Eduard Oülmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und LCeſebedingungen. 1. onensein der Bibliothek. Die Vibliotzen ſteht zur Em⸗ Pftnaudh me und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens ihr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ adna genommen. 8 ution. Ünbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme 8 Buches, ei em Werthe deſſelben entſprchende Summe i, dlide bei deſſen Znnieäa⸗ von mir Phrinerſtatees w ür lchenelish 2 Bücher: 4 Wücher: 6 Bücher: —— 1 50 Pf.—— auf 1 Monat: 1 N. Pf. 1 M 50 Pf. 2 Mk. Sf. — 35. Auswärtige Aboünenten haben für Hin⸗ und Zurüickſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. . Schadenersat aü Helthönudte. zerriſſene, verlorene und ¹ lich bei ſo⸗ lchen mit Kupfern ꝛc.) muß der erden.— Iſt das zerriſſene, Leſchinnse ver⸗ 2 Vuch ein Theil eines größeren Berkes, ſo iſt um Erſatz des Ganzen verpflichtet. lihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſeßt und wird peſonders darauf ſufmertſamn. gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfind arf, indem Diejenigen, welche die⸗ den von mir 1 dafür zu ſtehen haben.. 3 De7 Vri Die verſteinerten Schweſtern, oder das ſchmarze Geſpenſt auf dem Bergſehloſſe Trosky. Hiſtoriſch⸗romantiſche Sage aus Böhmens Vorzeit. Von Joſeph Alois Gleich, genannt 3 Indwig Dellaroſa, Verfaſſer des Waldraf, Vlutgerichts, der Höllenbraut, Ludmilla von Sternberg, Nymphe von Teplitz, Howora, Drahomira, Dunkan u. a. un.. Mit einem Stahlſtiche. Verlag von Bauer und Dirnböck, B Herrengaſſe N Erſtes Kapitel. Die Bergveſte Trosky. Im Bunzlauer Kreiſe Böhmens, eine eile von der Stadt Turnau, erheben ſich wei unweit von einander ſtehende, obſchon in hrem Fuße zuſammenlaufende ſteile Flſen, wel⸗ che die Grundlage zur Erbauung eines Berg⸗ ſchloſſes gaben, deren Ruinen noch ſo viele hun⸗ dert und hundert andere an Merkwür ürdigkeit 85— übertreffen. Oft ſchon iſt der Anblick derſelben von 8 vaterländiſchen Schriftſtellern mit den ägypti⸗—* ſchen Pyramiden verglichen worden, doch nur ¹ ein halbrichtiger Vergleich, da dieſe ſich ſogleich beim erſten Anblicke als Erzeugniſſe menſchlicher 8 Tyätigkeit darbiethen, wo man bei Trosk) 8 hingegen nicht ſogleich zu entſcheiden wagt, man es für ein Spiel der Natur, Die verſteinerten Schweſtern. 2 Kunſt achten ſoll, bis man endlich beim näheren Hinkommen, oder beim längeren Ueberblicke der⸗ ſelben deutlich erkennt, daß beide ſich hier ſo ſtau⸗ nenswürdig vereinen. Eine von Mittag gegen Mitternacht ſich erſtreckende Doppelmauer vereint beide Felſen ungefähr in ihrer Mitte, wodurch auf ihnen ein Schloß mit zwei Citadellen erbaut wer⸗ den konnte. Dieſe bloß aus ſchwarzen Steinen errichtete Mauer iſt überall wenigſtens ſieben Schuhe dick, und fünf auch ſechs Klafter hoch, deer freie Platz innerhalb derſelben iſt ſo groß, daß ein vierſpänniger Wagen gemächlich herumfahren kann. Das Hauptgebäude ſtand aauf der Nordſeite, wo man noch ziemlich hohe Mauern mit Thoren findet. Von den beiden Felſen iſt der eine, da er über die mittlere Mauer emporſteigt, beinahe um ein Drittheil höher als der andere. Der höhere, vot t der Prageſtraße ber liler Hand üegeide, wird 4 — ſpitze ſtand eine Warte oder Citadelle. Die beträchtliche Höhe dieſes Berges läßt ſich ſchon daraus ſchließen, daß man, und zwar ſchon von der Quermauer herab, bis in die Gegend von Prag, welches doch eilf Meilen weit enk⸗ fernt liegt, ſehen kann. Noch bemerkt man Spuren von vielfach angebrachten Schanzen, welche auf die ehemalige Feſtigkeit dieſes Bergſchloſſes ſchließen laſſen, auch findet ſich noch am Fuße des Berges ein unterirdiſcher Gang, der ſich ungefähr dreihundert Schritte tief erſtreckt, doch häuſiges Waſſer und die eingerollte Wölbung verhindern das Weiter⸗ dringen; ohne Zweifel führte er ehemals bis ins Schloß, und war zum Ausfall oder auh zu heimlichen Rettungen bei zeſihrchen B.* lagerungen beſtimmt. Unter den vielen Volksſagen aus dieſer Gegend dürfte vielleicht die Nachfolgende einen nicht unangenehmen Beitrag zur unterhalten⸗ den Lektüre gewähren. —.,— Zweites Kapitel. Das ſchwarze Nachtgeſpenſt. Vor längſt verfloſſenen Jahrhunderten, ſo lautet die Sage, hauſ'te ein Ritter auf Troösky, Hadmar genannt, von den Unter⸗ thanen wenig geliebt, ſeiner Strenge willen, von den Nachbarn gehaßt, welche ſeinen viel⸗ fachen Räubereien wegen doch nicht Nathe an ihm nehmen konnten, in ſeinem unüberwind⸗ lichen Felſenneſte. Er ſelbſt aber lebteii in Saus und Braus, verthat ſeine Tage entweder in Zagden, wo er ungerührt, von den gewaltigen Hufen ſeines Roſſes, den Segen des Land⸗ mannes im blühenden Saatfelde zerſtampfen ließ„ dagegen aber auch den unbedeutendſten Waldfrevel mit unnachſichtlicher Grauſamkeit 8 Frafte⸗ oder er gab daheim rauſchende Bechse 3 2*½ 5 lage, wo die Hälfte jedes Bechers ſich mit den Thränen oder Schweißtropfen der gequälten* Unterthanen füllte. Er war keines Menſchen Freund, ihn aber betrachtete alles mit Scheu, denn es trugen ſich auch allerlei Gerüchte herum, daß Herr Hadmar wohl gar mit böſen Geiſtern im Bunde ſtehen müſſe, oft wollte⸗ ſogar mehrere der Dienerſchaft zur ſchauer⸗ lichen Mitternachtsſtunde, geflügelte Drachen oder andere furchtbare Höllenfratzen in der Luft geſehen haben, wie ſie die Burgzimmer mit ſchauerlichem Gekrächze umgaukelten, und gewöhnlich fanden ſich nach der Hand in des Ritters Gemach ganze Kiſten mit blanken Gold⸗ und Silberſtücken, wenn auch vorher durch ſeine Verſchwendung die Kaſſe bis auf den letzten Deut ausgeleert geweſen war. Herr Hadmar aber lebte fort in Saus und Braus und es vergingen wenige Tage, wo hicht lärmenbe Trink gelage bi dihm nesſae. A 14 ſchmachten ließ, hatte ihm einen Sohn hinter⸗ laſſen, welcher leider in die Fußſtapfen ſeines Vaters zu treten ſchien, wie es auch nicht anders möglich war, da der junge Wolluf am Vater ſelbſt nur der böſen Beiſpiele ſo viele ſah, und übrigens ganz ſich ſelbſt und den rohen Knechten überlaſſen war; er wuchs daher eben ſo gebildet am Körper, als unge⸗ oildet am Geiſte heran, und verſprach durch ſfein wildes, rohes Benehmen den Dienern und Unterthanen keinen beſſern Herrn, als ſie bisher an ſeinem Vater beſeſſen hatten. Plötllich ſchien ſich die Scene zu ändern. Der Burgherr zog nicht mehr auf die Jagd, und gab keine lärmenden Bankette mehr; er ſchlich düſter und mürriſch herum, ſperrte ſſich Tagelang in ſeine Gemächer ein; man börte ihn in ſelben oft halbe Nächte herum⸗ umoren, und gleichſam mit Jemanden im heftigen Wortwechſel begriffen, und als er eines Morgens gar zu lange im Schlaf⸗ gemache verweilte, und die Diener endlich Schwärze umzogen, und wie einige behaupten wollten, das Geſicht mehr wie gewöhnlich ge⸗ gen den Rücken gedreht. Sogleich entſtand Lärm in dem Schloſſe, man traf Anſtalten, den Leichnam, ſo ſchnell wie möglich in die Gruft der Väter zu verſenken, und dem jun⸗ gen Wolluf als neuen, gebiethenden Herrn zu huldigen. Dieſem ſchien der Tod des Vaters eben nicht ſehr nahe zu gehen, ja man ſah es ihm an, wie ſehr er ſich nun freue, das bereits ſo lang entbehrte Erbe an⸗ zutreten, und Herr der ungeheuren Schätze zu ſeyn, welche, nach der Lebensart des Ritters zu ſchließen, im Schloſſe vorhanden ſeyn mußten. Sobald daher der Leichnam zur Erde beſtattet, und das Ceremoniell der Bei⸗ leidsbezeugungen geendiget war, wurde es Wolluf's erſtes Geſchäft, ſich des reichhaltigen. Nachlaſſes zu bemächtigen. Aber wie groß. war ſein Erſtaunen, als ſich ſcheu hineintraten, da lag ſein Leichnam gan 4 K ausgeſtreckt auf dem Bette, mit gräulicher S kiſten und Kaſten mehrere vorfanden, aber alle ſo rein ausgefegt waren, als ob eine feindliche Streifpartei die ſorgfältigſte Plün⸗ derung vorgenommen hätte. Der betroffene Erbe rannte alle Gemächer durch, ließ alle Schränke zu Schanden hauen, um vieleeicht doch noch einige verborgene Goldbehältniſſe zu entdecken, er ließ ſogar das Getäfel von den Wänden reißen, da ihm wohl bekannt war, wie heimtückiſch oft alte Leute ihre Koſtbar⸗ keiten zu verſcharren ſuchen. Der Schloßvogt, dem alle Schlüſſel anvertraut waren, mußte Ale unteririſchen Gewölbe öffnen, aber alles hens, es fanden ſich kaum einige Säckel⸗— en mit ſo viel, als die keichenkoſten betra⸗ Jen hatten. 8 Wuth und Kummer augleich erguffe den getäuſchten Erben, der ſich ein Eldorado 3 verſprochen hatte„ und ſich nun gleichſam in unfruchtbaren Sandwüſte befand, ia er —er. den Arm geſtützt, da nahte ſich der alte Vogt Walman mit einem kleinen, eiſernen Kiſtchen. »Haſt du etwas gefunden?« rief er dem Vogt zu, und ſchon ſlimmerten die etwa in dem Kiſtchen verborgenen Edelſteine vor ſei⸗ nen Augen.—»Wahrſcheinlich nicht viel,« entgegnete der Vogt,„dieſes Käſtlein fand ich in einem bisher unbemerkten Schranke in des verblichenen Herrn Schlafgemach; es iſt mit ſeinem Siegel verwahrt, daher es nur Euch zukommt, es zu öffnen, doch dünkt mir, kann der Leichtigkeit wegen der Inhalt nicht ſonderlich ergiebig ſeyn; leſet nur die ſelt⸗ ſam eingegrabenen Worte:« »Nur um die Mitternachtsſtunde und zwar in der äußerſten Noth von meinem Sohne zu öffnen.« „Bei meiner Treue, höchſt ſonderbar la »Ja wohl, edler Herr, und würde ih. Euch als ein alter, treuer Diener Eutes nachzuſenden. Troſtlos ſaß er in ſeinem* Gemache, das gedankenſchwere Haupt auf — 10 Hauſes zur Eröffnung gar nicht rathen; denn ſeht, es tragen ſich von dem Thun und Treiben des verblichenen Herrn gar ſeltſame Dinge herum 1 welches mir nachzuſprechen nicht geziemet, aber daß nicht alles ſo ganz geheuer „ war, konnte euch wohl ſelbſt nicht entgangen 5 ſeyn. Da nun die Aufſchrift gar zu ſonderbar lautet, ſo würde ich das Käſtlein lieber an einem geheimen Orte verwahren, und denken, der liebe Gott, der ſogar die Sperlinge auf dem Felde zu ernähren weiß, wird auch für mich zu ſorgen wiſſen, ohne zu ſo unheim⸗ lichen Mitteln meine Zuflucht zu nehmen.— „Schon gut, ſchon gut,« erwiederte Wolluf, befahl das Käſtlein in einen Winkel des Gemaches zu ſtellen, und ihn, da er eben mit wichtigen Hausrechnungen beſchäftiget ſei, allein zu laſſen.— Kopfſchüttelnd entfernte ſich der Vogt, Wolluf aber ſchritt gedanken⸗ voll auf und ab, betrachtete das Käſtlein von allen Seiten, und da es ihm unmöglich ge⸗ weſen wäre, ſeine Rengierde I bezähmen, t. wüthend, vhat mein Vater etwa ſeine thörichte Hauſes kümmern, das er ruchlos an den 11 fehnte er ſich auf dasz heftigſte nach dem An⸗ bruche der Mitternacht. Endlich erkannte er dieſe aus dem Stande der Mondenſcheibe, welche den Thurm beſchien, und nun riß er haſtig das Siegel ab, und öffnete das Käſtlein, aber auch hier fand er ſich mächtig getäuſcht, denn der ganze Inhalt war ein mit Eiſen ſtark beſchlagenes Buch und eine kleine Pergament⸗ rolle.»Wozu ſoll mir der Tand,« rief er halb Lebensweiſe darin aufgezeichnet, daß ich mir ein Beiſpiel daran nehmen könne, oder. ollen 34 mich vielleicht die Familien⸗ Verhältniſſe eines Bettelſtab gebracht hat?« Schon wollte er das Pergamentblatt in die Flamme werfen, doch beſiegte ihn noch die Neugierde und er las: „Mein Sohn! nur zur Zeit der höchſten Noth, mache Gebrauch von dem Mittel, welches mich zu großem hum auch in mancher Stunde 3 welche du wirſt. ₰ bedarfſt, denn als ein Weſen finſterer Art 4 Vorſicht an, daß du dich ja nur im Falle 5 1 brachte, daher ſei vorſichtiger als ich, und wenn dir Reichthum beſchert wird, ſo genieße ihn mit mehr Vorſicht als ich, damit du den nicht zu oft um Hilfe anſprechen darfſt, deſſen Beiſtand dir ſtets gefährlich werden kann.— Wiſſe alſo daß ſchon unſer Ahnherr des Beiſtandes eines überirdiſchen Weſens genoß, welches in eine Kluft, tief unter der Fami⸗ liengruft, gebannt iſt, und nur durch die meln zur Thätigkeit gerufen werden kann, a in dem Beſchwörungsbuche ſinden Lohl dir, wenn du ſeiner gar nie 2 iſt auch ſein Wille bösartig. Nie wird er dir rathen, was du thun ſollſt, nur immer deine Wünſche befriedigen, da aber in dieſen der Menſch ſo leicht ausartet, ſo kannſt du, ohne es zu ahnden, ſo weit auf dem Wege des Böſen fortwandeln, bis du dich nicht mehr vor dem gäͤhnenden Abgrunde zu retten vermagſt; daher rathe ich dir noch einmal — 13 der Noth dieſer verderblichen Hilfe bedienſt, denn je öfter du dieſen mächtigen Dämon zur Hülfe aufforderſt, deſto mehr Macht wird er über dich gewinnen, und es könnte noch ein ſchreckliches Ende dir bevorſtehen.« Staunend hatte Wolluf dieſe Zeilen ge⸗ leſen.—»Wenn ich Herr meines Willens bin,« ſprach er zu ſich ſelbſt,»ſo kann auch der böſeſte Geiſt der Hölle mir nicht ſchaden, denn nur von mir wird es abhängen, zu üben und zu fordern, was meine eigene Vernunft mir als gut und nützlich darſtellt, daher ſcheue ich mich auch nicht, jenes über⸗ natürliche Weſen zum Beiſtande aufzufordern, denn gerade nun bedarf ich dieſen am mei⸗ ſten, da durch des Vaters Verſchwendung meine Vermögensumſtände gänzlich zerrüttet ſind, und ich vor allen Nachbarn nur der Schande Preis gegeben bin. Nichts ſoll mich daher abhalten„ einem Fingerzeige zu folgen, welchen das Glück ſelbſt mir zu ge⸗ ben ſcheinet; nichts foll mich 14 wieder zum vorigen Glanze emporzuheben, und die Art und Weiſe, wie ich die neue Beſcherung gut anwenden werde, ſoll meine Sorge ſeyn. Er entzündete daher ſogleich einige Lichter am Rundtiſche, und ſchlug das Buch auf. Es war mit goldenen Buchſtaben, und auf jeder Seite der Pergamentblätter, waren ſo viele und ſeltſame Figuren, daß Wolluf ſich ganz in Anſtaunen verlor. Dieſe Bilder waren 3 aber mit ſo hell funkelnden Farben, und ſo lebhaft gemalt, daß ſie ſich ordentlich zu bewegen, und die mit Gold und flammendem Roth aufgetragenen Schnörkel ſich von ſelbſt im Kreiſe zu drehen ſchienen; er mußte die Augen wegwenden, ſo ſehr wirkten die Ge⸗ mälde auf ſeine Sehkraft, gleich als ob er in die Sonnenſtrahlen geblickt hätte. Nach einer langen Pauſe nahm er die Beſchäftigung auf's Neue vor, er las und fand verſchiedene Chaten ſeiner Vorfahren aufgezeichnet, welche er jedoch mit Unwillen überſchlug.— Jetzt V 15 erſt gelangte er auf die Vorſchrift, wie man das geſpenſtige Weſen zur Thätigkeit hervor⸗ rufen könne, indem er allemal, wenn das Haupt der Familie mit Tod abging, wieder ſo lange in ſeine vorige Unthätigkeit verbannt ſei, bis ihn neuerdings der eingetretene Erbe zum Wirken hervorrufe. Nach der bei⸗ gefügten Berechnung mußte er noch drei Tage bis zur vollen Rundung der Mondenſcheibe warten; eine Ewigkeit für ſeine Ungeduld. Er verſchloß daher das Buch ſorgfältig, und verſuchte ſich die Zeit durch Jagen zu ver⸗ kürzen, aber gewöhnlich kehrte er ohne Beute zurück, denn nur zu ſehr war ſeine Einbil⸗ dungskraft von den bevorſtehenden Exreigniſſen ergriffen, um auf irgend etwas Anderes denken zu können. Endlich brach die beſtimmte Nacht herein, ein grauſes Vorſpiel ſchien ihn auf ſeine Unternehmung vorzubereiten, denn ein ſo eftiger Sturm hatte ſich erhoben, wie die älteſten Burgbewohner ſich deſſen nicht ent⸗ —ʒ 16 finnen konnten; mit Rieſengewalt entwurzelte er die ſtärkſten Bäume des Forſtes, und drohte mit jedem furchtbaren Stoße die Veſte ſelbſt über die Felſen he rabzuſchleudern. Flam⸗ mende Blitze zerriſſen das rabenſchwarze Nacht⸗ gewölbe, von ſchmetternden Donnerſchlägen begleitet; jeder Menſch war froh, ſich innerhalb ſichern Mauern verbergen zu können. Wolluf achtete des grauſen Wetters nicht, Furcht war ihm fremd, und ſelbſt wenn eine bange Ahndung ſich ſeiner hätte bemächtigen können, würde ſelbe durch ſeine Neugierde verſcheucht worden ſeyn.. Mit dem Buche und einer Leuchte ver⸗ ſehen, ſchritt er, ohne von Jemanden der Burgbewohner bemerkt zu werden, nach dem Begräbnißgewölbe. Tief in einer Niſche war da ein eiſernes Pförtchen verborgen; lange mußte er in dem mitgenommenen Schlüſſel⸗ bunde ſuchen, bis er endlich den paſſenden fand; wie er das Pförtchen öffnete, drang iym morſche, faule Luft entgegen, daß er Zurkckhalten wollte. Mit aller Anſtrengung 17* —₰‿ kaum hinreichend athmen konnte, doch er ſchritt muthig, obgleich mühſam, die halb verfallenen Stufen hinab, ſo tief, als ob er in den Mutterleib der Erde ſteigen wollte. Jetzt ward endlich die Luft ſo faul und ſo dicht, daß er ſelbſt bei dem Schimmer der Fackel kaum drei Schritte vor ſich ſehen konnte. Er befand ſich nun in einem kleinen Gewölbe, welches ganz leer war, wo von den düſteren Mauern ringsum ſchädliche Näſſe herab träu- felte.»Iſt es ein Gaukelſpiel, mit dem mich mein Vater äffen wollte,« ſprach er im höch⸗ ſten Unwillen,„was ſoll ich hier in einem Gewölbe, wo außer ſchauerlichem Gemäuer nichts meine Neugierde feſſeln kann. Laß doch ſehen, wie weit man ſeinen Spott mit mir getrieben hat. Heftig ſchüttelte er die Fackel, damit ſie heller anbrenne, nun zog er das Buch hervor, und begann die Formeln zu leſen; ſeine Stimme ſtockte, es war nicht anders, als ob eine emporſteigende Angſt ihn Die verſteinerken Schweſtern. 48 brachte er endlich SDletzten Worte zuſammen, da rollte es gleich einem dumpfen Donner ober ſeinem Haupte dahin, und zugleich ſchien der Boden unter ſeinen Füßen zu wanken. Auf ſein Schwert geſtützt, ſtarrte er mit weit geöffneten Augen vor ſich hin; da ziſchte plötzlich hart neben ihm ein bläulicher Blitz⸗ ſtrahl vorüber, und in dem Augenblicke ſtürzte ihm gegenüber die Wand zuſammen. Eine gräßliche Lichte blendete ſeine Augen. Jetzt endlich, als er ſich mehr daran gewöhnte, ſah er innerhalb der Mauer ein großes Grabmal und neben dieſem ſaß eine Mannesgeſtalt äußerſt ſeltſamen Anblickes; er war in ein ſchwarzes Kleid nach aſiatiſchem Schnitte gehüllt, eben ſo trug auch ſein Geſicht die braungelbe, aſia⸗ tiſche Farbe, dicht hing ihm das ſtruppichte Haupthaar um die grauſe Stirne, unter welcher zweiſlammende Augen ſchauerlich hervorblickten, der übrige Theil des Geſichtes war von einem Barte umſchattet, der ihm bis an den Gürtel 19 reichte. Beide Hände ſtützten ſich auf eine ungeheure Keule, die Arme aber waren mit eiſernen Ketten an das Grabmal geſchmiedet, ſein ganzer Körper war von rieſiger Größe. »Was verlangſt du von mir?« ſprach die Geſtalt mit hohlem erſchütterndem Tone. »Biſt du jenes überirdiſche Weſen, wel⸗ ches meinen Vater mit ſo vielen Reichthü⸗ mern verſah? »Ich bin es!« „Kann auch ich gleiche Spende von dir erhalten?« „Du kannſt es, wenn du es verlangeſt.* „Welche Bedingniſſe habe ich zu er⸗ füllen?« „Keine, du haſt deinen freien Willen und über mich zu gebiethen. Nie werde ich dir rathen; was du verlangſt, und ſei es auch das Gewagteſte, wird geſchehen; d ſelbſt aber mußt über deine freien dents gen Rechenſchaft geben.« „»Das iſt meine Sorge; wann dann auf deine Hilfe rechnen?* 20 »Morgen Früh. Was iſt dein erſter Wille?) 18 „Schätze, daß ich mich mit den Reichſten des Landes meſſen kann.“ „»Wohl, ſo entledige mich meiner Feſſel.» „Wie vermag ich das?« „Durch die Aeußerung deines Willens, daß ich unbedingt frei ſeyn ſoll.“ „Ich will es, aabebinst ſollſt du frei ſeyn. 2 Da ſielen klirrend die Feſſ el zu Boden, und in dem nämlichen Augenblicke war auch die Erſcheinung ſammt dem Grabmale vor Wollufs Blicken verſchwunden, die zuſammen⸗ geſtürzte Mauer war wie vor und eh, und er fand ſich allein im Gewölbe. Hohes Staunen hatte ſich auf einige Augenblicke ſeiner bemäch⸗ tiget, dann aber kehrte ſein voriger Unmuth wieder zurück.— „Verdammter Hexenſpuck,« rief er, vdu ſollſt mich nicht umſonſt geäfft haben, noch wil ich den kommenden Morgen die mir 21 verſprochene Hilfe abwarten, dann aber, wenn mein Harren fruchtlos ſeyn ſollte, das Buch verbrennen, und die Burg ſelbſt in Trümmer reißen laſſen, damit ſelbſt das Andenken an die Bewohner von Trosky aus dem Gedächt⸗ niſſe der Enkel vernichtet werde.« Mit verſchloſſener Wuth kehrte er in ſeine Wohnung zurück, er fühlte ſich von der einge⸗ athmeten feuchten Luft ſtark angegriffen, ſtürzte noch einige Becher Weines hinaͤb, Ehne ſich dann wirklich Janz erſchöpft auf ſein Lager, wo bald der Schlaf ſeine Augen ſchloß. Drittes Kapitel. Der fremde Knabe. 0 Es war ſchon ziemlich hoch am Tage,. als der alte Vogt Wolman beſorgt in das Gemach des Ritters trat; denn eine ſo lange Zeit der Ruhe war er an ihm nicht gewohnt. Wolluf wachte bei dem Geräuſche des Ein⸗ tretenden auf, und blickte düſter, mit noch ganz verwirrten Sinnen umher. „»Wohl mir, daß ihr geſund und munter ſeid,«u ſprach der Alte,„denn ſchon glaubte icch, es ſei euch ein Unfall begegnet. O Herr! das war eine Schreckensnacht, auf welche ich — ritlebens denken werde. Ich habe wohl der 23 gräßlichen Unwetter ſchon viele erlebt, doch ſo ſah ich noch keinen Sturm wüthen, ſo hör⸗ te ich noch nie die ungeheuern Donnerſchläge praſſeln. Es war nicht anders, als ob alle Geſpenſter der Hölle losgelaſſen wären⸗. »So zaghaft hätte ich den alten Whuman nicht geglaubt.« 8 „Herr, wo es mit rechten Dingen zugeht, da ſteh ich meinem Manne, aber hier, wo offenbar, der— Gott ſei bei uns, im Spiele iſt, muß einem wohl vor Schrecken das Blut in den Adern er⸗ ſtarren. Herr, haltet das, was ich euch ſage, nicht für ein bloßes Spiel der Fantaſte, die Wachen auf den Mauern ſelbſt ſahen ſo gut wie ich, und ſind vor Schrecken zu Boden geſtürzt; die häßlichſten Höllenfratzen, welche man ſich nur denken kann, haben bis nach Mitternacht die Burg in weiten Kreiſen umflattetk, und ein Geheul erfüllte die Luft, daß einem hätte das Mark in den Beinen zerrinnen mögen Ihr lächelt? Je nun, der Himmel gebe nur.. daß dieß nicht groß es Unheil zu bedeuten habe. 24 da ſtieß der Thurmwächter in ſein Horn, und der Ritter ſandte den Alten hinaus, nach⸗ zuſehen, was es denn gebe. Nach einer ziemlich langen Pauſe kehrte dieſer zurück. pine ſeltſame Kunde, Herr Ritter, ſprach er, vauf einem wild ſchnaubenden ſchwarzen Roſſe harrt ein junger Reiter außen, und verlangt mit euch zu ſprechen, ich habe ihn bereits in das Vorgemach geleiten laſſen. Kaum ſollte man glauben, daß ein ſolcher ſchwacher Junge den ungeheuren Gaul zu bändigen ver⸗ mmag, auch gewährt ſein Aeußeres einen gar ſeltſamen Anblick. Er iſt in aſiatiſche Tracht gekleidet, hochroth ganz mit Gold verziert, auf ſeinem Turban blitzt ein Edelſtein von ungeheurem Werthe, ſein Geſicht iſt braun⸗ gelb, und ſein Auge flammt mit wildem Feuer umher, der Junge ſcheint wie aus den Wolken gefallen zu ſeyn, wenn er nicht etwa gar der Abgeſandte eines Reiches da f unter uns iſt.a 8 28 4 Noch ſprach der Alte auf dieſe Art fort, —— Unwillig hieß der Ritter dem Plauderer ſchweigen, befahl den Fremden hereinzufüh⸗ ren und ihn dann allein bei ihm zu laſſen. Kopfſchüttelnd entfernte ſich der Alte und bald darauf trat jener ein. Wolluf faßte ihn ſcharf ins Auge, er hatte zwar keine abſchreckende Geſichtsbildung, doch lag in ſeinem Blicke ein Etwas, das man hätte abſchreckend nennen können. »Was haſt du für ein Gewerbe an mich,« fragte Wolluf. „Ich komme deinen Wunſch zu erfüllen,« erwiederte jener, und zog Unter dem rothen, reich mit Gold durchwirkten S Kaftan ein em⸗ lich großes Käſtchen von Ebenholz herbor. „Vor der Hand,« ſprach er, vkönnteſt du mit dieſem Schatze genug haben, denn für dieſe Juwelen ließe ſich wohl e eine Grafſchaft erkaufen.