deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 1 vanamahmne lund Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens— 7 6 6 4 ſf 3 41 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit, eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet hr bis Abends 8 Uhr offen. 2 2, Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 4 2 6 fär wöchentlich a klcher⸗: A Puaher⸗ Hücher: auf 1 Monat: 1 M. Tf. 1 Nk. 50 Ff. 2 Mk.— Pf. „ 3„„„„ 4„—„ 6 55 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung 8 der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mir Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ „ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zexriſſene, verlorene und lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer um Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird ſ beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen 8 4. der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. beliebteſten Schriftſteller. Herausgegeben von J. L. Kober. Zwölfter Jahrgang. Eilfter Band. Familie Schaller. I. ———————————— 1857. Prag& Leipzig, Verlag von J. L. Kober. Bibliothek deutſcher Originalromane der —— Familie Schaller. Roman in zwei Bänden von 6 Adolf Glaſer. Erſter Band. 1857. Prag& Leipzig, Verlag von J. L. Kober. Frau Bertha Hughes gewidmet. Familie Schaller. I. 1 * Erstes Kapitel. Laugſam verhallten die mächtigen Klänge der Orgel in den weiten Gewölben des Domes; die an⸗ dächtige Menge verweilte noch einige Augenblicke, drängte ſich alsdann in buntem Gewühle durch die Pforte, vertheilte ſich zu einzelnen Gruppen und ging hierauf langſam und lebhaft den Heimweg ſuchend auseinander. Unter den letzten der herausſtrömenden Menſchen befanden ſich zwei Männer, von denen der eine, im geſetzten Alter mit ruhig ernſten Zügen, be⸗ dächtig voranſchritt, während der andere, ein junger Mann von blaſſer Farbe und beſtimmt ausgeprägter orientaliſcher Bildung des Geſichts, in begeiſterter Stimmung, ihm folgte, ohne von dem um ihn her wogenden Tumulte etwas wahrzunehmen. Des jun⸗ gen Mannes großes, ſchwarzes Auge, von langen ** 4 Wimpern beſchattet, verrieth durch den feuchten Schim⸗ mer und den ſchwärmeriſch ſanften Ausdruck die weiche Seele des Künſtlers, das Haar, vom glän⸗ zendſten Schwarz, umrahmte eine klare offene Stirne, die Naſe war edel gebildet, nur der Mund erſchien nicht feſt genug gezeichnet, um das ganze Geſicht ſchön nennen zu dürfen; die Bezeichnung intereſſant am ihm dagegen mit vollem Rechte zu. Beide durchſchritten die lebhaften Straßen der Stadt, gelangten vor das Thor und ſetzten zwiſchen reichen, im vollen Schmucke des Herbſtes prangenden Gärten ihren Weg am untern Ufer des Rheines fort. Die Sonne warf, ehe ſie hinter den Bergen verſank, ihre Strahlen über die glänzenden und ſchimmernden Wellen, die ſpitzen Kirchthürme der umliegenden Dör⸗ fer ſtrahlten im Abendſchein, und zwiſchen dem dunkel⸗ grünen Laub erglühten in den umliegenden Gärten umher die reifenden Trauben wie Gold. Von nah und fern tönte der Klang der Abendglocken über die Flu⸗ then, und junge Burſchen ſchritten ſcherzend und la⸗ chend mit rothwangigen Mädchen, welche die weißen Tücher leicht über den Kopf gebunden hatten, die Straße entlang. Eine geraume Zeit ſchritten die beiden Männer ſchweigend nebeneinander her. Der Aeltere, der die 1 5 Bewegung ſeines jungen Freundes verſtand, vermied es abſichtlich den Nachklang des gehabten Eindrucks in ihm zu ſtören, und erſt nachdem ſie eine Weile von dem Geräuſche der Stadt entfernt waren, be⸗ gann er mit folgenden Worten: „Wie allgewaltig iſt doch die Wirkung der Muſik! ihr Zauber erhöht die Kräfte unſerer Empfindung und verſetzt ſie in einen ungewöhnlichen Grad von Empfänglichkeit für das Göttliche.“— „So,“ entgegnete der Jüngling,„fühle ich in dieſem Augenblicke ihre Wirkung! Jeder Gedanke in mir iſt heilig, mein ganzes Weſen ruht in ſeligem reinem Entzücken. O, glücklich der, dem es vergönnt iſt, etwas Aehnliches zu ſchaffen! Kann es wohl einen erhabeneren, edleren Beruf geben, als Empfin⸗ dungen wach zu rufen, welche denen gleichen, die mich jetzt erfüllen!“ „Muth und Ausdauer, mein Freund,“ verſetzte der andere,„und Du kannſt es erreichen! Noch ver⸗ zagt Dein Gemüth und zweifelt an der eigenen Fä⸗ higkeit, aber eben diefe beſcheidene Bewunderung fremder Kräfte iſt mir ein ſicheres Unterpfand für Deine Zukunft, denn ſie läßt Dich mit heißem Ver⸗ langen das Gute aller Zeiten erfaſſen und halten.“ „ und doch,“ begann mit zögernder Stimme der —— —— 6 Jüngling,„bin ich gerade jetzt zu dem Entſchluſſe gekommen, der Kunſt ungetreu zu werden.— Eine Macht, ſtärker als ſie, hat es über mich vermocht, dieſen Entſchluß zu reifen. Wohl glaubte ich ſonſt, wenn mein Herz erfüllt war von Wonne oder Leid, daß ich nur in der Kunſt Beruhigung zu finden ver⸗ möchte, aber es war ein Irrthum. Wozu iſt die Welt ſo ſchön geworden, als daß ſie der Menſch erkennen und im Erkennen genießen ſoll? Wozu füllt ſich das Herz mit Empfindungen, als daß es überſtrömen und ſich erkennen und wiederfinden ſoll in dem einen, höchſten Gefühle, in dem ſich die Erde verklärt und vollendet!“ „Ich errathe Dich,“ ſagte etwas überraſcht ſein Begleiter;„nur der Liebe konnte es möglich ſein, dieſe Veränderung zu bewirken.“— „Du haſt recht errathen,“ entgegnete jener lä⸗ chelnd;„aber frage nicht weiter, denn Morgen iſt ſchon der Tag der Entſcheidung über mein Lebens⸗ glück. Ich habe mein Gefühl verborgen gehalten, ich will es auch jetzt noch thun, bis ich weiß, wie Alles endet.“ Die beiden Wanderer hatten ſich ſo in ihr Ge⸗ ſpräch vertieft, daß ſie es nicht bemerkten, wie ein anderer junger Mann ihnen entgegen kam. — 7 „Gewiß wird hier der heiligen Cäcilie der Hof gemacht!“ rief er ihnen munter entgegen—„da Ihr nichts ſeht noch hört von dem, was um Euch vor⸗ geht. Woher des Weges und wohin?“ fuhr er fort, indem er den beiden die Hände reichte.— Eine leichte Röthe überflog das Geſicht des Jüngeren der beiden Spaziergänger, während der Aeltere antwortete: „Unſer Geſpräch bewegte ſich in der That auf dem der heiligen Cäcilie geweihten Felde, und dies i*ſt begreiflich, da wir ſo eben im Dome eines ihrer Wunder, das Mozart'ſche Requiem, angehört haben. Aber Sie erinnern mich bei guter Zeit an die Um⸗ kehr.— Gehen wir zuſammen?“ „Ich hätte Luſt noch eine kleine Waſſerfahrt zu machen,“ meinte der Neuangekommene,„und wenn Freund Simon dabei ſein will, ſo machen wir eine kleine Parthie nach dem Rheingau. Der Abend iſt ſo ſchön und die Rückfahrt bei Mondbeleuchtung ver⸗ ſpricht ein Hochgenuß zu werden.“ „Ich bedauere, daß ich nicht dabei ſein kann,“ erwiederte der ältere Herr,„aber es wäre in der That ein Unrecht, wollten Sie dieſen herrlichen Vor⸗ ſchlag nicht ausführen. Unterhalten Sie ſich gut, und Dir, Simon, wünſche ich Glück zu Deinem Vorhaben auf Morgen. ¹ Damit grüßte er die jungen Leute und ging zur Stadt zurück.— „Was meint denn der Alte mit dem Glück⸗ wunſch 2“ frug Otto— ſo hieß der Neuangekommene— indem die beiden jungen Leute langſam nach dem Ufer ſchritten. Simon zögerte mit der Antwort. „Gewiß haſt Du wieder eine Compoſition fer⸗ tig. Da wünſche auch ich Dir von Herzen Glück!“ fuhr jener fort.„Wie iſt es denn? ſteht Dein Ent⸗ ſchluß noch feſt, nach Italien zu gehen?“ „Noch nicht,“ entgegnete halblaut ausweichend der Gefragte, und wendete ſich zu einem der Kähne am Ufer, löſte die Kette, ſprang hinein, ergriff eins der Ruder, und nachdem Otto daſſelbe gethan hatte, fuhren ſie langſam den Strom hinab. „Wenn Du nach Italien ziehſt,“ begann Otto nach einer Weile,„wirſt Du unſern Rhein bald ver⸗ geſſen haben.“ „Gewiß nicht!“ erwiederte Simon.„Bei mir wird keine Gegend der Welt unſerm Rhein den Preis ſtreitig machen. Wenn ihm auch der Reiz der ſüdli⸗ chen Vegetation fehlt und er die Zierlichkeit der ita⸗ liſchen Gegenden nicht erreicht, ſo iſt bei ihm die Schönheit durch den Ausdruck der Kraft erhöht und die Sage ſchlingt ihr zauberhaftes Band durch die 9 fruchtbaren Thäler, über ſchroffe Felſen zu den dro⸗ henden Burgen empor. Und wenn ich auch die Ge⸗ gend vergeſſen könnte, wie ſollte die Erinnerung an all das Schöne und Gute, was ich hier erlebte, je⸗ mals aus meinem Gedächtniß ſchwinden? Aber,“ ſetzte er leiſer hinzu,„noch bin ich nicht fort, und wer weiß, ob ich überhaupt gehen werde.“ „Um ſo beſſer für uns,“ meinte Otto.„Aber was hat Deinen Entſchluß plötzlich wankend gemacht?“ Einen Augenblick ſchwieg Simon, dann ſagte er:„Eigentlich ſollte ich Dir am wenigſten verſchwei⸗ gen, was mich bewegt, aber eine unerklärliche Furcht hält mich zurück. Morgen wirſt Du Alles wiſſen.“ Damit ſchwieg er und ruderte eifrig weiter. Keiner der Beiden ſprach mehr ein Wort, bis ſie am ent⸗ gegengeſetzten Ufer in der Nähe eines Dörfchens an⸗ landeten. Sie ſtiegen aus und gingen zwiſchen den Fel⸗ dern hindurch. Goldkäfer liefen eilig über die zittern⸗ den Grashalme, das Schwirren der kleinen Heimchen erfüllte die Luft, und wo ein Sonnenſtrahl hintraf, erblickte das Auge unzählige Schwärme kleiner Ge⸗ ſchöpfe, die auf und ab in der Abendluft, wie im frohen Tanze ſchwebten und wogten. Die beiden jun⸗ gen Leute gingen eine Weile voran und ſetzten ſich 2 10 dann, bei einem Punkte angekommen, wo man eine herrliche Fernſicht hatte, auf eine Bank am Wege. Simon verſank in Nachdenken. Nachdem Otto eine Zeitlang ruhig an ſeiner Seite geſeſſen hatte, ward er ungeduldig und ſtand auf. „Dieſe Zumuthung iſt etwas zu ſtark,“ ſagte er.„Du ſetzeſt Dich dahin, vertiefſt Dich in Deine muſikaliſchen Schwärmereien, daß Du nichts ſiehſt noch hörſt, und ich ſoll unterdeſſen das Vergnügen genießen, Dir zuzuſehen. Das halte ich nicht länger aus. Bleibe Du hier ſitzen, ich ſchweife unterdeſſen in der Umgegend umher und kehre dann wieder zurück.“ „Thue das,“ entgegnete Simon.„Ueberlaß mich meiner Stimmung. Botaniſire, ſuche Käfer, oder gehe auf Abentheuer aus, ich werde Dich hier erwarten.“ Otto ſtand auf und ging auf der Landſtraße weiter, bis er einen Seitenweg fand, den er aufs Gerathewohl hin einſchlug. Anfänglich führte der Pfad zwiſchen Weinbergen, die über und über voll Trauben hingen, dahin. Ueberall glänzte die helle Fluth des Rheines zwiſchen den Blättern und Spal⸗ ten hindurch, und wo ein größerer Zwiſchenraum ſich öffnete, bot ſich dem Auge ein reizendes Landſchafts⸗ bild dar. Leichten Schrittes ging er voran, ſah bald rechts, bald links ſich um, ſog die kühlende Luft 8 11 ein, die über das Waſſer herüberſtrich, und genoß mit vollen Zügen die Schönheit des herrlichen Herbſt⸗ abends. Plötzlich ſchien es ihm, als vernehme er nicht weit von ſich ein leiſes Schluchzen und Weinen. Er ſtand ſtill und lauſchte, und da er ſich überzeugt hatte, daß er nicht irrte, ging er ſchnellen Schrittes voran, dem Orte zu, von wo er jenes Geräuſch ge⸗ hört zu haben glaubte. Da erblickte er eine ältere Frau, welche augen⸗ ſcheinlich von einem Nervenzufalle getroffen, von ei⸗ nem jungen blühenden Mädchen unterſtützt, auf einer Bank am Wege ſaß. Als das Mädchen die Schritte des Nahenden vernahm, blickte ſie auf, und da ſie den jungen Mann anſichtig wurde, überflog ein Strahl der Freude ihr Geſicht. „Welch ein glücklicher Zufall führt uns auf dieſem einſamen Wege menſchliche Hilfe entgegen!“ rief ſie aus.„O, mein Herr, haben Sie Mitleid mit unſerer Hilfloſigkeit und gewähren Sie mir Ihren Beiſtand, um die Kranke nach Hauſe zu führen.“ tto ſtand einen Augenblück überraſcht von dem Eindruck, den die ganze Erſcheinung auf ihn machte. Der Schmerz in den Zügen der kranken Frau, ge⸗ genüber der zarten, ungewöhnlichen Schönheit, die auf dem Geſichte des jungen Mädchens thronte, die blauen Augen, die von Thränen erfüllt, bittend zu ihm aufblickten; alles dies bewegte ihn mächtig und erfüllte ihn mit aufrichtiger Theilnahme. Raſch eilte er hinzu und ohne im erſten Augenblicke eines Wor⸗ tes mächtig zu ſein, unterſtützte er die Kranke, half ihr ſich von der Bank erheben und führte ſie im Ver⸗ ein mit ihrer jungen Begleiterin langſam hinweg. Eine Zeitlang gingen ſie ſchweigend mit ein⸗ ander voran. Otto, ſonſt ſo redſelig, konnte es nicht über ſich gewinnen, eine Unterhaltung anzuknüpfen, und das junge Mädchen ſchien ſo ſehr von der Sorge für die Kranke in Anſpruch genommen, daß es ihr unmöglich wurde, etwas zu reden. Ob vielleicht auch das Gefühl, ſo in der Sorge um ein hülfsbedürftiges Weſen plötzlich miteinander verbunden zu ſein, Theil hatte an dem beengenden Gefühle, welches die Beiden beherrſchte, wollen wir nicht entſcheiden. Endlich brach die Kranke ſelbſt das Stillſchwei⸗ gen, und indem ſie Otto dankte für den ihr gelei⸗ ſteten Beiſtand, beklagte ſie bitter ihren hilfloſen Zu⸗ ſtand. Sie erzählte, wie ſie, ſich beſſer fühlend, ge⸗ glaubt habe, dieſer erſte Ausgang werde ihre Kräfte vermehren, und daß ſie es nun erſt recht fühle, wie 4 13 krank und elend ſie ſei. Otto ſprach ihr vergeblich Troſt zu.— Es ſchien ihm ein Widerſpruch in den ſanften Zügen der Leidenden zu den troſtloſen, zag⸗ haften Worten derſelben zu liegen. Indeſſen dachte er darüber nicht weiter nach, da ſeine Gedanken viel zu ſehr mit der lieblichen Begleiterin der Leidenden, die er für deren Tochter anſah, beſchäftigt waren. Bald gelangten ſie an den Eingang des Dörf⸗ chens und die Frauen lenkten ihre Schritte nach einem einfachen, aber reinlichen Häuschen, das von einem Garten eingefaßt, die Spuren ſorgſamer Ordnung trug. Ein junges Weib, offenbar die Frau des Haus⸗ beſitzers, kam ihnen mit ängſtlicher Geberde und rei⸗ chem Wortſchwall entgegen, und gab ihnen die Ver⸗ ſicherung, daß ſie ſich über das lange Ausbleiben der Frauen bereits halb todt geängſtigt habe. Sie nahm in ihrer Geſchäftigkeit wenig Rückſicht auf Otto, be⸗ mächtigte ſich der Kranken und würde dieſelbe ohne Weiteres ins Haus geführt haben, wenn dieſe nicht ſelbſt ſich umgedreht und Otto die Hand reichend, ihm mit wenig ſchlichten Worten ihren Dank aus⸗ geſprochen hätte. Auch das junge Mädchen reichte ihm die Hand, auch ſie wollte einige Worte des Dankes ſprechen, aber indem ſie die Lippen öffnete, verſtummte ſie vor Otto's Blicken plötzlich, ſah ihn verwirrt an und wendete ſich dann dem Hauſe zu. Otto blickte den Abgehenden nach. Sie waren längſt in der Thüre des Hauſes verſchwunden und er ſah noch immer dorthin; endlich ſtrich er mit der Hand langſam über die Stirne, holte tief Athem und wen⸗ dete ſich zum Weggehen. Halb wie ein Träumender ging er denſelben Weg zurück. An der Stelle, wo er die beiden Frauen zuerſt geſehen hatte, blieb er eine Weile ſtehen. Man hatte von dort eine prachtvolle Ausſicht nach dem gegenüberliegenden Ufer, aber Otto kehrte ihr den Rücken zu und ſein Auge hing an jener Bank, als erblicke er dort noch immer die leidende Matrone und das ſchöne, weinende Mädchen. Endlich fiel ihm ſein Begleiter Simon ein und er eilte nach dem Orte hin, wo er ihn verlaſſen hatte. Simon hatte ſich der Länge nach auf aie Bank hingeſtreckt und erwachte erſt aus ſeinen Eräume⸗ reien, als Otto vor ihm ſtand. Statt wie ſonſt mit einem Scherze den Freund wegen ſeiner Apathie zu necken, ermahnte Otto im ruhigen Tone, daß es Zeit zur Rückfahrt ſei. Sie gingen ans Ufer, löſten den Kahn, nahmen die Ruder zur Hand und fuhren langſam ſtromaufwärts. Es war unterdeſſen ſpät geworden und die 15 Sonne bereits hinter den Bergen hinabgeſunken. Der Mond war aufgegangen und ſein gelber Schein zitterte auf den Wellen, die wie Silber zwiſchen den dunkeln Rändern leuchteten. Ein ſanfter Windhauch bewegte leiſe die Blätter der Bäume an den Ufern und trug das flüſternde Geräuſch zu den Ohren der Heimkehrenden, deren tactmäßige Ruderſchläge weit⸗ hin durch die feierliche Stille ertönten. Keiner der beiden jungen Männer ſprach ein Wort und Otto mußte ſich ſelbſt heimlich geſtehen, daß er ſich nach dem gehabten Abentheuer keinen beſſern Begleiter wünſchen könne, als Simon, denn dieſer fand weder in ſeinem langen Ausbleiben etwas Befremdendes, noch auch bemerkte er die gänzlich veränderte Stim⸗ mung, in der Otto ſich befand. Er blieb nach wie vor verſunken in die Träumerei, die durch die ge⸗ häuften Findrücke des Abends in ihm hervorgeru⸗ fen war.— Es war voöllig dunkel geworden, als ſie am Ziel ihrer Fahrt anlangten. Sie ſtiegen aus und ſchlugen, Arm in Arm, den Weg nach der Rhein⸗ brücke ein, wo des Abends die Bevölkerung der Stadt zu luſtwandeln pflegt. Bald begegneten ſie Bekann⸗ ten, die rechts und links grüßend an ihnen vorüber⸗ ſchritten, und nach kurzer Zeit hatte ſich bereits 16 eine kleine Anzahl vertrauter Freunde zu ihnen geſellt. Nachdem ſie mehrmals auf und ab gegangen waren und ſich über die Neuigkeiten des Tages un⸗ terhalten hatten, machte einer der jungen Leute den Vorſchlag, nach einer beliebten Weinſtube zu ziehen, wo neuer Wein heute zum erſten Male ausgeſchenkt werde. Simon, der von dem Augenblicke an, wo das muntere Geplauder ihn aus ſeinem Nachdenken ge⸗ riſſen hatte, wie umgewandelt war, ſtimmte ſogleich mit ein und die ganze Geſellſchaft machte ſich auf den Weg nach dem bezeichneten Hauſe. Aber wie erſtaunten Alle, als Otto an der Thüre deſſelben Abſchied von ihnen nahm, und mit undeutlichen Ent⸗ ſchuldigungsgründen ſie verließ, um nach Hauſe zu eilen. Dies kam ihnen Allen ſo ungewohnt vor, daß ſie bald darüber einig waren, Otto müſſe unwohl geworden ſein. Einige wollten dies auch ſchon auf der Brücke bemerkt haben. Sie ſetzten ſich indeß bald darüber hinweg und ſprachen dem neuen Weine tüchtig zu. Etwas lahm blieb die Unterhaltung indeß doch, denn Otto war allezeit als der heiterſte Geſell⸗ ſchafter unter ihnen bekannt. —A Smeites Kagitel. Das Haus des Kaufmanns Schaller galt in Mainz als der Sammelplatz der Künſtler und Kunſt⸗ liebhaber. Die großen, daat sgeſtattrten Räume boten des Abends meiſt ein zuntbewegtes Bild fro⸗ hen geſellſchaftlichen Treibens dar. Der Hausherr, der ſich durch raſtloſe Thätigkeit ſeine Stellung ſo⸗ wohl in der Handelswelt als in der Geſellſchaft ſelbſt errungen hatte, ſah es gern, wenn ſein Haus von den Freunden ſeiner beiden Kinder, Otto und Luiſe, häufig beſucht wurde. Er ſelbſt liebte die Kunſt, in ſo fern ſie zur Erheiterung des Lebens beitrug. Er hatte bedeutende Summen darauf verwendet, ſeine Kinder in Allem unterrichten zu laſſen, wozu ſie irgend Luſt zeigten, und lächelte wohlgefällig, wenn deren Talente anerkannt und belobt wurden.. Am Morgen nach dem Abende, an welchem Otto mit ſeinem Freunde Simon die Waſſerfahrt gemacht hatte, ſaß Schaller mit ſeiner Frau beim Frühſtück; ihre beiden Kinder waren nicht zugegen, nur ein weiteres Glied der Familie, ein Vetter aus Amſterdam, welcher ſeit einiger Zeit im Schaller'ſchen Geſchäfte thätig war, ſaß mit bei Tiſche. Die Un⸗ Familie Schaller. J. 2 terhaltung bewegte ſich zwiſchen den beiden Männern und betraf ausſchließlich Angelegenheiten des Ge⸗ ſchäfts. Thereſe, Schaller's Gattin, war als aufmerk⸗ ſame Wirthin bemüht, die Herren zu bedienen. „Schon zu Ende, lieber Schaller?“ frug ſie ihren Mann, als dieſ eſſer und Gabel weglegte; „hier iſt noch ein ſch Stück Braten, das nimm noch.“ „Danke, danke, mein Kind!“ entgegnete Schal⸗ ler, indem er die Serviette zur Seite legte.„Ich habe faſt zu viel gegeſſen.“ „Heute mußt Du ſchon etwas mehr als ge⸗ wöhnlich thun, da das Mittageſſen knapp ausfallen wird,“ bemerkte Thereſe. „Wie ſo?“ frug Schaller. 1 „Wir müſſen uns behelfen, ſo gut es geht. Du haſt wohl vergeſſen, daß Du mir die Arbeiter ge⸗ ſchickt haſt, um die Veränderung in meiner Küche zu treffen?“ „Sind ſie gekommen? Schön, ſchön, das iſt mir lieb, da muß unſere Köchin allerdings einige Tage außer Wirkſamkeit geſetzt werden, aber zu hungern brauchen wir deshalb nicht. Ich werde nach Mai ruhe fahren, Du und die Kinder kommt mit.“ „Fahre Du mit den Kindern hin,“ entgegnete 19 Frau Thereſe,„ich bleibe hier, um die Arbeiter zu überwachen. Ich fürchte nur, wir werden ſie ſobald nicht wieder los werden; ich habe kein Vertrauen zu dieſer neuen Einrichtung und ſehe voraus, daß jene bald wieder einreißen, was ſie heute aufbauen.. Schaller machte ein feseishliches Geſicht.„Aber liebes Kind,“ ſagte er,„wozu nun ſo oiel unnütze Worte? Ich bin von der Vorzüglichkeit dieſer Neu⸗ erung überzeugt.“ „Das ſagſt Du bei Deinen Neuerungen jedes⸗ mal,“ erwiederte lächelnd Thereſe;„aber ich ſehe nicht ein, warum wir ſtets die Erſten ſein müſſen, die jede neue Erfindung prüfen. Wie manche geprieſene Ver⸗ beſſerung hat uns ſchwere Opfer gekoſtet! aber Du überläßt es nie Andern, zu prüfen, ob ſich etwas im Gebrauche bewährt oder nicht. Es iſt ſchon in der ganzen Stadt Sitte geworden, bei jeder Neu⸗ erung erſt abzuwarten, bis ſie bei uns Probe beſtanden.“ „Du biſt mißlaunig,“ entgegnete hierauf Schal⸗ ler,„weil ich wieder einmal Deine Hausordnung der⸗ angire.“ a Der junge Mann, welcher bisher ſchweigend iinen gaſtronomiſchen Exerzitien fortgefahren hatte, erhob und entfernte ſich, da er glaubte, daß eine kleine Eheſtandsſcene im Ausbrechen begriffen ſei. .. 2* 20 Er irrte ſich indeß, denn mit der heiterſten Miene fuhr Thereſe fort:„Daran bin ich ſchon lange gewöhnt. Ein unruhiger Kopf biſt und bleibſt Du doch einmal, und wahrhaftig, es iſt mir lieber, Du wendeſt Deine Neuerungsverſuche und die Sucht zu reformiren, meiner Küche zu, als andern Einrichtun⸗ gen. Hier, im Innern unſeres Hauſes, ſind wir nur uns ſelbſt Rechenſchaft ſchuldig, und wenn Dir nach dieſer Umwälzung ſchlechtgerathene Speiſen vorgeſetzt werden, ſo kannſt Du ohne Sorge gleich wieder mit einer neuen Umänderung beginnen.“ Schaller mußte ſelbſt lächeln und entgegnete kopfſchüttelnd:„Das iſt wieder einmal eine rechte Frauenanſicht. Die Ordnung ihrer Küche und das Wohl der Menſchheit, gilt ihr alles gleich.“— „Nun, ſo viel weiß ich ſicher,“ erwiederte The⸗ reſe,„wenn Du die Ordnung meiner Küche unnützer⸗ weiſe ſtörſt, ſo haſt Du höchſtens ein böſes Geſicht von mir zu erwarten; ſtörſt Du aber die Ordnung des Staates, ſo iſt Deine Sicherheit in größerer Ge⸗ fahr. In der Beurtheilung, ob Deine Projekte und Verſuche dort oder hier mehr geſicherte Berechtigaang haben, erkläre ich mich allerdings incompetent, Min da gilt ja doch die Stimme der Frauen nichts; aber verſichern kann ich Dich, daß ich Gott danke, wenn 21 Du Deine Pläne etwas mehr in das Innere des Hauſes richteſt, denn ich will lieber ein wenig Aerger, als viel Angſt und Sorge aushalten.“ Jetzt ſchien Schaller ernſthaft böſe zu werden. „Du weißt,“ ſagte er,„daß ich ſolche alberne Scherze nicht leiden kann.— Es ie Dinge, die nur zum Ernſte ſtimmen ſollen.“ „Nun ja,“ entgegnete naigend Thereſe,„ich bin doch nun einmal eine alberne Frau, und Du ſollteſt Dich daran gewöhnt haben; Du weißt ja, daß es nicht ſo ſchlimm gemeint iſt.“ Und damit ordnete ſie ihm das Halstuch, indem ſie ihm freund⸗ lich in das Geſicht ſah. Schaller's Groll war ſogleich vorüber.„Wo die Kinder ſo lange bleiben?“ fragte er, ungeduldig nach der Uhr ſehend. „Sie ſind zur Geſammtprobe für das Conzert, das nächſte Woche ſtattfindet,“ erklärte Thereſe, „und da weiß man ja, wie's geht. Die Herrchen und Dämchen werden nicht gehörig eingeübt haben, und der arme Director in Noth und Aerger gerathen. Das giebt dann nur wieder neuen Stoff zur Be⸗ luſtigung für das übermüthige junge Volk.“ „Alſo nächſte Woche findet das Conzert ſtatt?“ frug Schaller gedehnt,—„und ich muß auch dabei ſein?“ 7 22 Thereſe, die ſeine Abneigung für derartige Ver⸗ gnügungen kannte, entkräftigte ſeine Einwendungen ſogleich, indem ſie ſagte:„Ohne Zweifel! Du wirſt uns doch nicht allein gehen laſſen? Warte nur, bis Du erſt Luiſen in ihrem neuen Anzuge geſehen haſt— dann wirſt Du ihr zu Liebe gern ein wenig Langeweile ertragen. ſie ſo allerliebſt ausſieht und die Herren ſie eenweiſe umlagern, das ge⸗ fällt dem Herrn Papat denn doch auch, und wenn ſie erſt ihre Soloparthie ſingen wird!— ſieh! ſieh! wie er da ſchmunzelt.“ Schaller ging vom ſchmunzelnden Lächeln ſo⸗ eben in ein herzliches Lachen über, als die Thür ſich öffnete und das Dienſtmädchen frug, ob Herr Simon Goldheim Herrn Schaller ſprechen könne. Simon Goldheim, den wir bereits kennen, war der Sohn eines der reichſten Banquiers der Stadt. Sein Vater beſorgte die Geldgeſchäfte für Schaller, er ſelbſt aber war durch ſeine bedeutende muſikaliſche Bildung einer der beliebteſten Abendgäſte im Schal⸗ ler'ſchen Hauſe. Obgleich er ſich faſt nie in Geſchäfts⸗ angelegenheiten dort einfand, ſo trug ein Morgen⸗ beſuch doch zu ſehr das Gepräge eines ſolchen, als daß man etwas anderes hätte vermuthen können. Frau Schaller wollte ſich deshalb eben entfernen, als 23 Simon eintrat, ſie begrüßte und nach ihrem Befin⸗ den fragte. 1 „Sie haben unſere letzte muſikaliſche Soirée ver⸗ ſäumt,“ ſagte Thereſe mit der freundlichſten Miene, nachdem ſie ſeinen Gruß erwiedert hatte;„und es ging Ihnen damit ein Triumph verloren. Luiſe ſang Ihr letztes Lied und erregt teinen wahren Sturm des Beifalls.“ „Wenn Fräulein Luiſe ſingt,“ entgegnete Si⸗ mon zuvorkommend,„ſo iſt jedes Lied des Erfolges ſicher.“ Thereſe lächelte und nickte dem artigen jungen Manne, deſſen Erſcheinung heute beſonders vortheil⸗ haft und einnehmend war, geſchmeichelt zu.„Luiſe war ſehr gut disponirt an jenem Abende,“ fuhr ſie dann leichthin fort.—„Nun ich höre ja, Sie werden Ihre muſikaliſchen Studien in Italien fortſetzen? Wir freuen uns recht ſehr, daß es Ihnen endlich gelungen iſt, ihren Vater dazu zu bewegen; es wäre unverantwortlich geweſen, ein ſo entſchieden ausge⸗ ſprochenes Talent nicht vollkommen auszubilden.“ „Ein ſo entſchieden ausgehildetes Geſchäft, wie das des Herrn Goldheim Vater, iſt auch nicht zu verachten,“ warf Schaller halblaut dazwiſchen. Simon wendete ſich zu ihm und ſagte:„Noch 24 bin ich auch nicht entſchieden, welches von beiden ich aufopfern werde.