aten 11 . Gerſtächer. 1p Krſedrich † ¹ 71374 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Oießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Jeſebedingungen. 4 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ vänanahm und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Ruckgabe eines geliehenen Buches wird von 3 demn Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurüͤckgabe von mir zurückerſtattet wird. 6 4. Abennement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträg t: für ochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————ß— wif 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mer⸗— Pf. 5. Auswürtige Abonnenten Hapen für Hin⸗ und Arrteſendunng der„Pücher auf ihre eigenen Winten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfera ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſch te ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer fum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterherleihrn der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, ih dafür zu ſtehen 55 —— 4————— ———* ——— Valdleben Amerika's. Friedrich Gerſtäcker. Zweite Abtheilung: Die Flußpiraten des Miſſiſſippi. BDrei Vände. Fünfte Auflage. Zweite Stereotyp⸗Ausgabe. Jena, Hermann Coſtenoble. Verlagsbuchhandlung. des Mississippi. Von Friedrich Gerſtäcker. Fünfte Auflage. Dritte Stereotyp⸗Ausgabe. Erſter Band. Jena, Hermann Coſtenoble. Verlagsbuchhandlung. Vorwort. Schon in früheren Zeiten, als die weſtlichen Staaten noch als Territorium der Union galten, Dampfboote die Waſſer jener mächtigen Ströme noch nicht aufwühlten, und nur unbehülfliche Kiel⸗ und Flatboote— oft auch ſehr paſ⸗ ſend Archen genannt— die Handelsverbindung im In⸗ nern unterhielten, hatte ſich auf einer der zahlreichen Inſeln dieſes Stromes, Stack oder Crowsnest Island— oder Nr. 94, wie ſie jetzt genannt wird, eine völlige Raubbande organiſirt, die nicht allein, was in ihren Bereich kam, mor⸗ dete und plünderte, ſondern auch in ihrem Verſteck eine Falſch⸗ münzerei unterhielt, von wo ſie mit ihren Bantnoten das ganze weſtliche Land überſchwemmten. Die Geſetze waren nicht hinreichend, die Bewohner der Union zu ſchützen, und die Backwoodsmen mußten ſich deshalb ſelbſt dagegen be⸗ wahren. Der damalige„Navigator“ oder das Lootſenbuch der weſtlichen Ströme ſagt Folgendes über dieſe Bande: — 1 „Stack island, not long since, was famed for a band of counterfeiters, horsethieves, robbers, murderes etc. who made this part of the Mississippi a place of manu- facture and deposit. From hence they would sally forth, stop boats, buy horses, flour, whiskey etc. and pay for all in fine new notes of the„first water““. Their villa- nies, after many severe losses sustained by innocent good men, unsuspecting the cheat, became notorious, and after several years search and pursuit of the civil, and in some case the club law, against this band of monsters, they have at lenght disappeared.“ In ſpäteren Jahren, als die Wachſamkeit der Uferbe⸗ wohner nachgelaſſen und man der früheren Inſel gar nicht mehr gedachte, ſammelten ſie ſich aber wieder weiter oben, zwiſchen den Staaten Miſſiſſippi und Arkanſas, und verübten hier Grauſamkeiten ohne Ende. In einem Lande, wo ſich der vierte Theil der Bevölkerung ſtets auf Reiſen befindet, iſt es aber ſehr ſchwer, ja faſt unmöglich, einen Mord zu entdecken, da man, wenn nicht der Zufall dabei thätig iſt, ſelten weitere Beweiſe hat, als daß der Mann eben fehlt. Die Seinigen beweinen ihn nicht einmal, denn daß er todt ſein könne, iſt ihr letzter Gedanke. Sie vermuthen ihn auf irgend einer Speculation nach Texas oder anderen neuen Staaten begriffen, und hoffen, ihn mit der Zeit zurückkehren zu ſehen. Jedes Verbrechen hat aber ſein Ziel; die Buben wurden durch die ungeſtrafte Ausübung ihrer Schandthaten nach und — —yy—³— ¾— VII nach dreiſter, ihre Verbindung breitete ſich immer mehr aus und ihre Entdeckung mußte endlich die Folge davon ſein. In Arkanſas und Texas hatten ſich indeſſen Regulatoren⸗ bündniſſe gegründet, und ſo überfielen auch hier die nächſten Nachbarn jene Verbrechercolonie, die Inſel, und übten ſo fürchterliche Gerechtigkeit an den Schuldigen, daß ſie Alle, die ſie nicht ſelber ergriffen und vernichteten, weit hinaus⸗ jagten in ferne Theile Amerika's, um nur ihrem ſtrafenden Arm zu entgehen. Ein Theil der ſogenannten„Morrelſchen Bande“ ſtand mit dieſen Flußpiraten in Verbindung; Morrel ſelber wurde gefangen und ſitzt jetzt, wenn ich nicht irre, im Zuchthaus von Pennſylvanien oder Miſſiſſippi; das aber, was den Backwoodsmen unter die Hände fiel, kam in kein Gefängniß— es war ein blutiger Tag, der jenen Räube⸗ reien ein Ende machte. Den Schauplatz habe ich nach Helena und in deſſen nächſte Umgebung verlegt, die wirkliche Inſel befand ſich aber etwas weiter unten als Einundſechzig. —y— Inhalt des erſten Bandes. Capitel I. Der alte Farmer...................... Capitel II. Capitel III. Das Union⸗Hötel und ſeine Gäſte Der Kampf; Smart und Dayton Capitel IV. Squire Dayton's Wohnung.................„ Die nächtliche Fahrt; die Inſel................. Die Juſulaner.................G....I.A. Georgine Capitel VIII. Der Ritt der beiden Botſchafter................ i. Seite 19 Der Mulatte Bolivar.— Marie's Flucht Das Wiederſehen Sander's Pläne.— Der alte Lively Doktor Monrove und Sander......... Die Abfahrt. X Capitel IX. Alte Bekannte treffen ſich................... Livelus Jarm...........:........ Cotton und Dan..................... Inhalt des zweiten Bandes. Capitel I. Die Verfolgung...................... Capitel V. Capitel VI. Capitel VII. — Mr. Breidelford's Einſpruch.— Die Begegnung — XI Capitel VIII. Der Van Buren.— Mr. Smart fügt ſich dem Willen ſeiner Frau. Capitel IX. Der Ire theilt Smart ſeinen Verdacht mit.— Tom Barnwell's Zeugniß. Capitel X. Tom findet eine Freundin Marie's.— Seine Unterredung mit dem Squire. Capitel XI. Zum grauen Bären...... Capitel XII. Die unerwartete Verhaftung... Capitel XIII. Die„Schildkröte“ nähert ſich der gefährlichen Inſel.— Blackfoot's Plan. Inhalt des dritten Bandes. Capitel I. Das Flatboot legt bei.— Der Piraten Liſt. Capitel II. Die Entſcheidung.— Das Zeichen und der Erfolg Capitel III. Georginens Verdacht.— Kelly rettet ſeinen Neger. Capitel IV. Patrik O'Toole's Abenteuer..... Seite 118 1³³ 142 166 15 24 44 XII Capitel V. Der blinde Paſſagier.— Der Black Hawk Capitel VI. Mrs. Breidelford und ihre Gäſte Capitel VII. Cook kommt nach Helena.. Capitel VIII. Die Aufforderung.— Der entdeckte Mord. Capitel IX. Squire Dayton beſchließt mit ſeinem Weibe aus Helena zu fliehen Capitel X. Adele warnt James Lively:.. Capitel XI. Die Flucht der„grauen Bär“ Männer.— Smart erzürnt. Capitel XII. Die Piraten zum Aeußerſten getrieben.— Der Van Buren vom Black Hawk verfolgt Capitel XIII. Schluß Seite 62 71 93 10³ 123 164 Der alte Farmer. Dort, wo der Wabaſch die beiden Bruderſtaaten Illinois und Indiana von einander ſcheidet, und ſeine klaren Fluthen dem Ohio zuführt, wo er ſich bald zwiſchen ſteilen Felsufern, bald zwiſchen blühen⸗ den Matten und blumigen Prairieen, oder auch unter dem ernſten Schat⸗ ten und feierlichen Schweigen des dunklen Urwalds hin, murmelnd und plätſchernd durch tauſend ſtille Buchten drängt, mit dem Schilf und mit einzelnen ſchwankenden Weidenbüſchen ſpielt und tändelt, hier bald leiſe und behaglich uͤber runde Kieſel und grüne Raſenflecken da⸗ hingleitet, bald wieder plötzlich wie im tollen Muthwillen herausſchießt in die Mitte des Bettes und da, von der Gegenſtrömung erfaßt, kleine blitzende Wellen ſchlägt und glitzert und funkelt— da lagen im Fruͤhling des Jahres 184- die Büchſen neben ſich in das ſchwel⸗ lende Gras geworfen, zwei Männer auf einer dichtbewaldeten An⸗ höhe. Im Süden ſtemmte ſich dieſelbe dem Lauf des Stromes entgegen und zwang ihn brauſend, und ſcheinbar unwillig über die trotzige Hemmung, wieder ſeitab zu fluthen, mußte er doch den ſtarren Geſellen umgehen, der weder durch das leiſe, ſchmeichelnde Plätſchern der Wellen, noch durch den mächtigen Andrang der zor⸗ nig aufgeſchwellten Waſſer hatte bewogen werden können, auch nur einen Zoll breit ſeines behaupteten Grundgebiets preiszugeben. Gerſtäcker. Flußpiraten. I. 1 Der Eine der Männer war noch jung und kräftig, kaum äalter als drei oder vier und zwanzig Jahre, und ſeine Tracht verrieth eher den Bootsmann als den Jäger. Der kleine runde und niedere Wachstuchhut, mit dem breiten flatternden Band darum, ſaß ihm keck und leicht auf den krauſen blonden Haaren. Die blaue Ma⸗ troſenjacke umſchloß ein paar Schultern, deren ſich ein Herkules nicht hätte zu ſchämen gebraucht, und das rothwollene Hemd wurde von einem ſchwarzen ſeidnen Halstuch, wie die weißen ſegeltuchnen Beinkleider von einem ſchmalen feſtgeſchnallten Gurtel, über den Hüften zuſammengehalten. Dieſer trug zu gleicher Zeit noch die lederne Scheide mit dem einfachen Schiffsmeſſer und vollendete den ſeemänniſchen Anzug des Fremden. Daß er aber auch in den Wäldern heimiſch, bewieſen die ſauber gearbeiteten Moccafins, mit denen ſeine Füße bekleidet waren, wie die von ſeiner Hand erlegte Beute, ein ſtattlicher junger Bär, der vor ihm ausgeſtreckt auf dem blutgefärbten Raſen lag. Ein großer, ſchwarz und grau geſtreifter Schweißhund aber ſaß daneben und hielt die klugen Augen noch immer feſt auf das glücklich er⸗ jagte Wild geheftet. Die heraushaͤngende Zunge, das ſchnelle heftige Athmen des Thieres, ja ſogar ein nicht unbedeutender Fleiſchriß an der linken Schulter, von dem die klaren Blutstropfen noch langſam niederfielen, bewieſen übrigens, wie ſchwer ihm die Jagd geworden, und wie theuer er den Sieg über den ſtärkeren Feind erkauft habe. Der zweite Jäger, ein Greis von einigen ſechzig Jahren, wurde allerdings an Körperkraft und Stärke von ſeinem jüngern Beglei⸗ ter übertroffen. Trotzdem ſah man aber keiner ſeiner Bewegungen das vorgerückte Alter an. Seine Augen glühten noch in faſt jugend⸗ lichem Feuer, und ſeine Wangen färbte das blüͤhende Roth der Ge⸗ ſundheit. Nach Sitte der Hinterwäldler war er in ein einfach baumwollenes Jagdbemd, mit eben ſolchen Franzen beſetzt, lederne Leggins und grobe Schuhe gekleidet. In ſeinem Gurtel ſtak aber 3 ſtatt des ſchmalen Matroſenmeſſers, das ſein Gefährte tuug, eine breite ſchwere Klinge, ein ſogenanntes Bowiemeſſer, und die wol⸗ lene, feſt zuſammengerollte Decke hing ihm, mit einem breiten Streifen Baſt befeſtigt, üͤber der Schulter. Beide hatten ſich augenſcheinlich hier, wo ſie ihr Wild erlegt, nach der gehabten Anſtrengung für kurze Raſt in's Gras geworfen, und der Alte, während er ſich auf den rechten Ellbogen ſtützte und der, eben hinter den Bäumen verfinkenden Sonne nachſah, brach jetzt zuerſt das Schweigen. „Tom,“ ſagte er,„wir dürfen hier nicht lange liegen bleiben. Die Sonne geht unter, und wer weiß, wie weit wir noch zum Fluſſe haben.“ „Laßt Euch das nicht kuͤmmern, Edgeworth,“ antwortete der Jungere, wahrend er ſich dehnend ſtreckte und zu dem blauen, durch die ſchattigen Zweige auf fie niederlächelnden Himmel emporblickte —„da drüben, wo Ihr die lichten Stellen erkennen könnt, fließt der Wabaſch— keine tauſend Schritt von hier, und das Flatboot kann heut Abend mit dem beſten Willen von der Welt noch nicht hier vorbeikommen. Sobald es dunkel wird, müſſen ſie beilegen, denn den Snags und Baumſtämmen, mit denen der ganze Fluß geſpickt iſt, wiche Gott Vater ſelbſt nicht im Dunkeln aus, und wenn er ſich mit ſeinen ganzen himmliſchen Heerſchaaren an's Steuer ſtellte. Ueberdies hatten ſie von da, wo wir ſie verließen, einen Weg von wenigſtens funfzehn Meilen zu machen, während wir die Biegung des Fluſſes hier kurz abſchnitten.“ „Ihr ſcheint mit dieſer Gegend ſehr vertraut?“ ſagte der Alte. „Sollte denken“, erwiederte Jener ſinnend,„habe hier zwei Jahre gejagt und weiß jeden Baum und Bach. Es war damals, ehe ich Dickſon kennen lernte, mit deſſen Schooner ich ſpaͤter nach Braſilien ging. Der arme Teufel hätte auch nicht gedacht, daß er dort ſolch ein ſchmähliches Ende nehmen ſollte.“ „Das habt Ihr mir noch nicht erzaͤhlt.“ 1** „Heute Abend vielleicht.— Jetzt, denk' ich, ſchlagen wir ein Lager auf und gehen dann mit Tagesanbruch zum Fluß hinunter, wo wir warten können, bis unſer Boot kommt.“ „Wie ſchaffen wir aber das Wild hinab? Wenn's auch nicht weit iſt, werden wir doch tuͤchtig d'ran zu ſchleppen haben.“ „Ei, das laſſen wir hier“— rief der Jüngere, während er aufſprang und ſeinen Gürtel feſter ſchnallte—„wollen die Bur⸗ — ſchen Bärenfleiſch eſſen, ſo mögen ſie ſich's auch ſelber holen.“ „Wenn ſie aber nun vorbeiführen?“ „Denken nicht d'ran“, ſagte Tom—„überdies weiß Bill, der Steuermann, daß er uns hier in der Gegend erwarten muß, im Fall wir nicht früher einträfen; alſo haben wir in der Hinſicht keineswegs zu fürchten, daß wir ſitzen bleiben. Wetter noch einmal, das Boot wird doch nicht ohne ſeinen Capitain abfahren wollen.“ „Auch gut!“ ſagte der alte Edgeworth, während er dem Beiſpiel ſeines jüngern Gefährten folgte, und ſich zum Aufbruch rüſtete— „dann ſchlag ich aber vor, daß wir die Rippen und ſonſt noch ein paar gute Stücke herausſchneiden, das Uebrige hier aufhängen, und nach⸗ her dort links hinunter gehen, wo, dem Ausſehn der Bäͤume nach, ein Bach ſein muß. Friſches Waſſer möcht' ich die Nacht doch haben.“ Dieſe Vorſicht war nöthig, die Männer gingen deshalb ſchnell an die Arbeit, die kurze Tageszeit noch zu benutzen. Sie fanden auch den Quell und neben ihm eine ganz ungewöhnliche Menge von dürren Aeſten und Zweigen, von denen freilich ſchon ein gro⸗ ßer Theil halb verfault war. Das Meiſte davon ließ ſich aber noch trefflich zum Lagerfeuer benutzen, und an der ſchnell entzundeten Gluth ſtaken bald die ſaftigen Rippenſtücke des erlegten Bären, wäh⸗ rend die Jäger, auf ihren Decken ausgeſtreckt, der Ruhe pflegten und in die züngelnden Flammen ſtarrten. Die beiden Männer gehörten, wie auch der Leſer ſchon aus ihrem Geſpräch entnommen haben wird, zu einem Flatboot, das — von Edgeworth's, oben am Wabaſch liegenden Farm, mit einer Ladung von Whiskey, Zwiebeln, Aepfeln, geräucherten Hirſchſchinken, getrockneten Pfirfichen und Mais nach New⸗Orleans oder irgend einem der weiter oben gelegenen Landungsplätze ſteuerte, wo ſie hoffen konnten, ihre Produkte gut und vortheilhaft zu verkaufen. Der alte Edgeworth, ein wohlhabender Farmer aus Indiana, und Eigenthuͤmer des Boots und der Ladung, führte auch eine ziemliche Summe baaren Geldes bei ſich, um in einer der ſüdlichen Städte, vielleicht in New⸗Orleans ſelbſt, Waaren einzukaufen, und ſie mit in ſeine, dem Verkehr etwas entlegene Niederlaſſung zu ſchaffen. Er war erſt vor zwei Jahren an den Wabaſch gezogen, und hatte früher im Staate Ohio, am Miami gelebt. Dort aber fühlte er ſich nicht länger wohl, da die mehr und mehr zunehmende Bevölkerung das Wild verjagte oder vertrieb und der alte Mann doch„dann und wann einmal,“ wie er ſich ausdrückte,„eine vernünftige Fährte im Walde ſehen wollte, wenn er nicht ganz melancholiſch werden ſollte.“ Tom dagegen, ein entfernter Verwandter von ihm und eine Waiſe, hatte vor einigen Jahren ebenfalls große Luſt gezeigt, ſich hier am Wabaſch häuslich niederzulaſſen. Plötzlich aber und ganz unerwartet änderte er ſeinen Sinn, und als er zufällig den alten Dickſon, einen Seeman und frühern Jugendfreund ſeines Vaters, traf, ging er ſogar wieder zur See. Damals ſchiffte er ſich in Cincinnati an Bord des dort von Dickſon gebauten Schooners ein, der eine Ladung nördlicher Pro⸗ dukte nach New⸗Orleans führte, dieſe hier verkaufte, Fracht für Havanna einnahm und dann eine Zeit lang die ſüdlichen Küſten Amerika's befuhr, bis ihn in Braſilien, wie Tom ſchon vorher er⸗ wähnt, ſein böſes Geſchick ereilte. Wenn nun auch erſt ſeit Kurzem von ſeinen Kreuz⸗ und Quer⸗ zügen zurückgekehrt, ſchien ihm die Heimath doch wenig zu bieten, was ihn feſſeln konnte. Er war wenigſtens gern und gleich bereit, 4 den alten Edgeworth wieder auf ſeiner Fahrt ſtromab zu begleiten, und bewies eine ſo gänzliche Gleichgültigkeit gegen alles das, was ſeinen künftigen Lebenszweck betraf, daß Edgeworth oft den Kopf ſchüttelte und meinte, es ſei hohe Zeit für ihn geweſen zurüͤckzu⸗ kommen, und ein ehrbar ordentlicher Farmer zu werden, er wäre ſonſt auf der See und zwiſchen all den ſorglos in's Leben hineintaumelnden Kameraden ganz und gar verwildert und ver⸗ wahrloſt. Um nun aber die Einförmigkeit einer Flatbootfahrt wenigſtens in etwas zu beleben, waren ſie hier, wo der Fluß einen bedeuten⸗ den Bogen machte, mit ihren Büchſen an's Land geſprungen und hatten auch ſchon, vom Glück begünſtigt, ein vortreffliches Stuͤck Wild erlegt. Das Boot, gezwungen den Krümmungen des Fluſſes zu folgen, verfolgte indeſſen unter der Aufſicht von fünf kräftigen Hooſiern“) ſeine langſame Bahn und trieb mit der Strömung zu Thal. „So laß ich mir's im Walde gefallen,“ ſagte endlich Tom nach langer Pauſe, indem er ſich auf ſein Lager zurückwarf und zu den, von der darunter lodernden Gluth beleuchteten Zweigen empor⸗ ſchaute.„So kann man's aushalten— Bärenrippen und trocknes Wetter— etwas Honig fehlt noch; ſolch junges Fleiſch ſchmeckt aber auch ohne Honig delicat. Blitz und Tod! manchmal, wenn ich ſo auf Deck lag, wie jetzt hier unter den herrlichen Baͤumen, zu eben den Sternen in die Höhe ſchaute und dann das Heimweh bekam— Edgeworth, ich ſage Euch, das— Ihr habt wol nie das Heimweh gehabt?“ „Das Heimweh? nein,“ erwiederte der alte Mann ſeufzend, waͤhrend er ſeine Büchſe mit friſchem Zundpulver verſah und dieſe, das Schloß mit dem Halstuch bedeckend, neben ſich legte,„das nicht, aber anderes Weh gerade genug.— Sprechen wir nicht da⸗ *) Hooſter iſt ein Scherzname der Amerikaner für die Bewohner von Indiana. “ —2 von, ich will mir den Abend nicht gern verderben. Ihr wolltet. mir ja erzählen, was in Brafilien mit Dickſon, oder wie er ſonſt hieß, geſchah.“— „Nun, wenn das dazu dienen ſoll, Euch außzuheitern,“ brummte Tom,„ſo habt Ihr einen wunderlichen Geſchmack. Aber ſo iſt es mit uns Menſchen, wir hören lieber Trauriges von An⸗ deren, als Luſtiges von uns ſelbſt. Doch, meine Geſchichte iſt kurz genug.“ „Wir waren in der Mündung eines kleines Fluſſes, San Joſe, eingelaufen und gedachten dort unſere Ladung von Whiskey, Mehl, Zwiebeln und Zinnwaaren— mit denen letzteren wir einen beſon⸗ ders guten Handel zu machen erwarteten— an die Eingeborenen und Pflanzer zu verkaufen. Eine bezeichnete Plantage hatten wir aber an dem Abend nicht mehr erreichen können, befeſtigten unſer kleines Fahrzeug deshalb mit einem guten Kabeltau an einem jungen Palmbaum, der nicht weit vom Ufer ſtand, kochten unſere einfache Mahlzeit, ſpannten die Mosquitonetze auf und legten uns ſchlafen.“ „Eine Vache auszuſtellen oder ſonſtige Vorſichtsmaßregeln zu treffen, fiel Niemandem ein; nur hatten wir den Schooner etwas lang gehangen, damit er neben einen im Waſſer feſtliegenden Stamm kam und nicht dicht an's Ufer konnte. Sonſt träumten wir von keiner Gefahr und hielten auch wirklich die Gegend fuͤr ganz ſicher und gefahrlos.—“ „Ich weiß nicht, wie ſpät es in der Nacht geweſen ſein kann, als Dickſon, der dicht neben mir lag, mich in die Seite ſtieß und frug, ob ich nichts höre?“ „Halb im Schlafe noch mocht’ ich ihm wol etwas muͤrriſch geantwortet haben, zum Teufel zu gehen und andere Leute in Ruhe zu laſſen, auch wahrſcheinlich wieder eingeſchlafen ſein, da fühlte ich, wie er mich bald darauf zum zweiten Male, und zwar diesmalziemlich derb, an der Schulter faßte und leiſe flüſterte:„Munter, Tom! mun⸗ ter! es iſt nicht richtig am Ufer.“„Hollah,“ rief ich und fuhr in die Höhe; denn jetzt kam mir zum erſten Male der Gedanke an die rothen Teufel, die ja doch auch dort vielleicht eben ſolche Liebhabereien haben konnten, wie das wilde Volk bei uns. So ſaßen wir denn neben⸗ einander, Jeder unter ſeinem langen, dünnen Fliegennetz, und horchten, ob wir irgend etwas Verdächtiges hören konnten. Da rief Dickſon auf einmal:„Hierher, Leute— da find ſie— die Schufte!“ und ſprang in die Höhe, während ich ſchnell nach meinem Meſſer griff und das verdammte Ding in aller Eile nicht finden konnte. Dick⸗ ſon aber mußte ſich mit den Füßen in dem dünnen Gazeſtoff, aus dem das Netz beſtand, verwickelt haben. Ich hörte einen Fall auf das Deck und ſah, als ich mich ſchnell danach umwandte, zwei dunkle Geſtalten, die wie Schatten über den Rand des Bootes glitten und ſich auf ihn warfen.“ „In dem Augenblick trat ich auf eine Handſpeiche, die wir am vorigen Abend gebraucht hatten, und das war die einzige Waffe, die hier von Nutzen ſein konnte. Mit Blitzesſchnelle riß ich ſie in die Höhe, rief den Anderen zu,— wir hatten noch drei Matroſen und einen Jungen am Bord— das Tau zu kappen, und ſchmet⸗ terte mit dem ſchweren Holz auf die Köpfe der beiden dunkeln Halunken nieder, die auch im nächſten Augenblick wieder über Bord ſprangen oder wahrſcheinlicher ſtuͤrzten; denn meine Keule ſaß am nächſten Morgen voll Gehirn und Blut.“ „Während die Uebrigen, ebenfalls noch halb ſchlaftrunken, em⸗ portaumelten, hatte der Junge ſoviel Geiſtesgegenwart behalten, mit einem glücklicherweiſe dort liegenden Handbeil das Tau zu kappen, ſo daß ſchon im nächſten Augenblicke der Schooner, von der ſtarken Ebbe mit fortgenommen, ſtromab trieb.“ „Meiers und Howitt, zwei von den anderen Matroſen, verſicher⸗ ten mir nachher noch, ſie hätten ebenfalls fünf von den Schuften, die am Schiffsrand gehangen, auf die Schädel geklopft; ich weiß freilich nicht, ob es wahr iſt. Unſer armer Capitain war aber todt— er hatte einen Lanzenſtich durch die Bruſt und einen Keu⸗ lenſchlag über den Kopf bekommen und lag, als wir endlich am andern Ufer wieder etwas freier Athem ſchöpften, ſtarr und leblos an Deck.“ 3 „Und was wurde aus der Ladung?“ „Die verkaufte ich noch in derſelben Woche, befrachtete dann die„Charlotte“, ſb hieß der Schooner, mit bei uns verkäuflichen Gegenſtänden und lief vier Monate ſpäter geſund und friſch in Charlestown, wo Dickſon's Wittwe lebte, ein. Die arme Frau trauerte allerdings über den Tod ihres Mannes, das Geld aber, das ich ihr brachte, tröſtete ſie wol in etwas. Acht Wochen ſpäter heirathete ſie wenigſtens einen Pflanzer in der Nachbarſchaft. Das ſind Schickſale.“ „Sie wußte doch wenigſtens, wo ihr Mann geblieben,“ fluͤ⸗ ſterte der alte Mann halb vor ſich hin,„wußte, daß er todt, und wie er geſtorben ſei. Wie manche Aeltern harren aber Mondeg) — Jahre lang auf ihre Kinder, hoffen in jedem Fremden, der die Straße wandert, in jedem Reiſenden, der Nachts an ihre Thür klopft, das geliebte Antlitz zu ſchauen, und— müſſen ſich am Ende doch ſelbſt geſtehen, daß ſie todt— lange, lange todt ſind, und daß Haifiſch oder Wolf ihre Leichen zerriſſen oder ihre Gebeine benagt haben.“ „Ja, Du lieber Gott,“ ſagte Tom, indem er, um ein etwas lebhafteres Feuer zu erhalten, einen neuen Aſt auf die Kohlen warf,„das iſt eine ſehr alte Geſchichte. Wie Viele kommen nur in dieſen Wäldern um, die auf den Flüſſen gar nicht gerechnet, von denen die Ihrigen ſelten oder nie wieder erfahren, was aus ihnen geworden iſt. Wie viele Tauſend gehen auf der See zu Grunde! Das läßt ſich nicht ändern, und ſo oft ich auch in Lebens⸗ gefahr geweſen bin, daran hab' ich nie gedacht.“ „Manchmal kehren ſie aber auch wieder zu den Ihrigen zuruͤck,“ ſagte der Alte mit etwas freudigerer Stimme.„Wenn dieſe ſie ſchon lange auf⸗ und verloren gegeben, dann klopfen ſie plötzlich an das, ſo lang nicht geſehene, ſo heiß vielleicht erſehnte Vater⸗ haus, und die Aeltern ſchließen weinend— aber Freudenthränen weinend, das liebe, böſe Kind in die Arme.“ „Ja,“ erwiederte Tom ziemlich gleichgültig,„aber nicht oft. Die Dampfboote freſſen jetzt eine unmenſchliche Anzahl Leben; bei denen geht's ordentlich ſchockweiſe. Das— aber Ihr rückt ja ganz von der Decke herunter,“ unterbrach er ſich, während er ſein erſt verlaſſenes Lager wieder einnahm;„die Nacht iſt zwar warm, doch auf dem feuchten Grunde zu liegen ſoll gerade nicht uͤbermä⸗ ßig geſund ſein.“. „Ich bin's gewohnt,“ erwiederte der Alte, und zwar, wie es ſchien, ganz in ſeine eigenen trüben Gedanken vertieft. „Und wenn Ihr's auch gewohnt ſeid, die Decke liegt einmal da, warum ſie nicht benutzen!“ „An der Stelle dort, wo ich lag, müſſen Wurzeln oder Steine ſein— es druͤckte mich an der Schulter, und ich rückte deshalb aus dem Wege.“ „Nun, danach können wir leicht ſehen,“ meinte Tom gutmuͤ⸗ thig,„es wäre überhaupt beſſer, ein wenig dürres Laub zu einem vernünftigen Lager zuſammenzuſcharren, als hier auf der harten Erde liegen zu bleiben. Steht einen Augenblick auf, und in einer Viertelſtunde ſoll Alles hergerichtet ſein.“ Edgeworth erhob ſich und trat zu der kniſternden Flamme, in die er mit dem Fuße einige der durchgebrannten und hinausgefalle⸗ nen Klötze zurückſchob. Tom zog indeſſen die Decke weg und fühlte nach den darunter verborgenen Wurzeln. „Hol's der Henker,“ lachte er endlich,„das glaub' ich, daß Ihr da nicht liegen konntet. Eine ganze Partie Hirſchknochen ſteckte darunter und keine Wurzeln; daß wir das aber auch nicht gleich geſehen haben!“ Er warf bei dieſen Worten die Knochen gegen das Feuer zu und kratzte nun mit den Füßen und Händen das in 11 der Nähe herumgeſtreute Laub herbei, bis er ein ziemlich weiches Lager zuſammenhatte. Dann breitete er wieder ſorgfältig die Decke darüber, trug noch einige heruntergebrochene Aeſte zur Flamme, um in der Nacht wieder nachlegen zu können, zog Jacke und Moc⸗ caſins aus, deckte die erſtere ſich üͤber die Schultern und lag bald darauf lang ausgeſtreckt auf der Decke, um ein paar Stunden zu ſchlafen und die Ankunft des Bootes am nächſten Morgen nicht zu verſäumen. Edgeworth hatte dagegen einen der neben ihn hingeworfenen Knochen aufgenommen und betrachtete ihn mit größerer Aufmerk⸗ ſamkeit, als ein ſo unbedeutender Gegenſtand eigentlich zu verdie⸗ nen ſchien. „Nun— ſeid Ihr nicht müde?“ frug ihn ſein Gefährte end⸗ lich, der zu ſchlafen wünſchte,„laßt doch die Aasknochen und legt Euch nieder. Es wird Tag werden, ehe wir's uns verſehen.“ „Das iſt kein Hirſchknochen, Tom!“ ſagte der Alte, indem er ſich zum Feuer niederbog, um das Gebein, das er in der Hand hielt, beſſer und genauer betrachten zu können. „Nun, ſo iſt's von Wolf oder Bär,“ murmelte dieſer, ſchon halb eingeſchlafen, mit ſchwerer Zunge. „Bär? das wäre möglich,“ erwiederte nachdenkend der Alte, „ja, ein Bär könnt' es ſein, ich weiß aber doch nicht— mir kommt's wie ein Menſchenknochen vor—“ „Tretet doch den Hund einmal in die Rippen, daß er das ver⸗ dammte Scharren läßt,“ ſagte der Matroſe ärgerlich.„Menſchen⸗ knochen— meinetwegen auch; wie ſollten aber Menſchenknochen—“ er fuhr auf einmal ſchnell und ganz ermuntert von ſeinem Lager empor, während er ſcheu und wild zu den Bäumen hinauſfſchaute, die ihn umſtanden. „Was iſt Euch,“ frug Edgeworth erſchrocken,„was habt Ihr auf einmal?“ „Verdammt will ich ſein,“ ſagte Tom finnend und immer noch angſtlicher umherblickend,„wenn ich— nicht glaube—“ „Glaube, was? was habt Ihr?“ „Iſt das wirklich ein Menſchenknochen?“ „Mir kommt er ſo vor. Es muß das Hüftbein eines Mannes geweſen ſein, denn für einen Hirſch iſt es zu ſtark und für einen Bären zu lang. Aber was iſt Euch 2, Tom war emſig beſchäftigt, ſeine Moccafins wieder anzuziehen und ſprang jetzt auf die Füße. „Wenn das ein Menſchenknochen iſt,“ rief er,„ſo kenne ich den, dem er gehörte, und habe ihn ſelbſt mit Aeſten und Zweigen zugedeckt, als wir ihn fanden. Darum lag alſo auch hier ſo viel halbverfaultes Holz auf einem Haufen. Ja, wahrhaftig, das iſt der Platz und dieſelbe Eiche, unter der wir ihm ſein Grab mach⸗ ten; das Kreuz— der Auswuchs hier ſoll ein Kreuz ſein— hieb ich damals mit meinem eigenen Tomahawk in den Stamm. Der arme Teufel—“ „Auf welche Art ſtarb er denn, und wer war es?“ „Wer es war, weiß der liebe Gott, ich nicht, aber er ſtarb auf eine recht niederträchtige, hundsföttiſche Weiſe. Ein Bootsmann, deſſen Boot gerade da unten am Lande lag, wo wir das unſrige morgen erwarten, ſchlug ihn todt wie einen Wolf, und das um ein paar lumpiger Dollar willen.“ „Entſetzlich!“ ſagte der Alte und lehnte ſich, den Knochen neben ſich legend, auf ſeine Decke zurück, während Tom ebenfalls ſeinen ſo ſchnell verlaſſenen Platz wieder einnahm und den Kopf in die Hand ſtützte. „Wir jagten hier oben nach Bienen,“ fuhr Tom, vor ſich nie⸗ verſtarrend und ganz im Andenken der alten Zeiten verloren, fort, „und Bill—“. „Der Bootsmann?“ frug Edgeworth. „Nein, jener Ungluͤckliche,“ ſagte Tom 13 „Und ſein anderer Name?“ „Den nannte er niez wir waren auch nur vier Tage zuſammen⸗ und er gehörte, ſo viel ich verſtanden habe, nach Ohio hinüber. Bill hatte jenen Burſchen ein paar Dollar ſehen laſſen, und der wollte ihn gern Abends, als wir am Feuer gelagert waren, zum Spielen reizen. Er ſpielte aber nicht, und das erbitterte ſchon den nichtswuͤrdigen Buben. Ein paar Nächte darauf hatte er's denn auf irgend eine Art und Weiſe anzuſtellen gewußt, daß er den armen Jungen von uns fortbekam, und die Nacht mit ihm allein auslagerte. Wir campirten an demſelben Abend in der Nähe der Schlucht, in welcher wir heute zuerſt auf die Bärin ſchoſſen; denn von der kleinen Prairie aus waren wir dorthin einem Bienencours gefolgt. Den andern Tag ließ ſich Niemand von ihnen ſehen, und als wir mit Sonnenuntergang zum Flußufer kamen, war das Boot fort.“ „Dicht am Ufer übernachteten wir; der alte Sycamoreſtamm muß noch dort liegen, wo unſer Feuer war; denn der hatte ſich feſt zwiſchen zwei Felſen gezwängt und konnte nicht fort, und als wir am nächſten Morgen die Bank erſtiegen, wurden wir zuerſt durch die Aasgeier aufmerkſam gemacht, von denen eine große Menge nach einer Richtung hinzog.“ „Gebt Acht,“ ſagte mein Begleiter, ein Jäger aus Kentucky, mit dem ich damals in Compagnie jagte,„gebt Acht, der lumpige Flatbooter hat den Kurzfuß kalt gemacht.“ „Kurzfuß,“ fuhr der Alte erſchrocken auf,„warum nannte er ihn Kurzfuß?“ „Sein rechtes Bein war etwas kürzer als das linke, und er hinkte ein wenig, aber nicht viel, und richtig— wie wir auf den Hügel hier kommen— ich vergäße den Anblick nicht, und wenn ich tauſend Jahre alt würde— da lag der Körper, und die Aas⸗ Web aber was iſt Euch, Edgeworth, was habt Ihr? Ihr ſeid— 14 „Hatte der— der Kurzfuß oder— oder Bill, wie Ihr ihn nanntet— eine Narbe über der Stirn?“ „Ja— eine große, rothe Narbe— kanntet Ihr ihn?“ Der alte Mann preßte ſeine Hände vor die Stirn und ſank in ſtummem Schmerz auf ſein Lager zuruͤck. „Was iſt Euch, Edgeworth? um Gottes willen, Mann— was fehlt Euch?“ rief der Matroſe, jetzt wirklich erſchreckt emporſprin⸗ gend,„kommt zu Euch— wer war jener Unglückliche?“ „Mein Kind— mein Sohn!“ ſchluchzte der Greis und drückte ſeine eiskalten, leichenartigen Finger feſter vor die heißen, trockenen Augenhöhlen. „Allmächtiger Gott!“ ſagte Tom erſchuͤttert,„das iſt ſchreck⸗ lich— armer— armer— Vater!“ „Und Ihr begrubt ihn nicht?“ frug dieſer endlich nach langer Pauſe, in der er verſucht hatte, ſich ein wenig zu ſammeln. „Doch— er bekam ein Jägergrab,“ antwortete leiſe und mit⸗ leidig der junge Mann,„wir hatten Nichts mit uns, als unſere kleinen indianiſchen Tomahawks, und der Boden war dürr und hart da— aber ich martere Euch mit meinen Worten—“ „Erzählt nur weiter— bitte— laßt mich Alles wiſſen,“ bat flehend der Vater. „Da legten wir ihn hier unter dieſe Eiche, trugen von allen Seiten Stangen und Aeſte herbei, daß kein wildes Thier, wie ſtark es auch geweſen, ihn erreichen konnte; denn Bären laſſen die Leichen zufrieden, und ich hieb mit dem Tomahawk noch zuletzt das einfache Kreuz hier in den Stamm.“ Edgeworth ſtarrte ſtill und leichenbleich vor ſich nieder. Nach kurzer, peinlicher Pauſe richtete er ſich aber wieder empor, ſchaute zitternd und traurig umher und flüſterte: „Wir liegen hier alſo auf ſeinem Grabe— in ſeinem Grabe— und mein armer, armer— William mußte auf ſolche Weiſe enden. Doch ſeine Gebeine dürfen nicht ſo umhergeſtreut länger dem Sturm 15 und Wetter preisgegeben bleiben. Ihr helft mir ſie begraben⸗ nicht wahr, Tom?“ „Von Herzen gern, nur— wir haben kein Werkzeug.“ „Auf dem Boote find zwei Spaten und mehrere Hacken— die Leute müſſen helfen.— Ich will meinem Sohne, und wenn auch erſt nach langen Jahren, die letzte Ehre erweiſen; es iſt ja Alles, was ich für ihn thun kann.“ „Sollen wir lieber unſer Lager hinüber auf die andere Seite des Feuers machen?“ frug Tom. „Glaubt Ihr, ich ſcheute mich vor der Stelle, wo mein armes Kind vermoderte?“ ſagte der Greis,„es iſt ja auch ein Wiederſehn, wenn gleich ein gar ſchmerzliches. Ich glaubte an ſeinem Herzen noch einmal liegen zu können und finde jetzt— ſeine Gebeine um⸗ hergeſtreut in der Wildniß.— Aber gute Nacht, Tom— Ihr müßt müde ſein von des Tages Anſtrengungen— wir wollen ein wenig ſchlafen, und der anbrechende Tag finde uns erwacht und mit unſerer Arbeit beſchäftigt.“ „Siitcherlich nur, um den jüngern Gefährten zu ſchonen, warf ſich der alte Mann auf ſein Lager zurück und ſchloß die Augen. Kein Schlaf ſenkte ſich aber auf ſeine thränenſchweren Lider, und als der kühle Morgenwind durch die rauſchenden Wipfel der Kiefern und Eichen ſäuſelte, ſtand er auf, fachte das jetzt faſt niedergebrannte Feuer zu heller, lodernder Flamme an und begann bei deſſen Licht die um das Lager herumgeſtreuten Gebeine zu ſammeln. Tom, hierdurch ermuntert, half ihm ſchweigend in ſeiner Arbeit und näherte ſich dabei dem Platz, wo Wolf, etwa dreißig Schritt vom Feuer entfernt, zuſammengekauert neben einem kleinen Ulmenbuſche lag. Obgleich die Beiden aber ſonſt ſehr gute Bekannte waren, empfing ihn der alte Hund doch ſehr unfreundlich, und knurrte mürriſch und drohend.— „Wolf! ſchämſt Du Dich nicht, Alter?“ ſagte der junge Mann, 16 auf ihn zugehend,„Du träumſt wol, Du faules Vieh— weißt mir die Zaͤhne?“ Der Hund beruhigte ſich jedoch ſelbſt durch die Anrede nicht und knurrte nur ſtärker, wedelte aber auch dabei leiſe mit dem Schwanze, gerade als ob er hätte ſagen wollen: Ich kenne Dich recht gut und weiß, daß Du ein Freund biſt, aber hierher darfft Du mir trotz alle dem nicht. Tom blieb ſtehen und ſagte zu Edgeworth, der auf ihn zukam: „Seht den Hund an, er hat da etwas unter dem Laube und will mich nicht näher laſſen. Was es nur ſein mag?“ Edgeworth ging auf ihn zu, ſchob leiſe ſeinen Kopf zur Seite und fand zwiſchen den Pfoten des treuen Thieres— den Schädel ſeines Sohnes— wobei Wolf, als Jener die Ueberreſte des theuern Hauptes ſeufzend emporhob, an ihm hinauf ſprang und winſelte und bellte. „Das kluge Thier weiß, daß es Menſchenknochen ſind,“ ſagte der Matroſe. „Ich glaube, beim ewigen Gott, er kennt die Gebeine!“ rief der Greis erſchrocken,„Bill hat ihn aufgezogen und ging nie, von dem Augenblick an, wo er laufen konnte, einen Schritt ohne ihn in den Wald.“ „Das iſt ja nicht möglich— die Gebeine können keinen Ge⸗ ruch behalten haben.— Wie alt iſt denn der Hund?“ „Acht Jahre— aber ſo klug wie je ein Thier einer Fährte folgte,“ ſagte der Greis;„Wolf— komm hierher,“ wandte er ſich dann an den Winſelnden,„komm her, mein Hund— kennſt Du Bill noch, Deinen alten guten Herrn?“„ Wolf ſetzte ſich nieder, hob den ſpitzigen Kopf hoch empor, ſah ſeinem Herrn treuherzig in die Augen, warf ſich mehrere Male unruhig von einem Vorderlauf auf den andern und ſtieß plötzlich ein nicht lautes, aber ſo wehmüthig klagendes Geheul aus, daß ſich der alte Mann nicht länger halten konnte. Er kniete neben dem 17 Thiere nieder, umſchlang ſeinen Hals, und machte durch einen hei⸗ ßen, lindernden Thränenſtrom ſeinem gepreßten Herzen Luft. Wolf aber leckte ihm liebkoſend Stirn und Wange, und Verfücht⸗ mehrere Male die Pfote auf ſeine Schulter ⸗zu legen. „Unfinn!“ ſagte Tom, dem bei dem ſonderbaren Betragen des Hundes ordentlich unheimlich zu Muthe wurde,„das Thier wittert menſchliche Ueberreſte, und da geht's ihm gerade wie mit Menſchen⸗ blut. Laßt das die Hunde plötzlich ſpüren, ſo heulen ſie ebenfalls, als ob ihnen das Herz brechen wollte.“ „Laßt mir den Glauben, Tom!“ bat der Alte, ſich endlich wehmüthig wieder emporrichtend,„es thut mir wohl, ſelbſt in dem Thiere das Gedächtniß für einen Freund bewahrt zu ſehen und— wir haben ja des Schmerzlichen genug, warum den ſchwachen Troſt noch muthwillig mit eigener Hand zerſtören?“ Ein Schuß aus der Richtung her, in welcher der Fluß liegen mußte, unterbrach hier ſeine Rede. „Verdammt!“ rief Tom,„ob die Burſchen nicht ſchon mit dem Boote da find— die Seehunde müſſen Nachts gefahren ſein, es iſt ja kaum Tag.“ „Thut mir den Gefallen und ruft ſie her!“ bat Edgeworth. „Mir wär's lieber, wenn Ihr mitginget, ſagte der junge Mann zögernd,„Ihr quält Euch hier und— „Ich bin gefaßt, wenn Ihr kommt, Tom— Thut mir die Liebe und ruft fie.“ Im nächſten Augenblicke hatte der junge Mann ſeine Büchſe geſchultert und ſchritt dem Flußufer zu, Edgeworth aber kniete an dem Fuße der Eiche, die Jahre lang ihre Arme ſchützend über die Ueberreſte ſeines Kindes ausgebreitet hatte, nieder, und lag ernſt und ſtill im brünſtigen Gebet, bis er die Schritte der vom Boote Kommenden hörte. Dann ſprang er auf und ſchritt ihnen feſt und ruhig entgegen. Tom hatte die Männer ſchon unten am Fluſſe mit dem Vor⸗ Gerſtäcker, Flußpiraten I. 2 —— 19 Platz, auf dem Edgeworth noch immer in Schmerz und Gram ver⸗ tieft ſtand, meiden. Da fuhr dieſer aus ſeinen Träumen auf, drückte den Bootsleuten allen freundlich die Hand, ſchulterte ſeine Büchſe, rief dem Hunde und ging mit feſten, ſicheren Schritten voran dem Boote zu. Eine halbe Stunde ſpäter knarrten und kreiſchten die ſchwe⸗ ren Ruder des unbehülflichen Fahrzeugs, mit deren Hülfe es in die eigentliche Strömung hinausgeſchoben wurde. Dann aber drängte es ſchwerfällig gegen die Mitte des Fluſſes zu und trieb langſam hinunter ſeine ſtille, einförmige Bahn. Wie es aber nur erſt einmal in Gang und richtig in der Strömung war, hoben die Bootsleute ihre„Finnen“(wie die langen Ruder ſolcher Boote genannt ſind) an Deck und ſtreckten ſich ſelbſt nachläſſig und behag⸗ lich auf den Bretern aus, die erſten Strahlen der freundlichen Morgenſonne zu genießen, die jetzt eben in all ihrer ſchimmernden Pracht und Herrlichkeit über dem grünen Blättermeer emportauchte. Edgeworth aber ſaß, mit dem Hund zwiſchen ſeinen Knien, am hintern Rande des Fahrzeugs und ſchaute ſtill und traurig nach den mehr und mehr in weiter Ferne verſchwimmenden Bäumen zurück, die das Grab ſeines Kindes üuberſchatteten. II. Der Kampf— Smart und Dayton. In Helena!) herrſchte ein gar ungewöhnlich reges Leben und Treiben, und aus der ganzen Umgegend mußte hier die Bevölke⸗ rung zuſammengekommen ſein. Ueberall ſtanden eifrig unterhan⸗ delnde Männer, theils in die buntbefranzten Jagdhemden der Hin⸗ *) Herena, eine kleine Stadt in Arkanſas, am Ufer des Miſſiſſtppi. 2* hergegangenen ſchnell bekannt gemacht, und ernſt und ſchweigend begannen ſie an der engen Gruft zu arbeiten, die des ungluͤcklichen jungen Mannes Gebeine aufnehmen ſollte. Dann legten ſie ſorgſam die geſammelten Ueberreſte hinein, warfen das Grab zu, wölbten den kleinen Hügel darüber und trugen nachher eben ſo ſtill und lautlos die Jagdbeute, die ihnen Tom bezeichnete, auf ihren Schultern zum Boote hinunter. „Halloh!