caltarnurcrateamenanudeeane g „ cück, t 9 rg rloren und 4 uß der ver. r ſo iſt Ha tb 3 or und wird fmeerſat. Zeiterverl’ ben tſinden iej. 9, welche en, tehen„en 4 1 — — — —— — — = Rᷓ = 4— — — — Friedrich Gerſtäcker. 2 Fri — München, Verlag von Praun& Schneider. ŃÖ———————— — 4 ⸗ Fritz, Wildau's Abenteuer. Inhaltsverzeichniß. 3 Seite 4 1. I. Cap. Worin ich den Leſer mit dem Helden unſerer Geſchichte bekannt mache...... 1 6 II.„ Was Fritz im Walde begegnete..... 9 III.„ Wie Fritz auf's Gerathewohl in die Welt hinausging, und was er da fand.... 22 IV.„ Wie Fritz in ſeine neue Heimath kam, und. 4 was er da für Heſelſgaſt a und eichaltun fand.. 35 1 V.„ Wie der alte Tom Brendall ſeinen Handel anfing, und Cäſar der Koch ſeinen ganzen Negerhaß verloren hatte... 50 VI.„ Auf welche Art Cäſar ſeine ſchwarzen Brüder überredet und die„Turteltaube“ mit volle Ladung in See geht XIII. XIV. XVII. XV. VII. Cap. Flucht und Verfolgung.— Wie es komumt, daß die Schiffe auch mit ſchlechtem Wind eine günſtige Richtung ſteuern können 3 Wie Fritz eine gar böſe Entdeckung macht und in ſchlimme Verlegenheit gerätmh 0 Wie Capitain Brendall ſeine Paſſ ſagiere zählte und was der alte Sambo dazu ſagte.— Der Ausbruch. Wie Fritz ein Seeräuber werden ſollte.— Die erſte Beute. 2. Weiteres Leben auf dem Piratenſchiff und wie Fritz zu einem verzweifelten Entſchluß kam Ein Beſuch auf den Tonga Inſeln, und wie ſich Fritz ſeinen Naturforſcher gegen einen Häuptling auswechſelt.... Die Corallenriffe und das Corallen⸗ Auſtn. Ankunft auf Java Wie Fritz in den Invaniſchen Bergen eine Jagd auf wilde Kühe oder bantings unitmachte und was ihm dabei begegnet 1. Ein Tiger⸗ und Panther⸗Kampf Der Kampf zwiſchen dem Eber und dem n giegen⸗ bock und wie ſich die Affen dabei benehmen Aberglaube der Malayen mit dem Krokodil, und wie die Affen die Krabben fangen Seite 73 — 84 96 113 126 147 164 17⁵ 193 206 215 ———— 1. 4 v 6— † XVIII. Cap. Der Schiffbruch 4. XIX.„ Was die Leute auf der Prahu mit den Geret⸗ 4 teten machten. Die Piratenſchiffe des oſtindi⸗ d ſchen Archipels...... XX.„ Wie die Malayen einen Kriegstanz aufführ⸗ ten, und wie ſie ihn zu Ende brachten XXI.„ Wie die Schiffbrüchigen von einem Einge⸗ borenen überraſcht wurden, auf den ſie nicht gerechnet hatten XXII.„ Die Tigerwacht, und was für wunderliches Wild dabei anſchlich — XXIII.„Der Ueberfall der Sumatraner. XXIV.„Wie Fritz auf eigene Hand einen Fluchtver⸗ ſuch machte, und gut davonkam XXV.„ Wie die Belagerten wohl das Feld behaupten, aber doch wieder flüchten müſſen und endlich ein fremdes Schiff ſignaliſiren XXVI.„Wie Fritz in ſeine frühere Heimath zurückkehrt und ſich von ſeinem Heimweh auf eine gar traurige Art geheilt findet XXVII.„Wie Fritz eine Menge alter Bekannte und neue Abenteuer findet XXVIII.„Der nächtliche Einbruch und was der Neger dazu meinte. XXIX.„Wie Fritz Wildau doch noch zu erkennen war 249 261 275 286 295 307 345 325 337 353 und das Ganze ein gar freundliches Ende nahm.. Nachtrag. Erklärung der, in der Erzählung vorkommenden, in fremden Ländern ge⸗ bräuchlichen Wörter und Schiffsausdrücke 379— 394 ———— — meiſt Eingewanderten, geborene und auferzogene Generation, ſich auch nun vorzugsweiſe, und allerdings ein wenig an⸗ Erſtes Capitel. Worin ich den Leſer mit dem Helden unſerer Geſchichte bekannt mache. Gar nicht ſo ſehr weit von dem kleinen Städtchen Hud⸗ ſon, am Hudſonfluß in den Vereinigten Staaten, hatte ſich, es ſind nun wohl einige zwanzig Jahre her, eine ganze Colonie von Deutſchen angeſiedelt, Farmen dort angelegt, Häuſer gebaut und ſo vortheilhaft mit den Produkten des Bodens und ihren ſonſtigen Erzeugniſſen zu ſpecultren gewußt, daß ſich faſt Alle, mit nur ſehr wenigen Aus⸗ nahmen, eines gewiſſen Wohlſtandes erfreuten, bei den Amerikanern der Nachbarſchaft auch in gutem Anſehn ſtanden, und mit ihnen in Fried’ und Freundſchaft lebten. Unter Amerikanern verſtehe ich aber hier die weiße Bevölkerung des Landes, die von Europäern, auch freilich welche die rothen Ureinwohner und früheren Beſitzer und Eigenthümer des Bodens, ſchon lange in das wilde Land des fernen Weſtens zurückgetrieben hatte. Dieſe nennen maßend, kurzweg Amerikaner, als ob Amerika nicht ein ſo gewaltig großes Land wäre, und außer dieſem Theit Gerſtäcker, Fritz Wildau. 1 des Ganzen, außer den Vereinigten Staaten, der Republik Nordamerikas, nicht auch noch Canada und Mextko, die ganze Weſtküſte und Mittel⸗ und Süd⸗Amerika mit dem ganzen Braſilien, Chili, Peru, den La Plata⸗Staaten und vielen anderen kleineren Reichen enthielte. Ich habe vorher geſagt, daß ſich in der kleinen Co⸗ lonie faſt Alle, mit nur ſehr wenigen Ausnahmen, eeines gewiſſen Wohlſtandes erfreuten, und einer dieſer letz⸗ teren iſt es gerade, den ich dem Leſer hier vor allen An⸗ dern vorführen muß. 3 Es war dieß ein ganz alter Mann, der erſte An⸗ ſiedler mit in dieſer Gegend, und welcher, wenn man den Nachbarn hätte glauben wollen, eigentlich ſteinreich ſein mußte, da er faſt ſein ganzes Grundſtück in kleinen, zu eeiner Stadt ausgelegten Parcellen(kleinen Theilen) und zwar zu enormen Preiſen verkauft hatte. Er behauptete aber, ſein ganzes Vermögen bei einer unglücklichen Spe⸗ eulation zur See verloren zu haben, und lebte jetzt in einem kleinen unſcheinbaren Häuschen ſo ärmlich und zu⸗ rückgezogen, daß die Nachbarn zuletzt ſelber, ſo ſehr ſie auch im Anfange darüber die Köpfe ſchüttelten, denken mußten, der Mann ſei wirklich ſo arm wie er ſage. Kaſpar Rothhayn— ſo war ſein Name— ſparte ſich im wahren Sinne des Wortes das Brod am Munde ab. Wenn ſeine Nachbarn, wie das in Amerika Sitte iſt, zum Frühſtück Morgens und Mittags und Abends Fleiſch und ſonſtige nahrhafte Speiſen hatten, kaute er 8 trockenes Brod oder tracktirte ſich höchſtens mit einer Waſ⸗ 3 ſerſuppe, ſo daß die Anſiedler wirklich mehr als einmal — ₰ pr — 47 zuſammentraten und ihn unterſtützen wollten— denn es ſah faſt aus, als ob er im Begriffe ſei zu verhungern. In einem ſolchen Falle kamen aber immer wieder wunderlicher Weiſe Beweiſe vom Gegentheil auf, und es gab Menſchen in der Anſiedlung, die ſogar behaupteten der alte Roth⸗ hayn ſei reicher wie ſie Alle miteinander, habe aber ſein Gold in eiſernen Töpfen verſcharrt und vergraben, anſtatt es zum Segen der Menſchen im freien Sonnenlichte ar⸗ beiten zu laſſen, und wäre mit einem Worte, der größte reiche Geizhals, den die Welt trage. Das wäre übrigens noch Alles angegangen, wenn er eben nur allein gedarbt und gehungert hätte die Nach⸗ barn würden ſich dann vielleicht nicht einmal viel um ihn bekümmert haben, denn er war unfreundlich und barfe mit Jedem und manchmal kam es den Leuten ordentlich vor, als ob er ihnen ſelbſt das Sonnenlicht mißgönnte, das er mit ihnen theilen mußte. Aber er hatte auch noch einen Knaben bei ſich, deſſen Eltern hier in Amerika vor Jahren geſtorben waren, und der nun ganz allein in der Welt ſtand und bei dem alten Geizhals nicht etwa das Gnadenbrod verzehrte, ſondern arbeiten mußte von Früh bis in die Nacht, die wenigen Broſamen auch noch ſchwer und fauer genug zu verdienen, die ihm der alte Mann des Tas nur zu oft vorrechnete, ja und auch d 4 immer barſch und unfreundlich mit ihm und wollte ihm keine Freiheit laſſen und keine Freude faſt gönnen auf der weiten Welt. Die Nachbarn hätten den fleißigen Knaben nun aller⸗ dings gerne zu ſich genommen, und ihm auch einen recht guten Lohn gezahlt für das was er that; wenn der Alte aber ſo etwas merkte, wurde er auf einmal viel freund⸗ licher mit ihm, ſagte ihm auch wohl daß er ihn nicht verlaſſen dürfe, da er ja die einzige Stütze ſeines Alters wäre, und verſprach ihm daß er, wenn er, der Greis, einmal ſtürbe, auch Alles haben ſolle was er hinterließe — die kleine Hütte und das Stückchen Feld. Fritz— ſo hieß der Knabe— war viel zu gut⸗ müthig, dem alten grämlichen⸗Manne irgend etwas nach⸗ zutragen, und ein herzliches Wort vertrieb gewöhnlich all die böſen und häßlichen Erinnerungen aus ſeiner Seele, die frühere Scenen mit dem Pflegevater darin zurückge⸗ laſſen. Ein Paar hundert Schritte von dem Hauſe des alten Rothhayn entfernt, und nur durch ein kleines, ziemlich dicht mit Unterholz durchwachſenes Wäldchen davon getrennt, lag eine andere kleine Farm, die ebenfalls einem Deut⸗ ſchen, Namens Wolfram, gehörte. Deer alte Wolfram bildete gewiſſermaßen ein Seiten⸗ ſtück zu ſeinem Nachbar Rothhayn, wenn er auch keines⸗ wegs ſo geizig— und hatten die Nachbarn recht— ſo f reich war wie dieſer, aber er war mürriſch und abgeſchloſ⸗ ſen und verkehrte faſt mit Niemandem, obgleich das doch ſonſt in der Anſiedlung eine recht freundliche und einge⸗ —— ⁸ — Weſens wegen faſt ſo lib gewonnen, als ob es führte Sitte war, daß ſich die Nachbarn manchmal ein⸗ ander beſuchten, über ihre Ernten und Bebauungsart ſprachen, und manche nützliche Kenntniſſe, die ſie aus dem großen und tüchtigen Buche der Erfahrung gelernt, ge⸗ geneinander eintauſchten. Und den alten Rothhayn haßte er beſonders. Wolfram hatte Familie, Frau und Kind und eine alte Großmutter bei ſich, und das Kind war ein kleines Mäd⸗ chen,— ein ſo liebes herziges Ding, wie nur je eins blauen Himmel über, und blumige Erde unter ſich gehabt, und die Mutter liebte das kleine Weſen auch mehr wie ſich ſelber, und hegte und pflegte es wie ihren Augapfel. Aber der Vater machte ſich nicht viel aus ihr, war oft rauh und unfreundlich gegen ſie, und meinte nicht ſelten, ſo ein Mädchen ſei zu gar nichts zu gebrauchen, weder in Wald noch Feld, weder mit der Axt noch mit dem Pflug. Darin hatte er aber groß Unrecht, denn Helenchen, obgleich erſt neun Jahre alt, half ſchon gar fleißig mit im Haus, wo ſie nur konnte, und wo ihre ſchwachen Kräfte aus⸗ reichten; ſie kartete Baumwolle und ſpann, und freute ſich nie ſo ſehr, als wenn ſie ihren Eltern in irgend etwas zur Hand gehen konnte. Fritz zählte fünfzehn, Helenchen etwa neun Jahre, und die beiden Kinder waren nicht allein ſeit ihrer frühe⸗ ſten Jugend Spielkameraden geweſen, ſondern Wolfra 8 Frau hatte auch den Knaben ſeines ſtillen, ordentliche eigenes Kind wäre. Nichts kränkte ſie dabei mehr daß ſie mit l hen mußte, wie ſchlecht es Hauſe des alten Mannes, ſeines Pflegevaters, hatte, ohne daß ſie eben im Stande geweſen wäre etwas für ihn zu thun, um ſeine Lage zu verbeſſern. Der alte Wolfram dage⸗ gen mochtt den Knaben nicht leiden, wenn ihm dieſer auch nie Grund dazu gegeben, ja dieſer Widerwillen wuchs mehr und mehr, als er ſah, daß ſeine Frau ihn lieb gewann, und er verbot ihm zuletzt ſogar das Haus, das dem armen Fritz in der letzten Zeit weit mehr als die eigene Heimath geworden. Zu ſeiner guten Mutter, wie er die Frau Wolfram nannte, konnte der arme Knabe nun gar nicht mehr, und mit Helenchen durfte er nur dann und wann einmal ein Viertelſtündchen plaudern, wenn er ſie, wie das wohl manchmal geſchah, zufällig auf dem Wege traf, denn wenn der Vater das nach dem Verbote noch gemerkt hätte, wäre er zuverſichtlich entſetzlich böſe dar⸗ über geworden..„— So kam der Maimonat heran und mit ihm die Zeit, in der ich nun meine Geſchichte beginnen will, als Fritz einmal ſeiner kleinen Freundin Morgens begegnete, aber er konnte nicht mit ihr ſprechen, denn ihr Vater kam dicht hinter ihr drein durch's Holz, und Helena flüſterte ihm nur zu, er ſolle heute Nachmittag einmal an den Zaun ihres Gartens kommen, denn ſie habe ihm etwas gar Trauriges zu ſagen, und ſie ſolle fort von hier ziehen in eine große Stadt. Fritz ſtand ganz ſtarr vor Schreck und erſt des alten Wolframs barſche Anrede, der wirklich gleich darauf um die nächſten Büſche bog und ihn hier allein und traurig 1 ege ſtehen ſah, brachte ihn wieder zu ſich ſelber. Er — „haben mochte, war er denn auch zurück, und als er den etwas an ſich ſehen zu laſſen. ſchlich ſich ganz beſtürzt nach Hauſe und hörte ſelbſt nicht, ihn der alte Rothhayn auszankte, daß er ſo lang geblie⸗ ben, und ſich, dem lieben Gott die Tage abſtehlend, in der Welt herumtreibe; er dachte nur an den Nachmittag wo er ſein kleines liebes Helenchen zum letzten Male ſehen ſollte und war froh, als ihm der alte Mann eine Botn ſchaft nach dem Städtchen Hudſon auftrug, wo er etwas 4 beſorgen ſollte, was ihn jedenfalls bis nach Feierabend entſchuldigen mußte. Beeilte er ſich, ſo konnte er gut zur rechten Zeit wieder zurück ſein, und er lief wirk⸗ lich, als ob er irgend etwas Böſes verbrochen hätte und nun ſeinem eigenen böſen Gewiſſen damit entlaufen wollte, was aber doch nicht geht, und wenn man auch im Stande wäre durch die Luft zu fliegen. Viel früher, als es ſein Pflegevater wohl vermuthet ſchmalen Pfad durch's Holz einſchlug, der zu Meiſter Wolf⸗ rams Hauſe führte, und endlich am Garten Helenchen traf, die ihm gar traurig die kleine Hand entgegenſtreckte und„Behüt' Dich Gott, Fritz!“ ſagte— da wurde es ihm ſo weich und weh um's Herz, daß ihm die Thränen in die Augen traten und er friſchweg hätte weinen mögen — hüätte er ſich nicht eben vor Helenchen geſchämt, ſie ſo „Ich muß fort von hier, Fritz!“ ſagte das kleine Mädchen;„ich komme zu einer Verwandten nach Rocheſter, wo ich in die Schule gehen ſoll, und wenn ich groß bin, komme ich wieder— behüt' Dich Gott, Fritz, ſo lang „Behüt' Dich Gott, Helenchen!“ ſagte. „aber es thut mir entſetzlich weh, daß Du fort von hier gehſt, und ich möchte meinem Vater auch davonlaufen.“ „Sei brav, Fritz,“ ſagte aber das kleine Mädchen, und es ſtand ihr gar ſo lieb, wie ſie den doch weit größe⸗ ren Knaben ermahnte gut zu ſein;„Du wirſt den alten Mann gewiß nicht allein laſſen wollen. Mein Vater zankt auch oft mit mir, wenn ich es vielleicht auch nicht immer verdient habe, aber er hat mich doch ſo lieb, und ich glaube ich ſtürbe, wenn ihm einmal ein Leides geſchähe, und das kann recht gut bei Deinem geſchehen, wenn Du fortgehſt. Ich ginge auch nicht fort, wenn mich nicht die Eltern ſchickten,“ ſetzte ſie leiſer hinzu. „Ach Du biſt viel beſſer wie ich, Helenchen,“ ſagte Fritz,„aber ich will Dir auch folgen, und wenn Du wieder kommſt, ſollſt Du hören, wie gut ich geweſen bin. 4 „Wenn ich wiederkomme, bringe ich Dir auch etwas mit;“ ſagte Helenchen. „Fritz lächelte durch ſeine Thränen durch, denn es kam ihm doch komiſch vor, daß das kleine Mädchen ihm, dem großen Jungen, etwas aus der Stadt mitbringen wollte, aber er drückte ihr die Hand, und als ſie ihm dieſe nun entzog und ihm noch einmal Lebewohl ſagte und ihm verſprach, daß ſie recht oft an ihn denken wollte, da drehte er ſich ab von ihr und ſchritt langſam in den Wald hinein, denn er weinte bitterlich, und er hätte die Thränen nicht zurückhalten können, wenn ihn He⸗ leuchen auch wilis darum ausgelacht hätte.— Aber t, und ging langſam nach Hauſe und 2 a- Ae ☛ — war recht, recht betrübt— ſie wußte ſelber eigentlich nict ſo recht warum, denn ſie kam ja wieder zurück, wenn ſie groß war. Zweites Capitel. Was dem Fritz im Walde begegnete. Fritz ging, wie ſchon früher geſagt, recht, recht traurig nach Hauſe zurück, er achtete gar nicht mehr auf den Pfad, er kannte ja auch hier jeden Buſch, und weil es ihm dabei einfiel, daß es doch wohl noch ein wenig zu früh ſein möchte um ſich vor ſeinem Pflegevater ſehen zu laſſen, denn er war wirklich ſehr gelaufen, ſetzte er ſich unter einen der blühenden Büſche auf einen umgefal⸗ lenen Baumſtamm, und es that ihm unendlich wohl, hier ſo ungeſtört an alles das denken zu können, was ihm jetzt, ach recht ſchwer, auf dem Herzen lag. Er mochte wohl eine volle Stunde ſo dageſeſſen haben, und die Sonne neigte ſich ſchon tief tief nach We⸗ ſten hinunter. In Amerika iſt aber die Dämmerung un⸗ gemein kurz, und dem wirklichen Sonnenuntergange folgt die Nacht auf dem Fuße; nach Dunkelwerden mochte er auch nicht lange ausbleiben, weil ſein Pflegevater ſonſt wohl gezankt haben könnte, und er wollte ſich eben empor⸗ richten, den Heimweg anzutreten, als er ein Geräuſch hörte, und gleich darauf ſchwere Schritte im gelben Laub vernahm, die näher und näher kamen. Zuerſt wollte er ruhig fortgehen, und ſch nit 10 daran kehren, ob ihn Jemand hier ſähe, dann fiel es ihm aber auf einmal ein, wie der Weg nach Hudſon gerade in der entgegengeſetzten Richtung von dieſem Wäld⸗ chen läge; erfuhr aber ſein Pflegevater, daß er ſich hier herumgetrieben, hekam er harte Worte, ja vielleicht ſo⸗ gar Schläge— und Fritz fürchtete die Schande eines Schlages mehr, als die härteſte unfreundliche Behand⸗ lung und Strafe. Deßhalb ruhig in dem Schutze des dichten Buſches, unter dem er ſich befand, ſitzen bleibend, wollte er das Vorübergehen des jedenfalls hier nur zu⸗ fällig Durchkommenden abwarten, als er durch eine kleine Lichtung(die er von ſeinem Platze vollkommen gedeckt überſchauen konnte) zu ſeinem Erſtaunen ſeinen Pflege⸗ vater erkannte, der, einen kleinen Spaten in der Hand, mit einem nicht ſehr großen, aber dem Anſcheine nach ungemein ſchweren Sack auf den Schultern herankeuchte. Er blieb oft ſtehen, um ſich entweder auszuruhen oder zu horchen, denn er wandte den Kopf in ſolchen Fällen vorſichtig nach allen Seiten und ſetzte dann ſeinen Weg, und zwar gerade auf ihn ſelber zu, fort.. So nahe war er dabei gekommen, daß Fritz ſchon im Begriffe ſtand vorzutreten, und ſich dem alten Manne auf Gnade und Ungnade zu ergeben, denn er glaubte nicht mit Unrecht, es würde beſſer ſein, ſich ſelber zu mel⸗ den denn hier gefunden zu werden, als der alte Rothhayn h ſtehen blieb, ſeinen Spaten an einen Baum lehnte den Sack vorſichtig, wie es ſchien mit Anſtreng⸗ ng aller ſeiner Kräfte, von der Schulter auf die Erde gleiten ließ.— Es klang genau ſo als ob Geld darin im Laub verklungen waren, noch immer in ſtiller V 11 wäre, und Fritz erſchrack gewaltig— er wußte ſelber eigentlich nicht weßhalb. Rothhayn nahm ſich aber nicht einmal Zeit, aus⸗ zuruhen, ſondern kaum lag die klingende Laſt am Boden, als er erſt noch einmal vorſichtig nach allen Richtungen hin lauſchte, ob er kein verdächtiges Geräuſch hören könne, und dann mit ſeinem Spaten eifrig daran ging ein enges, aber tiefes Loch auszuwerfen, in das er den Sack hinein⸗ hob, und die Erde wieder vorſichtig darauf feſtſtampfte. Wie das geſchehen war, trug er, ſoweit ihm das die mehr und mehr einbrechende Dämmerung erlaubte, all die kleinen Erdklumpen zuſammen, die etwa noch zerſtreut umher lagen und verrathen konnten, daß hier friſch gegraben worden war. Dann ein paar niedergebrochene Aeſte, die es unter dem alten Baum in Maſſe gab, gerade über die Stelle ziehend, und mit durchgeſtreutem dürren Laub auch das letzte Zeichen vernichtend, ſchulterte er ſeinen Spaten wie⸗ der und ſchlich ſich, ſo ſchnell er konnte, aus dem ſchon düſter werdenden Schatten des Holzes nach Haus zurück, denn er fürchtete ſich Nachts, auch nur vor ſeine Thür zu treten, und Nichts in der Welt hätte ihn bewegen können bei dunkler Nacht nur eine kleine Strecke durch einen Wald zu gehen. „Was kann der Alte da vergraben haben?“ dachte aber Fritz und blieb, als die Schritte deſſelben ſchon lange wunderung in ſeinem Verſteck zurück—„Geld?— 8 klang beinahe ſo, aber lieber Gott, wenn er nur ſov Geld in Kupfercenten hätte, darbte er ſich doch gewi 12 Biſſen Brod vom Munde ab, und was ſollte es ſonſt ſein? — Nägel? e weshalb brauchte er die zu vergraben, und ſo heimlich zudvergraben— es hätte ſie ihm ja Niemand geſtohlen.“ 8 Fritz rieb ſich die Stirne und wußte in aller Welt nicht was er aus der ganzen Sache machen ſolle, als er plötzlich, dicht vor ſich, wieder ein Geräuſch zu hören glaubte und als er aufſchaute, hätte er beinahe laut aufgeſchrieen, denn auf derſelben Stelle, auf der er noch vor wenigen Minuten ſeinen Pflegevater hatte graben ſehen, ſtand jetzt niemand anderes als Wolfram, Helenens Vater, und ſchaute ſich gar aufmerkſam den Platz an, wo jener ge⸗ graben und dann die Bäume umher— der Ort aber war ſehr kenntlich, denn der todte Baum, der hier ſtand, konnte als vortreffliches Merkzeichen gelten. Wie er ſich nun von Allem recht genau überzeugt hatte, kroch er in einen dichten Buſch, der die kleine Lichtung mitbe⸗ grenzte zurück, und Fritz konnte deutlich hören wie er ſich langſam und geräuſchlos entfernte. Fritz war ſtarr vor Staunen und hatte er auch im Anfang wirklich einmal den Muth vorzuſpringen und dem Manne zu ſagen, daß er da wäre und ihn wohl geſehen habe, ſo hielt ihn doch wieder die Furcht, die er gerade vor dem alten Wolfram empfand, davon zurück. Was hätte er auch ſagen können, wenn ihn dieſer frug, wie er da hingekommen ſei, und was er verſteckt, bei Nacht und Nebel im Walde treibe.— Endlich ſprang Fritz erſchreckt auf, und das ganze heimliche Treiben der beiden alten, und einander ſo feindlichen Männer kam ihm in dem Augenötic ſo unheimlich vor, daß er ſeine Mütze aufgriff und, ſo ſchnell ihn ſeine Füße trugen, quer durch den Wah ſeiner Wohnung zuſprang. Nicht weit vor ſeines Pflegevaters Hauſe angekommen, zögerte er aber noch, es zu betreten, bis es vollkommen dunkel geworden war; er fühlte ſich ſo aufgeregt, daß er meinte, der alte Mann müſſe ihm gleich anſehen, es ſei etwas außerordentliches mit ihm vorgegangen. Und dann wußte er auch wirklich nicht was er thun, ob er ihm auf⸗ richtig geſtehen ſolle was er geſehen, oder ob es beſſer wäre ſich um gar nichts zu bekümmern, und dadurch jeden⸗ falls einer Unterſuchung zu entgehen, was er zu jener außergewöhnlichen Zeit, an jenem außergewöhnlichen Platze getrieben, und wie er da hingekommen. Sein gutes auf⸗ richtiges Herz ſiegte aber zuletzt über alle Bedenklichkeiten, die ihn ſelber betreffen konnten, und wie er endlich die Schwelle überſchritt, deren freudeloſes Heiligthum er ſeine Heimath nannte, war er feſt entſchloſſen dem alten Manne Alles offen und frei zu bekennen. Er hatte nichts Böſes gethan, und brauchte ſich deshalb auch nicht zu ſchämen, oder das Licht zu ſcheuen. Und dennoch mußte er ſich zur Ausführung dieſes guten Vorſatzes zuletzt ordentlich zwingen, denn der alte Rothhayn war an dieſem Abende mürriſcher als je, wollte kaum anhören, wie ſeine Beſtellung in Hudſon abgelau — er hatte ihn ja doch auch nur dorthin geſchickt, un ihn hier aus dem Wege zu haben, während er in den Wal 14 ging— und befahl ihm dann ohne weiters ein Stück Brod zum Abendeſſen zu nehmen, und zu Bett zu gehen. Fritz zügerte, ſo folgſam er auch ſonſt allen Befehlen gehorchte— das Herz klopfte ihm laut, und er wußte gar nicht, wie er beginnen ſollte, bis ihn der alte Mann zuletzt barſch und unfreundlich anfuhr und er einſah, wie ihm weitere Ausreden und Ausflüchte nichts mehr helfen würden. Kaum hatte er aber auch nur den heutigen Abend und den Wald erwähnt, daß er dort geweſen wäre und etwas geſehen hätte, als der alte Rothhayn plötzlich mit ſtierem entſetztem Blick auf ihn losfuhr, ihn an den Schul⸗ tern packte und ſo mit Fragen und Ausrufungen über⸗ ſchüttete, daß Fritz im Anfang wirklich gar nicht zu Worte kommen konnte, und den alten vor Schreck und Aufregung halb tollen Mann durch verſchiedene Geſtändniſſe die er aber nur immer theilweiſe begriff, mehr und mehr ver⸗ wirrte. Mit unendlicher Mühe begriff Rothhayn endlich den Sinn des Ganzen, begriff, daß er nicht allein leichtſinniger unbegreiflicher Weiſe Zeugen ſeines ſo ängſtlich ausgeführ⸗ ten Planes, ſondern ſogar noch einen Aufpaſſer gehabt, der ihm nachgeſchlichen und jetzt am Ende— das Haar ſträubte ſich ihm, wenn er nur an die Mäglichkeit dachte — ihn berauben könne. Fritz blieb auch nicht mehr im Zweifel, was das Vergrabene geweſen ſein könne, denn der Geizhals raſte förmlich in dem kleinen Raum auf und ab, raufte ſich die Haare und wehklagte, daß jetzt Alles, was er ſich durch ein Lebensalter herangeſpart und zuſammen gearbeitet habe, in die Hände eines Räubers fallen ſolle— Fritz hatte es nämlich nicht über's Herz bringen können, den Namen von Helenens Vater, obgleich mit einem ſolchen Verdacht beladen, zu nennen. Selbſt beunruhigt darüber aber, daß jener Mann doch am Ende Böſes im Sinn gehabt haben könne und daß es kein Zufall nur ge⸗ weſen, der ihn dort ſo in anſcheinender und wirklich ver⸗ dächtiger Heimlichkeit in den Wald geführt, rieth Fritz nun ſeinem Pflegevater, lieber gleich noch einmal dorthin zurückzugehen und das Eingegrabene zu ſichern, als es länger einer ſolchen Gefahr ausgeſetzt zu laſſen, und erbot ſich ihn zu begleiten. Der alte Mann wies dies Aner⸗ bieten aber zuerſt aus zwei Gründen zurück. 3 Vor allen Dingen mißtraute er dem Knaben, daß dieſer vielleicht gar den Plan haben könne, den Schatz ſelber an ſich zu bringen, und nur jetzt auf einen flüch⸗ tigen Verdacht hin den genauen Ort zu erfahren wünſche; es iſt der Fluch aller ſchlechten Menſchen, in Jedem der ihren Weg kreuzt das Spiegelbild ihres eigenen Her⸗ zens zu ſehen, und in Angſt und Mißtrauen ihre Tage hinzuſchleppen, während der Gute vertrauend jedem Frem⸗ den ſelbſt in's Auge ſchaut und auf Blumen wandelt, indeß der andere ſich durch Dornen ſeine traurige Bahn reißt— dann war aber auch ſogar der vergrabene Schatz kaum ein ſtarker Hebel genug, die Angſt zu beſeitigen, die der thörichte alte Mann vor dem dunklen Walde hatte. Er fürchtete ſich nicht vor Geiſtern— ſo behauptete er wenigſtens, und ſpottete oft über die ſogenannte G⸗ ſpenſterfurcht— er wußte auch, das kleine Holz konnte keinem gefährlichen Menſchen zum Schlupfwinkel di 8* 16 aber ein Etwas in ſeiner Bruſt trieb ihm das Blut in eiſigem Strome zum Herzen zurück, wenn er ſich irgend⸗ wo im Dunkeln— ſein eigenes Zimmer ausgenommen— allein fand, und das Bewußtſein, doch wohl nicht ſo ge⸗ handelt zu haben, wie er es einſt vor Gott verantworten könne, ließ ihn wahrſcheinlich das ſchon hier auf Erden fürchten, was wir Menſchen gewöhnlich erſt an dem Throne des Höchſten ſuchen— Vergeltung. Ein böſes Gewiſſen läßt den, der ihm verfallen, nicht ruhen noch raſten, und die Zeit, die guten Menſchen die Zeit der Ruhe iſt, wird ihm zur Geiſel, ihr Opfer aufzutreiben in wilder Angſt und Pein. Fritz ſtand übrigens im Anfang ganz verdutzt vor dem alten Manne, denn in ſo furchtbarer, unnatürlicher Aufeegung hatte er ihn im Leben noch nicht geſehen, er vergaß ganz ihn zu fragen, woher er auf einmal das viele Geld bekommen habe. Als aber die erſte Erregung vor⸗ über war, und der Alte einzuſehen anfing, daß hier wirk⸗ lich gar nicht mehr ſo viel Zeit zu verlieren ſei, wenn er das ſchon in der That halb verloren gegebene noch retten wolle, wurde die Furcht vor dem Verluſt mächtiger in dem Greis, als die, vor etwaigen böſen Weſen. So des Knaben Arm ergreifend, in der rechten Hand den Spaten und im Gürtel ein großes Meſſer, mit dem er ſich— er wußte nicht gegen wen— vertheidigen wollte, wankte er in fieber⸗ hafter Haſt dem Holze zu, wo er ſeinen Schatz in ſo unſicheren Boden vergraben hatte. Unterwegs auch, und zum erſten Mal in ſeinem Leben, daß er den Knaben eines ſolchen Wortes würdigte, erzählte er ihm mit halb geflüſterten heiſeren Worten— er ſprach 17 5 nur, daß es nicht ſo entſetziich ſtill um ihn herum ſein ſollte— wie er ſein kleines Haus hätte verkaufen wollen, denn es koſte ihn zu viel Geld eine eigene Wirthſchaft zu unterhalten, um irgendwo zur Miethe in ein Stübchen zu ziehen. Er habe deßhalb ſein bischen mühſam erſpartes Vermögen— einen Sack voll Kupfer— draußen im Walde vergraben, denn die Menſchen ſeien bös, und man könne ihnen nirgends mehr trauen auf der Welt. Fritz ſprach kein Wort, aber das Herz that ihm weh in der Bruſt, als er den alten Mann ſo reden hörte, und er ſchritt nur ſchneller vorwärts, recht hald an den Ort ihrer Beſtimmung zu kommen. Der alte Rothhayn ſchien ſich durch den Weg und das Reden auch wieder in etwas beruhigt zu haben, oder war er hier draußen ängſtlicher geworden, denn er ſprach nicht mehr ſo viel, blieb oft ſtehen und horchte in die ſtille Nacht hinaus. Aber nich ließ ſich da hören, als der wehmüthig klager des whip poor will, einer kleinen Art Nachtſchwal e, oder— das ſchauerlich klingende Geſchrei der Gule, die, auſge. ſcheucht durch die ungewohnten Nachtwandler, von dem Zweig, auf dem ſie geſeſſen, ein Stück weiter in den Wald hineinflatterte ihr Concert da fortzuſetzen. Fritz wußte übrigens hier in dem Buſch genau Be⸗ ſcheid— es gab kaum einen hohlen oder umgefallenen Baum darin den er nicht kannte; viele davon hatte er ſelber gefällt, und ſo ſchritt er in dieſer anſcheinenden Wild⸗ niß, durch die ſich der alte Rothhayn ſelber nicht zurecht gefunden haben würde, ruhig und ſchnell vorwärts, Gerſtäcker, Fritz Wildau. 2 6 18 die kleine Lichtung erreichten, wo er an dieſem Abend ge⸗ ſeſſen, und dabei ein unfreiwilliger Zeuge des Schatzver⸗ grabens geworden war. „Hier iſt der Platz!“ ſagte da plötzlich der Knabe, und der alte Mann erbebte an allen Gliedern bei dieſen Worten.— „Wo— wo?“ rief er und erkannte im erſten Augen⸗ blicke nicht einmal den Ort, den er ſich ſelber als heimlich und gut verſteckt, wie er glaubte, ausgeſucht. Gleich dar⸗ auf erblickte er jedoch gegen den hellen beſtirnten Himmel den alten vertrockneten Baum, der ſeine dürren Aeſte wie rieſige Arme und Krallen in die Luft hinaufſtreckte, zu gleicher Zeit aber, mit zitternden Händen nach den Wurzeln niederfühlend, ſtieß er einen furchtbar gellenden Schrei aus — das Loch war offen, das Holz, was er darauf gezogen, zu⸗ rückgeworfen, die Erde ausgegraben— und der Platz leer. Fort, fort, fort!— Alles fort!“ ſchrie er, ſich in raſender Wuth auf die Erde niederwerfend, und ſein Haar raufend—„fort, mein Ein und mein Alles, mein Lebensblut und Saft, mein Gold, mein Gold, mein Gold!“— Aber Du weißt, wo es iſt!“ ſprang er dann plötzlich empor und faßte dem entſetzt zurückfahrenden Knaben nach der Kehle, die er ihm mit ſeinen Knochenfingern umſpannte, „Du mußt geſtehen wer es geſtohlen, und wenn ich Dir das Geſtändniß mit der Seele entreißen ſollte!“ Fritz bedurfte aller ſeiner Kraft, ſich loszureißen von dem Wüthenden, denn er wäre faſt erſtickt; aber er geſtand nicht, wer der Mann geweſen den er geſehen, er konnte es nicht über's Herz bringen, den Vater ſeiner kleinen Helene zu verrathen, wenn er auch blutige Thränen hätte weinen mögen, daß gerade dieſer ein ſo ſchlechter entſetzlicher Menſch ſein ſolle.„Ich glaube, ich ſtürbe, wenn ihm einmal ein Leides geſchähe“ hatte ſie geſagt, dieſe Worte klangen ihm jetzt immer in den Ohren— und er hörte nicht, was ihm der alte raſende Mann ſonſt noch hineinſchrie. Rothhayns Kräfte ließen aber bald nach, Schrecken, Wuth, Verzweiflung, mit der ungewohnten Anſtrengung den Tag hindurch, mochten wohl gleich viel dazu bei⸗ 2* 20 tragen, er ließ den Knaben plötzlich los, taumelte ein paar Schritte zurdie und brach dann bewußtlos zu⸗ ſammen. Fritz wollte ihn zwar nach Hauſe tragen, aber dazu war er zu ſchwach; doch holte er raſch Waſſer in ſeiner Mütze, rieb ihm damit die Schläfe, gab ihm zu trinken und brachte ihn wieder zu ſich, bis er aufſtehen und lang⸗ ſam mit zu ſeiner Wohnung gehen konnte. Kaum aber wieder ſo weit zu ſich gekommen, daß er den Verluſt, den er erlitten, voll begriff, begann ſeine Raſerei von Neuem. Er beſchuldigte Fritz ſelber des Diebſtahls, wollte ihn mor⸗ gen am Tag vor Gericht verklagen, daß er ſeine Helfers⸗ helfer nennen ſolle, und ſtieß dabei ſo entſetzliche gottes⸗ läſterliche Reden aus, daß dem armen Knaben zuletzt ganz angſt und bang zu Muthe ward. Er wollte Hilfe holen, aber der Alte ließ ihn nicht aus der Thür, und während er noch ſchrie und wehklagte* fluchte und läſterte, wurde ſein Geſicht immer bleicher, ſein Auge immer ſtierer— die Adern ſchwollen ihm auf, als ob ſie zerſpringen woll⸗ ten, und als er ſich wieder auf den Boden geworfen und ſein weißes Haar zerrauft und ſeine knöchernen Finger ge⸗ wunden hatte, ſprang er plötzlich empor, ſtieß einen lauten gellenden Schrei aus und fiel rücklings, ſo lang er war, auf die Erde zurück.— Er war todt— ein Herzſchlag hatte ihn getroffen, und wie Fritz ſich über ihn bog, und ihn in's Leben zu⸗ rückzubringen verſuchte, und der alte Mann ihm kälter und kälter unter den Händen wurde, da begriff er endlich, daß 21 hier jede Hilfe vergebens ſei, und Gott ſelber den Greis zur Rechenſchaft gezogen habe vor ſeinen Thron, er aber nun ganz allein ſtehe in der Welt und hinauswandern könne in die Weite, ſein tiefes bitteres Weh im Herzen. Es iſt wunderbar hienieden, wie gleich auf dieſer Erde die Sorgen, Schmerzen und Freuden für uns arme Sterbliche, jedes eigenen Kräften angemeſſen, ver⸗ theilt ſind. Das kleine Kind hat, ſeinem kleinen Herzchen nach, denſelben Kummer über ein zerbrochenes Spiel⸗ zeug, wie der Mann, dem eine Lebenshoffnung zertrümmert wurde— es fühlt es in dem Augenblick wenigſtens eben ſo tief. Der Schulknabe, der ſeine Lektion nicht gelernt, ſteht oft, ſo rein und unſchuldig ſein Herz auch ſonſt ſein mag, mit derſelben Angſt, demſelben klopfenden Herzen vor ſeinem, finſter die Stirne runzelnden Lehrer, wie der erwachſene Verbrecher vor ſeinem Richter. Mit den Jahren wächst unſere Kraft, aber unſere Sorgen nehmen nicht ab, ſie wachſen mit ihnen. Aus dem zerbrochenen Spielzeug wird eine ſchlechte Cenſur in der Schule und eine Strafe des Lehrers, aus dieſer die erſte Trennung vom väterlichen Haus, und werden wir erſt älter, ach dann kommen der Sorgen mehr und mehr, und jede halten wir für die ſchwerſte, die uns Gott beſchieden, bis uns die nach⸗ kommende belehrt, daß wir uns doch geirrt. Den Wogen der See, die dem Schiffer entgegenwälzen, gleichen die Sorgen; die ihm nächſte ſieht ſtets am größten, gefährlich⸗ ſten aus— weiter zurück werden ſie kleiner und kleiner, bis zuletzt in weiter Ferne das Meer ſtill und ruhi zu liegen ſcheint— und doch find ſie alle gleich groß und 22 gewaltig, und unſer Lebenskahn gleitet von Gottes Hand gehalten, leicht und ſicher darüber hin. Drittes Capitel. Wie Fritz auf's Geradewohl in die Welt hinaus ging und was er da fand. Wenn wir ſtill und lauſchig in unſerm Stübchen, in unſerer Heimath ſitzen und aus dem Fenſter ſchauen, dann kommen uns wohl manchmal Gedanken über die Fremde, über die weite, weite Welt, wie es da draußen wohl ausſehen möge, und was die Leute treiben und thun. Und es fällt uns dann auch wohl ein, was wir darüber geleſen und gehört haben, daß die Menſchen da kalt und unfreundlich mit uns ſind, wenn wir nicht die Taſchen voll Geld mit uns bringen, daß ſich jeder in ſein Haus, wie die Schnecke in das ihre, zurückzieht und uns ſelber auf der Straße ſtehen läßt mit unſeren Gedanken und Sorgen. Wir ſchauen dann wohl hinaus auf die blauen Berge, die weit im Hintergrund liegen, ſo weit, daß wir ſie kaum noch von dem blauen Himmel, der darüber ausgeſpannt iſt, unterſcheiden können, und meinen dann ſo in unſeren Gedanken, dort etwa finge wohl ungefähr dieſe kalte und fremde Welt an, dort würden wir uns einſam und verlaſſen fühlen, wenn wir ſie beträten, während wir hier jeden Baum, jedes Dach kennen, und uns zu Hauſe fühlen in all den Straßen und Gäßchen. Wirr denken dann gewöhnlich gar nicht daran, daß 23 dieſe ſo fern geglaubte„weite“ Welt ſchon mit dem Schritt beginnen kann, den wir vor unſer eigenes Haus thun, daß ſte oft ſelbſt dieſſeits jenes Blüthenbaumes liegt, deſſen Duft der Abendwind in unſer Fenſter weht. Es können Verhältniſſe eintreten, in denen uns der Boden förm⸗ lich unter den Füßen ſchwindet, und wo wir ſelbſt in der eigenen Heimath und in den Räumen ſogar, welche die Spiele unſerer Jugend geſehen, die fremde Welt be⸗ treten, und die Stellen, welche uns bisher ſo lieb und theuer geweſen, in Angſt und Grauſen fliehen, weil die ſchönen Zeiten vergangen— die Gegenwart aber ſo traurig geworden iſt. Ein ähnliches Gefühl war es, das Fritz Wildau's Herz beſchlich, als er ſich an dieſem Morgen ſeinen Wan⸗ derſtab aus einem jungen Hickorybuſch ſchnitt und noch einmal das Antlitz wandte, den Ort zu überſehen, der bis jetzt ſeine Heimath geweſen. Er hatte nicht viel Freude dort gefunden; keine liebende Mutter hatte ihn gehegt und gepflegt, keine ſorgende Vaterhand ihm die Bahn gezeigt, die er durch das weite Leben würde zu wandern haben— nicht Bruder noch Schweſter ließ er zurück in den öden Rämen, nur einen alten Mann, der oft barſch, unfreundlich und ungerecht mit ihm geweſen. Aber der alte Mann lag jetzt da drinnen ſtarr und todt auf ſeinem harten Lager, das Haus, das ihm bis dahin Schutz ver⸗ liehen, war verkauft, denn kaum wurde die Todesnach⸗ richt in der Umgegend bekannt, als ſich der Käufer mit unterzeichnetem und quittirten Kaufbrief meldete. Fritz begriff nun wohl, weshalb der alte Mann ſein Geld i 24 Walde hatte vergraben wollen— und fühlte nun doppelt, daß ehe er noch die Schwelle überſchritten, ſchon allein und freudlos in der weiten Welt ſtand. 3 Manche der Nachbarn erboten ſich wohl ijn als Knecht in Dienſt zu nehmen— ſie wußten was für ein guter Arbeiter er war; aber er wies dieſe Anerbietungen zurück. Er hätte nach dem, was hier vorgefallen, nicht mehr in der Anſiedlung bleiben mögen, und wenn ſie ihm von goldenen Tellern das Koſtbarſte zu eſſen gegeben. Faſt alle Nachbarn hatten ſich bei des alten Roth⸗ hayn Leiche eingefunden, und die Leichenbeſchauer ihr Urtheil geſprochen—„Tod durch Schlagfluß herbei⸗ geführt;“ Niemand wußte aber weshalb das ſo gekommen, und Fritz, der den Grund hätte angeben können, dachte an das arme Helenchen und ſagte kein Wort. Sein Bündelchen geſchnürt, wanderte er hinaus, und nur als er den Wald erreichte, von deſſen Rand aus er die bisherige Heimath zum letzten Mal überſchauen konnte, ſetzte er ſich auf einen Stein, und blickte noch lange nach der kleinen düſteren Hütte hinüber, und die Thränen liefen ihm voll und ſchwer die bleichen Wangen hinunter. Aber Alles hat ſeine Zeit, Schmerz und Freude, Sorge und Traurigkeit, und wie ſich der Knabe nur erſt einmal ſo recht herzlich ausgeweint, und die Bruſt rein gewaſchen hatte von Allem was ſie bedrückte, und was er eigentlich noch nicht einmal ſo recht begriff, raffte er ſich empor, warf ſein Bündel wieder über die Schulter und ohne auch nur noch einen Blick zurückzuwerfen, wanderte 1 1 4 — 4 25 er rüſtig vorwärts, wo ihm das Neue das ihn umgab, bald die trüben Bilder aus der Seele trieb und die Thränen von den Wangen trocknete. Aber wohin nun?— er war von der Anſiedlung aufgebrochen, er wußte ſelber nicht wohinaus— nur fort wollte er, fort, das Ziel blieb ſich gleich, ſo er nur den Platz erſt einmal hinter ſich ließ. Da er ſich aber nun wirklich auf einer Straße befand, ſchaute er ſich auch um wo er eigentlich ſei, wohin ihn dieſe Bahn führe, und ſchien endlich ganz zufrieden mit ſeiner Wah!, als er fand, wie er den ſchönen Hudſon an ſeiner Seite habe, und dieſes Stromes Bett niederwärts folge. Wie ſo fröhlich die bunten Boote mit ihren ſchneeigen Segeln über den Sonnenblitzenden Strom dahinglitten— oh wie glatt und weich ſich das zuſchaute, noch dazu, wenn man ſo zu Fuß die ſtaubige harte Straße entlang neben herging. „Ich wollte, ich könnte auch auf einem ſolchen Schiffe fahren,“ ſagte er halb laut vor ſich hin, und er erſchrack faſt, als eine Stimme dicht neben ihm den kaum ausge⸗ ſprochenen Wunſch mit einem derben„und warum nicht?“ zu Hülfe kam. Fritz war ſo in den Anblick der verſchie⸗ denen Fahrzeuge verſunken geweſen, daß er gar nicht be⸗ merkt hatte, wie ein ſeemänniſch genug ausſehender Burſche an einer niederen Eiche, die hier dicht am Wege ſtand, lehnte, und wie es ſchien, mit einem kurzen Teles⸗ kope, das er in der Hand trug, die Fahrzeuge gemuſt t 4 haben mochte, die den Strom theils hinauf, 26 gingen, theils an den verſchiedenen Landungsplätzen vor Anker, ja oft auch dicht am Land mit Tauen befeſtigt lagen. „Und warum nicht mein Burſche?“ wiederholte der Mann, als Fritz faſt erſchreckt vor ihm ſtehen blieb und zu ihm aufſchaute,„wenn der Menſch Luſt zu Salzwaſſer hat, ſoll er ſeiner Natur nur ja keinen Zwang anthun, und auf dem Trocknen herumkrebſen— das thut niemals gut!“* „Ja, ich meinte aber eigentlich nur den Strom hinab⸗ fahren, um leichter von der Stelle zu kommen,“ ſagte der Knabe. „Blos als Paſſagier fahren?“ rief aber der See⸗ mann und rümpfte verächtlich und den Kopf emporwerfend die Naſe, denn Matroſen verachten alle Paſſagiere, die ihnen gewöhnlich nur Mühe und Laſt machen, und nichts dabei von der See verſtehen, von Grund ihres Herzens— „blos als Paſſagier?— pfui Teufel, da hätte ich Dich für etwas Beſſeres gehalten. Was für ein Landsmann— biſt Du?“ 4 „Ein Deutſcher“ ſagte Fritz.— „Aber Du ſprichſt gut engliſch?“— 4„Ich bin als kleines Kind mit meinen Eltern hier⸗ herübergekommen.” 8„Und deine Eltern?“ frug der Seemann, der ſich ffr den Knaben zu intereſſiren ſchien. Sind beide todt— lange todt“ ſagte Fritz traurig. Aund ſie haben Dich ſchlecht behandelt zu Hauſe und 27 Du willſt nun in die weite Welt?— weißt ſelber viel⸗ leicht noch nicht einmal wohin?“— frug der Seemann wieder und legte, zu Fritz hinantretend, der traurig den Kopf ſenkte, die Hand auf ſeine Schulter. Der Knabe ſeufzte, denn des Fremden Worte weckten einen ſchmerzlichen Ton in ſeinem Innern, der Seemann aber, der darin ſeine Vermuthungen beſtätigt glaubte, fuhr lachend fort: „Kopf oben mein Bürſchchen, Kopf oben; nach trübem Wetter folgt ſtets wieder Sonnenſchein, iſt ein altes gutes Sprichwort, und es iſt kein Wind ſo ſchlecht, er kommt irgend Jemand zu Gute.— Siehſt Du da unten das nette dralle Fahrzeug vor Anker liegen?— das mit 28 fahren, wenn Du Luſt haſt, und zwar nicht als lumpiger Paſſagier, ſondern als mit zu Bord gehörig, wie ein wackerer Seemann, der Du noch hoffentlich einmal werden ſollſt.“ „Aber ich verſtehe gar nichts von der See,“ ſagte Fritz, halb erſchreckt aber auch halb erfreut, denn wenn wir draußen in der Welt unter lauter fremden Menſchen ſind, gibt uns ſchon das geringſte Anerbieten zu Beſchäf⸗ tigung oder Unterkommen eine Art von Beruhigung und Zuverſicht. Hier aber öffnete ſich ja vor der Seele des Kna⸗ ben ganz plötzlich eine Ausſicht auf Erwerb, ja die be⸗ ſtimmte Bahn eines ſpäteren Lebensweges nach einer Rich⸗ tung hin, auf die er bis dahin noch mit keiner Sterbens⸗ ſylbe gedacht, und die doch ſo unendlich viel des Anziehen⸗ den beſonders für ein junges Herz hatte. Es iſt das überhaupt ſo mit uns, vorzüglich wenn wir noch jung ſind, aber auch wohl ſelbſt in reiferen Jahren, daß wir von einer uns fernliegenden Beſchäftig⸗ ung nur die Lichtſeiten ſehen und uns in deren Kreis wünſchen. Wie idylliſch iſt z. B. das Hirtenleben ſtets geſchildert worden; unter einem arkadiſchen Schäfer denken wir uns ſtets einen jungen ſehr hübſchen Mann, der mit einem Strohhut und bunten Bändern geſchmückt, den Hirtenſtab in der Hand, auf einer Raſenbank lehnt und Flöte ſpielt oder die Clarinette bläst. Die Schäferinnen bekommen wir eigentlich nur auf Maskenbällen und Bildern zu ſehen; auf denen haben ſie bunte und kurze Kleidchen, ſind ſehr zarte Geſtalten mit einem Stroh⸗ hut und hunten Bändern, einem noch zierlicheren Schä⸗ „ 29 ferſtab in der Hand, den kleinen vergnügten Spitz an der Seite; ſie tragen Atlasſchuhe und flechten entweder Kränze oder zerzupfen eine Blume.— Die einzige Schä⸗ ferin, die ich in meinem Leben in Wirklichkeit geſehen habe, fand ich in Auſtralien, und die war ſehr dick, hatte einen baumwollenen Mantel um, einen alten zerknitterten Filz⸗ oder Felbelhut auf, trug außergewöhnlich dicke rinds⸗ lederne Schuhe und einen Regenſchirm. Anſtatt die Flöte zu blaſen ſtricken unſere Schäfer blaubaumwollene oder wollene Strümpfe und haben wohl das langweiligſte Brod, das ein Menſch auf der weiten Gottes⸗ welt haben kann, denn ſie liegen den ganzen Tag auf den verſchiedenen Rainen oder Grenzſteinen herum und warten, bis die Schafe ſatt ſind. Eben ſo iſt's mit der See.— Wenn man am Ufer ſteht, über die weite blaue Fläche hin die filberblinkenden Segel ſchießen ſieht, und dabei ein wenig Einbildungskraft hat, daß man ſich denken kann, wie das ſchlanke Boot weit weit hin über ferne Meere an den von Palmen umrauſchten Ufern landet— wie die braunen Indianer neugierig herzuſtrömen, und wunderbare Selten⸗ heiten eintauſchen um eiſerne Nägel und Stückchen Spie⸗ gelglas, dann klopft uns das Herz wohl auch in der Bruſt und wir ſagen uns leiſe und heimlich—„o wer da doch mitſchiffen könnte über das freie offene Meer, nach den ſchönen fremden Küſten hin; oh wie herrlich muß es ſein, da draußen zu ſchaukeln und zu tanzen auf der wogenden See.“— Aber in der Nähe?— lieber Gott, da ſchrumpft das Alles gar bös zuſammen und die anfangs ſb ſtrahlen. K 30 den Lichtſeiten des ganzen Seelebens gleichen zuletzt nur noch kleinen Johanniswürmchen in einem dunklen Buſch, oder dem Seewaſſer ſelber, das in einer dunklen Nacht da unten blitzt und funkelt, aber in einem Eimer an Deck geholt, nur noch einzelne matte Funken zeigt. Das Statt⸗ liche des Schiffes verliert ſich an Bord ungemein gern in einem fatalen Theergeruch und einem förmlichen Gewirr von Tauen und Hölzern, die dem Landmann im Anfang vorkommen, wie verknotetes Strickgarn, und das Schaukeln des Schiffs, oh wie weh und elend ihm dabei um's Herz wird, und wie er ſich wieder zurück an Land wünſcht, all die Herrlichkeit der See noch einmal vom feſten Grund und Boden aus bewundern zu können. Fritz ſah aber bis jetzt von all dieſem Hintergrund noch nichts— ihm lag die See noch als ein weites, fremdes unerſchloſſenes Räthſel da, und je geheimnißvoller das wunderliche Gewirr von Tauen und Segeln zu ihm herauf⸗ ſchaute, deſto mehr ſchien er ſich hingezogen dazu, ſeine Kraft daran zu verſuchen und hinauszuſtürmen mit ge⸗ blähter Leinwand in die weite Welt gleichviel wohin zu. — Das„ich verſtehe ja gar nichts von der See“ war demnach ſchon eine, wenn auch kaum bewußte halbe Ein⸗ willigung. 8 „Wirſt's ſchon lernen mein Bürſchchen“ lachte auch der Matroſe und klopfte ihm dabei noch einmal, aber der⸗ ber als das erſte Mal auf die Schulter—„wirſt's ſchon lernen— da ſind Andere dazu gekommen, die vielleicht weniger Mutterwitz hatten wie Du, und eben ſo wenig vom Salzwaſſer wußten, und ſind ſo tüchtige Theeriacken 31 geworden wie nur je ein Schiff geführt haben. Siiſt nichts auf der Welt unlernbar, und Matroſe zu ſein keines⸗ wegs ein Kunſtſtück, wenn man's auch im Anfang mit beiden Händen anfaſſen muß, um den richtigen Halt daran zu bekommen. Aber ein freies fröhliches Leben führen wir auf dem blauen Waſſer da draußen, ein Leben, wie Dir's gefallen wird, und biſt Du erſt ein halbes Jahr bei uns, denk' ich, ſo gingſt Du nicht wieder auf feſtes Land, Bäume umzuhacken und den Boden aufzuwühlen, und wenn ſie Dir goldene Schätze dafür böten— alſo ſchlägſt Du ein?“ Fritz ſah dem Mann in's Auge und betrachtete ſich die Geſtalt jetzt zum erſtenmal etwas genauer, denn das Fahrzeug ſelber, dem er ſo ganz plötzlich aufgefordert war ſein künftiges Schickſal anzuvertrauen, hatte bis dahin faſt allein ſeine Aufmerkſamkeit in Anſpruch genommen. Es war eine breitkräftige unterſetzte Geſtalt, mit krauſen braunen faſt drahtartigen Locken und ſehnigen Armen und Händen; gekleidet ging er in die gewöhnliche See⸗ mannstracht, mit blauer Jacke, weiter weißer Hoſe und einem niederen breiträndigen Strohhut auf, von dem ein mächtig ſchwarzes Band abflatterte. Auch das ganze breite Geſicht trug etwas Gerades, Gutmüthiges, hätten nicht die faſt zu ſehr und ziemlich ſpitz niederlaufenden Braunen ihm einen verſchmitzten, faſt lauernden Ausdruck gegeben. Fritz ſelber war aber viel zu offen und ehrlich, hinter einem anderen auch etwas anderes zu ſuchen, als wozu er ſich ſelber bekannte; der Mann meinte es jedenfalls ehr⸗ lich mit ihm, denn welchen Nutzen hätte er ſonſt daran haben können, ſich überhaupt mit ihm einzulaſſen.— Er ſah aber auch, wie er heimlich lachte, als er ſo lange zögerte— und ſich am Ende gar fürchtete— nein wahr⸗ haftig, der Mann vom blauen Waſſer ſollte nicht glauben, daß ihm ſo leicht etwas Furcht einjagen könne, und ſein Entſchluß war gefaßt.. „Topp!“ rief er, und ſchlug in die dargebotene Rechte des Matroſen,„topp ich werde ein Seemann, und ein tüchtiger, und gehe mit Euch in See, wenn es Euch gefällt;— zu verſäumen habe ich hier ſo nichts weiter auf dem Land,“ ſetzte er etwas leiſer hinzu—„und je eher wir hier fortkommen deſto beſſer.“ „Hallo, iſt Jemand hinter Dir, mein Burſche,“ lachte der andere, der ihm die dargereichte Hand herzlich, wenig⸗ ſtens derb, denn beides wird nur zu oft in der Welt ver⸗ wechſelt, ſchüttelte,—„iſt Dir die heilige Juſtiz auf den Ferſen oder ein ſtrenger Miethsherr, dem Du Ferſengeld gegeben?— macht nichts mein Bürſchchen, ich kriege Dich klar, und wenn ſie den ganzen Staat New⸗York hinter Dir herhetzten, der alte Tom Brendall—“ „Nein, nein, nein!“ rief aber Fritz, der gar nicht hatte zu Worte kommen können, und jetzt ernſtlich fürchtete, ſein neuer Prinzipal könne ihn wohl gar für etwas Schlech⸗ tes halten, obgleich er ſich das eben nicht ſehr zu Her⸗ zen zu nehmen ſchien—„nein, ich habe noch niemals etwas Böſes gethan, und bin Niemandem davongelaufen — ich kann jedem Menſchen frei in's Antlitz ſehen!“ „So?“— ſagte der Seemann etwas gedehnt, und ter kommen ſollen, und das Eſſen auch wahrſcheinlich fertig 33 ſchaute ihm ſcharf in's Auge, als ob er ihn mit dem Blick bis in ſein innerſtes Herz hinein erforſchen wolle, Fritz hielt den Blick aber aus und ſein klares blaues Auge be⸗ gegnete feſt und treuherzig den dunklen, auf ihm haftenden Sternen des Andern. „Bray denn, mein Burſche!“ ſagte da endlich Tom Brendall, wie er ſich eben ſelbſt genannt,„das war offen und frei von der Leber geſprochen, und ich hoffe, wir ſol⸗ len noch recht gute Freunde mitſammen werden. Nun aber komm,“ ſetzte er dann hinzu, indem er ſein Telescop nochmals an das Auge hielt, und die umlaufende Land⸗ ſchaft damit raſch überflog,„komm, es wird Zeit, daß wir den Anker lichten, denn mein Steuermann unten hat mir ſchon zweimal das Zeichen zum an Bord gehen gege⸗ ben— und wie heißt Du?24 „Fritz Wildau!“ lautete die Antwort— „Fritz?— ſonderbarer Name,“ lachte der Yankee,!¹ „wenn wir Dich nun Bills) riefen— das klingt beſſer und iſt geläufiger.— „Ich möchte nicht gern anders gerufen werden wie ich getauft bin“ ſagte Fritz.— „Hahaha“ lachte der Seemann,„das wäre mir nun verwünſcht gleichgültig— mich mögen ſie rufen wie ſie wollen, nur nicht zu ſpät zum Eſſen, und da dort unten das Zeichen wirklich noch einmal aufſteigt, daß wir hinun⸗ iſt, wollen wir ebenfalls nicht länger ſäumen. Alſo Fritz — 38 a) Abkürzung von William oder Wilhelm. Gerſtäcker, Fritz Wildau. — nun meinetwegen, ſo ſieh Dir denn das Land hier oben noch einmal gut an, denn jetzt werden wir wohl eine gute Weile nichts weiter als blaue See zu ſehen bekommen, ehe wir wieder eine Küſte erreichen.“ „Und wohin geht unſer erſtes Ziel?“ frug Fritz mit leicht verzeihlicher Neugierde. „Nach Braſilien!“ lautete die Antwort, und der Alte ſtieg fröhlich pfeifend den Hügel hinab dem kleinen Schoo⸗ ner zu, das ſignaliſirte Mittagsmahl nicht länger war⸗ ten und kalt werden zu laſſen. „Nach Braſilien!—“ es war gerade als ob ein elek⸗ triſcher Funke durch des Knaben Glieder gefahren wäre, ſo durchzuckte ihn das eine Wort— Braſilien. Er hatte zu Hauſe ein altes Buch gehabt, das eine Reiſe nach und erlebte oder vielleicht auch nur erdichtete Abenteuer in Bra⸗ ſilten ſchilderte, und wenn er ſich irgend ein Land in der Welt mit dem ausgemalt hatte, was eine friſche jugend⸗ liche Phantaſie im Stande iſt zu leiſten, ſo war es dies vor allen übrigen Ländern der Erde. Und jetzt gerade, in derſelben Stunde, wo er rathlos an der Schwelle der Hei⸗ math ſtand und nicht wußte wohin den Fuß zu wenden, lich nicht nennen, was ihm ein Schickſal war— führte ihn ſein gutes Glück ſanft und glatt in die Bahn hinein, die er ſich ſeit früheſter Jugend faſt erſehnt, und die Zukunft lag plötzlich, von einem heiteren lichten Sonnen⸗ glanz umſtrahlt, ſo warm und freudig vor ihm, wie er ſie vor wenigen Stunden noch von düſteren unheilſchwangeren 3 führte ihn der Zufall— nein Zufall konnte er das wahr⸗ Wolken umlagert geglaubt. Deßhalb folgte er denn ſeinem Führer mit leichten Schritten den Hang hinunter, und be⸗ trat bald darauf, von einem kleinen Boot an Bord gebracht, da das Fahrzeug es verſchmäht hatte, ſeine Kette am Ufer ſelber feſtzumachen, den zwar nicht übermäßig großen aber ſonſt ganz ſtattlichen Schooner. Viertes Capitel. Wie Fritz in ſeine neue Heimath kum, und mas er da für Geſellſchaft und Beſchäftigung fand. „Hallo Capitän²), was bringt Ihr uns da für Kalb⸗ fleiſch?“ war der erſte Gruß, der über das Deck tönte, als der neue Kamerad ſeinen Fuß noch kaum auf die erſte Planke geſetzt hatte. Fritz ſah erſchrocken auf, und das Geſicht, das zu dieſer Anrede gehörte, diente keineswegs dazu, das Scharfe und faſt Höhniſche, das in den rauhen Worten lag, zu mäßigen. Die Stimme gehörte einem vierſchrötigen von der Sonne dunkel gebrannten Manne, dem das ſchwarze lockige faſt wollige Haar beinahe das Ausſehen eines Mu⸗ latten gab. Die Augen lagen tief und drohend in ihren Höhlen, die ſchmalen Lippen waren jetzt in eine Art Lachen, das das Geſicht aber keineswegs freundlicher machte, ge⸗ trennt, und zeigten ein paar Reihen blendend weißer Zähne, und die bloßen muskulöſen Arme, mit ein paar Fäuſten daran, die ausſahen, als ob ſie einen Ochſen hätten mit einem Schlag zu Boden ſchmettern können, waren mit Haar bewachſen, faſt wie ein paar Bärenpranken.. Leicht gekleidet, wie die übrigen Matroſen, die ſich an Deck umhertrieben, trug er nur Hemd und Hoſe v 3 36 nem baumwollenen Stoff mit einem roth wollenen Unter⸗ hemd, auf dem Kopfe einen niederen Wachstuchüberzogenen 7 Strohhut, und weder Schuh noch Strümpfe an den Füßen, r aber er ſchien den, den er Capitän nannte, mit einer ge⸗ wiſſen Ungebundenheit anzureden und mehr zu ſein als die Uebrigen, wie auch ſchon ſein Behaupten des Quarter⸗ oder Hinterdecks bewies. Er lehnte mit beiden Armen, die Beine auseinander geſpreitzt, auf dem Gangſpill“) und drehte dabei ein gewaltiges Priemchen Kautaback, keineswegs zur Verſchönerung ſeiner ſchon überdieß fatalen Züge, aus einer Backe in die andere. „Ein junger Rekrut, der uns hoffentlich Ehre machen wird, Blighton“ rief aber Tom Brendall, oder nder Ca⸗ 3 pitän,“ wie wir ihn künftig der Kürze wegen nennen wol⸗ 4 len—„er hat das Landleben ſatt und will hinausziehen in die weite See, fremde Völker und Meere zu ſehen.“ „Und da ſollen wir die Erziehung übernehmen, heh?“ ſagte Mr. Blighton und ein breites Grinſen zog ſeinen Mund queer über ſein Geſicht hinüber. „Wir wollen unſer Beſtes thun, Blighton“ lachte der Gapitän,„ſo daß beide Theile hoffentlich Freude aneinander erleben; aber jetzt an's Werk, haben die Leute gegeſſen?? „Schon vor einer Stunde,“ ſagte der Steuermann,) denn dieſen Poſten begleitete Miſter“) Blighton an Bord der„Turteltaube,“ wie der kleine Schooner hieß.— „Gut, dann laßt ſie nur den Anker lichten¹) und das bischen Briſe noch benutzen, daß wir ſtromab kommen, * Das engliſche Herr. 8 3 3 5 9 hatte nur für die Cajüte zu ſorgen, das Geſchit 3 37. B wir wollen indeß hinunter gehen in die Cajüte und eſſen, und Du Fritz kommſt heute mit mir, ich will Dir bei Tiſch unten auseinanderſetzen, was Du künftig zu thun haſt, denn Du ſollſt unſer Steward oder Cajütenwärter werden. Nachher kannſt Du gleich, was der vorherige Lump an Tellern und Gläſern nicht zerbrochen hat, über⸗ nehmen und Dein Amt beginnen ſobald Du Luſt haſt. Was übrigens Deinen Gehalt betrifft, ſo wollen wir über den noch nichts beſtimmtes feſtſetzen, paſſen wir zu⸗ ſammen, dann geb' ich Dir mein Wort, Du wirſt damit zufrieden ſein, und paſſen wir nicht, nun dann ſoll Dich die Zeit ebenfalls nicht gereuen, die Du an Bord der Tur⸗ teltaube zugebracht, und wir ſcheiden dann hoffentlich als eben ſo gute Freunde, als wir zuſammengekommen.“ Fritz war bald eingerichtet; ſein kleines Bündel nahm er mit in den unteren Raum, wo ihm vom Capitän ſel⸗ ber gleich eine Cojes) angewieſen wurde, und nachdem ſie ein gutes? ahl, aus allen möglichen und neefllichen Sachen beſtehend eingenommen, wurde der ſchwarze Koch, der Cä⸗ ſar hieß und in der letzten Zeit ebenfalls Stewards Dienſte verrichtet hatte, beauftragt, ihn in die Geheimniſſe ſeiner Kunſt einzuweihen, d. h. zu zeigen, wo all die verſchiedenen Proviſionen und Getränke in die unglaublichſten kleinen Winkel und Ecken und Schränke, deren Thüren oft am Boden oft in der Decke, manchmal auch an der Seite ſaßen, weggepackt oder„geſtaut“ waren— denn wir müſ⸗ ſen uns jetzt nun ſchon an die Schiffsausdrücke gewöhn Sein Dienſt ließ ſich dabei keineswegs ſchwer 38 mit aufzuwaſchen und Alles ſauber und reinlich, wie auch Controlle über das Verbrauchte zu halten, zu welchem Zweck ihm aller Wein und Branntwein in Flaſchen, wie die Büchſen mit eingeſetzten Gemüſen, oder Pickles⸗Flei⸗ ſchen zugezählt wurden. Aber der warme Theergeruch war ihm im Anfang noch ein wenig fatal, auch das Schlafen in der engen Coje wollte ihm, an die luftigen Häuſer des feſten Landes gewöhnt, nicht behagen und er nahm ſich ſchon den erſten Abend ſein Bett, eine ſchmale mit Moos geſtopfte Matratze, an Deck. Freilich mußte er um Mitternacht wieder, weit raſcher als er hinaufgekommen, damit hinunter, denn es fing plötzlich an zu regnen, als ob da oben eine Wolke geborſten wäre, und das Ver⸗ deck ſchwamm. Die erſten Tage vergingen ihm auch ganz vortrefflich, 3 und das Bewußtſein, ein neues Leben begonnen zu haben und jetzt gewiſſermaſſen ſelbſtſtändig in der Welt dazu⸗ ſtehen, ſich ſeinen Lebensunterhalt ſelber zu verdienen, half ihm über die wenigen Unannehmlichkeiten ſeiner Lage, als Beſchränkung des Raumes, Theergeruch und theilweiſe auch die Geſellſchaft hinweg, die ihm doch nicht ſo ganz gefiel, als er ſich es im Anfang wohl gedacht hatte— er mochte ſo viel auf das Ungewohnte ſeiner Lage ſchieben, wie er nur wollte. Der Capitän, wenn auch ein Bischen rauh und derb, ſchien noch der Beſte von der ganzen Geſellſchaft— es war ein ächter Yankee, nur nicht ſo lang und dünn, ie dieſe gewöhnlich aufſchießen, ſondern, wie ſchon geſagt, e ſtattlicher, mehr unterſetzter Geſtalt, ein Seemann 39 wohl ſeinem Gewerbe nach, aber auch nicht einen Augen⸗ blick den Kaufmann verläugnend, der aus jedem was ſich ihm bietet den größtmöglichſten und ſchnellſten Nutzen zu ziehen ſucht, und dem ſtrebſamen, aber oft auch überſtrebſamen und rückſichtsloſen Charakter ſeiner Landsleute in keiner Art Schande machte. 3 Du darfſt Dich übrigens nicht wundern, lieber eſer, daß Fritz nach ſo kurzem Aufenthalt an Bord, ſchon ein ſo weit greifendes Urtheil über den Charakter ſeines Capi⸗ täns fällte. Dieſer gehörte zu der Klaſſe von Menſchen, mit denen er ſchon oben am Hudſon, auch als ihr näch⸗ ſter Nachbar, in die häufigſte Berührung gekommen war, und die ſich, ziemlich über alle Staaten zerſtreut, doch auch faſt überall gleich blieb, ob ſie nun ein Schiff von einem Hafen zum andern führte, oder Wanduhren auf einem kleinen Wägelchen in die fernſten Territorien des* Weſtens kutſchirte; ob ſie mit Pillen und Salben, oder* mit ſilbernen Löffeln hauſiren ging. Dieſe Art von Yan⸗ 4 4 kee's verleugnet ſich nie, ihr Charakter iſt wie in einer* Form gegoſſen, und von ſo elaſtiſcher Art, daß er, wenn gleich zehnmal unterdrückt, immer wieder friſch wie immer emporſpringt, und eine geſtörte Exiſtenz, die ein anderer ruhigerer Menſch für immer vernichtet halten würde, mit ſo regem ungetrübten Muth wieder, und immer wieder auf's Neue beginnt, als ob er erſt eben, ein junger Mann, der ſchönſten Hoffnungen voll in's Leben träte. Es iſt dieß eine Spannkraft des Geiſtes, die, zum Gu n gelenkt, von den ſegensreichſten, herrlichſten Folg kann, in die falſche Bahn aber geſtoßen, den Man 40 — auch, beſonders noch durch falſchen Ehrgeiz geſtachelt, im Stande iſt, zu den verworfenſten Thaten zu treiben, für die er dann in ſich ſelber ſtets eine genügende Entſchul⸗ digung findet. Feſt und unverdroſſen, aber auch mit vol⸗ ler Gemüthsruhe und keineswegs von Gewiſſensbiſſen ge⸗ plagt, geht er damit durch's Leben„bis er ſein irdiſches Ziel erreicht hat— ein Vermögen zu ſammeln und als Gentleman ⁶), vielleicht auch als Beſchützer und Unter⸗ ſtützer irgend einer religiöſen Sekte„ ſeine Tage zu be⸗ ſchließen. Nicht ſo raſch war Fritz indeß mit ſeinem Ur⸗ theile über den Steuermann fertig, der mit der derben Seemannsnatur ſo viel Verſchmitztheit und ſelbſt Bosheit — ¶Iritz konnte ſich nicht helfen, der Mann mißfiel ihm vom erſten Moment an— in ſich vereinigte, und dabei ihn ſelber manchmal ſo freundlich und dann wieder, gleich hinterher, ſo höhniſch behandelte, daß er gar nicht aus ihm klug wurde und von Stunde auf Stunde ſeine Mei⸗ nung änderte, die ihn bald geneigt, bald feindlich erſchei⸗ nen ließ. Jedenfalls fühlte der junge Burſch, daß nicht viel dazu gehören würde, zwiſchen ihnen Beiden eine grim⸗ mige Feindſchaft anzufachen, und er beſchloß deßhalb ſehr kluger Weiſe, Alles auf das ſorgfältigſte zu vermeiden, was nur irgend dahin führen konnte, denn der Steuer⸗ mann iſt die zweite Perſon an Bord eines Schiffes, und wenn er ihm nicht viel nützen mochte, konnte er ihm doch entſetzlich viel ſchaden.— Die übrigen Leute waren alle rohes Geſindel, Men⸗ ſchen aus der niedrigſten Hefe des Volkes, und das will e — * 41 in Amerika etwas ſagen, wo neben den Tauſenden braver und rechtlicher Arbeiter oder wohlhabender Grundeigen⸗ thümer, die jährlich dorthin auswandern, jedes Land der Welt faſt einen Theil ſeines Geſindels mit hinüber beför⸗ dert, das dann drüben ſo lange für gut und ehrlich mit gilt, bis der alte Schaden wieder ausbricht und neue Ver⸗ gehen dann meiſt ſtrenge Strafe über die Verbrecher bringen. Hier auf der Turteltaube ſchien aber wirklich der Ex⸗ tract aller ſolcher Elemente verſammelt zu ſein, denn eine größere Anzahl von Galgenphyſiognomien hatte Fritz noch nie auf einem ſo kleinen Raume verſammelt geſehen. Es waren übrigens nicht einmal lauter Amerikaner, ſondern ein Paar Iren, ein Schotte und drei Spanier dazwiſchen. Die Leute waren jedoch freundlich mit ihm, ſie hatten ſich augenblicklich ſeinen Namen gemerkt, und wie ſehr ſie auch mitſammen auf einander zu fluchen pflegten, gegen Fritz ſprach Niemand ein barſches Wort. Der ehrliche Junge ſchob das auch im Anfange einzig und allein auf ihre Gutmüthigkeit— die roheſten Menſchen haben oft das beſte Herz und es wäre falſch Eines Gemüth nach der Sprache zu beurtheilen, in die er ſeine Worte kleidet. Hier aber ſchien doch Eigennutz weit eher die Triebfeder des guten Betragens geweſen zu ſein, als irgend etwas Ande⸗ res, denn er— hatte die Branntweinrationen auszu⸗ theilen, und die damit betraute Perſon ſpielt immer an Bord eines Schiffes eine gewichtige Rolle zwiſchen der Mannſchaft. Außerdem hat es der Steward, beſonders auf langen Seereiſen, außerordentlich in ſeiner Gewalt 42 den Leuten hir und da kleine Erleichterungen zu verſchaffen, weßhalb ſollten ſie da nicht wenigſtens freundlich mit ihm ſein?! Fritz wußte aber von alledem noch wenig oder gar Nichts; ihm genügte es, wenn ihm der Steuer⸗ mann oft eine halbe Stunde in einem Strich Geſichter geſchnitten, vorn im Vorcaſtelle oder Logis 7) ein Paar zutrauliche Worte zu hören und glatte Stirnen zu ſehen — er frug nicht erſt woher ſie kamen. Die„Turteltaube“ ſchien aber ziemlich große Eile zu haben, denn ſie hielt ſich in Newyork ſelber nur eben lange genug auf, ihre Papiere in Ordnung zu bringen und ging dann augenblicklich in See, dem Orte ihrer Be⸗ ſtimmung entgegen. Von den erſten acht Tagen ihrer Reiſe wußte Fritz gar nichts— er erinnerte ſich, daß ſie gleich vor der Ein⸗ fahrt ſehr rauhes Wetter bekommen und die See gewaltig hoch gegangen, das war aber auch Alles. Später kamen ihm wohl noch dunkle Bilder, wie er an Deck von dem Steuermann herumgeſtoßen worden war, elendiglich in allen Ecken und Winkeln des Schooners gelegen und ſein Ende herbeigewünſcht habe. Es war ihm, als ſei er eines Ta⸗ ges mit einem Korb voll Teller die Cajütentreppe hinab⸗ gefallen und unten gleich dabei liegen geblieben; dann als eis er ein andermal nach vorne gegangen und von einer Welle zurückgewaſchen worden. Aber das Alles ſchwamm ihm nur in dunklen undeutlichen Formen vor der Seele, und Glend der Woche, in der apiin die Seekrankheit ſo 43 recht aus Leibeskräften gepackt und geſchüttelt hatte, ließ ſich nicht beſchreiben. 