Tee 20 4. Leihbibliothek— 8 von 4. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Sceih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bucher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rüct gabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahm e hinterlegen, welche bei deſſen a deſlelde von mir zurückerſtattet wird. 3. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 5 4 für wuochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. — — —— deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur b eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe — —yyy— Die Thürme von Elütlans. Sder biſtöriter O — und.—— noch einige Kleinigkeiten. T Erzaͤhlungen von Friedrich Gleich. Magdeburg, be; Ferdinan d Rubach. Vorwort. Indem ich hier dem Publikum abermals ein Baͤndchen Erzaͤhlungen uͤbergebe, habe ich nur den Wunſch zu hegen, daß dieſelbe Guͤte, mit welcher fruͤher aͤhnliche kleine Ga⸗ ben aufgenommen wurden, auch dieſen zu ſtatten kommen moͤge. Fuͤr die Kritik be⸗ merke ich, daß drei von dieſen Erzaͤhlungen, „der Hiſtoriker, Grauröͤcchen und 42 IV* Ereigniſſe,“ vor mehreren Jahren bereits geſchrieben ſind, und in verſchiedenen geach⸗ teten Zeitſchriften ſtanden. Der Verfaſſer. Iuu h al. t. I. Diee Thuͤrme von Wuͤflans Seite 1 II. Der Hiſtoriker....„..— 165 III. Albrecht von Brandenburg. Eine hiſtoriſche Skizze....— 227 IV. Graurdckchen... 279 V. Ereigniſſe......... 301 VI. Der Spieler.......— 327 1. Die Thuͤrme von Wuͤflans. — Zooͤlf Jahre ſind es her, da fuͤhrte mich eine Reiſe an die Ufer des Genfer⸗Sees. Einzelne Theile der Schweiz waren mir aus fruͤherer Zeit bekannt, den Leman mit ſeinen romantiſchen Ge⸗ ſtaden hatte ich aber noch nicht geſehen, und der Eindruck, den ſie, im Schmuck der ſchoͤnſten Jah⸗ reszeit ausgebreitet, auf mich machten, war groß und tief, wie er es bei Jedem iſt, der dieſe herr⸗ lichen Gegenden zum Erſtenmale erblickt. Ein junger Mann aus Lauſanne war mein gewoͤhnlicher Begleiter auf den zahlreichen Excur⸗ ſionen, die ich von dieſem Ort aus in die Um⸗ gegend machte; ſeine Geſellſchaft mir hierbei um ſo angenehmer, da er als Eingeborner des Landes nicht nur mit allen Schoͤnheiten deſſelben vertraut war, ſondern auch die fruͤhere Geſchichte der ein⸗ zelnen Ortſchaften, Diſtrikte und Schloͤſſer der Ge⸗ gend kannte, und da, wo ſein Wiſſen meine Neu⸗ gier in dieſem Punkte ja einmal nicht zu befriedi⸗ gen vermochte, mindeſtens immer noch einen Weg 1*ᷣ — 4— anzugeben wußte, auf welchem ich Befriedigung erhalten konnte. 1 So verdanke ich denn ihm, oder wenigſtens ſeiner Vermittelung, die Kenntniß nachſtehender Be⸗ gebenheit, aus den Tagen einer Vorzeit, deren Licht⸗ und Schattenſeiten laͤngſt im Sturm vor⸗ uͤbergegangener Jahre dahinſchwanden, deren truͤ⸗ bes Dunkel aber jetzt wieder von ſo Manchem heraufbeſchworen wird, allerdings, und wer ſagt hierbei nicht:„Gottlob!“ mit demſelben gluͤck⸗ lichen Erfolge, mit welchem andere Thoren einſt nach dem Stein der Weiſen ſuchten, und noch Andere die Graͤber oͤffnen wollten, um Abgeſchie⸗ dene zu ihren betruͤgeriſchen Gaukeleien herauf zu citiren.. An einem ſchoͤnen Morgen fuhr ich mit mei⸗ nem jungen Freunde von Lauſanne aus nach Mor⸗ ges zu. Weithin breitete ſich vor uns, einem unermeßlichen Spiegel gleich, der See mit ſeinen klaren Gewaͤſſern aus, in denen ſich auf der einen Seite die Alpengipfel Savoyens malten, von der andern aber in ſanften Schwingungen das Land immer hoͤher und hoͤher, bis zu dem Jura⸗Ge⸗ birge hin ſich hob, und Staͤdte, Doͤrfer und Landhaͤuſer im bunten Wechſel aus dem friſchen Gruͤn der Felder und Gehoͤlze hervortraten, ein Panorama ſo reich und ſchoͤn, ſo von Farbenduft — 35.— und Glanz umgeben, wie keines Kuͤnſtlers Hand es auf Leinewand zu zaubern vermag. Mit Entzuͤcken ſchweifte, ja ſchwelgte mein Blick auf dieſer herrlichen Landſchaft umher, als ploͤtzlich in der Ferne vier, uͤber das Dunkel eines dichten Laubgehoͤlzes ſich ſtolz emporhebende Thuͤr⸗ me, unverkennbare Reſte einer laͤngſt verſunke⸗ nen Zeit, mein Auge feſſelten und mich zu der Frage bewogen:„Wie heißt der Ort da druͤben, deſſen ergraute Mauern ſo ſchauerlich zu uns her⸗ uͤber blicken?“— Ich hatte zugleich mein Fern⸗ glas zur Hand genommen, und betrachtete mir das, durch eine Waldoͤffnung jetzt deutlicher her⸗ vortretende Gebaͤude genauer, das zu meinem Er⸗ ſtaunen noch ganz unzerſtoͤrt zu ſeyn ſchien, und mein Begleiter erwiederte: „Das iſt das Schloß Wuͤflans, deſſen Er⸗ bauung in die fernſten Tage des ſogenannten Mittelalters faͤllt. Die Gattinn Rudolph II., Koͤ⸗ nigs von Nieder⸗Burgund, die in der Geſchichte bekannte Bertha, eine Tochter Burkhardts, des⸗ Herrſchers dieſer Gegenden, ſoll die Gruͤnderinn von Wuͤflans geweſen ſeyn; doch vermuthe ich eher, daß ſie es nur vergroͤßerte, und die vier Thuͤrme, welche, wie Sie jetzt ſehen koͤnnen, die Ecken des alten Schloſſes vertheidigen, hinzu⸗ fuͤgte. Bertha liebte es, wie die Geſchichte ſagt, — 36— Burgen und Thuͤrme zu bauen; der jenſeitige, von hier aus den Blicken nicht ſichtbare Theil des Schloſſes, traͤgt die Spuren eines viel groͤ⸗ ßeren Alterthumes, und ſeine Gruͤndung verliert ſich voͤllig in die Nacht der Zeiten.„Wuͤnſchen Sie es,“ fuhr mein zuvorkommender Begleiter fort, „ſo fuͤhre ich Sie nachher zu dem Gebaͤude hin; es liegt nur eine halbe Stunde von Morges ent⸗ fernt, und der Weg iſt zwar rauh, aber nicht unangenehm. Doch ich ſage es Ihnen voraus, Ihr Geſchmack an Ruinen wird wenig Befriedi⸗ gung bei genauerer Beſichtigung finden. Alles, was Bertha einſt baute, iſt von einer ſolchen Dauer, daß der Zahn der Zeit faſt ſpurlos daran voruͤbergeht. So liegt z. B. ohnweit Orbe noch ein anderes altes Schloß, Champvent iſt ſein Na⸗ me, das gleichfalls noch eben ſo gut erhalten iſt, wie dieſes. Es gehoͤrte einſt der Familie von Vergy, und zweifelsohne iſt es die Geburtsſtaͤtte jener ſchoͤnen und ungluͤcklichen Gabriele von Vergy, der gefeierten Geliebten des Caſtellans von Couey, und das Opfer der Grauſamkeit ihres Gatten, des wilden Ritters Fayel. Doch, kehren wir zu Wuͤflans zuruͤck, wo ſicher auch einſt mancher adlige Tyrann wuͤthete, und manche zarte Schoͤne weinte. Die Thuͤrme deſſelben ſind von Backſtei⸗ nen erbaut, und dieſe mit einem ſo feſten Kitt verbunden, daß es faſt unmoͤglich iſt, ſie zu — 2— ſtuͤrzen, und man dieſe Sorge getroſt noch man⸗ chem kommenden Jahrhundert uͤberlaſſen kann.“ Es laͤßt ſich denken, daß der gute Zuſtand des alten Schloſſes mich nicht abhielt, es zu beſuchen.„Deſto beſſer!“ rief ich aus:„So werde ich eine alte Burg einmal in ihrer ganzen Eigenthuͤmlichkeit kennen lernen. Begeben wir uns hin!“ Dies geſchah. Kaum angekommen in Mor⸗ ges machten wir uns auf den Weg, und um meine Freude zu vermehren, entſchloß ſich ein Ver⸗ wandter meines Begleiters, Herr A.. v.. c, Pfar⸗ rer in Morges, uns zu begleiten. Der liebenswuͤrdige, bejahrte Mann war ein wahres lebendes Chronikenbuch der Schloͤſſer der umliegenden Gegend. Von ihm und meinem Freunde erfuhr ich, waͤhrend dem Beſuche der Ruine, und nachher bei meinem Verweilen unter ſeinem gaſtli⸗ chen Dache, die nachfolgende, einſt in den Mauern von Wuͤflans vorgefallene Begebenheit, die ich hier meinen Leſern, ſo der Himmel es giebt, zu ihrer Unterhaltung und, nebenbei auch ein wenig zur Belehrung, mittheilen will; zur Belehrung naͤmlich, daß ſie daraus erſehen moͤgen, wie zwar die Vergangenheit des Ruͤhmlichen und Schoͤnen manches hatte, wie aber die Schattenſeite der⸗ ſelben die Lichtſeite doch bedeutend uͤberwog, und — 8— namentlich die Damen, welche jetzt zuweilen nach der untergegangenen ritterlichen Zeit des Mittel⸗ alters ſeufzen, ſchwerlich ſehr zufrieden ſeyn duͤrften, wenn ſie auf einmal wieder eintraͤt, und aus den heutigen Maͤnnern, Vaͤtern und Verehrern, die nur zu oft innerlich gegen jedes ſanftere Gefuͤhl eben ſo, wie aͤußerlich gegen den Feind, gehar⸗ niſchten Herren, im ſtrengſten Sinne des Wor⸗ tes wieder wuͤrden. Bertha, die Tochter Burkhardts, war in erſter Ehe mit Rudolph II., Herrſcher von Nieder⸗Bur⸗ gund, vermaͤhlt. Fromm, fleißig und einfach ließ ſie es ſich angelegen ſeyn, das Land, welches ihr gehoͤrte und ihrer beſonderen Verwaltung anver⸗ traut war, nach Kraͤften zu begluͤcken, und da ſie, vernuͤnftigerweiſe, Kenntniß deſſelben als das erſte Erforderniß, um dies zu koͤnnen, anſah, ſo durchreiſ'te ſie es fleißig, nach Sitte damaliger Tage, wo man noch keine Kutſchen hatte, zu Pferde, zugleich bei ſolchen Ritten die edle Zeit zu ſparen, und die Pflichten einer wirklich regierenden Fuͤr⸗ ſtinn mit denen einer guten Hausfrau zu verbin⸗ den,„ſpinnend,“ wie die Chroniken ſagen, „indem ſie uͤber Berg und Thal weg⸗ zog, Klöſter und Burgen baute, und in — 9— die Einen Moͤnche und Nonnen, in die Anderen Voͤgte einſetzte.“ r) Manches Jahr hatte Bertha mit ihrem Ge⸗ mahl Rudolph, der ſie„gewaltig liebte und ehrte,“ gluͤcklich und zufrieden gelebt, und ihm fuͤnf Kinder geboren, drei Soͤhne und zwei Toͤch⸗ ter, da riß der Tod den Gatten von ihrer Seite, und ſie gab nun, nachdem ihr Aelteſter, Conrad, den vaͤterlichen Herrſcherſitz beſtiegen, ihre aͤlteſte Tochter Adelheid— ſpaͤter die Gemahlinn Kaiſer Otto's des Großen, an Lothar, Koͤnig von Ita⸗ lien verheirathet, die Juͤngſte aber geſtorben, auch die andern beiden Soͤhne in der Kirche verſorgt, die Trauerzeit aber verſtrichen war, den Bitten Hugo's, Koͤnigs von der Lombardei, Gehoͤr, und reichte ihm ihre Hand zum zweiten Ehebunde. Noch eh' ſie jedoch ſomit den Boden der Hei⸗ math verließ, auf welchem ſie gelebt und gewirkt hatte, hielt ſie es fuͤr ihre Pflicht, eine Ange⸗ legenheit abzumachen, die lange ſchon laſtend auf ihrer Seele lag. Wenige Jahre erſt mit Koͤ⸗ nig Rudolph vermaͤhlt, war ein junger Ritter, Adalbert von Azzoni, ein Sproͤßling jener alten *) Noch bewahrt man zu Payerne, einem kleinen Orte zwiſchen Bern und Lauſanne, den Reitſat⸗ tel der Koͤniginn Bertha auf, an welchem das Loch, in das ſie reitend ihren Rocken ſteckte, noch zu ſehen iſt. — — 10— italieniſchen Herzogsfamilie der Azzonis, die einſt ſich an Pipin von Frankreich anſchloß, als dieſer uͤber die Alpen zog, um den Pabſt Stephan ge⸗ gen den Lombarden⸗Koͤnig Aſtolph zu ſchuͤtzen — an ihren Hof und in ihre Naͤhe gekommen, und geblendet von Berthas Reiz, beguͤnſtigt durch die Gelegenheit, die ſchoͤne Koͤniginn oft zu ſehen, von einer Leidenſchaft gegen ſie ergriffen worden, die, da Berthas Tugend keine Erwiederung hoffen ließ, ſo ungluͤcklich fuͤr den feurigen und ſchwaͤr⸗ meriſchen jungen Mann ausſchlug, daß er, verzehrt vom Grame hoffnungsloſer Liebe, ſeinen Verſtand verlor und fernerhin, auf dem der Koͤniginn gehoͤ⸗ rigen Schloſſe Wuͤflans als Gefangener mußte be⸗ wacht werden. Jahrelang lebte der Ungluͤckliche hier, beraubt der edelſten Gabe des Menſchen, und nie ritt Bertha an Wuͤflans voruͤber, ohne ſeinem Looſe eine Thraͤne des Mitgefuͤhls zu zollen: da nahte endlich die Stunde, die allen ſeinen Leiden auf jmmer ein Ende machte. Von Savoyens Hoch⸗ alpen heruͤber zogen dunkele, feuerſchwangere Wol⸗ ken herauf; furchtbar flammten die Blitze durch die Nacht, erſchuͤtternd rollte der Donner mit ſeinen vielfachen Wiederhallen durch die Thaͤler.... Azzoni ſprang vom Lager auf; wie die Blitze das Dunkel zerriſſen, ſo tauchten auch bei ihm Lichter — 11— der Erinnerung in der langen Nacht ſeiner Seele auf.... Zum Erſtenmale wieder, ſeit ſeinem Ungluͤck begann auf Augenblicke, aber auch nur auf Augenblicke, ein klares Bewußtſeyn in ihm aufzudaͤmmern..... es war, als luͤfte der Sturm der Elemente den dichten Schleier, der vor ſeiner Seele lag. Ihm war wohl, wie lange nicht; er glaubte in den Flammen der Wolken die Geliebte zu ſehen, er waͤhnte, ſie winke ihm. Bertha, im erſten Glanz und Schimmer der Jugend, winke ihm, ihm dem jugendlichen, ach! vor der Zeit ge⸗ altertem Geliebten.„Bertha!“ rief er,„Ber⸗ tha! ich komme!“ und hin zum vergitterten Fen⸗ ſter eilte er, es weit aufreißend. Sauſend heulte der Sturm durch die Oeffnung; noch einmal rief Azzoni, die Arme in das Dunkel hinaus ſtreckend, „ich komme!“ da ziſchte ein Strahl herab, ein furchtbarer Schlag folgte.... der Ungluͤckliche war nicht mehr.—— Als Bertha jetzt nun ſich ruͤſtete, fuͤr immer nach Italien zu ziehen, da gedachte ſie des laͤngſt Hinuͤbergegangenen von neuem, und daß er einen Bruder hatte, den das Gluͤck nicht beguͤnſtigte und verguͤten wollend an dieſem die Leiden des Andern, ließ ſie Wuͤflans, ſein Grab, ausbeſſern und verſchoͤnern, und gab Schloß und Zubehoͤr eigenthuͤmlich und fuͤr alle Zeiten an Grinwald — 412-— von Azzoni, den Bruder des ungluͤcklichen Adal⸗ bert. Aber Grinwald glich dem Bruder ſehr wenig. Sanft und gefuͤhlvoll war einſt dieſer; rauh, hart und fuͤhllos jener; bald hatten die Bewohner der Gegend, beſonders die Unterthanen der Herrſchaft Wuͤflans, nur zu viele Urſache, die Großmuth ihrer einſtigen Koͤniginn zu verwuͤnſchen. Obſchon Grinwald nicht mehr jung war, ſo hatte er doch bisher nicht daran gedacht, ſich eine Gattinn zu ſuchen. Theils hielt ihn die Be⸗ ſchraͤnktheit ſeiner Lage, theils auch ſein zuͤgel⸗ loſer, nur an den rohen Vergnuͤgungen der Jagd und des Bechers Geſchmack findender Sinn davon ab. Jetzt indeß, Herr eines anſehnlichen Ge⸗ bietes geworden, ſchien es ihm doch an der Zeit zu ſeyn, ſich nach einer Haͤlfte umzuſehen, damit das Haus der Azzonis juͤngerer Linie, nicht aus⸗ ſterbe, und da ihm, dem nun reichen und folg⸗ lich auch Angeſehenen, das Beſte und Schoͤnſte von Gott und Rechtswegen zuzukommen ſchien, ſo wandte er ſeine Blicke auf Ermenance von Vergy, die Tochter des alten Ritters und ehe⸗ maligen Stallmeiſters der Koͤniginn Bertha, Vergy auf Champvent, deren aͤltere Schweſter, Gabriele, an den Herrn von Granſon vermaͤhlt war, und deren Bruder Enguerrand als Page an dem Hofe Karls IV. lebte. — 18— Zu jener Zeit war es nicht Sitte, daß Vaͤ⸗ ter ihre Toͤchter zu Rathe zogen, wenn es ſich von deren Verheirathung handelte, und auch der alte Vergy glaubte daher dies nicht noͤthig zu ha⸗ ben. Als er Gabrielens Hand dem Beſitzer von Granſon zuſagte, ſprach er:„ich will!“ und eben ſo ging es jetzt mit Ermenance. Sie mußte dem rauhen Mann auf die ferne Burg folgen, und ob ſie ihn liebte, ob ſie Gluͤck oder Ungluͤck bei ihm finden wuͤrde? darnach fragte kein Menſch. Ermenance, ſchoͤn wie der Tag, hatte ihrem Gemahle eine reiche Mitgift an Geld und Gut und Ahnen mitgebracht, aber weder dies, noch die Reize ihres Koͤrpers, und die Guͤte und Sanft⸗ muth ihres Herzens intereſſirte ihn ſehr— er hatte eine Frau genommen, um Erben, maͤnnliche Erben ſeines alten Namens zu erzielen; ſie ſollte ihm Soͤhne gebaͤren, weiter verlangte er nichts von ihr. Dieſer Wunſch, der heißeſte ſeiner Seele, ſchien ſich denn auch bald erfuͤllen zu wollen. Erme⸗ nance ward guter Hoffnung, und der entzuͤckte Grinwald, feſt darauf rechnend, ſeine Wuͤnſche erfuͤllt zu ſehen, bereitete alles vor, um den kuͤnf⸗ tigen Herrn von Wuͤflans mit gebuͤhrenden Feſten und Glanz zu empfangen. Wie aber oft im Leben das Geſchick dem Menſchen das gerade verſagt, wornach ſein Herz 14— am mehrſten verlangt, ſo auch hier. Nach lan⸗ gem, ſchmerzlichen Kampfe, gebar die ſchoͤne Ca⸗ ſtellanin von Wuͤflans— eine Tochter, ſchoͤn wie der Morgen, deren Anblick aber den unnatuͤrlichen Vater nur zu Wuth und Zorn entflammte. We⸗ nig fehlte, ſo haͤtte er an dem unſchuldigen We⸗ ſen ſeinen Grimm ausgelaſſen, der nun, da man ihm die Kleine ſchnell entzog, unaufhaltſam uͤber die ungluͤckliche Mutter hereinbrach. „Nie!“ rief er aus,„ſollſt du dein Kind wiederſehen, bis du mir den theuerſten Wunſch meiner Seele erfuͤllſt und mir einen Sohn ge⸗ bierſt.“ Und weg von der Bruſt der weinenden Mutter, riß der Tyrann die kleine Aloyſe, und uͤbergab ſie der Frau eines ſeiner Dienſtleute, mit dem Befehl, das Kind in einen der Thuͤrme einzuſperren, die die Flanken des Schloſſes Wuͤf⸗ lans vertheidigen und deren Mauern ſo dick, deren Lage ſo unzugaͤnglich war, daß kein leben⸗ des Weſen vernehmen konnte, was darinnen vor⸗ ging. Die Aufſicht uͤber das Kind und Waͤrterinn vertraute Grinwald aber ſeinem Stallmeiſter Rai⸗ mund an, einem Diener, deſſen Treue er vielfach erprobt hatte, und auf deſſen Verſchwiegenheit er rechnen konnte. Zwei Jahre vergingen ſo und niemand außet dem Schloſſe ahnete, daß in jenem furchtbaren Thurme ein lebend Weſen athmete, niemand in — 15— der Umgegend ſprach von den Vorfaͤllen auf Wuͤf⸗ lans— ſo allgemein war das Schrecken, welches Grinwald Allen einfloͤßte— als Ermenance ihren Leib zum zweitenmale geſegnet fand. Gewiß glaubte der Ritter diesmal ſeinen Wunſch in Erfuͤllung gehen zu ſehen; er wollte es ja, und dem Ueber⸗ muͤthigen ſchien es, als muͤſſe ihm Himmel und Erde gehorchen; auch hatte die Gattinn ja an dem Altare des Hoͤchſten im heißen Gebet um einen Sohn gefleht, um einen Sohn, deſſen Ge⸗ burt ihr die geliebte Tochter wiedergeben ſollte... es konnte, es durfte nicht fehlen!..... ach! aber es fehlte dennoch.— Ermenance genaß abermals einer Tochter und zorniger noch wie das Erſtemal, riß Grinwald die kleine Bertha aus den Armen der ohnmaͤchtigen Mutter, und ließ, wie die Schwe⸗ ſter, auch ſie in einen der Thuͤrme des Schloſſes einkerkern, hoch und theuer ſich vermeſſend, nie ſollten die Kinder die Freiheit genießen, nie die Mutter ſie an ihre Bruſt druͤcken, bis ihm ein Sohn, ein Erbe ſeines Namens, geboren ſey. Langſam nur erholte ſich die ungluͤckliche Woͤch⸗ nerinn von dieſem neuen Schlage, da traf ein abermaliger Kummer ihr dem Schmerz geweihtes Haupt. Sie erhielt die Kunde, daß ihr Vater in's Grab ſinken wollte, und daß ihre geliebte Schweſter..... doch, es ſoll der Erähtung nicht vorgegriffen werden. 1 8 * — 16— Der Leſer weiß, daß der Ritter Vergy ſeine aͤlteſte Tochter, Gabriele, kraft ſeines vaͤterlichen Machtgebotes, an den Herrn von Granſon ver⸗ heirathet hatte, und daß ſein Sohn Enguerrand in Dienſten Koͤnig Karls IV. ſtand; aber das weiß er noch nicht, daß die liebenswuͤrdige Caſtel⸗ laninn von Granſon nicht gluͤcklicher war, wie ihre reizende Schweſter, die Burgfrau von Wuͤflans. Zwar war Gabrielens Gatte weder ſo alt noch ſo rauh in ſeinem Benehmen, wie der von Ermenance, allein Jaͤhzorn war nicht minder bei ihm die vorherrſchende Leidenſchaft, wie bei Grin⸗ wald, und nur zu fruͤh wurde die ſanfte, mit inniger Liebe an den Ihrigen haͤngende Frau von Granſon, das Opfer ſeiner ungezuͤgelten Wildheit. Ihr Bruder Enguerrand, herangewachſen in der Zeit ſeiner Abweſenheit vom vaͤterlichen Hauſe, hatte ſich an Karls IV. Hofe die goldenen Spo⸗ ren verdient und ungeduldig, ſeinem neuen Rit⸗ terſtande Ehre zu machen, bat er jetzt ſeinen Fuͤrſten um Erlaubniß, zu einem Turniere ziehen zu duͤrfen, welches der Graf von Provence in ſei⸗ ner„guten Stadt Arles“ ausgeſchrieben haͤtte. Sein Weg dahin fuͤhrte ihn ohnfern Granſon voruͤber, und natuͤrlich war der Gedanke, die ge⸗ liebte Schweſter, die ihn noch nie im Schmuck der ritterlichen Waffen geſehen, auf einen Augen⸗ blick zu uͤberraſchen. Sien Gefolge zu Yverduͤn zuruͤck⸗ — 47— zuruͤcklaſſend, beſtieg er daſelbſt ein Boot, und fuhr, nur begleitet von ein Paar Schiffern, dem Schloſſe Granſon zu, deſſen alte Thuͤrme ſich in den Wellen des Sees ſpiegeln. Schon war er der Burg ganz nahe, da ſah er ploͤtzlich, ohnweit derſelben, an dem Ufer hin, eine Dame ſich erge⸗ hen, in der er alsbald die geliebte Schweſter er⸗ kannte, und nun mit freudigem Entzuͤcken der Stelle zueilte, wo ſie ging. Ueberraſcht, entzuͤckt wie er, eilt die ihn gleich⸗ falls erkennende Gabriele auf ihn zu. Innig ſchließt ſie den Bruder an die Bruſt, und ſich mit ihm auf einen Felsblock niederlaſſend, ver⸗ traulich umſchlungen von ſeinem Arm, horcht ſie aufmerkſam der Erzaͤhlung ſeiner Begegniſſe, ſeiner Abentheuer und ſeiner Hoffnungen, nicht muͤde dabei werdend, ſeinen ſchoͤnen Waffen⸗ ſchmuck und ſein maͤnnliches Anſehen zu bewun⸗ dern, und dabei mit ihrer Hand ihm die langen Locken von der, vom ſchweren Helm gedruͤckten, Stirn ſtreichend. So ſitzen Beide einige Stunden in einem ſe⸗ ligen Vergeſſen neben einander, ein ſchoͤnes, ruͤh⸗ rendes Bild geſchwiſterlicher Liebe: da erinnert endlich der Ton der Abendglocke von Granſons Thuͤrmen den jungen Vergy, daß er eilen muͤſſe, wenn er noch vor Nacht zu ſeinem harrenden Gefolge nach Boerdun gelangen will, und ablehnend die Einla⸗ 8 dung der Schweſter, ihr zur Burg zu folgen und den Schwager zu begruͤßen, deſſen Stolz, Ueber⸗ muth und Heftigkeit ihm laͤngſt zuwider war, ſchließt er Gabrielen noch einmal an ſeine Bruſt und nimmt, zum theuern Andenken an dieſen ſchmerzlich ſuͤßen Augenblick des Wiederſehens und Trennens, das Tuch mit, womit ſie ſich, ihn an ſich druͤckend, das bethraͤnte Geſicht bedeckte. Lange folgt Gabriele noch mit den Blicken der Liebe dem dahin eilenden Kahn, mehrmals winkt Enguerrand der am Ufer Stehenden noch mit dem weißen Tuche zu, das er dann an ſeinem Herzen verbirgt; endlich entzieht eine weit in den See ſich hinausdehnende Landzunge der Caſtellanin von Gran⸗ ſon den Anblick des Bruders, und langſam, in Erinnerungen an die gluͤcklicheren Maͤdchenjahre verloren, tritt ſie nun den Ruͤckweg in die Burg an. Wie ein verheerendes Ungewitter ſtuͤrzt aber hier ihr Gemahl auf ſie zu. Von der Terraſſe des Schloſſes herab hat er die Gattinn im Arm eines fremden Mannes geſehen; er hat geſehen, wie ſie dem Ritter ihr Tuch uͤberließ, er hat ge⸗ ſehen, wie ſie noch einmal vom Ufer aus dem Davoneilenden die Arme nachſtreckte, wie dieſer mit den Zeichen der Liebe das Geſchenk aus ihrer Hand an ſein Herz druͤckte, und kein Zweifel an der Schuld Gabrielens findet mehr bei ihm ſtatt. „Elende!“ donnert er ihr entgegen,„Verraͤtherin! — 19— ſtirb, und moͤge den Schaͤndlichen ein gleiches Loos betreffen!“ und mit dieſen Worten ſie erfaſ⸗ ſend, ſtoͤßt er der Ungluͤcklichen, die nur noch ſo viel Zeit behaͤlt, um ſterbend zu rufen:„Es war mein Bruder!“ ſein breites Jagdmeſſer bis an das Heft in die Bruſt. Erſtarrt vor Schrecken uͤber ſeine That, noch mehr uͤber die Folgen, die ſie herbeifuͤhren kann, ſteht Granſon einen Augenblick neben der bluten⸗ den Leiche ſeiner Gattinn, dann aber ſich ſchnell beſinnend, nimmt er ſie auf und traͤgt ſie, das Maas ſeines Frevels voll zu machen, nach dem hinteren Wall ſeiner Burg, von wo er ſie in den See ſtuͤrzt, hoffend, dadurch einen Schleier uͤber ſein Verbrechen zu ziehen, und der Welt glauben zu machen, die Arme ſey durch eigene Schuld in den Fluthen verungluͤckt. Wie jedoch nie der Naͤcher ſchlaͤft, ſo auch hier. Fiſcher aus Yverdun fanden den Leichnam, und am Schmuck und Kleidung die wohlthaͤtige, von Allen geliebte Caſtellanin von Granſon erken⸗ nend, bringen ſie dieſelbe nach Champvent, und legen ſie dem alten, einſam und kinderlos in der weiten Burghalle daſitzenden Vater, vor die Fuͤße. . Gebeugt von Jahren, aber noch kraͤftig, er⸗ hebt ſich bei dieſem furchtbaren Anblick der Greis, und das lange nicht mehr gebrauchte Ritterſchwert von der Wand nehmend, ſchwoͤrt er beim heiligen 2* — 29— Kreuz und ſeiner Mannesehre, den Tod der ge⸗ liebten Tochter an dem Moͤrder zu raͤchen und nicht eher zu ruhen, bis ihr vergoſſenes Blut mit dem Blute des Grauſamen, der ſie in ein fruͤhes Grab ſtuͤrzte, geſuͤhnt ſey. Und wie er geſchworen, ſo hielt er. Nach Granſon ziehend, kaͤmpfte er mit dem Freiherrn bis auf den Tod, und raͤchte in dem Blute des Moͤrders die hingeopferte Tochter, waͤhrend Engu⸗ errand, nichts ahnend von dem Geſchick der Schwe⸗ ſter und den Leiden des Vaters, froͤhlich in der „guten Stadt Arles“ nach dem erſten Danke aus der Hand der ſchoͤnen Grafen Tochter von Pro⸗ vence rang, die ſpaͤter ihm als eheliches Gemahl in die Burg ſeiner Vaͤter folgte, und hier Stamm⸗ mutter jener beruͤhmten, vorher ſchon erwaͤhnten Gabriele von Vergy wurde, deren Liebe, Leiden und Tod durch die Geſaͤnge von dem edlen und tapferen Caſtellan von Coucy und dem wilden Rit⸗ ter Fayel, bis auf die Faunſe Nachwelt heruͤber⸗ geklungen ſind. Jetzt hatte nun zwar der alte Vergy die Toch⸗ ter geraͤcht, aber ſein Gewiſſen, ſo lange ſchlum⸗ mernd, war erwacht, und zum Erſtenmale machte er ſich Vorwuͤrfe, ſeine Toͤchter, nach der rauhen Sitte der Zeit, zu Ehebanden gezwungen zu haben, die ihre eigenen Herzen nicht wuͤnſchten. Nur ein Troſt blieb ihm noch in dieſem Grame, der —-— 21— ſchnell die letzten Kraͤfte ſeines Lebens verzehrte; der, daß er hoffte, Ermenance moͤchte ein gluͤckli⸗ cheres Loos an der Seite ihres Gemahls gefunden haben. Lange hatte er nichts von ihr gehoͤrt, denn entfernt lag Wuͤflans von Champvent, und nicht wie in unſeren, war in jenen Tagen die Verbindung zwiſchen den verſchiedenen Orten durch Briefe und Reiſende leicht. Ach! haͤtte er gewußt, wie elend auch Ermes nance war, noch ſchneller wuͤrde ſein ergrautes Haupt in die Grube geſunken ſeyn.— Fuhlend die Annaͤherung ſeiner letzten Stunde, ſandte er aber nur einen vertrauten Diener uͤber die Berge weg, welche ihn von der einzigen, noch uͤbrig gebliebenen Tochter trennten, und freundlichen Gruß ihr entbietend, ließ er Grinwald erſuchen, ihm die Tochter zu ſenden, damit ſie mit kindli⸗ cher Hand ſein muͤdes Auge ſchließen moͤge. So unangenehm dieſe Botſchaft Azzoni war, ſo ließ ſich das Verlangen doch nicht fuͤglich ab: lehnen. Der Gattinn das Begehren des Vaters mittheilend, ſprach er:„Ziehe hin zu dem Alten, und thue, was die Tochterpflicht erheiſcht; aber huͤte Dich wohl, wenn Dir das Leben Deiner Kin⸗ der lieb iſt, auch nur mit einem Worte Deines oder ihres Geſchickes zu gedenken. Aloyſe und Bertha ſind mir die Buͤrgen Deiner Verſchwiegen⸗ — 22 m— heit; ſie hoͤren auf zu athmen, wenn Du mein Geheimniß verraͤthſt.“ Erſchreckt und weinend verſprach die ungluͤckli⸗ che Mutter zu thun, was der Tyrann ihres Lebens begehrte, und hineilend zu dem ſterbenden Vater, hielt ſie treulich ihr Wort. Kein Laut verrieth dem alten Vergy den Gram, der an ihrer Seele nagte, keine Andeutung ließ ihm das Geſchick ſei⸗ ner Ermenance und ſeiner beiden, nie geſehenen Enkelinnen ahnen: er ſtarb mit der froͤhlichen Ueberzeugung, daß doch dieſer Tochter wenigſtens ein beſſeres Loos gefallen ſey, und mit dem Wun⸗ 3 ſche, daß ſie dem alten Stamme der Azzoni einen Sohn gebaͤren moͤge, der zum Andenken ſeines einſtigen geliebten Herrn und Koͤnigs, Rudolph genannt werden ſollte. Als der Greis aber ſeine Augen dem Lichte der Erde geſchloſſen hatte, da kehrte Ermenance nach Wuͤflans zuruͤck, um hier, nach weniger wie einem Jahre— abermals einer Tochter das Daſeyn zu geben. Bedarf es noch der Andeutung, auf welch Weiſe Grinwald dieſe abermalige Vereitelung ſeiner Hoffnungen aufnahm? Wie die erſten, riß er auch dieſes Kind von der Bruſt der Mutter, und wie ihre Schweſtern, wurde Gabriele— ſo nannte man die Kleine— in einen der Thuͤrme des Schloſſes geſperrt.—— — 23— Ermenance kam jezt faſt nicht mehr von den Stufen des Altars weg. In heißen Gebeten be⸗ ſchwor ſie den Himmel, ihr endlich den rettenden Sohn zu gewaͤhren, deſſen Erſcheinen ihre Leiden endigen und die Kerkerpforten ihrer Toͤchter ſpren⸗ gen ſollte; auch Grinwald, ſonſt wenig um Gott und deſſen Diener ſich kuͤmmernd, that Wall⸗ fahrten, beſchenkte Kirchen und Kloͤſter, und glaubte nun gewiß, es koͤnne nicht fehlen. Aber ach! taub gegen die Thraͤnen der Gattinn, und die eigenſuͤch⸗ tigen Opfer des rauhen Mannes verwerfend, ſchien die Vorſehung den Beſchluß gefaßt zu haben, dem Beſitzer von Wuͤflans ſo viele Toͤchter zu geben, wie das Schloß, welches ihn ſo ſtolz machte, Thuͤr⸗ me hatte, und zum viertenmale niederkommend, ge⸗ bar Ermenance die vierte Tochter. 1 Der Ueberſchwang von Wuth hatte Grinwal bei dieſer Nachricht in eine Art von Erſtarrung ge⸗ ſetzt; eben war er aber im Begriff, nun um ſo furchtbarer in ſeinem Grimm uͤber Mutter und Kind loszubrechen, als die ungluͤckliche Gattinn aus der Tiefe ihres Jammers ſelbſt, den nie gekannten, ſelbſt nie in ſich geahnten Muth ſchoͤpfte, ſich dem tyranniſchen Beginnen des unnatuͤrlichen Mannes und Vaters zu widerſetzen. Mit einer Feſtigkeit, die alle Umſtehende erſchreckte und ſelbſt Grinwald außer Faſſung brachte, erklaͤrte ſie, ihr neugebore⸗ nes Kind an die Bruſt druͤckend, daß keine Ge⸗ ——— 4 walt der Erde ſie von der Kleinen trennen ſollte, und daß ſie von nun an den Himmel ſelbſt bitten wolle, das Geſchenk eines Sohnes einem ſo un⸗ wuͤrdigen Vater auf immer zu verſagen. „Wohlan dann,“ rief, dieſe Worte hoͤrend, hohn⸗ lachend der Tyrann,„es ſey!“ Du ſollſt Dich nicht von der Creatur, der Du das Leben gabſt, tren⸗ nen, aber Du, wie ſie, ſollen die Freiheit nimmer genießen, und weil Du es wagſt, Dich meinem hei⸗ ßeſten Wunſche entgegen zu zeigen, ſollſt Du fuͤrder todt ſeyn fuͤr die Welt. Der vierte Thurm mei⸗ nes Schloſſes ſoll Dich fuͤr immer verſchließen, und an der Seite einer anderen Gattinn, will ich dei⸗ nem Gram und Deinem boͤſen Willen zum Trotz, mir einen Erben meines Namens und meiner Guͤ⸗ ter erzielen.“ 849 Er ging, und gluͤcklich, ihrem Kinde die muͤtter⸗ liche Bruſt zur erſten Nahrung reichen zu koͤnnen, ſank Ermenance, in einem heißen Dankgebete zu Gott, auf ihre Knie. Die Schrecken einer lebens⸗ langen Gefangenſchaft entſetzten ſie nicht, nicht die Drohung des fuͤhlloſen Mannes, eine Andere an ſeine Seite zu nehmen. Sie behielt ihr Kind, ſie ſollte ſich nicht von ihm trennen, ſie ſollte es war⸗ ten und pflegen duͤrfen.... bedarf das Herz einer Mutter noch mehr? Ach! ſie wuͤrde ſich in dieſem Augenblick fuͤr die gluͤcklichſte der Frauen gehalten haben, waͤre nicht das Andenken an ihre drei aͤlteſten Toͤchter in ihr aufgeſtiegen. Daſſelbe Gefuͤhl, welches ihr jetzt die Mauern ihres ewigen Kerkers in dem verklaͤrenden Lichte eines Aſyls der Ruhe erſcheinen ließ, zerſtoͤrte auch wieder die be⸗ ſeligende Illuſion.„O meine Aloyſe! meine Ber⸗ tha! meine Gabriele!“ rief ſie, und ein Strom von Thraͤnen ſtuͤrzte aus ihren Augen auf die kleine Giſella herab, die in gluͤcklicher Benußuofigdenn an dem Buſen der Mutter ruhte. Grinwalds ſtrenges Gebot hatte alle Diene⸗ rinnen aus der Naͤhe der Ungluͤcklichen entfernt; nur eine— Marie hieß ſie— die Frau eines Vaſallen des Ritters, welche ſchon alle die Zeit daher, die Waͤrterinn von Ermenance in ihren muͤt⸗ terlichen Leidensſtunden geweſen war, durfte bei ihr bleiben, und dieſe und Raimund, Azzonis be⸗ reits erwaͤhnter vertrauter Diener, waren auch die einzigen im Schloſſe, die von dem, was ſich ferner mit ihr und ihren Toͤchtern zutrug, Kenntniß hatten. Zwei Tage waren voruͤber, ſeit Grinwald ſei⸗ nen ſchrecklichen Ausſpruch gethan, da trat Rai⸗ mund, gehuͤllt in das Dunkel der Nacht, in das Zimmer und verkuͤndete der Dulderinn, die Stunde ſey da, wo ſie auf immer in den Augen der Welt aus der Reihe der Lebenden ſcheiden muͤſſe, und ſeinen Arm der Wankenden reichend, die, ihr Kind am Herzen, ſchon jetzt einer wandeln⸗ den Leiche glich, fuͤhrte er ſie hinab zu dem vier⸗ — 26— ten und letzten der Thuͤrme von Wuͤflans, hier ihr ein Gemach anweiſend und zugleich das Verſprechen gebend, daß er taͤglich gewiſſenhaft alles ihr Noͤ⸗ thige beſorgen werde. Der Ton der Stimme, mit welchem Raimund der Gefangenen dies verſicherte, war bewegt; ſie glaubte ſelbſt in ſeinem Auge einen Tropfen des Gefuͤhls, der Theilnahme an ihr und ihrer Kinder grauſamem Loſe zu ſehen, und ein Schimmer von Hoffnung blitzte in der Nacht ihres Jammers auf. „Raimund!“ rief ſie,„alter Diener! nie that ich Euch etwas; immer war ich Euch eine milde Ge⸗ bieterinn. Vermoͤgt Ihr es jetzt, mich lebendig zu begraben? Koͤnnt Ihr mein Leiden, meine Thraͤ⸗ nen ſehen? Koͤnnt Ihr den Jammer einer Mut⸗ ter um ihre verlornen Kinder ertragen? Koͤnnt Ihr es ohne zu helfen?.. O nur Einmal, nur ein Einzigesmal laßt mich meine drei Toͤchter ſehen.... nur Einmal ſie an dieſe Bruſt druͤcken, und gern mag dann dieſe Eiſenpforte ſich auf im⸗ mer hinter mir ſchließen. Raimund, erbarmt Euch meiner, wie Gott einſt Eurer ſich erbarmen mag! laßt eine graͤnzenlos Unglüͤckliche nicht verhebens flehen.“ Naimund war ein rauher Kriegsmanns aufße⸗ wachſen unter Kaͤmpfen, geboren gleichſam im Harniſch, war ſein Aeußeres hart wie der Panzer, welchen er trug, und die langjaͤhrigen Dienſte bei * — 27— dem Ritter Grinwald hatten eben nicht dazu ge⸗ dient ſein Benehmen ſanfter, ſeine Sitten milder zu machen. Aber, beſſer wie ſein Gebieter, ſchlug unter dem rauhen Erz ein menſchliches Herz, und oft wandte der Diener mit Abſcheu ſeine Blicke von den Handlungen ab, die er den Herrn bege⸗ hen ſah, an dem er uͤbrigens mit der ganzen Treue und Ergebenheit eines Vaſallen hing, der es fuͤr die erſte aller Pflichten haͤlt, dem Lehnsherrn einen blinden Gehorſam zu weihen. Es laͤßt ſich hiernach denken, daß die ruͤhrenden Bitten der ungluͤcklichen Ermenance, ihn in keine geringe Verlegenheit ſetzten. Heilig hatte er ſeinem Ritter verſprochen, nie der verſtoßenen Gattin ihre andern Toͤchter zuzufuͤhren, und dennoch ergrif⸗ fen ihn die Thraͤnen der Mutter ſo ſehr, dennoch fuͤhlte er, wie grauſam, wie unmenſchlich es waͤre, einer ſo tief in Jammer Verſunkenen, dieſen einen, ſchwachen Troſt zu verſagen..... Ein ſchwerer Kampf zwiſchen dem, was er fuͤr Pflicht hielt, und ſeinen beſſeren Gefuͤhlen, entſpann ſich in ſeiner Bruſt, zum Erſtenmale begann der Vaſall zu pruͤ⸗ fen und zu uͤberlegen.... aber bald ſiegte die Gewohnheit des unbedingten Unterwerfens unter den, wenn auch nicht fuͤr gut, doch immer fuͤr unverletzlich gehaltenen Willen des Gebieters, und er beſchloß, da ſich das loͤblichere Gefuͤhl in ſei⸗ nem Herzen doch nicht unterdruͤcken ließ, wenig⸗ * — 28— ſtens der flehenden Ungluͤcklichen den Troſt der Hoffnung, den Stab aller Leidenden hienieden, nicht zu rauben.„Edle Frau,“ entgegnete er,„was Ihr begehrt, vermag ich nicht zu erfuͤllen, jetzt nicht.... jetzt.... o weint nicht ſo ſehr! ich kann, ich darf nicht.... doch faßt Muth.... Raimund iſt kein Barbar; was ihm der Augen⸗ blick nicht erlaubt, geſtattet vielleicht..... doch jetzt bitte, jetzt beſchwoͤre ich Euch, ſeyd ruhig und denkt an Eure kleine Giſella, die der muͤtterlichen Pflege bedarf...... ſo lange ich lebe..... doch nein! nein! ich werſpreche nichts, ich kann nichts verſprechen; aber verzagt nicht und denkt, daß Rai⸗ mund uͤber Eure anderen Kinder wacht.“ Mit dieſen Worten entfernte er ſich ſchnell und toͤnend ſchloſſen ſich hinter ihm die ehernen Pforten, welche fernerhin Ermenance und ihr Kind von dem Leben der Welt ſcheiden ſollten. Zwei Tage hatte die Caſtellanin von Wuͤflans ſchon hier geſeufzt, fern von aller menſchlichen Ge⸗ ſellſchaft, indem ihr ſelbſt die benoͤthigten Nah⸗ rungsmittel nur durch einen Schieber, gleichſam mit unſichtbaren Haͤnden gereicht wurden, als am Morgen des dritten ein dumpfes Gelaͤute ſie aus dem Schlummer weckte, in welchen Ermuͤdung ſie hatte ſinken laſſen. Erſtaunt horchte ſie auf, bald drangen Grabesgeſaͤnge zu ihrem Ohr. Ein Schau⸗ der durchbebte die Arme; ſie ahnte was vorging, 1 — 29— und um ſich zu uͤberzeugen, kletterte ſie mit An⸗ ſtrengung zu dem kleinen vergitterten Fenſter em⸗ por, durch welches das Gemach ſein ſpaͤrliches Licht erhielt. Aber zu dick waren die Mauern, zu hoch oben das Fenſter, als daß ſie das zu ſehen ver⸗ mocht haͤtte, was unten vorging; die Flammen der Fackeln, welche den Platz vor der Kapelle des Schloſſes erleuchteten, die Todtengeſaͤnge, welche dumpf und ſchauerlich aus der Gruft der Kirche empor toͤnten, der duͤſtere Ton der Glocken, vor allen die, von den Thuͤrmen der Burg ſchwarz um⸗ wunden herabwehenden, Farben der Azzonis und Vergys, verkuͤndeten es ihr aber zur Genuͤge, daß man, waͤhrend ſie hier, umſchloſſen von undurch⸗ dringlichen Mauern, weinend die Haͤnde rang, ſie zum Schein begrub, ſo hoffend, den an ihr began⸗ genen Frevel auf immer vor den Augen der Welt zu verbergen. Grinwald wohnte uͤbrigens dieſer truͤgeriſchen Feierlichkeit nicht bei. Ein Reſt von Schaam und Gewiſſen hielt ihn unter dem Vorwande einer zu großen Betruͤbniß in ſeinem Gemache zuruͤck, und er, der ſich nicht ſcheute, ſeine ſchuldloſe Gat⸗ tinn und Kinder, Miſſethaͤtern gleich einzukerkern, hielt es der Wuͤrde und Ehre eines braven Ritters fuͤr unangemeſſen, einem Leichenzuge zu folgen, der, wie er ſchmerzlich ſich eingeſtehen mußte, nichts wie ein ſtraͤflich elender Betrug war. — 30— Wochen und Monate waren ſeit dieſem Auf⸗ tritt vergangen, da trat endlich Raimund zum Erſtenmale wieder in das Gemach Ermenancens. Das Nahen ſeiner Tritte hatte die ganz geſunkene Hoffnung der Ungluͤcklichen wieder belebt; zu wel⸗ chen Erwartungen laͤßt ſich ein Mutterherz nicht hinreißen! Schon glaubte ſie, indem die Riegel ihres Kerkers ſich oͤffneten, Kinderſtimmen, die Stimmen ihrer Kinder zu vernehmen.. ver⸗ gebener Wahn! traurige Taͤuſchung! der Knappe trat allein herein. „Raimund!“ rief ſie ihm entgegen,„Rai⸗ mund! Ihr kommt allein?.... allein! ohne meine Toͤchter?“ Der Krieger ſtand einen Au⸗ genblick ſchweigend, mit niedergeſchlagenen Blicken da. Die Roͤthe der Schaam uͤberflog ſeine ge⸗ braͤunten Wangen; er, der nie gezittert hatte, reichte mit bebender Hand der Mutter ein beſchrie⸗ benes Blatt hin. Erbleichend griff Ermenance da⸗ nach; es war von Grinwald. „Euere Toͤchter,“ ſchrieb der Barbar,„ athmen nicht mehr. Auf meinen Befehl verſchwieg man Euch ihren Tod, waͤhrend Eurer letzten Schwan⸗ gerſchaft. Ich wollte Euch damals ſchonen; jetzt verdient Ihr dieſe Ruͤckſicht nicht mehr. Aloyſe und Bertha ſtarben bereits, waͤhrend Ihr in Champ⸗ vent ward; Gabriele uͤberlebte ihre Geburt nur wenige Wochen. Jetzt, da Eure vierte Tochter nur * — 31— noch allein da iſt, haͤtte ich mich vielleicht ent⸗ ſchließen koͤnnen, ihre Naͤhe zu ertragen, aber Ihr wagtet es, meinen Zorn zu entflammen, Ihr wagtet es, den Wunſch auszuſprechen, mir keinen Sohn geben zu wollen, und ich erneuere hiermit den Schwur, weder Euch noch ſie jemals wieder zu ſehen. Die Welt haͤlt Euch und Eure Giſella fuͤr todt. Ihr Beide ſeyd feierlich beerdigt worden..... ſelbſt wenn ein Ueberreſt von Zu⸗ neigung.... doch nein! Ich kann, ich will jetzt nicht mehr zuruͤck! Ihr verdient es nicht, Euere Namen bleiben aus der Reihe der Lebendigen ge⸗ ſtrichen.“ „Wenn Ihr Euch Eurem Schickſale in De⸗ muth unterwerft, ſo ſoll es Euch und Giſella an nichts fehlen: zittert aber vor meiner Rache, wenn Ihr es je wagen ſolltet, Euch meinen Anordnun⸗ gen im Geringſten zu widerſetzen. „Grinwald von Azzoni.“ Ihrer Sinne beraubt, ſank Ermenance auf ihr Lager zuruͤck; als ſie wieder erwachte, ſaß Marie, die treue Waͤrterinn, an ihrer Seite und wiegte die kleine Giſella auf ihrem Schooſe. „Todt! Todt!“ rief die ungluͤckliche Mutter, die Haͤnde ringend,„alle todt! alle Iſt es denn aber auch wahr? Marie! ſprich, o ſage, luͤgen dieſe Zeilen nicht?“ — 32— Marie bog ſich ſchweigend uͤber das Kind weg und Thraͤnen ſtuͤrtzten aus ihren Augen. „Alſo wahr! wahr!“ rief Ermenance,„und dennoch machte mir Raimund, als er mich hierher brachte, Hoffnung. „Um das Herz der uner in jenem ſchrecklichen Augenblicke zu beruhigen. O meine beſte, edle Frau, denkt nicht mehr daran, denkt an Euer Kind, an die kleine Giſella; denkt, daß Euer Leben....“ „Meine Giſella? meine Einzige! Ja, du haſt recht. Komm, Kind meiner Schmerzen,“ fuhr ſie fort, das Maͤdchen von dem Schooſe der Waͤrterinn nehmend und ſie feſt an ſich andruͤckend;„komm, kleine Ungluͤckliche, wie ſagte doch Dein Großvater, als ich ihm die Augen zudruͤckte und er ſich ſter⸗ bend noch meiner gemordeten Schweſter erinnerte: „Beſſer jung hinuͤbergehen als das Opfer eines harten Vaters werden.“ Ach! auch ich bin es geworden, auch ich, wie meine Schwe⸗ ſter.... doch ſtill! du ruhſt im Grabe, Vater; kein Vorwurf von den Lippen der Tochter ſoll deine letzte Ruhe ſtoͤren..... auch meine Aloyſe, meine Bertha, meine Gabriele, ſind hinuͤbergegan⸗ gen.... wohl ihnen! ſie werden wenigſtens kei⸗ nem Grinwald, keinem Granſon in die mitleidslo⸗ ſen Haͤnde fallen.“ Eine neue Ohnmacht uͤberfi 1 die Sprecherinn, ſchnell ſich aber wieder erholend, druͤckte ſie ihr Kind Kind an ſich, und es mit beiden Armen umſchlin⸗ gend, ſprach ſie:„Du wirſt nicht ſterben! So grauſam wird der Himmel nicht ſeyn, daß er auch dich mir raubt! Ich will uͤber deinem Leben wa⸗ chen, und gluͤcklich, tauſendmal gluͤcklich mich prei⸗ ſen, wenn man mir nur vergoͤnnt, immer die Schritte Oeiner Jugend leiten zu koͤnnen.“ Eine Ruhe, die ihr bisher fremd geweſen war, zog nun nach und nach in das Herz der Mutter ein. Nicht mehr gequaͤlt durch das Verlangen, ihre anderen Kinder zu ſehen, die ſie wohl aufgehoben im Schooſe des Vaters aller Weſen glaubte, wid⸗ mete ſie ihre ganze Sorgfalt der Erziehung der kleinen Giſella, und nicht lange, ſo fuͤhlte ſie ſich in ihren engen Kerkermauern gluͤcklicher, wie einſt im Schimmer der Pracht an der Seite des rau⸗ hen Gemahls. Nicht alſo erging es dieſem. Beladen mit dem Gefuͤhl ſeiner Schuld erlag er einem duͤſteren Truͤbſinne, den er umſonſt durch den Beſuch rau⸗ ſchender Feſte, umſonſt durch die ihm ehemals ſo werthen Freuden der Jagd und Ritterſpiele zu zerſtreuen ſuchte. Sein Plan, ſich wieder zu ver⸗ maͤhlen, verſchob ſich, ohne daß er ihn deswegen ganz aufgab, von Tage zu Tage, von Monat zu Monat, endlich von Jahr zu Jahr. Das Ge⸗ ruͤcht von dem Ungluͤck, welches Ermenance an ſei⸗ ner Seite erduldet, ſelbſt einige dunkele Muth⸗ — 3 — 34— 4 maßungen, die man uͤber ihr endliches Geſchick hegte, ſchreckte vollends alle Nachbaren von ihm zuruͤck. Laͤngſt ſchon nicht geliebt, war er jetzt das Schrecken aller unverheiratheten Frauenzimmer, und da das Ende der ungluͤcklichen Caſtellanin von Granſon doch die Vaͤter in der Gegend etwas umſichtiger in der Wahl der Gatten fuͤr ihre Toͤchder gemacht hatte, ſo duͤrfte Grinwald jetzt kaum noch einen Burgherren in der Naͤhe gefunden haben, der ſein Kind durch ein vaͤterliches Machtgebot ihm uͤberge⸗ ben haͤtte.— Uebrigens, ſeyen es nun dieſe Be⸗ trachtungen, vielleicht auch einige erhaltene Ab⸗ ſchlaͤge, oder auch die geheimen Mahnungen des Gewiſſens; genug Azzoni ſchien doch zuletzt den Gedanken ſich wieder zu vermaͤhlen, aufzugeben, und ſo manches Jahr Kinder⸗ und Gattinnlos, in truͤber Einſamkeit dahinlebend, mochte wohl manche Stunde tiefer Reue uͤber das Begangene bei ihm kommen. Oft dachte er jetzt, daß, da das Schickſal es ihm einmal verſagt habe, einen Sohn ſein zu nennen, es ihm nicht ſchwer geworden ſeyn duͤrfte, einen wackeren jungen Ritter zu finden, dem er, indem er ihm die Hand einer ſeiner Toͤchter gab, an Sohnesſtatt haͤtte annehmen, und auf dieſe Art wenigſtens den alten Namen der Azzonis vom Untergange retten koͤnnen: aber nun war dies auf immer vorbei, und wenn ihn dieſe Betrachtung, — 35— wie er ſo ganz allein ſich ſelbſt nur ſeine Ver⸗ laſſenheit und ſein Ungluͤck zuzuſchreiben habe, einmal recht ſtark ergriff, dann jagte er oft, um der inneren, mahnenden Stimme zu entfliehen, in das Dickicht der Waͤlder hinaus, und Tage, ja manchmal Wochen vergingen, ehe er wieder, traurig und duͤſter, wie er ausgeritten war, wie⸗ derkehrte, um ſich hier in den entfernteſten Zim⸗ mern ſeiner Burg vor jedem fremden Auge iu verſtecken. Dieſe oͤfteren Aeweſenheiten und dieſe düſtere Zuruͤckgezogenheit, in welcher keiner der Schloßbe⸗ wohner es wagen durfte, ihn zu ſtoͤren, und wo außer einem ganz ergrauten Diener niemand die Er⸗ laubniß hatte in ſeine Naͤhe zu kommen, ſelbſt Raimund nicht ausgenommen, erlaubten dem Letz⸗ teren jetzt mehr, den beſſeren und milderen Gefuͤh⸗ len ſeines redlichen Herzens zu folgen, und der ar⸗ men Gefangenen, die ſeiner Aufſicht anvertraut war, im Geheim manche Erleichterung zu ver⸗ ſchaffen. Zur Belohnung ſeiner guten Dienſte, hatte der treue Vaſall von dem Schloßherrn ein kleines Haͤuschen geſchenkt erhalten, das, auf einen Vor⸗ ſprung des Berges hinausgebaut, ſich wie das Neſt einer Schwalbe an den Thurm lehnte, in welchem Ermenance ſchmachtete. Raimund hatte ſich, ſeit⸗ dem er dies kleine Eigenthum beſaß, verheirathet, 3* — 36— und erſt ohne Wiſſen des Ritters, ſpaͤter mit deſ⸗ ſen, wenigſtens ſtillſchweigender Bewilligung, ſeiner Frau, einer guten, ſanften Perſon, das Amt uͤber⸗ tragen, der Gefangenen ihre taͤgliche Nahrung zu uͤberbringen. Dies war fuͤr Ermenance und Giſella, die unterdeß lieblich und bluͤhend heranzuwachſen be⸗ gann, ein großer Troſt. Eliſabeth, ſo nannte ſich Raimunds Frau— war nicht allein gut und ſanft, ſondern auch nach damaliger Art, wohl un⸗ terrichtet. Sie konnte mit der Rittersfrau plau⸗ dern und der horchenden Giſella die ſchoͤnſten Ge⸗ ſchichten von den Paladinen des großen Karl, von den Rittern der Tafelrunde, von verzauberten Prinzeſſinnen und grimmigen Rieſen und Drachen erzaͤhlen, und da bald nun auch, immer mehr durch ſeine Frau fuͤr die Opfer von Grinwalds Tyrannei gewonnen, Raimund, wenn der Schloßherr abwe⸗ ſend oder in ſein Gemach zuruͤckgezogen war, ſich zu dieſen, meiſt des Abends ſtatt findenden Zuſam⸗ menkuͤnften einfand, und an der kleinen Giſella Anhaͤnglichkeit und kindlichem Frohſinn immer mehr Gefallen fand: ſo lebte Ermenance, aufgehei⸗ tert durch einigen Umgang, jetzt minder ungluͤcklich und wuͤrde, trotz dem, daß Schloß und Riegel ſie von der uͤbrigen Welt trennte, ganz zufrieden ge⸗ weſen ſeyn, haͤtte nicht immer noch zuweilen die 2*₰ — 37— Erinnerung an ihre anderen Kinder den Frieden geſtoͤrt, den ſie genoß. Zwar waͤhnte ſie dieſe laͤngſt im Grabe, laͤngſt wohl aufgehoben am großen, ewigen Vaterherzen, aber vermag eine Mutter je zu vergeſſen? Wenn in der Flucht der Jahre ſich jedes andere Gefuͤhl abſtumpft, jeder andere Schmerz ſchwindet, jede Wunde verharſcht: die Schmerzen, die Wunden eines Mutterherzens heilt keine Zeit; ſie ſind unvergaͤnglich, wie die Liebe deſſelben: ſie enden nur unter der alles ausglei⸗ chenden Decke des Grabes.— Ein einſt von Eliſabeth unvorſichtig hingewor⸗ fenes Wort, trug noch dazu bei, die Erinnerung an ihre erſtgebornen Kinder in Ermenancens Bruſt mit neuer Kraft zu beleben. Raimund und ſeine Frau traten eines Tages zu einer ungewoͤhnlichen Stunde in das Gemach der Gefangenen. Giſella war eben damit beſchaͤftigt, das lange, dunkele Haar ihrer Mutter, nach Sitte der Damen da⸗ maliger Zeit, in mehrere Zoͤpfe zu flechten, und uͤberraſcht von der Laͤnge und Schoͤnheit dieſes Haares, rief Eliſabeth, zu ihrem Manne ſich wen⸗ dend, aus:„O! wie Bertha ihr gleicht!“ „Welcher Bertha?“ fragte Ermenance, von einer wunderbar geheimen Ahnung ergriffen. Eli⸗ ſabeth, erſchrocken uͤber ihre Voreiligkeit, verſtummte ſogleich, und ſah verlegen ihren Mann an, dieſer aber erwiederte, gleichfalls nicht ohne ſichtbare Be⸗ — 38— ſtuͤrzung:„Der Koͤniginn Bertha, deren Gemaͤlde im großen Ritterſaale haͤngt. Wir kennen keine andere.“ Ermenance ſah ihn an, entgegnete aber nichts, und verſank nun in ein tiefes Nachſinnen, zu welchem ihr die Aeußerung der Frau, und Raimunds offen⸗ bar aus der Luft gegriffene Antwort, reichlichen Stoff gab. Ihr Haar war dunkel, und das der Koͤniginn Bertha blond; zudem hatte ſie ſo wenig Aehnlichkeit in Geſtalt und Mienen mit dieſer Fuͤrſtinn, daß Eliſabeth nothwendig eine andere Bertha im Sinne haben mußte, und welche konnte dies ſeyn? welche anders, als ihre Tochter Ber⸗ tha, der Eliſabeth einſt als Waͤrterinn gedient hatte, und die nun im Grabe ruhen— ſollte? „Nein!“ rief das Mutterherz aus;„nein, ſie ruht da nicht! ſie lebt! ſie lebt! und gewiß meine an⸗ deren Kinder auch!“ Von jetzt an beſtuͤrmten Ermenance und auch Giſella den Vogt— denn dazu hatte Grinwald, ſich faſt gar nicht mehr um die Verwaltung ſeiner Guͤter bekuͤmmernd, Raimund erhoben— ihnen das Geheimniß zu entdecken; kennend jedoch die Strenge ſeines Herrn und deſſen unbaͤndigen Zorn, verrieth dieſer nichts und bat nur die Gefangenen ſich zu beruhigen, auf's neue ſeiner Frau, bei Ver⸗ luſt der Erlaubniß Ermenance und Giſella wieder ſehen zu duͤrfen, einſchaͤrfend, mit keiner Sylbe — 39— mehr ſich zu verrathen und im Gegentheil die Ca⸗ ſtellanin von Wuͤflans in dem wankend geworde⸗ nen Glauben zu befeſtigen, daß ihre aͤlteſten Kin⸗ der fruͤh hinuͤbergegangen waͤren. Nach vieler Muͤhe gelang dies endlich den vereinten Bemuͤhungen des Ehepaares; aber ſicht⸗ bar war der uͤbele Erfolg, den dieſe Ueberzeugung auf Ermenancens Geſundheit hatte. Es ſchien ihr, als verloͤre ſie ihre Kinder zum zweitenmale, und umſonſt ſuchten jene und Giſella nun die Wei⸗ nende zu troͤſten. Abermals waren auf dieſe Art einige Monate entflohen, da trug es ſich zu, daß Raimund ſei⸗ nen Herrn auf einem Zuge an den Hof Koͤnig Konrads von Nieder⸗Burgund, wohin den Ritter Grinwald ſeine Lehnspflicht rief, begleiten mußte, und indem Eliſabeth ſomit die alleinige Beſorgung der Gefangenen uͤber ſich hatte, konnte ſie es, geruͤhrt von den Thraͤnen Ermenancens, nicht uͤber ſich gewinnen, ihr und der gleichfalls jetzt immer aͤußerſt niedergeſchlagenen Giſella, nicht einige Er⸗ heiterung zu verſchaffen. Gefolgt von einem jungen Maͤdchen, trat ſie eines Abends, beladen mit den Koͤrben, in welchen ſie immer den beiden Frauenzimmern ihre Lebens⸗ mittel brachte, in das Gemach, und es laͤßt ſich denken, mit welcher Ueberraſchung und Freude Gi⸗ — 40— ſella dieſe unverhoffte, ihr ſo neue Erſcheinung be⸗— trachtete. Schuͤchtern war die Fremde he zingeſchritten; mit erroͤthenden Wangen und niedergeſchlagenen Augen ſtand ſie jetzt vor den Beiden, und wagte die Liebkoſungen, welche ihr die entzuͤckte Giſella erzeigte, nicht zu erwiedern. Ermenance ſaß da⸗ gegen wie verſteinert da, mit brennenden, forſchen⸗ den Blicken das Maͤdchen betrachtend. Ploͤtzlich aber, und eh' noch Eliſabeth Zeit gewann, ſich zu erklaͤren, ſprang ſie auf, und die Hand der Fremden erfaſſend, rief ſie:„Bei allem was hei⸗ lig iſt, beſchwoͤre ich Dich, wie heißt Du? wie alt biſt Du? wo koͤmmſt ſußenn „Es iſt Iſaura,“ fiel nun Eliſabeth e ein,„die Tochter meiner Schweſter Gertrud. Ich glaubte — Euch, edle Frau, und Euch, mein Fraͤulein, eine Freude zu machen, wenn ich ſie einmal mitbraͤch⸗ te, aber nie, nie, dies bitte ich Euch, ſagt mei⸗ nem Mann ein Wort davon. Nie wuͤrde ich dann wieder zu Euch kommen duͤrfen, nie.... 9 Bei den erſten Worten der Frau, hatte Er⸗ menance die ausgeſtreckten Arme ſinken laſſen. „Iſaura!“ rief ſie ſchmerzlich aus;„Iſaura! ach, ſo hieß keine meiner Toͤchter, keine!..... Ungluͤck⸗ liche Mutter! deine Hoffnungen ſind nichts.. „Doch,“ fuhr ſie, ſich hier unterbrechend fort,„ich will nicht undankbar ſeyn. Habe Dank, Eliſa⸗ .— 41— beth, fuͤr Deigen guten Willen, uns eine Aufheite⸗ rung zu verſchaffen; habe Dank auch Du, liebe Kleine, und nn es angeht, ſo kehre oft zu uns, zu Giſella, zuruͤck, die ſich gluͤcklich fuͤhlen wird, eine Geſpielinn in Dir zu finden.“ Dies geſchah, und ſelbſt als Raimund wieder⸗ gekehrt war, erlaubte er, die vermehrte Trauer der Caſtellaninn und Giſellas ſehend, daß Iſaura, von Zeit zu Zeit, die Verlaſſenen beſuchen duͤrfte. Er ſelbſt kam jetzt dagegen weniger wie ſonſt in den Thurm, da Grinwald, alt und ſchwaͤchlich werdend, oft nach ihm verlangte, und er manchmal mehrere Tage hintereinander bei dem, von Gewiſſensbiſſen Gefolterten bleiben mußte. Iſaura war ein wohl erzogenes Maͤdchen, mit dem gluͤcklichſten Aeußeren; Ermenance ſah ſie des⸗ wegen gern ſich innig an ihre Tochter anſchließen, die hinwiederum ſich immer mehr mit der zarteſten Schweſterliebe zu der neuen, ihr ſo willkommenen Freundinn neigte. Beide, Mutter und Tochter, waren uͤbrigens unerſchoͤpflich in Fragen gegen das Mauͤdchen, uͤber ihre fruͤheren Verhaͤltniſſe und uͤber die Vorgaͤnge im Schloſſe. Natuͤrlich! Ermenance hoffte auf dieſem Wege einige Nachrichten in Be⸗ treff der Schickſale ihrer aͤlteren Kinder zu erfah⸗ ren, und fuͤr Giſella, die noch nie weiter, wie innerhalb des Raumes ihres Thurmes gekom⸗ — 42— men war, mußte alles erſtaunenswuͤrdig und an⸗ ſprechend ſeyn, was ſie von jenſeits ihrer Mauern hoͤrte. Leider war das, was Beide erfuhren, nicht viel. Iſaura war beinah eben ſo einſam erzogen worden, wie Giſella, und ob jemals im Schloſſe noch andere Maͤdchen gelebt hatten, wußte ſie nicht. Je weniger ſie aber hiervon zu erzaͤhlen vermochte, deſto mehr und oͤfter plauderte ſie da⸗ gegen von ihrem Bruder Arthur, der, ein Paar Jahre aͤlter wie ſie, jetzt bei dem Ritter Grin⸗ wald als Page diente, und von ihm, der ihn ſehr lieben ſollte, zu einem tapferen Ritter erzogen wuͤrde.„Ach!“ rief ſie,„wenn Du es wuͤßteſt, Giſella, wie gut und huͤbſch er iſt, und wie ſehr er es wuͤnſcht, Dich und Deine Mutter einnial zu ſehen, gewiß Du wuͤrdeſt ihn dann ſo lieben, wie ich ihn liebe; und wenn Du es mir verſprichſt, daß Du dem Vetter nichts davon ſagen willſt, dann bringe ich ihn einmal mit.“ Daß Giſella verſprach, was die Freundinn be⸗ gehrte, laͤßt ſich denken, und die Bitten der Toch⸗ ter und Iſaurens beruhigten auch bald Ermenance, die anfaͤnglich uͤber das voreilige Verſprechen Gi⸗ ſellas ein wenig zuͤrnte, und nicht ohne Aengſtlichkeit ihre Einwilligung zu dem verabredeten Beſuche gab. Wenige Tage darauf brachte nun Iſaura den Juͤngling mit, und waͤhrend Giſella erſtaunt und * * — 45— erfreut mit aller der, ihren Jahren und ihrer Un⸗ erfahrenheit eigenen Offenheit, dem Fremden mit den ſeltſamſten Fragen beſtuͤrmte, erkundigte ſich Ermenance nach ſeinen naͤheren Verhaͤltniſſen zu dem Ritter, und erſchrak nun nicht wenig, als ſie vernahm, wie innig er an die Perſon deſſelben gefeſſelt war.„Junger Knappe,“ ſprach ſie hier⸗ auf,„wenn Ihr einſt ein edler und braver Ritter wer⸗ den wollt, ſo muͤßt Ihr die Geheimniſſe der Damen ehren. Sprecht daher niemals, zu wem es auch ſey, weder von uns, noch daß Ihr je in dieſem Thurme waret.