Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur G pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morge 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von G jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 5 den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe ¹ hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet d 3 wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: „ 3————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 5„„—„ 3„„— 1 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. „6. Schadenersatz. 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Am folgenden Morgen erwachte Richard ſpät, und bevor er ſich noch auf die Erlebniſſe des ver⸗ gangenen Tages wieder recht beſinnen konnte, fiel ſein Blick auf einen Brief, der vor ihm auf dem Tiſch lag. Sein Schlaf war ſo feſt geweſen, daß er das Eintreten des Kellners nicht gehört hatte, und dieſer war, ohne ihn zu ſtören, leiſe wieder hin⸗ weggeſchlichen. Haſtig, als wollte er ſeine Gedanken ſchnell an einen beſtimmten Gegenſtand hängen, griff er nach dem Brief und brach ihn auf. Er war von Marie und enthielt Folgendes: „Schloß Loeznitz an der polniſchen Grenze. Es befremdet den Vater, daß Du ihn ſo lange ohne Nachricht von Dir läßt und er trägt mir auf, Dir einen recht warmen ſchweſterlichen Brief zu Familie Schaller. II. 1 ſchreiben, weil er glaubt ſames Herz der Nahrung bedürftig ſei und Dir im⸗ mer nahe bei ſich glauben müſſe, die es erkennen und verſtehen. Wir entbehren Dich recht ſehr, be⸗ ſonders der Vater, obgleich er mir es zu verbergen ſucht. Es iſt das Erſtemal, daß Du von ihm ent⸗ fernt biſt und er hat Niemand um ſich, der ihm dieſen Verluſt vollſtändig erſetzen könnte. Ich biete zwar Alles auf, aber mein Gemüth iſt ſelbſt zu ſehr be⸗ laſtet, als daß ich erheiternd auf ihn wirken könnte. Oft nehme ich mir vor, heiter zu ſein um ſeinetwil⸗ mißlingt mir mein Vorſatz. So geſtern, als wir des Abends hinausgingen nach der Gegend hin, wo man die Ausſicht auf das Ge⸗ birge hat. Es war ein herrlicher Anblick Was mich beſonders anſprach, war die feierliche Stille bei aller Schönheit in der Natur. Wie nun die Sonne ſank, da entſtand eine ſo ſchöne Dämmerung, daß es einen ganz weich um's Herz ward und wir entzückt hinaus⸗ ſchauten nach dem verſchwindenden Gebirge, um das die Schleier der Nacht ſich legten. Wir wollten uns wegbegeben und kehrten um. Da ließ ſich nahe bei uns eine leiſe Muſik hören, die ganz wunderbar in die Stimmung einſtel, die mich ergriffen hatte. Da konnte ich nicht länger an mich halten und ließ — — 3 es geſchehen, daß mir die Augen recht naß wurden; und ſo geht es mir jedesmal, wenn ein Augenblick gekommen iſt, wo ich mich freuen und mit meiner Freude den Vater erfreuen ſollte. Iſt er doch ſo beſorgt, jedes Leid von mir zu entfernen! Aber meine Schuld iſt es nicht, daß es ſo mit mir geworden. War ich nicht einſt voll Freude, voll Muth, voll Zu⸗ trauen, voll Glauben? Hätte ich nicht alles dulden, alles wagen, alles hingeben können? Aber was war's? Von einem einzigen Sturme wurden alle die Bäume und Blüthen in den Gefilden meiner Jugend ver⸗ heert. Ich bin nicht ganz vernichtet und zerſtört, mein Herz iſt noch warm geblieben nach Außen, aber wenn ich hinabſteigen will in ſeine Tiefe, ſo dünkt es mich dort leer und kalt. Du kennſt ja meine Ge⸗ ſchichte theilweiſe, Du weißt, wie ich mit Einem Schlage, ehe ich mit dem Vater neue Liebe fand, Alles ver⸗ lor, Alles, Alles. Ich wäre damals vergangen in Noth und Elend und es wäre noch das Beſte ge⸗ weſen; denn was hätte ich in der Welt thun ſollen, ohne einen ſtarken Halt, an dem ich mich hätte an⸗ klammern können mit dem Herzen, das ſo voll Liebe war und für alle ſeine Liebe nur Schmerzen fand. Aber da ſandte mir Gott einen neuen Halt und ich wußte wieder, warum ich leben ſollte; denn ich durfte 1 4 wieder lieben. Damals gelobte ich, nicht länger zu verzagen und feſtzuhalten am Glauben an Gott, und an der Liebe zu denen, die er zu meiner Rettung geſendet hatte. Sieh' Richard, ich habe es gefühlt, was uns Noth thut in den Augenblicken der tiefſten Verlaſſenheit. Vertrauen auf Gott und Liebe, wahre, Stunden der Trauer und entfernen uns nie von der Würde, zu der wir beſtimmt ſind.— Ich freue mich wie ein Kind, daß wir nun hier in der friedlichen Stille des einſamen Schloſſes wohnen. Wenn Du kommſt, wird es Dir auch gefallen. In einer gro⸗ ßen Stadt möchte ich nicht leben. Wenn ich ſo hin⸗ ausblickte in den Wucht von Thorheit und Lärmen, führt, ſo ſehnte ich mich hinaus nach Orten, wo es noch wahre Menſchen gibt, die aus innigem Wohl⸗ woollen und Achtung ihres beſſern Theils unter ein. ander verbunden ſind. Ach, der Vater hat wol Recht! Jemehr die Menſchen ſich von der Einfachheit der 5 Natur entfernen, je weiter ſich die Genüſſe und Be⸗ dürfniſſe ausbreiten, um ſo weniger Zeit behält man übrig, um zuzunehmen an der Empfänglichkeit für edle Empfindungen, die doch allein im Stande ſind, uns wahrhaft zu beglücken und ſtark zu machen ge⸗ gen das Unglück. In ſich einkehren will dort keiner mehr, nur immer weiter die Begriffe und Kenntniſſe ausdehnen, und ſo geht ihnen das Leben dahin, ohne daß ſie wahren Genuß kennen lernten. Selbſt will jeder Alles ſein, ſelbſt ſein Geſchick erſchaffen, ſelbſt ſich ſein Glück denken und im Unglück in ſich ſelbſt Troſt finden. Und dieſe Selbſtſucht iſt nichts weiter, als eben der Hochmuth, der das Paradies reiner Menſch⸗ heit vergiftet.— Aber was will ich denn? Wo ge⸗ rathe ich hin? Sonſt ſah ich nur die Blumen und bunten Schmetterlinge, wie ſie helle Sonnenſtrahlen einſaugen und prangen und die Menſchen mit Duft den Glanz erquicken, und jetzt erkenne ich überall und Wurm und den Mehlthau auf Blatt und Blüthe. So ſchauen wir zwar überall in die Welt und die Welt iſt immer dieſelbe, gleich dem Gott der ſie ge⸗ ſchaffen hat, aber wir ſehen ſie ſo, wie ſie ſich in uns ſpiegelt und erkennen ſie nur durch unſere eigene wankende Auffaſſung.— Bewahre Dir darum den heitern Sinn, mein Bruder, und genieße die unum⸗ 6 wölkten Tage, aber vergiß auch dabei derer nicht, denen es Freude iſt, Theil zu nehmen an Deiner Freude. Theile mir deine Empfindungen ſtets offen mit wie bisher, verbirg mir nichts, und denke bei Allem, was Du beginnſt, daß ich meinen Theil davon fordere als Zoll Deiner brüderlichen Liebe.“— Als Richard dieſen Brief geleſen hatte, ergriff ein Gefühl unn ennbaren Heimweh's ſein Herz. „O, daß ich das früher geleſen hätte!“ rief er ſchmerzvoll aus, legte den Brief vor ſich auf den Tiſch, bedeckte das Geſicht eine Weile mit beiden Händen und ſah hierauf tief erſchüttert, mit Thrãä⸗ nen in den Augen, vor ſich hin.„Aber,“ fuhr er fort,„ich will dieſen Brief von nun an immer bei mir tragen, auf meinem Herzen ſoll er ruhen, als ein Talisman und mich ſchützen vor jeder neuen Verſuchung.“ Richard nahm ſich vor, an dieſem Tage keinen Beſuch bei Aurora zu machen. Er ging nach der Kunſtakademie und betrachtete dort das herrliche Bild Tizian's,„die Himmelfahrt der Maria.“ Andächtig und bewundernd ſah er, wie zwiſchen den anbetend nachblickenden Jüngern und den freudig ſich herab⸗ neigenden Himmelsſchaaren die Geſtalt der Jungfrau —.— 7 ſchwebte, emporgehoben von inniger Sehnſucht nach der Vereinigung mit ihrem göttlichen Sohne. Nachmittags ſchon fühlte er ſich durch den Ge⸗ danken beunruhigt, daß ſein heutiges Wegbleiben bei Aurora offenbar unpaſſend ſei, und kaum war die gewöhnliche Stunde erſchienen, als er ſich auf dem Wege zur Piazetta befand, woſelbſt er alsbald Laz⸗ zaro antraf und die Gondel beſtieg. Der gewandte Gondolier frug nicht, ſondern ſchlug die gewöhnliche Richtung ein und bald befand ſich Richard im Salon, wo er bereits einige der ge⸗ wöhnlichen Gäſte antraf. Eine leichte Röthe überflog Aurora's Geſicht, als ſie ihn eintreten ſah. Ihr Blick ſuchte zärtlich den ſeinigen und obgleich ihn bei ihrem Anblick zu⸗ erſt ein leichtes Fröſteln überlief, ſo erſchien ſie ihm doch von Neuem ſo reizend und liebenswürdig, daß er hingeriſſen wurde von der unwiderſtehlichen Gewalt ihrer Schönheit. Als die Geſellſchaft eine Weile verſammelt war, bemerkten einige der anweſenden Herren mit Befrem⸗ den, daß Fürſt Makonski noch nicht zugegen ſei.— Aurora's Mutter entſchuldigte ſein Ausbleiben und ſetzte mit geheimnißvollem Lächeln hinzu, daß die 8 3 Anweſenden bei ſeiner Ankunft eine kleine Ueberra⸗ ſchung erwarte. Jedermann außer Richard wußte, was ſte dar⸗ unter verſtand und man beeilte ſich ihr und Auroren Glück zu wünſchen. Als Richard dieß gewahr wurde, erkundigte er ſtch genauer und erfuhr nun von Aurora's Mutter, daß die Verlobung ihrer Tochter mit dem Fürſten Makonski heute erklärt werden ſolle. Kaum hatte er dies vernommen, als er ſich erhob und in heftige Bewegung gerieth. Sein Ge⸗ ſicht glühte und ſeiner ſelbſt nicht mächtig, ſuchte er Aurora mit angſtvollen Blicken. Aber dieſe, die alles, was zwiſchen Richard und ihrer Mutter verhandelt worden war, genau beachtet hatte, eilte auf ihn zu, faßte ihn bei der Hand und führte ihn in ein ent⸗ legenes Zimmer, wo ſie ihn bat, ſich zu ihr zu ſetzen und ſie ruhig anzuhören. Richard war zu heftig er⸗ regt, um auf ihre Erklärung warten zu können. Er ſtellte ſich vor ſie hin und indem er ſich bemühte, ruhig zu erſcheinen, ſagte er mit gepreßter Stimme: „Laſſen Sie mich Ihnen eine einzige Frage vorlegen, von deren Beantwortung jetzt Alles für uns abhängt. Iſt die Nachricht wahr, die mir Ihre Mutter ſoeben mitgetheilt hat?“ Aurora erſchrack vor dem wilden Feuer, das in ſeinen Augen glühte. Sie ſtand auf und indem ſie ſich an ihn anſchmiegte, flüſterte ſie:„Hören Sie, mein Freund, und glauben Sie, daß ich nur Sie liebe und ſterben würde, wenn Sie mich verließen.“ Der junge Mann ſuchte ſich von ihr loszuma⸗ chen, und halb abgewendet wiederholte er:„Beant⸗ worten Sie meine Frage: Sind Sie im Begriffe ſich mit dem Fürſten Makonski zu verloben?“ „Er weiß, daß wir uns lieben,“ entgegnete halb⸗ laut und zitternd Aurora. Dieſe Worte machten auf Richard einen nieder⸗ ſchmetternden Eindruck. Sein erſtes Gefühl war ein unendliches Weh; er fühlte ſich gekränkt in tiefſter Seele, da er zum Erſtenmale ſein Empfinden in ſchlauer Berechnung entweiht und mißbraucht ſah. Er preßte beide Hände vor das Geſicht und ſchluchzte laut. Weinend ſank Aurora an ihm zu Boden und indem ſie ihr Geſicht an ſeine Knie preßte, flehte ſie: „Vergeben Sie mir, wenn Sie leiden; ich glaubte, daß Ihnen Alles bekannt ſei und hatte nie die Abſicht, Sie zu betrügen. Ich liebe Sie mehr als mein Leben und wenn Sie mich verlaſſen, ſo werde ich als ſeine Gattin das unglückſeligſte Ge⸗ ſchöpf auf der Erde ſein.“ Richard ſchwieg. In ſeiner Bruſt gährte es; denn die Wehmuth wechſelte mit Zorn und Verach⸗ tung, da er ſeine männliche Ehre zum Spielball entwürdigt fühlte. Aurora hoffte, ſeine Aufwallung werde raſch vorübergehen und fuhr fort:„Fürſt Makonski war mir zum Manne beſtimmt, ehe ich zu empfinden fä⸗ hig war, dieſe Ehe iſt eine Sache der Konvenienz, aber er ſelbſt weiß es, daß ich ihm wohl meine Hand, nicht aber mein Herz geben werde, deſſen Beſitz er gar nicht verlangt. Richard hatte in ſeiner Wuth dieſe letzten Worte kaum mehr verſtanden; ſeine Verachtung war auf's Aeußerſte geſtiegen.„Schlange,“ rief er,„elende Buhlerin!“ und als wolle er ſich vor dem Gift ih⸗ rer Worte ſchützen, ſtieß er ſie ſo gewaltſam von ſich, daß ſie heftig mit dem Kopfe auf den Boden ſchlug. Kaum war dieß aber geſchehen, als er ſeine über⸗ mäßige Heftigkeit ſchon wieder bereute und der ſchö⸗ nen Sünderin hilfreich ſeine Hand reichte. Aurora war vom Falle leicht am Kopfe verwundet und ihre Kleidung in Folge der heftigen Szene in Unordnung gerathen. „Mißhandeln Sie mich, Grauſamer!“ rief ſie leidenſchaftlich aus.„Schlagen Sie mich, treten 11 Sie mich mit Füßen, aber verlaſſen Sie mich nicht;“ und ſie klammerte ſich aufs Neue an ihn an. Richard's Zorn hatte ſich etwas gelegt.„Kön⸗ nen Sie glauben,“ entgegnete er,„daß ich im Stande wäre, auch dann, wenn ich meine Verachtung zur Gleichgiltigkeit ſtimmen und über ihre Untreue hin⸗ wegſehen könnte, dem Fürſten, als Ihrem Verlobten, gegenüber zu ſtehen? Laſſen Sie mich, oder ich ſtehe Ihnen nicht dafür, daß ich ihm ſogleich Alles ein⸗ geſtehen und ihm die Genugthuung anbieten werde, die ich ihm als Mann von Ehre ſchuldig bin.“ „Verbannen Sie dieſe thörichten Begriffe eines übertriebenen Ehrgefühls,“ entgegnete Aurora.„Glau⸗ ben Sie etwa, es ſei dem Fürſten entgangen, daß wir uns lieben? Ein öffentlicher Schritt würde nichts bewirken, als Sie der Lächerlichkeit Preis zu geben.“ „Großer Gott!“ rief Richard entſetzt aus,„das können Sie mir ſagen! Ihm wollen Sie ſich verlo⸗ ben und mir geſtehen Sie, daß Sie mich lieben! Wiſſen Sie es denn nicht, daß Sie damit einen doppelten Meineid begehen? Begreifen Sie denn dieſe bodeuloſe Schlechtigkeit nicht?“ „In Ihrer kalten Heimat mag man nach Re⸗ gel und Pflicht ſein Herz verſchenken,“ erwiederte Aurora,„hier überläßt man es frei ſeiner Wahl und 12 die meinige iſt von dem Augenblicke, als ich Sie 1 ſah, auf Sie gefallen.“ KRiichard wollte nichts weiter hören und drängte ungeſtüm nach dem Ausgange des Palaſtes. Au⸗ rora hing ſich an ihn und hielt ihn zurück, indem ſie ihn mit Liebkoſungen und Schmeichelreden zu ge⸗ winnen ſuchte. In dieſem Augenblicke langte Fürſt Makonski an und ſuchte ſeine Braut auf. Richard benutzte die Gelegenheit und eilte raſch hinweg, als jener eben eintrat.. Der Fürſt ſah ihm verwundert nach, zuckte die Achſeln und wollte der aus Verdruß und Wuth weinenden Aurora den Arm reichen, um ſie nach dem Salon zurückzuführen. Sie entzog ſich ihm, um in einem anderen Zimmer ihre derangirte Toilette zu ordnen. Der Fürſt folgte ihr dorthin und beſchäf⸗ tigte ſich um ſte wie ein beſorgter Vater. Richard hatte ſich, in ſeinen Mantel gehüllt, in der Gondel niedergelegt. Sein Kopf glühte, obgleich die ſcharfe Winterluft kalt über das Waſſer ſtrich. Das Blut kochte ihm noch immer, ſo oft er dem Gedanken nach⸗ hing, daß die ſchöne Sirene ihm die entehrende Stelle eines Günſtlings zugedacht hatte, an deſſen Liebe ſie ſich verſtohlen zu erfreuen gedachte, wäh⸗ 13 rend ſie ſich öffentlich dem Fürſten verband, um deſ⸗ ſen Titel und Reichthümer zu erben. Indem er Mariens Brief feſter an ſein Herz drückte, ſagte er halblaut vor ſich hin:„Wie viel beſ⸗ ſer iſt es doch in unſerm kälteren Deutſchland, wo zwar kein ewig heiterer Himmel lacht, wo aber die Frauen doch Herzen in der Bruſt haben, die edel empfinden und niedrige Geſinnung verachten.“ Am folgenden Morgen erhielt Richard in aller Frühe einen Brief von Aurora, worin ſie ihn be⸗ ſchwor, ſie zu beſuchen. Sie verſicherte ihn darin mit den leidenſchaftlichſten Ausdrücken ihrer Liebe und betheuerte, daß ſie ohne ſeine Gegenwart ſich als die Braut des Fürſten höchſt unglücklich fühlen würde. Richard konnte dieſen Widerſpruch in der Seele der jungen Italienerin nicht begreifen. Daß ſie in der Ehe nur eine geſellſchaftliche Rückſicht ſah, die mit der Naturnothwendigkeit der Liebe durchaus nicht verbunden ſein müſſe, war ihm ein Räthſel. Nach ſeiner Anſchauung ging das ideale Verhältniß der Liebenden in das reale der Ehe über, und beide durchdrangen ſich zum wahren Lebensglück; da er aber weder in der Ehe blos die Bequemlichkeit und das Herkömmliche des äußern Lebens, noch in der 14 Liebe nur die Befriedigung des ſinnlichen Beduͤrf⸗ niſſes ſuchte, ſo ſchien ihm das Nebeneinanderbeſte⸗ hen derſelben unmöglich. Er warf den Brief heftig von ſich hinweg und beſchloß, da ohnedem das Weihnachtsfeſt, zu dem er auf Schloß Loeznitz zu ſein verſprochen hatte, herannahte, Venedig ſo bald als möglich zu verlaſſen. Die wenigen Tage ſeines Aufenthalts bis zur Abreiſe genügten, um ihm die Lagunenſtadt ganz anders erſcheinen zu laſſen, als vorher. Keine andere Stadt iſt ſo geeignet, in ihrer Erſcheinung den Wiederſchein der Stimmung des Beſchauers zu geben; denn während die geſchäftige Phantaſie mit Leichtigkeit an den überall vorhande⸗ nen großartigen Reſten, die noch keineswegs den Charakter der Ruine tragen, die Zeit des Glanzes und der Pracht wiedererſtehen laſſen kann, erſcheinen ſte dem kälteren oder verſtimmten Beobachter als ein trauriges Bild zerfallender Herrlichkeit, oder wie eine der Zerſtörung anheimgefallene Leiche, die noch dieſelben Züge wie im Leben trägt, aus der aber der belebende Geiſt längſt entwichen iſt. Als Richard angekommen war, trugen die we⸗ nigen Gärten der Stadt und die umliegenden Inſeln 15 noch das buntfarbige Gewand des Herbſtes, während nun alles kahl war und der Himmel täglich bewölkt erſchien. Nun erſt bemerkte er die vielen leerſtehenden Paläſte, die eingefallenen Wände und Decken, die zerſchlagenen Thüren und Fenſter, die verwitterten Marmortreppen, und wo ſich hier und da die Armut den leeren Raum angeeignet hatte, hingen nun an den großen Fenſtern mit den gothiſchen oder mau⸗ riſchen Bogenverzierungen die Fetzen und Lappen des Elends widerwärtig heraus. Die unzähligen Schaaren der Krüppel und Bettler, welche die Treppen der Kirchen belagern, verleideten ihm die Bewun⸗ derung der darin aufgeſtellten Kunſtherrlichkeiten und der Kehricht aus den tauſend Häuſern und Gondeln ließ ihn in den Kanälen der inneren Stadt nichts weiter als ſchmutzige Kloaken erkennen. Ueberdies war das Gedränge und Geſchrei in den tauſendfach gewundenen, engen Straßen und auf den unzähligen Brücken, namentlich in der Gegend der Rialtobrücke, ſo unerträglich und ſinnverwirrend, daß er durchaus ohne Bedauern den Tag herannahen ſah, der ihn denſelben Weg zurückführen ſollte, auf dem er vor beinahe zwei Monaten angelangt war. Lazzaro gab ſich vergeblich alle Mühe, ſeinen Patron zu erheitern und zu unterhalten. Er konnte gar nicht begreifen wie dieſer ſo plötzlich alle Luſt an Venedig und der ſchönen Signora Aurora ver⸗ lieren konnte. Zuletzt war der gute Burſche ſelbſt ganz unwillig und ließ in der Dienſtbereitwilligkeit und Pünktlichkeit merklich nach; ja, als er die letzte Fahrt nach dem abgehenden Dampfboote gemacht hatte und das gewichtige Trinkgeld in die Taſche ſteckte, ſchien es, als wolle er dem abreiſenden Richard in ſeinem gleichgiltigen Lebewohl die Verſicherung geben, daß er ihn in der nächſten Stunde ſchon gänzlich aus dem Gedächtniß verlieren werde. Richard hatte es nicht über ſich gewinnen können, perſönlich bei Aurorens Mutter und dem Fürſten Makonski Abſchied zu nehmen. Er gab in einem Billet als Entſchuldigungsgrund für dies Verſäumniß die Eile bei ſeiner Abreiſe an, und ſchützte vor, daß er auf beſonderen Wunſch ſeines Vaters ſo ſchnell als möglich Venedig habe verlaſſen müſſen. 17 Zweites Kapitel. Verlaſſen wir einen Augenblick den Schauplatz dieſer Scenen ungeregelter Leidenſchaft und daraus entſpringender herber, aber heilſamer Täuſchung und ſehen wir uns nach einigen andern Perſonen unſerer Erzählung um. Ein bedeutungsvolles Ereigniß für die weitere Entwicklung derſelben führt uns nach Mainz zurück in das Haus des alten Goldheim, und zwar in das kleine Hinterſtübchen, welches dem alten Diener Samuel zur Wohnung angewieſen iſt. Rein⸗ lich und ſorglich hat Mayer Goldheim den Aufenthalt ſeines Lebensretters einrichten laſſen, aber die Nach⸗ läſſigkeit und der angeborne Hang des Bewohners zu ſchmutziger Umgebung machte jede Bemühung fruchtlos und zeichnet das kleine Stübchen von allen Räumen des Hauſes durch ſtete Unordnung aus. Samuel ſelbſt liegt krank und abgezehrt auf ſeinem Bette; ein doppelt wider⸗ wärtiger Anblick, da das ſtechende eingefallene Auge und die ſchlaffen von niedriger Ausſchweifung ge⸗ furchten Geſichtszüge mit der ſtark vortretenden Naſe ſich in dem ſchon vom Tode gezeichneten Antlitz ab⸗ ſchreckend ausprägen. Vor dem Bette ſitzt auf einem Stuhle Mayer Goldheim, ſchweigend, die Hände in den Schooß gelegt und den Kopf tief auf nie Bruſt Familie Schaller. II. 18 herabgeſenkt. Trübe Gedanken lagern auf ſeiner Stirne, die von Sorgen und Kummer in den letzten Wochen tief gefurcht worden iſt. Das unſtete Weſen ſeines einzigen Sohnes entfernt ihn mehr und mehr von dieſem, und da er deſſen Natur nicht begreifen kann, ſo hat er die Hoffnung aufgegeben, ihn nach ſeinem Willen lenken zu wollen. Simon war in der letzten Zeit in eine dumpfe, brütende Schwermuth verfallen. Aus ſeinen Träumereien weckte ihn mit⸗ unter ein ſonderbarer Anfall, der plötzlich über ihn kam, die unterdrückte Natur des Künſtlers in ihm aufſtachelte und ihn zu wilden, regelloſen Phantaſien an das Inſtrument trieb, wo er dann das Toben ſeiner Bruſt ausſtürmte, bis er endlich, in lautes Weinen ausbrechend, Erleichterung zu finden ſchien. So vergingen die Tage traurig in dem ſtillen Hauſe und nun da der alte Diener zum Sterben kam, ſaß der gebeugte Mayer Goldheim da und überdachte, was ihm von den Beſtrebungen und Hoffnungen ſeines Lebens übrig geblieben ſei. So oft hatte er ſich über die Unredlichkeiten und Schelmenſtücke des alten Samuel geärgert, aber die lange Reihe der Jahre, in denen dieſer, wenn auch ohne eigentliche Theilnahme, der Zeuge ſeiner Lebensſchickſale geweſen, hatte ihm denſelben näher geſtellt und ließen ihn 19 deſſen Verluſt als einen ſchweren Schlag empfinden. Hatte Samuel doch ſeine ganze Jugend gekannt, die Entwicklung ſeines Reichthums mit angeſehen, ſein Weib begraben helfen, und war immer ſorgſam und genau in der Beobachtung der religiöſen Vorſchriften ge⸗ weſen. Seit der unglücklichen Veränderung in Simon's Charakter war Samuel dem alten Goldheim faſt lieb geworden In der Abneigung des Sohnes gegen den Diener fand er nur die Abneigung gegen den ganzen Stamm und je ſchmerzlicher ihm die Geſin⸗ nungen des Sohnes wurden, um ſo näher fühlte er ſich dem alten Samuel und um ſo mehr glaubte er ſich verpflichtet, dieſen in ſeinen beſondern Schutz zu nehmen. Der Kranke ſchien zu ſchlafen; der pfeifende Ton, den jeder Athemzug bewirkte, kündete das Be⸗ denkliche ſeines Zuſtandes an. Schweiß ſtand auf ſeiner Stirne und von Zeit zu Zeit wendete er ſich unruhig hin und her. Endlich öffnete er lang ſam die Augen und betrachtete eine Zeit lang die gebeugte Geſtalt ſeines Herrn. Langſam reckte er ſich hierauf empor und indem er Goldheim am Aermel zupfte, ſagte er mit heiſerer Stimme:„Was ſtiert Ihr ſo zu Boden, Mayer Goldheim? Grämt Ihr Euch, daß ich ſterben geh'?“ 2* 2 2 Goldheim fuhr faſt erſchreckt aus ſeinem Nach⸗ denken auf.„Soll's mich nicht betrüben,“ ſagte er, „daß ich Dich verlieren muß, und mit all meinem Gelde Dich nicht vom Tod erretten kann, der mir einſt mit Gefahr ſeines Lebens das Daſein erhielt? Die Welt iſt mir ſo ſchon ein Gräuel und ich kom⸗ me mir jetzt ſchon oft darin vor wie ein verlaſſener, einſamer Fremdling, wie viel leerer wird's um mich ſein, wenn Du todt biſt.“ Ein grinſendes Lächeln verzog das Geſicht des Kranken, er wollte reden, aber ein röchelndes Huſten hinderte ihn daran. Als er ſich hiervon wieder et⸗ was erholt hatte, begann er: „Ihr grämt Euch mehr darum wie ich, und wenn ich auch nicht kann ſagen, daß ich ſchon gerne ſterb'— ich hätt' noch lange können leben ohne das verdammte Huſten— ſo iſt doch mein Verluſt nicht groß. Beſſer ich zuerſt als Ihr; was hätt ich zu erwarten gehabt, wenn ich Euch überlebt hätte? Der junge Herr mag mich nicht und hätt mich nach Eurem Tod ohne viel Umſtände zum Hauſe hinaus gejagt.“ Ein ſchwerer Seufzer war Goldheim's Erwie⸗ derung auf dieſe Worte.„Du haſt Recht,“ ſagte er nach einer Pauſe,„er hätte Dir den Platz in ſeinem 21 Hauſe eben ſo wenig gegönnt, wie er mich in ſeinem Herzen geduldet hat. Wir ſind ihm fremd, und nicht nur fremd, wir ſind ihm zu ſchlecht, eine verhaßte Laſt, die er nicht los werden kann und deren er ſich ſchämt vor ſeinen Mitmenſchen und vor ſich ſelbſt. Ach Samuel, hätteſt Du mich damals ermorden laſ⸗ ſen, als ich in den Händen der Räuber war, Du hätteſt mir viel Herzeleid erſpart in meinem Leben! Wer weiß, ob ich Deinen Liebesdienſt nicht noch muß fluchen, den Du mir damals erwieſen haſt.“ „Und damals konntet Ihr mir doch nicht genug danken, daß es geſchehen,“ entgegnete der kranke Die⸗ ner,„aber hört, da es nun doch mit mir zu Ende geht, ſollt Ihr die Wahrheit erfahren. Euren Dank ließ ich mir gefallen und er hat mir wohlgeſchmeckt mein ganzes Leben lang; Euern Fluch will ich nicht haben, am wenigſten unverdient, und träfe er mich auch erſt im Grabe. Ich habe Euch damals ge⸗ täuſcht: wie hätte ich elender, einzelner Menſch Euch retten können, da ich ſelbſt vor Angſt halb todt war und vier Mann gegen mich. Ihr waret zu leicht⸗ gläubig, daß Ihr das ſo annahmt auf's Wort. Ich war's nicht, der Euch das Leben gerettet hat.“ Ein Ruf des Erſtaunens entfuhr beim Anhören dieſer Worte den Lippen des alten Goldheim.„Wie?“ rief er,„Du wärſt es nicht geweſen? und wer denn? Wer war dabei zugegen und nahm ſich des armen Juden an?“ „Bleibt ruhig,“ verſetzte Samuel,„und hört zu. Viel ſprechen kann ich doch nicht mehr; ſo will ich Euch denn ſagen, was ich von der Geſchichte noch weiß. Wie geſagt, ich war ſelbſt halb todt vor Angſt und ſchrie nur immerfort um Hilfe. Da kam ein großer ſtattlicher Mann zu Pferde herangeſprengt, der ſprang ab, hieb die Räuber in die Flucht, lud Euch mit den Sachen aufs Pferd und als wir in der Schenke ankamen, gab er mir noch die fünfzig Gulden zur Zehrung und ritt weiter.“ „Alſo,“ frug Goldheim mit ängſtlicher Stimme und das Wort erſtarrte ihm faſt auf der Lippe— „alſo ein Chriſt war's?“ „Ja, ein Chriſt und ein recht ſtattlicher, vorneh⸗ mer Mann war's, der mir ſeine gute That damals borgte,“ entgegnete Samuel.„Nun ich hab damit redlich geſchachert und ein gutes Geſchäft gemacht. Wollt Ihr's tadeln? Euch konnt's gleich ſein, wer Euch gerettet hattetund dem Andern hättet Ihr's doch nicht danken können.“ Goldheim hatte die letzten Worte kaum mehr gehört. Er ſchlug ſich mit der Hand vor die Stirne, 23 ging im Zimmer auf und ab und rief aus:„Alſo auch das noch! So plump betrogen! Der letzte Menſch, an dem ich hielt, hat mich hintergangen und die Wohlthat, für die ich ihm mit Liebe und Güte dankte, geſtohlen von meinem Erzfeind!“ So ſprechend rang er die Hände, dann blieb er vor dem Bette des Kranken ſtehen und indem er ſeine Blicke zornfun⸗ kelnd auf dieſen richtete, ſprach er:„Daß Du es über's Herz bringen konnteſt, Deinen Wohlthäter Jahre lang zu betrügen, will ich Dir nicht gedenken, daß Du aber in mir Deinen Glaubensgenoſſen ge⸗ täuſcht und ihn die Hand haſt ſegnen laſſen, die ihn gerettet, während er ihr hätte fluchen müſſen, wenn er die Wahrheit wußte, das ſei Dir niemals ver⸗ geben.— Glaubſt Du, ich hätte einem Chriſten mein Leben danken wollen? Alles Elend, das über mich gekommen iſt, von jenem Tage an, haſt Du verſchuldet. Ich Thor, der ich Gott dankte und ſeinen Fingerzeig in meiner Rettung erkennen wollte und dachte, er hat mich durch die Hand eines ſeiner treuen Diener gerettet, weil ich ſeinen Namen heilig hielt und ihn nie vergaß; der ihn pries, da er mein Tagewerk ſegnete und mich mit Güte über⸗ häufte. Betrug war Alles und eitler Wahn und Täuſchung und das Unglück, das mich in meinem 24 Sohne verfolgt, wächſt nur aus der Wurzel Deines aus der böſen Saat auf dem Felde. Verflucht war mein ganzes Ringen und Streben; denn ein Chriſt hat mich vom Tode erret⸗ tet, den mir Gott zugedacht, und Du betrügſt mich und nimmſt auf Dich den Dank für das verfluchte Geſchenk dieſes von Gott verlaſſenen Lebens. Darum iſt nun mein Sohn abtrünnig geworden und verläßt den Weg ſeiner Väter. Hätt ich's doch wiſſen kön⸗ nen, wenn ich die Wahrheit gewußt hätte, daß es zu meinem Verderben ausſchlagen mußte. Sie thun uns nichts umſonſt, und wenn Sie dem Vater das Leben erhalten, ſo fordern Sie dafür den Sohn und für den geſchenkten Leib des Alten nehmen ſie die Seele des Kindes als ihre Beute und lachen dazu und höhnen uns noch aus, daß wir ſo dumm waren und glaubten, ſie ſchenkten uns was. So hat Dein Betrug alles Unheil herbeigeführt, und nun, da es zu ſpät iſt, nennſt Du es ein Geſchäft! Du haſt ge⸗ handelt mit dem Höͤchſten, was es gibt und das Liebſte Deines Wohlthäters verſchachert für den Mam⸗ mon, und Dich von dem Gelde genährt, ohne daß Dir die Speiſe zu Gift geworden iſt. Aber Dich ſoll jetzt in Deiner letzten Stunde noch treffen der Fluch eines unglücklichen Vaters, den der Herr zur ſchwe⸗ 25 ren Prüfung einem Teufel anheimgegeben hat, wie einſt Hiob ſeinen treuen Diener!