1 Während dieſer Zeit mußte der Koch ſeine Stelle verſehen, denn wenn ihn auch der Steuermann im An⸗ fang zwingen wollte, ſich auf den Füßen zu erhalten, ging das doch zuletzt nicht an, beſonders wo der arme Teufel mit Lebensmitteln in Berührung kam. Der Koch war ein lichter Mulatte, mit krauſem wol⸗ ligem Haar und einer vollkommenen Negerphyſiognomie. Stolz auf ſeine Abkunft, verachtete er in der That Nichts mehr, als einen wirklichen Neger, die er Alle mehr als Thiere, wie als wirkliche Menſchen betrachtete, und dadurch beſonders mit dem einen Matroſen, einem Vollblut Congo⸗Neger, nicht ſelten gar drohenden Streit bekam; die Beiden ſtan⸗ den einander auch fortwährend feindlich entgegen. Nun findet der Leſer das vielleicht ſonderbar, daß gerade ein Mulatte, deſſen Mutter doch auch eine Negerin geweſen, der Race ſeiner Voreltern ſolchen Haß nachtragen ſollte, merkwürdiger Weiſe iſt dieß aber faſt ſtets der Fall in der Natur, und beſonders in dieſer Race haben in den Negerkriegen, die auf den verſchiedenen Inſeln(z. B. Haity) zu verſchiedenen Zeiten wütheten, Mulatten und Neger einander auf das Erbittertſte gegenüber geſtanden, und die furchtbarſten Grauſamkeiten unter einander ausgeübt. Der Mulatte haßt beſonders die Erinnerung. an ſeine Abkunft in der verachteten, unterdrückten Rage, und der ea urfd den Abtrünnigen in dem ſich weiß dünkenden Stammesgenoſſen. Es iſt das gerade ſo, wie bei dem Wolf, z. 2 r 44 nen gefährlicheren und grimmigeren Feind im Walde hat, als ſeinen Abkömmling, den Wolfshund. Als Fritz wieder ordentlich zu ſich kam, waren ſie weit draußen auf offener See; nirgends ließ ſich mehr Land erkennen, und nur hie und da unterbrach ein ein⸗ zelnes Segel am Horizont die Einförmigkeit der ſtillen Fahrt. Hier aber ſollte Fritz zuerſt einen ſeiner Irrthümer, was das Leben der Matroſen an Bord eines Schiffes be⸗ traf, berichtigt finden„denn wenn er geglaubt hatte, daß dieſe, ſobald das Schiff nur erſt unterwegs ſei, nichts mehr zu thun hätten, als ſich hinzuſetzen und zu ſegeln, ſo fand er jetzt, daß es an keinem Orte der Welt wohl mehr und verſchiedenartigere Arbeiten geben könne, als gerade an Bord eines Schiffes. So lange dieſes nämlich im Hafen liegt, haben die Leute vollkommen Arbeit ihre Fracht wegzuſtauen, Waſſer und Proviſionen einzunehmen und überhaupt die nöthigen Vorräthe zu einer längeren Reiſe herbei zu ſchaffen. Kaum iſt das Fahrzeug aber erſt einmal in offener See, ſo beginnen die gewöhnlichen Arbeiten der Seeleute, die, auf einen ſo engen Raum be⸗ ſchränkt und nur auf ſich ſelbſt angewieſen, auch faſt Alles umfaſſen, für was man ſonſt am feſten Lande glaubt von eben ſo vielen verſchiedenen Handwerkern abhängig zu ſein. Zuerſt werden vor allen Dingen die nur aufgezoge⸗ nen und am Bug(Vordertheil) des Fahrzeuges hängenden Anker auf Deck genommen und ſtark befeſtigt, daß ſie beim Umherwerfen des Fahrzeuges ſich nicht von der Stelle bewegen und dieſes beſchädigen können. Dann werden die Ankerketten in den unteren Raum gelaſſen, denn zu viel 22 45 Gewicht auf Deck gibt dem Schiffe einen unſichern Gangz dann wird das Schiff gereinigt und nicht ſelten auch bei ſchönem Wetter inwendig, d. h. auf Deck und in der in⸗ neren Schanzkleidung ⁵) neu angeſtrichen, und nun begin⸗ nen die Arbeiten an Segeln und Tauen, die wie beim Ackermanne das Pflügen und Düngen, nie aufhören das ganze Jahr, die Leute mögen damit beſchäftigt ſein ſo viel ſie wollen. Alte Segel müſſen ausgebeſſert, neue gemacht werden, und die wirklichen Matroſen verſtehen gemeiniglich auch etwas vom Segelmachen; Taue müſſen nachgeſehen und getheert werden, das ſtehende Takelwerk ⁰) wird beſon⸗ ders genau durchgenommen und die Stage und Pardunen werden, wo es nöthig iſt, friſch angezogen und dadurch die Maſten wieder gefeſtigt. Iſt das Alles geſchehen, dann zupfen die Leute Werg, und drehen Schiemannsgarn auf einer kleinen runden Winde, um dünne Seile zu er⸗ halten, womit einzelne Theile des ſtehenden Tauwerks um⸗ wickelt und dadurch gegen das Reiben und Gegenſchlagen der Segel beſonders, oder auch gegen das gegenſeitige Ab⸗ nützen geſchützt werden. Die regelmäßigen Wachten 1¹0) gehen dabei immer fort, und während ein Theil die Wacht zur Coje hat, d. h. ſchläft, iſt der andere auf und munter, denn das Segeln eines Schiffes muß Tag und Nacht gehen, und man kann draußen in offener See, wo das Waſſer manchmal ſo tief iſt, daß man mit der längſten Lothleine ¹¹) keinen Grund findet, das Schiff natürlich nicht Nachts an einen Pfahl binden und ſchlafen gehen. Am Steuer beſonders muß 46 fortwährend Jemand ſtehen und nach dem Compaß die richtige Bahn halten. Fritz bekam mit all dieſen Sachen aber wenig zu thun, er hatte ſeine Beſchäftigung einzig und allein in der Cajüte, das ausgenommen, daß er nach den verſchie⸗ denen Mahlzeiten dem Koch mußte mithelfen das Geſchirr aufzuwaſchen, und nur bei drohendem Wetter kam es ſpä⸗ ter einige Male vor, daß er mit nach oben mußte, um . Segel zu reefen ¹²) oder feſt zu machen. — Ddas Schiff gehörte zu einer jener großen Zahl von Yankee⸗Schooners, die, von dem Norden Amerika's aus⸗ laufend, mit Kartoffeln und Zwiebeln und allen möglichen anderen nordiſchen Produkten beladen, die Tropenländer aufſuchen und dort ihre Ladung, ſei es gegen was es wolle, baares Geld oder andere Produkte, vortheilhaft zu verwerthen wiſſen, und faſt jedesmal, wenn ſie nicht eben irgend ein beſonderes Unglück haben, vorzügliche Geſchäfte machen. Daß ſie ſich dabei nicht immer auf rein geſetz⸗ lichem Wege halten, läßt ſich denken, denn gerade ſolche Artikel, die in einem Lande verboten ſind, bringen auch gewöhnlich die beſten Preiſe, und was die beſten Preiſe bringt, iſt dann auch natürlich das, an das ſich die Han⸗ delsleute heimlich, wenn ſies nicht öffentlich thun dürfen, am liebſten halten. Die Reiſe ſelber wurde raſch und glücklich zurück⸗ gelegt; ſchon am dreißigſten Tage kreuzten ſie am Aequa⸗ 8 tor und Fritz mußte ſich hier allerdings der alten, aber ſchon ſo oft beſchriebenen Tauffeierlichkeit Neptuns unter⸗ iehen, und dann hielten ſie, mit allerdings nur leichter, 1 47 oft von Windſtillen unterbrochenen Briſe dem Feſtlande von Braſilien entgegen, das ſie am fünfzigſten Tage nach ihrer Ausfahrt aus dem Hudſon in Sicht bekamen. Am nächſten Morgen herrſchte reges und fröhliches Leben an Bord. Der Menſch iſt nun einmal ein Land⸗ thier und ſehnt ſich, beſonders nach langer Seefahrt, ſo viel inniger nach feſtem Grund und Boden, hätte er auch wirklich die ganze Reiſe hindurch alle nur möglichen Be⸗ quemlichkeiten und Genüſſe ſeines früheren Lebens gehabt. Wie viel mehr mußte das alſo hier der Fall ſein, wo die Leute es ſchon anfingen herzlich ſatt zu bekommen Salz⸗ fleiſch zu eſſen und Kartoffeln und Zwiebeln, und ſich nach den ſchönen Südfrüchten ſehnten und friſchem Fleiſch. Die Leute hatten aber auch Urſache fröhlich zu ſein, denn vor ihnen ausgebreitet lag in all ihrer Herrlichkeit die ſchönſte Küſte des ganzen ungeheuern amerikaniſchen Continents, und wie die ſchroffen, kühngeſchnittenen Ge⸗ birgsmaſſen des Innern ſcharf und klar gegen den azur⸗ blauen darüber geſpannten Himmel abſtachen, ſo zogen ſich in dunkeln gewaltigen Maſſen dichte Wälder bis faſt zum gelben Strande, über dem die Brandung ſchäumte, nieder, und wehende Kronen der ſchönen Cocospalmen ſchauten darüber hinaus und gaben der ganzen Landſchaft einen eigenthümlichen, dem Auge des Nordländers ungemein wehl⸗ thuenden Charakter. Fritz beſonders war ganz entzückt über das Alles, was ihn umgab, das herrliche wundervolle Grün am Ufer, die ſtille ſpiegelglatte See mit Maſſen von ſpielenden Fi⸗ ſchen, die ſich oft mit dem ganzen gewaltigen Körper bis * 48 N⁵ über die Oberfläche des Waſſers ſchnellten, die vielen weißen Segel, die an der Küſte auf oder nieder liefen, oder theils den Hafen ſuchten, theils hinausſtrebten in offene See; die wunderlichen Fiſcherboot⸗Jollen, denen ſie hier zuerſt be⸗ gegneten, einfache Flöße nur mit einem Mattenſegel darauf und von der See oft ganz überſpühlt; das Alles entzückte, bezauberte ihn, und er wäre nicht von der Back ¹⁵) vorne, wo er ſich auf einen der Anker geſetzt hatte, wieder fort⸗ gegangen, hätte ihn nicht ſeine Pflicht, in Geſtalt des Steuermannes zurück an ſeine Arbeit in die Cajüte ge⸗ rufen. Dieſer empfing ihn mit einem Donnerwetter, daß er Maulaffen da vorne feil halte, anſtatt hinten an ſeine Arbeit zu kommen; zum Augen aufreiſſen habe man ihn nicht an Bord genommen„und die Berge da drüben werde er wohl auch noch zeitig genug und zur Genüge zu ſehen bekommen. Das Letzte beruhigte Fritz am meiſten; alſo beabſich⸗ tigte der Capitän doch länger hier zu bleiben und ihn an Land zu laſſen, und er ging nun mit ſo viel mehr Luſt an ſeine Arbeit, um ſich nur ja nicht, noch ſo dicht vor Thorſchluß, das Mißfallen eines ſeiner beiden Vorgeſetzten zuzuziehen, und dann am Ende zur Strafe an Bord be⸗ halten zu werden. Gegen Mittag hatte ſich die„Turteltaube“ ſo weit dem Lande genähert, daß man deutlich einzelne Dächer aus dem dunkelgrünen Laub heraus erkennen und ſogar die Ge⸗ ſtalten der Neger, die am Rande der Waldung ſich be⸗ wegten, unterſcheiden konnte. Ein kleines Flüßchen kam 49 hier der tief eingeſchnittenen und düſteren Schlucht nach, aus den Bergen herunter, und die Leute fanden bald, daß ihr Capitain beabſichtigen müſſe in die Mündung deſſel⸗ ben einzulaufen; er hielt wenigſtens gerade darauf zu, und die einzige Vorſicht die er gebrauchte war, einen Mann mit dem kurzen Handloth vorne hinzuſtellen, der das Senk⸗ blei von Zeit zu Zeit auswarf, den hier allerdings von Meile zu Meile ſeichter werdenden Grund zu unterſuchen. Der kleine Schooner war aber ſchon auf ſolche Orte eingerichtet, er lag etwas breit im Rumpf und ging nicht ungewöhnlich tief im Waſſer, obgleich Fahrzeuge, die zur See fahren, ſtets eine gewiſſe Tiefe haben müſſen, wenn ſie nicht der Gefahr ausgeſetzt ſein ſollen, bei heftigem Winde umzuſchlagen. Er war auch keineswegs ſo ſchwer geladen, wie es Schiffe ſonſt ſind, die nur Fracht zu einem beſtimmten Platze führen und natürlich dann ein⸗ packen, was ihr Raum zu halten vermag, da ſie ja für jeden Centner den ſie mehr nehmen, auch ſo viel mehr bezahlt bekommen. Tom Brendall hatte nur eben an leichter Fracht genommen, was er für zum Tauſch⸗ handel günſtige Artikel hielt, und— er wußte auch wohl ſchon, welche Art von Waaren er dafür am liebſten nahm. Tom Brendall war nicht zum erſten Male an dieſer Küſte geweſen. Gerſtäcker, Fritz Wildau. Fünftes Capitel. Wie der alte Tom Brendall ſeinen Handel anfing und Cäſar der Koch ſeinen ganzen Uegerhaß verloren hatte. Näher und näher rückten ſie dem Lande— es wag faſt, als ob die waldige Küſte mehr und mehr aus der See emporſtiege, und wie nun jener dünne durchſichtige Duft, der bis jetzt, einem Schleier gleich, auf dem Lande ge⸗ legen, zerfloß und in die ſchattige Waldung hinein ver⸗ ſchwand, trat Alles klar und deutlich hervor. Ja wäh⸗ rend Fritz gar keine Bewegung des Fahrzeuges merkte, ꝙ 51 und auf dem Waſſer ſelber kaum einen Gegenſtand fand, an dem er ihr Fortbewegen wahrnehmen konnte, ſchien es faſt, als ob die Küſte um ſie her weiter und weiter aus⸗ griffe mit den grünen waldigen Armen, die ſich langſam aber ſicher um ſie ſchloſſen und ſie plötzlich, wie mit einem Zauberſchlage, hineingeſogen hatte ſelbſt bis in das Herz der Waldung. Fritz war nach unten gegangen, und hatte erſt noch einen Blick um ſich her, über den klaren Meeresſpiegel und die Maſſe von Fiſcherbooten geworfen, die ſie umgab, und als er nach kaum einer Viertelſtunde zurückkam, rollte ſchon der Anker zu Grunde. Die Turteltaube in den kleinen Fluß ſo eingebracht, daß ihr durch ein nie⸗ driges Vorgebirge die Ausſicht nach See zu abgeſchnitten wurde, lag mit dem Auſſenklüver 14), im wahren Sinne des Wortes, in einem Guiavendickicht, welches den Aus⸗ lauf eines ſteilen Hügelrückens bedeckte, und von hohen wehenden Cocos⸗Palmen überragt wurde. Man hätte aber von dem Auſſenklüver aus, während das Fahrzeug ſelber an der ſteilen Landſpitze vollkommen ſicher in tiefem Waſſer vor Anker lag, recht leicht gerade duxch dieſe Guiaven hinein an Land, oder auch auf dem⸗ ſelben Wege von dort an Bord kommen können. Fritz wunderte ſich, weßhalb der„Alte“— wie die Capitäne gewöhnlich ſtets auf ihren Schiffen genannt wer⸗ den— einen ſo ſonderbaren Platz zum Ankern ausgeſucht haben mochte, der alte Brendall wußte aber recht gut was er that— ſein Lieblingsſprichwort war dabei ſei ein tüchtiger Kerl und von Jungauf in de 4 52 weſen,“ und dann ſchob er gewöhnlich die Hände in die Hoſentaſchen, ſoweit er ſie hineinbringen konnte, und ging ganz vergnügt pfeifend an Deck auf und ab. Der Anker war übrigens kaum hinunter, als eine Menge Neger mit ihren kleinen Booten und Canoes an Bord gefahren kamen und allerlei herrliche Früchte, Ba⸗ nanen, Apfelſinen, Papayas, Waſſermelonen, Cocosnüſſe, Guiaven und Gott weiß was Alles feil boten. Der alte Tom Brendall wies aber die Händler ſämmtlich an den Koch, der auch fertig portugieſiſch ſprach, ſoviel von dem Gebrachten einzuhandeln, wie er glauben würde daß ſie für Offiziere und Mannſchaft gebrauchten. Es verſtand ſich von ſelbſt, daß die Schwarzen dafür ſeine eigenen Produkte, wie beſonders Gemüſe, Kartoffeln, an Zahlungs⸗ ſtatt annehmen mußten, denn der alte Tom war nicht der Mann, baar Geld auszugeben, wo er mit Zwiebeln be⸗ zahlen konnte. Sonderbarer Weiſe ſchien aber Cäſar hierbei ſeinen ganzen Negerhaß verloren zu haben, er ſchüttelte Jedem ſeiner halben Landsleute die Hand, als ob er ihm einen Arm ausrenken wollte, und ſchwatzte und lachte dabei mit ihnen und erzählte ihnen Geſchichten und ließ ſich erzählen, daß bald das ganze Deck wiedertönte von dem förmlichen Toben der munteren Schaar, und der Steuermann endlich der den Lärm ſchon lange, und für Fritz unbegreiflicher Weiſe, geduldig mit angehört, aufſprang und mit ein Paar hineingedonnerten Flüchen wenigſtens theilweiſe Ruhe wie⸗ der herſtellte. Zu gleicher Zeit faſt mit den Fruchtbooten war aber 5 4 4 53 auch ein etwas größeres Canve mit zwei europäiſch geklei⸗ 4 deten Männern an Bord gekommen. Dieſe beiden Herren trugen eine Art von Uniform und gehörten wahrſcheinlich zu dem kleinen Caſtell oder Fort, das auf der oberen Landzunge ſtand und dazu dienen ſollte, die Ein⸗ und Ausfahrt des Hafens zu überwachen. Oben wehte auch die Braſilianiſche Flagge. An den beiden Beamten oder Offizieren war es aber auch wirklich nur die Uniform, die ſie für von europäiſcher Abkunft gelten ließ, denn ſonſt ſah ihre Haut kaum um einen Schatten lichter aus, wie die der Neger, welche ſie an Bord gerudert hatten. Es waren auch Abkömmlinge von Weißen und Indianern, allein die heiße Sonne, welche über ihrer Heimath brannte, hatte ihrer Haut die Farbe des Bodens aufgedrückt, auf dem ſie wandelten. Die Herren waren übrigens Alles, was ſich hier von Regierungsbeamten vorfand, und bald damit beſchäftigt, die Papiere des Schooners zu revidiren und nachzuſehen, was für Fracht die Turteltaube geladen habe. Die Leute an Bord durften es ſich nicht etwa einfallen laſſen zu ſchmug⸗ geln— ohne ihnen die üblichen Procente dafür zu zahlen — denn beſtechen ließen ſich dieſe Art von Beamten alle miteinander. Die Turteltaube lag nun etwa acht Tage in die⸗ ſer kleinen freundlichen Bucht und Fritz hatte mehrfach Urlaub bekommen an Land zu gehen, und mit den dorti⸗ gen Einwohnern zu verkehren. Am liebſten durchſtreifte er aber die reizende Umgebung des kleinen Fluſſes, fand bald, daß zu beiden Seiten deſſelben ſehr 54 zwei Creolen gehörige Kaffee⸗ und Zuckerplantagen waren, die von einer bedeutenden Anzahl von Negerſclaven bear⸗ beitet wurden. Am meiſten intereſſirten ihn beſonders die Plantagen von Kaffee, der in Braſilien in vortrefflicher Qualität gezogen wird, und deſſen Wuchs er ſich ganz anders gedacht hatte. In jungen Anpflanzungen waren es nur Büſche, auf denen die Kaffeekirſche wuchs, in den älteren aber ſtanden wirkliche kleine Bäume, zwanzig bis dreißig Fuß hoch, und mit dunkelgrünem, ſehr hübſchem Laube bedeckt. Dazwiſchen durch waren höhere Laubbäume hinein⸗ gepflanzt, dem Kaffee Schatten zu geben, und ſolche An⸗ pflanzungen glichen förmlichen Wäldern, hätte nicht eben die Regelmäßigkeit der ausgepflanzten Reihen die Plan⸗ tage verrathen. Das Laub des Kaffees hat faſt Aehnlichkeit mit dem unſerer Kirſche, die Blätter ſind nur etwas größer und mehr gekraust. Die Früchte gleichen außerordentlich den Kirſchen, noch mehr aber in der Form, und wenn ſie recht reif ſind auch in der Farbe, den Corneliuskirſchen, ſitzen jedoch dicht am Stiele der Zweige und haben einen Doppel⸗ kern, die uns wohlbekannten Kaffeebohnen, immer zwei ein⸗ ander gegenüberſitzend in gemeinſchaftlicher Hülſe, enthaltend. Fritz konnte ſich nicht ſatt ſehen an dieſen reizenden Anpflanzungen, in deren kühlen Schatten er ſo gerne umherwanderte. Aber auch die Zuckerplantagen, die ge⸗ pflanztem Schilfe glichen, zogen ihn an, und er ſah Zimmt⸗ und Muskatnußbäume, Cacaobüſche und die koſt⸗ ** bare Schlingpflanze, welche die duftende Vanille trägt. Ihm war es dabei, als ging er im Traume in einer Mährchenwelt umher; Sachen, die er wohl früher nennen gehört, aber bei denen er ſich gar nicht die Möglichkeit gedacht, daß ſie auf gewöhnlichen Bäumen im freien Walde draußen wachſen könnten, ſtanden hier umher, wie bei ihm zu Hauſe die Eichen und Ahornbäume, und Palmen, die er bis dahin nur eigentlich von Heiligenbildern kannte ſchienen hier ſo gut zur Scenerie zu gehören, wie die Pappeln oder Caſtanien in den nordiſchen Ländern. Und dazu die wunderlichen ſchwarzen Menſchen mit den breitgedrückten Naſen und ſchwulſtigen Lippen— aber es waren Sclaven— ſie konnten von ihren Her⸗ ren wie das Vieh, wie Pferde und Rinder verkauft und 55 3 geſchlagen werden— und wurden verkauft und gepeitſcht und ſein Herz ſchlug ihm ängſtlicher, wenn er daran dachte, daß das auch Menſchen wären, und wie ihm wohl zu Muthe ſein würde, wenn Jemand ſeine Mutter, oder — ſein Helenchen hätte verkaufen wollen. Helenchen— ach du lieber Gott, wie kam es ge⸗ rade, daß ihm das kleine Mädchen wieder einſtel— wer weiß wo ſie jetzt war und in der rahen Stadt t hatte ſi fr ihn doch lange vergeſſen. Das viele Neue, was ihn umgab, ließ ihn aber nich lange an vergangene Zeiten denken, und wirklich waren es die Schwarzen, mit denen er ſich jetzt am lebendigſten be⸗ ſchäftigte. Die Urſache hierzu bot aber auch vor allen Andern ſeim eigener Capitain Tom Brendall, de weit 56 dere Amerikaner. Zwei Abende hatte er ſich nun ſchon mit Fritz, obgleich er ſonſt nur ſehr wenig mit ihm ſprach, über die Leiden der armen Sclaven unterhalten und immer davon geſprochen, was für ein unendliches Glück es für die armen unglücklichen Schwarzen ſein würde, wenn ſie nach den freien nördlichen Staaten der Union(wie die Vereinigten Staaten von Nordamerika auch genannt wer⸗ den) entkommen könnten. Aber das war gar nicht mög⸗ lich, denn viele hundert Meilen eines heißen dicht bevöl⸗ kerten Landes, wo lauter Selavenbeſitzer wohnten, lagen . dazwiſchen, und die armen Teufel hätten nicht zwei Tage⸗ reiſen weit kommen können, ohne daß man ſie wieder ein⸗ geholt und dann gewiß noch weit ſtrenger behandelt haben würde. „Aber wenn ſie ſch nun auf ein Schiff flüchten könnten,“ ſagte Fritz, in deſſen Augen ſchon bei dem Ge⸗ danken Thränen traten,„und wenn das Schiff gleich in See ginge, weit hinaus in See, wohin ihm die böſen Menſchen nicht folgen könnten— 4 „Ja, wenn man glücklich damit wegkäme,“ ſagte der Capitain kopfſchüttelnd,„aber würde man dabei er⸗ wiſcht, dann gnade Gott; ich glaube die rothhäutigen Schufte hier, die ſelber nicht viel heller als Neger ſind, hingen Einen an den nächſten Baum auf, und wenn's ein Zimmtbaum wäre. Und käme man wirklich davon, wie viel Geld würde es nicht koſten ſie unterwegs die ganze lange Zeit zu beköſtigen; ein armer Teufel wie ich, der ſeine Reiſen nur macht davon zu leben, müßte total dabei zu Grunde gehen.“ 57 „Wenn Sie wieder hinauf in den Hudſon liefen!“ rief Fritz von dieſer menſchenfreundlichen Idee begeiſtert, lebhaft aus,„ſo ſollten Sie einmal ſehen, wie viel allein die Farmer oben in unſerer Anſiedlung in kurzer Zeit zuſammen brächten, Sie für alle gehabten Auslagen reich⸗ lich zu entſchädigen. Oft genug habe ich in den Betver⸗ ſammlungen gehört, wie ſie den lieben Gott mit Bitten förmlich beſtürmt haben, die„ſchwarzen Brüder“ hier in den heißen Ländern zu befreien, und unſere Prediger haben oft in wenigen Tagen große Summen zuſammen⸗ gebracht, um die Leiden der armen ſchwarzen Menſchen in etwas zu lindern— was würden ſie nicht geben, wenn es ſich darum handelte, für wirklich befreite und ihrem Elende entriſſene, lediglich die Paſſage zu bezahlen!“ Der alte Tom Brendall ſchien nachdenkend zu wer⸗ den, ging ein paarmal in der Cajüte mit auf den Rücken gelegten Händen auf und ab, und ſagte dann endlich kopfſchüttelnd: „Ich will mir's überlegen— aber— ich traue der Sache nicht; ſchicke mir einmal den Steuermann herunter, Fritz, aber ſprich mit keinem Menſchen weiter darüber. Das Erſte was ſie hier am Ufer thäten, ſobald ſie nur den geringſten Wind von etwas Derartigem kriegten, wäre, daß ſie mir den Schooner wegnähmen mit Allem was drin und drauf iſt, und hängen könnten ſie uns nachher noch obendrein.“ „Ach du lieber Gott,“ betheuerte Fritz,„ich ſage ja gewiß nichts, wenn ich nur damit hoffen könnte, einem Theile der armen Menſchen zur Freiheit zu verhelfen.Ä“ 58 Er ſprang raſch an Deck, ſchickte den Steuer⸗ mann hinunter und bereitete nachher ſein Abendbrod für Cajüte und Mannſchaft mit noch einmal ſo viel Luſt und Liebe als ſonſt, denn in Gedanken überlegte er ſich ſchon, wie ſie, eine ganze Menge geretteter Sclaven an Bord, mit ſchwellenden Segeln wieder hinaus in See ſtänden, und wie er dann zu Hauſe erzählen könne, daß er auch gleich auf ſeiner erſten Reiſe, bei einer ſo guten That mitgeholfen. So eifrig dachte er ſich dabei in das Ganze einer ſolchen Flucht hinein, daß er gar nicht wünſchte, ſie kämen ſo leicht und ungehindert davon, ſondern wirklich gern ſein Leben in einer ernſten Gefahr gewagt hätte, um recht wacker bei ſolcher Rettung mitgewirkt zu haben. Der nächſte Tag verging übrigens, ohne daß der Capitain auch nur eine Sylbe weiter von der Sache erwähnt hätte; ſie luden nur aus, was ſie an Frucht im unteren Raum führten, legten dabei das Fahrzeug ſo dicht an das hier etwas ſteil aufgehende Ufer an, daß ſie ihre Güter gleich über Planken hinaus an Land rollen oder tragen konnten und fingen dann an, das dafür Ein⸗ gehandelte, beſonders Kaffee und Zucker, etwas Vanille, Maniokmehl, das der Capitain behauptete in Neuengland gut verkaufen zu können, und einzelne andere Landespro⸗ dukte an Bord zu nehmen. Das Maniokmehl wurde nicht mit weggeſtaut, ſon⸗ dern blieb oben liegen. Bord ſehen laſſen und, wie der Steuermann ſagte, Ur⸗ Dieſen letzten Tag hatte ſich der Koch gar nicht an laub vom Capitain bekommen einen Verwandten zu e⸗ ſuchen, den er zufällig, und zwar als Selaven, hier auf der einen Plantage gefunden. Er mußte dazu einen Er⸗ laubnißſchein vom Capitain haben und dieſer, der ſich an dem Morgen in die rechte Hand geſchnitten hatte und ein Tuch darum trug, ließ Fritz, deſſen gute Handſchrift er kannte, den Erlaubnißſchein in engliſcher Sprache ſchreiben. Erſt ſpät, ſehr ſpät in der Nacht, ja faſt gegen Morgen ſchon, kam der Koch zurück— Fritz hatte gerade die Wacht mit an Deck, und ſah, wie er gleich ohne Weiteres in die Cajüte hinunter ging und den Capitain weckte, dem er einen langen Bericht abzuſtatten ſchien. Der nächſte Tag war dazu beſtimmt Fracht ein⸗ zunehmen, und es ſah faſt aus, als ob der Capitain noch beabſichtigte länger hier vor Anker zu bleiben, denn er ließ beide große Schoonerſegel vollkommen abnehmen und feſt zuſammenrollen und beſtellte bei ein paar ſchwar⸗ zen Zimmerleuten an Land ſogar noch mehrere Sachen für ſeinen eigenen Bedarf an Bord, die unter drei vier Ta⸗ gen gar nicht fertig werden konnten. Err ſelber war an dem Abend bei Don Petro Alvaro, dem Befehlshaber des kleinen Platzes, den er mit ſeinen Officieren ſchon einige Male an Bord gehabt und regalirt hatte, eingeladen. Die beiden Herren kamen an Bord ihn abzuholen, freuten ſich als ſſie hörten, daß er noch wenigſtens acht Tage hier zu liegen beabſichtige, lob⸗ ten ihn, daß er ſeine Segel der häufigen Gewitterregen wegen abgenommen habe und ſchone, und verließen dann mit i ihm das Schiff. 60 Es war eine ungemein dunkle Nacht und das Schiff hatte, nachdem es der Capitain verlaſſen, wieder auf ſei⸗ nen erſten Ankerplatz und zwar ſo genau auf dieſelbe Stelle hinausgelegt, daß der Auſſenklüper des Bug⸗ ſpriets wieder, bis in die Guiavenbüſche hineinreichte, die Mannſchaft aber heute Abend keine Erlaubniß bekommen an Land zu gehen. Nur der Koch und Zimmermann mit dem einen Neger waren draußen und Fritz vom Steuer⸗ mann beauftragt worden, auf der Back vorne ſeine Wacht zu halten und ihn zu rufen, ſobald er in den Guiaven⸗ büſchen das geringſte Geräuſch hören ſollte. Fritz wußte nicht recht, was das eigentlich zu bedeuten hätte und ſein Erſtaunen wuchs als er ſah, wie die Leute gleich nach Dunkelwerden, und als man vom Lande aus nicht mehr beobachten konnte was an Bord vorgieng, die beiden großen Segel wieder an ihre Bäume oder Gaf⸗ feln befeſtigten und in der That Alles an Deck herrichte⸗ ten, als ob ſie ohne Weiteres in See gehen wollten. Das Ganze wurde dabei ſo ſtill und geheimnißvoll betrieben, daß er ſich nicht verhehlen konnte, es gehe hier etwas ganz Außergewöhnliches vor, und das Herz ſchlug ihm wie ein Hammer in der Bruſt, wenn er daran dachte, wie ſich Capitain Brendall doch am Ende dazu entſchloſſen haben könnte eine Parthie Neger aus ihrer entſetzlichen Sclaverei zu befreien. Jetzt wußte er auch, weßhalb er nach dem Gebüſche vorn aushorchen ſollte— aber weßhalb hatte ihm der Steuermann nicht die Urſache geſagt, er hätte doch wahrlich Nichts davon verrathen?! 61 Sechstes Capitel. Auf welche Art Cäſar ſeine ſchwarzen Brüder überredet und die „Curteltaube“ mit voller Ladung in See geht. 6 der Leſer muß mir indeß einmal auf die nächſte Plantage und zwar in die eine der Negerhütten folgen, die unweit vom Herrenhauſe in einem dichten Gebüſch von Bananen und Orangen, von einem kleinen Gemüſegärt⸗ chen umgeben, lag, und wo eine ungewöhnliche Anzahl von Negern bei dem matten ungewiſſen Scheine einer einzigen Cocosnußöl⸗Lampe verſammelt war. Cäſar, der Koch der„Durteltaube,“ befand ſich mitten zwiſchen ihnen und ſchien uͤberhaupt eine keineswegs unbedeutende Rolle hier zu ſpielen, da Alle in größter Spannung und Aufmerkſamkeit um ihn herdrängten und mit athemloſem Schweigen dem zu lauſchen ſchienen, was er ihnen erzählte. Dies war aber in der That nichts Geringeres, als eine Aufforderung ihren Herren zu entfliehen und nach einem freien Lande zu entkommen, wo ſie wohl auch arbeiten müßten für ihren Lebensunter alt, aber dann auch freie Menſchen wären in Gottes er Luft, und nicht mehr verkauft und gepeitſcht werde rften. Er brauchte ihnen nich. I Derartiges zu ſagen, jeder Einzelne hatte genug des es im eigenen Herzen zu tragen und wäre im Stande eſen das nur flüchtig entworfene Bild mit glühenden, igen Farben auszu⸗ füllen.— An Urſache fehlte es ih vahrlich nicht, ihrer Qual, ihren Peinigern zu entgehenn, aber— war die Flucht auch gewiß— waren ſie ſicher, daß 62 noch behandelt werden würden?— und wohin wollte der weiße Capitain überhaupt ſie führen?— Sie hatten das Alles ſchon ſeit drei Abenden mit demſelben Manne verhandelt und die Ausführung des Planes war auf dieſen Abend beſchloſſen worden. Da es aber zum Han⸗ deln kam, ſchracken die Einen wieder vor dem entſchei⸗ denden Schritt zurück und Andere fühlten ſich/ durch Fami⸗ lienbande hier gehalten. Alle konnte das kleine Fahr⸗ zeug ja doch nicht aus Sclaverei und Elead retten, und wenn es ſeinen Raum ausgefüllt hätte mit ihnen bis unten zum Kiel hinab. 3 „Cäſar,“ ſagte da ein alter Negek mit grauer krau⸗ ſer Wolle auf dem dicken runden Schädel—„ich habe mir die Sache hin und her überlegt und— ſie gefällt mir nicht. Ich bin nun ſchon ſo⸗ lange auf der Welt und habe entſetzlich viel Elend, manchmal von meines Gleichen“— und er ſah dabei dam Koch feſt in's Auge— „am häufigſten aber von den nzeißen Männern ausgehal⸗ ten und ertragen, ſelten aber Licbes und Gutes erfahren— und da will mir nicht in den⸗ Kopf, daß ſich dieſer weiße Mann da plützlich aus reiner Menſchenliebe einer ſo großen Gefahr ausſetzen ſolete, eine Parthie armer Neger in Freiheit zu ſetzen. Daßß wir für ihn arbeiten ſollen, wenn wir nach Amerika tommen, bis wir unſere Paſſage abverdient haben, iſt recht ſchön und gut, aber— ich weiß nicht— mir konnmt die Sache nun einmal ver⸗ dächtig vor.“ 4 Giäſar wollte Ettwas darauf erwiedern ,aber ein an⸗ eerer junger Mann von der Pflanzung trat ſelber dagegen 8 d . 1 * — — 63 auf, beſchuldigte den Alten, daß er Alles immer ſo ſchwarz und traurig ſähe und erklärte unter jeder Bedingung dieſe Gelegenheit und zwar mit Freuden benützen zu wollen, der entſetzlichen Sclaverei zu entgehen. „Schlimmer kann es nicht mit uns werden,“ fuhr er in ſeiner Vertheidigung fort,„und wenn wir auch wirklich in dem fremden Lande noch einmal ſo viel arbeiten müßten wie hier, was gar nicht möglich iſt; Böſes kann aber der weiße Mann auch nicht mit uns im Sinne haben, denn wir ſind unſerer nachher viel mehr Schwarze an Bord als Weiße, ſo daß er alſo gar nicht im Stande wäre, etwas gegen uns zu unternehmen, ſelbſt wenn das in ſeiner Abſicht läge. Cäſar hier iſt ja ſelbſt ein Neger und Jim, der andere Schwarze, hat mir auch ſchon erzählt, was für ein wackerer Mann ihr Capitain ſei und wie viel Gutes er ſchon an armen ſchwar⸗ zen Menſchen gethan— alſo ich verſuchs's und meine Frau und mein Kind gehen auch mit.“ Dem ſtimmten die meiſten der Uebrigen bei— mit ihrem Willen konnte ihnen nichts Schlimmes begegnen, und gegen ihren Willen vermochte der Capitain, ſelbſt wenn er es gewollt hätte, Nichts auszurichten. Cäſar redete ihnen dabei nach beſten Kräften zu, und der Alte zog ſich endlich in eine Ecke zurück und erklärte, keinen Theil an dem Ganzen haben aber auch Nichts verrathen zu wollen; ſie ſollten thun was ſie nicht laſſen könnten und er wollte ihnen nur wünſchen, daß ſie es nachher niiht zu bereuen hätten. 64 Soweit war die Verhandlung gediehen und man ſtand im Begriffe die noch nöthigen Vorbereitungen zu treffen, als plötzlich Jemand von Auſſen an die Thürklinke griff und dieſe zu öffnen verſuchte.— Im Augenblick herrſchte Todtenſtille in dem engen Raume und die Unglücklichen ſahen einander erſchrocken an; ſie wußten ſich auf einer, wenn auch nicht vor Gott, doch vor ihrem Herrn ſehr ſtrafbaren That, und die Angſt entdeckt zu werden und ihre Flucht jetzt noch im letzten Augenblicke vereitelt zu ſehen, griff ihnen mit eiſiger Kälte an die Herzen. Sie hatten aber auch alle Urſache zu erſchrecken, denn der ſpäte Beſuch, der ihren ausgeſtellten Wachtpoſten überraſcht und zu Boden geſchlagen, war niemand Geringeres als ihr Aufſeher ſelber, ebenfalls ein Mulatte wie Cäſar, aber ein furchtbar ſtrenger und grauſamer Mann, der ſie oft ſchon der geringſten Kleinigkeiten wegen, bis auf's Blut gepeitſcht hatte. „Holla da drinnen!“ rief er, als er die Thüre ver⸗ ſchloſſen fand,„aufgemacht oder ich trete das Schloß ein!“ „Der Aufſeher!“ ſtöhnten Einzelne. 1 „Nun, wird's bald!“ ſchrie der Mulatte in wildem Grimm, und der alte Neger trat endlich mit langſam zögerndem Schritte der Thüre zu, dem Befehl zu gehorchen; Cäſar aber, der kaum vernahm wer der unwillkommene Beſuch ſei, ſprang, ohne von Einem der Uebrigen be⸗ merkt oder wenigſtens beachtet zu werden, aus dem kleinen hinteren Fenſter hinaus in's Freie. „Verdammte Bande!“ tobte der höchlich gereizte Aufſeher, dem das Oeffnen der Pforte zu lange dauerte 2— 65 und ein kräftiger Tritt gegen das ſchwache Schloß 69 dieſes aus ſeinen Schrauben, daß die Thüre weit aufflog; im nächſten Augenblicke ſtand der gefürchtete Mann, mit ſeiner ſchweren Negerpeitſche in der Hand, allein zwiſchen ihnen, und ſein Unheil drohender Blick ſchweifte von Einem zum Andern der beſtürzt und niedergedonnert vor ihm Zit⸗ ternden. 4 „Soa ſagte er endlich gedehnt, mit langſamer, boshafter und höhniſch klingender Stimme,—„ſo, da finde ich ja ein ganz hübſches Neſt von Verräthern bei⸗ ſammen; und fort wollt Ihr, heh? mit dem Schooner draußen in See?— aber wartet Canaillen!“ fuhr er dann ſich aufrichtend und mit wildblitzenden Augen fort, —„wartet, Euch ſoll die Suppe geſalzen werden.— Sip, heh Sip!“ rief er ſich umdrehend nach der Thüre zu, fuhr aber erſchreckt zurück, denn in demſelben Mo⸗ mente ſprang von dort her eine dunkle Geſtalt mit blan⸗ kem Meſſer auf ihn ein.— Hülfe! wollte er rufen, aber eine ſehnige Fauſt lag an ſeiner Kehle, und Cäſars brei⸗ tes Meſſer ſaß ihm zur ſelben Zeit tief in der Bruſt, daß er laut aufſtöhnend todt zuſammenbrach. „Das iſt Mord!“ rief da zuerſt der alte Neger ſchaudernd,„großer Gott, was ſoll nun aus uns werden!“ „Freie Menſchen!“ rief aber Cäſar lachend, das Meſ⸗ ſer erſt an den Kleidern des Ermordeten abwiſchend und dann in die Scheide zurückſtoßend,„freie, fröhliche Men⸗ ſchen;— ſein Helfershelfer Sip liegt ſchon draußen, ebenfalls von meinem Stahl getroffen, und nun fort meine Burſchen!“ lachte er in keckem Uebermuthe,„jetzt Gerſtacker, Fritz Wildau. Euch doch keine Wahl weiter als meinem Rathe zu fol⸗ gen, oder“— fuhr er langſam und höhniſch im Kreiſe umherſchauend fort—„möchtet Ihr den morgenden Tag hier abwarten?“ Die Männer ſtanden eine Zeitlang in düſterem, pein⸗ lichen Schweigen um den Ermordeten her, aber der Fremde hatte Recht— es blieb ihnen jetzt weiter keine Wahl, als einer furchtbaren Strafe, die hier Schuldige und Unſchul⸗ dige treffen würde, zu entfliehen, und ſelbſt die Unſchlüſſi⸗ gen ſchienen dadurch plötzlich von ihrer Rathloſigkeit geheilt zu ſein. „Wir müſſen!“ ſagten ſie,„wir können nicht an⸗ ders;“ und Jeder eilte nun fort die wenigen Sachen, die er nothwendiger Weiſe mitnehmen mußte, zuſammen zu packen und Frauen und Kinder an den Ort der Einſchif⸗ fung zu führen. Der weiße Capitain hatte erklärt, daß er ſpäteſtens bis Mitternacht ſeinen Anker lichten und mit der Ebbe in See hinaustreiben würde, und bis dahin war gerade keine Zeit zu verlieren. Aber auch der alte Neger, Sambo genannt, er⸗ klärte ſich jetzt bereit mitzugehen— es blieb ihm nichts Anderes übrig, ausgenommen er wäre gleich zu ſeinem Herrn gegangen und hätte den ganzen Plan verrathen— und das wollte er nicht. Lief er aber nicht und fand man morgen die Leiche und die Uebrigen entflohen, ſo wußte er recht gut, daß ſie ihn peitſchen würden ſo lange er noch ein Stück Haut auf dem Rücken hatte. Das war Alles was Cäſar wollte. 4 Es mochte um die elfte Stunde der Nacht ſein, ¼ 7. — als Fritz, der gewiſſenhaft ſeine Wacht gehalten und nicht wenig von unzähligen Schwärmen von Mosquito's dabei unterſtützt worden war, doch anfing ſchläfrig zu werden; er ſetzte ſich auf die Back, den Rücken dem Schiff zugedreht, und begann zu nicken. Manchmal fuhr er dabei auf und horchte, aber er fiel unwillkührlich in eine Art von Halbſchlaf und wäre endlich beinahe von ſeinem Sitz hin⸗ unter auf Deck gefallen. Da ſprang er auf und ging einige Male über den ſchmalen Raum hin und her. Eben wollte er nach dem Compaßlichte zurückgehen, neben dem eine kleine Taſchenuhr hing, zu ſehen welche Zeit es wäre, als er deutlich das Fahrzeug durch irgend etwas erſchüttert fühlte, und als er aufmerkſam lauſchend, ſtehen blieb dem Geräuſch zu horchen, hörte er deutlich, daß Jemand draußen am Clüverbaum war und wahrſcheinlich von dort hereinkommen wollte. Seiner erhaltenen Ordre nach lief er jetzt raſch zurück in die Cajüte den Steuermann zu wecken, dieſer aber be⸗ fahl ihm unten zu bleiben und auf den Capitain zu war⸗ ten, da er ſelber die Wacht an Deck übernehmen wolle. Fritz verließ nun zwar die Cajüte nicht, horchte doch aber dann und wann hinaus und merkte wohl, wie eine Menge Menſchen nach und nach an Bord kam und hinunter in das Zwiſchendeck gelaſſen wurde. Der Capi⸗ tän war ebenfalls gekommen, blieb aber auch an Deck, und ein reges, geſchäftiges, aber doch heimlich verſtecktes Leben herrſchte an Bord. Fritzens Herz klopfte faſt hörbar— er wußte ſein Capitän war im Begriff ein gutes Werk zu thun und 5* 68 einer Menge armer, unglücklicher Menſchen die Freiheit wieder zu geben, und doch kam es ihm vor, als ob ſie unrecht thäten, als ob das ebenfalls eine Art Diebſtahl wäre und er eigentlich mit darum wiſſe, und eben ſo gut ſchuldig daran ſei, wie die Andern. Und daß ſie das Alles ſo heimlich thun mußten, gefiel ihm jedoch nicht, er tröſtete ſich mit dem Gedanken, wie glücklich die armen Menſchen nun bald werden würden, und ließ alle andern Gedanken nicht weiter in ſich aufkommen. Jetzt ſchien Alles in Ordnung zu ſein, denn einer der Leute wurde hinten an das Steuerruder beſchieden.— Fritz konnte bemerken, wie ſie vorn den Anker in die Höhe nahmen, denn er hörte dann und wann das vor⸗ ſichtig gedämpfte Klirren der Kette und etwa eine halbe Stunde ſpäter war der Schooner flott, und trieb mit der Strömung und ausgehenden Ebbe langſam den Fluß hinunter nach See zu.. Es war ſo dunkel, daß man ſeine Hand kaum konnte vor den Augen erkennen, und das ferne Rollen eines auf⸗ ſteigenden Gewitters begünſtigte ebenfalls die geheime Ent⸗ fernung des Fahrzeuges. Am Ufer ſelbſt fanden ſie ſich mit Hilfe der Schwarzen zurecht, die hier jeden im Waſſer liegenden Baumſtamm kannten und mit langen Stangen dort einſtemmten, wo ſie die Bank niedrig fanden. Sie wußten recht gut, welcher Gefahr ſie ausgeſetzt wären, wenn ſie mit dem ebbenden Waſſer irgendwo auflie⸗ fen und dann bis Tagesanbruch, wo die Fluth wieder ſtieg, hätten ſitzen bleiben müſſen. Kaum übrigens aus dem Bereich der gefährlichſten Bänke, ſo kam der Wind hohl und rauſchend über die Wipfel der Bäume daher⸗ gebraust, gerade vom Land ſtand er ab, und als das Wetter vorüber gegangen, die Luft wieder klar und der Wind ſchwächer wurde, hatte die Turteltaube ihre Zeit ſo gut benützt, daß ſie das Land ſchon viele Meilen hinter ſich gebracht und wie es ſchien außer aller Gefahr war. Die Behörden des kleinen Hafens konnten ihnen nämlich mit ihren Booten nicht nachſetzen, wenn ſie am andern Morgen die Flucht der Sclaven merken ſollten, und ein Kriegsſchiff lag glücklicher Weiſe nicht dort, das ſie ihnen hätten nachſchicken können. Die Neger tanzten und jubelten denn auch, wie ſie ſich nur erſt einmal weit genug vom Lande wußten, nicht mehr gehört zu werden, an Deck umher; nur der alte Bob ſaß traurig und ſchweigend in einen Winkel gedrückt, von Nie⸗ mand geſehen, von Niemand geſucht und hing ſeinen trü⸗ ben Gedanken nach, was wohl die Folgen dieſes raſchen und ſo gewaltſam herbeigeführten Schrittes ſein würden. So brach endlich der Morgen an, und als der erſte graue Dämmerſchein im Oſten emporſtieg und ſich mehr und mehr ausbreitete am Horizont, und lichter und lichter wurde, da ſtand das Deck gedrängt voll von den ſchwar⸗ zen Geſtalten und ſie Alle ſchauten mit freudeſtrahlenden Augen um ſich her auf das freie wogende Meer und zu⸗ rück nach der fernen Küſte, die ſo weit hinter ihnen lag, daß ſie kaum noch die Umriſſe der bewaldeten Schluchten unterſcheiden konnten. Der alte Tom Brendall ging aber 4 vergnügt auf ſeinem ſchr alen Quarterdeck auf und ab und . 270 rieb ſich die Hände, und der Steuermann lehnte ſchmun⸗ zelnd über der niedern Schanzkleidung und flüſterte dann und wann einzelne Worte mit ihm, wenn er in ſeine Nähe kam. „Wetter noch eimal, Capitain!“ ſagte er da plötz⸗ lich und griff, ſich aufrichtend, nach dem Fernrohr, das neben ihm an der Railing lehnte—„was Teufel iſt das für ein Segel da drüben, dicht unter der Küſte, ich habe doch geſtern Abend nirgends eines am Horizont erkennen können.“ „Wo?“ rief der alte Brendall und ſchaute überraſcht nach der Gegend hin, auf welche ſein Steuermann das Fern⸗ rohr ſcharf gerichtet hielt, es wieder abnahm, ſich das rechte Auge auswiſchte, und nochmals durchſchaute. Endlich ſchien er mit ſeiner Obſervation fertig, aber keineswegs zufrieden zu ſein, denn das Glas dem Capitän hinüber⸗ reichend, ſagte er kopfſchüttelnd und mit dem Daumen der rechten Hand nach der Küſte hinüber zeigend: „Ich glaube wir befänden uns beſſer, wenn wir ein wenig weiter fort wären von hier— der Burſche da drü⸗ ben gefällt mir nicht, und es ſollte mich gar nicht wun⸗ dern, wenn er in allernächſter Zeit ſich genau ſoviel Mühe gäbe hinter uns her zu halten, wie wir anwenden wer⸗ den von ihm fortzukommen.“ „Alle Wetter!“ rief aber auch der Alte, als er eine Zeitlang durch das Fernrohr geſchaut und das fremde Fahr⸗ zeug aufmerkſam betrachtet hatte,„das iſt beim Teufel ein Kriegsſchiff— wo das nur auf einmal hergeſchneit kommt; — aber s'iſt auch vielleicht ein Engländer oder Amerika⸗ 4 —— ner, und die werden ſich hüten weggelaufene Sclaven für Braſilianiſche Pflanzer einzufangen.“ „ Nein, nein,“ ſagte finſter mit dem Kopf ſchüttelnd der Steuermann,„weder engliſche noch amerikaniſche Kreu⸗ zer haben da ſo dicht unter der Küſte viel verloren; aber“ ſetzte er dann plötzlich raſch hinzu—„wundern ſollt's mich gar nicht, wenn einer der ſchwarzen Burſchen viel⸗ leicht das Segel kennt— iſt es ein portugieſiſches oder braſilianiſches Kriegsſchiff das vielleicht öfter den Platz be⸗ ſucht, dann muß es auch von ihnen gekannt ſein, und iſt es das nicht, haben wir nichts zu fürchten.“ Der Steuermann ging, ohne etwas darauf zu erwie⸗ dern, nach vorn und zwiſchen den Schwarzen durch, die ſich jetzt nur einer wilden ausgelaſſenen Fröhlichkeit hin⸗ gaben und an gar keine Gefahr dachten. Sich die ver⸗ ſchiedenen Gruppen ſcharf betrachtend, kam er auch zu dem Alten, der ſtill und allein vorn auf der Back ſtand und ebenfalls nach dem Land und dem weißen Segel, das ſich recht gut mit bloßen Augen erkennen ließ, hinüber⸗ ſchaute. „Hallo, Alter,“ redete er dieſen an—„irgend was im Wind?— gefällt Euch das Segel nicht?“ Der Alte ſchüttelte mit dem Kopf, erwiederte aber kein Wort. „So kommt einmal mit nach hinten zum Capitän und ſchaut durch das Fernglas, zilaigt könnt Ihr aus⸗ machen was es iſt.“ 4 der Alte ſah ihn einen Aug tblic forſchend an und folgte dann ſchweigend der Einladung, hatte aber, auf 72 dem Quarterdeck angelangt, kaum wenige Minuten auf⸗ merkſam durch das Glas, das er recht gut zu hand⸗ haben wußte, geſehen, als er es mit ſehr beſtürztem Ausdruck in den Zügen zurückgab und nur einfach ſagte: „Dom Pedro.“ „Dom Pedro, wer?“ frug der Capitän ſchnell— „Euer Dom Pedro de— wie heißt er gleich?—“ „Nicht der Dom Pedro,“ erwiederte kopfſchüttelnd der Alte—„Dom Pedro Kriegsſchiff— läuft wie der Wind und hat viel Kanonen.“ „Hm— wäre nicht übel,“ brummte der Capitän, „aber wo zum Teufel iſt das ſchurkiſche Fahrzeug da auf einmal hergekommen— geſtern Abend war auch noch nicht die Spur von ihm zu ſehen, weder am Land herum, noch nach See zu.“. „Hat hinter der nördlichen Spitze gelegen,“ ſagte der Neger und zog ſich langſam und vorſichtig wieder von Deck zurück; der weiße Mann wurde ärgerlich und ging mit ſchnellen Schritten auf ſeinem Verdeck auf und ab, und der alte Neger wußte aus Erfahrung, was ſeine Rage von der weißen in ſolchem Falle oft auszuſtehen hatte. Capitain Brendall konnte aber gar nichts weiter in der Sache thun;z was ſein kleines Fahrzeug an Segeln zu tragen vermochte, das war ſchon auf, und ſie ließen das Land ſo raſch hinter ſich, als ſie die ſchwache Briſe führen wollte. Aufmerkſam betrachteten ſie aber indeſſen das fremde Segel, das jetzt augenſcheinlich unter Land lag und vielleicht mit dem Fort telegraphirte, und ſollten auch nicht lange über deſſen Beſtimmung in Ungewißheit bleiben, 3 — 73 denn plötzlich konnten ſie deutlich erkennen wie es die Stellung ſeiner Segel veränderte, und ehe zehn Minuten vergangen waren, blieb es keinem Zweifel mehr unter⸗ worfen, daß es in vollſter Verfolgung hinter ihnen drein komme. Siebentes Capitel. Klucht und Verfolgung.— Wie es kommt daß die Schiffe auch mit ſchlechtem Wind eine günſtige Richtung ſteuern können. Der alte Neger hatte ganz recht gehabt; das Fahr⸗ zeug, deſſen helle Segel ſie vom Deck der Turteltaube un⸗ terſcheiden konnten, war allerdings die kleine brafilianiſche Kriegscorvette, Dom Pedro, und ihnen ſehr zur Unzeit gerade heute angelaufen. An Land hatten ſie nämlich ſchon mit Tagesanbruch die Flucht der Neger und die Er⸗ mordung des einen Oberaufſehers wie ſeines Drivers(wie man die Unteraufſeher nennt) entdeckt, und durch das plötzliche Verſchwinden des Schooners war der nur zu ge⸗ gründete Verdacht natürlich auch auf dieſen gleich ge⸗ fallen. Der aber befand ſich lange außer dem Bereich ihrer Kanonen und der Commandant der kleinen Feſtung hätte ihm allerdings nur machtloſe Verwünſchungen nach⸗ ſenden können, wäre nicht, gerade zur rechten Zeit und vollkommen unerwartet, das an der Küſte kreuzende Kriegs⸗ ſchiff Dom Pedro plötzlich in Sicht, und auf die raſch gehoiſteten Nothſi gnale herangekommen. Der Commandant des Forts begnügte ſich denn auch ſehr kluger Weiſe nur damit ihm zu telegraphiren,„ daß 74 8 der noch in Sicht befindliche Schooner Neger von der Küſte geſtohlen habe, damit das Kriegsſchiff keine Zeit weiter verſäume ihm nachzuſetzen, und der Capitän deſſel⸗ ben hatte die Signale kaum verſtanden, als er ſeine Raaen umbraßte und mit vollen Segeln hinter dem flüch⸗ tigen Fahrzeuge hereilte. Ehe ich nun aber in meiner Erzählung fortfahre, will ich dir lieber Leſer erſt einmal einen klaren Begriff von dem Segeln ſelber zu geben ſuchen, nicht allein damit du das Nachfolgende beſſer verſtehſt, ſondern damit du auch überhaupt eine Idee bekommſt, wie der Wind ein Schiff durch die Segel einem beſtimmten Hafen zuführen kann, während doch keineswegs immer ein ſo günſtiger Wind weht, die Schiffe gerade vor ſich hinzutreiben, und die Schiffer ſich auch den Wind nicht ſelber machen können, obgleich ſie ſich das ſchon oft gewünſcht haben. Bei recht günſtigem Winde, das heißt wenn der Wind gerade genau dem Orte zuweht, wohin das Schiff beſtimmt iſt, haben die Segel, die entweder an großen Querſtangen ſitzen und Raaſegel heißen oder längs dem Maſt hinunter befeſtigt ſind und durch Gaffeln und Bäume ausgehalten werden, damit ſie der Wind faſſen kann, eine ganz einfache und natürliche Stellung; ſie brauchen weiter nichts zu thun als den Wind zu fangen, und das Fahr⸗ zeug geht von ſelber vorwärts. Das iſt aber begreiflich nicht immer der Fall, und es läßt ſich denken daß die Segel, wenn der Wind von einer anderen Richtung kommt, auch anders geſtellt werden müſſen oder das Schiff wird auf ſeiner Bahn zurücktreiben. Die Raaen, wie die Queer⸗ 3 4 O 75 ſtangen heißen an denen die Segel ſitzen, und die, wenn 1* ſie wie eben beſchrieben ſtehen, vierkant geſtellt heißen, 1 werden nun angebraßt, d. h. an der Leeſeite, oder an der Seite von der der Wind nicht weht, und nach wel⸗ cher das Schiff alſo gewöhnlich ein wenig hinüber neigt, etwas feſter angezogen, wodurch ſie ſchräg zu ſtehen kom⸗ men und nun den von der Seite wehenden Wind beſſer faſſen können. Das Princip dabei iſt ziemlich daſſelbe wie an der ſchiefen Stellung der Windmühlenflügel und während der Wind gerade von der Seite gegen das Schiff und in die Segel drückt, hilft, außer der ſchrägen Stellung der Segel, auch noch der ſcharfe Bau und beſonders das hinten angebrachte Steuer das Schiff„im Wind zu hal⸗ ten“ und vorwärts zu drängen, während es der tief gehende Kiel zugleich verhindert von der Seite abzutreiben. Je flacher deßhalb ein Fahrzeug verhältnißmäßig gebaut iſt, deſto mehr wird es auch geneigt ſein bei einem Seitenwinde nach Lee zu Abdrift zu machen, d. h. dem Druck des Windes nachzugeben und aus ſeinem Cours gedrängt zu werden, da der Gegendruck ſo viel geringer iſt, den es unter dem Waſſer dem Winde bieten kann. Noch auffälliger wird dieß, wenn der Wind nicht einmal gerade von der Seite, ſondern noch mehr von vorn oder von der Richtung herkommt, nach der hin das Ziel des Schiffes liegt. Hierbei zeigt ſich am deutlichſten die tüchtige Bauart eines Fahrzeugs, ob es mehr oder weniger „dicht am Winde“ liegen kann, und die Schooner haben dabei unſtreitig den Vortheil vor den mit Kreuzraaen ver⸗ ſehenen Schiffen, da ihre Segel am Maſt hinunter be⸗ 76 feſtigt ſind, und ſelbſt den ungünſtigſten Wind viel leichter zu ihrem Vortheil benutzen können. Um dir aber, lieber Leſer, einen recht deutlichen Be⸗ griff davon geben zu können, wie dicht ein Schiff über⸗ haupt im Stande iſt am Wind zu liegen oder„dem Wind in die Zähne zu ſegeln“ muß ich auf die Wind⸗ roſe, ³9) die auf jedem Compaß angegeben iſt, zurück⸗ kommen. Dieſe iſt in zwei und dreißig Theile oder Striche getheilt und zeigt dir dabei zugleich die ver⸗ ſchiedenen Benennungen der Himmelsrichtung. Kommt alſo der Wind z. B. genau von Norden herunter, ſo wäre ein gutes mit Kreuz oder Querraaen verſehenes Fahrzeug, wenn es die Segel ſcharf angebraßt d. h. ſo weit als möglich nach Lee zu hinüber gezogen und befeſtigt hat, im Stande Oſt Nord Oſt oder Weſt Nord Weſt anzu⸗ liegen, d. h. die Richtung mit ſeinem Bug oder Vorderſteven zu halten. Weht dann eine recht friſche muntere Briſe, daß man viel Segel führen kann, und liegt das Schiff nicht zu leicht im Waſſer, ſo wird es, wenn gut gebaut, ſehr wenig Abdrift haben, ſondern ſeinen Cours ziemlich gut verfolgen können; weht aber dabei ein recht ſchwerer Wind, und ſteht auch vielleicht eine hohe See, daß nur wenige Segel geführt werden dürfen und ſelbſt dieſe weni⸗ gen Segel dicht gereeft werden müſſen, dann kann das Schiff auch nicht viel Fortgang im Waſſer machen, wäh⸗ rend der Gegendruck des Windes es ſcharf nach der Seite preßt und ein Fahrzeug hat in dem Fall oft zwei bis drei Striche Abdrift nach Lee zu. Ein Schooner oder Schuner dagegen mit den, dicht * —,— —— —,— 77 am Maſt anliegenden Segeln iſt im Stande auch den un⸗ günſtigſten Wind leichter zu faſſen, als ein mit Quer⸗ oder Kreuzraaen verſehenes Fahrzeug, das ſeine Raaen nie ſo ſcharf an den Wind braſſen kann, als das Schooner⸗ ſegel ſchon natürlich liegt. Darum gehen dieſe auch ſtets weit ſchärfer in den Wind und ſind oft im Stande mit vier und einem halben Strich, ja manchmal und in ſeltenen Fällen ſogar mit vier Strich, in den Wind zu liegen, ſo daß alſo ein recht ſcharf und zweckmäßig gebauter Schooner bei reinem Nordwind im Stande wäre Nord Oſt oder Nord Weſt je nachdem über welchen Bug er liegt, zu ſteuern und dabei eben ſo wenig Abdrift zu haben als andere Schiffe. Bei leichtem Wind, und wo es gilt ſo dicht als möglich am Wind zu liegen, machen dieſe Fahr⸗ zeuge daher auch den meiſten Fortgang, wo dagegen bei ſchwerem und mehr günſtigen Wind die anderen den Vor⸗ zug haben. Kommt nun der Wind z. B. gerade von Norden, und des Schiffes Cours liegt in eben derſelben Richtung, ſo muß das Schiff laviren oder gegen den Wind aufkreuzen und das geſchieht dadurch, daß es zuerſt über den einen Bug, ich will annehmen nach Oſt Nord Oſt hinüber hält und ſolcher Art eine Zeitlang fortläuft, wo⸗ durch es allerdings weit nach Oſten kommt, aber ſich doch auch ein wenig nördlich hinaufarbeitet, und dann— wenn es eine gewiſſe Strecke, die ſich nach dem Terrain richtet auf dem es ſich befindet— gelaufen iſt, wendet(„über den anderen Bug⸗“ oder„über Stag geht“) und nun nach Weſt Nord Weſt hinüber hält, den verlorenen Oſt 78 theils wieder gut zu machen, theils ebenfalls ein wenig mehr Norden zu gewinnen. Es iſt klar daß ein Schiff, je dichter es im Stande iſt am Wind zu liegen, auch deſto leichter und erfolgreicher laviren muß, und bei ungünſtigem Wind wird ſelbſt ein etwas langſamer ſegelndes Schiff einem anderen leicht den Rang ablaufen, wenn es einen halben oder gar einen ganzen Strich dichter am Winde liegt und dann im Stande iſt ſoviel mehr und raſcher zu luv⸗ oder windwärts hinaufzuarbeiten. Das Wenden geſchieht dadurch, daß man die z. B. erſt zu Backbord ¹⁵) ſcharfangebraßten Segel lößt und nach Starbord oder auf die andere Seite hinüberbraßt oder an⸗ zieht— und umgekehrt; mit dem Steuer wird dann nach⸗ geholfen und die Segel, welche den Wind erſt von der einen Seite faßten, faſſen ihn nun von der anderen. Ich glaube Dir, lieber Leſer, das Segeln eines Schiffes nun ſo viel begreiflich gemacht zu haben, wie das auf dem Papier, und ohne nicht gerade zu lang⸗ weilig zu werden, nur irgend möglich iſt, wir wollen alſo wieder an Bord der Turteltaube zurückkehren, wo der alte Brendall allerdings etwas unruhig theils das neue Segel, theils den Himmel betrachtete, der ebenfalls drohend genug ausſah, und eine friſche kräftige Briſe verſprach. Der leichte Wind den ſie jetzt gerade hatten, wäre ihm weit lieber geweſen.. Ehe denn auch eine Stunde vergangen war brach das Wetter, das indeſſen höher und höher über die Küſte emporgeſtiegen, los, der Wind kam in hohlem Brauſen über die See daher, und die kaiſerliche Corvette flog unter à 79 einer förmlichen Wucht von Leinwand, trotz dem drohenden Wetter ſelbſt die leichteren Segel noch obenlaſſend, heran, und näherte ſich ſo raſch dem Schooner, daß es den Leuten an Deck bald für das bloße Auge kein Geheimniß mehr blieb, und die armen unglücklichen Sclaven in dicht ge⸗ drängten Trupps beiſammen ſtanden und ſich einander ihre Befürchtungen mittheilten. Dem alten Brendall war aber auch nicht wohl bei der Sache, denn hielt der Wind noch eine Stunde ſo an, ſo kam die Corvette trotzdem daß er dicht am Winde lag wie er nur möglicher Weiſe konnte, jedenfalls nahe genug, ihn mit ihren Kugeln zu erreichen, und traf dann eine von ihnen ſeinen Maſt, ſo war er verloren. „Daß uns auch der Teufel den verwünſchten Kaſten gerade heut Morgen ſchon über den Pelz ſchickt!“ knurrte er vor ſich hin, während er mit auf dem Rücken gehal⸗ tenen Händen raſch und mürriſch ſein Quarterdeck auf und ab lief—„ich wollte meinen kleinen Finger darum geben wenn wir hier aus Sicht wären.—“ „Man opfert gern ſeinen Finger wenn man den Hals damit freikaufen kann,“ ſagte der Steuermann, der nicht weit davon an der Schanzkleidung lehnte, trocken; „das verwetterte Ding ſegelt aber wahrhaftig gut und liegt gar nicht, wie die ſonſtigen braſilianiſchen Schiffe, ſo unge⸗ ſchickt quer in dem Wind— wir müſſen ihm doch am Ende noch die Zähne zeigen.“ „Wär mir nicht lieb“ brummte der Alte kopfſchüt⸗ telnd—„die ſchwarzen Hallunken riechen am Ende ſonſt 80 Lunte— die Canaillen ſind in der Art gewöhnlich nicht auf den Kopf gefallen.“ „Würde ihnen verdammt wenig helfen“ murrte der Steuermann, ſchwieg aber als er ſah daß Fritz nicht weit von ihnen entfernt ſtand und eben beſchäftigt war ein Tiſchtuch, das er gewaſchen hatte, zum Trocknen aufzuhängen. Fritz hatte wohl gehört was die beiden Männer miteinander geſprochen, und war in der That etwas be⸗ ſtürzt darüber geworden.— Was ſollten die Schwarzen nicht merken, und weshalb belegte der Capitän die, welche er eben erſt aus furchtbarer Sklaverei errettet, mit ſolchen Schimpfworten? Da er aber ſah daß des Steuermannes Blick, als ob er vermuthe Fritz habe eben mehr gehört als er eigentlich ſolle, lauernd auf ihm haftete, beendete er raſch ſeine Arbeit oben, und ging wieder in die Cajüte hinunter. „Capitain“ ſagte nn der Steuermann, als er das Deck verlaſſen—„ich weiß nicht ob Ihr gut daran ge⸗ than den glatten Burſchen mit an Bord zu bringen— ich traue ihm nicht ſo recht, und fürchte faſt daß er die Fänge gegen uns kehrt, wenn er unſere rechte Farbe wittert!“ 3 „Der nicht“ lachte aber Tom Brendall,„der gewiß nicht; eben aus dem Wald heraus, mit keinem Men⸗ ſchen zu Haus nach dem er ſich zurückſehnen könnte— er hat mir ja ſeine ganze Lebensgeſchichte haarklein erzählt— iſt ihm das unſtäte Leben hier gerade zu Sinn, und ich möchte meinen Hals darauf verwetten daß⸗ gerade der noch einmal Einer der Schlimmſten von uns wird, wenn er * 5 4 nur erſt die ganze Geſchichte ordentlich weg hat. Bit Rydell war gerad ſolch ein blondhaariger blautiugiger Burſch, und was für ein Teufel von Seekönig wurde das nachher. Solch einen Geſellen nur einmal in die richtige Bahn geſchoben, und er läuft darin fort wie aus einem Rohr geſchoſſen.“ Der Steuermann ſchüttelte ungläubig mit dem Kopf und ſah wieder nach dem fremden Schiff hinüber, das mit dem heranbrauſenden Wetter näher und näher kam, und darüber vergaß er auch bald den jungen Burſchen, denn die Gefahr eilte ſo raſch herauf, daß ſchon vielleicht der⸗ ſelbe Tag über ihr Schickſal entſcheiden konnte. Klarer und deutlicher ließen ſich die einzelnen Theile der Kriegs⸗ corvette, jetzt ſchon ſogar mit unbewaffnetem Auge, er⸗ kennen, und es war keinem Zweifel mehr unterworfen, daß ſie bis Nachmittag jedenfalls in Sch hußnähe kommen würde. Das einzige was der Schooner bei der Verfolg⸗ ung gewann war, daß er ſicch, durch ſeine Segel begünſtigt, etwas höher in den Wind hinaufarbeitete, aber doch nicht genug einer weiten Kugel zu entgehen, denn die Cor⸗ vette ſegelte ebenfalls vortrefflich und ſchten zu dieſem Küſtendienſt beſonders ausgewählt. Bis dahin hatte der alte Brendall noch immer ge⸗ hofft die Nacht vielleicht hereinbrechen zu ſehen und dann unter dem Schutz derſelben ſeinem gefährlichen Verfolger aus Sicht zu kommen. Die Sonne ſtand aber noch faſt zwei Stunden hoch, als der Feind nahe genug gekommen war ſein Feuer zu eröffnen, und ein Blitz vom Bord dort, mit weißausquellendem Rauch, dem erſt ſpäter der Sch⸗ g Gfiſer, Fritz Wildau. 6 8 82² folgte, belehrte ſie wie ſich die Jagd ihrer Cataſtrophe nähere. Die Kugel ſchlug vor dem Schooner auf's 1 ſ⸗ ſer und tanzte noch eine Strecke über die Fläche hin, ehe ſie verſank. Der alte Brendall ſah zögernd und ungewiß was er thun thun ſolle, nach dem Schiff hinüber aber folgte natürlich dem Befehl beizulegen, was dieſe Kugel andeuten ſollte, nicht. Da zuckte ein zweiter Strahl aus der Seite des Schiffs und die Kugel ſauſte gleich darauf, „dicht über das Quarterdeck der Turteltaube hin und zwiſchen den Wanten, eine der Wevelien zerreißend durch. „So hol ſie der Böſe!“ rief der Alte zwiſchen den feſtzuſammen gebiſſenen Zähnen durch, und mit dem Fuß ſtampfend, und eine kleine gelbe Pfeife, die er um den Hals trug, vorholend, that er einen lauten und ſchril⸗ len Pfiff. Lautlos, aber wie Geiſter die der Unterwelt entſtiegen, klomm im nächſten Augenblick die zweite Wacht, die ſchon nichts anders erwartet hatte, und darauf vorbereitet war, an Deck, und der zweite Pfiff ſchallte gellend über das Waſſer.. Fritz, der dem wunderlichen Ruf ebenfalls gefolgt war, erreichte eben das Deck als das zweite Signal gegeben 3 wurde, und erſtaunte nicht wenig als die Matroſen eine 3* vorn neben der Cambüſe oder Kochhaus ſtehende„Hütte,“ die er bis dahin für einen ganz anderen Zweck beſtimmt 4 geglaubt, von einander riſſen und eine blitzende lange Meſſingkanone, einen ſogenannten„Langen Tom“ ent⸗ hüllten. Das Geſchützſtück ruhte auf einem hohen und * 8 hin bequem gedreht werden, während die Leute mit der berührte auch die Lunte das Zündloch und der pfeifende wie vorher und nirgends war ein fliegender Splitter oder gewaltigen Wucht zuſammen, und das ganze Deck der Cor⸗ 83³ ſtarken Metalldorn, und konnte nach allen Richtungen gefährlichen Waffe vortrefflich umzugehen und vertraut ſchienen. Der Neger Jim bediente dieſe Kanone, die mit. faſt unglaublicher Schnelle geladen und gerichtet wurde, und gerade als der dritte Blitz vom Feind herüber zuckte Todesbote flog ſeine vernichtende Bahn. Der Corvette Kugel zeigte ſich dießmal harmlos genug und fiel zu kurz, deſto nachdrücklicher hatte aber der „lange Tom“ zu den Braſilianern geſprochen, denn deut⸗ lich konnten ſie mit bloßen Augen ſehen wie ſie an Deck des feindlichen Schiffes einſchlug und die Splitter umher⸗ flogen. Jetzt wurde der Braſilianer aber auch bös und eine ganze Flankenſalve brauſte donnernd über das Waſ⸗ ſer, der Schooner dagegen fiel leicht ein wenig vom Wind ab, ſein Ziel beſſer auf's Korn zu bekommen und als die zweite Kugel hinüber geſandt war, ließ ſich der Erfolg zwar nicht gleich erkennen, denn das Schiff ſegelte fort losgeſchlagenes Tau zu ſehen. Die nächſte Minute aber ſollte ſchon zeigen welchen wichtigen, wenn auch vielleicht zufälligen Erfolg dieſer Schuß gehabt, der die Stengel*) des Fockmaſtes getroffen hatte, denn ehe die an Deck den Schaden gewahren und die ſchwere Segellaſt löſen konnten die auf das verwundete Holz preßte, brach dieſes vor der 84 vette war im nächſten Moment von einem förmlichen Ge⸗ wirr niedergeſchlagener Spieren, Taue und Segel bedeckt. Ein donnerndes Jubelgeſchrei ſtieg vom Bord der Turteltaube auf, denn die Leute dort wußten jetzt recht gut daß ſie faſt wie durch ein Wunder einer weit größeren Gefahr entgangen, als Fritz vielleicht ahnen mochte; nichts deſto weniger verſäumten ſie keinen Augenblick den gün⸗ ſtigen Moment auch zu benützen. Ein paar Strich ab⸗ haltend, daß die Segel vollends dem Wind geboten wur⸗ den und das ſchlanke Fahrzeug förmlich über die Wogen ſprang, ließen ſie das verkrüppelte Schiff, an deſſen Bord die Leute in wirrer Geſchäftigkeit in den Wanten und Stagen ¹s) hingen um den Schaden ſo raſch als möglich wie⸗ der auszubeſſern und die Verfolgung zu erneuern, noch ehe die Sonne unter dem blitzenden Wogengürtel ver⸗ ſchwand, ſo weit zurück, daß der Rumpf deſſelben ſchon nicht mehr vom Deck aus ſichtbar war. Achtes Capitel. Wie Fritz eine gar böſe Entdeckung macht und in ſchlimme Verlegenheit geräth. Als die Sonne am nächſten Morgen wieder aufging, war die„Turteltaube,“ die mit dem kriegeriſchen Geſchütz⸗ ſtück und der trefflichen Bedienung deſſelben ihrem fried⸗ lichen Namen aber keineswegs Ehre gemacht, allein auf dem Waſſer, und ſelbſt oben von dem Top der Maſten aus nicht das geringſte mehr von dem wahrſcheinlich arg beſcadigien Kriegsſchiffe zu ſehen.— Die Gefahr 8⁵ war vorüber, und der alte Brendall ſchritt vergnügt auf ſeinem dießmal aus arger Noth geretteten Schooner auf und ab, und ließ ſelbſt den Schwarzen ein Feſtmahl herrichten, ihre erſt jetzt gewonnene Freiheit zu feiern. Das ließen ſich dieſe denn auch nicht zweimal ſagen, und die Abkömmlinge afrikaniſchen Stammes, ja großen⸗ theils ſelbſt an der heimiſchen Küſte geraubt oder verkauft und auf fremden Schiffen hier herüber geſchafft, gaben ſich, ſo reſignirt und ergeben ſie früher ihre Sclaverei ertragen, eben ſo wild und jubelnd der ausgelaſſenſten Freude hin. Von jetzt an begann nun eine ſehr ruhige Zeit, ſich dem Aequator wieder nähernd, hatten ſie meiſt ſtilles Wetter und Windſtille, und rückten nur langſam vorwärts; die Schwarzen wurden dabei gut an Bord behandelt, bekamen genug zu eſſen und zu trinken und befanden ſich ausneh⸗ mend wohl. Sie konnten es dem fremden weißen Capitain nicht genug danken, daß er ihre Ketten gebrochen hatte, und ſie nun einem freien glücklichen Leben entgegenführe. So hatten ſie etwa die Höhe von Florida erreicht; Fritz wußte nämlich ziemlich genau wo ſie waren, da der Capitain und Steuermann jeden Mittag um zwölf Uhr — wenn die Obſervation an der Sonne genommen wurde die Breite zu berechnen auf der ſie ſich befanden— in der Cajüte die gemachte Strecke auf der Karte ab⸗ ſteckten, und wohl nicht einmal darauf achteten daß der Knabe aufmerkſamer ihren Reſultaten folgte, als es ſich hätte von ihm vermuthen laſſen. Zu ſeinem Erſtaunen ſteuerten ſie aber jetzt, anſtatt nach Boſton hinauf zu la fen wie ſich Tom Brendall bis dahin geäußert, 86 weſtlich, und der Karte nach die heute auf dem Tiſche liegen geblieben war, ſchnurſtracks den Weſtindiſchen In⸗ ſeln und dem Bahama Canal zu, wo ſie dann gar nicht umhin konnten auch wieder einen Sclavenſtaat anzulaufen — was aber ſollte das bedeuten?— Die Neger ſelber hatten natürlich keine Ahnung davon wo der Ort liege, zu dem man ſie führen wolle, ſie waren fröhlich wie immer, und nur der Alte ſtand jetzt weit öfter als ſonſt auf der Back vorn und ſchaute nach Weſten hinüber.— Die ſo plötzlich veränderte Rich⸗ tung des Schiffs beunruhigte ihn, denn man hatte ihnen geſagt, ſie ſollten in ein kaltes Land geführt werden, und die Sonne brannte hier ſo heiß, ja faſt heißer noch als an der Küſte von der man ſie erſt vor wenig Wochen hinweggeführt. Fritz war ſelber neugierig was wohl das Ziel ihrer Reiſe ſein würde, aber fragen durfte er nicht wieder, denn das eine Mal, als er ſich deshalb an den Capitän ſelber gewandt, bekam er eine ſo kurze und derbe Antwort, daß er ganz beſtürzt ſchwieg und an ſeine Arbeit zurück ſchlich. Endlich am dritten Tage, nachdem ſie dieſen neuen Cours gehalten, ſichteten ſie Land, und der Capitain und Steuermann betrachteten erſt die ferne Küſte auf das ſorg⸗ fältigſte, mit ihren Telescopen, und gingen dann hinunter in die Cajüte, zu ſehen ob ihre Berechnung ſtimme, und welches Land das ſein müſſe, das ſich jetzt in einem langen blauen Streifen am Horizonte vor ihnen ausdehnte. Fritz hatte am vorigen Tage den letzten Wein in die Cajüte gegeben, der noch vorräthig oben lag, und mußte 87 heute in die Vorrathskammer hinunterſteigen, neuen herauf zu holen.. Dieſe Vorrathskammer lag dicht unter der Cajüte, und der Fußboden derſelben bildete ihre Decke; der Eingang dazu aber lag hinter der Cajüte und führte durch eine ſchmale Vorrathsſpintge, wo beſonders Farben, Segeltuch, auch Vorrathsſegel und manche andere häufig gebrauchte Sachen aufbewahrt wurden, und um dort hinunter zu kommen, brauchte man eben nicht durch die Cajüte zu gehen. Fritz hütete ſich auch wohl dieſe, wo ſeine beiden Vorgeſetzten jetzt rechneten und gar hitzig miteinander disputirten, zu betreten, und glitt vorſichtig in den engen dunklen Raum nieder, wo es unter dieſem Breitengrad noch beſonders dumpfig und ſchwül war, um das Nöthige ſo raſch als möglich heraufzuholen. Ganz wider Erwarten fand er ſich aber hier plötzlich als Zeuge eines Geſprächs, das ihn erſt mit Schrecken und Staunen erfüllte, und dann die Haare auf ſeinem Haupte ſträubte, denn was er nur dann und wann bis dahin, durch ein hier und da hingeworfenes Wort mißtrauiſch gemacht, gefürchtet haben mochte, wurde ihm hier zur Gewißheit, zur unableugbaren Thatſache, und der Schweiß trat ihm in großen Tropfen auf die Stirn, als er jetzt erſt erfuhr in welcher trefflichen Grſellſähaft er ſich eigentlich befand. „Ich liefe verdammt gern nach New⸗Orleans hin⸗ auf“ ſagte die Stimme des Capitains,„die Burſchen bräch⸗ ten da ein Drittheil mehr, und ich habe dort auch Be⸗ kannte genug, mich jeder weiteren unangenehmen Erörter⸗ ung mit den Behörden zu entheben, aber die vermaledeiten engliſchen Kreuzer die hier überall umherſtöbern, könnten Einem doch, dicht vor Thorſchluß noch recht der Quere kommen, und ich glaube Havanna wird immer der ſicherſte Hafen ſein.“ „Wir kriegen nicht die Hälfte in Havanna dafür, was ſie in New⸗Orleans mit leichter Mühe bringen wür⸗ den“ brummte dagegen der Steuermann„und vor Havanna liegen noch mehr Kreuzer wie vor dem Miſſiſſipi— es iſt die Frage, ob wir dort einem einzigen begegnen.“ „Wo ein Schooner einkommt ſind ſie ihm auch gleich auf den Hacken“ erwiederte der alte biedere Brendall— „und gegen den Menſchenfleiſchhandel hat ſich das ganze Pack verſchworen, ſie mögen nun engliſche oder amerika⸗ niſche Flagge führen.“ „Aber zum Donnerwetter“ fluchte der Steuermann, „ſie mögen doch zu uns an Bord kommen und ſich unſere Paſſagiere betrachten, wenn ſie Luſt haben. Sie laufen ja frei am Deck herum, und haben nicht mehr Ahnung davon daß ſie noch immer Sclaven ſind, als daß dieß der wackere Piratenſchooner der„Hai“ iſt, der jetzt nur für kurze Zeit ſeinen kecken Namen mit dem einer ſanften friedlichen Turteltaube vertauſcht hat. Aber hol's der Henker, mir gefällt die Art Geſchäfte nicht, und es iſt das erſte und letzte Mal daß ich meine Stimme zu einer ſol⸗ chen Krämerfahrt hergebe wie dieſe. Drei Schiffen ſind wir jetzt unterwegs begegnet, die wir haben ruhig müſſen vorbeiziehen laſſen, und wer weiß ob wir nicht auf einem von ihnen mehr Beute gemacht hätten, als die ganze Parthie Menſchenleiſch zuſammen abwirft.“ 5 8 „So ganz ſicher ſind ſie auch nicht mehr“ ſagte der Capitain wieder nach einer kleinen Pauſe—„daß’ wir ihnen den langen Tom zeigen mußten war fatal. Der alte Burſche mit den vier Narben quer durchs Geſicht— es iſt das ja wohl eine Art afrikaniſcher Tättowirung— hat ſich den ganzen Platz nachher ungemein aufmerkſam betrachtet, und ſchnüffelt noch jetzt immer um das Häus⸗ cchen herum. Ein Grund mehr deßhalb, nicht nach New⸗ Orleans hinauf zu laufen, denn wenn auch kein ſchwarzer Hallunke gegen uns in den Vereinigten Staaten zeugen kann, brauchen ſie da oben nur ein bischen von dem„lan⸗ gen Tom“ zu erzählen und da gibts dann immer Schufte genug die ſich ein Vergnügen daraus machen etwas derar⸗ tiges auszuwittern. In Havanna dagegen fragt keine Katze danach, und wenn wir das ganze Deck geſtopft voll lange Toms ſtehen hätten.— Bringen wir ihnen Selaven hin⸗ nein, ohne daß uns die Engländer abfaſſen, ſo ſind wir ihnen gute Leute, und laſſen wir die Burſchen frei herum⸗ laufen bis wir eben im Hafen liegen, kann uns nicht ein⸗ mal ein engliſcher Kreuzer etwas anhaben. An Ort und Stelle kann man ſie dann leicht an einen ſichern Ort an Land locken und iſt ſicher.“ „Denſelben Spaß können wir uns mit New⸗Orleans ebenfalls machen“ warf der Steuermann dagegen ein,„und haben wir ſie dort erſt einmal abgeliefert, dann hilft ihnen auch ihr Plappern nichts mehr, denn wir haben nichts weiter da oben verloren, hängen uns einem Schlepp⸗ dampfer an und ſind in ein paar Tagen wieder draußen ein offener See oder, wenn wir unſer kleines Fahrzeug ein bischen ummalen wollen, den Miſſiſſipi hinauf. Ich ſtimme für New⸗Orleans.“ Der Steuermann war wahrſcheinlich bei dieſen Wor⸗ ten aufgeſtanden denn Fritz hörte Schritte nach der Thür zu; da er aber fürchtete nach dem eben Behorchten hier un⸗ ten bemerkt zu werden, und die Lucke oben offen ſtand, ſo kroch er ſo raſch er konnte aus ſeinem Verſteck zurück und wieder an Deck, darauf ging er in ſein Spintge um vor allen Dingen erſt einmal zu überlegen was er thun und wie er handeln ſolle, denn daß er nicht Mitwiſſer und Helfers⸗ helfer einer ſo ſcheußlichen That bleiben wolle, dazu war er ſeit dem erſten Moment, wo ihm die ganze furchtbare Wahrheit klar geworden, feſt entſchloſſen. Alber was nun thun?— Dem Capitain einfach den Dienſt aufkündigen und an Land gehen— ſobald das Schiff einen Hafen wieder berühren würde— das etwa war ſein erſter Gedanke, doch befand er ſich ſchon zu lange an Bord, das Unausführbare und Nutzloſe, ja Gefähr⸗ liche eines ſolchen Entſchluſſes nicht bald einzuſehen. Das hätte den armen unglücklichen Sclaven nicht allein nichts genützt, ſondern ihre Lage vielleicht ſogar noch vor der Zeit verſchlimmert.— Aber konnte er nicht dieſen geradezu ſagen was ihnen drohte?— wenn ſie die ganze Gefahr ihrer Lage kannten, fiel ihnen ſelber viel⸗ leicht ein Weg zur Rettung ein und ihm würde dann auch Gelegenheit geboten ſich dieſen Seeräubern und Sclavenfängern, in deren Netz er gefallen, zu entziehen. Und dennoch ſchreckte er vor der Gefahr zurück der er ſich ſelber ausſetzte„wenn der Steuermann beſonders auch nur eine Ahnung von dem bekommen hätte was er wußte, und wie er darüber denke. Er wußte ſelber nicht was er thun ſollte, und der Angſtſchweiß trat ihm in großen hellen Tropfen auf die Stirn; es litt ihn auch nicht länger in dem engen Raum und er ging hinauf an Deck— der Capitain und Steuermann waren noch immer in der Cajüte— und trat vorn auf die Back, wo ſein Auge lange und traurig auf der ſchönen Küſte haftete die ſich vor ihnen ausbreitete, und die ſie vielleicht in ſo entſetzlicher Weiſe betreten ſollten. „Was für Küſte das?“ ſagte da plötzlich eine leiſe Stimme dicht neben ihm in gebrochenem Engliſch—„was für Küſte das, Maſſa?“*54) 1 Fritz ſah ſich raſch nach dem Sprecher um, und er⸗ kannte den alten Neger Sambo, der dicht neben ihn ge⸗ treten war und ſcheu und vorſichtig den Blick zurückſchwei⸗ fen ließ, ob ſie von keinem der Matroſen beobachtet wür⸗ den. Fritz zögerte einen Augenblick mit der Antwort— das Herz klopfte ihm faſt hörbar in der Bruſt, und die Entſcheidung ihrer aller Schickſal lag vielleicht in ſeiner Antwort— aber er konnte auch nicht lügen, und wenn er den alten Mann mit dem ſilberweißen Haar und den tief gefurchten Zügen an ſeiner Seite anſchaute, überkam ihn ein furchtbares Grauen, denn er dachte daran daß er, wenn auch unſchuldig, doch mit zu denen gehörte die ihn verkauft hätten. „Maſſa weiß wie die Küſte da heißt?“ ſagte der Alte aber noch einmal, und ſah mißtrauiſch zu dem angſt⸗ 92 verſtörten Antlitz des Knaben auf, fuhr jedoch ſelbſt erſchreckt zuſammen als dieſer leiſe und ſchäell flüſterte: „Cuba!“ „Und wir?“ ſagte der Alte nach einer langen pein⸗ lichen Pauſe, in der er ſein Schickſal aus den offenen Zügen des Knaben zu leſen ſuchte, und auch wohl las— „und wir, wohin führt man uns?“ Da konnte ſich Fritz nicht länger halten, und unbe⸗ kümmert um die Folgen erzählte er mit kurzen Worten dem Alten den Inhalt deſſen, was er vor wenigen Minu⸗ ten erſt unfreiwillig erlauſcht. Es bedurfte bei dem alten Manne auch keiner ausführlichen Beſchreibung; das Alles war nur die Beſtätigung deſſen was er ſelber ſchon ge⸗ fürchtet, ſeit er das enthüllte und jetzt wieder verdeckte Ge⸗ ſchützſtück, die gewöhnliche Waffe aller Piraten geſehen, und 93 in ſich zuſammenbrechend ſaß er lange, das Kinn auf die hagere Bruſt geſenkt, die Hände feſt über dem rechten Knie gefaltet, da, und ſchaute ſtarr vor ſich nieder. In dieſem Augenblick kam der Koch aus der Cambüſe, und als ſich Fritz raſch von ihm abwandte, daß er die Thränen nicht ſehen ſollte, die ihm an den Wimpern hingen, blieb der Mulatte einen Augenblick ſtehen und ließ ſeinen kal⸗ ten unſtäten Blick von Einem zum Andern der Beiden hinübergleiten; dann aber ſchob er beibe Hände in ſeine Hoſentaſchen, und ging pfeifend in ſeine Cambüſe zurück. e„Turteltaube“ wie der gefährliche Schooner, eines der berüchtigſten und gefürchteſten Raubſchiffe der weſt⸗ indiſchen Seen, jetzt unter ſeiner falſchen Flagge hieß, näherte ſich indeſſen mehr und mehr der Küſte, nach deren nördlichen Ufer es den Anſchein hatte als wenn er ſeinen Cours nehmen wollte. Es war acht Glaſen¹³) Abends und der Capitain eben in die Cajüte gekommen den Steuermann auf ſeine Wacht an Deck zu ſchicken, als der Koch vorſichtig herein⸗ ſchlüpfte und erſt nach Fritze's Coje hineinlauſchte. Fritz ſchlief ſanft und ſüß, ſein geſunder kräftiger Körper ver⸗ langte der Ruhe ſelbſt zu einer Zeit, wo ſein Geiſt auf⸗ geregt ſein mochte von Angſt und Sorge. Als ſich der Mulatte aber erſt davon überzeugt hatte, trat er in die offene Thür des inneren Raumes, von wo aus ihn der Steuermann ſchon ein paar Seeunden ſcharf firirt hatte und raſch zu dem Capitain hinangleitend ſagte er leiſe— „Wir ſind verrathen— der weiße Junge da drinn en alten Sambo einen Floh in's Dhr geſetzt— di 94 ſchwarzen Schufte wiſſen daß das Land in Lee Cuba iſt, und daß ſie wieder verkauft werden ſollen.“ „Ob ich mir das nicht gedacht habe“— knirſchte der Steuermann zwiſchen den zuſammengebiſſenen Zähnen durch „wenn's nach mir ginge würfen wir die kleine Gift⸗ kröte über Bord— jetzt haben wir die Geſchichte— den Teufel zu zahlen und kein Pech heiß.“ „Verdammter Bengel!“ murmelte der Alte vor ſich hin,„aber weißt Du es auch gewiß?“ „So gewiß wie man nur etwas wiſſen kann“ be⸗ ſtätigte der Mulatte— „ſchon heut Nachmittag ſah ich die Beiden zuſammen auf der Back ſtehen und miteinander flüſtern, und als ich dazu kam drehte ſich der Junge ab— die Kröte wurde verlegen“ lich hinzu— ſetzte er verächt⸗ „da ich aber dadurch Verdacht ſchöpfte, legte ich mich heute Abend aufs Spioniren und bekam bald die Gewißheit, daß ſie mehr wußten als uns zuträglich iſt— der Alte ſteckte mit ihnen unten die Köpfe zuſammen und ihrer fünf oder ſechs hatten eine Berat hung was ſie thun ſollten. Leider konnte ich nicht Alles verſtehen, denn der dicke Bretterverſchlag, der den Raum von dem Zwiſchendeck trennt, ließ nicht alle Worte deutli ſie jetzt aber auf ch zu mir durch; daß ihrer Wacht ſind, iſt gewiß und ich wollte Euch nur warnen„ Capitain. Am beſten wär's vor allen Dingen den Jungen aus dem We richtet ſonſt noch Unheil an.“ „Das ſag ich auch!“ beſtätigte der Steuermann, „hol ihn der Böſe, mir war er vom erſten Augenblick an nicht recht, und ich bin ſonſt eben nicht abergläubiſch, aber g zu ſchaffen, der 95 ½ von dem weißhaarigen Jungen droht uns wahrhaftig noch einmal ein Unheil— wenn er's nicht jetzt ſchon ſo weit gebracht hat uns ein Opfer unſerer Gutmüthigkeit werden zu laſſen.“ Der Mulatte ſah den Steuermann bei dem Wort Gutmüthigkeit halb ſpöttiſch von der Seite an, ſagte aber kein Wort, denn„der Alte“ ging mit verſchränkten Armen in der Cajüte auf und ab, und murmelte halb⸗ laut die entſetzlichſten Flüche und Verwünſchungen vor ſich hin. Der Mulatte blieb noch in der Thüre ſtehen, denn er vermuthete daß ihm wohl noch ein Auftrag wer⸗ den könnte. Der Capitain ſchien aber nicht auf Rache gegen den Knaben geſonnen zu haben— der war ihm ſicher genug, ſondern wie die Gefahr jetzt abzuwenden die von den gereizten Schwarzen drohte, wobei es dann unver⸗ meidlich zu einem Kampfe kommen mußte. Bei einem ſolchen konnte er aber nur verlieren, denn wenn auch das Reſultat keinen Augenblick zweifelhaft blieb, da ſämmtliche Waffen in ſeinen eigenen Händen waren, mußte doch mancher der Schwarzen getödtet oder verſtümmelt werden, ehe ſie ſich ihrer wieder bemächtigen konnten, und Jeder war dann ein reiner Baarverluſt von ſo und ſo vielen hundert Dollars.