, ihn vor Vernichtung zu wahren. Ein Lehrer der Jugend! Selbſt jugendlich begeiſtert für ſeine Aufgabe, täglich neu erfriſcht im Tauſche lebendiger Gedanken, fühlte er ſich tief einge⸗ wurzelt in Gegenwart und Zukunft und ſchöpfte aus dem großem Athemzuge der Weltgeſchichte eigenen Odem. Wohl kamen Stunden, und ſie kamen nicht ſelten, wo Schmerz und Sehnſucht plötzlich auf ihn nieder⸗ ſchoſſen wie ein Geier. Es giebt unter allem Erden⸗ weh kaum Jammervolleres, als wenn ein vollempfun⸗ denes, reines Glück von derſelben Hand zerſtört wird, die es gereicht. Da iſt ja Alles hin, nicht die Zukunft nur, auch die Vergangenheit, jede Erinnerung gleich⸗ ſam erwürgt, jede Gabe, die voll Wonne ans Herz gedrückt worden, plötzlich verſchwunden wie Hexengold. Stieg Dora's Bild vor ihm auf, umgeben von hundert trauten Scenen— was war es ihm jetzt? Wo er ſein Alles eingeſetzt, war ihm nichts geworden, nichts geblieben; ſie hatte ſich aus ihrem Gefühl ein Gedicht⸗ gemacht; die Strophe, welche ſie ihm geſungen, klang 94 ſo ſüß, die nächſte Strophe, die ein Anderer vernahm, vielleicht ſüßer noch! Vorüber— vorüber!— Als Ernſt erfuhr, was Thea betroffen, fühlte er ſich bereits ſo ganz von ihr abgelöſt, daß keine ſelbſtiſche Bitterkeit die Schwermuth entſtellte, womit er ihr Ge⸗ ſchick betrachtete. Dieſes Leben war ja verloren, ſo wie ſo! Zum erſten Mal wieder ſprach er mit Robert, der ihm die Kunde gebracht, über Dora nnd erfuhr be⸗ troffen, mit welcher unverſöhnlichen Härte ſein junger Freund die Schweſter beurtheilte. Ihr tragiſches Ge⸗ ſchick vermochte des Jünglings abgewandtes Herz nicht milder zu ſtimmen; er nannte es ein Gottesurtheil, und äußerte ſich um ſo ſchärfer, je maßvoller Wernick ihm erſchien. Wie durch ſchweigendes Uebereinkommen erwähnten Beide nach dieſer Stunde Dora's nie wie⸗ der. Robert hing feſter als je an ſeinem Freunde und Meiſter, dem er einen förmlichen Cultus widmete. Es war, als wolle er ihm ſtündlich Alles abbitten und vergelten, was dem Geliebten von den Seinen angethan worden, als müßte er durch ihn auch ſich erſetzen, was er ſelbſt verloren. Denn ſeitdem ſich Robert von der Schweſter losgeſagt, hatte er eine Em⸗ pfindung von Kälte auch ſeiner Mutter gegenüber nicht überwinden können. Ihre Zuſtimmung zu Dora's 95 Treubruch, ihre Ueberzeugung, damit kein Unrecht ge⸗ fördert, ſondern im Gegentheil beiden Verlobten eine unbefriedigende Zukunft erſpart zu haben, eine Ueber⸗ zeugung, die ſo feſt ſtand, daß ſie es nicht geſcheut, ſie gegen Wernick ſelbſt zu vertreten, empörten ihn und ſtörten ihn ſo ſehr in der bisherigen kindlichen Verehrung, daß es einer Aufſtachelung ſeines vollen Pflichtgefühls bedurfte, um dieſe Stimmung nicht laut werden zu laſſen. Kein Bitten und Zureden vermochte den jungen Mann dazu, über die geringe Summe hin⸗ aus, welche ihm ans der Hinterlaſſenſchaft des Vaters zuſtand, fernere Unterſtützung für ſeine Univerſitäts⸗ jahre anzunehmen. Was die Seinen jetzt beſaßen, kam von Dora, der er Nichts mehr zu danken haben wollte. Er lebte wie ein Stoiker, hielt ſein kleines Erbtheil auf's Aeußerſte zu Rathe und gab Stunden, um ſich eine ſelbſtſtändige Exiſtenz zu ermöglichen, während er von Ernſt ohne Bedenken die Erleichterung annahm, welche das fortdauernde Zuſammenleben Bei⸗ der ihm gewährte. Etwa zwei Jahre nach den in ihrem raſchen Gange geſchilderten Erlebniſſen erhielt Wernick, der ſich als Privatdocent durch mündliche und ſchriftliche Vorträge bereits einen geſchätzten Namen erworben, den ehren⸗ vollen Ruf als Profeſſor der Geſchichte nach einer ſüd⸗ A —————. deutſchen Univerſität. Dies gebot den Freunden Tren⸗ nung nach jahrelangem traulichen Zuſammenhauſen. Robert'’s Studienzeit war nahezu beendet, und ſeine Ausſichten auf künftige Lebensſtellung feſſelten ihn an die Heimath. Ernſt erreichte viel, da er zu den ſeltenen Gei⸗ ſtern gehörte, deren Grenzen ſich erweitern, indem ſie vorwärts ſchreiten. Erfüllt von ſeiner Wiſſenſchaft, geſchätzt und aufgeſucht von Allen, die je mit ihm in Berührung traten, empfand er das Leben inhaltsreich. Und doch gab es in ſeinem tiefſten Innern eine Lücke, die Nichts zu füllen vermochte, jene Leere, die Jeder in ſich birgt, der es nicht wagen mag, an die Ver⸗ gangenheit zu denken. Vergangenheit! Ein Traum, ein Nichts— und doch das einzige Erdengut, das immer reicher wird, je mehr man davon zehrt, das über Gegenwart und Zukunft verklärende Lichter aus⸗ gießt und in den dunklen Tag herüberleuchtet als ſchattenloſes Eden. Ein großer Dichter nannte Erin⸗ nerung das Paradies, aus dem Keiner vertrieben wer⸗ den könnte, hier aber irrte der Prophet. Tauſende wandeln auf Erden, denen Vergangenheit jenes ver⸗ ſchleierte Bild iſt, das zu ſchauen den Tod giebt. Jahre waren verklungen, mit ihnen die Jugend, und noch immer zuckte die alte Wunde bei der leiſeſten 97 Berührung. Mehr als einmal hatte Wernick den Ge⸗ danken erfaßt, ſich ein Familienleben zu gründen, den⸗ noch war er mit dreißig Jahren noch derſelbe einſame Mann. Gerade dann, wenn irgend ein holdes, liebes Bild ihn mit verheißungsvollen Augen anſah, ſtieg die Geſtalt der Verlornen, Gemiedenen zauberiſch vor ihm auf, und Alles, was er ſich noch eben erträumt, zer⸗ floß vor ihr im Nebel. Dann wandte er ſich zurück zu all der Jugend, welche ihn als ihren Meiſter um⸗ gab, und fühlte es wieder in ſich tagen:„Hier iſt deine Zukunft, deine Familie.“ Godin, Frauenliebe und Leben. 41. — hhhfeeeeͤͤͤͤͤͤͤͤͤ Dritte Abtheilung. Das Bildohne Gnade. I. Es war um jene Zeit der Sommerhöhe, wo Je⸗ dem Reiſeluſt durch die Adern prickelt, und Staub und Schornſteinrauch der Städte den Drang, friſchen Athem zu ſchöpfen, täglich ſteigern. Aber auch der Reiſende, welcher ſich bereits der Führung einer Lokomotive über⸗ laſſen hatte, empfand die Herrſchaft dieſer heißen Au⸗ guſttage unangenehm genug. Schon ſeit einer Woche lag verſengende Glut in der Atmosphäre, und hatte ſich in den Waggons gleichſam zu einer compakten Maſſe zuſammengeballt. Der Courierzug zwiſchen Berlin und Danzig hielt in Neuſtadt. Ein ſtattlicher Mann näherte ſich den 99 Waggons, überblickte ſuchend die allerwärts gefüllten Sitze, und ſtieg, als es ſchon zum dritten Mal geläutet, eiligſt in ein, nur von einem Herrn beſetztes Coupé. Ehe er noch Platz genommen, erklang doppelter Be⸗ grüßungsruf. „Schon hier?“ ſagte der frühere Inſaſſe, indem er dem Ankömmling heiter die Hand bot. „Bei Gott, ein famoſes Zuſammentreffen, Wer⸗ nickl Ich langweilte mich, offen geſtanden, doch ein wenig in der ländlichen Idylle meiner Frau Schweſter, und machte mich ein paar Tage früher los, da ich Sie ſchon in Zoppot etablirt dachte. Sie ſcheinen aber im Gegentheil Ihre Abreiſe von daheim verzögert zu haben.“ „Doch nicht“, entgegnete Wernick.„Ich ließ mich in Berlin aufhalten, und habe auch heute noch nicht die Abſicht, in Zoppot auszuſteigen. Es wird alſo an Ihnen ſein, dort für uns Quartier zu machen; bald komme ich nach. Vorläufig habe ich Holm verſprochen, ein paar Tage bei ihm in Danzig zu verleben.“ „Holm? Wer iſt das?“ „Sie fragen? Wer von uns könnte der Berliner Zeiten denken, und unſeres Künſtlers vergeſſen!“ „Oho! Richard Holm! natürlich. Der alſo lebt jetzt in Danzig? Von ihm gehört habe ich öfters, wer 7*½ 100 kann aber wiſſen, wo ſolcher Zugvogel niſtet! Seine Bilder ſind mir begegnet, er ſelbſt nicht mehr.“ „Wir trafen uns wiederholt“, ſagte Ernſt.„Am Rhein, in Paris und der Schweiz. Von Zeit zu Zeit wurden Briefe gewechſelt, und ich hatte ihm und ſeiner liebenswürdigen Frau längſt zugeſagt, einmal ihr Gaſt zu ſein. Da ich angemeldet bin, entſchuldigen Sie wohl, daß ich für die erſte Zeit unſerer Abrede nicht nach⸗ kommen kann.“ „Selbſtverſtändlich! Faſt machen Sie mir Luſt, mit Ihnen nach Danzig zu fahren. Ich kenne die inter⸗ eſſante Hanſeſtadt noch nicht, und würde Holm gern die Hand ſchütteln.“ „Bravo!— Ein gutes Omen für unſere Ferien⸗ wochen, lieber College, daß wir uns heute ſo unver⸗ hofft gefunden, ohne, oder vielmehr trotz getroffener Verabredung. Ich freue mich, Ihnen Cicerone meiner Vaterſtadt werden zu können, und hier— Thalatta!“ Zur Linken des Schienenweges ſchimmerte die Oſtſee; ihr Blau ging in das des bereits verdämmern⸗ den Himmels über. Wernick brach ab und verſtummte. Erinnerungen ſtiegen auf. Der Künſtler, deſſen eben im Geſpräch erwähnt worden, erwartete den Freund am Bahnhof, und be⸗ grüßte zugleich mit heiterer Ueberraſchung den zweiten 101 Genoſſen froher Jugendjahre, dann entführte Holm ſeinen Gaſt ins eigene Haus. Wie wohlig ward dem Wanderer im trauten Künſtlerdaheim, wo auf Allem und Jedem ein leiſer Hauch von Schönheit lag, wie der Flaum auf einer Frucht. Frida Holm verſtand ſich darauf, dem feinen Auge ihres Gatten nur Anmuthiges zu bieten; der heimliche Cultus, welchen ſie ihm widmete, hatte ſie tiefſtes Verſtändniß der Künſtlernatur gelehrt. Aller⸗ dings konnte es nicht ſchwer fallen, dieſen Mann als Idol zu hegen. Hier war nichts von jenen Grillen und Launen, die ſo oft die Kehrſeite bedeutender Ga⸗ ben bilden, eine reiche, ſchöpferiſche Heiterkeit belebte den Künſtler, den Menſchen. Schon begannen die Abende ſich zu kürzen. Auf die heiße Sonnengluth des Reiſetages folgte eine Ge⸗ witternacht und ſtürmiſches Wetter. Praſſelnder Regen ſchlug gegen die Scheiben. Sobald ſich Profeſſor Berg eingefunden, war die Lampe angezündet worden, und nun ſaß der kleine Kreis plaudernd um den runden Tiſch, der zwiſchen Fenſter und Zimmerecke den behag⸗ lichſten Platz füllte. Die Stunden verflogen im Aus⸗ tauſch vielfältiger Erlebniſſe. Berg, ſeit Jahren an der Wiener Univerſität habilitirt, hatte mehr zu berichten und zu erfahren, als die Hausgenoſſen, die in Ver⸗ 102 bindung geblieben waren. Schon war es ſpät gewor⸗ den, als ein Rückblick auf gemeinſame Reiſezeit Holm veranlaßte, ein paar Skizzenbücher herbeizuholen, und zwiſchen den Blättern eines hervorzuſuchen, worüber er eben mit Berg geſprochen. Wernick durchblätterte das zweite Heft, ohne dem Geſpräch der Anderen zu folgen, bis ein Ausruf Berg's durch die Lebhaftigkeit des Accentes ſeine Aufmerkſamkeit weckte: Der Pro⸗ feſſor hielt ein loſes Blatt, das er aus dem Skizzen⸗ buch genommen, und rief überraſcht: „Das Bild ohne Gnade!“ Holm legte ſeine Hand auf das Blatt, und ſagte eben ſo lebhaft:„Sie kennen das Original?“ „Ja. Das heißt, eigentlich nur durch Ruf, und von Anſehen.“ „Sie haben es eben ſeltſam bezeichnet“, fuhr der Künſtler mit demſelben geſpannten Zlicke fort;„ein Bild ohne Gnade? Was heißt das? Warum nennen Sie das ſchöne Mädchen ſo?“ „Nicht meine Erfindung! Es war der Name, welcher dem Fräulein von der jungen Herrenwelt in Wien gegeben wurde, wo ich ſie vorigen Winter öfters in Geſellſchaft traf. Seine Originalität ſtempelte ihn zum geflügelten Worte, das ſchließlich Jeder adoptirte. Sie kennen wohl kaum den Urſprung dieſer, in Süd⸗ —— 103 deutſchland landläufigen Bezeichnung? Er führt auf die Marienbilder zurück, die an Wallfahrtsorten den Betenden zulächeln, wenn ihnen Erhörung beſchieden iſt, im entgegengeſetzten Fall aber ein ſtummes„Bild ohne Gnade“ bleiben. „Und das war hier charakteriſtiſch?“ „Die Schöne galt als unnahbar. Zum Erſatz er⸗ zählte man ſich von ihr allerlei Romantiſches.“ „Nun?“ „Was ich berichten kann, iſt nur wenig, und für dies Wenige übernehme ich keine Verantwortung. Das junge Mädchen nahm eine eigenthümliche Stellung ein; dies ruft ſtets vage Gerüchte in's Leben. Sie trat in Wien als vollberechtigtes Mitglied der Familie des Grafen Mattern auf, während man erfuhr, daß ſie derſelben keineswegs verwandt ſei. Es hieß, ſie wäre ein Findelkind. Genaueres wußte Niemand. Vor eini⸗ gen Jahren ſoll ſie mit einem Verwandten des Hauſes verlobt geweſen, das Bündniß aber durch den Tod des Bräutigam's gelöſt worden ſein. Einzelne, die ihr früher begegnet, datiren die ſtarren Kälte, welche ſie zeigt, und die an einem ſo jungen, ſchönen Geſchöpf geradezu unnatürlich erſcheint, von dieſem Verluſte her.“ „Dies intereſſirt mich ſehr“, ſagte Holm lebhaft. „Seit langer Zeit hat mir Nichs ſo viel zu ſchaffen gemacht, wie dies Mädchen. Graf Mattern iſt ſeit ein paar Monaten mit ſeiner Familie in Zoppot. Wir treffen uns öfters; er beſucht mich zuweilen, und wünſchte ſeine Kinder und Thea Roſtan von mir ge⸗ malt. Die beiden Kleinen gaben ein hübſches Bild; dem Mädchen aber gehe ich nun ſchon wochenlang nach, kann nicht anfangen ſie zu malen, und kann auch nichts Anderes thun— ſo ſehr verfolgt mich das Ge⸗ ſicht.“ „Und weshalb beginnen Sie nicht?“ „Weil ich ſie erſt geſehen haben muß! Weil mich erſt einmal aus dieſen Augen der Blitz anleuchten muß, der darin wie feſtgefroren iſt. Dieſe Statue mag ich nicht malen, und beſeelt ſie ſich nicht vor mir, ſei es auch nur für einen Moment, dann rühre ich nicht daran. Eine Meduſa geben, wo ich gewiß weiß, ein, in aller Schönheit des Weibes glühendes Weſen vor mir zu haben— nein! Ich ſchleiche ihr nach, als hätte ich mein Herz an ſie verloren, und warte. Was Sie mir eben erzählten, iſt Etwas— ſolche Vergangenheit! Ein Findling iſt ſie aber nicht, ſondern ein Danziger Kind aus gutem Hauſe, wie ich gehört. Das müßten Sie ja wiſſen, Wernick. Sie ſind ja auch hier daheim.“ Ernſt hatte dem Geſpräch ſchweigend zugehört. Jetzt ſtreckte er die Hand nach dem Skizzenbuche aus, 105 und betrachtete den Kopf, über welchen mit ſo viel Eifer geſprochen worden. Sein Geſicht ward um einen Schatten blaſſer, doch ſagte er, ruhig aufblickend, in gelaſſenem Ton: „Allerdings kann ich Ihnen über Fräulein Roſtan's Familie Auskunft geben. Ihr Vater war Regierungs⸗ rath. Eine kinderreiche Familie. Dora, für die Sie ſich intereſſiren, das älteſte Kind—“ „Das trifft nicht zu“, warf Holm ein.„Mein Original heißt Thea, und ich hatte von vorn herein meine Freude an dem Namen, denn einer Theeroſe gleicht dies Geſicht mit der durchſichtig klaren, kaum angehauchten Färbung, rein und kühl, vornehm vor Allem und von ſo leiſem Duft, daß man jedenfalls ſehr nahe ſtehen muß, um ihn zu gewinnen. „Ihr Name iſt Theodora“, ſagte Wernick.„Eine Jugendfreundin ihrer Mutter adoptirte ſie als Kind; ſo kam ſie in das gräfliche Haus.“ „Und wiſſen Sie Näheres über jene Verlobungs⸗ geſchichte?“ 18 „Nein“, erwiderte Wernick kurz, indem er das Heft niederlegte und ſich unwillkürlich erhob. Da es ſpät war, gab dieſe Bewegung dem Gaſte Anlaß, ſich zu verabſchieden. Ernſt fühlte ſich wie erlöſt, als er ſich allein in ſeinem Zimmer fand. Er hatte nicht ſelten die Mög— lichkeit eines Wiederſehens mit Dora in's Auge gefaßt, ge gef der Zufall konnte ſie während einer ſeiner alljährlichen Reiſen einander leicht in den Weg führen. Doch ſtand er dieſem Gedanken ohne Unruhe; ſolches Wiederbe⸗ gegnen konnte immer nur ein flüchtiges ſein. Was er, der Geſchichtsforſcher, aber längſt als die großartige Poeſie alles Völkerlebens anerkannt: daß ein Namen⸗ loſes exiſtirt, welches ſich in alles Berechnete miſcht und es wunderbar neugeſtaltet, zerriſſene Fäden wieder aneinanderknüpft, überwundene Kataſtrophen neugeboren aus Trümmern auftauchen läßt— das ſollte ihm zur perſönlichen Erfahrung werden. Er war darauf gefaßt, das Ideal ſeiner Jugend unverhofft vor ſich zu ſehen, Angeſicht gegen Angeſicht. Statt deſſen hatten ihn heute die ſtummen Augen ihres Bildes angeblickt, und bis zum Grunde der Seele erſchüttert. Als er ſo uner⸗ wartet dieſe Züge wiederſchaute, ſo vertraut und doch ſo verwandelt, als ein Dritter von ihr erzählte, ſie ein Bild ohne Gnade nannte, da ergriff ihn ein ſelt⸗ ſames Empfinden ſo gewaltig, daß es all' ſeiner Man⸗ neskraft bedurft hatte, fremden Augen den plötzlich her⸗ aufbeſchworenen Sturm zu verbergen. Und was nun? Sie war ihm nahe, er ſollte wochenlang in derſelben Luft leben, die ſie athmete. — 107 Nein, dem fühlte er ſich nicht gewachſen— wozu auch fruchtloſe Qual heraufbeſchwören! Den Wanderſtab zur Hand genommen, und fort in's Weite! Dies war ſein erſter Gedanke. Und doch tauchten laute Wider⸗ ſprüche auf, als er dabei ſtille ſtand. Er hatte Berg zugeſagt, deſſen beabſichtigte Curzeit im Bade Zoppot mit ihm zu verleben; der College rechnete auf ihn, Holms gleichfalls. Seine gegenwärtigen Gaſtgeber waren mit Matterns bekannt— ſeiner konnte dort erwähnt werden, nachdem er Beziehungen zu Dora's Familie zugegeben. Sollte er die Flucht nehmen vor dem Mädchen, das ihn verrathen, vor dem Grafen, der ſein alter Gegner geweſen? Sein ganzer Mannes⸗ ſtolz bäumte ſich gegen die Vorſtellung auf, wie falſch ſolches Zurückweichen ausgelegt werden dürfte. Was hatte er zu ſcheuen? nicht an ihm war es, die Augen niederzuſchlagen, nicht an ihm, ſich zu verbergen. Er beſchloß zu bleiben, und der Begegnung Stand zu halten. II. Im Hauſe von Zoppot war großes Zauberfeſt angekündigt. Da Wernick ſeinen Reiſegefährten, der nach zweitägigem Aufenthalt in Danzig in den Bade⸗ 108 ort übergeſiedelt war, nicht länger allein laſſen wollte, beſchloſſen Holms ihn hinüber zu begleiten, und zu⸗ gleich einen Blick auf alle Herrlichkeiten zu werfen, die als Doppelconcert, bengaliſche Beleuchtung, und Tanz im großen Saale winkten. Wernick zog ſich ſo⸗ gleich in das, für ihn bereit geſtellte Zimmer zurück, und verhieß im Curgarten zu erſcheinen, ſobald er ſich dort eingerichtet; inzwiſchen lebten Holms mit Profeſſor Berg das ganze Programm durch. Concert und Raketen hatten ſich ausgetönt; ſchon klangen aus dem Tanzſaale die Weiſen moderner Walzer herüber. Die Nacht war köſtlich warm, und weder Frida Holm, noch der Profeſſor zeigten Luſt, dem Künſtler in den Saal zu folgen, wozu er Beide zu bereden ſuchte. Daß ihn ſelbſt nichts dahin zog, als das Verlangen Thea Roſtan zu beobachten, die er den ganzen Nachmittag nicht aus den Augen ge⸗ laſſen, räumte er gern ein. Endlich erklärten ſich ſeine Gefährten bereit, mit ihm nach einem Gnadenſchimmer zu ſpähen, und alle Drei ſchoben ſich in den menſchen⸗ gefüllten, trotz der geöffneten Fenſter dumpfen Saal. Von einem Sitzplätzchen keine Rede; die Eingetretenen drückten ſich in einen Winkel, dem Eingange gegenüber und ſpähten in all' dem Wirbel nach dem Magnet, der ſie hergezogen. — 109 Thea tanzte eben. Sie trug Weiß, nichts im Haar, nur eine dunkelrothe Roſe mit einigen Knospen an der Bruſt. Dieſer eine feurig glühende Punkt an der ganzen, wie in eine Duftwolke gehüllten ſchneeweißen, ſchneekühlen Erſcheinung, ſchien jenem magiſchen Kar⸗ funkel zu gleichen, von dem ein altes Märchen erzählt, daß er dem Beſitzer Macht über alle Geiſter verleiht. „Das Mädchen iſt wunderſchön!“ ſagte Berg. „Ob ihr geiſtiges Weſen wohl dieſem Geſichte Wort hält? Wie gibt ſie ſich im Umgang?“ „Das läßt ſich ſchwer präziſiren“, erwiderte Holm. „Ohne Zweifel iſt ſie geiſtreich, in hohem Maße ſogar. Sie iſt nicht lebhaft, aber ſie kann es werden, ſobald irgend ein intereſſantes Gebiet durchſchweift wird. Bei jedem Hinlenken auf Perſönliches, bei jeder noch ſo leiſen Berührung der Regionen, die unſeren innerſten Menſchen ausmachen, fällt es jedoch über ſie hin, wie ein kalter Schleier. Sie iſt dann ganz und gar das Bild ohne Gnade.“ Berg ſchüttelte leiſe den Kopf.„Nicht mein Fall“, ſagte er.„Wo bleibt da die Anmuth, der höchſte Reiz? Bei der Frau ſoll nicht der Geiſt gaſtfreundlich ſein, ſondern das Herz!“ Ein raſcher Druck Holm's unterbrach ihn; der Künſtler rief frohlockend in leiſem Ton:„heureka!“ 110 Berg folgte der Richtung ſeines, auf Thea gehef⸗ teten Blickes. Der Tanz war eben beendet; ſie ſtand iſolirt. Ihre herrliche Geſtalt, leicht vorgeneigt, in der Haltung einer ſchreitenden Statue, war ſtatuengleich unbeweglich. In ihrem Auge leuchtete eine Flamme, die unwiderſtehlich ſiegend hervorbrach; über dem ganzen Antlitz lag Roſenſchimmer, der es verklärte, wie Abend⸗ ſchein den Schneegipfel der Alpen verklärt. Aber plötz⸗ lich, wie von der Alpe das roſige Licht entweicht, wich die Gluth des ſchönen Geſichtes tiefſter Bläſſe; es ver⸗ wandelte ſich wie in Stein. Unwillkürlich dachte der intereſſirte Beobachter an Holm's Wort zurück:„ich will keine Meduſa malen—“ Er ſuchte den Punkt, nach dem ihr ſtarres Auge während dieſer Momente unverwandt gerichtet geweſen, und war frappirt, Wernick als ſolchen zu erkennen. Wenigſtens fuhr ihm der Gedanke eines Zuſammen⸗ hanges wie ein Blitz durch den Kopf, als er den Freund unter der Thüre ſtehen ſah, den Blick feſt auf Thea gerichtet, die Lippen ernſt und ſtreng geſchloſſen. Ihm war, als leſ Geſchichte einer nicht überwundenen Vergangenheit. Doch hielt der empfangene Eindruck nicht Stand. Wer⸗ nick wandte ſich in der nächſten Sekunde ab, ließ ſein e er von dieſem ſtummen Munde die ſtumme Auge durch den Saal ſchweifen, und war bald an der 3 111 Seite ſeiner Freunde, unbefangen und ruhig heiter, wie er ſich meiſt zu geben pflegte. Als Holms eben im Begriff waren, den Saal zu verlaſſen, um ſich für den letzten Zug nach dem Bahn⸗ hofe zu begeben, wohin die beiden Profeſſoren ihnen Geleit geben wollten, trat Graf Mattern an ſie heran, Thea am Arme. Holm ſtellte ſeine Begleiter vor, und während Berg mit dem Grafen einige Worte jener flüchtigen Erkennung wechſelte, die auf ihr gemein⸗ ſchaftliches Bewohnen Wiens und zufälliges Begegnen dort Bezug hatten, erkundigte ſich Wernick in gelaſſe⸗ nem Ton bei Thea nach dem Ergehen ihrer Famillie. Die Ruhe, welche Ernſt zeigte, war keine gewalt⸗ ſame. Seltſam— das Wiederſehen, welches er ſo ſehr gefürchtet, hatte ihn kalt gelaſſen. Keine Saite des Herzens, der Erinnerung klang, als er, an die Thüre des Ballſaales gelehnt, die einſt ſo heißgeliebte Geſtalt vorüberſchweben ſah. Dieſe Geſtalt erſchien ihm ſo fremd— zu impoſanter Schönheit entwickelt, aber dem knospenhaften Reiz, welchen er in Erinne⸗ rung trug, völlig enthoben. Noch waren es, ja, noch immer waren es die zartgeſchnittenen Züge von einſt, die unter der ſchwarzen Haarkrone ruhten, wo aber war der ſüße, mädchenhafte Ausdruck hin, der ihn einſt beſeligt? wohin der reizvolle Wandel zwiſchen Lächeln und lauſchendem Ernſt? Dieſer ſtolzen Schönheit in's kluge Auge zu ſehen, fürchtete er nicht mehr. Sie hatte ihn erkannt. Er ſah den Wandel, der über ſie kam— kein Erſchrecken, ein Achſelzucken war es, das ihn einen Moment lang traf, wie ein Blitz; doch änderte ſein feſt verſchloſſenes Geſicht den Aus⸗ druck nicht; kalt haftete ſein Auge auf ihr— er wollte, daß ihr über ihn kein Zweifel blieb, ehe ſie ſich begeg⸗ neten. Und als er ihr dann gegenüber trat, fühlte er, daß ſie ihn verſtanden. Wochen vergingen. Wie an jedem kleinen Badeort traf man ſich in Zoppot häufig. Die Bewohner des Curhauſes fanden ſich an der Tafel zuſammen, der Curgarten, die näher und ferner gelegenen ſchönen Punkte der Umgegend boten den kleinen Kreiſen faſt täglich verabredete oder zufällige Rendezvous. Mat⸗ terns, die ſchon ſeit Wochen dort heimiſch waren, un⸗ ternahmen häufige Ausflüge, wozu der Graf die beiden Profeſſoren regelmäßig aufzufordern pflegte. Wenn auch nicht immer, wurde der Vorſchlag zu ſolchem An⸗ ſchluß doch häufig angenommen. Wernick wich keinem Zuſammentreffen aus; noch weniger ſuchte er es auf. Daß der Graf mit ſichtlicher Befliſſenheit jede Gelegen⸗ heit ergriff, ihn in ſeinen engeren Cirkel zu ziehen, war nicht zu verkennen, und gab ihm zu denken. Wenn . 1 113 Ernſt bei einer der gemeinſchaftlichen Partieen, oder bei ſonſtigem Zuſammentreffen eines jener gemeingül⸗ tigen Geſpräche mit Thea führte, wie ſie uns Allen in der Schule der guten Lebensart gelingen, ſah er mitunter des Grafen Auge mit einem geſpannten Aus⸗ druck auf ſich ruhen, der ihm auffiel. Vermied gleich Mattern jede leiſe Hindeutung auf Vergangenes ſo ſehr, daß er Wernick's Namen nur aus deſſen literari⸗ ſcher Bedeutung zu kennen ſchien, ſo verſuchte er doch wiederholt, das Geſpräch auf Thea zu führen, wenn er ſich mit dem Profeſſor allein fand, und ſo raſch auch Ernſt ſolche Mittheilungen in ein anderes Thema hinüberzuleiten bedacht war, erfuhr er doch nach und nach genug, um ein klares Abbild des Lebens zu ge⸗ winnen, welches Thea ſich während der letzten Jahre geſtellt. Graf Hugo klagte über die Sonderbarkeiten, die Eigenthümlichkeit ſeiner Hausgenoſſin: daß ſie ſich ſo ganz anders entwickelt, als ihre früheſten Jugendjahre verheißen— daß ſie auf Nichts mehr eingehe, was ſie ſonſt intereſſirt. Der Tod ihres Bräutigams ſei ein ſchweres Unglück geweſen; nun ja! aber jetzt wären ſeitdem Jahre verfloſſen, und die Hartnäckigkeit, womit Thea jedes neue Band zurückweiſe, doch nach ſo kurzer Verbindung nicht gerechtfertigt. Ueberhaupt ihre ſon⸗ 8 Godin, Frauenliebe und Leben. II. derbaren Anſichten! Nachdem ſie das Vermächtniß, welches ſein Vetter für ſie beſtimmt, ohne Widerſpruch angenommen, wie ja auch ſelbſtverſtändlich, wäre ſie nicht zu bewegen, die ihr zuſtehenden Revenüen nun auch zu genießen, ſondern beſtände darauf, dieſelben für Armen⸗ und Krankenhäuſer auf dem ihr zugeſchrie⸗ benen Gute zu verwenden. In ſeinem Hauſe, ſeiner Familie habe ſie ſich mit Eigenſinn die Rolle einer Gouvernante ſeiner Kinder angeeignet, und da ſeine Frau ſie hierin unterſtütze, und die Kleinen wie Klet⸗ ten an ihr hingen, ſei ihm nichts übrig geblieben, als darauf zu beſtehen, daß ſie wenigſtens der Außenwelt gegenüber die Stellung einer Tochter des Hauſes inne halte. Ein Stoßſeufzer:„Schade um ſie— die Jugend vergeht— Thea iſt doch zu Beſſerem geſchaffen, als zum Stundengeben“— blieb ſtets der Endrefrain ſol⸗ cher Mittheilungen, die Wernick zuletzt den beſtimmten Eindruck zurückließen, daß Mattern des ganzen Ver⸗ hältniſſes zu ſeiner Pflegetochter überdrüſſig ſei. Alles, was Wernick vernahm, ſenkte ſich einzeln und zerſtreut, aber doch wie Samenkörner in ſeine Seele, und mit einem Male erkannte er, daß der Same aufgegangen war. Es war doch ſeine Dora noch, das hochgeſinnte Mädchen noch, der er das Beſte zugetraut! Was ſie ihm einſt gethan, Gott weiß, aus welchen 115 Untiefen es kam— jetzt büßte ſie, freiwillig und in troſtloſer Einſamkeit. Was war denn dieſem reichen Geſchöpf geblieben von allen Gütern der Erde? Zwei fremde Kinderſeelen, an die ſie hingab, was in ihr vergeblich um eine Heimath bettelte! Sein ganzes Leben zog ihn zu ihr hin, forderte von ihm, die Glückver⸗ waiſte, Verlaſſene in ſeine Arme zu nehmen, wohin ſie gehörte. Aber dieſe Sehnſucht, welche gleich Vögeln die man verſcheucht, immer wieder dorthin zurückkehrt, wo ſie einmal geniſtet, verſtummte, erſtarrte gleichſam, ſo oft er mit Thea ſelbſt zuſammentraf. Es lag zwi⸗ ſchen Beiden wie eine Mauer; keine Pforte, die hin⸗ durchführte. Zuweilen traf ihn aus der Ferne ein Blick, ein Klang der Stimme, die ihn durch raſchen Impuls an ihre Seite führten. Stand er dann aber vor ihr, ſo wurde ſein Herz wieder kalt, und ſie war das Bild ohne Gnade. III. Es war ein ſonnenheitrer Tag, der von allen Unterhaltungsluſtigen in Zoppot mit doppelter Freude willkommen geheißen wurde. Das Vergnügungscomité hatte einen Maſſenausflug nach Oliva organiſirt, und 8* 116 dafür ein förmliches Programm aufgeſtellt; Alt und Jung nahm Antheil. Der Kaffee wurde bei Thierfeldt eingenommen, der Carlsberg erſtiegen; ſelbſt die weit⸗ berühmte Orgel der alten Kloſterkirche mußte wißbe⸗ gierigen Ohren ihren Tribut zahlen; dann ergoß ſich der Strom der Gäſte gegen Sonnenuntergang über den Park, wo all die bunten Geſtalten mit ihrem Geplau⸗ der und fröhlichen Lachen mehr zwiſchen die hohen, geſchorenen Hecken paßten, welche, noch in der Manier Beötre's angelegt und erhalten, aus ihrem Dunkel auf das lichte Meer blicken laſſen, als unter die herrlichen, ſchweigenden Baumgruppen und die geheimnißvoll rau⸗ ſchenden Cascaden. Im Parke von Oliva! Dort brach das Eis, das Ernſt's widerſtrebendes Herz nicht wollte thauen laſſen. Die grünen Wege, welche er vor Jahren an Dora's Seite durchzogen, die Waſſerſprudel, die er mit ihr hatte rauſchen hören, die fernen Hämmer, welche ſie damals Herzſchläge des Thales genannt, ſchmolzen all ſein Sträuben in widerſtandsloſe Weichheit um. Sein Auge ließ nicht von ihr, während er, in einiger Ent⸗ 3 fernung hinter ihr ſchreitend, die lichte Geſtalt durch. die Laubgänge ſchweben ſah. Er gab ſich ganz und gar dem alten Zauber hin, ihm war, als läge nun mit einem Male nichts mehr zwiſchen ihnen, als ein 117 Wort, das nur noch auszuſprechen ſei. Doch blieb er zurückgezogen; das bunte Völkchen das rings umher wüſtete, ließ den Gedanken daran nicht aufkommen, ſolch ein Wort in dieſer Stunde ertönen zu laſſen. Der jüngere Theil der Geſellſchaft eilte dem Karpfen⸗ teiche zu, und bewegte das Glöckchen, um die alten, bemooſten Häupter zu füttern. Während dieſer Akt vor ſich ging, machte einer der Herren den Vorſchlag, die ganze Geſellſchaft, Herren und Damen, durch Looſe in Paare zu theilen, welche der nahen Flüſtergrotte anvertrauen ſollten, was ſie ſich etwa zu ſagen hätten. Dies war eine jener Spielereien der Zopfzeit, worauf damals ſo hoher Werth gelegt wurde. Zwei, links und rechts vom Wege angelegte Grotten haben ſo eigen⸗ thümliche Akuſtik, daß der Gegenüberſtehende das leiſeſte Wort ſeines Partners in der zweiten Höhle verſteht, während man auf der Mitte des Weges zwiſchen Bei⸗ den nicht einen Hauch vernimmt. Der muthwillige Ge⸗ danke ward mit Applaus aufgenommen, und Alt und Jung zuſammengeläutet. Aus den Blättern eines Notiz⸗ buches wurden nummerirte Looſe geſchaffen, und feier⸗ lich durcheinandergeſchüttelt. Die Damen mußten auf Verlangen des Ordners auf der einen Seite des Weges, die Herren auf der andern Spalier bilden, bis ſich durch Aufruf der übereinſtimmenden Nummern die 118 Paare zuſammengefunden. Unter all dem Geſchwirr, Gelächter und Durcheinander, welches dieſer Einfall hervorgerufen, fanden ſich zwei Menſchen wie von einem elektriſchen Schlage getroffen: das Loos gab Thea— Wernick zur Partnerin. Dieſer Zufall berührte Ernſt wie ein Schickſals⸗ ſpruch! Ein Entſchluß ſtieg plötzlich in ihm auf. Das Wort, welches in der Flüſtergrotte von ihren Lippen kam, ſollte über Beider Zukunft entſcheiden. Als er ihr den Arm bot, um ſie in der langen Reihe der Paare nach der Stätte zu führen, die ihm jetzt ſein Verhängniß bedeutete, fühlte er ihre Hand auf ſeinem Arm zittern. In demſelben Moment, wo er zum erſten Male wieder die Berührung dieſer geliebten Hand em⸗ pfand, verſank Alles, was ſie von ihm geſchieden. Und doch ſchritt er ſchweigend neben ihr her, ſchlug das Auge nicht zu ihr auf, Den ernſten Mann hatte ein traumhaftes Fürchten und Hoffen erfaßt. Ihm war, als würde der Hort, nach dem er die Hand ausſtrecken wollte, vor ihm verſinken, wenn das Zauberwort, das ihn heben ſollte, zu früh ausgeſprochen ward. Jener Abend, wo er einſt mit ihr den gleichen Weg gewandelt, ſtieg farbenfriſch vor ihm auf. Sie war damals noch nicht ſein geweſen, aber ſchon ſehnten ſich die jungen Herzen zu einander. Wie hatten ſie ge⸗ 8 — 3 119 ſcherzt! was erzählte ſie ihm Alles von der geheimniß⸗ vollen Grotte, und wie verſtummte jede Munterkeit, als Beide in den Höhlen einander gegenüber ſtanden, ſcheu und verzagt! Wie lauſchten ſie und konnten ſich nicht zum erſten Worte entſchließen, bis er endlich, nach herzklopfendem Schweigen, zuletzt doch nichts An⸗ deres zu flüſtern gewagt, als das Wort:„Welch un⸗ vergeßlicher Tag!