An —-—— iE 296 — 3 2% Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 3 Seih- und Ceſebedingungen. „1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. b t9 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für achentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 9 7 2 1— u— 1— u 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und deſeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonvers darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Dielonſpen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. auf 1 Monat: 1 Mi. Pf. 1 Nk. 50 Pf. 2 MNr. Sf. ⁴ —,y— = ———— * des Miſſiſſippi. Von Friedrich Gerſtäcker. Zweite Auflage. Dritter Band. Leipzig, Hermann Costenoble. 1853. I. Das Flatboot legt bei.— Der Piraten Liſt. Der Nebel hatte ſich, während die Schildkröte mit der reißenden Strömung raſch hinabtrieb, mehr und mehr verdichtet; die nur kurze Strecke vom Boot ent⸗ fernten Stücken Floßholz ließen ſich kaum noch erkennen und an eine Beſtimmung des Ufers war längſt nicht mehr zu denken. Blackfoot, der den Strom nicht ſo genau kannte wie ſein Kamerad, fing denn auch bald an unruhig zu werden, blickte oft forſchend nach allen Sei⸗ ten hinaus und wandte ſich endlich mit etwas ängſtlicher und bedenklicher Miene an den Steuermann. „Höre einmal Bill,“ ſagte er,„die Sache fängt an verdammt unklar zu werden. Biſt Du auch ſicher und Deiner Sache gewiß, daß Du die Inſel findeſt? Bedenke wohl, die Strömung iſt jetzt, durch das ſteigende Waſſer, 1n 1 4* 1 1 nungen.“ 2 ſelbſt, viel ſtärker geworden und ich bin feſt über⸗ zeugt ſte würde einen Gegenſtand, den ſte früher vom Arkanſas Ufer aus gerade auf unſere Sandbank warf, wie die Sache jetzt ſteht, weit darüber hinweg führen.“ „Darin magſt Du recht haben,“ erwiederte, mit dem Kopfe nickend, Bill,„Du weißt aber auch daß unſere Inſel drei Meilen lang iſt und wir, faſt die ganze Strecke daran hin, das Brechen des Waſſers gegen die in den Strom geworfenen Baumſtämme hören können. 3 Leicht wird es dann ſein, die Bootsleute zum Anlegen zu bewegen, denn es fängt ihnen Allen ſchon jetzt an unheimlich auf dem Waſſer zu werden. Wenns nicht 4 daſſelbe mit mir wäre, wollte ich ſagen es gäbe Ahg „Hm— ja, das möchte gehn— haben wir noch weit bis zur Landſpitze?“ „Meiner Berechnung, nach kanns keine halbe Meile mehr ſein— geh aber indeſſen einmal vorn aufs Boot, und horch ein wenig aus, ob Du das Rauſchen noch nicht hören kannſt. Halt, noch eins— biſt Du auch ſicher daß des Alten Büchſe von der Pfanne blitzt?“ „Haha“— lachte der dunkle Geſelle höhniſch,„das war ein verdammt guter Einfall— der kann ſchnappen bis ihn der Finger ſchmerzt. Vielleicht wars aber gar nicht nöthig, er hat das alte Schießeiſen hinunter ge⸗ tragen, damit ihm das Pulver nicht feuchtet, und da unten wirds denn auch wohl liegen, wenn er ſichs hier an Deck wünſchen ſoll.“ Still und höhniſch vor ſich hin lächelnd ſchritt der Pirat nach vorn, und traf hier Mrs. Everett, die noch immer, mit gefalteten Händen und geſenktem Haupt auf einer ihrer Kiſten ſaß, und ſich nicht entſchließen konnte, den freien Raum zu verlaſſen. Ihre ganze Geſtalt zit⸗ terte und bebte als ſie der ſchlauen Liſt der Fremden dachte, die auf Fürchterliches ſchließen ließ. 1„» Nun, meine junge Lady,“ ſagte der Händler, als er neben ihr ſtehen blieb und in das bleiche, raſch und erſchreckt zu ihm aufgehobene Antlitz des jungen Weibes ſah—„noch immer die Scene mit der Dame noch nicht verſchmerzt? hahaha Mrs. Breidelford iſt ein wenig oben hinaus, wenn ſie ſich an ihren Rechten gekränkt glaubt— was war denn eigentlich vorgefallen?“ „Gott weiß es,“ ſtöhnte die Arme, und zwang ſich gewaltſam gefaßt zu bleiben—„irgend ein Mißver⸗ ſtändniß wahrſcheinlich— ich bin ihr nie zu nahe ge⸗ treten, ja habe früher nie ein Wort mit ihr gewechſelt, noch ihre Schwelle je überſchritten.“ 1* „Wunderlicher Kauz das, dieſe Mrs. Breidelford,“ lachte Blackfoot—„ſehr wunderlicher Kauz— aber ſeelengut, wo was zu verdienen iſt— aufopfernd für Freunde, wo ſtie Nutzen erwartet— uneigennützig wie keine, wenn ſie Alles hat, was ſte will— und nützlich — Sie glauben gar nicht wie nützlich, Mrs. Ere⸗ witt— eine ſehr vortreffliche Frau dieſe Mrs. Brei⸗ delford.“— Der Mann war augenſcheinlich in äußerſt guter Laune, denn er ſchritt lachend bis an den Vordertheil vor, und blieb hier, auf die Vorfinne gelehnt, jetzt aber mit nicht zu verkennender Aufmerkſamkeit, lauſchend ſtehn. Er hörte gar nicht, wie Edgeworth wieder in dieſem Augenblick, von dem langen Hooſier gefolgt, die Leiter heraufſtieg. Ddite übrigen Leute waren noch unten im Raum. „Halloh Sir,“ ſagte da Blackfoot plötzlich, als er ſich umwandte, und den alten Mann mit der Büchſe neben ſich ſtehn ſoah—„wollt Ihr Nebelkrähen ſchießen? ich hatte eben Luſt mein Gewehr hinunter ins Trockene zu tragen, und Ihr bringt das Eurige wie⸗ der herauf?“ „Eine alte Angewohnheit,“ ſagte der Jäger— „ich kann nicht gut ohne die Büchſe ſein und da ich die 8 uns die Strömung wieder mitten Nacht an Deck ſchlafen will, ſoll ſie wenigſtens neben mir liegen— meine Pfanne ſchließt ausgezeichnet und das Pulver was Ihr mir aufgeſchüttet habt, wird ſich ja wohl trocken halten.“ „Ei gewiß, aber ich würde Euch nicht rathen oben zu ſchlafen, die Näſſe dringt förmlich durch, und in Eue⸗ ren Jahren—“ „Schadet nichts bin's gewohnt, und habe ſchon manchmal in Sturm und Regen draußen gelegen. Aber komm Bob Roy“— mandte er ſich dann an den Hoo⸗ ſier—„ruf einmal die anderen auch herauf— ich ⸗ denke wir legen lieber bei— ich mag nicht länger in dem Nebel herumfahren!“ „Beilegen jetzt?“ ſagte Blackfoot raſch—„das iſt noch zu früh— Bill meint, es hätte jetzt noch gar keine Gefahr.“ „Ich will aber auch nicht warten, bis Bill meint daß es wirklich Gefahr hätte,“ erwiederte Edgeworth, mob wir nun noch ein paar Meilen weiter fahren oder jetzt anhalten, das wird ſich in der Zeit ziemlich gleich bleiben.— Da drüben hör ich die Schläge einer Art, und zwar gar nicht weit entfernt, dort muß alſo auch Land ſein und da wollen wir denn nicht warten, bis in den Fluß hin⸗ X einnimmt. Von dort an fahr ich auch nicht eher wieder ab, bis es nicht heller lichter Tag und der Nebel ge⸗ wichen iſt.“ Die Bootsleute kamen jetzt raſch an Deck, machten die Finnen frei und ſtellten ſich bereit, ſobald das Steuer⸗ ruder gerichtet wäre, einzufallen, Bill aber, der von ſeinem Platz aus die ganze Bewegung mit keineswegs freudigem Staunen beobachtet hatte, rief jetzt ärger⸗ lich aus: „Ei zum Donnerwetter— wer hat Euch denn ge⸗ ſagt daß Ihr rudern ſollt? Ihr wollt wohl auf irgend einen Snag mit aller nur möglichen Gewalt auf⸗ laufen?“ „Nein Bill,“ ſagte Edgeworth, ſtellte ſeine Büchſe an das Zelt, neben dem Wolf noch immer lagerte, und ging auf ihn zu—„wir wollen dort drüben, wo Ihr noch jetzt die Art hören könnt, anlegen, bis ſich der Ne⸗ bel verzogen hat, haltet ein Bischen hinüber.—“ „Unſinn,“ brummte der Steuermann—„das Ufer dort drüben ſtarrt von lauter Snags und Sawyers — wenn wir nicht ganz genau den Landungsplatz tref⸗ fen ſo laufen wir ſo ſicher auf, wie wir jetzt gutes Fahr⸗ waſſer unter dem Rumpfe haben. Legt die Finnen wieder hoch, und wartet noch ein paar Stunden— am 7 Fuß von zwei und ſechzig iſt ein trefflicher Landungs⸗ platz und ich glaube auch, wir können am öſtlichen Ufer von ein und ſechzig ohne Gefahr eine Stelle erreichen, wo wir im Stand ſind die Taue zu befeſtigen.“ „Schadet nichts, Bill,“ ſagte der alte Mann ruhig, „haltet nur nach Arkanſas hinüber, ich will lieber ein Bischen zu vorſichtig ſein, als nachher Boot und Ladung einbüßen.“ „Aber ich ſage Euch, Sir!“ fiel Blackfoot hier etwas ärgerlich ein—„wir dürfen die ſchöne Zeit nicht noch länger nutzlos verſäumen— ich muß die Ladung Mor⸗ gen früh mit Tagesanbruch in Victoria haben, wenn ich ſie überhaupt gebrauchen kann.“ „Ei Sir, von muß darf hier gar keine Rede ſein,“ erwiederte Edgeworth ernſt,„wenns übrigens blos die Ladung wäre, ſo möchte es noch angehn, ich würde ſagen, laßt's uns riskiren, geſchähe ein Unglück, ſo wäre weiter nichts als Geld verloren, aber hier ſtehn auch Leben auf dem Spiel, wir haben nicht einmal die Jolle am Boot, um uns bei irgend einem Zufall hinein zu flüchten— die Dame hier hat mir ebenfalls Alles an⸗ vertraut, was ſie noch auf dieſer Welt beſitzt und wir müſſen deshalb vorſichtig, ja vielleicht vorſichtiger ſein als es ſonſt nöthig wäre.“ „Aber mir nützt die Ladung nicht einen Cent, wenn ich ſte nicht—“ 4 „Ei ſo laßt ſte in Gottes Namen mir,“ erwiederte Edgeworth kaltblütig—„liefere ich Euch die Güter nicht zur beſtimmten Zeit nach Victoria ſo ſeid Ihr an nichts gebunden; die Waaren ſind doch deshalb nicht ſchlechter geworden, daß ſchon Jemand darauf geboten; haltet hinüber Bill, oder wir treiben wieder vorbei.“ Blackfoot ſtampfte ärgerlich mit dem Fuß, Bill aber, der wenige Secunden unſchlüſſig dageſtanden, ſchien ſich jetzt eines Beſſeren beſonnen zu haben, hob raſch das Ruder, drückte es nach Larbord hinüber und ließ den Bug langſam gegen die Richtung zu anluven, von wo aus die regelmäßigen Schläge der Art noch im⸗ mer herübertönten. Die Ruderleute legten ſich dabei ſcharf hinter die Finnen, denn ſie wußten doch nun ein⸗ mal wieder, nach welcher Richtung zu es eigentlich ging, und langſam ſtrebte der breite Bug, ein klein wenig nach oben gehalten, quer durch die Strömung, daß ſich die Waſſer leicht an ſeiner Starbordſeite kräuſelten und einzelne, niedertreibende Stämme und Holzſtücke ſich gegen die mächtige Flanke des Bootes legten, ſo daß dieſes manchmal, wenn der Andrang und das Gewicht ſolcher Holzmaſſen zu ſchwer wurde, völlig 9 ſtromauf halten mußte, um jene Anhängſel abwerfen zu können. „Aber ſag einmal Bill, biſt Du denn ganz des Teufels, daß Du dieſem alten Seehund gehorchſt?“ zürnte Blackfoot, als er, während die Leute eifrig mit ihrer Arbeit beſchäftigt waren, zu dem Kameraden ans Steuer getreten war.„Wenn wir jetzt anlegen und bis Tagesanbruch hier liegen bleiben, ſo iſt zehn gegen eins zu wetten, daß unſer ſchöner Plan zu Waſſer wird.— Der Nebel geht dann allerdings fort, aber wir haben auch helles Tageslicht und müſſen gewärtig ſein, daß uns vorbeitreibende Flatboote oder Dampfboote die Ausführung unſrer Abſicht total vereiteln.“ „Biſt Du nun fertig?“ grollte der Steuermann, während er das Boot eben wieder gerade ſtromauf hielt —„Apaſt da mit den Starbordrudern— ſo— das thuts— nun wieder ein!“ Die laut gerufene Rede galt den Bootsleuten, die ſolchem Befehl auch willig gehorchten—„willſt Du Dich jetzt widerſetzen?“ fuhr dann Bill nach kurzer Zeit mit gedämpfter Stimme fort —„wo wir zwei gegen die Ueberzahl nicht allein nichts ausrichten könnten, ſondern uns ſelbſt noch muthwillig in die größte Gefahr ſtürzten? willſt Du jetzt einen 10 Verdacht erwecken, der jenen Burſchen dann gleich von vorn herein gegen uns mißtrauiſch machen müßte?“ „Aber wie, zum Henker—* 3 „Biſt doch ſonſt nicht ſo auf den Kopf gefallen,“ höhnte der Steuermann, ohne die Einrede zu beachten— „ ſo nimm die fünf Sinne auch jetzt ein Bischen zuſam⸗ men, laß ihnen für den Augenblick den Willen— Du haſt den Alten durch Dein tolles Dazwiſchenfahren ohne⸗ dieß ſchon ſtutzig gemacht— in zwei Stunden, von hier aus, treiben wir hinunter an Ort und Stelle. Haben ſie jetzt ihr Boot befeſtigt, und finden ſte daß wir ebenfalls damit einverſtanden ſind, ſo legen ſie ſich ruhig aufs Ohr und es iſt dann nichts leichter, als das Tau ſachte zu löſen oder durchzuſchneiden, das uns ans Ufer befeſtigt hält. Merken ſie's nicht, ſo erwachen ſte wenn ſie eben ſo gut hätten bis in die Ewigkeit fort⸗ ſchlafen können, und ſehen ſie's vor der Zeit, ei dann haben wir einen kleinen Tanz zu beſtehn, aber ändern können ſie nachher nichts mehr an der Sache, noch dazu da der Alte nicht einmal einen Compas bei ſich führt, und des Nebels wegen ruhig wird ſtromab treiben müſſen.“ „Das iſt eine gefährliche Sache,“ ſagte Blackfoot mürriſch—„Gift und Klapperſchlangen wenn die ver⸗ 11 wünſchten Hooſier nur noch eine Stunde gewartet hätten, da muß aber jener vermaledeite Holzhacker da drüben noch bis in die ſpäte Nacht hinein an ſeinem Holze herumſchlagen und richtig, die alte Landratte hört kaum die bekannten Laute, da ſegelt ſie auch ſchon mit vollen Backen darauf los— hol ſie der Böſe! 4 „Steht bei dem Springtau!“ rief Bill jetzt, ſeinen Gefährten nicht weiter beachtend, laut den Bootsleuten zu— als plötzlich vor ihnen die dämmernden Schatten der Uferbäume ſichtbar wurden. Edgeworth ſtand vorn am äußerſten Ende des Bugs und ſuchte mit den Augen die Dunkelheit zu durchdringen, denn er fürchtete nicht mit Unrecht die in der Nähe des Landes ſtets häufigen Snags. Dicht unterhalb tauchten da plötzlich die weit⸗ geſpreitzten weißen Arme einer erſt kürzlich ſtromeinge⸗ ſtürzten Sycamore aus und gleich unter dieſer zog ſich — das konnten ſie deutlich erkennen, der Strom wieder ſcharf nach Weſten hinüber. Dieſe Spitze einmal paſſirt, 4 5 ſo konnten ſie nur durch gewaltiges Rudern und viel⸗ leicht ſelbſt dann nicht, das Ufer wieder gewinnen, da 4 die Strömung von hier aus mit ungeheurer Kraft zur * Mitte zurückſchoß. „Hurrah,“ jubelte Blackfoot mit unterdrückter Stimme—„die Sache geht beſſer als ich dachte— ich glaubte noch gar nicht, daß wir der Spitze ſo nahe wären. Jetzt ſollen ſie's wohl bleiben laſſen das Land zu erreichen, und ſind wir nur erſt einmal wieder ſo weit ab, daß uns der Nebel umgiebt, dann brauchſt Du den Bug nur ein klein wenig weiter nieder zu halten, und wir treffen die weſtliche Sandbank unſerer Inſel nach Herzensluſt.“ Bill erkannte gleichfalls, wie ihr Plan hier ganz unerwarteter Weiſe durch Ufer und Strömung begün⸗ ſtigt wurde, und wollte eben den Bug wieder abfallen laſſen, damit ſte an den ſtarren Aeſten der Sycamore vorbei trieben, Bob Roy aber, der mit dem Springtau vorn am Bug ſtand, und dieſe Bewegung von vorn herein beobachtet hatte, ſchrie ihm wild zu: „Port, Sir— hart an Port— verdamm Euch! wollt Ihr unſere ganze Arbeit zu Schanden machen?“ „Geht zum Teufel!“ fluchte Bill und hob das Ru⸗ der nach der entgegengeſetzten Seite, Edgeworth aber, ſprang raſch nach dem vorn eingefügten Stiershorn, und riß es nach der Larbord⸗Seite hinüber. Bill ſchien nicht übel Luſt zu haben, ſich dem zu widerſetzen, Black⸗ foot war aber nach vorn zu gegangen, um wahrſcheinlich zu ſehen, was Bob Roy eigentlich mit dem Springtau wolle, und die Ruderleute hatten ſämmtlich ihre Finnen 13 herausgehoben und, zum Wiedereinſetzen bereit, zurück⸗ getragen, was die hinterſten bis dicht an den alten Mann brachte. Die Uebermacht war unſtreitig gegen ihn und er fügte ſich. Seine Aufmerkſamkeit wurde übrigens in dieſem Augenblick ebenfalls nach vorn ge⸗ lenkt, denn Bob Roys ſonore Stimme rief aus: „Steht bei hier— Boys das Tau— ahoi!“ und ehe nur irgend Einer recht ſteht bei— nehmt begreifen konnte, was er eigentlich meine, denn er rief gerade, als ob er Jemandem der draußen ſtände das Tau zuwerfen wolle, ſchleuderte er es mit kräftigem Wurf über den alten Sycamore⸗Stamm hinüber und folgte dann mit Blitzesſchnelle dem vorangeſandten. Alles drängte ſich jetzt nach vorn das Reſultat ſol⸗ chen Wagſtücks zu ſehen, denn das Boot trieb raſch vorüber und gelang es ihm nicht in wenigen Secunden das Tau ſo zu befeſtigen, daß es dem ganzen ungeheu⸗ ren Druck des ſchweren Bootes widerſtehen konnte, ſo war zehn gegen eins zu wetten, daß es ihn ſelbſt in die Fluth hinabriß, wo ſein Untergang, zwiſchen den ſtar⸗ ren knorrigen Aeſten der Syeamore ziemlich gewiß war. Bob Roy hatte das Ganze aber keineswegs unternom⸗ men, ohne ſich ziemlich ſicher in der Ausführung zu fühlen. Kaum erfaßte er einen der gerade emporragen⸗ 4 14 den Zweige, als er auch mit der Gewandtheit in ſolchen Sachen geübter Matroſen das Tau um einen ſtarken Aſt ſchlug, und das ziemlich kurze Ende einmal durchzog und befeſtigte. Den zweiten, ſicheren Halt war er noch nicht im Stande ihm zu geben, als ſich plötzlich das ſtarke Tau ſtraffte, etwa zwei Fuß auf der ſchlüpfrig naſſen Rinde fortglitt und dann, als es in anderen Aeſten Widerſtand fand, mit fürchterlichem Ruck, vom Gewicht des ganzen Bootes gezogen, den zitternden Stamm aus ſeinen Fugen zu reißen drohte. Der alte Baum ſaß aber gar ingrimmig feſt, in ſeinem ſchlammigen Bett und war nicht ſo leicht zu überreden den lang behaupteten Platz zu verlaſſen;— er wich und wankte nicht, aber der blattloſe Wipfel wurde durch den Anzug tief hinein in den Strom geriſ⸗ ſen und ein Schrei der Angſt rang ſich gewaltſam aus der Bruſt der ſonſt gerade nicht ſehr empfindſamen Bootsleute, als plötzlich, im entſcheidenden Moment, der ganze weitäſtige Baum, mit ihrem feſt darangeklam⸗ merten Kameraden in der gelben, ſprudelnd aufgähnen⸗ den Fluth verſchwand. Es war aber auch nur ein Augenblick, denn gleich darauf tauchten wieder einzelne Spitzen aus der kochen⸗ den Stromfläche empor, und während das tolle An⸗ 6 15 ſchäumen der Waſſer, gegen den breiten Bug des Flat⸗ boots und das raſche Herumſchwenken ſeines Sterns verrieth, wie es wirklich und glücklich von dem ſo keck befeſtigten Tau gehalten werde, kam auch das naſſe, von langem braunen Haar umklebte Geſicht des Bootsmanns wieder zum Vorſchein der die Augen nur eben weit ge⸗ nug öffnete, den Ort zu erkennen wo das Tau ſaß, dieſes dann raſch ergriff, den angefangenen Knoten erſt noch feſter durch ein zweites Umſchlagen ſchürzte, und ſich nun an jenem, ſo ſchnell als möglich zum Boot hinaufarbeitete, da er nicht mit Unrecht fürchtete durch den hier wirbelnden und reißenden Strom unter das Boot gezogen zu werden, wenn er es mit Schwimmen erreichen wollte, denn die Anziehungskraft ſolcher flachen „Bottoms’ iſt ungemein ſtark und äußerſt gefährlich. Aller Arme ſtreckten ſich ihm hier entgegen, und während ihm noch ein Theil vollends heraufhalf, be⸗ mühte ſich der Andere, das Tau auch am Bord ordent⸗ lich und ſicher zu befeſtigen. Das Ganze aber hatte kaum ſo viele Secunden gedauert, als ich hier Minuten „Zeit zum Erzählen brauchte, und noch ſtanden die Män⸗ ner, über die Tollkühnheit des Kameraden plaudernd zu⸗ ſammen, als auch dieſer ſchon wieder in trockenen Klei⸗ dern oben erſchien und ſich behaglich auf ſeine dort ausgebreitete Decke ſtreckte. Das Abendeſſen, was vor⸗ her durch den ſchnellen Aufruf zum Rudern unterbrochen war, wurde jetzt beendet, wobei der Whiskeybecher fleißig im Kreis herumging, und die Mannſchaft ſchien ſich überhaupt, mit der ſolchen Leuten eigenen Sorgloſigkeit, ungeſtörtem Frohſinn hinzugeben, da ja für den Augen⸗ lick jede Gefahr und Ungewißheit beſeitigt war, und ihr 4 3 Bopt ſicher und ruhig vor ſtarkem Taue lag. Brach ſich mit der Morgendämmernng der Nebel, ſo konnten ſie dann ruhig und bequem ſtromabtreiben und ihre Fahrt beenden. Mürriſch ging Blackfoot indeſſen an Deck auf und ab, während ſich Bill dagegen den Zechenden anſchloß, und in beſter Laune von der Welt, wie mit dem jetzigen Beilegen des Bootes vollkommen einverſtanden ſchien. Cdgeworth hielt ſich von ſeinen Leuten etwas abgeſon⸗ K ert, und ſprach nur einmal, als er an ihm vorüber⸗ 3 ging, einige Worte mit Bob Roy, während ſich Mrs. Cverett in ihr Zelt zurückzog und dort Gott in heiß⸗ brünſtigen Gebeten anflehte, ſie Alle aus einer Gefahr zu retten, die um ſo peinlicher und fürchterlicher war, da ſie ihren Wufang wie ihre Nähe nicht einmal kannten. 17 Nach und nach wurde es ruhiger an Deck— die Leute waren meiſtens in ihre Schlafcojen hinabgegangen, nur Blackfoot und der Steuermann lagen, dieſer am Steuer, der andere dem Vordertheil des Bootes näher, wo das Springtau an Bord befeſtigt war, und zwar mit ſeinem Kopf auf dem Coil deſſelben. Edge⸗ worth hatte ſich gleichfalls mehr nach vorn, aber dicht an dem dort aufgeſchichteten Gepäck ein Lager geſucht, neben dem auch Wolf, dicht zuſammengerollt, ſchlief und träumte. Obgleich Edgeworth aber ſtill und regungslos da⸗ lag, ſo ſchlief er doch keineswegs und horchte vielmehr mit, durch innere Aufregung noch mehr geſchärften Sinnen, ſelbſt dem leiſeſten Geräuſch was ihn umgab. Das heute Erlebte ließ ihn nicht ruhen und er konnte auch kaum noch einen Zweifel hegen, daß jene beiden Männer, ſein Steuermann und der fremde Händler, ein Einverſtändniß und zwar zu unrechtlichen, ja vielleicht gar gewaltthätigen Zwecken mitſammen hatten. Was es aber auch ſei, er fürchtete es nicht, und es lag ihm jetzt faſt eben ſo viel daran ihre Plane zu ergründen ¹ 4,. und zu nichte zu machen, als die Schuldigen zu gleicher Zeit zu ergreifen, und der ſtrafenden Gerechtigkeit zu über⸗ 3 liefern. III. 18 Mehre Stunden waren ſo verfloſſen und dunkle rabenſchwarze Nacht lag auf dem Strom— lautloſes Schweigen herrſchte, und nur das Waſſer ſchäumte und rauſchte um die emporragenden Aeſte der Sycamore, und gegen den breiten Bug des Flatbootes an. Oben vom Himmel aber, doch nur gerade über ihren Häuptern, denn der Nebel erlaubte ihnen nicht in ſchräger Richtung ſeine finſteren undurchſichtigen Maſſen zu durchdringen, blitzten einzelne Sterne, wie aus mattem Schleier her⸗ nieder, und vom nicht ſernen Ufer trug dann und wann ein ſtarker Luftzug das Quacken der Fröſche und den einſamen Ruf des Whippoorwill herüber. Es war eine ſtille, aber unfreundliche Nacht auf dem gewaltigen Strom— die ungeſunden Dünſte der Niederung roll⸗ ten in immer dichteren Maſſen hervor, und miſchten ſich mit dem zähen Nebel des Miſſiſſippi, und wenn der Himmel auch klar und heiter darüber ausgeſpannt blieb, ſo fiel doch ein häßlicher feuchter Schwaden nieder, und durchnäßte die ihm Ausgeſetzten faſt ſtärker, als es ein derber, aber ſchnell vorübergehender Regen gethan haben würde, da die feinen Theile dieſer Ausdün⸗ ſtungen in alle Poren der ihnen erreichbaren Körper eindrangen. Bill, der ſchon ſeit einigen Minuten mehrmals den — —- 19 Kopf erhoben und über das ruhige Boot hingehorcht hatte, warf jetzt ſeine Decke von ſich und ſtand leiſe auf. Nichts regte ſich, und die ausgeſtreckten Geſtalten Blackfoots und des Alten waren das Einzige was ſeinem Blick begegnete. Leiſe und vorſichtig ſchritt er dem Bug zu und lauſchte hier mehre Minuten aufmerkſam irgend einem entfernten Geräuſch.— Er kannte es gut genug, es war das Schäumen der Waſſer an der gar nicht weit mehr entfernten Drift. Trieb das Boot von hier fort, ſo führte es die Strömung unrettbar gegen den künſtlich gebildeten Damm von Einundſechzig, wo es, wenn die Ruder nicht ſcharf dawider anarbeiteten, auf jeden Fall feſtrennen mußte. Nur eins blieb zu fürchten— der Ruck den das Boot that, ſobald es ſich in ſolcher Strömung von ſei⸗ nem Taue befreite oder plötzlich von ihm getrennt wurde, mußte faſt die Schläfer erwecken, die überhaupt auf län⸗ geren Reiſen eine Art gemeinſames Leben mit ihrem Fahrzeug zu haben ſcheinen und faſt jeden Stoß, jede unregelmäßige Bewegung deſſelben ſo genau fühlen, als ob die Einwirkung unmittelbar auf ſie ſelbſt geſchähe. Fanden ſie dann das Tau durchſchnitten ſo war ein Ver⸗ dacht unvermeidlich und die Folgen konnten für ſie Beide nicht allein gefährlich werden, ſondern es blieb auch ziem⸗ * 2* * lich wahrſcheinlich, daß ſich die Hooſier in dieſem Falle aus Leibeskräften in die Finnen legen würden, um ihr Fahrzeug ſo lange ſte noch wußten auf welcher Seite das nächſte Land eigentlich lag, auch in der, im Navi⸗ gator angegebenen Strömung zu halten. „Iſt es Zeit?“ frug da Blackfoot, der dicht neben ihm lag und vorſichtig den Kopf hob. „Ja“ ſagte Bill leiſe—„aber ich weiß nicht—“ er ſah auf den Kameraden nieder und bemerkte wie die⸗ ſer, ohne weiter eine Erklärung ſeiner Abſicht zu geben, den Arm ausſtreckte, ſo, daß ſeine Hand auf das feſt und ſtramm angeſpannte Tau zu liegen kam; im näch⸗ ſten Moment vernahm das ſcharfe Ohr des Steuermanns das Reißen einzelner Hanf⸗Faſern. „Gut murmelte er leiſe, und lächelte ſtill vor ſich hin—„ſehr gut— wenn Du aber—“ Blackfoot winkte ihm ungeduldig ſich zu entfernen, um die Aufmerkſamkeit der vielleicht Erwachenden nicht unnützerweiſe hierherzulenken, und Bill, nachdem er noch einen flüchtigen Blick umhergeworfen, folgte ſchnell der Aufforderung, deren Zweckmäßigkeit er ſelber ein⸗ ſah. Eben ſo leiſe als er gekommen ſchritt er wieder 21 auf ſeinen früheren Platz zurück und warf ſich hier, in ſeine Decke gehüllt, aufs neue auf die gebogenen Plan⸗ ken nieder, jetzt aber mit dem Geſicht dem Steuerruder zu, daß er, ſobald ſich das Boot von ſeinem Halte los⸗ riſſe, die Richtung die es nähme im Auge behalten und ſeine Berechnung der Inſelnähe danach machen könnne. Edgeworth hatte, als der Steuermann nach vorn ging, vorſichtig nach ſeiner Büchſe gegriffen und den Kopf gehoben, um zu ſehen was jene mitſammen trieben. Die ſtille Nacht trug ihm auch die leiſe gemurmelten Laute einer Stimme aber nicht die Worte ſelbſt herüber, und als er bald darauf die lange Geſtalt ſeines Lootſen wieder auf ihren früheren Platz ſchreiten ſah, und hörte wie ſie ſich dort an Deck ſtreckte, ließ auch er den Kopf zurückſinken auf ſein hartes Kiſſen, und das matte Blinken der auf ihn niederſcheinenden Sterne, das me⸗ lancholiſche monotone Rauſchen der Waſſer, das Mur⸗ meln und Plätſchern des raſch vorbeifluthenden Stro⸗ mes fing bald an den Schlummer auf ſeine müden Augenlider herabzuziehen. Es dauerte nicht lange, ſo verſchmolzen die äußeren ihn umgebenden Scenen mit ſeinem inneren Geiſt, und Traum und Phantaſte führte ihn zurück zu den Ufern des Wabaſch, an das Grab ſeines Sohnes, über dem die kreuzbezeichnete Eiche rauſchte und wunderlich wilde Weiſen in ihren weit⸗ ausgeſtreckten Aeſten und Zweigen ſang und mur⸗ melte. Das ſtarke Tau aber, durch welches ſein gefährdetes Boot an ſicherem Ankerplatz gehalten wurde, zitterte und zuckte unter der leichten doch ſcharfen Schneide des feindlichen Stahls— Faſer nach Faſer gab wieder⸗ fibrirend nach und kaum ein Drittheil des Ganzen hielt noch die gewaltige an ihm hängende Laſt. Blackfoot lag jetzt ebenfalls regungslos ſtill— er erwartete gedul⸗ dig die Wirkung des einmal verletzten Taues, das aber ſchien in ſeinem letzten Theile auch ſeine zäheſte Kraft vereinigt zu haben und ein kaum daumenſtarkes Seil ſtemmte ſich wacker gegen Strömung und Fluth der auf es eindringenden Waſſermaſſe. Da glitt noch einmal, raſch und vorſichtig die ſcharfe Schneide über die ſchon ohnedieß zum Zerſpringen angeſpannten Faſern hin, von denen zum Beſtehen des Ganzen keine einzige mehr entbehrt werden konnte.— Blackfoot hörte wie in raſcher Reihenfolge eine nach der andern ſprang und jetzt— ängſtlich und ſelbſt erſchreckt hob er den Kopf — jetzt riß auch der letzte ſchwache Halt und mit plötz⸗ lichem Ruck, aber ſonſt ſtill und geräuſchlos, verließ das 23 Boot im nächſten Augenblick pfeilgeſchwind die alte Sycamore, die nun, von ihrer gewaltigen Laſt befreit, in dem ſie umſchäumendem Strome auf und nieder⸗ flog, und ſich der neugewonnenen Freiheit in grimmer Luſt zu freuen ſchien. II. Die Entſcheidung.