« Er öffnete das Käſtchen, und Wolluf Veriet ganz laußer Faſſung bei dem Anbhi de ich bin gewohnt Wort zu halten, und erfülle pünktlich, was ich dir dieſe Nacht zugeſagt habe& »Du? du ſelbſt? Nicht möglich, jene rieſige Geſtalt.« „» Kann ich durch dein Zuthun wieder er⸗ langen. So wie die zarte Sproße jugendlich dem Schooße der Erde entkeimet, ſo erſcheine ich zuerſt denen, die mich rufen, und wie der Gärtner durch ſorgfältige Pflege jene zur 3 Reife bringt, eben ſo werde ich durch die Un⸗ ternehmungen meiner Schützlinge ſtets treff⸗ lich genährt, und werde ſſehends zur größeren St ke gedeihen. Jeder deiner abenteuerlichen Wünſche fördert meinen Wachsthum, und ſo viel ich dich kenne, werde ich bald wieder meine vorige Rieſengröße erreichen. Genug davon, ich weiche nun nicht mehr von deiner Seite, bis du mich nicht ſelbſt verbanneſt; vor dem Butggeſinde mag ich als der Sohn eines reichen Aſtaten gelten, der dir zur Dankbar⸗ keit wadſlcheer iſt. Dieſe Geſchmeide aber 27 bringe ich nach Prag, dir Gold⸗ und Silber⸗ münzen dafür einzuhandeln, dies mag als ein Geſchenk meines überreichen und mächti⸗ gen Vaters gelten, welches ich dort abhole.« Wolluf mit dieſem Vorſchlage zufrieden, berief den Vogt und das Burggeſinde zu⸗ ſammen, und ſtellte ihnen den Jungen, welcher ſich Bajogid nannte, als ſeinen Zögling und künftigen Freund vor, welchem ſie mit ausgezeichneter Achtung zu begegnen haben, ihm ſelbſt aber trug er auf, jene Koſtbarkeiten aus Prag abzuholen, welche ihm ſein Vater aus dem fernen Oriente mitgegeben habe. Bajogid ſäumte nicht lange, er beſtieg ſeinen Hengſt, ein wildes Thier, das außer ſeinem Herrn Jeden mit Beißen und Schlagen hintanhielt, und ſprengte mit ihm ſo unge⸗ ſcheut fort, als ob die Beſtie das ſchulgerech⸗ teſte Thier geweſen wäre. Mit Staunen ſahen ihm die Burgleute nach, und es gab bald der ſeltſamſten Muthmaßungen genug üiber e Erſcheinung. Drei Tage blieb Bajogid außen, dann meldete Walman deſſen Ankunft nebſt einigen Knechten, welche viele ſchwer bepackte Saum⸗ roſſe an den Zügeln führten. Sogleich wur⸗ den die Kiſten abgeladen, und nach den Zim⸗ mern des Burgherrn gebracht, wo man ſich nicht genug über die Menge von Goldmünzen, koſtbaren Stoffen und Silbergeräthen verwun⸗ dern konnte. Wolluf ſchwamm in einem Meere von Wonne. Er begann da, wo es ſein Vater gelaſſen hatte. Zahlreiche Dienerſchaft wurde aufgenommen, die Ställe wurden mit ſtatt⸗ lichen Roſſen und Jagdhunden angefüllt, die zahlreiche Dienerſchaft neu und koſtbar beklei⸗ det, das ganze Haus neu eingerichtet, es wechſelten wie zu ſeines Vaters Zeiten Feſte und Bankette, und bald ward ringsum der reiche und eben ſo gaſtfreie Ritter von Trosky allgemein gelobt und bewundert. Der junge Bajogid gab keinen müßigen Zuſeher ab, er ordnete die Feſte, ſchuf die Tafeln an, und vextrat die Stelle eines jetzigen maitre du 29 plaisir, und bald auch einen alles domini⸗ renden Haushofmeiſters. Bei der Tafel wußte er die Gäſte mit artigen Liedern und ſolchen luſtigen Schwänken zu unterhalten, daß ſie vor Lachen hätten platzen mögen; auf der Jagd war er ein trefflicher Schütze, zu Hauſe tummelte er die Roſſe mit Manneskraft, und beſaß im Ringen und Fechten ſo viele Vor⸗ theile, daß es nicht leicht Einer mit ihm auf⸗ nehmen wollte, er beleidigte niemanden, und würde ſich bei allen eingeſchmeichelt haben, wenn nur nicht ſeine durchdringenden Blicke immer ſo etwas Abſchreckendes an ſich gehabt hätten. Viertes Kapitel. Die Braut. Beinahe hatte ſich Wolluf an den ver⸗ ſchiedenen Ergötzlichkeiten überſättiget; denn inadem Menſchen immer nagende Gewürme ſind ſeine Wünſche, wo einer den anderen erzeugt, und nie ihre Befriedigung gänzlich möglich ſeyn kann. Wolluf begann bei all' den Hertihkeien, welche ihn umgaben, lange Weile zu fühlen, er ſehnte ſich nicht nur nach irgend einem an⸗ deren Genuſſe, ja es ſchien ihm etwas zu mangeln, was er ſich ſelbſt nicht erklären konnte. Eine Art Mißmuth ſchien ihn zu umlagern, und er beſchloß, ſich auf Reiſen zu begeben. Er berieth ſich mit ſeinem Freunde Bajogid darüber. 5. „Ich dachte es wohl, daß es ſo kommen wird,« ſprach dieſer,„denn, ſo wie im Fluſſe ſich Welle an Welle drängt, ſo ſind die Wünſche der Menſchen und euer Herz iſt un⸗ erſättlich wie das Meer, welches unaufhör⸗ lich alle zuſtrömenden Gewäſſer aufnimmt, ohne doch ſeine Gierde hinlänglich befriedigt zu ſehen. Warum willſt du aber in der Ferne ſuchen, was dir vielleicht die Nähe darbieten kann? Harre noch einige Tage, und vielleicht erhältſt du Gelegenheit zu einer Zerſtreuung ganz anderer Art, denn der Zufall bietet oft da die Hand, wo menſchliches Sinnen keinen Ausweg zu finden weiß⸗« Wolluf war ge⸗ wohnt, die Worte Bajogids für Orakelſprüche zu halten, er bezähmte alſo einige Tage ſeine Ungeduld, obſchon noch weniger ſeine Neugierde. Da ertönte plötzlich das Horn des Thurm⸗ wächters, und man meldete einen Reiter, 8 3 2.* welcher die Farben des einige Tagereiſen ent⸗ fernten mächtigen Herrn und Gebieters Czesko von Lomnitz trage. „»Sonderbar,« ſprach Wolluf, vwie komme ich mit dem ſtolzen Reichsbarone in Berüh⸗ rung, von dem ich noch zwar des Böſen nicht viel, aber auch des Guten noch gar wenig gehört habe. Er befahl jedoch den Bothen vorzulaſſen. Dieſer trat in ſeinem glän⸗ zenden Waffenrock herein, verneigte ſich gar ehrerbiethig vor dem geſtrengen Herrn Ritter, und meldete, maſſen ſein Herr und Gebieter, der mächtige Reichsbaron, Czesko von Lom⸗ nitz, geſonnen ſei, ſein Töchterchen, das hoch⸗ achtbare, züchtige Fräulein Jaromira mit dem edlen Herrn Zdenko von Wronay ehelich zu verbinden, ſo habe er beſchloſſen, die Verbin⸗ dung zweier ſo mächtigen Häuſer mit dem ge⸗ ziemenden Pompe zu feiern, daher er denn auch ringsum die vornehmſten Herren und Ritter zu ſich als höchſt willkommene Gäſte entbiete, indem deren Erſcheinen ihm zur ab⸗ an, denn der ſtolze Reichsbaron hatte ſich nie viel um ihn bekümmert, doch entließ er den Bothen mit der Zuſage des Erſcheinens und einem bedeutende eſchenke. Sobald daher Bajogid zu ihm ins Gemach trat, machte er ihn ſogleich mit der unerwarteten Einladung bekannt, und befragte ihn um ſeine Meinung. „Ich darf und werde dir nie rathen, a ſprach Bajogid, v»nur dein Wille iſt mir Befehl.“ „Ich dächte, zur Abwechslung könnte ich mir wohl den kleinen Weg gefallen laſſen, vielleicht daß ich dort unvermuthet Zer⸗ ſtreuung finde. Wohlan, es ſei! ich will bei dem Vermählungsfeſte erſcheinen, doch muß dieſes mit der möglichſten Pracht geſchehen; dazu bedarf ich aber glänzender Rüſtungen und noch herrlicherer Reitzeuge, als ich ohne⸗ hin ſchon beſitze.« Die verſteinerten Schweſtern. 33 ſonderlichen Ehre gereichen würde. Wolluß hörte mit Verwunderung die ſeltſame Mähre „Wir haben noch acht Tage Zeit, bis 34 zum Zeſte, bis dahin kannſt du mit allem er⸗ forderlichen verſehen ſeyn, daß durch Glanz und Aufwand aller Augen auf dich ziehen wirſt; ich eile um das Nöthige nach Prag.« 1 Früher noch, als Wolluf vermuthet hatte, kam Bajogid mit den eingekauften Vorräthen zurück; die Pracht der Gegenſtände, welche en eingekauft hatte, übertrafen noch die Erwar⸗ tungen des Ritters; kein Graf war im Stande größeren Aufwand zu zeigen. »Höre, Bajogid,« ſprach er,„mich be⸗ fällt ein Gedanke, was kümmert mich der ſtolze Czesko, der ſich nie um mich bekümmerte, daß ich ſogleich ſeiner erſten Einladung folgen ſoll. Ich will unter fremdem Namen dort er⸗ ſcheinen, mag es ihn immerhin verdrießen, daß er den Herrn von Trosky nicht unter die Bewunderer ſeiner Herrlichkeiten zählen kann.« »Das magſt du thun,« erwiederte Ba⸗ jogid, vund wer weiß, wofür es gut iſt,« einen Leibknappen in das Schloß, um 35 ſetzte er mit einem hoͤhniſchen Zuge um die Lippen 8 hinzu, welches aber Wolluf nicht bemerkte. Nun wurden ſogleich alle Anſtalten ge⸗ troffen, und den Knechten eine andere Farbe der Leibbinden gegeben; Wolluf gab ſich für einen Ritter Boreck aus Holſtein aus, und führte auch ein anderes Wappen in ſeinem Schilde; den Knechten war die ſtrengſte Ver⸗ ſchwiegenheit anbefohlen. So ging es nun mit raſchen Schritten vorwärts, bis ſie in die Nähe des herrlichen Schloſſes Lomnitz gelangten; hier ſprach Wolluf mit ſeinen Leuten in einer Herberge ein, wo kaum noch ein Platz zu finden war, denn alles wimmelte bereits in der Burg von Gäſten, und die Diener⸗ ſchaft mußte in die umliegende Gegend ver⸗ theilt werden. Noch war das Verlobungsfeſt auf einige Tage verſchoben worden, aber die mannigfaltigen Feſtlichkeiten hatten bereits ihren Anfang genommen. Am folgenden Morgen ſandte Wolluf 6 3* —— 36 als Fremder, obwohl ungeladen, um Aufnahme anzuhalten, welches ſogleich von dem ſtolzen Reichsbarone mit dem Zuſatze bewilliget wurde, daß es ihn hoch erfreue, daß ſogar aus einem fernen Lande ein Gaſt ihn beehren wolle, und er vielleicht auch an dem heutigen Tur⸗ niere Theil nehmen könne. Wolluf zog nun ſeine ganz mit Silber eingelegte Prunkrüſtung an, und ritt mit einer Pracht in die Schran⸗ ken, welche a aller Augen auf ſich zog. 8 Da bereits einige Ritter mitſammen im hohen Zuge rannten, ſo ſtellte auch er ſich in die Reihe der Kampfluſtigen ein. Nun ſchweiften ſeine Blicke allenthalben umher, und jetzt erblickte er das Fräulein Jaromira neben ihrem Vater auf dem Balkone. Wie ſeltſam war ihm zu Muthe, er verlor ſich ganz in Anſtaunen, denn noch nie hatte er ſolche Reize erblickt, noch. nie ſein Herz ſo getroffen gefühlt; mit unbändiger Gewalt ſchien ſich die Liebe ſeines Herzens zu be⸗ mächtigen. Er brach mit Glück einige Lanzen, 827 und da ihn der Reichsbaron zur Tafel lud, eilte er in die Herberge zurück, die Rüſtung mit dem Prunkkleide zu vertauſchen. Hatte zuvor ſchon Wolluf aller Augen auf ſich gezo⸗ gen, ſo geſchah es nun noch um ſo mehr, da die Rüſtung das ſchöne Ebenmaß ſeiner Glie⸗ der nicht mehr verbarg, und die häufig an⸗ gebrachten Edelſteine und goldenen Verzie⸗ rungen auf dem ſchwarzen Sammtkleide und dem Federbarette deutlich von dem großen Reichthume des Ritters zeigten. Noch mehr aber nahm ſein männlich ſchönes Geſicht, und die Bildung des Geiſtes ein, alles begegnete ihm mit Auszeichnung. Nach der Tafel, bei welcher Wolluf Zeit genug hatte, Jaromi⸗ rens Reitze zu bewundern, und ſo immer mehr das ſüße Gift der Liebe einzuſaugen, ging es zum Tanze, und da ihm das Burg⸗ fräulein einen Reigen bewilligte, ſo konnte man nicht genug die Eleganz des Holſteiner Ritters bewundern; ja Jaromira ſelbſt ge⸗ ſtand ſich, daß ihr Herz der innigſten Zu-. 38 neigung zu ihm fähig wäre, wenn nicht früher ſchon Pflicht und Liebe ſich deſſen be⸗ mächtiget hätte. Auch ihr Verlobter, Zdenko von Wronay, war ein Mann, welcher auf die Liebe eines gebildeten Fräuleins gegrün⸗ deten Anſpruch machen konnte, ein wackerer Kämpfer, geſchmeidig und zutraulich im Um⸗ gange, als rechtlich und bieder Allen bekannt. Freilich mußte ihn Wolluf mit ganz anderen Augen betrachten, da er ihn als das einzige Hinderniß anſehen konnte, welches ſeinem vollkommenen Glücke im Wege ſtehe. Auch Herrn Zdenko war die Anweſen⸗ heit dieſes Gaſtes äußerſt unangenehm; denn ihm müßte minder an Jaromirens Beſitz ge⸗ legen geweſen ſeyn, wenn ihm die flammen⸗ den Blicke, welche ihr Wolluf zuwarf, ent⸗ gangen oder gleichgültig geweſen wären; er beobachtete daher jede ſeiner Bewegungen mit argwöhniſchen Blicken und hatte bald die volle Beſtätigung ſeiner Vermuthungen. Der häufiger genoſſene Wein brachte ſein Blut noch „. feindſeligſten Blicken. Bei ſolchen Geſinnungen bedarf es, wie bei einer Pulvertonne, nur des kleinſten Funkens zur ſchrecklichen Exploſion. Wolluf hatte eben mit Jaromiren einen Tanz geendigt, wo jede ſeiner Bewegungen deutlich verrieth, was in ſeinem Innern vor⸗ gehe; Zdenko hatte ſich voll heimlichen In⸗ grimmes nach der äußeren Gallerie begeben, um im Freien ſeinem gepreßten Herzen Luft zu machen; auch Wolluf fühlte ſich vom Tanze erhitzt, und begab ſich ins Freie; hier trafen beide Nebenbuhler zuſammen, bald kam es zwiſchen ihnen zu Anzüglichkeiten, welche in bittere Worte ausarteten. Wolluf fühlte ſich in ho⸗ hem Grade beleidigt, er forderte Genugthuung und riß das Schwert aus der Scheide; auch Zdenko ließ ſich nicht zweimal auffordern, 39 mehr in Bewegung, und auch Wollufen ging es nicht beſſer, ſie, betrachteten ſich mit den laut kirdend ſchluden ihre Kigen s an einan⸗. 8. Hellebarden dazwiſchen; der Reichsbaron ſelbſt eilte mit einigen Rittern herbei; einer der Trabanten beſtätigte, daß Wolluf zuerſt ſein Schwert gezogen habe; Zdenko alſo zur Noth⸗ wehr gezwungen worden ſei, mithin hatte jener nicht nur den Burgfrieden gebrochen, ſondern auch das Recht der Gaſtfreiheit ver⸗ letzt. Er wurde daher auf Czeskos Befehl entwaffnet, und nach einem abgelegenen, wohlvergitterten Gemache gebracht, damit das Feſt nicht mehr geſtört werde, und er ſich am folgenden Tage vor einem Gerichte von ſieben ebenbürtigen Rittern vertheidigen könne. Nun hatte er freilich Muße genug, ſeinen bereilten Schritten nachzudenken und einzu⸗ ſehen, daß der Urtheilsſpruch um ſo weniger günſtig ausfallen könne, als es auch aufkommen . müſſe, daß er ſich eines falſchen Namens und Wappens, ganz gegen alle Ritterſitte, bedient habe. Tiefer Unmuth ergriff ihn, er warf ſich in einen Stuhl; da tönte auf's Neue vom Saale herüber der Schall der Muſik in ſeine —— * Ohren, er dachte ſich Jaromiren nun an der Seite ihres Verlobten, und rüttelte mit In⸗ grimm an den Eiſenſtäben des Fenſtergitters. 1 Lautes Gelächter drang vom Saale herüber, denn es waren einige Schalksnarren auf⸗ getreten, die Luſtbarkeit zu erhöhen; aber Wolluf nahm es auf ſich, daß er nun eben zum Gegenſtande des allgemeinen Spottes diene, und in ſeinem Inneren wüthete Ver⸗ zweiflung.„ „»Bajogid,« rief er,»Bajogid, ich befehle dir augenblicklich vor mir zu erſcheinen;« er ſprachs, und dieſer, gleichſam als ob er ſich aus einer Luftmaſſe gebildet hätte, ſtand vor ihm. „Ich harrte lange ſchon deines Rufes,« ſprach er, vaber es ſcheint, daß du in deinem Unmuthe auch ſogar deiner Freunde vergißt. Was verlangſt du von mir? denn was vor⸗ gefallen iſt, weiß ich ohnedieß.«. „Was räthſt du mir alſo zu thun k« 42 „Befiehl, denn zu rathen iſt mir nicht gegönnt.« „Blindes Werkzeug, das auch nicht einen Schritt über ſeine vorgezeichneten Gränzen hinaus ſieht. Vermagſt du mich in Freihei zu ſetzen 2a „Sehr leicht. a- „So bringe mich nach meiner Burg zurück.« „Dieß iſt auch das Klügſte, was du thun kannſt, denn hier würde es nimmer⸗ mehr günſtig für dich enden. Ich habe dir auch bereits vorgearbeitet, deine Leute haben ſchon auf deinen Befehl in Geheim auf Nebenwegen die Rückreiſe angetreten, denn man würde nicht geſäumt haben, ihnen durch Liſt oder Gewalt dein Geheimniß zu erpreſſen. a „Nimm meinen Dank und nun ſchnell ans Werk. a »So ganz, ohne wenigſtens einen Poſſen zu ſpielen, ſollteſt du doch nicht von hier ſcheiden.a 5 —— f. »Du haſt Recht, übe einen Schwank oder 4 Hexenſpuck, daß ſie Zeitlebens daran denken.. „Ich will es thun, weil du es befiehlſt, nun aber, folge mir ſchnell, unſere Roſſe ſtehen bereit;« er öffnete die Thüre, und führte ihn durch mehrere Gemächer, welche alle voll Wachen und Dienerſchaft waren, aber alle dieſe glichen bloßen Steinbildern, denn obwol ſie mit verſchiedenen Verrichtun⸗ gen beſchäftiget geweſen waren, ſo ſtanden ſie doch nun in den nämlichen Attitüden ganz be⸗ wegungslos, und Bajogid ſchritt mit Wolluf ihre Reihen durch; eben ſo war es mit den Wachen in den Gängen und an dem Thore. Außen ſtanden zwei Pferde angebunden, beide ſchwangen ſich hinauf und ſprengten im vollen Jagen davon. So ſehr aber die ſämmtliche Dienerſchaft eine allgemeine Starrſucht er⸗ griffen zu haben ſchien, ſo ging es um ſo lebhafter und bunter im Saale durcheinander. Ein böſer Geiſt ſchien aller Sinne verwirrt zu haben; einer ſprach zum andern, nicht wie es Verſtellung mit ſich brachte, ſondern wie er wirklich dachte, und ſo häuften ſich denn hie und da Beleidigungen auf Belei⸗ digungen, die Köpfe wurden immer erhitzter, man griff zwar nicht zu den Waffen, aber ſchleuderte ſich Becher, Krüge und Stühie zu; der nahm hier, der da Partei, und ſo geriethen endlich alle ſo aneinander, daß ſie ſich bei den Haaren faßten, im Wirbel herum drehten, und ſo tüchtig mit Fauſt⸗ ſchlägen beehrten, bis ſie endlich ganz matt und kraftlos auf den Boden hintaumelten. Am folgenden Morgen, als von den Herrenleuten und der Dienerſchaft der Tau⸗ mel entſchwunden war; da gab es freilich lange und beſtürzte Geſichter genug; man ſchämte ſich, und um das Vorgefallene ſo gut als möglich zu beſchönigen, gab es gar kein anderes und beſſeres Mittel, als alles einem Hexenſpucke zuzuſchreiben, welches ſich auch um ſo leichter beſtätigen ließ, da man ſtatt dem gefangenen Ritter einen aus⸗ 45 geſchoppten Strohmann im Gemache fand, unnd auch aus der Herberge die Nachricht kam, daß das ganze Gefolge des Holſteiner Ritters bei Nacht und Nebel, gleich Geſpen⸗ ſtern, entſchwunden ſei, ohne mehr eine Spur oder Nachlaß zu finden. ———— Fünftes Kavitel. Die Entführung. .. 5 Im ſchnellen Fluge und wohlbehalten wmar Wolluf mit ſeinem Bajogid auf Trosky angelangt, und auch am folgenden Tag traf das ganze Gefolge mit Sack und Pack ein, da ihnen der Letztere im Namen des Herrn die möglichſte Eile aufgetragen hatte. So war denn nun Wolluf freilich der Gefahr entgangen, aber deßhalb war die Wunde ſeines Herzens noch nicht geheilt. Gleich einem tückiſchen Wurme nagte die Liebe un⸗ aufhörlich in ſeinem Inneren, und bald glaubte . 47 er, ohne den Beſitz Jaromtrens, ſeines Lebens nicht mehr froh werden zu können. »Nun bedarf ich deines Beiſtandes am ½ Meiſten,« ſprach er zu Bajogid, vich kann ohne Jaromiren nicht mehr leben, und wenn ich ſie mir als Gattin in den Armen des verhaßten Wronay denke, ſo muß ich ver⸗ zweifeln »Was befiehlſt du, daß ich thun ſoll, denn ſchon in der kommenden Nacht wird ſie Zdenko's Weib, da der Vater, Zauberei efürchtend, die Vermählung beſchleunigen will. a „Dann iſt meines Jammers kein Ende. Mit bewaffneter Macht das Schlos über⸗ fallen, würde mir wenig frommen, und nur mich ſelbſt dem Verderben Preis geben, da ich ſeinen vielen mächtigen Verbündeten nicht widerſtehen kann.« „»Nun iſt freilich auf dir kein Verdacht, denn Niemanden wird es beifallen, daß Ritter 43 Troskv und Boreck eine und die nämliche Perſon ſeien. a „Vermagſt du ſie aus den Armen ihres Buhlen zu reißen, und hieher auf mein Schloß zu bringen, ſo vollziehe ſo ſchnell wie möglich dieſen meinen Willen.« „Ich werde ihn vollziehen. Um Mitter⸗ nacht erwarte mich am Thore der Burg, be⸗ ſeitige aber alle deine Knechte, denn nie dürfen ſie erfahren, wer und woher das Fräulein ſei; ich ſattle mein Roß, um in deinen Ge⸗ ſchäften fortzueilen. Schneckengang, er konnte die Mitternacht nicht erwarten; ſich fröhlich ſtellend, gab er bei den Knechten vor, daß er an dieſem Tage eine frohe Erinnerung feiere. Er ließ daher Wein aus dem Keller bringen, ſo viel ſie verlangten, ſorgte vorzüglich dafür, daß der . Thurmwächter benebelt werde, und da ohne⸗ hin ringsum Sicherheit herrſchte, ſo gehorchte 1 man um ſo lieber ſeinem Befehle, die Wach⸗ Die Zeit hatte für Wolluf dießmal einen — 49 poſten einzuziehen, und ſich zur nothwendig8en Ruhe zu begeben. Bald hatte der Schlaf ſich 3 Aller bemächtiget, nur Wolluf allein blieb wach und zählte beinahe jeden Pulsſchlag bis zur Mitternachtsſtunde. Jetzt begab er ſich an das Thor, und blickte in geſpannter Erwartung über die Zugbrücke hinab in die Tiefe. Es war alles ſo ſtille und ſchauerlich um ihn her, kein Lüft⸗ * chen ſäuſelte in den Blättern, kein Thierchen ließ noch einſam ſeine Stimme hören, die ganze Natur ſchien im Todesſchlafe zu liegen. Horch! da tönte dumpfer Hufſchlag vom Sumpfe herauf; es kam immer näher und näher, zwei gräuliche Lichtſtreifen ſchienen auf der Erde hinzuſtreifen; jetzt erkannte Wolluf den 3 ſchwarzen Hengſt Bajogid's, aus deſſen Naſen⸗ löchern Feuerflammen dampften. Ein unwill⸗ kührlicher Schauer beſiel ihn, aber ſchon ſtampfte der Gaul mit gewaltigem Hufe über die Zugbrücke; vor ſich auf dem Roſſe hatte 3 Bajogid eine weißgekleidete Frauengeſtalt 1im Die verſteinerten Schweſtern. 1 4 50 tiefen Schlafe liegen.„Es iſt Jaromira la rief entzückt der hinzueilende Wolluf. „»Sie ſchläft,« ſprach Bajogid, vund ahndet nicht, was mit ihr vorging. Um einige Stunden ſpäter wäre ſie für dich verloren geweſen, denn morgen mit dem Früheſten it die Verlobung angeordnet. Proſit, Herr Bräu⸗ tigam, er mag nun von einem Glücke noch träumen, welches für ihn ſelbſt wie ein Traumbild entſchwunden iſt.« Wolluf drückte Bajogiden vor Freuden an ſeine Bruſt, er ſelbſt nahm die theure Laſt auf ſeine Arme und trug ſie, Mund und Wangen küſſend, nach einem der ſchönſten Gemächer, wo er ſie auf ein prächtiges Lager hinlegte, und ſich ganz im Anſtaunen der reizenden Schläferin verlor. Als der Morgen herangraute, rief Wolluf die weibliche Dienerſchaft im Schloſſe wach, um ſie zur Bedienung eines fremden Fräuleins zu beordern, welches auf der Reiſe verirrt, während der Nachtzeit im Schloſſe einge⸗ in einem fremden Gemache fand. Kaum als zu dürfen. fvruden hätte. Der immer geſchäͤftige Bais aber hatte auch für die erſteren Bedütfuiſe geſorgt; denn er zeigte Wollufen einen Schrank, in welchem er die herrlichſten Kleider⸗ ſtoffe und Kleinodien für das Fräulein aufbe⸗ wahrt hatte, um die weibliche Eitelkeit damit aufzuregen; Wolluf konnte ihm in ſeinem Inneren nicht genug danken. Man kann ſich Jaromirens Befremden und dann ihr höchſtes Staunen denken„ als— ſie am folgenden Tage aufwachte, und ſich man ihr Erwachen bemerkte, ſo eilten die zur Bedienung beſtimmten Frauen herbei. »Was iſt mit mir vorgefallen? wo bin ich hingerathen a war ihre erſte Frage; man bedeutete ihr aber, daß ihr hierüber nur der Burgherr allein antworten werde. Sobald 3 es Wolluf dem Anſtande gemäß erachtete, ließ er um die Erlaubniß bitten/ eintreten Jaromira erkannte ihn deim erſen 9. blicke, und bedeckte mit beiden Haͤnden ihr Geſicht; doch zu langweilig würde es für die Leſer werden, hier alles anzuführen, was für Ueberredungskünſte Wolluf anwandte, ihre Verzeihung zu erwirken, wie er ihr mit den lebhafteſten Farben ſeine unbezwingbare Liebe ſchilderte, und alles in der Welt aufopfern wolle, um ihre Gegenliebe zu erringen. Jaromira aber erklärte dagegen„ daß er nie Hoffnung nähren könne, indem ſie nicht von ihrer Pflicht gegen Zdenko weichen werde; er aber nur dann auf ihre Verzeihung rechnen könne, wenn er ſie ſo ſchnell als möglich wieder zu ihrem Vater bringen laſſe. 