“ Ein röchelndes konvulſiviſches Lachen aus der Bruſt des Kranken folgte dieſem Ausbruche des Zor⸗ nes. Dann lag der alte Samuel plötzlich ſtill und ſein verglaſtes, gebrochenes Auge ſtierte dem verzwei⸗ felten Goldheim in das zornglühende Geſicht, ſo daß dieſer plötzlich inne hielt. Samuel war todt. Nach⸗ dem Goldheim dies bemerkt hatte, verließ er die Kam⸗ mer. Als ihm auf dem Gange ſeine alte Haushäl⸗ terin begegnete, wich ſie ſcheu zurück; denn die Hal⸗ tung und die ganze Erſcheinung des ehrwürdigen Mannes war plötzlich ſo verändert, daß er um zehn Jahre gealtert ſchien. A Drittes Kapitel. Während Richard in Venedig ſich aufhielt, war der alte Baron von Neuberg mit Marie nach ſeinem Gute an der polniſchen Grenze abgereiſt, welches er von ſeiner verſtorbenen Gemahlin geerbt hatte und deſſen Mittelpunkt das ſtattliche Schloß Locznitz bildete. Auf der Reiſe dahin erzählte Baron Neuberg ſeiner Adoptivtochter einen Theil ſeiner Geſchichte, anknüpfend an den letzten Aufenthalt auf dem Gute, wo⸗ durch jene zugleich über ihre Herkunft aufgeklärt wurde. Der Vater des Barons ſtand als General in öſterreichiſchen Militärdienſten und war nach dem Jahre 1814, als Mainz zur Bundesfeſtung erklärt wurde, dorthin verſetzt worden, wo er dann bis zu ſeinem Tode verblieb. Die einzige Schweſter des Barons, damals faſt noch ein Kind, hatte die El⸗ tern bei ihrem Wegzuge nach Mainz begleitet, wäh⸗ rend er ſelbſt in Wien geblieben war, wo er die In⸗ genieur⸗Akademie beſuchte. Sein vertrauteſter Freund, an dem er zur damaligen Zeit mit jugendlicher Schwärmerei hing, war der Sohn aus einer reichen polniſchen Fürſten⸗Familie, Konſtantin Mos⸗ czynski, der ungefähr in gleichem Alter mit ihm, eben⸗ falls ſich mit brüderlicher Zuneigung an ihn ange⸗ ſchloſſen hatte. Durch ihn war von Neuberg in mehre hochgeſtellte adelige Familien, die den Sommer auf ihren Gütern, den Winter in Wien zu verleben pflegten, eingeführt worden. So kam es auch, daß er ſeine nachherige Gemahlin, die junge und ſchöne Gräftn Soltyk kennen lernte, die nach dem Tode ihrer Eltern bei weitläufigen Verwandten lebte, und in ihrer Wahl ganz unabhängig nach eigener Her⸗ zensneigung verfahren konnte. Mit der Einwilligung 27 ſeiner Eltern gab von Neuberg den Militärdienſt auf, um ſich mit ſeiner Geliebten verbinden zu kön⸗ nen. Es geſchah und die beiden jungen Gatten be⸗ zogen Schloß Locznitz, das Heiratsgut der Gräfin. Sechs Jahre hatten ſie dann in glücklicher Ehe ver⸗ lebt, als endlich die lang vergeblich gewünſchte Hoff⸗ nung auf die Geburt eines Kindes ſie auf den Gi⸗ pfel der Glückſeligkeit hob. Aber die Erfüllung die⸗ ſer höchſten Freude brachte in ihren Folgen für den jungen Gatten das Ende ſeines Glückes und das größte Leid ſeines Lebens. Die Geburt Richard's koſtete ſeiner Mutter das Leben. Der troſtloſe Gatte fand zwar im Anblick ſeines Kindes ſo viel Beru⸗ higung, daß ſein brennend heißer Schmerz ſich in heftige Thränen ergießen konnte, und die Aehnlichkeit des Knäbchens mit der Mutter löſte die Qualen der Ver⸗ laſſenheit in ſtillere Wehmuth auf, aber dennoch fühlte er das Bedürfniß, ein Weſen um ſich zu ſehen, das mit ihm trauern, mit ihm um die Verſtorbene weinen könne. Er hatte von Kindheit an ſeine einzige Schwe⸗ ſter zärtlich geliebt, und bat nun ſeine Eltern, ſie ihm zum Troſt und ſeinem Kinde als mütterliche Pflegerin zu ſenden. Die Eltern konnten es dem tiefgebeugten Sohne nicht abſchlagen, die ſehnlich erwartete Schweſter traf bald darauf bei ihm ein 28 und beide ſchloſſen ſich in der vereinten Pflege um das Kind immer inniger an einander an. Nachdem ſo zwei Jahre vergangen waren, wäh⸗ rend welcher die Schweſter mit treuer Hingebung des Bruders Kummer erleichtert und mit mütterlicher Zärt⸗ lichkeit den kleinen Richard gehegt hatte, kam die Zeit, da die ſeit langer Dauer verbreitete polniſche Revolution des Jahres 1830 ausbrach. Familienbe⸗ ziehungen und nachbarliches Intereſſe bewirkten, daß die beiden Geſchwiſter mit lebhaftem Intereſſe den Verlauf der Begebenheiten verfolgten. Abgerechnet davon, daß die ganze Erhebung die Aufmerkſamkeit des Barons lebhaft in Anſpruch nahm, beſchäftigte ihn beſonders der Antheil, welchen ſein Jugendfreund, der Fürſt Mosczynski, dabei hatte. Lebhaft ſtieg die Zeit in ſeinem Gedächtniß auf, wo er einſt mit die⸗ ſem geſchwärmt hatte für die Wiederbefreiung ſeiner Nation. Sie waren ſeitdem in ſteter Verbindung geblieben und auch jetzt empfing der Baron mitun⸗ ter Nachrichten von ſeinem Freunde und dem Ver⸗ laufe der Erhebung. Leider wendete ſich das Schickſal der Freiheits⸗ kämpfer im Jahre 1831 zum unglücklichen Ausgang. Nachdem Dembinski im Herbſte dieſes Jahres wei⸗ chend noch von den Ruſſen einen fürchterlichen Ab⸗ 29 ſchied nahm, mußte das edle Heldenvolk den Kampf⸗ platz räumen. Die Führer waren gezwungen, ſich heimlich nach dem Auslande zu flüchten, und unter den Flüchtlingen, deren Leben am meiſten bedroht war, befand ſich auch der Fürſt Mosezynski. Er eilte zu⸗ erſt nach Schloß Locznitz zu ſeinem Freunde und ward dort mit derjenigen Begeiſterung empfangen, die dem wahren Helden überall entgegen kommt. Mehrere Wochen hielt ihn ſein Freund verſteckt und kaum die vertrauteſten Diener des Hauſes wußten von der Anweſenheit des geheimnißvollen Gaſtes. Da nun entſpann ſich aus dem andauernden Ver⸗ kehr und der daraus erwachſenden Kenntniß des bei⸗ derſeitigen Werthes zwiſchen des Barons Schweſter und dem edlen jungen Flüchtling eine Neigung, die anwachſend zur innigen Liebe ward. Alle weiteren Umſtände: das Mitgefühl an dem Seelenleiden des für die unglückliche Sache ſeines Volkes begeiſterten Fürſten, die Hoffnungsloſigkeit des gegenſeitigen Ver⸗ hältniſſes, das trauliche Beiſammenſein auf dem ein⸗ ſamen Schloſſe, verſtärkten die Empfindung und mußten der Leidenſchaft das Gepräge des reinſten Vertrauens geben. Endlich wurde es unmöglich für den Fürſten, ſich länger verborgen zu halten. Er gehörte zu den 30 bekannteſten Trägern der Revolution und man begann dem Verlaufe ſeiner Flucht ſorgfältig nachzuſpüren. Eine ſchleunige heimliche Flucht in der einfachſten Verkleidung konnte ihn allein retten und die Tren⸗ nung war unvermeidlich. Die Szenen des Abſchieds zwiſchen den Geliebten waren herzzerreißend und nur das Gefühl, daß die Schweſter dem Bruder unent⸗ behrlich war, gab ihr in den härteſten Augenblicken einigen Troſt und erhielt ſie vor Verzweiflung. Der Fürſt mußte in ſtiller Nacht heimlich ſich entfernen. Seine Flucht ſchien gelungen und mit bangem Herz⸗ klopfen warteten von Tag zu Tag die Zurückgeblie⸗ benen auf Nachricht von ihm. Als die Nachricht endlich kam, war es die ſchrecklichſte, die ſie fürchten konnten. Der Fürſt war entdeckt, ausgeliefert und nach Sibirien transportirt worden. Als der Baron und ſeine Schweſter die ſchreckliche Gewißheit von dem traurigen Schickſale ihres Freundes erhielten, 3 fühlte letztere bereits, daß ſie Mutter werden würde Ihre Verzweiflung war grenzenlos und wieder war 3 es nur der Hinblick auf ihren Bruder und ſeinen Sohn Richard, was ſie am Leben erhielt. Sie be⸗ trachtete ſich hinfort als die Wittwe des Fürſten und fühlte ſich damit in ihrer Liebe frei von jedem Vorwurf, ja ſte war ſtolz darauf, ein Pfand derſelben zu beſitzen 31 und der Gedanke, ein lebendes Vermächtniß des Ge⸗ liebten an's Herz drücken zu können, durchſchauerte ſie oft mit unnennbar ſüßer Wehmuth. Zu dieſer Zeit ſtarb der noch immer in Mainz ſtationirte Vater des Barons, und letzterer ſah ſich gezwungen mit der Schweſter und dem kleinen Ri⸗ chard, dem Wunſche der Mutter gemäß, dahin zu eilen. Es war unmöglich vor den Augen der ſtrengen Mutter den Zuſtand der Tochter zu verbergen. Hart und lieblos, wie die alte Baronin von je geweſen, war ſie unzugänglich für die Vorſtellungen des Soh⸗ nes, für die Bitten und Leiden der Tochter. Der Baron hatte, um die alternde Mutter nicht mehr ganz verlaſſen zu müſſen, Schloß Locznitz einem Ver⸗ walter übergeben und ſich ein Gut am Ufer des Rheines nahe bei Mainz gekauft. Aber die uner⸗ bittliche Härte der alten Baronin ließ es zu kei⸗ nem Einverſtändniß in der Familie mehr kommen. Die Niederkunft ihrer Tochter mußte auf das ſorg⸗ fältigſte verheimlicht und das Kind entfernt werden, und da der edeldenkende Sohn dem Anſinnen ſeiner Mutter, ſich ganz von der Schweſter zu trennen, nicht nachkommen wollte, ſo weigerte ſich die alte Baronin ſogar mit ihm vereint zu leben und blieb 32 abgeſondert von ihren Kindern allein in Mainz zu⸗ rück. Ja, auch nach dem bald darauf erfolgten Tode ihrer unglücklichen Tochter ,‚an dem ſie ſelbſt die größte Schuld trug, vermied ſie mit unnachgiebigem Starrſinn des Sohnes Schwelle. Nur mit ihrem Enkel Richard unterhielt ſie fortdauernde Verbindung. Dieſe Mittheilung hatte in Mariens ſanftem Herzen das Gefühl der innigſten kindlichen Liebe zu dem Baron verſtärkt. Er war der Jugendfreund ihres Vaters, der einzige Schutz und Troſt ihrer un⸗ glücklichen Mutter geweſen und hatte ſie ſelbſt nun, als ſie nahe daran war, in Verzweiflung und Elend unterzugehen, aufs Neue dem Leben wiedergeſchenkt. Wenn das weibliche Herz jede Lebenshoffnung ſinken ſieht, hängt es ſich mit letzter Anſtrengung da feſt, wo es fühlt, daß es noch Liebe geben und durch ſeine Liebe, wenn auch nicht beglücken, ſo doch wohlthun darf. Denn wie der Mann bei jedem ſchweren Schickſal in Thaten ſeinen Troſt findet, ſo heftet das Weib in der Nacht der Verzweiflung an den kleinſten Schimmer der Liebe ſein Auge und blickt umher, wo ſie tröſten, pflegen und erheben kann. Marie fühlte ſich noch nicht ganz an Troſt verarmt, als ſie mit jedem Tage mehr einſehen lernte, wel⸗ chen Werth ihr Daſein für den väterlichen Beſchützer 33 hatte. Sie gelobte ſich, ihm jeden Wunſch zu er⸗ füllen und ihr Glück für die Zukunft einzig in ſeiner Zufriedenheit zu ſuchen. Nach zwanzig Jahren Abweſenheit traf nun der Baron zum erſten Male wieder auf Schloß Loeznitz ein. Der größte Theil der Dienerſchaft war indeß neu hinzugekommen und nur wenige der älteren er⸗ innerten ſich an die Ereigniſſe früherer Zeiten. Sie wußten nur, daß der Baron einen Sohn habe und betrachteten Marie daher als die Verlobte desſelben. Die ſeither unbewohnten Herrſchaftszimmer, die bis dahin verſchloſſen waren, da man ſie nur von Zeit zu Zeit ausgelüftet hatte, wurden zum Empfang der Ankömmlinge bereitet und boten bald ein behag⸗ liches Bild mittelalterlicher Einrichtung dar. Marie machte ſich⸗ gleich nach ihrer Ankunft viel zu ſchaffen, um für den herannahenden Winter alles recht wohnlich herzurichten. Die Abgelegenheit des Schloſſes ſchien ihr ganz beſonders zu behagen und da der alte Baron Sorge dafür trug, daß die reichhaltige Bibliothek mit neueren Werken verſehen wurde, ſo fürchtete ſie nicht, ſich vereinſamt zu füh⸗ len, ja ſie ſah im Gegentheil freudig dem Kürzer⸗ werden der Tage entgegen. Es wäre wunderbar, hätte ſich in einem abge⸗ Familie Schaller. II. 3 34 legenen Dorfe, deſſen Mit telpunkt ein großes Schloß iſt, mit langen Gängen, vielen Thüren und ernſt⸗ haften Ahnenbildern, der Glaube an Spukgeſchichten nicht gebildet; zumal wenn dieſes Schloß für eine lange Reihe von Jahren zum Theil unbewohnt ge⸗ blieben iſt. Es darf uns daher nicht wundern, daß auch in Locznitz mancherlei Gerüchte im Umlauf waren, die von gewiſſen abgelegenen Gängen des Schloſſes ſelt⸗ ſame Spukgeſchichten berichteten. Auch dem Baron und Marien war bereits davon erzählt worden und erſterer hatte lächelnd die Bemerkung gemacht, daß das Nichtvorhandenſein ſolcher Gerüchte unter den abwaltenden Umſtänden der ſicherſte Beweis für das Erſcheinen eines ganz fremden Geiſtes im Dorfe ge⸗ weſen wäre. Auf Marie hatten die abenteuerlichen Erzählungen keinen weiteren Eindruck hinterlaſſen, als daß ſie lebhaft an dieſelben erinnert wurde, wenn ſie einmal des Abends in jenen entlegenen Gängen ſich befand, und daß ſie dann bei zufälligem Geräuſch wohl etwas mehr als es ſonſt der Fall ge⸗ weſen wäre erſchrack und, ohne es ſelbſt zu wollen, ihre Schritte beſchleunigte. Der Hauptſchauplatz aller geſpenſterhaften Be⸗ gebenheiten, die bis jetzt nur in gewaltigen Schlägen an die Thüren, in ſchleppenden ſchweren Fußtritten, 3⁵ ängſtlichem Stöhnen, Kettengeraſſel und dergleichen be⸗ ſtanden hatten, war ein langer ſchmaler Gang im Schloſſe, in welchen die Thüren einer ganzen Reihe von kleineren Zimmern mündeten, die während der Zeit der Abweſenheit der Herrſchaft gänzlich leer geſtanden hatten, nun aber zum Schrecken der Dienſtleute zu Geſindewohnungen benutzt werden ſollten. Marie hatte ſich noch wenig in dieſen Zimmern umgeſehen. Endlich entſchloß ſie ſich dazu und in⸗ ſpizirte eines Nachmittags die verrufenen Gemächer. Sie beſchäftigte ſich zuerſt damit, einer ſie begleitenden Dienerin ihre Pläne in Bezug auf die Verwendung der Zimmer mitzutheilen und ehe ſie in ihrem Eifer daran dachte, war die Dämmerung bereits einge⸗ brochen. Sie beſchloß daher ihre Beſchäftigung für dieſen Tag zu beenden, ſchickte die Dienerin fort und ſetzte ſich noch einen Augenblick an ein Fenſter des Zimmers, in dem ſie ſich eben befand, um die einſame Gegend umher zu betrachten. Das melan⸗ choliſche Düſter des trüben Herbſtabends war nicht geeignet, heitere Gedanken in ihr zu erwecken und ſie verſank in traurige Erinnerungen. Bald erhob ſie ſich jedoch und eilte das Zimmer zu verlaſſen. Als ſie die Thüre öffnete, erſchrack ſie faſt über die Dunkelheit, die ſich bereits auf dem langen Gange 3- verbreitet hatte. Raſch ging ſie einige Schritte vorwärts, aber wie gelähmt blieb ſie plötzlich ſtehen, denn es war ihr, als vernehme ſie ganz deutlich ein nicht ſehr entferntes unheimliches Geräuſch. Sie preßte die Hand feſt auf das pochende Herz und hielt unwillkührlich lauſchend plötzlich den Athem ein. Sie hatte ſich nicht getäuſcht. Immer näher hörte ſie das räthſelhafte Geräuſch, das einem ſchleppenden, ſchwerfälligen Gange glich. Sie wollte rufen, aber die Stimme verſagte ihr. Ohne in der Aufregung recht zu wiſſen, nach welcher Seite hin ſie ihre Schritte lenkte, ſuchte ſie zu entfliehen, kam aber dem uner⸗ klärlichen Schlürfen nur näher, und jetzt ſchien es ihr gar, als vernehme ſie ein unterdrücktes tiefes Stöhnen. Ihre Angſt ſtieg auf's höchſte. Sie ſah ſich um, erkannte an ihrer Seite eine Thüre, eilte auf dieſelbe zu, öffnete ſie, trat durch dieſelbe ein, und hielt ſie hinter ſich mit beiden Händen zu. Aber ihre Furcht wuchs zum höchſten Entſetzen, als ſie die beängſtigenden Schritte von draußen ſich nahen hörte und endlich bemerkte, daß die Thüre ihres Zufluchts⸗ ortes von außen geöffnet werden ſollte. Einen Au⸗ genblick noch vermochte ſie es, der eindringenden Gewalt zu widerſtehen; ihre Einbildungskraft erhöhte jedoch den grauenhaften Eindruck des Augenblicks ſo 37 ſehr, daß ſie ihre Kräfte plötzlich ſchwinden fühlte. Die Thüre wich, ſie taumelte einige Schrite zurück und ſank mit einem Schrei ohnmächtig zu Boden. Als Marie wieder erwachte, glaubte ſie zu träu⸗ men, ſo abenteuerlich war die Umgebung, in der ſie ſich ſah. Sie lag auf dem Boden des Zimmers und an ihrer Seite ſaß oder kauerte vielmehr eine ſeltſame Erſcheinung, die eine kleine Laterne in der Hand hielt und ihr in das Geſicht leuchtete. Sie wagte kaum ſich zu rühren und betrachtete angſtvoll das ſtarre Geſicht des ſie beobachtenden Weſens. Bald aber, nachdem ihre aufgeregten Sinne etwas herabgeſtimmt waren, erſchien ihr dieſes Geſicht nicht ganz unbekannt und ſie entdeckte endlich, daß das Geſpenſt, vor dem ſie geflohen, einfach der Narr des Dorfes war, der, wie es auf dem Lande häufig iſt, ſeiner Mißgeſtalt und ſeiner gutmüthigen Narrheit wegen das Spielzeug der Dorfjugend und der Ge⸗ genſtand der kärglichen Wohlthätigkeit der Bewohner der Umgegend war. So ungefährlich ſolche Menſchen erſcheinen, wenn ſie ſich bei Tage auf belebten Wegen zeigen, ſo un⸗ heimlich wirkte in dieſem Augenblicke der Anblick des koboldartigen Geſchöpfes auf Marie und ein Schauder überlief ſie, als ſie ſeinen ſtieren Blick auf ſich ru⸗ 38 hen fühlte. Kaum bemerkte jedoch der Kleine, daß ſie die Augen aufſchlug, als er ſie gutmüthig an⸗ lächelte, ſein Licht auf den Boden ſtellte und nach einer Ecke des Zimmers lief, von wo er Brod und andere Eßwaaren herbeiholte, die er vor ihr nieder⸗ legte. Aus dieſen Zeichen nahm Marie ab, daß er nichts Böſes im Sinne habe, ſie erhob ſich daher und wollte eilig das Zimmer wieder verlaſſen. Aber der Kleine ſprang ihr nach, faßte ſie am Kleide und ſuchte ſie durch unartikulirte Töne, Winke und Ge⸗ berden aufzuhalten. Da ihre Furcht faſt gänzlich vergangen war, ſo fing ſie nun an ſich etwas genauer in dem Raume umzuſehen, wo ſie ſich befand. während der Abweſenheit der Herrſchaft dies kleine Zimmer zu ſeiner Behauſung ſeltſam eingerichtet hatte Die Bewohner des Dorfes dachten nicht anders, als daß er auf einem der Gänge des Schloſſes die Nächte merkt in dieſen Theil des Gebäudes gelangen ließ, ſo war man bis jetzt noch gar nicht aufmerkſam auf ſein Treiben daſelbſt geworden. Marie bemerkte gar bald, daß das Zimmer nicht nur ſeine Wohnung, ſondern auch ſeine Schatzkammer war, wo er außer Da ſah ſie denn, daß der ausgeſtoßene Krüppel zubrachte und da eine Hinterthüre ihn ſtets unbe⸗ 3 39 alten Kleidungsſtücken, die man ihm geſchenkt, eine Menge verſchiedener Gegenſtände aller Art, die er in den Winkeln des Schloſſes aufgefunden haben mußte, umher aufgeſtellt hatte. Die ganze Einrichtung des Zimmers war ſomit ſein eigenes Werk. Angſtlich folgte er Mariens forſchenden Blicken. Er deutete auf jeden einzelnen Gegenſtand, auf die alten Lap⸗ pen und Decken, aus denen er ſein Lager bereitet hatte, auf den zerbrochenen Stuhl, den er ſo gut als möglich zuſammengefügt, die zerriſſenen Bilder, die er mit Stecknadeln an die Wand geſteckt hatte und ein rührender Ausdruck der innigſten Freude be⸗ lebte ſeine mißgeformten Züge. Einen beſondern Wunſch ſchien der arme Zwerg zu haben, denn er be⸗ mühte ſich auf alle Art, Marien etwas klar zu ma⸗ chen. Endlich gelang es ihm, nach vielen Anſtren⸗ gungen und zehnfacher Wiederholung, die Worte: „Nicht fortjagen“ hervorzubringen. Marie verſtand ihn; er befürchtete, daß die An⸗ kunft der Herrſchaſt ihn aus ſeinem Aſyl vertreiben und ſein geheimnißvoll gehegtes Glück zerſtören werde. Sie fühlte das tiefſte Mitleid mit dem armen, von Gott und der Welt verſtoßenen Menſchen und kaum hatte ſie ſeine Bitte verſtanden, als ſie ihm lebhaft zunickte und ihm verſprach, daß Niemand ihn im Beſitz ſeiner Herrlichkeiten ſtören und ihm das Be⸗ wohnen des Zimmers ſtreitig machen ſollte. Der Kleine drückte ſeine Freude in einer zwar rührenden, aber doch höchſt komiſchen Weiſe durch gur⸗ gelnde Freudenlaute aus, eilte dann zu ſeinen auf⸗ geſpeicherten Schätzen und ſchien etwas als Dankge⸗ ſchenk dort auszuſuchen. Plötzlich griff er haſtig nach einem Gegenſtand, erfaßte ihn, eilte damit zu ſeiner Beſchützerin und drängte ſie mit bittenden Blicken, den Beweis ſeiner Erkenntlichkeit anzunehmen. Es war ein plump gearbeiteter alter Ring von falſchem Metalle mit unächten Steinen beſetzt, den er ſich bemühte ſeiner Wohlthäterin an den Fin⸗ ger zu ſtecken. Marie ließ es lächelnd geſchehen und beeilte ſich darauf, den Ort ihres ſeltſamen Aben⸗ teuers zu verlaſſen und zu ihrem Pflegevater zu ge⸗ langen, um ihm die Bitte des armen Dorfnarren vorzutragen. Baron von Neuberg hatte ſich über das lange Ausbleiben Mariens bereits gewundert und zu äng⸗ ſtigen angefangen. Er wollte eben Erkundigungen nach ihr einziehen, als ſie zu ihm in das Zimmer trat und ihm das gehabte Abenteuer mittheilte. Zuletzt zeigte ſie ihm den Ring. Der Baron be⸗ 41 trachtete ihn eine Zeit lang ſinnend, als erwecke er halbvergeſſene Zeiten in ihm, und ſagte dann: „Wie ſeltſam! Ich erkenne dieſen Ring als ein Erinnerungszeichen aus der glücklichen Zeit der er⸗ ſten Jahre meiner Ehe. An ihm habe ich damals meinen erſten Orden verdient.“ „Wie iſt das zu verſtehen?“ frug Marie und der Baron erzählte: „Ich kam einmal von einem mehrtägigen Be⸗ ſuche bei Deinem Vater, dem Fürſten Mosczynski, nach Hauſe zurück, und beeilte mich bei meiner ge⸗ liebten Frau noch ſpät am Abend einzutreffen. Nahe der Grenze mußte ich einen dichten Wald paſſiren. Plötzlich vernahm ich ein erbärmliches Hilfegeſchrei und als ich näher kam, ſah ich, wie einige Räuber einen Handelsjuden überfallen hatten und ausplün⸗ derten. Dieſer ſelbſt lag blutend und beſinnungslos am Boden. Sein Diener, auf den die Räuber wei⸗ ter nicht achteten, ſtand ſchlotternd an allen Gliedern dabei und unterhielt ein fortwährendes Zettergeſchrei nach Hilfe. Ich eilte hinzu, jagte mit ein paar guten Hieben die Räuber fort, brachte den Bewußt⸗ loſen mit ſeinem noch immer laut jammernden Bur⸗ ſchen bis vor das nächſte Wirthshaus, ſchenkte letz⸗ terem dort noch etwa hundert Gulden, die ich von der Reiſe übrig hatte und zog dann weiter. Da indeſſen Abenteuer in unſerer Zeit eine Seltenheit geworden ſind und die ganze Geſchichte mir Spaß gemacht hatte, ſo wollte ich gerne ein Andenken daran haben. Ich nahm alſo dieſen werthloſen Ring mit falſchen Steinen, den der Jude am Finger trug, zu mir, und nannte denſelben bei meiner Zuhauſekunft ſcherzend: meinen erſten Orden.“ „Wie viel mehr Werth hat alſo dieſer Ring als tauſend andere, die echt und koſtbar ſind!“ be⸗ merkte Marie.„Der arme Verrückte, der ihn mir gab, konnte nicht ahnen, welche Erinnerungen ſich an dieſen Schatz knüpfen und wie groß meine Freude an ſeinem Geſchenke werden würde. Aber dafür müſſen ſie ihm nun auch die Bitte erfüllen, für deren Gewährung ich mich verbürgte, und ich werde ihn als meinen Schützling betrachten, für den zu ſorgen ich nie vergeſſen will, denn er bewahrte das Ge⸗ dächtniß einer edlen That und ſoll mir darum ſtets geheiligt ſein.“ Der Baron gab ſeine Einwilligung und von dieſem Augenblicke an war Marie die Beſchützerin des Dorfnarren. Viertes Kapitel. Unterdeſſen nahte die Zeit heran, die Richard zu ſeiner Ankunft nach Schloß Loeznitz beſtimmt hatte. Sein Vater hatte es Marien bereits mehrmals nicht undeutlich bemerklich gemacht, daß ſeine Wünſche darauf abzielten, aus ihr und Richard ein Paar zu machen. Er hatte das größte Zutrauen zu des Mäd⸗ chens klarem und gereiftem Weſen und verhehlte es ihr nicht, wie Richard's Gemüthsrichtung ihn wun⸗ ſchen laſſe, daß derſelbe ſich früh eine Lebensgefähr⸗ tin wähle, deren Charakterfeſtigkeit vortheilhaft auf ſein Weſen zu wirken vermöge. Er wußte, daß der junge Mann das beſte Herz beſaß, aber dabei eines Haltes bedurfte, den er nirgends beſſer finden könne, als in der Liebe zu einer edlen Gattin. Marie war mehrmals den Andeutungen des Barons ausgewichen, doch verſicherte ſie ihn dabei ſtets, daß ſie keinen andern Zweck für ihr Leben ken⸗ nen wolle, als ſich der Sorge für ihn zu weihen. „Und wenn ich einmal nicht mehr bin?“ hatte ihr der Baron einmal darauf erwiedert;„dann ſtehſt Du allein und der eigentliche Zweck Deines Lebens wird doch für Dich ein verlorner ſein. Doppelt un⸗ ruhig werde ich dann aus der Welt gehen müſſen, während es in Deiner Hand gelegen hatte, mich vollkommen zu beruhigen.“ Dieſem Einwande konnte die gute Marie zuletzt nichts anderes mehr entgegen ſetzen, als das Ge⸗ ſtändniß ihrer Liebe zu Otto. Der Baron hörte ihr theilnehmend zu und als ſie geendet hatte, küßte er ihr bewegt die Stirne. „Armes Kind,“ ſagte er,„ſo haſt auch Du es ſchon erfahren, wie die äußere Geltung die edelſten Ge⸗ fühle untergräbt! Weil Du arm, eine elternloſe Waiſe warſt, wurde Deine Liebe mißachtet, während eben ſie allein doch wahren Anſpruch auf erwiedernde Treue hatte. Aber,“ fuhr er fort,„dieſe bittre Er⸗ fahrung darf nicht alle Blüthen Deines Lebens ge⸗ tödtet haben; wo wäre ſonſt Gerechtigkeit auf Erden? Sie wird in ihren Folgen zum Segen für Dich wer⸗ den und gerade der Umſtand, daß auch Richard, ehe wir hier herzogen, ein Verhältniß angeknüpft hatte, das aus den entgegengeſetzten Gründen erfolglos war, und von mir abſichtlich unterbrochen wurde, wird Euch Beide ruhiger und darum inniger an ein⸗ ander ketten. Ihm ſpiegelte man Liebe vor, weil ſein Stand, ſein Name und ſein Reichthum ihn zu einer begehrenswerthen Partie machten, aber der erſte Verſuch auf das Herz des Mädchens, die er 45 gewählt, ſcheiterte, denn da ſie nicht einmal im Stande war ihre Anſichten von öffentlichen Verhält⸗ niſſen den ſeinen unterzuordnen, wie viel weniger würde es ihr möglich geweſen ſein, ihn durch weib⸗ lich hingebende und aufopfernde Liebe glücklich zu machen!“ Nach Mariens Mittheilung hoffte der Baron um ſo ſicherer, daß ſein Plan mit Richard und ihr dennoch in Erfüllung gehen werde, wenn ſie nur erſt von den Folgen ihrer Erfahrung geheilt ſei. Er berührte deshalb dieſen Gegenſtand einſtweilen nicht weiter und vertraute auf die Einwirkung der Zeit und des längeren Zuſammenlebens nach Ri⸗ chard's Ankunft. Richard traf bald darauf ein und alle drei freu⸗ ten ſich herzlich der Wiedervereinigung. Die Erleb⸗ niſſe in Venedig hatten den jungen Mann um vieles ernſter gemacht und die Veränderung ſeines Weſens wurde ſeinem Vater ſogleich bemerklich. Bald hatte ſich Richard in der neuen Behau⸗ ſung zurecht gefunden und nachdem die erſten Tage ſeines Aufenthalts unter gegenſeitigem Austauſch der gewöhnlichen Erlebniſſe hingegangen waren, ging er fleißig mit ſeinem Vater auf die Jagd. Die rüſtige Bewegung in der freien Luft ſagte 46 dem jungen Mann ausnehmend zu und tilgte bald die Spuren des erſchlaffenden Aufenthalts in Vene⸗ dig vollſtändig in ſeinem Gemüthe aus. Wenn er ſo lauernd auf dem Anſtand lag und die weißbe⸗ ſchneite Fläche überſah, ſo kam ihm oft das Getändel mit der ſchönen italieniſchen Sirene wie ein häßlicher Fleck in ſeinem Leben vor. Das Gefühl der Reue trieb ihm dann oftmals das Blut heiß nach dem Kopfe und wenn die kalte Dezemberluft ihn wieder erfriſchte, wurde er wohlthuend daran erinnert, daß er nun zwar in einem weniger milden Klima, aber unter andern, beſſern Menſchen ſei. Wenn Vater und Sohn mit einander ausge⸗ zogen waren und Abends heimkehrten von der Jagd, ſo erwartete ſie Marie mit häuslicher Sorglichkeit und die Stunden am Kamin dehnten ſich in trau⸗ lichen Geſprächen oft bis in die Nacht hinein aus. Schon hatte der alte Baron auch bei Richard mehrmals darauf hingedeutet, wie er wünſche, daß dieſer Gut und Schloß Locznitz ſelbſt verwalten möge, und Richard fand ſich gar nicht abgeneigt, auf dieſen Vorſchlag einzugehen. Als der Vater aber darauf anſpielte, daß es dann aus mehren Gründen nöthig ſei, ſich eine Lebensgefährtin zu wählen, ſprach ſich 4⁷7 7 Richard oft in bitterer und abwehrender Weiſe über die Frauen aus. Erſtaunt hörte ihm ſein Vater zu. Dann aber, des Sohnes Stimmung wohl erkennend, ſprach er lange im ernſten Tone zu ihm. „Man iſt ſo leicht geneigt,“ ſagte er,„eigene Fehler auf fremde Rechnung zu ſchreiben, und dar⸗ um gibt ein Mann, der den Werth der Frauen nicht achtet, gewöhnlich das Zeugniß ſeines eigenen Un⸗ werthes ab. Entweder hat er ſich ihnen gegenüber ſchwach oder ehrlos gezeigt, und rechnet denſelben dann ſeine Fehler und obendrein die Beſchämung an, welche er ſich ſelbſt bereitete. Das liebende Weib iſt dem Manne folgſam nach dem Geſetze der Natur; der liebende Mann aber, der das Weib achtet, wird es in Achtung leiten und was beim Weibe mit der Liebe zu entſchuldigen iſt, wird beim Manne zum Verbrechen an derſelben. So lange das Weib nicht befangen iſt von Liebe, beſitzt ſie eine moraliſche Kraft, die ſo mächtig iſt, daß ſie die heftigſte Leidenſchaft zu bezwingen vermag und darum iſt ein Weib, die ſich dieſer Kraft begibt und ohne Liebe ſich der Be⸗ gierde überläßt, allerdings verächtlich, während ſie, wenn ſie in der Hingebung der Liebe fehlt, nur dem befangenen Blicke verdammenswerth erſcheinen kann. Deine Erfahrungen in Bezug auf die Frauen, ſo weit ich dieſelben kenne, waren eines Mannes nicht ganz würdig, und dein übereiltes Verhältniß zu der jungen Kaufmannstochter entſtand lediglich aus der Unreife und Unſelbſtſtändigkeit Deines Gemüths.