“ „Eher ſtuͤrbe ich!“ rief Arthur, ſich verneigend und die Hand auf das Herz legend, aus.„Ich weiß nicht, wer Ihr ſeyd, edle Frau, noch warum man Euch hier eingeſchloſſen haͤlt; aber das fuͤhle ich, daß Ihr und Eure Tochter nichts Uebeles koͤnnen begangen haben, und, vertraut darauf, daß ich Euch, bin ich erſt Ritter, befreien werde, und ſollte ich mein Leben daran ſetzen. Bis dahin ſchweige ich, und bitte nur um die Gunſt, zuwei⸗ len mit meiner Schweſter wieder herkommen zu duͤrfen.“ „Dies,“ entgegnete Ermenance,„kann ich Euch nicht gewaͤhren. Ich will den braven Rai⸗ mund und auch Euch, junger Mann, nicht ins Ungluͤck bringen.“ Der beſorgten Mutter war die Aufmerkſam⸗ * — 44— keit, welche Giſella dem Juͤngling ſchenkte, und die Blicke deſſelben hinwiederum, nicht entgangen, und ihre und ihrer Tochter Lage kennend, wollte ſie ſich und ihr den Schmerz erſparen, der leicht aus einer weiteren Bekanntſchaft mit einem Juͤngling entſtehen konnte, deſſen Herkunft und Verhaͤltniſſe ihn ſchon auf eine andere, wie ihre Seite ſtellten. Schweigend und mit trauernden Blicken ver⸗ ließ Arthur jetzt mit Iſaura das Gemach, und auch Giſella blickte dem Scheidenden wehmuͤthig nach, die Freundinn noch bittend, doch ja den folgenden Tag wieder zu ihr zu kommen; eine Sache, die dieſe auch verſprach, leider aber nicht zu halten vermochte, da noch an demſelben Abend ein Er⸗ eigniß im Schloſſe alles in Beſtuͤrzung und Ver⸗ wirrung brachte. Eben ſo wenig wie Iſaura, erſchienen auch Raimund und Eliſabeth im Thurm, und mit Angſt und Befremden ſahen die Eingekerkerten jetzt wieder, wie in der fruͤheren Zeit ihrer Gefan⸗ genſchaft, das was ſie zum Leben bedurften, durch den Schieber an ihrer Kerkerpforte ſich gleichſam von unſichtbaren Haͤnden reichen. Ermenance glaubte jetzt nicht anders, als Ar⸗ thur ſey gegen ſie und ihre Tochter zum Verraͤther geworden, und der tyranniſche Grinwald habe Rai⸗ mund und deſſen Familie vielleicht das Amt ihrer Bewachung abgenommen, und nicht minder trau⸗ „ * — 25— rig wie die Mutter, war auch Giſella, nur mit dem Unterſchiede, daß dieſe nicht wie jene, die ploͤtzliche druͤckende Veraͤnderung in ihrer Lebens⸗ weiſe, dem Verrath des jungen Mannes zuſchrieb. Eines Abends nun— wohl eine Woche war ſeitdem vergangen— in dem Augenblick, da Mut⸗ ter und Tochter ſich nach einem, in truͤber Trauer verbrachten Tage niederlegen wollten, klirrten aber ploͤtzlich die Riegel ihrer Thuͤre, und mit einer nie gezeigten Eile, trat Raimund, eine Laterne in der Hand, herein. „Geſchwind,“ ſprach er,„geſchwind, edle Frau, und auch Ihr, Fraͤulein, folgt mir; Ritter Grin⸗ wald— moͤg' ihm Gott gnaͤdig ſeyn!— ſtiebt, und will Euch und Eure Tochter noch einmal ſehen.“. Man denke ſich die Ueberraſchung, welche die beiden Frauenzimmer bei dieſer Anrede empfan⸗ den! Beide erbleichten, Beide zitterten, Beide vermochten ſich kaum aufrecht zu erhalten; den⸗ noch verſuchte es die Mutter, der Tochter Muth einzuſprechen.„Faſſe Dich, liebe Giſella,“ redete ſie ihr zu;„Du ſollſt jetzt Deinen Vater ſehen.... Deinen Vater!.... vielleicht.“ Sie ver⸗ mochte nichts weiter vorzubringen. Schreck, Ueber⸗ raſchung, Angſt, wirkten zu heftig auf die un⸗ gluͤckliche, vieljaͤhrige Dulderinn: ſie ſank erſchoͤpft der ſelbſt wankenden Gabriele in den Arm. — 46— Durch Raimunds Beiſtand ermunterten ſich endlich die Lebenskraͤfte der beiden Frauenzimmer wieder; unterſtuͤtzt von ihm, traten ſie den Weg nach den entlegenen Gemaͤchern an, in welchen Grinwald ſeit Jahren zu hauſen pflegte, und ſo erreichte man das Ende des langen Ganges, der bis zu dieſem anderen Theile des Schloſſes fuͤhrte. Jetzt ſtand man an der Thuͤre; Raimund wollte ſie oͤffnen, da glitt, niedergedruͤckt von den Gefuͤhlen, die ſo ploͤtzlich auf ſie einſtuͤrmten, Er⸗ menance, halb bewußtlos an ſeiner Seite nieder und mit ſtarker Stimme rief nun der Fuͤhrer, die Thuͤre aufreißend:„Aloyſe! Bertha! Gabriele! kommt zum Beiſtand Eurer Mutter!“ und ſchnell wie der Blitz, ſprangen drei junge Maͤdchen auf die Wankende zu, und hoben und trugen ſie auf ihren kindlichen Armen bis vor das Lager, auf welchem der ſterbende Tyrann ihres Lebens lag, an deſſen Seite Arthur uͤber ihn weggebogen lehnte. Die Ueberraſchung, welche Ermenancen ihre Kraͤfte geraubt hatte, gab ſie ihr auch wieder. Die Na⸗ men, welche Raimund ausſprach, waren zu ihrem Herzen gedrungen; ihr halbgeſchloſſenes Auge oͤffnete ſich; ſie ſah ſich in den Armen von drei lieblichen Weſen, die ſie Mutter, Giſella Schweſter nann⸗ ten, und erkannte Iſaura unter der anmuthigen Gruppe wieder, Iſaura, die ihr jetzt von Rai⸗ mund als ihre dritte Tochter, Gabriele, bezeichnet — 47— ward. Warum der Burgvogt von Wuͤflans dieſe gerade unter dem Namen Iſaura als ſeine Nichte hatte erziehen laſſen, wird die Folge dem Leſer aufklaͤren; die anderen Beiden anlangend, ſo hat⸗ ten ſie unter Aufſicht der alten Marie zuſammen in einem der Thuͤrme die letzten Jahre daher zu⸗ gebracht, und Eliſabeth, welche einſt die Amme der kleinen Bertha war, und alle drei Schweſtern mit gleicher Liebe liebte, ſie fleißig beſucht und ih⸗ ren Unterricht uͤbernommen. Iſaura oder Gabriele, brachte ſie aber nie mit zu den beiden Schweſtern, die von deren, ſo wie von ihrer Mutter und Gi⸗ ſellas Daſeyn, bis vor wenigen Augenblicken nicht eine Sylbe wußten: denn alſo war es Grinwalds Wille, der, obſchon in der letzten Zeit ſeines Le⸗ bens, minder grauſam und hart wie fruͤher, doch um alle Schaͤtze der Welt willen, ſein Geheimniß nicht verrathen wiſſen wollte, eine Sache, die na⸗ tuͤrlich ſehr leicht geſchehen konnte, wenn die jun⸗ gen Maͤdchen ihre wahren Verhaͤltniſſe erfuhren. Raimund und ſeine Frau, nebſt der alten Marie, außer ihr die einzigen lebenden Weſen im Schloſſe, welche es kannten, waren aber um ſo geneigter, hierin ſein Verlangen zu erfuͤllen, da theils Furcht vor ſeinem Zorn, theils der maͤchtigſte Hebel zu den Handlungen der Menſchen, ſie feſſelte. Kinder⸗ los, wie Grinwald ſich bisher immer betrachtet, hatte er ſeinem Vogte und deſſen Frau die Hoff⸗ ——— — 46— nung gemacht, den Sohn von Raimunds Schwe⸗ ſter, den jungen Arthur, einſt an Kindesſtatt an⸗ nehmen, und ihm die Titel und Guͤter eines Herrn von Wuͤflans hinterlaſſen zu wollen, eine Ausſicht, die, wie man denken kann, dem Ehepaare aͤußerſt willkommen war, und von ihnen mit der groͤßeſten Freude ſo lange feſtgehalten wurde, bis Eliſabeth in ſpaͤterer Zeit Ermenance kennen lernte. Die Wuͤrde, mit welcher dieſe Dulderinn ihr hartes Loos trug, die Schmerzen, welche ſie um den Verluſt ihrer aͤlteſten Kinder empfand, die Sorgen, welche ihr Herz in Betreff des einſtigen Looſes ihrer Giſella druͤckten, verfehlten nicht, das beſſere und edlere Gefuͤhl in Eliſabeths Bruſt zu erwecken. Die brave Frau empfand bald einen tiefen Abſcheu vor dem Gedanken, ſich und die Ihrigen mit einem an der leidenden Unſchuld be⸗ gangenen Raube zu ſchmuͤcken, und ihren Mann, deſſen Inneres nicht weniger guten Gefuͤhlen of⸗ fen ſtand, bald zu einer gleichen Anſicht bewegend, ſuchten ſie nun vereint den Ritter von ſeinem Plane zu Gunſten des jungen Arthur abzubringen, feſt ſich dabei vornehmend, im Fall ihnen dies nicht gelingen ſollte, nach Grinwalds einſtigem Hin⸗ tritt es ſelbſt auszufuͤhren, und dann der ungluͤck⸗ lichen Mutter und ihren Toͤchtern zu erſtatten, was Unrecht jetzt ihnen entziehen wollte. Voll — 49— Voll von dieſer Abſicht, ſchloß ſich Raimund jetzt ſeinem Gebieter wieder mehr an, wie ſeit ei⸗ niger Zeit geſchehen war, und da der junge Arthur, den Grinwald taͤglich lieber gewann, ſeinem alten Verwandten hierin treulich beiſtand, und nicht min⸗ der edelmuͤthig, wie dieſer, ſich keinen Augenblick bedachte, die ihn erwartenden Vortheile dem Rechte zu opfern: ſo gelang es dem Vogt auch bald, den Ritter nach und nach zu milderen Geſinnungen gegen die Seinigen zu ſtimmen. Dennoch traute ſich Raimund, Azzonis furchtbare Halsſtarrigkeit kennend, noch immer nicht, mit dem Vorſchlage gegen ihn herauszuruͤcken, die Riegel der Kerker fallen zu laſſen, welche die Opfer ſeiner Grau⸗ ſamkeit umſchloſſen: als ploͤtzlich ein unerwartetes Ereigniß den Augenblick der Entſcheidung beſchleu⸗ nigte, und ihm die Gelegenheit verſchaffte, nach welcher er ſo lange ausſah. Wie ſchon oft, war Grinwald einmal wieder allein in den Forſt hinausgejagt, um in der Nacht der Waͤlder Vergeſſen ſeines geheimen Grames zu ſuchen. Gewohnt, ihn oft in mehreren Tagen nicht heimkehren zu ſehen, fiel es auch diesmal nicht auf, daß die Nacht und der Morgen, und wieder die Nacht kamen und der Ritter immer noch nicht wieder in ſein Schloß einritt. Als je⸗ doch der Tag von neuem graute, und noch nichts von Grinwald zu hoͤren war, und die rauhe Jah⸗ 5 4 — 30— reszeit die Gefahren des unſtaͤten Herumtreibens in den Gebirgen erhoͤhte; da glaubten Raimund und die Anderen im Schloſſe doch, es ſey Zeit, ſich nach den Außenbleibenden umzuſchauen, und berittene Boten gingen nun ab von Burg Wuͤſlans, die Umgegend zu durchſpaͤhen; mit ihnen zog aber Raimund ſelbſt aus, getrieben gleichſam von einer geheimen Ahnung nach einem Theile des Gebirges hin, den ſonſt der Jaͤger wie der Wanderer nicht haͤufig zu beſuchen pflegten, weil mancherlei wun⸗ derbare Sagen von hier bei Tage wie bei Nacht ihr Weſen treibenden Unholden, im Munde des Volkes lebten, einſt aber, lange vorher, eh' noch die Koͤniginn Bertha die Thuͤrme von Wuͤflans baute, eine alte Kapelle da ſtand, deren von der Zeit zerſtoͤrte Mauern ſchaurig in dem Dunkel der Fichten ſich bargen. 3 Nicht ohne Muͤhe erreichte der treue Raimund, gefolgt von Arthur und einem reiſigen Knechte, dieſen unheimlichen Ort. Wind und Regenſtroͤme hatten den verwachſenen Pfad dahin noch ungang⸗ barer gemacht; kaum vermochten die Reiter mit ihren Roſſen bis auf die Haͤlfte der Anhoͤhe zu dringen, auf deren Ruͤcken die Ruine lag. Ange⸗ langt hier, wollten ſie ſchon, waͤhnend, es ſey un⸗ moͤglich, daß der Ritter in dieſer Wildniß noch weiter habe vordringen koͤnnen, den Ruͤckweg wie⸗ der ſuchen, als das Wiehern eines Pferdes auf — 651— der Hoͤhe ihre Aufmerkſamkeit erregte. Emſiger, wie vorher, ſuchte man nun noch einen Weg durch das Geſtraͤuch, und als man ihn endlich fand und nun auf den Gipfel kam, da war das Erſte was ſie hier erblickten, das Roß des Ritters, das hier herrenlos umherſchweifte. Eifriger noch begann man nun den Wald nach mehreren Seiten hin zu durchſtreifen: nicht lange, ſo ſtand Raimund vor dem alten Gemaͤuer. Eine Blutſpur zeigte ſich auf den herabgerollten, vor dem Eingang liegenden Steinen. Schauernd, mit gezogenem Schwert, trat Raimund hinein.. Himmel, welch ein Anblick ward ihm hier! Leblos, in todtenaͤhnlicher Erſtarrung lag Grinwald am Boden, ſeine Schaͤrpe mit Blut befleckt um den einen Schenkel gewunden. Der Ruf von Raimunds Jagdhorn fuͤhrte jetzt ſeine Gefaͤhrten herbei; man hob den bewußt⸗ loſen Ritter auf, man unterſuchte die Wunde, und fand den Schenkel furchtbar zerſplittert. Schnell machte man jetzt eine Trage aus Baumzweigen, und waͤhrend Arthur die Roſſe leitete, trugen Raimund und der Reiſige den Ritter den ſteilen Pfad auf der anderen Seite des Berges hinab, wo tief unten in einem einſamen Thale ein Klaus⸗ ner in einer ſelbſt erbauten Huͤtte wohnte. Deerr Mann war weit beruͤhmt in der Gegend umher, nicht blos wegen ſeiner ascetiſchen Froͤm⸗ migkeit, die ihn aus den Kreiſen der Menſchen in . 4* — 52— dieſe Wildniß getrieben hatte, wo der Anachoret Gott wuͤrdiger und beſſer glaubte dienen zu koͤn⸗ nen, wie in der Naͤhe ſeiner Bruͤder, ſondern auch „wegen ſeiner Kenntniſſe in der Wundarzeneikunſt, eine Wiſſenſchaft, die in jenen Tagen, wie faſt jede andere, ausſchließendes Eigenthum des Clerus war. Zu dieſem Frommen und Gelehrten brachte man jetzt den lebloſen Ritter, um ihm hier wo moͤglich die ſchnellſte Huͤlfe angedeihen zu laſſen, und gern unterzog ſich der Waldbewohner der Chriſtenpflicht. Wirklich gelang es ihm auch, die entflohenen Lebensgeiſter Grinwalds zuruͤckzurufen: doch ihn dem nahenden Tode zu entreißen, erklaͤrte er fuͤr unmoͤglich, da der Blutverluſt zu bedeutend, die Kraͤfte des Kranken zu geſchwaͤcht, die Huͤlfe zu ſpaͤt eingetreten ſey. 3 „Wenn dem ſo iſt,“ entgegnete der wieder zum Bewußtſeyn gekommene Grinwald auf dieſe Rede, nund wirklich meine letzte Stunde ſich naht, ſo be⸗ gehre ich weiter nichts mehr, als daß man mich zuruͤck in mein Schloß bringe. Wo ich ſo viele Jahre gelebt, wo ich noch manches anzuordnen habe, will ich auch ſterben. Unruhe der Seele trieb mich, wie oft ſchon, auch diesmal aus den Mauern von Wuͤflans, ſie trieb mich hinaus in den Wald, wo ein ungluͤcklicher Sturz mich hart an jener alten Kapelle zu Boden warf, und ich mein Ende huͤlf⸗ kos und verlaſſen gefunden haben wuͤrde, wenn die 1 7 — 353— Treue meiner Dienſtleute mich nicht hiervor be⸗ wahrt haͤtte; ſie zieht mich jetzt auch wieder dahin zuruͤck, denn gern moͤchte ich noch, eh' ich ſcheide, verguͤten.“ Schwaͤche unterbrach hier den Ritter in ſeiner Erklaͤrung; er ſank auf's neue kraftlos zuruͤck, und man eilte nun um ſo mehr, den Leidenden in die Burg zu ſchaffen, wohin der Klausner ihm folgte, um mit aͤrztlichem und geiſtlichem Rath Koͤrper und Geiſt zu unterſtuͤtzen. So bereitete ſich der Wendepunkt vor, welcher nun in dem Leben Ermenancens und ihrer Toͤch⸗ ter eintrat, und wie gern Raimund, der brave, redliche Beſchuͤtzer der Verfolgten, und ſeine Frau und Neffe den Auftrag vernahmen und vollzogen, Mutter und Kinder an das Lager des ſterbenden Gatten und Vaters zu fuͤhren, bedarf wohl keiner beſonderen Erwaͤhnung. Geſtuͤtzt auf ihre Toͤchter, nahte ſich Erme⸗ nance dem Bette des Kranken, der bebend die matte Hand nach ihr ausſtreckte, und mit gebro⸗ chener Stimme das Wort„Verzeihung“ ausſprach. Wie hätte die ſanfte, die immer gute Frau, dem Eindruck einer ſolchen Minute, dem Ton dieſer Bitte, widerſtehen koͤnnen? Sie hatte ihre Kin⸗ der wieder um ſich..... bedurfte es mehr, um ihr das Leid ſo vieler Jahre vergeſſen zu machen? Weinend, mit der Milde eines Engels, — 332— 1 bog ſie ſich uͤber den Mann weg, deſſen Grauſam⸗ keit ihr Leben vergiftet hatte, und auf ihre knieenden, von dem ernſten feierlichen Auftritt tief ergriffenen Toͤchter blickend, hauchte ſie ihm leiſe die beruhi⸗ gende Verſicherung des Vergeſſens ſeiner Haͤrte zu. Geruͤhrt, mit einer Empfindung, wie er noch nie gehabt, ſah Grinwald jetzt auf die ihn um⸗ ringende Gruppe: ach! wie elend fuͤhlte er ſich in dieſem Augenblick, indem er ſich ſagen mußte, daß er das Gluͤck zu leben und geliebt zu werden ſich ſelbſt entzogen hatte.— Fuͤhlend aber die An⸗ naͤherung der ernſten, ewigen Scheidungsſtunde, richtete er ſich muͤhſam, unterſtuͤtzt von den Haͤn⸗ den der Umſtehenden auf, ſegnete ſeine Toͤchter, bat ſie und ihre Mutter noch einmal um Ver⸗ zeihung, winkte Raimund dann naͤher, umarmte auch ihn, und dann Arthurs und Giſellas Haͤnde ergreifend, ſprach er, ſich an ſeine Gattinn wen⸗ dend:„dies iſt der Juͤngling, den ich den Plan hatte, an Kindesſtatt anzunehmen; er iſt der Neffe meines alten, braven Waffengefaͤhrten, meines treuen Freundes Raimund. Gewaͤhre dem Ster⸗ benden den Wunſch, ihm die Hand unſerer Toch⸗ ter Giſella zu geben. Ich wuͤrde dies gethan ha⸗ ben, wenn mir der Himmel meine Tage laͤnger gefriſtet haͤtte. Glaube mir, Arthur, jetzt noch arm und namenlos, wird einſt unſerem Stamme keine Schande machen; ich ſehe in ihm einen — 55— braven Ritter emporwachſen, und gluͤcklicher, wie Du mit mir, wird Giſella mit ihm ſeyn; ach! er wird den Namen Wuͤflans, den ich ihm verleihe, mehr ehren, wie ich es that.“ Die Schule der Leiden, welche Ermenance durchgemacht, war zu ſtreng geweſen, als daß ein eitler, leerer Hochmuth in dieſem Augenblick ſie haͤtte abhalten koͤnnen, dem letzten Wunſche ihres Gemahls nicht beizupflichten; und dann, war des Jünglings vaͤterlicher Verwandter, der brave Rai⸗ mund, nicht bisher der Schutzengel ihres Lebens geweſen? hatte Eliſabeth, des Juͤnglings Baſe, nicht mit der Liebe einer Mutter uͤber der Jugend ihrer verlaſſenen Toͤchter gewacht? war ſie ihr ſelbſt nicht Schweſter, Freundinn, Troͤſterinn in den Ta⸗ gen ihres Leids geweſen? hatte es nicht von Rai⸗ mund und ſeiner Frau, ſo wie von Arthur ab⸗ gehangen, ſich nach dem Tode des Ritters Grin⸗ wald zu unumſchraͤnkten Herren von Wuͤflans und zugleich hierdurch zu Gebietern uͤber ihr und ihrer Töchter Loos zu mache?n Wahrlich, ſie haͤtte ſehr undankbar, ſehr engherzig, ſehr klein⸗ lich ſeyn muͤſſen, wenn ſie, ſelbſt erſt in dieſem Augenblick gleichſam dem Grabe entſtiegen, nicht gern und willig ihre Zuſtimmung ertheilt haͤtte, und von ihren Kindern umſchlungen, ihre Hand auf das Haupt des vor ihr knieenden Arthur legend, verſprach ſie, ihn fernerhin als ihren lieben Sohn — 56— anzuſehen und Giſella's und ſeinem Herzen nicht zu widerſprechen, wenn Beide erſt mehr herange⸗ reift, dann auch den Wunſch hegen ſollten, den Grinwald jetzt geaͤußert hatte. Ein Blick des Dankes aus dem matten Auge des Ritters, ein hohes Erroͤthen von Seiten Gi⸗ ſella's, ein Ausruf des Entzuͤckens von Arthur, belohnten dieſe Erklaͤrung, und auf einen Wink von dem Sterbenden, fuͤhrte Raimund nun die alſo Verlobten dicht an das Lager Grinwalds, der umſonſt ſich zu ſprechen muͤhte, und nur noch ſo viel Kraft hatte, ſeinem treuen Vogt ein Zeichen zu geben, ihm ſein Ritterſchwert von der Wand zu reichen; dies aber mit matter Hand und einem freundlichen, vaͤterlichen Blick dem knieenden Arthur gebend, verſchied er, noch im letzten Augenblicke das Gluͤck genießend, ſich von den Seinigen um⸗ ringt zu ſehen, zu ſehen, wie ihm ihre Verzeihung ward, wie ihm die Thraͤnen ſeiner Treuen in's Grab folgten. Allgemein ward nun Ermenance als Herrinn des Schloſſes Wuͤflans anerkannt, und von nah und fern ſtroͤmte das Volk aller Staͤnde herbei, die mit ihren Toͤchtern aus dem Grabe Erſtandene zu ſehen. — — 57— Der Pfarrer von Morges ſchwieg hier, und auch mein junger Freund aus Lauſanne ſchien nichts mehr hinzuzuſetzen zu haben. Dies wun⸗ derte mich.„Nun,“ ſprach ich,„iſt denn weiter nichts von den ferneren Schickſalen der ſo ſchwer gepruͤften Caſtellanin von Wuͤflans und deren Toͤch⸗ 3 ter auf die Nachwelt gekommen? Ward der Wunſch des ſterbenden Grinwald, in Betreff ſeines Lieblings Arthur und Giſella's, erfuͤllt? Entſprach der Juͤngling den Erwartungen, die der Ritter von ihm hegte? Fiel ihm in der Folge das Schloß mit ſeinen merkwuͤrdigen Thuͤrmen zu? und welches Loos traf Aloyſe, Bertha und Gabriele?“ Der alte A... v... c laͤchelte.„Ihre Fra⸗ gen,“ entgegnete er mir,„fuͤhren uns, wenn ich ſie beantworten ſoll, einer anderen Gegend zu. Sehen Sie da“— er zeigte mit der Hand nach einer, der Lage von Wuͤflans entgegengeſetzten Seite hin, und da wir uns gerade im Garten des lie⸗ benswuͤrdigen Greiſes befanden, von wo man, hochgelegen wie er war, eine weite und herrliche Ausſicht auf die Hoͤhen und Thaͤler des Waadt⸗ landes genoß, ſo erblickte ich mit leichter Muͤhe jenſeits des klaren Spiegels des Sees, aus dich⸗ ten Baumgruppen, das ſpitze Dach eines Thur⸗ mes ſich heben—„ſehen Sie da die noch vor⸗ handenen Reſte des einſtigen glaͤnzenden Schloſſes Blonai, des Eigenthumes der in den Annalen die⸗ — 58— ſes Landes beruͤhmten Familie gleiches Namens. Wuͤnſchen Sie wirklich die ferneren Schickſale der Perſonen kennen zu lernen, deren Geſchichte ich Ihnen auf Veranlaſſung des Beſuches von Wuͤf⸗ lans mittheilte, ſo fahren wir, wenn es Ihnen recht iſt, an dem erſten heiteren Tage uͤber den See, beſehen uns jene Ruinen, und ich theile Ihnen dann mit, was ich von der Sache weiß.“ Mit Vergnuͤgen nahm ich den Vorſchlag an, und noch in derſelben Woche ruderten wir an einem ſchoͤnen Morgen uͤber den Leman. Einige Herren und Damen aus Morges hatten ſich noch zu uns geſellt; ihr munteres Geplauder belebte die Unterhaltung, und ſo, froͤhlich ſchwatzend, ſingend unnd ſcherzend, erreichten wir das Ufer, auf deſſen hiier ſchroff hinan ſich gipfelnder Höhe, Schloß Blonai mit ſeinen alten, verfallenen Mauern liegt, an denen ſich, wie Kinder an ergraute Aeltern, neue Gebaͤude vertrauend anlehnen; ein Bild der Vergaͤnglichkeit und der nie erſterbenden Wiederbe⸗ lebungskraft der Zeit und ihrer Dinge. Blonai iſt auf einem von den Hochalpen nach der Ebene zu ſich abdachenden Huͤgel erbaut, der nach der Seite des Sees hin, eine faſt kegelfoͤr⸗ mige Geſtalt hat, und von deſſen Ruͤcken der Wande⸗ rer eine der entzuͤckendſten Ausſichten hat, an denen dieſe Gegenden ſo reich ſind. Von den verſchuͤt⸗ teten Waͤllen des Schloſſes, die jetzt von den herr⸗ —-— 539— lichſten Kaſtanienbaͤumen beſchattet ſind, verliert ſich der Blick in eine weite, reizende Ferne. Vor ſich ſieht man den See mit ſeinen begruͤnten Buch⸗ ten und Kruͤmmungen; jenſeits deſſelben ragen die ewig in weiße Schnee⸗Schleier gehuͤllten Haͤupter der Alpen, ergrauten Rieſen gleich, in die Wol⸗ ken; rechts und links dehnen ſich Wieſen, Feld⸗ und Waldſtuͤcke in reicher Fruchtbarkeit aus, und zahlreiche Heerden in der Naͤhe, die rothen Daͤcher einer Menge Doͤrfer und Landhaͤuſer in der Ferne, beleben das anmuthige Ganze. Weiterhin aber, bei klarem Wetter auch ohne Glas einem guten Auge voͤllig deutlich, heben ſich in ſanften Schwin⸗ gungen die Weingelaͤnde von Vevay, aus deren dunkelem Laube, ein freundliches Bild des Fleißes und der Betriebſamkeit, der Ort gleiches Namens hervortaucht, waͤhrend nach einer anderen Seite hin, am Abhange des Jura, die Weinberge von Lavaux und daruͤber hinaus waldige Hoͤhen ſich zeigen, im Suͤd⸗Oſten aber die Rhone ſich, wie ein ſilbernes Band durch gruͤne Wieſen ſchlingt, und den tiefſten Hintergrund auch von dieſer Seite, die rieſigen Gipfel der ſavoyſchen Alpen ſchließen. Lange hatten wir, angelangt auf der Hoͤhe der Terraſſe von Blonai, uns an dieſem Anblick geweidet, da nahm endlich, nachdem ſich die ganze Geſellſchaft in den Schatten eines hohen Kaſtanien⸗ baumes gelagert und ein mitgenommenes Fruͤh⸗ * — 60— ſtuͤk unter Scherzen und Lachen verzehrt war, A... v....c das Wort und begann, verſpro⸗ chenermaßen, wie folget. Ermenance von Vergy, Beſitzerinn jetzt des Schloſſes Wuͤflans, war die erſte Zeit nach dem Hintritt ihres Gatten nur damit beſchaͤftigt, den Charakter ihrer aͤlteſten beiden Toͤchter, die ſie ſeit ihrer Geburt nicht geſehen hatte, kennen zu lernen. Die dritte, die ihr unter dem Namen Iſaura minder fremd geblieben war, glaubte ſie fruͤher bereits durchblickt zu haben, und Giſella, welche nie von ihrer Seite gekommen, und daher natur⸗ gemaͤß das Kind ihres Herzens geworden war, machte ihr in dieſer Hinſicht keine Unruhe; denn, wie haͤtte ſie, die nichts kannte bisher als ihre Mutter und die Mauern, welche ſie umſchloſſen, einen Gedanken in ihrem Inneren naͤhren koͤnnen, den Ermenance nicht kannte! Mit ihren aͤlteren Toͤchtern war es jedoch an⸗ ders, und jemehr die Mutter ihre pruͤfenden Blicke auf ſie richtete, je mehr fuͤhlte ſie dies. Zudem beſtand zwiſchen ihr und ihnen, beſonders Aloyſen und Bertha, nicht jenes Band, das allein durch Gewohnheit ſich gruͤndet, und ſo ſehr dieſe Beiden ſowohl, wie Ermenance ſelbſt, ſich muͤhten, es zu knuͤpfen, immer blieb etwas Fremdartiges, min. — 61— deſtens weniger Vertrauliches und Hingebendes zwiſchen ihnen, wie zwiſchen der Mutter und Gi⸗ ſella, und ſelbſt jener und Iſaura— der man aus Gewohnheit dieſen Namen um ſo lieber ließ, da ihr eigentlicher in Ermenancens Bruſt nur ſchmerzliche Erinnerungen an die, auf ſo grauſame Art verlorene Schweſter weckte— indem die Letz⸗ tere doch ſchon ſeit laͤnger dem Mutterherzen naͤher ſtand, und ſich jetzt auch weniger von demſelben entfernte, wie Aloyſe und Bertha. Aufgewachſen zuſammen unter der Aufſicht der alten Marie, waren dieſe Beiden unzertrennlich. Knuͤpfte ſie doch Alles aneinander! Alle Erinnerun⸗ gen der Kindheit, alle Schmerzen und alle Freu⸗ den der vergangenen Jahre! Eingekerkert noch 36 ihren Thurm, ſangen ſie zuſammen mit leiſen Stimmen die Romanzen, welche ſie die alte Waͤr⸗ terinn gelehrt hatte, und jetzt frei, fanden ſie oft darin ein ſchmerzliches Vergnuͤgen, ſich wieder in das einſame Gemach zu ſetzen, das ſie ſo lange umſchloſſen hatte, um hier aus freierer Bruſt die Geſaͤnge zu wiederholen, welche ihnen ſo manche Leidensſtunde verſuͤßt hatten. Sitzend hier in der Vertiefung des engen Fen⸗ ſters, gedachten ſie dann, wie ſie einſt auch hier ſaßen, und mit ſehnſuͤchtigen Blicken in die weite, lachende Ferne blickten; wie ſie oft von hier aus das Loos der Hirtinn der Flur, des Vogels, der — 62— ſich frei durch die hellen Raͤume des Aethers ſchwingt, beneideten, und wie eint. Doch ich will den Hergang in der Ordnung erzaͤhlen. Zwei Jahre vorher, eh' Grinwald, gebeugt von den Schrecken des nahenden Todes, zu der Erkennt⸗ niß des Unrechtes kam, welches er an den Seinen geuͤbt, ſtanden einſt Aloyſe und Bertha an dem vergitterten Fenſter ihres Gefaͤngniſſes, und ſahen mit Sehnſucht in die blaue, duftige Ferne hinaus, wo Heerden an den Abhaͤngen der Berge weideten und der fleißige Landmann ſeine Furchen zog: da traf ploͤtzlich der Ton einer Laute ihr Ohr und mit ſanfter Stimme hoͤrten ſie folgende Strophe ſingen: „Es ſchleicht zum Thurm, wo ſeine Roſe thront, Der Saͤnger ſtill, zu ſingen ſeine Lieder, Und hochbegluͤckt, wenn Liebesblick ihn lohnt, Kehrt freudig er zu ſeiner Heimath wieder.“ Erſtaunt und betroffen ſahen ſich die Maͤdchen an; ihre erſte Empfindung war ein ſcheues Beben, die zweite, das lebhafteſte Verlangen, den unbekann⸗ ten Saͤnger zu ſehen, der es wagte, in einer Ge⸗ gend, aus welcher jeder Ton der Freude verbannt war, ſich vernehmen zu laſſen. So einſam die Maͤdchen erzogen waren, ſo waren ihnen doch die Bewerbungen mannhafter Ritter um reizende Damen nicht unbekannt. Frei⸗ lich hatten ſie noch nie einen ſolchen Ritter ge⸗ — 63— ſehen, aber deſto mehr von den Abentheuern, die dieſelben um ſchoͤne eingekerkerte Fraͤuleins, die ſchmaͤhliche Beute grauſamer Zauberer und Rieſen, beſtanden, gehoͤrt. Die alte Marie, wohlbewan⸗ dert in den Sagen und Geſchichten der Gegend, hatte ihren Pfleglingen manche einſame Stunde mit Erzaͤhlungen dieſer Art vertrieben, und ſo uner⸗ ſchoͤpflich, begann er einmal, auch der Strom der Rede von den Lippen der guten Alten floß, nie floß er den guten Kindern doch zu haͤufig. Alle Ritter der beruͤhmten Tafel des Koͤnigs Arthur, hatten nach und nach, verſteht ſich in Gedanken, die Eroberung der ja auch in einem einſamen Thurme ſchmachtenden Schoͤnen gemacht. Lancelot war ſo brav, Triſtan ſo zaͤrtlich, Esplandian ſo ſchoͤn, daß man durchaus nicht umhin konnte, ſie zu lieben; vor allen aber war doch Amadis der Liebling der ſanften Aloyſe, waͤhrend ſich die leb⸗ haftere Bertha, den unternehmendern Galaor lobte. Man kann denken, daß, angefuͤllt mit ſolchen Traͤumen und Ideen, der ſo unverhofft unter ihren Fenſtern ſich hoͤren laſſende Geſang, einen großen, einen gewaltigen Eindruck bei ihnen her⸗ vorbrachte. Alle die Bilder der Phantaſie, mit denen ſie ſich im Stillen beſchaͤftigt hatten, tra⸗ ten nun auf einmal in's Leben, die bewunderten Paladine waren da, uͤber die truͤbe Einfoͤrmigkeit der bedruͤckten Gegenwart hob ſich eine bluͤhende, A. — 64— romantiſche, reizende Zukunft in dem bunten Far⸗ benſchimmer ſeliger Erwartungen empor. „Aloyſe!“ rief Bertha;„Aloyſe, das gilt gewiß Dir! Der Saͤnger meint Dich! Dich! Du gluͤckliches Maͤdchen. Du biſt die Roſe, die er liebt.“ Mit hocherroͤthenden Wangen war Aloyſe, waͤh⸗ rend die Schweſter noch ſo ſprach, leiſe auf eine kleine Erhoͤhung in der Mauer geſtiegen, und hatte verſtohlen einen Blick durch die Scheiben gethan, um wo moͤglich den am Fuße des Thur⸗ mes ſtehenden Saͤnger zu ſehen; aber umſonſt! zu dick waren die Mauern, zu dicht die Gitter.... mit einem Seufzer zog ſie ſich, noch erroͤthender wie vorher, und die Augen vor den laͤchelnden Blicken der Schweſter niederſchlagend, zuruͤck. „Ei,“ ſprach Bertha jetzt,„Du weißt es auch gar nicht anzufangen. Meint der Ritter auch nicht mich, ſo will ich ihn doch wenigſtens ſehen, und waͤr' es auch nur, um Dir ſagen zu koͤnnen, ob er ein Amadis oder ein Galaor iſt.“ Das Maͤdchen ſchob mit dieſen Worten einen großen Tiſch an das Fenſter, und ſchnell hinauf kletternd, gelang es ihr, einen Blick auf den Abhang wer⸗ fen zu koͤnnen, der ſich vom Fuße ihres Thurmes bis zum Thal hinab zog.„O ſieh! ſieh Aloyſe! dort reiten ſie hin. Ach es ſind zweie, zwei Rit⸗ terl.. Aber,“ ſetzte ſie ſogleich wehmuͤthig hinzu, — 656— hinzu,„einer ſang ja nur, Dein Ritter, Aloyſe; der Andere wird wohl nur ſein Knappe ſeyn.“ Aloyſe war jetzt auch auf den Tiſch geſtiegen, und ſich ſchuͤchtern hinter der Schweſter haltend, ſprach ſie leiſe„Du irrſt, Bertha; ihre Helme, ihre Schilde ſind die naͤmlichen; es ſind ein Paar Waffenbruͤder, ein Paar Paladine, die zuſammen auf Abentheuer ausziehen, wie Marie uns dies oft erzaͤhlt hat.“—„Mag es,“ erwiederte die Schweſter,„der Eine ſang doch nur..... doch ich bin auch ſo zufrieden, wenn Dein Ritter Dich nur befreit. Wie er wohl heißen mag? und ob er wieder koͤmmt? was meinſt Du, Aloyſe?“ „Gewiß nicht. Der Zufall fuͤhrte ſie voruͤber.“ „Und zufaͤllig beſang er hier die Roſe im Thurme?“ „Gewiß. Wie kannſt Du nur glauben....“ „Ich glaube, was Du ſelbſt glaubſt, Du ſchuͤch⸗ terne Taube, und was Du Deiner Schweſter nur nicht geſtehen willſt.“ Daß von nun an das Geſpraͤch der beiden Maͤdchen ſich um nichts wie um dieſe Axe drehte, verſteht ſich, und bald ſollte ihnen eine neue An⸗ regung werden. Ein Paar Tage waren vergangen, da toͤnte eines Abends, als Alles im Schloſſe bereits ſchlief, die Laute aus der Tiefe des Thales von neuem zu ihnen herauf, und erſchrocken, freudig an das 2 5 — 66— Fenſter eilend, erblickten die Schweſtern im Mond⸗ licht zwei Geſtalten, die leiſe die Hoͤhe heraufſtie⸗ gen, und deren Eine nun, angekommen am Fuße des Thurmes, mit gedaͤmpfter Stimme die Stro⸗ phe von neulich wiederholte. Die Finger auf den Mund, ganz Ohr, horch⸗ ten die Schweſtern mit klopfenden Herzen dem Geſange; keine Sylbe entging ihnen davon; dies⸗ mal beſchloß der Saͤnger ſein Lied mit den Wor⸗ ten: 4 „O ſchoͤne Roſe! gieb von Deiner Hand Ein Liebeszeichen ihm bei ſeinem Scheiden. Dann zieht Dein Saͤnger froh durch Stadt und Land, Mag Kaiſer nicht und Koͤnige nicht neiden.“ Vorſchnell riß Bertha jetzt den Guͤrtel mit der ſilbernen Agraffe, welcher ihr Gewand feſt hielt, los, und ehe noch die bedachtere Aloyſe ſie ab: halten konnte, warf ſie ihn durch das Gegitter dem Untenſtehenden zu.— Marie trat in dieſem Augenblick herein; wie froh waren die Maͤdchen, daß es dunkel um ſie her war. Ihr Erroͤthen, ihre Bewegung, wuͤrde ſie unfehlbar den Blicken der ſorgſamen Waͤrterinn verrathen haben, und daß dann keine kleine, uͤbrigens wohlverdiente Strafßredigt erfolgt ſeyn wuͤrde, konnten ſie denken. Eine lange Zeit verging jedoch jetzt, dhne daß K wieder etwas von den Abentheurern vernahmen, 2— — 67— deren Erſcheinen ihnen ſo vielen Stoff zur Unter⸗ haltung gab.„Siehſt Du wohl,“ ſprach Aloyſe nun,„daß ich Recht hatte, als ich Dir zuͤrnte, daß Du den Guͤrtel hinunterwarfſt? Wer weiß, wer die Fremden waren; ach! wer weiß, was ſie jetzt von uns denken, da Du ihnen ſo voreilig das begehrte Pfand gewaͤhrteſt; wer weiß...“ Sanft ſchmiegte ſich Bertha an die Schweſter an.„Vergieb, liebe Aloyſe, die unbedachte Vor⸗ eiligkeit. Ich ſelbſt warf es mir ſchon oft genug vor..... doch, daß ſie uns vergeſſen haben ſoll⸗ ten, glaube ich nicht. Gewiß haͤlt ein Unfall ſie zuruͤck, wieder etwas von ſich hoͤren zu laſſen, ge⸗ wiß ſehen wir ſie noch einmal wieder.“ Berthas gutes Vertrauen ſchien ſich aber nicht beſtaͤtgen zu wollen. Ein Jahr verging und noch eines, und immer vernahmen ſie noch nichts, weder von dem Saͤnger noch ſeinem Begleiter. Grin⸗ wald ſtarb unterdeß, die Gefangenen erhielten ihre Freiheit, ein neues, glaͤnzenderes Loos oͤffnete ſich ihnen; mancher Rittersſohn aus der Naͤhe ritt auf Burg Wuͤflans ein, um die Schoͤnen, von denen das Geruͤcht ſo viel ſprach, zu ſehen.... aber immer noch dachten Aloyſe und Bertha an jene Beiden, und ſo oft ſie jetzt wieder in dem klei⸗ nen Fenſter ihres einſtigen Geſaͤngniſſes ſaßen, ſprachen ſie immer nur von dem Saͤnger und deſſen Gefaͤhrten. 5* — 686— Ein Umſtand trug nicht wenig dazu bei, dies Anndenken in ihrer Bruſt lebendig zu erhalten. Seit ihnen die Freiheit geworden, beſchaͤftig⸗ ten die Schweſtern ſich gern mit Wartung der Blumen, die ſie einſt nur durch das Gitterwerk ihrer Fenſter hatten bewundern koͤnnen. Unter Anleitung des alten Gaͤrtners des Schloſſes, legten ſie an dem Fuße des Thurmes, welcher ſonſt ihre Wohnung war, ein Gaͤrtchen an, und oft ſah man ſie hier ſchon mit Aufgang der Sonne in voller, rei⸗ zender Thaͤtigkeit. Einſt waren ſie auch wieder da und der Gaͤrtner mit ihnen, da begann der alte Mann, die beiden bluͤhenden Maͤdchen mit geruͤhrten, vaͤterlich wohlwollenden Blicken betrach⸗ tend:„Ach! wie haͤtte ich an dem Tage, an welchem wir Alle im Schloſſe den Tod unſerer guten Gebieterinn ſo aufrichtig beweinten, mir denken koͤnnen, daß ich in meinem Alter ſie und ihte Toͤchter noch einmal wiederſehen wuͤrde! Wie oft habe ich um dieſe alten Thuͤrme hier gearbei⸗ tet, ohne zu ahnen, daß ſie bewohnt waren! ja, und wenn Andere es behaupteten, dann wieder⸗ ſtritt ich immer, denn ich hatte doch nie etwas bemerkt. So ging mir's einſt mit ein Paar frem⸗ den Rittern, die mich deswegen ausfragen wollten, und durchaus behaupteten, daß hier ein Paar En⸗ gel hauſten. Ich alter Thor lachte ſie aus, und meinte, wenn Maͤdchen hinter dieſen Mauern ſtaͤ⸗ — 0—— ken, ſo waͤren es ſicher welche, die nicht viel Be achtung verdienten; Spielwerke fuͤr den Ritter Grinwald vielleicht, oder.....“ „Himmel!“ riefen Aloyſe und Bertha hier erſchrocken aus;„das ſagtet Ihr! und was ent⸗ gegneten die Ritter?“ „Sie waren kluͤger wie ich, und wollten mir nicht glauben; aber am Ende, da ich dabei blieb, meinte der Eine von ihnen doch, ich koͤnne wohl Necht haben, denn ſo ſchnell, wie dies hier geſche⸗ hen, wuͤrfe kein edles Fraͤulein einem Fremden ein Pfand zu, und ſo wenig Luſt der Andere auch dazu hatte, zog er ihn nun mit fort, indem ter ſagte: es zieme ſich nicht fuͤr brave Ritter, noch laͤnger hier zu verweilen.“ Aloyſe ſah Bertha mit einem bedeutenden Blick an, ergluͤhend ſchlug dieſe die Augen zu Boden; der Alte fuhr fort:„Eh' der Andere noch ging, ſah ich, wie er ein Band mit einem ſilbernen Schloß hervorzog, es an ſeine Lippen druͤckte, dann noch einmal nach dem Thurm hinſah, und es hierauf in ſeinem Koller verbarg.“ Jetzt blickte Bertha verſtohlen nach der Schwe⸗ ſter hin, und der Gaͤrtner ſetzte noch hinzu:„Ja, jetzt ſind es wohl zwei Jahre, daß dies ſich zu⸗ trug. Ich habe die Ritter ſeitdem nicht wiederge⸗ ſehen, aber gewiß, es waren ein Paar brave, wak⸗ kere Degen, die ſich recht wohl fuͤr meine guten — 70— gnaͤdigen Fraͤuleins hier, geſchickt haͤtten. Moͤchte mwohl wiſſen, wer ſie waren.“ Gewiß zweifelt niemand daran, daß die Maͤd⸗ ſchen dieſen Wunſch des alten Mannes theilten, ja ſie glaubten, ihn jetzt noch um ſo mehr hegen zu duͤrfen, da es darauf ankam, den Rittern die uͤbele Meinung zu benehmen, die ihnen theils durch des Gaͤrtners Geplauder, theils durch Berthas Uebereilung beigebracht war; eh' ſich ihnen jedoch noch die Gelegenheit bot, dies zu koͤnnen, wollen wir ſelbſt ſehen, wer die beiden Fante waren, die Grinwalds aͤlteſten Toͤchtern ſo viel zu denken und — zu plaudern gaben, und uns uͤberhaupt fuͤr einige Zeit von den Ruinen von Wuͤflans entfer⸗ nen, um zu erfahren, was auf der Stelle, wo wir uns jetzt befinden, in jener grauen Zeit vorging. Seit Jahrhunderten ſtand ſchon damals Schloß Blonai, der Stammſitz des alten und edlen Ge⸗ ſchlechts der Blonais, die oft unter den Fahnen ihrer Fuͤrſten ruͤhmlich kaͤmpften, und deren letzter Sproͤßling erſt bcß wenigen Jahren in's Grab ſank. Unter der Regierung Koͤnig Nudolphs 1 1II. und deſſen Gemahlinn Bertha, lebte hier der Freiherr Aimon von Blonai mit ſeiner Gattin Adelheid von Gruͤyere, in gluͤcklicher, zufriedener Ehe. Ein einziger Sohn, Heinrich mit Namen, war die Frucht dieſer Verbindung, die wahrſcheinlich noch lange — 21— wuͤrde beſtanden haben, denn beide Ehegatten wa⸗ ren noch jung, waͤre nicht der Ruf zum Kampf gegen die Unglaͤubigen durch das Land erſchollen. Einer ſolchen Aufforderung vermochte der tapfere Aimon nicht zu widerſtehen. Gemeinſchaftlich mit ſeinem Freunde und Waffenbruder, dem Herrn der benachbarten Veſte Chatelard, ruͤſtete er ſich zu dem weiten Zuge, und da Chatelard ſeit Jah⸗ ren bereits Wittwer, gleichfalls einen Sohn, Ber⸗ thold mit Namen, hatte, der ungefaͤhr im gleichen Alter mit dem jungen Heinrich Blonai war, ſo beſchloß er, dieſen Knaben nach Blonai zu brin⸗ gen, und ihn hier der Aufſicht der Gattinn ſeines Freundes zu uͤbergeben. Gern uͤbernahm aber die Freifrau von Blonai dieſen Auftrag, und freudig empfing der junge Heinrich den Knaben Berthold, der ihm von die⸗ ſem Augenblick an ſein liebſter Freund und Spiel⸗ gefaͤhrte, er dieſem Bruder wurde. Mehrere Jahre waren die beiden Ritter fort, und nur ſelten kam der trauernden Gattinn Kunde von dem geliebten Gemahl. Froͤhlich und die freu⸗ digſten Hoffnungen erweckend, wuchſen indeß Hein⸗ rich und Berthold heran, und ſehnend ſah die Ca⸗ ſtellaninn von Blonai von Woche zu Woche, von Monat zu Monat, der Ruͤckkehr Aimons, Ber⸗ thold der des geliebten Vaters entgegen; da trat einſt ein Ritter aus der Nachbarſchaft, der gleich⸗ — 72— falls zur Eroberung des heiligen Grabes ausgezo⸗ gen war, in das Schloß, und brachte die ſchrek⸗ kende Kunde, wie Aimon von Blonai in der Schlacht gefallen, ſein Freund in eefanganſchart gefuͤhrt worden ſey. Wer vermag den Schmerz der Dame bei die⸗ ſer furchtbaren Nachricht, wer die Trauer der zu Juͤnglingen herangewachſenen bruͤderlichen Freunde, Heinrich und Berthold, zu ſchildern! Wochenlang in ihr Gemach verſchloſſen, beweinte die gebeugte Wittwe den Verluſt des theueren Gemahls, und Wochenlang ſtellten, im Schmerz um das Schickſal ihrer Vaͤter, die Juͤnglinge ihre gewoͤhnlichen mun⸗ teren Spiele und Beſchaͤftigungen ein. Wie aber nichts auf dieſer Erde von einer ewigen Dauer iſt, ſo auch hier; die ausgleichende Zeit ſtillte den erſten Gram der trauernden Wittwe, und von neuem ſich der Erziehung und der Sorge fuͤr ihre Kinder— denn Sohn war ihr auch Berthold ge⸗ worden— widmend, beweinte ſie nur noch in einſamen Stunden den Verlornen, und richtete hoffend ihre Blicke auf die Zukunft, die ihr in ihrem Sohne eine Stuͤtze und einen Schutz fuͤr die ſpaͤteren Jahre ihres Lebens verhieß. Zwei Jahre trug jetzt Adelheid von Blonai den Wittwenſchleier, ein Theil des Kreuzheeres kehrte von Aſiens fernem Strande zuruͤck, mit ihm Ritter Rudolph von Chatelard. Der Tapferkeit der chriſtlichen Streiter war es gelungen, ſeine Feſ⸗ ſeln zu loͤſen; er kam ſeinen Sohn zu ſehen, der Wittwe den letzten Gruß und Brief des hinuͤber⸗ gegangenen Gatten zu bringen. Mit zitternden Häanden oͤffnete Adelheid das Papier; Aimond ha atte es in der letzten Stunde ſeines Lebens geſchr ieben, an ſeines Freundes Nu⸗ dolph Bruſt hatte er den letzten Seufzer ver⸗ haucht.„Er war mir,“ ſchrieb Aimond,„Freund und Bruder bis zum letzten Hauche; Du mir, mein letzter Gedanke. Sterbend, geliebte Adelheid, hege ich noch einen Wunſch. Allein und ſchutz⸗ los ſtehſt Du und mein Sohn in der Welt daz Nudolph iſt brav und bieder; reiche ihm Deine Hand, und mein Sohn wird wieder einen Vater, Du, geliebtes Weib, wieder einen Schuͤtzer haben.“ Thraͤnen verhinderten die Wittwe weiter zu leſen; ehrerbietig ließ ſich der Ritter von Chatelard vor ihr nieder.„Ich weiß,“ ſprach er,„was mein ſterbender Waffenbruder ſchrieb; erlaubt, Dame, daß ich ſeinen Wunſch wiederhole, und durch ehrfurchts⸗ volle Huldigungen mir den Preiß verdienen darf, den er mir verſprach. Das Andenken an meinen Sohn, und die Hoffnung auf dieſe ſchoͤne Hand, waren die Sterne, welche mir die Nacht meiner⸗ grauſamen Gefangenſchaft erleuchteten. Ihr habt ein treues Herz und einen edlen Ritter verloren; „ — 74— ein treues Herz und ein Ritter von unbeſcholte⸗ nem Namen, bieten ſich Euch wieder dar. 44 Adelheid von Blonai war uͤberraſcht; ſie ver⸗ mochte nicht ſogleich zu antworten; da aber Ru⸗ dolph ſeine Bewerbungen fortſetzte, da er ein edler und guter Mann war, da ſie die Erfuͤllung ſeiner Bitte, als die Erfuͤllung des letzten Wunſches ih⸗ res verſtorbenen Gemahls betrachten mußte; vor allem mit, da ſie die bruͤderlichen Freunde Hein⸗ rich und Berthold nicht trennen wollte, ſo gab ſie endlich den Bitten des Ritters von Chatelard nach, und als abermals ein Jahr vergangen war, reichte die noch immer bluͤhende und reizende Ca⸗ ſtellaninn von Blonai, dem Freunde ihres einſtigen Gatten die Hand vor dem Altare, und ſie hatte nicht Urſache, dieſen Schritt zu bereuen, denn wie ſie einſt auf Burg Blonai eine gluͤckliche Gattinn geweſen war, ſo war ſie es jetzt auch im Schloſſe Chatelard, wohin ſie dem neuen Gemahle folgte. Heinrich und Berthold waren jetzt zu jungen Maͤnnern herangereift; die innigſte Freundſchaft verband beide; ſie lebten, ſie athmeten nur mit⸗ einander, und dennoch boten ſie im Aeußern wie im Innern die groͤßte Verſchiedenheit dar. Ber⸗ thold war kalt, ruhig, beſonnen, nachdenkend; Hein⸗ rich lebhaft, feurig, leicht, ja leichtſinnig mitun⸗ ter. Der Erſtere war groß, ſtark, von etwas fin⸗ ſterem Anſehen, und auf den erſten Anblick, konnte — 75— er faſt unbeholfen erſcheinen; der andere dagegen, zart gebaut und nur von mitteler Groͤße, war das lebende Bild maͤnnlicher Grazie und Anmuth, und wer die Beiden ſo neben einander ſtehen ſah, konnte kaum vermuthen, daß ſie einander ſo viel werth, gleichſam Einer des Anderen zweites Ich war. Aber eben dieſe Ver chiedenheit trug vielleicht, da ſie uͤbrigens auf eine voͤllige Gleichheit der hoͤheren Anſichten des Lebens und des Rechtes gegruͤndet war, am mehrſten dazu bei, ſie ſo unaufloͤslich an einander zu binden; Jeder ergaͤnzte gewiſſer⸗ maßen erſt den Andern; ſie waren zuſammen, was einzeln Keiner allein ſeyn konnte. So mit und in einander lebend, hatte der Zufall ſie bei einem ihrer oft vorgenommenen Streifzuͤge an die Mauern des Schloſſes Wuͤf⸗ lans gefuͤhrt, wo Aloyſens Reiz das leichtbeweg⸗ liche Herz des raſchen Heinrich in Flammen ſetzte, der gern ſogleich irgend eine abentheuerliche That ausgefuͤhrt haͤtte, wenn ſich nicht ſein beſonnenerer Freund widerſetzt haͤtte, welcher uͤberhaupt an dieſem ganzen Begegniß bei weitem weniger Ge⸗ ſchmack fand, wie Heinrich, und ſich die moͤglichſte Muͤhe, wiewohl umſonſt, gab, ihn die Sache ver⸗ geſſen zu machen, da er nach den Aeußerungen des alten Gaͤrtners glaubte ſchließen zu duͤrfen, daß die in jenem Thurm eingeſperrten Damen, nicht die Huldigungen wackerer Ritterjuͤnglinge — 26— verdienten. Hierin pflichtete ihm nun aber Hein⸗ rich durchaus nicht bei; mochte Berthold reden, ſo viel er wollte, er blieb dabei zu behaupten, dies ſey gewiß alles ganz anders, und den theuer auf⸗ bewahrten Guͤrtel hervorziehend, den die muntere Bertha in jugendlicher Unbeſonnenheit dem Saͤnger zugeworfen, ſchwur er hoch und theuer, uͤber kurz oder lang ſich zum Ritter und Retter der ſchoͤnen Unbekannten aufzuwerfen, deren Namen er, nach dem im Schloſſe des Guͤrtels eingegrabenen Buch⸗ ſtaben B. ſich bald Bertha, bald Blanka, bald Beatrix, und, der Himmel mag wiſſen, wie noch alles, dachte, und in ſeinem verliebten Eifer ſie ſaͤmmtlich in zahlloſen Geſaͤngen feierte. Sicher wuͤrde es auch dem bedaͤchtigen Ber⸗ thold nicht lange gelungen ſeyn, ſeinen Freund von weiteren Beſuchen der Gegend von Wuͤflans abzuhalten, waͤre Beiden nicht ein Abentheuer auf⸗ geſtoßen, das ſie auf lange in eine hoͤchſt ver⸗ drießliche Lage, ihre Aeltern in den tiefſten Kum⸗ mer ſtuͤrzte. Kupe Adelheid's Denken und Dichten ging jetzt da⸗ hin, unter den Toͤchtern des Landes nach einer Schoͤnen zu ſpaͤhen, deren Stand, Name, Neiz und Tugend ſie wuͤrdig machten, einſt die Hand ihres geliebten Heinrich zu erhalten, von dem ſie freilich nicht ahnete, daß er bereits einer Unbe⸗ kannten ſich geweiht hatte; und nach langem Hin⸗ — 77— und Heruͤberlegen, war ihre Wahl auf eine weit⸗ laͤuftige Verwandte von ihr gefallen, auf die jun⸗ ge und liebenswuͤrdige Leonore von Aigremont, die einzige Tochter des Herren von Aigremont, eines Sproͤßlings des alten franzoͤſiſchen Adels⸗ Hauſes der Pontveyeres. Eine Tagreiſe ungefaͤhr von Blonai, im Thale des Ormonts, gewoͤhnlich das Oberland genannt, lag einſt das Schloß von Aigremont, von dem man jetzt nur noch wenige, ganz zerfallene Ruinen ſieht. Damals beſaß es der ſchreckliche, in der ganzen Gegend als ein grauſamer Wuͤtherich und Tyrann verrufene Archibald von Aigremont, der Vater der ſchoͤnen und ſanften Leonore, die man allgemein eben ſo liebte, wie ihn haßte. Ein boͤ⸗ ſer Nachbar fuͤr die umwohnenden Ritter, ein Schreck⸗ bild fuͤr Wanderer, Wehrloſe und Reiſende, ein fuͤhlloſer Draͤnger ſeiner ungluͤcklichen Untertha⸗ nen, waren Granſon und Grinwald noch Muſter⸗ bilder von Gerechtigkeit und Milde gegen ihn, und verabſcheut von dem ganzen Gau, keinem Men⸗ ſchen trauen duͤrfend, durfte er es nicht wagen, die Mauern ſeines Schloſſes zu verlaſſen, ohne von einer Schaar ſeiner eben ſo abſcheulichen Knechte begleitet zu ſeyn. Fruͤh war Leonorens Mutter ein Opfer der Wildheit dieſes Unmenſchen geworden, bei dem ſich uͤbrigens der bekannte Erfahrungsſatz in ſeinem vol⸗ — 28— len Maße beſtaͤtigte, daß Tyrannen ewig gedruͤckt werden vom unfreiwilligen Gefuͤhle ihrer verdienten Verworfenheit und der daraus entſpringenden Furcht vor der uͤber kurz oder lang hereinbrechenden Vergel⸗ tung. Das Schrecken der Gegend, ſchreckte ihn ſelbſt das leiſeſte Geraͤuſch; fuͤhlend, wie ſehr er die Rache des Himmels und der Menſchen verdient hatte, bebte er vor jedem fallenden Blatt, vor jeder ziehenden Wolke, vor jedem Donner, der erſchuͤtternd die Luft durchrollte, und aͤhnlich hierin der ſpaͤter le⸗ benden Montespan, glaubte er, wenn der Blitz die Wolken zerſpaltete, ſich nur dann ſicher vor dem Arm des drohenden Naͤchers, wenn er die Unſchuld an ſeiner ſchuldbeladenen Seite wußte.*) Unaufhoͤrlich, Tag und Nacht, mußte ſeine fromme Tochter Leonore um ihn ſeyn; ihr Gebet ſollte ſein Schirm beim Rollen des Donners, ihre Mil⸗ de, ihre gewinnende Guͤte, ſein Hort gegen den ſtets befuͤrchteten Andrang ſeiner Feinde, der Men⸗ ſchen, deren heiligſte Rechte er unaufhoͤrlich ver⸗ letzte, ſeyn. Was er genoß, mußte ſie ihm be⸗ reiten und reichen, wenn er ſchlief, ſie an ſeinem Lager wachen; ſie war ſeine einzige Geſellſchaft, ſie ſein einziger Troſt und Stab, und dennoch, wer *) Die bekannte Montespan hielt bei Gewittern immer ein Kind feſt in ihren Armen. Die hei⸗ lige Unſchuld der Kindheit ſollte ſie vor dem drahenden Strahle ſchuͤtzen. — 79— ermißt die Tiefen eines verdorbenen Herzens! und dennoch vermochte die Gegenwart dieſes Engels ſeiner finſteren Seele keine Beſſerung zu bringen! Ach, ſie war ihm nur das Schild, unter deſſen Schutz er ungeſtraft jede Uebelthat glaubte uͤben zu koͤnnen.— Haͤufig hatte Adelheid ihren Soͤhnen von dem traurigen Looſe der Fraͤulein von Aigremont ge⸗ ſprochen, oͤftrer that ſie dies jetzt noch, ſeitdem in der Stille ihre Wahl auf ſie gefallen war, und es laͤßt ſich denken, daß bei einem Paar junger, nach Thaten und ruͤhmlichen Auszeichnungen duͤr⸗ ſtenden Maͤnnern, ſo etwas nicht auf duͤrren Sand fiel. Oft ſprachen beide miteinander von dem grau⸗ ſamen Tyrannen, der nur zu leben ſchien, um ſeinen Mitmenſchen zur Qual zu gereichen, und das Bild des ſchoͤnen, trauernden Maͤdchens, das durch Bande des Blutes und der Pflicht an ein ſolches Ungeheuer gekettet, ſeine Tage in Angſt und Gram, unter Thraͤnen und Seufzen verbrach⸗ te, verfehlte nicht, Heinrichs gluͤhende Einbildungs⸗ kraft zu entzuͤnden.— So kalt und beſonnen Berthold ſonſt auch im⸗ mer blieb, wenn ſein Freund ſich in die wunder⸗ barſten und abentheuerlichſten Traͤume verlor, oder ſich von ſeinen raſchen Gefuͤhlen hinreißen ließ, ſo ſehr ſtimmte er ihm doch diesmal in ſeinen Em⸗ pfindungen gegen Archibald bei, und als einſt in — 80— Heinrich der Gedanke aufſtieg, es ſey ein ruͤhm⸗ liches, einem tapferen Ritter gar wohl ziemendes Unternehmen, den alten Unhold zu fangen, deſſen ſchoͤne Tochter zu befreien, und damit zugleich die Umgegend von ihrem gefaͤhrlichſten Feinde zu erloͤſen, da nickte er, deſſen redliches Herz ſich tief empoͤrt fuͤhlte von den Uebelthaten, die Archibald faſt. Tag fuͤr Tag beging, dem gluͤhenden Sprecher wohl⸗ gefaͤllig Beifall zu und meinte:„ja, ja; ich finde das auch, und wenn ſich die Gelegenheit einſt beut, ſo... Mehr bedurfte es nicht, um Heinrich vollends in Flammen zu ſetzen. Er dachte jetzt an nichts weiter, als einen Weg ausfindig zu machen, das Beabſichtigte auszufuͤhren, und in den Paar Ta⸗ gen, die er hierzu brauchte, wurden die Blankas, die Berthas u. ſ. w., die er ſonſt zu Ehren ſeiner ſchoͤnen Unbefannten im Thurme zu Wuͤflans zu beſingen pflegte, faſt, wenn auch nicht vergeſ⸗ ſen, doch wenigſtens etwas in den Hintergrund geruͤckt. Endlich war er auf dem Reinen. Er und ſein Freund wollten— ſo war ſeine Berechnung— zuſammen verkleidet nach Schloß Aigremont gehen, Einlaß an der einzigen kleinen Pforte, die Archi⸗ balds Argwohn gangbar gelaſſen hatte, und die er gemeinhin, wenn Fremde kamen, vorſichtig ſelbſt oͤffnete, begehren, Deuahölh ſollte das Fraͤu⸗ lein — 81— lein, das, wie er wußte, ſtets dem Vater auf jedem Tritte folgen mußte, ergreifen und nach Chatelard zu Dame Adelheid bringen, er ſelbſt aber wollte im Zweikampf den alten Unhold entweder erlegen oder gefangen fortfuͤhren. Daß Archibald vielleicht nicht ohne bewaffnete Diener an dem Pfoͤrtchen erſcheinen, daß Leonore nicht geſonnen ſeyn konnte, den fremden Juͤnglingen zu folgen, daß Archibald, obſchon bejahrt, doch an Geſtalt und Koͤrperkraft einem Rieſen gleich, den kuͤhnen jugendlichen Her⸗ ausforderer leicht uͤberwinden konnte: daran alles hatte der junge Mann nicht gedacht, und ſeltſam! der ſonſt ſich nie hinreißen laſſende Berthold dachte auch nicht daran, oder ergab ſich doch we⸗ nigſtens bald den redneriſchen Gruͤnden des Freun⸗ des, der angeregt, wie er einmal war, nichts ſpar⸗ te, um den Gefaͤhrten fuͤr den gefaßten Plan zu gewinnen, ein Plan, der ihm um ſo naͤher am Herzen lag, da er nicht zweifelte, hierdurch dem Bruder eine ſchoͤne Beute zu erringen; denn Ber⸗ thold, Berthold— ſo hatte er es ſich ausge⸗ dacht— ſollte dann dem reizenden Fraͤulein von Aigremont die Hand reichen, und er wollte ſich dagegen mit dem ſtillen Lohn begnuͤgen, eine Un⸗ terdruͤckte befreit, den Freund begluͤckt und die Gegend von einem Wuͤtherich geſaͤubert zu haben, vor dem ſie nur zu lange ſchon zitterte.— Ge⸗ wiß, fuͤr einen jugendlichen Feuerkopf gab es 6 — 382— * kaum etwas Romantiſcheres, etwas Anziehenderes, wie dieſe Idee; auch wurde ſie bereits am folgen⸗ den Tage von den Freunden in's Werk geſetzt. Unter dem Vorgeben ſich nach Saleusce, ei⸗ nem auf dem Berge Kuͤbeli noch in ſeinen Rui⸗ nen vorhandenen, den Beſitzern von Blonai zu⸗ gehoͤrigen Thurme zu begeben, wo damals von den Baronen der Herrſchaft ein kleiner Wachtpoſten unterhalten wurde, und wo Ritter Aimon einſt gern im Kreiſe trauter Freunde zu weilen pflegte, wenn ihn die Jagdluſt in dieſe Gegend zog, ver⸗ ließen ſie mit Anbruch des Tages auf ihren leich⸗ ten Roſſen Burg Chatelard, und voll der feoͤhli⸗ chen Hoffnung, ſchon am Abend die reizende Leo⸗ nore in Adelheids Arme fuͤhren zu koͤnnen und Archibald das Handwerk gelegt zu haben, jagten ſie im vollen Lauf der Gegend von Aigremont zu. Aber ach! der Abend kam, und weder ſie ſelbſt noch die ſchoͤne Leonore ritten in Chatelard ein, und ſo verging noch mancher Abend, graute noch mancher Morgen, und immer kehrten die Juͤnglinge nicht zuruͤck. In unſaͤglicher Angſt, in einer Angſt, die nur ein Mutterherz in ihrer ganzen rieſigen Groͤße zu empfinden vermag, blickte Adelheid nach den Ver⸗ lorenen aus, und umſonſt troͤſtete der gefaßtere NRu⸗ dolph die weinende Gattinn. Haͤnderingend ſtand ſie auf dem Soͤller des Schloſſes, wenn es tagte und wenn die Sonne ſank, und ſo oft einer der, in — 3885— die Umgegend, nach allen Schloͤſſern, nach allen Huͤtten, nach allen Schluchten und Thaͤlern ausge⸗ ſendeten Boten, wieder heimkehrte, und immer und immer die traurige Kunde brachte: es ſey nirgends eine Spur von den Verſchollenen zu entdecken, dann zog ſich das Mutterherz krampfhaft zuſam⸗ men, und halbohnmaͤchtig mußte man die Un⸗ gluͤckliche in ihr Zimmer bringen. Ruhig und gefaßt, und wiſſend, wie kecke junge Leute es oft im raſchen Muth und in der Leiden⸗ ſchaftlichkeit ihrer Jahre machen, hatte Ritter Ru⸗ dolph zwei Tage das Außenbleiben ſeiner Soͤhne eben nicht ſehr beachtet, und mehr aus Sorge fuͤr die Gattinn, wie aus Unruhe uͤber ſie, ſich be⸗ gnuͤgt, blos Boten nach ihnen auszuſenden; denn ſicher, ſo glaubte er, ſchweiften ſie, verlockt viel⸗ leicht von Jagdluſt, in den Bergen umher; als aber auch der dritte Tag verging und weder ſie ſelbſt, noch eine Kunde von ihnen kam, als man ſie nirgends und nirgends geſehen haben wollte, da begann auch er zu fuͤrchten, die jungen Wagehaͤlſe moͤchten im Gebirge verungluͤckt ſeyn, und machte ſich nun ſelbſt auf, ſie zu ſuchen.. Wer beſchreibt aber nun erſt die Angſt der Mutter, ihren Schmerz, ihren Gram, als auch er endlich allein und ohne Nachricht heimkehrte. Ihr letzter Hoffnungsſtab war nun gebrochen, nichs gewiſſer mehr, nach ihrem Glauben, als — 84— daß ihr Heinrich und ſein Gefaͤhrte todt waren, daß ſie ſie nie, nie wiederſehen wuͤrde.