— Liſt konnte ihm vielleitht aus dieſer Verlegenheit helfen.. „Wie viel Schwarze— Männer mein' ich, denn die Frauen und Kinder zählen jetzt nicht— haben wir im Ganzen unten im Raum?“ „Unten im Raum?“ wiederholte an die Decke ſehend während er ſie in Gedanken überzählte, langſam der . Steuermann— unten im Raum— laͤßt mich einmal ſehen— drei, fünf, acht— und in der Coje fünf ſind dreizehn und zu Backbord vier, ſieben, zehn und ſechs da⸗ vorn, vier hier unten quer vor, und vorn etwa fünf, ja acht und dreißig, ohne den alten Sambo— „Acht und dreißig“ ſagte der Capitain kopfſchüttelnd —„verdammter Junge— wenns nur nicht zu ſpät iſt, aber es geht auf keine andere Art und wir müſſen es jedenfalls verſuchen.“ „Aber was denn?“ ſagte der Steuermann,„zum Verſuchen werden wir nicht ſo viel Zeit mehr übrig be⸗ halten und die kleine Kröte—" „Soll uns ſelber dabei helfen,“ lachte der Alte leiſe —„gegen den haben ſie noch keinen Verdacht; aber mor⸗ gen werdet ihr Alles ſchon erfahren, heut' Abend laßt ſie noch ruhig mit einander überlegen— ändern können ſie doch nichts mehr an der Sache.“ Der Alte, ſchlau genug wo es galt irgend einen Plan in's Werk zu führen, ſchien jedenfalls vollkommen mit ſich im Reinen und ſchickte die Beiden, die gern gleich noch heute Abend etwas Näheres darüber gehört, einfach an ihre Arbeit aus der Cajüter * Neuntes Capitel. Wie Capitain Brendall ſeine„Paſſagiere zählte und mas der alte Sambo dazu ſagte— Der Ausbruch. 4 Am andern Morgen ganz früh hatten der Capitain, der Steuermann und Cäſar der Koch eine kurze Berath⸗ 97 ung zuſammen, oder der alte Brendall unterrichtete ſie viel⸗ mehr von ſeinem Plan. Ein Ausbruch war, darin ſtimm⸗ ten Alle überein, nach dem Vorhergegangenen kaum zu ver⸗ meiden, wenn man ſich nicht der Stärkſten und Angeſehen⸗ ſten unter der Schaar erſt verſicherte, und das zu bewerk⸗ ſtelligen war dieſer Morgen beſtimmt. Der„Alte“ ſchickte dann die Uebrigen fort ihre Männer, wie er es ihnen geſagt, zu poſtiren; ſie mußten dazu die Beſten der eigenen Leute nehmen, und er ſelber blieb, ein paar geladene Piſto⸗ len vor ſich in ein kleines nur leicht bedecktes Käſtchen legend, in der Cajüte allein, wohin einige Minuten ſpäter Fritz von dem Koch geſchickt wurde. Fritz klopfte allerdings das Herz als er den Be⸗ fehl erhielt zu dem Alten hinunter zu kommen— er wußte, wenn er auch recht, doch wie er gegen ihn und ſeine Intereſſen gehandelt hatte, und wie aufgebracht der Alte werden würde, wenn er es erführe— an weitere Gefahr für ſich ſelber dachte er gar nicht.— Er erwartete jetzt in der That nichts Geringeres, als den vollen Zornes⸗ ausbruch des finſteren Mannes gegen ſich gewandt zu ſehen, erſtaunte aber nicht wenig, als ihn Capitain Bren⸗ dall auf das Freundlichſte empfing und ihm ſagte, ſie würden wahrſcheinlich hier irgendwo an der Küſte ein⸗ mal anlaufen müſſen, friſch Waſſer einzunehmen. Er wolle deßhalb ſeine Paſſagiere einmal aufſchreiben wo ſie her wären, wie ſie hießen und wie alt ſie ſeien, da er die Liſte in jedem Hafen, der Ordnung wegen, vor⸗ zeigen müſſe. Heut Morgen wär' es nun ſe Gerſtäcker, Fritz Wildau. 98 ruhig auf dem Waſſer und Fritz ſolle vorgehen und die Leute hinterſchicken. „Aber nicht Alle auf einmal“ ſetzte der Alte hinzu, als der Knabe raſch und vergnügt, ſo wohlfeilen Kaufs davon gekommen zu ſein, die Cajüte wieder verlaſſen wollte;—„Einen nach dem Andern, Fritz; der Steuer⸗ mann wird ſie Alle auf Deck ſchicken, Weiber und Kin⸗ der und dann kommen ſie einzeln hier herunter und gehen von hier gleich wieder durch die Thür hin, die ich habe aufmachen laſſen, in's Zwiſchendeck zurück, wo ſie dann bleiben müſſen bis ich mit Allen fertig bin, es gibt ſonſt Confuſion— ſetz' ihnen das ein Bischen aus⸗ einander, Fritz.“ „Ja wohl Capitain!“ rief der Knabe dienſtfertig und war in drei Sätzen die ſchmale Cajütstreppe wieder hin⸗ auf, die unmittelbar vor dem Steuer herauskommend an Deck führte. Die Neger hatten ſich indeſſen ſchon von der Ge⸗ fahr verſtändigt, in der ſie ſich befanden, und der alte Sambo ihnen gerathen im ſchlimmſten Fall, und ſo es zum Aeußerſten kommen ſollte, ſich nur gleich aller Hand⸗ ſpeichen zu bemächtigen, die an verſchiedenen Stellen an Deck angebracht waren. Die Handſpeiche oder Spacke iſt in der Hand eines kräftigen Mannes eine gar furchtbare Waffe, und verſtanden ſie dann auch nicht ſelber ein Schiff zu regieren, ſo waren ſie doch wohl im Stande ſich hier, wo ſie täglich Segel in Sicht bekommen, ſo lange flott bis ſie von irgend einem ordentlichen Fahrzeug id gerettet werden konnten. Natürlich waren 4 — Alle feſt entſchloſſen lieber zu ſterben als ſich wieder als Sklaven verkaufen zu laſſen, und ſchon tauchten Vorſchläge auf, die Sache ohne Weiteres zur Entſcheidung zu bringen, in⸗ dem ſie den Capitän ſelber zur Rede ſetzten und ihm gerade herausſagten, in welchem Verdacht ſie ihn hätten, als Fritz zu ihnen kam und ihnen die Meldung einer beab⸗ ſichtigten Zählung und Controle brachte. Hiergegen trat der Alte auf und warnte die Leute nicht einzeln in die Cajüte hinunter zu gehen; Fritz aber verſicherte ſie, daß ſie dabei auch nicht das Mindeſte zu fürchten hätten, der Capitän ſei allein unten, und was er auch ſpäter gegen ſie im Sinne habe, hierbei ſei er feſt überzeugt daß ihnen keine Gefahr drohen könne. Von dem jungen Burſchen wußten ſie xecht gut, daß ſie Nichts zu fürchten brauchten, denn er hatte bewieſen daß er es gut mit ihnen meine, und ſo wurde denn beſchloſſen dem Befehl zu gehorchen. Sambo aber, der zuletzt gehen ſollte, wurde beauftragt dem Capitän zugleich anzuzeigen wie ſie wüßten was ſie von ihm zu erwarten hätten, und bereit wären, bei dem geringſten Verſuch ſie ihrer Freiheit zu be⸗ rauben, das erſte Schiff das ſich ihnen nähern würde zu ſignaliſiren und Anzeige zu machen. „Hallo da unten!“ rief in dieſem Augenblick des Steuermanns Stimme durch die Luke nieder,—„Alle an Deck zur Muſterung— herauf mit Euch Männer und Weiber, nachher könnt ihr wieder ſchlafen ſo lang der Tag iſt.“ Die Neger, was überhaupt noch nicht an Deck war, ö folgten raſch dem Befehl, und ein Theil von ihnen wollte gleich nach der Cajüte hinunter, als ſie der Steuermann lachend aufhielt und ihnen, ſo gut das mit ſeinem ge⸗ brochenen Portugieſiſch ging, begreiflich machte, daß der Capitän nur eine Hand zum Schreiben hätte, alſo auch nur einen von ihnen immer auf einmal vernehmen und notiren könne. „Du langer Strick Du“ wandte er ſich dann an einen jungen Burſchen,„Du magſt zuevſt gehen; oder halt, wollen erſt die Frauen und Kinder nehmen, dann kommen wir beſſer in Gang— und nun angefangen und hübſch Ordnung gehalten!“ Eine der Frauen mit einem Kind auf dem Arm mußte zuerſt hinunter, und Fritz wurde ebenfalls gerufen das Buch zu führen und die Namen wie alles Weitere nieder⸗ zuſchreiben, während der Capitain examinirte. Das ging auch Alles in ziemlicher Ordnung und Schnelle vorwärts— Eine nach der anderen kletterte die etwas ſteile Treppe vorſichtig hinunter, wurde eraminirt und verließ dann die Cajüte wieder durch eine kleine Thür, die erſt in eine dunkle Vorraths⸗ kammer, in der aber eine Laterne hing, und durch dieſe durch, in das Zwiſchenverdeck führte, wo ſie aber auch vor⸗ her erſt wieder über eine Parthie dort aufgeſchichteter Taue wegklettern mußten, ehe ſie den Platz erreichten, auf dem ſich ihre Schlafſtellen befanden, und wo ſie ſich gewöhnlich aufhielten. 1 Der Steuermann ſtand oben an der Treppe und rief alle einzeln auf, die hinunter gehen ſollten, und als die Sache erſt einmal im Gang war, wartete er auch nicht erſt bis unten Alles beendet, ſondern ließ eine der 1 —— — 101 Frauen immer wieder nachſteigen, damit es nicht ſo lange aufhielte. Vom Zwiſchendeck aus konnten die zurückgekehr⸗ ten Frauen mit den Männern an Deck ſprechen, ein Ma⸗ troſe hielt aber auch hier Wacht, Niemanden wieder herauf⸗ zulaſſen ehe die Zählung vorbei war; das Alles ging ſo friedlich zu, und die Leute ſelber lachten und er⸗ zählten mit den Negern, daß ſich dieſe ſchon anfingen ſicherer zu fühlen, wenigſtens feſt überzeugt waren wie man augenblicklich nichts Böſes gegen ſie beabſichtige. Nur der alte Sambo wollte ſich noch nicht zufrieden geben, und ſaß an der Vorderluke, dort von einzelnen der Frauen zu erfahren um was ſie gefragt, wie ſie behandelt worden wären, und ob ſie überhaupt noch Jemanden unten in der Cajüte, außer dem Capitän und dem Knaben geſehen hätten. Dieſe Fragen geſchahen in der Sprache ſeines eigenen Landes und die Matroſen die ebenfalls mit oben um die Luhk herumlehn⸗ ten und hinab ſchauten, konnten Nichts davon verſtehen. Die Antworten mußten aber doch wohl befriedigend, wenig⸗ ſtens keinen weiteren Verdacht erweckend, ausgefallen ſein, denn der alte Mann erwiederte nichts darauf und fiel nur ſchweigend in ſeine vorige beobachtende Stellung zurück. Jetzt kamen die Männer;— der Steuermann ſchickte vier oder fünf der jungen Burſchen voran, und vorn auf der Back erzählte einer der Matroſen, ein Por⸗ tugieſe, den um ihn her ſtehenden Negern eine Geſchichte bei der ſich die Schaar wälzen wollte vor Lachen. „Hallo mein Burſche!“ rief der Steuermann da Einem von dieſen zu— es war der Kräftigſte der Schaar, eine rieſenſtarke Geſtalt mit breiten Schultern und ſehni gen Armen—„eile Dich daß wir mit der Geſchichte fertig werden, s' wird ſonſt Mittag und der Alte ſitzt noch immer unten und kritzelt.“ Der Gerufene folgte, zog die weißleinenen Hoſen die er trug über die Hüften herauf, ſtrich ſich das wollige Haar aus der Stirn, und ſtieg raſch die Treppe hinunter — nooch hatte er aber die unterſte Stufe nicht erreicht, als ihn ein Schlag an den Schädel traf und wie einen Sack zu Boden warf— der Schlag war mit einem blei⸗ gefüllten Rohr geführt und der Unglückliche in demſelben 4 5 3ſ 103 Augenblick feſt gebunden und geknebelt in die Vorratbs⸗ ſpintge geſchleppt. Fritz, der mit Schreiben emſig beſchäftigt war und mit dem Rücken nach der Treppe zu ſaß, hatte nicht die mindeſte Ahnung gehabt von ſolcher Gewaltthat, bis er den Fall hörte und ſich erſchreckt darnach umwandte. Ehe er aber auch nur einen Laut thun konnte, lag des alten Brendalls Hand ſchon auf ſeiner Schulter und dicht vor ſeiner Stirn ſah er die Mündung des geſpannten Piſtols, während der Alte, deſſen Augen jetzt in wildem und boshaften Grimm Feuer zu ſprühen ſchienen, ihm ins Ohr ziſchte: „Ein Wort— Schlange— und ich blaſe Dir das Hirn zum Dach hinaus, als ob's Spreu im Winde wäre— Hund verdammter hab ich Dich deßhalb zu mir an Bord genommen und Dich gefüttert und verſorgt, daß Du mir meine Wohlthaten mit Verrath und Hinterliſt lohnen ſollteſt?— Ruhe, Beſtie, einen Laut und Du biſt eine Leiche; ja es zuckt mir ſchon jetzt im Zeigefinger Dir den nur zu gut verdienten Lohn zu zahlen.“ „Hier wieder Einer herunter!“ rief in dieſem Augen⸗ blick aufs Neue die Stimme des Steuermannes—„Du da, Dicker, mach daß Du hinunter kommſt!“ Wieder wurden die Beine eines der Niederſteigenden ſichtbar, im nächſten Augenblick ſtand er unten und ſah hier mit einem Blick die Gefahr, die ihm drohte, aber es war zu ſpät, und noch während er entſetzt zurückſchreckte, traf ihn der Schlag, welcher ihn ebenfalls zu Boden ſchmetterte. Ein dritter, vierter und fünfter folgten auf dieſe Art 104 und der Capitän hätte mit dieſem ſchlau und teufliſch aus⸗ gedachten Plan leicht die Hälfte der Neger und jedenfalls die Stärkſten und Gefährlichſten der Schaar unſchädlich machen können, hätte nicht oben der alte Sambo, der vorn am Luhk ſeinen Platz behauptet, eine Art Controlle über die gehalten die hinunter gingen und die, welche unten im Zwiſchendeck wieder ſichtbar wurden. Cäſar war der erſte der dieſe Gefahr, die ihrem Plane drohte, merkte, und am Steuermann vorübergehend flüſterte er dieſem zu, den alten Burſchen da vorn von ſeiner Warte fortzurufen, der merke ſonſt Unrath.—. „Wollen ihm bald das Handwerk legen“ lachte der Steuermann leiſe vor ſich hin, und über Deck hinüber⸗ rufend nannte er Sambos Namen. Der Alte that als ob er nicht hörte. „Hallo, Sambo da vorn— geh doch einmal Einer von Euch und ſtoße den alten tauben Schuft in die Rip⸗ pen— Sambo zum Teufel, Mann, der Capitän ſehnt ſich nach Dir—“ „Ich aber nicht nach Capitain“ brummte der Alte, ohne ſeinen Platz zu verlaſſen, und rief dabei hinunter— „Congo— wo iſt Congo— ſchon lange niedergeſtiegen, hab ihn nicht wieder hier geſehen!?“ Der ſechſte war eben niedergeſtiegen und während auch dieſer unſchädlich gemacht und geknebelt wurde, ſprang Fritz, der es nicht länger ertragen konnte Zeuge ſolchen Verraths zu ſein, empor, ſtürzte aber auch in demſelben Augenblick, von des Capitains Fauſt getroffen, bewußtlos zu Boden. 3» 4 „Congo— wo iſt Congo?“ rief aber der Alte jetzt wieder oben an Deck lauter als vorher in das Zwiſchen⸗ deck hinunter—„was?— Congo noch nicht wieder vor⸗ gekommen? und Guinea?— auch nicht?— halt! halt dahinten!“— ſchrie er da plötzlich einem paar jungen Burſchen zu, die ſich ebenfalls fertig machten niederzuſteigen —„halt! noch welche unten— laßt erſt herauskommen.“ „Es iſt Niemand mehr unten Du ſchwarze Canaille!“ rief aber der Steuermann, kaum noch ſeine Wuth verbei⸗ ßend, daß der Alte ihren ganzen ſo ſchön angelegten Plan zu vernichten drohte—„macht fort Ihr Burſchen, was ſteht Ihr da und habt Maulaffen feil.“ „Sambo ſagt nicht gehen“ erwiederte der Eine von ihnen.— „Sambo ſoll verdammt ſein!“ brummte der Seemann, „macht daß Ihr hinunterkommt, und laßt die andern nicht warten.“ „Halt Sip— halt da— Verrath!“ kreiſchte aber in dieſem Augenblick des alten Negers Stimme über Deck, und Sip bedurfte keiner weiteren Warnung, denn der Steuermann zog auch zu gleicher Zeit ein verborgen ge⸗ haltenes Piſtol, während ſich die Matroſen plötzlich auf die erſchrockenen und überraſchten Neger warfen, und zu Boden ſchlugen, was ſich ihnen in den Weg ſtellte. So ganz unvorbereitet ſollten ſie dieſe aber nicht fin⸗ den; des Alten Schrei war gerade noch zur rechten Zeit gekommen, und ſich, wie ſchon früher verabredet, der näch⸗ ſten Handſpacken bemächtigend, leiſteten ſie den Seeleuten, die gar nicht darauf gerechnet hatten ſie auf ſolche Art 106 vorbereitet zu finden, hartnäckigen Widerſtand. Sip be⸗ ſonders, einer der kräftigſten Burſchen der Schaar, der ſchon ſo nahe daran geweſen war in die Höhle des Löwen niederzuſteigen, entglitt der nach ihm ausgeſtreckten Fauſt des Steuermanns, und das gebrochene Stück einer Hand⸗ ſpeiche aufgreifend, das erſt an dem Morgen dort gebraucht war die auf Deck liegenden Nothſpieren wieder zurecht zu rücken, ſchlug er damit den Steuermann dermaſſen über den Schädel, daß er zurücktaumelte, an die Cajütstreppe traf und rückwärts hinunterſtürzte. Das aber gab ſeinen Kameraden Zeit ſich zu ſam⸗ meln, denn die unten befindlichen Matroſen, die eben im Begriff geweſen waren an Deck zu ſtürmen den ihrigen beizuſtehen, wurden durch den ihnen in den Weg fallenden E Körper aufgehalten; raſch reinigten ſie auch den Vorder⸗ theil des Schiffes von allen Weißen, und ſchrieen dabei nach den, im Zwiſchendeck befindlichen heraufzukommen. 6 Dagegen hatte aber ſchon Cäſar ſeine Maßregeln ergriffen, denn kaum merkte dieſer daß die Neger Verrath gewittert, und ſich nun wahrſcheinlich zur Wehr ſetzen würden, als er mit einem der übrigen Seeleute, und ohne ſich weiter an den jetzt ausbrechenden Kampf der andern zu kehren, nach der Luke ſprang, von der die Treppe ſchon an dem Morgen weggenommen worden, und die ſchwere Klappe darüber ſchob, auf die der Mulatte dann noch zwei dazu bereit geſtellte ſchwere Maniokmehlſäcke warf. Sein Verrath an der eigenen Race ſollte abe mal ſchlimme Früchte tragen— Sip, der ſchr 107 durch Sambo von des Capitains ſchändlichen Abſichten ge⸗ hört, dem Mulatten den Tod geſchworen, denn nur durch deſſen Ueberredung waren ſie wirklich zu dem Schritt, ihrem vormaligen Herrn zu entfliehen, verleitet worden, ſah kaum durch welche teufliſche Liſt ihr Untergang be⸗ ſchloſſen war und jetzt ausgeführt werden ſollte, als er ſich, der eigenen Gefahr nicht mehr achtend, mit dem Kriegs⸗ ſchrei ſeines Stammes auf den Lippen, gegen den Mulat⸗ ten anwarf. Dieſer hörte den Schrei, und nur einen Blick auf den Angreifer werfend, erkannte er auch raſch genug die Gefahr die ihm drohte und wollte fliehen, aber es war zu ſpät, und als er den Feind ſchon dicht hinter ſich ſah, be⸗ hielt er nur eben noch Zeit ſich gegen ihn zu wenden und das Meſſer zu ziehen, das er an dieſem Morgen, wie alle übrigen Matroſen des Piraten, verſteckt unter dem weiten Oberhemde trug. Wohl zuckte er dieß gegen die anſtür⸗ mende Geſtalt, aber was half ihm der Stahl gegen den von Haß und Rache angefachten Grimm des Negers. Nieder zum Sprung bog ſich der, wie ein Tiger, der ſicheren Beute gegenüber und ſelbſt in dieſem Augenblick das keulenartige Holz das er in der Hand trug, ver⸗ ſchmähend, denn faſſen— faſſen wollte er ſein Opfer, ſchleuderte er es von ſich, und ſchnellte ſich in tollem An⸗ ſprung ſelbſt gegen den vorgehaltenen Sueßl des ſo furcht⸗ bar Bedrohten an. Wohl traf ihn das Meſſer in die Seite, und die Wunde war tödtlich, aber feſt, feſt in grimmer jauchzen⸗ Luſt krallten ſich die eiſernen Finger des Wüthen⸗ 108 den um die Kehle ſeines Opfers. Cäſar wollte ſchreien — aber er vermochte es nicht mehr— Einer der Leute ſprang zu und riß Sip zurück, ihn zu binden— denn ihr 8 eigener Vortheil war es das Leben der Sclaven ſo viel als möglich zu ſchonen— aber umſonſt; wie mit eiſernen † Klammern lag der Rächer über dem Sterbenden, und ſein Blick hing in furchtbarer Luſt an den ſchon im Todes⸗ 4 kampf entſtellten verzerrten Zügen. Jetzt hatte ſich aber auch Tom Brendall Bahn ge⸗ macht an Deck, an dem bewußtloſen Körper ſeines Steuer⸗ 1 35 mannes vorbei, und von den übrigen Leuten gefolgt warf er ſich in wildem Muth gegen die zuſammen geſchaarten und ihn feſt erwartenden Neger an. Beide Parteien wuß⸗ ten was ſie von einander zu erwarten hatten, aber Tom Brendall war ſich noch ganz beſonders bewußt wie dieſer Augenblick der noch erſten Beſtürzung, ein Theil der Neger gebunden, ein anderer Theil gerade jetzt noch im Zwiſchen⸗ deck abgeſchloſſen, nie wiederkehren würde. Siegte er jetzt 8 nicht, ſo gewannen die zum Aeußerſten getriebenen Neger das Schiff und er mit ſeiner Mannſchaft war verloren. Es gibt nichts Fürchterlicheres auf der Welt als der Kampf der Verzweiflung an Bord eines Schiffs— keine Rettung mehr in Flucht bleibt dem Beſiegten— rings um ihn liegt der Tod, und zu der qualvollen Angſt tritt Wuth und Grimm und macht zuletzt ſelbſt den Schwäch⸗ ſten zum Rieſen.. Nichts deſtoweniger half hier den unglücklichen Ver⸗ rathenen noch der Eigennutz ihrer Feinde; wen ſie tödteten von ihnen oder nur ſchwer verwundeten, wurde zum reinen A& 109 Verluſt, für den es nicht möglich war einen nur einiger⸗ maſſen guten Preis zu bekommen, und die Piraten wollten deßhalb auch im Anfang keinen Gebrauch von den Schieß⸗ waffen machen. Aber was halfen ihnen ihre Meſſer?— vorn auf der Back mit hochgeſchwungenen Handſpacken ſtan⸗ den die Neger, und wen ſie trafen der brach unter dem furchtbaren Streich zuſammen. „Wetter und Tod!“ ſchrie da der Alte, als ihr An⸗ ſturm eben wieder von den für ihr Leben kämpfenden Schwarzen zurückgeſchlagen worden und von unten her der Lärm krachenden Holzes an ſein Ohr traf—„die Ca⸗ naillen da unten brechen los— an die Cajüte zwei, und haut auf die Köpfe was den ſchwarzen Schädel oben zeigt.“ „Vorwärts denn, vorwärts!“ ſchrie aber auch in die⸗ ſem Ausenblick die grelle Stimme des alten Sambo— „zur Hilfe Jungen, daß wir die Kameraden frei bekommen, dann iſt das Schiff unſer, zu Hülfe!“ und von der Back niederſpringend warf er ſich in wildem Muth, von den Seinen aber dicht gefolgt, gegen die Piraten an. Dieſer Handſtreich war auch von ſolchem Erfolg, daß die Bedräng⸗ ten in dieſem erſten Anprall wirklich Mühe hatten ſich zu behaupten, während von der Cajüte her ſchon der wilde Schrei der anderen Neger tönte, die in grimmer Wuth die unten nach der Cajüte führende und raſch verſchloſſene und verrammelte Thür erbrochen hatten und ſich jetzt ihren Weg an Deck erzwangen. Nun war aber auch die Zeit vorbei, wo die Piraten ihre Opfer ſchonen durften, die Sclaven geſund und 110 bei ganzen Gliedern zu erhalten eigene Leben zu retten und des al Feuer! ſchallte über Deck. Die Wirkung war furchtbar, derblich— denn die Weißen riſſen von einer mitten auf Deck ſtehenden Kiſte, die erſt heute heraufgeſchafft und von den Negern noch gar nicht beachtet war, und die, ſchon fertig geladenen Gewehre heraus⸗ reißend, ſchlugen ſie den Tod in die Reihen der Feinde. „Vorwärts!“ ſchrie Sambo, der wohl einſah wie jetzt nur allein noch in jeder Todesverachtung ihre einzige Hoffnung auf Sieg beruhte„vorwärts!“ es war ſein letz⸗ tes Wort. Tom Brendall, die Piſtole faſt an ſeine Schläfe drückend, jagte ihm eine Kugel durchs Hirn und der nächſte Schuß ſchmetterte einen⸗ anderen zu Boden, der ſich eben auf ihn werfen wollte. Wohl brachen in dieſem Augenblick die übrigen, bis jetzt im Zwiſchendeck eingeſchloſſen gehaltenen Neger her⸗ auf, aber heißes Blei empfing ſie, und ehe ſie ſich ſam⸗ meln und vereinigen konnten, hatten die Piraten, die ihre Gewehre abgeſchoſſen und mit der geſpannten Piſtole in der Fauſt zum neuen Angriffe eilten, die entſetzten Neger vorn auf der Back eingeſchloſſen und bewältigt. Doch fort, fort von den Schrecken dieſes furchtbaren, unnatürlichen Kampfes;— als Fritz wieder zu ſich ſelber kam war Alles beendet, er ſelber aber fand ſich feſt ge⸗ ll neben ihm lagen , jetzt galt es wirklich das ten Brendall heiſerer Schrei und für die Neger ver⸗ plötzlich das Segeltuch bunden im untern Raum, und übera die gefeſſelten Geſtalten der Selaven. 111 — Vier Tage lag er in dem dumpfen, glühend heißen Raum, und meinte zu ſterben— vier Tage lang hörte er die Verwünſchungen und Schmerzenslaute ſeiner Nach⸗ barn, die den Tod herbeiſehnten, der ihnen wenigſtens Linderung ihrer Oual brächte. Viele waren davon ver⸗ wundet und lechzten nach Waſſer, den Fieberdurſt der ihr Zunge dörrte, zu löſchen; aber nur zweimal des Tags kam Einer der Leute, der Portugieſe, der jetzt des ge⸗ tödteten Kochs Stelle vertrat, herunter und brachte ihnen etwas hartes Schiffsbrod und einen Schluck Waſſer, ſie wenigſtens am Leben zu erhalten. Am vierten Abend hörten ſie den Anker in die Tiefe raſſeln und ſegneten die Stunde, denn irgend eine Aen⸗ 6 derung ihrer Lage, ſei ſie wie ſie wolle, mußte ihnen auch Linderung derſelben bringen— es konnte nicht fürch⸗ terlicher werden. Wohl hörten ſie an dem Tage oft Schritte und fremde Stimmen an Deck, aber Niemand kam herunter nach ihnen zu ſehen, ſelbſt der Koch blieb aus um die gewöhnliche Zeit, und es mußte ſchon wenigſtens zehn Uhr ſein, ehe er ihnen das ſpärliche und doch ſo heiß er⸗ ſehnte Mahl brachte. Ihm folgte dießmal der Capitain mit zweien der Leute, und Fritz wurde losgeſchloſſen von dem Pfahl an dem er lag, und in die hintere Vor⸗ rathskammer gebracht, wo man ihn allein liegen ließ, die 4 beiden Piraten aber, die ihn begleiteten, beantworteten keine der an ſie gerichteten Fragen. O wies wohl that ihm die friſche kühle Nachtluft, als ſie ihn auf Deck hoben und in ſein neues Gefängniß ge⸗ 112 leiteten; wie ſog er mit durſtigen Zügen den reinen und feuchten Hauch ein, der von den nahen Bergen herüber⸗ wehte— aber man ließ ihm keine Zeit auch das zu ge⸗ nießen, was Gott für alle Weſen gleich beſtimmt. Nur einen flüchtigen Blick konnte er umher werfen, und er ſah, daß ſie unfern einer großmächtigen Stadt ankerten, von der tauſend und tauſend Lichter zu ihnen herüber blitzten, und Berge umſchloſſen das Ganze,— da aber zwangen ihn ſeine Peiniger ſchon wieder in ſein Gefängniß hinab und Nacht umgab ihn— tiefe entſetzliche Nacht. „Weshalb nur der Alte den jungen Schuft nicht über Bord ſchickt?“ frug Einer von der Mannſchaft den an⸗ dern, als ſie die ſchmale Treppe wieder an Deck ſtiegen —„unten ſind Haie genug, die uns aller weiteren Mühe mit ihm überhöben— der Steuermann iſt überdieß fuchs⸗ wild, daß wir's nicht gleich gethan haben.“ „Der Alte will nicht“ brummte der, an den die Frage gerichtet worden;„er meint einen Steward müßten wir doch wieder haben, und liefen bei jedem andern Jun⸗ gen eben dieſelbe Gefahr; der hier iſt doch nun gewiſſer⸗ maſſen einmal eingebrochen“ ſetzte er hinzu,„und wird ſchon gut thun.“ „Hm, ich weiß nicht“ ſagte der Erſte wieder—„wo's einmal nicht im Blut liegt, thuts die Erziehung auch nicht ſogleich“ wie mein Vater immer zu ſagen pflegte, als er einen Paſtor aus mir machen wollte, und da hatte er ganz recht; der Paſtor lag mir einmal nicht im Blut, und ſo iſt es auch mit dem Jungen. Der Seeräuber liegt ihm nicht d'rin, und je eher wir ihn los werden, deſto beſſer 113 : einem Geſellen immer auf die Füße ſehen.“ 8 Die beiden Männer gingen wieder nach vorn an ihre Arbeit, und eine volle Woche hindurch ſah Fritz Nie⸗ manden weiter als den Koch, der ihm ſeine Gefangen⸗ koſt, jetzt aber auch dann und wann friſche tropiſche Früchte, und einmal ſogar ein Glas Wein brachte, daß er lauf dieſer Friſt hörte er daß der Anker wieder aufgewun⸗ den wurde; das Schiff zitterte bis in ſeinen Kiel hinab, als ſich die ſchwere Kette um die Ankerwinde wand— dann war Alles ruhig— das Fahrzeug legte ſich leicht auf die Seite— eine halbe Stunde etwa noch, und das † Stampfen und Steigen desſelben verrieth wieder offene See. Der arme Knabe ſank troſtlos auf ſein hartes Lager zurück, denn auf's Neue ward er hinausgeſchleppt in die weite See, in Geſellſchaft jener Schrecklichen, und was mußte jetzt ſein Loos ſein, wo er ganz und etiungölos in ihre Hände gegeben. Zehntes Capitel. Wie Fritz ein Feeräuber werden ſollte.— Die erſte Beute.— ganzen Bewegung des Schiffes gewonnen, daß ſie wirk⸗ lich wieder in See gegangen ſeien, als ſich die Thür des Gefängniſſes öffnete, und der Portugieſe zu ihm trat ſeine Ketten aufzuſchließen. Gerſtäcker, Fritz Wildau. 8 iſt's, oder— es thut kein Gut— der Teufel mag ſolch wieder zu Kräften kommen ſollte, wie er ſagte. Nach Ab⸗ Kaum hatte Fritz die feſte Ueberzeugung an der n 4 „Nun halt ſtill, mein Burſche“ ſagte er dabei,„und ſei von jetzt an vernünftig— der Capitain will ein Auge zudrücken und Dich frei geben, aber ich möchte nicht in Deiner Haut ſtecken, wenn er Dich zum zweiten Mal in fremdem Fahrwaſſer ertappt; deshalb halt' ein Auge offen, mein Junge, und ſei klug— Du wirſt am beſten wiſſen was Deiner Haut gut iſt.“ Unter ſolch wohlmeinender Warnung hatte der Por⸗ tugieſe den jungen Burſchen losgeſchloſſen, und als dieſer langſam aufſtand und ſich ſtreckte, die Glieder erſt wieder an die freie ungehinderte Bewegung zu gewöhnen, öffnete . jener die Thür und ſagte lachend: „Komm an, Kamerad, und ſieh zu daß Du den Alten erſt wieder zu Lee kriegſt; mußt aber tüchtig auf⸗ kreuzen, wenn Du's dahin bringen willſt.“ Fritz verſtand recht gut was der Matroſe damit meinte, war aber auch feſt entſchloſſen, es mochte daraus entſtehen was da wolle, dem Manne, der ihn unter fal⸗ ſchen Vorſpiegelungen zu einem ſolchen Leben verlockt, nicht ein Haarbreit zu weichen. Seines Lebens ohnedieß über⸗ drüßig, ſchien es ihm vollkommen gleichgültig, was der Böſewicht mit ihm machen konnte, und doch hatte er noch lange nicht alle Schreckniſſe dieſes furchtbaren Fahrzeugs geſehen, und ſollte noch Zeuge weit ſchlimmerer Scenen werden, als ſelbſt die erlebten geweſen waren— und Fritz glaubte doch, das ſei das Schrecklichſte was nur auf der Welt unter Menſchen geſchehen könne. „Hallo mein Burſche!“ rief ihm der Capitain ent⸗ gegen, als er die Cajüte betrat—„haben wir Dir die 115 Mucken ein wenig ausgetrieben? Eigentlich ſollteſt Du auch mit der Katze²“) Bekanntſchaft machen, und gelobt hatt' ich Dir's auch, ich will aber erſt noch einmal ver⸗ ſuchen was Güte im Stande iſt bei Dir auszurichten, und ich hoffe Du wirſt dann Deine Undankbarkeit bereuen und Dich beſſern— pfui über Dich, ſeine Wohlthäter an eine Bande Nigger ²¹) zu verrathen.“ „Ich bin Euch keine Dankbarkeit ſchuldig!“ rief da aber der Knabe trotzig und im vollen Bewußtſein ſeines Rechts—„als ich zu Euch an Bord kam, hielt ich Euch für ein ehrliches wackeres Schiff und nicht für— das was Ihr ſeid“— ſetzte er finſter hinzu,„und hättet Ihr mich meine Wege damals ungehindert ziehen laſſen, ſo arbeitete ich jetzt bei ehrlichen Leuten und wäre glücklich und zu⸗ frieden. Aber laßt mich jetzt frei und ich will's Euch noch nicht nachtragen für ſpätere Zeiten, es ſoll mir eine Warnung geweſen ſein für mein künftiges Leben, doch Dank habt Ihr wahrlich nicht zu fordern.“ Der Capitain ſchien über die kecke Rede des jungen Burſchen keineswegs böſe zu werden, er lachte im Gegen⸗ theil ſtill vor ſich hin, und ſagte ſchmunzelnd: „Es iſt mir lieb, mein Junge, daß Du Dich nicht ſo leicht einſchüchtern läßt— ich mag wohl keckes und muthiges Blut, nur— darf ſich's nicht nach der falſchen Richtung hin einſtemmen“ fuhr er drohend fort, und ſein Blick gewann etwas Kaltes, Furchtbares,„der Weg über Bord iſt kurz, und bedenke Fritz, es koſtet mich nur ein Wort,— wenn ich einmal wieder Urſache hätte un⸗ zufrieden mit Dir zu ſein. Aber”“— ſetzte er freundlicher 116 Lirsn,„Du wirſt ſchon vernün deige wden— Tauſende vor Dir ſind es gew⸗ orden, 15 eine alte Seemannsregel iſt die, nie höͤher in den Wons ze halten als man liegen kann— wenn man's Sthut, ſtraft ſich die Sache gewöhn⸗ lich gleich ſelber. Alſt wieder an Deine Arbeit mein Burſch— Porto hat ſelne Sache, was Geſchirraufwaſchen betrifft, nur höchſt mittelmäßig gemacht, ſeit Du außer Dienſt warſt, und es iſt Zeit, daß wieder Alles in Ord⸗ nung kommt— keine Rede weiter“ fiel er dem Knaben finſter. 193 Wort, als dieſer noch etwas ſagen wollte,„ver⸗ ſprächſt Du mir gut zu thun, ſo glaubt ich's Dir nicht eher, als bis ich's ſelber ſähe, und— alles Andere hilft Dir doch nichts weiter und kann nur Deine Lage ver⸗ ſchlimmern— alſo„rechts umgekehrt,“ wie ſie am Lande ſagen und fort mit Dir.“ Der„Alte“ wandte ſich ab, und Fritz, der recht gut wußte daß in dieſem Augenblick weitere Vorſtellungen doch Nichts helfen würden, verließ die Cajüte, und ging vor allen Dingen an Deck, ſich umzuſehen wo ſe ſich eigentlich befänden. Die„Turteltaube“ ſtand übrigens vor einer friſchen Briſe, mit allen Segeln wieder geſetzt, und zwar in einem Nordcours, nach See zu; und das kleine Fahrzeug ſah ſo blank und rein aus, als ob es eben erſt, friſch aufgetakelt und gemalt, vom Stapel gelaufen wäre. Von Negern konnte Fritz aber keine Spur mehr ern 1 die beiden, früher zur Bemannung gehörigen Cäſar der Mulatte und Jim waren verſchwunden, chwarzen, und das ſelbſt Zwiſchendeck unten lag mit den Lucken offen, frei und 1 4 1 4 . 7 5 f. 147 leer da. Fritz ſchaudertz, wenn er daran dachte was aus all den Unglücklichen geworden ſein mußte, aber er wagte es nicht nach ihnen zu fragen, und die wilden mürriſchen, oft von noch nicht vernarbten Wunden entſtellten Geſichter, die von allen Seiten finſter und drohend auf ihn blick⸗ ten, dienten wahrlich nicht dazu ihn die vergangenen Schreckensſeenen vergeſſen zu machen. Am Schlimmſten empfing ihn der Steuermann ſelber, dem eine mächtige, faſt noch friſche Wunde quer über die Stirn und Naſe lief, die ſeinem ohnehin ſchzn hFäßlichen Geſicht einen noch fürchterlichern Alusbruc gab— „Hinunter mit Dir wohin Du gehörſt n fuhr er den Knaben an—„Kröte, vermaledeite— was haſt Du hier oben herum zu ſpioniren; ſuchſt Du Deine ſchwarzen Schufte von Kameraden?— wär's nach mir gegangen, ſo brauchteſt Du Dich jetzt nicht lange nach ihnen umzuſehen— fort mit Dir und keine Widerrede, oder ich ſchlage Dir den Schädel zuſammen, und wenn tauſend Alte dazwiſchen ſtänden— Beſtie, verrätheriſche!“ und er ſtampfte vor innerem Grimm und Zorne mit dem Fuße. In Fritzes Herz drängte und trieb es, das Blut ſchoß ihm in die Schläfe und die Thränen traten ihm in's Auge vor Schmerz und Unmuth; aber was konnte er, ein Kind, gegen den zu Allem fähigen Verbrecher thun— er hätte ihm höchſtens willkommenen Grund zu neuen Miß⸗ handlungen gegeben. Im Innern jedoch ſchwor er ſich's die Schmach zu rächen, wenn ſich ihm einſt Gelegenheit dazu böte, und das erſte bittere Gefühl der Rache keimte 118 und ſproßte in dem jungen, bis jetzt noch reinen unver⸗ dorbenen Herzen. 4 6 Von dem Tag an trug er ein Meſſer im Gürtel, unter der Jacke— er wollte geſchützt ſein gegen Miß⸗ handlung dieſer Menſchen, und wenn ſie ihn zum Aeußer⸗ ſten trieben, ſo ſollten ſie wenigſtens den Stachel des Wurmes fühlen, den ihr rauher Fuß erbarmungslos zertreten. 4 An Bord gab es aber bald andere Dinge zu thun als einen Knaben zu mißhandeln. Die Ausgucker vom Maſt oben ſignaliſirten ſchon am zweiten Tag nach den erſt beſchriebenen Vorfällen ein Segel in Lee, und die Turteltaube— die trotz ihres jetzt ziemlich offenen Cha⸗ 6 rakters den friedlichen Namen noch immer beibehalten— hielt vor dem Winde faſt, nur in etwas der erhofften Beute die Bahn abſchneidend, gerade darauf zu. Es dauerte auch gar nicht lange bis ſie es weit genug ange⸗ laufen die Flagge zu erkennen, und es wies ſich bald als eine ſchwediſche Brig aus, die wahrſcheinlich nach einer der in Mittelamerika gelegenen holländiſchen oder franzöſi⸗ ſchen Beſitzungen hinüber wollte, die Produkte des heißen Südens für ihre kalte Heimath einzuhandeln und hinüber zu ſchaffen. Jetzt zeigte ſich übrigens der Charakter des Schooners, der von der Furcht des Feindes vielleicht gerade einen leichteren Erfolg für ſich erwartete, offen und frei.— Die Drehbaſſe, wie ſolche Art Kanonen genannt werden, ſtand, von jeder Hülle befreit, an Deck mit Munition dabei; die ¹ 149 Leute gingen bis an die Zähne mit Cutlaß oder kurzen Schwertern und Piſtolen bewaffnet, und ſchon in Schuß nähe des bedrohten Schiffes, als von deſſen Gaffel die ſchwediſche Flagge wehte, ſtieg bei ihnen das blutrothe Zeichen des Mordes empor und flatterte in der friſchen Briſe. An Bord des Schweden entſtand da plötzlich wilde Verwirrung, die Leute liefen hin und her und es war augenſcheinlich daß ſie das furchtbare Symbol des Piraten überraſcht hatte. Der„Hai“— denn ſelbſt der falſche Name, der nur auf einem ſchmalen bemalten Leinwand⸗ ſtreifen über den rechten bis jetzt gezogen war, wurde hin⸗ weggenommen— glitt indeſſen, aber ohne noch einen Schuß zu thun, ſo nahe an die Brig hinan, daß ſie die wildver⸗ worrenen Befehle an Bord hören konnten, als Tom Brendall das erſte Signal zum Feuern gab, und gleich darauf auch die ſicher gezielte Kugel in den Heck des Schiffes durch die Cajüte einſchlug. Der am Steuer ſtehende Matroſe verlor dabei den Kopf ſo vollkommen, daß er das arme Fahrzeug gerade vor dem Winde weghielt und dem Piraten die günſtigſte Gelegenheit bot mit ſeiner zweiten Kugel ſein ganzes Deck von hinten nach vorn zu beſtreichen. Der Steuermann des„Hai“ ſtänd ſelber an der Drehbaſſe, und ein wirklich teufliſches Lächeln flog über ſeine Züge, als er den Vortheil erkannte, der ihnen da⸗ durch geboten wurde. Er zögerte auch keinen Moment ihn zu benutzen, und der nächſte Schuß that furchtbare Wirkung an Bord der ihrem Geſchick verfallenen Brig. Durch eine Gruppe von Leuten ſchlagend, die auf em Quarterdeck verſammelt ſtanden, traf ſie, an dem Haupt⸗ maſt dicht vorbei ſtreichend, den vorderen Maſt, und die umherſchlagenden Splitter deſſelben, während das gewaltige Holz mit ſeiner Wucht von Segeln und Tauen ſchwerfällig über Bord ſchlug, verwundeten die Matroſen nach allen Richtungen hin. Die Brig war ein Wrack, und der Schooner voll⸗ kommen ſicher keinen weiteren Widerſtand zu finden, lief wenige Minuten ſpäter langſeit deſſelben, während aus dem Takelwerk heraus, in das ſie hineingeklettert waren leichter an Bord der Priſe zu kommen, die Piraten an Deck des Schweden ſprangen und ſich dort auf die wenigen, keinen Widerſtand leiſtenden Matroſen warfen, die ſie ohne weiteres banden und unter der Obhut ihrer Schaar ließen. Der Steuermann der Brig war durch die zweite Kugel getödtet, der Capitän durch einen Splitter der Schanzkleidung verwundet worden, und während die wilde beuteluſtige Schaar jetzt nach unten ſtrömte an Deck zu holen was der Mühe lohnte, forderte Tom Brendall den ſchwediſchen Capitain auf ihm ſein baar Geld oder was er ſonſt an werthvollen Sachen mit ſich führe, zu über⸗ liefern. Dieſer aber, ſo ſchon durch ſeine Wunde gepeinigt, biß die Zähne zuſammen und erklärte dem Piraten er möge ſein Schlimmſtes thun, aber das Geld bekäme er nicht— das ſei gut verſteckt und ſolle mit dem Schiffe ſchwimmen oder ſinken. „Dafür gibt's Mittel, mein alter Burſche“ lachte aber der Seeräuber,„derlei ſpröde Geſellen kommen uns oft 4 in unſerm Geſchäfte vor, und wir wiſſen wie wir ſie zu behandeln haben. Wenn Dir das Geld lieber iſt als das Leben Deiner Leute, ſo können wir uns nachher auch noch immer einen Spaß mit Dir ſelber machen. Alſo an Deck da drüben!“ ſchrie er einigen ſeiner Mannſchaft zu— —„ſchiebt die Planke über und laßt die Burſchen davorn einen nach dem andern ſpazieren gehen— bis ich Euch ſage daß es genug iſt. „Ay, ay Sir!“ tönte der bereitwillige Ruf der Henkersknechte, eine Planke war in wenigen Sekunden etwa ſechs Fuß hinaus über Bord geſchoben, während ſich ein Theil der Banditen auf das hintere Ende ſtellte es dort niederzuhalten, und den erſten beſten aus der Mannſchaft des unglücklichen Schiffes griffen ſie auf, banden ihn los und hießen ihn„hinausgehen.“ Der Arme kannte ſein Schickſal— es iſt das die gewöhnliche Art der Seeräuber, ſich ihrer Gefangenen zu entledigen, und ohne ein Wort zu ſagen, nur mit einem grimmen Blick von Haß und Wuth in den Zügen, ſchritt er gegen die Planke vor, dem Befehl zu gehorchen. Es war ein baumſtarker junger Burſch, eine wahre athletiſche Geſtalt, und einer der Piraten, der den Poſten eines Bootsmannes zu haben ſchien und jetzt an der Schanz⸗ kleidung bhntdüden Sprung des erſten Opfers mitan⸗ zuſehen, ſagte höhniſch lachend: „Wird einen tüchtigen Plumps in's Waſſer thun und ein delikater Biſſen für die Fiſche werden, bei Gott.“ „Sie dürfen die Leute nicht im der Art morden!“ rief aber jetzt der ſchwediſche Capitain und blickte in Todes⸗ angſt nach dem furchtbaren Schauſpiel— „Dürfen?“ höhnte aber der alte Tom Brendall. —„was dürfen wir nicht, und wer ſollte uns hindern? 4 — hinüber mit ihm—“ 4 —— „Alſo komm mein Püppchen, mach ſchnell!“ rief der 1 6 Bootsmann— „Gehe ſchon!“ rief der Schwede—„aber nicht allein!“ und ehe der Pirat auch nur einen Schrei der 6 Ueberraſchung ausſtoßen oder ſich gegen den Anfall ver⸗ theidigen oder ſchützen konnte, ſprang der alſo zum Tod Verdammte und zur Verzweiflung Getriebene auf ihn zu, 123 faßte ihn mit Rieſenſtärke, hob ihn auf wie ein Kind und riß ihn nach außen auf die Planke. „Hülfe!“ ſchrie in dem Augenblick der entſetzte Räu⸗ ber—„Hülfe!“ und ſeine Kameraden wollten zu ſeinem Beiſtand zuſpringen, dabei aber vergeſſend daß ſie gerade auf demſelben Brett ſtanden es im Gleichgewicht zu halten, verließen ſie kaum ihren Platz als das vordere Ende der Planke, noch ehe ſie den Schweden und ſein Opfer erreichen konnten, niederſchlug und beide Männer in der hoch über ihnen zuſammenſchlagenden Fluth verſanken. Der Bootsmann that ſein Beſtes wieder nach oben zu kommen, und die wirklich erſchreckten Räuber konnten ſelbſt tief in dem klaren Waſſer den Todeskampf der Männer ſchaudernd erkennen; aber eben ſo gut hätte er verſuchen mögen ſeine Glieder den eiſernen Fängen eines Schraubſtocks zu entziehen. Für den Schweden gab es keine Hoffnung mehr, das wußte er recht gut, und erbarm⸗ ungslos nahm er einen ſeiner Henker mit in die Tiefe. Der alte Brendall aber ſtampfte ingrimmig das Deck — der Bootsmann war Einer ſeiner beſten Leute geweſen, und der Trotz des Schweden diente nicht dazu ihn zu beſänftigen. Dieſen alſo unter der Obhut zweier ſeiner Leute laſſend, ſtieg er ſelbſt in die Cajüte hinunter nach irgend einem verſteckten Schatz zu ſuchen; nur unbedeutend war aber die Summe baaren Geldes die ſie fanden, und auch aus der Ladung, die meiſt in Mehl und einigen kurzen Waaren beſtand, ließ ſich wenig Vortheil ziehen. Wieder an Deck zurückkehrend, verſuchte er jetzt noch X 124 einmal die frühere Drohung auszuführen, aber umſonſt, der Schwede beharrte auf ſeinem Schweigen. „Thut mit uns was Ihr wollt, Hunde die Ihr ſeid!“ rief er im grimmen Trotz,„denn verriethe ich Dir auch unſer Gold, unſer Schickſal bliebe immer daſſelbe, Ihr mordet uns doch, um vor Verrath ſicher zu ſein.“ „Gut, dann ſollt ihr wenigſtens in Geſellſchaft die Reiſe machen“ ziſchte der Pirat zwiſchen den Zähnen durch, und ſein Ruf brachte die Gehilfen an Deck, die Mann⸗ ſchaft mit dem Capitain in ihrer Mitte, feſt um den noch ſtehenden Hauptmaſt anzuſchließen. Das geſchehen durchſtöberten ſie noch einmal das Schiff nach allen Enden, hoben ſelbſt die Pumpſtöcke heraus, um dort unten zu unterſuchen ob nicht der ſchlaue Schwede dieſen Platz einſt⸗ weilen zu ſeiner Schatzkammer gemacht habe; aber um⸗ ſonſt, ſie fanden Nichts weiter, als was oben offen in den Schränken gelegen, und die Wuth der, ſolcher Art ge⸗ täuſchten Piraten kannte keine Grenzen. „Sail ho!“*) rief da plötzlich Einer der Leute und als ſich Aller Blicke nach ihm wandten und der von ihm angezeigten Richtung mit den Augen folgten, ſahen ſie deutlich von Deck aus zwei Segel gerade zu windwärts, die, von der friſchen Vaiſe begünſtigt, raſch näher zu kom⸗ men ſchienen. Der alte Brendall nahm das Glas des Schweden, das über der Cajütstreppe lag, und ſchaute, auf das Seeiäßt) tretend, lange und aufmerkſam nach der neu 3) Gene in rSich. 125⁵5 auftauchenden Geſellſchaft hinüber— aber ſie ſchien ihm nicht zu gefallen, denn er rief ſeinen Steuermann und ließ ſich auch dieſen erſt überzeugen. Was die beiden Schiffe ſein mochten, wurde bald ſeinen Leuten ſowohl wie der Mannſchaft des eroberten Fahrzeugs klar, denn der Befehl zum Segeln rief augenblicklich ſämmtliche Piraten an Deck des fremden Schiffes. „Und nun Feuer in das Neſt hier und dann an Bord“ tönte des Capitains Stimme kalt und furchtbar an das Ohr der Gefeſſelten—„die Burſchen hier haben uns warm gemacht, und wir wollen ihnen Gleiches mit Gleichem vergelten.“ „Hallo da Bill, James, Redſhirt—!“ überſchrie der Steuermann das wilde Hurrah der Banditen—„bringt die Kohlen aus der Cambüſe?s), hier das Sparrenwerk im Zwiſchendeck wird bald nachhelfen, raſch meine Jungen— wir haben nicht viel Zeit mehr zu verlieren.“ Er brauchte den Befehl nicht zu wiederholen, die rohe Schaar, ohnedieß zur Wuth getrieben über alle ihre ge⸗ täuſchten Erwartungen wie den Tod des Kameraden, kehrte nach wenigen Minuten mit der, dem Feuerheerd entnom⸗ menen Gluth zurück. Im Zwiſchendeck aufgeſchüttet und mit allem was an Holzwerk loſe an Deck lag überworfen, ſtieg gleich darauf ſchon dichter Qualm empor, und als die Piraten unter den Verwünſchungen und Flüchen der Gefeſſelten mit wildem Jubel ihr kleines Fahrzeug ab⸗ ſtießen, ſchlug die Flamme lichterloh empor und ſua von der friſchen Briſe genährt, gewaltig um ſich. Aber auch der Hai hatte keine Zeit mehr zu ve 126 denn die näher und näher kommenden Fahrzeuge ließen ſich ſchon nicht mehr als Kriegsſchiffe verkennen, denen der kühne ſymmetriſche Bau der Maſten und das ganze Eigen⸗ thümliche der Takellage und Segel den nur zu deutlichen Ausdruck ihres Berufes geben. Es war ein volles Schiff und eine Corvette, von denen die letztere bei weitem das ſchnellere Fahrzeug zu ſein ſchien. Dort an Bord konnten ſie denn auch, was den Charakter der beiden alſo betrof⸗ fenen Fahrzeuge betraf, nicht lange im Zweifel bleiben, und die Corvette nahm nach einigen raſch gew⸗ ſelten Signalen, die Verfolgung auf, während die Fregatte auf das bren⸗ nende Schiff zuhielt, dort vielleicht noch zu retten, was zu retten wäre. Elftes Capitel. Weiteres Leben auf dem Viratenſchiff und mie Fritz zu einem verzweifelten Entſchluß kam. Fritz, der unter der ſtrengen Aufſicht des Kochs, ein entſetzter Zeuge des ganzen furchtbaren Auftritts⸗ geweſen war, hatte ſchon wirklich die Abſicht gehabt über Bord zu ſpringen und ſein Leben dran zu wagen den Un⸗ glücklichen an Bord des ſchwediſchen Schiffes Hülfe zu bringen. Ob aber der Koch etwas derartiges ahnte, oder ihn nicht einmal der Verſuchung dazu ausſetzen wollte, kurz er faßte den Knaben plötzlich, beſſerer Sicherheit wegen beim Kragen und führte ihn, als der Schooner eben die Taue gekappt hatte, die ihn noch an dem brennenden Schiffe feſt hielten, wieder in die Cajüte hinunter, die er 127 nicht verlaſſen durfte bis nicht eine weite Entfernung von dem Schauplatz der letzten Gräuel jeden Verſuch zur Hülfe doch unnütz gemacht hätte. Die letzte Hoffnung des Knaben war jetzt noch auf die verfolgende Corpette gerichtet, der der Schooner wieder dicht am Winde zu entgehen ſuchte, und dieſe ſchien ſich zu beſtätigen, da nicht einmal die Nacht ſie aus Feindes Bereich brachte. Der alte Brendall ſteuerte nämlich die Nacht hin⸗ durch den nämlichen Cours, weil er hoffte er würde bis nächſten Morgen genug nach windwärts gewonnen haben eine weitere Verfolgung unausführbar zu machen. Die Corvette lag aber faſt eben ſo dicht am Wind wie ſein Schooner und ſegelte beſſer, ſo daß die Verfolger jetzt ſchon in gar bedenkliche Nähe kamen. Die bis dahin ſehr leichte Briſe begünſtigte nur noch den erſteren und der Pirat beſchloß, von der nächſten Dunkelheit beſſeren Vortheil zu ziehen. Die zweite Nacht war denn auch kaum vollſtändig hereingebrochen, als der alte Pirat plötzlich dem Mann am Steuer befahl, gerade vor dem Wind weg zu halten; ſo liefen ſie unter dem Schutz der Dunkelheit etwa eine Stunde, bis ſie ſicher zu ſein glaubten das Fahrwaſ⸗ ſer ihres Verfolgers weit genug hinter ſich zu haben, von dort aus nicht mehr geſehen zu werden. Dann kam der Be⸗ fehl,„Segel nieder“ und fünf Minuten ſpäter lag der „Hai,“ ohne auch nur einen Zollbreit Leinwand der friſchen uiſ zu zeigen, mit nackten Spieren auf dem Waſſer, und vor Top und Tackel langſam nach Lee zu. 24 ſten Morgen war keine Spur mehr von fernen Horizont zu ſehen, und mit raſch 128 gehißter Leinwand hielt das Raubſchiff voll nach Süden hinunter. Wohinaus jetzt ihr Ziel lag mühte ſich Fritz ver⸗ gebens ab, zu errathen; ob ſich der alte Brendall nach den beiden letzten und theilweis verunglückten Verbrechen nicht mehr recht ſicher im atlantiſchen Ocean fühlte, oder ob er ein anderes Terrain für ſeine Thaten aufſuchen wollte, aber er hielt ſich, trotzdem daß ſie in den nächſten Tagen wieder mehre Segel trafen, gar nicht auf und blieb bei ſeinem Süd Cours den er, als ſie eine gewiſſe Breite ſüdlich vom Aequator erreicht hatten und die Paſſate⸗) allmählich verließen, mehr nach Weſten richtete, und nun bald keinen Zweifel mehr ließ, daß er Cap Horn zu um⸗ ſchiffen gedenke.— Das Leben an Bord war indeſſen ziemlich einförmig geworden, die Leute, denen jedenfalls der Plan ihres Ca⸗ pitäns bekannt gemacht worden, verrichteten eben nicht mehr wie die allernöthigſten Arbeiten, und auch der Haß gegen den Knaben ſchien ſich bei den Meiſten, nur nicht bei dem Steuermann— gelegt, wenigſtens gemildert zu haben. In der Erregung der letzten That war viel von der früheren verwiſcht worden, und ein glücklicher Fang, den ſie auf der Höhe von Buenos Ayres machten, ſchien ihnen den alten wilden Humor völlig wieder gegeben zu haben. Sie trafen und enterten dort nämlich ein fran⸗ 3 Kauffahrteiſchiff, das bedeutende, für Monte Vide Summen an Bord hatte— reiche Ber. Hände und ſie begnügten ſich anch,.S 2 4 3 5 — vorausgeſetzt daß er wirklich die amerikaniſche Flagge führt, ſonſt würde er ſich auch gar nicht viel um uns bekümmern.“ 3 „Das Beſte iſt's aber doch wir halten uns ſo dicht als möglich an die Inſeln hinan“ entgegnete ſein Vorge⸗ ſetzter nachdenklich—„unſere Papiere ſind vortrefflich nach⸗ gemacht und ſoweit in Ordnung, aber— beſſer iſt beſſer, und die Schufte an Bord eines ſolches Dampfers haben ja überhaupt weiter nichts zu thun als umherzuſchnüffeln, und ihre Naſen gerade immer dahin zu ſtecken, wo ſie am allerwenigſten verlangt werden. Sind wir aber dicht un⸗ ter den Riffen, oder gar zwiſchen ein paar ſolchen Inſeln drin, ſo müſſen ſis uns ſchon zufrieden laſſen, und thun ſie's nicht haben wir im ſchlimmſten Fall doch immer die Ausſicht ihnen in dem engen und gefährlichen Fahrwaſſer entgehen zu können. In offener See iſt das nicht möglich.“ Da der Schooner übrigens auch bis dahin dieſen Cours geſteuert hatte, brauchte er an ſeiner Richtung nur wenig zu verändern, an Segeln war auch ſchon Alles auf was ziehen wollte, und ſie liefen vor einer friſchen Briſe raſch der mehr und mehr auftauchenden Küſte näher, die ſie, wenn der Wind nur noch ein paar Stunden anhielt, ohne weitere Mühe vor dem herbeipuffenden Dampfer erreichen konnten. Der Capitain hatte übrigens vollkommen recht ver muthet, das ankommende Fahrzeug war wirklich ein Kriegs dampfer unter engliſcher Flagge, nach den Inſeln geſandt die franzöſiſchen Anſprüche, die neuerdings erhoben worden waren, zu überwachen. Piraten waren in damaliger Zeit auch etwas keineswegs ſeltenes in jenen Meeren, in denen ſie ſich hie und da ſelbſt jetzt noch zeigen, und die Kriegsſchiffe aller Nationen dazu angewieſen verdächtig ausſehende Fahrzeuge anzuhalten und zu unterſuchen. Der Hai ſollte aber dießmal nicht den ſchützenden Bereich der Riffe gewinnen, die Briſe wurde ſchwächer und ſchwächer, ſchwerfällig flappten ſchon die Segel an ihren Spieren und die See bekam jenen bleiernen, todten Glanz, der ihr in der Windſtille ſo eigen iſt. So nahe waren ſie aber doch ſchon an die nächſten Riffe hinange⸗ laufen daß eine Kugel recht gut hinüber getragen hätte, und Tom Brendall, ſo gern er auch aus dem Bereich des Dampfers gekommen wäre, durfte nicht wagen weiter darauf zu halten, da bei vollkommener Windſtille die hier ſtets nach Weſten ſetzende ziemlich ſtarke Strömung ſein Fahrzeug jedenfalls auf die Riffe getrieben haben würde, woo es rettungslos verloren geweſen wäre. Es blieb ihm in der That nichts anderes übrig, als, dem Dampfer jetzt recht in die Zähne, gerade nordwärts aufzuhalten, wo die Riffe nach Weſten abzulaufen ſchienen und eine Einfahrt geſtatteten, denn nach Süden dehnten ſie ſich in unabſeh⸗ barer Linie nieder und das Auge konnte ſogar weiter un⸗ teen der ſüdöſtlich vorſtreckenden weißſchäumenden Brandung folgen. Es war überhaupt hier ein recht fataler Platz einem ſtärkeren Feind zu begegnen, und Tom Brendall rückte unruhig ſeinen Wachstuch überzogenen Hut hin und her, wenn er die Blicke bald nach dem raſch herankom⸗ menden Dampfſchiff, bald nach der drohenden Küdenniihe hinüber ſchweiſen ließ. — 137 Fritz aber klopfte das Herz vor Freuden, als er das ſtattliche Schift mehr und mehr herankommen ſah, und der Gedanke ſtieg plötzlich in ihm auf, daß er ſich, ſollte wirklich Jemand von dort zu ihnen an Bord kommen, un⸗ bekümmert um die Folgen unter deſſen Schutz ſtellen, und dieß Schiff und Leben verlaſſen wolle. Mochte aber der Steuermann, der ihn nicht leicht aus den Augen ließ, etwas derartiges in ſeinen Augen geleſen, oder auch nur gefürchtet haben, er kam ihm zuvor, und als bald darauf wirklich ein Boot von Bord des Dampfers niedergelaſſen wurde und zu ihnen herüber ruderte, ſchickte er den Kna⸗ ben, mit einem der Leute als Wache, vorn in's Logis hinunter, und die Warnung die der alte Burſch' der zu Fritzens Hüter auserſehen worden, ihm gab, ſich hübſch ruhig zu verhalten, verrieth ihm unter welch' ſtrenger Auf⸗ ſicht er ſtehe, und wie gut ſeine Gefängnißwärter ſelber wußten daß ihm jetzt gerade ein Ausweg zur Flucht und Rettung offen ſtehe. Die Logiskappe oder die Klappe die bei ſchlechtem Wetter über das Logis gezogen wird, war natürlich nicht geſchloſſen, ein Luftſack oder Windfang aber der Hitze wegen hineingehangen, der die ſchwache Briſe ſo viel als mög⸗ lich auffangen und in den unteren ſonſt entſetzlich ſchwülen Raum führen ſollte— dieſer füllte die ſchmale Treppe auch faſt aus und verdunkelte das Vorcaſtle derart, daß man ohne Licht ſelbſt am hellen Tage unten Nichts ſehen konnte. Die Lampe war aber jetzt ausgelöſcht— die Leute von dem fremden Schiff ſollten auch hier unten Nichts ausſpioniren können. 138 Fritz hörte bald darauf das Anrufen des Schooners, und die langgezogenen Töne der Antwort ihres Capitains — der Name der„Turteltaube“ war wieder über den „Hai“ geſpannt, und das Fahrzeug ging unter der unſchul⸗ digen harmloſen Decke eines Jankee⸗Händlers, der hier in die Südſee gekommen war, gegen allerlei Kleinigkeiten Cocosnußöl und Perlmuttermuſcheln oder auch wohl Sper⸗ macetithran von den Wallfiſchfängern einzutauſchen. Fritz vernahm dann deutlich wie das Boot langſeit kam, wie die Fremden an Deck traten, und hinten mit dem Capi⸗ tain in die Cajüte gingen. Bill, der Matroſe der mit Fritz im Logis war, hätte übrigens auch gern geſehen was oben vorging, drückte ſich daher neben dem Windfang vorbei, und blieb oben in der Treppe ſtehen— der arme Knabe fand ſich dadurch auch von jeder Hoffnung auf Flucht vollſtändig abgeſchnitten, und ſetzte ſich ſtill auf eine der Kiſten hin, die, den Leu⸗ ten gehörig, überall umher ſtanden, ſeinen Thränen freien und ungeſtörten Lauf zu laſſen. Eine halbe Stunde mochten die Fremden wohl an Bord ſein, und deutlich konnte er indeſſen, gar nicht weit von ihnen entfernt, den Dampfer hören, der aus ſeinen Sicherheits⸗Ventilen den Dampf ausblies— ja ſogar das Aufſchlagen der Radbretter auf das Waſſer ließ ſich unter⸗ ſcheiden— das Kriegsſchiff konnte keinen Büchſenſchuß von ihnen entfernt liegen. „Na endlich“ brummte da Bill, dem da oben auf der Treppe die Zeit ſchon herzlich lang geworden— 139 „haben ſich die Schnüffelhunde nun genug vorlügen laſſen? — puh, s'iſt Alles ordentlich blau geworden.“ Draußen im Boot hörte Fritz das Einlegen der Ruder und dicht am Bug vorbei kehrte die Jölle wieder an Bord des Kriegsdampfers zurück. Bill ſtieg an Deck ihnen nachzuſehen. Aber in dem Knaben rang auch ein gewal⸗ tiger Entſchluß— Jetzt oder nie flüſterte er leiſe in ſich hinein, und hielt ſich mit beiden Händen das Herz, als ob er fürchte daß es ihm die Bruſt zerſprengen müſſe. Lange überlegen durfte er aber ebenfalls nicht— noch war das Boot in nur kurzer Entfernung von dem Schoo⸗ ner, doch jeder Ruderſchlag trieb es weiter ab, und ließ ihn rettungslos zurück. Bill war oben von der Treppe getreten— das volle Ausblähen des Luftſacks verrieth dem Knaben daß er die Kappe jedenfalls verlaſſen habe— aber oben auf der Back hörte er Stimmen— ein Theil der Mannſchaft ſtand jedenfalls dort, dem Boote nachzuſehen— oh nur einen Blick hätte er hinausthun mögen in's Freie. Ein⸗ mal aber mit dem Bewußtſein frei werden zu können, trieb es ihn auch mit einer, ihm ſpäter ſelber unbegreif⸗ lichen Gewalt einem entſcheidenden Schritt entgegen. Das kleine Meſſer das er im Gürtel trug zog er und faßte es krampfhaft in der Hand— im Nu hatte er ſich die Schuh von den Füßen geſtreift, die Jacke abgeworfen, und mit wenigen Sätzen war er oben an der Treppe. Die Bahn war frei— aber an der Schanzkleidung ſtand der Koch mit dem Steuermann— auf der Back vier oder fünf andere mehr— es galt ihm gleich er mußte hin⸗ 44 — ſſſſſ ——— über, und wenn es ſein Tod und Verderben geweſen wäre, nur fort von hier— und mit einem Sprung war er hinüber an der Schanzkleidung und hinauf. „Halt ihn!“ ſchrie da Bill der auf der andern Seite geſtanden und den er gar nicht geſehen—„halt ihn“ 8 und der Steuermann fuhr in demſelben Augenblick zu— * die ausgeſtreckten Finger berührten ſchon ſein Bein, aber mit gellendem Aufſchrei warf ſich der, jetzt zum Tode er⸗ ſchreckte aber auch zur Verzweiflung getriebene Knabe vom Bord nieder, und wenige Sekunden ſpäter ſchlug die Fluth über ihm zuſammen. Das Boot des Kriegsſchiffes hatte den Schooner kaum über zweihundert Schritt verlaſſen als die Ruderer, die mit dem Rücken nach vorn zugekehrt ſitzen, den Sprung des Knaben in's Waſſer ſahen und wie auf Commando ihre Riemen hoch hielten. „Was gibt's?“ frug der Lieutenant, der das Boot befehligte. „Mann über Bord an Bord des Schooners Sir“ ſagte der eine der Matroſen— der Lieutenant ſchaute ſich raſch nach dem Fahrzeug um, und die Bewegung ſeiner Hand lenkte den Bug des ſcharf gebauten Bootes raſch wieder dem Schooner zu, wo es ſich gar nicht verkennen ließ, daß etwas außerordentliches vorgegangen war. Der Steuermann raſte hier in wilder Wuth, war auf die Back geſprungen und ſein breites Meſſer aus der Scheide reißend, ſchleuderte er es in blinder Wuth nach dem pfe des eben wieder auftauchenden Knaben.— Kaum Zollbreit von ſeinem Nacken entfernt ziſchte es harm⸗ 141 los in die Fluth und ſank in die Tiefe und der blut⸗ gierige Burſch, dem auch wohl die Gefahr vorſchwebte der ſie jetzt entgegen gingen, und der nur Rache haben wollte an dem, den er einen Verräther nannte, ſchrie nach einer Büchſe dem jetzt mit aller Kraft dem fremden Boot zuſchwimmenden Knaben den Schädel zu zerſchmettern. Bill verſuchte zu gleicher Zeit ein anderes Mittel, den Flüchtling einzuſchüchtern und an Bord zurückzutreiben. „Ein Hai— Fritz— ein Hai!“ ſchrie er aus Leibeskräften—„hier nimm das Tau— da drüben iſt er— Fritz hörte aber die Rufe gar nicht, oder achtete ihrer nicht, denn ſelbſt die fürchterlichen Zähne eines Hai hatten in dieſem Augenblick ihre Schrecken für ihn ver⸗ loren. Fort— fort von hier war der einzige Gedanke der ihn belebte, und bewußtlos faſt, nur mit dem einen inſtinktartigen Gefühl des Schwimmers, ſich über Waſſer zu halten, und dem Ziele zuſtrebend das ihm, wenn auch unbeſtimmt in dem dunklen Schatten des Bootes vor den Augen flimmerte, trieb es ihn dieſem entgegen. „Zurück!“ tönte der Befehl des Offiziers im Boot, die ſechszehn Riemen des Bootes fielen mit einem Schlag zurück in's Waſſer, und im nächſten Moment ſchoß der ſcharfe Bug auf den Schwimmer zu. „Eine Büchſe— eine Büchſe!“— ſchrie, das Deck ſtampfend in wilder Wuth der Steuermann, und Einer der Leute reichte ihm in demſelben Moment ein geladenes Gewehr, als ſich das Boot ſchon dem Flüchtling näherte.— „Hallo da Sir!“ rief ihm der Offizier zu, der mit Erſtaunen ſah, daß Jemand an Bord des Schooners das Gewehr aufgriff, wirklich nach dem Knaben zu ſchießen— „halt ein da, wir kriegen den Burſchen, wenn er etwas verbrochen hat.“ Seine Worte waren kaum den Lippen entflohen als der helle Strahl aus dem Rohr zuckte, die furchtbare Auf⸗ regung des Zielenden ließ den ſonſt ſicheren Schützen aber ſein Ziel verfehlen, und ſo nahe war das Boot indeß ge⸗ kommen, daß ſie denſelben Riemen traf und durchbohrte, den Einer der Leute dem Schwimmenden hinüberhielt. „Peſt und Gift, was iſt das?“ fluchte aber der Lieu⸗ tenant, ärgerlich nach dem Schooner hinüber ſchauend— „nehmt ihn in's Boot ihr Leute, ich will doch ſehen.“— Sechs nervige Arme ſtreckten ſich nach dem Flüchtling⸗ aus, aber noch hatten ſie ihn nicht aus dem Waſſer als 143 er, mit vor Erſchöpfung und Aufregung faſt erſtickter Stimme rief— „Der Hai— Sir— der Hai!“ „S'iſt kein Hai hinter Dir, mein armer Burſche, 4 lachte aber der Lieutenant, der natürlich vermuthen mußte, es habe ſich dieſer von einem Ungeheuer der Tiefe bedroht geglaubt,„aber ſchlimmerer Feind als der ſchickte Dir einen Todesboten nach.“. „Schlimmerer Feind?“ rief aber der Knabe, jetzt vollſtändig hineingehoben in das Boot, entſetzt zurückſchauend —„das iſt der Schlimmſte,“ und auf den Schooner deutend bat er mit wilder angſtvoller Stimme—„fort von hier— fort— ſie richten ſchon ihr Rohr nach uns— das iſt der Hai— das iſt der Hai— das der furchtbare Pirat der mich gefangen gehalten hat als ſeinen Knecht.“ „Der Hai?“ fuhr der Offizier ſchnell und über⸗ raſcht empor—„das der Hai— beim Himmel die Schufte ſind glaub' ich thöricht genug auf uns zu ſchießen“, ſetzte er aber ſchnell hinzu, denn eine Bewegung vorn an Bord ſchien allerdings etwas derartiges zu verrathen, und des Knaben Behauptung zu beſtätigen. Ehe er auch nur in ſeiner erſten Unſchlüſſigkeit wußte was er thun ſollte, an Bord des Räuberſchiffs zurückkehren und auf Grund der Anzeige hin noch einmal die Unterſuchung zu beginnen, oder raſch an Bord ſeines eigenen Schiffes zu rudern, machte der Pirat ſelber ſeinen Zweifeln ein raſches Ende. „Sie feuern bei Gott!“ ſchrie Einer der Seeleute und in demſelben Augenblick faſt, wo ſie den gelben Strahl herüberzucken ſahen, ſchmetterte der eiſerne Todesbote zwi⸗ hinein, und drei Mann brachen todt zuſammen als im nächſten Augenblick auch ſchon die See über dem ſinkenden Boot zuſammenſchlug. Ein Triumphgeſchrei vom Bord des„Hai“ folgte dem gelungenen Schuß, aber nur von einem Theil der Mannſchaft, denn der alte Tom Brendall, der noch nicht einmal von der Flucht ſeines Jungen wußte, ſtürzte mit einer raſch aufgegriffenen Piſtole nach vorn, den, der wie er glaubte ſein Schiff ſolcher Art verrathen, ſelber nieder⸗ zuſchießen. Aber der nächſte Augenblick brachte nöthigere Arbeit für ſie ſelber, als Einzelnrache, denn faſt wie der Widerhall dieſes Schuſſes tönte es vom Bord des Dam⸗ pfers herüber, und die erſte Kugel von dort ſchlug zwi⸗ ſchen ihren beiden großen Segeln durch, die Vorſtengen⸗ pardune?s) zerſchneidend, daß das ſchwere Tau wie eine zerſprengte Kette an Deck ſchlug. Der alte Brendall war ein zu alter Seemann und in der Schule der Verbrechen zu ſehr ergraut um nicht zu wiſſen, daß ihm jetzt, was auch geſchehen ſein mochte ſeine ſpätere Rache oder Strafe zu fordern, nicht ein an⸗ derer Augenblick bleibe ſein Schiff aus der drohendſten Gefahr zu retten, in der es je geweſen. Der Kampf war einmal begonnen und mußte unterhalten werden, denn ein glücklicher Schuß konnte eben ſo leicht die Maſchine des feindlichen Schiffes erreichen und gefahrlos machen; während daher ſeine erſten Befehle der Regierung des Schooners ſelber galten, die Spieren herum zu werfen und Flucht in der einzigen Richtung zu verſuchen, die ihm noch einen Schatten von Möglichkeit bot, richtete ſein zweiter 145 Ruf den langen Lauf ſeiner Drehbaſſe wieder in verzwei⸗ feltem Muth dem Dampfer zu, und er hatte die Genug⸗ thuung ſeinen eiſernen Boten dort drüben einſchlagen und die Splitter umherſchleudern zu ſehen. Sein Triumph ſollte aber nicht lange dauern, denn während der Bug, dem Steuer gehorchend, die neue Bahn ſuchte zwiſchen die Riffe hinein, ziſchte es von drüben her⸗ über in ſchwerer Salve, und noch ehe der Schlag der Ge⸗ ſchützſtücke an ihr Ohr dröhnte, riß eine Kugel die Dreh⸗ baſſe von ihrer Montirung, während eine andere den Vor⸗ maſt gerade im Herzen traf, und mit dem Druck der Segel im Nu über Bord ſandte. Der Hai war ein Wrack, und eine zweite Salve, die ihn an mehren Stellen zwiſchen Wind und Waſſer faßte, beſiegelte ſein Schickſal. „Halloh, meine Burſchen!“ ſchrie aber der alte Brendall, deſſen Grimm mit der Gefahr wuchs, die ihn bedrohte,„her zu mir, wir wollen dem Schuft da drüben doch zeigen, daß wir wie Männer zu ſterben wiſ⸗ ſen und nicht daran denken ſeine Raanocken zu zieren²³) — er mag uns holen wenn er uns haben will. Peſt noch einmal, ich wollte ich könnte dem zweiten Boot da drüben noch eine Kugel hinüberſchicken.“ Der Ausruf galt dem andern Boote des Dampfers, 4 das faſt in derſelben Minute niedergelaſſen wurde, als des Steuermanns Kugel in ſo verrätheriſcher Weiſe das erſte traf, und jetzt eben die ſchwimmenden Kameraden mit dem Knaben, der ſich an die treibenden Trümmer geklammert auffiſchte. 8 Gerſtäcker, Fritz Wildau. inein, und ächſten Augt Zoot zuſamm Ein T em gelunge Nannſchaft, inmal von iner raſch 4 r glaubte zuſchießen. Arbeit für Widerhall d pfers herübz ſchen ihren pardune?s) zerſprengte 4 Der in der Schul wiſſen, daß ſeine ſpätere derer Augen Gefahr zu war einmal ein glücklich des feindlich während da Schooners ſ Flucht in d einen Scha 146* „Mit der Jölle können wir ühkn vielleicht noch den Rückweg abſchneiden!“ ſchrie der Steuermann, der von vieren der Leute gefolgt nach hinten ſprang—„ſie haben keine Waffen mit, und ſchwer geladen wie ſie ſind, können ſie ſich gar nicht vertheidigen.“ „Das iſt Wahnſinn!“ rief aber der Capitain, wäh⸗ rend der Steuermann jedoch ſchon das kleine Boot nieder⸗ ließ und ein Gewehr aus der Waffenkiſte riß—„laßt das Boot oben, wer weiß ob wirs nicht noch zur Rettung brauchen.“ 8 „Das wiſſen wir eben“ lachte aber der Steuermann zurück, und während die Leute, mit denen er ſich ſchon jedenfalls vorher beſprochen, wie die Katzen von Bord hin⸗ unterglitten und die Jölle abſtießen, ſprang er nach und die raſch eingelegten Ruder wie die Richtung, die er nahm, zeigten nur zu bald, daß er keineswegs geſonnen ſei den thörichten Kampf mit dem ihnen dreifach an Zahl überlegenen Boot aufzunehmen, ſondern ſein Heil in der Flucht ſuchen und die Kameraden, über deren Köpfe er hauptſächlich das raſche Gericht der Rache herbeigerufen, ſchmählich verrathen ind ihrem Schickſal überlaſſen wolle. „ Hund!