— Du ſahſt Dich durch die überlegene Willenskraft des Mädchens gefeſſelt und hieltſt dieß Gefühl für Liebe. Wahre Liebe haſt Du noch nicht kennen gelernt, weil Du Dich noch nicht vollſtändig als Mann empfunden haſt. Wenn Du alſo in der Schlinge irgend einer Buhlerin neue Erfahrungen geſammelt haſt, ſo ſind auch ſie jedenfalls wiederum nur das Ergebniß Dei⸗ ner mangelhaften Selbſterkenntniß. Die Liebe eines echt weiblichen Herzens iſt eine Ahnung, eine unbe⸗ ſtimmte Sehnſucht, die erſt dann in voller Stärke eerwacht, wenn das Geſtändniß der Gegenliebe gleich dem erweckenden Sonnenſtrahl ſie trifft.“ „Wohl muß es ein beſeligendes Bewußtſein ſein, ſelbſt das Gefühl wachgerufen zu haben, das uns die höchſte Wonne gibt, ſich als das Vortrefflichſte mit vollem Vertrauen betrachtet zu ſehen von dem Weſen, das man ſelbſt wieder für das anbetungs⸗ würdigſte hält!“ entgegnete gedankenvoll Richard. „Aber um dies Gefühl kennen zu lernen,“ ver⸗ ſetzte der Baron,„muß man eben nicht der Lockung *. 49 des Augenblickes folgen, nicht von Nebendingen und äußern täuſchenden Eigenſchaften ſich verblenden laſ⸗ ſen, ſondern Verſtändniß ſuchen in dem, was den einzelnen Menſchen erhebt über das Gewöhnliche; man muß ſich gegenſeitig begreifen in den edelſten Bedürfniſſen und mit einander Einem Ziele zuſtreben, das hinausgeht über das endliche Daſein des Ein⸗ zelweſens. Wie aber konnteſt Du glauben, daß wahre Liebe entſtehen könne, wo die erſten Bedin⸗ gungen eines glücklichen ehelichen Verhältniſſes nicht erfüllt werden ſollten?— Beim Eintritt in das Haus Schaller's überzeugte mich der erſte Blick, daß ich eine jener Familien kennen lernen würde, die den Prinzipien der modernen Weltanſchauungen huldigen, jenen Prinzipien, die gerade bei der Erziehung der Frauen die ahnungsvolle Schüchternheit echt deut⸗ ſcher Gemüthstiefe gefährden, und das Weib entwe⸗ der in eine Bahn treiben, die es an der Erfüllung ſeines eigentlichen Zweckes hindert, oder mindeſtens den jungfräulichen Duft der Seele, dieſe ſchönſte Zierde irdiſcher Schöpfung, frühzeitig verzehrt. Weit entfernt davon, Dein Schickſal und das des Mäd⸗ chens von der Meinungsverſchiedenheit der Eltern abhängig machen zu wollen, hielt ich es für meine Pflicht, als Vater zu prüfen, wie weit jene falſche Familie Schaller. II. 4 50 Selbſtſtändigkeit ſchon über die Liebe, das eigentlich Höchſte im Herzen des Weibes, bei Luiſe geſiegt habe. Ich würde ohne dieſen Zweck jenen Streit nicht her⸗ vorgerufen haben; denn ich kannte im Voraus den wunden Fleck aller Neuerungsſüchtigen, die da in Jedem einen Gegner erblicken wollen, der nicht gleich ihnen Tiſch und Bänke zertrümmert, und die nur dem ihre Achtung zuwenden, der noch weiter geht als ſie, als ob die äußerſte Spitze allein heilbringend ſei! Ich kannte Dich zu gut, um nicht zu wiſſen, daß Dir all' dieſes entgehen würde, und wählte deshalb das einzige Mittel des ſchroffſten Entgegentretens, um das Mädchen ſelbſt zum entſcheidenden Schritte zu veranlaſſen.“— 3 „Ich bin Ihnen den größten Dank ſchuldig, mein Vater,“ erwiederte Richard,„und wenn ich es auch noch immer nicht ganz einſehen kann, ſo bin ich doch feſt davon überzeugt, daß Sie mich von einem übereilten Schritte zurückhielten, der mich viel⸗ leicht für die Dauer meines Lebens unglücklich gemacht haben würde. Ich habe es neuerdings wieder ein⸗ ſehen gelernt, daß ich noch nicht im Stande bin, mein Schickſal ſelbſt glücklich zu geſtalten. Ihre * große Fürſorge hat mich bisher nicht dazu kommen laſſen, meine Kräfte zu entfalten und ich muß es für 51 ein Glück anſehen, daß Ich mich noch immer auf Ihre väterliche Liebe verlaſſen kann. Nehmen Sie denn das feſte Verſprechen hin, daß ich in allen wichtigen Schritten meines Lebens Ihrem Rathe fol⸗ gen und ohne ihn keinen entſcheidenden Entſchluß faſſen werde.“ Der alte Baron erkannte die günſtige Gelegen⸗ heit, ſeinen Plan zu verfolgen. „Wohlan, mein Sohn,“ ſprach er, ſo will ich Dich denn einmal auf ein Weſen, das ich Deiner Liebe würdig halte, aufmerkſam machen. Haſt Du noch nicht daran gedacht, daß Marie ein treues, lie⸗ bevolles und aufopferungsfähiges Weib werden würde?“ „O gewiß, das würde ſie,“ rief Richard aus. „Und glaubſt Du nicht,“ fuhr der Vater fort, „daß die Achtung, die Du ihren vortrefflichen Eigen⸗ ſchaften zollſt, zur Liebe werden könne? Mein ſehn⸗ lichſter Wunſch iſt, Euch Beide mit einander glücklich zu ſehen, als die Beſitzer dieſes Gutes, das einſt auch der Schauplatz meines Glückes war. Suche Mari⸗ ens Neigung zu erringen, werde ihrer würdig, und Du wirſt uns Alle zufrieden machen können.“. Richard war von ſeines Vaters Vorſchlag über⸗ raſcht, aber ſein Weſen war ſo biegſam, daß der 4 52 ausgeſtreute Samen nicht ganz auf unfruchtbares Erdreich ſiel. Baron von Neuberg, wie die meiſten öſterrei⸗ chiſchen Edelleute, gehörte dem katholiſchen Glauben an, ebenſo ſeine Gattin und Mariens Vater. Der. alte Baron beſchloß daher, die zur Verbindung Ri⸗ chard's mit Marien nöthige Dispenſation, ſobald letz⸗ tere ihre Zuſtimmung zur Verlobung gegeben habe, ſelbſt in Rom nachzuſuchen, dort die Vermählung zu feiern, und ſomit beim erſten Beginn des Frührjahrs die Reiſe nach Italien zu unternehmen. Marie war indeſſen nicht nur der angebetete Liebling der Untergebenen des Barons, ſondern auch bei Bekannten und Nachbarn ein gern geſehener und lieber Beſuch geworden. Sie hatte ſich ein Ge⸗ ſchäft daraus gemacht, die Frauen der Dienſtleute aufzuſuchen, ſich mit ihnen zu unterhalten und ſie mancherlei Vortheile zu lehren. Die freundliche, of⸗ fene und theilnehmende Art, wie ſie ſich einzuführen wußte, der milde liebliche Ausdruck ihrer ſchönen Er⸗ ſcheinung wirkten ſo einnehmend und Zutrauen erwe⸗ ckend, daß Niemand ſich ſcheute, ihr ſeine Noth zu klagen oder ſein Anliegen mitzutheilen, und ſchon ihre bloßen Worte wirkten dann ermuthigend und tröſtend. Sie brachte manche Verbeſſerungen in die Haushal⸗ 53 tungen und erſtreckte vorzugsweiſe ihre Sorge auch auf die Kinder, deren Erziehung in der dortigen Ge⸗ gend ſehr vernachläßigt wurde. Sie galt dabei nach wie vor für Richard's Ver⸗ lobte und ſo oft ſie an dieſe Annahme gemahnt wurde, trieb es ihr, ſeitdem ſie des alten Barons Wunſch kannte, das Blut aus den Wangen. Sie zwang ſich ſelbſt nach und nach zu dem Gedanken, daß dieſer Plan in der That für Richard heilbrin⸗ gend und eine Wohlthat ſei. Üüber den Verlauf ſei⸗ nes Liebesabenteuers in Venedig hatte ſie nichts weiteres erfahren. Da ſie die wahre Lage der Sache nicht ahnen konnte, war ſie viel zu zartfühlend, um eine Frage darüber an ihn zu richten. So reifte in ihr nach und nach der Entſchluß, ſich dem Wunſche des Barons, wenn er ihre Hand für Richard verlan⸗ gen ſollte, nicht zu widerſetzen. Richard hatte ſein Betragen gegen Marie we⸗ ſentlich geändert. Er war zwar früher nicht weniger aufmerkſam geweſen als jetzt, aber ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit trug nun mehr das Gepräge ſtiller Ergeben⸗ heit. Dabei beobachtete er ſie in allen ihren klei⸗ nen häuslichen Verrichtungen, und mußte ſich geſte⸗ hen, daß ſie allem, was ſie that, einen anmuthigen Reiz beizumiſchen wußte. Seine Empfindung ihr ge⸗ 54 genüber erſchien ihm jedoch ohnehin ſo innig und befriedigend, daß er gar nicht des Bedürfniß fühlen konnte ihr Verhältniß zu ändern. A Fünftes Kapitel. Schon zeigten ſich die Vorboten der großen ge⸗ ſchichtlichen Ereigniſſe von 1848. Der verunglückte polniſche Aufſtand unter Mieroslawski war vorüber, dieſer ſelbſt zum Tode verurtheilt, aber zu lebenslän⸗ licher Gefangenſchaft begnadigt worden. Zwei an⸗ dere Haupturheber, Th. Wisniowski und Joh. Ka⸗ puscinski, waren in Lemberg hingerichtet worden, wobei die Frauen der Stadt ihre Theilnahme an dem Schickſale dieſer Unglücklichen dadurch kund ga⸗ ben, daß ſie deren letzten Weg mit Blumen beſtreuten. In Italien war der Krieg zwiſchen den einzelnen Staaten unter einander und gegen Oeſterreich voll⸗ ſtändig zum Ausbruche reif; in Frankreich gaben die Verbrechen in den höheren Schichten der Geſellſchaft das Zeugniß für die allgemeine Verdorbenheit und Rohheit der Zuſtände, während die Stellung des loyalen Liberalismus dem bürgerlichen Königthum gegenüber eine immer geſpanntere wurde. Die Füh⸗ 55 rer der religiös⸗liberalen Bewegungen in Deutſch⸗ land warfen ſich auch zu Trägern der politiſchen Bewegung auf und traten überall rückhaltlos hervor. So nahte das Ende des Jahres 1847 heran. Als der Weihnachtabend herangekommen) war, ging Marie mit der alten Wirthſchafterin, die ihr bereits auf Tod und Leben zugethan war, an die Zu⸗ rüſtung des Feſtes und freute ſich kindlich darüber, daß ſie gerade an dieſem Abende die ſo lange ab⸗ weſende weibliche Sorgfalt in die Familie zuruͤckfüͤh⸗ ren durfte. Zuerſt ordnete ſie die Geſchenke, die ſie fuͤr Richard und den Vater in den ſtillen Abendſtunden gearbeitet hatte, und brannte hierauf die Lichter des Weihnachtsbaumes an. Die alten Ahnenbilder ſa⸗ hen wie verwundert aus ihren dunklen Rahmen auf das Treiben des lieblichen Mädchens, und die dunk⸗ len, langen Schatten des Baumes fielen bei der grel⸗ len Beleuchtung rieſenhaft auf Wand und Decke. Als alle Lichter angezündet waren, klingelte Marie, die alte Wirthſchafterin öffnete die großen Flügel⸗ thüren und die beiden Herren durften eintreten. Wie freudig leuchtete Mariens Auge, als der alte Baron ſie gerührt in die Arme ſchloß und dan⸗ kend ihre Stirne küßte! Richard hätte gleich den 56 Bräutigamskuß auf Mariens Lippen drücken mögen ſo liebenswerth, gut und ſchön erſchien ſie ihm in die⸗ ſem Augenblicke. Nachdem nun Marie die beiden Herren zu den Geſchenken geführt und ihnen mit kindlicher Freude alles beſchrieben und erklärt hatte, lehnte ſie ſich an den Arm des alten Barons und ſchaute hellen Blicks mit ihm nach dem geſchmückten leuchtenden Baume. Eine Thräne der Rührung trat in des Barons Auge. Er war weich geſtimmt, wie in den ſchönſten Tagen ſeines Glücks. Ueberwältigt faßte er die Hände der beiden jungen Leute und in dem er ſie abwechſelnd liebevoll anblickte, ſagte er:„Dieſe Stunde fällt ſeit langen Jahren wieder einmal wie ein heller Sonnenblick in mein Leben. So mit Euch beiden vereint zu ſein, habe ich mir oft gewünſcht, aber nicht für einen kurzen Abend, ſondern für alle Zeit, die mir zu leben noch übrig bleiben wird. O, meine Kinder! jetzt in dieſer ſchönen, heiligen Stunde iſt der Zeitpunkt gekommen, wo ihr Euch entſcheiden könntet über Eure Zukunft. Ihr kennt die Wünſche, die ich für Euch im Herzen trage, und habt Zeit gehabt, ſie wohl zu erwägen. Sprecht denn zu ein⸗ ander, öffnet Eure Herzen und verwirklicht eine Hoffnung, deren Erfüllung kein Hinderniß entgegen . 57 ſteht und deren Zuſtandekommen wir gewiß alle nie⸗ mals zu bereuen haben werden.“ Richard verſtand ſeines Vaters Abſicht. Auf Marie zugehend und ihre Hand faſſend, ſagte er: „Gib Deine Einwilligung zu des Vaters Wunſch, Marie, und mein einziges Beſtreben ſoll ſein, mich Deiner immer würdiger zu machen.“ Marie war bei den erſten Worten des Barons heftig erſchrocken, alle Munterkeit entwich aus ihrem Geſichte und die blühende Farbe ihrer Wangen ver⸗ wandelte ſich in Todtenbläſſe. Als Richard ausge⸗ redet hatte, koſtete es ſie den ſchwerſten Kampf, um die mit Gewalt hervordringenden Thränen zurückzu⸗ halten, aber ſie blickte in das liebevolle Auge ihres Vaters und rief den Vorſatz in ihre Seele zurück, den ſie aus Dankbarkeit feſt gefaßt hatte. Unfähig ein Wort zu reden, lehnte ſie ihren Kopf an Richard's Bruſt und brachte nichts weiter hervor als ein leiſes, kaum hörbares„ja.“ Richard umſchlang ſie in der Freude ſeines Her⸗ zens und wiederholte triumphirend ihr Jawort, der Vater aber umarmte Beide auf das Herzlichſte und konnte kaum Worte finden, ſeine Freude und Zu⸗ friedenheit auszudrücken. Sie trennten ſich bald, um zur Ruhe zu gehen, und Marie war kaum auf ihr Zimmer gelangt, als ſie ihren Thränen freien Lauf geſtattete und die Bilder vergangener Tage wie zum ewigen Abſchied an ihrer Erinnerung vorübergehen ließ. Sie ſetzte ſich ans Fenſter und öffnete dasſelbe. Es war eine milde Dezembernacht, die Luft rein und ſtärkend, der Himmel klar und hell. Tauſend Sterne ſchauten mit mildem Glanze freundlich hernieder und Mariens Auge ſah zu ihnen auf mit wehmüthigem Sehnen. „Ach,“ ſagte ſie leiſe vor ſich hin,„da ſtehen die ewigen Lichter und blicken ſo feierlich auf die ruhige Erde hernieder und die heilige Nacht bedeckt mit ihrem Schleier die Welt und verwandelt jeden Schmerz in ſanftere Trauer! Nicht nur der Gedanke an eine beſſere Welt umfängt tröſtend bei ihrem Anblick die Seele; die unendliche Macht und Größe des Alls drängt unſre eignen Empfindungen zurück und läßt uns ahnend fühlen, wie klein der Augenblick iſt, in dem wir Einzeln leiden, gegenüber dem unendlichen ewigen Leben in der Natur mit all ſeinen Leiden und Freuden So ſoll ſie denn abgeſchloſſen ſein mit der heutigen Nacht, die ſchmerzliche, bittere und doch ſo ſchöne Erinnerung! Was auch die Urſache war, die ihn von mir trennte, das Leid, das mir daraus entſtand, möge ihm nicht angerechnet werden 59 und wenn ein Gebet aus vollem Herzen wirklich etwas vermag, ſo flehe ich um reichen Segen auf ſein Haupt.“ Ihre Augen wurden naß, ſie wendete die Blicke von dem unermeßlichen Firmamente ab und ſchaute hernieder zur Erde, wo der Winter ſeine ſchützende Decke von hohem Schnee mitleidig ausgebreitet hatte. Unten im Dorfe brannten hier und da noch Lichter, die zwiſchen den weißen Dächern, den beſchneiten Bäumen und Straßen traulich hervorſchimmerten. Einzelne Raben flogen von einem Baume zum andern, und wo ſie krächzend aufflogen und ſich niederſetzten, ſchüttelten ſie den Schnee in leichten Flocken hernieder, ſonſt war alles ſtill umher. Vom nahen Kirchhofe ſchauten die ſchwarzen Kreuze düſter herüber. Marie blickte ſinnend dorthin und ein leiſer Schauder durchrieſelte ſie. Sie gedachte des Todes⸗ tages ihrer Pflegemutter und wie ſie damals auf dem Grabe geſeſſen hatte, von aller Welt verlaſſen, mit der erſt erwachenden, furchtbaren Ahnung ihrer Tren⸗ nung von Otto in der Bruſt. Jetzt hatte ſie einen Vater gefunden, der ſie die entſchlafene Pflegemutter nicht entbehren ließ, und einen Verlobten, der bereit war, ſein ganzes Leben ihrem Glücke zu weihen; weshalb ſollte ſie trauern?— Und doch! wie ganz anders würde die Feier der heiligen Nacht ihr Herz bewegt haben, wäre es frei geweſen von dem Stachel, den die Zerſtörung ihres erſten, heiligſten Gefühles darin zurückgelaſſen hatte! Sie konnte ſich nicht davon be⸗ freien, und jeder Verſuch zeigte ihr nur auf's Neue, daß das, was Otto ihr geraubt, Niemand auf der Erde ihr mehr erſetzen könne. Der Rückblick auf ſeine vermeinte, unverdiente Treuloſigkeit begann das Gift des Zweifels an der ewigen Gerechtigkeit in ihre fromme Bruſt zu werfen und heiße, bittre Thrä⸗ nen rollten über ihre Wangen. Als ſie ſich aus⸗ geweint hatte, ermannte ſie ſich wieder, warf de⸗ müthig einen gläubigen Blick nach dem ſternbeſäeten Firmamente, einen zweiten auf die ſtille, ruhende Erde, und in ihrer frommen Seele hallte es wieder: Ehre ſei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menſchen. Der folgende Tag trug ein rechtes Feſttagsge⸗ wand. Lange bevor es hell wurde, verkündete das Geläute der Dorfkirchenglocke die Stunde zur Chriſt⸗ mette, und der feierliche Klang weckte die Schläfer und rief ſie auf zum Dankgebete für den heutigen Tag, deſſen Erſcheinen nicht früh und nicht innig genug gefeiert werden kann. 61 Die kleine, feſtlich erleuchtete Dorfkirche empfing die eintretende Marie mit feierlichem Eindruck. Män⸗ ner und Frauen hatten ſich bereits verſammelt, und knieten in ſtiller Andacht im Gebet verſunken umher. Marie nahm mitten unter ihnen Platz. Sie ließ die ganze hehre Gewalt der Stunde auf ſich wir⸗ ken, aber ihre Gedanken eilten inbrünſtig von dem neugebornen Kinde, deſſen Ankunft die Engel be⸗ grüßten, und die Weiſen in den Sternen laſen, zu dem liebevollen Tröſter der Betrübten, der da ſagt: Kommet alle, die ihr mühſelig ſeid und beladen; ich will euch erquicken. Herzlich grüßte ſie im Heraustreten die vor⸗ übergehenden Leute, und faßte den Vorſatz, in der vollen Erfüllung ihrer Pflichten und in der weite⸗ ſten Ausdehnung der Nächſtenliebe den künftigen Zweck ihres Lebens zu ſuchen und zu finden. Sie wollte ihre Liebe zu Otto auf dem Altar der chriſt⸗ lichen Liebe opfern, wollte ſie begraben und auf ihre Gruft das Kreuz der Ergebenheit, Milde und Frömmigkeit pflanzen; aber ſie bedachte nicht, daß wahre Liebe unſterblich iſt und die Gruft, darin ſie verſcharrt wird, verläßt, um als ein verſöhnender Engel, oder quälender Dämon, den Zurückgebliebe⸗ nen tröſtend oder ſtrafend zu umſchweben. Als ſie zu Hauſe wieder anlangte, war es noch immer lange vor Tagesanbruch. Gewohnt, ſtets beſchäftigt zu ſein, brachte ſie Ordnung in die Spuren der geſtrigen Abendfeier, und beſchäftigte ſich dann mit der Vorbereitung zum Frühſtück. Da ſie immer die Erſte dabei war, ſo fiel es Richard gar nicht auf, ſie ſchon zu finden, als er eintrat. Heiter und offen ging ſte ihm entgegen, und begrüßte ihn herzlich. Bald fand ſich auch der alte Baron dazu ein, und er benutzte die gemüthliche Stunde des Frühſtücks, um den Verlobten ſeinen Plan mit der Reiſe nach Rom mitzutheilen. Richard ward dadurch unangenehm an Venedig erinnert, und frug ſogleich, wie die Reiſe gehen würde. Zu ſeiner Beruhigung entwarf der Baron den Plan, von Trieſt über Ankona den Weg einzuſchlagen. Er ſetzte die erſten Tage des neuen Jahres zur Abreiſe feſt, und erweckte durch ſeine lebhafte Schilderung des Treibens währeud der Karnevals⸗ zeit in Rom ſelbſt bei Marien ein ungewöhnliches Intereſſe und frohe Erwartung. Die kurze Zeit zwiſchen den Weihnachtsfeier⸗ tagen und Neujahr wurde theils zu Vorbereitungen 63 der Reiſe, theils zu Beſuchen und Ankündigungen der Verlobung bei den benachbarten Herrſchaften verwendet. Der Neujahrstag brachte in ſeinem Ver⸗ laufe dann eine Menge von Glückwünſchen und Ge⸗ genbeſuchen, und außerdem noch ein ganz beſonderes Freudenfeſt, welches durch die Jugend des Dorfes veranſtaltet war. Die bevorſtehende Vermählung Richard's mit Marie gab die Veranlaſſung dazu. Feſtlich gekleidet fanden ſich am frühen Morgen eine Anzahl junger Mädchen und Burſche auf dem Schloſſe ein. Das erſte Mädchen in der Reihe trug einen Kranz von Immergrün, das ſie unter dem Schnee gepflückt hatte. Sie näherte ſich Richard, dem ſie mit einem zierlichen Knix den Kranz über⸗ reichte, wobei ſie eine kurze Anrede hielt, die der Schulmeiſter verfertigt hatte, und deren Inhalt ſich in den Vergleichen zwiſchen der ewig grünenden Pflanze, die ſelbſt unter dem Schnee des Winters ihre Friſche bewahre, und der Liebe der beiden jun⸗ gen Brautleute bewegte. Als das Mädchen geendet hatte, trat ein Burſche zu Marie heran und begann, indem er ihr einen Kranz von Weizenähren darreichte, wie ſie von einer Ernte zur andern an der Decke der Bauernſtuben aufbewahrt werden, ebenfalls einige Sprüche zu ſa⸗ 64 gen. Der Schulmeiſter, als Verfaſſer der beiden Anreden, ſtand im Hintergrunde und ſog gleichſam jedes Wort vom Munde des Sprechers. Aber, o Jammer! kaum hatte der Burſche einige Worte ge⸗ ſprochen, als er verlegen ſtotterte, ſtockte und über und über roth, in äußerſter Verwirrung da ſtand. Die Mädchen kicherten, die Burſche ärgerten ſich und ſelbſt Richard gerieth einen Augenblick in Verlegenheit. Marie dagegen nahm mit der herzlichſten Freundlich⸗ keit die dargereichte Gabe an, ergänzte mit dem größ⸗ ten Ernſte den abgebrochenen Satz des Sprechers, indem ſie ihm erwiederte, und wußte durch ihre un⸗ gezwungene Haltung den Leutchen die Meinung bei⸗ zubringen, als ſei die Störung gar nicht zu bemer⸗ ken geweſen. Sie wußte, daß der Burſche mit der verunglückten Rede der Liebhaber des Mädchens war, die ſich ihrer Aufgabe ſo glücklich entledigt hatte, und ſie nahm ſich deshalb ſogleich vor, denſelben wo möglich aus ſeiner beſchämenden Lage zu reißen.— Als nun die jungen Leute aufgefordert wurden her⸗ einzutreten und ein kleines Frühſtück einzunehmen, machte ſie den guten Burſchen durch ihre ungezwun⸗ gene Leutſeligkeit bald ganz munter und geſprächig. Da blickten die Andern faſt neidiſch auf ihn hin und meinten, er müſſe etwas ganz beſonders Kluges in 65 ſeinem Weſen haben, daß ihn das Fräulein ſo auf⸗ fallend bevorzuge. Voller Stolz beobachtete ihn ſeine Geliebte und er war mit einem Male aus ſeiner lächerlichen Situation herausgeriſſen und ein Gegen⸗ ſtand der Bewunderung geworden. Reich beſchenkt begaben ſich die Gratulanten wieder nach Hauſe. Der Bevorzugte mußte ſeiner Braut und den übrigen Mädchen jedes Wort wiederholen, das Marie mit ihm geſprochen hatte. Wenige Tage nachher trat der Baron von Neu⸗ berg mit den beiden Verlobten die Reiſe nach Rom an. Bevor ſie in den Wagen ſtiegen, drängte ſich Ma⸗ riens Schützling, der Dorfnarr heran, für deſſen un⸗ geſtörtes Verbleiben im Schloſſe und gute Verpflegung ſie reichlich Sorge getragen hatte. Er küßte die Kleider ſeiner Wohlthäterin und ergriff ihre Hand, um zu ſehen, ob ſie auch ſein Geſchenk mit auf die Reiſe nehmen werde. Marie verſtand ihn und lä⸗ chelte. Sie zog den Ring, den ſie an einer Schnur wie ein Amulet um den Hals trug, hervor, und ihr armer Schützling jubelte und ſprang vor Freude in die Höhe. Von der edlen That, deren Erinnerung ſich an den Ring knüpfte und die ihr denſelben als einen Talisman erſcheinen ließ, wußte er freilich nichts. Familie Schaller. II. 5 66 Sechstes Kapitel. Die erſten Wochen des Jahres bringen für Rom bekanntlich eine ganze Reihe von Feſttagen und Luſt⸗ barkeiten: das Feſt der heiligen drei Könige, das Feſt der päpſtlichen Stuhlfeier und endlich die acht. Karnevalstage, während denen das buntbewegte Volks⸗ leben vor den ſtilleren Wochen der Faſten in bachan⸗ tiſchem Getümmel austobt. Die Corſofahrten bieten während dieſer ganzen Zeit Bilder des lebhafteſten Treibens dar, Alles, was in Rom ſchön genug iſt oder es zu ſein glaubt, um ſich bewundern oder be⸗ gaffen zu laſſen, zeigt ſich des Abends zu Wagen oder zu Pferd den Augen des ſtets ſchauluſtigen Pu⸗ blikums. Masken tauchen dazwiſchen hier und da auf und treiben ihr muthwilliges Spiel mit den Be⸗ gegnenden. Der Zudrang der Fremden wird mit jedem Tage größer und jeder, der die Abſicht hat, Rom zu beſuchen, richtet es ſo ein, daß er zur Kar⸗ nevalszeit ſich dort aufhält. 1 Die ſchöne, neuvermählte Fürſtin Makonski befand ſich denn auch bereits ſeit einigen Wochen mit ihrem Gatten in Rom. Sie hielt es natürlich als echte Italienerin für ein Verbrechen, die tägliche Corſofahrt jemals zu verſäumen, und pflegte nach 67 derſelben ſich an jedem Abend im Theater in ihrer Loge einzufinden, weniger um der hundertmal gehörten Oper beizuwohnen, als um dort Beſuche zu em⸗ pfangen. Regelmäßig pflegten ihr dann einige junge Kavaliere, Söhne aus vornehmen Familien, mit denen ſie bereits bekannt geworden war, die Neuigkeiten des Tages zu hinterbringen und fade Schmeicheleien zu ſagen. In der letzten Zeit betrafen nun dieſe Berichte gewöhnlich die Ankunft hoher Perſonen, oder ſolcher, die ſich durch ihre öffentliche Stellung und ſonſtige Beſonderheiten auszeichneten. So hinterbrachte denn auch eines Abends einer der jungen Herren die Nachricht, daß eine deutſche Familie angekommen ſei, beſtehend aus dem Vater, der ein rechter deutſcher Bär zu ſein ſcheine, dem Sohne und der Verlobten des letzteren, die durch ihre Schönheit gewiß bald allgemeines Aufſehen in Rom erregen würde. Eine ſolche Neuigkeit iſt für eine italieniſche Logengeſellſchaft, namentlich wenn die Beſitzerin ſelbſt jung, ſchön und angebetet iſt, keine Kleinigkeit. Man ſtürmte mit Tauſend Fragen auf den jungen Conte Feraldo, den Bringer der Nachricht, ein, und wollte wiſſen, wo die ſchöne Deutſche wohne, was ſie für 5. 68 Haare, was für Augen habe, und ob ſie ſich wohl Abends auf dem Corſo zeigen würde. Auch die Fürſtin hatte verſchiedene Fragen gethan, und frug endlich noch nach dem Namen der Fremden. Der Conte, froh, endlich eine der vielen Fragen beantworten zu können, nannte den Namen des Baron von Neuberg. Zum Glück für Aurora klang dieſer Name den meiſten ihrer Beſucher ſo barbariſch, daß ſie ihn alle mehrmals laut in den wunderbarſten Variationen zum Verdruß der Nächſtſitzenden, die ſich in ihrer muſikaliſchen Aufmerkſamkeit dadurch geſtört fanden, wiederholten. Aurora konnte während deſſen hinter ihrem Fächer die heftige Ueberraſchung verbergen, welche ihr die Nennung des Namens bereitet hatte. Nach einigen Augenblicken wendete ſie ſich freundlich zu dem neben ihr ſitzenden Principe Monto und bat ihn, ſeinen Platz doch für einige Augen⸗ blicke mit dem des Conte Feraldo zu wechſeln, da ſie dieſen um etwas zu fragen habe. Der Principe ſtand ſogleich auf und räumte ſeinen Platz dem Conte, welcher ſich ſehr erfreut näherte, nachdem ihn die Fürſtin mit beſonders freundlicher Stimme dazu aufgefordert hatte. — 69 „Wie war doch der Name, den ſie vorhin nann⸗ ten?“ fragte ſie, und als der Gefragte denſelben wiederholt hatte, fuhr ſie fort:„So, und ſie ſagten, daß der Baron mit ſeinem Sohne und deſſen Ver⸗ lobten hier ſei?“ „Verlobte oder Schweſter,“ erwiederte der Conte. „Der Baron hat ſeine Wohnung gerade dem Palaſte meines Vaters gegenüber genommen, und ich bin dadurch auf die Familie aufmerkſam geworden, Sie ſind erſt ſeit geſtern hier angelangt; noch weiß ich nichts näheres.“ „Die Dame iſt alſo ſehr ſchön?“ frug Aurora weiter. „Sie iſt ſchön genug, um einiges Aufſehen hier zu machen, obwohl damit keineswegs geſagt iſt, daß nicht weit ſchönere Damen ſich im Augenblicke in Rom befinden,“ entgegnete der junge Mann mit einer leichten Verbeugung und einem erklärendem Blicke. Aurora lächelte.„Wiſſen Sie, beſter Conte,“ ſagte ſie,„daß ich ſehr neugierig bin, die Schönheit der jungen Dame ſelbſt zu prüfen, der Name Neu⸗ berg iſt mir von meiner Mutter her nicht unbekannt; ich glaube, ſie kannte den alten Baron oder deſſen Frau,— was weiß ich! Könnten Sie mir nicht Ge⸗ legenheit verſchaffen, die Familie zu ſehen?“ „Ich werde darüber nachdenken,“ verſetzte der Conte, „und verſpreche Ihnen, es jedenfalls möglich zu ma⸗ chen, daß Sie irgendwo mit ihnen zuſammen kommen.