3 Dieſer Wunſch war natürlich gerade der, den er ihr nicht bewilligen konnte. Er tröſtete ſich mit einer beſſern Zukunft, und bot alles auf, der Geliebten Kummer zu zerſtreuen. Tänzer und Spielleute kamen von Prag; er erſann täglich neue Luſtbarkeiten, ſein Be⸗ tragen gegen Jaromiren war von der Art, daß er jedes minder ſtandhafte Hen hätte erweichen müſſen. Er mißbrauchte die Gewalt 8 nicht, welche ihm zu Gebothe ſtand, ja man ſah es ihm deutlich an, wie ſehr hoffnungsloſe Liebe an ſeinem Herzen nage, und daß außer dem Beſitze der Geliebten für ihn keine Lebens⸗ freude mehr vorhanden ſei. So ſtrichen Monate dahin, wo ſich Wolluf in ſeiner Bewerbung und Jaromira in ihrer Hartnäckigkeit gleich blieben„ bis er endlich ſeinem Bajogid befahl, auf irgend eine Liſt zu ſinnen, wodurch ihr andere Geſinnungen eingeflößt werden könnten. Unruhig lag einſt Jaromira auf ihrem Lager, da ſchien es, als ob ein leiſes Aechzen ſich hören ließ, ſie ſchlug die Augen auf, und erblickte eine ungewöhnliche Dämmer⸗ lichte in ihrem Gemache; plötzlich war ihr, als ob leichte Rauchwolken am Boden hin⸗ ſtreiften, welche ſichſ allmählig zu einem größe⸗ ren Gebilde formten, und endlich entwickelte ſich eine, in einen weißen, leichten Schleier gehüllte Frauengeſtalt, in welcher Jarom verſtorbenen, geliebten Mutter erkannte⸗ Schrecken durchbebte das Herz des Mädchens, doch faßte ſie ſich allmälig wieder, und fragte ſtammelnd, was ſie denn eigentlich in ihrer Ruhe ſtöre. »Dein Wohlz« erwiederte die Erſchei⸗ nung, denn mich rührt der Jammer, welcher an deinem Inneren naget. Entſage deiner Leidenſchaft zu Zdenko, welche nie deines Lebens Glück hätte gründen können; denn ihr ſeid euch beide in einem ziemlich nahen Grade verwandt, und über kurz oder lang hätte eure Verbindung getrennt werden müſſen; du wirſt auch in wenigen Tagen hören, wie leichtſinnig er gegen dich geſinnt war; bemitleide vielmehr deinen Bewirther⸗ der aus Liebe zu dir ſich zu Tode härmet, und von dem ich doch in der Zukunft leſe, daß du bei ihm bis in's ſpäteſte Alter arüolic ſeyn wirſt. a »Wie? ſprich, liebe Mutter, was ſoll 99 ſogleich die Geſtalt ihrer vor einigen Jahren 8 V — 55 von einem Manne denken, der mich wahr⸗ ſcheinlich durch Zaubermacht in ſeine Geält 8 gebracht hat 2 „Du irrſt, meine Tochter, doch i es mir nicht gegönnt, über Dinge zu ſprechen, welche menſchliche Begriffe überſteigen. Nur ſo viel iſt mir zu ſagen erlaubt, daß du unter dem Schutze eines mächtigen Weſens ſtehſt, dem du ganz vertrauen mußt, und welches all deine Schritte nur zu deinem Glücke leitet.« Mit dieſen Worten löſte ſich die Erſchei⸗ nung wieder in leichten Nebel auf, und alles war Jaromirens Blicken entſchwunden. Kein Schlaf kam mehr in ihre Augen, und als das Morgenlicht durch das ſtark vergitterte Fenſter ſchien, unterſuchte ſie das ganze Ge⸗ mach genau, aber ſie fand die Thüre feſt von* Innen verſchloſſen und nirgends zeigte ſich auch die geringſte Spur, daß jemand in das Gemach hätte kommen können.«& Düſter brachte ſie einige Tage hin, da 56 vernahm ſie, daß ein fremder Ritter in der Burg eingeſprochen habe, und als ſie ſeinen ihr wohlbekannten Namen hörte, äußerte ſie den Wunſch, mit ihm Zweiſprache pflegen zu können. Sie erkannte ihn beim erſten Anblicke als einen ehemaligen Freund ihres Hauſes, den aber der übermäßige Stolz des Reichs⸗ barons verſcheucht hatte. Ihr Erſtes war, ſich um ihren Vater und Zdenko zu erkundigen ,„ er bedeutete ihr, daß er ihr keine gute Nachricht mittheilen könne. Czesko habe ſich mit ſeinem Eidame zertragen, ſie kamen hart aneinander, und der Letztere habe ſich Rache ſchwörend entfernt; die vielen heimlichen Feinde Czeskos lauerten lange ſchon auf eine Gelegenheit, um auf einmal mit vereinter Kraft losbrechen zu können, und ſo begann denn eine blutige Fehde, wo endlich der Reichsbaron der Macht ſeiner Feinde un⸗ terliegen mußte, und Leben und Güter zu⸗ gleich verlor. Zdenko aber, welcher ſein Schwert gegen — ſeinen ehemaligen Schwiegervater nicht zog,— habe ſich jedoch über den Verluſt der Braut ſehr leicht getröſtet, und der Ritter komme eben von ſeinem Hochzeitsfeſte mit einem un⸗ gemein reichen Erbfräulein. Hätte Jaromira den Ritter nicht ſo genau als rechtlich und bieder gekannt, ſo würde ſie ſeinen Worten ſchwerlich Glauben beigemeſſen haben, ſo aber blieb ihr kein Zweifel übrig, daß ſie nun von aller Welt gänzlich verlaſſen ſei. Düſter und ſinnend ſaß ſie am folgenden Tage in ihrem Gemache, da brachte eine ihrer Aufwärterinnen die Nachricht, daß der Burg⸗ herr in der Nacht plötzlich ſchwer erkrankt ſei, und ſie ſehnlich zu ſprechen wünſche; ſie folgte in ſein Gemach, da lag Wolluf leichenblaß und erſchöpft auf dem Bette, neben ihm der 3 Arzt, welcher ihm eben eine Arzenei ein⸗ flößte. 8 „Wenn das ſo fortgeht,« ſprach dieſer zu den Umſtehenden,»ſo kann ich mich für nichts verbürgen, meine Arzenei vermag wohl 8——.— 53 dem abgematteten Körper wieder Kräfte zu geben, aber für Seelenkrankheit iſt kein Kraut in der Heilkunde vorfindig, und wenn der Ritter nicht aufhört, ſich dem inneren Grame blos zu geben, welcher ſeine zarteſten Lebens⸗ fäden benagt, ſo kann er in der kürzeſten Zeitfriſt ein Opfer des bleichen Todes werden.« Mit dieſen Worten entfernte er ſich; Wolluf aber ſtreckte die Hand nach Jaromiren aus.„Ihr habt gehört,« ſprach er, vwelch' ein Loos mir bevorſteht, und beim Himmel! ich kann und will es nicht enden; denn ich bin froh, wenn der Senſenmann meinen Leiden ein Ende macht, welchen hoffnungsloſe Liebe mich Preis gab. Ich ſcheide ohne Groll von euch, Jaromira, und zum Beweiſe deſſen naehmt die von mir unterfertigte Urkunde, mittelſt welcher ich euch zur Erbin aller meiner Güter einſetze; nur gewährt mir dafür die Wohlthat, euch in der kurzen Friſt, wel⸗ che mir noch vergönnt iſt, öfters in meiner Nähe zu ſehen.« 59 aromira müßte weniger weibliches Zart⸗ gefühl beſeſſen haben, wenn ſie nicht durch. einen ſolchen Beweis von Zärtlichkeit und gänzlicher Hingebung erſchüttert worden wäre; ſie trug ſich an, den Ritter während ſeiner Krankheit auf das ſorgſamſte zu pflegen, ver⸗ weigerte aber ſtandhaft die Annahme der Schenkungsurkunde. Su vielfach und abwechſelnd ſtürmten nun die Gefühle in ihrer Bruſt, ſie ſah ein, daß ſie von Allen verlaſſen, nur mehr bei Wollufen Troſt und Sicherheit finden könne, und da ſie nun ſo oft um ihn war, und ſo viele Ge⸗ legenheit hatte, ſein beſcheidenes Betragen zu beurtheilen, ſo war es auch kein Wunder, wenn ihre Geſinnungen eine andere Richtung ..... 5 nahmen, und ſie endlich anfing, dem liebe kranken Ritter geneigter zu werden. Dieſe nur halb verborgenen Aeußerungen, ſo wie die ſorgſamſte Pflege hatte den wohlthätigſten Ein⸗ fluß auf Wolluf; ſein Auge gewann wieder mehr Feuer, eine freilich nur etwas bemerkbare Röthe umflog ſeine Wangen, und der Arzt gab bereits wieder die beſte Hoffnung zur baldigen Wiedergeneſung, welche auch lallmälig erfolgte. Während dieſer Zeit hatten ſich ihre Herzen immer mehr genähert, Jaromira geſtand ſich, daß ſie, wenn ihre erſte Liebe zu Zdenko nicht geweſen wäre, ſich kein größeres Glück hätte wünſchen können; und als endlich Wolluf auf das Zärtlichſte in ſie drang, ihn doch mit ihrer Hand zu beglücken, gab ſie endlich ihre Ein⸗ willigung; alle Anſtalten wurden auf das Eiligſte betrieben, und endlich ſchlang ſich ein unzertrennliches Band um ihre Hände. Sechstes Kapitel. Unerwartete Erſcheinungen. Im frohen Liebestaumel ſchwanden die erſteren Monate dahin; aber leider hat nur immer das Neue, das noch nicht Erreichte den höchſten Werth für das menſchliche Herz, der errungene Genuß ſtumpfet die Sinne des Menſchen ab, und ſelbſt das höchſte Glück, K wenn es einmal erzielt iſt, wird zur Gewohn⸗ heit, und mit immer größerer Gleichgültig⸗ keit betrachtet. So ging es auch bei Wolluf, kein Wunſch um Jaromirens Beſitz blieb ihm mehr übrig, und da ſein verwildertes Herz jene 6³ ſanfte und heilige Empfindung der Freundſchaft nicht kannte, in welche bei zartfühlenden Men⸗ ſchen der erſte heftige Taumel der Liebe übergeht, und dann um ſo feſter das ſtille, häusliche Glück zu gründen weiß, ſo begann bald Gleichmuth gegen Jaromiren einzutreten, er fühlte ſogar lange Weile an ihrer Seite und nahm wieder, um die Lücken ſeines Herzens auszufüllen, ſeine Zuflucht zu Jagden und Zechgelagen, wo er ganze Tage und Nächte in der Gegend umher ſchwärmte, ohne ſich um die Gattin zu kümmern, und ſelbſt, wenn er nach Hauſe kam, kalt, unwillig, ja oft mürriſch und auf⸗ brauſend ſie behandelte. Ein Uebel erzeugt das andere; Jaromira fühlte ſich zurückge⸗ ſetzt, ſie verbarg zwar den Kummer in ihrem Inneren, aber um ſo lebhafter erwachte in ihr die Erinnerung an jene glücklichen Tage, welche ſie ehemals an der Seite ihres Vaters und Gatten verlebt hatte, ſie fühlte ſich nun ſo ganz verlaſſen, und tiefe Schwermuth bleichte ihre Wangen, und erzwang manchen 68 Seufzer aus der gepreßten Bruſt. Noch ein umſtand vermehrte ihre Aengſtlichkeit, es war Wollufs vertrauter Umgang mit dem räthſel⸗ haften Bajogid. Ihr war ſtets ſo unheimlich in der Nähe dieſes Aſiaten; ſie konnte ſeinen wilden durchbohrenden Feuerblick nicht er⸗ tragen; und ſelbſt daß von dem Burggeſinde niemand wußte, woher dieſer Fremde ge⸗ kommen ſei, ja, daß jeder ſcheu ihren Fragen auswich, und nur manchmal abgebrochene Worte die Furcht vor einem geſpenſtigen Weſen verrieth, mußte ihre Aengſtlichkeit vermehren. Lebhafter war die Erinnerung an Wollufs Entfernung aus dem väterlichen Schloſſe, und die Gerüchte, welche deßhalb unter dem Volke herumgingen, noch aufgeregter ward ihr Nach⸗ denken, wie denn ſie ſelbſt in einer Nacht von Lomnitz bis nach Trosky habe gebracht werden können, und ſie ſchauderte im Innerſten, wenn ſie an irgend eine geſpenſtige Berbindung ihres Gatten gedachte. Bald ereignete ſich ein lndd, welcher 8 dieſe traurige Verbindung Wollufs mehr als hinreichend beſtätigte. Durch die beſtändigen glänzenden Feſte, wobei Wolluf das Geld mit vollen Händen vergeudete, war endlich ſeine Kaſſe erſchöpft, und er mußte ſeine Zuflucht zu Bajogid um eine neue Spende nehmen. Er befand ſich mit ihm in dem freilich äußerſt klein ange⸗ brachten Schloßgarten, nicht ahnend, daß Jaromira in der Nähe in einer Laube ſich befinde. vEs ſei,« ſprach Bajogid; meine unter⸗ irdiſchen Schatzkammern ſind unerſchöpflich, und zwar ſpende ich dir neue Gaben; doch ſollſt du auch dein jetziges Schlaraffenleben ändern; du bedarfſt mehr Zerſtreuung, als du an der Seite deines faſelnden Weibes finden kannſt, darum genieße noch, ſo lange das Rad deiner Jugend noch im Laufe 7 Suche in fremden Ländern Zerſtreuung; e ſoll dir nie an Barſchaft mangeln, denn je mehr du verſchleuderſt, deſto lieber wird 65 es mir ſeyn; beſeitige daher heute um Mitter⸗ nacht alle Wachen des Schloſſes, und harre meiner allein in deinem Gemache; ich hoffe dießmal deine Erwartung zu übertreffen. Sie entfernten ſich, und Jaromira blieb in der ängſtlichſten Erwartung und in den traurigſten Gedanken zurück. Wolluf befolgte genau, was ihm Bajo⸗ sid geheißen hatte. Die Wachen wurden alle eingezogen, ſelbſt dem Thurmwächter die Schlüſſel abgenommen, und der Burgfrau ward bedeutet, ſich zeitlich zur Ruhe zu be⸗ geben, indem er wichtige Hausrechnungen abzuſchließen, mithin den größten Theil der Nacht zu arbeiten habe. Jaromira begab ſich nach ihrem Schlaf⸗ gemache, aber ſie fühlte keine Sehnſucht nach Ruhe, ihre Neugierde, ihre Aufmerkſamkeit war rege gemacht, ſie legte ſich auf die Lauer. Es ward Mitternacht, da verließ Wolluf fein Gemach, und begab ſich mit dem Die verſteinerten Schweſtern. 5. 8 8 6 Schlüſſelbunde nach dem Schloßthore. Jaro⸗ mira ſchlüpfte zu einem Fenſter im Schloß⸗ gange, wo ſie den ganzen Burghof überſehen konnte, Jetzt vernahm ſie ein Geräuſch, und zum Thore herein traten mehrere Männer, in ſchwarze Mäntel gehüllt, ſie führten zwei ſchwer beladene Saumroſſe mit ſich; von dieſen wurden nun Kiſten und Päcke abge⸗ laden, und alles in der möglichſten Stille nach dem Gemache des Ritters geſchafft; als dieß geſchehen war, begab ſich Bajogid zu ihnen in den Hof, er winkte mit der Hand, und im Nu war es nicht anders, als ob die Erde ſich geöffnet, und alles verſchlungen hätte; denn alles war vor Jaromirens Augen verſchwunden, ſie ſelbſt bebte wie das Eſpen⸗ laub im Winde, und eilte, vom Fieberfroſte ergriffen, in ihr Gemach zurück. Als am folgenden Morgen Wolluf eben mit ſeiner Gattin beim Morgenimbiße ſaß, da meldeten ſich mehrere Kaufyerren, von denen er bereits bedeutende Summen erborgt Kiſten mit Gold⸗ und Silbermünzen, bezahlte ihre Forderung auf das Genaueſte und bot ihnen Juwelen von unendlichem Werthe zum Verkaufe an, worüber ſie auch bald bei ſeinem gewöhnlichen Leichtſinne den Handel ab⸗ ſchloſſen. Jaromira ſtaunte mit der marterndſten Angſt über den ungeheuren Reichthum, und als ſie endlich mit Wolluf allein ſeyn konnte, hielt ſie es für die höchſte Zeit, ihn über alles das, was ihr nothwendig ſo auffallend ſeyn mußte, zur Rede zu ſtellen. Mit immer ſteigender, kaum mehr zu unterdrückender Wuth hörte ihr Wolluf zu, endlich aber er⸗ klärte er ihr, daß ſie ſich um ſeinen Lebens⸗ wandel gar nicht zu kümmern habe, er Herr ſeines Willens ſei, und es nie dulden würde, daß außer ihren häuslichen Verrichtungen ſein Weib nur im Gexingſten ſich um ſein Thun 5* hatte, und bedeuteten ihm, daß der Zahlungs⸗ termin bereits fällig geworden ſei. Wolluß lachte laut auf über ihre Aengſtlichkeit, führte ſie in ſein Gemach, und wies ihnen ganze 68 und Laſſen kümmere. Dieſe Worte waren in einem ſo bitteren Tone geſagt, der die zart⸗ fühlende Jaromira im Innerſten kränken mußte; Wolluf aber ließ ſein Roß ſatteln, und ſuchte auf den Burgen benachbarter Ritter Zerſtreuung. Die arme unglückliche Gattin ſchien nun das Maß ihres Elendes erreicht zu haben. Thränen waren der einzige Troſt, den ſie in ihren Leiden hatte. Es war eine ſchöne Sommernacht, an der ſie einſam auf dem Balkone des Schloſſes ſaß, um ſich in etwas an dem ſchönen Anblicke der Natur zu zer⸗ ſtreuen. Allgemeine Stille herrſchte ringsum, horch! da ertönten tief unter ihr Harfentöne, und eine bekannte Melodie drang an ihr Ohr; jetzt wurden dieſe von einer männlich ange⸗ nehmen Stimme begleitet. Werd' ich dich, Theure, nicht mehr ſinden? Dich, die mir einſt mein Alles galt, Iſt denn der Ort nicht zu ergründen, Nicht zu erſpäh'n dein Aufenthalt? Vaters will ich dich zurückführen und dann in fernen Landen mein Leben enden. a Endlich mußte er ſich trennen, denn mehrere Knechte kamen herbei. „Laßt den armen Sänger ungehindert ziehen, ich habe ihm ſein Lied belohnt, und das gute Glück folge ſeinen Schritten.« Zdenko entfernte ſich, und Jaromira kehrte mit neuer Unruhe im Buſen in ihr Gemach zurück. Auf einer benachbarten Burg bei einem eben ſo reichen, als verſchwenderiſchen Ritter ſaß Wolluf an der ſchwelgeriſchen Tafel, im Kreiſe vieler Zechkumpanen; wacker gingen die Becher herum und mit bereits heiſerer Kehle ſangen ſie Trinklieder, zu ihrem rohen Ueber⸗ muthe paſſend; da winkte Bajogid dem Ritter ſeitwärts in den Erker eines Fenſters. »Deiner Burg droht Gefahr,« ſprach er, nder alte Czesko von Lomnitz hat den Aufent⸗ halt ſeine Dochter entdect. ale Ritter ſeines 1 73 und mit mehr als Tauſend Bewaffneten ziehen ſie heran, deine Veſte zu zerſtören.« „»Was iſt zu thun? Auf Fehde bin ich nicht vorbereitet; meine wenigen Söldner ſind nicht im Stande die Burg nur zwei Tage lang zu vertheidigen. Weißt du kein Mittel?« „Es wäre wohl nichts leichter, als nach meiner Art das Geſindel zu verjagen„ wenn „du es haben willſt?« „Thörichte Frage, eile und verjage ſi ſie auf eine Art, daß ſie zeitlebens an dieſen 3ug denken ſollen.« Bajogid eilte fort, und Wolluf, lohne ſich weiter um die Sache zu kümmern, überließ ſich wieder ſeinen Vergnügungen. In gedrängten Schaaren, den alten Lom⸗ nitz ſelbſt und Zdenko an der Spitze, eilten die Söldner mit allen Sturmgeräthen verſehen herbei, um die geliebte Jaromira zu befreien, und ihren Raub an dem böſen Ritter zu rächen; nooch waren ſie nur wenige Stunden mehr ent⸗ fernt, und gewahrten von Ferne die hohen 73 Zinnen der Burgpeſte; da machten ſte Halt, 8 um ſich vom Marſche auszuruhen, und dann mit erneuerter Kraft zum Sturme zu eilen. „Wir werden den Ausbruch des Wetters abwarten müſſen,« ſprach Lomnitz;„denn rabenſchwarze Wolken umziehen den Himmel, und es dürfte nicht räthlich ſeyn, ſich einer Burg zu nahen, in welcher höchſt wahrſchein⸗ lich böſer Geiſterſpuck getrieben wird. Die Nacht iſt des Menſchen Feind, morgen mit Tagesanbruch wollen wir zum Sturme eilen.« „Ich bin eurer Meinung„ antwortete Zdenko, doch laßt uns wenigſtens ſo nahe eilen, daß wir vom Gebüſche verborgen, die Veſte näher beobachten können.« Dieſer Rath wurde befolgt; ſie lagerten ſich auf einer mäßigen Waldfläche, und konn⸗ ten hinter dem Buſchwerke die Mauern und Thürme genau beobachten. Nicht lange hatten ſie ſich hier der Ruhe überlaſſen, ſo brach endlich das Unwetter in ſeiner vollen Stärke aus, ein Sturm erhob 74 ſich, als ob er die Welt in Trümmer reißen wollte; die dickſten Bäume wurden aus ihren Wurzeln geriſſen, die Erde wankte unter den Füßen der Krieger, der Regen ſchoß in Strömen herab, ſchäumend wälzten ſich die Wäſſer von ihren Höhen, und gleich als ob ſie aus dem Inneren der Erde neue Nahrung bekämen, ſchwollen die Wäſſer umher an, drängten ſich brauſend aus ihren Ufern, und überſtrömten die Gegend; bald ſtanden Roß und Mann im Waſſer, immer höher hob ſich die Fluth; jetzt tönte Geheul in der Luft, und vom Schloſſe her rauſchten mit weit ausgebreiteten Schwingen gräßliche Höllengeſtalten, welche Feuerballen auf die Krieger ſchleuderten. Dieß mußte ſelbſt unter den Beherzteſten paniſchen Schrecken ver⸗ breiten, ſie gehorchten keinem Gebothe mehr, jeder ſuchte ſich in ungeſtümſter Flucht zu retten, Bagage und Kriegswerkzeuge zurück⸗ laſſend. Gräßliches Gelächter in der Luft und dichter Steinhagel folgte den Fliehenden nach. 75 Müde vom Schwärmen war Wolluf nach ſeiner Burg zurückgekehrt, ſich wenig um die Gattin bekümmernd; von unruhigen Träumen geängſtiget, wachte er einſt auf, und ging, da kein Schlaf mehr in ſeine Au⸗ gen kam, auf den Balkon des Schloſſes, da ſah er Fackelſchein näher kommen, und drei Männer in ſchwarzen Mänteln nahten ſich. Jetzt geſchahen drei harte Schläge an das Thor. „Was iſt euer Begehren?a fragte Wolluf vom Balkone herab. „»Wolluf von Trosky« ſprach jetzt der Eine, du biſt vor des Königs Gericht an⸗ geklagt der Zauberei und des Umganges mit böſen Geiſtern; binnen drei Tagen haſt du vor dem Richterſtuhle zu erſcheinen, ſo du aber deſſen dich weigern ſollteſt, ſo biſt du als abgeurtheilt zu betrachten, es iſt die Acht über dich ausgeſprochen, und du biſt deines Namens und deiner Güter verluſtig 76 vogelfrei erklärt, und verflucht iſt mit dir, wer deines Lebens ſchont.« „Ich werde erſcheinen,« rief Wolluf und entfernte ſich vom Balkone mit heftigem In⸗ grimm im Buſen. Siebentes Kapitel. Die Flucht. Nun mußte Bajogid zu Rath gezogen werden. „Rathen,« ſprach dieſer, vkann ich dir nicht, ich kann wohl einen Vorſchlag dir machen, und dann iſt es deine Sache zu wählen, und mir zu gebiethen. Daß die Sache äußerſt bedenklich ſei, läßt ſich nicht läugnen. Stellſt du dich vor Gericht, ſo biſt du verloren, denn welche Gegenbeweiſe kannſt 738 Veſte mit Heeresmacht umlagert; und da, wo des Königs Reichspanier weht, kann und darf mein Gaukelſpiel nicht helfen. Dir bleibt nichts übrig, als deinen Beſitzungen Valet zu ſagen, und dich unter fremdem Namen nach fremden Ländern zu begeben.« »Und Jaromira?« „Liegt dir ſo viel an ihr 24 „»Das wahrhaftig nicht, aber man wird die Ehe mit mir als ungiltig erklären, und ehe ich ſie in den Armen des gehaßten Zdenko wiſſen ſoll, lieber will ich zehnfach ſterben.« „»Wer weiß, ob Zdenko ſie nimmt, denn was ſie ſelbſt noch nicht ahnet, ſie wird Mutter werden.«. »Mutter ſagſt du! Welch' ein ſeltſames Ge⸗ fühl regſt du in mir auf! Ha, wenn ſie einen Knaben mir brächte, bei meinem Schwerte! ich würde ihn zur bitterſten Rache an allen meinen Feinden erziehen. c „»und wenn ſie dir ein Mädchen brächte?« „Schon der Gedanke könnte zur höchſten 79 Wuth mich reizen; ich würde ſie und das Kind verſtoßen.« „Kommt Zeit! kommt Rath! »Gerne wünſchte ich die Entbindung abzuwarten; die Reiſe in fremde Länder kann ſie aber nicht vertragen, denn nun erſt wird es mir klar und deutlich, warum ſie ſtets kränkelt, und wie vom Kummer erſchöpft umherſchleicht, was iſt alſo nun zu thun 2 „In einem der verwildertſten Theile des Rieſengebirges liegt eine kleine Veſte, durch Felſenmaſſen und Waldung unſichtbar, durch Bergſchluchten und ſchroffe Abhänge beinahe unzugänglich; dort hauſten einſt Räuber, viele Unthaten verübend, und zugleich trotzend auf ihr unüberwindliches Felſenneſt. Einſt zogen ſie alle auf einen bedeutenden Streif⸗ zug mehrere Tagreiſen weit entfernt, ge⸗ riethen aber in einen unvermutheten Hinter⸗ halt, und nach einer verzweifelten Gegen⸗ wehr war nicht Einer unter ihnen, der mit dem Leben davon kam; nur ein alter Knes 30 war daheim geblieben. Als nun die zur Rückkehr beſtimmte Zeit längſt verſtrichen war, und keine Kunde zurückkam, erkletterte er eine hohe Felſenſpitze, um weit in die Ge⸗ gend hinauszuſpähen; aber bei dem Rückwege gebrach es dem Alten an Kraft, ſich an dem ſchroffen Geſteine zu erhalten, er glitſchte aus und zerſchmetterte ſeine Gebeine in einem Abgrunde. Seit dem ſteht die kleine Veſte leer, und keiner der Gegendbewohner wagt es, den verrufenen Ort zu betreten, in wel⸗ chem, der Sage nach, die Schatten der Er⸗ ſchlagenen hauſen ſollen; dort könnteſt du vor der Hand einen ſichern Auſenthalt fin⸗ den, wenn du willſt. a »Ich will es! rief Wolluf,„doch wie kann ich dahin gelangen, ohne entdeckt oder verrathen zu werden 2. »Das ſei meine Sorge. Keiner deiner jetzigen Knechte darf wiſſen, wohin du ziehſt, übergib dem Vogte die Burg bis zu deiner 4 Rückkehr, vielleicht in einigen Tagen. Jaro⸗ miren bedeute, daß ſie dich auf einer kurzen Reiſe geleiten müſſe; für die Ueberbringung deiner Koſtbarkeiten und alles Uebrige aber laſſe mich Sorge tragen.« So ward denn nun die Verabredung getroffen. Jaromira mußte wohl dem Befehle des Herrn gehorchen, und ſchickte ſich mit ſchwerem Herzen zur Reiſe an. Die Nacht brach herein, ſchon war weit und breit in der ganzen Umgegend alles in tiefen Schlaf verſunken, da raſſelte ein bedeckter Wagen mit vier ſchwarzen, ſchnaubenden Roſſen be⸗ ſpannt, über die Zugbrücke und Bajogid be⸗ deutete Wolluf, daß alles zur Abreiſe bereitet ſei. Dieſer holte nun Jaromiren aus ihrem Gemache, ſie beſtiegen beide den Wagen, unnd raſch ging es fort mit verhängtem Zügel⸗ Unwillkührlich und unwiderſtehlich befiel Jaromiren ein feſter Schlaf, gleich nach dem erſten Augenblicke der Fahrt; Wolluf aber lehnte ſich an die Wagenöffnung, da war ihm nicht anders, als ob das ganze Himmels⸗ Die verſteinerten Schweſtern.. 6 3 . 4 gewölbe über ihm ſich drehte, und Mond und Sterne wirbelnd über ihm dahin flogen; denn nicht ſchneller kann der Pfeil vom Bogen ſtreifen, als die vier gigantiſchen Roſſe mit dem Wagen davonbrauſten; er ward beinahe ſchwindlich, lehnte ſich in den Wagen zurück und entſchlief gleichfalls. Der Morgen war ſtark hereingebrochen, 4 da hielt der Wagen an, und Bajogid ſprengte auf ſeinem ſchnaubenden Hengſte an den Schlag, mit dem Bedeuten, daß ſie am Ziele ihrer Reiſe ſeien, doch der Wagen den ſchmalen Felſenpfad nicht paſſiren könne. Wolluf und Jaromira waren zugleich erwacht, ſie ſtiegen aus und Jaromira betrachtete mit Entſetzen die ſchauerliche Gegend. Hier ſtrebten kahle Felſen himmelhoch empor, dort ſchienen wieder die aus anderem Geſteine emporge⸗ ſchoſſenen Bäume ihre Wipfel mit den Wol⸗ ken zu vereinigen; mit donnerndem Getöſe ſtürzten da die Gießbäche über die Klippen, und brauſten hinab in ſchreckliche Abgründe, 33 aus welchen ihr ſchreckliches Fortbrauſen heraufſcholl. Ausgeſtorben ſchien die ganze Gegend; nicht einmal ein Vogel ſchwirrte einſam durch die Lüfte. „»Gerechter Gott, wo bin ich hinge⸗ rathen!