“ rief ihnen hier der an Bord gebliebene Steuermann, eine wilde, drohende Geſtalt, das Geſicht ganz von Pockennarben zerriſſen, die ſchwarzen langen Haare wild um die Schläfe hängend, entgegen,„Bärenfleiſch! Bei den ſieben Todſünden!— verdamm' mein Augen, wenn das nicht der vernünftigſte Streich iſt, den unſer alter Capitain in langer Zeit ausgeführt hat.— Macht aber ſchnell, Burſchen, daß wir fort von hier kommen, wir verſaͤumen die ſchöne Zeit und das Waſſer fällt mit jeder Secunde.“. „Wir gehen noch einmal hinauf,“ ſagte der Eine von ihnen. „Was zum Henker iſt nun noch oben?“ „„Oben nichts mehr, wir wollen nur die Backſteine aus unſerer Küche hinauftragen und, ſo gut es geht, einen Grabſtein daraus machen.“ „Narren ſeid Ihr,“ zürnte der Steuermann,„wie ſollen wir nachher kochen?“ „In Vincennes können wir andere bekommen,“ ſagte Tom, „ſchaden würd's Euch auch nicht, wenn Ihr eine Ladung mit hin⸗ auf trüget.“ „Ich bin zum Steuern gemiethet und nicht zum Steineſchlep⸗ pen,“ brummte der Lange, indem er ſich ruhig auf's Verdeck ſtreckte. „Unſinn genug, daß Ihr die alten Knochen da oben noch einmal aufruhrt; die waͤren auch ohne Euch verfault.“ Die Maͤnner antworteten ihm nicht, luden ihre Laſt auf und ſtiegen damit die ſteile Uferbank empor. An dem Grabe errichteten ſie aber das einfache Denkmal für den ermordeten Jäger, friſchten das Kreuz in der Eiche wieder auf und wollten dann langſam den 1 ———— terwäldler, theils in die blauen Jeansfracks der etwas mehr civili⸗ ſirten Städter gekleidet, in Gruppen umher, während heftige Reden und lebhafte Geſticulationen ihr Geſpräch als ein keineswegs all⸗ tägliches verkündeten. Vor dem Union⸗Hotel— dem beſten Gaſthauſe der Stadt— ſchien ſich ganz beſonders ein nicht geringer Theil dieſer Menſchen⸗ maſſe concentrirt zu haben, und der Wirth deſſelben, eine lange hagere Geſtalt, mit blonden Haaren, ſcharfen Backenknochen, etwas ſpitzer, geradevorſtehender Naſe, aber blauen gutmüthigen Augen, kurz jeder Zoll ein Yankee, hatte ſchon eine geraume Zeit dem Drängen und Treiben vor ſeiner Schwelle mit augenſcheinlichem Wohlbehagen zugeſehen. Im Innern des Hauſes fehlte es allerdings keineswegs an Arbeit, und die thätige Hausfrau hatte, von ihrem Dienſtboten und einem Neger unterſtützt, alle Hände voll zu thun die Gäſte zu befriedigen, und Schlafſtellen für Die herzurichten, die zu weit entfernt von Helena wohnten. Trotzdem aber verharrte der Wirth in ſeiner ruhigen Stellung, und kümmerte ſich nicht im Geringſten um das innere Hausweſen. Durch den Wortwechſel und vielleicht auch durch geiſtige Ge⸗ tränke erhitzt, artete indeß die bisherige ruhige, wenigſtens friedliche Unterhaltung immer mehr und mehr aus.— Einzelne heftige Flüche und Drohungen überſchallten zuerſt für Augenblicke das übrige Wortchaos, und plötzlich kündete ein ſcharfer Schrei und ein wildes Drängen, wie es endlich, was der laͤchelnde Wirth ſchon lange er⸗ ſehnt haben mochte, zu Thätlichkeiten gekommen ſei. Mit halbvorgebeugtem Oberkörper, die beiden Hände tief in den Beinkleidertaſchen, und die rechte Schulter an den Pfoſten ſeiner Thür gelehnt, ſtand er da, und man ſah es ihm ordentlich an, welch Vergnügen ihm ein Kampf mache, deſſen Reſultat ſo ganz ſeinen Wünſchen entſprochen haben mußte. Der nämlich, der den erſten Schlag gegeben, war ein kleiner unterſetzter Irländer, mit brennend⸗ rothen Haaren und wo möglich noch rötherem Barte, dazu in Hemdsärmeln, mit offenem Kragen und etwas kurzen, eng anſchließenden Nankingbeinkleidern, was ſeiner Figur einen eigenthümlich komiſchen Anſtrich gab. Außerdem be⸗ wies ſich aber Patrik O'Toole nichts weniger als komiſch oder auch nur ſpaßig, ſobald er ein paar Tropfen Whiskey im Kopfe und irgend Urſache zu einem vernünftigen oder„raiſonnablen“ Streite, wie er es nannte, hatte. Wenn auch nicht zänkiſch, ſo war er doch der Letzte, der einen Platz verlaſſen hätte, wo noch die mindeſte Ausſicht zu einer anſtändigen Prügelei zu erwarten geweſen wäre. So gerechte Sache aber Patrik oder Pat, wie er gewöhnlich im Städtchen hieß, diesmal haben mochte, ſo ſehr fand er ſich bald im Nachtheil, denn kaum lag ſein Gegner vor ihm im Staube, als der größte Theil Derer, die bis jetzt wenig oder gar keinen Antheil an dem Zanke genommen, auf ihn eindrangen und den Gefallenen rächen wollten. „Zurück mit Euch!— weg da, Ihr Blackguards, Ihr— Söhne einer Wölfin!“— ſchrie der Irländer, und theilte dabei, ohne Un⸗ terſchied der Perſon, nach links und rechts ſo gewaltige und gut gezielte Stöße aus, daß er die Angreifer blitzesſchnell zu ſicherer Entfernung zurückſcheuchte.— „Ehrlich Spiel hier!“ ſchrie er dabei und ſtreifte ſich ſchnell den, immer wieder niederrutſchenden Aermel auf—„ehrlich Spiel, Ihr Spitzbuben, Einer gegen Einen, oder auch Zwei und Drei, aber nicht Acht und Neun; die Peſt über Euch— ich klopfe Euch die Schädel ſo breiweich, wie Euer Hirn iſt— Ihr hohlköpfigen Ha⸗ lunken Ihr—“ „Ehrlich Spiel!“ riefen auch Einige aus der Menge und ſuch⸗ ten die übrigen Kampfluſtigen zurückzudrängen. Der zu Boden Geſchlagene hatte ſich aber in dieſem Moment ebenfalls wieder auf⸗ gerafft, und das eine blau unterlaufene Auge mit der linken Hand bedeckend, riß er mit der rechten ein bis dahin verborgen gehaltenes Meſſer unter der Weſte vor, und warf ſich mit einem Schrei des wildeſten, unbezähmbarſten Ingrimms auf den, ihn ruhig erwarten⸗ den Iren. Dieſer jedoch, ohne weiter ſeine Stellung zu verändern, fing den drohend gegen ihn gerichteten und ficherlich gut gemeinten Stoß auf, indem er den Angreifer am Handgelenk erfaßte, zum zweiten Male niederſchlug, und nun in dem Rechtlichkeitsſinn der ihn Um⸗ ſtehenden hinlängliche Bürgſchaft zu finden glaubte, daß fie einen andern, dem ähnlichen Ueberfall verhindern würden. Die Volksmenge ſchien ihm aber keineswegs geneigt— man entzog zuerſt den Beſiegten ſeinen Händen, und dann brach der Sturm in plötzlicher, aber deſto verheerender Gewalt über ihn los. „Zu Boden mit dem Iriſchen Hund! nieder mit ihm!“ tobten ſie.—„Er hat Hand an einen Bürger der Vereinigten Staaten ge⸗ legt— was will der Ausländer hier? der über's Waſſer Ge⸗ kommene?“— „In's Waſſer denn mit ihm!“ ſchrie da ein breitſchulteriger bleicher Geſell, dem ſich eine tiefe, noch kaum geheilte Narbe vom linken Mundwinkel bis hinter das Ohr zog, was ſeinem Geſichte etwas unbeſchreiblich Wildes und Unheimliches verlieh—„in s Waſſer mit ihm— die Iriſchen und Deutſchen Halunken verder⸗ ben armen ehrlichen Arbeitern ohnedies die Preiſe. In den Miſ⸗ ſiſſippi mit der dünnbeinigen Canaille, da kann ſie mit den See⸗ ſvinnen Hornpipes tanzen un und mit dieſen Worten, während er einen nicht ſehr lauten, aber ganz eigenthümlichen Pfiff ausſtieß, warf er ſich ſo plöͤtzlich gegen den uͤberraſchten Irländer, daß er dieſen für den Augenblick zum Wanken brachte. Den geübten Boxer würde er jedoch trotz alledem nicht übermannt haben, wären nicht die ihm zunächſt Stehenden und mehrere Andere, die ſich ſchnell hinandrängten, raſch zu ſeiner Huͤlfe herbeigeeilt, und O'Toole ſah ſich gleich darauf von mehreren Seiten erfaßt und zu Boden ge⸗ worfen. „In den Miſſiſſippi mit dem Schuft!“ tobte der Haufen— „ 23 „bindet ihm die Hände auf den Rücken und laßt ihn ſchwimmen!— Fort nach Irland mit ihm— er kann ſich unterwegs ein Schiff beſtellen,“ jubelte ein Anderer, und wenn auch Einzelne der fried⸗ licher Geſinnten, die keineswegs wollten, daß ein bloßer Streit ein ſolch tragiſches Ende nehmen ſollte, dazwiſchen ſprangen und den Ueberwältigten zu retten ſuchten, ſo wurden dieſe doch leicht zurück⸗ gehalten, und jauchzend ſchleppten die Raſenden ihr Opfer dem Flußrande zu. O Toole's Lage war eine hoͤchſt mißliche, und er ſelbſt wußte nur zu gut, wie feindlich ein großer Theil der Bewohner von St. Helena gegen ihn geſinnt ſei, um nicht das Schlimmſte zu furchten. Schwerlich würden ihm aber ſeine verzweifelten Anſtrengungen, mit denen er verſuchte den Mördern Trotz zu bieten, etwas genützt ha⸗ ben. Die Uebermacht war zu groß und die Nähe des Fluſſes ließ ihnen auch keine Zeit zum Ueberlegen, ſondern ſchien ihr Vorhaben eher noch zu begünſtigen.— Da war es ein Einzelner, der ſich plötzlich mitten zwiſchen die Wüthenden warf und, den Arm des Iren ergreifend, jeden weitern Fortſchritt hemmte; dieſer Einzelne aͤber niemand Anderes, als unſer freundlicher Wirth, Jonathan Smart, der hier mit einer Autorität ſein„Halt— das iſt genug!“ aus⸗ ſprach, als ob er von dem Haufen ganz beſonders zum Friedens⸗ und Schiedsrichter beſtellt geweſen wäre. Die Menge zeigte indeſſen nicht die mindeſte Luſt, das ſo un⸗ erwartete und ungebetene Einſchreiten geduldig zu ertragen. „Zurück, Smart— laßt den Mann los und geht zum Teufel!“ und mehrere ähnliche und gleich freundliche Anreden ſchallten ihm aus faſt jedem Munde entgegen. Smart aber behauptete nichts deſto weniger ſeinen Platz und rief nur mit feſter Stimme da⸗ gegen: „Ich will verdammt ſein, wenn Ihr ihm ein Haar krümmt!“ „So ſei es denn!“ ſchrie da der Eine ſeiner Gegner, zog eine kleine Taſchenpiſtole, richtete ſie auf den Yankee und drückte ab. Nun verſagte zwar, zum großen Glück des menſchenfreundlichen Retters, die Waffe, Jonathan Smart war aber nicht der Mann, der ruhig auf ſich zielen ließ. Mit ſchnellem Griff riß er ein unter ſeinem Rock getragenes, wenigſtens zwolf Zoll langes Bowiemeſſer vor und führte damit ſchon in der nächſten Secunde einen ſo kräftigen wohlgemeinten Hieb nach dem entſetzt Zurückfahrenden, daß er ihm, wenn jener Stich gehalten, den Schädel unfehlbar mit dem ſchweren Stahl geſpalten haben müßte. Der aber, dem die jetzt Zorn funkelnden Augen des Gereizten nur zu deutlich verrie⸗ then, was ihn erwarte, ſprang mit lautem Aufſchrei zur Seite und nur noch die Spitze des Meſſers traf ihn vorn an der Schulter, 4 von wo an ſie ihm den Rock bis hinab an den Saum mit einem Hiebe aufriß.. Der Schlag war zu tüchtig geführt geweſen, um an dem vollen Ernſt des Mannes nur einen Augenblick zu zweifeln. Sein Auge flog auch jetzt mit ſo dunkelglühendem und herausforderndem Trotz über die Anderen hin, daß ſie ſcheu und faſt unwillkürlich den Iren losließen. Der aber fühlte ſeine Glieder kaum wieder frei, als er auch ſchon raſch emporſprang und nicht übel Luſt zu haben ſchien, den für ihn faſt ſo verderblich gewordenen Kampf an Ort und Stelle zu erneuern. Smart jedoch hielt ſeinen rechten Arm wie mit eiſernem Griff umſpannt, und ehe noch die für den Augen⸗ blick wie vor den Kopf geſtoßenen Männer einen neuen Entſchluß faſſen oder es über ſich gewinnen konnten, dem ihnen ſo herausfor⸗ dernd gezeigten Stahl zu trotzen, zog der Wirth den kleinen Eng⸗ länder mit ſich fort, ſeinem eigenen Hauſe zu und verſchwand gleich darauf im Innern deſſelben. „Verdamm meine Augen!“ ſchrie da plötzlich der ſchon früher erwähnte bleiche Geſell mit der Narbe—„ſollen wir uns das ge⸗ fallen laſſen? Wer iſt denn der langbeinige Schuft von einem Yankee, der hier nach Arkanſas kommt, und einem ganzen Haufen ordentlicher Kerle vorſchreiben will, was er zu thun und zu laſſen 12 ◻ hat? Ei ſo ſteckt doch dem Halunken das Haus über dem Kopfer an!—“ „Bei Gott, das wollen wir— kommt, Boys, holt das Feuer aus ſeiner eigenen Küche!“ tobte und wüthete die Schaar—„nie⸗ der mit der Kneipe, die Beſtie will ſo nichts pumpen!“ Die Maſſe wandte ſich— raſch zur Unthat entſchloſſen— ge⸗ gen das alſo bedrohte Haus, und wer weiß, wie weit ſie in ihrem augenblicklich und heftig entflammten Grimme gegangen wären, hätte ſich ihr nicht jetzt, aber mit der freundlichſten, bittendſten Geberde, ein Mann entgegengeſtellt, der ſie mit hocherhobenen Armen und lauter Stimme bat, ihm einen Moment Gehör zu ſchenken. Er war hoch und ſchlank gewachſen, mit offener freier Stirn, dunklen Augen und Haaren und feinen, faſt weiblich ſchön geſchnittenen Lippen. Auch in ſeiner ganzen Haltung lag etwas Gebieteriſches und doch wieder Geſchmeidiges, und ſeine Kleidung, die aus feinem ſchwar⸗ zen Tuch und ſchneeweißer Wäſche beſtand, verrieth ebenfalls, daß er entweder dieſen Kreiſen fremd ſei, oder doch eine Stellung be⸗ kleide, die ihn über ſeine Umgebung erhebe. Er war zu gleicher Zeit Advokat und Arzt und ſeit einem Jahr erſt aus den noͤrdlichen Staaten hier eingetroffen, wo er ſich ſeiner Kenntniſſe und ſeines einnehmenden Betragens wegen in gar kurzer Zeit nicht allein eine bedeutende Praxis erworben hatte, ſondern auch in Stadt und County zum Friedensrichter ernannt worden war. „Gentlemen!“ redete dieſer jetzt die, ihm wunderbarer Weiſe raſch Willfahrenden an—„Gentlemen, bedenken Sie, was Sie thun wollen.— Wir befinden uns unter dem Geſetze der Vereinigten Staaten und die Gerichte ſind ſowohl bereit, Sie gegen den An⸗ griff Anderer, als Andere gegen Ihren Angriff zu ſchützen. Mr. Smart hat Sie aber nicht einmal beleidigt— er bat Ihnen im Gegentheil einen Gefallen gethan, indem er Sie vor einer Gewaltthat⸗ bewahrte, die wohl böſe Folgen für Manche von Ihnen gehabt haben 26 könnte— Sie ſollten ihm eher dankbar ſein— Mr. Smart iſt auch ſonſt in jeder Hinſicht ein Ehrenmann.“ „Hol ihn der Teufel!“ rief hier der, nach dem der Wirth mit ſeinem Meſſer gehauen,„dankbar ſein— Ehrenmann— ein Schuft iſt er, und hätte mich beinahe geſpalten wie eine Apfelſine— In die Hölle mit ihm— Feuer in ſein Neſt, das iſt mein Rath!“ „Gentlemen! hat Sie Mr. Smart beleidigt,“ nahm hier der Richter auf's Neue das Wort,„ſo bin ich auch überzeugt, daß er Alles verſuchen wird, ſeinen begangenen Fehler wieder gut zu machen; kommen Sie, wir wollen ruhig zu ihm hinaufgehen, und er mag dann mit freundlichem Wort und einer kleinen freiwilligen Spende an Whiskey, die wir ihm auferlegen werden, das Geſchehene ausgleichen— ſind Sie das zufrieden?“ „Ei, hol's der Henker— ja!“ ſagte der mit der Narbe—„er ſoll traktiren.— Tritt er mir aber wieder einmal in den Weg, ſo will ich verdammt ſein, wenn ich ihm nicht neun Zoll kalten Stahl zu koſten gebe.“ „Haͤtte nur mein verdammtes Terzerol nicht verſagt,,— ziſchte der Andere—„die Peſt über den Krämer, der— ſo erbärmliche Waaren führt.— „Kommt, Boys, in's Hotel— Smart mag herausrücken, und wenn er's nicht thut, ſo ſoll ihm der— Böſe das Licht halten“¹— ſagte der Narbige. „In's Hotel— in's Hotel!“ jauchzte die Schaar—„er muß traktiren, ſonſt ſchlagen wir ihm den ganzen Kram in tauſend Stücken!“ In jubelndem Chor wälzte ſich der zügelloſe Haufe dem Gaſt⸗ haus zu, und wer weiß, ob des Advokaten freundlich gemeinte Bei⸗ legung des Streites nicht hier zu noch viel ernſthafteren Auftritten geführt hätte. Smart kannte aber ſeine Leute zu gut und wußte, wie er, ſobald er den Schwarm wirklich in ſein Haus laſſe, gänz⸗ lich in den Händen der ſchon halb Betrunkenen ſei, und dann auch —— 27 jedem ihrer Wünſche willfahren müſſe, wollte er ſich nicht der größ⸗ ten Gefahr an Leben und Eigenthum ausſetzen. Als ſich daher die Rädelsführer ſeiner Thür näherten, trat er plötzlich mit geſpannter und im Anſchlag liegender Büchſe ruhig auf die oberſte Schwelle und erklärte feſt, den Erſten niederzuſchießen, der die Stufen ſeiner Treppe betreten würde. Smart war als ein ausgezeichneter Schütze bekannt, und ſicherer Tod lag in der, ihnen drohend entgegengehaltenen Mündung. Der Advokat trat aber auch hier wieder vermittelnd zwiſchen den Par⸗ teien auf, bedeutete den Yankee, daß die Männer hier keine Feindſelig⸗ keit weiter gegen ihn nährten, und bat ihn, die Büchſe fortzuſtellen, da⸗ mit auch das Letzte entfernt ſei, was auf Streit und Kampf hindeuten könne. „Gebt den guten Leuten ein paar Quart Whiskey,“ ſchloß er dann ſeine Rede,„und ſie werden Euere Geſundheit trinken. Es iſt ja doch beſſer, mit Denen, die unſere Nachbarn in Stadt und Haus ſind. friedlich und freundlich beiſammen, als in immer⸗ währendem Streit und Hader zu leben.“ Der Nankee hatte bei den ruhigen Worten des Advokaten, den er ſelbſt ſchon ſeit längerer Zeit als einen ordentlichen und, wenn es galt, auch entſchloſſenen Mann kannte, den Büchſenkolben ge⸗ ſenkt, ohne jedoch die rechte Hand vom Schloſſe zu entfernen, und erwiederte jetzt freundlich: „Es iſt recht hübſch von Ihnen, Mr. Dayton, daß Sie nach beſten Kraͤften Streit und Blutvergießen gehindert haben— Man⸗ cher Ihrer Herren Collegen bätte das nicht gethan. Damit Sie denn auch ſehen, daß ich keineswegs geneigt bin, mit den guten Leuten, gegen die ich ja ſonſt nicht das Mindeſte habe, wieder auf freundſchaftlichen Fuß zu kommen, ſo bin ich gern erbötig, eine volle Gallone zum Beſten zu geben, aber— ich will ſie hinaus⸗ ſchicken.— Ich habe Ladies hier im Hauſe und die Gentlemen draußen werden gewiß ſelbſt damit einverſtanden ſein, ihren Brandy 28 im Freien zu trinken und ſich nicht dabei durch die Gegenwart von⸗ Damen geſtört zu wiſſen.“ „Hallo— Brandy?“ rief der mit der Narbe—„wollt Ihr uns wirklich eine Gallone Brandy geben, und dabei erklären, daß Euch das Geſchehene leid ſei?“ „Allerdings will ich das!“ erwiederte Jonathan Smart, wäh⸗ rend ein leichtes ſpöttiſches Zucken um ſeine Mundwinkel ſpielte, „und zwar vom vortrefflichſten Phirſich⸗Brandy, den ich im Hauſe habe— ſind die Herren damit einverſtanden?“ „Ei— Bootshaken und Enterbeile— ja!“ nahm der Bleiche das Wort—„heraus mit dem Brandy,— wenn Unterröcke drin ſitzen, wird's einem ordentlichen Kerl doch nicht ſo recht behaglich zu Muthe— aber ſchnell, Smart— Ihr trefft uns heute in ver⸗ dammt guter Laune und könnt Euch gratuliren; laßt uns deshalb alſo auch nicht lange warten.“ Fünf Minuten ſpäter erſchien ein ſtarker, breitſchultriger Neger, mit ächtem Wollkopf und faſt ungewöhnlich ſtreng ausgeprägten athiopiſchen Geſichtszügen in der offenen Thür, und trug— wäh⸗ rend er die Verſammlung, jedoch noch immer mißtrauiſch, bald links bald rechts zu betrachten ſchien— in dem linken Arme eine roße breitbäuchige Steinkruke, in der andern ein halbes Dutzend lechbecher. Die Schaar empfing ihn aber jubelnd, unterſuchte vor allen Dingen das Getränk, ob es auch wirklich der gute, ihnen verſprochene Stoff ſei, und zog dann jauchzend dem Fluß zu, wo ſie an Bord eines dort liegenden Flatbootes gingen und bis in die ſpäte Nacht hinein zechten und tobten. Dayton dagegen blieb noch eine Weile ſtehen und blickte den davon Tobenden ſtill und, wie es ſchien, ernſt ſinnend nach. Smart aber ſtörte ihn bald aus ſeinem Nachdenken auf;— er lehnte die Büchſe oben an einen Poſten der Veranda und ſtieg zu dem ihm ſo freundlich zu Hülfe gekommenen Richter nieder. „Dank' Euch, Sir,“ ſagte er hier, waͤhrend er ihm freundlich⸗ 29 die Hand entgegenſtreckte,„dank Euch für Euer ſehr zeitgemäß ein⸗ gelegtes Wort— Ihr hättet zu keinem gelegenern Moment da⸗ zwiſchen treten können.“ „Nicht mehr als Bürgerpflicht,“ lächelte der Richter,„die Menge läßt ſich gern von einem entſchloſſenen Manne leiten, und wenn man den richtigen Zeitpunkt auch richtig trifft, ſo vermag ein einzelnes ernſtes Wort oft Gewaltiges.“ „Nun, ich weiß nicht“— meinte Smart kopfſchüttelnd, wäh⸗ rend er einen nichts weniger als freundlichen Seitenblick nach dem Fluß hinabwarf,„dergleichen Volk läßt ſich ſonſt nicht leicht, we⸗ der von freundlicher Rede, noch feindlicher Waffe zurückſchrecken. Es ſind meiſtens Leute, die nichts weiter auf der Welt zu verlieren haben als ihr Leben, und der Gefahr deshalb, da ſie dieſes keinen Pfifferling achten, trotzig entgegengehen. Ich bin übrigens doch froh, ſo wohlfeilen Kaufes losgekommen zu ſein, denn— Blut zu vergießen iſt immer eine häßliche Geſchichte. Aber ſo tretet doch einen Augenblick in's Gaſtzimmer, ich komme gleich nach— muß nur erſt einmal nach meiner Alten in der Küche ſehen und alles Nöthige beſtellen.“ „Ich dank Euch,“ ſagte der Richter,„ich muß nach Hauſe.— Es ſind mit dem letzten Dampfboot heut Briefe angekommen, und vom Fluß herunter habe ich auch— mehrerer Geſchäftsſachen we⸗ gen— einen Beſuch zu erwarten. Wollt Ihr mir aber einen Ge⸗ fallen thun, ſo kommt Ihr nachher ein Bischen zu mir herüber.— Bringt auch Euere alte Lady mit— ich habe überdies noch Man⸗ ches mit Euch zu beſprechen.“ „Meine Alte wird wohl daheim bleiben müſſen,“ ſagte der Yankee lächelnd,„wir haben das Haus voll Leute, aber ich ſelbſt — ei nun, ich bin überdies recht lange nicht bei Mrs. Dayton geweſen— die— Burſchen werden doch nicht etwa noch einmal kommen?“— „Habt keine Angſt,“ beruhigte ihn der Richter—„das Volk 30 iſt wild und hitzköpfig, auch wohl ein wenig roh— aber überdach⸗ ter Schlechtigkeit halte ich ſie nicht für fähig. Sie hätten Euch vielleicht im erſten wilden Zorn das Haus über dem Kopfe ange⸗ ſteckt; den aber erſt einmal verraucht, ſo wird auch keiner mehr daran denken, Euch zu beläſtigen.“ „Deſto beſſer,“ ſagte Jonathan Smart,„Angſt hätte ich übri⸗ gens auch nicht— mein Scipio haͤlt, wenn ich fort bin, Wacht, und der Hornruf aus dem Fenſter kann mich überall in Helena erreichen.— Alſo auf Wiederſehn— in einem halben Stuͤndchen komme ich hinüber.“ Er trat bei dieſen Worten, während der Richter ſeiner eigenen Wohnung zuſchritt, in's Haus zurück, und ſtand gleich darauf vor ſeiner„beſſeren Häͤlfte“, wie ſie ſich ſelſt zu nennen pflegte, die er übrigens, theils durch die überhäufte Arbeit, theils durch die vor⸗ gegangene Scene, in der übelſten Laune von der Welt fand. Mrs. Smart war denn auch keineswegs die Frau, die irgend einen Groll lange und heimlich mit ſich herum getragen hätte. Was ihr auf dem Herzen lag, mußte heraus, mochte es ſein, was es wollte. So ſchob ſie ſich denn auch, als ſie ihren Herrn und Gemahl nahen hörte, das Sonnenbonnet, das ſie der Kamingluth wegen auch in der Küche trug, zurück, ſtemmte beide Arme— in der rechten noch immer den langen hölzernen Kochlöffel haltend— feſt in die Seite, und empfing den langſam herbeiſchlendernden Gatten mit einem ſcharfen „So— was hat der Herr denn heute wieder einmal für ganz abſonderlich geſcheidte Streiche angerichtet? man darf den Rucken nicht mehr wenden, ſo iſt irgeud ein Unglüͤck in Anmarſch, und kein Kuchen kann im ganzen Neſte gebacken werden, ohne daß Mr. Smart ſeinen Finger und ſeine Naſe hineinſtecken müßte.“ „Mrs. Smart,“ ſagte Jonathan, der gerade jetzt viel zu guter Laune war, um ſich dieſe durch den Unwillen ſeiner Gattin ver⸗ * 4 — — 31 derben zu laſſen—„ich habe heute ein Menſchenleben gerettet, und das, ſollte ich denken—“ „Ach was da, Menſchenleben“— unterbrach ihn in allem Eifer Mrs. Smart—„Menſchenleben hin Menſchenleben her— was geht Dich das Leben anderer Leute an. An Deine Frau ſollteſt Du denken, aber die mag ſich ſchinden und quälen, die mag ſich mühen und placken, das iſt dieſem Herrn der Schöpfung ganz einerlei. Er wirft auch die Gallonen guten Phirſich⸗Brandy gerade ſo auf die Straße hinaus, als ob er ſie da draußen gefunden häͤtte, während ich hier, im Schweiße meines Angeſichts arbeiten, und un⸗ ſer Aller Brod verdienen muß—“ —„wäre mit der gehabten Mühe keineswegs zu theuer erkauft geweſen“— fuhr Smart ruhig, ohne die Unterbrechung ſeines Weibes auch nur im Mindeſten zu beachten, fort. „Ich ſage Dir aber: es waͤre zu beachten geweſen,“ eiferte die, hierdurch nur noch mehr erzurnte Frau—„es ware zu be⸗ achten geweſen, wenn Du nur ſo viel Gefühl für Dein eigen Fleiſch und Blut hätteſt. Aber Philippchen kann heranwachſen und groß werden— das kümmert Dich nicht.— Nach Deiner Wirthſchaft geht Alles zu Grunde und m uß Alles zu Grunde gehen, und wenn der arme Junge einmal das Alter hat, ſo wird er wol nicht einmal eine Stelle haben, wohin er ſein Haupt legt— Du Ra⸗ benvater.“ „Der Rabenvater hatte auch keine Stelle, wo er ſein Haupt hinlegen konnte, als er heranwuchs“— laͤchelte Mr. Smart gut⸗ müthig und rieb ſich dabei die Hände—„Mr. Smart senior gab ihm aber allerlei gute Lehren, und die haben denn auch ſo gute Früchte getragen, daß ſich Smart junior, nach mehrmaliger Ernte, das ſchönſte Gaſthaus in ganz Helena bauen konnte.— Smart senior iſt nun todt, und Smart junior iſt Smart senior gewor⸗ den; wenn alſv, in naturlicher Folge, Smart junior jetzt—“ 32 „Nun hör' einmal auf, mit all dem Unfinn von senior und zunior— geh an Dein Geſchäft— beſorge die Pferde, die draußen im Stalle ſtehn— ſchick mir den Neger her und laß ihn Bohnen aus dem Felde bringen. Zum Kaufmann muß er auch hinüber⸗ gehn, um das Faß Zucker zu holen— Mann, Du wirſt mich mit Deinem Leichtſinn noch in die Grube bringen.“ —„dem Rathe des Smart senior ſo folgt, wie Smart senior damals dem Rath ſeines Vaters folgte,“ fuhr der unverwüſtliche Yankee ruhig und unbekümmert fort—„ſo iſt alle Hoffnung vor⸗ handen, daß, auch ohne unſer Zuthun, Smart junior ſchon ſeinen Lebensunterhalt auf anſtaͤndige Weiſe gewinnen werde.“ „Scipio ſoll hierher kommen,“ ſchrie jetzt Mrs. Smart, wirklich zur äußerſten Wuth getrieben, während fie mit dem Fuße ſtampfte und. den Stiel des Löffels auf den einzigen kleinen Tiſch niederſtieß—„hörſt Du, Jonathan?— Scipio ſoll herkommen, und nun fort mit Dir, Menſch, der Du meinen Tod willſt, oder ich gebrauche, ſo wahr mich unſer lieber Herr Gott erhören ſoll, mein Küchenrecht.*)“— Und mit raſchem Griff erfaßte ſie den kupfernen langſtieligen Schöpfer und fuhr damit in den Keſſel voll ſiedenden Waſſers, der über dem Feuer ziſchte und ſprudelte. Nun wußte Mr. Smart allerdings, daß es zwiſchen ihnen, trotz dem von Seiten Madames oft hitzig geführten Zungenkampf, nie zu Thätlichkeiten kam, denn Madame kannte zu gut den ernſten und feſten Sinn ihres Mannes, ſo etwas je zu wagen. Um aber auch jedem Wortwechſel ein Ende zu machen und die erzürnte Ehe⸗ hälfte, die ihm ſonſt eine brave und treue Gattin war, freundlicher zu ſtimmen, zog er ſich ruhig zur Thür zurück und frug nur hier, *) Das hier gemeinte und in Nordamerika ſo geltende Küchenrecht, was nicht ſelten, beſonders auf Dampfbooten, ſeine Anwendung findet, beſteht darin, einen Kochlöffel voll ſiedenden Waſſers gerade über dem, den man aus der Küche haben will, an die Decke zu ſchleudern, daß, wenn er ſich nicht raſch durch die Flucht den Folgen entzieht, die heiße Fluth auf ihn hinabträufelt. —— 33 die Klinke in der Hand,„ob Mrs. Smart ſonſt noch etwas zu beſtellen habe, da er ein paar Geſchäftswege abmachen müſſe.“ Dieſen Rückzug nahm Madame übrigens als ein ſtillſchweigen⸗ des Zeichen der Anerkennung ihrer Autorität, und bedeutend mil⸗ der geſtimmt, goß ſie das kochende Waſſer wieder zurück in ſein Gefäß, wiſchte ſich mit der Schürze den Schweiß von der geröthe⸗ ten Stirn und ſagte, in noch halbärgerlichem, aber doch nicht mehr heftigem Tone: „Nein, Mr. Smart— wenn Sie Ihre Geſchäfte außer dem Hauſe haben, ſo brauchen Sie ſich auch nicht um die meinigen zu kümmern.— So viel ſage ich Ihnen aber, die Pferde“— „Sind ſämmtlich gefüttert und beſorgt,“ bemerkte Smart.— „Und das Faß Zucker“— „Steht in der Bar.“— „Aber die Bohnen“— „Sind von Scipio ſchon vor einer halben Stunde gepflückt worden.“— „Und die beiden Zimmer, die noch für die letztgekommenen Gäſte geräumt werden ſollten“— „Können jeden Augenblick bezogen werden,“ lächelte Jonathan — Nr. Smart und Scipio haben das Alles beſorgt— ſonſt noch Etwas?“ Madame— jetzt wirklich ärgerlich, daß weiter gar Nichts zu bemerken war, arbeitete mit immer größerem Eifer und immer rö⸗ ther werdender Phyfiognomie in den Kohlen herum, auf die ſie ſich ſchon zweimal vergebens bemüht hatte, den ſchweren eiſernen Keſſel zu heben. Jonathan aber, dies bemerkend, ſprang raſch hinzu— ergriff die Haken und ſchwang das mächtige Gefäß mit leichter Muhe auf ſeinen Ort, wandte ſich dann lächelnd nach ſeiner kaum noch ſchmollenden Ehehälfte um, drückte ihr einen raſchen, aber nichts deſtoweniger derbgemeinten Kuß in das rothe, gutmuͤthige Gerſtäcker, Flußpiraten. I. 3 34 Geſicht, und ſtieg im nächſten Augenblick— die Hände tief in den Beinkleidertaſchen und aus Leibeskräften den Yankeedoodle pfeifend⸗ — mit raſchen Schritten zur Thür hinaus in's Freie. III. Das Union⸗Hotel und ſeine Gäſte. Leſer, haſt Du ſchon je ein Amerikaniſches Wirthszimmer ge⸗ ſehen? nein? das iſt Schade— es wuͤrde mir die Beſchreibung er⸗ ſparen. Wie die Bahnhöfe auf unſeren Eiſenbahnen, ſo haben die Wirthszimmer in der Union eine Familienähnlichkeit, die ſich in keinem Staate, weder im Norden noch Suden, verleugnen läßt, und in den koſtbarſten Auſter⸗Salons der öͤſtlichen Städte, wie in den gewöhnlichen grogshop der Backwords, ſichtbar und erkenntlich bleibt. Der Schenktiſch, mag er nun mit Marmorplatten belegt, oder von einem ſchmutzigen hölzernen Gitter beſchützt ſein, trägt ſeine kleinen Fläſchchen mit Pfeffermünz und Staunton Bitters, da⸗ mit ſich jeder Gaſt ſein Getränk mit einem der beiden ſcharfen Spirituoſen würzen könne, und die dahinter angebrachten Caraffen blitzen und funkeln und laden mit ihrem farbigen Inhalt den Gaſt ein, ſie zu koſten. Apfelſinen und Citronen füllen dabei die leeren Zwiſchenräume aus, und bleibehalſte Champagnerflaſchen, ſowie ſüße, mit buntfarbigen Etiketten verſehene Liqueure prangen in den oberſten Regalen. Nie aber wird ſich der Reiſende in dieſen öffent⸗ lichen Gebäuden, mögen ſie nun„hotel“ oder„inn“—„tavern“ oder„boardinghouse“ heißen, wohnlich fühlen. Wie Alles in Amerika, einzelne Privatwohnungen ausgenommen, nur für den augenblicklichen Genuß und Nutzen eingerichtet iſt und jede wirk⸗ 5 3⁵ liche Behaglichkeit entbehrt, ſo iſt es auch mit dieſen, doch eigentlich für die Bequemlichkeit der Reiſenden hingeſtellten Gaſthäuſern. Schon die ganze innere Einrichtung beweiſt das.— Nur vor dem Kamin ſtehen Stühle, und um denſelben, ſelbſt im Sommer, wenn kein Feuer darin brennt, ſammeln ſich aus alter Gewohn⸗ heit die Gäſte, und ſpritzen ihren Tabaksſaft in die liegengebliebene uſche. Keiner ſetzt ſich mit ſeinem Glaſe zum Tiſch und verplau⸗ dert ein halbes Stündchen mit dem Freunde;— keiner liegt, im Stuhl behaglich zurückgelehnt, und beobachtet die Kommenden und Gehenden. In Gruppen ſtehen ſie beiſammen— das kaum ge⸗ füllte Glas wird ſchnell geleert, höchſtens einmal eine Zeitung durchflogen, und wieder fort ſturmt der erſt eingekehrte Gaſt ſeinen Geſchäften oder ſeinem Vergnügen nach. Das Union⸗Hotel machte keine Ausnahme von dieſer ziemlich allgemeinen Regel. Der Thür gegenüber befand ſich der Schenk⸗ ſtand, hinter dem ein junger Mann kaum Haͤnde genug zu haben ſchien, die verlangten Gläſer zu füllen.— Links war der Kamin, rechts führten drei Fenſter auf die Elmſtreet hinaus, während neben der Thür zwei andere vorn heraus eine Ausſicht durch die Veranda nach der breiten Frontſtreet und zugleich mit auf die Dampf⸗ und Flatboot⸗Landung und den Strom gewährten. In der Mitte des ziemlich großen Raumes ſtand ein breitfüßiger, vier⸗ eckiger Tiſch, auf dem ein paar Zeitungen, die State Gazette, der Cherokee advocate, und das New-Orleans-Bulletin lagen, und ein Dutzend Stühle, ein kleiner Nürnberger Spiegel und eine un⸗ vermeidliche Yankee⸗Uhr über dem Kaminſims ffüllten den übrigen Platz an Meubles aus.. Intereſſanter aber waren die Gruppen, die in den verſchiede⸗ nen Theilen des Zimmers umherſtanden.— Nur zwei Leute ſaßen nämlich, und dieſe zwar, wie zwei Kaminverzierungen, an beiden Seiten deſſelben: die Rücken der Geſellſchaft zugedreht, und die Beine hoch oben auf dem Sims, neben der Uhr. 3* 36 Die Hauptgruppe der Gäſte bildete ein junger Advokat aus Helena, Namens Robins, ein Farmer aus der Nähe von Little Rock, ein junger, grobknochiger Geſell, der trotz dem hellblauen Frack aus Wollenzeug und dem ſchwarzen abgeſchabten Filz etwas unverkennbar Matroſenartiges an ſich hatte, und der ſogenannte Mailrider, der zu Pferde den ledernen Briefſack zwiſchen He⸗ lena und Strongs Poſtoffice, in der Nähe des St. Franzisfluſſes, hin⸗ und herführte. Das Geſpräch drehte ſich jetzt um die eben ſtattgehabten und beſchriebenen Vorfälle, die ſie aus dem Fenſter größtentheils mit anſehen konnten, und der Mailrider, ein kleines dürres Männchen von etwa fünfundzwanzig Jahren, war beſonders ganz erſtaunt, daß ſich eine ſolche Menge kräftiger, trotzig aus⸗ ſehender Burſchen erſt von einem einzelnen Mann einſchüchtern, und dann von einem andern in der Ausubung ihrer Rache hatten zurückhalten laſſen. „Gentlemen!“ ſagte er in der mit Eifer geführten Anrede, wobei er dieſen Titel ungewöhnlich haufig anwandte, als ob er ſeine Zuhörer dadurch ebenfalls mit überzeugen wollte, daß er ſelbſt zu dieſer beſondern Menſchenklaſſe gehöre—„Gentlemen, die Maͤnner von Arkanſas fangen an aus der Art zu ſchlagen— das demokratiſche Princip geht unter. Vom Oſten her werden monar⸗ chiſche Grundſätze von Tag zu Tag gefährlicher— Gentlemen, ich fürchte, wir erleben noch die Zeit, wo ſie in Washington einen König krönen, und der— König— heißt— dann— Henry— Clay—“ „Henry Unſinn!“ ſagte der Farmer verächtlich—„wenn das geſchähe, ſo möchten fie ihren König auch im Oſten behalten; über den Miſſiſſippi ſollte er uns nicht kommen, dafür ſtehe ich. Wetter noch einmal, unſere Väter, die in ihren blutigen Gräbern ſchlafen und für ihre Kinder fielen, müßten ſich ja in Schande und Schmach umdrehen, wenn die Enkel, die zu Millionen angewachſen ſind, das nicht einmal mehr behaupten könnten, was ſie der Uebermacht 37 mit wenigen Tauſenden abzwangen. Das ſind aber die verruckten Ideen, die nur Ausländer mitbringen.— In Schmach und Ketten aufgewachſen, können ſie ſich nicht denken, daß ein Volk im Stande iſt zu exiſtiren, wenn es nicht von einem Fürſten am Gängelbande geführt wird.— Zum Teufel auch, ich habe da erſt neulich in ei⸗ nem Buche geleſen, wie die Hofſchranzen über dem großen Waſſer drüben in den Städten herumkriechen und ſchwanzwedeln, und die Feinen und Zierlichen ſpielen.— Die Peſt über ſie— ſolch Ge⸗ ſchmeiß ſollte einmal nach Arkanſas kommen, hu— pih— wie wir ſie mit Hunden hinaushetzen würden.“ „Hahaha“— lachte der kleine Advokat—„Howitt geräͤth ordentlich in Jagdeifer— Mäͤßigung, wackerer Staatsbürger, Mäßigung.— Gegen ſolche Gefahr ſchützt uns unſere Con⸗ ſtitution—“ „Ach— was da, Conſtitution“— brummte Howitt—„wenn wir's nicht ſelber thun, waͤr's die Conſtitution und das Advokaten⸗ volk auch nicht im Stande.— Die eine würde umgeworfen und die anderen gingen zur neuen Fahne über— das iſt Alles ſchon da⸗ geweſen. Nein, der Farmer iſt's, der den Kern der Staaten aus⸗ macht, denn ſein freies Land ware gerade das, was unter die Bot⸗ mäßigkeit einer willkürlichen Regierung fiele. Er müßte das Land cultiviren und mit dazu beitragen, daß ſich die Induſtrie mehr und mehr höbe und die Einkünfte von Jahr zu Jahr wuüͤchſen, und dürfte dann am Ende noch nicht einmal mit darein reden, wenn es ſein eigenes Wohl und Wehe gälte. Nein, der Farmer oder viel⸗ mehr das Volk hält den Staat— nicht die Conſtitution, und ein Land, das kein Volk hat, dem hilft auch die beſte Conſtitution nichts.“ „Nun ja, das ſag' ich ja eben,“ fiel der Maitrider, der nicht recht verſtand, was jener meinte, mit ſeiner dünnen Stimme ein— „deshalb wundert's mich ja gerade, daß ſich das Volk ſo von einem einzelnen Menſchen leiten und einſchüchtern läßt— Donner⸗ 38 wetter— ich ſollte dazwiſchen geweſen ſein— ich hätte dem Yankee“,— und er ſah ſich dabei um, ob der Wirth nicht etwa im Zimmer ſei—„Zzeigen wollen, was es heißt, ſich an freien Ameri⸗ kaniſchen Bürgern zu vergreifen.“ „Gerad' im Gegentheil,“ erwiederte ruhig der Farmer—„mich hat's gefreut, daß die Leute Vernunft annahmen. Was ich früher von Helena gehört, ließ mich feſt glauben, der ganze Ort beſtehe aus lauter— Geſindel. Es iſt mir lieb, daß ich jetzt eine andere Meinung davon nach Hauſe tragen kann, denn daß die Köpfe eines freien ſorgloſen Völkchens einmal überſchäumen, ei nun, das iſt kein Unglück, wenn ſie nur immer wieder in's richtige Bett zuruͤck⸗ kehren.“ „Verdammt wenig von Denen, die heut' Nacht in einem Bette ſchlafen!“ lachte hier der im blauen Frack dazwiſchen.— Die lu⸗ ſtigen Burſchen fangen mit der Gallone Brandy an, und es ſollte mich gar nicht wundern, wenn ſie mit einem ganzen Faß aufhör⸗ ten.— Ihr Gejubel und Geſchrei ſchallt ja ſogar bis hierher herüber.“ 4 „Was iſt denn hier eigentlich heute vorgegangen?“ frug jetzt der Farmer, ſich an die Uebrigen wendend.„Ich kam gerade, wie ſie den Irländer draußen in der Klemme hatten, und trug dann meine Satteltaſche in die Hinterſtube.— War denn heute Gerichts⸗ tag?“ „Gerichtstag?“ ſagte der im blauen Frack,„nein, das weniger, aber was ganz Anderes— Holk's Haus und Land wurde verauc⸗ tionirt.“— „Holk's? des reichen Holk's Haus?“ rief Howitt verwundert, „ih, das iſt ja gar nicht möglich.— Alle Wetter, vor acht Tagen kam ich erſt hier durch, und da war ja noch kein Gedanke daran.“ „Ja, Sachen aͤndern ſich,“ lachte der Blaue—„Holk ging, wie Ihr wißt, mit einem Flatboot nach New⸗Orleans. Unterwegs muß er aber wol auf irgend einen Snag gelaufen oder ſonſt zu 39 Unglück gekommen ſein, kurz das ganze Boot iſt ſpurlos verſchwun⸗ den, und vor fünf Tagen kam Holk's Sohn hier an.“ „Hatte denn Holk einen Sohn? frug der Farmer,„er war ja gar nicht verheirathet?“— „Aus früherer Ehe,“ erwiederte der Blaue—„mehrere Leute hier kannten die Familie. Der junge Holk wäre auch gern hier geblieben, er bekam aber ſchon am zweiten Tage das Fieber und damit zugleich einen ſolchen Widerwillen gegen das niedere Land ſelbſt, daß er ſchon auf den dritten Tag die Verſteigerung ſeines ſämmtlichen Grundbeſitzes feſtſtellte. Die Auction fand ang dieſem Morgen ſtatt, und mit demſelben Dampfboot, das heute Mittag hier landete, iſt der junge Holk wieder hinunter nach Baton Rouge gegangen.“ „Potz Blitz, der hat ſeine Geſchäfte ſchnell abgemacht. Da iſt auch wol der ſchöne Platz um einen Spottpreis weggegangen?“ frug der Mailrider, der ebenfalls erſt während des Streites gekom⸗ men war. „Das nicht!“ erwiederte der Advokat—„die Bauſtellen ſind faſt die beſten in Helena und es fanden ſich mehrere Bewerber— ich ſelbſt habe geboten, Richter Dayton ſchien auch große Luſt zu dem Handel zu haben. Der Wirth hier hat ſie aber zuletzt noch erſtanden und— was die Bedingung war— gleich baar bezahlt — Smart muß einen hübſchen Thaler Geld in Helena verdient haben.“ „Wunderbar, wunderbar,“ murmelte der Farmer vor ſich hin. — Mir hat Holk einmal geſagt, er hätte weder Kind noch Kegel in Amerika und wolle alles das, was er ſein eigen nenne, verkau⸗ fen, und wieder nach Deutſchland zurückgehn.“ „Nun ja,“ lachte der Blaue,„es war ſo eine ſchwache Seite von ihm, noch für einen jungen Mann zu gelten. Er leugnete immer, daß er ſchon verheirathet geweſen— Ihr kennt doch die junge Wittwe drüben— gleich neben Daytons,“ und er verzog da⸗ 40 bei, während er mit dem Daumen der Hand über die eigene Schul⸗ ter deutete, das keineswegs ſchöne Geſicht zu einem häßlichen, bos⸗ haften Lachen. „Die arme Frau,“ ſagte ein junger Kaufmann, der eben zu ihnen getreten war und die letzten Worte gehört hatte.— Sie geht herum wie eine Leiche— ſie ſoll den Holk ſo gern gehabt haben.“ „Sie waren ja auch ſchon mit einander verſprochen,“ fiel hier der Advokat ein. Wenn er wieder von New⸗Orleans zurückkäme, ſollte die Hochzeit ſein; aber der Menſch denkt und das Schickſal lenkt.— Jetzt iſt der Miſſiſfippi ſein Hochzeitsbett, und das eigene Flatbvot ſein Sarg.