— Ach! nur ihre Leichen, ihre ſterblichen Ueber⸗ reſte, noch einmal ſehen, noch einmal die irdiſche Huͤlle des geliebten Sohnes an die Bruſt druͤcken zu koͤnnen, dies war alles, was jetzt noch die Mut⸗ ter wuͤnſchte, und auch dieſen einen, traurigen Wunſch ſchien ihr das harte Geſchick zu verſagen. — Keine Spur war von den Lebenden zu ent⸗ decken geweſen, keine fand ſich von den Todten. So emſig auch jede Schlucht der Berge weit umher durch⸗ ſucht wurde, ſo emſig man alle Seen, alle Fluͤſſe durchforſchte, umſonſt!„Sie ſind auf ewig verlo⸗ ren!“ rief mit zerreißenden Toͤnen Adelheid;„mir bleibt auch nicht der Troſt, auf die Aſche meines Heinrichs weinen zu koͤnnen.“ Vier Monate waren jetzt vergangen, ſeit Ber⸗ thold und Heinrich die Heimath verlaſſen hatten; in den weiteſten Kreiſen hatte Rudolph wieder⸗ holentlich ſelbſt in der Gegend nachgeſucht, da faßte der Ritter den Gedanken, nach Frankreich zu ziehen, wo damals, wie ſo oft noch nachher, Parteien im blutigen Kampfe ihr Vaterland zer⸗ riſſen, und wohin, wie er glaubte, Thatendurſt die Soͤhne, deren Tod ihm noch immer nicht ein⸗ leuchten wollte, vielleicht heimlich gefuͤhrt hatte, und Adelheid, nun ganz allein, beſchloß, ſich nach — 35— Blonal zu begeben, um, da es ihr nicht vergoͤnnt war, uͤber dem Grabe des Sohnes zu trauern, wenigſtens an dem Orte, wo ſeine Wiege ſtand, ihren Thraͤnen freien Lauf zu laſſen.— Einem Mutterherzen gewaͤhrt alles Troſt, was auf das geliebte Kind Bezug hat. Die Ungluͤckliche! ſie hoffte in der Erinnerung den Troſt zu finden, den ihr die Zukunft verſagte.— Lange war ihr Gemahl fort, lange war ſie bereits in Blonai, da ſtand ſie eines Abends ſpaͤt noch auf dem Altane, von wo aus ſie einſt, ihren Heinrich an der Hand, dem nach Aſiens Kuͤſten ziehenden Aimon nachgeblickt hatte, und wie da⸗ mals, rannen jetzt, in den dunkelen Oſten hin⸗ ſtarrend, ihre Thraͤnen; da leuchtete auf einmal uͤber das in Nacht gehuͤllte Waldgebirge ein rother Schein ihr zu, und bald gab der Waͤchter auf der Warte mit ſeinem Horne den Bewohnern des Thales das Zeichen, daß jenſeits des Sees ein Feuer ſey, woe? wußte er freilich nicht genau an⸗ zugeben, doch das ſah man deutlich, daß es im Thale des Ormonts war. Wehmuͤthig blickte Adelheid nach der immer hoͤher und hoͤher ſteigenden Gluth.„Ihr Armen!“ rief ſie aus,„wie viele Muͤtter moͤgen dort fuͤr ihre Kinder beben! Ach, ihr ſeyd nicht die einzi⸗ gen Ungluͤcklichen.“. Der Mond ſtieg jetzt uͤber die Berge herauf — 86— und erhellte mit ſeinem Lichte den dunkelen Spie⸗ gel des Sees und die Abhaͤnge der Hoͤhen. Ein Kahn ſtieß vom jenſeitigen Ufer ab; wie ein dun⸗ keler Punkt auf der ebenen Flaͤche glitt er daher; unwillkuͤhrlich verfolgte ihn Adelheid aufmerkſam mit den Augen. Das Fahrzeug kam endlich naͤ⸗ her, deutlicher wurden die Geſtalten in demſelben, immer hoͤher ſtieg die Aufmerkſamkeit der Burg⸗ frau. Jetzt legten die Schiffer unten an, deut⸗ lich konnte Adelheid alles erkennen. Ein Paar Maͤnner ſtiegen aus; ſie hatten eine Trage, auf derſelben lag eine lange rieſige Geſtalt; daneben ſtand ein tief in Schleier gehuͤlltes Frauenzimmer,. ein junger Mann, mit wehenden Federn auf dem Barett, unterſtuͤtzte ſie, neben der Trage war noch ein Anderer.... ein Anderer!„O ewige Guͤte! iſt es moͤglich!“ rief Adelheid, und hielt ſich an dem Gelaͤnder des Altis feſt, um nicht umzu⸗ ſinken. Langſam ging der Zug einen Theil der An⸗ hoͤhe hinauf; die Schiffer fuhren uͤber den See zuruͤck; ſtarr, unbeweglich, die Hand auf das zuckende Herz gedruͤckt, blickte Adelheid, weit uͤber⸗ gebogen in die Tiefe.— Man war an den Pfad ge⸗ kommen, der rechts am Abhange nach Burg Cha⸗ telard ſich hinzieht, hell ſchien der Mond auf die Gruppe....„Heinrich! Heinrich!“ rief die Mut⸗ ter, und ſank bewußtlos an dem Gelaͤnder hin. — 87— Ohnmaͤchtig fanden ſie ihre Dienerinnen noch, als dieſe nach einer Weile kamen, ſich nach der Herrinn umzuſehen. Man trug ſie auf ihr Lager, man brachte ſie wieder zu ſich; nur von ihrem Sohn ſprechend, bald glaubend, ein Traum, ein Geſicht habe ſie getaͤuſcht, bald wieder die Wahr⸗ heit annehmend, brachte ſie den Reſt der Nacht unter den wechſelndſten Beaͤngſtigungen hin. Boten waren ſogleich ausgeſendet worden, um nachzuforſchen, ſie kehrten mit Anbruch des Tages zuruͤck, mit ihnen der ſo lange Vermißte. Noch traute die beſeeligte Mutter ihren Augen nicht ganz, als er eintrat; ſein Geſicht war bleich, ſeine Wangen eingefallen.... es ſchien nur ſein Geiſt zu ſeyn. Aber jetzt ſank er an ihrem Lager nie⸗ der, ſie fuͤhlte ſich von ſeinen Armen umſchloſſen, ſeine Lippen brannten, Verzeihung ſtammelnd, auf ihrer Hand... gluͤckliche Adelheid! gluͤckliche Mut⸗ ter! dein Sohn ruht wieder an deinem Herzen.— Wie erſtaunte ſie jetzt, als ſie das Wagſtuͤck ihres Sohnes und deſſen Freundes vernahm! Als ſie hoͤrte, welche grauſame Haft beide umſchloſſen hatte, und wie Berthold in dieſem Augenblick mit Leonore von Aigremont und dem gefangenen Ar⸗ chibald auf Burg Chatelard ſich befaͤnden, wohin man ſich in der vergangenen Nacht ſogleich bege⸗ ben habe, da keiner vermuthet haͤtte, Adelheid in Blonai zu finden.— — 88— „Nachdem wir,“ begann Heinrich zu erzaͤhlen, „Chatelard an jenem Morgen in der Abſicht ver⸗ laſſen hatten, Archibald zu beſtrafen, die Gegend von ihm zu befreien und ſeine ungluͤckliche Tochter in die Arme unſerer Mutter zu fuͤhren, ſahen wir bald, uns Aigremont naͤhernd, daß das Unterneh⸗ men nicht ſo leicht war, wie wir erſt waͤhnten. Archibald hielt ſtets alle Zugbruͤcken und Thore zu ſeinem Schloſſe, bei Tage wie bei Nacht, ver⸗ ſchloſſen; kein lebendes Weſen durfte, ohne von ihm erſt unterſucht zu werden, weder hinein noch hinaus, kein Ritter ritt je in dieſe finſteren, un⸗ gaſtlichen Mauern ein. Immerwaͤhrend in einem hohen Thurmgemache ſitzend, ſpaͤhte der Tyrann in die Ferne, und ſo wie ſich Jemand wider ſeinen Willen dem Schloſſe naͤherte, ſchoß er mit ſeiner Armbruſt auf den Kommenden.“ „Ein Jaͤger, der uns im nahen Gehoͤlze be⸗ gegnete, theilte uns dieſe wenig ermuthigenden Nachrichten mit. Dieſer Mann und deſſen Sohn allein, durften ſich der Burg nahen. Sie ſtanden in Archibald's Dienſten, und mußten ihn und die wenigen Leute in ſeinem Schloſſe, mit dem beno-⸗ thigten Wild und anderen Lebensmitteln verſehen. Ins Innere kamen aber auch ſie niemals. Wenn ſie bis zu der vorderſten Zugbruͤcke gelangt waren, dann gaben ſie ein Zeichen mit einer daſelbſt be⸗ findlichen Glocke. Archibald, zuweilen aber auch — 89— deſſen Tochter, ſtiegen dann hinab, oͤffneten ein kleines enges Pfoͤrtchen, nahmen ihnen ihre Koͤrbe ab, und ſchloſſen ſtets ſogleich hinter ihnen wie⸗ der zu.“ „Wir wußten dies, und hatten hierauf unſe⸗ ren Plan gebaut, aber wir und der Jaͤger wußten nicht, daß Archibald nur ſcheinbar allein herab⸗ kam, und daß er ſowohl wie ſeine Tochter, ſtets dabei von einigen bewaffneten Reiſigen begleitet waren, die ſich in einer Ecke des dunkelen Gan⸗ ges verborgen hielten, um, wenn ja eine Gefahr drohte, ſogleich hervorſtuͤrzen zu koͤnnen.“ „Durch Geſchenke vermochten wir den Mann, uns ſeine und ſeines Sohnes Kleidung zu leihen; unſere Roſſe blieben, da wir bald wieder zuruͤck⸗ zukehren gedachten, unter ſeiner Aufſicht im Walde zuruͤck. So nahten wir uns, unſere Waffen ver⸗ borgen unter unſeren Kleidern tragend, bepackt mit Wildpret und anderen Sachen, der Burg.“ „Unbeſonnene!“ rief hier Adelheid,„und Ihr dachtet nicht an mich!“— Beſchaͤmt bog ſich Heinrich uͤber die Hand ſei⸗ ner Mutter weg und benetzte ſie mit ſeinen Thraͤ⸗ nen, dann fuhr er nach einer Pauſe fort: „Wir zogen an der Glocke.„Geduld!“ don⸗ nerte eine furchtbare Stimme aus dem Gemache des Thurmes herab, und nun hoͤrten wir, wie der Unhold ſich in Bewegung ſetzte und nach ſei⸗ —-— 90—, ner Tochter rief, die Pforte zu oͤfnen. Voll Hoff. nung flogen unſere Herzen auf. Sie kommt! Sie! das Gluͤck beguͤnſtigt unſer Unternehmen.“ „Die Riegel von der Eiſenpforte, vor welcher wir ſtanden, fielen, aus dem Dunkel des langen Ganges trat uns eine weiße freundliche Geſtalt entgegen, es war Leonore von Aigremont.“ „Nichts argwohnend naht ſie ſich uns und ge⸗ bietet uns, das Mitgebrachte abnehmend, zu blei⸗ ben, bis ſie die Koͤrbe zuruͤck braͤchte. Dieſen Au⸗ genblick glaube ich benutzen zu muͤſſen, um ihr zu ſagen, wer wir ſind und was wir wollen. Ein Schrei des Schreckens entfaͤhrt ihr, ſie will flie— hen; Berthold haͤlt ſie zuruͤck, waͤhrend ich ſie durch die Verſicherung, daß wir ſie nach Chatelard bringen wollen, zu beruhigen ſuche.— Schwei⸗ gend hoͤrt ſie uns an, dann erwiedert ſie:„Ich glaube, meine lieben Vettern, daß Eure Abſichten I mit mir gut und wohlgemeint ſind; ich glaube, daß meine theure Verwandte, Adelheid von Chate⸗ lard und Blonai, mich willig bei ſich aufnehmen wird: aber ich habe einen Vater, und ein Kind darf den nie ohne deſſen Bewilligung verlaſſen. Eilt, Ungluͤckliche, eh' er erfaͤhrt, was Ihr im Sinne habt, und preiſt Euer Gluͤck, daß der Herr von Aigremont nicht hier iſt.“— „Er iſt hier und hat alles gehoͤrt!“ ſchrie Archi⸗ bald, an der Spitze einiger Bewaffneten hervor⸗ — 91— ſtuͤrtzend;„auf! ergreift die Verraͤther und haut ſie nieder.“ 1 4 „Uebermannt, entwaffnet, eh' wir noch im Stande waren, uns zur Wehre zu ſetzen, wurden wir in den Gang hinein und auf den inneren Platz des Schloſſes gefuͤhrt, und ſchon glaubten wir unſer Ende gekommen, ſchon zuckten die Hen⸗ ker ihre Schwerter uͤber unſeren wehrloſen Haͤup⸗ tern, als Leonore mit fliegendem Haare und Ge⸗ wande, ſich ihrem Vater zu Fuͤßen ſtuͤrtzte, und ihn in ſo ruͤhrenden, ſo ergreifenden Toͤnen be⸗ ſchwor, unſeres Lebens zu ſchonen, daß der Wuͤ⸗ therich nicht umhin konnte, einzuwilligen.“ „Wohlan!“ rief er,„um deinetwillen, und weil ich dich treu befunden habe, ſey es; aber weil ſie mir meine einzige Freude, dich, haben rau⸗ ben wollen, ſo ſollen ſie das Tageslicht nicht mehr erblicken, und fortan im unterſten Kerker meines Thurmes ihr boͤſes Wollen bereuen.“ „Und wie der Grauſame ſagte, ſo geſchah es. Hinabgeſchleppt in die Tiefe, ſahen wir den Strahl der Sonne nicht mehr, und wuͤrden ihn wohl nie wieder zu ſehen bekommen haben, wenn die ſanfte Leonore nicht, einem Engel gleich, unſer Leiden gemildert, wenn Archibalds Unmenſchlichkeit nicht endlich den Raͤcher gefunden haͤtte. Eine troͤſtende Geſtalt kam ſie, ſo oft ihr ſchrecklicher Vater ſchlief, — 92— und fie ſich nur einen Augenblick von ſeiner Seite wegſchleichen konnte, zu uns in unſere Nacht, und brachte uns Erquickung; ihrer Guͤte verdan⸗ ken wir das Leben, ihrem milden Troſte den Muth, unſer Ungluͤck, das der Gedanke an Euch und Ritter Nudolph verdoppelte, ertragen zu koͤnnen.“ „ Endlich, wir wußten nicht, wie lange wir ſchmachteten, denn Tage gab es ja nicht fuͤr uns in unſerer ſchrecklichen Einſamkeit; endlich— es war vorgeſtern— vernahmen wir ein furchtbares Laͤrmen und Toben uͤber unſeren Haͤuptern, und wie Waffengeklirr und das Rollen fallender Steine, ſcholl es hinab zu uns, erſt entfernt und dann nah und immer naͤher, und wie wir uns noch ſo erſchoͤpften in Muthmaßungen, und hin und her⸗ ſchwankten zwiſchen Furcht und ſchwacher Hoffnung, da klirrten auf einmal die Riegel unſeres Kerkers, und athemlos, bleich, ein Bild des Entſetzens, ſtuͤrtte Leonore zu uns herein und ſchrie:„Ret⸗ tet Euch! rettet Euch! Ihr ſeyd frei! Aber wenn Ihr edel ſeyd, und mir vergelten wollt, was ich fuͤr Euch that, ſo helft meinem Vater, Eurem Feinde. Seine Vaſallen haben ſich empoͤrt, die Burg ſteht in Flammen, alle ſeine Leute ſind von ihm abgefallen, und jetzt binden ſie ihn und wol⸗ len ein ſchreckliches Gericht mit ihm halten. Ihr zwolltet mich einſt befreien und mich zu meiner Tante Adelheid bringen; erhaltet meinem Vater das Le⸗ ben, und ich folge Euch mit ihm als Gefangene, wohin Ihr wollt. Ohne ihn aber ſuch ich den Tod auf der Stelle, wo er ihn findet.“ „Wir waren aufgeſprungen, und folgten nun unverzuͤglich der guten Tochter, wohin ſie uns fuͤhrte. Himmel, welch' ein Anblick erwartete uns! Von allen Seiten ſchlugen die Flaämmen in die Hoͤhe, ein wildes Schreien toͤnte uns entgegen, kaum vermochten wir noch aus den Thoren des brennen⸗ den Schloſſes zu kommen.— Leonore zog uns einem freien Platze zu. Hier lag der alte Aigre⸗ mont blutend und gebunden am Boden, um ihn her dieſelben Menſchen, denen er ſo lange ein Pei⸗ niger geweſen war. Drohend hatten ſie ihre Waf⸗ fen uͤber ihn gezuͤckt, mit wilden Stimmen ruͤckten ſie ihm ſeine zahlloſen Greuelthaten vor und be⸗ fahlen ihm, ſeine Seele der Gnade Gottes zu em⸗ pfehlen, waͤhrend Andere, jubelnd und ihn ver⸗ hoͤhnend, die Waͤlle und Mauern niederriſſen, hin⸗ ter denen er ſo lange getobt hatte, und die Glut noch mehr anſchuͤrten und verbreiteten.“ „Wir waren in den Kreis getreten, der den geſtuͤrtzten Tyrannen umgab. Halb ohnmaͤchtig lehnte ſich Leonore an Berthold an, ich begann den Erbitterten zuzureden. Mit Muͤhe gelang es mir, ſie von ihren grauſamen Vorſaͤtzen abzubrin⸗ gen; die Einen wollten ihn in die Flammen ſei⸗ ner Burg ſchmeißen, daß er und ſie zugleich auf — 94— 7 immer vertilgt wuͤrden; Andere ſprachen davon, man muͤſſe ſeine zerſtuͤckelten Glieder, zur War⸗ nung fuͤr andere Leuteplager, in der Gegend um die Ruinen her auf Pfaͤhlen aufpflanzen; noch An⸗ dere wollten wieder anders mit ihm verfahren.... Meine Worte, Leonorens Thraͤnen und lau⸗ tes Flehen, erweichten endlich die Herzen; man bewilligte dem Gehaßten, um ſeiner Tochter wil⸗ len, was er nicht verdiente, freien Abzug, und auf eine Bahre gelegt, ließen wir ihn nun von dieſem Ort des Grauens und der Zerſtoͤrung weg⸗ tragen. So zogen wir uͤber das Gebirge weg und uͤber den See, und brachten, nicht ahnend, das Ihr, gute Mutter, hier ſeyd, ihn und die Toch⸗ ter, in der vorigen Nacht nach Chatelard, hoffend, Ihr werdet unſere Retterinn als Tochter aufneh⸗ men und ihr vergelten, was ſie an uns that.“ Heinrich ſchwieg hier, und entzückt ihn von neuem in ihre Arme ſchließend, erwiederte Adel⸗ heid:„Ja, ich nehme ſie auf als Tochter, als theure geliebte Tochter, denn dazu wuͤnſchte ich ſie mir laͤngſt. Vernimm, mein Heinrich, den Plan, den ich ſeit lange ſchon hege. Leonore von Aigremont ward Dir von mir zur Gattinn ausge⸗ ſucht; darum ſprach ich ſo oft von ihr, darum ſchilderte ich Dir ſo oft ihre Guͤte und Liebens⸗ ——— wuͤrdigkeit. Jetzt haſt Du ſie ſelbſt und ganz in ihrer Milde kennen lernen, Du liebſt ſie, Du mußt ſie lieben, wenn Du ein Herz haſt; ſie iſt eine gute Tochter, ſie wird auch eine gute Gat⸗ tinn ſeyn, und ihre Tugenden muß der Himmel ſegnen.“ Nicht ohne Unruhe, mit geſenkten Blicken, hatte Heinrich dieſen Erguß der Mutter angehort. „Leonore Aigremont,“ ſprach er endlich leiſe und zoͤgernd,„iſt ein Engel, den ich verehre, aber.... meine Gattinn kann ſie nie werden.“ „Wie?“ rief Adelheid;„Du liebſt ſie und...“ „Ich liebe ſie, wie man eine Heilige liebt. Sie ſoll mir eine theuere Schweſter ſeyn, eine Schweſter, fuͤr die ich bereit bin, mein Leben zu opfern, aber.. und uͤbrigens wird ſie von mei⸗ nem Freunde und meinem Bruder Berthold ge⸗ liebt; ich aber bin kein Verraͤther an Freundſchaft und Treue.“ „ Und liebt Leonore Berthold wieder?“ fragte die in ihrer liebſten Hoffnung getaͤuſchte Mutter mit einem Seufzer. „Das Fraͤulein von Aigremont,“ entgegnete Heinrich,„iſt uͤber die Empfindungen der Welt erhaben. Ihr frommer Sinn iſt nur auf den Himmel gerichtet. Sie betrachtet uns als ihre Bruͤder; doch hoffe ich, daß meines Freundes treue Huldigungen ihren Willen aͤndern werden, und daß Ihr ſie einſt als Gattinn Eures zwei⸗ — 96— ten Sohnes werdet an das muͤtterliche Herz druͤk⸗ ken koͤnnen.“ Adelheid ſagte nun nichts mehr uͤber dieſe Angelegenheit zu ihrem Sohne, ſondern ruͤſtete ſich, mit ihm nach Chatelard zu ziehen, um Ber⸗ thold und die Anderen daſelbſt zu begruͤßen. Mit Innigkeit ſchloß ſie hier Rudolphs wie⸗ dergefundenen Sohn an die Bruſt, mit Innig⸗ keit die weinende Leonore, deren Vater in Folge der furchtbaren Ereigniſſe, die ihn ſo wohlver⸗ dient betroffen hatten, in eine Verſtandeszerruͤt⸗ tung gefallen war, die ſeine Umgebung zwang, ihn fortwaͤhrend in Banden zu halten. Der Un⸗ gluͤckliche glaubte in ſeinen wilden Raſereien die Geiſter der von ihm Geopferten und Gedruͤckten um ſich zu erblicken, und unter Hoͤllenſchmerzen ein qualvolles Daſeyn hinſchleppend, vermochte nur Leonorens ſanfte Stimme in den wenigen Augenblicken einer lichteren Beſinnung, ihm eini⸗ gen Troſt zu gewaͤhren. Die gute Tochter hatte jetzt nur einen Wunſch, den, in ſtiller Abgeſchiedenheit ihrem Vater ſeine letzten Leidenstage erleichtern zu koͤnnen. Adelheid, geruͤhrt von dieſer kindlichen Liebe, bot ihr den Thurm von Saleuscé zum Aufenthalt an, und freudig ward dieſer Vorſchlag von ihr angenom⸗ men. Nach wenigen Tagen ſchon ſchaffte man den wahnſinnigen Archibald dahin, und mit Sens ſa —— ———— ———— —— — 9z— ſah Berthold die Geliebte dem Ungluͤcklichen fol⸗ gen, doch gab er darum die Hoffnung nicht auf, ſich Leonorens Liebe noch zu gewinnen; a ach! aber nur zu bald machte er die Erfahrung, baß ſein Sehnen ein vergebenes war. „Mein Denken und Beten,“ ankgegneke ihm das Maͤdchen einſt, als er wieder mit ehrfurchts⸗ vollen Bitten ſich ihr genaht—„mein Denken und Beten geht allein dahin, von dem Himmel Gnade fuͤr meinen ungluͤcklichen Vater zu erflehen. Zu ſehr hat das Ungluͤck meine Jugend getruͤbt, zu ſehr haben mich, ſeit ich denken kann, Gram und Schmerz gebeugt, als daß ich die frohe Le⸗ bensgefaͤhrtinn eines braven Ritters werden koͤnnte. Endet einſt der Tod die Leiden meines Vaters, und tilgt, wie ich zu der ewigen Gnade hoffe, ſeine Schuld, dann will ich im kloͤſterlichen Schleier fuͤr das Heil ſeiner Seele beten, dann will ich Gott bitten, daß er die Einſame der fruͤh ent⸗ nommenen Mutter zufuͤhrt;“ und wie Leonore hier ſprach, ſo geſchah es. Ihrem Worte treu, vermochte nichts ſie in ihrem frommen Entſchluſſe zu erſchuͤttern, und als Archibald von Aigremont nach einigen Monaten hinuͤberging, um vor dem ewigen Richter Rechenſchaft zu geben, da begab ſich Leonore, die mit treuer Kindesliebe bis zu ſeinem letzten Hauch in ſeiner ſchrecklichen Naͤhe ausgehalten hatte, in das Kloſter der Urſulinerin⸗ 7— — 9s— nen zu Freiburg im Breisgau, wo ſie bald, ihrer Froͤmmigkeit wegen, in großem Anſehen ſtand, und lange nach ihrem Tode noch von dem Volke der ganzen umliegenden Gegend als eine ſchuͤtzende Hei⸗ lige verehrt wurde, ſo wie ſich denn auch durch Jahrhunderte hindurch unter den Bewohnern des Landes die Sage erhielt: Leonore von Aigremont zeige ſich oft um Mitternacht auf den Ruinen des Thurmes von Saleuses und des Schloſſes ihrer Vorfahren, um hier, wo ſie einſt ſo viel duldete und litt, noch im Tode fuͤr die Seele ihras Vaters zu beten. Waͤhrend dies nun in Chatelard und Sa⸗ leuses vorging, und der brave Berthold ſich im Gram einer ungluͤcklichen Leidenſchaft verzehrte, kam ein Bote aus Beaucaire, dem damaligen Hoflager der Grafen von Provence, von Ritter Rudolph, der Gattinn zu melden, daß er noch nicht ſo gluͤcklich geweſen ſey, etwas von den verlorenen Soͤhnen zu entdecken, und daß er dieſer⸗ halb entſchloſſen waͤre, ſobald ſein Abgeſchickter zurückgekehrt ſeyn wuͤrde, weiter zu ziehen, um ſeine Nachforſchungen fortzuſetten.. Auf dieſe Nachricht baten die brüͤdertichen Freunde ihre Mutter ſogleich, ihnen zu geſtatten, dem beſorgten Vater die Antwort ſelbſt uͤberbrin⸗ gen zu duͤrfen, und Adelheid, die hierin ein gutes Mittel ſah, den Schmerz zu zerſtreuen, welcher 4 — — 999— Berthold druͤckte, bewilligte ihnen dies gern. So zogen ſie denn, begleitet von Rudolphs Diener, ſchon nach ein Paar Tagen den Graͤnzen Frank⸗ reichs zu, und Heinrich bedauerte nichts mehr, als daß ihr Weg ſie nicht an Wuͤflans voruͤber⸗ fuͤhrte, um unter den Mauern der Thuͤrme die⸗ ſes Schloſſes ſeiner ſchoͤnen Unbekannten noch ein Lebewohl, und die Zuſicherung ewiger Treue zu⸗ ſingen zu koͤnnen; denn ſeit das Abentheuer mit Leonore und dem Ritter Archibald geendet war, hatten ſich ſeine Gedanken mit erneuter Kraft dort⸗ hin zuruͤckgewendet, und fleißiger, wie jemals, be⸗ ſang er die geliebte Blanca oder Bertha, oder wie ſie ſonſt heißen mochte. 4 Mit welcher Freude uͤbrigens Ritter Nudolph die Soͤhne empfing, deren Verluſt er nach und nach nun auch ſchon fuͤr gewiß gehalten hatte, laͤßt ſich denken. Mit den Gefuͤhlen eines Vaters druͤckte er beide in gleicher Liebe an ſein Herz, und waͤhrend die nun wieder einſame Adelheid ihre Stunden damit ausfuͤllte, Schloß Blonai zu ſchmuͤk⸗ ken und mehrere reizende Anlagen umher zu ſchaf⸗ fen, damit, wenn ihr Heinrich einſt den Wunſch ihrer Seele erfuͤllte und eine Gattinn heimfuͤhrte, alles recht ſchoͤn und reizend ſey: beſchloß ihr Ge⸗ mahl, die beiden hoffnungsvollen jungen Maͤnner an einige Hoͤfe zu fuͤhren, damit ſie hier theils im ernſtlichen Kampf der Waffen, theils in den 7* — 100— Uebungen der Ritterſchaft ſich vervollkommnen und die goldenen Spornen verdienen moͤchten. Dieſer Wunſch wurde ihm denn auch bald er⸗ fuͤllt; Frankreichs junger Koͤnig ertheilte Rudolphs Soͤhnen ſelbſt den Ritterſchlag, und Deutſchlands Kaiſer, vor allem deſſen Gemahlinn, die edle Adel⸗ heid von Burgund, der alten Koͤniginn Bertha Toch⸗ ter, nahm die Fremdlinge mit Guͤte auf; daß aber der Wunſch von Heinrichs Mutter ſich nicht zu⸗ gleich mit erfuͤllte, und der geliebte Sohn ſich nicht eine Dame in den fremden Landen erkor, die er ſpaͤter in ſein ſchoͤnes Vaterland heimzufuͤhren ge⸗ dachte, daran war nichts ſchuld, als Heinrichs Ei⸗ genſinn, der es ſich nun einmal vorgenommen hatte, nur die Schoͤne im Thurme zu Wuͤflans reiend zu finden. Nicht minder wie uͤber Heinrich, hatten die Damen im Gefolge der Herrſcherinnen von Frank⸗ reich und Deutſchland, Urſache, ſich uͤber Berthold zu beklagen. Zerſtreut zwar etwas von ſeinem Grame um die verlorne Leonore, blieb er dennoch ihrem Andenken treu, und als nach einer Abwe⸗ ſenheit von laͤnger wie Jahr und Tag der Aufruf ſeines Koͤnigs den Ritter Chatelard in die Hei⸗ math rief, da waren die beiden Freunde ſogleich und ohne Schmerz bereit, den glaͤnzenden Hof des großen Otto zu verlaſſen, um an der Seite ihres — 101— Vaters und unter den Fahnen ihres Koͤnigs gegen den Feind zu ziehen. Hugo, Koͤnig von Ober⸗Burgund, hatte naͤm⸗ lich den Nachfolger Rudolphs II., Konrad von Transjuranien, mit Krieg uͤberzogen; vom Gluͤck und ſeinen Vaſallen aber verlaſſen, war er bald genoͤthigt, dem Gegner zu weichen, und nach⸗ dem Ritter Rudolph und ſeine Soͤhne unter Kon⸗ rads Bannern tapfer mit geſtritten hatten, geſchah es, daß Hugo dem Throne entſagen mußte, wor⸗ auf denn Konrad hinfuͤhro„der Friedensſtifter“ genannt, die beiden Kronen auf ſeinem Haupte vereinigte, und ſomit ſich der unſelige Kampf zwi⸗ ſchen ein Paar Nachbarvoͤlkern endete. Jetzt ruͤſteten ſich nun auch Rudolph und feine Soͤhne nach Chatelard zuruͤckzukehren, und mit ge⸗ heimem Entzuͤcken bemerkte Heinrich, daß ihr Weg ſie hierbei ohnfern Wuͤflans, den fortwaͤhrenden Mit⸗ telpunkt ſeiner Wuͤnſche, voruͤber fuͤhrte. Freilich hatte er wenig Hoffnung, jetzt ſogleich eine Kunde von der Geliebten zu vernehmen, oder ſie gar zu erblicken, aber was that das? Sah er doch we⸗ nigſtens die Mauern, welche ſie umſchloſſen, konnte er doch nun bald, recht bald, einmal verſtohlen hinſchleichen. ,. ach! bedarf ein Liebender mehr wie dies, um ſich in die zoſegſen Traͤume zu wiegen? — 102— Die Neiſenden waren in die Naͤhe von Mor⸗ ges gekommen, ſie ritten die Hoͤhe von Tours hinan, ſtolz wie Rieſen ſtiegen die Thuͤrme von Wuͤflans uͤber den Wald empor. Hoch klopfte Heinrichs Herz, mit unverwandten Blicken ſah er nach den glaͤnzenden Zinnen hin. Nudolph be⸗ merkte ſeine Aufmerkſamkeit.„Das iſt Schloß Wuͤflans,“ ſprach er, mit der Hand hindeutend. „Eine Art von Archibald Aigremont wohnt auch hier. Ich habe Grinwald Azzoni gekannt, eh' noch unſere alte Koͤniginn Bertha ihn um ſeines un⸗ gluͤcklichen Bruders Adelbert willen, dieſen ſchoͤnen Sitz ſchenkte. Reiten wir hin und ſehen, was der alte Iſegrimm macht; vielleicht haben Zeit und Erfahrung ihn gebeſſert; er kann es wohl brau⸗ chen. Man kann denken, mit welchem Vergnuͤ⸗ gen Heinrich dieſen Vorſchlag annahm, und wie gern er ſein Roß dahin lenkte, wohin laͤngſt ſeine Wuͤnſche vorausgeflogen waren. Rudolph fuhr fort:„Wohl in zwanzig Jahren habe ich Grin⸗ wald nicht geſehen. Er hatte ſich damals aber erſt mit der ſchoͤnen Ermenance von Vergy ver⸗ maͤhlt, einem Engel von Milde und Reiz, die aber bei ihm kein viel gluͤcklicheres Loos hatte, wie ihre Schweſter Gabriele, welche der wilde Freiherr von Granſon heimfuͤhrte, und ſie ſpaͤter ſeiner unge⸗ techten Eiferſucht opferte. Ermenance iſt nun ſchon ſeit lange todt. Moͤge ſie ſanft ruhen, die 1 — 103— arme Dulderinn; Grinwald ſoll ſein Moͤgliches an ihr gethan haben. Er hoffte auf einen Sohn, und die Gattinn gebar ihm nur Toͤchter. Das war freilich traurig fuͤr Ahiciie⸗ denn wer ſieht gern ſeinen Stamm ausſterben.. aber dennoch?... Man ſprach damals viel von dem ploͤtzlichen Hin, tritt der Caſtellaninn von Wuͤflans und aller ihrer Toͤchter, und manches grauenvolle Geruͤcht durch⸗ lief die Gegend. Mag dem indeß ſeyn, wie ihm will, wir wollen doch bei dem Alten einſprechen. Er war immer rauh und hart, aber dabei doch ein tapferer Ritter, und jetzt, ſchwach und bejahrt, mag er ſich in ſeinem Schloſſe ſehr einſam, viel⸗ leicht ſehr ungluͤcklich fuͤhlen. 4 „Er iſt weder ſo einſam noch ſo ancnc wie Ihr denkt“, fiel Heinrich hier raſch ein.„Er verwahrt in ſeinen Thuͤrmen einen Schatz, den ihm mancher beneidet.“ un 31 Man war unter dieſem Geſpraͤch bis an die Veſte gekommen, an deren Thore Berthold nun auf Befehl ſeines Vaters das Zeichen gab, eingelaſſen zu werden. Ein Diener trat heraus und erkundigte ſich nach den Namen und Begeh⸗ rren der Reiſenden.„Meldet dem Ritter Grin⸗ wald 7 entgegnete Rudolph,„daß der Burgherr von Chatelard und Blonai mit ſeinen Soͤhnen da iſt, und daß er wuͤnſcht, einen Becher Wein mit Eu⸗ — 104— rem Herrn zu leeren, und ihm ſeine Soͤhne vor⸗ zuſtellen.“ „Grinwald von Anoni, ſprach der Diener, „ruht beinahe ſeit zwei Jahren in der Gruft ſei⸗ ner Vaͤter; hier gebietet aber jetzt ſeine todtge⸗ glaubte Gattinn, die edle Ermenance von Vergy.“ „Ermenance von Vergy lebt? Grinwald iſt todt?“ fragte uͤberraſcht der Ritter. „So iſt es,“ antwortete der Diener.„Viele Jahre hielt Grinwald ſeine Gemahlinn und ſeine vier Toͤchter in jenen Thuͤrmen eingeſperrt, die ſie erſt in ſeiner Todesſtunde wieder verließen.“ „In jenen Thuͤrmen?!“ fiel Heinrich hier dem Knappen in's Wort.„O ſagt mir, Lieber, ich beſchwoͤre Euch, heißt eine der Toͤchter nicht Blanca, Beatrix oder Bertha?“— Die zweite nennt ſich 4 Bertha, edler Ritter.—„Sie iſt ſchoͤn wie ein Engel, nicht wahr?“— Sie ſind alle ſchoͤn und gut. „Mein Vater!“ fuhr der junge Mann nun, zu Rudolph gewendet, fort;„mein Vater, ich flehe Euch an, reitet ein in das Schloß und ſprecht fuͤr mich bei Ermenance von Vergy. Vor Jahren ſah ich einſt Bertha an den Fenſtern eines jener Thuͤrme, und ihr Bild iſt ſeitdem nicht aus meinem Herzen gewichen. Bittet fuͤr mich um die Hand des Fraͤuleins von Wuͤflans, wenn Euch das Gluͤck Eures Sohnes lieb iſt.“ — 105— Laͤchelnd blickte Rudolph auf den entzuͤckten Sprecher, und bat den Diener nun, ihn und ſeine Soͤhne bei der Herrinn zu melden, die den Rit⸗ ter Chatelard ſehr gern und guͤtig empfing, ſo guͤtig, wie immer eine Mutter von Toͤchtern den Vater bluͤhender und heirathsfaͤhiger Soͤhne auf⸗ nimmt. Ermenance war mit ihrer juͤngſten Tochter Giſella allein, als die Fremden eintraten; die aͤlte⸗ ren Schweſtern ſchweiften eben wieder einmal ver⸗ gnuͤgt in den weiten Gaͤngen des Schloßgartens 4 umher, und Rudolph, dem der Wunſch ſeines Heinrich gar nicht unangenehm war, glaubte den Augenblick benutzen zu muͤſſen, ihn der Mutter mitzutheilen. Nachdem die gewoͤhnlichen Begruͤßun⸗ gen und die kurze Erwaͤhnung alles deſſen, was in der Zeit daher vorgegangen war, voruͤber wa⸗ ren, begann er deswegen wie folget: „Edle Frau, Ihr ſeht hier meinen Stiefſohn Heinrich, Freiherrn von Blonai, der letzte Zweig dieſes alten Hauſes. Sein Vater Aimon, mein beſter Freund und Waffenbruder, fiel als Held auf dem Felde der Ehre, und ſeine Mutter, die einſtige Graͤfinn Adelheid von Gruyere, gab mir hierauf ihre Hand. Der Ritter iſt ſeitdem mir ſo theuer geworden, wie mein eigener Sohn, und jetzt, indem wir hier einritten und die Veraͤnde⸗ rungen erfuhren, welche ſich waͤhrend unſerer Ab⸗ — 106— weſenheit in Wuͤflans zugetragen haben, bat er mmiich, bei Euch, edle Dame, fuͤr ihn um die Hand Eurer zweiten Tochter, Bertha, anzuhalten, die er einſt, da ſie noch, das Opfer eines grauſamen Vaters, in den Thuͤrmen dieſes Schloſſes ſchmach⸗ tete, am Fenſter erblickt und ſeitdem ihr ſei treue Liebe geweiht hat.“ Heinrich war, wäͤhrend Rudolph alſo ſprach, vor der Dame des Hauſes auf ein Knie nieder⸗ geſunken, und wiederholte nun die Bitte des Va⸗ ters mit allem Feuer eines gluͤhenden Liebhabers, und Ermenance, Mutter wie ſie war, und den Antrag eben ſo gern ſehend, wir ihr der junge . Mann wohlgefiel, entgegnete nun: „Allerdings war es der Wunſch meines Her⸗ zens, daß der Himmel es ſo fuͤgen moͤchte, daß meine aͤlteſte Tochter Aloyſe zuerſt zum Altare traͤte; da dies jedoch nicht ſeyn ſoll, und Ihr mich um Bertha, meine zweite geliebte Tochter, bittet, ſo will ich mich der Fuͤgung des Hoͤchſten nicht ent⸗ gegen ſtemmen, falls Bertha den gleichen nſh hegt, wie Ihr.“ 1 „O gewiß!“ rief Heinrich hier entzuͤckt au5 „Gewiß! ſie wird mich nicht verſchmaͤhen. Ich habe ein ſuͤßes Pfand aus ihrer Hand, das ich theuerer wie mein Leben bewahrte.“ Zugleich zog er den Guͤrtel der Schoͤnen aus ſeinem Buſen her⸗ — 107— vor, und druͤckte ihn mit heiher Gluth an ſeine Lippen. „Von Bertha?“ ſprach Ermenance verwun⸗ dert,„und das boͤſe Maͤdchen ſagte mir nie et⸗ was davon? Ich ſollte zuͤrnen auf ſie und Euch, Herr Ritter, doch, da Eure Abſichten edel ſind, ſo vergebe ich Euch und ihr, und will dieſem Bunde meinen Segen nicht vorenthalten.“ Die gute Mutter! wenn ſie auch wirklich haͤtte im Ernſte zuͤrnen wollen, ſie wuͤrde es nicht gekonnt haben. Bertha war ihr lebendes Ebenbild; ſo wie dieſe, ſah ſie einſt in den Jah⸗ ren ihrer Jugend, in den ſchoͤnen, ach! ihr grau⸗ ſam getruͤbten Jahren ihrer Bluͤthe, aus. Konnte ſie wohl einem Manne auch nur einen Augenblick boͤſe ſeyn, auf den ſie in verjuͤngter Geſtalt— Mutter und Tochter ſind ja immer nur Eines— einen ſo tiefen Eindruck gemacht hatte? Die drei Schweſtern traten in dem Augen⸗ blick, wo dies noch verhandelt wurde, in den Saal. Leicht wie Grazien huͤpften ſie, nicht wiſſend, daß Fremde gekommen waren, herein, eine gluͤhende Roͤthe uͤberflog bei dem Anblick derſelben ihre Wangen, auch Heinrich bebte, und mit brennen⸗ den Blicken hing er an der Geliebten. Wie erſchrak er aber! wie gerieth er in Ver⸗ wirrung, als ſich die Mutter nicht an die, welche er meinte, ſondern an eine Andere wandte, und — 108— dieſer den Antrag eroͤffnete, den er gemacht hatte. Er glaubte verſinken zu muͤſſen, als Bertha ver⸗ ſtohlen nach ihm hinblickte und dann der aͤlteren Schweſter zulaͤchelte, die mit niedergeſchlagenen Augen daſtand und kaum zu athmen wagte. „Liebe Mutter,“ entgegnete die muntere Ber⸗ tha jetzt, nachdem Ermenance geendet hatte,„ſicher hat der edle Ritter ſich in den Namen geirrt. Seht nur, wie ſein Auge auf Aloyſe weilt und wie ſie erroͤ⸗ thet. Nicht mich meint er, die ihm—“ hier ſchlug ſie ploͤtzlich innehaltend den Blick zu Boden, dann fuhr ſie ſtockend fort:„die ihm, als er unter un⸗ ſerem Fenſter ſo ſchoͤne Romanzen ſang, in jugend⸗ licher Unbeſonnenheit jenes Band, das er da in Haͤnden haͤlt, zuwarf, um ſeine Sehnſucht nach einem Pfande von der Geliebten zu befriedigen. Ach,“ ſetzte ſie jetzt munterer wieder hinzu,„die arme Bertha iſt ſeitdem fuͤr dieſen Leichtſinn oft von ihrer geſetzten Schweſter geſcholten worden, und fuͤrchtet ſich neuerdings, es auch von Euch zu werden.“— Heinrich hatte ſich unterdeß der Geliebten ge⸗ naht und ihre Hand ergreifend, das ſchuͤchterne Maͤdchen zu der Mutter gefuͤhrt.„Alſo Du biſt es, Aloyſe,“ ſprach Ermenance,„die der Ritter meinte? Wie kommt Ihr aber dazu, um Ber⸗ tha anzuhalten?“ ſetzte ſie, ſich gegen Heinrich wendend, hinzu. Statt aller Antwort wieß Ber⸗ — 109— tha der Mutter das B. in dem Schloß des Guͤr⸗ tels, den der junge Blonai jetzt unwillkuͤhrlich hatte fallen laſſen, und laͤchelnd ſegnete nun die Caſtellaninn den Bund ihrer aͤlteſten Tochuer mit dem Geliebten. „ Neine Schweſter,“ ſprach Bertha, nachdem ſich der erſte Sturm der Gefuͤhle etwas gelegt hatte, und Aloyſe nun mit etwas mehr Muth den Mann anblickte, deſſen Bild ſchon lange geheim in ihrem Herzen thronte;„meine Schweſter iſt ſehr gutmuͤthig, ſich einem Wankelmuͤthigen anzuver⸗ trauen, der gleich im erſten Augenblick ihr untreu wird. Denn mich wolltet Ihr ja erſt haben, Herr Ritter, und wenn ich ſonſt boshaft waͤre, koͤnnte ich Euch viel Hinderniſſe in den Weg legen. In⸗ deß, da Ihr mich verſchmaͤht habt, ſo will ich mich auch weiter nicht graͤmen, aber beſtrafen will ich Euch doch. Wiſſet denn, daß ich nicht geſon⸗ nen bin, mich von Aloyſen zu trennen, und wenn meine guͤtige Mutter es mir erlaubt, ſo be⸗ gleite ich ſie, wenn Ihr ſie heimfuͤhrt auf Euer Schloß, und was gilt es? es findet ſich dann Gelegenheit, wo ich es Euch ſchon will fuͤhlen laſ⸗ ſen, daß Ihr mich ſo leicht uͤberſehen konntet.“ Alle lachten uͤber das muntere Maͤdchen und ſahen nach der Mutter hin, was dieſe zu dem Vorſchlage ſagen wuͤrde, keiner harrte aber mit ſolcher Begierde auf dieſen Ausſpruch, wie Ber⸗ —-— 140— thold, obſchon er dabei nicht ermangelte, ſich im geheim Vorwuͤrfe zu machen, daß er dem An⸗ denken ſeiner Leonore untreu wurde, und ſeine Blicke mit ſteigendem Wohlgefallen, gleichſam ge⸗ gen ſeinen Willen, auf dem reizenden Maͤdchen weilen ließ, das ſo froh und hell in die Welt ſah, und die heiterſte, begluͤckendſte Gefaͤhrtinn zu werden verſprachh.- can Gern gab auch zu dieſem Verlangen ihrer zweiten Tochter die guͤtige Mutter ihre Genehmi⸗ gung, da ſie wohl fuͤhlte, daß ein Paar Schwe⸗’ ſtern wie Aloyſe und Bertha, die ihre ganze Kind⸗ heit zuſammen allein zugebracht hatten, ſich nun ſchwer zu trennen vermochten; und nachdem auf dieſe Art alles in Ordnung gebracht, und auch Heinrichs Mutter von den Vorgaͤngen unterrichtet worden war, bald darauf auch Ermenance mit ihren Toͤchtern einen Beſuch in Chatelard abge⸗ ſtattet hatte, wobei denn die feierliche Verlobung Heinrichs und Aloyſens ſtatt fand, ſchloß man die wirkliche Verbindung, und Heinrich von Blonai fuͤhrte nun ſeine junge Gemahlinn in das Schloß ſeiner Vaͤter, wohin Bertha zur großen Freude des ehrlichen Berthold, verſprochenermaßen die Schweſter begleitete, und woſelbſt der neue Burg⸗ herr, um den Einzug der geliebten Gattinn zu feiern, eine Reihe der glaͤnzendſten Feſte gab, deren Beſchreibung und herbeifuͤhrende Ereigniſſe — 111— ich Ihnen wohl einmal mittheile, wenn wir wie⸗ der zuſammen in meinem Gaͤrtchen zu Morges ſitzen und eben nichts beſſeres vorzunehmen wiſſen. Miit dieſen Worten ſchloß unſer alter ehrwuͤr⸗ diger Freund ſeine heutige Erzaͤhlung, und da der Tag, den wir auf den Ruinen des Schloſſes Blo⸗ nai theils mit Anhoͤrung dieſer Geſchichte, theils unter Spaziergaͤngen und munteren Spielen zuge⸗ bracht, ſich zu neigen begann, ſo dachten wir jetzt auf den Ruͤckweg uͤber den, an ſeinen öͤſtlichen Ufern ſich bereits in abendliches Dunkel huͤllenden See.— Froͤhlich, unter Geſang und Scherz, wie wir gekommen waren, ſchifften wir wieder uͤber die ſpiegelnde Flaͤche zuruͤck, und laͤngſt war die Sonne hinter dem Juragebirge unter, und ihre letzten Strahlen auf den beſchneiten Gipfeln der gegenuͤber liegenden Alpen verglommen, als wir in Morges anlangten, wo mein junger Ge⸗ fährte aus Lauſanne einen Boten mit Briefen vor⸗ fand, die ihn aufforderten, ſchleunig dahin zuruͤck⸗ zukehren, indem eine wichtige Familienangelegen⸗ heit ſeine Anweſenheit daſelbſt nothwendig machte. Ich geſtehe, dieß Ereigniß war mir im erſten Augenblick nicht angenehm. Die ganze Geſell⸗ ſchaft, und ich nicht am wenigſten, hatte ſich dar⸗ auf gefreut, von dem Pfarrer vielleicht ſchon am — 112— naͤchſten Tage die Loͤſung ſeines Verſprechens zu erhalten, und nun konnte offenbar fuͤr's Erſte, ja vielleicht fuͤr laͤngere Zeit, nichts daraus werden; denn theils ließ es ſich nicht erwarten, daß A.. v...c von ſelbſt beginnen wuͤrde, ſo lange ſein junger Verwandter, der gleich uns auf die Sache begie⸗ rig war, nicht mit dabei ſeyn konnte, theils wuͤrde es auch unſchicklich geweſen ſeyn, den guͤtigen Greis mit dieſer Bitte zu beliſtigen. Wie es aber oft im Leßen zu geſchehen pflegt, daß das, was einmal in's Stocken geraͤth, auch nicht wieder in Gang koͤmmt, ſo war es auch hier. Mein Lauſanner Freund, verwickelt durch den ploͤtzlichen Hintritt eines alten Onkels in weit⸗ laͤuftige Erbſchafts⸗ und Theilungsangelegenheiten, konnte ſobald nicht daran denken, auf ein oder ein Paar Tage nach Morges zu kommen, wo ich vor⸗ laͤufig geblieben war, um einſtweilen von hier aus einige kleine Streifereien in die verſchiedenen Thaͤ⸗ ler des Cantons zu machen; und als auf dieſe Art einige Wochen vergangen, und ich eben ein⸗ mal wieder in Geſellſchaft eines ruͤſtigen Fuͤhrers auf der Wanderſchaft begriffen war, da kam mir in dem Augenblick, wo ich im Begriff ſtand, uͤber den ſteilen Bogen der Orbe⸗Bruͤcke zu gehen, die ſich am Eingange des Dorfes Clées hoch uͤber den Fluß wegwoͤlbt, der hier die Graͤnzſcheide zwiſchen Frank — 118— Frankreich und dem Waadtlande macht, und wo auf jenſeitiger Anhoͤhe die Ruinen des Schloſſes Clées oder Clefs maleriſch liegen,*) die Kunde daß unſer alter ehrwuͤrdiger Freund A... v... e den Tag vorher ploͤtzlich in das Land HrWren gangen war, wo keine Fluͤſſe mehr Graͤnzſcheiden bilden, und wo die fabelhafte Sage menſchlicher Ueberlieferungen vor dem hellen Licht der ewigen Gewißheit verſchwindet. So war denn alle Ausſicht verſchnunden, die gehoffte Fortſetzung der Geſchichte der Damen aus Wuͤflans Thuͤrmen jemals zu vernehmen, und da mich nun nichts mehr in dieſen Gegenden, deren reizende und romantiſche Thaͤler und Hoͤhen ich nach und nach alle beſucht hatte, feſthielt, ſo ruͤ⸗ ſtete auch ich mich, meinen Stab weiter zu ſetzen, um noch, eh' das Jahr ſich zu ſeinem Ende neigte, meinen vorhabenden Weg durch einen Theil von Ober⸗Italien zu beenden, worauf ich dann, noch vor dem Eintritt der rauhen Jahreszeit, uͤber die ») Von dem Schloſſe Elées, oder wie der alte, unverſtuͤmmelte, aus der Lage des Schloſſes, das hier gleichſam die Schluͤſſel zum Eintritt in das Waadtland bildet, ſich herſchreibende Name lau⸗ tet, Clefs, iſt nur noch ein kaum mehr be⸗ wohnbarer Thurm uͤbrig; alles andere Mauer⸗ werk liegt in Ruinen. Die Gegend umher iſt aͤußerſt pittoresk, jedoch in einem ganz anderen Character, wie die Ufer des Genfer⸗Sees. 8. — 114— Berge Tyrols in das Vaterland zuruͤckzukehren gedachte. 1„ Dieſer Vorſatz, ſchnell gefaßt, ward auch eben ſo ſchnell von mir ausgefuͤhrt. Ueber die ſchwei⸗ zeriſchen Alpen weg, zog ich dem Lande des Grauen⸗ bundes zu, deſſen dunkele, enge Thaͤler und duͤ⸗ ſtere Gebirge mir manche fruͤher gehoͤrte, ſchauer⸗ liche Sage der Vorzeit ins Gedaͤchtniß zuruͤckrie⸗ I fen. Endlich betrat ich das Land Italien; der Garten der Lombardei that ſich vor mir auf, ich ſah die Ebenen, welche ſo oft ſchon den Kriegern fremder Voͤlker zum Tummelplatz gedient, wo ſo oft ſchon unter Lorbeeren nach dem blutigen Lor⸗ beer des Sieges, ach! ſtets auf Koſten der Frei⸗ heit eines Landes gerungen wurde, deſſen milder Himmel die Graͤber jener rauhen Krieger immer ſchnell mit einer Blumendecke uͤberzog, und die traurigen Spuren des Kampfes mit Bluͤthen ver⸗ ſchleierte.... ich ſah Italien, das oft gefeierte, oft beſchriebene Italien, das mir— darf ich es ſagen?— in ſeiner nationalen Zerfallenheit, wie die ſchoͤn geputzte, reich geſchmuͤckte Leiche eines einſt bluͤhenden Lebens erſchien. Gedanken dieſer Art hatten mich duͤſter ge⸗ ſtimmt; ſie warfen über das, was ich ſah, einen melancholiſchen Schleier; ich fragte mich, im Fluge die Geſchichte des Landes ſeit Jahrhunderten durch⸗ laufend:„wo ſeyd ihr ſtolzen Roͤmer hin?“ und — 1415— unwillkuͤhrlich fiel mein Blick auf den Boden, der ihre Gebeine wie die der Barbaren, welche dem weltherrſchenden Coloß den letzten Stoß gaben, in ſeinem friedlichen Schooſe, eibtih neben einan⸗ der birgt. Mein Weg hatte mich, nachdem ich Mallnd, Pavia, Verona, Venedig, Brescia, und alle jene mehr und minder bekannten Staͤdte dieſes Theiles des Landes geſehen, ihre Schoͤnheiten bewundert, ihren theilweiſen, ſo furchtbar ſi chtbaren Verfall betrachtet, und immer dabei wieder den Blick auf das Ganze gerichtet, mir im Stillen die Frage geſtellt hatte: was koͤnnte ein ſolches Land ſeyn, wenn....? doch genug! ich ſage, mein Weg hatte mich an die Ufer des Garda⸗Sees gefuͤhrt, deren maleriſche Anſichten mich ungewoͤhnlich anzogen. Ohnfern von mir lag die kleine Veſte Peschieva, vor mir der See, und uͤber ſeinen Spiegel weg, in weiter Ferne, die rieſigen Gipfel der Berglaͤn⸗ der, die zum Theil von einem ſich frei nennenden Volke bewohnt, mit Stolz gleichſam auf die frucht⸗ baren Ebenen ſehen, wo alles bluͤht und gruͤnt, nur die einzige Frucht nicht, die aller anderen Er⸗ denfruͤchte Wuͤrze iſt5. Ich hatte meinen Diener in dem Stibtchen zuruͤckgelaſſen, mit dem Auftrag, mich erſt gegen Abend von einem ihm bezeichneten Meierhofe ab⸗ 3 8* — 146— zuholen, der, am Ufer des Sees liegend, mir bei meinen dermaligen Excurſionen zum Ruhepunkt zu dienen pflegte. Gegen Erwarten kam Georg aber bei weitem fruͤher, beladen mit einem Brief ain Paket aus Lauſanne. 3 22 Begierig eröffnete 5 den erſteren. Mein j jun⸗ der 1Seſh he der Frauleins von Wüflans zu ver⸗ nehmen. Der Tod meines alten ehrwuͤrdigen On⸗ kels in Morges ſchien die Erfuͤllung unmoͤglich zu machen, da ich, obſchon ſonſt ziemlich bewandert in den hiſtoriſchen Ueberlieferungen meiner Ge⸗ gend, doch durchaus nichts daruͤber wußte, und eben ſo wenig die Quellen kannte, wo etwa eine Befriedigung dieſer Wißbegierde zu ſchoͤpfen ſeyn moͤchte. Ploͤtzlich finde ich jetzt aber in der Buͤ⸗ cherſammlung meines Verwandten ein altes Mae⸗ nuſcript, das Ihnen vielleicht die geſuchte Aus⸗ kunft zu geben vermag, und ich eile um ſo mehr, es Ihnen auf Ihrer Wanderung durch die ſchoͤ⸗ nen Fluren Ooer⸗„Italiens nachzuſenden, da es gewiß jetzt mit nicht minderem Intereſſe an der⸗ gleichen bereiſen, wie fruͤher die unſern.“ Es laͤßt ſich denken, daß mir dies Schreiben keine kleine Freude machte; war es doch von je — 1417— an meine Leidenſchaft, moͤchte ich ſagen, geweſen, im Staube alter Urkunden nach Sitten⸗ und Be⸗ gebenheits⸗Schilderungen vergangener Tage zu for⸗ ſchen, und ſo loͤſte ich denn ſchnell die Faͤden und Siegel, welche den mir gewordenen Schaßz um⸗ ſchloſſen, und machte mich, ſogleich eine vorha⸗ bende Wanderung einſtellend, an die Durchſicht der alten vergilbten, mit eckiger, undeutlicher Schrift bedeckten Blaͤtter. Das Ganze, ſehr dickleibig, war in altfranzoͤſiſcher Sprache und trug die Ueber⸗ ſchrift: Relation sincère des Fètes et Céré- monies donné du preux Sieur Henri de Blonai dans son Chatel Blonar, und enthielt eine ungemein ausfuͤhrliche, fuͤr jeden anderen als einen Antiquitaͤtenjaͤger aber, eben dieſer unermeß⸗ lichon Weitſchweifigkeit und Umſtaͤndlichkeit wegen, etwas langweilige Schilderung der gewiß nach da⸗ maliger Art hoͤchſt glaͤnzenden Feſte, welche Hein⸗ rich von Blonai, wie der Leſer bereits aus des braven A...v...ec Erzaͤhlung weiß, in der Freude ſeines Herzens uͤber ſeine gluͤckliche Verbindung mit Aloyſe von Wuͤflans, veranſtaltete. Schon glaubte ich mich in meinen Hoffnun⸗ gen getaͤuſcht, denn mehr wie hundert Seiten hatte ich mit Muͤhe durchleſen, ohne auch nur etwas von dem zu finden, was ich ſuchte, indem der redſelige Autor— vermuthlich ein Moͤnch, fur den die Zeit in ſeiner Zelle keinen Werth hatte— — — 118— nur immer von den Jagden, Fiſchereien, Taͤnzen und Spazierritten erzaͤhlte, die der galante Blo⸗ nai zur Unterhaltung ſeiner Gaͤſte angeordnet hatte, als endlich doch Stellen kamen, die mich mehr anzogen und mir den Muth erhielten, das blaͤtter⸗ reiche Werk vollends durchzugehen, wo ich denn nach und nach das zerſtreut und hoͤchſt umſtaͤnde lich berichtet fand, was der Leſer auf nachfolgen⸗ den Bogen erfahren wird, falls er naͤmlich ge⸗ neigt iſt, mich ferner in meiner Wiedererzaͤhlung zu bebieitene 855 Das Gluͤck traͤgt ſelten dazu bei, die Herzen der Menſchen zu veredeln, und ſie uͤber den Tand und Wahn der Erde zu erheben. Dieſer alte Erfahrungsſatz beſtaͤtigte ſich auch zum Theil bei der neuen Beſitzerinn von Wuͤflans. So lange Ermenance unter Grinwalds Tyrannei ſeufzte, hat⸗ ten die fruͤh eingeſogenen Vorurtheile ihres Stan⸗ des in ihrer Bruſt geſchwiegen, als aber der grau⸗ ſame Gatte ins Grab geſunken, und ihr eine neue, ungeahnte Gluͤcksſonne aufgegangen war, da erwachten auch ſie wieder, und jeder, der die Geſchichte der Vergangenheit und Gegenwart nur einigermaßen beachtete, wird dies nicht neu und nicht befremdlich finden. Unſere Zeit hat Veiſpiale ſolcher Art genug aufgeſtellt. 3 — 119— Grinwald's Gattinn kannte in ihrem Thurme keine theuerern, keine lieberen Freunde, wie Rai⸗ mund und deſſen Frau, ſie waren ihr alles, ihnen verdankte ſie alles das wenige Gute, was ſie noch genoß, ſie ſtanden ihr hoͤher, wie alle andere Men⸗ ſchen, wie alle! mochten ſie Titel haben wie ſie wollten.— Auch nach ihrer Befreiung blieb dies ein Weil⸗ chen ſo. Ermenantens Herz war im Ganzen edel und gut, wie häͤtte ſie das, was ſie jenen Bei⸗ den ſchuldig war, ſo ſchnell vergeſſen koͤnnen? Was waͤre aus ihr und ihren Toͤchtern ohne Raimund und Eliſabeth geworden? Hatte es nicht in Rai⸗ munds Macht geſtanden, ſeinem Neffen Arthur das reiche Erbe Grinwalds zuzuwenden? Hatte er nicht edelmuͤthig dies ausgeſchlagen, und es dafuͤr ihr und ihren Kindern erhalten? Gewiß, das verdiente Dank, großen Dank... Ermenance fuͤhlte dies tief, aber... auch die Tugend hat ihre Graͤn⸗ zen Die Tochter der Vergy's, die Herrinn der großen Herrſchaft Wuͤflans, hatte noch andere Pflich⸗ ten auf ſich, als an den Burgvogt Raimund und ſeinen namen⸗ und ahnenloſen Better Arthur zu denken. Rollte nicht in den Adern ihrer Toͤch⸗ ter das Blut der alten Herzoge von Azzoni? Be⸗ haupteten die Vergy's nicht, mit den Anjous, Gott weiß es, in welchem Grade, verwandt zu ſeyn? Nein! der Ehrgeiz des alten Burgvogts und ſeines — 120— Neffen ging doch zu weit. Giſella, die Lieblingstochter, ſollte ihre Hand einem Menſchen ohne verbrieften Namen geben, waͤhrend die aͤlteſte Schweſter einen Blonai hatte, um die zweite ein Chatelard warb, und ganze Schaaren von Grafen und Baronen bei den Feſten, welche der gluͤckliche Heinrich Blo⸗ nai gab, nicht allein die andern beiden huldigend umlagerten, ſondern mancher unter ihnen auch ſo⸗ gar der Mutter ſeine ehrerbietigen Wuͤnſche bald mehr, bald minder deutlich vortrug; denn Erme⸗ nance, obſchon keineswegs mehr jung, war noch immer recht huͤbſch, und was ihr etwa an Reiz mangelte, nun das erſetzte Wuͤflans mit ſeinen ausgedehnten Feldern und Waͤldern reichlich.— So begann nach und nach zum Theil Grinwalds Wittwe zu ſich ſelbſt zu ſprechen, und wenn ſie noch nicht laut ſich dies merken ließ, ſo lag die Schuld einerſeits nur daran, daß ſich noch keine Gelegenheit hierzu gefunden hatte, anderſeits aber auch, daß des ſterbenden Azzoni Wille in Betreff Arthurs und Giſellas, noch in zu friſchem Anden⸗ ken war, und daß Raimund, der brave, edele Rai⸗ mund noch lebte, den geradezu zu kraͤnken, man ſich doch nicht entſchließen konnte. Ales dies ſollte ſich jedoch im Lauf von ein Paar Jahren finden, deren bequemes, angeneh⸗ mes, durch Schmeicheleien von allen Seiten ver⸗ 1 * — 421— ſchoͤnertes Daſeyn, den erwachten Geburtsſtolz nicht wenig foͤrderte. Raimund, wohlbetagt, ſank in's Grab, auf⸗ richtig betrauert von Eliſabeth und ſeinem Neffen, herzlich und ehrlich, wie ein theuerer Freund, be⸗ dauert von Ermenance; beweint von Iſaura und Giſella, beſonders aber von der Erſteren, deren beſcheidener Sinn nichts von eitelen Rangunter⸗ ſchieden wußte, wie ein Vater; und nun geſtal⸗ tete ſich ſehr ſchnell alles um. g7 Der Eindruck, welchen die muntere Bertha auf Nudolphs ernſten Sohn gemacht, war kein voruͤbergehender geweſen, und ihr Aufenthalt bei der Schweſter zu Blonai, hatte natuͤrlich nicht wenig dazu beigetragen, Bertholds Herz vollends mit ihrem Bilde zu erfuͤllen. Zwar lebte noch immer das Andenken ſeiner hochgefeierten Leonore von Aigremont in ſeiner Bruſt; aber der kloͤſterliche Schleier trennte ſie auf ewig von ihm, und dann war Bertha ſo reizend, ſo heiter... wo haͤtte er ſich wohler, gluͤcklicher fuͤhlen koͤnnen, als in ihrer Nähe?— Wirklich kam Berthold jetzt auch faſt nicht mehr von Blonai fort. Die Gewohnheit, mit dem Freunde zuſammen zu ſeyn, gab den herrlichſten Vorwand von der Welt; ehrlich glaubte der junge Mann anfangs ſelbſt, es ſey nichts wie dieſe Gewohnheit, welche ihn dort hinzog.... aber wenn Bertha zufaͤllig einmal nicht da war, dann 7 — 122— fuͤhlte er doch, daß der Freund ihn nicht allein an jene Burg feſſelte, und wenn vollends Heinrich mit der geliebten Aloyſe am Arm vor ihn trat, und er das Gluͤck der Liebenden, die aufbluͤhende Va⸗ terfreude des Bruders ſah, dann ſeufzte er oft im Stillen:„Ach! wer doch auch einmal ſo begluͤckt waͤre!“ Der Beſcheidene hatte nicht den Muth, dem Maͤdchen ſeines Herzens ſich zu entdecken, mit Worten heißt das, denn Benehmen und Blick hatten ihn laͤngſt verrathen. Er fuͤrchtete, ſtill und nicht durch aͤußere glaͤnzende Eigenſchaften ſich auszeichnend, von ihr verworfen zu werden, und obſchon Bertha die Guͤte und Freundlichkeit ſelbſt gegen ihn war, und alle Welt, nur er nicht, ſah, daß ſie ihm ſehr wohl wollte, ſo dachte er doch immer noch, dies alles ſey blos Folge ihres guten Herzens, und hoͤchſtens Beweis der Freund⸗ ſchaft gegen den Freund des Schwagers. Ein Ereigniß loͤſte endlich ſeine 3weife und fuͤhrte ihn ſeinem Gluͤcke zu. Aloyſe gebar ihrem Gatten einen Sohn, und der nun auf dem Gipfel aller ſeiner Wuͤnſche ſich ſehende Freiherr von Blonai beſchloß dies neue, frohe Ereigniß ſeines Lebens, durch ein glaͤnzen⸗ des Ritterſpiel, ſo glaͤnzend, wie ſeine Ariſte a es ihm nur erlaubten, zu feiern. Auf einen beſtimmten Tag lud er die Ritter⸗ ſchaft der ganzen Gegend ein, in ſeiner Veſte Blonai ſich zu verſammeln, und hier im Ringel⸗ rennen und Lanzenbrechen nach dem Preiſe zu rin⸗ gen, den Schoͤnheit und Anmuth gewaͤhren wuͤrden. Bedarf es noch der Erwaͤhnung, daß eine ſol⸗ che Aufforderung nicht unbefolgt blieb? Einem freundlichen Wirthe hat es noch nie an Gaͤſten gefehlt; wie haͤtten die jungen und alten Herren nicht gern nach Burg Blonai reiten ſollen, wo es trefflichen Wein und einen Kranz ſchoͤner Damen gab? Bekanntlich beides Dinge, die ein aͤchtes Ritterherz nie verſchmaͤht. So reich der Freiherr von Blonai war, ſo war er aber doch kein Fuͤrſt, und nur fuͤrſtliche Schatzkammern vermochten glaͤnzende Ritterpreiſe, wie der Gebrauch ſie verlangte, zu liefern. Dies wußte Heinrich wohl, und dachte dieſerhalb auf Abhuͤlfe. Keine prachtvolle Ruͤſtung mit Gold ausgelegt, kein Helm, deſſen Federn Brillanten⸗ Schnallen feſthielten, ſollte den Sieger lohnen, ſondern ein einfaches Andenken aus der Hand der Dame, die er ſich ſelbſt waͤhlen wuͤrde, und da es zu ſeiner Zeit ſo wenig, wie dermalen, am Abhange des Ju⸗ ragebirges an ſchoͤnen Kindern fehlte, aus deren niedlichen Haͤnden nicht jeder wackere Mann gern ein Pfand der Huld genommen haͤtte, der Burg⸗ herr uͤbrigens drei Schwaͤgerinnen hatte, deren 2 — 124— Liebreiz ſchon laͤngſt alle Herzen von Alt und Jung in Bewegung gebracht; ſo durfte Heinrich nicht bange ſeyn, Kmnpfenn zu ſeinen Spielen zu finden. Wirklich ritten anch zur geſetzten Zeit ſo viele ein, daß das geraͤumige Schloß die Zahl der Gaͤſte kaum zu faſſen vermochte, und nachdem man erſt ein Paar Tage gar luſtig mit Bankettiren, Trin⸗ ken und Tanzen verbracht, begann man ſich zu dem eigentlichen Zweck des Herkommens zu ruͤſten. Auf einer Wieſe am Ufer des Sees, war der Kampfplatz abgeſteckt worden. Schoͤn geſchmuͤckte, mit reichen Teppichen behangene Geruͤſte dienten den Damen zu Sitzen, waͤhrend die maͤnnliche Jugend ſich munter tummelte und unter ſeitwaͤrts errichteten Zelten, die alten Herren beim vollen Becher die Thaten ihrer Bluͤthenzeit, ſowohl im Krieg als Frieden, wohlgefaͤllig beim Anblick der Thaten ihrer Soͤhne, ſich vorerzaͤhlten, rings um⸗ her aber„der Zuſchauer neugierige Maſſen“ bald die Geſchicklichkeit der Kaͤmpfer, bald die Schoͤn⸗ heit der Damen, und nebenbei auch die Helden⸗ thaten und Spaͤße der alten Hereen beim Becher, bewunderte. Als Hausherr und geſtgeber ritt Heinrich Blonai, geſchmuͤckt mit der Lieblingsfarbe ſeiner Aloyſe, zuerſt in den Kreis, und nachdem er gar geſchickt und gewandt ine Menge Ringe abgeſto⸗ — 125— hen⸗nauch ein Paar aufgeſtellte hoͤlzerne Tuͤrken⸗ koͤpfe zur großen Freude der Verſammlung im Voruͤberjagen abgehauen hatte, daß ſie weit hin unter die jauchzenden Zuſchauer flogen, zuletzt aber einige Lanzen gebrochen, ohne buͤgellos zu werden; da erkannte man ihm des Preiſes von ſeiner Dame wuͤrdig, und froh und ſtolz, wie ein olympiſcher Sieger, ritt er nun an den Sitz der Theueren heran, und empfing, nebſt vielfach ihm beneideten Kuß, ein zierliches Kettchen, das Aloyſe um den Hals zu tragen pflegte, und nun von ihm zum Zeichen ſeiner Siegerſchaftn um den Helm geſchlungen wurde. Keam jetzt die Reihe zu ſchenken an Bertha, und daß Berthold nicht ermangelte, nach ſo koſt⸗ lichem Preiſe zu ringen, verſteht ſich. Die Farbe der Roſen war die Lieblingsfarbe des munteren Maͤdchens, und eine Roſe nickte von Bertholds Helm. Er wuͤrde im Kampf auf Leben und Tod mit Rieſen und Drachen nicht gebebt und ſicher auch geſiegt haben, wenn Bertha der Preis gewe⸗ ſen waͤre; wie haͤtte er es hier nicht ſollen, wo freundſchaftliches Uebereinkommen ſchon im Voraus dem Ritter den Sieg zuerkannte, der der preis⸗ vertheilenden Dame Zeichen trug! Aber wie pochte ſein Herz, als er jetzt dem Plabe des lieblichen Maͤdchens ſich nahte, und — 126— ſtammelnd um den Dank aus der lieben Hand bat. Erroͤthend bog ſich Bertha zu ihm nieder; verwirrt und verlegen ſuchte ſie nach einem Pfande, das ſie dem Manne geben konnte, den ihr Herz aͤngſt im Stillen liebte, wie er ſie liebte. Da fiel ihr ein, ihm einen Handſchuh zu reichen, aber ſiehe da! das Geſchick wollte, daß er eine bedeutungs⸗ vollere Gabe haben ſollte. Der Handſchuh war enge, das Maͤdchen zog und zog, und als er end⸗ lich ab war, da fiel dem Gluͤcklichen ein kleiner Ring zu, den ſie immer zu tragen pflegte und den er, ermuthigt vom Augenblick, mit froͤhlichem Jauchzen an ſein Herz druͤckte, erklaͤrend, nur der Tod ſolle ſolch theure Gabe ihm entreißen. NRiitter Rudolph und Frau Adelheid, zuſammt der Caſtellaninn von Wuͤflans, waren aber ob ſolch einem Zufall nicht boͤſe, und ſo beſchaͤmt das Maͤdchen auch die Augen niederſchlug, ſo ſah man es ihr doch an, daß auch ſie im Herzen nicht zuͤrnte, und ſo kam es denn, daß aus dem ein⸗ fachen bedeutungsloſen Scherz des Spieles, eine ernſte, ſchoͤne Lebensminute erbluͤhte, in welcher der gluͤckliche Berthold es zum Erſtenmale wagte, die Stillgeliebte an die ſchlagende Bruſt zu druͤk⸗ ken, und mit ihr vereint den Segen der Aeltern zum ewigen Bunde zu erflehen, waͤhrend die er⸗ freuten Zuſchauer dem neuen Brautpaare Heil und Gluͤck wuͤnſchten, die Trompeten eine luſtige — 127— Fanfare ſchmetterten und lauter wie Trompetenton und Beifallsruf, die alten Herren aus den Zel⸗ ten, mit ihren vollen Bechern auf das Wohl Ber⸗ tholds des Braven, und Berthas der Schunen anſtiefene. 