« rief Jaromira. Wolluf aber hieß ſie mit barſchem Tone ſchweigen, und ihm folgen. Bajogid ging voraus und führte ſie durch Krümmungen den Felſenpſad hinauf, bis zur Burg, deren be⸗ rußtes mit eiſernen Gittern allenthalben ver⸗ ſehenes Gemäuer ganz mit der abſchreckenden Gegend harmonirte. Jetzt traten ſie in das Innere der Burg⸗ wo die eiſernen, mit ſchweren Schlöſſern und Riegeln verſehenen Pforten und Gitter eben auch keinen erheiternden Anblick darboten⸗ Alles war hier ſo ſtille wie in einem Grabe, laut wiederhallte ihr Fußtritt in dem öden Gemäuer, und Naubvögel, welche hier bereits zu niſten begannen, flogen mit ſchauerlichem Gekrächze aus Mauerritzen empor. Sie be⸗ 84 traten die innern Gemächer, wo alles noch ganz nach altem Geſchmacke eingerichtet und halb verwildert war. »Wo ſollen ich und Jaromira hier die nöthige Bedienung hernehmen,« ſprach Wolluf 7 zu Bajogid. dieſer, vvon Prag aus ſind ungefähr ſechs bis acht Männer mit ihren Weibern auf dem Wege hierher begriffen, weil ſie von Noth und Mangel gedrückt, dort keinen Unterſtand fanden, und ein beſſeres Loos in einem fernen Lande erwarten; die Aufnahme hier wird ihnen willkommen ſeyn, ich harre ihrer unterwegs, ſie hierher zu bringen; übrigens geſorgt, und auch deine Schätze ſind ſchon in 3 deinem Kabinete aufbewahrt.« Er entfernte ſich, Wolluf benützte die Zeit, das ganze Gebäude zu durchgehen, wel⸗ ches freilich gegen die ſo glanzvoll hergerichtete Burg Trosky gewaltig abſtach. »Auch dafür iſt geſorgt; antwortete habe ich für Vorrath an Lebensmitteln bereits 3 1 . es Wollufen an, kalt und froſtig vernahm er es. 1 Kaum eine Stunde war Bajogid abwe⸗ ſend, ſo wurde es lebhaft in der Veſte; die verheißenen Dienſtleute trafen ein, welche dem Ritter Treue und Gehorſam angelobten, auch geleitete Bajogid einige Wagen mit Hausgeräthen und Vorräthen aller Art, wo⸗ durch das Ganze ſchnell ein anderes Anſehen gewann. Der gegenwärtige Aufenthalt diente zu nichts weniger, als Jaromirens Gram zu zerſtreuen, ſogar die reizende Ausſicht von dem hohen Schloſſe Trosky in die herrliche Gegend weit umher, war ihr benommen, wo ſie ſo manche Stunde in ſtillen Betrachtungen auf dem Balkone zugebracht, und durch Gebet ſich Troſt herbeigeführt hatte. Hier gähnten ſie nur Felſenklüfte an, und die dunkeln Wald⸗ ſchatten verwehrten ihr jeden Blick in eine freundlichere Gegend; alles um ſie her war ſo düſter, wie ihre eigenen Gedanken. Jetzt hatte ſie Gewißheit erhalten, daß ſie Mutter werde; mit bangem Herzen kündigte ſie 5 86 „Freuen wird es mich,« ſprach er,»wenn du einen Knaben mir bringſt, den ich nach meinem Sinne erziehen kann; iſt es aber ein Mägdlein, ſo ſchleudere ich den Wurm in den nächſten Abgrund, und nie mehr ſoll meine vorige Liebe dir werden.« Mit dieſen Worten verließ er ſie, und begab ſich mit ſeinem getreuen Bajogid auf die Jagd. Wie vielfacher Kummer beſtürmte Jaromirens Herz; mehr als menſchliche Kraft würde erforderlich geweſen ſeyn, die ungeheuern Laſten zu ertragen; ſie ſiechte merklich dahin, und gefühllos gegen alles, was ſie umgab. Unmöglich konnte dieß dem raſchen, ſtets lebensluſtigen Wolluf genügen, er fand kein Vergnügen mehr im Hauſe, ſtreifte Tage lang im Gebirge herum, und als ihm auch dieß nicht mehr genügen konnte, beſchloß er auf Reiſen zu gehen, welches ihm doch die meiſte Zerſtreuung gewähren konnte. Bald befördete noch ein anderer Umſtand dieſen Entſchluß. Einer ſeiner Leute war nach 87 dem nächſten Städtchen geſendet worden, um einige Nothwendigkeiten einzukaufen; bei ſeiner Rückkehr erzählte er/ daß er bei ſeinem Auf⸗ enthalte in einer Schenke vernommen habe, es ſei vom herzoglichen Gerichte ein ſicherer Ritter Wolluf von Trosky der Zauberei an⸗ geklagt worden, und da er bei der Vorladung nicht erſchienen ſei, ſo habe man ſeine Güter ⸗ in Beſchlag genommen, ihn ſelbſt aber als vogelfrei erklärt, und nach allen Gegenden werden Häſcher ausgeſchickt, ihn entweder als einen ſo gefährlichen Menſchen zu tödten, oder aber gefangen dem hochnothpeinlichen Hals⸗ gerichte zu überliefern, damit ein ſolcher ſchäd⸗ licher Genoſſe des Satans der verdienten Strafe anheimfalle; mithin als ein verderb⸗ liches Unkraut aus dem Garten der rechtlichen Menſchheit ausgejätet werde. Daß den Burgherrn ſelbſt dieß angehe, ahndete niemand, denn er hatte ſich einen ganz anderen Namen gegeben; er ſelbſt aber ward von kaltem Schauer ergriffen, und glaubte 898 ſchon die Verfolger im Nacken. Jetzt wurde alſo die Abreiſe nach allen Kräften betrieben, er nahm von Jaromiren froſtigen Abſchied; *½ hatte eine mehr als hinreichende Summe zur Beſtreitung des Haushaltes auf längere Zeit hinterlegt, und ſprengte mit ſeinem ver⸗ trauten Bajogid davon. 8 Bald ſchien es ihnen nicht undeutlich zu ſeyn, daß von Verfolgern ihre Spur bemerkt werde, da entſtellte Bajogid mit dem Safte von Kräutern ihre Geſichtsfarbe, ſie verſtellten ſich noch mehr durch falſchen Bart und Haupt⸗ haar und hüllten ſich in die Kleidung von polniſchen Juden, welche damals ſchon mit ganz Europa in Handel und Wandel verkehr⸗ ten, auch hatte Bajogid für falſche Reiſepäſſe geſorgt, und ſo kamen ſie unangefochten durch Deutſchland, wo ſie ſodann ihren Weg nach Italien nahmen. Hier begann Welluf zuerſt wieder freien Athem zu ſchöpfen; war es die Gewißheit, in dieſem fernen Lande ſeinen Verfolgern ent⸗ 39 gangen zu ſeyn, oder wirkte zugleich auch der mildere Himmelsſtrich ſo wohlthätig auf ihn, daß ſeine Bruſt ſich allmählig zu erweitern begann. Sobald ſie daher der Länder und Völker beherrſchenden Hauptſtadt Rom näher kamen, 3 warfen ſie ihre Verkleidung von ſich, und Wolluf erſchien als Ritter Sigismund von Lindenſtein aus Elſaß mit all' dem Pompe, welchen ihm ſeine Schätze gewährten. Bald erregte ſein Reichthum Aufſehen, ſo wie man ſeine männlich ſchöne Geſtalt allenthalben bewunderte. Deſto trauriger und einſamer ſtrichen 4 Jaromirens Tage dahin; nicht nur, daß ſie ſich von einem Gatten Mutter fühlte, den ſie nicht mehr lieben konnte, wo ſie vielmehr für deſſen dereinſtigem Schickſale eben ſo wie für das ihres Kindes zittern mußte, ſondern auch ihre Kräfte ſchwanden bei dem durch ſo vielen Kummer hart angegriffenen Körper dahin, und ſie konnte vielleicht nach der Entbindung 90 noch des Gatten Zorn zu befürchten haben, wenn ſie ein Mägdlein zur Welt brächte; ſie wußte ſich nicht zu rathen, noch zu helfen; oft war ſchon der Gedanke an Flucht in ihr er⸗ wacht, aber ſie wußte ſich ſo genau von dem Burggeſinde beobachtet, daß die Ausführung unmöglich ſchien. Unerklärbar ſind die Wege des Schickſals, unbegreiflich jene geheimen unſichtbaren Fäden, welche der Menſchen Handlungen umweben, und in dem am ver⸗ worrendſten ſcheinenden Chaos, dennoch nur zu einem beſtimmten Ziele leiten; ſo wie die von der Sonnenhitze zu Boden gedrückte Blume nur einige Tropfen Thau ſie wieder zum neuen Leben emporrufen; ſo kann auch oft der unbedeutendſte Zufall, da, wo den Menſchen nur des Unglücks Sturmeswolken umgeben, nur ein unbedeutend ſcheinender Lichtſtrahl ihn zur neuen Kraft und Stärke zur Ertragung ſeiner Leiden wieder empor⸗ heben. Jaromira war gewohnt, Abends außer der Burg zu luſtwandeln, wo ſie ſtets von einet der wachſamen Dienerinnen begleitet wurde; und begab ſich auch nun nach dem unfernen— Gebüſche; da erinnerten ſie ſich nun beide, das Lieblingshündchen der Burgfrau zurückgelaſſen zu haben, welches ſonſt immer dieſen Weg mitmachte und ihnen ſo manche Kurzweil durch ſeine Sprünge verurſachte. „Doch Schade um das arme Thierchen,« ſprach Jaromira, vdaß es heute an dieſem ſchönen Abende daheim bleiben muß.«& „Ja wohl Schade,« erwiederte die Wär⸗ terin,»aber für euch, edle Frau, iſt der Rück⸗ weg zu beſchwerlich, und ſo ihr indeſſen hier ruhig bleiben wollet, eile ich geſchwind um den kleinen Jako zurück; es iſt doch alles ruhig hier, und nie etwas Unheimliches zu beſorgen.« Die Wärterin eilte fort, Jaromira aber überließ ſich einſam ihren Gedanken; da rauſchte es plötzlich in den Blätrern, und vor ihr ſtand ein alter Mann mit langem grauem ligen Burgvogt La 93 Barte, mühſam auf ſeinen Knotenſtock geſtützt und einen Wanderbündel über die Schulter hängend. »Gott zum Gruße, edle Frau!« ſprach er, der Himmel gebe euch Segen und eurer Leibesfrucht Gedeihen, wenn aber vielleicht hier wirthliche Wohnung in der Nähe, und es möglich iſt, ſo gewährt einem müden Wanderer ein friedliches Obdach, wo ich dann Morgen mit Tagesanbruch meinen Stab dankbar wieder weiter ſetzen werde.« „»Herzlich gerne,« erwiederte Jaromira, vihr mögt immerhin den Weg dort rechts nach der Burg hinwandern, man wird euch auf mein Geheiß wohl Obdach und Nahrung gewähren. ct „»d Himmel! tänuſcht mich denn mein Ohr und Auge nicht? dieſe Stimme, dieſe Geſichtszüge, ſeid ihr denn wirklich die edle Frau von Trosky? Kennt ihr mich denn nicht auch noch, den alten Wolman, euern ehema⸗ — Beide erkannten ſich und waren wirklich froh, ſich gefunden zu haben, es kam rnit kurzen Worten zur Erörterung, und dem Alten traten Thränen in die Augen über das unver⸗ diente harte Schickſal der edlen Frau. „»Wie ſehr bedauere ich euch,« hub der Alte an, vihr ſeid wahrhaftig in die böfeſten Hände gerathen, und wer weiß, wo der geächtete Herr Wolluf mit ſeinem böſen Spieß⸗ geſellen ſich herumtreibt?« ych, wenn ich nur in meine Heimath, auf die väterliche Burg Lomnitz gelangen könnte? »Wie, wär's möglich? Iſt uns doch allen eure Herkunft ein tiefes Geheimniß geblieben. Ihr wäret die Tochter des edlen Herrn Czesko von Lomnitz?. »Und durch unbegreifliche Halentänle ihm geraubt.« »„Habe ich doch als Rüdbube weine Jugendjahre bei dem gnädigen Herrn zuge⸗ bracht, und euch gekannt, als in noch in 94 den Windeln lagt. War euch denn Flucht bisher nicht möglich? »Ich werde auf das Strengſte bewacht.« »Ihr ſeid euch und eurem Kinde Rettung ſchuldig aus dem Hauſe der Bosheit und des Verderbens; es iſt meine Pflicht, euch zu retten. Ich gehe nun nicht nach eurer Burg, denn durch verſchloſſene Thore kann ich euch eben ſo wenig führen, als eure Wächter in zauberiſchen Schlaf verſenken, aber morgen um dieſe Zeit findet euch hier wieder ein; für das Uebrige laſſet mich ſorgen; der Himmel wird mir ſeinen Beiſtand gewiß nicht verſagen. die leidende Unſchuld den Klauen der Bosheit zu entreißen. Ich bemerke von Weitem Jemanden durch's Ge⸗ büſche. Lebt wohl, edle Frau, auf glückliches Wiederſehen la Mit dieſen Worten war er ſchneller im Gebüſche entſchwunden, als die Wärterin zurückkommen und ihn gewahren konnte. Das kleine Flämmchen der Hoffnung, welches der — lein erwarten kann.& 93 armen Jaromira leuchtete, ſchien ihr neue Kräfte zu geben. Mit der höchſten Ungeduld erwartete ſie den kommenden Abend; ſie hatte ein kleines Käſtchen mit Juwelen zu ſich geſteckt, und wanderte zwiſchen Furcht und Hoffnung ſchwebend mit der Wärterin dem Gebüſche zu. Nicht lange waren ſie noch dort ange⸗ langt, da rauſchte es im Gebüſche, das kleine Hündchen ſchlug laut an, und hervor⸗ lroch der alte Mann, am ganzen Körper tternd, und kaum mehr fähig, ſich aufrecht zu s erharten. Vor Jaromiren ſank er in ſeine Knie. 22 „Ach! edle Frau,« ſprach er, verbarmet euch eines unglücklichen Mannes, der nicht mehr weiter zu ſchreiten vermag; ihr ſeht, wie Fieberfroſt mich ſchüttelt; ach nur einen kleinen Labetrunk gewähret mir, es iſt mir ſonſt nicht möglich nach dem nächſten Orte mich zu ſchleppen, wo ich mein Todesſtünd⸗ 96 vEs iſt nicht geſtattet, Jemanden in der Burg auſzunehment erwiederte trotzig die Wärterin. »Verlange ich denn das, liebe ſchmucke Dirne?« verſetzte der Alte,»wo denkt ihr hin, wie ſoll ich alter, ganz erſchöpfter Greis noch im Stande ſeyn, vielleicht einen ſteilen⸗ Felſenpfad zu erklettern? Ach! aus Barm⸗ herzigkeit, ſpendet mir nur einen kleinen Labetrunk, damit ich mich vor Einbruch der Nacht noch weiter ſchleppen kann.« Jaromira geboth ihr nun, ein Krüglein Wein zu holen. Mißtrauiſch ſah die Wärte⸗ rin den Alten an; aber er war ſo ermattet 3 ins Gras geſunken, und holte aus gepreßter Bruſt ſo ſchwer Athem, als ob ihn bereits die kalte Hand Des Todes an der Kehle ge⸗ faßt hätte; auch hatte das Wort„ſchmucke Dirnec ihr geſchmeichelt, ſie machte ſich daher auf den Weg, ein Krüglein Wein und Brot aus dem Schloſſe zu holen. Kaum war ſie aber ſo weit entfernt, daß ſie durch das Gebüſch nicht mehr zurück⸗ blicken konnte, da raffte ſich der Vogt Wol⸗ man gleichſam mit verjüngten Kräften vom Boden auf, und ermahnte Jaromiren, ihm auf das Eiligſte zu folgen, und auch das Hündchen mitzunehmen, damit dieſes ja etwa nicht zu früh ihre Spur verrathen möchte. Schnell be⸗ gaben ſie ſich in das tiefe Gebüſch, wo ein Wagen mit einem Pferde ſtand; in der mög⸗ lichſt kürzeſten Zeit waren beide in die Kleidung von Köhlerbauern gehüllt, und nun ging es ſo raſch vorwärts, als das Pferd ausgreifen konnte. Mehrere Stunden Weges hatten ſie be⸗ reits zurückgelegt, da hielt Wolman auf einer kleinen Pläne; holte Futter für das Roß vom Wagen, und brachte ihm in einem Geſchirre Waſſer aus der nahen Quelle; auch er und Jaromira erquickten ſich durch etwas Labung, dann aber nach kurzer Raſt ging es wieder vorwärts und ſo die ganze Nacht fort. Wie 6 der Morgen heranbrach, konnte das arme“ Die verſteinerten Schweſtern. 7 98 Pferd kaum mehr weiter ſchreiten. Vor ihnen — lagen einige zerſtreute Hütten. Hier ſuchte nun Wolman Obdach für ſich und ſeinen Buben. Während Jaromira etwas ſchlief, ließ Wolman den Wagen ausbeſſern, verhandelte das abgemattete Roß und ſchaffte ſich zwei tüch⸗ tige Gäule an, und nun ging es mit verdoppel⸗ ter Eile wieder vorwärts; ſo hatten ſie bereits drei volle Tage und Nächte zugebracht, da war aber nun auch Jaromira ſo erſchöpft ge⸗ worden, daß ſie die Beſchwerlichkeit der Reiſe nicht länger mehr ertragen konnte. Sie hatten kaum mehr einen halben Tag bis Lomnitz, dort erſt glaubte der alte redliche Diener Jaromiren in voller Sicherheit, aber was war nun zu thun, um weiter zu kommen? da fügte es ſich nun, daß während Jaromira ſchlief, und Wolman ſinnend im Freien umher⸗ sing, er einen Ritter mit einem kleinen Zuge Knechte herankommen ſah, welche eine Sänfte it zwei Saumroſſen bei ſich führten. Unferne von ihm machten ſie Halt, denn der Ritter ließ ſich und ſeinen Leuten einen Labe⸗ trunk reichen. Er erfuhr nun, daß der Ritter ſeine Tochter auf ihr inſtändiges Anhalten zur Einkleidung nach dem nächſten Frauenkloſter gebracht habe. Wolman benützte dieſe gleichſam vom Himmel geſendete Gelsgenheit, vertraute dem Ritter, wer der Knabe eigentlich ſei, und dieſer ein Nachbar und Freund des alten Lomnitz, nahm beide mit nach ſeiner Burg zur nöthigen Pflege. Achtes Kapitel. Das Todtenopfer. Die arme Jaromira fühlte ſich ſo ent⸗ kräftet, daß ſie der augenblicklichen Hilfe des Arztes bedurfte, und freimüthig erklärte dieſer dem Ritter in Deheim⸗ daß⸗ wenn Vhie d Ent⸗ Lebensgefahr e Es war a ine Zeit zu verlieren, dem alten Herrn von Lomnitz das Wiedererſcheinen ſeiner Tochter bekannt zu machen; doch war hier die größte Vorſicht nöthig, denn Czesko war nicht nur alt, ſondern auch durch den — 2 wirke. 4 wechſelten nicht wie ehemals Bankete mit 101 — 4* Verluſt ſeiner Tochter ſo angegriffen worden, daß er merklich dahin ſiechte, und daher die 5. 4 möglichſte Schonung nöthig war, damit nicht ſelbſt die Freude verderblich auf ſeine Nerben Sobald daher der Morgen herangrauts, ließ der Ritter ſein Roß ſatteln, und kitt mit dem alten Wolman, den er für Diener ausgab, nach Lomnitz hinüber. De den Herrn freute der Beſuch ſeines nachbar⸗ 5 lichen Freundes, denn auf ſeinem Schloſſe andern Freudenfeſten; die Trauer hatte hier ihr ſchwarzes Panier aufgeſtellt, und da, wo einmal der Kummer ſich einquartiert hat, ſagen die Tiſchfreunde und Zechgenoſſen gerne Valet, um wieder anderswo ihre leeren 5 Poſſen für volle Schüſſeln umzutauſchen. Freundlich führte der Reichsbaron ſeinen unerwarteten Gaſt in das Prunkzimmer, und ließ ſogleich einen trefflichen Morgenimbiß 8* und volle Humpen auftragen; da be 10³ denn nun Anfangs ein Geſpräch von ganz gleichgiltigen Dingen; dann brachte aber Herr Hans, ſo hieß der Ritter, die Rede auf Jaromiren und ließ, als der bekümmerte Vater ſie, mit Thränen im Auge, als längſt verſtorben betrauerte, nicht undeutlich mer⸗ ken, daß denn doch noch einige Hoffnung zum Wiederſehen vorhanden ſeyn dürfte. Je näher Ritter Hans ſeinem Plane rückte, deſto geſpannter wurde Czesko's Aufmerkſamkeit, er ſtaunte den Sprechenden mit weit geöffne⸗ gann ſein Herz zu durchbeben. Endlichsrückte jener ſeinem Ziele näher, da ſaß der Greis anfangs wie verſteinert, und nur das heftige Schlagen ſeiner Pulſe eigte, daß er noch lebe, endlich traten Thrä⸗ nen in ſeine Augen, und mit gefalteten Händen bat er den Freund, ihm vollen Auf⸗ ſchluß zu geben, indem er ſich nun ſtark 4 Senug fühle, auch das Unerwartetſte zu ver⸗ ten Augen an, und eine leiſe Ahndung be⸗ Nun rief Ritter Hans den alten Woi. man herein, und dieſer erzählte nun der Länge und Breite nach, was er von Jaro⸗ miren und Wolluf wußte. Mit jedem Worte ſteigerten ſich Czesko's Empfindungen, und als ihm nun alles klar und deutlich genug mard, da befahl er einem Knappen, ſo ſchnell als möglich die Roſſe zu ſatteln; vergebens ſtelte man ihm vor, daß er ſeines Alters und ſeiner Schwäche ſchonen möge, indem Ritter Hans zur Hiehergelangung Jaromi⸗ rens alles anwenden werde. „Nein! nein!« rief Czesko, vjede Minute iſt Sünde, um welche der Vater verzögert wird, ſein geliebtes Kind zu umarmen, und wenn ich den Weg zu Fuß machen müßte, ſolltet ihr mir doch keiner mit euren Pferden nachkommen können.« Sogleich ſchwang er ſich mit mehreren Knechten auf die Gäule, und von Hans und 198 Wolman begeltt, ennt er 8 haſtig fort⸗ 104 ſeinem Liebchen entgegen eilt. Jetzt hatten ſie Ritter Hanſens Burg erreicht; da ſtürmte er hinauf in die Gemächer und eilte mit ausgebreiteten Armen an Jaromirens Lager, aber hier prallte er zurück, wie vom Donner gerührt, denn entſchwunden war die wunder⸗ liebliche Geſtalt des ehemal ſo herrlich blü⸗ henden Mädchens, und nur eine abgehärmte bleiche Todtengeſtalt blickte ihm entgegen. Ein Thränenſtrom ſtürzte aus des Alten Au⸗ gen, und Ritter Hans mußte ihn unter⸗ ſtützen, daß er nicht von Wehmuth über⸗ mannt zu Boden ſinke. Der Gedanke, daß ſie ſich bei väterlicher Liebe und Pflege wieder erholen werde, richtete ihn wieder auf, und ſo gewann die Freude des unerwarteten Wie⸗ derſehens allmälig wieder die Oberhand. Nun wurden ſogleich alle Anſtalten ge⸗ troffen, Jaromiren nach der päterlichen Burg zu bringen, einer der Knechte aber mußte auf dem ſchnellſten Renner und mit verhängtem Zügel nach Lomnitz zurückjagen, um alles zum Empfange der geliebten Tochter vorzu⸗ bereiten. Hohe Freude herrſchte unter dem Burggeſinde, als ſie vernahmen, daß das Erbfräulein im Anzuge ſei;, mit geſchäftiger Eile wurden in dem weitläuſigen Gebäude einige Gemächer hergerichtet und mit Jauchzen und Freudenthränen wurde Jaromira empfan⸗ gen. In der That wirkte des Vaters Liebe, die keinen Wunſch übrig laſſende Pflege, und 3 die ſichere Ruhe, welche ſie hier genoß, ſo wohlthätig auf Jaromiren, daß ſie ſich all⸗ mählig wieder zu erholen begann; doch leider glich dieß nur dem ſcheinbaren Wiederauf⸗ blühen einer Pflanze, deren feinſte Lebens⸗ fäden bereits ein giftiger Wurm durchnagt hat. Die Zeit der Entbindung rückte allmälig heran, und ſo ſehr es Jaromira des Vaters willen zu verbergen ſuchte, ſo konnte es doch dem Arzte nicht entgehen, daß ſie immer ſchwäͤcher wurde. Endlich ſchlug die entſchei⸗ dende Stunde, und ſie gebar zwei holde Mägd⸗ lein, denen jetzt ſchon die Natur den Keim ſich 105 106 künftig entwickelnder Anmuth aufgedruͤckt hatte. Zwar ſonnte ſich die Mutter noch an dem An⸗ blicke ihrer zarten Sprößlinge, aber allmälig ſchwand bei der eintretenden Schwäche auch das erheiternde Muttergefühl und ſchon am zweiten Tage hatte die unglückliche und doch ſanfte Dulderin ihre irdiſche Laufbahn vollendet. „Ruhe ihrer Aſche, ſie iſt nach vielen Leiden zum ewigen Frieden eingegangen,« ſeufzte Wolman und drückte unter Thränen die erſtarrte Hand an ſeine Bruſt; der Schmerz des alten Czesko läßt ſich nur fühlen, nicht ſchildern —— Neuntes Kapitel. Die Rettung. Von Allem dem ahndete Wolluf znicht das Geringſte; wie wäre es auch möglich geweſen bei einem Menſchen, der ſo wie er in einem ewigen Wirbel von Zerſtreuungen lebte. Er taumelte in Rom von einem Feſte zum andern; es konnte auch hieran nicht fehlen, da er mit vollen Händen ungeheure Summen vergeudete.& Schon lange hatte unter den Damen, welche den glänzenden Feſten des Adels beiwohnten, die Marquiſe von Kaſtellaro, eine junge Witwe von blen⸗ 103³ dender Schönheit, ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich gezogen. Jeder würde ſich's zum unaus⸗ ſprechlichſten Glücke angerechnet haben, auch nur eines günſtigen Blickes von ihr gewür⸗ digt zu werden; doch ihre Schönheit wurde noch von ihrem Stolze übertroffen, ſie ſchien alle Männer zu haſſen, da ſie in ihrer erſten Ehe unglücklich war; jedes Vergnügen genoß ſie mit theilnehmendem Herzen, wer aber es wagte von Liebe mit ihr zu ſprechen, dem ward ſie gram, und er konnte ſich keines günſtigen Blickes von ihr mehr erfreuen. Dieß machte ſie endlich theils zum Gegen⸗ ſtande des Gelächters, theils des Spottes, und jeder wich ihr aus, ſo viel er vermochte; doch kümmerte dieß Mirabellen wenig, ſie ſammelte einen Zirkel von Frauen um ſich, mit welchen ſie bei ihrem Vermögen ſich ab⸗ wechſelnd genug unterhalten, und leicht den Spottnamen der kienieniſchen Libuſſa tmagen konnte. Wer auf Wolluf hatten Mirabellens 10⁰9 Reize hohen Eindruck gemacht, vergebens hatte er ſich bemüht, ihre Aufmerkſamkeit ſich zu ziehen; je zudringlicher ſeine Bewerbung, deſto größer wurde ihre Abnei⸗ gung gegen ihn, und ſie mied endlich ganz jede Geſellſchaft, wobei ſie ihn dabei wußte. Hier trat nun der Stolz in zwei Haupt⸗ wollen auf; Mirabella hatte ſich's nicht ber⸗ gen können, daß Wolluf wirklich zu den liebenswürdigſten Männern ſeines Zeitalters gehöre, ja daß ſie ihm vielleicht herzlich gut ſeyn könnte, wenn ſie nicht bisher ihren Männerhaß ſo auffallend bezeugt hätte, mit⸗ geſtattete ihr der Stolz nicht mehr, von der einmal betretenen Bahn abzuweichen; dagegen wieder fühlte Wolluf ſeinen Stolz beleidigt, hundert ſchöne Augen lachten ihm freundſchaftlich entgegen, hundert der reizend⸗ ſten Damen würden ihm mit Freundlichkeit auf halbem Wege entgegen gekommen ſeyn, und gerade dieſe allein ſollte ihn ſo gleich⸗ giltig behandeln? 