“ Als er ſie jetzt von ſeinem Arme ließ, um in die Grotte zur Linken einzutreten, begegneten ſich beider Augen. Thea zögerte eine Sekunde auf dem Wege, dunkle Gluth übergoß ihr Wangen und Nacken, als ſie in der Höhle gegenüber verſchwand. Wernicks Herz ſchlug zum Erſticken. Er beugte ſein Ohr gegen das dunkle Geſtein— Alles ſtumm. Der, bei Beginn des Spieles laut verkündeten Vor⸗ ſchrift entgegen, daß die Dame zuerſt ſprechen ſollte, ſchien Dora ſein Wort zu erwarten. Und doch konnte er ſich zu dieſem erſten Worte nicht entſchließen— das ihrige ſollte ihm Orakel ſein! Tödtlich bange Augen⸗ blicke vergingen. Er wandte den Kopf— ja, noch ſtand die lichte Geſtalt in der Grotte drüben; ihr weißes Gewand fluthete auf den dunkeln Boden nieder. Ernſt preßte die Lippen zuſammen und lauſchte von Neuem, als hinge ſein Leben an dem Hauche von drüben. Da drang ein Flüſtern an ſein Ohr, vernehmlich, als ſei es Wange an Wange geathmet:„Vergieb— o vergieb!“ Seltſames Räthſel des Menſchenherzens! Ernſt's Athem ſtockte. Flammen ſchlugen bis zu ſeinen Schläfen empor— was in ihm vorging, war unausſprechlich. Das eine Wort mähte urplötzlich Alles nieder, was eben noch ſo lebensvoll aufgekeimt: all die Qualen langer Jahre, all das Elend, welches ihr Treubruch ihm bereitet, ſtand vor ihm mit Flammenſchrift, zieh ſie des Verrathes am Heiligſten, gähnte vor ihm auf wie eine Kluft, die ſich nie und nimmer überbrücken ließ. Mit finſterer Stirn richtete er ſich auf, ſtand einen Moment unbeweglich, und trat dann, ſich ge⸗ waltſam zuſammenfaſſend, raſch in's Freie. Eine Sekunde ſpäter ſchritt Dora an ihm vor⸗ über— ein Bild ohne Gnade. Ernſt zog ſich in die Laubgänge zurück. Unter all den Menſchen auszuharren, ward ihm unerträglich. Er wanderte planlos vorwärts, nur um keine Stimme mehr zu hören, kein fremdes Auge mehr zu ſehen, und doch fühlte er ſich zugleich ſo todt einſam, daß er mecha⸗ niſch dem Rauſchen des Waſſers nachging, als etwas Lebendigem. Der Bach führte ihn zu einem, von Bäu⸗ men umgebenen Rondell, wo das Waſſer, zum kleinen . ——„ Catarakt geſammelt, von dem höher gelegenen Wege aus über Felsgeſtein niederſtürzt. Hier war es ſtill und menſchenleer. Ernſt ließ ſich wie gebrochen auf eine der Steinbänke nieder, die das Rund umgeben, und barg ſeine hämmernden Schläfen in beide Hände. So weh wie heute war ihm in ſtürmiſchen Jugend⸗ tagen nie zu Muth geweſen. Lange mochte er ſo regungslos geſeſſen haben, als ein leiſes Geräuſch, wie von berührtem Laub, ihn aufſchauen ließ. Seine Hand umfaßte krampfhaft die ſteinerne Lehne. Er ſah ein weißes Gewand ſchimmern. Dora ſchritt geſenkten Hauptes über den Steg, der leichten Bogenbrücke zu, welche das Rondell abgrenzt, und blieb dort der Cascade gegenüber ſtehen. Beide Arme auf das Brückengeländer geſtützt, blickte ſie un⸗ verwandt nach dem ſchäumenden Waſſerfall. In tau⸗ ſend Silberperlen aufſprudelnd, ſtürzte die brauſende Fluth über dunkle Felsblöcke nieder, leidenſchaftlich wie ein Herz, das in wildem Strudel vergehen möchte. Sonnendurchleuchtetes Laub ſchimmerte wie Smaragd darüber hin, und von Sekunde zu Sekunde küßte der ſinkende Sonnenſtrahl die lichten Blätter, das feuchte Geſtein an neuer Stelle, Alles vergoldend. Gleich Wächtern des ſchweigenden Rundes ragten ringsum hohe Bäume, deren Wipfel ſich zueinander neigten, und die bereits dämmernde Schatten über die Stelle warfen, welche Ernſt einnahm. Er blickte unverwandt nach der regungsloſen, vom Abendlicht überglänzten Geſtalt. Dora ſtand mit feſt ineinander gefalteten Händen, den ſchönen Kopf tief geſenkt; er ſah nur ihr Profil, doch ſah er, wie Tropfen auf Tropfen über die blaſſe Wange niederſtürzte. Ohne ſeine Stellung zu verän⸗ dern, rief er leiſe„Dora!“ Nur wie ein Hauch klang der Name durch die Stille, doch traf er das Ohr, dem er galt. Heftig zu⸗ ſammenſchreckend wandte ſich Dora um, den Blick in die Lüfte gewendet, als hätten ihre eigenen Träume ſie mit einem längſt verklungenen Namen gerufen. Ihr Auge ſenkte ſich, und traf die dunkle Geſtalt, die un⸗ beweglich ihr zur Linken ſaß. Wernick erhob ſich nicht. Kein zweiter Laut kam von ſeinen Lippen, nur ſeine Hand machte eine leiſe, winkende Bewegung, indem ſein Blick auf ſie gerichtet blieb. Dora flog zu ihm hinüber, wie von magiſcher Kraft fort bewegt. Seine Hände ſchloſſen ſich um die ihren; die Augen tauchten ineinander. Während ſie ſo vor ihm ſtand, wußten Beide nichts von Vergangen⸗ heit, nichts von Zukunft. Sie waren Eins. Ernſt's Arm umfaßte die Geliebte, um ſie näher an ſich zu ziehen, doch entwand ſie ſich zuckend ſeiner —2 ——— 123 Berührung, neigte ſich, und preßte ihre Lippen auf ſeine Hand.„Was thuſt Du!“ rief er mit zu ſpät ab⸗ wehrender Bewegung. „Ich danke Dir, daß Du vergeben kannſt“, ſagte ſie mit blaſeem Munde.„Ich ſegne Dich dafür; nun läßt ſich das Leben wieder tragen, auch ferne von Dir.“ „Sprich nicht von Vergeben!“ ſagte Ernſt, indem er ſich erhob, und ſie feſt in ſeine Arme nahm.„Wir lieben uns noch; das haſt Du empfunden, gleich mir, das füllt jede Kluft— Du biſt mein, Dora, und Du bleibſt es.“* „Nie!“ rief ſie ſchaudernd, indem ſie zurückwich. Die alte Starrheit legte ſich gnadenlos über das ſchöne Geſicht. „Dora!“ rief Wernick mit Leidenſchaft,„ſpiele nicht zum zweiten Mal mit unſerem Leben!“ Sie blickte troſtlos in's Weite.„Ich habe dereinſt mit einem andern Leben geſpielt, und— es ging ver⸗ loren. Du weißt nicht, was ich zu verbüßen habe, Ernſt. Niemand auf Erden weiß es. Kein Zufall ließ Sandor ſterben— er fiel durch eigene Hand, nein, durch die meine, denn ich bin es, die ihn in den Tod getrieben.“ „Dora!“ „Nicht wahr, das glaubteſt Du nicht? Aber Du 124 mußt es erfahren, damit Du weißt, wer ich bin, und daß es für mich kein Wünſchen mehr gibt, und kein Hoffen mehr. Ich habe Dich geliebt aus Grund mei— ner Seele, Ernſt, und Deiner nie vergeſſen, auch dann nicht, als ich mich in wahnſinniger Verblendung von Dir losriß, auch dann nicht, als ich mir vorſagte durch einen Andern glücklich zu ſein. Und ſo brennende Schmerzen ſchuf mir dieſer Widerſtreit, daß ich Deines eigenen Leides, meiner Schuld gegen Dich kaum ge— dachte, Nichts ſonſt empfand, als daß ich Dich für immer verloren. Da hielt mir ein Brief Robert'’s mein Bild vor, und ich ſchaute mit Grauen die verzerrten Züge. Wohl hatte ich Sandor geſtanden, daß ich zuvor einen Andern geliebt, daß ich um ſeinetwillen ein frühe⸗ res Wort gebrochen, aber er vergab dem Wankelmuth, weil er an die Liebe nicht glaubte. Ich hatte es feige angenommen, als er mich von völliger Beichte los ſprach, jetzt erſchien es mir wie ſündhafter Betrug, daß ich ihm nicht mehr geſagt. Ich ſandte ihm Ro⸗ bert's Brief, damit er mein Urtheil daraus leſen mochte. Er las ſich Anderes heraus, nicht die Verach⸗ tung, welche ich mir bei den Meinen verdient, wohl aber die Liebe, die mich Dir verband! Wahrheit ging ihm auf aus Robert's anklagender Schilderung un⸗ ſeres Bundes, und ſein Herz trug dieſe Erkenntniß nicht. Edel, wie immer, ging er aus der Welt, ohne meine Seele mit der Bürde belaſten zu wollen, die ihn in den Tod trieb. Er vergaß mein Gewiſſen! Das ſchuldbewußte Herz verſtand, woran das ſeine gebro⸗ chen war. Was er empfunden, iſt ja Wahrheit ge⸗ weſen! Selbſt in den Todesmartern dieſes Bewußt⸗ ſeins war es nicht ſein, war es Dein Verluſt, der ſeitdem an mir genagt hat, Tag um Tag, Jahr um Jahr.“— Sie ſank kraftlos auf den Sitz nieder, und verhüllte ihre Augen. „Und dennoch weigerſt Du Dich, mir zu gehören!“ ſagte Ernſt nach ſchwerer Pauſe. „Dir gehören! Ueber dies Grab hinweg? Das wäre Läſterung. Wenn ein Schatten zur Seite geht, der kann Lebenden kein Glück bringen.“ „Mein Recht iſt älter, heiliger, als das Recht dieſes Todten, Dora! Die Sühne Deines ſtarren Ver⸗ zichtens hilft ihm Nichts mehr. Mir aber ſchuldeſt Du das Leben, das Du mir einſt zugelobt—“ „Es gehört der Buße—— Du biſt voll Groß muth, Ernſt, aber es iſt umſonſt— umſonſt! Daß Du mir vergeben haſt, daß ich Dich wiederſehen durfte, war mehr, als ich verdiene. Nimm Dank dafür, und— gehe von mir!“ „Nein!“ rief er voll Innigkeit.„Ich begehre ja 126 keinen Engel, ſondern ein Weib! Durch Irrthümer dringt man zur Wahrheit, wo Du nichts als Nacht erblickſt, ſehe ich Licht— vertraue mir, wie einſt, und jeder Segen kehrt uns zurück!“ Dora ſah ihn an. Myſtiſch und düſter, wie der Sonnenſtrahl, der durch Gewitterwolken bricht, ſprach das Auge noch vor der Lippe ſein hoffnungsloſes Wort: „Heimath und Liebe kommen Dem nie zurück, der ſie freiwillig aufgegeben, das weißt Du vielleicht nicht, ich aber weiß es! Erbarme Dich, Ernſt, dränge nicht, daß ich Dein werde— ich kann es, darf es nicht! Schon einmal habe ich erlebt, wie elend ſchwach ich bin. Folgte ich Deinem Rufe, dann müßte Wahnſinn das Ende ſein. Laß mir den letzten Funken von Selbſt⸗ achtung— gib mich auf!“ Sie ſtand auf, und hüllte ſich fröſtelnd in ihr leichtes Tuch. Schon begannen tiefe Schatten zu ſinken; der letzte Sonnenſtrahl war verſchwunden. Wernick ſaß, den Kopf auf die Hand geſtützt, in ſchwerem Sinnen. „Alles was ich Dir ſagen könnte, hieße nur meine eigene Sache führen“, ſprach er endlich.„Ich ſtehe rathlos. Sei es denn— laß uns ſcheiden. Zum zweiten Mal nimmſt Du mir, was ich mein glaubte. Weil Du dies kannſt, bleibt mir Nichts übrig, als von Dir zu gehen. Lebewohl.“ ₰ — 127 Auch er erhob ſich nun, und ſtand mit verſchränk⸗ ten Armen, den Zlick ernſt auf ſie gerichtet, während ſie ſich mit ſtummem Neigen des Kopfes langſam von ihm entfernte. Plötzlich wandte ſie ſich zurück, und ſank in leidenſchaftlichem Schluchzen vor der Steinbank auf. die Kniee.„Gott iſt gerecht!“ brach es hervor—„aber hart, o wie hart die Strafe! Vor Sehnſucht ſterben, und mit den weitgeöffneten Armen nichts zu erfaſſen, als ſich ſelbſt— in Reue vergehen, und als Buße nichts opfern können als mit dem eigenen Glück noch das andere, theuerſte Glück!— das iſt doppelter Tod!“ Wernick's Arm zog ſie feſt in die Höhe.„Ich ver⸗ ſtehe dies nicht“, ſagte er, und ſeine Stimme hatte ſtrengen Klang.„Reue und Buße? Wo ſie vernichten, erkenne ich ſie nicht an. Ein einziger Entſchluß füllt den tiefſten Riß aus, als wäre er nie geweſen. Frucht⸗ loſes Feſtklammern an Vergangenes iſt neue Schuld— furchtbar eine Zerſtörung, die Keinem Nutzen bringt. Du ſiehſt nur Dein eigenes Wohl und Wehe— Lebe wohl!“ Dora fuhr zuſammen. Ihr Auge ſchien tief in ſich hineinzublicken, dann leuchtete es in wunderbarem Glanze auf.„Den Vorwurf verdiene ich nicht, nein, o nein! All mein eigenwilliges Selbſt liegt zerbrochen zu Deinen Füßen, Deine Ruhe iſt mir aber theurer als mein Heil. Und Ruhe fändeſt Du nimmer an mei⸗ ner Seite! Was ich verwirkt, läßt ſich nicht vergeſſen, nicht betäuben— Gott iſt in unſerem Gewiſſen! Für mich hat das Leben nur noch einen Platz, das iſt der, auf welchem ich ſtehe. Niemand bedarf meiner— die Meinen leben friedlich, Deine Tage ſind erfüllt vom reichſten Wirken, das ich nur lähmen könnte. Bei den Kindern, denen ich Führerin ſein darf, fühle ich Boden unter meinen Füßen, ich lehre ihnen anders ſein, als ich bin, und ſie lieben mich ſogar.“ Ernſt blickte ſie ſchweigend an. Unendliches Er⸗ barmen verdrängte Groll und Wehe. Ohne Laut er⸗ griff er ihre beiden Hände, und drückte ſeine Lippen darauf. Dora erglühte; ihr Kopf neigte ſich an des Freundes treue Bruſt, und ruhte dort einen Augenblick, wie in ſeligem Vergeſſen. Leiſe, ganz leiſe Worte dran⸗ gen an ſein Ohr:„Gott ſegne Dich, Geliebter! Du gabſt mir heute Unendliches— mein Herz, mein Ge⸗ danke haben wieder eine Heimath— ich bin keine Ver⸗ lorene mehr. Nimm dafür Alles, was ich Arme geben kann, nimm, o nimm das Herz aus meiner Bruſt!“ Ein heißer Kuß brannte auf ſeinem Munde. Sie war hinweg. Ernſt ſah der enteilenden Geſtalt nach, bis das lichte Gewand zwiſchen den dämmernden Bü⸗ ſchen entſchwunden war. Dann ſank er auf den öden 129 Sitz zurück. Thränen, wie nur der Mann ſie vergießt, tropften einzeln und glühend aus ſeinen Augen. IV. Die Mattern'ſche Familie hatte Zoppot verlaſſen. Wernick, dem der Graf Tages zuvor bei einem Ab⸗ ſchiedsbeſuch dies ausdrücklich mitgetheilt, entſchuldigte ſich, die Artigkeit nicht erwidern zu können, da er im Begriff ſei, einer Verabredung nach Danzig zu folgen, und verabſchiedete ſich durch ein paar Zeilen bei der Gräfin. In aller Frühe des Tages, welcher Dora für immer aus ſeinem Geſichtskreis entführen ſollte, fuhr er nach Neufahrwaſſer, kehrte gegen Mittag nach Danzig zurück und ſuchte Holms auf, die er jedoch nicht zu Hauſe traf. Es war ihm öde und weh zu Muthe; überall die gleiche Leere. Mit einer Raſtloſigkeit, die ihm ſonſt nicht eigen, ging er zurück auf den Bahn⸗ hof, um mit dem nächſten Zug nach Zoppot heimzu⸗ fahren. Die Freunde in der unruhigen Stadt zu er⸗ warten, hatte er nicht Ruhe genug. Mit einer ſtumpfen Empfindung des Leidens lehnte er in einer Ecke des Coupé's und hielt die Augen geſchloſſen, als er ſich an einer Halteſtelle bei Namen gerufen hörte. Holm ſtand auf dem Perron der Station Oliva, und näherte Godin, Frauenliebe und Leben. II. 9 130 ſich raſchen Schrittes dem Waggon.„Ich habe etwas für Sie, Wernick“, ſagte er, indem er ihm ein kleines Paket hineinreichte.„Fräulein Roſtan übergab mir den Auftrag, Ihnen dies zuzuſtellen, als ich heute dort Lebewohl ſagte. Da ich von Berg erfuhr, Sie ſeien in Danzig, zog ich vor, die Commiſſion perſönlich zu be⸗ ſtellen. Nun wären wir aneinander vorbeigefahren, hätte meine Frau nicht ein Glas Waſſer verlangt. Da pfeift's— adieu! laſſen Sie ſich bald ſehen.“ Holm eilte nach ſeinem Coupé, während ein paar Herren in das Wernick' einſtiegen. Einer momentanen Eingebung folgend ſprang Ernſt heraus, und ließ den Zug von dannen fahren. Er wollte, mußte in dieſem Augenblick allein ſein, und ſchlug faſt inſtinktartig den Weg nach dem Parke ein. Der Fürſtengarten war einſam wie ein Kloſter. Ernſt durchſchritt die wohlvertrauten Gänge, welche zu einem Lieblingsplatz ſeiner Kinderjahre führten, dem ſchilfumgebenen Teiche. Dort ließ er ſich auf der Bank nieder, und zog das, in ſeiner Bruſttaſche gebor⸗ gene Päckchen hervor. Minutenlang ruhte ſein Auge auf der Adreſſe— wie viel war geſchehen, ſeit er in verhängnißvoller Stunde dieſe Schriftzüge zuletzt ge⸗ ſchaut! Endlich brach er das Siegel. Aus leichter Hülle fiel ihm ein Ring entgegen, um welchen ſich eine dunkle 131 Locke ſchlang. Keine Zeile lag bei, und doch war ihm bei dem Anblick dieſer neugeſchenkten Pfänder, als ſtröme jeder Lufthauch um ihn her liebende Worte aus. Leiſe berührten ſeine Lippen das duftende Haar; dann löſte er es von dem glatten Reif, und ſchob ihn an den Finger. Sein Auge glitt über die Waſſerfläche hin, welche ſich vor ihm ausbreitete. Klar, wie ein Kinderauge, in dem Welt und Himmel ſich ſpiegelt, lag der Teich, von breitblätterigen Pflanzen beſäumt, die gleichſam ſeine Grenze gegen die ganze Schöpfung bildeten. Zur Rechten neigte eine uralte Linde ihr Gezweige ſo tief hinab, daß die Blätter mit ihren letzten Spitzen im Waſſer verſchwanden. Links zitterte die Silberpappel und ſchimmerte wie Mondlicht bei dem leiſeſten Luft⸗ hauch. Nichts war zu hören als ſchwaches, fernes Rau⸗ ſchen der dem Auge verborgenen Waſſerfälle, nichts zu ſchauen als das im Abendwinde ſchaukelnde Laub. Auf der kleinen, links hereinragenden Bucht neigte ſich das Schilf; das Waſſer ſchuf ſich Kreiſe, die, eng oder weit, immer gleiche Ringe ſchloſſen; die ſinkende Sonne legte eine ſchmale goldene Brücke hinüber, und Ein⸗ tagsfliegen taumelten darüber hin. Ernſt fühlte ſich von tiefem Frieden ergriffen. Jede Sehnſucht ſchien ſich ihm durch ſich ſelbſt zu be— 9* 132 antworten. Leiſe bewegten ſich ſeine Lippen, nur wie ein Hauch glitten die Worte darüber hin:„Es iſt gut ſo.“ Sein Auge irrte nach dem jenſeitigen Ufer hin⸗ über; es träumte ſich dort eine unvergeßliche Geſtalt. Klar empfand er, daß es Unüberwindliches gibt, klarer noch, daß Aufgeben allein hier ewiges Beſitzen ver⸗ bürgt. Als er heimwärts wanderte, ruhte der geliebteſte Name tief, tief allen Augen verborgen aber unzerſtör⸗ bar für alle Ewigkeit in ſeiner Bruſt begraben. — 7—x + Ein welker Iliederzweig. —— 4— b * 2 5 —— 2— Ich hatte einen Jugenfreund, den ich ſehr liebte. Wir verſtanden einander ſo gut, wie Menſchen ſich überhaupt verſtehen können und hielten treu zuſammen. Auch bin ich Keinem im Leben begegnet, der ihm ge⸗ glichen hätte. Zuweilen verſetzt die Natur Seelen auf die Erde, die ſie mit Vorliebe heißer und zarter bildet als Andere— ſeltſam, daß ſich gerade vor ſolchen das Leben meiſt zurückzieht, wie ein zahlungsunfähiger Schuldner.— Wo und wie mein Freund jetzt lebt, weiß ich nicht; ſeit Jahren habe ich ihn nicht wieder⸗ geſehen, ich leſe nur manchmal in den Zeitungen, wo er ſich gerade aufhält, denn er iſt ein berühmter, viel⸗ genannter Künſtler. Wir ſchreiben uns nicht, doch denke ich oft an ihn,— immer, wenn ich den Ton einer Violine höre, am meiſten im Frühling, wenn der Flieder blüht. Vor Jahren, als auch gerade der Flieder blühte, ſprach ich ihn zum letzten Mal.— Er ſollte am näch⸗ —— 136 ſten Tage wieder einmal in die weite Welt hinaus, und wir gingen noch ſpät miteinander ſpazieren, nach dem Thereſienhain, dem ſchönen Wäldchen, das dicht vor meiner Vaterſtadt liegt, und das bei Tage ſo be⸗ völkert iſt, ſpät Abends aber nichts beherbergt als ſchlummernde Vögel, funkelnde Leuchtkäfer und ſtrö⸗ mende Düfte. Die Mondſtrahlen hingen ſilbern zwi⸗ ſchen den Zweigen der Bäume, der Abendwind rauſchte leiſe in ihren Kronen, ſonſt war Alles lautlos,— ſo oft der Wind ſeinen Fittig hob, ſtrömte der Duft des Flieders uns entgegen, wie ein berauſchender Kuß des Frühlings. Mein Freund ward immer ſtiller, endlich verſtummte er ganz, ich ſah ihn an, er war ſehr blaß, vielleicht nur in Wirkung des Mondlichtes.„Laß' uns hinaus ins Freie“, ſagte er plötzlich mit harter Stimme,—„ich kann dieſen Fliederduft nicht ertra⸗ gen!“— Ueberraſcht blickte ich in ſein Geſicht, in ſeinem Ton lag mehr als nur die nervöſe Reizbarkeit der Sinne eines Künſtlers.—„Ja“, ſagte er, das geſenkte Haupt erhebend und mich mit den träumeri⸗ ſchen Augen voll anblickend,„was Du jetzt denkſt, iſt ſchon wahr, und ich will Dir davon erzählen, ſo gut ſich's erzählen läßt. Aber nicht wahr, Du fragſt mich künftig auch nicht wieder, warum ich ſolch' ein capri⸗ ziöſer Burſche geworden bin? Es war in..., gleich⸗ „ ꝛ * 13/ viel wo, als mir's geſchah. Mein Name fing damals an, genannt zu werden, an ſogenannten Triumphen der Eitelkeit fehlte es mir nicht, auch nicht an Gele⸗ genheit zu manchem Abenteuer, wenn ich nur das Ta⸗ lent gehabt hätte, mir's zu Nutze zu machen.— Denkſt Du an die Zeit, wo wir Beide uns einbildeten, irgend⸗ wo in der Welt müſſe das Glück herumflattern, und davon ebenſo feſt überzeugt waren, als daß in unſerm armen Leib die Seele hauſt? Weißt Du noch, wie wir nur noch darauf warteten, bis unſer Glück uns aus⸗ findig gemacht haben würde?— Damals wartete ich noch immer darauf und kümmerte mich wenig um all' den Bettel, der mir in Geſtalt von Liebe oder Ruhm in den Schooß fiel, denn ſo oft ich's in der Nähe an⸗ ſah, war's Hexengold, und ich wollte ja Alles für den ächten Karfunkel aufſparen. Da traf ſich's, daß ich in demſelben Hauſe wohnte mit...., nun, mit ihr. Sie war jung und ſchön, in ihrem Auge ſchwärmte der ewige Funke, ſie ſah dem Glück recht ähnlich,— und ich hing mein Herz an ſie, bis von meinem eige⸗ nen Sein und Weſen nichts mehr übrig war. Nicht gleich— nicht mit Willen. Im Gegentheil, ich fand viel in ihr, was mich fremd anwehte, und trotzdem war's auf einmal da, und ich wich nicht mehr. Als ich's wußte, ward es nur immer ſtärker, je mehr ich 138 mich degegen wehrte. Ich ſah, wie kokett ſie war, und doch gelang es ihr, mich glauben zu laſſen, daß im Grunde ihrer Seele mein Bild allein wohne, Alles Andere an ihr nur vorübergleite wie ein Schattenſpiel. Vielleicht hat ſie es ſelbſt manchmal geglaubt, etwa wenn ſie mich eben hatte ſpielen hören oder wenn ge⸗ rade der Mond ſchien, oder wenn ſie nichts Anderes zu thun hatte. Sie kannte ihre Gewalt und miß brauchte ſie, um mich leiden zu laſſen, ſo oft es ihr gerade gefiel. Sie bot alle Macht ihrer Perſönlichkeit auf, ſich mir unentbehrlich zu machen, und ließ mich keinen Augenblick in Zweifel, daß ich ihr nirgend noth⸗ wendig war. Ich ſah das Alles mit offenen Augen und es half mir nichts, ich litt durch ſie bis zum Unerträglichen und brachte es dennoch nicht einmal bis zum Willen, mich ihr zu entziehen, denn wie ſie auch ſein mochte, ich wußte, ſie war das Glück, nach dem ich mein Leben lang gedürſtet, und es verlieren war ewige Oede. Noch war kein entſcheidendes Wort zwiſchen uns gefallen,— doch fühlte ich, wie es mir Tag und Nacht auf den Lippen ſchwebte. Da kam ein Abend im Mai. Es war ihr Ge⸗ burtstag und große Geſellſchaft geladen; nach dem Abendeſſen ſchlenderten die Gäſte im Garten umher. Ich hatte ihr meinen Arm geboten,— zum erſten 139 Mal— ſie nahm ihn an und wir wanderten ſchwei⸗ gend miteinander durch den duftenden Garten, in der lauen, dämmerigen Sternennacht. Sprechen mochte ich nicht, denn vor und hinter uns gingen Menſchen, mein Herz ſchlug aber ſo laut, daß ſie es hätte hören müſſen. Ihr Arm bebte leiſe auf dem meinen, ſie ſchaute ein paarmal zu mir auf, dann begegneten ſich unſere Blicke. Ich hielt ihren Schritt an, um einen Fliederzweig zu brechen. Als ich ihn ihr bieten wollte, rief die Muſik aus dem Gartenſaale zum Tanz, und einer ihrer Verehrer trat an ſie heran, ſie an den verſprochenen Walzer zu mahnen. Es war Einer, den ich niemals neben ihr hatte ſehen können ohne daß jede Fiber in mir zuckte, heute lächelte ich ihm ruhig zu.— Mit flüchtigem Kopfnicken ſagte ich ihm: „Nachher,— drinnen!—“ Er ging voraus und ſie blieb an meiner Seite bis zur Gartenthüre. Als ſie dort ihren Arm aus dem meinen löſte, zögerte ſie noch einen Augenblick auf der Schwelle. Ich bot ihr den Fliederzweig; ihr Name huſchte über meine Lippen. Als ſie den Zweig ergriff und unſere Augen ſich tra⸗ fen, war es für mich daſſelbe, als hätten wir Wort und Eid getauſcht.— Ich ging zurück in den Garten unter die Bäume. In der Stunde, die ich dort ver⸗ träumte, hatte ich das Glück wirklich erhaſcht, und — 140 flog auf ſeinen Schmetterlingsflügeln bis zu den Ster⸗ nen hinauf! Manchmal ging ich leiſe den mondhellen Gartenpfad entlang und blickte durch die Scheiben in den Saal. Da ſah ich ſie denn ſo licht, ſo ſylphen⸗ haft im Tanze ſchweben, oder dort in der Ecke in dem kleinen Korbſtuhl ausruhen und plaudern. Es ſtörte mich nicht, ſie mußte jetzt ihren Gäſten leben,— es gab ja ein Morgen, das winkte maienhaft genug. Hinein ging ich nicht mehr. Endlich fuhren die Wa⸗ gen vor, ſie folgte den Gäſten ins Haus; im Garten und im Saale war's plötzlich einſam. Nun trat ich hinein, die Lichter waren gelöſcht, der Mond aber tauchte den geſchmückten Raum in ſein volles, weißes Licht. Die Guirlanden von der Wand ſahen geſpenſter⸗ haft aus. Ich ging nach der Ecke wo ſie geſeſſen hatte; über dem Korbſtuhl hing ihr leichter Florſhawl, den ich ſo gut kannte. Ich nahm ihn auf, um meine heißen Lippen darauf zu drücken, da hing etwas in den ſeidenen Franſen, die am Boden ſchleppten, etwas, das mich nicht zum Kuſſe kommen ließ, als ich es ge⸗ ſehen. Es war ein halbverwelkter, geknickter, zertre⸗ tener Fliederzweig,— mein Fliederzweig, den ſie dort hatte liegen laſſen. Ich ſah ihn an und beſann mich eine ganze Weile darauf, was ich denn ſeit Monaten immer hatte wiſſen wollen? Jetzt wußte ich es. 141 Leiſe ging ich in mein Zimmer, das über dem ihren lag und ſpielte ihr auf meiner Violine noch mit⸗ ten in der Nacht eine ihrer Lieblingsweiſen. Sie hatte mir ja immer gern zugehört, warum ſollte ſie nicht ein Abſchiedslied haben? Am andern Tage, noch ehe ſie ihr Geburtstagsfeſt ausgeſchlafen hatte, war ich auf und davon. Das hat Gott, der Alles giebt, uns Künſtlern ja auch ge⸗ geben, daß wir Schwingen haben, um uns aus der Luft, in der zu athmen unmöglich iſt, mit mächtigen Flügelſchlägen fort zu retten!“ „„Und ſie?““ fragte ich leiſe. „Ich habe ſie nicht wiedergeſehen. Hoffentlich iſt es ihr gut ergangen. Mir ja auch— nur kann ich ſeitdem den Fliederduft nicht gut ertragen!“ Wir waren am Stadtthor. Mein Freund reichte mir die Hand und verſchwand mit einem Kopfnicken in dem Häuschen neben dem Thor, wo er wohnte. Nooch immer, wenn's Frühling iſt und der Flieder duftet, ſehe ich den Blick der träumeriſchen Augen und das blaſſe, vom Mond umſchimmerte Geſicht. — — 1974. Motto: Das Leben iſt viel klüger, als wir ſelbſt. — e b ’ b Erſte Abtheilung. Ein Damenkränzchen. J. Die Tage waren bereits in raſcher Abnahme be⸗ griffen, und ein herbſtlich grauer Regenhimmel ließ heute die Dämmerung ſo früh hereinbrechen, daß ſich ſchon gegen ſechs Uhr tiefer Schatten über das ſonſt ſo helle Wohnzimmer der Commerzienräthin Bornſtedt legte. Doch hatte die alte Dame noch nicht nach Licht geklingelt, ſondern ruhte behaglich im Lehnſtuhl und überließ ſich ſtillem, aber keineswegs vertieftem Sinnen, denn ein leichtes Pochen an ihre Thüre ließ ſie ſogleich heiter aufblicken. Ohne nur den Hereinruf abzuwarten, ſchob ſich ein dunkler Männerkopf mit der Frage:„Iſt's erlaubt?