— Puh— es muß ein häßliches Gefühl ſein, ſo tief unten auf dem Grunde des Fluſſes gegen die Planken eines ſolchen Kaſtens gedrückt zu liegen, und nun immer leichter und leichter werden und doch nicht wieder hinauf zu können an den. lichten Tag.“ „Es ſind in letzter Zeit recht viele Flatboote verunglückt,“ ſagte der Farmer nachdenkend.—„Ich weiß, daß allein von Little Rock dreie abgingen, die nie am Ort ihrer Beſtimmung ankamen. Der Staat ſollte mehr dafür thun, dieſe Unmaſſen von Baum⸗ ſtämmen wenigſtens aus der eigentlichen Strömung zu entfernen. Guter Gott, was ſind nicht ſchon für Menſchen auf ſolche Art⸗ umgekommen und wie viele Waaren hat der unerſättliche Miſſiſſippi verſchlungen!“ „Ei, die Menſchen ſind aber auch großentheils ſelber dran ſchuld!“ rief der Blaue argerlich,—„wenn irgend ein Burſche, der im Leben den Stiefel nicht von Gottes feſtem Erdboden wegge⸗ bracht hat, einmal Waaren verſchiffen will, ſo baut er ein neues Flatboot, oder kauft irgend ein altes, packt da ſeine Siebenſachen hinein, ſtellt ſich hinten an's Steuer und denkt,„„der Strom wird mich ſchon dahin führen, wo ich hin will— wir ſchwimmen ja⸗ den Fluß hinunter.““— Ja wohl— wir ſchwimmen hinunter, bis wir irgendwo hängen bleiben, und nachher iſts zu ſpät. Der * 41 Miſſiſſippi läßt nicht mit ſich ſpaßen, und um die erbärmlichen vierzig oder funfzig Dollar für einen tüchtigen Lootſen oder Steuer⸗ mann zu ſparen, hat ſchon Mancher Gut und Leben darüber ein⸗ gebüßt.“ „Bitt' um Verzeihung,“ ſagte der Farmer— Alle, die von Little Rock abgingen, hatten gerade Lootſen an Bord, Leute, die auf ihr Ehrenwort verſicherten, den Fluß ſchon ſeit zehn und fünf⸗ zehn Jahren befahren zu haben, und ſie find dennoch zu Grunde gegangen. Solchen Menſchen kann man aber auch nicht in's Herz ſehen. Es giebt ſich Mancher für einen Lootſen aus, und vertraut nachher ſeinem guten Glück, das ihn ſchon ſicher ſtromab führen werde. Im gunſtigſten Falle lernt er ſo nach und nach die Strö⸗ mung kennen, und hat dabei ſeinen guten Gehalt; im ungünſtigſten⸗ aber kann er vielleicht ſchwimmen, und bringt ſeine werthe Per⸗ ſon doch noch ſicher wieder an's Ufer.“ „Sie find auch vielleicht wirklich ſo lange gefahren,“ lachte der Blaue,„aber auf Dampfbooten, als Feuerleute und Deckhands— nicht als Flatbootmänner. Auf Dampfbooten können ſie denn auch verdammt wenig lernen, außer als Pilot, und ein Dampfboot⸗Pilot wird ſich hüten, wieder ein Flatboot zu ſteuern, wo er nicht halb ſo gute Koſt, und weit geringern Gehalt bekommt.“ „Gentlemen reden von dem Piloten, der neulich hier an's Ufer geworfen wurde?“ frug ein kleines ausgetrocknetes Männchen, mit ſchneeweißen Haaren, tief gefurchten Zügen und grauen blitzen⸗ den Augen, das ſich jetzt von einer andern Gruppe zu ihnen ge⸗ ſellte—„ja, war ein capitales Exemplar von Knochenbruch— der rechte Oberſchenkel— der linke Unterſchenkel— Wadenbein und Hauptröhre— vier Rippen auf der linken Seite, den rechten Arm förmlich zerſplittert, daß die Knochenſtücke durch den Rock drangen; den Hinterkopf ſtark verletzt und doch nicht todt.— Ich hatte es mir zur Ehrenſache gemacht, ihn eine volle Stunde am Leben zu halten, es war aber nicht möglich.— Er ſchrie in Einem fort.“ „Großer Gott,“ ſagte der Farmer und ſchüttelte ſich bei dem Gedanken—„da wäre es ja ein Werk der Barmherzigkeit geweſen, dem armen Teufel eins auf den Kopf zu geben.— Was war denn mit ihm geſchehn?“ „Dem Dampfboot„„General Brown““ waren die Keſſel ge⸗ platzt,“ ſagte der Advokat,„es find, glaub' ich, fünfzehn Perſonen dabei um's Leben gekommen.“ „Ja, aber nichts Erhebliches weiter von Verwundungen,“ meinte der kleine Doktor—„zwei Negern die Köpfe ab— der eine hing noch an ein paar Sehnen und einem Stück Haut— einer Frau die Bruſt zerquetſcht—“ „Weshalb müſſen wir denn das aber eigentlich ſo genau wiſ⸗ ſen?“— rief der Farmer und wandte ſich in Ekel und Unwillen von ihm ab—„Sie verderben Einem ja bei Gott das Abendbrod, Doktor.“ „Bitte um Verzeihung,“ ſagte der kleine Mann,„für die Wiſ⸗ ſenſchaft ſind ſolche Fälle ungemein wichtig, und mir wäre in der Hinſicht auch wirklich kein beſſerer Platz in der ganzen Welt be⸗ kannt, um Beobachtungen an Verwundeten und Leichen zu machen, als gerade das Ufer des Miſſiſſippi. Ehe jener interefſante Fall am Fourche la fave vorfiel, wohnte ich etwa drei Wochen in Vic⸗ toria, der Mündung des Whiteriver und Montgomerys Point ge⸗ rade gegenüber, und alle Wochen, ja oft einen Tag um den anderen, kamen Leichen dort angetrieben. Einmal war ein Leichnam mit dabei, dem hatten ſie, gerade über dem rechten Hüftknochen—“ „Ei ſo hol' Euch doch der Teufel!“ rief der Blaue ärgerlich dazwiſchen—„Harpunen und Seelöwen— ich kann auch meinen Punff vertragen, und manchen Tropfen Blut hab' ich mein Leben⸗ lang fließen ſehn, wenn man aber das Leiden und Elend ſo haar⸗ klein beſchreiben und immer und immer wiederkäuen hört, dann bekommt man's am Ende doch auch ſatt, und ekelt und ſcheut ſich Davor.“ 43 „An Menſchen, die keinen Sinn für die Wiſſenſchaft haben,“ rief der hierdurch erzürnte kleine Mann, indem er ſich den grauen Seidenhut noch feſter in die Stirn hineintrieb,„Menſchen, die von ihren Mitmenſchen blos die Haut kennen, und ſich weiter nicht darum bekümmern, ob ſie mit Knochen oder Baumwolle ausgeſtopft ſind— an ſolchen Menſchen iſt auch jedes wiſſenſchaftliche Wort, das irgend ein vernünftiger Mann ſo thöricht iſt ihnen zu bieten, verloren, und ich ſehe nicht ein, weshalb ich meine ſchöne Zeit hier vergeuden ſoll, ſolchen Menſchen einen Gefallen zu thun.“ Und ohne weiter eine Antwort abzuwarten, oder die Uebrigen noch eines Blickes zu würdigen, ergriff er einen alten, am nächſten Stuhl lehnenden rothen baumwollenen Regenſchirm, drückte ihn ſich unter den Arm und ſchritt raſch und dabei immer noch mit ſich ſelbſt geſticulirend zur Thür hinaus. „Gott ſei Dank, daß er fort iſt. Mir grauſt's immer in ſeiner Nähe, und— ich kann mir nun einmal nicht helfen, aber ich möchte ſtets darauf ſchwören, es röche nach Leichen, ſobald er in's Zimmer tritt,“ ſagte der Advokat.— „Iſt denn der hier prakticirender Arzt?“ frug der Farmer, der ihm erſtaunt eine Weile nachgeſehen hatte. „Arzt? Gott bewahre“— lachte der Blaue,„die Leute nennen ihn hier nur ſo, weil er von weiter Nichts als Verwundungen, Leichen und chirurgiſchen Operationen ſpricht.— Dadurch haben ſich aber ſchon ein paar Mal Fremde verleiten laſſen, ihn bei wich⸗ tigen Krankheitsfällen zu Rathe zu ziehn, und das iſt ihnen denn auch verdammt ſchlecht bekommen.“ „Es wird keiner zum zweiten Male zu ihm gegangen ſein“— meinte der Farmer. Der Blaue ſchlug ein lautes Gelächter auf und rief— „Nein wahrhaftig nicht— kein Lebender kann ſich rühmen, von Dokror Monrove behandelt zu ſein. Die Fünf, die er hier in der LCur gehabt— natürlich lauter Fremde, eben Eingewanderte— find 3 1 1- 44 ſchleunig geſtorben, und ſtehen jetzt in Spiritus und Gott weiß was Alles aufbewahrt, theils ganz, theils ſtückweis in ſeinem Stu⸗ dirzimmer, wie er's nennt, herum. Keine Haushälterin hat deshalb auch bei ihm aushalten wollen. Selbſt die letzte verließ voller Verzweiflung das Haus, als er ihr einmal mitten in der Nacht einen menſchlichen und friſch abgeſchnittenen Kopf in's Zim⸗ mer brachte, den er, wie er ſpäter geſtand, aus dem Grabe eines Reiſenden geſtohlen hatte. Eine Caravane von Auswanderern war nämlich hier durchgekommen und Einer davon am Fieber geſtor⸗ ben, wonach ſie ihn gleich an Ort und Stelle begruben und am nächſten Morgen weiter zogen.“ „Das muß ein entſetzliches Vergnügen ſein, ſich ſo an lauter Gräuelſcenen zu weiden,“ ſagte der Farmer ſchaudernd. „Ja, und es iſt bei ihm wirklich zur Leidenſchaft geworden,“ nahm der Advokat das Wort.—„Als er vor kurzer Zeit von dem, am Fourche la fave gehaltenen Lyunchgeſetz und dem verbrannten Methodiſtenprediger hörte, hat er faſt ein Pferd todt geritten, um noch zur rechten Zeit dort einzutreffen und die verkohlten Ueberreſte des Mörders an ſich zu bringen— was ihm auch wirklich gelun⸗ gen ſein ſoll. Seiner Wohnung, die eine kurze Strecke von He⸗ lena entfernt im Walde liegt, kommt denn auch Niemand zu nahe als Wölfe und Aasgeier, und ich muß ſelbſt geſtehen, ich wüßte nicht, was mich bewegen könnte, eine ſo ſchauerliche Schwelle zu. übertreten.“ „Ich war ein paar Mal dort,“ ſagte der Blaue, 768 ſieht ſcheußlich drinne aus.“ „Hat man denn von jenen, den Regulatoren entflobenen Mit⸗ ſchuldigen nie wieder etwas gehört?“ frug der Farmer—„in Little Rock hieß es, Cotton und der Mulatte ſeien entkommen.“ „Ei gewiß“— fiel ihm hier der Advokat in's Wort.„Die am Fourche la fave haben ſich freilich nicht weiter um ſie bekum⸗ mert, denn ſie wollten das Geſindel nur losſein; was aus ihm 45 wurde, war ihnen gleichguͤltig. Die Flüchtlinge ſind aber in der Woche darauf im Hot Spring County geſehen worden, und da Heathcot— der erſchlagene Regulatorenführer— gerade dort früͤher anſäſſig geweſen, ſo hat man ſie Beide mit einer Wuth und einem Eifer verfolgt, die über ihre gute Abſicht nicht den mindeſten Zwei⸗ fel ließen. Cotton iſt jedoch ein ſchlauer Fuchs und wird wol um dieſe Zeit ſchon über dem Miſſiſſippi drüben ſein.“ „Hm, ja,“ fiel der Blaue ein—„man will ihn ſchon ſogar drüben in Victoria geſehen haben.— Der wird ſich nicht wieder in Arkanſas blicken laſſen.“. „Hat denn der Indianer den Prediger wirklich verbrannt?“ frug der Helener Kaufmann immer noch zweifelnd—„allerdings ſtand es hier in allen Zeitungen, aber ich habe es nie glauben wollen. Wie hätten denn die Geſetze nur je ſo etwas zugegeben!“ „Die Geſetze— pah“— rief der Blaue verächtlich—„was können denn die Geſetze machen, wenn das Volk ſeinen eigenen Kopf aufſetzt? Die Geſetze ſind für alte Weiber und Kinder, die ſich von jedem Tintenkleckſer in's Bockshorn jagen laſſen. Wer ſich „hier nicht ſelbſt beſchützt, dem koͤnnen die Geſetze auch keinen Pap⸗ penſtiel helfen.“ „Da bin ich doch ſehr verſchiedener Meinung,“ ſagte der Far⸗ mer—„die Geſetze gerade find's, die unſere Union auf den Stand⸗ punkt gebracht haben, auf dem ſie jetzt ſteht, und jedes guten Bür⸗ gers Pflicht iſt es, fie aufrecht zu erhalten. Daß es freilich noch manchmal in der Wildniß Strecken giebt auf die ſie ihren wohl⸗ thätigen Einfluß auszuüben nicht im Stande ſind, glaub' ich auch, und gewaltſame Handlungen erfordern dann gewaltſame Mittel. Sonſt aber ſollte es für einen Bürger der Union nichts Heiligeres geben, als gerade die Geſetze, denn ſie allein ſind ihm die Bürgen ſeiner Freiheit. Doch, Gentlemen, es wird ſpät, und ich möchte noch gern vor Dunkelwerden hinauf zu Colbys— alſo gute Nacht.— In einigen Tagen komme ich wieder bier vorbei und 46 dann, Broadly“— wandte er ſich an den Helener Kaufmann, „können wir auch den Handel abſchließen, denk' ich. Ich habe nur noch einige alte Schulden dort oben zu bezahlen, ſo viel Geld bleibt mir aber wahrſcheinlich noch.“ Alſo good bye,— und mit den Worten zahlte er an der Bar ſeine kleine Rechnung, ließ ſich die Satteltaſche wieder herausgeben, legte ſie über den Sattel ſeines, ungeduldig am Reck ſcharrenden Braunen, ſtieg auf und trabte, noch ein Mal herubergrüßend, Elmſtreet hinab in den, das Städt⸗ chen begrenzenden Wald. IW. Squire Dayton's Wohnung. Als„Squire oder Doktor Dayton“—(denn er wurde ſo⸗ wohl das eine wie das andere in Helena genannt) Jonathan Smart verließ und eine, der äußerſten Grenze des Städchens zuführende Richtung einſchlug, erreichte er bald darauf ein kleines, aber zier⸗ lich gebautes Haus an der Weſtſeite Helena's, um das herum die gewaltigen Bäume des Urwalds nur eben weit genug niedergehauen waren, nicht mehr mit ihren Wipfeln das friedliche Dach erreichen zu können. Reinlich weiß angeſtrichen ſtachen die hellgrünen Ja⸗ louſieen um ſo freundlicher dagegen ab, und der jetzt aufſteigende Mond ſchien gar hell und klar gegen die blitzenden Spiegelſcheiben eines im erſten Stock offen gelaſſenen Fenſters, ein Luxus, der in dem einfachen Weſten gar ſelten angetroffen wurde. Aber auch das Innere der kleinen Wohnung entſprach voll⸗ kommen dem ſoliden, gemüthlichen Anſehn ſeines Aeußern. Aller⸗ dings war es nicht prächtig und koſtbar eingerichtet, aber die maſ⸗ 47 1 ſiven Mahagoni⸗Meubles, die ſchneeweißen Vorhänge, die elaſtiſchen. mit dunkelm Damaſt überzogenen Ruheſeſſel und Stühle verkündeten deutlich genug, daß hier Wohlhabenheit, wenn nicht Reichthum berrſche. Viele andere Kleinigkeiten— wie z. B. zierliche Nipps⸗ figuren auf den kleinen Seitentiſchen, angefangene weibliche Arbei⸗ ten— der Nähtiſch am linken Eckfenſter mit dem ſauber aus Korb geflochtenen Strickkörbchen an der Seite, goſſen dabei jenen Zauber über das ſtille wohnliche Zimmer, den nur die Gegenwart holder Frauen einem Gemach, und ſei es ſonſt das prächtigſte, zu verleihen im Stande iſt. Ein kleiner fröhlicher Kreis hatte ſich aber auch um den run⸗ den, zum Sopha gerückten Tiſch verſammelt, auf dem die engliſch⸗ broncene weitbauchige Theemaſchine ziſchte und qualmte, und fröh⸗ liches Lachen tönte dem jetzt eben an die Hausthür pochenden Squire entgegen, der wunderbarer Weiſe einen gar ernſten, ja faſt traurigen Blick zu den hellerleuchteten Fenſtern hinaufwarf. Da verſtummte das Lachen plötzlich, oder ward wenigſtens von den rauſchenden Tönen eines deutſchen Walzers übertäubt, den ge⸗ übte Finger einem wohlklingenden, kräftig beſaiteten Flügel entlock⸗ ten. Mr. Dayton mußte auch wirklich zur Klingel ſeine Zuflucht nehmen, den Dienſtboten, die oben auf der Treppe ſtanden und den ſo gern gehörten Melodieen lauſchten, ſeine Gegenwart zu verkünden. Einmal das Haus betreten, ſchien aber auch ſeine ganze frühere Heiterkeit zurückgekehrt zu ſein, wenigſtens blitzte ſein Auge freier und fröhlicher. Er flog ſchnellen Schrittes die Stufen hinauf und ſtand im nächſten Augenblicke bei den Seinen und von all dem Lärmen und Jubel umgeben. „Endlich— endlich!“ rief da die Clavierſpielerin, ſprang auf und eilte, als Mr. Dayton in der Thür erſchien, dieſem entgegen. „Der geſtrenge Herr haben heute unverzeihlich lange auf ſich warten laſſen.“ 48 „Wirklich,“ lächelte der Squire, während er die im Zimmer Befindlichen freundlich grüßte und dann ſeinem ihm entgegenkom⸗ menden Weibe einen leichten Kuß auf die Stirn drückte,„hat mich meine kleine wilde Schwägerin heute einmal vermißt?“ „Heute einmal,“ lachte das fröhliche Mädchen, und warf ſich mit ſchneller Kopfbewegung die langen dunkleu Locken aus der Stirn—„heute nur einmal? ei, mein liebenswürdiger und ge⸗ ſtrenger Friedensrichter muß ſeiner unterthänigſten Dienerin einen ſehr ſchlechten Geſchmack zutraueu, wenn er glauben könnte, ſie fühlte ſich ohne ihn nur einen Augenblick wohl und glücklich. Heute hat die Sache aber noch eine beſondere Bewandtniß.— Hier wartet nun Mr. Lively ſchon eine volle Stunde auf Sie und trägt ſicherlich ein ſchweres, fürchterliches Geheimniß auf dem Her⸗ zen, denn keine Sylbe iſt ihm in dieſer ganzen geſegneten Stunde über die Lippen gekommen— auch Mrs. Breidelfort—“ „Bitte um Verzeihung, mein liebwertheſtes Fräulein,“ ſagte die alſo Bezeichnete, die bis dahin auf Kohlen geſeſſen zu haben ſchien, das Wort zu nehmen,„fkeineswegs, denn ich glaube doch wirklich nicht, daß Sie ſich bei mir über Zungenfaulheit beklagen können; eher vielleicht das Gegentheil.— Ich kenne meine Schwäche, mein Fräulein, und wie der ehrwürdige Mr. Sothorpe ſo ſchön ſagt, iſt das ſchon ein Schritt zur Beſſerung, wenn man ſeine eigenen Schwächen wirklich kennt. Mein ſeliger Mann frei⸗ lich— ein Engel von Geduld und Sanftmuth— behauptete im⸗ mer das Gegentheil. Glauben Sie wohl, Squire Dayton, daß das gute Herz mir einreden wollte, ich ſpräche wirklich nicht zu viel?— Breidelford— ſagte ich aber— Breidelford, verſündige Dich nicht— 3 ich weiß, wie ich bin— ja, Breidelford, ich kenne meine Schwäche, und wenn ich Dir auch nicht zu viel rede, ſo fühle ich doch ſelbſt recht gut, wie das ein Fehler von mir iſt, den ich mir aber, da ich ihn einmal kenne, auch alle Mühe geben werde zu verbeſſern.“ „Eine Taſſe Thee, beſte Mrs. Breidelford,“ unterbrach hier 49 Mrs. Dayton den allem Anſchein nach undämmbaren Zungen⸗ ſchwall—„bitte, langen Sie zu“— Adele aber, die augenblickliche g 5 g Pauſe benutzend, warf ſich wieder an's Clavier und ein ſo rauſchen⸗ der Tanz dröhnte, von den ſtarken Saiten widerfibrirend, durch das Gemach, daß jede Fortſetzung von Mrs. Breidelford's begonnener Selbſtbiographie dadurch ſchon im Keime erſtickt wurde. „Iſt der Mailrider noch nicht hier geweſen?“ frug Mr. Dayton endlich, als die Ruhe wieder ein wenig hergeſtellt war.— „Der Mailrider? nein, aber Mr. Lively hier ſcheint ſeinen Auftrag gern ausrichten zu wollen,“ ſagte Adele, und blinzte ſchel⸗ miſch zu dem, ſich allem Anſchein nach höchſt unbehaglich befinden⸗ den jungen Mann hinüber. James Lively ſaß auch wirklich da, als ob er nicht dreie zäh⸗ len könnte. Alle Gliedmaßen waren ihm im Wege oder auf irgend einer falſchen Stelle.— Bald hatte er das rechte lange Bein hoch oben, auf dem linken, daß es weit, bis mitten in die Stube hineinragte, bald zog er die Füße feſt unter dem Stuhle zuſammen, faltete die Häͤnde und hetzte ſeine Daumen um ihre eigene Axe.— Dann griff er mit dem rechten Arm hinunter nach dem. hinterſten rechten Stuhlbein und verſuchte mit allem möglichen Eifer die Politur berunter zu kratzen, dann holte er mit der linken das mächtige ſei⸗ dene Tuch aus der Taſche, um es gleich darauf wieder ſorgfältig zuruckzuſchieben. Kurz, James befand ſich ſo wohl, wie ein Hecht auf dem Sande oder ein Haſe auf dem Eiſe, und wenn er auch manchmal den Blick ſcheu zu dem ſchönen, muntern Mädchen em⸗ porwarf, ſo durfte er doch nur dem Schelmenauge begegnen, als ſich auch ſein Antlitz in prachtvoller geſottener Hummerfarbe wie⸗ der niederbog. Dann, wie in einem wilden Fluchtverſuch, griff er tief, tief unter den Stuhl, wo früher ſein Filz geſtanden, den aber ſpäter, auf einen Wink Mrs. Dayton's, die junge Mulattin wegge⸗ nommen und hinten auf das Clavier geſtellt hatte, und ſaß nun Gerſtaäcker, Flußpiraten. 1. 4 — 5⁰ in voller Verzweiflung auf dem weich gepolſterten Stuhle wie auf glühenden Kohlen. James Lively war übrigens ſonſt keineswegs ſo verſchämt und blöde. Im Walde aufgewachſen gab es keinen beſſern Jäger und Landmann im ganzen County als ihn. Muthig dabei bis zur Tollkühnheit, hatte er vor Kurzem erſt den Einzelkampf mit einem Parther gewagt und gewonnen, und im Boxen die Beſten über⸗ wunden. Aber im Walde mußte er auch ſein, wenn er all dieſe Fähigkeiten entwickeln ſollte. In Damengeſellſchaft getraute er ſich nicht den Mund zu öffnen, und wenn er auch— wie Mrs. Brei⸗ delford— vollkommen ſeine Schwäche kannte, ſo wäre es ihm den⸗ noch nicht möglich geweſen, eine Scheu zu überwinden, die ihm Zunge und Glieder lähmte. So auffallend wie heute hatte ſich dieſe Befangenheit übrigens noch nie gezeigt. Sie ſchien ſogar durch Adelens leiſe Anſpielungen ihren höchſten Grad zu erreichen, als ſich Squire Dayton in's Mittel ſchlug, auf den jungen Mann zuging und ihm mit einem freundlichen„Gott zum Gruß, Mr Lively— was macht der Vater und wie ſteht's daheim mit der Farm?“ plötzlich wieder Muth und Selbſtvertrauen in's Herz legte. 6 Die Worte, die ganze Anrede, die Beziehung auf die heimiſche, ihm bekannte Umgebung, wirkten wie ein wohlthätiger Zauber auf den Waldbewohner. Er ſprang auf, holte tief Athem, ergriff ſchnell die dargebotene Rechte und antwortete, als ob ihm eben eine Cent⸗ nerlaſt von der Bruſt gewälzt wäre— „Danke, Squire— Alle wohl— ſo ziemlich wenigſtens— die braune Kuh wurde geſtern krank, und darum bin ich eigentlich hierher in die Stadt gekommen— aber— ich hatte noch was Be⸗ ſonderes“— und er warf einen ſcheuen Seitenblick nach den Frauen, während wieder hohe Gluth ſein Geſicht überflog—„ich— ich weiß nur nicht—“ „Iſt es Etwas, was mich allein betrifft?“ frug der Squire.— 2 51 „Bitte, junger Herr— geniren Sie ſich nicht“— fiel hier, ohne weitere vorherige Warnung Mrs. Breidelford wieder ein— „glauben Sie ja nicht, daß wir, weil wir Ladies ſind, etwa ein Ge⸗ heimniß nicht ebenſo ſicher und gut bewahren könnten, wie Män⸗ ner. Im Gegentheil, Mr. Lively— gerade im Gegentheil.— Ich, zum Beiſpiel, weiß zwar, daß ich ein bischen Viel rede, es iſt nun einmal meine Schwäche, und wofür hat uns denn eigentlich der liebe Gott Mund und Zunge gegeben. Was aber Geheimniſſe an⸗ betrifft, ſo hat da ſchon mein lieber ſeliger Breidelford immer ge⸗ ſagt, obgleich man ſich eigentlich nicht ſelbſt rühmen ſollte, doch das liebe Herz liegt ja jetzt kalt und ſtarr im Grabe— Louiſe, ſagte er immer— Louiſe, Du biſt zu verſchwiegen, Du biſt wahrhaftig zu verſchwiegen.— Zehn Inquiſitionen brächten Dir das nicht über die Zunge, was Du nicht hinüber haben wollteſt— ich glaube, Du biſſeſt ſie Dir eher in Stücken— ſagte Mr. Breidelford, aber—“ Ein rauſchendes Allegro von Adelens flüchtigen Fingern ſchnitt hier wiederum Mrs. Breidelford's Faden ab, und Lively, der bis jetzt vergebens geſucht hatte, Squire Dayton's Frage zu beantwor⸗ ten, gewann wenigſtens Zeit, Athem zu holen: „Nein, Squire,“ ſagte er und ſchob, da er in dieſem Augen⸗ blick gar nicht wußte, wohin er mit ſeinen Händen ſollte, dieſe aus lauter Verzweiflung in die Taſchen, aus denen er ſie aber, das Unſchickliche ſolchen Betragens wohl fühlend, ſo ſchnell wieder her⸗ ausriß, als ob er heiße Kohlen darin gefunden hätte—„nein, Squire— Mutter meinte nur— Vater ſagte— ob Sie und— und die Ladies dort nicht Luſt hätten oder— ſo gut ſein wollten, morgen ein Bischen zu uns herauszukommen und— ſo lange Sie wollten und ſo lange es Ihnen bei uns gefiele, draußen zu blei⸗ ben.— Mutter meinte—“ Adele horchte hoch auf, Mrs. Breidelford aber, obgleich dieſe Einladung wol keineswegs ihr gegolten hatte, nahm die Beant⸗ wortung ſchnell auf ſich, und ohne Einem der übrigen Anweſenden 4* — 52 auch nur die mindeſte Zeit zu laſſen, erhob ſie ſich ein wenig von ihrem Platze und rief— den jungen Mann dabei mit etwas nie⸗ dergebogenem Kopfe, und über die Brillengläſer hin in's Auge faſſend— „Oh— Mrs. Lively iſt gar zu gütig, Sir, gar zu gütig, und wenn ſich auch allerdings in jetziger Zeit, wo der Fluß wieder an zu ſteigen fängt und Waaren in Hülle und Fülle ſtromab kommen, die Geſchäfte häufen, ſo müſſen doch ſchon einmal ein oder zwei Wochen gefunden werden, um ſeine Nachbarn aufzuſuchen und mit ihnen im guten alten Einverſtändniß zu bleiben.— Mr. Breidel⸗ ford hatte ganz recht, wenn er ſagte, Louiſe— ſagte er, Du glaubſt gar nicht, wie ſchön es iſt, mit ſeinen Nachbarn in Frieden und Freundſchaft zu wohnen— Verträͤglichkeit iſt das halbe Leben. Nächſte Woche Montag ſpäteſtens, denk ich mir das Vergnügen machen zu können, Mr. Lively; bitte, mich Ihrer Frau Mutter beſtens zu empfehlen“— und nieder ſetzte ſie ſich und trank ihre Taſſe aus, als ob ſie nach der eben gehabten Anſtrengung der Ruhe und Stärke bedürfe. Adele ſchien aber diesmal, aus lauter Erſtaunen über Mrs. Breidelford's Bereitwilligkeit, ganz ihre muſikaliſche Hülfe vergeſſen zu haben, und ſelbſt James, obgleich er den Ruf kannte, deſſen ſich Mrs. Breidelford in Helena erfreute, ſtand ganz verſtummt da und wußte kaum, ob er ſie wirklich aus Verſehen mit eingeladen habe oder nicht. War das Erſtere übrigens geſchehen, ſo half hier wei⸗ ter Nichts als gute Miene zum böſen Spiel zu machen. Was aber ſeine eigene Mutter dabei von Mrs. Breidelford hielt, hatte er— zu ſeinem Entſetzen fiel es ihm gerade jetzt wieder ein— erſt an dieſem Morgen gehoͤrt. Wie ſie ſich alſo zu Hauſe über den glück⸗ lich von ihm erlegten Bock freuen würden, ließ ſich ungefähr denken. In aller Angſt haftete ſein Blick jetzt noch auf Mrs. Dayton’s 53 ſanften Zügen, denn das andere ſchelmiſche immer lachende Ding wagte er gar nicht anzuſehen. Jene ſagte denn auch freundlich— „Meinen beſten Gruß an Ihre liebe Mutter, Sir, und wir würden ſehn, es möglich zu machen.— Sie ſoll ſich aber auch in Helena nicht ſo ſelten blicken laſſen, und einmal bei uns ein⸗ kehren, wenn ſie ihr Weg hierher führte. Doch kommen Sie, rücken Sie ſich Ihren Stuhl zum Tiſch und langen Sie zu— trinken Sie weiß? hier— hier ſteht Alles— helfen Sie ſich ſelbſt— wie geht es denn Ihrem Vater?“— „Danke, Madame, danke,“ ſagte James, der jetzt, da er Adelen den Rücken zudrehen durfte, freier an zu athmen fing,„es macht ſich mit dem Alten.— Wir ſind ſchon wieder zuſammen auf der Bärenjagd geweſen und da können Sie ſich wohl denken, daß er nicht mehr todſterbenskrank iſt— von ſo ein wenig Fieber erholt er ſich ſchnell wieder.“ „Geht er denn noch immer barfuß in den Wald?“ frug Adele, und glitt in den, dicht neben dem Sopha ſtehenden Stuhl, daß ſie dem jungen Hinterwäldler jetzt gerade gegenüber zu ſitzen kam. James fing wieder an unruhig auf ſeinem Seſſel umherzu⸗ rücken— er mußte ſich den Rock aufknöpfen, es wurde ihm ſiedend heiß. Mrs. Breidelford ſchien übrigens auch dieſe Antwort über⸗ nehmen zu wollen, denn mit einem„Ja, ja, Miß Adele— was das Barfußgehen anbetrifft,“ wandte ſie ſich an das junge Mäd⸗ chen. Dayton parirte aber in lobenswerthem Mitleid die ihr zu⸗ gedachte Rede, indem er Mrs. Breidelford ſelbſt in ein Geſpräch verknüpfte. Dadurch gewann James Zeit ſich zu ſammeln, und weil ſich uͤberdies das Geſpräch auf ſein eigenes heimiſches Gebiet zog, ſo wurde er auch immer unbefangener und zuverſichtlicher. „Die Erkältung des alten Mannes rührte gewiß von der häß⸗ lichen Angewohnheit her, weder Schuhe noch Strümpfe zu tragen,“ ſagte Mrs. Dayton—„Mrs. Lively ſollte es nur nicht leiden.“ „Ach, das wuͤrde Nichts helfen,“ meinte James—„Vater iſt 54 darin ganz obſtinat— Was er einmal will, davon bringt ihn kein Menſch wieder ab.“— „Gerade wie mein Seliger— Mr. Lively“— miſchte ſich hier die unvermeidliche Mrs. Breidelford trotz allen Ableitern wie⸗ der in's Geſpräch—„aber gang ſo wie mein Seliger.— Brei⸗ delford— ſagte ich oft— Du wirſt Dich noch ruiniren, das naßkalte Wetter iſt Dein Tod— ich rathe Dir, zieh die wollenen Strümpfe an.— Glauben Sie, er häͤtt es gethan? nicht um die Welt.„Louiſe, ſagte er— das verſtehſt Du nicht— menſchliche Conſtitution iſt wie—“ Leider erfuhr die Familie Dayton an dieſem Abend nicht, wie menſchliche Conſtitution eigentlich beſchaffen ſei, denn gerade hier, und als Adele ſchon im Begriff war, ihren kaum verlaſſenen Platz am Piano wieder einzunehmen— rieß es auf einmal ſo ſtark an der Klingel, daß Mrs. Breidelford mit einem„Jeſus meine Güte,“ erſchrocken empor fuhr, und auch Mrs. Dayton und Adele über⸗ raſcht nach der Thür blickten. Nur Squire Dayton blieb ruhig ſitzen und ſagte lächelnd: „Es wird Mr. Smart ſein; ich bat ihn, heute Abend noch ein wenig heruͤber zu kommen.— Ja, das iſt ſein Schritt.“ „Iſt das Mr. Smart, der Wirth des Union⸗Hotels?“ rief Adele, und ſprang an den Glasſchrank, noch eine Taſſe für den neuen Gaſt herbeizuholen. —„Der nämliche,“ ſagte der Squire,„doch da iſt er ſelbſt“— und herein trat, den Hut noch ganz in Gedanken auf dem Kopfe, den er jetzt aber ſchnell abriß und unter den linken Arm druͤckte, Jonathan Smart. Allen im Kreiſe, Mrs. Breidelford ausgenommen, der er eine ſtumme Verbeugung machte, reichte er dabei die Hand zum Gruß, die er Sauire Dayton und James Lively noch ganz beſon⸗ ders herzlich ſchüttelte, und ſetzte ſich hierauf mit einem höchſt ſelbſtzufriedenen und behaglichen Lächeln auf den, ihm von der Mulattin Naney ſchnell hingerückten Stuhl nieder. „Well Ladies und Gentlemen, freut mich ungemein, Sie Alle wohl zu ſehn,“ ſagte er dabei—„Danke, Miß, danke— ich trinke keine Milch, lieber ein Bischen Rum in den Thee.“ Miß Adele hatte ihm die Taſſe überreicht und es war hier⸗ durch, da ſich die letzten Worte des Geſprächs gerade auf den Ein⸗ getretenen bezogen hatten, eine kleine Pauſe entſtanden. Smart bemerkte das übrigens und wandte ſich an Mrs. Dayton: „Bitte, Madame, es ſollte mir leid thun, wenn ich hier in et⸗ was Ihre Unterhaltung unterbrochen oder geſtört hätte— Ich komme auch allerdings etwas ſpät, aber Squire Dayton“— „Ganz und gar nicht, Mr. Smart— ganz und gar nicht“— fiel ihm hier Mrs. Breidelford ſchnell in die Rede—„ich ſprach nur eben von— ach, du lieber Gott, von was ſprach ich denn gleich— ja, mein unglückſeliges Gedächtniß, Mr. Smart, mein unglückſeliges Gedächtniß— ſchon mein lieber ſeliger Mann ſagte immer— Louiſe, ſagte er— Du haſt Deinen Kopf in Deiner Jugend zu ſehr angeſtrengt, Du haſt zu viel gerechnet und geſorgt— ein allzuſtraff angezogener Bogen muß am Ende erſchlaffen.— Das waren ſeine eigenen Worte, Mr. Smart. Ach, Breidelford,“ ſagte ich dann,„Du haſt recht— ich weiß es, ich kenne meine Schwäche, aber das Gedächtniß iſt eine Gabe von Gott, und wem der es wieder nimmt, der darf ſich nicht beklagen. Das wäre ſchlecht, Breidelford, ſagte ich“— —„lud mich ſo freundlich ein, daß ich, beſonders nach dem, was heute vorgegangen, unmöglich nein ſagen konnte,“ fuhr Mr. Smart, ohne ſich weiter irre machen zu laſſen, in ſeiner einmal be⸗ gonnenen Rede, und zwar gegen Mr. Dayton gewendet, fort. „Was iſt denn heute vorgefallen?“ frug Adele ſchnell—„war wieder ein Streit im Orte?— Wir haben das Lärmen und Toben gehört, aber weiter noch Nichts darüber erfahren.“ Mrs. Breidelford ſetzte die ſchon erhobene Taſſe wieder nieder, und horchte aufmerkſam der jetzt erwarteten Mittheilung. — 56 „Und hat Ihnen Sauire Dayton gar Nichts erzählt?“ frug der Yankee.— „Nicht das Mindeſte“— riefen die drei Ladies wie aus einem Munde. „Nun, er hat mir einen Dienſt geleiſtet,“ ſagte Jonathan Smart,„wie ihn ein Nachbar nur dem andern“— „Aber beſter Smart,“ lächelte der Squire—„ich habe ja nur gethan, was meine Pflicht als Friedensrichter dieſes Ortes war.“— „zu leiſten im Stande iſt,“ fuhr Jonathan fort—„er hat mir das Leben gerettet, indem er ſich, die eigene Gefahr ganz außer Augen ſetzend— „Die Burſchen hätten es nie zum Aeußerſten kommen laſſen— Sie rechnen mir die Sache wirklich zu hoch an.“— „einer Bande— Alles fähiger Bootsleute gerade entgegen warf und ſie davon zuruͤckhielt, mich umzubringen und mein Haus niederzubrennen. Das iſt das Kurze und Lange von der Ge⸗ ſchichte.“ Der Richter ſah wohl ein, daß er den Wirth ausreden laſſen müſſe, und ergab ſich lächelnd darein. Erſt als dieſer ſchwieg, erwiderte er dagegen: „Das aber erwaͤhnen Sie nicht, daß Sie vorher mit wirklicher Lebensgefahr, da ſogar einer der Buben ſchon auf Sie abdrückte, das Leben des armen Iren gerettet hatten.“— „Das muß ja ſchrecklich heute in Helena zugegangen ſein”— rief Mrs. Dayton entſetzt. „Nicht ſchlimmer heute, wie alle ubrigen Tage faſt,“ ſagte der Wirth achſelzuckend,„Helena iſt nun einmal in dieſer Hinſicht berühmt, oder, vielleicht beſſer geſagt, berüchtigt.“ „Gerade was mein lieber ſeliger Mann immer ſagte, Mr. Smart— gerade daſſelbe— Louiſe, ſagte er, bleibe nicht in Helena wohnen, wenn ich einmal todt bin— ziehe fort von hier. Du biſt 57 zu ſanft, Du biſt zu ſchwach für ſolch wildes Leben und Treiben — Du paßt nicht hierher in dieſe rohe Umgebung— der liebe Mann.— Und es iſt wahr, ich habe es ihm auch noch auf dem Sterbebette verſprochen, ich wollte fort.— Breidelford, ſagte ich ihm, ſtirb ruhig— ich gehe nördlich, wenn Du einmal nicht mehr bei mir biſt— aber, Du lieber Gott, eine arme, alleinſtehende Frau, die kann ja nicht, wie ſie wol gern wollte. Man will ja doch leben, und hier, wo ich einmal nothdürftig meine Nahrung habe, werde ich wol bleiben müſſen, denn ich ſehe nicht ein, ob, wie und mit was ich an einem andern Orte wieder beginnen könnte. Fleißig bin ich, das muß mir der Neid laſſen. Mein lieber ſeliger Mann ſagte immer, Louiſe, ſagte er, Du arbeiteſt Dich noch todt— Du bedenkſt gar nicht, daß Du zum zarten Ge⸗ ſchlecht gehörſt. Später wirſt Du es aber noch einmal einſehn— ſagte er, wenn Du Deine Geſundheit ruinirt haſt und wenn ich nicht mehr bin. Sie glauben gar nicht, Mrs. Dayton, wie der Mann Alles vorausgeſehn und geſagt hat— eine wahre Prophetengabe war es, es könnte Einem jetzt beinahe noch die Haut ſchaudern, wenn man bedenkt, daß ſo Etwas Menſchen möglich iſt.— Auch was mein Alleinwohnen anbetrifft, denken Sie ſich nur, Mrs. Dayton, auch darüber hat er mir, noch eine Stunde vor ſeinem Tode— ich ſehe das liebe Herz noch, mit ſeinem bleichen einge⸗ fallenen Antlitz und den blauen Lippen vor mir liegen— Vieles geſagt und mich gewarnt, denn Louiſe, ſagte er“— „Ich hoffe doch, daß jetzt Jemand bei Ihnen zu Hauſe iſt?“ fiel hier Mr. Smart ſchnell, und, wie es ſchien, mit beſonderer Theilnahme in die Rede.. „Bei mir?“ rief, von dem Ton und der Frage erſchreckt, Mrs. Breidelford, während ſie ſchnell von ihrem Sitz emporfuhr—„bei mir, Mr. Smart? keine Seele iſt zu Hauſe, denn den Deutſchen, den ich bis jetzt für die grobe Arbeit bei mir hatte, mußte ich heute fortjagen, weil er einen Ton gegen mich— aber um Gotteswillen, „ 4 58 Sir— Sie machen ja ein ſolches bedenkliches Geſicht.— Es iſt doch Nichts bei mir vorge— Mr. Smart, ich beſchwöre Sie, bei Ihrer männlichen Ehre“— James Lively und Squire Dayton mußten ihre Stühle raſch zurückſchieben, denn Mrs. Breidelford kam mit ſolcher Allgewalt hinter dem Theetiſche vorgefahren, daß ſie ihr kaum aus dem Wege rücken konnten— Mr. Smart blieb jedoch ganz ruhig und ſagte— „Aengſtigen Sie ſich doch nicht nutzlos, Madame— das, was ich geſehen habe, hat ja vielleicht—“ „Was um aller lieben Engel im Himmel willen haben Sie denn geſehen?“ rief Mrs. Breidelford, die übrige Geſellſchaft kaum mehr beachtend, in Todesangſt. —„gar nicht ſo viel zu bedeuten, als Sie gegenwärtig zu glauben ſcheinen,“ fuhr Smart in ſeiner Rede fort— „Herr— Menſch— Sie bringen mich noch zur Verzweif⸗ lung!“ ſchrie Mrs. Breidelford mehr, als ſie rief, und ergriff mit der Linken ihr Bonnet, das ſie ſich in Mißachtung jeder Fagon und Mode auf den Kopf ſtülpte, während ſie mit der Rechten einen Knopf von Mr. Smart's blauem Frack zu erhaſchen ſuchte. Dieſem Angriff begegnete er jedoch dadurch, daß er ihre nach ihm ausge⸗ ſtreckte Hand erfaßte und herzlich ſchüttelte. „Was haben Sie geſehen? ſo ſprechen Sie doch nur in des Teu— in des lieben Himmels Namen!“ „Eigentlich gar nichts von Bedeutung,“ erwiderte Smart, noch immer die einmal gefaßte Rechte der, ſonderbarer Weiſe ſo in Eifer gerathenen Frau nicht loslaſſend.—„Als ich vor etwa einer Viertelſtunde an Ihrem Hauſe vorbeiging, ſtand Jemand am hinterſten Fenſterladen und klopfte dort an. Wie wir uns nun ſo manchmal, wenn wir weiter Nichts zu thun haben—“ „Und was machte der Mann weiter?“ frug Mrs. Breidelford ungeduldig. 59 —„um allerlei Sachen bekümmern, die uns ſonſt wenig in⸗ tereſſiren würden, ſo blieb ich einen Augenblick ſtehen und ſah, was dieſer Jemand— von dem ich ubrigens keineswegs geſagt habe, daß es ein Mann geweſen— im Gegentheil war es eine Frau— denn eigentlich wollte.“ „Eine Frau?“ rief Mrs. Breidelford erſtaunt. „Der Laden blieb verſchloſſen,“ erzählte der Yankee weiter, „und die Dame ging jetzt um das Haus herum,— wobei ich mir ebenfalls die Freiheit nahm, ihr zu folgen— und probirte dort, an der Thuͤr angelangt, nachdem ſie auch hier wieder einige Male angeklopft— zwei verſchiedene Schlüſſel.“ „Ei, die Canaille!“ rief Mrs. Breidelford in höchſter Ent⸗ rüſtung—„und ſchloß ſie auf?“ „Es thut mir wirklich leid, Ihnen das nicht genau ſagen zu zu können, Madame.— Ich ſah in dieſem Augenblick nach meiner Uhr und fand, daß ich ſchon eine halbe Stunde ſpäter hierher kom⸗ men würde, als ich dem Squire verſprochen hatte, verließ alſo die Dame bei ihrer, wie ich jetzt allerdings hoffen will, vergebens geweſenen Bemühung.“ „Und Sie haben ſie nicht gefaßt und den Gerichten über⸗ geben?“ rief Mrs. Breidelford in unbeſchreiblicher Entrüſtung, während ſie in wilder Eile ihren Mantel umwarf, ihre große Ar⸗ beitstaſche ergriff und überall im Zimmer noch nach einem andern Gegenſtande umher ſuchte—„Sie haben nicht nach Hülfe ge⸗ rufen und die Diebin zu Boden geſchlagen, die in friedli⸗ cher Leute Häuſer bei Nacht und Nebel einbrechen wollte— Sie haben—“ „Aber beſte Mrs. Breidelford,“ frug Adele beſorgt,„was ſuchen Sie denn noch— kann ich Ihnen nicht helfen?“ —„Nein— mein Bonnet, beſte Miß— mein Bonnet,“ ſagte die Dame, während ihre Blicke von einem Ende des Zimmers zum andern flogen. 60 „Iſt auf Ihrem Kopfe— wertheſte Madame,“ ſagte mit freun⸗ licher Verbeugung der Yankee. „Gute Nacht, Mrs. Dayton, gute Nacht, Mr. Lively— ach! Squire, wenn Sie mir die Liebe erzeigen wollten, mit mir zu gehen“— rief jetzt Mrs. Breidelford—„Sie ſind doch hier Friedensrichter, und wenn wirklich Diebe und Mörder—“ Der Richter machte eine Bewegung, als ob er der Bitte Folge leiſten wollte, Smart ſchüttelte aber hinter Mrs. Breidelford's Rücken ſo angelegentlich und mit ſo komiſchem Ernſte den Kopf, daß er, wenn das wirklich ſeine Abſicht geweſen wäre, ſie aufgab und nur, die Dame zu beruhigen, ſagte: „Recht gern würde ich mit Ihnen gehen, beſte Madame, ich habe aber mit Herrn Lively noch ein wichtiges Geſchäft, und zwar gleich jetzt, abzumachen, das keinen Aufſchub weiter leidet. Mein Burſche ſoll Sie jedoch begleiten, und wenn es ſich nöthig zeigt, dann requiriren Sie nur gleich in meinem Namen den Con⸗ ſtabel und ſchicken mir Jemanden her.— Ich komme dann ſelbſt hinunter.“. Mrs. Breidelford hatte die letzten Worte ſchon gar nicht mehr gehört, packte nur den, unten an der Treppe ſtehenden Mulatten⸗ knaben am Handgelenk feſt, und zog den Ueberraſchten, der angſt⸗ lich nach ſeinem Maſter zurückblickte, mit ſich fort, der Hausthur zu. Mr. Dayton winkte ihm aber lachend, nur getroſt zu folgen, und die Beiden verſchwanden gleich darauf durch die Hausthür, der bedrängten Wohnung einer„armen verlaſſenen Wittwe““ zu Huͤlfe zu eilen. 4 „Aber beſter Mr. Smart,“ ſagte jetzt Mrs. Dayton, während ſie an's Fenſter trat und der Frau beſorgt uachſah—„wenn Sie doch nur wenigſtens die Fremde angeredet hätten, die an Mrs. Breidelford's Thür einen Schlüſſel probirte.“ „Das wäͤre allerdings ein ſchwierig Stück Arbeit geweſen,“ lächelte der Yankee und rieb ſich vergnügt die Hände.—„Mrs 61 Breidelford iſt auf einer wilden Gänſejagd, das heißt, ſie wird ſich außerordentliche Mühe gebetl, Jemanden zu finden, der gar nicht exiſtirt.“ „Nicht exiſtirt?“ rief Adele verwundert, und James, der den Yankee von fruher kannte, lachte laut auf—„nicht exiſtirt? Die Frau, die Sie geſehen haben—“ „Ich habc keinen Menſchen geſehen,“ erwiderte Jonathan, während er ſeinen verlaſſenen Sitz einnahm und Mrs. Dayton die geleerte Taſſe ſo ruhig zum Wiederfüllen hinüberreichte, als ob hier nicht das mindeſte Außergewöhnliche indeſſen vorgefallen wäre. „Und die Frau mit dem Schlüſſel?“ rief lächelnd Squire Dayton. —„War der beſte Einfall, den ich je gehabt habe,“ bemerkte — immer noch ohne eine Miene zu verziehen— der Yankee,„Mrs. Breidelford hätte uns ſonſt noch den ganzen Abend Selbſtbiogra⸗ phien und geſchichtliche Abriſſe aus dem Leben ihres„lieben ſeligen Mannes“ zum Beſten gegeben.