“ „Aber Sie waren doch ſtets ſo unzufrieden in ihrer Lage,“ meinte Thereſe ganz erſtaunt,„ich dachte immer, Sie hätten keinen höhern Wunſch, als das Geſchäft zu verlaſſen.“ Eine leichte Rö g über Simon's Geſicht. „Sie kennen das S rt, erwiederte er:„Der Menſch denkt, Gott leukt „Aber ſagen Sie mir,“ frug jetzt Thereſe wie⸗ der,„wie kommt es, daß Sie die heutige Geſang⸗ probe verſäumen?“ „Dies geſchah abſichtlich,“ entgegnete Simon, „da ich gerade dieſe Stunde benutzen wollte, um Herrn Schaller ein wichtiges Anliegen mitzutheilen.“ „Dann will ich Sie mit ihm allein laſſen,“ meinte Thereſe.„Werden Sie unſere nächſte Soirée nicht verſäumen, lieber Goldheim. Sie wiſſen doch, wie angenehm uns Ihre Gegenwart iſt. Luiſe ſoll dann jenes Lied wiederholen.“ „Ich hoffe, daß ich zugegen ſein kann.“ Thereſe reichte Simon die Hand, nickte ihm einen freundlichen guten Morgen zu und ließ ihn mit ihrem Manne allein. „Was ſo ein Künſtler doch bei den Frauen 25 gilt!“ ſagte Schaller, indem er Simon auf die Schulter klopfte.—„Setzen Sie ſich, Herr Gold⸗ heim,“ fuhr er fort,„führt Sie ein Auftrag Ihres Herrn Vaters zu mir?“ Nachdem ſich beide geſetzt hatten, entgegnete Simon:„Nicht doch, ich komme in eigenen Angele⸗ genheiten.“ Schaller ſah ihn eine lle forſchend an, dann ſagte er:„So reden Sie, womit kann ich dienen?“ und Simon, nicht ohne Verlegenheit in Blick und Stimme, begann folgendermaßen: „Sie kennen unſere Verhältniſſe, Herr Schaller, und wiſſen auch, was ja allen meinen Freunden be⸗ kannt iſt, daß ich mich nicht wohl in denſelben fühle. Meine Liebe zur Muſik verleidete mir das Geſchäfts⸗ leben und ich befinde mich ſeit längerer Zeit in ei⸗ nem fortwährenden Zwieſpalt zwiſchen den Pflichten des Gehorſams gegen meinen Vater, deſſen einziger Wunſch es iſt, mich als den dereinſtigen Erben ſeines Geſchäfts zu ſehen, und dem innern Drange, der mich treibt, meine Kräfte der Ausbildung in der Kunſt zu weihen.“ 3 „Aber erlauben Sie mir einen Einwurf,“ be⸗ merkte hier Schaller, indem er ſeine Hand auf den Arm des jungen Mannes legte;„weshalb ver⸗ ₰ 8 „ * 26 binden Sie nicht beides? Führen ſie das Geſchäft Ihres Vaters fort und treiben Ihre muſikaliſche Lieb⸗ haberei nebenbei. Dadurch würden Sie die angenehm⸗-⸗ ſte Stellung in der Stadt erlangen. Ein Mann mit Ihrem Vermögen!“ „Was ich ſein muß ich ganz ſein,“ ver⸗ ſetzte Simon mit fe Stimme;„und wenn die Kunſt Tauſenden zur haberei dient, ich kann ſie nie ſo tief erniedrigen, dazu verſtehe ich ihre Erha⸗ benheit zu gut. Aber,“ fuhr er fort und ſeine Stimme ſank zu der vorherigen Unſicherheit herab,„ich glaube ihr entſagen zu können, glaube Erſatz finden zu kön⸗ nen im Leben für das Opfer meines idealen Stre⸗ bens, und von Roſenkränzen der Liebe umwunden hoffe ich zu vergeſſen, daß ich einmal von Lorbeeren geträumt. Soweit ſteht mein Entſchluß feſt, auf Sie kömmt es nun an, ihn zu realiſiren.“ „Reden Sie deutlich,“ entgegnete Schaller hier⸗ auf ganz verwundert,„was kann ich thun?“ „Jedermann kennt Ihre freimüthigen Geſtn nungen,“ erwiederte Simon,„Ihr wohlwollender Chae racter iſt frei von jedem Vorurtheile, deshalb wage ich die Wünſche auszuſprechen, die ich ſeit lange ver⸗ ſchloſſen in der Bruſt trage und welche ich aadin vielleicht für immer begraben hätte. Die Freundlich⸗ 27 keit, mit welcher ich in Ihrem ſchönen Familien⸗ kreiſe aufgenommen wurde, hat mich mehr als alle öffentlichen Beweiſe fühlen laſſen und davon über⸗ zeugt, daß es in unſerer Zeit dem offenen Sinne und dem redlichen Wollen möglich geworden iſt, alle Schranken veralteter Anſchauungen zu durchbrechen und ſich ſelbſt ſein Schickſal zu ſchaffen. Die Geſetze ſind der allgemeinen Anſicht nachgekommen und es beſteht kein unüberwindliches Hinderniß zwiſchen mei⸗ nem Wunſche und deſſen Erfüllung.— Ich liebe Ihre Tochter mit der ganzen Stärke wahrer Neigung und würde dieſer Liebe alle meine perſönlichen Hoffnun⸗ gen für die Zukunft unterordnen, überglücklich in der Erfüllung meines höchſten Wunſches, wenn ich Ihrer Einwilligung ſicher ſein dürfte.“ Schaller war über dieſen Vorſchlag offenbar überraſcht; er ſchwieg einen Augenblick, dann geſtand er dem rinngen Manne ſein Erſtaunen. War dieſe Ueberraſchung eine unangenehme für Sie?" frug dieſer. „Ganz und gar nicht,“ verſicherte Schaller in großer Verlegenheit,„aber höchſt unvorhergeſehen, ganz unerwartet.“ „Was iſt natürlicher, als daß Fräulein Luiſe überall ſiegt, wo ihre Schönheit, ihr Geiſt, ihre Ta⸗ 28 lente Gelegenheit haben zur Geltung zu kommen!“ rief Simon im Tone der Ueberzeugung aus, und Schaller, der ſich durch das Lob geſchmeichelt fühlte, entgegnete:„Wahr, wahr! aber haben Sie denn ſchon mit Luiſe ſelbſt geſprochen?“ „Ihre ganze Familie,“ antwortete Simon,„hat mich ſtets ſo ſehr mit beiſen des Vertrauens über⸗ häuft, daß ich fürchtete, ein Unrecht zu begehen, wenn ich Sie nicht zuerſt in Kenntniß geſetzt hätte. An kleinen Andeutungen ließ ich es nicht fehlen, und wenn ich mich nicht täuſche, ſo glaube ich hoffen zu dürfen, daß ich verſtanden bin.“ „Es iſt wahr,“ entgegnete Schaller nach eini⸗ gem Nachdenken;„ſingt ſie nicht vorzugsweiſe immer Ihre Lieder? und iſt Ihre Begleitung, wenn ſie ſingt, ihr nicht ſtets die liebſte? Meine Damen moch⸗ ten Sie immer gern leiden. Wenn ich die Sache ge⸗ nau überlege, ſo freut mich Ihr Vorſchlag. Ja, ja, wahrhaftig, recht von Herzen freut er mich, und es wird ſich wohl machen, denke ich!“ „Alſo wäre Ihre Einwilligung mir gewiß?“ frug haſtig Simon. Schaller fand, je mehr er die Sache überlegte, um ſo mehr Wohlgefallen daran. Das iſt einmal eine elektante Gelegenheit, ſprach er vor ſich hin, 29 um dem Vorurtheil die Spitze zu bieten und allem, was ich bis jetzt im SEane e anität gethan, die Krone außzuſetzen.— „Freilich! freilich! haben Sie meine Einwilli⸗ gung,“ wendete er ſich wieder zu dem jungen Manne. „Aber eins muß ich Ihnen ſagen. Mein Princip in Bezug auf meine Kinder iſt: Selbſtſtändigkeit bei bedeutenden Lebensfragen, ohne Zwang, ohne Ueber⸗ redung. So iſt meine Luiſe erzogen. Ich werde ſie nun fragen und Sie müſſen auf jede Antwort ge⸗ faßt ſein.“ „Weit ab von mir liegt der Gedanke, ein Herz zu begehren, das ſich mir nicht freiwillig giebt,“ entgegnete Simon. Schaller, indem er ihm die Hand reichte, ſetzte hinzu:„Es gefällt mir von Ihnen, daß Sie ſich zuerſt an mich gewendet haben. Verlaſſen Sie ſich darauf, ich werde Ihre Sache gut führen. Das Mäd⸗ chen müßte ja thöricht ſein, ſollte ſie zaudern, und wahrhaftig! Sie haben Recht, ich habe es auch ſchon bemerkt, ſie iſt Ihnen gut.“ Ein Strahl der Freude überflog Simon's Geſicht. „O, beſter Herr Schaller,“ rief er aus,„wie glücklich machen mich dieſe Worte! Dank, Dank dafür!“ „Nun, nun,“ beruhigte ihn jener,„was iſt da⸗ bei zu danken? Gehen Sie nur, Herr Goldheim, und verlaſſen Sie ſich auf mich; mein Mädchen kommt bald nach Hauſe, dann werde ich ſie gleich vernehmen. Die wird erſtaunen!“ Simon war zu bewegt, als daß er noch länger zu bleiben wünſchte. i Sie denn wohl,“ ſagte er;„mein Glück liegt in Ihrer Hand,“ und mit einem warmen Händedrucke empfpahl er ſich. Als Simon ſich entfernt hatte, ging Schaller einige Augenblicke im Zimmer auf und ab, rieb ſich vergnügt die Hände, und ſtellte ſich dann mit ver⸗ ſchränkten Armen an das Fenſter. Eine herrliche Parthie, murmelte er halblaut vor ſich hin. Das erſte Banquiergeſchäft der ganzen Stadt und meine Tochter, das wird Aufſehen machen. Da wird man einmal erkennen lernen, was Conſequenz iſt. So muß es kommenl! durch die That muß man beweiſen, wie man geſinnt iſt, dann erſt gewinnt jedes Wort wahre Bedeutung. Indem er ſo vergnügt ſeinen Gedanken nach⸗ hing, erſchallte von der Treppe her Luiſen's helle Stimme.— Sie hüpfte ihrer Gewohnheit nach ſin⸗ gend herauf. Raſch öffnete ſie die Thüre und trat ein. Sie nahm Hut und Tuch ab, ſo daß die zier⸗ 31 liche Geſtalt, das volle dunkelbraune Haar zu dem heiteren offenen Ausdruck des Geſichts ein reizendes Mädchen von etwa ſiebenzehn Jahren in der Fülle der Geſundheit erkennen ließ. „Guten Morgen, Papa!“ rief ſie, und indem ſie ſich in einen Seſſel warf, ſetzte ſie hinzu:„Ach, wie müde!“ Schaller, der es kaum erwarten konnte, dem Mädchen ſeine Pläne in Bezug auf den jungen Goldheim mitzutheilen, ſtellte ſich vor ſie hin, be⸗ trachtete ſie eine Zeitlang wohlgefällig und begann dann mit der Frage: „Nun, Eure Probe hat ja recht lange ge⸗ dauert?“ „Ach, du mein Gott!“ fiel Luiſe ihm raſch in das Wort,„das war eine Noth, bis alles in den richtigen Gang kam! und wenn dann noch die beſten fehlen! Simon Goldheim hat heute auch wieder gefehlt.“ Aha! dachte Papa Schaller, erfreut, daß ſie ihm ſelbſt den Weg bahnte, ſeine Neuigkeit mitzu⸗ theilen. „So?“ frug er mit ſchlauem Lächeln,„iſt das einer der beſten?“ „Er hält den ganzen Tenor,“ entgegnete Luiſe 32 beſtätigend;„wenn er fehlt, ſind die Herren alle ſchlimm daran, und wenn ich wieder nicht da geweſen wäre, könnte das ganze Conzert nicht ſtattfinden. Dieſe Roſalie Kamp, dieſe Fräulein Gall— nein, wie ſolche Geſchöpfe nur überhaupt zu eriſtiren wagen! es iſt unbegreiflich— aber, a propos,“ ſagte ſie mit einem Male, indem ſie aufſtand,„iſt Mama zu Hauſe?“ „Sie wird in der Küche oder in ihrem Zimmer ſein,“ entgegnete ihr Vater. „Mama muß heraufkommen,“ fuhr ſie fort und nahm plötzlich eine wichtige Miene an;„ich habe Euch etwas ſehr Intereſſantes mitzutheilen, wobei Ihr Beide zugegen ſein müßt.— Ja,“ beſtätigte ſie, indem ſie die zweifelhafte Miene ihres Vaters be⸗ merkte,„warte nur hier, ich werde Mama holen.“ „Was wird nun das wieder für eine Kinderei ſein! Iſt es denn ſo eilig? Bleibe doch einen Augen⸗ blick, ich habe Dir gewiß etwas Wichtigeres zu ſa⸗ gen,“ meinte ihr Vater. „O, meine Mittheilung iſt jedenfalls die wich⸗ tigſte. Du wirſt erſtaunen, Papa, warte nur,“ und damit hüpfte das muntere Mädchen eilig zur Thüre hinaus. Man kann dem Wildfang nicht entgegen treten, murmelte Schaller ihr nachſehend vor ſich hin, 33 und wie hübſch es ſie kleidet, wenn ſie ſo einen Narrenſtreich im Kopfe hat!,— Gleich darauf kam Luiſe wieder zurück, indem ſie ihre Mutter an der Hand nachzog.„Nur herein, Mama,“ rief ſie;„ſo, nun ſetzt Euch zuſammen auf das Sopha, damit alles ſeine gehörige Form hat.“ Schaller und Thereſe folgten lächelnd ihren Worten, denn ſie waren es gewohnt, ſich von ihrem Lieblinge tyranniſiren zu laſſen. Luiſe nahm eine ernſthafte Attitude an und begann mit erhobener Stimme: „Hiermit habe ich alſo die Ehre meinen hoch⸗ verehrten Eltern zu eröffnen— nun, was denkt Ihr?“ unterbrach ſie ſich plötzlich, indem ſie ihr Köpfchen muthwillig in die Höhe warf und triumphirend ihre großen braunen Augen auf die Eltern richtete. „So ſag' es, Närrchen!“ lachte Schaller, und Thereſe meinte:„Daß Du auf den erſten Walzer engagirt biſt;“ aber Luiſe nahm ihre vorige Stellung wieder ein, und indem ſie eine betheuernde Hand⸗ bewegung machte, ſetzte ſie ihre Erklärung mit den Worten fort:„Daß ich auf's ganze Leben engagirt, daß ich Braut bin.“— Dieſe unumwundene Erklärung übte auf jeden der beiden Zuhörer eine andere Wirkung aus, Schaller Familie Schaller. I. 3 „ 34 ſprang erſchreckt auf, indem er rief:„Was ſagſt Du? Mache keine unzeitigen Scherze!“ Thereſe hingegen fragte neugierig und mit einem Anfluge von mütter⸗ lichem Stolze:„Wer iſt denn der Erwählte? Er⸗ zähle.“ Luiſe ſetzte ſich ver ihre Eltern auf einen Stuhl nieder und berichtete.„Ach Gott,“ ſagte ſie,„die Sache iſt äußerſt einfach. Baron Richard von Neu⸗ berg hat mir ſo eben auf dem Heimwege aus der Conzertprobe ſeine Liebe geſtanden und mich gefragt, ob ich einwilligen würde, ſeine Frau zu werden.“ „Richard von Neuberg?“ fragte Thereſe und der volle Schein mütterlichen Stolzes leuchtete auf ihrem Geſichte.„Ei ſieh, das iſt hübſch.“— „Er ſagte mir,“ fuhr Luiſe fort,„daß er ſchon länger die Abſicht gehabt habe, mir ſeine Liebe zu geſtehen, daß er aber nie dazu habe kommen können, weil Simon Goldheim mein ſteter Begleiter aus den Proben geweſen ſei. Heute nun traf es ſich, daß Goldheim ausblieb, und ſo nahm Richard gleich die gute Gelegenheit wahr.“ „Es wäre doch hübſcher von dem jungen Herrn geweſen,“ begann hier Schaller mit ſchlecht verhehltem Unmuth,„es wäre doch hübſcher geweſen, wenn er ſich zuerſt an uns gewendet hätte.“ 3 3 5 3⁵ „Ei, warum das?“ warf Thereſe dazwiſchen, ganz erſtaunt darüber, daß ihr Mann nicht gleich ihr von der Neuigkeit entzückt war.„Richard von Neuberg hat ſich ſchon lange auffallend um Luiſe bemüht, daß wir wohl darauf gefaßt ſein mußten. Er ſagte mir bei unſerer letzten Soirée bereits, daß er demnächſt ſeine landwirthſchaftlichen Studien be⸗ endet habe und dann eins der Güter ſeines Vaters übernehmen werde.“ Luiſe machte ſeit der Bemerkung ihres Vaters ein ſchmollendes Geſicht.„Richard weiß recht gut, was Takt heißt,“ meinte ſie.„Erſt mußte er mich fragen, nun, da er meine Einwilligung hat, entdeckt er ſich ſeinem Vater und dieſer hält bei Euch um mich an.“ „Wahrhaftig!“ rief Thereſe,„es iſt ein recht freudiges Ereigniß. Ich wünſche Dir von Herzen Glück, mein Kind, und gebe Dir meinen Segen;“ und dabei küßte ſie Luiſe, und war ſo gerührt, daß ſie das Tuch vor die Augen halten mußte. Schaller konnte ſich noch immer nicht beruhigen. „Liebſt Du denn den jungen Herrn?“ frug er Luiſen; aber dieſe ſah ihn ganz erboßt an und er⸗ wiederte heftig:„Du wirſt doch nicht glauben, Papa, daß ich mich mit einem Manne verloben werde, den 3 36 ich nicht liebe? Oder glaubſt Du vielleicht, meine Liebe werde ſich in Seufzen und Lamentiren kund geben? Ich kenne nichts Langweiligeres als ſolch' Geberden. Heirathen ſollen wir Mädchen doch ein⸗ mal, und da ich Richard am liebſten von allen jungen Männern leiden mag, wird er mein Herr Gemal. Ich dachte, Du würdeſt Dich über meinen Genie⸗ ſtreich freuen, meinen raſchen Entſchluß loben, und Du ſiehſt ganz verſtimmt aus.“ „Nun, ich habe nichts dagegen,“ lenkte jetzt Schaller ein,„warum hat er auch nicht früher ge⸗ ſprochen!“ „Iſt es denn zu ſpät?“ frug Thereſe, auf's Neue erſtaunt über ihres Mannes ſonderbares Be⸗ nehmen. „Toller Streich,“ brummte dieſer vor ſich hin, „kommt das Mädchen nach Haus und hat ſich Hals über Kopf verlobt. Nun, mir iſt alles recht, wenn ſie nur glücklich wird.— Halte Dich bereit, Luiſe,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„wir fahren nach Maienruhe zu Mittag.— Aber wo blieb Otto? Wen hat er denn wieder nach Hauſe begleitet, daß er ſo lange ausbleibt?“ „Ach, das habe ich über die Geſchichte mit Ri⸗ chard ganz vergeſſen,“ antwortete Luiſe.„Otto hat 4 4 37 mir aufgetragen, Euch zu ſagen, daß er zu Mittag rin Maienruhe ſei; er muß nicht gewußt haben, daß Papa dort ſein will, ſonſt würde er wohl gewartet haben, bis wir mitgekommen wären.“—„Nun, ſo treffen wir ihn dort,“ bemerkte Papa Schaller und begab ich hinunter in das Comptoir. „Ich begreife Papas Laune gar nicht,“ begann Luiſe zu ihrer Mutter gewendet, als er fort war. „Es überraſcht ihn, daß er ſo mit einem Male ſeinen Liebling verlieren ſoll, ich finde das ſehr na⸗ türlich.“ „Wie kann man das verlieren nennen, da wir doch ſo nahe beiſammen bleiben werden? das be⸗ greife ich nicht!“ meinte Luiſe. Thereſe entgegnete darauf:„Du nimmſt dies Verlieren ſehr äußerlich! Eltern bringen gern das Opfer des Verluſtes, wenn ſie ihre Kinder glücklich wiſſen, aber ein Verluſt bleibt es immer, wenn dieſe in andere Verhältniſſe eintreten. Schon der Schritt, den Du heute ohne uns gethan haſt, hat Dich frei gemacht und uns ferner geſtellt. Doch genug davon,“ ſetzte ſie heiter werdend hinzu, und nachdem ſie Lui⸗ ſen einen Augenblick lächelnd angeſehen hatte, fuhr ſie fort:„Alſo Frau Baronin von Neuberg wirſt Du?“ Luiſe gab ſich gewaltig Mühe, ganz kaltblütig 38 zu erſcheinen, und ſagte mit einem Tone, der ernſt ſein ſollte, aber ſehr gezwungen erſchien:„Glaube nicht, Mama, ich hätte ſchon daran gedacht, daß Richard von Adel iſt. Darauf gebe ich gar nichts, im Gegentheil, es iſt mir unlieb. Papa kennt darin meine Anſichten und Du wirſt Dich auch noch da⸗ von überzeugen.“ „Ja, ich kenne Eure Uebereinſtimmung,“ ver⸗ ſetzte lachend Thereſe;„wer weiß, vielleicht iſt eben der Adel Deines Bräutigams die Urſache, daß Dein Vater ſich nicht recht über die Verlobung freuen wollte. In dieſem Falle können wir ſicher ſein, daß ſich ſeine Verſtimmung bald legt, und was Dich an⸗ geht, ich möchte einmal ſehen, wenn jemand nach Deiner Verheirathung die Frau Baronin ver⸗ gäße, was Du für ein freundliches Geſicht dazu machen würdeſt.“— Damit ging Thereſe lachend wieder in die Küche und die zukünftige Baronin von Neuberg begab ſich auf ihr Zimmer, um ſich zur Fahrt nach Maienruhe vorzubereiten. —cA 39 Drittes Kahitel. Wer forſcht nach der Quelle, wenn mitten durch ſaftige Wieſen rauſchend ein murmelnder Bach ihn labt? Er ſchöpft, er trinkt, und geht erquickt ſeines Weges weiter. Tauſendmal fliegt ein Funke unbeach⸗ tet zur Seite, aber das eine Mal, da er, trockenes Stroh faſſend, eine Stadt in Aſche legt, folgen end⸗ loſe Verwünſchungen, Klagen, Jammer und Elend ihm nach. Nur von der Wirkung aus dringen wir zur Urſache zurück, und wie oft würde unſer Urtheil über die erſtere ein ganz anderes ſein, wäre es uns möglich, die letztern vollſtändig zu verſtehen. Wer ge⸗ denkt heute noch, wenn ihn die gemeine Gewinnſucht, die faſt allezeit den Character des Betrügeriſchen an ſich trägt, aus den Augen eines alten Handelsjuden anwidert, der tauſendjährigen Schmach, durch welche dies Volk ſo weit kam, daß jeder Einzelne nur im Ringen nach Vortheil und Gewinn noch ſein Inter⸗ eſſe kennt, und das einzige Gefühl ſie unter ein⸗ ander vereinigt, daß ſie verachtet ſind von den An⸗ deren und dieſe dafür haſſen müſſen. Der einzelne Menſch erhält erſt dann ſeinen wahren Werth, wenn er ſich als Glied eines größeren Ganzen erkennt; 40 was giebt aber dem Juden dieſen Werth? Nur in⸗ dem der Einzelne der wankenden Meſſiashoffnung ungetreu wird, erkauft er für ſeine Nachkommen das Recht, der Fahne des Haſſes abzuſchwören und vom verachteten Paria aufzuſteigen zum freien Selbſt⸗ gefühle der Gleichberechtignung mit ſeinen Mitlebenden. Im Hauſe des alten Meyer Goldheim war we⸗ nig von dem Reichthum zu erblicken, als deſſen Be⸗ ſitzer ihn nichtsdeſtoweniger die ganze Stadt kannte. Altmodiſche Möbel ſtanden in den Zimmern umher, und die geſchwärzten Wände und Decken zeugten da⸗ von, daß lange Zeit keine Veränderung damit vor⸗ genommen war. Früher, als ſeine Frau noch lebte, die in ihrer Jugend eine große Schönheit geweſen war, und durch ihre ſtarke Hinneigung zu den Ver⸗ gnügungsorten, wo ſich die Offiziere der zu Mainz garniſonirenden oeſtreichiſchen und preußiſchen Trup⸗ pen einzufinden pflegten, ihrem Manne viel Herzeleid bereitet hatte, ſah es allerdings etwas eleganter bei ihnen aus. Sie hielt ſelbſt damals noch beim Ein⸗ gange in das Haus ein ganz modern möblirtes klei⸗ nes Boudoir. Seitdem ſie indeſſen geſtorben war, hatte dies alles ein anderes Anſehen bekommen. Das Boudoir war verſchwunden, und die alte Haushälte⸗ rin, die Goldheim zu ſich genommen hatte, verſtand 41 ſich wenig auf elegante Einrichtung. Der einzige Sohn, dem es leicht geweſen wäre, dies alles zu ändern, da ihm ſein Bater keinen Wunſch verwei⸗ gerte, bemerkte derartige äußerliche Dinge viel zu we⸗ nig, als daß er darauf hätte einwirken können. Zwar hielt er ſich lieber in freundlichen Räumen auf, als in düſtern, aber es war ihm unmöglich auch nur die geringſte Anordnung in dieſem Sinne ſelbſt zu treffen. Simon eilte, nachdem er aus der Unterredung mit Schaller die freudigſte Hoffnung geſchöpft hatte, raſch nach Hauſe und trat in jenes kleine Zimmer, in welchem früher ſeine Mutter die Vorübergehenden beobachtet hätte, während jetzt ſein Vater darin Ge⸗ ſchäfte unter vier Augen abzuſchließen pflegte. Er traf den Alten in heftigem Streite mit ſeinem Die⸗ ner, den er, wie Simon aus den wenigen Worten, die er noch vernehmen konnte, ſchloß, bei einer Un⸗ redlichkeit ertappt hatte. Als er den Sohn kommen hörte, beendete der alte Goldheim ſeinen Sermon mit der Warnung, ihn nicht wieder in ähnlicher Weiſe zu erzürnen, da er den Diener ſonſt ohne Weiteres aus dem Hauſe jagen werde. Als der Geſcholtene den jungen Herrn ankommen ſah, ſchlich er ganz leiſe fort. Simon ſah ihm mit einem Blicke der tiefſten Verachtung nach, indem er zu ſeinem Vater ſagte: „Ich begreife nicht, wie Du den widerwärtigen Bur⸗ ſchen ſo nachſichtig behandeln kannſt! An Deiner Stelle hätte ich ihn längſt aus dem Hauſe gejagt.“ „Wär' ich ihm nicht verſchuldet,“ entgegnete der Alte,„ich hätte es längſt gethan. Aber er hat mein Wort, er gehört mit zur Familie, ſo lange er lebt, denn ohne ihn wäre ich längſt ein todter Mann. Sein Muth und ſeine Treue haben mir einſt das Leben gerettet.“ „Er muthig und treu?“ frug Simon ungläu⸗ big.„Das klingt fabelhaft.“ „Ich ſelbſt möcht's kaum halten für möglich,“ entgegnete der Alte,„und doch iſt's wahr auf's Wort. Ich hab' Dir die Geſchichte noch nicht erzählt, aber da's doch kommen könnt', daß ich ſtürb' vor ihm, ſo will ich Dir's ſagen, warum ich ihm zu Dank ver⸗ ſchuldet bin.— Ich war noch ein ganz kleiner Krä⸗ mer und zog mit Waaren umher in aller Herren Länder, da ward ich in Polen eines Abends in einem dichten Walde von Geſindel überfallen, und ein Kerl ſchlug mir mit dem Meſſer über's Geſicht, daß ich ohnmächtig hinſtürzte. Als ich wieder zu mir kam, lag ich wohlverbunden in einem Wirthshauſe; alle meine Waaren waren gerettet und die Kerle hatten nichts mitgenommen, als einen Ring, den ich am Finger trug. So hatte mich mein Diener, der Sa⸗ muel, der mich damals begleitete, gerettet, die Räu⸗ ber vertrieben und mich in das Dorf geſchafft, und da ich einige Tage krank lag, geſtand er mir, daß er Geld habe, um mich zu verpflegen. Ich hatte nie ge⸗ wußt, daß er ſich etwas erſpart hatte, aber er nahm wirklich fünfzig polniſche Gulden hervor, bezahlte die Zeche und Wartung und händigte mir das Uebrige ein. Nun, ich hab' es ihm dreifach ſpäter wieder zu⸗ rück gegeben und ihm dabei gelobt, ihn Zeit ſeines Lebens nicht zu verlaſſen. Was mich am meiſten freute“— fuhr der Alte fort, und ein ächt jüdiſches Lächeln ſpielte um ſeinen Mund—„wär, daß der Ring, den die Räuber mir genommen hatten, falſch war und daß ſie ſich bei Licht recht ärgern mußten über ihren Fehlgriff.“ „Wahrhaftig Vater,“ entgegnete Simon, indem er den Kopf ſchüttelte,„hätteſt Du die Geſchichte nicht ſelbſt erlebt, ich würde ſie keinem Menſchen auf der Welt glauben. Finde Dich doch mit dem alten Sünder ab, damit Du ihn los wirſt.“ Aber der alte Goldheim wollte davon nichts hören. Er war eben im Begriſſe nebenan in das Comptoir 44 zu gehen, als Simon ihn mit den Worten zurück⸗ hielt:„Lieber Vater, ich kam, um Dir etwas mit⸗ zutheilen.“ Der alte Goldheim blieb an der halbgeöffneten Thüre ſtehen, drehte ſich um, und indem er ſeinen Sohn erſtaunt anblickte, ſagte er:„Du haſt mir etwas mitzutheilen? Es iſt lang her, daß Du mir nichts hatteſt zu ſagen. Um Rath zu holen, wirſt Du nicht zu mir kommen; was giebt's? Brauchſt Du Geld?“ Simon blickte ſeinen Vater gekränkt an.„Du thuſt mir Unrecht,“ ſagte er halblaut. „Ich Dir?“ entgegnete der alte Goldheim lang⸗ ſam und im Tone des Vorwurfs;„hab' ich mich ver⸗ ändert? Ich bin derſelbe geblieben gegen Dich, heute wie am Tage Deiner Geburt.“ „Aber ich bin ſeitdem vom Kinde zum Manne geworden,“ erwiederte Simon mit feſtem Tone;„liegt es nicht in unſerer Natur begründet, daß wir in der Jugend ſtarke Umänderung erleiden? Warum alſo willſt Du mir dies Recht verweigern?“ Der alte Goldheim trat nahe an ſeinen Sohn heran, und indem er ihn mit durchdringenden Blicken anſah, ſprach er:„Du bringſt Deine Zeit außer mei⸗ mem Hauſe zu; des Vormittags beim Muſikmeiſter, des Abends im Hauſe des Kaufmanns Schaller und A 45 des Nachmittags kann man Dich ſogar in der Chriſten⸗ kirche finden, wie mir einer unſerer Bekannten erzählt hat. Soll nun die kurze Zeit, die Du mitunter in meinem Hauſe zubringſt, ausgefüllt werden durch Vorwürfe? Was iſt's? ſag's mir, was Du willſt, und laß uns nicht weiter ſtreiten.“ Simon fühlte ſich verletzt.„Weshalb kann Dir mein Umgang mit angeſehenen, gebildeten Familien unlieb ſein?“ fragte er. „Sind wir ſo fremd geworden, mein Sohn?“ entgegnete der Alte, und eine leichte Rührung in ſei⸗ ner Stimme ward hörbar;„Du fragſt, weshalb ich Deinen Umgang nicht billige? Damals, als wir es noch für ein heiliges Gebot hielten nicht mit ihnen zu eſſen, nicht unter einem Dache mit ihnen zu weilen, da wußte jeder Sohn, daß es ſo ſein müſſe, und kei⸗ ner fragte den Vater nach dem warum.“ „Wie kannſt Du oon jenen finſtern Zeiten ver⸗ alteter Vorurtheile ſprechen!“ entgegnete Simon ver⸗ drießlich, aber der Alte fuhr fort: „Hatten ſie ihren Solz, hatten wir ihn damals auch. Sie verachteten uns, wir waren ſtolz und haß⸗ ten ſie; ſie verachten uns noch, aber unſer Stolz iſt fort. Wir ſchmeicheln ihnen, freuen uns, wenn ſie uns in ihre Geſellſchaft ziehen, wenn man uns für Ihres⸗ 46 gleichen hält. Ja, wir verſchmähen es nicht, ihre Kir⸗ chen zu beſuchen, damit man nns ja nicht für das erkennt, was wir ſind. Unſere Zähigkeit iſt geſchmeidig geworden, unſere Hartnäckigkeit gebrochen.“ „Halt ein,“ unterbrach Simon den Vater,„Du ſtehſt die Dinge falſch, weil Du die Urſache von dem, was um Dich her geſchieht, weil Du den Geiſt un⸗ ſerer Zeit nicht begreifſt.