— Das Zeichen und der Erfolg. Der entſcheidende Schritt war gethan— das Boot trieb in der reißenden Strömung raſch hinab, der Inſel und ſeinem ſicheren Verderben entgegen, die aber, über deren Haupte das haargehaltene Schwert noch hing, träumten ruhig fort und ſchienen Alles das, was am vorigen Abend ihre Seelen mit Beſorgniß erfüllt hatte, vergeſſen zu haben; ſelbſt Mrs. Everett, durch die Auf⸗ regung der vorigen Stunden ermüdet, lag in leichtem Schlummer auf ihrer für ſie unter dem Zelt ausgebrei⸗ teten Decke. Bill war jetzt aufgeſtanden und ſchlich nach vorn, zu dem Gefährten der, als er ſeinen Schritt auf den —y — a — J 2 — 25 ſchwanken Bretern mehr fühlte als hörte, den Kopf emporhob und dann leiſe ſeinem Beiſpiel folgte. „Wir ſind dicht an der Inſel“ flüſterte Bill, als er an jenes Seite ſtand—„ich höre ſchon den Bruch der Waſſer in den an der oberen Spitze hineingeworfenen Wipfeln. „Das hab' ich auch gehört“ erwiederte Blackfoot mit vorſichtig gedämpfter Stimme—„aber es kommt mir faſt ſo vor, als ob es zu weit rechts wäre, möglich könnte es doch ſein, daß uns die Strömung weiter hinü⸗ bergenommen hätte als wir jetzt erwarteten; am Ende iſt's beſſer Du gehſt an's Steuer und lenkſt den Bug ein klein wenig rechts hinüber— vorbei fahren wir an der rechten Seite auf keinen Fall.“ „Das geht nicht“ ſagte Bill—„das Knarren des ſchweren Ruders würde die Schläfer, oder doch auf je⸗ den Fall den Alten wecken— pſt— der Hund knurrt ſchon; wenn ich nur die verdammte Beſtie über Bord hätte.“ „Dort drüben hör' ich Land!“ flüſterte Blackfoot raſch—„das muß bei Gott die Inſel ſein, und zwar rechts— Höll' und Teufel, wie weit uns der Strom hinübergetrieben hat. Wie wär's denn, wenn wir die Mannſchaft raſch an Deck und an die Finnen riefen.— 26 Die Burſchen ſind jetzt alle ſchlaftrunken, und werden ſich, wenn ſie das zerriſſene Tau ſehen, aus Leibeskräften auf die Sandbank rudern.“ „Vielleicht“ ſagte Bill kopfſchüttelnd,„und wenn wir das verbürgt wüßten, wäre der Plan vorzüglich, wollen ſie aber nicht ſo haben wir verſpielt oder ſetzen uns ſelbſt faſt gewiſſer Todesgefahr aus; nein ſobald wir noch eine Meile etwa weiter unten ſind, mag ſie mein Schuß wecken, vorher aber ſchieben wir die ſchwere Kiſte, die dicht an der Luke ſteht, über dieſe, und daß nachher aus der keiner der Eingeſperrten herausklettert, ſoll neine Sorge ſein. Du fertigſt indeſſen raſch den Alten ab— Dein Schuß mag zugleich unſer Signal werden, und wir ſchlagen ſo, während Du von ſeiner Büchſe nicht das Mindeſte zu fürchten haſt, zwei Fliegen mit einer Klappe. Wenn Du nachher mit Deinem Kolben das hier zu Larbord angebrachte kleine Küchenfenſter be⸗ wachſt, damit uns von da an keiner an Deck ſteigt, ſo haben wir die ganze Geſellſchaft wie in einer Rattenfalle gefangen und können ſie nachher einzeln, wie wir ſie herauf laſſen, abfertigen. Die Burſchen drüben werden doch aufpaſſen?“ „Ei gewiß!“ rief Blackfoot—„das Enterboot wird ſchon nach Deinem Brief ſeit geſtern Abend unun⸗ — 27 terbrochen von ſich ablöſenden Wachen beſetzt gehalten, und ſtößt in dem Augenblick wo es den Schuß hört vom Lande; das zweite Boot folgt dann augenblicklich nach. Es ſchadet übrigens Nichts, wenn wir auch an der Inſel hier vorbeitreiben, ſobald die Unſeren an Bord kommen legen wir uns in die Ruder, und ſind nachher mit leichter Müh im Stande die Nothröhre zu erreichen— das wird Kelly ohnedieß lieber ſein, als wenn wir das Boot gleich oben hätten aufrennen laſſen.“— „Deſto beſſer“ ſagte Bill—„aber jetzt laß uns auch keinen Moment länger verlieren— wir müſſen ſchon ein hübſches Stück an der Inſel herunter ſein. Wetter— die Kiſte iſt ſchwer— nimm Dich in Acht, daß ſie nicht ſo ſcharrt.“ „Das wird's thun— ſo—“ flüſterte Blackfoot— „die kleine Ecke—“ „Nein— wir dürfen kein Luftloch laſſen— mehr hier an dieſer Seite“ erwiederte ihm raſch der Steuer⸗ mann und Beide ſtemmten eben wieder, alles Andere um ſich her vergeſſend, die Schultern gegen die ſchwere rieſige Kiſte an. Der alte Mann indeſſen, den Müdigkeit zu kurzem 28 Schlummer übermannt hatte, ſchlief keineswegs feſt ge⸗ nug um alles das, was keineswegs geräuſchlos um ihn her vorging, zu verträumen; der Schritt des Steuer⸗ manns, der als er an ihm vorüberſchlich, auf dieſelbe Planke treten mußte auf der er lag— da die Deck⸗ Breter ſolcher Flatboote ſtets über das ganze Fahrzeug von Larbord nach Starbord hinüberreichen, und zwar an beiden Seiten etwas niedergebogen, in der Mitte dage⸗ gen rund erhöht ſind— wie das leiſe Knurren ſeines Hundes, hatten ihn geweckt, und wenn er auch regungs⸗ los ſeine Stellung beibehielt, ſo lauſchte er doch mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit den leiſe geflüſterten Lau⸗ ten der beiden Männer; das Boot glaubte er aber na⸗ türlich noch immer an ſeinem früheren Platz feſtgebunden. Da fiel ſein Blick zufällig auf einen dunklen Schatten, der nicht weit von ihnen feſtzuliegen ſchien. Noch halb im Schlaf blickte er darauf hin und wunderte ſich, daß ſte dem Lande ſo nahe wären; plötzlich aber richtete er ſich erſchreckt empor— der Gegenſtand den er ſah, be⸗ fand ſich ja auf der Starbordſeite und ihr Boot, das mit dem Bug ſtromauf gehalten wurde, hatte jetzt doch das Land auf Larbord— „Träum' ich denn?“ flüſterte er halblaut vor ſich hin—„iſt denn das da nicht der ſchwimmende Wipfel „—— 29 eines Baumes?— bei Gott— die Schildkröte treibt!“ Raſch ergriff er die Büchſe, ſprang empor und ſah wie die beiden, ihm jetzt ſchon mehr als verdächtigen Männer eifrig bemüht waren, die eine der Kiſten dem Rande des Bootes zuzuwälzen. „Halloh da!“ rief er faſt unwillkürlich aus und ſein Fuß ſtampfte das Deck— ſein Zeichen für Bob Roy raſch heraufzukommen—„beim ewigen Gott, wir find los—“ „Da haſt Du's“ brummte Bill—„nun geht der Tanz los— jetzt mach ſchnell und fertige ihn ab.“ „Nun?— weirdet Ihr Rede ſtehen?— was iſt das? mein Woot ſchwimmt— was ſoll's mit der Kiſte dort?“ „Werd es Dir gleich auseinanderſetzen“ knurrte Blackfoot vor ſich hin und ſprang nach ſeiner Büchſe, die er neben ſich hingelegt hatte um bequemer an der Kiſte arbeiten zu können. Edgeworth ſtand halbverdeckt von einem großer Koffer, der ebenfalls auf anderem Ge⸗ päck lag; der Pirat aber nahm die Büchſe in Anſchlag und that raſch noch ein paar Schritte nach vorn, um die Bruſt ſeines Feindes frei zu bekommen und ein ſichereres Ziel zu haben. „Söll' und Teufel!“ ſchrie in dem Augenblick Bob Roy von unten—„wer hat den Eingang hier verſperrt? Bahn frei, ihr Schufte, oder Euch ſoll der—“ ſeine Rede wurde in gewaltſamen wenn auch noch erfolg⸗ loſen Verſuchen erſtickt, die mächtige Laſt zu lüften, denn die eine Leiterſproſſe, auf der er ſtand, konnte das ſo übermäßig vermehrte Gewicht nicht tragen und brach unter ihm. Der augenblickliche Verſuch war aber dennoch hinreichend geweſen Bill davon zu über⸗ zeugen, wie die Laſt einem erneuten, und von Mehren ausgeführten Angriff vielleicht doch nicht widerſtehn konnte. Einen flüchtigen Blick nach dem alten Edge⸗ worth hinüber werfend, rief er dem Gefährten alſo ſchnell zu: „Schieß ins drei Teufels Namen und gieb damit das Zeichen— wir könnens vielleicht brauchen“ und er hatte die letzten Sylben noch nicht ausgeſprochen, als auch ſchon der ſcharfe Krach einer Büchſe durch die ſtille Nacht dröhnte. Raſch wandte er den Kopf, den Erfolg zu beobach⸗ ten, fuhr aber mit wildem Fluch empor, als er ſah wie ſein Kamerad, die Büchſe hoch in der Hand, taumelte, ein paar Schritte nach vorn that, und dann ſchwerfällig — —— 31 an Deck nieder ſtürzte. Der alte Jäger, mit der eige⸗ nen Waffe ſchußfertig, hatte kaum geſehn wie ſein Feind die Maske abwarf und die Büchſe zum tödtlichen An⸗ griff erhob, als er auch raſch ſein treues Rohr in die Höhe riß und die Kugel, mit faſt nie fehlender Sicher⸗ heit, durch den Kopf des Verräthers ſandte. Hiermit aber nicht zufrieden— denn er mußte jetzt natürlich in ſeinem eignen Steuermann einen eben ſo feindlichen Gegner vermuthen— ſprang er raſch vor, um ſich der noch geladenen Waffe zu bemächtigen; Bill jedoch, wußte ſeinerſeits eben ſo gut wie er, daß er, wenn jener ſeine Abſicht wirklich ausführte, ganz in deſſen Hände gegeben ſein würde, was vielleicht ſein Schickſal entſchied, ehe ihm die Kameraden noch zu Hülfe eilen konnten. In gleicher Schnelle flog er alſo dem Kampfplatz zu, erfaßte zugleich mit dem alten Mann das Rohr und ſchrie dabei mit vor Wuth erſtick⸗ ter Stimme: „Warte Canaille— warte— hab' Deinem Sohn in die Ewigkeit geholfen, und will ihm jetzt den Alten nachſchicken— wahr' Dich mein Burſche“— und mit rieſtger Kraft, der die alterſchwachen Sehnen des Grei⸗ ſes nicht widerſtehen konnten, entriß er dieſem die Waffe, die ſich in demſelben Augenblick entlud, die Kugel jedoch harmlos in die Luft ſandte. Wer weiß übrigens, wie diefer Kampf für den alten Mann geendet haben würde, denn die beſchriebenen Vorgänge folgten blitzesſchnell aufeinander, und der ſchwere Kolben einer amerikaniſchen Büchſe war ein faſt noch tödtlicheres Werkzeug in der Hand eines ſolchen Giganten, als das bloße Kugelrohr; die Worte aber die dieſer ſprach, wirkten mit wahrhaft elektriſcher Kraft auf die faſt ſchon ermatteten Arme des Alten. „ Ha— Mörder— Mörder!“ ſchrie er und fuhr in wildem, ſein eignes Leben mißachtenden Sprung nach der Kehle des Buben, daß dieſer dem raſchen und ſchon nicht mehr vermutheten Angriff kaum begegnen konnte. Er faßte nur gerade noch die ihm Vexderben drohende Hand und preßte ſie zwiſchen ſeine Eiſenfinger, hob aber auch zu gleicher Zeit mit dem rechten Arm die gewon⸗ nene Büchſe und wollte ſie eben auf das Silberhaar des Greiſes niederſchmettern, als ein anderer Feind auf dem Kampfplatz erſchien. 1 Wolf, der bis dahin den Lärm nur in ſo weit beachtet hatte, daß er nach dem erſten Schuſſe aufgefah⸗ ren und raſch von einer Seite des Boots zur anderen gelaufen war, das erlegte Wild zu erſpähen— denn ſein Herr hatte ſchon früher manchmal Wildenten und andere 8 33 8 2 Waſſervögel von Bord aus geſchoſſen, ſah jetzt kaum den Kampf und hörte die in Wuth faſt erſtickte Stimme ſeines Herrn, als er wild nach dem Nacken des ihm ohnedieß verhaßten Steuermanns fuhr, und dieſen da⸗ durch zwang die Büchſe fallen zu laſſen. Edgeworth hatte ihn indeſſen um den Leib gefaßt, und alle drei ſtürzten ringend an Deck. Die, durch die ſchwere Kiſte in den Raum geſchloſſe⸗ nen Leute waren aber unter der Zeit auch nicht müßig geweſen und hatten, durch raſch hingerollte Fäſſer erhöht, die eigenen Rücken unter die Laſt gedrückt und dieſe mit gemeinſamer Kraft doch wenigſtens ſo wiit von ihrer Stelle geſchoben, daß ein einzelner Mann ſich hindurch zwängen konnte. Dies hatte Bill auch ſchon früher be⸗ rechnet und ſein Plan war demnach ganz richtig geweſen; konnte er an ſeinem Poſten bleiben, ſo vertheidigte er dieſen Engpaß, ohne die mindeſte Gefahr für ſich ſelbſt, ſo vollkommen, daß jeder rettungslos verloren ſein mußte, der den eigenen Schädel in den Bereich des feind⸗ lichen Armes brachte. Jetzt ſah er ſich dagegen ge⸗ zwungen dieſen Platz zu verlaſſen und die Liſt mit dem Unſchädlichmachen des Gewehres war eben⸗ falls nicht allein geſcheitert, ſondern ein wirklicher und gefährlicher Gegner erwuchs ihm ſogar da, wo er vor⸗ III. 3 34 her nur einen alten Mann geglaubt hatte, den die Kugel des Kameraden noch überdies ſchnell beſeitigen würde. Bob Roy preßte ſich zuerſt aus dem engen Raum heraus und flog ſeinem„Capitain“ wie der Alte ge⸗ wöhnlich genannt wurde, zu Hülfe. Der Kampf war bald entſchieden, trotzdem aber, daß er dem übermannten Verräther das eben gezogene Bowie entwand und ihn, * der in wilder Verzweiflung gegen die Uebermacht an⸗ kämpfte, vollkommen unſchädlich machte, konnte er den Greis nicht bewegen ſeinen Halt loszulaſſen, und in blin⸗ der nichts mehr achtender Wuth hing der alte Mann mit der einen Hand feſt eingeklammert in den Kleidern von ſeines Sohnes Mörder, während ſeine Augen, die faſt aus ihren Höhlen drängten, ſtier auf dem bleichen Antlitz deſſelben hafteten und die andere convulſtviſch zitternde Hand vergebens nach dem, ihm im Kampfe ent⸗ fallenen Meſſer an ſeinem Körper umherſuchte. Wolf, der ſeinen Herrn noch immer in perſön⸗ lichem Kampfe ſah, dachte eben ſo wenig daran loszu⸗ laſſen und hielt Halstuch und Rockkragen des gefange⸗ nen Verbrechers ſo feſt, als ob er ihn im Leben nicht wieder frei geben wollte. — — Die übrigen Ruderleute kletterten jetzt ebenfalls nach, banden mit einzelnen an Deck liegenden Seilen den unausgeſetzt dagegen anwüthenden Lootſen, und ſuchten nun den alten Mann zu bewegen ihn ihrer Wachſamkeit zu übergeben; da richtete ſich Bob Roy plötzlich auf und rief, während er über Bord hinüber horchte:— „Still— ich höre ein Ruderboot— dort drüben iſt's.“— 4 „Boot ahoi!“ ſchrie da plötzlich der gebundene * Steuermann und verſuchte mit letzter Anſtrengung eine kleine, an einer Schnur ihm locker um den Hals hän⸗ gende Pfeife zu erfaſeen—„ahoi— ih“ und der „ letzte Ruf drang gellend über die ſtille Waſſerfläche; 3 Bob Roys Hand lag aber in der nächſten Secunde feſt auf ſeinem Mund, während er raſch und flüſternd ſagte— „Halt— um Gotteswillen ſtill— mir fängt die Sache an klar zu werden— einen Knebel her— raſch, und Ihr hier Leute, bei Euerem Leben keinen Laut mehr.“ Ein ſcharfer Schrei, wie ihn der Nachtfalke manch⸗ mal ausſtößt, wenn er in ſtürmiſcher Nacht die Luft mit 3* den ſtarken Fittichen ſchlägt, antwortete und ſchien des Bootsmanns Verdacht beſtätigen zu wollen, dieſer flü⸗ ſterte aber jetzt leiſe:— „Ruhig— rühre ſich keiner von Euch— dieſer Bube hier gehört mit zu jenem Boot— ſind wir aber ſtill, ſo können wir ihnen vielleicht in dem Nebel und in ſo finſterer Nacht entgehn— haltet ihm die Füße feſt— der Beſtie liegt jetzt nur daran einen Laut von ſich zu geben— Mr. Edgeworth nehmen Sie den Hund zu ſich, ein einziges Bellen von ihm könnte unſer Aller Tod ſein— Pſt—“ „Ahoi— ih“— rief in dieſem Augenblick die Stimme aus dem Boot herüber—„Bill— ahoi ih, hol Dich der Böſe! ſo antworte doch!“ Edgeworth lauſchte, ſeinem Halt an dem Ge⸗ fangenen jetzt zum erſten Mal entſagend, aufmerkſam nach jener Richtung hin, während die Männer den faſt raſenden Steuermann nur mit größter Anſtrengung und allein durch ihr ſämmtliches Gewicht ſo niederhalten konnten, daß er nicht im Stande mehr war auch nur ein Glied zu regen. Da knarrte ihr Steuerruder ein wenig und Bob 3. Roy ſchritt raſch dorthin zurück und wollte es, um auch — 37 den geringſten, ihnen Gefahr drohenden Laut zu ver⸗ meiden, aus dem Waſſer heben, aber es war ungewöhn⸗ lich ſchwer— irgend ein fremdes Gewicht mußte daran hängen und der Bootsmann ſuchte mit vorgebeugtem Kör⸗ per zu erſpähen, was die Urſache deſſelben ſei.— Die Nacht war jedoch ſo dunkel, und die lange Steuerfinne reichte ſo weit ab vom Boot, daß ihm das unmög⸗ lich wurde— er erkannte wohl auf dem etwas heller ſchimmernden Bret einen dunklen Gegenſtand, was die⸗ ſer aber ſei, oder aus was er beſtehe, konnte er nicht beſtimmen; drückte alſo die Ruderfinne, ſoweit es die Laſt erlaubte, an Deck nieder und verhinderte dadurch, indem er ſie in dieſer Lage hielt, das ihnen ſonſt ge⸗ fährlich gewordene Knarren derſelben. „A— hoi— ih!“ riefen jetzt plötzlich die Män⸗ ner in dem Ruderboot und zwar gar nicht weit mehr entfernt, aber etwas mehr in den Strom hinaus als früher— a hoi ih— Bill— wo zum Teufel ſteckſt Du?“ Bill machte einen neuen, verzweifelten Verſuch auch nur ein Zeichen ſeines Daſeins von ſich zu geben, vier kräftige Männer lagen aber über ihn hingebeugt und acht Arme hielten jedes ſeiner Glieder wie mit eiſerner Banden an Deck gezwängt— nicht einmal den Kopf 38 konnte er auf die Breter niederſchlagen, obgleich er ſelbſt den Verſuch machte. Einer der Leute, der ſeinen lin⸗ ken Arm umklammert hielt, nahm den zwiſchen die Knie und hielt ihn da wie in einem Schraubſtock. Das Boot kam jetzt— nach den Ruderſchlägen konnten ſie es deutlich hören— wieder zurück und es war faſt, als ob es in gerader Richtung hinter ihnen herfahre— eine Pauſe fürchterlicher, peinlicher Erwar⸗ tung machte faſt den Athem der Männer ſtocken— die Verfolger konnten kaum zwanzig Schritt von ihnen ent⸗ fernt ſein, und mit jedem Augenblick erwarteten ſie den Ruf, daß ſie entdeckt wären. Da hörten, für kurze Zeit, die Ruderſchläge auf.— Jene hielten wahrſcheinlich eine kurze Berathung, wohin ſte ihren Cours richten ſollten, denn einige Minuten lang blieben ſte halten, und ſo nahe lagen ſie damals dem Flatboot, mit dem ſie jetzt ſtromab trieben, daß ſie auf dieſem die Stimmen von dort herüber hören und ſogar abgebrochene Worte und Flüche verſtehn konnten. Endlich griffen die fremden Bootsleute wieder zu den Rudern— ſte fürchteten ſicherlich zu weit hinab zu kommen und dann im Nebel den Rückweg zu miſſen; dicht hinter dem In⸗ dianaboot ſtrichen ſte vorbei, und zwar dorthin zu wo Edgeworth Land vermuthete, und gleich darauf tönte 8 5 39 noch einmal der frühere Ruf über den Strom— er wurde nicht beantwortet und lautlos glitt die Schild⸗ kröte mit der Fluth fort, während die Ruderſchläge nach und nach in immer weiterer Ferne langſam ver⸗ ſchollen. III. Georginens Verdacht.— Kelly rettet ſeinen Neger. Es war an demſelben Abend, freilich mehre Stun⸗ den ſpäter, an welchem Kelly im„grauen Bären“ jene Anordnungen traf, die den Schlag, wenn auch nicht von ihren Häuptern abwenden, doch ihn noch auf⸗ halten ſollten, bis ſte ſelbſt einer Entdeckung wie Verfol⸗ gung lachen konnten, als Georgine, die Königin dieſes Verbrecherſtaats, mit raſchen ungeduldigen Schritten in ihrem kleinen prachtvollen Gemach auf⸗ und abging, und nur dann und wann am Fenſter ſtehn blieb um hinaus⸗ zuhorchen, als ob ſte Jemanden erwarte, der immer und immer noch nicht kommen wolle. Die Augen des ſchönen Weibes glühten in Zorn und Unmuth, ihre kleinen ſchwellenden Lippen waren 41 feſt zuſammengepreßt, ihre feingeſchnittenen Augenbrau⸗ nen berührten ſich faſt und der zierliche Fuß ſtampfte mehrmals in rückſichtslos ausbrechendem Unmuth den teppichbelegten Boden. Kelly hatte am Donnerſtag Morgen, faſt mit Tagesanbruch, die Inſel verlaſſen und ſte ſeit der Zeit nicht wieder betreten, ihr ausgeſandter Bote, der Meſtize, ein Knabe den ſie aufgezogen und der ſich nur ganz und allein ihrem Dienſt geweiht hatte, war ebenfalls nicht zurückgekehrt und ihre Gefangene entflohen— Gott allein wußte wohin; Grund genug ein Gemüth wie das ihre zu äußerſter Aufregung zu treiben. Zwar hatte ſie ſchon mehre Boten dem Meſti⸗ zen nachgeſchickt, doch umſonſt, keiner konnte ihr Nach⸗ richt über ihn bringen, keiner wollte ihn geſehn haben. Nur noch Einer war jetzt aus— Peter— und lange Stunden hatte ſie in immer peinlicher werdender Un⸗ geduld gewartet, ihn zu ſehn und günſtigen Bericht von ihm zu hören. Endlich konnte ſie das ruhige, unthätige Harren nicht länger ertragen, ſie öffnete raſch und heftig die Thür und wollte eben nach Bachelors Hall hinüberſchreiten, als das ſchmale Eingangsthor knarrte und gleich darauf Peters breitſchultrige Geſtalt aus dem jetzt dicht auf der Inſel lagernden Nebel hervortrat. Dieſer, als er die 3 ziemlich ungenirt auf die blankgeſcheuerten Meſſing⸗ 42 winkende Bewegung der Herrin ſah, ſchritt auf ſte zu und mußte ihr augenblicklich zurück in das Haus folgen, hier aber kündete ſein ernſtes, bedenkliches Geſicht keines⸗ wegs Gutes, und er wollte auch im Anfang gar nicht ſo recht mit der Sprache heraus, Georgine aber, die ihn erſt mehre Secunden lang ſcharf und prüfend firirte, faßte plötzlich ſeine Hand, zog ihn zur eben entzündeten Ampel, die ein ſanftes wohlthuendes Licht über den kleinen Raum warf und flüſterte endlich— als ob ſie durch den leiſen Ton der Frage die gefürchtete Antwort zu mildern hoffe— „Wo iſt Olyo?“* „Ich weiß nicht,“ lautete die mütziſche, kurz her⸗ ausgeſtoßene Antwort des Narbigen, dn dabet den Kopf halb zur Seite wandte und mit der anderen, ihm frei gelaſſenen Hand emſig in ſeiner Taſche nach dem Kau⸗ taback ſuchte. „Wo iſt Olyo?“ wiederholte aber, mit noch drin⸗ genderem, ernſterem Ton die Gebieterin—„Menſch, ſteh mich an, und beantworte mir meine Frage— wo iſt Olho?“ „Ich weiß es nicht— habe ich Euch ſchon geſagt,“ knurrte der Bootsmann und ſpuckte ſeinen alten Taback 3 43 zierrathen des Kamins—„ich bin im ganzen Wald herumgekrochen, hab' ihn aber nicht finden können.“ „Im Wald? weshalb im Wald?“ frug Georgine mistrauiſch—„in der Stadt mußte er ſein, nicht im Wald— weshalb ſuchteſt Du ihn im Wald?“ „Weil er nicht in der Stadt war— Donnerwetter durch die Luft kann er nicht davon geflogen ſein, und da glaubt ich müßt ich ihn entweder in der Stadt, im Wald oder im— oder wo anders finden.— Irgenwo muß er doch ſtecken, aber umſonſt— in der Stadt iſt er nicht, im Wald auch nicht—“ „Und im Waſſer, Peter?— im Waſſer?“ flüſterte Georgine mit kaum hörbarer Stimme. „Im Waſſer?“ ſagte der Bootsmann erſchreckt und blickte ſich ſcheu nach ihr um—„wie kommt Ihr dar⸗ auf?“— Georgine begegnete ſeinem Auge in ſtummem Ent⸗ ſetzen und ſtöhnte endlich— aber ſo leiſe daß er die Worte kaum verſtehen konnte: „Alſo im Waſſer— im Waſſer haſt Du ihn ge⸗ funden? Menſch rede— Du bringſt mich beim ew'gen Gott noch zur Verzweiflung.“ „Nein— auchenicht 1 fagte der Alte und biß ein entſetzliches Stück von ſeinem Taback herunter. 4 gine mit kaum hörbarer Stimme—„er— er traute 44 „Alſo haſt Du doch im Waſſer nach ihm geſucht? Du mußt Verdacht geſchöpft haben— Du glaubteſt ihn dort zu finden— ſprich und reiße mich aus einer Ungewißheit, die fürchterlicher iſt, als ſelbſt die gräß⸗ lichſte Wahrheit ſein könnte.“ „Im Waſſer geſucht? ich?— Unſinn. Weshalb ſollt ich im Waſſer ſuchen?— Harris meinte nur“— „Was meinte Harris, Peter?“ frug Georgine jetzt mit erkünſtelter Faſſung, da ſie bemerkte daß der Nar⸗ bige endlich zu erzählen begann, und ihn irre zu machen fürchtete, wenn ſie ſich nicht ſo viel als möglich be⸗ zwang.—— „Ei nun, daß der Meſtize nicht ans Ufer gekom⸗ men wäre“— fuhr der Bootsmann fort und huſtete dabei ein paar Mal, als ob die Worte nicht recht aus der Kehle wollten—„Harris ſah das Boot an's Land kommen, und wollte gern nachher mit Olyo ſprechen, den einzigen möglichen Weg aber, der von dort aus wo das Boot eingelaufen, in den lichteren Wald führte, hatte er nicht betreten, und kein Menſch antwortete ihm auch, als er ſpäter nach allen Richtungen hin den Namen rief—“ 3 „Olhyo wird ſich verſteckt haben,“ flüſterte Geor⸗ 45 ſicherlich dem Rufe nicht und wünſchte ungeſehen zu bleiben.“. „Ja, das meinte Harris auch,“ fuhr Peter fort, der jetzt durch die angenommene Faſſung der Frau ſelbſt beruhigt und ſicher gemacht wurde,—„das meinte Harris auch, es— es kam ihm aber ſonderbar vor, daß der Neger ſo ſchnell wieder zurückruderte, da er ihn voch eigentlich, wie es am wahrſcheinlichſten geweſen wäre, wenigſtens ſo weit hätte begleiten müſſen, daß er ſich nicht mehr verirren konnte. Bolivar trieb überdies noch ein ganzes Stück ſtromab, ehe er wieder an zu rudern fing, und war indeſſen emſig mit etwas beſchäf⸗ tigt, das jener aber, der weiten Entfernung wegen, nicht erkennen konnte. Nachher wollte er gern ſehen, wo das Boot in der kleinen Bucht in der es eingelaufen, gelan⸗ det wäre— nirgends aber war eine Spur davon zu entdecken und der weiche Erdboden hätte auf jeden Fall ſelbſt den leiſeſten Eindruck bewahren müſſen.“ „Nun?— und was weiter?“ frug Georgine, als jener einen Augenblick ſchwieg und dann unſchlüſſig zu der Frau aufblickte. Aber er ſah nicht das leiſe, kaum merkbare Zucken der Lippen, er ſah nicht das innerliche Beben der ganzen Geſtalt— er ſah nicht wie die eine kleine Hand krampfhaft die Stuhllehne umklammert 8 46 * hielt, auf die ſie ſich ſtützte, als ob ſte in das reichge⸗ ſchnitzte Mahagoniholz die zarten Finger feſt und tief eingraben wollte— nur die todtenbleichen Wangen ſah er und das kalt und ruhig auf ihn geheftete Auge, und fuhr nach kurzem Zögern wieder fort: „— Am Ufer war nichts zu erkennen— aber auf dem Waſſer—“ „Auf dem Waſſer?“ wiederholte Georgine leiſe und tonlos.— „Ei zum Teufel, er kann ſich auch geirrt haben,“ brach da der Bootsmann die Mittheilung plötzlich kurz ab— er wußte recht gut wie Georgine an dem Knaben hing, wenn er auch dafür keinen Grund angeben konnte, und es wurde ihm peinlich eine Geſchichte, die ihm ſelbſt fatal ſchien, ſo aus ſich herauspreſſen zu laſſen, während er ſich doch auch wieder ſcheute gerade von der Leber weg zu reden. Georgine war aber nicht geſonnen ihn ſo wieder loszugeben, da ſie jetzt wohl fühlte er wiſſe mehr als er geſtehn wollte.— „ Er hat etwas auf dem Waſſer ſchwimmen ſehn, Peter,“ ſagte ſte, faſt eben ſo leiſe als vorher—„was war es? verheimliche mir nichts— ſelbſt wenn es nur noch Vermuthung ſein ſollte—“ noch immer nur ein Verdacht den er hat; Olyo kommt „Hm, Unſinn,“ brummte Peter, und ſah ſich ſehn⸗ ſüchtig nach der Thür um, die jetzt feſt auf ihm haften⸗ den Augen des ſchönen bleichen Weibes ließen ihm aber nicht Ruhe noch Raſt, wohin er den Blick auch wenden mochte, er wußte der ihrige war auf ihn geheftet und er knurrte endlich, während er halb trotzig den alten ſchwarzen Filz mit beiden hornigen Fäuſten knetete:— „Zum Donnerwetter, wenn Ihr's denn einmal wiſſen müßt, ſo kann mir's auch recht ſein— Blut meinte er, wär's geweſen, fettige Blutflecke, mit ihren häßlich ſchillernden Farben, die ſich in der kleinen Bucht herumtrieben und, gerade als er den Platz erreichte, dem Einfluß zuſtrömten— auch ein paar gelbe Schaum⸗ blaſen waren dabei— andere als ſie der Regen auf den Fluß ruft. Der ganze Platz ſah unheimlich aus, und ihm, ſagt er, wär' es ordentlich ſo vorgekommen, als ob ſich das ganze Schilf des Ufers hinauf und von dem einſamen Platz fortdrängen wollte.“ „— Hat er die Leiche gefunden?“ flüſterte Georgine, aber ſo leiſe, daß ſie die Frage wiederholen mußte, ehe ſte der Bootsmann verſtand. „Die Leiche? nein Gott bewahre— es iſt ja auch 48 vielleicht heute oder morgen wieder zurück, und dann iſt die ganze Sorge um nichts geweſen.“ 4 „Peter“— ſagte die Frau nach kurzem Sinnen, während ſie die Hände faſt bewußtlos auf der Stuhl⸗ lehne faltete, auf welche ſie ſich jetzt wirklich ſtützen mußte —, willſt Du mir in dieſer Sache— Gewißheit ver⸗ ſchaffen? willſt du mir—“ „Die könnte am Beſten der Neger geben,“ entgegnete ] Peter mürriſch—„aufrichtig geſagt möcht ich auch mit der ganzen Geſchichte nicht viel zu thun haben— der 43 — der Capitain könnt' es nicht gern ſehn!“ „So? vermutheſt Du das auch?“ frug Georgine 5 raſch.—* „Nun ja— er machte ſich ſo nicht beſonders viel aus dem Knaben, und wußte auch daß er ihm aufpaſſen ſollte—“ 1 „Er wußte das? und ſo glaubſt Du vielleicht gar, daß es ihm lieb ſein möchte den Knaben auf ſolche Art los geworden zu ſein— daß es vielleicht gar auf ſeinen Befehl—“ „Bitt' um Verzeihung,“ rief Peter raſch und er⸗ ſchrocken,„ſo lange in meinem Kopf nur ein Fingerhut voll Verſtand bleibt, ſoll ſolche Behauptung wahrhaftig nicht über meine Lippen. Das ſind auch überdies 49 Sachen, um die ich mich nie bekümmere; ich thue meine Arbeit und laſſe den Reſt in Ruh, ſo lange ſie mir eitt Gleiches gönnen.“ 4432 65 „Gut dann, Peter, das iſt recht von Dir, aber—. würdeſt Du Dich weigern mir, wenn ich Dich recht drin⸗ gend darum bäte, einen großen Dienſt zu leiſten, den ich Dir fürſtlich lohnen wollte?“ „Einen Dienſt zu leiſten?