4„Der Glüͤcklichel“ fluͤſterte in dieſem Augen⸗ blick Robert, der Sohn des Freiherrn von Laſarra, der heiter auf dieſe Scene blickenden Giſella zu. „Der Gluͤckliche! o, wer auch einſt ſolch ſchoͤnen Pfandes von Euch ſich freuen duͤrfte?“— Gi⸗ ſella erwiederte nichts. Das ſanfte Roth ihrer Wan⸗ gen, das halb niedergeſchlagene Auge, ſagten dem galanten Laſarra aber hinreichend, daß ſie dieſer Rede nicht zuͤrnte, und war er ſchon vorher ihr Schatten geweſen, ſo wich er nun gar nicht unhr von ihrer Seite. „Ach, Arthur! guter Arthur!“ ſeufzte, dies ho⸗ rend und ſehend, wie die Schweſter den Schmei⸗ chelworten und ſuͤßen Reden des jungen Robert ſo willig ihr Ohr lieh, Iſaura, und nahte ſich der Entzuͤckten, um ſie an den Abweſenden zu er⸗ innern, aber da toͤnten in dieſem Moment die Trompeten von neuem, und mit lauter Stimme rief der Herold die Ritter auf, zur Ehre der edelen und ſchoͤnen Gabriele von Wuͤflans, genannt Iſaura, im munteren Spiele zu kaͤmpfen nach Ritterart und Brauch; und kaum waren dieſe Worte er⸗ ſchollen, da warfen ſich, ſchnell wie der Blitz, zwei vieljaͤhrige Nebenbuhler und Gegner bei allen Ge⸗ legenheiten, Humbert von Montfaucon, Herr des Schloſſes Clees oder Clefs an der Orbe, und Ger⸗ hard, Freiherr von Montagny, deſſen Veſte nahe bei Ifferten lag, wo noch die Ruinen derſelben zu ſehen ſind, auf die Roſſe, und begehrten mit Iſauras Farben geſchmuͤckt, um den Preis aus ihrer Hand ringen zu duͤrfen. 1 e Mit Befremden hoͤrten die Kampfrichter die⸗ ſen Wunſch, mit Bangniß Heinrich Blonai und die uͤbrigen Gaͤſte, denn alle wußten, welch einen tiefen, eingewurzeiten Groll die Beiden gegen ein⸗ ander hegten, und haͤtten ſie es nicht gewußt, die wechſelſeitig einander zugeworfenen drohenden Blicke derſelben wuͤrden es ihnen genugſam verkuͤndet gba. Daß unter ſolchen Umſtaͤnden hier leicht aus Scherz ein bitterer Ernſt werden, und das, was ſo heiter begonnen, hoͤchſt tragiſch enden konnte, ſah ein Jeder, und um ſo eifriger war nun Blo⸗ nai bemüͤht, einen von den Beiden zum Ruͤcktritt zu bereden. Vergebliches Bemuͤhen! Zuruͤcktreten waͤre ja ein Nachgeben gegen den Feind geweſen; eher alles, eher den Tod, wie dies! ſo riefen Beide, und wollte man nicht im Augenblick den blutigen Kampf ausbrechen laſſen, ſo mußte man ihnen gewaͤh⸗ — 129— gewaͤhren. Dies geſchah denn auch; Beide, mit Jſauras Farben geſchmuͤckt, ritten in die Schran⸗ ken, und da keiner den ohnedem ſchon in ihren Herzen glimmenden Funken noch mehr anfachen wollte, ſo ſetzte man ihnen im Kampf auch nur wenig Widerſtand entgegen, und ſchneller wie ge⸗ woͤhnlich, erkannten die Richter Beiden den Preis zu. Gleichzeitig ſprengten ſie nun auch, zufrieden keiner dem Andern den Rang gelaſſen zu haben, zu dem Sitz der Schoͤnen hin, die, waͤhrend ihre ſtreitſuͤchtigen Ritter turnierten, nicht an ſie, ſon⸗ dern nur an den fernen, immer als Bruder ge⸗ liebten Arthur gedacht, und es bedauert hatte, ihn, den noch nicht zum Ritter geſchlagenen, nicht hier ſehen zu koͤnnen: und als ſie nun Beide den Lohn ihres Sieges aus ihrer Hand begehrten, und zu⸗ gleich im wilden Muthe erklaͤrten, daß ſie um die holde Iſaure bis in den Tod mit einander kaͤm⸗ pfen wollten, da ſprach das erſchrockene Maͤdchen, ſchnell ihre beiden Armſpangen loͤſend, und jedem eine derſelben hinreichend:„Nicht dies, ſondern Gehorſam fordere ich von dem, der ſich mein Rit⸗ ter nennen will. Wer meine Farbe traͤgt, darf keinen Haß im Buſen naͤhren; Ihr habt Euch freiwillig zu meinen Kaͤmpfern erklaͤrt; wohlan denn, Ritter! die Dame befiehlt, Euch beidraic die Hände zu reichen.“ 9 — 130— Ueberraſcht und nicht ſonderlich erbaut von einem ſolchen Gebot, verneigten ſich die Ritter ehrerbietig, und kennend die Pflicht, die ſie den Damen ſchuldig waren, reichten ſie ſich auch zum Erſtenmale im Leben die Haͤnde; daß dies aber auch das Letztemal ſeyn, daß der Friedensbund nur ein gebotener, kein ſelbſt beſchloſſener war, das vermochte auch der Unerfahrenſte zu bemer⸗ ken.— Allein die Freude des Tages war doch nicht geſtoͤrt, das heitere Feſt nicht blutig unter⸗ brochen worden, und hierfuͤr wußte Jeder der klu⸗ gen und gefaßten Iſaura Dank, und vielfache Le⸗ behochs bei Becherklang und Trompetenſchall be⸗ lohnten ſie dafuͤr. „Gluͤcklicher Berthold!“ hatte vorher Robert Laſarra geſeufzt, als Berthas Ring dem Beſchei⸗ denen zu Theil wurde, und„gluͤckliche Iſaura!“ ſeufzte jetzt Giſella, die Schweſter faſt ein wenig beneidend, daß zwei ſo ſtattliche Kaͤmpfer wie Mont⸗ faucon und Montagny ſich zu ihren Rittern auf⸗ warfen.„Ach!“ ſetzte ſie leiſe hinzu,„ich werde nicht Einen haben, denn Laſarra iſt noch nicht Ritter und darf nicht fuͤr mich in die Schranken reiten.“—„ Undankbare!“ entgegnete Iſaura, eben ſo leiſe mit dem Tone ſanften Vorwurfs, denkſt du nicht an Arthur, nicht daran, daß er dein...“— Verlobter iſt, hatte die Mahne⸗ rinn noch wollen hinzuſetzen, Frau Ermenance — —— —— — 131— aber, als ſorgſame Mutter die Toͤchter nicht aus den Augen laſſend, und das leiſe Geſpraͤch der Schweſtern erlauſchend, unterbrach ſie und ſprach: „Nichts weiter davon, Gabriele; ich hoffe, du wirſt ſo gut wie meine folgſame Giſella einſehen, daß das Fraͤulein von Wuͤflans nicht fuͤr den Neffen unſeres einſtigen Burgvogts paßt.“ Ein Donnerſchlag haͤtte Iſaura nicht mehr er⸗ ſchrecken koͤnnen, wie dieſe unerwartete Weiſung. Freund, Bruder, Jugendgefaͤhrte war ihr Arthur geweſen, ſo lange ſie denken konnte, denn der Le⸗ ſer wird ſich erinnern, daß bereits fruͤher angedeu⸗ tet ward, wie Iſaura von Raimunds Gattinn er⸗ zogen, und als Tochter geliebt und gepflegt wurde; mit allen Gefuͤhlen ihres Herzens hing ſie an ihm, ihres unverdorbenen ehrlichen Herzens, das nichts von dem leeren Stolz auf vermoderte Ahnen wußte, und in ſeiner Unſchuld nicht ahnete, daß ein groͤ⸗ ßeres als das ſchweſterliche Intereſſe ſie an ihn zog. Was ſie aber faſt mehr noch ſchmerzte, wie die Aeußerung der Mutter, das war die Gleich⸗ giltigkeit, ja, die Billigung gewiſſermaßen, mit welcher Giſella den Wink aufnahm.„Wie iſt dies moͤglich;“ dachte ſie bei ſich;„ach! wie kann ſie ſo vergnuͤgt ſeyn ohne ihn, ohne ihn! in dem Augenblick wo die Mutter ſo hart...“ Sie un⸗ terbrach ſich hier, gleichſam als wolle ſie den Vor⸗ wurf, den ihr Rechtsgefuͤhl unwillkuͤhrlich den Vor⸗ 9* — 132— urtheilen der Mutter machte, nicht in ſich aufkom⸗ men laſſen, dann ſetzte ſie, die Hand auf das Herz druͤckend, leiſe hinzu:„Iſaura wuͤrde an⸗ ders ſeyn. O, mein armer Bruder Arthur!“ Der Kampfherold hatte Giſellas Namen ver⸗ kuͤndet, und faſt ſchien es einen Moment, als wenn die Lieblingstochter der Caſtellaninn von Wuͤflans, keinen Ritter bekommen ſollte, waͤhrend vorher zweie nicht uͤbel Luſt bezeigten, ſich die Haͤlſe um die Schweſter zu brechen. Mit Bangniß ſah Dame Ermenance nach den Schranken hin, die ſich noch immer nicht öͤffnen wollten, mit einem von Neid nicht ganz freien Gefuͤhl wiederholte Giſella ihr: „glückliche Schweſter!“... da ſprengte auf ein⸗ mal mit geſchloſſenem Helm ein Fremder daher, und neigte ſich ehrerbietig vor der Verſammlung der Damen und Herren, ohne jedoch dabei ein Wort zu ſagen.. „Was iſt dies?— Wie heißt er?“ Dieſe Fragen durchliefen den gedraͤngten Kreis der Zu⸗ ſchauer innerhalb und außerhalb deſſelben; aber keiner vermochte ſie zu beantworten, und Alle ſahen nun nach dem Freiherrn von Blonai hin, von ihm die Loͤſung des Raͤthſels erwartend. „ Dachte ich es doch,“ ſprach dieſer, von ſei⸗ nem Sitz neben Aloyſe ſich erhebend;„dachte ich es doch, daß er nicht ausbleiben wuͤrde. Aber nennen wird er ſich nicht, und zeigen auch nicht, — 133— doch deſto beſſer ſchlagen. Immerhin, goͤnnen wir ihm die Freude unerkannt zu bleiben; der Ungluͤck⸗ liche hat ja ohnedem ſo wenig mehr in der Welt.“ Und nun ſich dem Fremden naͤhernd, fuhr er mit lauter Stimme fort:„Ich erkenne Euch wohl, mein tapferer Vetter, und danke Euch fuͤr die Ehre, die Ihr meinem Feſte durch Eure Gegenwart er⸗ zeigt, Ritter der Hoffnung, wie Eure Farbe ſagt, reitet ein und kaͤmpft fuͤr meine theuere Schwaͤ⸗ gerinn Giſella von Wuͤflans; auf mein Freiherren⸗ Wort, wer mit Euch ſticht, hat des keine Schande, und wuͤrde er ſelbſt in den Sand geſetzt.“ Dies letztere ſprach Blonai ſo laut wie moͤg⸗ lich, gegen die anderen Ritter gewendet, und kei⸗ ner weigerte nun dem Unbekannten den Kampf, der bald ſeinen Gegnern ſehr genuͤgend bewies, daß ſie einen Mann vom Fach vor ſich hatten. Erſtaunt hatten ſich Iſaura und Giſella waͤh⸗ rend dieſer ganzen Scene einander angeblickt.„. Iſt es moͤglich!“ fluͤſterte die letztere, und winkte der Schweſter zu, die gruͤne Feder auf des Fremden Helm, welche ſie fuͤr dieſelbe zu erkennen glaubte, die ſie einſt an Arthur geſchenkt hatte, zu beteach⸗ ten.„Mein Herz ſagt es mir,“ erwiederte J Iſaura; „ kein Zweifel, es iſt Arthur!“4—„Aber hoͤrteſt Du wohl, daß Blonai ihn Vetter nannte?“— „Ich hoͤrte es und vermag mir dies Sdhät,fet nich zu loͤſen.Ä der 4 ieis — 134— Der Ritter der Hoffnung hatte unterdeſſen ziemlich reines Feld gemacht; nur Iſauras ſtreit⸗ ſuͤchtige Verehrer, jeder ſein erhaltenes Armband am Helme tragend, und jeder den Anderen mit einem Blicke meſſend, der deutlich ſagte:„Dein Pfand muß mir noch werden, und ſollte ich zehn⸗ mal auf Tod und Leben kaͤmpfen“: nur dieſe bei⸗ den waren noch uͤbrig, und mit einer Neigung ſei⸗ ner Lanze gegen ſie, lud der Fremde auch ſie noch ein, einen Gang mit ihm zu machen. So etwas ließen ſich Montagny und Mont⸗ faucon nicht zweimal ſagen. Bereitwillig nahmen ſie das Erbieten an, aber wie ihren Vorgaͤngern, geſchah es auch ihnen, und muͤhſam ſich wieder auf ſein Roß ſchwingend, rief der Herr des Schloſ⸗ ſes Clefs:„das iſt entweder der Teufel oder der Ritter vom Baͤr.“ Jetzt Sieger uͤber Alle, nahte ſich der Fremde beſcheiden der Dame, deren Farbe er trug, und ſtumm wie bisher, flehte er durch Pantomime um die Gabe aus ihrer Hand.„Er iſt's! riefen ſich in dieſem Augenblick uͤbereinſtimmend, halblaut die Schweſtern zu:„er iſt's!“.. und„o, der brave Arthur! ſetzte Iſaura hinzu, und haͤtte faſt an der Schweſter Stelle das verlangte Pfand gereicht. Giſeella aber, geſchmeichelt durch die Aufmerkſam⸗ keit, welche Alle ihrem Ritter erwieſen, vergeſſend in dieſer Minute der Mutter vorherigen Ausſpruch — 135— und die von ihr ihr eingepraͤgten Vorurtheile, ſo wie den hofmachenden Robert Laſarra, loͤſte ſchnell die Schleife, welche ihr langes dunkeles Haar feſt⸗ hielt, und reichte ſie dem Tapferen, der nun im geſtreckten Lauf davon jagte, waͤhrend ihm unter Trompeten⸗ und Paukenſchall noch ein freudiges Lebehoch! von der verſammelten Menge nachgeru⸗ fen wurde. Erſtaunt hatte Ermenance dieſen Auftritt mit angeſehen, erſtaunt und— geſchmeichelt; denn un⸗ gemein wohl that es der ſtolzen Frau, daß ein Ritter von ſolcher kriegeriſchen Gewandtheit, ein Ritter, den augenſcheinlich Alle ſo huldigten, ſich zum Kaͤmpfer fuͤr die geliebte Giſella aufgeworfen hatte. Natuͤrlich wuͤnſchte ſie aber auch nun Naͤ⸗ heres von ihm zu erfahren, und eben ſo natuͤrlich wendete ſie ſich dieſerhalb an ihren Schwiegerſohn Blonai, der den Fremden ja ſo genau zu kennen ſchien, und jetzt mit laͤchelnden Blicken dem Da⸗ voneilenden nachſah. 4 „Wer iſt der, den Ihr Vetter und Ritter der Hoffnung, und Montfaucon den Ritter vom Baͤr nanntet?“ ſprach ſie.„Darf ich es gern ſehen, daß meine Giſella ihm eine Schleife von ihrer Farbe gab, und ſo ſeine zuſcheinende Bewerbung billigte?“ „O, was das letztere betrifft,“ entgegnere Hein⸗ rich,„da koͤnnt Ihr ruhig ſeyn. Mein Verwand⸗ ter wird keine Anſpruͤche darauf bauen. Sein Un⸗ gluͤck iſt zu groß, als daß es ihm noch einfallen koͤnnte, um die Gunſt irgend einer Dame der Welt zu werben, obſchon ſein Name und ſeine Tapfer⸗ keit ihn berechtigten, ſich auch der Erhabenſten und Schoͤnſten zu nahen.“ „Ihr macht mich neugierig; ſprecht, was iſt mit ihm? welches Ungluͤck beugt ihn ſo ſehr?“ „Kennt Ihr denn nicht die Geſchichte des un⸗ gluͤcklichen Glayrole, deſſen Stammveſte zwiſchen Lauſanne und Vevey liegt, ohnfern von dem Thur⸗ me von Marſens, von wo P Mißgeſchick aus⸗ ging?“ 2„Ein halbes Menſchenleben iſt mir, wie Ihr wißt, in der Einſamkeit des Grabes vergangen. Der Todten kam keine Kunde von dem, was in der Welt vorging, und ſeit ſich die Pforten mei⸗ nes Kerkers oͤffneten, hat mich ſo manches mir nahe liegendes Ereigniß beruͤhrt, daß ich entfernte⸗ ren keine Aufmerkſamkeit ſchenken konnte. Ich bitte euch daher, erzaͤhlt mir die Begebenheit, wel⸗ che Euren Verwandten traf, und die vermuthlich ſchon vor Jahren ſtatt fand.“ „So iſt es. Sie erfüllte damals die Hanhs Gegend mit Schrecken, und wurde als ein gerech⸗ tes Strafgericht des Himunals fuͤr uͤbertriebene An⸗ maßung erkannt.“ — 137— „Glayrole hatte fruͤh ſeinen Vater verloren und wurde von einer Mutter erzogen, die den Abgott ihres Herzens aus ihm machte, und ihm jeden Feh⸗ ler nachſah. Eiye ſchoͤne Geſtalt, große Reichthuͤ⸗ mer, ein einſchmeichelndes Benehmen, machten ihm in erwachſenen Jahren zum geſuchten Lieb⸗ ling der Frauen, eine glaͤnzende Tapferkeit, ein unerſchuͤtterlicher Muth, erwarben ihm zugleich die Achtung der Maͤnner. Wie ſchade, daß ſo viele Vorzuͤge durch eine von Jugend auf geſchmeichelte, graͤnzenloſe Eitelkeit getruͤbt wurden! Weil der Blick manches ſchoͤnen Auges wohlwollend auf ihm ruhte, weil nicht leicht ein Ritter vor ſeiner Lanze Stand zu halten vermochte, hielt er ſich alles er⸗ laubt, und beſonders glaubte er den Ruf der Frauen nicht ſchonen zu duͤrfen.“ „Naturlich zog ihm ein ſolches Benehmen un⸗ zaͤhlige Haͤndel zu, natuͤrlich unterließen die Ge⸗ kraͤnkten nicht, die Rache ihrer Angehoͤrigen gegen ihn aufzurufen; aber Glayrole vertraute nicht um⸗ ſonſt auf ſein Schwert und ſeine Lanze. Immer ging er ſiegreich aus dem Kampfe, und bald wagte es keiner mehr, den Furchtbaren zur Rede zu ſtel⸗ len, der nun um ſo dreiſter die Unſchuld der edel⸗ ſten und beſten Frauen und Maͤdchen mit boͤſer Zunge Preis gab.“ „So war er nach und nach aus dem aſt wohl mitunter geſuchten Liebling der Schoͤnen, ein Schrek⸗ — 138— ken fuͤr ſie geworden, als ſeine junge und reizende Nachbarinn, die Wittwe des alten Herrn vom Thurm zu Marſens, ſeine Eroberung machte und beſchloß, den unbeſtaͤndigen Fluͤchtling zu feſſeln. Liebe zog die ſchoͤne Wittwe zu ihm, und eine Zeitlang glaubte ſie ſich auch ſchmeicheln zu duͤr⸗ fen, die Liebe wuͤrde ihn auf immer an ihre Seite feſſeln. Die Leichtglaͤubige! bald mußte ſie ſehen, wie ſehr ſie ſich getaͤuſcht hatte, wie er ſie, die Stolze, einer ihrer Vaſallinnen aufopferte, und in den Armen der Zofe der ajdenſchaft der Gebiete⸗ rinn ſpottete.“ „ Von dieſem Augenblick an erfülle ein tiefer, unausloͤſchlicher Haß die Bruſt der Gekraͤnkten; an bie Stelle der Gefuͤhle der Liebe, trat der bren⸗ nende Durſt nach Rache, nach einer Rache, die ſo ausſchweifend war, wie fruͤher ihr Wohlwollen. Nicht der Tod ſollte den ſchnoͤden Verraͤther ſtra⸗ fen, ſondern eine lebenslange, nie endende Qual.“ „Eine ungeheuere Baͤrinn machte damals die Gegend um Marſens unſicher, und ſchon mancher brave Waidmann war dieſem grimmigen Ungethuͤm unterlegen. Dies wußte die rachſuͤchtige Wittwe, und hieran knuͤpfte ſie den Saden zu Wlatras Verderben.“ „Ohnfern einer Grotte, wo ſie ſonſt oft mit dem Geliebten auf Spaziergaͤngen zuſammengetrof⸗ fen war, hatte das wilde Thier, das jetzt noch grim⸗ — 189— 7, o Cug miger wie geſhalch war, da es Junge ſaͤugte, ſein Lager aufgeſchlagen. Unter dem Vorwande, ihn nur noch einmal zu ſehen, lockte Mathilde von Marſens, den nichts ahnenden Glayrol in dieſe Gegend, der kaum in das Thal trat, wo er die ſehnſuͤchtige Liebe auf ſich harrend hoffte, als er ſich auch ſchon von der Baͤrinn angefallen und, waffenlos wie er war, bhun uͤberwaͤltigt ſah.“ A ue. „Wielleiht häͤtte ein rraſche Flucht den Un⸗ glücklichen noch retten koͤnnen; aber wie haͤtte Glay⸗ rol zu fliehen vermocht! er, der nie einem Feinde gewichen war.— Er wich dem ungleichen Kam⸗ pfe nicht aus, und bald wuͤrde er ſeine Kuͤhnheit mit dem Leben bezahlt haben, wenn ſeine grauſame Feindinn, die dies nicht wollte, ihm nicht zu Huͤlfe gekommen waͤre. An der Spitze ihrer Leute er⸗ ſchien ſie noch zu rechter Zeit, um den Ungluͤckli⸗ chen aus den Tatzen des Ungeheuers zu befreien, aber furchtbarer wie ſie es ſelbſt gedacht, war ihre Rache vollſtreckt worden. Die Zuͤge, welche ſo manches Auge bethoͤrt hatten, waren auf immer entſtellt, die Zunge ſelbſt, welche ſo oft durch fal⸗ ſche Liebesſchwuͤre die leichtglaͤubige Unſchuld be⸗ ſtrickt hatte, herausgeriſſen. Der ſchoͤne, allbe⸗ wunderte Ritter Glayrol glich von Stund an einem entſetzlichen Unholde, und ſcheu ſein Geſicht verber⸗ gend, zeigte ſich der Ungluͤckliche ſeitdem nur noch † — 140— mit geſchloſſenem Helme den Menſchen, die ſein Anblick voll Grauen zuruͤckſchrecken mußte.“ „Fruͤher,“ fuhr Heinrich Blonai nach einer kleinen Pauſe fort:„Fruͤher konnte ich den Ei⸗ telen nicht leiden, und mied, obſchon er mit mei⸗ nem Hauſe verwandt iſt, ſeinen Umgang; ſeitdem ihn aber ein ſolch entſetzliches Geſchick betroffen, uͤberwog das Mitleid den gerechten Widerwillen gegen ſeine Vergehen, und ich geſtehe, daß es mich freute, ihn heute zu meinen Spielen kommen zu ſehen. Der Arme! er hat ja weiter keine Freude mehr in der Welt, als die, noch dann und wann in Ritterſpielen das, was ihm allein von ſeinen ehemaligen Vorzuͤgen geblieben iſt, ſeine Kraft und Geſchicklichkeit, glaͤnzen zu laſſen, und ſeit dem Tode ſeiner Mutter ganz allein ſtehend, lebt er, ein Einſiedler, auf ſeiner ſeenhenloſene einſa⸗ men Veſte.“ 1 3 Aufmerkſam hatten Ermenance und ihre Toͤch⸗ ter dieſe Erzaͤhlung von dem Unfalle des Ritters vom Baͤr, wie Glayrol ſeit jener Zeit allgemein hieß, mit angehoͤrt, und verwundert blickten ſich dabei Iſaura und Giſella an, nicht wiſſend, ob ſie oder ihr Schwager Blonai hier im Irrthum ſchweb⸗ ten, waͤhrend die Mutter es im Geheim beklagte, daß ein ſo tapferer, ſo reicher, ſo altadliger und, der Geſtalt nach, ſo huͤbſcher Ritter, kein Freiers⸗ mann fuͤr die geliebte Giſella werden konnte; doch troͤſtete ſich die gute Frau, jetzt einen Blick auf Robert Laſarra werfend, und ſehend wie angelegent⸗ lich er ſich der Tochter zur Seite hielt, mit der Betrachtung, daß der Adel dieſes Freiherren⸗Ge⸗ ſchlechtes nicht minder beruͤhmt war, wie der der Glayrols, und daß eine Freiinn von Laſarra wohl einer Caſtellaninn von Glayrol die Wage halte. Die Feſte auf Blonai waren abermals zu Ende, des jungen Chatelard Verlobung mit Bertha feier⸗ lich begangen, und Alles ruͤſtete ſich nun wieder zum Heimzuge. Auch Frau Ermenance dachte auf den Heimweg, und nicht ohne Vergnuͤgen vernahm ſie, nicht ohne Schreck Iſaura, daß die beiden ſonſt in allen Dingen ſo von einander abweichen⸗ den Gegner, Montfaucon und Montagny, ſich die Erlaubniß erbaten, die Damen bis Wuͤflans ge⸗ leiten zu duͤrfen, eine Verguͤnſtigung, um die nun ſogleich auch der alte Laſarra und ſein Sohn an⸗ hielten, und ſie, wie jene, von Grinwalds Wittwe zugeſtanden bekamen. Auf ihren Roſſen ſitzend— denn damals, wo es noch keine Kutſchen gab, mußte auch das ſchoͤne Geſchlecht die Kunſt des Reitens verſtehen— zogen die Damen von Blonai aus, Iſaura umla⸗ gert von ihren wilden Verehrern, Giſella unterhal⸗ ten von dem geſpraͤchigen Robert, und Frau Er⸗ — 142— menance ergoͤtzt von deſſen Vater durch weitlaͤuf⸗ tige Auseinanderſetzung aller ſeiner einſtigen Rit⸗ terthaten auf dem Felde der Liebe und des Ruhmes. Am ſchlimmſten kam immer hierbei die gute Iſaura weg. Ach wie gern haͤtte ſie ſich in ſtille Traͤumereien an den geliebten Bruder Arthur ver⸗ tieft! Wie gern haͤtte ſie ihren rauhen Champio⸗ nen die Muͤhe erſpart, ſie zu unterhalten; umſonſt! ſie mußte die Reden dieſer Herren, die wenig dar⸗ an gewoͤhnt waren, mit Damen zu verkehren, an⸗ hoͤren und ſich, waͤhrend Robert der gern und freundlich zuhorchenden Giſella mit zarten Schmei⸗ cheleien, ſein Vater Ermenancen mit verſchollenen Geſchichten die Zeit vertrieb, die ungeſchlachten Wuͤnſche ihrer unwillkommenen Verehrer vortragen laſſen. „Seht!“ rief Montagny der Schoͤnen zu, als man an den bluͤhenden Rebengelaͤnden von Lavaud voruͤber ritt:„Seht, Dame, welche Trauben! Beim Teufel! ſo Gott will, denke ich mich in Zukunft alle Tage auf Euer Wohl in ihrem Safte zu berauſchen.“ „Nach Belieben,“ entgegnete Iſaura,„doch muß ich bekennen, edler Ritter, daß berauſchte Maͤnner.... „O!“ fiel der unerſchrockene Trinker ein,„das wird ſich geben. Wenn Ihr erſt auf meinem Schloſſe Montagny neben mir ſitzt, dann hoffe ich, werdet — 143— Ihr wacker mit mir anſtoßen, und wer weiß, wer zuletzt den Sieg behaͤlt.“ Man kann denken, wie ſehr Iſaura ſich durch dieſes ſeyn ſollende Compliment, und die ſchoͤne ihr eroͤffnete Ausſicht, geſchmeichelt fuͤhlte; ihre Freude ſtieg aber noch hoͤher, als bald darauf, in⸗ dem man neben den waldigen Abhaͤngen bei Lau⸗ ſanne hinzog, der Andere begann: „Mord Element! da muß es praͤchtige Sauen geben. Auf Ehre! wenn Ihr erſt Caſtellaninn von Clefs ſeyd, dann wollen wir zu ganzen Tagen mit den Hunden im Moore liegen, und die alten Ba⸗ chen heraushetzen, daß es eine Luſt iſt.“ Man kam jetzt uͤber die Ebene von Vidi,*) wo einſt Carpentras geſtanden haben ſoll. Die Reize dieſer Gegend, geruͤhmt von allen, die ſie ſahen, machten keinen Eindruck auf Iſauras lie⸗ benswuͤrdige Begleiter. Gemeinſchaftlich entwarfen ſie Plaͤne zu Gefechten, die ſich hier ganz praͤchtig muͤßten vornehmen laſſen, und das erſchrockene Maͤd⸗ chen hoͤrte von nichts wie von Todten, Verſtuͤmmel⸗ ten, Niedergerittenen und Niedergetretenen reden. Endlich langte man in Wuͤflans an, und nach⸗ **) Eine halbe Meile von Lauſanne liegt die Ebene Vidi, wo alte Mauerreſte und ausgegrabene Muͤn⸗ zen die Alterthumsforſcher zu dem Glauben ge⸗ bracht haben, daß hier einſt die roͤmiſche Stadt Carpentras ſtand. — 144— dem noch die Herren ſich hier aus Grinwalds wohl⸗ beſetztem Weinkeller eine tuͤchtige Ladung geholt, empfahlen ſie ſich mit dem Verſprechen, recht bald ſo liebenswuͤrdige Damen wieder zu beſuchen.„ Und ſo volle Faͤſſer,“ ſetzte Iſaura hinzu, und ſah den muͤhſam ſich in ihren Saͤtteln feſthaltenden Vereh⸗ rern mit Lachen nach. Auch der alte Freiherr Laſarra und ſein Sohn ſchieden, Beide von Ermenance und Giſella gar freundlich entlaſſen, und Beide in der Stille ſich mit allerlei Entwuͤrfen tragend.* „Die Herrſchaften Laſarra und Wuͤflans zu⸗ ſammen,“ dachte der Vater,„muͤſſen kein uͤbeles Beſitzthum bilden. Dame Ermenance iſt noch recht huͤbſch, ich.... wer ſieht mir meine ſechzig Jahre wohl an 2. Die Sache verdient Erwaͤgung.“ „Giſella,“ ſprach der Sohn zu ſich ſelbſt, niſt die beſte Taͤnzerinn, welche ich in meinem Leben 4 geſehen; und, wer gleicht mir hierin? wer? O! 4 das muß eine Freude ſeyn, ſo durch das ganze 4 Leben mit ihr huͤpfen zu koͤnnen! Giſella oder keine! ſoll fortan mein Wahlſpruch ſeyn.“ Und wie dachten wohl Mutter und Tochter in dieſem Punkte?„Der alte Herr Thierry von La⸗ ſarra,“ meinte die Caſtellaninn,„iſt ein recht ar⸗ tiger Mann, und noch ganz ruͤſtig fuͤr ſeine Jahre. Ach! gewiß hatte ſeine Gattinn einſt ein beſſeres 3 Loos — 145— Loos bei ihm, wie ich bei dem grauſamen Grin⸗ wald, und wenn...“ Sie unterbrach ſich hier ſelbſt und richtete ihren Blick auf Giſella.„Un⸗ moͤglich, liebes Kind,“ fuhr ſie fort,„kannſt du jemals die Gattinn des namenloſen Arthur werden, den ich uͤbrigens ſehr liebe und alles Moͤgliche fuͤr ihn thun will. Ich hoffe, du wirſt dies ſo gut einſehen wie ich, jetzt beſonders, wo der alte Herr von Laſarra ſchon ganz deutlich ſeine Abſicht.... „Großer Gott!“ fiel Giſella erſchrocken hier ein,„der alte Mann will mich? O nimmermehr! liebe Mutter.“ „Du biſt ein Kind,“ entgegnete Ermenance, ein wenig verwirrt uͤber das Mißverſtaͤndniß.„Wenn er an Dich denkt, ſo geſchieht es nur wie ein Va⸗ ter und— ſeines Sohnes wegen.“ „ Ach, das iſt etwas anderes. Ja, dann.... freilich beſte Mutter, Robert Laſarra iſt ſehr lie⸗ benswuͤrdig und Arthur allerdings nur....“ Der junge Mann, von dem man ſprach, war waͤhrend dieſer Unterhaltung ſtill in das Zimmer getreten. Es hatte ihn gedraͤngt, diejenigen wie⸗ derzuſehen, an denen ſein Herz hing, diejenige, fuͤr welche er zu Blonai unerkannt gekaͤmpft hatte... Man denke ſich ſein Gefuͤhl, als er vernahm, was Mutter und Tochter mit einander uͤberlegten.— Arthur liebte Giſella, freudig waͤr er, wenn ſie es gewunſcht haͤtte, in den Tod fuͤr ſie geeilt, 10 — 146— freudig haͤtte er fuͤr ihr Gluͤck das Seine geopfert; aber er war auch ein Mann, der ſeinen Werth kannte, und daß dieſelben Beiden, die ihm und ſeinem im Grabe ruhenden Oheim all' ihr jjetziges Gluͤck, ja die Erhaltung ihres Lebens allein Rai⸗ mund zu danken hatten, daß dieſe ihn um der eitelen Vorurtheile eines zu allen Zeiten nicht loͤb⸗ lichen Stolzes verwarfen, daß Giſella ihn in ihrem Herzen einem jungen Gecken wie Robert nachſetzen konnte, blos weil dieſer zufaͤllig Ahnen zaͤhlen konnte und er nicht: dies ſchmerzte ihn tief, und er beſchloß zur Stelle, moͤge das Opfer ihm auch koſten was es wolle, ſich loszureißen. „Edele Damen,“ begann er, ſich ehrerbietig verneigend,„der Traum meines Gluͤckes, vielleicht zu lange von mir feſtgehalten, ſchwand in dieſem Augenblick. Ich danke Euch, daß Ihr, wiewohl unfreiwillig, mich aus meinem Irrthum herausriſ⸗ ſet. Ich glaubte, daß ein Herz voll Liebe und Treue wohl in Euren Augen den Vorzug der Ge⸗ burt aufwiegen, daß Thaten des Adels werth mich⸗ einſt in dieſen Augen werthvoll genug machen koͤnn⸗ ten, nach dem ſchoͤnen Lohne zu ringen, den Rit⸗ ter Grinwald mir auf dem Sterbebette verhieß.... ich taͤuſchte mich, und niemand traͤgt die Schuld davon, wie ich ſelbſt. Darum will ich mir auch die Strafe auflegen. Der arme Arthur ohne Na⸗ men und Ahnen verlaͤßt noch heute Euer Schloß, 2 — 147— und was er gehofft hatte als ein theueres Pfand bis in's Grab mitnehmen zu duͤrfen, was Ihr ihm, ſchoͤne Giſella, als Preis ſeines Sieges zu Blonai reichtet, das legt der Ritter der ge⸗ taͤuſchten Hoffnung ehrfurchtsvoll hier wieder zu Euren Fuͤßen nieder.“ Mit dieſen Worten uͤberreichte er Giſella die von ihr empfangene gruͤne Schleife, und eh' denn noch Mutter und Tochter ein Wort zu erwiedern vermochten, verließ er das Gemach, um ſogleich die Anſtalten zu ſeiner Abreiſe zu treffen. „Der Stolze,“ ſprach nach einer Pauſe die Caſtellaninn;„der Uebermuͤthige!“ „Arthur!“ ſeufzte Giſella, einen Moment von dem Gedanken ergriffen, wie tief ſich der Brave, der es ſo redlich meinte, gekraͤnkt fuͤhlen mußte. Bald ſiegte aber die weibliche Eitelkeit, die ſich durch Zuruͤckgabe des Geſchenkes beleidigt glaubte, und ſie ſetzte mit der Mutter hinzu:„der Ueber⸗ muͤthige! O gewiß! Robert Laſarra wuͤrde nicht ſo handeln.“ Frau Eliſabeth, Raimunds Wittwe, lebte ſeit dem Tode ihres Mannes, und ſeitdem ſie eben⸗ falls die ſchmerzliche Erfahrung gemacht hatte, daß die Caſtellaninn von Wuͤflans nicht mehr die ein⸗ ſtige, eine ewige Dankbarkeit und Freundſchaft ſchwoͤrende Ermenance war, in einem einſamen Haͤuschen außerhalb der ſtolzen Burg. Zu ihr, 10* — 148ñ— zu der muͤtterlichen Freundinn ſeiner verwaiſten Ju⸗ gend eilte Arthur jetzt, um ihr ein vielleicht ewi⸗ ges Lebewohl zu ſagen Iſaura trat ihm hier entgegen. Froh, die laͤſtigen Begleiter los zu ſeyn, war das Maͤdchen hierher geeilt, um die gute Eliſa⸗ beth, um den geliebten„Bruder Arthur,“ den ſie hier zu fi finden hoffte, zu begruͤßen, um ihm Gluͤck zu wuͤnſchen zu der Ehre, die er ſich in Blonai erworben hatte und ihm zu ſagen, daß ihr Herz ihn gleich unter der Verhuͤllung erkannt habe: ach! und nun vernahm ſie ſeinen Entſchluß zu ſcheiden, vielleicht auf immer zu ſcheiden, und ein namen⸗ loſer Schmerz durchzuckte ihre Bruſt. Zum Erſten⸗ male fuͤhlte ſie es ganz, wie theuer ihr Arthur war, zum Erſtenmale ging eine Ahnung davon in ihr auf, daß er ihr mehr noch war, als Bruder, und indem ſie weinend ſeine Hand an ihr Herz druͤckte und ihn bat,„die Schweſter und Jugendgeſpielinn Iſaura⸗ nicht zu vergeſſen, reichte ſie ihm zitternd und mit niedergeſchlagenen Augen das Sinnbild der Er⸗ innerung und Treue, ein beſcheidenes Vergißmein⸗ nicht, das ſie eben erſt am Bache gepfluͦckt hatte, und jetzt an ihrem Buſen trug. Mit dem Schmerz, den jedes edlere Herz empfin in⸗ det, wenn es ſich mit ſeinen redlichſten Gefuͤhlen dem Wahne der Welt geopfert ſieht, war Arthur in Eliſabeths Huͤtte getreten: ein glaͤnzender, neuer — 149— Strahl des Gluͤcks fiel in ſeine Bruſt, als Iſaura ihm jetzt das deutliche Pfand ihrer Gefuͤhle reichte „Iſaura!“ rief er,„Schweſter! geliebte... Freun⸗ dinn! Geadelt durch Thaten kehrt Arthur zuruͤck oder nie. Dieſe Blume ſoll des Einſamen Troſt und Schirm ſeyn. So lange dies Herz ſchlaͤgt, ſoll ſie an ihm ruhen, und wenn ich einſt wieder⸗ kehre und der Stolz der Geburt nichts mehr an mir zu tadeln findet, dann ſoll dieſe Blume meine Fuͤrſprecherinn bei Gabriele von Wuͤflans ſeyn, die als Iſaura mir Schweſter und Engel war.“ Denſelben Tag noch verließ Arthur, begleitet von den Thraͤnen der Pflegemutter und von den heißeſten Wuͤnſchen Iſauras, die Burg, und ſchlug den Weg nach Italien ein, wo damals in der heutigen Lombardei, der Sohn Hugos, des zwei⸗ ten Gemahls der auch läͤngſt im Grabe ruhenden Koͤniginn Bertha, Lothar, auf wankendem, vielfach bedrohten Throne ſaͤg. Lothar war ein Juͤngling und ſchwach. Edel von Herzen, aber der Verfuͤhrung zugaͤnglich, lieh er, wie ſo mancher Fuͤrſt vor und nach ihm, der Schmeichelrede eigenſuͤchtiger Hofleute ſein Ohr, und die Stimme weiſer Raͤthe verachtend, gerieth er bald in eine Menge von Verlegenheiten, die dann, wie dies auch ſchon oft vor und nach ihm — 150— geſchehen iſt, von den Nachbaren zu ehrgetziger Vergroͤßerung treulich benutzt wurde. Als Arthur ſich jetzt den Staaten dieſes Koͤ⸗ nigs nahte, deſſen uͤbrigens redliches Wollen wohl V ein beſſeres Geſchick verdiente, war Lothar, ge- draͤngt von Innen und Außen, des groͤßten Theiles ſeiner Beſitzungen beraubt. Hier verwuͤſteten die Schaaren des Frankenkoͤnigs mit mitleidloſer Raub⸗ gier das Land, dort tummelten ſich unter Deutſch⸗ lands Kaiſerfahnen rauhe Krieger umher; beide, Franken wie Deutſche, behauptend, das Land ſchuͤz⸗ zen zu wollen, Beide es aber nur ausſaugend und ſchon in Gedanken den Werth der reichen Beute berechnend, waͤhrend uͤbermuͤthige und erbitterte Ba⸗ rone, ſtatt ihrem Lehnsherrn, deſſen Thronesſtuͤz⸗ zen ſie ſich nannten, beizuſtehen, ſich theils an dieſe, theils an jene Parthei anſchloſſen, und faſt aͤrger wie die Fremden das arme Land plagten, und ſo dem ganzen heilloſen Unweſen die Krone aufſetzten. Allen dieſen Feinden hatte Lothar aber nichts 4 weiter entgegenzuſeten, als ein kleines und dazu muthlos gewordenes Haͤufchen Getreue, die mit ihm auf den Raum zwiſchen den Ufern des Gar⸗ daſees und Brescia eingeſchraͤnkt, jeden Tag ihrer gaͤnzlichen, unwiederherſtellbaren Niederlage entge⸗ genſahen. So war die Lage des Lambardentönigs, als Arthar, des maͤnnlichen Entſchluſſes voll, ſich einen Ruhm zu erwerben, vor welchem ſelbſt der Stolz auf altes Herkommen ſich neigen muͤßte, oder un⸗ terzugehen, in Peſchiera einritt, wo eine Abthei⸗ lung von Lothars Heer ſtreng durch die Deutſchen bedroht wurde, waͤhrend mehrere aufruͤhreriſche Ba⸗ rone, im Verein mit den Franzoſen, Lothar in ſei⸗ nem Lager vor Brescia umringten, und bald er⸗ kannte er hier, daß nur ſchnelle Mittel, nur Wag⸗ ſtücke von ungemeſſener Kuͤhnheit, den nahen Un⸗ tergang noch hintertreiben konnten. Unter dem Namen des Nitters der Hoff⸗ nung, welcher Benennung er jetzt noch das Epi⸗ thet: und der Treue, hinzufuͤgte, ſtellte er ſich dem Befehlshaber der bedrohten Veſte dar, und gern ward ſein Erbieten, unter Koͤnig Lothars Fah⸗ nen zu fechten, angenommen. Jetzt begann nun der junge Krieger ſogleich ſich die Lage der Stadt und die Mittel, welche ſie zur Vertheidigung hatte, zu beſehen. Beides war leider nicht der Art, um ihm Vertrauen einzufloͤ⸗ ßen, doch beugte dies ſeinen Muth keineswegs. Sein Zuſpruch richtete die geſunkenen Hoffnungen der Einwohner wieder auf, ſein Beiſpiel belebte den Ehrgeiz der Krieger, ſeine Rathſchlaͤge die Thaͤ⸗ tigkeit des Befehlshabers. Man begann die ſchwa⸗ chen und halb verfallenen Werke eilig auszubeſſern, die Jugend uͤbte ſie ter ſeinen Augen in den — 152— Waffen, die Reiſigen ſchaͤmten ſich, ihm gegenuͤber Zaghaftigkeit blicken zu laſſen, und als nun, bald nach ſeiner Ankunft, ſtolz auf ihre Menge und ſicher des ſchnellen Sieges, die Feinde vollends heranzogen und Peſchiera von allen Seiten ein⸗ ſchloſſen, kaum den in ihren Augen unbedeuten⸗ den Ort einer Aufforderung noch werth haltend und ſicher glaubend, ſogleich ohne Schwertſtreich einruͤcken zu koͤnnen: da erſtaunten ſie nicht wenig, die Thore wohlverwahrt und geſchloſſen, die Waͤlle mit einer mannhaften Schaar beſetzt zu ſehen. Noch mehr erſtaunten ſie aber, als ſie den ernſten, ritterlichen Widerſtand empfanden, der ihnen hier ſo ganz unerwartet entgegengeſetzt wurde und bald nach einigen vergeblichen Stuͤrmen ſehend, daß es hier mit einer Ueberrumpelung nichts ſey, entſchloſ⸗ ſen ſie ſich zu einer regelmaͤßigen Belagerung. Ddies war es, was Arthur gewuͤnſcht und be⸗ zweckt hatte, und worauf er ſeinen Plan baute. Kaum hatten die Feinde ihr Lager bezogen und ihre Stellungen an den Ufern des Sees genom⸗ men, ſo waͤhlte ſich Arthur ein Haͤufchen der tap⸗ ferſten unter der Mannſchaft der Veſte aus, und in einer dunkelen Nacht uͤber den See ſetzend, fuhr er dem Orte zu, wo jetzt das Dorf St. Fran⸗ eesco ſteht, und damals ſich Luigi Ganzi, einer der reichſten und maͤchtigſten Barone aus Lothars Staaten, und dieſes K erbittertſter Gegner, — 153— mit den Seinen in ſtolzer Sicherheit gelagert hatte, ſchwoͤrend bei dem Griff ſeines Degens und dem heiligen Kreuze, er wolle allein Peſchiera nehmen und Lothar zwingen, ſich vor ihm zu beugen, und waͤre die Veſte mit Ketten an dem Himmel ge⸗ hangen, und haͤtte der Lombardenkoͤnig ein Genicke von Eiſen.“ Noch ſaß Luigi, mit mehreren ſeiner Kampf⸗ und Siegesgenoſſen, beim ſpaͤt in die Nacht ver⸗ laͤngerten Mahle, als der Ritter der Hoffnung und Treue, wie Arthur, ſeit er unter Lothars Fahnen focht, allgemein genannt wurde, mit ſeiner kleinen Mannſchaft ſtill am ſchlechtbewachten Ufer landete, und eben hob der uͤbermuͤthige Ganzi, in ſeinem Duͤnkel den bedraͤngten Herrn und Koͤnig bereits zu ſeinen Fuͤßen und die zu Monza verwahrte eiſerne Krone des Reiches, auf ſeinem Haupte ſehend, den Becher empor, um ſeine frevelhaften Hoffnungen in einem luſtigen Trinkſpruch auszu⸗ ſprechen: als ploͤtzlich, wie eine Erſcheinung der Geiſterwelt, Arthur in das Zelt trat und mit einem maͤchtigen Streiche ihm die Hand vom Arme trennte, daß ſelbe mit dem erfaßten Becher weithin flog und Blut und Wein zugleich die Anweſenden und die Tafel uͤberſpritzten, waͤhrend in demſelben Au⸗ genblick des tapferen Arthur Begleiter die Andern im Zelte theils ent een, theils niederhieben, — 154— und nun ſich in das Lager der ſchlaftrunkenen Feinde ſtuͤrzend, uͤberall Entſetzen, Verwirrung, Tod und Flucht verbreiteten. Sorgſam nach der Gegend hinblickend, wo dies vorging, ſtand der alte Befehlshaber von Peſchiera, waͤhrend dem auf der hoͤchſten Zinne der Veſte, und als nun eine hoch aufwirbelnde Feuerſaͤule, das brennende Lager Luigi Ganzis, ihm verkuͤn⸗ dete, daß der Streich gelungen, da nahm er die bereitgehaltene Mannſchaft zuſammen und fiel in das Lager der uͤbrigen Feinde, nun auch von die⸗ ſer Seite Schrecken und Tod bringend. Bald kroͤnte ein glaͤnzender Erfolg auf allen Punkten das kuͤhne Unternehmen. Zerſprengt, ver⸗ wirrt flohen die ſtolzen Gegner Lothars nach allen Richtungen hin, mehr als die Haͤlfte derer, die ſo vermeſſen ſich ſchon eines gewiſſen Sieges gefreut hatten, deckten das Feld, und mit dem gefange⸗ nen Luigi kehrte der Ritter der Hoffnung und der Treue, als der Morgen tagte und weit und breit kein Feind mehr zu ſehen war, nach der Veſte zuruͤck, wo ihn das Volk und die Krieger mit lau⸗ tem Jubel empfingen und die Letzteren ihn ein⸗ ſtimmig zu ihrem Fuͤhrer ausriefen, da ihr bishe⸗ riger im Kampfe den Tod gefunden hatte. Als Lothar aber durch die Fluͤchtlinge von dem zerſpreng⸗ ten Heere zuerſt die Kunde dieſes ungehofften Sieges vernahm, und nun in Folge deſſelben die — 1655— mehrſten der aufruͤhreriſchen Barone, fuͤrchtend ein gleiches Geſchick wie Ganzi, demuͤthig ſich ſeinem Throne nahten und reuevoll Unterwerfung gelobten, da ſchwor der entzuͤckte Monarch, er wolle den Mann, den ihm der Himmel ſo unerwartet als Retter geſendet hatte, vor allen Großen groß machen, moͤge er auch ſeyn wes Stammes und Landes er wolle. So ſtieg denn Arthur, der noch immer uͤber ſeine Herkunft ſowohl, wie uͤber ſeine anderen Ver⸗ haͤltniſſe, ein ſtrenges Stillſchweigen beobachtete, ſchnell von Stufe zu Stufe, und da es ihm nach mancher Anſtrengung und nach manchem blutigem Kampfe gelang, ſeinen Koͤnig von allen ſeinen Feinden zu befreien und den alten Thron der Lom⸗ barden wieder feſtzuſtellen, ſo verbreitete ſich denn auch ſein Ruhm weithin durch alle Lande, und wo von Tapferkeit und Klugheit im Felde, wie in den Verſammelungen der Raͤthe, die Rede war, da wurde immer des Ritters der Hoffnung und der Treue als eines Muſterbildes von Beiden gedacht. Einige Jahre waren auf dieſe Art verronnen. Da geſchah es, daß zu St. Sulpice, am Ufer der Venoge, ohnfern dem reizend gelegenen Dorfe Lille, auf der gruͤnen Aue, die am Ausfluſſe der Venoge in den Leman liegt, eine zahlloſe Maſſe Volkes ſich verſammelte, um der Einkleidung einer Nonne beizuwohnen, deren Schoͤnheit und leidende Erge⸗ 4 — 156— bung in ihr Geſchick, jedes Herz ruͤhrte. Waͤhrend aber noch die Menge ſo ſtand und ſich draͤngte, um ja den Zug nicht zu verſaͤumen, der von Lille herab nach dem Stifte des Heiligen Sulpitius ſich be⸗ wegen ſollte, kamen von einer anderen Seite den Berg hinab, zwei ſtattliche Reiter getrabt, denen in einiger Entfernung ein anſehnlicher, praͤchtig gewaffneter Dienertroß folgte, alle gruͤn und blau geſchmuͤckt und in den hocherhabenen Faͤhnlein der Lanzen, ein Vergißmeinnicht tragend. „Was deutet,“ fragte der eine der beiden Rit⸗ ter, ein junger, ſchlanker Mann von edelem, ſtol⸗ zen Anſehen, einen am Wege ſtehenden Greis und zeigte mit der Hand auf die wogende Menge im Thale:„Was deutet das Gedraͤnge des Volkes da unten? Welch ein Feſt wird hier gefeiert?“ Ernſt blickte der Greis den Fragenden an und eine Thraͤne draͤngte ſich in ſein Auge; dann ſprach er:„Muͤßt weit her ſeyn, mein Ritter, daß Ihr nicht wißt, was den ganzen Canton bewegt. Ja,“ ſetzte er nach einer kleinen Pauſe hinzu,„wir feiern hier ein Feſt, ein heiliges Feſt, ſagen die Prieſter. O! es iſt ein Feſt der Mutterliebe.“— Der Greis hatte die letzten Worte mit ſichtba⸗ rem, muͤhſam unterdruͤckten Ingrimm geſprochen und wandte ſich nun weg, als wolle er es vermei⸗ den, mehr zu ſagen, aber der andere Ritter, auf 1 — 157— deſſen Helm, reich in Gold und Lazur gearbeitet, zwiſchen den wogenden Federn ein Vergißmeinnicht ſich hob, und der bisher noch kein Wort geſpro⸗ chen, bat ihn jetzt, doch noch zu bleiben und ihnen naͤhere Auskunft zu geben. „Hm,“ entgegnete der Greis,„bedarf es bar noch? Ich ſagte es ja, wir feiern ein Feſt der Mutterliebe, doch nein! der Mutterzaͤrtlichkeit. Ihr ſeyd fremd, was kann es Euch fuͤr Theil⸗ nahme einfloͤßen, zu hoͤren, wie eine ſtolze Mutter eine Tochter dem Himmel opfert, weil dieſe ſich nicht dem Ehrgeiz der Mutter opfern will. So etwas geſchieht auch wohl anderwaͤrts.“ Der Alte wandte ſich hier abermals weg, aber ergriffen von einer dunkelen Ahnung hielt ihn der zweite Ritter von neuem zuruͤck und drang in ihm, die nah den Umſtaͤnde zu eroͤffnen. „Seht Ihr dort die Kuppeln des Stiftes von St. Sulpice?“ ſprach nun der Greis.„Wohlan, dort im Dome auf erhabener, mit Wappenſchil⸗ dern bunt behangener Tribune ſitzt jetzt die Frei⸗ frau von Laſarra, umringt von ihren Vaſallen, und wartet des Zuges der Nonnen von Lille, die hald von jenen Hoͤhen herabkommen werden, um die bleiche Himmelsbraut, Gabriele von Wuͤflans, zu em⸗ pfangen.“— „ Gabriele von Wuͤflans! Iſaura?“ rief der Ritter mit dem Ton des Entſetzens. — 158— „Ihr kennet ſie?“ entgegnete der Greis.„Ja, Iſaura nannte man ſie einſt. Nun, dann wißt Ihr ja Alles.“ „ Nichts weiß ich! nichts! O! um Gotteswil⸗ len, fahrt fort; was ging hier vor?“ „Was immer vorgeht, wenn der Menſch im eitelen Stolze ſich ſelbſt vergißt. Ermenance von Laſarra... 4 „Von Wuͤflans, wollt Ihr ſagen.“ „So hieß ſie einſt und damals war ſie gut, denn damals druͤckte ſie das Ungluͤck. Seit Grin⸗ wald Azzoni aber todt iſt, ſeit Schmeichler die Befreite umringten, ſeit Ehrgeiz und Habſucht ſie trieb, dem alten Thierey von Laſarra die Hand zum zweiten Bunde zu reichen, ſeit auch dieſer in's Grab ſank, und Robert Laſarra, mit Giſella von Wuͤflans vermaͤhlt, am Hofe des Frankenkoͤnigs in Pracht und weichlicher Ueppigkeit lebt; ſeitdem wich die Guͤte von ihr und mit der Macht, die ihr ward, wuchs auch der Durſt nach mehr.“ „ uUnd Iſaura? Iſaura?“ „Um die bewarben ſich ſeit Jahren die Her⸗ ren von Montagny und Montfaucon. Aber das Maͤdchen liebte ſie nicht, denn es ſind rohe Ge⸗ ſellen, wilde Leuteplager, die die Gegend haßt. Einſt bei Ritterſpielen, die Heinrich Blonai gab, lernten ſie das Fraͤulein kennen und kaͤmpften fuͤr — 159— ſie um den Preis; ſie hatte aber ihr Herz dem braven Arthur geweiht, der kein Rittersſohn, aber der Ritterehre werth war, der fortzog, ſie zu ver⸗ dienen und nicht wiederkehrte, und dem ſie treu bleiben will, bis in den Tod.“ „Bis in den Tod! o meine Iſaura!”“ „Ja, bis in den Tod, den grauſamen, lang⸗ ſamen Tod hinter Kloſtermauern. Da ſie die Mon⸗ tagnys und Montfaucons verwarf, da zwang die ſtolze Mutter, ſie dieſen zu waͤhlen, und heute, wie Ihr ſeht, draͤngt ſich das Volk mit Blumen zum Feſte der— Grabesbraut.“ Arthur, denn er war es, der hier mit dem Al⸗ ten ſprach, vermochte kein Wort zu erwiedern; Schmerz und Erſtaunen feſſelten ſeine Zunge, end⸗ lich rief er aber aus: „Und dies laͤßt man ſo geſchehen! Iſt denn Heinrich Blonai, der brave Ritter, nicht mehr? Iſt Berthold Chatelard todt?“ „Sie folgten dem Rufe Kaiſer Ottos in das Feld;“ antwortete der Greis.„So lange ſie noch da waren, da bufe⸗ freilich die Mutter es nicht wagen.... „Mein Her und König!“ begann jetzt Arthur, ſich an den Ritter zu wenden, der zuerſt den alten Landmann angeredet hatte:„Mein Herr und Koͤ⸗ nig, Ihr ſchwort mir einſt auf den Feldern von Brescia zu, mir zu gewaͤhren was ich bitten wuͤrde. — 160— Noch wagte ich es nie, Euch an dies Koͤnigswort zu mahnen, ich glaubte es nie zu duͤrfen; denn Eure Gnade hat den Armen hocherhoben und mit Guͤtern reich belohnt. Aber jetzt, mein Koͤnig, flehe ich zu Euch im Staube, rettet meine Iſaura, meine Schweſter, meine Geliebte, rettet ſie, und nehmt alles wieder, was Eure Huld mir verlieh.“ Dies ſprechend, war Arthur vom Roſſe geſtiegen und hatte ſich Koͤnig Lothar, der unter der beſchei⸗ denen Huͤlle eines einfachen Ritters, ſeinem Vet⸗ ter, Konrad von Burgund, einen unerwarteten Be⸗ ſuch abſtatten wollte, zu Fuͤßen geworfen, und waͤhrend das neugierige Volk, erſtaunt uͤber dieſe Scene und uͤber die Nachricht, daß Italiens Koͤ⸗ nig unter ihnen ſey, ſich um die Beiden verſam⸗ melte, von den Anhoͤhen von Lille herab aber ſich der Zug der Nonnen mit Kreuzen und Fahnen, und unter Geſaͤngen nahte, winkte Lothar mit ſtolzer Haltung ſein Gefolge naͤher, und nun be⸗ fehlend, daß man die Fahnen Lombardiens aus⸗ breiten ſolle, ſchwor er mit erhobener Rechten laut und vernehmlich, daß alles Volk es vernahm, ſei⸗ nen Freund und Vetter Arthur, Herzog von San Francesco di Garda, zufrieden zu ſtellen. Ein lauter, vielfach wiederholter Jubelruf durch⸗ lief bei dieſem Ausſpruch die Reihen des Volkes, und von Mund zu Mund, ſchnell wie der Blit/ verbrei⸗ verbreitete ſich nach allen Seiten hin die Kunde von der Anweſenheit Koͤnig Lothars und ſeines Ritters Arthur. Auch in dem Dom von St. Sulpice, wo Er⸗ menance von Laſarra, wie der Greis geſagt hatte, auf bunt mit Wappenſchildern geſchmuͤcktem erha⸗ benen Stuhle ſaß, flog die Nachricht, und begie⸗ rig das Unerwartete zu ſchauen, ſtroͤmte die Menge, trotz Meſſe leſendem Prieſter und Chorgeſang, hin⸗ aus, ſo daß gar bald die Dame ſich eben ſo allein und von ihrem Gefolge verlaſſen ſah, wie der Prieſter, der umſonſt ſeine Stimme erhob, das davon eilende Volk zu halten. Nicht lange, ſo fullte ſich aber das Gotteshaus von neuem, und herein zog, die koͤniglichen Fahnen der Lombardei voran, Lothar, und ihm zur Seite, geſchmuͤckt mit weißen Roſen, ſelbſt eine weiße, zitternde Roſe, Iſaura, und daneben Arthur, dem Herolde ſein herzoglich Wappen vorantrugen, und den ſein Koͤ⸗ nig jetzt, an den Stufen des Hochaltars, noch einmal vor allem Volke, als ſeinen lieben Ge⸗ treuen erklaͤrte, und ihn im Angeſichte Gottes, kraft ſeiner koͤniglichen Macht, mit Gabriele von Wuͤflans verlobte.— — 162— Wie Dame Ermenance anfangs das Ganze fuͤr ein Blendwerk ihrer Phantaſie hielt, und mit ſtarren Augen die Vorgaͤnge betrachtete; wie Iſaura halb leblos vor Entzuͤcken in des geliebten Arthur Armen lag, und ebenfalls nur einen ſchoͤnen, ſeli⸗ gen Traum zu traͤumen waͤhnte; wie das jubelnde Volk das gluͤckliche Paar umringte; wie endlich die Mutter in ſich gehend, ihr Kind wieder an die muͤtterliche Bruſt druͤckte, und mit thraͤnen⸗ den Augen das Unrecht erkannte, deſſen ſie ſich ſchuldig gemacht hatte, und hierauf der glaͤnzende Zug ſich nach Vevay begab, wo Koͤnig Konrad gerade auf kurze Zeit ſeinen Hof hielt, dies alles beſchrieb der alte Verfaſſer jenes mir von meinem Freunde aus Lauſanne geſendeten Manuſeriptes eben ſo genau, als redſelig, und fuͤgte dann in einem beſonderen Anhange noch die Schilderung der vielen und mannichfachen Feſte hinzu, welche in Folge dieſer Ereigniſſe, theils zu Vevay, theils zu Wuͤflans gefeiert wurden, wo in derſelben Ka⸗ pelle, in welcher einſt ihr Todtenamt gehalten ward, Ermenance jetzt die Hand ihrer dritten Toch⸗ ter in die des braven und hochgefeierten Arthur zum ewigen Bunde legte, bei welcher Gelegen⸗ — 163— heit denn Koͤnig Konrad den Ritter der Hoff⸗ nung und Treue mit der Herrſchaft Wuͤflans belehnte, wie ſolches ſchon einſt Grinwald Aszoni gewuͤnſcht hatte., Spaͤter folgte Arthur aber mit ſeiner Gattinn Lotharen uͤber die Alpen zuruͤck, wohin ihn nicht allein die gute alte Eliſabeth Raimund begleitete, ſondern auch fuͤr einige Zeit Ermenance mit ihren anderen beiden Toͤchtern Aloyſe und Bertha, und deren unterdeß aus Kaiſer Otto's Feldlager heim⸗ gekehrten Maͤnnern, Heinrich Blonai und Ber⸗ thold Chatelard, die ihren neuen Schwager gar hoch hielten, und in der Folge ſtets„in gro⸗ ßer Eintracht und Freundlichkeit,“ mit ihm lebten, auch ſich herzlich freuten, als Arthur, nach Lo⸗ thars fruͤhem Tode, Italien verließ, und ſeinen Sitz in der Heimath zu Wuͤflans nahm, wo Er⸗ menance ſie von ihrem Schloſſe Murten, ihrem neuen Wittwenſitze, noch oft heimſuchte, bis ſie endlich in demſelben Kloſter zu Lille den Schleier nahm, in welches ſie einſt Iſaura hatte vergraben wollen. Hierzu bewog ſie aber die Nachricht von Giſella's fruͤhem Hinſcheiden, die ſich ihren Tod 11* — 164— bei einem Hoffeſte holte, das der Frankenkoͤnig, zu Ehren der Vermaͤhlung ſeiner Schweſter Ma⸗ thilde, mit dem Grafen von Provence gab, nach⸗ dem Robert Laſarra, ihr Gemahl, leichtſinnig und flatterhaft wie ſie ſelbſt, bald nach dem erſten, ſchnell verflogenen Rauſch der Liebe, mehrere Jahre mit ihr in unzufriedener Ehe gelebt hatte. II. * — 22 24— — — η — — H — ‿ 8 1. Im ſchwarzen Roß zu Fuͤſſen befanden ſich zwei Reiſende, die der Ankunft der Poſt, welche von Augsburg durch Tyrol nach Malland, und weiter⸗ hin durch Italien geht, mit Ungeduld entgegen⸗ ſahen. Der Eine, Herr Peter Slundz von Geisfurth, ſpazierte immer in der Stube auf und ab, trank alle fuͤnf Minuten ein Schluͤckchen von ſeinem, auf dem Tiſch in der Fenſtervertiefung ſtehenden, Schoͤpp⸗ lein Tyroler Gewaͤchs, nahm dazu eine Priſe Ta⸗ bak nach der andern, und ſprach viel ſo blos zu eigener Unterhaltung und vor ſich hin, von der Langſamkeit der deutſchen Poſten, die, wie er meinte, ſich zu den engliſchen und franzoͤſiſchen wie der Flug einer zahmen Gans zu dem der Schwalbe, verhalten ſollten. Der junge Mann, welcher mit Herrn Peter Slundz zugleich auf die ſogenannte zahme Gans wartete, hatte lange nicht ein Wort zu der Sache geſagt, die den alten Herrn gleichſam in eine Art — 168— von Eifer brachte; als aber endlich der ehrenruͤh⸗ rige Vergleich zwiſchen dem Martinsvogel und der Schwalbe zum Vorſchein kam, da konnte er ſich doch nicht enthalten zu bemerken: der Herr moͤge allenfalls Recht haben in Betreff der engliſchen Poſten, was aber die franzoͤſiſchen anlange, ſo ſey der Unterſchied ſo groß nicht, und uͤberhaupt bei der deutſchen Langſamkeit doch auch wieder der Vortheil, daß man ſeine geſunden Glieder weniger blosſtelle wie in England, wo um Gedanken ein⸗ mal ein paar Haͤlſe oder Beine eiligſt und ſchieu. nigſt gebrochen wuͤrden. Bisher hatte Herr Peter Slundz wenig oder gar nicht Achtung auf den jungen Mann gegeben, als ſich indeß Muͤller— ſo nannte ſich der Rei⸗ ſegefaͤhrte— auf dieſe Art hatte vernehmen laſ⸗ ſen, da hielt er ploͤtzlich in ſeinem Hin⸗ und Her⸗ wandeln ein, ſtellte ſich an den Tiſch und fragte: „Alſo auch in England geweſen?“ Der junge Mann bejahte. „Und wohl auch in Frankreich?“ Ein abermaliges Ja erfolgte. „Von Geburt aber doch ein Deutſcher?“ „So iſt's,“ erwiederte der Andere und blickte wieder, wie er vorher ſchon fleißig gethan, durchs Fenſter die Gaſſe hinab, nach dem beiderſeitigen Ziele ihrer Wuͤnſche, das jedoch immer noch nicht nahen wollte. — 169— Slundz haͤtte gern noch weiter gefragt, denn er war ein bischen neugierig, die kalte Miene des jungen Mannes ſchreckte ihn aber ab, und zudem glaubte er vorſichtig ſeyn zu muͤſſen. Es war naͤmlich im Laufe der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, als die Beiden ſich im Gaſthofe zum ſchwarzen Roſſe zu Fuͤſſen trafen. Trotz der Zuruͤckhaltung, welche Muͤller zeigte, und trotz dem Mißtrauen, welches dieß bei Peter Slundz erregte, gefiel letzterem der junge Mann doch ſehr, und die Betrachtungen, in welche er ſich nun wegen deſſelben verlor, um zu ergruͤnden naͤmlich: was und wer er wohl eigentlich ſeyn moͤge, haͤtte den alten Herren faſt die Poſt mit ſammt ihrer Langſamkeit vergeſſen laſſen, waͤre er nicht durch den Eintritt der dicken Wirthinn wie⸗ der daran erinnert worden. „ ‚Der Seffel,“ ſprach dieſe,„iſt und bleibt ein Trunkenbold. Hat er da nicht ſchon eine halbe Stunde unten bei Max Stump, dem Brannt⸗ weinbrenner, gehalten, der eben ſolch eine Schluck⸗ gurgel iſt wie er ſelbſt, und jetzt kann er kaum auf den Gaul.“ „Eine ſchoͤne Ausſicht,“ erviederts Peter Slundz, „da. können wir die angenehme Hoffnung faſſen, mit deutſcher Langſamkeit auf engliſche Schnell⸗ fuhrart um unſere Genicke gebracht zu werden.“ — 170— „Und das kommt alles von dem verwuͤnſchten Branntwein,“ fuhr Frau Kunert fort;„da lob' ich mir den Wein, das iſt eine Gottesgabe, die kann ein Chriſtenmenſch genießen, ohne Sinn und Verſtand zu verlieren.