“ „Laß mich ausreden,“ fuhr der Alte heftig fort, „auch Du wirſt noch erfahren, wohin Du kommſt mit Deiner Menſchenliebe, wenn ſie Dich erſt verwundet haben in den edelſten Gefühlen, wenn ſie erſt gewühlt haben in Deinem Schmerz und den Spott darauf ge⸗ legt ſtatt des Balſams, dann wirſt Du einſehen, daß ich Recht gehabt. Weshalb gehſt Du nicht geradezu über? Meinſt Du mich damit zu kränken? Ich hab' nichts dagegen,'s iſt beſſer, als daß Du ſo umher⸗ ziehſt und nicht dies biſt und nicht das.“ „Gerade, indem ich bleibe, was ich bin, hoffe ich meinen Zweck zu erfüllen! Will ich denn allein mich ihnen nah'n? Gleichberechtigung, das iſt der Triumph der Humanität. Sie müſſen uns erkennen, uns ver⸗ ſtehen lernen; abringen müſſen wir ihnen die Achtung, die ſie uns früher verſagten, dann wird endlich die Schranke fallen, die uns von ihnen trennt. Würde ich 47 austreten aus der Genoſſenſchaft der Verbannten, ſo hätte ich meine Idee geopfert für egoiſtiſche Pläne des Eigennutzes, und kein ſchönes Ziel bliebe mehr zu erſtreben für mich.“ „Schöne Worte, aber eitel hohles Geklingel!“ entgegnete der Alte,„wohin wollt ihr's bringen mit Eurer Gleichberechtigung? Bis dahin, wo weder Religion noch Nation noch Character noch Geſchlecht die Einzelnen mehr unterſcheidet; alles verwaſchen und farblos erſcheint, und der Menſch die höchſte Gattung des Thierreichs darſtellt? Aber noch iſt es nicht ſo weit und auch Du wirſt noch einſehen ler⸗ nen, wie entfernt Du von Deinem geträumten Ziele ſtehſt. Wart' es nur ab, bis es einmal was anders gilt als Geſang und Tändelei! dann wirſt Du ſe⸗ hen. Glaubſt Du, weil ſie Dich nicht öffentlich tre⸗ ten, ſie ſtellen Dich ſich gleich? Komme ihnen nicht zu nah', ich gebe Dir den Rath.“ Als der Alte dieſe letzten Worten geſprochen hatte, überflog ein Zug des Stolzes das Geſicht Simon's.„Eben darum,“ ſagte er mit großer Si⸗ cherheit im Ton,„um Dir den Beweis zu liefern, daß Du Dich irrſt, kam ich her. Kannſt Du wohl einen größern Beweis von Gleichſtellung verlangen, als wenn uns die Familie öffnet?— Herr Schal⸗ 48 ler,“ fuhr er fort und blickte ſeinen Vater trium⸗ phirend an,„hat mir ſo eben die Hand ſeiner Toch⸗ ter zugeſagt.“ Der Alte fuhr zuſammen, als hätte er eine Natter erblickt. Ohne ein Wort zu reden, blickte er ſtarr in das Geſicht ſeines Sohnes.—„Das erſtaunt Dich,“ fuhr Simon etwas entmuthigt durch den Aus⸗ druck des ungewöhnlichen Schreckens im Geſichte ſei⸗ nes Vaters fort,„Du kennſt ja Herrn Schaller?“ „Ich kenne ihn,“ begann der Alte mit zögern⸗ der Stimme, per iſt ein tüchtiger Geſchäftsmann und als ſolcher wohl akreditirt bei mir. Im Uebrigen ein unruhiger Menſch, der mancherlei geheime Ver⸗ bindungen hat. Ich wußte, daß Du mit dem Manne über Freiheit und Gleichheit ſchwärmſt, während ſeine Frauen Gefallen an Deiner Kunſt finden.“— Hier hielt er eine Weile ein, dann, als wenn ihm plötzlich ein helfender Gedanke gekommen ſei, begann er:„Hör' Simon, mein Sohn, Du haſt keine Luſt gehabt zum Geſchäft, willſt nach Italien geh'n, um Muſikant zu werden; ich wollt's bisher nicht leiden. Geh' hin, bald, gleich, ich will Dir Geld geben ſo viel Du brauchſt, ich hab' nichts dawider, aber gieb den Plan mit der Heirath auf.“ „Und gerade ihr zur Liebe wollte ich meine 49 Künſtlerpläne aufgeben,“ entgegnete Simon.— Aber der Alte, indem er den Kopf ſchüttelte, wiederholte noch dringender ſeine Bitte. Simon wurde zuletzt gereizt und warf ſeinem Vater Härte und Liebloſigkeit vor. Das konnte dieſer nicht ertragen. Mit einem tiefen Seufzer ſagte er: „Was hilft das Reden. Seitdem ſie uns nicht mehr verbrennen und mißhandeln, hat Iſrael den Herrn vergeſſen; es iſt Zeit, daß er ſich offenbart. Beuge Dich, mein Sohn, daß ich Dir meinen Segen gebe. 4 Simon beugte das Haupt vor dem Vater, und in⸗ dem dieſer beide Hände auf ihn legte, ſprach er feierlich:„Wen der Herr lieb hat, den züchtigt er.“ Biertes Kagitel. Um die Mittagsſtunde fuhr ein eleganter Wa⸗ gen mit zwei Schimmeln beſpannt aus dem Thore des Schaller'ſchen Hauſes. Im Fond des Wagens ſaßen Schaller und Luiſe, auf dem Rückſitze der Vetter aus Amſterdam, deſſen Bekanntſchaft wir be⸗ reits beim Frühſtück gemacht haben. Große weiße Familie Schaller. I. 4 50 Vatermörder beſchatteten ſein langweiliges Geſicht, und um die Schleife ſeiner Halsbinde zu ordnen, hatte er gewiß eine halbe Stunde vor dem Spiegel zugebracht. Dabei wußte er ſeinem Geſichte eine ſo wichtige Miene aufzuprägen, als hinge das Wohl der ganzen handelsgenootschap von dem Zucken ſeiner Augen⸗ brauen ab. Luiſe, die in vertraulichen Kreiſen den Vetter mit der ſchmeichelhaften Bezeichnung„das Brechmittel“ zu benennen pflegte, ſah eifrig links und rechts zum Wagen hinaus und dankte Gott in ihrem Herzen, daß ihr Vater höchſt wichtige Handels⸗ themata mit dem Vetter zu beſprechen hatte; denn ſie wußte, daß, wenn dieſer anfing geiſtreich zu ſein, die Pferde leicht in Verſuchung kommen könnten durchzugehen. Nichtsdeſtoweniger gelang es ihm, der keine Ahnung von der Abneigung ſeiner Couſine hatte, ein Geſpräch anzuknüpfen, indem er ihr mit⸗ theilte, daß er ſeit geſtern angefangen habe, den Göthe'ſchen Fauſt in deutſcher Sprache zu leſen. Luiſe konnte ſich nicht verſagen, ihn bei dieſer Gelegenheit zu verſichern, daß ſie glaube, es werde ihm ſchwer halten die Scene in der Hexenküche vollſtändig zu verſtehen.„Gretchen“ ſetzte ſie hinzu,„darf Sie nicht auf den Gedanken bringen, als ob es das Bild eines deutſchen Mädchens in der Wirklichkeit 51 ſei. Göthe konnte keine Frauen ſchildern. Gretchen iſt ein Gänschen, weiter nichts.“ Der Vetter entſetzte ſich über dieſe kühnen Be⸗ hauptungen, er lächelte ſtill vor ſich hin, als habe er ſeine eigenen Gedanken, dachte aber in Wahrheit gar⸗ nichts. Um indeß das Geſpräch auf einen Gegenſtand zu bringen, von dem er mehr wußte als ſeine ſchöne Nachbarin, begann er einen Vergleich zu ziehen zwi⸗ ſchen dem Fauſt, als dem größten dramatiſchen Ge⸗ dichte der Deutſchen und dem Lucifer des Vondel, dem entſprechenden der Holländer. Luiſe hörte ihm mit ziemlicher Schadenfreude zu. Als er nun aber gar begann ihr den Anfang des gerühmten Lueifer in der Urſprache vorzudeclamiren und mit ungeheurem Pa⸗ thos die Worte ſprach: „Myn belial ging hen op lucht en vleugels dryven, Om nit te zien waar onze Apollion mag blyven...“ da konnte ſie es nicht länger ertragen und machte den Vetter darauf aufmerkſam, daß er vier Menſchen⸗ leben in Gefahr bringe, wenn er ſeinen Enthuſiasmus nicht bezähme. Papa Schaller hatte inzwiſchen ein Schläfchen gemacht und die ganze kleine Geſellſchaft langte eben am Orte ihrer Beſtimmung an, als er gähnend die Augen wieder aufſchlug.. 4 4. 8 4 5² Maienruhe war eine der ſchönſten und einträg⸗ lichſten Beſitzungen in der Umgegend von Mainz. Man gelangte dahin, indem man den Rhein abwärts entlang und dann zwiſchen Gärten und Feldern vom Ufer ablenkend einfuhr. Thereſe, Schaller's Gattin, wmar die einzige Tochter des jetzigen Beſitzers, und da der landwirthſchaftliche Betrieb des Gutes ſich in jeder Beziehung vortheilhaft ausdehnte, ſo galt es als ausgemacht, daß daſſelbe bei der Familie bleiben werde. Ein Lieblingsgedanke der alten Leute war der, daß Luiſe einen Mann heirathen möge, der das Schaller'ſche Geſchäft weiter führen und Otto dann das Beſitzthum ſeines Großvaters übernehmen werde. Durch die Verlobung Luiſen's mit dem jungen Baron von Neuberg war nun zwar dieſer Plan geändert, aber er war der Anſicht Schaller's nach dadurch nicht aufgehoben. Luiſen's Bräutigam konnte ja nun Maien⸗ ruhe übernehmen und Otto das Geſchäft ſeines Vaters weiterführen. Als die Ankommenden in den Hof des Gutes einfuhren, kam ihnen der alte Herr freundlich entgegen und half ſeinem Enkeltöchterchen ausſteigen. „Eine große Neuigkeit, Großpapa,“ rief dieſe ihm entgegen,„ich bin Braut!“ Der alte Herr hielt dies anfänglich für Scherz und eilte mit dem muthwilligen Mädchen, die ſich an — 53 ſeinen Arm gehängt hatte, voraus nach dem Hauſe. Als ſie ſich dort im untern Zimmer alle verſammelt hatten, erzählte Luiſe die näheren Umſtände ihrer Verlobung, und der alte Herr gab ihr mit einer Thräne im Auge einen zärtlichen Kuß zum Segen. Bald war das Mittageſſen bereit und man ging zu Tiſche. Da erſt fiel es Schaller ein nach Otto zu fragen, den er bereits hier zu finden gehofft hatte; auch Luiſe war ganz erſtaunt, ihn noch nicht zu ſehen. Endlich, als ſie ſich ſchon geſetzt„hatten, trat Otto ein. Er ſchien erhitzt und gerieth in Verwir⸗ rung, als er bemerkte, daß man ſein Ausbleiben wahrgenommen hatte. Er kam jedoch jeder Frage mit der Erzählung zuvor, daß der herrliche Herbſttag ihn verlockt habe, zu Fuß von Mainz über die Brücke und nach dem Schloßpark zu Bibrich zu wandern, von dort habe er ſich dann über das Waſſer ſetzen laſſen und komme eben daher. Man fand darin durchaus nichts Ungewöhnliches, und Luiſe beeilte ſich, auch ihm die große Neuigkeit mitzutheilen, die ſich während ſeiner Abweſenheit zugetragen hatte. Otto, der ſonſt immer den lebhafteſten Antheil an den geringſten Angelegenheiten ſeiner Schweſter ge⸗ nommen hatte, nahm die Nachricht ziemlich ru is auf. Er ſchien ſehr zerſtreut und Luiſe ärgerte ſich 54 zum erſten Male recht ernſtlich über ihn. Ihr Ver⸗ druß ſtieg noch viel höher, als der Bruder kurze Zeit nach dem Eſſen, anſtatt mit ihr wie ſonſt im Garten umherzuſpazieren, ſich wieder entfernte, um, wie er ſagte, mit einem Freunde, den er Vormittags ge⸗ ſprochen hatte, zuſammen zu treffen. Die Geſellſchaft des Vetters war für Luiſe eine Unmöglichkeit. Die beiden alten Herren machten wie gewöhnlich ihr Mittagsſchläfchen, um ſich dann ſpäter zu einer Spielparthie zu ſetzen, und ſo blieb ihr nichts ande⸗ res übrig, als allein im Garten umherzugehen, die Hühner und Tauben zu füttern und ſich zu lang⸗ weilen. 3 Otto eilte raſch nach dem Ufer des Rheines, ließ ſich überſetzen und ſetzte ſeinen Weg auf der Landſtraße fort, bis er an den Eingang des Dorfes Schierſtein gelangte, wo die beiden Frauen, denen er geſtern Hilfe geleiſtet hatte, wohnten. Er war bereits Vormittags da geweſen, aber die Hausbeſitzerin hatte ihm geſagt, daß der Zuſtand der Kranken ſich wäh⸗ rend der Nacht verſchlimmert habe, und abgerathen hinauf zu gehen, da jene nun gerade ein wenig ſchlummere. Im Weggehen hatte Otto das junge Mädchen am Fenſter erblickt. Es war ihm vorge⸗ kommen, als mildere ſein Anblick den Zug des 5⁵ Schmerzes in ihrem Geſichte, während er hinwieder* das tiefſte Mitleid mit ihren Thränen empfand. Er hatte der Hauswirthin geſagt, daß er Nachmittags wieder kommen werde, einen Gruß nach dem Fenſter hinaufgewinkt und ſich dann entfernt. Als er ſich nun wieder dem Hauſe nahte, ſah er das junge Mädchen ſchon von weitem ihn er⸗ warten. Sie ging ihm einige Schritte entgegen, grüßte ihn und ſagte:„Wir haben es erwartet, daß Sie kommen würden, um nach dem Befinden meiner armen Mutter ſich zu erkundigen. Ach! leider iſt ſie ſchwerer erkrankt, als ſie es vorher war. Der Arzt iſt dieſen Morgen hier geweſen, und die Art und Weiſe ſeiner Reden ließ mich vermuthen, daß ſie in großer Gefahr ſchwebt.“ Otto hatte die zum Gruße dargebotene Hand gefaßt und hielt ſie feſt, indem er die Sprecherin, ihr mitleidig in die Augen ſchauend, zu tröſten ſuchte. Sie gingen miteinander hinauf. Die Kranke empfing Otto mit ſichtlicher Freude. Zu⸗ trauen und Offenheit brachte dieſe drei Menſchen einander bald näher. Otto war erſtaunt über den klaren Verſtand der alten Frau, und das junge Mäd⸗ chen erſchien ihm ganz anders, als alle die Freun⸗ dinen ſeiner Schweſter, mit denen er bisher bekannt geworden war. Ohne daß er ſich Rechenſchaft geben 56 onnte, warum, flößte ſie ihm eine Scheu ein, die er faf t heilig hätte nennen mögen. Sie war in ihrer Einfachheit ſo voll nutürijcher Anmuth, in ihrer Offenheit ſo voll Zurückhalti ng, daß er ſich unwider⸗ ſtehlich angezogen fühlte und doch kaum wagte zu ihr zu ſprechen. Bevor er wegging, erkundigte er ſich, ob er bald wiederkehren dürfe. Die ältere Frau bat ihn herzlich darum, und ein ſchüchterner Blick des jungen Mädchens ſagte genug, um den Ent⸗ ſchluß in ihm zu reifen ſie täglich wiederzuſehen. Und ſo geſchah es denn auch. Er kam täglich, war der getreue Rathgeber der beiden Frauen, und mit jedem Tage ſah die Kranke ihrem unfehlbaren Ende ruhi⸗ ger entgegen, denn ihre letzte Sorge ſchien ihrem Ende zu nahen. Während draußen von Tag zu Tag am warmen Sonnenſtrahl die ſüßen Trauben reiften, entkeimte in dem Herzen der beiden. jungen Leute ein ganzer Frühling von Liebesblüthen. Eines Tages kam Marie— ſo hieß das junge Mädchen— zur gewöhnlichen Stunde dem heranna⸗ henden Otto angſtvoll entgegen. Die Mutter hatte heute lebhafter als gewöhnlich nach ihm verlangt, und als er in das Zimmer trat, erſchrack er über die ungemein fahle Bläſſe in ihrem Antlitz. Wie ei⸗ nem rettenden Engel ſtreckte ſie ihm die Hand ent⸗ gegen, als er eintrat, und eine Ruhe, wie ſie nach überſtandenem Leiden das Antlitz eines geneſenden Kranken im Schlafe bedeckt, lag auf ihrem Geſichte. „Sehen Sie dort die Bäume, deren Wipfel ſo freundlich nicken und winken,“ begann ſie mit leiſer Stimme,„lang ſchon ſehe ich ſie und verſtehe ihre Mahnung. Wiſſen Sie, was das für Bäume ſind? Sie ſtehen neben dem Kirchthurme, an dem Orte, wo die Erde zur ewigen Ruhe die Entſchlafenen deckt. Bald werde auch ich dort ausruhen.— Aber nicht wie ehemals, erſcheint mir der Gedanke daran ſchrecklich und dünkt mich die Erde, die mich decken ſoll, ſchwer; ſondern freudig gehe ich dahin und die Erde wird mir leicht ſein, denn Gott hat meine Schuld verziehen und mir einen Anker geſendet, an dem ich mich halten kann in meiner letzten Stunde. Sie, verehrter Freund, ſind dieſer Hoffnungsanker, und ob die Stunde, da Sie uns entgegengeführt wurden, gleich die bitterſte meines Lebens war, da in ihr der Tod mit Gewißheit ſich mir anzeigte, ſo ſoll ſie doch geſegnet ſein, denn ſie brachte mir mit der Gewißheit des Endes auch die Hoffnung, daß dieſes ein ruhiges ſein könne. Setzen Sie ſich zu mir und hören Sie, was ich Ihnen mitzutheilen habe.“ Marie hatte weinend den Worten ihrer Mutter zugehört. Sie rückte jetzt eine kleine Fußbank vor das Bett derſelben und kauerte ſich ſtill darauf hin. Otto nahm einen Stuhl, ſetzte ſich der Kranken gegenüber und verſuchte es, ihr Troſt zuzuſprechen und ihr den Gedanken auszureden, als ſei ihr Zu⸗ ſtand gefahrdrohend. „Machen Sie keine vergeblichen Verſuche mich zu täuſchen,“ unterbrach ihn die Kranke;„wozu ſollte es dienen? Ich fürchte den Tod nicht mehr, laſſen Sie uns daher lieber dieſe letzten Augenblicke dazu verwenden, alte Schuld zu ſühnen und wieder gut zu machen, was leicht hätte zum Unheil werden können. Noch habe ich Sie nicht nach Ihrem Namen oder Ihren Verhältniſſen gefragt; der Augenblick und die Art, wie ſie uns geſendet wurden, ſchien mir eine höhere Aufforderung, Ihnen zu vertrauen, und Ihre eigene Handlungsweiſe gegen uns hat dieſe Anſicht nur verſtärkt.“ Nach einer Pauſe, in welcher ſie Marie zärt⸗ lich anblickte, fuhr ſie fort:„Vernimm denn Marie und auch Sie, unſer Freund, hören Sie ein Geſtänd⸗ niß, welches ich ablegen will, ehe ich ſterbe: Ich bin nicht das, wofür Ihr mich hieltet; ich bin nicht Ma⸗ rien's Mutter.“— Ein leiſer Ruf ſchmerzlichen Er⸗ ſtaunens entfloh Marien's Lippen, ſonſt blieb alles 59 ſtill, und die Kranke fuhr fort:„Ich lebte als die Witwe eines der angeſehenſten Aerzte in Aachen,— noch trauernd über den Tod meines Gatten und mein Schickſal beklagend, das mir die Eltern frühe geraubt und mich nun ſo alleinin die Welt geſtellt hatte. In ähnlichen Gedanken ſaß ich eines Abends in meinem Zimmer, als plötzlich einer der vertraute⸗ ſten Freunde meines Mannes hereintrat und mir in kurzen Worten mittheilte, daß eine Dame mir ihr neugeborenes Kind zu übergeben wünſche. Er habe ihr Hilfe geleiſtet, und da geheimnißvolle Umſtände die Betheiligten zwänge, das tiefſte Stillſchweigen zu beobachten, ſo ſei er beauftragt, das Kind an Jemand zu übergeben, wo es mit Sorgfalt und Liebe aufgenommen würde. Haſtig und ohne ſich auf weitere Erklärungen einzulaſſen, drängte er mich dann, ihm zu folgen; wir ſtiegen in ſeinen Wagen und befanden uns in kurzer Zeit in einem der erſten der dortigen Gaſthöfe. Als wir in das dicht verhängte erleuchtete Zimmer eintraten, erblickte ich die Mut⸗ ter— Marie iſt ihr Ebenbild— entkräftet und bleich, in einem Seſſel ruhend. Sie hielt das wenige Tage alte Kind, von deſſen Geburt außer dem Arzte und einer vertrauten Kammerfrau Niemand etwas ahnte, in ihren Armen, indem ſie es mit Blicken voll un⸗ 60 beſchreiblicher Zärtlichkeit betrachtete. Als ſie mich erblickte und die Urſache meines Kommens errieth, brach ſie in die heftigſten Klagen aus, verwünſchte ſich und ihr Geſchick, preßte das Kind an ihre Bruſt, hielt es dann mit thränenden Blicken zum Himmel empor, als wolle ſie dort einen Schützer für dasſelbe anrufen, und legte es hierauf mit abgewandtem Ge⸗ ſicht in meine Arme. Nachdem dies geſchehen war, brach ſie bewußtlos zuſammen.— Ich betrachtete das Kind. Es ſchlief und lächelte. In dieſem Augenblicke beneidete ich die Mutter ſelbſt um ihren Schmerz, denn ich ahnte durch ihn die Größe des Gefühls der Mutterliebe, und ich hatte kein Kind. Eilig drängte der Arzt zum Weggehen, denn die Bewußt⸗ loſe konnte ſich erholen und der Anblick ihres Kin⸗ des in meinen Armen ihren Schmerz erneuern. Wir ſtiegen in den Wagen und ich gelangte zu meiner Wohnung. Aber welche Veränderung war in dieſer kurzen Zeit mit mir vorgegangen. Nicht mehr einſam und verlaſſen erſchien ich mir.— Die Räume, in de⸗ nen es mir noch vor wenig Stunden öde und trau⸗ rig vorgekommen war, hatten ſich belebt mit Hoff⸗ nungen und Freuden, die ich früher kaum geahnt hatte.— Durch Vermittelung jenes befreundeten Ars⸗ tes erhielt ich monatlich eine beſtimmte Summe,f 61 welche ich zur Erziehung des Kindes verwenden ſoll⸗ te.— Obgleich ich dadurch in den Stand geſetzt wurde, manche Einſchränkungen, die bei der geringen Hinterlaſſenſchaft meines Gatten nöthig geworden waren, zu umgehen, ſo war doch eben dieſer Umſtand, daß die Sorge um das Kind, das mein Herz als mein eigenes anerkannte, nicht mir allein angehörte, ein nagendes Bewußtſein. Von Tag zu Tag wuchs dieſe Unzufriedenheit, ſie wurde zur glühenden Eifer⸗ ſucht, die mich verzehrte. Unterdeſſen ſtarb bald dar⸗ auf jener Arzt, der einzige Mitwiſſer meines Geheim⸗ niſſes, und ich ſollte in Zukunft die betreffende Sum⸗ me durch Vermittelung eines großen Handelshauſes in Cöln erhalten. Da erwachte in mir der Gedanke, es könne eines Tages kommen, daß man das Kind, welches nicht anders wußte, als daß ich ſeine Mut⸗ ter ſei, wieder von mir abfordern würde, und der bloße Gedanke hieran erſtarrte mir das Blut. Er kam immer wieder und verließ mich weder bei Tag noch bei Nacht, bis ich endlich den Entſchluß faßte, Aachen zu verlaſſen, meinen Namen zu ändern und dadurch jede Möglichkeit meine Spur aufzufinden zu vertilgen. Ich führte dies aus und begab mich hier⸗ her, wo ich in ſtiller Zurückgezogenheit der Erziehung des Kindes, das ich nun ganz mein nannte, mein 62 Leben und mein kleines Vermögen weihte.— Aber ich hatte in der Verblendung meiner Liebe für Ma⸗ rie nicht daran gedacht, daß der Tod mich ereilen könne, bevor ihre Zukunft geſichert ſei, daß ſie dann als ein junges Mädchen tauſend Widerwärtigkeiten preis gegeben ſein würde. Die wenigen Bekannt⸗ ſchaften, welche ich hier angeknüpft, hielt ich abſicht⸗ lich immer fern, da ich eine Entdeckung meines Ver⸗ gehens fürchtete, und ſo geſchah es, daß ich wirklich, als ich vor einiger Zeit gefährlich erkrankte, Nieman⸗ den kannte und wußte, dem ich Marien's Zukunft hätte anvertrauen können.— Nun aber iſt dieſe Sorge entſchwunden. Gott hat ſich erbarmt und mir einen Retter geſendet. Was vielleicht noch Wochen hätte verſchwiegen bleiben können, der Ernſt dieſer Stunde fordert es heraus.— Verſprechen Sie mir,“ fuhr ſie, zu Otto gewendet, weiter fort,„nach mei⸗ nem Tode Marie nicht zu verlaſſen? Wollen Sie das Schickſal ihres Lebens an das Ihrige knüpfen und ſie, die allein in der Welt ſteht, mit treuer Hand durch das Leben begleiten?“— „Ich will es,“ ſagte mit feſter Stimme nach einer Pauſe Otto und faßte Marien's Hand.„Wenn Marie mich zu ihrem Begleiter, zu ihrem Beſchützer annehmen will, ſo gebe ich ihr mein Wort, ſie zum Weibe zu nehmen.“ 63 Marie konnte nicht ſprechen. Die gewaltigen Eindrücke dieſer Stunde bewegten ſie zu mächtig. Mit einem Strom von Thränen fiel ſie an der Seite des Retters auf die Knie und verbarg ihr Geſicht an der Bruſt der Kranken. „Aber wie,“ begann jetzt Otto,„wenn Ma⸗ rien's Geburt ſie zu höherer Stellung im Leben be⸗ rechtigte? Wenn ſie es ſpäter erführe, daß ſie durch die Verbindung mit mir einem Range entſagen müßte, der ihr eine glänzendere Zukunft verſprochen hätte, als ich es kann?“ „Dieſe Befürchtung iſt nichtig,“ verſetzte die Kranke und ihre Stimme wurde ſchon ſchwächer. „Marie iſt das Kind einer Liebe, die nicht durch die Weihe der Kirche gerechtfertigt war. Ihre Mutter ſtarb ein Jahr nach ihrer Geburt, ſo viel erfuhr ich noch von meinem Freunde; doch weiß ich weder den Namen noch den Wohnort ihrer Familie.“ „Wohlan,“ ſprach Ottv,„ſo gelobe ich denn bei dem Ernſte dieſer Stunde, Marie mein Wort zu halten und ihr Treue zu erweiſen, ſo lange ich lebe.“ „Ich danke Ihnen,“ verſetzte die Kranke mit matter Stimme aber freudiger Beruhigung im Tone. Otto, welcher bemerkte, daß das viele Sprechen und die heftige Gemüthsaufregung dieſer Stunde die Leidende ſehr geſchwächt hatte, bat dieſelbe, heute ſich zu ſchonen und jede weitere Aufregung zu vermeiden. Er verſicherte ſie, daß er am folgenden Tage wieder⸗ kommen werde, und bat, bis dahin außer Sorge zu ſein. Die Kranke richtete einen eigenthümlichen, weh⸗ müthig freundlichen Blick auf ihn und reichte ihm die Hand, indem ſie ſagte:„Nehmen Sie nochmals mei⸗ nen Dank.— Sie ſind der größte Wohlthäter mei⸗ nes Lebens geweſen, denn ruhig können nun im Augenblick meiner Befreiung die Bilder meines Le⸗ bens noch einmal an meiner Seele vorüberziehen. O, ich fühle es, der Augenblick des Todes führt für den Gerechten die Belohnung für ſein ganzes Leben mit ſich, während der ſeiner Würde ungetreue Menſch ihn nur mit Furcht und Zittern erwarten kann. Mögen ſich nun die körperlichen Schmerzen auch noch häufen, je größer ſie ſind, um ſo ſüßer wird gerade der Augenblick ſein, wo im Tode für das Bewußt⸗ ſein die Empfindung des Leidens allmählig verſchwin⸗ det und leicht vergehend ſich auflöſt. Müde der vie⸗ len Täuſchungen in wechſelvollen Leben wird ſich der Geiſt zurückziehen und die Verbindung durch die Sinne mit der Außenwelt abbrechen, aber in dem⸗ ſelben Maße, wie die Einwirkungen von Außen ſchwinden, wird die innere Helle zunehmen. Neue, 65 nie geahnte Fähigkeiten werden erwachen, und mit einer Empfindung ungekannter Wonne fühlt ſich ein neues verklärtes Weſen befreit von der Laſt des irdi⸗ ſchen Körpers. Wie anders wäre es geweſen, ſähe ich Sie nicht jetzt an meiner Seite! Darum nenne ich Sie meinen größten Wohlthäter.— Leben Sie denn wohl, auf— Morgen!“ Marie war fortwährend zu bewegt, als daß ſie hätte über alles nachdenken können, was indeſſen ge⸗ ſchehen war. Auch ſie reichte jetzt Otto die Hand. Er führte dieſelbe an ſeine Lippen, denn er wagte es diesmal nicht in Gegenwart der Kranken Marien den Verlobungskuß zu geben. Raſch eilte er hinweg, näherte ſich dem Ufer des Rheines, beſtieg dort einen Kahn, fuhr nach dem gegenüber liegenden Ufer und war bald im elterlichen Hauſe angelangt.— Trauer und Jubel grenzen oft ſo nahe anein⸗ ander, daß die Töne disharmoniſch grell ſich vermiſchen. An demſelben Abende fand in Mainz das Con⸗ zert des Geſangvereins ſtatt. Die Familie Schaller mußte ſich etwas früher dort einfinden, weil Luiſe eine kleine Soloparthie ſingen ſollte. Schaller und Thereſe traten in den Saal, während Otto mit Luiſe durch eine Seitenthüre in das Verſammlungszimmer der Mitwirkenden gelangten. Als ſich die Theilneh⸗ Familie Schaller. I. 5 66 mer ſämmtlich dort eingefunden, begaben ſie ſich auf die dazu beſtimmte erhöhte Tribüne und Luiſe mußte ihren Platz ganz vorn einnehmen. Ihr gegenüber auf der andern Seite ſaß Simon Goldheim. Richard von Neuberg befand ſich unter den andern Herren im Hintergrunde. Luiſe trug einen geſtickten Tüll⸗ überwurf über einem weißſeidenen Kleide; zwei Bü⸗ ſchel Fuchſia, die in ihren vollen braunen Haaren befeſtigt waren, wiegten ſich auf den weißen Schul⸗ tern. Ihre Wangen waren von der Aufregung etwas geröthet und ihr runder Arm contraſtirte reizend in ſeinem lebendigen Colorit gegen die todte Weiße der Handſchuhe. Die Aufführung verlief ganz nach Wunſch. Luiſe trug ihren Theil geſchmackvoll und mit glocken⸗ heller Stimme vor. Alle Anweſenden waren darüber entzückt, und der Medizinalrath Stab ſah einen ne⸗ ben ihm ſtehenden Fremden verwundert und faſt ge⸗ ringſchätzend an, als dieſer die Bemerkung machte, es ſei ſchade, daß die junge Dame nicht mit etwas mehr Wärme ſinge. Als das Conzert vorüber war, ordnete man ſich zum Tanze und Luiſe ward bald von vielen ihrer Bekannten umringt. Sie hatte für Richard natürlich den erſten Tanz reſervirt, mit Simon Goldheim tanzte ſie den zweiten. Richard blieb viel in ihrer 67 Nähe, Goldheim ging indeſſen mit Otto, der ſich auffallend zu langweilen ſchien und ganz theilnahm⸗ los und nachdenkend dem Tanze zuſah, im Saale umher. Luiſe hatte Goldheim häufig um Auskunft über dies oder jenes zu fragen, er mußte ihr kleine Beſtellungen an ihre Bekanntinen ausrichten, eine verloren gegangene Tanzkarte erſetzen und mehrmals den Bleiſtift zu Notizen leihen. So waren raſch und unbemerkt mehrere Stunden vergangen. Luiſe tanzte eben mit Richard und hatte den folgenden Tanz dem jungen Goldheim verſprochen. Sie ſah verdrieß⸗ lich aus, Richard frug ſie um die Urſache. „Papa will ſchon wieder weggehen und hat es mir rund abgeſchlagen auch nur noch einen Tanz länger zu bleiben; immer geht es uns ſo; gerade dann, wenn es am ſchönſten wird, bricht er auf.