“ ſchrie der Capitain in voller Wuth, als er ie Abſicht ſeines erſten Offiziers errieth, und nach den Gewehren ſpringend riß er eines empor und drückte auf den Flüchtigen ab. Die Kugel ſtreifte deſſen Arm, fuhr aber harmlos durch den Bootsrand und ehe er eine zweite Waffe holen konnte, war das kleine ſcharfgebaute Fahrzeug zwiſchen der Brandung der Riffe, in die hinein es jeden⸗ falls ſeine Bahn gefunden, verſchwunden. Der Dampfer kam indeß heran und der Ruf ſich zu ergeben ſchallte von dort herüber. Der alte Brendall ſelber holte als Antwort eine weiße Flagge und zog ſie am Gaffelfall empor, als aber ein vollbemanntes Boot von dem Engländer herübergeſandt wurde den Piraten in Beſitz zu nehmen, empfing die Leute eine volle Musketenſalve und tödtete ſieben oder acht von ihnen. Als Antwort auf ſolche nichtswürdige Verrätherei krachte eine volle Salve herüber, und als ſich der Rauch verzog, ſank das Räuberſchiff langſam, von den gewaltigen Ku⸗ geln zerriſſen, in die Tiefe. Aber nur wenige der Schaar konnten von den darnach ausgeſandten Booten lebendig eingefangen werden; noch im Waſſer kämpften ſie mit ihren Meſſern wie Verzweifelte. Sie wußten welches Loos ihrer harre und zogen den ehrenvollen Tod im Waſſer dem vor, der ihnen an Bord des Kriegsſchiffes als nur zu wohl verdienter Lohn ihrer Thaten geworden wäre. Der alte Brendall hatte ſeinem Leben ſelbſt mit einer Piſtolenkugel ein Ende gemacht. Zwölftes Capitel. Ein Beſuch auf den Tonga Inſeln, und wie ſich Fritz ſeinen Natur- forſcher gegen einen Häuptling auswechſelte. Die entſetzliche Aufregung der vorigen Stunden war aber für die ohnedieß angegriffene Natur des Knaben zu viel geweſen; er bekam ein hitziges Fieber und lag lange 10* lange Wochen zwiſchen Leben und Skerben an Bord des Dampfers, wo ihm jedoch jede nur mögliche Pflege wurde. Seine gute Natur ſiegte endlich über die Schwäche des Körpers— in dem balſamiſchen Klima jener Zone trug die Luft ebenfalls das ihrige dazu bei, und er erholte ſich endlich zwar langſam aber doch vollſtändig wieder. Als er nun ſo weit war, ohne Gefahr eines Rück⸗ falles, an ihn gerichtete Fragen zu beantworten, und die 1 vergangenen Bilder ſeines jetzt, Gott ſei Dank, über⸗ ſtandenen Leids vor ſeinem inneren Geiſt heraufbeſchwören zu können, mußte er dem Capitain des Dampfers einen treuen Bericht über den Charakter des geheimnißvollen Schooners abſtatten, und er that das ſo genau und um⸗ ſtändlich als er es ſelber im Stande war. Jetzt erfuhr er auch, daß ein Boot mit fünf Mann wirklich zwiſchen die Riffe entkommen ſei, und trotz den danach ausgeſandten Booten, die Tagelang darauf ver⸗ wandt hatten die Flüchtigen einzufangen, nicht wieder hatte gefunden werden können. Möglich übrigens auch, daß es ſpäter doch in den Riffen verunglückt war, denn die Leute von dem Kriegsſchiffe hatten die Trümmer eines Bootes zwiſchen den kleinen Coralleninſeln treiben ſehen. Fritz war jetzt wie neu geboren; obgleich ihm aber der Capitain freundlich anbot ihn bei ſich an Bord, eben⸗ falls als Steward zu behalten, bis er ihn einmal ſpäter nach England oder Amerika ruit zurücknehmen könne, hatte er das Leben auf dem Waſſer, durch den gezwungenen furchtbaren Aufenthalt an Bord des Piraten, doch ſo ſatt 1 149 bekommen, daß er dringend bat ihn an der erſten europäi⸗ ſchen Anſiedlung, die ſie berühren würden, auszuſetzen. Der Capitain des Dampfers ſagte ihm das gern zu, verſicherte ihm aber auch, daß der Platz noch ziemlich fern liege, da er gerade erſt vor wenigen Wochen Kohlen in Valparaiſo eingenommen habe und nun dinekt nach den indiſchen Beſitzungen beſtimmt ſei, die er ſobald als mög⸗ lich zu erreichen wünſche. Der einzige Platz wo er unter⸗ wegs anzulegen habe ſei Java, um dort Depeſchen für das engliſche Conſulat abzuliefern; dort wolle er ihn laſſen und da finde er ja auch Landsleute genug die ſich, auf ſeine eigene Empfehlung hin, ſeiner annehmen würden. Fritz hatte keine Wahl weiter, als eine Fahrt nach Indien, fand aber auch bald daß er in keiner Hinſicht zu bereuen habe, an Bord des„Flying fish'e wie der Dampfer hieß, gekommen zu ſein, denn nicht allein daß er von der ganzen Mannſchaft, die mit dem geſpannteſten Intereſſe und manchem leiſe gemurmelten oder laut aus⸗ geſtoßenem Fluch ſeinen Erzählungen vom Bord des Pira⸗ ten lauſchte, auf das freundlichſte behandelt wurde, ſondern er machte hier auch noch eine eben ſo angenehme, wie ihm nützliche Bekanntſchaft. An Bord des Flying fish befand ſich nämlich ein Naturforſcher, der mit Empfehlung der engliſchen Regie⸗ rung Paſſage nach Samarang auf Java bekommen hatte, dort eine Zeitlang im Innern umherzureiſen und Samm⸗ lungen zu machen. Dieſer gewann den Knaben mit ſeinem offenen treuherzigen Weſen bald ſo lieb, daß er ihn auf⸗ forderte bei ihm zu bleiben, und Fritz ſelber fühlte “ — 150 dem kleinen dünnen Männchen, das ganz prächtig zu er⸗ zählen wußte und ſchon unendlich viel geſehen hatte in der Welt, hingezogen. Schon nach kurzer Zeit waren ſie ſo vertraut mit einander geworden, daß Fritz ihm ſeine ganze Lebensgeſchichte— einfach genug bis zu dem letzten Jahre — erzählt hatte und da ſein treues blaues Auge dabei der beſte Bürge der Wahrheit blieb, beſchloß Mr. Evans, ſo hieß der Naturforſcher— ihn, ſo lange es ihm ſelber da gefallen würde, bei ſich zu behalten. Der Dampfer hatte indeſſen in dem ruhigen Waſſer dieſer Seeen„bei faſt gänzlicher Windſtille, raſchen Fort⸗ gang gemacht, die Hitze aber, theils auch der Wunſch die Monotonie einer ſo langen Reiſe zu unterbrechen, ver⸗ anlaßte den Capitain ſich den Inſeln, aus deren Bereich er bis jetzt, der vielen Riffe wegen hinausgehalten, wieder etwas zu nähern, und eine von ihnen anzulaufen, Früchte an Bord zu nehmen. Die Navigators Inſeln zu Starbord laſſend, hielten ſie einen Weſt Süd Weſtcours, und ſichteten bald darauf eine Inſel am Horizont, die der Capitain des Dampfers für Vavaoo, die nördlichſte der„freundlichen 3 2 Inſeln“ erklärte. Die Nacht hindurch legten ſie bei, und am andern Morgen, ſchon vor Tag ihren Cours wieder aufnehmend, fanden ſie ſich bald unweit der Riffe, wohin ihnen ſchon ein ganzer Schwarm von mit Leuten beſetzten Canves entgegen kam. So gern dieſe Inſulaner aber auch ſonſt wohl ein Schiff anlaufen ſahen und Handel treiben mochten, kamen ſie kaum nahe genug die Räder zu erkennen, die mit furcht⸗ 42 . er beorderte ein gleiten durften. Vo achtet worden, als aben und ſich der Küſte nähe daß ſie von dem nichts 3 raſch zum Ufer wieder es jetzt aber keineswegs mehr ſo f in ihren ſchwanken Fahrzeugen ſtie ſchwenkten; die Sache hatte ſich jetz wollten ſie die Weißen beſuchen d deren Erlaubniß dazu einfordern und ſich len erwerben, nun aber kamen die Weiß ſie hatten zu ſagen, ob die Begegnung freund lich ſein ſollte— das große Schiff ſchoß d während gerade in die Luft hinein(ſie hielte die kleinen Röhren durch die der Dampf der as Maſchine nach oben gelaſſen wurde, für eine wu Art von Kanonen) und konnte ihnen auf die Ark viel Schaden thun. Es war eine ſteattliche Schaar von Kriegern, rhaken wichtigen Hand und kt, ihrer hei⸗ es, als ob ſie en wollten; ſie Strande, wo das Jegungen, die ſie mit i, ſahen nichts weniger In der That hatten ſie ord ihres eigenen Schiffes lten ſich dagegen gar nicht ihrer Inſel zu geſtatten, da ſie dem Beſuch der weißen Männer klich nicht wünſchten derlei muthwillig 7 der das Boot des Flying fish befehligte, lich nicht an einer Inſel gelandet, deren Von oft genug Beweiſe gegeben hatten wie he manchmal den nahenden Europäern geſinnt Vne ſeine Leute ordentlich bewaffnet zu haben; mit hagen Ordre ſeines Capitains aber, unter keiner gung unnützer Weiſe von den Waffen Gebrauch zu ſen, und nur zu eigener Nothwehr Blut zu vergießen, Ite er auch jetzt zu einer friedlichen Verſtändigung zu Emmen, und vorn in das Boot tretend und aufrecht darin Harniſch hatte er aber einen Schnürleib, der Gott weiß 153 ſtehen bleibend, ſchwenkte er ein weißes Tuch als Zeichen der Freundſchaft. Die Matroſen lagen indeß auf ihren Rudern, die Wirkung abzuwarten die der freundliche Gruß auf die In⸗ ſulaner haben würde, und zwiſchen dieſen herrſchte denn auch in der That plötzlich eine ganz eigenthümliche Beweg⸗ ung. Sie drängten unter einander hin und her, und wenn Einzelne für das Landen der Fremden ſein mochten, ſo ſprach ſich ein anderer Theil doch auch wieder dagegen aus, und dieſe waren es hauptſächlich, die am meiſten ihre Speere und Streitärte ſchwangen, und in der That einen Heidenlärm vollführten. Da plötzlich theilte ſich der Knäuel und auf den weißen Corallenſand der Landung trat hervor die wun⸗ derlichſte Menſchengeſtalt, die Fritz in ſeinem ganzen Leben mit Augen geſehen, oder je möglich gedacht hatte. Es war Einer der ſchlankſten und kräftigſt gebauten Krieger der Inſel, wohl einen halben Fuß faſt über die übrigen ebenfalls ſtattlichen Männer hinausragend, als er in ihrem Kreis ſtand, aber auf die ſonderbarſte Art heraus⸗ ſtaffirt die nur gedacht werden konnte. Statt des Schurzes von Tapa, eines Zeugs, das die Frauen ſelber aus der Rinde gewiſſer Bäume zu verfertigen wiſſen, und den faſt alle übrigen um die Lenden trugen, war er mit beiden Beinen durch die geſprengten Armlöcher einer Weſte gefahren, das Rücktheil derſelben nach vorn, und hinten, wie ſie ſpäter ſahen, mit einer Reihe von blanken Meſſingknöpfen ſorgfältig zugeknöpft; als eine Art 154 wie, vielleicht von einem geſtrandeten Schiffe, in ihre Hände gefallen, befeſtigt und hinten mit Baſtſtreifen, da es ſeinen Körper nicht vollſtändig umſchloß, gebunden, um den Hals trug er einen Hoſenträger, und an einem Fuß einen Stie⸗ fel, an dem andern einen geſtickten durch Seewaſſer aber arg mitgenommenen Pantoffel. Das Schönſte aber und Intereſſanteſte war ſein Kopfputz, ein alter, in alle mög⸗ lichen Formen hineingedrückter grauer Filzhut, in deſſen über⸗ all offenen Deckel in der Mitte noch ein beſonderes Loch gemacht war, das Hindurchſtecken einer Anzahl Federn zu erlauben, die wie der Reiherbuſch eines Helmes über ihm in der friſchen Briſe flatterten. Fritz ſah ſeinen neugewonnenen Freund, Mr. Evans an, und wäre um ſein Leben gern gerade herausgeplatzt; dieſer aber, der vielleicht ſchon ähnliche Ceremonien erlebt haben mochte, winkte ihm ſogar mit ängſtlicher Miene zu ruhig zu ſein und ernſthaft zu bleiben, da gerade in dieſem Augenblick eine Verhöhnung des Häuptlings die ſchlimmſten Folgen haben könnte. Fritz mochte das auch wohl fühlen und ſah vor ſich nieder— er vermochte wahrhaftig nicht zu der Figur aufzuſchanen und ernſt⸗ haft zu bleiben— aber auch hier tanzte vor ſeinem inneren Auge die mißhandelte Weſte und der Schnür⸗ leib herum, und als er endlich einmal wieder einen, nur ganz flüchtigen Blick nach oben warf, wo der ſtolze Burſche noch immer in all ſeiner Pracht und Herrlichkeit ſtand und ſich jetzt ſogar herumdrehte, ihnen auch die Eigen⸗ ſchaften ſeiner Perſönlichkeiten von der anderen Seite vorzuführen, hielt er ſich nicht länger. Erſt kicherte er — ◻ leiſe in ſich hinein und dann brach ſich der lang zurü gehaltene Jugendübermuth die Bahn, mochte er dageg ankämpfen wie er wollte. Und er blieb dabei nicht ununterſtützt, denn kaum hörten die Matroſen den wohl⸗ bekannten Laut, als weder Subordination noch Furcht vor ſpäterer Gefahr ſie zurückhalten konnte, und ein einziges ſchallendes Gelächter über das Waſſer tönte. Die Inſulaner fuhren im erſten Augenblick wild empor, und der alte Häuptling griff die Lanze auf, die er bis dahin wie ein Gewehr auf der Schulter getragen — aber es half Nichts, der Anblick war zu komiſch und die Leute konnten ſich nicht wieder faſſen. Im Anfang wollte ihnen der Lieutenant wehren und ſie auf die Gefahr aufmerkſam machen, der ſie ſich ausſetzten, aber da fiel ſein Blick gerade in dem Moment auf den Wilden als ſich dieſer umdrehte, und auch um ſeinen Ernſt war's ge⸗ ſchehen— er lachte daß ihm die Thränen an den Backen herunterliefen. Was übrigens vielleicht Stundenlanges Unterhandeln nicht zu Wege gebracht hätte, bahnte dieſe, wenn auch unfreiwillige Fröhlichkeit der Matroſen ohne weiteres an. Die Inſulaner hielten allerdings noch kurze Zeit Stand und warfen den lachenden Bleichgeſichtern finſtere Blicke hinüber; ihr eigener fröhlicher leichter Sinn ließ ſie aber in ſo munterer Geſellſchaft auch nicht lange allein ernſt⸗ haft bleiben, und der Häuptling machte dabei merkwürdiger Weiſe den Anfang ſelber. Zuerſt ſah er bald die Weißen bald ſeine eigene Schaar an, und ſein Mund verzog ſich zu einem immer breiteren Grinſen; die Augen zurden 156 immer größer und weiter, und zuletzt hihahate er gerade ſo wild und ausgelaſſen hinaus, wie der ärgſte der See⸗ leute, was denn natürlich bei den Inſulanern ebenfalls das Signal zu ungemäßigter Freude war. Mr. Evans war der Einzige, der ernſthaft blieb, er⸗ klärte das aber ſpäter als in Folge einer böſen Lippe, an der er die friſch geheilte Haut nicht hatte wieder ſprengen wollen. Die erſt noch ſo wilden Krieger ſtellten jetzt, als ob durch dieſes kleine Intermezzo jeder weiteren Ceremonie Genüge geleiſtet wäre, ihre Waffen raſch bei Seite, und während ein Theil von ihnen in das Waſſer ſprang, das Boot mit näher zum Strand zu ziehen, eilten Andere zurück die ſchon vorher an das Ufer gebrachten Früchte, Bananen, Ananas, Papayen, Cocosnüſſe, Brodfrucht und Orangen herbeizuholen und einen. Handel mit den Frem⸗ den zu beginnen. Der alte Häuptling ſpielte dabei eine ſehr hervor⸗ ragende Rolle, denn er beſtimmte nicht allein die Preiſe der Früchte, ſondern auch den Werth der zum Tauſch ge⸗ brachten Artikel, und ſein Urtheilsſpruch war vollkommen maßgebend— was er ſagte galt, die Fremden mochten dagegen proteſtiren ſoviel ſie wollten. Mr. Evans allein, der etwas von der Sprache dieſer Stämme verſtand, ſchien einigen Einfluß auf ſie auszuüben. Es gefiel ihnen unge⸗ mein daß ein Weißer die Sachen ebenſo bei Namen nannte 4 wie ſie ſelber, und wenn er auch Nichts an den Preiſen für die Mannſchaft ändern konnte, beluden ſie ihn ſelber doch mit Geſuen So brachten ſie unter nsn auch . eine große Calebaſſe(Flaſchenkürbis) mit Tamarinden gee: 1 füllt, die er leidenſchaftlich gern aß, und als er dem Häupt⸗ ling dafür aus Dankbarkeit ſein Taſchenmeſſer und einen Uhrſchlüſſel ſchenkte, fühlte ſich dieſer ſo dadurch gerührt daß er ihm um den Hals fiel, und als Zeichen innigſter Freundſchaft— Naſen mit ihm rieb. Es iſt dieß nämlich eine, in allen Inſeln der Südſee 3 angenommene Sitte, und die innigſte herzlichſte Begrüß⸗ ungsformel, ganz unſerem Kuſſe gleichkommend, die nur zwei Weſen gegen einander ausüben können, wenn ſie ſich uneſſen und mit inniger Rührung in den Zü ihre Naſen aneinander reiben. Mr. Evans mußte ſich denn auch, während er noch in dem linken Arm die große Calebaſſe mit den Tamarinden hielt, wohl oder übel die⸗ ſer Ceremonie unterziehen, und that das wirklich mit einem Geſichte das hier ſchwer zu beſchreiben wäre, die Mann⸗ ſchaft aber wieder einem Lachkrampf auszuſetzen drohte. Dießmal aber nahm es der alte Häuptling übel; ein paar weggeworfene Orangen, die neben ihm auf der Erde lagen aufgreifend, ſchleuderte er ſie mit merkwürdiger Sicherheit und vortrefflichem Erfolg nach den Köpfen der Ausgelaſſenſten, und befahl ihnen in Zeichen, die ſie nicht gut mißverſtehen konnten, und mit lauter drohender Stimme augenblicklich in ihr Boot zurück zu kehren. Ueberdieß mit dem Fruchthandel ſo ziemlich im Reinen, war der Lieutenant gern damit zufrieden ſich wieder ein⸗ zuſchiffen, denn die umſtehenden Eingebornen fingen auch an zudringlicher zu werden und hatten ſchon mehrfach den Verſuch gemacht einzelne Kleinigkeiten den Matroſen unter den Händen fortzuſtehlen. Hier aber zeigte ſich eine und zwar ganz unvorhergeſehene Schwierigkeit, denn der Häupt⸗ ling Teta i ta wie er von den Inſulanern mehrmals genannt wurde, hatte ganz urplötzlich eine ſolche Zu⸗ neigung zu dem kleinen dürren Naturforſcher gefaßt, den er, wie er verſicherte, zu ſeinem Arzt und Zauberer machen wollte, daß er erklärte das Boot könne ſo ſchnell es wolle wieder zu dem Schiff zurückfahren, aber die alten matabooles oder Räthe hätten beſtimmt(und kein Menſch weiter hatte ein Wort geſagt) daß das kleine Bleichgeſicht ihr Zauberer werden ſolle und Taaroatuihono(Einer ihrer Hauptgötter der Mediein) ſelber habe ihn an dieſe K. geführt, auf der er jetzt ein großer Mann und ein Hiupt ling werden würde.“ So ſchmeichelhaft das Ganze nun auch für den kleinen Naturforſcher ſein mochte, ſo wenig zeigte er ſich ſelber damit einverſtanden. In der That hatte er die verräthe⸗ riſchen Eingebornen weit eher in Verdacht ihn trotz ſeiner Magerkeit braten zu wollen, als zu einem Zauberer zu machen— das erſtere überdieß leichter als das letztere— denn wer kennt den Geſchmack ſolcher Leute, die manchmal vielleicht lieber Knochen und Knorpel, als fettes Fleiſch mögen. Der Lieutenant lachte im Anfang bei der Idee, denn er glaubte der alte Häuptling mache ſich einen kleinen Spaß, Te ta ita ſchien hierbei aber gar nicht zum Spaßen aufgelegt, befahl zweien ſeiner Leute ſich des weißen Doktors zu verſichern, und winkte dann den Frem⸗ den in ihr Boot zu ſteigen. Die Indianer ſelber nahmen zu gleicher Zeit wieder eine gar drohende Miene an, griffen ihre langen Speere, Bogen und Pfeile auf und ſchüttelten ihre Kriegskeulen in einer nichts weniger als freundlichen Art; es ſchien faſt als ob ſie kaum noch zurückgehalten werden konnten über die Europäer her⸗ zufallen, und der Offizier mußte, ſo gern er auch Feind⸗ ſeligkeiten vermeiden wollte, auf ihre eigene Sicherheit denken. Sein raſch gegebener Befehl veränderte plötzlich den Schauplatz an Land; zwei der Leute— der Bootsmann mit einem der Matroſen und Alle gut bewaffnet mußten im Boot bleiben, die andern ſprangen ſämmt⸗ lich in das kaum knietiefe Waſſer und wateten zum Ufer, wo ſie ſich, Gewehr im Arm, in zwei Reihen ſtill und ſchweigend aufſtellten. Es waren rauhe wilde Geſtalten, die Seeleute in ihren ungezwungenen aber trotzigen Stel⸗ lungen neben einer kleinen Abtheilung ſteifer Marineſol⸗ daten, die als Schutz des Bootes mit herübergekommen, und ſo plötzlich wurde der gegebene Befehl ausgeführt, daß die Indianer im Anfang wirklich glaubten die Frem⸗ den hätten Feindſeligkeiten begonnen. Zwei Pfeile ſchwirr⸗ ten ſchon zu ihnen herüber von denen der eine vor ihnen in die Erde fuhr und der andere an dem Schloß einer Muskete abprallte. Zugleich zogen ſie ſich aber auch, den Naturforſcher jedoch in ihrer Mitte haltend— und Mr. Evans hatte die Calebaſſe mit Tamarinden noch immer nicht losgelaſen— während Te ta ita aus der Schaar der Seinen vorſprang und mit großen Schritten vor ihnen auf und ab ſtolzierend, anfing eine lange Rede zu halten, in der er ſich wahrſcheinlich ein Loblied ſang und die Europäer verhöhnte. Fritz war der Einzige der noch mit ihm auf dem Zwiſchenraume, und zwar ganz unbeachtet zurückgeblieben war, denn unſchlüſſig ob er ſeinem neugewonnenen Freund auch zu den Indianern folgen, oder ſich unter den Schutz der Matroſen ſtellen ſolle, kauerte er noch auf der alten Stelle und blickte zweifelnd bald nach der einen bald nach der anderen Seite. Die Wilden zogen ſich aber in der That immer weiter mit ihrem Gefangenen zurück und Teta ita ſchien, die Weißen verhöhnend, einen Kriegs⸗ 1 tanz ganz allein und nicht fünf Schritt von dem Knaben entfernt, aufführen zu wollen. Er ſah dieſen natürlich, da er aber vollkommen unbewaffnet an der Erde kauerte, hielt er es weit unter ſeiner Würde ihn mehr als eines flüchtigen Blickes zu würdigen. „Meine Burſchen“ ſagte der Officier zu den Leuten „es wird uns nichts übrig bleiben als einen Angriff zu machen, ſie ſchleppen uns den kleinen Mann wahrhaftig mit fort, und wir dürfen das nicht leiden— aber ſchießt nicht bis ich kommandire— fällts Gewehr!“ 4½ Nach dem Commando, wenn auch nicht gerade in einem Schlage, fällten die Leute thre Muskeken mit den aufgeſteckten Bajonetten und Te taita hielt bei dem Klange der Waffen in ſeinem Tanz einen Moment ein und blieb, mit etwas geſpreizten Beinen den Rücken gerade nach Fritz zugedreht, lauſchend ſtehen. Wie ein Blitz durchzuckte dieſen da der Gedanke, das ſei der richtige Moment einen Handſtreich auszuführen und im Nu, ehe weder die Matroſen noch die Indianer, am wenigſten aber Teta i ta ahnen konnte was er beabſichtige, ſchnellte er ſich empor, und ſein ganzes Gewicht in den Sprung werfend, flog er mit dem Kopf, dicht unter der zugeknöpften Weſte hin, zwiſchen den Beinen des Häuptlings durch, die er zu gleicher Zeit faßte und emporhob. Die Wirkung war zauberſchnell, denn die Arme mit einem Ruck emporwerfend, bekam der, auf ſolche Art an der Kehrſeite angegriffene Häuptling das Uebergewicht, und ſchlug in dem Augenblick in ſeiner vollen Länge rückwärts Gerſtäcker, Fritz Wildau. 11 über den Knaben hin, als der Lieutenant dieſen Vortheil raſch ergreifend,„vorwärts“ commandirte. Ehe ſich die Wilden zum Anſprung ſammeln konnten, befand ſich Teta i ta in der Gewalt der Bleichgeſichter, und raſch wieder empor⸗ gehoben verhinderte er ſogar durch ſeinen eigenen Körper, daß ſie nicht einen Pfeil⸗ und Speerregen, der den Alten vor Allen andern hätte treffen können, nach ihnen hinüber ſandten. Die ganze Sache hatte aber dadurch eine ſo plötz⸗ liche Wendung genommen, daß die Eingebornen erſt wirk⸗ lich in Zweifel ſchienen, ob ſie ſich nicht lieber mit ihrem Gefangenen zurückziehen wollten. Ob aber nun der alte Häuptling an zu bezweifeln fing, daß Taaroatuihono ſel⸗ ber den kleinen Mann hierher geſandt zu ihrem eigenen Nutz und Frommen, oder ob er der Inſel nicht den gan⸗ zen Vortheil allein laſſen wollte, während er, ohne etwas davon zu haben, als Geiſel fortgeſchleppt wurde, kurz ſein Ruf, ein ſcharfer, gellender Aufſchrei, bannte plötzlich die Krieger auf ihren Platz, und nach einigen herüber und hinüber gewechſelten Ausrufungen kam endlich eine kleine Deputation von Unbewaffneten, welche den Natur⸗ forſcher mit ſeiner Calebaſſe, zugleich aber auch noch mit einer ganzen Parthie von Früchten und prächtig geſchnitzte Waffen und ſonſtigen Schmuck den Europäern vorführte. 6 Der Lieutenant trat auf ſie zu, jedoch nicht außer dem Bereich der Bajonette, nahm den kleinen Mann bei der Hand und winkte dann ſeinen Leuten den Häuptling frei zu laſſen, wies aber zugleich die übrigen Früchte und Waf⸗ Lane6 fen zurück, weil er glaubte die Wilden wollten damit einen neuen Tauſchhandel beginnen. Dieſe weigerten ſich jedoch hartnäckig ſie wieder mit zurückzunehmen und da die Weißen gar nicht begreifen konnten woher dieſe unerwartete Groß⸗ muth auf einmal komme, mußte Mr. Evans ſelber den Dollmetſcher machen, der ſich indeß die Sache erſt zweimal von den Indianern auseinander ſetzen ließ, und dann immer noch nicht mit der Sprache herauswollte, obgleich man ihm anſehen konnte, daß er verſtanden habe was ſie meinten. Endlich mußte er aber beichten, und wieder brachen die Weißen in ein ſchallendes Gelächter aus, als Mr. Evans mit einem etwas verlegenen Geſicht ihnen er⸗ zählte, die rothen Hallunken hielten es unter ihrer Würde, einen ſo großen Häuptling gegen einen ſo kleinen unbe⸗ deutenden Weißen gleich und gleich einzutauſchen, und be⸗ trachteten die beiliegenden Sachen nicht etwa als ein Ge⸗ ſchenk, ſondern als den Europäern rechtmäßig zuſtehendes Draufgeld. Soviel wäre der Indianer wenigſtens mehr werth. Von dem Dampfer, von deſſen Bord aus der Capi⸗ tain mit ſeinem Teleskop die drohenden Bewegungen der Inſulaner wohl bemerkt hatte, war indeſſen noch ein be⸗ waffnetes Boot abgeſchickt worden dem erſten, falls es nöthig werden ſollte, beizuſtehen, und der Lieutenant, der „das Draufgeld auf den Naturforſcher“ durch die Indianer ſelber zum Boot ſchaffen ließ, zog ſich langſam dorthin zu⸗ rück. Das Boot wurde dann flott gemacht, und die Mann⸗ ſchaft watete damit ein Stück hinaus in tieferes Waſſer, wo erſt die eine Hälfte einſtieg und ihre Waffen in Ord⸗ 11 164 nung brachte, während die andere noch weiter damit in See ging, und dann, als die erſte ihre Bewegung deckte, nachfolgte. Die Marineſoldaten blieben dabei aufrecht ſtehen, während die Matroſen wieder zu den Riemen griffen, und fünf Minuten ſpäter waren ſie aus dem Bereich jedes Pfeiles, hätten die Inſulaner noch überhaupt böſe Abſichten gegen ſie gehabt. Dieſe aber ſtanden am Ufer und tanzten und ſprangen, und Allen voran prangte Teta ita in all ſeiner Herrlichkeit den Corallenſand ſtampfend mit den nackten Füßen, und die Keule ſchwingend, daß die Federn in ſeinem Hute hin und her ſchwankten und flatterten. Dreizehntes Capitel. Die Corallenriffe und das Corallen-Inſekt. Ankzunft auf Jayn. Das tief geladene Boot ruderte etwas ſchwerfällig an Bord zurück, wo die Leute ſchon bereit ſtanden die einge⸗ tauſchten Früchte in Empfang zu nehmen. Stricke wurden nieder gelaſſen die Bananen und Körbe mit Orangen und ſüßen Kartoffeln hinauf zu heben, während Andere die ein⸗ zelnen Cocosnüſſe unter Lachen und Erzählen ihren Ka⸗ meraden an Deck hinauf warfen. Der Lieutenant war ſchon dem Quarterdeck zugegan⸗ gen, dem Capitain Bericht über die Vorgänge auf der Inſel abzuſtatten, wobei er beſonders rühmend des Knaben erwähnte, der durch ſeinen ſo zeitgemäßen und kecken Ein⸗ ſprung nicht allein großes Blutvergießen verhütet, ſondern auch ſehr wahrſcheinlich Mr. Evans Leben gerettet hatte. 165 Fritz ſtand indeſſen an Bord, die mitgebrachten Waf⸗ 8 fen, die Mr. Evans von unten zureichte, in Empfang zu nehmen, bis ſie an die Calebaſſe mit den Tamarinden kamen. Ob der kleine Mann nun unten glaubte ſie wäre zu ſchwer für den kräftigen Burſchen, oder ob er ihn nicht damit beläſtigen wollte, kurz er rief ſeinen Diener, einen kleinen vollkommen runden Malayen, der ihn auf all ſeinen Reiſen begleitet hatte, das Gefäß in Empfang zu nehmen. Dieſer ſprang auch, dem Ruf gehorſam, auf die Schanzkleidung und bog ſich nach vorn über, mit beiden Händen das ſchwere Gefäß zu ergreifen, das ihm Mr. Evans, vorn in der äußerſten Spitze des Bootes ſtehend, hinauf reichte. Wenn aber einmal ein Unglück ſein ſoll, hilft auch die größte Vorſicht nicht dagegen; der Malaye hatte das Gefäß entweder nicht für ſo ſchwer gehalten, oder oben nicht ſeine nöthigen Vorſichtsmaßregeln getroffen feſt zu ſtehen, aber der Erfolg blieb ſich gleich. „Haſt Du's?“ frug Mr. Evans unten im Boot, und der Kopf wurde ihm dick und roth von der Anſtreng⸗ ung das ſchwere Gefäß ſo hoch empor zu heben. „Hat ihm ſchon, Tuwan!“ ſagte der Malaye, und ſchoß auch im nächſten Augenblick, und zwar in demſelben Moment als ſein Herr unten den Arm wegnahm, von der Calebaſſe vorn übergezogen, den Henkel des Gefäßes gewiſſermaſſen als Anker benützend und dieſem folgend, über Bord und in See, daß die Fluth nicht allein über ihm zuſammenſchlug, ſondern ihm auch die Augen der überraſchten Matroſen noch weit in die Tiefe folgen 166 connten wie er, einem Senkblei gleich, mehr und mehr in der„purpurnen Finſterniß“ verſchwand. „Segne meine Seele!“ rief der kleine Naturforſcher, die Hände zuſammenſchlagend—„wo geht der mit den Tamarinden hin?“ „Fragt lieber wo die Tamarinden mit ihm hingehen“ lachte aber der Bootsmann, der das Ganze von oben mit angeſehen hatte—„wenn er nicht losläßt wird er wohl in etwa neunzig Fadens0) ſicher vor Anker kommen.“. Alles drängte ſich jetzt beſorgt zu der Stelle wo der kleine Malaye verſchwunden war, und ſtarrte lautlos in die Tiefe nieder.— „Das iſt er!“ rief plötzlich eine Stimme. „Wo?—“ „Dort unten— tief— da kommt er.“ Und aus der Tiefe heraus quoll, wie eine große hellgrüne Blaſe, denn das Seewaſſer gibt dem darin be⸗ indüüchen fremden Gegenſtand eine eigenthümliche Farbe, größer und größer werdend ein runder Schein herauf— mehr und mehr kam er an Tageslicht und wurde dunkler, je höher er ſtieg, bis plötzlich der dicke ſchwarze Kopf des Verſunkenen nicht allein an die Oberfläche kam, ſondern der Körper bis über die Bruſt aus dem Waſſer empor⸗ ſchnellte.“ „Hülfe!“ ſchrie da die Geſtalt, eben als ſie wieder ſank und das Seewaſſer quoll in den weit aufgeriſſenen Mund; aber ein paar kräftige Fäuſte hatten ſich ſchon in das ſchwarze dichte Haar gekrallt, und wenige Minuten ſpäter lag der kleine dicke Malaye von einem raſch nieder⸗ 5 167 geworfenen Tau aufgeholt, oben an Deck, und ſchnaubte wie ein kleiner Spermacetiwallſiſch— die Tamarinden aber blieben verſchwunden. Zum Glück für den Malayen war übrigens der Henkel der Calebaſſe abgeriſſen, er wäre ſonſt richtig mit in die Tiefe gegangen, denn dieſen trug er noch feſt und krampfhaft in der geſchloſſenen Hand, und konnte erſt ſpäter, als er ſich vollkommen erholt, mit vieler Mühe bewogen werden ihn wieder loszulaſſen. Der Flying ſish ſetzte nun, mit friſchem Gemüſe und Früchten ziemlich reichlich verſehen, ſeine Reiſe ohne weiteren Aufenthalt nach Weſten fort, lief zwiſchen den neuen Hebriden und Salomons⸗Inſeln hin, und paſſirte die ge⸗ fährlichen Riffe und Klippen der Torresſtraße, wo ſie übri⸗ gens dreimal Nachts ankern mußten ehe ſie das freie Fahr⸗ waſſer des indiſchen Meeres erreichten. Ich habe den Leſer nun aber ſchon ſoviel von den Corallenriffen jener Inſeln geſprochen, daß ich nicht um⸗ hin kann ihm gerade hier in der Torresſtrait, welche Au⸗ ſtralien im Norden von Neu⸗Guinea ſcheidet, und wo ſich dieſe Riffe und Corall⸗Formationen in ihrer eigenthümlich⸗ ſten und wunderlichſten Weiſe zeigen, ihre näheren Beſtand⸗ theile und Eigenthümlichkeiten mitzutheilen. Aus dem Grunde der See auf, und zwar oft an Stellen die über vierhundert Faden, alſo 2400 Fuß Waſ⸗ ſer halten, ſteigt der Corallenbaum ſchroff und ſenkrecht tbeils, theils in aufdehnenden Hängen bis an die Oberfläche des Meeres— nie darüber— empor, und zweigt und breitet ſeine Arme nach allen Seiten aus. Die Coralle iſt eine weiche und ſehr poröſe Steinmaſſe, von ſchmutzig weißem oder braunem Ausſehen, über deren Entſtehung man eigentlich noch nicht einmal einig iſt. Das Wahr⸗ ſcheinlichſte iſt allerdings, daß der Baum oder die baum⸗ artig emporgeſchichtete Maſſe von einem winzig kleinen Inſekt herrührt, das aus einem gewiſſen Safte oder mit einem ſonſtigen Material, wie die Schwalbe ihr Neſt an die Häuſer baut, Zelle nach Zelle in undenklicher Maſſe aufeinanderhäuft und bewohnt, und dadurch mit der Zeit jene rieſigen und unregelmäßigen, unberechenbaren Anwüchſe in dieſen Meeren bilde, aus denen nicht allein dieſe Quan⸗ tität von Riffen, ſondern ſogar die Mehrzahl ſämmtlicher Inſeln der Südſee und faſt der ganze Meeresboden dort beſteht. Andere dagegen behaupten, daß der Corallenbaum, oder dieſe ſich ſo gewaltig ausbreitende Maſſe, eben wie eine andere Pflanze wüchſe und nicht von dem Inſekt ge⸗ bildet werde, und dieſe Behauptung hat das ganze Aus⸗ ſehen der Coralle, wie noch beſonders die Eigenſchaft des Inſekts ſelber, von dem die Coralle herrühren ſoll, für ſich, da dasſelbe nur im Stande ſein ſoll höchſtens dreißig Fuß unter Waſſer zu leben. Wäre das wirklich der Fall, ſo bildete die Coralle damit den Uebergang zwiſchen der Pflanzen⸗ und Steinwelt, und würde emporſchießend, von dem aller⸗ dings darin befindlichen kleinen Coralleninſekt nur in den vorgefundenen nicht erſt gebildeten Poren zu Woh⸗ nungen benutzt. Wie dem auch ſei, ſchroff und ſteil ſteigen dieſe Co⸗ rallenmaſſen an dem Eingang der Torresſtrait, den ſie mit einem förmlichen„the barriers“ genannten Wall um⸗ geben, empor, hie und da nur eine ſchmale Einfahrt 169 laſſend, während ſie an ihrer öſtlichen Grenze, von dem ſtillen Meere beſpühlt, bis in Steinwurfsnähe nicht einmal Ankergrund bieten, hingegen nach Weſten zu eine dicht ge⸗ drängte Schaar von theils nackten, theils bewaldeten, oder wenigſtens mit Gebüſch bewachſenen Klippen und Inſeln bilden, zwiſchen denen ſich die Schiffe mühſam die Durch⸗ fahrt ſuchen und Nachts, meiſt mit fünf bis fünfzehn Faden Ankergrund, ihren Anker fallen laſſen müſſen. Viele dieſer Inſeln ſind ebenſo wie die meiſten In⸗ ſeln der Südſee, vulkaniſchen Urſprungs, und wunderbarer Weiſe läßt ſich bei der großen Mehrzahl derſelben ſogar eine gleiche Formation in ihrem Urſprung nachweiſen, in⸗ dem die Gebirge in ihrer Mitte eine entſchiedene Neigung von Weſten nach Oſten haben. Am deutlichſten iſt dieſe Neigung bei den Ladronen, den Carolinen und den Mulgrave⸗Inſeln zu erkennen, und ein Blick auf die Karte zeigt ſchon, daß ſie nicht allein nach Oſten zu mit den neuen Hebriden, Fitchies, Freund⸗ lichen und Navigators und den Geſellſchaftsinſeln zuſammen⸗ hängen, und hinter dieſen in die flachen Corallen⸗Inſeln des gefährlichen Archipels oder der Pomatugruppe abdachen, ſon⸗ dern auch nach Oſten hin ihre Verbindung mit dem oſtin⸗ diſchen Archipel bis nach Luzon hinauf, und abzweigend durch die lange Inſelkette von Timor Laut, Timor, Flores, Sumbaye Lomok, Bali, Java, Sumatra und von dort hinein in die Halbinſel. Malakka unterhalten. Beſonders die letzten ſind eine faſt unterbrochene Reihe von meiſt noch thätigen Vulkanen, deren einſtige überſeeiſche Verbin⸗ dung ſich noch jetzt erkennen läßt, denn das Meer von den 170 Monſpoonen getrieben, brach ſich nur Bahn hindurch, wo es den ſchwächſten Wiederſtand fand, und die noch bis zu dieſem Augenblick gemeinſamen unterſeeiſchen Feuer⸗ quellen haben; Sicherheits⸗Ventile welche den angehäuften vulkaniſchen Stoff, je nachdem ſich die Maſſe ein wenig mehr weſtlich oder öſtlich neigt, entweder in den Sand⸗ wichs⸗Inſeln auf Hawaii, auf Java durch den Gedé oder andere, oder auch auf Sumatra hinausſchleudern. Der Leſer darf aber nicht glauben, daß alle dieſe Inſeln allein und urſprünglich aus Corallen beſtehen. Die Inſeln des oſtindiſchen Archipels, mit Bergen bis zu 11,000 und mehr Fuß Höhe, ſind faſt alle vulkaniſchen Urſprungs. Auf vielen derſelben befinden ſich die Krater noch in ſteter oft furchtbarer Thätigkeit, auf andern ſtehen ſie ausge⸗ brannt und kalt, ihren Urſprung aber noch in Form und Stein und Lava die durch unterirdiſche Feuer, vielleicht durch ein Erdbeben zuſammengerüttelt wurde, und jetzt nur noch in ihren Lavamaſſen und ſchwarz gebrannten Felſen die frühere Verwüſtung des gewaltigen Elements verräth, während indeß angewachſene Fruchterde den größten Theil derſelben bedeckt und mit üppiger Vegetation überzieht. Einzig aus Corallen beſtehen aber eine große Menge Inſeln der Südſee, die aber ſelbſt dann wieder, ſogar bei den flächſten, eine gewiſſe Kraterform verrathen, indem lange und ſchmale Streifen Corallen oft kreisförmig tiefe Lagunen oder Seen umziehen, und dem Beſchauer unwillkürlich faſt den Gedanken aufdrängen er ſtehe hier hoch über dem Geſtein verrathend, und andere wieder gleichen einer Maſſe Gipfel alter verſunkener Vulkane, deren obere Conturen 3 — „— 171 der Corallenbaum, ihren Rand zum Piedeſtal nehmend, auf der Oberfläche der See getreu und mahnend wieder gebe.— Die eigenthümlichſte Formation der Coralle ſpricht ſich aber in den Riffen aus, welche faſt ſämmtliche Inſeln — ja ich kann wohl ſagent alle ohne Ausnahme, in einer Entfernung von einer halben oder ganzen engliſchen Meile umziehen und über denen ſich die See im ewigen Anſturz bricht. Sie reichen meiſt bis an die Oberfläche des Waſ⸗ ſers, und gewähren dadurch den Inſeln einen breiten Gür⸗ tel vollkommen ſtillen und ruhigen Waſſers, es mag die See draußen ſtürmen und toben ſo arg ſie will, in dem die Inſulaner nicht allein dem Fiſchfang ungeſtört nach⸗ gehen können, ſondern auch im Stande ſind eine ſtete und ſtets ſichere Verbindung mit den verſchiedenen Theilen ihrer Inſel zu unterhalten. Meiſt da wo ein kleiner Strom ſüßen Waſſers aus den Bergen niederkommt und ſich mit dem Salzwaſſer ver⸗ miſcht, bilden dieſe Corallen, denen reines und unver⸗ miſchtes Seewaſſer ein Bedürfniß iſt— tiefe und bequeme Einfahrten für Schiffe, die ſich innerhalb der Riffe und gewöhnlich in der Nähe des friſchen Waſſerſtromes nicht ſelten zu bequemen und geräumigen Häfen ausdehnen. Andererſeits ſind aber viele Inſeln, die das nicht haben, auch den größeren Schiffen vollkommen unzugänglich, und nur hie und und da verſtatten dann tiefer liegende Corallen⸗ bänke kleineren Booten den Aus⸗ und Eingang. —In dieſen Binnenriffen wechſelt die Tiefe des Waſ⸗ ſers von oft vielen Faden bis zu der an die Oberfläche 172 ſteigenden Coralle; hier der Fluth die dunkelblaue Farbe des Meeres, oft auch mit ſeiner Tiefe laſſend, und dicht daneben den lichten Corallenboden, wie mit einem Cryſtallglas überdeckt, zeigend, aus dem die wunderlich ge⸗ zackten Aeſte und Bäume vorſtarren, und niedliche in allen Farben ſchillernde Fiſche, ſich ihres ſicheren Verſtecks be⸗ wußt, auf und abſpielen durch die wildverworrenen zutigen blumigen Maſſen. Doch genug von Corallen und Riffen um Dir, lieber Leſer, wenigſtens einen flüchtigen Ueberblick gegeben zu haben, denn alle die Wunder jener Welt zu beſchreiben, reichen Bände nicht aus. Der Plying fish paſſirte denn auch die gefährliche Straße raſch und glücklich, und erſt einmal das tiefe ruhige Waſſer der Timor See wieder unter dem Kiel, ſetzten ſie ihre Reiſe ſchnell und ohne weitere Abenteuer fort, paſſir⸗ ten, mit den hohen gewaltigen Bergen Balis zur rechten, die Baliſtraße und erreichten, an der Nordküſte Javas hin⸗ laufend, Samarang nach einer Fahrt von fünf Wochen ſeit ſie die Fidſchie Inſeln verlaſſen. Dort angelangt ging Mr. Evans, den Fritz begleiten durfte, augenblicklich an Land, und zwar in eins der hol⸗ ländiſchen Hotels wo ſich Fritz plötzlich in eine neue, nie geahnte Welt verſetzt fand. An wirklichen Luxus, ja nur die größeren Bequemlichkeiten des Lebens nie gewohnt, ſah er ſich hier zum erſten Mal, und wie mit einem Zauber⸗ ſchlag in einen Zuſtand verſetzt, der für ihn etwas voll⸗ kommen Märchenhaftes hatte.. Als Weißer ſchon war er dieſem Gemiſch von Ma⸗ „* —. 22 3 1 7 123 layen und Chineſen in deren, von Kindheit auf daran ge⸗ wöhnten Augen, ein höher ſtehendes Weſen, und der Dienſt⸗ leiſtungen die er bis dahin, und mit dem beſten Willen von der Welt, für andere verrichtet, fand er ſich hier nicht allein vollkommen überhoben, ſondern vier oder fünf farbige Diener jeden Augenblick bereit, ſie für ihn ſelber zu thun. Den erſten Tag hatte das Ganze den doppelten Reiz der Neuheit, dem er ſich mit voller Luſt hingab, ja in dem er die einzeln ſelbſt ſchärfer hervortretenden Züge nicht einmal zu faſſen und herauszuheben vermochte. Das Ganze umſchwirrte ihn in einem tollen Gewirr von Sprachen und Geſtalten, wozu es in der That Wochen bedurfte ſie von einander zu ſondern, und der Wirklichkeit wieder einzu⸗ verleiben; aber ſchon nach dem erſten Tag fing ihm die knechtiſche Dienſtfertigkeit der Malayen an läſtig zu wer⸗ den, und er verſagte ſich Manches, das zu erlangen ihm nur ein Wort gekoſtet hätte, um nicht gleich vier oder fünf Menſchen darnach ſtürzen zu ſehen, ſeine Befehle auszuführen. Am merkwürdigſten waren ihm die Chineſen, mit ihren weiten kurzen baumwollenen Hoſen und Jacken, den kahlen Köpfen und langen Zöpfen, mit ihren klumſigen Schuhen und ſchräg geſchnittenen, aber gar verſchmitzt um⸗ herſchauenden Augen. Ueberall wohin er ſah begegnete ſein Blick dieſer geſchäftigen, thätigen unermüdlichen Men⸗ ſchenrace; hier waren ſie Kaufleute die in den wunderlich verzierten Buden ſtanden und dem halb unfreiwilligen Käufer aufſchwatzten was er nicht gebrauchen konnte, dort Schmiede, Schneider und Schuſter, die in ihren Werkſtätten * bis an den Gürtel nackt ſtanden oder ſaßen und Hammer oder Nähnadel mit unermüdlichem Fleiße ihre Dienſte ver⸗ richten ließen.— Dort fand er ſie als Bäcker, da als Feuerwerker, hier als Krämer mit ſchweren auf einem über die Schulter liegenden Stocke balancirten Körben die Straßen durchziehend; als Spieler und Opiumhändler, als Schauſpieler in hohen Bambusbuden, kurz als Alles, was ſich nur im Leben und Treiben unſerer Menſchenwelt den⸗ ken ließ— aber nie müßig, nie faul. Lange Zeit wurde Fritz aber nicht gelaſſen ſch i in der Stadt umzuſehen, denn Mr. Evans hatte, durch die Einladung eines bedeutenden Kaffeepflanzers im Innern, eine vortreffliche Gelegenheit bekommen in den Bergen zu 8* 4 geſchleppt hatte, in einer neben ſeiner verſcharrten Beute ausgeworfenen Grube oder Falle gefangen worden, und wurde zu der in dieſen Tagen ſtattfindenden Feſtlichkeit aufbewahrt. Die intereſſanteſte Jagd ſollte aber die auf Bantings oder wilde Rinder ſein, und Fritz erſtaunte über den Schwarm von Malayen, den ihr freundlicher Wirth aus der ganzen Umgegend heraufbeſchworen zu haben ſchien. Von allen Seiten ſtrömten ſie mit ihren kurzen aber ſchar⸗ fen Klewangs, eine eigenthümliche Art von kurzen Schwer⸗ tern oder langen Meſſern, heran, und wurden eben ſo raſch mit Proviſionen, Waffen, Zelttüchern und Gott weiß was ſonſt beladen. Fritz kam aber das Ganze beſonders komiſch vor, wenn er daran dachte was für Umſtände man hier um eine zwei⸗ oder anderthalbtägige Jagd machte, während ein amerikaniſcher Jäger mit ſeiner Decke auf dem Rücken, in die er etwas getrocknetes Hirſchfleiſch eingewickelt trägt, mit ſeinem Meſſer an der Seite, ſeiner Büchſe auf der Schulter, und höchſtens von einem guten Hunde begleitet, Monate lang allein im Wald herumſtreift und den Bär und Panther, den Hirſch und Truthahn jagt und erlegt. Aber ländlich ſittlich, in Indien glaubt man nun einmal, weder reiſen noch jagen zu können, ohne einem Schwarm Dienerſchaft das Leben nebenbei ſauer zu machen, und das Jagen würde ſtets den kürzeren dabei ziehen, wäre nicht eben ſo entſetzlich viel Wild in den dichten Waldungen, daß etwas doch immer hie und da aufgetrie⸗ Gerſtäcker, Fritz Wildau. 12 4— Vor einigen Wochen war erſt ein ſolcher ſtattlicher wilder Burſche, der einen Malayen angefallen und fort⸗ ———— — 178„= — ben werden muß— die Jäger mögen eben Spektakel machen ſo viel ſie wollen. Um acht Uhr ſetzte ſich endlich der Zug in Bewegung, die Jäger von zehn oder zwölf berittenen Javanen begleitet, ebenfalls zu Pferd, und eine Anzahl Kulis oder Diener zu Fuß, aber immer in einem kurzen Trab hinter her. Schon von Haus aus verließen ſie dabei die breite bequeme Straße und folgten erſt einem noch ziemlich bequemen Weg, der ſie wohl acht Paalen weit durch lauter„Kaffeegärten“ führte. Du darfſt Dir aber hierbei nicht denken, lieber Leſer, daß dieſe Kaffeegärten eine Reihe von Reſtaurationen, mit hölzernen Bänken darin und kleinen Lauben geweſen wären, vor denen blaue Schilder mit goldenen Buchſtaben das anzeigen, was geſchäftige Kellner mit glatt friſirten Haaren und ſehr kurzen Jacken, im Innern umher tragen,— nein das Ganze war Wald und Dickicht, dem erſten flüchtigen Blick nach, und erſt beim weiteren Eindringen zeigten die regelmäßtg gepflanzten Bäume und der von Un⸗ kraut frei gehaltene Boden die Kaffeepflanzung, oder den Kaffeeg arten, wie man es dort zu Lande und ziemlich paſſend nennt. Durch dieſe Kaffeegärten hindurch begann nun der wirkliche Wald— nur ein ſchmaler Pfad führte noch zwiſchen wilden Himbeeren, Piſang und Farnpalmen hin, überall von dem prachtvollſten Baumwuchs überragt, bis zu der kleinen niederen Bambushütte eines Javanen, und hörte dort in Alang alang oder Schilfgras und Dornen auslaufend, förmlich auf. 1 Jetzt aber begannen die mitgenommenen Javanen ihre Arbeit, denn mit ihren langen, vorn ſchweren Klewangs mußten ſie Bahn hauen in das Dickicht hinein, und die Reiter folgten langſam und einzeln. Der Menſchenſchw machte dabei einen Lärm, daß an ein wirkliches Auffin von Wild in der That nicht gedacht werden konnte, bis ſie endlich etwas offeneren Wald erreichten, und Mr. Evans hier erklärte abſteigen und zu Fuß weiter jagen zu wollen. Das Hauptziel ihrer Jagd war nämlich ein kleiner See hoch oben in den Gebirgen, wahrſcheinlich von dem Krater irgend eines ausgebrannten Vulkans herrührend, um den herum ſich die Bantings beſonders gern aufhalten ſollten, und da ſie ſich gar nicht mehr weit von dieſem befanden, gab auch endlich ſelbſt Herr Foelen den Bitten des kleinen Engländers nach und ſtieg— etwas was er ſehr ungern that— ſelber vom Pferd herunter. Dadurch wurde es aber auch möglich, daß ſie einen ganzen Schwarm ihrer Spektakel machenden Begleiter hinter ſich ließen, die von dem Holländer angewieſen wurden einen beſtimmten, und ihnen ſchon bekannten Lagerplatz für die Nacht in Ordnung zu bringen, und mit verhältnißmäßig ſehr wenig Geräuſch, aber immer noch genug jedes nur einigermaſſen ſcheue Wild aus der Nähe zu treiben, ſetzten ſie von da an ihren Weg mit nur etwa ſechsmal mehr Menſchen⸗ als ſie neiß⸗ wendig brauchten, fort. Endlich hatten ſie die Höhe erreicht von der aus fe den kleinen Bergſee ſollten überſchauen können, und Mr. Evans beſtand nun darauf, daß jetzt wenigſtens die allein vorrücken ſollten, die Gewehre trügen; wolle man die an⸗ dern haben, könne man ſie ja leicht nachrücken laſſe 42* — Nath theilten ſich jetzt die Jäger in zwei Abtheilungen, je Mynheer Foelen ſchüttelte den Kopf dazu, gab aber nach, und Fritz wurde nun, mit einem der Javanen, der eine Doppelflinte trug, vorausgeſandt zu recognosciren. 3 Ddie Beiden, denn der Javane gehörte glücklicher Weiſe zu einem der ſchweigſamen ſeines Geſchlechts— ſchlichen leiſe und geräuſchlos vorwärts, und kamen auch bald zu einer kleinen offenen Lichtung, von der aus ſie die blitzende, von Tauſenden von Wildenten belebte Waſſer⸗ fläche überſchauen konnten. An denen lag ihnen aber jetzt weniger, und Fritz hatte ſich ſchon die Augen ausgeſchaut irgend ein größeres Thier als eine Wildente an dem Ufer des Sees zu erkennen, ohne jedoch auch nur einen einzigen Gegenſtand entdecken zu können, der das dunkle Grün der ſumpfigen Wieſen⸗ oder Schilfgewächſe am an⸗ deren Ufer unterbrach. Da ſtieß ihn der Javane vorſichtig an, und mit den leiſen Worten„miri— miri’— dem Malayiſchen„ſieh“ deutete ſein Arm einer Stelle des Sees zu, die ihm gerade gegenüber lag, und an der Fritz auch nicht das Geringſte bis dahin aufgefallen war. Der Ja⸗ vane beharrte dabei und plötzlich bewegte ſich ein dunkler Gegenſtand in dem Waſſer, über das der junge Burſch bis dahin immer hinausgeſchaut hatte, und er erkannte deutlich ſieben dunkle Körper, die in der Fluth ſtehend, ihre Seiten zu kühlen ſchienen und nur manchmal das Waſſer mit den Mäulern emporwarfen. Es waren Bantings und ihr Schlachtplan war raſch entworfen. Zu den übrigen Jägern zurückkehrend, ſtatteten ſie Bericht über das geſehene Wild ab, und auf Mr. Foelens — 4 181 zu fünf Mann, auf der einen Seite Mr. Evans und Fritz mit drei, auf der anderen Mynheer Foelen mit vier Javanen, den kleinen, kaum eine halbe engliſche Meile im Durchſchnitt haltenden See zu umgehen, und die Bantings wo möglich im Waſſer noch zu umſtellen. Evans und Fritz brachen augenblicklich auf, denn ihnen war der längere aber offenere Weg zugetheilt und weigerten ſich mehr Leute mitzunehmen, Foelen ließ ſich aber noch acht oder zehn ſeiner Kulis holen, Bahn zu hauen, und an dem gegenüberliegenden Ufer wollten ſie wieder zu⸗ ſammenkommen. Allerdings konnten ſie nur höchſt langſam vorrücken, denn trotz dem daß dieſer Theil der Wildniß„offener Wald“ genannt wurde, war er doch ſo mit allen möglichen Arten von Unterholz und Schlingpflanzen durchwachſen, daß es gar nicht möglich war einen geraden Cours zu halten. Die furchtbarſten Dickichte bildete dabei das„rattan“, dem deut⸗ ſchen Leſer jedenfalls unter dem, wenn auch unrichtigen oder wenigſtens veralteten Namen„ſpaniſch Rohr“ bekannt(da die Spanier wohl das erſte von ihren überſeeiſchen Beſitz⸗ ungen nach Europa gebracht haben). Es iſt das eine Schlingpflanze, und zwar in der großartigſten Bedeutung des Worts, denn mit faſt ſchilfähnlichen Blättern ver⸗ ſehen, ſchlingt ſich dieß Gewächs in unglaublicher Länge von Zweig zu Zweig der Bäume, rankt ſich mit tauſend Armen hinüher und herüber, und iſt bei ſeiner enormen Zähigkeit auch noch zum Ueberfluß an der äußeren Schale mit dicht gedrängten wohl zolllangen und harten Stacheln beſetzt. Es läßt ſich denken daß ſolche Dickichte, wo dieß Ge⸗ 182 wuächs einmal überhand genommen, gar nicht zu paſſiren ſind, und man muß ſie umgehen und ſich rechts oder links darum hin eine Bahn aushauen; aber ſie halten den Marſch jedenfalls um ein bedeutendes auf, und machen ihn ſo viel beſchwerlicher. Nichts deſto weniger drangen unſere Jäger verhältniß⸗ mäßig raſch vorwärts, und kamen etwa nach einer halben Stunde in Sicht einer kleinen Gruppe von Farnpalmen, die ſie ſich von drüben als Merkzeichen genommen, und hinter denen die Rinder den See betreten haben mußten. Hier hielten ſie, denn es war mit den übrigen Jägern verabredet worden daß Jene, in der Nähe des Wildes angelangt, ein Zeichen geben ſollten. Wenn ſie den Schrei des Ulung Ulung, eines dort ziemlich häufigen rothen Falken mit weißer Bruſt, den einer der Javanen vor⸗ trefflich nachzuahmen verſtand, hörten, dann wollten ſie von beiden Seiten hereinrücken, und die Bantings mußten dann einer Abtheilung von ihnen jedenfalls zum Schuß kommen. Für den möglichen, aber nicht wahrſcheinlichen Fall, daß dieſe den See durchſchwimmen würden, waren noch zwei Javanen mit Gewehren und alle übrigen Kulis als Trei⸗ ber am anderen Ufer zurückgelaſſen worden. Noch hatten ſie aber keine zehn Minuten auf ihrem Platz geſtanden und mit lautloſem Schweigen dem verab⸗ redeten Signal gelauſcht, als es plötzlich in dem Waſſer zu plätſchern und ſchlagen, und in den Büſchen zu brechen und raſcheln begann; zu gleicher Zeit faſt hörten ſie auch das jetzt raſch und laut ausgeſtoßene Signal. Als 8 183 Fritz hierauf, von Mr. Evans gefolgt, hinter den Büſchen, die ſie bis jetzt verdeckt, auf eine ziemlich freie Lichtung vorſprang, die links hinab nach dem See zu, rechts den Hügelhang ſich hinauf zog, brachen in demſelben Augen⸗ blick vier von den Bantings aus dem gegenüberliegenden Dickicht, und wollten über den offenen Plan, in etwa ſechzig Schritt Entfernung, hinüberfliehen. Der vorderſte von ihnen war ein rother mächtiger Bulle mit kühn und hoch, faſt Lyraartig ausgeſchweiften Hörnern, und dicht hinter ihm kamen zwei junge Stiere. Die Kühe folgten nach. „Ich nehme den vorderſten, nimm Du einen der* andern“ rief da der kleine Naturforſcher, in dem friſch— erwachten Jagdeifer alles Uebrige vergeſſend, und als die beiden Schüſſe faſt zuſammen aus den Rohren krach⸗ ten, brach auch der eine der jungen Stiere, auf den Fritz geſchoſſen, im Feuer zuſammen, während der in die Schulter getroffene Bulle einen wilden Satz nach vorn machte und in die Kniee brach. Das war aber nur ein Moment, und vielleicht eben ſoviel der Ueberraſchung über den Schuß als der Kugel ſelber zuzuſchreiben, denn kaum mit dem ſchäumenden Maul das Gras berührend, ſchnellte er auch ſchon wieder empor, und mit kurzem trotzigen Brüllen den Kopf emporwerfend, erkannte er kaum dicht vor ſich den Feind, als er die Hörner niederbog und in wilden Sätzen gegen den wirklich zum Tod erſchreckten Naturforſcher anlief. Die beiden Javanen feuerten jetzt allerdings ihre Schüſſe ab, der eine traf aber gar nicht, der andere verwundete das ſo ſchon raſende Thier nur in der Keule, und machte es dadurch noch wilder, ſo daß der kleine Engländer, der in dieſem Augenblick auch den Kopf verlor und rathlos, weder Anſtalten zur Flucht A nooch zur Vertheidigung machend, dem wüthenden Stier jedenfalls ein leichtes Opfer geworden wäre, hätte ſich Fritz nicht in dieſem Moment mit dem andern, noch geladenen Rohr, und laut ſchreiend und rufend dem Bullen entgegen geworfen, deſſen Aufmerkſamkeit auf ſich zu lenken, und ihn dann mit ſeinem zweiten Schuſſe unſchädlich zu machen. Das erſte gelang ihm auch voll⸗ kommen, als aber der Stier abbog und auf ihn zu⸗ ſprang, und er das Gewehr an den Backen riß und abdrücken wollte, verſagte das Rohr. Machtlos klappte der Hahn nieder und Fritz, in demſelben Moment auch das ganze Gefährliche ſeiner Lage überſchauend, warf das jetzt nutzloſe Gewehr fort und wollte dem nächſten Baum zu fliehen. Dorthin aber lag nicht allein eine Sumpf⸗ ſtrecke zwiſchen ihm und dem ſchützenden Holz, ſondern der wüthende Stier gewann auch dadurch an Vorſprung, weil er hätte gerade müſſen vor ihm vorüberfliehen.— Lange Wahl blieb aber auf keinen Fall, und in der Hoffnung, daß das Waſſer ſeinen Verfolger jedenfalls zurückhalten würde, floh er dem Ufer des Sees zu, überſprang einen ziemlich brei⸗ ten mit Kreſſe überwachſenen, aber mit Waſſer gefüllten Graben, und warf ſich, ſo weit er möglicher Weiſe konnte, in den See hinein. Wohl hörte er in demſelben Augenblick einen Schrei, dem Rauſchen und Quellen des Waſſers um ihn her, unter aber im nächſten Augenblick verſchwamm das ſchon Alles in in vortrefflicher Schwimmer, ſo lange ausſtrich, —. „8 * 4 — 82 bis er glaubte eine hinlängliche Entfernung zwiſchen ſich und dem angeſchoſſenen und gereizten Thiere zu haben. Erſt als er es nicht mehr länger unter Waſſer aushalten konnte, tauchte er empor, hätte aber faſt einen lauten Angſt⸗ ſchrei ausgeſtoßen, denn, kaum fünfzehn Schritt von ihm entfernt, ſchwamm ſein furchtbarer unerbittlicher Feind, und ſuchte ſchnaubend und blaſend das ihm ſo plötzlich entflohene Ziel ſeiner Rache. Fritz vermochte noch nicht wieder unterzutauchen, er mußte erſt wieder ſich einige Secunden der Erholung gönnen; trotzdem aber, daß er nur eben den Mund über Waſſer behielt und nicht das geringſte Geräuſch machte, hatte ihn das wüthende Thier doch wieder über die blitzende Waſſerfläche hin erſpäht, und ſchwamm brüllend, als ob es ſeinen Gegner zum Kampfe herausfordere, gegen ihn an. Der junge Burſch gab ſich ſchon für verloren, als er an das kleine, aber haarſcharfe Meſſer dachte, das er in einer Scheide im Gürtel trug, und nach dieſem fühlend, ob es auch noch an ſeiner Stelle ſei, beſchloß er wenigſtens einen Verſuch zu machen wieder unterzutauchen, unter den Weichen ſeines Feindes aufzukommen und dieſem dort einen Stich beizubringen, an dem er langſam verbluten müſſe. Wie er daher ſah, daß der Stier die genaue Richtung gegen ihn hin hatte, ließ er ſich wieder ſinken und kaum fünfzehn Sekunden ſpäter ſchwamm der Bulle gerade über ihn hin und traf ihn ſogar mit dem austretenden Hinter⸗ lauf an die Schulter. War es nun der Fall, daß er etwas unter dem Waſ⸗ 1 e 186 ſer gefühlt, oder hatte er ſich den Platz ſo genau gemerkt, wo der Verfolgte zum zweiten Mal unter der Oberfläche verſchwunden war, kurz er irehie gerade dort um und ſchwamm zurück. Mehrere Schüſſe wurden jetzt von den am Ufer ver⸗ ſammelten Jägern auf ihn abgefeuert. Fritz konnte den dumpfen Schall deutlich ſelbſt unter Waſſer hören, und eine neue Gefahr erwuchs daraus für den verfolgten und ſo ſchon ermatteten Jäger, der leicht, wenn er wieder an die Oberfläche kam, von den nichts weniger als ſicheren javaniſchen Schützen, ſtatt des Stieres getroffen werden konnke. Nichts deſto weniger mußte er wieder nach oben, das längere Tauchen ließ ihn immer mehr nach Luft ver⸗ langen, und er fürchtete die Beſinnung zu verlieren und dann zu ertrinken. Seine Freunde am Ufer waren indeſſen in kaum geringerer Angſt, denn was Fritz unter Waſſer nicht be⸗ merken konnte, ſahen ſie vom Ufer aus ſoviel deutlicher, daß das wüthende Thier nämlich zu wiſſen ſcheine wie ſich ſein Opfer gerade unter, oder doch dicht bei ihm befinde, und gerade dort wieder an die Oberfläche kommen müſſe, denn es paſſirte die Stelle kaum, als es auch wieder um⸗ kehrte und nun in kleinen Kreiſen den Ort umſchwamm. Mynheer Foelen und Evans feuerten jetzt ihre Ge⸗ wehre auf ihn ab, und eine Kugel traf ihn am Kopf, an dem ſie jedoch ſeitwärts abprallte, die andere ſchlug dicht vor ihm auf das Waſſer und ſchnellte harmlos über ihn hin, und die Zadanen icicten ihm jetzt auch eine Salve 1 187 inüber. Da aber dieſe ihr Blei nach allen Richtungen htung hinausſtreuten, und die Europäer das Wiederheraufkommen des Unglücklichen jeden Moment erwarten mußten, er aber von einer auf's Gerathewohl abgefeuerten Kugel eben ſo gut wie der Stier ſelber getroffen werden konnte, ſo verboten ſie es den Leuten. Ueberdieß ſchien es auf den Bullen auch nicht die geringſte andere Wirkung aus⸗ zuüben, als ihn wo möglich noch wilder zu machen, denn er dachte gar nicht daran nach dem Lande zurückzukehren, ehe er ſeiner Rache hier genügt hatte. Fritz nun, im Begriff wieder aufzutauchen, warf den Blick vorher nach oben, und das Herzblut ſtockte ihm, als er die dunkle Geſtalt des Feindes in dem hellen Waſ⸗ ſer gerade wieder über ſich hinſchwimmen ſah. Aber ihm blieb keine Wahl und nur in der Hoffnung, wenn er dicht hinter ihm wieder an die Oberfläche komme, nicht gleich von ihm geſehen zu werden, und dadurch wenigſtens Zeit zu gewinnen Athem zu holen und neue Kräfte zu ſammeln, tauchte er jetzt ſo raſch er konnte auf, und ſah ſich kaum drei Secunden ſpäter an Tageslicht; aber auch dicht dicht vor ihm, daß er ſeine Hand hätte auf ihn legen können— ſchwamm der Stier. Trotz ſeiner Erſchöpfung ſuchte ſeine Hand doch nach dem Meſſer, als der Schwanz des wüthenden Thieres gerade vor ihm das Waſſer peitſchte, und dieſes den Kopf wendend ſeiner anſichtig wurde. Fritz hielt, ſich für ver⸗ loren, als ihm wie ein Blitz der Gedanke durch die Seele ſchoß, den Schwanz zu ergreifen und feſt zu halten. Ohne Widerſtand im Waſſer zu finden, war der Stier dann gar nicht im Stande ihn zu erreichen, und vielleicht konnte er ihn bewältigen, jedenfalls gewann er Zeit ſich über Waſſer zu halten und neue Kräfte zu ſammeln. Natürlich brauchte er nicht den zehnten Theil der Zeit das auszuführen, als ich hier, es zu erzählen; im Nu hatte er den buſchigen Schwanz des Stieres erfaßt, und während dieſer ein förmliches Wuthgebrüll ausſtieß und mit dem Vorderkörper nach ihm herumfuhr, riß er ihn auch eben ſo raſch durch ſein eigenes Hintertheil ſich ſelber aus f Wege. Angſt, Aufregung und körperliche, faſt übermenſchliche Anſtrengung hatten den jungen Burſchen indeſſen aber ſo abgemattet, daß er ſchon fühlte wie ſeine Kräfte nachließen, und ſeine einzige Hoffnung blieb jetzt die, den Stier, der auf ſo wunderliche und glückliche Weiſe von ihm gefaßt war, mit ſeinem Meſſer anzugreifen und zu ermatten. Dieſes alſo aus der Scheide reißend und ſich ſelber ſo nahe als möglich zu dem Körper des Thieres hinanziehend, ſtieß er es ihm mit aller Kraft deren er fähig war, und ſo weit er nach vorne reichen konnte, in deſſen Weichen, und wiederholte den Stoß dreimal raſch hintereinander, die Wunde dabei ſo groß reißend, wie er nur irgend konnte. Der alſo gefangene und angegriffene Stier brüllte laut auf in Schmerz und Wuth, aber er war nicht im Stande, weder von der einen noch anderen Seite dem Gegner, der ſich mit der Kraft der Verzweiflung an ihn anklammerte, abzuſchütteln, und von der früheren Wunde ſelber erſchöpft, drang auch noch das Waſſer in S 189 die neuen Stiche und fing an ihn zu erlahmen und nieder⸗ zuziehen. Noch einen Verſuch machte er den Feind mit ſeinen Hörnern zu erreichen, und ſo gewaltſam war dieſer, daß Fritz, der ſeine linke Hand nachlaſſen fühlte, in der plötzlichen Ueberraſchung das Meſſer fallen ließ, nur um auch mit der rechten zuzufaſſen und ſich feſtzuhalten;— aber er bedurfte keiner Waffe mehr— das arme gequälte und durch Blutverluſt erſchöpfte Thier ſchien ihn ganz zu vergeſſen, und mit n Brüllen und Stöhnen, der eigenen Erhaſäung kend, da es wahrſchein⸗⸗ mehr zu ſinken begann, fing 1 dem nächſten Ufer, einer flachen, offenen Sumpfſp be, zuzuſchwimmen, und zog jetzt Fritz, der aber immer noch unſchlüſſig war, ob er dem Thiere bis zum feſten Lande folgen ſolle oder nicht, hin⸗ ter drein. 5 Er hatte Görigeus ihte mehr zu fürchten; wo der Stier, der ſich gar nie mehr um die am Ufer hinſprin⸗ genden Jäger kümmerte, und deſſen Augen ſchon anfingen grün und gläſern zu verden, das Land berühren mußte, hatten ſich ſchon mehrere der Javanen mit Mr. Evans ſelber, poſtirt, und wie er mit den Vorderfüßen feſten Bo⸗ den berührte, ſchoſſen ſie ihm von der Seite, auf kaum zehn Schritt Entfernung, drei Kugeln in den Kopf, daß er todt in dem ſeichten Waſſer, die blutſchäumende Schnauze zeben noch auf den Rand des Ufers bringend, zuſammen⸗ knickte. Der junge Burſche aber, der mit einem förm⸗ lichen Freuden⸗ und Triumphgeſchrei von den übrigen Jägern empfangen wurde, war ſo matt geworden, daß , 190 er, als mit der beſeitigten Gefahr auch die Erregung der Nerven nachließ, nicht einmal mehr allein das Ufer erreichen konnte, und von den raſch in das Waſſer ſprin⸗ genden Javanen hinaufgezogen wurde. Mit der Bantingsjagd war es aber jetzt vorbei, denn die übrigen Thiere hatten einen zu großen Vorſprung ge⸗ wonnen, und waren überhaupt zu ſehr überraſcht und er⸗ ſchreckt worden, als daß man hätte daran denken können ſie wieder einzuholen— würde ihre eigene Erſchöpfung das wirklich auch geſtattet haben. Die Weißen überließen deshalb den Kulis Fleiſch und Haut der erlegten Thiere zur Plantage zu ſchaffen, beſtiegen ihre Pferde wieder, und galoppirten, ſo raſch es ihnen der enge oft unterbrochene Pfad erlaubte, dem nicht weit entfernten Lagerplatz für die Nacht zu, wo indeß ſchon Vorrichtungen getroffen waren, als ob ſie einen Monat hier oben hätten campiren wollen. Pfoſten waren eingeſchlagen und ein dichtes feſtes Dach von Schilf und Blättern darüber gedeckt, die Wände und Decke bildeten ausgeſpannte Stücken Zeug, die eine förm⸗ liche kleine Kammer herſtellten, ſelbſt Matratzen fehlten nicht für die Europäer, die, auf den Schultern dazu be⸗ ſtimmter Diener, bis hier oben in die entfernteſten Berge geſchleppt worden waren, damit die weißen Herrn des Landes eine einzige Nacht darauf ſchlafen konnten. Auch einen ordentlichen Tiſch hatten die darin unge⸗ mein geſchickten Eingeborenen aus Bambusſtäben hergeſtellt, und in Samarang oder Batavia ſelber hätte die Tafel nicht mit größerem Luxus und mit verſchiedenartigeren Speiſen, Früchten und Weinen bedeckt ſein können, wie 191 hier. Wie aus dem Boden gezaubert war das Alles im Herzen der furchtbarſten Wildniß entſtanden, und als die Jäger ihre naſſen Kleidungsſtücke erſt mit trockenen ver⸗ tauſcht, und aus der kleinen, dazu beſonders hergerichteten Abtheilung in dieß Speiſezelt traten, rieb ſich Fritz wirklich die Augen um auch gewiß zu ſein, daß er nicht träume, ſo ſehr glich es einem Märchen aus Tauſend und einer Nacht oder der tollen Zaubergeſchichte, dem„Tiſchchen decke dich“, von denen ſich die Kinder mit ſolcher Seligkeit erzählen laſſen. Der Luxus der auf dieſe Art mit allem Möglichen, was zur Bequemlichkeit gehört, beſonders aber mit Dienern getrieben wird, iſt wirklich fabelhaft. Nie werden auch nur die kleinſten Expeditionen unternommen, ohne für jede Kleinigkeit zu tragen einen beſonderen Bedienten oder Ein⸗ geborenen— zwei Worte hier ziemlich gleich bedeutend— zu erfordern. Hat aber gar ein oberer Beamter, oder ein Regent der Eingeborenen ſelber, die aber auch unter der Botmäßigkeit der Europäer ſtehen, eine Reiſe oder In⸗ ſpektionstour zu machen, dann genügt es ſchon nicht mehr an jedem Ort durch den er kommt Alles aufzubieten was niet- und nagellos iſt, ſeinen Bedürfniſſen zuvorzukommen, ſondern eine ganze Armee von„Begleitern“ muß auch noch hinter dem Wagen her und vorausgaloppiren um dem ganzen Lande dadurch zu imponiren. So in Holländiſch Indien— und in Engliſch In⸗ ddien ſoll es noch ſchlimmer ſein, wo jeder Lieutenant bei der Armee ein Heer von Bedienten hält, und ein Arzt, der eeinſt eine kleine Tour allein zu unternehmen hatte, von ſeinen Freunden bedauert wurde, wie er wohl den meiſten und doch ſo nothwendigen Bequemlichkeiten werde entſagen müſſen, da er nur etwa hundert Eingeborene zu ſeiner Begleitung habe. Es iſt wahr, das heiße Klima jener Zone verbietet dem Europäer jede Art von körperlicher Anſtrengung, das aber zur Entſchuldigung nehmend, verweigert er ſich auch ſelbſt jede Bewegung, und erſchlafft dadurch in einer Reihe von Jahren ſeinen Körper dermaßen, daß er zuletzt nicht einmal mehr im Stande iſt, wenn er es wirklich wollte, die leichteſten Verrichtungen ſelber vorzunehmen, und nun zu einer Art Krüppel wird, der vollſtändig von ſeiner Um⸗ gebung abhängig, das hülfloſeſte Weſen auf der Welt ſein würde, wenn ihn dieſe einmal plötzlich verließe. Es iſt gut und rathſam unter der heißen Zone eine gewiſſe Vorſicht zu gebrauchen, beſonders wenn unſer Kör⸗ per ſich noch nicht an das fremde, heiße Klima gewöhnt hat; ſich aber faſt jeder Bewegung des Körpers enthalten, und mit wirklich ängſtlicher Sorgfalt darüber wachen, daß man nicht einmal den Arm hebt, ſich eine Cigarre anzu⸗ zünden, oder ſich einen Stuhl zum Tiſch zu rücken— wie das eben dort geſchieht— und dazu lieber eine Schaar von Dienern herbei zu rufen, ſchwächt und entnervt auch den Körper zuletzt ſolcher Art, daß die böſen und nachtheiligen Folgen nicht ausbleiben können, und viele, ſehr viele Krank⸗ heiten der heißen Zone wohl eben ſo oft ihren Urſprung in der vollſtändigen und muthwillig herbeigeführten Er⸗ ſchlaffung unſeres ganzen Nervenſyſtems haben mögen, als in dem heißen Klima ſelber. 193 Am nächſten Morgen— die Nacht ſchliefen ſie in Folge der ungewohnten Anſtrengungen, ungewiegt— gin⸗ gen Mr. Evans und Fritz allein auf die Jagd, da Myn⸗ herr Foelen Geſchäfte vorgab, welche ihn auf die Plantage zurückriefen. Er ließ ihnen jedoch den größten Theil der Leute zurück, mit denen ſie ſich aber nicht ordentlich ver⸗ ſtändigen konnten, und die den Wald in einem ſolchen Aufruhr hielten und dermaßen nach allen Richtungen hin durch die Büſche brachen, daß gar nicht daran zu denken war, noch irgendwie zum Schuß zu kommen. Fritz fühlte ſich auch wirklich zu ermattet von der geſtrigen über⸗ mäßigen Anſtrengung, die ſich erſt heute in ſeinen Glie⸗ dern zeigte, und gegen Mittag gaben ſie das Jagen auf und kehrten ebenfalls, wohl ſehr zur Freude ihrer ſämmt⸗ lichen Begleiter, nach der Plantage zurück. Fünfzehntes Capitel. Ein Tiger- und Nantherkampf. In der Plantage fanden ſie übrigens Alles ſchon in der größten Aufregung und Geſchäftigkeit um die Vor⸗ bereitungen zu dem morgenden Feſt zu treffen. Ein freier Platz war hergeſtellt worden zum Tigerkampfe zu dienen, und etwa fünfzig Javanen waren an der Arbeit, an einer anderen Stelle einen rieſigen Bambuskäfig aufzurichten, um deſſen begonnenes Gerüſt ſchon eine Maſſe lachender und ſchwatzender Eingeborner ſtanden, die wahrſcheinlich von frühern ähnlichen Feſtlichkeiten erzählten und ſich todt lachen Gerſtäcker, Fritz Wildau. 13 Vorfeier des kommenden Tages, die wunderlichen und oft und Violinen, Töne, von denen ſie gar nicht zu begreifen vermochten aus was für Inſtrumenten ſie eigentlich her⸗ rührten und deren wilden wunderlichen Weiſen ſie nicht zu folgen vermochten.. Der Gamelang beſonders nahm ihre Aufmerkſam⸗ keit in Anſpruch, mit ſeiner Unzahl Metallglocken, die Schon am Abend hörten aber die Fremden, zur melodiſchen Töne des Gamelang und Anklong, der Gongs 195 von allen Größen, wie ſie der Ton erforderte, mit kleinen Klöppeln geſchlagen wurden, und in der Art des Spielens unſern Glasharmoniken oder vielleicht auch Glockenſpielen glichen. Der Anklong war weit einfacher und beſtand aus nur dem Ton nach zugeſchnittenen Stücken Bambus, die. in einem Geſtell hingen und in einem anderen ausge⸗ ſchnittenen Stück Bambus geſchüttelt wurden, durch den Wiederſchlag Töne, unſeren Kuhglocken ähnlich, hervor⸗ bringend. Die Violinen waren alle zweiſeitig und wurden meiſt von Chineſen, von denen jeder ſeine eigene Melodie zu verfolgen ſchien, bearbeitet, die Gongs aber bildeten den Baß und beſtanden aus einfachen, aber eigenthümlich mit einem übergebogenen Rand geformten, runden Metall⸗ platten, die von bewickelten Klöppeln geſchlagen wurden, und einen entſetzlich weit dröhnenden, faſt ſchmetternden Laut gaben. Die Nacht unterbrach auch dies Gewirr von Tönen keineswegs, denn wenn Einer der Eingebornen vielleicht 4 ermüdet die Klöppel des Gamelangs niederlegte, hatte ein Aunderer ſchon lang und ſehnſüchtig darauf gewartet, ſie ſelber aufzugreifen, und ohne Pauſe ſchwammen die wirren Melodien noch lange vor den Ohren der müden Jäger. Als Fritz am andern Morgen früh aufſtand, waren dieſe Töne das erſte wieder das ihn begrüßte, die Leute mußten die ganze Nacht nicht aufgehört haben zu ſpielen — und hatten das auch in der That nicht. Ueberall flatterten dabei kleine Fähnchen, und unter langen, überall offenen Bambushütten, ſtanden breite Tafeln mit Allem be⸗ 13* 7 196 deckt, was indiſche Phantaſie nur an Früchten und Fleeiſch⸗ ſpeiſen, an Wurzeln, Blättern, Kernen, Beeren, Einge⸗ machtem und Geſottenem, Zucker und Zuckergebackenem auf⸗ zutreiben wußte. Den Hauptmittelpunkt bildete der freie Platz auf dem der Käfig mit dem gefangenen Tiger ſtand. Der Käfig ſelber, obgleich ziemlich ſtark gebaut, war nur von Holz, aber von dem leicht ſplitternden Holze der Arenpalme gemacht, das dem gefangenen Thiere, wenn es in Zorn und Wuth in die Stäbe beißt, mit ſeinen Splittern das Zahnfleiſch verwundet, und es zwingt nachzulaſſen mit ſolchen Verſuchen. Der Tiger, der erſt dieſen Morgen von dem Orte, wo er gefangen gehalten, hierher gebracht war, lag ſtill und faſt regungslos in dem Käfig ausgeſtreckt, die blitzen⸗ den Augen halb geſchloſſen und dem Anſchein nach ſich gar nicht um die Schaar von Menſchen— tödtlich gehaßter Menſchen— kümmernd, die ihn dicht umſtand; aber die hellen funkelnden Augen, die unſtät und raſch im Kreiſe umherſuchten, als ob ſie ſich ſchon eine Beute aus der Schaar herausfaſſen wollten, ſtraften dieſe Ruhe Lügen. Lange ertrug das gewaltige furchtbare Thier das Lachen und Schwatzen der Umſtehenden, ja rührte und regte ſich nicht wenn es ſelbſt von einem muthwilligen Knaben mit einem Stück Bambus zwiſchen den Stäben durch geſtochen und geneckt wurde. Dann aber warf es ſich auch manchmal mit einem zornigen Sprunge, und lautem faſt gellenden Gebrüll, in einem wahren Aufſchrei von Wuth gegen das hölzerne Gitter an, und der kochende Rachen, die blinkenden * 197 Fänge, das Feuer ſprühende Auge verriethen den innerlich gährenden Grimm der gefangenen Beſtie. Bei einem ſolchem Ausbruch von Wuth ſtoben aber die, erſt noch vor wenig Sekunden ſo ſorglos und laut lachenden Javanen, wie eine Flucht Tauben auf die der Habicht nieder geſtoßen, in wilder toller Eile aus⸗ einander, und kehrten erſt nach kurzer Zeit, in der ſie ſich den Käfig mißtrauiſch betrachtet hatten, ob er auch halten und das wilde gereizte Thier nicht auf ſie loslaſſen würde, über ihre eigene Furchtſamkeit laut und ſorglos lachend, zu ihren Plätzen zurück. Da plötzlich ſchlugen die Gamelangs eine raſche ent⸗ ſchiedene Melodie, und die Eingeborenen drückten ſich ſcheu von dem Käfige zurück, denn jetzt kam, von dem Herren⸗ Hauſe nieder, der Zug der Europäer, mit dem Regenten, dem Oberhaupte der Eingeborenen, voran, und von vielen hundert Lanzenträgern gefolgt. Während nun die Weißen mit dem Regenten ein unfern davon errichtetes hohes Ge⸗ rüſt beſtiegen, von wo aus ſie den Schauplatz vollkommen gut überſchauen konnten, ſtellten ſich die Lanzenträger in dreifacher Reihe, ſoweit ihre Zahl es ihnen erlaubte, um den Käfig auf, dadurch einen Raum von wenigſtens ſie⸗ benzig Schritt im Durchmeſſer laſſend, deſſen Mittelpunkt der Käfig mit dem Tiger bildete. Die Muſik dröhnte dabei ununterbrochen fort; die verſchiedenen Muſiker mußten ſich wirklich beim Ablöſen die Klöppel aus der Hand nehmen, denn auch keine Minuten⸗ lange Pauſe ſtörte dies Chaos von Tönen. Der Kreis von Lanzen um den noch eingekäfigten 2 * 198 Tiger war jetzt geſchloſſen, und die Zuſchauer, ein wunder⸗ liches Gemiſch von Männern und Frauen der Javanen, und Chineſen aus dem benachbarten Ort, preßten gegen die bewaffnete Schaar um ſo viel als möglich von dem nun bald befreiten Tiger zu ſehen. All' die nächſten Bäume hingen gedrängt voll Menſchen, und beſonders hatte ein ganzer Schwarm von jungen Burſchen und Knaben auf einem abgeſtorbenen Waringibaum, der dicht hinter der letzten Reihe der Lanzenträger, und dem Schaugerüſte gerade gegenüber ſtand, Platz gefunden, wo ſie ſich mit Arm und Bein über und an die ausgetrockneten Aeſte klammerten und die Zeit kaum erwarten konnten, in der das Schauſpiel beginnen ſollte. Sie hatten da oben auch jedenfalls einen der beſten Plätze, und andere kletterten fort⸗ während von unten nach, und ſuchten ſich mit einzu⸗ ſchwärzen, wurden aber von den ſchon im Beſitz befind⸗ lichen meiſt wieder zurückgetrieben, da ſie, zu weit auf die trockenen Aeſte hinausgedrängt, nicht mit Unrecht das Brechen derſelben befürchteten. 3 Die Gamelangſpieler mit den Gongſchlägern ſaßen ebenfalls auf einem von Bambus errichteten Gerüſte, viel⸗ leicht zehn bis elf Fuß vom Boden, und dicht hinter der letzten Reihe der Lanzenträger; die Inſtrumente waren auch deßhalb dort hinauf gebracht, um die Spielenden da oben zu Zeugen des Schauſpiels zu machen, damit ſie nach dem Stande des Kampfes den Takt ihrer Melodien regeln konnten. Alle andern Inſtrumente waren indeß in Stich gelaſſen, denn die Muſici hatten alle Hände 199 voll zu thun, und in dieſem Augenblick mehr zu beſorgen als Anklongs zu ſchütteln. Nachdem Alles in Ordnung, näherte ſich jetzt ein Man⸗ door oder Beamter(eine Art niederen Oberhaupts) mit allen möglichen Umſtänden, die nur Eiikette mit religiöſem Aber⸗ glauben vereinigt, zu erſinnen vermochten, der Plattform, auf welcher der Regent mit den Europäern ſaß, und als er von dem erſteren die Erlaubniß oder den Auftrag zum Beginn erhalten, öffnete ſich plötzlich der Kreis von Lanzen und ein Javane, feſtlich geſchmückt, mit keinen anderen Waffen, als ſeinem Khris oder Dolch im Gürtel, ſchritt von zwei Dienern gefolgt in den Kreis, der ſich augenblicklich wieder hinter ihnen ſchloß. Die beiden Diener trugen dürres Holz und trockene Stücken Bambus, ſo⸗ wie in einer ausgehöhlten Cocosnuß glühende Kohlen, und gingen damit ohne weiters auf den Käfig zu, an deſſen hinterem Ende ſie das Reiſig und Holz aufhäuften, ſo daß es, wenn es in Flammen aufloderte dieſen ergreifen mußte, entzündeten es dann durch Hineinſchütten und Blaſen der Kohlen und verließen hierauf eilig wieder den Ring, in welchem der Erſtgekommene— auch wohl dem Anſchein nach ein Mandoor— allein zurückblieb. Dieſer ſprang jetzt auf den aus feſten Planken be⸗ ſtehenden Deckel des Käfigs, und der Tiger, der unter ihm niedergeduckt lag, wendete langſam den Kopf von der Seite auf, zu ſehen was da über ihm vorgehe, und viel⸗ leicht auch mit der leiſen Hoffnung irgend etwas in den Bereich ſeiner Krallen zu bekommen, an dem er die den ganzen Morgen hindurch aufgeſtachelte Wuth auslaſſen 200 könne; der Schwanz begann ſich leiſe hin und her zu be⸗ wegen, obgleich er ſonſt kein Glied ſeines ganzen Körpers zu rühren ſchien. Der Javane kümmerte ſich aber nicht um die Beſtie unter ihm; die Natur des Thieres, mit dem er es zu thun hatte, genau kennend, begann er langſam die Klappe, die den Käfig verſchloß, zu lüften und wieder niederzuſtoßen, wenn er ſie ein Stück emporgezogen hatte, und des Tigers Auge haftete bald allein auf dem Eingang ſeiner Höhle, den er halb offen ſah, während er ſich eben ſo raſch wie⸗ der ſchloß. Dadurch unſicher gemacht, blieb er ſelbſt dann noch ruhig liegen, als der Mandoor die Falle vollkommen öffnete und das Bret neben den Käfig niederwarf, immer noch erwartend daß das Holz wieder zurückſchlagen würde. Der Mandoor indeſſen ſtieg langſam, wie um zu zeigen daß er keine Furcht habe, und nur leiſe und faſt unmerklich den Kopf etwas auf die Seite, dem Tiger zu⸗ drehend, mit vieler Feierlichkeit von dem Kaſten herunter, machte eine tiefe Verbeugung nach der Richtung zu in welcher der Regent ſaß, oder kauerte vielmehr halb auf die Erde nieder, und ſchritt dann langſam mit gemeſſenen Schrit⸗ ten, und ohne zurückzuſchauen— denn die monotonen Töne des Gamelangs verkündeten ihm ſchon daß der Tiger ſeinen Schutzort noch nicht verlaſſen habe,— nach der Stelle zurück, wo er den inneren Kreis zuerſt betreten hatte. Das Feuer griff indeß mehr und mehr um ſich; der hintere Theil des Käſigs loderte ſchon hell auf und die Flamme hatte bereits einige der Seitenſtäbe erfaßt, von denen aus ſie nach innen leckte. Dem Tiger fing es an 201 zu warm zu werden in ſeinem Bett, und nach der Oeff⸗ nung des Käfigs blickend begann er, im Ueberlegen ob er hinaus ſolle oder nicht, mit dem Schweif zu ſchlagen. Da traf dieſer die Flamme, und mit einem dumpfen Gebrüll fuhr das gereizte Thier herum, dem Feind zu begegnen der es zu faſſen wage. Aber ſtatt einem Gegner von Fleiſch und Blut quoll ihm der dicke Qualm und die erſtickende Gluth des Feuers entgegen, und rückwärts dem feindlichen Element zu entgehen ſuchend, fand er ſich gleich darauf, ſelbſt erſtaunt faſt wie es ſchien, im Freien, und die Ga⸗ melangs und Gongs ſchmetterten ihm ihre wilden heraus⸗ fordernden Töne laut und jubelnd entgegen. Es war ein prachtvoller Tiger, hochgelb mit lan⸗ gen regelmäßigen ſchwarzen Streifen, breitem Kopf und furchtbar gewaltigen Tatzen, der laut aufbrüllend, während ihm die Javanen mit einem Jubelgeſchrei antworteten, vor ſeinem Käfig ſtand und dann in kurzen Sätzen dem ihm nächſten Rand des Kreiſes zuſprang. Hier aber traf er wohl unerwarteter Weiſe auf die drei Reihen Lanzenſpitzen der Männer, die ihm ihre Waf⸗ fen entgegenhielten, und halb aufbäumend davor, während ihm die dunklen Züge der Javanen mit wildem Ausdruck entgegenblitzten, wandte er ſich und ſprang mit langen Sätzen an allen Lanzen nieder, rings im Kreis herum. Wild ſchmetterten die Gongs darein, als er an ihnen vor⸗ überfloh, und er warf einen ſcheuen Seitenblick dorthin, hielt ſich aber nicht auf, bis er zu der Stelle zurückkam, die er zuerſt angelaufen und als ob er ſich jetzt überzeugt 202 habe, daß es doch keinen anderen oder beſſeren Ausweg für ihn gebe, ſprang er mitten in die gegen ihn angehobenen Speere hinein. Armes Thier— von allen Seiten drangen ſie in ſein Fleiſch die ſcharfen Spitzen, und trafen ihn in's Leben — nichts deſto weniger machte er ſich wieder los, lief mit den klaffenden Todeswunden noch eine kurze Strecke in die Arena hinein, und verſuchte dann einen zweiten Sprung, genau an derſelben Stelle. Aber ſeine Kräfte waren ſchon zu ſehr erſchöpft, und ſich noch einmal von den Lanzen be⸗ freiend, taumelte er ein paar Schritte zurück und verendete, während die Inſtrumente wie wahnſinnig in eine Art von Sie⸗ gesjubel einſielen und die nächſten Javanen, die bis dahin an dem Kampf nicht Theil genommen, ihre Lanzen in den noch zuckenden Körper ſtießen. Im Nu ſprangen jetzt eine Menge Kulis in die Arena, den todten Tiger wie den leeren Käfig, der jetzt in vollen Flammen ſtand, hinauszuſchleifen, während ſich der Ring auf der anderen Seite öffnete, und acht Anderen Eingang gewährte. Dieſe trugen einen zweiten, etwas kleineren Käfig, in dem ſich ein gefleckter Panther befand; ein frohes Gemurmel lief durch die Reihen, denn der Panther iſt weit raſcher und gewandter als der Tiger, und zeigt auch manchmal mehr Muth, was den Kampf, oder das Tödten desſelben natürlich weit intereſ⸗ ſanter macht. Der Menſch iſt ja einmal ein blutdürſtiges grauſames Thier— wie der Panther. Bei dieſem wiederholte ſich nun größtentheils die erſte Ceremonie; der Mandoor trat mit der nämlichen Feier⸗ 4 — 203 lichkeit in den Kreis, nur daß es dießmal nicht nöthig war neues Feuer hinzuzutragen, indem die umhergeſtreuten Kohlen des Tigerkäfigs mehr als zureichten, auch den des Panthers zu entzünden. Das geſchehen, trat der Javane wieder wie vorher auf den Käfig, aber der Panther zeigte ſich unruhiger, als es ſein Vorgänger gethan und zuckte ſchon nach vorn wie die Klappe, die den Eingang ſeines Käfigs bildete, nur ein klein wenig gelüftet wurde. Als ſie aber wieder zuſchlug, fuhr er auch eben ſo raſch zurück, und beobachtete jetzt mit funkelnden Augen das Auf⸗ und Niederſtoßen derſelben.