“ „Thun Sie das, liebſter Freund,“ entgegnete die Fürſtin, und verabfolgte ihrem Nachbar, als Ab⸗ ſchlag ihres Dankes, einen ſo freundlichen Blick, daß dieſer ſich durchaus nicht geneigt fand, ſeinen er⸗ borgten Platz mit dem frühern Beſitzer desſelben wieder umzuwechſeln. Im Verlaufe der Vorſtellung verſprach er am andern Abend nähere Mittheilungen und wo möglich einen entworfenen Plan mitzubringen. Am folgenden Tage gab ſich der junge Conte alle erdenkliche Mühe, um mit Richard von Neu⸗ berg bekannt zu werden. Er lauerte auf den Au⸗ genblick, wo dieſer ausgehen werde, leider aber ging Richard im Verlaufe des ganzen Tages nie allein, ſondern ſtets in Begleitung ſeines Vaters und ſeiner Verlobten aus der Wohnung. Endlich, gegen Abend, verließ er allein das Haus und begab ſich in ein nahe gelegenes Kaffeehaus. Eilig folgte ihm der Conte dahin nach und nahm dort angekommen, anſcheinend zufällig, an ſeiner Seite Platz. Es konnte Richard durchaus nicht auffallend er⸗ ſcheinen, daß ein feingekleideter, junger Mann, leb⸗ 71 haft, wie die Italiener alle ſind, ſich mit ihm in ein Geſpräch einließ, bald auch aus der Ausſprache die Vermuthung ſchöpfte, daß er ein Deutſcher ſein müſſe, und ihn nun über den Verlauf ſeiner Reiſe, den Zweck ſeines Aufenthalts, die Dauer desſelben und andere Umſtände befrug. Richard ging auf das Geſpräch ein und gab über die meiſten Fragen bereitwillig Auskunft, doch verſchwieg er den eigentlichen Zweck ſeines Hierſeins, ſeine bevorſtehende Vermählung mit Marie. — Der Italiener kam nun auf den Gedanken, daß die junge Dame vielleicht gar nicht die Braut, ſondern die Schweſter oder irgend eine Anverwandte ſeines Geſellſchafters ſei, und da ihm als nächſtem Nachbar faſt eben ſo viel daran lag, etwas Näheres über die ſchöne Fremde zu erfahren, als es ihm darum zu thun war, der Fürſtin Makonski Bericht zu erſtatten, ſo ſetzte er ſeine Erkundigung in ſeinem Intereſſe fort und frug den jungen Baron, ob er ſich allein in Rom befände. Dieſer fand ſich durchaus nicht bewogen, eine Kaffeehausbekanntſchaft beſonders zu berückſichtigen, und da er es noch in der Gewohnheit hatte, Marie ſeine Schweſter zu nennen, ſo entgegnete er leichtſin⸗ 72 nig, daß er mit ſeinem Vater und ſeiner Schweſter zuſammen hierher gekommen ſei. Dieſe Neuigkeit war richtig und da die Thea⸗ terzeit bereits angebrochen war, ſo brach der Conte eilig auf, um ſo bald wie möglich ſeiner Freundin, der Fürſtin Makonski, den verſprochenen Bericht zu er⸗ ſtatten. Die Fürſtin ſah dem Conte erwartungsvoll ent⸗ gegen. Sie hatte bei der geſtrigen Nachricht heftige Eiferſucht empfunden und begrüßte daher die neue Botſchaft mit ſo ganz beſonderer Freude, daß der Uberbringer derſelben in den Irrthum verſetzt ward, es ſei ihm gelungen, durch ſeine Dienſtbereitwilligkeit das Herz der ſchönen Vielumworbenen erobert zu haben. In Wahrheit war er der Fürſtin indeſſen ebenſo gleichgiltig, wie alle andern, die ſie umſchwärmten. Der Fürſt ließ ſeiner jungen Gemahlin ſeit ihrer Vermählung die vollkommenſte Freiheit und ging ſelbſt dem Spiel und ſeinen eignen Vergnügungen nach. Ihre Schönheit, ihre hohe geſellſchaftliche Stel⸗ lung verſchafften ihr denn auch bald eine Menge von Anbetern. Was Wunder, daß ſie dieſe ſchon gänzlich überdrüßig war, und daß ſie die Erinnerung an den ohnehin noch nicht vergeſſenen, ſpröden jun⸗ gen Deutſchen, der ſich ihrer Liebe zuerſt erfreut und 73 ſie dann verſchmäht hatte, in große Bewegung ver⸗ ſetzte. Sie hoffte, die Zeit werde auf ihn gewirkt haben und ein Wiederſehn werde ihn zurück zu ihren Füßen führen. Sie trug dem Conte Feraldo alſo auf, weiter in der Beobachtung der Familie des Barons von Neu⸗ berg fortzufahren und eine Gelegenheit zu veranſtalten, wo ſie ſich derſelben ohne Aufſehen bemerklich machen oder nähern könne. Dieſe Gelegenheit ſollte ſich bald finden. Aber noch ein anderes Wiederſehen bereitete ſich zu der⸗ ſelben Zeit in Rom vor. Wie wir wiſſen, hatte Otto Schaller zu ſeiner vollkommenen Wiederherſtellung den Winter in Ber⸗ lin zubringen und dann eine Reiſe nach Italien ma⸗ chen ſollen. Bei ſeiner Zurückkunft war dann beab⸗ ſichtigt worden, ihn zum Führer des Geſchäfts an ſeines Vaters Stelle einzuſetzen. Otto war auch damals ſogleich nach Berlin gereiſt; aber ſchon nach wenigen Wochen, nachdem er die vielen Sehenswürdigkeiten der Stadt beſich⸗ tigt, und das Leben dort hinlänglich kennen gelernt hatte, fand er an der unthätigen Beſchaulichkeit ei⸗ nes ſolchen beobachtenden Lebens keine Freude mehr, und begab ſich ſogleich auf die Weiterreiſe, um vor 74 dem Beginne des Frühjahrs wieder zu Hauſe und in ſeiner gewohnten Thätigkeit zu ſein. Aus Allem, was ihm begegnete, zog er ſo viel Vortheil für ſeinen Geiſt, als möglich, und konnte ſich ſagen, daß dieſe Reiſe ſeine Anſichten über Welt und Menſchen bedeutend gereift und verändert habe; aber er fühlte es zugleich klar, daß das Bedürfniß nach einer regelmäßigen Thätigkeit ihn beherrſche, auf die geſtützt für ihn allein der wahre Werth des Lebens erwachſen könne. Otto befand ſich bereits zu derſelben Zeit in Rom, als die Familie von Neuberg dort anlangte. Er hatte nicht die Abſicht, die ganze Karnevalszeit daſelbſt zuzubringen, denn eine fortdauernde Unruhe gönnte ihm dazu nicht Behaglichkeit genug, und ſeine Gedanken waren ſtets auf die Rückkehr geheftet, da er von der Beſchäftigung, die ihn dann erwartete, vollkommene Befriedigung und Ruhe zu finden hof⸗ fen durfte. So wanderte er eines Tages in den Straßen von Rom umher, und bemerkte es nicht, wie am Corſo, zwiſchen andern, ein Wagen an ihm vorbei⸗ fuhr, in welchem ein alter Herr mit einer jungen Dame ſaß. Er ſelbſt war dagegen wohl bemerkt worden, V I 75 Marie hatte ihn geſehen und war todtenbleich, ſtumm auf den Sitz des Wagens zurückgeſunken. Ihr Be⸗ gleiter, der alte Baron von Neuberg, erſchrak heftig, und befahl ſogleich zurückzufahren. Zu Hauſe ange⸗ kommen, frug er beſorgt, als Marie ſich erholt hatte, um die Urſache ihres plötzlichen Unwohlſeins. Dieſe aber, in der Vorausſetzung, daß die Urſache ihres Schreckens, wenn ſie keine Täuſchung war, dem Baron äußerſt unangenehm ſein werde, verſchloß ſie vor der Hand in der Bruſt und gab eine auswei⸗ chende Erklärung des Unfalles. In ihrem Herzen waren jedoch auf's Neue bittere Schmerzen und der heftigſte Kampf erwacht, denn die ganze Vergangen⸗ heit mit ihrer unausſprechlichen Wonne und dem darauf folgenden tiefen Weh hatte in einem Blick wieder ihre Rechte über ſie gewonnen, und ſie fühlte, daß ſie Otto immer noch, ja mehr als je liebte. Qualvolle Stunden bereitete ihr nun das Zuſam⸗ menſein mit Richard, unabläſſig waren ihre Gedan⸗ ken damit beſchäftigt, daß in derſelben Stadt zu der⸗ ſelben Zeit der Mann weile, den ihr Herz zu der Stelle erkoren hatte, die ſie nun aus Pflichtgefühl einem Andern einräumen ſollte. Otto war ihr blaß erſchienen, und dieſer Umſtand warf tauſend Zweifel in ihre Seele. Wie, wenn er krank geweſen wäre? 2* 76 Wenn er um ihretwillen gelitten hätte? Vielleicht hatte er ſein Entferntbleiben bald bereut, ſie aufge⸗ ſucht, und da er ſie nicht fand, hatte er ſich der Verzweiflung überlaſſen und die Gegend ſeiner Ge⸗ burt verlaſſen. Was führte ihn nach Rom? War er vorübergehend hier, oder gedachte er zu bleiben? Was ſollte ſie beginnen, wenn ſie ihn begegnen würde?— Alle dieſe Gedanken wechſelten und wogten in ihrer Bruſt und ſie ſchloß die ganze helle Winternacht kein Auge zu, ſondern blickte ſorgenvoll hinaus auf die ewige Stadt voll Wunder und Räthſel. Der Conte Feraldo war indeſſen mehrmals mit Richard zuſammengetroffen und hatte keine Ge⸗ legenheit verſäumt, um auszukundſchaften, an wel⸗ chem öffentlichen Orte dieſer mit ſeiner Familie an⸗ zutreffen ſei. An dem Tage, nachdem Marie Otto geſehen hatte, mußte ſie zu Hauſe bleiben, da ſie ſich nicht wohl fühlte, und an eben dieſem Tage benachrichtigte der Conte Feraldo den jungen Ba⸗ ron von Neuberg, daß am darauffolgenden Morgen eine große muſikaliſche Meſſe in der St. Peterskirche ſtattfinden werde. Soviel Richard wußte, hatte ſein Vater noch keine Schritte gethan, um wegen Ertheilung des 77 Dispens Audienz beim Papſte zu erlangen. Er erkundigte ſich alſo beim Conte, ob der folgende Tag wohl zur Audienz geeignet ſein möge, ohne je⸗ doch den näheren Zweck derſelben auseinander zu ſetzen. Der Gefragte erklärte ihm, daß er keinen beſ⸗ ſern Tag wählen könne und Richard beſchloß nun den Vormittag, während ſein Vater ſich zur Audienz vorbereite, mit Marie nach der Peterskirche zu ge⸗ hen. Als ihn daher der junge Italiener beim Ab⸗ ſchiede frug, ob er ſich entſchloſſen habe, dem fefſtli⸗ chen Gottesdienſte beizuwohnen, bejahte er dies und gab jenem dadurch die Veranlaſſung zu dem Plane, ſowohl der jungen Fürſtin Makonski als ſich ſelbſt zum gewünſchten Ziele zu verhelfen. Er gedachte Richard auf die Fürſtin aufmerkſam zu machen, und unterdeſſen die Gelegenheit wahrzunehmen, um ſich der ſchönen vermeintlichen Schweſter des jungen Deutſchen zu nähern. Marie ging gerne am folgenden Morgen auf den Vorſchlag Richard's ein. Sie hoffte in der Kirche andächtige Sammlung zu gewinnen und dann mit größerer Ruhe zurückkehren zu können. Sie begaben ſich mit einander nach dem gewal⸗ tigen Rieſendome. 78 Die heilige Handlung begann und Marie war in wehmüthige Andacht verſunken, während Richard aufmerkſam dem muftkaliſchen Theile des Gottes⸗ dienſtes lauſchte. Unterdeſſen aber wurden ſie Beide genau be⸗ obachtet. Der Conte Feraldo, der ſich mit ſeiner ſchönen jungen Freundin ebenfalls eingefunden, hatte die bei⸗ den geſuchten Fremden bald entdeckt und mit ſeiner Begleiterin ſeinen Platz ſo gewählt, daß er Richard beim Herausgehen unmöglich verfehlen konnte. Die Fürſtin war mit ſeinem Plane vollſtändig einverſtanden. Er ſollte den jungen Baron beim Herausgehen anreden und dafür ſorgen, daß dieſer unverhofft der Fürſtin gegenüber ſtehe. Sie hatte dabei die Abſicht, den Eindruck zu beobachten, den dieß Wiederſehen auf Richard ausüben werde. Alles ging nach Wunſch. Als die Menge dem Ausgange zueilte, gelangte Richard mit Marie, der er natürlich, bevor ſie vor der Pforte waren, den Arm nicht anbieten konnte, in die Nähe des Conte Feraldo. Dieſer grüßte Richard, ſprach ihn freundlich an und unterhielt ſich eine kurze Weile mit ihm. Plötzlich 79 wendete der Conte ſich zu ſeiner Begleiterin, als wollte er ſie über etwas befragen. Durch dieſe Wendung war für Aurora der Au⸗ genblick gekommen, um ihr Geſicht Richard zuzuwenden. Dieſer erkannte ſie kaum, als ein jäher Schreck ihn durchfuhr. In der äußerſten Verwirrung, be⸗ ſorgt, daß Marie etwas von dem Vorgange gewahr werde, wagte er es nicht, ſich nach dieſer umzuſehen, ſondern drängte in eiliger Haſt nach der Pforte und durch dieſe hinaus in's Freie. Dort erſt kehrte er ſich um. Als er Marie nicht gewahr wurde, wollte er nicht wieder in die Kirche zurückgehen, ſondern drängte ſich ſeitwärts und beobachtete die Herausge⸗ henden genau, um jene ſo zu erwarten. Er ſtand lange dort, die Kirche hatte ſich geleert, Marie war nicht herausgekommen. Er trat darauf hinein und durchforſchte ängſtlich den ganzen Raum, ohne ſie gewahr zu werden. Er mußte ſie in der Verwirrung überſehen haben, als ſie herausging. Gut, daß die Wohnung nicht ſehr weit entfernt und der Weg dahin leicht zu finden iſt, dachte er bei ſich und eilte, noch immer verwirrt von der unverhofften Begegnung, raſch dort hin. Marie war jedoch gar nicht aus der Kirche ge⸗ kommen. Als Richard den Conte und die Fürſtin ſo plötzlich verlaſſen hatte, konnte ſich der erſtere ſein b 80 Betragen durchaus nicht erklären. Er glaubte indeß die Gelegenheit um ſo mehr zu ſeinem Vortheil be⸗ nützen zu müſſen und wendete ſich mit der größten Artigkeit zu Marie, um dieſe anzureden. Marie ver⸗ ſtand die italieniſche Sprache nicht; ſie gerieth in lebhafte Verwirrung uund dieſe vermehrte ſich und ſteigerte ſich zur Angſt, als ſie Richard ſo raſch fort⸗ eilen ſah. Durch alles dieſes waren die Umſtehenden auf⸗ merkſam geworden, und bald blickten eine Menge Menſchen auf das einzelne ſchöne Mädchen hin. Plötzlich drängte ſich ein junger Mann durch die umgebenden Neugierigen, ſchob den Conte Feraldo zur Seite und indem er wie verklärt in Mariens Geſicht blickte, rief er auf deutſch laut aus: „Marie! ſehe ich recht, Marie!“ „Otto!“ rief das junge Mädchen mit unbe⸗ ſchreiblichem Ausdrucke dagegen, und wäre ohnmäch⸗ tig hingeſunken, hätte der junge Mann ſie nicht in ſeinen Armen aufgefangen. Die herausſtrömende Menge war einen Augen⸗ blick gehemmt. Verwundert blickte man auf die bei⸗ den jungen Leute, die ihrer Sprache nach Fremde ſein mußten und ſich hier ſo unvermuthet mitten im Gewühl erkannten. Als Otto jedoch die Ohnmäch⸗ V 81 tige aufhob und nach der Sakriſtei hintrug, verfolgte die gleichgiltige Menge, den beſonderen Vorfall leb⸗ haft beſprechend, wieder ihren Weg weiter. Otto hatte alles um ſich vergeſſen. Halb be⸗ ſorgt um der Geliebten Geſundheit, halb auch, als könne ſie ihm wieder entriſſen werden, hielt er ſie wie eine Mutter ihr Kind, in ſeinen Armen feſt, Alles um ihn her durfte in dieſem Augenblicke in Trümmer zerfallen, er hätte nichts gefühlt als das Einzige, daß die verloren⸗ und todtgeglaubte Geliebte wieder an ſeinem Herzen lag. Als er in der Sa⸗ kriſtei angekommen war, ließ er ſie ſanft auf eine Bank nieder, und hielt ſie an ſeine Bruſt gelehnt aufrecht. Ein junger Prieſter brachte etwas Brod und Wein, entfernte ſich, und ließ die Beiden allein. Otto hielt die Ohnmächtige noch immer in ſei⸗ nen Armen und ſuchte bald dadurch, daß er ihr die ſüßeſten Namen gab, bald durch ſeine Küſſe ſie wie⸗ der zu erwecken. Kein Nachdenken darüber, wie Ma⸗ rie nach Rom gekommen ſei, was ſie hier ſuche, oder wie überhaupt ihr Schickſal ſich geſtaltet habe, fand in dieſem Augenblicke bei ihm Platz; die Angſt um ihr Leben wechſelte in ſeiner Bruſt mit dem Schauer des Entzückens über das unverhoffte Wiederſehen. Er wünſchte, daß ſie die Augen öffnen und erwachen Familie Schaller. II. 6 82 möge, und doch wieder gab ihm der Augenblick, wo ſie ſo hilflos an ſeiner Bruſt lag, eine Selig⸗ keit, der er kein Ende denken konnte. Endlich erwachte Marie und das Erſte war, als ſie Otto erkannt hatte, daß ſie in ein herzbre⸗ chendes Weinen ausbrach und ihr Geſicht ſchluchzend mit beiden Händen bedeckte. Otto kniete vor ihr nieder. Ihre Thränen er⸗ ſchreckten ihn und riefen tauſenderlei trübe Ahnun⸗ gen in ihm wach. Jetzt erſt kam es ihm in den Sinn, daß die wunderbarſten Schickſale das unſcheinbare Mädchen aus dem Dorfe am Rheine hierher geführt haben mußten. Als Mariens Thränen indeß nicht aufhören wollten zu fließen, ergriff ein unendliches Mitleid mit ihrem Jammer das Herz ihres Freundes. Seiner ſelbſt kaum mächtig, mußte er an ſich halten, um nicht ebenfalls laut aufzuſchluchzen. Er ſchritt mehrmals den kleinen Raum auf und ab und rang nach Worten, um ſeiner gepreßten Bruſt Luft zu ſchaffen. „Welch ein Wiederſehen!“ ſagte er endlich, vor Marie ſtillſtehend. Eine Ohnmacht folgt dem erſten Blick und das Erwachen daraus giebt einer Szene Raum, die eher der Verzweiflung, als der Freude 83³ gleicht. Sprich zu mir, Marie, ſage mir ein Wort, ſage mir, daß Du mich noch liebſt, und ich ſehe mit Ruhe allen weiteren Eröffnungen entgegen.“ „Ach, Otto!“ entgegnete ſchluchzend das Mäd⸗ chen,„Du fragſt, ob ich Dich noch liebe? Was gab Dir ein Recht an der Unzerſtörbarkeit meiner Liebe zu zweifeln? Habe ich Dich verlaſſen? habe ich nicht gerungen drei Tage und drei Nächte in unſäglicher Qual, und wäre ich nicht längſt in Jammer und Elend von der Erde entſchwunden, weil Du mich ver⸗ ließeſt, wenn eine höhere Fügung mir nicht ſchützend zur Seite geſtanden hätte?“ „O, ich ahnte es!“ rief Otto aus.„Du ver⸗ ließeſt die Gegend, wo wir einſt ſo glücklich waren, weil Du mich für ungetreu hielteſt. Du haſt es nicht gewußt, Du Armſte, weshalb ich von Dir ent⸗ fernt blieb, denn wie konnteſt Du es ahnen, welch ein plötzlicher Unfall mich für mehrere Tage gänzlich beſinnungslos machte. Armes, armes Herz, was haſt Du gelitten, da Du mich für wortbrüchig hal⸗ ten mußteſt, mich, der nie aufgehört hat, für Dich zu athmen!“ 3 „Sprichſt Du wahr?“ rief Marie entzückt aus, faltete ihre Hände über die Bruſt, und ſah mit thränendem Auge verklärt zu Otto auf.„O ſag 6* 84 es mir noch einmal, daß Du mich noch liebſt, daß Du nicht freventlich mich verlaſſen wollteſt und alles Leid ſchwindet dahin vor der Wonne dieſes einzigen Wortes.“ „Mario, einzig Geliebte meines Herzens!“ jubelte Otto, und ſchloß die Wiedergefundene feſt an ſeine V Bruſt. Seine Thränen vermiſchten ſich mit den ihrigen, aber es waren nicht mehr Thränen des troſtloſen Schmerzes, ſie galten dem höchſten Entzücken, das ſich nicht in Worten zu ergießen vermochte. „Aber ſprich, erzähle, wie Du hierher kamſt?“ frug darauf Otto die Geliebte, indem er ſich Hand in Hand mit ihr niederſetzte. Marie erzählte in kurzen Worten alles, was ſich ſeit dem letzten Abſchiede von Otto mit ihr zu⸗ getragen hatte. Wie ſie ihn erwartet; wie ſie dann, halb irre geworden an der Welt und an Gott, die Gegend habe verlaſſen wollen, wo ſie ſo unendliches Leid erduldet hatte; wie ſie die Vorſehung ihren Oheim habe finden laſſen, der ſie an Kindesſtatt angenommen, und wie ſie nun mit dieſem bis hier⸗ her gekommen ſei. Bei dem letzten Theile ihrer Er⸗ zählung zögerte ſie etwas und gerieth in Verwirrung, da ſie daran erinnert wurde, daß ſie nun die Hoff⸗ 8⁵ nung Richard's und deſſen Vaters nicht erfüllen könne. Sie ſchüttete ihr ganzes Herz vor dem Ge⸗ liebten aus und verhehlte ihm nichts von Allem, was zwiſchen ihr und Richard vorgefallen war. Jetzt konnte ja nicht mehr die Rede vom Zögern und Ver⸗ ſchweigen ſein, ſie wollte nur ſeinen Rath, wie ſie ſich weiter benehmen ſolle. Dann forderte ſie ihn auf, ihr nun zu erzählen, was ihn damals abge⸗ halten, zu ihr zu kommen und was er bisher er⸗ lebt hatte. Sie bebte bei der Mittheilung ſeines Unfalls, weinte Thränen der Wehmuth, als er ihr die Trauer ſchilderte, die ihn ergriffen, nachdem er ſie todt ge⸗ glaubt.. Als er geendet hakte, war es den als läge nur ein ſchwerer Traum zwiſchen ihtem letzten Ab⸗ ſchiede und dem heutigen Wiederſehen. Der erſte Sturm der Freude war vorüber, aber eine Ruhe der Seligkeit, ein unendlicher himmliſcher Friede war in ihre Herzen eingekehrt und erfüllte ſie mit dem höchſten Muth der wahren Liebe. Sie umarmten ſich auf's Neue, und Otto wollte der Geliebten ſogleich zu ihrem Vater folgen. Marie aber bat ihn, ſie nur bis zur Thüre der Wohnung zu begleiten, beſchrieb ihm, wann er am andern Tage ungehindert eintreten 86 könne, und verſprach ſeinen Beſuch inzwiſchen anzu⸗ kündigen und ihm eine freundliche Aufnahme zu bereiten. Siebentes Kapitel. Als Marie zu Hauſe anlangte, war Richard bereits wieder weggegangen, um ſie ernſtlich aufzu⸗ ſuchen. Dieſer Umſtand kam ihr ſehr gelegen, ſie konnte ſich vollkommen wieder faſſen und einen Plan entwerfen, wie ſie dem alten Baron ihre überraſchende Neuigkeit ſchonend beibringen wolle. Bald darauf kam dieſer ſehr befriedigt von ſeiner Audienz im Vatikan zurück. Ohne Ahnung von dem Vorgefallenen beeilte er ſich, von der freundlichen Aufnahme zu berichten, welche ihm Papſt Pius, trotz den Differenzen, die zwiſchen ihm und Oeſtreich damals obwalteten, zu Theil hatte werden laſſen. Man hatte ſich eine wichtige Neuigkeit im Va⸗ tikan zugeflüſtert, ohne ſie jedoch verbürgen zu können. Es ſollte nämlich in Paris eine Revolution ausge⸗ brochen ſein, welche das Miniſterium Guizot geſtürzt habe. Dieſe Neuigkeit war im Zuſammenhang mit 87 den Bewegungen in Italien, die ſämmtlich auf Re⸗ form ausgingen und in der Lombardei, Venedig und Modena bereits ſo weit gekommen waren, daß Oeſt⸗ reich zur Strenge gegriffen und das Standrecht erklärt hatte, von großer Wichtigkeit. Jedoch hatte die Miene des Papſtes durchaus nicht errathen laſſen, ob er ſchon davon in Kenntniß geſetzt ſei. Bekanntlich empfängt der Papſt herkömmlicher Weiſe zu gewiſſen Tagen und an beſtimmter Stunde alle Fremden, die ihn zu ſehen wünſchen. Früher war es dabei üblich ſeinen Pantoffel zu küſſen, neuer⸗ dings iſt dies jedoch dahin ungeändert, daß er auf ſeinem Thronſeſſel ſitzend, die rechte Hand auf die Lehne desſelben aufſtützt, und jeder der Vorüberge⸗ henden dann den Siegelring an ſeinem Finger mit den Lippen berührt. Bei beſondern Angelegenheiten, wo dies Zeremoniel nur zur Einführung dient, ent⸗ faltete Pius IX. ein äußerſt loyales Weſen; ſo auch dem Baron von Neuberg gegenüber, dem von Wien aus gewichtige Empfehlungen zur Seite ſtanden. Der Baron konnte daher nicht zu Ende kommen, die Milde und Freundlichkeit in den Geſichtszügen des Papſtes zu rühmen. Er erinnerte dabei an die Zeit, wo dieſer als päpſtlicher Nuntius während der Cholera in Neapel eine Aufopferungsfähigkeit be⸗ * 88 wieſen hatte, die ihn mit Recht in den Augen des Volkes als Heiligen erſcheinen ließ. Damals hatte er ſeine ganzen Habſeligkeiten vertheilt und war zu Fuß in jede Hütte geeilt, wo ein Kranker hilfbe⸗ dürftig lag.— Sein erſtes Auftreten als Papſt bewies ſpäter die erhabene Freimüthigkeit ſeiner Ge⸗ ſinnung, und wie ſehr ſein perſönliches Erſcheinen auf Jedermann einnehmend wirkte, hatte der Baron genügend an ſich erfahren. Der Dispens ſollte ohne Anſtand ertheilt und die beiden Verlobten bei nächſter Gelegenheit dem Papſte vorgeſtellt werden. Marie war ſchmerzlich berührt durch die heitere Laune des alten Barons. Seine eifrige Mittheilung gab ihr einen neuen Beweis, wie ſehr ihn der Ge⸗ danke an die Verbindung zwiſchen ihr und Richard erfreue und wie ſicher er ſich in demſelben fühle, und nun ſollte ſie mit einem Male alle dieſe ſchönen. Hoffnun⸗ gen und Ausſichten für ihn zerſtören! Zwar fühlte ſie mehr als je, daß ſie ihm ſtets eine treue, liebende Tochter bleiben werde, aber er hatte doch Richard's Glück für die Zukunft von dieſer Verbindung ab⸗ hängig geglaubt! Sie litt ſchmerzlich bei dem Bewußt⸗ ſein, daß ihr Schickſal ſie in dieſen Kampf geſtellt und den Entſchluß allein auf ſie übertragen habe. Aber die Liebe macht ſtark. Kein Kampf iſt ſo ſchwer, 89 daß ſie darin nicht ſiege; ſie ſchlägt Wunden, aber ſie führt auch den Balſam mit, dieſe zu heilen. 3 Marie ließ den alten Baron ſeine Erzählung beenden und wollte ihm hierauf ihr Begegnen mit Otto auf eine ſchickliche Weiſe eben mittheilen, als die Ankunft Richard's ſie für den Augenblick aus ih⸗ rer Verlegenheit riß. Dieſer trat raſch ein und ohne etwas weiteres zu bedenken, eilte er mit einem freu⸗ digen Ausruf auf Marie zu, um ſich zu erkundigen, wie ſie aus der Kirche und nach Hauſe gekommen ſei. Eine ſchlimme Ahnung hatte ihn vermuthen laſſen, daß der Conte Feraldo oder Aurora etwas gegen ihn unternommen und Marien vielleicht gar Eröffnungen in Betreff ſeiner gemacht haben möchten. Marie athmete auf, als ſie Richard's Frage ver⸗ nahm. Sie knüpfte an die Entgegnung darauf ſo⸗ gleich die Einleitung zur Erklärung ihres Zuſammen⸗ treffens mit Otto, indem ſie ſagte, daß ein unver⸗ hofftes Wiederſehn ſie zurückgehalten und ſo über⸗ raſcht habe, daß ſie ſich in der Sakriſtei habe erholen müſſen. Richard begnügte ſich mit dieſer Erklärung, weil er Schlimmeres befürchtet hatte, und er war froh, daß weder der Conte Feraldo noch Aurora bei Ma⸗ riens Zurückbleiben im Spiele waren. 90 Sein Vater dagegen fand es auffallend, daß ein Wiederſehen Marie ſo ſehr überraſcht und be⸗ wegt hatte. Eine gleichgiltige Perſönlichkeit konnte dies nicht bewirkt haben und da er des Zufalls auf der Straße vor einigen Tagen beim Vorüberfahren gedachte, kam ihm halb und halb die Ahnung, wer es geweſen ſein könne. Er würde unter andern Umſtänden ſicher weiter gefragt haben, nun aber vermied er es und ward in ſeiner Ahnung noch beſtärkt, als Marie ihm ankün⸗ digte, daß er morgen auf einen Beſuch aus der Hei⸗ mat gefaßt ſein ſolle, den ſie ihn noch näher be⸗ zeichnen werde. „Und dieſer Beſuch hat Dich in der Kirche zu⸗ rückgehalten und von Richard's Begleitung getrennt?“ frug er. Marie bejahte es. „Du haſt ihn bereits vor einigen Tagen hier in Rom geſehen und es verſchwiegen?“ forſchte der Baron weiter, und als Marie nicht gleich darauf zu antworten wußte, war er überzeugt, daß er rich⸗ tig gerathen habe. Da er jedoch in der feſten Mei⸗ nung war, Marie ſei von einem Unwürdigen hin⸗ tergangen worden, ſo erfüllte ihn dieſe Nachricht mit doppelter Beſorgniß und er faßte Pläne, ſich und — — 91 ſeine Adoptivtochter vor dem gefährlichen Feinde zu ſchützen. Er ſchwieg daher einſtweilen ſtill und ließ nichts von ſeinen Gedanken erkennen. Da Richard ſeit ſeiner Begegnung mit Aurora keinen weitern Gedanken hatte, als ſo ſchnell wie möglich Rom verlaſſen zu können, ſo dachte er über Mariens Abenteuer nicht weiter nach, ſondern frug nur noch raſch, ob ſein Vater durch den Beſuch beim Papſte ſeinen Zweck erreicht habe. Als dieſer ihm dies bejahte, war Richard ſogleich mit weiteren Vor⸗ ſchlägen wegen Beſchleunigung ſeiner Verbindung mit Marie und Beendigung des Aufenthaltes in Rom beſchäftigt. Da der Karneval nicht fern war und während der Faſtenzeit dem katholiſchen Ritus zu⸗ folge, keine Trauungen vorgenommen werden dürfen, ſo fand dieſe durch die beſonderen Umſtände hervor⸗ gerufene Eile eine natürliche Erklärung. Im Laufe des Tages ſuchte Marie die Gele⸗ genheit, um ihrem Vater vorſichtig nähere Aufſchlüſſe über ihr Zuſammentreffen mit Otto zu geben. So gut ſie übrigens vorbereitet zu ſein glaubte, um den⸗ ſelben behutſam davon in Kenntniß zu ſetzen, ſo ſchlecht gelang es ihr, lange mit der ganzen Wahrheit zu⸗ rückzuhalten. Ihre Lippen floſſen über, denn ihr Herz war erfüllt von Glück und Wonne. Freillich 92 kamen ihr dabei auch aufrichtige Thränen der Be⸗ trübniß wegen Richard in die Augen, aber das Ge⸗ fühl war mächtig in ihr, daß ihr Vater nur ihr Glück wünſchen könne. Der Baron hatte nichts anderes erwartet. Es entſprach jedoch ſeinem raſch entſchloſſenen Weſen voll⸗ ſtändig, daß er bereits die feſte Abſicht in ſich trug, hier eben ſo eigenmächtig für Mariens Wohl Sorge zu tragen, wie er früher Richard's Beſtes zu beför⸗ dern glaubte, indem er deſſen Verbindung mit Louiſe hintertrieb. Er nahm alſo Mariens Mittheilung ruhig hin und ſagte ihr nur, er werde den Beſuch des jungen Mannes erwarten.„Aber,“ wendete er ſich raſch zu ihr,„Du weißt noch immer ſeinen Na⸗ men nicht?“ Marie mußte dieſe Frage verneinen und that dies, indem ſie ſagte:„Er hat mich auch nach Ihrem Namen nicht gefragt und ſich damit begnügt, daß Sie für ihn mein väterlicher Wohlthäter ſind.“ — Der Baron ſchwieg. Die Nachricht von der in Paris ausgebrochenen Revolution hatte ſich am folgenden Tage nicht nur beſtätigt, ſondern die Lage der Dinge war ſogar noch drohender geſchildert werden, und ein neues Gerücht hatte den König Louis Philipp abdanken und nach England entfliehen laſſen. Ganz Rom war —:— 93 über dieſe Nachrichten in der lebhafteſten Bewegung, denn man ſah voraus, daß ſie nicht ohne bedeutende Folgen für Italien bleiben würden. In der Lom⸗ bardei war es ohnehin ſchon zum Auflauf und drohenden Angriffen zwiſchen Bürgern und Militär gekommen und in Venedig eine Demonſtration im Theater dadurch eingeleitet worden, daß die Cerito zu Ehren der neapolitaniſchen Verfaſſung im Thea⸗ ter fenice die Sictlienne in italieniſchen Farben tanzen mußte. Als Otto bei Baron von Neuberg eintrat, war Richard ausgegangen und Marie befand ſich mit ihrem Vater allein. Dieſer ging dem Eintretenden entgegen und forſchte mit finſteren, kalten Blicken in den Zügen des jungen Mannes. Da ſich Beide nie geſehen hatten, konnten ſie ſich nicht erkennen und Otto beeilte ſich, ſeinen Namen zu nennen. Wie erſtaunte der alte Baron, als er damit in ihm den Sohn des Mannes erkannte, deſſen Be⸗ kanntſchaft unter ſo ungünſtigen Umſtänden den ſchlimmſten Eindruck auf ihn hervorgerufen hatte. Es erſchien ihm nun ganz unzweifelhaft, daß Otto niemals wahre Neigung zu dem armen, namenloſen Mädchen gefaßt haben könne und der Verdacht be⸗ feſtigte ſich in ihm, daß weder deſſen Liebe von da⸗ 94 mals, noch ſeine Wiederkehr jetzt, aus reinen, un⸗ eigennützigen Abſichten hervorgegangen ſei. Wie leicht konnte es unterdeſſen ſchon durch die alte Ba⸗ ronin bekannt geworden ſein, daß Marie von ihm an Kindesſtatt angenommen war. Er nahm alſo eine noch kältere Miene an. „Sie ſind ſchon längere Zeit in Rom?