“ „Ja, beſonders Ihrer, Frau Wirthinn,“ fiel Slundz ein;„der bekennt ſich zur Secte der Ana⸗ baptiſten, die auch zweimal gewaͤſſert werden.“ Damit ſchenkte er ſich das letzte Glas aus ſeinem Schoͤpplein ein, trank es mit verzogenem Geſicht aus, und ſagte dann, zu dem Reiſegefaͤhrten ſich wendend:„Ich glaube jetzt vor Gott und Men⸗ ſchen ein Zeugniß abgelegt zu haben, daß ich kein Hydrophobe bin.“. Ob nun ſchon Frau Kunert weder wußte, was ein Hydrophobe fuͤr ein Ding, noch welche Bewandtniß es mit den Wiedertaͤufern habe, ſo merkte ſie doch, der alte Herr wolle an die Guͤte ihres Weines, und wachend fuͤr den guten Ruf des ſchwarzen Roſſes, ſtemmte ſie flugs die Arme in die Seite und begann: „Herr Peter Slundz von Geisfurth, Ihr ſeyd zwar, wie die Leute ſagen, ein geſcheidter und auch ein reicher und chriſtlicher Mann, wie ich ſelbſt weiß und bezeugen will, aber was den Wein an⸗ belangt, da verſteht Ihr nichts, nicht ſoviel wie der Seffel, der nur Branntwein getrunken hat ſein Lebenlang und auch nicht ſoviel, wie mein — — 171— alter Gaͤnſerich, wenn Ihr's nicht vor uͤbel halten wollt, und um Eure Hyberdorf und Annepapters ſchere ich mich nichts, gar nichts, Herr Peter Stundz, und waͤren ſie auch in aller Herren Laͤn⸗ der geweſen wie Ihr, Herr Peter Slundz, vor dem ich ſonſt recht viele Hochachtung habe.“ Wer weiß, wie lange Frau Kunert dem Strome ihrer Beredtſamkeit, den der alte Herr nicht ohne einiges Vergnuͤgen zu beobachten ſchien, noch freien Lauf gelaſſen haben wuͤrde, haͤtte Seffel nicht eben mit dem Poſtwagen vor der Thuͤr gehalten, und um die Paſſagiere herauszulocken, ſeinem Horne das Liedchen entlockt: „Ich hab'n mal ein Schaäͤtz'l ghabt, Ich wollt, ich haͤtt' es noch.“ Dies gab der Unterhaltung auf der Stelle eine andere Wendung. „So weit ich umher geweſen bin,“ ſprach Pe⸗ ter Slundz zu Muͤller, der ſich nun endlich auch erhob und ſeine kleine Zeche berichtigte,„ſo muß ich doch geſtehen, noch nirgends ſo viel Ordnung und Reinlichkeit in einem Gaſthauſe gefunden zu haben, wie hier im ſchwarzen Roſſe, und wenn auch der Wein mitunter zu gewaſchen ſeyn ſollte, ſo iſt es doch wahr, daß Frau Kunert die tůͤch⸗ tigſte Frau auf zehn Meilen in der Runde iſt. Meinen ſie nicht auch?“ — 112— Laͤchelnd bejahte der Angeredete, der uͤbrigens die dicke Roßwirthinn, ſammt ihrem getauften Weine und ihrem Hauſe, zum erſten Male in ſeinem Leben ſah, die Rede des Alten, und geſchmeichelt aufs Innigſte, begleitete Frau Kunert die Reiſen⸗ den bis an den Wagen, und erbat ſich noch die Ehre ihres Wiederbeſuches, als der, gleich einem Maſte im Sturme, auf ſeinem Gaule hin⸗ und herſchwankende Seffel ſchon um die naͤchſte Ecke mit ihnen herumgeſteuert war. 2. Anfaͤnglich ſtockte das Geſpraͤch zwiſchen den beiden einzigen Paſſagieren auf dem Wagen eben ſo, wie es in der Wirthsſtube, wo ſie ſich zuerſt zuſammenfanden, geſtockt hatte. Muͤller lehnte ſich auf die eine Seite und. Slundz auf die andere, und indem der eine ſich den Eindruͤcken hinzuge⸗ ben ſchien, welche die groteske Natur von Gegen⸗ den, die er zum erſten Male erblickte, auf ihn machte, zog der andere eine Schreibtafel aus der Taſche und notirte darin, ſo gut es das Stoßen des Fuhrwerks erlaubte, die hiſtoriſchen Bemer⸗ kungen, zu welchen ihn dieſe oder jene, bald in der Naͤhe bald in der Ferne, ſlich zeig igende Ruin⸗. veranlaßte. Das Aufſammeln und Erforſchen geſchichtli⸗ cher Notizen war naͤmlich ſchon ſeit manchem — — 173— Jahre der Zeitvertreib, welchem Herr Peter Slundz von Geisfurth in Ermangelung eines Andern, ſich ergeben hatte, und ſeine buͤrgerliche Unabhaͤngigkeit gewaͤhrte ihm alle die Muſſe und die Mittel, welche er ſich nur wuͤnſchen konnte, um recht gehoͤrig ſein Steckenpferd zu tummeln. Als Sohn eines reichen Kaufmanns, deſſen Firma einſt auf allen Handelsplaͤtzen Deutſchlands und der Nachbarlaͤnder in großem Anſehen ſtand, hatte auch er in fruͤheren Zeiten die Laufbahn ſei⸗ nes Vaters betreten, und in kaufmaͤnniſchen Ge⸗ ſchaͤften die mehrſten Laͤnder Europa's, und ſogar einen Theil von America bereiſ't; als ihm indeß in ſpaͤteren Jahren das launenhafte Gluͤck anfing den Ruͤcken zu weiſen, und Verluſte von da und dorther den groͤßten Theil ſeines Vermoͤgens nah⸗ men, beſchloß er nicht ferner mehr ein Spielball der wetterwendiſchen Dame zu ſeyn, ſondern uͤber⸗ ließ Firma und Geſchaͤft einem mehr auf den Verkehr geſtellten Verwandten, und zog ſich mit den noch immer recht anſehnlichen Reſten ſeines einſtigen Reichthums erſt blos vom Handel, nach⸗ her aber auch aus der geraͤuſchvollen Stadt in die Einſamkeit der Tyroler Felſenthaͤler zuruͤck, deren geſchichtliche Erinnerungen ihm reiche Ausbeute fuͤr ſeine nunmehrige Lieblingsunterhaltung verſprachen. So lebte er denn nun bereits ſeit zwanzig Jahren zu Geisfurth, einem alten, halbverfallenen — 174— Schloſſe, in einer der wildeſten Gegenden der an Graubuͤndten ſtoßenden Berge, und indem er hier die Sorgen der Hausverwaltung gaͤnzlich ſeiner wohlbetagten Schweſter uͤberließ— mit welcher er, nebenbei bemerkt, trotz der innigſten Anhaͤnglich⸗ keit von ſeiner und ihrer Seite, in einer ewigen Fehde lebte— trachtete er nur dahin, ſo viel alte Urkunden und Ueberlieferungen von der Geſchichte der Umgegend weit und breit zuſammenzutreiben, wie moͤglich, alles in der Abſicht, um dermaleinſt, wie er ſchon ſeit zwanzig Jahren Jedermann er⸗ zaͤhlte, in einem voluminoͤſen Werke, an welchem er nun bereits faſt eben ſo lange arbeitete, der Welt aufs Genaueſte zu zeigen, wie und woher es eigentlich gekommen, daß das hohe Rhaͤtien und die Schweiz ſich ſelbſt regiere, das Land Ty⸗ rol und Vorarlberg aber unter Oeſtereichs vaͤterli⸗ chem Zepter ſtehe, und die Roͤmer einſt zu all dieſen Gegenden gar kein gegruͤndetes Recht gehabt haͤtten. Verheirathet war uͤbrigens Herr Peter Slundz nie geweſen, und vermoͤge ſeiner vielfachen Beobachtungen— auf deren Schaͤrfe er großen Werth legte— glaubte er ſich berechtigt, das ganze weibliche Geſchlecht mit einer mehr als un⸗ galanten Nichtachtung zu betrachten, und ſie gleich⸗ ſam nur als eine Art von Weſen anſehen zu duͤr⸗ fen, die, wie die Engel das Mittelding zwi⸗ ſchen dem Ewigen und uns, die Mitte zwiſchen 1 dem Menſchen und der niedrigern Schoͤpfung machen. 7 Dieſe gewiß ſehr ſtraffaͤllige Eigenheit war es auch, welche man als die Quelle der Fehden be⸗ trachten konnte, welche fortwaͤhrend innerhalb der Mauern von Geisfurth zwiſchen Herrn Peter Slundz und Madame Magdalena Wurzelſtock, ſeiner ein⸗ ziges Schweſter, vorfielen. Denn obgleich, wie ſchon geſagt, beide Geſchwiſter ſich ſehr liebten, und Dame Lene die ungemeinſte Hochachtung vor ihres Bruders großem und gelehrten Geiſte hatte, ſo konnte ſie doch unmoͤglich eine ſolche Verach⸗ tung ihres Geſchlechtes dulden, und es geſchah dann nicht ſelten, daß ſie allen ſonſt ſtets zu Tage gelegten Reſpect ſoweit vergaß, den Bruder rund heraus fuͤr einen alten Narren zu erklaͤren, der bei ſeinen vergilbten Pergamenten und ſchweinsle⸗ dernen Folianten das bischen Menſchenverſtand, womit Gott ſonſt die Familie Slundz ſo reichlich geſegnet habe, rein zugeſetzt haͤtte. Aus ſolchen Redensarten, die der guten Dame Lene mit ungemeiner Schnelle zu entſtroͤmen pfleg⸗ ten, machte ſich aber der Hiſtoriker ſehr wenig. Mit ſarkaſtiſchem Laͤcheln hoͤrte er ſie an, ſo lange es ihm gefiel, blaͤtterte dabei in ſeinen alten Troͤ⸗ ſtern, und zog ſich immer zuletzt, wenn's gar zu arg wurde, und Frau Lene durchaus kein Ende finden konnte, ins Allerheiligſte zuruͤck, welches — 176— nichts anders als ein duͤſteres und enges Gemach in einem alten Thurme des alten Schloſſes war, woſelbſt ſich der ganze Apparat ſeiner gelehrten Forſchungen unter vieljaͤhrigem Staube und ehr⸗ wuͤrdigen Spinnegeweben aufgeſtapelt fand, und wohin nie ein weiblicher Fuß, ſelbſt der der Schwe⸗ ſter nicht, ſich verirren durfte. Denn ſo willig Herr Peter Slundz auch die Segel vor der Be⸗ redtſamkeit von Dame Lene ſtrich— wie uͤberhaupt vor der eines jeden Frauenzimmers— ſo eigen⸗ ſinnig war er doch in Betreff ſeiner Lebens⸗ und haͤuslichen Ordnung oder Unordnung vielmehr, und der einſt von ihr gemachte Verſuch, in ſeiner Ab⸗ weſenheit Reinlichkeit in ſeinem Cloſett zu machen, fiel ſo unguͤnſtig aus, daß ſie ſowohl, wie alle anderen Frauenzimmer des alten Schloſſes, fuͤr immer abgeſchreckt wurden, an ein aͤhnliches Atten⸗ tat wieder zu denken. 8 D. Sehen wir jetzt, nachdem wir auf ſolche Art Herrn Peter Slundz naͤher kennen lernten, was ſich Weiteres mit ihm und ſeinem dermaligen Poſt⸗ gefaͤhrten begab. Eine Weile hatte das Paar, wie bereits ge⸗ meldet, ſeinen eigenen Betrachtungen ohne wei⸗ tere Mittheilung gelebt, da wollte es auf einmal Herrn Muͤller beduͤnken, der Rumpelkaſten, in vian em 1 — 177— chem ſie ſaßen, neige ſich, mehr wie ſichs gehoͤre, einer Seite zu, und eh noch der Bemerker ergruͤnden konnte, woher dies wohl ruͤhre, ward er auf einmal ſammt ſeinem Gefaͤhrten ziemlich unſanft in einen Gießbach gelegt, der alsbald ſeine klaren Wellen uͤber ihn und Herrn Peter Slundz, und einige Dutzend Poſtſtuͤcke murmelnd ergoß, ohne jedoch wei⸗ teren Schaden zu thun, als ſie ſaͤmmtlich gehoͤrig anzufeuchten. Seffel, deſſen von Frau Kunert ſchon erwaͤhnte Lieblingsneigung eben dies Schickſal herbeigefuͤhrt hatte, ſaß aber wohlbehalten auf ſeinem Gaule und wunderte ſich, eben aus einem holden Traume erwachend, nicht wenig, die Stimmen ſeiner ver⸗ ehrlichen Paſſagiere gleich Nixentoͤnen aus dem Waſ⸗ ſer hervorquellen zu hoͤren. Muͤhſam nur entwand die Geſellſchaft ſich dem feuchten Lager— eine Beſchaͤftigung, bei wel⸗ cher der Hiſtoriker den Trunkenbold Seffel zu viel tauſend Malen der Obhut des Schwarzen em⸗ pfahl— noch muͤhſamer war aber das Wieder⸗ aufrichten der umgeſtuͤrtzten Maſchine, Poſtwagen genannt, und rein unmoͤglich, wie ſich bald aus⸗ wies, das Weiterkommen mit derſelben. Morſch und alt, wie das ganze Gebaͤude geweſen war, hatte es der Stoß vollends in ſeinen Grundfeſten erſchuͤttert, und keine andere Ausſicht blieb, als entweder langſam neben dem Dinge bis zur naͤch⸗ 12 — 178— ſten Station her zu wandeln, oder nach dem naͤch⸗ ſten Orte vorauszugehen, und dort die helfenden Arme eines Schmiedes und eines Wagners in An⸗ ſpruch zu nehmen. 3 's iſt das Beſte,“ meinte Seffel, ſich hinter den Ohren kratzend, wenn die Herren dies thun,“ ſonſt,“ ſetzte er hinzu—„will ich auch mit den Pferden vorausreiten und Leute holen, dann muͤſſen Sie aber hier bleiben und die Poſtſtuͤcke bewachen, denn mit dem Karren komme ich doch nicht fort.“ „Wie!“ rief hitzig Herr Peter Slundz hier aus:„hier bleiben ſollen wir und warten, bis es dem lieben Schwager beliebt, wieder zu kommen! Meiner Treu! da koͤnnten wir lange ſitzen und harren, denn hierlands giebts uͤberall was zu ſchluk⸗ ken, und waͤhrend der Trunkenbold ſich guͤtlich thaͤt in allen Kneipen, ſchluͤgen uns vielleicht Raͤuber todt oder der Schlag ruͤhrte uns, naß wie wir ſind, uͤber Nacht, die gewiß herankaͤm', eh' wir Dich, den verdammteſten aller Schwaͤger auf dem Erden⸗ rund, wiederſaͤhen. Nein! Nein! was mich be⸗ trifft,“ fuhr der Hiſtoriker fort, und rang ſich das Waſſer aus dem Rocke,„ ich gehe voraus und ich denke, Sie folgen meinem Beiſpiele, Herr Schickſalsgefaͤhrte, und laſſen, ſo wie ich, den Kerl, dem eine Abkuͤhlung gar nicht haͤtte ſchaden koͤn⸗ nen und an dem auch nichts verloren iſt, wenn — 179— ihn die Raͤuber in Stuͤcke hauen, bei dem alten Kaſten, der gewiß ſo alt iſt wie der erſte Beſtal⸗ lungsbrief, den die Fuͤrſten von Thurn und Taxis vom Kaiſer Rudolph II. im Jahre 1615 als Ober⸗ poſtmeiſter des heiligen deutſchen Reichs erhielten.“ „unter uns,“ ſetzte er in gemaͤßigtem Tone zu ſeinem Gefaͤhrten ſich aufs Neue wendend, hinzu:„ich habe das Gluͤck gehabt, auf meiner diesmaligen Reiſe einige Urkunden, freilich theuer genug, aber doch noch lange nicht ſo theuer als ſie es eigentlich verdienen, von einem Freunde in Kaufbaiern einzuhandeln, welche unwiderſprechlich beweiſen, daß es ſchon fruͤher eine Art von Poſten zwiſchen einigen Staͤdten von Deutſchland gab, eh' die von Thurn und Taxis ſolche Anſtalten anleg⸗ ten, worauf ſeitdem ehrliche Leute langſam zer⸗ malmt werden, und ich bin uͤberzeugt, daß damals ſolche Taugenichtſe, wie Du, mein lieber Schwa⸗ ger, jedenfalls waͤren geſaͤckt worden— welches eine altdeutſche Strafe iſt— wenn ſie ihre Paſſa⸗ giere, ſo wie Du uns, behandelt haͤtten.“ Mit dieſen Worten, bei deren Sprechung ſich der Zorn des Geſchichtsforſchers wieder zu beleben anfing, nahm er ſeinen Stab in eine Hand, das wohlverwahrte Kaͤſtchen mit den theuer erkauften Urkunden in die andere, empfahl dem Schwager gute Aufſicht auf das bischen Plunder, wie er ſein 8 Phan Reiſegepaͤck nannte, und ſchritt dem ihm 12* 4 8 — 180— folgenden Gefaͤhrten winkend, ruͤſtig einen Fußſteig entlang, der ſich zwiſchen Felsmaſſen durch ein dunk⸗ les und einſames Thal wand. Bald fuͤhrte der Weg an einem zerfallenen Ge⸗ maͤuer vorbei, deſſen hohes Alterthum durch die Feſtigkeit der Bauart und die Pflanzenwelt bezeugt ward, die ſich uͤberall durch das Geſtein hindurch⸗ draͤngte. „Sehen Sie da!“ rief Peter Slundz aus, und erxgriff die Hand ſeines einſylbig neben ihn daher ſchreitenden Begleiters,„einen Punkt, der ſchon vielen Forſchern zu ſchaffen machte. Selbſt mir war die Sache lange nicht zu entraͤthſeln. Denn dies Gemiſch von Antik und Mittelalterthuͤmlich, welches ſich offenbar in dem Styl der einſtigen Bauart dieſer Mauern zeigt, ließ mich lange ſchwan⸗ ken, welcher Aera eigentlich das Ganze ſeine Ent⸗ ſtehung verdankt. Allein jetzt bin ich im Klaren. Der Schatz, den ich dießmal zu acquiriren ſo gluͤcklich war(hier klopfte er wohlgefaͤllig mit der Hand auf das Urkundenkaͤſtchen), gibt mir die aus⸗ fuͤhrlichſte Kunde, und mein Sieg uͤber den pedan⸗ tiſchen Narren, den Dokter Bratſpieß in Marti⸗ nach, der in ſeiner eitlen Aufgeblaſenheit ſich fuͤr einen Geſchichtskenner und Alterthumsforſcher vom erſten Range haͤlt, iſt nun gewiß. Was glauben Sie wohl, was der alte Geck antwortete, als ich ihn vor zehn Jahren einlud, gemeinſchaftlich mit — —. — 181— mir die Geſchichte dieſer ehrwuͤrdigen Truͤmmer an Ort und Stelle zu unterſuchen?“ „Ich bin begierig, es zu erfahren,“ erwiederte Muͤller. „Raubneſter aus dem dreizehnten und vier⸗ zehnten Jahrhunderte, ſprach er, intereſſiren keinen Geiſt, der gewohnt iſt, aus dem heiligen Borne indiſcher und aͤgyptiſcher Weisheit zu ſchoͤpfen, wel⸗ cher in Zeiten quoll, deren Entlegenheit das Maul⸗ wurfsauge gewoͤhnlicher Menſchen ſchwindeln macht.“ „Das war allerdings Tuunaßend„“ entgegnete der Begleiter. „Gewiß! und als ich nun den indiſchen Nar⸗ ren mit ſeiner antidiluvianiſchen Weisheit verlachte, und allein mich an die ſchwere Unterſuchung machte, deren Reſultate die Welt in Erſtaunen ſetzen wird, was that er?“ Muͤller ſah den Oprecher kragend an, und dieſer fuhr fort:„Er verlaͤſterte mich und war ſo unverſchaͤmt, mir zum Trotz behaupten zu wollen, der Gruͤnder dieſer Mauern ſey Niemand anderes geweſen, wie Margaretha mit der Maultaſche(Sie werden ohne Zweifel von dieſer beruͤhmten Frau gehoͤrt haben), da ich doch ſchon damals unbeſtreit⸗ bar bewies, daß ein gewiſſer Cajus Sempronius auf Befehl des Kaiſer Julian, den man den Apoſta⸗ ten nennt, ſie errichten ließ und daß nur in ſpaͤ⸗ teren Zeiten die Grafen von Tyrol die Schnoͤrke⸗ — 1482— leien des Mittelalters dem echt antiken Style an⸗ klebten, welcher unverkennbar aus dem Ganzen leuchtet.“ 1 So ſchwatzte Herr Peter Slundz, einmal auf ſeinem Steckenpferde ſitzend, fort, und die Auf⸗ merkſamkeit, welche ihm ſein Begleiter, ob wirk⸗ lich oder nur ſcheinbar ſchenkte, ſteht dahin, ſetzte denſelben ſo in Gunſt bei ihm, daß er, als ſie endlich auf der naͤchſten Station ankamen, jenem den Vorſchlag that, ſein Gaſt auf einige Zeit in Geisfurth zu ſeyn, falls naͤmlich, wie der Hiſto⸗ riker hinzufuͤgte,„Herrn Muͤllers Geſchaͤfte und Zeit dieß erlaubten.“ Beides war aber der Fall, und ſomit die Sache abgemacht. Man begnuͤgte ſich, von Seffel und dem zerbrochenen Poſtwagen Anzeige zu machen, und eh' der nun wahrſcheinlich nuͤchtern gewordene Trunkenbold mit den Fragmenten ſeiner langſamen Beweglichkeit an Ort und Stelle eintraf, war Herr Peter Slundz mit ſeinem neuen Freunde ſchon nach Geisfurth unterweges, wo unterdeß Dame Lene gekiffen und gekocht, geſcheuert und gewirth⸗ ſchaftet hatte, alles nach gewohnter Art. 4. 3 Des Geſchichtforſchers naͤchſter Nachbar war Nepomuck Baptiſta von Fliederbuſch, ein Mann nach altem Schrot und Korn, dazu ein wunder⸗ 7 — 183— licher Kauz, trotz Herrn Peter Slundz, ſonſt aber eine ehrliche, harmloſe Seele, die zwar mitunter in Redensarten ſich ſehr barbariſch vernehmen ließ, in der That und Ausuͤbung aber kein Kind be⸗ leidigte..* Zwiſchen beiden alten Geſellen hatte nun ſchon ſeit Jahren ein freundſchaftlicher Verkehr ſtattge⸗ funden, und obſchon ſie ſich in der Regel zankten, ſo oft ſie ſich ſahen, denn beide waren ſehr recht⸗ haberiſch, ſo waren ſie doch einander in ihrer Ein⸗ ſamkeit ſo nothwendig geworden, daß jedem von ihnen die rechte Hand zu fehlen ſchien, wenn es ſich einmal traf, daß Umſtaͤnde ihr Zuſammenkom⸗ men eine Zeitlang verhinderten. Fuͤr Beide war nun die Ankunft des jungen Mannes, welchen der Hiſtoriker mitgebracht hatte, ſehr angenehm, denn einer Seits war Muͤller wirk⸗ lich ein ſo anmuthiger Geſellſchafter, wie ſich nur ſelten einer in der alten Herren abgelegene Woh⸗ nungen verirren mochte, andern Theils— und dieß war die Hauptſache— gab er ſich Beiden bei ihrem Geſchwaͤtz ſo willig hin, daß ſie ſich gar keinen beſſern Zuhoͤrer wuͤnſchen konnten. Eins nur gefiel weder Nepomuk Baptiſta von Fliederbuſch noch ſeinem Freunde an dem Ankoͤmm⸗ ling, obſchon die gaſtfreien Sitten des Landes dem Einen wie dem Andern nicht erlaubten, die⸗ ſen Uebelſtand wegzuraͤumen. — 184ñ— Sie konnten naͤmlich, trotz alles Aufwandes von Scharfſinn, nicht ergruͤnden, wer er eigentlich war? woher er kam? was ſeine Geſchäfte waͤren? und dergleichen. „Muͤller,“ ſagte der Hiſtoriker oft,„iſt der ver⸗ wuͤnſchteſte Name, den es in der Chriſtenheit gibt. Ich ſetze meine Abhandlung von dem Kriegszuge des gruͤnen Grafen ins Land Tyrol gegen ein Maß gebirgiſchen Wendeweins, wie ihn der Schenkwirth zu Finſtermuͤnz fuͤr echten Monte⸗Pulciano ver⸗ kauft, wenn es im heiligen roͤmiſchen Reich deut⸗ ſcher Nation ein Dorf gibt, wo nicht ein Menſch Namens Muͤller wohnt. Drum kann ich den Na⸗ men nicht leiden, denn es iſt ein Allerwelts⸗Name, und wer keinen beſſern hat, nennt ſich ſo.“ „Ja,“ meinte Fliederbuſch,„das iſt wohls wahr, und ich haͤtte unſerm Freunde laͤngſt gern auf den Zahn gefuͤhlt und mir Auskunft erbeten, denn unter uns, ich glaube, er heißt eigentlich gar nicht ſo, und hat den Namen blos angenom⸗ men, obſchon ich dabei nicht denke, daß eine ſchlechte Urſache ihn dazu bewogen hat— wenn ſichs nur ſchickte.“ „Schicken?“ fiel hier Dame Lene ein, die dieſem Zweigeſpraͤch zugehoͤrt hatte,„ich daͤchte doch, das waͤr' nichts Unſchickliches, wenn man ſich nach den lieben Angehoͤrigen eines Gaſtes erkundigt, der zwar ein recht huͤbſcher junger Mann iſt, und — 185— große Aehnlichkeit mit meinem ſeligen Wurzelſtock hat, als dieſer mich zum erſten Male— es war am St. Egidi⸗Tage, ich weiß es noch, als ob's heut' geſchaͤh'— gerade vor der Kirchthuͤre anre⸗ dete und ſagte“—— „Daß Du eine alte Plaudertaſche biſt,“ un⸗ terbrach hier der ungeduldig gewordene Hiſtoriker ſeine Schweſter, die ſich eben recht in Poſitur ge⸗ ſetzt hatte, ihre Liebes⸗ und Leidensgeſchichte mit Benjamin Wurzelſtock, wailand achtbarem Kaͤm⸗ merer zu Augsburg, zum tauſendſten Male zu er⸗ zaͤhlen, und die Unterbrochene, die uͤberhaupt Ein⸗ reden nicht liebte, beſonders wenn es auf eine ſo wenig ſchonende Art geſchah, wie ihr Bruder zu thun pflegte, ergoß ſich nun gegen den edlen Baptiſta Fliederbuſch in eine ſo weite und breite Klage uͤber des alten Sauertopfs(ſo nannte ſie Herrn Peter Slundz, wenn er ihr was in den Weg legte) Unart, daß dieſer es fuͤr gerathen fand, ſich wie ein Schiffer vor dem Sturm, in den Hafen ſeines Cloſetts zuruͤckzuziehen, als wohin Dame Lenens kreiſchende Toͤne nicht drangen und wo ihn nach Verlauf faſt einer Stunde der Freiherr Flie⸗ derbuſch aufſuchte, der gezwungener Weiſe die Ge⸗ duld gehabt hatte, der tugendhaften Magdalena Slundz merkwuͤrdige Lebensfata mit Herrn Ben⸗ jamin Wurzelſtock, ſeligen Andenkens, von Anfang bis Ende wieder durchzuhoͤren. — 186— Befragt um ſeine Verhaͤltniſſe wurde der Gaſt mit dem Allerweltsnamen aber doch nicht, trotz Lenens, von weiblicher Neugier eingegebenen Ge⸗ gengruͤnden; denn wie in allen Laͤndern, wo wahre Gaſtfreundlichkeit herrſcht, verbot dieß natuͤrliches Zartgefuͤhl den Bewohnern von Geisfurth und Baͤr⸗ ſtein(der Stammveſte des Freiherrn) und uͤber⸗ dem, meinte Peter Slundz, ſey es auch gegen die Gebraͤuche der Alten, die ihm ſtets in ſolchen Faͤl⸗ len als die hoͤchſten Autoritaͤten galten. 5. 34 Waͤhrend auf dieſe Art uͤber den jungen Mann, den wir mit Herrn Peter Slundz zugleich im beſten Gaſthauſe zu Fuͤſſen kennen lernten, debattirt wurde, trieb er ſelbſt ſich, Freund der Natur wie er war, in den romantiſchen Gegenden ſeines jetzigen Auf⸗ enthaltes umher, zeichnete, botaniſirte, jagte und dichtete auch ein wenig, wie's eben Laune und Gelegenheit ihm eingab, und unterhielt ſich Abends am Kamin mit den beiden alten Geſellen, die Beide ihm als merkwuͤrdige Cabinetsſtuͤcke erſchie⸗ nen, und als in ihrer Art ganz unterhaltende und⸗ ſtets gute Freunde dazu; oder wenn draußen der Sturm tobte, und Regenwolken die grauen Gip⸗ fel der Rieſenberge umflorten, die vom Lande Ty⸗ rol in das Land des grauen Bundes und von da⸗ her wieder in das Land an der Etſch und Inn — 184— ſahen; denn wie wir ſchon bemerkten, Schloß Geis⸗ furth lag unweit der Graͤnze des hohen Rhaͤtiens, und die Thuͤrme vom Schloß Baͤrſtein konnte man aus den Fenſtern von Peter Slundz Cloſett uͤber den Wald heruͤberragen ſehen. So gern Muͤller aber auch in Geisfurth war — wie ſein, nun ſchon ein Paar Monate dau⸗ ernder Aufenthalt in dieſer Gegend bewies— ſo war er doch faſt noch lieber zu Baͤrſtein, und dieß wird ihm gewiß Niemand verdenken, wenn wir ſagen, daß der alte Freiherr eine Tochter hatte, mild wie ein Fruͤhlingstag unter Italiens Himmel, und ſchoͤn wie die Sonne auf jenen geſegneten Fluren. Beider Eigenſchaften wegen wurde Thereſe denn auch von Allem, was athmete, rund umher geliebt, und die treuherzigen Landleute vom Kaunerthal ſo⸗ wohl, wie die Junker auf ihren Schloͤſſern und die Buͤrger von Glurens und Landeck, bildeten alle ein Uniſono, wenn es darauf ankam, das Lob Thereſens, der Tochter des Baͤrſteiner Herrn aus⸗ zuſprechen.. Seltſam wollte es aber dem Hiſtoriker und ſei⸗ ner Schweſter Lene beduͤnken, ja ſogar auch dem ehrlichen Freiherrn Nepomuk Baptiſta, der ſich ſonſt nicht viel um das Thun ſeiner Thereſe be⸗ kuͤmmerte, weil uͤberhaupt Nachgruͤbeln und Re⸗ flexionenmachen außer dem Kreiſe ſeiner Gewohn⸗ heiten lag— daß Thereſe, obſchon artig gegen — 188— Herrn Muͤller, wie gegen alle Menſchen, doch we⸗ niger offen und zutraulich gegen ihn ſich zeigte, als ſonſt ihre Art auch gegen den Fremdeſten war, und daß ſie jedes Mal, wenn ſie mit ihm zu⸗ ſammenkam, einen Grad von Schuͤchternheit ver⸗ rieth, der außerdem ihrem Benehmen keineswegs eigenthuͤmlich war.— „Sie kann ihn nicht leiden,“ ſprach Dame Lene,„darum iſt ſie ſo ſtill, wenn er da iſt. O ich kenne das! Als mein ſeliger Benjamin Wur⸗ zelſtock“——„Ich bitte dich um Gotteswillen, Schweſter,“ fiel der Geſchichtsforſcher ein,„ver⸗ ſchone mich mit Deinem Wurzelſtock, der ein ſo arger Stock war, wie nur jemals einer lebte; nicht leiden ſollte ſie ihn? ihn nicht leiden koͤnnen, der der ſchoͤnſte junge Mann iſt, welcher je zwiſchen dieſen alten Bergen wandelte? Da kenne ich die Weiber beſſer! Mit ſolch einer Figur, und waͤr' der Kopf darauf ſo hohl wie ein pappener Hau⸗ benſtock, gefaͤllt man immer den nothwendigen Ue⸗ beln, die uns Gott in ſeiner Weisheit an die Seite zu ſtellen fuͤr gut fand. Nein! nein! ich weiß es beſſer; er iſt ihr zu gelehrt, zu tiefſinnig, zu ernſt, das liebt Ihr einmal nicht, weil Ihr's nicht verſteht, und darum hat ſie eine billige Scheu, gleichſam ſo eine Art von Reſpect fuͤr ihn, wie immer Untergeordnetes im Geiſterreich vor Hoͤherem ſich ſcheut, ſonſt—— ach ich kenne euer Ge⸗ 7 — 489— ſchlecht; ein Aeußeres, wie das Seine, verfehlt nie ſeine Wirkung.“ Alſo ſtritten ſich die Geſchwiſter, wiewohl ver⸗ geblich, denn beide hatten nicht Recht, ſo meinte wenigſtens die alte Urſel, ein ſeltſames Weſen, das von Alt und Jung in der ganzen Gegend ge⸗ kannt und von Allen eben ſo gern geſehen, als auch zugleich mit einer Art von ehrfurchtsvoller Scheu betrachtet wurde. Urſel war hoch uͤber die Jahre eines gewoͤhn⸗ lichen Menſchenlebens hinaus, mindeſtens behaup⸗ teten dieß die aͤlteſten Leute des Landes, die ſie in der Jugend ſchon faſt eben ſo wollten gekannt haben, wie ſie jetzt erſchien— dabei war ſie aber trotz dem noch ſehr ruͤſtig und uͤberhaupt von einem ſo ehrfurchtgebietenden Anſehen, daß der aus⸗ gemachteſte Wildfang es nicht leicht unternahm, in ihrer Naͤhe ſeiner leichtſinnigen Laune den Zuͤ⸗ gel ſchießen zu laſſen. Wo ſie eigentlich her ſey und welchem Thale ſie angehoͤre, das wußte aber kein Menſch. Seit manchem Jahrzehend lebte ſie, herumwandernd von Haus zu Haus, von Dorf zu Dorf und von Stadt zu Stadt, im Lande Tyrol und auch in den benachbarten Alpenlaͤndern war ſie zuweilen zu ſehen und uͤberall einkehrend, wo es ihr gefiel, und bleibend, je nachdem es ihr die Laune eingab, ward ſie willig aufgenommen von Hohen und Geringen, weil maͤnniglich glaubte, — 190— ihr Kommen ſey ein gutes Zeichen, ſie zu erzuͤr⸗ nen aber gefaͤhrlich, indem geheime Kraͤfte ihr zu Gebote ſtaͤnden und hoͤhere Maͤchte ſie beſonders ſchuͤtzten. Auch wirht⸗ ſie immer, wo ſie eintrat, den Kindern ſo viel Anmuthiges zu erzaͤhlen und den Hausfrauen ſo manche Notiz von da oder dorther zu bringen, die dann wieder am Kamin bei der Spindel weiter verarbeitet wurde, daß ſie ſchon darum ein gerngeſehener Gaſt war und ihre Ankunft uͤberall, beſonders in den einſameren Thaͤ⸗ lern als ein erfreuliches Ereigniß betrachtet ward. Jetzt befand ſie ſich ſchon ſeit einigen Wochen abwechſelnd zu Baͤrſtein und Geisfurth, und ihr ſcharfer Blick, der alles bemerkte, ohne doch zu ſcheinen, als weile er mit beſonderem Intereſſe auf dem, was um ſie her vorging, hatte bald die Gruͤnde erſpaͤht, welche Thereſe bewogen, ſich gegen den Freund ihres Vaters und den Gaſt des Hiſtori⸗ kers anders zu benehmen, wie gegen Andere. 6. Daß dem jungen Muͤller Thereſens Betragen gegen ihn nicht angenehm war, zeigte ſich bald genug in ſeinen Handlungen. Obſchon er erſt noch vor ganz kurzem Herrn Peter Slundz, der nichts mehr wuͤnſchte als einen ſo aufmerkſamen Zuhoͤrer fuͤr ſeine hiſtoriſchen Traͤumereien, in der Naͤhe zu behalten, verſprochen — 191— hatte, den nahenden Winter in Geisfurth und dem benachbarten Glurens zuzubringen, ſo erklaͤrte er doch nun auf einmal, daß ſeine Verhaͤltniſſe ihm nicht laͤnger erlaubten hier zu bleiben, und die Anſtalten, welche er zur Abreiſe traf, bewie⸗ ſen, wie ernſt es ihm mit dieſer Eroͤffnung war. Noch einmal, und zum letzten Male nach ſei⸗ nen Gedanken, war er hinaus in die ſchon erſter⸗ bende Natur gegangen; um von der Hoͤhe der gigantesken Felſen, welche Schloß Geisfurth wie wachhaltende Rieſen umſtanden, auf die Schluch⸗ ten und Waͤlder zu blicken, deren gruͤnenden Schmuck die rauhen Winde des Oſtens und Nordens bereits abzuſtreifen begannen und hier ſich an den Ufern eines Baches lagernd, der keine zehn Schritte ent⸗ fernt uͤber Klippen und Geſtein mit donnergleichem Schalle ſich in eine ſchwindelerregende Tiefe ſtuͤrzte, uͤberließ er ſich ſo lange ſeinen truͤben Ideen, bis Uͤrſel ploͤtziich, als tauchte ſie gleich einem Geiſte aus der Tiefe empor, neben ihm ſtand und ihn anredete. 4 Anfaͤnglich war ihm das unverhoffte Erſcheinen der Alten an einem Orte, wo er ſich eben, um ungeſtoͤrt zu bleiben, hingefluͤchtet hatte, unange⸗ nehm, und er wuͤrdigte die Fragen der Sybille nur kurzer Antworten, als ſie aber endlich von Nepomuk Baptiſta anfing, und bald mit einer geſchickten Wendung ſowohl auf deſſen Tochter, als — 192— ſonſtige Verhaͤltniſſe des Baͤrſteiner Herrn kam, da ſchenkte der junge Mann ihr mehr Aufmerkſam⸗ keit, um ſomehr, da die Alte einen Punkt zu be⸗ ruͤhren begann, uͤber welchen er bisher vergebens verſucht hatte, ſich Licht zu verſchaffen. „Schlimm, ſchlimm,“ meinte Urſel,„ſteht es mit dem alten Herrn, und wenn nicht bald Huͤlfe aus Waͤlſchland kommt, wo ein Bruder von ihm lebt, der ihm aber ſo wenig gleichen ſoll, wie der Dornſtrauch der Eiche, ſo werden wir Alle noch erleben, daß Schloß Baͤrſtein jenem ſchurki⸗ ſchen Timotheus Schwalbenſchwanz zufaͤllt, wel⸗ cher ſchon ſo manches ehrliche Tyroler Gemuͤth mit ſeinen Teufelskuͤnſten von Haus und Hof brachte.“ So erfuhr Muͤller die mißliche oͤkonomiſche Lage des alten Freiherrn und wie falſche Speculationen und des kriechenden Timotheus Schwalbenſchwanz luftige Projecte den ehrlichen Nepomuk Baptiſta ſoweit gebracht hatten, daß er auf dem Punkte ſtand, das Haus ſeiner Ahnen verlaſſen zu muͤſ⸗ ſen. Aber Thereſens Benehmen gegen ihn wurde ihm nun auch klar und das Maͤdchen ihm darum nur noch theurer. „Nie! nie!“ hatte ſie zu ihm geſagt, als er einſt auf einem einſamen Spaziergange es wagte, ihr ſein Herz zu entdecken:„Nie werde ich mich von meinem Vater trennen und nie eine Wahl treffen, — — 1938— treffen, die nicht allen ſeinen Tbanſchen auiſghich und ſollt“— Thereſe hatte hier geſchwiegen, um die Gefühle, welche in ihrer Bruſt lebten, nicht dem Auge deſ⸗ ſen zu enthuͤllen, dem ſie glaubte alle Hoffnung in Betreff ihrer auf immer nehmen zu muͤſſen, und Muͤllers Schmerz war dabei zu groß, als daß er haͤtte ſehen koͤnnen, welches Leiden in die⸗ ſem Moment das Herz der Geliebten ſelbſt zerriß. Niicht ohne geheimes Zuͤrnen hatte er bisher die edle Aufopferung der Tochter einem klaͤglichen Stolze auf den Zufall der Geburt und einem eben nicht beſſeren eitlen Haſchen nach dem Schein von Grundſaͤtzen zugeſchrieben; jetzt aber aus Ur⸗ ſels Munde vernehmend, welche Beweggruͤnde das brave Maͤdchen leiteten, fuͤhlte er nur doppelt ſich zu ihr hingezogen und beſchloß ſelbſt eine Maske fallen zu laſſen, zu deren Tragung ihn bisher ſowohl Umſtaͤnde, als Laune veranlaßt hatten. Der Entſchluß, Geisfurth zu verlaſſen, blieb nun zwar noch immer vor ſeiner Seele ſtehen, jedoch waren es jetzt andere Gruͤnde als die, welche ihn noch vor wenigen Minuten dazu beſtimmten, und die fruͤher aufgegebene Hoffnung, Gegenden wiederzuſehen, die ihm ſo lieb geworden waren, lag nun wieder wie eine troͤſtende und erquickende Ausſicht vor ſeinen Blicken. 13 3 — 194— Ohne jedoch ſowohl gegen ſeinen alten Freund Peter Slundz, noch in Baͤrſtein ſich etwas von dem merken zu laſſen, was nun Zweck ſeiner Abreiſe wurde, verließ er Geisfurth, und ſelbſt Thereſe er⸗ fuhr nicht, was ſeine Abſichten dabei waren. Er glaubte dem Zartgefuͤhl des Maͤdchens das ver⸗ ſchweigen zu muͤſſen, was ſie, unbekannter viel⸗ leicht noch mit dem Ganzen der Lage ihres Va⸗ ters, als er es jetzt war, nur mit Schmerz erfuͤle len konnte, und die Ungewißheit, ob ihm ſein Vor⸗ nehmen gelingen wuͤrde, ob nicht, machte es ihm zur Pflicht, erſt noch den Erfolg ſeiner Reiſe ab⸗ zuwarten, eh er mit Entdeckungen hervortrat, die Allen uͤberraſchend ſeyn mußten. 7. Schon war der Winter mit ſeinem ſtuͤrmiſchen Gefolge, den weißen Flocken und dem rauhen Nord, in die Thaͤler eingezogen, deren einſame Schluch⸗ ten nun nicht mehr durch das muntere Gelaͤut der Heerden belebt wurden, und noch immer hatte der Geſchichtſchreiber keine Nachrichten von ſeinem jun⸗ gen Freunde erhalten, der ihm noch uͤberdem ver⸗ ſprochen hatte, von Mailand und Pavia, von Monza und Mantua aus, als wohin dermalen der Weg des einſtigen Reiſegefaͤhrten ging, einige merkwuͤrdige Urkunden(verſteht ſich in Copie) zu ſchicken, nach denen der Hiſtoriker, behufs ſeiner — 195— merkwuͤrdigen Abhandlung ſchon lange geſeufzt hatte, und ſein Mißvergnuͤgen uͤber dieſes nicht Worthal⸗ ten war um ſo groͤßer, da das Einruͤcken eines andern Gaſtes in ſeinem alten Schloſſe ihn gaͤnz⸗ lich aus ſeiner gewohnten Lebensordnung heraus⸗ zudraͤngen drohte. Der neue Ankoͤmmling auf Geisfurth war aber niemand anders, als der Schwe⸗ ſterſohn des ſeligen Kaͤmmerers Benjamin Wurzel⸗ ſtock, Joſeph Eiſenſporn genannt, ein ruͤſtiger, munterer, aber auch etwas roher junger Mann, der in Dienſten eines kleinen deutſchen Fuͤrſten den Fahnen des Mars geſchworen hatte, und nun den ihm vergoͤnnten Urlaub benutzte, um ſeine wohlwollende Baſe Lene und deren Bruder den Winter uͤber mit ſeiner Gegenwart zu begluͤcken. So wohlwollend im Grunde ſeines Herzens Peter Slundz aber auch gegen alle Menſchen war, und folglich auch gegen den Neffen ſeiner Schwe⸗ ſter, der einſt, wie er oft laut aͤußerte, ſein Erbe werden ſollte, ſo war ihm doch ſtets des laͤrmen⸗ den Kriegers Ankunft nicht ſonderlich erfreulich, zu⸗ mal da dieſer in ſeinem Gefolge als treuen Be⸗ gleiter gewoͤhnlich einen Jagdhund mitbrachte, deſ⸗ ſen Ausſpuͤrtalent der Hiſtoriker bereits einige Mal mit großem Leidweſen kennen lernte. Waldmann — ſo hieß der Vierbein naͤmlich— ſchien es ſich, 1 ſo oft er nach Schloß Geisfurth kam— und das war ſchon einige Mal geſchehen zum angele⸗ 13* — 196— gentlichſten Geſchaͤfte zu machen, alle Winkel des alten Neſtes zu durchſpaͤhen, alles zu beſchnopern und gelegentlich, was ihm in den Wurf kam, zu zerkauen, vermuthlich um die Langeweile ſich zu verkuͤrzen, die er dann und wann, wenn ihn ſein Herr eben nicht auf die Faͤhrte des Wildes leitete, oder Dame Lene mit den Abfaͤllen der Tafel er⸗ quickte, an einem Orte empfinden mochte, wo außer ihm ſeines Gleichen nimmer geduldet ward. Auf ſolche Art hatte Waldmann ſchon bei fruͤheren An⸗ weſenheiten mehr als ein koͤſtliches Pergament, welches der alte Herr mit vieler Muͤhe und vie⸗ lem Gelde von nah und fernher gleich einem Ham⸗ ſter in ſeine Hoͤhle eingetragen, wo es in chaoti⸗ ſcher Unordnung ſich dann auf oder unter den Tiſchen herumtrieb, zum Theil oder ganz verdor⸗ ben, und es darf Einen daher nicht wundern, daß der ſonſt gaſtfreie Peter Slundz einen Beſuch nicht vorzuͤglich gern ſah, der ſeiner Ruhe, wie ſeinem hiſtoriſchen Apparate gleich große Gefahr drohte. Denn hinſichtlich der erſteren, ſo war ſie durch des jungen Militaͤrs Ankunft nicht weniger gefaͤhrdet, wie das Daſeyn ſeiner alten Pergamente und Le⸗ derbaͤnde durch Waldmanns Anweſenheit. JZoſeph Eiſenſporn war ein ſo wackerer Kriegs⸗ mann, als nur je einer unter den ruhmwuͤrdigen und alten Fahnen des heiligen roͤmiſch deutſchen Reiches focht, aber wenig cultivirt und eingeweiht * — 197— in die Sitten der guten Geſellſchaft, und aufge⸗ wachſen hinter den Mauern der Caſerne— denn in fruͤher Jugend ſchon ward er dem Stande ge⸗ widmet, welchen er jetzt bekleidete— hatte er viel von der nicht immer anmuthigen Derbheit an ſich welche gleich dem Roſte nur zu oft den Glanz eines Standes— namentlich in Friedenszeiten— in den Augen derer verdunkelt, die denn doch auch bei aller Hochachtung fuͤr das Geſchaͤft der Waf⸗ fen, nicht ohne Recht meinen, nicht blos darum da zu ſeyn, um jugendlich kriegeriſchen Uebermuth ſtets mit reſignirender Geduld zu ertragen. Wer nicht die Waffen trug, war in unſeres Lieutenants Augen, mochten auch alle Vorzuͤge der Welt ihn ſonſt ſchmuͤcken, doch nur ein We⸗ ſen geringerer Ordnung, auf welches der Sohn des Mars, ohne ſich etwas von ſeiner Wuͤrde zu vergeben, nur von oben nach unten zu blicken habe, und gewohnt keinen Widerſpruch zu wagen, wenn einer ſeiner Obern ſprach, glaubte er von andern, die kein Porte d'Epee an der Seite tru⸗ gen, daſſelbe fordern zu koͤnnen. Dieß war aber keinesweges die Meinung we⸗ der von Peter Slundz zu Geisfurth, noch vom alten Herrn von Fliederbuſch zu Baͤrſtein, die uͤbri⸗ gens Beide den wackeren Jungen, wie ſie den ruͤſtigen Joſeph nannten, herzlich liebten, und ſich ſchon manchen langen Winterabend am Kamin — 198— von ihm mit Erzählung feiner bereits erlebten Kriegs⸗ und Jagdabentheuer hatten vertreiben laſſen. Aber auch Thereſe hoͤrte zuweilen dem Lieute⸗ nant gern zu, obgleich ſein mitunter zu ſchroff her⸗ vorſpringendes anmaßendes Weſen ihr nicht gefiel, und weil denn in der Regel ſelten ein huͤbſches Maͤdchen vertraulich und theilnehmend ſich gegen einen jungen Mann zeigen darf, ohne daß von eigener Eitelkeit genaͤhrte Hoffnungen in ihm auf⸗ wachen, ſo war es geſchehen, daß Joſeph Eiſen⸗ ſporn ſchon ſeit laͤnger als Jahr und Tag ſich ein⸗ bildete, ſuͤßere Gefuͤhle bewegten hinſichtlich ſeiner Thereſens ſchoͤne Bruſt, die, wenn er einmal ſo⸗ weit ſeyn wuͤrde, eine Frau ſtandesgemaͤß zu er⸗ naͤhren, d. h. wenn ihm der Himmel erſt wuͤrde eine Compagnie verliehen haben, wozu er, neben⸗ bei bemerkt, glaubte binnen den naͤchſten zwanzig Jahren berechtigt zu ſeyn— er denn auch den aufrichtigen Willen hatte, gelegentlich zu belohnen, um ſo mehr, da er hoffte bis dahin auch gehoͤrige Zeit und Muße zu finden, ſich ſo recht ernſtlich zu verlieben, wie er dieß mitunter in einigen zu⸗ faͤllig geleſenen Romanen geſchildert gefunden hatte. Bis jetzt hatte ihm dieß Letztere, offen geſtanden, noch nicht ſo recht gluͤcken wollen, eine Sache, wor⸗ ruͤber er ſich manchmal ſelbſt in der Stille wun⸗ derte und gern geſtand, daß Waldmann, ſein treff⸗ licher Jagdgefaͤhrte, und Lieſel, ſein nicht minden — 199— braves Roß immer und immer in ſeinen einſamen Stunden ihn mehr beſchaͤftigten, als alle Evas⸗ toͤchter, die je ſeinen Blicken begegnet waren, von der ſchoͤnen und holden Tochter des alten Freiherrn Nepomuk Baptiſta an, bis zur ſonnenverbrann⸗ ten Marketenderinn, die ihm im letzten Kriegszuge ſo oft ein willkommenes Fruͤhſtuͤck gereicht hatte. 8. 4 Schade iſt's doch,“ meinte Herrr Peter Slundz eines Abends, da die Familie des Freiherrn auf Geisfurth zum Beſuch war, und der kleine Kreis der harmloſen Menſchen um das waͤrmende Feuer ſaß, waͤhrend draußen der Wind mit ungewoͤhn⸗ licher Rauhigkeit die Schneeflocken durch einander warf, und einmal uͤbers andere klirrend an die Fen⸗ ſter flog, gleich als zuͤrne er der wohlthaͤtigen At⸗ mosphäͤre, die den Hiſtoriker und ſeine Geſellſchaft umgab:„Schade iſt's doch, Joſeph, daß du Herrn Muͤller nicht haſt kennen lernen, der ein ſo braver junger Mann iſt, wie nur je einer zwiſchen die⸗ ſen alten Bergen wandelte. Weiß Gott! Du haͤt⸗ teſt manches von ihm profitiren koͤnnen.“ Hm,“ erwiederte der Krieger,„wie ich mir habe ſagen laſſen, war er ein Federheld, der ver⸗ muthlich mit Degen und Gewehr eben ſo geſchickt umzuſpringen weiß, wie Max, Ihr alter Bedien⸗ 7 — 200— ter, an deſſen merkwuͤrdige Saneſhichänt ich Zeit meines Lebens denken werde.“ „Max,“ entgegnete der Hiſtoriker,„ iſt ein al⸗ ter treuer Diener, den ich meinetwegen und nicht um der wilden Beſtien im Walde willen bei mir habe, und was unſern Freund Muͤller betrifft, ſo war er nicht allein ein in der alten und neuen Geſchichte trefflich bewanderter Kopf, ſondern auch— dieß wird Dir der Freiherr und ſeine Tochter be⸗ zeugen, und Deine Tante dazu, die ſonſt nicht gern Jemand lobt— in allen uͤbrigen Dingen ein ſo geſcheidter Menſch, daß man ſich wohl gratuli⸗ ren kann, wenn man einen Verwandten hat, der ihm nur entfernt gleicht.“ Dieſer ſpitzge Ausfall des Oheims— wie der Geſchichtforſcher gewoͤhnlich von dem jungen Krieger genannt wurde— verdroß letzteren nicht wenig, zumal da er die Urſache deſſelben alsbald errathen haͤtte, haͤtte der a lte Herr auch nicht ſo⸗ gleich fortgefahren: „Und obſchon auch er, wie es einem jungen Manne gar nicht uͤbel anſteht, und wie der Ge⸗ ſundheit recht dienlich ſeyn mag, es nicht ver⸗ ſchmaͤhte, zuweilen in muͤßigen Stunden ein bis⸗ chen hinter den Haſen und Hirſchen herzulaufen, ſo zog er ſich doch nicht den ganzen Tag mit ver⸗ wuͤnſchten Beſtien umher, die nur auf der Welt zu ſeyn ſcheinen, um friedliche Menſchen zu ſtoͤren, — 201— wenn ſie eben in den wichtigſten Geſchaͤften ſich vertiefen.“— „Ich weiß,“ antwortete hierauf der Kriegs⸗ mann,„worauf Sie zielen. Waldmann hatte heute unten am Thurme, gerade unterhalb Ihrer Fenſter, ein Iltisloch aufgeſpuͤrt, und ich ſollte denken, das gute Thier, welches durch ſein Bellen und Heulen mich aufmerkſam machte, ſo daß ich den Feind Ihres Huͤhnerhofes vertilgen konnte, haͤtte eher Dank dafuͤr verdient, als die Verwuͤn⸗ ſchung, welche Sie uͤber ihn ausſprechen.“ Mit dieſen Worten rief der Jagdfreund ſeinen Liebling herbei, der einſtweilen in einer Ecke des Zimmers geſchnarcht hatte, und der nun fuͤr die ihm zu Theil werdenden Liebkoſungen ſeines Herrn ſich dankbar bezeigen wollte, und deßwegen einige Freudenſatze machte, die aber, ſonder Zweifel durch 3 Schickſalsgewalt, ſo ungluͤcklich ausfielen, daß das auf einem kleinen Tiſchchen am Feuer ſtehende Thee⸗ zeug klirrend zu Boden raſſelte, und der an einem Bein verbruͤhte Freiherr mit lautem Schrei in die Hoͤhe ſprang. Zum Gluͤck ließ ſich in dieſem Augenblick der Verwirrung, dem gewiß eine gewaltige Philippika von Seiten des Hiſtorikers gegen alle Hunde der Welt gefolgt ſeyn wuͤrde, ein ſtarkes und anhal⸗ tendes Pochen am Hofthore vernehmen, welches die Ankunft eines Fremden zu verkuͤnden ſchien, — 202— den Geſchaͤfte oder die Unbill der Witterung zu ſo ungewohnlicher Stunde zoch nach Schloß Geis⸗ furth brachten.. Es dauerte auch nicht lange, ſo trat Max, der nach des Lieutenants Erklaͤrung ſo ungemein ſchlecht mit den Mordwaffen der Jagd umzugehen wußte, gefolgt von einem fremden Mann ins Zim⸗ mer, welcher einen Brieſ an Herrn Peter Slundz uͤbergab, und dabei ſein wohlverdientes Botenlohn moͤglichſt zu vergroͤßern, von der Rauhigkeit und den Gefahren des Weges zu erzaͤhlen begann, den er zuruͤckzulegen genoͤthigt geweſen, eh' es ihm s ge⸗ lungen, Schloß Geisfurth zu erreichen. 3 En Glaub⸗ 8, glaub⸗ 6,"meinte der Freiherr,„'s iſt ein Wetter draußen, als wolle Hackelberg die alten Firnen in's Thal ſtuͤrzen. Gerade aus Nord⸗Oſt nuſts her; welchen Weg kommt Ihr, Landsmann?“ „Von Ardetz herab, Sturm und Wetter grad entgegen, edler Herr. An der Stieg von Schlin liegts Wandhoch hingeweht,'s mag ſich in Acht nehmen, wer des Weges zieht, daß nicht der Schnee ſein Grab werde.”“ mi Mit immer ernſter werdender Miene hatte in⸗ deß der Hiſtoriker den empfangenen Brief geleſen, und ihn nun zuſammenbrechend winkte er dem Boten ſich zu entfernen, zugleich der Schweſter Auftrag gebend, ihn durch ein Mahl zu erquicken. einige Male den Hiſtoriker damit in die Enge — 20s— Waͤhrend nun Dame Lene ſich fortſchob das Amt der Schluͤſſel zu verwalten, und Thereſe, die gern der alten Frau beiſtand, ihr folgte, der Lieute⸗ nant aber mit ſeinem Waldmann gleichfalls hin⸗ abſtieg, um nachzuſehen, ob Lieſel auch gehoͤrig bedient worden ſey, naͤherte ſich Gund dem Se herrn und begann: 8 „Da ſchreibt mir der Vogt von Dwwos, baß Timotheus Schwalbenſchwanz“—— „Timotheus!“ rief Fliederbuſch,„der treffl iche Geſell! iſt er in Davos? das freut mich.“ on „Mich auch,“ entgegnete der Hiſtoriker,„um ſo mehr, da ich hoffe, ſie werden den dachushen ſobald nicht wieder fortlaſſen.!/ 3 „Ich weiß,“ ſprach der Freiherr mtt ſtolzet Ruhe,„welches Vorurtheil Euch in Betreff mei⸗ nes Freundes belebt. Timotheus Schwalbenſchwanz iſt ein geſcheidter Mann, ein wackerer Mann, und ich werde die Zeit noch erleben, wo der Glanz ſeiner Thaten alle ſeine Feinde und Meiber zu Bo⸗ den ſchlagen wird."o* ⸗ Die Anſpielung, welche hier offenbar auf Pe⸗ zter Slundz gemacht wurde, der von jeher gegen den Genannten einen ungemeinen Widerwillen be⸗ zeigt hatte, welchen der Freiherr auf Rechnung des Neides ſchrieb, indem Schwalbenſchwanz im⸗ mer gern ſeine Kenntniſſe auspackte, und wirklich — 204— trieb— erbitterte den leicht aufzuregenden Ge⸗. ſchichtsforſcher noch mehr, und den Brief, den er ſo eben empfangen, auf den Tiſch werfend, rief er aus: „Nun alter Herr! da leſ't ſelbſt, ich habe ge⸗ warnt genug, jetzt waſch' ich meine Haͤnde in Unſchuld.“ Damit ſſchritt er haſtig im Zimmer auf und ab, der Freiherr aber trat zum Lichte und las: ,——— endlich iſt es mir gelungen, die vollſtaͤndigſten Beweiſe gegen den abgefeimten Schur⸗ ken zu erhalten. Eine neue Betruͤgerei, die er in hieſiger Gegend in gewohnter Manier einzuleiten ſuchte, verſchaffte mir die Mittel, ihm auf recht⸗ lichem Wege beizukommen. Er ſitzt und ich be⸗ eile mich, Ihnen dies Ereigniß anzuzeigen, da ich leider Grund habe, aus den bereits zum Theil durchſehenen Papieren des Arreſtanten zu vermu⸗ then, daß Ihr wuͤrdiger Freund, der Freiherr Ne⸗ pomuk Baptiſta“—— Weiter vermochte der alte Mann nicht zu leſen. Das Papier entſank ſeiner zitternden Hand, er ſelbſt ſank mit dem Ausrufe:„Ich bin verloren!“ in den Stuhl zuruͤck. 9. Dieſen Augenblick hatte Peter Stundz zwar ſchon laͤngſt erwartet, und ſein unfehlbares Nahen — 20s— der Schweſter oft genug verkuͤndet, dennoch ergriff ihn, brav fuͤhlend wie er war, das endliche Na⸗ hen der gefuͤrchteten Kataſtrophe aufs Heftigſte, und ſtatt in nutzloſen und nur kraͤnkenden Redensarten von Vorherprophezeihung und dergleichen ſich zu er⸗ gießen, wie es die Art vieler iſt, die ſich gern auf ihre beſſere Vorausſicht etwas zu Gute thun, un⸗ terließ er nichts, um wo moͤglich den alten Freund noch von dem Verderben zu retten, das ihm drohte. 8 Waͤhrend der bis zur Ohnmacht niedergebeugte Greis ſich unter den pflegenden Haͤnden ſeiner Tochter und Dame Lenens befand, die bei dieſer Gelegenheit den Schatz ihrer geſammelten medici⸗ niſchen Kenntniſſe aufs Glaͤnzendſte entwickelte und eine ſolche Maſſe von ganz probaten Hausmitteln herbeiſchleppte, daß ganze Dorfſchaften damit haͤt⸗ ten verſehen werden koͤnnen, ſchloß Peter Slundz ſich in ſein Cloſett ein, und fing an diejenigen Papiere zu ordnen, welche Bezug auf die Ange⸗ legenheiten ſeines Freundes hatten, auch Ueberſchlaͤge zu machen, auf welche Art dem Bedaͤndken wohl am beſten zu helfen ſey. Leider ergab ſich aber hier, mochte der Hiſt⸗ riker auch rechnen wie er wollte, immer ein ganz troſtloſes Facit, und ſeine Pelzmuͤtze von einem Ohr zum andern ſchiebend, brach er endlich in folgenden Monolog aus: 1 — 206— „ Nichts bleibt, nichts! und wenn alle Rechen⸗ meiſter der Welt ſich die Koͤpfe dabei zerbraͤchen. O ſchurkiſcher Timotheus Schwalbenſchwanz, du Abſchaum aller Heuchler und Speeiichellecker! Beſſer waͤr es dir und mir und dem alten Thoren, den ich meinen Freund nenne, du haͤtteſt den Hals gebrochen, als du zum erſten Male uͤber den Bren⸗ ner kletterteſt, denn daß du hierher kamſt, eine brave Familie ungluͤcklich zu machen. Sagte ichs doch immer, der Kerl wird mit ſeinen Luͤgen und Aufſchneidereien noch mehr Unheil anrichten, als wenn ganze Kohorten unreiner Geiſter eingezogen waͤren, und nun beſtaͤtigt ſichs. Schaͤtze graben wollten ſie, Gold machen, den Erdgeiſt zwingen ſeine Vorrathskammern zu oͤffnen! Ohe! ſie ha⸗ ben ihn gezwungen. Fort iſt Schloß Baͤrſtein, durch die Eſſe durch, auch meine tauſend Gulden, die ich dumm genug war herzuleihen dazu, und Nepomuk Baptiſta“—— Ein Klopfen an der Thuͤr unterbrach hier den Sprecher in ſeinen Be⸗ trachtungen, und auf den Ruf:„Herein!“ den der Hiſtoriker in der Zerſtreuung ſeiner Sinne that, immaßen ſonſt Niemandem dieß Wort hier ent⸗ gegentoͤnte, da das Cloſett des alten Herrn als eine ſo geweihte Freiſtatt betrachtet ward, daß keine Seele daran denken durfte, Eingang zu ſindei— erwiederte der Lieutenant: „Ich bin's, machen Sie aber erſt auf, Dhehn, — 207— denn verſchloſſene Thuͤren ſind mir, wie allen Menſchen, nicht practikabel.“ Der erwaͤhnten Eingenommenheit muß es auch zugeſchrieben werden, daß Stundz ohne Weiteres dem Neffen willfahrte und einem Menſchen die Pforte zu ſeinem Sanctuarium oͤffnete, der ſonſt unter keiner Bedingung die Schwelle eines Zim⸗ mers haͤtte betreten duͤrfen, wo ſeine und ſeines ſteten vierbeinigen Begleiters Anweſenheit nur Ver⸗ anlaſſung zu den groͤßten Verwuͤſtungen geben konnte. „Tante Lene,“ begann der Kriegsmann, nach⸗ dem ſer nicht ohne die durch ſeine Spornen ver⸗ mehrte Gefahr, den Hals bei Ueberkletterung der Buͤchermaſſen zu brechen, die im Wege lagen, ſich dem Beſitzer dieſes anmuthigen Aufenthaltsortes genaͤhert hatte:„Tante Lene ſagt mir, daß der alte Freiherr durch einen Schurken ruinirt ſey. Will daher nur fragen, ob ſich's wirklich ſo ver⸗ haͤlt.— Sie wiſſen, die Tante ſpricht manchmal gern ein bischen zu viel— und ob ich nicht auf irgend eine Art helfen kann.“ Mit einem Blick, der ſo freundlich war, wie Joſeph Eiſenſporn ſich in Jahren nicht erinnern konnte, vom Oheim Slundz erhalten zu haben, ſchaute der alte Knabe den jungen Mann ein Weilchen an, dann ſprach er:„Die alte Plau⸗ dertaſche hat dießmal nicht zuviel geſagt. Aber — 208— Du willſt helfen, guter Junge? Nun ſieh, das freut mich, weiß Gott, von ganzem Herzen. Frei⸗ lich kannſt Du es im Grunde eben ſo wenig wie ich, der ich ohnedem ſchon an tauſend Gulden —— aber Joſeph“— fuhr hier Slundz fort und ſah ſich dabei ſchuͤchtern um, gleich als fuͤrchte er behorcht zu werden—„Joſeph, hoͤrſt Du, das mußt Du Niemandem ſagen, Niemandem, am wenigſten der Tante.“ „Warum nicht?“ entgegnete treuherzig der Of⸗ fizier,„iſt es doch kein Schurkenſtreich einem Freunde beizuſtehen?“ Der junge Mann hatte naͤmlich die Geſchichte mit den tauſend Gulden uͤberhoͤrt, die ſein Oheim dem bedraͤngten Fliederbuſch einſt geliehen hatte, als dieſer eben wieder einmal Geld brauchte, um den myſtiſchen Drachen zu fuͤttern, der nach Ti⸗ motheus Schwalbenſchwanz Verſicherung die Schaͤtze noch bewachte, welche dem Freiherrn zu Theil wer⸗ den ſollten, und glaubte nun, Slundz verlange nur ſo angelegentlich, er ſolle ſein eigenes Huͤlfs⸗ erbieten vor Dame Lene verſchweigen, die zwar, nach Art ihres Geſchlechtes, in Geldſachen nicht ſonderlich liberal, indeß doch keinesweges undienſt⸗ fertig war, wenn es galt dem Naͤchſten beizuſtehen. Eh' aber noch dieß Mißverſtaͤndniß durch Wei⸗ terreden ſich aufklaͤren konnte, fuhr dem alten Herrn ploͤtzlich ein Gedanke durch den Kopf, den 1 er 2 — 209ñ— er auch ſogleich dem Neffen mittheilte, und der von dieſem mit großer Berzitwitigkeit aufgenom⸗ men wurde. „Ich muͤßte mich ſehr irren, Joſeph, wenn der Gauner von Schwalbenſchwanz die Papiere nicht noch beſitzt, welche die Albernheit unſeres Nach⸗ barn ihm zu den phantaſtiſchen Zwecken vertraut hat, mit denen er ſo geſchickt den alten Mann zu hintergehen wußte. Iſt dieß der Fall, und koͤnnte man wenigſtens dieſe ihm entreißen, ſo zweifle ich nicht, daß noch Rettung moͤglich waͤre. Aber freilich, freilich, welcher Schwarzkuͤnſtler ſagt uns, wo der Gaudieb ſie verborgen hat. Denn daß er Documente von dieſer Wichtigkeit nicht bei ſeinem fahrenden Leben, wo er ſchon läͤngſt alle Augenblicke gewaͤrtig ſeyn mußte, einmal von der ſchwerfaͤlligen Dame Juſtitia beim Schopf genom⸗ men zu werden, mit ſich herumſchleppt, darauf wollte ich wetten.“ „Es kommt auf eine Recognoscirung an,“ meinte der Lieutenant, dem die Gruͤnde des Oheimns einleuchteten, und dieſer ſprach weiter: „Das iſt's und dazu waͤrſt Du allenfalls in Ermangelung eines Beſſeren zu gebrauchen.“) Wenig fehlte und dieſe ſo rund herausgeſagte Bemerkung haͤtte das Paar, wie ſo oft ſonſt der Fall war, entzweit; denn ungemein fuͤhlte ſich der Stolz des Kriegers durch eine Aeußerung gekraͤnkt, 14 — 210— die ihm als Beleidigung ſeiner Klugheit erſchien. Slundz, der indeß den uͤbeln Eindruck bemerkte, welchen ſeine Rede gemacht hatte, Tuür ſogleich fort: „Verſteh' mich recht, lieber Junge, ich meine, daß dieß eher ein Geſchaͤft fuͤr einen gewandten Weltmann, als fuͤr Dich, den geraden, ehrlichen Soldaten iſt; indeß“—— 1 „Weil kein anderer einmal da iſt“— ſchon gut, Oheim, ich weiß, was Sie denken. Waͤre Ihr Herr Muͤller noch hier, ſo duͤrfte der wohl den Preis in Ihrer Wahl erlangen. Doch thut das nichts. Ich treffe dieſen Herrn Muͤller ſchon einmal im Leben, und was ich ihm dann zu ſagen haben werde, ſoll mich jetzt nicht abhalten, wo moͤglich einem Bedraͤngten beizuſtehen. Zeigen Sie mir nur, auf welchem Wege ſich eine Ausſicht eroͤffnen kann, das Gewuͤnſchte zu erlangen und ſo wie der Tag graut, ſoll Lieſel mich fortſchaffen. 22 Die Leſer werden aus dieſen Worten Joſephs ſehen, welche Geſinnungen den jungen Krieger, hin⸗ ſichtlich des einſtigen Gaſtes auf Schloß Geisfurth, belebten, und der Hiſtoriker wuͤrde gewiß nicht ver⸗ fehlt haben, ſein Mißfallen daruͤber weitlaͤuftig aus⸗ zudruͤcken, haͤtten ihn jetzt nicht die Angelegenhei⸗ ten ſeines alten Freundes zu ſehr beſchaͤftigt. Er begnuͤgte ſich daher, dem Martisſohne einen kurzen, wiewohl ſchlecht aufgenommenen Verweis 1 — 211— uͤber ſeine Ungerechtigkeit gegen einen Menſchen zu geben der, wie er ſagte, die Liebe und Achtung Aller verdiene, und bemuͤhte ſich ſodann ihm die Inſtructionen zu ertheilen, welche noͤthig waren, falls das Vorhaben gelingen ſollte. Die Morgen⸗ daͤmmerung begann aber kaum die Spitzen der oͤſtlichen Berge zu roͤthen, ſo trabten der Krieger und ſein Waldmann bereits luſtig das Thal ent⸗ lang, welches vom Inn durchſtroͤmt, im fernen Hintergrunde die grauen Felſenmaſſen der rhaͤti⸗ ſchen Gebirge zeigt. 