— weigern? ei Gott be⸗ wahre, das wäre ja nur eigentlich meine Pflicht und Schuldigkeit, beſonders gegen eine Lady!e „Gut— Du verſprichſt mir alſo meine Bitte zu erfüllen—“ „Wenn ich es kann, von Herzen gern.“— „Gieb mir Deine Hand darauf.“ Peter zögerte, die Sache fing ihm an zu ernſthaft zu werden und es gereute ihn ſchon faſt, ſein Wort ſo ganz beſtimmt gegeben zu haben, Georgine ſtreckte ihm aber die weiße und jetzt marmorkalte Hand ſo bit⸗ tend entgegen, daß er nicht nein ſagen konnte und einſchlug, die Hornfinger ruhten für einen Augenblick in dem weichen Griff der zarten Rechte. „Du haſt Dein Wort gegeben,“ flüſterte jetzt die Frau,„Du wirſt es als Mann nicht brechen wollen.— Nimm Haken und Seile mit— jene Bucht von der . 1II. 4 ———C—C——— 50 Du ſprichſt, wird nicht ſo tief ſein— und ſchaffe mir die Leiche— Du kannſt einen von den Enterhaken mit⸗ nehmen— der, auf dem Boden hingezogen, muß ſich in die Kleider“— ſie hielt einen Augenblick inne und barg das Geſicht in den Händen, gleich darauf aber fuhr ſte mit der vorigen Ruhe und Feſtigkeit fort—„in die Kleider des unglücklichen Knaben einhaken. Die Leiche ſchaffſt Du mir, ſobald Du ſie haſt, hier herüber— Olyo ſoll wenigſtens ein Grab in trockner Erde haben. Willſt Du das thun?“ „Wenn aber Capitain Kelly indeſſen kommt und Maach mir fragt?“ „Die Entſchuldigung Deiner Abweſenheit laß meine Sorge ſein— willſt Du mir die Leiche ſchaffen?“ „Meinetwegen denn, ja“— brummte Peter— „die Bucht iſt höchſtens zehn Fuß tief, vielleicht nicht einmal das, wo aber ſchaffe ich den— den Cadaver „4 hin?“— „Hier in mein Haus— dort, in jenes Cabinet, das Weitere beſorg' ich ſelber. Doch jetzt noch eins— wo habt Ihr den Neger aufbewahrt?“— „Der liegt in dem einen Stall drüben, den ſie für ein zeitweiliges Gefängniß hergerichtet haben,“ ſagte Peter, 51 „Corny iſt heute richtig an den Bißwunden geſtor⸗ ben— es war doch wohl eine Ader geſprengt und nicht recht gebunden, und wir wollen jetzt nur des Capitains Ankunft abwarten, daß dieſer beſchließt was mit dem Schuft werden ſoll. Wenns kein Neger wäre, ſo hät⸗ ten wir uns allerdings nicht ſo viel Müh' um die Sache gegeben, denn Corny hatte ihn auch genug gereizt, und ſte konnten's zuſammen ausmachen, daß ſich aber ein Neger an einem Weißen ungeſtraft vergreifen ſollte dürfen wir doch nicht geſtatten, ſei's auch nur des böſen Beiſpiels wegen, und Capitain Kelly mag deshalb be⸗ ſtimmen was mit ihm werden ſoll; losgeben darf er ihn aber nicht, die Leute ſind förmlich wüthend auf das ſchwarze Fell.“* „Bring ihn hierher!“ ſagte Georgine jest, als ſie wie aus tiefem Sinnen emporfuhr. „Wen? den Neger?“ „Bolioar— gebunden wie er iſt— und— ſchick mir zwei von den Männern mit— wähle ein paar von Cornys Freunden!“ „Hm,“ meinte der Alte,„da bedeutet das wohl nichts Gutes für den Schwarzen— wenn Ihr übrigens glaubt, daß Ihr den zu irgend einem Geſtändniß zwingt, ſo ſeid Ihr verdammt irre— der iſt ſtöckiſch wie ein 4* Mauleſel. Wort zu löſen; wenn Ihr mir und Euch übrigens einen Doch meinetwegen; ich gehe indeſſen mein Gefallen thun wollt, ſo erwähnt nichts gegen den Capi⸗ tain, wenn er etwa kommen ſollte.“ Er verließ mit dieſen Worten das Zimmer, Geor⸗ gine aber, kaum von ſeiner Gegenwart befreit, warf ſich auf die Ottomane, und machte ihrem gepreßten und bis dahin nur gewaltſam bezwungenen Herzen Luft in einem wilden, lindernden Thränenſtrom. Der Schmerz des „ ſchönen leidenſchaftlichen Weibes konnte ſich aber nicht auf ſolch ſanfte Art brechen, ihr Charakter wollte nicht leiden und dulden, er wollte ankämpfen gegen den Druck der ihn beengte und Rache üben an dem, der es wagte ihr feindſelig gegenüber zu treten. Grenzenloſer Liebe war ſie fähig, aber auch grenzenloſen Haſſes und dieſe Leidenſchaften wurden nur verſtärkt, da Zweifel und Ei⸗ ferſucht die eine umnachtete, während noch immer die Gewißheit fehlte, der anderen freien und ungehinderten Lauf zu laſſen. Sie hatte Richard Kelly mit einer Stärke geliebt, die ſie ſelbſt erbeben machte— Alles— Alles hatte ſie ihm geopfert, Gefahren mit ihm getheilt, Verfolguͤng und Noth mit ihm getragen, in ſeinen letz⸗ ten Schlupfwinkel war ſie ihm hin gefolgt— unter dem Auswurf der Menſchheit lebte ſie mit ihm— für ihn — jede Rückkehr in das geſellſchaftliche Leben war ihr abgeſchnitten— ihre einzige Hoffnung auf dieſer Welt er, der einzige Stern zu dem ſie bis jetzt mit Vertrauen und Liebe emporblickte, er, der einzige Gott faſt zu dem ſie gebetet, er und jetzt— zum erſten Mal der fürch⸗ terliche Verdacht— nein, faſt die Gewißheit ſchon, daß er falſch ſei, das Alles machte ihr Hirn ſchwindeln, jagte ihr das Blut in Fieberſchnelle durch die Adern. Er war ſchuldig— wozu brauchte er denn auch ſonſt ihren Boöten zu fürchten— wozu hätte er— großer allmächtiger Gott— die Sinne vergingen ihr, wenn ſie den Gedanken faſſen wollte— das Kind ermorden laſſen.— „Gewißheit!“ ſtöhnte ſie mit krampfhaft gefalteten Händen—„BHeiland der Welt gieb mir Gewißheit, nur Gewißheit, und überlaß das Uebrige mir— Richard, Richard, wenn Du Dein Spiel mit mir ge⸗ trieben—“ 5 Ein Stimmengewirr wurde vor der Thüre laut und als ſie dieſe öffnete ſtanden etwa ein halbes Dutzend der Inſulaner davor, von denen einige Fackeln trugen, An⸗ dere den gebundenen Neger in der Mitte führten, Boli⸗ var ſchritt trotzig zwiſchen ihnen einher, den Kopf um⸗ wand eine Binde, und das eine Auge war ihm, vom —yy——— 54 Kampf mit der Uebermacht, angeſchwollen; des Meſſers hatten ſie ihn beraubt, daß er nicht doch noch Unheil damit anrichte. Georgine trat auf ihn zu, ſah ihm erſt einige Se⸗ runden lang feſt und ſtarr in das halb trotzig halb ſcheu zu ihr aufgeworfene Auge und ſagte dann, während ſie ein kleines ſilberverziertes Terzerol ſpannte und in der Hand hielt, jetzt aber auch in kaum zwei Fuß Ent⸗ fernung von dem Afrikaner ſtehn blieb: „Bolivar— Deine That iſt verrathen— Du biſt in meiner Macht und kein Gott könnte Dich vor der verdienten Strafe retten, wäre nicht noch ein Anderer hineinverwickelt, deſſen Entdeckung mir wichtiger iſt als Dein Leben, Sclave! Du haſt den Knaben, der Deiner Obhut anvertraut wurde— ermordet, in jener Bucht drüben den Leichnam verſenkt. Du ſiehſt ich weiß Alles, jetzt geſtehe aber auch, ſo Dir Dein ſchwarzes Leben nur den Werth einer Glasperle hat, was und wer Dich dazu bewogen. Der Knabe hatte Dir nie ein Leides gethan— er war manchmal übermüthig, nach Knaben Art, aber ſonſt noch faſt ein Kind— in Deinen Hän⸗ den mußte er wie die Taube in des Geiers Krallen ſein. Wer hat Dich alſo gedungen, Menſch, oder weſſen Be⸗ fehlen haſt Du dabei gehorcht. Sprich, denn ich weiß 4 55 Alles, aber ich will nur erſt durch Deinen Mund Gewiß⸗ heit— ſprich!“ „Ich weiß nicht wer Euch all den Unſinn in den Kopf geſetzt,“ knuerte Bolivar,„aber ſo viel iſt gewiß, daß ich hier um nichts und wieder nichts niederträchtig behandelt werde— wäre Maſſa Kelly hier—“ „Der würde Dir beiſtehn, das glaub' ich,“ flüſterte die Frau—„doch Deine Ausflüchte helfen Dir nichts — geſtehe ſag' ich, oder beim ewigen Gott, ich jage Dir dieſe Kugel durch's Hirn— Du kennſt mich daß ich Wort halte, wenn es gilt eine Drohung auch aus⸗ zuführen.“ „Ja, darin kenne ich Euch!“ trotzte der wilde Sohn der Wüſte—„darin kenn ich Euch nur zu gut, aber ich lache auch Euerer Drohungen, dies Leben, das ich in letzter Zeit hier geführt iſt doch kaum beſſer als das eines Hundes geweſen— drückt in's drei Teufels Namen ab, aber glaubt nicht, daß ich mich vor ſolchem Kinderſpielwerk fürchten ſoll— 8' wäre lächerlich.“ „Löſt ihm die Hände und bindet ſie an jenen Baum,“ rief Georgine jetzt, die ihren Entſchluß geän⸗ dert hatte, während ſie die kleine Unterlippe faſt blutig mit ihren hellglänzenden Zähnen preßte—„ich will doch ſehn ob ich die ſchwarze Beſtie nicht zum Reden zwingen kann— Tusk bring die Peitſche heraus und peitſcht ihn mir ſo lange bis er bekennt und wenn Ihr ihm das ſchwarze tückiſche Fell in Streifen vom Rücken ziehen ſolltet. Tod und Verdammniß dieſer mörderi⸗ ſchen Canaille, er ſoll mir, wenn er nicht geſtehn will, unter der Knute verbluten.“ „Das war mein Rath von vorn herein,“ rief der angeredete Bootsmann; er hatte ſeinen Namen von einem Eber ähnlichen vorſtehenden Zahn erhalten, der ſeinem Geſicht etwas Fürchterliches gab—„hier hab ich die Knute auch gleich mitgebracht, und nun wollen wir doch einmal ſehn, ob das Blut ebenſo ſchwarz iſt wie die Schwarte unter der es ſteckt— herunter mit dem Kittel, mein Mohrenprinz, und thu' mir den Gefallen und ſchrei nicht gleich„genug“ daß der Spaß nicht ſo⸗ bald aus iſt.“ Bolivar warf ihm einen wilden trotzigen Blick zu, aber kein Laut kam über ſeine Lippen und ſchweigend ertrug er es, als der herkuliſche Burſche die ſchwere Scla⸗ venpeitſche nach beſten Kräften über ſeinen nur mit einem dünnen Kattunhemd bekleideten Rücken zog, ſo daß die⸗ ſes bald in Streifen herunter hing und das helle Blut den fürchterlichen Streichen folgte.— Schweigend knirrſchte er nur mit den Zähnen, als ſie ihn ſeiner Abkunft und 57 Race wegen verhöhnten, ſeine Eltern verfluchten und ihm in übermüthigem Grimm in's Geſicht ſpieen— ſchweigend hörte er die Drohungen noch fürchterlicherer Strafe Georginens an, die mit Zorn funkelnden Augen vor ihm ſtand und Gefühl und Weiblichkeit vergeſſen zu haben ſchien in der einen Empfindung befriedigter Rache, aus der aber dennoch wieder der bittere Unmuth hervorblitzte, daß der Selave jetzt noch ſo ſtörriſch ſchwieg und nicht geſtehen, nicht bekennen wollte, was ihr ſchon faſt keines Bekenntniſſes mehr bedurfte. Bolivar blieb aber ſtandhaft, ſeine zerriſſenen Schultern zerfleiſchte die — unbarmherzige Knute mehr und mehr, ſeine Glieder zuck⸗ ten im gräßlichen Schmerz und die Knie zitterten unter ihm, er konnte kaum noch aufrecht ſtehn; aber abgebiſſen 2 hätte er eher die Zunge, ehe ſte ſeinen Henkern das ver⸗ rieth was ſte begehrten— feſt auf einander knirrſchte er die Zähne und feſt auf das ſtolze Weib heftete er den wilden drohenden Blick. Vor ſeinen Augen fing es jetzt an ſich in tollen ſchwarzen und ſchillernden Nebeln zu regen— Sterne blitzten auf und nieder und eine unbezwingbare Schwäche überkam ihn— er wollte ſich mit letzter Anſtrengung aufrecht halten— er lehnte ſeine Schulter an den Baum der ſeine Feſſeln hielt— aber es war vergebens* die Geſtalten fingen an ſich vor ſeinen Augen zu drehen— purpurſchimmernde Nacht folgte und er ſank halb ohnmächtig in die Knie! „Will die Beſtie beten?“ rief da der Eine mit dem Eberzahn—„auf Canaille, wenn wir mehr Zeit haben — ruf Deine ſchwarzen Götzen an eh' Du gehangen wirſt— jetzt iſt's noch zu früh“— und nieder fielen die Hiebe hageldicht auf den Rücken des Gepeinigten. „Halt!“ rief da dicht neben ihnen eine Stimme, und zwar ſo kalt und gebieteriſch, ſo ruhig und doch ſo fürchterlich ernſt, daß die Henker überraſcht in ihrer blutigen Arbeit innehielten, und auch Georgine ſich er⸗ ſchreckt dem wohlbekannten Tone zuwandte. Es war Kelly der, den bunten merikaniſchen Mantel über die Schultern hängend, den ſchwarzen breiträndrigen Filz tief in die Stirn gedrückt, dicht neben ihnen ſtand und die Hand gegen die mit Peitſchen Bewaffneten aus⸗ ſtreckte.—„Wer hat hier ein Urtheil zu vollziehen, das ich nicht gefällt?“ „Ich ſprach das Urtheil!“ ſagte Georgine mit feſt auf ihn gehefteten Augen, indem ſie die noch immer gegen die Männer ausgeſtreckte Hand ergriff,„ich ver⸗ urtheilte ihn, weil er— den Knaben ermordet hat. Das Kind, das ich aufgezogen und gepflegt, hat er mit ſeinen teufliſchen Händen erwürgt, und Du darfſt mich — — trieben werden. Wir ſind freie Amerikaner und die 59 nicht hindern, ihn zu ſtrafen— Du darfſt es nicht—“ und ſie ziſchte die letzten Worte mit leiſer, vor innerer Aufregung faſt erſtickter Stimme—„wenn Du nicht — ſelbſt ein Theilnehmer jenes Mordes erſcheinen willſt.“ „Bindet den Neger los“ lautete des Capitains ruhi⸗ ger, den Einwand gar nicht beachtender Befehl—„bin⸗ det ihn los ſag' ich— die That ſoll unterſucht werden.“ „Sie iſt unterſucht, Mann!“ rief Georgine ſich heftig und wild emporrichtend—„ich, ich trete gegen ihn auf und rufe den allmächtigen Gott zum Zeugen an, daß er den Mord verübt. Willſt Du ihn jetzt noch ſchützen und befreien?“ „Bindet ihn los! ſag ich“ wiederholte Kelly mit 1 finſterer drohender Stimme—„zurück da Georgine— Dein Platz iſt nicht hier— willſt Du alle meine Be⸗ fehle übertreten?“ Georgine wandte ſich erbleichend ab, der Eberzahn aber rief, trotzig ſich gegen den Gebieter kehrend: „Ei zum Henker, Sir, der Burſche hier hat Hand und Zähne an einen weißen Mann gelegt, und verdammt will ich ſein, wenn er nicht dafür hängen ſoll. Subor⸗ dination iſt ganz gut, muß aber auch nicht zu weit ge⸗ * 60 Majorität entſcheidet ſich hier für Strafe. Nichts für ungut, aber den Neger binde ich nicht los.“ Schneller zuckt kaum der zündende Blitz aus wetter⸗ ſchwangerer Wolke in den ſtillen Wald, als Kellys ſchwe⸗ res Meſſer in ſeiner Hand blitzte, zurückfuhr und dem trotzigen Geſellen im nächſten Augenblick mit fürchter⸗ licher Sicherheit das Herz durchbohrte. Er blieb noch mehre Secunden mit ſtieren, entſetzt vor ſich hin ſtar⸗ renden Augen ſtehen, ſchlug dann die Arme empor und ſtürzte, eine Leiche, nach vorn auf ſein Geſicht nieder. Die Andern ſprangen wild empor, Kelly aber, unbe⸗ waffnet die Gefahr verachtend, warf ſich ihnen entgegen und rief zürnend: „Raſende— wollt Ihr Euch ſelbſt verderben? Ver⸗ rath umgiebt Euch von allen Seiten— unſere Inſel iſt entdeckt— Spione von Helena durchziehen nach allen Richtungen hin den Strom— unſer Leben und das was wir mit ſaurem Schweiß erbeutet ſteht auf dem Spiel, und Ihr hier, in wahnſinnigem Uebermuth, fröhnt dem eiferſüchtigen Trotz eines Weibes und ſchlagt gegen die Hand an, die allein im Stande iſt Euch zu retten. Thoren und Schufte die Ihr ſeid, an Eure Poſten. Ein fremdes Boot iſt hier gelandet und ſein Beſitzer liegt vielleicht nur wenige Schritte von uns ver⸗ 61 ſteckt unſer Treiben zu belauſchen. Er darf die Inſel nicht wieder verlaſſen. Fort— in Bachelors Hall er⸗ wartet meine Befehle— ich bin im Augenblick bei Euch — bindet den Neger los, ſag' ich, und Ihr Beiden— ſchafft den Leichnam hinaus aus der Fenz und begrabt ihn— der Burſche kann froh ſein noch ſo aus dieſer Welt hinausgeſchickt zu ſein— er hatte Schlimmeres verdient— er war in Helena ſchon einen Contrakt ein⸗ gegangen uns zu verrathen— nur die Gier noch höhe⸗ ren Lohn zu erhalten, hatte ihn bis jetzt daran verhin⸗ dert— fort mit ihm, und Du Bolivar, erwarteſt mich hier, bis ich zurückkehre.“ Die Männer gehorchten ſchweigend den Befehlen, Kelly aber folgte Georginen in ihre Wohnung, wo ihn dieſe mit kaltem mürriſchen Trotz empfing. „Wo iſt die Kranke?“ ſagte er, als er, in der Thüre ſtehen bleibend, mit ſeinen Blicken den kleinen geſchmückten Raum überflog—„wo iſt das Mädchen, das Du hier bei Dir behalten und bewahren wollteſt?“ „Wo iſt der Knabe?“ rief Georgine jetzt, vielleicht noch durch das Bewußtſein eigener Schuld gereizt, wild und heftig dagegen auffahrend,„wo iſt der Knabe, den jener teufliſche Afrikaner auf Deinen Befehl erſchlug? wo iſt das Kind, das ich mir aufgezogen hatte— das 62 einzige Weſen, das mit wahrer aufopfernder Liebe an mir hing, und deſſen alleinige Schuld nur— die Treue gegen mich geweſen ſein konnte. Kelly— Du haſt ein entſetzliches Spiel mit mir geſpielt, und ich fürchte faſt, ich bin das Opfer gräßlicher Bosheit geworden.“ „Du phantaſirſt“ ſagte Kelly ruhig, während er den breiträndrigen Hut abnahm und auf den Tiſch warf —„was weiß ich wo der Knabe iſt— weshalb haſt Du ihn von Dir geſandt— ich rieth Dir ſtets ab.— Ueberhaupt kann er ja auch heute oder morgen zurück⸗ kehren, wer weiß ob er ſich nicht, froh der neugewonne⸗ nen Freiheit, in tollem Uebermuth in Helena herum⸗ taumelt, wo unſer aller Leben an ſeiner kindiſchen Zunge hängt. Wo iſt das Mädchen?— ruf es her.“ „Zurückkehren?“ rief Georgine in bitterem Schmerz —„ja, ſeine Leiche— Peter holt ſie aus der Bucht drüben, wo ſie der Neger verſenkte— ſein„toller Uebermuth“ wurde in gieriger Fluth gekühlt, und ſeine kindiſche Zunge droht keinem Leben mehr Gefahr.“ Der lang zurückgehaltene Schmerz des ſtolzen Wei⸗ bes brach ſich jetzt endlich in wilden undämmbaren Thräͤ⸗ nen Bahn; Georgine barg das Antlitz in ihren Händen und ſchluchzte laut. Kelly ſtand ihr erſtaunt gegenüber, und hielt das 63 dunkle Auge feſt und verwundert auf ihre zitternde Ge⸗ ſtalt geheftet. „Was war Dir jener Knabe?“ ſagte er endlich mit leiſer, ſchneidender Stimme—„welchen Antheil nimmſt Du an einem Burſchen, der aus gemiſchtem Stamm entſproſſen, Dir nur als Diener lieb ſein durfte?— Georgine— ich habe Dich nie nach jenes Knaben Her⸗ kunft gefragt, jetzt aber will ich wiſſen woher er ſtammt.“— „Aus dem edelſten Blut der Seminoliſchen Häupt⸗ linge!“ rief das ſchöne Weib und richtete ſich, ihren Schmerz gewaltſam bezwingend, ſtolz empor—„ſeines Vaters Name war der Schlachtſchrei einer ganzen Na⸗ tion, er iſt unſterblich in der Geſchichte jenes Volks.“ „Und ſeine Mutter?“ 3 Georgine fuhr wie von einem jähen Schlage getrof⸗ fen zuſammen— ihre ganze Geſtalt zitterte, und faſt unwillkürlich griff ſie, eine Stütze ſuchend, nach dem Stuhl neben welchem ſte ſtand. Kellys Lippen umzuckte ein ſpöttiſches Lächeln, aber er wandte ſich, als ob er ihre Bewegung nicht bemerke, oder doch nicht bemerken wolle, raſch dem kleinen Cabinet zu, wo Marie ihren Schlafplatz angewieſen bekommen. „Wo iſt die Kranke?“ frug er, den Ton zu dem 8 —— ——ͤͤͤ 64 gleichgültigen Geſprächs verändernd—„iſt ſie in ihrer Kammer?“ „Sie ſchläft!“ ſagte Georgine, wohl überraſcht über das kurze Abbrechen ſeiner Frage, doch ſchnell geſam⸗ melt—„ſtöre ſie nicht— ſie bedarf der Ruhe!“ „Ich will ſie ſehen!“ erwiederte der Capitain und näherte ſich dem Vorhang, der das kleine Gemach von dem Wohnzimmer trennte. „Du wirſt ſie wecken,“ bat Georgine—„thu' mir die Liebe und laß ſie ungeſtört.“ Kelly wandte ſich gegen ſein Weib und ſchaute ihr mit ſo ſcharfem forſchenden Blick in's Auge, als ob er ihre innerſten Gedanken ergründen wollte— ihr Antlitz blieb aber unverändert und ſie ertrug ohne Zucken den Blick. Schweigend drehte er ſich von ihr ab und lüftete den Vorhang.— Das Bett ſtand dieſem gerade gegen⸗ über, und auf ihm, die ſchlanken Glieder von warmer Decke umhüllt— den Rücken ihm zugewendet, daß nur der kleine, von wirren Locken umſchmiegte Kopf, ein Theil des blendend weißen Nackens und die rechte, auf der Decke ruhende zarte Hand ſichtbar blieb, lag die Kranke, und das lange, regelmäßige Athmen unter dem ſich die. ſchlanken Glieder hoben, verrieth den ſanften Schlaf der ſich auf ihre Lider geſenkt hatte. 4 — 8 65 Kelly ſchien im erſten Moment überraſcht, und machte eine faſt unwillkürliche Bewegung, als ob er noch weiter vortreten wolle— er hielt aber plötzlich wieder ein, ließ noch einmal ſeinen Blick, erſt über die aus⸗ geſtreckte ſchlummernde Geſtalt, dann über das ſchöne doch marmorbleiche Antlitz ſeines Weibes ſchweifen, und verließ dann raſch die Kammer und das Haus. Draußen ſchritt er an dem Neger vorüber, der noch neben dem Baum kauerte, an welchem er mißhandelt worden, und trat zwiſchen die, jetzt in Bachelors Hall verſammelten Männer. Die Zeit drängte— keinen Augenblick durfte er verlieren denn der nächſte konnte ſchon Verderben bringend über ſie hereinbrechen, und in kurzen klaren Befehlen vertheilte er Einzelne der Schaar über die Inſel, von denen einige die Uſer nach einem gelandeten Kahn abſuchen, Andere die Dickichte durch⸗ ſtöbern ſollten. Fanden ſie den Kahn ſo war weiter nichts nöthig als ihn wohlverſteckt zu bewachen, der Ire mußte dann in ihre Hände fallen; ahnte er aber daß er entdeckt ſei und hielt er ſich verborgen, nun ſo konnte er auch die Inſel nicht verlaſſen und war für den Augen⸗ blick unſchädlich gemacht, bis ihn das Tageslicht ſeinen Verfolgern entdecken mußte. Poſten wurden dann auch, jeder andern, bis jetzt noch unbekannten Gefahr zu be⸗ 1III. —— * 66 gegnen, an all den Plätzen ausgeſtellt, wo eine Landung überhaupt möglich war und die Bewohner der Inſel er⸗ hielten gemeſſenen Befehl ihre Sachen gepackt in Be⸗ reitſchaft zu halten, um jeden Augenblick zum Aufbruch fertig und gerüſtet zu ſein. Ihre Boote mußten zu die⸗ ſem Zweck doppelt bewacht und überhaupt Alles gethan werden, den Ausbruch des ihnen drohenden Wetters ſo lange als möglich zu verzögern. Noch war ja auch nicht einmal die Gewißheit da, daß ihr Schlupfwinkel ernſt⸗ lich verrathen ſei, denn die Beiden, die auf deſſen Er⸗ forſchung ausgegangen, konnten unſchädlich gemacht werden. Ließen fich die Bewohner von Helena, oder beſonders die der Umgegend wieder beruhigen, ſo wäre es thöricht geweſen in unkluger Furcht voreilig einen Platz zu verlaſſen, wie es vielleicht keinen zweiten für ſte in den Vereinigten Staaten gab. Auf jeden Fall konnten ſie ihn dann ſo lange behaupten, bis ſie im Stande waren all ihre Habſeligkeiten in die ſüdlicher gelegenen Staaten, beſonders nach Texas und Mexico zu ſchaffen, ſo daß wenn ſpäter je einmal eine Nach⸗ ſuchung gehalten wurde, die Nachbarn höchſtens den leeren Horſt, die Geier aber ausgeflogen fanden. Zu⸗ dieſem Zweck mußte Kelly jedoch augenblicklich wieder nach Helena hinauf, und wollte nur in dem Fall gleich 79 die Inſel, ſondern ſogar in vielen Meilen Entfernung ein Ufer zu erreichen. Nun giebt es allerdings ein Mittel, ſelbſt in ſol⸗ chem Verhältniß und ohne Compaß eine gerade Rich⸗ tung beizubehalten, iſt man nämlich gänzlich in Zweifel, woher die Strömung kommt oder wohin ſie geht, ſo braucht man nur ſo lange im Kreis herumzurudern, bis man die Fluth vorn unter dem Bug rauſchen hört. Dann kann man überzeugt ſein, daß man gegen die Strömung anhält und iſt nun im Stande, die zu nehmende Richtung zu beſtimmen. Allerdings würden aber ſelbſt dann nur wenige Ruderſchläge den Rudern⸗ den wieder auf den alten Fleck bringen, denn weil die, ſeitwärts gegen das Fahrzeug andrängende Waſſermaſſe, auch den Bug bald ſtärker bald ſchwächer niederdrückt, je nachdem man ein ganz klein wenig mehr auf⸗ oder abhält, ſo wäre es unmöglich die Richtung ſo genau im Gefühl der Hand zu haben. Das einzige Mittel in dieſem Fall iſt— da man doch in einem zweirudrigen Boot mit dem Rücken nach vorn ſitzt— die Augen feſt auf das Fahrwaſſer ſeines Kahns zu halten, d. h. auf den Streifen den das Boot beim ſchnellen Durchſchnei⸗ den des Waſſers hinter ſich läßt. So lange dieſer eine durchaus gerade Linie beſchreibt— denn eine kurze 80 Strecke kann man ſelbſt beim ſtärkſten Nebel ſehen— ſo lange behielt auch das Boot dieſelbe bei, denn die geringſte Abweichung würde es gleich hinter dem Stern durch eine krumme Linie verrathen; man darf aber wäh⸗ rend dieſer Zeit natürlich keinen Augenblick mit Rudern aufhören oder nachlaſſen, denn eine gleichmäßige Fort⸗ bewegung iſt zu ſolcher Beſtimmung unumgänglich nöthig. Davon hatte jedoch O'Toole, der ſich ſonſt wenig mit Waſſerfahrten beſchäftigte, keine Ahnung, aber er wußte auch daß er noch nicht weit genug vom Lande entfernt ſein könne, um ſich ſchon oberhalb der Inſel zu befinden. Trieb er alſo jetzt mit der Strömung ab⸗ wärts ſo führte ihn dieſe an ſeinem Ziel vorbei, und Gott weiß wohin, er griff daher raſch wieder zu den Rudern, und noch einmal mit prüfendem Blick die ruhige Nebelfläche um ſich her betrachtend, drehte er den Bug dorthin, wo er die Mitte des Stromes glaubte, und zeigte in Handhabung der elaſtiſchen Ruder’bald ſo gu⸗ ten Willen, daß das Waſſer an ſeinem Buge rauſchend ſchäumte und hochaufſpritzte. So arbeitete er wohl eine volle Stunde lang, daß ihm der Schweiß in großen per⸗ lenden Tropfen auf der Stirn ſtand und er bei richtiger Führung den Miſſiſſippi ſchon zweimal gekreuzt haben 81 konnte, kein Land bekam er aber zu ſehn, weder rechts noch links, weder vor noch hinter ſich und er fühlte nun wohl, daß er die falſche Richtung gefahren ſei. Einen Augenblick ließ er die Ruder ſinken, und wiſchte ſich den Schweiß von der Stirne, dann aber er⸗ griff er ſie wieder, und legte ſich von Neuem mit aller Kraft und beſtem Willen hinein. Er ſah aber wohl ein daß ſeine Anſtrengungen vergeblich ſein mußten, das Beſte alſo was er jetzt thun konnte, war nach Arkanſas zurückzukehren um den Verſuch ein anderes Mal, wenn man wenigſtens weiter als eine Bootslänge auf dem Waſſer ſehen konnte, zu erneuen. Aber guter O'Toole, es erwieß ſich als eben ſo ſchwer nach Arkanſas wie nach Miſſiſſippi hinüberzuhal⸗ ten. Nacht und Nebel umgab ihn bald mit undurch⸗ dringlichem Schleier und keinen Laut hörte er, nicht einmal das Gequake von Fröſchen, das ihm die Nähe des Landes— gleichviel nur welchen Ufers— ver⸗ rathen hätte; er mußte ſich inmitten des gewaltigen Stromes befinden. Da hielt er endlich, nachdem er ſich noch eine ganze Zeit lang bis zu tödtlicher Ermattung abgemüht, mit Rudern ein, warf die Ruder in den Kahn und ſtreckte ſich ſelbſt— gleichgültig gegen Alles was ihn befallen 111 6 könnte, in den Stern des Bootes aus.— Einmal mußte er ja doch irgend wo antreiben oder doch wenigſtens Geräuſch von irgend einem Boot oder dem Ufer, ii deſſen Nähe ihn die Strömung zuerſt bringen würde, hören, und er ſah auch ein daß er ſelbſt nicht im Stande ſein würde das Mindeſte dafür oder dagegen zu thun; er war förmlich verirrt und wußte in der That nicht mehr wo er ſich befand, ob er irgendwo feſt⸗ hänge, oder immer ſtromab, der Mündung des Arkan⸗ ſas zutreibe. In dumpfem Brüten lag er in ſeinem Boot ausge⸗ ſtreckt und ſchaute ſchweigend zu der grauen Maſſe hin⸗ auf, die ihn in faſt fühlbarer Schwere und Feuchtigkeit umgab— da war es ihm plötzlich als ob er das Qua⸗ ken eines Froſches höre— er horchte hoch auf. Faſt in demſelben Augenblick vernahm er ein dumpfes Rau⸗ ſchen und ehe er ſich noch recht umſchauen konnte, von welcher Richtung dies eigentlich komme— da er es na⸗ türlich auf der ganz entgegengeſetzten Seite erwartet hatte— trieb auch ſein ſchwankendes Boot ſchon in den ſtarren Wipfel einer Eiche hinein und er mußte aus allen Kräften arbeiten um es niederzuhalten im Waſſer, daß es nicht einige der Aeſte ſeitwärts emporhoben und wielleicht füllten und ſanken. 83 Land hatte er jetzt— Bäume wenigſtens— und er wußte doch nun, daß er nicht mehr weiter ſtromab und von Helena fortgenommen werden könnte, wo er ſich aber befand, ob in Arkanſas, Miſſiſſippi oder an einer der weiter unten gelegenen Inſeln, vielleicht drei oder vierundſechzig, das war ihm unmöglich zu beſtim⸗ men, ja ſo hatten ſich ſeine Gedanken verwirrt, daß es einer langen Zeit bedurfte bis er mit ſich überhaupt im Reinen war, er befinde ſich noch im Miſſiſſippi und ſei nicht etwa in irgend einen Fluß oder eine Bayao unver⸗ ſehens hinein und dieſe Gott weiß wie weit hinaufge⸗ rudert. Das Einzige worüber er vollkommen Ge⸗ wißheit zu haben glaubte, war, daß er wenigſtens funfzig bis ſechzig Meilen von Helena entfernt ſein müſſe.