“ frug er und firirte Otto dabei mit forſchenden Blicken,„man intereſſirt ſich an fremden Orten für die Ankunft von Landsleuten und ſo haben Sie wohl von ihren Be⸗ kannten erfahren, daß wir hier angekommen ſeien.“. Otto verneinte dieſe Frage. „Irre ich nicht,“ fuhr der Baron weiter fort, „ſo ſind wir Ihnen vor mehreren Tagen auf der Straße begegnet; erinnern Sie ſich nicht?“ Auch hierauf antwortete Otto verneinend. „Meine Nichte hat mir mitgetheilt,“ begann jetzt der Baron,„daß Sie ſie bereits früher kannten. Sie waren ohne Zweifel ſehr erfreut, als Sie die glückliche Wendung ihres Schickſals erfuhren 94 „Ich ahnte dieſe durchaus nicht,“ entgegnete Otto,„denn damals, als ihre Pflegemutter uns die Geſchichte ihrer Geburt erzählt hatte, war an eine Wiedervereinigung mit ihren Verwandten ſchwer zu denken, und als ſie während meiner Krankheit die 8 95 Gegend verließ, hatte ich leider nicht den Troſt, ir⸗ gend eine Spur ihres Aufenthalts zu entdecken. Wie konnte ich anders denken, als daß der Tod ſie für immer von mir fortgeführt habe. Doch, Sie ſagten,“ fuhr er fort,„daß Sie mein Landsmann ſeien. Noch habe ich nicht das Vergnügen, zu wiſ⸗ ſen, wen ich als Mariens Vater und Wohlthäter zu verehren habe.“ „Wie? Sie wiſſen meinen Namen nicht?“ frug erſtaunt der Baron.„Sie wiſſen nicht, daß Marte die Nichte des Barons von Neuberg iſt?“ „Von Neuberg?“ rief Otto erſchreckt aus „Marie iſt die Nichte des Barons von Neuberg? Nein, das wußte ich nicht, das hatte ich nicht geahnt!“ Marie erſchrack heftig, als ſie dieſen Ausruf vernahm Was lag hier vor? Welch eine geheime Beziehung machte den Namen ihres Wohlthäters zur Urſache des Schreckens für den Geliebten? Wo waren ſie ſich begegnet, da ſie ſich doch nicht zu kennen ſchienen? Eine unerklärliche Angſt ſchnürte ihr die Bruſt zuſammen und trieb ſie doch auch wieder an, verſöhnend einzuſchreiten. Standen ſich die Beiden feindlich gegenüber, ſo konnte ſie allein vermitteln, das fühlte ſie. Sie trat alſo auf den Baron zu, faßte ſeine Oid—— Hand und ſagte, indem ſie ihm bittend in das Auge blickte:„Er war es, der damals, Jals das heranna⸗ hende Ende meiner Pflegemutter mich gänzlich zu 4 verwaiſen drohte, mit edler Selbſtverläugnung frei⸗ willig mir, der Verlaſſenen, ſeinen Schutz und ſeine Liebe antrug. An dem Todestage der Dahingeſchie⸗ denen gelobte ich, ſchon dafür, daß er ihr einen ru⸗ higen Tod bereitet hatte, ihm dankbar zu ſein mein Leben lang.“ „Und wer gibt Dir die Gewißheit, daß es von Anfang an ſeine freie Abſicht war, dies Verſprechen von Dir zu fordern?“ erwiederte der Baron.„Sah er ſich nicht vielleicht nur durch die ängſtliche Sorge Deiner ſterbenden Pflegerin dazu bewogen, Dir Schutz zu bieten?“ „Wer mir die Gewißheit gibt?“ frug Marie, und ihre Augen glänzten vom Feuer der Ueberzeu⸗ gung.„Mein Herz gibt und gab ſie mir, denn das vernahm mehr von ihm und verſtand ihn beſſer, als ſeine Worte verſprachen!“ „Und Du glaubſt, daß Du dem Gedächtniß Deiner Pflegerin mehr ſchuldig biſt, als der Liebe, die ich Dir zugewendet habe?“ frug in vorwurfsvoll bitterem Tone der Baron. „Ich verſtehe ſie nicht, mein Vater, erwiederte 97 ſchmerzlich erſtaunt Marie;„fühlen Sie es denu nicht mit, daß ich meinem Gelöbniß Treue ſchulde und mein eignes Herz nicht betrügen kann? Aber ohne dies bleibt auch das Wort, welches ich an der Bahre meiner Pflegerin gegeben, ein heiliges Verſprechen. Sie zürnen dem Gedächtniß der Ver⸗ ſtorbenen,“ fuhr ſie in mild vorwurfsvollem Tone fort,„weil ich mich freventlich ihren Nachforſchungen entzogen hatte. Sie werden ſagen, durch ein Ver⸗ brechen habe ſie ſich in die Liebe eingeſchlichen, die ich ihr weihe; aber war ihr Gefühl für mich nicht dennoch wahre und eben, weil ſie ungerechtfertigt war, um ſo innigere Liebe? Rückſicht auf menſchliche Verhältniſſe hielten die ferne von mir, die von der Natur dazu beſtimmt waren, mich an ihrem Herzen zu halten; war dies weniger unrecht?“ „Nicht dies beſtimmt mich, Deine Neigung nicht zugleich zu billigen,“ entgegnete der Baron. „Eine tiefe Kluft trennt uns von der Familie des jungen Mannes, dem Du Deine Liebe zugewendet haſt, und das Mißtrauen, welches Dich bei mir in Erſtaunen ſetzt, hat ſeinen Urſprung darin, daß wir ſchon einmal getäuſcht wurden, und daß das Mädchen, von der ich ſagte, ſie habe Richard's argloſes Herz bethört, die Schweſter Deines Geliebten iſt.“ Familie Schaller. II. 3 7 4 98 Als Otto dieſe Worte hörte, konnte er nicht länger ſchweigen und indem er dem Baron feſt ins Auge blickte, ſagte er mit großer Beſtimmtheit: „Wie iſt es möglich, daß ein Mann, deſſen edle Handlungsweiſe Mariens Wort mir verbürgt, ſich ſolch ungerechter Rede ſchuldig machen kann? Mit welchem Rechte, Herr Baron, behaupten Sie, daß meine Schweſter Ihren Sohn bethört habe? Wollen Sie etwa alle Schuld jenes unangenehmen Zerwürf⸗ niſſes auf uns ſchieben, ohne zu bedenken, daß Ihr ſchroffes Entgegentreten eine Wendung hervorrief, der gerade Sie ſehr gut hätten vorbeugen können? Meine Schweſter war jung, voll Leben und em⸗ pfänglich, möglich, daß es ihr ſchmeichelte, den jungen Baron von Neuberg unter ihren Bewerbern zu ſehen; deshalb war es nicht ihre Schuld, wenn dieſer ſich um ſie bewarb.“ Marie gerieth in Sorge und Angſt, als ſie Otto ſo entſchloſſen reden hörte. Sie ging zu ihrem Vater und hing ſich ſchmeichelnd an deſſen Arm, während ſie zugſeich den Geliebten bat, ſich zu mäßigen. 4 Aber der Baron ſagte zu ihr:„Laß ihn reden, mein Kind, und Du ſelbſt ſollſt es mit anhören, wohin die Ueberſtürzung dieſer neuen Menſchheitbe⸗ 99 glücker führt. Warte nur einige Augenblicke, und Du wirſt an der Kühnheit des Bruders die Selb⸗ ſtändigkeit der Schweſter ermeſſen können.“ „Erwarten Sie nicht, Herr Baron,“ entgegnete Otto ruhig,„daß ich Ihnen hier das Schauſpiel wiederholen werde, welches ihnen mein Vater in ſeiner Uebereilung gab; aber glauben Sie auch nicht, daß Ihr geringſchätzender Ton mich abhalten wird, die Wahrheit laut zu vertheidigen. Sie ſind Mariens Schützer und dieſer Umſtand allein läßt es mir um Alles in der Welt wünſchenswerth erſcheinen, Ihnen näher zu kommen und mich mit Ihnen zu verſtändigen. Sie reden von den Fehlern meines Vaters; haben Sie jedoch damals den Eindruck abgewartet, den Ihr Einſchreiten in unſerem Hauſe hervorrief? Sie warfen neue, ungehörte Meinungen hin, aber die erſte, ich geſtehe es, nicht vorſichtige Entgegnung ließ Sie jede weitere Verbindung unterbrechen. Glauben Sie, einen Kranken durch Verachtung heilen zu können? Wenn Sie einſahen, daß mein Vater im Irrthum befangen war, weshalb traten Sie ihm ſo ſchroff entgegen? Hätten Sie die Meinungen langſam ſich durchdringen laſſen, Sie wären als heilender Arzt geprieſen worden, während man Ihrem Verfahren nach nichts anders denken konnte, als daß Stolz 3 3 7. 100 die Triebfeder ihres Auftretens ſei, und eben dieſer Gedanke alle Wirkungen Ihrer Worte wieder ver⸗ nichten mußte.“ „Was Sie da ſagen, mag gut gemeint ſein,“ entgegnete der alte Baron,„aber ſolche Kranke, wie Ihr Vater, ſind unheilbar.“ „Und wenn ich dies gelten laſſe,“ entgegnete in ſchönem Eifer Otto,„handelte es ſich denn zuerſt um meinen Vater, oder um meine Schweſter? Mö⸗ gen Sie mir glauben oder nicht: ich weiß, welch einen tiefen Eindruck Ihr Beſuch auf dieſe gemacht hatte, ſo tief, daß Sie mit meinem Vater zürnte, deſ⸗ ſen Handlungsweiſe ſie vorher ſtets unbedingt für richtig gehalten hatte.“ „Täuſchen Sie ſich nicht,“ erwiederte der Ba⸗ ron,„eine Erziehung, wie ſie ihre Schweſter genoſ⸗ ſen hatte, wirkt unauslöſchlich in ihren Folgen wei⸗ ter auf das ganze Leben.“ „Allerdings,“ verſetzte Otto,„aber die eigentli⸗ liche Richtung in der Entwickelung des Weibes gibt ihr doch erſt die Liebe.“ „Wie kann ſich da wahre Liebe entwickeln, wo das Selbſtgefühl mächtiger iſt, als jede andere Em⸗ 101 pfindung, und wo die Herrſchſucht der Frau im Vor⸗ aus keine Harmonie entſtehen läßt?“ erwiederte zwei⸗ felnd der Baron. „Iſt es möglich,“ entgegnete Otto,„daß ein Mann wie Sie glauben kann, der Wortſtreit über die Vorrechte des Mannes oder der Frau werde in Wirklichkeit über deren Glück entſcheiden! Mich dünkt, darin handelt Niemand nach Anſicht, ſondern nur nach Anlage, und der Vorwurf allzugroßer Selb⸗ ſtändigkeit, den ſie meiner Schweſter zuwenden, könnte ſich leicht in den Verdacht allzugroßer Abhäͤngigkeit bei Richard verwandeln. Wie leicht wäre es Ihnen möglich geweſen, dieſe beiden Gegenſätze auszugleichen, dann hätten ſie Glück geſtiftet, während Ihr Dazwi⸗ ſchentreten das Gegentheil bewirkte. So wenig, wie in dem Augenblicke, als ſie ihre Prinzipien zum Erſtenmale darlegten, Richard ſchon das war, wofür Sie ihn ausgeben, eben ſo wenig war es nöthig, an einer Umänderung meiner Schweſter zu zweifeln; ja, ich ſage es mit feſter Ueberzeugung, Sie handelten eigenmächtig, als Sie ein Band zerriſſen, das Sie nicht geknüpft hatten. Für Richard mußte Ihr Ein⸗ ſchreiten doppelt ſchädlich wirken, da Sie durch Ihre väterliche Autorität eine erwachende, gute Neigung gewaltſam in ihm erſtickten; und meine Schweſter, 102 die Richard erſt von dem Augenblicke an wirklich lie⸗ ben lernte, wo Sie ihr zeigten, was er hätte werden können, darf Sie darüber anklagen, daß ſie von Ih⸗ nen getäuſcht wurde. Doch ich will nicht weiter re⸗ den, Sie nicht noch mehr erbittern; Marie kennt mein Herz und wird es nicht verlangen, daß ich mich unmännlich fügen ſoll.“ Marie hatte mit Begeiſterung den Worten des Geliebten zugehört.„O, mein Vater,“ rief ſie jetzt, „wie konnten Sie ihm mißtrauen? Erkennen Sie nicht ſein edles, großes Herz? Müſſen Sie nicht freu⸗ dig mein Glück in ſeine Hände legen?“ Aber plötz⸗ lich ſchwieg ſie erbleichend in jähem Schreck; denn ein ſtrenger Blick des Barons zeigte ihr, daß ſie im Irrthum befangen war, wenn ſie ihn von Otto's ed⸗ lem Sinn überzeugt glaubte. Einen Augenblick ſchwie⸗ gen alle drei und nur ein unterdrücktes Schluchzen verrieth den ſchweren Kampf in Mariens Bruſt. Endlich ſchien ſie entſchloſſen. Langſam trat ſie zu dem Baron, indem ſie, tiefen Gram in den bleich verſtörten Zügen, mit erſterbender Stimme ſagte: „Als ich verlaſſen von aller Welt am Todesbette meiner Pflegemutter kniete und Otto das Verſpre⸗ chen gab, ſein Weib zu werden, da verband mich dies Wort mit ihm für's ganze Leben. Nur ſein ——— 103 Tod oder freiwillige Entſagung können mich dieſes Schwures entbinden. Als ſie dies geſagt hatte, wendete ſie ſich zu Otto.„Ich ſtehe nun vor Dir, wie damals,“ ſagte ſie zu ihm,„eben ſo arm, ſo verlaſſen von aller Welt. Willſt Du, daß ich Dir angehören, daß ich Dein Weib ſein ſoll, ſo ſprich es aus und ich folge Dir, wenn auch mein Herz über dieſen Zwieſpalt brechen ſollte.“ Der Baron, den die energiſche Sprache Otto's bereits gegen ſeinen Willen für den jungen Mann eingenommen hatte, war ſichtlich betroffen über Marien's Entſchluß. Hier fühlte er ſtärkeren Wi⸗ derſtand als bei Richard und ſeine Feſtigkeit begann bereits zu wanken.„Wie, meine Tochter 2“ ſagte er mit weicher Stimme,„Du kannſt mich verlaſſen?“ Marie konnte nicht länger an ſich halten. Laut weinend warf ſie ſich an Otto's Bruſt. „So erklären Sie mir wenigſtens, was Sie von Marie fern hielt, gerade zu einer Zeit, wo Ihre Gegenwart doppelt unentbehrlich für ſie war?“ frug nach einer Pauſe der Baron.„Wo waren Sie an jenem Tage, als ich das Haus Ihres Vaters beſuchte?— Wären Sie dabei geweſen, ich bin überzeugt, es wäre vielleicht Alles anders gekommen.“ 104 „An dieſem Tage,“ antwortete Otto, indem er auf ſeine Geliebte einen Zlick inniger Zärtlichkeit warf,„weinte ich mit Marie an der Leiche ihrer Pfle⸗ gemutter und wiederholte ihr das Gelöbniß, ihr Schützer zu ſein für das ganze Leben. An eben die⸗ ſem Tage raubte mir ein furchtbarer Zufall das Be⸗ wußtſein und ließ es mich dann erſt wiederfinden, als Marie für mich verloren ſchien.“ Der Baron ſtand bewegt und nachdenkend. Marie dagegen ſprach:„Müſſen wir nicht in all' dieſen Ereigniſſen und ſcheinbaren Zufällen eine wunderbare Fügung anerkennen und wäre es nicht thöricht, ihr zu widerſtreben? Noch iſt ja Zeit, noch kann Alles zum Guten ſich wenden, laßt uns denn darauf bedacht ſein, dem Fingerzeig der Vorſehung zu folgen.“ 3 Der alte Baron trat hierauf plötzlich zu Otto heran, reichte ihm die Hand und ſprach: 7, Ich fange an zu fürchten, daß ich zu raſch verurtheilt habe und will darauf denken, meine Ueber⸗ eilung wieder gut zu machen. Als er dieſe Worte geſprochen hatte, flog ihm Marie an den Hals und überhäufte ihn mit Küſſen und Schmeichelreden. — V 105 In demſelben Augenblicke trat Richard in das Zimmer. Er blieb überraſcht ſtehen. Eine peinliche Ver⸗ legenheit bemächtigte ſich ſeiner, als er Otto erkannte. Er wußte nicht, ſollte er ihm freundlich entgegentre⸗ ten, oder ſollte er eine gleichgiltige Miene annehmen. Da nun ſchritt der alte Baron helfend ein. „Richard,“ ſagte er,„Du ſiehſt, wir haben hier einen werthen Beſuch, und ich habe ſoeben mein Be⸗ dauern ausgeſprochen, daß es mir erſt hier vergönnt wurde, den jungen Herrn Schaller kennen zu lernen. Die ehrenvolle Beſtimmtheit ſeines Charakters hat mich raſch zu ſeinem Freunde gemacht und ich muß geſtehen, daß es mich gefreut haben würde, wenn Du denſelben früher mir als Deinen innigſten Freund entgegengeführt hätteſt.“ Richard war äußerſt erſtaunt über ſeines Va⸗ ters Worte. Da er noch immer keine Ahnung von dem Vorgefallenen haben konnte, ſo ging er auf Otto zu, reichte ihm freundlich die Hand, ſchüttelte dieſe brüderlich, und ſagte, wie er ſich freue, ihn zu ſehen. „Und ich hoffe, daß dieſe Freude eine wahre und ungeheuchelte iſt,“ ſagte der alte Baron,„denn die Freundſchaft eines jungen Mannes, wie ich Herrn Schaller erkannt habe, kann Dich nur ehren, und 106 darf Dir um keinen Preis gleichgiltig werden. Wohl⸗ an,“ fuhr er fort,„zeige denn, daß Du dieſe Freund⸗ ſchaft zu ſchätzen weißt, und Sie, Herr Schaller, er⸗ kennen Sie, daß ich gern bereit bin, die Hand zu bieten, wo es ein Unrecht gut zu machen gilt. Mein Sohn Richard, Du hoffeſt, das Glück Deines Lebens in Mariens Liebe zu finden und Marie war ent⸗ ſchloſſen, aus Liebe zu mir das Bündniß mit Dir zu ſchließen, aber eine höhere Fügung hat ihr gerade jetzt, bevor es zu ſpät war, einen Mann wieder entgegen⸗ geführt, der ältere und höhere Rechte an ihre Liebe hat und dem ihr Herz ohnehin den Vorzug geben würde. Ich hoffe, Du biſt Mann genug, um Herrn Schaller und Deiner Schweſter Glück zu wünſchen, zur Erneuerung der bereits am Todesbette ihrer Pfle⸗ gemutter geſchloſſenen Verlobung“ Richard ſah einen Augenblick verwirrt und er⸗ ſtaunt vor ſich nieder, dann blickte er mit betrübter Miene auf Marie hin. Dieſe trat auf ihn zu. „Du haſt das Glück Deines Lebens nun einmal in meine Hände gelegt,“ ſprach ſie in ſanftem Tone zu ihm, ſo will ich mich denn dieſes Amtes entledigen. Laß mir das Vorrecht Deine Zukunft zu geſtalten. Ich ſelbſt kann Dir nicht mehr angehören, das iſt nicht — 107 die Folge meines Willens, es iſt eine höhere Schik⸗ kung, aber ich will eine Stellvertreterin für mich wählen und ſelbſt Deiner Erwählten den Brautkranz aufſetzen. Aus meiner Hand ſollſt Du die Braut empfangen, die Dich durch ihre ungetheilte Liebe glücklicher wird machen können, als ich es durch das Opfer meiner Erinnerung gekonnt hätte.“ Richard war ergriffen und gerührt. Er ſprach nichts, aber er drückte Mariens Hand und warf ſich dann ſeinem Vater ſchluchzend an die Bruſt. Dieſer ſelbſt, durch den ganzen Auftritt heftig erſchüttert, bat Otto, ſie auf einige Stunden zu ver⸗ laſſen, da auch Marie der Erholung bedürfe. Otto billigte dies vollkommen und ging mit dem Verſprechen, in kurzer Zeit wieder zu kommen. Marie begab ſich auf ihr Zimmer und Vater und Sohn blieben allein. Der alte Baron klärte nun Richard über Mariens früheres Verhältniß zu Otto vollſtändig auf. Richard war dadurch beruhigt, und da die lebhafte Erinnerung an Aurora ihn ohnehin gedemüthigt hatte, ſo ſah er in dieſem Ver⸗ luſte eine wohlverdiente Mahnung und Strafe. 108 Achtes Kapitel. Als Otto nach einigen Stunden wiederkam, brachte er höchſt wichtige politiſche Neuigkeiten. Es blieb nicht allein kein Zweifel mehr, daß in Frank⸗ reich die Revolution große Fortſchritte gemacht hatte, ſondern die Bewegung hatte auch bereits in Italien ihr Echo gefunden. Der König von Frankreich, ſo lauteten die neueſten Berichte, war entflohen, und hatte zu Gunſten ſeines Enkels, des Grafen von Paris, abgedankt. Umſonſt hatte dann die Herzogin von Orleans Schutz für ihre beiden Kinder in der Deputirtenkammer geſucht, auch ſie war zur Flucht getrieben worden. Darauf hatte man die Tuillerien eingenommen und den Thron verbrannt. Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit erſchallte es nun allent⸗ halben, und die Einſetzung einer proviſoriſchen Re⸗ gierung verkündete die Errichtung der demokratiſchen Republik. 3 In Mailand war in Folge dieſer Nachrichten die Aufregung in erſchreckender Weiſe geſtiegen und die ganze Lombardei ſah ſich von innen und außen hart bedrängt. Man fürchtete überall Ausbrüche von Revolutionen, ähnlich der Pariſer. 109 Als Otto dieſe Neuigkeiten mitgetheilt hatte, ließ der alte Baron ſeinem Verdruß freien Lauf. „Wie lange wird es dauern,“ ſagte er,„ſo be⸗ folgen ſie in Deutſchland das herrliche Beiſpiel. Und wo anders werden ſie zuerſt anfangen, als an un⸗ ſerm ſchönen Rheine.“ „Wie ich die Sache anſehe,“ meinte Otto,„ſo ſcheint überall ein wahres Revolutionsfieber in Aus⸗ bruch begriffen zu ſein. Es herrſcht eine allgemeine Mißſtimmung in der Politik und die vielfältige Un⸗ zufriedenheit will ſich nun auf einmal Luft machen. Daß es den Rhein zuerſt treffen wird, geht ſchon ganz natürlich aus ſeiner Lage hervor, denn dort werden die Nachrichten zuerſt verbreitet und demnach zuerſt zünden.“ „Sie haben Recht,“ verſetzte der Baron,„es wird nicht lange dauern, ſo haben ſie auch in Mainz die Fahne des Aufruhrs aufgepflanzt und die Fe⸗ ſtungsverhältniſſe werden dort die Sache ſehr ſchlimm geſtalten.“— „Eben dieſe Beſorgniß verfolgt mich ſchon ſeit mehren Stunden,“ erwiederte Otto,„und wenn ich es recht bedenke, ſo iſt jeder Augenblick, den ich zö⸗ gere, dorthin zu eilen, ein unverantwortliches Unrecht an der Pflicht gegen meine Eltern.“ 110 „Auch mich beunruhigt die Sorge um meine Mutter,“ entgegnete der Baron.„In Italien wird ohnehin unter ſolchen Umſtänden unſeres Bleibens nicht ſein, und es iſt beſſer, man ſteht gerüſtet an dem Ort, wo man hingehört. Aber eine Bedingung möchte ich Ihnen ſtellen,“ fuhr er fort,„wer kann wiſſen, wie ſich die Sachen jetzt geſtalten werden! Laſſen Sie uns denn bedacht ſein, mäßig zu verfah⸗ ren und das Nächſte nicht außer Augen zu laſſen. Die Kluft zwiſchen Ihrem Vater und mir würde durch eine plötzliche Erklärung unſrer veränderten Beziehungen gerade jetzt nur vergrößert werden kön⸗ nen. Er würde vielleicht in meinem Entſchluſſe eine Folge der Furcht vor der Zeitbewegung ſehen und neue Mißverſtändniſſe könnten daraus entſtehen. Da gilt es denn, dieſer Anſicht zuvorzukommen. Hö⸗ ren Sie meinen Plan. Ich reiſe mit Marie wenige Tage vor Ihnen ab und Marie ſoll dann, ohne ihren jetzigen Namen zu nennen, als das arme Mädchen von ehemals Ihr elterliches Haus betreten, Ihre Mutter gewinnen und uns den Weg bahnen.“ „Damit iſt denn zugleich eine neue Prüfung für meine Eltern verbunden,“ entgegnete lächelnd Otto,„aber thun Sie es immerhin. Marie wird ſich gewiß den Weg in die Arme der Eltern bahnen 111 und meine Mutter wird ſie freudig als die Braut ihres Sohnes begrüßen.“ Marie fand den Plan des Barons ebenfalls ganz vortrefflich. Sie verband damit noch eine neue Abſicht, die ſie ſpäter Otto mittheilte, als ſie mit ihm allein war. Sie hoffte nämlich Luiſens Neigung zu Richard zu erforſchen und dies Verhältniß wo möglich wieder⸗ herzuſtellen. Sie erkundigte ſich daher genau nach Luiſens Charakter, und Otto verſprach, um ein voll⸗ ſtändiges Bild vom Weſen ſeiner Schweſter zu geben, ihr einen Brief mitzutheilen, den er erſt kürzlich von ſeiner Schweſter erhalten hatte. Kurze Zeit darauf brachte er ihr die nachfolgen⸗ den Zeilen: Luiſe ſchrieb:„Ich habe es oft nicht glauben wollen, wenn man erzählte, daß Menſchen in einer Nacht plötzlich um viele Jahre älter geworden ſeien, aber wir glauben eben nur das, wozu wir einen Vergleich in uns finden. Nun habe ich es gelernt, daß es Erfahrungen gibt, die uns raſch über einen längeren Zeitraum hinwegſetzen, und wenn auch nicht in einer Nacht, ſo doch in wenig Wochen um viele Jahre älter machen können. Wie thöricht war ich, zu glauben, es ſei eine Beeinträchtigung 112 der Frauen, wenn man ſie vom öfefentlichen Leben ausſchließt! Hat doch die Natur der Frau das ſchöne Amt gegeben, in dieſem Kampf und ungelöſten Streit der allgemeinen fortſchreitenden Bewegung durch die Feſſel der Liebe den Mann an den ſchwindenden Augenblick zu ketten und ihm mit den ſanften Freu⸗ den der Häuslichkeit die Gegenwart zu ſchmücken, wenn ſein Blick in raſtloſem Suchen in die Weite ſchweift. Die Welt iſt ſo ſchön und das Leben bie⸗ tet ſo viel bunte und duftende Blüthen, darum ſollen wir nicht vorüber gehen, ohne das Schöne erſchaut und erfaßt zu haben, und die Blüthen nicht zertre⸗ ten, ohne das Herz an ihnen zu laben! Wie freue ich mich auf Deine Zurückkunft, mein Bruder, und wie innig werden wir uns an einander anſchließen, wenn Du erſt wieder hier biſt. Ich habe ſo oft das Bedürfniß, mich Jemand recht vollſtändig mitzuthei⸗ len; meine Freundinnen verſtehen mich in vielen Din⸗ gen nicht und von den Eltern trennt mich oft wie⸗ der die Verſchiedenheit des Alters zu ſehr. Früher verſtand ich es nie ſo gut, wie unentbehrlich Du mir biſt, und ich würde mich recht unglücklich und einſam fühlen ſollte unſre Trennung noch länger dau⸗ ern.— Als betruͤbende Neuigkeit theile ich Dir mit, ———V——V—— 113 daß der Großvater ſich leider in einem recht bedenk⸗ lichen Geſundheitszuſtande befindet. Simon Gold⸗ heim, von dem ich Dir zuletzt ſchrieb, daß er längere Zeit gefährlich krank darniederlag, iſt nun ſo weit wieder hergeſtellt, daß er des Vaters Haus verlaſſen darf. Wie ich höre, ſoll jedoch ſein ganzes Weſen geſtört ſein und während ſeiner Krankheit hat man mehrmals für ſeinen Verſtand gefürchtet. Sein Va⸗ ter hat ihm, in der Beſorgniß um das Leben des Sohnes, jeden früheren Wunſch bewilligt, ihm frei⸗ geſtellt, ja ſogar ihn zu überreden geſucht, ſich zur Ausbildung in der Muſik nach Paris zu begeben; aber der arme Simon hat für nichts Höheres mehr Sinn. Er ſcheint abgeſtumpft gegen Alles, was ihn ſonſt begeiſterte. Ach Otto! dieſer Fleck in meinem Leben wird ſich nie austilgen laſſen. Wüßte ich ein Mittel, mein Unrecht gegen Goldheim gut zu ma⸗ chen, und koſtete es, was es wolle, ich würde es er⸗ greifen. Da jedoch jede Verbindung zwiſchen ihm und unſrem Hauſe unterbrochen iſt, und ein auffallen⸗ der Schritt von meiner Seite, wie die Umſtände jetzt liegen, die Sache eher verſchlimmern als verbeſſern würde, ſo kann ich nichts thun, als darauf hoffen, daß die Zeit Alles ausgleichen und heilen wird. Dieſes traurige Erlebniß hat ſchnell in mir gereift, Familie Schaller. II.— 8 114 was doch über kurz oder lang gekommen wäre. Ich bin mißtrauiſch geworden gegen mich ſelbſt und ängſt⸗ lich in Bezug auf jedes Gefühl und jeden Wunſch, die ſich in mir regen. Da habe ich mir denn feſt vorgenommen, Dir in Zukunft nichts zu verheimli⸗ chen, was mich bewegt oder beunruhigt. Dein Rath ſoll mich leiten und ich werde in Allem mich ihm unterwerfen. Man ſieht in der letzten Zeit mit geſpannter Erwartung auf die politiſchen Ereigniſſe in Frankreich, und der Vater hat ſchon mehrmals den Wunſch ausgeſprochen, daß Du bald zurückkehren möchteſt, um in der Nähe zu ſein, wenn es unſern Nachbarn von jenſeits des Rheines einfallen ſollte, uns zu beunruhigen. Bald hätte ich vergeſſen Dir anzuzeigen, daß Vetter Jan ſich mit Roſalie Kamp verlobt hat. Die einzige Schwierigkeit iſt die, daß Roſalie durchaus nicht mit ihm nach Holland ziehen will. Der gute Vetter iſt dadurch doppelt in Verlegenheit, denn erſtens muß er ſich in ſeiner Nationalehre verletzt fühlen, und zweitens weiß er nicht, wie er es an⸗ fangen ſoll, um dem Wunſche ſeiner Braut nachzu⸗ kommen. Die Mutter kann dir diesmal nicht ſchrei⸗ ben, ſie läßt Dich wie immer bitten, Deine Geſund⸗ 115 heit zu ſchonen, und recht bald etwas von Dir hö⸗ ren zu laſſen.“ Marie las dieſen Brief mehrmals durch und nachdem ſie ſich über einzelne Perſönlichkeiten und Beziehungen, die ihr fremd waren und namentlich über die Andeutungen in Bezug auf Simon Gold⸗ heim befragt hatte, ſagte ſie zu Otto: „Wenn mich nicht alles trügt, ſo iſt gerade Luiſe das Weſen, um Richard glücklich zu machen, Er ſelbſt wird an ihrem feſten Charakter vollſtändig ſein Weſen entwickeln und befeſtigen, während ſie dagegen durch ſeine Einwirkung einen Theil ihrer früheren Selbſtändigkeit ablegen und nicht mehr in den Fall kommen wird, die Schranken der Weiblichkeit zu überſchreiten, denn dazu beſitzt Richard doch zu viel Charakterſtärke. Aber ſie müßte vorerſt ein ganz neues Feld der Thätigkeit, einen ganzen neuen Wir⸗ kungskreis als ſeine Frau finden, wobei ſie gezwungen wäre, ſich mit und durch ihn hinein zu leben, und wo ſie ganz allein auf ſeinen Rath und Beiſtand angewieſen wäre. Alles dies wird ſich vortrefflich machen, wenn ſie aus der dortigen Gegend fort⸗ kommen. So ſehr ich es bedauern werde, denn ich fühle es, Luiſe wird mir eine liebe Freundin und Schweſter werden, ſo werde ich es doch mit Richard's 3 8 116 110 Vater beſprechen, daß Beide wenigſtens für die erſte Zeit nach ihrer Verheiratung auf Schloß Locznitz ſchalten und walten. Daß dieſe Verbindung zu Stande kommt, dafür ſtehe ich ein.