“ durch die Spalte, und eine ſchlanke Geſtalt folgte nach, nicht ſo raſch, als der energiſch friſche Godin, Frauenliebe und Leben II. 10 146 Geſichtsausdruck erwarten ließ; ganz langſam ſtüm⸗ perte der junge Mann durch das Zimmer, den linken, mit geſticktem Pantoffel bekleideten Fuß nachſchleppend. „Mein Gott, was fehlt Ihnen, Aſſeſſor?“ rief ihm die Hausfrau beſorgt entgegen. „O, nichts Beſonderes! Nur ein wenig fußkrank, verſtaucht, vertreten— was weiß ich! Der Doctor verlangt, ich ſoll auf dem Sopha liegen und Umſchläge machen,— lächerlich! Aber eiu paar Tage Hausarreſt müſſen vielleicht ausgehalten werden.“ „Ah! Deswegen!“ lächelte die alte Dame. „Ja, deswegen“, nickte der Aſſeſſor gemüthlich. „Das heißt, wenn Sie mich brauchen können. Ich habe auch etwas zum Vorleſen mitgebracht.“ „Um ſo willkommener! Brav, daß Sie endlich Wort halten! Wie wird ſich meine gute Kalden freuen.“ „Himmel!“ rief der junge Mann erſchrocken, indem er eine Bewegung machte, aufzuſpringen, den Fuß aber ſogleich mit leiſem Klagelaute wieder ruhen ließ —„heut' iſt Ihr Donnerſtag! Bei allen Göttern, das hatte ich vergeſſen! Nein, Frau Räthin, davon dis⸗ penſiren Sie mich, bitte dringend. Wie könnte ich mich auch in gegenwärtiger Verfaſſung blicken laſſen? Pardon! daß meine liebe Hauswirthin mich in jeder Eti⸗ kettenfrage abſolvirt, weiß ich ja— Ihre Damen aber!“ 147 „Ausflüchte“, ſagte Frau Bornſtedt, und das hübſche alte Geſicht blickte ſchalkhaft aus der dicht⸗ garnirten Haube hervor.„Wie oft haben Sie mir ſchon verſprochen, Ihr Vorleſertalent einmal zu Gun⸗ ſten meiner Freundin zu üben, und ſtets wußten Sie zu entſchlüpfen. Heute gaben Sie ſich ſelbſt gefangen, und ich laſſe Sie nicht los! Sie haben ja nichts zu verſäumen und ich verſpreche Ihnen zudem eine ange⸗ nehme Bekanntſchaft. Frau Kalden bringt ihren Bru⸗ der mit, den Maler Oſterfeld, der aus Düſſeldorf ge⸗ kommen, ſie zu beſuchen. Sie haben ſich mir als Be⸗ wunderer ſeines Andreas Hofer bekannt, Aſſeſſorchen! Vielleicht darf man, dieſes Magnets wegen, auch auf Emmy Bergen heute ſicherer rechnen, als an andern Donnerſtagen.“ „A la bonne heure! da bleibe ich freilich! Sie dürfen es mir nicht übel nehmen, verehrte Frau, wenn Ihre Freundin allein keine beſondere Anziehungskraft auf mich übt. Gewiß eine ſchätzbare Dame, doch kann ich nicht umhin, mich zu wundern, daß Sie ihr all⸗ wöchentlich einen Abend opfern. Sie erſchien mir bei flüchtiger Begegnung doch ſehr einfach.“ Die alte Dame lächelte etwas ſpöttiſch.„Kommt darauf an, was Ihr einfach ſagen will. Denken Sie dabei an Clara Kaldens Fähigkeiten, ſo kann ich nur 10* 148 erwidern, daß ich ihrem anregenden Umgang in jungen Jahren einen guten Theil meines Bildungsganges zu danken habe. Freilich ſteht ihr dies jetzt nicht mehr an der Stirn geſchrieben, ſie hat wenig Zeit äſthetiſch zu ſein in ihrem Hauſe voll Kindern und Sorgen. Daß aber der alte Geiſtesfunke unverlöſchlich fortglimmt, davon gibt die Entwicklung ihrer Töchter den leben⸗ digſten Beweis. Werfen Sie heute einen kritiſchen Blick auf Litta Kalden— ſo ungefähr ſah ihre Mut⸗ ter aus, ſo gab ſie ſich, als ich ſie dereinſt kennen lernte.“ „Ihr Pathchen erſcheint alſo auch!“ rief der Aſ⸗ ſeſſor in komiſcher Beſtürzung.„Welche Ausſicht! Ich weiß mit Backfiſchen nur einmal Nichts anzufangen — dieſer iſt allerliebſt, zugegeben, aber man darf doch nicht blos beſchauen, man ſoll auch unterhalten, und iſt das Thema vom Stieglitz durchgeſprochen, dann ſitzen wir da, und wiſſen Nichts mehr. Ueberdieß“— ein ſorgenvoller Blick ſtreifte den Morgenſchuh. Lachend warf die Hausfrau einen leichten Plaid über ſeine Füße, und klingelte nach Licht und Thee⸗ geräth. Auch ſollte dem Rebellen keine Zeit zu wei⸗ terem Widerſtand bleiben, denn im nächſten Augen⸗ blicke flog eine jugendliche Frau, leicht wie ein Wind⸗ hauch, in's Zimmer. Während ihre Wange die der 644 1—— 149 Hausfrau mit dem Worte ſtreifte:„Da bin ich, Tant⸗ chen!“ grüßte ihre Hand den Gaſt,„Baron Gotzlow, wie angenehm!“ Sie ſchlüpfte in einen Fauteuil wie ein Vogel in's Neſt;„kommt Oſterfeld wirklich?“ und nahm zugleich eine ſo graziöſe Haltung an, daß Gotz⸗ low neckte:„Soll ich Ihnen ſagen, was Sie eben dach⸗ ten, gnädige Frau?“ Sie bewegte leicht die Schultern:„Nun?“ „Nun, daß es lohnt, vom Rheine nach Oſtpreußen zu kommen, wenn man das Glück hat, dort einem reizenden Modellkopf zu begegnen“, ſagte der junge Mann halblaut mit einem raſchen Blick, der kühner war, als ſein Ton. Ein Scharmützel leichter Neckerein, woran die Hausfrau heiteren Antheil nahm, füllte die Zeit dis zum Eintreffen der Familie, welche als die eigentlichen Gäſte dieſes Abends bezeichnet worden. Sobald aber der rheiniſche Künſtler für den, um den runden Tiſch gruppirten Kreis den Mittelpunkt bildete, wurde das Geſpräch inhaltsreicher. Oſterfeld's Perſönlichkeit, voll Geiſt und Leben, vertiefte raſch das Intereſſe, welches ſeine künſtleriſchen Schöpfungen ihm in Voraus ge⸗ wonnen, und ſein lebendig quellendes Wort wirkte anregend auf Alle. Erich Gotzlow fühlte ſich ganz beſonders in ſeinem 150 Elemente: eine intereſſante Bekanntſchaft, Geſpräche über Kunſt und Leben, dazwiſchen pikante Scherzworte mit der ſchlagfertigen Nichte des Hauſes— welches Feſt! Nie war ihm das Zimmer ſeiner Hausfrau ſo behaglich erſchienen, als heute. Ueber dem traulichen Gemach ſchwebte ein Duft von Wohlſein, der ſich in jedem Detail ſeiner Ausſtattung zu verkörpern ſchien. Das milde Licht der niederhängenden Ampel, die kunſt⸗ ſinnig gewählten Bilder auf dem Hintergrund grüner Sammttapete, das geſellige Summen des Theekeſſels — Alles ſprach Erich's empfänglichen Sinn wohlthuend an. Unter dem regen Geplauder irrten ſeine Augen häufig zu dem ſchweigſamſten Mitgliede des Kreiſes hinüber. In der That, Mathilde Kalden war reizend! Eine biegſame, ganz jugendliche Geſtalt, ein thaufriſches Geſicht mit geheimnißvollen Kinderaugen, die von den ſchalkhaften Grazien, welche den Mund umſpielten, keine Kunde zu wiſſen ſchienen. Holde Natürlichkeit bezeichnete ihr Schweigen, wie ihr Reden, und als ihr die Hausfrau mit einem Wink nach dem geöffneten Flügel zunickte:„Nun, Litta?“ ſtand das junge Mäd⸗ chen ohne Zögern auf, ging zu dem Inſtrumente und legte ein Notenheft auf das Pult. „Was ſoll ich ſingen?“ fragte ſie beſcheiden, in⸗ dem ſie ein paar Akkorde griff. 151 „Was Du willſt, Kleine!“ Litta blätterte in ihrem Hefte, warf einen leuch⸗ tenden Blick über die Schulter zurück auf Oſterfeld, und ſetzte mit herrlichem mezzo-Sopran zu dem Schu⸗ bert'ſchen Liede ein:„Ihre Blumen Alle, die ſie mir gab.“— Die ſüß ſchwermüthigen Töne zitterten hin, wie Lufthauch über ein begrüntes Grab, und als der letzte Hauch verweht war, hielt Schweigen die Zuhörer noch in Bann, nachdem die Sängerin ſich bereits er⸗ hoben. Oſterfeld ſtrich ihr über das lockige Haar und lächelte:„Trockne Blumen!“ „Sie ſagen das ſo bedeutungsvoll?“ forſchte Emmy Bergen. „Eine kleine Differenz zwiſchen Litta und mir!“ Sie mußte ſich über das, in ihrem Album zerſtreute Herbarium meine Neckereien gefallen laſſen, und hält mich ſeitdem für einen Barbaren.“ „Wie?“ rief Emmy lachend.„Ein Künſtler, der den Blumen Krieg erklärt?“ „Bitte ſehr! Den friſchen Blumen alles Lob, gibt es doch kaum eine Station unſeres Lebens, vom Tauf⸗ becken bis zum Sarge, der ſie nicht zugehörig wären. Alles, was der Gegenwart angehört, hat volles Recht des Daſeins, doch bin ich kein Freund der Vergangen⸗ heit. Das Entflatterte nun gar durch Runen und Halme bis zum letzten Zerfallen an die friſche Gegen⸗ wart zu knüpfen, erſcheint mir ſinnlos.“ „Und doch ſind ſolche Andenken den Zeichen gleich, die man in ein Buch⸗ legt, um ſeine Lieblingsſtellen wiederzufinden“, warf Erich ein. „Zugegeben, ſo lange Roman oder Tragödie nicht zu Ende geleſen— iſt's aber damit aus, was ſollen die Zeichen? Sie machen nur traurig, mag man nun glücklich oder unglücklich geweſen ſein.“ „Und wäre es ſo, was läge daran?“ ſagte Litta halblaut. Erich warf einen entzückten Blick auf das aus⸗ drucksvolle Geſicht und ſagte raſch:„Unſer Thema erinnert mich an den Wunſch der Frau Räthin, et⸗ was Lektüre in den heutigen Abend einzuflechten. Iſt's erlaubt, eine Skizze, die ich mitgebracht, jetzt vorzutra⸗ gen, ehe die Stimmung für trockne Blumen verfliegt?“ Die Hausfrau gab Litta einen Wink nach dem Seitentiſche, und das junge Mädchen nickte ihrer Mutter verſtohlen zu, während ſie mit freudeblitzenden Augen das herbeigeholte Journal vor Erich Gotzlow niederlegte. Erich las gut. Ein Organ von ſympathiſchem Wohlklang geſellte ſich feinem Verſtändniß für jede, noch ſo leiſe gehauchte dichteriſche Schönheit, und ſelbſt 153 das Bekannte wirkte auf ſeine Hörer meiſt als Neues. So gut wie heute hatte er aber noch niemals geleſen. Die kurze Novelle, welche er vortrug, war eine jener einfachen Geſchichten, deren Reiz einzig in der Dar⸗ ſtellung beruht. Ein als Liebeszeichen gegebener, von der Empfängerin vergeſſener, und unter dem Fuße eines Gleichgültigen zertretener Blüthenzweig gab das Thema für Harmonien und Diſſonanzen eines Men⸗ ſchenſchickſals. „Nun?“ rief Oſterfeld, als der Vorleſer geendet, „habe ich Recht behalten? Dieſe Geſchichte war die poetiſche Ausführung meiner proſaiſchen Behauptung — nach Jahren noch kann dieſer Unglücksheld den Fliederduft nicht ertragen, ohne den Humor zu ver⸗ lieren. Waſſer auf Deine Mühle, Litta! und doch blickſt Du unbefriedigt?“ „Treue bis zum Tode müßte verdient ſein“, ſagte das junge Mädchen leiſe. „Er hat ſie ja verlaſſen“, warf Emmy Bergen etwas ſpitz dazwiſchen; die Beachtung, welche ſich dem „Backfiſch“ heute ſo wiederholt zugewendet, fing an, ſie zu pikiren.. „Verlaſſen iſt nicht vergeſſen!“ rief Litta feurig. Ein blitzartiges Leuchten ging in Erich.s Augen auf, er wandte ſich lebhaft zur Wirthin:„Iſt Ihr 454 Kränzchen unwiderruflich als Damenkränzchen conſti⸗ tuirt, Frau Räthin, oder nimmt es Freiwillige an und auf? Iſt Zutritt erreichbar, ſo ſtelle ich meine ſchwachen Kräfte für beliebige Verwendung jeden Don⸗ nerſtag zur Verfügung.“ Frau Bornſtedt drohte mit dem Finger und ſcherzte: „Wir ſind nicht immer äſthetiſch, wie heute, lieber Hausgenoſſe! Sie wiſſen, wir ſind für gewöhnlich ſehreinfach, und wenn das Thema vom Stieglitz“— Erich wurde purpurroth und erhob beſchwörend die Rechte, worauf die heitere Frau lachend fortfuhr: „Wenn Künſtler und heimliche Poeten ſich unſerer Schlichtheit und Vogelzucht anſchließen wollen, dürften wir uns am Ende ſelbſt aufſchwingen— Ihr Herren ſeid alſo freundlich eingeladen! Nach der heutigen Er⸗ fahrung läßt ſich nicht leugnen, daß fremde Elemente einem Damenkränzchen ohne Nachtheil eingeſchoben werden können. Denken Sie auf anregende Lektüre für nächſten Donnerſtag, Aſſeſſor! Das Plätzchen am Theetiſch bleibt bereit, und hoffentlich wird auch unſer Künſtler denſelben nicht verſchmähen?“ Die letzten Worte richteten ſich ſchon als Abſchieds⸗ gruß an die zum Aufbruch bereiten Gäſte, und Erich verwünſchte ſein Fußübel, an das er erſt wieder dachte, als es ihn hinderte, die Scheidenden zu begleiten. 155 II. Es war drei Uhr Nachmittags. Die Sonne blitzte luſtig auf den mit blühenden Topfgewächſen beſetzten Fenſtern eines kleinen Hauſes am Markt, als freute ſie ſich, deſſen Scheiben ſo blank geputzt zu finden. Freilich war es auch Samſtag Nachmittag, zur Stunde, wo die häusliche Sündfluth ſich bereits verlaufen hatte. Eindringlinge riskirten höchſtens noch, über einen auf der Treppe in Thätigkeit geſetzten Waſſereimer zu ſtolpern. Dies Schickſal erfuhr Erich von Sotzlow, als er, die Naſe in der Luft, die Stufen aufwärts eilte. Ver⸗ gebens ſpähte er aber nach dem, zum häuslichen Ge⸗ räth gehörigen dienſtbaren Geiſt, und blickte unſicher umher. Keine Klingel war zu entdecken; er betrachtete abwechſelud die drei Thüren, legte ſich auf's Horchen und klopfte endlich doch auf's Gerathewohl. Eine helle Stimme antwortete, und als er eintrat, leuchteten ihm zwei junge Augen mit unverhohlener Freude entgegen. Hurtig ſchlüpfte Mathilde Kalden hinter der Barrikade von Schelmen hervor, die vier nähende und ſtrickende Schweſterchen um ſie her an⸗ gelegt, und geleitete den Gaſt auf deſſen Frage nach ihrer Mutter in's Nebenzimmer. Als das Paar dort eintrat, erhob ſich ein junger — 156 Mann, der dicht neben Frau Kalden geſeſſen und eifrig zu ihr geſprochen hatte, mit ihr zugleich, und der Blick ſichtlicher Ueberraſchung, welcher beim Er⸗ ſcheinen des Aſſeſſors in ihrem Auge aufblitzte, ſchien ſich in dem ihres Gefährten zu verdoppeln. Als die Hausfrau vorſtellte:„Secretär Bacher, unſer Hausge⸗ noſſe— Aſſeſſor Baron Gotzlow“— lauſchte dieſer Ausdruck mißvergnügter Verwunderung wohl noch in deſſen Blick, denn er mißfiel Erich ſofort im höchſten Grade! Dennoch war Joſeph Bacher keine ungefällige Erſcheinung. Alles an ihm bot ſich glatt und blank, von dem glänzenden pechſchwarzen Haare an, bis zu den polirten Stiefelſpitzen. Das ſorgfältig raſirte Geſicht war von ſtatuenhafter Regelmäßigkeit; lebhafte Färbung verlieh ſeinen Zügen auf den erſten Blick eine jugendliche Friſche, die ſich jedoch im Geſpräch mit ihm vor einem unbeſtimmbaren Ausdruck gleichſam wieder verlor. „Vor Allem bitte ich, Frau Rentmeiſter, es zu entſchuldigen, daß ich mir erlaubt zu einer, geſellſchaft⸗ lich kaum üblichen Stunde zum erſten Male bei Ihnen zu erſcheinen“, ſagte Erich.„Sie geſtatten mir wohl, einen perſönlichen Beſuch zu paſſenderer Zeit nachzu⸗ holen; heute ſtelle ich mich im Auftrag zweier Damen als Bote vor: Frau Bergen erwartet morgen ihren — * —— 157 Mann von einer Reiſe zurück, will ihm bis zur nächſten Station entgegenfahren, und hat die Frau Commer⸗ zienräthin beredet, ſie zu begleiten. Nun faßten beide Damen den liebenswürdigen Gedanken, dieſe Partie zu einem Kränzchenausflug zu geſtalten, und ich erbot mich, hier dafür zu werben. Morgen iſt ja Sonntag! Das Wetter iſt vorzüglich— wir fahren mit dem Neun⸗Uhr⸗Zuge, machen in B. einen kleinen Waldaus⸗ flug, und empfangen nach ländlichem Mittagsmahl den Reiſenden an der Station. Vielleicht kennt Ihr Herr Bruder noch nicht den Ausſichtspunkt der ſchönen Waldhöͤhe? Jedenfalls dürfen wir uns einen heiteren Tag verſprechen.“ 5 Litta's Geſicht ſchwamm gleichſam in Aether, wäh⸗ rend er ſprach, und ehe ihre Mutter noch eine Sylbe geantwortet, ſchlug ſie jubelnd die kleinen Sände zu⸗ ſammen:„Köſtlich!“ „Das wird nicht angehen“, ſagte Frau Kalden gleichzeitig.„Litta und ich nehmen nie an derglei⸗ chen Partien Theil, Sonntags am wenigſten, wo mein Mann frei und auf die Gegenwart der Seinigen angewieſen iſt. Uebernehmen Sie alſo unſere Ent⸗ ſchuldigung, Herr Aſſeſſor, das heißt, für uns Frauen, denn mein Bruder wird wahrſcheinlich gern von der freundlichen Erlaubniß Gebrauch machen. 158 Sobald er nach Hauſe kommt, werde ich ihm davon ſagen.“ Litta ſah aus, als wären mit einem Male alle ihre Lebenshoffnungen geſcheitert.„Wir werden Alle ſehr bedauern, wenn Ihre Gründe unwiderruflich ſind, Frau Rentmeiſter,“ entgegnete Erich raſch.„Fräulein Mathilde iſt aber gewiß abkömmlich, und darf ſich unter dem doppelten Schutze ihres Onkels und der Damen unſerer Partie anſchließen?“ Ein zweites Nein ſchien bereits auf Frau Kalden's Lippen zu ſchweben, doch beſann ſie ſich und ſprach mit leichtem Lächeln das vieldeutige Mutterwort:„Wir wollen ſehen.“ Des Aſſeſſors Blick grüßte zu Litta hinüber, in⸗ dem er ſich erhob.„Wir hoffen alſo um ſo dringender, als Sie, Fräulein Mathilde, uns zugleich beiſtehen ſollen, die künftigen Kränzchen zu organiſiren. Frau Bornſtedt iſt der Meinung, dies ginge den jüngeren Theil an, und hat Frau Bergen und uns Beide zum vorſchlagenden Comitè ernannt.“ „Wär's doch ſchon morgen! Wär's doch erſt wie⸗ der Donnerſtag!“ rief Litta ſtrahlend. In dem krau⸗ ſen Löckchen, das auf ihrer Stirne zitterte, lauſchte nicht weniger Freude, als in den Wangengrübchen— Alles an ihr war Lächeln, als ſie fortfuhr!„Hat man . b — — ——— — j— 159 ſo recht was Schönes in Ausſicht, ſo ſind die Tage dazwiſchen gar nicht zu erleben, nicht wahr? Immer wieder ſchlafen, und wieder aufſtehen müſſen, ehe es kommt, iſt ſo langweilig, man könnte alle Geduld darüber verlieren!“ „Und das geſchieht Fräulein Litta äußerſt ſelten“, bemerkte Bacher, der bisher ſtummer Zuhörer geblieben, in ſanftem Tone. 4 Das junge Mädchen wurde roth und erwiderte mit blitzenden Augen raſch:„Es gibt freilich Dinge und— Leute, die ſelbſt ein Lamm um alle Geduld bringen könnten.“ Erich lächelte in ſich hinein und zog ſich zurück, nicht ohne eine ſtumme Scene zu beobachten, die ſich binnen Sekunden abſpielte. Als Litta Miene machte, ihn zu begleiten, räusperte ſich der Secretär kaum hör⸗ bar, und Frau Kalden hielt ihre Tochter durch leichte Berührung ihres Armes neben ſich zurück. „Soll ich denn nicht hinein zu den Kindern?“ fragte Litta verwundert, als die Thür ſich hinter dem Gaſt geſchloſſen hatte. „Weshalb ſo eilig?“ ſagte Bacher, indem er ihre Augen ſuchte;„ich hatte ſeit einigen Tagen nicht mehr das Vergnügen, Sie zu ſprechen; erzählen Sie mir doch von dieſem Kränzchen, das Sie ſo ungemein intereſſirt.“ 160 „Das wäre zu weitläufig, Herr Bacher“, entgeg⸗ nete das junge Mädchen trocken;„ich muß jetzt an meinen Poſten, die kleinen Dinger arbeiten Nichts, wenn man ihnen nicht hilft— dies Geſchäft übt zu⸗ dem in Ihrer Lieblingstugend, der Geduld!“ Mit muthwilligem Knixe huſchte ſie hinaus. Ueber Bacher's Geſicht glitt eine Wolke.„Es ſcheint, Ihre Abende bei der Frau Commerzienräthin werden eigenthümlich intereſſant“, ſprach er in geſchmei⸗ digem Ton. „Wie meinen Sie das?“ fragte Frau Kalden ge⸗ laſſen. In dem ſonſt ſo kalten Auge des jungen Mannes blitzte es ſeltſam auf.„Das Princip, Ihre Tochter vom geſellſchaftlichen Treiben fern zu halten, hat wohl einen Stoß erlitten, da Sie nicht Anſtand nehmen, ihr mit ſolchen, als Sauſewinde ſtadtbekannten Herren, regelmäßige Zuſammenkünfte zu geſtatten?“ „Sie ſind nicht klug“, entgegnete die Mutter ruhig.„Dürfte ich Litta etwa nicht zu meiner älteſten Freundin führen, weil dort zuweilen ein Hausgenoſſe erſcheint? Ich kann das Kind doch nicht einſperren, Ihren Wünſchen zu Liebe! Sie wiſſen, Bacher, daß ich dieſe Wünſche theile, und es fehlt Ihnen nicht an Gelegenheit, Litta zu ſprechen und zu gewinnen. Mehr 1 dürfen Sie nicht von mir erwarten. Ihr Mißver⸗ gnügen in dieſem Falle iſt geradezu komiſch! Sie wer⸗ den doch nicht auf einen jungen Mann eiferſüchtig ſein, den Litta heute zum zweiten Male geſprochen, der überdies mit ſeinen Anſprüchen ſo weit über ihrer Sphäre ſteht! Tritt Ihnen nie ein Anderer in den Weg als der Erbe von Gotzlow, ſo mögen Sie ruhig ſein. Uebrigens iſt Litta kaum den Kinderſchuhen entwachſen, und alle Romanideen liegen ihr fern. Laſſen Sie ihr Zeit, ein einſichtiges junges Mädchen zu wer⸗ den, hoffentlich werden Sie uns dann ein lieber Sohn!“ Bacher küßte die Hand, welche ihm bei dieſem beſchwichtigenden Worte gereicht wurde, und ſchwieg; doch ſchienen ſeine Gedanken das abgebrochene Thema weiter zu ſpinnen, denn er unterbrach weder das ent⸗ ſtandene Schweigen, noch verließ er ſeinen Platz, bis ſich die nach der Flur führende Thüre geräuſchvoll öffnete. Das kahle, ſtark ergraute Haupt eines corpu⸗ lenten Mannes blickte in's Zimmer, und noch ehe er ſelbſt eingetreten, klagte ſeine mißvergnügte Stimme: „Hier alſo ſtecken Sie, Bacher, und laſſen mir die Arbeit bis über den Kopf ſteigen. Warum ſchwatzen Sie mit meiner Frau, ſtatt im Bureau zu ſein. Mei⸗ nen Sie, ich ſollte den Abſchluß allein bewältigen? Was fällt Ihnen denn ein?“ Godin, Frauenliebe und Leben. II. 11 162 „Bitte ſehr um Entſchuldigung“, ſagte der Secre⸗ tär bedauernd;„ich habe mich nur eben eines Auf⸗ trages entledigt, womit Frau Rentmeiſter mich dieſen Morgen beehrte. Stehe jetzt ganz zu Dienſten.“ Er blieb an der Thüre ſtehen, der er ſich eilig genähert, und lud ſeinen Vorgeſetzten durch eine höfliche Be⸗ wegung ein, ihm voranzugehen. Dieſer trat jedoch in das Zimmer, indem er apathiſch ſagte:„Ich komme nach, ſtellen Sie die Rechnung auf, ich werde unter⸗ ſchreiben.“ „Bacher war kaum eine halbe Stunde oben“, äußerte Clara Kalden mit leiſer Betonung, während ihr Gatte ſich ſchwerfällig in's Sopha fallen ließ;„er ſuchte Dich hier, aus ſeiner Frage ſchloß ich, daß Du heute nicht im Bureau erſchienen biſt. Iſt Dir nicht wohl?“ Der Rentmeiſter antwortete erſt nach einer Pauſe mürriſch:„Ich war dieſen Morgen zwei volle Stunden am Pult, der Kopf iſt mir noch wüſt davon. Bacher ſollte das Nöthige erledigen, und ſtatt deſſen ſitzt er oben, und bringt die Zeit mit Schwatzen hin. Nun müßte ich zum dritten Mal die Treppe hinunter— hoffentlich nimmt er aber doch ſo viel Rückſicht, die Regiſter zur Unterſchrift herauf zu bringen.“ Frau Clara ſeufzte leiſe.„Ein Glück, daß Dein 163 Secretär ſo zuverläſſig iſt“, ſagte ſie nicht ohne Be⸗ ziehung. „Ein Glück!“ wiederholte er in ſchleppendem Ton, lehnte den Kopf zurück und ſchloß die Augen. Seine Frau blickte ihn an, ein Schatten ging über ihr ſanftes Geſicht. Die ſchlaffe Wange des Mannes, ſeine träge geſenkten Mundwinkel, die Art und Weiſe, wie ſeine Hand läſſig über der Lehne des Sopha's hing— Alles zeugte von einer Indolenz, die ſelbſt in dieſem Augenblick des Halbſchlummers den Ausdruck der Ruhe überwog. Selbſt ſeine Kleider ſchlotterten nachläſſig über den Gliedern. Die ſtille Frau nahm ihre Arbeit wieder auf, und während der Faden auf und nieder glitt, woben ſich tauſend Gedanken ein. Unter all dem Unſichtbaren, das als Inhalt im Sichtbaren lauſcht, nehmen die Traumgeſtalten, die ſich mit Frauenarbeit verweben, ein nicht zu bannendes Recht in Anſpruch. Auf ro⸗ ſigem Flügel huſchen ſie in die von der glücklichen Braut gefertigte Stickerei, in die holden, winzigen Leinwand⸗ gebilde der hoffenden jungen Mutter, um ſpäter viel⸗ leicht als glühende Thränen auf das Todtenhemdchen des Erſtgeborenen, oder auf die Nadel in welker, lebensmüder Hand zu fallen, die ſeit jener ſeligen Brautzeit gelernt hat, manchen wirren Knoten zu löſen. 11* 164 Dann tragen die Träume, die ſich ins ſtille Schaffen wirken, meiſt ſchon das wallende Kleid der Vergangen⸗ heit, und verhauchen im Seufzer, wo es die Zukunft gilt. So wob ſich heute auch durch Clara Kalden's Denken das doppeltgeſtaltige, inhaltstiefe Wort: Ein ſt! . III. Am nächſten Morgen floſſen Thränen in dem Häuschen am Markt. Litta hatte ſchon vor dem Früh⸗ ſtück erfahren, daß ſie zu Hauſe bleiben müſſe.„Es kann nicht ſein“— war der Mutter Ausſpruch, und dies galt den Kalden'ſchen Kindern als ſo unumſtöß⸗ lich, als hätte das Schickſal ſelbſt geſprochen. Dennoch verſuchte Litta zum erſten Male in ihrem Leben Re⸗ bellion, erſt durch Bitten, dann durch Thränen, zuletzt gar durch Schmollen. Was ſie damit ausrichtete, war nur, daß ſie zuhören durfte, wie beim Frühſtück Onkel Oſterfeld Gründe für das Nein bekam, viele Gründe ſogar. Vergebens trat der Künſtler, dem die verweinten Augen ſeines Lieblings das Herz weich machten, für ſie in die Schranken, er mußte ſich über⸗ zeugen, daß ſeine Schweſter nicht umzuſtimmen ſei. Letztere bekam nun auch von dieſer Seite eben ſo be⸗ ſchaffene Mienen zu ſehen, als von ihrem Töchterchen, 6 165 hörte ein undeutliches Gemurmel, in dem nur das Wort:„Weiberlaune“ deutlich zu unterſcheiden war, und erhielt einen froſtigen Abſchiedsgruß, als ihr Bru⸗ der ſich nach Verabredung zum Bahnhofe begab, nach⸗ dem er Litta zärtlich geliebkoſt und geſtreichelt hatte. Dieſe, nun förmlich als Opferlamm anerkannt, ver⸗ ſchwand für die nächſte Stunde in ihrem Schlafzimmer und kam endlich, als es Zeit zum Kirchgang war, mit verſchwollenen Augen und einem ſo energiſchen Kopfweh wieder zum Vorſchein, wie es nur aus eige⸗ ner Fabrik hervorgehen kann. Frau Kalden übte mit belaſtetem Herzen ihr viel⸗ geſtaltiges Tagewerk. Wenn Kinder wüßten, was es einer Mutter koſtet, ihnen einen Wunſch zu kreuzen! — Alles ging an dieſem Sonntage verkehrt. Der Hausherr war bei noch ſchlechterer Laune als gewöhn⸗ lich, nahm alle Geräthſchaften zur Hand, fand überall etwas zu bekritteln, und hielt ſeine Frau in beſtän⸗ diger Geduldübung. Die Kleinen hatten ihren ſtreit⸗ ſüchtigen Tag und neckten einander, bis die, ſonſt ſo ſanfte Mutter ſie, auf's Aeußerſte gebracht, plötzlich andonnerte und damit ſo in Schrecken ſetzte, daß ſie mäuschenſtill mit ihren Puppen in verſchiedene Winkel krochen. Leider muß geſtanden werden, daß auch Litta an dieſem Feiertage nichts weniger als liebenswürdig 166 war. Sie beſorgte zwar pünktlich alle ihr aufgetra⸗ genen Geſchäfte, aber es ſchien, als hätte ſie ein Ge⸗ lübde ewigen Schweigens abgelegt. Nur als Bacher, der ſonntägliche Cafegaſt, ſich Nachmittags einſtellte, kam plötzlich Leben in die ſtumme Erſcheinung. Litta ſchien beſchloſſen zu haben, alle Schmerzen der Ent⸗ ſagung an dieſem unſchuldigen Opfer zu rächen. Un⸗ ſchuldig? Nein! auch er war ja als„Grund“ aufge⸗ führt worden. Jede Aeußerung des unerſchütterlich höflichen Secretärs ward von ihr wie ein Fangball aufgenom⸗ men, und ihm mit Spitzen und Dornen verſehen zu⸗ rückgeſchleudert. Was ein geſcheutes Mädchen, wel⸗ ches eben die Grenzen zwiſchen dem Schulkinde und der jungen Dame überſchritten hat, darin leiſten kann, wenn ſie witzig und dabei noch übler Laune iſt, läßt ſich angenehmer erzählen als erleben. Das in der Ruhe ſo ebene Geſicht Joſeph Bachers ſpielte während dieſer Nachmittagsſtunden in allen Schattirungen. Zu⸗ erſt angenehm überraſcht, daß der Gegenſtand ſeiner Anbetung heute mehr Notiz von ihm nahm, als ge⸗ wöhnlich, hielt er ihre kleinen Bosheiten für liebens⸗ würdige Neckerei, bald genug aber merkte er die Ab⸗ ſichtlichkeit ihrer Angriffe, und nachdem er lange mit dem aufſteigendem Aerger gekämpft, hieb auch er um 167 ſich, wenngleich ihn dabei die ſtereotype ſüßliche Weiſe, die ihm eigen, nicht verließ. Frau Kalden fühlte ſich wie erlöſt, als der Gaſt ſich endlich empfohlen. Nachdem Litta die Kleinen zur Ruhe gebracht, nahm ſie das Buch, woraus ſie nach dem täglichen, frühen Zurückziehen ihres Vaters vorzuleſen pflegte, und ging ins Wohnzimmer. Die Lampe ſtand auf dem Tiſche, Frau Kalden ſaß aber nicht, wie ſonſt, mit der Arbeit dort, ſondern lehnte am Fenſter, und blickte in die Nacht hinaus. Mit Herzklopfen trat das junge Mädchen zu ihr. Der Zorn, den ſie zum erſten Mal im Leben gegen die liebevolle Mutter empfunden, verrauchte ſchnell, wäh⸗ rend er ſich nach anderer Seite hin Luft geſchaffen, und als ſie die Kleinen ihr Nachtgebet aufſagen ließ, war die Reue gekommen. Leiſe umfaßte ſie die Ab⸗ gewendete, und küßte ihre Wange. Dieſe Wange war feucht, und der Blick, welcher die Tochter traf, drang vorwurfsvoll in die junge Seele. „Vergib meine Unart“, ſagte Litta flehend, indem ſie die mütterliche Hand an ihr Herz zog,„ich begreife ſelbſt nicht, wie ich ſo habe ſein können.“ „Daß Dich das Verlangen nach der heutigen Fahrt ſo über alle Grenzen getrieben hat, macht mich trauriger als Dein Betragen ſelbſt“, erwiderte Frau 168 Kalden ernſt.„Meine gutherzige, pflichttreue Litta hätte ſich nimmer ſo benommen, wenn es ſich blos um eine vereitelte Partie gehandelt hätte. Vergiß nie, mein Kind, auf welchen beſcheidenen Platz Dich Gott geſtellt.“ Litta wurde dunkelroth.„Was meinſt Du da⸗ mit?“ fragte ſie kaum hörbar. Eine leichte Handbewegung der Mutter lehnte weiteres Eingehen ab, während ſie ihre Arbeit zur Hand nehmend ſagte:„Nun aber eine andere Frage! Wie konnteſt Du ſo unartig gegen Bacher ſein? Offen geſagt, habe ich mich geſchämt, einen Gaſt des Hauſes ſo behandelt zu ſehen.