—— Wo aber befand er ſich? er wollte erſt rufen, viel⸗ leicht daß ſich Menſchen in der Nähe befanden die ihn hörten. Doch konnte es da nicht möglich ſein, daß er gerade in jenes Neſt gerathen wäre, das er aufzuſpüren beabſichtigte? und welchen Empfang durfte er von denen hoffen, die ihm noch vor kurzer Zeit ſo unzweideutige Beweiſe ihres Haſſes gegeben? Nein— da heute nun doch einmal kein Gedanke daran war Einundſechzig noch zu erreichen, und der Nebel auch auf jeden Fall den 6* 84 Morgenwinden weichen mußte, ſo beſchloß er ſeinen Kahn an einer ſicheren Stelle zu befeſtigen und nach⸗ her ruhig darin ausgeſtreckt den Tag abzuwarten. Das war nun freilich nicht ſo leicht als er es an⸗ fangs erwartet hatte, eine Maſſe Baumgewirr verſperrte ihm überall den Eingang und dort bleiben konnte er auch nicht, die Fluth preßte gerade dagegen und brachte ſte irgend einen fortgeſchwemmten Baumſtamm mit, ſo mußte ihm dieſer, mit der Gewalt ſolcher Waſſermaſſe vereint, unfehlbar das leichte Fahrzeug zertrümmern, wobei er ſelbſt verloren war, ſobald er unter das hier in ungeheuerer Quantität angehäufte Treibholz gerieth. — Er arbeitete ſich jetzt alſo mit aller Anſtrengung links hin, bis er zu einer Art Landſpitze kam, denn die Strömung brach ſich hier mit großer Stärke am Ufer und ſchoß dann raſch und ſchäumend vorbei; und dort hatte auch, augenſcheinlich die Kraft des Waſſers, einen früher da gelegenen Baum zur Seite geſchwemmt, ſo daß eine Art kleine Bucht dadurch entſtanden war, in die er ohne Zögern einlief und nun, gegen äußere Ge⸗ fahr geſchützt, ſein Lager ſo gut es gehn wollte her⸗ richtete, um wenigſtens ein paar Stunden ſchlafen zu können. Kurze Zeit mochte er ſo gelegen haben und das gleich⸗ 8⁵ förmige Rauſchen des Waſſers begann ſchon, trotz dem harten Lager, ſeine Wirkung auf ihn auszuüben, als es ihm, ſchon halb im Traum, vorkam, er höre Stim⸗ men die in ziemlich lebhaftem Geſpräch mit einander begriffen wären. Im Anfang horchte er halb be⸗ wußtlos den unverſtändlichen Tönen, er hatte ſchon geträumt er ſei in die See hinausgetrieben, und vom Ufer aus riefen ſie hinter ihm her, und warnten ihn vor den Gefahren des Golfes, mehr und mehr aber wie⸗ der munter werdend, ſtaunte er zuerſt über den Ort wo er ſich befand und konnte ſich endlich nur mit vieler Mühe des Vorgefallenen erinnern. Nun war O'Toole allerdings keineswegs Wald⸗ mann genug, ein ſolches Lager in dem feuchten Fluß⸗ nebel, wie er gerade einnahm, einem warmen Bette vor⸗ zuziehn, dennoch aber hielt ihn eine gewiſſe Angſt zurück jene Sprechenden anzurufen, denn die Abſicht ſchon in der er ausgezogen war, ließ ihn in jedem Menſchen den er traf einen Räuber, Mörder und Piraten erblicken. „Er kroch alſo, um vor allen Dingen zu recognosciren wo er eigentlich ſei und in welcher Umgebung er ſich befinde, aus ſeinem Boot heraus, über ein paar umge⸗ ſtürzte Stämme an's Ufer und ſchlich nun hier, ſo ge⸗ räuſchlos als es ihm die jetzt wirklich außergewöhnliche * 8 Dunkelheit und die rauhe Wildniß erlaubte, vorwärts, dem Schalle nach. Das Geräuſch und Sprechen ſchien auf einem Ort zu bleiben und O'Toole vermuthete hier natürlich nichts weiter als eine Farmerwohnung, zu der er nur nicht den rechten Pfad getroffen habe, ſondern in irgend eine neue Rodung gerathen ſei. Er hatte denn auch, obgleich mit entſetzlicher Anſtrengung, ſchon einen ziemlichen Theil des Dickichts durchdrungen, als plötzlich Alles wieder ruhig war und jetzt nur noch das einförmige Quaken der Fröſche nnd das Zirpen einzelner Locuſts die Tod⸗ tenſtille durchbrach. Nichts deſtoweniger behielt er die Richtung bei, in der er früher die Leute gehört und er⸗ reichte gerade einen kleinen, ziemlich freien Platz, als er aus dem Nebel und zwar dicht vor ſich, zwei Geſtalten treten ſah, ſo daß er nur noch eben Zeit genug behielt, hinter einem niederen Buſch, der ihn halb verdeckte, auf die Erde zu ſinken. „Und ich ſage Euch, Jones, Ihr dürft die Inſel bei Gott nicht verlaſſen, ohne den Schwur geleiſtet zu ha⸗ ben,“ betheuerte jetzt plötzlich der Eine von ihnen, während er ſtehn blieb und ſich gegen ſeinen Be⸗ gleiter umwandte—„es iſt uns Allen ſtreng befohlen worden.“— 87 „Aber ich habe ja den Schwur leiſten wollen,“ rief da der Andere ärgerlich—„Höll und Teufel, ich kann doch nicht mehr thun als Euch ſagen ich will beſchwören was Ihr begehrt? Es iſt ſchändlich mich jetzt hier, gegen meinen Willen zurückzuhalten, wo ich in Miſſiſ⸗ ſtppi drüben die beſten Geſchäfte machen könnte.“ „Aug das wißt Ihr, warum das jetzt nicht möglich iſt,“ erwiederte ihm der Andere—„ſolcher Schwur muß ſeine gehörige Feierlichkeit haben und von Allen gehört werden, damit es ſpäter keine Ausrede giebt— die Verſammlung iſt aber erſt morgen Abend, und bis dahin werdet Ihr Euch alſo zu gedulden haben.“ „So? und wenn nun bis morgen Abend ſchon die ſaubere Beſcheerung hereinbricht, von welcher der Capi⸗ tain gemunkelt hat,“ brummte Jones—„was hab' ich dann für ein Intereſſe, meine Haut ebenfalls dabei zu Narkt zu tragen, eh? gehör ich ſchon mit dazu, und würd' ich nicht, mit gefangen, auch ganz unſchuldig mit gehangen werden?“ „Unſchuldig,“ ſpöttelte der Andere. „Ja ja, unſchuldig,“ rief Jones mürriſch—„we⸗ 42 nigſtens in dieſer Sache, und was am Ende noch viel fataler wäre, mit dem Bewußtſein daß die Canaillen aus Verſehn den Rechten erwiſcht hätten. Nein Ben, 88 Ihr müßt mir einen Kahn verſchaffen; ich will Euch den Eid leiſten, und das wird Euch doch genügen können.“ „Mir?— verdammt will ich ſein, wenn ich meinen Kopf ſtatt Euren in die Schlinge zu ſtecken gedenke,“ brummte Ben und wandte ſich wieder zum Gehn, jetzt aber gerade auf den Iren zu, der dicht und regungslos an die Erde geſchmiegt lag—„ſobald Ihr einmal verſprecht den Eid zu leiſten, ſo ſeid Ihr auch— Gift und Donner!“ rief er plötzlich vor der Geſtalt zurück⸗ prallend die ſein Fuß berührt hatte.— „Was iſt?“ frug Jones erſchrocken und blickte ſcheu umher. Der Ire rührte ſich nicht— theils lähmte die Angſt ſeine Glieder, denn die Unterredung der beiden Männer hatte ihm bald verrathen er befinde ſich an ſeinem Ziel, obgleich er jetzt noch nicht wußte wo das eigentlich lag — dann aber war er auch noch unentſchloſſen wie er ſich verhalten ſolle. Floh er, ſo mußten ihn die mit dem Platz Vertrauten augenblicklich wieder einholen kön⸗ nen— ſtellte er ſich zur Wehr— er war faſt unbe⸗ waffnet, die Feinde dagegen ſicher mit Meſſern und Piſtolen verſehn.— Er wollte ſich ſtellen als ob er ſchliefe— ſie mußten dann wenigſtens glauben daß er — — 89 nichts von ihrer Unterhaltung gehört habe und ſuchten in dieſem Fall vielleicht ſelber ihn ſo ſchnell als möglich wieder fortzubringen, damit er nur ihren Aufenthaltsort nicht näher erkunde. Das waren etwa die Gedanken die ihm pfeilſchnell durchs Hirn ſchoſſen und er ſtellte ſich für den Augen⸗ blick ſchlafend, bis ihm Ben's nächſte Worte nicht allein eine andere Rolle zutheilten, ſondern ihm auch die Ge⸗ fahr ziemlich deutlich ahnen ließ, in welcher er ſich befand.— „Seeſchlangen und Meerwölfe!“ rief er, während er herunter griff und den Arm des Regungsloſen er⸗ faßte—„ſoll mich dieſer und Jener holen, wenn die verdammten Hallunken nicht Tusk hierher geſchleppt und liegen gelaſſen haben.— Hol doch der Teufel das faule Zeug— nicht einmal zu dem Ort ihn hinzuſchlep⸗ pen wo wir ihn einſcharren wollen. Ei da mag er zum Donnerwetter auch hier liegen bleiben,'siſt weit genug. von der Fenz und er ſchläft hier eben ſo gut miß hun⸗ dert Schritte weiter oben.“ Und damit warf er das Werk⸗ zeug das er trug von der Schulter, neben den vermeint⸗ lichen Leichnam nieder, und fing an die Erde mit der ſchweren Hacke aufzuſchlagen. „Dann will ich indeſſen hingehn und einmal zuſehn 5 4 ob nicht irgendwo hier oben ein Boot befeſtigt iſt“— ſagte Jones—„ſo lautete ja Kellys Befehl.“ „Ja— und mich hineinſetzen, nicht wahr? und ruhig den Strom hinabrudern?“ äffte ihm der wilde Bootsmann nach, während er mit der Hacke auf den Boden ſtampfte—„ei zum Teufel Sir, Ihr müßt uns doch hier für gottesläſterlich dumm halten, daß Ihr uns auf ſolch erbärmliche Art anzuführen gedenkt. Ihr bleibt hier— die Urſache weshalb Ihr mir zur Geſellſchaft mit⸗ gegeben ſeid, iſt das Grab mit graben zu helfen und nachher des Irländers Boot aufſpüren, wie den Bur⸗ ſchen abzufangen, wenn wir ihn erwiſchen, heißt das. Alſo greift zu, wenn's gefällig und glaubt nicht daß Ihr mich von der rechten Fährte durch irgend einen Seiten⸗ ſprung abbringt.“ Damit warf er dem kleinen Mann den Spaten zu, und bedeutete ihn die Erde aus⸗, aber nicht ſo weit fort⸗ zuwerfen, damit ſte dieſelbe zum Aufhäufen gleich wie⸗ der bei der Hand hätten. DO'Toole zitterte an allen Gliedern— dicht neben ihm wurde ein Grab gegraben in das er lebendig hineingeworfen werden ſollte, ſobald er nur regungslos liegen blieb— und zeigte er daß er noch lebe, ſo war ſein Tod ebenfalls gewiß. Er war verrathen, ſo viel ,—— 91 ſah er ein— aber durch wen? und wie konnte die Bot⸗ ſchaft ſchon an dieſen von Helena ſo entfernten Punkt gelangt ſein? hatte er nicht die ganze Zeit aus Leibes⸗ kräften gerudert und ſeinen Entſchluß hier herabzugehen erſt kurz vor ſeiner Abfahrt irgend einem Menſchen, und dann natürlich nur lauter Freunden mitgetheilt? Es blieb ihm aber keine Zeit zu langen Betrachtungen, die Gefahr lag hier zu fürchterlich nahe, und jede ausgewor⸗ fene Erdſcholle brachte ihn ſeinem Geſchick näher. Das einzige was ihn möglicher Weiſe retten konnte, war ein ſchneller Entſchluß— er wollte emporſpringen und die Männer, die ihn jetzt noch für irgend einen Erſchlagenen hielten, waren vielleicht im erſten Augen⸗ blick ſo überraſcht, daß er, ehe ſie ſich ermannten, ſein Boot wieder erreichen konnte. Der Eine ſchien über⸗ dieß, ſo viel ſich in der Dunkelheit erkennen ließ, klein und ſchwächlich und den Andern hätte im ſchlimmſten Falle ehe er ihm ſelbſt gefährlich wurde, ein Meſſerſtich unſchädlich gemacht. Vorſichtig griff er alſo, um ſich durch keine Bewegung zu verrathen, nach dem ſcharfen Stahl, zog ihn leiſe aus der Scheide und bog ſich lang⸗ ſam auf die linke Seite hinüber— er hatte ſich die Richtung von der er gekommen ziemlich genau gemerkt, und an raſche Verfolgung war dorthin überhaupt nicht * 4 92² zu denken— einmal im Nebel wieder auf dem Strome, hätte ihn auch nur der Zufall ſeinen Verfolgern ver⸗ rathen können. Der Eine der Männer ſtand nur jetzt gerade zwiſchen ihm und dem Stamm, über den er zuerſt wegſetzen mußte— den Raum wollte er erſt noih frei haben ehe er den Angriff wagte. Es war Ben, er hatte die Hacke bei Seite geworfen und den zweiten Spaten in die Hand genommen der dort lag. Jetzt trat er wieder damit zurück an ſeinen früheren Platz, und jetzt war auch der einzige, vielleicht letzte Augen⸗ blick gekommen. 5 „Ben!“ rief da plötzlich eine leiſe unterdrückte Stimme, die gerade von der Richtung her tönte wo ſein Fahrzeug lag, und in den dichten Büſchen und Dornen rauſchte es und regte es ſich— „Ja“— ſagte dieſer und hielt in ſeiner Arbeit ein, „was giebts? wer ruft da?“ „Hier liegt bei Gott das fremde Boot“— flüſterte die Stimme wieder—„laßt Euer Graben jetzt lieber 1 und kommt mit hierher, es giebt vielleicht nach⸗ her gleich zwei hineinzuwerfen.“ O'Tooles Herzblut ſtockte— nicht allein der Rück⸗ weg war ihm aßgeſchnitten, ſondern ſein Boot ſogar entdeckt— er konnte, falls er ſich wirklich auf einer ſein — — —— 93 Inſel befand, den Platz gar nicht wieder verlaſſen. Seine einzige Hoffnung blieb jetzt nur noch die, daß die Todtengräber dem Rufe Folge leiſten und ihn allein laſſen würden. „Wo liegt es denn?“ frug Ben und hielt inne mit Erdeauswerfen— „Gleich hier— dicht an der äußerſten Landſpitze, unter der alten Sycamore—“ „So thut wie Euch Kelly befohlen und haltet die Mäuler“ brummte der Bootsmann—„wer weiß denn, ob er nicht gerade jetzt hier in der Gegend herumkriecht — nehmt Eure Plätze ein und verhaltet Euch ruhig— kommt er zurück, ſo fertigt ihn ab— doch ohne Schuß.“ „Wie wirds aber, wenn Teufelsbill mit dem Flat⸗ boot kommen und das Zeichen geben ſollte?“ frug jener — aber immer noch mit unterdrückter Stimme zurück— „Das geht Euch nichts an— Ihr bleibt auf Eu⸗ rem Poſten und wir Andern, wenn das Boot abgefer⸗ tigt iſt, treiben nachher die Inſel von unten herauf do — finden wir ihn dann nicht, ſo läuft er Euch in die 4 Hände.“ 3 Wieder fing er an zu graben und die Gruft mußte bald tief genug ſein, denn ein ziemlich Sdeutender Erd⸗ haufen lag ſchon an ihrer Seite— des Iren Herz ſchlug 94 ſo laut, daß er ſchon durch deſſen Klopfen verrathen zu werden fürchtete— auch die letzte Stimme hatte er er⸗ kannt: es war jener Bube, den er in Helena zu Boden geſchlagen— Erbarmen hatte er hier nicht zu hoffen, wurde er entdeckt, ſo konnte kein Gott ihn retten. Ein Gedanke durchzuckte ihn jetzt, wenn er nun wielleicht, während jene ſich emſig mit ihrer Arbeit beſchäftig⸗ ten, leiſe in die Büſche kroch, dann, erſt einmal im Dickicht, entweder im Sumpf einen Schlupfwinkel ſuchte oder auch, ſobald er den Fluß erreichte, hinausſchwamm in den Nebel?— es trieb jetzt ſo viel Holz im Strom, daß er nicht zu fürchten brauchte zu ertrinken— und das wäre ja doch noch immer beſſer geweſen, als ſich h hier wie einen Hund todtſchlagen zu laſſen. Langſam ſchob er den linken Arm zur Seite, um ſich darauf zu ſtützen, und den Körper nachz zuziehen, doch das raſchelnde Laub machte die größte Vorſicht nöthig. Zwar gruben die beiden Männer noch immer eifrig und das Geräuſch der fallenden Erde übertäubte jede nicht 2. zu auffällige Bewegung, auch hatte er ſich ſchon auf dieſe Art wohl zwei Schritte zurück und dicht zum Rand eines wirren Dornbuſches gezogen, hinter dem ihm ein weicher mooſiger Fleck raſchere Bewegung möglich machte, 1 gerade aber, als er ſich ein wenig aufrichten wollte über —— 95 einen dort liegenden heruntergebrochenen Aſt zu gleiten, preßte er mit der Hand auf einen dürren und morſchen Zweig deſſelben, der mit ziemlich lautem Krachen abbrach. O'Toole ſchrack zuſammen, und blieb regungslos in der gerade eingenommenen Stellung liegen, Ben ſprang aber raſch aus dem faſt beendigten Grabe heraus, auf den Erdhügel hinauf, und blickte überall forſchend in die neblige Nacht hinein. „Hörtet Ihr nichts, Jones?“ frug er nach kleinem Zwiſchenraum—„mir war's als ob irgend Jemand auf einen Aſt trat—“ „Ich habe nichts gehört“— brummte der Andere, während er mürriſch den Spaten aus der Grube warf und ſelbſt nachkletterte—„ſo— das Loch iſt jetzt tief genug, hol' der Teufel das Maulwurfgeſchäft— wenn Ihr glaubt daß ich hier auf die Inſel gekommen bin Todtengräber zu werden, ſo habt Ihr Euch verdammt geirrt— werft das Aas hinein daß wir fertig werden. — Verwünſcht unheimliches Geſchäft, ſo in Nacht und Nebel dazuſtehen und Leichen einzugraben— Ihr habt— wohl derlei Arbeit manchmal hier?“ „Daß Ihr doch das Maul nicht halten könnt und in einem fort Euer ungewaſchenes Zeug ſchlabbern müßt— brummte Ben—„mir wars als ob hier 4* 2 2 11 1 96 Jemand auf einen Zweig trat— nun? Donnerwetter — vo iſt denn der Leichnam? ah hier— ich dachte er läge weiter drüben.— Kommt Jones— der Burſche iſt ſchwer— ſchleppt ihn mit über den Hügel hinüber — ei zum Teufel, fürchtet Euch nicht ihn anzufaſſen— es wird nicht die erſte Leiche ſein, die Ihr mit unter die Erde bringen helft.“ „Er iſt noch ganz warm“ ſagte Jones, während er ſchaudernd dem Befehl gehorchte—„am Ende lebt er gar noch?“ „Unſinn“— ſagte Ben lachend,„wer Kellys Meſ⸗ ſer einmal geſchmeckt hat, braucht keine Mediein weiter. — Warum ſoll er denn auch ſchon kalt ſein, er iſt ja kaum eine Stunde todt.“ Sie faßten den vermeintlichen Leichnam und trugen ihn an die Grube.— Jones der die Schultern hob, rutſchte dabei und fuhr in der friſchaufgeworfenen Erde aus, ſo daß er den Oberkörper des Iren loslaſſen mußte, der allein in ſein Grab hineinglitt. Jetzt war aber auch der Augenblick erſchienen, wo er handeln oder verderben mußte. Noch ſah er ſich unent⸗ deckt; zwar zuckte er zuſammen als ihn jener fallen ließ, und griff faſt unwillkürlich mit den Armen aus, ſich zu ſchützen, doch die Dunkelheit der Nacht verhinderte Ben *½ 97 daran es zu ſehen, obgleich er das Zucken fühlte, was er jedoch dem Uebergewicht des ſchweren Körpers zu⸗ ſchrieb. Er ließ die Beine ebenfalls hinab und griff raſch zum Spaten, die Erde wieder einzuwerfen und die Arbeit zu beenden. Die erſte Scholle ſiel auf den entſetzten Iren— ſprang er auf und floh er, ſo war ſein Verderben faſt gewiß— die Männer hätten ihn nie fortgelaſſen, und einmal entdeckt wußte er recht gut, daß er kein Erbarmen zu hoffen habe— blieb er aber liegen, ſo war er in wenigen Minuten lebendig begraben.— Nur eine Möglichkeit auf Rettung ſah er noch— Jones Worte erweckten einen neuen Gedanken in ihm. Sobald ſie ihn für noch nicht todt hielten, begruben ſie ihn auch nicht, und in ſolcher Dunkelheit brauchte er kaum zu fürchten gleich entdeckt zu werden. Auf jeden Fall gewann er dadurch Zeit und das war ihm jetzt— das ſcher Ver⸗ derben hier vor Augen— Alles.* Der zweite Spaten voll Erde fiel auf ihn nicper und er ſtöhnte laut— v „Herr Jeſus!“ ſchrie da Jones, erſchreckte zurück⸗ fahrend—„hab' ichs Euch nicht geſagt? der lebt noch — beinahe hätten wir ihn lebendig verſcharrt.“ 2„Hm“— brummte Ben und hielt mit Erdewerfen III. 8 7 98 ein—„wäre auch noch kein ſo fürchterlicher Verluſt ge⸗ weſen; aber was, zum Donnerwetter, fangen wir denn da— Ein ferner Schuß unterbrach hier ſeine Worte— er ſprang wenigſtens, als er den Knall vernahm raſch empor und horchte hoch auf. Ein ſcharfer Pfiff— das wohlbekannte Zeichen der Bande— wurde in demſel⸗ ben Augenblick laut und ſchien ſich mit Blitzesſchnelle am ganzen Ufer hin fortzupflanzen. „Das iſt Teufelsbill!— bei Gott!“ rief der Pirat und ſchwenkte jubelnd den Hut—„hurrah, da giebt's friſche Beute. Jetzt aber— alle Wetter den Cadaver hier hätte ich bald vergeſſen, Jones, ſcharrt ihn einmal wieder aus und ſeht was Ihr mit ihm anfangen könnt — ich bin gleich wieder da, ich will nur einmal nach dem Boot oben ſpringen, und ſehen daß die Burſchen ihre Schuldigkeit thun.“ „Aber feſer Sir“— rief Jones ängſtlich—„ich ſoll doch nicht— „Thut, beim Teufel, was man Euch ſagt und rülrt Euch nicht hier von der Stelle“ rief Ben drohend,„in zwei Minuten bin ich wieder da,“ und ohne ſeine Ein⸗ rede weiter zu beachten warf er den Spaten hin und ſprang im nächſten Augenblick über den neben ihm lie⸗ 99 genden Stamm hinweg, dem Orte zu, wo des Iren Boot angebunden lag. O'Toole wußte jetzt aber, daß für ihn der einzige, vielleicht letzte Noment zum Handeln gekommen ſei und er war nicht der Mann, der den hätte unbenutzt vorüber⸗ gelaſſen. „Hülfe!“ ſtöhnte er mit halbunterdrückter Stimme leiſe und kläglich—„Hülfe— ich— ich erſticke!“ „Ei ſo wollt ich denn doch“ murmelte Jones vor ſich hin, während er in die Grube ſprang, den Iren unter die Arme faßte und mit äußerſter Anſtrengung ſeiner Kräfte emporhob—„daß den verdammten Waſſer⸗ treter der Teufel hole— läßt mich hier mit dem— ſchweren— Burſchen— Herr Gott hat der Menſch ein Gewicht— ganz allein. So Sir, könnt Ihr das eine Bein heben?— Ich will Euch nur für jetzt— alle Wetter, Ihr ſeid ja ganz kräftig auf den Füßen— was iſt denn d.—“ 2 Er hatte alle Urſache erſchreckt zu ſein, denn der vermeintlich ſchwer Verwundete, den er aus der Grube mit emporheben half, richtete ſich plötzlich und mit an⸗ ſcheinend aller Leichtigkeit auf, faßte, ehe der zum Tode Erſchreckte auch nur einen Hülfeſchrei ausſtoßen konnte, dieſen mit der Linken und ſchlug ihn im nächſten Augen⸗ 7* 8 1 V ——— 1⁰⁰ blick mit der geballten Rechten ſo urkräftig und boxer⸗ recht zwiſchen die Augen, daß dem ſo gewaltig Getroffe⸗ nen mit Blitzesſchnelle die ganze Himmelskarte vor ſei⸗ nem inneren Geſicht vorüberflog und er bewußtlos neben dem Grabe zuſammenknickte. O'Toole war denn auch nicht läſſig die ihm jetzt gebotene Freiheit zu benutzen, raſch überſprang er das ihm nächſte Gewirr von Aeſten und Strauchwerk und floh dem Strome zu, als Ben eben wieder zu dem Grab zurückkehrte. „Jones!“ rief er hinter dem Davonſpringenden her—„Jones— wo zum Teufel wollt Ihr denn hin? Ei ſo hol doch die Peſt den Hallunken“ brummte er dann halblaut in den Bart,„wenn der glaubt daß ich ihm in ſolchem Dickicht nachrenne, iſt er verdammt irre und fort kann er auch nicht, ſo viel weiß ich, denn vom Schwimmen verſteht er nichts und die Boote ſind beſetzt — wird ſchon wieder kommen. Aber zum Donner⸗ wetter,“ wandte er ſich dann als er mit dem Fuß an den regungsloſen Körper ſtieß gegen dieſen„wirklich todt, und nur noch einmal zu guter Letzt geſtöhnt? nun dann komm Tusky, dann wollen wir auch keine langen Umſtände mit Dir machen.— Dank's überhaupt dem — 101 Capitain, der Dir den Strick erſpart hat.“— Er ſtieß bei dieſen Worten den Körper in die Grube zurück, tappte dann nach dem Spaten umher, und der nächſte Augenblick fand ihn eifrig beſchäftigt den nur betäubten Genoſſen— lebendig zu begraben. V. Der blinde Paſſagier.— Der Black Hawk. Lautlos trieb die„Schildkröte“ mit dem Strom hinab— Bob Roy hielt, feſt im eiſernen Griff, das ſchwankende Steuer, und die Männer, noch immer um den Lootſen gedrängt, machten es ihm unmöglich auch nur das geringſte Zeichen den nahen Freunden zu geben. Wohl eine Stunde konnte ſo in peinlicher Erwartung verfloſſen ſein, lange ſchon waren die Ruderſchläge des fernen Bootes verhallt, und weiter, immer weiter ließen ſie den Platz zurück, der ihnen bald ſo verderblich ge⸗ worden wäre; aber noch immer wußten ſie nicht, wo ſte ſich eigentlich befänden und ob mit der Vermei⸗ dung des einen Feindes, die Gefahr auch wirkiich vor⸗ über ſei.— —er e⸗ — 103 Edgeworth lud indeſſen, ſo raſch und geräuſchlos als möglich, die beiden Büchſen, aber kein Auge ver⸗ wandte er dabei von dem Mörder ſeines einzigen Soh⸗ nes, der jetzt in grimmem Trotz, doch ohne weiteren überdieß nutzloſen Widerſtand zu leiſten, von Seilen umwunden an Deck lag. Bob Roy dagegen, beobach⸗ tete ſeinerſeits kaum weniger aufmerkſam und immer noch mißtrauiſch das Steuer, an dem unſtreitig irgend ein fremdartiger Körper hing, was es aber ſei, konnte er unmöglich erkennen, und hoffte nur auf das nicht mehr ferne Tageslicht. Bis dahin ſollte er jedoch nicht über den Gegenſtand ſeiner Neugierde und Beſorgniß in Ungewißheit gelaſſen werden; noch ſtand er, und ſuchte durch irgend eine vielleicht zufällige Bewegung des Anhängſels, deſſen Natur zu erkennen, als plötzlich ſein ſcharfes Gehör ein leiſes Stöhnen vernahm. Es blieb ihm jetzt kein Zweifel mehr, daß irgend ein Menſch — ob Freund ob Feind mußte noch dahin geſtellt blei⸗ ben— an dem weit in den Strom hinausragenden Holze hing. Wäre das übrigens wirklich ein Feind geweſen, ſo hätte er ſicherlich ſchon früher das gethan, was der ge⸗ feſſelte Bill in verzweiflungsvoller Anſtrengung umſonſt verſucht— ein Zeichen den nahen Kameraden zu geben. 104 Wenn aber das Gegentheil, weshalb hing er ſich da ſo heimlicher Weiſe an ihr Boot, und verrieth durch keinen willkürlichen Laut ſeine Gegenwart? Bob, um die Un⸗ gewißheit die ihm peinlich wurde loszuwerden, winkte dem Capitain, dieſer aber, hätte er ſeine Bewegungen auch wirklich in der dunklen Nacht erkennen können, achtete nicht auf ihn, und die übrigen Leute waren eben⸗ falls ſo mit ſich ſelbſt beſchäftigt, daß er endlich beſchloß die Sache auf eigene Hand abzumachen. „Halloh the boat!“ ſagte er in dem gewöhnlichen Anruf mit halbunterdrückter Stimme und bog ſich ſo weit er konnte über Bord hinaus, dem fremden Gegen⸗ ſtande zu— keine Antwort erfolgte und es war augen⸗ ſcheinlich, derPaſſagier hinten auf“ wünſchte incognito weiter zu reiſen. „Halloh the boat!“ wiederholte Bob Roy und ſchüttelte das eine Ende der langen Steuerfinne das er in der Hand hielt ein wenig, um wahrſcheinlich dem am anderen Ende Befindlichen dadurch anzudeuten daß er gemeint ſei. Die Worte— es waren die erſten, die nach jenem Kampf an Bord der Schildkröte geſpro⸗ chen worden, erregten aber die Aufmerkſamkeit der Uebrigen und ſie wandten alle die Köpfe zurück, wäh⸗ —, — ₰ 3 10⁵ rend Edgeworth leiſe, die Büchſe im Anſchlag, dem Steuer zuſchritt. „Hm,“ murmelte da der lange Hooſter, als ſeine freundliche Anrede noch immer erfolglos blieb—„ver⸗ ſtockter Geſelle das, wie es ſcheint— verdammt ſchweig⸗ ſam— liebt trockene Unterhaltung, müſſen ihn einmal ein wenig anfeuchten;“ und dem Wort die That folgen laſſend hob er das bis dahin niedergedrückte Steuer, was er in Händen hielt, empor, und tauchte dadurch, da es ziemlich auf der Mitte balancirte, das andere, an welchem er den geheimnißvollen Beſuch vermuthete, na⸗ türlich unter Waſſer. Das geſchehen, zog er die Spitze wieder, ſo weit wie früher, herunter, lehnte ſich mit der Bruſt darauf und rief nun noch einmal, als ob in der Zwiſchenzeit gar nichts Beſonderes vorgefallen wäre:— „Halloh the boat!“ Lauteres Schnaufen und Athemholen war die Folge dieſes Experiments, aber immer noch kam keine Antwort wonach Bob, ohne beſondere Umſtände, die Taufe wie⸗ derholte, das Steuer diesmal aber etwas länger unter Waſſer hielt als früher. „So, mein Herzchen,“ ſagte er dann, als er es zum zweiten Mal an Deck niederdrückte,„wenn Du jetzt 106 nicht redeſt, ſo laß ich Dich wieder hinab und ſtemme dann hier den Stock unter die Finne, nachher wirſt Du a „Nehmt mich— nehmt mich— an— Bord!“ ſtöhnte da eine menſchliche Stimme und Edgeworth, der jetzt wohl einſah, daß ihnen von dieſer Seite keine Ge⸗ fahr drohe, ließ den Hahn ſeiner Büchſe nieder und legte ſie an Deck. „Ja— nehmt mich an Bord!“ brummte Bob Roy leiſe vor ſich hin,„das iſt leicht geſagt, aber wie?— die Jolle iſt nicht da— kannſt Du nicht am Ruder her⸗ aufklettern, mein Herzchen?“ „Nein— ich kann— nicht!“ lautete die Antwort, und die Sprache ſchon bewies, wie der Fremde erſchöpft und ſelbſt kaum noch im Stande ſei, ſich dort feſtzu⸗ halten, vielweniger denn mit den naſſen ſchweren Klei⸗ dern an der ſchlüpfrigen Stange hinaufzuklimmen. „ Wir wollen ihm ein Tau zuwerfen,“ flüſterte Ed⸗ geworth. „Wird auch nicht viel helfen,“ meinte Bob— er ſcheint halb fertig— ich werde wohl wieder hinaus müſſen.“ „Wenn es nun einer jener Buben wäre.“— —— „Glaub' es kaum,“ ſagte Bob und warf Jacke und Hoſe an Deck—„aber wenn auch, er iſt kaput und— auf ſolche Art möchte ich ihn doch nicht dahinten um⸗ kommen laſſen. Steht einmal hier bei dem Tau ein paar von Euch, aber haltet feſt— ich will hinunter und es ihm um den Leib ſchlagen, nachher kann er ſich mit größter Bequemlichkeit wie ein Katfiſch an Deck ziehn laſſen.“ Und damit kletterte er raſch, das eine Ende des Tau's in der Hand, auf dem Steuerruder hin⸗ aus, bis er einen feſt an das naſſe Holz geklammerten Arm ergreifen konnte, an dem fühlte er ſich hin, ließ ſich raſch neben ihm ins Waſſer hinab, ſchlang das Tau um den Körper des Fremden, zog den Knoten feſt und rief nun, während er ſelbſt mit der Rechten in die Schlinge griff: „Holt an Bord!