“ Hätte die arme, in Schweiß faſt gebadete Mrs. Louiſe Breidel⸗ fort das Gelächter hören können, das in dieſem Augenblicke die Spiegelfenſter des kleinen freundlichen Zimmers erzittern machte, und dann auch noch die Urſache deſſelben gewußt, ihr Zorn häͤtte keine Grenzen gekannt. Unaufhaltſam fort aber, den unglücklichen Mulattenknaben im Schlepptau, ſtürmte ſie, der eigenen, bedroht geglaubten Wohnung zu, und geheimnißvolle, düſtere Worte waren es, die ſie dabei vor ſich hinmurmelte. Die kleine, jetzt von ihrer läſtigen Gegenwart befreite Geſellſchaft rückte aber indeſſen in der beſten Laune von der Welt dichter um den Tiſch herum, und ſelbſt James verlor zum großen Theil ſeine fruͤhere Scheu. Die allge⸗ meine Fröhlichkeit hatte ihn den Frauen näher gebracht und er ge⸗ ſtand nun in aller Unſchuld, daß er zum Tod erſchrocken ſei, als Mrs. Breidelford die Einladung, die doch eigentlich nur den beiden 62 Damen des Hauſes gegolten, ſo ganz ohne Weiteres auf ſich be⸗ zogen und angenommen habe. „Daheim,“ ſagte er,„würden ſie ſchön ſchauen, wenn ſie ihre Drohung wahr machte, denn böſe Geſchichten ſind's, die über die Frau erzählt werden.“ „Weiß auch der liebe Gott, wie wir zu der Ehre ihres Beſuches kommen,“ meinte Mrs. Dayton.„Das iſt nun ſchon das dritte Mal, daß ſie uns aufſucht und bis ſpät in die Nacht dableibt, ohne daß wir je einen Fuß über ihre Schwelle geſetzt, oder ſie auch nur gebeten hätten, ihren Beſuch zu wiederholen. Was will ich aber machen? ſie kommt, ſetzt ſich hin, quält uns Stunden lang mit ihren ſchreck⸗ lichen Erzählungen, und borgt beim Weggehen gewöhnlich noch eine Maſſe von Kleinigkeiten, wie Nadeln, Seide, Stuͤckchen Lei⸗ nenzeug oder Küchengeſchirr und ſonſtige Sachen, die ſie ebenſo regelmäßig wieder zu ſchicken vergißt.“ „Ich kann wohl geſtehen,“ ſagte Smart,„daß ich erſtaunt war, ſie hier in Ihrer Geſellſchaft zu finden.— Mrs. Breidelford genießt in Helena nicht einmal mehr einen zweideutigen Ruf, und das will viel ſagen. Die wirklich wenigen Guten, die noch hier ſind, haben ſich nicht allein von ihr zurückgezogen, ſondern ihr ſo⸗ gar das Haus verboten. Auch Mrs. Smart hatte eines ſchönen Morgens ein ſehr lebhaftes und für Mrs. Breidelford keineswegs ſchmeichelhaftes Geſpräch mit dieſer Dame, das Seitens meiner Frau von dem obern, Seitens jener Lady von dem untern Theil der Veranda geführt wurde, zu welchem ſie durch den Neger aus dem Hauſe begleitet worden war. Allerdings behauptete in dieſem Zungenkampf Mrs. Breidelford das Feld, denn von einem ſehr großen und ſehr zerlumpten Theil des jungen Helena unterſtützt, verblieb ſie noch mit eingeſtemmten Armen und äußerſt rothen Geſichtszügen eine ganze Weile auf ihrem eingenommenen Poſten, während ich Mrs. Smart, freilich nicht ohne bedeutenden Widerſtand, hinterruͤcks und immer noch nach außen hin eifernd, in das Haus zurückzog. Seit 63 der Zeit bat ſie natürlich unſere Wohnung nicht wieder betreten dürfen, ſcheint aber den darüber gehegten Groll keineswegs bis auf mich ausgedehnt zu haben, denn ſie war heute Abend ungemein, ja faſt auffällig freundlich und zuvorkommend gegen mich.“ „Ich glaube, man thut dieſer Mrs. Breidelford— ſo wenig ich ſie auch ſelbſt perſönlich leiden kann, doch Unrecht,“ nahm hier der Squire das Wort.„Ich kenne ſo ziemlich Alles, was an Ge⸗ ruchten über ſie im Umlauf iſt, und habe ſie ſcharf beobachtet und beobachten laſſen. Das Einzige jedoch, wegen dem ich ſie in Ver⸗ dacht habe und was wirklich ſtraffällig wäre, iſt der geheime Ver⸗ kauf von Whiskey an Neger. Zeigt ſich das als begründet, ſo werde ich ſie auch deshalb, wie es ja als Richter meine Pflicht iſt, in Strafe nehmen, und weder ihre Freundſchaft noch ihr Haß ſoll mich daran hindern. Lieb wäre es übrigens auch mir, wenn ſie uns mit ihren Beſuchen verſchonen wollte, doch— Sie wiſſen, wie das hier in Arkanſas iſt— Wollte man es den Leuten förm⸗ lich verbieten, die ganze Stadt ſchrie dann uͤber Stolz und Hoch⸗ muth; da unterzieht man ſich lieber dem kleinern Uebel und hat dafür mit weniger Unannehmlichkeiten und böſem Willen zu kaͤmpfen.“ „Ja, Squire,“ ſagte James und wurde feuerroth, hier vor den beiden Damen das Wort zu nehmen,„das mag ganz gut ſein, ſo lange es ſich auf arme einfache Leute bezieht. Wenn aber bei uns auf dem Lande draußen Jemand einmal als ſchlecht erkannt iſt, und man giebt ſich dann nicht mit ihm ab, dann wirft Einem das kein Menſch mehr vor— mein' ich.“ „Mr. Lively hat ganz recht, Dayton,“ fiel hier Adele lebhaft ein—„mit ſolcher Frau würde ich auch keine Umſtände weiter machen.— Was kann ſie uns denn thun, wenn wir ihr das Haus verbieten? und wir würden dadurch eine Pein los, die manchmal wirklich kaum zu ertragen iſt. Nun, Mr. Lively wird es noch be⸗ reuen, uns eingeladen zu haben.“ 64 „Miß Adele“— ſtotterte James, und erfaßte mit beiden Hän⸗ oen feſt und krampfhaft den untern Theil ſeines Stuhls, als ob er ſich einen Zahn wollte ausziehen laſſen—„Mutter wird— Sie können gar nicht glauben wie— ich wollte ſagen— verſuchen Sie's nur, kommen Sie nur einmal heraus— und wenn's auch nicht draußen ſo ſchöne Blumen giebt wie“— um ſein Leben gerr hätte er„wie Sie“ geſagt, aber es ging nicht— es ging wahr⸗ haftig nicht. Die Worte ſtaken ihm Harpunen gleich in der Kehle, und er brachte ſie nicht heraus— „Wie hier, Mr. Lively?“ lachte Adele, die das wie auf He⸗ lena bezog, oder ihm doch wenigſtens ſchnell damit in die Rede fiel—„wie hier? ach, Du lieber Gott, hier ſieht's mit Blumen trüb und traurig aus, denn der Wald in der ganzen Nachbarſchaft herum iſt zerſtampft und zertreten, und ſelbſt den Bäumen ſcheint der ewige Qualm und Rauch und das wilde rohe Toben der Men⸗ ſchen nicht zu behagen.— Sie ſehen in der Nähe der Stadt häß⸗ lich und verkrankt aus, während ſie weiter davon entfernt viel friſchere lebendigere Farben, viel würzigern Duft zu haben ſcheinen.“ „Ach, Miß— Sie ſollten nur jetzt einmal ſehen, wie ſchön, wie herrlich es bei uns iſt!“ rief Lively, dem der Gedanke an ſeinen Wald friſchen Muth gab— wenn er es auch nicht wagte, dem jungen Mädchen zu ſagen, wen er vorhin mit den Blumen gemeint. Es iſt ja nirgends herrlicher in der Welt, als im Walde draußen, und ein Morgen, ein Sonnenaufgang unter den friſchen, thauigen Bläͤttern wiegt ein ganzes Jahr aus dem haͤßlichen Trei⸗ ben der Städte auf. Die wilden Thiere und Vögel wiſſen das auch recht gut.— Dorthin, wo es am heimlichſten, am ungeſtörte⸗ ſten iſt, dahin flüchten ſie ſich, und wo kein menſchliches Auge ſie erreichen kann, da ſpielt die Hirſchkuh mit dem Kalbe und die mun⸗ teren Sänger ſchlagen die herrlichſten Triller dazu und ſingen ſo 65 lange und ſo wunderſchön, bis die Blätter ordentlich anfangen un⸗ ruhig zu werden und zu tanzen.“ „Ei, fieh da, Mr. Lively“— lächelte Squire Dayton, während er ſich ein ſchmales Stück Kautabak abſchnitt und das Uebrige an Jonathan Smart hinüberreichte—„ob er uns am Ende nicht noch ganz poetiſch wird— haben Sie ſchon einmal Verſe ge⸗ macht?“ „Ich?“ rief James und ſah jetzt erſt zu ſeinem unbegrenzten Entſetzen, daß die Augen der ganzen Geſellſchaft auf ihm allein gehaftet hatten—„ich— nein— im Leben nicht“— und ſeine Hände griffen vergebens nach ihrem frühern, im Eifer des Ge⸗ ſprächs verſchmähten Anhaltepunkt. „Mr. Smart ſoll aber ſchon Verſe gemacht haben,“ ſagte Mrs. Dayton, und ſuchte durch dieſe Wendung dem armen Burſchen aus der Verlegenheit zu helfen. Jonathan Smart blickte Mrs. Dayton von der Seite an. „Ein Nankee und Verſe machen?“ ſagte er endlich ſchmunzelnd und nahm ſein linkes Knie zwiſchen die beiden Hände,—„präch⸗ tige Idee das. Nein, Mrs. Dayton, damit befaſſe ich mich weni⸗ ger; Verſe bringen Nichts ein.— Und doch— ſo⸗komiſch Ihnen das auch vorkommen mag, habe ich wirklich einmal ein Gedicht, und zwar an meine Alte gemacht, als wir noch Brautleute waren.“ „O bitte, bitte, Mr. Smart, das Gedicht müſſen Sie uns einmal zeigen,“ bat Adele—„ich leſe ſo ungemein gern Ge⸗ dichte“— „Und ſolche beſonders,“ lächelte der Wirth,„nicht wahr, wo man ſich vor Lachen dabei recht ausſchütten kann?— Ih nun, wenn ich's noch hätte, wär' mir's recht.— Später mußte ich ſelbſt darüber lachen.“ „So haben Sie es vernichtet?“ „O nein, im Gegentheil, das iſt in den Händen derſelben, an die es gerichtet geweſen.“ Gerſtäcker, Flußpiraten. I. 5 — 66 „In Mrs. Smart s Händen?“ „Zu dienen, und wird jetzt etwa in derſelben Art, wie die ſchlecht geſchleuderten Wurflanzen der Indianer, von der nämlichen Perſon, den oder die es hätte treffen ſollen, als Waffe gegen den Abſender gebraucht.“ „Das iſt ein Räthſel,“ ſagte Mrs. Dayton. „Aber leicht zu löſen,“ fuhr der Yankee fort.„Ich machte nämlich in einer mehr als gewöhnlich ſchwärmeriſchen Stunde— nicht wahr, Mr. Lively, Sie haben deren auch manchmal?— ein Gedicht auf die damalige Miß Roſalie Heendor. Darin pries ich⸗ denn, wie das in ſolchen Gedichten gewöhnlich geſchieht, nicht allein ihre unvergleichliche Schönheit und Liebenswürdigkeit, wobei ich die einzelnen Reize unter den Rubriken: Alabaſter, Perlen, Elfenbein, Sterne, Sammet, Roſen, Veilchen zc. beſonders aufführte, ſondern ich bekannte auch mit einer wirklich Alles hintanſetzenden Beſchei⸗ denheit und— Unvorſichtigkeit— meinen eigenen Unwerth, ein ſolches Ideal zu beſitzen; hielt aber am Schluß nichts deſto weniger ſehr ernſtlich um deſſen Hand an. So weit ging die Sache gut; Miß Roſalie war nicht von Stahl und Jonathan Smart auch damals noch ein ganz reputirlicher junger Burſche, der ſeine ſechs Fuß zwei Zoll in ſeinen Strümpfen ſtand. Mehrere Jahre hatten wir auch ſo, ruhig und vergnügt, mit einander verlebt, und mir war das Gedicht und deſſen Inhalt natürlich ganz und gar entfallen. Da geſchah—“ „Ein Brief an Squire Dayton,“ ſagte Nancy, die in dieſem Augenblick die Thür öffnete und ein leicht zuſammengefaltetes Pa⸗ pier hereinreichte. „Wer hat es gebracht?“ frug der Sauire. „Der Mailrider,“ erwiderte die Mulattin,„er ſagte, es hätte Eile!“ Squire Dayton öffnete das Schreiben und drehte ſich damit nach dem Licht herum, um es beſſer leſen zu können; Jonathan 67 aber, der während der Unterbrechung einen Augenblick ſtillgeſchwie⸗ gen hatte, fuhr jetzt ruhig in ſeiner Erzählung fort und zwar, nach ſeiner gewöhnlichen Art, gleich mit dem Worte, bei welchem er ſtehen geblieben war: —„es einſt, daß Mr. und Mrs. Smart, wie das bei Ehe⸗ leuten wol manchmal vorfällt, einen kleinen Wortwechſel hatten, in welchem der Gentleman ſeiner Lady hinſichtlich ihrer perſönli⸗ chen Eigenſchaften einige vielleicht nicht gerade ſchmeichelhafte Be⸗ merkungen machte. Darauf ſchien dieſe übrigens vorbereitet, denn plötzlich und ohne alle vorherige Warnung tauchte jetzt— nichts Anderes als das längſt verjährte Gedicht auf und mit lauter— ja immer lauterer Stimme, je mehr ich dagegen proteſtirte, wurde mir der, mit meinen eben gemachten Aeußerungen allerdings et⸗ was im Widerſpruch ſtehende Inhalt triumphirend vorgeleſen. Dieſe Scene hat ſich ſeitdem einige Male wiederholt, und wenn man nach gemachten Erfahrungen berechtigt iſt, die Jugend zu belehren und vor Mißgriffen zu warnen, ſo möchte ich dem hier anweſen⸗ den jungen James Lively allerdings ſehr dringend empfehlen, keine Gedichte ſolchen Inhalts der jungen Dame zu überſenden, die er dereinſt’ als ehrbare Hausfrau heimzuführen gedenkt.— Schon gewählt?“— und die Frage traf den, an den ſie gerichtet war, ſo plötzlich, daß er erſchrocken auf ſeinem Stuhle zuſammen⸗ fuhr. Mr. Dayton ſelbſt erſparte ihm aber diesmal eine Antwort, denn er ſtand ſchnell auf, ging zum Fenſter und blickte hinaus ſah nach der Uhr und ſagte dann: „Liebe Frau, ich bekomme hier eben höchſt fataler Weiſe einen Brief, daß ich heute Abend noch einen ſehr gefäͤhrlich Kranken be⸗ ſuchen muß.“ „Hier in Helena?“ frug Mrs. Dayton beſorgt. „Nein, leider nicht,“ ſagte der Squire—„zehn Miles im Lande drin. Da werde ich denn allerdings vor morgen früͤh, wenn das überhaupt der Zuſtand des Patienten erlaubt, nicht wieder hier 5* * 68 ſein können. Höre, Nancy, ſage doch Cäſar, daß er mein Pferd ſattelt und aufzäumt.“ Mrs. Dayton ſeufzte tief auf. „Ach Georg,“ flüſterte ſie traurig,„es iſt ja wol recht gut für Dich, daß Deine Fähigkeiten ſo in Anſpruch genommen wer⸗ den, aber, ich weiß nicht, ich wollte doch, Du könnteſt ein wenig mehr zu Hauſe bleiben.— Die häufigen Nacht⸗Ritte müſſen ja auch Deine eigene Geſundheit ruiniren.“ „Sei unbeſorgt,“ lächelte der Gatte, und zog den Oberrock an, den auf ſeinen Wink Nancy indeſſen gebracht hatte—„Scha⸗ den thut es mir ſicher nicht, aber allerdings bliebe ich auch lieber bei Euch; doch was will ich machen? Soll ich die Kranken, die mir nun einmal vertrauen, in Angſt und Sorge liegen laſſen, weil ich mich nicht gern in meiner Bequemlichkeit geſtört ſehe? Mir thun ſie leid, die Armen, da ja überhaupt die Heilkunde des ganzen Staates faſt nur in den Händen von Quackſalbern iſt.“— „Da hat der Squire wohl recht,“ ſagte Jonathan,„eine Wohl⸗ that iſt's, für die man nicht genug dankbar ſein kann, wenn man im Stande iſt, einen ordentlichen Arzt zu bekommen. Doch, auf⸗ richtig geſagt, möchte ich der nicht ſein, der nie weiß, ob er ſich am Abend ruhig in ſein Bett legen kann oder nicht. Mit der Bezah⸗ lung dafür ſieht's nachher auch immer windig genug aus.— Wer iſt denn krank?“ „Der Deutſche, der ſich erſt vor Kurzem dort angefiedelt hat,“ ſagte der Richter— Brander heißt er, glaub' ich.“— „Aha— kaltes Fieber wahrſcheinlich— nun das iſt nicht ſo gefährlich. Doch ich höre das Pferd unten kommen; alſo Ladies, ich werde mich jetzt ebenfalls empfehlen. Mr. Lively, gehn Sie auch mit, oder bleiben Sie noch bei den Damen?“ „Nein, bewahre“— ſagte James ſchnell, und erſchrak doch auch gleich darauf wieder über die Ungezogenheit—„Ich— ich 69 wollte nur ſagen, daß ich auch nach Hauſe muß, es wird ſonſt zu ſpät— Reiten wir einen Weg, Mr. Dayton?“ „Schwerlich,“ erwiderte dieſer, während er ſich den linken Sporn anſchnallte—„ich reite den Fußpfad, der nach Bailys hinüberführt. Es iſt etwas näher.“ „Da müſſen Sie aber durch den Sumpf unten,“ ſagte James. „Das iſt ein Weg, wo man jetzt kaum am hellen Tage durch⸗ kommt.“ „Hat Nichts zu ſagen,“ lächelte der Squire,„ich kenne da je⸗ den Zoll Landes und habe mir erſt neulich das überhängende Rohr ein Bischen aus der Bahn gehauen. Alſo gute Nacht, Kinder, gute Nacht. Morgen früh, hoff' ich, trinken wir wieder zuſammen Kaffee, und dann kann ich mich nachher recht ordentlich aus⸗ ruhen.“ „Ladies,“ ſagte Lively, und machte, ohne Adele dabei auch nur von der Seite anzuſehn, eine tiefe Verbeugung vor Mrs Dayton—„darf ich alſo den Aeltern ſagen, daß Sie— morgen kommen werden?“ Das und noch viele, viele Gruße an die Mutter,“ erwiderte Mrs Davton freundlich und reichte dem jungen Mann die Hand. Dieſer drückte ſie berzlich, ließ ſie aber in aller Verlegenheit auch gar nicht wieder los, da er im Geiſt jetzt ebenfalls eine Anrede an Miß Adele vorbereitete. Mrs. Dayton mochte jedoch eine Ahnung von dem haben, was in James' Seele vorging, denn ſie ſagte lächelnd: „Und darf ich alſo Adelen auch mitbringen?“ James druͤckte ihr die Hand, daß ſie hätte aufſchreien mögen, fuhr dann aber ſchnell zurück und ſagte, roth wie Blut— „Miß Adele wird ſich freilich draußen gewaltig langweilen.“ „Dann ſoll ich vielleicht hier bei Mrs. Breidelford bleiben?“ frug das ſchelmiſche Ding. „Miß“— ſtotterte James. 70⁰ „Nun wird's, Lively?“ rief Smart ſchon von der Hausthüͤr aus—„Euer Pferd ſteht auch mit hier.“ „Wir kommen alſo Beide, Mr. Lively— beſtimmt“— läͤchelte Mrs. Dayton, und James, dem Nancy indeß ſeinen lange geſuchten Hut gebracht hatte, ſprang mit einem fröhlichen„Gute Nacht zuſammen“ die Treppe hinab und unten mit einem Satze in den ſpaniſchen Sattel des muntern Poneys, das ihn dort freudig wiehernd begrüßte. Wenige Secunden ſpäter ſprengten Dayton und Lively auf zwei verſchiedenen Wegen fort. Smart aber druͤckte ſich den Hut feſt auf die Stirn, ſchob beide Hände tief, tief in ſeine Beinkleider⸗ taſchen und ſchritt dann, höchſt ſelbſtzufrieden vor ſich hinpfeifend, die Straße hinab. Indeſſen ging er nicht gleich dem eigenen Hauſe zu, denn die Ruhe in der Stadt verbürgte ihm deſſen Sicherheit — ſondern erſt einmal nach der Flatbootlandung des Fluſſes, wo etwa zwölf oder dreizehn jener langen unbehülflichen Fahrzeuge angebunden lagen. Die Boote hingen nur an Tauen feſt, breite Planken lagen aber vom Land aus hinüber und vermittelten die Verbindung mit dieſem. Dienten doch dieſe Boote auch als ſchwim⸗ mende Kaufladen, von denen die Bewohner der ſüdlichen Staaten die Produkte des Nordens zugeführt bekamen. V. Die nächtliche Fahrt— die Inſel. Der Mond ſchien hell und freundlich auf die raſch dahin ſtrö⸗ mende, undurchſichtige Fluth herab, während nur dann und wann einzelne dünne Wolken die helle Scheibe für kurze Momente ver⸗ — — 71 düſterten und ihre Schatten über die weite Niederung deckten Leiſe gurgelte dabei das Waſſer unter den gewichtigen Booten, und die Strömung warf ſchmutziggelbe Schaumblaſen gegen die Plan⸗ ken derſelben an. Hier und da trieb ein, von dem tückiſchen Nach⸗ bar ſeinem ſichern, Jahrhunderte lang behaupteten Platz entriſſe⸗ ner Baumſtamm vorüber, und ſtreckte die langen Rieſenarme wie Hülfe ſuchend nach den, ruhig neben ihm fortrauſchenden Brüdern aus, und der Schrei des Loon gab manchmal, oft wie ſpottend, den rohen Jubelruf der Zechenden zurück, der noch immer aus einem der im Innern hellerleuchteten Boote und einem weiter oben ge⸗ legenen Trinkhaus vorſchallte. Oft ſprang auch ein gewaltiger Catfiſch aus ſeinem kühnen Element empor, und die glatte filber⸗ farbene Haut blitzte dann im Mondenlicht. Sonſt aber lag Ruhe — ſtille unheimliche Ruhe auf der breiten Fläche des Stromes, und ſtach nur um ſo ſchauriger gegen das rohe Jauchzen der wil⸗ den ausgelaſſenen Geſellen ab. 2 Smart ſchritt langſam am Ufer hin, und hatte eben den hoch⸗ abgebrochenen Stamm eines jungen Sycamore erreicht, der hier von den Flußleuten benutzt wurde, die Bootstaue daran zu befeſti⸗ gen, als ſich ihm die Geſtalt eines andern Mannes näherte, den er augenblicklich als den vor wenigen Stunden geretteten Iren er⸗ kannte. Langſam kam dieſer ihm gerade entgegen am Ufer herauf⸗ geſchlendert, und ſchien nur dann und wann einmal die Boote mit einem mißtrauiſchen Blicke zu betrachten. „Ei, ei O'Toole,“ rief dawarnend der Yankee—„juckt Euch das Fell ſchon wieder, und tragt Ihr ſo abſonderliches Verlangen nach kaltem Flußwaſſer, daß Ihr Euch, alle Vorſicht vergeſſend, in die Nähe von Leuten wagt, die erſt vor ganz kurzer Zeit ein Todesurtheil über Euch gefällt hatten? Ich möchte zum zweiten Male nicht ausreichend ſein, Euch ihrem Griff zu entreißen.“ „Hol' ſie der Böſe“— murmelte der Ire, der bei der erſten Anrede, und ehe er recht unterſcheiden konnte, wer zu ihm ſprach, 72 ſchnell nach der Seite und einer dort wahrſcheinlich verborgenen Waffe gegriffen hatte. Durch den Anblick des Wirths aber be⸗ ruhigt, doch immer noch mit verbiſſenem Ingrimm fuhr er fort: „Eine Bande iſt's,— eine raubgierige, ſchurkiſche Bande von lau⸗ ter Schuften, die aneinander hängen wie die Kletten. Smart— Ihr mögt mir's nun glauben oder nicht, aber St. Patrik ſoll mich in meiner letzten Stunde verlaſſen, wenn ich nicht fuͤrchte, hinter den Burſchen ſteckt etwas Schlimmeres, als wir jetzt noch ver⸗ muthen.“ „Hinter den Bootsleuten?“ lächelte der Wirth verächtlich— „da thut Ihr ihnen wahrlich zu viel Ehre an.— Wildes, rohes Volks iſt's, das gedanken⸗ und ſittenlos in den Tag hineinlebt und, wie die Matroſen, jeden Dollar verſpielt und vertrinkt, den es ſich vorher mit ſauerem Schweiße verdienen mußte.“ „Das iſt's nicht allein,“ ſagte der Ire kopfſchüttelnd—„das iſt's bei Gott nicht allein. Die Kerle halten zuſammen wie ein Sack voll Nägel und haben auch Zeichen untereinander, darauf wollte ich meinen Hals verwetten. Sobald der eine Halunke pfiff — ich habe mir übrigens den Pfiff gemerkt— ſtürmten ſie Alle mitſammen auf mich los, wie eine Meute Braken, wenn ſie das Horn hören. Aber wartet— wartet, Canaillen; ich komme Euch noch auf die Spur, darauf könnt Ihr Euch verlaſſen und nachher ſei Euch Gott gnädig.“ „Dort unten ſtößt ein Boot ab,“ ſagte Smart, und zeigte den Fluß hinab, wo gerade unter den Flatbooten ein kleines ſcharfge⸗ bautes und jollenartiges Fahrzeug vorſchoß, zuerſt eine Strecke in den Strom hineinhielt und dann ſtromab, aber immer noch mit beiden Rudern arbeitend ſeine Bahn verfolgte. Ein einzelner Mann ſaß darin, wer es aber ſei, konnten ſie nicht erkennen. „Nun, wo will denn der hin?“ fragte der Ire und nahm den Hut ab, um nicht durch den Rand deſſelben den Blick beſchattet zu haben. 73 „Es wird irgend ein Flatbooter ſein, der hier wie gewöhnlich ſeine paar Dollar verſpielt hat, und nun in aller Eile hinter ſei⸗ nem, indeſſen vorausgegangenen Boote herrudern muß.“ „Dann kommt dort noch die ganze übrige Mannſchaft,“ ſagte der Ire, und zugleich glitt ein großes Segelboot in den Strom, das aber nicht dieſelbe Richtung wie der Einzelne nahm, ſondern den Bug etwas ſtromauf ſcharf in den Fluß hineinhielt, als wenn fie die Landung am andern ufer ſo hoch als möglich machen wollten. „Weathelhope drüben bekommt heute Beſuch,“ ſagte Smart —„wird ſich unmenſchlich freuen.“ „Sollten die bei Weathelhope einkehren?“ „Wenn nicht, ſo haben ſie noch wenigſtens fünf Meilen heute Abend zu marſchiren, ehe ſie ein anderes Haus erreichen können, und fünf Meilen bei Nacht und Nebel durch den Sumpf zurück⸗ zulegen, dafür dankte ich. Lieber blieb' ich die Nacht dicht am Ufer des Stromes; da ließen die Mosquitos doch wenigſtens noch etwas von mir übrig; in dem Swamp aber drrin fräßen fie, glaub' ich, einen Menſchen bis auf die Knochen auf.“ „Es wäre bei Gott kein Verluſt, wenn das den Canaillen heute paſſirte,“ brummte der Ire.—„Doch gute Nacht, Smart, es wird ſpät, ich will mich ſchlafen legen. Von heute an bin ich übrigens Euer Schuldner, denn ohne Euch läge ich jetzt tief dort unten in der ſchmutzigen Fluth.— Gebe Gott, daß ich Euch das einmal vergelten kann!“ „Ei OToole,“ ſagte der Wirth lachend, während er ihm die Hand hinüberreichte—„das war blos Eigennutz von mir, ich hätte ja ſonſt Einen meiner beſten Gäſte verloren.— Doch— außer Spaß— nehmt Euch vor dem rohen Volke künftig lieber ein we⸗ nig mehr in Acht.— Es hat Niemand Ehre davon, ſich mit ihnen einzulaſſen.“ Die Männer ſchritten jeder langſam nach ſeiner Wohnung in ——*— 2 74 die Stadt zurück. Nur O Toole blieb noch mehrere Male ſtehen, und lauſchte aufmerkſam nach den Ruderſchlägen des Bootes hin⸗ über, die in immer weiterer und weiterer Ferne verklangen, bis ſie endlich ganz plötzlich aufhörten oder ein veranderter Windzug den Laut nicht mehr zum weſtlichen Ufer trug. Der Irländer horchte noch eine Weile und murmelte dann ärgerlich vor fich hin— „Hol' ſie der Teufel— jetzt läßt ſich doch Nichts mit ihnen anfangen. Aber wartet— morgen will ich einmal hinüber nach Weathelhope, und dann müßte es ja mit dem Henker zugehen, wenn man nicht auf die Fährte der Schufte kommen könnte.“ Das Boot ſtrebte übrigens keineswegs, wie der Ire vermuthet hatte, dem andern Ufer zu, obgleich es, von Helena aus geſehen, allen Anſchein hatte. Es hielt nur in gerader Richtung durch den Strom, bis in etwa fünfhundert Schritten von ſeinem ſcheinba⸗ ren Ziel. „Stop her!“*) ſagte da plötzlich eine rauhe tiefe Stimme, die aus dem Stern des Fahrzeugs vortönte, und die vier Boots⸗ leute hoben gleichzeitig ihre Ruder boch aus dem Waſſer, daß die glänzenden, daran hängenden Tropfen bis zu dem Bootsrand zu⸗ rückliefen und hier die Ruderlöcher näßten. Es war der Steuer⸗ mann, der den Befehl gegeben und zugleich ein alter Bekannter von uns, der Narbige, der in Helena dem armen Iren bald ſo gefähr⸗ lich geworden wäre. Auch die neun Männer an Bord— viere an den Rudern und fünf behaglich zwiſchen dieſen ausgeſtreckt, bildeten die Mehrzahl derer, die an dem Uferkampf gegen den Einzelnen einen ſo ungerechten Antheil genommen hatten. Das Boot, nicht mehr ſo ſchnell durch die Fluth getrieben, blieb doch noch hinlänglich in Gang, um von dem Steuer und zwar ſtromab regiert zu werden. *) Halt. 7⁵ „Ich wäre lieber noch ein wenig weiter hinuͤbergefahren,“ ſagte der Eine jetzt, während er den Kopf hob und nach dem noch ziem⸗ lich fernen Lande hinüber ſchaute.— „Und wozu?“ frug der mit der Narbe—„erſtlich liefen wir Gefahr, auf den Sand zu rennen, und dann möchten ſie auch oben in dem Hauſe auf uns aufmerkſam werden, und das iſt Beides nicht nöthig.“ „Laſſen wir die runde Weideninſel links oder rechts liegen?“ „Links.“ „Da iſt ja auch wol das tiefſte Waſſer.“— „Deshalb nicht, unſer kleines„Känguruh“ würde ſchon über die flachen Stellen fortſpringen. So arg iſt's übrigens auch gar nicht, wir haben an beiden Seiten der Inſel, bei jetzigem Waſſer⸗ ſtand und an den ſeichteſteu Stellen ſechs Fuß, und brauchen höchſtens anderthalb.“ „Nun, mir recht— ich weiß mit dem Fluß nicht Beſcheid, aber— wie lange fahren wir denn wol bis hinunter?“ „Es mögen etwa vierzehn Meilen von Helena ſein,“ meinte der Narbige.„Eine Meile weiter unten fangen wir wieder an zu rudern, gehen über den Fluß zurück und muͤſſen den Landungsplatz in höchſtens anderthalb Stunden erreichen, vielleicht noch eher. Jetzt ſeid aber ruhig; hier am ufer ſtehn einige Häuſer, und je weniger Geräuſch wir machen, deſto beſſer iſt's.“ Das ſcharfgebaute Fahrzeug trieb noch eine ziemliche Strecke ſtill und ſchweigend ſtromab, dann aber ließen, auf ein Zeichen des Führers, die Männer die bis dahin noch immer emporgehaltenen Ruder wieder in's Waſſer, der Bug kehrte ſich wieder dem weſtlichen Ufer zu, und hin über die Fluth ſchoß nun das„Känguruh,“ daß die kleinen Kräuſelwellen vorn hoch emporſpritzten und dann in langen wogenden Kreiſen ſeitab ſtrömten. Die einzelnen Lichter am Ufer blieben weit, weit zurück. Jetzt näherte ſich das Boot, der ſtärkern Strömung treu bleibend, mehr 76 und mehr dem Ufer, ja glitt ſo nahe an dem düſtern Urwald hin, daß die funkelnden Glühwürmer ſichtbar wurden und der klagende Ton der Nachtvögel zu ihnen herüberſchallte. Hier lag eine Anſiedelung, und dieſe jetzt ſo geräuſchlos als möglich zu paſſiren, waren die Ruder umwickelt worden— kein Laut wurde geſprochen, und ſo dicht am Lande glitt das Boot vor⸗ über, daß ſie oft die Wipfel der durch Abbrechen des Ufers hinein geſtürzten Stämme berühren konnten. Da blieb eines der Ruder in einem vorragenden Aſte hängen und fiel dem, der es hielt, aus der vergebens raſch danach greifenden Hand. Der Steuermann drückte jedoch das Hintertheil des Bootes ſchnell dem forttreibenden Holze zu und ergriff es eben noch zur rechten Zeit, konnte jedoch nicht verhindern, daß ein Paar der Ruder gegen Bord ſchlugen und dadurch auf dem ſtillen Waſſer ein allerdings nicht unbedeutendes Geräuſch verurſachten. Sie befanden ſich jetzt gerade unterhalb dem einen Hauſe. Die Hunde ſchlugen dort an und liefen dem ſteilen Uferrand zu, von dem aus ſie das vorbeiſchlüpfende Boot deutlich erkennen konnten. „Hallo the boat!“ rief da eine laute Stimme, die aus der kleinen Lichtung heraustönte. Gleich darauf ſprang ein Mann in Hemdsärmeln auf einen, halb über die ſteile Uferbank hinausragen⸗ den Sycamoreſtamm und ſchwenkte, zum Zeichen daß er mit den vorbei Rudernden reden wolle, ein helles Tuch. Daß ſie geſehen waren, ließ ſich nicht mehr verkennen, der Steuermann gab auch ohne Zeitverluſt und mit ruhiger Stimme ſein „Was ſoll's?“ — zurück und ließ dabei den Bug herumſchneiden, daß er gegen die Strömung kam. Dabei rief er dem im Vordertheil Sitzen⸗ den zu, irgend einen Aſt zu erfaſſen und da feſt zu halten, bis er mit dem Manne geſprochen hätte. „Aber zum Teufel, Ned,“ flüſterte ihm der vor ihm Sitzende 77 ängſtlich zu—„biſt Du denn geſcheidt? Du willſt es Denen am Lande wohl ganz in's Maul“— „Stille, ſag ich“— unterbrach ihn der Steuermann,„laßt mich nur machen— Wir dürfen keinen Verdacht erregen.“ „Wohin geht das Boot?“ rief abermals die Stimme vom Ufer aus.— „Stromab, bis Montgomery's Point.“— „Noch Platz an Bord?“ Der Steuermann zögerte mit der Antwort—„was zum Teufel mögen ſie wollen?“— flüſterte er vor ſich hin.— „Noch Platz an Bord für einen Paſſagier?“ wiederholte der Erſte. „Alle Wetter— da giebt's was zu angeln“— kicherte der eine der Ruderer—„ſag' ja, Ned— um Gotteswillen ſag' ja; der Mann hat ſicherlich einen vortrefflichen Koffer, den er losſein möchte.“— „Nein!“ rief der Steuermann, ohne die Einflüſterungen wei⸗ ter einer Sylbe zu würdigen—„wir haben ſchon zu viel hier— wenn uns ein Dampfboot begegnet, könnte uns ein Unglück zu⸗ ſtoßen;“ und eine nochmalige Frage, die durch das Schäumen des Waſſers in der neben ihnen angeſchwemmten Eiche ohnedies über⸗ täubt wurde, nicht weiter beachtend, gab er laut den Befehl vorn loszulaſſen.— Der Bug fiel gleich darauf wieder ab und mit dem Worte„Ruder ein“ erneuerte das„Känguruh“ ſeine ſo plötzlich und unerwartet unterbrochene Bahn. „Was in Beelzebubs Namen iſt Dir denn heute Abend in den Kopf gefahren?“ zürnte da der frühere Sprecher, indem er ſich un⸗ willig gegen den Steuernden wandte,„ſchickſt die Leute ſelbſt zu⸗ rück, die uns ihre guten Sachen bringen wollen, und betrügſt uns förmlich um unſern Gewinn?— Der Capitain wird ſchön ſchim⸗ pfen, wenn er's erfährt.“ „Halt Dein ungewaſchenes Maul,“ knurrte der Narbige— —— 78 „red'ſt, wie Du's verſtehſt.— Wir haben heute genug Unfinn in Helena getrieben; ich ſollte denken, wir ließen es dabei bewenden. Wollteſt Du eines einzigen erbärmlichen Koffers wegen Gefahr lau⸗ fen, unſern Schlupfwinkel aufgeſtört zu wiſſen— heh? willſt Du hier gleich— uns ganz dicht auf dem Kragen, einen Verdacht rege machen, der uns die benachbarten Conſtabel in ein paar Wochen auf den Hals hetzen würde? Nein, es war thöricht genug, daß wir heute den Streit anfingen zu dem Du ebenfalls wieder den Anlaß gegeben. Dabei mag's heute ſein Bewenden haben. Fatal iſt mir's übrigens, daß uns der Laffe am Ufer geſehen hat. Nun, er weiß doch wenigſtens nicht, wohin wir gehören. Aber jetzt greift aus, meine Burſchen, denn der Capitain wird uns erwarten. Ich bin überdies neugierig, was unſer nächſter Zug ſein mag; heute Nacht beſtimmt er's vielleicht.“ Das Boot flog nun, von den elaſtiſchen Rudern getrieben, pfeilſchnell uüber die glatte Stromfläche hin, und nicht lange mehr währte es, bis ſich eine dunkele, hoch mit ſtattlichen Bäumen be⸗ wachſene Inſel von dem duͤſtern Hintergrund klarer abſonderte, während ſie die Männer als das Ziel ihrer nächtlichen Fahrt begrüßten. Dieſe Inſel, die wie alle übrigen im Miſſiſſippi mit Schilf, Weiden und hohen Baumwollenholzbäumen am Rande bewachſen war, glich ganz den Schweſtern und zeichnete ſich auch durch kein beſonderes Merkmal weiter aus. Ihre Nummer'), unter der ſie die Bootsleute kannten, und mit der ſie auf den Flußkarten ver⸗ zeichnet ſtand, war„Einundſechzig.“ Wie die meiſten jener kleinen *) Die zahlreichen Inſeln des Miſſiſſippi wuͤrden eine beſondere Benen⸗ nung jeder einzelnen ſehr erſchweren und den Bootsmann verwirren, ſie ſind deshalb von den Quellen dieſes gewaltigen Stromes an bis zur Mündung des Ohio, und von da an wieder bis zu New⸗Orleans numerirt, und nur wenige haben noch, wenn ſie ſich durch irgend Etwas ausgezeichnet oder kenntlich ge⸗ macht hatten, beſondere Namen erhalten. Von der Mündung des Ohio bis New⸗Orleans(etwa 1000 engl. Meilen) zählt der Miſſiſſippi 125 Inſeln Landſtrecken, inmitten des Fluſſes gelegen, wurde ſie aber nur ſelten und in letzterer Zeit nie mehr von den herabkommenden Booten beſucht, da eine Hurricane, wie es hieß, den größten Theil derſelben verwüſtet habe. Wirklich ſtarrten auch, und zwar beſonders an den Stellen, an denen ein großes Boot bequem hätte landen können, eine ſolche Maſſe von weitäſtigen, knarrigen Baumwipfeln überall empor, daß ein Hinankommen zum Ufer unmöglich geweſen wäre. Nur ein Platz, und zwar an der linken Seite der Inſel, lag offen und frei da und ſchien auch in früherer Zeit begangen geweſen. Jetzt aber umgaben ihn einige Snags und Sawyers'), die aus der raſch daran vorbeiſchießenden Fluth hervorſchauten, und der Flatbooter, der vor einbrechendem Abend vielleicht gehofft hatte, hier ſein Boot zu befeſtigen, griff mit ſchnellem, ängſtlichem Eifer zu den langen Finnen, und trieb, in faſt verzweifelter Kraftanſtrengung, das un⸗ behülfliche Boot fort von dem Platze, der ihm Verderben bringen mußte. Der Steuermann, an dem langmächtigen Ruder lehnend, das weit hinter dem Boote aus in's Waſſer ſtand, fluchte dann wol, daß der Staat nicht mehr Fleiß dare uf verwende, den Strom von ſolch gefährlichen Geſellen zu räumen Er ſchwur ſich's auch viel⸗ leicht heimlich zu, künftig in dem, in feinem„Navigator“ angege⸗ benen Fahrwaſſer zu bleiben, das ihn auf die andere Seite der Inſel verwies, und entging dadurch unbewußt einer Gefahr, die ihm wie ſeinem Boote weit verderblicher gewor den wäre, als alle *) Snags und Sawyers werden in den Flüſſen die, im Grrunde feſtge⸗ ſchwemmten Baumſtämme genannt, die och über die Oberfläche des Waſſers hervorragen, odex. was noch gefährlicher für die Flußleute iſt, dicht darunter liegen und ihr Daſein oft, nicht einmal durch eine deutliche Bewegung des Waſſers kundgeben. Die Snags— von denen die größeren Aeſte oder gange Stämme Planter genannt werden, ſitzen feſt und unbeweglich, die Sawyers tauchen in ſchneller Strümung foxtwährend auf und nieder. „ ——- 8 80 Snags und Sawyers des Miſſiſſippi zuſammen. Aus den dicht⸗ verworrenen Dickichten des Inſelufers aber ſchauten ihm dann ein paar höͤhniſch lachende Augen nach, und eine rauhe Stimme brummte heimlich in den Bart: „Sei froh, Burſche, daß Du Dich haſt warnen laſſen, das Land hier zu betreten, Du hätteſt ſonſt eine ruhigere und längere Nacht gehabt, als Du es Dir wol je im Leben träumen ließeſt.“ Daß jene Snags und Sawyers keineswegs wirkliche vom Strom angewaſchene Stämme, ſondern nur auf künſtliche Weiſe, durch Anker und verſteckte Boyen hergeſtellte Blendwerke ſeien, dachte natürlich Niemand. Aus der Ferne ſahen ſie auch täuſchend genug aus, und nur ganz in der Nähe und nach genauer Unterſuchung hätte man dem Geheimniß auf die Spur kommen können. Wer von den Schiffern würde aber ſeine Zeit daran verſchwendet haben? Das ſtarre, dem Waſſer entragende Holz war ihnen genug, und ſo weit wie möglich beſchrieben ſie den Kreis, der fie aus der Nähe ſolcher„Bootvernichter“ bringen ſollte. Die ziemlich nahe zum linken Ufer gelegene Inſel war drei engliſche Meilen lang, oben ziemlich breit und auf dieſer Seite von einer Maſſe angeſchwemmter Stämme förmlich verpalliſadirt, und lief am untern Theile ſpitz zu. Dort hatte ſich aber eine ziemlich bedeutende und wol eine volle Meile ſtromabgehende Sandbank gebildet, die unter dem Waſſer hin zu einem eine halbe Meile tiefer gelegenen Eiland führte. Im Ganzen wurde dieſes letztere noch mit zu Einundſechzig gezählt, da das Waſſer zwiſchen beiden zu ſeicht war, größeren Flatbooten eine Durchfahrt zu geſtatten, in Wirk⸗ lichkeit war es aber von der obern größern Inſel, ſelbſt beim niedrigſten Waſſerſtande vollkommen getrennt und wurde, wenn im Juli die Schneewaſſer aus den Felſengebirgen herabkamen, oft gänzlich von dieſen bedeckt. Die Inſulaner nannten dieſes kleine Eiland übrigens, da ſie es im Fall einer Entdeckung als letzte Zu⸗ flucht betrachteten, die„Nothröhre.“ 81 Noch beſſeren Schutz genoß Nr. Einundſechzig von der Weſt⸗ oder der rechten Seite des Fluſſes. Hier umgab ſie zuerſt eine ziemlich hohe Sandbank, die in etwa zweihundert Schritten vom Hauptufer der Inſel wiederum in einen ſchmalen, mit Weiden und Baumwollenholzſprößlingen dicht bewachſenen Landſtreifen auslief. Dieſer zog ſich faſt parallel und in gleicher Länge mit der Inſel nieder, wurde aber auch ſeinerſeits wieder am rechten Ufer durch eine, jedoch nur wenige Klaftern breite Sandfläche geſchützt. Demnach konnte man ſich dieſer Inſel nur von der linken oder Oſtſeite— wo ihr nächſtes Ufer der Staat Miſſiſſippi war, nähern, und hier hielten die getroffenen Vorkehrungen ſicherlich Jeden vom Landen ab, der dazu früher Luſt gehabt haben mochte. Die eigent⸗ liche Strömung und das Fahrwaſſer des Miſſiſſippi lag denn auch ganz auf der rechten Seite der Inſel, und die Entfernung zwiſchen jenem ſchmalen Zwiſchenſtreifen und Arkanſas betrug eine engliſche Meile, der Raum zwiſchen Einundſechzig und dem Staat Miſſiſſippi aber kaum die Hälfte dieſer Entfernung. An den beiden, der Inſel gegenüber liegenden Ufern ſtanden nun allerdings ein paar niedere Blockhäuſer, wie ſie die Holzſchlä⸗ ger am Miſſiſſippi gewöhnlich aufrichten, die geſchlagenen Klaftern an die vorbeifahrenden Dampfſchiffe zu verkaufen. Sie waren aber nur ſelten bewohnt und auch wirklich faſt unbewohnbar geworden. Das in Arkanſas ſtehende hatte nicht einmal mehr ein Dach, und drohte dem nächſten Sturmwind nachzugeben, der es unfehlbar in den Strom hinabſtürzen mußte. Etwas beſſer erhalten zeigte ſich die Wohnung auf der Miſſiſ⸗ ſippi⸗Seite, jedoch glich ſie ebenfalls viel eher einem Stall, als einem menſchlichen Aufenthalt. Zahlreiche Pferdeſpuren gaben auch Zeugniß, daß ſie hierzu oft genug benutzt geweſen, und mehrere, nicht gerade ſchwach begangene Pfade führten öſtlich auf einen Sumpf zu, in deſſen ſchwammigen, faſt zehn Monate im Jahre unter Waſſer ſtehenden Boden ſie ſich verloren. Gerſtäcker, Flußpiraten. I. 6 ———— 3 82 Wer nun, trotz all den getroffenen Vorſichtsmaßregeln zufällig an der Inſel gelandet und nicht gleich auf den einzigen gangbaren Pfad gekommen wäre, der hätte ſeine Bahn mehrere hundert Schritte weit durch den fürchterlichſten Schilfbruch hin ſuchen müſſen, der nur je eine Inſel oder ein Feſtland bedeckte. Dazwiſchen lagen dann nicht gefällte, ſondern mit der Wurzel dem Boden entriſſene Stämme ſo wild und toll durch einander, daß Niemand auch nur hoffen konnte, dieſes Pflanzengewirr zu durchdringen, der ſich aicht mit Meſſer und Art erſt Bahn hieb in das Herz der Waldung. Da aber durch ſolch entſetzliche Arbeit nicht der mindeſte Vortheil zu hoffen war, ſo fiel es ſehr natürlich auch gar Niemandem ein, Zeit und Mühe an ſolch nutzloſe Arbeit zu verſchwenden. Wer wirklich einmal aus Neugierde oder Langeweile begonnen hätte, einen ſolchen Weg anzutreten, wäre gar bald bei einem Geſchäft ermüdet, das ihm weiter Nichts zu verſprechen ſchien, als zerriſſene Kleider und Blaſen in den Händen. Dennoch lag hier— ſo tief verſteckt und ſchlau angelegt, daß ſie ſelbſt den ſcharfen Augen der Jäger entging— eine ganze An⸗ ſiedelung verborgen, die aus neun kleinen Blockhütten, einem ziem⸗ lich geräumigen Waarenhauſe und fünf dicht an einander gebauten und verbundenen Pferdeſtellen beſtand. Das Ganze bildete eine Art Hofraum und war, nach Art der indianiſchen Forts, ſo gebaut, daß es gegen einen plötzlichen Angriff ſelbſt einer Uebermacht recht wohl vertheidigt werden konnte. Das Waarenhaus und eine der kleinen Blockhütten dicht daran, ſtand in der Mitte, und rings herum bildeten auf der Oſtſeite, nach dem Miſſiſſippiſtaat zu, die Ställe eine feſte, undurchdringliche, aber wohl mit Schießſcharten verſehene Wand, während auf der weſtlichen, minder bedrohten Seite nur hohe und doppelte Fenzen die einzeln ſtehenden Gebäude mit einander verbanden. Als beſondern Schutz betrachteten aber die Inſulaner eine lange meſſingene Drehbaſſe, die oben auf dem platten Dache des Waarenhauſes angebracht war, und mit der ſie, als letztes 83 Rettungsmittel, Tod und Verderben auf ihre etwaigen Angreifer hinabſchleudern konnten. Der Raum vor dem Waarenhauſe und der kleinen Blockhütte, in welchem der Capitain mit ſeiner Frau wohnte, war frei, und jetzt, in der Sommerzeit, mit großen buntgeſtreiften Sonnenzelten beſpannt. In den übrigen Häuſern aber wohnten(das obere breit und geräumig gebaute ausgenommen, das zu einer gemeinſchaftlichen Junggeſellenwirthſchaft beſtimmt blieb) die„verheiratheten Glieder der Geſellſchaft.