110 Wenn auf dieſer Seite der Stolz ſo zu ihm ſprach, ſo erhob auf der andern Seite wieder das Gewiſſen ſeine Stimme, und erinnerte ihn an Jaromiren, und ſo ſchwankte er, gleich dem Schiffbrüchigen, zwiſchen von allen Seiten heranſtürmenden Wogen; denn der Menſch iſt ſtets am unglücklichſten, wel⸗ cher zwiſchen Pflicht und Leidenſchaft ſchwan⸗ ket, und nicht immer Kraft genug fühlt, ſich von dem verderblichen Wege loszureiſſen und zum Guten zu wenden. »Du biſt heute ſehr unruhig za ſprach eines Abends Bajogid zu ihm, als er ganz einſam in ſeinem Gemache ſaß und oft mit geballter Fauſt ſich vor die Stirne ſchlug. „Vielleicht habe ich vollwichtige Urſache dazu, ich liebe— „»Deine Jaromira! oUnhold, woran erinnerſt du mich? doch ich danke dir, vielleicht kann dieſes Wort mich mir ſelbſt wieder geben. Eile nach mei⸗ 111 nem Bergſchloſſe im Rieſengebirge und bringe mir Nachricht von ihr.« „Den Weg kann ich mir wohl erſparen, denn ich habe ſchon lange viel Neues zu verkünden.« »Und du ſchwiegſt bisher? „»Sehr natürlich, weil du mich darum nicht befragt haſt. Deine Gattin iſt nicht mehr auf der Felſenburg im Rieſengebirge, ſie entfloh nach dem Schloſſe ihres Vaters, doch gebar ſie dir zwei holde Mädchen; runzle die Stirn nicht ſo; was kümmern dich die Kleinen, der Reichsbaron hat ſie an Kindes⸗ ſtatt angenommen, und ich ſage dir, ſie erden herrlich in das Rad der Leidenſchaften eingreifen, mit welchen dein Stammhaus ſich ſeit jeher ſo tüchtig herumgetrieben hat.« „»Und Jaromira?« „Iſt jetzt in ein Land eingetreten, deſſen entfeſſelte Bewohner ſich ſo wenig mehr um ihre zurückgelaſſenen Erdenbrüder bekümmern, als ein Uhrwerk nach abg 1132 ſprungener Feder meht einen Laut von ſich gibt.« „Alſo iſt ſie todt; Ruhe ihrer Aſche. a „Ein Waidſprüchlein für alle, von denen man froh iſt, daß ſie uns aus dem Wege getreten ſind. a „Alſo wirklich todt. Bajogid, du wälzeſt eine Zentnerlaſt von mir; ſie dauerte mich oft, doch nun iſt es vorüber. Bajogid, ich liebe— a „Eine Nebenwolke verdrängt oft die andere; ich kenne deine Leidenſchaft zu Mira⸗ bella, der Sturm hat dich in ein Eiland ge⸗ trieben, an deſſen ſchroffen Felſenwänden ſich die Hand nicht feſthalten kann.« »Sollte es nicht möglich ſeyn, ihren Staarſinn zu beugen?. »Weiberherzen ſind wie ein Diamant, der nur durch ſein eigenes Pulver gebändiget werden kann a 3 »Wodurch alſo La 8* „Durch das veränderlichſte Ding in der Welt, durch ihre eigene Weiblichkeit, Eis ihr Gefühl.«. „»Womit?. „Zwinge ſie zur Dankbarkeit; dieß iſt ein Köder, an welchem ſchon manches Gold⸗ fiſchchen hängen blieb; doch mußt du dieſen Dank nie fordern, nie ſcheinen, als ob du gefliſſentlch für ſie etwas gethan hätteſt, verſchmähe es, wenn ihr Herz dir entgegen kommen will, und laſſe vielmehr merken, daß du das nämliche Gute noch zehnmal lieber für jede andere gethan hätteſt; für alles Uebrige laſſe mich ſorgen. Nur eines noch, vermeide keine Gelegenheit zum Vergnügen; doch kette dich an kein weibliches Geſchöpf 3 denn dieß würde nur Unmuth erzeugen; für ſie aber habe ſo wenig Gefühl, wie der Blinde für den Abendſtern; alles Uebrige wird ſich geben.« Wolluf befolgte genau Bajogid's Rath, er ſchien bei allen Feſten der unbefangenſte Menſch von der Welt zu ſeyn, ſchente mit Die verſteinergen Schweſtern. 113 114 allen, war auch mit Mirabellen ſehr artig, doch gegen ihre Reize ſo gleichgiltig, als wenn er für irgend eine Empfindung gänzlich abgeſtumpft wäre. Dieſes Benehmen, welches keineswegs von irgend einem Groll, ſondern vielmehr von einer gänzlichen Gefühlloſigkeit zeigte, war ihr empfindlich, ohne daß ſie, um ihrem Charakter getreu zu bleiben, ſich nur das Geringſte durfte merken laſſen. So ſtrichen einige Monate vorüber; da fügte ſichs, daß ſie auf die Villa eines an⸗ geſehenen Patriziers geladen wurde, wozu der ganze Adel geladen war, und alſo auch der allenthalben beliebt gewordene Wolluf nicht fehlen durfte. Man unterhielt ſich vor⸗ trefflich, die Freude ſchien hier ihren Tempel aufgeſchlagen zu haben. Es war ſchon tief in der Nacht, die Geſellſchaft merkte es nicht, denn hundert und hundert Kerzen ſchienen der allgemeinen Ruhebringerin zu ſpotten. Da trat Bajogid plötzlich in den Tanz⸗ ſaal, und gab Wollufen einen Wink, ihm 115 zu folgen. Sie traten auf eine ãußere Gallerie.. »„Was haſt du mir zu verkünden?24 ſprach Wolluf. „»Mirabellens Leben iſt in Gefahr.« »Wär's möglich, ſprich wie, wo?« „»Folge mir nach dem Garten; um friſche Luft einzuhauchen, begab ſie ſich in die Laube neben der Statue der Diana, ſie war heute beſonders aufmerkſam auf dich, und eben nun biſt du, und zwar in dem günſtigſten Bilde der Gegenſtand ihrer Träume. Aber auch unter dem zarten Roſengebüſche lauert oft die giftgeſchwollene Schlange. Ritter Baſilico, ein alter Wollüſtling, aber auch einer der mächtigſten Herrn der Stadt iſt in heiße Liebe gegen ſie entbrannt. Mit Verachtung wies die ſtolze Mirabella ihn von ſich, die Folgen eines ſolchen Benehmens nicht überdenkend. Aber dieß war mehr, als der rachſüchtige Baſilico ertragen konnte. Lange lauerte er auf eine ſchickliche Gelegen⸗ 8* * 116 heit, und heute glaubte er ſie endlich gefun⸗ den zu haben. Eben macht er ſich von einer Spielgeſellſchaft los, weil ihm ſeine Spione Mirabellens einſamen Aufenthalt berichteten. Er ſelbſt will mit ihrem Blute ſeinen Rache⸗ 1 durſt ſättigen, und ehe ſich die Einſame ver⸗ 2 ſehen kann, hat er den Mordſtahl in ihre Bruſt geſenkt.« 1„Daran will ich ihn hindern, und wenn der Böſewicht zehn Leben zu verlieren hätte.« „»Dann verſäume keinen Augenblick.« „Ich bin unbewaffnet; gib mir einen Dolch.& „Wenn du es ſo willſt, er iſt ein Ge⸗ ſchenk von dir, und dein Name in die Klinge eingegraben.«— Ohne ein Wort weiter zu ſprechen, riß ihm Wolluf den Dolch aus der Hand, und 4 kürzte fort nach dem Garten; da gewahrte er in der Ferne beim hellen Mondenſchimmer eine Geſtalt, in einen weiten Mantel gehüllt, und ſeine Glieder bebten vor innerer Wuth. — — an deren Ende die bezeichnete Laube ſich be⸗ fand. Wie der Tiger auf ſeinen Raub, ſprang Wolluf nach, eben hatte jener ſeinen Mantel zurückgeſchlagen, ſein gezogener Degen flim⸗ merte im Mondenlichte, und ſchon wollte er über die ſchlummernde Mirabella hinſtürzen, da erfaßte ihn Wolluf von rückwärts und ſtieß ihm den Dolch bis an das Heft in den Leib. Röchelnd ſtürzte er zu Boden; durch den Fall aufgeſchreckt, fuhr Mirabella auf, ſie ſah den Sterbenden neben ſich und ſich ſelbſt mit Blut übergoſſen; ein lautes Angſtgeſchrei ſtieß ſie aus, und ſtürzte hinweg; mehrere Männer⸗ ſtimmen ſchollen in der Nähe, es waren gleich⸗ falls Ballgäſte, welche ſich friſche Luft er⸗ athmen wollten. Wolluf aber, froh in dem Bewußtſein, Mirabellen gerettet zu haben„ wollte allen Weitläufigkeiten ausweichen, ſtürzte aus der Laube der niederen Gartenmauer zu, ſchwang 3 ſich ſchnell über dieſe und eilte nach der Stadt Jetzt bog die Geſtalt eine Allee ginübet, 835 118 3 8 in ſeine Wohnung zurück. Dieſer Vorfall er⸗ regte ungeheures Aufſehen; die herbeigeeilten Nobili brachten Mirabellen in die oberen Ge⸗ mächer, wo ſie ſogleich der Pflege des Arztes übergeben wurde; mehrere aber eilten mit Fackeln nach der Laube, wo man den Leich⸗ nam Baſilico's fand; welcher bereits ſeinen letzten Athemzug verhaucht hatte. Er wurde in ein Gemach im Erdge⸗ ſchoſſe gebracht, der herbeigeeilte Arzt hatte ſo wenig, wie alle ſeine früheren und ſpäteren Kunſtgenoſſen, das Arkanum erfunden, dem wirklich Todten wieder neues Leben einzu⸗ hauchen; man zog den Dolch aus dem ent⸗ ſeelten Körper, und mit allgemeinem Erſtaunen fand man auf ſelbem den Namen des Eigen⸗ thümers; man rannte die Säle und alle Ge⸗ mächer durch, aber weder von dem Ritter ſelbſt, noch von ſeinem Diener Bajogid, war mehr die geringſte Spur zu entdecken. Baſi⸗ kico's Leichnam wurde in der Nacht und ohne 3 alles Aufſehen nach der Stadt in ſeinen dalat 55 gebracht. Aber am folgenden Tage, als der vor⸗ gefallene Mord ruchbar wurde, erregte dieß 8 ein allgemeines Aufſehen, und die Patricier Giine ta ſich zum Rathe und zur Beſtrafung es heilloſen Thäters. Nicht das Geringſte ahnend, noch weniger aber Gefahr für ſich beſorgend, da er ja nur ein bedrohtes Menſchenleben durch den Verluſt eines andern gerettet hatte, ſaß er am anderen Morgen noch halb ſchlaftrunken auf ſeinem Lager, da traten die Diener oder vielmehr Handlanger der Gerechtigkeit herein, und be⸗ deuteten ihm, ihnen im Namen des hohen Gerichtes augenblicklich zu folgen. Wolluf konnte ſogleich merken, worauf es abgeſehen war, aber dieß erregte nicht die geringſte Beſorgniß in ihm, da ihm nichts ſo leicht als ſeine Rechtfertigung zu ſeyn ſchien. Er beſtieg alſo den bedeckten Wagen, der ſeiner am Thore harrte, und wurde nach dem Ge⸗ 120 richtshauſe in eine wohl vergitterte, aber übri⸗ gens nicht unbequeme Kammer gebracht. In kurzer Zeit ward er zum Verhöre geführt. Er läugnete die That nicht,, ja er konnte ſie auch nicht läugnen, da der auf dem Dolche eingegrabene Name den bündigſten Beweis führte; er erzählte, wie ſich alles zu⸗ getragen hatte, wo waren denn nun aber die Beweiſe für die Wahrheit ſeiner Ausſage? Sein Diener Bajogid war nirgends zu finden, und Mirabella wußte nichts anders anzugeben, als auf welche entſetzen volle Art ſie vom e laie aufgeſchreckt worden ſei. Mit ſolchen leichten Geſtäͤndniſſen longte Sic doͤch däs hohe Gericht um ſo weniger be⸗ gnügen, da die eben ſo zahlreiche als ange⸗ ſehene Familie des Baßälko laut um Rache ſchrie. Es mußten alſo auch nähere Unterſuchun⸗ gen über des Kitters frühere Verhältniſſe angeſtell werden, und da er ſelbſt den be⸗ gangenen Mord bereits⸗ eingeſtanden hatte, ſo d- „ 1²¹ glaubte man um ſo weniger mehr zu einem glimpflichen Verfahren verpflichtet zu ſeyn, und warf ihn trotz ſeines Proteſtirens gegen unritterliche Behandlung, in ein tiefes, unter⸗ irdiſches Gefängniß, wo er nun freilich Muße genug hatte, manche ſeiner bisherigen Bege⸗ benheiten näher zu überdenken. Da es, ob vielleicht nur damal, wollen wir nicht unterſuchen, gewöhnlich war, daß alle gerichtlichen Verhandlungen ſich gewaltig in die Länge zogen, ſo hätte Wolluf eine ziemliche Zeit in dieſer beſchwerlichen Lage zubringen können; doch dieß war keines⸗ wegs nach ſeinem Sinne, und ſchon am zweiten Tage berief er Bajogiden zu ſich. Wie ſehr ſtaunte er, als dieſer plötzlich mit ſchweren Feſſeln beladen vor ihm ſtand. „Was iſt mit dir vorgefallen 2x fragte der Ritter. „Eine Kleinigkeit,« erwiedert jener la⸗ chend,„man iſt meiner habhaft geworden, und da man mit mir als einem gemeinen Diener, 12²2 nicht ſo viele Umſtände zu machen braucht, ſo iſt mir zur Erpreſſung verſchiedener Gegen⸗ ſtände auf Morgen die Tortur zugedacht.«a „Und ſo gleichgiltig ſprichſt du von dieſer entſetzlichen Sache.« »Kümmerez dich um mich nicht; dir wird heute noch ein unvermutheter Weg zur Rettung gebahnt, und meinen Peinigern ſollen die Folterſchmerzen wohl noch ärger bekommen, als mir ſelbſt. Morgen ſehen wir uns wieder, nun aber laſſe mich fort, damit meine Wächter mich nicht irre gehen.« Wirklich war er kaum wieder in ſeinem Gefängniſſe, ſo wurde er in die Marter⸗ kammer abgeholt; da ſtanden ſchon die Fol⸗ terknechte mit ihren teufliſch verzerrten Ge⸗ ſichtern, ihr Opfer zum Menſchen empören⸗ den Handwerke in Empfang zu nehmen. Ba⸗ jogid wurde ohne Weiterem auf die Bank gebunden, und noch einmal wurde er von einem der Unterrichter befragt, ob er über die ihm vorgelegien Fragepunkte gehötig ant⸗ . worten wolle; aber jener lachte ihm mit einer ſolchen effronten Höllenfratze ins Geſicht, daß dieſer ſehr natürlich auf das Aeußerſte erbittert, die Anwendung der Qualen mit der größten Strenge befahl; den Schergen ſelbſt war ſolch' ein verſtockter Verbrecher noch nicht vorgekommen, ſie ſuchten alſo ihrer Er⸗ bitterung noch über Gebühr freien Zügel zu laſſen, aber Bajogid lag unbeweglich und nicht die geringſte Veränderung der Miene zeigte, daß er auch nur die kleinſten Schmer⸗ zen empfinde; ja, als beinahe der erſte Grad vorüber war, begann er eine laute Lache aufzuſchlagen, und ein Liedchen zu trillern; dieß mußte natürlich auf das Aeußerſte er⸗ bittern. Schäumend vor Wuth, befahl der Auf⸗ ſe her mit unnachſichtiger Strenge zum zweiten Grade zu ſchreiten, aber da änderte ſich plötz⸗ lich die Scene; ein gellendes Ohren zer⸗ reißendes Geſchrei erſcholl in der Kammer, die zahlreichen Wachen von Außen ürzten 24 herein, der Delinquent war entſchwunden; aber die Folterknechte waren theils mit Stricken wie zu einem Bündel zufammen⸗ geſchnürt, theils wieder an den Rädern aufgezogen, daß alle Glieder aus ihren Fugen zu brechen drohten, und dem Aufſeher waren die Daumſchrauben ſo gepreßt angelegt, daß ihm der Schmerz die Augen weit aus dem Kopfe heraus trieb.. Allgemeiner Lärmen entſtand; man eilte, die ſchrecklich Gepeinigten ſogleich von ihrer Marter zu erlöfen, welche ſich freilich zu keinem Geſchäfte mehr herbeiließen, deſſen martervolle Wirkung ſie nun ſelbſt empfun⸗ den hatten, aber von dem Opfer ihrer Hart⸗ herzigkeit war nicht die geringſte Spur mehr zu entdecken.. Von dieſem Vorfalle nichts ahnend, lag Wolluf in ſeinem Gefängniſſe, mit bangem Herzen die Erfüllung von Bajogid's Worten erwartend, da raſſelten zur ungewöhnlichen Stunde die Schlöſſer ſeines Gefängniſſes und 125 herein trat mit dem Gefangenwärter ein Mann in einen weiten rothen Mantel gehüllt, mit einer ſchwarzen Larve vor dem Geſichte. Wolluf hielt ihn für den Nachrichter und ſchrack heftig zuſammen; der Gefangenwärter aber löſte ſeine Feſſel und übergab ihm einen Bündel mit dem Bedeuten, ſich ſchnell umzukleiden, indem die Stunde ſeiner Be⸗ freiung eingetreten ſei. Staunend und freudig zog Wolluf in möglichſter Eile die ritterliche Kleidung an, und nun ergriff der Rothmantel ſeine Hand, und leitete ihn aus dem Gefängniſſe, wo ſie der Gefangenwärter durch einen ſchmalen Gang zu einem Hinterpförtchen leitete. „Hier nimm noch über die verſprochene Gebühr,« ſprach jener; warf dem Wärter noch einen ſchweren Beutel Geld zu, und eilte nun mit dem geretteten Wolluf in's Freie. Ein dreimaliges Händeklatſchen wurde erwiedert, und ein Reiter ſprengte mit zwei 126 geſattelten Handroſſen heran; ſchnell warfen ſich Wolluf und der Rothmantel auf dieſe, und nun ging es im vollen Jagen vorwärts. Zwei Tagereiſen hatten ſie beinahe zu⸗ rückgelegt, da war es Wollufen nicht anders, als ob er, da der Rothmantel, welcher bisher noch kein Wort mit ihm geſprochen hatte, ſtets an ſeiner linken Seite ritt, rechts neben ſich den Hufſchlag eines Roſſes vernähme; er blickte um, aber gewahrte nichts; da raunte ihm plötzlich eine Stimme ins Ohr: pgib dir keine Mühe, mich zu ſehen, doch wirſt du wohl an der Stimme erkennen, daß Bajogid ſich unſichtbar neben dir be⸗ finde. Freilich in veränderter Ge ſtalt, doch hierüber mündlich ein Mehreres. Sieh dich vor, es naht mit Blitzesſchnelle die Gele⸗ genheit heran, dir neue Verdienſte zu ſam⸗ meln, und darüber kann man ſich ſchon ein Bischen Blutverluſt gefallen laſſen. Kaum hatte er dieß noch geſprochen, ſo gewahrte Wolluf von Ferne einen Wagen, 7 7 3 12⁷ mit welchem vier ſchnaubende Hengſte in der wildeſten Furie dahertobten, die Roſſe waren mit losgelaſſenem Zügel ohne Führer; aber in dem Wagen ſaß eine Dame, welche mit in dem Winde hinflatternden Haaren die Hände um Hilfe ausſpreitete. Jetzt flog das Viergeſpann einem Hügel zu, unter welchem ſich ein wilder Waldbach ſchäumend fortwälzte; die Gefahr war am ſchrecklichſten. Wolluf ſiel den Roſſen in die Zügel, ſie ſtanden ſtille, aber der Fuß des Vorderſten hatte ſeinen Kopf getroffen, und er ſank betäubt zu Boden. Wie er ſich wieder ermannte, fand er ſich in einem prächtig möblirten Gemache, der Arzt ſaß neben ſeinem Lager, die Symptome ſeines Uebels zu belauſchen, und reichgekleidete Diener ſtanden in Bereitſchaft, die Winke des Letzteren augenblicklich zu vollziehen. 3. Wo bin ich und was iſt mit mir geſchehen 2 fragte Wolluf, aber der Arzt bedeutete ihm, 123 3 2 4 daß bei ſeiner gefährlichen Kopfwunde das Sprechen äußerſt gefährlich ſei, und er ſich durch einige Tage äußerſt ruhig verhalten müſſe. Die Worte des Arztes würden wenig über ihn vermocht haben, aber er fühlte ſich ſelbſt, daß er bei jedem Athemzuge im Sprechen nur immer heftigere Schmerzen bekam, und wirklich ſchlug ſich bald ein Wundfieber dazu, welches mit ſolcher Heftigkeit und Schnelle ausbrach, daß er ſeines Bewußt⸗ ſeins gänzlich beraubt wurde. 3 So ſtrichen einige Wochen dahin, nur ſelten kam Wolluf zu ſeiner Beſinnung, und da war ihm in dieſen wenigen Augenblicken nicht anders, als ob eine holde Engelsgeſtalt ſich an ſeinem Lager befände, welche Theil an ſeiner Pflege nahm, aber ſchnell war dieß alles entſchwunden, wie oft ein heiterer Sonnenblick durch einen düſteren, ſchnell ent⸗ faltenden Nebel verdunkelt wird, und er ſank wieder in ſeine vorige Betäubung zurück. 4 2— 126 2. Endlich, es bleibt bei Kranken ſteis unentſchieden, ob die Kunſt und Bemühung des Arztes oder die geheimen, nie zu begrei⸗ fenden Wirkungen der Natur daran Schuld ſind, begann Wolluf wieder zum neuen Leben emporzukeimen; nach langer Zeit endlich er⸗ laubte ihm der Arzt im Freien zu luſtwandeln, und auf ſeinen Stab geſtützt, leiteten ihn die Diener nach einem ungemein ſchönen Garten) die freie Luft, die balſamiſchen Düfte der Blumen und Kräuter wirkten eben ſo wohlthätig auf ſeinen Körper, als der Geſang der Vögel und überhaupt der Anblick der in ihren kleinſten Theilen erhaben ſchönen Natur auf ſein Gemüth. Erinnerung an ſeine bis⸗ herigen Begebenheiten ſchien in ſeiner Seele aufzuwachen, er begann wirklich etwas weichmüthig zu werden, da rauſchte es in den Blättern, und plötzlich ſtand ein Mann vor ihm, in afiatiſcher Tracht, höher noch und ſchlanker gewachſen, als Wolluf ſelbſt.. Mit Staunen betrachtete ihn dieſer, denn verſteinerten Schweſtern. 9 4 . 130 die Züge ſchienen ihm bekannt, da ſchlug jener eine laute Lache auf. „Du kennſt mich gar nicht,« ſprach er mit höhniſchen Worten, voder ſollte Bajogid während deiner Krankheit ganz aus deinem Gedächtniſſe entſchwunden ſenn?«. „»Wie, wäre es möglich! du Bajogid? und in dieſer Geſtalt, wie biſt du anf einmal ſo trefflich gediehen 24 „Das habe ich dir zu danken, mein Lieber, du haſt dich ſo vortrefflich betragen, daß ich nur dir mein Gedeihen zu danken habe, und wahrhaftig, ich werde bald noch eine weit anſehnlichere Größe gewinnen; doch wozu denn jetzt von ſolchen Dingen ſprechen, wie ſtehſt du mit Mirabella?2« „Welchen Namen rufſt du in mein Ge⸗ 4 1. 2 H dächtniß, denn beim Himmel, dasſelbe war ſo geſchwächt, daß ich nur jetzt erſt wie von ſchweren Träumen erwache, und mich all⸗ mählig an die Vergangenheit erinnern kann. Wo iſt dieſe Mirabella 2 * 131 „Ihr ſeid euch beide ſehr nahe, denn 3 du biſt ja in ihrem Hauſe aufgenommen und gepflegt worden.& „Bei Mirabella!« rief Wolluf und alle die vorigen Erinnerungen waren wie mit einem Hauche aus ſeinem Gedächtniſſe verwiſcht, und nur das heißgeliebte Weib ſtand vor dem Spiegel ſeiner Seele. Ja, es ward ihm nun ſogar klar und deutlich, daß ſie es ge⸗ weſen ſeyn müſſe, welche während ſeiner Fieber⸗ krankheit ſo oft an ſeinem Lager verweilte. Noch dieſen Abend drang er in den Auf⸗ ſeher der Dienerſchaft, welcher ſich immer mit der vorzüglichſten Bereitwilligkeit um ihn zu ſchaffen gemacht hatte, ihn bei der hohen Gebieterin einzuführen, indem er ſich ſo bedeutend hergeſtellt fühle, daß er ent⸗ ſchloſſen ſei, eine nothwendige Reiſe zu un⸗ ternehmen, welches er doch nicht füglich in Vollzug ſetzen könne, ohne vorher für ſeine ſo ausgezeichnet wohlthätige Pflege den ge⸗ bührenden Dank zu entrichten. Am folgenden Tage ward er zur Burg⸗ frau beſchieden, und bei Mirabellens Anblick kehrte ganz ſeine vorige Empfindung zurück, welche er nur mit Mühe unterdrücken konn⸗ te; aber wie ganz anders fand er nun die ehemals ſo ſtolze Schöne, mit einer Freund⸗ lichkeit, und mit einer Zutraulichkeit empfing ſie ihn, welche ſein ganzes Innere bezauberte. Sie äußerte ihre Dankbarkeit für ihre zweimalige Lebensrettung, denn durch einen aufgefundenen Brief war es ihr bekannt geworden, daß Baſilico einen Mordanſchlag auf ihr Leben hatte, und nur er ihr Retter war; daher ſie denn auch eine ungeheure Bumme nicht ſcheute, ihn aus dem Ge⸗ fängniſſe zu befreien, auch nun hatte er ſie mit höchſter Gefahr ſeines eigenen Lebens bei der Flucht der ſcheu gewordenen Pferde gerettet; wie hätte da ein fühlendes, weibliches Herz gleichgiltig bleiben können, ihr Stolz war überwunden, und heiße Liebe war an deſſen Stulle getreten. Zehntes Kapitel. Gräßliche Unternehmungen. Unmöglich konnte es Mirabella über ſich gewinnen, nun durch eine Vermählung bei ihren vielen Freunden ein Gegenſtand des Spottes zu werden, ja ſelbſt für den Ritter war es nicht räthlich, als der Mörder Ba⸗ ſilico's, noch einmal in Rom zu erſcheinen. Ihre Verbindung mußte alſo ſo geheim als 4 möglich gehalten werden, und ſie beſchloſſen, ſich nach Venedig zu begeben, wo Mirabella . gleichfalls einige Beſitzungen hatte. Sobald daher ganz in der Stille ſich ein unauflösliches Band um ihre Hände ge⸗ ſchlungen hatte, traten ſie ſo geheim als m g. 134 8 lich die Reiſe an. Schon war durch einen früher abgeſendeten Boten auf einer herrlichen Villa alles zur bequemſten Aufnahme bereitet worden, und hier hofften beide fern vom Geräuſche und Gepränge der großen Welt ihre Tage ruhig und im Glücke der Liebe hinzu⸗ bringen. Wirklich ſchien das Geſchick müde zu ſeyn, Wollufen von einem mißlichen Zufall in den andern zu ſchleudern, er liebte Mira⸗ bellen herzlich, wurde eben ſo wieder geliebt, und ſo ſchwanden ihre Tage im ſtillen, häus⸗ lichen Glücke dahin. Bald darauf fühlte ſich Mirabella Mut⸗ ter, keine Kränklichkeit erſchwerte ihren Zu⸗ ſtand, kein Kummer nagte wie bei Jaromiren an ihrem Herzen, daher ſie auch mit den froheſten Erwartungen der Vermehrung der Familie entgegen ſehen konnte. Dieſe Zeit brach herein, und ſie gebar zwei geſunde Knaben zugleich; Wollufs Freude war grän⸗ zeulos. So ſtrichen fünf volle Jahre vorüber, die Knaben, welche die bewunderungswür⸗ gediehen trefflich heran, und verſprachen einſt 2 eben ſo anmuthige Junker, als wackere Kämpfer zu werden. Leider iſt der Menſch 3 ſelten mit ſeinem Schickſale zufrieden. Je mehr er dem Glücke im Schooße ſitzt, deſto mehr keimen noch unbefriedigte Wünſche in ihm empor; der immer lebensluſtig geweſenen Mirabella begann endlich dieſes einfache, häus⸗ liche Leben zur Qual zu werden; ſie ſehnte ſich nach ihren vorigen Zerſtreuungen, aber gerade in dieſer ruhigen Stille hatte Wolluſ, müde von dem Herumtreiben in dem Ge⸗ tümmel der Welt, Erholung des Geiſtes und Ruhe des Herzens gefunden; er begann ein an⸗ derer Menſch zu werden, und allmälig ſchien ſich der Zeiger ſeiner Lebensuhr auf beſſere Stun⸗ den zu neigen; er machte daher Mirabellen die triftigſten Vorſtellungen; er ſchilderte ihr mit den lebhafteſten Farben, wie glüfklich ſie nun in der ſo angenehmen Einförmi gkeit kebten. digſte Aehnlichkeit in ihrem Geſichte trugen⸗ — Ir, 1 136 Doch er predigte Tauben Ohren, ja je mehr er ſich ereiferte, deſto mehr beſtand ſie auf ihrem Vorſatze, wieder wie ehemal ihr großes Haus zu führen, und als Woluf endlich mit ernſter Miene dagegen ſprach, er⸗ klärte ſie frei und offen, daß ſie ſich lieber trennen wolle, als ihren Entſchluß aufzugeben. »Wenn denn durchaus durch Güte nichts mehr zu gewinnen iſt,« ſagte Bajogid,„als Wolluf mit ihm darüber ſprach;; dann bleibt freilich nichts mehr übrig, als mit Gewalt den Starrſinn zu bändigen. Zeige einmal, daß du Herr im Hauſe biſt, daß du unum⸗ ſchränkt üͤber dein Weib gebieten kannſt, und dir als Burgherr Mittel genug zu Ge⸗ ote ſtehen, unbändigen Stolz zu demüthigen. c „Recht magſt du wohl haben,« erwiederte Wolluf; pdochi immer noch ſchlug das; zum Uebeln aus, wozu du mir den Fingerzeig gabſt, daher will ich ſelbſt noch vorher auf Mittel der Güte denken, ehe ich zur Hartherzigkeit meine Zuflucht nehme, iſt denn dieſelbe nothwendig?