“ Wenige Minuten ſpäter lag der alſo Gerettete an Deck, aber es bedurfte geraume Zeit, ehe er ſich nur in ſoweit erholt hatte, einzelne an ihn gerichtete Fragen verſtändlich zu beantworten. Kälte und Angſt hatten ihn faſt ſeiner Sinne beraubt und er mußte in wollene Decken eingeſchlagen und tüchtig gerieben und geknetet werden. Sein erſtes Wort nach allen dieſen Vorbe⸗ reitungen, war ebenfalls eine Art inſtinktartigen Gefühls 108 des beſten Hülfsmittels— er ſtöhnte„Whiskey“ und die Bootsleute, welche ſelbſt die vorzüglichſte Meinung von ſolcher Arznei hegten, waren raſch mit dem Labſal zur Hand. Als er ſich aber ſo weit erholt hatte einen nur etwas umſtändlichen Bericht über ſich geben zu können, und zugleich einſah, er befinde ſich unter guten ehrlichen Menſchen— wobei er allerdings noch manchmal ſcheu den Blick nach dem erſchoſſenen Inſulaner wie nach dem gebundenen und wohlbewachten Lootſen warf— ent⸗ deckte er dem alten Edgeworth wer er ſei und was ihm begegnet wäre. 1 Es war O'Toole, der, als er das Ufer des Miſſiſ⸗ ſtppi erreicht hatte, ohne Zögern in den Strom ſprang, und ſo weit er konnte hinausſchwamm, um in dem Ne⸗ bel jede Verfolgung unmöglich zu machen. Da der Miſſtſſippi ſtieg, ſo wußte er auch daß er, ſobald er die Strömung erreichte, Treibholz genug finden würde ſich darauf auszuruhen, und zu dieſem Zweck hielt er, ſo weit er das vermochte, quer über, als er plötzlich das Flat⸗ boot vor ſich ſah, und an deſſen Steuerruder ſtieß. Wohl erfaßte er es augenblicklich, aber der Lärm an Bord machte ihn ſchon unſchlüſſig, ob er es doch nicht lieber wieder fahren laſſen und ſuchen ſollte, irgend einen ſchwimmenden Stamm zu erreichen. Da ver⸗ — —.—.,— —=— 109 nahm er dicht hinter ſich das Rudern der Boote— er wußte es waren ſeine Verfolger und in Angſt und Ent⸗ ſetzen klammerte er ſich feſter an das Holz was ihn jetzt noch hielt, und vielleicht allein retten konnte. Eben dies feſtere Anklammern machte aber das freihängende Ruder auch knarren und bewog Bob Roy es feſt zu halten. Der Ire fürchtete indeſſen immer noch in Fein⸗ des Hände zu gerathen, wenn er ſich denen an Bord zu erkennen gebe, und erſt das gewaltſame Eintauchen des Ruders, bei dem er, hätte Bob ſeine Drohung wahr ge⸗ macht, erſticken mußte, zwang ihn ſich auf Gnade und Ungnade zu ergeben— ſeine Kräfte waren erſchöpft— er konnte nicht mehr. Aufmerkſam lauſchten jetzt die Männer dem Bericht über das was O'Toole geſehn und erlebt, und Edge⸗ worth ſchauderte zuſammen, als er der Gefahr dachte, der ſie ſo glücklich und faſt wunderbar entgangen. Großer Gott— wie weit verzweigt mußte dieſe Bande ſein, der er ſelbſt, aus dem Norden Indianas kommend, durch einen ihrer Helfershelfer hatte in die Hände ge⸗ ſpielt werden ſollen. Was aber jetzt thun? in der nächſten Stadt die Anzeige machen, und die Bewohner aufrufen den Platz zu zerſtören? war es wahrſcheinlich, daß ſich gleich Männer genug zuſammen fanden einen 110 ſolchen, ſicherlich wohlbefeſtigten Ort mit Erfolg anzu⸗ greifen? und mußten ſie nicht, im entgegengeſetzten Fall, jene ſelbſt vor der Gefahr warnen, daß ſie ſich ihr durch die Flucht entziehen konnten; ja war das nicht vielleicht jetzt ſchon durch all das Vorhergegangene geſchehn, und welches Elend konnte über das Land gebracht werden, wenn ſich eine ſolche Verbrecherbande nach allen Rich⸗ tungen hin zerſtreute. Raſch trieben ſte indeſſen mit der Strömung hinab — ſie mochten vielleicht, ſeit ſte die gefährliche Inſel verlaſſen hatten— zehn bis zwölf engliſche Meilen ge⸗ macht haben— da rief der Mann, der vorn als Wache auf dem Boot ſaß, ein Licht an— neben dem ſie rechts vorbeitrieben und das, wie ſie bald fanden, von einem dort gelandeten Dampfboot herrührte. Die Ofenthüren waren geöffnet und ſo nahe ſtrichen ſie daran vorüber, daß ſie deutlich zwei, vor den halb niedergebrannten Keſſelfeuern lagernde Neger erkennen konnten. „Greift zu den Finnen. meine Burſchen!4 rief da Edgeworth,„raſch, Boys, das Ufer kann hier kaum funfzig Schritt entfernt ſein— komm Bob, laß den Bug anluven— halt— ruhig noch mit den Larbord⸗ finnen— ſo, nun greift zuſammen aus— ein Bischen 111 mehr hinauf, Bob, wir kommen ſonſt zu weit von dem 4 Dampfer ab— das wird's thun—“ Und mit raſchen und kräftigen Ruderſchlägen trieben die Leute das ſchwere Boot dem Lande zu, warfen um den erſten Baum, den ſie erreichen konnten, das Tau, und lagen bald, etwa zweihundert Schritt unter dem Dampfer, ruhig und ſicher vor Spring⸗ und Sterntau. O'Toole aber, der ſich jetzt wieder vollkommen erholt und erwärmt hatte, ſprang mit Edgeworth an's Land, um auf der noch trocken gelegenen Uferbank hin das Dampfboot zu erreichen und den Capitain deſſelben von den Ereigniſſen der letzten Nacht in Kenntniß zu ſetzen. Das Dampfboot war der„Blackhawk“— von Fort Jonesboro, am Redriver für St. Louis beſtimmt, und führte die von der indianiſchen Grenze abgelöſten Trup⸗ pen nach der Miſſouri Garniſon hinauf. Der Nebel hatte es ebenfalls geſtern Abend gezwungen hier beizu⸗ legen, und es mußte ſich ohnedieß, als altes, ſchon ziem⸗ lich mitgenommenes Boot gar ſehr in Acht nehmen und ſchonen, um nicht durch ein zufälliges Aufrennen der größten Gefahr ausgeſetzt zu werden. V f Kaum vernahm übrigens Capitain Colburn— ſelbſt ein alter Soldat, und früher Capitain der Tera⸗ niſchen Inſurgenten— das Nähere jener von O'Toole 112 beſchriebenen Verbrechercolonie, als er erklärte unter jeder Bedingung dort landen und den Platz unterſuchen zu wollen. Lag ein Irrthum zum Grunde, ſo konnten es ihm die Anſtedler nur Dank wiſſen, daß er wenig⸗ ſtens den Willen gezeigt habe ihnen beizuſtehen, und er⸗ wieß ſich die Sache als begründet, ſo war es vielleicht nur durch augenblickliche und nachdrückliche Maaß⸗ regeln zu ermöglichen die Flußpiraten zu überraſchen und gefangen zu nehmen. O'Toole warf zwar hiergegen ein, daß er eben ſo wenig ein Idee habe wo jene Bande hauſte, als wo er ſich ſelber gegenwärtig befinde, da er im Nebel förmlich blind umhergefahren ſei. Edgeworth dagegen bezeich⸗ nete Capitain Colburn ziemlich genau den Platz, wo ſie am letzten Abend gelandet waren, und da von dort aus die Strömung gerade auf No. Einundſechzig zuführte, ſo blieb es denn auch nicht langem Zweifel unterworfen daß dieſe, bis dahin für öde gehaltene Inſel der Zu⸗ fluchtsort der Verbrecher ſei. Vor allen Dingen wurden einige Matroſen mit der Jolle nach dem Flatboot hinunter geſandt, um den Steuermann Bill an Bord des Blackhawk zu bringen, dieſer aber verharrte trotz Verſprechungen und Drohun⸗ gen, in hartnäckigem Schweigen und ließ nur, als er die . —— 113 fremden Matroſen um ſich ſah, den Blick von Einem zum Andern ſchweifen, ob er nicht doch vielleicht ein ihm freundlich geſinntes Antlitz darunter entdecke. Ueberall hafteten aber die Augen der Männer mit dunk⸗ lem, Unheil verkündenden Ernſt auf ſeiner gefeſſelten. Geſtalt, und er wandte ſich endlich mit wildem Unmuth in Wort und Miene ab, von der feindlichen, von flam⸗ menden Kienholzſpähnen grell beleuchteten Schaar. Ehe ſich der Nebel zertheilte war übrigens ein Vordringen unmöglich, denn erſtlich hätten ſie ſtromauf die Inſel gar nicht aufs Ungewiſſe hin gefunden, und dann durften ſte ſich auch nicht der Gefahr ausſetzen auf den Sand zu laufen, da ſich ſonſt die Verbrecher leicht und ungeſtraft auf Booten gerettet hätten. Edgeworth wollte nun allerdings auf ſeinem Fahr⸗ zeug bleiben, um nicht allein ſeine Ladung ſtromab zu nehmen, ſondern auch das, Mrs. Everett gegebene Ver⸗ ſprechen zu halten. Das ſah er aber bald durch zwei Um⸗ ſtände unmöglich gemacht, erſtlich durch den Capitain Colburn ſelbſt, der ſeine Gegenwart unbedingt verlangte, um ihn auch, für dieſe eigentlich willkürliche Handlung bei der nächſten Behörde zu vertreten, mehr aber noch durch die feſte und beſtimmte Erklärung ſeiner Leute, lieber den letzten Cent ihres Gehalts im Stich zu laſſen, nm. 8 114 ehe ſie nicht das Räuberneſt mit aufſuchen und die Schlangen zertreten möchten, die auch die giftgeſchwolle⸗ nen Fänge gegen ſte erhoben hätten. Allein konnte Edgeworth das Boot unmöglich ſtromab nehmen. Der Capitain beſeitigte aber endlich auch die letzte ſeiner Be⸗ denklichkeiten dadurch, daß er, als er erſt erfahren hatte welche Ladung jener führe, erklärte die Waaren ſelber, und zwar für die Garniſon am Miſſouri ankaufen zu wollen. Ueber den Preis verſtändigte er ſich leicht mit dem alten Mann, und da er ſelbſt faſt gar keine Fracht an Bord hatte, ſo ließ er ſein Dampfboot langſam den Strom hinab bis neben das Flatboot ſchaffen. Wäh⸗ rend nun die Mannſchaft beider Fahrzeuge, von den Soldaten redlich dabei unterſtützt, mit einem Eifer ar⸗ beiteten, als hänge ihre künftige Glückſeligkeit an dem ſchnellen Ueberladen der Fracht, und als handle es ſich hier nicht darum, einen Kampf mit Verzweifelten, viel⸗ leicht dem Tod entgegen zu gehn, ſchloſſen die beiden Männer in der Cajütte den Handel ab. Das, der Dame gegebene Verſprechen durfte den alten Mann jetzt auch nicht länger hindern, denn dieſe erklärte, nach den Vorfällen der letzten Nacht viel lieber wieder mit dem Blackhawk nach Helena zurückkehren und das nächſte Dampfboot ſtromab benutzen zu wollen, als ſich noch 3 — 115 einmal ſolcher Gefahr auszuſetzen, da man jetzt ja auch nicht wiſſen könne, ob die Verbrecher nicht vielleicht auf ihren Booten flüchtig geworden wären oder noch wür⸗ den, und dann gewiß den Strom auf die nächſte Zeit unſicher machten. Die Zertheilung des Nebels war nun das einzige was noch abgewartet werden mußte, und ein friſcher Morgenwind, der ſich gegen Sonnenaufgang erhob, ließ ſie in dieſer Hinſicht das Beſte hoffen. Indeſſen verträumten ſie ihre Zeit nicht unnütz; alle Vorberei⸗ tungen wurden getroffen einem gefährlichen Feind zu begegnen, die Waffen in Ordnung gebracht und die Leute gemuſtert. Der Capitain wollte anfangs Frei⸗ willige auswählen, die erſte Landung mit dieſen zu wagen, ſah ſich aber gezwungen ſelbſt eine Auswahl zu treffen, denn Alle traten vor und verlangten den erſten Fuß an Land ſetzen zu dürfen. Außer ihren gewöhnlichen Waffen empfingen die Leute noch, um das von O'Toole beſchriebene Dickicht zu durchdrin⸗ gen, Beile, Aerte und ſchwere Meſſer ſo viel ſich auftreiben ließen und ihr erſter Angriff ſollte ſich auf den Platz richten von dem die Männer auf der Inſel geſprochen— die untere Spitze, wo aller Wahr⸗ 8* ſcheinlichkeit nach ihre Boote verſteckt lagen. Gelang es, ſich dieſer zu bemächtigen, ſo ſchnitten ſie den Pi⸗ raten die Flucht ab, und der Tapferkeit der Angreifen⸗ den blieb es in dem Fall allein überlaſſen der gerechten Sache den Sieg zu gewinnen. * V. Mrs⸗ Breidelford und ihre Gäſte. Der Leſer muß noch einmal mit mir zu jener Zeit zurückkehren, wo Tom Barnwell, ſo unerwarteter Weiſe angeklagt und verhaftet, von dem Conſtabel dem Gefängniß oder der ſogenannten County jail zugeführt wurde, während der Squire mit Sander den Weg nach deſſen eigenem Hauſe einſchlug. Dieſe Jail befand ſich aber in derſelben Straße mit Mrs. Breidelfords Haus und zwar gerade ſchräg über von ihm, auf der anderen Seite des, ſchon früher erwähnten freien Platzes, ſo daß alſo die beiden Männer, ſobald ſie in die links abfüh⸗ rende Straße traten, den, dem Gefangenen nachdrängen⸗ den Menſchenhaufen verließen. Tom dagegen ſah ſich bald darauf in einer kleinen 1 nach dem Platz hinaus⸗ führenden Zelle einquartirt und ſeinem eigenen, nichts weniger als angenehmen Nachdenken überlaſſen. Unruhig ſchritt er in dem engen, dunklen Raum auf und ab und ſuchte ſich die wunderlichen Vorgänge dieſes Abends möglicher Weiſe zuſammenzureimen; doch umſonſt, des Richters Betragen ſelbſt blieb ihm räthſel⸗ haft und daß Hawes ein Schurke ſei, bezweifelte er jetzt keinen Augenblick mehr. War er verhaftet worden, um an der Entdeckung irgend eines Bubenſtücks verhindert zu werden? Er blieb— als ihm dieſer Gedanke zum erſten Mal das Hirn durchzuckte, ſchnell und betroffen ſtehen und ſah ſtarr vor ſich nieder. War das mög⸗ lich?— nein, nein, der wirkliche Conſtabel hatte ihn ja verhaftet— der Richter war dabei geweſen, das konnte nicht ſein; ja der Mann ſelbſt, der ihn beſchul⸗ digt war ihm fremd, er hatte ihn in ſeinem ganzen Leben noch nicht geſehen, das wußte er gewiß; es mußte alſo ein Irrthum ſein, der ſich bald aufklären würde. Sollte er aber indeſſen hier ſitzen? Edgeworth hätte unmöglich ſo lange auf ihn warten können— und Marie? was wurde aus dem armen, unglücklichen Weſen? Wiederum ſchritt er ſchnell und heftig auf und ab und ſuchte in der raſchen Bewegung auch jene wilden tobenden Gefühle zu beſchwichtigen, die ihm Herz ——] 119 und Sinn durchglühten. Endlich, als ſein Blut an⸗ fing ſich ein wenig abzukühlen, trat er an das kleine, durch ſchwere Eiſenſtäbe wohlverwahrte Fenſter und blickte in die nebliche, nur hie und da von einem matt⸗ ſchimmernden Licht erhellte Straße hinaus. Der Platz vor der Jail war menſchenleer, die, die ihm dorthin gefolgt, hatten geſehen wie ſich die ſchwere eichene Thür hinter ihm ſchloß eben dieſe Thür dann noch eine Weile angeſtarrt und nun langſam wieder den Weg nach ihren verſchiedenen Wohnungen eingeſchlagen. Nur ein einzelner Mann kam noch die Straße herunter und blieb— er hatte ſich den Ort deutlich genug ge⸗ merkt— gerade vor demſelben Haus ſtehen, vor deſſen Thüre er jenen jungen Mann überraſcht hatte. Sollte das Hawes wieder ſein? war er zurückgekehrt von ſeinem kranken Weib? und ſuchte er jetzt noch einmal da, wo ihm der Einlaß früher verweigert worden, Zutritt zu erhalten? Es dunkelte zu ſehr— er konnte die Geſtalt nicht mehr erkennen, deutlich aber vernahm das mehr⸗ malige, zuletzt ungeduldige Klopfen und endlich wurde es in dem Hauſe lebendig. An den unteren Fenſtern erſchien ein Licht, bald darauf öffnete ſich die Thür— ein heller Strahl fiel wenigſtens auf den Weg hinaus— und gleich darauf verſchwand die Geſtalt. Nach und † † * 120 nach erſtarb auch das letzte Geräuſch— die letzten Lich⸗ ter, die er theils oben theils unten an der Straße beobachtete, verloſchen ebenfalls, nur in jenem Hauſe blieb es hell. Stunde nach Stunde ſtand Tom ſo an dem kleinen Fenſter und blickte hinaus in die feuchte, troſtloſe Nacht, Stunde nach Stunde lauſchte er dem fernen monotonen Geräuſch der Fröſche und dem wunderlichen, dann und wann die Stille unterbrechenden Schrei einzelner, über die Stadt hinwegſtreichender Nachtoögel. Träumend hingen ſeine Augen an dem Nebel und er dachte der vergangenen Tage— der vergangenen Liebe; manche Thräne war ihm dabei, ſo recht heiß aus dem Herzen kommend, über die gebräunte Wange geträuft, und er gab ſich nicht einmal die Mühe ſte wegzuwiſchen, ja er wußte es vielleicht gar nicht. Allein— ganz allein ſtand er in der Welt, keine Seele hatte er mehr die ihn liebte, kein Herz das an ihm hing; ſtarb er jetzt, wer war da, der ſich viel um ihn gekümmert, der ſein vielleicht mit einer Thräne ge⸗ dacht hätte?— Niemand, Niemand, und als ihn der Gedanke durchbebte, barg er tief aufſeufzend das Antlitz in den Händen und ſtarrte in die wilden, wirren Bilder hinein, die an ſeinem inneren Auge vorüberſtürmten. 121 Einmal fuhr er empor— es war ihm faſt, als ob er über die Straße herüber einen ſchwachen Schrei ge⸗ hört hätte— ſein Blick traf auf das noch ſchimmernde Licht in dem geheimnißvollen Hauſe, aber Alles war ruhig, kein Laut ſtörte die tiefe Stille und ermüdet warf er ſich endlich auf ſein hartes Lager nieder, ein paar Stunden zu ſchlafen und, wenigſtens für kurze Zeit alles das zu vergeſſen, was ihn jetzt mit ſo ſchmerzlichem Weh erfüllte. ***** Gar verſchieden ging es indeſſen in dem, kaum zwei⸗ hundert Schritt entfernten und noch erleuchteten Hauſe zu, wo Mrs. Louiſe Breidelford ihre, wie ſie oft äußerte „beſcheidene und anſpruchsloſe Wohnung“ aufgeſchlagen hatte. Allerdings hatte Tom Barnwell ganz recht ge⸗ ſehen oder wenigſtens recht vermuthet— jene Geſtalt, die bald nach ſeiner Gefangennehmung vor das Haus zurückkehrte, war wirklich die des vermeintlichen Hawes geweſen, und lange mußte er wieder klopfen ehe er Ein⸗ laß erhielt. Der junge Verbrecher war aber nicht ſo leicht abzuweiſen, und viel zu ſchlau, als ſich durch ein einfaches Ruhigverhalten der Inwohnenden gleich davon überzeugen zu laſſen das Haus ſei wirklich für den Augenblick unbewohnt. Er kannte ſeine Leute beſſer —õ—y— und vermuthete gar nicht mit Unrecht, daß Mrs. Brei⸗ delford, trotz ihrer ſonſt in der That ungewöhnlichen Schweigſamkeit, ſicherlich hinter der Thüre ſtehe und jede ſeiner Bewegungen belauſche; als ſein Klopfen deshalb immer noch erfolglos blieb, bog er ſich zum Schlüſſellloch nieder und flüſterte durch dieſes: „Meine verehrte Mrs. Breidelford, es thut mir zwar unendlich leid, daß Ihnen meine Geſellſchaft nicht übermäßig intereſſant oder wünſchenswerth zu ſein ſcheint, ich muß aber nichts deſto weniger Einlaß haben, und wenn Sie die Thüre nicht öffnen, ſo klopf ich hier ſo lange, bis die ganze Nachbarſchaft rebelliſch wird— dort unten hör' ich ſchon wieder Leute kommen.“ Und wiederum begann er mit beiden Fäuſten die Thüre zu hrämmern. Keine halbe Minute hatte er es dies⸗ mal fortgeſetzt, als er von innen einen ſchweren Riegel zurückſchieben hörte— gleich darauf noch einen, dann war Alles wieder ruhig. Er verſuchte jetzt die Thür zu 'öffnen, dieſe mußte aber auf jeden Fall noch verſchloſſen ſein und ohne ſich auf weitere Demonſtrationen einzu⸗ laſſen begann er ſein Pelotonklopfen auf's Neue. 5„Herr Du mein Gott!“ ſagte da die entrüſtete Stimme der ehrſamen Mrs. Breidelford, während ſie jedoch den Schlüſſel im Schloß umdrehte und die Thüre —,— ein klein wenig aufmachte—„daß ſich unſer Herr Jeſus erbarme— wer in aller Welt—“ Sander ſchnitt ihr hier den Redeſchwall kurz ab, denn kaum zeigte die Thüre ſo viel Oeffnung, daß er einen Fuß dazwiſchen ſchieben konnte, ſo legte er ſich raſch mit ſeinem ganzen Gewicht dagegen, und befand ſich im nächſten Augenblick im inneren Raum. Ohne jedoch hier den Ausruf des Schrecks, wie die entfernte Andeutung unverweilt eintretender Krämpfe weiter zu beachten, warf er die Thüre ſchnell hinter ſich zu und verwahrte ſie nun ſeinerſeits eben ſo ſorgfältig mit Schloß und Riegeln wieder, wie ſie vorher verwahrt geweſen war.— „Aber ich bitte Sie um Gotteswillen“— rief die beſtürzte Frau— „Ruhe meine ſüße Lady!“ bat Sander lächelnd, „Ruhe holde Louiſe— Deine Unſchuld iſt unbedroht, Deine freundlichen Augen ſind nicht gefährdet, nur Deine herzigen Lippen mußt Du verſchließen Und wenn Dir dann das Herz, zu voll, Im wilden Drange überquillt, 2 Dann wirf Dich, Lieb, an dieſe Bruſt, Und all Dein Sehnen iſt geſtillt, Dein Sehnen, das Dir—„ 124 „Der Henker iſt Euer Du!“ unterbrach ihn jedoch hier Louiſe Breidelford auf nicht gerade freundliche Art, „was in des Teufels Namen voollführt Ihr einen Lär⸗ men an einſamer Wittwen Thüren, als ob Ihr Euch ein Gewerbe daraus gemacht hättet, die Füllungen einzu⸗ ſchlagen. Menſch, ſeid Ihr raſend, oder wollt Ihr mich und Euch ſelber unglücklich machen?“ „Keines von Beiden holde Ariadne“ ſagte Sander und machte einen Verſuch ſeinen rechten Arm um ihre Taille zu legen, welche Bewegung ſie aber auf geſchickte und ärgerliche Weiſe parirte—„keins von Beiden, ich hatte nur Wichtiges mit Euch zu bereden, und da meine Zeit etwas beſchränkt iſt.— Aber, holdſeligſte der Krä⸗ merinnen Helenas, wollen Sie mich denn hier die ganze Nacht auf der Hausflur ſtehen laſſen? ich bin kalt, naß, hungrig, durſtig, beraubt, verliebt und— in Gefahr — Eigenſchaften von denen jede einzelne hinreichend ſein müßte bei einer ſo liebenswürdigen entzündlichen Frau auch das größte Intereſſe für den Eigenthümer zu erwecken. Zuerſt bitte ich alſo um Beſeitigung der erſten viere, nachher wollen wir über die anderen reden. Mrs. Breidelford mein Name iſt Sander, und ich habe ſchon früher das Vergnügen gehabt—“ „Ei ſo ſoll Einem doch der liebe Gott in Gnaden 125 beiſtehen,“ rief d Frau in höchſtem Erſtaunen aus— „geht dem nicht das geſegnete Mundwerk wie die Jankee⸗ Dampfmühle am Whiteriver. Was wollt Ihr von mir, Sir? was kommt Ihr in ſpäter Nacht in einzelner und alleinſtehender Frauen Häuſer, und macht zuerſt einen Lärmen vor der Thür, daß die ganze Nachbarſchaft re⸗ belliſch werden muß? Bin ich hier in Helena, um Logis für vagabondirende Landſtreicher zu halten? ſoll ich jeden hergelaufenen Bootsmann bei mir aufnehmen, jeden nichtsnutzigen Galgenſtrick der gerechten Strafe entziehen? Aber das geſchieht mir ſchon recht, mein Se⸗ liger— wenn er jetzt von oben auf mich herabſteht, weiß er daß ich die Wahrheit rede— mein Seliger hat mir das ſchon immer tauſendmal geſagt— und tauſend⸗ mal reichen nicht— Louiſe ſagte er— halt, was ſoll's da? die Thür iſt verſchloſſen— was wollt Ihr an der Thür?“ „Nur Einlaß, holde Louiſe“ ſagte lächelnd Sander, „wenn nicht hier, doch oben— ich höre ſolche mora⸗ liſche Bemerkungen des alten ſeligen Breidelford unge⸗ mein gern, aber ich muß ein Glas heißen Grog oder Stew vor mir, und einen weichen behaglihen Sitz unter mir haben— alſo, wenns gefällig wäre— „Die Thür da iſt verſchloſſen, ſag ich“ rief Mrs. 126 Breidelford jetzt wirklich ärgerlich, nhol Euch doch der Henker, Mann, was wollt Ihr? weshalb kommt Ihr her?“ „Nachtquartier will ich, theuerſte Louiſe“ erwiederte Sander mit unzerſtörbarem Gleichmuth—„Nacht⸗ quartier, ehrbare Wittib, und einen guten warmen Im⸗ biß um dabei mit Dir von einigen Geſchäftsſachen reden zu können.“ „Das geht nicht— ich beherberge Niemanden“ rief Mrs. Breidelford ſchnell—„kommt morgen am Tage wieder, wenn Ihr Geſchäfte mit mir abzumachen habt.“ „Miſtreß Breidelford!“ „Geht zum Teufel mit Eurem Unſtnn, ich will nichts mehr hören— macht daß Ihr fort kommt, oder ich rufe, ſo wahr ich ſelig zu werden hoffe, den Con⸗ ſtabel.“ „Mrs. Breidelford“— ſagte Sander mit ſanfter ſchmelzender Stimme—„theure Mrs. Breidelford— wollen Sie einen Unglücklichen von Ihrer Schwelle, wollen Sie mich jetzt in den feuchten Nebel, faſt in der Gewißheit eines lebensgefährlichen Schnupfens und Catharrs hartherzig hinausſtoßen?“ „Geht gutwillig, Sir, oder ich rufe wahrhaftig den 127 4 Conſtabel“ rief die Frau und ſchob die beiden Riegel wieder zurück, Sander aber, der jetzt einſah daß er den Scherz weit genug getrieben, flüſterte ernſt und drohend: „Halt, Madame, nicht weiter.— Gutwillig wol⸗ len Sie mich nicht hören, meine Bitten konnten Sie 174 nicht bewegen, ſo mag die Furcht Sie dazu zwingen! „Furcht Sir?“ rief Madame heftig auffahrend— „Soll ich Ihnen vielleicht einen Namen nennen, der, wenn nur laut geflüſtert, Ihren Hals ſchon dem Henker b überliefern würde?“ ſagte Sander jetzt mit immer ge⸗ f ſteigerter Stimme,—„ſoll ich Ihnen einen Nagel nennen, der der Nagel Ihres Sarges werden könnte? — ſoll ich Ihnen— doch nein,“ brach er plötzlich ruhi— ger ab,„ich will das nicht thun, ich bitte Sie nur um ein Nachtlager und Speis und Trank, das Uebrige be⸗ reden wir drinn— ich bin ein Freund— Sie ver⸗ ſtehen was ich damit meine. Kann ich hier bleiben?“ 4 Mrs. Breidelford ſah ihn verſtört an— ein leich⸗ tes Lächeln ſpielte um ſeine Lippen und ſeine Augen ſchienen ihr in nur zu deutlicher Sprache zu ſagen ich weiß mehr als ich Dir jetzt mittheilen will— hüte ihr Herz klopfte — Dich.— Ihr Gewiſſen ſchlug ſie ängſtlich und ſie ſagte mit zitternder Stimme die ſte nur noch durch angenommene Verdrießlichkeit zu verdecken ſuchte: „Ei, zum Henker Sir, Ihr gebraucht ſonderbare Worte Jemanden um eine Gefälligkeit zu bitten, aber — geht nur hinauf—'s iſt ein häßlicher Abend heute und— es iſt auch noch Jemand oben, den Ihr vielleicht kennt. Eigentlich iſt mir's ſogar lieb, daß ich mit dem — mit dem Herrn nicht ganz allein bleibe.— Nein hier iſt die Treppe— ach Du lieber Gott, ob denn mein Seliger nicht recht hatte, wenn er ſagte— Louiſe — es ſind ſeine eigenen Worte—“ „Bitte Madame, wen ſoll ich oben finden, wenn ich fragen darf?“ unterbrach ſte Sander hier,„Sie wer⸗ den begreifen, daß ich nicht jede Geſellſchaft—“ Louiſe Breidelford ſah ſich einen Augenblick um, als ob ſie ſelbſt hier fürchte gehört zu werden und flüſterte dann, während ſie mit dem Lichte raſch an ihm vorbei und die Stiegen hinaufſchritt: „Henry Cotton— Ihr werdet begreifen daß ich Urſache hatte vorſichtig zu ſein, ehe ich Gäſte einnahm.“ „Hm“ ſagte Sander und blieb, ſinnend das rohe Treppengeländer mit der einen Hand erfaſſend, noch einen Augenblick unten an der Treppe ſtehen—„hm— wunderbar— Henry Cotton jetzt hier, und beute 129 morgen— doch— abä, was thuts? vielleicht iſt es ſogar gut daß ich ihn hier treffe.“ Und mit flüchtigen Sätzen folgte er der ſchon vorangeſchrittenen Lady, die jetzt ein Seitenzimmer öffnete und dem ſpäten kaum will⸗ kommenen Gaſt hineinleuchtete. Es war ein kleines düſteres Gemach, von innen, und nach der Straße zu, mit Gardinen verhangen; die Wände nicht tapezirt, doch die Spalten der Stämme, aus denen ſie beſtanden, wohl verklebt und das Ganze übertüncht; der Fußboden auch ziemlich rein und ſauber gehalten. Die Meublen ſchienen übrigens, wenn auch einfach doch bequem und das im Camin lodernde Feuer, über dem ein breitbäuchiger kupferner Keſſel ziſchte, gab dem Ganzen etwas Heimliches und Gemüthliches. Dies aber ſchien beſonders dem hier ſchon früher eingetroffe⸗ nen Gaſte wohlzuthun, denn er lag, die Hände auf der Bruſt gefaltet, in einem großen Sorgenſtuhl dem ſonſti⸗ gen Leibſitz der Eigenthümerin, behaglich zurückgelehnt und mußte ſo ganz in die Betrachtung des vor ihm ſtehenden halbgeleerten Glaſes vertieft ſein, deſſen pur⸗ purrother funkelnder Inhalt von einer hellbrennenden Studierlampe beleuchtet wurde, daß er den jetzt Ein⸗ tretenden kaum eines Blickes würdigte und ganz ſo that als ob er hier Herr im Hauſe und nicht ein Flüchtling III. 9 * 130 und vogelfreier Verbrecher wäre, auf deſſen Einlieferung ſogar ſchon bedeutende Prämien geſetzt worden. Er wußte aber auch recht gut, daß ihm ſeine Wirthin Nie⸗ mand bringen würde der ihm gefährlich war, und es freute ihn ſogar Geſellſchaft zu bekommen, da er in der alleinigen Gegenwart von Mrs. Breidelford wohl nicht mit Unrecht einen höchſt langweiligen Abend befürchtete. Madame hatte nämlich, um ſelbſt nicht in die Gefahr zu kommen daß ihr Dienſtmädchen ahnen konnte wer ihr Gaſt ſei, dieſes heute Nachmittag und noch ehe Cotton ihr Haus betrat, unter irgend einem Vorwand zu ihren Eltern geſchickt, von wo ſte vor morgen früh auf keinen Fall zurückkehren würde. Sander ſchritt auf den Tiſch zu an dem der Flücht⸗ ling ſaß und ſagte lachend: „Nun wie gehts, Sir? die Bewegung gut be⸗ kommen?“. Cotton ſah ſtaunend zu ihm auf und es dauerte wohl eine halbe Minute, ehe er den früheren Ka⸗ meraden und Gehülfen erkannte, dann aber ſtreckte er ihm raſch und freudig die Hand entgegen und ſagte ſchnell.— Ach, Sander, bei Gott— das iſt koſtbar daß ich 131 Euch hier finde— haben uns verdammt lange nicht geſehn.“ „Nun, ſo verdammt lange iſt das eigentlich nicht,“ meinte der junge Verbrecher, die dargebotene Hand ergreifend,„es müßte denn ſein, daß Ihr einen ſo ausgedehnten Begriff von zehn oder zwölf Stunden hättet.“ „Von zehn oder zwölf Stunden?“ frug Cotton verwundert, und Sander erzählte ihm jetzt lachend, wie und auf welche Art er Einer ſeiner Verfolger geworden ſei, und ſehr wahrſcheinlich, vielleicht auch etwas un⸗ freiwillig, das Leben des mit dem Pferde geſtürzten Cook gerettet habe. „Ei zum Teufel, das hätte ich wiſſen ſollen,“ rief Cotton erſtaunt und ſchlug mit der Hand auf den Tiſch —„die Peſt noch einmal, wie hätte ich dem vermale⸗ deiten Hund den Ritt verſalzen wollen. Doch— siiſt vielleicht ſo eben ſo gut; es hätte das County nur noch rebelliſcher gemacht, das mir überdieß grade genug auf den Hacken ſitzt.