“ „Wie ſchade,“ ſagte Richard, und dann ſie mit einem zärtlichen Blicke anſehend, fuhr er fort:„Bald wird dies anders werden. Dann beſtimmen Sie ganz allein, ob es Zeit iſt, den Ball zu verlaſſen oder nicht.“ Luiſe lächelte.„Sie werden noch hier bleiber frug ſie. „Ich habe auf den nächſten Tanz engagirt,“ entgegnete Richard.„ 5 n2“ 68 „Auch ich bin auf den nächſten Tanz engagirt,“ meinte Luiſe etwas ſchmollend. „Aber bedenken Sie doch,“ entgegnete Richard, „daß Sie Ihren Eltern folgen und dadurch ent⸗ ſchuldigt ſind, während es von mir eine offenbare Rückſichtsloſigkeit wäre, wenn ich das Local jetzt verlaſſen wollte.“ Luiſe ſchien dies einzuſehen. „Mit wem werden Sie tanzen?“ frug ſie. „Mit Fräulein Roſalie Kamp.“ „Nun, dagegen kann ich nichts einwenden,“ meinte lachend Luiſe. Der Tanz war zu Ende. Ri⸗ chard führte Luiſe zu ihren Eltern und blieb in ihrer Nähe bis zum Beginn des nächſten Tanzes. Dann verabſchiedete er ſich, nachdem er zu Thereſe, als er ihr die Hand reichte, geſagt, daß er ſich morgen die Ehre geben werde, ſeinen Vater bei ihr einzuführen. Richard hatte dieſe Nachricht ſchon beim erſten Tanze Luiſe mitgetheilt, dieſe war ſogleich damit zu ihren Eltern geeilt, und ſo nahm Thereſe die An⸗ kündigung des jungen Mannes ſehr freundlich uud vorbereitet entgegen. In dieſem Augenblicke begann die Muſik. Ri⸗ chard eilte fort und Simon Goldheim kam um Luiſe zum Tanze abzuholen. 169 „Hat es Ihnen Otto denn nicht geſagt, daß wir nicht länger hier bleiben?“ rief ihm Luiſe ent⸗ gegen;„gerade in dieſem Augenblicke wollten wir weggehen. Nun, Sie ſollen mich zur Entſchädigung an den Wagen führen; Sie finden nun doch keine Tänzerin mehr.“ Damit legte ſie ihre Hand in Goldheim's Arm. Schaller und Thereſe gingen, ohne ſich umzuſehen, voraus, und Otto, der den ganzen Abend für nichts von dem, was um ihn vorging, Augen hatte, be⸗ ſchloß den Zug. Simon vermochte kein Wort zu ſprechen; es bedarf ſo wenig, um einen ohnehin zaghaften Lieb⸗ haber mit Hoffnungen zu erfüllen. Er hatte Luiſe ſchon oft aus der Geſangprobe nach Hauſe begleitet, aber als ſich nun das vom Tanz erregte Mädchen zutraulich auf ihn ſtützte und er den Druck ihres weichen Armes fühlte, war es ihm, als ſtehe er be⸗ reits am Ziele aller ſeiner Wünſche und führe Luiſe als ſeine Braut am Arme. Unten angekommen, half er ihr in den Wagen ſteigen und wagte es dabei leiſe ihre Hand an ſeine Lippen zu drücken. Luiſe erſchrack etwas über dieſe Dreiſtigkeit, ehe ſie jedoch 3 darüber nachdenken konnte, rollte der Wagen avon. —— 70 „Morgen alſo,“ war hierauf das Thema des ziemlich einſylbigen Geſprächs während der Fahrt, und„Morgen“ war auch der Gegenſtand des glück⸗ lichſten Hoffens in der Bruſt Simon's. Richard tanzte noch lange nach Luiſen's Weggang, während Simon einen nächtlichen Gang durch mehrere Straßen unter⸗ nahm, da er wußte, daß kein Schlaf für ihn in dieſer Nacht zu finden ſei. Im Schaller'ſchen Hauſe hielt der Gedanke an dieſes hochwichtige„Morgen“ auch Thereſe noch wach, als Luiſe ſchon lange von ihren Tänzern und dem falſchen Geſange ihrer Ge⸗ ſpielinen träumte. 6 —e Fünktes Kapitel. Die Bewegung und Unruhe, welche Luiſen's bevorſtehende Verlobung im Schaller'ſchen Hauſe her⸗ vorrief, hatte bewirkt, daß man die regelmäßige Ab⸗ weſenheit Otto's des Nachmittags nicht bemerkte. Seine Anweſenheit im Geſchäfte war zu dieſen Stun⸗ den weniger nothwendig, und da er in den Vor⸗ mittagsſtunden mit ungewöhnlichem Eifer ſich thätig erwies, ſo fiel es Niemand auf, daß er gleich nach Tiſche ſich zu entfernen pflegte. Am Morgen nach jenem Tage, als er Marien's Geſchichte erfahren hatte, trieb ihn indeß die Beſorgniß um die Kranke ſchon frühe dazu an, nach ihrem Befinden zu ſehen. Als er ſeiner Mutter die Nachricht bringen wollte, daß er nicht zu Tiſche kommen werde, fand er dieſe in großer Geſchäftigkeit und voller Verdruß, da ſie mit der neuen Einrichtung in der Küche durchaus nicht fertig werden konnte. Thereſe war gerade im Begriffe, die Köchin, welche ſich höchſt ungelehrig anſtellte, mit der gerühmten Verbeſſerung bekannt zu machen, und Luiſe, welche ebenfalls dabei ſtand, machte ihrerſeits die Anſicht geltend, wie traurig es ſei, daß man überhaupt noch Menſchen, die ſo dumm ſeien, nöthig habe. Es wäre beſſer, meinte ſie, man hätte es überhaupt nur noch mit Maſchinen zu thun. Beide Frauen ſtarrten Otto mit großen Augen an, als er ihnen den Entſchluß, bei dem zu erwartenden Beſuche nicht gegenwärtig zu bleiben, kund gab, und Luiſe meinte, es gehe ein für alle mal nicht an, denn es ſei unſchicklich, daß er ſich entferne. Otto durch das Hinderniß gereizt, entgegnete ihr heftig, er ſei durchaus nicht willens ſich von ihr Vorſchriften 72 machen zu laſſen, worauf Luiſe in Thränen aus⸗ brach und Thereſe, die des Sohnes eigenthümliches Betragen nicht begreifen konnte, um ſie zu tröſten, mit ihr in ein anderes Zimmer ging. Otto, noch erregt durch die geſtrigen Erlebniſſe, eilte in einer Aufwallung des Unwillens ohne weiteres aus dem Hauſe und dem Orte zu, wohin ihn ſeine Sehn⸗ ſucht trieb. Dieſer auffallende Schritt erweckte im Herzen der Mutter zum erſten Male Vermuthungen über des Sohnes Geheimniß. Es fiel ihr nun mit einem Male ein, daß er in den letzten Tagen faſt gar nicht ſichtbar, auffallend zerſtreut und ernſter als gewöhnlich erſchienen war. Sie theilte Luiſen ihre Vermuthung mit, und dieſe war ſogleich feſt davon überzeugt, daß ihr Bruder ein Verhältniß haben müſſe, welches er zu verſchweigen Urſache habe. Die Erwartungen des heutigen Beſuches waren indeß wichtig, als daß den beiden Frauen Zeit geblieben wäre, ſich mit ihren Vermuthungen hinſichtlich Otto's länger zu beſchäfti⸗ gen Sie verſprachen ſich, in den nächſten Tagen Nachforſchungen anzuſtellen, und verabredeten eine ſchickliche Entſchuldigung für Otto's heutiges Ent⸗ ferntſein. 1 Bald darauf trat Schaller ein.„Guten Mor⸗ 73 gen, kleine Braut!“ rief er aus, und man ſah ihm deutlich an, daß er ſich längſt über ſeinen fehlge⸗ ſchlagenen Plan mit Goldheim getröſtet hatte.„Nun, wie haſt Du dieſe Nacht geſchlafen?“ „Ausgezeichnet, Papa, und ſehr lange.“ „Und was für Träume haſt Du gehabt, damit wir daraus eine Vorbedeutung auslegen?“ „Gar nichts habe ich geträumt.— Doch ja! von der Geſangprobe träumte ich. Roſalie Kamp ſang ſo falſch, daß alle Leute im Saale ſich die Ohren zu⸗ hielten, und doch behauptete Vetter Jan, Roſalie habe eine hemel'ſche Stimme. Die Vorbedeutung iſt leicht zu finden, denn auch Roſalie findet den Vetter gar nicht ſo abgeſchmackt, daß ihr der Appetit in ſeiner Gegenwart vergehen könne, wie es mir geſchieht.“ „Du biſt ein ausgelaſſener Schelm,“ lachte Schaller.„Stimmt denn Dein Brautſtand Dich nicht etwas ernſt, etwas unruhig?“ 3 „Ernſt? Gott bewahre! im Gegentheil, er ſtimmt mich heiter. Und unruhig? nein, davon ſpüre ich bis jetzt nichts.“ „Es wird ſchon kommen, wenn Du erſt einmal öffentlich mit Deinem zukünftigen Eheherrn auftrittſt.“ „Was den Eheherrn betrifft, Papa,“ bemerkte Luiſe und warf ſchnippiſch den Kopf zurück,„ſo 74 kennſt Du meine Anſichten, ich habe ſie ja von Dir. Gleichberechtigung zwiſchen Mann und Frau, das werde ich Richard alsbald im Voraus ankündigen.“ „Du wirſt ihn ſchon bekehren, wenn er nicht ganz mit Dir übereinſtimmt,“ ſagte Schaller lachend. „Das will ich meinen! obgleich ich eigentlich nie recht dahinter kommen konnte, wie er in dieſem Punkte geſinnt iſt. Bisher war mir dies auch ziem⸗ lich gleichgültig, aber nun muß er heraus mit der Farbe.“ „Unſer Beſuch muß nun doch wohl bald ein⸗ treffen,“ meinte Thereſe, indem ſie nach der Uhr ſah. „Wie weit iſt das Neuberg'ſche Gut entfernt von der Stadt?“ „Zwei Stunden ungefähr,“ entgegnete Luiſe; naber ſie kommen nicht direct von dort zu uns, da ſie zuerſt die alte Baronin, Richard's Großmutter, bei welcher dieſer immer wohnt, wenn er einige Tage in der Stadt iſt, aufſuchen werden.“ „So werden wir der alten Dame in den näch⸗ ſten Tagen unſern Beſuch machen müſſen,“ ſagte Thereſe.„Der herzliche Ton, mit dem Richard ſtets von ihr, wie auch von ſeinem Vater ſprach, läßt auf ein inniges Familienverhältniß ſchließen.“— In dieſem Augenblicke fuhr ein Wagen vor. 75 Man hörte Tritte die Treppe heraufkommen; die beiden Frauen ſahen ſich erwartungsvoll an und. Schaller ging den Eintretenden entgegen. Es waren die beiden Erwarteten. Der alte Baron Neuberg war ein Mann von etwa fünfzig Jahren, hoch gewachſen, den Kopf auf⸗ wärts gerichtet. Spärliches, hellblondes Haar um⸗ faßte eine große, feine Stirn, unter welcher blaue Augen feſt hervorblickten. Sein ganzes Weſen zeigte in Gang, Haltung und Sprache viel Stolz, und ein röthlicher Schnurbart, den er lang und ſtark trug, gab ihm dabei ein etwas martialiſches Ausſehen. Richard ſtellte ihn der Familie Schaller vor. Er grüßte den Hausherrn leicht und ſah ihn mit einem forſchenden Blicke an, dann näherte er ſich den Da⸗ men, bewillkommnete ſie mit der größten Artigkeit, verſicherte ſie, daß er es ſich zur Ehre rechne, ſie kennen zu lernen, und bat, die Zuvorkommenheit, welche ſie ſeinem Sohne zu Theil werden ließen, auch auf ihn übertragen zu wollen. Thereſe erwie⸗ derte ſeine freundliche Begrüßung, indem ſie wünſchte, daß er ihr Haus eben ſo gern und freudig betreten möge, als ſie ihn darin empfange. Luiſe ſchwieg, und fühlte ſich etwas beengt in der Gegenwart dieſes Mannes, der ſie, was ihr bis dahin noch nie begegnet war, einſchüchterte. Sie ſagte nur halblaut zu Richard, als dieſer ſich ihr näherte, daß ſein Vater eine angenehme, würdevolle Erſchei⸗ nung ſei, und Richard entgegnete darauf, es thue ihm von Herzen wohl, dies von ihr zu hören. „Wir fürchteten, daß Kränklichkeit die Urſache Ihrer Zurückgezogenheit ſei,“ begann Thereſe die Unterhaltung, nachdem noch einige der gewöhnlichen Redensarten gewechſelt waren und die Geſellſchaft ſich geſetzt hatte;„aber ich ſehe mit Vergnügen, daß wir uns irrten.“ „Ich kenne Krankheit faſt nur aus der Erfah⸗ rung an Andern,“ erwiederte der Baron, welcher in⸗ zwiſchen ſeine Umgebung betrachtet hatte, worauf Schaller mit der Frage entgegnete: „Aber welche Gründe beſtimmen Sie, die Welt ſo auffallend zu vermeiden?“ In Wahrheit war der Baron faſt nur dem Namen nach in der ganzen Umgebung bekannt. Er hielt ſich ſeit vielen Jahren ſtets nur in der unmit⸗ telbaren Nähe ſeines Gutes auf und verkehrte einzig mit ſolchen Menſchen, deren Vermittelung er durch⸗ aus nicht umgehen konnte. Dieſe Grille eutſtand aus einer äußerſt einſeitigen Beurtheilung von Zeit und Menſchen, und hatte ſich faſt bis zur förmlichen 72 Abneigung gegen allen geſelligen Verkehr geſteigert. Wir werden ſpäter ſehen, daß an der Urſache hier⸗ von ebenſowohl Erfahrungen aus ſeinem Privat⸗ leben, wie ſolche bei öffentlichen Bewegungen Schuld trugen. Mißtrauiſch hatte er denn auch das Geſtändniß von Richard's Liebe vernommen und mehrere Tage lang durch ſein Stillſchweigen den jungen Mann in der peinlichſten Ungewißheit gelaſſen. Endlich willigte er auf das dringende Bitten ſeines einzigen Sohnes ein, einen Beſuch in Schaller's Hauſe zu machen; aber ſein erſter Blick auf die ihn erwartende Familie hatte ſeinen Entſchluß, die Verbindung Luiſen's mit Richard zu verhindern, faſt ganz befeſtigt. „Es giebt nur zwei Gründe, die einen Mann an die Welt feſſeln können,“ erwiederte er auf Schaller's Frage in kaltblütigem Tone, indem er heimlich fortfuhr, die Gegenſtände umher gelegentlich zu muſtern;„entweder ſie muß ihm, oder er muß ihr nützlich ſein können. Sobald keiner dieſer Fälle möglich iſt, ſcheint es mir angemeſſener, ſich ſelbſt zu „leben, und ſo halte ich es nun ſeit einigen Jahren.“ „Sollte es uns nicht immer frei ſtehen der Welt zu nützen, wenn wir nur den Willen dazu haben?“ fragte Schaller, und der Baron entgegnete mm ter Betonung:„Nein. Wen die Welt en kann, der opfert ſich umſonſt auf, zt genug iſt, ſich ihr preis zu ge⸗ ben.— So geht es mir,“ ſuhr er langſam und mit immer ſchärferer Betonung fort;„die Welt verſteht mich nicht mehr, während ich hingegen die Welt leider zu gut verſtehe, beſſer als ſie ſich ſelbſt ver⸗ ſteht. Seitdem man darauf gekommen iſt, alles Ei⸗ genthümliche zu zerſtören, ſeitdem das Princip der Gleichmachung alles verflocht, eilen unſere Zuſtände der ſchaalſten Nüchternheit entgegen. Aus einem le⸗ bendigen Organismus wird ein mechaniſches Kunſt⸗ werk und jede friſche Quelle poetiſcher Anſchauung verdampft in den Maſchinenfabricken der Induſtrie⸗ helden. Wie alles, was einmal da iſt, ſo haben auch dieſe Verhältniſſe ihr Recht; ſie ſind bedingt durch die Zeit, in der ſie entſtanden; wer wollte dies be⸗ ſtreiten! Aber meine Sympathie darf ich ihnen vor⸗ enthalten, das iſt wiederum mein perſönliches Recht.“ Eine peinliche Verlegenheit bemächtigte ſich nach dieſen Worten aller Zuhörer. Schaller ſah verdrießlich vor ſich nieder. Luiſe war erſtaunt und wünſchte den Baron weiter reden zu hören, ſo feſt ſie auch über⸗ zeugt war, daß ſeine Anſichten nicht die richtigen ſeien. Richard befand ſich in der unangenehmſten 79 Lage. Er hatte etwas Aehnliches befürchtet, denn er kannte ſeinen Vater. Gern hätte er das Geſpräch auf einen andern Gegenſtand gelenkt, aber es war ihm unmöglich, es über ſich zu gewinnen. Thereſe fühlte, daß es ihre Pflicht als Hausfrau erforderte, ims Mittel zu treten. Auch wünſchte ſie um keinen Preis, daß der Baron die lieberalen Anſichten ihres Mannes weiter herausfordern möge, ſo ſehr ſie ſich heimlich darüber freute, daß dieſer einmal genöthigt war, entgegengeſetzte Anſichten ruhig anzuhören. „Aber es wundert mich,“ begann ſie,„daß Sie nicht um Richard's Willen zuweilen häufiger nach der Stadt kommen. Er liebt doch die Geſelligkeit ſo ſehr, und namentlich iſt es die Muſik, die ihn an⸗ zieht. Lieben Sie die Muſik nicht?“ Sie glaubte damit ein ganz anderes Thema angeſchlagen zu haben und hoffte, daß es ihr gelungen ſei, die Gedanken auf einen Gegenſtand zu lenken, in welchem ſie übereinſtimmende Auſichten bei dem Ba⸗ ron vorausſetzte. Aber dieſer ſchien es gerade durch der Erfolg ſeiner erſten Meinungsäußerung darauf abgeſehen zu haben, ſchroff ſich jeder Annäherung entgegen zu ſtel⸗ len.„Ich liebe die Muſick von ganzer Seele,“ ſagte er;„aber auch darin ſind meine Anſichten, wie man 80 zu ſagen pflegt, antiquirt. Ich haſſe alles Maßloſe, alles Drängen nach Schein, weil es das wahrhaft Edle und Schöne nicht zur Entfaltung kommen läßt, und ich ſtimme daher ſelten mit der modernen Ge⸗ ſchmacksrichtung in den Künſten überein.“ „Um ſo mehr hoffe ich, daß Sie mit der Rich⸗ tung unſeres Geſchmacks zufrieden ſein werden,“ fiel hier zutraulich Luiſe ein;„auch wir ſind fern da⸗ von, die Oberflächlichkeit der modernen Schule für Genialität zu halten.“ „Das ſollte mich freuen, da ſie alsdann ge⸗ wiß auch in andern Dingen der Neuzeit nicht hul⸗ digen werden,“ bemerkte von Neuberg.„Iſt es doch nur die Conſequenz des Geiſtes der Zeit, der ſich auch durch dieſe invellirende Verſchwommenheit in der Kunſt repräſentirt. Traurig, daß dieſes Treiben und Rennen nach äußerlichem Glanze, der unter prun⸗ kender Hülle allen Mangel an Innerlichkeit zu ver⸗ bergen ſtrebt, unſer ganzes ſittliches und ſociales Le⸗ ben zu durchdringen droht!“— Die Verlegenheit ſtieg. Schaller, Luiſe und Ri⸗ chard ſahen ſchweigend vor ſich nieder, und Thereſe, welche ſich nicht mehr anders zu helfen wußte, hoffte, es werde ihr dadurch, daß ſie dem Baron Gelegen⸗ heit gebe, ſeine Anſichten ganz auszuſprechen, am be⸗ 1 81 ſten gelingen, dem herannahenden Ausbruche des Streites zwiſchen ihrem Manne und dem Baron vor⸗ zugeben. „Sie haben Recht,“ ſagte ſie,„und jedes ihrer Worte zeugt den denkenden Mann, aber worin ſu⸗ chen Sie die Wurzel des Uebels?“ „Da, wo die Wurzel der ganzen Entwickelung liegt,“ verſetzte von Neuberg, Thereſe ſcharf anſehend; „in der Erziehung. Ich kenne den Unterſchied aus Erfahrung, welcher zwiſchen der gekünſtelten Treib⸗ hausentwickelung, dieſer Quelle der Entſittlichung, und dem Reſultat freien, unverſchrobenen Gedeihens liegt, denn ich mußte die erſte Zeit meines Le⸗ bens aus Geſundheitsrückſichten auf einem Dorfe, mitten unter den Kindern des Landvolkes verleben. Da erſtarkte mein Körper und mein Geiſt, und als ich ſpäter zur Schule kam, war die ganze Verweich⸗ lichung meiner Altersgenoſſen mir fremd. Ein auf natürlichem Wege gekräftigter Sinn fühlt ſich in na⸗ turgemäß beſtehenden, organiſchen Verhältniſſen wohl, während das Heer der Neuerer und Mißvergnügten zuſammengeſetzt iſt aus den tauſendfach ſich bekäm⸗ pfenden Erſcheinungen ſelbſüchtig anmaßender Ver⸗ bildung.“ Bei dieſen Worten ſtand Schaller in heftiger Familie Schaller. J. 6 82 Erregung von ſeinem Stuhle auf, und Richard, der das Ausbrechen des gefürchteten Sturmes bemerkte, ſagte raſch und ängſtlich zu ſeinem Vater:„Weshalb dem Geſpräche eine ſo ernſte Wendung geben? Bleibt uns doch noch ſo viel Zeit übrig, Anſichten auszu⸗ tauſchen.“ „Ich bezweifle faſt,“ bemerkte hier Schaller raſch, indem er jedes Wort ſcharf betonte,„daß Herr von Neuberg geneigt ſein dürfte, Anſichten, welche den ſeinigen entgegen ſtehen, mit derſelben Ruhe anzuhö⸗ ren, wie wir die ſeinigen gehört haben.“ Der Baron blieb ruhig ſitzen und ſagte, indem er ſich zu Thereſe wandte:„Die Art, mich bei Ihnen einzuführen, würde in jedem Falle ein unverantwort⸗ licher Verſtoß gegen die Sitte ſein, wenn nicht dieſer Beſuch über das Lebensſchickſal unſer Kinder verfü⸗ gen ſollte. Mein Sohn Richard weiß es, daß ich als Mann von CEhre unter jeder Bedingung ein gegebe⸗ nes Wort halten würde, aber ich gebe es nie leicht⸗ ſinnig, und darum mögen ſie verzeihen, wenn ich ſogleich mit den Geſinnungen, welche mich bei der Erziehung meines Sohnes Richard geleitet haben, hervortrete. Der Mann iſt der Schutz, das Haupt, der Herr der Familie. Er beſtimmt die Verhältniſſe, in welche die Frau nur eintritt, und er muß daher 83³ bei der Gründung einer neuen Familie allein maß⸗ gebend ſein für die Geſinnungen, denen dieſe in ihrer Entfaltung folgen ſoll. Deshalb mußte Fräulein Luiſe meinen Sohn ſo kennen lernen, wie er ſich ihr ſchwer⸗ lich als Liebhaber hätte zeigen können. Entſchieden, ja ſogar ſchroff mußte er ihr gezeigt werden, damit ſie ihr Herz wohl prüfen kann. In einer Zeit, wie die unſrige, wo Meinungen die innigſten Verbindun⸗ gen auf Tod und Leben ſcheiden, iſt es gut, ſogleich offen zu zeigen, wie man geſinnt iſt, damit dies nicht zu ſpät an den Tag kommt.“ „Wohlan,“ begann hier Schaller und ſein Ge⸗ ſicht verrieth deutlich die heftige Erregung, in welche ihn des Barons Worte verſetzt hatten,„ſo will auch ich Ihnen die Anſichten kund geben, von denen ich überzeugt bin, daß ſie meiner Tochter höher ſtehen, als jede andere Rückſicht. Sie haſſen den Fortſchritt, dem wir huldigen, weil nur veraltete Vorurtheile ihnen den Vorrang geben vor Menſchen, die ohne dies, in Bezug auf wahren Werth, nicht hinter den Privilegien alter Wappenſchilder zurück zuſtehen hät⸗ ten. Die Decoration, welche Sie hier tragen“— da⸗ mit deutete er auf ein Ordensbändchen, das von Neuberg am Rocke trug—„giebt mir die Gewißheit der Vermuthung, daß Sie ohne Zweifel ſehr ge⸗ eignet ſind militairiſche Verdienſte zu erwerben, aber nicht die Fortſchritte friedlicher Weiterbildung zu wür⸗ digen...“ Auf dieſen Ausfall erhob ſich von Neuberg ru⸗ hig und entgegnete:„Ich glaubte, daß Sie geſonnen ſeien, mir Ihre Anſichten mitzutheilen, nicht mir Ihre Meinung über meine Perſönlichkeit in einer Weiſe darzuthun, welche mich zwingen muß, zu vergeſſen, warum ich Ihr Haus beſuchte.“ Länger konnte Richard dem Streite nicht mehr ruhig mit zuſehen. Er ſtand auf und zu ſeinem Va⸗ ter tretend, ſagte er:„Beſter Vater, beruhigen Sie ſich! Wozu dieſe gewaltſame Heftigkeit?“ Aber der alte von Neuberg, indem er die Hand ſeines Sohnes kräftig faßte und mit einem ſtarken Druck dieſen an ſeine Seite ſtellte, entgegnete:„Die Sorge für Dein Wohl leitet mich. Hier iſt dies nicht zu finden. Schweige, Du kannſt nichts ver⸗ beſſern.“ Schaller, der ſich immer mehr erhitzte, warf hier, ohne daß er eigentlich überlegte, was er ſagte, die Worte dazwiſchen:„Und ich glaube nicht, daß zwiſchen uns etwas zu verbeſſern wäre.“ Thereſe näherte ſich, ſobald Richard zu ſeinem Vater getreten war, ihrer Tochter, nahm dieſe bei 8⁵ der Hand und wollte ſich entfernen; der alte Baron jedoch, der dies bemerkte, wendete ſich mit den Wor⸗ ten zu ihnen:„Bleiben Sie, meine Damen. Ich bin weit entfernt, Sie in Ihrem eigenen Hauſe zu ver⸗ drängen. Ich weiß, daß es mir zukommt den Platz zu räumen, aber erlauben Sie mir, daß ich meinen Sohn mitnehme, der es nicht vergeſſen wird, wohin ſeine Pflicht ihn ruft.“ „O, mein Gott, Vater!“ rief hier Richard ſchmerzlich aus,„was verlangen Sie von mir?“ „Daß Du nicht länger weilſt, wo man mehr von Dir verlangt, als ein Mann von Ehre der Liebe aufopfern darf.“ Richard hörte die letzten Worte ſeines Vaters kaum; er näherte ſich Luiſen, welche, als ſie ihn kommen ſah, ihr Geſicht wegwendete und ſich an die Bruſt ihrer Mutter warf. Richard faßte ihre Hand. „Luiſe!“ rief er;„einen Blick! ein Wort! Mißver⸗ ſtehen Sie meinen Vater nicht. Er iſt ſtreng, aber er iſt edel; er will mein und Ihr Glück. Reden Sie ein Wort, und Alles wendet ſich noch zum Guten. Nur um Sie zu prüfen, hat er dieſen Auftritt her⸗ beigeführt, von dem ich keine Ahnung hatte. Laſſen Sie mich ſo nicht gehen, ſtoßen Sie mich nicht auf immer von ſich fort.“ 4 Luiſe drehte ſich um; ihr von Thränen befeuch⸗ tetes Antlitz mit dem Ausdruck beleidigten Stolzes auf den flehenden Richard wendend, ſagte ſie feſt, indem ſie ihn mit der Hand von ſich abwehrte: „Gehen Sie!“ und wendete ſich wieder von ihm weg.— „Zu mir, mein Sohn!“ rief Richard's Vater mit ſtarker Stimme, und dieſer ſtürzte ihm nach zur Thüre hinaus. Geraume Zeit blieben Schaller, ſeine Frau und Tochter in großer Verwirrung gegeneinander über ſtehen. „Unangenehme Geſchichte,“ brummte endlich der Erſtere;„aber es war abſichtlich herbeigeführt von dem Alten. Er konnte es in ſeinem Stolze nicht vertragen, daß ſein Sohn eine Bürgerliche gewählt hatte. Im Grunde iſt's gut, daß wir ſie vom Halſe haben. Luiſe weiß, daß das Bewußtſein, ſeiner An⸗ ſicht treu zu bleiben, in jeder Lage genügen muß.“ Damit war aber Thereſe gar nicht einverſtan⸗ den.„Sprich nicht ſo ſinnlos,“ ſchalte ſie;„als ob es ſich um nichts weiter handle, als um einen ge⸗ wöhnlichen Zank. Die armen Kinder!“ und indem ſie ſich ſchmeichelnd zu ihrer Tochter wendete, frug ſie:„Wie iſt Dir, Luiſe?“ 3„ 87 Luiſe, welche bisher ſchweigend vor ſich nieder geſehen hatte, zögerte eine Weile, dann ſagte ſie weinend:„Ach, ich weiß es nicht, wie mir iſt. Ich habe nie gefühlt, was mich jetzt beſtürmt. Ich bin ärgerlich über ihn, über mich, über die ganze Welt!“ und ſie wollte ſich entfernen. In dieſem Augenblicke ging die Thüre langſam auf und Simon Goldheim, deſſen mehrmaliges An⸗ klopfen man überhört hatte, trat herein. Er hatte mehrere Tage verſtreichen laſſen, und kam nun, ermuthigt durch die Erlebniſſe des letzten Abends, in dieſer verhängnißvollen Stunde, um die Entſcheidung auf ſeinen Antrag zu vernehmien. Als er die Verwirrung in den Geſichtern bemerkte, ſagte er, indem er ſich zurückziehen wollte:„Wenn ich un⸗ gelegen komme, ſo will ich mich ſogleich wieder ent⸗ fernen.“ Aber Schaller, der ihn zuletzt erſt bemerkte, athmete auf und rief ihm entgegen:„Willkommen, liebſter Herr Goldheim! Sie treffen uns allerdings in einer etwas trüben Stimmung, aber Sie kommen wie gerufen.“ Luiſe und ihre Mutter waren gar nicht geneigt, Beſuch zu empfangen, und ſchickten ſich an, das Zim⸗ mer zu verlaſſen. Schaller aber hielt ſie zurück, in⸗ dem er ſagte:„Bleibt nur hier; Ihr müßt dabei ſein. Komm, Luiſe, Herr Goldheim iſt um Deinet⸗ willen gekommen.“ 3 „Um ihretwillen?“ frug Thereſe etwas erſtaunt. „Du weißt,“ entgegnete Schaller,„daß Herr Goldheim neulich, bevor Luiſe aus der Geſammtprobe des Conzertes kam, eine Unterredung mit mir hatte. Der Gegenſtand derſelben war ein Vorſchlag, der mich in die größte Freude verſetzte, und aus deſſen Verwirklichung ich die angenehmſten Folgen für die Zukunft hoffe. Gerade jetzt iſt der Augenblick ge⸗ kommen, wo es mir ſcheint, daß Ihr Beide mit mir übereinſtimmen werdet.— Herr Goldheim liebt Luiſe und hat um ihre Hand angehalten.“ „Herr Goldheim?“ fragte Thereſe ſpöttiſch lä⸗ chelnd. Simon, welcher dies nicht bemerkte, glaubte, daß es nun paſſend für ihn ſei, ſeinen Antrag ſelbſt vorzubringen.„Schon ſeit längerer Zeit trage ich dies Gefühl mit mir umher,“ ſagte er mit zagender Stimme;„und die Freundlichkeit, mit welcher Sie mich ſtets behandelten, gab mir den Muth—“ „Sich um die Hand unſerer Tochter zu bewer⸗ ben?“ brach hier Thereſe haſtig aus.„Dazu hätte Sie unſere Freundlichkeit doch wohl nicht berechtigen ſollen, dächte ich!“ 89 Simon wurde bleich wie der Tod und trat einen Schritt zurück; aber Schaller, indem er ſeiner Frau einen ſtrafenden Blick des Zornes zuwarf, nahm ſeine Hand und ſagte:„Luiſe allein hat hier zu entſcheiden.“ Dann ſich zu ſeiner Tochter wendend, ſprach er ernſt:„Luiſe, Du biſt gefragt. Antworte!“ Luiſe hatte während des ganzen Auftritts ſich ſprachlos weggewendet. Ohne umzuſehen frug ſie mit vor Aerger bebender Stimme:„Wie? Was, Papa?— „Herr Goldheim, unſer Freund, hat um Deine Hand angehalten, und ich habe ſie ihm zugeſagt, wenn Du Dich damit einverſtanden erklärſt,“ ſprach Schaller mit ungewöhnlich gebieteriſchem Tone. Luiſe drehte ſich raſch um, ihr Geſicht war roth vor Aufwallung und Heftigkeit.