« „Wer nicht hören will, der ſoll fühlen, und ein Bischen Angſt und Schrecken bewirken oft Wunderdinge bei ſolchen ſtarrköpfigen Weibern. Doch immerhin magſt du thun, was dir ſelbſt gut und weiſe dünkt; denn ich bin nur zu deinem Befehle und war noch nie dein Rath⸗ geber geweſen.. Mit dieſen Worten verließ er ihn höh⸗ niſch lächelnd, und Wolluf ſann hin und her, wie er denn die ſtolze, übermüthige Mira⸗ bella auf andere Gedanken bringen könne; ja er ſtellte ihr ſogar vor, daß wenn ſie wieder glänzende Feſte gäbe, wohl gar ſein eigenes Leben auf dem Spiele ſtünde, indem es ſich leicht fügen könne, daß unter den zahlreichen Gäſten ihn einer erkennen würde, und er alſo aufs Neue der ausgebreiteten Rachſucht der Familie Baſilico's Preis ge⸗ geben werden könne; doch dieß alles machte keinen Eindruck auf ſie, ſie war zu leicht⸗ ſinnig, um nur über irgend etwas Ernſt⸗ haftes nachzudenken, ſie ſchwur vielmehr 138 daß ſie, wenn Wolluf Gewalt brauchen wür⸗ de, lieber einen martervollen Hungertod ſter⸗ ben wolle, ehe ſie von ihrem Entſchluſſe einer freien und glänzenden Lehenzart ab⸗ gehen würde.— Im größten Grimme war Wolluf erbittert, in größter Unruhe ſchritt er in ſeinem Ge⸗ mache auf und ab, doch immer noch mahnte ihn ſeine Zuneigung zu Mirabellen, ja nicht die äußerſte Strenge anzuwenden, da fuhr raſch wie der Blitz ein Gedanke durch ſeine Seele, zu dem ihn Bajogid's Worte brachten, daß Angſt und Schrecken oft Wunderdinge bewirken können; noch einmal ſprach er ernſt zu Mirabellen, er bat ſie ſogar, zur vorigen ruhi⸗ gen Lebensart zurückzukehren; aber ſie hatte gera⸗ de ein glänzendes Feſt vorbereitet, daher ant⸗ wortete ſie ihm mit ſolchem Uebermuthe, daß ſein Innerſtes ſich empören mußte. „Verruchtes Weib!« rief er,„den mar⸗ tervollſten Hungertod willſt du eher ſterben, ehe du von deinem Entſchluſſe abgeheſt, wohlan! — ꝓℳ-— terung geſteigert werden mußte. . 139 ſo laſſe ſehen, wer von uns beiden zuletzt 4 ſeinen Willen behaupten wird.a Er ſprach dieſe Worte mit ſolchem Ernſte, mit ſolchen flammenden Blicken, daß Mira⸗ bella ſelbſt zurückſchauderte. Wenigſtens hätte ſie ſich zu etwas anderem beſonnen, aber er war bereits in wilder Haſt fortgeſtürzt; ihr Stolz hielt ſie zurück, ihm nachzueilen, und da gleich darauf einige ihrer Bekannten ein⸗ traten, um das Nähere zum bevorſtehenden Feſte zu verabreden, ſo ward bald wieder der gute Entſchluß ganz vergeſſen. Wolluf hatte ſich auf ſein Roß geſchwun⸗ gen, und war lange in der Irre herumgerit⸗ ten, erſt als ſchon die Nacht ſtark hereingebrochen G war, kehrte er nach der Villa zurück. Mira⸗ bellens Gemächer waren hell erleuchtet, und laut ſcholl zu ihm das Gelächter der Gäſte herüber, welche ſie ſo eben bewirthete und wodurch nur noch ſehr natürlich ſeine Erbit⸗ 3 Er begab ſich nach ſeinem Gehech 140 und berief ſogleich Bajogiden zu ſich.»Mein Entſchluß iſt gefaßt,« ſagte er;»Mirabellens Herz iſt ſo verhärtet, daß nur Gewalt es bändigen kann.& „Freilich oft ein gutes Mittel„ das aber auch manchmal ſeine Wirkung verfehlt za er⸗ wiederte Bajogid höhniſch lächelnd. „Tief unten in der Villa,« fuhr Wolluf fort, vneben der Familiengruft, iſt ein kleines Gewölbe, in welchem ſich ein ehemaliger Befiter dieſes Landhauſes entleibt haben ſoll, und welches daher auch von keinem der Bewohner betreten wird.“ „Ein ſchauerliches Plätzchen welche ich eh genau kenne.« „So wie du ehemals Jaromiren Schlafe von der väterlichen Burg nach aren brachteſt, eben ſo wirſt du auch nun um ſo leichter Mirabellen dorthin bringen können.« 4 1„Es ſoll geſchehen; was haſt du aber mit ihr vor?&. »Ich drohte ihr mit dem Hungertode, 141 dort mag ſie den morgigen Tag hinbringen; ich hoffe, daß Angſt und Leiden ſie zu Anderſ Geſinnungen ſtimmen werden.« „Es iſt gut ausgedacht, wann willſt du ſie befreien 24 „Sogleich am nächſten Morgen, darum bringe mir den Schlüſſel zu dieſem Gewölbe.« „Du hätteſt in der That kein beſſeres Plätzchen ausdenken können, denn an dieſem entlegenen Aufenthalte verhallt ungehört ſelbſt die Stimme des höchſten Jammers, aber ſieh dich vor; Zeit und Weile iſt ungleich, und nicht immer bleibt der Menſch Herr ſeines eigenen Willens. a „Spare deine Sittenſprüche„ polterte Wolluf,»und erfülle meinen Willen, die Folge davon wird meine Sorge ſeyn.» Bajogid antwortete nicht, ſondern ver⸗ ließ mit einem wahrhaft teufliſchen Lächeln das Gemach, Wolluf aber warf ſich auf ſein Lager, und ſuchte durch Schlaf ſeine diem Gedanken zu beſeitigen. 142 Wie er am folgenden Morgen aufwach⸗ te, ſtand Bajogid vor ihm, und übergab ihm den Schlüſſel zu dem unterirdiſchen Gewölbe. »Es iſt geſchehen wie du befohlen haſt, Mirabella hat ihr üppiges Pflaumenlager mit dem feuchten Boden des grauſen Gewölbes voerwechſeln müſſen, noch ahndet ſie zwar nichts davon, denn ein eiſerner Schlaf hat ſich ihrer bemächtigt, aber in der That, wenn mir menſchliche Gefühle eigen wären, möchte ich nicht Theil nehmen an dieſem Erwachen.e »Sei unbekümmert, vielleicht in einer Stunde ſchon entreiße ich ſie dem Elende wieder, denn oft bedarf es nicht einmal ſo vieler Zeit, um das menſchliche Herz zur Reue zu ſtimmen.” 1 Bajogid entfernte ſich, Wolluf aber ließ ſein Roß ſich ſatteln, um ſich in der ſchönen Umgebung Zerſtreuung zu ſuchen. Schon eine Stunde war er in der Irre umher geritten und wollte eben den Rückweg antreten; ſein Weg führte an einer großen Villa vorüber, * Zauberſchlage aus allen Dachfenſtern die Flammen heraus ſchlugen; raſch wollte er ſein Pferd dorthin lenken, um wo möglich Hilfe zu leiſten, aber ein reißender Strom, der die Ebene durchrauſchte, hinderte ihn, er mußte einen großen Umweg machen, ehe er zu ei⸗ ner Brücke gelangen konnte, jetzt ſprengte er mit verhängtem Zügel hin, bis er aber dort anlangte, brannte ſchon das ganze Gebäude lichterloh empor. „ rettet, um des Himmels Barmher⸗ zigkeit Willen, rettet mein einziges Kind lo rief mit Herz durchſchneidendem Jammergeſchrei ein Greis neben ihm; es war der Eigenthü⸗ mer der Villa. An einem vergitterten Fen⸗ ſter ſah man ein Mädchen Hilfe flehend die Arme ausſtrecken, aber von den vielen Hun⸗ derten, welche das Gebäude umgaben, hatte keiner den Muth, das Wageſtück der Ret⸗ tung zu unternehmen. 4 8 A Wo lluf ſah die Gefahr, keinen Augen⸗ da gewahrte er, daß plötzlich wie mit einem 8 144 blick war Zeit zu verlieren, er ſprang vom Roſſe, ſtürzte den Flammen entgegen, lau⸗ tes Geſchrei der müßig hilflos hinſtarrenden Umgebung ſcholl ihm nach, er achtete es nicht, Rauch und Flammen qualmten ihm entge⸗ gen, er drang durch in das Gebäude und in das Gemach, deſſen Lage er ſich beim äußern Anblicke gemerkt hatte, gleich einem Leichen⸗ bilde wankte ihm die weibliche Geſtalt ent⸗ gegen, und vom Rauche ihres Bewußtſeyns nicht mehr mächtig, ſank ſie beſinnungslos in ſeine Arme, mit Anſtrengung aller Kräfte riß ſie Wolluf zu ſich empor, erdrang durch den erſtickenden Qualm des Rauches, durch Kni⸗ ſtern der Flammen und die verzehrend ergrei⸗ fende Gluth. Jetzt erreichte er den Ausgang, jetzt trat er mit ſeiner Beute einen Schritt ins Freie— ein die Wolken durchdringendes Ju⸗ belgeſchrei ſcholl ihm entgegen, zugleich aber ertönte betäubendes Gepraſſel, ein g anzes Stück Mauer hatte ſich von oben losgelöſet, ſtürzte ſammt glühenden Balken herab, und ſchlug ihn * 1 war zur Hülfe herbeigeeilt, denn die meiſten Menſchen ſind zur Dienſtfertigkeit bereit, ſo⸗ bald es nicht auf Verluſt, noch weniger aber auf eigene, wenn auch noch ſo kleine Aufopfe⸗ rung abgeſehen iſt. Der alte Vater umarmte ſeine ſich allmä⸗ lig wieder erholende Tochter mit zärtlicher Inbrunſt, Wolluf aber, der von einem glü⸗ henden Balken ſchwer getroffen, todtenähnlich und ohne Bewußtſeyn dahinlag, wurde nach einem vom Brande verſchont gebliebenen Theile des Gebäudes gebracht und der ärztlichen Pflege übergeben. Wie er ſich wieder ermannt, ſtand der Eigenthümer der Villa und das gerettete Mädchen vor ſeinem Lager, und beide ergriffen ſeine Hände, um ſie dankbar an ihre Lippen zu drücken. „Wo bin ich?9 ſprach Wolluf, und ſtaunte verwundert mit matten Blicken umher, denn ſein volles Bewußtſeyn war noch nicht zurüc. gekehrt. Die verſteinerten Schweſtern. 10 145— ſammt der geretteten Beute zu Boden. Alles 8 145 »In den beſten Händen,„ erwiederte der— Greis Bellerin, ſo nannte ſich der reiche No⸗ bile, welchem die Villa gehörte.»Ihr habt mei⸗ ne Tochter gerettet, und zum ewigen Danke ſind wir euch verpflichtet; wohl uns, daß un⸗ ſer größter Wohlthäter wieder zum neuen Le⸗ ben zurückkehrt. Zwar gab der Arzt noch immer Hoffnung, aber ſchon zwei volle Tage laget ihr in einer todtenähnlichen Betäubung dahin, nur ſelten durch eine convulſiviſche Bewegung 3 unterbrochen, welche jedoch noch einen deutli⸗ chen Beweis der vorhandenen Lebenskräfte von ſich gab... „Zwei volle Tage?» rief Wolluf, und wie aus den rabenſchwarzen Wetterwolken gräßlich ein bläulichter, blendender Blitzſtrahl hervor⸗ 4 4 kiſcht, ſo befiel ihn der Gedanke an Mirabella, und es war nicht anders, als ob ſich die Kral⸗ 6 len eines Tigers in ſein Herz preßten. Gleich einem Wüthenden ſprang er von ſeinem Lager auf.»Laßt mich fort, laßt mich fort rief er, „wer mich zurückhalten will, iſt mein Todfeind, 147 und des Himmels Fluch wird und muß ihn treffen. Alle prallten ſtaunend zurück, er aber hörte und ſah nicht mehr, was um ihn her vorging, rechts und links ſchleuderte er einige Diener von ſich, welche ihn zurückhalten woll⸗ ten, er ſtürmte in den Hof, da war eben ein Hausdiener beritten aus dem nächſten Städt⸗ chen angelangt, Wolluf ſchwang ſich auf das Roß, und preßte ihm unbarmherzig die Spor⸗ ren in die Weichen und mit halb verbundenem blutenden Kopfe ſprengte er im vollen Jagen davon, während ihm alle Schloßbewohner mit Entſetzen nachſtaunten. Beinahe zwei Drittheile des Weges hatte er zurückgelegt, da ſank das übermäßig ge⸗ marterte Thier unter ihm zuſammen, er ſelbſt konnte ſich kaum mehr aufrecht erhalten, aber mit Furiengeißel peitſchte ihn die Angſt vor⸗ wärts, er ergriff einen Baumaſt, ſich darauf zu ſtützen; ſo wankte er gleich einem Geſpenſte mit Blut, Schweiß und Staub überdeckt vor⸗ wärts, bis er endlich ſeine Bila erreichte 148 Wie vor einem Höllengeiſte ſchracken die Diener bei ſeinem Anblicke zurück, er aber war für alles taub und blind, wer ihm nahe trat, den ſchleuderte er mit unwiderſtehlicher Gewalt zurück, und ſtürmte, den Befehl donnernd, daß es ja niemand wage ihm zu folgen, nach der Begräbnißkapelle. Jetzt hatte er das ver⸗ hängnißvolle Gewölbe erreicht, in welches er Mirabellen verſperrt hatte, kaum vermochte er vor Zittern den Schlüſſel anzuſtecken, jezt ſprang die Thüre auf, ſein ganzes Ich war in die vor Angſt weit herausgetriebenen Augen konzentrirt, da lag Mirabella am Boden hin⸗ 3 geſtreckt; er faßte ſie an, alles ſtarr und kalt, und in dem Geſichte mahlten ſich ſchrecklich die verzerrten Züge des erlittenen, ſchrecklichen Hungertodes. Wolluf konnte nicht einmal einen lauten Schrei des Entſecens ausſtoßen, er raßte aus dem Gewölbe, der Wind ſchlug die Thüre laut hinter ihm zu, und an den Stufen der Gruft ſtürzte er bewußtlos zuſammen. Hier fanden ihn einige Diener, niemand 149 wußte, was ihn in dieſen zuſtand verſetzt 3 oder ihn bewogen hatte, dieſen Ort zu betre⸗ ten, niemand wußle, wo ſchon ſeit einigen Tagen die gebietende Frau hingekommen ſei⸗ Vergebens fragten mehrere ihrer Bekannten an, was wegen dem bevorſtehenden Feſte zu thun ſei; die Burgfrau war wie verſchwunden und ihr Gemahl lag in gänzlicher Bewußt⸗ loſigkeit des Geiſtes dahin, ohne daß die Die⸗ nerſchaft weder über dieſes noch jenes nur die geringſte Auskunft zu geben vermochte. So ſtrichen mehtere Wochen dahin, Mi⸗ rabellens Verſchwinden hatte bei ihren vielen Bekannten ein großes Aufſehen erregt, man legte ſich allenthalben auf die Lauer, und nur Wollufs Beſſerung fehlte, um ſich auch bei dieſen Raths zu erholen. Dieſer aber kehrte zwar wieder zum neuen Leben zurück, aber ſein Geiſt ſchien den vielfältigen Stürmen ſeines bisherigen Lebens unterlegen zu ſein, denn er ſprach oft irre und ſaß gewöhnlich im ſtillen Dahinbrüten, und oft ſtundenlange in * 150 einem dumpfen Hinſtarren, ohne daß nur eine Muskel des Geſichtes ſich bewegte. Die ganze 3 Dienerſchaft bemitleidete ihn in dieſem 3u⸗ ſtande, denn er hatte ſich gegen alle immer— ſehr gütig bewieſen, noch mehr aber wuchs mit jedem Tage die Neugierde über Mira⸗ bellens Schickſal, von dem man nicht das Geringſte erfahren konnte. Doch keiner hatte . den Muth, darüber mit dem gebietenden Herrn zu ſprechen; da aber in einem Hauſe 1 nichts ſo weit um ſich greifend iſt, als der Forſchungsgeiſt der Domeſtiken, ſelbſt über das Kleinſte, was ihre Herrſchaft betrifft, um hierüber etwa ihre Gloſſen zu machen, 1 oder noch weit mehr, um mit dem Geſinde anderer Häuſer ein langes und breites be⸗ ſprechen zu können„ſo waren auch hier alle geſchäftig, auch nur auf irgend eine nähere Spur zu kommen. Das ſeltene, haſtige Er⸗ ſcheinen und das an Verrücktheit gränzende Benehmen Wollufs in der Villa, ſein Gang nach der Gruft und ſein ohnmächtiges Da⸗ „ 1531 hinſinken an der 5 Treppe, war lange ſchon ⸗der Gegenſtand der höchſten Neugierde und auch der ſorgſamſten Unterſuchung geweſen; endlich gewahrte man die in einem finſtern Winkel angebrachte Thüre zu einem Gewölbe, welches zwar verſperrt war, wo aber der Schlüſſel im Schloſſe ſteckte. 3 Lange wagte man es nicht, dieſen Schlupf⸗ winkel näher zu unterſuchen, endlich aber faßten ein Paar der beherzteſten Diener den Muth, über dieſen verborgenen Aufenthalt nähere Erkundigungen einzuziehen. Ohne daher gegen die übrige Dienerſchaft etwas zu erwäh⸗ nen, ſchlichen ſie ſich nächtlicher Weile in das Gewölbe, aber wer faßt den Schrecken, als ſie dort den ſchon der Verweſung anheimge⸗ fallenen Leichnam der gebietenden Frau er⸗ kannten. Vor Schrecken an allen Gliedern zitternd, verließen ſie den Ort; da ſie jedoch für den Augenblick nicht wußten, wie ſie ſich bei einem ſo höchſt unerwarteten Falle zu be⸗ nehmen haben, ſo verſprachen ſi ſich ge 15² ſeitig, einſtweilen das tiefſte Stillſchweigen zA beobachten.— Man weiß wohl aber auch, daß bei ſoolchen Leuten ein Geheimniß das Herz weit ſchwerer drückt, als ein felſiges Gebirge, da⸗ her es ihnen beinahe zur Höllenqual ward, zu ſchweigen, und ſie weder Naſt noch Ruhe hatten, bis ſie nicht noch einem dritten Freun⸗ de, verſteht ſich, unter dem Siegel des ſtreng⸗ ſten Geheimniſſes, die gemachte Entdeckung mittheilten. Wie bei einem ausgeſtreuten Pulver ein Körnchen das andere ergreift, und ſo das Lauffeuer bis zur vorgehabten Exploſion fortläuft, ſo geht es auch unter den Domeſtiken, wenn ſie irgend ein Geheim⸗ niß von ihrer Herrſchaft erſchlichen haben, und es iſt weder Raſt noch Ruhe, bis das Ganze öffentlich zur Schau geſtellt iſt; ja einen der beiden Diener drückte endlich das Gewiſſen ſo heftig, daß er ſich nur dann Ruhe zu errin⸗ gen glaubte, wenn er den ganzen Vorfall dem hohen Senate zu Venedig anzeige. 74 153Z8. Einſam wie gewöhnlich ſaß Wolluf in ſeinem Zimmer, denn mit herriſchem Tone oder abſchreckender Miene wies er jeden Diener. von ſich, welche ſelbſt froh waren, mit einem 1 ſo ſtrengem Gebieter wenig zu thun zu haben; da befiel ihn eine ungewöhnliche Sehn⸗ ſucht nach Schlaf; er wankte daher ſeinem Lager zu, und bald ſchloſſen ſich ſeine Augen⸗ Plötzlich war ihm, als ob eine kalte Hand ihn ergriffe, er glaubte aufzublicken, und eine weibliche Geſtalt in einen langen, weißen Schleier gehüllt, zeigte ſich ihm; er ſtarrte in das bleiche Todtengeſicht, und erkannte deut⸗ lich Mirabellens Züge. Im Traume ſties er einen lauten Angſtſchrei aus. Börſchrecke nicht vor mir,« ſchien die Geſtalt ihm leiſe zuzuliſpeln; vnicht unverdient war mein Tod, und nur halb trägſt du die Schuld, lindem dadurch ein weit beſſeres und edleres Leben gerettet wurde. Viel habe ich zu büßen, doch ward mir auch die Wohlthat, für— dein beſſeres, bisher durch Leidenſcaften * 154 terdrücktes Ich zu ſorgen. Schwere Buße ſteht dir noch bevor, und doch kannſt du noch manches gut machen, wenn du den Weg der Reue und Beſſerung wandelſt. Vor allem aber ſuche dich und die beiden Knaben zu retten, ſchon in der folgenden Nacht wirſt du abgeholt, und vor den unerbittlichen Richter Venedigs gebracht werden. Darum flieh, und begib dich nach Deutſchland, wo du in einem deiner An⸗ verwandten Ritter Heinrich von Laubſee einen Erzieher finden wirſt. Kehre zur Tugend zurück und befaſſe dich ja nicht mehr mit deinem böſeſten Feinde Bajogid, durch den du allein ſo weit ins Verderben gebracht worden biſt. 4 Mit dieſen Worten ſchien ſich die Geſtalt in leichten Nebel aufzulöſen, und Wolluf wachte nun vollends auf; er ſtarrte düſter vor ſich hin, noch nie hatte er ſo lebhaft geträumt, da aber noch deutlich jedes Wort in ſeinem Gedächtniſſe wie in einem Buche geſchrieben ſtand, ſo hatte er auch hinrei⸗ — — chenden Grund, dieſe Erſcheinung für mehr als einen Traum zu halten. Er zitterte vor der Gefahr, in die Hände der heimlichen Richter Venedigs zu fallen, ſah aber auch . keine Möglichkeit vor ſich, wie er ſammt den zwei kleinen Knaben die Flucht in ſo kurzer Zeit unternehmen ſollte. Hier war ja unum⸗ 8 die Hilfe des mächtigen Bajogid nothwendig, er konnte alſo der Selbſter⸗ haltung willen ſeinen Beiſtand noch nicht. entbehren. 1 4 Noch war alles in der Villa in tiefen Schlaf begraben, da rief er den geiſtigen Freund zu ſich, und kaum hatte er den Befehl zu ſeiner Erſcheinung ausgeſprochen, ſo war es nicht anders, als ob durch ein Erdbeben die Mauern der Villa einzuſtürzen drohten. Ein ſchauerliches Getöſe, wie das Rollen eines fernen Donners, ließ ſich hören, und jetzt ſtand Bajogid in ſchrecklicher Rieſengeſtalt 4 vor ihm, düſter und verworren hingen die rab nichwarzen Haare um das verwilderte Ge⸗ 156 ſicht her, der nervige, bis an die Decke rei⸗ chende Körper war in Bärenfelle gehüllt, und auf eine ungeheure Keule ſtützte'ſich ſeine Rechte. 8 »Was verlangſt du von mir?« fragte er mit einer Stimme, welche gleich Sturmes⸗ brauſen durch das Gemach rauſchte. 8 »Wie?« rief Wolluf,„du, du ſelbſt biſt Bajogid? zwar beſtätigen dieß deine Züge, aber dieſe rieſige Geſtalt.“« »Wundert ſie dich liebes Männchen, a erwiederte jener; vfieh doch, du ſelbſt haſt mir zu dieſer anſehnlichen Größe verholfen. Als Knabe erſchien ich dir das erſte Mal, denn auch klein und unbedeutend waren noch deine Wünſche; je mehr aber dieſe reiften, je mehr du deinen Leidenſchaften nachhingſt, deſto kräftiger wurde auch mein Gedeihen, ſo wie die Pflanze bei der ſorgſamen Pflege des Gärtners zur immer vermehrten Größe her⸗ anwächſt; doch wozu ſollen wir nun rechten, da die Zeit ſchon drängt, was verlangſt du von mir?n „Kannſt du mich und meine Kleinen aus den Händen der verfolgenden Richter nach Deutſchland zu Ritter Heinrich von Laubſee bringen, welcher in Deutſchland am Ufer der inſelreichen Donau hauſet?² „Ich vermag es, wenn der Morgen herangraut, ſo begib dich mit ihnen, unter dem Vorwande des ſchönen Tages zu ge⸗ nießen, nach der Aue, für alles übrige laſſe mich ſorgen. „Noch eines; ich muß alle meine Län⸗ dereien zurücklaſſen, ich bedarf neuer Schätze, um meinen Söhnen ein Erbe zu ſichern.» „»Ho, ho, ho! ſollen auch dieſe die Früchte meiner Wohlthaten genießen? das freut mich, du ſorgſt jetzt ſchon dafür, daß ſie würdig in deine Fußſtapfen treten können, auch die⸗ ſer Wunſch ſei dir gewährt, und nur ver⸗ 4 ſäume nicht unnütz die Zeit, denn bevor noch der Abend herangrauet, wird die Burg von 13533 153 Häſchern umringt und aus Venedigs unter⸗ irdiſchen, ſchrecklichen Gefängniſſen biſt du nicht mehr zu retten.» Mit dieſen Worten verſchwand er, und ließ Wollufen in ängſtlicher Beſorgniß zu⸗ rück, doch hier war keine Zeit mehr zumm Nachdenken. Sobald die Kleinen aufgewacht waren und ſich durch etwas Labung erquickt hatten, befahl ihnen Wolluf mit verſtellt freundlicher Miene, ihm nach der ſchönen Aue zu folgen. So freundlich hatten die Knaben den Vater ſeit langer Zeit nicht geſehen, ſie hüpften daher freudig herum, warfen ſich in ihre Kleider und folgten dem guten Vater unter luſtigen Sprüngen nach der ſchönen, blumenreichen Aue; doch nicht ſo ganz unbe⸗ merkt machten ſie dieſen Spaziergang. Einem der Diener, gerade dem, welcher die Anzeige beim Magiſtrate in Venedig gemacht hatte, war die plötzliche Heiterkeit des gebietenden Herrn auffallend, er ahndete Unheimliches, unnd ſchlich vorſichtig durch das Gebüſch nach. ——— 159 Nicht lange waren ſie dort angelangt, und die frohen Knaben hatten ſich mit Pflücken der Blumen unterhalten, da rollte ein ſchwarz behängter Wagen mit vier ſchnaubenden Rap⸗ pen hervor. »Beſteige ſchnell mit den Kleinen das Fuhrwerk,« ſprach Bajogid's Stimme, ohne daß man ihn ſehen ko nte.„Wenn ihr wieder erwachet, werdet ihr an Ort und Stelle ſeyn und du wirſt neben dir ein Käſtchen mit dem verlangten Schatze finden.» Wolluf ließ ſich dieſe Worte nicht zwei⸗ mal wiederholen, er ſtieg mit den Kleinen in die Karoſſe, neugierig ſah der nachge⸗ ſchlichene Diener dem Ereigniſſe zu, aber da ſchien ſich das Fuhrwerk in eine ungeheure ſchwarze Sturmeswolke zu verwandeln, welche bei ihrem Emporheben mit lautem Gebrauſe und ungeheurer Windesgewalt die höchſten Bäume darniederriß, ſich hoch in die Lüfte emporſchwang, und Verderben drohend mit Blitzes Schnelle entſchwand. 1 160 Bleich vor Entſetzen und an allen Glie⸗ dern zitternd, floh der Diener nach der Villa zurück, ſo mächtig erſchüttert, daß er nur ſtammeln, das Geſehene aber nicht wieder erzählen konnte⸗ Noch lange war der Abend nicht herein⸗ gebrochen, ſo war bereits das Gebäude von Haſchern des Senates umringt, um ihr Opfer in Empfang zu nehmen, als aber nun der Diener ſich bereits wieder erholt hatte, daß er das Geſehene wieder bekannt machen konnte, da befiel geheimer Schauer alle, man fluchte dem Burgherrn als einem böſen Zauberer und bedauerte nur das Schickſal der armen ſchuld⸗ loſen Knaben. Doch die Abgeordneten der Rich⸗ ter wollten ihr Amt nicht halb verwalten„ es konnte ja auch nur der Diener durch ein Blend⸗ werk getäuſcht worden ſeyn, daher wurde das Gebäude auf das Strengſte durchſucht, Mira⸗ bellens Leichnam in einem Sarge in der Gruft beigeſetzt, und nachdem alles beſtens verwahrt und verſiegelt war, wurden einig — —y—;ℳꝛO— E der Diener zur erforderlichen Zeugenſchaft mit nach Venedig genommen. Wie Wolluf mit ſeinen Kleinen erwachte, fanden ſie ſich auf einer Pläne im hohen Graſe ruhen, majeſtätiſch floß unfern von ihnen die ehrwürdige mit den herrlichſten Auen um⸗ gebene Donau vorüber, und hoch ragten hin⸗ ter dem Buſchwerke die Zinnen einer ſtattlichen Burg empor, deſſen Thurmkuppeln und me⸗ tallene Verzierungen noch die letzten Strahlen der ſcheidenden Sonne übergoldeten. Ein frohes Lied trillernd, zogen einige Landleute vorüber, da befragte ſie W men des Burgherrn, und als er in ſelbem Heinrich von Laubſee vernahm, ſchien eine große Zentnerlaſt von ſeinem Herzen zu ſchwin⸗ den. Er ſchlug den Weg nach der Veſte ein. Je näher ſie dem Gebäude kamen, deſto mehr überzeugte ſie die allenthalben hervorleuchtende Pracht von der Macht und dem Reichthume des Gebieters. Sobald er die große Glocke an der Hauptpforte angezogen hatte, traten⸗ 24 Die verſteinerten Schweſtern. 