“ Die beiden Männer unterhielten ſich jetzt von ſeiner Flucht und den am Fourche la fave vorgefallenen Scenen, über die Sander wenig Beſtimmtes wußte, während . 97 132 Mrs. Breidelford geſchäftig das Abendbrod auftrug das ſie für ihre Gäſte reichlich und ſchmackhaft bereitet hatte. Dieſe ließen ſich denn auch nicht lange dazu nöthigen. Cotton, obgleich er ſchon zu Mittag wirklich fabelhafte Portionen zu ſich genommen, fing noch einmal an zu eſſen, als ob er Wochen lang gefaſtet habe, und Sander, der ebenfalls ſeit dieſem Morgen gehungert hatte, unter⸗ ſtützte ihn hierin mit einem Eifer, der die würdige Wit⸗ tib bald für ihre Speiſekammer beſorgt machte. Wäh⸗ rend dem Eſſen wurde denn auch, nach amerikaniſcher Sitte, faſt kein Wort zwiſchen den Männern gewechſelt, jeder ſchien zu ſehr mit ſich ſelbſt beſchäftigt, um an irgend etwas Anderes zu denken, und erſt als die Mahl⸗ zeit beendet und die Bowle mit dem dampfenden Gebräu gefüllt war, da löſten ſich wieder ihre Zungen und Cot⸗ ton fing nun an— ein Gegenſtand den ſie bis dahin Alle vermieden— von der Inſel zu reden, über die er von dem Gefährten Auskunft verlangte. „Hol's der Henker, 4 rief er dabei—„ich ſehe ein, daß ich's am Ende doch nicht umgehn kann. Die Peſt über die Schufte, aber ſie hetzen mich wie einen Wolf, und es iſt ordentlich, als ob ſie mir nur mit Willen den einen Schlupfwinkel offen gelaſſen hätten. Gut— ſie treiben mich zum Aeußerſten, ſo mögen ſte's denn 133 haben— wer dick aufſtreicht, darf ſich nachher nicht wundern wenn ihm das Brod zu fett wird— es wäre —. möglich, daß ich der Brut auch noch einmal zu fett würde. Sander, ich bin Euer Mann— nehmt mich morgen, oder meinetwegen noch heute Nacht mit auf die Inſel hinunter— aber nein, heute und morgen muß ich mich erſt einmal ordentlich ausruhn— ich bin halb⸗ todt gehetzt, und abgemattet mag ich mich da unten nicht vorſtellen. Aber nun ſagt mir auch— wie ſtehts mit der Inſel— wie ſind die Bedingungen unter denen man aufgenommen werden kann und— was hat man dafür zu thun. siſt nicht um der Gewiſſensbiſſe mehr, aber man möchte doch gern, eh' man in eine ſolche Falle geht, ein klein wenig vorher wiſſen was dort von Einem verlangt wird. Nun? Ihr ſchweigt? Ihr habt doch wahrhaftig nicht etwa Angſt daß ich Euch ver⸗ rathen könnte?“„ 1 Sander ſchüttelte mit dem Kopf und ſah eine Weile ſinnend vor ſich nieder— ſollte er jetzt dem Manne von der Gefahr ſagen in der ſie ſchwebten?— daß Alles auf dem Spiele ſtand und ihre ganze Sicherheit an einem Haare hing?— Nein— Mrs. Breidelford war noch im Zimmer, oder ging doch wenigſtens ab und zu, und erfuhr ſie das, ſo blieb ihm natürlich 134 keine Hoffnung, auch nur einen Cent von ihr zu er⸗ halten.— 1 „Hm, ja!“ ſagte er nach ziemlich langer Pauſe— „alſo Ihr wollt mit hinüber?— kennt Ihr denn ſchon die Wirkſamkeit der Inſel?“ „Ih nun, Rowſon hat mir einmal einen kurzen Ueberblick gegeben— es exiſtirt auch ein gewiſſes Zeichen, daß ſie Einen aufnehmen.“ „Allerdings— kennt Ihr aber auch den Schwur den Ihr leiſten müßt?“ „Ich kann ihn mir wenigſtens ſehr lebhaft denken,“ brummte Cotton—„doch— heraus mit der Sprache — ſeid nicht ſo verdammt geheimnißvoll. Donner⸗ wetter, Mann, bei mir habt Ihr doch weiß es Gott nichts zu fürchten, denn wenn irgend Einer in der wei⸗ ten Welt Urſache hat Schutz zu ſuchen, ſo bin ich es.“ Mrs. Breidelford hatte in dieſem Augenblick das Geſchirr hinausgetragen und Sander bog ſich raſch zu Cotton hinüber und flüſterte: „Laßt die Alte nur erſt zu Bette ſein, ich habe Euch wichtige Nachrichten mitzutheilen, von denen ſie aber gerade nichts zu wiſſen braucht.“ „So? über die Inſel?“ † —,— 13⁵ „Ruhig— ſie kommt wieder— reden wir jetzt lieber von etwas Anderem. In dieſem Augenblick trat die würdige Dame wie⸗ der ein und Sander erzählte jetzt lachend dem Kamera⸗ den, wie ſte vorhin, unten vor ihrer Thüre, einen ganz unſchuldigen Mann verhaftet hätten, von dem ſie fürch⸗ teten, daß er ihnen gefährlich werden könnte.“ „Nun wie iſt's?“ ſagte da Mrs. Breidelford, und trat mit zum Tiſche—„wie ſtehts? ſchon verabredet? geht Cotton mit hinunter? ssiſt das Beſte, Mann, was Ihr thun könnt, und ich würde noch dieſe Nacht dazu benutzen. Louiſe, ſagte mein Seeliger immer, „ſchneller Entſchluß, guter Entſchluß— nur nicht zag⸗ haft, wenn Du auch eine Frau biſt“— ein merk⸗ würdiger Mann war Mr. Breidelford— Gentlemen, und—“ „Mußte ein ſolch unglückſeliges Ende neh⸗ men,“ fiel Sander hier, mit einem Seitenblick auf Cotton ein. 8„Unglückſeliges Ende, Sir?“ rief Madame ſchnell, und ihre Blicke flogen von Einem der Männer zum Andern—„Unglückſeliges Ende? o ich weiß recht gut was Sie damit meinen, Sir— Pfui, ſchämen Sie ſich, Mr. Sander, ſolche niederträchtige Gerüchte auch noch 136 in den Mund zu nehmen, ſeine Zunge ſolchen nichts⸗ würdigen Verläumdungen zu leihen— aber ich ſehe wohl wie es iſt; mein Seeliger, das liebe gute Herz hatte ganz recht— Louiſe ſagte er immer—“ „Laſſen Sie's gut ſein, meine liebe Mrs. Breidel⸗ ford,“ ſagte Sander raſch und ſuchte ihre Hand zu er⸗ greifen, die ſie ihm jedoch unwillig entriß—„'swar wahrhaftig nicht ſo bös gemeint, Sie müſſen auch nicht gleich immer das Schlimmſte darunter verſtehn. Haben Sie mir nicht ſelbſt einmal verſtchert daß Ihr Seeliger geſagt hätte— Louiſe ſagte der gute Mann, der nun im Grabe liegt— denk nicht gleich von Jedem das Schlimmſte— die Welt iſt beſſer als man ſie macht?“ „Ja, Mr. Sander, das hat er geſagt, mehr wie tauſendmal hat er das geſagt,“ fiel hier die Frau, an ihrer ſchwachen Seite angegriffen, ſchnell beruhigt wie⸗ der ein,„und darin hab' ich ihm auch gefolgt— Brei⸗ delford ſagte ich oft— ich weiß Du haſt recht und wir ſind Alle fündige Menſchen, aber ich kenne meine Schwäche und wenn ich auch in manchen Stücken ſelbſt ſchwach und fehlerhaft ſein mag, meine Nebenmenſchen acht' ich und verehre ich, und biſſe mir eher die Zunge ab, eh ich mir ein böſes Wort gegen ſie über die Lippen kommen ließe.“— 1 „Nun ſehn Sie wohl, beſte Madam,“ fiel hier Cotton, mit einem ſpöttiſchen Zucken um die Mund⸗ winkel, beruhigend ein—„es iſt Manches nicht ſo ſchlimm wie es ausſieht. Aber— um was ich Sie noch bitten wollte— Sie redeten mir da erſt von Ci⸗ garren— denken Sie, ich habe ſeit drei Wochen keine vernünftige Cigarre geraucht und vergehe faſt vor Sehnſucht danach— nicht wahr, Sie thun mir den Gefallen?“ „Und habe nachher mein beſtes Zimmer ſo verräu⸗ chert daß ich mich zu Tode huſten kann? der Geruch zieht Einem in die Betten, daß es zehn Pfund Seife nicht wieder herausbringen!“erwiederte Mrs. Breidelford. „Wir rauchen jeder nur eine einzige,“ betheuerte Sander—„ſein Sie nicht ſo hartherzig— ach Mrs. Breidelford ich habe auch drüben einen Kaſten mit Bän⸗ dern und Pariſer Blumen ſtehn.“ „Wie die Herren artig und höflich ſein können wenn Sie von einem armen Frauenzimmer etwas haben wol⸗ len,“ ſagte Mrs. Breidelford, aber ſchon bedeutend mil⸗ der geſtimmt—„alſo Bänder und Blumen? ach Du lieber Gott, was ſollte eine alte Frau wie ich⸗ bin, mit Bändern und Blumen? übrigens lehn möcht ich ſſon einmal— es wäre doch möglich— 138 „Alte Frau?“ wiederholte ſtaunend Sander— „alte Frau? Mrs. Breidelford, ei ich möchte Ihnen nicht gern widerſprechen, aber ſo viel weiß ich doch, daß Sie es in manchen Stücken mit den Jüngſten—“ „O— Schmeichler“— ſagte Madame und ſchlug naiv lächelnd nach ihm—, aber ich ſehe ſchon, ich werde die Cigarren holen müſſen. Nein ich danke, ich brauche kein Licht— ich bin gleich wieder oben;“ und mit raſchen Schritten verließ ſie das Zimmer und eilte die Treppe hinab. „Ihr könnt nicht auf die Inſel!“ flüſterte Sander ſchnell, als ſich die Thür hinter der Frau ſchloß—„der Mulatte der mit Euch floh, iſt gefangen, und hat Alles bekannt— wir ſind verrathen und müſſen ſobald als möglich fliehn.“ „Was? die Inſel verrathen?“ rief Cotton wirklich erſchreckt—„alſo auch der letzte Zufluchtsort abge⸗ ſchnitten— Peſt und Tod das fehlt noch— und was habt Ihr jetzt im Sinn?“ „Mrs. Breidelford muß mir Geld vorſtrecken, ſie weiß noch nichts von der uns drohenden Gefahr, und braucht es auch jetzt noch nicht zu erfahren. 4 „Hat ſie Geld?“ „Sie leugnet es zwar immer, ich bin aber feſt über⸗ —— 139 zeugt daß ſie Tauſende liegen hat— ſie iſt zu ſchlau, als umſonſt Jahre lang die Hehlerin eines ſolchen Ge⸗ ſchäfts geweſen zu ſein.“ „Und Ihr glaubt daß ſte Euch gutwillig Geld giebt?“ frug Cotton raſch.— „Ruhig— nicht ſo laut— ich hoffe es wenigſtens, das bleibt auch meine einzige Ausſicht, denn wir Alle müſſen jetzt flüchtig werden und verbreitet ſich erſt ein⸗ mal das Gerücht im Lande, daß ein ſolches Neſt aufge⸗ hoben und die Mannſchaft zerſtreut ſei, dann wäre der, der ohne Geld entkommen wollte, rein verloren. Je⸗ der erbärmliche Farmer würde zum Polizeiſpion und den Gerichten überliefern was ihm nur irgend verdächtig vorkäme.“ „Und wann wollt Ihr fort?“ frug Cotton. „Ich ginge gleich,“ erwiederte Sander mürriſch— „aber noch hoff' ich, daß wir bis morgen Abend unge⸗ ſtört bleiben; dann haben wir unten unſere Hauptver⸗ ſammlung und auch Theilung der Beute.— Jeden Falls muß ich mich aber auf das Aeußerſte vorſehn und dafür ſoll mir unſerer freundlichen Wirthin Schatzkam⸗ mer helfen.“ „Wenn aber“— ſagte Cotton ſinnend und ſah ſtarr vor ſich nieder—„wenn aber nun— wen 2 8 140 wir aber nun— noch dieſe Nacht ein ſicheres Unter⸗ kommen brauchten— wäre das hier in Helena zu finden?“* Sander ſah ihn fragend an und ſagte dann endlich mit einem halb ſpöttiſchen Lächeln: „Das ſicherſte liegt uns hier ſchräg gegenüber — ein guter Bekannter von mir iſt dort einquartirt.“ „Unſinn,“ brummte Cotton—„wißt Ihr keinen Platz— pſt— ich glaube die Frau kommt wieder d „wißt Ihr keinen Platz,“ fuhr er ſchnell, mit noch viel leiſerer Stimme fort,„wo man, ſo lang es morgen Tag i*ſt, vor Nachforſchungen ſicher wäre?“— „Gerade über der Stadt oben— fragt nur nach dem„grauen Bären,“ flüſterte Sander ſchnell zurück, „ha— ich glaube unſere Miſtreß horcht.“ Die beiden Männer ſaßen einige Minuten ſchweigend neben einander bis die Thür, ohne daß ſie jedoch vorher einen Schritt gehört hätten, aufging, und Mrs. Brei⸗ delford mit den erbetenen Cigarren eintrat. Sander war nun allerdings ganz Freundlichkeit, bat die Dame an ihrem Tiſch mit Platz zu nehmen, um doch auch ein Glas von dem höchſt delicaten Stew zu koſten, während Cotton, ganz in ſeine Gedanken vertieft, faſt bewußtlos Aher zum Licht rückte, die Cigarre an der hellen Flamme 141 zu entzünden. Mrs. Breidelford dankte aber und ſchöpfte ſich nur ein kleines Töpfchen voll Stew aus der Bowle, trug dieſes in die entfernteſte, dunkelſte Ecke des Zimmers, wohin ſie ſich auch einen anderen Lehn⸗ ſtuhl zog, und ſchien nun— ihrer ſonſtigen Gewohn⸗ heit ſicherlich ganz entgegengeſetzt— gar nicht den min⸗ deſten Antheil mehr an dem ferneren Geſpräch der Männer zu nehmen. Ja als dieſe noch ein halb Stündchen etwa unter ſich geplaudert, bewieß der vor⸗ gebeugte Oberkörper und das unregelmäßige oft lebens⸗ gefährlich ausſehende Nicken des großbehaubten Kopfes, daß Madame dem Schlummergott in die Arme geſun⸗ ken und heute Abend auf jeden Fall für die Unterhal⸗ tung verloren wäre. Dem war aber keineswegs ſo— Madame behielt ihre Sinne ſo gut beiſammen wie irgend Einer der bei⸗ den Männer, aber ihr Verdacht war erregt worden. An der Thüre draußen hatte ſie gehört, wie jene leiſe zuſammen flüſterten— ſie horchte eine ganze Weile, konnte jedoch kein Wort davon verſtehn, und beſchloß nun auf jeden Fall herauszubekommen was es ſei, das ſie ſo geheim zu halten wünſchten. Durch Fragen würde ſte nie etwas erfahren haben, das wußte ſie recht gut, Liſt mußte ihr alſo helfen und ihr eifriges Nicken, wie 142 ihr ziemlich gut nachgeahmtes ſchweres Athmen täuſchte auch die beiden Verbrecher bald ſo weit daß Cotton, dem jetzt vor allen Dingen daran lag etwas Näheres über die Gefahr, die ihnen drohe zu hören, erſt eine Weile nach der Schlummernden hinüberhorchte, und ſich dann mit leiſe geflüſterter Rede wieder an den Kameraden wandte. Sander erzählte ihm jetzt, aber ebenfalls noch mit unterdrückter Stimme, die Begebenheiten auf Livelys Farm(wobei er jedoch natürlich verſchwieg was ihn ſelbſt dorthin geführt habe) und rieth ihm dann ſich nur an Kelly zu wenden und Unterſtützung von ihm zu verlangen— er würde ſie ihm keinesfalls verſagen. „Aber treff ich den Capitain auch?“ frug Cotton ängſtlich—„bedenkt Mann, hier kann das Leben an jeder Secunde hängen; finden ſie mich, ſo werden, da⸗ von mögt Ihr überzeugt ſein, wahrhaftig keine Umſtände gemacht— mich knüpfen ſte an den erſten beſten Baum auf. Hätt' ich den Rückhalt der Inſel nicht gehabt— nie würd' ich ſo keck den ganzen Staat faſt herausgefor⸗ dert haben, jetzt iſt mir der mit einem Schlage abge⸗ ſchnitten, und ohne einen Cent in der Taſche weiß ich bei Gott nicht wie ich entkommen ſoll. Wie wär's denn, wenn wir lieber gleich aufbrächen und nach dem 143 grauen Bären hinaufgingen? Die Straßen ſind ruhig und wir brauchen nicht zu fürchten daß uns Jemand ſteht.”“ „Noch nicht“— ſagte Sander—„erſt muß ich mit der Frau da reden.“ „Und glaubt Ihr, daß ſie Euch gutwillig Geld auszahlen werde?“ frug Cotton lauernd. „Ja“— ſagte der junge Verbrecher—„ich kenne einen Zauberſpruch, der ſie warſcheinlich über⸗ reden wird.“ „Hm— vielleicht derſelbe, der mir hier Einlaß verſchafft hat— aber ſte muß ſich fügen— die Peſt über ſie— ſie hat das Geld, und wir“— ſein Blick flog, durch die linke Hand gegen den blendenden Schein des Lichts gedeckt, nach der Geſtalt der Frau hinüber, aber mit einem lauten Ausruf der Ueberraſchung ſprang er empor, und rief, als er die großen grauen Augen der ſchlafend Geglaubten feſt und entſetzt auf ſich gerichtet ſah—„verdammt, ſte ſchläft nicht!“ „Nun Sir?“ frug die Wittwe, die trotz der fürch⸗ terlichen Angſt, die ihr für den Augenblick den Athem zu benehmen drohte, dennoch ihre Geiſtesgegenwart be⸗ hielt—„das iſt dann wahrhaftig nicht Euere Schuld; wenn Ihr ſo verwünſcht langweilige Geſchichten erzählt, 144 könnt Ihr kaum verlangen, daß man die Augen offen behält— Jeſus, die Lampe geht ja beinah aus— wie ſpät iſt's denn?“ Die Blicke der beiden Männer begegneten ſich, was ſollten ſie thun?— wie ſollten ſie ſich benehmen? „Zehn Uhr muß es vorbei ſein,“ ſagte Sander end⸗ lich—„ich habe die Stöcke der Wachen ſchon unten an der Straßenecke gehört.“ „Dann will ich noch ein wenig Oel für die Lampe holen,“ ſagte Mrs. Breidelford, während ſie aufſtand und ſich nach der Thür wandte—„nachher zeig ich Euch Euer Bett— Ihr müßt Beide vor Tages An⸗ bruch unterweges ſein und wollt doch vorher ein wenig ſchlafen.“ — Sie erfaßte die Klinke und wollte eben die Thür öffnen, aber das Herz drohte ihr dabei vor Furcht und Entſetzen die Bruſt zu zerſprengen. Der Blick des Mörders, dem ſie begegnet, hatte ihr das Schrecklichſte verrathen— ihr Leben ſtand auf dem Spiel— nur noch zwei Schritte und ſie konnte die Thür von außen verriegeln und das Freie erreichen— nur noch eine Se⸗ cunde und ſie war gerettet— ihr Fuß betrat die Schwelle und Sander, der an einen Gewaltſtreich kaum gedacht, ſah ihr unſchlüſſig nach. Da ſprang Cotton, der ihre 145 Abſicht ahnte, und jetzt wußte es galt das Aeußerſte, raſch auf ſie zu und faßte, als ſte gerade die Thür hinter ſich zuziehn wollte, ihren Arm. „Mörder!“ ſchrie da die Frau in Todesangſt und der Ruf hallte gellend und ſchauerlich in dem leeren Hauſe wieder—„Mör“— Es war ihr letztes Wort geweſen— Cottons Fauſt, voll rieſiger Kraft geführt, ſchmetterte ſte mit einem ein⸗ zigen Schlage bewußtlos zu Boden und Sander ſprang in wildem Entſetzen empor. Kein Laut unterbrach mi⸗ nutenlang die Stille und der ausgeſtreckte Körper der unglücklichen Frau lag auf der Schwelle ihres eigenen Zimmers. „Cotton,“ ſlüſterte Sander endlich und ſah ſich erſchreckt um,„was habt Ihr gethan— iſt ſie todt?“ „Ich weiß nicht,“ brummte der Mörder und wandte ſich ſcheu von der zu Boden Geſchlagenen ab—„macht jetzt ſchnell daß wir finden was wir brauchen— wo hat ſie denn wohl ihr Geld aufbewahrt. Donnerwetter Mann, ſteht nicht da, als ob Ihr mit Thran begoſſen wäret, jetzt iſt keine Zeit mehr zum Gaffen.'s iſt ge⸗ ſchehn und an uns liegt's nun, den Zufall ſo gut als möglich zu benutzen.“ III. 10 146 „Wie ſoll ich wiſſen wo ſie ihr Geld hat“— ſagte Sander—„doch wohl dort wo ſie ſchläft—“ „Dann kommt,“ entgegnete Cotton—„der Platz muß gleich hier neben an ſein— ich ſah die Thüre offen ſtehn, als ich eintrat— nun, fürchtet Ihr Euch etwa über den Cadaver zu treten?“ Ihr habt wohl noch keine Leiche geſehn?“ Cotton hatte die Lampe ergriffen und war über den Körper weg geſtiegen— Sander folgte ihm, doch die Schlafkammerthür fanden ſie verſchloſſen und der Mör⸗ der drehte ſich noch einmal gegen ſein Opfer um. „Ach beſte Mrs. Breidelford“— ſagte er höhniſch, und ſein Geſicht verzog ein in dieſem Augenblick wirk⸗ lich teufliſches Lächeln—„dürfte ich Sie wohl einmal um Ihre Schlüſſel erſuchen?“ Er bog ſich raſch zu dem Körper nieder und hakte das Schlüſſelbund auf; Sander hatte ihm die Lampe aus der Hand genommen und Beide betraten jetzt das Schlafzimmer der Wittwe. Vergebens durchſtöberten ſte aber hier alle Winkel und Kaſten, ſelbſt das Bett wühlten ſie auf und ſuchten jede einzelne Schieblade aus. Es war Alles umſonſt, keinen Cent an Geld fanden ſte, nur einzelne Schmuckſachen, die ſie zu ſich ſteckten, die ihnen aber doch für den Augenblick das nicht waren, 147 was ſie bedurften. Wer kannte in dieſer Wildniß den Werth ſolcher Sachen, und mußte nicht allein ſchon der Beſitz derſelben den Verdacht noch mehr auf ſie lenken?— „Schöne Geſchichte das“— knirſchte Sander end⸗ lich, als er eine Maſſe werthloſen Plunders mit wildem Fluch neben ſich auf die Erde ſchleuderte— das kommt von Euerem verdammten gleich mit Fäuſten d'rein ſchla⸗ gen. Hättet Ihr mich gewähren laſſen—“ „So war Madame jetzt auf der Straße und ſchrie Zeter und Mord!“ erwiederte Cotton unwillig,„ſte hatte gemerkt was wir wollten, und wäre auf jeden Fall geflohen.“ „Und jetzt?“— „Verräth ſie wenigſtens nicht mehr wen ſie beher⸗ bergt“— brummte der Mörder.„Doch ich dächte wir beeilten uns ein wenig— wo nur die alte Hexe ihre Schätze ſtecken hat— hol's der Teufel, mir wird's un⸗ heimlich hier, und je eher wir den Miſſiſſippi zwiſchen uns und—“* 1 Ein lautes donnerndes Pochen an die Thür, machte daß er entſetzt empor fuhr und faſt krampfhaft den Arm ſeines Kameraden faßte.— „Peſt,“ ziſchte er dabei und ſah ſich wild nach allen 10* 148 Seiten um—„wir ſind verloren, können wir nicht hin⸗ ten hinaus entfliehn?“ „Ich weiß nicht,“ flüſterte Sander—„der Teufel traue aber, der Platz hier iſt mir völlig unbekannt, und ſprängen wir in einen fremden Hof und würden von Hunden angefallen und geſtellt, ſo wäre es um uns ge⸗ ſchehen.“ „Halloh da drinnen!“ rief jetzt eine rauhe Stimme von Außen und der ſchwere Hickoryſtock ſchlug gegen die Thür an—„Mrs. Breidelford— was giebts da? ſind Sie noch munter?“ Cotton ſtand wie vom Schlage gerührt, Sander aber, dem die Nähe der Gefahr auch wieder ſeinen gan⸗ zen kecken Uebermuth gab, riß ſchnell eine der vielen im Zimmer umher geſtreuten Hauben der Ermordeten vom Boden auf, zog ſie ſich über den Kopf und ſchritt nun raſch damit zum Fenſter. „Was wollt Ihr thun?“ frug Cotton erſchreckt. Sander gab ihm gar keine Antwort, ſchob die Gardinen von innen zurück, öffnete das Fenſter ein we⸗ nig, ſo daß ſein Kopf von unten herauf nur etwas ſicht⸗ bar blieb, und frug, die kreiſchende Stimme der Mrs. Breidelford auf das treffendſte nachahmend, anſcheinend ärgerlich und raſch: 149 „Nun was giebts da wieder? hat man denn in die⸗ ſem unſeligen Neſte nicht einmal des Nachts Ruhe, daß ſich eine arme alleinſtehende Frau—* „Halloh— nichts für ungut,“ rief da eine rauhe Stimme von unten, die, wie Sander augenblicklich ſah, von einem der in den Straßen poſtirten Wachen oder ſogenannten Watchmen herrührte—„mir war's als ob ich hier im Haus einen Schrei gehört hätte, und da ich durch die Fenſterſpalten noch Licht ſah—“ „Schrei— Fenſterſpalten!“ rief unwillig die ver⸗ meintliche Mrs. Breidelford und ſchlug das Fenſter hef⸗ tig wieder zu—„wer weiß wo Ihr die Ohren gehabt habt. Geht zum Teufel und laßt arme allein ſtehende Frauen—“ das Andere wurde dem Nachtwächter drau⸗ ßen durch das Zuſchlagen des Fenſters unverſtändlich. „Nu, nu“— ſagte der Mann lachend, als er hörte mit welcher Heftigkeit ſich Madame zurückzog— „wieder einmal nicht richtig im Oberſtübchen?— der Stew muß heute Abend abſonderlich gut geſchmeckt ha⸗ ben— hahaha,„das hat mein Seeliger tauſend und tauſendmal geſagt— Louiſe, ſagte er immer, ich weiß Du verabſcheuſt geiſtige Getränke, und mit Recht— ſie paſſen auch nicht für das zarte Geſchlecht; aber Du mußt das auch nicht übertreiben— ſagte er, ach ich ſehe ihn 150 noch vor mir, das liebe gute Herz, der jetzt kalt in ſei⸗ nem Grabe liegt— es giebt Zeiten, wo ein Tröpfchen Rum, mit Mäßigkeit genoſſen, Arznei werden kann, und Du biſt eine zu verſtändige Frau, Louiſe— das waren ſeine eigenen Worte, Ladies— als daß Du nicht wiſſen ſollteſt, wann Dir ein Tröpfchen nützen und wann es ſchaden könnte“— hahahaha.“— Und der Mann ging, halblaut dabei die im ganzen Städtchen bekannten Redensarten der würdigen Dame eitirend, während er mit dem einen rechten Arme dazu geſticulirte, langſam die Straße hinunter und ſtieß erſt an der Ecke den ſchweren Stock, den er bis dahin im linken Arm getragen, auf die Steine nieder; ein Zeichen, das von andern Theilen der Stadt beantwortet wurde, und hauptſächlich dazu diente die Wachen gegenſeitig zu überzeugen ihre Kameraden ſeien munter, und ſie könn⸗ ten im Nothfall auf deren Schutz rechnen. Die Schritte des Wächters waren lange verhallt, und noch immer ſtanden die beiden Verbrecher laut⸗ und regungslos neben einander. Sander aber, der, ſobald er den Laden geſchloſſen, die Mütze gleich abgeworfen hatte, brach zuerſt das Schweigen und flüſterte: „Wir ſind gerettet— den Wachen wird es jetzt nicht wieder einfallen nachzufragen, und die ganze Nacht 136 bleibt uns, das verſteckte Geld zu ſuchen; vergraben kann es doch unmöglich ſein.“ „Wär' es nicht beſſer wir flöhen jetzt, wo es noch Zeit iſt,“ ſagte ängſtlich der Mörder—„mir graut es hier in dem Haus.“ „Iſt Euch das Herz in die Schuh gefallen, weil Ihr da unten den Zauberſtab habt klopfen hören“— lachte höhniſch Sander, der in der plötzlichen Angſt des Ge⸗ fährten und durch die gelungene Liſt neuen Muth ge⸗ wann,„nein, nun wollen wir auch ſehn ob unſere blutige Saat nicht goldene Früchte tragen wird. Geld befindet ſich hier im Haus, davon bin ich überzeugt, nur den Platz brauchen wir zu finden.“ Und raſch nahm er die vorhin auf den Tiſch ge⸗ ſtellte Lampe wieder auf, und begann, von Cotton dabei eifrig unterſtützt, ſeine Nachforſchungen aufs Neue. Es blieb aber Alles vergebens, ſte öffneten zwar mit den Schlüſſeln alle Thüren und Kaſten und durchſtöber⸗ ten jeden Winkel, aber keine Spur von Geld konnten ſte entdecken— Waaren und Güter genug, nur nicht das, was in dieſem Augenblick für ſie den zehnfachen Werth gehabt hätte— Silber oder Banknoten. Der dämmernde Tag mahnte ſte erſt, ihre nutzloſen Bemühungen einzuſtellen und auf die eigene Rettung zu 152 denken— traf man ſie in dieſem Haus ſo konnte ſelbſt Dayton ſte nicht retten. Sie verſchloſſen alſo raſch wieder die Thüren, um nicht gleich, beim erſten Betreten des Hauſes, augenblicklichen Verdacht zu erregen, trugen dann den Leichnam der Unglücklichen auf ihr Bett— lauſchten vorher ſorgfältig aus dem jetzt dunklen Zim⸗ mer auf die Straße hinaus, daß auch keiner der Wächter in der Nähe ſei und ſie aus dem Haus der Wittwe kom⸗ men ſähe, ſchlichen dann ſchnell die Treppe hinunter in's Freie und eilten nun, als ſie erſt einmal die Stadt hinter ſich hatten, ſchnellen Schrittes der Schenke zu, in welcher ſie den Capitain zu ſprechen und Hülfe und Schutz zu erwarten hofften. — — — - VII. Cook kommt nach Helena. Der Tag dämmerte— die Dunkelheit der Nacht wich rauſchenden unbeſtimmten grauen Schatten die, Grabesſchleiern gleich, das ganze düſtere, noch immer von dichtem ſchwadigem Nebel erfüllte Land wie den leiſe gurgelnden Strom überhingen. Die Maſſen aber, die bis dahin mit der Nacht verſchmolzen geweſen, ſchie⸗ nen ſich jetzt erſt wieder zu einem feſteren, compakteren Ganzen auszuſcheiden und es ſah faſt ſo aus, als ob ſte den Feind ahnten, der ſich im Oſten gegen ſie rüſte, denn inniger drängten ſie in einander und bildeten bald einen förmlichen Schutz und Wall gegen den gefürchte⸗ ten Gegner. Wolke thürmte ſich über Wolke, und links und rechts klammerte ſich der wilde Nebelgreis mit den milchweißen Armen kräftig ein in Buſch und Baum des waldigen Ufers, links und rechts ſtemmte er ſich gegen jede Landſpitze, ja gegen jeden, in den Strom hinaus⸗ ragenden Baum, als ob er ſelbſt durch die kleinſte Hülfe und Stütze auch neue Kraft und Feſtigkeit gewinnen könnte. So matt und entkräftet aber auch geſtern die Sonne, als ſte der Uebermacht weichen mußte, in ihr ſtilles Lager geſtiegen war, ſo kampfesmuthig und friſch erſtand ſte heute Morgen wieder, und ſchon der kühle Luftzug den ſte vorausſandte trieb die Plänkler des Feindes zu Paaren, und warf ſie auf die Hauptmacht zu⸗ rück. Das waren aber auch eben nur Plänkler, kleine naſeweiſe Wölkchen, die in tollem Muthwillen hoch oben in freier Luft ſpielten, und die erſten ſein wollten, die dem Vater Nebel das Nahen des Feindes verkün⸗ deten; ſchon ſein Anblick jagte ſte wie Spreu vor ſich her, und hoch erröthend, von ſeinem roſigen Licht über⸗ goſſen, flüchteten ſie ſchnell in die Arme des Vaters, der ſte ſich raſch in den Buſen ſchob und nun dem anrücken⸗ den Kämpfer die Stirne bot. Von Weſten aus hatte geſtern der Sonnengott um⸗ ſonſt geſucht mit ſeinen Pfeilen den Schuppenpanzer des Alten zu durchbohren, heute griff er die Sache vom an⸗ deren Ende an. Der ſcharfe Nord lieh ihm dazu die 155 Hülfstruppen— bausbäckige Geſellen, die ſich rückſichts⸗ los auf den Feind warfen; rohes Volk freilich, aber zu ſolchem Kampfe ganz geeignet. Die griffen denn auch ohne Zögern von allen Seiten zugleich an, und als ſich der Kern der Beſtürmten mehr und mehr in ſich ſelbſt zuſammenzog, da demaskirte plötzlich Gott Phöbus ſeine gewaltigen Batterieen— hellleuchtende Strahlen ſchoß er mitten hinein in die ſcheu Zurückweichenden— wie glühende Keile trieb er die Licht⸗ und Sonnenboten ſelbſt in das Herz der nach allen Himmelsgegenden hin ge⸗ formten Carrés, von oben herab kamen ſeine Streiche, das Haupt trafen ſte, trotz Schild und Wehr, und zurückgeworfen von der fürchterlichen, unwiderſtehlichen Gewalt, wichen die Maſſen und geriethen in Schwanken. Das aber hatten die leichten Bataillone der derben Nordwinde kaum bemerkt, als ſie ſich mit erneuter Kraft auf den einmal in Unordnung gebrachten Feind ſtürzten. Hie und da ſonderten ſie einzelne ſchwache Schwärme von dem Hauptcorps ab, und trieben ſte raſch hinaus in alle Weite— mehr und mehr drangen ſie nach dem Centrum vor, wo noch der trotzige Alte in voller Stärke die weiße wehende Fahne ſchwang, immer näher rückten ſie dem Panier, immer näher und näher und jetzt— jetzt hatten ſte es erreicht, jetzt trieben ſie die um dieſes 4 156 geſchaarten Kerntruppen erſt langſam und ſchwerfällig, dann immer raſcher vor ſich hin, und nun, einmal zum Weichen gebracht, zeigte das ganze Gefilde bald nichts als flüchtige Maſſen, die ſich links und rechts in wilder, unordentlicher Eile durch die wehenden Wipfel des Ur⸗ walds jagten, und hinter drein, daß die alten Bäume gar bedenklich dazu mit den wehenden Zweigen ſchüttel⸗ ten, die jungen ſchlanken Weiden aber den Flüchtigen ſehnend die Arme nachbreiteten, ſtürmten die kecken Nordbriſen immer toller, immer muthwilliger und drangen durch den rauſchenden Hain, und ſprangen über die leichtgekräuſelte Fluth. Droben am Himmel 4 aber, in all ihrer ſiegreichen Herrlichkeit ſtieg die glü⸗ 8 hende funkelnde Sonnenſcheibe empor, zu ſtolz den Feind zu verfolgen, den ſie geſchlagen, zu rein aber auch, um ſich ihr helles Himmelslicht durch ſeinen gifti⸗ gen Hauch verhüllen zu laſſen. Adele ſtand in Hedwigs Zimmer an dem Eckfenſter und blickte ſinnend nach dem aufſteigenden Tagesgeſtirn hinüber, deſſen Strahlen eben die Nebel theilten und ihr holdes Antlitz mit zartem roſigem Hauch über⸗ goſſen. „Sieh Hedwig“ ſagte ſie da plötzlich und wandte ſich nach der Freundin um—„ſieh nur wie die Sonne 157 jetzt auch den letzten Zwang abzuwerfen ſcheint und frei und rein aus all den häßlichen Schatten heraustritt; man ſteht faſt wie ſie jetzt hochaufathmet und ordentlich froh iſt, all den Zwang und Dunſt überwunden zu haben— ach, iſt mir's doch gerade ſo, wenn ich aus der Stadt komme, und den Fuß in den freien, herrlichen Wald* mit ſeinen Blüthen und Blumen ſetze.