“ Das junge Mädchen ſenkte verlegen den Kopf, diesmal aber dauerte die Beſchämung nicht lange. „Mutter, er iſt unleidlich!“ ſchmollte ſie.„Wenn er mich ſo anhimmelt, möchte ich ihm jedesmal einen Naſenſtüber geben. Er ſieht aus, wie von Zucker ge⸗ backen, ſo ſüß, und dabei kann er manchmal Augen machen, wie eine Spinne. Wenn er doch nicht bei. uns im Hauſe wohnte, dann wäre es noch auszuhalten. — So paßt er mir aber auf, wenn ich nur die Treppe hinuntergehe— er ſoll mich in Ruhe laſſen, dann laſſe ich ihn auch in Ruhe.“ „Er iſt Dir gut und zeigt es auf ſeine Weiſe, V —j— 169 dafür verdient er nicht, von Dir übel behandelt zu werden. Tadelnswerthes wirſt Du ſchwerlich an ihm herausfinden.“ „Das iſt es ja gerade, was ihn ſo unausſteh⸗ lich macht, daß er gar keine Fehler hat!“ rief Litta lebhaft. „Du biſt ein unvernünftiges Kind“, ſagte die Mutter unwillig. Lerne erſt andere Männer kennen, ehe Du über einen der ehrenwertheſten ſolch albernes Urtheil ausſprichſt.“ Das junge Mädchen blickte zögernd unter den langen Wimpern hervor.„Herr von Gotzlow iſt viel netter“, ſagte ſie endlich tapfer. „Baron Gotzlow iſt ein begabter, liebenswürdiger Menſch, wie es bei ihm aber mit den ſoliden Eigen⸗ ſchaften beſtellt ſein mag, auf denen ſich das Leben aufbaut, muß erſt die Zeit lehren. Bis jetzt war er ein verwöhntes Glückskind, das der Laune des Augen⸗ blicks folgt, und nicht nach dem nächſten Moment fragt. Schon die Art und Weiſe, wie er ſich mit jungen Mädchen zu ſchaffen macht, zeigt an, daß er das Leben nicht von der ernſthafteſten Seite nimmt. Mir wurden von der Commerzienräthin bereits mehrere junge Da⸗ men genannt, denen er nach und nach den Hof gemacht. Jede hoffte den reichen Erben zu feſſeln, während der 170 flotte junge Menſch ſie nur als Spielzeug für den Augenblick betrachtete.— Nun aber zu unſerem Buch.“ Litta ſchwieg und begann zu leſen Das Buch mochte ſie wohl nicht intereſſiren, denn ſie las zerſtreut und ohne den leiſen Pathos, der Einen bei jugend⸗ lichen Vorleſern ſo friſch anweht. Als es an der Hausthür klingelte, flog der Band zu und die Leſerin dem heimkehrenden Onkel entgegen, welcher erfreut in ihr lächelndes Geſicht blickte. Er ſchien ſehr angeregt, und ging ſofort in Details über den heute verlebten Tag ein:„Frau Emmy war entſchieden der Lebens⸗ nerv des Ganzen, die kleine Frau iſt höchſt pikant, ſie bringt alle denkbaren Farben auf ihre Palette, und verſteht ſie glücklich zu miſchen. Ein Vielliebchen habe ich heut' an ſie verloren, vielleicht auch mein Herz!“ „Carl!“ ſagte ſeine Schweſter mit etwas von dem ehemaligen Gouvernantenton. Oſterfeld lachte.„Das Unglück wäre nicht groß“ warf er leicht hin,„ſie würde den Fund ſchon in einem ihrer Schubfächer unterbringen. Es war heute wirk⸗ lich intereſſant, ſie zu beobachten! Ihr Herr und Ge⸗ bieter ſchien nicht eben angenehm überraſcht, ſich nach einer Abweſenheit von drei Monaten ſo in corpore empfangen zu ſehen. Sie wußte aber alle Nebel zu zerſtreuen, ein téte-à-téte zu improviſiren, die Empfind⸗ 171 lichkeit in roſige Laune umzuſtimmen, und dabei doch weder meine Wenigkeit, noch den Aſſeſſor zu kurz kom⸗ men zu laſſen. Wir erwieſen uns auch Beide dank⸗ bar und machten ihr um die Wette den Hof. Ueber⸗ haupt war die Partie gelungen, Bergwanderung und Rundſchau gar ſchön. Ich lieze ſolchen Spätherbſt⸗ blick beſonders, wenn die Winde den bunten Blätter⸗ ſchmuck ſchon fortgeweht, bleibt hier und dort ein Buſch oder Baum, ein einzelner Zweig noch grün, friſches Wieſenland dazwiſchen, das täuſcht Einem in die erſten Frühlingstage hinein. Schade, daß ihr nicht mit ge⸗ weſen!“ „Weil Deine Schweſter eine böſe Stiefmutter, und Litta ein beklagenswerthes Aſchenbrödel“, ſagte Clara mit leiſem Spott. „Mama hat ganz Recht gehabt!“ rief Litta eifrig. „Ich bin ſehr froh, zu Hauſe geblieben zu ſein!“ „War Herr Bacher ein ſo liebenswürdiger Cafe⸗ gaſt?“ fragte Oſterfeld mit ſchelmiſchem Augen⸗ zwinkern. Das junge Mädchen ſchüttelte lachelnd ihre Locken, ſprang auf, um vom Seitentiſch einen Brief zu holen, hielt ihn hoch und rief neckend:„Für Dich! Weil Du aber ſchlimm biſt, bekommſt Du ihn nicht!“ „So will ich alſo gut ſein“, lächelte Oſterfeld, 172 indem er eine Cigarre anſteckte und ſich behaglich in der Sophaecke einrichtete.„Ein angenehmer Mann, dieſer Gotzlow! Wenn ich kein ſchlechter Phyſiognom bin, ſo hat dies Glückskind bisher nur Blumenpfade betreten.“ „Allerdings ein Glückskind“, warf Frau Kalden ein,„auch, wie man ſagt, ſehr begabt. Als noch be⸗ deutender gilt ſeine Mutter, die gegenwärtige Herrin des Stammſitzes, deſſen Güter ſie mit großer Sach⸗ kenntniß bewirthſchaftet. Sie hat den Ruf einer ori⸗ ginellen, rängſtolzen, nach allen Richtungen hin willens⸗ ſtarken und tüchtigen Frau, und genießt hier einer ge⸗ wiſſen Popularität, obgleich ſie nur ſelten nach der Stadt kommt.“ „Denke Dir eine himmelhohe, gelbe Glaskutſche, Onkel, und einen himmellangen, gelben Bedienten auf dem Sitze, und eine ſchwarzſeidene Dame mit thurm⸗ hohem Federhut inwendig thronend, die gerade ſo aus⸗ ſieht, als wäre ſie ein verkleideter General— dann ſiehſt Du die Gnädige!“ lachte das junge Mädchen. „Steigt ſie nun gar aus und ſtolzirt durch die Straßen, dann blickt ſie um ſich, wie die Königin von Saba, und alle Völker verneigen ſich vor ihr.“ „Litta! Litta!“ erklang es von weinerlichen Kinder⸗ ſtimmen nebenan. 173 Sie ſprang hurtig auf, warf dem Onkel im Fluge ſeinen Brief wie einen Federball zu und eilte hinüber. Oſterfeld erbrach das Couvert und überflog die Zeilen. „Schade“, ſagte er nach kurzem Sinnen,„ich werde früher aufbrechen müſſen, als ich gewollt. Wenn ein lang gewünſchtes rendez-vous mit B. nicht ſcheitern ſoll, muß ich übermorgen reiſen.“ „Schon!“ rief Clara voll Trauer. „Es geht nicht anders— und warum im Grunde darüber klagen? Der Abſchied kommt doch, und fällt nach Wochen ebenſo aufs Herz, wie heute. Mir iſt nur Eines leid———“ er brach ab, wanderte ſchweigend hin und wieder und blieb dann plötzlich vor Clara ſtehen.„Seit ich hier bin, geht mir ein Gedanke im Kopfe herum, und jetzt reut es mich, ihn nicht früher ausgeſprochen zu haben. Aber raſche Ent⸗ ſchlüſſe ſind meiſt die beſten:„Gib mir Litta mit!“ „Dir?!“ rief ſie äußerſt überraſcht. „Natürlich nicht in meine Junggeſellenwirthſchaft, Clara, aber ich habe etwas vor. Es wäre 31 1 e, die Talente dieſes Kindes verkümmern zu laſſen der Gedanke muß Dir ſchon ſelbſt gekommen ſein! Gib mir die kleine Nachtigall mit, ich bringe ſie ins Cölner Conſervatorium, und Du gönnſt mir die Freude, dort väterlich für ſie zu ſorgen. In ihrer ſeltenen Stimme — 174 ſchlummert ein Schatz, der nicht ihr allein, der Euch Allen einſt zu Gute kommen wird. Ich weiß, was ich Dir damit zumuthe, aber ich kenne Dein ſtarkes Herz. Schlag' ein!“ Clara zitterte vom Kopf bis zu den Füßen und ſchwieg, indem ſie ihr Geſicht mit den Händen verhüllte. Endlich blickte ſie auf:„Solcher Entſchluß bedarf reif⸗ licher Ueberlegung. Ich glaube kaum, daß ich mich dazu ſtimmen kann.“ „Und warum nicht?“ rief Oſterfeld unmuthig. „Soll ich auch bei Dir an den verſteckten Egoismus glauben, der die Weiber dnrchſchnittlich charakteriſirt? Du mußt doch fühlen, daß Litta hier nicht an ihrem Platze iſt! Welche Anlagen in dieſem Kinde— täglich entzückt ſie mich durch die köſtliche Grazie ihres Weſens, feurig, und doch ſo tiefgründig, ſchalkhaft, und ſo rührend kindlich dabei! Und nun bedenke den Schau⸗ platz, auf welchem ſich dieß Alles entwickeln ſoll, nie bis zur Vollendung entwickeln kann! Du wirſt mich nicht mißverſtehen, Clara— ich weiß was Du den Deinen biſt, aber, nimm es mir nicht übel, die Atmosphäre Deines Hauſes iſt keine geſunde. Du ſelbſt kämpfſt Dich am Unüberwindlichen matt und müde, gönne doch Deinem Kinde friſche, freie Lebensluft. Dein Mann iſt bieder und brav; gut. Soll ich aber der 175 Wahrheit die Ehre geben, ſo erregt er mir ſtets die Empfindung, als würde ein naſſes Tuch über mich geworfen, ſobald er ins Zimmer tritt; jede Bewegung erlahmt, ſein bloßer Anblick hemmt die Gedanken. Und ihr Alle fühlt den Druck dieſer grenzenloſen, nur mit mürriſchen Schatten verſetzten Geiſtesträgheit— das wirſt Du mir nicht leugnen! Sogar das Spiel der Kleinen geräth ins Stocken, ſobald er erſcheint, ihr fröhliches Leben iſt ihm ja ſtörender Lärm— ſelbſt Litta vermag ihm mit all ihren tauſend Aufmerkſam⸗ keiten kaum einen freundlichen Blick abzugewinnen. Mir iſt er offen geſagt, unerträglich—“ „Carl!“ „Sei nicht böſe“, unterbrach ſich Oſterfeld in ge⸗ mäßigterem Tone.„Ich habe mich weiter fortreißen laſſen, als ich ſollte, und bitte Dich deshalb um Ver⸗ gebung. Nur gib mir zu, daß Litta's Anlagen ſich bei anderer Umgebung freier entwickeln werden, und laß mich dem gebundenen Genius die Schwingen löſen!“ Clara ſchwieg einen Moment, dann ſah ſie ernſt zu ihm auf:„Wer bürgt dafür, ob ſolche Schwingen wirklich vorhanden? Und, irrſt Du auch nicht, wer ſagt uns, daß ſolches Aufſchwingen zu ihrem Heil ge⸗ deiht? Ich ſah es noch ſelten gelingen, wenn die von 176 Natur und Verhältniſſen angewieſene Sphäre gewalt⸗ ſam durchbrochen wurde, am ſeltenſten bei einem Weibe. Litta's Leben hat Ziel und Richtung— einen Wir⸗ kungskreis beſtimmter Pflichten. Weshalb ſoll ich mein Kind der Fremde geben, ſo lange ihr eine Heimath gehört? Laß ſie mir! An der Seite eines braven Man⸗ nes werden ihre Anlagen ſich dereinſt am glücklichſten entwickeln— in Häuslichkeit und Ruhe.“ „Dem Todten die Ruhe! dem Lebenden aber Frei⸗ heit des Regens und Bewegens“, brach Oſterfeld aus. „Du ſprichſt, als ſei der Flügelſchlag des Talentes kaum erlaubt!— Du kennſt Dein eigenes Kind nicht, willſt es nicht kennen— gib dieſe Feuerſeele nur dem braven Manne, den Du Dir denkſt und ſie wird ent⸗ weder untergehen, oder ſich an ihrem Begriff von der Tugend zu Tode kämpfen! Haſt wohl ſolch hausbacke⸗ nen Freier bereits in Perſpective? Denkſt wohl gar an den dürren Schreiber, der immer ausſieht, wie eine Katze, die ſich eben geleckt hat!?“ „Bacher iſt ein zuverläſſiger Mann, ſchon jetzt des Hauſes Stütze; an ſeiner Seite wäre Litta's Zu⸗ kunft wohl geborgen.“ „Und das ſprichſt Du!“ rief er in bitterem Tone. „Iſt denn jeder letzter Funke von Jugend in Dir er⸗ loſchen! Du, die dereinſt mit glühenden Thränen der — —— 4 6 Forderung des Vaters nachgegeben, auch ſolch braven Manne Deine Zukunft zu opfern, und deren Leben nun Tag um Tag dahinknarrt, wie ein Fuhrwerk in tiefem Sande— Du willſt Deinen Liebling kaltblütig denſelben öden Weg gehen heißen! Clara, erkennen wir uns denn nicht mehr?“ „Wir ſehen nur mit ungleichen Augen. Warum willſt Du meine Anſchauung nicht ehren, Carl, begreife ich doch die Deine! Du urtheilſt als Künſtler. Euch gelten tägliche Intereſſen wenig, ihr lebt von Stürmen, und ob das nun Stürme des Entzückens ſind, oder Stürme der Schmerzen— Ihr wollt Euch leben füh⸗ len und achtet nicht den Preis. Sei es darum für den Mann! Das Weib iſt für andere Ziele geſchaffen; ich gebe Ausnahmen zu, aber fordere nicht von der Mutter, daß ſie in ihrem Kinde die Ausnahme zu ſehen wünſche. Ich ehre die Künſtlerin, aber die eigene, innige Perſönlichkeit des Weibes gilt mir mehr. Du ſprachſt herbe Worte, innerlich wahr aber ſind ſie nicht! Das Leben iſt mehr, als eine Reihe von an⸗ einandergeketteten Tagen, und iſt der Weg bergauf ſteil, ſo führt er doch— in die Höhe!“ Oſterfeld blickte ſeiner Schweſter in's Auge, als wollte er ſie bis in's Innerſte erforſchen. Ein kryſtall⸗ reiner Blick begegnete dem ſeinen, er ergriff ihre Hand Godin, Frauenliebe und Leben II. 12 178 mit warmem Druck.„Wohl Dir! und noch einmal Vergebung, denn ich habe Dir Unrecht gethan. Wer ſo durchdringend verſteht, was er muß, beſitzt allerdings das Recht, für ſich und die Seinen zu entſcheiden. Dennoch kann ich Dich von Einſeitigkeit nicht frei⸗ ſprechen. Ehe Du Dein Nein wiederholſt, frage Dich noch einmal, ob Dir Litta's ganzes Weſen klar vor Augen liegt! Wirſt Du es tragen, wenn Dir die Erkenntniß zu ſpät kommt, daß jede von der Voll⸗ endung zurückgehaltene Natur ſiecht und hinwelkt?“ Während er noch ſprach, öffnete das junge Mäd⸗ chen die Thür und trat ein. Ihre Mutter blickte ihe entgegen und ſagte gepreßt:„Frage ſie ſelbſt!“ Schon war Oſterfeld an Litta's Seite, ergriff ihre beiden Hände und ſagte mit ſtrahlendem Auge:„Wir ſprachen von Dir! Willſt Du mich nach dem Rheine begleiten und im Cölner Conſervatorium Deine Stimme ausbilden? Willſt Du, Litta?“ Freudenfeuer auf der Wange, warf ſie mit lau⸗ tem Jubelrufe die Arme ſtürmiſch um ſeinen Hals, und ließ ihn eben ſo plötzlich wieder los, um zur Mutter zu ſtürzen. Noch war aber ihr Arm nicht von ſeiner Schulter herabgeglitten, als das Leuchten des zurück⸗ gewandten Geſichtchens erloſch, wie eine Flamme, die ein Windſtoß ausgeweht. Sie faltete die Hände 179 und ſagte mit niedergeſchlagenen Augen:„Das geht nicht.“ „Und weshalb nicht?“ drängte Oſterfeld.„Du darfſt, wenn Du willſt!“ Litta warf einen zögernden Blick auf ihre Mutter, dann eilte ſie an ihre Seite, legte den Arm um ſie und küßte einen Tropfen von der ſchmalen Wange. „Es geht nicht, Onkel“, wiederholte ſie in klarem Ton „Die Mutter kann mich jetzt nicht miſſen, ich bin ihr nöthig— für die Kleinen, für das Haus.“ „Da nimmt man eine Wärterin“, rief er unge⸗ duldig. Das junge Mädchen ſchüttelte leiſe den Kopf. „Später kann es ja möglich werden“, ſagte ſie mit einem Blick, der ihm bis in die Seele drang;„jetzt verlaſſe ich meine Mutter nicht.“ Aus dem zarten Geſichtchen ſprach eine Entſchloſſenheit, welche den kinderweichen Zügen ein gleichſam plaſtiſches Gepräge verlieh. Der Drängende verſtummte. Clara erhob ſich und ſchloß ihr Kind ſtumm in die Arme. Dann nickte ſie mit ſtrömenden Augen dem Bruder zu und ließ ihn mit Litta allein. Die Beiden ſaßen bis tief in die Nacht zuſammen. Heute wich die liebkoſend tän⸗ delnde Weiſe, womit Oſterfeld bisher ſeiner Nichte 12* 180 begegnet war, einem neuen Ton. Er empfand, daß die Pſyche, welche ſich vor ihm entfaltete, ſchon ſtär⸗ kere Schwingen beſaß, als ihm bewußt geweſen. IV. Der Winter war gekommen nnd wieder gegangen. Als er ſchied, klangen ihm tauſend liebe Erinnerungen nach. Lenz und Sommer haben ihre Blüthen, und fröhlich ſchweift der Fuß durch die grüne Flur, fröh⸗ lich ſammelt die Hand den Strauß. Stirbt aber die Welt draußen, dann entfaltet ſich um ſo duftender die holde Blüthe des Daheim! Gern kehren die Muſen ein, wo ſolch winterlich trautes Heimathplätzchen winkt, und gleich dem Weihnachtsengel ſpenden ſie ihre Gaben am liebſten beim Kerzenſchein. Dieſe Himmliſchen ſaßen oft an Frau Bornſtedt's Theetiſch zu Gaſte, ſie hatten dort ſogar ihre ganz eigenthümlichen Empfangsſtunden, denn ſie wanderten jeden Donnerſtag Abend zugleich mit dem Kränzchen ein. Immer werthvoller wurden dieſe Abende allen Mitgliedern des kleinen Kreiſes, der den Grundſatz 1 feſthielt, ſich nicht auszudehnen, und ſich deshalb mehr und mehr in einander einlebte. Emmy Bergen wurde ſelten von ihrem Manne begleitet, deſſen Geſchäfte ihm wenig Zeit und Sinn für regelmäßige Geſelligkeit —ℳx; 2 181¹ ließen. Dagegen kam ihr Schwager, ein geiſtvoller Arzt und glücklicher Dichter, häufig mit ihr und füllte die durch Oſterfeld's Abreiſe entſtandene Lücke. Muſik und Poeſie gaben den Stunden des Zuſammenſeins immer neue Weihe; jeder Abend ward zum Feſte. Worte und Gedanken regten ſich in köſtlicher Freiheit und Friſche, und die reichſten Gaben des Talentes erſchienen mehr noch Ausdruck als Erhöhung der ge⸗ tragenen Stimmung, welche jeden Gaſt von vorn herein beſeelte, ſobald der milde Schein der Ampel den Kreis vereint fand. Jede dieſer Stunden ſchloß ſich in zwei junge Herzen ein wie die Perle in ihre Muſchel, einzeln, unzerſtörbar. Zwiſchen Klängen und Strophen war Liebe aufgeblüht, jene ſüße Liebe, die von dem Gefühl, welches ſie bereits empfindet, erſt zu träumen meint, bis ſie zu wünſchen lernt, und zugleich zu leiden. Das Mädchenbild, welches Erich Gotzlow ſchon beim erſten Begegnen ſo wunderſam berührt hatte, nahm bald ſein ganzes Herz gefangen. Seine Feuerſeele war für leiſe hindämmernde Empfindungen nicht geſchaffen; er warb mit jedem Blick, jedem Laut, und als ihm Lit⸗ ta’s Auge Antwort ſprach, ergriff ihn ein Rauſch un⸗ endlichen Lebensmuthes. Kein Stern ſchien zu hoch, um ſich nicht jubelnd erreichen zu laſſen, das Glück 182 war da, es trug ihn auf Wolken über jede Schranke. Dennoch hatte er immer von Neuem Schranken zu empfinden, die ſich zwiſchen ihn und ſeine vorwärts drängenden Wünſche ſchoben. Er ſah Litta oft, aber er ſah ſie nie allein; das Feuer, welches ihn durch⸗ glühte, durfte ſich nur in Funken ausſprühen. So oft er das Kalden'ſche Haus beſuchte, fand er freund⸗ lichen Empfang, doch forderte ihn die Hausfrau nie zu längerem Verweilen, nie zur Wiederholung ſolcher Beſuche auf, und verſtand mit feinem Takt Allem aus⸗ zuweichen, was ihre Tochter außer den Kränzchenabenden mit dem jungen Mann in Berührung bringen konnte. Litta ſelbſt gab ſich dieſer kaum empfundenen Beſchränkung arglos hin, ſie lebte von Hoffnung und Erinnerung, bis die köſtlichen Stunden des Zuſammen⸗ ſeins mit dem ſtill Geliebten ſich erneuten, ihr be⸗ ſchwingtes Herz hatte genug für Alle, an Luſt und Liebe übergenug! Sie blickte zu Erich auf, wie zu einem Halbgott. Sein ſprühendes Leben ward ihr der nie verſiegende Quell alles Schönen. Was ſie nur immer dachte, las und erlebte, bezog ſie auf ihn. Mit Entzücken empfand Erich dieſe Hingabe, welche ihrem ganzen Weſen entſtrömte wie Duft der Blume, aber ſchon genügte ihm deren ſtummer Ausdruck nicht mehr. Er wollte beſitzen, was ſein war. 183 Der März kam heran. Bereits wurden die Abende weſentlich kürzer und im Kränzchen war von der Zeit eines Abſchluſſes die Rede. Die Commerzienräthin beabſichtigte nach Oſtern eine Reiſe, womit die trauten geſelligen Abende ihr nahes Ziel finden ſollten. Schon heute wehte es über den kleinen Kreis wie Abſchied hin. Bergen's waren ausgeblieben. Kein Zufallsgaſt fand ſich ein, und das Geſpräch der vier Zuſammen⸗ gehörigen ſtockte häufig. Vergebens ermunterten die beiden älteren Damen zu eingehender Unterhaltung; Erich gab zerſtreute Antworten, Litta hob die Augen nur, wenn ſie angeredet wurde, und ſpielte ſchweigſam mit dem kleinen Veilchenſtrauß, welchen er ihr mit⸗ gebracht. So kam die Stunde des Aufbruchs herbei. Erich gab, wie gewöhnlich, Kalden's das Geleit, als ihnen auf der Schwelle der Hausthüre der alte Arzt begeg⸗ nete, welcher beiden Familien nahe ſtand. Während Frau Kalden mit ihm ſprach, flog Litta plötzlich wie⸗ der treppauf. Erich ſah ihr überraſcht nach und folgte. Che er aber noch den oberen Flur erreicht hatte, kam ſie ſchon athemlos wieder, und zeigte ihm ſchweigend den halbverwelkten Veilchenſtrauß. Er glühte auf:„Sie wollten ihn nicht vergeſſen!“ „Nein!“ 184 In dem einen Wörtchen lag ein Klang, der ſein Herz ſtürmiſch ſchlagen ließ. „Litta, denken Sie noch des erſten Abends, der uns zuſammenführte? Damals ſagten Sie, Treue bis zum Tode müßte verdient ſein. Ich habe mir Nichts verdienen können, aber ich liebe Dich! Litta, Liebſte, Einzige, willſt Du mein ſein, willſt Du meine Treue annehmen für immer und ewig?“ Ihr entzückendes Geſichtchen ward licht, wie Mor⸗ genroth. Sie führte die Veilchen an ihre Lippen, dann hob ſie die beredten Augen. Er neigte ſich raſch, ſeine Lippen berührten im Flug ihre reine Stirn. Das waren die Augenblicke von denen geſchrieben ſteht, daß ſie, kaum geboren, dahin ſind und ſich Kei⸗ nem wiederholen. Zweite Abtheilung. Mutter und Sohn. J. Der Mai war eingezogen. Schon ſandte die Sonne in den Mittagsſtunden recht heiße Strahlen, noch blieb aber unter dem Flügelſchlag lauer Nächte dem tauſendfältig wachgeküßten Leben Zeit zum leiſeren Wachſen und Werden. Lichter Abendſchein färbte den Himmel mit Pur⸗ purſtreifen, un goldne Blitzableiter flimmerte hell auf dem Schloßdache eines Sdelſitzes, welcher ſich aus der weithin gedehnten Umgebung ſproſſender Getreide⸗ felder wirkſam erhob. Vielleicht hätte die geringe Höhe des maſſiven, aus ſchweren Quadern aufgeführten Hauptgebäudes den Eindruck ſeiner impoſanten Aus⸗ dehnung beeinträchtigen können, wäre das Auge nicht 186 durch den charaktervollen Mittelbau gefeſſelt worden. Von alten Ulmen beſchattet, mit ſchwer umrahmtem, wappengekröntem Eichenportale von uralter, tiefge⸗ dunkelter Schnitzarbeit geſchmückt, ragte er als Zeuge verklungener Zeiten wirkungsvoll empor. Die ſeatt⸗ lichen Seitenflügel, welche ſich demſelben anſchloſſen, waren offenbar weit ſpäterer Periode entſtammt. Während man aus den Fenſtern der Fronte die weite, von ein paar Dorfſchaften durchſchnittene, durch einen weich umriſſenen Höhenzug begrenzte Getreide⸗ fläche überſah, beherrſchte der Blick von der Rückſeite aus Hof⸗ und Wirthſchaftsgebäude, ſowie, durch ein Eiſengitter von demſelben geſchieden, Garten und Park. Neben dem Pförtchen, welches durch das Gitter aus dem Garten nach dem Hofe führte, ſtand in einem, durch Hofmauer und Einfahrtsthor gebildeten ſpitzen Winkel eine breitäſtige Linde, unter der ein plaudern⸗ des Paar ſich zuſammengefunden. Die beiden Alten füllten den Mährſit ſo behäbig, erſchienen vor dem alten Stamme ſo häuslich einge⸗ richtet, als wären ſie mit dieſer Stätte verwachſen. Doch hatten ſie keinerlei Aehnlichkeit miteinander. Selbſt jetzt, im behaglichen Genuß der Feierſtunde, ſaß der Eine kerzengerade, ohne die Lehne des Sitzes mit ſeinem hageren Rücken auch nur zu ſtreifen. Buſchige ———— 187 Brauen, eine weitgeflügelte Adlernaſe und ein borſti⸗ ger, graumelirter Schnauzbart, den abwärts geſenkte Furchen ſcharf gleich zwei Fermaten einrahmten, ließen ſein verwittertes Geſicht auf den erſten Blick martia⸗ liſch erſcheinen. Die tadellos ſaubere gelbe Tuch⸗ Livree von altmodiſchem Schnitt ſaß ſtramm auf dem langen Oberkörper und den noch längeren Beinen, und endigte in hohen Gamaſchen mit blanken Stahlknöpfen. Mit übereinander geſchlagenen Armen und gemüth⸗ lichem Augenzwinkern hörte er dem Gärtner zu, der mit ſichtlichem Behagen eine Hofgeſchichte zum Beſten gab. Das volle hochgefärbte Geſicht des Sprechers glich einem Borſtorfer Apfel zur Weihnachtszeit, ſo runzel⸗ voll und doch ſo wohlerhalten ſchaute es in die Welt hinein. So oft er pauſirte, zog ſich ſein Mund zu— ſammen, als wollte er pfeifen, was indeſſen ſtets un⸗ geſchehen blieb. n ſpitzte er, nach kurzem Belachen ſeiner eigenen 9nn von neuem die Lippen, als er mit einem Male einen Ruck machte, ſich ſteil zurecht ſetzte und ſeinen Nachbar mit dem Ellenbogen anſtieß. Dieſer hatte aber bereits die Augen gleich ihm nach dem Gitter gerichtet, und ſein Blick folgte unverwandt der ſtattlichen Geſtalt einer Frau, welche über den, aus dem Schloſſe in den Garten führenden Perron 188 langſam niederſtieg und die Richtung nach dem Parke einſchlug. Es war eine auffallende Erſcheinung. Obgleich ſie kaum ſechzig Jahre zählen mochte, war doch ihr, zu jeder Seite der Stirn in drei breite Locken aufge⸗ ſtecktes Haar bereits völlig ergraut. Das ſchwarze Stoffkleid, welches die impoſante Geſtalt in ſtarren Falten umgab, war nicht von einem, der Mode des Tages geradezu widerſprechenden, aber doch von ihr abweichendem Schnitt. Während die zuſammengeballte Linke hinter ihrem Rücken ruhte, hielt ſie in der rech⸗ ten Hand einen Schirm mit großer Krücke, den ſie als Stock benutzte. Das noch ſchöne, kühngeſchnittene Ge⸗ ſicht mit mächtigen Brauen unter der breiten Stirne trug, während ſie ſtark ausſchreitend, den Blick an den Boden geheftet ihren Weg verfolgte, den Ausdruck finſteren Sinnens. Dicht vor dem Ende des Gitters, wo ſich die erſten Bäume des Parkes in Gru vereinten, hielt ſie einen Augenblick an, wandte den Kopf kaum merk⸗ lich zur Seite und erhob mit plötzlicher Geberde den Schirm. In demſelben Moment ertönte wenige Schritte von ihr ein doppelter Schreckensruf, und wie aufge⸗ ſcheuchte Feldhühner tauchten zwei Kindergeſtalten auf und rannten ſpornſtreichs durch die Büſche von dannen. — 189 Faſt eben ſo ſchnell kugelte unmittelbar nachher der alte Gärtner der Stelle zu, wo ſich die raſche Scene abgeſpielt, und zog, kirſchroth vor Zorn und Haſt, einen mit Erdbeeren halbangefüllten Holzſchuh zwiſchen dem Gebüſch hervor, welches das geplünderte Beet ſeiner Erſtlingsfrüchte begrenzte.„Hätt' ich Euch!“ rief er, mit geballter Fauſt in's Weite drohend.„Ihr Schlingel! Welche Frechheit!—— Aber die Gnädige — hm— hm— die Gnädige?“ Kopfſchüttelnd rich⸗ tete er die zerknickten Pflanzen wieder auf und kehrte äußerſt mißlaunig nach ſeinem Sitze zurück. „Was war denn?“ fragte ſein Genoſſe neugierig. „Diebszeug“, brummte Jochen.„Aber ſag' ein⸗ mal, Servaz, haſt Du ſie geſehen?“ „Freilich habe ich ſie geſehen“, murmelte der an⸗ dere ſorgenvoll. „Ich ſag', es iſt nicht richtig mit ihr, ich ſage ſo, Servaz! Iſt das erhört bei der Gnädigen? Sieht mit Augen, wie wir ausgeraubt werden, noch dazu ſind's die Erdbeeren des Fräuleins! Und läßt das Geſindel mir nichts dir nichts durchbrennen, ohne nur Halt zu kommandiren. Sie iſt wie ausgetauſcht, es kann Einem angſt und bange dabei werden. Wie, Serva??“ „Recht haſt Du, Jochen! Erſt heut Früh wieder! ——— —— — 190 Weiß Gott, wie's zuging, aber ich habe beim Abräu⸗ men den Henkel von der Gnädigen ihrer Mundtaſſe abgebrochen, ſo was iſt mir in zwanzig Jahren nicht paſſirt. Meinſt Du aber, ſie hätte gewettert? Gott bewahre mich! Kein Sterbenswort hat ſie geſagt als nur:„Geb Er doch Acht, alter Eſel!““ 4 „Ich ſag', das geht nicht gut! Das nimmt ein ſchiefes Ende! Denn warum? Und wie ſo?“ Servaz zupfte ſeinen ſtruppigen Schnurrbart in die Länge und rieb ſich die dürren Knöchel.„Könnt's wohl ſagen, Jochen, aber halte reinen Mund! Mit unſerm jungen Herrn iſt's nicht richtig— der iſt Schuld! Er hat ſich verplempert, und deswegen iſt die Gnädige ſo aus Rand und Band. Unſer Einer weiß, wo Barthel den Moſt holt! Beim Aufwarten und wenn die Herrſchaft ſpazieren fährt, hört man ſchon, was die Glocken ſchlagen. Du kannſt's erfah⸗ ren, ſonſt Keiner. Stelle Dir vor, unſer Erich will ſo eine Bürgerliche heirathen! Das kann die Gnädige natürlich nicht zugeben und darüber ſind ſie Unfreund geworden. Das iſt's!“ „Na, da ſteht mir doch der Verſtand ſtill!“ platzte Jochen heraus und blies die Backen auf wie ein Kirchenengel.„Wenn das Frauenzimmer ſonſt reputir⸗ lich iſt, braucht ſie doch nicht von Adel zu ſein, ſobald 191 unſer junger Herr ſie heirathet, wird ſie ja gleich eine Baronin! Und Geld haben wir ſelbſt genug.“ „Das verſtehſt Du nicht und das ſchickt ſich nicht, iſt auch in unſerer Familie noch niemals vorgekom⸗ men“, fuhr Servaz auf.„Und die Sache wird auch nicht geſchehen, denn die Gnädige— haſt Du ſchon einmal erlebt, daß die nachgegeben hätte?“ Der Gärtner rieb ſich den Kopf.„Nachgegeben — ne! Als ſie drei Käſe hoch war, hat ſie das Kom⸗ mandiren ſchon verſtanden wie ein General. Weißt Du noch, wie ſie Dich dazumal in den Teich ſtumpfte, weil ſie abſolut die Waſſerlilie haben wollte? Ich hatte mich aus dem Staube gemacht, Du wäreſt bei einem Haare ertrunken, ihren dummen Blumenſtengel hat ſie aber richtig bekommen. Durchſetzen kann ſie was! Unſer junger Herr läßt ſich aber auch nicht wickeln wie ein Garnknäuel, was der ſich in den Kopf ſetzt, das bringt er fertig. Na, das wird einen ſchö⸗ nen Spektakel ſetzen!“ „Gott erbarm's, ich glaub's ſelber. Seitdem das Wetter im Anzuge, muß ich allfort an die alten Zei⸗ ten denken!“ „Ja, ja, Servaz! War das ein Lärmen dazumal, wie unſer Graf das Charmiren zwiſchen ſeiner Com⸗ teſſe und dem neuen Inſpektor gemerkt hat, und 4199 doch konnte der ſich als einen richtigen Baron aus⸗ weiſen.