— Der Mandoor auf dem Kaſten konnte ihn dabei nicht ſehen, und die Zuſchauer, die an dem ganzen Betragen des Thieres merken mochten, daß es beſonders lebhafter Natur ſei, und wahrſcheinlich ein intereſſantes Schauſpiel bieten würde, ſtanden in athemloſer Spannung, den Ausgang zu erwarten. Nur die Gamelang und Gongſchläger häm⸗ merten fort auf ihren Inſtrumenten, und ſchienen es für ihre Schuldigkeit zu halten, die Zwiſchenzeit ſo angenehm als möglich auszufüllen. Jetzt zog der Javane die Klappe vollſtändig heraus und warf ſie fort, ſprang von dem Käfig nieder, und begann eben in all ſeiner Würde ſeinen Sembah oder ſeine Hul⸗ digung, als der Panther mit einem Satze aus dem Käfig fuhr und der Javane, all ſeine angenommene Ruhe in dem einen Momente hintenanſetzend, mit gewaltigen Sprüngen, die dem Königstiger Ehre gemacht haben würden, den ſchützene den Lanzen zufloh, welche er auch, während das befreite ͤͤͤ 204 Thier ſich nicht im mindeſten um ihn kümmerte, unter dem Jubel und Hohngeſchrei der Menge glücklich erreichte. Der Panther aber, ohne mit mehr als einem wilden Blick die tobende Menge, die in dieſem Momente ſelbſt den Gamelang verſtummen machte, zu überfliegen, ſprang in flüchtigen Sätzen dicht an den, gegen ihn geſenkten Lan⸗ zen hin— ſo dicht, daß er ſie faſt berührte, als einer der Javanen, dem die Gelegenheit wahrſcheinlich zu ver⸗ führeriſch ſchien ſie ganz unbenützt vorübergehen zu laſſen, mit ſeiner Waffe ein Stück hinaus ſtieß und das Thier leicht in der Seite verwundete. Die Wirkung dieſes Stoßes war zauberſchnell; raſch von der Berührung des Stoßes zurückweichend, durchlief der Panther die Arena von einer Seite zur andern, und dicht vor den Lanzen, gerade da, wo das Geſtell der Muſici er⸗ richtet war, ſich niederbiegend, ohne daß irgend Jemand eine Ahnung hatte, welcher Richtung er zuſpringen würde, ſchnellte er ſich mit einem Satze über die drei Reihen Lanzenmänner hoch hinweg, und befand ſich, zu gleicher Zeit die niedere Bambuswand des offenen Verſchlages faſſend, ſo zauberſchnell oben, mitten zwiſchen den Gongs und Gamelangs, daß die aufgeſtellten Lanzenträger, die er auf ſolche kecke Art überſprungen, nicht einmal Zeit gewannen nach ihm zu ſtoßen, ehe er ſchon hinter der Bambuswand verſchwunden war. Hei, wie da die alſo überraſchten Muſici auseinander ſtoben, als die wilde gereizte Beſtie mit einem tollen Sprunge zwiſchen ſie hinein fuhr; wo war die Sorge für Hals oder andere Gliedmaßen geblieben? Niemand dachte 20⁵5 mehr daran, denn rückſichtslos auf irgendwelche Knochen⸗ brüche, ließen die Leute raſch genug Gamelangs wie Gongs zurück, und ſchleuderten ſich förmlich von dem keineswegs niedrigen Geſtelle in reiner Todesverachtung nieder. Hätte ein Blitz zwiſchen ſie eingeſchlagen, ſie hätten ihm nicht ſchneller aus dem Wege ſpringen können. So neu dem Panther aber auch die Ausſtellung von Inſtrumenten, die er dort oben fand, jedenfalls ſein mußte, ſo wenig intereſſirte er ſich in dem Augenblicke dafür;— mit einem zweiten Sprunge, der ſelbſt dem erſten Ehre machte, war er wieder auf ebener Erde, und durch die dort herum zerſtreuten Eingebornen flüchtend, von denen ein⸗ zelne nur, wenn auch erfolglos, ihren Khris nach ihm ſchleuderten, überſprang er die nächſte Umzäunung, die durch einen kleinen Garten führte, und war wenige Se⸗ kunden ſpäter in der dahinter angrenzenden Kaffeepflanzung, jeder weiteren Verfolgung Hohn ſprechend, verſchwunden. Die Muſici konnten erſt nach einiger Zeit wieder zuſammengefunden werden. Der Panther würde übrigens ſelbſt durch den leben⸗ digſten und längſt ausgedehnten Kampf den Eingebornen vielleicht nicht ſolch ein Vergnügen gemacht haben, wie mit dieſem Seitenſprung zwiſchen die Muſikanten. Lauter Jubel übertönte im Anfang jedes andere Wort, und ſelbſt noch eine volle Stunde nachher, ſtanden einzelne Grup⸗ pen der braunen ſchlanken und wirklich maleriſch geklei⸗ deten Eingebornen lachend und erzählend beieinander, und beſchrieben ſich mit den ausdruckvollſten Geſtikulationen die 206 veerſchiedenen komiſchen Einzelnheiten die bei dieſem letzten „ Spiele“ vorgekommen. 4 — Sechszehntes Capitel. Der Kampf zwiſchen dem Eber und dem Biegenbock, und wie 3 ſich die Affen dabei benahmen. Regeres Leben als das ſelbſt im vorigen Capitel beſchriebene kam aber bald in die Gruppe, denn die Auf⸗ merkſamkeit der Zuſchauer wurde jetzt einem anderen Platze 207 zugelenkt, wohin ſich die Europäer mit dem Regenten nun begaben. Es war dieß der ſchon früher erwähnte rieſige Bam⸗ buskäſig, der unten von ſtarken, ziemlich weit auseinander ſtehenden Pfoſten errichtet, oben noch mit einem dünnen Netzwerk von Rattan und Bambus umflochten war, um überall, ſoviel als möglich wenigſtens, einen Einblick in das Innere zu gewähren, und doch auch wieder dicht genug, einige der größeren Affenarten halten zu können. In dieſem Käfig ſtand in der Mitte ein Pfoſten, und neben dem Pfoſten auf ſeinem Ende ein leeres ziemlich großes Faß, während bis jetzt die einzigen Bewohner ein ſehr ſtarker prächtiger Ziegenbock und vier Affen, ein blauer Heulaffe, ein ſchwarzer und zwei der gewöhnlichen lang⸗ geſchwänzten braunen Affen waren. Der Ziegenbock ſchritt dabei gravitätiſch in dem ihm angewieſenen Raume um⸗ her, naſchte dann und wann an einigen ihm hingewor⸗ fenen ſaftigen Stauden, und ſchien die Affen keines Blicks zu würdigen. Er hatte einen ſtattlichen Bart und ein Paar prachtvoll aufgebogene Hörner, und war überhaupt ein ſtarkes, ungemein ſehniges Thier. Der blaue Affe, der bläulich⸗grauen Farbe ſeiner Haare nach, oder häufiger noch Heulaffe genannt, da er das wunderlichſte, wehmüthig klingendſte Geheul ausſtößt das ſich nur denken läßt, ſaß mit dem ſchwarzen lang⸗ geſchwänzten Affen(der Heulaffe hat gar keinen Schwanz) oben auf dem Faß, den andern nur ſelten verſtattend ebenfalls mit Platz darauf zu nehmen, und der Blaue fuhr nur manchmal herum und warf dem Schwarzen einen 208 grimmigen Blick zu, wenn dieſer, was er gerne that, mit dem langen Schwanz umherſchlug und den Blauen traf. Er griff ein paar Mal darnach, konnte ihn aber nicht erwiſchen, und mochte auch wahrſcheinlich nicht gerne ernſtlichen Streit anfangen, denn die ſchwarzen Affen ſind gar böſe Thiere und haben faſt ſo ſtarke Zähne wie ein Hund— verſtehen auch überdieß keinen Spaß. Die braunen, ebenfalls langgeſchwänzten Affen— wie wir denn überhaupt immer da gerade am liebſten hin⸗ gehen, wo wir eigentlich nicht hingehen ſollen— waren nun aber doch ſchon mehrmals auf das Faß geſprungen und hatten einige Male, wenn ſich der Heulaffe nach ihnen umdrehte, den Verſuch gemacht, an dem in der Mitte der Hütte befindlichen Pfoſten hinauf zu klettern— es blieb aber auch nur immer bei dem Verſuche, denn der Pfoſten war ganz glatt und mit Seife eingerieben, und einer der beiden unten Sitzenden hatte ſie noch überdieß jedes⸗ mal beim Schwanze erwiſcht und wieder zurück gezogen, wobei ſie einmal ſogar auf den Ziegenbock gefallen waren, der das entſetzlich übel nahm. Dieß freundliche Stillleben ſollte jedoch bald auf eine höchſt unerwartete und rohe Weiſe geſtört werden. Schon das Anſammeln der Menſchen um den Käfig mit dem lauten Lachen und Sprechen und den jetzt dicht neben ihnen erſchallenden Tönen des Gongs und Gamelangs(denn die Muſiker hatten ſich nach und nach alle wieder zuſammen gefunden) gefiel ihnen nicht recht, ſie wurden unruhig, und der Bock, der vielleicht glaubte einer der Affen ſei Schuld daran, bog den Kopf nieder und nahm einen klei⸗ . 209 nen Anlauf gegen das Faß, wobei er den Heulaffen ſehr erſchreckte und den Schwanz des ſchwarzen Affen gegen den Pfoſten klemmte ſo daß ihn dieſer mit einem lauten Angſt⸗ und Schmerzensſchrei hinaufzog, ernſthaft betrach⸗ tete und nach allen Seiten herumdrehte, dann aber, wäh⸗ rend er ſich an einem anderen Theile kratzte, die Zähne gegen den unten wieder ſtolz auf⸗ und abgehenden Bock fletſchte und ſonſt noch alle nur möglichen ärgerlichen Ge⸗ ſichter ſchnitt. 4 Da plötzlich wurde die Aufmerkſamkeit der ganzen Geſellſchaft vollſtändig von ſich weg und der Thüre ihrer jetzigen Behauſung zugelenkt, denn eine Schaar ſchwatzen⸗ der lachender Kulis langte dort eben mit einem ziem⸗ lich großen und anſcheinend ſehr ſchweren Bambuskaſten an, den ſie dicht vor dieſelbe niederſetzten. Die Thüre wurde aufgezogen und als ſich der Ziegenbock demſelben neugierig näherte, und ſogar der blaue Affe von ſeinem etwas höher gelegenen Standpunkte, dem Faſſe, herunter gekommen war, zu ſehen was es da unten gebe, wurde plötzlich draußen eine Klappe aufgezogen, und in demſelben Moment fuhr ein grimmer ſchwarzer borſtiger Eber, wie aus einer Piſtole geſchoſſen heraus, und mitten zwiſchen die entſetzte Geſellſchaft hinein, die natürlich gerade ſo raſch auseinander ſtob, wie die Gong⸗ und Gamelangſchläger vorher, als der Panther zwiſchen ſie kam. Der Affe war mit einem Satze wieder auf dem Faſſe und wollte an der Stange hinauf, was aber der ſchlüpfri⸗ gen Seife wegen nicht ging, und der Bock floh im erſte Gerſtäcker, Fritz Wildau. 14 —* 2* “= 3 4 8 210 2—„ X S = Schreck an die andere Seite des Faſſes, und glaubte ſich dort ſicher. Der Eber aber, der von den andern Thieren auch nicht die mindeſte Notiz nahm, fand ſich kaum aus ſeiner bisherigen engen Haft erlöst, als er auch den Weg ins Freie zu finden ſuchte, und nun mit tiefem Grun⸗ zen rings um die Bambuswand lief, den Ausgang zu treffen, der ſich ihm nirgends zeigen wollte. Der Bock hatte ſich indeſſen dicht an das Faß ge⸗ drückt und erſt jetzt, als ihn das grunzende Schwein * 8* mehrmals dicht umkreiste, gewann der alte Zorn und Stolz die Oberhand über den erſten Schreck; er bog den Kopf nieder, lehnte ſich ein wenig zurück und ſtieß plötz⸗ lich, als ihn der Eber eben wieder paſſirte, mit ſolcher Gewalt dem überraſchten Thiere gerade in die Weichen, daß dieſes mit lautem Grunzen gegen die Bambuswand angeworfen wurde. Das aber war ihm doch zu bunt, und ſich zornig gegen den tückiſchen Angreifer werfend, hieb es nach dieſem, ihn leicht an der Schulter ver⸗ wundend, und bedrängte ihn ſo, daß der Bock jetzt ſeiner⸗ ſeits auf das Faß hinaufretiriren mußte, was er auch mit einem kühnen Satze ermöglichte und zu welchem Zwecke das Faß denn hier auch in der That eingeſetzt wor⸗ den war. Dadurch kam er aber natürlich den Affen ſehr in den Weg, die jetzt in wilder Flucht an der Stange, aber immer vergeblich hinauf zu retiriren ſuchten, während die beiden braunen Affen an dem inneren Bambusgitter in die Höhe liefen, und dort ſich mit drei Beinen feſthängend, eeinen Arm und den Schwanz niederhängen ließen und die ‧ . — —, A — Zähne dem Eber zufletſchten, der jedenfalls an der gan⸗ zen Verwirrung Schuld war, und hier ſchon anfing den Herrn vom Hauſe zu ſpielen. Der Bock überſchaute indeſſen, die untereinander kratzenden und beißenden Affen keines Blickes würdigend, das Terrain, und endlich wohl einſehend daß er hier oben jedenfalls einen gedeckten Rückhalt habe, ſprang er vom Faſſe nieder und den Kopf ſenkend und ein paar Schritte zurückgehend, fuhr er wieder mit ſolcher Gewalt gegen den Eber ein, daß dieſer faſt zu Boden geſtürzt wäre, und nun in der That ergrimmt ſich gegen den muth⸗ willigen Angreifer wandte. So plötzlich fuhr er da⸗ bei nach dieſem herum, und mit ſo unerwartetem Erfolg, indem er dem Bock einen tüchtigen Hieb in die Seite verſetzte, daß dieſer in wilder Eile ſeinen Zufluchtsort wieder zu erreichen ſuchte, durch den etwas zu heftigen Anſprung aber das Faß umſtieß und auf der andern Seite, während der Eber einen Hieb nach dem rollenden Faſſe ſelber that, die Erde erreichte. Jetzt aber begann erſt das Komiſche des ganzen Kam⸗ pfes— die beiden großen Affen, ebenfalls durch das Um⸗ ſtürzen des Faſſes jedes Rückhaltes beraubt, ſuchten an dem ſchlüpfrigen Pfoſten, aber immer vergebens, in wilder Eile hinauf zu klimmen. Der Schwarze, welcher der Ge⸗ wandtere ſchien, hatte ſich indeſſen noch nie mehr als etwa vier Fuß von der Erde emporgearbeitet, als ihn der Blaue, auch ſchon beim Schwanz erwiſchte und wieder herunter zerrte, um dann ſelber ſein Heil in der Flucht an den Bambusſtäben hinauf zu ſuchen. Der Ziegenbock aber 14* 3— 2f 24 H-, ’ ₰ 5—n 2—— A. r. nahm dann einen Anlauf gegen den ſchwarzen Affen, und während dieſer gewandt zur Seite auf den Eber und von dieſem ab an der Wand hinaufſprang, rannte jener gewöhnlich mit aller Kraft gegen den Mittelpfoſten an, daß die Hütte erbebte. Er durfte ſich aber nicht lange mit dem Holz abgeben, denn der Eber machte einen neuen Angriff auf ihn, und dieſem mit einem kühnen Sprung ausweichend, ſtieß er den ſchwarzen Bur⸗ ſchen wieder mit ſolcher Gewalt und ſo genau und voll gegen das Hintertheil, daß das Thier von dem unerwar⸗ teten Stoß mit einem dumpfen Grunzen zuſammenknickte und ſich nur wieder erholen konnte, um einen zweiten gerade an die Seite des Kopfes zu bekommen. Laut aufſchreiend fuhr er jetzt nach dem Bock herum, und dieſer war mit einem Satze auf dem umgeſtürzten Faſſe droben. Dort aber bot ſich ihm kein feſter Punkt, das liegende Faß rollte und der Bock hatte alle Füße voll zu thun, ſich oben und im Gleichgewichte zu hal⸗ ten. Der Eber ſchien übrigens ſo derbe Stöße gelöst zu haben, daß er ſich wirklich erſt wieder erholen mußte, ehe er den wunderlichen Kampf erneuern konnte. Er ſchnauzte deßhalb indeſſen die Affen an, die, als er kurze Zeit ruhig ſtand, ihn begannen zur Treppe zu gebrauchen, auf der ſie bequem von unten nach oben und wieder zurück ſprangen. Endlich aber verlor der Bock das Gleichgewicht, das Faß ſchoß ihm hinten unter den Füßen fort, und der Cber, der das für eine neue Beleidigung hielt, warf ſich von Neuem gegen ihn. Ddießmal urde er aber bös empfangen; der Bock, augenſcheinlich durch das Rollen des Faſſes, vielleicht auch ſchon durch die vorher erhaltenen Wunden, in die übelſte Laune verſetzt, ließ ihn gar nicht zur That kommen, und traf ihn gleich beim erſten Anſprung voll gegen die Hauer. Der zweite Stoß, den er raſch nach dem erſten führte, wäre vielleicht noch verderblicher geworden, hätte ſich da nicht der blaue Affe, wenn gleich ganz unfrei⸗ willig, dazwiſchen geworfen. Dieſer hatte nämlich unter der Zeit oben, und zwar ſehr unnöthiger Weiſe, mit dem ſchwarzen Affen eine Rauferei angefangen, welche der Schwarze, der jetzt lange genug geduldig zugeſehen, nicht länger mit ſeinem Gefühl von Ehre und Muth verein⸗ baren konnte. Er faßte ihn deßhalb plötzlich dermaßen mit den Nägeln und Zähnen, indem er ſeinen Schwanz dabei um einen der Bambusſtäbe ſchlang, ſich daran feſtzuhalten, daß der Heulaffe, nur um ſich gegen den raſenden An⸗ griff zu vertheidigen, loslaſſen mußte, und jetzt, während der Gegner an ſeinem„Stern⸗Tau,“ wie die Matroſen ſagen würden, hängen blieb und zähnefletſchend hin und her ſchaukelte, nieder und gerade zwiſchen die beiden unten kämpfenden Thiere in demſelben Moment hineinſiel, als der Bock einen neuen Anlauf genommen hatte. Das arme Thier hätte zu keiner ungelegeneren Zeit hier ankommen können, denn von der furchtbaren Gewalt des Stoßes ge⸗ troffen wurde ihm gleich die Bruſt zerſchmettert und er blieb todt neben dem Eber liegen, während der Bock, der bei dem lauten Aufſchrei nicht anders glaubte als ein neuer Gegner ſei ihm da erſtanden, raſch wieder auf ſein rollendes, ſich wälzendes Faß zurückſprang. 214 Der Eber dagegen. der natürlich nicht wiſſen konnte, welchen vortrefflichen, wenn auch unfreiwilligen Dienſt ihm der Todte geleiſtet, hieb in grimmer machtloſer Wuth ein paar Mal nach ihm und wandte ſich dann wieder gegen das Faß. Hier aber kam ihm der Bock, der durch den bis jetzt ſo erfolgreichen Kampf immer mehr Muth und Zuverſicht geſchöpft hatte, auf halbem Wege entgegen, und bearbeitete ihn nun dermaßen, daß das Schwein zuletzt nur noch machtlos und ohne im Stande zu ſein das ſchon halb gelähmte Kreuz vom Boden wieder aufzubringen, nach ihm hauen konnte. Der Bock aber, der bei dieſen Käm⸗ pfen wunderbarer Weiſe faſt ſtets das Feld behaupten ſoll, gab ihm noch drei oder vier mit aller Macht geführte Stöße und ſprang dann— jetzt jedoch wie im Triumph und Uebermuth— nochmals auf das Faß zurück, wo er ſich wie im Spiel zu ſchaukeln und balanciren ſchien, und deen ſchwarzen Affen dadurch ärgerte, der den Platz als ganz vortrefflich gefunden hatte um den Kampf der bei⸗ den Thiere zu beobachten. 3 Mit dem Siege des Bockes, denn das Schwein war ſo mürbe gemacht daß es gar nicht wieder aufzuſtehen wagte, hörte aber das Intereſſe der Zuſchauer an dem Kampfe auf, und die Europäer verließen den Schauplatz, um den ſich jetzt neugierig die Eingebornen drängten, zu ſehen ob ſich der Eber vielleicht noch einmal erholen, dder der Bock aufs Neue wieder beginnen würde, wobei 5 man es natürlich nicht an Anreizungen fehlen ließ. Ddite Feſtlichkeiten beſchränkten ſich von da an mehr a6 Eſfen u und Trinken und die Tänze der Eingebornen, 215 welche die ganze Nacht hindurch währten, wenigſtens waren die unausweichlichen Töne des Gamelangs und der Gongs das Erſte wieder, das Fritz Wildau's Ohr begrüßte, als er am nächſten Morgen mit Tagesanbruch erwachte. Siebenzehntes Capitel. Aberglaube der Malayen mit dem Krokodit, und wie die Affen die Krabben fangen. Die nächſten Monate ſiel weiter nichts Außerordent⸗ liches vor, denn mit Mr. Evans in den Wäldern umher⸗ ſtreifend, widmeten ſie ihre ganze Zeit wiſſenſchaftlichen Forſchungen und ſammelten Pflanzen und Steine, daß ſie oft ſchwer bepackt nach Hauſe kamen, und die Javanen die Köpfe ſchüttelten, was die tollen Menſchenkinder da draußen in Wind und Wetter, in Thau und Regen herumzukrie⸗ chen hätten, um ſich zum Schluß mit welken Pflanzen und losgebrochenen Steinen zu bepacken, als ob das Gold und Edelſteine wären. Mr. Evans Geſundheit litt aber zuletzt darunter und ein Fieber fürchtend, dem er jetzt vielleicht noch mit guter ärztlicher Hülfe vorbeugen konnte, kehrte er mit Fritz nach Samarang zurück. Der junge Burſche, dem indeß das müßige Leben im Hotel nicht zuſagen wollte, während es ihm auch zu⸗ gleich ein drückendes Gefühl war ſo mit Nichtsthun ſeine Tage hinzubringen, verlangte wieder nach einer Thätigkeit, und willkommen war ihm die Einladung eines Amerika⸗ ners, den er in Samarang kennen lernte, ihn in Djaraka, einem kleinen, dicht bei Samarang liegenden Orte, zu beſuchen und dort ſeine Zeit nach beſten Kräften anzu⸗ wenden. Djaraka lag an der See und das Haus des Ame⸗ cospalmen und Bananen umgeben, die weite von unzähli⸗ gen Segeln und Booten belebte Meeresfläche. Es war ein reizendes Plätzchen in dem wunderſchönen Java, und der kleine Ort ſelber mit ſeiner wunderlich gemiſchten Bauart, den ärmlichen Bambushütten der Eingebornen, wie geräumigen und eleganten Wohnungen der Europäer, diente nur dazu die herrliche Vegetation und üppige Far⸗ rikaners, eines Mr. Wilſon, überſchaute, von dichten Co⸗ —* — 217 benpracht der Fruchthaine, die es rings umgaben, mehr hervor zu heben. 1 Fritz richtete ſich nun dort ganz häuslich ein, legte eine Sammlung von Vogelbälgen und Inſekten, Käfern und Schmetterlingen an, und verwendete einen großen Theil ſeiner müßigen Zeit darauf, ſich mit den Ver⸗ hältniſſen und der Cultur des Landes vertraut zu machen, was ihm bald ſo gelang, daß ihm nach Verlauf von ſechs Monaten etwa Mr. Wilſon den Vorſchlag machte, bei einem Schwager von ihm, einem holländiſchen Pflan⸗ zer auf der Inſel Bangka bei Sumatra, die Aufſicht über deſſen Plantage zu übernehmen. Fritz ging gerne darauf ein und die Zeit ſeiner Abreiſe wurde auf den nächſten Monat feſtgeſetzt, da erſt dann eine Prahu ſegel⸗ fertig war, die zugleich der kleinen Colonie einige Ma⸗ ſchinerie und andere Bedürfniſſe zuführen ſollte. In dieſer Zeit— und er benutzte ſeine Tage jetzt noch recht ordentlich in der Nachbarſchaft umher zu ſtrei⸗ fen— hörten ſie, daß etwa fünf Paalen oder engliſche Meilen weſtlich an der Südküſte hinauf, ein Mann von einem Krokodil verſchlungen worden wäre, und ein malayiſcher Zauberer dort das Krokodil am nächſten Tage zur Rechen⸗ ſchaft ziehen und wahrſcheinlich auch tödten wolle. Das war eine Gelegenheit etwas von den Sitten und dem Aberglauben dieſes wunderlichen Volkes zu ſehen, die Fritz Wildau nicht wollte unbenutzt vorübergehen laſſen; da aber Mr. Wilſon gerade keine Zeit hatte ihn zu begleiten, mußte er ſich ſchon allein aufmachen, und trabte noch an dem nämlichen Morgen, von einem malay⸗ 218— ſchen Diener begleitet und mit einem Empfehlungsbrief an den dortigen Mandoor verſehen, dem bezeichneten Platze zu, den er nach kaum zweiſtündigem Ritt auch glücklich erreichte. Der Malaye der ihn begleitete ſprach übrigens genug engliſch, ſich mit ihm recht gut verſtändigen zu können, er hätte ſich deßhalb auch keinen beſſeren Dollmetſcher zu wünſchen brauchen;z außerdem war es aber auch noch ein alter Be⸗ kannter von Dir, lieber Leſer, und zwar Niemand Ge⸗ ringeres, als Mr. Evans kleiner dicker Malaye, der ſich mit ſeinem alten Herrn, ſeit dem Tage wo er mit den Tamarinden über Bord gefallen, nie wieder ſo gut vertragen konnte, ihn deßhalb vor vier Wochen etwa verlaſſen und Fritz, den er immer gern leiden gemocht, aufgeſucht hatte. Der Burſche machte unendlich wenig Anſprüche, brauchte noch weniger, und ſchien eine wirkliche Anhänglichkeit an den jungen Mann zu haben. Wir können Fritz nämlich jetzt recht gut einen ſolchen nennen, denn das letzte Jahr hatte ihn an Körper wie Seele gereift, und er ſah ſogar älter und männlicher aus, als er in der That war. Auf ihren kleinen Pferdchen galoppirten ſie alſo luſtig vor das Haus des Mandoors; Fritz überlieferte ſeinen Brief, wurde auf das freundlichſte empfangen und mußte, er mochte betheuern wie er wollte daß er erſt vor etwa einer Stunde eine tüchtige Mahlzeit eingenommen, ſich nicht allein wieder an einen Tiſch ſetzen, auf den ihm mehrere Mädchen eine förmliche Unmaſſe von Gerichten der allerverſchiedenſten Art auftrugen, ſondern auch zu⸗ langen. Der Mandoor hörte nicht auf mit nöthigen, 219 und der kleine Mann war ſo freundlich dabei, ſo zu⸗ vorkommend, und machte ſtets ein ſo entſetzlich trauriges Geſicht, wenn Fritz eine der unzähligen Schüſſeln, oder beſſer Tellerchen, zurückwies, daß dieſer ſich wohl oder übel den Magen überladen mußte, und nur auf einen Ritt nach Tiſch hoffte, ſeinen Körper wieder ein wenig in Ordnung zu bringen. Sobald übrigens der Mandoor ſah daß er ordent⸗ lich im Gange war, kauerte er ſich neben ihm auf die Erde nieder und aß erſt— auf der Erde— nachher von den Speiſen, die Fritz übrig gelaſſen. Es war dem jungen Mann dabei wirklich ein unheimliches Gefühl, hier ſo ehrfurchtsvoll bedient zu werden, und unwillkühr⸗ lich kam ihm oft der Gedanke wie er, vor gar noch nicht ſehr langer Zeit ſelbſt ein Diener, an Bord des Piraten behandelt worden. In Indien adelt aber die Farbe, und wir in Europa dürfen das gerade nicht ſo entſetzlich ſon⸗ derbar finden, denn gingen wir bei uns oft zu dem Quell deſſen zurück, was einen Theil des Volkes vor dem andern in den Staub wirft, ſo kämen dabei, wenn nicht gar noch wunderlichere, doch gewiß eben ſo wunderliche Dinge zum Vorſchein. Nach dem 9.e ntlich ſchon während des Mahles, bekam er Kuch K 1 der Kaffee wurde hier auf andere Weiſe zubereitet als er es gewohnt war. Eines der Mädchen ſchüttete nämlich einen Löffel voll ge⸗ mahlenen Kaffee in ſeine Taſſe und goß dann das kochende Waſſer oben darauf.— Es war ihm allerdings ein wenig unbequem den Satz zwiſchen die Zähne zu bekommen, aber 220 4 er hätte um die Welt nichts geſagt, denn ſein gaſtfreier Wirth wäre im Stande geweſen, den ganzen Kampong (Dorf) umzudrehen, eine andere Art aufzufinden ihn zu⸗ frieden zu ſtellen. Fritz intereſſirte aber jetzt vor allen Dingen der Krokodillzauberer, und er erwartete ungeduldig den Augen⸗ blick wo ſie dorthin aufbrechen ſollten; der Mandoor hatte aber auch ſchon dafür geſorgt, und einen Boten abgeſchickt, der ſich von dem Stand der Dinge unterrichten ſollte. Dieſer kehrte bald darauf zurück und Fritz erfuhr nun, daß es der Zauberer für eine Ehre anſehen würde wenn der Weiße hinüber kommen wolle der Beſchwörung beizu⸗ wohnen— man würde jedenfalls bis gegen Abend damit warten, damit er Zeit genug habe dort einzutreffen. War das der Fall, dann durfte er aber auch nicht mehr lange zögern; friſche Pferde wurden gleich darauf gebracht, und im Galopp, den kleinen dicken Malayen auf einem Gladack oder Dienerpferd hinter ſich, mit noch einem ganzen Schwarm anderer, die der Mandoor für ſeine eigene Begleitung nöthig hielt, galoppirten ſie bald darauf durch einen Hain der herrlichſten Cocospalmen am Strome hinauf, einem kleinen ärmlichen Fiſcherdörfchen zu, das ſie nach etwa halbſtündigem ſcharfen Ritt erreichten. Die ganze Bevölkerung war hier ſchon, trotzdem daß die Sonne noch ziemlich hoch ſtand, auf den Beinen, der Mandoor aber galoppirte gleich vor eins der größten, mit einer langen Veranda verſehenen Bambushäuſer, ſprang vom Pferd, half Fritz aus dem Sattel und führte ihn, nachdem er in der Thür von einem alten Mann auf das 221 Feierlichſte begrüßt worden, in das Innere der Hütte zu — einer langen, wieder von oben bis unten mit Speiſen und Getränken beſetzten Tafel, wo ſich, wie es ſchien, die ganze Feſtivität von vorhin wiederholen ſollte. Das war dem jungen Mann aber denn doch außer dem Spaße und er erklärte jetzt, allerdings lachend, aber doch alles Ernſtes, daß er nicht im Stande ſei auch nur einen einzigen Biſſen zu ſich zu nehmen, und trotz allem Zureden mußten dieß⸗ mal die Eingebornen die Speiſen allein verzehren. Sein Gaſtfreund von kurz vorher ſetzte ſich aber richtig wieder mit an, und ließ ſich auch in der That gar nicht merken daß er an dem Tag ſchon überhaupt einmal etwas gegeſſen hätte. Das Mahl wurde übrigens raſcher beendet, als die Zahl der kleinen Schüſſeln anfänglich erwarten ließ; die meiſten der Eingebornen waren ſchon nach dem See⸗ ſtrand hinunter gegangen und Fritz ſtahl ſich jetzt leiſe aus der Hütte fort mit ſeinem Malayen, die Ceremonien der Krokodillbezauberung nicht des ewigen Eſſens und Trinkens wegen zu verſäumen. Der Burſche hieß Tji kandi, nach dem Ort von dem er ſtammte. Tji kandi erklärte ihm aber jetzt auch unterwegs die eigentliche Bedeutung der Ceremonie, die ihren Urſprung eigentlich in einem Aberglauben oder beſſer geſagt vielleicht in dem religiöſen und gutmüthigen Sinn der Eingebornen hatte. Dieſe halten nämlich das Krokodill für geheiligt. — Allah, denn faſt alle Javanen ſind Muhamedaner — hält es unter ſeinem beſonderen Schutz, und es wird keinem Javanen einfallen ein Krokodill zu tödten, außer eben unter den jetzigen abſonderlichen Umſtänden. Allah nämlich hat den Krokodillen, die ſeine Kinder ſind, ſtreng verboten ſeine anderen Kinder, die Menſchen, zu freſſen oder auch nur zu tödten, und die Krokodille ſind viel zu vernünftige Geſchöpfe ſolch ein Gebot zu über⸗ ſchreiten; ja ſie halten auf Ordnung untereinander und manche Menſchen wollen ſogar behaupten daß Schwimmende von Krokodillen, ſelbſt gegen einen einzelnen ihrer Schaar, der das Gebot überſchreiten wollte, vertheidigt worden wären. Schlechte nichtsnutzige Individuen gibt es aber unter allen Sekten, unter allen Menſchen, warum nicht auch unter den Krokodillen, und es kommt allerdings manchmal, wenn auch ſehr ſelten, vor, daß ein ſolches liederliches und gott⸗ loſes Thier, Allahs Geſetze vergeſſend, einen Menſchen an⸗ fällt, tödtet und verzehrt. Allah iſt aber langmüthig, die Strafe folgt nicht gleich, der Sünder wird gewarnt, und hat jetzt noch Zeit ſich zu beſſern. Verbotene Früchte ſchmecken aber am beſten, und Menſchenfleiſch iſt ſüß; hat einmal ein Krokodill wirklich einen ſolchen Fehltritt began⸗ gen, dann ſiehts nachher meiſt bös mit der Beſſerung aus; dem nächſten Menſchen, den es erwiſchen kann, reißt es, zehn gegen eins zu wetten, gewiß wieder ein Bein oder einen Arm aus, oder frißt ihn auch ganz und Allah, jetzt ernſtlich bös über ſolch unverbeſſerlichen Sünder, ſagt ſich los von ihm, und überläßt nicht allein den Menſchen es zu beſtrafen, ſondern verlangt dies ſogar von ihnen, und ddie Menſchen gehorchen dann, und tödten das böſe Krokodill. Tji kandi war übrigens kaum mit ſeiner kleinen Er⸗ zählung fertig, als ſie raſche Hufſchläge hinter ſich hör⸗ ten, und der Mandoor mit ſeinem ganzen Gefolge nach⸗ 223 geſetzt kam. Sie hatten den ihrer Obhut empfohlenen Weißen vermißt, und ſich in aller Angſt nur gleich auf die Pferde geworfen, ihn einzuholen, ehe ihm vielleicht etwas paſſirt ſein konnte. Allerdings machten ſie ihm nun zärtliche Vorwürfe, daß er ihnen einen ſolchen Schreck einge⸗ jagt, Fritz aber galoppirte lachend dem Strande zu, wo die Malayen in ehrerbietiger Entfernung von dem Waſſer ſelber verſammelt ſtanden, und den Worten eines alten Eingebornen zu lauſchen ſchienen, der ihnen mit wunder⸗ lichen Geſticulationen und lauter Stimme etwas vorerzählte. Es war der Zauberer; der junge Weiße wurde ihm flüchtig vorgeſtellt und er wandte ſich jetzt dem Meere zu, wohin ihm alle Uebrigen ganz augenſcheinlich in ängſtlicher Spannung folgten.. Der Platz lag an der Grenze eines kleinen, mit weidenartigen Büſchen bewachſenen und von zahlreichen Lagunen durchzogenen Sumpfes oder flachen Landes, das hier jedoch durch den von den Hügeln niederdachenden Streifen feſten Sandes ſcharf abgeſchnitten wurde. Dieſer Sand bildete gewiſſermaſſen den Fuß der nach innen zu aufſteigenden Hügelkette, und lief feſt und hart in einer Art Landzunge an den Sumpf hinan. Dieß war ein Lieblingsaufenthalt der Krokodille, denn in den Lagunen und unter den Weidenbüſchen hin konnten ſie vortrefflich verſteckt zum Ufer kommen, wenn ſie inco⸗ snito zu reiſen wünſchten, oder ſich auch auf dem Nachbar⸗ ſtreifen der harten Sandbank zu jeder beliebigen Härte in der Sonne röſten. Hier hatte das Krokodill den Mann, der am Rande des Sumpfes ſeine Canoe gehabt, 224 heimtückiſcher Weiſe gefaßt und unter Waſſer gezogen, und ſollte jetzt auch hier ſeine Strafe leiden. Fritz erſtaunte übrigens nicht wenig als er nirgends auch nur die Spur eines ſolchen Thieres ſah— er hatte geglaubt der Menſchenfreſſer ſei gefangen worden und werde, bis zur Stunde ſeiner Execution, eingeſperrt gehal⸗ ten, und jetzt ſagte ihm Tji kandi daß ſich das beſtimmte Opfer noch ſehr wohl irgendwo im Meer befinde, jeden⸗ falls aber kommen werde ſobald es gerufen würde, denn darin lag ja gerade die Zauberei— ein Krokodill todt zu ſchlagen, das in einem Käfig liege, ſei nicht ſo ſchwer, das könne er auch. Der Zauberer verlor übrigens keine Zeit weiter mit langen Vorbereitungen, denn auf die Sandbank hinaus⸗ tretend, ſo daß er aber noch immer zehn oder zwölf Schritt trockenen Raum zwiſchen ſich und dem Waſſey behielt(und er hatte die Ebbezeit zu dieſer Ceremonie gewählt)— ſtieß er einen langgezogenen eigenthümlich gellenden oder ſchril⸗ len Laut aus, und begann dann ein leiſes monotones Lied zu ſingen, zu dem er langſam den Takt mit den Händen ſchlug. Von Zeit zu Zeit wiederholte er dabei den Ton, der mit einem ganz eigenthümlichen Ausdruck über das Waſſer zitterte, und dann neigte er das Haupt nach Oſten und Weſten, und begann ſeinen Geſang von Neuem. Da regte es ſich im Waſſer— von der Weiden⸗ ſpitze her und oben von der Sandbank herunter tauchten ein paar dunkle Körper empor; wie Stücke verkohlten Holzes lagen ſie auf der Oberfläche, und kamen lang⸗ ſam ohne eigentlich ſichtbare Bewegung herangetrieben. .— 225 Dort drüben näherten ſich noch mehr— dem Weidenſumpf gegenüber,— vier und fünf auf einmal hoben ſie ſich lang⸗ ſam aus der Tiefe heraus, und jedesmal wenn der eigenthümliche Ruf wieder tönte, war es faſt, als ob all jene dunklen Geſtalten an Drähten gehalten würden, ſo mit einem gemeinſamen Ruck preßten ſie nach vorn, ſo lange der Ton dauerte, und ließ er nach, fielen ſie auch mehr und mehr, wie der Laut verklang, in die alte Be⸗ wegung zurück. Es war augenſcheinlich daß der Mann einen merkwürdigen, und im erſten Augenblick in der That unerklärlichen Einfluß, auf die Thiere ausübte, denn un⸗ verkennbar folgten ſie allein ſeinem Ruf, näherten ſich ſo allmählich dem Strande und blieben jetzt, mit ihren Köpfen größtentheils aus dem Waſſer, während hie und da auch wohl ein rech großes Thier mit dem halben gepanzerten Rücken über die Oberfläche hinausragte, förmlich aufmar⸗ ſchirt und wie weiterer Befehle harrend, liegen. Der alte Zauberer war aber nicht geſonnen ſeine Zuſchauer ſogleich in die Geheimniſſe ſeines ganzen Ver⸗ fahrens einzuweihen, denn vor den dort lagernden Thieren hin begann er jetzt einen langſamen und feierlichen Tanz, bei dem letzten beginnend das in Sicht war, und während die Zuſchauer langſam und noch ſchüchtern etwas näher hinanrückten, um die Worte zu verſtehen, welche er dabei mehr murmelte als ſang, ſchien er auf die Uebrigen gar nicht mehr zu achten, ſondern beſchäftigte ſich jetzt einzig und allein mit den Thieren. 8 Fritz verſtand übrigens auch nicht eine Sylbe von der ganzen Beſchwörung; Tji kandi aber, der ſich ſo nah Gerſtäcker, Fritz Wildau. 15 226 als möglich zu dem alten Zauberer hielt was ihm auch, da der Europäer neben ihm ſtand, geſtattet wurde, er⸗ klärte ihm, wie der alte Mann jetzt jedes einzelnen Thieres Tugenden und Vorzüge prieſe, und ihnen ſage wie Allah mit ihnen zufrieden wäre, und ſeine Sonne gern auf ihre Rücken niederſcheinen laſſe— und daß ſie ſolch anſtändige mäßige Krokodille bleiben und ſich nicht ver⸗ führen laſſen ſollten von ſchlechten Beiſpielen— er wolle keine Namen nennen. „Du biſt der bravſte“ ſang er zu einem großen tüchtigen Burſchen kommend, der mit halb geſchloſſenen Augen da lag und träg und ſchläfrig nach ihm hinauf⸗ ſchmachtete—„Du biſt der beſte von Allen, Du hältſt ſie in Reſpekt und ich weiß, daß Du meinem Sohn haſt beigeſtanden gegen den Nichtsnutz, den wir im vorigen Jahr getödtet haben.“ „Du biſt noch jung,“ fuhr er dann zu einem andern fort—„aber ich fürchte aus Dir wird nichts Gutes— ſchlimme Dinge habe ich gehört von Dir, ſchlimme Smde, beſſere Dich, beſſere Dich— „Und ihr ſeid brav,“ ſang er den andern vor,„und ſollt Geſchenke haben, die Euch Euer Vater bringen wird — huh ih uh—“ und der lange Ton ſchallte wieder über das Waſſer, daß die Thiere die Köpfe aufhoben und ſich umſchauten— es klang gerade als ob er von allen Sei⸗ ten käme. Jetzt aber nahm der Tanz eine andere Form an— er wurde lebendiger und ausdrucksvoller, und bewegte ſich faſt ausſchließlich einem ziemlich großen Thier mit beſon⸗ 227 ders ſehr breitem Kopfe zu, das faſt mit dem halben Leib aus dem Waſſer lag und den Alten mit den kleinen tückiſchen Augen wie lauernd anblitzte; das war der Ver⸗ brecher, und dem ſagte er jetzt von der Leber weg ſeine Meinung. Guter Allah, wie er vor dem auspackte— das war nämlich nicht der erſte derartige Fehltritt geweſen; zweimal ſchon, einmal wegen ziemlich gegründeten Verdachts, das zweitemal wo er auf friſcher That ertappt worden, wurde ihm der Tert geleſen und die unauebleibliche Folge ſolchen Treibens vorgehalten, jetzt aber war das Maß ſeiner Sün⸗ den voll, und die Strafe mußte folgen.. Das Krokodill, als ob es verſtünde um was es ſich handle, und jedenfalls mit einem böſen Gewiſſen, ähnlich erlebten Vorfällen gegenüber, hob erſt den gewaltigen im Inneren roſarothen Oberkiefer empor und ſchnappte ihn wieder nieder, als ob es Langeweile hätte, aber nach und nach fing es doch an ſich langſam in das Waſſer zurück⸗ zuziehen— es fühlte ſich nicht recht heimiſch mehr unter der Vorleſung. Das merkte aber der Alte kaum, der übrigens kein Auge von ihm verwandte, als er wieder ſein hui uh, und zwar durchdringender noch als das erſte Mal ertönen ließ, und das Krokodill lag ſtill und regungslos. Der Alte winkte jetzt, und mehrere Malayen mit Kör⸗ ben kamen heran und brachten Futter für die Thiere— das eine bekam ein Stück Fleiſch, das andere einen Fiſch, das dritte einen Klumpen Reis, und es war in der That ein ordentliches Traktament. Für den Verbrecher hatte man aber einen ganz beſonderen Biſſen zurecht gemacht, der in nichts — 15* 3 1 228 weniger als einem großen Stück Fleiſch mit einem ſtarken Haifiſchhaken darin, beſtand. Dieß trug der alte Zauberer — und dieſer Theil der Zauberei war natürlich genug— zu dem breitköpfigen Krokodill, und warf erſt ſeinem Nach⸗ bar ein gutes Stück vor, ſeinen Neid zu erregen, und dann ihm den Haken. Fleiſch und Haken verſchwanden auch in demſelben Augenblick, und der emporgeworfene Arm des Zauberers war das Zeichen für die Malayen, das ſchlaffe Tau, an welchem der Haken hing, etwas mehr anzuziehen— ſtraff durfte es aber nicht werden. Der Alte ſtand auch unten ſelber darauf, und nun, als das ge⸗ fangene Thier doch wohl merken mochte wie es irgend etwas ungewöhnliches verſchluckt habe, und unruhig zu werden begann, fing der Alte ſeine Strafpredigt von Neuem an, machte die anderen darauf aufmerkſam wie ſie gleich mit eigenen Augen die Folgen des Ungehorſams gegen Allahs Gebote ſehen könnten, und gab dann mit einem laut aus⸗ geſtoßenen aber anders als vorher klingenden Schrei, das Tau frei.. Im Nu hingen einige zwanzig Malayen daran und liefen damit landein, und das gefangene gewaltige Thier, ſo plötzlich und gewaltſam ſeinem Elemente entriſſen, peitſchte mit dem Schwanz das Waſſer, und machte einen Heidenlärm. Aber es half ihm nichts, der Haken ſaß feſt und der Alte, der jetzt ſeine erſt ſo feierliche langſame Bewegung ganz aufgab, und mit rüſtigen Sätzen neben dem Kopf des Thieres herſprang, riß zugleich ſeinen Khris heraus und ſtieß ihm denſelben in die Gurgel— dann zurücktretend überließ er das wirkliche Tödten des Thieres 229 den übrigen, die nun mit ihren Klewangs raſch hinzu⸗ ſprangen und ihm auch bald, durch das Anziehen des Taues dabei noch unterſtützt, den Kopf vom Körper trennten, der noch eine Zeit lang auf dem Sande herumzuckte. Die übrigen Krokodille aber zogen ſich, als ſie ſahen welche Wendung die Dinge hier im Allgemeinen zu nehmen ſchienen, langſam wieder in das Waſſer zurück, ohne daß ſich irgend Jemand maiter um ſie bekümmert hätte. Tji kandi glaubte nun allerdings an die übernatür⸗ liche Macht des Zauberers— er war in dem Glauben auferzogen, und das entſchuldigt Manches— Fritz hatte aber alle Urſache zu vermuthen, daß der alte Burſche die Krokodille, zu deren Prieſter und Schützer er erwählt worden, täglich von ſeiner Hütte aus beobachte, und die halb zahmen Thiere dann und wann füttere. Das Herbeikommen der Thiere iſt dadurch ſchon leicht zu erklären, immer aber bleibt dieß Verſtändniß zwiſchen den doch ſonſt gerade nicht eben rückſichtsvollen Beſtien und dem Manne eigen⸗ thümlich, und beruhte jedenfalls auf einer genauen Kennt⸗ niß derſelben, ja einem Studium der verſchiedenen Cha⸗ raktere unter den Krokodillen, das natürlich nur lange Erfahrung mit Geduld und Ausdauer geben konnte. Der Mandoor, der jetzt ebenfalls herankam, freute ſich augenſcheinlich daß die Exekution ſo gut gelungen und vorübergegangen war— der weiße Mann bekam dadurch doch jedenfalls eine gewiſſe Achtung vor ſeinen Landsleuten, und er erzählte Fritz noch eine Menge Beiſpiele von ſol⸗ chen„bös gewordenen“ Krokodillen, die Allah ſämmtlich * 2 230 in ihre Hand gegeben, und was für ein merkwürdig ge⸗ ſcheuter Mann ihr Zauberer ſei, der auch noch außerdem 1 Wettermachen und mehrere andere Kleinigkeiten verſtünde. Der Abend war indeſſen ziemlich herangerückt, und am Strande hinaufgehend näherten ſie ſich einem kleinen Dickicht von Manga⸗ und Ramputan⸗Bäumen, aus denen einzelne hochſtämmige Cocos und Arenpalmen herausragten. Es war ein alter verlaſſener Kampong und gleich dahinter begann wieder der wild durchwachſene Urwald. Bis dicht an den alten Kampong hinangekommen, wollten ſie eben wieder umkehren, denn der Mandoor ver⸗ ſicherte, das Abendeſſen würde bereit ſtehen, und Fleiſch und Kaffee, mit allen anderen Herrlichkeiten ſonſt kalt werden, als ein junger Burſch aus dem Dickicht kam, und dem Mandoor einige Worte ſagte. Dieſer wandte ſich lachend an Fritz und frug ihn, ob er ſchon einmal geſehen hätte, wie die Affen Krabben fingen. Fritz verneinte das, und ſeine Hand ergreifend, führte ihn der Mandoor leiſe und vorſichtig durch das verwilderte Dorf der Stelle zu, die ihm der junge Burſche bezeichnet hatte, und wo die alten, früher hier angelegten Hecken der rosa sinensis(oder kambang sapatoe, Schuhblume, wie ſie die Eingebornen nennen, weil ſie den Europäern die Stiefel damit ſchwarz und glänzend machen) ein Anſchleichen an jenen Platz ungemein begünſtigten. Endlich erreichten ſie den Rand der früheren Anſied⸗ lung— trockenen ſandigen Boden und Strandfläche, wo jede Vegetation aufhört und nur ein einzelner hoher Pan⸗ 231 danusbaum, deſſen über der Erde hängende Wurzeln mit Schlingpflanzen dicht durchflochten waren, bildete hier ge⸗ wiſſermaßen den Vorpoſten des Pflanzenreiches. Hinter dieſen ſchlichen ſie an, und vorſichtig die Köpfe hebend, ſahen ſie mehrere Affen in etwa zwei⸗ bis dreihundert Schritt Entfernung, die theils auf und ab ſuchten am Strand, theils ſtill und regungslos auf einer Stelle ſaßen. Es war die braune langgeſchwänzte Art, und Fritz be⸗ dauerte ſchon daß er kein Fernrohr bei ſich hätte, das Treiben dieſer wunderlichen Weſen mehr in der Nähe zu beobachten, als Einer der Schaar, ein großer tüchtiger Burſche, anfing ihnen näher zu rücken. Aufmerkſam den Boden betrachtend, über den er, auf allen Vieren natür⸗ lich, ging, blieb er nur manchmal ſitzen ſich zu kratzen, oder nach irgend einem Inſekt zu haſchen, das ihn um⸗ ſummte. So nahe kam er dabei, daß Fritz ſchon und nicht mit Unrecht fürchtete, er würde ſie wittern, dann Alarm geben und die Uebrigen mit verſcheuchen, als er plötzlich über eine kleine mit dürrem ſchilfigem Gras bedeckte leiſe Erhöhung gehend, ein Neſt von Krabben entdeckte, die hier auf dem heißen Sand hin und her ſpa⸗ zierten. Mit einem Satz war er mitten zwiſchen ihnen, aber doch nicht ſchnell genug auch nur einen einzigen zu erwiſchen, denn wie ein Blitz fuhren die ſonſt ſo unbe⸗ hülflich ausſehenden Thiere in lauter kleine Löcher oder Höhlen, die den Boden dort einem Siebe gleich machten, und mit der Hand konnte der Affe nicht nachfahren; die Oeffnungen waren zu eng.— Der Mandoor ſtieß jetzt Fritz leiſe an, ihn aufmert. 232 ſam zu machen, und ſie ſahen, wie ſich der Affe, nach⸗ dem er ein paar Mal den kleinen Platz hin und her überſchritten und in die verſchiedenen Löcher, die Naſe dicht an die Erde gedrückt, hineingeſchaut hatte, plötzlich ganz ernſthaft neben eines derſelben, das er wahrſcheinlich für paſſend gefunden, hinſetzte. Er hob dabei ſeinen langen Schwanz herum, ſteckte das Ende deſſelben ſo tief in die Höhlung hinein, bis er Widerſtand fühlte, und ſchnitt plötzlich ein Geſicht, daß Fritz faſt laut aufgelacht hätte, der Mandoor hob aber warnend den Finger, und gleich darauf zog der Affe ſeine wunderliche Angel mit einem Ruck wieder heraus. Unten daran hing aber, feſt⸗ geklammert mit einer ihrer Scheeren, die erſehnte Beute, eine fette Krabbe, und ſie mit einem Schwung auf den Boden niederſchlagend, daß ſie betäubt losließ, nahm er ſie mit der linken Pfote, griff mit der rechten einen Stein auf und ſchlug ihre Schaale auseinander, aus der er dann mit augenſcheinlichem Wohlgefallen den inneren Saft ſog. Vier oder fünf fing er ſo nacheinander, jedesmal, wenn die Krabbe unten zuzwickte, ein reſignirt ſchmerz⸗ haftes Geſicht ſchneidend; jedesmal aber gelang ihm auch der Fang und er fand in der Rache für das Kneipen, und dem Wohlgeſchmack des guten Bratens doch jedenfalls reichliche Entſchädigung für den Schmerz— er hätte ſonſt nicht immer muthwillig wieder angefangen. So war er, ganz in ſeine Jagd vertieft und ohne auch nur einen Blick vom Boden ſelber zu verwenden, bis auf kaum zwanzig Schritte von den hinter dem Pandanus⸗ baum Verſteckten heran gekommen. Hier zeigte ſich der — 233 Grund ebenfalls hinlänglich durchlöchert, und ſich den beſten Platz nach Vermuthen ausſuchend, legte er ſeine Angel wieder ein, und mochte auch wohl fühlen daß irgend etwas Le⸗ bendiges darin ſei, denn er paßte in der erſten Minute mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit auf das Reſultat. Die Sache dauerte aber länger als er erwartet, doch ſchon ziemlich geſättigt durch den erfolgreichen Fang, zog er die Kniee herauf, legte die langen Arme darum hin, bog den Kopf hinten über, ſchloß die Augen halb, ſpitzte das Maul und machte, ſich dabei auf ſeinem Hintertheil balancirend, ein ſo ernſthaft langweiliges aber doch auch ſo unendlich komiſches Geſicht, wie es wirklich unter die⸗ ſen Verhältniſſen nur ein Affe im Stande iſt zu machen. Aus dieſer Ruhe ſollte er aber bald auf ſo unerwartete wie fatale Weiſe aufgeſtört werden; irgendwo an einer Wolke mußte er einen höchſt intereſſanten Punkt ent⸗ deckt haben, denn er ſtarrte eben auf das aufmerk⸗ ſamſte da hinauf, als er auf einmal einen wilden Schrei ausſtieß, ſeine Kniee losließ, mit beiden Händen nach der Schwanzwurzel fuhr, und einen Satz in die Höhe machte, als ob der Boden unter ihm angefangen hätte zu bren⸗ nen. Unten am Schwanze aber hing, gewaltſam aus ihrem Schlupfwinkel herausgeriſſen, eine rieſige Krabbe, und Fritz konnte ſich nicht mehr helfen, er mußte laut heraus lachen.— Der Mandoor blieb noch ernſthaft, als aber der Affe, durch den fremden Laut erſchreckt, trotz ſeinem Schmerz emporſchaute, die Menſchen erblickte, und nun, ohne natürlich im Stande zu ſein ſich ſelber von ſeinem Gefangenen zu befreien, in vollen Sätzen, 8 234 die Krabbe feſt verbiſſen hinten dran hängend, davon⸗ klapperte, da vermochte auch dieſer nicht länger an ſich zu halten, und die beiden lachten, daß ihnen die Thränen an den Backen herunter liefen. Der Affe floh indeß über den ſchmalen Sandſtreifen weg, von allen übrigen gefolgt, dem Holze zu, und bald war kein einziger mehr von ihnen auf dem freien Strand zu ſehen. Achtzehntes Capitel. Der Schiffbruch. Die Zeit rückte indeß heran wo Fritz ſeine neue Stellung antreten ſollte, und man hatte bis jetzt nur erſt das Eintreten des Süd⸗Oſt⸗Monſoons abgewartet, eine Prahu mit einer Maſſe für die Plantage beſtimmter Ge⸗ genſtände nach Bangka hinüber zu ſenden. Fritz ſollte dieſe begleiten, und voll friſcher Hoffnungen für ein neues thätiges Leben, von dem ihn ſelbſt die Beſchreibungen des ungeſunden Klimas dort, die ihm Tji- kandi gab, nicht abſchrecken konnten, traf er ſeine wenigen Vorbereitungen und war, wie der Monſoon ſeine erſte Meldung in einem tüchtigen Süd⸗Oſter über die Waſſer ſandte, fir und fer⸗ tig zum Aufbruche. Dieſen erſten Sturm mußten ſie aber vorüber laſſen — in ſolcher Zeit hat ſogar ein tüchtiges Schiff zu thun ſich flott zu halten in dem Toben der Elemente, viel we⸗ niger eines dieſer Küſtenboote. Als ſich aber das Wetter 23⁵5 wieder klärte und die friſche ſcharfe Briſe eine ſchnelle und glückliche Reiſe verſprach, wurde der letzte Proviant, mit Waſſer und ſonſt nöthigem Bedarf an Bord geſchafft — eine Drehbaſſe dabei nicht zu vergeſſen, da ſeeräuberi⸗ ſche Prauen in keckem Muthe oft ſogar das von Kriegs⸗ ſchiffen durchkreuzte Fahrwaſſer zum Schauplatz ihrer wil⸗ den und mörderiſchen Angriffe machten— und nach herz⸗ lichem Abſchied von Wilſon und Herrn Evans, den er erſt noch in Samarang beſuchte, aber immer noch ſehr leidend fand, lichteten ſie die Anker, und gingen mit frohem fri⸗ ſchem Muthe in See. Die Bemannung der Prahu oder Prau beſtand aus dem Capitain derſelben, einem Araber, ſieben Malayen als Matroſen, einem Chineſen als Koch, und Fritz und Tji- kandi, der ihn unter keiner Bedingung verlaſſen wollte, als Paſſagieren; Tji- kandi wurde jedoch unter der Beding⸗ ung mit an Bord genommen, daß er unterwegs, wenn es nöthig werden ſollte, hilfreiche Hand leiſte. Die Entfernung von Samarang nach Bangka iſt gar nicht ſo bedeutend und beträgt in der That nur we⸗ nige Grade, ſo daß ein irgend gutes Fahrzeug in dem günſtigen Monſoon die Reiſe ungemein raſch zurücklegen kann. Der erſte Tag gab ihnen auch die beſte Hoffnung, die Luft war rein und der Wind blies ſo ſcharf von Süd⸗ Oſt, daß ſie kaum alle die gewaltigen Mattenſegel führen konnten; das kleine Fahrzeug ſchäumte nur ſo durch die Wellen. Der nächſte Tag ſollte aber manches ändern; wie ſich der Horizont im Oſten lichtete, wuchs die Briſe— die Wolken jagten, als ob ſie zu ſpät zum jungen Tage en 3 3—. kämen, und die See brauſte hohl und unheimlich. Segel wurden klein gemacht— denn reefen können dieſe Art Boote nicht— und das Schiff lenſte 3²) jetzt vor dem Wind über zehn Knoten 3⁵) die Stunde. Der Monſoon iſt aber ein gefährlicher Gaſt, wenn er gerade im Wechſeln die Backen einmal voll nimmt— der alte Nord⸗Weſt⸗Monſoon hat die Mucken von früher auch noch nicht ganz vergeſſen, und heult oft noch ſeinen Abſchiedsgruß über die aufgerüttelte See, wenn der neue Herr, der Süd⸗Oſt⸗Monſoon eben ſchon alle Hände voll zu thun hat die See rein zu fegen von Schaum und Wogenkämmen, und begegnen ſich dann die beiden, ſo gehen die Schiffe zu Tanze. Hei, wie er über die Fluth heulte und brauſte und durch die Blöcke ³4) und das Takelwerk der Prahu pfiff; die Segel waren ſchon ſo klein gemacht wie nur möglich, und doch drohte er den Maſt noch aus ſeinen Spuhren zu reißen, durch die Gewalt, mit der er an ihm zerrte.— Die Malayen ſind vortreffliche Matroſen bei ruhigem Wet⸗ ter, da aber wo es gilt zuzufaſſen, und dem tobenden Elemente die Eriſtenz abzugewinnen, verlieren ſie meiſt den Kopf oder greifen doch wenigſtens lange nicht ſo zu, wie in ſolcher Zeit zugegriffen ſein will. Die See hob ſich dabei mehr und mehr, und die Wellen wurden ſchon ſo hoch, und kamen mit ſolcher Wucht hinter ihnen her, daß ſie mehr Segel ſetzen muß 3 ten ihnen zu entgehen, wenn ſie ſich nicht der Gefahr preisgeben wollten, ihr Deck einmal von einer tüchtigen — —— 4 — 237 See(Woge) vollkommen rein geſpühlt zu bekommen, und Alles zu verlieren was eben oben ſtand. 3 Trotz dem Sturm hißten ſie deßhalb ihr Segel noch mehr auf, aber es blähte zum Zerſpringen, und der Maſt ächzte und ſtöhnte und das Schiff arbeitete, als ob es aus allen Fugen berſten wollte. Mit Sonnenuntergang ſchien dabei das Wetter eher noch zu, als abzunehmen; der Orkan heulte förmlich ſeine Bahn entlang, und einer jener furchtbaren Typhoons, der Schrecken des Seemanns, rüttelte an den Pforten des Meeres, als ob er ſich Eingang erzwingen wollte in ſeine innerſte Tiefe. Die See glühte dabei mit jenem wunderbaren phosphoriſchen Lichte, aber in einer Pracht, wie ſie der Schiffer, ſelbſt in dieſen Breiten, ſelten ſieht — die aufgewühlte Fluth warf nicht mehr nur einen lichten Schein, durch den das Fahrzeug ſeine feurige blitzende und funkelnde Bahn brach, und einen glühenden Streifen Silber hinter ſich ließ in dunkler Nacht, nein der ganze Ocean ſchien aus lebendigem Feuer zu beſtehen bis in ſeine innerſte Tiefe hinab, und wie die Wogen ſich hinter ihnen hoben und bäumten, warfen ſie ein förmlich ſtrah⸗ lendes Licht bis in die entfernteſten Winkel und Räume. So herrlich nun aber das Glühen des Meeres bei ruhigem Wetter ausſieht, und einen ſo prachtvollen Anblick das Blitzen und Funkeln der wie von tauſend und tauſend Leuchtkugeln durchzogenen Wogen gewährt, einen ſo un⸗ heimlich wilden Anblick bietet es im Sturme, und tritt es dann noch, wie hier, in ſo ungewöhnlicher Stärke auf, mag es wohl geeignet ſein, die Herzen der ohnedieß aber⸗ 238 gläubiſchen Eingeborenen mit Furcht und Entſetzen zu füllen.. Tji- kandi, ſonſt noch einer der Vernünftigen, ſaß neben dem Steuerruder in ſtummer Verzweiflung auf dem Boden und als ihm Fritz— der die Gefahr, in der ſie überhaupt ſchwebten, allerdings noch gar nicht in ihrem ganzen Umfange kannte, ſich dabei aber auch nicht ſatt ſehen konnte an der wilden furchtbaren Herrlichkeit die ſie umwogte— Muth einſprechen wollte, ſchüttelte er mit dem Kopfe und meinte, das ſei ihr Letztes, das Schiff erreiche im Leben nicht ſeinen Hafen, denn die Pforten der Unterwelt wären offen, und man könnte durch das klare Waſſer hinunter ſehen bis in ihren glühenden Schlund. So lange das Mattenſegel übrigens hielt, war noch Hoffnung da daß ſie dem Sturme entgehen konnten, denn die Prahu lief vortrefflich; nur die Spitzen der nachſtür⸗ menden Wogen erreichten gewöhnlich das Deck, das ſie mit einem förmlichen Feuerregen überſchütteten. Ihre Lage wurde aber mit jeder Minute gefährlicher, der Wind fing dabei an ſich zu drehen und der arabiſche Capitain lag in ſeiner Cajüte mit der Stirne auf dem Boden und be⸗ tete zu Allah.— Tji-kandi konnte nicht einmal mehr beten. Der einzige Ruhige an Bord von der Mannſchaft war der Heide, der Chineſe; dieſer, als er ſah wie Alles den Kopf verlor und der Mann am Steuer ſelbſt mehr hinter ſich, nach den nachdonnernden Sturzſeen, als vor ſich auf ſein Schiff ſchaute, ging hin und nahm ihm⸗ das Steuer, das ihm Jener nur zu willig überließ, ab, und lenkte von da an ſelber das Schiff mit ruhiger, ſicherer . 4₰ 1 — — 8 241 tet von einem friedlich blauen Himmel nieder, den Schau⸗ platz der Verwüſtung. So auch hier; wie als ob die See nur das eine kleine Opfer, die ſchwanke Prahu der Inſulaner gefordert, um ſich ruhig und zufrieden in ihre alten Grenzen zurück zu ziehen, oder als ob der Sturm erſchreckt ſei über das Unheil, das er mit dem munter tanzenden Spielzeug an⸗ gerichtet, ſo raſch, ja faſt plötzlich, ließ er nach in ſeinem Grimm. Die Wogen ſchleuderten wohl noch eine Zeitlang ſo wild empor als vorher, dieſe einmal aufbeſchworene Macht ließ ſich nicht gleich wieder von oben dämmen— ſie wollte austoben, wenn auch der Trieb nachließ, der ſie in Bewegung geſetzt; aber der Nerv fehlte, ſie darin zu halten, und langſam, nach und nach, wie die aus⸗ ſchwingende Schaukel, wurden ſie kleiner und ſchwächer, ihre Oberfläche glättete ſich, und auf den herandrängenden und zuſammenſchmelzenden trieb die Mannſchaft des armen Fahrzeuges auf dem Bambusgatterwerk, was eine mitlei⸗ dige Woge ihnen abgeſchlagen, ſie vom vollſtändigen Un⸗ tergang zu retten. Und war das eine Rettung?— wäre es nicht zehntauſendmal beſſer geweſen daß dieſelbe See, die ihr Fahrzeug verſchlang, auch ſie mit hinabgeriſſen hätte zu gleicher Zeitals daß ſie jetzt langſam und elend hier verkommen ſolten in Durſt, in Hunger und Erſchöpfung? — hieß das nicht tauſend Tode ſterben, wo ein einziger raſcher Wurf den Faden abgeſchnitten hätte, den ſie jetzt Faſer nach Faſer ſollten reiſſen ſehen?— Nein, das arme Menſchenherz hängt am Leben, und begrüßt noch Gerſtäcker, Frotz Wildau. 16 8 3 242 als Heil und Segen das was ihm vielleicht noch Rettung bringen könnte, während der ſchnelle Tod es gewiß jener dunklen Welt entgegenführt, von der her⸗ über noch keine Kunde zu uns gedrungen. So lange eine Sehne unſeres Körpers noch ihre Kraft und Zähig⸗ keit behält, ſo lange klammern wir uns an die Mög⸗ lichkeit der Exiſtenz, und ein entſetzlicher Augenblick iſt es dann, wenn auch die letzte Hoffnung ſchwindet, und der Unglückliche mit dem leiſe gehauchten„vorbei“ dem Schick⸗ ſale und dem Tode ſich überläßt. Es war eine furchtbare Nacht, die Wolken theilten ſich, als der Orkan nachließ ſie zu feſten Maſſen zuſam⸗ men zu ballen, der Mond warf ſein ſtilles friedliches Licht auf das unter ihm wogende Feuermeer, das Unheim⸗ liche der ganzen wilden Scene eher noch erhöhend als mil⸗ dernd, und an den Balken und Stangen hingen die Un⸗ glücklichen, den nahenden Tag faſt ſo viel erhoffend als fürchtend. Wie lange waren ſie im Stande mit den ſchon jetzt geſchwächten Kräften ſich in dem ſchweren Wogen⸗ gang noch oben zu halten, und was mußte ihr Schickſal ſein, wenn nicht ein anderes Fahrzeug ihnen Hülfe brachte? Niemand wußte dabei, wie weit ſie noch möglicher Weiſe vom Lande entfernt ſein konnten, und in welch gefährlicher Nachbarſchaft befanden ſie ſich nicht im aller⸗ zen Archipels, und den wilden erbarmungsloſen Stämmen Sumatras, die, durch die ſteten Angriffe und Beläſtigungen der Weißen außerdem ſchon gereizt, auch noch beſchuldigt waren Cannibalen zu ſein. Es iſt ein trauriges Ding, Ifaſ Falle, zwiſchen den Seeräuber⸗Prahus des gan⸗ —. wenn man an einem Stück leichtem Holz auf dem Waſſer ſchwimmt, und nur die Ausſicht hat von dem Meere, oder einem faſt eben ſo unerſättlichen Haifiſch verſchlungen, oder dem Waſſer entzogen und als Sclave verkauft— ja vielleicht gefreſſen zu werden. „Dort iſt Land!“ rief da plötzlich Fritz, der, wie nur der erſte Kampf mit den Wellen vorüber war und er Zeit und Kräfte gewann ſich etwas umzuſchauen, ſelbſt in dem ſchwachen und ungewiſſen Mondlicht deutlich den hohen düſteren Bergrücken erkannte, der nach Weſten zu den Horizont begrenzte; ſein Ruf machte Tji- kandi, der dicht neben ihm hing, darauf aufmerkſam, und es ließ ſich nicht nur kaum mehr verkennen, daß das die Küſte ſei, ſondern daß ſie der Sturm auch ungemein nach We⸗ ſten und in die Nähe des Landes getrieben haben müſſe, was ſie recht gut am nächſten Tage erreichen konnten. Tſchuning und zwei Malayen trieben auf einem an⸗ deren kleinen Floß nicht weit von ihnen entfernt, ſie konn⸗ ten ihren antwortenden Ruf hören, daß ſie auch Land entdeckt hätten, und mit Schwimmen und Stoßen gegen ſie hinarbeitend, kamen ſie dicht neben ſie. Von den Uebrigen ließ ſich nichts weiter hören oder erkennen, und ihre Rufe wurden nicht weiter beantwortet, aber der Chineſe meinte, er habe Einzelne davon nach dem Unter nge der Prahu ſchwimmend geſehen, und der anbrechende Nor⸗ gen könnte ſie vielleicht in Sicht bringen. Die See war, wie ſich das denken läßt, noch immer unruhig, oder„ging hohl,“ wie die Seeleute 16* 244 ſagen; das Brechen oder Ueberſtürzen der Wogen, das Gefährlichſte für arme Schiffbrüchige, hatte aber ſo ziem⸗ lich nachgelaſſen, und die Dünung des Waſſers— eben dieß Wogen und Fluthen— trieb ſie, mit der im Süd⸗ Oſt⸗Monſoon dem Winde auch folgenden weſtlichen Strö⸗ mung, ſcharf und gerade auf die Küſte zu. Wie im Oſten der Tag dämmerte, konnten ſie auch klar und deutlich nicht nur die hohen, kühn ausgezackten Gebirgsrücken, nein ſchon den flachen Palmenſtreifen er⸗ kennen, der das hohe Land umſchloß, und wenige Stun⸗ den mußten hinreichend ſein, ſie an das Ufer ſelber hinan zu bringen— wenn nicht ein tückiſcher Hai die armen Schiffbrüchigen vielleicht eher entdeckte und ſeine Beute unter ihnen ſuchte. Natürlich war ihre ganze Aufmerkſamkeit dem feſten Lande zugekehrt, und mit wahrhaft peinlicher Span⸗ nung beobachteten ſie die Conturen der dem Waſſer am nächſten liegenden Gebirgsausgänge, wie das palmige Land, um nach dem mehr und mehr Auftauchen der Ge⸗ genſtände am Ufer ihr Näherkommen berechnen zu können. Wohnungen menſchlicher Weſen ließen ſich nirgends er⸗ kennen, würden aber auch nicht von See aus ſichtbar ge⸗ weſen ſein, wäre die Küſte ſelbſt bewohnt geweſen, da die Hütten der Eingebornen ſtets verſteckt liegen. Aber auch uruun aufſteigender Rauch, der doch ſonſt faſt an jeder Küſte des Fremden Auge mit der Gewißheit des Daſeins menſchlicher Weſen erfreut, war zu ſehen. In dunkelgrüner düſterer Herrlichkeit lag die Wildnißvor ihnen ausgebreitet 245 1 und deckte mit grünem undurchſichtigen Schleier die Räth⸗ ſel die ſie barg. „Ein Segel— ein Segel!“ rief in dem Augenblick Tſchuning, der zufällig den Blick zurück gewandt hatte nach See zu, und deutlich konnten ſie, gar nicht weit von ſich entfernt, das hellgelb glänzende Mattenſegel einer in⸗ ländiſchen Prahu, vielleicht eines Fiſcherfahrzeuges erken⸗ nen, das mit halbem Winde an der Küſte hinauf zu laufen ſchien. Es war ein ziemlich ſtarkes Fahrzeug, mit zwei Maſten und kühn und ſelbſt graziös geſchnittenem Vor⸗ und Hintertheil und ſegelte wie ein Pfeil durch die noch keineswegs beruhigte See, daß es manchmal, wenn auf eine der hohen Wogen gehoben, wie von der Luft ¹ darüber weggetragen, der nächſten ordentlich zuſprang, um dann gleich darauf von dem gähnenden Zwiſchenthal der Wellen wie eingeſogen zu werden, die eben noch die oberen Spitzen der Segel ſichtbar ließen. Fritz ſah übrigens kaum das Segel, als er ſich in wilder Eile bemühte auf die Bambusſparren, über die hin er bis jetzt gelegen, hinauf zu klettern, und denen an Bord ein Zeichen zu geben, daß ſie nicht etwa an ihnen vorüber ſegelten, ohne ſie zu bemerken. Tji- kandi be⸗ hielt aber eben noch Zeit ihn zurückzuziehen, und dann den Kopf ſchüttelnd meinte er, das ganze Fahrzeug gefiele ihm nicht, und ſie thäten wahrſcheinlich beſſer im Waſſer die paar Stunden noch auszuhalten und dann feſten Boden zu betreten, als die Burſchen in der Prahu mehr von ſich wiſſen zu laſſen, als ſie gegenwärtig ſchon zu wiſe ſen ſchienen. In demſelben Moment gab ihnen uch 246 Tſchuning von dem andern Floß aus ein Zeichen ſich ruhig zu verhalten, und Fritz, das fremde Boot jetzt aufmerkſam betrachtend, ſah nun ſelbſt mit bloßen Augen, wie es rings herum für Ruder eingerichtet) und vorn ſo⸗ wohl wie hinten mit Drehbaſſen verſehen war. Es blieb wohl keinem Zweifel unterworfen, daß ſie es hier mit einem der gewöhnlichen malayſchen Piratenboote zu thun allein plündern was ihnen auf der See unter die Fänge fällt, ſondern oft auch an kleinen ſchlecht beſchützten In⸗ ſeln landen, dort plündern, und ſengen und brennen, und Männer und Frauen mit in die Sclaverei ſchleppen. Bis jetzt befanden ſie ſich übrigens noch im Vortheil; verhielten ſie ſich ruhig, ſo war die Möglichkeit, ja ſogar die Wahrſcheinlichkeit vorhanden, daß ſie gar nicht bemerkt wurden, denn das niedere auf dem Waſſer treibende Floß mit den dunklen, ebenfalls nur wenige Zolle darüber hin⸗ ausragenden Geſtalten konnte von Bord aus ohne ein gutes Fernrohr kaum entdeckt werden. Ueberdieß betrug die Entfernung in der ſich die Prahu noch von ihnen befand doch jedenfalls wenigſtens eine engliſche Meile, hatte ſie auch jetzt ſchon paſſirt, und mußte nun mit jeder Minute die Diſtanz vergrößern die ſie von ihnen trennte. „Allah ſei geprieſen,“ flüſterte Tii- kandi, als er dem ſchnellen Fahrzeug nachſchaute, wie es mit den Wo⸗ gen ſtieg und ſank,—„ich hätte da nicht als Paſſagier an Bord gehen mögen— aber— halt— was iſt das? — ſie können uns ja doch nicht mehr von dort aus ſehen 15—* hatten, die den ganzen Archipel durchkreuzen und nicht „Sie wenden!“ rief Fritz in demſelben Augenblicke und in der That luvte ³⁵) das raſche Fahrzeug noch während ſie ſprachen, ſcharf gegen den Wind an und ging über Stag’³6⁰), über den andern Bug gerad in den Wind hin auf zu laufen. Was es dort that, ließ ſich von hier aus unmöglich erkennen, denn plötzlich wurden die Segel back gebraßt 37), und als ſie wieder herum flogen, glaubten die Schiffbrüchigen im erſten Augenblick daß es zurück gehen würde in ſeinen alten Cours. „Es muß einen Mann über Bord gehabt haben, der ganzen Bewegung ſeiner Segel nach,“ ſagte Fritz. Tii- kandi ſchüttelte aber mit dem Kopfe und meinte, wenigſtens nicht von ihrem eigenen Fahrzeug, denn die Prahu ſei beim Wenden querweg aus ihrem Fahrwaſſer gelaufen—„und nun werden wir ſie wohl hierher krie⸗ gen,“ ſetzte er in keineswegs freudiger Erwartung hinzu. „Sie laufen wieder den alten Cours„“ rief jetzt einer der Malayen von Tſchunings Floß.— „Kaga,“ ſagte der Chineſe in dem breiten ſingenden Ton—„iſt nicht wahr, ſie gehen nochmals über Stag, und den nächſten Beſuch werden wir bekommen.“ „Aber ſie können uns ja gar nicht geſehen haben,“ rief Fritz. „Iſt auch gar nicht nöthig,“ brummte der Chineſe —„er wird die Andern aufgeleſen und erfahren haben, daß wahrſcheinlich noch mehr von uns hier herumſchwim⸗ men; ſo aus reiner Menſchlichkeit, biegt er ſich jetzt aus ſeinem Cours, um uns aufzuleſen.“ 4 „Wielleicht verfehlt er uns doch noch, wenn wir uns 248 recht ruhig halten,“ ſagte Fritz; Tii- kandi ſchüttelte aber mißtrauiſch mit dem Kopf, und bald ze gte es ſich auch daß er recht gehabt. Nach ein paar Gängen, in denen das fremde Fahrzeug ziemlich dicht an ſie hinan gekom⸗ men, wurde es plötzlich an Deck lebendig und der Cours gerade auf ſie zu geändert. Wenige Minuten ſpäter hielt die Prahu dicht an ihrer Seite, und das Ganze war jetzt ein Gewirr von Rufen und Schreien, ausgeworfenen Tauen und an Bord ziehen der ſchon erſchöpften Schiff⸗ brüchigen, die erſt jetzt ihre Schwäche fühlten, als ſie ihrem Körper eine andere Bewegung zumuthen ſollten. Die Prahu war aber mit dem treibenden Floß in⸗ deſſen dem Lande ſo nahe gekommen, daß ſie nun alles Mögliche aufbieten mußten, wieder davon abzukreuzen; und erſt dann, als die Fremden wieder ſichere Entfernung wiſchen ſich und die drohenden Klippen gebracht— denn in ſo hoher See ließen ſich die Ruder nicht gebrauchen— bekümmerte man ſich um die Geretteten. 