“ Mrs. Dayton war neben ſie getreten und ſchlug das große treue Auge zu dem reinen von keinem Wölk⸗ chen getrübten Firmament empor, zwei klare Thränen hingen aber an ihren Wimpern und ſte wandte ſich ab, ſte zu verbergen. „Hedwig“ ſagte Adele leiſe und ergriff die Hand der Freundin—„was fehlt Dir? Du biſt ſeit geſtern Abend ſo ernſt geworden— hat Dich Mariens Zu⸗ ſtand—?“ Mrs. Dayton ſchüttelte leicht mit dem Kopf und ſagte ſeufzend: „Weiß ich's denn ſelbſt was mich drückt? ſeit geſtern, ja ſeit wir von Lively's zurückritten, iſt mir das Herz ſo beklemmt, daß ich in einem fort weinen möchte und doch nicht ſagen kann warum.“ „Jener Vorfall dort hat Dich ſo angegriffen“ beru⸗ higte ſie die Freundin„liegt mir's doch ſelber ſeit der 158 Zeit ordentlich in den Gliedern; es war recht häßlich, daß wir auch gerade draußen ſein mußten.“ „Ach nein— das nicht allein“ erwiederte Mrs. Dayton unruhig—„auch hier— das ganze Verhält⸗ niß in Helena wird mir von Tag zu Tag drückender; Dayton lebt jetzt mehr außer dem Hauſe als bei uns, und iſt ſeit kurzer Zeit total verändert.“ „Ja das ſei Gott geklagt“ betheuerte Adele,„ſonſt war er froh und heiter, oft ſogar ſelbſt ausgelaſſen luſtig— weißt Du noch, wie Du über mich lachteſt, als ich mich deshalb vor ihm gefürchtet hatte— und jetzt iſt er ernſt wie ein Methodiſt, ſpricht wenig, raucht viel und fährt vom Stuhl auf, wenn nur irgend Jemand unten vorbeigeht.“ „Er hat davon geſprochen daß wir Helena verlaſſen wollen“ ſagte Mrs. Dayton—„wollte Gott das könnte heute geſchehen— Helena wird mir mit jedem Tag ver⸗ haßter, je mehr die Einwohner immer r wilder und roher zu werden ſcheinen.“ „Das ſind die Einwohner nicht“ entgegnete Adele, „die verhalten ſich ziemlich ruhig, nur die vielen frem⸗ den Bootsleute welche hier fortwährend kommen und gehen werden die Urſache des ewigen Haders und Unfriedens; ach ich wollte ja auch froh ſein, wenn ich Helena ver⸗ — —— 159 laſſen könnte. Iſt denn Mr. Dayton die Nacht noch zu Hauſe gekommen? ich hörte die Thüre öffnen.“ „Ja, er kehrte etwas nach zwei Uhr und todesmatt zurück— das ewige Reiten und noch dazu in Nacht und Nebel und in der feuchten Sumpfluft, muß ihn ja end⸗ lich aufreiben— aber es wird bald Zeit daß ich ihn wecken laſſe, er wollte um acht Uhr aufſtehen.“ „Wer war denn der fremde Neger, dem ich heute Morgen hier unten im Haus begegnete?“ frug jetzt Adele—„er ſchaut ganz entſetzlich wild und verſtört drein— ich erſchrack ordentlich, als er mich anſah.“ „Den hat Dayton, wie er mir nur flüchtig ſagte, geſtern von durchziehenden Auswanderern billig gekauft — er iſt wohl unterwegs krank geworden. Morgen oder übermorgen will er ihn auf eine Plantage nach Miſſiſſippi hinüber ſchicken. Aber wie geht es denn Marieen?“ „Hoffentlich beſſer— ich ſah heute Morgen einen Augenblick in ihre Kammer hinein, und ſie ſchlief ſanft und ſüß; Mancy ſoll mich rufen wenn ſie erwacht; vor⸗ her werde ich auch noch auf einen Augenblick nach Mrs. Smart hinübergehen müſſen, ſie hat mich darum gebe⸗ ten ihr Nachkicht von dem Befinden der Kranken zu geben.“ 160 „Dann leg Dich aber auch nachher ſelbſt ein wenig nieder“ ſagte Mrs. Dayton,„Ruhe wird Dir gut thun, Du haſt ja faſt die ganze Nacht kein Auge geſchloſſen.“ „Ich bin nicht ermüdet“ entgegnete Adele weh⸗ müthig—„ach wie gern wollte ich Nacht für Nacht an der Unglücklichen Bett ſitzen 1 wenn ich nur dadurch ihren Zuſtand um das Mindeſte lindern könnte. Wo aber Mr. Hawes ſein muß? wie Mrs. Lively Cäſar draußen geſagt hat, iſt er ſchon geſtern Nachmittag hier⸗ herzu aufgebrochen. Es iſt doch kaum wahrſcheinlich, daß er gleich übergefahren wäre, ohne noch einmal hier erſt vorzuſprechen.“ „Sollte er vielleicht von dem Zuſtand ſeiner Frau Kunde erlangt haben, und, ihren Aufenthalt nicht ken⸗ nend, nach Hauſe geſprengt ſein?— aber wahrhaftig — da kommt er die Straße herab, und zwar im vollen Carriere gerade auf unſer Haus zu— der arme— arme Mann!“ „Das iſt Mr. Hawes nicht!“ rief Adele, die ſich raſch nach ihm umwandte und den Blick hinab warf, „das iſt der Mann, deſſen Kleider er geſtern trug— Mr. Cook— was mag der wollen?“ Der Reiter zügelte in dieſem Moment, und zwar dicht vor ihrem eigenen Hauſe, ſein ſchnaubendes Pferd 161 ſcharf ein, ſprang aus dem Sattel, und gab ſich nicht einmal die Mühe das ſchäumende Thier anzuhängen. Ruhig ließ er ihm den Zügel auf dem Sattelknopf liegen, und trat raſch in die Thür während ſein Poney erſt den ſchlanken ſchöngeformten Hals ſchüttelte und den Kopf auf- und niederhob daß der weiße Schaum rings um es her flog, und dann mit dem rechten Vorderhuf den Grund vor ſich zerſcharrte und ſtampfte, als ob es nur unge⸗ duldig hier des Herrn warte, und die Hetze ſo ſchnell als möglich fortzuſetzen wünſche. Im nächſten Augenblick wurde Cooks raſcher Schritt auf der Treppe gehört und ſeine Stimme frug nach Squire Dayton. Mrs. Dayton übernahm aber hierauf die Antwort; ſie öffnete die Thür und bat den jungen Farmer einzutreten, der allerdings der Einladung augen⸗ blicklich Folge leiſtete, ſich aber auch zugleich mit der dringenden Nothwendigkeit der Sache entſchuldigte, daß er ſo ungebeten und in ſo wildem Aufzug vor ihnen erſchiene. „Ich muß den Squire ſprechen, Ladies, und möchte Sie bitten mich ſobald es möglich zu ihm zu führen— s betrifft Sachen von dringendſter Wichtigkeit,“ laute⸗ ten ſeine Worte. „Ich will ihn gleich rufen Sir,“ erwiederte Mrs. III. 11 162 Dayton,„er ſchläft noch, müde und matt von geſtriger, vielleicht zu großer Anſtrengung—“ „Dann thut es mir leid, ihn gleich wieder ſo in Anſpruch nehmen zu müſſen,“ ſagte Cook,„aber die Sache wegen der ich hier bin betrifft Leben und Eigen⸗ thum von vielleicht Tauſenden und wird, wie ich faſt fürchte, unſerer ganzen Energie, unſeres ſtärkſten Zu⸗ ſammenwirkens bedürfen, ihr mit Erfolg zu begegnen. Doch Mr. Hawes hat dem Squire wahrſcheinlich geſtern ſchon einen ungefähren Ueberblick über das was wir entdeckten, gegeben.“ „Mr. Hawes?“ riefen beide Frauen erſtaunt und zu gleicher Zeit aus, und Mrs. Dayton, die ſchon die Thürklinke in der Hand hatte, blieb ſtehen. „Mr. Hawes war nicht hier— wir haben ihn jede Stunde, ja jeden Augenblick erwartet,“ verſicherte Adele—„der Neger brachte den Brief an ihn wieder zurück.“ „Ja— allerdings, aber— wie iſt mir denn?“ ſagte Cook verwundert,„er kann ſich doch wahrlich auf der ebenen, breit ausgehauenen Straße nicht verirrt haben, und ſprengte doch geſtern Nachmittag nicht allein nach Helena, um ſelber Squire Dayton aufzuſuchen, ſondern ſogar mit in unſerem Auftrag, um ihm vor⸗ 163 läufig eine Meldung zu machen, damit er die nöthigen Schritte thun könne.“ „Er war nicht hier.“ Cook blickte ſinnend vor ſich nieder und ſtampfte endlich, ziemlich in Gedanken, ungeduldig und feſt den ſchweren Hacken ſo ſtark auf den Teppich, daß die Gläſer auf dem Tiſch aneinander ſtießen. Er ſchrack zuſammen und erröthete, andere Gedanken verdrängten aber bald dieſe Kleinigkeit— er ſtrich ſich, wie im Nachdenken über etwas, das er nicht recht begreifen könne, langſam mit der Linken über die Stirn und flüſterte dann noch einmal, aber mehr mit ſich ſelber redend wie als Frage: „Alſo Mr. Hawes war nicht hier?“ „Nein, mit keinem Schritt!“ „Ach bitte, Mrs. Dayton— rufen Sie den Squire“ ſagte der junge Farmer jetzt plötzlich—„ich muß ihn wahrhaftig ſprechen, denn ich fürchte faſt—“ „Was fürchten Sie?“ rief die Frau beſorgt—„iſt denn etwas ſo Erſchreckliches vorgefallen— betrifft es meinen Mann ſelber?“ „Nein, nein“ beruhigte ſte Cook,„ganz und gar nicht, ich verlange auch nicht Miſter Dayton, ſondern nur den Squire in ihm zu ſehn— ich habe überhaupt 4 Ur noch gar nicht einmal das Vergnügen ihn perſönlich zu kennen.“ 8 „So will ich ihn rufen, bitte bleiben Sie einen Augenblick hier bei Adelen, ich bin gleich wieder zurück.“ Sie verließ raſch das Zimmer und Cook, die junge Dame faſt gar nicht beachtend, ging raſch und mit unter⸗ geſchlagenen Armen auf und ab in dem kleinen Raum. „Sie finden Mr. Hawes Betragen ſonderbar?“ ſagte Adele endlich,„Sie ſcheinen ſogar unruhig da⸗ rüber.. Cook blieb vor ihr ſtehen und ſah ihr einige Secunden, noch ganz in ſeine Gedanken vertieft, ins Auge. „Ja Miß“ ſagte er dann und nickte leiſe mit dem Kopf—„ja— räthſelhaft und— verdächtig, ver⸗ dächtig von vorn herein. Doch das ſind Sachen wegen denen ich lieber mit dem Squire ſprechen will und ich hoffe wir werden ſchon Alles zu gutem Ende führen.“ „Wie befindet ſich denn der Verwundete?“ frug jetzt Adele—„haben Mr. Hawes Mittel ihm genützt?“ „Mr. Hawes Mittel? Hawes iſt doch kein Doktor.“ „Allerdings— wenigſtens ſagte er uns, daß er deswegen zurückbleiben müſſe.“ „Hm— alſo nur deshalb— doch es mag ſein— ¹ ₰ 1 165 ja, der Verwundete befindet ſich beſſer— ſeine kräftige Natur läßt ihn vielleicht ſich wieder erholen. Alſo Mr. Hawes wollte ihn curiren?— und gerade er war es doch der ihn, ohne der Uebrigen Dazwiſchenkunft, ge⸗ tödtet hätte.— Ich will verdammt— ah— bitte um Verzeihung, Miß, aber— ha, ich glaube der Richter kommt— ich höre Schritte.“ Squire Dayton war es wirklich, der ſeine Kleider, als ihn Mrs. Dayton von dem Beſuch benachrichtigte, raſch übergeworfen hatte und eben jetzt ins Zimmer trat. Er ging auf den jungen Farmer zu und ſagte, ihm die Hand entgegenſtreckend— „Herzlich willkommen Sir, in Helena und in mei⸗ nem Hauſe— das müſſen wichtige Dinge ſein, denen ich Ihren angenehmen Beſuch ſo früh zu verdanken habe.“ — Er ſah blaß und angegriffen aus, die Haare hingen ihm noch wirr um die marmorbleiche Stirn und die Augen lagen tief in ihren dunklen Höhlen. Es war faſt als ob Krankheit ihren Schreckensarm nach der ſonſt ſo kräftigen Geſtalt des ſtarken Mannes ausgeſtreckt und ſeine Sehnen erſchlafft habe. „Squire Dayton“ erwiederte Cook, und hielt dabei den Blick feſt und erſtaunt auf den Richter geheftet, als .* 166 ob er hier Jemandem gegenüberſtehe, den er ſchon früher einmal geſehen habe, und ſich nun gar nicht erinnern könne, wo und wann das geweſen,„Squire Dayton— ich weiß nicht— alle Wetter, ich muß— ich muß Sie doch ſchon irgend wo einmal— ha— Mr. Wharton — am Fourche la fave.— Waren Sie nicht vor vier⸗ zehn Tagen etwa, bei dem Regulatorengericht am Fourche la fave?“ „Ich? nein, in der That nicht“ lächelte der Squire, und ſah dem jungen Mann unbefangen in's Auge— „ein Regulatorengericht würde zu meiner Stellung als Friedensrichter auch gerade nicht beſonders paſſen. Wie kommen Sie darauf?“ „Dann haben Sie eine merkwürdige Aehnlichkeit mit irgend einem anderen Mann, der ſich— am Fourche la fave wenigſtens— für einen Mr. Wharton von Little⸗Rock ausgegeben hat,“ ſagte Cook, ſah aber noch immer dabei dem Squire feſt und wie es ſchien ungläubig in's Auge—„eine ſolche Aehnlichkeit in den Geſichtszügen wäre noch gar nicht dageweſen.“ „Wharton— Wharton“ wiederholte ſinnend der Richter—„den Namen habe ich erſt kürzlich gehört— Wharton, Wharton— wer erzählte mir doch von einem Wharton— Advokaten, ganz recht. Nun es wird mir 8 2 167 ſchon wieder einfallen. Tröſten Sie ſich übrigens, ich bin ſchon mehre Male für einen Anderen angeſehen worden— mein Geſicht muß doch ſo ziemlich alltäglich ſein, daß es einer Menge anderen gleicht.“ „Das wüßt ich gerade nicht“— erwiederte, immer noch feſt das Auge auf ihn geheftet, Cook—„Squire — mich ſoll der Teufel holen, wenn ich nicht glaube — nein wenn ich es nicht faſt gewiß weiß, daß Sie jener Wharton ſind— ich habe mir die Züge des Ad⸗ vokaten damals zu deutlich eingeprägt.“ „Mr. Cook“ ſagte der Richter jetzt lachend,„ich habe das Vergnügen Ihnen hier Mrs. Dayton, meine Frau vorzuſtellen, der werden Sie denn doch wenig⸗ ſtens glauben, daß ich nicht der Advokat Wharton, ſon⸗ dern George Dayton, Friedensrichter hier in Helena und dem County bin?“ Cook machte eine etwas verlegene Verbeugung gegen die ebenfalls lächelnde Dame und ſagte dann, jedoch immer noch wie halb zweifelnd— „Eine wunderbare, merkwürdige Aehnlichkeit bleibt es dann aber— eine Aehnlichkeit, wie ſie mir noch gar nicht vorgekommen iſt; ſelbſt die kleine Narbe da auf der Stirn hatte jener Wharton.“ 168 „Und was war es, was mir die Ehre Ihres Be⸗ ſuchs heute verſchaffte?“ „Kann ich ein paar Worte mit Ihnen allein reden?“ ſagte Cook— durch ſolch direkte Frage raſch auf die Urſache ſeines Kommens zurückgeführt,„es iſt etwas von höchſter Wichtigkeit, und betrifft nicht allein die Sicherheit Helenas, ſondern die des ganzen Staates, des ganzen Miſſiſſippi.“ Dayton wandte ſich, als ob er mit dem Gaſt das Zimmer verlaſſen wollte, nach der Thür, in welcher zu gleicher Zeit Nanch erſchien und Mrs. Dayton ſagte raſch: „Wir wollen gehen Adele, Marie wird erwacht ſein— nicht wahr, Mr. Cook, Sie bleiben doch zu Mittag bei uns?“ „Ich weiß wahrhaftig nicht, Madame, ob ich Ihre freundliche Einladung werde annehmen können,“ erwie⸗ derte der Farmer—„es hängt wohl ganz davon ab, wie ſich hier unſere nöthigen Maaßregeln geſtalten.“ „Nun gut, Sie ſollen ſich nicht binden; ſind Sie zu der Zeit noch in Helena, ſo finden Sie ſich hübſch ordentlich ein— um ein Uhr wird gegeſſen“ und ohne weiter eine Antwort abzuwarten verließ ſie, von Adelen gefolgt, raſch das Zimmer. VIII. Die Aufforderung.— Der entdeckte Mord. „Squire Dayton,“ ſagte Cook, als ſich die Thür hinter den Frauen ſchloß—„Mr. Hawes verließ geſtern Nachmittag unſere Farm und zwar einzig und allein in der Abſicht, ja ſogar mit dem ganz beſonderen Auftrag, Sie zu ſprechen und Ihnen wichtige Mittheilungen zu machen; wie ich aber eben höre, ſo hat er ſich hier in Helena nicht einmal ſehen laſſen. Mrs. Dayton—“ „Sie irren ſich,“ entgegnete ihm ruhig der Squire —, er war hier, und wenn Sie in derſelben Abſicht hier⸗ her kommen als er ſelbſt, ſo ſehe ich allerdings Ihre Eile und Aufregung gerechtfertigt.“ „Er war hier?“ frug Cook erſtaunt—„Mrs. Day⸗ ton ſagte aber doch—“ . 170 „Ich traf ihn unten in der Stadt,“ fiel ihm der Squire in's Wort,„und weil mir die Sache zu wichtig ſchien auch nur eine Secunde zu verzögern, ſo ſandte ich ihn, damit er nicht durch einen bloßen Höflichkeitsbeſuch die koſtbare Zeit vergeuden ſollte, augenblicklich nach Sinkoille, während ich ſelbſt das zu beſorgen übernahm, war hier zu thun blieb. Wie er mir ſagte wollten ſie im Lande oben an Männern aufbieten was ſie in der Eile zuſammen bekommen könnten, damit wir, ſobald er zurückkehrte, den entſcheidenden Streich führen könn⸗ ten; iſt das geſchehn?“ „Ich ſollt's meinen,“ rief Cook ſchnell—„der Alte und Bill, mit noch ein paar von Drapers ſind mit einer tüchtigen Schaar im Anzug.“ „Gut, dann wollen wir uns wenigſtens jetzt ſo lange ruhig verhalten bis wir von Sinkoille Nachricht bekommen; Mr. Hawes hatte ganz recht daß er mir be⸗ ſonders an's Herz legte die Verbrecher nicht vor dem entſcheidenden Schlag gegen das aufſteigende Unwetter zu warnen. Auf jeden Fall möchte es gerathen ſein die Farmer nicht früher nach Helena ſelbſt herein zu laſſen, bis wir nicht auch ungeſäumt gegen den Feind aufbrechen können.“ „Mr. Hawes mochte damals recht haben,“ fiel ihm 171 hier Cook in die Rede—„die Sache hat ſich jetzt aber geändert. Allerdings waren wir ebenfalls der Meinung, nicht Alle auf einmal in die Stadt zu rücken, denn jene Bande hat ganz gewiß ihre Spione in Helena, James und ich ritten deshalb ſogar voraus, und die Uebrigen lagern etwa eine Meile von hier in der„Sealpprairie“ Ihr kennt ja wohl den Platz, Squire, wo vor zwei Jah⸗ ren die beiden Männer beraubt und ſcalpirt wurden. Der entſcheidende Streich wird auch verſchoben werden müſſen, bis wir die hinreichende Macht zuſammen haben, andere Vorbereitungen ſind aber indeſſen und zwar hier t in der Stadt ſelbſt, nöthig geworden.“ 8„Hier in Helena?“ „Ja— Hawes wird Ihnen geſagt haben daß Cot⸗ ton entflohen iſt.“ Der Squire nickte einfach mit dem Kopf. . „Gut,“ fuhr Cook fort—„im Anfang glaubten wir, er würde entweder ſuchen in die Sümpfe, oder über den Miſſiſſippi hinüber zu entkommen. Dem iſt aber nicht ſo— er muß hier nach Helena zu geflüchtet ſein, mein Schwiegervater und Drosly haben ihn deutlich geſpürt, und ſo ritten wir Beiden denn, James und ich, geſtern Abend noch von zu Hauſe fort, um heute Morgen gleich 172 von Tag an unſere Forſchungen beginnen zu können. Unterwegs wollten wir nun ein paar Stunden lagern und die Pferde raſten laſſen, überlegten uns aber die Sache, daß wir nicht wiſſen könnten ob wir die Thiere vielleicht in nächſter Zeit ſehr anſtrengen müßten, deß⸗ halb beſchloſſen wir ſcharf zuzureiten und im Union⸗ Hotel den Nigger herauszuklopfen. So kam es denn auch, daß wir etwas vor Tagesgrauen den oberen Theil der Stadt und zwar, wie James ſagte, das Wirths⸗ haus zum grauen Bären erreichten, wo noch Licht und Lärmen genug war. James verſpürte hier merk⸗ würdige Luſt nach einer heißen Taſſe Kaffee und da ich ebenfalls nichts dagegen hatte, klopften wir an. Wäre das einfache Klopfen ein Donnerſchlag geweſen, der das kleine Neſt bis in die Wurzel hinein ge⸗ troffen, ſo hätte die Wirkung nicht zauberhafter ſein können. Der ganze Lärm verſtummte im Nu, und Ja⸗ mes, der noch ein paar Schritte hinter mir war und die erleuchteten Seitenfenſter überſehen konnte, meinte, ſie ſeien dunkel geworden, ehe er hätte Jack Robinſon ſagen können.“ „Und antwortete Niemand dem Klopfen?“ frug der Richter geſpannt. „Ei allerdings,“ fuhr Cook fort,„ganz Opoſſum 173 konnten ſte doch nicht gut ſpielen*), und ein alter Burſche kam endlich, als ich noch einmal mit dem Fuß gegen die Thüre ſtieß, heraus und frug was wir woll⸗ ten. James, der indeſſen neben mich trat, brachte jetzt unſer Anliegen vor, der Alte aber ließ ihn nicht einmal ausreden, verſicherte keinen Mais und keinen Kaffee zu haben, wünſchte uns einen guten Morgen und ſchlug uns die Thüre vor der Naſe zu.“ „Nun?— und das Verdächtige?“ frug der Richter. „Ei ich ſollte denken das wäre verdächtig genug geweſen,“ meinte Cook,„doch hatten wir noch immer kein Arg, gingen wieder zu unſeren Pferden zurück, die indeſſen auf der Straße angebunden ſtanden, und ritten eine kurze Strecke nach Helena zu. Da— gerade als wir den offenen Fleck erreichten, wo der einzelne reben⸗ umhangene Gum neben dem Papaodickicht ſteht— ſahen wir von über dem Fluß drüben ein paar Raketen aufſteigen, die nach gar nicht langer Zeit vom grauen Bären aus erwiedert wurden. Natürlich blieben wir *) Das Opoſſum, die amerikaniſche Beutelratze ſtellt ſich, wenn angegriffen oder auch nur berührt, augenblicklich todt, und läßt Alles über ſich ergehen; es iſt daher ein in den Back⸗ woods ſehr häufiges und allgemeines Sprichwort für Jemanden der ſich verſtellt, zu ſagen„er ſpielt Opoſſum.“ 174 jetzt, wo wir uns gerade befanden, halten, um das was hier vorging abzuwarten und hörten auch in kaum einer halben Stunde die regelmäßigen Ruderſchläge eines Bootes, das vom anderen Ufer drüben herüber kam. Es konnte etwa von derſelben Stelle ausgefahren ſein, wo die Raketen aufgeblitzt waren.“ „Und es landete am grauen Bären?“ „Allerdings that es das,“ erwiederte ihm Cook, „wenigſtens an dem Flatboot, was unter dem Haus am Ufer liegt; weiter konnten wir freilich für den Au⸗ ggenblick nichts erkennen.“ Der Squire blickte lange Zeit nachdenkend vor ſich nieder, endlich wandte er ſich raſch gegen den Farmer um und frug ihn: 1— „Wie viel Raketen waren es— und was für Licht hatten ſte?“— „Was für Licht?“ frug der Farmer verwundert der wohl ſchon Raketen geſehn und davon gehört hatte, eine Lichtunterſcheidung aber nicht kannte—„wie viel?— kennen Sie etwa das Zeichen?“ „Ich? nein,“ lächelte der Richter—„ich meine nur wenn es vielleicht blos eine, irgend eine gewöhnliche Rakete war, ſo konnte die auch zufällig geworfen ſein; Flatboote machen ſich oft den Spaß oder geben ſich auch 175 manchmal Zeichen, wenn zum Beiſpiel Arbeiter von ihrem Boot voraus gerudert ſind, und am Ufer warten, ihnen das Fahrzeug anzudeuten, zu dem ſte gehören.“ „Ja ja, das weiß ich wohl,“ ſagte Cook—, daſſelbe würden wir auch gedacht haben— wozu aber dann das augenſcheinliche Verborgenhalten derer im Haus? wes⸗ halb ließen ſte uns nicht ein, und öffneten den Andern, die ſpäter kamen die Thür?“ „Ich weiß nicht“— meinte Squire Dayton—„Sie können ſich doch wohl irren.“ 1 „Ja, Squire,“ ſagte der Farmer, etwas eifriger werdend,„wir können uns irren, jetzt iſt aber nicht die Zeit ſolche Sachen auf die leichte Schulter zu nehmen. Daß eine gefährliche Bande auf jener Inſel im Miſſiſſippi eriſtirt wiſſen wir, und es iſt mehr als Wahrſcheinlich⸗ keit vorhanden, auch in Helena ein Abſteige⸗ und Hehl⸗ quartier dieſer Schurken zu vermuthen. Jener graue Bär ſoll noch dazu, wie mir James verſichert, ſchon ſeit lange einen faſt mehr als zweideutigen Ruf haben und andere Verbrechen ſind ebenfalls in unſerer Nähe und zwar auf dem feſten Landeerübt, von denen der Verdacht noch ſtärker auf Helena fällt. Der Farmer Howitt, der am Mittwoch Abend hier von Helena fort⸗ ritt, iſt geſtern im Wald, gar nicht weit von uns ent⸗ 176 fernt, erſchlagen gefunden und einen anderen armen Teufel haben ſie hinter Strongs Poſtoffice kalt gemacht und beraubt. Cotton iſt ebenfalls nach Helena herge⸗ flohen, und wir müſſen Jetzt ernſthafte Maßregeln er⸗ greifen, dem ein Ziel zu ſetzen.“ „Aber wo iſt denn jetzt James Lively?“ frug der Richter und blickte ſinnend vor ſich nieder—„iſt er mit nach Helena gekommen?“ Die Thüre öffnete ſich und Adele ſchaute herein. „Iſt es erlaubt mir nur mein Bonnet zu holen?“ frug das junge Mädchen lächelnd—„ich möchte einen Sprung zu Mrs. Smart gehen und habe es hier liegen laſſen— oder ſind es Geheimniſſe, in denen ich ſtöre? ich gehe gleich wieder fort.“ Der Richter ſah zerſtreut zu ihr auf, Cook aber er⸗ wiederte: „O bewahre Miß, nicht für Sie, wenn auch viel⸗ leicht für andere Leute; James Lively, Sir?“ wandte er ſich dann wieder, die Frage beantwortend, an den Squire, während Adele, die ſchon das Bonnet ergriffen hatte und eben wieder hinaus wollte, faſt unmerklich zuſammen⸗ fuhr, und ordentlich fühlte wie ſie roth wurde. Das durfte ſie die Männer doch nicht merken laſſen und ver⸗ ließ ſie jetzt das Zimmer, ſo mußte ſie gerade an ihnen. „ 177 vorbei. Sie trat ſchnell an den Nähtiſch, wo ſie den Beiden den Rücken zukehren durfte und zog ihn auf, als ob ſie darinnen etwas ſuche. Cook fuhr fort: „James Lively, als wir Heugen des Vorherbeſchrie⸗ benen geweſen waren, traute dem Frieden nicht recht, und meinte dem geheimnißvollen Weſen läge wohl noch mehr zum Grund. Er bat mich alſo hierher zu reiten und Sie von dem Vorgegangenen in Kenntniß zu ſetzen, während er ſelbſt ſein Pferd in dem Papaodickicht neben dem wir hielten befeſtigte, und dann zurück zum Haus ſchleichen wollte. Von Nebel und Dunkelheit begünſtigt hoffte er herauszubekommen was dort getrieben würde, und er flüſterte mir nur, als ich ihn verließ, noch zu, wir ſollten ihn, falls wir ſelber herauskämen oder nach ihm ſchickten, in dem Kieferdickicht gleich über dem grauen Bären droben finden?“ Adele hatte indeſſen ihr Sonnenbonnet aufgeſetzt, zog es ſich faſt ganz in die Stirn hinein und ſchlüpfte gleich darauf mit einem kaum halblaut geflüſterten, Gu⸗ ten Morgen, Gentlemen“ raſch aus der Thüre. 4 „Mein Rath iſt jetzt,“ ſprach Cook weiter, ohne den Gruß zu erwiedern, ja wahrſcheinlich ohne ihn zu hören,„daß wir vor allen Dingen die Spelunke da oben umzingeln, den Inſaſſen derſelben die Flucht zu Waſſer III.. 12 178 und zu Lande abſchneiden und dann einmal ſehn, was für ein Kern in der Schaale ſitzt; wer weiß ob wir da nicht die Wurzel des ganzen Uebels faſſen und vernich⸗ ten können, ſo daß wir nachher mit den Uebrigen leich⸗ tes Spiel haben.“ „Lieber Mr. Cook,“ ſagte der Squire ernſt— „auf einen bloßen Verdacht hin kann ich in das Privat⸗ eigenthum eines Bürgers der Vereinigten Staaten nicht gut eindringen; ja wenn Sie nur für irgend etwas eine Art Beweis hätten—“ „Ei zum Henker mit Ihren Beweiſen, Sir,“ rief der Hinterwäldler trotzig aus—„wenn ich die hätte, brauchten wir Sie und alle Umſtände nicht; Beweiſe ſind es ja gerade, zu denen uns das Geſetz verhelfen ſoll, finden wir die, nachher werden wir auch wiſſen wie wir zu handeln haben.“ „Mein guter Sir,“ erwiederte der Richter achſel⸗ zuckend—„Sie ſcheinen zu glauben daß Sie noch am Fourche la fave ſind und nur einen Aufruf ergehn zu laſſen brauchen, um die ganze Nachbarſchaft zur Aus⸗ übung des Lynchgeſetzes bereit zu finden. Nicht wahr, Sie gehörten mit zu den Regulatoren?“ „Allerdings,„ ſagte finſter der junge Mann. „Nun ſehn Sie wohl— Sie werden ſich getäuſcht finden; wir leben hier in einer cioiliſirten Stadt und ſo ſehr ich auch ſelbſt geneigt bin, jeden Verbrecher ſei⸗ ner gerechten Strafe überliefert zu ſehn, ſo werde ich mich doch andererſeits ſicherlich jedem willkürlichen Ge⸗ richtsverfahren widerſetzen.“ „Alſo haben wir auf Ihre Hülfe nicht zu rech⸗ nen?“ frug Cook ſcharf. „Allerdings haben Sie das,“ entgegnete der Rich⸗ ter,„ich halte es ſogar für meine Pflicht Ihnen in jeder gerechten Sache Vorſchub zu leiſten, eben ſo aber auch jede ungerechte zu unterdrücken. Uebrigens glaub' ich wirklich,“ brach er plötzlich lächelnd ab,„daß Sie dieſe Sache mit zu ſchwarzen Farben ſehen. Ich habe jenes Haus ſchon ſeit längerer Zeit ſelber in Verdacht, bin, aber ziemlich feſt überzeugt daß es nichts Schlimmeres, wenn das wirklich, als eine Spielhölle iſt, die jedoch aller⸗ dings auch ungeſetzlich wäre und deshalb nächſtens ein⸗ mal aufgehoben werden ſoll. Nur fehlen mir erſt noch die Beweiſe, hab' ich die⸗ erſt, ſo ſollen auch die Geſetze in aller Strenge ihre Ausübung finden.