“ Der alte Diener zog die Augenbrauen hoch hinauf. „Die Herrſchaften ſind da gar bös mit meiner Gnä⸗ digen umgegangen, das hat ſeine Richtigkeit. Kein Menſch hat zu ihr gehalten als ich, und was kann ſo ein armer junger Schlucker ausrichten! Seit dem Tage ihrer Confirmation, wo ich die erſte gelbe Livrée be⸗ kommen und ihr das Geſangbuch nachgetragen habe, war und blieb ich ihr Leibdiener! Um den Weg, wo ſie ging und ſtand, und machte ihr's allzeit recht. In der Zeit hat ſie aber auch von meiner Dienſtbarkeit nichts wiſſen mögen. Ja, das waren ſchlimme Tage! Der Herr Graf wetterte, die Frau Gräfin gönnte der Comteſſe kein gutes Wort mehr und die ließ zwar den Kopf nicht hängen, denn das ſtand ihr keiner Zeit an, aber ſie ging herum wie eine Bildſäule, ſeit der Ba⸗ ron vom Gute fortgemußt hatte.“ „Durchgeſetzt hat ſie es aber doch!“ ſagte der Gärtner mit breitem Lachen. „Freilich wohl, aber wie, Jochen, wie? Ohne Sang und Klang, vom Dorfpfarrer ein einziges Mal aufgeboten, nur vor dem Bauernvolk, und Nachmittags wie arme Sünder in der kleinen Kapelle getraut ohne Geleit von Vater und Mutter! War ja der Herr Graf 193 fortgeritten und kam ein Vierteljahr lang nicht mehr heim, und wenn ſich auch die Frau Gräfin zu guter Letzt beſann und ihr wenigſtens Adjes ſagte, ſo kam das heraus wie ein Almoſen. Na, wenigſtens hat ſie mir doch anrekommandirt, ich ſollte gut für meine Comteſſe ſorgen. Da hat's aber kein Sorgen ge⸗ braucht, die ſtand allzeit tapfer auf eigenen Füßen. Denk' ich doch heut' noch mit Luſt an das Treiben auf unſerem Pachthofe! Meine Comteſſe hat dem An⸗ weſen ſo rechtſchaffen vorgeſtanden, als wär' ſie ihr Lebtag eine Wirthſchafterin geweſen; aber ſo wie Be⸗ ſuch kam, war ſie die gnädige Reichsbaronin. Und unſer junger Herr! War der tüchtig, überall am Fleck, und der ſtattlichſte Mann zehn Meilen in der Runde, ehe die Zehrung über ihn kam.“ „Warum hat eigentlich der alte Graf nichts von ihm wiſſen wollen und bis an ſein Sterbeſtündlein gewartet, ehe er ſeine einzige Tochter wieder von ſich ließ?“ „Hab's mein Lebtag nicht begreifen können“, brummte Servaz verdrießlich.„Na, zuletzt iſt doch Alles wieder in den Schick gekommen.“ „Nur ſchade, daß der Herr Baron blos die paar Jährchen noch am Leben blieb. Wie lang' iſt's eigent⸗ Godin, Frauenliebe und Leben. II. 13 194 lich her, daß Ihr alleſammt wieder in Cotzlow einge⸗ wandert ſeid?“ „Wart' einmal! Na, ſo an fünfundzwanzig Jahre! Unſer Erich konnte gerade laufen und die Großmutter war wie närriſch mit ihm.“ „Ja, die hat ihn brav verzogen!“ lachte Jochen. „Hätt' er nicht von klein auf ſolch' gutes Herz gehabt, ſo müßte ihn die Alte rein verdorben haben. So lange ſie lebte, durfte ihm kein Menſch'was einreden, ſogar Vater und Mutter nicht. Mit der armen Paula“, fuhr er fort,„hat ſie nicht ſo viel Umſtände gemacht, und weißt Du, Servaz, es kommt mir vor als hätte unſere Gnädige ſeit dem Unfall auch kein rechtes Herz mehr zu dem ſeelenguten Fräulein. Wenn die in den Garten lief, konnte ſie ſtundenlang bei mir herumſpielen, ohne daß Einer nach ihr ſah; war aber der Erich nicht um die Mutter her, gab's immer gleich ein Gerufe und Gefrage!“ „Was das für ein Gewäſch iſt!“ ſchalt der Alte mit zornigem Stirnrunzeln.„Man meint, Du wärſt erſt ſeit ein paar Wochen bei uns, ſtatt Deine Herr⸗ ſchaft von Kindesbeinen an zu kennen. Ich bedanke mich für das Plaiſir, ſolchen Unſinn mit anzuhören!“ Steif ſtellte er ſich auf die langen Beine, ſchleuderte unter den buſchigen Brauen einen grimmigen Blick auf 195 den Kameraden und ſchritt, ohne Valet zu ſagen, bolz⸗ grade durch den Hof in's Schloß. Der Gärtner ſah ihm nach, ſpitzte den Mund und verlängerte ihn dann bis zu den rothen Ohren wie einen Strich, während er in ſich hinein kicherte: „Auf ſeine Gnädige läßt er Nichts kommen. Ich glaube wahrhaftig, allen Reſpekt in Ehren, der Kum⸗ pan hat ſie ſeit dem famoſen Confirmationstage mit anderen Augen angeſehen. He, he, he!“ II In einer wohlgepflegten Lichtung des Parkes ſaß ein junges Mädchen, tief verſenkt im Leſen eines Brie⸗ fes. Köſtliche Waldeinſamkeit umgab ſie; leichtbelaubte, frühlingsgrüne Buchen umſtanden den Platz ſo ge⸗ drängt, daß kein leiſeſtes Wehen des eben erwachten Abendwindes hierher drang, während die letzten Son⸗ nenſtrahlen, über die Gipfel hinſpielend, zugleich die letzten ſüßen Töne aus Vogelkehlen lockten. Schwel⸗ lender Raſen deckte den Boden ſo dicht, daß die Pol⸗ ſter, auf welchen die Einſame ruhte, als überflüſſiger Luxus erſchienen. Doch nur auf den erſten Blick. Dieſe Sammtkiſſen, welche den überzarten Körper von der Schönheitsfülle der Naturgaben gleichſam trennten, durften als Symbol gelten! Was auch das 92 1 196 Leben an Reiz und Reichthum bieten mochte, für dieſe von vornherein beraubte Jugend gab es kein unmit⸗ telbares Genießen. An den holdeſten Kopf, deſſen Lieblichkeit unwiderſtehlich feſſelte, ſchloß ſich eine arme, verkrüppelte Geſtalt. Noch war Reiz genug geblieben, um das Verſagte doppelt zu beklagen. Süße Hände, ein geformter Fuß, die Anmuth, welche ſich in der ruhenden Lage des Unterkörpers ausſprach, bewieſen klar, daß nicht eine arge Laune der ſonſt conſequen⸗ teren Natur allein den Rücken ſo verſchoben, die Bruſt ſo eingedrückt haben konnte. Um ſo rührender ergriff die ganze Erſcheinung. Der Brief, welchen ſie las, ſchien ſie völlig zu feſſeln. Schon ruhten zwei enggefüllte Bogen auf ih⸗ rem Schooße, und noch war ſie in das dritte Blatt, welches die bebende Hand hielt, ſo vertieft, daß ſie weder das leiſe Kniſtern des Laubes noch die hohe Geſtalt wahrnahm, welche ſich durch den ſchmalen Zu⸗ gang näherte, wenige Schritte von ihr entfernt aber plötzlich ſtehen blieb. Das ſtrenge Geſicht der Gnädigen wandelte ſich wunderſam, während ſie ihr Kind unverwandt an⸗ blickte; über die wie aus kernigem Marmor gehauenen Züge fiel gleichſam ein Schleier, die Furchen, welche eben noch ſo drohend über den Brauen gelagert, glät⸗ 197 teten ſich, fremde Weichheit löſte die zuſammengepreß⸗ ten Lippen. Welch' ſeltſam Ding iſt es doch um das Ge— wöhnen! Was ſich dem Auge und Sinn, was ſich dem Bewußtſein täglich wiederholt, verſchwebt zuletzt aus den ſchärfſten Umriſſen zum Allgemeinen, bis uns ur⸗ plötzlich, ohne Zuſammenhang, ein Moment packt, wo ſtatt des Auges unſer Innerſtes erſchaut, was wirklich iſt! Das Leben braucht uns nur einmal recht zu durch⸗ frieren oder zu durchglühen, und, was wir längſt ab⸗ gethan, ſteigt vor uns auf mit ſeiner ganzen Wucht: Das Unabänderliche! Mit zuckenden Wimpern trat die Gnädige aus den Büſchen und rief freundlich:„Paula!“ Das junge Mädchen erhob haſtig den Kopf, ihr durchſichtig blaſſes Geſicht färbte ſich, und mit unwill⸗ kürlicher Haſt raffte ſie die auf ihrem Schooße ruhen⸗ den Blätter zuſammen. Die eine Bewegung genügte, um das Licht, welches aus den Augen der Mutter auf ſie gefallen, zu ver⸗ dunkeln. Die Gnädige war mit ein paar energiſchen Schritten an ihrer Seite, ehe ſie ſich noch erhoben, und fragte ſcharf:„Von Erich?“ 4 „Ja, Mama.“ „Servaz hat mir nicht gemeldet, daß der Brief⸗ 198 8 träger auf dem Hofe war. Der alte Eſel wird nach⸗ gerade unbrauchbar. Nichts für mich dabei?“ Paula ſenkte den Kopf.„Erich's Brief kam ſchon vorgeſtern.“ Sie ſtrich mit den zarten, fein zugeſpitz⸗ ten Fingern an den Falten des Gewandes ihrer Mut⸗ ter nieder, und hob das innige Auge mit dem zögern⸗ den Aufſchlag, der ihr eigen war.„Ja, Mama— Vieles— Alles iſt für Dich! Darf ich Dir——⸗ „Nein“, unterbrach die Gnädige in herbem Ton, indem ſie die Hand mit den bereits erhobenen Blättern niederdrückte,„mich verlangt nicht nach Deinen Brie⸗ fen; ich weiß ſchon, was darin vorgebracht wird. Schweig, Paula! Wie oft ſoll ich wiederholen, daß ich von dieſem Hirngeſpinnſt Nichts hören will. Du würdeſt auch klüger thun, wenn Du es bleiben ließeſt, mit Erich zu complottiren. Hätteſt Du über dergleichen ein Urtheil, ſo müßteſt Du ihm lieber ſeine Laune ausreden.— Genug— komm jetzt mit mir in's Haus, es wird kühl.“ Paula erhob ſich ſchweigend, faltete die Blätter zuſammen und ſchob ſie in ihre Taſche. Während ſie am Arme ihrer Mutter die einſamen Laubgänge durch⸗ ſchritt, vergingen Minuten, ohne daß Beide eine Silbe tauſchten; das erſte Wort des jungen Mädchens ver⸗ rieth aber, wie ihre Gedanken das Geſpräch fortgeſetzt. 199 „Erich liebt, Mama! Es gilt ſein ganzes Lebensglück — und Du nennſt das eine Laune?!“ Ueberraſcht blickte die Gnädige auf ihre Tochter nieder; es geſchah heute zum erſten Male, daß Paula ſprach, nachdem ſie Schweigen geboten. Doch ant⸗ wortete ſie gelaſſen:„Jeder junge Menſch bildet ſich ein, zu lieben, wenn ein kokettes Mädchen ihm den Kopf verrückt. Das geht vorüber, ein falſcher Schritt aber bleibt lebenslang. Will Erich knabenhaft trotzen, weil ich nicht dulden mag, daß er für ein Spielzeug ſeine Zukunft preisgiebt,— gut! Ich kann ihn ſchon entbehren, bis er ſich beſonnen hat.“ „Daß Erich uns jetzt nicht beſucht, iſt kein Trotz, Mamal Er folgt hierin nur meiner inſtändigen Bitte. Ihr habt einander in letzter Zeit zu ſehr aufgeregt— ſei nicht böſe“, bat Paula mit bebender Stimme und ſchloß ihre Hand feſter um den Arm, der eine Bewe⸗ gung gemacht, ſich ihr zu entziehen,„höre mich an— es ſoll das einzige Mal ſein und bleiben.“ „Kann es Dir Freude machen, in den Wind zu reden, ſo ſprich. Aber was ſoll’s? Wenn Du übrigens der Meinung biſt, daß Erich auf Dein Zureden fort⸗ bleibt, dann irrſt Du gewaltig. Ich habe ihm das letzte Mal deutſch und verſtändlich geſagt, er möchte mich mit ſeinem Beſuch verſchonen, bis er zur Ver⸗ 200 nunft gekommen. Jetzt, ſcheint mir, verſteckt er ſich hinter Dich— ich hätte ihm mehr Verſtand zugetraut. Braucht er einen Advokaten, ſo hätte er ſich wenig⸗ ſtens Jemanden ausſuchen müſſen, der die Formen be⸗ greift, in denen er lebt, und von ſeinem großen Argu⸗ ment, der Liebe, mehr weiß, als in Romanen ſteht.“ Paula erröthete heiß. Es leuchtete einen Augen⸗ blick unter ihren Wimpern hervor, während ſie ſanft entgegnete:„Es giebt wohl nur eine Liebe, wenn auch jeder Menſch eine andere hat. Erich ertheilte mir nie⸗ mals Aufträge an Dich, weil ich aber ſein Vertrauen beſitze, gebe ich ihm Recht.“ Die Gnädige ſah ihre Tochter halb mitleidig, halb geringſchätzig an und zuckte die Achſeln, ſtörte ſie aber nicht, als ſie bewegter fortfuhr: „Bin ich auch der Welt und ihren Formen frem⸗ der geblieben als Andere, habe ich auch wenig Erfah⸗ rung— Eines weiß ich doch, Mama! Das Leben iſt kein Spiel, es führt nicht Menſchen zuſammen, um ſie wieder auseinander wehen zu laſſen wie Staub im Winde. Und eines kenne ich bis auf den Grund— unſeres Erich's Herz! Alles, was er erfaßt, hat einen hohen Preis für ſeine Seele, er giebt es niemals auf. Soll er unglücklich ſein, oder— ſollen wir ihn ver⸗ lieren, nur weil das Mädchen, das er ſich erwählt, 201 auf beſcheidener Lebensſtufe ſteht? Ihre Familie iſt achtbar, ſie ſelbſt ausgezeichnet durch Geiſt und Ge⸗ müth.“ „Was weißt Du davon?“ Das ſtahlblaue Auge ſandte einen ſo zürnenden Blitz aus, daß Paula er⸗ blaßte, dennoch rang ſie ihrer Stimme feſten Ausdruck ab: „Ja, Mama, ich habe Dein Gebot gebrochen, den Kalden'ſchen Namen gegen Niemand zu erwähnen. Ich mußte! Ob unſer guter Doctor den Grund des Intereſſes kennt, das mich ihn befragen ließ, weiß ich nicht; was er mir geantwortet, hat mich aber von Erich's gutem Rechte überzeugt. Doctor Brink iſt auch Kalden's Hausarzt, und ſobald ich nur den Namen nannte, erzählte er mir das Rühmlichſte von Mutter und Tochter. Fröhlich wie ein Quell— tief wie ein See— ſo charakteriſirte er Mathilde Kalden. Kein kokettes Mädchen hat Netze nach dem reichen Erben ausgeworfen, wie Du meinſt, ein unſchuldiges Herz giebt ihm Alles, was es hat und was es iſt! Erich ſelbſt hat Dir geſagt, wie ſie einander kennen lernten; es bürgt für den Ernſt ſeiner Neigung. Nicht im Ball⸗ getümmel, in oberflächlichen Geſellſchaften ward ein flüchtiger Eindruck erzeugt, er ſah ſie nur in engem, geiſtig bevorzugtem Kreiſe, beobachtete ſie in ihrer be⸗ ſchränkten, vielleicht prüfungsvollen Häuslichkeit, und 202 kennt, was er liebt! Ob Du ihn jemals haſt aus⸗ reden laſſen, Mama, weid ich nicht; darum laß mich wiederholen, was er mir geſagt, daß Du eine eben ſo gute Tochter gewinnen würdeſt, als er eine beglückende Frau.“ „Dich wenigſtens habe ich ausreden laſſen“, ſprach die Gnädige nachdrücklich, indem ſie ſtehen blieb.„Jetzt kannſt Du meine Antwort bekommen, und wenn Du Deinem Bruder ſchreibſt, ſie ihm zum Ueberfluß wie⸗ derholen.“ Sie hielt inne, ſtieß die Spitze ihres Schir⸗ mes, deſſen Krücke ſie mit geſchloſſener Hand feſter packte, kräftig zwiſchen den Kies des eben betretenen Gartenweges und ſagte mit lautem, zornigem Ton: „Nein! Ich leide es nicht. Punktum.“ Schon bei ihrer heftigen Geberde war Paula's Arm aus dem ihrigen geglitten, und das bebende Mädchen blickte ſtumm der Mutter nach, die ſich mit weiten Schritten von ihr entfernte, und bereits im Be⸗ griffe war, die Stufen zum Hauſe zu überſchreiten, als ein zufälliger Blick nach dem Hofraum ſie anderen Sinnes zu machen ſchien. Scharf hinüber ſpähend, blieb die Gnädige einen Moment auf der unterſten Staffel ſtehen, wandte ſich dann raſch und ging in energiſcher Haltung dem Gitterpförtchen zu. Ein mit Säcken beladener Wagen fuhr eben durch das nach 203 der Landſtraße führende Thor in den Hof ein; das Geſpann wußte genau, wo der Stall und daß Füt⸗ terungszeit ſei, und dies war gut; denn der Führer des Leiterwagens, ein ältlicher Mann, mit breitem, gutmüthigem Geſichte, ſchwankte ſchlaftrunken auf ſei⸗ nem Sitze hin und her, und ermunterte ſich erſt, als das Anhalten des Gefährtes ſeinem duſeligen Behagen zur Unterbrechung wurde. Die blinzelnden Augen öff⸗ neten ſich aber plötzlich ſperrweit und das dicke Ge⸗ ſicht nahm einen Ausdruck des Schreckens an, als er dicht vor ſeiner Naſe den erhobenen Schirm der Gnä⸗ digen ſah, die mit gerunzelter Stirne in ſeiner näch⸗ ſten Nähe ſtand und ihn anfuhr:„Na, wo iſt Er denn geblieben? Meinte ſchon, Er käme heut nicht mehr heim! Iſt wieder der ganze Nachmittag um die Ohren geſchlagen, und wie das zugegangen, davon wird die Schenke Auskunft geben können, Patron!“ Der Geſcholtene kletterte hurtig von ſeinem Sitz herunter, drehte die Peitſche ängſtlich zwiſchen den Fingern und ſtotterte:„Der Müller hat— der Mül⸗ ler war—“ „Geſchwätz!“ fuhr die Gnädige ärgerlich dazwi⸗ ſchen;„an Ausreden fehlt es nie. Sorg' Er jetzt, daß die Pferde ihre Ordnung bekommen.“ Mit einem tiefem Athemzug, als hätte ihr das 204 kleine Donnerwetter wohl gethan, kehrte die Guts⸗ herrin jetzt wirklich in das Haus zurück, gab im Vor⸗ übergehen in der unermeßlichen Küche des Erdgeſchoſf⸗ ſes einige Weiſungen, und ſtieg dann, ſtark athmend, die Treppe hinauf. Bereits hatte ſie die Thür des Wohnzimmers geöffnet, wo Paula inzwiſchen angelangt war und erſehöpft im Sorgenſtuhle ruhte, als ſie dieſelbe wieder zudrückte, die zweite, nach den Giebelzimmern führende Treppe erſtieg, und in das mittlere der drei dort befindlichen Gemächer eintrat. Dies war ein lichter, freundlicher, mit Vorliebe ausgeſtatteter Raum. Die einladenden dunklen Polſtermöbel geſchickt vertheilt, Teppiche und Gardinen in geſchmackvoller Uebereinſtim⸗ mung, über dem Ganzen jener unnennbare Comfort ausgegoſſen, der nur in wirklich bewohnten Zimmern ſeine Stätte hat. Dennoch wurde dieſes Gemach nur ſelten und für kurze Dauer benutzt. Es war das eigene Zimmer des Sohnes des Hauſes, ſeit ſeinen glücklichen Knabenjahren ſtets jedem Andern vorgezogen, ſo oft er von Schulen und Univerſitäten, ſo oft er zu Beſuch in die Heimath kam. Tauſend Kleinigkeiteu, die auf den Möbeln umherſtanden, an den Wänden hingen, oder in lauſchigen Winkeln lehnten, bildeten gleichſam eine Stufenleiter der erinnerungsreichen Kinder⸗ und Jugendzeit. 205 Seit Erich das Elternhaus zum erſten Male mit der Fremde vertauſcht hatte, war ſeine Mutter der Gewohnheit treu geblieben, dieſen Raum, der ſeine ganze Perſönlichkeit ſo beredt zurückrief, jeden Tag per⸗ ſönlich zu ordnen. Kam er unverhofft an, was oft geſchah, ſo fand er kein Stäubchen auf dem glänzen⸗ den Mahagoni, keinen Vorhang aus den Falten. Seit langen Jahren ſtieg die Gnädige allabendlich hinauf, um ſelbſt die Blumen zu begießen, die nach Erich's beſonderer Liebhaberei auf pyramidaliſchem Geſtell am Mitielfenſter blühten— die einzigen Topfgewächſe übrigens, welche im Innern des Schloſſes gezogen wurden, denn nach der perſönlichen Anſicht der Herrin gehörten Blumen wie Vögel nur unter freien Himmel. Auch heute blieb ſie der Gewohnheit treu. Ohne ſich aufzuhalten, hatte ſie gleich nach ihrem Eintritt die kleine Gießkanne ergriffen, geprüft, ob ſie mit friſchem Waſſer verſehen worden, und verſorgte nun, über je⸗ des Plänzchen hingebeugt, aufmerkſam den reichblühen⸗ den Flor. Dann ſchloß ſie die Fenſter, nahm ein Tuch zur Hand, und begann, den leichten Staub, welchen der Wind hereingetragen, ſorgfältig von Tiſchen, Schränken und Bildern zu wiſchen, bis ſie mit einem Male wie angewurzelt ſtehen blieb. Die beſchäftigte Hand ſank nieder, ihr Auge haftete ſtarr auf einem 206 kleinem Paſtellbilde, deſſen Goldrahmen ſie eben vom Staube befreit. Es war ein Kinderporträt Erich's, das er ihr einſt aus ihren eigenen Räumen entführt hatte. Wie die Glückſeligkeit ſelbſt lachte ihr das kühne, ſchöne Knabengeſicht mit dem freien Blick entgegen. Ein bit⸗ teres Lächeln zuckte um den Mund der Mutter. Sie gedachte der Zeiten, wo der Sohn faſt abgöttiſch an ihr gehangen— ſie gedachte der Gegenwart. Er, der ihr höchſtes Ziel und Streben geweſen, ſeit er zuerſt ſeine Augen dem Lichte geöffnet, er ſtand gegen ſie auf! Gewaltig gährte es in ihrem Innerſten, der Vor⸗ wurf verdrängte die Klage. Despotiſch in ihrer Zu⸗ neigung, gebieteriſch, wo ſie wünſchte, zürnend ſchon, wo ſie zweifelte, reizte ſie ſein Widerſtand nicht nur, er nahm ihr auch den Glauben an das, was ſie doch ihr eigen wußte, ſeine Liebe! Schon mancher Strauß war zwiſchen Mutter und Sohn ausgefochten worden; Beide beſaßen jenen nicht zu brechenden Eigenſinn der Individualität, bis heute hatte aber das faſt leiden⸗ ſchaftlich gefärbte Gefühl, welches ſie einander ver⸗ band, zuletzt immer die Löſung gefunden. Würde das auch jetzt geſchehen? Sie ſchüttelte ſtarr das Haupt. Wie mit Seher⸗ augen drang ihr Blick in die Zukunft— ſie kannte 207 ihren Sohn! Schon war es ſo weit gekommen, daß ſie ihm verboten, vor ihrem Angeſicht zu erſcheinen, bis er aufgegeben, was ſie entſchloſſen war, ihm zu verſagen. Würde er es aufgeben oder ſollte ſie erle⸗ ben, daß er ſich um einer Fremden willen von ihr wandte?— Ihr Sohn, ihr Einziger! Mit dem letzten Gedanken zugleich bohrte ſich ein Stachel durch ihr Bewußtſein. Das tiefe Auge der Tochter blickte ſie vorwurfsvoll an, und was vorhin bei deren Anblick wie aus lang verſchütteten Quellen empor geſtrömt war, ſchmerzliches Erbarmen geſellte ſich dem Vorwurf. Ja, ſie durfte ſich's nicht läugnen: Der Sohn war ihrem Leben nothwendig wie die Luft, die ſie athmete, ſ 3 nothwendig, daß nur ein Bruchtheil ihres Antheils übrig blieb für ihr zweites, ihr unglück⸗ liches Kind! Und doch liebte ſie auch dies Kind! Doch gehörte Paula, ſeit ein verhängnißvoller Fall ſie vom zarteſten Alter zum Siechthum verurtheilt, die mütter⸗ lichſte, ſorglichſte Pflege— Alles, nur jene Liebe nicht, die niemals geben will, ſondern immer geben muß. Tiefſtes Fremdſein ſtand als unſichtbare, undurchdring⸗ liche Mauer zwiſchen den Beiden. Das ſtündlich ge⸗ botene, ſtündlich geübte Zügeln ihres ungeſtümen Na⸗ turells der rührenden Schwäche Paula's gegenüber, legte der Mutter ewigen Zwang auf. Die Unmöglich⸗ keit, das in früheſter Kindheit ſchwer leidende, noch heute äußerſter Schonung bedürftige Geſchöpf nach ihrem Sinne zu erziehen, ließ ſie hierauf lieber ganz verzich⸗ ten, und doch mußte die Gnädige herrſchen dürfen, wo ſte lieben ſollte, ſonſt brach ſich der Strahl ihrer Stärke nur in mattem Licht. Mitleid iſt eine Himmelstochter, die gleich Allem, was vom Himmel ſtammt, der Flü⸗ gel bedarf; wird ſie zum Erdenkinde, deſſen Fuß im Alltagsleben Wurzeln ſchlägt, dann geſellen ſich ihr allzuleicht zwei irdiſche Schweſtern, deren freundlichere Nachſicht, deren zweite, leiſe nebenher wandelnde aber Geringſchätzung heißt. Was ſich aus einem Menſchen äußerlich entwickelt, wiſſen ſeine Nächſten immer, ſein Gemüth jedoch ken⸗ nen ſie nicht. Die ſelbſtloſe Harmonie im Weſen Pau⸗ la's galt der energiſchen Frau, welcher Leben und Thätigkeit Eins bedeutete, als Schwäche. Es war ihr unfaßbar, daß man, wie ſie ſich einſt ſpöttiſch äußerte, nur vom Gedruckten leben und ſich dabei zufrieden fühlen könnte. Sie ſchätzte der Tochter Individualität und Urtheil ſo wenig, daß ſie für den Verkehr mit der Erwachſenen keinen anderen Ausdruck fand, als für den mit dem Kinde. Statt des Spielzeugs gab ſie ihr jetzt Bücher, ſorgte aufmerkſam für den zarten, durch jeden rauhen Lufthauch bedrohten Körper, und blieb Paula's innerem Weſen ſo fremd, daß deren dringende Beredtſamkeit ſie heute mehr überraſchte, als hätte ein Stummer plötzlich Sprache gewonnen. Jetzt, in der Einſamkeit, drangen die Worte, welche das meiſt ſo ſchweigſame Kind zu ihr geſprochen, die ſie widerſtrebend angehört, auf ſie ein, wie eine Fluth. Und gleich dem Echo, das von Berg zu Berg ſchlägt, hallte es unaufhörlich in ihr nach:„Sollen wir ihn verlieren—“ Schwer athmend, faſt erſtickt von den Blutwellen, die ihr aus dem Herzen zum Kopfe ſtrömten, ſchritt die Gnädige ungeſtüm zum Fenſter und riß es auf. In demſelben Moment wand ſich ein unartikulirter Laut aus ihrer Bruſt. Ein Reiter hielt auf ſchäumendem Roſſe im Hofe und das ernſte Geſicht ihres Sohnes blickte zu ihr hinauf. III. Minuten wurden zur Ewigkeit. Die Gnädige ſtand mitten im Zimmer, halb vorgebeugt, und lauſchte dem ihrem Ohre ſo vertrauten Schritt, der die Trep⸗ pen hinaufſtürmte. Als Erich die Thür öffnete und erregt auf ſie zueilte, breitete ſie beide Arme aus und ſchloß den Sohn mit leidenſchaftlicher Kraft an ſich. Godin, Frauenliebe und Leben. II. 14 Er hielt ſie ſtumm an ſeiner Bruſt, bis ein ſeltſamer, nie gekannter Laut ihn beſtürzt zurückſahren und ihre beiden Hände erfaſſen ließ. Seine Mutter weinte! Ihr Schluchzen rang ſich hervor wie Strömung aus dem Eiſe und faſſungslos zog ſie der erſchütterte Mann auf das Sopha nieder, die kalten Hände an ſeine Lip⸗ pen preſſend, indem er Worte der Beruhigung ſtam⸗ melte. Plötzlich, wie er gekommen, löſte ſich der Krampf. Die Gnädige hob das mächtige Haupt, Jugendfeuer glühte in ihren Augen, ſie neigte ſich über den Sohn und ſtrich ihm das Haar von der feuchten Stirn zu⸗ rück. Unermeßliche Liebe zitterte in ihrem Ton:„Ich danke Dir! Dein Opfer iſt groß, mein ganzes Leben gehört Dir dafür!“ Erich ließ plötzlich die Hand los, welche ſeine Linke umſchloß, ſeine Wange entfärbte ſich.„Du irrſt!“ ſagte er feſt. „Was ſoll das heißen?“ rief die Gnädige mit verdunkelter Stirn.„Habe ich einen Knaben vor mir? Kein Wort von den alten Phantaſtereien— oder—“ Sie ſtand in ihrer ganzen Höhe vor ihm, unter den zuſammengezogenen Brauen ſprühten Blitze. Den Arm wie zur Abwehr ausgeſtreckt, wandte ſie ſich heftig der Thüre zu, fand aber ſchon nach dem erſten Schritte ihren Weg durch Erich gekreuzt, der mit Nachdruck ſprach:„Mutter, Du mußt mich hören.“ Im Begriff, ihn unſanft von ſich zu ſchieben, richtete ſie den Blick auf ihn und blieb, vom Ausdruck ſeines Auges betroffen, vor ihm ſtehen. Während bei jedem früheren Strauß, den Mutter und Sohn gegen⸗ einander ausgefochten, jedes heftige Wort gezündet, wie zwiſchen Stahl und Stein, lag heute ſolch' gehal⸗ tener, ſchwerer Ernſt auf Erich's Zügen, daß ſelbſt die Gnädige davor erſchrak. „Iſt Beſonderes vorgefallen?“ fragte ſie nach kur⸗ zer Pauſe ſchroff. „Ja le Sie trat einen Schritt zurück, ſtützte die geſchloſ⸗ ſene Hand auf die Sophalehne und ſagte in rauhem, faſt heiſerem Tone:„Sprich!“ Ohne dieſe Genehmigung zu benützen, ſchritt der junge Mann ſtumm auf und nieder. Plötzlich löſte er die verſchränkten Arme, begegnete den ſtarr auf ihn gerichteten Augen mit feurig bittendem Blick und rief: „Als wir uns zum letzten Male ſahen, verboteſt Du mir, in Deine Nähe zu kommen, ſo lange ich den Ent⸗ ſchluß nicht aufgegeben, dem Du ſo ſehr widerſtrebſt! Nie habe ich Deinen Geboten getrotzt, Mutter. Daß ich aber von einem Mädchen nicht laſſen würde, deſſen 14* 212 Herz ich geſucht und gewonnen, mußteſt Du wiſſen! Ich war entſchloſſen, mich in die Verbannung von meiner Heimath zu fügen, bis meine Ausdauer Deinen Segen gewonnen. Heut' aber ſteht es anders! Als Ehrenmann fühle ich mich verpflichtet, mich öffentlich und ohne Verzug zu Mathildens Verlobten zu beken⸗ nen.⸗ Purpurgluth färbte das Geſicht der Mutter bis unter die weißen Locken. Sie blickte ihn ſtreng an und ſchwieg. „Die Familie meiner Braut iſt ſchwer betroffen worden“, ſagte Erich mit ſinkender Stimme.„Bei geſtriger Reviſion der Kaſſe fand ſich eine namhafte Defraudation. Der unglückliche Rentmeiſter wurde ver⸗ haftet und gewärtigt längere Unterſuchungshaft, viel⸗ leicht, im Fall ungenügender Nachweiſe, ſogar Zucht⸗ hausſtrafe. Wie es enden wird, läßt ſich vorerſt nicht überſehen. Kalden iſt ein ehrenhafter aber ſchwacher Charakter.“ Die Gnädige hörte regungslos zu. Als ihr Sohn ſchwieg, trat ſie dicht vor ihn hin und fragte rauh: „Und was erwarteſt Du, daß wir hierbei leiſten, ſol⸗ len? Ich bin zu jedem Geldopfer bereit, ſchon aus Erkenntlichkeit gegen das Geſchick, welches Dich ſo ge⸗ waltſam aus unwürdigen Banden löſt. Iſt eine Cau⸗ 213 tion zu ſtellen, welche den Leuten, für die Du Dich intereſſirſt, durchhelfen kann, ſo nenne mir die Summe.“ „Wir verſtehen uns ſchlecht“, ſagte Erich kalt, indem ſein Blick ſich in das geſpannte Auge der Mut⸗ ter bohrte.„Könnte Geld helfen, ſo wäre dafür ge⸗ ſorgt. Du weißt, daß mir eigenes Kapital zu Gebote ſteht; übrigens war Frau Kaldens Jugendfreundin, die Commerzienräthin Bornſtedt, ſofort zur Stelle, um ihr Hab und Gut als Caution anzubieten. Leider iſt das Geſetz zu conſequent, um den guten Willen der Einzelnen zu Worte kommen zu laſſen. Daß auch ich zur Stelle war, ſobald das Unheil verlautete, bedarf kaum der Erwähnung. Meinen Beiſtand aber wieſen die Unglücklichen zurück. Schon geſtern, im erſten hoff⸗ nungsloſen Jammer, ſagte ſich Mathilde von mir los, und als ich heute wiederholt verſuchte, ſie zu ſprechen, entzog ſie ſich mir. Ich würdige den Stolz unverſchul⸗ deten Elends, der ſie mit mir brechen heißt; aber erſt jetzt habe ich ganz erkannt, was Litta mir iſt! Ich werde ſie nie aufgeben, ſie bedeutet mir Luft und Licht, ohne ſie weiß ich von keiner Zukunft. Mutter, haſt Du mich je geliebt, ſo gieb meiner heißen Bitte nach! Sei größer als die elenden Satzungen, die gegen Men⸗ ſchenwerth und Menſchenglück ſo federleicht in's Ge⸗ wicht fallen, verſchließe Dein Herz nicht länger, laß 214 mich noch heute dem theuerſten, dem würdigſten Mäd⸗ chen Deine Zuſtimmung bringen, damit ſie mir das Recht gönnt, ihr jetzt, wo ſie deſſen bedarf, männlich zur Seite zu ſtehen!“ „Biſt Du wahnſinnig!“ ſtieß die Gnädige keuchend hervor, indem ſie ſich gewaltſam aus dem Arme los⸗ riß, der ſie während der letzten Worte umſchlungen. „Iſt es ſo weit mit Dir gekommen! Allmächtiger Gott, womit habe ich das verdient! Mein einziger Sohn, der Träger unſeres alten Namens, bettelt um meine Zuſtimmung, Schmach und Schande über ſein Haus zu bringen. Die Tochter eines Zuchthäuslers wird nie Dein Weib— nie, ſo lange meine Augen offen ſtehen, aberwitziger Thor!“ „Genug“, rief Erich mit fahlen Lippen—„zu viel! Du nennſt mich aberwitzig, weil ich meinem Her⸗ zen folgen will, und doch thateſt Du dereinſt das Gleiche! Um meinem Vater anzugehören, haſt Du ſelbſt Allem getrotzt—“ „Will es da hinaus?“ unterbrach ſie ihn, indem ihre hohe Geſtalt zu wachſen ſchien.„Ja, es iſt wahr, ich habe mich der Heimath entfremdet, Vater und Mut⸗ ter verlaſſen, um dem Manne meiner Wahl zu folgen. Dieſer Mann aber war mir ebenbürtig, war meiner werth, uns trennte Nichts als unverſöhnlicher Eigen⸗ 215 ſinn. Kennſt Du die Geſchichte meiner Jugend, die Du mir eben als Vorwurf zugeſchleudert, ſo wirſt Du auch wiſſen, daß die Vergeudung des eigenen Erbes durch Großvater und Vater den Deinigen allerdings dazu gebracht, unter ſchlichtem Namen als Gutsinſpec⸗ tor ſein Brod zu ſuchen.