„Wenn ich denn antworten muß,“ rief ſie:„Nein!“ Das junge Mädchen wußte in dieſem Augen⸗ blicke ſelbſt nicht, weshalb ihr Simon's Antrag ſo tief verhaßt war. Seitdem Richard ihrer Aufforderung, ſich zu entfernen, Folge geleiſtet hatte, war ſie voller Unwillen und Verdruß. Sie hätte laut weinen mö⸗ gen und wünſchte ſich allein auf ihr Zimmer, um ihren Thränen freien Lauf laſſen zu können. Und nun kam ihr Vater, dem ſie ohnedies wegen des ganzen Vorgangs gram war, und wollte ſie ſtehenden 90 Fußes mit einem andern verloben. Simon war ihr fonſt ſtets ein lieber Freund geweſen, aber in dieſem Augenblicke war ſie voller Wuth auf ihn, ohne daß ſie recht wußte warum. Als daher ihr Vater ſie gleich darauf um die Urſache ihrer Weigerung fragte, ent⸗ gegnete ſie mit ſteigender Heftigkeit:„Nun, ich dächte doch, Grund genug wäre der Umſtand, daß Herr Goldheim ein Jude iſt.“—. Wer es jemals erfahren hat, welch' ein ſinn⸗ verwirrendes Gefühl es iſt, mit einem Schlage alle liebſten Hoffnungen vernichtet zu ſehen, der kann ſich Simon's Zuſtand in dieſem Augenblicke vergegen⸗ wärtigen. Unfähig etwas zu denken, mußte er ſich an der Lehne eines naheſtehenden Stuhles halten, um nicht vom Schwindel erfaßt zu Boden zu ſinken. Gerade für ihn, der im Gefühl ſeines Werthes als Künſtler von jeher auf die geſellſchaftlichen Unter⸗ ſchiede weniger Gewicht gelegt hatte, war es leicht geweſen an die Verwirklichung ſeiner kühnſten Pläne in Bezug auf ſeine Liebe zu glauben, und nun, mit einem Male berabgeſchmettert zu ſein in die ſchale Wirklichkeit, belaſtet mit dem Fluche der Ausgeſtoße⸗ nen! Wie ein Hohngelächter klang es immerfort in ſein Ohr: Du biſt ein Jude! Schaller, der zwar die Leiden des jungen Man⸗ 94 27 nes in ihrer ganzen Tiefe nicht ahnen konnte, fühlte doch die Beleidigung, welche demſelben angethan wor⸗ den.„Wie?“ ſagte er erzürnt zu Luiſe,„ſind das die Anſichten, die Du ſonſt ſo eifrig bekämpfteſt?“ Kaum aber vernahm Simon, daß Schaller dieſe Worte geſprochen hatte, als ſein Stolz ſich zu regen begann.„Halten Sie ein, Herr Schaller,“ unterbrach er ihn, die Worte hervorſtöhnend mit abgebrochenem Tone.„Sie müßten mich für ehrlos halten, wollten Sie noch ein Wort weiter für mich reden. Schmerz⸗ lich iſt der Fall von dem ſtolzen Gebände aller Hoff⸗ nungen in das tiefſte Loos elender Verbannung, denn nicht nur mein Herz iſt gebrochen, auch mein ganzes Streben, mein Glaube an das Edle unter den Menſchen iſt getödtet, und meine Gedanken wir⸗ beln haltlos im verödeten Geiſte; aber jeder Verſuch in dieſer Sache weiterzugehen, wäre eine neue Be⸗ ſchimpfung. Leben Sie wohl!“— Damit eilte er fort. Schaller lief voll Wuth im Zimmer umher. „Träume ich denn,“ rief er.„Sind das die Wände meines Haufes? Dieſen jungen Mann, den die ganze Stadt achtet und liebt, der hundert Mal bei uns zu Gaſt war, mit Euch ſang, tändelte, beſchimpft und beleidigt Ihr auf die ſchonungsloſeſte Art. Biſt Du denn meine Tochter? Iſt das Humanität?“ 8 92 „Man heirathet ſich nicht aus Humanität, ſon⸗ dern aus Liebe,“ entgegnete furchtlos Thereſe, indem ſie ihre Tochter umfaßte.„Ich konnte es dulden, daß Du in mein Recht als Hausfrau eingriffſt und in Deiner Ueberſtürzung die Ordnung meines Haus⸗ weſens ſtörteſt; mein Recht als Mutter aber werde ich Deinen Projekten niemals aufopfern. Magſt Du mit lebloſen Maſchinen experimentiren, mein Kind iſt dazu viel zu gut und glücklicher Weiſe auch zu ſelbſtſtändig.“ „Aber Goldheim iſt der Sohn eines der reich⸗ ſten Männer der Stadt; als Heuchler ſtehe ich vor der ganzen Oeffentlichkeit da!“ „Dies iſt Deine eigene Schuld, es ſind die Früchte Deiner Neuerungsgelüſte! Haben wir nöthig auf Geld zu ſehen? Baron von Neuberg iſt eben⸗ falls reich, und Deine Unduldſamkeit hat dieſe Par⸗ thie verſchlagen. Wären wir arm, ſo bliebe Gold⸗ heim's Idee wenigſtens zu entſchuldigen, aber ſo iſt ſie geradezu eine Beleidigung.“ „Eine Beleidigung! Ließen wir ihn jemals füh⸗ len, daß er nicht unſeresgleichen ſei? Hat ihn Luiſe nicht behandelt wie jeden Andern? oder habt Ihr ge⸗ glaubt, die Toleranz erſtrecke ſich nur ſo weit, als ſie uns bequem ſei, als ſie zur geſelligen Unterhaltung beitrage? 93 Seine Talente erfreuten Euch, die Blüthe ſeines Weſens nahmt Ihr willig für Euch in Anſpruch, aber ſeinen Namen, den Makel, der an ſeiner Geburt nach dem allgemeinen Vorurtheile klebt, den wollt Ihr nicht hinnehmen!“— „Nein, nein, gewiß, das war es nicht!“ ſagte hier plötzlich Luiſe, indem ſie aus tiefem Nachſinnen erwachte.„Ich ſelbſt wußte keinen andern Grund da⸗ für, daß ſein Antrag mich in tiefſter Seele verletzt hatte, aber ich fühle es jetzt, daß ich ſchweres Unrecht an ihm begangen habe, unddaß ich ihn nur die Stim⸗ mung entgelten ließ, in welche mich das Zerwürfniß mit Richard's Vater verſetzt hatte. Ach Mutter,“ ſetzte ſie unter Schluchzen und mit Thränen in den Augen hinzu,„ich muß fort, fort aus dieſem Hauſe 14 Thereſe blickte ſie erſtaunt an. Sie hatte ihre Tochter noch nie in dieſem Tone reden hören.„Was haſt Du, Kind?“ frug ſie angſtvoll.„Du erſchreckſt mich! Was fehlt Dir?“ „Was mir fehlt?“ brach Luiſe jetzt heftig wei⸗ nend aus, indem ſie ihrer Mutter ſtürmiſch um den Hals fiel;„ach, alles, alles fehlt mir, ich fühle mich verlaſſen von der ganzen Welt!“— Thereſe erſchrack ernſtlich; Luiſe mußte krank ſein, anders konnte ſie ſich deren ſonderbares Beneh⸗ 94 men nicht erklären.„Bin ich denn nicht bei Dir, meine Tochter?“ redete ſie zärtlich zu.„Armes Kind, komm auf Dein Zimmer, Du mußt ruhen und Dich etwas erxholen.“ Darauf ging ſie langſam mit Luiſe hinweg, und Schaller begab ſich verdrießlich in ſeine Schreib⸗ ſtube. — ˙; Hrchstes Kapitel. Als Otto ſich an dieſem Tage über den Rhein fahren ließ, ſtand Marie bereits am jenſeitigen Ufer und erwartete ihn. Er ging auf ſie zu. Sie reichte ihm die Hand und wollte reden, aber ein Strom von Thränen verhinderte ſie, mehr zu ſagen, als die Worte:„Sie iſt todt!“ Auch Otto's Augen füllten ſich mit Thränen, und nachdem er ſchweigend mit Marie in das Haus gegangen war, traten ſie in das Zimmer, wo die Verſtorbene lag. Otto deckte ihr Geſicht auf. Eine unnennbare Ruhe war dar⸗ über verbreitet.„Wie ſtarb ſie?“ frug er Marie und dieſe begann zu erzählen: Kaum war er am vorigen Tage fort geweſen, 9⁵5 ſo war die Mutter in einen leichten Schlummer ver⸗ ſunken, aus dem ſie erſt in ſpäter Nacht röchelnd wieder erwacht war. Marie war dann in große Be⸗ ſorgniß gerathen, hatte die Wirthin geweckt und keinen Augenblick mehr das Bett der Kranken ver⸗ laſſen. Dieſe hatte nichts mehr reden können, aber mit Blicken, die Marie voll unbeſchreiblicher Seelen⸗ ruhe erſchienen waren, hatte ſie fortwährend auf dieſe hingeblickt. Gegen Morgen war ſie dann fanft im Tode entſchlafen, ohne Schmerz, wie ein Kind an der Bruſt ſeiner Mutter.„Ach Otto!“ ſetzte Marie am Schluſſe ihrer Erzählung hinzu,„noch kann ich es nicht faſſen, noch nicht einmal daran denken, wie glücklich ich mich als Dein Weib fühlen werde. Aber ſchon für den ruhigen Tod der Mutter werde ich Dir danken, ſo lange ich athme. Wäre ihr Tod minder ſchmerzlos geweſen, ich würde verzwei⸗ felnd bei ihrer Leiche jammern, während ihr ſanftes Hinſcheiden mich nur wehmüthig ſtimmt und unter meine Trauer den ſanften Troſt miſcht, daß das zu⸗ künftige Glück meines Lebens ihr Glück im Tode war.“ Otto ſchlang ſeinen Arm um Marie und küßte ihre Stirn. Sie blickte ihn voll Hingebung und Vertrauen an und fuhr fort:„Ja, mein Freund, 2 96 und ſollte ich auch niemals ſo glücklich werden, wie es meine gute Mutter für mich erbat, und würde mit ihr auch jede Lebenshoffnung für mich begraben, ich wollte zufrieden ſein mein Leben lang, daß ſie in dem Glauben ſterben konnte, meine Zukunft ſei geſichert.“ Otto beſprach ſich hierauf mit Marien über die Anordnungen des Begräbniſſes und er dachte nun auch zum erſten Male daran, daß es die höchſte Zeit ſei, ſeine Eltern von ſeiner Liebe zu unterrichten. Bis⸗ her hatte ihn die Furcht, auf Widerſtand zu ſtoßen, davon abgehalten, und er war auch jetzt noch über⸗ zeugt, daß es nicht leicht ſein werde, die Einwilligung der Eltern zu der Verbindung mit dem unbemittelten Mädchen, deſſen Herkunft eine zweifelhafte und zwei⸗ deutige war, zu erhalten. Aber er vertraute dabei auf die Liebe ſeiner Mutter, und das junge Herz iſt ja ſo leicht geneigt jedes Hinderniß zu überfliegen, das ſeinen Hoffnungen entgegenſteht. Nachdem noch einige Stunden unter traulichem Geſpräche vergangen waren, trat Otto den Heimweg an und Marie begleitete ihn. Es war ein heißer Tag und die ſchwüle Luft lag drückend über der ganzen Natur. Langſam gingen die Liebenden Hand in Hand auf dem Wege, den ſie damals zuerſt mitein⸗ 97 ander gegangen waren, als ſie der dahingeſchiedenen Mutter Beiſtand leiſteten. Die wehmüthige Stimmung, welche dieſe Erinnerung in ihnen hervorrief, feſſelte ſie nur mehr und mehr aneinander, und nie hatten ſie beſſer empfunden, wie unentbehrlich ſie ſich geworden, als in dieſem Augenblicke. So gelangten ſie zu jenem Ruheſitz, dem Orte ihrer erſten Zuſammenkunft. Otto ging darauf zu, ſetzte ſich und zog Marie zu ſich nie⸗ der. Beide ſprachen kein Wort, aber das Mädchen lehnte ihren Kopf an die Bruſt des jungen Mannes und er drückte ſeine Lippen abwechſelnd ihr auf Haare, Stirne, Augen und Mund. Seelige Minuten ver⸗ gingen ihnen, ohne daß ſie deren Entfliehen bemerkten. Eines fühlte ſich nur im Anderen, und keines fand den Entſchluß, dieſem glücklichen Zuſammenſein ein Ende zu machen. Plötzlich fuhren ſie von einem fern rollenden Donner erſchreckt auf. Wie die Stimme eines zür⸗ nenden Geiſtes klang er in die ſüße Wonne ihrer Seelen. Raſch erhoben ſie ſich und mit einem letzten Blick des Abſchieds gingen ſie ſchweigend eilig aus⸗ einander. Otto ſchlug den Weg auf dem diesſeitigen Ufer des Rheines ein, um bei Caſtel auf der Brücke den Rhein zu überſchreiten. Er eilte raſch vorwärts und Familie Schaller. I. 7 98 hoffte vor Ausbruch des herannahenden Gewitters am Ziele zu ſein. Rüſtig ſchritt er ſo den Fußpfad dahin. Immer finſterer umzog ſich in der Ferne das Firmament, greller Schein zuckte hier und da durch das zerriſſene Gewölbe, weißſchäumend prallten die Wellen heftig vom Ufer zurück— er ſah es nicht. Näher und näher grollte der Donner, dumpf brauſte das vom Winde gejagte Waſſer, ſchwere Tropfen fielen einzeln auf die Blätter am Wege— er hörte es nicht. Dichter und dichter ſtrömte nun der Regen, die kühle Luft des Herbſtabends durchſtrich ſeine Haare, ſchon drang die Näſſe durch ſeine Kleider bis auf die Haut— er fühlte es nicht; denn in ſeinem Herzen war Früh⸗ ling und mit tauſendſtimmigem Jubel hallte es in ihm wieder: Sie liebt mich! Sie liebt mich! So war er in die Nähe von Caſtel gekommen und befand ſich bereits im Innern der Feſtungswerke. Kein Menſch war ringsumher ſichtbar außer der öſterreichiſchen Schildwache, die in einiger Entfernung in ihrem Wachthäuschen ſtand und den einzelnen Wanderer bemerkte. Der von Bäumen eingefaßte Weg führt dort dicht am Rhein her und das Ufer fällt ſteil ab. Da mit einem Male fuhr ein Blitz in einen der am Wege ſtehenden Bäume. 99 Der Soldat auf dem Poſten bemerkte, daß der zackige Strahl in den Baum ſchlug, an dem in dem⸗ ſelben Augenblicke der Wanderer vorüberging. Er ſah dieſen einige Augenblicke taumeln und dann auf der Seite nach dem Rheine zu hinabſtürzen. Augenblick⸗ lich rief er die Wache heraus und theilte dem Offi⸗ zier das Vorgefallene mit. Raſch eilten einige Mann nach dem Ufer und mit Mühe gelang es ihnen den ſchon halb bewußtlos mit den Wellen kämpfenden Otto zu retten. Als er an das Land gebracht wurde, verlor er vollſtändig die Beſinnung, und bei genauerer Beſichtigung zeigte es ſich, daß er am Kopfe verwun⸗ det war. Glücklicherweiſe erkannte ihn der Offizier der Wache. Er beorderte ſogleich einige Mann Sol⸗ daten, welche einen Wagen herbeiſchaffen mußten, während er ſelbſt Otto's Wundo, ſo gut es eben ge⸗ hen wollte, verband. Der Patient ſchlug mehrmals die Augen auf, aber ſein unſteter Blick ließ erkennen, daß er noch immer beſinnungslos war. Unterdeſſen kam der beſtellte Wagen an. Der Offizier befahl zweien der zuverläſſigſten ſeiner Leute den Kranken hineinzuheben und langſam mit ihm nach der Wohnung ſeiner Eltern, welche er dem Kut⸗ ſcher genau bezeichnete, zu fahren. — 7*½ 100 Siebentes Kagitel. Luiſe hatte ſich, durch die heftigen Gemüths⸗ erſchütterungen entkräftet, auf das Sopha gelegt und ihre Mutter ſaß bei ihr, um ihr Troſt zuzuſprechen. Schaller hatte ſich ſchon einige Male im Zimmer ſehen laſſen, aber es war ihm nicht möglich, ein Ge⸗ ſpräch mit dem Mädchen in Gang zu bringen.„Ich hoffe, es wird vergehen,“ hatte ſie ihrer Mutter ge⸗ ſagt,„aber wenn ich Papa ſehe, ſo wird mir ſo weh um's Herz, daß ich ihm kein freundliches Ge⸗ ſicht machen könnte, und betrüben will ich ihn doch auch nicht.“ Thereſe, welche noch der feſten Ueberzeugung war, daß Richard von Neuberg eine Annäherung verſuchen werde, konnte nicht aufhören von dieſem Thema zu reden.„Ich hätte wirklich nicht erwartet,“ ſagte ſie einmal,„daß er ſo blindlings gehorſam ſei. In ſeinem Alter!“— „Nennſt Du das blindlings gehorchen?“ ent⸗ gegnete Luiſe.„Die Achtung, welche Richard für ſei⸗ nen Vater hat, hat ihn in meinen Augen nur höher geſtellt. Wie iſt doch die Gewalt eines überragenden männlichen Geiſtes ſo wohlthuend! Wie ſicher muß 101 man ſich in ſeiner Nähe fühlen, welch' ein Zutrauen erweckt er! Ich weiß nicht, wie es kommt, aber wenn ich mir Richard nun denke, ſo erſcheint er mir ganz anders als früher. Meiner Anſicht nach wäre er blind geweſen, wenn er mich dieſem Vater vorgezogen hätte. Was bin ich junges, unerfahrenes Mädchen gegen einen ſolchen Mann!“ „Du ſchwärmſt und biſt ganz verändert,“ be⸗ merkte Thereſe.„Hat Dir Dein Vater nicht mehr Zutrauen erweckt als Baron von Neuberg?“ „Ich kenne Papa zu gut,“ ſagte Luiſe,„er hat mich ſtets wie ſeines Gleichen behandelt; aber Ri⸗ Gardes Vater flößte mir ein Gefühl der Ehrfurcht . Ich fühlte, daß ich ein ſchwaches Geſchöpf, daß ich ein Weib bin, und— Du magſt nun darüber la⸗ chen oder nicht— das that mir wohl. Ich möchte dieſen Mann über alles genauer befragen, mich von ihm belehren laſſen, und wenn auch nicht alles un⸗ bedingt überzeugend war, was er ſprach, intereſſant war es doch. Bei Papa weiß ich immer ſchon im Voraus, wie er von jeder Sache denkt.“ Gerade in dieſem Augenblicke fuhr der Wagen mit dem noch immer beſinnungsloſen Otto an der Hausthüre vor, und bald darauf hörte man die ſchwe⸗ ren Tritte der Soldaten, welche den Verwundeten die 10²2 Treppe herauftrugen. Ein jäher Schreck der Ahnung durchzuckte Thereſen's Herz. Sie konnte ſich keine Rechenſchaft darüber geben, was ſie ergriff, aber mit einem Schrei ſtürzte ſie hinaus und den Ankommenden entgegen. Als ſie den geliebten Sohn mit geſchloſſenen Augen, bleich wie eine Leiche, in einem Mantel ge⸗ wickelt, herauftragen ſah, brach ſie zuſammen und blieb ohnmächtig an der Schwelle liegen. Auch Schal⸗ ler eilte auf das Geräuſch herbei, und Luiſe ihrer Mutter folgend, erblickte ebenfalls den jammervollen Auftritt. Als Schaller ſich überzeugt hatte, daß ſein Sohn noch am Leben ſei, traf er ſogleich Anordnungen ihn entkleiden und zu Bette bringen zu laſſen, ſchickte zum Arzte und beeilte ſich dann im Verein mit Luiſe ſeine Frau ins Leben zurückzurufen.„Er lebt!“ rief er ihr unaufhörlich zu, ſo daß dies der erſte Klang war, der ihre endlich wiederkehrenden Sinne traf. Ein leiſer Schrei der Freude entrang ſich hier⸗ auf aus der Bruſt der Mutter, ſie raffte ſich ſchnell auf und eilte nach dem Bette ihres beſinnungsloſen Sohnes, den ſie dann mit tauſend Küſſen und Schmeichelworten als wiedergeſchenkt begrüßte. Der Arzt kam, und nach ſeiner genauen Unter⸗ ſuchung ergab es ſich, daß Otto, wie man vermu⸗ —— 103 thete in Folge des Sturzes, eine Gehirnerſchütterung erlitten hatte. Die Soldaten, welche ihn herüber⸗ gebracht hatten, erzählten den Hergang ſo, wie ihn ihr Kamerad berichtet hatte, und es lag nach alle⸗ dem die Befürchtung nahe, daß, was bei ähnlichen Fällen häufig der Fall zu ſein pflegt, jener Blitz⸗ ſtrahl dauernde Nachtheile auf des jungen Mannes Gehirnorganiſation haben könne. Aengſtlich wachten die Eltern abwechſelnd Tag und Nacht an ſeinem Bette, und Luiſe vergaß gänzlich die Angelegenheiten ihres eigenen Herzens, nur mit der Sorge für den Bruder beſchäftigt. Es war das erſte Mal, daß der 2 des Todes mit all' ſeinen Schrecken in den Frieden dieſer Familie eintrat, und die Wirkung, welche dieſer Vorfall ausübte, war auf jedes der Glieder derſelben eine tiefe und bedeutungsvolle. Eine ungewöhnliche Milde war in aller Herzen ge⸗ kommen, ſie hatten es empfinden gelernt, wie das unabwendbare Schickſal oft die kühnſten Pläne durch⸗ kreuzt, und wie der ſich ſtark dünkende, ſchwache Menſch manchmal hülflos dahin gegeben iſt den Ein⸗ wirkungen unvorhergeſeher Ereigniſſe. Der Zuſtand des Kranken ging den folgenden Tag aus der gänzlichen Beſinnungsloſigkeit in fieber⸗ hafte Träume über, und da die Mutter bereits am 104 Tage des Unfalls Vermuthungen über ſein Geheim⸗ niß hatte, ſo ward es ihr nicht ſchwer aus den Phantaſien, in denen er unaufhörlich von Marie und ſeiner Liebe ſprach, vollſtändig klar darüber zu werden. Sie gelobte ſich, wenn der Sohn ihr wieder⸗ geſchenkt werde und in ſeiner vollen körperlichen und geiſtigen Kraft erſtehe, ſo werde ihr kein Opfer zu groß ſein, um ihn glücklich zu wiſſen. Endlich nach vier Tagen peinlicher Ungewißheit ſchlug Otto nach einem langen Schlummer des Mor⸗ gens die Augen auf, und das erſte, was er ſah, war der zärtliche Blick ſeiner Mutter, welche über ihn gebeugt, jeden Athemzug von ihm belauſchte. Sie bemerkte ſogleich an dem veränderten Ausdruck ſeines Blickes, daß er das Bewußtſein wiedergefunden habe, und in zitternder Angſt den Athem einhaltend, wartete ſie auf das Wort von ſeinen Lippen. Lange ſtarrte der Leidende ſie an, endlich, da eine leiſe Ahnung des Vorgefallenen in ihm aufdämmerte, frug er, wie lange er geſchlafen habe. Thereſe, die einige Augenblicke lang nicht Worte finden konnte, ihr Entzücken auszudrücken, ergoß dieſes in freudigen Thränen und erwiederte dann ausweichend auf die Frage des Sohnes, daß ſein Schlaf mehrere Stunden gedauert habe. Sie rief — 10⁵ darauf Vater und Schweſter herbei und Alle ergin⸗ gen ſich in freudigen Ausrufungen über des Leiden⸗ den Beſſerung. Vorſichtig vermieden ſie nun Alle, ihn darauf aufmerkſam zu machen, wie lange ſein Zuſtand ge⸗ dauert habe, und ſo erhielten ſie ihn in dem Glau⸗ ben, daß, da es Morgen war, nur eine Nacht zwi⸗ ſchen jenem Unfall und ſeinem jetzigen Zuſtande ver⸗ gangen ſei. Seine erſte Sorge war indeß natürlich auf Marien gerichtet, und da er ohnehin die Abſicht enntniß zu ſetzen, ſo bat er dieſe, ihm auf ei⸗ Augenblicke allein Gehör zu ſchenken. Thereſe hörte ihres Sohnes Bericht angſtvoll und mit Herzklopfen an. Sie befürchtete, daß unter⸗ deſſen das arme, verlaſſene Mädchen, an der Treue ihres Geliebten zweifelnd, einen ſchrecklichen Entſchluß gefaßt haben könne. Doppelt vorſichtig vermied ſie daher ihrem Sohne die Sorge mitzutheilen, die ihr Herz erfüllte. Sie verſprach, ſelbſt ſogleich nach Ma⸗ rien's Wohnung zu fahren, und bat Otto, vor ihrer Zurückkunft weder dem Vater noch Luiſen etwas von ſeinem Anliegen mitzutheilen. Sie ſelbſt verbot dieſen aufs ſtrengſte, den Kranken über die Dauer ſeiner d ſeine Mutter von dem Verhältniß zu derſelben 106 Bewußtloſigkeit aufzuklären, und ſchärfte ihnen ein, ſo wenig als möglich mit ihm zu reden. Die beſorgte Mutter ließ nun ſogleich an⸗ ſpannen und fuhr, ihrem Verſprechen gemäß, eilig nach Schierſtein. Dort fand ſie alsbald nach Otto's Beſchreibung das Haus, in dem Marie wohnen ſollte. Die Wirthin erſtaunte anfänglich über die An⸗ kunft der Dame, als ſie jedoch erfuhr, daß dieſe nach Marie verlangte, ahnte ſie den Zuſammenhang, und bat Thereſe einzutreten. Sie erzählte darauf, daß Marie am heutigen Tage, des Morgens früh, ſich über den Rhein habe ſetzen laſſen, und ſeitde nicht wiedergekommen ſei. Auf Thereſen's Frage, das Mädchen die Abweſenheit ihres jungen Freu in den letzten Tagen ertragen habe, berichtete die Hauswirthin folgendes: 4 Marie war am Morgen nach jenem heftigen Gewitter früh nach dem Rheine gegangen und erſt um die Mittagsſtunde wieder zurückgekehrt. Sie hatte nichts gegeſſen, ſtillſchweigend den Vorbereitungen zum Begräbniß ihrer Mutter beigewohnt, war be⸗ hülflich geweſen, die Leiche anzukleiden und in den Sarg zu legen, und hatte ſie mit Blumen und Kränzen ſorgfältig geſchmückt. Dann war ſie wieder weggegangen und erſt des Abends, als die Leichen⸗ —V——᷑ęOKQ—ꝭ——C———ꝑꝑCꝑ—QC—CQCQCQO·N—O,—ę—Q—O——— 107 träger bereits im Hauſe waren, zurückgekommen. Sie war hierauf dem Begräbniß gefolgt und hatte ſich, nachdem alle Leute vom Kirchhofe weggegangen wa⸗ ren, bei dem Grabe zur Erde geſetzt. Auffallend war es erſchienen, daß ſie den ganzen Tag nur das allernothwendigſte geſprochen, weder Speiſe noch Trank zu ſich genommen und immer ſtarr vor ſich hingeblickt hatte. Die Nacht hatte ſie, ohne ſich zu entkleiden, auf dem Bette liegend hingebracht. Am andern Mor⸗ gen in aller Frühe hatte die Wirthin ſie wieder weg⸗ gehen ſehen, und ſie war dann erſt am ſpäten Abend das Zimmer begeben, wo ſie kraftlos hingeſunken har. In der Nacht konnte man ſie deutlich laut ſchluchzen hören. Eben ſo hatte ſie es am dritten Tage getrieben. Sie kam Abends wieder ganz er⸗ mattet zurück, ihre Haare waren aufgelöſt, und es ſchien, als ſei ſie den ganzen Tag umhergeirrt, um den Verlorenen zu ſuchen. Geweint hatte ſie in den drei Tagen nicht, und als die Wirthin fragte, ob ſie den Namen des jungen Herrn nicht wiſſe, antwortete ſie, ſie erinnere ſich, daß er am erſten Abend ihrer Zuſammenkunft ſeinen Namen genannt habe, aber 4 eich und verſtört zurückgekommen, hatte ſich ſogleich die Mutter ſei damals ſo leidend geweſen, daß ſie ihn überhört habe, und ſie ſelbſt hatte nur den Vor⸗ 408— namen Otto im Gedächtniß behalten. Was kümmerte mich ſein Name, ſo lange ich ihn täglich ſah! hatte ſie ſchmerzhaft jammernd ausgerufen, und ſich dann wieder bittere Vorwürfe darüber gemacht, daß ſie ihn nicht beſſer gemerkt. Endlich am Morgen dieſes, des vierten Tages mußte ſie den Entſchluß gefaßt haben, ihre Nachforſchungen weiter fortzuſetzen. Sie hatte ſich früh über den Rhein ſetzen laſſen und war nun bis zu dieſer Stunde noch nicht zurückgekehrt. Thereſe hoffte, daß Marie am Abend wohl wie⸗ der in ihrer Wohnung ſein werde, und bat die Wir⸗ thin, ihr dann ſogleich zu ſagen, daß ſie ſelbſt am andern Morgen wiederkehren und das Mädchen holen werde. Darauf entfernte ſie ſich. Unterwegs überdachte ſie, wie ſie ihren Sohn bis zum folgenden Tage in dem Irrthum erhalten könne, daß ſein Krankſein nichts in ſeinem Verhält⸗ niſſe zu Marien geändert habe. Sie beſchloß, das Begräbniß ſollte ihr zum Vorwand dienen, ihn bis zum andern Tage zu vertröſten. Bei ihrer Ankunft ſagte ſie ihm alſo, daß Ma⸗ rie nicht eher die Wohnung verlaſſen könne, bis die Leiche ihrer Mutter zur Erde beſtattet ſei. Otto fand dies begreiflich und ſah mit Sehn⸗ ſucht dem folgenden Tage entgegen, während ſeine 109 Mutter die ganze Nacht vor Beſorgniß kein Auge ſchloß. Tags darauf fand ſich Thereſe auf's Neue in Marien's Wohnung ein. Es war ihr, als erwarte ſie den Urtheilsſpruch über Leben oder Tod ihres Sohnes, aber ehe ſie noch fragen konnte, las ſie in den Mienen der Wirthsleute die traurige Nachricht, daß Marie nicht wiedergekehrt war. Was ſollte ſie nun beginnen? Das dieſe Nach⸗ richt ihren Sohn auf's Neue an den Rand des Gra⸗ bes bringen werde, ſah ſie deutlich voraus, und doch fand ſie kein Mittel, ihn länger zu täuſchen. Troſt⸗ kehrte ſie nach ihrem Hauſe zurück. Otto zählte die Minuten, bis ſeine Mutter mit Marie bei ihm eintreten werde. Bevor dieſe indeß noch wiederkehrte, hatte ein zufälliger Umſtand ihn darüber aufgeklärt, daß man ihn in Bezug auf die Dauer ſeiner Krankheit getäuſcht hatte. Der Arzt ſelbſt, der nichts davon ahnen konnte, welche Neben⸗ rückſichten die Unterhaltung dieſer Täuſchung forder⸗ ten, hatte Otto, deſſen Zuſtand in Folge der freu⸗ digen Hoffnung allerdings ein gebeſſerter ſchien, für ſtark genug gehalten, die Wahrheit zu ertragen, und ihn deshalb in Bezug auf die näheren Umſtände ſeines Unfalls vorſichtig aufgeklärt. Mit peinlicher Ungeduld erwatete der Kranke nun die Ankunft ſeiner Mutter. Als dieſe mit der Abſicht, ihn nochmals auf einen Tag zu vertröſten, bei ihm eintrat, glaubte er alles zu errathen und rief ihr entgegen:„Täuſche mich nicht länger, ſondern ſage es frei heraus: ſie iſt todt und ich werde ſie niemals wiederſehen!“ Obgleich Thereſe ſelbſt nicht daran glaubte, daß Marie noch am Leben ſei, gab ſie ſich doch alle Mühe, die feſte Verſicherung auszuſprechen, Marien's Aufenthalt werde in kurzer Zeit entdeckt werden. Otto aber ſchüttelte das Haupt und begann troſtlos in heftige Klagen auszubrechen. Durch di Gemüthserſchütterung entſtand in ſeiner darne fahrdrohenden Lage ein bedenklicher Rückfall Fieber, welches ihn ergriff, konnte faſt mitleidig ge⸗ nannt werden, obgleich es an Stelle der troſtloſen Wirklichkeit ihn einwiegte in Träume von faſt nicht minder traurigem Inhalt. Es war ihm oft, als verließe er eben Marie und eile längſt dem Ufer des Rheines hin. Da plötz⸗ lich dünkte es ihm, als ob vom Waſſer her und in den Bäumen, die ihm zur Seite ſtanden, ein eigen⸗ thümlich, leiſe beginnendes aber immer mehr und mehr anſchwellendes Rauſchen ertöne. Plötzlich ent⸗ ſtand ein gewaltiges Getöſe und die Wellen thürmten 111 ſich um ihn her. In der bis dahin heitern Luft er⸗ ſchienen nebelhafte, farbloſe Geſtalten, und hier und da tauchten aus dem Waſſer wunderbare Weſen auf. Er erkannte die ſieben Schweſtern; die bleiche Giſela, Brömſer's Tochter, und unter allen ragte ein hohes, ſchönes Weib hervor: die Lorelei. Unter den Lufterſcheinungen zeigte ſich die ſtrengverhüllte Be⸗ wohnerin von Nonnenwerth, die Jungfrau vom Dra⸗ chenſtein, und mit Blicken voll Haß und Groll ſahen die feindlichen Brüder einander an. Sie alle drangen auf ihn ein und riſſen ihn gewaltſam hinab, wäh⸗ rend er Marie jammernd am Ufer nach Hilfe ru⸗ fen ſah. Aehnliche Träume quälten und tröſteten ihn abwechſelnd mehrere Tage lang. Endlich erwachte er eines Morgens, holte tief Athem, öffnete langſam die Augen und bemerkte, daß ſeine Mutter mit hellen Thränen im Geſicht auf ihn herabſchaute. Als ſein Blick ihr Auge traf und ſie ſah, daß er ſie erkannte, jubelte ſie laut auf.