“ Dieſes„Jungeſellenhaus“ oder„Bachelors halle⸗, wie es gewöhnlich genannt wurde, diente denn auch zum gemein⸗ ſamen Verſammlungsort. Nur bei geheimen Berathungen kamen die Führer der Schaar in einem kleinen, zu dieſem Zweck einge⸗ richteten Kämmerchen des Waarenhauſes zuſammen, um dann erſt die ſpäter gefaßten Beſchlüſſe in Bachelors hall zur Abſtimmung zu bringen. Der Capitain übte jedoch eine eigene, faſt unbegreifliche Ge⸗ walt über dieſe wilden geſetzloſen Menſchen aus, die ſonſt Nichts auf. Erden anerkannten, als ihre eigenen Geſetze. Er hatte freilich auch gewußt, ſich auf die einzige mögliche Art Achtung zu verſchaf⸗ fen, und zwar durch das Uebergewicht ſeines Geiſtes ſowohl, wie durch mehrfach bewieſenen perſöoͤnlichen Muth, der wirklich an Toll⸗ kühnheit grenzte. Sie fürchteten ihn deshalb faſt ſo ſehr, wie ſie ihn ehrten, und Capitain Kelly war ein Name, der nie in Scherz oder Spott genannt werden durfte. Kur zwei begangene Wege führten zu dieſem, durch ein ſchein⸗ bar natürliches Bollwerk beſchützten Zufluchtsorte von Verbrechern. Der eine lief vom Ufer aus, und zwar dicht unter den ſchon erwähnten künſtlichen Snags, zuerſt gerade der Mitte der Inſel zu, und zog ſich dann, ziemlich betreten, ein klein wenig links ab.— Der war aber nur dazu beſtimmt, um ſelbſt dann noch den Eindringling irre zu führen, wenn er den Pfad ſelbſt entdeckt hätte, denn er brachte ihn in einen kleinen Sumpf, in dem er, wenn er ſich 84 nicht zeitig wieder zuruͤckzog, unfehlbar verſinken mußte. Der wirk⸗ liche Weg lief dagegen, durch darüber geworfene Aeſte verdeckt, faſt in einem rechten Winkel rechts ab, und traf das„Fort“ gerade unter dem fünften Stall. Eine andere, rein gehaltene und ordent⸗ lich ausgehauene Straße lief von der Süd⸗Oſt⸗Seite des Forts, an der rechten oder Oſt⸗Seite des Sumpfes hin und gerade der Sudſpitze der Inſel zu, wo er zu den hier ſorgfältig verſteckten und für den letzten Nothfall aufbewahrten Booten führte. Doch war von hier aus kein Angriff auf das Fort zu fürchten, da ein einziger, richtig gefällter Baum jede Bahn vernichtet hätte. Eine Vertheidigung des Forts konnte überhaupt nur als verzweifeltes Mittel betrachtet werden, um ſo viel Zeit zu gewinnen, die Boote zu erreichen. Der Haupt⸗ und alleinige Schutz der Geſellſchaft blieb das Geheimniß, in das ihre ganze Exiſtenz gehüllt war, und das zu bewahren mußte auch vor allem Uebrigen ihr wichtig⸗ ſtes Streben ſein. Fürchterliche Eide verbanden die Genoſſen, und ſo weit ver⸗ zweigt und ſo innig mit einander verkettet waren die einzelnen Glieder, daß der, der den Bund wirklich hätte verrathen wollen, nie wußte, ob der, dem er vertraute— und wenn er Richter oder Rechtsgelehrter war— nicht ſelbſt mit zur Verbruͤderung gehörte und ihn— den Verräther— ſeiner Strafe überantwortet hätte. Dabei bot die Inſel ſtets dem von den Gerichten Verfolgten einen ſichern Zufluchtsort, und einmal dort, blieb jedes Nachfor⸗ ſchen der Conſtabel vergebens.— Es hieß dann gewöhnlich, der Flüchtling ſei nach Texas entkommen, während er noch ſicher und ruhig innerhalb der Vereinigten Staaten ſaß. Aber auch ein Preis war kluger Weiſe von dem Oberhaupt dieſer Schaar dem bewilligt worden, der den Verrath eines Mitgliedes hinderte und den Thäter erſchlug. Ein ſolcher bekam tauſend Dollar in baarem Silber ausgezahlt, und eine ſo bedeutende Prämie blieb an und für ſich ſchon lockend genug, die Aufmerkſamkeit der im Lande Vertheilten 8 8⁵ rege zu erhalten, hätte es nicht faſt noch mehr die eigene Sicher⸗ heit gethan. Der erſte Sonnabend jedes Monats war zum Verſammlungs⸗ tag beſtimmt, und Capitain Kelly führte dabei den Vorſitz. Mit dem feſten Lande von Arkanſas ſtanden ſie in ſehr geringer, mit Miſſiſſippi dagegen in ſehr ſtarker Verbindung. Ein Poſten, der, wie ein Matroſe im Maſtkorbe, in dem Wipfel des höchſten Baumes ſeinen Platz hatte, konnte von dort aus beide Ufer erkennen, und wurde deshalb dort gehalten, etwaige Signale zu beobachten oder bedrängten Kameraden, die wol das Ufer, aber nicht die Inſel er⸗ reichen konnten, zu Hülfe zu eilen. Zu dieſem Zwecke lag auch ein vierrudriges Boot gleich über der Sandbank und an der Nord⸗ weſtecke der Inſel ſtets zum Auslaufen bereit. Der Pfad aber, der zu dieſem fuͤhrte, konnte nur von genau Eingeweihten gefunden werden, doch lag das Fahrzeug ſelbſt hier ziemlich offen, da das ſeichte Waſſer größere Boote ſtets eine bedeutende Strecke davon e hielt und deshalb keine Entdeckung zu fürchten war. enug über die innere Einrichtung eines Raumes, den wir im Laufe der Erzählung überdies noch näher kennen lernen werden. Wir müſſen jetzt auch die Bewohner dieſer Verbrecher⸗ Republik kennen lernen. VI. Die Inſulaner. In„Bachelors Hall“ ging's gar munter und lebhaft zu.— Um ein großes Feuer gelagert, das in dem breitmächtigen Kamine loderte, ſtreckten und dehnten ſich etwa ein Dutzend kräftiger Ge⸗ 8⁶ ſtalten, und die dampfenden Blechbecher, die ſie entweder in Händen hielten, oder neben ſich ſtehen hatten, kündeten deutlich genug, wie ſie den verfloſſenen Theil der Nacht verbracht. Ihre Tracht war die gewöhnliche der Bootsleute am Miſſiſſippi und Waffen trugen ſie keine— wenigſtens keine ſichtbar. An den Wänden aber hingen neben den langen amerikaniſchen Büchſen kurze deutſche Stutzen, franzöſiſche Schrotgewehre, Piſtolen, Bowiemeſſer, ſpaniſche Dolche, Harpunen, Beile und Aexte in Ueberfluß, und aufgeſchlungene Hängematten bewieſen, wie die Inſaſſen dieſer modernen Räuber⸗ burg ſogar einen Theil des frühern Schiffslebens hier fortſetzten und, wenn auch auf feſtem Lande, dennoch den alten Gewohnheiten nicht ganz entſagen wollten. Rohe Zech⸗ und Liebeslieder tönten, doch immer nur mit halblauter Stimme, von den Lippen der Meiſten, und waͤhrend Einige ſich noch außerdem damit beſchäftigten, große Stücken Hirſch⸗ und Truthahnfleiſch an der Kamingluth zu ſchmoren, waren Andere emſig venüht, mit Hacken und Zehen den Takt zu den ſchnellen Tänzen zu ſchlagen, die ein breitſchulterigen ziemlich geübter Hand einer kreiſchenden, doch gedamp 1 entlockte. fln Da öffnete ſich die Thür und, den breiträndigen ſchwarzen Filzbut tief in die Augen gedruͤckt, den ſchlanken Körper mit einer langen Lootſenjacke und weiten Matroſenhoſen bekleidet, trat eine⸗ hohe kräftige Geſtalt in den Raum und überflog mit prüfendem Blick die Verſammelten. Es war Richard Kelly, der Capitain der Schaar, und ſo wild und trotzig dieſe dem Geſetz verfehmten Männer auch wol ſonſt dreinſchauen mochten, ſo hörten ſte doch, in einem gewiſſen Grade von Ehrerbietung, vielleicht Furcht oder wenigſtens Scheu, augen⸗ blicklich auf zu tanzen, als ſie den Führer erkannten, und murrten auch nicht, da er nur mit leichtem Kopfnicken ihren laut gerufenen Gruß erwiederte. Schweigend beobachteten ſie ihn, wie er zum 87 Kamin ging, und dort erſt einige Minuten lang in die kniſternde Gluth ſchaute, dann aber, die Hände auf den Ruͤcken gelegt, mit ſchnellen Schritten auf⸗ und abwanderte. „Iſt das Boot von Helena noch nicht zurück?“ wandte er ſich endlich an Einen der Seinen, der gerade in der Thüre erſchien. „Noch nicht, Sir,“ erwiederte dieſer,„aber ich glaube, ich habe die Ruder gehört, als ich eben an den Snags ſtand und nach ihnen ausſchaute. Ich wollte nur fragen, ob vielleicht etwas nach Miſſiſ⸗ ſippi hinuͤber zu beſorgen iſt, ehe wir das Boot wieder unten in Sicherheit bringen.“ „Das Boot mag gleich üͤber den Snags, unter dem Platanen⸗ wipfel liegen bleiben,“ ſagte Kelly und warf ſich auf einen, für ihn zum Kamin gerückten Stuhl—„die Pferde müſſen noch heute Nacht von Arkanſas kommen, denn Jones hat es uns feſt verſpro⸗ chen, und nachher dürfen wir ſie keinen Augenblick hier behalten. Dreie von Euch ſollen ſie ſofort nach Bicksburg ſchaffen. Das werdet Ihr dort vom Conſtabel Brooks erfahren.“ doch putzig,“ lachte der Eine der Männer,„wie wir die wohllöblichen Gerichtsbarkeiten an der Naſe herumführen. Kaum eine Stadt giebt's hier, im ganzen Weſten, wo nicht entweder Con⸗ ſtabel oder Gefängnißwärter, Advokaten, oder ſelbſt Poſtmeiſter und Friedensrichter unſere Verbündeten und Kameraden ſind. Einen Mann in Miſſiſſippi oder Arkanſas füͤr ein begangenes Verbrechen in’s Zuchthaus zu ſtecken, iſt, wenn er zu uns gehört, gerade ſo gut, als ob man ihn begnadigte. Denkt Euch nur, Capitain, vor acht Tagen haben ſie in Sinkville drüben, den Tobi— den Ein⸗ äugigen, ſogar zum Staatsanwalt gemacht. Wenn ich nur einmal eine ſeiner Reden hören könnte.“ Des Capitains Züge überflog ein leichtes Lächeln, dann aber wandte er ſich plötzlich an den Sprecher und ſagte: „Kommt, Blackfoot— ich habe Etwas mit Euch zu bereden.“ Und ohne dieſes Antwort zu erwarten, ſchritt er raſch voran, dem 88 freien, jetzt vom Mondlicht beſchienenen Raume zu, der ſich zwiſchen den Gebäuden und nur von wenigen niederen Bäumen beſchattet ausdehnte.— „Ja, Blackfoot,“ ſagte Kelly und blieb hier, den ihm Folgen⸗ den erwartend, ſtehen—„unſere Geſchäfte gehen gut, aber— wir ſind noch nicht genug auf einen letzten Fall vorbereitet. Zu Viele kennen unſer Geheimniß, und wenn auch Verrath deſſelben ſchwierig und gefährlich ſein mag, ſo iſt er doch nicht unmöglich.“ „Ei zum Henker, was wollen ſie uns denn eigentlich anhaben?“ hohnlachte der Andere.—„Und wenn ſie wirklich das ganze Neſt entdeckt hätten, den möchte ich ſehn, der uns lebendig fing.“ „Iſt das Alles, was uns bedroht?“ frug der Führer—„und wäre das nicht etwa ſchon Verluſt genug?— ja ein unerſetzlicher Verluſt, wenn wir nur unſeres Schlupfwinkels und mit ihm eines Zu⸗ fluchtsorts beraubt würden, wie ihn die Vereinigten Staaten gar nicht wieder aufweiſen können? Nein, Blackfoot, darauf dürfen wir nicht trotzen— ein ſolcher Fall träfe uns ſchlimmer als Gefe ſchaft. Solcher könnte man ſich allenfalls wieder entzi aber nie auf's Neue die Blicke der Nachbarn von dieſer Inſel ablenken, wenn ſie einmal erſt mit dem Innern derſelben vertraut geworden. Doch wie dem auch ſei, es iſt unſere Pflicht, den ſchlimmſten Fall voraus zu bedenken und jede Vorkehrung zu treffen, die von uns getroffen werden kann.“ „Nun, haben wir nicht die Boote— nicht die weiter unten liegende kleine Inſel?— nicht die Hütte im Sumpfe drüben, wo⸗ hin uns ſogar Niemand folgen kann, wenn er nicht den ganz genauen und faſt ſtets unter Waſſer ſtehenden Pfad kennt?“ „Und dennoch genügt das Alles noch nicht,“ ſagte Kelly, nahm bei dieſen Worten den großen breiträndigen Hut ab, und fuhr ſich mit den Fingern durch das lange, vom Nachtthau feuchte Haar. Es war eine ſtattliche Geſtalt dieſer Capitain der Flußpiraten; die dunklen Locken umflatterten ihm wild die fein und hochgeformte 89 Stirn; die großen ſchwarzen Augen, jetzt noch von einem kühnen Gedanken belebt, blitzten hell und feurig, und die Oberlippe warf er in Trotz und Hohn empor, während er faſt mehr mit ſich ſelbſt redend, als zu dem Gefährten gewandt, nur halblaut vor ſich hin murmelte: „Sie ſollen die trüben Augen vor Verwunderung aufreißen— ſie ſollen ſtarren und ſtaunen, wenn ſie uns einmal recht feſt und ſicher zu haben glauben und nun— hahaha— ich ſehe ſchon die dummen verblüfften Geſichter— wie ſie am Ufer ſtehn und uns nachſtarren und dann alle nur mögliche und erdenkliche Schlußfol⸗ gerungen ziehen, wie es hätte werden können, wenn ſie nicht ganz ſo albern und kurzſichtig wie jetzt, oder doch überhaupt nur ein klein wenig anders, das heißt geſcheidter, gehandelt hätten.“ „Aber was habt Ihr für einen Plan, darf man ihn nicht wiſſen?“ frug Blackfoot— eine grobknochige Geſtalt und dem Führer treu ergeben.—„Ich kann mir gar nicht denken, was Euch auf einmal ſo merkwürdig im Kopfe herumgeht.“— „Was ich habe?“ ſagte er nach kurzer Pauſe—„Ihr ſollt zes wiſſen— ich fange an fuür unſere Sicherheit beſorgt zu werden.“ „Was?— iſt ein Verräther unter uns— Habt Ihr Verdacht, Capitain— heraus damit— wer iſt die Canaille?“— „Nicht doch— nicht doch,“ ſagte Kelly und blickte lächelnd auf das wilde und doch jetzt ſo ängſtlich zu ihm aufgehobene Ant⸗ litz.—„Die Gefahr iſt vorüber, aber ſo gut wie ſie an einem Orte auftaucht, kann ſie uns auch, unter gleichen Umſtänden, an einem andern bedrohen. Ihr wißt, daß Rowſon in ſeiner Todes⸗ angſt unſer Geheimniß enthüllen wollte.— Ein Glück war es, daß theils die gänzliche Verdachtlofigkeit der Regulatoren, theils des Indianers Eile ſeinem Vorhaben entgegenarbeitete, aber— er hatte doch den Willen— es waren doch nur einzelne Umſtände, die es verhinderten, daß er ihn auch ausführte.— Hätte er es gethan, unſere ſchöne Inſel läge jetzt in Schutt und Aſche, denn wenn wir ſelbſt 90⁰ auch Zeit behalten haben würden, unſer eigenes Leben in Sicher⸗ heit zu bringen, ſo wäre das auch das Einzige geweſen, was wir hätten retten können, und mit unſeren Gütern ſähen wir zugleich die Früchte dreijähriger harter Arbeit ſchwinden. Dem müſſen wir begegnen; eine ſolche Gefahr darf uns nicht wieder bedrohen, ohne uns beſſer geruͤſtet zu finden.“ „Aber wie?— was können wir thun?“ ſagte Blackfoot ſinnend. „Viel— ſehr viel— Alles, was in unſeren Kräften ſteht. So duͤrfen wir von jetzt an das, was wir in New⸗Orleans für errungene Beute löſen, nicht mehr hier heraufſchaffen. Wir ſam⸗ meln am Ende nur für das Pack, was unſer Neſt ausſtöbert.— Wir haben Verbündete in Houſton in Texas— dorthin muüͤſſen wir alle erbeuteten Waaren ſenden.— Trifft uns dann hier Ver⸗ rath, gut, ſo haben wir nicht allein einen Ort, wo uns der Lohn unſerer Arbeiten erwartet, ſondern auch ein Capital, mit dem wir wieder neu beginnen können— unternehmende Köpfe finden ſtets Arbeit. Aber ſelbſt das genügt noch nicht— ſchneidet uns der Feind den ſüdlichen Pfad nach den Booten ab, oder entdeckt er dieſe gar, ſo ſind auch unſere Leben bedroht, denn wenn wir uns wirklich im Fort kurze Zeit halten könnten, ſo müſſen wir dennoch bald einer größern Macht unterliegen.“ „Ja aber— was läßt ſich dagegen thun,“ brummte Blackfoot. „Die Geſchichte ſpielt überdies ſchon drei Jahre, und es ahnt doch noch keine Katze, weder in Arkanſas noch Miſſiſſippi, welche Ge⸗ ſellſchaft hier ihr freundliches Ruheplätzchen hat.“ „Daß es uns drei Jahre ſo ruhig hingegangen iſt,“ ſagte der Führer ernſt,„ſollte uns gerade vorſichtig machen— wir haben die Beiſpiele an allen anderen ſolchen Unternehmungen erlebt Außerdem hat unſere Geſellſchaft im letzten Jahre eine Verbreitung* erhalten, die es faſt kaum als Möglichkeit denken läßt, daß ſie noch lange geheim bleiben kann. Unſere Agenten leben in allen Fluß⸗ 91 ſtädten der Vereinigten Staaten, und wie viele werden darunter ſein, die, wie eben jener Rowſon, im äußerſten Falle auch zum äußerſten Mittel greifen, und die eigene Haut zuerſt in Sicherheit bringen würden. Dem wollen wir vorbeugen. Noch giebt es eine Art, auf die wir uns jeder etwaigen Verfolgung entziehen, ja durch die wir einer jeden lachen können.“ „Und die wäre“— ſagte Blackfoot halb ungläubig, aber ge⸗ ſpannt. „Ein Dampfboot,“ flüſterte der Führer, und beobachtete in den Zügen ſeines Vertrauten den Eindruck, den ſolch ein Vor⸗ ſchlag auf ihn machen würde. „Ein Dampfboot?“ wiederholte dieſer, von der Kühnheit des Gedankens überraſcht,„ba— das wäre nicht ſo übel— Pulver und Schwefel, da könnte man ja den Miſſiſſippi hinauf und direct in den Golf von Mexiko hineinbrennen. Bei Gott, ein Dampf⸗ boot wollen wir haben, das iſt ein capitaler Einfall— aber— ſollen wir's kaufen? oder— auf andere Art an uns bringen? und wenn wir es haben, wie wird es möglich ſein, es ſtets in unſerer Nähe zu halten, was doch mit dem Zweck ſeiner Anſchaf⸗ fung unzertrennlich wäre.— Die Sache klingt vortrefflich, aber— wenn man ſie länger überlegt, weiß ich doch nicht, wie ſie in's Werk geſetzt werden kann.“ „Und dennoch iſt es möglich,“ lachte Kelly—„Blackfoot— Ihr muͤßt der Capitain des Dampfbootes werden, und wir machen ein Paketboot daraus, das zwiſchen Memphis und Napoleon*) lau⸗ fen mag. Das giebt uns zugleich Gelegenheit, die Leute in Thätig⸗ keit zu erhalten und mit den Orten, wo die Unſeren wohnen, in genauerer Verbindung zu bleiben. Dann bringt es ſchon unſere *) Memphis eine der Hauptſtädte in Teneſſee, an der Mündung des Wolf⸗ river, 103 engl. Meilen überhalb No.„Einundſechzig“— Napoleon, ein kleines Städtchen an der Mündung des Arkanſas, 67 Meilen unter der Inſel. Paket⸗Linie mit ſich, daß wir hier fortwährend in der Nähe ſind, ja wir können ſogar Tage und Wochen lang vor Anker liegen blei⸗ ben, und die vorbeifahrenden Boote werden glauben, wir hätten die Paſſage an der linken Seite der Inſel verſuchen wollen, und wären auf den Sand gelaufen.— Die Bootsleute von Helena haben wol ihr Fahrzeug gleich unter die Weiden geſchafft?“ unterbrach er ſich plötzlich ſelbſt. „Ja— Bolivar iſt mit hinunter— ſie wolldn die Fähre zurückbringen, um die Pferde zu transportiren.“ „Ich wollte, Peter würde ein wenig vorſichtiger,“— ſagte der Capitain düſter.—„Er iſt ſonſt brav und brauchbar, ſollte aber doch bedenken, daß er durch ſeine Tollheiten ſich ſelbſt noch einmal um den Hals und uns Andere in kaum geringere Verlegenheit bringen könnte.“ „Er bedenkt nicht gern,“ lachte Blackfoot,„denn Denkzeichen hat er doch wahrhaftig ſchon genug bekommen— der letzte Hieb durch's Geſicht war nicht von Stroh.— Aber um wieder auf unfer Dampfboot zu kommen— wo kaufen wir das am beſten, und wird es nicht überhaupt einen zu großen Riß in unſere Caſſe machen?“ „In New⸗Orleans, oder noch beſſer in Cineinnati, glaub' ich— Geld iſt genug da,“ erwiederte der Capitain.—„Nach erhaltenen Briefen bringt auch Teufels Bill, wie Ihr ihn immer nennt, ein reich beladenes Boot aus dem Wabaſch heraus, auf dem ſich beſonders viel baares Geld befindet, und von Pittsburg, Cin⸗ einnati, Louisville, Shawneetown, Paduca, St. Louis und Mem⸗ phis ſind heute Briefe an mich gekommen, die alle das baldige Eintreffen herrlicher Beute verkünden. Wir wollen jetzt den Wacht⸗ poſten Abends doppelt ausſtellen, daß wir nicht einmal das Sig⸗ nal verſäumen. Die Nächte ſind kurz und vor Tage müſſen wir das erbeutete Boot ſtets am linken Ufer und unter den Weiden haben, ſonnſt könnte doch einmal ein vorbeifahrender Flatbooter Verdacht ſchöpfen.“ 7 . 93³ „Und wer ſoll den Ankauf eines Dampfbootes beſorgen?“ frug Blackfoot.—„Wollt Ihr felbſt ſtromauf gehen, und es in einer der nordiſchen Städte erhandeln, oder ſoll das Einem unſerer Commiſſionaire überlaſſen bleiben?“ „Ich ſelbſt würde gehen,“ ſagte Kelly ſinnend,„wenn nicht gerade in dieſem Augenblick wichtige Verhältniſſe meine Aufmerkſam⸗ keit zu ſehr in Anſpruch nähmen— ich werde wahrſcheinlich eine kleine Reiſe in das Innere des Landes machen müuͤſſen. Iſt von Simrow noch immer keine Antwort eingetroffen?“ „Nein— ſonderbarer Weiſe läßt er kein Wort von ſich hören.— In Georgia ſteckt er noch, ſo viel weiß ich, und das Zeichen, was er uns kürzlich zukommen ließ, lautet günſtig, ſonſt aber kann Niemand Auskunft über ihn geben.“ „In Georgia ſcheint er ſehr thätig geweſen zu ſein,“ erwie⸗ derte Kelly.—„Seit der Zeit muß er aber wol glauben, er habe für ſich allein gearbeitet und unſere Hülfe nur ſo lange benutzt, als er ſie brauchte. Aber dagegen giebt es Mittel— wartet ein⸗ mal— unſern kleinen Amerikaniſchen Advokaten Broom kennt er ja wol noch gar nicht?“ „Nein— ich glaube nicht— Er kam erſt vier Wochen ſpäter, als jener uns verließ.“ „Gut— der ſoll hinüber— er mag eins von den Pferden reiten und kann es dort verkaufen. Den Brief, den er mitnehmen wird, will ich Euch morgen früh einhändigen.— Halt daß ich's nicht vergeſſe— in den Sumpf müßt Ibr, ehe die Pferde abgehn, einen Boten ſchicken.— Waterford dort hatte andere Arbeit und möchte ſonſt nicht daheim ſein. Sind die Breter an die Landung geſchafft?“ „Wie Ihr es angabt— es liegt Alles bereit— aber, was ich Euch fragen wollte, wie iſt es denn mit dem Verkauf des Grundſtücks in Helena gegangen? Iſt unſer neugebackener Erbe aeceptirt worden?“ 94 „Vortrefflich,“ lächelte Kelly—„wir können das Stück näch⸗ ſtens wiederholen— der Plan war herrlich— er hat viel Geld eingebracht.“ „Und ſchöpft man keinen Verdacht? find die Leute wirklich freundlich genug zu glauben, daß Holk mit Mann und Maus ver⸗ ſunken und ſeinen Tod unſeren Sundenböcken, den Snags, zu dan⸗ ken habe?“ „Gewiß denken fie's“— ſagte Kelly verächtlich—„das Volk drüben wollte ich glauben machen, der Himmel ſei nur blau ange⸗ ſtrichene Wachsleinwand, und die Erde ein Futteral, alte Gebeine aufzubewahren.“ „Hahaha“— lachte der Gauner— ein göttlicher Spaß das. Es ſoll mich auch wundern, wie wir die drei letzten Boote in New⸗ Orleans verkauft haben.— Wir hätten ſie übrigens doch anmalen ſollen, der Teufel könnte einmal ſein Spiel haben.“ „Ja— es ſoll auch künftig geſchehen,“ ſagte Kelly finnend, „Farbe habe ich ſchon geſtern herüberſchaffen laſſen. Das nächſte jedoch, was wir nehmen, mag, iſt die Ladung werthvoll genug— ebenfalls nach New⸗Orleans geſchafft werden.— Hier iſt die Adreſſe des Kaufmanns, der die Spedition der Güter beſorgt.“ „Wer geht da von unſeren Leuten mit?“ „Schickt, wen Ihr wollt, nur den Neger nicht, den können wir beſſer hier gebrauchen, und halt— noch Eins— in Helena iſt geſtern ein Mann angekommen, der nach Little Rock will, um das Land zu kaufen, was uns hier gerade gegenüber in Arkanſas liegt. Er wird morgen früh von Helena aufbrechen und reitet einen Schimmel—“ E „Iſt er allein?“ 88* „Nein— der Malilrider iſt bei ihm und wird das Uebrige beſorgen. Bis Strongs Poſtoffice müͤſſen die beiden aber zuſam⸗ men reiten.— Der Fremde wird dort nicht ubernachten, weil es ihm zu theuer iſt— er will noch das drei Meilen von Strongs entfernte. 9⁵ Haus erreichen.— Etwa zwei Meilen von Strongs auf der rechten Seite könnte er vielleicht ein Licht ſehen— Ihr verſteht mich.“ „Schon gut— ich glaube nicht, daß wir auf dem Lande drü⸗ ben beläſtigt werden.— Was ſoll aber mit dem Maͤdchen geſchehen, das die Burſchen geſtern eingebracht haben— es iſt ganz wie von Sinnen. Ich glaube, das Ding iſt verrückt geworden.“ „Die Peſt— wer hieß Euch die Dirne an Land nehmen,“ rief Kelly, unwillig dabei mit dem Fuße ſtampfend—„gab ich nicht dem Kentuckier ganz beſtimmte Befehle, ſie bei Seite zu ſchaffen? Der Burſche wird mir zu eigenwillig— ich fürchte—“ „Ich trau ihm auch nicht recht!“ flüſterte Blackfoot,„Bolivar hat mich neulich auf ein paar Sachen aufmerkſam gemacht, die mir gar nicht recht gefallen—“ „Der Neger hat ein gutes Auge— er ſoll ſchärfer auf ihn Acht haben— ſind die beiden entladenen Boote verſenkt?“ „Ja— ich habe ſie ein paar Meilen ſtromab geſchickt— es werden ſonſt zu viel hier in der Nähe.— „Recht ſo— gut wär's vielleicht, die Trümmer von einem oder zweien dicht an der kleinen Inſel hier unten zu zeigen— das ſchreckt Andere vom Landen zurück.“ „Von dem Dampfboot ſagen wir auf der Inſel noch Nichts?“ „Wir werden's nicht wohl verheimlichen können,“ meinte Kelly nach kurzer Pauſe.—„Es muß gemeinſchaftlich bezahlt werden, und da wollen wir uns auch gemeinſchaftlich darüber berathen. Wo iſt denn das eingebrachte Mädchen jetzt?“ „Es war in Nr. 2, hier gleich oben,“ brummte Blockfoot, aber— Mrs. Kelly— hatte Mitleiden mit dem armen Dinge, und— nahm es zu ſich.“ „Was? Georgine hat die Dirne in's Haus genommen?“ zürnte der Capitain—„ei Höll' und Teufel— ſie weiß doch, daß ich das nicht leiden kann— Sie muß fort— ſie muß augenblicklich fort, Blackfoot. Du wirſt mir Bolivar herſchicken— es ſind 96 überdies zu viel Frauen hier— giebt es Etwas, was mich um unſere Sicherheit beben macht, ſo iſt es das. Unſere Geſetze be⸗ ſtimmen ſogar, daß nur zwölf Weiber auf der Inſel bleiben ſollen, und dieſe Gefangene iſt die achtzehnte.“ Der Capitain ging mit feſtverſchlungenen Armen und zu⸗ ſammengebiſſenen Lippen ſchnellen Schrittes vor der Thür der Halle hin und her, aus der jetzt wieder die leiſen Töne der Violine herausſchallten. Seine Aufmerkſamkeit ward aber bald den von Helena kommenden Bootsleuten zugewandt, die in dieſem Augen⸗ blicke, Einer hinter dem Andern, den ſchmalen Pfad heran kamen und, in das geöffnete Thor gelaſſen, hier ihren Führer begrüßten. Dieſer aber, ohne den Gruß mit Wort oder Blick zu erwiedern, frug nur ernſt und faſt unwillig. „Wo ſind die Briefe?“ „Hier, Cagitain,“ ſagte Peter oder der Narbige, unter welchem Namen er ſchon bei dem Leſer eingefuͤhrt wurde—„den Brief hier gab mir der Poſtmeiſter noch zwei Minuten vorher, ehe wir abfuhren.“ Kelly nahm die Papiere an ſich und ſchritt gegen ſeine eigene, dicht am Waarenhauſe liegende Wohnung zu; ehe er dieſe aber er⸗ reichte, blieb er noch einmal ſtehen und ſagte, zu Blackfoot ge⸗ wandt: „Den Neger ſchickt Ihr mir, und ſollten von Arkanſas die Pferde noch in dieſer Nacht eintreffen, ſo laßt ſie die Nacht ruhen. Morgen früh aber, ſobald ſie Kräfte genug haben, eine neue Reiſe anzutreten, müſſen zwei von Euch in das Innere gen Oſten auf⸗ brechen. Iſt Sander nicht mitgekommen?“ Ein junger ſchlanker Mann mit langen blonden Haaren und blauen Augen, der, wenn ihn nicht jetzt der ſchwerfällige trunkene Blick entſtellt hätte, für ſchön gegolten haben konnte, ſchwankte vor und ſagte lallend: 97 „Capitain Kelly— j'ai lhonneur— ich, ich habe die- habe die Ehre—“ „Schon gut, Sander— leg Dich hin und ſchlaf aus, ich brauche Dich morgen früh nothwendig— alſo gute Nacht.“— Und ohne weiter eine Erwiederung ſeiner Worte abzuwarten, ſchritt er zum Hauſe, in deſſen Thür er verſchwand. Die uüͤbrigen Männer blieben noch eine Weile in dem innern Hofraume ſtehen, und Sander, der augenſcheinlich an dieſem Abend des Guten zu viel gethan, murmelte halblaut vor ſich hin, während er die Hände tief in die Taſchen ſchob und der Bachelors⸗Hall zuſchwankte: „Verdaumt kaltblütig das, von Kelly— ich brauche Dich morgen früh nothwendig— ſo, Capitain? wirklich?“ er wandte den Kopf und ſtarrte mit ſeinem glanzloſen halbtrunkenen Blick nach dem hellen Lichtſchein hinüber, der durch jenes dicht verhangene Fenſter fiel—„ſo, Sir? brauchen mich morgen früh nothwendig —o ja wohl, Sir, ſoll wol wieder einem armen unglücklichen Mädchen— unglücklichen Mädchen den Kopf verdrehen und das Herz brechen? ah! ſchöne Beſchäftigung das! außerordentlich ſchöne Beſchäftigung, aber damn me— ich wünſchte der Dame erſt vor⸗ geſtellt zu werden, Gentlemen. Es giebt Momente, Gentlemen—“ „Kommt, Sander!“ ſagte Blackfoot und nahm ihn ohne wei⸗ tere Umſtände beim Arm—„wir ſind Beide müde und wollen zu Bette gehen— Donnerwetter, Mann, bedenkt, daß Ihr ſonſt morgen verſchlafene und trübe Augen habt, und bei den Damen leicht Verdacht erregen könntet, Ihr— hättet geſchwärmt.“ „Ah— certainement, mon cher Blackfutt— certaine- ment“— lallte der junge Stutzer—„en evant denn— zu Bett wir— wir Herzensbezwinger wir— Gott Amor ſoll leben, Black⸗ futt— Gott Amor ſoll leben und jedes ſchöne Geſicht— jede Engelsphyſtognomie; aber— Du nimmſt mir das nicht übel, Black⸗ foot, wie?— à bas mit allen ſolchen Teufelsfratzen, wie Ihr Gerſtäcker, Flußviraten I. 7 — 98 Zwei, Du und Peter, zwiſchen Euren beiden Ohren herumtragt— à bas ſag' ich— möchte nicht aus ſolchem Angeſicht herausgucken, und wenn die Haut Millionen zu verzehren hätte— möchte bei Gott nicht.“ „Schon gut,“ knurrte Blackfvot und ein boshaftes Lachen zuckte um ſeine Lippen—„es können nicht Alle ſolche— Lieb⸗ chen ſein wie Ihr.— Aber kommt— ich bin müde— wir wollen uns hinlegen— vielleicht giebt's morgen früh wieder Arbeit.“ Und ohne weiter eine Antwort des immer noch mit ſich ſelbſt Redenden und Geſtikulirenden abzuwarten, zog er deſſen Arm feſt in den ſeinigen und ſchritt der eigenen Schlafſtelle zu. Er wollte den trunkenen Kameraden erſt, durch ſeine eigene Geſellſchaft beruhigt, eingeſchlafen wiſſen, damit dieſer nicht auf's Neue dem Becher zu⸗ ſpräche und für morgen ganz untauglich würde. VII. Georgine. Ein kleines, wunderliches Gemach iſt es, in das ich jetzt den Leſer einzuführen wunſche. 1 Hätte ein Mann in dieſem Raume nach langem unruhigem Fieberſchlaf zuerſt die Augen geöffnet und hier vor den erſtaunten Blicken eine Menge von Sachen geſehen, wie ſie ihm ſeine Träume nicht abenteuerlicher gebracht, er würde ſich von eben ſolchem Traume noch fort geäfft, und alles das, was ihn umgab, für neues, noch tolleres Blendwerk als das frühere gehalten haben. Unter keiner Bedingung hätte er ſich aber an der Stelle geglaubt, an der er ſich wirklich befand: auf einer kleinen weidenumwachſenen Inſel, 99 mitten im Miſſiſſippi.— Und es war auch wirklich ein wunderlicher Platz. Alle Zonen, alle Künſte ſchienen ſich hier vereinigt zu haben, einen Raum zu ſchmücken, den ſie mit dem zehnten Theil der Sachen, die er enthielt, in ein Prachtzimmer verwandelt gätten der aber ſo, durch Schmuck und Zierrath überladen, eher dem Waarenlager einer der größeren öſtlichen Städte, als dem ſtillen Aufenthaltsort häuslicher Zurückgezogenheit glich. Drei Seiten des Zimmers waren von einer prachtvollen ſeide⸗ nen Tapete bedeckt, aber nur an wenigen Stellen ließen ſich die glühenden Farben ihrer ſilber⸗ und azurdurchwirkten Arabesken er⸗ kennen, mäͤchtige Spiegel, prachtvolle Oelgemälde, Bronze⸗ und Elfenbein⸗Figuren, ſchwere ſilberne Leuchter und koſtbare Waffen bedeckten faſt ihre ganze Fläche. Eben ſo eigenthümlich, eben ſo mit Zierrathen überladen zeigte ſich die vierte, rechte Wand, die, nach alle dem, was man von ihr ſehen konnte, in dem Geſchmacke einer Schiffs⸗Cajüte hergerichtet ſein mußte; die kleinen viereckigen, mit Meſſingplatten eingefaßten Fenſter, mit ſchmalen Mahagoni⸗ ſtreifen dazwiſchen, verriethen wenigſtens etwas Derartiges.— Aller⸗ lei indianiſche Koſtbarkeiten, wie Waffenſchmuck und Kleidungsſtücke, verboten jedoch auch hier jedes weitere Forſchen. Breitfaltige Tro⸗ vengewächſe ſtreckten dabei ihre ſaftigen. Kronen bis zur Decke hinan, und überſchatteten die Fenſter, während das blaſſe Licht, das von einer unter der reich verzierten Decke angebrachten Ampel herabhing, ſeinen dämmernden Schein über den kleinen Raum warf. Es war ein Reichthum der Ausſtattung hier, der nicht wohl that, eine Ueberladung von Schmuck und Pracht, die das Auge, das vergebens einen Ruhepunkt ſuchte, eher beleidigte als erfreute. Mitten in all dieſer Herrlichkeit nun lag ein junges Weib in weißen, loſen Gewändern, die vollen, ſchöngeformten Glieder auf den üppigen Divan geſtreckt, der in wirklich morgenländiſcher Pracht und mit weichen ſchwellenden Kiſſen bedeckt, von Wand zu Wand 7* 10⁰ lief. Vor ihr aber, auf einem niederen Tabouret, kauerte eine an⸗ dere Geſtalt, die ihr Antlitz in den Händen barg und in tiefem entſetzlichen Schmerz faſt aufgelöſt ſchien. „Er wird wiederkommen, Kind,“ tröſtete ſie da die Frau und legte die feingeformte weiße Hand leicht auf den Scheitel der Wei⸗ nenden,„er wird wiederkommen, beruhige Dich nur, Du liebes, wunderliches Kind.— Sieh, vielleicht ſucht er Dich, ſelbſt in die⸗ ſem Augenblicke, allenthalben und das Echo giebt ihm leider verge⸗ bens Deinen lieben— ängſtlich gerufenen Namen zurück.“ „Wiederkommen?“ rief zitternd das junge Mädchen und hob das thränenvolle Angeſicht zu der Beſchützerin empor—„wieder⸗ kommen? nie— nie— tief unten im Strome liegt er— von tückiſcher Kugel getroffen— ich ſah ihn ſtürzen— ich hörte den Fall in's Waſſer und dann— dann vergingen mir die Sinne.— Großer, allmächtiger Gott— ich muß wahnſinnig ſein, denn wäre das— das Wahrheit, was mir nachher ein fürchterlicher Traum vorgeſpiegelt— mein armes Hirn hätte es ja nicht ertragen, mein Herz wäre gebrochen in all der Angſt, in all der Schmach und Schande.“— Sie barg das lockige Haupt in den weichen Kiſſen, und ihr ganzer Körper zitterte von innerer Pein und Aufregung. Georgine richtete ſich halb in Mitleid, halb in Ungeduld von ihrem Lager empor— „Komm,“ ſagte ſie und hob leiſe den Kopf des ſchönen Kin⸗ des—„komm, Marie— erzähle mir Alles, was Dir begegnet, bis jetzt habe ich nur, und ſelbſt dann erſt nach vielem Fragen, Deinen Namen erfahren.— Seit ich Dich aus den Händen jenes rohen Geſellen befreite, haſt Du faſt Nichts gethan als geweint. Ich in⸗ tereſſire mich für Dich, willſt Du aber, daß ich Dir weiter helfen ſoll, ſo ſei auch aufrichtig— wie kamſt Du in— in ihre Ge⸗ walt?“ „So ſoll ich denn all den noch friſchen blutenden Schmerz erneuen? ſoll die Wunde ſtacheln, die noch nicht zu brennen aufge⸗ 10¹ hört?“ ſagte mit leiſer, faſt tonloſer Stimme die Unglückliche— „doch es ſei— Du ſchützteſt mich vor der rohen Fauſt jenes Bu⸗ ben— Du ſollſt in wenigen Worten Alles hören, was mich be⸗ trifft.“ „Noch weiß ich nicht, wo ich bin,“ flüſterte ſie nach kurzer Pauſe, während ihre Blicke wirr und ſtaunend ihre Umgebung überflogen—„noch iſt es mir faſt, als ob ein Zauber mich ge⸗ fangen, ein fürchterlicher Traum mich umnachtet halte— doch ich fühle, wie ich lebe und wache— ich ſehe das dämmernde Licht jener Lampe— ich kann den warmen Athem Deines Mundes an meiner Wange fühlen— ich bin erwacht— das Erwachen ſelbſt nur war gräßlich. Sich aber auch im vollen Beſitze jedes Glücks zu wiſſen, das uns dieſe Erde nur zu bieten vermag, und dann auf ein Mal — mit der Schnelle des vernichtenden Strahls— Alles Alles zu verlieren— das thut weh— das frißt ſich tief in's Herz binein. Doch Du wirſt ungeduldig, o, Du kannſt die kurze Zeit nicht er⸗ warten, die ich gebrauche, Dir meine Leiden zu erzählen, und ich— ich ſoll ſie ein ganzes Leben lang mit mir fortſchleppen bis zum Grabe.— Aber Du haſt recht— ich bin nur ein thöricht un⸗ wiſſend Kind— ich klage nur über mein Elend und denke nicht daran, daß er— er, für den ich ja nur leben und lieben wollte, meinetwegen ſtarb.“ „Es ſind jetzt wol ſechs Monate, daß er zuerſt meines Vaters Haus betrat— ſoll ich Dir ſagen, wie wir uns kennen und lieben lernten? nein— Du würdeſt mich nicht verſtehen— Dein eigener Blick ſchaut ſo ernſt und ſtolz auf mich nieder— Du würdeſt meiner vielleicht gar ſpotten.— Genug— wir liebten uns— er ſchloß ſein ganzes treues Herz mir auf und hatte das meine gewonnen, ehe ich nur ſelbſt es ahnte, daß er darum warb. Auch die Aeltern achteten ihn— o, er war ſo gut, ſo edel— ſo fromm— ſie ſegne⸗ ten unſere Verbindung— ich wurde ſein Weib. Indeſſen hatte er meinem Vater von dem ſchönen und herrlichen Süden erzählt, — 10⁰² von dem Plantagenleben in Louifiana— ſie fuhren Beide hinab, das Land zu ſehen und zu prüfen, und Eduard erſtand am Atcha⸗ falaya die Pflanzung eines alten Creolen, der geſonnen war, den Abend ſeines Lebens in Philadelphia bei Kindern und Verwandten zuzubringen. Vor wenigen Wochen kehrten die Männer zurück— unſere Farm wurde verkauft, ja ſelbſt unſere zahlreichen Heerden machte mein Vater zu baarem Gelde, und auf einem ſelbſt erbauten Flatboot, wozu ihn Eduard eigentlich beredet, ſchifften wir all unſer übriges Eigenthum ein, mit der Strömung des Miſſiſſippi unſerer neuen, ſchönen Heimath zuzuſchwimmen. Mein Vater wollte einen Mann annehmen, der unſer Boot den Fluß hinabſteuern ſollte, Eduard beſtand aber darauf, das ſelbſt zu thun— er war, wie er ſagte, mit jeder Sandbank, mit jedem Snag bekannt, und glüͤcklich führte er uns auch den Wabaſch und Ohio hinab und immer wei⸗ ter den Miſſiſſippi nieder. Hier aber mochte ihn das tiefer und gefahrloſer werdende Waſſer zu unvorſichtig machen— vorgeſtern Abend, gerade über einer Inſel— lief unſer Fahrzeug auf den Sand und hier— großer, allmächtiger Gott— ich wuͤrde wahn⸗ ſinnig, wenn ich das Alles noch einmal überdenken ſollte.“ „Und Eduard?“ frug die Frau, während ſie von ihrem Lager aufſprang und unruhig im Zimmer auf⸗ und abſchritt—„Dein Vater— Deine Mutter?“ „Todt— Alle todt!“— ſeufzte die Unglückliche. „Und Du?“ „Erbarmen— Erbarmen— dringe nicht weiter in mich— laß mir die Nacht, die meine Sinne noch umſchloſſen hält— laß mir jene tollen blutigen Schatten, die mir wild und fieberiſch das Blut durchraſen und in ihren ſinnverwirrenden Kreiſen die Erinnerung ertödten— laß ſie mir, und wären ſie die Boten des Wahnſinns — lieber ſo— lieber todt— als zu denken, daß— hahaha— da vorn iſt er wieder, der tückiſche Kopf, der meinem Eduard gleicht. — Da taucht er wieder empor aus der Fluth, und ich— ich ſtrecke — 103³ die Hände nach ihm aus, ich ergreife ſein naſſes Kleid— er ſoll mich retten— retten aus der Hand des Teufels, der mich umſchloſ⸗ ſen hält und er— o mein armes Hirn— wie es klopft und ſchlägt— wie es zuckt und brennt— ach! daß Eduard fallen mußte und nun ſein Weib nicht rächen, nicht ſchützen kann vor den eigenen entſetzlichen Gedanken und Bildern.“ Marie ließ matt die Arme ſinken und neigte das Köpfchen auf die Bruſt herab, vor ihr aber ſtand das ſtolze ſchöne Weib und eine Thräne, ein ſeltener Gaſt, drängte ſich ihr in das große ſchwarze Auge. „Du ſollſt bei mir bleiben, Marie“— flüſterte ſie dem armen Kinde leiſe zu—„ſie ſollen Dich nicht fort von mir reißen,— eer darf es nicht,“ wiederholte ſie dann leiſe und mit ſich ſelber redend— er darf mir die Bitte nicht verſagen, und wenn er's thut, wenn er wirklich ſchon alles das vergeſſen haben ſollte, was er mir in früheren Zeiten gelobt— gut— der Verſuch ſei wenig⸗ ſtens gemacht—“ „Ich will ſchlafen gehen,“ ſagte die Unglückliche und ſtrich ſich die feuchten Locken aus der Stirn—„ich will ſchlafen gehen— mein Kopf ſchmerzt mich— meine Pulſe ſchlagen fieberhaft— ich bin wol krank— gute Nacht, Georgine.“ Marie erhob ſich und ſchritt der Thür zu; Georgine aber, ob von plötzlichem Mitleid oder anderen Gefühlen bewegt, umfaßte das arme Weſen, das ſich kaum aufrecht erhalten konnte, und führte es durch eine in die linke Wand geſchnittene und von einem pracht⸗ vollen Vorhang bedeckte Thür in ein kleines Gemach, das ſeiner Bauart nach ſchon in dem Waarenhauſe lag und nur durch eine dünne Brettwand von den großen, hier zeitweilig aufgeſtellten Gu⸗ tern getrennt wurde. Kaum hatte ſich dort die Arme auf ein Lager niedergelaſſen und mit weichen Decken gegen die kühle Nachtluft geſchützt, als auch die Thür ihres Wohnzimmers ſich öffnete und Kelly— den Hut in die hohe Stirn gedrückt— eintrat. 104 Georgine ließ den Vorhang finken und ſtand im nächſten Au⸗ genblick vor dem Gatten. „Wo iſt die Fremde?“ war das erſte Wort, das er ſprach, und ſeine Augen durchflogen ſchnell den kleinen Raum.— „Iſt das der ganze Gruß, den Richard heute Abend ſeiner Georgine bringt?“ frug dieſe halb ſcherzend, halb vorwurfsvoll— „ſuchen meines Richard's Augen heute zum erſten Male ein fremdes Weſen und fliehen den Blick der Gattin?“ „Nein, Georgine,“ ſagte Kelly, und die ernſten Züge milderten ſich zu einem leichten Lächeln,„die Augen ſind Deine Sclaven wie immer, die Frage galt nur der Fremden,“ und er ſtreckte der Ge⸗ liebten die Hand entgegen und zog ſie leiſe an ſeine Bruſt.