10. Mehrere Wochen waren vergangen, und weder vom Lieutenant, noch weniger von Muͤller einige Nachrichten eingegangen, und die Ausſicht, den alten Herrn, der durch ſeine Schwaͤche und Hin⸗ gebung an einen liſtigen Betruͤger ſich ſelbſt das ihm drohende Schickſal zugezogen hatte, noch ret⸗ ten zu koͤnnen, verſchwand immer mehr. Auch ſchien der Freiherr dieß ſelbſt nur zu tief zu fuͤh⸗ len, wie der finſtere Truͤbſinn bewies, welchem er ſich nach und nach ſo gaͤnzlich hingab, daß er ſo⸗ gar diejenigen Maaßregeln verſaͤumte, welche die fuͤr ihn ſo ſchmerzliche und ungluͤckliche Kataſtrophe wenigſtens noch etwas haͤtten hinausſchieben koͤn⸗ nen, und ſo geſchah es denn, daß ehe noch alle Wege verſucht waren, ſchon das Schlimmſte eintrat, 14* — 2412— und eine Commiſſion erſchien, um zu Gunſten der vielfachen Glaͤubiger gegen den Schloßherrn zu verfahren. Schon war dieſe unerfreuliche Geſellſchaft, de⸗ ren ungewuͤnſchtes Kommen dem Hiſtoriker und ſeiner Schweſter ſo betruͤbend erſchien, wie nur irgend Jemand anderem auf Schloß Baͤrſtein, in voller, zwar rechtmaͤßiger, aber immer trauriger Thaͤtigkeit, um Alles aufzuzeichnen, was innerhalb der Mauern der alten Burg ſich befand, als die alte Urſel, welche ſich mehrere Monate hindurch nicht in der Gegend hatte ſehen laſſen, mit ſo eiligen Schritten den einſamen Weg daher gehum⸗ pelt kam, als Altersſchwaͤche und ſchlechte Beſchaf⸗ fenheit des Bergpfades es ihr nur immer erlaub⸗ ten, und durch den Haufen der beſtuͤrzten Land⸗ leute und Dienerſchaft, die neugierig und erſchrok⸗ ken uͤber das Ereigniß, welches ſich vor ihren Augen zutrug, auf dem Hofe ſtanden, ſich draͤn⸗ gend, verlangte, ſie ſogleich zu Fraͤulein Thereſe zu fuͤhren. „Gott troͤſte das arme Kind,“ entgegnete ihr ein bejahrter Diener,„die wird Euch jetzt nicht ſprechen koͤnnen, Mutter Urſel.“ „ und warum denn nicht, Ignaz Gemſenfuß?“ fragte die Alte.„Hab' wohl eher bei Tag und bei Nacht mit dem holden Kinde geplaudert. Sie wird doch Mutter Urſel nicht abweiſen?“ — 243— „Verſucht's ſelbſt,“ entgegnete der Diener,„ich wag' es nicht, ſie in ihrem Kummer zu ſtoͤren. Im blauen Gemach ſitzt ſie bei'm Herrn; Gott troͤſte auch ihn!“ Eilig ſchritt Urſel die ſteinerne Wendeltreppe hinan. Als ſie nach mehrmaligem vergebenen Klo⸗ pfen leiſe die Thuͤre des bezeichneten Zimmers oͤff⸗ nete, erblickte ſie die gute Tochter, wie ſie dem von Gram und Schmerz niedergebeugten Vater mit ſanften Worten Muth und Ergebung zuſprach. Peter Slundz ging in der Stube auf und ab, und ſah alle Augenblicke nach einer altmodiſchen Wanduhr, gleich als zaͤhle er die Minuten. Niemand hatte das Nahen der Alten bemerkt, die noch immer unter der Thuͤre ſtand, auf einen Blick von Thereſen wartend, um ihr zuzuwinken, daß ſie allein mit ihr zu ſprechen wuͤnſche. „Schon drei Viertel,“ ſprach Slundz endlich, nachdem er wieder auf die Uhr geſehen.„Wenn Jacob bis um eilf Uhr nicht da iſt“—— Er hielt hier inne, als wage er nicht, den uͤblen Nachſatz auszuſprechen. „So iſt auch die letzte Hoffnung verloren,“ ſetzte ergaͤnzend der Freiherr hinzu, und bedeckte ſich mit beiden Haͤnden das Geſicht. Eine Wendung des Kopfes verrieth jetzt dem Fraͤulein die Anweſenheit der vierten Perſon. Schwei⸗ gend winkte ihr Urſel nach dem Gange heraus, auf — 2414— welchen ſie ſich ſogleich ſelbſt zuruͤckzog, und nach wenigen Minuten ſtand Thereſe bei ihr. „Hofft nicht,“ ſprach die Alte ſchnell,„auf Jacob; der Landvogt kann und will nicht helfen, aber eilt und ſendet Leute den Weg nach Glurens zu, wenn Ihr nicht wollt, daß die nahende Ret⸗ tung verloren gehen ſoll.“ Beſtuͤrzt und uͤberraſcht wollte Thereſe Genaue⸗ res fragen, eh ſie aber noch ein Wort hervorzu⸗ bringen wußte, war Urſel ſchon fort und mit Er⸗ ſtaunen bemerkte ſie durchs Fenſter, wie gleich dar⸗ auf die Alte unten am Fuß der Anhoͤhe im Ge⸗ buͤſche verſchwand, gleich als haͤtten Winde ſie ihren Augen entfuͤhrt. Gleich darauf kam der an den Landvogt ab⸗ geſendete Diener zuruͤck. Die Nachrichten, welche er mitbrachte, beſtaͤtigten Urſels Vorherſagung. 11. Drei bis vier berittene Diener, in ihrer Mitte auf einem Schlitten Peter Slundz und Thereſe, trabten dem von der Alten bezeichneten Orte zu. Noch war die kleine Caravane keine Stunde weit gezogen, als ſie, auf einer Hoͤhe anlangend, tief unten im Thale einen Reiter ſahen, der mit moͤg⸗ lichſter Schnelle ihnen entgegenkam. Eben ſpornte er ſein Roß um eine Waldecke herum, welche ihn fuͤr einige Augenblicke ihrem Geſicht entzog, als — 215— ein Schuß ſiel, und gleich hintennach noch einer, worauf das ledige Roß den Weg allein daher ſprengte.. „ Vorwaͤrts! vorwaͤrts!“ rief der Begleiter der erſchrockenen und zitternden Thereſe den Leuten zu, und wie im Sturmwind ging es die Hoͤhe hinab nach der Waldecke. Tritte im Schnee und Spuren von Blut zeigten hier nur zu deutlich, was vor⸗ gefallen war. Eine kleine Strecke drang man tie⸗ fer in das Gebuͤſch, bald hemmten aber Felſen⸗ maſſen den Weg, und mehrere ſich uͤber das Ge⸗ ſtein nach verſchiedenen Richtungen hinkreuzende Pfade, wahrſcheinlich von Jaͤgern herruͤhrend, mach⸗ ten es zweifelhaft, welchem man nachzuklimmen habe. Noch ſtand man unentſchloſſen, was zu thun als Waldmann, der vom Hiſtoriker gehaßte Lieb⸗ ling des Lieutenants, daher gelaufen kam, und, ohne ſich aufzuhalten, die Naſe immer auf der Erde, der Spur nachrannte, welche uͤber Klippen und durch unwegſames Gebuͤſch laͤngs einem ſchwin⸗ delerregenden Abgrunde fuͤhrte. Keine zwei Minuten, und der Herr des eif⸗ rigen Vierbeins hielt vor dem erſtaunten Oheim, und der ſich aͤngſtlich an ihn anſchmiegenden Thereſe. Kaum ſah er die Hoͤhe, zu welcher ſein Hund hinauf rannte, ſo ſprang er ſogleich vom Pferde, rief dem einen Diener zu, nebſt den uͤbrigen zu — 216— halten, und gebot den andern ihm zu folgen. Und wie die Gemſen kletterten ſie nun hinan, der Krieger immer voraus, geleitet von ſeinem Wald⸗ mann, waͤhrend Peter Slundz und Thereſe, ſtill und erſtaunt, als trauten ſie den eigenen Sinnen nicht, im Thale blieben, nicht ohne Herzklopfen den Ausgang des Abenteuers erwartend. Bald verkuͤndete auch die Ruͤckkunft des treuen Waldmanns die Loͤſung dieſer Raͤthſel. In gro⸗ ßen Saͤtzen kam das Thier den Pfad wieder her⸗ abgeſprungen, und mit lautem Gebell ſeine Freude anzeigend, umkreiſte es den Hiſtoriker, der in die⸗ ſem Augenblick ſeine Abneigung vergeſſend, den Jagbgenoͤſſen ſeines Neffen klopfte und ſtreichelte, eine Sache, die ſonſt nie von ihm geſchehen war. Die Diener aber trugen einen Verwundeten nicht ohne Gefahr und Muͤhe den Felſenpfad herab, waͤhrend Joſeph einen Mann mit gebundenen Haͤn⸗ den vor ſich hertrieb, in welchem Peter Slundz und Thereſe ſogleich den wohlbekannten Timotheus Schwalbenſchwanz erkannten. 12. Noch war Muͤller— denn dieß war der Ver⸗ wundete— nicht aus der Ohnmacht erwacht, in welche ihn ein ſtarker Blutverluſt geſtuͤrzt hatte, als man auf Baͤrſtein anlangte, wo unterdeſſen eine allgemeine Beſtuͤrzung Alle ergriffen hatte. 1 217—. Muͤllers Noß war naͤmlich, in wilden Spruͤn⸗ gen fortraſend, bis in die Gegend der Burg gekom⸗ men, und hier von einigen Leuten aufgefangen und erkannt worden, und ſo tief auch der Kummer war, welchen der alte Freiherr in dieſen Augen⸗ blicken uͤber die eigene Lage empfand, ſo ſchmerz⸗ lich ergriff es ihn, glauben zu muͤſſen, daß ein junger Mann, deſſen Vorzuͤge ſich auch ſeine Zu⸗ neigung erworben hatten, wahrſcheinlich ein trau⸗ riges Ende genommen habe. Waͤhrend man nun noch beſchaͤftigt war, die entflohenen Lebensgeiſter des Verwundeten zuruck⸗ zurufen, und die herbeigekommene Tante Lene im Verein mit Paracelſus Rundkopf, dem wohlerfah⸗ renen Bader, Doctor und Neuigkeitskraͤmer der Gegend, ihre Kunſt aufbot, ſtattete der Kriegs⸗ mann ſeinen Bericht, wie folget, ab: „Hol' der Schwarze die Actenreiter und St. Georg, mein Lieblingsheld, beſchuͤtze die alte Ur⸗ ſel, zuſammt ihrer ganzen Sippſchaft, falls ſie welche hat. Von einem Orte zum andern haben ſie mich geſchickt, wie den Scherwenzel in der Karte, und waͤre mir nicht zuletzt noch die Alte in den Lauf gekommen, bei St. Chriſtoph! ich glaube, ich ſtrapazierte meine Lieſel noch.“ „Urſel?“ fiel hier fragend Peter Slundz ein, und der Andere erwiederte: — 218— „So iſt's. Als ich eben wieder einen vergeb⸗ lichen Ritt gemacht hatte, und da Alles nichts helfen wollte, mich entſchloß, ins Land Italien hinein⸗ zureiten und dem alten Magnus Holofernes“— „Meinen Bruder?“ rief der Freiherr aus. „Richtig, den mein' ich. Vorſtellen wollt ich ihm die ganze Sache, und ſeinen Beiſtand aufru⸗ fen, da begegnete mir die Sybille am Garda⸗See und ſagte:„Kehrt nur um, junges Blut,'s iſt ſchon Alles beſorgt. Signor Francesco hat's aus⸗ gegattert, und wenn Ihr nicht ſcharf zureitet, iſt er eher mit den Papieren auf Baͤrſtein wie Ihr.“ Alle ſahen ſich verwundert an, denn Keiner verſtand die Reden des jungen Kriegers und Sig⸗ nor Francesco war Allen eine unbekannte Perſon. In dieſem Augenblick meldete aber Paracelſus Rundkopf mit triumphirender Miene, den Kopf aus dem Nebengemache hereinſteckend, daß es ſei⸗ ner unvergleichlichen Kunſt gelungen ſey, den mau⸗ ſetodten Herrn Muͤller wieder zum Leben zu brin⸗ gen, und der Freiherr ſammt dem Hiſtoriker und den Andern begaben ſich ſogleich hin, den ihnen wiedergeſchenkten Freund auf ſeinem Lager zu be⸗ gruͤßen. Waͤhrend die Maͤnner ſich nun um das Bett draͤngten, und auf verſchiedene Weiſe, jeder in ſei⸗ 4 — 219— ner Art, dem Verwundeten ihr Beileid und zu⸗ gleich ihre Freude bezeigten, ihn wenigſtens außer Todesgefahr zu ſehen, blieb Thereſe mit ſchuͤchter⸗ nen Blicken und erroͤthenden Wangen am Ein⸗ gange des Gemaches ſtehen, gleichſam wie mit ſich ſelbſt im Streite, ob ſie den Gefuͤhlen ihres Herzens nachgeben, oder ferner die Maske der Kaͤlte gegen einen Mann tragen ſollte, deſſen Ent⸗ fernung und letztes Geſchick ſie noch mehr hatte empfinden laſſen, wie theuer er ihr war. 13.. Noch war man mit den erſten Begruͤßungen kaum fertig, und noch hatte Muͤller, der nur lang⸗ ſam und in Pauſen zu ſprechen vermochte, die Geſchichte des raͤuberiſchen Anfalles, welchem er beinahe mit ſeinem Leben unterlegen, nicht ganz erzaͤhlt, als ſich die Thuͤre abermals oͤffnete, und Ignaz Gemſenfuß mit tiefen Verbeugungen einen alten Herrn hereinließ, deſſen Erſcheinen hier an dieſem Orte den Schloßbeſitzer nicht weniger er⸗ ſtaunte, wie ſeinen alten Freund Peter Slundz. Beide glaubten in der That ihren Augen nicht trauen zu duͤrfen, und Beide wurden noch mehr uͤberraſcht, als der Fremde, ohne ſich weiter um die Uebrigen zu bekuͤmmern, dem Lager zueilte, auf welchem ſich Muͤller befand, und ihn mit der — 220— groͤßten Zaͤrtlichkeit in ſeine Arme ſchließend, ein⸗ mal uͤber das andere ſeinen theuern geliebten Sohn, ſeinen Franz, das Licht ſeines einſamen Lebens nannte.— Der Angekommene war aber Niemand anders, als Magnus Holofernes, des Freiherrn Bruder, und Muͤller deſſen angenommener Sohn. Wohl Jahr und Tag vorher, eh' Peter Slundz in Fuͤſſen mit Muͤller, oder wie wir ihn nun nen⸗ nen wollen, mit Franz von Fliederbuſch— denn dieſen Namen trug er dem Willen ſeines vaͤterli⸗ chen Erziehers gemaͤß— zuſammentraf, hatte der junge Mann Thereſen ſchon in Inſpruck kennen gelernt, wo ſie damals einige Zeit bei einer Ver⸗ wandtinn lebte, und die Neigung, welche bereits da ſchon fuͤr ſie in ſeinem Herzen Wurzel ſchlug, gab ihm den Plan ein, unter dem, auf ſeinen Reiſen oft von ihm gefuͤhrten Namen ſeiner Mut⸗ ter, ſich in der Gegend von Vaͤrſtein einige Zeit aufzuhalten, um wo moglich zu erforſchen, ob auch in Thereſens Bruſt ein gleiches Gefuͤhl fuͤr ihn keime. Die Gewogenheit, welche der Hiſtoriker und ſpaͤter auch der alte Freiherr, dem Juͤngling zeig⸗ ten, befoͤrderte nun zwar ungemein das Unterneh⸗ men, Thereſens Pflichtgefuͤhl aber, die voll kind⸗ licher Liebe, wie es einer Tochter ziemt, ſich be⸗ — 221— rufen fuͤhlte, dem Vater als Stuͤtze und Stab in ſeinem, allen Ausſichten nach, truͤben Alter zu dienen, vereitelte, wie wir geſehen, die Hoffnun⸗ gen des Juͤnglings, der erſt, als ihm die alte Urſel Aufſchluß uͤber die Verhaͤltniſſe gab, in welchen Nepomuk Baptiſta durch zu große Leicht⸗ glaͤubigkeit und eine jedenfalls tadelnswerthe Schwaͤ⸗ che, gerathen war, anfing die Beweggruͤnde zu ahnen, welche das edle Maͤdchen leiteten, und ſo⸗ gleich beſchloß das bisher fuͤr unmoͤglich Gehaltene zu verſuchen, und ein Bruderpaar wieder einander naͤher zu fuͤhren, das ſeit Jahren in Folge gegen⸗ ſeitiger Hartnaͤckigkeit und abweichender Anſichten nur mit den Gefuͤhlen des Widerwillens und der Abneigung ſich betrachtete. So glaubte er allein es dahin bringen zu koͤn⸗ nen, ſowohl Thereſens Vater zu retten, als die eigenen Wuͤnſche der Erfuͤlluug zu naͤheren, und ſeinen Bitten und Vorſtellungen, ſeinem raſtloſen Eifer, ſo wie der feſten Verſicherung, daß ſein eigenes Lebensgluͤck im Nichtgewaͤhrungsfalle auf immer untergraben werde, gelang es endlich, den harten Sinn des Widerſtrebenden zu beugen, und Magnus Holofernes dahin zu bringen, mit ſeinem Anſehn und ſeinem Vermoͤgen einem Bruder bei⸗ zuſpringen, deſſen Angeſicht er ſich vorgenommen hatte nie wieder zu ſehen. — 222— Des Betruͤgers Timotheus Schwalbenſchwanz Feſtnehmung, die zu ſehr gelegener Zeit erfolgte, trug weſentlich dazu bei, die Rettung des alten Herrn auf Baͤrſtein zu erleichtern und der Thaͤ⸗ tigkeit von Franz gluͤckte es, jene Papiere wieder⸗ aufzutreiben, die der alte Herr von Fliederbuſch ſo unvorſichtig einem Menſchen anvertraut hatte, deſſen Geſchaͤft es ſeit langen Jahren war, die Leichtglaͤubigkeit zu hintergehen. Schon befand ſich Franz mit dieſen wichtigen Documenten auf dem Wege nach Tyrol, und ſchon war auch ſein vaͤterlicher Freund und Erzieher, Magnus Holofernes, von den Ufern des Garda⸗ Sees— wo ein freundliches Landgut ihm zum gewoͤhnlichen Aufenthaltsorte diente— aufgebro⸗ chen, als es dem Gauner Schwalbenſchwanz ge⸗ lang, ſich ſeiner Haft zu entledigen. Unterrichtet durch ſeine Genoſſen uͤber den Stand der Dinge, und entſchloſſen, die ihm nun wieder entriſſene Beute, deren Erlangung ihm ſoviel Zeit und Kunſt gekoſtet hatte, um jeden Preis wieder zu erringen, entwarf er ſogleich den ruchloſen Plan, mit Huͤlfe einiger Spießgeſellen den Neiſenden zu uͤberfallen, und ihm die kaum geretteten Papiere, deren be⸗ deutender Werth dem Beſitzer eine unabhaͤngige Exiſtenz ſicherte, zu entreißen. Weiee gluͤcklicher Weiſe dieſes Bubenſtuͤck durcth — 223— den Lieutenant verhindert, und der Boͤſewicht aber⸗ mals dem Arme der ſtrafenden Gerechtigkeit uͤber⸗ liefert ward, haben wir bereits berichtet, und es bleibt uns nur noch zu melden, das es ſich im Laufe der gegenſeitigen Eroͤrterungen, welche nun⸗ mehr auf Schloß Baͤrſtein Statt fanden, ergab, daß Franz die Frucht einer jugendlichen, aber durch Umſtaͤnde ſchnell wieder getrennten Verbindung war, welche der Hiſtoriker in ſeines Lebens Bluͤthen⸗ tagen mit einem armen Maͤdchen ſchloß, und daß der fruͤh in die Welt hinausgeſtoßene, verlaſſene und verwaiſte Knabe, dem ſeiner Erzeuger Ver⸗ haͤltniſſe nur in Betreff der Mutter ſich nach und nach aufklaͤrten, in Bezug auf ſeinen Vater bis jetzt aber dunkel geblieben waren, an Magnus Holofernes den Freund, Verſorger und Vater fand, den ihm das Geſchick zum Erſatz des wirklichen verlieh. Schnell hatte ſich jetzt die Scene auf Baͤrſtein geaͤndert. Der alte Herr, durch die wiedererlang⸗ ten Documente und durch ſeines verſoͤhnten Bru⸗ ders Unterſtuͤtzung in den Stand geſetzt, alle die Draͤnger zu befriedigen, die ihm bisher ſo oft ſeine Stunden getruͤbt hatten, ſah mit Entzuͤcken ſein vaͤterliches Erbe wieder in ſeinen Haͤnden, und die Hoffnung, ſeine Tochter gluͤcklich zu ma⸗ chen, bewog ihn um ſo mehr, das Jawort einem jungen Manne nicht vorzuenthalten, der, obgleich von einer, ſeines Stammbaumes nicht ganz wuͤr⸗ digen Abkunft, ihm doch von Anfang an lieb, ſich um ihn ſelbſt doppelt dadurch verdient gemacht hatte, daß er ihn mit einem Bruder wieder ver⸗ einte, der ſeinem biederen Herzen nur zu lange entfremdet geweſen war. Den ſchlimmſten Stand hatte man anfaͤnglich mit dem Hiſtoriker. Kaum hatte dieſer naͤmlich vernommen, daß Franz ſein Sohn war— welches er, nebenbei bemerkt, ſchon laͤngſt gewußt zu haben behauptete, indem es ihm die Stimme der Natur zugefluͤſtert haͤtte— ſo wollte er auch ſogleich mit Ueberge⸗ hung ſeines zeitherigen praͤſumptiven Erben, des Lieutenants, ihn alsbald in Beſitz der Burg Geis⸗ furth ſetzen— verſteht ſich mit Ausnahme des anmuthigen Cloſetts, in welchem er ſelbſt gewoͤhn⸗ lich ſein Weſen trieb— aber Magnus Holofer⸗ nes ſowohl, wie Franz, hintertrieben dieſe in ihren Augen ungerechte Großmuth, die einen jungen wackern Mann um ſeine Ausſichten fuͤr die Zu⸗ kunft gebracht haͤtte, und der Erſtere erklaͤrte, daß, wenn der Hiſtoriker auch der leibliche Vater ſeines Franz ſey, er ſelbſt doch mehr Rechte an den von ihm Erzogenen habe, und er ſomit nie leiden werde, — 225— werde, daß ſeine eigenen Beſitzungen in andere Haͤnde kaͤmen, als die ſeines Schuͤtzlinges, ſelbe aber(die Beſitzungen naͤmlich) waͤren ſo bedeu⸗ tend, daß ſie vollkommen hinreichten, ſeinen Franz uͤber alle Lebensſorgen fuͤr immer zu heben. Da nun auch der alte Freiherr auf die Seite gegen Peter Slundz trat, und Gerechtigkeit gegen den Krieger gleichſam zur Bedingung ſeiner Ein⸗ willigung zur Verbindung Thereſens mit dem wie⸗ dergefundenen Sohne machte: ſo mußte ſich am Ende der alte Herr ergeben, und auch dieſe Ange⸗ legenheit wurde ſomit zur Zufriedenheit Aller aus⸗ geglichen. Gluͤcklich im gegenſeitigen Beſitz lebten aber Franz und Thereſe, waͤhrend die drei alten Kna⸗. ben bald auf Baͤrſtein oder Geisfurth, bald in Magnus Holofernes ſchoͤner Villa am Garda⸗ See vereint, ruͤſtiglich ihre Steckenpferde tummel⸗ ten, und in hiſtoriſche Unterſuchungen ohne Ende, in mineralogiſche Forſchungen— dem Lieblings⸗ thema von Magnus Holofernes— oder chemi⸗ ſche Experimente ſich verloren, welche letztere einſt unter Timotheus Schwalbenſchwanz Vorſitz, den guten Freiherrn von Fliederbuſch bald ſelbſt mit ſammt ſeiner Burg und deren Laͤndereien ver⸗ fluͤchtigt haͤtten. 15 — 226— Dooſeph Eiſenſporn anlangend, ſo ſtieg dieſer, ba bald darauf Krieg die Laͤnder ͤberzog, tapfer unter den Panieren ſeines Fuͤrſten fechtend von Stufe zu Stufe, und Dame Lene hatte noch das Vergnuͤgen, den Neffen ihres im Grabe ſchlum⸗ mernden Wurzelſtock, mit jenen Wuͤrden und Eh⸗ renzeichen geſchmuͤckt zu ſehen, welche fuͤrſtli⸗ che Dankbarkeit den Kuͤhnen auf blutigen Gefil⸗ den oft als einzigen Lohn zu reichen pflegt. III. Albrecht von Brandenburg. ₰ —* — 40 ₰ 1 — — 0 — — — — & 15* Alcbrecht hatte bereits durch Tapferkeit und Weis⸗ heit ſeinen Ruhm begruͤndet, als er zur Churwuͤrde gelangte. Aus ſiebzehn Turnieren, und faſt aus allen Feldſchlachten, die er als Markgraf und Chur⸗ fuͤrſt lieferte, kehrte er als Sieger zuruͤck. Nur ſelten wurde ihm das Gluͤck untreu, wie z. B. in der Schlacht bei Giengen gegen den Herzog Lud⸗ wig den Reichen von Baiern⸗Landshut; aber ſeine Standhaftigkeit und ſeine Feldherrntalente erſetzten immer bald das Verlorene wieder. Von ſeinen kriegeriſchen Zeitgenoſſen ward er nur ſeiner Tap⸗ ferkeit wegen Achilles: um ſeiner Klugheit willen Ulyſſes genannt. Von beiden Eigenſchaften gab er waͤhrend ſeiner ganzen Regierung vielfache Be⸗ weiſe. Immer wußte er ſeine Entwuͤrfe, unge⸗ achtet aller Hinderniſſe, die man ihm entgegen⸗ ſtellte, gluͤcklich durchzuſetzen. Kaiſer Friedrich III. befolgte ſtets ſeinen Rath, und mehr als einmal erhielt er allein den wankenden Thron dieſes Fuͤr⸗ ſten. Er tilgte, als er die Regierung der Mark — 2³0— uͤbernahm, die Landesſchulden, welche in Folge langer Kriege unter den vorigen Regierungen ſich aufgeſummt hatten; that den Unternehmungen der Ruheſtoͤrer im Lande, die das Recht des Staͤrkern geltend machen wollten, nachdruͤcklich Einhalt; er⸗ neuerte die Erbverbruͤderung mit Sachſen und Heſ⸗ ſen, und machte die weiſe Verordnung, daß ſeine Nachfolger die Maͤrkiſchen Laͤnder undetheilt be⸗ ſitzen ſollten. So wie er aber den Helden und Gtaatsmaun in ſeiner Perſon vereinigte, ſo war er auch in ſeinem aͤußern Betragen einer der gebildetſten Fuͤr⸗ ſten ſeines Zeitalters. Daß er auch als Churfuͤrſt noch es vorzog, lieber in ſeinen fraͤnkiſchen Laͤn⸗ dern, als in der Mark zu leben, war natuͤrliche Folge der hoͤhern Bildung, die in jenen ſeinen Beſitzungen herrſchte. Seine Stelle in der Mark vertrat der Churprinz Johann, den er zum Statt⸗ halter ſetzte, und indem ihn dieſer uͤber Alles be⸗ fragen, und ſeine Befehle und Verordnungen genau vollziehen mußte, gewoͤhnte er ihn ſo zur Puͤnkt⸗ lichkeit, Ordnung und Sparſamkeit. Geboren ward Albrecht zu Tangermünde im Jahr 1414. Seine erſte Jugend verlebte er groͤß⸗ tentheils am Hofe des Herzogs von Baiern⸗Lands⸗ hut, wo er mit ſeinem Vetter, dem Prinzen Lud⸗ wig, der ſpaͤter den Beinamen der Reiche erhielt, gemeinſchaftlich erzogen wurde. Die Erziehung, — 231— welche beide Prinzen empfingen, war uͤbrigens ganz dazu geeignet, ſie zu Kriegern zu bilden, und in allen den ritterlichen Tugenden zu vervollkommnen, weelche ihr Zeitalter als das Hoͤchſte im Leben ver⸗ ehrte. Beide zeichneten ſich durch Kuͤhnheit und Lebhaftigkeit des Geiſtes aus; wetteifernd ſtrebten ſie nach immer hoͤherer Vollkommenheit in ritter⸗ lichen Uebungen aller Art; und eben dieſer Wett⸗ eifer, der zwiſchen ihnen ſtatt fand, trug ungemein viel zur fruͤhern Ausbildung Albrechts bei. Schon im ſechzehnten Jahre ſeines Atters ſchickte ihn ſein Vater, Churfuͤrſt Friedrich I. an den Hof des Kaiſers Siegmund. Durch ſeine ſchoͤne Geſtalt, durch die Gewandtheit ſeines Geiſtes und Koͤrpers, und ſeinen Muth, zog er die Aufmerkſamkeit und die Bewunderung Aller auf ſich, und ward in Kur⸗ zem der Liebling des Hofes. Doch das muͤßige Hofleben entſprach nicht den Neigungen des feu⸗ rigen Juͤnglings. Sein Durſt nach Thaten wuͤnſchte Befriedigung. Er bat um eine Stelle bei dem Heere des Kaiſers, der damals in Krieg mit den Huſſiten verwickelt war; und man trug keinen Augenblick Bedenken, dem jungen Fuͤrſten die Stelle Keines Kriegsoberſten anzuvertrauen. Vollkommen entſprach hier Albrecht den Hoffnungen, die man ſich von ihm gemacht hatte, und beſtand mit Ruhm die Probe der Tapferkeit im ernſtlichen Kampf. Kaiſer Siegmund ſtarb 1487 im 7oſten Jahre ſeines Alters, und Albrecht II. wurde ſein Nachfolger. Die Ungarn hatten dieſen Prinzen zuerſt zu ihrem Koͤnig erwaͤhlt, und die deutſchen Fuͤrſten folgten ihrem Beiſpiele. Nur die Boͤhmen, die ihm, dem Schwiegerſohne Siegmunds, zu große Vorliebe fuͤr den katholiſchen Glauben zutrauten, wollten ihn nicht anerkennen. Zwar war er von Siegmund, dem ſie ſich ſelbſt kurz vor ſeinem Ende unterworfen hatten, feierlich zu ſeinem Nachfolger in Boͤhmen verordnet worden; zwar erklaͤrten ihn auch jetzt, dieſer Verordnung gemaͤß, die katholi⸗ ſchen Staͤnde dieſes Koͤnigreiches fuͤr ihren Ober⸗ herrn; aber die Huſſiten, mit Recht fuͤr ihren Glauben und ihre Freiheiten fuͤrchtend, waͤhlten Kaſimir, den Bruder des Koͤnigs Wladislaus von Polen zu ihrem Beherrſcher. Eine Geſandtſchaft aus ihrer Mitte ging nach Polen ab, und Wla⸗ dislaus verſprach, ſeinen Bruder mit Truppen zu unterſtuͤtzen. Er ſchickte auch ſogleich 6000 Rei⸗ ter nach Boͤhmen, welche ſich mit dem Heere der Huſſiten vereinigten, das nun durch dieſe Verſtaͤrkung aus 15,000 Mann beſtand. Auch Koͤnig Albrecht griff nun ſeinerſeits zu den Waffen, um ſeine Anſpruͤche auf Boͤhmen geltend zu machen. Auf dem Reichstage zu Nuͤrnberg(1438) wur⸗ den die Reichsſtaͤnde von ihm zur Huͤlfe gegen die Boͤhmen aufgefordert, und das Reichsheer ver⸗ ſammelte ſich bald darauf bei Nuͤrnberg. Den — 233— Oberbefehl uͤber daſſelbe erhielt Prinz Albrecht, der alsbald damit in Boͤhmen einruͤckte. Mit ihm vereinigten ſich die Truppen, welche die Stadt Prag und mehrere katholiſche Landſtaͤnde geſam⸗ melt hatten, wodurch ſich ſein Heer auf 30,000 Mann verſtaͤrkte. Albrecht ſelbſt ging nach Prag voraus, um die gehoͤrigen Anſtalten zur Kroͤnung zu treffen, und ſo wie dieſe erfolgt war, zog er mit dem Koͤnige den Huſſiten entgegen. Dieſe wa⸗ ren aber nicht geſonnen, ſich mit dem ihnen an Zahl ſo ſehr uͤberlegenen Reichsheere im offenen Felde zu meſſen. Sie verſchanzten ſich in der Gegend von Tabor und erwarteten da den Feind. Doch auch hieher ruͤckte ihnen die koͤnigliche Armee nach, und beſtuͤrmte ihre Verſchanzungen mit einem ſo moͤrderiſchen Kanonenfeuer, daß ſie genoͤthigt wurden, ſich in die Stadt Tabor zu werfen, die bereits mit 6000 Polen beſetzt war. Die Bela⸗ gerung der Stadt war die Folge davon. Schen hatte ſie ſechs Wochen gedauert, und mancher tapfere Ausfall der Belagerten war zuruͤckgeſchlagen worden; ſchon war faſt aller Vorrath in der Stadt aufgezehrt, und man fing von Uebergabe zu ſpre⸗ chen an, als Georg Podiebrad mit ſeinem Heere zum Entſatz herbeiruͤckte, und die Koͤniglichen zu⸗ ruͤckwarf. Hierdurch wurde Albrecht genoͤthigt, die Belagerung aufzuheben, und ſich nach Prag zu⸗ ruͤckzuziehen. — 234— Doch Kaſimirs Parthei hatte nur wenig Vor⸗ theil von dieſem Siege. Die Polen, welche waͤh⸗ rend der Belagerung ihre Pferde aufgezehrt hatten, und zu dem ungewohnten Fußkampf keine Luſt bezeugten, gingen in ihr Vaterland zuruͤck, und die Boͤhmen, unzufrieden mit der ſchlechten Unter⸗ ſtuͤtzung des Koͤnigs von Polen, der nur auf ſei⸗ nen eigenen Vortheil bedacht war, zerſtreueten ſich bald darauf gleichfalls groͤßtentheils. Koͤnig Albrecht konnte nun ſeine deutſchen Bundesgenoſſen ent⸗ laſſen, und ihm blieb nichts weiter zu thun uͤbrig, als den Koͤnig Wladislaus, der mit zwei Heeren in Schleſien eingefallen war, wieder herauszu⸗ treiben. Er uͤbertrug dieſe Unternehmung dem Prin⸗ zen Albrecht, den er zugleich zum Statthalter von Schleſien und Befehlshaber von Breslau ernannte. Gluͤcklich fuͤhrte dieſer den erhaltenen Auftrag aus. Er fiel mit einem Theile der koͤniglichen Armee in Polen ein, und zwang dadurch Wladilaus, Schle⸗ ſien zu verlaſſen. Papſt Eugen IV. und die auf dem Concilium zu Baſel verſammelten Bi⸗ ſchoͤfe gaben ſich hierauf alle Muͤhe, zwiſchen bei⸗ den Koͤnigen Friede zu ſtiften. Man veranſtaltete auch deshalb eine Zuſammenkunft zu Breslau. Aber beide Theile waren zu wenig geneigt, einan⸗ der nachzugeben, als daß dieſe Zuſammenkunft einen weitern Erfolg, als einen Wafefenſtillſtand und die Verabredung zu einem neuen Kongreß zu Breslau — 285— haͤtte haben koͤnnen. Dabei blieb es denn auch. Koͤnig Albrecht ſtarb ſchon im folgenden Jahre (1439), und erſt ſeinem Sohne Ladislaus gluͤckte es, als Känis von Boͤhmen aligemein anerkannt zu werden. Im Jahr 1440 ſtarb Churfürſt Friedrich I. von Brandendung⸗ und ſein Sohn Albrecht⸗ der gehalten hatte, trat nun, vermoͤge des vuurchen Teſtaments, die Regierung an.— Kaum hatte er ſich von ſeinen Unterthanen huldigen laſſen; ſo nahmen auch die Kriege und Fehden ihren Anfang, die waͤhrend ſeiner ganzen Regierung in faſt un⸗ unterbrochener Reihe auf einander folgten.— Bi⸗ ſchoff Siegmund von Wuͤrzburg, ein ſaͤchſiſcher Prinz, der aus Liebe zu einer ſchoͤnen Nonne im Kloſter Mildenfurt bei Weida, den geiſtlichen Stand erwaͤhlt hatte, gerieth mit ſeinem Domkapitel in Streit. Er hatte bei ſeiner Wahl dem Domkapi⸗ tel wegen der damaligen Kirchentrennung eidlich verſprochen, nicht eher die Regierung des Stifts anzutreten, als bis er von dem Papſte, den das Domkapitel, fuͤr den rechtmaͤßigen erkennen wuͤrde, beſtäͤtigt worden waͤre. Gar bald aber reuete Sieg⸗ munden ſein Eid. Da er den Titel eines Biſchoffs fuͤhrte, ſo wuͤnſchte er auch die Einkuͤnfte eines Biſchoffs zu haben, und dieß um ſo mehr, da bei ſeiner Neigung zum Wohlleben und zu Ver⸗ — 236— gnuͤgungen aller Art ſeine Finanzen ſich nicht im⸗ mer in dem beſten Zuſtande befanden. Er wußte es daher bei der Baſeler Kirchenverſammlung da⸗ hin zu bringen, daß ſie ihn ſeines Eides entließ, und daß Papſt Felix ihm die Beſtaͤtigung ertheilte. Jetzt glaubte er gewonnen Spiel zu haben; doch gar bald ſah er ſich in ſeiner Meinung getaͤuſcht. Das Domkapitel wollte ihm nicht die Stiftsregie⸗ rung zugeſtehen, und verklagte ihn ſogar bei ſeinen Bruͤdern, dem Churfuͤrſten Friedrich II. und dem Herzog Wilhelm von Sachſen. Hier⸗ uͤber kam es zur Fehde. Der bedraͤngte Siegmund warf ſich in die Arme des Markgrafen Albrecht von Anſpach, und dieſer von Mitleid gegen den bedraͤngten Fuͤrſten durchdrungen, eilte ſogleich zu ſeiner Huͤlfe herbei. Keinen beſſern Schirmherrn haͤtte Siegmund ſich waͤhlen koͤnnen. Albrecht entſetzte 1441 das belagerte Ebenhauſen, ſchlug die ſaͤchſiſchen Voͤlker bei Berchtheim, und auch der Ueberfall von Ochſenfurth wuͤrde ihm gegluͤckt ſeyn, wenn nicht die Sturmleitern zerbrochen waͤ⸗ ren, auf denen bereits fuͤnf und vierzig vom Adel, die hierauf in Gefangenſchaft geriethen, die Mauern erſtiegen hatten. Albrechts Kriegsgluͤck flöͤßte den ſaͤchſiſchen Fuͤrſten friedliche Geſinnungen ein. Es kam zu Halle zu einem Vergleiche, durch wel⸗ chen ſich letztere anheiſchig machten, den Biſchoff Siegmund bei ſeiner Wuͤrde zu erhalten, und in — 237— Anſehung der verſchiedenen alten Anſpruͤche auf das ſaͤchſiſche Land, welche Albrecht bei dieſer Ge⸗ legenheit hervorgeſucht hatte, eine guͤtliche Ueber⸗ einkunft zu treffen. Es wurden nun von beiden Theilen ſehr ernſtliche Anſtalten gemacht, das Dom⸗ kapitel mit ſeinem Biſchoffe wieder auszuſoͤhnen. Doch alle Bemuͤhungen waren vergebens, und Sieg⸗ mund, der es immer deutlicher zeigte, wie wenig er die biſchoͤffliche Wuͤrde verdiente, wurde endlich 1443 vom Papſt Eugen foͤrmlich abgeſetzt, wo⸗ durch ſich denn darthat, daß Albrecht dießmal, wiewohl noch oͤfter zuweilen, das Blut ſeiner Un⸗ terthanen umſonſt verſpritzt hatte. Die wuͤrzburgiſchen Streitigkeiten hatten noch nicht voͤllig ihr Ende erreicht, als Markgraf Al⸗ brecht ſchon wieder in einen neuen Krieg verwickelt wurde. Ludwig der Baͤrtige, Herzog von Baiern⸗ Ingolſtadt, ein Streitkopf erſter Art, gerieth end⸗ lich auch in Zwieſpalt mit ſeinem Sohne, Ludwig dem Hoͤckerichten, ein Beiname, den ihm, ſeines gebrechlichen Koͤrpers wegen, der Vater ſelbſt ge⸗ geben hatte. Eben dieſe minder guͤnſtige Bildung, welche die Natur dem armen Ludwig verliehen hatte, machte ihn ſeinem Vater, in deſſen Charakter Stolz und unbiegſame Haͤrte die hervorſtechendſten Zuͤge waren, ſo ſehr verhaßt, daß er ihm nicht nur ſeinen unehelichen Sohn Wieland von Frey⸗ berg uͤberall vorzog, ſondern auch mit nichts ge⸗ ringerm umging, als ihn gaͤnzlich zu enterben. Dieß erregte endlich nach langem Kampfe bei Lud⸗ wig dem Sohne den Entſchluß, mit Gewalt ſeine Rechte zu verwahren. Er ſuchte daher die Her⸗ zoge Heinrich von Landshut, und Albrecht III. von Muͤnchen in ſein Intereſſe zu ziehen; und ſeine Abſicht gelang ihm ſehr bald. Willkommen war beiden die Gelegenheit, ſich an ſeinem ſtreit⸗ und habſuͤchtigen Vater wegen mancher fruͤheren Unbillen raͤchen zu koͤnnen; und beide verſprachen dem Sohne den nachdruͤcklichſten Beiſtand. Auch Markgraf Albrecht trat 1442 dieſem Buͤndniß bei⸗ Ludwig der Juͤngere vermaͤhlte ſich hierauf mit Margarethe, Albrechts Schweſter, und die Bande der Verwandtſchaft vereinigten nun ſo beide Freunde noch enger mit einander. Der Krieg brach bald darauf aus. Ingolſtadt und alle Hauptoͤrter fielen in Kurzem in die Haͤnde der Verbuͤndeten. Nur Neuburg ſchien lange Wi⸗ derſtand leiſten zu wollen; denn dahin hatte ſich Ludwig der Baͤrtige gefluͤchtet. Drei Monate lang vertheidigten ſich die Belagerten mit großer Ent⸗ ſchloſſenheit. Endlich aber aufs Aeußerſte gebracht, ſahen ſie ſich(1443) zur Uebergabe gendoͤthigt. Nun erklaͤrte der alte Herzog, daß er eher ſterben, als ſeines Sohnes Gefangener werden wolle; und dieſer, bei dem nicht alle Gefuͤhle kindlicher Liebe erſtickt waren, ließ es ſich gefallen, daß ſein Vater 4 — 238— des Markgrafen Albrecht Gefangener wurde, der ihn hierauf zu einer fuͤrſtlichen Haft nach Anſpach fuͤhrte. Mehr als einmal bot Albrecht dem ge⸗ fangenen Ludwig, unter der Bedingung, daß er ihm die aufgewendeten Kriegskoſten bezahlte, ſeine Freiheit an. Aber dazu ſich zu verſtehen, lag nicht in Ludwigs Charakter, und ſo blieb er denn bei⸗ nahe drei Jahre in des Markgrafen Gewalt, der ihn dann an ſeinen Vetter, Herzog Heinrich von Landshut fuͤr die Summe von 32,000 Goldgulden abtrat. Heinrich glaubte nichts gewiſſer, als daß dieſe neue Demuͤthigung den Starrſinn des ſtolzen Herzogs brechen wuͤrde, und hoffte daher, in Kur⸗ zem durch ihn ſein Geld wieder zu erhalten. Seine Hoffnung war aber vergebens. War Ludwig ge⸗ gen Albrecht hartnaͤckig geweſen, ſo war er es gegen Heinrich noch weit mehr. Er erklarte gerade zu, daß er lieber Zeitlebens ein Gefangener bleiben wolle, als ſich zur Wiederbezahlung jenes Loͤſegeldes verſtehen. So oft ihn Herzog Heinrich auf dem Schloſſe zu Landshut beſuchte, empfing er ihn mit einem Trotz, der zu der Rolle, die er jetzt ſpielte, nichts weniger als paſſend war. Er ſtand nie vor ihm auf, erwiederte nicht einmal ſeinen Gruß, und antwortete entweder gar nicht, oder auf eine ſehr ungeſtuͤme Art, wenn Heinrich von ihm die Bezahlung der ausgelegten Geldſumme verlangte, ſo daß dieſer endlich, aufgebracht uͤber des alten — 240— Mannes rauhe Unbiegſamkeit, ihn in eine engere Verwahrung auf das Schloß zu Burghauſen brin⸗ gen ließ, wo Ludwig endlich auch unausgeloͤſ't 1447 im 84ſten Jahre ſeines Alters ſtarb. Nach des roͤmiſchen Koͤnigs Albrechts Tode war Herzog Friedrich von Oeſterreich zum Ober⸗ haupt des deutſchen Reichs(den 2ten Februar 1441) erwaͤhlt worden. Schon als Herzog von Oeſter⸗ reich war Friedrich einer der waͤrmſten Freunde des Markgrafen Albrecht geweſen, und dieſes enge Freundſchaftsband knuͤpfte ſich in der Folge noch feſter. Die erſte Gelegenheit, ſeinem kaiſerlichen Freunde ſehr weſentliche Dienſte zu leiſten, fand Albrecht in dem Kriege, der ſich zwiſchen Friedrich und den Eidgenoſſen entſpann. Friedrich III. hatte naͤmlich kaum die Regierung angetreten, als er auch darauf bedacht war, die dem Hauſe Oeſter⸗ reich von den Eidgenoſſen entriſſenen Laͤnder wie⸗ der an ſich zu bringen, und es kam deshalb im Jahr 1443 zum Kriege. Die Schweizer ſollten ganz gedemuͤthigt werden. Dazu ſchien aber dem Kaiſer die Macht ſeines Hauſes nicht groß genug zu ſeyn, und er bemuͤhte ſich daher, auch die Reichsſtaͤnde zu vermoͤgen, daß ſie den Eidgenoſſen den Krieg erklaͤrten, und mit ihm gemeinſchaft⸗ liche Sache machten. Aber die Reichsſtaͤnde wa⸗ ren nicht geſonnen, ihn in dieſem Hauskriege zu „ 7 — 241— *zu unterſtuͤtzen, und verſagten ihm vernuͤnftiger⸗ weiſe ihre Huͤlfe. Nicht ſo, wie die uͤbrigen Reichsſtaͤnde, dachte indeß Markgraf Albrecht. Gern haͤtte er an der Spitze deutſcher Krieger fuͤr die Rechte ſeines Freun⸗ des Friedrich gekaͤmpft. Aber er allein durfte es nicht wagen, ſich gegen die Schweizer zu erklaͤren, da er wegen der vielen Beeintraͤchtigungen, die ſich die Nuͤrnberger gegen ihn erlaubten, ſelbſt auf ſei⸗ ner Hut zu ſeyn hohe Urſache hatte. Indeſſen that er, was er thun konnte, und leiſtete dem Kai⸗ ſer auf andere Art einen großen Dienſt. Er ſchloß naͤmlich(1443) mit dem Churfuͤrſten Dietrich von Mainz, und dem damaligen Verweſer des Biß⸗ thums Wuͤrzburg, Gottfried von Limpurg, ein Schutzbuͤndniß ab, und erreichte dadurch einen dop⸗ pelten Zweck. Sich ſelbſt ſicherte er auf die ſe Art gegen die Nuͤrnberger, und bewirkte zugleich, daß die fraͤnkiſchen, ſchwaͤbiſchen und rheiniſchen Staͤdte es nicht wagen durften, den Eidgenoſſen Huͤlfe zuzuſchicken. So wußte auch damals ſchon ſchlaue Politik der Sache der Freiheit mittelbar ent⸗ gegen zu wirken, wenn unmittelbar es ſich nicht gerade thun ließ.— Verlaſſen von den uͤbrigen deutſchen Fuͤrſten wandte ſich Friedrich III. an den Koͤnig von Frank⸗ reich Karl VII., und erbat ſich von ihm fuͤnf tauſend Reiter, denen er zwanzig Schloͤſſer und 16 — 242— Flecken in ſeinen Erblanden zu Winterquartieren einzuraͤumen verſprach. Kein Antrag konnte dem Koͤnig Karl erwuͤnſchter ſeyn, als dieſer. Er hatte eben mit England Friede gemacht, und wünſchte ſich nun auf eine gute Art von den zuſammenge⸗ rafften raͤuberiſchen Kriegsvolke, das ihm bisher gedient hatte, befreien zu koͤnnen. Dazu fand ſich jetzt die beſte Gelegenheit, und da ihm der Kaiſer ſelbſt den Eingang in das deutſche Reich geoͤffnet hatte, ſo konnten nebenbei auch noch manche an⸗ dere Plane ausgefuͤhrt werden. Statt 5000 Mann, mußten ſich daher 40,000 unter dem Commando des Dauphins in Bewegung ſetzen. Sie ruͤckten in verſchiedenen Kolonnen gegen Deutſchlands Graͤn⸗ zen vor, bemaͤchtigten ſich, von der eigenen Kaiſer Politik ins Land gelockt, ſogleich bei ihrem An⸗ zuge verſchiedener Reichslaͤnder, namentlich der Graf⸗ ſchaft Moͤmpelgard, und zogen dann durch das Sundgau in die Gegend von Baſel. Hier kam es zu einem Treffen mit den Eidgenoſſen, und mit einem Verluſte von 8000 Mann erkaufte der Dauphin den Sieg. Durch dieſen ſo theuer er⸗ kauften Sieg, wurde ihm indeß mit einem Mal die Luſt benommen, ſich fernerhin mit den Schwei⸗ zern zu meſſen. Er brach daher auf und eilte an⸗ dern Thaten entgegen, bei welchen weniger Gefahr und Verluſt zu befuͤrchten war. Er ruͤckte in El⸗ ſaß ein, eroberte laͤngs dem Rhein eine Stadt nach & — 248— der andern, und bezeichnete ſeinen Zug mit Grau⸗ ſamkeiten aller Art. Friedrich gerieth durch dieſes Verfahren der Franzoſen in nicht geringe Verlegenheit, um ſo mehr, da auf dem Reichstage zu Nuͤrnberg(1444) ſehr ernſtlich und wohl verdiente Vorwuͤrfe ihm uͤber ein Beginnen und ein Buͤndniß gemacht wur⸗ den, das beides ſowohl dem Rechte als dem Vor⸗ theil des Reiches widerſtritt. Der Reichstag be⸗ ſchloß, ohne Zoͤgern eine Geſandtſchaft an den Dauphin abzuſchicken, und ihn zu befragen, was ihn bewogen habe, ſich ſolche Gewaltthaͤtigkeiten in Deutſchland zu erlauben? Allein der Dauphin ließ ſich mit dieſer Geſandtſchaft in keine Unter⸗ handlungen ein, ſondern ſchickte ſelbſt Geſandte nach Nuͤrnberg ab. Dieſe erſchienen in voller Reichs⸗ verſammlung, und Johann von Finſtingen, der unter ihnen das Wort fuͤhrte, entſchuldigte den franzoͤſiſchen Einfall damit, daß der Kaiſer ſelbſt von Frankreich Huͤlfsvoͤlker verlangt, und dieſen 20 Schloͤſſer zum Unterhalt und zum Winterlager einzuraͤumen verſprochen habe; dieß Verſprechen ſey aber unerfuͤllt geblieben, und der Dauphin dadurch genoͤthigt worden, ſich ſelbſt Winterquartiere zu verſchaffen. Beſchaͤmung und Zorn ſetzten Frie⸗ drich bei dieſem Vortrag der franzoͤſiſchen Geſand⸗ ten ganz außer ſich, ſo daß er nicht vermoͤgend war, ihnen, nachdem ſie geendigt hatten, ſogleich 16* 1 — 244— zu antworten.— Markgraf Albrecht nahm ſich aber auch hier des Kaiſers an, und mit der ihm eignen Beredtſamkeit ſuchte er Alles hervor, ihn zu entſchuldigen. Dieß gelang ihm auch ſo gut, daß am Ende die gepluͤnderten Reichsfuͤrſten gut⸗ muͤthig genug waren, dem Kaiſer noch ihren Bei⸗ ſtand gegen Frankreich zu verſprechen, und dieſer⸗ halb dem Churfuͤrſten Ludwig von der Pfalz die Wuͤrde eines Neichsfeldherrn uͤbertrugen. Mark⸗ graf Albrecht ruͤckte kurz darauf mit ſeinen Voͤl⸗ kern ins Feld, um vereint mit dem Herzoge Al⸗ brecht von Oeſterreich, Markgraf Jakob von Ba⸗ den und Graf Ulrich von Wuͤrtemberg den Breis⸗ gau zu decken. Zu wirklichen kriegeriſchen Ereig⸗ niſſen kam es jedoch nicht, theils weil Frankreich ſelbſt ſich geneigt zum Frieden zeigte, theils weil der eintretende Winter Stillſtand gebot. Unter⸗ handlungen wuͤrden angeknuͤpft, deren Erfolg die Zuruͤckziehung der Truppen des Dauphin von dem, um nichts und wieder nichts durch Schuld ſeines Oberhauptes verwuͤſteten, deutſchen Boden war. Einige Friedensjahre verſchafften Albrecht jetzt die Muſſe, ſich ſelbſt, ſeinen Freunden und ſei⸗ nem Lande zu leben. Er reiſtte 1446 zum Bei⸗ lager des Herzogs Wilhelms von Sachſen, und wurde von dieſem und deſſen Bruder, dem Chur⸗ fuͤrſten Friedrich dem Sanftmuͤthigen in ihren, we⸗ gen der Landestheilung entſtandenen Streitigkeiten — 245ñ— zum Schiedsrichter erwaͤhlt. Auf einer Zuſam⸗ menkunft zu Erfurt(1447) wurden dann von ihm dieſe Streitigkeiten zur Zufriedenheit beider Fuͤrſten beigelegt, und er ſelbſt uͤbernahm dabei zugleich die Vormundſchaft der Herzoginn Anna, Wilhelms Gemahlinn. Im folgenden Jahre ver⸗ groͤßerte er ſein Gebiet durch die Herrſchaften Brauneck, Kreglingen und Erlach, die er den Gra⸗ fen von Hardeck abkaufte. Dieſe Ruhe dauerte indeß nicht lange.— Die Stadt Nuͤrnberg hatte ſchon ſeit geraumer Zeit dem Markgrafen verſchiedene Rechte ſtreitig gemacht, die er als Burggraf, in Anſehung der Wildbahn, des Zolles, Geleites und der Lehnſchaften glaubte in Anſpruch nehmen zu koͤnnen. Da gutwilliges Gewaͤhren nun nicht im Sinne der Nuͤrnberger lag, ſo beſchloß Albrecht, kampfluſtig wie immer, ſein angeblich Recht mit dem Schwert in der Hand ſich zu ſichern. Beide Theile ruͤſteten ſich daher mit allem Eifer zum Kriege. Die Nuͤrnberger boten nicht allein ihre eigenen Kraͤfte, ſondern auch fremde Huͤlfe auf. Sie nahmen boͤhmiſches Kriegsvolk in Sold, erhielten von den Schweizern eine Schaar von tauſend Mann, und von den uͤbrigen 32 Reichs⸗ ſtaͤdten, die ſich mit ihnen verbunden hatten, wur⸗ den ihnen 2100 Reiter zugeſchickt. Zu Feldherren erwaͤhlten ſie ſich Heinrich Reuß, Herrn von Plauen und Kunz von Kauffungen, den nachmaligen Prin⸗ zenraͤuber. Nicht minder anſehnlich war aber auch die Kriegsmacht, welche Markgraf Albrecht zuſam⸗ menbrachte. Siebzehn weltliche Fuͤrſten, funfzehn Biſchoͤffe, eine Menge Grafen, und faſt die ganze fraͤnkiſche Ritterſchaft, waren ſeine Bundesgenoſſen, und am 2ten Juli ließ er nach damaliger Sitte, durch einen in weiß⸗ und ſchwarzſeidener Hof⸗ tracht gekleideten Herold, den Nuͤrnbergern feier⸗ lich den Krieg erklaͤren. Ein Abſagebrief von Nuͤrn⸗ berg und allen verbuͤndeten Reichsſtaͤdten war die Gegenantwort, die Albrecht am 9ten Juli empfing. Deer Krieg begann nun von beiden Seiten mit großer Erbitterung. Das platte Land litt am mei⸗ ſten durch Brand und Pluͤnderung, und uͤber 200 Doͤrfer wurden ein Raub der Flammen. Neun Treffen wurden im offenen Felde geliefert, und achtmal kehrte Albrecht als Sieger zuruͤck. Nur einmal, im April 1450, mußte er bei Pillenreut den Nuͤrnbergern das Schlachtfeld uͤberlaſſen. Al⸗ brecht ſelbſt that in dieſem Kriege Wunder der Tapferkeit. Einſt ſtieß er in einem Walde mit 600 Reitern auf eine nuͤrnbergiſche Reiterſchaar, die aus 800 Mann beſtand. So wie ſich beide Theile zu Geſicht bekamen, machten ſie Halt. Der Markgraf aber ſprengte nebſt zwei Rittern mit vorgehaltenen Lanzen gegen die Feinde an. Drei feindliche Ritter, von Ehrgefuͤhl durchdrungen, eilten ihnen ſogleich entgegen. Albrecht hob den, ——— — 247— der auf ihn zukam, gluͤcklich aus dem Sattel; da⸗ gegen wurden ſeine beiden Begleiter von ihren Gegnern todt zur Erde geſtuͤrzt. Der Markgraf, ſo wie er ſich ſeines Gegners entledigt hatte, ſprengte nun ganz allein mit verhaͤngtem Zuͤgel auf die feindliche Schaar los, bahnte ſich mit dem Schwerte in der Hand durch die, uͤber den außerordentlichen Auftritt ganz betaͤubten Feinde, einen Weg bis zur Fahne, riß dieſe dem Faͤhndrich aus der Hand, und indem er ſich allein, von Feinden umringt, mit groͤßter Tapferkeit vertheidigte, rief er:„In der Welt iſt kein Ort, wo ich ehrlicher ſterben kann, als hier!“ S Albrechts Loͤwenmuth, und die Gefahr, in der er ſich hier befand, entflammte den Muth ſeiner Krieger. Wuͤthend ſtuͤrzten ſie auf die Feinde los, und indem ſie Alles vor ſich her niederhieben, dran⸗ gen ſie bis an den Ort hin, wo ſie ihren Fuͤrſten, mit Wunden bedeckt, die Fahne in der Hand hal⸗ tend, fanden. Der groͤßte Theil der Feinde fiel unter ihren Schwertern, die uͤbrigen wurden ge⸗ fangen genommen, und nur ſehr wenige waren ſo gluͤcklich, ſich durch die Flucht zu retten. Einen eben ſo glaͤnzenden Beweis ſeiner Tapfer⸗ keit und Entſchloſſenheit gab Albrecht auch bei der Eroberung Greifenbergs, die kurze Zeit darauf er⸗ folgte. Dieſer Ort wurde von 500 Soͤldnern und der ganzen Buͤrgerſchaft vertheidigt. Dennoch be⸗ — — 248— ſchloß Albrecht mit einer maͤßigen Anzahl ſeiner Krieger den Platz an vier Orten zu beſtuͤrmen. Er ſelbſt waͤhlte den Angriffspunkt auf der Seite, wo der Stadtgraben am tiefſten, die Mauer am hoͤchſten war. Gleichwohl war er der Zweite auf der Mauer, und der Erſte, der in die Stadt hinab⸗ ſprang. Augenblicklich war er von Feinden um⸗ ringt, und nun focht er, an einen Baum gelehnt, mit dem von allen Seiten auf ihn eindringenden Feinde ſo lange, bis ſeine Krieger ihm nachkamen, die Thore ſprengten, und durch die Eroberung der Stadt ihn aus ſeiner gefaͤhrlichen Lage erretteten. Albrechts und ſeiner Krieger Tapferkeit, die vielen erlittenen Niederlagen, die Menge verwuͤſte⸗ ter Doͤrfer und Flecken, erregte in Kurzem bei den Nuͤrnbergern den Wunſch nach Frieden, ſo erbittert ſie auch uͤbrigens immer noch auf den Markgrafen waren. Selbſt der zuletzt von ih⸗ nen erfochtene Sieg bei Pillenreut, da er mit ſo großem Verluſte erkauft worden war, machte dieſen Wunſch noch lebhafter bei ihnen. Auch dem Markgrafen war nach ſo großer Anſtrengung der Friede mit Nuͤrnberg willkommen. Der Papſt Nicolaus der V. wollte gern einen Tuͤrkenkrieg zu Stande bringen, und der Kaiſer dachte auf einen Roͤmerzug. Unter dieſen Umſtaͤnden fing man an zu Bamberg Unterhandlungen zu pflegen, und durch die Vermittlung kaiſerlicher Kommiſſarien kam hier 2 8 α2 — 249— 4 am Loſten September 1450 der Feiede zu Stande. Jeder Theil gab dem andern alles Eroberte, und alle Gefangenen ohne Loͤſegeld wieder zuruͤck. Dem Markgrafen aber wurde der Beſitz der Schloͤſſer und Oerter Heideck, Lichtenau, Pruͤckfeld, Ulberg und Lonenſtadt auf ſo lange zugeſprochen, bis die Rechtsanſpruͤche, die er und die Stadt Nuͤrnberg gegen einander haͤtten, von dem Kaiſer rechtlich entſchieden ſeyn wuͤrden. ¹ Kaum war das Friedensgeſchaͤft beendigt, ſo fuͤhrte der Markgraf ſeine Voͤlker nach Sachſen, um dem Herzog Wilhelm gegen deſſen Bruder, den Churfuͤrſten Friedrich den Sanftmuͤthigen beizuſte⸗ hen. Er ruͤckte in das Altenburgiſche, Zeiziſche und Naumburgiſche ein, und half die Stadt Gera erobern. Doch dieſe Irrungen wurden auf den Zuſammenkuͤnften zu Muͤhlhauſen, und 1451 zu Naumburg verglichen, und die Erbvereinigung zwi⸗ ſchen Sachſen und Brandenburg erneuert. Albrecht ging hierauf in ſeine fraͤnkiſchen Laͤnder zuruͤck, wo ſich bald nachher ein Vorfall ereignete, der beinahe das kaum geloͤſchte Kriegsfeuer auf allen Punkten wieder entzuͤndet haͤtte. Die Nuͤrnberger konnten dem Markgrafen die ihnen zugefuͤgten Ver⸗ luſte nicht verzeihen und dachten auf Rache. Als Albrecht ſie einſt zur Fiſcherei in einem Teiche ein⸗ lud, auf welchen ſie Anſpruͤche machten, nahmen ſie zwar die Einladung an, erſchienen aber bewaff⸗ net. Albrecht, der keine Hinterliſt ahnete, war nur mit einem kleinen Gefolge umgeben. So wie die Nuͤrnberger dieß ſahen, beſchloſſen ſie auch ſogleich dieſe guͤnſtige Gelegenheit zu benutzen. Sie fielen uͤber die Markgraͤflichen her, nahmen die meiſten von ihnen gefangen, und wuͤrden ſelbſt den Mark⸗ grafen in ihre Haͤnde bekommen haben, wenn nicht Kunz von Kaufungen ihn gerettet haͤtte.— Aeu⸗ ßerſt entruͤſtet uͤber dieß Verfahren der Nuͤrnberger, beſchloß Albrecht blutige Rache deshalb an ihnen zu nehmen; der Kaiſer aber ſchlug ſich ins Mit⸗ tel, und die Sache wurde wieder ausgeglichen. Jetzt nach wiederhergeſtelltem Frieden widmete ſich Albrecht ganz den Geſchaͤften der Regierung. Durch ſeine Vermittlung wurden 1452 die Unru⸗ hen in Oeſtreich beigelegt. Er ſchloß mit dem Statthalter von Boͤhmen, Georg Podiebrad, 1454 ein Buͤndniß ab; und war in eben dem Jahre auf dem Reichstage zu Frankfurt des Kaiſers Be⸗ vollmaͤchtigter. Bald gerieth er aber wieder in blutige Haͤndel mit dem Herzoge Ludwig von Bai⸗ ern⸗Landshut, der die Reichsſtadt Donauwerth wegnahm. Unvermuthet war der Herzog in Al⸗ brechts Land eingebrochen und hatte 18 Schloͤſſer erobert, ohne daß der Markgraf, dem des Her⸗ zogs Einfall zu fruͤh kam, und der zu wenig Trup⸗ pen beiſammen hatte, gehoͤrigen Widerſtand haͤtte leiſten koͤnnen. Indeſſen that er doch alles, was ——ʒ— — 261— er thun konnte, und raͤchte ſich vor der Hand durch die Ueberrumpelung von Neuſtadt an der Culm Er wuͤrde mehr haben thun koͤnnen, wenn die deutſchen Reichsfuͤrſten, die es mit dem Kaiſer hielten(denn auch dieſer nahm an der Fehde Theil) groͤßere Thaͤtigkeit bei der Stellung ihrer Contin⸗ gente bewieſen haͤtten. So aber mußte der Kai⸗ ſer, um ſie von ihrer Schlafſucht zu erwecken, ſelbſt zu Drohungen ſeine Zuflucht nehmen. Er kuͤndigte ihnen bei laͤngerem Zoͤgern, Entziehung ihrer Lehne und Freiheiten an. Dieſe Drohung, und Albrechts Beredtſamkeit auf der Verſammlung zu Ulm im Januar 1462 bewirkten endlich bei den Reichsſtaͤnden mehrern Ernſt und groͤßere Thaͤ⸗ tigkeit. Albrecht kuͤndigte hierauf mit den beiden, ihm vom Kaiſer zugeordneten Kriegsraͤthen, dem Markgrafen Karl von Baden, und dem Grafen Ulrich von Wuͤrtemberg, im Namen der Fuͤrſten, die Stadt Augsburg aber im Namen der Reichs⸗ ſtaͤdte, dem Herzog Ludwig foͤrmlich den Krieg an. Mit der Eroberung von Hochſtett ward der Feldzug eroͤfnet. Dann zog Albrecht vor die ihm im vorigen Jahre abgenommenen Schloͤſſer, und eroberte ſie groͤßtentheils wieder. Herzog Ludwig, der auch von dem Grafen von Wuͤrtemberg, den Augsburgern und andern Reichsſtaͤdten bedraͤngt wurde, wagte es nicht, ſich ihm im offenen Felde entgegenzuſtellen. Albrecht ruͤckte hierauf mit 500 1 — 252— Reitern und 2000 Mann Fußvolk von Augs⸗ burg aus, in Baiern ein, brannte 13 Oerter nie⸗ der, und kehrte mit Beute beladen zuruͤck. Zwar wollten ihm auf dem Nuͤckzuge Ludwigs Haupt⸗ leute die gemachte Beute wieder entreißen, aber die Augsburger zogen dem Markgrafen ſo zahlreich zu Huͤlfe, daß die Baiern es nicht wagten, ihn anzugreifen. Solche verheerende Streifzuͤge wur⸗ den, nach damaliger Art Krieg zu fuͤhren, meh⸗ rere in die baierſchen Laͤnder unternommen, und immer kehrte der Markgraf als Sieger von ihnen zuruͤck; doch auch Herzog Ludwig unternahm der⸗ gleichen Zuͤge. Faſt das ganze Gebiet der Reichs⸗ ſtadt Ulm wurde von ihm durch Brand, Mord und Pluͤnderung in eine Wuͤſte verwandelt, und nicht nur alles Vieh, ſondern auch tauſend Men⸗ ſchen mit hinweg gefuͤhrt. Eben ſo grauſam ver⸗ fuhr er auch mit dem augsburgiſchen Gebiet, wo ein Dorf nach dem andern ein Raub der Flam⸗ men ward. Endlich zu Anfang des Juni 1462 ruͤckten beide Heere naͤher gegen einander. Ludwig hatte ſich mit 11,000 Mann in und um Gundelfingen gelagert. Nicht weit davon hatte Albrecht mit 15,000 Mann eine vortheilhafte Stellung einge⸗ nommen. Taͤglich fielen nun einzelne Poſtenge⸗ fechte vor, in welchen ſich das Kriegsgluͤck bald auf dieſe, bald auf jene Seite neigte. Ludwig entwarf indeſſen den Plan zu einem Ueberfall des kaiſerli⸗ chen Heeres. Um allen Verdacht zu vermeiden, ließ er drei Tage hindurch keinen von ſeinen Leu⸗ ten ſich aus der Stadt entfernen. Wirklich wur⸗ den auch dadurch die kaiſerlichen Hauptleute ſo ſehr getaͤuſcht, daß ſie der Furcht der Baiern ſpot⸗ teten, und ſie Kloſterfrauen nannten, die in ihren Zellen den Pſalter beteten. Deſto deutlicher durch⸗ ſchauete aber der ſcharfſichtigere Albrecht die Ab⸗ ſichten des Herzogs, und ohne ſich an den Wider⸗ ſpruch der Andern zu kehren, traf er alle Anſtal⸗ ten, um die Baiern mit Nachdruck zu empfangen. Er ließ in der dritten Nacht Graben aufwerfen, das Geſchutz gehoͤrig ſtellen, und das Heer zu den Waffen greifen. So geruͤſtet ſah er ruhig dem Angriff entgegen. In der Morgendaͤmmerung des vierten Tages erfolgte er. Ludwig griff von zwei Seiten das Lager an. So wie aber die Reiter im geſtreckten Galopp auf das Lager losſtuͤrmten, ſtuͤrzte eine große Menge derſelben in die Graͤben, ſo daß Pferd und Reiter gelaͤhmt wurden. Doch ihre Waffenbruͤder verloren daruͤber nicht den Muth, ſie uͤberwanden mit ausdauernder Standhaftigkeit die Schwierigkeiten des Bodens, drangen ins La⸗ ger, verbrannten eine Menge Zelte, und vernagel⸗ ten mehrere Kanonen. Da aber der zweite Hau⸗ fen, der das Lager von der Seite angriff, wo Markgraf Albrecht ſelbſt commandirte, deſto un⸗ gluͤcklicher focht, und mit großem Verluſt zuruͤck⸗ getrieben wurde: ſo mußten auch jene Tapfern wei⸗ chen, und mit einer allgemeinen Flucht endigte ſich dieſer Ueberfall. Herzog Ludwig verlor dabei 200 Mann und 160 Pferde, und da die Stadt Gundelfingen nicht befeſtigt genug war, um ſich darinnen halten zu koͤnnen, ſo brach er in der Nacht auf, und retirirte mit ſolcher Schnelligkeit nach Lauingen zu, daß Albrecht, der dieſen Ruͤck⸗ zug erſt am Morgen gewahr ward, ihn nicht mehr erreichen konnte. Die verlorne Schlacht bei Gundelfingen floͤßte dem Herzog Ludwig friedliche Geſinnungen ein; und durch Vermittlung des Kardinals und Biſchoffs Peter von Augsburg, und der Herzoge von Bai⸗ ern-Muͤnchen, Johann und Siegmund, wurde eine Friedensverſammlung zu Nuͤrnberg auf Ma⸗ rien⸗Magdalenentag angeſetzt. Allein der glor⸗ reiche Sieg, den indeſſen Churfuͤrſt Friedrich von der Pfalz, Ludwigs Verbuͤndeter(am 29ſten Juni) bei Sodenheim uͤber den Grafen Ulrich von Wuͤr⸗ temberg und den Markgrafen Karl von Baden er⸗ fochten hatte, zerſchlug ploͤtzlich alle Unterhandlun⸗ gen. Ludwig bekam neuen Muth, und dachte jetzt auf nichts anderes, als auf die Fortſetzung des Krieges. Durch die Friedensunterhandlungen war das Reichsheer mehr geſchwaͤcht worden, als durch eine — 255— verlorne Schlacht. Verſchiedene Fuͤrſten und Staͤdte, die des Krieges uͤberdruͤſſig waren, und auf einen baldigen Frieden mit dem bei Gundelfingen geſchla⸗ genen Herzog hofften, hatten ihre Voͤlker zuruͤck⸗ gezogen. Nun da ſich die Lage der Sachen ſo ſchnell geaͤndert hatte, bewilligten zwar die zu Ulm zuſammengekommenen Reichsſtaͤnde dem Markgra⸗ fen Albrecht neue Huͤlfsvoͤlker, aber ehe das Bun⸗ desheer wieder voltzaͤhlig wurde, hatte bereits Her⸗ zog Ludwig ſein Heer verſtaͤrkt, und die Schloͤſſer Heidenheim und Hellenſtein erobert. Endlich hatte ſich das Reichsheer durch eine Menge neugeworbener Krieger verſtaͤrkt, und Al⸗ brecht brach mit dem Heere auf, um die Reichs⸗ ſtadt Giengen, welche Ludwig mit 10,000 Mann belagerte, zu entſetzen. Am 19ten Juni langte er mit 6000 Mann, noch mehrere Verſtaͤrkung erwartend, auf der Hoͤhe bei Giengen an. Ehe er aber noch die Wagenburg ſchließen konnte, kam ſchon Herzog Ludwig mit allen ſeinen Reiſigen daher geſprengt, und von einer andern Seite eilte ſtuͤrmend das Fußvolk herbei. Von beiden Thei⸗ len wurde mit außerordentlicher Tapferkeit gefoch⸗ ten, und eine geraume Zeit hindurch blieb der Sieg unentſchieden. Doch nun drangen die Boͤh⸗ men, gefuͤhrt vom Grafen von Schaumburg, der vom Pferde geſtiegen war, mit ſolcher Wuth in die Wuͤrtemberger ein, daß dieſe, ohne weitern Wi⸗ derſtand zu leiſten, in hellen Haufen entflohen. Ihre uͤbereilte Flucht brachte das ganze kaiſerliche Heer in Unordnung, und Albrecht, der jetzt ſah⸗ daß Alles verloren war, befahl nach Giengen zu retiriren. Zwar wollten die tapfern Schweizer, die im Sold der Stadt Augsburg ſtanden, nicht flie⸗ hend den Kampfplatz verlaſſen, und riefen einſtim⸗ mig dem Markgrafen zu:„Nicht doch, gnaͤdiger Herr, laßt uns maͤnnlich fechten! Steht nur, wir wollen ſchon wachen!