“ Während die beiden Liebenden dies mit ein⸗ ander beſprachen, beſorgte der alte Baron die nöthi⸗ gen Papiere und Anordnungen zur ſchleunigen Ab⸗ reiſe. Richard war inzwiſchen verſtimmt und nieder⸗ geſchlagen in das nah gelegene Kaffeehaus gegangen, um etwas Näheres über die wichtigen politiſchen Neuigkeiten zu erfahren. Er war kaum eingetreten und hatte eben eine Zeitung zur Hand genommen, als der Conte Feraldo ſich ihm näherte, um ein Geſpräch anzuknüpfen. Aurora war nämlich durch Richard's auffallende Verlegenheit bei ihrem Anblick im Verlangen, ihm näher zu kommen, nur noch beſtärkt worden. Sie konnte ſich nicht denken, daß ihre Anſchläge gänzlich mißlingen ſollten und das Benehnem des jungen Varons machte das Abenteuer für ſie nur noch piquanter. Sie hatte dem Conte darum aufgetragen, den ganzen Vorfall mit Stillſchweigen zu umgehen und um jeden Preis das gute Einvernehmen mit dem jungen Freunde aufrecht zu erhalten. V — — 117 Der Conte kam alſo wie gewöhnlich auf Richard zu, um ein unbefangenes Geſpräch mit ihm anzu⸗ knüpfen. Richard jedoch hatte, obwohl er den ganzen Plan nicht durchſchauen konnte, wohl bemerkt, daß der Conte ſowohl mit Aurora bekannt ſei, als daß derſelbe Marien beſondere Aufmerkſamkeit zuwendete und er ſchloß daher, der geſchmeidige Italiener habe ſeine eigene Bekanntſchaft jedenfalls nur aus einem von dieſen beiden Gründen geſucht. Da es ihn ohnehin endlich kränkte, der Spielball abſichtlicher oder unabſichtlicher fremder Zwecke zu ſein, ſo brachte die Anrede des Italieners ſein Blut in raſche Wal⸗ lung und er beachtete denſelben gar nicht. Der, Conte wiederholte, was er geſagt hatte, und da Richard abermals that, als ob er nichts gehört habe, ließ jener einige heftige Bemerkungen fallen, die etwas von„deutſcher Bär“ und„Rohheit“ enthielten. Das war gerade genug, um Richard's Zorn zur Wuth zu ſteigen. Er ſtand auf, warf dem Conte das Zeitungs⸗ blatt, welches er in der Hand hielt in das Geſicht und wartete ab, was dieſer darauf beginnen werde. Der Conte ſchäumte vor Wuth und würde auf 118 ſeinen Gegner losgeſtürzt ſein, hätte Richard's ru⸗ hige Haltung, der feſte, von Zorn ſprühende Blick und die muskulöſe Geſtalt den entnervten Ita⸗ liener nicht in Schrecken geſetzt. Es blieb ihm indeß nichts anderes übrig, als Richard eine Herausfor⸗ derung zukommen zu laſſen. Dieſer nahm ſie auf Piſtolen an; zwei Tage darauf am frühen Morgen ſollte das Duell ſtatt⸗ finden und jeder der Gegner ſich mit ſeinem Sekun⸗ danten an Ort und Stelle einfinden. Richard eilte nach Hauſe. Als er dort eintrat, war der alte Baron ſoeben zurückgekommen. Er hatte bereits alle nöthigen Papiere beſorgt und ſetzte nun, da die beängſtigenden Nachrichten von allen Seeiten her ſich von Stunde zu Stunde häuften, die Abreiſe für ſich und Marie auf den folgenden Morgen feſt. Qtto und Richard ſollten Tag's darauf Rom verlaſſen und auf einem andern Wege über Wien zurückkehren, um dann einige Tage nach der Ankunft der erſteren einzutreffen. Der Baron beurlaubte ſich noch an demſelben Tag im Vatikan beim Papſte. Richard athmete auf, als er dieſe Anſtalten tref⸗ fen ſah; er ſchwieg einſtweilen noch gegen Otto von dem Duell und wollte dieſen, wenn ſein Vater und 119 Marie unbeſorgt abgereiſt ſein würden, bitten, ihm zu ſekundiren. Die Stunde der Abreiſe kam. Otto und Ma⸗ rie trennten ſich ſchwer, denn obgleich ſte wußten, daß ſie ſich bald für immer angehören ſollten, ſo fiel doch der düſtre Schatten der Erinnerung an ihren kaum erſt verſchmerzten Verluſt bei dieſer Gelegenheit ſchwer in ihre Herzen. Wahrt man doch ein wiedergefunde⸗ nes Gut ſtets mit größerer Sorge, als ein nie ver⸗ lorenes! Richard war auffallend bewegt, als er ſei⸗ nem Vater und Marie Lebewohl ſagte. Sie ſchoben dies auf Rechnung ſeiner wehmüthigen Stimmung in Folge der Auflöſung ſeiner Verlobung mit Marie. Dieſe tröſtete ihn mit der Verſicherung, ſein Wohl eben ſo feſt im Auge zu behalten, wie das ihrige. Die beiden jungen Männer begleiteten die Ab⸗ reiſenden noch eine Strecke weit zu Pferd und kehr⸗ ten darauf zurück; der alte Baron und Marie be⸗ ſtiegen in Civita vecchia ein Dampfboot, das nach Genua abging. Beim Zurückgehen kündete Richard ſeinem Freunde Otto an, daß er am andern Morgen ein Duell ha⸗ ben werde, bei welchem er ihn ſich zum Sekundan⸗ ten auserſehen habe. 120 Otto erſchrack darüber anfänglich heftig und verlangte eine ausführliche Erzählung des Vorge⸗ fallenen und der Urſache des Duells. Dadurch ſah ſich Richard genöthigt, dem Freunde die ganze Ge⸗ ſchichte mit Aurora zu eröffnen und er that dies rück⸗ haltlos und frei. Otto befand ſich nun in der peinlichſten Ver⸗ legenheit. Wenn Richard ein Unglück zuſtieße, von wem anders ſollte deſſen Vater Rechenſchaft fordern als von ihm? Er erbot ſich raſch, einen Vergleich zu verſuchen, aber Richard gerieth über dieſen Vor⸗ ſchlag ſo ſehr in Aufregung, daß er ihn wieder auf⸗ geben mußte und nun rathlos ſchwieg. Sie waren am frühen Morgen von Rom weg⸗ geritten und kamen erſt gegen Mittag wieder zu Hauſe an. Kaum waren ſie eingetreten, als Richard ſeine Piſtolen hervorſuchte, während Otto voll Beſor gniß im Zimmer auf und ab ſchritt. Keine feige Zag⸗ haftigkeit beunruhigte ihn, ſondern einzig der Gedanke, daß Marie und ihr Vater ihn an ihrer Stelle wähn⸗ ten und daß er nun nicht im Stande ſei, den Freund von einem Schritte zu entfernen, von dem die Bit⸗ ten der Schweſter und die väterliche Ermahnung ihn gewiß würden abgehalten haben. Er hätte Mor⸗ gen gern ſelbſt an Richard's Stelle geſtanden, um 121 das tödtende Blei für ihn zu erwarten und mit ſei⸗ nem Blute die Treue ſeines Wortes zu beſiegeln. Plötzlich öffnete ſich die Thüre und eine tief verſchleierte Dame trat ein. Richard erkannte ſie augenblicklich; es war die Fürſtin Makonski. Mit leiſer, bebender Stimme frug ſie, ob der Baron Richard von Neuberg ihr einen Augenblick allein Gehör leihen wolle. Otto vermuthete ſogleich, wer die Dame ſei und war galant genug, ſich in das anſtoßende Zim⸗ mer zurückzuziehen, obgleich er es nicht ohne einige Beſorgniß that. Er fürchtete die verführeriſche Ge⸗ walt der reizenden Italienerin auf des Freundes leicht bewegtes Gemüth, doch hoffte er auf der andern Seite wieder, daß ſie gewiß gekommen ſei, den Streit mit dem Conte Feraldo gütlich beizulegen und in dieſem Falle würde ihre Ueberredungskunſt ihm will⸗ kommen geweſen ſein. In der That war es der Zweck von Aurora's Beſuch, das Duell zu verhindern. Sie wünſchte durchaus nicht die Urſache zu einem öffentlichen Skan⸗ dal zu ſein, auch fürchtete ſie ſich die Rache der rei⸗ chen und mächtigen Verwandten des Conte Feraldo zuzuziehen, wenn das Duell, und davon war ſie im Voraus überzeugt, ungünſtig für dieſen ausfallen ſolle. 122 Sie vertraute für das Gelingen ihres Verſöhnungs⸗ verſuchs bei Richard noch immer auf die Macht ih⸗ rer Schönheit. Als daher Otto das Zimmer kaum verlaſſen hatte, ſchlug ſie den Schleier zurück und näherte ſich Richard, indem ſie ihn frug, ob ſein Gedächtniß ihr nicht eine kleine Stelle eingeräumt, ob er ganz der Zeit vergeſſen habe, wo er täglich ſich in ihrer Nähe befunden, ihrer Worte gelauſcht, ihre Hand in die ſeinige gepreßt habe. Richard behielt ſeine ruhige Haltung und ohne eine Miene zu verziehen, antwortete er: bis jetzt ſei dies leider noch nicht geſchehen, er hoffe aber in ihrem und ſeinem Intereſſe, es möge die Zeit kom⸗ men, wo jede Erinnerung an jene Tage aus ſeinem Gedächtniß getilgt werde. Aurora verbiß ihre Wuth. Ihre Neigung war wie von einem tödtlichen Schlage getroffen und wech⸗ ſelte mit dem Haß. Sie ſah die einzige Wafefe, welche ihr zu Gebot ſtand und mit der ſie ſich bis⸗ her für unüberwindlich hielt, ihren Reiz, wirkungslos abprallen und ſogar höhniſch zurückgewieſen. Richard war nicht mehr leidenſchaftlich erzürnt gegen ſie, wie in Venedig, er war kalt und behandelte ſie mit ver⸗ achtender Gleichgiltigkeit. * —— . Aber ſie dachte daran, weshalb ſie gekommen war. Anſcheinend ruhig trug ſie daher im Auftrag des Conte Feraldo einen Vergleich an, den Richard unbedingt zurückwies, indem er ſagte, er könne die Aufforderung zu einer Ausſöhnung am wenigſten aus dem Munde der Fürſtin Makonski annehmen, da er dabei nicht einmal die Gewißheit habe, daß das Ganze nicht ihre eigne Erfindung ſei. Das war für die gefeierte Fürſtin zu viel. Glühend vor Scham und Wuth eilte ſie hinaus, und gleich darauf rollte ihr Wagen ſchnell hinweg. Richard aber entgegnete dem fragend eintreten⸗ den Freunde:„Nun iſt es mir, als hätte ich Abſo⸗ lution für alle meine Sünden erhalten, denn ich habe ſie behandelt, wie ihresgleichen es verdient.“ Otto hatte den größten Theil deſſen, was Ri⸗ chard der Fürſtin geſagt hatte, hören koͤnnen; er drückte nun auf's Innigſte die Hand des Freundes und verſuchte nicht weiter, das Duell zu verhindern. Am folgenden Morgen fanden ſich die beiden Gegner mit ihren Sekundanten zur feſtgeſetzten Stunde an dem bezeichneten Orte ein. Ohne viel zu reden, wurden die Anſtalten getroffen, die Entfernung ge⸗ meſſen und die Poſition genommen. Richard, der in allen ſogenannten ritterlichen 124 Uebungen Meiſter war, zielte mit großer Ruhe, der Conte hingegen trat mit einer gewiſſen hochmüthigen Gleichgiltigkeit an, die ſehr gegen die froſtige Bläſſe ſeines Geſichts und die wankende Haltung kontraſtirte. Beide Schüſſe fielen zu gleicher Zeit. Richard ſtand unverſehrt, der Conte war am Arm verwundet und in Ohnmacht geſunken, ſeine Genoſſen beſchäf⸗ tigten ſich eifrig um ihn. Otto zog ſeinen Freund ſchnell hinweg, da er weitere Streitigkeiten mit den raſchblütigen Italie⸗ nern vermeiden wollte. Daß der Conte nicht lebens⸗ gefährlich verletzt ſein konnte, wußte Richard, denn er hatte ihn geſchont; er folgte alſo der Aufforde⸗ rung Otto's, beide beſtiegen ihre Pferde und ritten zur Stadt zurück. Dort hatten ſie bereits alles zur Reiſe vorbereitet. Sie ſäumten alſo keinen Augen⸗ blick, verließen Rom und nahmen in Ankona ihre Plätze auf dem erſten nach Trieſt abgehenden Dampfer. MN Neuntes Kapitel. Der alte Baron von Neuberg und Marie hat⸗ ten ihre Seereiſe glücklich und wohlbehalten beendigt. 125 Das Meer war ruhig und klar geweſen und die In⸗ ſeln, an denen ſie vorbeifuhren, ſtrahlten in der vol⸗ len Pracht des erwachenden Frühlings. Der Monte Capana ragte hoch über den ſonſt öden Strand von Elba empor Die beiden Inſeln Capraja und Gorgone ſchienen auf der tiefblauen Waſſerfläche zu ſchwimmen, ſo daß der Baron leb⸗ haft an die Stelle in Dante's„göttlicher Komödie“ erinnert wurde: muovasi la capraia e la gorgona, e faccian siepe ad arno in su la foce, si ch'egli annieghi in te ogni persona. Endlich fuhren ſie in den Golf von Genua ein. Hinter der großen, durch ihre teraſſenförmige Anlage ſich prachtvoll in Form eines halben Mondes prä⸗ ſentirende, blühende Stadt, erhob ſich das Gebirge, welches anfänglich mit prachtvollen, üppigen Gärten, reizenden Villa's und Klöſtern beſäet und bis zur Spitze mit Olivenwäldern bedeckt iſt. Auf dem Kamme des Berges, gerade über der Stadt, erblick⸗ ten ſie das Kaſtell, von welchem man einen Anblick genießt, der wohl dem Schönſten was die Erde bie⸗ tet, an die Seite geſtellt werden kann. Auch Genua war bereits durch die neueſten 126 politiſchen Nachrichten in große Bewegung verſetzt und dies bewog den Baron, die Rückreiſe zu be⸗ ſchleunigen. Ohne Aufenthalt überſchritten ſie die Alpen, wo noch der tiefſte Winter mit all ſeinen Schrecken hauſte und durchkreuzten die Schweiz, bis ſie, nach Baden gelangend, bereits den Nachklang der franzö⸗ ſiſchen Februarrevolution antrafen und alles in Gäh⸗ rung und Bewegung fanden. Als ſie ſich endlich dem Ziele näherten, und in das heſſiſche Gebiet ka⸗ men, empfing ſie die Neuigkeit, daß der Großherzog dort ſeinen Sohn zum Thronfolger angenommen und Heinrich von Gagern an die Spitze des Miniſte⸗ riums geſtellt habe, wodurch die Ruhe vor der Hand geſichert ſchien. Mainz war die erſte Stadt geweſen, welche dem Großherzog eine Deputation geſchickt hatte, jetzt war überall Jubel und Lebendigkeit. Gleich nachdem der Baron von Neuberg mit Marien auf ſeinem Gute angelangt war, entwarf er den Plan, wie Letztere ſich im Schaller'ſchen Hauſe einführen ſolle. Die Kleider, welche ſie damals trug, als ſie vor nicht ganz einem halben Jahre die Ge⸗ gend verließ, waren noch in vollkommen gutem Zu⸗ ſtande. Wenige Tage nach ihrer Ankunft zog ſie dieſelben an, ging in Begleitung des Barons nach —— 127 dem Ufer des Rheines und ließ ſich von da allein nach Schierſtein überſetzen. Dort ging ſie nach dem Hauſe, in welchem ſie früher mit ihrer Pilsgemutker gewohnt hatte. Die Hauswirthin erkannte ſie ſogleich wieder und ſchlug vor Verwunderung die Hände über den Kopf zuſammen, als ſie die Todtgeblaubte ſah.— Dann umarmte und küßte die gute Frau unter einem Schwall von Betheuerungen ihrer Freude das lieb⸗ liche Mädchen und führte die Vielbeweinte mit Thrä⸗ nen der Freude in den Augen zu ihrem Manne und den Kindern in die Stube. Dort erzählte ſie nun ohne Aufhalten in einem Athem fort, wie Frau Schaller zuerſt allein und dann mit ihrem Herrn Sohne hier geweſen ſei, wie ſie Marie für todt gehalten und beweint hätten, wie der vergan⸗ gene Winter für die armen Leute ſo gar nicht hart geweſen ſei, und wie es nun überall in den Köpfen zu ſpucken beginne. Als ſie endlich ausgeredet hatte, bat ſie Marien, nun auch ihre Erlebniſſe zu erzählen, und vor allen Dingen zu erklären, wie und wohin ſie damals von hier gegangen ſei. Marie war auf alle dieſe Fragen gefaßt. Sie erzählte, daß ſie in der Verzweiflung nicht habe in 128 der Gegend bleiben wollen und deshalb rheinabwärts gewandert ſei, wo ſie dann bei guten Leuten eine Stelle gefunden habe und nun bei anbrechendem Früh⸗ ling hieher gekommen ſei, um einmal nach dem Grabe ihrer Pflegemutter zu ſehen und zugleich nach den Menſchen zu fragen, die ſich hier früher freundlich ihrer angenommen hatten. Die gute Frau glaubte ihr jedes Wort, ſie weinte vor Freude und beeilte ſich Marie den er⸗ wünſchten Vorſchlag zu machen, ſie nach Mainz, in das Haus des Kaufmanns Schaller zu führen. Marie willigte ein, die Wirthin beſorgte ihre kleinen häuslichen Geſchäfte, nahm noch einige Auf⸗ träge für ſich und die Nachbarſchaft zur Beſorgung mit, und Beide ſchritten mit einander nach Bibrich, wo ſie dann das kleine Dampfboot beſtiegen, das ſie in kurzer Zeit raſch nach Mainz brachte. Faſt wäre Marie unterwegs ungeduldig gewor⸗ den über das anhaltende Geſchwätz ihrer gutmüthi⸗ gen Begleiterin. Sie dankte dem Himmel als ihre Wirthin endlich einige Bekannte antraf, denen ſie viel wichtige Dinge von Marktereigniſſen zu erzählen hatte, wobei Marie dann ihren Gedanken überlaſſen blieb. Das Herz klopfte ihr heftig, als ſie den Thür⸗ men und Häuſern der Stadt immer näher kam, eine 129 Stunde nach und ſie war vielleicht über die wichtig⸗ ſte Frage ihres Lebens außer Zweifel. So trat ſie mit der ſie begleitenden Frau in Schaller's Haus ein und mußte beim Erſteigen der breiten Treppe einige Male anhalten, um Athem zu holen. Sie traten in ein Zimmer und trafen Luiſe darin allein an. Dieſe war ſoeben beſchäftigt, die Antwort des Bruders auf ihren letzten Brief zu leſen. Mariens Begleiterin erklärte ihr in umſtänd⸗ licher Rede die Urſache ihres Kommens, und bezeich⸗ nete das junge Mädchen als die entſchwunden ge⸗ weſene und todtgeglaubte Verlobte Otto's, die durch den Zweifel an der Treue ihres Bräutigams dazu gekommen ſei, ihr Brot bei fremden Leuten zu ſu⸗ chen. Die gute Frau plauderte ſich in eine ſolche Rührung hinein, daß ſie am Schluſſe ihrer Rede helle Thränen weinte. Luiſe ſah Marie einige Augenblicke prüfend an, ging dann freundlich auf ſie zu, faßte ihre bei⸗ den Hände, küßte ſie auf den Mund und ſagte, in⸗ dem ſie ihr freundlich in das Auge blickte. „Sie Aermſte! was mögen Sie gelitten haben, da Sie meinen Bruder für ungetreu halten mußten. Aber nun bleiben Sie hier bei uns, denn in kurzer Familie Schaller. II. 9 130 Zeit wird Otto von ſeiner Reiſe zurück ſein. Welch frohe glückliche Ueberraſchung wird es für ihn ſein, Sie hier zu finden. Aber ſetzen Sie ſich,“ fuhr ſie eifrig fort,—„Sie ſind gewiß müde; ich werde Ihnen eine kleine Erfriſchung beſorgen.“ Mariens Begleiterin verbat ſich alle Umſtände und wollte ſich entfernen, aber Luiſe gab es nicht zu, und bat und drängte die gute Frau, wenigſtens vorher ein kleines Frühſtück zu nehmen. Sie eilte darauf ſelbſt zur Küche, ordnete und bereitete dort ſchnell das Nöthige und bediente dann ihre Gäſte auf die liebenswürdigſte und zuvorkommendſte Weiſe. Die junge Frau, welche Marie hergeleitet hatte, hatte ſich während des Eſſens nach mancherlei zu er⸗ kundigen, und eilte gleich darauf, nachdem ſie ſich für die Bewirthung auf das Schönſte bedankt hatte, ihren Geſchäften nach in die Stadt. Die beiden jungen Mädchen blieben allein und Luiſe befrug nun ebenfalls Marie über ihre ſeithe⸗ rigen Erlebniſſe. Hier ſiel es dieſer etwas ſchwer, ihre erdichtete Geſchichte vorzubringen. Luiſe ſprach dann von ihrem Bruder, erzählte, von ſeinen Reiſen, theilte Marie von ſeinen Briefen mit, und ſo waren ſie auf ein Thema gekommen, bei dem ſie beide das höchſte Intereſſe hatten und 1341 durch welches ſie in kurzer Zeit raſch mit einander vertraut wurden. Sie waren eben noch im beſten Geſpräche vertieft, bei welchem ſie ſich gegenſeitig an mancherlei über⸗ einſtimmenden Anſichten erfreuten, als die Thüre aufging und Frau Thereſe eintrat. Luiſe ſprang ſogleich auf, eilte ihrer Mutter voller Freude entgegen und ſtellte ihr Marie als Otto's Braut vor. 3 Man kann ſich denken, wie überraſcht Thereſe war! Die Erinnerung alles deſſen, was ſie mit ihrem Sohne bei Mariens Entſchwinden gelitten hatte, ſtieg in ihrer Seele auf und bewältigte ſie einen Augenblick ſo ſehr, daß ſich ihre Augen mit Thränen füllten. Als ſie ſich wieder geſammelt hatte und ruhiger geworden war, konnte ſie es ſich dennoch nicht ver⸗ bergen, daß ihr Mariens Rückkehr jetzt nicht mehr ſo erwünſcht war, als ſie es vor des Sohnes Abreiſe geweſen wäre. Sie hatte jedoch Takt und richtiges Gefühl genug, um Marie dies nicht empfinden zu laſſen. Auch ſie erkundigte ſich freundlich nach allem, was ſich inzwiſchen mit Marie zugetragen hatte und * 9* 132 verſicherte, daß ſie ſich freue, ſie als ihre Tochter in ihrem Hauſe aufzunehmen. Marie war über den herzlichen Empfang von Seiten der Mutter ihres geliebten Otto in innerſter Seele ergriffen. Thereſe beſtand ſogleich darauf, daß Mariens Sachen, die noch ſeit ihrem Weggange dort geblieben waren, von Schierſtein herübergebracht werden ſollten und Luiſe ließ es nicht anders geſchehen, als daß ſie ihr Zimmer mit ihrer neuen Freundin theilte. Die beiden Mädchen eilten dann ſogleich zuſam⸗ men hinweg, um ſich einzurichten und Thereſe ſchickte nach der Schreibſtube ihres Mannes und ließ ihn bitten, auf einige Augenblicke zu ihr zu kommen. Als Schaller eintrat, theilte ihm Thereſe etwas verdrießlich die Nachricht von Mariens Ankunft mit, und ſetzte zum Schluße hinzu:„Wer weiß, ob wir es nun noch ein Glück nennen können, daß ſich das Mädchen wiedergefunden hat! So ſchön und liebens⸗ würdig ſie mir auch erſcheint und ſo ſehr ſie auf den erſten Blick für ſich einnimmt, ſo iſt es doch immer eine eigenthümliche zweifelhafte Partie, und wer weiß, ob Otto durch die Reiſe und die vielen Veränderungen nicht längſt auf andere Gedanken ge⸗ kommen ſein mag.“. 133 „Wenn das Mädchen gut und brav iſt,“ ent⸗ gegnete Schaller,„ſo wird Otto ſie nicht ſo ſchnell vergeſſen haben, dafür kenne ich ihn, und ich geſtehe Dir aufrichtig, daß ich alle Vorliebe für die wohl⸗ erzogenen Töchter unſrer gebildeten Stände verloren habe, ſeitdem Luiſe mir den unangenehmen Streich mit Goldheim geſpielt hat. Lieber ein einfaches, ſchlichtes Mädchen vom Lande, die nicht mehr ſein will als die Frau ihres Mannes, zur Schwieger⸗ tochter, als eine unſrer naſeweiſen, überklugen Stadt⸗ dämchen.“ „Aber als was ſollen wir das Mädchen einſt⸗ weilen nur ausgeben?“ frug Thereſe, immer noch verdrießlich und zweifelnd. „Nun einen Namen wird ſie doch wohl haben? Den führt ſie, bis ihr Otto einen andern gibt,“ verſetzte Schaller.„Jetzt iſt auch der Augenblick, um nach Namen und Herkommen zu fragen! Ein Mädchen aus dem Volke wird bald mehr gelten, als alle hochgebornen Fräulein von einigen hundert Ahnen. Unter den gegenwärtigen Umſtänden ſteht zu erwarten, daß in kurzer Zeit jeder eingebil⸗ dete Standesunterſchied verſchwunden ſein wird und die Tochter des Proletariers lachend auf die Erbin eines alten Stammbaums hinblicken kann. Haben 134 wir das Mädchen kennen gelernt und das in ihr ge⸗ funden, was Otto zu ſeinem Glücke bedarf, ſo iſt ſie ſeine Braut und wird behandelt wie es der Braut unſres Sohnes gebührt.“ Thereſe beruhigte ſich nach und nach über ihre Bedenken, und als die beiden Mädchen wieder in das Zimmer traten, war ſie viel freundlicher und herzlicher gegen Marie, als zuvor. Der alte Schaller aber ſchien von dem Mäd⸗ chen bald ganz bezaubert. Er küßte ſie auf die Stirne, nannte ſie ſein Töchterchen, und als es zu Tiſche ging, führte er ſie zu ihrem Sitze an ſeiner rechten Seite, wo er dann bemüht war, ſie auf's Aufmerk⸗ ſamſte zu bedienen. Abends ſollte Luiſe einer Verſammlung beiwoh⸗ nen, bei welcher die jungen Damen der Stadt über eine der Bürgerwehr demnächſt zu überreichende Fahne berathen wollten, aber ſie ließ heimlich abſagen, um zu Hauſe bei ihrer neuen Freundin bleiben zu kön⸗ nen. Kaum waren die beiden Mädchen nun allein auf ihrem Zimmer, als Marie es ſich angelegen ſein ließ, von Luiſe das Geſtändniß zu erhalten, wie es um ihr Herz ſtehe. So erfuhr ſie denn gar bald, daß Richard nicht nur noch geliebt wurde, ſondern 135 daß das junge Mädchen in dieſer Liebe eine Ener⸗ gie der Empfindung zeigte, die an Eigenſinn grenzte. Luiſe gelobte, daß ſie niemals ſich verheiraten werde, da ihr Herz unabwendbar dem jungen Baron von Neuberg angehöre. Anfänglich war Marie in Folge dieſer Entdek⸗ kung nahe daran geweſen, ihrer Freundin den gan⸗ zen Plan, den ſie ausführen ſollte, zu entdecken, und dieſe ſo gleichſam zur Mitwiſſerin des Komplottes ge⸗ gen ihre Eltern zu machen, aber die Entſchiedenheit, mit welcher Luiſe ihre letzte Verſicherung gab, erſchien im Vergleiche zu ihrer früheren Handlungsweiſe ſo erzentriſch, daß Marie zurückſchreckte und einſtweilen noch ſchwieg. Sie freute ſich im Stillen über die guten Ausſichten für Richard— aber ſie wünſchte immer noch, Luiſe möge etwas weniger entſchieden, weniger unbeugſam in der Ausdrucksweiſe ihrer Ent⸗ ſchlüſſe auftreten. Unterdeſſen ging Schaller im Schlafzimmer auf und ab, rieb ſich vergnügt die Hände und ſagte: „Siehſt Du, das iſt eine Wahl nach meinem Sinne! Ein Mädchen ohne Namen und Herkommen, ein Kind des Volkes, aber ein prächtiges, herziges, vor⸗ treffliches Mädchen. Otto hat meine Geſinnung und hätte niemals Deine hochtrabenden altadligen 136 Gelüſte getheilt. Wäre er nur ſchon wieder da, daß die Hochzeit bald ſtattfinden könnte, denn ich ſehne mich darnach, daß wieder einmal etwas Leben und Bewegung in die Familie kommt.“ n Zehntes Kapitel. In der Fremde iſt der Menſch 16 ſelbſt ge⸗ treuer. Losgelöſt von den beengenden Schranken der Verhältniſſe und der kleinlichen Rückſichten per⸗ ſönlicher Beziehungen, gibt er ſich dort ganz, wie er i*ſt, ohne Rückhalt, offen und vertraulich. Darum ſchlie⸗ ßen ſich die ſchönſten, bwuenipe Bande der Freund⸗ ſchaft in der Fremde, und es iſt nicht blos die Erin⸗ nerung an die Freuden, die man mit einander ge⸗ noſſen, die Entzückungen, die man miteinander durch⸗ lebt hat, es iſt das Bewußtſein, daß man ſich ge⸗ genſeitig beſſer kennt, da man Gelegenheit gehabt hat, einen Blick in das innere Weſen zu thun, wie es ſich in unbewachten Augenblicken gibt. So ge⸗ hen in der Heimat oft Menſchen Jahre lang an einander vorüber, ohne ſich zu kennen, ein günſtiger 137 Augenblick führt ſie in der Ferne zuſammen und ſie bleiben die engſten Freunde für ihr ganzes Leben. Ähnlich erging es Otto und Richard. Früher hatten ſie ſich eigentlich wenig beachtet und nun er⸗ kannten ſie, daß ſie ſich gegenſeitig viel werth wer⸗ den konnten. Otto hatte für ſein Alter ein ſehr gereiftes We⸗ ſen und dieſer Zug war durch die letzten Erlebniſſe noch verſtärkt worden. Mit Illuſionen war er faſt niemals geplagt worden, wo er aber etwas praktiſch erſinnen oder ins Werk ſetzten konnte, da war er recht an ſeinem Platze. Er liebte es, ſich mit Künſt⸗ lern von ihrer Kunſt, mit Gelehrten von ihrer Wiſ⸗ ſenſchaft zu unterhalten, aber er ſelbſt war und blieb Geſchäftsmann, und verſchmähte es, da ſelbſt etwas Halbes leiſten zu wollen, wo er fähig und im Stande war, das Ganze a eren zu würdigen, zu fördern und zu bewundern. Hatte er ſich auch dem herr⸗ ſchenden Gebrauche unterzogen und an den öffentli⸗ chen künſtleriſchen Beſtrebungen in Geſellſchaft ſeiner Freunde Theil genommen, ſo that er dies mehr des erheiternden Umganges willen. Er haßte eigentlich allen Dilettantismus und war demſelben ſtets fern geblieben. Trotzdem war ihm während ſeines Auf⸗ enthaltes in Berlin und auf ſeiner Reiſe in Italien 138 nichts entgangen, was ſeinen Geiſt aufklären und belehren konnte. Richard, welcher bisher ganz von ſeinem Vater geleitet wurde, war eben dadurch gewöhnt, einſeitig den väterlichen Anſichten zu huldigen und ſich um weiteres nicht zu bekümmern. Seine Studien hatte er zwar fleißig verfolgt, übrigens nie einen beſonde⸗ ren Sporn zu eigenem freien Nachdenken dabei em⸗ pfunden. Sehr vortheilhaft wirkte nun ſein Zuſam⸗ menſein mit Otto auf ihn ein, deſſen vielſeitige Kennt⸗ niſſe ihn zur Aufmerkſamkeit reizten und deſſen ſelb⸗ ſtändiges, klares und ſicheres Urtheil nicht wie das ſeines Vaters drohend, ſondern anregend auf ihn einwirkte. In demſelben Maße, wie zu Otto wuchs, kehrte auch di Schweſter Luiſe bei ihm zur der oft und gern an ſie. So kehrte denn auch je⸗ ner verwegene Schritt, den ſie nach ſeiner Abreiſe durch den Beſuch bei ſeiner Großmutter gethan hatte, in ſein Gedächtniß zurück, aber er erſchien ihm nun viel weniger verwerflich als früher, ja er fand ſogar etwas Heroiſches in dieſer freiwilligen Demüthigung und ſah zugleich den Beweis einer Neigung in ihr, die ihn ſtolz machte und mächtig zu ihr zurückzog. dun ſeine Zuneigung 139 So kamen die beiden Freunde wieder auf deut⸗ ſchem Boden an und befanden ſich bald mitten in den Bewegungen der aufgeregten Zeit. Die allge⸗ meine Begeiſterung, welche in Wien bei Metternich's Sturz herrſchte, riß auch ſie mit fort und namentlich ward Richard in merkwürdiger Weiſe von der Macht der öffentlichen Gährung ergriffen. Unaufhaltſam er⸗ faßte ihn der Strom und zog ihn mit in den Tau⸗ mel, der ſich damals aller enthuſiaſtiſchen jugendlichen Gemüther bemächtigt hatte. Wie in einem neuen Elemente fühlte er ſich von bisher ungekannten Em⸗ pfindungen durchwogt und erhoben, er ſtand mit ei⸗ nem Sprunge mitten im brauſenden Wirbel der Ver⸗ hältniſſe und das wirre Toſen der Fluth betäubte ſeine Seele mit dem ſüßen Rauſche der Begeiſterung. Für Otto war der Einfluß nicht ſo bewältigend. Die Schlagwörter des Tages, die für Richard neu waren und ihm als Orakelſprüche und Offenbarun⸗ gen eines aufgehenden Geſtirnes erſcheinen mußten, hatte Otto ſeit ſeiner Kindheit zu oft gehört, als daß er in ihnen mehr als einfache Worte vernehmen konnte. Zwar empfand auch er den gewaltigen Ein⸗ druck, den die Geſammtbewegung hervorrief, und er begrüßte freudig die erſten Erfolge derſelben, aber ſeine Erwartungen waren weniger überſchwenglich 140 und an die Hoffnung für die neue Erhebung knüpfte ſich bei ihm die Beſorgniß vor möglicher Ueberſtürzung und plötzlicher darauf folgender Ermattung. Richard war ſchon in Wien nur mit Mühe davon zurückgehalten worden, ſeinem Vater zu melden, daß er ſich in einem dortigen Freikorps habe anwerben laſſen, überall, wo ſie auf der Durchreiſe Aufſtand und Bewegung trafen, entſtand ein neuer Kampf zwiſchen dem, in der größten Unruhe vorwärts eilen⸗ den Otto und Richard, der jeden Augenblick daran war, Vater und Heimat zu vergeſſen, um an den Streitigkeiten der politiſchen Parteien Theil zu nehmen. Als ſie nach Dresden kamen, war auch dort die Umwälzung bereits ohne jedes Blutvergießen vor ſich gegangen. In Berlin hatte der entſetzliche blu⸗ tige Kampf, der vom achtzehnten bis zum Morgen des neunzehnten März dauerte, damit geendet, daß der König, gedrängt durch die Bitten des Volkes und der Geiſtlichkeit, das Militär endlich zurückzog, das Miniſterium entließ, die Errichtung einer Bürger⸗ wehr geſtattete und die Schloßwache dieſer übergab. Eine allgemeine Amneſtie mit unbedingter Verge⸗ bung verkündete darauf allen denen, die wegen politiſcher, oder durch die Preſſe verübter Vergehen oder Verbrechen angeklagt oder verurtheilt worden waren, die Freiheit. 141 So weit gingen die Nachrichten, welche unſre Freunde in Dresden vernahmen. Die letzterwähnte Amneſtie geſtattete den geächteten Liberalen Rückkehr, und entließ auch die erſt vor kurzem verurtheilen polniſchen Verſchwörer, unter denen Mieroſlawski bald darauf ſich dem Aufſtande in Poſen an die Spitze ſtellte. Aus Baiern wollte man von der Abdankung des König Ludwig wiſſen, der noch von den Lola⸗ Ereigniſſen verſtimmt war.