„Gott ſei geprieſen,“ rief ſie,„Du wirſt geneſen und uns wiedergeſchenkt ſein, wenn nicht alles trügt.“ Otto fühlte ſich ſelbſt in der That viel leichter und ſchritt wirklich von nun an auf dem Wege der Beſſerung raſch voran. —— 112 Achtes Kagitel. Während dem dies im Schaller'ſchen Hauſe vor⸗ ging, hatte die Fama nicht geruht und die Kunde von Otto's Unfall in der Stadt verbreitet. Durch den Umſtand, daß das Militair ſehr wenig mit den Bürgern verkehrt, hatte es mehrere Tage gedauert, ehe man die Urſache ſeiner Krankheit erfuhr. Jener Offizier, der bei ſeiner Hilfe thätig geweſen, hatte die näheren Umſtände ſo eben auf dem Caſſino meh⸗ reren Herren erzählt, und es befand ſich unter dieſen jener alte Muſikmeiſter, den wir am Eingange ſerer Erzählung kennen gelernt haben I Auf dem Heimwege begegnete ihm ſein junger Freund Simon Goldheim, den er ſeit längerer Zeit nicht geſehen hatte. „Nun wie geht's?“ rief er ihm zu;„haſt Du Deinen Entſchluß gefaßt?“ Simon, der das Gefühl der kindlichen Liebe, welches er ſeit ſeinem früheſten Alter zu ſeinem Va⸗ ter nie recht empfinden konnte, faſt gänzlich auf die⸗ ſen Freund und Rathgeber, der ihn in der Kunſt unterrichtet und ſo das Beſſere in ihm geweckt und gefördert hatte, übertrug, wäre ihm diesmal gerne 4 1l — 113 entwiſcht, wenn es ſich irgendwie hätte thun laſſen. In der That, daß ſein Vertrauen zu dieſem Manne wankend geworden war, gab den ſchärfſten Beweis dafür ab, wie ſehr ſein Weſen durch die letzten Er⸗ lebniſſe ſich geändert hatte. „Ich bleibe, und führe das Geſchäft meines Vaters,“ entgegnete er kurz. „Alſo kann man Dir Glück wünſchen?“ frug der Andere dagegen. „Wie Du willſt,“ erwiederte Simon,„denn wer kann vorausſagen, wodurch unſer Glück gemacht wird! Mich hat das Mädchen, die ich liebte, ver⸗ ſchmäht; doch wer weiß, vielleicht bin ich noch nicht klug genug, mein Glück zu verſtehen;— vielleicht würde ich anders über das denken, was mir wieder⸗ fuhr, als ich es bis jetzt kann.“ „Und trotzdem willſt Du hier bleiben?“ fuhr der Andere fort;„ich fürchte, Du handelſt ohne Ueberlegung! Weil eine Hoffnung Deines Lebens geſcheitert iſt, ſchlägſt Du die andere freiwillig ſelbſt in Trümmer und wähnſt damit vielleicht dem Schick⸗ ſal zu trotzen! Dein Vater hat in ſeinem Geſchäft ſeinen Lebenszweck geſucht und gefunden, und wenn es ihn nun erfreut, daß er es ſo weit gebracht und ſo viel damit verdient hat, ſo laß Du es darum Familie Schaller. I. 8 114 nicht zur Kette werden, die Dich dahin feſſelt, wo Du Dich nicht wohl fühlſt, wo Du Deinen Lebens⸗ zweck nie erreichen, Deinen Beruf nie erfüllen kannſt. Laß es vielmehr das Mittel ſein, Dein Streben zu erleichtern und den Weg zu gehen, auf dem Du allein zum glücklichen Ziele gelangen kannſt.“ „Das klingt alles recht ſchön, iſt aber doch nur Thoren Weisheit,“ ſagte Simon, ſonderbar lächelnd. Es durchſchauerte den alten Freund, als er ſeinen Schüler, über deſſen Worte erſtaunt, anblickte. Um von etwas anderem zu reden, frug der alte Herr, ob Simon ſchon von dem Unglück wiſſe, das die Familie Schaller betroffen habe. „Was für ein Unglück?“ frug Simon haſtig, und ein unheimliches Feuer leuchtete in ſeinen Augen. Der Alte erzählte, was er ſo eben erfahren hatte, und Simon hörte ihm aufmerkſam zu. Aber ſtatt des Mitleids mit der ihm befreundeten Familie, bemerkte der Erzähler mit Befremden, daß ein ſcha⸗ denfroher Zug im Geſichte ſeines Zuhörers hervor⸗ trat. Er konnte ſich das Benehmen ſeines Schülers und Freundes nicht erklären und verließ ihn mit dem Gedanken, daß das Mißlingen ſeines Liebesplanes ſeinen Gedankengang wohl etwas geſtört haben mü Als Simon nach Hauſe kam, erzählte er ſeit 115 Vater eifrig und freudig, was er vernommen hatte. Meyer Goldheim hörte ſeinem Sohne ruhig zu. „Simon,“ ſagte er darauf ernſt,„ich kenne Dich nicht mehr. Du weißt, ich hänge an dem Ge⸗ ſchäft, das ich ſo weit gebracht; aber ich wollt' alles d'ran geben, wär' die Geſchichte mit dem Mädchen nicht vorgefallen. Wär'ſt Du gegangen, als ich Dir's ſagte, Du hätteſt Dein Herz gerettet, und es wär' nicht ſo weit gekommen, daß Du Dich freuſt über and'rer Menſchen Unglück. Glaubſt Du, damit wär' Dir geholfen, wenn ſie das Schickſal ſchlägt. Du haſt mich früher nicht verſtanden, Du verſtehſt mich auch jetzt nicht. Iſt's des Herrn Wille, ſo wird er ſtrafen, was Dir geſcheh'n; aber Deine Freude daran iſt gegen ſein Gebot, denn: Mein iſt die Rache, ſpricht der Herr.“ Nach dieſen Worten verließ der alte Goldheim ſeinen Sohn. Simon ſtand einen Augenblick und nagte, vor ſich hinſtarrend, an den Fingern. Dann plötzlich entrang ſich ein tiefer, faſt röchelnder Seuf⸗ zer ſeiner Bruſt und er verließ eilig das Haus ſei⸗ nes Vaters. Seit dem Vorfalle im Schaller'ſchen Hauſe war Simon Goldheim— obgleich er den feſten Entſchluß ausgeſprochen hatte, für nichts anderes mehr zu le⸗ .. 8 116 ben, als für das Erringen, damit er im Beſitze der⸗ einſt die Macht reichlich finde, die redliches Wollen und warme Begeiſterung ihn vergeblich hatten ſuchen laſſen— noch ſeltener in ſeinem väterlichen Hauſe anzutreffen, als vorher; deſto häufiger dagegen brachte er ſeine Zeit in Geſellſchaft luſtiger Genoſſen zu, und es verging faſt keine Nacht, die er nicht zum größten Theil in ſchwelgeriſchen Gelagen auswärts verbracht hätte. Manchmal allerdings konnte er dann wieder plötzlich einige Augenblicke ſtarr vor ſich hin⸗ ſehend in finſteres Brüten verſinken, und die Bläſſe ſeines Geſichts ſtach dann ſchreckhaft gegen die lan⸗ gen ſchwarzen Haare und den unſtet finſtern Blick ab; aber raſch ergriff er wieder ein Glas, ſtimmte irgend ein Trinklied an und war in einem Nu der tollſte, ausgelaſſenſte Burſche. An eben dem Abende, wo ſein Vater ihn wegen der Schadenfreude an dem Unglücke, das die Familie Schaller betraf, zurecht⸗ gewieſen hatte, ſaß er in einer der beſuchteſten Wein⸗ ſtuben, mit einer Anzahl luſtiger Geſellen an einem Tiſche. Einer der Zechbrüder erzählte, daß er anderen Tages zu einem Polterabend geladen ſei, und das Geſpräch drehte ſich bald um die neue Sitte, die Verheirathung nicht mehr durch eine Hochzeit, ſondern 117 durch den Polterabend zu feiern. Einer meinte, daß dies eine fremde, eingewanderte Sitte ſei; ein an⸗ derer aber bewies, daß ſie im Gegentheil echt ger⸗ maniſchen Urſprung habe, und begründete ſeine Be⸗ hauptung folgendermaßen: „Noch heutzutage,“ erzählte er,„iſt es in eini⸗ gen Gegenden des Niederrheins auf dem Lande Gebrauch, am Vorabende der Hochzeit, unter vielem Jubel, zerbrochene Töpfe, Flaſchen u. ſ. w. an die Thüren und Fenſterladen des Hauſes, darin die Braut⸗ leute wohnen ſollen, zu werfen, und es gilt dabei der Spruch: je mehr Scherben, je mehr Glück. Vor Zei⸗ ten galt der Lärm am Polterabend zum Austreiben der Zank⸗ und Plagegeiſter, damit am folgenden Tage mit der Braut nur Frieden und Freude einkehren ſolle und wohnen bleibe. Da wurden alle Fenſter⸗ laden geſchloſſen, alle Ritzen und Lücken ſorgfältig ver⸗ ſtopft, jede Oeffnung zugekeilt, nur die Hausthüre weit offen gelaſſen. Dann begann man oben unterm Dache mit ſchrecklichem Lärmen und Poltern, es ward mit Waſſer in allen Winkeln umhergeſpritzt, mit Stök⸗ ken herumgeſchlagen, mit Bannſpruͤchen geſpielfechtet. Vom Speicher ging der Lärm hinabwärts durch alle Räume bis in den Keller, dann die Kellertreppe hin⸗ auf zur Hausthüre hinaus mit möglichſt vielem Lär⸗ 118 men. Auf daß die Geiſter nicht durch die offen ge⸗ laſſene Hausthüre wieder einſchlüpften, legte man eine Kupfermünze auf die Thürſchwelle, oder nagelte ein Hufeiſen darüber, ſprach auch wohl kräftige Sengen⸗ und Bannſprüche. Auch waren beim Polterabend Reimſprecher und Spaßmacher thätig; man ſtellte al⸗ lerlei Schnickſchnack auf, brachte das Hausgeräth in Unordnung, und ſchob das alles auf die abziehenden Plagegeiſter.“— „Wie der Simon wieder daſitzt,“ rief hier einer der fröhlichen Kameraden laut aus;„gewiß denkt er an ſeinen Polterabend, oder es plagen ihn die Gei⸗ ſter einſtweilen im Voraus.“ Simon fuhr aufV; er hatte die ganze Erzählung überhört. Verlegen griff er nach dem vollen Glaſe, lächelte und trank es in einem Zuge leer. „Weil wir doch einmal an den alten Hochzeits⸗ gebräuchen ſind, muß ich Euch noch erzählen, woher der Ausdruck des Korbgebens kommt. Wenn es einer weiß, ſo ſage er's,“ begann der Erzähler wieder. „Meinſt Du die Geſchichte mit dem Korbmacher, der in ſeiner Freude darauf beſtand, daß ſeine Braut, als er eine Arbeit vollendet hatte, ſagen ſolle: Gott⸗ lob! der Korb iſt fertig; und ſie darauf, da ſie ſich weigerte, durch ſeinen Eigenſinn ſo in Aerger brachte, 119 daß ſie zuletzt nichts mehr von ihm wiſſen wollte und davon lief, indem ſie rief: Nun iſt der Korb fertig!“— „Die Anecdote iſt gut erfunden,“ entgegnete der Erzähler;„ſie iſt aber jedenfalls aus dem Ausdruck und nicht dieſer aus ihr entſtanden. Meine Mitthei⸗ lung iſt etwas gediegener. Noch beſteht die Sitte im Oberbergiſchen, daß jeder Burſch und jedes Mädchen, die ein Liebesverhältniß gelöſt haben, bevor ſie ein neues anknüpfen dürfen, ſich reinigen oder ſühnen müſſen.— In den älteſten Zeiten wurde die betref⸗ fende Perſon in einem Korbe in den Fluß, Bach oder Quell getaucht, und dann unter gewiſſen Ge⸗ bräuchen und Reimſprüchen mit einem Leintuche ab⸗ gerieben. In ſpäterer Zeit ließ man es beim Durch⸗ kriechen eines Korbes ohne Boden und bei der Cere⸗ monie des Abreibens mit dem Tuche ohne das ſüh⸗ nende Waſſer. Mögen die Liebesleutchen das erſte Verhaltniß nun ſelber aufgehoben haben, oder mögen ſie verlaſſen worden ſein, in den Gegenden, wo die alte Sitte noch herrſcht, müſſen ſie, ehe ſie mit An⸗ ſtand ein neues Verhältniß antreten können, die„Drüh⸗ wäſch“(Trockenwaſchung) beſtehen. Der Mann muß durch den Korb kriechen, das Mädchen durch das „Drügelstuch“. Dieſes iſt ein langes, ſchmales Hand⸗ tuch, deſſen Enden aneinander genäht ſind, wo⸗ 120 durch ein Ring mit einem Durchmeſſer von etwa drei Fuß entſteht. Oft ſetzt es einen hartnäckigen Kampf, ehe der junge kräftige Mann nach vielem Sträuben und Ringen durch den, ihm oft mit Liſt über den Kopf geſtülpten Korb gezogen wird, und manch'„Drü⸗ gelstuch“ geht in Fetzen, bevor die kräftige Jungfrau hindurch gezogen iſt. Wohlhabendere Leute kaufen auch wohl die Vollſtreckung des Brauches mit der üblichen Zeche ab, dann muß aber der Korb allemal als Wahr⸗ zeichen auf dem Tiſche ſtehen. Meiner Anſicht nach haben wir damit den unzweifelhaften Urſprung des Korbgebens.“ Die andern ſtimmten dem Erzähler alle bei. Nur Simon hatte wieder ohne Aufmerkſamkeit dageſeſſen und nichts vernommen. „Sollte man nicht meinen, Goldheim hätte ſelbſt einen Korb bekommen?“ ſcherzte einer unter ihnen und alle ſtimmten ein helles Gelächter an. Simon ſchaute verwirrt auf und frug nach der Urſache ihrer Munterkeit. Dadurch vermehrte ſich das Lachen und der⸗ jenige, welcher die Bemerkung gemacht hatte, wieder⸗ holte ſie. Kaum hatte Simon gehört, was jener ſagte, als er heftig aufſtand. Sein Geſicht war bleicher als zu⸗ 8 121 vor und grieſend verzerrt. Ohne ein Wort zu ſagen, ergriff er ein Glas, warf es dem Sprecher an den Kopf, daß es in tauſend Splitter zerſprang und der herabfließende Wein ſich mit Blutstropfen miſchte; dann ſtürzte er zur Thüre hinaus und ließ ſeine Ge⸗ noſſen in ſtarrem Erſtaunen zurück. Der Getroffene wollte in der erſten Hitze nach⸗ ſtürzen; aber die Uebrigen hielten ihn zurück und machten ihn darauf aufmerkſam, daß es nicht richtig im Kopfe bei Simon ſein müſſe. Der Beleidigte be⸗ ruhigte ſich inſoweit, daß er abzuwarten verſprach, was jener zu ſeiner Genugthuung thun werde, und ſo gingen ſie miteinander fort. Neuntes Kanitel. Durch die andauernde Angſt und Sorge um das Leben des Sohnes hatten Luiſen's Eltern faſt gänz⸗ lich die Angelegenheiten und Vorfälle mit Richard's Vater vergeſſen, welche an dem Tage, als der Sohn ihnen leblos in's Haus gebracht wurde, dieſem Ereig⸗ niß vorangegangen waren. Auch Luiſe ſelbſt hatte an⸗ 122 fänglich nicht weiter daran gedacht und bei der all⸗ gemeinen Beſorgniß um den Bruder, von der auch ſie aufrichtig und lebhaft ergriffen worden war, ihre eigene Unruhe in den Hintergrund treten laſſen. Nach und nach kehrte jedoch die Erinnerung an den Streit ihres Vaters mit Baron von Neuberg in ihr Ge⸗ dächtniß zurück, und wie es bei ihr natürlich war, konnte ſie nicht umhin, alle Schuld des Zerwürfniſ⸗ ſes von ſich abzuwälzen. Gewohnt überall ſelbſthan⸗ delnd aufzutreten, überlegte ſie fortwährend, auf welche Art es ihr möglich ſein könne, eine Annäherung zu bewirken. An eine Vermittelung durch ihren Vater war für ſie nicht zu denken, Otto war krank und bis zu ſeiner Geneſung konnte alles zu ſpät ſein; ſie überlegte daher, daß es wohl nicht unmöglich für ſie ſei, ſelbſt Mittel und Wege zu finden, um eine Aus⸗ gleichung zu Stande zu bringen. Daß die nun wirk⸗ lich in voller Stärke in ihrem Herzen erwachte Nei⸗ gung zu Richard Theil daran hatte dieſen Entſchluß zu reifen, verſteht ſich von ſelbſt. Luiſe wußte, daß Richard eine Großmutter hatte, welche in Mainz ſelbſt wohnte. Sie erkundigte ſich nun heimlich nach dieſer, und erfuhr, daß ſie eine alte, ſehr adelsſtolze Dame ſei, welche ganz zurück⸗ gezogen und einſam den Erinnerungen ihrer Fami⸗ lie lebe. 123 Luiſe hatte ſchon ſo häufig Beweiſe davon ge⸗ habt, daß ihrem offenen, friſchen Weſen kein noch ſo verſchloſſenes Gemüth unzugänglich blieb, und na⸗ mentlich übte ſie ſtets auf ältere Leute eine Art von Zauberei aus, ſo daß ſie feſt darauf vertraute, das Herz der alten Baronin von Neuberg, deren Mann General geweſen war, für ſich zu gewinnen. Sie ging alſo eines Vormittags, ohne im elter⸗ lichen Hauſe jemand etwas davon zu ſagen, nach der Wohnung der alten Baronin, die ſie ausgekundſchaf⸗ tet hatte, und ließ ſich bei ihr anmelden. Die alte Dame ſaß gerade vor einem dicken Buche, aus dem ſie die Beweiſe ſuchen wollte, daß ein gewiſſer Graf Neuperg, der bei der Schlacht auf dem Lechfelde neben König Otto dem Großen, dem nachmaligen Kaiſer des heiligen römiſchen Reiches deutſcher Nation, ſich hervorgethan hatte, ein Ver⸗ wandter ihres Stammes geweſen ſei; als der Be⸗ diente kam und ihr meldete, daß eine junge Dame ſie zu ſprechen wünſche. „Hat er nach Polli geſehen?“ frug ſie den Be⸗ dienten, bevor ſie auf ſeine Meldung antwortete. „Wie geht's dem lieben Thiere?“ „Der Huſten läßt etwas nach, Erzellenz,“ berich⸗ tete der Bediente;„auch der Appetit hat ſich wieder 124 eingeſtellt; er hat vorhin einen tüchtigen Knochen ab⸗ genagt und ſah noch nach mehr.“ „Nur vorſichtig, daß er keinen Rückfall bekommt,“ drohte die alte Baronin.„Wer iſt denn die Dame, die mich ſprechen will? Hat ſie keinen Namen, daß er ſo dumm meldet?“ „Sie wollte ihren Namen nur CExzellenz ſelbſt nennen,“ entgegnete deroteſt der Diener. „Sie ſoll hereinkommen,“ herrſchte die Baronin, und jener ging, um Luiſe eintreten zu laſſen. Dieſe trat ein und ging etwas ſchüchtern, lang⸗ ſam vor. Sie begrüßte hierauf die alte Dame mit einer Verbeugung, welche dieſe nicht erwiederte. Da⸗ gegen nahm ſie ihre Lorgnette, fixirte das junge Mädchen ſcharf, und fragte dann: „Sie wollen mich ſprechen? Wie heißen Sie, mein Kind?“ „Luiſe Schaller iſt mein Name, gnädige Frau,“ erwiederte mit einer neuen Verbeugung Luiſe. Die Baronin, welche das ihr zukommende Erzel⸗ lenz vermißte, that, als ob ſie nichts gehört habe. „Ich glaubte nicht, daß mein Name der gnädi⸗ gen Frau ſo ganz fremd ſei,“ fuhr Luiſe verlegen fort; aber die Baronin, welche nun einſah, daß jene —— 125 ihren Fehler nicht von ſelbſt bemerken werde, ent⸗ gegnete mit ſcharfer Betonung: „Sie haben eine eigenthümliche Manier ſich aus⸗ zudrücken, Mamſell Schaller. Sie wiſſen wohl nicht, daß ſie der Witwe des Miniſters Erzellenz von Neu⸗ berg, geborenen Freiin von Trappfuß, gegenüber ſtehen.“ Luiſe wurde über und über roth vor Verdruß und Verlegenheit. Daß man mit Leuten, die gezwun⸗ gen ſind für ihren Lebensunterhalt zu dienen, in die⸗ ſem Tone ſprach, war ihr natürlich erſchienen, und ſie ſelbſt hatte darin nicht anders verfahren; der ma⸗ terielle Unterſchied zwiſchen Herr und Diener war ihr bekannt, der ideelle Unterſchied des Standes trat ihr hier zum erſten Male ſchroff entgegen. Sonder⸗ barer Weiſe aber gerieth ſie gar nicht in Verſuchung, die alte Baronin über den Irrthum ihrer Anſchauung aufzuklären. Sie fühlte, daß dies vergebliche Bemü⸗ hung ſein werde, und ahnte, daß gewiſſe Begriffe mit ihren Trägern unzertrennlich verwachſen ſeien. Da ſie zugleich durch die Aehnlichkeit, welche ſich in den Zügen der alten Baronin mit Richard entdecken ließ, lebhaft an dieſen errinnert wurde, ſo nahm ſie ſich vor, alles über ſich ergehen zu laſſen, und ſagte, ſich nochmals tief verbeugend:„Ich vermuthete bereits, daß ich die Ehre habe, Exzellenz.“ 126 Damit war das Eis bei der alten Dame ge⸗ brochen. Mit herablaſſender Freundlichkeit ſich gegen das junge Mädchen wendend, ſagte ſie:„Vermuth⸗ lich haben Sie eine Beſtellung auszurichten. Wer ſag⸗ ten Sie, daß Ihr Vater ſei?“ „Ich bin die Tochter des Kaufmanns Schaller,“ betonte deutlich Luiſe. „Schaller? Kaufmann Schaller?“ beſann ſich die Baronin.„Erhalten wir vielleicht unſern Bedarf an Kaffee von Ihrem Vater? Darum bekümmere ich mich nicht, liebes Kind. Wer kann wiſſen, wie die Leute alle heißen mögen, von denen man ſeine Sa⸗ chen bezieht! Wenn Ihr Vater übrigens unſer Kaffee⸗ lieferant iſt, ſo wäre es mir doch lieb, wenn ich Sie einmal darauf aufmerkſam machen könnte, daß—“ „Erzellenz entſchuldigen,“ unterbrach Luiſe die ge⸗ läufige Rede der alten Dame nun doch etwas verletzt, „mein Vater hat nicht die Ehre Ihr Kaffeelieferant zu ſein, und der Grund, weshalb ich Ihnen dem Namen nach bekannt zu ſein glaubte, iſt ein ganz anderer. Da uns Herr Richard von Neuberg häufig die Ehre erzeugte, an unſern kleinen Abendzirkeln Theil zu nehmen, ſo dachte ich—“ Schon bei den letzten Worten hatte die Baro⸗ nin lebhafte Verwunderung kund gegeben, und brach 127 nun plötzlich in ein ſolch' helles Lachen aus, daß Luiſe erſtaunt einhielt und nicht wußte, ob die alte Dame mit einem Male den Verſtand verloren habe, oder ob ſie ſelbſt in der Verwirrung etwas Unſinni⸗ ges geſagt habe. „Iſt das nicht ein ausgelaſſener Burſche, der Richard!“ fing endlich die alte Baronin an, indem ſie ſich mit ihrem Battiſttuche die hellen Thränen, die ſie gelacht hatte, aus den Augen wiſchte.„Treibt ſich in den Abendgeſellſchaften der bourgeoisie um-⸗ her, erzählt aber ſeiner alten Großmutter kein Wort davon, und weiß doch, wie gerne ich derartige Späße belache. Nein,“ ſetzte ſie betheuernd hinzu,„kein Wort hat er mir davon geſagt! Aber er hat Recht! ein junger Cavalier muß Alles kennen lernen.“ Dann auf einen Stuhl deutend, fuhr ſie fort: „Setzen Sie ſich doch, liebe Mamſell Schaller; Sie ſind ja ein recht artiges, kleines Mädchen. Da hat Ihnen der Spitzbube, der Richard, am Ende auch wohl ein bischen den Hof gemacht? Ja, ja, ich ſeh' es Ihnen an. Nun, Sie brauchen ſich nicht zu ſchä⸗ men, Sie ſind wirklich hübſch genug dazu, und man weiß ja, daß das die jungen Herren alle thun.“ Luiſe fühlte ſich wie zerſchlagen. Sie wußte weder, ob ſie bleiben, noch wie ſie fortkommen ſolle. 8* 128 Halb willenlos hatte ſie ſich auf den Stuhl hin⸗ geſetzt und ſah ſchweigend vor ſich hin. „Mit was handelt denn Ihr Vater eigentlich?“ frug nun nach einer kleinen Pauſe die geſprächige alte Baronin. „Ich kann Ihnen darüber keine genauere Aus⸗ kunft geben, da die Artikel häufig wechſeln,“ ent⸗ gegnete Luiſe. „Sie ſcheinen ſich nicht viel um ſeine Handels⸗ geſchäfte zu bekümmern,“ meinte die alte Dame, in⸗ dem ſie drohend den Finger erhob;„das iſt nicht recht von Ihnen! Ich ſeh' es immer gern, wenn die Töchter mit Hand anlegen und verkaufen helfen; dann fällt es ihnen ſpäter nicht ſo ſauer, wenn ſie einmal verheirathet ſind. Ich entſinne mich noch ſehr wohl, wie eine meiner Jungfern einmal einen Ge⸗ würzhändler heirathete— wie hieß er doch— Sie kennen ihn gewiß— ein kleiner, dicker Mann.— Groll hieß er, richtig, Groll! Kennen Sie ihn?“ Luiſe antwortete nicht, ſie verneinte nur mit einem leiſen Kopfſchütteln.. „Aber ſeine Frau kennen Sie gewiß?— Die Liſette?— Nicht?— Es thut auch nichts zur Sache! Das arme Geſchöpf konnte ſich anfänglich gar nicht in alle die Schubfächer, Schachteln und Büchſen 129 hineinfinden. Da kam ſie denn oft und klagte mir ihre liebe Noth. Zuletzt hat ſie es recht hübſch ge⸗ lernt, und erſetzte ſpäter ſogar ihrem Manne einen Lehrburſchen. Darum gebe ich Ihnen den guten Rath: gewöhnen Sie ſich bei Zeiten daran, und ſtehen Sie im Laden ihrem Vater hübſch zur Seite, wenn er verkauft.“ Luiſe fing nachgerade an, ſich über die barocken Anſichten der alten Dame zu beluſtigen; ſie bemerkte daher lächelnd:„Ich bedauere, daß Ihr Rath mir, ſelbſt beim beſten Willen, nichts wird helfen können, da mein Vater gar keinen Laden hat.“ „Aber Sie ſagten doch, daß er Kaufmann ſei?“ frug die Baronin ganz erſtaunt. „Erzellenz ſcheinen nicht zu wiſſen,“ entgegnete Luiſe,„daß es Kaufleute gibt, die nur im Großen ihre Waaren verſenden.“ „Richtig! richtig!“ rief die Baronin ſich be⸗ ſinnend aus;„dann iſt Ihr Vater wohl ein reicher Mann— ah, das iſt etwas anderes; da können Sie ſich freuen, da werden Sie einmal eine gute Aus⸗ ſteuer bekommen.— Aber ich weiß noch immer nicht,“ fuhr ſte fort, indem ſie Luiſe fragend anſah,„was Sie bei mir wollen, Mamſell Schlatter oder Schal⸗ der; wie war es doch?“ Familie Schaller. I. 9 4 130 „Schaller,“ berichtigte Luiſe, und ſah ſich jetzt erſt in die größte Verlegenheit verſetzt, da ſie einen Grund ihres Beſuches angeben ſollte, den die Baro⸗ nin nun ſchlechterdings einmal nicht natürlich finden wollte. Sie beſann ſich hin und her, was ſie für eine Urſache ihres Kommens angeben könne. Endlich faßte ſie ſich ein Herz und ſagte:„Erzellenz ſcheinen alſo nicht zu wiſſen, daß der Herr Baron von Neuberg mit ſeinem Sohne Richard vor einiger Zeit in einer beſonderen Angelegenheit im Hauſe meines Vaters war.“ „Kein Wort weiß ich davon!“ betheuerte über⸗ raſcht die alte Baronin.„Was Sie mir alles für Neuigkeiten mittheilen! Mein Sohn hier in der Stadt, im Hauſe Ihres Vaters! Das iſt ja uner⸗ hört! Nun, freilich, Sie wiſſen nicht, daß ich etwas brouillirt mit meinem Sohne bin. Richard iſt aller⸗ dings kürzlich noch einmal bei mir geweſen, und hat in ſeinem und ſeines Vaters Namen Abſchied von mir genommen. Er ſah recht betrübt aus, der arme Junge, und es ſiel ihm wahrhaftig ſchwer, von hier weg zu gehen.“ „Richard iſt fort!“ rief Luiſe ſich vergeſſend, ſo erſchrocken aus, daß die Baronin ſie ſtaunend und 131 voll Entſetzen anſtarrte.— Aber das junge Mädchen achtete nicht weiter auf die hochadeligen Mienen, frug in angſtvollem Tone weiter:„Um Gottes Willen, ſagen Sie mir, wo er hin iſt?“ „Grand dieu! Wie kommen Sie zu dieſer vor⸗ witzigen Frage?“ ſchrie die alte Baronin in voller Entrüſtung.„Richard iſt mit ſeinem Vater auf Rei⸗ ſen gegangen, und ich begreife nicht, was Sie ſich darum zu kümmern haben.“ Luiſe hörte nichts weiter, als daß Richard ſich entfernt habe. Sie fühlte das Bedürfniß zu weinen, ſtand auf, machte eine ſtumme Verbeugung und eilte hinaus, die ſcheltende alte Baronin nicht weiter be⸗ achtend. 3 Als ſie zu Hauſe anlangte, konnte ſie unbe⸗ merkt auf ihr Zimmer gelangen, indem die Eltern eben bei Otto waren, der heute zum erſten Male das Bett verlaſſen hatte. Sie eilte alſo dorthin, warf ſich in einen Seſſel und überließ ſich ihrem Schmerze und der Bitterkeit, welche die neue Erfahrung in ihr hervorgerufen hatte. 9* 13²2 Zehntes Kanitel. Otto war aufgeſtanden, und ſaß, ſorgfältig in einen Schlafrock gehüllt, in einem Seſſel, als ſeine Mutter bei ihm eintrat und ihn mit Blicken voll unſäglicher Liebe betrachtete. Nie war ihr die Aehn⸗ lichkeit zwiſchen ihr und dem Sohne, den ſie vier Jahre lang, bevor Luiſe geboren wurde, als einziges Kind gehegt hatte, mehr aufgefallen, als eben jetzt, wo er während der Krankheit durch die zartere Ge⸗ ſichtsfarbe und den Zug ſtillen Leidens etwas von der friſchen Jugendlichkeit verloren hatte. Sein gro⸗ ßes, klares, braunes Auge wahr mehr als ſonſt be⸗ ſchattet von den langen Wimpern, und ein wehmü⸗ thiger Schleier ſchien ſeinen Blick zu umziehen. Auch der Mund war ganz dem ſeiner Mutter ähnlich, nur daß die Lippen etwas kräftiger den Mann kenn⸗ zeichneten, wie denn uch ein leichter Flaum ſie um⸗ ſpielte. Thereſe reichte dem wiedergeſchenkten Sohne die Hand. Ihr Herz ſchwoll über und ſtumme Thränen der reinſten Freude rannen über ihre Wangen. Otto blickte ſie an, dann plötzlich hielt er die andere Hand vor die Augen, und indem er die ihrige feſter 133 drückte, ſchluchzte er leiſe. Beide ſchwiegen, aber in dieſem Schweigen lag das innigſte Bewußtſein des Mitgefühls und des Troſtes für Mutter und Sohn. Auch das Verhältniß zwiſchen Otto und ſeinem Vater war bedeutend inniger geworden. Der junge Mann erblickte in dem Schickſal ſeiner Schweſter mit dem jungen Baron von Neu⸗ berg eine Art Analogie des ſeinigen und Marien's. Er war mit ſeinem Vater der Meinung, daß ge⸗ kränkter Hochmuth den alten Baron geleitet habe, und da Richard von Neuberg ſchon deshalb, weil er etwas jünger war, als Otto, ihm ferner ſtand als Simon Goldheim, ſo gab Otto in all' dieſen An⸗ gelegenheiten dem Vater ſeinen Beifall. Die Mutter gerieth dadurch in den Zwieſpalt zwiſchen ihrer ei⸗ genen Anſicht und der ihres Sohnes, dem ſie nun aus Zärtlichkeit in Nichts zu widerſprechen wagte. Daher kam es, daß im Allgemeinen faſt gar nicht die Rede auf dieſe Gegenſtän dam, ſo daß man denn auch erſt nach und nach erfuhr, Baron von Neuberg ſei mit Richard auf Reiſen gegangen, wäh⸗ rend der junge Goldheim, nachdem er durch ſeine nächtlichen Ausſchweifungen viel von ſeiner früheren Belettbeit verloren hatte, krank geworden ſei und as väterliche Haus faſt gar nicht verlaſſe. 