“ Aber Albrecht, der ſein 8 uͤbriges Kriegsvolk nicht zuruͤckhalten konnte, wollte das Leben ſo braver Krieger nicht weiter aufs Spiel ſetzen. Mit fuͤnf Mann ſchlug er ſelbſt ſich durch das feindliche Lager hindurch, und ent⸗ kam gluͤcklich nach Um. Seine zerſtreuten Kriegs⸗ voͤlker retirirten nach Giengen, und die beutelu⸗ ſtigen Baiern, die uͤber die Wagenburg herfielen, dachten nicht an ihre Verfolgung. Albrecht verlor in dieſer Schlacht hundert Reiſige, fuͤnfhundert Fußknechte und ſein ganzes Heergeraͤthe. Nach dieſem erfochtenen Siege ruͤckte Herzog Ludwig mit ſeinem Heere vor Augsburg. Nicht gering war die Verlegenheit, in welche dadurch die Augsburger geriethen. Das Bundesheer war zerſtreut; die naͤchſten Reichsſtaͤdte Ulm, Memmin⸗ gen und Kempten, brauchten ihre Truppen ſelbſt; nur aus 200 Reiſigen und 300 Fußknechten be⸗ ſtand, außer der Buͤrgerſchaft, die ganze Beſaz⸗ zung. — 257— zung. Von der uͤbrigen Mannſchaft der Stadt war der groͤßte Theil in den beiden Feldzuͤgen ge⸗ gen die Baiern geblieben, die uͤbrigen waren mit dem Reſt des Reichsheeres zu Giengen eingeſchloſ⸗ ſen. Dennoch beſchloſſen die Buͤrger ſich tapfer zu wehren, und ihr Entſchluß wurde zur That. Ungeachtet Ludwig ihr Gebiet ſehr hart behandelte, und taͤglich zweimal die Stadt berennen ließ, ſo wankte doch nicht ihr Muth; tapfer ſchlugen ſie jeden Angriff zuruͤck, thaten manchen gluͤcklichen Ausfall; und bei aller der Hoͤflichkeit, die ſie, dem romantiſchen Rittergeiſte jenes Zeitalters gemaͤß, gegen den Herzog ſelbſt bewieſen, indem ſie ihm taͤglich zwei ſilberne Flaſchen, die er durch einen Trompeter an die Stadt ſchickte, auf ſeine Bitte mit Malvaſier und andern koͤſtlichen Weinen fuͤll⸗ ten;— waren ſie deſto unerbittlicher gegen ſeine Krieger, von denen eine große Menge vor Augs⸗ burgs Mauern ihr Grab fand. 3 4 Der unerſchuͤtterliche Heldenmuth der Augs burger blieb nicht unbelohnt. Markgraf Albrecht hatte indeſſen mit der ihm eigenen Thaͤtigkeit alle Anſtalten getroffen, um ſich aufs Neue im Felde zeigen zu koͤnnen. Er hatte ein anſehnliches Heer wieder zuſammengebracht, und furchtbarer, als jemals fiel er damit in Baiern ein. Alle Doͤrfer, an der Donau, von Nain bis nach Neuburg, gin⸗ gen in Flammen auf, und die gemachte Beute 17 — 258— wurde nach Donauwerth gebracht. Der Herzog, der nun keine Zufuhr mehr von daher erhalten konnte, und keine Hoffnung hatte, die Belagerung Augsburgs bald und gluͤcklich zu beendigen, ſah ſich dadurch zum Abzuge genoͤthigt, und ließ auf ſeinem Ruͤckzuge alle augsburgiſchen Doͤrfer nie⸗ derbrennen. 3 Es war jetzt in der Mitte des Auguſts 1462, und 600 Schloͤſſer und Doͤrfer waren ſeit dem Monat Januar in Stein⸗ und Aſchenhaufen ver⸗ wandelt worden. In den Laͤndern der im Krieg begriffenen Fuͤrſten war faſt nichts mehr zu zer⸗ ſtoͤren uͤbrig. Dieß machte endlich alle Partheien zum Frieden geneigt, und den boͤhmiſchen Raͤthen gelang es jetzt, zu Neuburg einen Waffenſtillſtand zu vermitteln, der, mit Vorbehalt der Forderungen und Rechte des Kaiſers und des Reichs, bis zum 6ten Auguſt des folgenden Jahres dauern ſollte. Der Waffenſtillſtand war blos in der Abſicht ge⸗ ſchloſſen worden, damit man um ſo ruhiger und mit deſto gluͤcklicherem Erfolg an dem Friedensge⸗ ſchaͤfte ſelbſt arbeiten koͤnnte, und Koͤnig Georg von Boͤhmen, der bereits ſo manchen Frieden ge⸗ ſchloſſen hatte, ſchloß auch dieſen abp. Man kam zu Prag im Auguſt 1463 zuſammen; und hier wurde Herzog Ludwig mit dem Kaiſer und Mark⸗ graf Albrecht ausgeſoͤhnt. Ludwig mußte allen ſei⸗ nen Anſpruͤchen auf Donauwerth entſagen, und — 259— zur Strafe fuͤr den gebrochenen Landfrieden, die ihin vom Kaiſer Siegmund und Koͤnig Ladislaus verpfaͤndeten Koſtbarkeiten unentgeldlich heraus⸗ geben. Albrecht und Ludwig gaben ſich einander alle in dieſem Kriege eroberten Staͤdte, Schloͤſſer, Kloͤſter und Flecken zuruͤck. Die uͤbrigen ſtreitigen Punkte wurden zu anderweitiger rechtlicher Eroͤrte⸗ rung ausgeſtellt. Eine allgemeine Amneſtie, die man publicirte, beſchloß das Friedensgeſchaͤft. Bald darauf kam Albrecht durch den Tod ſei⸗ nes Bruders Johann, der keine maͤnnlichen Erben hinterließ, zum Beſitz des Landes oberhalb des Gebirges, ſo daß er nun das ganze Fuͤrſtenthum des Burggrafthums Nuͤrnberg allein beherrſchte. Er beſchaͤftigte ſich jetzt ausſchließend damit, in ſeinem Lande die traurigen Spuren des Krieges zu vertilgen, und ſeinen verarmten Unterthanen wieder aufzuhelfen. In dieſen wohlthaͤtigen Be⸗ ſchaͤftigungen ließ er ſich auch nicht durch den Krieg unterbrechen, den des Papſtes Paul II. Verfol⸗ gungswuth gegen den Koͤnig Georg von Boͤhmen entzuͤndete. Weder die Ermahnungen des Papſtes, der den Ketzer Georg, wie er ihn nannte, gaͤnz⸗ lich zu vernichten trachtete, noch die Bitte des Kaiſers, dem nach der boͤhmiſchen Krone geluͤſtete, waren vermoͤgend, den Markgrafen zur Theilnah⸗ me an dieſem ungerechten Kriege zu bewegen. Er bemuͤhte ſich vielmehr, zwiſchen dem Koͤnige von 17— — 260— Boͤhmen und deſſen Feinden, dem Papſt, dem Kaiſer und dem Koͤnig Mathias von Ungarn, Frie⸗ den zu ſtiften, aber die gegenſeitige Erbitterung vereitelte alle ſeine Bemuͤhungen. Die Thaͤtigkeit des Markgrafen erhielt eine an⸗ dere Richtung, als im Jahre 1470 ſein Bruder, Churfuͤrſt Friedrich II. von Brandenburg, die Re⸗ gierung niederlegte, und ihn zu ſeinem Nachfolger erklaͤrte. So wie er die Churwuͤrde uͤbernommen hatte, ließ er es ſein erſtes Geſchaͤft ſeyn, die Rechte ſeines Hauſes auf das Fuͤrſtenthum Stet⸗ tin zu ſichern, und den Krieg zu, beendigen, den Churfuͤrſt Friedrich II. mit den Herzogen von Pom⸗ mern⸗Wolgaſt deshalb fuͤhrte. Er reiſ'te daher ſelbſt nach Wien in der Hoffnung, von dem Kai⸗ ſer, ſeinem Freunde, um den er ſich ſo große Ver⸗ dienſte erworben hatte, ein guͤnſtiges Urtheil in Anſehung der pommerſchen Angelegenheiten zu er⸗ halten. Seine Hoffnung taͤuſchte ihn nicht. Al⸗ brecht, der dem Kaiſer aus vielen Urkunden ſeine Rechte auf Stettin bewies, erhielt von ihm die Belehnung uͤber Pommern, Stettin, Kaſſuben, Wen⸗ den und Nuͤgen. Alle in dieſer Streitſache dem Hauſe Brandenburg nachtheilige Verordnungen wur⸗ den aufgehoben, und nicht nur die Herzoge von Wolgaſt, ſondern auch die pommeriſchen Landſtaͤnde erhielten die Weiſung, den neuen Churfuͤrſten an — 261— der Beſitznehmung des Landes Stettin nicht wei⸗ ter zu verhindern. Ruhig haͤtten indeſſen bei allen dieſen ſtrengen Befehlen des Kaiſers, die Herzoge von Wolgaſt das Fuͤrſtenthum Stettin beſitzen koͤnnen, wenn ſie ſich nur fuͤr Lehnsleute des Churfuͤrſten haͤtten er⸗ klaͤren wollen; allein dazu konnten ſie ſich nicht entſchließen. Der Churfuͤrſt, der ſeine Regierung nicht gern mit einem Kriege beginnen wollte, legte 1471 ſeine Rechte auf Pommern der Reichsver⸗ ſammlung zu Nuͤrnberg vor; und der Reichstag, der ſeine Anſpruͤche vollgerecht fand, beſtaͤtigte nicht nur das Urtheil des Kaiſers, ſondern foderte auch die Nachbarn Brandenburgs auf, dem Churfuͤrſten zur Beſitznehmung von Stettin behuͤlflich zu ſeyn. Die Herzoge von Wolgaſt, die nur Zeit zu gewin⸗ nen ſuchten, erbaten ſich jetzt von dem Kaiſer Be⸗ vollmaͤchtigte, um einen guͤtlichen Vergleich zu ver⸗ mitteln, und Friedrich, der doch bereits ein End⸗ urtheil in dieſer Sache gefaͤllt hatte, war ſchwach genug, dem Biſchoff von Augsburg und dem Erb⸗ marſchall von Pappenheim hierzu den Auftrag zu ertheilen.. Fruchtlos liefen, wie vorauszuſehen war, dieſe Unterhandlungen ab. Die Herzoge wollten ſich nicht den Forderungen des Churfuͤrſten bequemen, un dieſer, deſſen Geduld endlich erſchoͤpft wurde, wollte ſchon zu den Waffen greifen, als ſich der Herzog — 262— von Mecklenburg, Heinrich VI. ins Mittel ſchlug, und durch ſeine Klugheit und Standhaftigkeit zu Prenzlow in der Uckermark, im Juni 1472 einen Vergleich zu Stande brachte. Albrecht blieb im Beſitze alles deſſen, was Churfuͤrſt Friedrich II. erobert hatte; das Uebrige behielten die Herzoge von Wolgaſt, erkannten aber dafuͤr den Churfuͤr⸗ ſten als ihren Lehnsherrn an, und ihre Untertha⸗ nen leiſteten ihm die Erbhuldigung. Der Kaiſer beſtaͤtigte nach Oſtern 1473 dieſen Vergleich, der nicht lange darauf wieder gebrochen wurde. Heerzog Erichs Tod, der im Jahre 1474 er⸗ folgte, gab Gelegenheit dazu. Sein Sohn Bo⸗ gislav X. der, vernachlaͤſſigt von ſeiner Mutter (die ſich eigenmaͤchtig von dem gutmuͤthigen Erich getrennt hatte) von einem Bauer, Namens Hans Lange zu Langke erzogen worden war, folgte ihm in der Regierung. Dieſer rohe, zwanzigjaͤhrige Fuͤrſt ließ ſich von ſeinem uͤbermuͤthigen und ſtreitſuͤchti⸗ gen Oheim Wratislav X., der mit dem Prenzlo⸗ wer Vertrag unzufrieden war, dahin verleiten, daß er ſich weigerte, dem Churfuͤrſten als ſeinem Lehns⸗ herrn zu huldigen. Dieß erbitterte dann dieſen, und er beſchloß, den erneuerten Streitigkeiten mit einem Male ein Ende zu machen, und ſich der Perſon des Herzogs Bogislav zu bemaͤchtigen. Mit 10,000 Mann in Pommern einbrechend, ruͤckte — 268— er ganz unerwartet vor Pyritz, wo ſich der junge Herzog aufhielt. Wohl ſahen die Pommern voraus, daß ſie ſich auch bei der verzweifeltſten Gegenwehr doch endlich wuͤrden ergeben muͤſſen. Am unertraͤglichſten war ihnen dabei der Gedanke, daß ihr Herzog in die Haͤnde des Churfuͤrſten fallen ſollte. Eine Menge Plane wurden deshalb zu ſeiner Rettung erſonnen, aber gar bald wieder verworfen, da man bei wei⸗ terer Ueberlegung ſie unausfuͤhrbar fand. Endlich, nach mancher fruchtloſen Berathſchlagung, wurde beſchloſſen, daß die Beſatzung, die aus 600 Rei⸗ ſigen und 1000 Fußknechten beſtand, einen unver⸗ mutheten Ausfall thun, und ſich mit dem Herzog durchſchlagen ſollte. Nur die Verzweiflung konnte ein ſolches Wageſtuͤck rechtfertigen. Da Albrecht mit ſeinem Heer vor der Stadt ſtand, ſo war das Gelingen deſſelben hoͤchſt unwahrſcheinlich, und in der That gluͤckte es auch nicht. Kaum waren die verſtaͤrkten Vorpoſten durch die Uebermacht der aus⸗ fallenden Pommern genoͤthigt worden, ſich zum Hauptkorps zuruͤckzuziehen, ſo brach der wachſame Albrecht an der Spitze ſeiner Voͤlker auf, und jagte die Pommern, die wit Loͤwenmuth fochten, wieder in die Stadt zuruͤck. Die Belagerung wurde nun mit verdoppeltem Eifer fortgeſetzt, und unge⸗ achtet der heldenmuͤthigen Gegenwehr der Belager⸗ ten, wurde doch mit jedem Tage die Lage des Her⸗ — 264— zogs gefaͤhrlicher. Da erbot ſich endlich ein Bauer, hn, wenn er ſich ſeiner Fuͤhrung uͤberlaſſen wollte, zu retten. Mit Freuden nahm Bogislav, der jetzt jeder Gefahr trotzte, dieſen Antrag an. Der Bauer fuͤhrte ihn hierauf in der Nacht mit aͤußerſter Le⸗ bensgefahr durch einen an Pyritz anſtoßenden Mo⸗ raſt. Beide ſetzten dann durch unwegſame Gebuͤſche ihren Weg weiter fort, und ſo kamen ſie endlich gluͤcklich bei dem Herzog Wratislav an. Der Chur⸗ fuͤrſt, der durch Bogislavs Flucht ſeine Abſicht vereitelt ſah, hob hierauf die Belagerung auf; und da ihn jetzt der Reichskrieg gegen den Herzog von Burgund in andere Gegenden rief, ſo uͤbertrug er ſeinem Sohne Johann, dem Statthalter der Mark, die Fortſetzung der Sache. Doch bald dar⸗ rauf vermittelten die Herzoge Magnus und Bal⸗ thaſar von Mecklenburg zwiſchen dem Prinzen Jo⸗ hann und dem Herzoge einen Waffenſtillſtand, der bis zur Zuruͤckkunft des Churfuͤrſten dauern, und dann ſich in einen Frieden verwandeln ſollte. Die Veranlaſſung zu dem Burgundiſchen Kriege, der jetzt ſeinen Anfang nahm, war folgende. Karl der Kuͤhne, Herzog von Burgund, reich, maͤchtig und ſtolz, kannte keinen angelegentlicheren Wunſch als den, ſein Herzogthum in ein Koͤnigreich ver⸗ wandelt zu ſehen. Die Erfuͤllung dieſes Wunſches ſollte die Frucht der glaͤnzenden Zuſammenkunft ſeyn, welche er mit Kaiſer Friedrich zu Trier, im — 265— November des Jahres 1473 hatte. Zwar erklaͤrte er öͤffentlich die feierliche Belehnung mit dem Her⸗ zogthum Geldern, welche er von dem Kaiſer erhal⸗ ten wollte und auch wirklich erhielt, fuͤr die ein⸗ zige Urſache dieſer Zuſammenkunft, aber die Er⸗ langung des Koͤnigstitels war es, was ihn eigent⸗ lich nach Trier brachte. Schon bei der erſten Un⸗ terredung, welche beide Fuͤrſten mit einander hat⸗ ten, nahmen deshalb die Unterhandlungen, auf welche bereits der Kaiſer durch Geſandte und Briefe vorbereitet worden war, ihren Anfang. Karl ver⸗ langte, daß Friedrich ſeinem Hauſe die Rechte und Vorzuͤge des alten Koͤnigreichs Burgund verleihen, die vier dem deutſchen Reiche unterworfenen Bis⸗ thuͤmer, Utrecht, Luͤttich, Cambray und Dornick zu dem neuen Burgundiſchen Koͤnigreiche ſchlagen, und ihn zum Reichsverweſer in den Niederlanden ernennen ſollte. Dafuͤr verſprach er ihm eine an⸗ ſehnliche Geldſumme zu zahlen, dem Erzherzog Maximilian ſeine Tochter Maria zur Gemahlinn zu geben, und jederzeit zehen tauſend Mann zu Pferde zu ſeinem Dienſte bereit zu halten. Schon hatte Kaiſer Friedrich Alles bewilligt; ſchon war der Tag zur feierlichen Kroͤnung des neuen Koͤnigs beſtimmt; ſchon wurden zu dieſer Feierlichkeit die glaͤnzendſten Anſtalten in der Domkirche gemacht, als wider alles Erwarten Friedrich ploͤtzlich Trier verließ, und ſich nach Coͤln begab. Durch den — 266— 1 Grafen Ulrich von Montfort ließ er dem Herzog melden, daß ihn die zwiſchen dem Churfuͤrſten und dem Domkapitel zu Coͤln fortdauernden Streitig⸗ keiten zu dieſer Reiſe genoͤthigt haͤtten, daß uͤbri⸗ gens die zwiſchen ihnen beiden getroffenen Verab⸗ redungen keineswegs als vernichtet zu betrachten waͤren. Frankreichs Politik verleitete den Kaiſer zu dieſem ſonderbaren und unkaiſerlichen Benehmen. Koͤnig Ludwig XI. wollte die ſchoͤne und reiche Er⸗ binn von Burgund ſeinem Hauſe nicht entgehen laſſen. Er ſuchte daher Alles hervor, um die Voll⸗ ziehung des zwiſchen dem Herzog und dem Kaiſer abgeſchloſſenen Vertrages zu verhindern, und es gelang ihm. Es wurde dem Kaiſer beigebracht, daß die Erhebung des ehrſuͤchtigen Herzogs fuͤr ihn aͤußerſt gefaͤhrlich ſey, daß dieſer ſelbſt nach der Kaiſerkrone ſtrebe, und uͤberdieß ſchon mehreren zum Beſitz ſeiner Tochter eitle Hoffnung gemacht habe. Friedrich war argwoͤhniſch und kurzſichtig genug, dieſen Vorſpiegelungen Glauben beizumeſſen, und brach deßhalb die Unterhandlungen mit dem Herzog ab. Dieſer fuͤhlte ſich dadurch äußerſt be⸗ leidigt. Die leere Entſchuldigung, die ihm der Kaiſer wegen ſeiner ſchnellen Entfernung machen ließ, erbitterte ihn nur noch mehr, und er beſchloß wegen dieſes Schimpfes blutige Rache zu nehmen. Erwuͤnſchte Gelegenheit dazu gaben ihm die Coͤl⸗ — 267— niſchen Unruhen an die Hand. Churfuͤrſt Ru⸗ precht war von dem Domkapitel, mit Bewilligung des Papſtes, ſeiner Wuͤrde entſetzt, und Landgraf Herrmann von Heſſen, bisheriger Propſt zu Aachen, zum Adminiſtrator des Erzſtifts erwaͤhlt worden. Auf Nuprechts Seite ſchlug ſich jetzt der Herzog Karl, erklaͤrte ſich zum Schutzherrn des Erzſtifts, und ruͤckte im Juli 1474 mit 60,000 Mann vor Neuß, deſſen Vertheidigung der tapfere Landgraf Herrmann ſelbſt uͤbernommen hatte.. In der groͤßten Verlegenheit befanden ſich das Domkapitel und die Buͤrger zu Coͤln. Dringend flehten ſie daher die zu Augsburg verſammelten Staͤnde des Reichs um Rettung und Huͤlfe an, und die Naͤhe und Groͤße der Gefahr bewirkte auch, daß ſie nicht vergebens baten. Einſtim⸗ mig wurde der Reichskrieg gegen den Herzog von Burgund beſchloſſen, und Frankfurt zum Sam⸗ melplatz des Heeres beſtimmt. Der erſte Reichs⸗ fuͤrſt, der ſich hier einfand, war Churfuͤrſt Albrecht von Brandenburg. Tauſend Reiter, 2300 Fuß⸗ knechte, und 400 Wagen begleiteten ihn. Die aͤbrigen Staͤnde des Reichs, die ſich von den Frie⸗ densunterhandlungen des Koͤnigs Chriſtian viel ver⸗ ſprachen, ſtellten ſich deſto langſamer ein, und ſo verſtrich, wie gewoͤhnlich bei den Deutſchen, in leeren Verhandlungen unbenutt die, zur Eroͤffnung des Feldzugs ſchicklichſte Jahreszeit. — 268— Erſt im Februar des Jahres 1475 ward bder Feldzug endlich eroͤffnet. Churfuͤrſt Albrecht, den der Kaiſer zu ſeinem oberſten Kriegsrathe und Feld⸗ marſchall erklaͤrt hatte, eroberte mehrere Staͤdte, und am 23ſten Mai ruͤckte das, indeſſen vollſtaͤn⸗ dig gewordene, Reichsheer zum Entſatz der Feſtung Neuß herbei, welche bis jetzt der Landgraf Herr⸗ mann mit dem entſchloſſenſten Muthe vertheidigt hatte. In der Entfernung von einer halben Stunde vom burgundiſchen Lager, ſchlug die kaiſerliche Armee ihr Lager auf. Ehe aber noch die Wagen⸗ burg geſchloſſen werden konnte, ſah ſich die Avant⸗ garde von den Burgundern angegriffen. Von bei⸗ den Seiten wurde mit groͤßter Tapferkeit gefochten; doch endlich neigte ſich der Sieg auf die Seite der Kaiſerlichen, und die Burgunder wurden mit betraͤchtlichem Verluſt zuruͤckgeſchlagen. Taͤglich fielen nun einzelne Scharmüuͤtzel und Poſtengefechte vor. Dabei blieb es aber auch. Zu einer Hauptſchlacht wollte es der Kaiſer nicht kommen laſſen, weil der paͤpſtliche Legat, Biſchoff Alexander von Forli, der ſich in dem kaiſerlichen Lager aufhielt, das Friedensgeſchaͤft mit ſolchem Eifer betrieb, daß man ſich von ſeinen Bemuͤhungen allgemein einen gluͤck⸗ lichen Ausgang verſprach. Dieſe Erwartungen waren nichts weniger, als zweifelhaft. Der Herzog von Burgund befand ſich jetzt in einer mißlichen Lage. Die Belagerung von — 269— 1 Neuß hatte ihm in vielen Stuͤrmen an 15,000 Mann gekoſtet; die Schweizer und der Koͤnig von Frankreich waren in ſeine Laͤnder eingefallen, und ihm ſelbſt ſtand das Reichsheer entgegen, das dem ſeinigen an Zahl weit uͤberlegen war. Bei allem ſeinen Stolz hielt er es daher fuͤr das Beſte, nach⸗ zugeben und ſich in die Umſtaͤnde zu fuͤgen. Man verabredete einen Waffenſtillſtand, der am 25ſten Mai ſeinen Anfang nahm, und am 17ten Juni war der Friede geſchloſſen. Der Herzog verſprach in vier Tagen von Neuß abzuziehen, und ſich nicht mehr in die Angelegenheiten des Erzſtifts zu miſchen. Ruprecht blieb ſeiner Wuͤrde verluſtig, und der tapfere Landgraf Herrmann wurde Churfuͤrſt und Erzbiſchoff. In einem geheimen Artikel wurde die verabredete Verbindung der Prinzeſſinn Maria mit dem Erzherzog Maximilian beſtaͤtigt. Im Jahr 1476 kam Churfuͤrſt Albrecht in der Mark Brandenburg an, und ſein erſtes Ge⸗ ſchaͤft war jetzt die Beilegung der pommerſchen Streitigkeiten. Redlich unterſtuͤtzten ihn dabei die Herzoge von Mecklenburg. Durch ihre Vermitt⸗ lung kam man zu Preuzlow dahin uͤberein, daß Herzog Bogislav ſich mit der Prinzeſſinn Marga⸗ retha, Tochter des Churfuͤrſten Friedrich II. ver⸗ maͤhlen, und ſeine Laͤnder durch einen Handſchlag von dem Churfuͤrſten Albrecht zum Lehn nehmen ſollte. Des Handſchlages war ausdruͤcklich in dem — 270— Vertrage Erwaͤhnung geſchehen. Aber Bogislav, der wegen ſeiner vernachlaͤſſigten Erziehung weder leſen noch ſchreiben konnte, und die Worte, die ſich auf den Handſchlag bezogen, vielleicht uͤber⸗ hoͤrt hatte, wollte nichts davon wiſſen, und wun⸗ derte ſich gar hoͤchlich, als ihm der Churfuͤrſt bei der erſten Zuſammenkunft die Hand mit den Wor⸗ ten reichte:„Lieber Ohm, hiermit verleihe ich Euch Land und Leute.“— Wild zog der leicht auf⸗ brauſende Prinz die Hand zuruͤck, indem er dabei zugleich in ſeinen gewoͤhnlichen Fluch ausbrach: „Da ſollen eher drei ſieben Teufel durchfahren, es iſt nicht alſo gemeint!“ und ohne weiter ein Wort zu ſprechen, verließ er ſchnell das Gemach, warf ſich auf ſein Pferd, und ritt nach Paſewalk, zu ſeinem Vetter, dem Herzog Wratislav. Doch die Herzoge von Mecklenburg, die Herzog Wratislavs Charakter kannten, eilten ihm ſogleich nach, und beſtuͤmten ihn mit Bitten und Vorſtellungen ſo lange, bis er wieder mit ihnen nach Prenzlow zuruͤckkehrte, und den Vertrag in Ruͤckſicht der Vermaͤhlung und des Landesanfalls an Branden⸗ burg genehmigte. Bald darauf wurde auch wirk⸗ lich die Vermaͤhlung vollzogen. Von der Laſt der Jahre gebeugt, uͤbertrug jetzt Albrecht ſeinem Sohne Johann die immerwaͤhrende Statthalterſchaft in der Mark, und ging, mit Vor⸗ behalt aller Rechte eines regierenden Ehurfuͤrſten, . — 272— in ſeine fraͤnkiſchen Laͤnder, wo er ſo gern ver⸗ weilte, zurück. Hier ſeine uͤbrigen Tage in unge⸗- ſtoͤrter Ruhe verleben zu koͤnnen, war ſein Wunſch. Aber er blieb unerfuͤllt. Nur zu bald wurde ſeine Ruhe aufs neue unterbrochen, und zwar von einer Seite her, wo er es am wenigſten vermuthete. Herzog Bogislav war zwar jetzt durch die Bande der Verwandtſchaft mit dem Churfuͤrſten genauer verbunden, aber dadurch nichts weniger, als ſein aufrichtiger Freund geworden. Der Prenzlower Ver⸗ trag, nach welchem er ein Vaſall des Churhauſes Brandenburg ſeyn ſollte, war ihm unangenehm, und er aͤußerte oft und laut genug ſeine Unzufrie⸗ denheit daruͤber. Indeſſen wagte er es doch nicht, die kaum geſchlichtete Fehde deshalb wieder an⸗ zufangen. Er wuͤrde ſie vielleicht auch nie wieder erneuert haben, wenn ihn nicht Herzog Wratislavs vor⸗ uͤbergehendes Waffengluͤck dazu verleitet haͤtte. Die⸗ ſer, aͤußerſt entruͤſtet uͤber den Prenzlower Vergleich, durch welchen auch die fruͤheren Vertraͤge, die ihn ſelbſt zur Lehnbarkeit verpflichteten, beſtaͤtigt wor⸗ den waren, beſchloß, jetzt da der Kampf, den der Churprinz wegen der glogauiſchen Erbſchaft zu kaͤmpfen hatte, immer ernſtlicher wurde, die guͤn⸗ ſtige Gelegenheit zu benutzen, und dem Churfuͤr⸗ ſten ſeine ganze Rache fuͤhlen zu laſſen. Er uͤber⸗ rumpelte daher am 21ſten April 1477 die Feſtung — 272— Garz an der Oder, und ließ durch Heinrich Lind⸗ ſtaͤdt die Stadt Vierraden wegnehmen. Dieſer gluͤckliche Erfolg und noch mehr Wratislavs Vor⸗ ſtellungen, bewogen den Herzog Bogislav, eben⸗ falls ſein Gluͤck zu verſuchen. Ein Vorwand zum Kriege war bald gefunden. Der Churprinz war ihm fuͤr einige Huͤlfe, die er in dem hisherigen Kriege wegen der glogauiſchen Verlaſſenſchaft ge⸗ leiſtet hatte, den verſprochenen Sold ſchuldig ge⸗ blieben. Er ließ daher an den Churfuͤrſten ſchrei⸗ ben, daß er ihm anſtatt des Soldes Baͤderitz ab⸗ treten ſollte. Ehe aber noch die Antwort des Chur⸗ fuͤrſten eintreffen konnte, nahm er die Stadt ſchon in Beſitz. Der Churprinz, der jetzt uͤberall von Feinden bedraͤngt war, bat ſeinen Vater auf das dringendſte, in die Mark zuruͤckzukommen, und eine Deputa⸗ tion der maͤrkiſchen Landſchaft vereinigte ihre Bit⸗ ten mit den Bitten des Prinzen. Albrecht war ſogleich bereit, dem Wohl ſeiner Unterthanen und der Rettung des Vaterlandes ſeine bisherige Ruhe zu opfern, und kam im Jahr 1478 zu Cöln an der Spree an. Von hier aus erließ er ein weit⸗ laͤuftiges Schreiben an Herzog Bogislav, worin⸗ nen er ſich uͤber die erneuerten Feindſeligkeiten be⸗ ſchwerte, und ihn nebſt ſeinem Vetter Wratislav ermahnte, ihrer Lehnspflicht und dem erſten Prenz⸗ lower Vertrage nachzukommen, und das Eroberte wieder — 273— wieder herauszugeben; unter dieſer Bedingung ſollte das Vorgefallene vergeſſen ſeyn. Doch die Herzoge von Pommern verließen ſich zu ſehr auf die Zeit⸗ umſtaͤnde und das hohe Alter des Churfuͤrſten, als daß ſie auf dieſes Schreiben und ſeine Drohungen haͤtten achten ſollen. Die Erfahrung lehrte ſie indeſſen bald, wie ſehr ſie ſich in ihren Erwartungen getaͤuſcht hat⸗ ten. Albrecht griff jetzt, da Guͤte nichts fruchtete, zu den Waffen, und zeigte ſich ihnen, zu ihrem großen Schrecken, auch noch im Greiſenalter als Held. Er ſtellte ſich an die Spitze ſeiner tapfern Brandenburger, und eilte mit ihnen von Erobe⸗ rung zu Eroberung fort. In kurzer Zeit befan⸗ den ſich Vierraden, Baͤderitz, Bernſtein, Satzig und Bahnen in ſeiner Gewalt. Dieſer ununterbrochene gluͤckliche Fortgang der Waffen des Churfuͤrſten floͤßte dem Herzog Bogislav Friedensgedanken ein, in denen er noch mehr durch den Tod des eigent⸗ lichen Anſtifters aller dieſer Unruhen, des Herzogs Wratislavs, der am 28ſten December ſtarb, be⸗ ſtaͤrkt ward. Durch dieſen Todesfall gelangte Bo⸗ gislav zum Beſitze von ganz Pommern. Auch hul⸗ digten ihm ſogleich ohne Widerrede die Landſtaͤnde des wratislavſchen Antheils. Aber muͤde des un⸗ gluͤcklichen Krieges vereinigten ſie ſich mit den uͤbri⸗ gen Landſtaͤnden, und drangen ſo lange mit Bit⸗ 18 ten in ben Herzog, bis er ſich entſchloß, einen ſichern und dauerhaften Frieden zu ſchließen. Werner von Schulenburg, vorher Commandant zu Garz, der ſich waͤhrend ſeiner Gefangenſchaft das volle Vertrauen des Herzogs zu erwerben ge⸗ wußt hatte, uͤbernahm die Rolle eines Vermittlers, und am 25ſten Maͤrz 1479 war das Friedensge⸗ ſchaͤft vollendet. Bogislav erkannte durch einen Handſchlag die brandenburgiſche Lehnsherrſchaft an; ſicherte ſchriftlich dieſem Hauſe, nach Erloͤſchung des herzoglichen Mannsſtammes, den Anfall von Pommern zu; ließ ihm die Erbhuldigung leiſten, und trat die Staͤdte Vierraden, Baͤderitz, Bern⸗ ſtein und Torgelow ab, behielt aber Garz, und empfing Satzig zuruͤck. Schulenburg erhielt zur Belohnung ſeines verdienſtlichen Geſchaͤftes von dem Churfuͤrſten die erbliche Hauptmannſchaft zu Baͤderitz, der Herzog aber ernannte ihn zum Be⸗ fehlshaber von Stettin, und beſchenkte ihn auch ſonſt noch. Wir haben bereits des glogauiſchen Krieges, den der Churprinz Johann als Statthalter der Mark zu fuͤhren hatte, Erwaͤhnung gethan. Es wird daher Zeit ſeyn, den Verlauf dieſes Krieges in gedraͤngter Kuͤrze zu erzaͤhlen. Herzog Heinrich NJl. zu Glogau hatte ſich 1472 mit des Churfuͤrſten damals achtjaͤhriger Tochter Barbara, verlobt, und ihm funfzigtauſend Dukaten als Mahlſchatz, im — 245— Fall ſeines kinderloſen Abſterbens aber alle ſeine Laͤnder verſprochen. Zugleich war man wegen der großen Jugend der Prinzeſſinn dahin uͤbereinge⸗ kommen, daß erſt in fuͤnf Jahren die Hochzeit vollzogen werden ſollte. Da aber Herzog Heinrich, der ohnehin eine ſchwache Geſundheit beſaß, taͤg⸗ lich ſchwaͤcher und kraftloſer wurde, und man be⸗ fuͤrchten mußte, daß er noch vor der Hochzeit ſter⸗ ben wuͤrde, ſo lieferte der Churfuͤrſt bereits im Jahre 1474 die zehnjaͤhrige Prinzeſſinn an ihn aus, und das Beilager wurde zu Freiſtadt, der gewoͤhnlichen Reſidenz des Herzogs, vollzogen. Doch nur von kurzer Dauer war dieſe Verbindung. Schon am 2sſten Februar 1476 ſtarb Heinrich, nachdem er ſeine Gemahlinn zur alleinigen Erbinn der Fuͤrſtenthuͤmer Glogau und Croſſen eingeſetzt hatte. Dieſe Erbſchaft war zu anſehnlich, als daß nicht mehrere, ungeachtet des vorhandenen Teſtaments, darauf Anſpruͤche haͤtten machen ſollen. Es mel⸗ deten ſich Matthias, Koͤnig von Ungarn, als da⸗ maliger Lehnsherr von Schleſien; Wladislav, der eben dieß als Koͤnig von Boͤhmen zu ſeyn glaubte, und Herzog Johann II. von Sagan, Heinrichs Vaters⸗Bruder. Jeder von dieſen Competenten beſchickte die glogauiſchen Landſtaͤnde, und verlangte von ihnen die Huldigung. Dieſe aber neigten ſich mehr auf die brandenburgiſche Seite, und erklaͤr⸗ ten, daß Barbara ſo lange ihre Herzoginn bleiben 18* — 276— wuͤrde, bis uͤber die Anſpruͤche eines jeden anderen rechtlich erkannt worden waͤre. Churfuͤrſt Albrecht ernannte hierauf Otto von Schenk zum oberſten Verweſer des Landes. Und wenn er auch in Ruͤck⸗ ſicht dieſes Mannes nicht die gluͤcklichſte Wahl ge⸗ troffen hatte, indem der Landesverweſer die Er⸗ wartungen des Churfuͤrſten gaͤnzlich taͤuſchte, und durch ſeine Haͤrte und ſeinen Stolz die Untertha⸗ nen der brandenburgiſchen Oberherrſchaft abgeneigt machte; ſo war Albrecht deſto gluͤcklicher in ſeinen Bemuͤhungen, die Parthei ſeiner Gegner zu ſchwaͤ⸗ chen. Er brachte es dahin, daß Koͤnig Wladislav ſich mit der Prinzeſſinn Barbara verlobte; worauf auch die glogauiſchen Landſtaͤnde dem Koͤnig und ſeiner Braut zu Freiſtadt die Huldigung leiſteten. Zwar kam die Vermaͤhlung, die man noch auf einige Zeit ausgeſetzt hatte, nachher nicht zu Stande, indem Koͤnig Wladislav gar bald die Luſt und den Muth verlor, fuͤr die Rechte ſeiner Braut eine Fehde auszufechten, aber der Churfuͤrſt hatte ſich doch auf eine gute Art eines Gegners entledigt. Wenig Unruhe machte ihm nun auch Koͤnig Matthias von Ungarn; da dieſer durch einen Tuͤr⸗ kenkrieg genoͤthigt wurde, ſeine ganze Macht zur Vertheidigung ſeines eigenen Landes zu gebrauchen, und daher ſeine Anſpruͤche auf Glogau nicht mit dem gehoͤrigen Nachdruck verfolgen konnte. Deſto haͤrter war aber der Kampf, den er mit dem Her⸗ — 277— zog Johann von Sagan zu kaͤmpfen hatte. Ge⸗ gen dieſen zog der Churprinz Johann ins Feld, und der Krieg wurde eine geraume Zeit mit ab⸗ wechſelndem Gluͤck gefuͤhrt, bis endlich im October 1478 der Churprinz zu Croſſen einen entſcheiden⸗ 4 den Sieg uͤber den Herzog erfocht. Der groͤßte Theil ſeiner Cavallerie wurde niedergehauen, das Fußvolk gefangen genommen, und er ſelbſt konnte kaum mit wenigen der Seinen einem gleichen Schickſal durch ſchnelle Flucht entgehen. Wahr⸗ ſcheinlich wuͤrde dieſe Niederlage den Krieg beendigt haben, wenn nicht Koͤnig Matthias den Herzog von Sagan unterſtuͤtzt haͤtte, wodurch dieſer aufs Neue ſich in Stand geſetzt ſahe, den Krieg noch eine Zeitlang fortzuſetzen und einzelne Streifzuͤge zu unternehmen. Die fortdauernden Einfaͤlle der Tuͤrken in Ungarn machten aber den Koͤnig Mat⸗ thias zum Frieden geneigt, in welchen Churfuͤrſt Albrecht um ſo eher willigte, da ihn die glogaui⸗ ſchen Staͤnde nicht mit dem gehoͤrigen Nachdruck unterſtuͤtzten, und auch Koͤnig Wladislav ſeine An⸗ ſpruͤche auf das Herzogthum und die Hand der Prinzeſſinn Barbara hatte fahren laſſen. Im Sep⸗ tember 1481 wurde daher zu Camenz in der Lau⸗ ſitz der Friede geſchloſſen. Herzog Johann erhielt auf Lebenszeit das Herzogthum Glogau. Nach ſeinem Tode ſollte es an Johann Corvin, den Sohn des Koͤnigs Matthias, fallen. Der Chur⸗ — 278— fuͤrſt bekam das Fuͤrſtenthum Croſſen, nebſt Zuͤl⸗ lichau, Sommerfeld und Bobersberg als Pfand fuͤr die, ihm von dem verſtorbenen Herzog Hein⸗ rich verſprochenen funfzig tauſend Dukaten. Im Jahr 1486 befand ſich Albrecht noch auf dem Reichstage zu Frankfurt am Main, wo er die roͤmiſche Koͤnigswahl des Erzherzogs Maximi⸗ lian ſehr thaͤtig unterſtuͤtzte. Und hier uͤberraſchte ihn am 11ten Maͤrz der Tod im 7aſten Jahre 1 ſeines Lebens. Der Kaiſer, der es tief fuͤhlte, daß er an Albrecht ſeinen treueſten und aufrichtigſten Freund verloren hatte, der roͤmiſche Koͤnig, alle anweſende Churfuͤrſten und Staͤnde des Neichs wohnten am folgenden Tage den feierlichen Exe⸗ quien in der Bartholomaͤuskirche bei, und beglei⸗ teten dann ſeine Leiche zu Fuße bis auf das Schiff, auf welchem ſie nach Heilbrunn, um dort beigeſetzt zu werden, abgefuͤhrt wurde. Churfuͤrſt Albrecht war zweimal vermaͤhlt ge⸗ weſen. Seit 1446 mit Margaretha, Prinzeſſinn von Baden, und als dieſe 1457 ſtarb, ſo ver⸗ maͤhlte er ſich im folgenden Jahre aufs Neue mit Anna, Tochter Churfuͤrſt Friedrichs II. von Sach⸗ ſen. Er zeugte mit beiden, außer eilf Toͤchtern, acht Soͤhne, von denen aber nur drei ihn uͤber⸗ lebten: Johann, von der erſten Ehe, der Chur⸗ fuͤrſt wurde; Friedrich, von der zweiten Ehe, der Anſpach, und Siegmund, der das Fürſtenthum Baireuth erhielt. IV. 2 8 8— S 2— O 1. Im nahen Benedictiner⸗Stift laͤutete man zur Vesper, da zog auf der Straße, die von Worms nach Speyer fuͤhrt, ein junger Geſell einher, Ig⸗ natz geheißen, ein munterer huͤbſcher Burſche; der ſang ein luſtig Lied und ſchritt, obſchon ihm ſein Buͤndel ſchwer ward, denn Laͤnge hat Ferne, doch ſo ruͤſtig zu, als ging es zum Tanz. Zu ihm geſellte ſich aber im Zwielicht des Abends ein Gefaͤhrte von etwas ſeltſamem Anſehen, doch freundlich und geſpraͤchig dabei. „Seyd wohl weit her?“ fragte nach einigen Hin⸗ und Herreden der Fremde, und Ignatz er⸗ wiederte:„Hm, s'geht an, aus Montabaur bin ich; kennt's der Herr?“ „Was werd' ich nicht,“ antwortete der Erſte, „komme oft dadurch und war erſt noch heut mor⸗ gen da.“ „Heut' morgen?“ rief Ignatz, und ſah den — 282— Sprecher groß an,„da ſeyd Ihr fuͤrwahr raſch geritten.“ „Was reiten,“ entgegnete der Graue,„ich reite niemals; zu Fuß geht mein Weg uͤber Berg und Thal, durch Wald und Feld; s'iſt ja nur ein Katzenſprung von daher, denke heut zur Nacht noch in Steinbach zu ruhen. Habt Ihr was da⸗ hin zu beſtellen?“ „Nein,“ ſprach Ignatz,„durch Euch nichts, denn luͤgen iſt nicht meine Sache.“ „Nu, nu,“ brummte der Graue,„nur nicht ſo heftig. Denkt wohl, weil Ihr nur wie eine Schnecke ſchleicht, daß Andere auch nicht beſſer fort koͤnnen. Schade iſt's aber doch, daß Ihr mir nichts nach Steinbach zu beſtellen habt, ich kehre dort im goldenen Einhorn ein, und wenn ich ſage, ich komme von Montabaur, was gilt's, ſo wird Schoͤn⸗Aennchen, Meiſter Stoͤpſels Tochter, mich noch einmal ſo freundlich willkommen heißen.“ Dieſe Worte trafen unſern Ignatz wie ein Blitz. E ward uͤber und uͤber roth, ſah erſchrok⸗ ken bald den ſeltſamen Fremden, bald den Boden an, und vermochte nicht eine Sylbe zu ſprechen; der Graue aber laͤchelte, nickte freundlich dem Juͤng⸗ linge zu und entſchwand, mit ellenlangen Schritten weiter eilend, bald den Augen des Nachſtarrenden im abendlichen Nebel. 1 2. Wer durch Steinbach reiſ'te, kannte auch den Einhornwirth; denn Meiſter Stoͤpſel war ein Ori⸗ ginal, wiewohl nicht von der liebenswuͤrdigſten Art. Grob, reich, dick, alles Dreies in großem Maaße, war er oft den Leuten ein Aergerniß, Einheimi⸗ ſchen wie Fremden, ſeinen Hausgenoſſen aber am mehrſten. Seit einiger Zeit war dies vorzuͤglich der Fall. Ein Viehhandel war mißgluͤckt; ein Paar Reiſende ſonder Zahlung von dannen gezogen; eine Stelle im Nath durch ihn nicht beſetzt worden; Grund genug, Meiſter Stoͤpſels Gemuͤth, ohne⸗ dem nie klar, zu truͤben. Wie ein Unhold zog er deswegen jetzt vom Morgen bis zum Abend im Hauſe herum, ſchalt, pochte und brummte wie ein Baͤr, trank immer friſch dazu nach, und wer ihm in den Weg kam, mochte ſich wohl huͤten, nicht angefahren zu werden. So hatte er es auch wieder einmal den gan⸗ zen lieben Tag lang getrieben, da geſchah es, daß ganz ſpaͤt— alle ehrſamen Buͤrger Steinbachs ſchliefen ſchon, nur Meiſter Stoͤpſel ſaß noch nebſt einigen Sinneskumpanen beim Weinkruge und den Karten— da geſchah es alſo, daß ganz ſpaͤt ein Pochen vor der Thuͤr ſich erhob, ein Rufen und Rumoren, als begehre ein großer Herr Einlaß. Und wie nun Meiſter Stoͤpſel, faſt verdruͤßlich, — 284— ſo ſpaͤt noch geſtoͤrt zu werden und doch dabei ſchon uͤberſchlagend, wie er den Ankoͤmmling fuͤr ſolche laͤrmende Ungebuͤhr durch doppelte Kreidenſtriche zuͤchtigen wollte, ſeine Stimme erhob und nach Aennchen ſchrie, nach dem Hausknecht und dem Kellner, da rief es auf Einmal draußen noch viel aͤrger:„Faulpelz raus! Faulpelz raus! oder ich hole Dich.“ Das war dem Einhornwirth doch zu arg, denn wohl merkend, man meine ihn und wolle ihn durch dieſe Aufforderung an ſeine Schuldigkeit als Wirth, ankommende Gaͤſte zu bewillkommen, erinnern, er⸗ grimmte er gewaltig, ſchrotete ſich in die Hoͤhe und verſicherte, ſchnaubend vor Zorn, er wolle den Rufer, und waͤr es ein Reichsgraf, ſo bewillkom⸗ men, daß ihm alle Luſt zu weiterem Geſpraͤch ver⸗ gehen ſolle. Wer aber draußen ſtand und immerzu ſchrie: „Faulpelz raus! oder ich hole Dich!“ das war weder ein Graf noch ſonſt eine anſehnliche Perſon, ſondern ein kleines zuſammengeſchrumpftes Maͤnn⸗ chen in einem kurzen, abgetragenen grauen Noͤck⸗ chen mit einem Raͤnzelchen auf dem Ruͤcken und einem gewaltigen Knotenſtabe in der Hand. „Ei verdammt?“ rief Meiſter Stoͤpſel, dies Figuͤrchen ſehend, das freilich gegen ſeine Figur in Nichts verſchwand—„ſo ein Roſinenmann! — 285— wart', Freund, ich will Dir den Willkomm geben.”“ Damit wollte er auf den Grauen los, der aber ſchwang ſeinen Knotenſtab und ſagte ſehr ernſt und feſt:„Nichts vor ungut, Meiſter Dickbauch, mein Staͤblein trifft hart.“ So ein großer Maulheld Stoͤpſel in der Regel auch war, ſo wenig liebte er doch ernſtlichen Kampf, und beſonders ein geſchwungener Stock war ihm zuwider. Er wurde deshalb auf einmal, die Be⸗ merkung machend, der kleine Graue ſey ein deter⸗ minirtes Maͤnnchen, nach ſeiner Art ganz gefuͤgig, meinte, er habe nur geſpaßt, und noͤthigte den Fremden ins Gaſtzimmer, feſt ſich vornehmend, ihn fuͤr alle Unbill bei der Rechnung gehoͤrig buͤßen zu laſſen. Der Graue aber ward auch von Stund an hoͤflich und freundlich, beſtellte Wein und ein Paar Zimmer, indem, wie er ſagte, ſein Vetter des naͤch⸗ ſten Tages hier eintreffen wuͤrde, und weil er ein luſtiger Kumpan war, ſo ſetzte er ſich zu den an⸗ weſenden Trink⸗ und Spielbruͤdern, und wuͤrfelte und jubelte mit ihnen tief in die Nacht hinein. 3. „Haͤtt's nicht gedacht, daß der Knirps ſo ſchoͤ⸗ nes Gold im Raͤnzel hat,“ meinte am andern Morgen Meiſter Stoͤpſel zu ſeinem Toͤchterchen, — 286— ihr anbefehlend, den Fremden recht ſorgſam zu be⸗ dienen, dann ging er in ſeine Stube und uͤber⸗ ſchoß die dem Grauen abgewonnene Summe, bei jedem Goldſtuͤcke ſchmunzelnd:„Ein trefflich Pfla⸗ ſter fuͤr den Faulpelz.“ Aennchen aber gehorchte gern dem vaͤterlichen Befehle, denn ſie war ein gutes Kind, der Graue ihr auch ohnedem ſchon recommandirt; denn Gruß und freundliche Botſchaft hatte er ihr gebracht von Ignatz aus Montabaur, dem Geliebten ihrer Seele, der freilich Meiſter Stoͤpſeln, haͤtt' er den blutar⸗ men Jungen gekannt, ein Dorn im Auge wuͤrde geweſen ſeyn. In Frankfurt war Aennchen mehrere Jahre bei einer Tante einſt geweſen, die ſie mit muͤtter⸗ licher Sorgfalt erzog: da hatte ſie den muntern Ignatz kennen lernen, ihn liebgewonnen und als ſie heim, er in die Fremde zog, ihm verſprochen, ſeiner zu harren mit treuer Liebe. Und das that ſie auch durch drei lange Jahre hindurch, obſchon Ignatz in dieſer Zeit nichts von ſich hoͤren ließ, denn damals ſchrieb man noch nicht ſo viel wie jetzt, und Ignatz wußte wohl den Hobel und den Meißel gut zu fuͤhren, auf die Feder verſtand er ſich aber gar nicht; recht ſauer wurde es ihr aber auch mitunter wohl gemacht, die Treue naͤmlich, denn wer von jungen Burſchen ſie anſah, hatte ſie lieb und um des reichen Mei⸗ 4 — 287— ſter Stoͤpſels ſchoͤnes Aennchen warb manch alter und junger Fant. 4. Zwei Tage lag das graue Maͤnnchen bereits, wacker zehrend, im Gaſthauſe zum goldnen Ein⸗ horn in Steinbach, der erwartete Vetter, fuͤr den doch die ſchoͤnen Zimmer beſtellt waren, wollte aber immer noch nicht kommen; da ſagte, als wie⸗ der der Abend dunkelte, Herr Paul— ſo hatte ſich der Graue genannt— zu ſeinem Freunde Stoͤpſel— denn vertraut waren Beide faſt ſehr geworden, und hatte der Dicke den Kleinen gleich⸗ ſam nach ſeiner Art liebgewonnen, des Geldes we⸗ gen naͤmlich:—„Ich will ſchauen, wo er bleibt, und wenn ich nicht gleich mit ihm wiederkehre, ſo nehmt ihn gut auf gleich eigenem Sohne, hoͤrt Ihr, gleich eigenem Sohne.“ Das verſprach der Wirth, denn Paul warf bei dieſen Worten einen gefuͤllten Geldbeutel auf den Tiſch, und ſolchen Gruͤnden widerſtand Stoͤp⸗ ſel nie. Hierauf beſchrieb der Graue noch ganz genau den Vetter, nahm ſein Raͤnzel und ſeinen Knotenſtab und ſchritt zum Thore hinaus gen Speyer zu, nachgeſchaut von Aennchen und ihrem Erzeuger, die Beide ſich nicht genug wundern konn⸗ ten, uͤber das ſeltſame Maͤnnchen, das einherging wie ein Bettler und bezahlte wie ein Fuͤrſt. 1 — 288— Am ſelben Abend aber noch, ganz ſpaͤt, klopfte neuerdings ein Gaſt an Meiſter Stoͤpſels Thuͤr und begehrte ſchuͤchtern und mit niedergeſchlagenen Augen Einlaß; das war Ignatz aus Montabaur, Schoͤn⸗Aennchens Vielgeliebter. 5. „Geſtrenger Herr“— denn ein ſolcher muͤßte es wohl ſeyn, meinte Stoͤpſel, fuͤr den man ſo generoͤs im Voraus bezahlte und ſo ſchoͤne Zim⸗ mer beſtellte—„geſtrenger Herr, tretet nur ein bei Eurem Diener,“ ſprach der Einhornwirth zu dem Fremden:„Alles iſt bereit, Alles beſorgt, Alles be....“ zahlt, wollte er hinzuſetzen; doch kluͤglich bedenkend, der Gaſt koͤnne wohl noch mehr verzehren, als Grauroͤckchen Paul vorlaͤufig berich⸗ tiget hatte, unterdruͤckte er das entſcheidende Wort noch auf der Zunge und ſtotterte dagegen ein„be⸗ ſprochen“ hervor, dabei mit gar hoͤflicher Geberde den beſcheidenen Wanderer ins Haus complimen⸗ tirend, der gar nicht wußte, wie er, der arme Tiſchlergeſell, zu ſolch herrlichem Empfange kam, und zum erſten Male in ſeinem Leben anfing in ſeines Aennchens Wahrhaftigkeit Zweifel zu ſetzen, als welche ihm doch einſt in Frankfurt gar oft geſagt hatte: Meiſter Stoͤpſel, ihr Papa, ſey zwar an ſich ganz gut, doch mitunter gegen arme Fremde ein wenig zu ungehobelt. . G Gern 4 4 — 289— Gern haͤtte der ehrliche Ignatz, dem es um nichts weniger zu thun war, als irgend Jemand zu taͤuſchen, am wenigſten den Mann, zu dem er gekommen war, ſehr demuͤthig ſein volles Herz recht ſehnlich auszuſchuͤtten, ſogleich angefangen, Meiſter Stoͤpſeln durch wahre Darlegung ſeines Standes und ſeiner Verhaͤltniſſe uͤberhaupt aus dem Irrthum zu ziehen, aber in dieſem Augen⸗ blick trat Aennchen, das geliebte Aennchen herzu, und wer nun nicht mehr ſprechen konnte, war Ignatz. Schweigend folgte er, verſtehend und gehorſam, dem Blick der Geliebten, die freilich auch nicht recht begriff, warum ihr Vater diesmal, wider ſon⸗ ſtige Gewohnheit, ſo freundlich und hoͤflich gegen einen armen Handwerksburſchen war, doch weiblich ſchlau, wie alle Evastoͤchter, das Unerwartete zu benutzen beſchloß; und von dem reverenzenden Wirth eingefuͤhrt in des Hauſes beſte Zimmer, ſtreckte und dehnte ſich Ignatz bald behaglich bei vollen Flaſchen und Schuͤſſeln auf weichem Sorgenſtuhle ſo breit und ſtattlich, als habe er ſein Lebelang eben ſo gelebt, und muͤſſe Alles nur ſo ſeyn. 6. Geſchaͤftig aber eilte, heute ein ganz Anderer geworden, Stoͤpſel hin und her, hatte nur Augen und Ohre nfuͤr ſeinen Gaſt, und vergaß ſchier, um 19 — 290— dieſen gehoͤrig zu bedienen, des eigenen theuren Ichs Wartung und Pflege.. So auffallend dies auch war, ſo hatte es doch feinen guten Grund. In Steinbach lebte zu da⸗ maliger Zeit ein altes Muͤtterchen, wohl erfahren in geheimen Kuͤnſten, die wußte mehr als Andere und wurde zu Rathe gezogen in ſchwierigen Fülen von Alt und Jung. 29 11 Ein ſchwieriger und eigner Fall war aber doch Meiſter Stoͤpſeln die Sache mit dem ſeltſamen grauen Maͤnnlein geweſen, das ſo herrlich zahlte und dabei ſo cordial ſich benahm, und weil es ſich nun fuͤgte, daß gleich nach Pauls Abmarſch Mutter Trude beim Einhorn vorbei wackelte, ſo hatte der Dicke ſie hereingerufen und uͤber den wunderlichen Gaſt conſultirt. Es hatte aber die Alte kaum vernommen, von wem die Rede war, ſo ſtand ſie auf, ſah Meiſter Stoͤpſeln bedeutend an und ſprach: „Viel Gluͤck, Herr Hans, fuͤr Euer Haus; Der Bergherr geht wohl ein und aus; Der Bergherr iſt ein reicher Mann, Wohl dem, der ihm gefallen kann!“ Das war Waſſer auf Hans Stoͤpſels Muͤhle. Reiche Leute liebte er uͤber die Maaßen; ihnen zu gefallen, war ſein Streben, nach ſeiner Art, verſteht ſich; darf man ſich da noch wundern, daß 1* * — 22914— er des reichen Mannes angeblichen Vetter ſo zu⸗ voorkommend empfing? 3 Fuͤr Aennchen und Ignatz ging aber nun eine herrliche, freudenreiche Zeit auf.„ Ach! wer haͤtte das geglaubt,“) fluͤſterte das Maͤdchen verſchaͤmt in ihres Lieblings Arm,„daß Vater ſo gut ſeyn wuͤrde! Sonſt, wenn ein Fremder mich nur an⸗ ſah— und das Anſehen kann ich doch keinem wehren— ſchalt und tobte er gleich mit mir den ganzen Tag; jetzt, o lieber Ignatz, ich glaube, ich koͤnnte immerfort bei Dir ſeyn, er wuͤrde nicht ein Woͤrtchen ſagen. Was ihn nur ſo fuͤr Dich muß geſtimmt haben? Denn wie einen Prinzen behandelt er dich.“— „Ja,“ ſeufzte Ignatz,„das thut er, und das macht mir eben bange. Ach! ich wollte, er gaͤbe Dich mir, und waͤre dann ſo rauh gegen mich, wie er wollte.“ So plauderten, freuten und ängſtigten ſich die Liebenden acht ganzer Tage. Meiſter Stoͤpſel aber dachte:„Nun mag es wohl Zeit ſeyn, daß wir die Rechnung ziehen.“ 7 1 Das war ein fataler Caſus. Grauroͤckchen Paul hatte zwar, wie wir geſehen, ein rundes Suͤmmchen zum Beſten des angeblichen Herrn Vetters deponirt, aber, aber.... Meiſter Stoͤp⸗ — 19* — 292,— ſel fuͤhrte eine Kreide, die war nicht rund, ſon⸗ dern ganz verteufelt geſchaͤrft. Zehn Dickthaler und einige Kreuzer obendrein betrug des Einhorn⸗ wirths Laus deo mehr, als Grauroͤckchen praͤnu⸗ merirt hatte; ach! und zehn Dickthaler waren zu jener Zeit ein Schatz, den kaum ein Ritter, viel weniger ein armer Tiſchlergeſell im Beutel fuͤhrte. Bebend geſtand Ignatz dem fetten Steinbacher ſein Unvermögen, und wer darob ſehr ergrimmte, das war der Herr Stoͤpſel. „Wie!“ rief der grobe Patron, und ſchlug mit der Fauſt auf den Tiſch,„Ihr koͤnnt nicht zah⸗ len? Nicht zahlen koͤnnt Ihr und gehet doch wie ein Fuͤrſt? Und Euer großmauliger Vetter, der graue Roſinenmann kommt wohl auch nicht wie⸗ der? Wart, das ſollt Ihr mir entgelten!“ Und unter Pochen und Schelten waͤlzte er ſich zur Thuͤr hinaus, die Treppe hinab, uͤbern Markt weg, die Gerechtigkeit aufzurufen, die eben in Pleno auf des Staͤdtchens Rathhauſe ſaß und in ihren Repraͤſentanten ſich angaͤhnte, und froh war, daß etwas paſſirte, wobei ſie ſich in die Bruſt werfen konnte. Schoͤn⸗Aennchen rang aber die Haͤnde ob dem Ungluͤck, und Ignatz ſaß ſtumm und ſtarr da, wie ein Marmorbild, ſo lange bis von Rathswegen ein Paar Haltungsfeſte erſchienen und ihn unter laͤrmendem Zuſammenlauf der ſteinbacher Jugend — 293— in den Gehorſam führten, der nichts anders als ein Loch war, in welches weder Sonne noch Mond hineinſchien. Acht lange Tage hatte der arme Ignatz da ge⸗ ſeſſen, und eben ſo lange ſchon Meiſter Stoͤpſel gebrummt wie ein Baͤr, ſein Kind aber geweint, da wollte es die weiſen und edlen Herren auf dem Rathhauſe beduͤnken, es ſey Zeit, die Sache des Einhornwirths contra Ignab Schuſter, den Vagabunden, und deſſen verſchollenen Herrn Vet⸗ ter, Paul Graurock, vorzunehmen, und wie nun der Gefangene vorgefuͤhrt, auch ein dickes Proto⸗ koll aufgenommen war, aus Allem ſich aber er⸗ gab, daß hier das Sprichwort vom Kaiſer und Nichts und Recht verloren, eintraf, da reſolvirte man ſich kurz, nahm zu Gunſten der Themis Ig⸗ natzens Handwerksbuͤndel in Beſchlag, legte Mei⸗ ſter Stoͤpſel auf, die Atzungskoſten fuͤr den Be⸗ klagten zu zahlen— die belaͤufig ſo anſehnlich waren, daß Stoͤpſel meinte, dafuͤr habe er den Schlucker auch ſelbſt und beſſer im eigenen Hauſe traktiren koͤnnen— brachte Ignatz über das Weich⸗ bild der Stadt hinaus und ließ den Vetter Grau⸗ rock peremtoriſch ediktaliter citiren, der jedoch nicht fuͤr gut fand ſich einzuſtellen, und eben ſo wenig auf eines edlen Raths Mahnung, wie auf Ignatz und Aennchens Huͤlferuf hoͤrte. 3 8.1 08,0 nad u Monde waren verſtrichen und in Stopſels Hauſe viel Rumdren und Wirthſchaften. Peter Holzkopf, ein reicher Ochſenhaͤndler aus der Gegend, hatte ſeit einiger Zeit mit dem Manne im Einhorn ſtaͤrkeren Verkehr getrieben, denn ſonſt, und weil Stoͤpſel dabei ſich gut ſtand, Peter Holz⸗ kopf auch jetzt ganz ungewoͤhnlich generoͤs im Han⸗ del war, ſo ſchloß der Dicke den Ochſenhaͤndler gleichſam in ſein Herz und ſiem wurden faſt ſehr vertraut mit einander. Wie ſie nun auch eines Abends wieder be ſammenſaßen und ein Schoͤpplein nach dem an⸗ dern tranken, da ſprach der Holzkopf, ſo wie von ungefaͤhr:„Meiſter Stoͤpſel, Ihr habt eine ſchmud⸗ Tochter.“ „Es geht wohl an,“ meinte der Wirth. „ Wollt Ihr,“ redete Holzkopf weiter, aſ nehme ich ſie Euch ab.“ „Meinetwegen!“ war die Antwort, und die Sache damit richtig, beim Holzkopf naͤmlich und dem Einhornwirth; denn was Aennchen anbetraf, ſo ſchwor die hoch und theuer, lieber im nahen Teiche ein naſſes Grab ſich zu ſuchen, als mit Pe⸗ ter Holzkopf, dem taͤppiſchen Geſellen, Tiſch und Bett zu theilen. — 295— „Wirſt ſchon anders ſprechen,“ brummte der Wirth,„auf St. Laurentius iſt Hochzeit.“ St. Laurentius war aber nun vor der Thuͤr, deswegen das Rumoren und Wirthſt chaften in Stoͤp⸗ ſels Hauſe, und deswegen auch Aennchens ver⸗ weinte Augen, die jetzt truͤben Nebelſternen glichen. 9. „Wahrt Euch Herr Hans, fuür Euer Haus, Der Bergherr naht mit Sturm und Grausz Geſell'n, wie Ihr, ſind ihm verhaßt; 1 Wahrt Euch vor einem ſchlimmen Gaſt.“ So ſang Mutter Trude am Morgen des Ta⸗ ges, der dem des heiligen Laurentius voranging, unter Meiſter Stoͤpſels Thuͤr, und Peter Holzkopf, der gerade am Fenſter ſtand und hinauslugte, oh ſeiner Pfleglinge liebſte, ein Geſpann ungeheurer Podoliſcher Ochſen, die er dem kuͤnftigen Schwie⸗ gerpapa als Mahlſchatz verſprochen hatte, noch nicht kommen wollten, rief dem Muͤtterchen ein barſches:„Hol' Euch der Schwarze!“ zu, wor⸗ auf Trude das Geſicht gar arg verziehend, an ih⸗ rem Stabe weiter wackelte, und fuͤrder den gan⸗ zen Tag ſich nicht mehr ſehen ließ. Als nun der Abend kam, ſiehe, da ſprengte ein Reiter die Gaſſe herab, daß die Funken ſtoben und hinter ihm an jagten raſſelnd mehrere Ruͤſt⸗ . — 296— wagen, die waren hochbepackt und rumpelten auf dem ſchlechten Pflaſter ganz erſchrecklich. Vor Stopſels Thuͤr hielt der Zug und mit einer Loͤwenſtimme ſchrie der Reiter:„Dickbauch raus! Holzkopf raus! raus Ihr Geſellen, raus aus dem Haus!“ Erſchrocken ob dieſem Laͤrm, ſprangen die Ge⸗ forderten ans Fenſter; hilf Himmel, wie ward ihnen aber, als ſie auf einmal durch das Dunkel des Abends des Reiters feurige Geſtalt ſahen, der mit ſeinem Roͤßlein ganz unbaͤndige Spruͤnge und Saͤtze machte, mit der Gerte in der Luft umher⸗ hieb und beiden Vollmondsgeſichtern ploͤtzlich im Voruͤberjagen mit ſeiner harten Eiſenhand ſo fuͤhl⸗ bar an den hochrothen Naſen voruͤberfuhr, daß ſie vor Schreck zuruͤckprallten und ein halbes Dutzend hinter ihnen ſtehende neugierige Spießbuͤrger um⸗ ſtießen, die von dem Laͤrm gelockt, mit langen Haͤlſen und aufgeriſſenen Maͤulern nach der Straße gafften. 1 Draußen rumorte es unterdeß noch viel aͤrger. Der wilde Reiter war fortgehetzt, ein Trupp An⸗ derer aber an ſeine Stelle gekommen; die ſaßen ab, leiteten ihre Roſſe in den Stall, packten die Ruͤſtwagen ab, trugen Koffer ins Haus und ſan⸗ gen und trallaten, daß es eine Art hatte. Stoͤpſel war der Erſte, der ſich wieder erholte; aber faſt waͤr' er vor Entſetzen von Neuem um⸗ — 297— gefallen, als er bemerkte, welch anſehnlichen Zu⸗ wachs ſeine Naſe erhalten hatte. Wie der Ruͤſ⸗ ſel eines Elephanten dehnte ſie ſich zu ellenlanger Laͤnge und in der ganzen Natur gab es keine, die ihr den Rang der Groͤße ſtreitig machen konnte, als die von Peter Holzkopf, dem Ungluͤcksgefaͤhr⸗ ten des Einhornwirths. 10. Ganz Steinbach lief am andern Morgen zu⸗ ſammen, um das ungeheure Wunder zu ſehen, welches ſich mit den Riechorganen von ein Paar Menſchen zugetragen hatte, die Keiner leiden konnte, in maaßen beide gar patzige Geſellen waren, und der Doktor und der Chirurgus des Ortes zerbra⸗ chen ſich umſonſt die Koͤpfe, wie dieſer Uebelſtand zu heben ſey, der den Wirth und ſeinen lieben Kumpan zu wahren Ungethuͤmen machte. Daß uͤbrigens aus der feſtgeſetzten Hochzeit fuͤr dieſen Tag nichts wurde und die dazu gelade⸗ nen Gaͤſte von auswaͤrts mit eben ſo langen Na⸗ ſen abzogen, wie die des holden Braͤutigams und des Einhornwirths waren, laͤßt ſich denken, und gleichfalls, daß Niemand hieruͤber froher war denn Aennchen, obwohl es ihrem kindlichen Herzen ſehr weh that, Vater Stoͤpſeln ſo verunſtaltet zu ſehen, der ſich die Sache dermaßen zu Gemuͤth zog, daß er binnen wenig Wochen zuſammenſchnurrte wie X — 298— ein lederner Sack, alſo, daß zu befuͤrchten ſtand, es werde am Ende nichts von ihm uͤbrig bleiben, als die ungeheure Naſe, die im reinen Gegenſatz zu den andern Gliedern ſeines Koͤrpers eher zu⸗, als abzunehmen ſchien.. Die Fremden aber, welche an jenem Schick⸗ ſalsabend ins Haus gezogen waren mit Laͤrm und Gepaͤck, lagen noch daſelbſt auf der Zeche, aßen und tranken, daß es eine Art war, lebten herr⸗ lich und in Freuden, und— zahlten fuͤrſtlich; ein Umſtand, der allein noch Hans Stoͤpſels zersniuichis Seele aufrecht hielt. Jetzt nahte endlich— der Mond hatte ſich wieder geruͤndet, und viel Geld war bereits ohne Erfolg vom Wirth verquackſalbert worden— die Erloͤſungsſtunde; denn, als eines Tages eben der Doktor und der Barbier wieder eine gelehrte Zu⸗ ſammenkunft wegen des monſtruoſen Auswuchſes gehalten, und netto zum funfzigſten Male mit wichtiger Miene entſchieden hatten, es ſey keine Huͤlfe— da trat der wohlbekannte Herr Paul Graurock ins Zimmer und ſprach:„'s ſteht nur bei Euch, Meiſter Hans, Eure Noth zu enden.“ Und wie der Angeredete aufhorchte und, ganz de⸗ muͤthig geworden, fragte:„Wie das?“— da fuhr Grauroͤckchen fort:„Wenn Ihr Euren ver⸗ dammten Spießgeſellen Peter Holzkopf fahren laßt, und meinen Vetter—“ * — 299— „Den— Lumpen?