— Alle dieſe Nachrichten vermehrten nur die Be⸗ ſorgniſſe Otto's in Bezug auf die Zuſtände in Mainz. Zwar erfuhr er auf ſeine genauen Nachforſchungen, es habe bis jetzt dort noch kein Aufſtand ſtattgefunden, doch mußte er befürchten, daß dies jeden Tag geſchehen könne, und daß die Lage der Seinigen dann zwiſchen dem fremden Militär eine ſehr unangenehme werden. könne. Der Gedanke, daß ſein Vater jedenfalls einer der erſten und bekannteſten Führer der dortigen libe⸗ ralen Partei ſein werde, erhöhte ſeine Beſorgniß und es war ihm, als vernehme er die heimlichen Wünſche ſeiner Mutter, die ſeiner Rückkehr gewiß ſehnlich entgegenſah. 142 Elftes Kapitel. Der Aufenthalt Mariens im Schaller'ſchen Hauſe hatte ſchon verſchiedene Folgen gehabt. Sie war bereits der Liebling aller Bewohner des Hauſes ge⸗ worden und hatte mit Luiſe ein inniges Freundſchafts⸗ verhältniß geknüpft. Beide nannten ſich„Du“ und Luiſe vertraute der Freundin ihr ganzes Fühlen und Denken. Sie ward mehr als ſonſt zu Hauſe ge⸗ halten, und kam deshalb bei ihren Freundinnen faſt in den Verdacht, als habe ſie ihr Intereſſe für die politiſchen Bewegungen gänzlich verloren. Bis dahin war ſie eine eifrige Theilnehmerin aller Verſamm⸗ lungen der jungen Bürgerinnen geweſen, und hatte dabei überall eine beſonders hervorragende Rolle be⸗ kleidet; ja, ſie hatte ſich im Intereſſe der jungen Freiheit bereits ſehr behaglich darin gefühlt, den Ton anzugeben und unumſchränkt in allen öffentlichen Anordnungen zu herrſchen. Dabei glaubte ſie auf's Strengſte darauf bedacht zu ſein, daß ſich unter ihrer Leitung die Vereine, denen ſie angehörte, von allen öffentlichen Bewegungen in direkter Beziehung entfernt hielten. Die Damen ſollten nur die Vertheilerinnen der Siegespreiſe, die Pflegerinnen der Verwundeten und die Belohnerinnen der Tapferkeit ſein. 143 So war ein Theil ihrer, durch die Zuſammen⸗ kunft mit Richard's Vater gewonnenen, beſſeren Vor⸗ ſätze bei dem allgemeinen Rauſche der Zeit raſch für ſie ſchon wieder verloren gegangen, und wenn ſie auch wohl hin und wieder an ihre beſſere Einſicht erinnert wurde, ſo rechtfertigte ſie ſich vor ſich ſelbſt mit dem Gedanken, daß durch das Scheitern ihrer Verbindung mit Richard ihr Zweck ein andrer ge⸗ worden ſei, dem ſie ſich in ſo bewegter Zeit um ſo weniger entziehen dürfe. Mariens Gegenwart hatte ſie indeſſen wieder etwas an das Haus gefeſſelt und ſie ſchloß ſich mehr und mehr an die neue Freundin an. „Es iſt ſonderbar,“ ſagte ſie eines Tages zu ihrer Mutter,„daß ich in Mariens Geſellſchaft nie⸗ mals Langeweile empfinde, während wir andere Mäd⸗ chen doch oft unter einander auf die abenteuerlichſten und verkehrteſten Ideen gelangen, um nur etwas Leben und Abwechslung in unſre Unterhaltung zu bringen. Marie weiß ſo gut auf alles einzugehen, ohne allem unbedingt beizuſtimmen; ſie miſcht dem Unbedeutendſten, was ſie thut oder ſpricht einen ſo feſſelnden Reiz bei, daß man nicht müde wird, ſich mit ihr an die alltäglichſten Beſchäftigungen zu ge⸗ wöhnen. Die unbedeutendſte Anordnung verräth bei 144 ihr Geſchmack, und ohne ſtreng zu ſein, gibt ſie bei allem, was ſie anordnet, einen ſolchen Ernſt kund, daß die Dienſtleute ihr gegenüber bei Ausübungen der kleinſten Handhabungen einen förmlichen Reſpekt an den Tag legen.“ „Du haſt Recht,“ antwortete Thereſe,„und es iſt mir nur das Eine räthſelhaft bei dem lieben Mäd⸗ chen, wo ſie das alles herhaben mag! Bei ihrer Mutter, der Wittwe eines früh verſtorbenen Arztes, hat ſie doch gewiß nie Gelegenheit gehabt, ſich in guten Häuſern umzuſehen, aber es iſt als ob es ihr angeboren wäre, ſo anmuthig und ſicher geht ihr alles von der Hand.“ Marie ſtand inzwiſchen in fortwährender Ver⸗ bindung mit dem alten Baron. Schon die herzliche Aufnahme, welche ſie gefunden hatte, und mehr noch ihre fortwährenden, einzelnen Mittheilungen überzeug⸗ ten denſelben immer mehr, daß er in der That zu ſchnell und hart über die Familie Schaller geurtheilt hatte. 2 Demnach mußte ihm Marie mehr Recht ge⸗ ben, als ſie ihm ſelbſt geſtand. Luiſe war noch im⸗ mer nicht geheilt und Marie ſah ein, daß es den⸗ noch ſchwer halten wurde, zu entſcheinden, ob ſie ge⸗ eignet ſei, Richard glücklich zu machen oder nicht. 145 Einen Tag war ſie mild und nachgiebig, ſo daß man nicht aufhören konnte ſich über ſie zu freuen, aber gleich darauf wurde ihr das Haus wieder zu eng und ſie erging ſich in den ſchrankenloſeſten Plänen und Schwärmereien. Freeilich erhielt ſie dazu auch fortwährende Anregung, denn der alte Schaller hatte indeſſen bereits öffentlich die lebhafteſten Sympathien für die Ereigniſſe des Tages bewieſen. Alle Clubbs und Verſammlungen hatte er beſucht, in freimüthigen Reden ſeine Geſinnungen kund gegeben, ſich bei der Bürgerwehr betheiligt und ſtets reichliche Summen gezeichnet, wo es galt neue Inſtitutionen durch pekuniäre Mittel zu unterſtützen, welches letztere nicht eben ſelten nöthig wurde. Es war ihm, dem an tau⸗ ſend Bequemlichkeiten gewöhnten Mann, freilich be⸗ ſchwerlich geworden und fiel ihm noch immer hart, wenn er mit der Flinte in der Hand auf dem Schloß⸗ platze exerziren und Nachtwachen thun mußte. Er war in Bezug auf ſeine geſchäftliche Stellung aner⸗ kannt einer der ſolideſten und ſtreng rechtlichſten Män⸗ ner; es konnte ihm deshalb nicht eben erfreulich ſein, in Reihe und Glied neben ſo manchem Bankerotti⸗ rer und offenkundig unreellen Menſchen zu ſtehen und ſich von demſelben dann als Kamerad und Waf⸗ fengefährte betrachtet und angeredet zu ſehen. Au⸗ Familie Schaller. II. 3 146 ßerdem wußten ſeine Geſinnungsgenoſſen alle, daß er reich und freigebig war, und es machte ſich daher ganz natürlich daß die meiſten Zuſammmenkünfte und Berathungen immer in ſeinem Hauſe ſtattfan⸗ den, wobei es dann große Gaſtmahle gab und Frau Thereſe in Küche und Keller reichlich beſchäftigt ward. Allerdings ſchmeichelte es dem Hausherrn dann auch wieder, die Führer der Bewegung zu bewirthen, ſich an ihren langen Reden zu ergötzen und mit einzu⸗ ſtimmen, wenn ſie unter einander ſich Toaſte zutran⸗ ken oder einer des andern Vorzüge glänzend hervor⸗ hob und lobend anerkannte. 2 Außerdem beehrten die Abgeſandten und Geſin⸗ nungsgenoſſen aus den umliegenden Städten oft tagelang das gaſtliche Schallerſche Haus und gaben ihm dadurch einen ganz beſondern Glanz in den Au⸗ gen aller Freigeſinnten. Zwar ſchüttelte Frau Thereſe mitunter den Kopf, wenn es gar zu laut und lebhaft bei ihr herging, aber die Männer des Fortſchrittes ſprachen auch für die Rechte der Frauen, und ließen es an Beweiſen ihrer hohen Achtung und Verehrung für dieſelben nicht fehlen. Dabei war die Ausſicht vorhanden, einmal eine 147 bedeutende Stellung in der Offentlichkeit einzuneh⸗ men, und ſo verwerflich auch alle Verhältniſſe der Höfe im Großen erſchienen, ſo anziehend und verfüh⸗ reriſch wäre es doch geweſen, der Mittelpunkt eines Hofes im Kleinen zu ſein. Angenehm war es bei allen dieſen Veränderun⸗ gen, daß das Gut Maienruhe nicht fern von der Stadt lag und ſo den vielen Beſuchern häufig Gele⸗ genheit geboten werden konnte, zu Wagen oder zu Fuß Ausflüge dorthin zu machen. Thereſens Vater, obgleich in letzter Zeit ſehr kränklich, nahm ebenfalls den lebhafteſten Antheil an allen Bewegungen der Zeit und mußte täglich von den neueſten Ereigniſſen in Kenntniß geſetzt werden. Zwar nahmen die endlo⸗ ſen Beſuche, die Verſammlungen, die bürgerlichen Verpflichtungen und die Deputationen in Familien⸗ kreiſen, den ganzen Tag und den größten Theil der Nacht in Anſpruch und die Geſchäftsſtunden konnten nur ſehr flüchtig und unregelmäßig eingehalten wer⸗ den, aber welches Opfer iſt zu groß, wo es das Wohl der Menſchheit gilt! Schaller war viel zu geregelt in ſeiner Hand⸗ lungsweiſe, als daß er ſich ſeinen geſchäftlichen In⸗ tereſſen ganz entfremden konnte, dagegen verſetzte ihn dieſe ewige Haſt, dieſe doppelte und dreifache Sorge 10 148 in einen fortdauernden Zuſtand von Aufgeregtheit, der ſeiner Geſundheit höchſt nachtheilig ward.— Vetter Jan ſtand ihm zwar treulich im Geſchäfte zur Seite; aber dieſer war ein Holländer und be⸗ durfte ſehr lange Zeit, um einen Entſchluß zu faſſen oder einen Plan zur Ausführung zu bringen. Da ſehnte ſich denn Schaller oft mit ſchwerem Herzen nach der Zurückkunft ſeines Sohnes Otto, und zählte mit Ungeduld die Tage, bis er ihn nach ſeinen letzten Briefen erwarten durfte. Endlich kam dieſer erſehnte Tag heran. Am einundzwanzigſten März ſaßen Marie und Luiſe des Abends bei einander, und beſprachen ſich über die nun mit Beſtimmtheit angekündigte Rück⸗ kehr Otto's, welcher am folgenden Tage erwartet wurde. Luiſe war lebhaft und aufgeregt, Marie ſtill und innig beſeligt. „Ich weiß eigentlich gar nicht,“ ſagte plötzlich Luiſe,„warum ich mich ſo ſehr freue! Wird mich Otto dann beachten, wenn er zurückkehrt, da er Dich hier findet? Gewiß, ich freue mich recht über Euer Glück, aber es wird mir doch manchmal recht weh thun, wenn ich nun ſo überall überflüſſig bin und meinen Bruder durch die Freundin, und die Freun⸗ din durch den Bruder verlieren muß.“ 149 „Wer weiß,“ ſagte Marie, durch den betrübten Ton Luiſens mitleidig gerührt,„vielleicht bringt dieſe bewegte Zeit, die ja ſo viele Freunde aus der Fremde heimführt, auch für Dich einen Erſatz, der Dich Bruder und Freundin gern entbehren laſſen kann.“. „Das wäre vergebliche Hoffnung,“ entgegnete Luiſe.„Wer ſollte mir wiederkehren? Wenn Du Richard's Vater kennteſt, ſo würdeſt Du einſehen, daß an ſeine Zurückkunft nicht zu denken iſt, Du kannſt Dir keinen Begriff davon machen, wie dieſer Mann uns gegenübertrat. Bevor er nachgibt, ge⸗ ſchieht Alles andere.“ „Du ſchilderſt den alten Herrn doch wohl etwas zu hart,“ meinte Marie. „Keineswegs,“ entgegnete eifrig Luiſe.„Ich habe niemals ſo ſtrenge Geſichtszüge wie die ſeinigen geſehen. Er war der ei nzige Mann, der mir im Leben Furcht einjagte.“ „Nicht möglich! Der Schreck hat Dir doch keine Ohnmacht zugezogen?“ ſcherzte Marie. Luiſe lachte.„Eine Ohnmacht?“ verſetzte ſie, „nein, dazu hat er es denn doch nicht gebracht. Ich ohnmächtig? Das iſt mir noch nie geſchehen und wird wohl auch nie in meinem Leben vorkommen.“ 150 „Nicht zu vorſchnell,“ drohte Marie, und wollte weiter reden, als Roſalia Kamp eintrat und ſie un⸗ terbrach. Roſalie entſchuldigte ihr ſpätes Kommen mit der wichtigen Nachricht, daß ein heftiger Streit in einem Wirthslokale ſtattgefunden habe, wobei Bür⸗ ger und Soldaten heftig an einander gerathen wä⸗ ren. Man hatte ſich erzählt, auch Luiſens Vater ſei dabei betheiligt und Roſalie kam in voller Angſt, um darüber Gewiſſes zu erfragen. Schaller ſaß mit ſeiner Frau im anſtoßenden Zimmer und zerſtreute Roſaliens Beſorgniß ſogleich, indem er ihr ſeine Anweſenheit laut kund that, und ſie zu erzählen aufforderte, was ſie über den Vorgang gehört habe. Roſalie wußte nicht viel. Das aber wußte ſie mit Beſtimmtheit, daß Simon Goldheim ſich durch ſeine entſchloſſene Haltung den Soldaten gegenüber bemerklich gemacht habe.„Ich dachte, Si⸗ mon Goldheim wäre noch immer unwohl?“ frug Thereſe ganz erſtaunt. „Er war bereits ſeit längerer Zeit auf dem Wege der Beſſerung,“ erwiederte Roſalie, und ſcheint erſt durch die neueren lebhaften Bewegungen vollſtän⸗ dig wieder der Alte geworden zu ſein. Den ganzen Winter nahm er an nichts Theil, weder an Ver⸗ 154* gnügungen noch an ernſten Dingen, aber nun, ſeit der neuen Bewegung iſt er mit einem Male überall dabei und nimmt an allen öffentlichen Verſammlun⸗ gen den lebhafteſten Antheil.“ „Davon haſt Du uns ja kein Wort geſagt,“ wendete ſich hierauf Thereſe zu ihrem Manne. „Zu was ſollte ich Euch dies ſagen?“ entgegnete dieſer.„Ich hätte mich höchſtens dabei ärgern können, denn im Grunde mag der junge Goldheim ein ſo eh⸗ renwerther, muthiger und kluger Menſch ſein als er will, für Dich und Luiſe bleibt er doch immer nur ein verachteter Jude.“ 1 Dieſe Bemerkung übte auf Luiſe eine ſo heftige Wirkung aus, daß ſie aufſtehen mußte und weinend in das anſtoßende Zimmer ging. Roſalie mußte ſich wieder entfernen und Schal⸗ ler ließ Vetter Jan rufen, daß er ſie nach Hauſe begleite. Thereſe ſchwieg ſchmollend. Marie ſuchte Luiſe auf und als ſie dieſelbe in Thränen fand, erinnerte ſie ſich der Mittheilung, welche ihr Otto in Bezug auf Goldheim's Neigung zu Luiſe gemacht hatte. Sie ſuchte ihre Freundin ſo gut als möglich zu tröſten, obgleich ſie dieſelbe durchaus nicht frei ſprechen 152 konnte von dem Unrecht, das ſie an Simon began⸗ gen hatte. „Ach,“ ſagte Luiſe, noch immer in Thränen, „dieſe Schuld wird mich wohl durch mein ganzes Leben begleiten und ſchon durch ſie allein habe ich es verdient, daß ich ſelbſt kein wahres Glück ſoll kennen lernen. Ein ſolch edles Gemüth, ſolch reiches Talent wie Goldheim war, habe ich muthwillig der Gefahr des Untergangs preisgegeben, und trotzdem erhebt er ſich wieder und iſt auf's Neue bereit für das Wohl der Menſchheit in die Schranken zu treten.“ Marie achtete Luiſens Reue und ließ ſie ruhig darin gewähren. „Wahrlich,“ fuhr dieſe mit einem Male fort, und eine Wehmuth kam über ſie, wie ſie nie zuvor empfunden hatte;„es iſt doch recht traurig mit mir geworden! Wie ſchön war es ſonſt, wenn wir des Abends zuſammenkamen und muſizirten! Papa und Mama hörten uns zu, Goldheim leitete das Ganze, und faſt jedesmal war auch Richard mit dabei. Alles dies habe ich ſelbſt zerſtört. Richard iſt fort und Goldheim's hübſche Lieder kann ich gar nicht mehr anſehen, ſo leid thut es mir, daß ich ihn ſo gekränkt habe.“ „Wenn ich nicht fürchten müßte, Dich zu ſehr 153 zu betrüben, ſo möchte ich wohl einmal eines ſeiner Lieder hören,“ ſagte Marie;„komm, ſinge eins davon, Du gewöhnſt Dich dann vielleicht eher daran, wieder ohne Trauer an den jungen Komponiſten zu denken, und findeſt es am Ende weniger grauſam von Dir, daß Du durch Deine Härte ihn ſeiner Kunſt erhalten haſt, denn in ihr findet er doch gewiß ſeinen Troſt.“ Luiſe ging an das Klavier.„Hier iſt ein Lied, es heißt: Im März,“ ſagte ſie und begann. Die Knospen ſpringen auf, der Schnee zerrinnt, Ein ſanftes Wehen folgt den kalten Schauern; Wo jedes Weſen hoffend iſt geſinnt, Rings neue Luft zu regen ſich beginnt, Kannſt du noch trauern: Die Veilchen ſagen: Treu dem alten Bund Durchbrach der Lenz des Winters eiſge Mauern; Nun wird von jedem Leid die Welt geſund, Wir machen Dir die frohe Botſchaft kund, Und Du willſt trauern? Schon lange, tief in Schnee und Eis verſteckt Des Frühlings erſte holde Boten lauern; So wird Dein Herz von Gram und Weh bedeckt, Gewiß zum neuen Leben auferweckt. D'rum laß das Trauern! 154 Erſchließ, die Bruſt der Lüfte mildem Weh'n, Die Stürme können doch nicht ewig dauern! Lern' der Natur geheimes Wort verſteh'n, All uͤberall ſiehſt Du's geſchrieben ſteh'n: Du ſollſt nicht trauern! Bei der letzten Strophe zitterte ihre Stimme und ſie kämpfte gegen Thränen an. „Ach,“ ſeufzte ſie, indem ſie aufſtand,„der arme, arme junge Mann! ich werde mein Unrecht an ihm niemals wieder gut machen können!“ Marie konnte es ſich nicht länger verſagen, ihrer Freundin einige Worte der Hoffnung und Beruhigung zuzufluͤſtern. „Tröſte Dich,“ ſagte ſie zu ihr,„morgen wird alles beſſer werden und Du wirſt dann ruhig ſein.“ „Morgen?“ frug Luiſe in ſchmerzlichem Tone. „Für Dich, ja, aber für mich wird gerade morgen ein neuer Tag der Trauer ſein. Otto's Rückkehr wird mich wieder an Alles erinnern, was vor ſeiner Abreiſe vorfiel, er wird geſund wiederkehren und in Dir die Erfuͤllung ſeiner Wünſche finden, während ich mich verlaſſener als je fühlen werde.“ „Mir ahnt es anders,“ entgegnete Marie.„Es iſt mir, als müſſe auch für Dich der morgige Tag ein rechtes Glück bringen.“ 155 „Glück für mich,“ erwiederte achſelzuckend Luiſe; „wie ſollte das zugehen?“ „Wer weiß,“ ſagte Marie dagegen;„haſt Du denn gar keine Ahnung, daß etwas beſonderes ge⸗ ſchehen könne?“ „Mein Bruder wird zurüͤckkehren, das iſt das erſte, was geſchehen kann, entgegnete Luiſe;„er wird ſich mit Dir verbinden, das iſt das zweite, und wenn ich vielleicht etwas von ihm erbitten dürfte, ſo könnte es allenfalls das ſein, daß er eine Verſöhnung zwiſchen Simon Goldheim und uns zuwege brächte.“ Marie konnte gar nicht begreifen, daß Luiſe ſo weit entfernt von dem Gedanken an die wahre Sach⸗ lage blieb; für ſie allerdings war Alles erklärt, aber ſie bedachte nicht, daß der ganze Zuſammenhang der Umſtände undenkbar und unbegreiflich für jeden Andern ſein mußte. Selbſt, wenn ſie alles frei heraus ge⸗ ſagt hätte, würde es anfänglich ſchwer geworden ſein, an die Wahrheit ihrer Erzählung zu glauben; wie viel weniger konnte bei Luiſe eine Ahnung davon entſtehen! Es war für dieſen Abend unmöglich eine erhei⸗ ternde Stimmung hervorzurufen. Luiſe war ergriffen, ſchwach und weich, wie ſonſt nie, und dieſer neue, ihr noch fremde Seelenzuſtand kündete eine große 156 Umänderung bei ihr an. Aber ſie ſollte noch eine letzte, ſchwere Prüfung beſtehen, um erſt vollſtändig als neues Weſen daraus hervorzugehen. AM Zwölftes Kapitel. Ein heiterer Morgen im Vorfrühlinge wirkt ganz anders, als ſpäter, wenn die ſchönen Tage Regel geworden ſind. Sonnenſchein im März weckt und belebt nicht nur die ganze umgebende Natur, ſondern er fällt auch ſo recht erwärmend in das menſchliche Herz, löſt das Eis winterlichen Grames und lockt neue Hoffnungsknospen daraus hervor. Als Luiſe am folgenden Morgen erwachte und zum Fenſter hinaus in die heitere Welt blickte, konnte ſie ſich ihrer trüben Stimmung von geſtern Abend kaum mehr entſinnen. Sie weckte Marie ſcherzend und ſingend auf, indem ſie rief:„Heut iſt der Tag, an dem er ſoll vor uns erſcheinen, wach auf, wach auf, wach auf!“ Draußen auf der Straße war ſchon Alles leb⸗ haft. Die Verkäufer riefen ihre Waaren aus, Dienſt⸗ 157 mädchen reinigten Straßen und Treppen, Bäcker und Fleiſcher gingen von Haus zu Haus; der Tag be⸗ gann wie ein anderer, nur trug er ein aus Sonnen⸗ ſchein gewobenes heiteres Kleid. Bald war auch alles im Schaller'ſchen Hauſe munter und zum Frühſtück verſammelt. Man konnte zwar den zurückkehrenden Otto erſt ſpät am Abend erwarten, aber Thereſe ſah an dieſem Tage doch ſchon vom frühen Morgen an ſehr oft zum Fenſter hinaus, was ſie ſonſt nie that.— Bald wollte ſie ſehen, was der vorübergehende Aus⸗ rufer zu verkaufen habe, bald war es ihr vorgekom⸗ men, als ſtritten ſich die Dienſtmädchen auf der Stra⸗ ße, und es war auffallend, wie viele ſeltſame Bege⸗ benheiten ſich gerade heute vor dem Hauſe ereignen konnten. Marie war lange auf ihrem Zimmer geblieben. Sie hatte einen Brief von ihrem Oheim erhalten und beantwortete denſelben ſogleich. Er gab ihr darin die Stunde an, wenn die jungen Leute ein⸗ treffen würden; Otto's Eltern und Luiſe ſollten dieſe nicht genau wiſſen. Marie ſollte die Ankömmlinge zuerſt zu Luiſe führen und die beiden vereinigten Paare dann zuſammen die Eltern überraſchen. Die Art, wie ſich der alte Baron einzuführen gedachte, behielt er für ſich. 158 Marie wollte übrigens am heutigen Tage, um ihn recht feſtlich zu begehen, da das Wetter nun gut zu bleiben verſprach und der Winter vorüber war, das Grab ihrer Pflegemutter beſuchen. Sie hatte zu dieſem Zwecke einige ſchöne Blumenſtöcke und Kränze beſtellt. Luiſe begleitete ſie und half ihr das Grab ſchmücken. Die beiden Mädchen blieben zu Mittag in Maienruhe und kehrten dann erſt wieder nach Mainz zurück. An demſelben Tage ging der junge Goldheim aus dem Hauſe ſeines Vaters, um in der Stadt zu erforſchen, was Neues vorgefallen ſei. Er traf in einem bekannten Bierhauſe eine Anzahl Bürger, welche zuſammen ſaßen und die neueſten Ereigniſſe beſpra⸗ chen. Aus Baden und Würtemberg waren neuere Nachrichten gekommen. Aller Orten hatte es Revo⸗ lutionen gegeben, Hecker und Struve gingen von Munde zu Munde, und man konnte deutlich erken⸗ nen, daß ein Theil der Verſammelten es für unver⸗ antwortlich hielt, wenn in Mainz alles ſo ruhig vor⸗ übergehen werde. Ein junger Mann machte die Be⸗ merkung, daß der Beſitz einer Feſtung wie Mainz für das Volk eine größere Errungenſchaft ſei, als alle bisherigen Märzerrungenſchaften. Dabei wurde das Geſpräch immer lauter, einige 159 der Streitenden ſchlugen dazwiſchen betheuernd mit der Fauſt auf den Tiſch, und der dicke Wirth war kaum im Stande, den durſtigen Bedürfniſſen ſeiner Gäſte zu genügen, obgleich er ſein Dienſtperſonal um einen ſtämmigen Burſchen vermehrt hatte. Die Mittagsſtunde rief endlich einen großen Theil der Verſammelten nach Hauſe. Die Arbeits⸗ ſtunden konnte man dem allgemeinen Wohl opfern, aber zur Eſſenszeit durfte Niemand fehlen, ſchon wegen der Hausfrauen, die ſonſt möglicher Weiſe auch eine Revolution angeſtiftet haben würden. Simon begab ſich ebenfalls nach Hauſe. Er hatte vorher einigen Bekannten verſprochen, gegen Abend wieder mit ihnen zuſammen zu kommen. Die Mainzer Bürger trugen damals, wie es überall Sitte war, größtentheils die deutſche Kokarde. Die erſten blutigen Auftritte fanden daſelbſt am zweiundzwanzigſten März angeblich in Folge da⸗ von ſtatt, daß ein preußiſcher Soldat einem Bürger die Kokarde abgeriſſen haben ſollte. Die erſte Folge war ein Auflauf, bei welchem die einzelnen, in der Stadt zerſtreuten Soldaten, verfolgt von den Bür⸗ gern, in ihre Kaſernen flüchteten, und der Tumult, der auf den Straßen umherziehenden Volkshaufen mehrere Stunden fortdauerte. 160 Das Haus, worin die alte Baronin von Neu⸗ berg wohnte, lag nicht ſehr weit von dem Platze entfernt, der den Mittelpunkt der Zuſammenrottungen bildete. Der Lärm und das Geſchrei brachte die alte Dame ſo ſehr in Angſt und Schrecken, daß ſie rathlos in allen Zimmern umherlief, auf den Pöbel ſchimpfte, alle Fenſterladen ſchloß und ſo viel Unfug trieb, daß Polly, der Lieblingshund, laut zu heulen anfing, wo⸗ rauf ſeine Herrin neuerdings einen ſolchen Schrecken bekam, daß ſie aller Liebe vergaß und das Thier um es zum Stillſchweigen zu bringen, in den Hof ver⸗ wies. Als der Lärm auf der Straße jedoch immer heftiger wurde und der Bediente mit ſchlotternden Knien haarſträubende Geſchichten berichtete, die er im Bewußtſein der volksfeindlichen Geſinnungen ſei⸗ ner Gebieterin ſich ſelbſt erdacht hatte, da ſtieg end⸗ lich die Furcht vor dem rohen Volkshaufen in der alten Dame zu ſolcher Höhe, daß ſie ſich entſchloß, zu fliehen. Sie befahl zugleich anzuſpannen und gedachte auf dem Gute ihres Sohnes, von deſſen Zurückkunft ſie keine Ahnung hatte, einſtweilen Schutz und Ret⸗ tung zu ſuchen. Als der Wagen raſch über die Straße fuhr, flog ein Stein durch eines der Fenſter 1 161 desſelben, daß es klirrend zerbrach und die arme alte Baronin darob vor Schrecken halb ohnmächtig wurde. Glücklich gelangte ſie auf dem Gute an. Aber, wer malt ihr Erſtaunen, als ihr Sohn, den ſie in der Ferne glaubte, den Schlag öffnete und ihr aus dem Wagen half! Wie ein Engel des Himmels er⸗ ſchien er ihr in dieſem Augenblicke. Sie vergaß alles, was zwiſchen ihnen vorgefallen war, ließ ſich von ihm ins Haus geleiten und konnte nicht zu Athem kommen, ſo viel Entſetzliches hatte ſie ihm von dem Aufruhr zu berichten. Der Baron gerieth dabei ſelbſt in Beſorgniß um Mariens Schickſal und wollte ſich beeilen, da ohnehin die Stunde nahe war, in welcher Otto mit Richard in Mainz eintreffen ſollten, dorthin zu reiten. Seine Mutter jedoch beſchwor ihn, ſie nicht zu ver⸗ laſſen und ſich ſelbſt nicht der Gefahr auszuſetzen, von dem rohen Volke ergriffen und getödtet zu wer⸗ den, wobei ſie ihm fortwährend vorſtellte, was als⸗ dann aus ihr werden ſollte. Erſt nach langem Hin⸗ und Herreden gelang es ihm, die geängſtigte alte Dame einigermaßen zu beruhigen. Unter der Ver⸗ ſicherung, die größte Vorſicht zu beobachten, brach er eilig auf, um die Stadt zu erreichen. Familie Schaller. II. 11 162 Dort war unterdeſſen der kleine Aufſtand ſchon gedämpft worden. Das Militär, erbittert durch die feindſelige Haltung der Einwohner und zur Rache gereizt durch die Verwundung einiger Kameraden, zog nun durch die Straßen und wehe denen, die ſich vor den Fenſtern oder gar außer den Häuſern blicken ließen! Wo man einen Trupp Soldaten herannahen ſah, da flüchtete man hinweg und bald war die Stadt wie ausgeſtorben, während nur einzelne Kommando⸗ rufe die Stille unterbrachen. Simon Goldheim hatte beim Ausbruch des Tu⸗ multes bei ſeinen Freunden in der Wirthsſtube ge⸗ ſeſſen, als ein Arbeiter die Thüre aufriß und das Geſchehene verkündete. Alle waren ſogleich aufge⸗ brochen und hatten ſich nach dem Mittelpunkte des Kampfes begeben. Als darauf die Soldaten mit den Bürgern handgreiflich wurden, zogen ſich diejenigen, welche we⸗ der Waffen noch Vertheidigungsmittel hatten, zurück. Auch der junge Goldheim beeilte ſich, das Haus ſei⸗ nes Vaters zu erreichen. Unterwegs jedoch traf er in der Nähe des Schaller'ſchen Hauſes, plötzlich um eine Ecke biegend, auf einen der fliehenden Soldaten, der den bloßen Säbel in der Hand hielt und nach ſeiner Kaſerne eilte. Der Soldat ſchien etwas an⸗ 163 getrunken. Als derſelbe nun ſo gerade auf den jun⸗ gen Mann losrannte, hieb er blindlings mit dem Säbel nach dieſem hin und lief dann ohne Aufent⸗ halt weiter. Simon war ſchwer am Kopfe getroffen worden. Das Blut ſtrömte ihm über das Geſicht und er ſank, das Bewußtſein verlierend, auf das Straßenpflaſter nieder. Dieſer Scene hatte Luiſe mit Entſetzen vom Fenſter aus zugeſehen. Sie konnte den jungen Mann nicht erkennen, den ſie blutend zuſammenbrechen ſah. Eilig ſchickte ſie an den Ort hin, ließ den Ver⸗ wundeten in das Haus bringen und auf ein Bett niederlegen. 1 Als er hereingetragen wurde, erkannte ſie ihn ſogleich. Sie ſandte raſch nach dem Wundarzte und beeilte ſich inzwiſchen das Blut ſo gut als möglich ſelbſt zu ſtillen. Ihre Eltern und Marie ſtanden ihr hilfreich zur Seite. Als der Wundarzt kam, unterſuchte er den Zuſtand des Kranken und fand, daß die Wunde zwar an ſich durchaus nicht gefährlich, daß es aber die höchſte Zeit geweſen ſei, dem Blut⸗ verluſte Einhalt zu thun, da dieſer den Kranken bereits bedeutend geſchwächt hatte. Er verband hierauf die 11 164 Wunde ſorgfältig, befahl Ruhe und entfernte ſich darauf wieder. Simon lag faſt regungslos. Schaller hielt es für das Beſte, ihn ganz allein zu laſſen, damit er ein wenig ſchlummere und darauf geſtärkt wieder erwachen könne. Er forderte daher alle auf, ſich zu entfernen und ging mit Thereſe und Marie hinweg. Luiſe trennte ſich jedoch nicht von dem Kranken. Sie wollte ſeinen Schlummer bewachen und ihn keinen Augenblick allein laſſen. Schweigend nahm ſie einen Stuhl und ſetzte ſich an das Kopfende des Bettes, auf welchem der Verwundete lag. Bis dahin war Simon zwar nicht fortwährend bewußtlos geweſen, aber der Schmerz und das rie⸗ ſelnde Blut hatten ihn verhindert, auf ſeine Umgebung zu achten. Nachdem er nun verbunden war und eine Weile auf dem weichen Kiſſen geruht hatte, fühlte er ſich beſſer und ſah ſich um. Da erblickte er, an ſeiner Seite ſitzend, Luiſe, welche noch blaß von dem gehabten Schrecken mit Thränen im Auge, halb ängſtlich um ſeine Geſundheit beſorgt, halb er⸗ wartungsvoll, wie er ihre Sorge aufnehmen werde, nach ihm hinblickte. Erſtaunt ſah Simon ſie eine Weile zweifelnd an, aber ehe er noch reden konnte, näherte ſich ihm 165 Luiſe und ſagte zu ihm:„Sie ſcheinen verwundert darüber, daß Sie mich in Ihrer Nähe ſehen und ich möchte dieſen Zufall, hätte er nicht ſo gefährliche Folgen haben können, faſt für ein Glück halten, da er mir Gelegenheit gibt, Ihnen durch die ſorgſamſte Pflege einen Theil jener Schuld gegen Sie abzu⸗ tragen, die ich nie ganz auszutilgen im Stande ſein werde.