— „Guten Abend, meine Georgine,“ flüſterte er dann und drückte einen Kuß auf ihre Lippen—„aber— wo iſt die fremde Frau— Du haſt nicht recht gethan, ſie bei Dir aufzunehmen.“ „Richard— laß mir das unglückliche Geſchöpf“— bat Ge⸗ orgine und ſchlang den weißen Arm um ſeinen Nacken—„laß ſie mir hier— Du weißt, die Mädchen, die auf der Inſel hauſen, ſind nicht für mich— es iſt rohes wüſtes Volk und ſie haſſen mich, weil ich nicht ihre wilden Freuden theile. Mariens ganzes Weſen verräth dagegen einen höhern Grad von Bildung, als man ihn ſonſt bei ſolch einfachem Farmerskind vermuthen ſollte. Ich will ſie bei mir behalten, vielleicht kann ich ihr in Etwas das wieder vergüten, was— Andere ihr genommen.“ „Liebes Kind,“ erwiederte Kelly und warf ſich nachläſſig auf die Ottomane—„das ſind Geſchäftsſachen, und Du kennſt unſere Geſetze. So ſehr ich das ſchöne Geſchlecht ehre, ſo ſehr muß ich doch auch dagegen proteſtiren, daß es ſich da betheiligt, wo es— an Hals und Kragen gehen könnte.“ „Richard,“ ſagte das ſchöne Weib und preßte die kleinen Lip⸗ pen feſt zuſammen—„Du thuſt mir nie etwas zu Liebe— ich ¹ — 10⁵ mag Dich bitten, um was ich will— Du haſt eine Ausrede— nicht einmal nach Helena willſt Du mich führen.“ „Ich habe Dir ſchon geſagt, daß ich mich dort ſelbſt nicht blicken laſſen darf“— lächelte der Führer. „Gut— ſo geſtatte mir wenigſtens die Geſellſchaft eines ein⸗ zigen menſchlichen Weſens, das ich— ohne Abſcheu anſehen darf.“ „Eine große Schmeichelei für mich.“ „Du biſt unausſtehlich heute.“ „Du biſt ärgerlich, Georgine,“ ſagte der Capitain freundlicher als vorher,„aber ſei vernünftig.— Die Fremde kann nicht hier bleiben, wo ihr Sander gar nicht auszuweichen vermöchte.“ „Alſo er war jener Bube—“ „Ruhig— Du wirſt vorſichtiger und milder in Deinen Aus⸗ drücken werden, wenn Du erfährſt, daß gerade er es iſt, der die Ausführung unſerer Pläne beſchleunigt.— Das zuletzt eingebrachte Boot enthielt ein ſo bedeutendes Capital in baarem Geld— in Gold und Silber— daß ich jetzt entſchloſſen bin, Deinen bisheri⸗ gen Bitten nachzugeben. Ich ſehe ein, unſere Lage hier muß mit jedem Tage gefährlicher werden. Das Geheimniß iſt kaum noch ein Geheimniß, und mir ſelbſt ſcheint es räthſelhaft, wie es ſo lange verborgen bleiben konnte. Wir wollen nach Houſton und von da in das Innere von Mexico— halte Dich alſo zu einem ſchnellen Aufbruche bereit.“ „Und die Inſel?“ „Mag unter Anderer Leitung meinethalben fortbeſtehen.“— „Werden ſie Dich aber Deines Führeramts entlaſſen?“ „Vielleicht gehen ſie mit“— ſagte der Capitain, augenſchein⸗ lich zerſtreut—„doch— wie dem auch ſei— die Dirne darf nicht hier bleiben— Verrath vor der Zeit könnte uns Alle ver⸗ derben.“ „Was wollt Ihr mit ihr thun?“ frug Georgine beſorgt. 1⁰6 „Bolivar ſoll ſie— nach Natchez begleiten— biſt Du das zufrieden?“ „Du mußt Deinen Willen durchſetzen“— murmelte die Frau und zog ärgerlich die ſchoͤnen, kühn geſchnittenen Brauen zuſam⸗ men—„früher war Deine Liebe anders— glühender.— Du kannteſt kein Glück, das ausgenommen, das Du an meiner Seite fandeſt.— Ich fürchtete einen Wunſch auszuſprechen, denn Du achteteſt ſelbſt nicht Todesgefahr, ihn zu erfüllen— jetzt aber—“ „Georgine, ſei vernünftig,“ bat Kelly und zog ſie, ihre Hand erfaſſend, leiſe zu ſich nieder,„Du wirſt doch begreifen, daß ich nicht unſer Aller Sicherheit, unſer Aller Leben einer einzigen halb wahnwitzigen Dirne wegen auf's Spiel ſetzen darf. Könnte ich immer hier ſein, gern wollte ich dann Deinem Wunſche willfahren — ich würde ſelbſt über unſere Sicherheit wachen, aber ſo—“ „Du willſt wieder fort?“ „Ich muß— dringende Geſchäfte rufen mich in früher Stunde morgen nach Montgomerys Point, vielleicht nach Vicksburg.“ Georgine legte ihre Hand auf ſeine Schulter und blickte ihm lange und forſchend in das ihr ruhig, ja lächelnd begegnende Auge. „Und weshalb willſt Du immer fort von mir? weshalb kannſt Du jetzt nicht, wie fruͤher?— Richard— Richard— wenn ich Dich falſch wüßte—“ „Aber Kind— Du phantafirſt wahrhaftig.— Die Wahnſin⸗ nige hat Dich angeſteckt.“ „Wahnſinnige?“— flüſterte Georgine düſter vor ſich bin—„der Mann, der ihr Liebe log— Richard, wenn ich ahnen könnte, daß Du falſch wäreſt— Du, dem ich mein Leben— das Leben meiner Aeltern geopfert habe— bei allen Geiſtern der Unterwelt, ich würde Dein Teufel. An Deine Ferſen ſollteſt Du mich gebannt ſehen, und Rache— Nache, wie ſie noch kein Weib genoſſen, muͤßte ein Verbrechen ſühnen, für das die Erde keinen Namen hätte.“ 107 „Georgine,“ flüſterte der ſtarke Mann und legte ſeinen Arm liebkoſend um ihre Hüfte—„Du biſt ein thöricht— eiferſüchtig Kind. Wem zu Liebe ſchaffe und arbeite ich denn jetzt? wem zu Liebe habe ich denn mein Leben dem Geſetz verfehmt— weſſen Liebe war die Urſache, daß ich— das erſte Blut vergoß? Sieh, Deine Eiferſucht verzeih' ich Dir— ſie iſt ein Zeichen eben dieſer Liebe— aber Du biſt auch ungerecht. Du darfſt mich nicht nach den anderen Menſchen beurtheilen, wie ſie Dir täglich im Leben be⸗ gegnen.— Du weißt, ich bin nicht wie ſie— Du wärſt mir ſonſt nicht gefolgt— aber Du mußt mir auch vertrauen.— Du mußt mir auch glauben, wenn ich Dir meine Gründe nenne.“ „Gut!“ rief Georgine und ſprang von dem Lager empor— „ich will Dir vertrauen, aber einmal laß mich erſt wieder hinaus in die Welt— einmal laß mich mit den Menſchen verkehren, mit denen Du verkehrſt— dann will ich Dir folgen als Dein treues Weib, wohin Du immer nur begehrſt— aber das— das erfülle mir.“— „ und gerade das,“ lächelte der Capitain,„iſt Etwas, das mehr Schwierigkeiten hat, als Du Dir wol träumen läßt.“ „So willſt Du nicht?“ rief Georgine ſchnell. „Wer ſagt Dir das?“ frug Kelly und heftete ſeinen Blick feſt und prüfend auf ſie—„Georgine,“ fuhr er nach kurzer Pauſe leiſe fort— Dn biſt mißtrauiſch gegen mich geworden.— Es iſt Jemand zwiſchen uns und unſere Liebe getreten.“ „Richard!“— rief Georgine. „Und wenn es nur ein Schatten wäre, fuhr der Capitain, ohne die Unterbrechung zu beachten, fort—„auch Du biſt nicht mehr wie ſonſt— was ſollte der Meſtize neulich am Ufer? ich be⸗ gegnete ihm gerade, als er das Land betrat, und ſandte ihn zuruͤck — war er beſtimmt, mich zu bewachen? „Und wenn er es wäre?“ rief Georgine ſtolz und heftig.— „Ich dachte es,“ lächelte der Capitain—„armes Kind— — 108 alſo trauſt Du wirklich Deinem Richard nicht mehr? nun gut— der Gegenbeweis ſoll Dir werden.— Schicke den Knaben, wann Du willſt, an's Land— er ſoll freien Aus⸗ und Eingang haben, und mag Dir ſagen, wie er mich dort geſehn; biſt Du damit zu⸗ frieden?“ „Und die Fremde?“ „Sander begleitet mich,“ ſagte Kelly ſinnend mit ſich ſelber redend,„nun gut, ſie mag bei Dir bleiben, bis Blackfoot zurück⸗ kehrt— dann aber widerſetze Dich auch nicht länger einer Maß⸗ regel, die nur zu Deinem wie zu unſer aller Beſten gegeben ward Zürnt Georgine nun noch ihrem Richard?“ „Du böſer— lieber Mann“— rief das ſchoͤne Weib, und ſchlang ihren Arm um ſeinen Nacken—„wer kann Dir zürnen, wenn Du ſo freundlich biſt?“ „So komm denn, Geliebte,“ flüſterte lächelnd der Capitain— „komm und laß jeden böſen, jeden unfreundlichen Gedanken in dieſem Kuſſe ſchwinden. Wir haben von außen drohenden Gefahren zu begegnen, laß uns wenigſtens hier innen in Frieden und Liebe leben und Kräfte ſammeln zu dem letzten entſcheidenden Schritt, zu Sicherheit und Ruhe!“ ******* Vor der Wohnung des Capitains ſtanden indeſſen, in ihre warmen Matroſenjacken gehüllt, zwei Geſtalten— es war Black⸗ foot und Bolivar, der Neger. „Alle Wetter, Maſſa,“ ſagte der Letztere, während ex ſich der läſtig werdenden Mosquitos zu erwehren ſuchte—„ich möchte wiſſen, ob Maſſa Kelly noch was beſorgt haben will heute Abend oder nicht.“— „Hab' Geduld, Burſche,“ brummte der alte Bootsmann und knüpfte ſich feſter in ſeine Ueberjacke ein—„wirſt doch warten 109 können, wo unſereiner wartet.— Der Capitain geht dem Weib⸗ chen erſt ein Bischen um den Bart herum— mit Frauenzimmern wird man nicht ſogleich fertig, wie mit Männern. Aber— s'iſt wahr— es dauert verdammt lange— wenn ich nur erſt wüßte, was er eigentlich wollte, nachher könnte man ſich ſeine Berechnung ſchon ſelbſt ein Bischen machen.“— „Ja— ja“— lachte der Neger vor ſich hin,„Capitain Kelly läßt Euch auch gerade wiſſen, was er will.— Das der Letzte zu ſo was— Bolivar kennt ihn beſſer— wenn er ſagt, er geht ſtrom⸗ auf— wette meinen Hals dann drauf, er iſt hinunter, und wenn er ſagt Arkanſas, ſo wäre Arkanſas der letzte Platz, wo ihn Bo⸗ livar ſuchte.“ Blackfoot ſah den Neger von der Seite an, ſchob die Hände in die Taſchen und ging langſam auf und nieder.— „Biſt Du ſchon einmal mit dem Capitain in Helena geweſen?“ frug er nach kurzer Pauſe. Bolivar zog den breiten Mund von einem Ohre bis zum an⸗ dern und nickte.— „Und weißt Du,“ ſagte der Bootsmann, dem Neger einen Schritt näher tretend,„weißt Du, was—“ „Pſt Maſſa— for God's sake“— flüſterte der Schwarze und ſtreckte ängſtlich die Hand gegen den Redenden aus, während er ſelbſt einen ſcheuen Seitenblick nach der Thuüͤr warf—„Bolivar will lieber, daß er mit gebundenen Händen vor dem Staatsanwalt ſtände und Maſſa Blackfoot als Zeugen gegen ſich hätte, als hier von Sachen reden, die den Capitain betreffen.— Großer Golly, wie er neulich einmal den Spanier bezahlt hat— Ohren ab— Naſe ab— Arme ab und dann gut verbunden, aber ſonſt nackend in den Sumpf geſtellt;— brrrr Buckramann') iſt doch viel grau⸗ ſamer wie Neger.“ *) Der Weiße. 110 Oben aus der Eiche, unter der ſie ſtanden, töonte ein ſchriller Pfiff, wie ihn der Nachtfalke ausſtoßt, wenn er ſeine Beute zu er⸗ faſſen glaubte, und nun getäuſcht wieder hinauf in ſein luftiges Reich muß. „Peſt und Donner,“ fluchte der Afrikaner und fuhr ſchnell empor—„das fehlt uns auch noch— jetzt kommen bei Gott die verdammten Pferde von Arkanſas— nun giebt' Nachtarbeit. Ei ſo wollt ich denn doch—“ „Der Capitain hat ſie lange erwartet,“ ſagte Blackfoot— „Arbeit haben wir auch weiter nicht damit, unſere Leute ſind ſchon drüben ſeit Sonnenuntergang.“— „Schaffen wir ſie denn gleich nach Miſſiſſippi hinüber?“ frug Bolivar.—— „Nein— das dürfen wir nicht riskiren.— So wie das Land jetzt mit den verdammten Regulatoren in Aufruhr iſt, hieße das die Schufte da oben ſelbſt mit der Naſe auf unſere Fährten ſtoßen.— Nur die beiden Pferde, die wir nothwendig drüben ha⸗ ben müſſen, nehmen wir durch den Sumpf, daß die Spuren aus dem Lande heraus in die Stadt führen; das beſorgt Mowes, der iſt in Melville bekannt wie ein bunter Hund und erregt keinen Verdacht mehr. Die anderen führen wir zu Waſſer nach Vicksburg.“ „Wenn ich nur wüͤßte, was mit dem fremden Frauenzimmer da drin geſchehen ſoll,“ brummte der Neger—„erſt wird man hierher beſtellt und dann iſt's nachher Nichts.“ „Drinnen iſt Alles dunkel geworden,“ ſagte Blackfoot—„vor morgen früh wirſt Du auf keinen Fall gebraucht. Geh' alſo bis dahin zu den Snags, und wenn wir die Thiere glücklich gelandet haben, wollen wir uns ein Stündchen hinlegen. Morgen wird's wahrſcheinlich verdammt ſcharfe Arbeit ſetzen.“ Von dem rechten Ufer der Inſel ſchallten jetzt regelmäßige, aber ſchnelle Ruderſchlage herüber, und deutlich konnten die lauſchenden 111 Männer hören, wie das kommende Boot mit aller Macht gegen die dort ziemlich ſtarke Strömung anarbeitete. „Aha“— nickte Bilivar grinſend—„in dem Boote ſteuert wie⸗ der Mr. Klugrabe— will immer geſcheidter ſein als andere Leute und hält jedesmal von Anfang an zu viel über— denkt's immer zu erzwingen und muß ſich nachher wieder von der Sandbank her⸗ aufleiern.“— „Sie müſſen ziemlich oben an der Spitze ſein“— meinte Blackfoot.— „Ja— aber mit welcher Arbeit— ſo viel weiß ich— doch wahrhaftig da kommen ſie ſchon— Wetter noch einmal, müſſen die in den Rudern gelegen haben—“ Blackfoot hatte indeſſen die Thür von Bachelors Hall geöffnet, und die darin jetzt überall auf Fellen und Decken gelagerten Zecher geweckt. Nur murrend und höchſt unzufrieden mit der keineswegs gelegenen Störung gehorchten ſie aber dem Rufe und taumelten von ibren harten Betten auf, um bei dem Landen der Pferde behülflich zu ſein. Dies ging auch ſchneller von Statten, als es der rauhe Boden und das ungewiſſe Mondenlicht hätte erwarten laſſen. Die Inſulaner ſchienen aber mit ſolcher Arbeit vertraut, und nach kaum einer Stunde lag das breite Boot wieder wohlverwahrt und dicht ver⸗ ſteckt neben den übrigen Kähnen, während die Pferde in den Stäl⸗ len untergebracht und dort von einem jungen Meſtizenknaben ver⸗ ſorgt und mit Nahrung verſehen wurden. Bolivar bereitete ihnen indeſſen die Streu von weichem Laube. Die armen Thiere aber, ſo bungrig ſie auch wol ſein mochten, ſchienen zu erſchöpft, um auch nur einen Blick auf das ſonſt ſo eifrig begehrte Futter zu werfen— Todesmatt fielen ſie, wo man ſie hinſtellte, nieder, und ihr ganzes Ausſehn, ihr ganzes Benehmen verrieth klar und deut⸗ lich, wie ſie eben eine Hetze mit durchgemacht, die ſie kaum noch länger ausgeſtanden hätten. „Hört einmal, Jones,“ ſagte Blackfoot, als er in die Stallthür 112 trat und die erſchöpften Thiere betrachtete.„Ich glaube, Ihr habt die armen Dinger zu Tode gejagt, ſie ſchwitzen ja wie die Braten, und der kalte Luftzug auf dem Miſſiſſippi wird ihnen wol den Reſt gegeben haben.“ „Ei, und wenn ſie alle der Teufel geholt hätte,“ brummte der alſo Angeredete—„beſſer die, als ich— Peſt und Donner— das ſind die letzten, die ich aus Arkanſas herausgeſchafft habe. Ueberhaupt geb' ich dem die Erlaubniß, mich bei den Ohren aufzu⸗ hängen, der mich noch einmal da druͤben erwiſcht.“ „Sie ſollen Euch drüben vor ein paar Wochen die Jacke tüch⸗ tig ausgeklopft haben,“ lachte Blackfoot.— „Ja— und der, der es gethan hat, liegt wol nicht am Elevenpointsriver mit zerſchmettertem Hirn?“ ziſchte der kleine Mann—„ſeine Pferde ſtehn wol nicht jetzt hier auf der Inſel im Stalle?“ „Alle Wetter dieſelben Pferde?“ rief der Bootsmann verwun⸗ dert,„da habt Ihr mehr Courage, als ich Euch zugetraut hätte— doch wer war denn hinter Euch?“ „Wer? der ganze Staat ſchien auf den Beinen— ich gab mich auch ſchon verloren, ein wirkliches Wunder kann mich allein gerettet haben. Einmal ſah ich meine Verfolger ſchon, doch glück⸗ lich erreichte ich hier den Sumpf und dort, mit allen Schlichen bekannt, gelang es mir, die Feinde irre zu führen. Wäre Euer Boot aber nicht ſchon drüben geweſen, ich hätte bei Gott die Thiere im Stiche gelaſſen und meine eigene Haut in Sicherheit gebracht— denen fall' ich nicht noch ein Mal unter die Hände— ſo viel weiß ich.“—— „Schade, daß Rowſon ſo ſchändlich abgefangen wurde,“ ſagte der Bootsmann—„das war ein trefflicher Kunde— Mordele⸗ ment, ich weiß keinen Menſchen in ganz Amerika, den ich lieber bei irgend einem pfiffigen Unternehmen gehabt hätte, wie den—“ „Geht mir mit dem Schuft“— brummte Jones—„wäre 113 der Capitain nicht noch ſo zur rechten Zeit dazu gekommen— die Canaille hätte uns Alle mit einander verrathen— Pfui Teu⸗ fel— ich hatte immer geglaubt, Rowſon ſei ein Mann und wie ein altes heulendes Weib hat er ſich betragen. Das ſollte mir einmal paſſiren— Peſt noch einmal, die Zunge wollt ich mir eher aus dem Halſe reißen, ehe ich ein Wort geſtände.“— „Kelly war unter einem fremden Namen oben, nicht wahr?“ „Wharton nannte er ſich,“ lachte Jones,„und Ihr hättet nur einmal ſehen ſollen, wie ſchlau er es anzudrehen wußte, daß der meineidige Pfaffe nicht zu Worte kam— mit dem Indianer war übrigens nicht zu ſpaßen.— Wer kommt denn dort?“ Die beiden Männer blickten ſich raſch nach der von dem Pfer⸗ dediebe bezeichneten Richtung um und ſahen eine, in dunkeln Mantel gehüllte Geſtalt auf ſich zukommen.— Es war der Capitain, der, ohne den Andern eines Wortes oder Blickes zu würdigen, Blackfoot am Arm ergriff und eine kleine Strecke mit ſich fortzog. Dort, als er ſich vorher durch einen flüchtig umhergeworfenen Blick überzeugt hatte, daß er unbelauſcht ſei, flüſterte er leiſe— „Georgine beſteht darauf, den Meſtizen an's Ufer zu ſenden— Bolivar ſoll ihn alſo, wenn ſie es verlangt, hinüber rudern— er darf aber den feſten Boden nicht wieder betreten— verſtehſt Du mich?— „Der Meſtize?“ frug Blackfoot erſtaunt. Der Capitain nickte nur einfach und fuhr dann fort: „Sander's Verhaltungsbefehle ſind in dieſem Briefe eingeſchloſſen — Alles Uebrige iſt Dir ebenfalls bekannt.“ „Bis wann ſchreibt denn Teufels Bill, daß er hier eintreffen kann?“ frug der Bootsmann.. „Mit jedem Tage,“ erwiederte Kelly—„ſeiner Rechnung nach hätte er eigentlich ſchon geſtern Helena erreichen muͤſſen— Ihr wißt doch noch ſein Zeichen?“ „Ja— er fährt ſtets vor der Inſel vorbei, und ſchießt, wenn Gerſtäcker, Flußpiraten. I. 8 114 er gerade neben den Snags iſt— das Boot läßt er unterhalb auf⸗ laufen.“— „Gut— iſt mein Pferd geſtern Abend hinübergeſchafft und gefüttert?“ „Ei verſteht ſich,“ verſicherte der Alte—„das muß tüchtig aus⸗ greifen können, es hat jetzt zwei Tage ruhig geſtanden.— Was ſoll aber mit dem Mädchen da drinne geſchehen?“ „Die— werde ich der Sorgfalt des Negers auvertrauen“— murmelte der Capitain—„ich will ihm morgen früh ſelbſt die nöthigen Verhaltungsregeln geben; doch für jetzt gute Nacht, legt Euch auch ein wenig ſchlafen und— habt gute Acht auf den Burſchen da—“ „Auf Jones?“ „Ja— er darf ohne Schwur die Inſel nicht verlaſſen.“— „Der iſt treu,“ ſagte Blackfoot.— „Gut für ihn denn,“ murmelte der Capitain— und ver⸗ ſchwand gleich darauf wieder in ſeiner Thür. VIII. Der Nitt der beiden Botſchafter. Die Sonne ſtand ſchon anderthalb Stunden hoch, als zwet Männer, auf ſchönen kraͤftigen Pferden, durch jene faſt unwegſame und großentheils unter Waſſer ſtehende Niederung ritten, die den Miſſiſſippi an beiden Ufern viele Meilen breit einſchließt. An ei⸗ nen Pfad war dabei gar nicht zu denken, nicht einmal ein Zeichen ließ ſich an Buſch oder Baum erkennen, daß hier die fleißige Hand der Menſchen ſchon je thätig geweſen. Nur Rohr und Unterholz gedieh, ſoweit ihnen das der dichte Schatten der vollbelaubten 115 Stämme erlaubte, nach beſten Kräften, und der üppige Wuchs der Schlingpflanzen ſchien ſich in dieſer Umgebung beſonders wohl und kräftig zu befinden. An wenigen Stellen waren dabei die Strahlen der Sonne vermögend geweſen, durch das Gewirr von Laub und Aeſten zu dringen, und wo ihnen das wirklich gelang, da ſpielte auch ſicherlich ein dichter Schwarm ſchlankhüftiger Mosquitos in dem warmen, die feuchten Schwaden der Nachtluft vertreibenden Lichte. Heruntergebrochenes Holz ſtarrte überall vom Boden auf, und an den wenigen Plätzen, die das Auge noch erkennen konnte, verſtattete das dichte, hier nie von einem Wind verwehte Laub den einzelnen Grasſpitzen kaum, ſich Bahn hindurch zum Lichte zu brechen. Die Reiter ſchienen aber an ihre öde Umgebung gewöhnt. Kei⸗ nen Blick warfen ſie weder rechts noch links auf die ſie umſchließende Wildniß, nur vor ſich nieder ſahen ſie, vor die Hufen ihrer Pferde, dieſen, durch ihre höhere Stellung begünſtigt, das Terrain über⸗ blicken zu helfen und die beſte, das heißt die am wenigſten ſchlechte Bahn auszuſuchen. . Spo ſehr aber auch der Aelteſte und Stärkſte von ihnen in ſeine ganze Umgebung paſſen mochte, ſo ſehr ſtach der zweite, Jün⸗ gere, dagegen ab. Ein mit den näheren Verhältniſſen nicht Vertrauter hätte auch wahrlich ſtaunen ſollen, wenn er die zierliche ſchlanke, faſt ſtutzerhaft gekleidete Geſtalt auf dem prächtigen und edlen Roſſe an einem Orte gefunden, zu dem ſich, wie jeder vernünftige Menſch glauben mußte, eigentlich nur ein Bärenjäger verirren konnte. Er war ſchlank, ja faſt ſchmächtig gebaut und ganz nach dem modernſten Schnitt der Pariſer Moden in einen leichten hellbrau⸗ nen Frack, weißſeidene Weſte, braunſeidenen Slips und großcar⸗ rirte Pantalons gekleidet. Den untern Theil der letzteren hatte er aber, um ſie vor dem Beſpritzen zu wahren, nach Art der Hin⸗ terwaldler, mit einem breiten Stücke grellrothen Flanells umwunden, 8* 116 der ſie bis über das Knie hinauf beſchützte und auch zugleich den Fuß vollkommen umhüllte. Den Kopf deckte ein feiner ſchwarzer Filz und darunter vor quollen volle und üppige, ſeidenweiche blonde Locken. Mit den treublauen Augen hätte man ihn auch wirklich faſt für ein ſchönes verkleidetes Mädchen halten können, wäre nicht der keimende Flaum der Oberlippe geweſen. Nie aber ſchlug noch in einer menſchlichen Bruſt ein Herz, das eines Teufels würdiger ge⸗ weſen, wie in dieſer— nie im Leben trog Auge und Blick mehr, als bei dieſem Buben, der ſich, einer Schlange gleich, von ſeinem glatten Aeußern begünſtigt, nicht in die Häuſer, nein in die Herzen Derer ſtahl, die er vernichten wollte, und über deren Elend er dann frohlockte. Auf der Inſel hatte er ſich als Eduard Sander eingeführt und der Bande durch ſeine Verſtellungskunſt und teufliſche Bosheit ſchon unendlichen Nutzen gebracht. Ueber ſein früheres Leben wußte aber Niemand etwas Genaueres, und da der größte Theil der Geſellſchaft, der er nun angehörte, ebenſo wenig Urſache hatte, mit vergangenen Vorfällen zu prahlen, frug ihn Niemand danach. Er gab ſich nur kurz für den Sohn eines Georgiſchen Pflanzers aus und ſtellte damit ſeine Umgebung vollkommen zufrieden. Sein ſtets verſchloſſenes Weſen ließ ihn aber auch unter den Kameraden, wenn er ja einmal für kurze Zeit auf der Inſel ver⸗ weilte, ziemlich allein ſtehn. Er ſchloß ſich an Keinen an, und ſtand nur mit dem Capitain und deſſen Frau in freundſchaftlicher Verbindung, was ſich freilich auch ſchon leicht durch den Grad der Bildung erklären ließ, den er ſelbſt genoß, und auf dem die Ge⸗ fährten ſeiner Verbrechen ſtanden. Der Einzige von allen dieſen, mit dem er zu Zeiten plauderte und zu dem er ſich hielt, war Blackfoot, ſein jetziger Begleiter, der das Rauben gewiſſermaßen als Geſchäft betrachtete und oft be⸗ hauptete, es ſei bei ihm ſo zur Leidenſchaft geworden, wie beim Jäger das Bärenhetzen. Seinem Führer und Capitain dabei er⸗ geben, war Blackfoot treu und offen, wenigſtens gegen die Kame⸗ raden. Sander hatte er aber beſonders deshalb lieb gewonnen, weil die⸗ ſer eine eben ſolche Aufrichtigkeit gegen ihn heuchelte. In der That aber war er weit davon entfernt, ihn mit Sachen bekannt zu ma⸗ chen, die er nicht nothgedrungen wiſſen mußte. Blackfoot ging in die Tracht der Hinterwäldler gekleidet. Er trug Büchſe und Bowiemeſſer, und gab ſich für einen Anſiedler aus, der ſich erſt kürzlich dicht am Ufer des Miſſiſſippi niederge⸗ laſſen hätte und nun nicht übel Luſt habe, einen Theil ſeines Ver⸗ mögens in irgend einer vortheilhaften Speculation anzulegen. Bei⸗ der Ziel war aber für jetzt Helena, wohin Sander ſeine beſonderen, allerdings geheimen Inſtructionen hatte. „Die Peſt über ſolches Reiten,“ brach endlich dieſer das Schwei⸗ gen, das ſie bis dahin— zu ſehr mit der Unebenheit des Bodens beſchäftigt— beobachtet hatten—„Hals und Beine könnte man brechen und das Schlammmaſſer ſchlägt Einem faſt bei jedem Schritt über dem Kopfe zuſammen. Daß mich auch der Henker dieſen Weg fuͤhren mußte; ich werde ſchön ausſehn, wenn wir nach Helena kommen. Wo zum Teufel mag denn nur die verdammte Straße liegen? Wir ſind am Ende in all dieſem Gewirr ſchon drüber hin und ziehen nun gen Weſten in irgend eine ſchöne, noch nicht entdeckte Gegend.“ „Habt keine Angſt,“ lachte der Pilot in dieſem Waldmeer,„die Helenaſtraße muß wenigſtens noch eine Meile weiter hin liegen. — Bedenkt doch nur, Mann, daß wir auf ſolcher Bahn haben Schritt für Schritt reiten und oft bedeutende Umwege machen müſ⸗ ſen, um nur den Seen und Dickichten auszuweichen, die wir un⸗ möglich durchſchneiden konnten. Tröſtet Euch aber, der Boden wird jetzt ein wenig beſſer; wir haben das Schlimmſte hinter uns und können nun doch zum Mindeſten neben einander hintraben und ein vernünftiges Wort mitſammen plaudern.“ Sander ſchien von dieſem einzigen Troſt keineswegs ſehr er⸗ 118 baut, denn er murmelte ein paar unverſtändliche und verdrießliche Worte in den Bart; machte aber endlich gute Miene zum böſen Spiel, preßte die Flanken ſeines Thieres ein wenig und ſprengte an die Seite ſeines Kameraden, der ihn mit einem halb lächelnden, halb ſpöttiſchen Blicke betrachtete. „Ihr ſeht ſchön aus,“ ſagte er und ſein Mund verzog ſich zu einem breiten Grinſen—„wie eine Forelle oder eine echte Cuba⸗Cigarre.— Es geſchieht Euch aber recht, warum habt Ihr meinen Rath nicht befolgt und die Decke übergehängt.“ „Daß ich die Faſern nachher in einer Woche nicht wieder los⸗ geworden wäre, nicht wahr?“— erwiederte müuͤrriſch der Angeredete —„Nein, da bürſten ſich die trocken gewordenen Schmutzflecken beſſer wieder ab.— Aber hol' der Böſe den Ritt— erzählt mir lie⸗ ber das Genauere von dem Dampfboote? Wir wollen alſo in corpore eins kaufen?“ „Nun ja, ich habe es Euch ja ſchon einmal geſagt. Das iſt der geſcheidteſte Gedanke, den Kelly je gehabt hat. Potz Seelöwen und Eisbären, was für einen verdammt guten Spaß das gäbe, wenn unſere Nachbarſchaft einmal Wind von uns bekäme und nun plötzlich das ganze Neſt mit Dampf abfahren ſähe. Nicht mit Gold wäre der Witz zu bezahlen.“ „Nein,“ murmelte ſein Begleiter,„denn der Einſatz dagegen wären unſere Hälſe. Das mit dem Dampfboot ließe ſich aber auch noch ausdehnen. Unſere Geſchützſtücke nähmen wir natürlich mit und terwegs, ehe wir die mexikaniſche Küſte erreichten, trieben wir ein wenig Seeräuberei. Jetzt im Sommer, wo im Golf faſt ſtete Windſtille iſt, müßte die Sache herrlich gehn. Was wir an Schoonern und kleineren Fahrzeugen fänden, wäre unbedingt unſer, ja wer weiß, ob wir nicht auch eins der Vereinigten⸗Staa⸗ ten⸗Dampfboote entern und eine famoſe Beute machen könnten. Erſt müſſen wir freilich das Dampfboot haben.“ „Nun, die Sache ſoll übermorgen, als am letzten Sonnabend 119 im Juni, in öffentlicher Sitzung vorgetragen und beſchloſſen wer⸗ den. Acht Tage ſpäter können wir dann ein Dampfboot an Ort und Stelle haben, und in zwei Tagen mehr ſind wir im Stande, es ganz nach unſerem Wunſche nicht allein einzurichten, ſondern auch zu ſtationiren.“ „Es müßte natürlich nur von den Unſeren bemannt werden.“ „Das verſteht ſich, und eben dieſe Wahl der zu den verſchie⸗ denen Poſten zu Verwendenden muß ebenfalls zu gleicher Zeit ſtattfinden, ſonſt gäbe es ja nachher Mord und Todtſchlag. Es würde Jeder Capitain, Keiner aber Feuermann und Deckhand ſein wollen.“ „Der Capitain muß jetzt viel baares Geld liegen haben;“ ſagte Sander nachdenkend—„es ſind in letzter Zeit gewaltige Poſten eingegangen. Wie viel iſt wol in der Caſſe?“ „Ich weiß es nicht,“ erwiederte Blackfoot—„wahrſcheinlich wird er doch am Sonnabend ebenfalls Rechnung ablegen.— Er hat aber wol viel Geld nach Mexico geſchickt, wo er, wie mir geſagt iſt, eine bedeutende Landſtrecke fur uns gekauft haben ſoll.“ „Hat ihm denn die Geſellſchaft dazu den Auftrag gegeben?“ frug Sander, und wandte ſich plötzlich nach ſeinem Begleiter um.— „Ich glaube kaum,“ ſagte dieſer—„doch wozu auch? Wenn er es einmal für gut und nöthig hielt, ſo können wir Anderen auch damit zufrieden ſein. Aufrichtig geſagt iſt's mir, nach der letzten Geſchichte am Fourche la fave, und nach den keineswegs tröſtlich lautenden Nachrichten, gar nicht mehr ſo heimlich im Miſſiſſippi, wie früher. Ich denke immer, es könnte uns einmal uͤber kurz oder lang etwas Menſchliches begegnen, und— das mag dem Capitain wol auch ſo gehen; der Plan mit dem Dampfboot und dem ange⸗ kauften Land iſt deshalb auch ganz gut.“ „Ja,“ ſagte Sander,„gewiß— heißt das, wenn es von dem Gelde angeſchafft wird, was der Capitain in ſeiner Verwahrung hat — ſonſt nicht.— Sonſt erſchöpfen wir unſere Privateaſſen bis 120 auf den letzten Cent und ſind dann immer wieder auf die Geſell⸗ ſchaft oder— den Capitain angewieſen, der uns ſchon überdies zu ſehr unter dem Daumen hält. Nun meinetwegen, ich habe weder Kind noch Kegel, und mein Eigenthum iſt auch ohne Dampfſchiff transportabel; ich werde deshalb alſo auch keinen Deut dazu geben, Ihr Anderen könnt natürlich thun, was Euch gefällt.— Was mich betrifft, ſo gehe ich meine Bahn.“ „Und worin beſteht die diesmal?“ frug Blackfoot,„Ihr habt mir noch gar nicht geſagt, was Ihr eigentlich in Helena wollt—“ „Was ich will?“ ſagte Sander und zog die Stirn in fin⸗ ſtere ärgerliche Falten— fragt lieber, was ich ſoll.— Ich wollte noch ein paar Tage auf der Inſel bleiben, um mich nach den letzten gehabten Strapatzen auszuruhn. Alle Wetter, es iſt keine Kleinigkeit, ein Boot den Wabaſch, Ohio und Miſ⸗ ſiſfippi herunter, bis hierher zu ſteuern— und nachher die Scenen. Aber nein, ich darf nicht einmal ausſchlafen heute Morgen, und muß Hals über Kopf einen Weg zuruͤcklegen, auf den mich— Gott ſoll mich ſtrafen— kein Chriſtenmenſch zum zweiten Male antreffen ſoll.“ „Aber Euer Zweck in Helena?“ „Ein hübſches junges Mädchen von zu Hauſe fortzulocken.“ „Ein hübſches junges Mädchen? Kelly wird doch unmöglich eines Liebesabenteuers wegen—“ „Schwerlich,“ unterbrach ihn Sander—„der Preis wäre erſtlich zu hoch, den er geſetzt hat, und dann ſtimmen dazu auch nicht die übrigen Umſtände.— Eine zu erlangende Erbſchaft wäre wahrſcheinlicher.“ „Eine Erbſchaft? von woher?“ „Ja, da fragt Ihr mich zu viel, darüber hab' ich mir ſelber den Kopf ſchon zerbrochen. Apropos— in welchem Staate war der Capitain neulich, als er ſo lange fortblieb?“ „In Georgien.— Glaubt Ihr, daß das mit jener Erbſchaft etwas zu thun hat?“ „Warum nicht? iſt nicht Simrow ebenfalls in Georgien, und Kelly ſteht mit dort in ſehr lebhafter Correſpondenz.“ „So? davon hat er mir noch gar nichts geſagt,“ meinte Black⸗ foot und ſtarrte nachdenkend auf ſeinen Sattelknopf nieder.—„Kennt Ihr denn die Dame ſchon, bei der Ihr Euch in Helena einführen wollt?“ „Ja wohl— von Indiana her,“ erwiederte jener noch immer zerſtreut.. „So? eine alte Bekanntſchaft alſo— nun da bedarfs keiner wei⸗ teren Empfehlungen; da iſt ſchon halb gewonnen Spiel. Wie heißt ſie denn?“ „Ich habe trotzdem noch eine Empfehlung an einen Verwandten von ihr, in deſſen Haus ſie lebt— an einen gewiſſen— Mr. Dayton!“ „Miſter Dayton ihr Verwandter?“ rief Blackfoot in lautem Erſtaunen, und griff ſo feſt in den Zügel ſeines Roſſes, daß die⸗ ſes zurückſprang und hoch aufbäumte.— „Ja, der Brief iſt für ihn,“ ſagte Sander,„die Dame aber ein junges Gänschen vom Lande, doch nicht ohne richtigen Mutter⸗ witz. Sie kennt mich übrigens und die Sache hat nicht die min⸗ deſte Schwierigkeit.“ „Was kann da nur die Abſicht ſein?“ „Ei, zum Henker, was kümmerts mich.— Ich habe nur den Auftrag ſie, womöglich in Güte, bis ſpäteſtens Sonnabend Abend, an einen mir genau bezeichneten Ort zu ſchaffen und das Weitere dann dem Capitain zu überlaſſen. Dafür bekomme ich tauſend Dollar aus ſeiner Privatcaſſe. Aber was wollt denn Ihr oben in Helena— auch etwa kleine Privatgeſchäfte, eh? Hört Blackfoot, Ihr habt Euch heute ſo ſtattlich herausgeputzt— ich⸗ will doch nicht hoffen—“ 12² „Hoffen? was?“ brummte der Alte—„Unſinn, alberner— Ihr habt weiter Nichts als ſolche Poſſen im Kopfe. Und dennoch,“ ſchmunzelte er nach kleiner Pauſe,„gilt mein Auftrag diesmal einer Lady.“ „Hab' ich's denn nicht gedacht?“ jubelte Sander und bog ſich lachend auf den Hals ſeines Pferdes nieder—„hab' ich's denn nicht gedacht— Blackfoot auf Damenbeſuch.— Blackfoot als an⸗ genehmer galant homme in der Stadt— das iſt göttlich— hahaha— das iſt capital!“ „Nun ich ſehe nicht ein, was dabei groß zu grinſen ſein könnte, wenn es wirklich der Fall wäre,“ brummte Blackfoot.„Uebrigens,“ fuhr er ſelber lachend fort—„werdet Ihr Euere Saiten wol ein wenig tiefer ſpannen, wenn Ihr erſt einmal erfahrt, wer die Dame eigentlich iſt, der ich, nach Euerer beſcheidenen Anſicht, den Hof machen ſoll.— Sie heißt Louiſe Breidelford.“— „Gott ſei uns gnädig,“ ſchrie Sander entſetzt—„der Drache exiſtirt auch noch in Helena?— na dann gnade mir Gott, wenn mich die einmal gewahr wird. Eigentlich iſt mir's fatal— ſie hat mir einmal in Vicksburg einen Streich ausführen helfen, den ich in Helena gerade nicht während meines dortigen Aufenthalts an die große Glocke geſchlagen haben möchte.— Ich war damals noch da⸗ zu unter einem falſchen Namen in Vicksburg.“— „Habt deshalb keine Angſt,“ ſagte Blackfoot—„die ſchweigt, denn wenn Jemand Urſache hätte von der Vergangenheit zu ſchwei⸗ gen, ſo wäre es gerade ſie.— Sollte ſie Euch aber dennoch je⸗ mals drohen— wer weiß denn, ob ſie nicht dadurch gerade Etwas von Euch zu erpreſſen hofft— ſo fragt ſie nur ganz freundlich, ob ſie noch einen kleinen Vorrath von den langen Nägeln hätte, die ihr Mr. Dawling vor einigen Jahren verſchafft.— Hört Ihr— vergeßt den Namen Dawling nicht.“ Sander nahm ſeine Brieftafel heraus und ſchrieb ſich das Wort auf.— 123 „Dawling“— ſagte er ſinnend—„Dawling— wo habe ich den Namen ſchon einmal gehört? Was für eine Bewandtniß hat es denn mit den Nägeln?“ „Das kann Euch gleichgültig ſein,“ brummte Blackfoot.— „Ich gebe Euch die Arzenei, fragt nicht, wo ſie herkommt, und ge⸗ braucht ſie, wenn Ihr es bedürft.— Aber hier iſt der Weg— ſo, nun können wir unſere Pferde einmal ordentlich ausgreifen laſſen, wir kommen ſonſt zu ſpät nach Helena.“ Aus dieſem Grunde vielleicht oder auch den weiteren Fragen ſeines Begleiters zu entgehen, drückte er ſeinem Thiere die Hacken in die Seite und ſprengte raſch auf der, gen Helena führenden Straße hin, die die⸗ ſen Ort zu Lande mit der Mündung des Whiteriver und dem dar⸗ über gelegenen Montgomerys Point verband. Sander folgte ihm. Wäahrend er aber ſeinem Thiere den Zügel ließ, beſchäftigte er ſich eifrig dabei, mit einer kleinen Taſchenkleiderbürſte ſeinen Anzug von den heraufgeſpritzten Schmutzflecken zu reinigen, ſein langes weiches Haar zu ordnen und die, durch den böſen Ritt total zer⸗ ſtörte Friſur ſo weit wieder herzuſtellen, wie ihm das bei der ſchnellen Bewegung eines galoppirenden Pferdes, und nur mit der Hülfe eines kleinen Hohlſpiegels möglich war. IX. Alte Bekannte treffen ſich. Mr. Dayton hatte, ihr am vorigen Abend gegebenes Verſpre⸗ chen zu erfüllen, alle nöthigen Anſtalten getroffen, ein paar Tage über Land bleiben zu können. Es war auch, als Mr. Dayton 124 etwas ſpät am Morgen und ziemlich erſchöpft von dem langen Ritt zuruͤckkehrte, beſchloſſen worden, gleich nach Tiſche aufzubrechen und Livelys zu beſuchen, mit denen Mrs. Dayton ſchon in früherer Zeit in Indiana befreundet geweſen. Die kleine Familie hatte noch nicht lange ihr einfaches Mit⸗ tagsmal beendet, und der erſt vor einigen Stunden zurückgekehrte Squire eben zwei wiederum für ihn eingetroffene Briefe geleſen und in die Bruſttaſche geſchoben, als Pferdegetrappel vor der Thür gehört wurde und Adele an's Fenſter ſprang, zu ſehen, wer es wäre, der vor ihrem Hauſe anhielt. Kaum hatte ſie aber den Blick hinab⸗ geworfen, als ſie auch überraſcht ausrief: „Mr. Hawes— bei Allem, was da lebendig auf der Erde berumläuft.— Nein, ſo Etwas iſt noch gar nicht dageweſen!“ „Und wer iſt denn Mr. Hawes?“ frug Squire Dayton lächend, „der iſt wirklich noch nicht dageweſen. Da Du übrigens den Gentleman ſo gut zu kennen ſcheinſt, ſo biſt Du es auch vielleicht, deretwegen er uns hier aufſucht.“ „Das iſt ſehr leicht möglich“— agte Adele unbefangen.— „Seine Frau war meine beſte Freundin, Du mußt ſie noch von früͤher her kennen, Hedwig— Marie Morris— des alten reichen Morris Tochter. Wiſſen möcht' ich aber, was ihn nach Arkanſas bringt. Ich glaubte, er wäre ſchon lange in Louiſiana auf ſeiner Plantage.“— „Nun, da kommt er ſelbſt und wird Dir das Räthſel wol löſen,“ ſagte Squire Dayton. Wirklich wurden auch im nächſten Augenblicke die leichten ſchnellen Schritte auf der Treppe gehört, und gleich darauf trat nach kurzem Anklopfen, und ohne faſt das einladende„Herein“ zu erwarten, derſelbe junge Mann in die Stube, den wir ſchon heute Morgen, freilich unter einem andern Namen, in der Miſſiſſippi⸗Niederung gefunden haben. „Miß Adele!“— rief er, und ſchritt ſchnell und die Hand ihr entgegenſtreckend auf die Dame zu—„es freut mich herzlich, Sie 12⁵ ſo wohl und munter zu finden. Wahrſcheinlich habe ich die Ehre, Miſter und Miſtreß Dayton hier vor mir zu ſehen—“ Squire Dayton und Frau verneigten ſich und der Erſtere ſagte freundlich: „Unſere kleine Freundin hier hat Sie ſchon von draußen angemeldet— Mr. Hawes, wenn ich nicht irre— ſie erkannte in Ihnen einen alten Bekannten—“ „Dann hätte ich ja kaum der kalten Einführung dieſes Briefes bedurft,“ ſagte der Betrüger mit einer leiſen Verneigung gegen die junge Dame.—„Von Mr. Porrel, jetzigem Staatsanwalt in Sinkville, der ſo gütig war, nebſt einem freundlichen Gruß Ihnen die Mel⸗ dung zu machen, daß eine ſo unbedeutende Perſon wie ich überhaupt exiſtire.“ „Ach, von Porrel— haben Sie ihn erſt kürzlich verlaſſen?“ frug der Squire und nahm den Brief an ſich.—„Es iſt manches Jahr vergangen, daß wir einander nicht geſehen haben.“ „Und doch ſpricht er noch mit vieler Liebe und Anhänglichkeit von Ihnen. Er iſt vor wenigen Wochen Staatsanwalt geworden und ſteht ſich jetzt ziemlich gut— bekleidet auf jeden Fall einen ganz einträglichen und höchſt achtbaren Poſten.“ „Aber wie geht es Miſtreß Hawes, Sir? was macht Marie und wo iſt ſie?“ unterbrach ihn hier Adele.—„Sie erwähnen ja kein Wort von ihr und ihren Eltern. Ich glaubte Sie auf Ihrer Plantage in Louiſiana.“ 3 „Könnte ich dann ſchon wieder gier ſein?“ frug Sander— „Nein— die Pflanzung in Louiſiana haben wir nicht gekauft, denn in Memphis, wo wir glücklicher Weiſe einen Tag liegen blie⸗ ben, kamen uns ſo böſe und ungünſtige Berichte über jene Gegend zu Ohren, daß wir lieber beſchloſſen, das geringe Draufgeld im Stiche zu laſſen, als ſo bedeutende Capitalien an ein ſpäter faſt werth⸗ loſes Grundſtück zu wenden. Da hörten wir von dem Verkauf einer Pflanzung bei Sinkville in Miſſiſſippi— landeten dort, 126 fanden die Bedingungen mäßig, Land und Gebäude trefflich und wurden noch in derſelben Woche Handels einig.“ „Und bei Sinkville wohnt jetzt Marie?“ rief Adele freudig.— „O wie herrlich! das liegt ja kaum ſechs Meilen von Helena ent⸗ fernt— ach, da beſuche ich Sie in den nächſten Tagen.“ „Sie darum zu bitten, iſt eigentlich der Zweck meines Hier⸗ ſeins,“ erwiederte Sander—„nur machen Sie ſich dann auf einen etwas längern Aufenthalt gefaßt, denn ſo ſchnell läßt Sie Marie gewiß nicht wieder fort. Mir iſt ſogar der dringende Auftrag ge⸗ worden, Sie— wenn das irgend möglich wäre— gleich mitzu⸗ bringen. Drüben am andern Ufer ſteht mein Cabriolet und ich habe das Pferd nur deshalb mit herübergebracht, weil ich nicht genau wußte, ob Sie in oder bei Helena Ihren Wohnſitz hätten.“ „Ei, wie wird es dann mit dem Beſuch bei Livelys werden?“ ſagte Mr. Dayton,„den wirſt Du am Ende gar aufſchieben müſſen.“ Adele ſah die Schweſter an und ein leichtes Erröthen färbte ihre Wangen. „Nein, das geht unmöglich,“ warf aber Mrs. Dayton ein. „Wir haben erſt geſtern Abend durch den jungen Lively unſer Kommen auf heute beſtimmt anſagen laſſen; Mrs. Lively hat ſich auch gewiß eine Menge von Umſtänden gemacht, und würde es nun mit Recht ſehr übel nehmen, wenn wir unſer Wort brächen. Wie wäre es aber, wenn uns Mr. Hawes dorthin begleitete? Geſchieht das, ſo kann Adele ganz gut morgen früh und gleich von dort aus mit Ihnen aufbrechen, und Sie haben doch wenigſtens den Weg nicht vergebens gemacht.