134 Schaller ſprach mitunter, wenn er mit Otto allein war, über die Zukunft ſeiner beiden Kinder. Es war nun beſtimmt worden, daß Otto unbedingt das Geſchäft ſeines Vaters übernehmen werde, und der alte Schaller erklärte einmal in einem Anfall von Unwillen, daß Luiſe heirathen könne wen ſie wolle, er werde ſich um deren Schickſal gar nicht mehr be⸗ kümmern. Als Otto ſo weit hergeſtellt war, daß er die freie Luft vertragen konnte, war gerade die Zeit der Traubenleſe gekommen, und man beſchloß, einen Be⸗ ſuch auf den Weinberg, ſo nennt man am Rhein die Rebpflanzungen, zu machen. Der Weinberg der Familie Schaller lag zwei Stunden von Mainz entfernt, ſtromaufwärts in der Nähe des Städtchens Laubenheim. Schon von wei⸗ ten konnte man den fröhlichen Geſang der bei der Leſe beſchäftigten Arbeiter hören. Als nun de agen mit der kleinen Geſell⸗ ſchaft in der Nähe des Weinbergs ſichtbar ward, bemerkte ihn einer der Winzer, worauf alſobald alle Winzer und Winzerinen ein lautes Freudengeſchrei, Jubel und Halloh erſchallen ließen. Der Wagen hielt, und ſogleich traten einige Winzerinen an denſelben heran. Sie trugen auf - 135 großen Blättern ausgeſucht ſchöne Trauben von allen Sorten und reichten ſie zur Begrüßung dar; dann bemächtigten ſie ſich ohne Umſtände der Hüte der Ankömmlinge und ſchmückten dieſe mit rothen und blauen Bändern. Paarweiſe ſchritten die Gäſte nun zwiſchen den vollen Rebſtöcken hindurch, überall mit freudigem Zu⸗ ruf begrüßt, überall herzlich dankend. Thereſe, am Arm ihres Sohnes, ging vorans, ihr folgte Schaller mit Luiſe. Die Winzer fuhren munter und rüſtig in ihrer Arbeit fort, ſtimmten auf’s Neue ihre Geſänge an, brachten, wenn ſie beſonders ſchöne Trauben fanden, dieſe den Gäſten dar, ſchäkerten und ſpaßten dazwiſchen laut mit rotherhitzten, freudeſtrahlenden Geſichtern. Seitwärts ſtand ein großes Faß, dahinein ſchütteten ſie die Bütten, die ſie auf dem Rücken trugen, ſobald dieſe voll waren, und dort wurden die Trauben dann zertreten. Thereſe hatte die nöthigen f he und Gläſer, nebſt Backwerk, Brod und Fle mitgebracht; ſie ließ alles herbeibringen und vertheilte es unter die fröhlichen Arbeitsleute. Gegen Abend wurde das große Faß, worin das Ergebniß des heutigen Fleißes ſich geſammelt hatte, auf einen Wagen geladen, ein dicker, rothwangiger 136 Burſche ſetzte ſich, mit Weinlaub bekränzt, oben auf, und unter Lachen und Jubel ſchloſſen die andern Winzer ſich dem Zuge, der nach Laubenheim zurück⸗ ging, an. Unſere kleine Geſellſchaft fuhr in der erquicken⸗ den Kühle des herrlichen Herbſtabends, erfüllt von dem gehabten Genuße einer reinen Naturfreude zu⸗ rück. Schaller und Luiſe waren lebhaft; ſie erinnerten einander an tauſend Kleinigkeiten, die ihnen ſpaßhaft vorgekommen waren, und Thereſe blickte ſchweigend und glücklich dem geliebten Sohne in das ſtill er⸗ heiterte Geſicht. Am andern Tage fuhr Thereſe auf Otto's in⸗ ſtändiges Bitten mit ihm nach Schierſtein. Der Arzt hatte Zerſtreuung durch eine längere Entfernung angerathen, und es war beſchloſſen wor⸗ den, daß Otto den Winter in Berlin zubringen, im Frühjahr eine Rei nach Italien unternehmen und dann bei ſeiner Z ckkunft definitiv als Führer des Geſchäfts eintreten ſolle. Der Tag der Abreiſe war bereits nahe feſtgeſtellt. Thereſe knüpfte an dieſe Reiſe noch eine andere Hoffnung. Sie fand es nicht unmöglich, daß Otto 8½ mit den beiden Neuberg irgendwo zuſammentreffen könne, und was ſollte ihrem wiedergeſchenkten Erſt⸗ geborenen nicht alles gelingen können!— Der junge Mann betrachtete die heutige Fahrt gleichſam als einen Abſchiedsbeſuch bei den Orten, wo er ſo viel glückliche Stunden verlebt hatte. Alle Nachforſchungen, welche inzwiſchen nach dem jungen Mädchen angeſtellt waren, hatten keinen Erfolg gehabt, und Otto ſelbſt fing an ſich nach und nach an den furchtbaren Gedanken zu gewöh⸗ nen, daß ſie ihren Tod in den Fluthen des Rheines geſucht habe.. Er ſuchte nun in Begleitung ſeiner Mutter alle Plätze auf, die ihn auf Marie erinnern konnten. Sie gingen zuerſt nach dem kleinen Kirchhofe und beſuchten das Grab ihrer Pflegemutter, dann gingen ſie in deren Wohnung und zuletzt nach dem Orte, wo er ſie zum erſten Male geſehen hatte. Thränen der innigſten Wehmuth floſſen überall dem Andenken der Geliebten, aber um vieles beru⸗ higter kehrte er darauf mit der Mutter nach dem jenſeitigen Ufer zurück, wo in Maienruhe der Groß⸗ vater den geneſenen Liebling zum erſten Male wie⸗ der begrüßte.— Eilktes Kagitel. Der Markusplatz bildet in Venedig bekanntlich den Mittelpunkt des öffentlichen geſelligen Lebens. Auf beiden Seiten iſt er durch die Prokuration, große maſſive Palläſte mit breiten Vorhallen, unter denen ſich Kaffeehäuſer und Läden befinden, an der untern Seite durch den neuen Pallaſt Sorrano, und oben durch die weltberühmte Markuskirche begrenzt.— Des Abends verſammelt ſich auf dieſem Platze eine große Anzahl Menſchen aus allen Schichten der Geſellſchaft, um theils unter den Arkaden vor den Kafſeehäuſern plaudernd zuſammen zu ſitzen, theils auf und ab zu gehen, wobei die Sitzenden die Vorübergehenden be⸗ trachten und dieſe ſich von jenen betrachten laſſen. In der Mitte des Platzes tummelt ſich die lebhafte italieniſche Jugend der niederen Stände und bleibt dabei in fortwährender Verbindung mit den übrigen Sammelplätzen der niederen Klaſſen, der riva dei sch'iavoni und den mercerie. Der Markusplatz iſt denn auch der Ort, wo die Schönheiten Venedigs ſich der Oeffentlichkeit zeigen und wo von den jungen Cavalieren entſchieden wird, wem ſie den Preis unter erſteren zuerkennen. Daß Gott Amor dieſen Platz ganz 139 beſonders zum Felde ſeiner Siegeszüge erkoren hat, iſt aus den vielen Vortheilen, welche derſelbe bietet, leicht zu ſchließen. Im Sommer ſind es meiſt nur Fremde aus den höheren Ständen, die ſich in Venedig vorübergehend aufhalten. Im Winter dagegen finden ſich die ein⸗ heimiſchen angeſehenen Familien, welche die ſchöne Jahreszeit auf ihren Villas zubringen, wieder dort ein. Einer der ſchönſten Palläſte am Canal grande, dem Canal, welcher der Hauptſtraße in andern Städ⸗ ten entſpricht, befindet ſich gegenwärtig im Beſitze einer berühmten Sängerin, die ſich, nachdem ſie wäh⸗ rend mehr als zwanzig Jahren ganz Europa durch die Vollendung ihrer Kunſt entzückt hatte, mit einem beträchtlichen Vermögen von der Bühne zurückzog und nun die Hälfte des Jahres in ihrem Pallaſte zu Ve⸗ nedig, die andere Hälfte auf ihrer reizenden Villa⸗ am Comer⸗See verlebt. Sie ſelbſt iſt zwar, ſeitdem ſie von ihrer Kunſt Abſchied genommen, von der an⸗ muthig ſchlanken Prieſterin Melpomenen's zur würde⸗ voll ſtattlichen Matrone geworden, aber dennoch zieht ſtets ein Heer von Bewunderern hinter ihren Schrit⸗ ten her, ſobald ſie ſich auf dem Markusplatze zeigt. Die Urſache hiervon iſt der Umſtand, daß ſie ſtets nur in Begleitung ihrer Tochter dort erſcheint, einer 140 jungen Dame von ſolch ausgezeichneter Schönheit, daß ſie von den jungen Galants einſtimmig nicht nur für die Zierde von Venedig, ſondern für die Zierde ihres ganzen Geſchlechts erklärt wird. Ihre ganze Erſcheinung entfernt ſich zwar von dem ſüdlichen Charakter, der ſich in den Zügen ihrer Mutter entſchieden ausprägt; aber eben um des Fremdartigen willen wirkt ihre Schönheit um ſo überraſchender. Ihr Auge iſt blau, aber es hat dennoch den dunklen Glanz und das Feuer der Italiene⸗ rin, und ihr blondes Haar, welches in vollen Locken ein reizendes Geſicht umſchließt, fällt üppig und weich auf den blendenden Hals, und hat einen Anflug von dem röthlichen Schimmer, den man häufig unter den Schönheiten der ruſſiſchen Ariſtokratie trifft. Die beiden Damen ſind in ſteter Begleitung eines älteren Herrn, eines Fürſten Makonski, der einer der reichſten ruſſiſchen Edelleute iſt und deſſen Pallaſt in Venedig, ſo wie ſeine Villa am Comer⸗ See, ſeit langer Zeit die nächſte Nachbarſchaft der Sängerin bildet. Im Spätherbſte des Jahres 1847 gelangte die berühmte Sängerin mit ihrem Begleiter und ihrer Tochter etwas früher in Venedig an, als ſie ſonſt zu thun pflegte. Es verbreitete ſich dabei das ſonder⸗ bare Gerücht, daß ſie beabſichtige, die Verlobung 141 ihrer Tochter mit dem Fürſten Makonski der Geſell⸗ ſchaft bekannt zu machen. Zwar wurde dieſem Ge⸗ rüchte vielfältig widerſprochen. Man fand eine Ver⸗ bindung zwiſchen der jungen, ſchönen Dame und dem alten Herrn, der ihr Vater hätte ſein können, abſurd, während von anderer Seite wieder nachgewieſen wurde, daß nur auf dieſem Wege das ungeheuere Vermögen des Fürſten in die Hände der jungen Dame gelan⸗ gen könne. Alles dies trug dazu bei, die ſchöne Au⸗ rora doppelt intereſſant erſcheinen zu laſſen, und wo ſie ſich des Abends auf dem Markusplatze oder in den Theatern zeigte, richtete ſich alsbald die Aufmerk⸗ ſamkeit von Hunderten von Neugierigen auf ſie hin, und den beobachtenden Blicken folgte jedesmal ein geheimnißvolles Flüſtern, in welches ſich bald be⸗ dauernde, bald ſchmähende Bemerkungen einſlochten. Aurora ſchien von dem allem ſelbſt wenig zu bemer⸗ ken. Sie ſah nach wie vor gleichgültig auf die ſie an⸗ ſtaunende Menge, und man konnte auch in dem Ver⸗ hältniß zwiſchen ihr und dem Fürſten durchaus keine Aenderung bemerken. Eines Nachmittags ging die kleine Geſellſchaft unter den Gallerien der Prokuration auf und ab. Es hatten ſich mehrere junge Herren aus den erſten Fa⸗ milien Venedigs angeſchloſſen, und dieſe plauderten 142 mit Mutter und Tochter über die Neuigkeiten des Tages, wobei ſie nicht verfehlten die neuengagirte prima donna assoluta des Theaters Fenice möglichſt gering zu ſchätzen, um dadurch Gelegenheit zu finden, in der Erinnerung der Mutter ihre früheren Trium⸗ phe zurückzurufen. Die Blumenmädchen, welche in Venedig ſonderbarer Weiſe durch einige, dazu privi⸗ legirte Perſonen, die zu ihren Blumen in argem Con⸗ traſte ſtehen und längſt über die Zeit der Blüthe hinaus ſind, repräſentirt werden, liefen eifrig ab und zu und boten ihre Sträußchen den Herren zum Ver⸗ kaufe an. Nachdem unſere Geſellſchaft einige Male hin und her gegangen war, entſtand ein kleines Gedränge, da die Ankunft des Dampfbootes, welches von Trieſt nach Venedig führt, viele der Spaziergänger nach der piazetta lockte, um die dort landenden Gondeln zu muſtern. Soeben trat auch unſere kleine Geſellſchaft an das Ufer, als eine Gondel anlandete, in welcher ein einzelner, junger Paſſagier ſaß. Er mußte ſich nach den verſchiedenen Gebäuden erkundigt haben, welche bei der Ankunft von dieſer Seite her jeden Fremden ſogleich überraſchen, denn der Gondolier gab mit un⸗ gemeiner Dienſtbereitwilligkeit Auskunft auf ſeine 143 Fragen, und geſtikulirte dabei mit großer Lebendigkeit, indem er hin und wieder nach den Palläſten deutete. Plötzlich zeigte er auch nach dem Ufer hin, wendete ſich dann geheimnißvoll zu ſeinem Paſſagier und ſagte ihm auf italieniſch:„Dort ſehen ſie die größte Schön⸗ heit von Venedig: Signora Aurora.“ Der junge Fremde blickte nach der bezeichneten Gegend hin, und da in demſelben Augenblicke die Gondel an der Treppe der piazetta anlegte, ſo traf es ſich, daß auch Aurora nach ihm hinſah. Die er⸗ regte Stimmung, in welche die Reiſe und der An⸗ blick der Zauberpalläſte Venedigs den jungen Mann verſetzt hatte, machte es natürlich, daß der Anblick von Aurora's außergewöhnlicher Schönheit nicht ohne Eindruck auf ihn blieb. Seine Miene mußte dies ver⸗ rathen, denn es entging dem Gegenſtande ſeiner Be⸗ wunderung nicht. Der Gondolier ſtieg aus, überließ ſeine Gondel einem ſeiner Bekannten und belud ſich mit den Ef⸗ fecten des jungen Mannes, den er dann bis zu dem wenige Schritte entfernten Gaſthofe geleitete. Unter⸗ wegs bot er dem Fremden ſeine Dienſte als Gondel⸗ führer während deſſen Aufenthaltes an, verſicherte ihn, daß er nirgends beſſer fahren könne als mit ihm, und bat ihn, nur ſtets, wenn er ſeiner. bedürfe, an 144 der Treppe der piazet: Namen Lazzaro zu ru⸗ fen, worauf er denn jedesmal ſogleich herbeieilen werde. Das lebhafte mu tere Weſen des Burſchen ge⸗ ftel dem jungen Re: n, er merkte ſich ſeinen Na⸗ men und ver in n ſeine Kundſchaft. Der Angerommene war Richard von Neuberg, der von Wien kam, wo er ſich von ſeinem Vater, der für längere Zeit auf einem Gute an der polniſchen Grenze ſeinen Aufenthalt zu nehmen gedachte, ge⸗ trennt, und eine Reiſe nach Venedig allein unter⸗ nommen hatte. Er war direct von Wien bis Trieſt gefahren und kam nun eben daher, um vorerſt einige Wochen in Venedig zu bleiben. Nachdem er ſich im Gaſthofe eingerichtet hatte, beſtieg Richard die Gondel wieder und ließ ſich in den Hauptcanälen umher fahren, um zuerſt den Ein⸗ druck der Stadt im Allgemeinen zu empfangen. Lazzaro erwies ſich dabei als beſonders erfahren in der Ortskenntniß. Er wußte nicht nur die Namen ſämmtlicher Palläſte auswendig, ſondern er hatte bei einem j en derſelben noch irgend ein beſonderes Ereigniß u berichten. Viele ſeiner Erzählungen boten allerdings mitunter kein weiteres Intereſſe, als daß ſie eben im Munde des lebhaften Italieners mit allen erdenklichen Farbe. dert, einen Begriff von der reichen Phantaſie dieſee Volkes gaben. Da es ſchonz ſehr ſpät im Jahre war und die ſchönen Tage ſeltener wurden frug Kazzaro ſeinen Patron ſogleich, ob er nicht ei i aſhmten abend⸗ lichen Gondelfahrten mit Geſang ſur den folgenden Tag veranſtalten ſolle, damit die wenigen heiteren Abende nicht unbenützt verſtreichen möchten. Richard war mit dem Vorſchlag ſehr zufrieden und ernannte Lazzaro zum Anordner der Feftlichkeit mit unumſchränkter Vollmacht. Am folgenden Abende kam dieſer und berichtete, daß alles vorbereitet ſei. Er hatte die gewöhnliche Kleidung des Gondoliers mit einem Fracke vertauſcht und erklärte, daß dies geſchehen ſei, weil er ſich zur Aufrechthaltung der Ordnung bei den übrigen Be⸗ theiligten in Reſpect ſetzen müſſe. Das Mißfallen, welches Richard mit dieſem Tauſche äußerte, verſetzte den guten Burſchen in äußerſte Betrübniß, und er gab ſich alle Mühe, die Vortrefflichkeit ſeines Fracks zu rühmen, um dieſen in Gnade zu bringen. Die abendlichen Gondelfahrten ſind zſt noch das einzige, was von der früheren venetian chen Ro⸗ mantik übrig blieb. Die Gondoliere unterhalten fort⸗ während eine Art Verein von Sängern, welche na⸗ Familie Schaller. J. 10 tionale Geſänge, Barcarolen, ſodann Stanzen aus Taſſo und Arioſt, und endlich Arien aus den neueſten Opern einlernen, um ſie dann bei dieſen Spazier⸗ fahrten vorzutragen. Ein Theil der Sänger befindet ſich alsdann in einer beſonderen, der Hauptbarke in kleiner Entfernung folgenden Gondel, und zuweilen, wenn es die Vorſchrift verlangt, ſtimmen ſämmtliche Gondoliere mit in den Geſang ein. Die Art, wie dieſe Sänger die ganz im Volke lebenden Stanzen aus dem Taſſo vorzutragen pflegen, iſt ſehr bemer⸗ kennswerth. Sie theilen die einzelnen Strophen unter ſich und ſingen dieſelben dann wechſelſeitig in alt hergebrachten Melodien ab; die Monotonie dieſer Melodien gibt dem Vortrage faſt den Character der katholiſchen Lithurgie, und der Eindruck, den ſie her⸗ vorbringen, iſt ganz dem zu vergleichen, den das Ab⸗ ſingen einer ſolchen Meſſe hervorbringt. Mit einer be⸗ wunderungswürdigen Präciſion tragen dagegen dieſe ungeſchulten Sänger Arien und Chöre aus den neuern italieniſchen Opern vor. Die Schnelligkeit, mit wel⸗ cher die italieniſche Opernmuſik in das Volk über⸗ geht, giebt den Beweis dafür, daß ſie eben den echt nationalen Character trägt. Wie der Italiener ſelbſt leicht ſinnlich erregt und voll Leidenſchaft iſt, ſo auch iſt die Muſik in Italien zwar reich an Melodie, aber 147. weder an Kraft, noch an Tiefe oder Ausdauer in der Wirkung. Die eigentlichen Barcarolen oder Gondel⸗ lieder ſind meiſt in Venedig entſtanden und ſprechen theils den Stolz der Beherrſcher des Meeres, theils auch nur die Sehnſucht der Liebe, oder die Klage um verlorenes Glück aus Die von Lazzaro veranſtalte Fahrt ging von der piazetta ab. Bis zum Eingang des Canal-grande an der Dogana verſuchten die Sänger ihre Kehlen und disputirten ſich mit der größten Lebendigkeit um die Wahl der Geſänge. Lazzaro, welcher ſich in der erſten Gondel bei Richard befand, verfolgte aufmerk⸗ ſam die Bewegung ſeiner Untergebenen, und rief ſie mitunter, wenn ſie zu laut wurden, mit gebieteriſcher Stimme zur Ruhe. Richard ſtreckte ſich der Länge nach behaglich in die Gondel, und bald ertönte, erſt leiſe, dann an⸗ ſchwellend, von den ſanften Ruderſchlägen tactmäßig begleitet, folgendes Lied über die Wellen: Was ſteigt aus den Lagunen auf, Beglänzt vom Mondenſtrahl? Von Zauberhänden kühn erbaut; Venezia bella, Meeresbraut! 10*½ 148 Wie ſtolz auf weiter Fluth ſie prangt, Die mächt'ge Herrſcherin! Dem Meer hat ſie ihr Heil vertraut, Venezia bella, Meeresbraut! Wir dienen ihr, für ſie allein Mag fließen unſer Blut! Gegrüßt, gegrüßt mit frohem Laut, Venezia bella, Meeresbraut! Die Sänger waren eben mit dieſem kurzen ein⸗ leitenden Liede zu Ende gekommen, als Lazzaro, in⸗ dem er nach einem Pallaſte deutete, halblaut zu Ri⸗ chard flüſternd ſagte:„Dies iſt die Wohnung der ſchönen Dame, die Sie geſtern bei Ihrer Ankunft ge⸗ ſehen haben.“ Richard wendete ſich raſch nach dem be⸗ zeichneten Gebäude, und da er Licht hinter den Fen⸗ ſtern des Balcons bemerkte, ſo gab er Lazzaro die An⸗ weiſung ganz langſam zu fahren, und forderte ihn auf, den Sängern zu ſagen, daß ſie eines ihrer ſchön⸗ ſten Lieder beginnen ſollten. Dies geſchah ſogleich, und als nun die Gondeln unter dem Pallaſte angekommen waren, öffnete ſich die Thüre des Balcons und eine Anzahl Herren und Damen traten heraus. Ohne auf Richard's Befehl zu warten, hielt Lazzaro mit ſeiner Gondel an, und die 149 Sänger folgten ſeinem Beiſpiele. Als ſie das Lied ge⸗ endet hatten, klatſchte die Geſellſchft auf dem Balcon Beifall und die Herren riefen den Sängern ein „bravi“ zu. Dieſe, dadurch angefeuert, begannen alsbald ein weiteres Lied folgenden Inhalts: Chor. Die Welle murmelt in der Nacht— Sonſt iſt es ſtill umher. Vor deinem Fenſter halt' ich Wacht, Nicht find' ich Ruhe mehr. Einzelne Stimme. Die Sterne zieh'n am Himmelszelt, So ſelig ruht die ganze Welt, Nur ich ruf' ſeufzend dir hinauf: Chor. Ach, ſo ſchön! ach, ſo ſchön! Und doch ſo liebeleer! Chor. Nicht freut mich mehr des Meeres Pracht, Nicht mehr der Sterne Heer; In jeder friedlich ſtillen Nacht Treibt Sehnſucht mich umher. 150 Einzelne Stimme. Bald nimmt das Meer mein Leid mir ab, Dann find' ich Ruh' im Wellengrab; Doch ruf' ich noch im Tod hinauf: Chor. Ach, ſo ſchön! ach, ſo ſchön! Und doch ſo liebeleer! Nachdem ſie auch dies geendet hatten, erſchallte abermals lauter Beifall und eine der Damen warf ihr Bouquet den Sängern zu. Es verfehlte jedoch die Richtung und fiel in der anderen Gondel zu Richard's Füßen nieder. Dieſer hatte geſehen, daß es von Au⸗ rora kam; er hob es auf und drückte es an ſeinen Mund, indem er nach dem Balcon hinauf ſah. Aurora bemerkte den ganzen Hergang und lächelte wohlgefäl⸗ lig, als ſie die Huldigung Richard's gewahrte. Dies Lächeln wirkte auf die Phantaſie des jungen Mannes in der mondhellen, warmen Nacht, umgeben von Ge⸗ ſang und Poeſie, wie der Trunk aus einem berau⸗ ſchenden Becher. Die Fahrt ging weiter, die Geſellſchaft zog ſich vom Balcon zurück, andere Gondeln fuhren vorüber, Fenſter öffneten ſich, und manch' feuriges, ſchwarzes Auge ſchaute hinab nach dem Vorüberfahrenden, aber 151 in Richard's Phantaſie wob ſich alles zu einem bunt⸗ bewegten Bilde zuſammen, welches nur dazu diente, die Hauptgeſtalt der ſchönen Aurora lebhafter hervor⸗ treten zu laſſen. Die Fahrt endete ſpät. Richard ſuchte ſogleich ſein Lager auf, aber der Schlaf floh ihn noch lange Zeit, und als er ihn endlich fand, ſchwebte in ſeinen Träumen die reizende Geſtalt Aurora's mit dem ver⸗ führeriſchen Lächeln vor ſeiner Seele. Richard hatte ſich von Wien aus mehrere Em⸗ pfehlungen an einige der angeſehenſten Familien in Venedig mitgenommen. Nachdem er die erſten Tage damit zugebracht hatte, die Kunſtſchätze und Sehens⸗ würdigkeiten der Stadt zu beſehen, beeilte er ſich ei⸗ nige Beſuche zu machen. Er würde vielleicht kaum Ge⸗ brauch von ſeinen Empfehlungen gemacht haben, wenn ihn nicht die Hoffnung dazu getrieben hätte, die ſchöne Aurora, über deren Perſönlichkeit ihm Lazzaro noth⸗ dürftige Auskunft gegeben hatte, in einem der ge⸗ ſellſchaftlichen Kreiſe der Stadt anzutreffen. Das Glück war ihm günſtig. Sein erſter Be⸗ ſuch brachte ihm die Einladung zu einer Soirée, und kaum war er dort einigen Herren und Damen vor⸗ geſtellt worden, als Fürſt Makonski mit den beiden Damen, als deren Fuͤhrer er überall auftrat, gemel⸗ det wurde. Richard unterhielt ſich gerade mit der Marcheſe Grimani, einer verblühten Schönheit, als Aurora ein⸗ trat. Ihr Anblick ſetzte ihn in lebhafte Verwirrung; die Marcheſe, dieſen Eindruck bemerkend, ſchrieb ihn der außerordentlichen Schönheit Aurora's zu und hatte nichts Eiligeres zu thun, als dem jungen Manne das Gerede hinſichtlich des Fürſten und Au⸗ rora zu hinterbringen. Die Wirkung, welche dieſe Mittheilung auf Ri⸗ chard hervorbrachte, war eine eigenthümliche. Aurora erſchien ihm noch reizender als vorher, wenn er be⸗ dachte, daß ihre Schönheit nur dazu dienen ſolle, die erſchlafften Sinne des alten Fürſten zu ergötzen, und es dünkte ihm ein Frevel an ihrer Blüthe, wenn ſie vorübergehen ſolle, ohne das Entzücken wach zu rufen, welches die Harmonie in gleichklingenden ju⸗ gendlichen Herzen hervorruft. Die Corruption der Fa⸗ milienzuſtände in Italien war ihm noch fremd; hätte er ſie gekannt, er würde ſowohl ſein Mitleid wie ſei⸗ nen Unmuth geſpart haben. Aurora hatte kaum den anweſenden Fremden bemerkt, als ein Strahl der Freude ihr Geſicht erhellte. Richard ſah dies und konnte nicht umhin, den Hausherrn zu bitten, ihn den beiden Damen vor⸗ zuſtellen. 4 ——— 153 Dieſe empfingen ihn mit der größten Freund⸗ lichkeit, und Fürſt Makonski, dem er bei dieſer Ge⸗ legenheit ſelbſtverſtändig ebenfalls präſentirt werden mußte, erinnerte ſich ſeines Namens und beſprach ſich lange und mit der größten Zuvorkommenheit mit ihm über ſeine Reiſe und ſeinen Aufenthalt in Venedig. Richard mußte ſich geſtehen, daß der alte Herr ihn für ſich gewonnen habe; auch glaubte er ſich überzeugt, daß die Marcheſe Grimani im Irrthum ſein müſſe, indem das Benehmen des Fürſten gegen Aurora viel mehr das eines Vaters, als eines Ver⸗ lobten war. Ja, er bemerkte ganz deutlich, daß der Fürſt mit Wohlgefallen den Eindruck beobachtete, den er auf Aurora ausübte. Die Sitte in Italien bringt es mit ſich, daß das Wohlgefallen die Geſetze in der Geſellſchaft vor⸗ ſchreibt, und ſo machte es ſich ganz von ſelbſt, daß Richard den ganzen Abend nicht mehr von der Seite Aurora's kam. Das Geſpräch drehte ſich ſehr bald um Richard's abendliche Gondelfahrt. Aurora ſagte ihm, daß ſie die ganze Nacht im Traume immerfort noch den Geſang gehört habe, und ihr Blick, ſo wie ein leichtes Er⸗ röthen ließen ihn den kühnen Gedanken faſſen, daß zwiſchen den Geſängen auch mitunter die Scene mit 4 154 dem Bouquet ihr im Traume erſchienen ſein könne. Der Fürſt, welcher an der anderen Seite Richard's Nachbar war, verſicherte ihn, daß eine Gondelfahrt mit einer größeren Anzahl von Sängern bei Fackel⸗ beleuchtung einen unendlich viel größeren Effect her⸗ vorrufe, und lud ihn ein, in einigen Tagen einer ſolchen beizuwohnen. Aurora ſchien durch dieſen Vorſchlag in große Freude verſetzt. Sie lobte den wunderbaren Anblick des Wiederſcheins der Fackeln im Waſſer und dankte dem Fürſten mit lebhaften Ausdrücken für den gu⸗ ten Gedanken, den er auszuführen beabſichtige. Richard ſagte ſeine Theilnahme zu. Der Fürſt verſprach, ihn an dem beſtimmten Tage benachrich⸗ tigen zu laſſen, und das Geſpräch ging ſeinen vori⸗ gen Gang weiter. Als die Zeit zum Aufbruch gekommen war, fragte der Fürſt die beiden Damen, ob ſie ihm erlaubten, den jungen Baron von Neuberg um ſeine Begleitung zu erſuchen, und als ſie ihn darum baten, forderte er Richard auf, in ſeiner Gondel zuerſt mit nach der Wohnung der Damen zu fahren und ſich dann der⸗ ſelben bis zum Gaſthofe zu bedienen. Richard nahm die Einladung gerne an. Bald glitten ſie raſch über das Waſſer dahin, 155 und gelangten ſchneller, als es Richard wünſchte, an den Ort, wo das Ausſteigen der Damen das kurze, trauliche Beiſammenſein in dem kleinen Fahrzeuge unterbrach. Sie ſtiegen aus; der Fürſt geleitete die Mutter, und Richard reichte Aurora ſeinen Arm. Er fühlte den leiſen Druck ihrer Finger und konnte ſich nicht enthalten ihre ſchöne Hand zu faſſen und an ſeine Lippen zu drücken. Sie erwiederte den Druck ſeiner Hand und ſah ihn zärtlich dabei an.„Felice notte!