“ Iſt der Körper geſchwächt, ſo wirken alle Ein⸗ drücke wenn auch richtig, ſo doch weniger ſtark auf die Seele ein, und wenn der Leidende auch die Freude empfindet, ſo iſt ſein Gefühl dafür doch eigentlich nur das einer wohlthätigen Erleichterung. Simon liebte Luiſe noch immer ſo ſehr, daß jedes ſanfte Wort, von ihr zu ihm geſprochen, wie Balſam auf ihn wirkte. Er ſah ſie alſo an und ſtreckte ſeine Hand aus, um die ihrige dankend zu faſſen. Luiſe reichte ihm ihre Hand und konnte ſich dabei nicht enthalten zu weinen. Einige heiße Thränen ftelen auf Simons Finger und er fühlte es. Luiſe wollte den Augenblick benutzen, um das ganze Mißverſtändniß zwiſchen ihr und dem jungen Goldheim aufzuklären. „Ich habe Sie durch ein unglückliches Mißver⸗ 166 ſtändniß beleidigt,“ fing ſie mit bewegter Stimme an,„aber Gott iſt mein Zeuge, daß ich ſie ſtets ge⸗ achtet und geſchätzt habe und Ihnen nie ſo begegnet wäre, als es damals geſchah, wenn mein Vater nicht die Entſcheidung auf Ihren Antrag in einem Au⸗ genblicke von mir gefordert hätte, wo ich vor Verdruß meiner ſelbſt kaum mächtig war. So kam es, daß ich Ihnen rückſichtslos und in einer Weiſe begegnete, die, glauben ſie es meinem Worte, meinem Weſen ſonſt fremd geblieben wäre. Hätten Sie gewußt, daß der eigentliche Grund, warum ich Ihren Antrag zurückwies, der war, daß mein Herz ſchon an einen Andern gefeſſelt war, Sie würden mir vielleicht ver⸗ geben haben und unſer Freund geblieben ſein.— Sagen Sie mir jetzt,“ fuhr ſie fort,„daß Sie dies noch thun wollen.“ Simon hielt ihre Hand noch immer feſt in der ſeinigen. Ein Strahl der Freude legte ſich jetzt auf ſeine bleichen Züge, indem er zu ihr ſagte: „Dank Ihnen, daß Sie mir dies Alles geſagt haben. Alſo nicht darum, weil ich ein verachteter Jude bin, verſagten Sie mir Ihre Hand, ſondern weil ſie einen Andern liebten? O dann wird die Qual, die mich bisher verfolgte, verſöhnt; ich kann mein Geſchick beklagen, ohne daß ihr Bild durch den 167 verächtlichen Flecken niedrigen Vorurtheils getrübt wird. Ja, nun kann ich die Hand küſſen, die mich ſchlug, und den Bund ihrer Liebe, wenn auch mit Thränen der Wehmuth, ſegnen.“ „Ich habe ihren Segen nicht verdient,“ entgeg⸗ nete mit wehmüthiger Stimme Luiſe,„darum kommt er zu ſpät. Der, um deſſentwillen ich Sie damals von mir ſtieß, hat mich verlaſſen und es iſt mir nichts übrig geblieben von jener Zeit, als die Reue über das Unrecht, das ich an Ihnen beging.“ „Wie?“ frug Simon überraſcht,„er, den Sie liebten, hat Sie verlaſſen? O, dann haben Sie ſich getäuſcht! Hätte er Sie geliebt, glauben Sie mir, keine Macht würde ihn von Ihnen getrennt haben!“ „Ja, ich fühle es in dieſem Augenblicke,“ ent⸗ gegnete Luiſe, tief ergriffen von Simons leidenſchaft⸗ lichen Worten,„ich folgte thöricht dem falſchen Scheine und verkannte die Wahrheit einer echten Liebe. Aber nun ſei es gelobt, ich ſage mich los von dem un⸗ würdigen Gefühl, das ich bisher noch immer gehegt habe,— ja, wenn es mir gegönnt wäre, die Hand 5 zu ergreifen, die ich einſt thöricht von mir ſtieß, ich wollte ſie erfaffen und mich daran halten in allen Stürmen des Lebens.“ „Luiſe!“ rief Simon und drückte ihre Hand an 168 ſein Herz,„darf ich der ſchönen Hoffnung wieder Raum geben? Soll dieſe Wunde, die mich dem Tode in die Arme führen konnte, die Vermittlerin ſein zum neuen, ſchönen, durch Ihre Liebe verklärten Leben?“ „Fragen Sie nicht,“ entgegnete hierauf Luiſe, „gern bin ich entſchloſſen, Ihrem Glücke mein Leben zu weihen und mein Schickſal an das Ihrige zu ket⸗ ten, wenn ſie es verlangen. Freudig will ich Alles aufbieten, um mich durch treue Aufopferung ihres großen und edlen Herzens würdig zu machen.“ Als Simon dieſe Worte vernahm, durchdrang ſein Herz das beſeligende Gefühl reinſter Wonne. Er zog ſanft das geliebte Mädchen zu ſich nieder; erröthend ſank ſie an ſeine Seite auf ihre Knie und umſchlang ihn mit beiden Armen. Ihre Lippen be⸗ rührten die ſeinigen und mit dieſem Kuſſe erſt war es ihr, als ſei ihr Unrecht gegen den jungen Mann ganz geſühnt. Da öffnete ſich die Thüre und herein trat Marie in Begleitung von Otto und Richard. Als Luiſe Jemand eintreten hörte, erhob ſie ſich raſch, und da ſie ihren Bruder erblickte, wollte ſie mit einem freudigen Ausruf ihm in die Arme eilen. Aber wie gelähmt blieb ſie mit einem erſtickten Ruf des Erſtaunens plötzlich bei Richard's Anblick 169 ſtehen. Todtenbläſſe überzog ihr Geſicht, ihr Auge ſtarrte den Eintretenden an, als erblicke ſie ein Ge⸗ ſpenſt, ihre Hand tappte nach einer Stütze und in⸗ dem ſie einen Schritt zurückzuckte, lehnte ſie ſich an Simon's Lager. Marie faßte Richard's Hand und ſagte, indem ſie freundlich und beglückt lächelnd auf Luiſe zuſchritt: „Du biſt erſtaunt, und trauſt Deinen Augen kaum, aber glaube ihnen nur, er iſt es, Dein ge⸗ liebter Freund Richard, der wiederkehrt, um Dir zu ſagen, daß er Dich liebt, daß er ſein Lebensglück in Deine Hände legen und Dich bitten will, die Sei⸗ nige zu werden und das Vergangene zu vergeben und zu vergeſſen.“ Eine peinliche Pauſe entſtand auf dieſe Anrede. Luiſe ſtarrte Richard noch immer voll Entſetzen und mit lautlos bebenden Lippen an. Richard, Otto und Marie ſahen verwundert auf ſie hin und Simon erhob ſich halb, um Luiſe ängſtlich forſchend zu be⸗ trachten und jeder ihrer Bewegungen zu folgen. Plötzlich wendete ſich Luiſe zu dem Verwunde⸗ ten, legte ihre Arme feſt um ſeinen Hals und rief laut:„Es iſt nicht wahr: glaube es ihnen nicht! Sie wollen mich wieder von Dir reißen, ich ſoll mein Verſprechen abermals vergeſſen; darum zeigen —— 170 ſie mir den Geliebten und ſagen, er ſei gekommen, mich zum Weibe zu nehmen. Aber nein! Falſch ſind ſie Alle, ich will von Niemand wiſſen, als von Dir, Du nur biſt treu!“ Ein leiſer Laut des höchſten Entzuckens entrang ſich beim Anhören dieſer Worte aus Simon's Bruſt. Er ergriff Luiſens Hand uud bedeckte ſie mit tauſend Küſſen und Thränen. Dann wendete er ſich wie er⸗ müdet um und verbarg ſein Geſicht halb in den Kiſſen. Otto näherte ſich ſeiner Schweſter. „Was ging hier vor?“ frug er ſie.„Nach dem, was Marie uns flüchtig mittheilte, hofften wir Dich ausgeſöhnt mit Simon hier zu finden, und dachten ihn am beſten von der Wahrheit deſſen, was Du ihm erklären wollteſt, zu überzeugen, wenn Richard ſogleich hier Dich wiederſähe. Richard's Vater iſt Mariens Oheim, auch er iſt hier; ſie hat dies Alles nur verſchwiegen, um Dich und die Eltern vorher kennen zu lernen, aber nun ſind wir Alle gekommen, um das Wiederſehen und damit die glückliche Aus⸗ führung zu feiern.“ Luiſe hörte aufmerkſam zu; ſie fühlte nichts, als daß ſie namenlos unglücklich ſei. Als daher Otto geendet hatte, ſchüttelte ſie nur 171 ſtill den Kopf, brach in ein herzbrechendes, ſtummes Schluchzen aus, und wendete ſich wieder zu Si⸗ mon. Aber ein jäher Schreck fuhr ihr durch die Glieder. Blutſpuren drangen überall um des Verwunde⸗ ten Kopf hervor und denjenigen Theil ſeines Ge⸗ ſichtes, den ſie ſehen konnte, fand ſie mit leichenähn⸗ licher Bläſſe bedeckt. Laut jammernd ſtürzte ſie über ihn her und wandte ſeinen Kopf um. Da bot ſich ein gräßlicher Anblick dar. Simon hatte ſich den Verband von der Wunde gelöſt, das Blut war bereits durch das Kiſſen hin⸗ durch gedrungen und ſtrömte ihm noch immer über das Geſicht. Sein Auge war ſchon matt und fahl, der Athem ſtockte und ging bereits in Röcheln über. Marie wurde ohnmächtig bei dieſem ſchrecklichen Schauſpiele, und rathlos ſtanden die beiden Freunde dabei. Luiſe war außer ſich in Verzweiflung. Sie faßte des Sterbenden Hände, daß ſein Blut ihre Kleider befleckte und rief ohne Beſinnung jam⸗ mernd um Hilfe.. Simon ſah ſie noch einmal an. Er bewegt ſeine Lippen, hauchte nur leiſe die 172 Worte hervor:„Kann ein Chriſt mehr thun?“— und verſchied. Luiſe ſah und hörte nichts als ihn.„Verlaß mich nicht!“ ſtöhnte ſie.„Nimm mich mit, wenn Du ſterben willſt; ſo wie Du kann mich Niemand mehr lieben auf der Welt! Ich kann Dich nicht ſter⸗ ben ſehen, kann nicht leben ohne Dich!“— dann brach ſie beſinnungslos zuſammen. Breizehntes Kapitel. Luiſe lag die ganze Nacht über in heftigem Fieber. Am andern Morgen legte ſich dies wieder und ſie konnte mit ihrer Umgebung ſprechen. Aber welche Veränderung war mit ihr vorgegangen! Still und nachgiebig wie ein Kind, ließ ſie alles mit ſich geſchehen, was ihre Eltern oder Marie für gut hiel⸗ ten. Sie frug nach Otto, und freute ſich über ſein geſundes Ausſehn, als er bei ihr eintrat. Sie ließ ſich von Marie alles erzählen, was dieſe ihr bisher vorenthalten hatte und Marie benutzte dieſe Gelegen⸗ heit, um zu prüfen, was ſie in Bezug auf Richard denke. 34 173 „Sieh',“ ſagte ſie zu ihr,„der edle junge Mann, der ſich für Euch geopfert hat, iſt nun todt, und Deine Aufgabe wird es ſein, den Zweck zu erfüllen, den er mit der Hingabe ſeines Lebens für Dich im Auge hatte. Nicht durch unnützen Jammer und leere Klagen kannſt Du ſein Andenken ehren, ſondern nur dadurch, daß Du in ſeinem Sinne handelſt und ſein Opfer nicht nutzlos verſchwendeſt.“ 9 Luiſe hörte ſtill und aufmerkſam zu. „Gewiß“ ſagte ſie, als Marie geendigt hatte, „ich werde ſein Opfer ehren. Nicht dadurch allein, daß ich Richard's Gattin werde, ſondern dadurch, daß ich jeden Augenblick meines Lebens den Gedan⸗ ken vor Augen halten will, wie koſtbar und theuer mein Glück erkauft wurde. Und ſo will ich es denn nicht leichtſinnig hinnehmen wie ein gewöhnliches Geſchenk, ſondern ich will es bezahlen, indem ich es hinfort mit dem Glücke meines Gatten auch dem Wohle und dem Glücke andrer Menſchen weihe. Noch aber kann ich Richard nicht ſehen. Erſt muß der Todte beſtattet ſein und ſein Andenken geehrt, dann gehen wir an die Erfüllung ſeines letzten Wil⸗ lens. 2. Bald darauf empfing Luiſe auch den Beſuch des alten Barons. Er war an jenem Schreckens⸗ 174 abende gerade im Augenblick von Simon'’s Tode in das Schaller'ſche Haus gekommen. Die Verwirrung und das Entſetzen über das Vorgefallene gaben ihm die Gelegenheit, ſich ſogleich in hilfreicher und wohlmeinender Weiſe zu zeigen, ſo daß ſeine ſpäte⸗ ren Eröffnungen fruchtbar vorbereiteten Boden fan⸗ den und er leicht um einen Berg von Hinderniſſen voölbeikam. Alles war nun bereits im richtigen Ein⸗ klang. Luiſe bat ihn um Verzeihung für ihr frü⸗ heres Benehmen und verſicherte ihn, daß ſie oft und viel an das gedacht habe, was er damals aus⸗ geſprochen. Man hatte inzwiſchen Simon's Leiche vom Blute gereinigt und auf ein Bett niedergelegt. Nun ent⸗ ſtand die Frage, wie ſein Vater von dem traurigen Falle in Kenntniß geſetzt werden ſollte. Der Baron wollte dies Amt übernehmen und zugleich wegen der Beſtattung mit ihm Rückſprache nehmen. Sie waren nämlich ſämmtlich in dem Wunſche einig, daß der edle Todte eine Ruheſtätte erhalten müſſe, die der Fami⸗ lie als koſtbares Gut ſtets heilig ſein ſolle. In dem ſchönen Garten auf des Barons Gute war der geeigneteſte Ort dazu. Als der Baron ſich ſchon zum Weggange an⸗ ſchickte, kam Marie und bat ihn, ihr dies Amt zu 175 überlaſſen. Luiſe hatte es ſo gewünſcht, da ſie nicht ſelbſt gehen konnte. Der Baron und die übri⸗ gen willigten ein und Marie ſuchte die Wohnung des alten Goldheim auf. Als ſie in das untere Zimmer eint wa. Alte gerade in ſeine Handlungsbücher vertieft. S glaubte, die ſchöne, junge Dame wolle ihn in Ge⸗ ſchäftsangelegenheiten ſprechen und bot ihr daher, nachdem er ſie freundlich gegrüßt hatte, einen Stuhl an, indem er frug, mit was er ihr dienen könne. Marie war von dem Anblick des ehrwürdigen alten Mannes tief erſchüttert. Er mußte die Ab⸗ weſenheit ſeines Sohnes gar nicht bemerkt haben, ſonſt würde er ohne Zweifel nicht ſo unbeſorgt ihr entgegengetreten ſein. Sie bereute es faſt, das ſchwere Amt übernommen zu haben und mußte ſich Gewalt anthun, um Ruhe zu gewinnen.„Ich komme,“ fing ſie mit zitternder Stimme an,„um Ihnen eine Nachricht zu überbringen.“ „Eine Nachricht?“ frug Goldheim neugierig. „Und zwar,“ entgegnete Marie,„von Ihrem Sohne.“ „Von meinem Sohn?“ frug der Alte nun ganz erſtaunt.„Wo iſt mein Sohn? ich habe ihn 176 nicht geſehn ſeit geſtern Abend. Iſt er ſchon ausge⸗ gangen?“ „Er befindet ſich ſeit geſtern im Hauſe des Herrn Schaller,“ erwiederte Marie. „Im Schaller'ſchen Hauſe?“ wiederholte Gold⸗ Meim, und der Ausdruck ſeines Geſichts zeigte die Spuren des tiefſten Haſſes. Mißtrauiſch betrach⸗ tete er das junge Mädchen eine Weile und begann dann: „So ſind Sie wohl die Tochter des Herrn Schaller, die ich bis jetzt noch nicht die Ehre hatte zu kennen? Vermuthlich wollen Sie mir die Nach⸗ richt überbringen, daß mein Sohn nicht mehr zu ſeinem alten Vater zurükkehren wird, daß er ſich ganz von ihm trennen und bei Ihnen bleiben werde. Sa⸗ gen Sie es nur heraus, ich bin ſchon ſeit lange dar⸗ auf gefaßt.“ Marie empfand die traurige Ironie, die ſich zu⸗ fällig in dieſen Worten fand. Sie beſchloß den Ab⸗ ſcheu des unglücklichen Vaters gegen die Familie Schaller wo möglich zu mildern, bevor ſie ihm ihre traurige Botſchaft mittheilte. „Sie irren ſich,“ ſagte ſie,„ich bin nicht Luiſe Schaller, aber ich komme in ihrem Namen und im Namen ihrer Eltern, um Ihnen eine Nachricht zu 177 hinterbringen, auf die Sie vielleicht weniger gefaßt ſind. Aber ehe ich ſie Ihnen mittheile, verſichere ich Sie, daß Sie im Irrthum ſind, wenn Sie glauben, Luiſe Schaller habe Ihren Sohn abſichtlich gekränkt. Eine Verkettung unglückſeliger Zufälle brachte ein Mißverſtändniß hervor, in Folge deſſen ſie in einem Anfall von Heftigkeit Worte ſprach, deren Sinn ihr Herz gar nicht empfand. Nicht den Juden verſchmähte ihr Herz, ſondern den ungeliebten, den ihr Vater zwi⸗ ſchen ſie und ihren Geliebten drängen wollte. Wie viele Irrthümer würden vermieden, wären alle Men⸗ ſchen, ohne Unterſchied des Glaubens und der Mei⸗ nung, einig in der Anerkennung gegenſeitigen Werthes. Würden Sie Luiſens Reue kennen, gewiß, Sie würden ihr verzeihen wie Ihr edler Sohn ihr verziehen hat.“ „Reue?“ warf ſpöttiſch lächelnd der alte Gold⸗ heim ein.„Was iſt Reue? kann ſie Geſchehenes ungeſchehen machen? Mein Gott iſt ein eifriger Gott, der Beleidigungen rächt! Will mein Sohn verzeihen, ſo mag er's thun, weiß ich's doch ſchon lang, daß er's mit unſern Feinden hält und den Glauben ſeiner Väter nicht achtet.“ „Halten Sie ein!“ unterbrach ihn Marie in ſchöner Entrüſtung.„Schmähen Sie nicht auf das edle Herz Ihres Sohnes, weil es Ihren Haß ſei⸗ ner Liebe geopfert hat und wenn es ihm nicht mög⸗ Familie Schaller. II. 12 178 lich war, Sie durch ſein Leben zur Verſöhnung zu leiten, ſo laſſen Sie wenigſtens ſeinen Tod nicht an Ihnen verloren ſein. Erfahren Sie denn, daß er für die Idee geſtorben iſt, um derentwillen Sie ihn ſchmähen.“ Ein lauter Schrei des Schreckens aus dem Munde des alten Mannes war die erſte Entgegnung auf dieſe furchtbare Eröffnung. „Was ſagen Sie, Unglücksbotin 2“ rief er,„mein Sohn wäre todt? Wann iſt er geſtorben und wo und wie?“ Marie gab ihm einen kurzen entſprechenden Be⸗ richt deſſen, was vorgefallen war. „Todt!“ ächzte der alte Mann hierauf. Todt, mein Sohn, mein Einziger!“ und er warf ſich zur Erde und fiel mit dem Geſicht auf den Boden und wieder⸗ holte jammernd:„Todt, mein Sohnl o mein Sohn!“ Dieſe Laute des Schmerzes ſchnitten tief in Mariens Herz. Mitlleidig näherte ſie ſich dem jam⸗ mernden Greiſe und wollte es verſuchen, ihm einige Worte des Troſtes zuzuflüſtern. Indem ſie ſich zu ihm niederbeugte, entfiel ihr jener Talisman, der Ring des Dorfnarren, den ſie im Buſen trug, und kam ſo plötzlich dem alten Gold⸗ heim zu Geſicht. Kaum war dies geſchehen, als er ſeine Klagen unterbrechend, auf den Ring ſtarrte, ihn mit der Hand ergriff und raſch an ſich riß. 179 „Was iſt das?“ ſagte er, die Urſache ſeines gegenwärtigen Jammers über die Erinnerung, welche der Aublick weckte, vergeſſend.„Wie kommt der Ring hieher? Wer gab Ihnen den Ring?“ Marie ahnte etwas vom Zuſammenhang und beeilte ſich, in der Hoffnung, durch ihre Mittheilung den Haß des Alten zu mildern, ihm in wenig Zügen die Begebenheit zu erzählen, die Richard's Vater in Be⸗ zug auf den Ring ihr mitgetheilt hatte. Mit ſtierem Blick ſog der Jude die Worte von ihren Lippen. Kaum hatte ſie geendet, als er ſich erhob, mit wildem grauenhaften Blicke in ſein wei⸗ ßes Haar griff, es zerraufte und ſeine Kleider zerriß. „Alles iſt gekommen, wie ich es vorausgeſehen 1 rief er dann aus.„Zugleich mit der Nachricht vom Tode meines Sohnes wird mir nun der Ring zu⸗ rückgebracht, dem einſt jene falſche Hand, die Gottes Rathſchluß hinderte, als Pfand von mir nahm und das erſt wieder eingelöſt werden mußte mit dem Blute meines eingebornen Sohnes!“ Ein Schauder ergriff Marie, als ſie dies ver⸗ nahm.„Welch ein furchtbarer Wahn erzeugt dieſe ſchwarzen Gedanken?“ ſagte ſie.„Ihr Geſchick iſt ſchwer und wohl mag es verzeihlich erſcheinen, wenn ſie die Menſchen verklagen, aber Gottes Hand, die doch ſichtlich Alles zum Beſten geleitet hat, darf 12* 180 Niemand anklagen. Aus dem unverſiegbarſten Haß ließ er eine Liebe entſtehen, die eben ſo ſtark, eben ſo unvergänglich war, wie jener. Wenn dieſer Fin⸗ gerzeig nicht auf Sie wirkt, ſo iſt jedes Wunder vergeblich und keine Macht im Himmel und auf Er⸗ den vermag Sie zu bekehren. Meine Botſchaft iſt erfüllt,“ fuhr ſie fort,„nun habe ich noch eine Bitte. Da Sie das Gdelſte von Ihrem Sohne freiwillig von ſich ſtoßen und das Geſchenk ſeiner Seele in der Härte Ihres Herzens verkennen, ſo hoffe ich um ſo mehr auf Gewährung, denn was kann es Ihnen darauf ankommen, uns nun auch ſeinen Körper zu über⸗ laſſen. Geſtatten Sie, daß ſeine Leiche von uns an einem Orte beigeſetzt werde, der unſerer Trauer nahe liegt.“ Das junge Mädchen erwartete keinen Wider⸗ ſtand, wie erſchrack ſie daher, als der Alte mit ei⸗ nem Blick des giftigſten Haſſes ihr erwiederte: „Wollt Ihr ihn noch taufen, da Ihr ihn ge⸗ mordet habt? Gott ſei Dank dafür, daß mein Sohn ein Jude geblieben iſt bis zu ſeinem Tod. Nun iſt er doch wieder mein und kein Menſch kann mir ihn ſtreittg machen. Ihr möchtet wohl ein Kreuz auf ſein Grab ſetzen und Meſſen für ſeine Seele leſen laſſen, aber davor wenigſtens werde ich ihn hüten und er wird meine Obhut nicht mehr vereiteln. Habt Ihr mir den Lebenden entriſſen, ſo ſoll Euch 5 — 181 jetzt auch der Todte nicht geſchenkt ſein; ich will ihn zurücknehmen, als mein rechtmäßiges Eigenthum. Eure Macht über mich iſt zu Ende: ich habe mein eingelöſtes Pfand wieder in Händen!“ Marie wollte noch einen Verſuch machen, die Ge⸗ währung ihrer Bitte zu erreichen, aber da der Alte ſie gar nicht zu Worte kommen ließ, ſo ging ſie unver⸗ richteter Sache, voll der ſeltſamſten Eindrücke, hinweg. Als ſie nach Hauſe kam und dort erzählte, was ſie ſo eben erlebt hatte, waren Alle auf's Höch⸗ ſte darüber betrübt, daß der Starrſinn des alten Juden die Sättigung ſeiner Rachſucht ihn ſelbſt noch bis in das Grab ſeines Sohnes ſuchen ließ. Sie konnten jedoch dem Beſchluſſe desſelben nichts ent⸗ gegenſetzen und erwarteten daher, daß er die Leiche holen laſſe. Es verging jedoch ein großer Theil des Tages, ohne daß etwas derartiges geſchah. Endlich entſchloß ſich Otto noch einmal nach Goldheims Hauſe zu gehen, um ſich nach deſſen Anordnungen zu erkundigen. Schon unterwegs erfuhr er jedoch, daß der alte Goldheim von einem plötzlichen Schlaganfall getödtet worden ſei. Als er in das Haus trat, waren einige ent⸗ fernte Verwandte, die ſich während deſſen Lebenszeit nie um den alten Mann bekümmert hatten, bereits 182 eifrig damit beſchäftigt, ſich über den Stand ſeines Vermögens zu unterrichten und die vorhandenen Geſchäftsbücher in Beſchlag zu nehmen. Otto ſuchte nun ſogleich den Vorſteher der jüdiſchen Gemeinde auf und da Simon ohnehin ſchon ſeit lange halb als Abtrünniger betrachtet wurde, ſo war die Er⸗ laubniß, ihn beſtatten zu dürfen, leicht zu erhalten. So wurde die Leiche denn nun in der Stille nach dem Gute gebracht und außer den Gliedern der Fa⸗ milie, nur noch der alte Muſikmeiſter, Simon's väter⸗ licher Freund, zur Theilnahme an der Beſtattung gebeten. Während dieſer Vorbereitungen waren Marie und Thereſe fortwährend in Luiſens Nähe. Sie hatte ſich erholt und ſaß bleich und ſtill in ihrem Zimmer. Am Morgen des Begräbnißtages befanden auch Otto, der Baron und Luiſens Vater ſich bei ihr, während Richard ſie bis jetzt noch immer nicht wieder⸗ geſehen hatte. Als der Baron angekündigt hatte, daß ſein Gärtner an einem recht ſchön dazu geeigneten Platze bereits das Grab für Simon gegraben habe, und daß er nun nächſtens den Entwurf zu einem Denk⸗ mal machen wolle, begann Luiſe, die bisher ſchweigend zugehört hatte, mit ſchüchterner, halblauter Stimme den Baron zu bitten, er möge ihr einen Wunſch gewähren. 183 Als der Baron, ihr Begehren bewilligend, ſie darauf aufforderte, ihren Wunſch auszuſprechen, ſagte ſie mit flehend aufgehobenen Händen:„Noch einmal ſehen möchte ich ihn. Zum letzten Male, bevor ihn die Erde bedeckt.“ Thereſe äußerte einige Bedenken, aber der alte Baron beſtand darauf, ſein Wort zu halten und be⸗ zeichnete den Damen die Stunde, wann ſie zuſammen auf ſeinem Gute eintreffen ſollten. Er ſelbſt begab ſich mit den Herren einſtweilen ſogleich dorthin. Als er wegging, ſagte ihm Luiſe noch:„Auch Richard mag zugegen ſein, wenn wir kommen.“ Simon's Leiche wurde unterdeſſen in einem Saale aufgeſtellt. Man hatte ihn einfach in Schwarz gekleidet, was zwar eigentlich gegen die Sitte der Israeliten war, aber den Todten viel weniger ſchreck⸗ lich erſcheinen ließ. Zur feſtgeſetzten Stunde hatten ſich die Herren im Saale verſammelt und blickten trauernd und ſchweigend auf die bleichen Züge des Verſtorbenen. Da öffnete ſich die Thüre zur Seite, und herein traten, in Schwarz gekleidet, Luiſe, am Arme ihrer Mutter und Marie, einen Korb mit Blumen tragend. Thereſe und Marie weinten heftig, als ſie ein⸗ traten. Luiſe dagegen war ſtill und wandte keinen Blick von den ruhigen Zügen des Verblichenen ab. 184 Langſam ging ſie auf den Sarg zu, ſank ſchluchzend vor demſelben in die Knie und legte eine weiße Roſe, die ſie in der Hand trug, dem Todten auf die Bruſt. Marie ſchmückte unterdeſſen den Sarg ringsum mit Blumen. Alles war ſtill umher; die tiefſte Rührung hatte die Anweſenden ergriffen und ſelbſt Richard's Vater trocknete einige Thränen, die der ergreifende Anblick ihm entpreßte. Nachdem Luiſe eine Weile ſchweigend gekniet und in Gedanken das Gelöbniß wiederholt hatte, das ſie Marien gegeben, ſtand ſie auf, ging auf Richard zu, reichte ihm die Hand und lehnte ihren Kopf an ſeine Bruſt. Dann machte ſich ihr gepreßtes Herz reichlich Luft und ein Strom heißer Thränen rann ihr über das Geſicht. Sie war ſo heftig bewegt, daß ihre Mutter und Marie ſie unterſtützen mußten, als ſie mit ihnen den Saal verließ. Das Begräbniß nahm ſodann ernſt und würdig ſeinen Fortgang. Auf Veranlaſſung des Muſikmei⸗ ſters, hatte ſich nicht nur der Männer⸗Geſangvoerein, deſſen Mitglied Simon geweſen, eingefunden, ſondern es befand ſich auch eine kleine Abtheilung guter Muſikan⸗ ten im Garten, welche den Vorgang feierlich begleiteten. Es war einer jener erſten Frühlingstage, die das Herz durchhauchen mit der Ahnung von zukünf tigem Duft und nahender Blumenpracht. In ru⸗ higer Majeſtät wallte der herrliche Strom ſeinen ewigen Weg zwiſchen den keimenden Feldern und knospenden Gärten, tauſendſtimmig ſchallte der Jubel der wieder angelangten Vögel und jede Menſchen⸗ bruſt fühlte den Drang, miteinzuſtimmen in den Freudenklang des großen Auferſtehungsfeſtes der Natur. Drüben lagen die Dörfer im Glanz der Sonne und jeder Laut drang von dort durch die reine Frühlingsluft hell und freudig in die Ferne. Die Kunde von dem Tode des jungen Gold⸗ heim hatte eine Menge Neugierige herbeigelockt, und da der Baron ſeinen Leuten die Weiſung gegeben hatte, Jedermann ungehindert in den Garten treten zu laſſen, ſo fehlte es nicht an Zuſchauern, die dem Begräbniß faſt dem Charakter eines öffentlichen Er⸗ eigniſſes gaben. Otto ſandte ſeinem Freunde die erſte Schaufel Erde nach, dann folgte Schaller, der Baron und Richard. Hierauf drängten ſich eine Anzahl junger Mädchen und Frauen herzu, die eine Menge Kränze und Blumen in das Grab warfen, bis der Gärtner es völlig mit Erde zudeckte. Hierauf fand ſich die Familie Schaller und Neuberg wieder zuſam⸗ men, und es war Allen, als ſchließe am Grabe Si⸗ mon's ein wichtiges Lebenskapitel für ſie ab. Sie 186 hatten einen Kampf hinter ſich, in welchem Mei⸗ nungskonſequenzen und ſchroffe Vorurtheile einander gegenüberſtanden, die mit aller Leidenſchaftlichkeit geführt, Menſchen auf ewig auseinander zu reißen drohten, die für einander beſtimmt waren. Glänzend hatte ſich an ihnen die Wahrheit bewährt, daß alle Berechnungen des kalten Verſtandes nichtig ſind ge⸗ genüber dem unwiderſtehlichen, unfreiwilligen Zuge des Herzens und daß nicht der Menſch durch ſeinen Willen das Schickſal lenkt, ſondern das Schickſal ihn durch ſeine eigenen Empfindungen dahin leitet, wo eine höhere Weisheit ſeine Kräfte fordert. Was der überlegende Verſtand zu hindern beabſichtigte, hatte er gegen ſeinen Willen gefördert, und was er ſein Ziel genannt, war ganz anderen Fügungen dienſtbar geweſen; nur das Herz fand ſeinen Weg durch alle Hinderniſſe und dunklen Irrwege des Lebens. AN S ch l uß. Wenige Wochen darauf fand in Mainz der zweite bedeutende Volksauflauf ſtatt, in Folge deſſen die Bürgerwehr aufgelöſt und Belagerungszuſtand er⸗ klärt wurde. Es geſchah dies im Monat Mai, und — 187 da die Jahreszeit nun das Landleben mit doppeltem Reize ausſchmückte, ſo führte der alte Schaller einen langgehegten Vorſatz aus. Das öffentliche Treiben hatte er nach vielen Täuſchungen herzlich ſatt und er ſehnte ſich nach Ruhe und gänzlicher Ungebun⸗ denheit. Er zog daher mit ſeiner Frau nach Maien⸗ ruhe, wodurch er dem alten kränklichen Großvater die Aufſicht über ſeine ausgedehnten Beſitzungen erleichterte. Nach des alten Barons von Neuberg Wunſche ſollte Otto, ſeiner früheren Neigung zur Landwirth⸗ ſchaft folgend, das ſchöne Neuberg'ſche Gut am Rhein übernehmen, und es entſtand dadurch nun eine ei⸗ genthümliche Frage. Die alte Baronin nämlich war ſeit dem Tumulte in Mainz nicht wieder in die Stadt zurückgekehrt, und hatte ſich von ihrem Sohne das Verſprechen geben laſſen, Zeit ihres Lebens mit ihrem Polly und dem alten Diener auf dem Gute verbleiben zu dürfen. Er hatte ihr denn auch in einem abgelegenen Flügel eine gemächliche Wohnung zugewieſen, und es ergab ſich für die alte Dame nun die Wahl, entweder ihren ſichern Zufluchtsort wieder zu verlaſſen, oder ſich mit den Veränderungen in der Familie einver⸗ ſtanden zu erklären. Sie wählte das letztere, mit dem Vorbehalt, daß ſie ungeſtört bleiben und nur ſoweit es die Form durchaus nöthig mache, mit der Familie Schaller in Berührung kommen dürfe. 188 Das Schaller'ſche Geſchäft erhielt an Vetter Jan einen neuen Herrn und erfüllte ſomit den ſchönen Zweck, ein Brautpaar zu vereinigen, das ſich vortreff⸗ lich dazu eignete, dereinſt würdig zu den Spießbür⸗ gern der Stadt gerechnet zu werden.. Luiſe begrüßte den Plan, mit Richard die hei⸗ matliche Gegend zu verlaſſen, mit lebhafter Freude. Marie ſchmückte die Freundin ihrem Verſprechen ge⸗ mäß mit dem Verlobungskranze und beide Paare wurden an einem Tage verbunden. Der alte Baron begab ſich darauf mit ſeinem Sohne und deſſen jun⸗ ger Gattin nach Schloß Locznitz, wo Luiſe fortfuhr, wie Marie begonnen hatte, wohlthätig auf ihre Um⸗ gebung einzuwirken, wobei ſie den armen Dorfnarren in ihren beſonderen Schutz nahm. Die Stätte, wo Simon begraben war, wurde unter Mariens Anordnung zu einem Haine umge⸗ ſchaffen, in deſſen ſchattigen Zweigen jährlich ein Nachtigallenpaar ſich einfand. Sein Denkmal aber war bald ein Gegenſtand der allgemeinen Verehrung geworden; denn viele glaubten, er ſei als ein Opfer der Volkserhebung gefallen. ——