161 — — — —yyyÿÿ 16² einige reich gekleidete Diener hervor, und frag⸗ ten um des Fremden Begehren. Wolluf nannte ſeinen Familiennamen Trosky, der als ein weitläufiger Anverwandter mit dem gebieten⸗ den Herrn zu ſprechen verlange. Zwar wurde ihm bedeutet, daß der Ritter mit ſeinem Jagd⸗ gefolge noch die weitläufigen Auen durchſtreife, doch ward er mit u annendes Artigkeit genöthigt„ mit ſeinen holden Kleinen einzu⸗ treten. Man führte ihn durch eine Reihe der herrlichſten Gemächer und ſogleich wurden in ſilbernen Gefäßen Wein und die herrlichſten Erfriſchungen herbeigesſchafft, womit ſich die kleine Geſellſchaft gütlich thun konnte. Eilftes Kapitel. Reue und Schwur der Rache. Laut erſchollen nicht lange darauf in der Nähe der Burg die luſtigen Jagdhörner und das Gebelle der zahlreichen Jagdhunde. Wolluf eilte mit den Knaben ans Fenſter, und dieſe jubelten laut über das ſchöne und zahlreiche Jagdgefolge, welches nun in die Burg ein⸗ zog. Im Kurzen öffneten die Diener die Thüren und herein trat der Burgherr, ein großer, ſtattlicher Mann, und nahte ſich mit freundlicher Miene den Fremden. Wolluf gab ſich zu erkennen, und bat um eine kurze Zeit Aufenthalt, da ſchüttelte ihm Nitter Heinrich trauich die Hand, und verſicherts 111 164 ihm, daß er, ſo lang er wolle, dieſes Haus als das ſeine betrachten könne. Mit dem höchſten Wohlgefallen betrachtete er aber die lieben, freundlichen Knaben, hob ſie zu ſich empor, und überhäufte ſie mit Liebkoſungen. Sogleich wurden alle Anſtalten zur möglich⸗ ſten Bequemlichkeit der neuen Gäſte getroffen, man bereitete ein herrliches Nachtmal, und nachdem die Knaben zeitlich zur Ruhe ge⸗ bracht wurden, ſetzten ſich erſt die Ritter zu vollen Bechern zuſammen. Hier äußerte nun Wolluf den Wunſch, nachdem er, um wegen vielen erlebten Unglücksfällen z ſtreuen, eine weite Reiſe in fremde Lände 3 vorhabe„ wo er vielleicht erſt nach mehreren Jahren zurückkehten werde, wenn der Ritter einſtweilen die Sorge für die Kleinen überneh⸗ men möchte; zu welchem Behufe er ihm zugleich ein Käſtchen mit den prächtigſten Kleinodien übergab. Lächelnd betrachtete es Heinrich. „ Beim Himmel!« ſprach er,»ihr über⸗ gebt mir da einen beinahe königlichen Schatz, — — den ich wohl aufbewahren werde, a künftiges Erbtheil eurer Kinder, ſelbſt werde keinen Gebrauch davon nachen; ich bin Witwer und habe des Himmels Segen vollauf, daher will ich auch die Kleinen, welche einen ſo ſeltſamen Eindruck auf mein Gemüth gemacht haben, an Kindesſtatt an⸗ nehmen, und väterlich für ſie ſorgen, darauf mein ritterliches Wort; euch aber ermahne ich, euern Entſchluß aufzugeben, vielleicht daß euch noch andere Gedanken kommen, und ihr wieder gerne die Ruhe mit einem auakvollen und beſchwerlichen Leben ver⸗ 1 aſcht. Ich ſehe deutlich, daß Kummer an eeuerm Innern nagt, für ein ſolches Uebel 3 bietet freilich die Heilkunde kein Kraut dar, aber in meinem Hausprieſter, dem frommen und ehrwürdigen Vater Hieronymus will ich euch einen Seelenarzt zuführen, welcher gewiß mit dem Balſam ſüßen Troſtes den Schmerz eurer Herzenswunde zu lindern vermag. a ——— 8 Noch ſprachen ſie viel und lange mit⸗ ſammen, bis endlich der Schlaf ſeine Rechte behauptete, und beide ſich zur Ruhe begaben. Am folgenden Tage bemühte ſich Ritter Heinrich, ſeinem Gaſte ſo viel als möglich Vergnügen zu verſchaffen, er zeigte ihm die wunderſchöne Ausſicht, welche die reizenden Gegenden am Ufer der Donau ſo überraſchend als mannigfaltig darbieten; er führte ihn in den weitläufigen Wirthſchaftsgebäuden und den großen Stallungen herum, vorzüglich aber gefiel Wollufen die Rüſtkammer die ſeltenſten und zierlichſten Waffen ſchönſten Ordnung aufbewahrt wurden 1; aber ſchritt man zur Jagd in den weit gebreiteten, wildreichen Auen; kurz, Wol würde hier das herrlichſte Leben genoſſen haben, wenn nicht ſo tiefer Kummer an ſei⸗ nem Innern genagt hätte; denn die Bilder der Vergangenheit ſchwebten in den grellſten Farben vor ſeiner Seele, und er fand ſo viel verübtes Unrecht in ihnen, daß er oft 8 vor ſich ſelbſt zurückſchauderte; Baiogids Rieſengeſtalt erfüllte ihn mit Schaudern, be⸗ ſonders ſchmerzhaft war ihm der Gedanke, daß er ſelbſt durch ſeine Unternehmungen ihm zu dieſer Rieſengröße verholfen hatte. So ſtrichen einige Tage in verſchiedenen Vergnügungen dahin, da kam endlich der ehrwürdige Vater Hieronymus von einer klei⸗ nen Reiſe in Kloſtergeſchäften zurück. Wolluf hatte von ihm durch ſeinen Gaſtwirth ſchon ſo viel Lobenswürdiges gehört, daß er wirk⸗ lich neugierig war, dieſen ſeltenen Mann kennen zu lernen; aber ſchon deſſen erſter Anblick übertraf ſeine Erwartungen, denn noch nie hatte er ein Geſicht geſehen, in wel⸗ chem ſo tiefer Ernſt, Sanftmuth und Seelen⸗ ruhe in einem ſo trefflichen Schmelze ſich ver⸗ einigten. Sein Benehmen war voll Würde, und doch wieder äußerſt beſcheiden und zart. Er drückte die muntern Kleinen ſo herzlich an ſich, als ob ſelbſt ihm Vatergefühle nicht fremd wären; den fremden Ritter aber be⸗ — — 168 handelte er mit zuvorkommender Artigkeit, obwohl Wolluf oft den durchdringenden Blick kaum ertragen konnte, mit welchem Hiero⸗ nymus Auge auf ihn ruhte. Bald wurde das Geſpräch zutraulicher, und je länger Wolluf mit dem frommen Alten ſprach, deſto ſanfter fühlte er ſich zu ihm hingezogen, und er ge⸗ ſtand ſich ſelbſt, daß dieß der einzige Menſch 8 ſei, zu welchem er wahrhaft inniges Zutrauen faſſen könne. 1 1 Schon am zweiten Tage fand ſich Gele⸗ genheit, daß ſie mehr mitſammen ſprechen konnten, denn Hieronymus befand ſich eben im Garten und pflegte ſorgſam ſeine herrlichen Blumen, als Wolluf luſtwandelnd den Schat⸗ 3 tengang herauf kam. Bald wurde das Geſpräch für beide anziehend, und als Hie⸗ ronymus liebevoll in ihn drang, ihm doch ſeinen Herzenskummer mitzutheilen, indem es doch vielleicht möglich ſei, in der großen Wüſte der Leiden ein fruchtbringendes Körnchen heilſa⸗ men Troſtes zu finden; da ward Wolluf zu⸗ traulicher, und bat ihn, ihm ein Stündchen ganz ungeſtört zu ſchenken, wenn alles im Schloſſe bereits im Schlafe liege, um nicht durch unzeitige Neugierde geſtört zu werden. Hieronymus beſtimmte ihm die Burgkapelle dazu, wo er alle Nacht vor dem Schlafenge⸗ hen ein Stündchen zubringe, und es ja nie⸗ mand wage, dann dieſen Ort zu betreten, wo⸗ durch er in ſeinen frommen Betrachtungen geſtört werden könne. Wolluf war deſſen zu⸗ frieden, ſobald daher vor Mitternacht noch alles im ruhigen Schlafe lag, betrat er den geweih⸗ ten Ort, wo bereits Hieronymus ſeiner harrte. Viel und lange ſprachen ſie mitſammen, denn die Mitternacht war nicht nur bereits ent⸗ ſchwunden, ja es begann ſchon aus fernem Oſten zu grauen, als einer der früh wachgewordenen Knechte beide die Kapelle verlaſſen und ſie jeden einzeln nach ſeinem Gemache eilen ſah. Ritter Heinrich, der dies vernahm, freute ſich herzin⸗ niglich darüber, indem er Troſt für ſeinen Gaſt erwarten konnte, er wollte daher auch deſſen 16b5 170. Schlummer nicht ſtören, und vertrieb ſich die Zeit mit einem Spazierritte, bis die Stunde des Mittagsmales herannahte. Es waren mehrere Gäſte geladen, Wolluf ſchien weit heiterer wie gewöhnlich zu ſeyn, und Heinrich freute ſich am Abende, wenn die Gäſte fort wären, ein freundſchaftliches Ge⸗ ſpräch mit ihm zu führen. Hier entdeckte ihm nun Wolluf, daß er entſchloſſen ſei, morgen mit dem früheſten aufzubrechen, indem ihm Hieronymus ſelbſt angerathen habe, ſeine Rei⸗ 4. über welche jedoch das unverbrüchlichſte Geheimniß walten müſſe, ja nicht länger auf⸗ unſchieben. Schwer trennte ſich Heinrich von ihm, denn er hatte ihn liebgewonnen, aber der Meinung des Vater Hieronymus konnte und wollte er nicht widerſprechen. Als nun der folgende Morgen heranbrach, da hatte ſich Wolluf in einen Pilgerkittel gehüllt, empfahl nochmals dem Ritter ſeine Kinder und ſchied mit Thränen in den Augen von dannen. So ſchnell fließen die Jahre dahin, daß * man oft ſtaunet, wie unbemerkt eine ſo lange Reihe entſchwinden könne; oft wird der Menſch alt und oft dünkt ihn die ſo lange verlebte Zeit nur wie ein Traum dahingeſchwunden zu ſeyn. Die beiden Knaben, Rudolf und Sigmund waren ihre Namen, gediehen allmählig zu zar⸗ ten Jünglingen heran, und verſprachen bald zu wackern jungen Kämpfern heranzureifen. Sie waren von der Natur trefflich ausgeſtattet worden und Vater Hieronymus gab ſich alle mögliche Mühe, ihren Geiſt zu bilden; ſie mach⸗ ten in den damals für einen Ritter zur Noth erforderlichen Kenntniſſen bedeutende Fort⸗ ſchritte, eben ſo wie in Kriegsübungen, aber vergebens bemühte ſich der Greis, das in den Adern ſo wild kochende, von der Mutter er⸗ erbte Blut zu bekämpfen. Raſch und ungeſtüm in allen ihren Hand⸗ lungen, waren ſie bei der geringſten Gelegen⸗ heit aufbrauſend, und bereuten dann oft frei⸗ lich ſchon zu ſpät ihren Jähzorn. Dem Ritter Heinrich geſtel dieſes raſche Temperament wohlz 3 172² denn er erwartete einſt ſchlagfertige Kampfer in ihnen, aber Hieronymus glaubte eine trübe Zu⸗ kunft vorauszuſehen. So hatten ſie endlich ihr zwanzigſtes Jahr erreicht, und zogen in die Fremde mit Gold reichlich verſehen, um ritter⸗ lichen Uebungen zu obliegen. Während der gan⸗ zen Zeit über war aber von Wolluf nichts mehr zu hören, alle Nachforſchungen Heinrichs wa⸗ ren vergebens, und es war kein Zweifel übrig, daß er in fernem Lande ſeinen Tod gefunden habe. Nun werden es aber die geneigten Leſer zu Guten halten, wenn ſie der Erzähler nicht nur in andere Gegenden, ſondern auch in frühere Jahre zurückführt. Gewiß werden ſie die arme Jaromira bedauert haben, welche nach vielen überſtandenen Leiden der Tod hinwegraffte, ohne daß ihr die Freude gegönnt war, das Heranblühen ihrer beiden Mädchen zu erleben. Wirklich blühten dieſe gleich zarten Roſen⸗ knoſpen heran. Jutta und Lisbeta waren ihre Na⸗ men; ſie waren die Lieblinge des alten Reichsba⸗ —— 18 rons geworden, und ſchienen dutchihreLiebkuſun⸗. gen und kindliche Aufmerkſamkeit ihn gleichſam 3 zu verjüngen, aber wenn er des harten Schick⸗ ſales ihrer Mutter gedachte, da verfinſterteſich ſeine Stirne mächtig und in der ſtolzen Bruſt keimten nur Rachegedanken an Wolluf empor. gwar war von dieſem nichts mehr zu ſehen noch zu hören, aber er erfuhr durch Reiſende, daß Wolluf in Italien ſich wieder verehelicht und zwei Söhne erzeugt habe, von denen freilich gleichfalls niemand erfahren konnte, wo ſie hin⸗ gekommen ſeien. Doch für den alten Lomnitz war es genug zu wiſſen, daß noch Sproſſen dieſes gehaßten Stammes übrig ſeien, deſſen Andenken er ſo gerne gänzlich von der Welt vernichtet hätte. Der geliebten Jaromira hatte er auf Lom⸗ nitz ein herrliches Grabmal errichten laſſen; ein großer Sarkophag von ſchwarzem Marmor, auf welchem Jaromirens Geſtalt von Alabaſter in Lebensgröße ruhte. Jährlich wurde der Tag ihres Todes mit dem mögli ichſten Pompe ge⸗ ) 8 2 174 feiert, aber auch außer dieſer Zeit führte der Alte oft die Kleinen in die Todtenhalle, um an dem Sarge der Mutter zu beten. Als ſie nun beide zu reiferen Jahren gelangten, da erzählte er ihnen oft und viel⸗ mal die traurige Geſchichte ihrer Mutter und des Vaters ruchloſes Benehmen, und ſuchte ſo immer mehr den Haß gegen den Letzteren in ihren jungen Buſen zu nähren, welches Gefühl denn nun auch natürlich in ihren ju⸗ gendlichen Herzen aufwachſen mußte; ja er ging endlich ſo weit, daß ſie ihm den bitter⸗ ſten Haß gegen alle Zweige des ausgebreiteten Hauſes Trosky ſchwören mußten, und wenn es ſelbſt zu ihrem eigenen Verderben führen ſollte. Endlich begann die Natur von dem alten Barone ihren allgemeinen Tribut zu fordern; er hatte bereits das achtzigſte Jahr ſeines Lebens erreicht, und ſo raſch und wirkend auch ſein Geiſt noch war, ſo ſchwanden doch allmälig ſeine Kräfte dahin, und er ſay ſelbſt ſehr gut ein, daß die Stunde ſeiner Auflöſung bereits herannahe. Schon mehrere Tage hatte er das Lager hüten müſſen, noch geſtattete ihm der Arzt nicht das Zimmer zu verlaſſen; aber bisher an unumſchränkten Willen gewohnt, trotzte er dieſer Vorſicht; er bedeutete ſeinen beiden Enkelinnen, ſich bereit zu halten, ihm um Mitternacht an das Grab ihrer Mutter zu folgen, indem er ihnen dort Wichtiges zu verkünden habe. Dieſe Mitternachtsſtunde brach endlich herein; um dieſe Stunde hatte im ganzen Schloſſe der Schlaf ſein unwiderſtreitbares Recht ausgeübt, auch die wachhabenden Die⸗ ner hatte Lomnitz beſeitiget, indem dieſe Nacht ſeine Enkelinnen, mit denen er ohnehin Wichtiges in Geheim zu ſprechen habe, bei ihm wachen würden. Sobald nun alles ſtille war, ließ er ſich ſein Hauskleid umwerfen, und ergriff den bei Föm ſelbſt verwahrten Schlüſſelbund; eines 4 175 176 der Mädchen nahm eine Leuchte zur Hand, und ſo ſchritten ſie, ohne von Jemanden be⸗ merkt zu werden, dem ſchauerlichen Orte zu. Kühle Luft durchſtrich das Gebäude und die feuchte Ausdünſtung der mit Moder geſchwängerten Mauern legte ſich ſchwer auf ihre Bruſt; den beiden Mädchen ward ſo ſonderbar zu Muthe, daß ſie ſich kaum Luft genug erathmen konnten. Auch der Greis war in feierliches Nachdenken verſunken; Todtenbleiche hatte ſein von Krankheit abge⸗ zehrtes Geſicht umzogen. Er hieß ſie nun, wäh⸗ rend er ſelbſt an die Stufen von Jaromirens Grabmal hinſank, niederknien, um für die Ruhe ihrer unglücklichen Mutter zu beten. Eine feierliche, lange Pauſe erfolgte, bis endlich Lomnitz ſich wieder emporrichtete. „Kommt her zu mir,« ſprach er, vund reicht mir eure Hände, denn es iſt wahrhaftig das letzte Mal, daß wir an dieſer feierlichen Stätte uns ſehen. Bald, ja ich fühle es, werde ich jenſeits meine Jaromira wieder ſehen, -——-— 3 — 177 darum hört nun meine Worte des Ernſtes und des innigſten Gefühles. Ihr ſeid meine Erben, und für eure Zukunft iſt geſorgt; doch nun fordere ich auch die Pflichterfüllung der Dankbarkeit von euch, das traurige Schickſal eurer unglücklichen Mutter iſt euch hinlänglich bekannt, ſo wie der Haß, welchen ich euch gegen das Haus Trosky von Kind⸗ heit auf einprägte, ich aber werde nicht ruhig ſterben können, wenn ich nicht die volle Ueberzeugung habe, daß ihr ewigen Haß gegen das Haus Trosky in eurem Buſen behaltet, darum fordere ich nun am Sarge eurer Mut⸗ ter einen furchtbaren Eid von euch, daß ihr euch nie in irgend eine Verbindung mit dies ſem gehaßten Stamme einlaſſet, ja alles anwendet, was nur zu deren Unglück bei⸗ tragen kann, und ſelbſt, wenn es mit dem Gräßlichſten verflochten ſeyn müßte. Dieß— ſchwört mir bei eurer Liebe zu eurer hingerafften Mutter; dieß ſchwört mir bei eurem Seelen⸗ heile. Ja, wenn ihr ruchlos genug ſeyn könn⸗ Die verſteinerten Schweſter.. 12 1718 tet, gegen wen immer aus dieſem Geſchlechte auch nur die geringſte Zuneigung zu faſſen, ſo ſoll mein ſchrecklichſter Fluch über euch in Erfüllung gehen, ihr ſollt nicht ruhig ſterben können, ſondern ſo wie eure Herzen ſich gegen eure Pflicht verſteinerten, ſo ſollt auch ihr weder lebend noch todt, ſondern in Stein verwandelt, Jahrhunderte hindurch eurer endlichen Ruhe entgegen ſchmachten; dieß ſchwört mir bei dem Sarge eurer Mutter, und bei dem Verluſte eures künftigen Heiles.« Die Feierlichkeit, mit welcher der Greis an dem ohnehin ſo ſchauerlichen Orte dieß ſprach; das Entſetzliche des Schwures ſelbſt ergriff das Herz der Mädchen, daß ſie im Innerſten erbebten, auch flammte ein ſo wil⸗ des, nie geſehenes Feuer aus den Augen des Alten; über ſein ganzes Weſen ſchien ein magiſcher Glanz verbreitet zu ſeyn, daß ſie vor Zittern kaum ſprechen konnten. Sie legten die Hände auf den Sarkophag, und vollbracht war endlich der ſchreckliche Schwus ———˖VVOQB—BQÿõ ů—:—:—Bʒõv˖˖ñn— 179 Da war es nicht anders, als ob der Erdboden unter ihren Füßen wankte, und ein dumpfer Donner über ihren Häuptern dahinrollte; ja ſelbſt die hie und da aufgeſtellten Todten⸗ bilder, nur vom flackernden Lichte der Lampe beleuchtet, ſchienen ſich zu bewegen, und von ihrem Standpunkte zu weichen. Länger konn⸗ ten es die beiden Mädchen nicht mehr ertragen, ſie ſtürzten, den furchtbaren Greis mit ſich fortreißend, aus der Gruft, wo ſie dann ganz betäubt auf ihr Lager dahin ſanken. Der alte Reichsbaron hatte nicht nur der Natur und den Vorſchriften des Arztes, ſondern ſelbſt dem Himmel Trotz geboten, und ſchnell erreichte ihn die Hand der rächen⸗ den Nemeſis, denn die Verkühlung in dem feuchten Erdgewölbe, ſo wie die heftige Ge⸗ müthsbewegung wirkten ſo ſtark auf ſeinen geſchwächten Körper, daß ſtatt dem gehofften Schlafe ein Schlagfluß ihn ſo heftig befiel, daß er keiner Bewegung mehr fähig war,— und man am folgenden Morgen nur ſeine 42* 130 Leiche auf dem Lager fand. Neuer Schrecken er⸗ griff daher die beiden Schweſtern, ſie ſahen dieſen ſchnellen Tod als eine Strafe des Himmels an, und ſchauderten nur noch mehr, wenn ſie ihres geleiſteten Schwures gedachten, vor deſſen Erfüllung ſie zurückbebten, deſſen Nichterfüllung aber ſelbſt ihre Ruhe jenſeits vernichten würde. Doch mußten ſie vor den Hausleuten dieſe innere Stimmung verbergen, und die bleiche Traurigkeit, mit welcher ſie herumſchlichen, wurde von jenen als ein Be⸗ weis des Schmerzes über den plötzlichen To⸗ desfall ausgelegt.. Mit all dem, ſeinem Range und ſeinem Reichthume gebührenden Pompe wurde die Beerdigung des Freiherrn beſorgt; die beiden Schweſtern wollten nun unbedingt nach dem hinterlaſſenen Teſtamente die Erbſchaft an⸗ treten; aber ſie hatten ſich ſtark verrechnet. Die Veſte Lomnitz mit ihrem Zugehör wurde ihnen zwar als erbliches Eigenthum über⸗ laſſen, aber alle übrigen, weitläufigen Be⸗ 2 — vorhanden war, als ein erledigtes Reichslehen eingezogen, und ſo waren ſie nur auf ein ziemlich kleines Erbe um ſo mehr einge⸗ ſchränkt, da der Reichsbaron bei ſeiner oft verſchwenderiſchen Lebensweiſe noch viele Schulden ausſtehen hatte, welche alle nun von den Lomnitzer Einkünften berichtiget werden mußten. Der Staat, den diezbeiden Erbfräulein zu führen ſich vorgenommen hatten, mußte alſo nun unterbleiben, und da ſie ſich nur auf eine ſehr mäßige Haushal⸗ tung beſchränken konnten, ſo mieden ſie lieber alle Ergötzlichkeiten, bei denen ſie nicht ganz nach dem Wunſche ihrer Eitelkeit er⸗ ſcheinen konnten, ſo wie auch die meiſten Beſuche bei ihnen ausblieben, vorzüglich von jenen Junkern, welche ſich ſchon auf die Gunſt, oder vielmehr auf das Vermögen der Erbfräulein Rechnung gemacht hatten, nun aber nichts weniger als geſonnen waren, 1381 ſitungen wurden, da kein männlicher Erbe bei ſo karger Mitgift eine an Putz und Vergnügungen gewöhnte Frau zu erhalten. „Es ging denn nun ſo ziemlich einſam und ſpärlich auf dem ehemals glänzenden Lomnitz zu, und beide Schweſtern hätten ſich oft vor langer Weile halb todt grämen mögen. 1 Zwölftes Kapitel. 8 Sehen und Lieben. Wylgemuth waren die beiden Brüder, Rudolf und Sigismund, nach dem Hoflager des Herzogs von iern gezogen, wo es ſehr glanzvoll herging, und ſie hundertfältige Gelegenheit fanden, ſich in allen ritterlichen Tugenden zu üben, und feine höfiſche Sitten anzunehmen. Die Männer ſchätzten ſie ihres kriegeriſchen Muthes und ihrer Waffenkünſte wegen; hundert ſchöne Augen aber warfen ihnen heimlich ihre Blicke zu, denn ſie konn⸗ ten wirklich zu den liebenswürdigſten Männern am Hoflager gezählt werden, aber alle dieſe Anlockungen blieben von den beiden Brüdern Hofe des Königs von Böhmen vorhanden zu 134 unbemerkt, denn ſie ſchienen zu nichts ſo wenig, als zu ſüßem Minneſpiel geneigt zu ſeyn. Jagen, Roſſe tummeln, oder bei Ge⸗ lagen es auch mit dem ſtärkſten Zecher auf⸗ zunehmen, das war ihnen am liebſten, ob⸗ wol ſie ſich vor dem Letzteren vorzüglich in Acht zu nehmen hatten, denn wenn einmal der Wein ihr Blut etwas in Wellung brachte, dann waren ſie auch ſogleich zu Zank und Hader aufgelegt, und hatten bisher immer noch von Glück zu ſagen, daß ſie b nicht in die bedeutendſten Unannelmlichkeiten verwickelt wurden. Endlich waren ſie des eitlen Hofgeprän⸗ ges müde; ſie ſehnten ſich nach ernſten Thaten, um doch auch ſich mit ſo vielen ausgezeichneten Nittern meſſen zu können. Hiezu ſchien ihnen die beſte Gelegenheit am ſeyn, welcher in einem ſchweren Kriege mit Polen verwickelt war. Sie nahmen Abſchied vom Herzoge von Baiern, machten einen Vater, den edlen Ritter von Laubſee. entzuͤckt über die herrliche Bildung, welche ſie angenommen hatten, und ſelbſt von den In⸗ ſaſſen wurde die Ankunft der ſchmucken Jun⸗ ker mit einem frohen Feſte gefeiert, ſogar der gutmüthige Vater Hieronymus hieß ſie herzlich willkommen. Ritter Heinrich aber war mit ihrem Entſchluſſe, ſich zu den böhmiſchen Kriegesfahnen zu begeben, voll⸗ kommen einverſtanden, er ſelbſt war bei dem Könige ſehr gut angeſchrieben, ſeiner frühern Verdienſte willen, und beſchloß, ſie ſelbſt an das Hoflager zu begleiten, um ihnen eine gute Aufnahme zu erwirken.. Sobald ſie ſich daher hinlänglich ausge⸗ ruht hatten, und zugleich alle Anſtalten zu den bevorſtehenden Feldzügen getroffen waren, traten ſie ihre Reiſe nach Prag an. Schon unterwegs trafen ſie auf mehr Schaaren kleinen Umweg, und beſuchten ihren zweiten 9. Mit herzlicher Freude empfing ſie dieſer, von Kriegern, welche unter lautem Jubel 186 dem allgemeinen Sammelplatze zuzogen d in der Hauptſtadt ſelbſt aber war alles mit Rittern und Edlen angefüllt, welche ſich freuten, bald neue Proben ihrer Tapferkeit abzulegen, ihre Helme mit neuen Lorbeern zu ſchmücken, und ſo um ſo mehr noch der Huld ihrer auserwählten Herzensdamen würdig zu werden; die ganze Umgegend der Hauptſtadt aber glich einem großen Heeres⸗ lager, weil hier die Reiſigen und Söldner bis zum Befehle des allgemeinen Aufbruches einquartirt waren, und wo vom frühen Mor⸗ gen bis zur ſpäten Nacht, Jubelgeſänge und frohe Kriegsmuſik ertönten. Ritter Heinrich wurde mit ſeinen Zöglin⸗ gen von dem Könige mit herablaſſendem Wohl⸗ wollen aufgenommen, die ſchmucken Jünglin⸗ ge, denen kühner Muth aus den Augen blitz⸗ te betrachtete er mit Wohlgefallen, ſich von ihnen kühne Thaten verſprechend und gab ih⸗ nen einen Platz unter ſeiner Leibgarde. Der alte Heinrich, in deſſen Bruſt ein Flämmchen 44. 