249 Neunzehntes Capitel. Was die Leute auf der Prahu mit den Geretteten machten. Die Piratenſchiffe des oſtindiſchen Archipels. Was dieſe übrigens von ihrer neuen Schiffskamerad⸗ ſchaft zu hoffen hatten, ſollte ihnen bald klar werden. Halb verhungert und verdurſtet wie ſie waren, gab man ihnen natürlich erſt Reis zu eſſen und einen Schluck fri⸗ ſches Waſſer. Das raſche Manöpriren der Prahu ließ keinem der Fremden Zeit ſich um ihre Gäſte zu beküm⸗ mern; kaum aber befand ſich die Prahu wieder außer dem Bereich des Landes, daß ſie ihrem Cours anliegen konnte, als die Gefangenen, denn als ſolche hatten ſie ſich gar bald zu betrachten, einzeln gebunden und in den unteren 250 Raum oder vielmehr in das„Zwiſchendeck“ gebracht wur⸗ den, wo man ſie zwiſchen den Ruderbänken der Art ver⸗ theilte, daß nur höchſtens zwei ſich leiſe miteinander unter⸗ halten konnten. Im Anfang gab man ihnen auch Wachen, dieſe ſchienen es aber nicht beſonders genau zu nehmen, denn an Flucht von hier, wie an Widerſtand, unbewaff⸗ net gegen eine zehnmal ſtärkere, gut bewaffnete. Mann⸗ ſchaft, war natürlich nicht zu denken— man hätte ſie eben ſo gut können frei herum gehen laſſen. Das Einzige, was ſie dort unten beobachten konnten, war die Richtung die das Fahrzeug hielt, und zwar nach Norden an der Küſte hinauf, aber wohin man ſie führe, blieb ihnen Stoff genug ſich den Kopf zu zerbrechen und bange Sorge zu machen, denn die Bewohner der Küſte von Sumatra ſtanden in böſem, ja vielleicht ſchlimmerem Rufe, als ſie eigentlich verdienten. Tji— kandi, der dicht neben Fritz gelegt war, meinte leiſe, er hoffe doch wenigſtens, daß man ſie als Selaven verkaufen werde, da ſie unmöglich denſelben Werth im Metzgerge⸗ wicht haben könnten. Nrördlich aufhaltend, mußten ſie den eigentlichen Ort ihrer Beſtimmung, die Inſel Bangka paſſiren, und in der That liefen ſie ſogar durch die Bangkaſtraße, ziemlich ſicher, in dieſem Monſoon keinem gegen den Wind auf⸗ kreuzenden Kriegsſchiff zu begegnen. Die Gefangenen be⸗ kamen aber nichts von dem Lande, unter dem ſie dicht hinliefen, zu ſehen, und die Piraten hielten ſich auch in der That den Tag über dicht unter der Sumatraküſte, 3 „ 7 * 251 paſſirten Palembang in der Nacht und hatten am nachſten Morgen wieder freie offene See. 2 Vergebens verlangte jetzt Fritz mit dem Führer des Schiffes zu ſprechen, dem er vielleicht durch Drohungen zu imponiren hoffte,— der Deyak 3s),— denn die Prahu gehörte in der That nach Borneo und war nur eben auf einem Kreuzzug begriffen, um ſpäter mit dem Nordweſt⸗ Monſoon, beutebeladen zu den heimiſchen Küſten zurück zu kehren— wollte ſich auf nichts einlaſſen, und fünf Tage lang bekamen ſie Niemand weiter als die dort ſta⸗ tionirte Mannſchaft, die aber kein Wort mit ihnen wechſelte, und die wenigen Malayen zu ſehen, die beordert waren ihnen ihre Nahrungsmittel zu bringen. Am fünften Tage hörten ſie, wie vom Bord ihres eigenen Fahrzeuges irgend ein anderes angerufen wurde, — upd bald darauf kam ein Canoe zu ihnen an Bord. Nach. einer Stunde etwa ſtiegen mehrere der Deyaks zu ihnen herunter und ſie wurden jetzt, zum erſten Male ſeit dem man ſie damals gebunden, wieder zuſammen gelaſſen und an Deck geführt. Fritz überzählte ſie und es fehlten von der Mannſchaft nur zwei, der Capitain und einer der Malayen. Traurig ſtiegen die armen Burſchen an Deck, denn nicht mit Unrecht fürchteten ſie, daß jetzt eine entſcheidende Wendung ihres Schickſals vielleicht noch Schlimmeres für ſie brächte, als die alleinige Gefangenſchaft, in der ſie doch noch immer die Hoffnung behielten von irgend einem europäiſchen Schiffe gefunden und erlöst zu werden. Hier aber erſt einmal an der Küſte und von ihrem jetzigen Herrn vielleicht ins Innere geſchleppt, wo hatten ſie die Ausſicht da wieder entfliehen, wieder in die Heimath zu⸗ rückkehren zu können? wenn man ſie nicht auſſerdem wirklich dazu beſtimmt hatte, irgend einem heidniſchen ent⸗ ſetzlichen Götzen als wohlthuender Opferqualm in die Naſe zu ſteigen, oder noch ſchlimmer, von ihren Herren nach ihrem Tode noch kritiſirt zu werden, ob ſie zähes oder mürbes Fleiſch gehabt hätten. Alle dieſe Gedanken aber, ſo intereſſant ſie natür⸗ lich auch für die handelnden Perſonen dieſes kleinen Dra⸗ mas ſelber ſein mußten, ſchwanden, wenigſtens bei Fritz, in demſelben Augenblick, als er das Deck betrat, und ſich faſt dicht unter der palmbedeckten, vollbewaldeten herr⸗ lichen Küſte der rieſigen und ſo wunderſchönen Inſel Sumatra ſah. Die Prahu lag vor Anker, und kaum Füufhunden Schritte von ihnen entfernt ſtieg hoch und gewaltig ein ſteiler mächtiger Bergeshang empor, deſſen weit aufdachende Halden in faſt nebelgrauer Ferne zu einem hohen, wild zerriſſenen öden Krater ausliefen, aus deſſen gähnendem Schlund deutlich der aufſteigende dunkle Qualm am hellen Himmel zu erkennen war. 8 Aber galt auch ſein erſter Blick der wirklich groß⸗ artigen Scenerie die ihn umgab, ſo mußte ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit doch wohl bald der See und dem regen Leben das darauf herrſchte, zugewandt werden, denn um ſie her wogte und ſchwamm es von unzähligen kleinen und größe⸗ ren Prahus und Canoes, und leichte Segelbote glitten da⸗ —— r zwiſchen hin und her, Fruchtboote kamen vom Ufer her⸗ über, ſchwer beladen, die Fahrzeuge wahrſcheinlich wieder zu längerer Reiſe auszurüſten, und weit am Horizont draußen, ſo weit wie ſein Auge reichte, ſah Fritz einzelne kleine Schiffe, wie es ſchien als Wachen ſtationirt, falls ſich ein fremdes Segel nähern, oder der dunkle Rauch eines fernen Dampfers, ihres grimmigſten Feindes, am Horizonte ſicht⸗ bar werden ſollte. Es ließ ſich gar nicht verkennen, daß ſie hier inmit⸗ ten einer jener zahlreichen Seeräuberflotten ankerten, die bis auf den heutigen Tag, und trotz allen dort kreuzenden und ſtationirten Kriegsſchiffen und Dampfern, die Inſel⸗ reichen Waſſer des Archipels durchziehen, und die Küſten brandſchatzen und plündern mit ihren wilden, raubluſtigen Horden. Eine Maſſe von Häuptlingen von den verſchiedenen Küſten, die kein eigenes Land hatten, ſelbſt arabiſche Oberhäupter mit den ſchon überdieß den Krieg auf alle Inſeln tragenden Malayen, bildeten ſich zu kleinen Flotten, denen die tauſend und tauſend ver⸗ ſtecken Buchten und Straßen des Archipels Schutz ge⸗ währten, ſobald ſie deſſen bedurften, und von wo ſie wieder mit friſch geſammelten Kräften und neuer Beuteluſt auszogen, ſobald irgend eine ihnen drohende Gefahr vorüber, oder der ihnen günſtige Monſoon eingetreten war. Die Seeräuber hielten ihr Leben und Treiben nicht für unehrenhaft; den alten Seekönigen gleich durchkreuzten einzelne große Piratenfürſten das Meer, nahmen Tribut wo er gutwilligegegeben wurde, verwüſteten mit Feuer und 4 254 Schwert was ſich ihnen widerſetzte, und fegten die See voon allen friedlichen Fahrzeugen die ſie in ihren Bereich bringen konnten. Blutiger aber als irgend ein Raubzug auf feſtem Land, forderten von je, und fordern ſelbſt jetzt noch dieſe Raubſchiffe weit mehr Menſchenleben; zu leicht iſt ihnen auf dem Waſſer die Gelegenheit geboten, ihre Opfer nicht allein für den Augenblick unſchädlich zu machen, ſon⸗ dern ſich ſelbſt auch für ſpätere Zeiten läſtige Gegenzeugen zu erſparen, und ein Wurf in die Tiefe ſcheint ihnen leichter Mord. Das Meer verwiſcht in demſelben Augen⸗ blick die Spuren, vo der Mörder auf dem Lande in dem vergoſſenen t, dem verſcharrten Leichnam ſtets einen An⸗ kläger gegen ſich erſtehen ſehen kann, und des Piraten Prahu ſchießt mit geſchwellten Segeln leicht über die Stelle hin, die Zeuge ſeines Frevels war, und ſeine Opfer verſchlang. Die Piraten von Mindanao, einer der Philippinen, ſind die berüchtigſten, ihre Schiffe an jeder Küſte faſt gekannt und gefürchtet, und ihre Thaten bilden ſelbſt jetzt noch den Stoff unzähliger Balladen und Geſänge über den ganzen Archipel. 3 Ihre Fahrzeuge waren auch keineswegs nur dazu ge⸗ baut indianiſche Prahus zu beläſtigen und mit kleinen Fiſcherbooten Krieg zu führen, nein ſelbſt europäiſchen Kauffahrtheiſchiffen wurden ſie gefährlich, überfielen was ihnen in den Weg kam und ſich nicht gar als ein Kriegs⸗ ſchiff auswies e ja haben ſogar, ſelbſt in neuerer Zeit, einmal ein amerikaniſches Kriegsſchiff angegriffen und ihm ſo zugeſetzt, daß ſich der Capitain der Unmaſſe auf ihn eindringender Prahus kaum noch erwehren konnte, und froh war endlich mit günſtiger Briſe einer ſo heißen Stelle entgehen zu können. Die großen wirklichen Kriegsprahus ſind ſehr ſcharf vorn ſowohl wie hinten gebaut und breit auf dem Waſſer liegend, aber von einer Länge, ſelbſt bis zu neunzig Fuß, die das Fahrzeug dann doch ſchmal erſcheinen läßt. In dieſen Prahus haben ſie ſogar doppelte Reihen Ruderbänke mit bis zu hundert Sklaven, die aber nur im äußer⸗ ſten Nothfall ſelber am Kampfe Theil nehmen. Für das Entern der Schiffe führen dieſe Boote beſondere Krieger, aus ihren tapferſten Stämmen gewählt, dreißig, vierzig, ja bis ſechzig und achtzig Mann. Viele der Prahus oder Prauen wie ſie meiſt ausge⸗ ſprochen werden, tragen aber auch ein förmliches Bollwerk auf dem, in dieſem Fall vollkommen ausgebauten Bug, das eine gewöhnliche nicht zu ſchwere Kanonenkugel gar nicht zu durchdringen vermag, und andere haben die⸗ ſem Schutz eine eigene aber ſo zweckmäßige Form gegeben, daß die Kugeln nie voll dagegen ſchlagen können, ſondern jedesmal ſeitwärts abſpringen müſſen. Das aber nützt der Prahu nur natürlich ſo lange, als ſie auf das feindliche Fahrzeug ſcharf anrudert oder ſegelt, gegen die Seiten hin, wo beſonders die langen Riemen freien Spielraum haben müſſen, war es nicht möglich das Fahrzeug kugel⸗ feſt zu machen. Außer einigen feſtliegenden Geſchützſtücken von ſechs bis vier und ſogar zwanzig Pfündern, von denen das letztere ſchwere Geſchützſtück jedoch meiſt vorn im Bug liegt, und eine ſchttale Schießluke durch das Bollwerk hat, iſt ihre Haupt⸗ 256 angriffswaffe die Drehbaſſe, von denen ſie meiſtentheils mehrere führen, und die ſie vortrefflich zu gebrauchen wiſſen. Dieſe Stücke ſind gewöhnlich von Meſſing und manche ausgezeichnet gearbeitet, viele aber auch mit den Gußzeichen europäiſcher Fabriken verſehen, denn dieſe Fahrzeuge plün⸗ dern ſchon ſeit Jahrhunderten die Schiffe aller ſeefahrenden Nationen, und haben ſich Tribut verſchafft wohl von jedem Lande. Die wirklichen Kriegs⸗Prauen haben dabei gar keinen feſten Maſt, ſondern nur eine Art von leicht aufzurich⸗ tendem und wieder niederzulaſſendem Geſtell von Bambus an dem ein rieſiges ganz über Bord hinausſtehendes Segel gehißt werden kann, was mit günſtigem Winde das Fahr⸗ zeug in gewaltiger Schnelle vorwärts treibt. Ihre Bug und Heckbalken ſind dabei meiſt mit flatternden kleineren Fahnen oder wehenden Streifen gebleichter Blätter der Palmetten⸗Palme geziert und bieten, mit den darauf ge⸗ ſchaarten ſchwer bewaffneten Kriegern, in der That ein wildromantiſches Bild. Doch wir dürfen unſere Leidensgefährten nicht zu lang aus den Augen laſſen; dieſe ſahen, wie nicht weit von ihnen entfernt eine andere, jedoch kleinere Prahu als die ihre, gerade auf ſie zuhielt, und jedenfalls an Bord zu kommen beabſichtigte. Zeichen wurden dabei zwiſchen den verſchiedenen Mannſchaften gewechſelt; die Malayen von Mindanao unterhielten ſich ſehr lebhaft mit einander, und wie es auch ſchien über ihre Gefangenen; aber die Sprache war dieſen fremd, ſie konnten kein Wort davon verſtehen, und nachdem ſie eine Weile aufmerkſam wenn 1 257 auch vergebens, den fremden Lauten gelauſcht, ſanken ſe getäuſcht und mißmuthig in ihre alte Stellung zurück. Aber nicht allen von ihnen war der Mindanao⸗Dialekt fremd— Tſchuning hatte, wie ſich bald auswies, mehr davon verſtanden als einer ihrer jetzigen Herren ahnen mochte, und ſich leiſe und wie zufällig in Fritz Hell⸗ muths Nähe bringend, flüſterte er dieſem zu, daß man ſie auf die eben ankommende Prahu ſchaffen, eine Strecke an der Küſte hinauf zu einer Anſiedlung der Sumatra⸗Ein⸗ gebornen führen, und dort wahrſcheinlich verkaufen wolle. Widerſtand war hier jedoch ganz unmöglich; man hatte ſich allerdings nicht einmal die Mühe genommen ſie wieder zu binden, aber von einer wahren Unzahl feind⸗ licher Prahus umgeben, was hätten ſie da gegen die Ueber⸗ macht unternehmen wollen? Es blieb ihnen nichts übrig als ſich zu fügen und vielleicht einen günſtigen Augenblick, der ſich doch möglicher Weiſe zeigen konnte, zu erfaſſen. Hatte man dann wirklich Böſes mit ihnen im Sinn„ ſo war Fritz ſowohl wie der Chineſe feſt entſchloſſen, ſich nicht gutwillig zur Schlachtbank führen zu laſſen. Die kleinere Prahu kam jetzt in der That langſeit, Taue wurden ausgeworfen, ſie mit Vorder⸗ und Hinter⸗ theil feſt zu legen, und ein Tauſchhandel ging, wie es ſchien, vor ſich, den Werth der Gefangenen gegen eine Anzahl anderer Gegenſtände, bei denen ſelbſt Goldſtaub vorkam, abzuwägen. Endlich war man einig geworden und nur über den Chineſen hatte man ſich noch nicht verſtändigen können. Die Piraten forderten mehr, als die Sumatra⸗ leute geben wollten, denn ein Küſtenfahrzeug ſchien dieſe Gerſtäcker, Fritz Wildau. 17 2 8 258L— 55 5 Prahu zu ſein, und es wurde jetzt eine Art ſcherzhaften Handels über den armen Teufel getrieben, wobei der eine Häuptling mehrmals deſſen Zopf in die Hand nahm, auf die Länge deſſelben aufmerkſam machte, und ſeine Leute jedesmal in ein ſchallendes Gelächter ausbrachen. Tſchuning warf ſcheue Blicke dabei umher, und es gefiel ihm gar nicht, daß ihn der eine Sumatra⸗Eingeborne an⸗der Schulter faßte und ſeine Rippen und Arme be⸗ fühlte— Tſchuning war ein erſch und er wie Tii kandi ſchienen die beſte rreiſe gebracht zu haben. Endlich wurde man auch ſüber ihn einig, die Schiff⸗ brüchigen mußten im die a ele Prahu hinüberſteigen und Alle durftem-Frei rumg en, den Chineſen und Tji⸗ kandi ausgenommen⸗ die man in einen kleinen Verſchlag that. Tſchuning 5,9. nitht ganz ohne Grund ſeinem Leidensgefährten in's r: ſehr ſtarken Ver⸗ dacht, daß man ſie nur ‚ſo Lbſyuderlich behandle, um ſie noch etwas mehr zu miſtend und ſpäter bede irgend einer feierlichen Gelegenheit qls aul braten zu verwenden.“ Tiſkandi dand der Angſtſchweiß auf der Stirn, undeer bat /Allah inbrünſtig dieſe feſtliche „Gelegenheit nur ſnoch wenigſtens vier Wochen aufzu⸗ ſchieben, wo dann jedenfalls vor Angſt und Sorge ſo mager gewoen ſein würde, daß er hätte weder ge⸗ braten noch geſotken werden können. Zu ihrem Er Prahu keineswegs in anlegen wollte, ſie gin er Nähe Ider Ilotte an Der Küſte faſt ganz Wieder in So, von gewöhnlichen Staats⸗ unen ſie ibnioN, daß die 1 * dem Süd Oſt nicht behindert zu werden, und ſchien einen † Nordceours beibehalten zu wollen, als gegen Abend ein ſ Segel, das jedenfalls einem europäiſchen Schiffe angehören mußte, windwärts zu ſichtbar wurde. Dem mochte aber die Prahu nicht in das Fahrwaſſer laufen, denn vor dem Wind fiel ſie auigenblickli b, und ging der Küſte wieder zu, bis das Segel, das ſeimen Cours, wahrſcheinlich gen Singapore, beibehielt, nach ſwenigen Stunden ſchon wieder am Horizont perſchw s es Schiffbruch, rach aber fele 1 zu ſeiner Zufrie⸗ e bald darauf wie⸗ während Tji⸗ Deck und in ſeinen Ver⸗ 4 8 ſchlag gebracht war, ſuchte ſich Fritz in ſeine Nähe zu ſtehlen um ſeine Anſichten über ihre mögliche Befreiung zu hören, der Malaye war aber viel zu vorſichtig ſich der Gefahr einer Entdeckung leichtſinnig auszuſetzen, und flüſterte nur Fritz ſchrell und verſteckt zu, ihm, wenn es irgend anginge, ein Meſſer zu verſchaffen, daß er ſich bis zum Abend aus ſeinem Bambusverſchlag herausarbeiten könne, und bis dahin die Malayen zu einem Handſtreich bereit zu halten. Es war das ein kitzlicher Auftrag, alle Waffen ſelbſt die kleinſten Meſſer hatte man ihnen genommen, und wurde er dabei ertappt, ſo konnte möglicher Weiſe ihr ganzer Plan durch die größere Wachſamkeit der Feinde vereitelt werden. Ueberdem brachte ſie ſchon vielleicht der nächſte Morgen wieder in den Bereich einer größeren Flotte, wo dann jeder Verſuch, ihre Freiheit wieder zu erlangen, Wahnſinn geweſen wäre.— Glücklicher Weiſe erhielt ſich die Briſe friſch, und man zwang ſie nicht zum Rudern. Das kleine Fahrzeug glitt raſch und leicht über die nur leiſe bewegte wogende See, und die Gefangenen blieben, außer eben den Beiden, Tſchuning und Tii kandi, ziemlich ſich ſelber überlaſſen. So gelang es dem jungen Burſchen denn auch endlich dem Koch glücklich ein Meſſer aus ſeiner Cambüſe zu ent⸗ führen und dem Eingeſperrten zuzuſtecken, und Einer der Malayen, denen er geſagt was er beabſichtigte, tanzte in⸗ deſſen dicht vor der Cajüte einen ihrer javaniſchen Na⸗ tionaltänze, die Aufmerkſamkeit der müßigen Seeleute auf ſich zu lenken. 4 * Der einbrechende Abend verſammelte die ganze Mann⸗ ſchaft an Deck des kleinen Fahrzeugs, während zwiſchen Tji kandi und einem der andern Gefangenen ein Schlacht⸗ plan entworfen wurde, der ihnen an dieſem Abend entweder Freiheit, oder den Tod bringen ſollte und die Furcht, welche die Malayen überhaupt vor dem„Gefreſſen werden“ und den vorhergehenden Präliminarien des Bratens oder Rö⸗ ſtens hatten, diente nicht wenig dazu, ihren ſonſt gerade nicht übermäßigen Muth zu einem Kampfe der Verzweif⸗ lung aufzuſtacheln. Zwanzigſtes Capitel. Wie die Malayen einen Kriegstanz aufführten, und wie ſie ihn zu Ende brachten.— Die Landung. Zwei der javaniſchen Malayen waren in der That vortreffliche Tänzer, und feſſelten die Aufmerkſamkeit ihrer neuen Gebieter bald der Art, daß ſich dieſe in dichtem Kreiſe um ſie herumdrängten und durch laute Ausrufe ihren Beifall zu erkennen gaben. Der eine von den Malayen, ein junger Burſch von kaum mehr als ſechzehn Jahren, hatte ſich, durch Hülfe ſeines Sarongs und das Kopftuch entfernend, als Mäd⸗ chen verkleidet, und der Andere, ein baumſtarker muskulöſer Geſell, von den„tauſend Inſeln“, der eigentlich den Steuer⸗ mann an Bord ihrer Prahu gemacht und einen gewiſſen Rang bekleidete, unterſtützte ihn mit ſolch wilder Grazie und Kraft darin, daß der Jubel der Zuſchauer kein Ende nehmen wollte. Sein Name war Pulo⸗Pulo, ebenfalls 262 nach ſeinem Geburtsland, dem malayiſchen Wort pulo, Inſel, ſo genannt. Der Capitain der Prahu verlangte endlich einen ihrer ächten Kriegstänze zu ſehen, die, in den friedlichen Beſchäftigungen Javas mehr und mehr in Vergeſſenheit geriethen, und der letzte Tänzer, dem Wunſche gern will⸗ fahrend, wählte ſich nun drei andere, und zwar die ſtärk⸗ ſten ſeiner Gefährten aus, ihr Vaterland, wie er ſagte, in den Augen der Bewohner von Sumatra würdig zu vertreten. Hierzu aber größeren Raum beanſpruchend, bildeten ſie einen Kreis ſoweit es das Deck erlaubte und trennten durch dieſes Manöver ihre Gefangenwärter vollkommen, die in der That auch nur Augen für den eben beginnen⸗ den Tanz hatten. Zwei und zwei traten ſich die Malayen einander gegenüber, und zuerſt, zu den Tönen einer kleinen, wun⸗ derlich geformten Trommel, die dem Koch der Prahu ge⸗ hörte, führten ſie das Vorſpiel auf, das mit einem freund⸗ lichen Tanz begann, in dem dann anſcheinend ein Zank ausbrach, und zu einem förmlichen Kampfſpiel ausarten ſollte. Der junge, als Mädchen verkleidete Malaye, bildete dazu den Mittelpunkt der tanzenden Gruppe, einer Art Pantomimenſpiel, in dem ſich die vier Tänzer als eben ſo viele Liebhaber um ſie bewarben, und endlich, während die wilde Schöne ihnen unter den Händen entſchlüpfte, in wilder Eiferſucht zwei gegen zwei den Kampf begannen. Der Anfang wurde mit jener wohl kecken aber doch natürlichen Grazie ausgeführt, die alle ſolche Nationaltänze, und ſo nahe zu demſelben, als ſie es, eines möglicher⸗ mögen ihre Bewegungen auch noch ſo wunderlich und an⸗ ſcheinend widernatürlich ſein wie ſie wollen, bezeichnet und charakteriſtiſch macht; die Tänzerin, jetzt als Bajadere ge⸗ kleidet, mit blitzendem Goldſchmuck in ihrem Haar,(ein Beuteſtück wahrſcheinlich irgend eines glücklich ausgeführten Raubzuges, den ihm der Capitain geborgt) tanzte inmitten der vier Männer, bald mit dieſem, bald mit jenem, und wie ſie den einen zu begünſtigen ſchien, fuhren die anderen in drohenden Geberden auf, als ob ſie ſich über ihn wer⸗ fen wollten. Nie aber ließ es die verkleidete Maid dazu kommen, ſo raſch wechſelte ſie die flüchtig Begünſtigten, und die Zuſchauer jubelten in dem meiſterhaft ausgeführten Uebergang von Eiferſucht zu Triumph, und von Triumph zur getäuſchten Hoffnung der Tanzenden. Der Mond ging dabei auf, und warf ſein mildes Licht über die bunte, maleriſch gruppirte Schaar. Oben auf dem leichten Bambusdach der Hütte, die Strohzigarre im Munde, lag der Capitain des kleinen Fahrzeugs, dem grad unter ihm wogenden Tanze zuſchauend, und dicht vor ihm, daß er eben über ihre Köpfe wegſehen konnte, ſtan⸗ den ſechs oder ſieben ſeiner Leute, während die übrigen, vielleicht zwölf oder ſechzehn an der Zahl, den Ring der Tanzenden nach vorn zu einſchloſſen. Fritz, mit dem Letzten ſeiner Kameraden, befand ſich unter den Zuſchauern, und nur der Steuernde war von dem Genuß des Schauſpiels ausgeſchloſſen. Ihr Cours lag wieder nach Nord zu Oſt ⁹) gerad' am Land hinauf, weiſe wieder einſetzenden Wetters wegen, wage. 264 Nichtsdeſtoweniger konnten ſie, ſelbſt bei dem Mondlichte, die dunkle Küſte in Lee deutlich erkennen, die ſich wie ein langer dunkler Damm weſtlich von ihnen hinzog. Der Tanz wurde indeſſen wilder und lebendiger, und Pulo⸗Pulo rief Einem der Sumatra⸗Leute zu, ihnen jetzt zwei Handſpeichen und zwei Lanzen zu geben, die verſchie⸗ denen Parteien vorzuſtellen. Alle faſt beeilten ſich ihm zu willfahren, und wenige Minuten ſpäter ſtanden ſich die vier Malayen zum Kriegstanz gegenüber, den ſie mit ge⸗ ſchwungenen Waffen bald rechts, bald links hinüberneigend, als ob ſie dem Feind eine Blöße abzugewinnen ſuchten, begannen. Noch ſtand das verkleidete Mädchen in ihrer Mitte, und ſchien ängſtlich, unter dem Beifallsruf der Umſtehenden, den drohenden Waffen beider Theile auszu⸗ weichen, und immer wilder drängten ſich die Paare, immer lebendiger, immer heftiger wurden ihre Geberden, als Pulo⸗ Pulo— dicht an ihm vorüber ſtrich und einige Worte in ſein Ohr flüſterte. Wie unter den Händen glitt ſie ihm fort, und zwi⸗ ſchen die Zuſchauer hinein, die ihr lachend Raum gaben, in demſelben Moment aber riß der junge Burſch, ſich plötzlich hoch empor richtend, Einem der ihm nächſt Steh⸗ enden den Khris aus dem Gürtel und ſtieß ihn dem laut Aufſchreienden in die Seite, während der Capitain ſelber durch einen Schlag Pulo⸗Pulos mit einer Handſpeiche auf die Stirn getroffen, leblos zuſammenbrach und den Kopf vorn über Deck herunterhängen ließ. Der Augenblick war für die bisherigen Eigenthümer der Prahu verderblich; ehe ſie nur recht begriffen um was —— — z ſ ) ſſ XNN ) ſ 5 7 )Ph)) ) 9) ſ ä ſ)h 5 h M ſ) 1 if —⁸ 1 KN 1 d 1p Hutttti 1 44 6 I ¹ i cduhdgupwrdbuub T 8.— .—. . 4— * — . 1 1 4 4 4 8 — 1 ———— 265 es ſich hier handle und wie aus dem Spiel ihrer Sclaven ſo plötzlicher und furchtbarer Ernſt geworden, ſchmetterten die ſchweren Handſpeichen Pulo⸗Pulos und ſeines Gefähr⸗ ten auf ihre Schädel nieder, und tranken die ſelbſt gelie⸗ ferten Lanzen ihr warmes Herzblut. Drei entkamen glück⸗ lich auf das Hinterdeck, wo ſich ihnen der Steuermann anſchloß, ein anderer Theil ſuchte ſich nach vorn zu ret⸗ ten; dort warf ſich ihnen aber Tji— kandi und Tſchuning, die ebenfalls ein paar Lanzen gefunden hatten, entgegen und zerſtreuten die von dem Angriff förmlich Betäubten, die gar nicht mehr zu wiſſen ſchienen, wie wenig Feinde ihnen eigentlich gegenüber ſtanden. Fritz ſelber hatte gar thätigen Antheil an dem Kampf genommen, denn einem der zuerſt Gefallenen den Khris entreißend, warf er ſich keck gegen einen rieſigen Sumatra⸗ Krieger an, der eben einen ſicher tödtlich geweſenen Stoß nach Pulo⸗Pulo führen wollte. Seine Waffe fuhr ihm unter dem gehobenen Arm in die Bruſt und der Mann ſank todt zu Boden. Dann aber, wohl wiſſend, wie nö⸗ thig es ſei ſich den Beſitz der Cajüte, wo der ganze Waffenvorrath lag, zu ſichern, ſprang er die leichte Bam⸗ busleiter nieder, und kam eben, in Zeit den Feind abzu⸗ halten durch die hinten angebrachten Fenſter oder Luken von auſſen einzuſteigen. Die drei Flüchtigen nämlich, denen ſich der Steuernde anſchloß, ſahen kaum wie die Sache an Deck ſtand, als ihr nächſter Gedanke natürlich war die Cajüte zu gewinnen, und dort, mit den Feuer⸗ waffen in ihrer Gewalt, den Sieg bald auf ihre Seite zu lenken, denn bis jetzt war noch nicht ein einziger Schuß 266 gefallen; kaum gewahrte aber Fritz wie der Körper des Erſten die rechte Luke verdunkelte, als er eine der an die Wand angeſtellten Lanzen ergriff, und den Gegner damit durchrannte. Ein Sturz in das Waſſer kündete ihm gleich darauf ſeinen Sieg; aber nicht lange Zeit blieb ihm ſich deſſen zu freuen, denn in demſelben Mo⸗ ment warf ſich ein anderer Sumatrane in die linke Luke und ſuchte dort den Eingang, wenn gleich vergeblich, gegen die wieder mit tödtlicher Sicherheit geführte Lanze zu ge⸗ winnen, während eine andere dunkle Geſtalt durch die rechte Luke ſprang und dem jungen Manne jedenfalls ver⸗ derblich geworden wäre, hätten nicht Tji-kandi und Tſchu⸗ ning eben ſo gut die Wichtigkeit dieſes Platzes gewußt, und den Ort gerabt zu rechter Zeit erreicht, den jungen Europäer vor dem wüthenden Sumatranen zu ſchützen und dieſen unſchädlich zu machen. Von den Lanzenſtichen der beiden durchbohrt, wurden die letzten zwei Feinde zurück⸗ geworfen und die dort befeſtigten Gewehre von der Wand reißend, ſprangen die drei wieder zurück an Deck, den jetzt dort tobenden Kampf zu entſcheiden. Sie waren kaum mehr nöthig— die Ueberraſchung ſchien ſo vollkommen geweſen zu ſein, daß die Sumatra⸗ ner, gleich mit dem erſten Schlag ihres Führers beraubt, ſchon gar nicht mehr an den Sieg, ſondern nur noch daran dachten ihr eigenes Leben zu retten. Nur noch zwei von der ganzen Mannſchaft hatten ſich oben in den kleinen Maſt oder die Stütze geflüchtet, an der das breite Mattenſegel aufgehißt wurde, und ver⸗ theidigten ſich hier in verzweifeltem Grimm mit ihren Khriſen gegen die Feinde, die ſie mit den Lanzen aus ihrer Höhe herunter zu ſtoßen ſuchten. Tii—kandi und Tſchuning liefen raſch mit ihren Gewehren auf ſie zu; Fritz merkte aber kaum was ſie be⸗ abſichtigten, als er ſich ihnen in den Weg warf und ſie bat das Leben der beiden Unglücklichen zu ſchonen. „Laßt ſie leben!“ rief er und drückte die Läufe der Waffen, die ſie ſchon toddrohend auf ihre Opfer richteten, bei Seite—„ſie können uns ja Nichts mehr ſchaden.“ „Aber uns verrathen!“ ſchrie der rieſige Pulo⸗Pulo, der von Blut und Schweiß bedeckt in grimmer Wuth her⸗ zuſprang und den jungen Mann bei Seite warf—„nie⸗ der mit ihnen,“ donnerte er zugleich den beiden Gewehr⸗ trägern zu, und die dritte Schießwaffe ſelber den Händen des Deutſchen entreißend, krachten die drei Schüſſe faſt zu gleicher Zeit, von denen die Unglücklichen ſchwer ge⸗ troffen von ihrer Höhe niederſtürzten und von den unten harrenden Malayen ohne Weiteres über Bord geworfen wurden. Sie waren frei, wenn auch durch vieles, vieles Blut erkauft, und ſo vollkommen mußte die Ueberraſchung der ſich thörichter Weiſe vollkommen ſicher fühlenden Su⸗ matraner geweſen ſein, daß von den Malayen nur zwei geblieben und drei leicht verwundet waren. Zu den Ge⸗ tödteten gehörte der junge Burſche, der die Rolle des Mädchens in dem Tanz übernommen und den erſten Stoß in das Herz eines Gegners geführt hatte— er lag, mit einer breiten Wunde in der Bruſt und den Goldſchmuck noch im Haar, an Deck, und die Freunde hatten ſich eben 268 ——— 4 um ihn geſchaart, zu ſehen, ob alles Leben in ihm entflohen ſei, als plötzlich ein gewaltiger Stoß das ganze Fahrzeug bis in ſeinen Kiel hinab erſchütterte, und die Malayen jetzt, Alles andere vergeſſend, ihre Aufmerk⸗ ſamkeit dem Fahrzeuge ſelber zulenkten. Dieß nämlich, ſo lange der Kampf währte, total vernachläßigt, mit nicht einmal einem Mann am Steuer, war von der wieder friſcher einſetzenden Briſe mehr und mehr der in Lee liegenden Küſte zugetrieben worden, und jetzt auf irgend eine Korallen⸗ oder Felsbank geſtoßen, von der es übrigens nach wenigen Minuten heftigen Stam⸗ pfens wieder frei und in tieferes Waſſer kam. Die Ma⸗ layen, ſo ſchwach ſie ſich an Mannſchaft befanden, gingen nun ernſtlich daran ihr neugewonnenes Fahrzeug in guten Stand zu ſetzen und unter Segel zu bringen; Fritz trat ans Steuer und die übrigen braßten das große Matten⸗ ſegel ſcharf an den Wind, von der Küſte freizukommen. Sie wollten geradeaus in See halten, das Fahrwaſſer der zwiſchen Java und Singapore laufenden Schiffe zu erreichen, um nicht wieder in die Hände der Piraten zu fallen, und vielleicht auch des Beſitzes der Prahu halber noch zur Rechenſchaft gezogen zu werden. Das ſchlanke Fahrzeug ſelber brachten ſie auch bald über den andern Bug, Tji- kandi aber, dem das Auf⸗ fahren nicht gefallen, kletterte in den unteren Raum hin⸗ unter, und fand dort bald ſeinen ſchlimmſten Verdacht beſtätigt. Mehr als drei Fuß Waſſer ſtand ſchon dort und wenn er auch augenblicklich wieder nach oben ſprang .4 und die Mannſchaft zum Ausſchöpfen rief, ſahen ſie doch bald, daß ſie nicht in Stande ſein würden die ſtark be⸗ ſchädigte Prahu lange mehr über Waſſer zu halten. Kei⸗ neswegs durften ſie wagen weiter damit in See hinaus zu gehen, wo das Auffinden eines Schiffes doch immer zu ungewiß blieb, und den Bug wieder dem feſten Lande zukehrend blieb jetzt nur noch ihre einzige Hoffnung die⸗ ſes, zum zweiten Male ſchiffbrüchig, zu erreichen, ehe die lecke Prahu unter ihnen ſänke. Der Wind war ihnen glücklicher Weiſe günſtig ge⸗ nug dazu; vor einer ſcharfen Briſe ſegelten ſie die Küſte raſch an, trotz unausgeſetztem Schöpfen wurde das Fahr⸗ zeug aber auch immer ſchwerfälliger und ging tiefer und tiefer im Waſſer. Als ſie endlich den dunklen Strei⸗ fen Land ſo dicht vor ſich ſahen, daß ſie die ausgezackten Umriſſe des Waldes auf den nächſten Hängen ſchon er⸗ kennen konnten, war es zu ihrem Heile, daß der Bug der Prahu plötzlich ſcharf und voll auf eine Sandbank lief, breit vor dem Winde abſchwenkte, dann nach Lee zu überkippte und liegen blieb, während das leichte Material ſowohl, aus dem ihr oberer Theil beſtand, als die hier wie es ſchien ziemlich ſteil auflaufende Sand⸗ barre es verhinderte, daß ſie vollſtändig ſanken. Ihre Entfernung zur Küſte konnte nur unbedeutend ſein, vor Tag ließ ſich aber dennoch nichts unternehmen; ſie brauchten auch nicht zu fürchten daß ſie wieder flott werden würden, der Schiffsrumpf hatte ſich nicht allein zu voll dazu geſogen, ſondern ſie fanden auch bald, daß die Ebbe gegen Morgen eintrat, die ſie ja noch mehr auf 270 den feſten Grund und Boden aufſetzen mußte. Ihr Leben war ihnen alſo, was das Meer betraf, geſichert und ihre einzige Sorge mußte es jetzt ſein, ſoviel als möglich von den an Bord befindlichen Vorräthen an Land zu retten, wo ſie freilich nicht wußten, wie ſie von den Bewohnern der Küſte empfangen und aufgenommen werden würden. So brach endlich langſam der Tag an, und als ſich die düſtern Nebelſchleier, die beſonders in der letzten Stunde voor Morgen auf dem Waſſer gelegen, allmählig lichteten, breitete ſich nur wenige hundert Schritte von ihnen die dicht bewaldete, freundliche Küſte aus, und ſchien ihnen die Arme entgegen zu ſtrecken ſie zu empfangen, denn gerade in eine kleine ſandige Bucht waren ſie eingetrieben, in der das Waſſer jetzt ſo bedeutend fiel, daß ſie mit Sonnenaufgang an's Ufer waten konnten. Dieſe Zeit wurde denn auch raſch genug von ihnen benutzt, und nach kurzem Kriegsrath bewaffneten ſich Alle vollſtändig und traten, noch außerdem mit Mundvorrath beladen, ſo viel wie ſie tragen konnten, den Weg zum Lande an, dem ſie ſich jedoch noch immer vorſichtig näher⸗ ten, da ſie keineswegs wiſſen konnten ob ihnen nicht ir⸗ gend ein Feind die Landung ſtreitig machen werde, oder ein Hinterhalt ihr Leben bedrohe, ſobald ſie den Fuß auf feſten Grund und Boden geſetzt hätten. Denm ſchien aber nicht ſo zu ſein; kein Feind ließ ſich ſehen; überhaupt war nirgends an der Küſte ſelbſt nur Rauch zu erkennen, da wahrſcheinlich gerade an die⸗ ſer Stelle die Verſandung des Ufers die Eingebornen ab⸗ 271 gehalten hatte ſich niederzulaſſen, und unangegriffen, un⸗ beläſtigt betraten ſie nach kurzem Marſch feſten Boden. Dadurch kühn gemacht, und als ſie Alles, was ſie an das Ufer gebracht in Sicherheit wußten, beſchloſſen ſie noch einmal zu dem Wrack zurück zu kehren, eine zweite La⸗ dung zu retten; ihre Waffen verſteckten ſie aber indeſſen in den Büſchen und landeten ſo im Laufe des Vormittags faſt alle Gewehre mit einer bedeutenden Quantität Mu⸗ nition und Reis, genug wenigſtens einen Monat ihr Le⸗ ben friſten zu können. Die wieder eintretende Fluth unterbrach erſt ihre Ar⸗ beit, denn das Waſſer wurde zu tief und an Bord befand ſich kein Canoe, um durch daſſelbe die Verbindung mit dem Wrack zu unterhalten. Was aber jetzt thun?— einen Stamm der Einge⸗ bornen aufſuchen und ſich ihm auf Gnade und Ungnade ergeben, oder in bewaffnetem Zuge die Küſte hinauf oder hinab ſtreifen, irgend einen Hafenplatz zu erreichen und möglicher Weiſe eine europäiſches Schiff oder einen fried⸗ lichen arabiſchen Kauffahrer anzutreffen?— es blieb Bei⸗ des gleich gefahrvoll. Pulo⸗Pulo, der die Bewohner dieſer Küſte zu kennen ſchien, erklärte ihnen einfach, er wiſſe keinen beſſeren Rath als ſich hier, gerade an dieſer Stelle, die von den Eingebornen nicht ſehr beſucht zu ſein ſcheine, ein kleines feſtes Lager aufzuwerfen, das ſie in kurzer Zeit herſtellen könnten, und dann daran zu gehen, ein kleines Boot oder Canve auszuhauen, wozu ö ſie ebenfalls keine Woche brauchen würden, da ſie die . .˙⁵. —— 272 Werkzeuge in der nächſten Ebbe noch von dem Wrack holen könnten. Dann aber blieb ihnen nichts Anderes übrig, als ſo raſch als möglich gerade in See hinaus zu halten, das Fahrwaſſer der europäiſchen Schiffe, von de⸗ nen ſie in dieſem Monſoon manche antreffen würden, zu erreichen, oder wenigſtens aus dem Bereiche der Suma⸗ traner zu kommen, von denen er ſich böſen Empfang und nooch ſchlimmere Behandlung zu verſprechen ſchien. Nach langem Hin⸗ und Herdebattiren fand es ſich endlich, daß Pulo⸗Pulo's Rath allerdings der beſte ſei, und die Zeit der Fluth ſo gut als möglich zu benützen, gingen ſie jetzt raſch daran einen günſtigen Platz für ihr Lager zu finden, in deſſen Nähe aber auch ein paar paſ⸗ ſende Bäume ſtehen mußten, um ein Doppelcanoe auszu⸗ arbeiten und ohne der Gefahr preisgegeben zu ſein, bei ihrer Arbeit vielleicht von einem feindlichen Stamm über⸗ fallen und von ihrem Lager abgeſchnitten zu werden. Beides fanden ſie übrigens gar nicht weit von dort entfernt an dem Ufer eines kleinen Baches, der gerade da, wo ſich das flache angeſchwemmte Land an den näch⸗ ſten ſchräg aufdachenden Hügel anſchloß, durch ein wildes Dickicht von herrlichen Fruchtbäumen und Palmen vorrie⸗ ſelte. Hier ſtanden auch mehrere für ihren Zweck vor⸗ trefflich geeignete Bäume, die ſie fällen und ſelbſt zu ihrem Lager benützen konnten, und mit Ungeduld er⸗ warteten ſie jetzt die nächte Ebbe, Alles was ſie zu der Durchführung ihres Planes noch brauchten, herüber zu holen, und dann ohne weiters ihre Arbeit zu beginnen. Gllücklicher Weiſe blieb das Wetter ruhig, und ſchon 8 273 vor vollkommen niedrigem Waſſerſtande an Bord ſchwim⸗ mend, machten ſie ſich eifrig daran ein kleines Floß von dem oberen Theil des Bambuswerks zu bauen, auf das ſie Alles was ſie noch mitnehmen wollten, zu gleicher Zeit ſchaffen und dann mit Leichtigkeit zum Ufer ſchieben konnten. Hier entſchied ſich aber auch Fritz dafür, daß ſie die kleine, vorn am Bug der Prahu befeſtigte Drehbaſſe mitführen ſollten, die ihnen vielleicht noch gewaltig gute Dienſte leiſten könnte, und obgleich ſelbſt Pulo⸗Pulo, der jetzt den Oberbefehl übernommen, nicht recht Luſt dazu zu haben ſchien, gab er es doch endlich zu und ließ ſie mit der nöthigen Munition auf das Floß ſchaffen, dem ſie dann aber auch nicht das Mindeſte mehr aufladen konnten. Nichts deſto weniger brachten ſie dieſelbe an Land und kehrten dann noch einmal an Bord zurück. Da⸗ bei war es aber ſchon ſo ſpät geworden, daß das Waſ⸗ ſer wieder zu ſteigen begann, ehe ſie nur das Wrack zum zweiten Male erreichten, indeſſen konnten ſie ihr kleines Floß ruhig beladen und es dann ſchwimmend zum Ufer treiben, was ſie auch noch vor Abend ins Werk ſetzten. Und die höchſte Zeit war es geweſen, denn noch vor Mitternacht nahm der Wind wieder die Backen voll; über die See brauſte es in wilder furchtbarer Gewalt, und die aufgerüttelten Wogen ſtürmten heran in unwider⸗ ſtehlicher Macht und ſchleuderten den ſpritzenden Schaum über den ſeichten Strand oft bis hoch in die Kronen der Gerſtäcker, Fritz Wildau. 18 274 Cocospalmen hinein, daß die klare ſalzige Fluth an den ſchlanken Stämmen hernieder rieſelte. Aber für die Schiffbrüchigen war es inſofern ein Glück, als das Wrack draußen ſchon bei dem erſten An⸗ prall des Wetters in Splitter zerſchmettert und dieſe in die Mangrove⸗ und anderen Uferbüſche hinein geſpühlt wurden; ihre Entdeckung durch das Wrack war deß⸗ halb total unmöglich gemacht worden, und mit Waffen und Proviant in Sicherheit, begannen ſie am andern Morgen mit vereinten Kräften das Lager anzufangen und zu befeſtigen. Zuerſt fällten ſie vor allen Dingen die beiden nur wenige Schritte von einander entfernt ſtehenden Bäume, die ſie zu ihren Canoes benutzen wollten und begannen dann um dieſe her die Umzäunung des Lagers, wodurch ſie die Stämme an denen ſie arbeiten mußten, in den innern Raum der Einfriedigung bekamen. Dann lichteten ſie den Wald ſoweit ihnen das möglich war, um nicht ſo leicht von irgend einem feindlichen Angriff überraſcht zu werden, und ſtellten aus den dadurch gewonnenen Stämmen eine Art von Palliſa⸗ denfenz her, hinter der ſie vollkommen ruhig, ſelbſt den Angriff einer ihnen an Zahl weit überlegenen Macht ab⸗ warten konnten. Der innere Raum war dabei abſichtlich ſo beſchränkt gelaſſen worden, wie nur irgend möglich, damit ſie nicht eine zu weit geſtreckte Umzäunung zu verthei⸗ digen hatten, der kleine Fluß aber mit hinein gezogen, um wenigſtens keinen Waſſermangel zu leiden, im Falle ſie eingeſchloſſen werden ſollten. Nachdem für Alles geſorgt und die Drehbaſſe auf einem Bananen oder Piſangs, mit den zähen Schlinggewächſen 275 roh zuſammen genagelten Geſtelle zum augenblicklichen Ge⸗ brauch fertig war, gingen ſie dann auch daran eine kleine Hütte für ſich zu bauen, die ſie mit Banan⸗ und Pan⸗ danusblättern deckten und wandten den nächſten Tag dazu an, einen Vorrath von allen möglichen Früchten, die in der Nachbarſchaft wuchſen, einzuſammeln und aufzu⸗ ſpeichern. Einundzwanzigſtes Capitel. Wie die Schiffbrüchigen von einem Eingebornen überraſcht wurden auf den ſte nicht gerechnet hatten. Es liegt ein eigener Zauber in einer tropiſchen Land⸗ ſchaft, und wie unſere heimiſchen Birken und Eichen den Charakter der nordiſchen Vegetation vertreten, und das dunkle Nadelholz dabei ſeine, düſteren Schatten über die weiten Hänge der Gebirge wirft, ſo bilden Palmen und Waringhi den der heißen Zone, und die breitblätterigen und breiten glänzenden ſaftigen Blättern der ganzen übri⸗ gen Vegetation, künden ſchon in ihrem eigenen zitternden Rauſchen die fremde wunderbare Welt, und füllen das Herz des Nordländers mit einem geheimnißvollen, heiligen Schauer und tiefer Ehrfurcht. Die Malayen freilich betrachteten die ſie umgebende Scenerie mit möglichſter Gleichgiltigkeit— es war das etwas, das ſie in ihrem eigenen Vaterlande täglich um 4 18* ſich ſahen, und ſie fanden nicht das mindeſte Außerordent⸗ liche darin; Fritz dagegen, obgleich ebenfalls in dem wun⸗ derſchönen Java umhergeſtreift, hatte den Wald noch nie in ſo wilder großartiger Schöne geſehen, und ſchwelgte förmlich in dem Genuſſe dieſer Pracht. Auf dem Platze, auf dem ſie ihr Lager aufgeſchlagen, hatten zwar die Klewangs oder langen Meſſer der Ein⸗ gebornen in dem Unterholz, und ihre Aexte und Beile ſelbſt zwiſchen den Stämmen arge Verwüſtung angerichtet, 4 277 kaum fünfzehn Schritt davon entfernt umlagerte ſie aber die Wildniß in all ihrer Pracht und Gewaltigkeit, und das dichte Unterholz von wildem Kaffee¹⁰) und unzähliger an⸗ derer Blüthen⸗ und Fruchtbäume ruhte wie ein grünes Meer auf dem Hügelhang, von dem hoch empor die ſchlan⸗ ken Stämme der Cocos⸗, Aren⸗, Kohl⸗ und Areka⸗Palmen ſtiegen. Dazwiſchen durch rieſelte der kleine lebendige Bach über buntes, glitzerndes Geſtein und Geröll, und die Sonne konnte, im wirklichen Walde drin, in der That nur hie und da ein kleines kleines Plätzchen finden, ſich hindurch zu ſtehlen und nach ihren Kindern, den da unten froh und duftig keimenden Blumen zu ſehen— und dieſe ſtreckten doch alle die Köpfchen nach ihr empor, und hätten ſie ſo gern zu ſich herabgezogen durch die engverſchlungenen neidiſchen Zweige. Nur ein einziger Baum war mitten in ihrem Lager ſtehen geblieben, eine prachtvolle Akazienart, die eine feuer⸗ rothe Beere, die saga hayve trägt. Weit und ſchattig ſtreckte der ſeine Arme über den kleinen Raum aus, den armen Schiffbrüchigen Schatten zu gönnen gegen den hei⸗ ßen Sonnenſtrahl, der ſonſt hier in der einzelnen Lichtung ingrimmig nachgeholt hätte, was ihm auf dem dichtbewal⸗ deten Nachbargrund verweigert wurde. Aus den federartigen Blättern der Cocospalme wuß⸗ ten die Malayen vortreffliche Körbe zu flechten, wozu ſich die einzelnen Blattſtreifen außerordentlich gut eigneten, und mit dieſen waren ſie ſchon den ganzen Tag beſchäftigt geweſen überreife Mangiſtan und YNambos, Ramboutan 278 und Nangkas, und beſonders einen Vorrath von Cocos⸗ nüſſen einzutragen zu ihrer kleinen Veſte. Tſchuning, der hier wieder das Amt eines Kochs verwaltete, hatte dazu eine kleine Art Keller oder mehr ein Loch in der Erde auswerfen laſſen, ſie friſcher zu halten, und Fritz erbot ſich, während die anderen Früchte ſammelten, den Verſuch zu machen in den Wald einzudringen und vielleicht ein Stück Wild zu ſchießen, damit ſie auch wieder einmal friſches Fleiſch, nach dem ſie ſich alle ſehnten, zu ihrer Mahlzeit bekämen. Das widerrieth ihm aber vor Allen Tji kandi, und wollte ihn unter keiner Bedingung gehen laſſen, da er nicht die Gefahren kenne die ihm, in ſolcher Wildniß allein, drohen würden; wie er jedoch ſah daß der junge Trotzkopf auf ſeinem einmal gefaßten Entſchluß beſtand, verlangte er wenigſtens ihn zu begleiten. Aber auch das gab Fritz nicht zu; ein Mann machte ſchon Geräuſch genug in dem Dickicht, an irgend etwas hinanſchleichen zu können, und zwei würden und mußten deßhalb jeden Erfolg vereiteln. Sein Gewehr alſo ſchulternd, und eines der gewöhn⸗ lichen langen Meſſer an der Seite, verließ er gegen Abend das Lager, und hielt ſich nur noch kurze Zeit neben Pulo⸗Pulo. und einem anderen Malayen auf, von denen der erſte eine Cocospalme erſtiegen hatte die reifſten Nüſſe nieder⸗ zuwerfen, indeß der andere einen jungen Mangiſtanbaum ſchüttelte und die niederregnenden herrlichen Früchte auflas. Noch ſtand er und plauderte mit ihnen, als er im Buſch drin, gar nicht weit von ihnen entfernt, ein Ge⸗ räuſch zu hören glaubte— er horchte, aber es war Alles 8 8 8 — 279 wieder ruhig; und der neben ihm ſtehende Malaye wollte gar nichts gehört haben, hielt aber doch kurze Zeit mit Schüt⸗ teln ein, ob ſich das Geräuſch vielleicht erneuen würde.— Es war Alles todtenſtill, und Fritz ſchlich ſich jetzt nach der Richtung hin in das Gebüſch, dort vielleicht irgend ein ſcheues Wild anzutreffen, das der Laut der menſchlichen Stimme aus ihrer Nachbarſchaft vertrieben. Der Wald war aber gerade nach dieſer Seite hin ſo entſetzlich verwachſen, daß der junge Deutſche, wenn er nicht zu viel Lärm mit Hacken und Brechen in den Zweigen machen wollte, nur Fuß für Fuß vorwärts rücken konnte. Umſonſt verſuchte er dabei irgend eine Fährte in dem allerdings weichen Boden zu entdecken, der ſolcher Art von Laub und Moos überzogen war, daß ein gerade nicht be⸗ ſonders geübtes Auge wohl die Eindrücke irgend eines grö⸗ ßeren Thieres darauf unterſcheiden aber keinenfalls be⸗ ſtimmen konnte welcher Gattung es angehöre. Einzelne Büſche waren aber hier in der That nieder⸗ getreten und das Moos am Fuß eines breitäſtigen Dadap beſonders, verrieth deutlich die eben eingedrückte Fährte irgend eines großen Thieres, zu der ſich Fritz gerade nieder⸗ bog ſie vielleicht erkennen zu können, als ein gellender Schrei von dort, woher er eben gekommen, zu ihm herübertönte, und ihn raſch emporfahren machte. Der Schrei wurde dabei gleich darauf durch einen anderen, wie aus der Luft kommend, beantwortet, und der junge Mann floh, ſo raſch es ihm das Dickicht erlaubte, der Stelle wieder zu, wo jedenfalls etwas Entſetzliches paſſirt ſein mußte. Er ſollte nicht lange darüber in Smwelje bleiben— 280 eben als er den Platz erreichte wo die ſchon faſt gefüllten Fruchtkörbe ſtanden, ſah er noch wie ein ungeheuerer Tiger mit dem einen Malayen im Rachen, aber ſo wenig behin⸗ dert als ob er ein Kind trüge, in ein Dickicht wilder Kaffee⸗ büſche hineinſprang, und wenn er auch im Nu das Ge⸗ wehr an den Backen riß, durfte er doch nicht wagen zu ſchießen, aus Furcht eben ſo leicht den Mann als den Tiger zu treffen. „Matjan!“ ſchrie dabei Pulo⸗Pulo, während er, ſo raſch er konnte, an der Cocospalme niederglitt,„matjan— ſchieß ihn— ſchieß ihn!“ Fritz bedurfte aber keiner Anreizung weiter, und das Gewehr in Anſchlag, ſprang er keck und unverzagt wenige Secunden ſpäter in die Oeffnung hinein, durch welche die Beſtie eben mit ihrem Opfer verſchwunden war, und deut⸗ lich konnte er noch dicht vor ſich die Büſche brechen und rauſchen hören. Der Tiger, obgleich die Stärke dieſes Thieres wirklich außerordentlich iſt, denn die gewaltigen Tatzen ſcheinen in der That nur aus Muskeln und Sehnen zu beſtehen, war aber, durch das Dickicht aufgehalten, nicht im Stande ſo raſch mit ſeiner Beute zu entfliehen daß Fritz nicht wieder in Schußnähe gekommen wäre, und jetzt entſchloſſen wenigſtens einen Verſuch zu wagen, riß er die Flinte an den Backen und drückte gerade auf den Körper des Thieres, als ſich dieſes zu neuem Sprunge hob, ab.— Der Tiger, ſo furchtbar er in ſeinem Grimme, wenn zur Wuth oder durch Hunger gereizt, auch wohl ſein + — 84 — —x——— ——;———— 281 mag, iſt doch ein feiges Thier, das ſich, wenn irgend möglich, dem Blick des Menſchen ſcheu entzieht, und nur aus ſicherem Hinterhalt einen Sprung auf hohe Beute wagt. Es gibt überhaupt in der Natur, den Hai viel⸗ leicht ausgenommen, kein einziges wildes Thier, das nicht faſt ſtets dem Menſchen wiche, und mögen noch ſo viel Märchen über Löwen und Tiger, über Bären, Panther, Schlangen, Krokodile und andere ſchreckliche Beſtien er⸗ zählt werden. Solche Erzählungen ſind meiſt übertrie⸗ ben, wenn nicht oft ganz erdichtet, denn jeder Rei⸗ ſende, mag er ſonſt auch nicht einmal gewußt haben eine Flinte auch nur abzudrücken, vielweniger damit auf die Jagd zu gehen, will auch gern, wenn er über⸗ haupt in einem ſolchen Lande geweſen iſt wo ihm die Bewohner geſagt haben, daß es dann und wann wilde Thiere gäbe, ein Abenteuer damit erlebt haben, und muß natürlich wenigſtens eine ſchreckliche Geſchichte darüber erzäh⸗ len, wo er mit genauer Noth und nur durch ſeine Gei⸗ ſtesgegenwart irgend einer furchtbaren Gefahr entgangen. Wie ſelten begegnet der wirkliche Jäger, der den Tag über im Wald und Dichicht umherſtreift und die Nacht darin ſchläft, einem wilden Raubthier! Den Hirſch mag er be⸗ lauern, der ruhig äſend durch den Wald zieht, aber der ſcheue Wolf, der Panther in den nordiſchen Wäldern, und Tiger und Löwe in den füdlichen, ſind ſelbſt zu viel auf der Jagd, und horchen dem geringſten Geräuſch eines brechenden Zweiges, ja eines fallenden Blattes. Iſt es dann der Menſch, den ſie kommen hören, und den ſie nicht zu ihrer Beute rechnen, dann ziehen ſie ſich ſcheu 282 und raſch zurück in ihr Verſteck, oder fliehen die Gegend, in der ihr Erbfeind weilt. Ebenſo iſt das Märchen von der Klapperſchlange entſtanden, die ihre Beute durch den Blick bezaubern und dann verſchlingen ſoll. Wie man da fabelt, halte den Vogel, der einmal ihrem feſt auf ihn gerichteten Blick be⸗ gegnet, eine geheimnißvolle Gewalt auf ſeine Stelle, der er vergebens zu entrinnen ſuche; die Schlange brauche nur ihr Auge auf ihm zu halten und dann langſam zu ihm zu kriechen und zuzulangen. Die Klapperſchlange müßte aber jedenfalls verhungern, wenn ſie auf dieſe Kraft ihres Auges allein angewieſen wäre, denn es lebt Niemand der das ſelber mit angeſehen, während Hunderte von Jägern ſchon oft das ſchlaue Reptil beobachtet haben, wie es ge⸗ räuſchlos im Gras dahin gleitet und plötzlich, von der richtigen Entfernung aus, auf ſeine, keinen Feind ahnende Beute losſchießt. Vor dem Menſchen flieht ſie wie jede andere Schlange, und nur überraſcht von dem ſchnell daher Schreitenden, richtet ſie ſich empor und läßt die warnende Klapper, mehr bei ihr ein Zeichen der Angſt als des Zorns, ertönen. 1 Selbſt in das Pflanzenreich hat man ſolche entſetz⸗ liche Sagen getragen, wie man früher von dem Java⸗ niſchen Upas oder Giftbaume behauptete, daß ſeine Aus⸗ dünſtung ſo furchtbar wäre, den Vogel zu tödten, der über ihn hinflöge, während der Baum doch kaum mehr Gift hält als der Schierling, und nur in ſeinem Safte dem Blute tödtliche Wirkung birgt. Wir Menſchen lieben aber nun einmal das Wunderbare, Außergewöhnliche, und ₰ — — 4 — 283 wenn uns etwas erzählt wird, wo unſere eigene Phan⸗ taſie den geringſten Halt daran bekommt, da ſchmücken wir es uns raſch noch weiter aus, und reden uns das dann ſo lange vor— bis wir es ſelber glauben. Der Tiger, das wildeſte blutdürſtigſte Raubthier der Welt, macht keine Ausnahme von dieſer Regel. Ja, wo er aus dem Hinterhalte vorſpringen kann auf ſein Opfer, ſchlägt er die furchtbaren Krallen und Fänge ein in die Beute, und flieht in wilden Sprüngen in ſein Dickicht; eben ſo leicht aber auch wieder eingeſchüchtert, läßt er ſich dieſelbe nicht ſelten durch das kecke Dazwiſchen⸗ ſpringen eines Einzelnen wieder entreißen und hört er den Jäger durch Laub und Zweige brechen, ſchleicht und kriecht er eingedrückt und an den Boden geſchmiegt im hohen Gras oder dichten Buſch einem ſicheren Schlupfwinkel feige zu. Ebenſo flieht der Elephant, das Rhinoceros, der graue Bär der Felſengebirge, das rieſigſte aller Raubthiere, und nur manchmal gereizt oder übler Laune vergißt ein einzelnes Thier die ſonſtige Furcht; dann aber wehe dem Unglücklichen der ſeine Fährten kreuzt, denn traf die Kugel nicht gleich im Anfang den tödtlichen Fleck, einerlei wie verderblich ſie ſpäter nachwirken werde, das verwundete oder auch nur gereizte Thier fühlt dann keinen Schmerz, kennt dann keine Gefahr, und wirft ſich in wilder Wuth auf ſeinen Gegner, den es zerreißt oder unter die Füße tritt und zerſtampft. Fritz kannte aber dieſe Gefahr gar nicht, oder wenn * 284 er ſie kannte, achtete er ihrer nicht, denn mit dem abgeſchoſ⸗ ſenen Gewehre ſelbſt, ohne ſich auch nur Zeit zu nehmen wieder zu laden, und allein von dem Gedanken beſeelt den Unglücklichen zu retten, riß er den Klewang, den er wie die Eingebornen trug, aus der Scheide, und ſprang mit lautem Aufſchrei gegen den Feind an. Der Tiger aber, dem das ſchon viel zu viel Lärm um ſeine Beute ſchien, ließ dieſe fallen und glitt mit eingezogenem Schweif in ein Dickicht dorniger Rattans, in das ihm Fritz ſelbſt nicht hätte folgen können, wenn er es auch gewollt, ſo dicht und verworren ſchlangen ſich die dornigen Ranken durch die Zweige und um Stamm und Buſch. Aber es fiel ihm auch nicht ein hinter dem Tiger drein zu ſprin⸗ gen, wo er den unglücklichen Schiffskameraden zu ſeinen Füßen liegen ſah, und Gewehr und Klewang fallen laſſend, verſuchte er den armen Teufel von Malayen, der über und über mit Blut bedeckt war, in's Leben zurückzurufen. Es war umſonſt; die Beſtie hatte mit nur zu ſicherem Griff gleich beim erſten Anſprung ſeine Kehle erfaßt ge⸗ habt und durchgebiſſen, und das Leben war ſchon lange entflohen. Selbſt die Wunde in der Seite, wo ihn der Tiger auf der Flucht gepackt gehalten, wäre hinreichend geweſen ihn zu tödten. * Pulo⸗Pulo war indeſſen auch von der Palme her⸗ untergekommen, von der er den Ueberfall des wilden Thieres wohl geſehen, aber nicht hatte helfen können, und von ſeinem Hilferuf angelockt, eilte jetzt auch noch Tſchuning herbei, der ſich in der Nähe Sirihblätter zum Kauen ¹¹) 28⁵ ſuchte, und nicht wenig über die Gefahr beſtürzt ſchien, der er ebenfalls ausgeſetzt geweſen. „Mati— todt!“ ſagte der Malaye aber eintönig, und wandte ſich ſchaudernd ab, als er die Wunde am Hals des Unglücklichen erkannte— es war keine Rettung mehr, und die Männer beriethen jetzt nur, was mit der Leiche anzufangen wäre. Fritz wollte ſie gleich an Ort und Stelle begraben haben, Tſchuning dagegen meinte, wenn ſie den Körper liegen ließen und hielten in einem der Bäume Wacht, ſo könnten ſie ſich darauf verlaſſen, daß der Tiger zurückkäme ſeine Beute unter dem Schutze der Nacht abzuholen, und dann möge ſeine Haut die Strafe zahlen für den Mord. Es lag für den jungen Deutſchen etwas Unheim⸗ liches darin, den Körper eines Menſchen zur Lockſpeiſe im Walde liegen zu laſſen; die alte Jagdluſt überbot aber bald das Gefühl, und wie nur erſt die Kameraden von dem traurigen Fall in Kenntniß geſetzt waren und ſie in der gar nicht weit entfernten Verſchanzung ihr frugales Mahl verzehrt hatten, ſuchte er ſich mit Tſchuning, denn Pulo⸗Pulo weigerte ſich daran Theil zu nehmen, zwei in der Nähe befindliche, und dazu paſſende Bäume aus, wo die ſonſt ziemlich dicht zuſammen ſtehenden Wipfel das Mondlicht ein wenig durchließen, und ihre Gewehre den kleinen dazwiſchen liegenden Raum beherrſchen konnten. Kaum dämmerte der Abend, als die beiden Jäger, denen von Tji kandi jedoch noch die größte Vorſicht an⸗ empfohlen war, ihre Plätze einnahmen. Tji kandi war mit der ganzen Jagd nicht ein⸗ 286 verſtanden— ihre kleine Garniſon ſei, wie er vielleicht mit Recht meinte, ſchon viel zu ſehr zuſammen geſchmolzen, als daß ein ganzes Viertel davon Nachts draußen auf den Bäumen herum ſitzen bleiben könne wie wilde Hühner, und wenn einem oder dem andern Theile etwas paſſire, wären am Ende Alle verloren. Unſere beiden Jäger ließen ſich aber nicht irre machen, und Pulo⸗Pulo ſelber behauptete, es ſei vielleicht beſſer den Tiger, der jetzt einmal Menſchen⸗ fleiſch gekoſtet, wegzuſchießen, er könne und würde ſonſt jedenfalls Appetit auf mehr bekommen, und Keiner von ihnen ſei dann ſeines Lebens mehr ſicher, ſobald er eben nur die Palliſaden verließe. Zweinndzwanzigſtes Capitel. Die Cigerwacht, und was für wunderliches Wild dabei anſchlich. Fritz hatte ſich zu ſeinem Sitz einen jungen Waringhi⸗ Baum auserſehen, der mit dem einen Aſt gerade über den Platz hinausreichte wo die Leiche lag, ſo daß ihm der Tiger, wenn er ſich ſeinem Opfer wieder näherte, jeden⸗ falls zum Schuß kommen mußte, während Tſchuning, mit einiger Rückſicht auf ſeine eigene Sicherheit, eine niedere Cocospalme wählte, die allerdings dicht an dem Platz, aber doch zu verſteckt lag, einen vollkommen guten Ueberblick über das Ganze zu gewähren. Beide ſaßen etwa fünfzig Schritt von einander entfernt, aber kein Wort wurde zwiſchen ihnen gewechſelt, das ſcheue Wild nicht etwa zu warnen vor dem verborgenen Feinde, und Fritz beſonders lauſchte mit der geſpannteſten Erwartung in dem mehr und mehr 8 dunkelnden Wald, ob er noch nicht den leiſe verſtohlenen 3 Tritt des Raubthieres vernehmen könne. Der Mond war indeſſen aufgegangen, und warf ſeinen matten ungewiſſen Schein über den ſchmalen freien Platz und die dort liegende Leiche, und die hohen wehenden Blätter der Palmen war⸗ fen ungewiſſe, unheimliche Schatten über die leiſe im Luft⸗ hauch wogende Pflanzendecke, in die hinein geſchmiegt und von ihr halb überragt, der Körper ruhte. Da war es Fritz plötzlich, als ob er, dicht neben dem einen Stamm, und gar nicht weit von der Palme entfernt an der Tſchuning ſeinen Platz genommen, ſich etwas dunkles regen ſähe, und als er raſch nach ihm hinüber⸗ ſchaute, ob dieſer den gewiſſermaßen unter dem Lauf ſeiner Büchſe ſich bewegenden Gegenſtand nicht ebenfalls be⸗ merkt hätte, konnte er von dem Chineſen auch nicht das Mindeſte mehr erkennen, obgleich das Licht des Mondes gerade voll in den Palmenwipfel fiel, und er noch wenige 8 Minuten früher den blanken Kopf ſeines Jagdgefährten deutlich von dort hatte herüber ſchimmern ſehen. Was in 8 aller Welt war aus Tſchuning geworden?— Der Gegenſtand da unten nahm aber ſeine Auf⸗ merkſamkeit viel zu ſehr in Anſpruch, ſich viel um den Chineſen zu bekümmern, und ſtill und geräuſchlos nach ſeiner Waffe ſehend, daß dieſe auch in gutem Stande ſei, und ihm im entſcheidenden Angenblick der Schuß nicht verſage, ſchob er das Rohr vorſichtig über einen, rechts von ihm auszweigenden Aſt hin, auf dem er eine gute Ruhe für den Lauf finden konnte, und ſuchte nun 288 den fremden lebendigen Gegenſtand, was es auch ſein mochte— richtig auf's Korn zu bekommen. 2 Das war aber keineswegs ſo leicht, denn in dem dichten Schatten konnte er nicht einmal das äußere Ende des Rohrs, vielweniger das darauf befindliche Korn erken⸗ nen, und da unten war jetzt Alles auch wieder ſo ſtill und regungslos geworden, daß er ſchon zu glauben an fing er habe ſich getäuſcht gehabt, und das vom W verurſachte Schwanken irgend eines Blattes oder Zweiges für die willkührliche Bewegung eines lebenden Weſens gehalten. Darüber ſollte ihm aber bald jede Täuſchung benommen werden, denn den Schatten des Buſches jetzt verlaſſend, ſah er bald deutlich und unverkennbar, wie ſich irgend ein dunkler Gegenſtand, langſam zwar aber in gerader Richtung, und nur dicht in das Gras geſchmiegt, der dort ausgeſtreckten Leiche näherte, als ob er die Beute wohl wittere, aber der Ruhe derſelben noch nicht recht traue, und ſich erſt überzeugen wolle ob ſie gänzlich gefahrlos ſei. Räthſelhaft blieb Fritz aber das gänzliche Verſchwin⸗ den ſeines Jagdgefährten, und er glaubte am Ende der wäre auf ſeinem, doch gewiß nicht ſo ſehr bequemen Sitz in dem Palmenwipfel, eingeſchlafen. Nur einen flüchtigen Blick jedoch dort hinüberwerfend, begünſtigte ihn jetzt der Mond, der ihm gerade vorn auf den Lauf fiel, und eben ſuchte er ſich den beſten Punkt am Körper des anſchleichenden Beſuches, als ſein Auge dicht daneben noch einen anderen ebenfalls ſich regenden Punkt entdeckte. 289 Es waren zwei, und welches nun der rechte?— Wunderlich— er hatte nie davon gehört, daß zwei Tiger zuſammen auf den Raub ausgehen, und war es möglich daß der eine den andern vielleicht zu der ſchon erlegten Beute geholt hatte, ſie mit ihm zu theilen?— Dann mußte der erſte jedenfalls der Menſchenfreſſer 42) ſein und ohne weiter zu zögern ſuchte er mit dem Korn ſeines Gewehrs gutes Abkommen auf den vorderen dunklen Körper, zielte lang und vorſichtig und drückte ab. Der Schuß donnerte dröhnend durch den mächtigen Wald, aber lauter noch faſt antwortete ihm ein gellender Aufſchrei menſchlicher Stimmen, und während der eine Körper, auf den er geſchoſſen, ſtill und regungslos liegen blieb, hoben ſich plötzlich dunkle Geſtalten von allen Seiten der Lichtung, ja ehe der zum Tod erſchreckte junge Mann nur daran denken konnte ſein Gewehr wieder zu laden, fühlte er an dem Schaukeln des Aſtes, auf dem er ſaß, daß ſeine nächtlichen Feinde, leicht die Situation errathend in der er ſich befand, ſchon den nämlichen Baum erklom⸗ men hatten und darauf ausgingen ihn zu fangen. Die Nähe der Gefahr gab ihm aber auch in dem⸗ ſelben Augenblicke ſeine ganze Geiſtesgegenwart wieder, und raſch eine Pairone, die er ſich ſchon vorher zu ſeiner vermeintlichen Jagd gemacht, den Lauf hinunter ſtoßend, behielt er eben noch Zeit ein Kupferhütchen aufzuſetzen, als auch ſchon der Erſte von einem überhängenden Aſte zu ihm niederſprang, und im nächſten Momente, von dem faſt ſeinen Körper berührenden Gewehre, durch die Gerſtäcker, Fritz Wildau. 19 2 oh Bruſt geſchoſſen, heulend niederſtürzte und unten, tief⸗ ſtöhnend, aufſchlug. Aber mehr rückten nach; Raum, den Kolben zu gebrauchen, blieb ihm nicht, denn er hatte ſelber Mühe ſich da oben im Gleichgewicht zu halten, und das Gewehr deßhalb fallen laſſend, riß er ſeinen Klewang aus der Scheide und rief um Hilfe, ſeine Stellung dort zu vertheidigen bis ihm Tſchuning, der doch von dem Schießen jedenfalls aufgewacht ſein mußte, entweder zu Hülfe eilen konnte oder die Freunde im Fort ſelber den Kampf hörten und herbeikamen. 4 Aufſpringend auf den Aſt, auf dem er bisher ge⸗ ſeſſen, und einen andern, ſich zu ſtützen, ergreifend, ſchwang er die ſcharfe gewichtige Waffe gegen den erſten, der ſich ihm näherte, und durch ſeine Stellung begünſtigt, in der ihn Niemand im Rücken angreifen konnte, ſchlug er den nieder und würde ſich vielleicht mit Erfolg hier gegen eine wirkliche Uebermacht haben halten können, hätte nicht einer der Feinde denſelben Aſt über ihn hinausſteigen wollen, an dem er ſich mit der linken Hand im Gleichgewicht hielt. Dieſer war zu ſchwach für die Laſt, knickte ein, und ſtürzte mit ihm zuſammen durch das Laub⸗ und Zweig⸗ werk praſſelnd zu Boden nieder. 4 Wo aber war Tſchuning in der ganzen Zeit?— hatte er wirklich geſchlafen auf ſeiner Tigerwacht, und ſchlief er noch, daß er keinen Schuß herüber feuerte auf die andrängenden Feinde? Gott bewahre— des Chineſen ſcharfes Auge hatte in der dicht unter ihm kriechenden Geſtalt gleich vom erſten Momente an einen ganz anderen Feind, als den erwarteten Tiger erkannt. Wie er rechts * und links um ſich her die Büſche lebendig werden ſah, und überall ſchleichende, in das Laub gedrückte Geſtalten er⸗ kannte, glitt er leiſe und vorſichtig in den Wipfel ſeiner Palme zurück, ſich wohl hütend, auch nur durch die ge⸗ ringſte Bewegung ein Lebenszeichen zu geben, das ihn un⸗ rettbar in die Gewalt der Feinde gebracht haben würde. Was kümmerte ihn die Gefahr des Nachbars wo es ſeine eigene Haut galt! der konnte um Hilfe rufen, ſo lange er Luſt hatte, Tſchuning rührte und regte ſich nicht, und warf nur ärgerliche Blicke nach dem Mondenlichte hinauf, das ihn vielleicht im Blitzen ſeines Gewehrlaufs verrathen konnte. Als Fritz, den der Sturz betäubt hatte, wieder zu ſich kam, fand er ſich gebunden unter einem Baume liegen, und nicht weit davon loderte ein großes Feuer, um das fünfzehn bis zwanzig dunkle Geſtalten theils lagen, theils kauerten und in eifriger hitziger Berathung ſchienen. Im Anfang konnte er ſich auch in der That gar nicht be⸗ ſinnen ob das, was ihn hier umgab, Wirklichkeit ſei, oder ob er eben irgend einen tollen Fiebertraum austräume, der ihm die wildeſten abentheuerlichſten Gedanken vorgaukele in wirrem Spiel. Als er aͤber die Augen wieder und wieder ſchloß und öffnete, und die Stirn an der Baumwurzel rieb, an der er lag, denn ſeine Hände konnte er nicht gebrauchen, und ſeine Umgebung immer noch nicht wanken und weichen wollte, da begriff er denn wohl, daß hier von Träumen keine Rede mehr ſein konnte, und er der Gefangene eines Stammes wäre, der jetzt wahrſcheinlich aufmerk⸗ ſam und eifrig nur noch darüber berathſchlagte, ob er 19* — 1 — +———— —õ;“— ſeine Beute braten oder vielleicht nur mit Pfeffer und Salz verzehren ſolle. Mitt dieſer Gewißheit durchzuckte ihn aber auch die Luſt zu leben, die Angſt vor einem vielleicht nahen und martervollen Tode; der kalte Schweiß trat ihm auf die Stirn und er verſuchte, ſo leiſe als möglich wohl, aber mit Anſtrengung aller ſeiner Kräfte, ſich von ſeinen Ban⸗ den zu befreien und durch die Flucht mitten in den Wald hinein, gleichviel wohin, der Macht der Wilden zu ent⸗ gehen. Seine Bewegung war aber keineswegs ſo unbeobachtet geblieben als er im Anfang geglaubt, denn grad' zu ſeinen Füßen tauchte plötzlich eine dunkle Geſtalt empor, die dort im Schatten des dichten Laubes gelegen und ſich jetzt, die blitzenden Augen feſt auf ihn gerichtet, über ihn hinbeugte. Ein ſcharf ausgeſtoſſener Schrei unterbrach dabei ſchon im nächſten Augenblick die am Feuer geführte Unterhandlung, und die dort lagernden Eingeborenen ſam⸗ melten ſich im Nu um den Gefangenen. Fritz warf den Blick mürriſch im Kreis herum, und verſuchte vergebens ſich aufzurichten, ſeine Banden hiel⸗ ten ihn noch feſt an der Wurzel des Stammes, an dem er lag, ſein Wächter aber, auf einen Zuruf eines der Indianer, vielleicht des Häuptlings, nahm ſein wunderlich gebogenes Meſſer aus der Scheide und löſte, ohne ein Wort zu ſagen, ſeine Bande. Dann aber, den jungen Weißen bei der Hand ergreifend, führte er ihn langſam zum Feuer, und zeigte ihm einen dorthin gewälzten Holzklotz, auf dem er ihm ein Zeichen gab ſich niederzu⸗ N N 293 laſſen. Wenige Minuten ſpäter hatte ſich die ganze Schaar um ſie verſammelt, und der Häuptling, oder jedenfalls der, der auf dieſer Expedition den Oberbefehl zu führen ſchien, befahl ihm jetzt wieder aufzuſtehen und mehrere Fragen zu beantworten, die er an ihn richten würde. Fritz gehorchte dem Befehl, den er mehr durch die ihm beigegebenen Geſticulationen als die Worte ſelber verſtand; die Sprache, obgleich dem Malaiſchen ähnlich, hatte aber eine ſolche Maſſe fremder, ihm vollkommen unbekannter Wörter, daß er, wenn er auch hie und da einen Ausdruck verſtand oder zu verſtehen glaubte, doch nicht im Stande war den vollen Sinn der an ihn gerichteten Fragen zu begreifen, und alſo auch keine genügende Antwort geben konnte. Außer⸗ dem ſchien es mehr als wahrſcheinlich, daß man von ihm beſonders die Lage und Stärke des fremden Lagers er⸗ forſchen wolle, welches die, von ſolchen Trupps gewöhnlich ausgeſandten Spione jedenfalls ſchon entdeckt, oder in den vielen rings umher dem Wald eingedrückten Zeichen ver⸗ muthet hatten. Ihm aber lag natürlich daran ſie ſo wenig als möglich' den wahren Zuſtand deſſelben ahnen zu laſſen, oder doch wenigſtens nichts zu verrathen, was den unglücklichen Leidensgefährten zum Nachtheil gereichen konnte, und er begriff bald, daß er am beſten thun würde, die Rolle völligen Nichtverſtehens unverdroſſen durchzuführen, und ſeine jetzigen Herren damit wenigſtens glauben zu machen, daß er nicht im Stande wäre ihnen eine ge⸗ nügende Auskunft zu geben. Das gelang ihm auch vollkommen, aber ſie gaben es deshalb keineswegs auf ihn mit Fragen zu martern und 294 zu quälen, und als er endlich gar nicht mehr antworten wollte, banden ſie ihn ohne Umſtände wieder an den nächſten Baum, wo er im Licht ihres Feuers blieb, und began⸗ nen ihre Unterhandlung von früher auf das Lebendigſte. Dieſe ſchien aber auch jetzt ſogar einen entſchiedeneren Charakter angenommen zu haben, denn zweimal ſtanden Einzelne von der Gruppe auf und kamen zu dem Ge⸗ fangenen, ihn an den Schultern und Rippen zu befühlen. Fritz überlief es kalt, denn er durfte kaum zweifeln, daß er von den braunen Schurken als Schlachtvieh be⸗ handelt wurde, und in der Angſt der Verzweiflung riß er wieder an ſeinen Banden. Vergebens— der Baſt war ſtärker als ſeine Sehnen, er ſchnitt in ſein Fleiſch ein, aber er vermochte nicht, ihn zu ſprengen und ſank endlich, erſchöpft und blutend, und ſelbſt mit einer gewiſſen trotzi⸗ gen Reſignation am Fuß des kleinen Stammes nieder. Eine halbe Stunde mochte er etwa ſo gelegen haben, als Bewegung in die Sumatraner kam. Es war augen⸗ ſcheinlich, daß ſie zu irgend einem Beſchluß gekommen ſein mußten, denn ſie ſahen nach ihren Waffen und ordneten ſich in zwei Haufen, deren Führer noch verſchiedene An⸗ ordnungen trafen und Befehle gaben; ja Fritz durfte zu⸗ letzt kaum noch zweifeln, daß die Schaar beabſichtige ſeine Schiffskameraden zu überfallen, um ſich dann vielleicht mit der Geſammtbeute wieder nach ihrem heimathlichen Dorfe zurückzuziehen.. Weeit konnte ihr kleines Lager nicht von dem Orte entfernt ſein, wo ſie ſich gerade befanden, und wenn er bei dem Aufbruch der Sumatraner im erſten „ Moment eine ſchwache Hoffnung geſchöpft hatte, ſo miſchte ſich dieſer jetzt wieder bange Beſorgniß um das Schickſal der Freunde, die ſich vielleicht, durch Tſchunings und ſeine Abweſenheit noch überdieß geſchwächt, in thörichter Sicherheit dem Schlaf überließen, wo ſie die Augen weit, recht weit offen haben ſollten, dem liſtigen und ſo viel ſtärkeren Feind zu begegnen und ſeinen Angriff abzuwehren. Aber ſie mußten doch wenigſtens ſeine Schüſſe gehört haben und Pulo⸗Pulo war nicht der Mann, ſich ſo leic überraſchen zu laſſen. Daß man übrigens etwas Ernſtliches beabſichige, ſah er bald an der geringen Bedeckung, die man bei ihm ſelber zurückließ. Nur zwei Mann blieben zu ſeiner Wacht — übrig genug, ihn, den Gebundenen, an jeder Flucht zu hindern, während die ganze übrige Schaar jetzt in zwei verſchiedenen Trupps, ja ſogar in zwei verſchiedenen Rich⸗ tungen aufbrach,— wäre das Lager weit entfernt geweſen, ſo hätten ſie wenigſtens im Anfang zuſammen einerlei Richtung beibehalten. Dreiundzwanzigſtes Capitel. Der Ueberfall der Sumatraner. Die kleine Beſatzung der Schiffbrüchigen hatte indeß, wohl keinen Ueberfall fürchtend, aber doch die nöthige Vorſicht nicht zu verſäumen, ihre regelmäßigen Wachen für die Nacht ausgeſtellt, ihr frugales Mahl von Reis 4³) und Früchten, mit dem friſchen Waſſer des Quells, ver⸗ zehrt, und ſich eben zur Ruhe niedergelegt, als der erſte Schuß des jungen Deutſchen durch die Nacht laut und deutlich zu ihnen herüber tönte. „Baai(gut)“ brummte Pulo⸗Pulo—„er wird ihn wohl getroffen haben; wenn aber die Schufte aus den Bergen hier herumſtöbern und den Schuß hören, haben wir ſie am Ende früher auf dem Nacken, als uns eigent⸗ lich lieb iſt— es war doch eigentlich Unſinn ſolchen Lärm zu machen, und ich wollte wir hätten die beiden „Fremden“ nicht hinausgelaſſen.— Wo Chineſen und Weiße zuſammenkommen, muß der Malaye immer den Reis bezahlen. Aber das klang beinahe wie Menſchen⸗ ſtimmen?“ „Allah, noch ein Schuß!“ rief Tji⸗kandi jetzt, auf die Füße ſpringend,—„ſie müſſen ihn wahrhaftig mit dem erſten getroffen und mit dem zweiten nun vollends abgefertigt haben. Nun hat's aber grad' genug geknallt — was das Schießpulver hier in den Hügeln für einen Spektakel macht; dahinten donnert's noch immer in den Bergen weiter— und jetzt fängt es da links noch einmal von vorne an. Das müſſen ſie bis an die andere See hinüber hören. Ha was iſt das?“— Tji⸗kandi horchte hoch auf und Pulo⸗Pulo, der ſchon vorher, wenn auch nur undeutlich, den Schrei der Angreifer gehört hatte, wie plötzlich ſo raſch und unerwartet der Schuß zwiſchen ſie hineinfuhr, während das Geräuſch aber mehr in dem dröhnenden Schall des Schuſſes verſchwamm, vernahm jetzt deutlich den einzelnen ſchrillen Hilferuf des Europäers, und im Nu hatten Alle ihre Waffen auf⸗ gegriffen und ſchienen ſelber einen Angriff zu erwarten. ¼ 297 Erſt als Alles wieder ruhig geworden und kein Laut die faſt todtenähnliche Stille unterbrach, ſagte Tji⸗kandi, der leiſe an Pulo⸗Pulos Seite trat, kopfſchüttelnd: „Jetzt hat der junge Burſch einen dummen Streich gemacht, denn nach dem erſten Schuß wird er thörichter Weiſe von ſeinem Baum hinunter und der Beſtie dann natürlich gerad' in die Fänge hineingeſprungen ſein, und wir können nun hinausgehen und Tſchuning helfen die Leiche begraben— ich wollte, ich wäre mitgegangen.“ „Um uns drei hier ganz allein im Wald ſitzen zu laſſen?“ ſagte Pulo⸗Pulo ernſt—„ich fürchte Tji⸗kandi, wir ſehen weder den weißen Mann noch den Langzopf wieder im Lager, denn ich müßte mich ſehr irren, wenn die abgefeuerten Schüſſe einem Tiger gegolten hätten. Hat Tji⸗kandi den Lärm des erſten Schuſſes gehört?“ „Den Lärm? ich ſollte denken ja; es dröhnte ja an den Bergen hin, als ob es im Leben nicht wieder auf⸗ hören wolle.“ Pulo Pulo ſchüttelte mit dem Kopfe; er konnte ſich wohl geirrt haben, aber zu ſehr mit dem Wald vertraut, kam ihm das Ganze nicht geheuer vor, und er wußte recht gut, wie zu große Wachſamkeit wohl keinen Schaden thun, aber vielleicht großes Unheil von ihnen abwehren konnte. Wie ſich jedoch gar nichts mehr regen wollte, und Alles wohl eine Stunde lang ſtill und ruhig blieb, wie kein Aſt im Walde krachte und das Laub ſelber in völliger Windſtille regungslos an den Bäumen hing, fing ſelbſt Pulo Pulo an zu glauben, daß er doch wohl zu viel ge⸗ * 298 fürchtet, wenigſtens jetzt noch kein unmittelbarer Angriff zu erwarten ſei. Aber weßhalb kehrten die beiden Jäger noch nicht zurück?— es war unrecht daß ſie überhaupt gegangen, und er ſelber feſt entſchloſſen, etwas derartiges, ſo lange ſie ſich noch auf ſo feindlichem und gefährlichem Gebiete befanden, nicht wieder zu dulden. Ihre kleine Garniſon aber nicht unnöthiger Weiſe zu erſchöpfen, hatte er ſeine „beiden Untergebenen, den Reſt ſeiner ganzen Mannſchaft, ſich eben wieder niederlegen laſſen und den Poſten ſelber eingenommen, als er deutliche Schritte im Gebüſch ver⸗ nahm und das Gewehr zwar ſpannte, aber von hier aus keinen Ueberfall fürchtete, denn ein Feind wäre heimlicher angekommen und hätte ſein Nahen nicht auf ſo muth⸗ willige Art ſchon im Voraus verrathen. Er ſollte übrigens nicht lange über den Charakter des Beſuchs in Zweifel bleiben, den Tſchuning(und niemand Anderer war der nächtliche Wanderer) der wohl glauben mochte, daß er den rechten Weg verfehlt habe, oder dem die lautloſe Stille um ihn her unheimlich wurde, ließ bald darauf ſeinen wohlbekannten Ruf ertönen, und beſchleunigte ſeine Schpitte, als er die willkommene nahe Antwort hörte. Aber wie ſah er aus?