— Unehre aber laſtete nicht auf ſeinem altadeligen Geſchlecht. Ja, ich habe dem Willen meiner Eltern getrotzt, die es meinem Gatten nie vergaben, daß er mein Herz gewann, während er in niederer Stellung unſerem Hauſe zugehörte, die ihm Trug und Hinterliſt vorwarfen, ihn vorbedachter Pläne zeihten, wovon ſein edler Sinn nie geträumt. Aber ich habe dieſen Trotz ſchwer gebüßt, denn bei all unſe⸗ rer Liebe ruhte kein Segen auf unſerem Herde. Ich mußte mit anſehen, wie Deines Vaters Kraft ſich an den armſeligen Nöthigungen des Unterhaltes ſeiner Familie erſchöpfte, und bereits gebrochen war, als mir, zu ſpät für ihn! Die Heimath endlich wieder aufge⸗ than wurde. Bei jedem Kinde, das Gott mir gab, bei jedem, das er mir nahm, fiel es centnerſchwer auf mein Gewiſſen, daß uns das Beſte fehlte: Der Segen von Vater und Mutter, der den Kindern die Häuſer baut. Und nun geh' hin— und thu' deßgleichen!“ Sie barg das flammende Geſicht in beiden Händen und warf ſich wie gebrochen in einen Seſſel. 216 Erſchüttert ſank Erich an ihr nieder und drückte ſein fieberndes Haupt in ihren Schooß.„Und weil Du ſo ſchwer gelitten, und weil Du den Segen ent⸗ behrt, rufe ich Dich doppelt flehend an, gieb mir den Deinen! Ich kann Mathilde nicht laſſen; aber glücklich ſein, wenn Du Dich von mir wendeſt, kann ich eben ſo wenig! Sollen wir Alle elend werden, elend, wie Du es mir in ſo glühenden Worten geſchildert? Um des Andenkens an meinen Vater willen, den Du ſo ſehr geliebt, geſtatte mir, meiner Liebe zu folgen!“ Die Gnädige hatte längſt die Hände ſinken laſſen, ihr Antlitz ſchien ſich zu verſteinern.„Um Deines edlen Vaters willen“, entgegnete ſie kraftvoll,„wieder⸗ hole ich Dir: Nein! Der Sohn, welcher den Namen trägt, den er hoch in Ehren gehalten, wird nie dieſen Namen der Tochter des Zuchthäuslers geben, oder er hat aufgehört— mein Sohn zu ſein.“ Erich richtete ſich auf. Ein Blick auf das mar⸗ morſtarre Geſicht genügte, um die Worte zurückzu⸗ drängen, welche auf ſeiner Lippe zu ſchweben ſchienen. Er blieb ſtumm vor ihr ſtehen, dann erhob ſich ſein geſenktes Haupt.„Lebe wohl!“ ſprach er tonlos und ſchritt der Thüre zu, die mit dumpfem Klange hinter ihm ins Schloß fiel. Eine Minute lang blieb die Gnädige in gebieten⸗ 217 der Haltung unbeweglich, dann ſank die drohend er⸗ hobene Hand ſchlaff nieder, die Flammen des Auges erloſchen und bewußtlos brach die mächtige Geſtalt zu⸗ ſammen. Dritte Abtheilung. Scheiden. I Es war Dämmerzeit. Im Kalden'ſchen Hauſe herrſchte eine Stille, die dem uneingeweihten Blick als freundlichſte Ruhe hätte erſcheinen können. Die Haus⸗ frau lehnte mit geſchloſſenen Augen im Sorgenſtuhl, die müden Hände im Schooß gefaltet, und ſchien leicht zu ſchlummern. Im dunkelſten Winkel des Zimmers kauerte Thereschen, die älteſte der Kleinen, auf einem Schemel, hielt das jüngſte Schweſterchen auf dem Schooß und erzählte ihr und den beiden Andern in leiſe ſingendem Ton ein Märchen. 3 Dicht am Fenſter, durch welches vom freien Markt⸗ platz her noch einiges Licht auf das daran gerückte Tiſchchen fiel, ſaß Litta und ſchrieb. Die friſche Blüthe 219 ihrer Wangen war erblichen, doch lag der ſüßeſte Ju⸗ gendſchmelz auf den zarten, durchgeiſtigten Zügen, ſie war holder als je. Um die leicht geöffneten Lippen ſchienen ungeſprochene Worte faſt ſichtbar zu ſchweben, während ſie eifrig die Seiten füllte. Eine Thräne löſte ſich aus den geſenkten Wimpern und ſiel auf das Brief⸗ blatt; ſie achtete es nicht, als aber bald darauf die Wanduhr zum Schlagen aushob, fuhr ſie zuſammen, legte die Feder hin und blickte auf. Das Gefühl für Aeußerliches, welches im erſten neuen Schmerz erſtirbt, drängt ſich wunderſam in das dumpfe Wehgefühl angenommener Thatſachen, faſt, als gälte es, das erſtarrende Bewußtſein zu ſchärfen. Dann ſcheint Alles, was den Menſchen umgibt, ihn zu miß⸗ handeln— jeder Federſtrich hallt wieder, das Knarren eines Fenſterladens wird zum Schrei, das Gurren einer Taube zur Todtenklage. Litta ſah um ſich. Die tiefe Stille im Zimmer, die regungsloſe Geſtalt der Mutter, die flüſternde, kaum im Umriß erkennbare Gruppe der, ſonſt ſo lärmenden, in dieſem Augenblick gleichſam ſcheu zuſammengekauer⸗ ten Schweſterchen fiel mit einer Gewalt auf ihr Herz, daß ſie den Kopf auf den Tiſch ſinken ließ und bitter⸗ lich zu weinen begann. Ein Klopfen an der Thür ließ ſie in die Höh 220 fahren, und zugleich ſchreckte Frau Kalden aus ihrem Halbſchlummer auf. Litta wiſchte ſich haſtig die Thrä⸗ nen von der Wange und rief:„Herein!“ während ſie ſich der Thür näherte. Sekretär Bacher trat ein. Das junge Mädchen prallte mit einem Ausdruck zurück, der ihr Geſicht nur wie ein Funke durchzuckte, dem Ankömmling aber nicht entging. Während er ſich vor ihr verbeugte, traf ſie ein ſtechender Blick; dann wandte er ſich Frau Kalden zu, die ihm mit einem Freuderuf beide Hände entgegenſtreckte. „Da ſind Sie, endlich ſind Sie da!“ ſchluchzte ſie auf.„Nun wird Alles gut werden— mit Ihrer Hülfe findet ſich gewiß die Spur des Schurken, der uns ſo elend gemacht, auf Sie allein habe ich gehofft im troſtloſen Dunkel dieſer Leidenstage!“ Bacher zuckte die Achſeln.„Sie verkennen die Sachlage, Frau Rentmeiſter“, ſagte er ablehnend.„Ich ſelbſt bin ja durch dieſen unſeligen Vorfall ebenſo gra⸗ virt, wie Ihr Herr Gemahl, und wäre froh, wenn Aufklärungen in Ausſicht ſtänden! Um Ermittelungen anzuſtellen, müßte ich aber auf freiem Fuße ſein! Tele⸗ graphiſch einberufen habe ich meine Reiſe in Beglei⸗ tung einer Gerichtsperſon zurückgelegt, und in gleicher Geſellſchaft Ihr Haus betreten, weil die Herren es für gut befanden, Vernehmung und Protokoll im Amts⸗ 22* lokal vor ſich gehen zu laſſen. Ihrem brieflichen Wunſche gemäß erbat und erhielt ich die Genehmigung, Sie zu beſuchen. Dort wartet mein Geleitsmann im Neben⸗ zimmer und geſtattet nur kurze Friſt. Kaum wüßte ich Ihnen übrigens nützlich zu ſein.“ „Bacher!“ rief die unglückliche Frau, erſtarrt durch ſeinen eiſigen Ton,„wollen auch Sie uns verlaſſen! Und doch beruht meines Mannes Rettung einzig auf Ihrem Scharfſinn, Ihrer genauen Kenntniß der Ver⸗ hältniſſe. Das Kalden einer Chrloſigkeit ſo unfähig iſt, als Sie ſelbſt, wiſſen Sie. Weshalb weiſen Sie mich ſo zurück? Wie oft haben Sie Kalden und mich Ihrer unbedingten Ergebenheit verſichert! Wir betrach⸗ teten Sie wie einen Sohn des Hauſes.“ In des Mannes Auge blitzte es jählings auf. „Und als ich den Anſpruch erhob, wirklich der Sohn des Hauſes werden zu wollen, nachdem mir ein an⸗ ſtändiges Erbe die Gründung eigenen Hausſtandes er⸗ laubte, wie bin ich da aufgenommen worden? Haben Sie die Abweiſung, welche mir Ihre Fräulein Tochter ſo unverblümt zu Theil werden ließ, etwa neutraliſirt? Keineswegs! Sie ſtellten ſich ſogar gegen mich, hatten ſich von dem Augenblicke an gegen mich geſtellt, wo Sie Ihrer Tochter einen Verkehr geſtattet, gegen den ich umſonſt Einſprache gethan. Allerdings war es von 222 mir lächerliche Anmaßung, mit dem Freiherrn von Gotzlow rivaliſiren zu wollen.“ Sein Auge ſchweifte düſter aufglühend zu Litta, die während der letzten Worte haſtig zu den Kleinen getreten war. Die Kinder hatten ihr Märchen unter⸗ brochen, um mit vorgeſtreckten Köpfen zuzuhorchen, ließen ſich aber willig von der Schweſter hinwegführen. Ehe das junge Mädchen die Thürſchwelle überſchritt, warf ſie einen verachtenden Blick auf Bacher zurück, erblaßte aber, als ſie dem ſeinigen begegnete. Als ſie mit der brennenden Lampe zurückkehrte und ſich im Hintergrunde des Zimmers leiſe niederließ, hörte ſie den Sekretär in geſchäftsmäßigem Tone u ihrer Mutter ſagen:„Wenn ich mich nach dem, privatim zwiſchen uns Vorgefallenen auf meine beſcheidene Stellung zu⸗ rückziehe, glaube ich durchaus zu thun, was von mir erwartet worden, und in Betreff dieſer Dienſtleiſtung weiß ich mich von jedem Vorwurf frei. Daß ich in Folge neueſter Vorfälle verhaftet, mein ehrlicher Name in Unterſuchung gezogen, meine noch unerledigte Erb⸗ ſchaftsangelegenheit in Unordnung gebracht wurde, ſcheint mir nicht dazu angethan, um mich in dem, Hauſe, von woher mir dies Alles kommt, darüber recht⸗ fertigen zu müſſen.“ „Wer ſpricht von Rechtfertigung!“ rief Clara Kal⸗ 223 den faſſungslos.„Nur Aufklärung, nur Fingerzeige erhoffte ich durch Sie, und dieſe zu geben kann perſön⸗ lich verletztes Gefühl Sie um ſo weniger abhalten, als Sie ſelbſt betheiligt ſind. Sie waren mit allen An⸗ gelegenheiten Kalden's vertraut, Ihnen muß bekannt ſein, zu welcher Zeit die Gelder noch vorhanden waren, wer jenen Unglücksbrief an meinen Mann gerichtet haben kann, der ihn ſo ſehr gravirt!“ „Mir, Frau Rentmeiſter?“ ſagte er kühl.„Sie vergeſſen ganz meine untergeordnete Stellung, die glück⸗ licher Weiſe den Gerichten genau bekannt iſt. Was hätte ich je mit den Geldern zu thun gehabt? Was könnte ich von den Privatangelegenheiten meines Chefs wiſſen? Meine Obliegenheiten beſchränken ſich darauf, zu Papier zu bringen, was mir diktirt wird, und Rech⸗ nungsberichte zuſammenzuſtellen, deren Controle dem Herrn Rentmeiſter zuſteht. Ich trage demnach weder eine Verantwortung, noch bin ich in der Lage, irgend einen Aufſchluß zu geben.“ Er verbeugte ſich ſteif, trat einige Schritte vorwärts, um ſich auch vor Litta tief zu verneigen, und verließ das Zimmer mit einem ent⸗ ſchuldigenden Fingerzeig auf den wartenden Beamten nebenan. Die Tritte beider Männer hallten über die Treppe, ein Stimmengemurmel im Erdgeſchoß zeigte die Gegenwart mehrerer Perſonen an, dann 224 klang die Hausthür und Alles war todtenſtill, wie zuvor. Litta eilte zu ihrer Mutter hin, die regungslos auf derſelben Stelle blieb, wo ſie Bacher's letzte Worte angehört.„Hatte ich nun Recht!“ rief das junge Mäd⸗ chen flammend,„haſt Du ihn jetzt erkannt, dieſen nie⸗ drigen Schleicher, an den ihr ſo feſt geglaubt! Daß Du auf ihn umſonſt gehofft, wußte ich ſo ſicher, als daß ich lebe!“ Clara wandte ihrer Tochter den Kopf mit einem Ausdruck zu, als hätte ſie von dieſem Ausbruch glühen⸗ den Unwillens keine Silbe verſtanden, als kehrte ihre Seele aus weiten Fernen zurück, wo ſie Grauenhaftes erſchaut. Ihre Hände ſanken ſchlaff an ihr nieder, ein Murmeln ging über die ſchreckensbleichen Lippen, doch dauerte es Minuten, bis es ſich zu verſtändlichen Wor⸗ ten formte:„Was war das?— Er läugnet, daß Alles durch ſeine Hände ging!“ Sie preßte ihre zitternden Finger vor beide Augen, als wollte ſie dieſelben allzu grellem Lichte verſchließen und ſtöhnte:„Barmherziger Gott, bewahre mein Herz vor argen Gedanken!“ Tief erſchrocken kniete Litta vor der Mutter nie⸗ der und küßte ihr leidenſchaftlich die Hände.„Beruhige Dich! Mein Vater iſt nicht ſchuldig, keine Feigheit, keine Bosheit kann aus Recht Unrecht machen! Muth, 225 liebſte Mutter, Du warſt uns immer Halt und Stiütze, es lebt ein Gott im Himmel, wenn es in uns, wenn es um uns am dunkelſten iſt, finden wir ihn näher als im Lichte, das habe ich in dieſen Schmerzenstagen tief erkannt!“ Clara zog ihr Kind zu ſich auf und küßte die reine Stirne.„Ich danke Dir!“ ſagte ſie gelaſſen.„Du haſt doppeltes Recht, mich zu mahnen, wie die Chriſtin tragen ſoll, denn auf Deinem jungen Herzen laſtet mehr, als auf uns Allen! Nein— nicht mehr, Litta!“ rief ſie und barg das ſchwere Haupt an der Tochter Bruſt—„Deine Schmerzen ſind auch die meinen, der Jugend und des Alters Leid glühen und fröſteln zu⸗ gleich durch meine Seele!— Wie Gott will.— Er, der uns durch die dunkle Erde hilft, wenn wir aus⸗ geathmet, kann auch durch die dunkle Gegenwart hel⸗ fen!— Gäbe es nur nicht ſo viel Unerklärliches! Be⸗ ſtehlung einer Kaſſe mag öfters vorkommen, von Un⸗ terſchlagung, falſcher Buchführung habe ich ſchon ge⸗ hört. Wie es aber möglich werden konnte, all' dieſe Geldrollen aus der Kaſſe zu entführen und mit anderen zu erſetzen, deren Siegel ganz correct ſind— wer jenen perfiden Dankesbrief geſchrieben, von dem Nichts zu wiſſen Dein Vater hoch und heilig betheuert, das faſſe ich nicht! Wer hat das Geld genommen? Wer konnte Godin, Frauenliebe und Leben II. 15 226 davon wiſſen und die anonyme Anzeige machen, in Folge deren die Rollen bei der letzten Reviſion geöffnet und gefälſcht erfunden wurden? Mein Geiſt verwirrt ſich, wenn ich darüber grüble, wie ſchon ſo tauſend⸗ mal!— Laß' uns auf Anderes kommen—“ ihr trü⸗ bes Auge ſchweifte durch's Zimmer.„Du haſt ge⸗ ſchrieben?“ „An Onkel Oſterfeld“, ſagte Litta beklommen. „Du äußerteſt heute, es müßte geſchehen, und es fiel Dir ſo ſchwer. Willſt Du die Blätter durchſehen? Viel⸗ leicht fügſt Du den Schluß bei, oder haſt mir noch einen Auftrag zu geben.“ „Mein Bruder! Gib Deinen Brief, Litta, ich danke Dir, daß Du mir erſpart haſt, ihn abzufaſſen. Ja! wir haben es erleben müſſen, und nun muß es erzählt werden.“ Litta reichte ihr die gefüllten Bogen, ſtellte das Schreibzeug ſtill auf den Sophatiſch, und zog ſich zu⸗ rück, nachdem ihre Mutter aufmerkſam geleſen und dann ſelbſt zur Feder griff. II. Der Juni neigte ſich dem Ende zu. Heiße Tage, deren glühender Athem ſelbſt das nahe Meer nicht zu 227 kühlen vermochte, brüteten über Stadt und Land. Nur in den früheſten Morgenſtunden, wo eder köſtliche Reiz des Sommers ſich mit erfriſchenden Lüften vereinte, war der Aufenthalt im Freien wirklicher Genuß. Litta kehrte erfriſcht vom Seebade zurück, das ihr ein momentanes Vollgefühl von Jugend und Wohlſein hinterlaſſen. Die blaue, ſpiegelglatte See, welche die Glieder ſo wonnig umſchmeichelt, der lichte Himmel, der ſich wie eine Glocke über der ſtillen Meerenge wölbt, das kleine Inſeldorf, am grünen Ufer der langhinge⸗ ſtreckten Küſte ruhend, die fröhliche Kinderſchaar, die noch ſo gern vor Beginn der Schule ihren Nixenreigen ausführt— Alles hatte ſich vereint, das junge Herz raſcher ſchlagen zu laſſen, als dies unter der Bürde dieſer letzten Monate je der Fall geweſen. Mit leichtem Schritte wanderte ſie nun heimwärts durch die Anlagen der Brunnenau, und zögerte da und dort, um den Duft der reichblühenden Blumen⸗Parterre's, den hundertſtim⸗ migen Geſang der Vögel voll zu genießen. Keine lebende Seele war außer ihr auf den gepflegten Pfaden zu ſehen; noch hielt Bequemlichkeit oder Geſchäftigkeit die Stadtbewohner in ihren Häuſern. Eine Nachtigall ſchlug. Die ſüßen Töne feſſelten Ohr und Sinn der Einſamen; ihnen zu lauſchen, ließ ſie ſich in einer der grünen Lauben nieder und träumte—— Freund⸗ 15 228 liches wohl, denn ein Lächeln glitt über die ſinnenden Züge. Der Platz, welchen ſie ſich zur Raſt erwählt, war in der That dazu geſchaffen, lichte Phantaſieen herauf zu beſchwören. In ſeiner Mitte ſchimmerte ein köſtlich grüner Raſenplatz, als deſſen Kern ſich ein Beet hoch⸗ ſtämmiger Roſen in voller Blüthenpracht erhob. Jeder leiſeſte Windhauch trug einen Strom von Duft über den Raum hin. Zwiſchen den Birken, Akazien und Platanen, welche ſich hier zu dichten Gruppen ver⸗ einten, dort für einen hell ſchimmernden Pfad öffneten, blühten Ziergewächſe, deren federartige Blumenbüſchel wie Guirlanden niederhingen. Die Nachtigall ſchlug. Und herzergreifender noch als ihr Jauchzen und Klagen ſchlug plötzlich ein tief vertrauter Klang an des Mädchens Ohr:„Mathilde!“ Litta fuhr aus ihrer Verſunkenheit empor, ein Strahl unermeßlichen Glückes ging in dem feuchten Auge auf, das Bild ihrer Träume war lebendig ge⸗ worden! Erich erfaßte ihre beiden Händen. Was wuß⸗ ten die jungen Herzen in dieſem glückſeligen Augenblick von Welt und Geſchick— ſie empfanden nur Eins! daß ſie einander ſeit Ewigkeiten nur von ferne erblickt, daß ſie beiſammen waren, daß ſie einander zugehörten mit jedem Herzſchlag, jedem Athemzuge! Zu fragen⸗ 229 welcher glückliche Zufall ſie zuſammengeführt, kam ihnen nicht in den Sinn Erich ſetzte ſich freudeſtrahlend an ihre Seite, ſie blickten ſich an, ſprachen auch wohl,— was, das mochte die Nachtigall im Fliederbuſch beſſer wiſſen als ſie. Für Beide war dieſer Moment nur die Wie⸗ derholung alter, ſeliger Zeiten, wo ſie ebenſo nebenein⸗ der geſeſſen, wo ſelbſt Zeugen ihres Glückes keine Störung bedeuteten, weil ſie einfach von ihnen ver⸗ geſſen wurden, Zeiten, wo jeder Zlick, jedes Lächeln, das inhaltsloſeſte Wort nur immer die gleiche Bedeu⸗ tung hatte: ich bin Dein! die unvergänglichen Zeiten junger Liebe. Aber der Menſch erträgt den Himmel nicht. Bald genug kam die Frage:„Wie war es Dir möglich, mich ſo lange von Dir zu weiſen?“ Litta fuhr zuſammen, unwillkürlich entzog ſie ihre Hand der ſeinen. Die Wirklichkeit ſtürzte über ſie her⸗ ein.„Woran mahnſt Du mich!“ athmete ſie bang. „An Dein Wort mahne ich Dich, Mathilde, das Du mir in heiliger Stunde gegeben, an Deine Liebe, welche Du kein Recht haſt, mir wieder zu nehmen. Seit langen Wochen entziehſt Du Dich mir, die Ferne, welche Du zwiſchen uns geſchaffen, könnte nicht größer ſein, wenn hunderte von Meilen uns trennten. Deine Mutter hat mir verwehrt, Euer Haus zu betreten, 230 ſogar meine Briefe erhielt ich uneröffnet zurück, und was habe ich gethan, um ſolche Behandlung zu ver⸗ dienen? Sprich mir nicht von Eurer gegenwärtigen Lage! Ich hatte bereits vorher um Dich geworben, und weigerten ſich Deine Eltern auch, ihre Zuſtimmung zu geben, ehe ich ſie der meiner Mutter verſichern konnte, ſo gab mir dieſe Bedingung ſelbſt ein Anrecht auf Dich. Du theilteſt meine Hoffnungen, meine Wünſche, damals trennte Dich keine unnatürliche Ueberzartheit von mir! Und jetzt forderſt Du, daß wir uns laſſen ſollen, weil etwas vorgegangen, das in uns Beiden keinerlei Wechſel erzeugt, das Dich im Gegentheil feſter als je an mich ketten müßte, wenn Du mich wirklich für den ehrenvollen Charakter anerkennſt, dem ein Mädchen ſeine Zukunft vertrauen darf. Hältſt Du dies für großmüthig, Mathilde, dann urtheilſt Du falſch— ich kann es nur für kränkend halten.“ „Großmüthig?“ wiederholte Litta, die traurigen Augen voll auf ihn gerichtet.„Erich, biſt Du's, mit ſolchem Vorwurf! Ach, wozu hundertfach wiederholen, was ich, was meine Mutter Dir in jenen Unglücks⸗ tagen ausgeſprochen— ich rufe Dir nur Eines zurück! Denke der Stunde, wo Du zum erſten Mal von Gotz⸗ low zurückkehrteſt, und mir nicht geläugnet haſt, daß Du Nichts erreicht, denke der Frage, welche Du damals an mich gerichtet, ob ich Willens ſei, zu warten! Da ſprachſt Du es aus, welche Liebe zwiſchen Dir und Deiner Mutter beſteht, hierauf allein gründete ſich Deine Hoffnung, ihren Widerſtand mit der Zeit zu beſiegen, und wie gern theilte ich Deinen Glauben, daß Liebe jedes Vorurtheil überwindet. Jetzt gibt es aber kein Vorurtheil mehr, Erich, es gibt Unmöglichkeiten! Oder glaubſt Du noch, daß eine Zeit kommen wird, wo Deine Mutter unſeren Bund ſegnet? Gib mir Wahr⸗ heit!“ Ihr Auge drang tief, unergründlich tief in das ſeine. Schwer athmend erwiderte er:„Nein.“ Es laſtete auf Beiden wie Gewitterſchwüle. Dann brach Erich aus:„Wohl! ich habe zu wählen zwiſchen meiner Mutter und meinem Weibe, und dieſe Wahl iſt vollzogen, ſeit mein Fuß Gotzlow zuletzt betrat. Ich bin ein freier Mann— kann ich Dir nun auch kein glänzendes, ſo darf ich Dir doch ein geſichertes Loos bieten, Niemand und Nichts ſteht zwiſchen uns, als einzig Dein Wille!“ „Und verſagter Segen!“ rief Litta erſchauernd. „Nie darf ich, nie will ich die Deine werden, es wäre Frevel, Dich für ewig von Heimath und Familie zu ſcheiden! Du ſelbſt haſt mir aufgethan, was Mutter und Schweſter Dir ſind. Groll geht vorüber, Unſegen und Elend nie! Dein Herz kann der Kindestreue nicht vergeſſen, es wird ſich ewig heimſehnen, und ich ſollte mit ſolcher Verſchuldung an Deiner Seite glücklich ſein! Erich, jeder Schatten auf Deiner Stirn, jeder verän⸗ derte Laut Deiner Stimme müßte mir Vorwurf be⸗ deuten— es darf nicht ſein! Deine Mutter kann nicht anderen Sinnes werden, wie es auch enden mag, unſer Name bleibt beſcholten, und es iſt nicht allein ihr Recht, es iſt ihre Standespflicht, ſolchen Namen dem eigenen hochgeſtellten Geſchlechte fern zu halten. Laß ab, mein Herz zu quälen, ich bitte Dich! Nimm Dank für jeden glückſeligen Augenblick— Du haſt mich gelehrt, was Lieben ſei, o Gott! ich lehrte Dich dafür, was Leiden heißt!“ „Ja, Du lehrſt es mich!“ rief Erich außer ſich. „Wenn ich mit Dir nicht leben ſoll, hilft mir Deine Liebe ſo wenig, als die Liebe einer Todten! Muß ich Dich verlieren, ſo fließt jedes Glück, das Du mir ge⸗ geben, und jedes Glück, das ich von Dir erwartet, in denſelben Schmerz zuſammen. Alles, was mir theuer war, habe ich um Deinetwillen von mir geworfen, und Du— gibſt mich auf!“ 3 Litta wurde todtenblaß.„Ich habe Gott und mir ſelbſt gelobt, bei Allem, was heilig iſt, daß ich ohne den Segen Deiner Mutter nie Dein Weib werde“, 233 ſagte ſie mit brechender Stimme, und erhob ſich wie zur Flucht. Plötzlich wandte ſie den Kopf zurück, neigte ſich über ihn, und küßte ihre ganze Seele auf ſeine Lippen. Er preßte ſie feſt an ſein ſtürmiſch klopfendes Herz.„Du biſt mein!“ Litta löſte ſich mit ſanfter Gewalt aus ſeinen Armen.„Wir ſehen uns niemals wieder— Lebe wohl!“ Er ließ ſie augenblicklich frei und trat zurück. „Du liebſt mich nicht!!“ Die lieben, ſchönen Augen blickten mit eigenthüm⸗ lichem Ausdruck auf ſein finſteres Geſicht. Sie zögerte ſchweigend. Dann winkte ſie mit der Hand und eilte hinweg, ohne noch einmal umzublicken. Erich ſah ihr unbeweglich nach, bis die lichte Ge⸗ ſtalt zwiſchen den Laubgängen verſchwand. Auch nicht die leiſeſte Regung trieb ihn in dieſem Augenblick, ihr zu folgen. Er ſaß mit verſchränkten Armen auf der⸗ ſelben Stelle, die Litta vor wenigen Minuten neben ihm eingenommen, und ſtreifte achtlos ein Blatt nach dem andern von den Zweigen der Laube ab. Unſäg⸗ liche Bitterkeit gährte in ihm. Sein Auge glitt zer⸗ ſtreut über das Blumenbeet, und wandte ſich ab, als quälte ihn der Anblick der lachenden Roſen. Die Welt ſah ihn mit all ihrer Sommerpracht ſo ausgeſtorben an! Es gab keine Stätte mehr, wo er daheim war. 234 Die letzten Worte, welche er mit ſeiner Mutter gewech⸗ ſelt, klafften zwiſchen ihm und dem Vaterhauſe wie ein gähnender Riß, und ſie, um deren Liebe willen er mit Allem gebrochen, gab ihn auf. Er fühlte ſich ſchaurig allein. Das treue Auge der Schweſter blickte ihn an— ja, dies Herz blieb ſein, aber dieſelbe Mauer, die ihn von der Heimath ſchied, trennte ihn zugleich von Paula. Er wollte ſeiner Mutter, konnte ſeiner Schweſter nicht begegnen, ſelbſt ihr zu ſchreiben hatte er ſich ſeitdem nicht überwinden können, jede Erinnerung an Gotzlow riß brennende Wunden auf. Und das Alles um ein Phantom! Sein Herz ward kalt und öde. Es vermochte nicht an eine Liebe zu glauben, die ſich ihm entzog, an eine Treue, die ihn einſam ließ.— Fahre hin! Unmögliches war verſun— ken, es galt, damit fertig zu werden, Litta's Verlangen ſollte ſich ihr erfüllen, ſie ſollte ihn nach dieſer Stunde niemals wiederſehen. Fort aus einer Umgebung, wo Alles ihn an Verluſte mahnte— dies allein war noch eines Wunſches werth. Nach einigen in quälendſter Stimmung verlebten Tagen beſuchte Erich den Regierungspräſidenten, um von dem, ihm wohlgewogenen Chef vierzehntägigen Urlaub zu einer Reiſe nach Berlin zu erbitten. Im Getriebe der Hauptſtadt, unter den dortigen zahlreichen 235 Bekannten hoffte er ſeinen unerträglichen Zuſtand vor⸗ erſt zu betäuben. Sein Geſuch wurde freundlich ge⸗ währt, und er benutzte den Anlaß, um zugleich die Zuſage baldiger Verſetzung in Erinnerung zu bringen. Das Ziſchen der Lokomotive drang durch die ſchwüle Mittagsluft. Als der Pfiff ſchrillte und der Zug, der Erich in die Ferne führte, dahin brauſte, ward ihm, als ſei die Bürde gelüftet, welche ihn wäh⸗ rend der letzten Tage bis zum Erſticken bedrückt. Er blickte den duftigen Ringen nach, worin der nebenher⸗ ziehende Dampf ſo ätheriſch vorſchwebte, als ſei die gewaltige Kraft nur da, um leichte Arabesken in's Himmelsblau zu zeichnen. So verſchwebte Glück und Hoffen, ſo die ganze Kraft ſeiner Leidenſchaft.— Vorüber! Vierte Abtheilung. Bewegte Zeiten. I. Auf den Marken von Gotzlow herrſchte tiefe Stille. Allerdings war die Erntezeit bereits vorüber, und die Zahl der Gutsinſaſſen bedeutend gelichtet. Alle rüſtigen Männer ſtanden unter den Fahnen gegen den Erbfeind, der den deutſchen König, die deutſche Nation in den plötzlichſten, heißeſten Krieg hineingedrängt hatte. Auch der Inſpektor des Stammgutes war deur Rufe zu den Waffen gefolgt; nur mit Schwierigkeit konnten die unentbehrlichſten Arbeitskräfte aufgetrieben werden. Trotz alldem trug die Lautloſigkeit, welche dem Schloſſe zunächſt fühlbar ward, einen auffallenden Charakter. Inmitten des Hofes ſtand Servaz, unter deſſen Weiſung zwei Mägde die Strohſchicht, welche den ganzen Boden dicht bedeckte, in die Ecken kehrten und mit friſch geſtreuten Halmen erneuerten. Das magere Geſicht des Alten war noch kantiger, die ſcharfen Kreis⸗ linien um ſeinen Mund noch tiefer geworden. Mit untergeſchlagenen Armen ſtand er da, und ſah den Geſchäftigen mürriſch zu, bis ein luſtiges Pfeifen hin⸗ ter ſeinem Rücken ihn erboſt herum und auf einen blutjungen Burſchen zufahren ließ, der in ſtaubigem Kittel, eine Poſttaſche über der Schulter und den roth⸗ gelben Streif an der Mütze, zum Thor herein ſchlen⸗ derte.„Willſt Du wohl das Maul halten!“ fuhr er ihn an. „Nanu, Herr Servaz! Nichts für ungut, aber in friſcher Luft wird Einer doch noch pfeifen dürfen? Die Vögel ſind auch ſo frei. Meint Ihr, es wäre von ſelbſt ein Plaiſir, zu Euch herauszutraben, noch dazu eines einzigen Briefes wegen?“ „Grünſchnabel,“ brummte der Alte unwirſch, „wird auch extra bezahlt, ſeit wir das Poſtzeug nicht mehr abholen laſſen. Schwatze nicht lang und gib den Brief.— Jetzt ſoll aber der Zlitz einſchlagen! Dummkopf, warum ſagſt Du nicht gleich, daß Du einen Feldbrief haſt! Na, der Nachwuchs heut zu Tage! Deinem Alten wäre ſo'was nicht paſſirt. Sitz nieder, vielleicht gibt's Rückfracht. Gretel einen Schnaps 238 „ für den Jungen!“ Damit ſtiefelte er bereits dem Schloſſe ſo eilig zu, als ihm ſeine ſteifen Knochen vergönnten, und hielt den Brief empor wie eine Trophäe. Der Poſtbote ſah ihm lachend nach, während er der winkenden Magd in die Küche folgte.„Ein ko⸗ miſcher Kauz, Euer Livrèe“, ſagte er,„ſteif wie ein Korporal! Der paßt zu ſeiner Herrſchaft, als wenn er apart für ſie geſchnitzt wäre. Ich hab' zwar die Gnä⸗ dige immer nur von fern geſehen, aber gewaltig ſchaut ſie drein, wie eine Kaiſerin, das muß man ihr laſſen!“ „Jetzt nicht mehr halb ſo wie ſonſt“, meinte die Dirne, indem ſie ihm einſchenkte.„Seitdem unſer Fräulein ſo ſterbenskrank und der junge Herr im Krieg, iſt die Gnädige nicht mehr zu kennen.“ „Ei was, im Krieg ſind viele junge Herren! Wär' auch gern mitgegangen, aber mein Alter leidet's nicht, weil wir ſchon Zweie dabei haben. Der älteſte Bruder iſt ſchon Sergeant bei den Gardejägern.“ „Ei, bei denen ſteht ja auch unſer Baron Erich als Landwehroffizier! Gewiß wär's der Gnädigen und dem Fräulein nicht ſo arg zu Herzen gegangen, wenn ſie wenigſtens hätten Abſchied nehmen dürfen. Aber der junge Herr war gerade in Berlin, als es los⸗- ging, da konnte er gar nicht mehr heim kommen, und mußte gleich mit ſeinem Regiment fortmarſchiren.“— 239 Die Küchenthüre fuhr mit Geräuſch auf und Ser⸗ vaz ſteckte ſein hochgeröthetes Geſicht herein.„Der Poſtjunge ſoll warten, bis ein Brief fertig iſt. Und Punkt drei Uhr ſammelt ſich das Hofgeſinde im gro⸗ ßen Saal!“ Während die Thüre faſt augenblicklich wieder zu⸗ klappte, ſchoſſen zwei, am Herde beſchäftigte Mägde in den Vordergrund und riefen durcheinander:„Haſt gehört, Gretel? im großen Saal! Herr Du meine Güte, die Gnädige hält Gerichtstag!“ „Gerichtstag?“ fragte der Briefbote verblüfft; „hat ſie denn einen Prozeß?“ „Wenn's weiter nichts wäre,“ kreiſchte die dicke Köchin, indem ſie den hölzernen Löffel ſchwang und in allen Ecken herumfuhr, puſtete, keuchte, am Blech⸗ geſchirr raſſelte, Töpfe rückte und ſämmtliche Schubla⸗ den und Schrankthüren aufriß, worin ihre Genoſſin ihr getreulich beiſtand. Auch Gretel hatte den Brod⸗ laib, wovon ſie eben dem Küchengaſt abgeſchnitten, eiligſt auf den Tiſch gelegt, und war im Begriff hin⸗ auszurennen, als der Burſche ſie am Schürzenzipfel feſthielt und rief:„Seid Ihr denn Alle zuſammen när⸗ riſch geworden! Was iſt denn los?