“ wollte Stoͤpſel hervor⸗ ſtoßen; ſchnell aber ſich beſinnend ſagte er:„Den Herrn von neulich, der mich—— 1 A „Nichtig, der Euch noch zehn Dickthaler ſchul⸗ dig, die er aber abtragen wied mit reichen Zinſen.“ „Hm, Hm,“ brummte der Wirth,„wenn ich wuͤßte——“ i9t „So wie Ihr Ja ſagt,“ entgegnete Grauroͤck⸗ chen;„ſonſt aber bleibts mit der Naſe, wie's iſt.“ Dies wirkte.„Na, es ſey!“ ſeufzte Stoͤpſel, und herein fuͤhrte nun Grauroͤckchen ſeinen Schuͤtz⸗ ling Ignatz, und der Alte hatte kaum, noch immer etwas zoͤgernd, die Hand von Schoͤn⸗Aennchen in die ihres Lieblings gelegt, ſiehe! da entſchwand zu Aller Erſtaunen Meiſter Hanſens ungeheurer Auswuchs, und mit ihm zugleich Grauroͤckchen, der Bergherr aus dem Wasgau⸗Gebirge, der oft ſchon und auch diesmal wieder, bedraͤngter Liebe ſich angenommen und manchen loſen Schwank, wovon die Leute in dortigen Gegenden viel zu er⸗ zaͤhlen wiſſen, ausgefuͤhrt hatte. Es wurde aber nun Aennchen Ignatzens bra⸗ ves Weib, und Meiſter Stoͤpſel ſich des Gluͤcks ſeiner Kinder noch lange erfreuend, ſegnete oft noch die Stunde, wo Grauroͤckchen mit dem vor⸗ geblichen Vetter bei ihm eingekehrt war; denn reiche Habe hatte der Bergherr dem jungen Me ne — 300— geſchenkt, und war Alles nur Hochzeitsangebinde, was auf jenen Wagen am bewußten Abende im Einhorn ankam. Ob Peter Holzkopf durch Huͤlfe des Bergherrn gleichfalls ſeinen Ruͤſſel wieder verloren, oder ob er ihn herumſchleppen mußte bis ans Grab, da⸗ von ſagt unſere Chronik, aus welcher wir dieſe wahrhafte Geſchichte entlehnt haben, nichts. V. 8₰ — — — — — — = & 1. „Aus dem kaiſerlichen Steigbuͤgel,“ heißt es am Schluſſe der Befehle, welche der Großherr giebt, und ich, obſchon weder Kaiſer noch Sultan, ſage gleichfalls zu Euch, Herr Martin Zapf, aus mei⸗ nem Steigbuͤgel, daß es Euch theuer ſoll zu ſte⸗ hen kommen, wofern Ihr Euch nicht beſſert und kuͤnftig ſchicklichere Atzung fuͤr Menſchen und Vieh, in Eurem verdammten Rauchloch, faͤlſchlich Gaſt⸗ haus genannt, anſchafft.“ Miit dieſen Worten ſchwang ſich eine lange duͤrre Geſtalt mit ſtolzer Haltung auf den duͤrr⸗ ſten Schimmel, der je deutſchen Boden betrat, ſetzte dem weißen Knochengerippe ein Paar Pfund⸗ Sporen in die hohlen Seiten und trabte dann den Weg nach W... zu, waͤhrend der Wirth zur froͤhlichen Einkehr wohlbehaglich unter dem Thor ſeines„Rauchloch“ betitelten Gaſthauſes ſtand, ſich mit beiden Haͤnden den dicken Bauch hielt, und dem„Hungerleider mit dem vierbeinigen Ge⸗ — 302— ſpenſt“ einige Volksſcherze zur Eatgegnung hin⸗ ten nach ſandte. „Eine ſeltſame Figur, dieſer Reiter,“ ſprach Franz Feldmann, ein anderer Reiſender, der, wie er vorgab, Geſchaͤfte halber, die er in der Um⸗ gegend zu verrichten habe, ſich ſeit einigen Tagen zur froͤhlichen Einkehr aufhielt, und Martin Zapf erwiederte darauf: „Und ein noch ſeltſamerer Kauz dazu, Herr Feldmann. O, von dem koͤnnte ich Ihnen Ge⸗ ſchichten erzaͤhlen, ſo lang, ſo lang wie— wie—“ „Wie die von Ihrer Unterredung mit dem General Cuͤſtine, nicht wahr, Herr Wirth?“ fragte ſchelmiſch der Reiſende den Gaſthalter, deſſen ſchwache Seite es war, allen bei ihm Einkehren⸗ den die merkwuͤrdige Periode ſeines Lebens mitzu⸗ theilen, wo ein Trupp Neufranken zum erſten niß für Male bei ihm eingekehrt und dieſes Ereign 1 den dicken Meiſter Zapf gewiß ſehr unerf uuch geworden ſeyn wuͤrde, haͤtte nicht der Zufall ihren damaligen Befehlshaber in demſelben Augenb lick voruͤberreiten laſſen, als ſie eben in Begriff ſtan⸗ den, in dem ziemlich einſam liegenden Wirthshauſe das Unterſte zu oberſt zu kehren. Wie der Gene⸗ ral nun alsbald dem Unweſen Einhalt gethan, auch ſelbſt abgeſtiegen und ein Schoͤpplein von des Gaſtgebers Beſtem getrunken, und dabei ſich mit demſelben in einem Miſchmaſch von Franzoͤ⸗ ſiſch — 305— ſiſch und Deutſch unterhalten, dies, benebſt man⸗ cher dazu gehoͤrigen Epiſode von fluchenden Chaſ⸗ ſeuren, diebiſchen Marketendern und dergleichen mehr, wuͤrde Herr Franz Feldmann zweifelsohne jetzt ſogleich zum ſechſten Male gehoͤrt haben, wie er es bereits ſeit ſeiner fuͤnftaͤgigen Anweſenheit fuͤnfmal hoͤrte, waͤre nicht zu ſeinem Gluͤck ein hochbepackter Reiſewagen dahergerollt gekommen, der juſt als waͤr es kunſtreich ſo veranſtaltet worden, gerade vor Meiſter Zapfs Thuͤre ſich ſanft auf die Seite neigte, worauf denn in ſeinem Innern ein ſehr vernehmliches Geſchrei um Hilfe ſich erhob. 2. Mieſſter Zapf und Franz Feldmann ſprangen ſogleich hinzu; unter ihrem und dem Beiſtande von ein paar Kellnern und Dienſtleuten gelang es ſchnell, den Inhalt des umgelegten Wagens zu befreien;z an ein Weiterkommen mit dem zerbro⸗ che en Fuhrwerk war aber, laut Verſicherung des herbeigeeitten Schmidts, unter zweimal vier und zwanzig Stunden nicht zu denken. „Was wird der Onkel ſagen!“ ſeufzte bei dieſem Ausſpruche eine alte Donna, die unter der vertrockneten und gelbgewordenen Geſtalt einer ehe⸗ maligen Gouvernante, als Wacht und Schutz neben ein paar hold erbluͤhenden Geſtalten ſtand, 20 — 306— deren Eine, aͤlteſte und lebhafteſte, ſo eben mit freundlichen Worten und eben ſolchen Blicken dem jungen Franz Feldmann fuͤr die Muͤhe dankte, welche er angewendet hatte, ſie und die Ihrigen aus dem umgeſtuͤrzten Kaͤficht zu befreien, waͤh⸗ rend die Andere mit zu Boden geſenkten Augen jedes Mal erroͤthete, ſo oft der fuͤr ſeine Muͤhe von der dreiſteren Schweſter Belobte, ſie anredete oder anblickte. „Wenn nur,“ fuhr die Alte fort, deren Seuf⸗ zen nach dem Onkel von den ſaͤmmtlichen Perſo⸗ nen dieſer Gruppe nicht beachtet worden war: „wenn nur unſer Freund Herr Nepomuk Edler von Schwanenfuß noch bei uns waͤre, ſo wuͤrde uns gewiß bald geholfen ſeyn, denn bride à bas wuͤrde er nach der Stadt ſprengen und——“ „Halten's nicht vor ungut,“ fiel hier der Wirth zur fröhlichen Einkehr ein, der von ſeiner Unter⸗ haltung mit dem Generale Cuͤſtine und deſſen Chaſ⸗ ſeuren her noch ſo viel Franzoͤſiſch behalten hatte, um zu wiſſen, was bride à bas hieß;„ſo ſchnell wuͤrde es mit dem edlen Herrn von Schwanenfuß nicht gegangen ſeyn, denn wie mir dieſer werthe Gaſt bezeugen kann, der ihn erſt vor einer Vier⸗ telſtunde von hier fortreiten ſah, ſo iſt ein Faß Hochheimer gegen einen Krug Waſſer zu ſetzen, daß er mit ſeinem Schimmel nicht ſchneller fort⸗ kommt, wie der lahme Paul, welches gehorſamſt 1 7 — 307— zu melden, der gnaͤdigen Herrſchaft Laufer und das ehrlichſte Blut im ganzen Umkreiſe iſt.“ Fraͤulein Thusnelda von Krauthoff— ſo nannte ſich die Begleiterinn der beiden jungen Damen, die noch immer mit den zum Zeugen aufgerufenen Franz Feldmann converſirten, hatte des ehrlichen Meiſter Zapf Rede nur bis dahin vernommen, wo er von der eben ſtattgefundenen Anweſenheit des edlen Herrn von Schwanenfuß ſprach, und alles andere uͤberhoͤrend rief ſie ſchnell aus: „Wenn das, um Gott! lieber Mann, ſo ſen⸗ det doch geſchwind einen fliegenden Boten nache daß er zuruͤckeile und helfe.“ „Fliegender Bote?“ murmelte der Wirth;„hm, die haben wir hier nicht, aber Hans, der Haus⸗ knecht ſoll nach, und ich ſtehe dafuͤr, in einer hal⸗ ben Stunde bringt er ihn zuruͤck. Belieben die Herrſchaften nur einſtweilen in's Haus zu treten; Zimmer und Alles iſt ſtets bereit, und es hat noch Niemand ſagen koͤnnen, er ſey zur froͤhlichen Ein⸗ kehr ſchlecht aufgenommen worden.“ Mit berechneter Artigkeit bot Franz Fadmann der uͤber dieſes Zuvorkommen hoͤchlich geſchmeichel⸗ ten Thusnelda den Arm, um ſie gluͤcklich zwiſchen einigen Pfuͤtzen und Paͤckereien, die vor dem Ein⸗ gange des beruͤhmten Gaſthauſes lagen, durchzu⸗ lootſen, und Meiſter Martin Zapf eilte, ſo ſehr es ſeine Corpulenz erlaubte, voraus, theils die 20* — 30s— beſten Zimmer ſeines Hauſes zu oͤffnen, theils Hans, den Hausknecht, als fliegenden Boten dem Ritter mit dem duͤrren Schimmel nachzuſenden. B⸗. Waͤre der edle und tapfere Nepomuk von Schwa⸗ nenfuß, welcher, wie unſern Leſern bereits wird klar geworden ſeyn, Niemand anders war wie der, Eingangs dieſer Erzaͤhlung eingefuͤhrte, lange und hagere Reiſende, der in der ganzen Gegend von der profanen Menge gewoͤhnlich nur ſchlechtiweg der lange Krippenritter genannt wurde— waͤre dieſes getreue Nachbild des Helden von Mancha, auf geradem, ſich erſt vorgeſetztem Wege geblieben, ſo leidet es keinen Zweifel, daß der ſogenannte flie⸗ gende Bote ihn binnen kurzem eingeholt haben wuͤrde: ſo aber, da dem Reiter und ſeinem Roß bald nach dem Abmarſch aus dem Gaſthauſe ein Abentheuer begegnete, ereignete es ſich, daß Mei⸗ ſter Zapfs Verſicherung zu Schanden, und Fraͤu⸗ lein Thusnelda's Hoffnung eine Ferne wurde. Der Krippenreiter war naͤmlich kaum vierhun⸗ dert Schritte weit bis in den nahen Wald gekom⸗ men, als ein Zug Wanderer ſeine und ſeiner Ro⸗ ſinante Aufmerkſamkeit im hoͤchſten Grade erregte. Voran ſchritt ein alter dicker Mann in einem roth und ſchwarz geſtreiften Pluͤſchrock, auf dem Kopf eine ungeheure Alongenperruͤcke, daruͤber ein 1 — 309— gleichſchenkeliges Dreieck mit goldenen Treſſen be⸗ ſetzt, tragend. In der Hand hielt er einen unge⸗ heuren Knotenſtab; ein weißbeſcheideter Degen fuhr ihm alle Augenblicke zwiſchen die beſchuhten und blaubeſtrumpften Beine, und zwei raſſelnde Uhrket⸗ ten von Stahl, mit zahlloſen Berlocken verſehen, lenkten durch ihr Geklirr und ihren Glanz die Blicke auf die gelben Moiree⸗Beinkleider und die ſeladonfarbene geſtickte Weſte. Ihm folgten auf dem Fuß zwei Geſtalten, deren Geſchlecht wie menſchliche Natur, beim erſten Anblick zweifelhaft blieb. Baretts mit wogenden Federn, Schwer⸗ ter an der Seite und Dolche im Guͤrtel, ſchienen ſie zu Theilhabern des Starken zu machen, lange Weiberroͤcke, die ihre Huͤften umfloſſen, große Tuͤ⸗ cher, die ihre Schultern umflatterten, gaben ihnen dagegen gewiſſermaßen Anſpruch auf die Vorrechte des Schoͤnen; durch den rieſigen Bau ihrer Glie⸗ der erinnerten ſie aber wieder an die Schickſals⸗ ſchweſtern, welche dem tapfern Makbeth und Banko einſt auf der Haide von Forries erſchienen, und da unmittelbar dieſen verwunderlichen Weſen zwei andere nachtraten, deren Aeußeres faſt noch un⸗ heimlicher war und die, Kraft um ſich gewickelter Felle und langer Baͤrte, mehr den Daͤmonen der Wildniß, wie Abkoͤmmlingen der Menſchen aͤhnel⸗ ten: ſo ſtand unſer Ritter nicht laͤnger an den ganzen Zug, der außer den beſchriebenen noch aus — 310— einer Menge anderer auffallender Figuren beiderlei Geſchlechts und verſchiedenen Alters zuſammenge⸗ ſetzt war, fuͤr eine Rotte zu halten, die, durch irgend einen Zauber der Feſſeln entledigt, welche ſie an den Abgrund kettete, nun herausgeſtiegen war, um die Lebenden zu ſchrecken. Und weil nun, trotz der Entartung der Zeit, die, wie von vielen Neupoeten behauptet wird, uͤber revolutio⸗ nairem Streben die Biederkeit des ſchoͤnen Mittel⸗ alters ſoll verloren haben— noch aͤcht ritterliches Blut ſo gut wie des beruͤhmten Don Quipotte ſeines, in den Adern des Edlen von Schwa⸗ nenfuß rollte, ſo zoͤgerte er nicht, jetzt das, was er ſo oft im Wort geprieſen, durch die That moͤg⸗ lichſt zu bekraͤftigen. Leider aber traf bei ihm die Wahrheit des al⸗ ten Spruchs von der Willigkeit des Geiſtes und der Schwaͤche des Fleiſches ein, denn obſchon er mit gewaltigen Stoͤßen die Flanken ſeines Roſſes bearbeitete, blos in der Abſicht, um es in eine Art von Galopp zu bringen, als in welcher Be⸗ wegungsart die edlen Degen des Mittelalters ihre Feinde zu attaquiren pflegten, und obſchon er mit drohender Geberde und eben ſolchen Worten an dem ungeheuren Haudegen zog, welcher an ſeiner Seite herabhing; ſo wollte ihm doch beides nicht gelingen. Das Ritterroß bezeigte ein ſo widerſpen⸗ ſtiges Gemuͤth, als waͤr es von den Grundſaͤtzen — 311— ſtatt zu galloppiren, und der Ritterdegen, nicht ge⸗ braucht ſeit Tillys Niederlage am Lech, wankte und wich nicht aus ſeiner Scheide.*). des boͤſen Zeitgeiſtes angeſteckt, und blieb ſtehen, Der Himmel mag wiſſen, wie lange der neue Don Quixotte ſich und ſeinen Gaul noch wuͤrde zerarbeitet haben, haͤtte nicht eine jener merkwuͤr⸗ digen Geſtalten, die weder Mann noch Weib war, und unterdeſſen mit den Andern ſich in einen Kreis um den Krippenreiter geſtellt hatten, den Einfall gehabt, die herausfordernden Bewegungen unſers. Ritters nach zu machen. Was Sporen und Ruf bis jetzt nicht gelungen war, brachte dies Manoͤuvre zu Stande. Der Schimmel, entſetzt ob dem Rau⸗ ſchen der Gewaͤnder und dem grotesken Anblick *) Warum das Ritterroß ſich ſo revolutionaͤr zeigte, und den nachdruͤcklichen Befehlen ſeines edlen Herrn nicht Folge leiſtete? koͤnnen wir, die wir nicht Ritter ſind, nicht ſagen. Vielleicht vermag aber Herr v.—— der in einem ſeiner neueſten poetiſchen Erzeugniſſe ſo viel von„edlen Roſ⸗ ſesherzen“ zu erzaͤhlen weiß, dies eben ſo 4 gruͤndlich und genuͤgend zu erklaͤren, wie in dem vortrefflichen Werke:„Wahrheit und Luͤge“ geiſtreich, neu und genuͤgend dargethan iſt, war⸗ um der edle Kaͤmpe La Roche Jacquelin im Vendeekrieg nicht ſiegte, naͤmlich(man ſtaune!) blos darum weil er einen Huſarenſaͤbel, und kein Ritterſchwert ſcwang.——— — 312— des langen Shawls, prallte zuruͤck; ein gellender Schrei durchſchnitt die Luft, der Edle von Schwa⸗ nenfuß verlor die Balance, und mit einer Schnel⸗ ligkeit wie ſeit zwanzig Jahren nicht, ſetzte das Ritterroß, herrenlos geworden in ſo wilden Spruͤn⸗ gen, daß ihm alle Gebeine klapperten, durch das Dickigt dahin. Ein ſchallendes Gelaͤchter, dem Ohr des Rit⸗ ters zutoͤnend wie der Wiederhall der Hoͤlle, er⸗ ſcholl aber rings umher, und die Fluͤche des von dem Ruͤckſprung des Schimmels zu Boden geriſ⸗ ſenen dicken Fuͤhrers der raͤthſelhaften Bande, ver⸗ miſchten ſich kreiſchend mit dem infernaliſchen Lachchor. 4. Julie Hoffeldt, die reizende und lebensluſtige Wittwe des alten Banquier Hoffeldt, den der Him⸗ mel zu ihrem und vieler andern Menſchen Troſt, nach einem Eheſtand von netto ſechs Wochen von des Lebens Muͤhen und ſeinen gefuͤllten Kaſſen abgerufen hatte, ſaß noch mit ihrer Schweſter Ag⸗ nes, dem tugendſamen Fraͤulein Thusnelda, und dem jungen Franz Feldmann in der froͤhlichen Ein⸗ kehr, harrend des Boten, ſo Thusnelda ausgeſen⸗ det hatte nach dem Freunde ihrer Bluͤthenzeit, und ſich einſtweilen mit dem jungen und galanten Mann recht angenehm unterhaltend, als ein Figuͤrchen — 313— ins Zimmer trat, das kaum vier Fuß war und uͤber und uͤber wie der Laden eines Droguiſten roch.„Vernommen hab' ich“— begann der Duf⸗ tende und nahte ſich Julien—„durch Hans, den Bauertoͤlpel, welch grauſiges Geſchick ſich mit dem Wagen und den Damen hier zugetragen, und ſchon unterwegs, um der Krone ihres Geſchlechts die Huldigungen zu bringen, die ihr mein Herz mit ſeltener Treue zollt, befahl ich meinem George zu⸗ zufahren, und bin nun hier dem Seraph in Men⸗ ſchengeſtalt“—— „Laſſen Sie das, Herr von Qualm,“ erwie⸗ derte mehr unwillig als uͤberraſcht die ſchoͤne Wittwe; „Sie wiſſen, ich liebe dergleichen Redensarten nicht, und wuͤnſche, ſo wie meine Schweſter und Be⸗ gleiterinn(hier zeigte ſie auf die in heftigen und tiefen Knixen ſich erſchoͤpfende Thusnelda) viel lieber zu erfahren, wie es mit dem Onkel ſteht, als welchen Zoll mir Ihr Herz bringt.“ „Grauſame!“ ſeufzte der Mann von Ambra; „mein Elend iſt groß. Was Sie zu wiſſen be⸗ gehren, vermag ich nicht zu ſagen, und was ich allein zu ſagen vermag, wollen Sie nicht hoͤren.“ „So iſt es, Herr von Qualm,“ entgegnete Julie mit einem Ernſt, der den edlen Zuͤgen ihres Geſichts einen neuen Reiz verlieh, und der Abge⸗ wieſene fand fuͤr gut, den Kummer, welcher ſeine Bruſt, wie er behauptete, durchwuͤhlte, in einigen — 314— . ſchallenden Seufzern Luft zu machen, waͤhrend er vor dem Spiegel bemuͤht war, durch fleißiges Umruͤhren die in Unordnung gerathenen Locken ſei⸗ nes Hauptes zu ordnen. — 3. „Da muß doch die Hoͤlle platzen!“ ſprach, ins Zimmer ſich hineinſchiebend, der Wirth zur froͤh⸗ lichen Einkehr, und als Alle ihn erſtaunt und fragend anſahen, fuhr er fort: „Der arme Mann! die ehrliche Seele! wer haͤtte ſich das denken koͤnnen, als er heut' Vor⸗ mittag hier vor der Thuͤr noch mit mir ſprach!—— Und das vermaledeite Zeug, welches ſeinen Tod herbeifuͤhrte, Komoͤdianten, luftiges Geſindel, Zi⸗ geuner, weiß der Himmel, was alles ſonſt— ach gnaͤdiges Fraͤulein! ach lieber Herr Feldmann! es ſchmerzt mich doch, wenn ſchon er nie viel ver⸗ zehrte, und noch ſeltener bezahlte.“ So lamentirte Meiſter Zapf ein feines Weil⸗ chen, eh' die Geſellſchaft in einigem Zuſammen⸗ hange von ihm vernahm, daß Hans, der fliegende Bote, ſo eben mit der Trauerpoſt gekommen ſey, wie der Edle von Schwanenfuß im nahen Walde von reiſenden Komoͤdianten, die ſich als Raͤuber verkleidet, oder von Raͤubern, die ſich als Komoͤ⸗ dianten angethan, ſchaͤndlich ermordet worden, und — 315— wie man bereits den Hauptmann der Bande und den Schimmel des Ermordeten, als welche beide am Schlechteſten zu Fuß geweſen, ergriffen und eingefuͤhrt habe, dem uͤbrigen Geſindel aber durch bewaffnete Bauern und allerlei Polizei⸗Anhang nachgeſetzt werde.„Moͤchte nur wiſſen,“ ſo ſchloß der Referent ſeinen oft unterbrochenen Bericht— „was die gottloſe Nation gedacht hat, bei dem ehr⸗ lichen Krippenreiter zu finden? Geld hat er ſein Lebelang nicht gehabt, und fuͤr ſeine ganze Equi⸗ page gab kein Jude einen Gulden.“ Die Aufmerkſamkeit, welche man bisher der Erzaͤhlung des Wirths geſchenkt, hatte die beiden jungen Damen und Feldmann verhindert, die Ein⸗ drücke zu beobachten, welche dieſe tragiſchen Nach⸗ richten auf Fraͤulein Thusnelda und den duften⸗ den Petitmaitre hervorbrachten; jetzt aber, da Er⸗ ſtere, nachdem ſie Alles gehoͤrig vernommen, es fuͤr Zeit hielt, mit einem:„ Ah Ciel!“ in Ohn⸗ macht zu ſinken, der Andere aber wie beſeſſen mit dem Ausrufe:„So iſt alles verloren!“ zur Thuͤr hinausſtuͤrzte, wandte ſich die Aufmerkſam⸗ keit wieder auf Beide, und Feldmann ging mehr von Neugier, wie von Mitleid getrieben, den Davon⸗ eilenden nach, waͤhrend die Damen ihrer alten Ge⸗ faͤhrtinn mit Eſſenzen und dergleichen zu Huͤlfe kamen. — 316— 6. „Sie ſehen“— ſprach Qualm zu Feldmann, nachdem ihn dieſer eingeholt, und um die Urſache ſeines Schmerzensausrufes gefragt hatte—„Sie ſehen in mir den ungluͤcklichſten der Erdenſoͤhne, das miſerabelſte Weſen zwiſchen Himmel und Erde. Tantals Loos iſt gegen das meine ein Spaß, und Ixions Geſchick gegen das mich verfolgende Schick⸗ ſal eine Kleinigkeit. Seit Jahr und Tag— be⸗ denken Sie dieſe Ewigkeit der Schmerzen!— bete ich die ſproͤde Schoͤne, genannt Julie Hoffeldt an. Kein Opfer iſt mir fuͤr ſie zu groß, keines, was ich, der Mann von Geburt, ihren Reizen, die kein Stammbaum ziert, nicht bereit war, und noch bereit bin zum Opfer zu bringen. Sie ſa⸗ hen ſelbſt, wie ſie mich aufnahm, und werden meine Haltung bewundert haben. Ach, mein Herr! mir blieb noch ein Troſt, noch eine Hoffnung! mais à présent, c'est tout fini.— Was all mein Seufzen, all mein Sehnen, Die Stroͤme von vergoßnen Thraͤnen, kurz, Herr, was das ganze Arſenal meiner zaͤrtli⸗ chen Bewerbungen bisher nicht vermochte, das ver⸗ ſprach ich mir von einem gluͤcklichen Linfin⸗ der mir nun O Schickſal, herb' und bitter! O Tag voll Nacht und Graus! — 317— durch den Tod eines vermaledeiten Hungerleiders gaͤnzlich zu Schanden worden iſt.“ „ Drei Stunden von hier liegt mein Gut; hart daneben das von dem Oheim meiner Schoͤnen, einem alten Eiſenfreſſer, der jetzt, vom Zipperlein geplagt, die Nemeſis kennen lernt. Auf den Be⸗ ſuch, welcher ihm zugedacht, baute ich meinen Plan. Langeweile wird ſie, muß ſie in dem al⸗ ten Eulenneſte des muͤrriſchen Iſegrimms haben; mein Schloß ſollte fuͤr ſie die rettende Oaſe in dieſem Sandmeere duͤrrer Wirklichkeit ſeyn. Was habe ich deswegen ſeit vier Wochen Alles gethan! Kein Schlaf kam in meine Augen, keine Ruhe in mein raſtloſes Gebein! Ein Eldorado ſchuf ich, und nun! Ohel ich bin der elendeſte der Men⸗ ſchen!——“ Mit ſo viel Ernſt, wie ihm in dieſem Augen⸗ blicke moͤglich war, bat Feldmann den Verzweifel⸗ ten ihm alles mitzutheilen, und das Maͤnnchen von vier Fuß fuhr fort: „—— Glaͤnzend lag Vor mir ein neuer, ſe ſchoͤner Tag,“ der Hoffnung und Erwartung naͤmlich, wie Sie denken koͤnnen; jetzt urtheilen Sie ſelbſt uͤber mein fatales Vatum⸗ Nicodemus Ruͤpel, einſt Jude und reich ge⸗ worden durch Lieferungen oder vielmehr durch das, * — 3418— was er nicht geliefert hatte, dann Tiſchgaͤnger beim Koͤnig Faro und dadurch wieder am Ende ein armer Schlucker, zuletzt aus Noth Vorſteher eines Kunſtinſtituts, Theater genannt— bei wel⸗ chen Inſtituten, wie Sie wiſſen werden, die Kunſt meiſt negativ zur Anſchauung gebracht wird,— dieſer Ruͤpel alſo, mir bekannt ſeit der„ Kindheit fabelhaften Tagen“ laͤuft mir, als ich eben in der Stadt bin, um noch Einiges einzukaufen, zu meinem Gluͤck dacht' ich, ach! jetzt ſag' ich, zu meinem Ungluͤck, in die Haͤnde und ich— o mi⸗ sere me! haͤtt' ich ihn doch nimmer geſehen! ich bin ſo wahnſinnig ſogleich den Gedanken zu faſ⸗ ſen, ihn nebſt ſeinem ungeſchlachten Anhange auf einige Wochen in mein Schloß zu laden. War⸗. um? werden Sie errathen koͤnnen. Meiner Goͤt⸗ tinn wollte ich die Freuden der Reſidenz auf das einſame Land zaubern, die hohen Gebilde myſti⸗ ſcher Poetik kunſtreich gefaßt in ſchwarze Schick⸗ ſalsrahmen, den ſuͤßen Klingklang und die anmu⸗ thigen Trommelmodulationen Roſſini's, das Trom⸗ petengefluͤſter von Spontini, die heiteren Zweideu⸗ tigkeiten der C.. ſchen Muſe, kurz alles, was die mit Kunſt und Poeſie ſo reich begabte Gegen⸗ wart nur Hohes und Hehres hat, ſollte ihr von „den ſchickſalsvollen Bretern,“ die ich, wohl zu merken, in eitter Scheune ge⸗ dachte aufrichten zu laſſen, entgegenkommen. Aus — — — 319— all dem wird nun nichts, ich aber am Ende noch der miſerabele Gefaͤhrte des gottloſen Nikodemus Ruͤpel im Kerker werden, denn „Verdacht iſt eine giftgeſchwollne Hyder Aunwachſend ſchnell wie Unkraut auf der Flur.““ „ Jeder Menſch hat ſeine Feinde, lieber Freund, das koͤnnen Sie mir glauben. Ueber'm Fluſſe, dort am Walde, wohnt der Lieutenant Knall; wir waren einſt Pagen zuſammen bei'm Hoͤchſtſe⸗ ligen. Ich ließ mir an einem Gallatage geluͤſten der alten Oberhofmeiſterinn— es war eine wider⸗ liche Perſon, ſie zankte und biß in einem fort— den Pompadour, in welchem ſie ihre Doſe ſtets trug, wegzuſtipitzen, um ihn mit einigen Maͤuſen verſehen, ihr wieder zuzuſchanzen. Das Unterneh⸗ men gelang vortrefflich. Die Sybille merkte nicht eher was von dem Streich, bis ſie Sereniſſimus gegenuͤber nach dem Doͤschen griff. Sie fiel in Ohnmacht, denn ſie konnte das behende Viehzeug nicht leiden; Sereniſſimus, der auch kein Maͤuſe⸗ held war, prallte zuruͤck, als die kleinen Beſtien an ihm voruͤberfuhren, ein Tiſch mit einem pracht⸗ vollen Theeſervice ward umgeſchmiſſen, der Favo⸗ rite der Schoos verbruͤht, das Windſpiel brach ein Bein, zwei Kammerherren verloren im Gedraͤnge den Haarbeutel, ſechs Damen mußten Ader laſſen, von wegen der vielen Stoͤße, die ſie erhalten hat⸗ ten. So lange die Reſidenz ſtand, war kein ſol⸗ 1 — 320— ches Scandal geweſen. Sereniſſimus befahl die ſtrengſte Unterſuchung. Ein eigenes Tribunal wurde wegen der Maͤuſeumtriebe niedergeſetzt; mir war gruͤn und gelb vor Angſt. Knall befand ſich, wie die Unterſuchung anhob, nicht mehr im Lande. Er iſt Auslaͤnder, was konnte man ihm thun? Als man anfing zu munkeln, der von Qualm ſey wohl der Anſtifter geweſen, faßte ich mir ein Herz; ich munkelte wieder und eh noch drei Tage ver⸗ gingen, war die Sache vorbei; von Knall wurde aus der Liſte der Pagen geſtrichen, ich ſtand ge⸗ rechtfertigt da.“ Mit unwilligen Blicken wandte ſich Feldmann von dem Sprecher, dieſer, ohne ſich irre machen zu laſſen, fuhr fort: Vergeben konnte mirs der Knall nie, obſchon ich ihm eigentlich keinen Schaden gethan hatte, denn er wollte doch den Dienſt verlaſſen. Ach, wenn er jetzt hoͤrt, daß Nicodemus Ruͤpel, der Teufelsabbiß, ein Moͤrder und Straßenraͤuber ge⸗ worden, und nur gleichſam zum Schein mit ſei⸗ nen Spießgeſellen Komoͤdianterei treibt, ſo bin ich verloren. Er wird mich des Einverſtaͤndniſſes mit ihnen beſchuldigen, vielleicht gar unter die Leute bringen, ich haͤtte die Buſchklepper gedungen, mei⸗ nen alten Gegner, den Schwanenfuß, aus der Welt zu ſchaffen, man wird ihm glauben, mich einzie⸗ 1— 321— einziehen, meine Ehre, mein Wappen, meine Reputation wird beſchimpft werden. Ach! und ich Aermſter werde vielleicht, in meinen Zimmern bewacht, aus meinen Fenſtern mit meinen eigenen Auzen ſehen koͤnnen, wie Knall, der ein gewalti⸗ ger Maͤdchenjaͤger iſt, mit meiner Angebeteten durch Garten, Wieſ' und Flur ſpazieren geht.“ „Das ſoll er wohl bleiben laſſen!“ rief Feld⸗ mann haſtig aus,„und Sie dazu, mein Herr von Qualm,“ und erſchrocken uͤber die Wildheit, mit welcher der junge Mann dieſe Worte hervor⸗ ſtieß, ſprang der Moſchus⸗ und Ambra⸗Duftende ein paar Schritte zuruͤck, waͤhrend der Andere ſich umdrehte, und ihn keines Blickes weiter wuͤrdigte. 1 7. Faſt ſchien es, als wollte des beklommenen Herrn von Qualm boͤſe Ahnung in Erfuͤllung gehn. Zwar war der Edte von Schwanenfuß nicht todt, wie wir unſern mitleidigen Leſern zur Beruhigung verſichern koͤnnen, aber das beſſerte des ungluͤckli⸗ chen Liebhabers Sache keinesweges; denn außer ihm ſelbſt war auch der Krippenreiter auf den Gedanken gekommen, es koͤnne wohl Zuſammen⸗ hang zwiſchen dem tragi⸗komiſchen Unfall, den er erlitten, und den Wuͤnſchen des uͤberlaͤſtigen Freiers in Betracht auf ihn Statt finden, und der Kreisrichter, dem dieſe Vermuthung vorgetra⸗ 21. gen ward, fand ſie ſo einleuchtend, daß er nicht anſtand, deswegen das ihm noͤthig Scheinende zu verfuͤgen. 8s Gi Ehe jedoch die ſchwerfaͤlligen Maßregeln noch in voͤlligen Gang kamen, aͤnderte ſich die Scene, und der geaͤngſtete Qualm ſah ſich von all ſeiner Furcht, zugleich aber auch von all ſeiner Hoffnung befreit. Der junge Mann, den wir hier unter dem Namen Franz Feldmann haben kennen lernen, kannte die reizende Wittwe, zu deren Unterhaltung der galante Qualm ſo viele Anſtalten getroffen hatte, ſchon laͤngſt, obſchon ihm ſelbſt das Gluͤck, von ihr wiedererkannt zu werden, nicht ward. Als der Sohn eines genauen Freundes von ihrem On⸗ kel, hatte er Julien vor ihrer Verheirathung oft⸗ mals geſehen, ſie damals ſchon liebgewonnen, aber zu jener Zeit keine Hoffnung habend, ſeine Wuͤn⸗ ſche einſt zu verwirklichen, geſchwiegen, wie es einem wackern Manne in ſolchen Verhaͤltniſſen ziemt. Eine mehrjaͤhrige Entfernung auf weiten Reiſen in die ſuͤdlichen Laͤnder Europas hatte jetzt ſeinen Zuͤgen einen ſo ganz andern Ausdruck ge⸗ geben, daß Julie, der er ſich uͤberhaupt in der fruͤheren Periode nie ſehr genaht hatte, ihn nun um ſo eher nicht erkannte, da er außerdem, theils aus Grille, theils aus Ruͤckſichten auf eine alte d — 323— Verwandte, deren Erbe er einſt werden ſollte, waͤh⸗ rend ſeiner Reiſen ſeinen eigentlichen Namen mit den ihm hier beigelegten vertauſcht hatte. Bemerken muͤſſen wir nur noch, daß ſein Ver⸗ weilen und Zuſammentreffen mit den Damen im Gaſthauſe zur froͤhlichen Einkehr nicht ganz zufaͤl⸗ lig war, und daß er ſchon einige Tage fruͤher blos darum auf den Rath von Juliens Onkel ſich hier einfand, um unerkannt Gelegenheit zu erhalten, die noch immer ſtill im Herzen Verehrte wieder zu ſehen, und vielleicht— ein wenig ausſgüſchen zu koͤnnen. Wie vortrefflich ihm der Zufall hierin beiſtand, indem es ſich fuͤgen mußte, daß Julie durch das Mißgeſchick mit ihrem Wagen gezwungen war, faſt zwei Tage an einem Orte zu weilen, wo ſie ſonſt nur einige Stunden ſich wuͤrde aufgehalten haben, ſahen wir, und es bleibt nur noch zu be⸗ richten uͤbrig, was von dem Augenblicke an ſich begab, als Franz mit ſeiner auffahrenden Redens⸗ art den ſuͤßduftenden und ſchwerbekümmerten Peren von Qualm erſchreckte. 7 8. Obſchon die Nemeſis in Geſtalt eines boͤſen Zipperleins Juliens Onkel, den alten Landrath Hagebuſch zuweilen zur Strafe der Suͤnden ſeiner 21 — 324— Jugend, weidlich heimſuchte, ſo gab es doch auch Tage genug, wo der alte Herr frei von dieſer Hauptplage ſeines Lebens war, und er verfehlte dann nicht, ſich friſch und froͤhlich aus ſeiner alten Burg heraus, und unter die Menſchen zu machen, deren Treiben ihm ungemein wunderlich und un⸗ terhaltend vorkam. Dies war denn auch jetzt ge⸗ rade wieder einmal der Fall geweſen, und er kam eben in dem Landſtaͤdtchen an, wo der Richter zu Gericht ſaß, um den vorgeblichen Raͤuberchef Ni⸗ kodemus Ruͤpel peinlich zu verhoͤren, als Julie mit ihrem Gefolge, an welches ſich Franz und in einiger Entfernung auch Qualm angeſchloſſen hat⸗ te, daſelbſt eintraf, um von hier aus den letz⸗ ten Reſt des Weges nach Hagebuſchs Schloß vol⸗ lends zuruͤckzulegen. Groß war die Freude des Wiederſehens, und — von Juliens Seite— auch des Wiedererken⸗ nens, als es ſich ergab, daß ihr gern geſehener Begleiter eigentlich ſchon ein alter Bekannter war, und wir duͤrfen wohl kaum noch bemerken, daß ehe noch das alte Schloß des Onkels erreicht ward, zur Freude des alten Herrn die Sache zwiſchen den beiden jungen Leuten ſchon in voͤllige Richtig⸗ keit, und ſogar ſoweit kam, daß der Herr Pfar⸗ rer des Orts die Weiſung erhielt, auf eine recht huͤbſche und herzanſprechende Traurede zu denken. — 325— Herrn von Qualm war dies nun freilich ſehr fatal, und noch fataler, daß das bischen Ueberreſt ſeiner Hoffnungen mit der Ausſicht auf die Hand von Juliens lieblicher Schweſter, Agnes, womit er ſich ſchon unterweges, ſehend die zaͤrtlichen Blicke der Andern, getroͤſtet hatte, auch verſchwand, in⸗ dem ſein alter Gegner von der beruͤhmten Maͤuſe⸗ geſchichte her, ſich dieſen ſchoͤnen Preis zu erwer⸗ ben wußte; indeß freute ihn doch Eins, und das war nichts anders, als die Befreiung von der Angſt, durch Schwanenfuß und Andere fuͤr einen Raubgenoſſen des unſeligen Nuͤpel und deſſen Ge⸗ ſellen gehalten zu werden. Denn obſchon der Kreisrichter, der gern inquirirte, und Schwanen⸗ fuß ſelbſt innerlich feſt uͤberzeugt waren, es ſey nicht ganz richtig mit der Kunſttruppe und ihrem Fuͤhrer, und es moͤchte dieſelbe wohl die Wegela⸗ gerer und die Raͤuber auch noch an anderen Or⸗ ten vorſtellen, als auf den Bretern: ſo war doch des alten Landraths Verwendung ſo wirkſam, daß Nikodemus und ſeine nach und nach gleichfalls eingefangenen Angehoͤrigen auf freien Fuß geſetzt wurden, und der Edle von Schwanenfuß ſich durch die Ausſicht auf die Schmanſereien bei den bevor⸗ ſtehenden Vermaͤhlungsfeierlichkeiten zu Schloß Ha⸗ gebuſch, beruhigen ließ, an welchem Orte er ſich denn auch ſammt ſeinem getreuen Schimmel meh⸗ rere Wochen lang dermaßen guͤtlich that, daß man ihn und ſein Thier, der ungemeinen Zunahme we⸗ gen, faſt nicht mehr erkannte, als er zum erſten Male wieder in der Gegend umherritt, um uͤber⸗ all einkehrend, uͤberall zu erzaͤhlen, wie gluͤcklich Franz und Julie, der verabſchiedete Lieutenant und die liebliche Agnes, geworden waren, und wie Ruͤpel nebſt ſeinen Leuten von dem alten Herrn von Hagebuſch die Erlaubniß erhalten haͤtte, alle Jahre ein paar Wochen lang auf dem alten Schloſſe zur Ergoͤtzung der Bewohner der Gegend Dichter⸗ werke nach gewohnter Art zu verarbeiten. —— VI. Der Spieler. „Aber Freund!“ ſagte ich zu dem Obriſt von O.„was heißt das? Sie eilen fort? Sie? — Ein tapferer Soldat verlaͤßt das Feld nach dem erſten Scharmuͤtzel, und kehrt in demſelben Augen⸗ blicke, wo ihm Fortuna zu laͤcheln beginnt, dem Feinde den Nuͤcken?.... Warum verfolgen Sie Ihr „Aus Freundſchaft fuͤr Sie,“ entgegnete mir der Obriſt,„will ich auf Ihre Ermahnung ant⸗ worten. Meine Erfahrungen koͤnnen Ihnen viel⸗ leicht heilſam ſeyn. Allein jetzt iſt weder Stunde noch Ort dazu geeignet; kommen Sie morgen zu einem Fruͤhſtuͤck zu mir; wir plaudern dann bei einem Glaſe mehr.“ — 330.— Die Einladung war ſo freundlich, der Obriſt ein ſo wackerer Mann und guter Geſellſchafter, daß ich den Vorſchlag mit Vergnuͤgen annahm, jetzt aber, um keine Zeit zu verlieren, in den Saal zuruͤckkehrte, wo Koͤnig Faro im vollen Gſanze reſidirte. Das Spiel wurde bald ſehr lebhaft, ich ſehr warm; als der Morgen tagte, ſchlich ich, tief in meinen Mantel gehuͤllt, meiner Wohnung zu, um wo moͤglich in ein Paar Stunden Schlaf mir Ver⸗ geſſenheit meines Verluſtes zu holen.. Dieſer Wunſch wurde leider ſo wenig erfuͤllt wie der fruͤhere, zu gewinnen. Ich ſtand nicht ganz heiter auf, troͤſtete mich jedoch damit, mir auf dem Abend ſicher Revange zu holen, und hoffte einſtweilen in dem Geſpraͤch mit dem Obriſt Zer⸗ ſtreuung zu finden. Zur beſtimmten Stunde war ich bei dem bra⸗ ven Freunde; das Fruͤhſtuͤck ließ nicht auf ſich war⸗ ten; waͤhrend ich fleißig zulangte, begann er: „Wie Sie mich hier ſehen, bin ich auch ein⸗ mal ein leidenſchaftlicher Spieler geweſen, ein noch leidenſchaftlicherer, wie Sie. Herzlich will ich wuͤn⸗ ſchen, daß Sie keiner ſolchen Lehren beduͤrfen, wie mir wurden, um geheilt zu werden.“ „Uebrigens war meine erſte Bekehrung— denn ich hatte einen boͤſen, boͤſen Ruͤckfall— nicht von langer Dauer, und ich koͤnnte deswegen .— 331— die Erzaͤhlung dieſes Ereigniſſes uͤbergehen; allein es erinnert mich an meine geliebte Emilie, und ich befriedige den Drang meines Herzens zugleich da⸗ mit, wenn ich Ihre Neugierde ſtille: darum mag dieſer Zug aus meinen fruͤheren Jahren hier Er⸗ waͤhnung finden.“ „Mein Regiment ſtand in B... in Garniſon. Emilie war mir dahin gefolgt. Wir hatten einen Knaben von drei Monaten, der unſer ganzes Gluͤck machte; das Kind war mein Augapfel, ich liebte es, wie ich die Mutter liebte, die trotz ihrer Ju⸗ gend mich eben ſo ſehr durch ihren richtigen Ver⸗ ſtand, wie durch ihre Schoͤnheit feſſelte. Sie gab mir manchmal gute Lehren, wenn ich mich durch meine Hitze und Leidenſchaftlichkeit hinreißen ließ, und immer verſprach ich ihr zu folgen, immer! es iſt ja ſo ſuͤß ſich durch das, was man liebt, lei⸗ ten zu laſſen... wollte der Himmell ich haͤtte ſtets darnach gehandelt.“ „Wir waren eines Abends im Theater, meh⸗ rere Bekannte mit uns in der Loge. Das Stuͤck, eine Tragoͤdie nach dem Zuſchnitt der Weihe der Kraft, langweilte uns; Frau von M... die mit in der Loge war, machte den Vorſchlag, bei ihr den Abend zuzubringen; Alle nahmen das Erbie⸗ ten an; die Wagen wurden gerufen, wir fuhren hin.“ „Die Geſellſchaft wurde bald ziemlich zahlreich, — 332— man war luſtig, munter und— wie gewoͤhnlich bei dieſer Dame, nicht lange, ſo ſaßen wir Maͤn⸗ ner um den großen runden Tiſch, waͤhrend die Damen in einem Nebenzimmer ſich die Zeit mit einem beſcheidenen Lotto vertrieben.“ „Ich hatte an demſelben Tage eine Suumme von achthundert Thalern in Papier empfangen, die ich noch bei mir trug. Es waren die Zinſen des Vermoͤgens von Emilie, die ich ihr gewoͤhn⸗ lich zur Beſtreitung ihrer Toilette ließ. Das Spiel wurde bald unter uns ſehr lebhaft; man hatte mit Thalern begonnen und ſetzte nun Louisd'ore. Emi⸗ lie ſtand von ihrem Platze auf; die Sorge um ihr Kind rief ſie nach Hauſe; ſie trat hinter mei⸗ nen Stuhl, und ſah mich bittend an. Zum Er⸗ ſtenmale war mir ihre Naͤhe laͤſtig, ſie bemerkte dies, und nun wurde ich noch verſtimmter. Aengſtlich warf ſie einen Blick auf mich, dann auf die Andern; der Ausdruck dieſer Geſichter ſchien ihr etwas Ungluͤck weiſſagendes zu haben. Hier ſtarrte ihr die gemeine Habſucht aus ein⸗ Paar aufgeriſſe⸗ nen Augen entgegen, dort der verbiſſene Aerger oder die elendeſte Schadenfreude.“ „Der Herr vom Hauſe verlor unter Allen am mehrſten; bleich wie ein Marmorbild ſtand er da; die eine zitternde Hand vermochte kaum die Kar⸗ ten feſtzuhalten, waͤhrend die andere krampfhaft 5 Er zog ſe geballt unter der Weſte verſteckt war. — 333— jetzt heraus... Emilie bemerkte Blutſpuren an den Naͤgeln.... der Ungluͤckliche zerriß ſich die Bruſt!“ „Endlich entfernte ſich meine Frau; ſie bat mich im Gehen, bald nachzukommen, und da ich ihr dies ganz gewiß verſprach, ſo wurde ſie etwas ruhiger. Ich hielt aber nicht Wort. Ich hatte verloren und wollte wieder gewinnen, verlor jedoch immer mehr. Schon waren mehr wie hundert und vierzig Louisd'ore fort, ich hatte kaum noch zehn oder zwoͤlfe in der Taſche, und die Nacht war be⸗ reits ſehr weit vorgeruͤckt.“ „Sicher auf mein Verſprechen bauend, hatte ſich Emilie niedergelegt und war eingeſchlummert. Da ſchlug es zwei Uhr, und ſie erwachte und fand mich nicht an ihrer Seite. Eine heftige Angſt befiel ſie, ſie ſteht auf, weckt ihr Kammermaͤd⸗ chen, laͤßt den Bedienten rufen, und geht, begleitet von dieſen beiden und dem treuen Argus, meinem Hund, der ſeiner Anhaͤnglichkeit und ſeiner Ver⸗ dienſte wegen wohl einen Platz unter den beruͤhm⸗ ten Hunden der Geſchichte verdiente, nach dem Hauſe hin, wo ſie mich verlaſſen hat. Angekom⸗ men daſelbſt traͤgt ſie jedoch billige Scheu ſich in ihrem Negligé, uͤber das ſie nur einen Mantel geworfen, vor einer zahlreichen Geſellſchaft zu zei⸗ gen. Sie bleibt daher mit dem Kammermaͤdchen unter dem Portal der gegenuͤber liegenden Kirche — 334— ſtehen, und ſchickt den Diener und Argus ab, mich zu holen. Zuerſt erſcheint einer der Bedien⸗ ten des Hauſes und meldet mir, daß man mich zu ſprechen verlangt. Ich hoͤre nicht darauf: es ſteht eben ein Septlava von fuͤnf Louisd'oren, wie haͤtte ich da die Zeit gehabt, auf ſo etwas zu ach⸗ ten! Jetzt koͤmmt Argus in den Saal und zupft mich nach ſeiner Art am Rocke; ich ſtoße das treue Thier mit Rauhigkeit zuruͤck, aber weit ent⸗ fernt ſich hierdurch abſchrecken zu laſſen, koͤmmt er wieder und wieder, und endlich tritt auch mein Diener zu mir heran, und fluͤſtert mir ſchuͤch⸗ tern die Worte in's Ohr;„die gnaͤdige Frau iſt da.....— „Aufſpringen, meinem Nebenmann— neben⸗ bei bemerkt, fuͤr dieſen Abend durch ſeine Rath⸗ ſchlaͤge, den boͤſen Daͤmon meines Spiels— mein weniges Gold noch hinſchieben, und ihn bitten fuͤr mich fort zu pointiren, aus dem Zimmer rennen, ohne einem Menſchen ein Lebewohl zu ſagen, und hinab zu meiner zitternden Frau eilen, dies alles war das Werk einer einzigen Minute,“, „Das Wetter war abſcheulich; ein kalter Wind warf uns den Regen in das Geſicht, wir gingen ſchweigend nebeneinander her. Der Diener trug eine Laterne vorauf, das Kammermaͤdchen, ein junges, furchtſames Ding, ſchmiegte ſich bebend vor Froſt und Angſt an ihn an; ich fuͤhrte meine — 335— Frau, die nicht minder bebte. Jeder Schauer, der ſie durchzuckte, war mir ein Stich ins Herz, ich wollte zu ſprechen anfangen und fand keine Worte... nie in meinem Leben war ich verlegener, bewegter, nie fuͤhlte ich die Rauhigkeit der Witterung mehr wie in dieſem Augenblick. Ich hatte, blos in mei⸗ nen Mantel gewickelt, auf Hollands moraſtigem Boden ohne Mutrren bivouaquirt, ich hatte unter Egyptens heißer Sonne gefochten, und dem entſetz⸗ lichen Uebergang uͤber die Bereſina beigewohnt.... aber damals war ich allein, und jetzt durchſchauerte der Nachtwind meine Emilie, jetzt fiel der eiſige Regen auf ihr Haupt mit..... Ich druͤckte mein zittern⸗ des Weib feſter an mich, der Froſt, welcher ſie durchbebte, zerdruͤckte mein Herz. Um mir Luft zu machen, begann ich den Bedienten auszuſchel⸗ ten, daß er nicht hatte anſpannen laſſen.„ Die gnaͤdige Frau hat es nicht befohlen;“ erwiederte er mir. Ich fuhr nun gegen das Kammermaͤdchen los, daß ſie nicht wenigſtens einen Regenſchirm mitgenommen habe.„Madame eilte ſo ſehr, ich mußte machen ihr nachzukommen;“ antwortete dieſe. Ach! ich durfte niemand anklagen wie mich ſelbſt; niemand!... Ich haͤtte vergehen moͤgen!“ „In unſere Wohnung gekommen, ſchloß ich Emilie in meine Arme; ſie bebte noch immer. Wie ungluͤcklich bin ich! rief ich aus, Dich ſo be⸗ unruhigt zu haben!.... und welch einem Wetter — 336— trotzteſt Dul.... Darf ich es noch geſtehen? ich verlor die Summe, welche ich geſtern fuͤr dich ein⸗ nahm.“. „Du verlorſt ſie!“ entgegnete Emilie, und um⸗ ſchlang mich.„O gelobt ſey Gott! dann wirſt Du nicht mehr ſpielen.“ „Am naͤchſten Vormittag ſandte mir mein Nachbar am gruͤnen Tiſch hundert fuͤnf und vier⸗ zig. Louisd'ore von der Summe wieder, die ich ſo thoͤricht vergeudet hatte; der Mann ſpielte vernuͤnf⸗ tiger als er rieth. Das Benehmen meiner Frau kann uͤbrigens anderen Frauen zum Muſter die⸗ nen; kein Vorwurf kam uͤber ihre Lippen, kein Blick verrieth mir mehr, was ſie empfunden hatte. Dieſe Guͤte beſchaͤmte mich mehr, wie die aͤrgſte Strafprediat es gethan haben wuͤrde: ich ſagte mir alles das ſelbſt, was ſie mir haͤtte ſagen koͤnnen, und nahm mir feſt vor, nie wieder zu ſpielen.“ „Aber ſo ſchnell aͤndert ſich der Menſch nicht. Meine Vorſaͤtze waren vortrefflich; haͤtte die Aus⸗ fuͤhrung ihnen nur entſprochen!“. Seit lange getrennt von Emilie, meinem Schutz⸗ geiſt, durch Ereigniſſe, deren Erzaͤhlung nicht hier⸗ her gehoͤrt, war ich, in Folge meiner Dienſtver⸗ haͤltniſſe, Adjudant bei einem commandirenden Ge⸗ nerale geworden, der bald eine große Zuneigung zu mir faßte, und mich mehr wie Sohn und Freund, enn — 337— denn als Untergebener behandelte. Ich war gleich⸗ ſam Kind in ſeinem Hauſe, und erfreute mich eines anſehnlichen Einkommens.“ „Wir ſtanden in einem eroberten Lande; der Geſchaͤfte waren wenig, die langen Stunden aus⸗ zufuͤllen, mußten Karten und Wuͤrfel tuͤchtig her⸗ halten; ja ſelbſt bei kleinen Reiſen, unterweges, wurde geſpielt und ich erinnere mich, daß wir einſt unſerer Dreie in einem Wagen, die ganze Nacht hindurch Gerade und Ungerade um Goldſtuͤcke ſpielten.“ „Dem allen ohngeachtet wurde ich jedoch kein eigentlich intereſſirter Spieler; die Habſucht, welche ich ſo oft bei Anderen bemerkte, blieb mir fremd; des Geldes wegen war es mir nicht angenehm zu gewinnen; wenn ich verlor, fuͤhlte ſich mehr meine Eitelkeit als mein Eigennutz gekraͤnkt; aber wie es zu gehen pflegt, nichts bleibt ſtehen, von Tage zu Tage mehrte ſich mein Hang zu dem unſeligen Zeitvertreibe, die guten Vorſaͤtze ſchwanden nach und nach ganz aus dem Geodaͤchtniſſe, und mit eben der Gleichguͤltigkeit, mit welcher ich jetzt ein Paar Thaler im Whiſt verliere oder gewinne, ver⸗ lor oder gewann ich damals hundert und mehr Louisd'ors.“ „Der Winter nahte und wie verlegten unſere Standquartiere in eine große Stadt, wo ſich be⸗ reits mehrere Truppen befanden, und woſelbſt ich 22 — 358— das Gluͤck, ach! ich moͤchte ſagen, das Ungluͤck hatte, einen vieljaͤhrigen Perund und WMaſſanender wiederzufinden.“ „Die Offiziere der verſchledenen hier huſam. mentreffenden Corps gaben ſich mehrere Gaſtmaͤh⸗ ler, bei denen es ſehr luſtig herging, denn man freute ſich, nach mancher uͤberſtandenen Gefahr, nach langer Trennung, nach mancher Veraͤnderung, ſich wiederzuſehen, und bei einem dieſer froͤhlichen Mahle war es, wo... doch hoͤren Sie ſelbſt:“ „Eine zahlloſe Menge Toaſts feuerten uns an; als die Tiſche geraͤumt waren, gruppirte man ſich, die Karten kamen zum Vorſchein, in allen Zimmern wurde die Gunſt der Gluͤcksgoͤttinn in Anſpruch genommen.“ „Wir waren ohngefaͤhr unſerer Zwoͤlfe in einem Gemache beiſammen; mein Freund— er mag Ernſt heißen— mit darunter,“ 1 „Das Spiel wurde bald hoch; ich verlor an⸗ faͤnglich, erholte mich jedoch wieder etwas... Ernſt dagegen ſaß, wie man zu ſagen pflegt, dem Gluͤcke fortwaͤhrend in dem Schooſe. Es kam Punſch; die Glaͤſer gingen immer fleißiger umher. Drau⸗ ßen ſtuͤrmte und fror es, daß es knackte; die Auf⸗ waͤrter glaubten nicht genug einfeuern zu koͤnnen. Die Waͤrme des Punſches, der Dampf der Cigar⸗ ren und Kerzen, die Gluth des Camines, die im⸗ mer wiederholten Geſundheiten, alles erhitzte, um⸗ — 3389— nebelte uns auf's außerſte... nicht lange, ſo wuß⸗ ten wir kaum noch, was wir ſetzten, wie hoch wir ſpielten.“. „Man zog die Bleiſtifte hervor, auf zerrißene Kartenblaͤtter wurde die Summe geſchrieben, die man dem Gluͤcke vertraute.... ein Kartenblatt mit ein Paar Zahlen nebeneinander, ſelbſt dreien, ſchleu⸗ dert ſich leichter weg, wie eine Rolle Gold. Es wurde ungeheuer verloren— und Ernſt gewann Alles.“— „Sein Gluͤck ſchien ihm jedoch wenig Freude zu machen; er war zu unintereſſirt, um ſeiner Kam⸗ meraden Ruin gleichguͤltig anſehen zu koͤnnen. Bisher hatte er die Bank gehalten; er ſchlug jetzt vor, ein Anderer moͤchte ſie uͤbernehmen, aber wir wollten nicht, und unſere Spoͤttereien zwangen ihn fortzufahren. Mit ſichtbarem Verdruſſe that er es, und das Gluͤck hoͤrte nicht auf, ihn auf eine wahrhaft erſtaunenswuͤrdige Weiſe zu beguͤnſtigen.“ „Die Nacht war bereits weit vorgeruͤckt; meh⸗ rere der Verlierenden hatten ſich, nachdem ſie ſich ganz erſchoͤpft, ſtill zuruͤckgezogen, nur unſerer Viere blieben noch, ein General von einem auslaͤndiſchen Truppencorps, ein Major von unſeren Huſaren, Ernſt und ich. Mein Freund erbot ſich, uns am folgenden Tage Revange zu geben; umſonſt! der General wurde uͤbellaunig, der Major wiederholte ſeine Spoͤttereien uͤber ſein Verlangen, aufzuhoͤren, 22* — 340— und ich, ich! o, wie bereue ich es, dazu beige⸗ tragen zu haben, Ernſt zuruͤckzuhalten!“ „Das Spiel ging demnach fort; mein Freund wurde immer finſterer, immer ungeduldiger, ich ſah es ihm an, daß er jede Karte, die ihm zuſchlug, haͤtte zerreißen moͤgen. Der General zog jetzt eine Brieftaſche hervor.„Tauſend Louisd'ors auf die Sieben!“ rief er aus;„hier iſt der Werth in Papieren.“ Ernſt ſprang vom Stuhle auf.„Nein!“ ſprach er,„es iſt genug! die Taille zu Ende: ich ziehe nicht weiter ab.“ Wir redeten ihm zu, der General beſtand darauf.... wir ſtuͤrmten auf ihn ein... er ſetzte ſich; friſche Karten wurden gebracht— der ganze Fußboden war bereits mit weggeworfenen bedeckt— die Taille begann und die Sieben verlor.“ „ Mit einem beleidigenden Fluche ſpringt jetzt der General auf und ſchlaͤgt auf den Tiſch..... kaum iſt das ungluͤckliche Wort uͤber die Lippen, ſo hat auch jeder ſchon ſeinen Degen ergriffen, und nach wenig Minuten ſind wir auf der Straße.“ „Die Beleidigung forderte Blut.... es floß nur zu bald!— Schweigend eilen wir durch die aus⸗ geſtorbenen Straßen zu einem freien Platze, wo gewoͤhnlich die Truppen exerciren. Die hartgefro⸗ rene Schneedecke knirrte unter unſeren Fuͤßen, der Mond warf ſein helles Licht auf die uͤber und uͤber weißbekleidete Erde... wir ſchrieben den 26ſten December... ich werde den Tag nie vergeſſen.“ „Mein Freund ſtellte ſich in Poſition.... er ſchlug ſich wie ein Raſender; der General nicht minder. Ernſt bekam eine Wunde.... ſein Blut floß... er wankte. Der Major und ich riefen den Kaͤmpfern zu, es ſey genug; vergebens! ihre Wuth ſchien ſich mit jedem Augenblicke zu meh⸗ ren... unaufhaltſam drangen ſie auf einander ein... ein Stoß und der General ſank, durchbohrt von meinem ungluͤcklichen Freund, nieder, der ſelbſt in dieſem Moment taumelnd in den noch erhobe⸗ nen Degen ſeines Widerſachers faͤllt und nun ne⸗ ben den Feind zuſammenſtuͤrzt.“ „Dies Alles geſchah ſo ſchnell, ſo reißend nach einander, wir waren in einer ſolchen Aufregung, daß ich noch nicht genau weiß, wie es nur ſo, gerade ſo kommen konnte.“ „Eher noch wie ich, ſammelte ſich der Majorz nachdem er den Zuſtand der Gefallenen unterſucht, eilte er fort, um wo moͤglich noch Huͤlfe zu ſchaffen; ich blieb bei den Verwundeten... ach! bald bei den Todten, zuruͤck.“ „Ernſt verlor viel Blut; mit matter Hand ſuchte er den rieſelnden Quell zuruͤckzuhalten. Ich warf mich neben ihn nieder, ich richtete ihn auf, — ich ſuchte die Wunde mit meinem Tuche zu ver⸗ ſtopfen. Der Ungluͤckliche war nicht ohne Beſin⸗ nung; ein leiſer Haͤndedruck von ihm, dankte mir . — 342— meine Sorgfalt. Ich riß jetzt meine Kleider ab, um ihn damit zu bedecken... ich rief um Huͤlfe, ſo laut ich es vermochte... meine Stimme ver⸗ hallte im eiſigen Winde der Nacht.“ „Mit jedem Augenblick ward mein Freund ſchwaͤcher, und immer kam noch niemand zu un⸗ ſerm Beiſtande.— Zu ſprechen vermochte Ernſt nicht mehr, nur dann und wann entſchluͤpfte ein Seufzer ſeiner Bruſt. Ploͤtzlich alle ſeine Kraͤfte noch einmal, zum letztenmale, zuſammenraffend, ergriff er meine Hand und fuͤhrte ſie unter ſeine Weſte. Ich glaubte, er wolle mir ſeine Wunde fuͤhlen laſſen, aber nein! er zog ein kleines ſam⸗ metnes Beutelchen, eine Art von Boͤrſe, aus einer verborgenen Taſche, und nachdem er es mehrmals an ſeine ſchon vom Todeskrampf verzogenen Lippen gedruͤckt hatte, reichte er mir es mit den leiſen, kaum hervorgehauchten Worten zu: Leb wohl! Leb wohl!.... es iſt vorbei!“— „ Ich wollte, ich konnte mir mein Ungluͤck noch nicht in ſeiner ganzen Ausdehnung denken: ich wagte keinen Laut von mir zu geben, denn ich glaubte noch immer, ich zwang mich es zu glauben, der Freund ſchlummere nur. O! wie iſt doch die Stille des To⸗ des ſchrecklich! Ringsumher ſchien ſie auf allen Ge⸗ genſtaͤnden zu ruhen... da regte ſich nichts auf der weiten, wie mit einem weißen Leichentuche bedeckten Ebene, nichts in der ſonſt ſo geraͤuſchvollen Stadt.“ — 348— „Endlich kam der Major mit ſeiner Huͤlfe, die nun zu nichts mehr nuͤtzen konnte. Ich kniete noch immer neben dem erſtarrten Freunde, deſſen bleiches Haupt, ſchauerlich vom Mondlicht erleuch⸗ tet, an meiner Bruſt ruhte, ſelbſt mehr einem Todten aͤhnlich, wie einem Lebenden.— Wir ſchafften jetzt die beiden Gefallenen ſtill in die Stadt in ihre Wohnungen... ich verließ die Leiche meines Ernſt keinen Augenblick... den zweiten Tag brachte man ſie mit allen ſeinem militairi⸗ ſchen Range und ſeinen kriegeriſchen Thaten gebuͤh⸗ renden Ehrenbezeigungen zu der letzten Ruhe⸗ ſtaͤtte.“— „Meine Betaͤubung, mein Schmetz, hatten mir noch nicht erlaubt, das zu unterſuchen, was mir mein Freund in ſeiner letzten Stunde gegeben; jetzt oͤffnete ich das Beutelchen; das Bildniß einer aͤltlichen Dame fiel mir entgegen.“ „Es war die Mutter meines Freundes. Sie ſaß an einem Tiſchchen, auf welchem einige zerkniffte Karten lagen: leidend und duͤſter ſchien ihr Blick auf dieſen Zeugen der Spielwuth zu ruhen; mit kaum leſerlicher Schrift ſtand auf der Einen: „Der Mutter Ungluͤck!“ „Ja arme Leidende, ſie waren dein Ungluͤck; ſie raubten dir den Sohn!“— „Als der Friede im naͤchſten Sommer uns auf kurze Zeit einmal wieder in das Vaterland 2 — 844— fuͤhrte, da ſuchte ich die ihres einzigen Kindes be⸗ raubte Ungluͤckliche auf. Ich fand ſie noch am Leben, aber im Wahnſinn, den nur ſelten ein hel⸗ ler Augenblick durchbrach...“„Waͤr er gefallen neben den Braven in der Schlacht,“ rief ſie und rang die entfleiſchten Haͤnde,„das Mutterherz haͤtte einen Troſt... aber ſo.... ſol o o! mein Kopf!.... es iſt Nacht...“ 1 153 „Kein zuſammenhaͤngendes Wort, war mehr von ihr zu hoͤren; der kurze Aufblitz der Beſin⸗ nung ſchwand, ſie verſank in ihren gewoͤhnli⸗ chen, oft wie man mir ſagte, Monate dauernden Stumpfſinn.“ „ Von Jugend auf, ſo hoͤrte ich ſpaͤter aus dem Munde einer alten, vertrauten Dienerinn der Ungluͤcklichen— hatte der Sohn, mein armer Freund, vom Daͤmon der Spielſucht beſeſſen, die Karten uͤber Alles geliebt. Umſonſt hatte die Mut⸗ ter, nachdem er in's Regiment getreten, gewarnt und gebeten; vergebens hatte er, ſonſt edel und gut in allen andern Dingen, von der unſeligen Leidenſchaft ſich loszureißen geſucht; immer waren wieder Ruͤckfaͤlle gekommen, ſelbſt wenn er eine Zeitlang ſich ganz gebeſſert zu haben ſchien. Bei einer dieſer Gelegenheiten war es, wo die Mutter, ergriffen von einer ſchwarzen Ahnung, das Bild entwarf, wolches mir mein ſterbender Freund uͤber⸗ gab.“ — 345— „Der Eindruck, welchen es auf Ernſt machte, als ſie es ihm in's Feld nachſandte, war groß und tief; er trug es ſeitdem immer auf dem Herzen, und wie mir mehrere ſeiner Regiments⸗Camme⸗ raden verſicherten, ward es ihm in der That zum ſchuͤtzenden Palladium waͤhrend des ganzen Feld⸗ zuges. So oft ſich ihm auch die Gelegenheit bot, er ruͤhrte keine Karte mehr an, oder ſpielte hoͤch⸗ ſtens wie ein beſonnener Mann zu ſpielen pflegt... man hatte die gegruͤndetſte Urſache, an ſeine voͤllige Aenderung in dieſem Punkte zu glau⸗ ben.... ſeine Mutter, ſeine Verwandten, eine Geliebte, die er im Auslande fand, lebten beruhigt uͤber ihn.... da kam jener ungluͤckſelige Abend... unſere Aufforderung ließ ihn an dem Spiele Theil nehmen... unſere Bitten, unſere Spoͤttereien.... ach! muß ich es ſagen? mein leichtſinniges Scher⸗ zen und Draͤngen, hielten ihn, als er ſich zuruͤck⸗ ziehen wollte.... ein falſches Ehrgefuͤhl, unſerm Stande ſo eigen, ſo oft ſchon die Quelle der trau⸗ rigſten Verirrungen, machte, daß er, der wahrhaft Gebeſſerte, den Widerwillen uͤberwand, den er fuͤhlte, als wir ihn gewiſſermaßen zwangen noch laͤnger zu weilen.... Er dachte an die Mutter, an ſeine Vorſaͤtze.... wie Feuer brannte das war⸗ nende Bild auf ſeinem Herzen.... immer duͤſte⸗ rer wurde ſeine Stimmung, da wir ihn hielten, wir, die wir hierdurch ſeine Moͤrder wurden.“... 4 8 — 3546— „Seit dieſem Tage, ſeit ich den ſterbenden Freund im erſtarrten Arme hielt, ſeit ich das Elend der ungluͤcklichen Mutter ſah, iſt mir kein Ruͤck⸗ fall in meine alte Schwaͤche gekommen. Wenn das Blut warm werden will, wenn die Leidenſchaft ſich regt, wenn ein falſches Ehrgefuͤhl mich von dem abzuhalten droht, was Recht iſt; dann ziehe ich das vom Freunde ererbte Bild, das jetzt auf meinem Herzen ruht, wie einſt auf dem ſeinen, hervor; dann ſteigt ſein blutender Schatten vor mir auf; dann ſehe ich ihn wieder auf dem oͤden Schneefelde ſein, eines beſſeren Endes werthes, Leben verhauchen; dann ſehe ich die wahnſinnige Mutter wieder die Haͤnde ringen.... dann erblicke ich meine fruͤh von mir geſchiedene Emilie im winterlichen Sturm ſich bebend an mich ſchmiegen, und nichts haͤlt mich mehr zuruͤck.) Mit einem immer wachſenden Intereſſe hatte ich die Erzaͤhlung des Majors angehoͤrt; als er mir jetzt das Bild zeigte, zu deſſen Beſitzer ihn der Tod ſeines Freundes gemacht, da legte ich, ſchwei⸗ gend und ergriffen die Schmerzenszuͤge einer un⸗ gluͤcklichen Mutter betrachtend, meine Hand mit dem ſtillen, aber ernſten Schwur darauf, auch mir dies eine Warnung ſeyn zu laſſen, und ich kann ſagen, ich hielt gewiſſenhaft den Schwur. 7 —— 2 3—* ——