— von Dornen zerfetzt, die er, in der Angſt, ſeinen Weg zu verfehlen und von den Feinden überraſcht zu werden, gar nicht geachtet, ſondern ſich nur immer wild und rückſichtslos hineingeſtürzt hatte, mit abgeriſſenen Kleidern, ohne Hut, ohne Gewehr, kehrte er zurück, und brachte den Freunden die Schreckens⸗ r 2 — 299 4 kunde daß ihr Aufenthaltsort, wenn noch nicht entdeckt, 4 doch jedenfalls gemuthmaßt, und der junge Weiße, ob todt F oder lebendig konnte er nicht ſagen, von den Feinden mit fortgeſchleppt wäre. In dem Wipfel der Palme verſteckt hatte er, wie er erzählte, irgend etwas anſchleichen hören und leiſe und vorſichtig übergebogen um den Gegenſtand unten näher unter⸗ ſcheiden und darauf ſchießen zu können, zu ſeinem Entſetzen eine Anzahl menſchlicher Geſtalten erkannt, die jeden⸗ 6 falls mit aller Vorſicht hier anſchlichen, einem vermutheten Hinterhalt zu begegnen und vorher recognoscirten, ob die Fremden, die ſie aller Wahrſcheinlichkeit nach ſchon ge⸗ ſpürt oder gehört, eine Ahnung ſolchen Beſuchs hätten oder nicht. Der Weiße mußte, wie Tſchuning dabei meinte, das, was er im Laub ſich regen geſehen, jedenfalls für den erwarteten Tiger gehalten haben— die größere Ent⸗ fernung, in der er ſich befand, machte das auch wahr⸗ ſcheinlich— ſein Schuß hatte auch jedenfalls den Gegen⸗ ſtand getroffen, denn der eine Körper blieb im Graſe regungslos liegen; was aber dann weiter geſchehen, konnte er nicht genau angeben, da der nächſte Kampf in dem 3 gegenüberſtehenden Baume ſtattgefunden und er, als er die Feinde ſich faſt gegenüber hörte, gar nicht wagen durfte, den Kopf zu heben, aus Furcht entdeckt zu werden.. Ein Schuß war dann noch gefallen— ein ſchwerer Körper und dann noch einer aus den Zweigen des andern Baumes niedergeſtürzt, und als er zuletzt ſcheu und vor⸗ ſichtig geſucht einen Blick nach unten zu gewinnen, habe 2 Scchickſal dachte, und dabei überlegte, wie bald ſie Alle 4 300 3 er nur eben erkennen können wie ſich die Feinde wieder, und zwar in entgegengeſetzter Richtung vom Lager, zurück⸗ gezogen und ihren Gefangenen mitgenommen hätten. So lautete der Bericht und wenig Troſt lag in dem. Bewußtſein, jetzt von einer Anzahl blut⸗ und beutegieriger Sumatraner umlauert, vielleicht ſchon umſtellt zu ſein, die ihnen ja nur, wenn ſie wirklich keinen offenen Angriff wagen wollten, den Weg zum Meere abzuſchneiden brauchten, und ſie dann ruhig und ohne die mindeſte Gefahr für ſich ſelber aushungern konnten. Ihre kleine Beſatzung beſtand jetzt nur noch aus fünf Mann, nämlich aus dem Chineſen, Tji⸗kandi, Pulo Pulo und den zwei Malayen; vortrefflich bewaffnet aber und mit auf ſicherem Gerüſt ruhender Drehbaſſe, hätten ſie einer ſechsfach ſtärkeren Zahl eine Zeitlang die Spitze bieten können, wären ſie nicht hier eben von jeder Flucht abgeſchnitten geweſen, indeß zugleich die ungünſtige Lage der Küſte ſicherlich jedes europäiſche Fahrzeug verhinderte ihr, ohne ganz beſondere Veranlaſſung zu nahen. Schlugen ſie auch wirklich einen erſten Anprall der Feinde zurück, würden dieſe dann nicht mehr herbeiholen und konnten ſie hoffen, ihnen auf die Länge der Zeit Widerſtand zu leiſten? ja beſchleunigte nicht ſelbſt ſchon Tod oder auch nur Verwundung eines Einzigen ihrer kleinen Schaar den faſt gewiſſen Untergang Aller? Und was war aus dem jungen Deutſchen geworden?— Tji⸗kandi ſchüttelte traurig mit dem Kopf, als er an ſein ¼ das *½ vielleicht theilen konnten. Der verwünſchte Tiger war an dem ganzen Unglück ſchuld, und der kleine dicke Malahe knirſchte ordentlich mit den Zähnen wenn er daran dachte, daß gerade die Beſtie jetzt frei und unbeſchädigt ausgehen ſollte, während ſie hier allein in der Klemme zurückblieben. Eine Hauptfrage blieb es übrigens, wie zahlreich die Bande der Feinde, die Tſchuning geſehen, geweſen ſein mochte, denn darnach allein ließ ſich berechnen ob ſie ſich mit dem Körper des einen Fremden begnügen, oder dadurch erſt recht Appetit auf mehr bekommen würden. Tſchunings Ausſage ließ ſie denn auch allerdings das letztere fürchten, denn dieſer nach ſollten ſie es mit einer bedeutenden Schaar der Eingeborenen zu thun bekommen; Pulo⸗Pulo ſchüttelte dagegen mit dem Kopf und meinte, das Mondenlicht würde ihn wohl getäuſcht haben und ſechs Menſchen könnten, ſo tief im Buſch d'rin, ſchon einen entſetzlichen Lärm voll⸗ führen, wenn ſie eben raſch und plötzlich durch Laub und Aeſte brächen. Nichts deſto weniger beſchloſſen die Malayen beſonders in dieſer Nacht, keine einzige Vorſichtsmaßregel zu verſäumen, jeder Gefahr raſch und kräftig begegnen zu können, und Pulo Pulo übernahm jetzt mit einem der anderen Schiffsgefährten ſelber die Wacht, die er bis Tagesanbruch halten wollte, wo dann nicht mehr viel Ge⸗ fahr, wenigſtens ſo lange die Sonne am Himmel ſtand, zu fürchten geweſen wäre. 8 Die Uebrigen überließen ſich gern dem Schlaf— ſie bedurften Ruhe, und Tſchuning beſonders, durch Angſt und Anſtrengung des Laufs erſchöpft, lag zu Pulo Pulos Füßen, mit ſeinen Waffen neben ſich, und ſchlief ſo feſt, N 302 ja fing mehrere Male dermaßen an zu ſchnarchen, daß ihn der Malaye mit dem Fuß anſtoßen mußte. Zwei Stunden mochten ſie ſo gelegen haben, als Pulo Pulo etwas in den Büſchen ſich regen hörte, und gleich darauf das leiſe Winſeln eines Panthers— er kannte den Laut von Kindheit auf— zu ihm herüber⸗ tönte. Der Mond ſtand jetzt voll und hoch am Himmel, und er konnte den kleinen freien Raum, der zwiſchen der Einfriedigung und dem Walde lag, genau über⸗ ſehen; deutlich erkannte er auch bei dem hellen Licht ein Bewegen der Büſche ihm gerade gegenüber, und glaubte ſogar die helle gefleckte Haut des Thieres unter⸗ ſcheiden zu können. Mit dem Bewußtſein aber des nahen Feindes, fiel es ihm gar nicht ein einen Schuß auf irgend ein wildes Thier abzufeuern, der nur die Schläfer wecken genaue Lage ihrer kleinen Feſtung verrathen konnte. Miß⸗ trauen ſelbſt gegen das was er eben gehört und geſehen, ſtieg in ihm auf, und mit peinlicher Spannung beobachtete er von da an die ihm nächſten Büſche, ob er nichts weiter erkennen könne, das ſeinen Verdacht vielleicht rechtfertigen möchte, aber vergebens. Nur im Laub konnte er die mehr und mehr verhallenden langſamen Schritte des Thieres hören, und ſo genau glich der Laut dem wirklichen Tritt des Raubthieres, daß der Malaye zuletzt ſelbſt hierin eine Art Beruhigung fühlte, wie ſie, wenigſtens nach dieſer Richtung hin, noch keinen Feind zu fürchten hätten, da der ſcheue Panther ſonſt keinenfalls ſo ruhig und keine Gefahr ahnend aus dem Buſch getreten wäre.* * und den lauernden Sumatranen vielleicht noch früher die — 3. 303. Wieder verging eine lange lange Zeit, der Malaye war ſchläfrig geworden, und hatte ſchon manchmal den Blick müde nach dem hoch am Himmel ſtehenden ſüdlichen Kreuz geworfen, ob deſſen weſtliches Neigen¹⁴) noch nicht bald den dämmernden Tag künde; dann und wann raffte er ſich dabei zuſammen und ſchien jedes Gefühl von Er⸗ ſchöpfung in einer förmlich gewaltſamen Wachſamkeit ab⸗ wehren zu wollen; aber es hielt das nie lange vor, und der übermäſſig angeſtrengte Körper wäre der monotonen lautloſen Oede, die um ihn her lag, endlich doch noch zum Opfer gefallen, hätte er nicht plötzlich von der andern Seite her denſelben winſelnden Laut gehört, wie vorher, und raſch emporfahrend geſehen, wie der dort poſtirte Malaye vorſichtig das Gewehr hob und zwiſchen zwei der Paliſaden durchſteckte. Im Nu war er munter, und ſchnell zu dieſem hinübergleitend verbot er ihm zu ſchießen, wenn er nicht wirklich einen Feind gegen die Verſchanzung an⸗ ſpringen ſähe. In jedem anderen Falle und bei dem ge⸗ ringſten wirklich Verdächtigem ſolle er raſch die andere Mannſchaft erſt wecken, da ſie nach dem erſten Schuß, wenn ein verſteckter Feind ſie wirklich umlauere, auch ſicher einen allgemeinen und jähen Angriff zu erwarten hätten. 4 Eben ſo ſchnell dann ſeinen früheren Poſten wieder einnehmend, ohne nach außen hin ſeine Geſtalt zu zeigen, ſchaute er aufmerkſam durch die Spalten der Palliſaden, und in demſelben Augenblick, während die rechte die Waffe feſter griff und hielt, ſchüttelte ſeine Linke den neben ihm ſchlafenden Chineſen munter„und zwei, dieſem ÿ— —— — 304 in's Ohr geflüſterte Worte übten auch zauberſchnelle Wirkung. „Die Feinde!“ Der fette Burſch fuhr wie von einem elektriſchen Schlag getroffen empor; Pulo Pulos Hand lag aber auf ſeiner Schulter, und ſein drohend erhobener Finger warnte ihn vorſichtig zu ſein und ſo leiſe, aber auch ſo raſch als möglich, die anderen Schläfer aufzuwecken. Wieder erkannte dabei das ſcharfe Auge des Malayen eine leiſe verdächtige Bewegung in den Büſchen, und während ſich zugleich auf der andern Seite des Lagers das Winſeln des Raubthieres, oder das wunderliche Geräuſch, das mit dieſem die frappanteſte Aehnlichkeit hatte, wiederholte, fühlte ſich der Javane vollkommen überzeugt, daß die Suma⸗ traner nur auf jene Seite die Aufmerkſamkeit der Ein⸗ geſchloſſenen zu lenken ſuchten, indeß ſie auf dieſer in der That den Angriff beabſichtigten. In dem Schatten ihres pahon hayve konnten ſie übrigens die Poſten vertheilen, ohne von den draußen Lauernden, die ſich überdieß nicht zu weit vorwagen durften, entdeckt zu werden, und Pulo Pulo richtete jetzt ihre Drehbaſſe dem Punkt zu, den die Angreifer wahrſcheinlich zu ihrem erſten Anprall benutzen würden, indem ſie ſich gerade dort am nächſten an die Palliſaden hinanſchleichen konnten, ohne von der Beſatzung bemerkt zu werden. Seinen früheren Platz hierauf wieder einnehmend, lagen die Männer ſolcher Art wohl noch eine halbe Stunde im Anſchlag, ohne auch nur den geringſten Laut weiter zu vernehmen, und die furchtbare Spannung in der ſie dadurch blieben, wurde zuletzt wirklich unerträglich, als Pulo Pulo in dem plötzlichen, wenn auch unbedeutenden 305 Schütteln eines nahen Zweiges einen der aufkletternden Feinde entdeckte, der wahrſcheinlich von da oben aus einen Blick in das Innere der kleinen Umzäumung werfen wollte, ehe ſie einen gemeinſamen Angriff wagten. Pulo⸗Pulo war übrigens nicht geſonnen das abzu⸗ warten, und raſch noch einmal erſt im Kreis herumſchlüpfend, Alle auf den jetzt gewiß bald folgenden Anſturm vor⸗ zubereiten, blieb er, zu ſeinem Platze zurückgekehrt, ſo lange im Anſchlag auf den verdächtigen Baum, bis er, kaum zwanzig Schritte von da entfernt, in der That eine dunkle Geſtalt darin erkennen konnte, die vorſichtig und langſam einen Zweig zurückbog, beſſeren Ueberblick über die Ein⸗ friedigung zu gewinnen. Im nächſten Moment krachte ſein Schuß durch die ſtille Nacht und mit dem Praſſeln der Zweige, die das getroffene Ziel verriethen, ſtieg der gellende Schlachtſchrei der Sumatraner, zugleich ihr Zeichen vielleicht des zu langſam ausgeführten Ueberfalls, kaum empor, als auch ſchon dunkle Geſtalten über die kleine Lichtung ſprangen und ſich in wilder Wuth und Kampfluſt gegen die Palliſaden warfen.. Pulo⸗Pulo aber, der die Abſichten und Pläne des Feindes ziemlich gut vorausgerathen, war, das entladene Gewehr raſch von ſich werfend, nur eben zu der Drehbaſſe geeilt, und hatte die dort liegende Tally⸗api aufgegriffen, als fünf oder ſechs Köpfe gerade über dem einen Theil der Palliſaden und dicht beiſammen ſichtbar wurden, denen aber auch der nächſte Moment die tödtliche Ladung, in einem Hagel kleiner Kugeln entgegenſchmetterte. Der Schlag des Geſchützes dröhnte dabei ſo furchtbar und mit ſo un⸗ Gerſtäcker, Fritz Wildau.. 20 1 306 gewohntem Schall durch die Nacht, daß die Feinde wirk⸗ lich erſchreckt zurück in ihren Verſteck ſprangen, und Pulo Pulo volle Zeit behielt wieder zu laden. Aber nicht allein die Drehbaſſe hatte den Tod in ihre Reihen getragen, ſondern die Gewehre der Einzelnen, auf nur wenige Schritt Entfernung, ebenfalls ihre Opfer erreicht. So unerwartet war dabei der gefundene Wider⸗ ſtand geweſen, daß die Flüchtigen— ein ſonſt ſehr ſeltener Fall— nicht einmal ihre Todten mit fort in das Dickicht ſchleppten. Das aber ließ Pulo⸗Pulo, und nicht mit Unrecht, einen zweiten Angriff erwarten, und regungslos mußten die Vertheidiger hinter ihrer Verſchanzung liegen bleiben, dem lauernden Feind keine unnöthige Blöße zu geben. Nicht unnütz war dieſe Vorſicht geweſen, denn die Sumatraner fingen an wo das Blitzen eines Gewehres eine Wacht verrieth, mit Pfeilen aus dem Dickicht heraus⸗ zuſchießen, die gar ſicher gezielt, zuerſt Tſchuning, der leichtſinniger Weiſe ſeinen Kopf über die Palliſaden vor⸗ ſtreckte einen beſſeren Ueberblick zu gewinnen, in das linke Ohr und Tiikandi, zwiſchen den Palliſaden durch, in den Arm trafen. Glücklicherweiſe waren ſie nicht vergiftet, die kleine Beſatzung wäre ſonſt verloren geweſen, und die Feinde ſahen auch bald daß ſolche Neckerei die Belagerten nur vorſichtiger machen, ihnen aber keinen Schaden zufügen könne. Ihren Angriff hatten ſie aber deßhalb noch nicht aufgegeben, und nach kurzer Raſt, in der ſich Tjikandi ſchon der ſtillen Hoffnung hingab, daß ſie ſich ganz zurück⸗ gezogen hätten, warfen ſie ſich plötzlich wieder, dießmal aber mit lautloſem Grimme gegen die Befeſtigung der Fremden an, und den Schuß nicht achtend der auf's Neue zwei von ihnen todt zurückwarf, und zu gleicher Zeit von einer vollen Salve Kleingewehrfeuers der übrigen begleitet wurde, gelang es fünf von ihnen wirklich die Palliſaden zu überſpringen und ſich den Belagerten, Khris und Keule in der Fauſt, entgegenzuwerfen. Vierundzwanzigſtes Kapitel. Wie Fritz auf eigene Hand einen Fluchtverſuch wagte und gut davon kam. Fritz lag indeſſen gebunden unter dem Baume, und ſchaute in dumpfer Verzweiflung in die glimmenden Kohlen, auf die ſeine Wächter nur manchmal feuchtes Laub warfen, einen ſtarken Rauch zu unterhalten und die läſtigen Mos⸗ quitos damit zu verſcheuchenz Sie ſchienen ſich dabei wenig um ihn zu bekümmern, und nur mit ihrem Sirihkauen beſchäftigt zu ſein, den rothen ekelhaften Saft dabei nach allen Richtungenehin um ſich her ſpritzend; nichts deſto weniger entging ihnen keine ſeiner Bewegungen und, wie er ſich nur regte, ſeine Lage zu verändern, ja nur den Kopf auf die Seite zu drehen, hafteten ihre dunklen Augen auf ihm und beobachteten ihn mißtrauiſch, bis er wieder ſtill und ruhig liegen blieb. Wenn ihn ſeine Wächter aber auch weiter nicht be⸗ läſtigten, ſo thaten das um ſo mehr die Mosquitos, die ihn in förmlichen Schwärmen umſummten, und durch den über ihm hinziehenden Rauch nur theilweiſe verſcheucht wurden. Alles Mögliche verſuchte er ihre ſchmerzhaften 308 Stiche von ſich abzuwehren, aber ſelbſt durch Hin⸗ und Herwerfen konnte er ſich nur für Minuten Ruhe ver⸗ ſchaffen— die kleinen Quälgeiſter ſtürmten in unermüd⸗ licher Haſt ſtets von Neuem auf ihn ein. Die zwei Sumatraner, von denen der eine ein alter Häuptling zu ſein ſchien, denn ſeine Kleidung war vom feinſten Stoff, ſein Kopftuch mit Gold durchwirkt, und in dem Gürtel trug er einen wirklich prachtvollen, mit bunten Steinen reich beſetzten Khris, führten indeß ein eifriges Geſpräch mit einander, von dem Fritz mit Hülfe ſeines Malay'ſchen ſoviel verſtand, zu erfahren, daß es ſich um ein Boot handle, welches ihnen gegenüber am Seeſtrande lag, und nach dem der Eine ſehen, der Andere aber den Ge⸗ fangenen nicht verlaſſen wollte. Endlich entſchloſſen ſie ſich dahin, daß der eine wirklich nach dem Strande hin⸗ unter gehen, der alte Häuptling aber, eine breitſchul⸗ terige, kräftige Geſtalt, bei dem Gebundenen zurückblei⸗ ben ſolle. Fritz würde dadurch abey wenig gebeſſert geweſen ſein, denn mit gebundenen Atmen und einem bewaffneten 2 Wächter, wäre es Thorheit geweſen auf Flucht zu denken, hätte er nicht ſchon in der letzten Zeit gefühlt, wie ſeine Bande, durch das Hin⸗ und Herwerfen wahrſcheinlich, mehr und mehr gelockert, ihm die Möglichkeit verſprach ſich frei zu arbeiten. In wilder, jubelnder Luſt zuckte ihm der neue Hoffnunaſtrahl durch Mark und Bein, aber auch zu gleicher Zeit, in dem vollen Bewußtſein, daß die geringſte unvorſichtige Bewegung von den verderb⸗ lichſten Folgen für ihn ſein mußte, beſchloß er ſich 309 8 ſchlafend zu ſtellen bis ſich wirklich einer ſeiner Wächter entfernt haben würde. Nur von zwei Augen überwacht, bot ſich ihm vielleicht eine günſtige Gelegenheit, die er, in einer guten Schule geſtählt, wahrlich nicht unbenutzt wollte vorübergehen laſſen. Seine jetzt ruhige und regungsloſe Lage, die ihn unter den wüthenden Mosquitoſtichen nicht wenig Ueber⸗ windung koſtete, gewann ihm aber wenigſtens den Vor⸗ theil, daß ſeine Wächter nicht veranlaßt wurden ſeine Banden nachzuſehen, und nach einer Weile knüpfte ſich der Eine wirklich ſein Kopftuch feſter, zog ſeinen Sarong um ſich her und verließ, nur mit dem Khris bewaffnet, den Lagerplatz, indeß Fritz einen günſtigen Moment benutzte, ſich nach dem Stand der Sterne genau die Richtung zu merken, die er eingeſchlagen.-———— — Der Andere blieb noch eine Weile neben den qual⸗ menden Kohlen ſtehen, trat dann auf en Gefangenen zu zu, a der, wie im tiefen SS Na un ehnauch Athemd h 1 und legte e dicht da ehn das Geſicht vi 1eeund auf die Erde nieder. Sein Khris, 85 wie alle eic Eingeborenen an der linken Seite, aber zie enli nach hinten trug, mochte ihn dabei drücken, oder er auch fürchten ihn zu beſchädigen, denn er zog ihn mit der Scheide aus dem Gürtel, legte ihn unter den Kopf, und ſchien ſo Ne Matn ſeines Ka⸗ meraden abwarten zu wollen.— Fritz durfte unter ſolchen Umſtänden nicht wagen einen Verſuch zur Flucht zu machen. Die Mozanſtde wurden aber immer gieriger auf ihr ₰̈ᷣ—. / A N „ 310 Blut und der Sumatrane, dem ſie die nackten Glieder ſtachen und um die Ohren ſummten, ſprang endlich, mit einer leiſe gemurmelten Verwünſchung, vom Boden auf und raffte eine Parthie feuchtes Laub zuſammen, den faſt ganz verwehten Rauch wieder zu verſtärken. Sowie er aber nur den Rücken wandte, verſuchte der Gefangene von Neuem ſich ſeiner Bande zu entledigen, und vermochte kaum einen Freudenſchrei zu unterdrücken, als der, durch den feuchten Boden weich gewordene Baſt ſeinem Druck nachgab, und er im Stande war die rechte Hand aus der Schlinge zu ziehen. In demſelben Moment faſt dröhnte der Schuß der von Pulo⸗Pulo abgefeuerten Drehbaſſe wie ein Wetterſchlag durch den Wald, und der Sumatrane zuckte erſchreckt empor, dem Donner des Ge⸗ ſchützſtückes zu lauſchen. Ein günſtigerer Moment kehrte nicht wieder für den Gefangenen und ſein erſter Griff war nach dem neben ihm liegenden Khris. Wie zu ſeinem Schutz zog in dieſem Augenblick, von dem dumpfen Laub erzeugt, dichter Qualm über ihn hin, und den Khris raſch aus der Scheide, die er in ſeinem Gürtel barg, reißend, ſich im Nothfall die Bahn frei zu machen, ſprang er gerade in die Dampfwolke hinein, in ihrem Schutz das nächſte Dickicht zu erreichen, wo er dann keine weitere Verfolgung zu fürchten brauchte. Der Sumatrane hatte ihn jedoch nicht ſo ganz außer Acht gelaſſen, denn kaum ſprang der Gefangene empor, als er ſich auch ſchon raſch nach ihm umwandte. Der Qualm ließ ihn aber im erſten Moment Nichts 8 E V unterſcheiden und beitzte dabei noch ſeine Augen. Jedoch feſt entſchloſſen, jedem etwaigen Fluchtverſuch ſeines Ge⸗ fangenen in Zeit zu begegnen, ſuchte er gerade mit einem Sprunge aus dem Bereiche des Rauches zu kommen, als die ſchlanke Geſtalt des jungen Mannes in voller Macht gegen ihn anflog und ihn ſeitwärts zu Boden warf. Trotzdem haftete ſein Griff mit eiſerner Gewalt in den Kleidern des Flüchtlings, den er mit ſich niederriß, und dieſer wäre den krampfhaft geſchloſſenen Fingern ſchwerlich wieder entkommen, hätte der jetzt zur Ver⸗ zweiflung Getriebene nicht die Waffe in die Seite des Wilden geſtoßen, der ihn mit lautem Aufſchrei losließ und die Todeswunde mit der Hand bedeckte. Fritz war frei und der feindlichen Umarmung des Sumatranen ſich entziehend, folgte er in wilder Flucht der Richtung, die er ſeinen anderen Wächter vorher hatte ein⸗ ſchlagen ſehen. Erſt aber einmal im Walde, und keiner weitern Verfolgung ausgeſetzt, hemmte er ſeinen raſchen Lauf, horchte vorſichtig nach allen Seiten hin, daß er nicht am Ende ſeinem anderen Wächter thörichter Weiſe in die Hände lief, und hatte bald die Freude ſich den Wald lichten, und das Blitzen des Mondes auf dem glatten Spiegel der vor ihm ausdehnenden Bai zu ſehen. Noch ſtand er in dem Schatten des letzten Buſches, der einen breiten Streifen lichten ſandigen Strandes begrenzte, als er ſich etwas unten am Waſſer regen ſah, und wie er ſich niederduckte unter den nächſten Buſch, und regungs⸗ los kaum zu athmen wagte, erkannte er bald eine dunkle Geſtalt, die von dem Ufer raſch heraufſtieg, oben und jetzt kaum zehn Schritt von Fritz, lauſchend, und nach dem gegenüberliegenden Ufer hinüberhorchte, und dann mit ſchnellen Schritten in dem Dickicht verſchwand. So dicht ſtreifte der Sumatrane an dem Flüchtling vorüber, daß er ihn faſt hätte mit der Hand erreichen können; aber mit keiner Ahnung von dem, was ſeit ſeiner Abweſenheit vorgegangen, eilte er jetzt wieder zurück zu ſeinem Ge⸗ fährten, mit dieſem die mögliche Urſache des entſetzlichen „Knualles zu beſprechen, und vielleicht auch zu berathen, ob es nicht das Beſte wäre, ſich ihres Gefangenen durch einen Meſſerſtoß zu entledigen und den Freunden beizuſtehen. Was aber auch ſeine Pläne geweſen ſein mochten, er ſollte ſich bald bitter getäuſcht und erſchreckt finden, denn eben der bisherige Gefangene war frei, und hatte ſogar die Landung ihrer Boote entdeckt, zu denen er, als der Wilde kaum den Strand verlaſſen, mit klopfendem Herzen niederſtieg. Acht Canoes lagen hier dicht neben einander, mit ſtarken Baſtſeilen an ein kleines, hier bis zum Waſſer niederreichendes Mangrovegebüſch befeſtigt. Jedes derſelben mochte hinreichend ſein, acht Mann zu tragen, obgleich ſie wohl keineswegs ſoviel Mannſchaft hier gelandet, ſon⸗ dern eher beſtimmt geweſen waren, Beute mit fortzuführen Das wenigſte aber, was ſie zur richtigen Führung derſelben bedurften, waren drei Mann für jedes; einzelne hatten übrigens wohl auch mehr gebracht, und der ganze Trupp beſtand demnach aus zwanzig und dreißig Eingeborenen. — —————ÿ—ÿ—ÿ—ÿ;˖jͤͤͤͤͤ 313 Aber was nun thun?— eines der Canoes nehmen und damit in See gehen?— was wurde indeſſen aus ſeinen unglücklichen Kameraden, und wie durfte er hoffen mit einem Ruder den vielleicht Nachſetzenden zu entkom⸗ men? Dabei hatte er auch gar keine Zeit zu verlieren, denn wie lange würde es währen und der Eingeborne, wenn er ihn entflohen und den eigenen Kameraden ermordet fand, konnte hierher zurückkehren, und ihn wieder in den Wald treiben. Eine andere Schwierigkeit ſchien ſich ihm dabei in der Strömung zu bieten, die jetzt mit ſteigender Fluth, in außerordentlicher Schnelle und Gewalt am Ufer hinauf⸗ ſetzte; die frei angebundenen und jetzt flott gewordenen Ca⸗ noes hielten die ſtarken Baſtſeile bis zum äußerſten ge⸗ ſpannt, und wäre er im Stande geweſen, ſich durch dieſe Strömung hinzuarbeiten?— Noch ſtand er von pein⸗ licher Ungewißheit, was zu thun, gemartert, als der zweite Schuß plötzlich durch den Wald ſchmetterte, und er zu ſeinem freudigen Erſtaunen entdeckte daß die Strömung, die er ſich bis dahin feindlich geglaubt, ihn gerade und pfeilſchnell der Stelle entgegen führen würde, wo ihr kleines Fort, dem Schall des Schußes nach, liegen mußte. Ein⸗ mal erſt dort, zweifelte er gar nicht daran es unbe⸗ merkt erreichen zu können, indem er nur dem ſchmalen Bergbach aufwärts zu folgen brauchte, und mit dem Ent⸗ ſchluſſe ſprang er auch ſchon in das größte der dort lie⸗ genden Canoes, dieß vielleicht ſpäter zu ihrer gemeinſamen Flucht benützen zu können. Und wenn ihm die Eingebornen nun auf die Spur kämen, und in den andern Canoes folgten?— ei zum Wetter, ſo gut wie er das eine losſchnitt, konnte er die anderen ebenfalls treiben laſſen, und den kaum gefaßten Plan eben ſo ſchnell ausführend, warf er die Ruder, bis auf ſechs, die er in ſeinem eigenen Boot behielt, vor allen Dingen über Bord, und hatte die Freude ſie in raſcher Fahrt abtreiben zu ſehen; dann einen Khris ziehend durchſchnitt er die Baſtſeile, welche die kleine Flotte vor Anker gehalten. Im nächſten Augenblick ſchon glitt dieſelbe ſeitwärts vom Ufer etwas ab, und dieſem folgend die Bai hinauf, und ſein eigenes Ruder dann ergreifend und gebrauchend, lenkte er den kleinen Kahn, aus den übrigen hinaus, mehr dem Ufer zu, in deſſen dunklen Schatten er ſich beſſer geſchützt glaubte, genau dabei die Richtung behaltend, von der der Knall gekom⸗ men, und von wo jetzt eben wieder, wie um ihm die beſſere Bahn zu zeigen, Kleingewehrfeuer herüberknatterte. Die anderen Nachen überließ er ihrem Schickſal und der Strömung. Was in der Ebbe vielleicht ſechs Menſchen nur mit der größten Anſtrengung, und gegen den Strom langſam anarbeitend, möglich geweſen wäre, half ihm dieſer jetzt ſpielend verrichten. Wie ein Pfeil ſchoß das ſcharf ge⸗ baute Canve, der gewaltigen Waſſermaſſe folgend, am Ufer hin, und ſchon konnte er das kleine niedere Dickicht erkennen, aus deſſen Schatten der Bach, der ihrem Lager das Waſſer lieferte, vorquoll, während es jetzt ſogar einiger Anſtrengung bedurfte ſein ſchwankes Boot dorthin und in die natürliche Bucht hineinzulenken. Glücklich gelang ihm ᷑— dieß; und der Lärm des noch wüthenden Kampfes ließ ihn dabei nicht lange über den Weg zweifelhaft, den er einzu⸗ ſchlagen hatte; ſo eins der ſchmalen, ſcharfkantigen Ruder als Schutz und Trutzwaffe aufgreifend, ſprang er die Ufer⸗ bank mit flüchtigen Sätzen hinauf. Fünfundzwanzigſtes Capitel. Wie die Belagerten wohl das Feld behaupten, aber doch wieder flüchten müſſen und endlich ein fremdes Schiff ſignaliſtren. Wir hatten die kleine Garniſon verlaſſen, als die Feinde an zwei verſchiedenen Stellen über die Palliſaden ſprangene und damit auch den Sieg ſchon vollkommen er⸗ rungen zu haben glaubten; die Belagerten wußten aber auch recht gut daß ſie, wenn hier bewältigt, jeden⸗ falls verloren wären, und gut mit Waffen verſehen, da jeder von ihnen eine zweite geladene Flinte neben ſich lie⸗ gen hatte, warfen ſie ſich trotzig und keck dem eingedrun⸗ genen Feind entgegen, der ſich hier ganz unerwarteter Weiſe noch einmal vom Feuergewehr begrüßt und zurück⸗ getrieben ſah. Drei von den fünf fielen von den Kugeln, der vierte von Pulo⸗Pulos Kolbenſchlag, als er eben einen Stoß mit ſeiner Lanze nach ihm führen wollte, und der fünfte entging mit genauer Noth den nach ihm ge⸗ führten Stößen der beiden Malayen. Aber andere folg⸗ ten nach, die Beſatzung durch einen inneren Feind beſchäf⸗ tigt, behielt keine Zeit die Palliſaden zu bewachen, und Pulo⸗Pulo ſah ſich plötzlich von zwei anderen, über die Palliſaden geſprungenen Kriegern angegriffen, während ein 316 Dritter, dicht hinter ihm ſich über die ſcharfe Bruſtwehr hob, und mit dem Khris zwiſchen den Zähnen ſich eben herüberſchwingen wollte, als ihn ein Schlag von außen auf den Schädel traf. Der Khris entglitt ſeinen Zähnen, fiel in die Einfriedigung nieder, und mit ſchwerem Fall ſtürzte der Körper des Bewußtloſen nach, während ein lautes fröhliches Hurrah!— der den Bewohnern der Küſte nur zu wohl bekannte Schlachtruf der Euro⸗ päer— die Feinde mit einem paniſchen Schrecken erfüllte, den Herzen der Belagerten neue Hoffnung gab. Es war Fritz, der mit dem ſcharfen Ruder als Waffe eben zur rechten Zeit kam um dem Kampf eine neue und für die Bedrängten heilvolle Wendung zu geben, denn die Sumatraner, durch den fremden Laut getüäuſcht und hier noch einen neuen Feind fürchtend, wo ſie ſchon mit dem alten alle Hände voll zu thun hatten, ſuchten nach allen Richtungen hin das Freie zu gewinnen um nicht umzingelt und gefangen zu werden. Pulo⸗Pulo ſelber ſtand im Anfang erſtaunt und überraſcht und glaubte in der That, eben ſo gut wie die Feinde, daß ihnen wunderbarer Weiſe eine neue Verſtärkung durch irgend einen glücklichen Zufall gekommen wäre. An den jungen Deutſchen, den er für todt hielt, hatte er gar nicht mehr gedacht.— Fritz aber, der jetzt wohl einſah wie ſie nur der Ueberraſchung des Augenblicks dieſe auch nur augenblick⸗ liche Rettung dankten, und einem zweiten Angriff, dem ſie doch jedenfalls wieder ausgeſetzt ſein mußten, ſchwerlich 4 317 mehr würden begegnen können, ſammelte die kleine Schaar, die eifrig beſchäftigt war die abgeſchoſſenen Gewehre wie⸗ der ſo raſch als möglich zu laden, unter dem Baum, ſagte ihnen daß er ein Canve in der Mündung des Baches liegen habe, und forderte ſie auf, ihm dorthin mit allem was ſie tragen könnten ſo raſch als möglich zu folgen. Aber wohin?— gleichviel, nur fort von dieſer Küſte, wo ſie, einmal entdeckt, nicht hoffen durften dem Tod oder der Gefangenſchaft zu entgehen. Schlimmeres konnte ihnen drauſſen in See auch nicht begegnen, und jetzt bot ihnen das ſo unerwartet gefundene Fahrzeug wenigſtens noch Ausſicht auf Rettung. Außerdem hatten ſie auch Verwundete; Tſchuning war von einer Lanze durch die Schulter, der eine Malaye von einem Khris durch den linken Arm und in die Seite geſtochen und Beide fühlten ſich jetzt ſchon ſo ermattet, daß, als die erſte Aufregung des Kampfes vorüber, der Chineſe ohnmächtig wurde, und der Malaye ſich ebenfalls in dem Schmerze ſeiner Wunden unter den Baum legte. Es war alſo keine Zeit weiter zu verlieren, und hätten die Sumatranen in dieſem Augenblick einen neuen Angriff verſucht, die kleine Beſatzung würde ihnen nicht länger haben widerſtehen können. Pulo⸗Pulo kam auch raſch zu einem Entſchluſſe; die Palliſaden an einer Stelle, die ſie zum Aus- und Eingang beſtimmt, aus dem Boden hebend, daß die Paſſage frei wurde, griff er den bewußtloſen Chineſen auf, und folgte dem jungen Europäer, der ſich mit ſo viel Cocosnüſſen belud, wie er nur tragen konnte, zu dem glücklicher Weiſe nicht fernen Canoe, der Malaye wurde von dem anderen unterſtützt und Tji⸗kandi bildete den Nachtrab mit einem Korb voll ſaftiger Früchte. Die Verwundeten erſt einmal an Bord, kehrten Alle noch einmal raſch und heimlich zu dem Lager zurück, noch Einiges von Proviſionen und Waffen einzu⸗ legen; aber ſie rafften nur in ängſtlicher Haſt zuſammen, was ihnen am nächſten lag. Von dem wilden Feind be⸗ droht, wußten ſie nicht ob er nicht vielleicht ſchon den nächſten Moment auf's Neue über ſie hereinbräche und ihnen den letzten Ausweg zur Flucht abſchnitte. Erſt im Boot und draußen in offener Bai, von der nach nördlich ſetzenden Stxömung raſch am Strand hinauf, weiter und weiter von ihren Feinden fortgeführt, fühlten ſie ſich gerettet, beruhigt, und arbeiteten mit etwas langſameren, regelmäßigen Ruder⸗ ſchlägen der offenen See zu, wo ſie allein hoffen durften ein Schiff zu treffen, das ſie der Todesgefahr in der ſie jetzt Tagelang geſchwebt, entzöge. Und nicht eines Augenblicks Raſt gönnten ſie ſich dabei, denn im Oſten dämmerte ſchon der Tag, und wur⸗ den ſie vom Ufer aus noch entdeckt, ſo blieben ſie immer der Gefahr ausgeſetzt, von den erbitterten Feinden verfolgt und eingeholt zu werden. Wie aber die Sonne endlich über dem blitzenden Meeresſpiegel emporſtieg, und das Land ziges Boot, dem Ufer zu, erkennbar war, da erſt athmeten ſie frei auf, und die Gefahr, der ſie allerdings noch immer, mit ſchon in ziemlicher Ferne hinter ihnen lag, auch kein ein⸗. ————— 6 ſe Ven einer nur etwas höher gehenden 8 eſetzt blieben— ja die Möglichkeit ſogar, daß ad einem anderen Seeräuber in die Hände fallen könnten, däuchte ihnen gegen den gewiſſen Tod dem ſie erſt in dieſer Nacht entgangen, viel zu un⸗=, bedeutend, ihre Herzen mit Sorge zu füllen. ſ —Einer aber war bei ihnen am Bord, dem die freie Luft hier draußen und der ſonnige Himmel, wenig mehr nützen ſollte. Tſchuning der Chineſe war, nachdem er wieder zu ſich gekommen, und im Anfang wenigſtens f ſo viel Kraft und Beſinnung behalten hatte ſeinen Platz 3 vorn im Boot einzunehmen um den Rudernden nicht im Weg 8 4 zu ſein, kränker und kränker geworden, und Tji kandi, der einige Kunde in der Wundarznei ſeines Landes hatte, SVW ſchüttelte gar ernſt mit dem Kopfe, und behauptete die Lan⸗ N zenſpitze wäre vergiftet geweſen. Dabei brannte dieee Sonne heißer und heißer auf ihre Häupter nieder, der Verwundete fing an zu phantaſiren und warf ſich eint paar⸗ Mal ſo heftig herum, daß er das kleine Boot in Ge⸗ fahr brachte; aber ſeine Kräfte erſchlafften bald, und eine Stunde ſpäter konnte er die Arme und ſelbſt den Kopf nicht mehr heben. Fritz bog ſich über ihn, ihm noch etwas Cocosmilch einzuflößen, aber wenn auch ſeine Lip⸗ pen in Fieberhitze glühten, er vermochte die Labung nicht mehr einzuziehen.-—— Eine Zeitlang lag er ganz ſtill und regu gslos, und nur das leiſe Röcheln ſeiner Bruſt verrieth daß c noch athme.— Die Schulter war ihm dabei hoch und dick angeſchwollen, und das Antlitz mit Blut unterlaufen; —— da auf einmal ſchien es faſt, als ob er ſeine Beſinnung wieder gewönne,— er wollte ſich aufrichten und die Blicke flogen wirr und ängſtlich von Einem zum Andern und dann über die öde Fläche des Meeres; aber es war das nur ein Moment, der letzte Kampf des endenden Le⸗ bens mit dem Tode, und als er wieder zurückſank auf ſein Lager, ſtreckte er ſich, und heftete die Augen ſtarr und gläſern an den blauen Himmelsdom, der mit ſeinem ſon⸗ nigen Licht zum letzten Male auf ihn herniedergelächelt— er war todt. Die kleine Mannſchaft ſaß ſtill und traurig, die Ru⸗ der eingezogen, bei der Leiche— wieder war Einer aus ihrer Mitte geſchieden und der Tod ſchien Opfer nach Opfer zu fordern in langſamer aber ſicherer Reihenfolge. Auch der Malaye war gecht kr 1 geworden und in dü⸗ ſterem Schweigen ſtarrte ſe Männer vor ſich nieder, denn wie lange noch und ſie ade deckte vielleicht die helle Fluth. Aber nicht ſinnen und grübeln durften ſie lang, wo der Augenblick Thaten von ihnen verlangte „Hebt den Leichnam über Bord!“ ſagte Pulo⸗Pulo mit leiſer aber doch von jedem verſtandener Stimme,— „wir haben nichts an ſeine Füße zu binden, Allah möge ihm ſanfte Ruhe geben. Hinüber mit ihm.“ Tjikandi und Fritz, denen das Wort galt, hoben ſchweigend den Körper auf den Rand des Bootes und der Malaye hielt dort einen Augenblick, zuerſt ein leiſes Gebet zu murmeln; auch das Herz des jungen Europäers war voll zum Zerſpringen, und ſein Auge haftete in brün⸗ ſtigem Gebete am blauen klaren Himmel. Ein Chriſt und ein Muhamedaner beteten für die Seele ihres heidniſchen Kameraden, und keiner von ihnen dachte daran, daß Gott einen Unterſchied machen könne zwiſchen ihnen. Das Unglück bringt uns überhaupt einander näher; weit in der fremden Welt draußen, von den Wun⸗ dern des Allmächtigen umgeben, denken wir nur an den allliebenden Vater da oben, und es fällt uns nicht ein, daß er einen Unterſchied zwiſchen ſeinen Kindern ma⸗ chen könne, weil ſich die Einen nach Oſten, die Andern nach Weſten neigen um zu ihm zu beten — ſind doch Alle ſeine Kinder. Nachdem das turze Gebet beendet, ließen die Beiden den Körper langſam ins Waſſer nieder— aber ſie ſchauten — 4 ſ d— S d ſich nicht wieder nach ihm um— ſie hatten kein Gewicht Gerſtäcker, Fritz Wildau. 21 an ſeine Füße zu binden 4⁷), und wußten daß er oben treiben würde, den Fiſchen eine ſichere und willkommene Beute. Auch Pulo⸗Pulo hob das Ruder aus dem Waſſer und neigte das Haupt, als das Canoe langſam an dem Körper vorbeiſtrich, dann aber mit Macht ſich in die Ru⸗ der legend, arbeiteten die vier Männer aus Leibeskräften hinweg um aus der Nähe der Leiche zu kommen. Hiemit ſollte aber auch, wie es ſchien, ihre Noth ein Ende erreicht haben, denn von da an waltete ein gün⸗ ſtigerer Stern über ihrer Bahn. Mit ruhigem Wetter ihren Cours getroſt in das weite Meer hinein verfolgend, ruderten ſie trotz der Hitze unverdroſſen bis Abend weiter, als Pulo⸗Pulo plötzlich in die Höhe ſprang und mit freu⸗ digem Rufe ein Segel kündete. Er hatte ſich nicht geirrt, zwar noch weit entfernt, aber wie ſich kaum mehr ver⸗ kennen ließ, in ziemlich gerader Richtung auf ſie zuhal⸗ tend, trat bald immer deutlicher das hohe Maſtenwerk eines europäiſchen oder amerikaniſchen Schiffes hervor, aber der Wind ſchlief faſt ganz ein und die Nacht brach an, und noch war es immer nicht nahe genug, den Rumpf von ihrem Canoe aus zu erkennen, alſo durften ſie auch gar nicht hoffen, von dort aus geſehen zu werden. Gleich nach Sonnenuntergang friſchte aber die Briſe wieder, und Pulo⸗Pulo nahm jetzt eines der noch nicht gebrauchten trockenen Ruder, brach es in Stücken, und einen Theil zu⸗ ſpitzend, begann er damit, indem er ſein ganzes Gewicht in den Druck legte, den andern raſch zu reiben. 48) Nach wenigen Minuten ſchon ſtieg ein leichter Rauch auf, und der geriebene Theil des Holzes färbte ſich ſchwarz und nach 3 5 / 323 aaSA — zehn Minuten etwa begann das durch das Reiben ent⸗ ſtandene feine Holzmehl ſich zu entzünden und zu glühen. Ein Stück Cocosbaſt, das der Malaye als Gürtel um den Leib trug, fing raſch daran Feuer und es war nun leichte Mühe etwas fein geſpaltenes Holz damit zu heller Flamme zu bringen. Dieß Feuer unterhielten ſie jetzt vorſichtig, bis ſie an dem helleren Horizont die Umriſſe des ganzen Schiffes klar und deutlich entdeckten, und fachten dann die Flamme durch aufgelegte dünne Spähne, aus dem andern Ruder wie einem der Lanzenſchafte geſpalten, an, daß ſie hoch aufloderte. Zu gleicher Zeit vereinigten ſie ihre Stimmen zu einem lauten Ruf und ſchoſſen mehrfach ihre Gewehre ab, wenn auch der Wind von dem Schiffe herwehte, und ſie kaum hoffen durften dort an Bord wirlig gehört zu werden. Aber das Feuer war geſehen worden.— Einer der Leute an Bord, der in die Wanten ſtieg dort aufgehangene Wäſche herunter zu nehmen, hatte den lichten Schein be⸗ merkt und es dem Capitain gemeldet. Dieſer traute jedoch im Anfange nicht recht— es konnten auch feindliche Prahus ſein, die mit ihren langen aber ſcharfſchießenden Kanonen oft ſchon größeren Schiffen gefährlich geworden, und luvte eher noch ein wenig weiter in den Wind an, mehr Seeraum zu bekommen; der aufſteigende Mond be⸗ leuchtete jetzt aber das Waſſer ſchon genug, um auf die kurze Entfernung hin das einzelne Boot erkennen zu laſ⸗ ſen, und noch näher kommend vernahmen ſie ſogar die Schüſſe und Rufe. 21* Jetzt fiel der Bug vor dem Winde ab, dem auf dem Waſſer hell funkelnden Lichte gerade entgegen; vorn auf dem Bugſpriet 44) ſtand ein Matroſe zum Ausſchauen, dem Steuernden zuzurufen, wenn ſie zu nahe hinan ge⸗ laufen wären oder er ſonſt eine Gefahr bemerkte. In Lee waren mehrere von den Leuten poſtirt, dem Boot oder Floß, was es ſein mochte, beim Paſſiren ein Tau zuzuwerfen, und dicht hinan gekommen ließ der Capitain ſeine Vorſegel back braſſen. Jetzt waren ſie da— die Taue flogen aus und wurden von jubelnd darnach ausgeſtreckten Armen gefaßt und feſtgehalten, wenige Sekunden ſpäter lag das kleine Boot in Lee vom Schiffe; eines der Taue wurde um den Leib des verwundeten Malayen gelegt, dieſen an Bord zu— heben, und als Pulo⸗Pulo das letzte aus dem Canoe den zu ihm niederſteigenden Matroſen hinaufgereicht, löste er die Taue, und kletterte nun ſelber an Bord. Wie die Raaen wieder herum flogen, das Schiff gegen den Wind aufluvte und ſich die Segel füllten, blieb das Canoe in ſeinem Fahrwaſſer zurück, und nur die im Bug deſſelben noch lodernde Flamme, die jetzt auch ſeine Seitenwände ergriffen hatte, glühte noch wie ein matter, auf dem Waſ⸗ ſer ſchwimmender Stern zu ihnen herüber— bis auch dieſer in Nacht und Dunkelheit verſchwand. 8 — Sechsundzwanzigſtes Capitel. Wie Fritz in ſeine frühere Heimath zurückkehrt, und ſich von ſeinem Heimweh auf eine höchſt traurige Weiſe geheilt findet. Das Schiff, von Singapore kommend und heimwärts beſtimmt, war eine amerikaniſche Brig, mit Ladung für Boſton in den Nankeeſtaaten, und der Capitain erbot ſich freundlich, die ganze kleine Mannſchaft, von der ihm Fritz einen kurzen Ueberblick ihrer beſtandenen Gefahren gegeben, mit dorthin zu nehmen. Die Malayen wünſch⸗ ten aber ſehnlichſt in irgend einem engliſchen oder hollän⸗ diſchen Hafen Indiens gelandet zu werden, um in ihre Heimath zurückkehren zu können, und Capitän Slocum, der Name des Amerikaners, verſprach ihnen Pulo Pinang, eine engliſche Beſitzung, anzulaufen und ſie dort zu lan⸗ den; mit dem nächſten Monſoon fanden ſie dann faſt wö⸗ chentlich wieder Gelegenheit nach Java zurückzukehren, ohne irgend einer weiteren Gefahr, als die See überhaupt bot, ausgeſetzt zu ſein. Nur Fritz hatte ſeinen Plan, in Indien zu bleiben, aufgegeben; das Schiff, das heimwärts beſtimmt, in we⸗ nigen Meilen von da landete, wo er den größten Theil ſeiner Jugend verbracht, und ihm noch liebe liebe Freunde lebten, weckte alle die alten ſchönen Erinnerungen in ſeiner Seele, und waren ihm auch die goldenen Träume, mit denen er das„Land der aufgehenden Sonne“ betre⸗ ten, nicht verwirklicht worden, kehrte er in die Heimath zurück, ſo arm wie er ſie verlaſſen und nur an Erfah⸗ rung reich und früh gereift in dem wilden abenteuerlichen 326 Leben, brachte er doch auch ſeine kräftigen geſunden Glied⸗ maßen wieder, und mit denen konnte er ſich dort überall, das wußte er recht gut, den eigenen Herd, die eigene Heimath gründen. Wenige Tage ſpäter erreichte die Brig die von den Engländern in Beſitz genommene und der Küſte von Ma⸗ lacca gegenüberliegende Inſel Pinang(das malayſche Wort Pulo bedeutet eben Inſel) und Fritz nahm hier von ſeinen bisherigen Reiſegefährten, von denen ſich beſonders Tii— kandi ſchwer von ihm zu trennen ſchien, herzlichen Abſchied. Der kleine dicke Malaye ſchwankte ſogar in der That eine lange Zeit, ob er mit ſeinem neugewonnenen jungen Freunde nicht lieber nach deſſen kalten Heimaths⸗ lande gehen, und bei ihm bleiben ſolle; aber der Gedanke an die eigene, unter Palmen und Piſang ver⸗ ſſteckte Bambushütte mochte jede ſolche Idee wohl wie⸗ der verdrängen, denn als die Uebrigen, von denen ſich der Verwundete ebenfalls ſehr gebeſſert hatte, ſchon im Boot ſaßen, und er noch immer oben an Deck wie un⸗ ſchlüßig des jungen Mannes Hand hielt, fing er plötz⸗ lich an mit dem Kopf zu ſchütteln, und glitt jetzt ſo raſch an dem niederhängenden Tau ins Boot hinab, als ob er fürchte zurückgelaſſen zu werden, oder doch nicht ſo recht ſicher ſei ſelbſt oben zu bleiben.* Eine Stunde etwa ſpäter kehrte das Boot wieder an Bord zurück, die Segel wurden angebraßt und unter dem fröhlichen Singen der Matroſen, von der günſtigen Briſe getrieben, flog das ſchnelle Schiff ſchänumend und tanzend ſeine Bahn entlang. * 327 Die Fahrt ging glücklich und ohne weitere Aben⸗ teuer zu Ende; die Brig war ein guter Segler, und 6 trotz einem ziemlich heftigen Unwetter am Cap, bei dem ſie drei Tage vor dicht gereeften Segeln liegen mußten,— doublirten ſie dasſelbe glücklich, und erreichten nach einer Reiſe von 110 Tagen Cap Cod um am nächſten Mor⸗ gen vor Boſton, auf amerikaniſchem Grund und Boden, zum erſten Mal wieder Anker zu werfen. Fritz befand ſich nun allerdings in der fatalen Lage, ohne einen Pfennig Geld das weite Amerika wieder betreten zu müſſen; das einzige was er von ſeiner Reiſe glücklich mitgebracht war der eine, dem Su⸗ matraniſchen Häuptling abgenommene Khris, deſſen Heft allerdings ſtark vergoldet und ſehr ſchwer ſchien, und über⸗ dieß reich mit Steinen beſetzt war. Der amerikaniſche Ca⸗ pitain hatte ihm geſagt die Waffe würde werthvoller ſein als er glaube, denn die Indiſchen Häuptlinge verſchwendeten oft enorme Summen auf dieſe Dolche, die zu einem Familienſtück würden und in der Familie erhal⸗ ten werden müßten um jeden Preis; aber nur ungern 3 wollte Fritz ſich davon trennen, denn wenige Thaler hoffte er, nach kurzem Aufenthalt, ſchon durch Arbeit verdienen zu können. Nichts deſtoweniger ging er, in Boſton angekommen, zu einem dortigen Goldſchmidt, um ſich nach dem etwaigen Werth zu erkundigen. Er hatte dabei geglaubt, daß dieſer die Waffe vielleicht für zehn oder fünfzehn Dollar taxiren würde, traute aber ſeinen Ohren nicht, als ihm der Ju⸗ welier nach einer langen und aufmerkſamen Prüfung der⸗ 328 ſelben fünfzehnhundert Dollar bot, und als er dadurch wirklich überraſcht und beſtürzt gemacht, nicht darauf ein⸗ gehen und den Laden wieder verlaſſen wollte, bis zu zwei⸗ tauſend, zweitauſend fünfhundert und endlich bis zu drei⸗ tauſend hinaufſtieg. Fritz hatte ſich übrigens in den letzten Jahren zu viel zwiſchen fremden Menſchen herumgetrieben um ſo leicht übervortheilt zu werden, und überzeugt daß die Waffe, wenn ihm der erſte beſte Juwelier gleich eine ſolche enorme Summe dafür böte, auch unbedingt noch mehr werth ſein würde, beſchloß er die Summe, die ihn ſeinen beſcheidenen Anſprüchen nach zum reichen Mann machte, noch nicht zu nehmen, ſondern erſt genaue Erkundigungen einzuziehen, wie viel er für das mit bunten Steinen beſetzte Gold erwarten dürfe. Er begriff nicht worin eigentlich der enorme Werth ſolchen Schmuckes ſtecke. Zu dieſem Zweck wandte er ſich jetzt in die Haupt⸗ ſtraße der Stadt und in einen der größten Juwelierläden die er finden konnte. Es waren Käufer dort, und der in Seemannstracht ärmlich gekleidete junge Burſche wurde weiter gar nicht beachtet; die Damen ſuchten und ſuchten dabei und konnten nicht fertig werden mit Wählen und Zurücklegen, bis der alte Herr, der ſie begleitete, denn der Juwelier ſelber nahm gar keine Notiz von ihm, ſich freundlich zu ihm wandte, und ihn frug was er wolle, denn es ſähe aus, als ob ihm die Zeit lang würde. Fritz, dem die freundliche Anrede wohl that, nahm den Khti aus ſeinem Gürtel und ihn dem alten Herrn zeigend, ſagte er ihm, daß er hierhergekommen ſei den 329 genauen Werth deſſelben zu erfragen. Des Fremden überraſchter Ausruf, als er die koſtbare juwelenbeſetzte Waffe ſah, brachte aber bald den Goldſchmied an ſeine Seite und in ſtaunender Bewunderung betrachteten ſie die herrliche Arbeit, wie die reichen funkelnden Steine, mit denen der Griff ordentlich beſäet ſchien. 3 Fritz mußte jetzt ausführlich erzählen wie er zu der koſtbaren Waffe gelangt, und wo er überhaupt hergekommen ſei, was er erlebt und getrieben, und des jungen Burſchen offenes klares Auge, wie ſeine ſonnenverbrannte Haut, be⸗ zeugten daß er die Wahrheit rede. Fritz fand aber jetzt auch bald, daß er wohlgethan das erſte ihm gemachte Gebot abgewieſen zu haben, denn der Juwelier hier, ein Franzoſe und vorzüglicher Steii kenner, taxirte den Werth der Waffe, nur an Brillanten. und anderen farbigen Cdelſteinen, auf eilf tauſend Dollar, die ihm der alte Herr, wenn er ſich ein paar Tage in 3 der Stadt aufhalten wolle und kein beſſeres Gebot dafür bekäme, baar auszuzahlen verſprach. Zugleich lud er ihn ein bei ihm ſo lang zu wohnen, und ſtreckte ihm vor allen Dingen etwas Geld vor, ſich neu zu equipiren um anſtändig erſcheinen zu können. Es läßt ſich denken, wie gern der junge Mann ein ſo freundliches Erbieten annahm; er blieb auch vierzehn Tage in ſeinem Haus und wurde faſt wie ein Kind der Familie behandelt, ſo lieb hatten ſie den jungen ehrlichen Burſchen gewonnen, der ſchon ſo merkwürdige Abenteuer erlebt und ſie ſo ſchlicht und beſcheiden zu ergäͤhlen vnht⸗ 330 Länger ließ ihn aber die Sehnſucht nicht hier weilen, da ihn ſein Herz gen Weſten, an die ſchönen Ufer des Hudſon zog. Dort konnte er ſich jetzt ankaufen, eine Farm gründen und ſpäter einmal— ach das Herz klopfte ihm recht froh und freudig in der Bruſt, wenn er beſonders an Wolframs und ſeine kleine Freundin Helene dachte, aber er wußte dann wahrhaftig gar nicht, was für Pläne all' ihm das Hirn durchkreuzten. Helenchen mußte wohl recht groß und hübſch geworden ſein und der alte Wolfram?— Fritz ſchämte ſich für den alten Mann, wenn er an den Abend zurückdachte, wo Jener ſeines Pflegevaters Schatz nachgeſpürt und ihn doch da⸗ durch eigentlich in die weite Welt hinausgetrieben— aber er fühlte keinen Zorn, keinen Unmuth gegen ihn— das war vorbei und abgethan, und der alte Wolfram doch jedenfalls Helenchens Vater. Der alte Herr kaufte ihm indeß wirklich die Waffe ab, und Fritz legte das Geld auf ſeinen Rath in Boſton an, bis er einen beſtimmten Zweck dafür habe und es dann nur eben anzuweiſen brauche. Wenn ihm dabei auch der Abſchied von den braven Menſchen leid that, litt es ihn doch nicht länger in der großen, ihm fremden Stadt. In den Wald zog es ihn wieder, und die Loko⸗ motive fuhr ihm faſt zu langſam, die ihn der Heimath entgegenführte. Am nächſten Morgen erreichte er mit dem Dampf⸗ ſchiff, von Albany aus, das kleine Städtchen Hudſon und wanderte, ohne ſich irgend einem ſeiner früheren Freunde zu erkennen zu geben, ja ohne nur Jemanden zu fragen 8 — wie es denen ging, an welchen ſein Herz noch hing, mit raſchen Schritten der kleinen Colonie zu. Ach, er kannte ja noch jeden Weg und Steg, jeden Stein im Pfad, jeden überhängenden Zweig, aus früheren Jahren.— Aber die Büſche waren größer geworden, neue Wohnungen und Farmen entſtanden, einzelne liebgewonnene Bäume ge⸗ fällt; der kleine Bach, an dem ſonſt ſo ſchöne Blumen wuchſen, lag aufgewühlt und mit Balken und Schutt über⸗ worfen da, denn ein unternehmender Anſiedler beab⸗ ſichtigte eine Mühle daran zu errichten, und als er endlich 332„ den alten wohlbekannten Steg erreichte, wo er als Kind geſpielt und ſpäter die Birkenſtangen ſelber geſchlagen, die dem rohen übergeworfenen Stamm zum Geländer dienten, fand er— ihm trat eine Thräne ins Auge, als er die Verbeſſerung entdeckte— eine zierliche, angeſtrichene Brücke über den ſprudelnden Bach, den großen moos⸗ bewachſenen Stein, der das obere Ende des Stammes früher gehalten, ſeiner mooſigen Decke beraubt und mit weißer Farbe getüncht, damit man ihn Nachts im Vorüber⸗ gehen vermeiden konnte und nicht über ihn ſtolperte. Jetzt hatte er die Stelle erreicht, wo ſeines Groß⸗ vaters Haus ſtand— ſtand?— lieber Gott, die Stelle hatten ſie gelaſſen, aber ſtatt des dunkelgrauen Schindel⸗ daches, das früher halb verſteckt zwiſchen hochſtämmigen Kaſtanien und Hickorys lag, fand er ein hohes hell ange⸗ ſtrichenes Backſteingebäude mit grellrothem Ziegeldach, und die Bäume rund umher waren weggeſchlagen, einer jungen, aber freilich noch ſehr kahlen Obſtpflanzung Raum zu geben. Fritz wandte ſich rechts— er mochte den Platz gar nicht wieder betreten, denn es weckte zu trübe Erin⸗ nerungen in ihm— der Wolfram'ſchen Farm zu. Aber auch das kleine Gebüſch, das früher zwiſchen den beiden Grundſtücken gelegen wo der alte Mann damals ſeinen Sack mit Geld vergraben, war ausgerodet und eingefenzt worden— die wenigen Jahre hatten eine merkwürdige Veränderung in der kleinen Colonie hervorgebracht und Fritz kannte den Platz gar nicht mehr. Mit Zittern und Zagen ſchritt er einen breiten Fahrweg zwiſchen zwei Einfriedigungen hinauf, der nach 333 Wolframs Grundſtück führen mußte— dort ſtand auch noch das kleine Haus— das Herz ſchlug ihm freu⸗ dig in der Bruſt— daſſelbe was er damals ſo oft und ſo gern betreten;— Gott ſei Dank, wenigſtens der Platz war noch nicht von all den Neuerungen mit angeſteckt und Wolframs?— aber dahinter ſtand auch ein großes neues Gebäude— hatte er ſich ſo prachtvoll eingerichtet und all die Verbeſſerungen gemacht?— Wenige Minuten noch mußten ihm die Gewißheit alles deſſen bringen, und er lief mehr als er ging den breiten Weg hinauf.— Jetzt hatte er das kleine Wohnhaus erreicht— aber die Thür war geſchloſſen, die er ſonſt immer offen gefunden; ſeine Hand lag auf dem Drücker, aber er wagte nicht zu öffnen— ha was war das? da drinnen wieherte ein Pferd?— „Hallo junger Herr, zu wem wollen Sie?“— rief ihn da eine Stimme an, und ſich raſch umſchauend ſah er einen Mulatten mit einer Stallſchürze, und einem kleinen rothen Käppchen auf dem Kopf, auf ſich zukommen. „Ich ſuche Mr. Wolframs Familie;“ ſagte Fritz, ſich etwas erſtaunt gegen dieſen wendend. „Im Stall?“ lachte der Mulatte—„da wird ſie wohl ſchwerlich drinn ſtecken!“ „Ein Stall?“ rief Fritz erſchreckt aus, und der Gelbe öffnete ihm mit einem breiten Grinſen die Thür. „So wohnen ſie vielleicht in jenem Haus?“ ſagte er nach kurzer Pauſe, mit neuer Hoffnung im Tone—„Mr. Wolfram iſt vielleicht ein reicher Mann geworden und hat’“= 2 * 8 8 ₰ * 334 Der Gelbe ſchüttelte mit dem Kopf und ſagte, wäh⸗ rend er die Thür wieder ſchloß: „Wenn der Wolfram geheißen hat, dem dieß Grund⸗ ſtück früher gehört, ſo iſt er nach Louiſiana gezogen; der jetzige Beſitzer dieſes Platzes heißt Morton und iſt von Teneſſee— wir ſind erſt ſeit dreizehn Monat hierher ge⸗ kommen.“ jedes weitere Geſpräch abgebrochen wünſche, ſteckte er die Hände in die Taſchen und ſchritt pfeifend dem großen Gebäude, wahrſcheinlich dem jetzigen Herrenhauſe, zu. Fritz aber wandte ſich traurig ab und kehrte langſam, ohne auch nur einen einzigen ſeiner alten Bekannten weiter auf⸗ zuſuchen, nach dem Städtchen zurück— es war hier Alles ſo entſetzlich verändert worden in der doch verhältnißmäßig kurzen Zeit, daß er ſich gar nicht mehr getraute nach ir⸗ gend Jemand Anderem zu fragen, und nur erſt in Hud⸗ ſon ſelber wurde er von Einigen erkannt und freudig be⸗ willkommt. Aber was er da oben von dem Mulatten gehört, fand er auch hier beſtätigt. Wolfram der plötzlich, Niemand wußte wie, eine Maſſe baaren Geldes in Händen gehabt, ſchien ſich durch die Neugierde ſeiner Nachbarn beläſtigt gefunden zu haben, daß er ſeine kleine Farm verkaufte und ſich in Boſton nach New⸗Orleans einſchiffte, wo er, wie man ſagte, eine Baumwoll⸗ und Zuckerplantage kau⸗ fen wollte. Weiter wußte Niemand etwas von ihm. Und ſollte Fritz jetzt hier oben bleiben, wo ihm Alles, Alles fremd geworden? Was er auch früher an Plänen Und als ob er damit vollkommen genug geſagt, und . 33⁵ ſich ausgedacht, wie er ſich eine Farm kaufen und ſelber eine Wirthſchaft gründen wollte, ſchien ihm jetzt nicht recht zu paſſen. Er war noch zu jung, und das nördliche Land, wo ihm der liebe Hintergrund genommen, den er dem Allen gegeben für dereinſt, ſprach ihn nach den Erinne⸗ rungen an die Tropen doch nicht mehr ſo an wie er geglaubt.— So wenigſtens ſagte er zu ſeiner eigenen Entſchuldigung— und als er den Freunden in Hudſon er⸗ klärte, er wolle wieder nach Boſton zurückkehren, dort ſeine Geldverhältniſſe zu regeln, war er ſchon feſt ent⸗ ſchloſſen die erſte Schiffsgelegenheit zu benützen und eben⸗ falls nach New⸗Orleans zu gehen. Möglich daß er da Wolframs Spur fand, und der alte Wolfram konnte ihm dann rathen wie er ſein Geld am beßten anlegen möge. Der alte Wolfram?— nein, ihm grauſte vor dem Menſchen, und doch zog es ihn der Familie nach, er wußte ſich eigentlich kaum ſelber Rechenſchaft darüber zu geben. Daß es Helenchen war, deren kindliches, reines Herz und treues Gemüth den Knaben früher ſo oft ge⸗ tröſtet, wenn Leid und Unmuth ſeine Seele zu Boden drücken wollten, mochte er ſich gar nicht geſtehen. Es war ja aber doch das einzige Weſen, das wirklich herz⸗ lichen Antheil an ihm genommen, das ihn, die arme Waiſe, wie eine treue Schweſter geliebt und getröſtet, und wer da weiß, wie ſchmerzlich es iſt und wie öde in der weiten Welt, ſo ganz ganz allein dazuſtehen und Nieman⸗ den— Niemanden zu haben der ſich freut wenn wir kom⸗ men, den es betrübt, wenn wir gehen, der wird es ge⸗ wiß leicht begreiflich finden, daß es den Fremdling in der 5 1 336 Heimath nicht mehr dort litt, wo er ſich früher heimiſch gefühlt, und daß er ſich fortſehnte von da, freundlicheren Verhältniſſen entgegen. In Boſton hielt er ſich dießmal aber nur einen ein⸗ zigen Tag auf, denn ſchon am nächſten Morgen ſegelte ein Schooner nach New⸗Orleans, auf dem er augenblick⸗ lich Paſſage nahm. Die Reiſe ging auch raſch und glück⸗ lich vorüber; Fritz Wildau fand ſich jedoch in der„Kö⸗ nigin des Südens,“ wie das prächtige New⸗Orleans von den Amerikanern genannt wird, bald eben ſo verlaſſen, wie das am Hudſon der Fall geweſen. Von Wolframs fand er wohl die Spur, aber auch nichts weiter, und jeder Verſuch blieb vergeblich, ſie jetzt noch irgendwo in dem weiten Staat anzutreffen. Sie waren allerdings hier in New⸗Orleans gelandet, hatten ſich dann aber auf einem der Miſſiſſippi⸗Dampfboote den Fluß hinauf eingeſchifft, und nach Einigen unterhalb Baton Rouge, einem kleinen Städtchen am Miſſiſſippi, nach Andern am kalse river oder Fausse riviere, in der Nähe der Anſiedlung Pointe coupée, niedergelaſſen; genau konnte Fritz den Platz nicht erfahren, und nach fruchtloſem Umherſtreifen in der bezeich⸗ neten Gegend, die ihm aber auch außerordentlich gefiel, beſchloß er endlich dort zu bleiben, die Verhältniſſe genau kennen zu lernen, und dann ſpäter ſich hier, an dem mäch⸗ tigen Strom, der einen wunderbaren Zauber auf Alle ausübt, die ihn einmal beſucht haben, niederzulaſſen. 337 Siebenundzwanzigſtes Capitel. Wie Fritz eine Menge alter Bekannter und neue Abenteuer findet. Der Leſer muß jetzt mit mir einen Zeitraum von fünf Jahren überſpringen, in denen Fritz als Aufſeher einer großen Zuckerplantage am Atchafalaya— einer Art vorzeitiger Ausmündung des Miſſiſſippi 5⁰) in den Golf von Mexiko— eine förmliche Lehrzeit des ſüdlichen Pflanzer⸗ lebens beſtand, und ſich außerordentlich gut darauf vor⸗ bereitete ſpäter ein ähnliches Beſitzthum auch ſelber ver⸗/ walten zu können. Geld allein macht nämlich nicht durch ſich ſelbſt ſchon befähigt einen Poſten auszufüllen, mnan. muß ſich auch die Kenntniſſe dazu erwerben, in aen Stand wie in dem andern. Will beſonders ein Guts⸗ beſitzer ſich nicht ganz allein auf ſeine Leute, Verwalter und Inſpektoren verlaſſen, in deren Hände er dann gege⸗* ben iſt, ob ſie es redlich mit ihm meinen oder ſeine Be⸗ N ſitzungen nach und nach zu Grunde gehen laſſen, ſo muß I er ſelber die Sache gründlich verſtehen, zu dieſem Zwecke von der Pike auf gedient und Alles, ſelbſt das Unbedeu⸗ tendſte, auch ſelber gelernt haben; nachher kann er ge N daß er unabhängig in der Welt daſtehe, und den Blas 9 auszufüllen im Stande iſt, auf den ihn Umſtände oder) ſein freier Wille geſtellt haben. Der Handwerker muß erſt Lehrling, der Schifkscapitain erſt Junge und Matroſe geweſen ſein und wer dieſe erſten Stufen als unnöthig überſpringt, muß nicht ſelten wieder zurück und auf ſeine alten Tage von vorn anfangen— oder da⸗ für büßen. Gerſtäcker, Fritz Wildau.. 22 338 Fritz war dabei klug genug geweſen, keinem Men⸗ ſchen zu ſagen daß er wirklich ein Kapital zu ſeiner Ver⸗ fügung habe, und eine Plantage ſelber kaufen wolle; es wäre ihm ſonſt bald dieſe bald jene angeprieſen worden, und er würde nie gewiß gewußt haben ob es die Leute ehrlich mit ihm meinten, oder ob ſie nur ihr Land für gutes Geld los zu werden wünſchten. So kam es, daß er nach fünf Jahren, zwiſchen dem Atchafalaya und der Mündung des Falſe River in den Miſſiſſippi, einen Zeit⸗ punkt benutzen konnte, wo einer der Pflanzer ſeine ganze Plantage, die er als gut und werthvoll kannte, mit einer kleinen Anzahl Neger billig verkaufen mußte, und Fritz Wildau fand ſich am nächſten Tag auf ſeinem eigenen Grund und Boden als wirklicher Beſitzer einer nicht un⸗ bedeutenden, aber ſehr vernachläßigten Zuckerplantage, die er ſelber bewirthſchaftete, und die ihm ſchon nach dem erſten Jahre verſprach bald wieder den Nutzen zu gewähren, den der vorige Beſitzer bei einem wüſten Leben und gänz⸗ licher Nichtbeachtung ſeiner Pflichten, rein aus dem Fenſter geworfen hatte. Es war im Juni des zweiten Jahres, in welchem Fritz die Bewirthſchaftung ſeiner eigenen Plantage an⸗ getreten, als er eines Tages von Geſchäften zurückkehrte, die ihn nach Bayou Sarah, einem Pointe Coupée gegenüber liegenden Städtchen gerufen, und im Ferry⸗ Hotel von Pointe Coupée, wo auch die nach Bayou Sahrah hinüberfahrende Dampffähre landete, zu über⸗ nachten beſchloß, um einen Geſchäftsfreund zu erwarten, 339 der mit dem Poſtboot von New⸗Orleans an dieſem Abend 3 hier eintreffen ſollte. Im Hotel war reges Leben; aus dem Innern des Landes, von irgend einer Bayou her, die ſich in den Red⸗ river ergießt, waren, von einem Neger und einer Mulattin begleitet, zwei Damen angekommen, mit dem morgenden Mail oder Poſtboot nach New⸗Orleans hinunter zu gehen; die Leute im Hotel ſchienen ſie zu kennen und ſprachen viel über den Reichthum der alten Wittwe, die Louiſiana wieder verlaſſen und nach den nördlichen Staaten zurück⸗ kehren wollte. Fritz ſaß am Tiſch, ſein verſäumtes Mittageſſen nach⸗ zuholen, den Rücken der Thüre zugekehrt, und achtete we⸗ nig auf das für ihn kein Intereſſe habende Geſpräch, konnte aber auch nicht vermeiden jedes Wort zu hören, was die eben eingetretenen Männer mitſammen ſprachen, die ſich an eines der vorderen Fenſter poſtirt hatten, die junge Dame vorbeipaſſiren zu ſehen. „Nicht ſo reich, Sir?“ ſagte der Ausſchenker, ein junger Creole, auf eine hingeworfene Bemerkung eines der Fremden,„nicht ſo reich?— ich verſichere Sie, der alte Herr hatte ſchon ein tüchtiges Kapital, als er vor acht Jahren etwa hier herunter nach Louiſiana kam; dann kaufte er Du Pleſſis Grundſtück am Falſe River, das er nach zwei Jahren wieder verkaufte, und Gott weiß wie viel tauſend Thaler dabei verdiente. Dabei hat er unter der Hand und ohne daß ſeine Frau, die es nicht leiden wollte, etwas davon erfuhr, einen Negerhandel getrieben, der ihm faſt jede Woche ein Kapital einbrachte, und mit 22* 340 den drei Plantagen die er ſpäter an der Bayou Opelouſa kaufte, und die jetzt ſeine Wittwe an eine franzöſiſche Compagnie für baare gute Louiſiana⸗Banknoten wieder ver kauft hat, muß ſie beinahe eine halbe Million in dem kleinen Käſtchen halten, was der Neger fortwährend hin⸗ ter ihr herſchleppt. Nicht reich?“— ſetzte der junge Bur⸗ ſche dann noch, wie mit ſich ſelber redend und ordentlich verächtlich hinzu,—„ich wünſche nur, ich könnte den alten Wolfram beerben, ich wollte Euch erzählen ob ich reich wäre oder nicht.“ „Wolfram?“— Fritz legte Meſſer und Gabel nieder und ſchaute ſich nach dem geſprächigen Creolen um, den er anrief; dieſer hörte und ſah aber nicht, und war ſo in Eifer über den beſtrittenen Reichthum des„halben Millionärs“ gerathen, daß Wildau das Glas mit ſeinem Meſſer be⸗ rühren mußte. Wie der Müller aufwacht, wenn das Rad ſeiner Mühle ſtockt; wie der Jäger der weſtlichen Wälder durch einen Donnerſchlag nicht erweckt wird, aber den ſchleichen⸗ den Tritt des Wolfes im dürren Laube hört, ſo zuckt einem Kellner der Ton von Metall und Glas wie ein elektriſcher Schlag durch den Körper, und wenn er in irgend einer Aufregung nichts weiter hört noch ſieht, der ruft ihn mit Blitzesſchnelle zu ſeiner Pflicht zurück. „Kellner,“ ſagte Wildau zu dem raſch herbeiſprin⸗ genden dienſtbaren Geiſt—„was iſt das für ein Wolfram?“ „Von New⸗York, Sir.“— „Staat oder Stadt?“ „Sir?“ 341 „Ob er aus dem Staat New⸗York oder der Stadt ſelber iſt?“ „Ich kenne nur eine Stadt, Sir.“ „Ah ſo— können Sie mir die Vornamen der bei⸗ den Damen verſchaffen?“* „Ja wohl, Sir, ſogleich— nichts leichter als das, ſtehen beide auf den Koffern— die junge Dame heißt Helene, aber die Alte—“ Fritz Wildau fühlte, wie ihm das Blut in die Schläfe ſchoß, und er ſprang auf, daß der Creole ſein Erröthen nicht bemerken ſollte. Alſo der alte Wolfram todt!— ſein erſtes Gefühl war hinauf zu ſpringen, wo ſich die Damen auf⸗ hielten, und ſie als alte Bekannte und Freunde zu begrüßen, aber ſchon auf dem Wege kam ihm die Furcht, daß ſie jetzt reich, ſehr reich geworden ſeien, und ihn vielleicht höf⸗ lich, aber nicht herzlich empfangen würden, und es war das die letzte Hoffnung, die er noch aus der Kinderzeit mit ſich herüber getragen, ſollte er ſich die muthwillig zer⸗ ſtören? Da fiel ihm ein, daß er ſich ja in den letzten neun Jahren ſo gewaltig verändert habe, um kaum fürchten zu dürfen von Leuten erkannt zu werden, denen er doch eigentlich immer nur ein Fremder geweſen, und er beſchloß ſie erſt morgen früh, oder vielleicht heute Abend bei Tiſch vor allen Dingen einmal zu begrüßen, ohne ſich zu erkennen zu geben und dann das Geſpräch auf ihren früheren Aufenthalt am Hudſon zu bringen. Viel⸗ leicht daß ſie ſeiner da freundlich gedachten, und dann war 342 es immer noch Zeit vorzutreten und zu ſagen,„das bin ich ſelber!— Der blondhaarige, blauäugige, zarte Knabe, der den Norden als arme Waiſe verließ, iſt jetzt zum dunkelhaarigen, bärtigen und kräftigen Manne herange⸗ wachſen, aber ſein Herz iſt immer daſſelbe geblieben, und hat Euch noch nicht einen Augenblick vergeſſen in all der langen, langen, traurigen Zeit.“— Und gedachten ſie ſeiner nicht— dann nahm er am nächſten Morgen freundlich Abſchied von ihnen, wie man ihn eben von Fremden nimmt, die man unterwegs getroffen; wie ihm ſelber auch dabei zu Sinne ſein mochte— die Fremden ſollten das im Leben nicht erfahren. Mit dieſem Entſchluß trat er in den Garten, theils ſich zu zerſtreuen, theils die Ankunft des Poſtbootes, das um dieſe Zeit etwa eintreffen mußte, zu erwarten. Vor dem Ferry⸗Hotel ſtand ein hoher gewaltiger Chinabaum, in den ein früherer Beſitzer einen Sitz gebaut und eine ſchmale Treppe hinauf geführt hatte. Dicht darunter hin lief das Gartenſtaket, und die dicht⸗ belaubten und mit duftigen Blüthentrauben ſchwer⸗ behangenen Zweige bildeten beſonders nach der Straße zu die am Miſſiſſippi hinlief, eine ſo engverwachſene Wand, daß man von dort aus Niemanden in dem Baum erkennen, und wenn man die im Gebüſch verſteckte Treppe nicht kannte, auch darin vermuthen konnte. In dieſen Baum kletterte der junge Mann, denn er gewährte ihm gerade nach Süden hinunter die Ausſicht auf eine freie Stelle im Strom, die das Dampfſchiff paſe 343 ſiren mußte. Aber das Poſtboot kam heute entſetzlich ſpe und die Dämmerung brach ein, ja die Leuchtkäfer fingen ſchon an zwiſchen den tauſen Blüthen des Baumes zu fun⸗ keln, und herüber und hinüber zu ſchießen, und noch ſaß Wildau dort oben auf ſeinem reizenden Sitz, in einem Halbtraume dem Rauſchen des gewaltigen dicht an ihm vorbeirollenden Stromes, und dem Flüſtern des Blüthen⸗ baumes zu lauſchen.. Leiſe flüſternde Stimmen dicht unter ihm brachten ihn erſt wieder vollſtändig zu ſich ſelber, und er erhob ſich langſam, die Treppe nieder zu ſteigen und in das Haus zurück zu gehen, in welchem ſchon die erſte Glocke für das Souper geläutet wurde, als die eine Stimme des unten Sprechenden ihn ſtutzen machte, und er, die⸗ ſer horchend, auch die Worte verſtehen mußte. „Eine halbe Million?— Unſinn!“— brummte der Eine der Untenſtehenden, und Fritz griff an ſeine Stirne, die Laute jener Stimme aus alter, halbvergeſſe⸗ ner Zeit wieder herauf zu beſchwören. Wo hattè er die ſchon gehört, und weßhalb griff ihm der Ton ſo wunder⸗ bar beängſtigend ans Herz? „Und ich ſage Dir daß es wahr iſt,“ erwiederte der andere Sprechende, in dem er den Mann aus dem Gaſtzimmer zu erkennen glaubte, mit dem ſich der kleine Creole unterhalten hatte,—„in dem Käſtchen, das der Nigger hinter ſeiner Herrin drein ſchleppt, ſind die Bank⸗ noten, und morgen früh mit dem Poſtboote wird uns die ganze Beſcherung wieder entführt, daß wir das reine Nach⸗ 344 ſehen haben. Solche Gelegenheit kommt im Leben nicht wieder und wir wären alle gemachte Leute!“ „Alle Wetter!“ lachte da der erſte wieder mit leiſer, halbunterdrückter Stimme, und Fritz hätte zu den Tönen ſchwören wollen, daß ſie einem alten Bekannten gehör⸗ ten;—„wenn dem ſo iſt, wär ich der Letzte der nein ſagte zu einem guten Unternehmen. Wer ſchläft die Nacht im Haus?“ „Niemand, dem wir nicht mit unſerer Bootsmann⸗ ſchaft gewachſen wären,“ lautete die befriedigende trotzige Antwort—„die Neger liegen Alle im Hintergebäude, und brauchen bis Morgen Früh Nichts von der ganzen Geſchichte zu erfahren. Wir können uns aber noch ſelber überzeugen; komm mit mir hinein zum Eſſen, nachher magſt Du“— Im Hauſe ging in dieſem Augenblick eine Thür, und die Straße herauf kamen Leute; die beiden Männer traten deßhalb raſch in die Gartenpforte, und die leiſe ge⸗ flüſterten Worte, die ſie noch zuſammen wechſelten, konnte Wildau nicht mehr verſtehen. Mit dem Bewußtſein aber, daß den Frauen eine Gefahr drohe, die er noch viel⸗ leicht im Stande ſei von ihnen abzuwenden, aber ſelber noch nicht mit ſich einig wie, da er die Größe derſelben auch nicht einmal zu überſehen vermochte, verließ er, als er ſich überzeugt hatte daß Niemand weiter in der Nähe des Baumes war, ſeinen Verſteck und ging vor allen Dingen an das Ufer des Stromes, zu ſehen ob ein Boot oder ſonſtiges Fahrzeug dort in der Nähe läge, und welcher Art es wäre. Er konnte aber Nichts erkennen, „ 345 als eines der gewöhnlichen großen und unbehülflichen Flat⸗ boote, in denen die Farmer der nördlichen Flußſtrecken ihre Produkte nach dem Süden hinunter führen, und das gewöhnlich drei oder vier der Leute ſelber, mit einem dazu gemietheten Lootſen, einfach der Strömung folgend hinunter⸗ nehmen, ihre Waaren in den unteren Städten, wie das Boot ſelber verkaufen, und dann mit Dampfbooten in ihre Heimat zurückkehren. Sollten die Männer, die er unten gehört, zu dem gehören?