“ „Gerichtstag iſt los, und jetzt laßt mich ſelber los, denn ich muß in meinen Hühnerhof!“ 240 „Nicht eher, als Ihr mir explizirt, was Euch der Alten ihre Prozeſſe angehen!“ „Ach was, Prozeß! Wir nennen's nur ſo— bei uns iſt Brauch, und der ſelige Herr ſoll es noch ſelber eingeführt haben, daß alle vier Wochen die Gutsleute im großen Saal antreten müſſen. Dann berichtet der Herr Inſpektor, was auf dem Gute geſchafft worden iſt, und die Gnädige befiehlt, was demnächſt geſchehen ſoll, und dann hält ſie Gericht ab. Wer was ver⸗ ſäumt hat, wird abgekanzelt vor Gott und der Welt, hat Einer aber gar'was angeſtiftet, ſo wird er abge⸗ ſtraft mit Lohnabzügen, nnd die kommen in die Leute⸗ Sparkaſſe. Denn der Monatslohn iſt an dem Tage immer ausgezahlt worden, und wer ſich beſonders gut führt, bekommt da wohl auch einen Thaler zu. Seit all die Mannsleute fort ſind und der Inſpektor auch, hat aber die Gnädige keinen Gerichtstag mehr abgehalten. O je, o je, und jetzt kommt ſie auf ein⸗ mal zu dem Einfall, wo kein Menſch uud keine Seele daran denkt! Diesmal wird's hergehen, wie beim jüng⸗ ſten Gericht! Laßt mich los, Anton, und lacht nicht ſo dumm. Heut guckt unſere Frau in alle Ecken, ſicher⸗ lich viſitirt ſie ſchon herum, und ich habe wegen dem alten Stroh noch nicht einmal die Neſter ausgeleert!“ Als der Uebermüthige lachend den Kopf ſchüttelte, 241 löſte die Dirne flink ihr Schürzenband und rannte da⸗ von, während er ihr die Schürze nachſchwang, wie einen Wimpel. Die große Mär verbreitete ſich raſch, nachdem das Läuten der Hofglocke die Gutsangehörigen zu Mittag gerufen, und mit dem Schlage Drei füllte ſich der, mit Cichenholz getäfelte, etwas düſtere Familienſaal. Frauen und Mädchen bildeten die Mehrzahl, doch fehlte es auch nicht an Männern, da in den zahlreichen Höfen und Kathen, welche zu Gotzlow gehörten, Mancher zurückgeblieben war, den die Commiſſion vom Waffen⸗ handwerk losgeſprochen. Die Leute erſchienen im Sonntagsſtaat. In ihren geſpannten Geſichtern war eine Unterbrechung der All⸗ tagsgedanken deutlich zu leſen. Während ſich Männer und Weiber getrennt den entgegengeſetzten Wänden ent⸗ lang aufſtellten, wurde in den Gruppen emſig geflü⸗ ſtert, bis der alte Servaz den Kopf hereinſteckte, die Anweſenden überſchaute und dann die beiden Flügel der Mittelthüre weit aufthat. Tiefſte Stille entſtand augenblicklich und es ging wie ein plötzlicher Ruck durch die Verſammelten. Aller Augen wandten ſich zugleich nach dem Eingang, neben welchem der greiſe Diener mit einer Miene ſtehen geblieben war, die Außerordent⸗ liches ſo deutlich ankündigte, wie es der Trommel Godin, Frauenliebe und Leben. II. 16 242 eines Ausrufers nicht beſſer möglich geweſen wäre. Ein heller Sonnenſtrahl drang durch die alterthüm⸗ lichen Fenſter, warf einen Lichtſtreifen auf die einge⸗ legten Dielen und hob zugleich die Geſtalt der eben eintretenden Gnädigen ſcharf hervor.. Sie ſchritt, ohne rechts noch links zu blicken, ge⸗ meſſen durch den, keineswegs hohen, aber ſehr weiten Saal einem geſchnitzten Armſtuhl zu, der auf breiter Eſtrade ſtand. Das lebensgroße Portrait eines ſchlan⸗ ken Mannes mit feinen, etwas leidenden Zügen hing oberhalb dieſes Seſſels in der Mitte der Hauptwand, und bildete gleichſam den Mittelpunkt einer Reihe von Ahnenbildern, die ringsum aus ſchweren Rahmen nie⸗ derſahen und durch ihre Trachten bis in längſt ver⸗ gangene Jahrhunderte zurückwieſen. Der Familienzug, welcher ſich noch in dem ſtrengen Geſichte des Vaters der gegenwärtigen Beſitzerin ſtark ausprägte, fehlte dem Mittelbilde ganz, wiederholte ſich dagegen um ſo kräftiger in dem ſtolzen Antlitz der Gnädigen, als ſie nun hochaufgerichtet vor dem Seſſel ſtehen blieb unnd ihren Adlerblick auf die Verſammelten heftete. Das lange Schleppkleid von ſchwerem Atlas und der, ihr nach dem böhmiſchen Kriege geſpendete Louiſenorden auf der Schulter hoben die Würde ihrer impoſanten G⸗ ſtalt. Obgleich die Locken an ihren Schläfen während 243 der letzten Monate ſilberweiß geworden, zeigte doch die kräftig gewölbte Stirn nicht eine Falte. Sie hob die Rechte, als wollte ſie ein Schweigen gebieten, das bereits bis zur Athemloſigkeit im ganzen weiten Raume herrſchte, und begann nun mit klingender Stimme alſo: „Ich habe Euch verſammelt, und es freut mich, daß Keiner von Euch fehlt. Denn ich will Euch Glück und hohe Ehre verkünden, die meinem Hauſe zu Theil geworden. Seine Majeſtät, unſer allergnädigſter Kö⸗ nig, den der allmächtige Gott ſegnen und behüten möge, hat meinem Sohne Erich, Eurem jungen Herrn, für ſein tapferes Verhalten in der Schlacht bei Grave⸗ lotte das eiſerne Kreuz in Gnaden zuerkannt, und unſer Kronprinz ſelbſt hat es ihm anzuheften geruht.“ Eine Sekunde— dann ging ein wachſendes Mur⸗ meln durch die Gruppen, wie das beginnende Rauſchen der Fluth, und gipfelte in lautem Jubelruf, nachdem der Oberknecht, ein alter, gedienter Soldat, dazu mit kräftigem Hurrah! den Anſtoß gegeben. Die Leute drängten ſich untereinander, ſteckten die Köpfe zuſammen, und nach kurzen Augenblicken trat der Aelteſte unter ihnen vor und ſagte treuherzig:„Wir wünſchen Ihnen Glück, gnädigſte Frau Baronin, und freuen uns alle⸗ ſammt der hohen Ehre für unſern jungen Herrn. Ach 16* 244 Gott, hätte doch nur der Herr Barou dieſen Tag er⸗ leben dürfen!“ Während er zu dem Bilde hinaufzeigte, das über dem Haupte der Gnädigen niederblickte, zog ein Schatten über ihr leuchtendes Geſicht. Sie ſchwieg einen Moment und ſagte dann tiefernſt:„Was Gott thut, das iſt wohlgethan!—— Für heute habt Ihr Alle Feierabend; nächſten Sonntag ſollt Ihr auf dem Vorwerke bewirthet werden, Jeder mag ſeine Angehö⸗ rigen dorthin mitbringen zu Mahlzeit und Tanz. Wäre meine Tochter nicht krank, ſo würde ich Euch hierher auf den Hof laden, doch komme ich jedenfalls hinaus, um mit Euch fröhlich zu ſein. Und nun für heute Gott befohlen! Servaz wird ſorgen, daß Ihr drunten in der Küche einen Trunk findet, um auf die Geſund⸗ heit Eures jungen Herrn anzuſtoßen.“ Während ſich die Leute fröhlich zur Thüre hinaus drängten, blieb die Gnädige allein im Saale zurück. Als der letzte Schritt verhallte, wandte ſie ſich um, ſtützte ihre beiden Hände auf die Armlehnen des Seſ⸗ ſels und ſah zu dem Bilde ihres Gatten auf. Eine Thräne blinkte, über ihre Lippen ging ein Flüſtern. Der milde Blick der braunen, tiefen Augen drang ihr, in die Seele wie Lebendiges— ihre Jugend, ihr ſchmerzliches Eheglück, aller Glanz und alles Weh der Vergangenheit blickte ſie aus dieſen Augen an. Lang⸗ 245 ſam ſchweifte ihr Blick hinüber zu dem ſtrengen Haupte ihres Vaters. Sie wandte ſich ab und warf ſich in den Armſtuhl. Wie in Zerſtreuung blickte ſie über den öden, weiten Raum hin, der vor ihr lag. Was Alles lag zwiſchen heute und dem Tage, als ſie dieſen Saal zuletzt betreten, zuletzt dort, nach dem Ausdruck ihrer Leute, Gerichtstag gehalten! Krieg — und ein Sterbebett— denn ſo hatte der Arzt das Schmerzenslager ihrer Tochter noch vor Kurzem be⸗ zeichnet, und es glich einem Wunder, daß der zarte Organismus dem Sturm zu wiederſtehen ſchien. Krieg, und ein Sterbebett! genug, die Gegenwart in allen Fugen zu erſchüttern, und doch war dies nicht Alles, war nicht der tiefſte Kern allen Uebels, war nicht— der Verluſt ihres Sohnes! Sie hatte ihn verloren. Ohne Abſchied war er gegangen. Während ſeines Urlaubs vom Ausbruch des Krieges überraſcht, hatte er ſich ſofort ſeinem Re⸗ gimente geſtellt. Im Groll war er gegangen, kein ver⸗ ſöhnendes Wort hatte er ſeiner Mutter gegönnt, und ſelbſt heute, wo Ehre ihn ſchmückte, ſandte er die Freudenbotſchaft an die Schweſter.— Sie hatte ihn verloren. War es Reue, was durch ihr tiefes Sinnen ging? War es Schwäche, daß der Gedanke wieder und 246 wieder kam, wie ſchaurig Zerſtörung wird, wenn ſie Keinem Nutzen bringt? Die erſten tiefen Schatten der einbrechenden Däm⸗ merung riſſen die Gnädige aus einem Verſinken, das ihr fremd war, wie Laute einer ſpät erlernten Sprache. Sie ſtreifte über ihre Augen hin, als wollte ſie eine Hülle entfernen, erhob ſich raſch und begab ſich nach ihrem Zimmer, um fich umzukleiden. Dann trat ſie leiſen Schrittes in das anſtoßende Gemach, wo Paula gebettet war.. Die Kranke ſchlummerte. Nachdem die Mutter der Wärterin durch ein Zeichen bedeutet, ſich zu ent⸗ fernen, nahm ſie deren Stelle neben dem Bette ein und lauſchte Paula's leiſen Athemzügen. Ein Seufzer der Befriedigung hob der Gnädigen die Bruſt, und wunderbare Milde trat in ihr Auge, während es auf der Schläferin haftete. Leichte Decken verhüllten den Körper des jungen Mädchens, in faſt überirdiſcher Lieblichkeit ruhte ihr durchgeiſtigtes Geſicht auf dem Kiſſen. Wer hätte nicht ſchon an Krankenbetten gewacht! Wenn gedämpfter Lampenſchimmer auf ein, von Lei⸗ den zerſtörtes Geſicht fällt, wenn Nichts die Grabes⸗ ſtille unterbricht, als der bange Athem, das, in wilden Phantaſieen ſchweifende Wort— dann umrauſcht es 247 Den, der die einſame Wache hält, wie Geiſter anderer Welten. Die Schranken, welche Raum und Zeit be⸗ grenzen, ſinken nieder, der ſchauernde Geiſt betritt die Brücke zur Ewigkeit, und jede Fiber des eigenen Her⸗ zens gehört jenem Herzen, deſſen Schlag von Minute zu Minute ſtill zu ſtehen droht. Nicht die Macht der angeborenen Liebe allein, auch die Erkenntniß, daß ſie einen Engel beherbergt, war der Mutter in ſolchen Stunden zum Bewußtſein gekommen— einen Engel, deſſen Schwingen ihr erſt ſichtbar wurden, als er ſie entfaltete, um ſich in ſeine Heimath fortzuſchwingen. Nachdem das Delirium des Nervenfiebers gewichen, welches hundertfältig immer daſſelbe ſchaurige Bild gezeichnet: Erich verwundet, verlaſſen, erſtarrend auf eiſiger Erde!— nachdem Hoffnung und Erholung leiſe zu grüßen begannen, lernte die Mutter ihr Kind kennen. Wie Jeder, der Eins in ſich iſt, verſtand Paula das Erhabenſte. Nie von der trockenen Einſamkeit der Außenwelt ermüdet, hatte ſie in der Einſamkeit der Natur Schätze gewon⸗ nen. Was in ihr lebte, das beſaß ſie ganz, und da ſie Nichts für ſich erſtrebte, gehörte ihr das Höchſte— der Friede! Was eine ſo harmoniſche Natur auch Andern ge⸗ weſen, zeigte ſich jetzt Tag für Tag in hundert rühren⸗ 248 den Zügen des Antheils. Fremde Leiden hatten Pau⸗ la's innigem Weſen ſtets Anlaß gegeben, ſich zu äußern, die Armen, Kranken, Traurigen wußten den Weg zu ihr, und hatten lebendigen Troſt gefunden. In allen Hütten ſtiegen Gebete auf:„Laß ſie uns!“ und lauter noch ſchrie das reuige Herz der Mutter:„Allmächtiger, laſſe ſie mir!“ Noch war der Kampf nicht entſchieden, die Krank⸗ heit zwar gebrochen, aber unbeſiegliche Mattigkeit zu⸗ rückgeblieben. Paula ſelbſt hegte die Ueberzeugung, daß ihre Tage gezählt ſeien, und bereitete ſich ſtill für eine andere Welt. Der Arzt verhehlte nicht, daß er das Schlimmſte befürchte, wenn es nicht gelänge, die Nerventhätigkeit wieder mehr zu beleben. Was bis jetzt kein mediziniſches Mittel erreicht, ſchien heute der Freude gelungen zu ſein. Erich's Zeilen hatten die Kranke wunderbar erfriſcht, und der feſte, traumloſe Schlaf, bisher vergebens erſehnt, war gekommen. Lange Zeit über unterbrach Nichts die Stille des tiefſchattigen Zimmers, als die regelmäßigen Athemzüge der Schlum⸗ mernden. Stunden vergingen, es war völlig dunkel geworden; um die köſtliche Ruhe durch Nichts zu ſtö⸗ ren, ſaß die Gnädige ohne ſich zu regen, bis eine zarte Hand die ihrige berührte. Paula war erwacht. Die Mutter erhob ſich, um die Lampe zu entzünden, rückte 249 der Kranken das Kiſſen, bot ihr eine Erfriſchung und erzählte von der Freude der Gutsleute. Paula's Auge blickte friſcher als ſeit Monaten, ihre Stimme klang heller, ſie faltete die Hände in einander und lächelte: „Ein Freudentag!“ „Ein doppelter Freudentag, Paula, denn Du biſt beſſer, weit beſſer! Die gute Botſchaft hat Dir wohl⸗ gethan. Wüßte ich Dir doch auch Freude zu geben, morgen und alle Tage!“ Das junge Mädchen blickte ihre Mutter zärtlich an, plötzlich ſenkte ſie die dunklen Wimpern, und ein zartes Roth ſtieg ihr bis in die Schläfen. „Du haſt einen Wunſch!“ ſagte die Gnädige, in⸗ dem ſie ihr über das Haar ſtrich.„Sprich ihn aus, heute könnte ich Keinem etwas abſchlagen, Dir am wenigſten.“ Paula ergriff ihre Händ, drückte die Lippen dar⸗ auf und athmete leiſe:„Ich wage es nicht.“ Die Hand der Gnädigen zuckte, ihre Lippen preß⸗ ten ſich einen Moment auf einander.„Du wünſcheſt — daß Erich's Wille geſchieht?“ Paula ſchüttelte den Kopf.„Du haſt ihm wieder ſelbſt geſchrieben, das machte mich ſo glücklich, glück⸗ licher faſt als ſein Brief. Alles Uebrige liegt in Got⸗ tes Hand. Aber—“ ſie zog das über ſie gebeugte 250 0 Haupt dicht neben das ihre und flüſterte mit ſtillem Blick:„Ehe ich gehe, möchte ich ſie einmal ſehen.“ Die Gnädige wechſelte die Farbe und richtete ſich auf. Leiſe zog ſie ihre Hand aus Paula's und trat von ihr hinweg an das Fenſter. Die erſten Sterne blickten nieder; einzeln ſtiegen ſie aus Nacht und Dunkel⸗ heit, und gingen hoch am Himmel in ihrer ernſten Pracht. Gleich ernſt und leuchtend war das Auge, welches an ihnen hing in ſtummer Zwieſprache. Das Rouleaux glitt nieder und die Mutter trat an das Lager ihres Kindes. Sie küßte Paula's heiße Stirn und ſagte gelaſſen:„Du ſollſt ſie morgen ſehen.“ II. Raſtlos geſchäftig waltete Clara Kalden in dem Hauſe umher, das nur noch für kurze Wochen das ihrige bleiben ſollte. Bereits hatte das Gericht einen Termin für den Verkauf angeſetzt, deſſen Erlös den Reſt der, am Betrage der eingezogenen Caution noch fehlenden Summe decken mußte. Der Rentmeiſter war nach langer Unterſuchungshaft frei geſprochen worden, „aus Mangel an Beweiſen.“ Dieſer Zuſatz laſtete ſchwerer auf den Betroffenen als ſelbſt der erſte Schlag. Im Plötzlichen, Unvor⸗ hergeſehenen lag eine Wucht, die eigenes Empfinden 2 251 wie öffentliches Urtheil vor völligem Sinken bewahrt hatte. Nun aber ſtürzten Hoffnung, Zukunft, Alles rettungslos in Trümmer. Der Verdacht von Schuld und Lüge blieb haften, der fremde Antheil, durch die Kriegsereigniſſe bereits in den Hintergrund gedrängt, wurde ſtumpfer, und ſeit auch die Commerzienräthin Bornſtedt die Stadt verlaſſen hatte, um ihre fern le⸗ bende Tochter in den Wochen zu pflegen, ward Ver⸗ einſamung mehr und mehr das Loos der Geprüften. Dunkel die Gegenwart, dunkler noch die Zukunft! Der Rentmeiſter war nicht allein unfähig zu je⸗ der Thätigkeit, ſondern ſogar zum Weiterleben unfähig in ſein Haus zurückgekehrt. Die erlebte Schande, fruchtloſe Anſtrengungen, ſich aus dem Netze loszuwir⸗ ren, in das ihn nachläſſige Amtsführung verſtrickt, Selbſtvorwürfe und monatelange Haft hatten den kränkelnden Mann an Leib und Seele gebrochen. Seit einem Schlaganfalle, der ihn noch im Gefängniß be troffen und ſeine Freilaſſung beſchleunigt hatte, ſchien ſeine Erhaltung nur noch eine Frage der Zeit. Clara's ſchweigende Energie hob ſich ſo vielem Jammer gegenüber zur handelnden Kraft. Es galt, aus den Trümmern des zerſtörten Hauſes eine neue Hütte zu bauen, die ihren Kindern Obdach gab. Ihr Plan war einfach. Sie bereitete ſich vor, die gedie⸗ 252 gene Einrichtung ihres Hauſes zu verwerthen, nur das Unentbehrlichſte zurückzubehalten, und mit dem Reſt aller Habe in ihrem benachbarten Geburtsſtädtchen eine Scholle eigener Erde zu erwerben. Dann vorwärts mit Gottes Hülfe, unter Arbeit und Entbehrung. Litta ſtand der Mutter muthig bei. Einem Herzen, das auf ſeine Liebe verzichtet hat, ſcheint jedes andere Verzich⸗ ten keiner Trauer werth. Die zarte Mädchengeſtalt glitt wie der gute Geiſt des Hauſes vom Sorgenſtuhl des Vaters zur Seite der Mutter, ſie verſtand mitzu⸗ lächeln ſo gut als mitzuweinen. Brach Clara's Herz auch oft beim Anblick dieſer beraubten Jugend, für welche Nichts da zu ſein ſchien, als hundertgeſtaltiges Entſagen, ſo war dieſelbe Jugend zugleich ihr Troſt: noch konnte ihrem Liebling dereinſt ein Stern auf⸗ gehen— der höhere Stern der Kunſt! Seit dem letz⸗ ten Schickſalsſchlage, welcher ihr Haus betroffen, war ſie entſchloſſen, den Vorſchlag ihres Bruders für Lit⸗ ta's Zukunft anzunehmen. Jetzt band Alles die treue Tochter noch an die Heimath— einſt aber, wenn die ſchwache Lebensflamme des Vaters vollends verglüht ſein würde, ſollte ſie das Talent pflegen, welches Gott ihr zum Erſatz für verſagtes Glück gegeben. Heute waren beide Frauen beſchäftigt, für den bevorſtehenden Verkauf ein Inventar aufzunehmen 253 Während Litta im Erdgeſchoß waltete, räumte ihre Mutter im erſten Stockwerke umher, beſichtigte einzelne Möbel, prüfte die Schlöſſer und öffnete Schubfächer, um ſie vom Staube zu reinigen. Sie hatte ſich eben am Fenſtertiſchchen des Wohnzimmers niedergelaſſen, um ihrer Liſte einige Aufzeichnungen beizufügen, als ein heranrollender Wagen vor ihrem Hauſe ſtill hielt. Ein Blick aus dem Fenſter erfüllte ſie mit grenzenlo⸗ ſem Erſtaunen. Vor ihrer Hausthüre hielt die ſtadt⸗ bekannte gelbe Staatskutſche der Gnädigen. Eben kletterte der alte Servaz gravitätiſch von ſeinem Sitze herunter, öffnete den hohen Wagenſchlag und half der Baronin von Gotzlow reſpektvoll heraus. Clara blieb einen Moment wie gelähmt vor Ueber⸗ raſchung, dann erhob ſie ſich haſtig, und trat vom Fenſter zurück. Im Begriff, das Zimmer zu verlaſſen, hörte ſie bereits Schritte und Kinderſtimmen auf der Treppe und blieb nun ſtehen, den unerwarteten Gaſt zu empfangen. Thuhereschen riß die Thüre auf, rief, indem ihre weitgeöffneten Augen zu der an ihr vorüberſchreiten⸗ den Dame hinaufblickten wie zu einem Thurm„Mut⸗ ter, da iſt die Frau Gnädige!“ und verſchwand wie ein Blitz. Das ſcharfe Auge der Eingetretenen um⸗ faßte raſch den ganzen Raum, und blieb auf der Haus⸗ 254 frau haften, die ihre ſchweigende Begrüßung eben ſo ſchweigend erwiderte, ehe ſie ihr entgegen trat:„Frau Baronin?“ So artig Ton und Haltung war, klang leiſes, unverkennbares Befremden hervor. Die Gnädige blickte ſie ernſthaft an.„Sie wun⸗ dern ſich, mich hier zu ſehen, Frau Rentmeiſter, und möchten erfahren, was mich herführt. Begreiflich! Ohne Umſchweife alſo: ich komme, um Ihre älteſte Tochter zu ſprechen.“ Clara's Herz begann lebhaft zu klopfen, und das Blut ſchoß ihr jäh in die Wangen.„Ich werde Ma⸗ thilde rufen“, ſagte ſie, ſich zuſammenfaſſend, indem eine Handbewegung den Gaſt einlud, Platz zu nehmen; vielleicht wäre es aber vorzuziehen, wenn Sie die, für meine Tochter beſtimmte Mittheilung an mich richten möchten?“ „Wie ſo?“ fragte die Gnädige gelaſſen.— „Es würde uns nicht ziemen, das auf Umwegen zu berühren, was uns Beiden allzuwohl bekannt iſt, Frau Baronin“, ſagte Clara einfach;„deshalb äußere ich mich frei. Wenn es meiner Tochter auch leider beſchieden geweſen, zugleich mit Ihrem Intereſſe Ihren Unwillen zu erregen, ſo gehört dies der Vergangenheit an. Sie wiſſen, daß Litta Ihrem Herrn Sohn ein allzu voreilig angenommenes Wort zurückgegeben.“ 255 „Ich weiß Nichts dergleichen“, ſagte die Gnädige kurz.„Mein Sohn hat mir im Gegentheil erklärt, Fräulein Mathilde Kalden würde ſeine Frau werden, ob es mir beliebe oder nicht. Wenn dies bis jetzt nicht geſchehen iſt, ſo werden wohl die Kriegsereigniſſe daran Schuld tragen.“ „Alſo hat Sie der Wunſch hierher geführt, ein Verhältniß zu löſen, das Sie noch beſtehend glauben, Frau Baronin? Ich darf Ihnen die Verſicherung ge⸗ ben, daß Mathilde weder jetzt noch ſpäter daran denkt, ſich mit Baron Gotzlow zu verbinden. Wir verlaſſen übrigens demnächſt die Stadt und meine Tochter hegt mit meiner Beiſtimmung Zukunftspläne, die Ihnen da⸗ für bürgen, daß die Wege unſerer Kinder ſich nie wie⸗ der kreuzen werden.“ Clara verbeugte ſich nach dieſen Worten mit ruhiger Würde; ſo einfach ihre Haltung war, drückte ſie deutlich die Erwartung aus, das Ge⸗ ſpräch beendet zu ſehen. Die Gnädige blickte ſie erſtaunt an und ließ ſich ſtattlich auf dem Sopha nieder, neben welchem ſie bis jetzt geſtanden.„Rufen Sie Ihre Tochter, Frau Kal⸗ den“, ſagte ſie, indem der Schein eines Lächelns über ihre Züge flog;„es wird ihr weder in Worten noch in Werken etwas zu Leide geſchehen. Sie ſind eine einſichtige Frau und wie mir ſcheint, iſt der Apfel 256 nicht weit vom Stamm gefallen. Ueber Unmöglich⸗ keiten kann Keiner hinaus. Da mein Sohn aber nicht zur Stelle iſt, ſehe ich keinen Grund, warum wir ein⸗ ander nicht kennen lernen ſollten, nachdem wir oft ge⸗ nug von einander erfahren. Dies wünſcht auch meine Tochter Paula. Sie iſt ſchwer krank und möchte Fräu⸗ lein Mathilde ſehen. Will Ihre Tochter mit mir nach Gotzlow fahren und damit der armen Kranken Freude machen, ſo bringe ich ſie Ihnen morgen ſelbſt zurück. Dies iſt mein ganzes Gewerbe.“ Clara ſtand in tiefen Gedanken.„Nein, Frau Baronin“, ſagte ſie nach kurzer Pauſe feſt;„hier kann ich nicht zuſtimmen. Mein Kind hat viel gelitten, und es wäre gewagt, den Aufregungen, vor welchen ich ſie nicht ſchützen kann, eine freiwillige hinzuzufügen, der ſie ſchwer gewachſen ſein möchte. Sie darf Muth und Kraft nicht zerſplittern, ſie wird deren vollauf bedür⸗ fen im Kampfe mit Entbehrungen, am Sterbebette ih⸗ res Vaters.“ „Ihr Mann iſt krank?“ fragte die Gnädige, raſch aufblickend. „Mein Mann ſiecht hin an unverdienter Schmach, ſeine Tage ſind gezählt. Dies muß getragen ſein, wie ſchon Manches getragen worden.— Erregungen auf⸗ ſuchen, wäre jetzt aber Frevel.“ 2576 Sie hatte noch nicht ausgeſprochen, als die Gnä⸗ dige ſchon auf ihren Füßen ſtand.„Nach Belieben“, ſagte ſie ſchroff, und zog den zurückgeglittenen Shawl feſt um die Schultern.„Ich habe Sie nur“— Der Satz blieb unvollendet, denn plötzlich flog die Thüre auf und ein junges Mädchen ſtürmte herein, wie von Flügeln getragen. Ihr ſchönes Geſicht war in lichte Gluth getaucht, aus den Augen ſtrömte ein faſt überirdiſches Leuchten, und während ihre Rechte ein Papier hoch in die Luft ſchwang, rief ſie mit vibri⸗ render Stimme:„Es kommt an den Tag! an den Tag!“ Kaum war das Wort verhallt, als Litta's Blick die Baronin erfaßte. Todtenbläſſe überzog ihr Geſicht, das Licht in ihren Augen erloſch. Sie blieb eine Se⸗ kunde wie verſteinert, um in der nächſten vorwärts zu ſtürzen. Die Gnädige fühlte ihre Rechte von zwei zitternden Händen umklammert, denen das Blatt, wel⸗ ches ſie ſo triumphirend gehalten, entſunken war, und ſtammelnde, brechende Laute drangen zu ihr auf:„Er iſt todt?!“ Die Gnädige blickte auf ſie nieder, als wollte ſie jeden Zug dieſes kämpfenden Geſichtchens in ſich auf⸗ nehmen. Sie begriff! Ihr Herz wurde von einem Hauch berührt, weich und lind wie Frühlingsluft. Während ſie die kleinen Hände drückte, berührte ihre Linke einen Godin, Frauenliebe und Leben II. 17 Moment den braunen Scheitel:„Niemand iſt todt, mein Kind, beruhigen Sie ſich.“ Litta blickte ſie ungläubig an, ließ ihre Hand los und ſank auf den nächſten Sitz. Eine Fluth von Thränen ſtürzte aus ihren Augen unter gebrochenen Lauten:„Und doch!— Seine Mutter in unſerem Hauſe— ihm muß Unglück geſchehen ſein!“ Die Gnädige trat zu ihr und ſagte nachdrücklich: „Kopf in die Höhe! Erich iſt geſund. Was mich her⸗ führt, werden Sie erfahren, Kind, vorerſt aber ſcheint mir, iſt Wichtigeres zu bereden. Sehen Sie Ihre Mutter an— was ſoll an den Tag?“ Litta wandte ungeſtüm den Kopf und eilte an die Seite ihrer Mutter, die wie verſunken und ver⸗ loren auf das Blatt ſtarrte, welches ſie vom Boden aufgerafft, durch die Worte der Baronin aber plötzlich aus ihrer Betäubung geriſſen wurde.„Die Wahrheit ſoll an den Tag!“ rief ſie mit ſtarkem Ton;„Gott hat uns nicht verlaſſen! Vieles iſt dahin, das Höchſte iſt gerettet, meines Mannes ehrlicher Name! Und was ihn frei macht von Schmach und Schande, das halte ich hier in meinen Händen!“ „Dieſer elende Fetzen Papier—“ ſagte die Gnä⸗ dige mit einem Blick auf das zerknitterte, halb zerriſ⸗ ſene Blatt. 259 „Dieſen Fetzen Papier tauſchte ich nicht um Tau⸗ ſende! Wiſſen Sie denn, was uns ſo unglücklich ge⸗ macht, gnädige Frau? Kalden's Ruf ſtrengſter Recht⸗ lichkeit, ſein geregeltes Privatleben hätten ihn vor je⸗ dem Verdacht als den der Fahrläſſigkeit bewahrt, wenn ſich nicht unter ſeinen Privatpapieren ein Brief ge⸗ funden, der als Beweis galt, daß er um die Defrau⸗ dation gewußt. Was half all ſein Betheuern, ſolchen Brief nie empfangen, nie veranlaßt zu haben— das Schriftſtück war da und zeihte ihn der Lüge. Keine Spur des Schreibers, keine Spur der Hand, in welche die entwendeten Gelder gefloſſen, war zu entdecken, und mein Mann wurde nur frei geſprochen wegen Mangel an Beweiſen! Den Beweis aber, der ihn rei⸗ nigt, hat Gott jetzt in unſere Hand gelegt, dies un⸗ ſcheinbare Blatt iſt— das Conzept des lügneriſchen Briefes! Leſen Sie!“ Die Gnädige ſtreckte die Hand nach dem Papiere aus. Mit jedem Worte, das der leidenſchaftlich erreg⸗ ten Frau entſtrömte, wuchs ihre Spannung, und mit zuſammengezogenen Brauen prüfte ſie nun das Blatt, auf welches ſo hoher Werth gelegt wurde. Vielfach durchſtrichen und corrigirt, auf beiden Seiten eng be⸗ ſchrieben, am unteren Rande durchriſſen, wodurch die letzten Zeilen fehlten, war es zweifellos ein mit großer 17 Sorgfalt entworfenes Conzept, deſſen Inhalt ſie lang⸗ ſam entzifferte, indem ſie ihn halblaut wiederholte: „Hochverehrter Herr Rentmeiſter! „Da meine gegenwärtige Lage es mir unmöglich macht, Ihnen meine unbegrenzte Dankbarkeit münd⸗ lich auszuſprechen, drängt es mich, Ihnen wenig⸗ ſtens brieflich zu wiederholen, daß ich bis zum Ende meines Lebens nicht vergeſſen werde, was Sie für mich gethan. Sie haben mich aus der troſtloſeſten Lage geriſſen, haben mir ein Opfer gebracht, das ſeines Gleichen ſucht und einen unglücklichen Fa⸗ milienvater vor Verzweiflung bewahrt. Jeder Ver⸗ ſuch, mir die namhafte Summe zu verſchaffen, wel⸗ cher ich augenblicklich benöthigt, war ja fehlgeſchla⸗ gen— 2 Hier riſſen die Zeilen ab, um auf der andern Seite mitten im Satze fortzufahren: „—— woraus Sie erſehen, daß ich mich keiner Illuſion hingebe, wenn ich hoch und heilig betheure, daß ich binnen Kurzem in der Lage ſein werde, Al⸗ les zurückzuerſtatten, ehe meinem Wohlthäter Gefahr aus der Entdeckung erwachſen kann. In unbegrenzter Verehrung Ihr E. K.“ „Noch verſtehe ich nicht“, ſagte die Gnädige auf⸗ 261 blickend.„Sie kennen ohne Zweifel die Handiſchrift, aber was hilft das Ihrem Mann?“ „Der Brief iſt untergeſchoben!“ rief Elara mit Nachdruck.„Jedes Wort iſt berechnet, den Verdacht der Defraudation auf Kalden zu lenken, die teufliſche Er⸗ findung ließ ſogar ſeine Redlichkeit nicht außer Acht — was er gethan, ſollte für einen Dritten geſchehen ſein! Kalden's eigener Sekretär hat dieſe Infamie be⸗ gangen, ein Menſch, dem wir Jahre lang vertraut, dem ich ſogar—— Litta, wie kam der Brief in Deine Hände?“ „Ich räumte die Schränke ſeines früheren Zimmers aus, im Klappſekretär hatte ſich das Papier hinter eine der Schubladen geklemmt, eben war ich im Be⸗ griff, es zu leeren, Couverts und alte Zeitungen auf den Boden zu werfen, da fiel mein Blick auf die er⸗ ſten Zeilen—“ Die Gnädige klopfte dem bebenden Mädchen auf die Schulter.„Brav gemacht, Kleine! So iſt's recht, wenn auch das Herz nicht leicht iſt, kann darum doch der Kopf hell und die Augen ſehend bleiben.“ „Ich muß zu meinem Mann—“ ſagte Clara hochathmend, indem ſie das Blatt ergriff und der Thüre zuging. „Verſteht ſich“, ſagte die Gnädige;„mit Ihrer Erlaubniß bleibe ich aber hier ſitzen, bis Sie zurück⸗ k en. Vielleicht kann ich Ihnen in dieſer wichtigen Sache nützlich ſein, wir ſprechen noch darüber.“ Clara hörte die Worte nur wie im Traum. Ihr Herz brannte danach, dem Gatten die große Botſchaft zu bringen, ſie flog mehr als ſie ging über den Flur nach dem Schlafzimmer. Erſt in dem Augenblick, als ſie die Thüre öffnete und ihr Blick auf Kalden fiel, erfaßte ſie plötzlich die todestraurige Frage:„Wird er es auch faſſen?“ Seit Wochen ſaß die welke, der einſtigen Fülle ganz beraubte Geſtalt vom Morgen bis zum Abend im tiefen Sorgenſtuhle, vor ſich hindämmernd, ohne Leid noch Freude, nur für Eines noch wach und empfäng⸗ lich: die Stimme ſeiner Frau. Auch jetzt hob er den Kopf, als dieſe Stimme ihm zurief:„Kalden!