“ flüſterte ſie und huſchte in das Portal. Der Fürſt ließ es ſich nicht nehmen, Richard ſelbſt bis an das Portal des Hötels zu begleiten. Dort drückte er ihm noch einmal freundlich die Hand und verſicherte ihn, daß er ſich unendlich freuen werde, oft mit ihm zuſammen zu kommen. Richard eilte auf ſein Zimmer, aber es dauerte lange Zeit, bis er ſo weit ruhig geworden war, um das Bedürfniß des Schlafes zu empfinden. Lange ſtand er noch am offenen Fenſter und erfreute ſich der hellen kühlenden Nacht. —— 156 Smülftes Kanitel. Als Richard am folgenden Morgen aufſtand, fiel es ihm ein, nach der Poſt zu ſenden, um dort fragen zu laſſen, ob Briefe für ihn angekommen ſeien. Sein Vater hatte ihm geſagt, er werde, wenn etwas Außer⸗ gewöhnliches vorfallen ſollte, ihm dies nach Venedig berichten. Der Fachino brachte wirklich einen Brief, und als ihn Richard öffnete, fand er darin ein Schrei⸗ ben ſeiner Großmutter, welches nach ſeiner Abreiſe in Wien angekommen und ihm von dort nachgeſchickt worden war. Sie wünſchte ihm darin Glück zu ſei⸗ nem Zuge nach Venedig und ſchrieb dann unter an⸗ derem folgendes: „Ich kannte bisher die Urſache nicht, weshalb Dein Vater ſo plötzlich ſich entſchloß mit Dir auf Reiſen zu gehen, aber ein Zufall führte mich auf die Entdeckung derſelben. Du hatteſt hier Verbindun⸗ gen angeknüpft, welche Dein Vater zu unterbrechen für gut fand, und ich glaube, dieſer Vorfall wird ihn endlich zu der Einſicht gebracht haben, daß die Grund⸗ ſätze, die er bei Deiner Erziehung geltend machen wollte, viel ſchlimmere Folgen herbeiführen konnten, als diejenigen, welche er bei mir von jeher verwor⸗ 157 fen hat. Du kennſt die unglückliche Geſchichte der Schweſter Deines Vaters, die ſeitdem ſie, einer Her⸗ zensleidenſchaft folgend, ihre Ehre opferte, trotz allen Entſchuldigungsgründen, aufhörte meine Tochter zu ſein, und deren Gedächtniß noch jetzt, wo ſie ſchon eine Reihe von Jahren nicht mehr unter den Leben⸗ den weilt, mir peinlich iſt. Dein Vater nahm damals die Partei der Verlorenen und trennte ſich von mir, um ſie in Schutz zu nehmen; ja er gelobte ihr ſo⸗ gar, als ſie auf dem Todesbette lag, die Frucht ihrer Verirrung aufzuſuchen und an Kindesſtatt anzuneh⸗ men. Aber das Schickſal iſt gerecht. Indem es in Deinem Herzen eine Neugung erweckte, die des Man⸗ nes von Neuberg gänzlich unwürdig war, zeigte es ihm die unausbleibliche Folge ſeiner wankenden An⸗ ſchauungen. Glücklicherweiſe hat mein Einfluß auf Dich Dir Characterſtärke genug gegeben, ein ſolch' un⸗ würdiges Gefühl zu unterdrücken. Möge es für die folgende Zeit Deines Lebens Dir zur Warnung die⸗ nen! Um Dich übrigens ganz von Deiner Leiden⸗ ſchaft zu heilen, will ich Dir mittheilen, auf welche Art ich zur Kenntniß derſelben gelangt bin. Du wür⸗ deſt es vielleicht kaum glauben, wenn ich Dir nicht ſelbſt die Verſicherung gäbe, daß das junge Mäd⸗ chen, dem Du ohne Zweifel Dinge in den Kopf ge⸗ 158 ſetzt haſt, die ſich nie verwirklichen können, die Drei⸗ ſtigkeit gehabt hat, zu mir zu dringen, und ſich mit der größten Impertinenz nach Dingen zu erkundigen, die zu wiſſen nur die größte Intimität ſie berechtigen konnte. Ich habe Befehl gegeben, ſie nicht mehr vor⸗ zulaſſen, wenn ſie es wieder wagen ſollte mich be⸗ läſtigen zu wollen. Um zu etwas anderem zu kommen, bitte ich Dich um Nachricht über ein zu meinen Ohren gekomme⸗ nes Gerücht. Mann will wiſſen, daß Dein Vater wirklich die Spur jenes Kindes ſeiner Schweſter auf⸗ gefunden habe; ja, man ſagt ſogar, es befinde ſich bei ihm und er habe bereits das Verſprechen, es an Kindesſtatt anzunehmen, erfüllt. Ich hoffe darüber Näheres von Dir zu erfahren.“ Als Richard den Brief zu Ende geleſen hatte, las er die Stelle, welche über Luiſen's Beſuch han⸗ delte, noch einmal durch, und es war faſt, als wollte er ſich recht davon überzeugen, daß ſeine Großmutter Recht habe, wenn ſie in dieſem Schritte des jungen Mädchens einen Grund finden wollte, ihn von ſeiner Neigung zu heilen. Richard zählte kaum über zwanzig Jahre. Er war durch den Umſtand, daß ſein Vater ſeine Erzie⸗ hung ganz allein geleiter hatte, nie zu rechter Selbſt⸗ 159 ſtändigkeit gekommen, und das Bedürfniß abhängig zu ſein, war auch die Urſache geweſen, weshalb ihn das ſelbſtſtändige, faſt übermüthige Weſen Luiſen's zuerſt gefeſſelt hatte. Kaum aber hatte ſich, bei der Unfertigkeit ſeines eigenen Characters, die Gewalt der väterlichen Autorität wieder geltend gemacht, ſo war auch ſeine Neigung faſt gänzlich erloſchen, und er ſtimmte willig in die Anſicht mit ein, daß Luiſe ohne Weiblichkeit und darum einer hingebenden Liebe unfähig ſei. Seitdem nun gar eine neue Uebermacht, in Au⸗ rora, auf die ſinnliche Seite ſeines Gemüths ihre Wirkung geltend zu machen begann, ſah er faſt ſchon mit Zufriedenheit auf ſeine Trennung von Luiſe hin, und geſtand ſich bereits im Stillen, daß ſeine Liebe für ſie nur eine Täuſchung geweſen ſei. „Welch eine Rückſichtsloſigkeit!“ ſagte er zu ſich ſelbſt.„Eigenmächtig in dieſer Sache einzuſchreiten! Sie muß ihrer Herrſchaft über mich ſchon ſehr gewiß geweſen ſein; aber ſie hat ſich geirrt und mag ſich nur daran gewöhnen, daß ihr Plan mißglückt iſt.“ Um ſich am Nachmittage zu zerſtreuen, ließ ſich Richard nach der Inſel San Lazzaro überfahren und beſuchte dort das armeniſche Kloſter. Man zeigte ihm die Einrichtung der Gebäude, 160 die herrlichen, im üppigen Schmucke ſüdlicher Vege⸗ tation prangenden Gärten, und bewirthete ihn dem Gebrauche gemäß mit Früchten und ſüßem Weine. Er unterhielt ſich mit einem alten Pater, der einſt der Lehrer Lord Byron's in der armeniſchen Sprache geweſen, bevor dieſer ſein Blut für die Frei⸗ heit der Griechen dahingab. Der alte ehrwürdige Mann, deſſen Gedächtniß ſchon etwas gelitten hatte, ver⸗ mengte die Erinnerungen ſeines langen Lebens und miſchte Wörter aus zehn verſchiedenen Sprachen un⸗ tereinander. Im Bibliothekzimmer zeigte man Richard unter Glas und Rahmen ein Gedicht, welches König Lud⸗ wig von Baiern bei ſeinem erſten Beſuche dort auf⸗ geſchrieben hatte. Abends kehrte er von ſeiner Aus⸗ fahrt zurück und landete wieder an der piazetta an. Lazzaro erbot ſich, ihm noch den Dogenpallaſt zu zeigen, und ſie gingen miteinander darauf zu. Sie gelangten in den Hof, und Richard bewunderte zuerſt die prachtvolle, aus weißem Marmor erbaute Rieſentreppe, an deren Fuß einſt Marino Falieri ent⸗ hauptet wurde. Im Vorſaale erblickte er den Löven⸗ kopf, in deſſen Rachen man die geheimen Anſchuldi⸗ gungen niederlegte, auf welche hin der Angeſchuldigte heimlich eingezogen, vor den Rath der Zehn geſtellt, . 161 ſtreng verhört, und wenn er ſchuldig befunden war, ſoglelh verurtheilt wurde, wobei die Vollziehung dem Spruche alsbald folgte. Ohne wieder mit irgend Je⸗ mand in Verbindung zu kommen, ward der Verur⸗ theilte durch die heimlichen Gänge des Pallaſtes und über die Seufzerbrücke, von deren vergitterrem Fen⸗ ſter aus er zum letzten Male den Himmel ſeiner Hei⸗ math erblickte, unter die ſchauderhaften Bleidächer gebracht, oder ſogleich hingerichtet und in nächtiger Dunkelheit in das Meer verſenkt. So verſchwanden oft Glieder der edelſten Familien, ohne daß dieſe es wagen durften, ein Wort gegen die Beſchlüſſe des Rathes zu äußern. Wie mancher Unſchuldige ſiel als Opfer dieſer furchtbaren, geheimnißvollen Macht, und ſelbſt das Haupt der Republik konnte ihr nicht ſich widerſetzen! Müßte doch ſelbſt der unglückliche Doge Francesko Foscari zweimal ſeinen eigenen tapferen Sohn, Nodrigo, der in einem Seegefechte gegen die Türken fälſchlich des Hochverraths angeklagt wurde, auf die Folter ſpannen und in den Qualen derſelben zuletzt ſterben ſehen, ohne ſich widerſetzen zu können, und Marino Falieri gab das ſchreckliche Beiſpiel, daß das Oberhaupt den eiſernen Einrichtungen des Staa⸗ tes eben ſo unterthan ſei, wie jeder andere, Aber nur durch dieſe Entſetzen erregende Strenge, durch Familie Schaller. I. 11 162 die Furcht vor jener geheimen Macht, die von Allen ausgeübt, über Allen, gleich dem Schwert des Da⸗ mocles hing, erhielt die Republik jene feſte Sicher⸗ heit, die ſie im achten Jahrhundert zur Beherrſcherin des Meeres und im fünfzehnten ſelbſt zu der des Feſtlandes erhob. Wie lebenskräftig und herrlich jene Zeit der Blüthe Venedigs war, beweiſen noch heute die Reſte, welche den Beſchauer mit Staunen erfül⸗ len. Aus den Tagen, wo die ſiegreichen Herren des Meeres die noch jetzt dort aufgepflanzten Siegestro⸗ phäen in ihre Stadt brachten, wo der König von Cypern um die Hand der ſchönen Catharina, der Toch⸗ ter Cornaro's, ſich bewarb und die ganze Stadt die⸗ ſes Ereigniß als ein allgemein ehrenvolles und freu⸗ diges feierte, beſitzt Venedig noch heute einen uner⸗ meßlichen Reichthum an Schätzen der Kunſt, und man kann hier in Wahrheit ſagen: könnte auch die Ge⸗ ſchichte von Venedigs Ruhme ſchweigen, die Steine, die Palladio gefügt und Canova's Meißel belebt hat, würden redend Zeugniß ablegen. Richard durchſchritt die ungeheuren Räume des Pallaſtes und friſchte die hiſtoriſchen Erinnerungen, welche ſich an dieſelben anknüpften, in ſeinem Ge⸗ dächtniſſe auf.. In dem großen Dogenſaale ſah er die Bildniſſe — —r 163 der ſiebzig Dogen, und zwiſchen Andrea Dandolo und Giovani Gradenigo bezeichnete ein ſchwarzer Schleier die Stelle, wo Marino Falieries Bildniß früher ſeinen Platz hatte. Mit Lodovico Mannin, dem letzten Dogen, war, wie bei den Bildniſſen der deutſchen Kaiſer im Frank⸗ furter Römerſaale, die Reihe geſchloſſen und der Raum gefüllt. Als Richard von der Beſichtigung zurückkam und hinaustrat auf den Markusplatz, dunkelte es bereits. Er ſchaute nach der Markuskirche empor, und ſah matt beleuchtet die ſechs ehernen Roſſe, die der Ueberwinder Napolen einſt nach Paris geſchleppt hatte, von wo ſie wieder zurückgebracht wurden. An der Kirchenwand ſeitwärts ſchimmerte ein kleines Lämpchen, das mit ſeinem ſpärlichen Lichte durchaus nicht zu dem Zwecke angebracht ſein konnte, zur Er⸗ hellung zu dienen. Richard befrug ſich bei Lazzaro, und dieſer erklärte ihm, daß dieſes Lämpchen eine Stiftung der Stadt ſei, womit ſie ein Unrecht, das einem Unſchuldigen zugefügt worden, ſo lange ſie ſtehe, abbüßen müſſe. „Ein junger Handwerker“— ſo ungefähr erzählte Lazzaro—„ging Nachts von der Geſellſchaft munterer Kameraden nach Hauſe und fand unterwegs auf der 11 164 Straße ein blutiges Meſſer. Er hob es auf und nahm es mit. Am andern Morgen beeilte er ſich, ſeinen Fund dem Gerichtshofe anzuzeigen, und ward darauf, den beſtehenden Geſetzen gemäß, bis zur weiteren Un⸗ terſuchung der Sache ſelbſt feſtgenommen. An dem⸗ ſelben Tage fand es ſich, daß ein junger Patrizier aus einer der erſten Familien vermißt wurde, und es blieb kein Zweifel, daß er in der Nacht ermordet und darauf heimlich in den Canal verſenkt worden ſei. Alles ward aufgeboten, um die Thäter ausfindig zu machen, denn ein derartiges Ereigniß, welches die Frucht innerer Feindſeligkeiten war, durfte unter kei⸗ ner Bedingung ungeahndet bleiben. Nachdem jedoch alle Bemühungen, eine Spur des Verbrechers zu ent⸗ decken, fruchtlos geblieben waren, hielt man ſich an das einzige Opfer, deſſen man habhaft werden konnte, in der Perſon des armen Burſchen, der jenes Meſſer aufgefunden hatte, und nahm an, daß er durch die⸗ ſen Schritt den Verdacht habe von ſich abwälzen wollen. Man warf ihn auf die Folter, wo er die Na⸗ men derjenigen nennen ſollte, die ihn zu dem Morde gedungen haben mußten, und da der Unglückliche Niemand zu nennen wußte, verſchärfte man die Folter ſo lange, bis er unter den fürchterlichſten Schmerzen den Geiſt aufgab.— Kaum war er todt, als der — 165 wirkliche Thäter jenes Mordes, von Reue getrieben, ſich ſelbſt öffentlich anklagte. Unmöglich konnte nun der Senat ſein Urtheil über den jungen Handwerker rechtfertigen, und um deshalb wenigſtens in der Art, wie die ungerechte Verurtheilung gebüßt wurde, das Ungewöhnliche eines ſolchen Falles zu conſtatiren, wurde zum ewigen Gedächtniß deſſelben jenes Lämp⸗ chen geſtiftet, welches noch heute an den Fall erinnert, bei dem es der Regierung nicht möglich war, an dem einmal gefällten Urtheilsſpruche feſtzuhalten.“ Lazzaro hatte dieſe Geſchichte auf dem Wege nach dem Gaſthofe erzählt. Sie rief bei Richard einen kleinen Schauer und mancherlei Gedanken über Staats⸗ ſyſteme und Anſichten in Bezug auf ſolche hervor. Als er auf ſein Zimmer kam, zerſtreute jedoch ein Billet des Fürſten Makonski, welches ihn zur Gondelfahrt auf den nächſten Abend einlud, dieſe Gedanken wieder und lenkte ſie auf die heitere Ge⸗ genwart mit der ſüßen Hoffnung, die in Bezug auf Aurora ſein Herz erfüllte. 166 Breizehntes Kagpitel. Am folgenden Tage fertigte Richard, um ſich, bis der Abend herankomme, die Zeit zu vertreiben, einen Brief an ſeinen Vater und ein Antwortſchreiben an ſeine Großmutter ab. „Erſterem meldete er ſeine glückliche Ankunft in Venedig und beſchrieb ihm, was er Schönes auf ſeiner Reiſe bis dahin geſehen und erfahren hatte. In ſeiner Antwort an die Großmutter überging er ſein Verhältniß mit Luiſe ganz, und meldete ihr nur in Bezug auf ihre letzte Anfrage, daß ſein Vater allerdings die verloren geglaubte Schweſtertochter auf⸗ gefunden und zu ſich genommen habe. Er berichtete ihr, wie ſie das Mädchen, ermattet und krank, kurz vor ihrer Abreiſe, an dem Thore des väterlichen Gutes in der Nähe des Rheinufers ang⸗ getroffen hätten. Sie ſei im Begriff geweſen, uuß dem Tode ihrer Pflegemutter ihr Brod bei fremden Leuten zu ſuchen, aber ſein Vater habe ſie auf den erſten Blick an der Aehnlichkeit mit ihrer Mutter er⸗ kannt und freudig als ſeine Tochter begrüßt. Hierauf machte Richard eine Schilderung des Mädchens, wo⸗ rin er ihr ſanftes, ſtilles Weſen rühmte und hinzuſetzte, 167 daß ein wehmüthiger Anflug, den ſie ſeit dem Tode ihrer Pflegemutter in ihr Gemüth aufgenommen habe, ihr etwas unendlich Rührendes gebe. Er habe in der kurzen Zeit ihres Zuſammenſeins auf der Reiſe bis Wien, wahrhaft brüderliche Zuneigung zu ihr ge⸗ faßt, und es habe ihm geſchienen, als müſſe er ihr jedes kleine Erlebniß mittheilen und ſie bei Allem um Rath fragen. Er ſprach dabei die feſte Ueberzeugung aus, daß auch die Großmutter ihre Enkelin lieb ge⸗ winnen und anerkennen werde. Als er dieſen Brief geendet hatte, war die Erin⸗ nerung an ſeine neue Schweſter und Freundin ſo leb⸗ haft in ihm geworden, daß er ſich nicht enthalten konnte, auch noch an ſie zu ſchreiben. Genau und ohne Rückhalt ſchilderte er ihr ſein Gefühl für Aurora, von dem erſten Augenblicke an, wo er ſie geſehen, bis zu der Erwartung, in welche ihn der heutige Tag verſetzt hatte. Als er dieſen Brief geendet hatte, fühlte er ſich erleichtert und um vieles ruhiger als vorher. Seine Empfindung für Aurora war weniger ſtürmiſch ge⸗ worden, er ſah nicht mehr ſo ungeduldig nach der Uhr, als er es bisher gethan hatte, und nahm ſich feſt vor, in Zukunft jedes Erlebniß dieſer Art ſeiner Schwe⸗ ſter mitzutheilen, wobei es ihm vorkam, als ſei ſie ge⸗ 168 genwärtig, als billige ſie ſeinen Vorſatz und walte mit ihrem ſanften Blicke über ſein Schickſal. Der Abend nahte heran und Richard begab ſich nach dem Pallaſte, wo Aurora's Mutter wohnte. Er hatte gehofft, daß außer ihm, dem Fürſten Ma⸗ konski und den beiden Damen Niemand bei der Fahrt betheiligt ſein werde; er fand indeß, als er in den Salon trat, eine Anzahl von Freunden, welche mit eingeladen waren. Dies verſtimmte ihn anfänglich etwas; als ihn jedoch Aurora mit beſon⸗ derer Freundlichkeit willkommen hieß, erheiterte ſich ſeine Stirne ſogleich wieder. Als Richard bald darauf einige aufgeſtellte Va⸗ ſen bewunderte, kam das Geſpräch auf Kunſtgegen⸗ ſtände, wodurch Aurora veranlaßt ward, ihn aufzu⸗ fordern, mit ihr in den anſtoßenden Zimmern die Sammlungen ihrer Mutter zu beſichtigen. Sie machte nun auf die liebenswürdigſte Weiſe ſeine Führerin, erklärte die Seltenheiten und nannte die Namen der Maler, deren Werke ſie betrachteten. Richard folgte ihr aufmerkſam, hörte ihre Worte, verſtand aber das wenigſte von dem, was ſie ſagte. Sein Blut gerieth, jemehr ſie ſich von der übrigen Geſellſchaft entfernten, in immer größere Wallung, und als ſie endlich vor einem reizenden Gemälde 169 Tizian's ſtille ſtanden und Aurora's Locken ſeine Wangen berührten, konnte er ſich nicht enthalten, den Arm um ihre ſchlanke Taille zu ſchlingen. Aurora fuhr in ihrer Erklärung eifrig fort. Ri⸗ chard blickte ihr lächelnd in das Geſicht, ſie erröthete zwar, doch ſtrahlte ihr tiefblaues Auge ſo ermuthi⸗ gend in das ſeine, daß er ſich raſch niederbeugte und einen Kuß auf ihre weichen vollen Lippen drückte. In dieſem Augenblicke vernahmen ſie nahende Schritte. Fürſt Makonski kam, um ſie abzurufen. Richard war in der äußerſten Verlegenheit, eine flammende Röthe bedeckte ſein Geſicht, und er blieb unvermögend ruhig zu erſcheinen. Fürſt Makonski indeß ſchien dies gar nicht zu bemerken, er reichte Aurora freundlich den Arm und führte ſie langſam zur Geſellſchaft zurück. Die Fahrt begann. Richard hatte ſeinen Platz an Aurora's Seite. Sie war ausgelaſſen lebhaft und ſcherzte mit ihren Begleitern auf die muthwilligſte Weiſe. Richard dagegen ſaß ſtill und in ſich gekehrt an ihrer Seite, und fühlte ſich manchmal durch ihre Munterkeit wie verletzt. Er ſchwelgte noch in der Erinnerung des Vorhergegangen, und erſchien ſich in dem Gewoge von Lichtern, bei den ſchmelzenden Ge⸗ 170 ſängen, an der Seite einer Armida, im Heimath⸗ lande Taſſo's, faſt wie ein Träumender. Einer der jungen Cavaliere regte den Gedanken an, daß Aurora ſelbſt etwas ſingen möge, und als⸗ bald ſtimmte die ganze Geſellſchaft mit in ſeine Bitte ein. Sie ließ ſich willig dazu überreden und wählte die folgende Barcarola, die ſie mit einer weichen Sirenenſtimme vortrug: Ueber der wogenden Fluth Zittert der Mondesſtrahl; Alles ſchläft, alles ruht, Nur auf der wogenden Fluth Zittert der Mondesſtrahl. Ruhelos treibt mich die Gluth Sehnender Liebesqual; Nimmer ſchläft, nimmer ruht, Gleich wie die wogende Fluth, Sehnende Libesqual. Als ſie geendet hatte, klatſchten alle Begleiter, die Gondoliere und eine große Anzahl Menſchen, die ſich auf den Balconen und an den Fenſtern der Häuſer umher geſammelt hatten, lebhaften Beifall. Richard, deſſen Aufregung immer zunahm, wagte es, zum Zeichen ſeines Entzückens ihr leiſe die Hand zu drücken. 171 Fürſt Makonski benachrichtigte hierauf die Ge⸗ ſellſchaft, daß er mit dem Unternehmer des Theaters San Radegonda die Abrede getrofſen habe, eine Oper einzuſtudieren, in welcher Aurora einige Mal auf⸗ treten könne. Alle begrüßten dieſe Neuigkeit mit großen Freudebezeugungen und man drang in Aurora, die Parthie zu nennen, welche ſie übernehmen werde. Sie erklärte, daß es die Parthie der Iſabella in der Italienerin in Algier ſei, und man bezeichnete dieſe Wahl allgemein als eine vorzügliche. Richard allein war unangenehm überraſcht, als er dieſe Neuigkeit vernahm. Der Gedanke, daß Au⸗ rora auf einem öffentlichen Theater ſich produziren und ihre Talente preis geben ſolle, hatte in ſeinen Augen etwas Erniedrigendes und verſtimmte ihn außerordentlich. Aurora bemerkte dies und ſcherzte darüber. Ihre Mutter miſchte ſich in das Geſpräch, und da ſie durch ihren längern Aufenthalt in Deutſchland die Anſichten kannte, welche dort Gel⸗ tung haben, ſo bemühte ſie ſich, dem jungen Manne begreiflich zu machen, daß man in Italien über der⸗ artige Unternehmungen ganz anders denke. Richard müßte nicht ſo leicht zu leiten geweſen ſein, als er eben war, wenn ihn die Ueberredungskunſt der bei⸗ 172 den Damen nicht hätte überzeugen ſollen, daß Au⸗ rora's öffentliches Auftreten in der That durchaus nichts Ungewöhnliches habe. Die Geſellſchaft ging nach Beendigung der Gondelfahrt noch in ein Caffé auf dem Markusplatze und trennte ſich dort erſt ſpät in der Nacht. Richard machte in den nächſten Tagen noch ei⸗ nige anderweitige Beſuche. Man empfing ihn überall ſehr freundlich und bewarb ſich um ſeine Theilnahme an Geſellſchaften. Da indeſſen ſeine Leidenſchaft für Aurora ſchon ſo weit gekommen war, daß ein Abend, an dem er ſie nicht entweder in ihrem Hauſe, im Theater oder auf dem Markusplatze beſuchen konnte, ihm unerträglich erſchien, ſo vernachläſſigte er allen weitern Umgang und war nur darauf bedacht, in ihrer Nähe weilen zu können. 1 So vergingen einige Wochen. Der Winter war angebrochen und die Vergnügungen deſſelben im vol⸗ len Gange. Das Gerücht der Verbindung zwiſchen dem Für⸗ ſten Makonski und Aurora erhielt ſich fortwährend, trotzdem, daß Richard bereits ihr erklärter Cavalier geworden war. Ueberall ſaß oder ging letzterer an ihrer Seite und es war bereits unter vier Augen zu mancherlei verliebten Vertraulichkeiten zwiſchen ihnen gekommen. — A — 173 Richard hatte inzwiſchen Briefe von ſeinem Va⸗ ter erhalten, denen auch ein liebevolles, theilnehmen⸗ des Billet von ſeiner Schweſter Marie beilag. Sie äußerte ihre Freude darüber, daß er ſich heiter und glücklich fühle, und ſprach dabei die Ueberzeugung aus, daß ſein eigenes Herz und der Gedanke an ſei⸗ nen vortrefflichen Vater ihn gewiß nie verlaſſen und überall beſchirmen werde. Richard hatte die Briefe mit Haſt geleſen, konnte aber nicht dazu kommen, dieſelben zu beantworten. Endlich kam der Tag heran, in welchem Aurora im Theater San Radegonda auftreten ſollte. Die Logen waren größtentheils von den Freunden und Ver⸗ ehrern der ſchönen Sängerin und ihrer Mutter ge⸗ füllt, das Parterre dagegen ſchien für derartige Lieb⸗ habereien keinen Sinn zu haben, denn es war ſehr wenig beſucht. Der Unternehmer des Theaters wurde indeß durch die Freigebigkeit des Fürſten Makonski nicht nur gegen jeden Verluſt geſichert, ſondern für ſeine Bereitwilligkeit noch überdem reichlich entſchädigt. Aurora hatte für den erſten Akt, wo ſie als junge und reiche Italienerin erſcheint, eine ihrer gewöhnli⸗ chen Kleidungen gewählt, von der ſie wußte, daß ſie ihr beſonders vortheilhaft ſtand. Für den zweiten Auf⸗ zug, wo ſie im Harem des Dey von Algier durch 174 ihre Schönheit die Frauen deſſelben überſtrahlt, hatte ſie alles aufgeboten, um mit der Richtigkeit des Co⸗ ſtüms Eleganz, Geſchmack und Phantaſie zu verbinden. Als ſie beim Beginn auftrat, erhoben ſich ſämmt⸗ liche Zuſchauer, um ſie mit lebhaften Beifallsbezeu⸗ gungen zu bewillkommnen. Richard befand ſich in einer Loge mit dem Fürſten, während Aurora's Mut⸗ ter bei derſelben in der Garderobe beſchäftigt war. Ein eigenthümlich berauſchendes Gefühl durchdrang den jungen Mann, als er das reizende Weſen von Hunderten angeſtaunt und enthuſiaſtiſch begrüßt ſah, das ihn allem bevorzugte, von dem er allein ſich ge⸗ liebt wußte, während jeder Andere die geringſte Gunſt für ein beneidenswerthes, unerreichbares Glück halten mußte. Und als er bemerkte, daß Aurora's Blicke ihn ſuchten, daß ein zufriedenes Lächeln ihren Mund um⸗ ſpielte, als ſie ihn entdeckt hatte, da entfachte ſich die Flamme der Leidenſchaft mächtiger als je in ſei⸗ ner jugendlichen Bruſt. Richard hatte von ſeiner Mutter, die eine Polin von Geburt war, jene eigenthümliche zahrte Geſichts⸗ farbe geerbt, welche dieſe Nation beſonders kennzeich⸗ net. Haare und Augen waren glänzend ſchwarz, und letztere von einem feuchten Emaille, dabei fielen die Augenbrauen ſtark auf, wodurch der Contraſt der 175 Bläſſe ſeines Taints noch auffallender wurde. Die Erregung des Augenblicks ließ nun eine leichte Röthe auf ſeinen Wangen erſcheinen und man konnte ihn mit vollem Rechte ſchön nennen. Die Vorſtellung ging nach Wunſch vorüber. Die Mitſpielenden, durch Aurora's wunderbar ſchönen Ge⸗ ſang und die Grazie ihres Spiels hingeriſſen, beei⸗ ferten ſich wechſelſeitig, ihr würdig zur Seite zu ſte⸗ hen, und das Publikum geizte nicht mit den Beweiſen ſeines Entzückens. Als zum Schluſſe Iſabella mit ihren Begleitern zu Schiffe ſteigt, um nach der Hei⸗ math zurückzukehren, wiederhallte das Haus von an⸗ haltendem und lebhaftem Beifall. Aurora mußte wie⸗ derholt auf der Bühne erſcheinen, um für die Be⸗ weiſe der Theilnahme den Verſammelten zu danken. Nachdem der Vorhang zuletzt endlich gefallen war, fanden ſich eine Anzahl von Bekannten auf der Bühne ein, um der gefeierten Künſtlerin perſönlich ihren Dank auszuſprechen. Aurora, äußerſt aufgeregt durch das Spiel und die vielfältige Huldigung, die man ihr darbrachte, bat ihre Mutter leiſe, die Artig⸗ keiten für ſie in Empfang zu nehmen; ſie ſelbſt winkte Richard zur Seite und erſuchte ihn, ihr be⸗ hülflich zu ſein, daß ſie ſich unbemerkt entfernen könne. Sie ſchien ermüdet und der Ruhe bedürftig. 176 Richard hüllte ſie ſorgſam in den Mantel und führte ſie durch eine Seitentreppe nach dem Ausgang, während Fürſt Makonski die ganze Geſellſchaft, die Sänger und Sängerinen des Theaters mit einge⸗ ſchloſſen, einlud, bei ihm zu ſoupiren. Richard gelangte mit Aurora hinab an den Ca⸗ nal, wo Lazzaro bereits mit einer verdeckten Gondel ſeiner wartete. Sie ſtiegen ein, und der gewandte Gondolier lenkte ſein Fahrzeug langſam und mit kaum hörbaren Ruderſchlägen hinweg. Aurora ſank ermüdet auf eines der Polſter nie⸗ der, und Richard, beſorgt daß die kühle Abendluft ihr ſchaden könne, ſchloß ſorgfältig die Thüre und die Gardinen der kleinen Fenſter. Er näherte ſich darauf der ſchönen Sängerin und frug, zärtlich ihre Hand faſſend, wie ſie ſich fühle. Aurora dankte ihm mit eine Fändedruck, und da ſie noch das türkiſche Coſtüm g, ſo warf ſie den Turban weg, lehnte ihr matte, Haupt an ſeine Schulter und ließ die vollen Locken achtlos niederhängen. Richard fühlte die Wärme ihres Hauches und das Wogen des aufge⸗ regten Buſens. Sanft legte er ſeine rechte Hand leiſe auf ihr Haupt und umfaßte ſie ſchüchtern mit der linken. Da ſchlang ſie ihre Arme um ſeinen Hals, preßte ihn heftig an ſich und bedeckte ſeinen Mund —— —