— Von Bayou Sarah herüber kam jetzt die Fähre— in der Aufregung dieſer neuen Entdeckung hatte er ganz die Ankunft des Poſtbootes überhört, das indeſſen in dem gegenüberliegenden Städtchen gelandet war— und er ging an das Ufer, den erwarteten Freund zu empfangen und zu begrüßen. Es war dieß ein junger reicher Irländer, Namens Mac Neal, der ebenfalls beabſichtigte in dieſer Gegend Land zu kaufen, und jetzt heraufkam einige Wochen auf Wildau's Plantage zu ziehen, die verſchiedenen Pflanzungen wie die ganzen Verhältniſſe vorher kennen zu lernen. Die Fähre hatte aber kaum das dort zum Landen beſtimmte mit Planken überdeckte Boot berührt, als es d'rin im Hotel zum zweiten Mal zum Eſſen läutete, und die beiden Freunde ſchritten raſch hinauf, nicht zu ſpät zu Tiſch zu kommen. Wildau hatte im Hotel Pferde ſtehen, nach dem Eſſen noch, wie es früher verabredet worden, zu Hauſe zu reiten, und wenn er auch jetzt allerdings beab⸗ ſichtigte im Ferryhotel, oder wenigſtens in deſſen Nähe zu bleiben, bis er die beiden Damen in Sicherheit wußte, hütete er ſich doch wohl die Pferde abzubeſtellen, damit jene Männer, die irgend einen böſen Plan gegen das Eigenthum der Fremden im Schilde führten, nicht etwa veranlaßt wurden größere Vorſichtsmaßregeln zu treffen. Er war jetzt nur noch neugierig das Geſicht des einen zu ſehen, den er unten am Garten vorher hatte reden hören, und ſein Blick überflog, als er den Speiſeſaal betrat, raſch den Raum, irgendwo bekannten Zügen zu begegnen. In dieſem Augenblick ſah er die fremden Damen durch die gegenüber liegende Thür eintreten, und alles Andere um ſich her vergeſſend, wäre er faſt auf ſie zuge⸗ geflogen, ihnen die Hand entgegen zu ſtrecken und zu rufen — ach nein, das ging ja nicht vor all' den fremden Menſchen— und wer weiß, wie ſie ihn aufgenommen hätten. Aber wie ſchön und groß war Helenchen geworden; er hätte ſie faſt gar nicht wieder erkannt, wären es nicht noch ganz die alten treuen Augen geblieben, mit denen ſie als Kind in die ſeinen geſchaut, und die das letzte Mal, als er ſie ſah, voll Thränen hingen, weil ſie einander nicht wieder ſehen ſollten. Er wollte doch ſehen, ob ſie ihn kennen würden, und nahm mit Mac Neal ihnen gerade gegenüber ſeinen Platz ein. Er grüßte hinüber, aber ſie dankten ihm wohl höflich, doch durchaus fremd— Helenens Auge haftete einen Moment auf ihm, doch ſie erkannte den Jugendge⸗ ſpielen nicht wieder, den der krauſe braune Bart und das dunkle lockige Haar, wie die ſonngebräunten Züge verändert hatten;— wie ſollten ſie auch überdieß in dem Louiſtana⸗Pflanzer den armen Farmerknaben vermuthen, der vor langen Jahren nur in Dienſt irgendwo gegangen war, und Nichts wieder hatte von ſich hören laſſen. „Bitte um das Brod da drüben, Miſter“ ſagte da eine Stimme an ſeiner Seite, und als er raſch den Kopf dorthin wandte, hätte er faſt einen lauten Schrei der Ueberraſchung ausgeſtoßen, denn neben ihm ſaß— nie im Leben hätte er das ſonnverbrannte Geſicht mit dem faſt wolligen ſchwarzen Haar, die tief liegenden, lauernden Augen, und den breiten Mund mit den perlreinen Zähnen dahinter vergeſſen, wäre auch nicht die furchtbare Narbe, die der Böſewicht bei jenem Negerkampf über die Stirne erhalten, ein noch ſicherer Zeuge gegen ihn geweſen— der alte Steuermann der„Turteltaube“ Blighton; und das war auch die Stimme, die er vorher im Garten ge⸗ hört, und bei deren Klang ihn die Erinnerung jener furchtbaren Scenen ſeiner Jugend faſt mit der alten Stärke, dem alten Entſetzen durchbebte. „Möchte um das Brod da drüben bitten, Miſter“ wiederholte aber jetzt der Fremde, den der Blick des jun⸗ gen Mannes geniren mochte, etwas ungeduldig. Fritz bezwang ſich gewaltſam und reichte ſeinem Nachbar mit einer Entſchuldigung das Verlangte— ſein Herz ſchlug ihm dabei faſt hörbar in der Bruſt, und er fühlte wie das Blut ſeine Wangen verlaſſen hatte— wenn aber die Jugendgeſpielin ihn nicht einmal erkannte, hatte er das kaum von dem Manne zu fürchten, der ihn eben nur kurze Zeit als unbärtigen Knaben geſehen und vielleicht kaum noch ſeiner gedachte. Jetzt aber begriff er aber auch erſt vollſtändig die Gefahr, in der die Frauen ſchweben mußten, wenn ein ſolcher Teufel in menſchlicher Geſtalt ſeinen Sinn darauf gerichtet hatte ſie zu ver⸗ derben. Ein Menſch, dem Nichts mehr heilig war auf der Welt, der in Blut und Mord ſeine Lebenszeit ver⸗ bracht, blieb auch hier zu Allem, ſelbſt dem Schrecklichſten fähig, und mit Blitzesſchnelle durchzuckte ihn dabei die Erinnerung an das belauſchte Geſpräch, an die dem Zweck „genügende Bootsmannſchaft,“ ſo daß er nicht mehr zweifeln durfte, dieſe Verbrecher hätten noch Helfershelfer, ſie ſelbſt in einem Ueberfalle des Hauſes, wenn es ſein mußte, zu unterſtützen. Mit einem leichten Boot konnten ſie dann vor Tag an den pfadloſen Ufern des Miſſiſſippi 4 349 irgendwo im Wald ihre Beute ſo gut untergebracht haben, daß die ganze, überdieß mittelmäßige Polizei des Pariſh nicht im Stande geweſen wäre ſie wieder aufzufinden. Err bedurfte in der That einer geraumen Zeit ſich wieder zu ſammeln, und Mac Neal ſogar fiel ſein zer⸗ ſtreutes Weſen auf; dieſem aber leiſe ein paar Worte zu⸗ flüſternd, bat er ihn, ihm nach Tiſch wie zufällig hinaus auf die Verandah zu folgen, weil er ihm etwas mitzu⸗ theilen habe, und wandte ſich dann wieder zu ſeinem Nachbar rechts, mit dieſem, jetzt völlig gefaßt, ein Geſpräch anzuknüpfen. Es war das nicht ſchwer, denn wenn ihn auch ſein früherer Steuermann im Anfang etwas miß⸗ trauiſch betrachtete, ſchien dieſem ſelber daran gelegen zu ſein ſich mit ihm zu unterhalten und, wie Wildau bald bemerkte, ihn auszuforſchen, ob er hier übernachten oder noch mit der letzten Fähre nach Bayoun Sarah hinüber⸗ gehen werde. Natürlich beſtätigte er ihm, was er auch ſchon früher wohl von dem Stallknecht erfragt haben mochte, daß er nach Tiſch gleich oder wenigſtens vor Schlafenszeit noch zu Hauſe reiten werde, und zwar nur einige Meilen den Strom hinauf auf ſeine Plantage. „Und der andere Gentleman?“— „Würde ihn begleiten, natürlich— Sie werden Platz genug hier haben“, ſetzte Wildau lächelnd hinzu. „O nicht deßhalb, Miſter, nicht deßhalb“ rief der Seemann raſch, und legte ſeinem Nachbar eine ſeiner breiten rieſigen Fäuſte auf den Arm,„ iſt nur der Ge⸗ ſelligkeit wegen daß ich frage; ich ſitze nicht gern Abends allein in einem Wirthshaus, und mein Brandy ſchmeckt 350 mir noch einmal ſo gut, wenn ich Jemanden habe mit dem ich trinken kann.— Nein Miſter— Miſter— wie war doch Ihr Name gleich— „Wilder“ erwiederte der junge Mann und die eng⸗ liſche Ausſprache des Wortes erleichterte ihm ſein Incog⸗ nito den Damen gegenüber, da er, ſo bekannt wie er hier war, keinen falſchen Namen hätte nennen dürfen. „Ah Mr. Wilder“ ſetzte der Steuermann zutraulich hinzu—„kannte einen Wilder in Virginien.“ „Meine Familie ſtammt daher“ beſtätigte das der junge Pflanzer, ihn wo möglich noch mehr irre zu führen. „Sie kommen wohl den Fluß herunter?“ „Ja, aus dem Norden herunter und will ſehen, wie die Geſchäfte in New⸗Orleans gehen.“ „Wie viel Tons ⁵¹) iſt ſolch ein Flatboot wohl im Stande zu führen?“ frug Wildau jetzt, auf indirektem Wege herauszubekommen, ob Blighton zu dem Boot, was da draußen lag, gehöre, und das dann alſo auch daſſelbe wäre, deſſen Mannſchaft gemeint war. „Woher wiſſen Sie, daß ich auf einem Flatboot bin ²“ ſagte aber dieſer, raſch zu ihm aufſchauend. „Erwähnten Sie es nicht ſelber vorher?“ frug Wildau unbefangen,„dann habe ich mich geirrt— ſo bringen Sie Ihre Waaren wohl auf einem Dampfboot herunter?“ „Ich? nein“ ſagte etwas verlegen der Seemann, 3 vich habe gar keine Waaren— was ich ihnen von Ge⸗ ſchäften ſagte, bezog ſich auf etwas Anderes. Die Zeiten ſind übrigens verdammt ſchlecht jetzt, und man ſollte wirklich aber wo ſteckt er denn, ſchon hinaus?—“ froh ſein, wenn man Nichts zu verkaufen hat. Mais bringt das nicht einmal in New⸗Orleans, was er in Ohio koſtet, und die armen Teufel von Flatbootleuten möchten wirklich aus der Haut fahren. Aber— apropos“ fuhr er dann etwas leiſer, und ſich zu Fritz hinüberbiegend fort,„was iſt das für ein Herr da drüben, gehört der etwa mit zu den Damen?“ „Nein bewahre“ flüſterte der junge Mann zurück, „das iſt ein neuer Doktor, der hierhergekommen iſt; der wohnt unterhalb Taylors Plantage.“ „Hier nach unten zu?“ „Ja,— ich glaube, die Damen haben gar keine männliche Begleitung bei ſich“ ſetzte Wildau hinzu, dem daran lag den Buben ſicher zu machen. „Einen Nigger ausgenommen“ meinte der Steuermann. „Ja, einen Neger“ beſtätigte der junge Mann, „aber die Damen wollen aufſtehen“ und zu gleicher Zeit und faſt unwillkührlich erhob er ſich ebenfalls, die leiſe und höfliche Verbeugung der ſich entfernenden Frauen zu erwiedern. Sein Nachbar folgte jetzt ſeinem Beiſpiel, und den Spießkameraden, der über Tiſch auch nicht ein einziges Wort geſprochen, unter den Arm nehmend, führte er ihn, leiſe mit ihm flüſternd, dem Schenkſtand zu, hinter dem der kleine Creole jetzt wieder Platz genommen, und forderte zwei Brandys, für ſich und ſeinen Gefährten. „Hallo, Miſter,“ rief er dann, ſich ſeines Tiſch⸗ nachbars erinnernd,„wollen Sie nicht mit uns trinken? 352 „Mr. Wildau meinen Sie“, frug der Ausſchenker. „Wilder, ja, wo ſteckt er?“ „Iſt wohl hinausgegangen nach ſeinem Pferd zu ſehen“, erwiederte der kleine Creole—„wünſchen Sie Cigarren?“ „Nein, danke“, ſagte der Seemann, ſeinen Kautabak aus der Taſche holend und ein Stück abbeißend.„Apropos, junger Mann“ ſetzte er aber dann, zu dem Creolen ge⸗ wandt, hinzu,„könnten wir beide wohl hier dieſe Nacht ein paar Betten bekommen?“ „Ei gewiß, Gentlemen, warum nicht?“ lautete die befriedigende Antwort—„in einem Zimmer?“ „Ja gewiß, und am liebſten ein Bischen hoch— wo möglich nicht hier unten“ ſagte der Seemann,„die Mosquitos ſind da oben nicht ſo arg.“ „Bah Mosquitos“ lachte der Creole,„Sie ſchlafen ja unter einem Netz, und oben iſt auch kein Platz mehr, denn der eine Theil iſt noch nicht zu Schlafräumen her⸗ gerichtet, und den anderen haben die fremden Damen in Beſchlag genommen.“ „Und wer ſchläft noch hier unten?“ „Niemand, Gentlemen— wir drei werden den ganzen untern Stock allein bewohnen.“ „Aber wo bleiben all die übrigen Leute, die mit uns gegeſſen haben?“ frug Blighton noch ungläubig, denn es ſchien ſich in der That Alles faſt zu günſtig für ſeinen Plan zu geſtalten um ſo unbedingt daran zu glauben. Der Creole zerſtörte aber bald ſeine Zweifel, denn deſſen Be⸗ richt nach waren die Gäſte ſämmtlich in der Nähe an⸗ ſäßig, und kehrten entweder mit dem letzten Fährboot nach 3⁵³ Bayou Sareh zurück oder ritten auf ihre eigenen Plan⸗ tagen. Sie kommen häufig nach dem Hotel herunter, theils die Neuigkeiten von New⸗Orleans zu hören, theils eine Parthie Whiſt oder Eucre zu ſpielen, und übernach⸗ teten nur dann einmal im Hotel, wenn ſie das Fährboot verpaßt, oder ſo viel getrunken hatten, daß ſie ſich nicht gut im Sattel halten konnten.“ Das etwa war der kurze und bündige Bericht, den der Fremde erhielt, und mit der Weiſung an den Bar⸗ keeper oder Kellner, ihre Betten in Ordnung zu halten wenn ſie wieder zurückkämen, verließen die beiden Männer das Haus und den Garten, an deſſen Pforte ſie ſtehen blieben, ſich erſt kurze Zeit umſchauten und dann, als ſie Niemanden in ihrer Nähe erblickten, über den Fahrweg hinüber dem Ufer des Flußes zuſchritten. 3 — - Achtundzwanzigſtes Kapitel. Der nächtliche Einbruch und mas der Neger dazu meinte. Unbeachtet waren ſie aber nicht geblieben, denn oben an der Straße, dem Boot gerade gegenüber, und in dem dichten Schatten eines laubigen und mit grauem Moos ⁵²) tief überhangenen Pecanbaumes gedrückt, ſtand Wildau mit Mac Neal, dem er ſchon die flüchtigen Umriſſe ſeines — Verdachts, wie Urſache und Beweiſe deſſelben gegeben, ſich hier die Ueberzeugung zu verſchaffen, ob Blighton wie ſein Genoſſe auch wirklich zu dieſem Boot gehöre, und von dort alſo ſeine Hülfe erwartete. 3 „Und was nun?“ flüſterte Mac Neal, als die beiden Gerſtäcker, Fritz Wildau. 23 * 354 an Bord des Bootes in dem inneren Raum verſchwunden waren—„wer jetzt ein Mäuschen wäre, zu hören was ſie da d'rin berathen.“ „Es bedarf deſſen nicht,“ ſagte aber Wildau, ſeinen Arm ergreifend und ihn mit ſich ein Stück zurück über die hinter ihnen liegende Wieſe führend, damit ein etwa am Boot aufgeſtellter Poſten nicht merken könne wie das Fahrzeug beobachtet würde—„ich weiß, daß die Burſchen beſchloſſen haben das Geld der Wittwe, und zwar noch in dieſer Nacht, in ihre Gewalt zu bekommen, wie, wird ihnen gleichgültig ſein, denn ob ſie einen Mord dabei be⸗ gehen oder nicht, die Verfolgung bleibt dieſelbe. Jeden⸗ falls S ſie aber einen oder zwei ihrer Leute die Nacht im Hotel laſſen, dann zuerſt verſuchen den Neger allein abzufertigen, und mit dem Geld zu fliehen; geht das aber nicht, ſich mit Gewalt ihre Bahn frei zu hauen und mit ihrem Boot, was ſie jetzt wahrſcheinlich an der Seite hängen haben, zu entkommen.“ „Und Dein Plan?“ frug Mac Neal. „Iſt der folgende“ erwiederte ihm raſch der junge Deutſche.—„Wir müſſen vor allen Dingen Beide das Hotel zu Pferd verlaſſen, Du reiteſt dann, ſo ſchnell Dich Dein Pferd trägt, zum Richter hinauf, und bitteſt ihn in meinem Namen Dir den Conſtabel und einen Verhafts⸗ befehl für dieſen Bligthon, den früheren Steuermann eines berüchtigten Piraten, mitzugeben, wie denn auch das ganze hier liegende Boot mit Beſchlag zu belegen, an deſſen Bord ſich vielleicht Aufſchluß über Manches finden möchte. Sieh zu daß Du noch einige unſerer Nachbarn triffſt, und ſie 3 — —-— 35⁵ zur Hülfe mitbringſt— zu viel können wir nicht ſein, denn iſt Alles ſo, wie ich fürchte, ſo dürfen wir auf tüchtigen Widerſtand von ihrer Seite rechnen.“ „Und wo willſt Du indeſſen bleiben?“ ſagte der junge Ire. „Ich kenne jeden Winkel hier im Haus,“ erwiederte Wildau—„oben bei Harpers laß' ich mein Pferd ſtehen, und komme durch die Felder hierher zurück. Das kleine Zimmer wo der Creole ſchläft, iſt ſtets offen; dort kann ich einſteigen, den wecken und mit auf Wacht halten, bis Ihr kommt; aber mache um Gottes Willen ſchnell, denn der Böſe könnte ſein Spiel haben, und die Buben früher zu ihrer That treiben, wie wir jetzt denken. Was ich übri⸗ gens thun kann ſie aufzuhalten, ſoll natürlich geſchehen— und nun an's Werk. Und damit betraten ſie wieder den Hof, wo Wildau ihre Pferde vorzuführen befahl, dann erſt noch, während die muthigen Thiere vor dem Thorweg wieherten und ſcharrten, in dem kleinen Comptoirzimmer ein paar Zeilen für den Richter ſchrieb, die Mac Neal überliefern ſollte, und gerade mit dem Freunde aufſaß, als Blighton mit ſeinem Begleiter wieder vom Boot zurückkam und bei ihnen einen Augenblick ſtehen blieb. „Hallo Miſter“ rief der Bootsmann ſeinem vorheri⸗ gen Tiſchnachbar zu—„ſchon an Bord?— ich dachte wir ſollten erſt noch ein Glas zuſammen trinken— waret vorher ja fort, wie aus einer Piſtole geſchoſſen!“ „Danke, danke“ entgegnete ihm aber Wildau, ſich im Sattel zurecht ſetzend und den Zügel aufgreifend— 23 53 356 „wir haben noch eine lange Strecke Wegs voraus, und es wird ſpät. Gute Geſchäfte, Gentlemen.“— Und dem Thiere die Sporen einſetzend, flog er, von Mac Neal gefolgt, mit klappernden Hufen die glatte ebene Straße, die dicht am Ufer des Miſſiſſippi hinführte, und von dieſem nur durch einen aufgeworfenen Damm getrennt war, hinauf. Die beiden Bootsleute blieben ſtehen und ſahen ihnen nach, bis der Schall der Hufe weit in der Ferne verklungen war, und Blightons Genoſſe brummte hinter ihnen drein: „Gute Geſchäfte, oh?— iſt jedenfalls ein guter Anfang, daß Ihr Beiden unter Segel gegangen ſeid.“ Blighton ſchüttelte den Kopf und ſagte finſter: „Hol' der Teufel den Hallunken— ſein Geſicht ge⸗ fällt mir nicht, und ich habe die blauen großen Augen auch ſchon früher einmal geſehen, ja, was noch ſchlimmer iſt, ſie haben mich ſchon einmal getroffen, aber der Teufel weiß wo? und der Eigenthümer ſcheint ſich auch nicht mehr ſo recht darauf zu beſinnen. Aber er ſtutzte, als er mir jüngſt in's Geſicht ſah, und wer weiß, ob wir nicht noch eine alte Bekanntſchaft herausgedoktert hätten, wenn wir eben länger zuſammen geblieben wären.“ „Nun, ſie ſind wenigſtens jetzt fort“, ſagte der Andere,„und ˙s iſt die Frage, ob Ihr Euch nun im Leben wieder finden werdet.“ „Wollt' ich auch Einem von uns Beiden, nachdem was heute Abend hier vorfallen wird, je unter Umſtänden nicht wünſchen“ knurrte Blighton,„aber ich traue dem „— —, 357 Burſchen ſelbſt jetzt noch nicht, wenn er ſich zehnmal zu Pferd geſetzt hat und fortgeritten iſt; ſeine erſte Ueber⸗ raſchung war zu augenfällig und er hatte nachher viel zu viel mit dem grünen Jungen, dem Irländer, zu ſchwatzen.“ „Du glaubſt doch nicht daß er eine Ahnung von unſerem heutigen Plan haben könnte?“ frug der andere Bootsmann raſch. „Das nicht“ lachte Blighton,„er wäre ſonſt wohl nicht ſolch' ein Thor geweſen fortzureiten, wo wir mit gutem Glück ſchon vielleicht in einer Stunde unſere Arbeit beendet haben können, aber er kann morgen wieder kom⸗ men und hat er dann vorher ſchon Verdacht geſchöpft, wird ihm den unſere heutige Expedition nur um ſo mehr beſtätigen. Doch was thuts“, ſetzte er heiſer lachend hinzu und wandte ſich, in das Haus zurück zu gehen,„er findet das Neſt leer und die Vögel ausgeflogen. Nur wiſſen möcht' ich, wo ich die großen blauen Augen eigentlich hinthun ſoll.“¹ Im Hotel war es übrigens noch ziemlich lebhaft; an mehreren Tiſchen ſaßen die Gäſte beim Kartenſpiel, und der Creole hatte vollauf zu thun, alle mit den verlangten Spirituoſen und Weinen zu bedienen. Blighton indeß, der anſcheinend zwecklos von einem der Spieltiſche zum andern umherſchlenderte, benützte ſeine Zeit, ſich mit der Hausgelegenheit ſoviel als möglich bekannt zu machen, ja nahm ein Licht und ging geradezu die Treppe hinauf, wo ihm jedoch der Neger ſchon entgegen kam und ihn, als er vorgab, ſein Zimmer zu ſuchen, das er vor acht Tagen hier bewohnt hätte, bedeutete, wie oben Alles be⸗ ſetzt ſei und er ſich die Nacht würde unten einzurichten haben. „Hallo Miſter, was haben Sie da oben gewollt?“ frug ihn der Creole, der ihm, als er zurückkam, gerade unten an der Treppe begegnete,„hab' Ihnen ja geſagt, daß oben Alles beſetzt iſt.“ „Oh, verdamme es“ brummte der Bootsmann,„war ſo in Gedanken, daß ich mit dem Licht nach oben ging, bis mir dort das ſchwarze Geſicht vom Neger quer vor den Bug lief. .„Wollen Sie zu Bett gehen?“ frug der Creole. „Ja, bald— aber bin noch zu durſtig— gebt uns erſt noch ein paar heiße Brandys— es ſchläft ſich nachher beſſer.“ Es wäre gegen das Geſchäft des Kellners geweſen eine derartige Behauptung zu beſtreiten, aber das Klingen der Gläſer rief ihn wieder nach vorn und er mußte den wunderlichen Gaſt für jetzt ſich ſelber überlaſſen. Ganz nach Blightons Wunſch ſchienen ſich indeß die Spielenden heut Abend nicht zu lang im Hotel halten zu wollen; es war noch nicht zehn Uhr und die letzten hatten ſchon ihre Pferde beſtellt und den Heimweg angetreten. Der mit aufwartende Negerjunge löſchte die Lichter aus und verließ das Haus, nach der, hinten über dem Hof liegenden Negerhütte zu gehen. Auch das vorn im Strom befeſtigte Flatboot wurde lebendig— die Leute löſten ihr Tau, nahmen es ein, und ſtießen vom Lande ab in den Strom hinaus. 1 „Hallo, wohin noch ſo ſpät?“ rief ihnen einer der Reiter zu—„habt Ihr ſolche Eile?“ „Geht zum Teufel“ lautete die freundliche Antwort ——.— 359 der mürriſchen Bootsleute, und ſie legten ſich dabei in die knarrenden Finnen,(langen Ruder, auch sweeps genannt) das Boot von der weiter unten vorſchießenden Landſpitze frei zu bekommen. „Möchte wiſſen, weßhalb die Burſchen noch um dieſe Zeit der Nacht unterwegs gehen“ ſagte der eine Reiter zum andern, wie ſie an der Leven hinab galoppirten. „Dort drüben geht der Mond auf“ meinte aber der andere,„und die Zeit wollen ſie wahrſcheinlich benutzen; bis morgen früh können ſie ein tüchtiges Stück ſtromab kommen.“ Wie ſich das Boot weiter vom Ufer entfernte und in der Dunkelheit der Nacht verſchwand, verklangen die Hufſchläge der Reiter, die raſch der Heimat zueilten; dicht unter das hohe Ufer aber gedrückt lag die von dem großen Fahrzeug zurückgelaſſene Jölle mit vier Mann Beſatzung, die Ruder eingezogen und durch keinen Laut ihre Gegen⸗ wart verrathend. Im Hotel ſelber war indeß Alles ſtill und ruhig geworden, und der müde Creole ſchien ſeine Gäſte ebenfalls auf ihr Lager zu wünſchen. „Gentlemen, wenn Sie zu Bette gehen wollen“, redete er die beiden Männer endlich an, die nur ſein eigenes Fortgehen erwartet haben mochten,„ſo iſt hier Ihr Zimmer;“ und er öffnete ihnen dabei die links hineinfüh⸗ rende Thüre. Das Zimmer enthielt fünf Betten, von denen zwei für die Gäſte beſtimmt waren— die anderen ſtanden unbeſetzt. „Aber wir haben unſeren Nachttrunk noch nicht Willis“ 360 lachte da Blighton und nahm ſein Priemchen Tabak aus dem Munde, ſich für den erwarteten Genuß vorzubereiten. „Ich habe den Schenkſtand ſchon zugeſchloſſen“ ſagte der junge Burſche.„Wird Dir doch nicht zu viel Mühe ſein, einen Schlüſſel umzudrehen, noch einen Viertel⸗Dollar zu verdienen,“ brummte Blighton.„Ich nehme Brandy, damit ich nicht aus der Gewohnheit komme.“ Der Creole holte mit einem etwas verdrießlichen Geſicht ſeinen Schlüſſel wieder aus der Taſche und ſchenkte den beiden Fremden die verlangten Gläſer ein, ſchloß dann wieder zu, und ging mit einem„gute Nacht Gentlemen“ in ſein kleines, dem ihrigen gegenüberliegendes und von ihm durch eine Art Entree getrenntes Zimmer. Blighton nahm das Licht und ſchritt, von Willis, wie er den Anderen genannt, begleitet, in das ihm ange⸗ wieſene Schlafgemach, aber es war nur zum Schein. Todtenſtille herrſchte im ganzen Haus, und die beiden Verbrecher löſchten ihr Licht aus und öffneten leiſe die noch gar nicht ins Schloß gedrückte Thüre wieder, ihr dunkles Werk zu beginnen. „Sollen wir warten bis der Creole ſchläft?“ flüſterte Willis leiſe dem Kameraden in's Ohr—„oder gleich ſo anfangen?“ „Mir wär's lieber, er ſchliefe erſt“ lautete die eben ſo vorſichtig gegebene Antwort,„wenn ich nicht fürchtete wir verſäumten zu viel Zeit— da wir aber nicht wiſſen können wie lange uns die Geſchichte da oben aufhalten wird, iſt's am Ende beſſer wir fangen gleich an. Ich —— — 361 will mich an die Thür ſchleichen und Du kannſt ihn noch einmal rufen— wenn er aufwacht, bring ich ihn in Sicherheit.“ „Aber kein unnützes Blut“ ſagte Willis, ſeine Hand auf den Arm des Kameraden legend—„Du biſt das noch von Deinem Seeleben her gewohnt, und Ihr konntet die Leichen dort raſch genug bei Seite ſchaffen— hier aber laſſen ſie böſe Blutflecken zurück, die häßliche und oft ganz unnöthige Zeugen ſind.“ „Es iſt aber doß immer das Sicherſte“ meinte Blighton. „Nein, nein“ ſagte Willis ängſtlich—„mach ihn nur unſchädlich; es arbeitet ſich nachher leichter, wenn man nicht in einem fort unter dem Strange ſteht.“ „Unſinnige Empfindelei“ knurrte Blighton,„aber meinetwegen; Du haſt's jedoch nachher zu verantworten, wenn uns die Kröte in die Patſche bringt. Sicher iſt ſicher“— und damit ſchlich er ſich auf den Socken, denn die Schuh hatte er ſchon vorher ausgezogen, zu der gegen⸗ über befindlichen Thür, Willis öffnete dann die ſeine, und rief den jungen Burſchen. Keine Antwort— er rief nochmals— Alles todtenſtill. Blighton horchte, konnte aber nicht das mindeſte hören. „Peſt und Gift“ murmelte er leiſe vor ſich hin, „die Canaille wird doch zum Teufel nicht Lunte gerochen haben und aus dem Fenſter geſprungen ſein?“— Er legte leiſe die Hand auf die Klinke und öffnete die Thür ſo vorſichtig als möglich, wie er aber hineinhorchte, umzog ein ſpöttiſches Lächeln ſein Geſicht. Der todesmüde Knabe 362 hatte ſeine Kleider nur eben abgeworfen und war dann, kaum auf dem Bett ausgeſtreckt, auch ſchon ſanft und feſt eingeſchlafen und der Räuber ſchlich hinein und ſtand über ſeinem Lager. Willis war ihm dorthin gefolgt, und nach ein paar leiſe mitſammen geflüſterten Worten warfen ſie ſich plötzlich über ihn, ſo daß der Schlafende, ehe er im Stande war, ſich zu ermuntern oder überhaupt zu begreifen was mit ihm vorging, ſicher geknebelt und feſt gebunden auf ſeinem Bett lag, und nicht im Stande war ſich weder zu rühren, noch den geringſten Laut auszuſtoßen. Der Creole wand und ſträubte ſich im Anfang aus Leibeskräften, denn in ſolcher Art aus dem erſten Schlaf erweckt, mußte er das Schlimmſte fürchten; aber er war in zu ſichere und geübte Hände gerathen und all' ſeine Anſtrengungen halfen ihm weiter Nichts, als daß er ſich ſelber müde und matt arbeitete, und zuletzt in lauter Erſchöpfung und in ſein Schickſal ergeben liegen bleiben mußte. Blighton hatte ihn bis dahin ruhig beobachtet, und zu dem Zweck den Fenſterladen geöffnet, der ſich gerade über dem Bett befand. Wie der Gebundene wieder ſtill lag, wandte er ſich von ihm ab und ſagte zu ſeinem Begleiter: „Es mag gut ſein für jetzt; das Sicherſte war es aber doch nicht und ich will nur wünſchen daß wir es nicht zu bereuen haben. Bleib Du nun hier unten und horch ein wenig mit hier hinein, ob Alles in Richtigkeit bleibt, ich will indeſſen hinaufſchleichen, und ſehen was mit dem Neger anzufangen iſt.“ —ÿ— — — 7 —— „Du wirſt ihn gar nicht allein bewältigen können“ warnte ihn Willis,„und er bringt uns nachher noch am Ende das ganze Haus in Alarm.“ 3 „Da laß Du mich ſorgen“ meinte Blighton— 4„ halte Du mir nur hier unten reine Bahn, das Uebrige will ich ſchon durchführen. Sind die Leute richtig poſtirt?“ „Das hat George beſorgt; ſie warten draußen an der Thür unter den Tulpenbäumen auf das verabredete Zeichen— die. Thür iſt offen.“ „Gut, dann haben wir auch wenigſtens nichts für unſere Sicherheit zu fürchten, denn mißlänge der Streich wirklich, was aber jetzt unwahrſcheinlich iſt, können ſie 4 uns die Flucht mit den paar Negern hier im Hauſe gar * nicht abſchneiden— alſo hab Acht!“ und den Kameraden verlaſſend, glitt er, einer Schlange gleich, über den Boden geräuſchlos fort, der Treppe zu, mit deren Biegung er ſich vorſichtiger Weiſe ſchon bekannt gemacht, und kroch mehr als er ging die Stufen hinauf. Hierbei hatte er aber mit einem Uebelſtand zu kämpfen, der ihn länger aufhielt als er gedacht. Die Stufen knarrten hie und da, und er durfte ihnen ſein Gewicht nur mit größter Achtſamkeit anvertrauen, um nicht den oben vielleicht noch nicht einmal ſchlafenden Neger aufmerkſam zu machen, und dann vielleicht den ganzen, ſo ſchön und trefflich angelegten Plan vereitelt zu ſehen. Nur ſehr langſam, und nach jedem Knarren eine Zeitlang halten bleibend, um zu horchen ob ſich oben Nichts rege, erreichte er endlich den oberen Theil der ——*—— * . 1 —ER ““ 364 .. Treppe, und mit ihm den kleinen Vorſaal, wo er das Feldbett des Negers hatte ſtehen ſehen. Seine Blend⸗ laterne, die er ſich von unten mitgenommen, ließ er aber auf der oberſten Stufe noch uneröffnet, der Lichtſtrahl hätte ihn unnöthiger Weiſe zu früh verrathen können und er horchte jetzt nur dem regelmäßigen Athmen des Schlafenden. Es war Alles todtenſtill— kein Laut drang zu ſeinem Ohr, das einſame Knappern einer Maus ausge⸗ nommen, die ſich unter dem Dach irgendwo einen Durch⸗ gang nagte. Sollte der Neger wachen?— er blieb laut⸗ und regungslos wohl eine Viertelſtunde liegen, ſich davon zu überzeugen. Da endlich hörte er das leiſe Athmen eines Menſchen— es klang in regelmäßigen Pauſen zu ihm herüber— dann war wieder Alles ruhig, um bald darauf auf's Neue zu beginnen und jetzt— hol' den Burſchen der Böſe— erſt jetzt war er wirklich eingeſchlafen, denn— das Athmen wurde laut und tönend, wie er die Luft 2 durch die Naſe zog; und Blighton hob mit einem trium⸗ phirenden Lächeln ſein ſchweres Meſſer aus der Scheide, 1 ſeinen Weg zu dem Bette hinzufühlen. SHiimmel wie der Burſche ſchnarchte— Willis mußte das unten hören— und ſo lange Pauſen dazwiſchen, daß man ordentlich erſchrack, wenn der klappernde Ton wieder von Neuem begann. Der hatte einen Bären⸗ ſchlaf; aber deſto beſſer, und der lauernde Räuber griff 41 ſeine Laterne auf, die er jetzt ohne Gefahr glaubte be⸗ nutzen zu können, und ſchlich raſch, aber nichts deſto weniger fortwährend auf ſeiner Hut, dem Lager des 365 Negers zu, der jedenfalls erſt unſchädlich gemacht werden mußte, Die Thür der Frauen war dann im Nu er⸗ brochen und dieſe, mit einem blanken Meſſer vor ſich, lieferten nachher auch ohne weiters die Caſette aus. Blighton hatte ſchlimmere Sachen durchgemacht, und lachte ingrimmig in ſich hinein, wie glatt und ungehindert ihm Alles von Statten ging. Er ſollte ſich aber doch in einer Hinſicht getäuſcht haben, denn wenn auch der Räuber mit ſeinem Plan weit raſcher vorwärts rückte, als es ſelbſt Wildau für möglich gehalten, irrte ſich Blighton in dem Neger, der keineswegs dermaßen auf ſeinem Poſten ſchlief wie Jener glaubte, ſondern ſchon das Knarren der erſten Stufen ge⸗ hört und Verdacht geſchöpft hatte. Der Schwarze war auch keineswegs unbewaffnet, denn ein ſchweres Bowie⸗ meſſer⁰³) lag unter ſeinem Kopfkiſſen, und dieſes auf⸗ greifend, erwartete er ziemlich ruhig den Dieb, der ſich übrigens, wie er nicht im mindeſten zweifelte, raſch wieder zurückziehen würde, ſobald er ſähe daß er entdeckt wäre; von der wirklichen Gefahr, in der er wie die beiden Damen ſchwebten, konnte er keine Ahnung haben, da er den Charakter des Mannes nicht kannte mit dem er es hier zu thun hatte. So lag er, bis Blighton den vberen Theil der Treppe erreicht hatte, und aufhorchte das Athmen des Schlafenden zu hören; wie aber nun Alles ruhig blieb und der Neger merkte auf was der nächtli e Beſuch eigentlich warte, beſchloß er den Dieb dadurch, da ſchlafend ſtellte, heranzulocken. Das glückte ihm au voll⸗ kommen, und hinter das Bett gleitend und ſeine dicke wol⸗ lene Decke um den linken Arm geſchlagen, den möglichen Stich oder Hieb einer Waffe damit abzuwehren, hielt er den ſcharfen Stahl in der Rechten und erlauerte ruhig das Nahen des Feindes. Vorſichtig, aber mit feſt und entſchloſſen zuſammen⸗ gebiſſenen Zähnen nahte der Räuber dem Bette, von dem das ruhige Athmen des Schlafenden zu ihm herüber⸗ zutönen ſchien,— jetzt war er ſo nahe gekommen, daß er die Bettſtelle gewiß ſchon erreichen konnte. Leiſe ſtreckte er den Arm aus, und ſeine Finger berührten die Matratze. Er war am Ziel, noch einen Schritt vortretend öffnete er ſchnell und geräuſchlos die Klappe der Blendlaterne und — fand ein paar große dunkle Augen, unter denen grin⸗ ſend zwei Reihen hellglänzendey Zähne blitzten, auf ſich geheftet, die von der anderen Seite des Bettes herüber auf ihm hafteten. „Hallo Maſſa!“54) rief in demſelben Augenblick der Neger, der bei dem plötzlichen Oeffnen der etwas ſchräg gehaltenen Laterne, den Burſchen von heut Abend erkannt zu haben glaubte— in ſeinem gebrochenen Engliſch— „Was Ihr wieder hier?— ſucht Bett nochmal? hoh? ah pfui Maſſa, reg ſchleicht ab jetzt wie begoſſener Hund; pfui Maſſa!“ Seipis⸗ wie der Neger hieß, irrte ſich aber wenn er glauhee der entdeckte Dieb ſchleiche jetzt beſchämt zurück, denn Slighton hatte allerdings, wie er ſich dem wachenden. Auhe des Negers gegenüber ſah, die Laterne wieder ge⸗ 6 367 ſchloſen doch nur, um Willis unten das verabredete Zeichen zu geben, der ſich ihm dann raſch anſchließen ſollte. Kaum aber ſchallte der leiſe Pfiff durch das öde Haus, als der treue Neger, der jetzt wohl merken mußte, daß er es mit mehr als einem Angreifer zu thun bekom⸗ men würde, und dann nicht mehr im Stande ſein möchte ihren Angriff abzuwehren, mit einem Satz über das Bett hinüberſprang und ſich des Diebes zu bemächtigen ſuchte. Zu ſeinem Glück hielt er übrigens noch immer die wollene Decke um dem Arm, denn Blighton hörte kaum den Feind auf ſich zukommen, als er mit ſicherem Stoß aus⸗ holte, und dem Mann die breite, haarſcharfe Klinge gerade in den Leib gerannt hätte, wäre die Spitze nicht in den weichen, elaſtiſchen Falten der Wolle unſchädlich geworden und abgeglitten. Scipio fühlte indeß kaum die nach ihm geſtoßene Waffe, als er unwillkürlich nach dem Arm griff, einen etwa wiederholten Stoß abzuwehren, und dabei die eigene Waffe fallen ließ. Selber jedoch von kräftigem Körper⸗ bau, umſchlang er mit beiden Armen den Räuber, und es ge⸗ lang ihm wenigſtens ihm das Meſſer aus der Hand zu ſchlagen, das dicht an der Treppe niederſtürzte.— Blighton jetzt den Ruf nach dem Kameraden wiederholend, warf ſich in wilder Wuth auf ihn, und ihn mit Anſtrengung aller ſeiner Kräfte zu Boden drückend, ſuchte er, wenn auch vergebens, mit der einen ausgeſtreckten Hand das Meſſer wieder zu finden, das ihm entfallen war, dem Kampf ein ſchnelles und blutiges Ende zu machen. Der Neger wand ſich unter 8 ſeinem Griff und ſchrie jetzt nach Hülfe. S Da klangen Schritte die Treppe Lenuß 1 368 „Schnell Willis— ſchnell!“ rief der Räuber— „hierher dein Meſſer, daß ich dem Schreier die Kehle lüfte— hierher.“ „Wo?“ ſagte die Stimme und ein Arm ertte ſich aus, die Kämpfenden zu fühlen. „Hier meine Hand!“ rief Blighton. „Und hier die meine“ lautete die Antwort, von einem Schlag begleitet, der den Räuber bewußtlos über ſein Opfer hinweg zu Boden warf. Es war Wildau ſtatt dem erwarteten Willis, der dem ſchwer bedrohten Neger hier zur rechten Zeit zu Hülfe kam, und ſo raſch er den Weg auch von Harpers wieder zu Fuß zurückgelegt hatte, ſo wäre er doch faſt zu ſpät gekommen, das Unheil von den Häuptern ihm lieber Menſchen abzuwenden.. Wie er ſich nämlich dem Hauſe leiſe näherte und unbemerkt noch einzuſchleichen hoffte, fand er den Platz unter dem Fenſter ſchon von einem der Bootsleute beſetzt, der ſich hier, wie es ſchien, auf ſeinem Poſten ausgeſtreckt hatte, und gar nicht die Abſicht zu haben ſchien ohne weitere Veranlaſſung ſich zu erheben. Vorſichtig zurückweichend glitt er wieder in das Gebüſch aus dem er gekommen, erſtieg den Baum und ließ ſich von dieſem auf das Staket hinunter, ſich dem Hauſe von einer andern Seite zu nähern. Von außen an der Umzäumung hinſchleichend, fiel ihm auf, daß das Flatboot ſeinen Platz verlaſſen hatte, und nach dem hohen und eingeſtürzten Ufer hinkriechend, ent⸗ deckte er im Schatten der kleinen Gruppe Pecanbäume das Boot, das hier, nur mit einer dünnen Leine befeſtigt, 369 und nicht weiter beachtet, angebunden lag. Raſch begriff er jetzt die Kriegsliſt der Männer, die ſich das unbehülfliche Boot vom Hals geſchafft hatten, um nach glücklich aus⸗ geführtem Raub in der kleinen Jölle nachzurudern; wenn er deßhalb dem Feind die Flucht abſchneiden konnte, hatte er ſchon die Buben in ſeiner Gewalt. Der Zeit⸗ verluſt war auch nicht ſo bedeutend und an den, von der Fluth abgeſpülten Wurzeln niedergleitend erreichte er bald den Waſſerrand und das Boot. Ein raſcher Schnitt ſeines Meſſers löſte hier das Tau, er ſtieß das Boot in den Strom hinaus, und die Wurzeln dann wieder zum Hinaufklettern benutzend, ſah er den ſchlanken Kahn wenige Minuten ſpäter mit der ſcharfen Strömung hinab treiben. Damit waren aber auch viele koſtbare Minuten ver⸗ geudet worden, und ſchnell und heimlich über die Straße zurück, einem anderen Theil des Gartens zueilend, er⸗ reichte er glücklich das Fenſter, an welchem der Creole ſchlief. Das Fenſter ſelber war nur angelehnt, der Laden ganz geöffnet, und auf ein dort ſtehendes Faß kletternd, gewann er glücklich das Zimmer. „Jean, Jean!“ rief er mit leiſer Stimme und ſchüttelte den Burſchen,„Jean, was zum Teufel haſt Du?“ Der arme Burſch drehte und wand ſich auf dem Bett, aber die feſtgeſchnürten Bande hielten und Wildau, mit der Hand über ſein Geſicht ſtreichend, fühlte augen⸗ blicklich den Knebel, und wußte jetzt, daß die Räuber ihre Arbeit ſchon und zwar mit Erfolg begonnen. Das Blut 24 370 ₰ ſchoß ihm in erſtickendem Strome zum Herzen zurück— was war geſchehen und kam er überhaupt nicht ſchon zu ſpät?— aber in guter Schule geſtählt, zwang er jedes andere Gefühl, jetzt wo es zu handeln galt, zurück und raſch die Bande des Geknebelten fühlend, durchſchnitt er die Stricke, die ihn hielten, mit dem Meſſer. Wenige Secunden ſpäter war er frei, aber Wildaus Hand lag auf ſeinem Mund und einen mit Blei gefüllten Stock feſter faſſend, öffnete er leiſe die Thür. Er horchte— Alles war todtenſtill, da plötzlich tönte ein leiſer Pfiff von oben, und raſch vorſchreitend wollte er der Treppe zu⸗ eilen, als ihm eine Stimme zurief: „Hier Tom oder Bill— raſch hinauf mit Euch— es iſt Zeit!“ 3 „Das merk' ich“ rief Fritz, und im Dunklen einen Schlag nach dem Sprecher führend, der ihn wie todt zu Boden warf, war er in wenigen Sprüngen oben an der Treppe, dort gerade dem Neger in der höchſten Noth zu Hilfe zu eilen.. Aber damit war der Sieg noch keineswegs gewonnen, denn der Pfiff ſowohl als der darauf folgende Lärm wurde nur zu gut auch von den an der Thür harrenden 1 Wachen gehört, die ſchon lange das Haus betreten hatten, und mit ihren Laternen nur nicht ſo raſch die Stufen finden konnten. „An die Treppe, an die Treppe!“ rief da der Neger,„ der die Stimmen unten hörte, und nach all dem Vorge⸗ fallenen natürlich. die zum Entſatz herbeieilenden Helfers⸗ helfer der Räuber vermuthen mußte—„nur hier ohen 1 371 können wir vielleicht den Platz halten, bis Hilfe kommt.“ In Todesangſt dabei nach ſeinem Meſſer umhertappend, ergriff er das des Räubers, und riß dann in demſelben Augenblick ſein Feldbett mit der Matraze vorn zwiſchen das 65 hier aufführende Geländer, als die vier Bootsleute den ſchmalen Aufgang gefunden hatten, und ihren Kameraden zu Hülfe eilen wollten. „Tod und Peſt!“ riefen ſie aber, als ſie den Widerſtand erkannten der ſich hier ihnen bot, während unten im Haus und im Hofe die Stimme des Creolen Mord rief durch die ſtille Nacht. Einen Augenblick zögerten ſie auch wirklich, ob ſie den Angriff wagen ſollten oder nicht; Blighton aber war jedenfalls in der Gewalt der Feinde und ſollten ſie den geduldig den Gerichten überlaſſen, wo es noch in ihrer Macht lag ihn zu retten? „Vorwärts!“ rief der Eine der Schaar, und die Piſtole auf den Neger abdrückend, folgte er mit Blitzes⸗ ſchnelle der Kugel, ſich Bahn zu brechen. Scipio war verwundet, aber er hielt Stand, und Fritz traf den An⸗ führer in eben dem Augenblick über den Schädel, als ſich ihm die drei andern im gleichzeitigen Anſturm entgegen warfen. „Umzingelt das Haus— hurrah meine Burſchen, wir haben ſie!“ jubelte es in dieſem⸗Augenblick draußen von einer Menge fremder Stimmen und Roſſes Wiehern und Stampfen tönte zu ihnen herauf. „Teufel!“ ſchrieen die Angreifer und ſtanden ſtarr vor Schreck. Scipio aber, den Augenblick benutzend, hob 242 * 372 ₰ die Matraze empor und warf ſie mit vollem Gewicht die Stufen nieder auf die Angreifer, dieſe mit ſich die Treppe polternd hinabreißend. Zwei entgingen dem Fall und ſuchten jetzt in wilder Flucht einen Ausgang in's Freie, während ſich der Neger des dritten bemächtigte; rings um das Haus hatten ſich aber die Nachbarn, von dem Conſtabel angeführt, poſtirt, und verrannten ihnen jeden Weg zur Flucht. Willis allein, von dem betäubenden Schlag wieder erſtanden, ſprang über den Weg und erreichte glücklich das dunkle Ufer, wo er das Boot liegen wußte, aber auch dieſer Weg war ihm durch Wildaus Vorſicht abgeſchnitten, und eine Viertelſtunde ſpäter lagen die gefangenen Räuber gebunden in der Verandah des Hauſes, und neben ihnen hielt der Conſtabel mit zwei Gerichtsdienern Wache. Neunundzwanzigſtes Capitel.. Wie Fritz doch noch zu erkennen war, und das Ganze ein gar . freundliches Ende nahm. Eiizn zum Richter hinaufgeſandter Bote kehrte noch vor dem Frühſtück mit dieſem zurück, und die Gefangenen wurden dem Sheriff übergeben, ſie bis zu ihrem Verhör in dem dicht daneben liegenden Gefängniß zu halten. Als ſie eben abgeführt werden ſollten trat Wildau auf den gefeſſelten Seemann, der ſich von dem Schlag wieder erholt hatte, die blutige Stirn aber noch immer mit einem Tuch umwunden hielt, zu, und mit unterge⸗ ſchlagenen Armen vor ihm ſtehen bleibend, ſagte er finſter zu ihm aufblickend: » — ————— ————————— 373 „Und Ihr kennt mich nicht mehr, Kamerad?“ „Kamerad?“ rief der Pirat, und ſchaute wild und verſtört in die zürnenden blauen Augen des jungen Man⸗ nes—„Kamerad?“ ihm war unheimlich zu Muthe, denn der Fremde wußte mehr von ihm als ihm lieb war— aber er ſchüttelte den Kopf und brummte finſter vor ſich hin: „Auf der Welt laufen eine Maſſe Fratzen herum die einander gleich ſehen— ich kenne Euch nicht.“ „Und hat Mr. Blighton ſo ganz ſeinen alten Ste⸗ ward vergeſſen?“ Der Räuber fuhr empor als ob ihn eine Schlange gebiſſen, und ſein Blick haftete einen Moment in fin⸗ ſterem Entſetzen auf den Zügen des jungen Deutſchen. Jetzt ſchien auch in der That zum erſten Mal ein Ge⸗ danke an Flucht in ihm zu dämmern, denn er ſah wild um ſich her und riß an ſeinen Banden. Der Conſtabel klopfte ihm aber lachend auf die Schulter und ſagte, mit dem Kopf ſchüttelnd: „Unnütze Mühe, mein Burſche, die Stricke halten, aber wenn Dir die nicht genügen, kannſt Du noch bald einen beſſeren bekommen. Und jetzt fort— fort mit Euch, Ihr habt lange genug die Luft hier verpeſtet, denn da kommen die Damen, und denen wollen wir den ſchönen Morgen nicht mit Eurem ſcheußlichen Anblick verderben; fort mit Euch!“ Die Gefangenen wurden fortgeführt, Blighton bald ⸗ 7 374 ₰ darauf durch den Strang, die anderen durch Gefängniß ihre Verbrechen zu büßen. Der Richter hatte indeß den Damen die Gefahr, in der ſie dieſe Nacht geſchwebt, aus⸗ führlicher erzählt, und ſie dabei verſichert, wie ſie wohl nur dem umſichtigen und entſchloſſenen Handeln eines jungen deutſchen Pflanzers ihr Eigenthum, ja vielleicht nur leicht an der Schulter verwundet war, berichtete dabei ſeine eigene Rettung durch denſelben, und die Frauen konnten es in der That kaum erwarten ihrem Retter ſo recht aus vollem Herzen zu danken. Auf der Verandan waren aber viele Leute, und ſie erſuchten den Richter ihn herein zu rufen in den Saal. Fritz Wildau gehorchte dem Rufe mit klopfendem Herzen— der Augenblick war jetzt gekommen, nach dem er ſich Jahre lang ſo heiß geſehnt, er war ſo ſchön gekom⸗ men, da er ſich als den Retter der ihm liebſten Weſen be⸗ trachten konnte, und doch fürchtete er jetzt ſich zu erkennen zu geben, fürchtete den Moment, den er noch kurz vorher ſo gern mit Allem erkauft hätte was er ſein nannte. „Hochverehrter Herr!“ begann da die Matrone als er ſich ihnen nahte, und Helene hocherröthend ihm entgegen ging, ihm nicht mit kalten Worten, ſondern mit warmem Händedruck für ihre Rettung zu danken—„hochverehrter Herr, wir ſind Ihnen, einem gänzlich Unbekannten, in dieſer Nacht zu ſo großem Danke verpflichtet worden, daß ich in der That gar nicht weiß wie ich mich deſſen ent⸗ ledigen ſoll.“ ihr Leben zu danken hätten. Scipio, der durch den Schuß —ꝛ— „Und bin ich Ihnen denn in der That ſo gänzlich unbekannt?“ ſtotterte da der junge Deutſche, während er der Jungfrau dargereichte Hand ergriff—„können Sie ſich gar nicht mehr meiner erinnern, Mrs. Wolfram, Miß Helene?“ „Segne meine Seele,“ ſagte die alte Dame und ſchaute überraſcht zu ihm auf—„ich kann mich doch nicht beſinnen—“ Helene fühlte wie ſeine Hand, in der die ihre ruhte, zitterte, aber es bedurfte jetzt nur eines Blicks und das Blut das ihr erſt in die Wangen ſchoß, drängte mit einem Schlag zum Herzen zurück, während ſie leiſe flüſterte: „Fritz Wildau!“ „Fritz Wildau?“ wiederholte die alte Dame in wirklich unbegrenztem Erſtaunen—„Fritz Wildau? ei wahrhaftig unſer alter lieber Fritz!“ und den jungen Mann an ſich ziehend, fiel ſie ihm um den Hals und herzte und küßte ihn, als ob es noch der Knabe geweſen wäre, den ſie in ſeiner Kindeszeit liebgewonnen und ſeines harten Loſes wegen ach ſo oft bedauerte, ja ſpäter als ſie gar nichts wieder von ihm gehört, und ihn unterge⸗ gangen glauben mußte, beweint hatte als einen Todten. Die alte würdige Frau war ihm ſtets eine Mutter ge⸗ weſen und auch Wildau's Thränen floſſen ungehindert— er ſchämte ſich ihrer nicht— es waren ja Freuden⸗Thränen. Mrs. Wolfram wollte den jungen Mann aber jetzt gar nicht wieder von ſich laſſen und erzählen ſollte er, 376 nur immer erzählen, wie es ihm die Zeit gegangen, wo ihn das Schickſal herumgeworfen und was er ausgeſtanden habe. Ach, ſie wußte, was ihr verſtorbener Mann an ihm, dem Knaben verſchuldet und wie es eigentlich ſein Erbtheil geweſen, dem ſie ihren Reichthum verdankten, denn das böſe Gewiſſen hatte den Mann nicht ſterben laſſen, ohne ſein Herz wenigſtens der eigenen Frau gegen⸗ über erleichtert zu haben. Aber jetzt war auch die Zeit gekommen, wo ſich ihr die Möglichkeit bot ihm wenigſtens einen Theil des ſo unſchuldig Ertragenen wieder zu ver⸗ güten, und ſie zeigte ſich feſt entſchloſſen, dieſe nicht un⸗ benützt vorüber gehen zu laſſen. Wo aber finde ich nun Worte, das Glück unſeres jungen Freundes jetzt zu ſchildern?— es war eine liebe, fröhliche Zeit, die von dem Tage an für ihn begann! Vergeſſen war Alles, was er in den langen ſchweren Jahren an Leid und Ungemach ertragen; vergeſſen das Weh das ihm oft das Herz zuſammen geſchnürt, wenn er allein und freundlos ſeine einſame Bahn verfolgen mußte. Das Ziel war erreicht, dem er mit bravem muthigem Her⸗ zen treu und wacker entgegen geſtrebt, die lieben Menſchen, die Einzigen die ihm auf der weiten Welt ja noch geblie⸗ ben, ſtanden geſund und glücklich vor ihm, und ſprachen Worte der Liebe zu ihm, die ſeinem Ohre ja ſo fremd und doch ſo theuer klangen, und ein neues Leben lag jetzt vor ihm, ein Leben voll Licht und Glück und Sonnenſchein, wie er es wohl kaum für möglich gehalten, daß es ihm noch jemals dämmern könne. 377 Madame Wolfram ging aber mit ihrer Tochter nicht nach New⸗Orleans, wie ſie noch am vorigen Tag beabſichtigt, und noch weniger nach Deutſchland, wohin ſie hatte zurückkehren wollen. ₰ Noch an demſelben Tage ſprach ſie offen und frei mit dem jungen Mann über die Vorfälle ſeiner früheren Heimath, die ihn damals zwangen den Hudſon zu verlaſ⸗ ſen, bekannte ſich als ſeine ſchwere Schuldnerin und er⸗ klärte ſich mit freudigem Herzen bereit, das Alles wieder gut zu machen an ihm, dem ungerecht Verſtoßenen, was noch in ihren Kräften lag, und mit Geld und mütterlicher Liebe und Treue vergütet werden konnte. Sie wurde nicht müde dabei, dem Wiedergefundenen, der ſie ja noch mehr 378 in ſeine Schuld gebracht durch ſeine kühne That, zu ver⸗ ſichern wie glücklich ſie das machen würde. Aber auch Fritz war glücklich; doch nicht des Goldes bedurfte er, der ſich die eigene Heimath ſchon gegründet, aber wohl führte er wenige Monate ſpäter die Geſpielin ſeiner Jugend als ſein trautes Weib auf ſeine Plan⸗ tage am Atchafalaya und die Familie Wildau gehörte von da an nicht allein zu den reichſten, nein auch zu den geachtetſten und geliebteſten des weiten und mächtigen Niiſſiſſippithals. - b gu. Nachtrag zur Erklärung der in der Erzählung vorkommenden, in fremden 3 Ländern gebräuchlichen Wärter und Schiffsausdrüche. 8⅝ 1) Yankee. Yankees werden in den vereinigten Staaten nur jene genannt, die in dem nordöſtlichen Theil, in den Staaten: Maine, New⸗Hampſſhire, Vermont, Con⸗ 3 necticut, Maſſachuſett und Rhode Island leben; die Eng⸗ 4 länder und Ausländer überhaupt verſtehen aber unter dieſem Namen gewöhnlich alle Nordamerikaner, d. h. alle in den vereinigten Staaten Geborene. 2) Capitain(Schiffsausdruck.) Capitain iſt eigentlich ein Titel, der nur den Führern eines Kriegsſchiffes ge⸗ ziemt, und von ihnen officiell geführt werden darf; die Führer von Kauffahrern heißen nur Schiffer oder auch geradezu Führer oder Maſter(skipper im Engliſchen) wenn gleich ſie ſich ſehr gern den etwas beſſer lautenden Beinamen Capitain zulegen, und ſich jedenfalls von ihren Leuten ſo nennen laſſen. 3) Gangſpill. Das Gangſpill iſt eine ſtarke, auf⸗ recht ſtehende Winde, die oben an Deck angebracht iſt und bis hinab in die Spuhr des Schiffes reicht, dort Feſtigkeit zu haben. Am oberen Rand hat es viereckige Löcher, die Handſpeichen oder Spillſpaken darin einzuſetzen mit denen es die Mannſchaft, wenn ein Tau darum ge⸗ ſchlagen iſt, irgend eine Laſt aufzuwinden oder das Fahr⸗ zeug in irgend einen Hafen zu ziehen, herumbewegt. 4) Der Steuermann iſt die zweite Perſon an Bord eines Schiffes, und hat den Oberbefehl über dieſes, wenn der Capitain an Land iſt. Irrig iſt übrigens die dem Namen entnommene Meinung, daß der Steuermann auch mit dem wirklichen Steuern des Schiffes direkt in Verbin⸗ dung ſtehe, oder dieſes gar allein zu thun habe. Der Steuer⸗ mann iſt, außer dem Führer oder Capitain, gerade der Einzige, der an Bord nicht ſteuert, ſondern die Matroſen ſelber müſſen dieß abwechſelnd, und auf ihren verſchiedenen Wachten thun, wobei die Officiere eben nur darauf zu ſehen haben, daß ſie den richtigen, ihnen angegebenen Cours halten. 5) Cojen ſind die Schlafſtellen an Bord eines Schiffes; feſte Lagerſtätten von Breten, mit einem Schutz woorn, daß der darin Liegende beim Schaukeln des Schiffes nicht ſo leicht hinausfallen kann. Nur auf Kriegsſchiffen ſchlafen die Leute in Hängematten; auf Kauffahrteiſchiffen ſind ihre Cojen im ſogenannten Logis oder Voreaſtle (ſiehe Anmerkung 7) zwei und zwei übereinander, ange⸗ bracht. Auf Auswandererſchiffen hat man oft drei über⸗ inander und dieſe auch in ihrer Größe verſchieden, daß von ein bis fünf Perſonen in ſolchem Behältniß zu ſchlafen kommen. 6) Gentleman ein vollkommen unüberſetzbares Wort, wenn wir es nämlich im Deutſchen auch wieder in einer einzigen Bedeutung ausdrücken wollen. Es bedeutet einen Edelmann ſowohl, wie hauptſächlich Ehrenmann in jeder Handlung, und im ſtrengſten Sinne des Worts; wird aber leichtfertig für jeden anſtändig gekleideten Mann ge⸗ braucht. Häufig wird es auch in dem hier gegebenen Sinne angewandt, wo es eben den Gegenſatz zu der ar⸗ beitenden Klaſſe ausdrücken ſoll. 7) Logis oder Vorcaſtle iſt der Name, der an Bord von Schiffen dem vorderſten Raum gegeben wird, in dem die Matroſen ſelber ihren Aufenthalt haben. Eine Luke mit einem ſchmalen, ſchilderhausähnlichen — 381 Schutz darüber(die Logiskappe) führt hinunter, wo rings⸗ umher die Cojen angebracht ſind, und in der Mitte und an den Seiten herum, wie es gerade der Platz erlaubt, die Kiſten der Seeleute ſtehen. Der Bootsmann, oder wenn kein Bootsmann an Bord iſt, der Zimmermann, haben den Oberbefehl hier. 8) Die Schanzkleidung werden die Breter ge⸗ nannt, die auf die Regelingen und Regelingsſtützen an Deck aufgenagelt ſind und dadurch gewiſſermaſſen eine feſte Baluſtrade um das Deck des Schiffes herum bilden, damit erſtens das Seewaſſer nicht ſo leicht herüberwäſcht, und anderer Seits auch wieder die Leute ſelber einen Schutz haben, nicht ſo leicht über Bord geſpühlt zu werden. 9) Stehende Takel oder Tauwerk. Das Tau⸗ oder Takelwerk wird in ſtehendes und laufendes ein⸗ getheilt. Zu dem ſtehenden gehören alle die Taue, welche während dem Lauf des Schiffes nicht verändert werden, ſondern nur dazu dienen Maſten, Stenge. und Bugſpriet feſt und unbeweglich an ihrer Stelle zu lten. Dazu gehören die Stage, Pardunen und Wanten ac. Zu dem laufenden Tauwerk gehören die Braſſen, Falle, Bulienen ac., welche dazu dienen die Raaen zu richten und die Segel, je nach dem Winde, anzuſpannen. 10) Wachten. Da Schiffe natürlich Tag und Nacht ſegeln, ſo muß auch die Mannſchaft ununterbrochen auf Dienſt ſein, und zu dieſem Zweck, damit ein Theil raſten kann während der andere arbeitet, hat man zwei Wach⸗ ten an Bord eingeführt, die ſich einander zu regelmäßigen und feſtbeſtimmten Stunden ablöſen. Dieſe Wachten werden in Starbord und Larbord(oder Backbord) Wachten abgetheilt; die erſte begeht der Capitain gewöhnlich mit dem zweiten Steuermann und der Hälfte der Mannſchaft, die andere der Steuermann mit der anderen Hälfte, je vier Stunden und zwar mit ſolcher Eintheilung, daß an jedem Abend 382 die Wacht durch zweiſtündige Ablöſung verändert wird, damit nicht ein und dieſelben Leute jeden Morgen die Wacht z. B. an Deck zum Deckwaſchen haben— ꝛc. 11) Lothleine— iſt eine je nach der Schwere des Lothes oder Senkbleis ſtärkere oder ſchwächere Schnur, die Tiefe des Meeres, beſonders an Untiefen und ſeichtern Stellen damit zu meſſen. Unten in dem„Loth“ das aus einem langen Bleikolben beſteht, iſt eine Vertiefung, die mit Talg ausgegoſſen wird, ſo daß dieſes, wenn es un⸗ ten auf den Grund ſtößt, Schlamm, Sand, kleinen Kies oder Muſchelkies, je nachdem der Grund iſt, mit herauf⸗ bringt. 12) Segel reefen bedeutet die Segel bei eintreten⸗ dem Sturm meiſtens, oder wenn ein Schiff an irgend einer Stelle bleiben und auf⸗ und abkreuzen will, kleiner machen. Zu dieſem Zweck ſind kurze Enden Tau, ſoge⸗ nannte Reefbänder, in den großen und Marsſegeln ange⸗ brac denn die oberſten leichten Segel werden lieber ganz eingenommen ehe man ſie reeft. Bis zu dieſen wird das Segel dann auf und unter die Raae oder den Queer⸗ baum gezogen an dem ſie ſitzen, und alſo verkürzt, befeſtigt. 13) Back iſt der vordere Theil des Schiffes, wie eine Art Schutz etwas höher über Deck, und gleich mit der oberen Railing, an der die Schanzkleidung ſitzt, be⸗ feſtigt, die am häufigſten dort überſchlagenden Wellen von der unmittelbaren Berührung des Decks abzuhalten. 14) Außenclüver. Wie die Maſten aufrecht im Schiff ſtehen, ſo iſt einer derſelben vorn hinaus, etwas nach oben zulaufend, gelegt, und durch Ketten, Stage und Pardunen befeſtigt. An dieſem Maſt, der das Bugſpriet, und deſſen Verlängerung der Clüverbaum heißt, ſitzen meiſt noch drei, bei großen Schiffen auch oft noch vier dreieckige . .3 383 Segel. Das erſte von dieſen, auch am häufigſten bei ſtürmiſchem Wetter gebraucht, da es klein iſt und dem Wind nicht viel Fläche bietet, während es zugleich unum⸗ gänglich nöthig gebraucht wird das Schiff auch noch ſteuern zu können, heißt das Vorſtengenſtag⸗Segel, denn es ſitzt an dem Stag der oben an der Vorſtenge(Stenge iſt die angeſetzte Verlängerung der aufrechtſtehenden Maſten) befeſtigt iſt. Das zweite heißt der Clüver und das dritte der Außenclüver. Sind es vier ſo wird das zweite der Binnenclüver und das dritte erſt der Clüver genannt. 15) Backbord(auch Larbord) und Star⸗ oder Stürbord— werden, wenn man ſich das Schiff in zwei lange Hälften getheilt denkt, die beiden Seiten genannt. Backbord iſt, wenn man hinten am Steuerrad ſteht und nach vorn ſieht, die linke Seite, Starbord die rechte Seite des Schiffs. 16) Wanten heißen die zum ſtehenden Takelwerk gehörigen Pardunen, welche von beiden Borden des Schif⸗ fes aus, fünf und ſechs nebeneinander, zuerſt den Maſt an ſeinem oberen Theil, und dann von den erſten Marſen (ſogenannten Maſtkorb) aus die Stengen halten, und durch Wevelien oder dünne Seile miteinander verbunden ſind, wodurch ſie die„Strickleitern“ wie ſie von den Land⸗ leuten gewöhnlich genannt werden, herſtellen. Dadurch bilden ſie gewiſſermaſſen eine feſte Maſſe oder Wand. (Want). 17) Stengen ſind, wie ſchon vorher(14) erwähnt, die Verlängerungen der Maſten. Gewöhnliche Schiffe haben Mars⸗ und Bram⸗ und ſehr große auch manchmal Oberbramſtengen, für die oberſten allerleichteſten Segel. 18) Stage ſind jene ſtarken Taue, welche die Maſten 384 und Stengen zuerſt untereinander, und dann unten an Bord des Schiffes feſt und in ihrer Stellung halten. 19) Glaſen heißen die Glockenſchläge an Bord eines Schiffes, welche die Tages⸗ oder Nachtzeit und da⸗ mit die verſchiedenen Wachten beſtimmen. Sie beginnen von vier zu vier Stunden halbſtündlich, und reichen nicht über acht. Vier Glaſen kann deßhalb, je nach der Tages⸗ zeit zwei Uhr, und ſechs Uhr Nachmittags, oder zwei Uhr und ſechs Uhr Morgens ſein u. ſ. f. Der am Steuer⸗ ruder ſtehende Matroſe, der eine kleine Taſchenuhr neben dem Compas hängen hat, die jeden Mittag um zwölf Uhr nach der vorgenommenen Sonnenhöhe gerichtet wird, ſchlägt auf einer Glocke, die vor oder neben ihm hängt, die Glaſen und vorn werden ſie dann auf der großen Schiffsglocke von einem der Wachthaltenden Leute beant⸗ wortet und nachgeſchlagen. 20) Katze mit neun Schwänzen iſt eine Art Knute mit neun ledernen Riemen, die zur körperlichen Züchtigung der Matroſen gebraucht wird, denn dieſer Mißbrauch civiliſirter Einrichtungen iſt ſelbſt jetzt noch nicht in der republikaniſchen Marine der vereinigten Staa⸗ ten abgeſchafft. 21) Nigger iſt das verdorbene Wort von negro oder Neger, und von der ſchwarzen Race, nicht ſelten übri⸗ gens auch unter ſich ſelber, nur im verächtlichſten Sinne gebraucht. 22) Scheilicht(ein verdorbenes deutſches Wort nach dem engliſchen skylight Himmelslicht oder„Licht von oben“ gemacht) wird der aus Fenſtern beſtehende, und nach außen zu durch Drath oder Gitterwerk verwahrte Deckel oder die Kappe genannt, die oben auf der Cajüte liegt, dieſer das nöthige Licht zuzuführen. 23) Cambüſe iſt der auf Deck angebrachte Ver⸗ — —— ſchlag für den Koch, in welchem der Kochherd oder eiſerne Kochofen ſteht. Die Cambüſe hat zwei Eingänge, einen zu Starbord und einen zu Backbord, die bei heißem Wetter offen ſtehen, bei ſtürmiſchem aber an der Seite zu wind⸗ wärts durch eine feſte eingreifende Schiebthür geſchloſſen werden. 24) Die Paſſate ſind regelmäßige beſtändige Winde, die ausſchließlich innerhalb der heißen Zone, den Wende⸗ kreiſen und vielleicht noch ſieben bis acht Grad nach Norden und Süden weiter, wehen. Nördlich von der Linie ſind es Nordoſt⸗, ſüdlich davon Südoſtwinde, während unter der Linie ſelber oder wenigſtens einige Breitengrade nördlich oder ſüdlich, meiſt ſchwache Oſtwinde oder auch wohl Wind⸗ ſtillen herrſchen. Es läßt ſich denken daß dieſe Winde den Schiffen, die der Richtung zu wollen wohin ſie wehen, ungemein förderlich ſind, wie ſie dagegen andere, die ihrem Lauf entgegen wollen, zwingen, gewaltige Bogen zu beſchreiben, um ihrem Einfluß entrückt zu werden. Chriſtoph Columbus iſt der Erſte geweſen, der die Paſſate und ihre Wirkung entdeckte, und von ihnen begünſtigt die ferne amerikaniſche Küſte erreichte. 25) Pamperos ſind heftige Stürme oder Orkane, die, wie der Typhoon(Teifuhn) der indiſchen Gewäſſer, mit furchtbarer Gewalt vom feſten Land herüber über die See brauſen und unvorſichtigen Schiffern ſchon oft Ver⸗ derben gebracht haben. Der Pampero weht vorzugsweiſe an der Oſtküſte Südamerikas, und ſoll von den Pampas, von denen er auch ſeinen Namen erhalten, herüber kommen, nichts deſto weniger erſtreckt er ſich auch manchmal, wenn gleich mit verminderter Stärke, bis zu dem zwanzigſten Breitengrad hinauf. Die Pamperos beginnen regelmäßig mit einem ſcharfen Nordwind, der ſich mehr und mehr nach Weſten hinüberzieht,— kaum iſt der Wind ungefähr rein Weſt, ſo kommt ein fluthender Regen, und in dieſem Gerſtäcker, Fritz Wildau. 2. zugleich die erſte Bö oder der erſte heftige Windſtoß, das erſte Anprallen des Pampero. Hat der Sturm nun von dieſer Richtung ausgetobt, ſo zieht er gewöhnlich mehr nach Süd, Südoſt, Oſt und Nordoſt wieder herum und weht dann mäßiger. Ein ſolcher Pampero dauert ge⸗ wöhnlich drei Tage, jedoch nicht in ſeiner vollſten Stärke, und ſcheint mit den Veränderungen des Mondes, beſonders in Winterzeit, in ziemlich genauer Verbindung zu ſtehen, wie er denn auch zur Zeit des Vollmonds jedesmal am ſtärkſten auftritt. 26) Blubber heißt der Speck des Wallfiſches, aus dem der Thran gekocht wird, er wird bis zu ſechs, acht und zehn Zoll dick. 27) Riemen werden die langen Ruder genannt, wie ſie in See üblich ſind. 3 28) Vorſtengenpardunen ſind die ſtarken Taue, die vom Bord aus an beiden Seiten nach der Vorſtenge oder der Verlängerung des Vor⸗ oder Fockmaſtes hinauf⸗ laufen, und dazu dienen dieſen zu halten. 29)„Raanocken zu zieren.“ Bei Executionen an Bord eines Schiffes werden die Verbrecher an die Raanocke d. h. die äußerſte Spitze der Raaen oder Queerhölzer, welche die unteren Segel tragen, hinaufgezogen. 30) Faden. Die Tiefe des Meeres wird ſtets nach „Faden“ berechnet. Ein Faden iſt ſechs Fuß(engl.) lang. 31) Monſoon(Nonsuhn) iſt ein periodiſch wieder⸗ kehrender oder wechſelnder Wind, der vorzugsweiſe in den indiſchen Meeren weht. Nur zwiſchen dem 30ſten oder 33ͤſten Grad bis zum zwölften Südbreite(d. h. ſüdlich vom Aequator weht der Südoſt Paſſat, während mit dem zehnten Grad ſchon etwa die Monſoons beginnen, die ſechs Monat von einer, und ſechs Monat von der entgegenge⸗ ſetzten Himmelsrichtung wehen. Nördlich vom Aequator 387 herrſcht vom April bis Oktober Südweſt, ſüdlich davon ein Südoſt und die anderen Monate gerade der entgegen⸗ geſetzte Wind, der regelmäßig jedes Jahr zu der nämlichen Zeit wiederkehrt, und nur hie und da durch die verſchiedene Bildung der Küſten verändert wird. Die Zwiſchenzeit oder der Wechſel des Monſoons iſt dann oft Wochen lang durch veränderliche Winde, die nicht ſelten in Stürme ausarten, ausgefüllt. Auch an den Braſilianiſchen Küſten wie im Karai⸗ biſchen und Mexikaniſchen Meere, weht eine Art von Monſoon, der ſich aber nicht ſo weit hinaus in See erſtreckt. 32) Lenſen heißt bei heftigem Sturm vor dem Winde laufen. Es gehört hierzu aber ein gutes Schiff, da eine Haupterforderniß dabei iſt, den nachſtürzenden Wellen, die dem Schiff verderblich werden könnten, zu entgehen. Obgleich man die oberen leichten Segel dazu einnimmt, müſſen doch die Marsſegel(die zweiten, gleich über den großen) wenn auch gereeft, geführt werden, da nachſtürmende Seeen den unteren Segeln leicht den Wind entziehen könnten, wodurch ſich dann die Schnelligkeit des Fahrzeugs vermindern müßte, und dieſes möglicher Weiſe von der nächſten See oder Welle eingeholt und beſchädigt würde. 33) Knoten. Um die Geſchwindigkeit zu meſſen, mit der ein Fahrzeug das Waſſer durchſchneidet, hat man ein ſehr einfaches Inſtrument erfunden, das ein Log heißt. Es beſteht dieſes in einem kleinen dreieckigen, unten etwas mit Blei beſchwerten Bretchen aus Eichenholz, das, wenn über Bord geworfen, aufrecht ſchwimmt und dadurch ge⸗ wiſſermaſſen einen Halt im Waſſer gewinnt und eine Art Widerſtand leiſtet, wodurch es ſich ziemlich ruhig auf ſeiner einmal behaupteten Stelle hält. An dieſem Bret iſt eine, durch farbige Tuchlappen zu gewiſſem Maß bezeichnete Leine, die Loglinie, befeſtigt, deren verſchiedene Kuoten Meilen bedeuten und ſo berechnet ſind, nach dem Ablaufen 25* einer kleinen Sanduhr in der Verkürzung die Anzahl Meilen anzugeben, die das Schiff in der Stunde oder Wacht gelaufen iſt, weßhalb die Meilen auch nach den Knoten benannt werden. 34) Blöcke ſind die mit Scheiben verſehenen Hölzer, durch welche die Taue wie beim gewöhnlichen Flaſchenzug laufen. Man hat ein⸗, zwei⸗, drei⸗ und vierſcheibige Blöcke. Die Oeffnung in den Blöcken, durch welche die Taue laufen, wie der Zwiſchenraum zwiſchen den Scheiben und der Seitenwand des Blocks machen ſehr häufig bei heftigem Wind, daß dieſer ordentlich hindurch pfeift und ein eigenthümliches unheimliches Geräuſch verurſacht. 35) Anluven heißt das Fahrzeug ſchärfer in den Wind hinaufhalten. Der Gegenſatz davon iſt abfallen, wo man ſich weiter vom Winde abdreht, alſo ihn voller in die Segel bekommt. Liegt man ganz platt vor dem Wind, ſo kann man natürlich weder anluven noch ab⸗ fallen, auch iſt das erſtere unmöglich, wenn man ſchon ſo dicht an den Wind hinanſegelt, als es das Schiff nur irgend erlauben will. Wollte man dann noch mehr an⸗ luven, ſo müßte man natürlich durch den Wind drehen und die Segel würden, während ſie der Wind von vorne trifft, zurückſchlagen. 36) Ueber Stag gehen; über den anderen Bug gehen, wenden, ſind gleichbedeutende Redensarten, die ausdrücken ſollen, daß das Fahrzeug, wenn es jetzt den Wind z. B. von der Backbordſeite gehabt hat, umlegt und ihn von der Stürbordſeite nimmt. Es iſt dieß be⸗ ſonders beim Kreuzen oder Laviren das Hauptmanöver. Kommt der Wind gerade von dort, wohin man ſegeln will, ſo liegt man„dicht am Winde,“ d. h. man ſegelt ſo nahe in den Wind hinein, nach rechts oder links hin, wie es das Schiff erlauben will. Dadurch aber kommt man natürlich nach einer Richtung hin aus ſeinem Cours, 8 —y 4 ——* während man aber freilich auch in etwas gewinnt. Will man z. B. nach Norden ſegeln und der Wind iſt gerade Nord, ſo wird ein Schiff durchſchnittlich nach Oſt, Nord⸗ Oſt hinüberſegeln können; dadurch gewinnt es zwei Striche Nord und verliert nach Oſten hin; um das nun wieder einzubringen, wendet das Fahrzeug nach einer gewiſſen Zeit, und wird nun mit dem nämlichen Wind über den anderen Bug Weſt, Nord⸗Weſt hinüberhalten können, wo⸗ durch es den früher verlorenen Oſt wieder einholt und zwei Strich Nord mehr macht u. ſ. f. Es iſt dieß das Laviren oder Kreuzen. 37) Backbraſſen heißt die Segel des einen Maſtes auf derſelben Seite, von der der Wind kommt, ſo ſcharf anziehen, daß derſelbe von vorn hineinſchlägt und dadurch das Schiff in ſeinem Laufe aufhält. Es geſchieht das z. B. auf See, wenn man ein abgeſchicktes Boot erwarten will ꝛc. 38) Dyaks(Deiaks) werden die Ureinwohner Borneos genannt. Wie auf all' dieſen Inſeln haben ſie in früheren Jahrhunderten ihr Land bis zu der Meeres⸗ küſte bewohnt, bis Malayiſche Seenomaden ihre Ufer be⸗ traten, das flache Land in Beſitz nahmen und, was ſie ſich nicht von der Bevölkerung unterwarfen, in die Berge zurücktrieben, weßhalb jetzt faſt der ganze oſtindiſche Archipel auf den einzelnen Inſeln von zwei verſchie⸗ denen Racen von Eingeborenen bewohnt wird. Es iſt das das nämliche auf den Philippinen, auf den Molukken, auf Sumatra, Java Celebes ac. ac. 39) Nord zu Oſt. Die Himmelsrichtungen hat ſich der Seemann auf ſeinem Compaß in 32 Striche eingetheilt, die zuſammen die Windroſe bilden. Von Norden an beginnen ihre Benennungen: Nord, Nord zu Oſt, Nord Nord⸗Oſt, Nord⸗Oſt zu Nord, Nord⸗Oſt, Nord⸗Oſt zu Oſt, Oſt Nord⸗Oſt, Oſt zu Nord, Oſt— u. ſ. f. 390 40) Kaffee. Der Kaffee wächſt auf Sumatra wild und wird von den dort eingeborenen Stämmen auch zu einem Getränk benutzt, aber ſonderbarer Weiſe nicht in ſeinen Fruchtkernen, wie wir ihn gebrauchen, denn die Kaffeebohne iſt nur der Doppelkern einer kirſchenartigen Frucht des Kaffeebaumes, ſondern in ſeinen jungen Blät⸗ tern, wie wir den Thee gebrauchen, ſo daß ſie ſich da⸗ durch gewiſſermaſſen einen Kaffee⸗Thee herſtellen. Der Geſchmack ſoll auch dem Thee ziemlich gleichkommen. 41) Sirihblätter. Die Sirih oder indiſche Betel i*ſt eine pfefferartige Pflanze, deren Blätter dem Bohnen⸗ blatt ähnlich ſind. Die Eingeborenen kauen ihn leiden⸗ ſchaftlich gern in einer bunten Miſchung von Arekanuß, Kalk, Tabak und einem anderen ausgekochten Pflanzen⸗ ſtoff. Ihre Zähne bekommen dadurch eine röthliche Fär⸗ bung und ihr Athem eine widerliche Süße, aber ſie finden es hübſch, wie der Nordamerikaner ſein ebenſo entſetzliches Tabakkauen. 42) Menſchenfreſſer nennt man ſolche wilde und fleiſchfreſſende Thiere, welche ſchon einmal Menſchenfleiſch gekoſtet haben und es nun jedem anderen vorzuziehen ſcheinen. Man nimmt an, und es hat ſich auch durch Erfahrung beſtätigt, daß alle wilden Thiere urſprünglich den Menſchen ſcheuen; haben ſie aber erſt einmal, durch Hunger getrieben oder vielleicht durch einen Zufall dazu gebracht, dieſe Scheu überwunden, dann ſoll es ihnen auch ſo ſüß ſchmecken, daß ſie mehr zu erlangen ſuchen. 43) Der Reis iſt dem Indier, was die Brodfrucht dem Südſeeländer, die Kartoffel dem armen Iren und Deutſchen, der Fiſch dem Eskimo, die Torowurzel dem Sandwichsinſulaner, die Eichel dem Californier, das Fleiſch dem Pampasindianer und Gaucho. Ohne den Reis zum Eſſen könnte der Indier kaum beſtehen, mit ihm aber, trocken in Waſſer abgekocht und in ein Blatt eingerollt, “ Mücken, die eben Mosquitos auf Spaniſch heißen. Es ſich eben auch von den unſeren wenig oder gar nicht 391 erträgt er die größten Beſchwerden und arbeitet von Morgen bis Abend. Der Reis wächſt in naſſen Feldern, und die Körner hängen in lockeren Aehren, etwa wie der Hafer bei uns. 44) Das ſüdliche Kreuz iſt als Sternbild der ſüdlichen Halbkugel, etwa das, was der Nordſtern der unſeren iſt. Es beſteht aus angeblich nur vier, in der That aber aus fünf Sternen, von denen drei zweiter, der andere dritter, der fünfte ſogar vierter Klaſſe, aber von dem Kreuz unzertrennbar iſt und ſelbſt die vier nicht o ganz regelmäſſig ſtehen. Zu einer beſtimmten Stunde der Nacht, die in den verſchiedenen Jahreszeiten wechſelt, ſteht das Kreuz vollkommen aufrecht und neigt ſich ziemlich regelmäßig an jedem Abend vier Minuten eher nach Weſten über, die nächſte Nacht zur beſtimmten Zeit ſeine aufrechte Stellung wieder zu erreichen. Mit zu großer Erwartung von ſeiner Schönheit macht es aber auf den Beſchauer im Anfang gewöhnlich gar keinen beſondern Eindruck, und man gewinnt es erſt lieb als den langen und treuen Begleiter in ſüdlichen Nächten. 45) Tally api— die aus Cokosbaſt gedrehten Lunten, welche in Indien überall aanie du, Feuer für die Cigarren zu halten. 46) Mosquitos ſind eigentlich weiter Nichts als giebt deren, wie bei uns, verſchiedene Arten, deren Stich unterſcheidet. Nur die Menge, in der ſie ſich in einigen Ländern finden, macht ſie unerträglich. 47) Es iſt auf See beim über Bord laſſen einer Leiche gebräuchlich, derſelben irgend ein Gewicht— auf Kriegsſchiffen einige Kugeln, auf Dampfern oder Kauf⸗ fahrteiſchiffen Steinkohlen oder ſonſt irgend etwas Schweres — an die Füſſe zu befeſtigen, damit der Körper raſch und ſenkrecht in die Tiefe gezogen wird und nicht, durch das ſchwere Seewaſſer gehalten, oben an der Oberfläche, den Fiſchen und Seevögeln ein Spiel, hexumtreibt.. 48) Der Leſer hat gewiß ſchon davon gehört, daß wilde Völker in früheren Zeiten ihre Feuer dadurch ent⸗ zündeten, daß ſie zwei Hölzer zuſammenrieben, bis ſie in Brand geriethen oder wenigſtens zu kohlen anfingen und dann durch Blaſen leicht zu heller Flamme gebracht werden konnten. Irrig wohl iſt aber dabei aufgeſtellt worden daß es zwei Hölzer von verſchiedener Härte ſein müßten; wo ich es wenigſtens Gelegenheit hatte zu beobachten, nahmen die Eingeborenen ſtets nur einerlei Holz und zwar weiches in Californien und der Südſee, und hartes oder härteres in Auſtralien, wo ſie eben nur das Gum⸗ holz hatten. Die Californiſchen Indianer beobachten da⸗ bei das eigenthümlichſte Verfahren, indem ſie eine kleine Vertiefung in das unten hingelegte Stück Holz ſchnei⸗ den und nun mit der Spitze ein anderes darin in der Weiſe raſch herumdrehen, bis die Spitze zu kohlen an⸗ fängt.. 49) Das Bugſpriet iſt auf Schiffen der vorn über den Bug hinübergelegte Maſt, deſſen Segel an den zu ihm von dem Vormaſt und den Vorſtengen niederlaufenden Stagen(ſiehe 14) befeſtigt wird. Die daran befindlichen Segel ſind die„Clüver,“ wie auch die Verlängerung des Bugſpriets der„Clüverbaum“ heißt. Nur das Segel nächſt zum Schiff heißt das„Vorſtengſtagſegel.“ 50) Der Miſſiſſippi durchläuft, in den Golf von Mexiko mündend, eine ungeheure Strecke flachen und häufig ſumpfigen Landes. Nicht durch Berge oder Felſen, deren Bahn ihm ſein Bett angewieſen hätten, eingezwängt, hat er ſich auch ſchon ſeit Jahrtauſenden überall, wo er konnte, die Bahn in's Freie geſucht, und dadurch mit dem eigent⸗ lichen Strome ſieben verſchiedene Mündungen gewühlt, die 8 ein ſumpfiges, nur von Schilf und kleinen Weidenbüſchen bewachſenes und von natürlichen Kanälen überall traurig durchzogenes Land durchſchneiden. Aber ſchon lange vorher und hunderte von engliſchen Meilen oberhalb ſeiner Mün⸗ dung, drängt er einen kleinen Theil ſeiner gewaltigen Waſſermaſſe zur rechten hinab dem Golf zu und bildet dadurch verſchiedene Bayous, die ihr Waſſer allein von ihm enthalten und, weit von der eigentlichen Mündung des Stromes entfernt, in den Golf einlaufen. Die Haupt⸗ mündungen bilden eine öde, nur von Alligatoren und Mosquiten bewohnte Fläche, in der aber auch der Menſch ſeine Wohnung aufgeſchlagen hat, der Welt ſeine Exiſtenz abzugewinnen. Lootſen und Auſternfänger wohnen dort in einzelnen kleinen Colonien und auf Pfählen gebauten Holzhäuſern, die durch Laufplanken miteinander verbunden ſind, da in der Fluthzeit das Waſſer, in der Ebbe aber der Schlamm jede andere Verbindung als in der erſten Zeit durch Boote unmöglich macht. 51) Ton oder Tonne iſt ein Seegewicht von eirca 2000 Pfd. Zwei Tonnen ſind eine Laſt. 52) Einen eigenthümlichen Charakter gibt dem Süden der vereinigten Staaten, beſonders Louiſiana und Terxas, das wehende graue Moos, auch ſpaniſcher Bart genannt, das in langen Feſtons von den Zweigen der meiſten Bäume oft bis zwanzig Fuß lang niederhängt, ſo daß der ganze Baum, aus dem ſich das dunkle Laub nur hie und da hervorſtiehlt, in einen gewaltigen grauen Schleier eingehüllt ſcheint. Eine bedeutende Verwendung fand dieß Moos beſonders in neuerer Zeit, dadurch, daß man es gekocht und die innere Fiber, die faſt genau dem Pferde⸗ haar gleicht, zum Stopfen von Matrazen nach Europa verſandt hat. 53) Bowiemeſſer wird in den vereinigten Staaten eine große Art Jagdmeſſer nach ihrem erſten Verfertiger, 394 A Bowie, enennt d aunh. nur zu häufig heimlich als Waffe getragen, eine traurige Berühmtheit in den ameri⸗ kaniſchen Streitigkeiten und ſelbſt Duellen erlangt. Die Klinge deſſelben iſt einen Fuß bis ſechzehn Zoll lang, von zwei ein halb bis drei Zoll breit und vorn etwas ausge⸗ ſchweift an der Spitze, und der Rücken bis zu einem Drit⸗ telzoll ſtark, was der Klinge eine große Shwere und dem Hieb eine furchtbare Wucht giebt.— 54) Maſſa— das durch den Regerdialekt ver⸗ dorbene engliſche„Miſter.“ Druck von C. R. Schurich in München. — —