“ „Sie machen mir durch dieſe Erlaubniß eine große Freude,“ erwiederte Sander;„zwar riefen mich eigentlich in einem ſo neuen Beſitzthum wohl leicht erklärliche Geſchäfte ſchnell zurück, doch mag Vater einmal auf einen Tag länger meine Stelle verſehen. Er iſt jetzt, Gott ſei Dank, recht kräftig und wohl, und da wird es ihm 127 nicht gleich ſchaden.— Ueberdies habe ich ſeit langer Zeit ge⸗ wünſcht, Squire Dayton genauer kennen zu lernen, von dem ich ſchon ſo viel Gutes und Liebes in Sinkville gehoͤrt.“ „Um ſo mehr muß ich dann bedauern, das Vergnügen Ihrer Geſellſchaft, wenigſtens für heute, zu entbehren,“ ſagte der Richter verbindlich—„Meine Geſchäfte erlauben mu nicht, Helena auf mehrere Tage zu verlaſſen, ich hoffe Sie jedoch recht bald einmal und zwar dann für einen längeren Aufenthalt bei uns zu ſehen. Aber da kommen die Pferde“— unterbrach er ſich plötzlich— „nun, Mr. Hawes, jetzt werden Sie gleich das Amt eines Ritters und Beſchützers uͤbernehmen koͤnnen, das ſonſt von dem weniger Romantiſchen einer Wache, in der Perſon meines alten Cäſar hätte erſetzt werden müſſen.“ „Ich bin ſtolz auf das Vertrauen, das ſie ſchon nach ſo kurzer Bekanntſchaft in mich ſetzen, und werde ſuchen mich deſſen würdig zu zeigen,“ ſagte Sander—„nur Eins macht mich beſorgt— der Weg nach Livelys iſt mir fremd— ich weiß nicht—“ „Den werde ich Ihnen zeigen,“ rief Adele ſchnell und erröthete dann, als ſie der Schweſter Lächeln bemerkte, über den vielleicht zur großen Eifer, den ſie hierbei verrathen. „Einer ſo ſchönen Führerin würde ich folgen und wenn ich wüßte, das Ziel wäre der Tod,“— rief Mr. Hawes raſch. „Ei, ei, Sir,“ warnte der Richter,„das ſind gefährliche Aeuße⸗ rungen für einen jungen Ehemann— wenn das die Frau hoͤrte—“ „Marie und ich wiſſen, wie das gemeint iſt,“ ſagte Adele freundlich und unbefangen.„Mr. Hawes macht auch manchmal Verſe, und den Poeten darf man ſchon ein wenig Uebertreibung geſtatten. Doch die Pferde warten, alſo Herr Ritter, ich werde Ihre Führerin ſein.“ Mit dieſen Worten und während Sander noch von Sauire Dayton Abſchied nahm, ergriff das ſchöne Mädchen den Arm der Freundin und zog ſie lachend mit die Treppe hinab. Cäſar führte 128 . dort Mrs. Dayton’'s Pferd vor, Adele aber lenkte, ehe Sander im Stande war, ihr die hülfreiche Hand zu bieten, das kleine muntere Poney an einen, zu dieſem Zweck dort hingewälzten Stamm, und ſprang leicht und ſicher in den Sattel. Der vermeintliche Eduard Hawes konnte ihr nur noch den kleinen rothſaffianenen Pantoffel, der den Steigbügel bildete, unter die zierliche Fußſpitze ſchieben. Dann ſchwang er ſich ebenfalls auf den Ruͤcken ſeines ungeduldig ſcharrenden Thieres und fort im kurzen Galopp ſprengte die kleine Cavalcade den ſchmalen Waldweg entlang, der, am Fuß der Hügel hin, der etwa ſechs bis ſieben engliſche Meilen entfernten— Farm des alten Lively zuführte. 3 Zu derſelben Zeit, als die beiden Damen und ihr Begleiter in den dichten Büſchen der Waldung verſchwanden, kam eines jener mächtigen Flatboote mit der Strömung den Miſfiſſippi herab, und beabſichtigte allem Anſchein nach in Helena zu landen.— Außer den fünf Bootsleuten, die mit äußerſter Anſtrengung ihrer Kräfte die langen, ſchweren Finnen handhabten, das Fahrzeug dem Lande zuzuführen, ſtanden noch zwei Männer, neben dem Steuernden am Hinterruder, und zwar recht gute Bekannte von uns: der alte Edgeworth und ſein Begleiter Tom Barnwell. Dicht bei ihnen aber ſaß der alte graue Schweißhund gar ernſthaft auf ſeinem Ende und betrachtete mit unverkennbarem Intereſſe das Ufer, das er, wie das kluge Thier recht gut merkte, jetzt bald wieder einmal nach langer Waſſerfahrt betreten ſollte. Eine Perſon an Bord zeigte ſich jedoch mit dieſer Maßregel keineswegs zufrieden, und das war der Steuermann. Vorher ſchon hatte er eine Menge von Gründen gegen das Landen erſchöpft, war aber doch zuletzt gezwungen zu gehorchen, und ſtand nun in mür⸗ riſchem Schweigen an ſeinem Ruder. Endlich brach ſich aber ſein verhaltener Ingrimm noch einmal in Worten Bahn und er ſagte, zeinen bittern Fluch der Rede voranſchickend: „Ich will verdammt ſein, wenn es nicht baarer Unſinn iſt, 129 hier in dem Neſte anzulaufen.— Arbeiten müſſen wir wie das Vieh, um nur wieder fort aus der Gegenſtrömung hinauszukommen, und nicht die Hälfte von dem bekommen wir hier, was ſie uns in Vicksburg oder ſelbſt in Montgomerys Point dafür bezahlen.“ „Ich möchte nur wiſſen, was Ihr fortwährend mit Eurem Montgomerys Point habt“— erwiederte ihm der alte Edgeworth— „Das muß ein wahres Muſter von Handelsplatz ſein— ein Ideal aller Flatboote.“ „Wo liegt es denn eigentlich?“ frug Tom—„ich bin doch auch früher am Miſſiſſippi geweſen, kenne aber den Ort gar nicht.“ „Es wird manchen Ort hier geben, den Ihr nicht kennt,“ brummte der Lootſe—„in einem Jahre verändert ſich hier ver⸗ dammt viel.— Seht einmal da drüben Helena— das waren nur ein paar Häuſer, als ich zuerſt an den Miſſifſippi kam, und jetzt iſt's eine ordentliche Stadt. Montgomery baute vor etwa vier Jahren die erſte Hütte da, und jetzt iſt es der Schlüſſel zum ganzen Weſten, denn alle ſtromabkommenden Dampfboote gehen natürlich den näheren Weg, durch den Whiteriver in den Arkanſas und paſ⸗ ſiren dort nie ohne anzulegen. Da leben auch Kaufleute, vor denen man Reſpect haben muß; uns hat einmal Einer— ein Ein⸗ ziger— eine ganze Flatbootladung Mehl abgenommen, und das war noch nicht einmal der reichſte.“ „Nun meinetwegen“— ſagte der alte Edgeworth.—„Wenn Ihr ſolch unmenſchliches Vertrauen zu dem Neſte habt, ſo wollen wir da anlegen, aber erſt will ich ſehen, wie der Markt hier ſteht.— Ich habe nun einmal meinerſeits Vertrauen zu Helena, und ſehe gar nicht ein, weshalb wir's nicht wenigſtens verſuchen ſollten, unſere Ladung hier los zu werden. Alſo greift aus, meine Burſchen, greift aus— in ein paar Minuten ſeid Ihr am Ufer, und dann mögt Ihr Euch heute einen vergnügten Abend machen.“ Die Männer legten ſich denn auch mit dem beſten Willen von der Welt gegen die ſchweren Finnen, gaben mit ſcharfem Nachdruck Gerſtäcker, Flußpiraten. I. 9 130 den letzten Stoß und liefen, während der Eine das an Bord be⸗ findliche Ende niederdrückte und raſch zurückzog, mit ſchnellen Schritten nach, um keinen Zoll breit Raum zu verlieren. So erreichten ſie endlich die ſtillere, dicht vor der Stadt befindliche Stromfläche. Tom ergriff jetzt das lange Bugtau und trat vorn, auf die oberſte Spitze des Bootes, von dem er, als ſie jetzt dicht an den übrigen, dort befeſtigten Fahrzeugen vorbeitrieben, auf das ihm nächſte ſprang. Auf dieſem lief er hin und an's Ufer und befeſtigte dort das Tau in einem der zu dieſem Zwecke angebrach⸗ ten eiſernen Ringe. Wenige Secunden ſpäter traf das breite unbehülfliche Fahrzeug ſchwerfällig gegen die weiche Schlamm⸗ bank an, und die ſchnell heraufgenommenen Ruder oder Finnen wurden an Bord gelegt. Zwei der Flatbootleute blieben jetzt als Wachen zurück, und die Uebrigen, der alte Edgeworth und Tom mit dem grauen Schweißhund an der Spitze, ſchritten in die Stadt hinauf, um das Terrain zu erkunden, die Preiſe der nördlichen Producte zu erfahren und überhaupt auszufinden, ob und in welcher Art ſich hier ein Geſchäft anknüpfen laſſe. Nur Bill, der Steuermann, ging nicht mit den Uebrigen, ſon⸗ dern ſchlenderte erſt, ſcheinbar zwecklos, am Ufer hin, bis er die Kameraden aus den Augen verloren hatte. Dann bog er rechts ab, ſchritt die zum Waſſer führende Walnutſtreet ſchnell hinauf, und klopfte gleich darauf an ein niederes, alleinſtehendes Haus, in deſſen oberem Fenſter im nächſten Augenblick das liebenswürdige Antlitz der Mrs. Breidelford ſichtbar wurde. Dieſe hatte aber kaum einen Blick auf die Straße geworfen und den Beſuch erkannt, als ſie auch ſchon wieder mit einem Schrei des Erſtaunens, vielleicht der Freude, zurückfuhr, denn gleich darauf wurden ihre ſchnellen. Schritte gehört, wie ſie die Treppe in faſt jugendlicher Eile herab⸗ ſprang, den willkommenen Gaſt einzulaſſen. „Nun Bill— das iſt prächtig, daß Ihr kommt,“ waren die 131 5 erſten Worte, mit denen ſie ihn begrüßte und die allerdings ver⸗ riethen, daß ſie ſchon früher auf einem, wenn auch nicht gerade vertrauten, doch ſicherlich bekannten Fuße geſtanden hatten.—„Seit drei Tagen guck' ich mir ſchon faſt nach Euch die Augen aus dem Kopfe, und immer vergebens. Mein lieber ſeliger Mann hatte aber ganz recht— Louiſe— ſagte er immer— Louiſe—“ „O geht mit Eurem verdammten Geſchwätz zum Teufel,“ brummte der keineswegs ſo geſprächige Gaſt, ohne viel zu berückfichtigen, daß er ſich mit einer Dame unterhielt;—„ſagt lieber, wie es mit der Inſel ſteht und ob ich irgend wen von den Unſeren hier in Helena finden kann.“ „Nu— nu, Meiſter Brummbär,“ rief die Wittwe beleidigt— „ich daͤchte doch, man hätte oben in dem Norden nicht alle Artig⸗ keit verlernen ſollen, und könnte wenigſtens„guten Tag“ ſagen, wenn man zu anderen Leuten in's Haus käme.— Ich bin auch mein Lebelang in der Welt herumgekommen und kein Gelbſchnabel mehr, daß ich mich von jedem hergelaufenen Narren brauche an⸗ fahren zu laſſen. Aber ich weiß ſchon— mein Seliger hatte recht— Louiſe ſagte er— Du biſt—“ „Eine liebe, prächtige Frau,“ unterbrach ſie, ihr freundlich die Hand entgegenſtreckend, Bill, denn er kannte Mrs. Breidelford zu gut, um nicht zu wiſſen, daß er eben im Begriff geweſen ſei, es auf immer mit ihr zu verderben.„Ich ſollte doch denken, Ihr hättet Zeit genug gehabt, den rauhen Bill kennen zu lernen. Er gehört allerdings nicht zu den Feinſten, aber er meint's nicht ſo böͤſe. Alſo, meine ſchöne Mrs. Breidelford, wie ſteht's hier im Territorium? was macht der Capitain und die Bande, und könnte ich ein paar der Burſchen hier in Helena finden— wenn ich ihre Hülfe brau⸗ chen ſollte?“ „Zehn für Einen, Bill,“ rief da plötzlich eine Stimme vom obern Rande der Treppe—„zehn für Einen— wie geht', alter 9* 13² Junge? bringſt Du Beute, nun die kommt uns gelegen, beſonders wenn ſie der Mühe werth iſt.“ „Blackfvot— ſo wahr ich lebe,“ jubelte der Steuermann der „Schildkröte“— und ſprang fröhlich zur Treppe—„Du kommſt wie gerufen und kannſt mir helfen einen alten Narren von Helena wegzubringen, der es ſich nun einmal in den Kopf geſetzt zu haben ſcheint, hier zu verkaufen. Die Ladung iſt nicht bedeutend, aber er führt wenigſtens zehntauſend Dollar in baarem Golde bei ſich und geht, wenn er ſeinen Kram hier losſchlägt, auf das erſte beſte Dampfboot und uns aus dem Netz.“ „Alle Wetter, das ſoll er bleiben laſſen,“ rief Blackfoot;„aber komm herauf, das beſprechen wir oben beſſer.“ „Ja— ich weiß nicht, ob ich's wagen darf“ ſagte lächelnd der Steuermann und blickte ſich nach Mrs. Breidelford um—„unſere liebenswürdige Wirthin—“ „Ach geht zum Teufel mit Eurer Liebenswürdigkeit,“ zurnte die, noch immer nicht ganz zufrieden Geſtellte—„hinterher könnt Ihr ſchöne Worte machen.— Doch geht hinauf;— Blackfoot weiß oben Hausgelegenheit, er mag Euch bedienen. Ich habe hier unten noch zu thun.“ „Nun ſage mir nur vor allen Dingen, wie ſteht's mit der Inſel,“ rief Bill, als ſie oben bei einer Flaſche Rum und einem Körbchen voll braungebackener Crackers beiſammen ſaßen—„noch Alles in Ordnung?“ „In beſter— die Sachen ſtehen vortrefflich“— erwiederte Blackfoot—„aber es iſt gut, daß Du heute kamſt.— Morgen Abend haben wir, wie Du weißt, unſere regelmäßige Verſammlung und es ſollen gar wichtige Dinge verhandelt werden. Kelly fürch⸗ tet, daß wir über kurz oder lang einmal verrathen werden, und will uns dagegen durch den Ankauf eines Dampfbootes geſichert wiſſen. Es kommen auch noch andere intereſſante Sachen vor; Du wirſt übrigens noch eine Stunde wenigſtens liegen bleiben 133 müſſen, ſonſt kommſt Du zu früh an— es dunkelt jetzt gar ſpät.“ 1 „Ich weiß wohl“— ſagte ärgerlich der Steuermann—„fürchte aber, ich kriege den alten Starrkopf gar nicht mehr von hier fort.— Er glaubt wunder wie große Geſchäfte hier zu machen.“ „Hm— wie wär' es denn,“ ſagte Blackfoot ſinnend—„wie wär' es denn da, wenn ich ihm den Bettel abkaufte?“ „Wer, Du? na weiter fehlte Nichts mehr“— lachte Bill, „Jemanden der kauft brauchen wir gar nicht.— Ueberreden müſ⸗ ſen wir ihn, daß er weiter unten einen beſſern Markt für ſeine Waare treffen wird, das Uebrige findet ſich von ſelbſt. „Bill,“ ſagte Blackfoot und ſtieß ſich mit der Spitze ſeines ausgeſtreckten rechten Zeigefingers ſehr bedeutend gegen die eigene Stirn—„Bill, biſt Du denn ganz vernagelt? hältſt Du mich denn für ſo dumm, daß ich einen Saſſafras nicht mehr von einer Sarſaparilla unterſcheiden kann? Wenn ich das Boot oder die La⸗ dung kaufe, ſo verſteht ſich's doch von ſelbſt, daß ich nicht hier wohne, und daß ich es nothwendiger Weiſe nach Montgomerys Point oder ſonſt wohin geſchafft haben muß.“— „Bei Gott— ein capitaler Gedanke“— ſchrie Bill und ſchlug mit der Fauſt auf den Tiſch, daß die Glaͤſer gegen einander klirr⸗ ten—„ſo ſoll's ſein— Du ia den Kaufmann, gehſt mit uns an Bord, und ich renne uns dann zuſammen ganz vergnügt unter⸗ halb der Inſel auf den Sand. Halt— da fällt mir aber etwas ein, einen Spaß wollen wir uns noch machen— Du ſagſt, Du wärſt von Victoria— das giebt mir auch eine Entſchuldigung, Nr. Einundſechzig rechts liegen zu laſſen, anſtatt links, wie es im „Ravigator“ ſteht— und dann kannſt Du meinetwegen auf Mont⸗ gomerys Point und den jetzigen Handel dort ſchimpfen. Das wird dem Alten gut thun, dann glaubt er, ich habe Unrecht gehabt, und geht deſto eher in die Falle. Er hat überdies eine Art Averſion gegen mich, für die er jedoch keinen Grund weiß— es iſt ſo eine 134 Art Inſtinct, glaub' ich.— Nun, ich bin nicht böſe d'rüber, er hat alle Urſache dazu und wird, ehe zweimal vierundzwanzig Stunden vergehen, noch mehr bekommen.“ „Was für Urſachen?“ frug Blackfoot. „Laß gut ſein,“ ſagte Bill, und leerte das vor ihm ſtehende Glas auf einen Zug.—„Das ſind Dinge, von denen ein alter Prakticus nicht gerne ſpricht. Schweigen uͤber eine Sache hat noch Keinem geſchadet, Plaudern aber ſchon Manchem Unheil ge⸗ bracht. Doch da kommt Mrs. Breidelford— nun Frauchen, noch böſe? ich hatte gerade den Kopf voll, als ich in's Haus trat, Black⸗ foot hier hat aber Alles wieder in Ordnung gebracht.“ Mrs. Breidelford war keinesweges die Perſon, die lange mit Jemandem gegrollt hätte, der, wie ſie wußte, ihr manchen Nutzen bringen ſollte, und auch ſchon manchen gebracht hatte. Sie hielt denn auch die ihr zur Verſöhnung abverlangte Hand nicht zurück und ſagte nur— „S'iſt ſchon gut, Bill, ich weiß ja, daß Ihr's nicht ſo böſe meint, grob war's freilich immer. Aber was um Gotteswillen habt Ihr Euch denn da für einen erſchrecklichen Bart ſtehen laſſen? der ſieht ja grauſig aus— die Kinder müſſen vor Euch davon⸗ laufen. Nein, geht Bill, den müßt Ihr Euch wieder abraſiren, Ihr ſeid ohnedies nicht ſo huͤbſch, daß Ihr einen Stock zu tragen brauchtet, die Mädchen abzuwehren. Da fällt mir dabei ein, was mein ſeliger Mann immer ſagte— Louiſe, ſagte er, es giebt Geſichter in der Welt—“ „Aber gute Mrs. Breidelford,“ unterbrach fie hier, freundlich ihren Arm ergreifend, Blackfoot—„Sie wiſſen, um was ich Sie gebeten habe, und ich ſitze nun vergebens eine volle Stunde hier und warte darauf. Ich muß wahrhaftig fort, denn erſtlich wird Kelly ſonſt ingrimmig böſe und dann haben wir Beide hier ein Geſchäft mit einander abzumachen, das ebenfalls keinen Aufſchub leidet, alſo— wenn es Ihnen irgend möglich wäre—“ 13⁵ „Hat der Menſch eine Eile,“ ſagte die Dame und fing an nach Etwas zu ſuchen, das unter einer Unzahl geheimer Falten und Röcke entweder auf nimmer Wiederfinden verſteckt oder verloren war. Mrs. Breidelford's Hirn mußte ſelbſt eine ſolche Vermuthung kreuzen, denn ſie fing ſich ganz ploͤtzlich an ſchnell und angſtlich überall zu betaſten und ein erſchrecktes—„Na, weiter fehlte mir nichts“ theilte ihre Lippen. Der fragliche Gegenſtand, was es auch immer war, gab ſich aber endlich ihrem Griffe kund— ihre Züge heiterten ſich wieder auf, ein tiefer Seufzer— die dem Herzen entnommene Laſt— hob ihre Bruſt, und ſie brachte, nachdem ſie untergetaucht und einen der zahlreichen Röcke beſeitigt hatte, eine alte, braunlederne Taſche mit Stahlbeſchlägen zum Vorſchein. Dieſe öffnete ſie mit einem kleinen daranhängenden Schlüſſel, und nahm eine Anzahl von Banknoten wie ſorgfältig in Papier gewickelte Geldſtücke heraus. „So— hier Ihr Vampyr— der Ihr einer armen allein ſtehenden Wittwe das Letzte abnehmt, was ſie an baarem Gelde beſitzt“— ſagte ſie dabei—„hier, Ihr unerſättlicher Eincaſſirer, der ſo regelmäßig jeden Monat kommt, wie Vollmond und Neumond, und noch brummt, daß er nicht genug hätte—“ „Ja ja,“ lachte Blackfoot—„Euch wär's ſchon recht, wir lieferten Euch blos die Waaren, und bekümmerten uns weiter nicht darum, was Ihr dafür bekämet. Das glaub' ich; Ihr ſolltet Euch aber wahrhaftig nicht beklagen, denn wenn irgend Jemand Nutzen daran hat, ſo ſeid Ihr es, und ſitzt noch dazu warm und ſicher in Helena, während wir draußen in Nacht und Gefahr unſer Leben verbringen—“ „Warm und ſicher?“ rief Mrs. Breidelford ſcharf—„Ihr ſchwatzt, wie Ihr' verſteht.— Sicher; als ob nicht geſtern Abend ſo ein ſchlechtes Geſchöpf verſucht hätte, hier, während ich nur in die Nachbarſchaft gegangen war, ein paar Freunde zu beſuchen, die mmich eingeladen hatten, bei mir mit Nachſchlüſſeln einzubrechen.“ „Was? bei Euch?“ rief Blackfoot ſchnell—„ſollte das nur um zu ſteblen geſchehen ſein?“ „Nur um zu ſtehlen, Mr. Blackfoot? ich däͤchte, da wäre für eine arme allein ſtehende Wittwe gar kein nur weiter dabei. Nur um zu ſtehlen, jetzt bitte ich Einen um Gotteswillen, was verlangt Ihr denn ſonſt noch von einem Diebe oder Einbrecher, Sir?— Aber mein lieber ſeliger Mann hat mir das ſchon immer geſagt— Louiſe, ſagte er, Du haſt zu viel Vertrauen— Du biſt zu gut— Du wirſt noch theure Erfahrungen in Deinem Leben machen, Du wirſt noch viel betrogen, noch viel gekränkt werden— ſagte er, das liebe Herz, was jetzt in ſeinem kalten Grabe liegt. Aber ich kenne das nichtsnutzige Weibsbild, das ſich alle mögliche Mühe giebt, in fremder Leute Häuſer hinein zu kommen.— Ich kenne die Land⸗ ſtreicherin, von der Niemand weiß, wo ſie herkommt, und wo ſie hingehört.— Wenn ſie mir nur einmal unter die Augen kommt, wenn ſie nur wieder einmal die Frechheit hat, mit ihrer unſchuldi⸗ gen Schafsmiene zu ſagen,„guten Morgen, Mrs. Breidelford“— dann will ich ihr doch—“ „Und wer iſt es?— wer glaubt Ihr denn, daß irgend eine Abſicht dabei gehabt haben könnte, Euer Haus zu durchforſchen?“ frug Blackfoot. „Laßt's nur gut ſein“— zürnte die immer noch gereizte Dame, ohne dem Fragenden einer weitern Antwort zu würdigen—„ich weiß ſchon ſelbſt, wo mich der Schuh drückt. Aber ſo viel iſt ge⸗ wiß, was ich in meiner Kiſte habe, danach braucht Niemand zu fragen.— Ich bin eine ehrliche Frau und bezahle Alles, was ich kaufe, mit baarem Gelde; woher es die haben, von denen ich kaufe, das kann ich, als Lady, nicht wiſſen, das geht mich auch nichts an.— Louiſe— ſagte mein Seliger immer— bekümmere Dich um Deine eigenen Angelegenbeiten, und nicht um die anderer Leute. Einer Frau ziemt es haͤuslich und zurückgezogen zu ſein; das iſt es, was uns das zarte Geſchlecht ſo lieb macht, ſagte mein Seliger, und 7 137 wenn Du die eine Schwäche nicht hätteſt, und die hab' ich, das weiß ich, und halte es deshalb auch, weil ich es weiß, für keinen ſo großen Fehler, ſo wollte ich Dich mancher Frau als Muſter aufſtellen. Und ich denke, wenn das der eigene Ehemann zu einer Frau, und das noch dazu, wenn ſie mit einander allein ſind, ſagt, ſo muß es wol wahr ſein und iſt nicht blos geſchmeichelt.“ Blackfoot hatte indeſſen, ohne den Redeſchwall der Wittwe weiter einer Bemerkung werth zu halten, ruhig das ihm übergebene Geld gezählt und in ſeine weite Brieftaſche gepackt, während Bill aufgeſtanden und an’s Fenſter getreten war, von dem er einen Theil des Fluſſes überſehen konnte. „Hol's der Henker, Blackfoot,“ rief er jetzt,„wir müſſen au's Werk gehn, ſonſt vertrödeln wir hier die ſchöne Zeit mit gar Nichts. Wenn wir die Sache heut Abend noch abmachen wollen, ſo iſt weiter kein Augenblick zu verlieren. Es wäre aber auch vielleicht kein großes Unglück weiter, wenn es morgen früh geſchehen müßte. Zwiſchen der Inſel und dem linken Ufer ſtört uns Niemand, noch⸗ dazu, wenn Ihr ſelbſt mit an Bord geht. Dann haben wir keine lange Arbeit und können die Sache raſch und geräuſchlos genug abmachen. Ueberhaupt will mir das Schießen bei Nacht nicht ſon⸗ derlich gefallen. Am Tage kümmert ſich Niemand darum, Nachts⸗ frägt aber ein Jeder, der es hört— was war das? wo kam das her? Alſo, wie wär's, wenn wir jetzt einmal zu dem alten Hooſier hinuntergingen und ihm auf den Zahn fühlten? Es ſollte mich ſchändlich ärgern, wenn er hier einen Käufer fände und uns die ganze ſchöne Beute ſo förmlich vor der Naſe weggeſchnappt würde.“ „Ich bin dabei,“ ſagte Blackfoot, und ſtand auf—„bei un⸗ ſerem Plane bleibt's alſo, und Mrs. Breidelford— was unſere Verabredung betrifft, ſo führt der Boot, von dem ich vorher ſagte, ein roth und grünes Fähnchen hinten auf dem Steuerruder— das⸗ Uebrige wiſſen Sie. Guten Morgen.“ Die würdige Dame ſchien allerdings keineswegs damit zufrie⸗ 138 den, ihre Gäſte zu verlieren, ohne vorher genau zu wiſſen, was ſie eigentlich für Pläne hätten; die beiden Verbündeten bekümmerten ſich aber nicht weiter um ſie, verließen raſch das Haus und ſchrit⸗ ten dem Flußrand zu. Indeſſen waren die Wabaſch⸗Männer langſam in die Stadt hinaufgeſchlendert. Während aber die Bootsleute in eine der Gro⸗ ceries— in Helena ziemlich gleichbedeutend mit Schenkläden— eintraten, die durſtigen Kehlen zu erfriſchen, ſuchte Edgeworth ſich nach den gegenwärtigen Preiſen der Producte zu erkundigen, und erfuhr bald, daß er hier eigentlich weniger Nutzen zu erwarten habe, als er vielleicht gehofft hatte. Die Kaufleute ſchienen auch nicht einmal zu kaufen geneigt. Mit dem Innern ſtanden ſie, eine rei⸗ tende Briefpoſt abgerechnet, in gar keiner Verbindung, und das, was ſie an eigenen Bedürfniſſen in der Stadt brauchten, lieferte ihnen zu den billigſten Preiſen Mrs. Breidelford. An dieſe wurde er denn auch, wenn er ſeine Waaren hier abzuſetzen gedenke, ge⸗ wieſen. „Höre Tom,“ ſagte da der Alte, als ſie ziemlich im Reinen über den Stand der Dinge hier zum Boot zurückſchritten—„ich habe mir doch Helena anders gedacht, wie es wirklich iſt, wir wer⸗ den hier nichts ausrichten können. Dem Burſchen, dem Bill, trau' ich aber auch nicht recht. Weiß der liebe Gott, was ich gegen den Menſchen habe, aber ich kann ihn nicht anſehn, ohne mich zu ärgern, und fühle doch, daß ich unrecht thue, denn er hat uns bis hierher ganz gut und trefflich geführt. Der ſchwatzt mir da immer ſo viel von Montgomerys Point vor— am Ende hat er da Freunde oder Verwandte, oder gar ein eigenes Geſchäft, für das er billig zu kaufen gedenkt; dem möcht' ich auf den Grund kommen. Von hier aus ſoll es nun blos funfzig Meilen bis nach Montgomerys Point, und ein wenig weiter bis zur Mündung des Whiteriver ſein. Bis dahin möcht' ich aber, wenn das irgend anginge, meine Ladung verkauft haben. So ſetze Du Dich alſo in unſere kleine Jolle und 139 fahre ſachte am Ufer hinunter voraus. Proviſionen kannſt Du Dir ja mitnehmen. Am Miſſiſſippi liegen mehrere kleine Städchen, wo Du anlegen und Dich erkundigen kannſt. Findeſt Du aber Nichts, bis Du nach Montgomerys Point kommſt, nun ſo haſt Du dort wenigſtens Gelegenheit, an Ort und Stelle vorher genau die Verhältniſſe und Preiſe zu erfragen, ehe ich mit dem Boote hin⸗ komme. Ich will indeſſen bis morgen früh hier bleiben, denn ich muß mir meine Büchſe wieder in Stand ſetzen laſſen, in der, weiß der liebe Gott wie das geſchehen konnte— plötzlich und ganz von ſelber die kleine Feder gebrochen iſt. Man kann hier auf dem Miſſiſſippi manchmal nicht wiſſen, wie man die Waffe braucht, und ich möchte überhaupt nicht gern mit einem nutzloſen Schießeiſen in der Welt herum fahren.“ „Die Feder geſprungen?“ ſagte Tom verwundert,„nun da möchte ich doch wahrhaftig wiſſen, was die geſprengt hat— Ihr habt ja noch oben an den Ironbanks den Truthahn von der Ufer⸗ bank herunter geſchoſſen.“. „Ja— und bei dem Schuß muß ſie gebrochen ſein, ſonſt weiß ich's auch nicht,“ erwiederte der Alte.—„Doch das macht Nichts— es iſt ein Büchſenſchmied hier im Orte, und der kann mir bald eine neue Feder hineinſetzen; alſo halte Dich dazu, mein Junge, und fieh, daß Du gute Geſchäfte machſt.— Soll ich Dir aber nicht lieber ein paar von den Leuten mitgeben? Beſſer wär's überhaupt, Du nähmſt Einen zum Rudern mit, daß Ihr abwechſeln könntet.“ „Ei bewahre,“ lachte Tom—„die Sonne meint's wol gut, ich brauche mich ja aber auch nicht zu übereilen. Schickt mir nur Bob, den Teneſſeer herunter, daß er mir ein Bischen hilft die Jolle mit alle dem auszurüſten, was ich unterwegs brauchen könnte— die kleine Whiskeykruke nicht zu vergeſſen, und— bleibt nicht ſo lange, daß ich doch wenigſtens noch vor Dunkelwerden ein tüchtiges Stück ſtromab komme. Halt, noch Eins,“ rief er— als er ſich 140 ſchon zum Gehen gewandt hatte—„Oberhalb Montgomerys⸗ Point, wo nach dem Navigator hier No. Siebenundſechzig liegen ſoll, gebt mir ein Zeichen, daß Ihr kommt. Ihr könnt entweder ſchießen, oder häͤngt noch beſſer eins von Eueren rothen Flanell⸗ hemden als Fahne auf, daß ich Euch nicht etwa vergebens ein paar Meilen entgegen fahre.“ Und leichten Schrittes wanderte der junge Mann zum Ufer hinab, wo er mit Hülfe der beiden dort zuruͤckgebliebenen Boots⸗ leute bald die Jolle herrichtete. Er ſpannte dann durch ſchon zu dieſem Zwecke vorbereitete Seitenhölzer ein ſchmales Sonnenſegel darüber aus, und ſtieß bald darauf, Edgeworth noch einen freund⸗ lichen Gruß hinuͤberwinkend, vom Ufer ab und in die Strömung hinaus. Der alte Mann ſtand noch eine Weile am Ufer und ſah dem kleiner und kleiner werdenden Boote ſinnend nach, als er dicht hin⸗ ter ſich Schritte hörte. Wie er ſich umwandte, erkannte er aber ſeinen Steuermann, der die Abdachung der Uferbank herabkam und jetzt neben ihm ſtehen blieb. „War denn das nicht Tom?“ ſagte der Bärtige, während er die Augen nicht von dem kleinen Fahrzeuge abwandte—„ich däͤchte doch, er hätte von oben ſo ausgeſehn.“ „Ja— das war Tom,“ erwiederte Edgeworth kurz, und ſchickte ſich an in die Stadt zurück zu gehn. „Nun was zum Teufel fährt denn der voraus?“ rief der Steuermann erſtaunt—„iſt ihm unſere Geſellſchaft nicht mehr gut genug? und nimmt dann auch noch die Jolle vom Boot mit.— Wenn wir ſie nun brauchen?“ „Dann werden wir uns ohne ſie behelfen muͤſſen,“ ſagte der Farmer ruhig.—„Wenn's Euch uͤbrigens intereſſirt— er iſt nach Montgomerys Poiut voraus, um die Preiſe meiner Ladung kennen zu lernen.— Morgen früh wollen wir nach.“ Ein hoͤhniſches Lächeln durchzuckte die wilden Züge des Boots⸗ 141 manns, als er die willkommene Kunde hörte, und Edgeworth wuͤrde, hätte er den triumphirend frohlockenden Blick geſehen, der aus ſeinen dunklen Augen blitzte, ſicherlich aufmerkſam geworden ſein. So aber achtete er gar nicht auf den ihm verhaßten Steuermann, der ihn jedoch noch einmal mit den Worten aufhielt: „Es iſt ein Kaufmann von Victoria oben im Union⸗Hotel, der von Euerer Ladung gehört hat— er frug mich, ob Ihr auf dem Boote wäret oder vielleicht einmal hinauf kömt— er hat Luſt zu kaufen—“ „Wo liegt Victoria?“ frug Edgeworth und blieb, ſich gegen ſeinen Steuermann wendend, ſtehen. „Victoria? ein Bischen oberhalb der Whiteriver Mündung, auf dem andern Ufer drüben,“ ſagte dieſer,„von Montgomerys Point aus kann manss ſehen, es iſt etwas weiter unten.“ „Und wie heißt der Mann?“ „Ich weiß nicht— ich habe ihn nicht gefragt— er ſieht auch eigentlich nicht recht aus wie ein ordentlicher Kaufmann— Ihr könnt ja ſelber mit ihm ſprechen.“— Edgeworth ſchritt langſam dem Union⸗Hotel zu und Bill murmelte mit einem recht tückiſchen Lachen, während er ams Ufer hin die Stadt entlang wanderte: „Geh nur, Du alter Narr und ſieh zu, ob ſich Deine Gebeinze im Miſſiſſippi eben ſo gut halten werden, wie die Deines Sohnes am Wabaſch.— Geh und handle noch einmal— es iſt der letzte Handel, den Du auf dieſer Welt abſchließeſt.“ 142 X. Livelys Farm. Diwyt hineingeſchmiegt in den grünen Wald, wo die fleißige Hand des neſchelſt der rieſenmäßigen Vegetation ein freies Plätzchen abgenommen hatte, und die mächtigen, ſtarr emporragen⸗ den Nachbar⸗Stämme immer noch ſo ausſahen, als ob ſie das kleinliche Treiben der Civiliſation unter ſich nur eben duldeten, und nicht übel Luſt hätten, ſich nächſtens einmal in ganzer Länge und Gewichtigkeit ſelbſt drein zu legen;— da, wo zwar Menſchen, ſorgende, geſchäftige Menſchen, ſtarke Männer und zarte Frauen wirk⸗ ten und ſchafften, und fröhlicher Kinderjubel von lieben herzigen Mäul⸗ chen die heilige Ruhe der Wildniß unterbrach; wo der Haushahn Mor⸗ gens ſeinen ſchmetternden Gruß der Morgenröthe entgegenjubelte, wo die Schwalbe in beſonders dazu angebrachten Kaſten ihr Neſt gebaut hatte, und ſich jetzt alle nur mögliche Mühe gab, die kleinen unbehülf⸗ lichen Gelbſchnäbel das Fliegen zu lehren— wo aber auch Nachts noch der Wolf die Fenzen umſchlich und Panther oder Wildkatze das zahme Hausvieh oft in Angſt und Schrecken ſetzte, wo der Hirſch nicht ſelten zwiſchen den weidenden Heerden getroffen wurde und der Bär nur zu oft in ſtiller Abendſtunde die Maisfelder beſuchte: da ſtand ein für ſolche Umgebung gar ſtattliches und wirklich wohnlich eingerichtetes Doppelhaus. Es war außerdem von hoher, regel⸗ rechter Fenz umgeben und, wie es ſchien, mit allen den Beguemlich⸗ keiten verſehen, die man außerdem nur möglicher und vernünftiger Weiſe in ſolcher Wildniß beanſpruchen konnte. Vor dieſem Hauſe ſaß auf einem erſt friſch gefällten und hier zum Sitze hergerollten Stamme ein ſilberhaariger, aber noch rüſtiger, 143 lebensfriſcher Greis, deſſen geſundheitſtrotzende Wangen und muntere klare Augen wol ſchon mehr als ſechzig Mal den Frühling hatten kommen und gehen ſehn, und doch noch keck und freudig in das ſchöne Leben hinausſchauten. Sein Kopf war unbedeckt und das ſchneeige Haar hing ihm in langen, glänzenden Locken bis auf den ſonngebräunten Nacken hinunter. Sonſt trug er noch einen pfeffer⸗ und ſalzfarbenen wollenen Frack, eben ſolche Beinkleider, eine blau⸗ wollene Weſte und ein ſchneeweißes Hemd, aber— bloße Füße, und nur dann und wann ſchienen ihn an dieſen die dort ziemlich zahlreichen Mosquitos zu beläſtigen. Mit dem rothſeidenen Taſchen⸗ tuche, das er in der Hand hielt, um ſich Wind und Kühlung damit zuzufächeln, ſchlug er wenigſtens dann und wann einmal nach ihnen, ohne jedoch nur einen Blick hinab zu werfen. Nur wenige Schritte von ihm entfernt ſtand ein anderer, aber bedeutend jüngerer Mann, und zwar eben eifrig beſchäftigt, einen friſch erlegten Spießer abzuſtreifen. Dieſer war mit den Hinterläu⸗ fen an einem Baume aufgehangen, und ein großer ſchwarzer Neu⸗ fundländer mit weißer Bruſt und weißen Füßen und der braunen Zeichnung amerikaniſcher Braken an den Lefzen und über den Augen, hob gar klug und aufmerkſam die treuen Augen zu ihm auf, als ob er nur Intereſſe an der Arbeit ſelbſt nähme, und nicht etwa ſeinem Herrn durch ſtörendes Betteln zur Laſt fallen wolle. Der junge Jäger, deſſen ledernes abgeworfenes Jagdhemd neben ihm am Boden lag, war ganz nach Art der weſtlichen Jäger gekleidet; die blonden, krauſen Haare aber und das blaue Auge hätte ihn faſt als einen Ausländer erſcheinen laſſen, wäre nicht in einem kleinen Liede, das er bei der Arbeit vor ſich hin ſummte, ſein reines, nur mit dem leiſen weſtlichen Dialekt gefärbtes Engliſch Bürge ſeiner amerikaniſchen Abkunft und Erziehung geweſen. Es war William Cook, der Schwiegerſohn des alten Lively, der erſt vor wenigen Tagen vom Fourche la fave hierher zu den Aeltern ſeiner Frau gezogen war, und nun im Sinne hatte, eine eigene⸗ 144 dicht an die ſeiner Schwiegerältern ſtoßende Farm urbar zu machen. Für den Augenblick aber, und bis ſein noch zu errichtendes Haus ſtand, hielt er ſich mit ſeiner kleinen Familie bei Livelys auf und bewohnte dort den linken Flügel jenes ſchon erwähnten Doppel⸗ gebäudes. In der Thür deſſelben erſchien indeſſen gerade eine allerliebſte junge Frau, ſeine Frau, mit dem juͤngſten Kinde auf dem Arme, zwei andere weißköpfige und rothbäckige kleine Burſchen tummelten ſich aber zwiſchen den abgehauenen Baumſtümpfen des Hofraumes umher und jagten bald bunten, flatternden Schmetterlingen nach, bald ärgerten ſie den ernſten Haushahn, der mit höchſt mißvergnüg⸗ tem Gekake und mächtig langen Schritten ſeinen kleinen unermüd⸗ lichen Quälgeiſtern zu entgehen ſuchte. Erſt wie er das unmöglich fand, flog er endlich, des Spielens überdruͤſſig, auf die Fenz, ſchlug hier mit den Flügeln, und fing nun zum großen Ergötzen der darun⸗ ter ſtehenden kleinen Schelme an aus Leibeskräften zu krähen. Das Kleine aber, das die Mutter noch auf dem Arme trug, hatte indeſſen die ſich munter herumtummelnden Geſchwiſter entdeckt, ſtreckte nun ungeduldig ſtrampelnd die fetten Aermchen nach ihnen aus, und wollte unter jeder Bedingung Theil an dem Spiele nehmen. „Ei ſo laß den Schreihals doch herunter, Betſy!“ rief ihr da lachend der Gatte zu—„laß ihn nur nieder, ſiehſt Du denn nicht, daß er helfen will?“ „Er wird ſich Schaden thun,“ ſagte beſorgt die Mutter— „es iſt ſo rauh und ſteinig hicr.“ „Thorheiten— der Junge muß Grund und Boden kennen lernen— er mag ſeinen Weg ſuchen;“ und die Mutter ließ, wäh⸗ rend ſie ſich von der hohen Schwelle des Hauſes niederbog, lächelnd den kleinen Schreier auf die ebene Erde nieder, die dieſer mit lau⸗ atem Jubelgekreiſch begrüßte. Ohne weiteren Zeitverluſt arbeitete 145 er auch gleich auf allen Vieren zum Vater hin, der ihm freundlich zuwinkte. Der große ſchwarze Neufundläͤnder aber, der bis jetzt neben ſeinem Herrn geſeſſen hatte, ſprang nun mit weiten Sätzen dem kleinen Burſchen entgegen, hob die ſchöne buſchige Fahne und das mit kleinen krauſen Löckchen verſehene Behänge hoch empor, bellte ihn ein paar Mal mit tiefer volltönender Stimme an und verſuchte dann vorſichtig das Kind am Gurt des kleinen Roͤckchens zu faſſen, um ihm die Bahn zu erleichtern, oder es ſeinem Herrn ganz zu apportiren. „Laß ihn gehn, Bohs,“ rief dieſer da lachend,„laß ihn gehn.— Warte Burſche— glaubſt Du, der könne nicht allein kommen? will der Hund!— nun ſeh' Einer den ungeſchlachten Schlingel an— dreht er mir den Jungen ganz herum.“— Der Zuruf galt aber wirklich dem Hunde. Als es dieſem nämlich verboten worden, das Kind in die Schnauze zu nehmen, überſprang er daſſelbe mehrmals mit hohen Sätzen und verſuchte dann, den Kopf dabei zur Seite gebogen und mächtig dazu mit dem Schwanze wedelnd, es mit der breiten kräftigen Tatze zu ſich herüberzuziehn. Allerdings rollte er die kleine unbeholfene Geſtalt des Kindes dabei rund umher; das aber nahm die Freiheit keines⸗ wegs übel, ſondern ſchien ſich im Gegentheil ſehr uͤber den unge⸗ ſchickten Spielkameraden zu freuen. Es jauchzte ein paar Mal laut auf und ſetzte dann ſeine Bahn zum Vater fort, der ihm nun auf halbem Wege entgegenkam und lächelnd zu ſich emporhob. „William,“ ſagte da der Alte, während er ſich vergnügt und ſchmunzelnd die Hände rieb.„William— das iſt ein capitales Stück Wildpret;— das reine Feiſt, wie man ſich's nur wuͤnſchen kann, und die Rippen werden unmenſchlich gut ſchmecken. Es war doch gut, daß Du heut' Mittag noch einmal am Rohrbruch hin⸗ gingſt— ich dachte mir's immer, Du würdeſt dort was finden.“ „Ach mit dem Denken, Vater,“ lachte der junge Mann, wäh⸗ Gerſtäcker, Flußpiraten. I. 10 146 rend er das rothwangige Kind herzte und küßte und auf den Armen ſchaukelte—„mit dem Denken iſt's eine gewaltig unſichere Sache. So ſagt man nachher immer, und wenn man's genau nimmt, ſo hat man ſich beim Pürſchen hinter jedem Dickicht, an jedem ſonni⸗ gen Hügel ein Stück Wild gedacht.— Dafür lob' ich mir aber auch das Pürſchen.— Es giebt kein herrlicheres Vergnügen auf der weiten Gotteswelt— eine gute Bärenhetze vielleicht ausgenom⸗ men, und ich glaube, ich könnte gleich aus freien Stücken ein In⸗ dianer werden, wenn ich—“ „Wenn ich Jemanden dabei hätte, der mir Mais und ſüße Kartoffeln baute, nicht wahr?“ unterbrach ihn lachend der Alte— „o ja, ſo zum Vergnügen den ganzen Tag im Walde herumzu⸗ ſpazieren und weiter keine Arbeit zu haben als gute Stücken Fleiſch zum Haus zu tragen, das glaub' ich ſchon, das ließe ich mir auch gefallen, das geht aber nicht.— Mein Junge zum Beiſpiel würde jetzt ſchoͤn gucken, wenn ſein alter Vater in ſeiner Jugend⸗ weiter Nichts gethan hätte als Büchſenläufe ſchmutzig gemacht. Nein, dafuͤr ſind wir— der Henker ſoll doch die Mosquitos holen, ſie beißen heute wie beſeſſen“— und er rieb ſich abwechſelnd mit den rauhen Sohlen die kaum zarteren, wenigſtens eben ſo braun gebrannten Spannen ſeiner bloßen Füße—„dafür ſind wir hier⸗ her geſetzt, daß wir im Schweiß unſeres Angeſichts— wie der alte Schleicher ſagt— unſer Brod verdienen ſollen. Das heißt wir müſſen uns ſchinden und plagen, um das Jahr uͤber genug Mais und ſüße Kartoffeln zu haben.“ „Alle Wetter!“ lachte Cook, während er erſtaunt von ſeiner Arbeit aufſah,„Ihr haltet ja heute ordentliche Reden— die ſind doch ſonſt Eure Paſſion nicht—“ „Nein, Junge“— ſagte der Alte—„Euch jungem Volke muß man aber dann und wann in's Gewiſſen reden, das iſt Pflicht und Schuldigkeit, und da thut mir's gut, wenn ich einmal ſo mit meiner Meinung herausbrennen kann, ohne daß die Alte glaͤch ihren Senf dazu giebt, denn die nimmt Eure Partei.“ „Hallo“— ſagte Cook,„da wollt Ihr mir wohl eine Predigt gegen die Jagd halten? das iſt göttlich— hol' mich dieſer und jener, das iſt koſtbar.“ „Ja, und nicht allein gegen die Jagd,“ fuhr der Alte fort, während er langſam und vorſichtig das rechte Bein emporhob und mit der Hand ſcharf auf einen, ſeinen großen Zeh beläſtigenden Mos⸗ quito viſirte—„nicht allein gegen die Jagd, auch gegen das got⸗ tesläſterliche Fluchen“— die Hand ſchlug herunter, der Mosquito hatte aber Unrath gemerkt und ſich bei Zeiten der Gefahr entzo⸗ gen—„verdammte Beſtie“ unterbrach der alte Mann mit halblauter Stimme ſeinen Vortrag—„auch gegen das gottesläſterliche Flu⸗ chen“— fuhr er dann gleich darauf wieder fort— „Hahaha“— rief Cook und wandte ſich gegen den Alten,„ich ſoll wol nicht wieder„verdammte Beſtie“ ſagen?“ „Unſinn“ brummte Lively und kratzte ſich die Stelle, wo das kleine Inſekt eben geſogen hatte—„Unſinn— aber heda— Bohs fährt auf— unſere Gäſte kommen wahrſcheinlich.