187 des ehemaligen Muthes wieder aufwachte; wie oft aus todtſcheinenden Aſchenhaufen ein kleines Fünkchen emporſprüht, wollte durchaus den Feldzug mitmachen, jedoch geſtattete es ihm der König nur dann, wenn er ſtatt mit ſchwacher Fauſt ſich dem Feinde entgegen zu ſtel⸗ len, ſtets im Lager verweile, um dort bei ſei⸗ nen vieljährigen Erfahrungen dem Könige mit ſeinem klugen Rathe an die Hand zu gehen. Endlich waren alle Vorkehrungen getrof⸗ fen, das Zeichen zum allgemeinen Aufbruche wurde gegeben, und mit allgemeinem Jubel zog eines der ſchönſten Heere den übermüthigen Feinden entgegen. Des Königs kriegeriſcher Muth, ſo wie die Kampfbegierde ſeiner Strei⸗ ter, ließen die Waffen nicht lange ruhen, bald kam es zu verſchiedenen kleinen Gefechten, wo⸗ bei ſich die beiden Brüder ſtets vorzüglich aus⸗ zeichneten, und endlich ward alles zu einer ent⸗ ſcheidenden Hauptſchlacht vorbereitet, und der Todesengel hatte ſeine blutige Senſe geſchärft. Mit wüthendem Geſchrei ſtürzten die Heere an 133 einander, der Boden dampfte von den mächti⸗ gen Hufſchlägen der Roſſe, die Sonne wurde von dem Uebermaſſe der abgeſchleuderten Pfeile verdunkelt; Waffengeklirre, Wuthgebrülle und Sterbegewinſel vermengten ſich in ein ſchreckli⸗ ches Chaos. Leichen thürmten ſich auf Leichen, die Ferſen der Kämpfenden ſtampften auf den Leichnamen der gefallenen Brüder. Zu ſehr hatte diesmal der König von ſeinem Muthe ſich hinreißen laſſen, er trennte ſich zu weit von den Seinen, und wurde von zahlreichen Fein⸗ den umringt; während auf der andern Seite der Sieg bereits erkämpft war, und die Schaa⸗ ren der Feinde vom paniſchen Schrecken ergrif⸗ fen, dem Würgſchwerte entflohen; wäre hier bald durch des Königs Verluſt alle übrige An⸗ ſtrengung vereitelt worden. Rudolf und Sig⸗ mund erſahen die drohende Gefahr, ſchnell ſandten ſie zu einer entfernten Heeresabthei⸗ lung um Hilfe, ſie ſelbſt aber nebſt ungefähr zwanzig von ihrer Umgebung, warfen ſich mit verhängten Zügeln in den Feind, gleich dem 189 verheerenden Wetterſtrahle wütheten ihre Schwerter, und es gelang ihnen in dem Au⸗ genblicke zum Könige durchzudringen, als deſ⸗ ſen Pferd von einem Lanzenſtiche getroffen, zu Boden ſtürzte. Raſch gab ihm Rudolf ſein Pferd, und kämpfte zu Fuß, während Sig⸗ mund mit ſeinem Schilde einen tödtlichen Streich von des Königs Haupt zurückhielt. Endlich ſtürmten auch die zur Hilfe aufge⸗ botenen Schaaren herbei, der König bekam Luft und wurde in Sicherheit gebracht. Auch hier ſuchten ſich nun die Feinde durch Flucht zu ret⸗ ten, und bald war der allgemeine Sieg auf das glänzendſte erfochten. Der König hatte gut die Größe ſeiner Gefahr und den wichtigen Dienſt der beiden Brüder erkannt. Gleich auf dem Schlachtfelde ſchlug er ſie zu Rittern und ſchmückte mit goldenen Ketten ihre Bruſt.— Ritter Heinrich war außer ſich vor Freude. Der Sieg war ſo entſcheidend geweſen, daß die Feinde Friedensboten in das Lager ſandten, welche auch nach kurzen Debatten 19⁰ ruhmvoll für die tapfern Böhmen abgeſchloſſen wurde. Mit Sing und Sang und lautem Jubel⸗ geſchrei kehrten die Sieger in ihre Heimat zu⸗ rück. Der König hielt unter dem allgemeinen Zujauchzen des Volkes einen glänzenden Ein⸗ zug in die Hauptſtadt; hart an ſeiner Seite ritten die Helden des Tages, die beiden Brü⸗ der von Trosky, ihrer Jugend und ſchönen Ge⸗ ſtalt wegen angeſtaunet von Allen. Sobald die Gelegenheit ſich ergab, erbat ſich Ritter Hein⸗ rich für ſeine Zöglinge die Aufhebung von des ſchon lange todten Vaters Acht und den Beſitz des eingezogenen Schloſſes und der zu dem Stammhauſe gehörigen Beſitzungen, welches ſogleich bewilligt wurde; ſo waren nun denn beide Brüder wieder in ihr väterliches Erbe eingeſetzt. Ritter Heinrich aber übergab ihnen nun den von ihrem Vater zurückgelaſſenen, be⸗ deutenden Schatz an Juwelen, nahm herzlich von ihnen Abſchied, mit ihrer Zuſicherung, ihn, 191 ſobald ihre häuslichen Angelegenheiten in Ord⸗ 3 nung gebracht ſeyn würden, zu beſuchen. So ſahen ſich denn nun beide Brüder auf einmal mit Ruhm, Ehre und bedeutenden Reichthümern überhäuft. Ihr erſtes Geſchäft war nun, das ganz vernachläßigte Stammhaus wieder glänzend herzuſtellen; Baumeiſter und Arbeitsleute hatten vollauf zu thun, Roſſe und Hunde wurden angeſchafft, die Diener⸗ ſchaft auf das Anſehnlichſte vermehrt; in der möglichſt kürzeſten Zeit war alles auf das glanz⸗ vollſte hergerichtet. Es wurden Feſte und Jag⸗ den gegeben, kurz es war kein Unterſchied mehr zwiſchen den ehemaligen und ijetzigen Beſitzern von Trosky. Endlich des unruhigen Thuns und Trei⸗ bens müde, beſchloſſen beide Brüder, ſich durch einige kleine Reiſen im Lande zu zerſtreuen.— Nur von zweien Dienern begleitet, ſetzten ſie 83 dieſen Entſchluß in Vollzug und ſtreiften in der 3 Gegend weit und breit umher; da fügte ſich's nun einſt, daß ſie ſich im Walde verirrten und kei⸗ 5 19²³ nen Ausweg finden konnten, obwohl ſchon die Nacht ſtark hereinbrach, und ein Ungewitter auszubrechen drohte. Endlich gewahrten ſie ein kleines Lichtchen, und wie ſie näher kamen, befanden ſie ſich bei einer elenden Köhlerhütte, deren Bewohner auf ihr anhaltendes Pochen hervortrat, ihr Begehren zu vernehmen; ſie ſahen wohl ſelbſt ein, daß hier keine Unter⸗ kunft für ſie ſeyn konnte, erfuhren aber auch zu⸗ gleich, daß weit und breit keine menſchliche Wohnung ſich befinde. „»Wenn ihr dort abſeits den Hohlweg zu⸗ rücklegt„ ſprach der Köhler,»werdet ihr eine ſtattliche Burg finden; aber ich glaube ſchwer⸗ lich, daß man euch Unterſtand gewähren wird.« „Iſt denn der Burgherr ein Menſchen⸗ feind 25— „Die Veſte hat keinen Burgherrn, ſie ge⸗ hört zweien Schweſtern, welche Niemanden vor ſich laſſen.» »Was mögen denn die alten Heren füt ei⸗ ne Urſache haben 25 8 4 495 „Ei, Herr! es ſollen wunderſchöne, ſchmu⸗ cke Dirnen ſeyn, aber wer weiß, was dahin⸗ ter ſteckt, ſie leben ſo ganz abgeſondert fur ſich, daß man ſelten eine davon zu Geſicht bekömmt.» »Bruder!y rief Rudolf, vhier ſtößt uns ein ſeltenes Abenteuer auf, das wir nicht gleich⸗ giltig übergehen dürfen. Hier, Köhler, iſt Geld, verpflege unſere Diener und Roſſe ſo gut du kannſt, wir aber wollen ſchon ſehen, wie wir mit den verwünſchten Prinzeſſinnen zu rechte kommen.« Beide ſchritten nun mäßig den Hohlweg durch, und erreichten endlich das Schloß, wo das Gebäude wohl von ehemaliger Pracht, nun aber von gänzlicher Verwahrloſung zeigte. Auf das Zeichen mit der Thor⸗ glocke trat ein alter Wärter hervor, um ihr Begehren fragend. Sie baten als verirrte Wanderer um etwas Labung und Obdach, indem ſie morgen früh ſchon wieder aufbrechen müſſen, und wohl mit Recht hoffen können, Die verſteinerten Schweſtern. 13 194 daß man auch hier, ſo wie überall, das heilige Recht der Gaſtfreiheit ehren werde. Nach einer langen Zeit kam der Wärter mit der Bewilligung zurück, doch laſſen ſich die beiden geſtrengen Burgfräuleins jeden Be⸗ ſuch verbieten. Die Ritter lachten ins Fäuſtchen, traten ein, warfen dem Wärter eine Hand voll Silbermünze hin, und verlangten gute Bedienung; dieſe erfolgte. Die beiden Brüder ließen ſich's trefflich behagen, und da ſie wirk⸗ lich ermattet waren, und dem Weine bedeu⸗ tend zuſprachen, ſo war gar bald das ganze Abenteuer vergeſſen, und ſie ſuchten taumelnd ihr Lager, welches jedem in einem beſondern 1 Gemache bereitet worden war. Der Schlaf kam ſo ſchnell, daß ſie keines Gedankens an 1 — die räthſelhaften Schweſtern mehr fähig waren, und feſt einſchliefen. Die Mitternacht war hereingebrochen, da wachte Rudolf auf und glaubte, daß ſchon der helle Tag herange⸗ naht ſei; wie er aber an's Fenſter trat, gewahrte er wie rein und ſpiegelhell die Mond⸗ 197 zwar ſcheine dieß nur auf einzelne Feinde ſeines Hauſes gemeint geweſen zu ſeyn, aber aus Furcht, dennoch der heimtückiſchen Liebe in die Falle zu gehen, wollen ſie lieber jedem umgange mit Männern entſagen. Rudolf rückte noch mit einem Goldſtücke hervor„ und erwirkte es dadurch, daß er und ſein Bruder im Gebüſche die beiden Schweſtern belauſchen konnten, wie ſie ſich täglich Morgens nach der Burgkapelle begaben. Wie ward beiden Brüdern zu Muthe, als ſie herrlich gebaute, mit himmliſchen Reizen begabte Mädchen er⸗ blickten; beider Herz war von heißer Liebe entflammt, ſie erfuhren aber auch zugleich von dem Wärter, daß es gar nicht möglich ſei, ſie je zu ſprechen. vWarum?«l ſprach Rudolf, vſoll denn ein thörichter Schwur, den ſie einem wahn⸗ ſinnigen Alten leiſteten, uns und die armen Mädchen an dem Glücke unſerer Liebe hin⸗ dern? Wir wollen unſere Namen verſchwei⸗ gen, denn wer weiß, welches Geſchlecht der 199 aberwitzige Schuft mit ſeinem Fluche belegt hat, aber wir entführen die Mädchen; denn hier möchte wohl gar auch das abergläubiſche Landvolk unſerer Liebeswerbung entgegen ſeyn; ſind ſie aber einmal auf unſerer Burg, dann ſoll es um ſo leichter ſeyn, ſie zur Liebe zu gewinnen, da ſie ja ſelbſt ſich äußer⸗ ten, deren Freuden ſo hart ꝛu entbehren.« Sigmund hieß den Plan gut, beide nahmen am folgenden Tage dankbar Abſchied, vergaßen den alten Ritter Heinrich zu beſuchen, und eilten nach ihrer Burg, um alle Anſtalten zu treffen.. Nicht die geringſte Gefahr ahndend, luſt⸗ wandelten einſt Abends beide Schweſtern in der anmuthigen Aue, welche an ihr Gebäude gränzte; da ſtürzten plötzlich Vermummte her⸗ vor, warfen ihnen dichte Schleier um den Kopf, daß ſie nicht ſchreien konnten, und trugen ſie mit ſtarken Armen tiefer in's Ge⸗ büſche, wo ſie in einen bereit ſtehenden Wagen gehoben wurden, welchen viele bewaffnete hängten Zügeln über Stock und Stein, ſo ſchnell die Roſſe ausgreifen konnten. Endlich langten ſie in einer ſtattlichen Burg an, wo ſie die reichgekleidete Diener⸗ ſchaft mit Ehrerbietung empfing, und nach herrlichen Gemächern leitete. Wohin ſie blick⸗ ten, ſchimmerten ihnen Pracht und Reichthum entgegen, und die koſtbarſten Erfriſchungen wurden ihnen gereicht; auf ihr Fragen aber, wo ſie ſich befänden, erhielten ſie blos zur Antwort, daß ſie es am folgenden Tage er⸗ fahren würden. Das heftige Fahren hatte ſie zwar ſehr ermattet, aber doch war ihre innere Unruhe zu groß, als daß ſie hätten eine anhal⸗ tende Ruhe genießen können, ſo oft ſie daher etwas zu ſchlummern begannen, ſchracken ſie bei dem kleinſten Geräuſche wieder empor. Jetzt vernahmen ſie unten im kleinen Garten Harfentöne, da zog die weibliche Neugierde ſie ſogleich ans Fenſter, ſie horchten hoch auf, und bald darauf begannen abwechſelnd zwei männ⸗ 5 Reiter umgaben, und ſo ging es mit ver⸗ 200 liche Stimmen einen äußerſt melodiſchen Ge⸗ ſang, wo ſie die Annehmlichkeiten der Liebe mit den lebhafteſten Farben ſchilderten, und zuletzt geſtanden, daß ſie ſchon lange gegen die beiden Schweſtern dieſe Flamme im Buſen nährten, dadurch zu ihrer Entführung genöthigt wur⸗ den, und nichts ſo ſehr wünſchten, als ihre Verzeihung zu erhalten, und ihnen ihre auf⸗ richtigen Herzen zu Füßen legen zu dürfen, in⸗ dem ſie kein größeres Glück kennen, als durch Prieſters Segen auf ewig mit ihnen vereinigt zu werden. Lange war das Lied zu Ende, und doch würden beide Schweſtern gerne noch länger mit hochklopfendem Herzen zugehört haben. Ihre Sinne waren betäubt, ihre Einbildungskraft erhitzt, und ſie entſchliefen endlich nur, um von den ſeltſamſten Dingen zu träumen. Am fol⸗ genden Morgen theilten ſie ſich ihre verſchie⸗ denen Bemerkungen mit, ſie kamen darin überein. lieber die qualvollſten Martern zu dulden, als ſich der Liebe zu ergeben, und dennoch ſchwieg eine vor der andern, wie an⸗ 201 genehm ihr! der nächtliche Geſang geweſen ſei⸗ und wie oft ſie ſchon an dieſe unbekannten Sänger gedacht hätte. Jetzt ließen die beiden Ritter um Gehör bitten; ſie traten ein, und die Mädchen konnten im Stillen nicht genug die Liebenswürdigkeit der beiden Männer be⸗ wundern. Bedarf es wohl erſt einer weitläufigen Schilderung, wie inſtändig die beiden Ritter um Verzeihung flehten, und um ihre Gegen⸗ liebe baten, und wie ſehr ſie ſich bemühten, ihnen die Angſt vor einem ſo übereilten und thörichten Eidſchwur zu mindern, und wie gerne ihnen die Mädchen zuhörten; kurz, der Liebe gelang es wie gewöhnlich die Ver⸗ nunft zu übertäuben, und immer tiefere Wur⸗ zeln in den Herzen der Mädchen zu faſſen. Dreizehntes Kapitel. Das Strafgericht. Am Tage vor der Vermählung waren ſchon eine Menge Gäſte vor der Burg, und es ging toll und voll her mit Schmauſen und Zechen. Da meldete man einen frommen Mänch und einen Pilger, welche um Obdach batln, indem ſie am folgenden Tage, um heute die Geſellſchaft nicht zu ſtören, mit den beiden Rittern wichtige Dinge zu ver⸗ handeln hätten. »Die kommen mir ſehr zur Unzeit!o rief Rudolph,„doch ich will das Gaſtrecht nicht verletzen, ſie ſollen eintreten und mit uns gu⸗ ter Dinge ſeyn, wenn es ihnen behagt.) 1 Die beiden Fremden traten ein, und wirk⸗ lich freuten ſich beide Brüder inniglich, als ſie in einem hiervon den ehrwürdigen Vater Hie⸗ ronymus kannten. Zwar freundlich, doch mit ungewöhnlichem Ernſte that er mit dem darge⸗ botenen Becher Beſcheid, der andere aber, eine lange ganz abgeſonderte Geſtalt, mit einem eis⸗ grauen Barte, rollte ſeine Augen allenthalben forſchend umher, und ließ lange ſeinen Blick auf den beiden Brüdern ruhen, doch weigerte er ſich von dem Weine zu nippen, indem ein Gelübde ſchon mehr als zwanzig Jahre ihn hin⸗ dere, von dieſem oft ſo gefährlich werdenden Es fehlte nicht viel, daß die übrigen Ze Getränke zu verſuchen. 4— brüder ein lautes Gelächter aufſchlugen, über⸗ haupt aber ſchien es weder dem Vater Hiero⸗ nymus, noch dem Fremden in dieſer Geſellſchaft zu behagen; ſie ſchützten heftige Ermattung vor, Hieronymus bat die beiden Ritter, ja michts von Bedeutung zu unternehmen; bevor Ker nicht morgen mit dem Früheſten Zweiſprach 204 mit ihnen gepflogen habe, und beide folgten nun dem Wärter nach dem ihnen angewieſenen Gemache. Die Zechbrüder aber waren froh⸗ ei⸗ ner ſo läſtigen Geſellſchaft enthoben zu ſeyn.— Humpen und Tummler wurden aufs Neue ge⸗ füllt, und es ging ſo lärmend zu, als ob man in einem Lager der Tartaren wäre. Gemüthlich ſaßen indeſſen beide Bräute in ihrem Gemache, ſich von ihrer künftigen Haus⸗ haltung unterhaltend, denn ihre ehemaligen Geſinnungen waren bereits wie leichte Nebel entſchwunden; da vernahmen ſie ein lautes Ge⸗ lächter im Burghofe, ſie eilten ans Fenſter, und ſo wie ſich damals bei den Hochzeiten der Vornehmen immer Poſſenreißer und Schalks⸗ narren in Menge einfanden, ſo hatte ſich auch eine alte zerlumpte Zigeunerin hier einge⸗ funden, um durch Wahrſagen einige Silber⸗ pfennige zu erbeuten. Das Burggeſinde hatte ſich um ſie her geſammelt, und beklatſchte mit lautem Gelächter manchen ſchnurrigen Einfall der Alten. 4 — 207 trennen, aber mit Rieſenkraftz ſchleuderten die Wüthenden jeden zurück, drängten ſich durch und ſtürmten in dem Augenblicke in den Burg⸗ hof, als die beiden Bräute an die Fenſter eilten. Naſch flammten ihre Schwerter aus der Scheide; Schlag auf Schlag klirrten die Klin⸗ gen an einander und ehe noch die Kühnſten ſie losreißen konnten, ſtürzten ſie ganz blind vor Wuth einer in das Schwert des andern, beide verhauchten in kurzen Athemzügen ihr Leben; unbeweglich ſtanden die beiden Bräute am Fenſter, ihre Herzen ſchienen im Uebermaße des Schmerzes erſtarrt zu ſeyn. Man eilte zu ihrem Beiſtande hinauf, wollte ſie rütteln, aber alles war gefühllos, kalt und ſtarr; ſie waren zu Stein geworden. Der höchſte Grad des Entſetzens hatte alle Anweſenden ergriffen, die Gäſte nahmen ſich nicht Zeit, ihre Roſſe zu ſatteln, ſie warfen ſich mit todtenbleichen Geſichtern auf die Gäule und 3 jagten mit Sturmeseile davon. Das Landvolk 203 war mit lautem Jammergeſchrei entflohen. Jeder der Dienerſchaft raffte zuſammen, was ihnen nur in größter Haſt unter die Hände kam, und ſtürzten fort aus dem, wie es ſchien, mit dem Fluche des Himmels beladenen Hauſe. Nur ſo viel gewannen die Beherzteſten über ſich, aus chriſtlicher Pflicht, die Leichname der bei⸗ den Brüder nach der Gruft zu ſchleppen, und ſie in dort ſtehende, offene Särge zu legen, worauf ſie gleichfalls mit emporgeſträubten Haaren entflohen. Still und öde war nun die Burg. Mitternacht brach herein, da er⸗ wachte der fremde Pilger; ſo feſt ſein Schlaf dem Scheine nach geweſen war, indem nicht einmal der raſende Tumult im Schloſſe ihn hatte erwecken können, ſo ſehr hatten ihn doch unruhige Träume geängſtigt. Düſter blickte er beim erſten Erwachen umher, da gewahrte er den frommen Vater Hieronymus vor einer Lampe knien⸗ in feierliche Betrachtung verſun⸗ ken; das Aechzen des Erwachten ſtörte dieſen, und er trat mit liebreicher Miene zu deſſen kager. „Ac, mein Vater und größter Wohe. thäter,« ſprach dieſer, vich habe ſchrecklich ge⸗ träumt, doch dem Himmel ſei Dank, es iſ nun vorüber. Wird es bald Zeit ſeyn, mit den Kindern zu ſprechen?« „Beruhige dich,« erwiederte Hieronymus, vſtärke dich mit Vertrauen, du haſt meinen Rath befolgt; zwanzig Jahre haſt du in De⸗ muth, Reue und Buße dahin gebracht, die letzte Prüfung ſteht dir nun bevor, es iſt die ſchwerſte; doch ſo viel ich im Geiſte vorausſehe, wird es auch die letzte ſeyn, und bald, ja ſehr bald wirſt du geläutert eingehen in die Woh⸗ nungen des ewigen Friedens⸗ Es iſt Mitter⸗ nacht, dir iſt die Macht gegeben, den Unhold zu bannen, welcher bisher den Weg des Ver⸗ derbens dich leitete, berufe ihn in meiner Ge⸗ genwart. a 4 Da rief der Pilger dreimal den Namen Bajogid, die Mauern der Burg ſchienen zu 8 wanken, und plötzlich ſtand der Unholdi in ſe ner Rieſengeſtalt vor ihm. Die verſteinerten Schweſtern⸗ 210 „Zwanzig Jahre haſt du mich enibehrt,« rief er mit donnernder Stimme, vbedarfſt du nun wieder meiner Hilfe, ſo entdecke es mir ohne die Gegenwart von dieſem, deſſen Anblick mich erſchüttert; denn nur unter vier Angen bin ich gewohnt, deine Befehle zu vernehmen.« „Und nun wirſt du in meiner Gegenwart antworten;a« erwiederte Hieronymus, und eine Verklärung erſchien in ſeinem Geſichte, daß der Unhold die Hand vor die flammenden Augen hielt.»Geſpenſt der Unterwelt, das du nur beſtimmt ſcheinſt, Menſchen ins Ver⸗ derben zu ſtürzen; laſſe nun rechten mit dir, welche Anſprüche du an Wolluf von Trosky zu haben vermeinſt?« »„Ich habe allen ſeinen Lüſten gefröhnt. Er hat mich gerufen.« »Weil du durch deine Verheißungen von Reichthümern ihn zu blenden wußteſt; leider ſtreben die Menſchen nur nach Geld und Gut, und ſind zu ſchwach, die Folgen zu überdenken. Der Verführer, der ſie zum Böſen zu verleiten — 211 ſucht, iſt ſtrafbar; der verblendete Verführte 1 zu entſchuldigen.« »Er verliebte ſich in Jaromiren und ich rettete ihn aus dem Gefängniſſe zu Lomnitz. „Doch nur auf eine Art, deiner würdig; er gerieth dadurch in Verdacht an böſen Zau⸗ berkünſten, welcher noch mehr beſtätigt wur⸗ de, als du durch ſataniſches Blendwerk die Truppen des Königs von ſeiner Burg ver⸗ ſcheuchteſt; ſo haſt du, trügeriſches Weſen, Jaromirens Herz zur Liebe geſtimmt; eben ſo rietheſt du ihm, die arme Gekränkte zu ver⸗ laſſen, und nach Italien zu ziehen; du warſt es, der durch Liſt und Trug ihm zum Beſitze Mirabellens verhalf.« „Die er dann in der Folge dem Hunger⸗ tode Preis gab.« „Haſt nicht du, Böſewicht, ihn zur Strenge verhalten? War es ſeine Schuld, daß er bei der Rettung der Tochter Bellerin's in eine Betäubung verfiel, welche ihn hinderte, Mirabellen zu retten? Ohne Vorſatz hatte er 14* 212 ein Menſchenleben geopfert, und mit Vorbe⸗ dacht und herzlichem Gefühle ein anderes ge⸗ 4 rettet. Seit dem Augenblicke zerfleiſchte bittere Reue ſeine Bruſt. Ich nahm mich ſeiner an, auf mein Geheiß widmete er ſich der ſtrengſten Buße; zwanzig Jahre hat er das größte Elend A ertragen, zwanzig Jahre ſich oft den nöthigſten Biſſen Brot abgekargt, um ihn der Armuth mitzutheilen. Seine Buße hat ihn wenigſtens zum Theile mit dem Schickſale ausgeſöhnt; du aber, Verführer, der du gefliſſentlich nie ihm rietheſt und doch ſo heimtückiſch ihn zu vielen Unthaten verleiteteſt, haſt deine Rechte auf ihn verloren. Er iſt der Letzte ſeines Stammes und wird bald vor einem eben ſo gerechten als milden Richter erſcheinen, damit du aber nicht ferner mehr Unheil ſtiften kannſt, ſo verbanne ich dich, Kraft meines Amtes, aus der Oberfläche der Erde in die unterirdiſchen Klüfte ihres Mittel⸗ † punktes, aus denen du nie mehr entweichen 4 ſollſt. ⸗ Mit igrimmigem Fletſchen der Zähne wollte * Bajogid eine hölliſche Lache anfſhiagen⸗ aber 85 vom praſſelnden Getöſe begleitet, ziſchte ein Blitzſtrahl auf ihn herab, und unter durchdrin⸗ 3 8 gendem Geheule war er verſunken. Wolluf, dieß war der Pilger, war betäubt zu Boden gefallen, er ermannte ſich zwar, aber die Todtenfarbe hatte bereits ſein Geſicht umzogen, ſein Auge brach, der fromme Vater Hierony⸗ mus gab ihm noch ſeinen Segen, und er ent⸗ ſchlief ohne Schmerzen über das ſchreckliche Schickſal ſeiner Leiden. Hieronymus, denn die Burg war wie ausgeſtorben, trug die Leiche ſelbſt nach der Familiengruft, und begab ſich dann zur fromamen Andacht in ſein Kloſter zurück. Die Gegend verödete und ſchon von weitem ſah der Wanderer im Thale von den hohen Burgfenſtern die ſchaurigen Bildniſſe der verſteinerten Schweſtern herab⸗. ſehen, und Niemand wagte es mahr, den Schreckensort zu betreten. So weit die Volksſage; nun aber 1a ſich der Emüßie er zu bemetken, daß chem Schauerlichen, doch die moraliſche Ten⸗ denz, auf welcher gewöhnlich die meiſten Volks⸗ ſagen beruhen, hier ja nicht zu verkennen iſt, denn unter dem Unholde Bajogid iſt das Laſter ſelbſt anſchaulich dargeſtellt, welches ſich durch die geheimſten Wege bemüht, noch unerfahrne Herzen zu umgarnen; Reichthum und Macht ſind leider die erſten Triebfedern zum Verderben, ein Wunſch erzeugt den andern; dieſe nie ver⸗ ſiegende Quelle leitet zu immer größerem Ver⸗ derben, und wer einmal von dem Strudel der Leidenſchaften hingeriſſen wird, wird auch immer weniger um die Mittel zur Erreichung ſeiner Abſichten verlegen, bis endlich ihn ſelbſt das höchſte Verderben erreicht. In ſchwarzer Geſtalt, und gewöhnlich nur im Finſtern der Nacht erſcheint daher auch Bajogid; denn nur im Dunkeln ſchleicht das Laſter einher, um deſto. unbemerkter ſein Opfer zu umklammern. O möchte doch jedes junge Herz ſich vor der kleinſten Verblendung hüten, denn nicht 4 8 — Fehltrittes. Noch eine andere Sage iſt in der dortigen Gegend im Umlaufe. Die Burg Trosky ſoll in ſpäterer Zeit zweien Schweſtern gehört haben, ob es Fräulein oder Witwen waren, darüber iſt die Meinung ungewiß; jede bewohnte eine von den Burgwarten, und da die eine der katho⸗ liſchen, die andere der huſſitiſchen Lehre zuge⸗ than war, ſo haßten ſie ſich echt ſchweſterlich, daß ſie oft, wenn ſie einander gegenüber am Fenſter herausſahen, zu Schimpfworten, lau⸗ tem Zank und andern ungeheuchelten Zeug⸗ niſſen des Haſſes übergingen; beide ſollen auch im Dorfe Troskowitz für ſich eigene Kirchen erbauet haben, welche in gleicher Entfernung wie die Burgwarten aus einan⸗ der ſtanden. Beglaubte Gründe hat dieſes Geſchichtchen nicht für ſich, doch auch an ſich ſelbſt nichts Unmögliches, wenigſtens ſind jetzt noch zwei 215 zu berechnen ſind oft die Folgen des erſten Kapellen in der angegebenen Gegend vor⸗ . 216 handen; auch nimmt ſich das Bild jener ſchweſterlichen Geſpräche, bei einer geringen Ausmalung von Einbildungskraft, ſo leicht und ſo drollig aus, daß es faſt Schade wäre, ſich mühſam nach Bezweiflung umzuſehen. 15 16 17 18 19 20 ——ü—