“ Der eindringliche Ton ſchien ihn aufzurütteln, er bewegte ſich und richtete ſeine Augen auf Clara.„Kalden, danke Gott!“ rief ſie, indem ſie ſeine Hand gegen ihr hochſchlagendes Herz preßte, ihre ganze Seele zitterte in dem Laut:„Deine Unſchuld iſt bewieſen! Deine Ehre iſt rein!“ Er hatte es gefaßt! Wie von einer Sprungfeder geſchnellt, ſtand der Mann mit einem Male aufrecht, ſeine Lippen bewegten ſich, unter den ſchweren Lidern 263 drang ein lichter, verſtändnißvoller Strahl hervor— ein Freudenſtrahl! Er ſtreckte beide Arme nach ſeiner Frau aus, dann ſank er plötzlich zurück. Ein ſchneidender Angſtſchrei drang in das Gemach hinüber, wo die Gnädige mit Litta weilte. In der nächſten Sekunde ſtürzte das junge Mädchen, von der Baronin gefolgt, über den Flur dem Schlafzimmer zu. Dort lag im Lehnſtuhl zurückgeſunken ein ſtiller, für immer ſtiller Mann, und neben ihm auf der Erde ausgeſtreckt die regungsloſe Geſtalt ſeines Weibes, de⸗ ren Hand ſich feſt um ein zerknittertes Papier krampfte. Was während der folgenden Stunden in und mit ihr vorging, wogte an Litta's Sinnen vorüber wie Nebelgebilde, dunkel und ſchwer. Sie wußte kaum, ob der Todte, der nun, allem Leid entrückt, auf ſeinem Lager ruhte, wirklich mit ihrem Beiſtand dorthin aus⸗ geſtreckt worden, ſie hörte das Weinen der erſchrockenen Kinder nur wie aus weiter Ferne, ſah die hohe Ge⸗ ſtalt, welche ſich anordnend und ſelbſtthätig im Hauſe umherbewegte, nur wie durch einen Schleier. Ihre thränenloſen Augen hingen unverwandt an den blaſſen geliebten Zügen der Mutter, welche ſchwach athmend, mit geſchloſſenen Lidern auf dem Sopha lag, während das arme Kind bald die eine, bald die andere der eiskalten Hände durch den Hauch ihrer Lippen zu erwärmen ſuchte⸗ 264 Ein kaum bemerkbarer Laut weckte die Wittwe aus langer Betäubung: das leiſe Raſcheln eines Pa⸗ piers. Clara fuhr jäh empor, ihr erloſchener Blick be⸗ ſeelte ſich, ſie ſtreckte die Arme aus, um das Blatt zu erfaſſen, welches die Gnädige eben an ſich genommen. „Nein Frau Kalden“, ſagte die Baronin nach⸗ drücklich;„das überlaſſen Sie mir! Ich ſtehe Ihnen dafür ein, es iſt in guten Händen und kommt heute in noch beſſere. Für Sie iſt jetzt nicht der paſſende Augenblick zu ſolchen Dingen, und aufgeſchoben darf es nicht werden. Ich trete ein, rechnen Sie auf mich. Gott befohlen bis morgen. Muth gefaßt, wir ſehen uns wieder!“ Sie drückte Clara's Hand kräftig und winkte Litta, ſie zu begleiten.„Kopf oben, Kleine“, ſagte ſie, indem Beide die Treppe hinabſtiegen,„und das Herz zum lieben Herrgott, die Augen aber auf die Erde gerichtet, das giebt Courage, und die haben Sie nöthig.“ „Ich habe Muth“, ſagte Litta mit ſtillem Blick. „Und ich habe Reſpekt vor Dir.“ Mit dieſem nachdrücklich betonten Wort nahm die Gnädige des jungen Mädchens Kopf plötzlich zwiſchen ihre beiden Hände, drückte einen Kuß auf ihre Stirn und ver⸗ ſchwand hinter der Hausthüre. Seit zwei Stunden marſchirte Servaz, deſſen Blicke 265 dieſe Thüre keinen Moment verlaſſen hatten, unabläſſig auf dem Marktplatze hin und wieder. Er war aus einem Erſtaunen in das andere gefallen, ſeit ihm be⸗ fohlen worden, den Kutſcher an dem, ihm keineswegs unbekannten Kalden'ſchen Hauſe halten zu laſſen. Die Gnädige ſtieg dort nicht allein aus, blieb nicht allein weit länger darin als zu einer„Viſite“ nothwendig, es war ſogar Botſchaft für Wagen und Bedienung herausgeſandt worden, daß dieſelben ſich bis auf wei⸗ tere Ordre nach dem Gaſthof begeben ſollten. Um keinen Preis der Welt würde Servaz zuge⸗ geben haben, daß er in dieſen Befehl mit eingeſchloſſen ſein könnte. Mißvergnügt patrouillirte er auf und nieder und ſann, was wohl die Frau Baronin ſtun⸗ denlang in dem Bürgerhauſe zu thun haben möchte. Sobald er ihrer anſichtig wurde, ſtellte er ſich zurecht, um ihr zu folgen. In jedem Fältchen ſeines runzel⸗ vollen Geſichts lauſchte brennende Neugier; hatte er aber auf Blick oder Wort gerechnet, die ihm wenig⸗ ſtens als Barometer ihrer Stimmung gelten konnten, ſo wurde er ſchwer getäuſcht. Die Gnädige winkte ihm ab, ſchritt an ihm vorüber quer nach der in den Markt mündenden Hauptſtraße, und ſprach im Vor⸗ übergehen, ohne nur den Kopf zu wenden:„Den Wa⸗ gen vor das Haus des Gerichtspräſidenten.“ III. Schon oft iſt das Leben der Menſchen einem Strome verglichen worden. Der Eine nimmt ſchwei⸗ gend Flüſſe und Bäche in ſich auf, bis er ſich unter all' dem Zufluß ſelbſt verliert. Der Andere durchflu⸗ thet ſein tiefes Bett ſo herrſchend, daß er Trabanten wohl neben ſich duldet, ſich aber nicht mit ihnen miſcht; engen ſteile Felswände ſeine Gewalten ein, ſo erzeugt er todtbringende Wirbel und Strudel, ſobald er ſich jedoch in neuer Freiheit zwiſchen fruchtbaren Ufern er⸗ gießen darf, wird er doppelt mächtig rauſchen, ſpiegeln und nähren. Solche Befreiung war urplötzlich in das Daſein der Gnädigen getreten. Endlich galt es wieder ein⸗ mal zu handeln, ſtatt zu tragen! Das Leben war nicht ſanft mit ihr verfahren, und doch hatte ſie erſt wäh⸗ rend dieſer letzten Monate erkannt, daß es Dinge giebt, mit welchen der Wille allein nicht fertig wird. Wer energiſch iſt, klagt nicht; die ſtolze Frau hatte ſtets nur ſolche Lagen gekannt, die man entweder annimmt oder endet. Am Krankenbette verzagen, mit fruchtloſer Sehnſucht ringen, waren ungewohnte Zuſtände für dieſen kräftigen Geiſt. Widerſtrebende Gewalten kämpf⸗ ten in ihr um den Sieg. Seit ſie ſtündlich fürchten mußte, die Tochter vor ihren Augen erlöſchen, den 267 Sohn auf fremder Erde einer Kugel des Feindes er⸗ liegen, ihr für ewig entriſſen zu ſehen, glühte ihr In⸗ nerſtes in dem Wunſche nach Verſöhnung, und dennoch fand ſie keine Brücke dazu. Nie kam es ihr in den Sinn, das eigene Herz vertheidigen zu wollen, und doch war es dies Mutterherz, dem das dauernde Ab⸗ wenden des Sohnes unverſtändlich erſchien. Sie war ſich tief bewußt, daß nicht Selbſtſucht ihr Nein diktirt, und dies Nein hatte genügt, um die Liebe langer Jahre auszulöſchen. Trotzdem war unter Leid und Groll ein Etwas aufgeſtiegen, das ihr wohl that— Achtung vor dem ſelbſtbewußten Weſen des Sohnes. Ihre Gedanken hefteten ſich oft und öfter an das Mädchen, welches ſeinen beweglichen Charakter ſo ganz zu feſſeln gewußt, und Paula's Wunſch, dies Mädchen kennen zu lernen, fand einen wohlbereiteten Boden. Uner⸗ wartet war nun aus dem gelockerten Erdreich ein le⸗ benskräftiger Keim emporgeſchoſſen, der, dem Lichte zu⸗ ſtrebend, ſtarke Wurzeln ſchlug. Das abwehrende In⸗ tereſſe hatte ſich in ein umfangendes verwandelt. Zwar trat der Gedanke an eine Vereinigung Erich's mit ſei⸗ ner Geliebten noch nicht an ſie heran, das Mädchen ſelbſt und ihre Familie hatten aber für ſie Bedeutung gewonnen. Sie hatte ein Stück ihres Lebens mit ih⸗ nen gelebt, eine Stunde ihrer Leiden mit ihnen getra⸗ gen, und jetzt handelte ſie— nicht für ſie nur, nein, zugleich auch für das Recht, für die Wahrheit! Tag für Tag raſſelte ſeit dem Tode des Rent⸗ meiſters der gelbe Staatswagen zur Stadt. Er folgte auch dem Leichenzuge des Verſtorbenen, einem Zuge, den Unzählige geleiteten. Der vielfach Gemiedene war plötzlich für ſeine Mitbürger zum Märtyrer geworden. Erfuhr man auch keine Einzelnheiten, ſo drang es doch gleich einem Lauffeuer von Haus zu Haus, daß die Verhandlungen über die Kalden'ſche Anſchuldigung neu aufgenommen, und von der Gnädigen ein ſchla⸗ gender Beweis ſeiner Unſchuld vorgelegt worden ſei. Je weniger man die Herrin von Gotzlow perſönlich kannte, da ſie ſeit dem Tode ihres Gatten jeder Ge⸗ ſelligkeit entſagt, deſto vielbeſprochener und populärer war ſie. In allen Kreiſen wurde ihr Einſchreiten in dieſer Sache für maßgebend erklärt. Man ſah ſie bald beim Gerichtspräſidenten, bald bei einem Advokaten vorfahren und ihr täglicher Beſuch im Kalden'ſchen Hauſe ward der neugierigen Nachbarſchaft in Kurzem ſo geläufig, daß es kaum Aufſehen erregte, als der „Glaskaſten“ eines Tages Frau Kalden und alle ihre, Kinder nach Gotzlow abholte. Clara hatte ſich von der Schützerin, die ſich ihr ſo ungerufen zur Seite geſtellt, halb willenlos entfüh⸗ 269 ren laſſen. Sie blieb nach dem Tode ihres Mannes lange Zeit wie betäubt. Mußte ſie auch erkennen, daß ſein ſchmerzloſes, ja freudegekröntes Ende Gottes mil⸗ deſte Gabe war, ſo blieb es für ſie doch der Tropfen, an dem der gefüllte Leidenskelch überwallte. Sie hatte keine Kraft mehr übrig— zu viel war erduldet, zu viel durchrungen worden! An die Zukunft zu denken, Beſchlüſſe zu faſſen, vermochte ſie vorerſt nicht. Daß eine ſtarke Hand die ihrige ergriff, empfand ſie dunkel als Wohlthat, und folgte, wohin dieſe Hand ſie leiten mochte. Was zu dieſer Zeit in Litta vorging, erfuhr nur Gott und ihr eigenes Herz. Leiſe betrat ihr Fuß die Heimathſtätte des Geliebten, ſtill ruhte ihr Auge auf Allem, was ſein war. Es ſchien, als ſei das ver— borgene Feuer, welches einſt Alles, was ſie that und ſprach, durchglühte, erloſchen oder in tiefen Schacht verſunken, ſelbſt ihr Blick erſchien unter den langen Wimpern wie gefangen, das einſt ſo ſprühende Auge war dunkler und weicher geworden als zuvor. Von der Stunde ihres Eintreffens auf Gotzlow an blieb Litta's Zeit getheilt zwiſchen dem Unterricht ihrer kleinen Schweſtern und dem Ruhelager Paula's, die ſich ihr mit der leidenſchaftlichen Innigkeit einer Kranken, Entbehrenden zuwandte. Ein neu belebender 270 Reiz ſchien dies verſiechende Daſein aufzuhalten. Lit⸗ ta's Nähe, ihr Geſpräch, ihr ſüßer Geſang wirkte auf ſie wie ein Lebenselixir; blieb ſie auch noch der höch⸗ ſten Schonung bedürftig, ſo gehörte ſie doch wieder der Erde an. Frau Kalden hatte zugeſagt, die Gaſt⸗ freundſchaft der Baronin anzunehmen, bis die Geſtal⸗ tung ihrer Verhältniſſe ſicher befeſtigt ſein würde. Von Tag zu Tag mehr bildete ſich zwiſchen der kleinen Frauen⸗Colonie ein zwangloſes, anſprechendes Inein⸗ anderleben heraus. Wochen vergingen ſo; es ver⸗ gingen Monate. Von Erich trafen häufige Briefe ein. Seit ſeine Mutter nach ſeiner Erwerbung des eiſernen Kreuzes die erſten Zeilen an ihn gerichtet und zugleich Paula's Krankheit erwähnt hatte, ſchrieb er regelmäßig nach Hauſe und gab lebendige Berichte der glücklich beſtan⸗ denen Siegeszüge. Dieſe Briefe, die wieder und wie⸗ der Erlöſung von ſtets erneueter Todesangſt um den jungen Krieger brachten, waren für Paula's Leben der höchſte Inhalt, und von allen Entbehrungen, welche ihre Schwäche ihr auferlegte, empfand ſie das ſtrenge Verbot des Arztes, nicht zu ſchreiben, als die härteſte. Um ſo öfter und lieber ſprach ſie von ihm. Treu dem, ihrer Mutter vor Eintreffen der Kalden'ſchen Fa⸗ milie geleiſteten Verſprechen, berührte ſie gegen Litta 271 mit keiner Silbe deren Verhältniß zu Erich; um ſo häufiger erzählte ſie aber der ſtill lauſchenden Freun⸗ din von ihrem geliebten Bruder, ſeinen Kinderjahren, ſeiner Zärtlichkeit und Güte für ſie. Jeder Brief, der von Erich aus dem Felde kam, mochte er nun an ſeine Mutter oder an Paula gerichtet ſein, wanderte aus ihrer in Litta's Hand. Keiner dieſer Briefe berührte auch nur mit dem leiſeſten Wort Vergangenheit und Gegenwart, ſo weit es Litta betraf. Und doch waren dieſe Briefe Ant⸗ worten auf die Nachrichten von Hauſe! und doch ſah ſie, daß keine andern eintrafen, als die ſie zu leſen bekam! Erich's Mutter mußte alſo über ihre Anweſen⸗ heit gegen ihn geſchwiegen haben. Niemals nannte die Gnädige in ihrer Gegenwart ſeinen Namen. Noch weniger that dies das junge Mädchen ſelbſt, weder ihr noch ihrer eigenen Mutter gegenüber. Bei der leiſeſten Berührung vergangener Tage flehte ihr Auge ſo beredt, daß auch Clara Kalden vermied, an die wunde Stelle nur zu ſtreifen. Immer mehr glich Litta's Erſcheinung einer ſtillen Sternennacht, in ſo dämmernder Klarheit, ſo herzgewinnendem Schweigen wandelte ſie zwiſchen Allen einher, für welche ſie der geheime Mittelpunkt war. Inzwiſchen waren die eingeleiteten gerichtlichen Verhandlungen zum Abſchluß gediehen. Nachdem des neu Angeklagten Wohnort ermittelt und er zur Haft gebracht worden, verſuchte Bacher, von der eigenen Handſchrift und anderen gravirenden Punkten über⸗ führt, die ſich gleich einer Kette an jenen ſchweren Ring geſchloſſen, kein Leugnen. Der Anblick des ſtum⸗ men Zeugen ſeines, mit ſo raffinirter Schlauheit durch⸗ geführten Betruges ſchmetterte ihn um ſo plötzlicher nieder, als er wähnte, denſelben vernichtet zu haben. Sein Geſtändniß legte alles Vergangene klar an den Tag. Nachdem der ſtete Mangel an Controle dem gering beſoldeten Mann zuerſt zum Verſucher gewor⸗ den, ſchritt er auf dem abſchüſſigen Pfade um ſo küh⸗ ner vorwärts, als er hoffte, die nach und nach aus der Kaſſe entwendeten Summen durch ein erwartetes Erbe wieder decken zu können. Dies Erbe fiel weit ſpärlicher aus, als er es geſchätzt und in der Furcht vor drohender Entdeckung, durch die um dieſelbe Zeit von Litta erfahrene Abweiſung ſeiner Werbung gereizt, hatte er den nichtswürdigen Plan geſchmiedet und ausgeführt, der ihn ſelbſt vor Verdacht ſchützen und den Rentmeiſter ſtark compromittiren mußte, ohne ihn. doch zu überführen. Alles ſchien geglückt, bis der auf Lüge und Verbrechen aufgeführte Bau plötzlich zu⸗ ſammenſtürzte. Der Schuldige wurde zu mehrjähriger ——— 273 Zuchthausſtrafe und Erſatz der entwendeten Gelder verurtheilt. Die Lage der Kalden'ſchen Familie hatte ſich durch dieſe Wendung der Dinge auch äußerlich weſentlich verbeſſert. Der Ertrag des inzwiſchen vortheilhaft verkauften Hauſes, ſelbſt ein Theil der Caution blieb ihnen unverkürzt, und wenn ihnen auch keine Wohl⸗ habenheit in Ausſicht ſtand, ſo durften ſie wenigſtens ohne bange Sorgen in die Zukunft blicken. Frau Kalden war entſchloſſen, ihrem früheren Plane treu zu bleiben, und ſich in ihrem Geburtsſtädt⸗ chen niederzulaſſen. Litta ſollte ſie dorthin begleiten, bis nach Beendigung des Krieges bei ihr bleiben, dann aber nach Cöln abreiſen, ſobald Oſterfeld, der ſich gegenwärtig als Artiſt einer illuſtrirten Zeitſchrift in Frankreich aufhielt, nach dem Rheine zurückgekehrt ſein würde. Dieſe Pläne wurden wiederholt beſprochen, wenn die Frauen in Paula's Zimmer zuſammenſaßen, und von der Gnädigen mit Rath und That kräftig unterſtützt. Als das neue Jahr mit noch immer todternſter Stirne herangezogen war, ließ Clara ſich nicht mehr halten. Bedrückt von den reichen Geſchenken, womit die Gnädige ſie und ihre Kinder zum Weihnachtsfeſte überſchüttet, mehr bedrückt noch durch die ſeltſame Lage, Godin, Frauenliebe und Leben. II. 18 274 in welcher ſie zu der Herrin dieſes Hauſes ſtand, die ſie aufgenommen wie Glieder der Familie und ſich dennoch durch die Schranke eines ſehr bezeichnenden Schweigens von ihnen ſchied, verlangte ſie jetzt ent⸗ ſchieden nach Selbſtſtändigkeit und dem eigenen neuen Heim. Selbſt die Gnädige unterſtützte Paula's drin⸗ gende Bitten um längeres Bleiben nicht mehr wie früher. Der Tag der Abreiſe kam. Es war ein klarer, ſonnenheller Wintertag. Schon ſaß Frau Kalden mit den Kleinen im Wagen der Baronin, welche am Schlage ſtand und mit den Kindern ſcherzte. Litta fehlte noch, erſchien aber nach kurzer Friſt unter der Hausthüre und eilte haſtig über den Hof dem Wagen zu. We⸗ nige Schritte davon entfernt blieb ſie ſtehen und winkte mit der Hand nach dem Fenſter hinauf, wo das thrä⸗ nenüberſtrömte Geſicht der Freundin, welche ſie bis jetzt zurückgehalten, ihr zunickte. Die Gnädige blickte einen Moment ernſthaft nach ihr hin, beugte ſich dann über den Wagenſchlag und ſagte Clara Kalden, die ſchweigend ſaß und harrte, einige raſche Worte. Clara fuhr zuſammen, ihre Bruſt hob und ſenkte ſich, als fehlte ihr der Athem; wäh⸗ rend die Baronin fortfuhr, lebhaft mit ihr zu ſprechen, antwortete ſie nur durch ein ſtummes Zeichen. —— — 8 — —— 275 Litta näherte ſich mit heißgerötheten Augen der Gnädigen, um Abſchied zu nehmen. Sie blickte einen Moment zu ihr auf, dann faßte ſie ihre Hand und küßte ſie. Sie hielt ſie einen Augenblick zwiſchen ihren eigenen beiden Händen und legte ihre feuchte Wange darauf, ehe ſie die Hand wieder losließ. Dann ſagte ſie leiſe:„Lebe wohl!“ Die Gnädige legte raſch den Arm um ſie, ſtreifte ihr mit leichter Bewegung das Reiſehütchen vom Kopfe und ſagte kräftig:„Du bleibſt bei mir, Kind, heut— und immer!“ Auf einen Wink ihrer Hand ſetzte der Kutſcher die Pferde in Bewegung und Litta, deren Augen faf⸗ ſungslos nach ihrer Mutter irrten, erkannte aus dem freudeſtrahlenden Geſicht, das ſich unter Thränen lächelnd über den Schlag beugte, daß die Treue um das, was eben geſchehen, zuvor gewußt! IV. Waffenſtillſtand ward als ſchöner Vorbote des Friedens dem Lande verkündigt! Sobald die Freuden⸗ botſchaft nach Gotzlow drang, lud die Gnädige ihren Sohn ein, ſie, wenn auch nur auf kurze Zeit, zu be⸗ ſuchen, und raſch traf ſeine Antwort ein, daß es ihm 18* 276 gelungen ſei, einen zehntägigen Urlaub zu erhalten und er ſeinem Briefe unmittelbar folgen würde. Die Kunde von der erwarteten Heimkehr ver⸗ breitete ſich wie ein Lauffeuer über das ganze Gut und tauchte Alles in Freude und Sonnenſchein. Ein rühriges Leben begann ſich im Schloß wie in den Höfen zu regen, überall wurde Wintergrün herbeige⸗ tragen, um zum Empfang des heimkehrenden Helden Kränze zu winden, alle Geſichter ſtrahlten, keines aber von ſo ſtolzer Freude als das der Herrin. Es erfüllte die Gnädige mit tiefſter Befriedigung, daß die Ueberraſchung, welche ſie für ihren Sohn in Bereitſchaft hielt, ſo ganz ihre freie Gabe war. Trotz des zwiſchen ihnen wiederhergeſtellten Verhältniſſes, trotz der Zurücknahme ihres früheren Verbotes, welches ihre jüngſte Einladung nach ſeiner Heimath ausgedrückt, war er mit keiner Silbe auf die Urſache ihres Bruches zurückgekommen. Sie ſah ihre Autorität anerkannt und freute ſich, ihm das zu lohnen. Seit ihr Urtheil, ihr Herz ſeiner Wahl Recht gegeben, hatte ſich viel in ihr verwandelt, noch immer blieb aber das Bewußt⸗ ſein des großen Opfers zurück. Der Gedanke, dies freiwillige Opfer tiefgewurzelter Grundſätze und An⸗ ſchauungen von ihm gewürdigt zu ſehen, ihm damit eine Liebe zu beweiſen, die ſchwere Erſchütterungen be⸗ 277 ſtanden, und doch zugleich ihren ſouveränen Willen un⸗ angetaſtet zu bewahren, füllte ihr Herz mit Triumph. Tag und Stunde von Erich's Ankunft waren be⸗ rechnet worden, dennoch traf das ihn ankündigende Telegramm, welches er von Berlin aus abſandte, ra⸗ ſcher ein, als man in Gotzlow für möglich gehalten. Litta, die es dem Boten abgenommen, ſtürzte mit dem verheißungsvollen Couvert zur Gnädigen und hing mit ſo heißer Frage an ihren Augen, daß ſie errieth, ehe es geſprochen wurde: er iſt nahe! „Ja, Kleine, ja!“ ſagte die Baronin, indem ſie ihren Arm in den des jungen Mädchens ſchob und mit ihr dem Portale zuſchritt, wo Servaz die Anord⸗ nung der Kränze dirigirte;„Erich kommt noch heute Abend, nun habe ich aber noch ein Wort mit Dir zu reden: Wenn er einfährt, bleibſt Du vorerſt im Hin⸗ tergrunde. Er braucht nicht gleich zu erfahren, was wir miteinander abgemacht, das überläſſeſt Du mir!“ Litta zog ihren Arm mit raſcher Bewegung aus dem der Gnädigen.„Das iſt nicht Ihr Ernſt?“ ſagte ſie, indem ein verſchleiertes Funkeln aus ihrem Auge brach, wie Sonnenlicht durch das Laub.— „Was denn ſonſt?“ fragte die Gnädige erſtaunt, indem ſie ſtehen blieb. „Das kann ich nicht verſprechen, das kann ich V G 48 278 nicht halten!“ rief Litta glühend.„Als wir uns trenn⸗ ten, war ſein letztes Wort ein Zweifel an meiner Liebe! Nun habe ich ſeit langen Monden in tauſend Aengſten um ihn gerungen und gebetet; Gottes Gnade, Ihre Güte geben mir zurück, was verloren war, und da er heimkehrt, ſoll ich mich vor ihm verſtecken? O gnädige Frau, wenn ich das könnte— dann behielt er Recht mit ſeinem Vorwurf, dann hätte ich ihn nie geliebt!“ „So?“— ſagte die Baronin und maß das wie eine Flamme lodernde Mädchen vom Kopf bis zu den Füßen.„Rebellion?— Auch gut!“— Ohne ein wei⸗ teres Wort drehte ſie ſich um, ließ Litta ſtehen und ſchritt nach dem Portale. Das junge Mädchen ſah ihr tief betroffen nach, that ein paar zögernde Schritte ihr zu folgen, hielt aber nach kurzem Bedenken an und kehrte in das Haus zurück, um in Paula's lieber Nähe ihr ſtürmiſch bewegtes Herz zur Ruhe zu ſtimmen. Eine halbe Stunde ſpäter hörten beide Mädchen das Rollen eines Wagens. Wie ein Pfeil ſtürzte Litta nach dem Fenſter, was ſie aber dort erblickte, war kein ankommender, ſondern ein abfahrender Wagen. Die gelbe Glaskutſche rollte auf der Chauſſee der Stadt zu und auf Befragen erfuhren die Freundinnen, daß die Gnädige nach der Station gefahren ſei. Seit einſt die Mutter den erſtgeborenen Sohn in —— 279 die Arme ihres Gatten gelegt, hatte ſie keinen ſelige⸗ ren Augenblick gefeiert als das Wiederſehen, das Gott ihr heute beſcheerte! Der Neugeſchenkte lag an ihrer Bruſt, ſeine Arme umſchloſſen ſie mit aller Kraft der Liebe, voll Stolz und Wonne ruhte ihr Auge unab⸗ läſſig auf dem gebräunten, ſtattlichen Kriegsmann, der tauſend Gefahren getrotzt, aus tauſend Gefahren ihr gerettet war. Sie blickte ihn an, als hätte ſie ihn nie geſehen, als wäre jedes Härchen auf ſeinem Haupte eine Gabe des allgütigen Schützers— wie viele Müt⸗ ter trauerten und klagten, im Geiſte hingeworfen über einen Hügel, den ſie nicht einmal kannten! und ſie be⸗ ſaß noch das Glück, den Stolz, die Wonne ihres Le⸗ bens, führte den Erben ihres Hauſes triumphirend ſeiner Heimath entgegen! Tauſend Fragen kreuzten ſich, während Mutter und Sohn dahinrollten, dieſer lieben Heimath zu; je näher ſie aber derſelben kamen, deſto lebhafter wuchs in der Gnädigen die Ungeduld, endlich die brennendſte aller Fragen an ſich gerichtet zu hören. Daß Erich in der gegenwärtigen Stunde, wo beider Herzen ſo ſtür⸗ miſch ſchlugen und ihr volles Recht begehrten, Litta nennen würde, ehe er die Schwelle überſchritt, welche dieſer Name ihm einſt verſchloſſen, erwartete ſie mit Beſtimmtheit. Ihre ganze Spannung richtete ſich nur 280 darauf, ob der bedeutungsvolle Name flehend ausge⸗ ſprochen würde oder verzichtend. Der Anblick des ge⸗ liebten Mädchens ſelbſt ſollte ihre Antwort ſein. Vergebens harrte aber die Gnädige auf das Wort, welches ſie dereinſt in ſo ſchweren Bann gelegt. Erich ſprach von Allem, nur nicht von ſeiner Liebe, nur nicht von ſeinem letzten Scheiden aus Gotzlow. Schon e rührten die Braunen mit ihren ſchnellen Füßen die Grenzfluren des weiten Grundbeſitzes, als die Gnädige plötzlich in nachdrücklichem Ton fragte:„Und nun Du heimkehrſt, Erich, haſt Du mir Nichts zu ſagen?“ Er ſah ſie überraſcht, aufmerkſam an. „Was meinſt Du, Mutter?“ „Was ich meine, läßt ſich errathen, ohne ein Prophet zu ſein“, ſagte ſie raſch, faſt ärgerlich.„Du hatteſt Wünſche—“ „Die ich nicht mehr habe“, entgegnete Erich feſt, indem er die Hand ſeiner Mutter ergriff und haſtig drückte. Das Geſicht der Gnädigen in dieſem Augenblick zu ſchildern, iſt keiner Feder gegeben. Nie in ihrem Leben war ſie außer Faſſung gerathen, jetzt zum erſten Mal fand ſie keinen Boden mehr unter ihren Füßen. Wie ein Blitz zuckten erſchreckende, vernichtende Mög⸗ lichkeiten durch ihren Geiſt! Wenn nun ihr früheſter — — —„ — ———. 281 Widerſpruch Recht behalten, wenn der Flatterſinn, den ſie Erich damals vorgeworfen, die heftige Neigung eines Moments bereits verweht— wenn er ſich in⸗ zwiſchen ſogar einer Andern zugewendet hätte! Faſt ein Jahr war vergangen, ſein Schweigen, das ſie ihm als Unterwerfung ſo hoch angerechnet, konnte weit an⸗ dere Urſachen haben. Und daheim harrte Litta, das Herz voll Glück! Die Glorie einer ſegenſpendenden Gottheit, worin ſie ſelbſt dem Sohne zu erſcheinen ge⸗ glaubt, wich plötzlich dem Bewußtſein, daß alles Pla⸗ nen, Opfern und Geben in einer höheren Hand ruht. Wie erſtarrt richtete ſie ihre erſchrockenen Augen auf ihn und ſagte nach langer Pauſe tonlos:„Was höre ich?“ Erich blickte ernſt.„Es wäre beſſer geweſen, dies ruhen zu laſſen“, ſagte er mit Ueberwindung.„Das Alles liegt hinter uns und ſollte nicht wieder zur Sprache kommen. Nun es geſchehen— nur Eins! Ich will mich nicht mit falſchem Verdienſt Dir auf⸗ putzen, Mutter. Du haſt es nicht dem gehorſamen Sohne zu danken, daß frühere Wünſche und Pläne aufgegeben ſind. Ich bin zur Erkenntniß gekommen, daß mich von ihnen mehr trennt als nur Dein Wille.“ Sie erfaßte ſeine Hand.„Sprich aus!“ In ihrem Ton lag etwas, das ihn tief berührte, das über⸗ 282 wallende Vertrauen ſeiner frühern Knabenjahre quoll— in ihm empor. „Ja, das will ich!“ ſagte er warm.„Ich kehre heim zu Dir, ich habe Nichts mehr, was mich in 5 Wünſchen und Hoffen an's Leben bindet, als die Mei⸗ nen, darum laß es Dir auch bekennen, daß ich tief unglücklich bin. Das Glück meines Herzens iſt für immer verloren, ich kann Mathilde nie vergeſſen, noch weniger aber je beſitzen, denn eigene Schuld trennt mich von ihr. Du wirſt ſie achten, wenn ich Dir ſage, 3 daß ſie mit mir gebrochen, nachdem Dein Verbot ſich 4 unwiderruflich zwiſchen uns geſtellt— ich zürne ihr 8 darum! In herbem Vorwurf ſchied ich von ihr, ſelbſt von ihrem Andenken riß ich mich los. Ihr Bild war aber mächtiger als mein egoiſtiſcher Groll, immer rei⸗ ner ſtieg es vor mir auf, jeder Vorwurf, den ich ihr gemacht, kehrte ſich gegen mich ſelbſt. Statt ihr ſelbſt⸗ loſes Opfer mit doppelter Liebe zu lohnen, hatte ich ſie hart der troſtloſeſten Lage überlaſſen, ohne ihr auch nur ein Zeichen des Gedenkens zu geben.— Nun ſchrieb ich ihr. Es war um dieſelbe Zeit, als mein— erſter Brief nach Gotzlow ging. Von dort kam Ant⸗ 4 wort— Litta blieb ſtumm. Sie fand mich der Liebe nicht mehr werth, die ich mißhandelt. Nun erſt wa⸗ ren wir wirklich geſchieden.“ —-—— Die Gnädige hörte mit einer Empfindung zu, welche ſie kaum im Stande war, zu verbergen. Cent⸗ nerlaſten ſielen von ihrem Herzen. „Briefe können verloren gehen“, ſagte ſie ſo ge⸗ laſſen, als ihr möglich war.„Um jene Zeit gab es im Kalden'ſchen Hauſe viel Verwirrung— möglich, daß Dein Schreiben gar nicht in die Hände des jungen Mädchens gelangt iſt.“ „Was ſagſt Du?“ rief er ſtürmiſch.„Weißt Du von Kalden's? Was iſt dort vorgefallen? Ich beſchwöre Dich, ſprich!“ Vielſtimmiger Vivat⸗ und Hurrahruf tönte in ſeine Worte hinein. In der hocherregten Stimmung der letzten Minuten hatten die Ankömmlinge Beide nicht bemerkt, daß ſich der Wagen bereits dem Schloſſe näherte. Schon raſſelte derſelbe dem Einfahrtsthore zu, vor welchem ſämmtliche Gutsleute und die ganze Dienerſchaft in ihren Sonntagskleidern harrten, ihren jungen Herrn zu begrüßen. Erich fuhr ſich mit der Hand über die glühende Stirn, rief dem Kutſcher, an⸗ zuhalten und ſprang raſch heraus, um den treuen, freudeglühenden Geſichtern ein herzliches Wort der Begrüßung zu bieten. Faſt zugleich ſchweifte ſein Blick nach den Fenſtern empor, wo er fand, was er er⸗ wartete, der geliebten Schweſter freudeſtrahlendes Ge⸗ — 1 ſicht. Mit Händedruck und Nicken machte er ſich von den treuherzigen Leuten los, die ihn umdrängten und eilte in das Schloß. Er hatte kaum die Schwelle überſchritten, als weiche Arme ihn plötzlich umſchlangen. Ein ſüßes, nimmer vergeſſenes Geſicht blickte einen Moment zu ihm auf, um ſich im nächſten Augenblick an ſeiner Schulter zu bergen. Wie Himmelston klang es in ſein Ohr: „Erich, geliebter Erich!“ Er glaubte zu träumen und doch ergoß ſich Se⸗ ligkeit über ihn, wie eine Fluth! Weg jeder Zweifel, jede Frage— er wußte und empfand nur ſein Glück und hielt dies Glück in ſeinen Armen! Vielleicht hätten die Seligen noch lange vergeſſen, was ſich außer ihnen ſonſt noch auf Erden regte und bewegte, wenn ſie nicht eine wohlbekannte Stimme aus ihrem Himmel auf dieſen Planeten zurückgerufen. Die Gnädige klopfte mit der Hand auf die Schulter ihres Sohnes und ſagte mit frohlockender Ironie: „Es lebe Deine Conſequenz.“ Erſt jetzt beſann ſich Erich, wo er die Geliebte wieder gefunden. Das Glück ging ihm auf wie eine Sonne, er ſchloß ſeine Mutter ſtürmiſch in die Arme und rief tief bewegt:„Es iſt die Conſequenz der Liebe — es iſt auch die der Deinen!“ 3 Ende des zweiten Bandes. * ffffffffffffin 14 15 16 17 18 19 20