“ Bohs fuhr in dieſem Augenblicke wirklich raſch empor, windete wenige Secunden lang gegen den Wald hin, und ſchlug dann in lauten vollen Tönen an. Blitzesſchnell wurde das von den übrigen, meiſtens im Schatten gelagerten Rüden begleitet, die gleich darauf herbeiſtürmten, um nun auch zu ſehen, was die Aufmerkſamkeit ihres Führers erregt habe. James' fröhlicher Jagdruf antwortete aber dem drohenden Gebell der Meute. Jauchzend ſprangen ſie ihrem jungen Herrn entgegen, und begrüßten bald darauf mit fröͤhlichem Gebell und Heulen die kleine Reiterſchaar, die nun am Holzrand ſichtbar wurde und raſch zu dem roh gearbeiteten Gatterthor, das Einlaß in die Farm gewährte, herantrabte. Cook ſprang ſchnell hinan, die Vorlegebalken zurückzuziehen, James aber, hier ganz in ſeinem Element, rief ihm nur ein fröh⸗ 10* 148 liches„Loock out“ entgegen, und in demſelben Moment hob ſich auch, von Schenkeldruck und Zügel getrieben, das wackere Thierchen, das ihn trug, auf die Hinterbeine und flog mit keckem Satze über die, doch wenigſtens vier Fuß hohe Barriere. Sander, ebenfalls ein tüchtiger und ſattelfeſter Reiter, wollte natürlich nicht hinter dem rohen Backwoodsman, der ihnen eine kurze Strecke entgegen⸗ geritten war, zurückſtehen und folgte ſeinem Beiſpiele. Als Beide aber jetzt aus dem Sattel ſprangen und zur Fenz eilten, die Stan⸗ gen niederzulegen, vereitelte Adele, deren munteres Thier unter ihr tanzte und in die Zügel ſchäumte, dieſe Abſicht, denn fie ſchien reineswegs geſonnen, den Männern etwas nachzugeben. „Habt Acht, Gentlemen!“ rief ſie nur, tummelte ihren Zelter noch einmal zu kurzem Anlauf zurück, und ehe noch Mrs. Dayton, die nur erſchreckt ein kurzes„Um Gotteswillen— Adele!“ aus⸗ ſtoßen konnte, recht begriff, was das kecke Mädchen eigentlich wollte, ſprengte ſie an und ſetzte, nicht über das niedere Eingangsthor, ſondern über die, wol einen Fuß höhere Fenz hinweg. In der nächſten Secunde hielt ſie auch ſchon neben der Thür des Hauſes, wo ſie auch, ehe die Männer ihr beiſtehen konnten, raſch aus dem Sattel, die Stufen des Hauſes hinaufſprang und hier von der alten Mrs. Lively und Cook's junger Frau auf das Herzlichſte, aber auch mit Vorwürfen über ihr wirklich tollkühnes Reiten begrüßt wurde. Cook hatte indeſſen die Stangen niedergeworfen, Mrs. Dayton einzulaſſen, und die kleine Geſellſchaft fand ſich bald ganz gemüth⸗ lich vor der Thür des Hauſes, im Schatten eines breitäſtigen Nußbaums zuſammen, wo ſie auf Stämmen, Stühlen und umge⸗ drehten Kaſten, was gerade in der Nähe zu finden war, Platz ſuch⸗ ten. Mrs. Lively ließ es ſich indeſſen, trotz ihren Jahren, nicht nehmen, die große Kaffekanne herbeizubringen, füllte mit Mrs. Cook's Hülfe die blauen Taſſen und Blechbecher,— denn ſo viel 149 Taſſen zählte der Hausſtand nicht— und reichte ſie den willkom⸗ menen Gäſten herum. „Ei, Kaffee nach Tiſche, Mrs. Lively?“ rief da Adele erſtaunt, „das iſt ja eine ganz neue Sitte— wer trinkt denn um ſolche Zeit Kaffee?“ „Das hab' ich von den Deutſchen, meinen früheren Nachbarn gelernt, Kindchen,“ ſagte die alte Dame und klopfte den Nacken des ſchönen Mädchens—„und das iſt eine gar prächtige Erfindung.— Kaffee ſchmeckt nie beſſer als nach Tiſch— Morgens und Abends ausgenommen, und für ſo liebe, liebe Gäſte muß man denn doch auch ein Bischen was herbeiſchaffen, daß ſie nicht ganz trocken ſitzen.“ „Wer iſt denn der hübſche junge Mann, der da mit Euch ge⸗ kommen iſt?“ flüſterte Cook dem jungen Lively zu, neben dem er ſtand.—„Mir kommt das Geſicht ſo bekannt vor—“ „Weiß der Teufel wer es iſt,“ ſagte James und warf dem Fremden einen keineswegs freundlichen Blick zu—„eingeladen hab' ich ihn nicht, und er behandelt Miß Adele, als ob er mit ihr aufgewachſen oder ihr Bruder wäre, und doch weiß ich, daß ſie gar keinen Bruder hat.“ „Prächtiges Haar,“ ſagte Cook. „Prächtiges Haar?“ murmelte James verächtlich—„wie ein Bündel Flachs ſieht's aus— und das käſeweiße Geſicht könnte mir den ganzen Appetit verderben, wenn mir den nicht ſchon uͤberdies ſeine ganze Gegenwart verdorben hätte.“ Cook lächelte— es war nicht ſchwer, die Beweggründe zu durchſchauen, die des jungen Mannes Aerger erregt hatten. Aber auch Adele ſchien etwas von dem gewahrt zu haben, denn ſie warf, während ſich ihr Nachbar eifrig mit ihr unterhielt, den Blick meh⸗ rere Male halb lächelnd halb ungeduldig nach ihm hinüber, und rief ihn endlich, indeß Mrs. Dayton eine lange Abhandlung mit den beiden Farmerfrauen über Butter, Käſe, junge Ferkel und alte Kühe hatte, an ihre Seite. „Nun Sir,“ ſagte fie, und blickte dabei den ohnedies ſchon da⸗ durch in die entſetzlichſte Verlegenheit Gebrachten mit den großen, glänzenden Augen ſo feſt und durchdringend an, daß der arme Burſche, obgleich er gewiß die beſten Vorſätze gehabt haben mochte, liebenswürdig zu erſcheinen und die verwünſchte Blödigkeit bei Seite zu werfen, den breiträndigen Strohhut abnahm und erſt langſam und dann immer ſchneller und ſchneller zwiſchen den Fin⸗ gern herumlaufen ließ—„Sie verſprachen mir doch unterwegs das Abenteuer zu erzählen, was Sie neulich mit dem alten Pantber gehabt.— Wie ich höre, hängt dort drüben an dem Perſimon⸗ Baume das Fell— Herr Sander hier behauptet eben, es ſei einem einzelnen, blos mit einem Meſſer bewaffneten Manne gar nicht möglich, einen Panther zu beſiegen.“ „Nun, ich weiß nicht,“— ſtotterte James, denn hier vor der jungen Dame von ſeinen Thaten zu ſprechen, kam ihm faſt wie eine häͤßliche Prahlerei vor—„ich weiß doch nicht— Mr. Sander— es iſt auch vielleicht—“ —„ſchwieriger, mit einem Panther anzubinden, als ſich's nach⸗ her erzählt,“— ſagte Sander und ein ſpöttiſches Lächeln ſpielte um ſeine Lippen.—„Ja, ja, man vergißt bei ſolcher Erzählung gewöhnlich die Hunde, die ihre Leiber dem Feinde blosgeben, ſchießt das Thier aus ſicherer Ferne mit der Kugel nieder, und ſtößt dem ſchon Verendeten das Meſſer noch ein paar Mal in Bruſt und Weichen, um an dem aufgeſpannten Felle die— Beweiſe unſerer Heldenthaten zu haben.— Ich bin ja auch ſchon auf ſolcher Jagd geweſen.“ James blickte zu dem Sprecher auf, und ſelbſt das ganze We⸗ ſen des Mannes, der in nachlaͤſſiger Stellung dicht neben einem Mädchen lehnte, wo er ſelbſt ſich ſchon beklommen und eingeſchüch⸗ tert fühlte, wenn er ihr nur gegenüber ſtand, batte etwas unge⸗ 151 mein Widriges, ja Empörendes für ihn. Kaum begriff er aber den Sinn dieſer Worte, die dem einfachen Hinterwäldler anfangs faſt unverſtändlich blieben, als ihm das Blut ſchneller und beftiger in die Wangen ſchoß und damit auch ſeine, bis dahin faſt unüber⸗ windbare Scheu und Verlegenheit mehr und mehr ſchwand. „Wenn ich einmal behauptet habe,“ ſagte er und ſeine Stimme wurde beinahe von dem in ihm auflodernden Zorn erſtickt—„ich hätte einen Panther im Zweikampf und mit dem Meſſer erlegt, ſo meine ich damit nicht, daß nur die Hunde oder Pulver und Blei dabei geholfen hätten. Ich weiß nicht, Fremder, wo Ihr ſolche Anſichten gelernt haben mögt, aber hier in den Wald paſſen ſie nicht.— Kein Mann hier, den James Lively zu ſeinen Freunden zählt, würde eine Lüge ſagen.“ „Beſter Mr. Lively“ lächelte Sander, in deſſen Plan es keines⸗ wegs lag, Streit zu beginnen,—„Sie wiſſen gewiß recht gut, daß das, was man Jägergeſchichten nennt, nicht unter die Rubrik von Lügen geſetzt werden darf. Ein Jäger hat das Privilegium, Poet zu ſein, und wie der Novelliſt nicht in ſeiner Erzäblung die trockenen Thatſachen rein und ungeſchmückt hinſtellen darf, ſo iſt es Jenem ebenfalls nicht allein erlaubt, ſondern wird ſogar theil⸗ weiſe verlangt, daß er ſeine Jagdabenteuer in einem bunten Kleide bringt und— wenn er keine zu bringen hat— aus einfachen Jagden intereſſante Jagdabenteuer macht.“ „Ich verſtehe nicht recht, was Sie mit alle dem meinen,“ ſagte James und leerte die ihm von ſeiner Mutter gereichte Taſſe auf einen Zug—„auch begreife ich nicht gut, wie man Jagdabenteuer machen kann.— So viel iſt aber gewiß, ich habe noch keinen Meſſerſtich gegen ein Thier gethan, wenn es nicht nöthig war. Was übrigens die Haut da drüben betrifft, ſo war Cook hier Zeuge der ganzen Sache, und hat geſehen, ob und wie ich ſie verdient habe.“ „Bei den Meſſerſtichen,“ unterbrach hier der alte Lively das 1⁵² etwas ernſthaft werdende Geſpräch noch ganz zur rechten Zeit,„fällt mir eine koſtbare Anekdote ein, die meinem Vater einmal begeg⸗ net iſt.“ 3 Wollen Sie ſich denn nicht ſetzen, Mr. Lively,“— redete hier Adele den jungen Farmer an und ſchob zugleich ihren eigenen Stuhl etwas zuruͤck, ſo daß dicht neben ihr, auf einem dort ge⸗ legenen Baumſtamme ein Sitz frei wurde. James machte auch ſchnell genug von der Erlaubniß Gebrauch, rückte aber, aus wirk⸗ lich unbegründeter Furcht, ſeiner ſchönen Nachbarin läſtig zu wer⸗ den, ſo weit von ihr fort, als ihm das die noch emporſtehenden Aeſte nur immer verſtatteten. Dadurch kam er freilich auch auf das⸗ ſcharfe und rauhe Holz zu ſitzen, und er würde ſich, was die Be⸗ quemlichkeit anbetraf, wol gerade ſo wobl auf einem Beine ſtehend⸗ befunden haben. Trotzdem hätte er aber doch ſeinen Sitz in dieſem Augenblick nicht um den ſchönſten gepolſterten Stuhl der ganzen. vereinigten Staaten eingetauſcht. „Alſo mein Vater,“ begann Lively senior wieder— „Komm Alter— die Geſchichte kannſt Du uns lieber drin er⸗ zählen,“ fiel ihm da plötzlich die Frau in's Wort.—„Es wird Nacht hier draußen, Kinder, die Sonne iſt unter, und die Damen aus der Stadt könnten ſich erkälten; das wäre mir nachher eine ſchöne Beſcheerung, wenn ſie hier blos zu uns herausgekommen ſein ſollten, die lieben guten Weſen, um ſich einen Schnupfen oder noch was Schlimmeres zu holen.“ „Aber licbe gute Mrs. Lively,“— ſagte Mrs. Dayton,„es iſt⸗ hier draußen ja nach ſo ſchön, und gerade jene wunderherrlichen Tinten der mehr und mehr dort verblaſſenden Abendwolken geben dem dunkten Fichtenwald, auf dem ſie ruhen, etwas ſo ungemein Reizendes und Romantiſches.“ „Das mag Alles recht gut ſein,“ ſagte die alte würdige Dame— „es klingt wenigſtens ſehr ſchön, die Sache bleibt ſich aber doch gleich.— Im Hauſe iſt's beſſer, und wenn Mrs. Dayton die Wolken 153 noch ein Bischen betrachten will, ſo kann ſie das am Allerbequemſten durch's Kamin thun, da ziehn ſie gerade drüber hin. Jetzt aber komm, James— hilf die Sachen ein Bischen in's Haus thun— wo iſt denn Cook? ach, der bringt die Hirſchkeulen und Rippen hinein. Das iſt geſcheidt von ihm,— einen Truthahn hat James auch heute Morgen geſchoſſen. Du, Lively, magſt die leere Kanne nehmen— ſo Kinder, nun kommt, in zehn Minuten können wir uns ganz prächtig darinnen eingerichtet haben, und dann wollen wir auch recht munter und vergnügt ſein. Es thut einer alten Frau, wie ich bin, wohl, einmal ſo liebe freundliche Geſichter um ſich zu ſehen, wie heute Abend.“ Und ohne weiter eine Einrede anzunehmen oder überhaupt ab⸗ zuwarten, fing Mrs. Lively ſelbſt an die umherliegenden Sachen in’s Haus zu tragen, ſo daß die jungen Leute ſchon mit angreifen mußten. Bald darauf ſaßen Alle um den großen, in die Mitte ge⸗ rückten Tiſch fröhlich verſammelt, und der alte Lively, der ſich ganz in ſeinem Element zu fühlen ſchien, erzählte eine Menge von Jagd⸗ Anekdoten und Abenteuern. Seine Frau aber fuhr indeſſen hin und her, trug Alles auf, was Küche und Rauchhaus zu liefern vermochten, und hielt nur dann und wann in ihrem geſchäftigen Eifer ein, um von Adele zu Mrs. Dayton zu gehen und ihnen mit einem herzlichen Händedruck zu wiederholen, wie ſie ſich freue, daß ſie endlich einmal ihrer Einladung gefolgt waͤren und daß ſie nun auch nicht daran denken dürften, ſie unter ſechs oder acht Tagen zu verlaſſen. Daß Adele am nächſten Tage ſchon eine Freundin am Miſſiſſippi beſuchen wolle, verwarf ſie total, und erklärte, Mr. Hawes ſei ihr ſo, ein ſehr lieber und willkommener Gaſt, wenn er ihr aber ihre liebe Adele entführen wolle, dann habe er es mit ihr zu thun, und das zwar nicht in Liebe und Güte. James' Herz klopfte wild und ſtürmiſch—„deshalb alſo war jener glattzüngige Fremde mit bierher gekommen, Miß Adele wollte er ſchon am nächſten Morgen wieder mit fortnehmen— Peſt— 154 in welchem Verhältniſſe ſtand er überhaupt zu Adelen— wäre er am Ende gar“— es überlief ihn ſiedendheiß— „Miß Adele,“ ſagte er mit von innerer Bewegung erregter Stimme—„Sie— Sie wollen uns alſo verlaſſen?“ „Ja, Mr. Lively,“— erwiederte das junge Mädchen und ein eigenes, ſchelmiſches Lächeln zuckte um ihre Mundwinkel—„Mr. Hawes hier will mich auf ſeine neugekaufte Plantage führen zu — zu ſeiner Schweſter—“ Hätte ein zündender Strahl in dieſem Augenblick vor James Lively den Boden aufgeriſſen, ihm wäre das Blut in den Adern nicht ſchneller, nicht erkältender geſtockt.—„Sie wollte Mr. Hawes' neugekaufte Plantage beſehen— ſeine Schweſter beſuchen— armer James, da war für Dich wenig Ausſicht.“ Er fuüͤhlte, wie ſein Blut die Wangen verließ, und jeder Tropfen in das erſtarrende Herz zuruͤckkehrte. Gleich darauf aber preßte es ihm auch mit nicht zu dämmender Gewalt wieder aufwärts, in Stirn und Schläfe, und er ſprang, die innere Bewegung zu verbergen, von ſeinem Sitze empor. „He James? wo willſt Du denn hin?“ frug der Vater.— „Das übrige Hirſchfleiſch hinter's Haus ſchaffen,“ rief der Da⸗ voneilende zurück—„es hängt hier vorn zu niedrig; am Ende könnten ſich doch die Hunde darüber machen.“ „Da haſt Du recht,“ ſagte der Alte—„daran hätte ich bei⸗ nahe nicht gedacht. Da iſt's uns hier einmal vor vierzehn Tagen beinahe komiſch gegangen— die Geſchichte muß ich Ihnen erzählen, Mr. Hawes“— und der vermeintliche Mr. Hawes, der mit einem höchſt ſelbſtzufriedenen Lächeln bemerkt hatte, wie und weshalb Ja⸗ mes aufgeſtanden und hinausgegangen war, lieh ſein Ohr geduldig der Anekdote von einem erlegten Hirſch, und den damit verknüpf⸗ ten Umſtänden.— In der That aber lauſchte er mit der geſpann⸗ teſten Aufmerkſamkeit den Worten der jetzt im eifrigen Geſpräch begriffenen Damen Dayton und Lively, die ſich über eine Familie des Staates Georgia unterhielten, mit der Mrs. Dayton und 15⁵ Adele entfernt verwandt, wo aber die letztere erzogen und wie das Kind im Hauſe behandelt worden war. „Sie können ſich feſt darauf verlaſſen, Mrs. Dayton,“ be⸗ theuerte die alte Dame,„Lively hat erſt vorgeſtern einen Brief von da erhalten.— Lieber Gott, wir find ja dort ſechzehn Jahre an⸗ ſäſſig geweſen und kennen jedes Kind. Der alte Benwick ſoll ſeine Frau nur dreimal vierundzwanzig Stunden überlebt haben, und das Teſtament iſt, dem Schreiben nach, ſchon am Mittwoch er⸗ öffnet worden.— Sie können mit jeder Stunde Nachricht er⸗ halten.“ „Es kamen heute Morgen zwei Briefe an meinen Mann,“ ſagte Mrs. Dayton,„das ſchienen aber Geſchäftsbriefe zu ſein, er hätte doch ſonſt gewiß etwas erwähnt.“ „Ei die Gerichte nehmen ſich auch bei ſo etwas Zeit, meine gute Mrs. Dayton,“ ſagte Mrs. Lively—„ſo geſchwind ſind die nicht im Nachricht⸗Ertheilen, beſonders wenn's drauf ankommt, Geld außer Land zu ſchicken.“— „Welche von den Beiden wäre Ihnen nun lieber geweſen,“— wandte ſich jetzt der alte Lively plötzlich und zwar ſo direct an ſei⸗ nen bis dahin nichts weniger als aufmerkſamen Zuhörer, daß die⸗ ſer, faſt wie auf einem Abwege ertappt, zuſammenfuhr, und nur noch Geiſtesgegenwart behielt, die Frage in's Blaue hinein zu be⸗ antworten. „Die erſte, unbedingt die erſte—“ „Nun ſehen Sie, das freut mich,“ ſagte der alte Mann, „das war auch meine Meinung— James, ſagt' ich, Du mußt un⸗ bedingt die erſte nehmen und— ſoll mich der Henker holen, wenn er's am Ende nicht doch noch gewann.“ „Wunderbar“— ſagte Sander zerſtreut, und hatte keine Idee davon, welche erſte und letzte da gemeint und was eigentlich zu gewinnen geweſen. Adele aber, die ſich ſo plötzlich, allerdings etwas durch eigene Schuld, von ihren beiden Nachbarn vernach⸗ 156 läſſigt ſah, ſetzte ſich hinüber zu Mrs. Cook, die eben die müden Kinder zu Bett gebracht hatte. Hier aber, indem ſie ganz in das einfache Wirken und Leben der guten Frau einging und bald nach dem und jenem frug und über dies und das mit ibrer kindlichen Gutmüthigkeit plauderte, gewann ſie ſich das Herz derſelben ſo ſehr, daß dieſe endlich mit einem freundlichen Händedruck ausrief:— „Ach Miß Adele, wie wuünſchte ich doch, daß Sie hier draußen bei uns blieben und eine wackere tüchtige Farmersfrau würden. Sie ſollten einmal ſehn, wie es Ihnen bei uns gefiele.— Es iſt gar ſo huͤbſch hier und beſonders im Frühjahr und Sommer, wenn ſie in den Städten faſt vor Hitze und Staub umkommen.“ „Mir gefällt es auch recht gut auf dem Lande,“ ſagte Adele, —„ich bin“— und eine leichte Röthe färbte ihre Wangen,„ich bin am liebſten unter grunen Bäumen, aber— wir armen Mädchen, Mrs. Cook, müſſen ja doch am Ende ſtets dabin gehen, wo uns das Schickſal hinwirft, und ein Gluück noch, wenn wir dabei der Stimme des Herzens folgen dürfen.“ „Ja, Miß Adele, das iſt ein Gluͤck,“ ſagte die wackere Frau— „Sie glauben gar nicht, wie leicht und gern man alles Ueberfluſſige entbehren lernt, wenn man nur bei dem ſein kann, den man ſo recht herzlich liebgewonnen hat.— Es wird Einem auch Alles noch einmal ſo leicht, und Arbeiten, die man ſonſt gar nicht ge⸗ glaubt hat, daß man ſie verrichten könnte, thun ſich faſt von ſelber. Und nun gar erſt die Kinder— ja, in den lieben Dingern wird man noch ſelbſt einmal wieder jung.“ „Haben Sie Ihre bisherige Farm ungern verlaſſen?“ frug Adele.— 4 „Wir? ih nun, ja und nein,“ ſagte Mrs. Cook—„es war berrliches Land am Fourche la fave, und nach all dem Vorgefallenen ließ es ſich erwarten, daß wir nun vor dem ſchlechten Geſindel dort⸗ Ruhe haben würden. Aber dann lebten doch hier die Aeltern und der Bruder, und Vater, Mutter und James ſind ſo liebe treffliche Leute, da glaubten wir denn Beide, es ſei beſſer in deren Nähe zu wohnen, und ſie zu Nachbarn zu haben. Vielleicht ſucht ſich dann James mit der Zeit auch irgendwo ein Mädchen, das ihn gern hat, aus und dann könnten wir eine ganz prächtige kleine Colonie bilden; o Miß Adele, wenn Sie nur dann in die Nähe kämen.“. „Kommt, Kinder— es iſt Zeit zum Schlafengehn,“ ſagte da plötzlich der alte Lively, der ſeine Geſchichte glücklich zu Ende ge⸗ bracht hatte und nun müde geworden war. Der alte Mann hielt überhaupt ſeine ziemlich regelmäßige Zeit, und da, des engen Rau⸗ mes wegen, der männliche und weibliche Theil der Gäſte für dieſe Nacht in verſchiedene Häuſer untergebracht werden mußte— die Damen ſollten nämlich in Lively's, die Männer in Cook' Wohn⸗ hauſe ſchlafen— ſo konnte er ſelbſt nicht eher zu Ruhe kommen, bis die Anderen nicht ebenfalls ihre Schlafſtätten angewieſen be⸗ kommen. Mrs. Dayton, die ſeine Gewohnheit kannte, ſchob deshalb auch ihren Stuhl zurück und gab damit das Zeichen zum allge⸗ meinen Aufbruch. 1 Adele ſprang ebenfalls empor, als aber ihr Blick den kleinen Raum ſchnell durchfliegen wollte, begegnete er plötzlich, und zwar dicht neben ſich, dem auf ihr haftenden Auge James', das ſich frei⸗ lich, als ob es auf einer Frevelthat ertappt wäre, ſchnell und ſchüch⸗ tern abwandte; Adele aber, mit dem ähnlichen Gefühl eines be⸗ gangenen Fehlers, fürchtete faſt, und wußte ſelbſt doch eigentlich nicht warum, ihn beleidigt zu haben und ſagte leiſe:— „Mr. Lively— ich— Sie ſind wol böſe auf mich, daß ich die freundliche Einladung Ihrer Aeltern ſo wenig zu ſchätzen ſcheine und ſchon morgen wieder fort will.— Es iſt aber eine liebe Jugendfreundin von mir, die ich ſeit ihrer Verheirathung nicht geſehen habe und— wenn ich Mrs. Lively nicht zur Laſt falle, dann komm' ich recht bald wieder beraus— und bleibe dann auch —ͤͤſͤſͤſͤſͤſſſ 158 wol längere Zeit hier.— Es gefällt mir recht gut hier draußen— viel beſſer als in Helena drin.“— „Sie ſind zu guͤtig, Miß Adele,“ erwiederte James in größter Verlegenheit—„wie ſollte ich denn böſe auf Sie ſein dürfen — ach— Sie wiſſen gar nicht—“ „Gute Nacht, Ladies,“ ſagte Sander und trat ohne weitere Umſtände zwiſchen die Beiden,„gute Nacht, Miß— ſchlafen Sie hübſch aus, denn wir haben einen ſcharfen Ritt vor uns.“ Die Hand des jungen Mädchens ergreifend, die er leiſe an ſeine Lippen drückte, verließ er ſchnell das Haus, und James, der jetzt zu ſeinem Schrecken ſah, daß er der letzte der Männer war und die Damen augenſcheinlich darauf warteten, allein gelaſſen zu werden, folgte ihm ebenſo raſch. Nur aus alter Gewohnheit mehr, als zu irgend einem andern Zwecke nahm er noch ſeine Buchſe und Kugeltaſche uber der Thür weg und mit zu dem eigenen Lager hinüber. Er ſchlief nicht gern, wie er ſelbſt geſtand, ohne die Waffe in der Nähe zu wiſſen. In Cook's Hauſe lag jedoch ſchon Cook's eigene Büchſe über der Thür, und der junge Mann hing deshalb ſeine Kugeltaſche auf die eine Stuhllehne und ſtellte das treue Rohr in die Ecke, neben ſein Bett. 1 XI. Cotton und Dan. Um die Vorgänge dieſes nächſten Capitels richtig verſtehen zu können, möchten wir uns lieber erſt mit dem Terrain etwas näher bekannt machen, auf dem Lively's und Cook's Farmen lagen. Das ganze Miſſiſſippi⸗Thal und beſonders das weſtliche Ufer ——— 1 dieſes ungeheuern Stromes bietet eine nur ſelten von niederen Hügeln unterbrochene Sumpfſtrecke dar, die gar oft in unzugäng⸗ liche Moräſte und Seen ausartet. Faſt durchgängig beſteht es aus zwar ſehr fruchtbarem, aber ſo niedrig gelegenem Lande, daß es ſo⸗ wohl durch die Ueberſchwemmungen des Miſſiſſippi wie der üb⸗ rigen es durchkreuzenden Ströme, als auch durch Regen, deren Waſſer keinen Abfluß finden, im Winter überſchwemmt wird und nun erſt durch die heißen Strahlen der Auguſt⸗ und September⸗ ſonne wieder ausgetrocknet werden kann. Tauſende von Quadrat⸗ meilen liegen alſo auf ſolche Art acht oder neun Monate des Jah⸗ res unter Waſſer, und hauchen in dem andern Vierteljahre ſo pe⸗ ſtilenzialiſche Dünſte aus, daß der Anſiedler ganz froh ſein darf, wenn er mit einem ihm Mark und Bein durchſchüttelnden kalten Fieber davon kommt. Das Land aber, was der Cultur in ſolchem Boden gewonnen werden kann— und einzelne trockene Strecken durchlaufen ſtets dieſe Niederungen— iſt auch vortrefflich und lie⸗ fert Ernten, wie ſie ſich ſelbſt die kühnſte Einbildungskraft unſerer, mit dürrem Boden ſtets im Kampfe um die Ausſaat liegenden Land⸗ wirthe kaum traumen laſſen. Solche Fruchtbarkeit allein kann denn auch den Farmer, der trotzdem nur wenig Land urbar macht und ſich mehr auf Viehzucht legt, bewegen, die warme ungeſunde Luft dieſer Sümpfe zu athmen. Natürlich ſucht er ſich zu dieſem Zwecke die höchſt gelegenen Stellen, die er finden kann, ſeine Wohnung und ſeine Felder wenigſtens den ſteigenden Waͤſſern zu entziehen. Daher kommt es auch, daß die Nachbarſchaft Helena's, ſonſt ſo abgelegen wie alle übrigen Plätze des Miſſiſſippi⸗Tbales, am ſtärkſten bevölkert und angebaut war, denn bis hierher erſtreckte ſich, von Nord⸗Weſt hernuter kommend, faſt die einzige Reihe niederer⸗ Hügel zwiſchen St. Louis und dem dreizehnhundert Meilen ent⸗ fernten Golf, bis an das Ufer des Miſſiſſippi. Einzelne kleine Städtchen waren ſogar, weiter im Innern, darauf errichtet wor⸗ den, und der Menſch mit ſeiner unermüdlichen Thatkraft dräͤngte 160 ſich ſo gewaltſam in die fürchterlichſte Wildniß ein, daß er ein naher Nachbar des wilden Büffels wurde, den er nicht einmal aus ſeinen Weidegründen heraustreiben konnte, ſondern ruhig im Beſitz derſelben kommen laſſen mußte“). Am nördlichen Fuße dieſer Huͤgelkette lag Lively's Farm. Süd⸗ öſtlich vom Felde ſtanden die Gebäude, während ſie an drr Oſt⸗ ſeite ein ziemlich geräumiger und ſelbſt holzfreier Raum von dem Urwald trennte. Die nicht übermäßig hohe Umzäunung wurde von einem dichten Geſtrupp rothblüthiger Sumachs, Saſſafras, Gewürz⸗ büſche und. Dogwoods umſchloſſen, und dieſe überſchatteten wieder ihrerſeits einen kleinen Bach, der etwa eine halbe Meile weiter oben aus den Hügeln kam, am nördlichen Fuße derſelben hinſtrömte und dicht über Helena in den Miſſiſſippi einlief. Gleich über dem Bache drüben, und den Wohngebäuden gerade gegenüber, dennoch aber etwa zweihundert Schritt von ihnen ent⸗ fernt, lag ein alter indianiſcher Grabhuügel und hob ſich eben ge⸗ nug aus dem ihn umwuchernden Pflanzengewirr hervor, einen Blick auf die kleine Anfiedelung zu geſtatten. Lively hatte erſt kürzlich den Plan gefaßt, hier eine kleine Blockhütte herzubauen und ge⸗ wiſſermaßen eine Art Sommerpavillon daraus zu machen. Zu dem Zweck waren denn auch ſchon alle die Büſche und Aeſte, die etwa die Ausſicht nach ihren Wohnungen verſperrt hatten, entfernt, und einzelne Staͤmme, welche die Grundmauern bilden ſollten, in der Nachbarſchaft gefällt und hinaufgeſchafft. Der Mond warf nun zwar ſeinen filbernen Schein auf die *) Zwiſchen den beiden kleinen Flüſſen Cash und Day de view liegt eine ſo undurchdringliche Sumpfſtrecke, daß nur ſelten ein Jäger kühn genug iſt, dort einzudringen, da er es nie möglich machen kann, das, was er wirklich auf der Jagd erbeuten ſollte, auch fortzuſchaffen. Es iſt das jetzt der einzige Platz in den vereinigten Staaten, wo ſich der Buͤffel noch, ringsum von Anſiedelun⸗ gen umgeben, in einzelnen Heerden findet und auch nicht, trotzdem daß er faſt nur Jäger in ſeiner Nachbarſchaft hat, ausgerottet werden kann. —— —— 161 Erde nieder, und übergoß die thauperlenden Blätter mit einem ma⸗ giſchen Licht; dieſen kleinen Raum konnte er aber nicht erhellen, denn dichte Holly⸗ und Maulbeerbüſche bildeten an der Oſt⸗ und Süd⸗ ſeite eine jedem Strahl trotzende Laube. Der Platz lag jedoch nicht ſo einſam und verlaſſen, wie die plaudernden und lachenden Menſchen wohl glauben mochten, die jetzt noch, ſich des wunderherrlichen Abends erfreuend, vor den Gebaͤuden auf⸗ und abgingen. Manchen Blick warfen ſie nach den dunk⸗ len Waldesſchatten hinüber, wo tauſend und tauſend Glühwürmer in unbeſchreiblicher Pracht hin⸗ und herzuckten und den finſtern Hintergrund wie mit tauſend nnd tauſend Diamanten beſäten, und ahnten nicht, daß von dorther ſorgſam verſteckte Augen ſie beobachteten. Zwei dunkele Geſtalten ſtanden hier in dem Schatteu der ſie überhängenden Büſche und laut⸗ undregungslos hatten ſie ſchon lange das geſchäftige Treiben der, wenig ihre Gegenwart ahnenden Farmer belauſcht. Da endlich brach der Eine von ihnen das Schweigen und wandte ſich mit leiſe gemurmelten Worten zu dem Andern: „Die Peſt über das ſchlabbernde, plappernde Volk,“ ſagte er mit vorſichtig gedämpfter Stimme—„iſt's denn nicht gerade, als ob ein Pack Franzoſen und Indianer hier im Nachtlager halte?— Höre, Dan, mir gefällt der Platz überhaupt nicht; muß uns auch heute gerade der Teufel herführen, wo die ganze Nachbarſchaft zu⸗ ſammengekommen iſt und ihre Hunde mitgebracht hat. Wenn uns die Beſtien erſt einmal wittern, dann gute Nacht— ich glaube, wir ſetzen uns hier ganz unnütz einer großen Gefahr aus.“ „Siiſt nicht ſo ſchlimm, als Ihr denkt,“ ſagte der Andere, in⸗ dem ein grimmes Lächeln ſeine dunklen Züge überflog,„dicht ne⸗ benbei fließt der Bach; mit wenigen Sätzen können wir drinne ſein, und wie der Wind jetzt ſteht, ſo iſt Zehn gegen Eins zu wetten, daß ſie uns gar nicht wittern können. Uebrigens habt keine Angſt um mich— es wäre das erſte Mal, daß ich bei ſolchem Spaß erwiſcht wuͤrde; nein, ich halte mein Wort und hole Euch eine Gerſtäcker, Flußpiraten. I. 11 162 Büchſe, darauf könnt Ihr Euch verlaſſen. einen ſo nichtswürdigen Hunger haͤtte.“ „Hunger— immer Hunger und Eſſen und Eſſen und Hunger“ — murrte ärgerlich ſein Gefährte—„wenn ich nur Waffen haͤtte, ich wollte gern hungern.“ „Eſſen und Hunger?“ rief der Mulatte, denn ein ſolcher war es, der jetzt zu dem bleichen Antlitz ſeines weißen Kameraden em⸗ porſah—„und wann habe ich denn das letzte Mal gegeſſen, Maſſa Cotton, und was war das? Mais— harter Mais, den ich aus ei⸗ ner Dachkammer ſtehlen mußte, und wofür ich h die zwei Schrote noch im Schenkel trage. Sind wir nicht jetzt ein paar Wochen lang wie die wilden Beſtien gehetzt worden? und tragt Ihr da⸗ bei nicht die meiſte Schuld? Wir wären lange vergeſſen geweſen und„hätten unſeren Weg unbeläſtigt fortſetzen können, aber nein, da müßt Ihr den Reiſenden mitten auf der Landſtraße überfallen, und wundert Euch nachher noch, wenn uns die Bevölkerung von drei Countys auf den Hacken und der ganze Staat in Aufregung unſerethalben iſt. Ueberdies ſeid Ihr. weiß und könnt immer noch eher, ohne gleich Verdacht zu erregen, in irgend einem Hauſe ein⸗ kehren und eine richtige Mahlzeit halten. Wenn ich mich aber mit meiner farbigen Phyfiognomie irgendwo blicken ließe, ſo wäre die Wenn ich nur nicht erſte Frage nach einem Paß, und die zweite unch rinem Conſtahel. Nein, ſolch ein Leben hab⸗ ich ſatt und will froh ſein, wenn ich die Sclavenſtaaten erſt im Rücken weiß, und Canadienſiſche Erde unter den Füßen fühle.“ „Und ehe das geſchieht, haſt Du noch manche Meile zu durch⸗ wandern,“ murmelte der Weiße.—„Dan, Dan, Du glaubſt gar nicht, wie ſie in Miſſouri und Illinois hinter entlaufenen Negern her ſind. Es iſt entſetzlich ſchwer durchzukommen.“ 5 „Ja ja,“ erwiederte der Mulatte ſinnend—„ich habe ſchon oft daran gedacht; am Ende waͤr's doch noch beſſer, wir gingen auf die Inſel— Hölle und Verdammniß, ein Hund führt ja ein 4 737 4 163 beſſeres Leben als wir hier. Es iſt dann auch kein Wunder, daß man ſchlimmer wird, als man eigentlich iſt, und ein Menſchenleben nicht mehr höher achtet, wie eben das eines Wolfs oder Panthers.“ „Nein— auf die Inſel gehe ich nicht,“ brummte Cotton— „wenigſtens ſo lange noch nicht, als ich hoffen darf, auf andere Art zu entkommen. Das iſt ſchon recht gut, daß man dort ſein Leben geſichert weiß, und von den Muͤhen und Strapazen, die wir Beide mitſammen durchgemacht, ausruhen köoͤnnte, aber der Schwur— und nachher iſt man von lauter Spionen und Auf⸗ paſſern umgeben, die immer nur darauf lauern, Jemanden zu be⸗ kommen, durch deſſen vielleicht unbedachtes, gar nicht ſo bös ge⸗ meintes Wort ſie eine hohe Prämie gewinnen können; nein, das iſt meine Sache nicht. Ueberdies traue der Teufel dem Kram; heut oder morgen nimmt die Sache einmal ein trübſeliges Ende, und ſo viel Erfahrung hab' ich doch auch in der Welt geſammelt, daß ich weiß, wenn irgend welche bei ſolcher Gelegenheit die Zeche be⸗ zahlen müſſen, ſo ſind es ſtets die, die am wenigſten damit zu thun gehabt, am wenigſten bekannt und vertraut mit dem Ganzen gewe⸗ ſen. Geht es indeſſen gar nicht anders, können wir auf keinem Boote den Verfolgern entgehen, gut, dann hab' ich Nichts mehr dagegen. Jetzt aber wollen wir erſt einmal eine Reiſe nach dem Oſten ver⸗ ſuchen, denn dorthin halten ſie es gewiß für am wenigſten glaublich, daß wir unſere Flucht nehmen werden. Sorge alſo nur für eine or⸗ dentliche Büchſe, denn wir müſſen noch Geld zur Reiſe anſchaffen, und das kann nicht ohne Waffen geſchehen, nachher hab' keine Sorge. In der Geſellſchaft eines Weißen frägt Dich Niemand nach einem Paß— hat Niemand ein Recht dazu, Dich zu fragen, und es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn wir nicht glücklich die lum⸗ pigen paar hundert Meilen zurücklegen koͤnnten.“ „Nun, wenn weiter Nichts dazu fehlt”“— grinſte Dan,„ſo hoffe ich dem heute Nacht abhelfen zu können. Iſt überhaupt eine Büchſe in einem der beiden Häuſer— und ich wette meinen Hals 11* Er 164 darauf, daß wenigſtens drei dort ſind— ſo haben wir ſie noch vor Tagesanbruch hier draußen, und dann ade Arkanſas.“ „Vergiß aber auch die Kugeltaſche nicht,“ ſagte Cotton—„es wäre ſonſt nur ein nutzloſes Stück Eiſen.“ „Ihr haltet mich für gewaltig dumm— aber ein paar Stun⸗ den müſſen wir wenigſtens noch warten, denn die Burſchen da drinnen ſcheinen gar nicht zur Ruhe zu kommen.“ „Mich wunderts, daß die Hunde ſo ſtill ſind,“ ſagte der Weiße nach kurzer Pauſe, in der er aufmerkſam das Haus und ſeine Um⸗ gebung beobachtet hatte—„keiner der Köter rührt ſich, und es müſſen doch wenigſtens elf oder zwolf von ihnen dort ſein.“ „Läßt ſich ſehr leicht erklären,“ kicherte der ſchlaue Mulatte, indem er die Hand gegen das Gebäude ausſtreckte.—„Dort hin⸗ ten, gerade zwiſchen dem Haus und Feld, hängt das Hirſchfleiſch— wir haben Beide geſehen, wie es der Eine noch nicht ſo lange dort⸗ hin getragen hat.— Die Hunde aber ſind gut genug und keiner würde es anrühren; keiner gönnt es aber auch dem andern oder trauet Einem der Kameraden, ſie liegen alle darunter und bewa⸗ chen es, und ich ſetze meinen Hals zum Pfande, daß mich keiner wittert, wenn ich zum Hauſe ſchleiche.“ 3 „Das thuſt Du allerdings;“ murmelte der Weiße.„Wenn ich nicht ganz irre, ſo iſt dies die Farm, auf der Cook wohnen ſoll, und der verſteht keinen Spaß. Erwiſchte er Dich, ſo waͤre der Hals gerade derjenige Körpertheil, der die Zeche bezahlen müßte. Haſt Du Deine Waffen?“ „Ihr fragt ſonderbar,“ ſagte der Mulatte, indem er ein lan⸗ ges, ſchweres Meſſer aus der verſteckten Scheide zog und in dem matten Dämmerlicht, was ſie umgab, blinken ließ.—„Unbewaffnet — ein Nigger zwiſchen lauter Weißen? nein wahrhaftig, das wäre nicht mehr Tollkühnheit, das wäre Wahnſinn. Wer mich lebendig fangen will, der muß früh aufſtehen, denn auch meine Piſtole hier iſt mit kleinen Kugeln geladen.“ 165 „Und ſollten die Hunde dennoch anſchlagen?“ ſagte Cotton ernſt „Dann ſpringt, nach unſerer Verabredung, in den Bach,“ fluͤſterte der Mulatte—„an den drei Cypreſſen finden wir uns wieder.“ „Waͤre aber der Platz beſetzt?“ „Hm, das iſt nicht wahrſcheinlich— aber freilich möglich; nun dann muͤſſen wir wieder nach dem Hauſe zurück, in dem wir vorgeſtern Nacht eingebrochen ſind— Ihr kennt da ſchon unſern Verſteck. Von da aus können wir auch den Miſſiſſippi leicht er⸗ reichen. Hölle und Verdammniß, hättet Ihr nur das unnütze Blut nicht vergoſſen, ſo wären wir auch nicht ſo weit hier hinunter nach Süden getrieben und könnten jetzt ſchon vielleicht in Canada ſein—“ „O geb mit Deinen moraliſchen Vorleſungen zum Teufel,“ knurrte Cotton—„hol' die Büchſe und überlaß das Andere mir.— Wie iſts denn— mir kommt's vor, als ob ſie drüben zu Bette gehen wollten.“ „Nun Zeit wär's,“ ſagte der Mulatte,„aber einſchlafen müſſen wir ſie auch erſt laſſen—“ Cotton hatte recht geſehen. Die Nachtluft war, wie das ſtets in dieſen Sümpfen der Fall iſt, ungemein feucht, und die Männer zogen ſich bald in Cook's Haus zurück, um ſich ihre Lagerſtätten, ſo gut es gehen wollte, herzurichten. Zwei Betten ſtanden nur in dem kleinen Raume und die hatten, das eine der alte Lively, das andere Cook und Sander inne; Ja⸗ mes dagegen lag mit Cook's älteſtem Knaben, einem Burſchen von acht oder neun Jahren, auf einem ausgebreiteten Bärenfell, mitten in der Stube. Auf dem kleinen, an der rechten Wand befindlichen Tiſchchen flackerte ein Talglicht, und erhellte den Raum kaum hin⸗ länglich, noch ein paar rohgearbeitete Stühle und eine Art Eßſchrank erkennen zu laſſen, der links vom Eingang und zwiſchen Kamin und Thür ſtand. Sonſt war, einige Regale, auf denen die beſcheidene amerikaniſche Wäſche einer Haushaltung lag, ausgenommen, Nichts 166 von Möbeln zu ſehen, und die über den Betten aufgehangenen Klei⸗ der der Mrs. Cook dienten auch noch, indem ſie einen Kleiderſchrank vollkommen entbehrlich machten, zu Tapeten und Zierrathen. Cook's Knabe war der Letzte, der ſein Lager ſuchte; dieſer hatte eben das Licht ausgelöͤſcht und ſich auf ſein Fellbett niedergeworfen, als ihn der Vater, der ſich indeſſen auf der knarrenden Bettſtelle zurecht rückte, frug, ob er auch den Pflock vor die Thür geſchoben habe. „Nein, Vater,“ ſagte dieſer—„die Hunde ſind ja draußen—⸗ „Die Hunde lagern, wie ich eben gehört habe, alle hier hinten, unter dem Hirſchfleiſch“— erwiederte Cook.— „Es wird uns wohl keiner ſtehlen,“ lachte Sander,„wir find doch auch Perſonen genug, und haben ein paar Buchſen im Hauſe.“ „Nun, zu ſpaßen iſt nicht,“ ſagte der alte Lively und ſtreckte ſich behaglich aus—„in der vorigen Woche ſind weiter im Lande drinn viele Diebſtähle vorgefallen, und erſt vorgeſtern haben ſie, wie uns James erzählte— einen Mann, gar nicht weit von hier in 4 ſeiner Hütte überfallen. Nicht wahr, James, Du brachteſt ja die Geſchichte mit nach Hauſe.“ 149 „In Bolwey's Haus haben ſie wahrſcheinlich eine Büchſe ſteh⸗ len wollen,“ fagte der alſo Aufgerufene,„Bolwey kam aber noch 3 zeitig genug dazu und vertrieb ſie wieder. Weiter hierher zu find ſie dann in derſelben Nacht bei Isloos⸗ eingebrochen, haben den alten Islvo ſchwer am Kopfe verwundet und, was ſie in der Ge⸗ ſchwindigkeit erwiſchen konnten, meiſtens Kleider und werthlofe Sa⸗ chen, auch eine Piſtole, mitgenommen.“ n, I ichn „Ja, Isloo vermißt aber auch jetzt, wie ich von Draper ge⸗ 4 hört habe, ſeine Brieftaſche,“ ſagte Cook,„und in der ſollen, wenn 4 auch kein Geld, doch für ihn ſehr werthvolle Papiere ſein.“ mnn „Wo haſt Du denn Draper geſehen?“ frug James. 13 „Draußen im Walde, als er meinen Schuß hörte, kam er her⸗ „bei und half mir den Hirſch mit auffs Pferd heben.“ iranr 167 „Hat man denn gar keine Vermuthung, wer dieſe Spitzbuben ſein könnten, Gentlemen 2“ frug Sander. „Wahrſcheinlich Cotton und der frühere Mulatte und Helfers⸗ helfer Atkinses,“ ſagte Cook—„Cöotton foll auch den Mann in Poinſett County erſchlagen haben, wenigſtens ſind alle Sheriffs und Conſtabels, wenn auch vergebens, hinter ihm hergeweſen, ihn zu fangen.“ „ Und weiß man nicht, welche Richtung er überhaupt genom⸗ men?“ meinte Sander. 3 „Nein— jetzt nicht;— wie es den Anſchein hat, ſo wollten die Flüchtigen gen Norden hinauf, denn vom Fourche la fave aus waren ſie über den Arkanſas gegangen und ſchon bis an die Straße gekommen, die den St. Francisſumpf von Memphis nch Batesville durchſchneidet. Dort aber verubten ſie den Mord und hatten nun augenblicklich die ganze Anſiedelung am Languille— lauter tüͤchtige Jäger— hinter ſich, ſo daß ſie genöthigt waren, wieder zurück in die Sümpfe zu flüchten. Ob fie nun ihren Plan geändert haben und vielleicht über den Miſſiſſippi wollen, oder ob das hier gar Andere ſind, wer weiß es. So viel aber iſt gewiß, hier in der Gegend treiben ſie ſich umher, und wir haben uns ſchon verabredet, beim erſten Zeichen, das wir wieder von ihnen finden, die ganze Nach⸗ barſchaft aufzubieten und einmal ein ordentliches Treibjagen auf die Canaillen anzuſtellen.“ 4 „Bei Heinze ſind vor einigen Tagen ebenfalls mehreke Sachen weggekommen,“ meinte der alte Lively, ſchon halb im Schlafe— ein Paar Schuhe und— und der alte Heinze—“ „Den haben ſie geſtohlen?“ lachte Cook. „Ahem!“ murmelte der Greis und ſein ſchweres Athmen be⸗ wies gleich darauf ſeine Unzurechnungsfähigkeit in Allem, was für den Augenblick Fragen oder Antworten betraf. Auch die Uebrigen fingen nach und nach an müde zu werden. Cook machte noch einige Bemerkungen, aber ſchon mit ziemlich 168 ſchwerer Zunge und geſchloſſenen Augen, und endlich verrieth auch ſein Schnarchen, wie der ermattete Körper dem Schlummergott unterlegen war.— Mehrere Stunden mochten ſo entſchwunden ſein— tiefe Ruhe herrſchte auf der kleinen Anſiedelung— kein Laut wurde gehört, nur das monotone Quaken der Fröſche und dann und wann der Ruf eines auf Beute ausgehenden Nachtvogels unterbrach das Schweigen. Der Mond, zeitweiſe durch vorbeiziehende Wolkenſchleier verhüllt, ſandte ſeine matten ungewiſſen Strahlen über die Lich⸗ tung, und es ſchien faſt, als ob er ſelbſt da oben müde würde und ſich hinabſehne in ſein kühles, laubiges Bett.— Da ſchlich leiſe und vorſichtig eine dunkle Geſtalt über den ſchmalen freien Raum, der die Wohnung von dem benachbarten Dickicht trennte. Lautlos war ihr Schritt, geräuſchlos jede ihrer Bewegungen, und als ſie die nur angelehnte Thür errcicht hatte, ſtand ſie, dicht an den Pfoſten geſchmiegt, ſtill, und lauſchte wol mehrere Minuten lang auch dem leiſeſten Athemzug im Innern der Hütte. Dann erſt, als ſich dem ſcharfen Ohre nichts Verdächtiges darbot, öffnete der Verbrecher mit ſicherer Hand die Pforte, und ſchluüpfte hinein.— Druck von G. Pätz in Naumburg a+. — “