“ „Ja das haben wir in Vicksburg geſehn,“ ſagte Cook unwillig,„was hat der Magiſtrat dort ausrichten können?— Nichts! Die Bürger mußten ſich erſt ſelbſt 12* 180 ihre Hülfe verſchaffen, und hätten ſie nicht damals die Verbrecher ohne weitere Umſtände gehangen, ſo liefen ſie jetzt noch zum Skandal der Menſchheit und zur Schande der Stadt herum. Doch wir vertrödeln hier die ſchöne koſtbare Zeit, Squire Dayton, deshalb jetzt direkt zu meinem Auftrag. Ich fordere Sie, vermöge der mir verliehenen Vollmacht, hiermit im Namen mei⸗ ner Nachbarn nochmals auf, uns vor allen Dingen und ohne weiteren Aufſchub Ihre Hülfe zu leihen, jene Kneipe „zum grauen Bären“ genannt zu umſtellen und durch⸗ ſuchen zu laſſen. Ich verſpreche Ihnen auch noch daß wir Farmer uns bei der ganzen Sache gar nicht wirklich thätlich betheiligen, ſondern nur Ihre Schutzwache bil⸗ den wollen. Das Uebrige mag ſich ſpäter nach dem beſtimmen, was wir dort finden.“ „Sir,“ entgegnete ihm ernſt der Richter,„bedenken Sie was Sie thun, Sie wollen geſetzloſe Menſchen be⸗ ſtrafen, und ſtellen ſich zu gleicher Zeit auf dieſelbe Stufe mit ihnen— Sie wollen—* Er hielt plötzlich inne und horchte hoch auf, und auch Cook bog ſich, aufmerkſam lauſchend dem Fenſter zu. Ein wunderlicher Laut tönte von dort herauf. Faſt wie das ſchäumende Gebraus der See vor Aus⸗ bruch eines Sturmes, murmelte es in dumpfen woohen⸗ 4 —— 181 den Tönen, und nur dann und wann ſcholl der einzelne gellende Schrei einer zürnenden Menſchenſtimme hervor aus dem Chaos von immer wachſendem Lärm und Auf⸗ ruhr. Aus dem Fenſter an dem ſte ſtanden, konnten ſte die, in die Stadt hinein führende Straße überſehen, und von dort her wälzte ſich jetzt ein wildverworrener Menſchenknäul gerade auf des Squires Haus zu, und verlangte, den Conſtabel an der Spitze, nach dem Frie⸗ densrichter. „Halloh, da gährts ſchon!“ rief jetzt Cook freudig, „nun Sir, wollen wir doch einmal ſehen, ob die Männer von Helena aus anderem Teig geknetet ſind, als die vom Fourche la fave.“ Er riß ſchnell das Fenſter auf und rief mit lauter fröhlicher Stimme auf die Straße hinunter: „Was giebts meine wackeren Burſchen? wo hat's eingeſchlagen? wo brennts?“ Ein tolles entſetzliches Geſchrei, aus dem nur manch⸗ mal die einzelnen Worte„ Breidelford— Mörder— Räuber“ hervorſchallten, war die Antwort und Cook, der ſich raſch gegen den Richter wandte, ſah daß dieſer leichenblaß wurde und vom Fenſter zurücktrat. „Alle Wetter Sir!“ rief der Farmer und blickte 8 182 ihn erſtaunt an—„Sie werden ja käſeweiß— ſind Sie krank?“ „Krank?— ich? nein— wahrhaftig nicht,“ ſagte Squire Dayton ſchnell—„aber die Nachricht über⸗ raſchte mich— ich weiß kaum ob ich recht gehört habe — es wäre fürchterlich!“ „Was ich aus dem Gebrüll heraushören kann,“ ſagte Cook und griff raſch nach ſeinem Hut,„iſt, daß ſte einen gewiſſen Breidelford ermordet haben— kenne den Menſchen nicht.“ Und mit flüchtigen Sätzen ſprang er die Treppe hinab, riß beinah den Conſtabel um, dem Cäſar eben die Thür geöffnet hatte, und ſprang mitten zwiſchen das Volk hinein. „Halloh Boys!“ rief er, als er hier mehre Be⸗ kannte aus der Nachbarſchaft erblickte,„ſeid Ihr herge⸗ kommen die Gerichte zu holen, oder was giebts ſonſt? Keine Spur von den Mördern gefunden?“ „Noch keine, Cook,“ ſagte ein langer Virginier, der ſich vorarbeitete und dem Freund die Hand bot; „ich denke aber wir finden ſie, haben auch noch gar nicht geſucht, denn die Burſchen da wollten ſich abſolut erſt den Richter holen, damit der Magiſtrat vor allen Din⸗ gen die Naſe in die Geſchichte ſtecke. Nun mir kanns ◻ 183 recht ſein, Zeit wärs aber, daß auch in Helena ein Bis⸗ chen nachgeſpürt würde.“ „Schändlich iſt's!“ rief da ein Anderer aus der Schaar—„eine arme alleinſtehende Frau zu über⸗ fallen— das Haus muß verſtegelt werden bis ihre Verwandten kommen— ſo eine gute, brave Seele wie ſte war.“ „Nun ihre Güte ließ ſich allenfalls tragen,“ murrte Einer von der entgegengeſetzten Seite,„ſte hat in letzter Zeit beſonders viel mit verdächtigem Geſindel verkehrt— aber Donnerwetter, wenn das hier dem Ei⸗ nen mitten in der Stadt paſſiren kann, ſo iſt auch der Andere nicht beſonders ſicher, und da müſſen wir doch ſehn, ob wir den Mörder nicht herausbekommen können.“ „Heda Richter!“ ſchrie jetzt ein Vierter aus der Menge,„macht daß Ihr herunter kommt— die Zett vergeht und die Schufte gewinnen mit jeder Minute nur noch größeren Vorſprung.“ „Gentlemen,“ ſagte da Squire Dayton, der neben dem Conſtabel in der Thür erſchien, und die Verſam⸗ melten aufmerkſam und forſchend zu prüfen ſchien, mit tiefer faſt tonloſer Stimme:„Es iſt, wie ich eben höre, 184 ein entſetzlicher Mord geſchehen; ohne Zögern ſollen augenblicklich die nöthigen Vorkehrungen—⸗ „Iſt ſchon ſämmtlich in beſter Ordnung beſorgt,“ fiel ihm hier der Virginier ohne große Umſtände in die Rede,„der Conſtabel hat gleich Alles gethan, was ſich für den Augenblick nur thun ließ. Vor allen Dingen haben wir den Fluß beſetzt, daß uns kein Kahn entrin⸗ nen kann. Es fehlt jetzt nur noch eine Unterſuchung des Hauſes ſelbſt, ob wir dort vielleicht irgend eine Spur von den Mördern finden, und wir wollten Euch dazu abholen, Sir, damit die Sache doch auch ein Bis⸗ chen geſetzlich ausſähe und wir ſpäter keine weitern Um⸗ ſtände haben.“ Der Richter ſchaute, wie in tiefen Gedanken die Straße hinunter und hinauf— ſein Antlitz hatte eine unheimliche Bläſſe angenommen und ſeine Augen blick⸗ ten ſtier und glanzlos. Die Wege die er überſehen konnte waren menſchenleer, Alles ſchien ſich dem Schau⸗ platz des Mordes zugedrängt zu haben. Da tönte das Geräuſch knarrender Ruder an ſein Ohr— ſein Blick flog über den Strom hin, und erkannte dort eines jener mächtigen Kielboote, die im Weſten Amerikas gewöhn⸗ lich noch ſolche Flüſſe befahren, auf denen Dampfer nicht gut angewandt werden konnten, obgleich ſte auch manch⸗ 185 mal auf dem Miſſtſſtppi zu allerlei Zwecken benutzt und mit Waaren beladen, ſtromab geführt werden. Es trieb augenſcheinlich auf die Stadt zu, und vier Bootsleute arbeiteten langſam mit den ſchweren Finnen das breit⸗ bauchige Fahrzeug dem Lande entgegen. Daytons Lip⸗ pen umzuckte aber ein triumphirendes Lächeln, denn auf der langen, knarrenden Steuerfinne der ſogenannten Arche*) flatterte ein roth und grünes Fähnchen. „Habt Ihr die Geſchworenen ſchon zuſammenge⸗ rufen, Conſtabel?“ frug er und wandte ſich gegen dieſen. „Ja Sir,“ ſagte der Mann,„ſte werden wohl ſchon oben ſein.“ „So kommt, Gentlemen,“ entgegnete der Squire, und ſchritt, von den wenigen gefolgt, die bis dahin noch zurückgeblieben waren, raſch dem Hauſe der Wittwe zu. Cook war ſchon ein kleines Stück voraus und der Virginier wollte ebenfalls gerade folgen, als er ſich von der Hand eines jungen Burſchen gehalten fühlte, der ihn wie ſchüchtern mit einem kaum hörbaren„Sir“— anredete. *) Eine häufige Benennung dieſer Fahrzeuge. 186 Er ging in die gewöhnliche Tracht der Hinterwäldler gekleidet, aber Alles was er trug ſchien nicht für ihn gemacht, und viel zu weit und groß; der blaue grobe Rock hing ihm förmlich auf den Schultern, und die Aermel bedeckten faſt ſeine Hände. Beſonders war ihm der alte ſchwarze Filz bis tief in die Augen herein⸗ gerutſcht. Der Virginier lachte, als er ihn anſah. „Sir,“ ſagte der Kleine, und wandte ſich, um den Davoneilenden nachzuſehn, halb von dem Mann mit dem er ſprach, ab—„war der Eine— ich meine den mit dem weißen Filzhut— wirklich der Richter hier aus Helena?“* „Ja wohl, mein Burſche“— ſagte der Lange— „weshalb?“ „Und er heißt— wie heißt er denn eigentlich?“ „Dayton— Squire Dayton nennen ſtie ihn ge⸗ wöhnlich— der Andere der mit ihm geht iſt der Con⸗ ſtabel.— „Wohnt er hier in der Stadt?“ „Wer?— der Conſtabel?“ „Nein, der Richter.“. „Das verſteht ſich doch wohl von ſelber, wo denn ſonſt? aber ich muß fort.— Nun was giebts jetzt noch?“ —— 187 „Kennt Ihr ihn ſonſt nicht— iſt er vielleicht— wißt Ihr nicht ob— „Nein— kenne ihn weiter gar nicht“— rief der Virginier, und machte ſich von der Hand die ihn hielt, frei;„habe auch jetzt keine Zeit, denn ich möchte nicht gern zu weit zurückbleiben. Wollt Ihr mehr über ihn wiſſen, ſo ſteht da oben am Fenſter ſeine Frau, die wird Euch nähere Auskunft geben können.“— Und er eilte fort, blieb aber gleich darauf unwillkürlich wieder ſtehn und ſah ſich nach dem jungen Burſchen um. Die Hand, die er eben in der ſeinigen gehalten, war ſo weich und waͤrm geweſen— der Hutrand hatte ihn bis jetzt noch ganz daran verhindert gehabt das Geſicht des Kleinen zu ſehn. Dieſer mußte ſich indeſſen raſch von ihm ab⸗ gewandt haben, denn er drehte ihm jetzt den Rücken zu und ſtarrte nach dem geöffneten Fenſter hinauf, aus welchem Mrs. Dayton ängſtlich der davonſtürmenden Volksmenge nachſchaute. „Hallo Mills!“ rief da Cook dem Virginier zu, „kommt— wir dürfen nicht die Letzten drüben ſein.“ „Ay ay,“ lautete dieſe Antwort, indem er dem Rufe raſch Folge leiſtete—„bin gleich dort— merkwürdig zartes Bürſchchen das,“ murmelte er dann vor ſich ſelber hin, während er durch ſchnelleren Lauf das Verſäumte 188 wieder nachzuholen ſuchte,„die Hand fühlte ſich an wie fliegendes Eichhornfell— muß mir ihn doch nachher einmal genauer betrachten.“ Der junge Burſche ſtand vor Squire Daytons Thür allein, und ſein Blick hing ſtier an dem lieblichen Frauenbild, das ſich bleich und thränenden Auges aus dem Fenſter bog. Wenige Secunden ſchien er mit ſich zu kämpfen, that ein paar ſchnelle Schritte nach dem Haus zu— blieb nochmals ſtehen, wandte ſich, als ob er den Platz fliehen wollte, und trat dennoch plötzlich, wie von einem raſchen Entſchluß beſtimmt, hinein. Gleich darauf ſchloß ſich die Thür hinter ihm. **** Im Hauſe der ſonſt ſo genauen und ordentlichen Mrs. Louiſe Breidelford ſah es gar wild und ſchauerlich aus— die ſtets feſtverſchloſſen gehaltene Hausthür ſtand heute weit geöffnet, und aus und ein ſtrömten Schaaren oon Neugierigen, treppauf und ab in dem kleinen Ge⸗ bäude. Freilich konnten ſie nur ein einziges Zimmer betreten, die übrigen hatte der Conſtabel ſchon durch ge⸗ waltige Vorhängeſchlöſſer verwahrt, und nur hie und da ſuchten die in reichlicher Anzahl verſammelten Knaben und jungen Burſchen durch Schlüſſellöcher und Thür⸗ 189 ſpalten, wenn auch meiſt erfolglos, einen Blick in die geheimnißvollen Räume zu gewinnen. Oben in dem Zimmer aber, wo man die Leiche ge⸗ funden, ſtanden in ernſtem und feierlichen Schweigen die Leichenbeſchauer— geſchworene Bürger von Helena — und ſahen auf das bleiche, krampfhaft verzerrte Ant⸗ litz der Erſchlagenen nieder. Wunden hatten ſich weiter nicht an ihr gefunden, als am Kopf, wo die Haut von dem gewaltigen Fauſtſchlage zwar ebenfalls nur leicht geritzt war, dennoch aber durch einige dickgeronnene Blutstropfen den Ort des Angriffs verrieth. Der Richter, der zu den Geſchworenen trat, hielt ein Paket Papiere in der Hand, das man, nebſt einigen Schlüſſeln und einem Geldtäſchchen bei ihr gefunden und ihm überliefert hatte. Der Conſtabel gab jetzt Bericht, wie man heute Morgen dem Mord auf die Spur gekommen: Die Wa⸗ chen wollten, ihrer Ausſage nach, in der Nacht einen Schrei gehört haben, waren jedoch ſpäter durch den An⸗ blick der jetzt Ermordeten ſelbſt beruhigt worden, und achteten nicht weiter darauf, bis ſie, und zwar erſt mit grauendem Morgen, zwei Männer aus eben dieſer Straße kommen und die Uferbank am Fluß hinauf gehen ſahen. Wohl ſiel ihnen jetzt der gehörte Schrei wieder ein und 190 ſte ſchritten raſch hinter den Beiden her, verloren ſie aber in Dunkelheit und Nebel bald wieder aus den Augen. Indeſſen war, aber doch erſt mit Sonnen⸗ aufgang, das Mädchen zurückgekehrt, das Mrs. Breidel⸗ ford am vorigen Abend zu ihren, kaum eine Viertel⸗ meile von der Stadt wohnenden Eltern geſchickt hatte, und fand zu ihrem Erſtaunen die Hausthür nicht allein nur angelehnt, ſondern auch noch unten im Haus Man⸗ ches in höchſt auffallender Unordnung. Raſch lief ſie die Treppe hinauf und ihr Hülfeſchrei, als ſie zurück⸗ ſchreckend die Leiche erkannte, rief bald nachher die Nach⸗ barn zuſammen, wo dann über den gewaltſam verübten Mord— den noch überdieß die wild in den Zimmern umhergeſtreuten Sachen als Raubmord beſtätigten— kein weiterer Zweifel blieb. Der Ausſpruch der Ge⸗ ſchworenen lautete:. „Durch heftigen Schlag an den Kopf gewaltſam getödtet!“ Die Aufmerkſamkeit der Männer richtete ſich jetzt auf das Zimmer ſelbſt, um hier vielleicht etwas zu ent⸗ decken, was auf die Spur der Mörder führen konnte. Beſonders wichtig ſchienen hierbei einige Gegenſtände, die man, neben einer geleerten Stew⸗Bowle und der niedergebrannten Lampe, auf dem Tiſche fand. Es —— — 191 war dieß eine kleine lederne Brieftaſche, ein gewöhn⸗ liches aber noch neues und erſt wenig gebrauchtes Jagd⸗ meſſer mit ordinairem Holzgriff, und zwei halb gerauchte und verlöſchte Cigarren. Mrs. Breidelford, obgleich das ſonſt im Weſten von Amerika nichts Ungewöhn⸗ liches geweſen wäre, hatte ſelber nie geraucht. Män⸗ ner mußten ſich alſo auf jeden Fall, und zwar eine ziemlich geraume Zeit im Inneren des Hauſes, ja wenn man das Zeugniß der Wache annahm, auch mit Bewil⸗ ligung der Frau, aufgehalten haben.— Wer aber konnten dieſe geweſen ſein? Cook, dem es grauſte in all dem wilden lauten Treiben der Gerichtsbeamten, die Leiche der Frau mit dem blutigen Angeſicht ſo kalt und ſtarr daneben aus⸗ geſtreckt zu ſehen, war mit dem Virginier wieder unten vor die Thüre getreten, während indeſſen oben die ge⸗ fundenen Sachen von Hand zu Hand gingen und genau beſehen und geprüft wurden. Unter den Leuten die ſich jetzt herzudrängten, befand ſich auch ein deutſcher Krämer, der in Helena mit aller⸗ lei Sachen, ſte mochten Ramen und Werth haben wie ſie wollten, handelte; dieſer aber hatte kaum das Meſſer geſehen, als er raſch danach griff, es von allen Seiten aufmerkſam betrachtete und ſchnell hin und herwandte. 192 Die Augen der Umſtehenden hafteten ſchon auf ihm, als wenn ſie eine Erklärung erwarteten; da ſagte der kleine Mann, während er das Meſſer in die Höhe hob und die rechte Hand dabei auf's Herz legte: „Soll mer Gott helfe— ich waiß wem das Meſ⸗ ſerche iſcht.“ „Und wem gehört es, Bamberger?“ rief der Con⸗ ſtabel und faßte den kleinen Burſchen an der Schul⸗ ter—„heraus mit der Sprache, Mann— die Frau i*ſt allerdings mit keinem Meſſer getödtet, aber der Mörder kann es hier vergeſſen haben.“ „En elender Menſch will ich ſain’ betheuerte Bam⸗ berger, indem er ſich gegen den, ihn ſcharf beobachten⸗ den Richter wandte—„ein erbärmlicher, elender Menſch, wenn's Meſſerche nich ä jungem Borſchen vom Lande iſch— Schämes Livelh haißt er met Nomen— hot er mer doch erſcht am vergangena Donnerſchtog ã blanken baaren Silberdoller defir gegebe.“ „James Lively“ brummte der Conſtabel,„nun der hat die Frau nicht ermordet— weiß aber der Henker wie ſein Meſſer hier herein kommt.“ „James Lively?“ wiederholte der Richter ſchnell— „das wäre wunderbar— wo iſt Mr. Cook? nach jenes Mannes Geſtändniß ſoll er ſelbſt, gerade mit dieſem 2 3 — 193 James Lively heute Morgen, ſchon vor Tagesanbruch, in Helena geweſen ſein. Watchman— Ihr ſaht heute Morgen zwei Männer raſch am Flußufer hinauf⸗ gehen?“ „Ja allerdings“ entgegnete der Angeredete— „aber ich kann natürlich nicht gewiß behaupten, daß es die Mörder waren.“ „Gentlemen“ ſagte der Richter ernſt—„die Sache verdient mehr Erwägung, als Sie vielleicht jetzt glau⸗ ben— dieſer Cook iſt ganz plötzlich, und zwar gleich nach jenem, am Fourche la fave gehaltenen Regulatoren⸗ gericht, von dort her, hier eingetroffen.“ „Das ſpricht in der That nicht beſonders für Cook“ erwiederte der Conſtabel,„James Lively aber iſt ein ehrlicher braver Mann, und als ſolcher auch hinlänglich bekannt.“ „Sein Meſſer iſt hier gefunden worden“ ſagte ruhig der Richter. „Ja— und zum Henker auch— wir wollen den Burſchen doch erſt einmal ſprechen,“ fiel hier Einer der Beiſtehenden ein anf jeden Fall ſind die Beweiſe ſtark genug einen Verdacht zu erwecken. Ueberdieß möchte ich hier noch bemerken, daß vorgeſtern erſt— kaum eine Meile von eben dieſes Livelys Haus entfernt— ein III. 13 3 4 194 Mann erſchlagen und beraubt gefunden worden iſt.— Und wenn er auch des Conſtabels Freund wäre „Halt da Sir“— fiel ihm der Conſtabel in's Wort,„es ſoll Niemand ſagen daß ich meine Freunde begünſtige— ich bin augenblicklich bereit James Lively zu verhaften, deſto ſchneller wird er ſeine Unſchuld be⸗ weiſen können.“ „Heda— wer ſagt hier was gegen James Lively oder Bill Cook?“ rief in dieſem Augenblick der Letztere, indem er raſch in die Thür ſprang. Ein Freund von ihm hatte ihn ſchnell gerufen damit er ſich gegen die auftauchende Anklage vertheidigen könnte.„Hier kommt Cook, und Lively iſt auch nicht weit— wer hat Muth oder Unverſchämtheit genug, meiner Mutter Sohn einen Mord in's Geſicht zu werfen?“ „Halt Sir“ bedeutete ihn ernſt der Squire—„nicht mit Prahlen kann ſolche Sache beſeitigt werden. Hier — dieſes Meſſer hat man auf dem Tiſch, neben der Ermordeten gefunden.“ Cook drängte ſich durch die ihm bereitwillig Raum gebenden Männer zum Richter hin, erblickte aber kaum das Meſſer, als er auch die geballte Fauſt auf den Tiſch ſchlug und ausrief: „Geilige Dreifaltigkeit!— hat dieſer neunhäutige —— —— Schurke auch hier wieder die Hand mit im Spiele— ſteckt denn die blutige Beſtie überall? aber wart, Du ſollſt uns nicht lange mehr äffen, einmal kommſt Du uns doch noch in die Hände, und dann—“ „Sir?“ ſagte der Richter ungeduldig. „Dies Meſſer,“ wandte ſich jetzt Cook raſch gegen ihn,„kann kein Anderer als der berüchtigte Cotton hierher gebracht haben— der hat es vorgeſtern Abend, mit noch zwei Kugeltaſchen, aus unſerem Haus geſtoh⸗ len. Jetzt dürfen wir aber auch keinen Augenblick mehr verlieren, wenn wir dieſen niedertwächtigen Schurken noch erreichen wollen. Kommt Leute, hier gilt es den Staat von einer wahren Geißel zu befreien!“ Der Conſtabel vertrat ihm auf einen Wink des Richters den Weg, und dieſer frug jetzt, ohne des jungen Mannes Entrüſtung darüber weiter zu beachten: „Wann ſind Sie heute nach Helena gekommen, Sir?“— 4 „Ich? weshalb?“ rief Cook ärgerlich. „Ich verlange meine Frage beantwortet“ lautete die ernſte Entgegnung. „Nun gut denn, heute Morgen.“ „Und zu welcher Zeit?“ „Ei zum Donnerwetter— ich führe keine 13* uhr bei mir“ ſagte Cook unwillig—„'s war noch dunkel— das mag Euch genügen!“ „Und wo hält ſich der junge Mann jetzt auf, der, wie Ihr ſagt, mit Euch gekommen iſt, und dem dies Meſſer hier gehört?“ „Squire Dayton— ich habe darüber ſchon heute Morgen—“ „Ich muß Sie bitten, Sir, meine jetzigen Fragen einfach zu beantworten. Wo iſt James Lively in dieſem Augenblick?“— „Squire“ ſagte Cook und richtete ſeinen Blick feſt und ernſt auf den Richter—„es will mir faſt ſo vor⸗ kommen, als ob hier eine Art Spiel mit mir getrieben werden ſollte— Wetter noch einmal, ich bin kein Kind mehr. Was bedeuten dieſe Fragen?“ „Einer Frage gebührt auch eine Antwort“ ſagte in dieſem Augenblick eine ſcharfe, ſchneidende Stimme und ein langer, hagerer Mann, dem vier oder fünf Andere, ebenfalls Fremde, folgten, wandte ſich freundlich gegen den jungen Farmer. Faſt Aller Blicke hefteten ſich ver⸗ wundert auf die ſo plötzlich Eintretenden, der Richter aber fuhr mit einem freudig überraſchten—„Ah“— 8 empor, ſtreckte dem Erſten die Hand entgegen und rief in frohem Erſtaunen: 197 „Mr. Porrel, von Sinkoille— Sie kommen wie gerufen um Theil an unſeren Verhandlungen und Ge⸗ ſchäften zu nehmen, die, wie ich faſt zu fürchten anfange, gar ernſter Art werden könnten.“ „Guten Morgen Squire“ ſagte der eben Gekom⸗ mene—„es iſt, wie ich höre, ein Mord geſchehen—“ „Laſſen Sie ſich die Geſchichte ein ander Mal mit⸗ theilen“ rief da Cook unwillig dazwiſchen, und wandte ſich der Thüre zu—„wir haben jetzt keine Zeit weder für Erzählungen noch für leere Gerichtsformen, wenn wir nicht die Schuldigen indeß wollen entfliehen laſſen. Hallo meine Burſchen, wer geht mit mir?“ „Ei, eine ganze Menge, denk' ich“— ſagte der Virginier und ſah ſich dabei im Kreiſe um—„vor allen Dingen müſſen wir die Kneipe da oben aufheben.“ „Halt Sir— Ihr ſeid mein Gefangener!“ rief in dieſem Augenblick der Conſtabel und legte ſeine Hand auf die Schulter des Farmers—„im Namen des Ge⸗ ſetzes!“ „Das Geſetz ſoll zum Teufel gehen!“ ſchrie der Backwoodsman, der keineswegs geſonnen ſchien ſich ſol⸗ cher Willkür geduldig zu fügen—„zurück da, Mann — hierher Virginny— hierher meine Helena⸗Burſchen! das iſt Gewalt!“ „Schützt das Geſetz!“ rief es aber von allen Sei⸗ ten, und wenn der junge rieſige Hinterwäldler auch den Conſtabel wie einen Federball zurückſchleuderte und von dem Virginier und zwei oder drei Anderen unterſtützt, der Thüre zukämpfte, ſo ſahen ſich dieſe doch bald von der Uebermacht bewältigt, die Cook endlich umſchlangen und trotz ſeines wüthenden Sträubens mit ſchnell herbei⸗ gebrachten Stricken banden. „Die Peſt über Euch!“ ſchrie der Farmer und ſuchte, freilich vergebens, ſeine Arme frei zu bekom⸗ men—„nennt Ihr das Geſetz, ehrliche Männer feſt⸗ zuhalten, damit Eure Schurken frei ausgehen? und Ihr da— vermaledeiter Dintenklekſer— Dayton oder Wharton, wie Ihr nun heißen mögt, Ihr ſollt mir Rede ſtehen für dieß— Hallo Virginny— ſind denn keine Männer mehr da?“ „Raum da!“ ſchrie in dieſem Augenblick der baum⸗ ſtarke Virginier und ſtürzte ſich, mit einigen raſch ge⸗ worbenen Freunden auf's Neue zwiſchen die hinein, die Cook gefangen hielten;„ſchützt das Geſetz,“ tönte es ihm aber überall entgegen und nur Widerſtand fand er, wo er Hülfe erwartet. Es ſchien auch für kurze Zeit wirklich zu einem ernſten Kampf zu kommen, die Mehr⸗ zahl befand ſich jedoch zu ſtark auf Seiten der geſetz⸗ . 4 — — 199 lichen Partei— die Uebrigen waren nicht im Stande den Gefangenen zu befreien und Dayton, der mit kal⸗ tem Lächeln dem tollen Wirniß zugeſchaut hutte, gab jetzt ruhig den Befehl den Gefangenen in die Jail hinüber zu ſchaffen. „Virginny!“ rief da Cook, als er unten in der Thür ſtand, und den Virginier ſah, der ſich noch immer vergebens bemühte, bis zu ihm hinzudringen—„wollt Ihr mir einen Gefallen thun?“ „Ruhe da, Sir!“ rief der Conſtabel—„kein Wort weiter, oder—“ „Ay ay!“ rief der Lange hinüber. „Keine Verabredungen, Sir— duldet keine Ver⸗ abredungen, Conſtabel!“ ſchrie jener Mr. Porrel und eilte raſch herbei—„Leute— bringt die Beiden aus einander.“ „Warnt James Lioely!“ ſchrie da der Farmer ſo laut er ſchreien konnte und ſah ſich im nächſten Augen⸗ blick von den Wächtern erfaßt und fortgeriſſen. „Ja aber— wo find ich ihn?“ rief der Virginier zurück. „Fort da— weg mit dem Burſchen— habt Acht auf Euch— damm yYon— ſchlagt ihn zu Boden“ tobte es indeſſen von allen Seiten, und während die Einen 200 den Farmer mit ſich auf die Straße zogen, verhinderten die Andern den Virginier ihm zu folgen, ſo daß, ehe er im Stande war ſich Bahn zu brechen, die Thüre des County⸗Gefängniſſes hinter dem jungen Mann in's Schloß fiel. „Hm“ ſagte jetzt der Virginier und ſchritt, da er ſah daß jeder weitere Verſuch vergebens ſein würde, die Straße hinunter, während ſich die Uebrigen theils um das Haus der Wittwe ſchaarten, das der Conſtabel eben verſchloß, theils auf dem Platze ſelber zuſammen⸗ traten und das Geſchehene mit einander beſprachen— „jetzt ſoll ich Jimmy Lively warnen— da werd' ich nach Livelys hinauslaufen können— zum Henker auch — ob man denn hier nicht irgendwo ein Pferd kriegen könnte.— He Bob!“ rief er dann einen Bekannten an, der auf der anderen Seite der Straße dem eben beſchriebenen Schauplatz gerade zueilte—„wer borgt Einem wohl hier in der Stadt ein Pferd, wenn man keines hat?“. „Smart“— lautete die allerdings lakoniſche Ant⸗ wort und der Angeredete, der ſich weiter gar nicht nach dem Frager umſchaute, eilte raſch vorwärts. Smart? fo?“ murmelte der Virginier und ſah dem Laufenden nach—„verdammte Eile— kommt 201 auch noch zur rechten Zeit— Smart, muß einmal zu Smart gehen und ſehen was er ſagt. Daß der Henker übrigens das Reiten hole— bin noch in meinem Leben auf keinem ſo vierbeinigen Ding geſeſſen, außer einmal, wo's mich aber ſchon abwarf eh' ich nur recht aufgeſtie⸗ gen war.“ Und mit leiſe in den Bart gebrummten Flüchen ſchritt der Lange raſch dem Union Hotel zu, dort ſein Glück zu verſuchen. b 5 IX. Squire Dayton beſchließt mit ſeinem Weib aus Helena zu fliehen. Squire Dayton war, während ſich das übrige Volk zerſtreute, mit Porrel und einem Theil ſeiner Verbündeten zurückgeblieben und ſtand, die Arme feſt verſchlungen, mitten auf dem breiten Platz, der Mrs. Breidelfords Haus von dem Gefängniß trennte. Er wußte recht gut daß ſich jetzt— vielleicht heute noch — nicht allein ſein Schickſal, ſondern auch das aller Uebrigen entſcheiden mußte, und tollkühne Pläne waren es, die für den Augenblick ſein Hirn durchkreuzten. Sollte er hier der Gefahr ausgeſetzt bleiben, verrathen und vielleicht einmal überraſcht und gefangen zu wer⸗ den? Sein Blick ſchweifte wild über die wogenden Menſchenmaſſen hin— oder ſollte er ſich— der Macht, 203 die er jetzt um ſich verſammelt ſah vertrauend— im letzten entſcheidenden Streich den Feinden entgegen werfen? Noch war ihm Zeit gegeben das, was er an Schätzen angehäuft, in Sicherheit zu bringen, der nächſte Augenblick vernichtete vielleicht ſchon alle Hoffnungen und Pläne.— Porrel, der erſt eben von Sinkville ein⸗ eingetroffene Verbündete, mochte ahnen was in ſeiner Seele vorging, er ſchritt auf ihn zu, blieb wenige Se⸗ cunden neben ihm ſtehn und flüſterte dann, indem er leiſe ſeine Schulter berührte: „Nun Sir— beſchließt raſch was Ihr thun wollt, unſere Augenblicke ſind gezählt.“ „Wißt Ihr?“ frug Dayton und ſchaute fragend zu ihm auf. „Ich weiß Alles,“ entgegnete mürriſch der Fremde, —„Sander, der Euch oben im grauen Bären ſehnſüch⸗ tig erwartete, hat mir wenigſtens das Wichtigſte mit⸗ getheilt.“ „Wo iſt Simrow?“ frug der Squire raſch,— „habt Ihr nichts von ihm geſehn?“ „Die Peſt über den Burſchen,“ rief der Advokat, „ich habe ihm nie getraut.“ Dayton ſah ihm überraſcht und mißtrauiſch in's Auge. S 204 „Wahrſcheinlich ſpielte er ein falſches Spiel,“ fuhr Porrel, ohne den Blick zu beachten, fort,„ſoviel iſt gewiß, er hatte ſich, als der alte Benwick kaum begra⸗ ben war, bedeutender Capitalien ganz gegen ſeinen Auftrag bemächtigt, und wollte damit fliehen. Ein paar Georgier ſetzten ihm nach, holten ihn ein und— ſchoſſen ihn glücklicher Weiſe gleich nieder. „Und das Teſtament?“ frug Dayton mit feſt zu⸗ ſammengebiſſenen Zähnen. „Man ſoll allerlei darüber munkeln,“— grollte der Sinkviller,—„ich glaube es wird das Beſte ſein, wenn wir uns nicht weiter um die Sache bemühen.“ „Sind denn alle Teufel heut auf ein Mal losge⸗ laſſen?“ rief der Richter, mit dem Fuße ſtampfend, „Mord und Tod, es iſt ja faſt, als ob uns das Schick⸗ ſal ſelbſt zum letzten entſcheidenden Schritt treiben wollte.“ „Verzögert den wenigſtens ſo lange als mög⸗ lich,“ warnte Porrel,„denn wenn der mißlingt, ſind wir ſehr natürlich verloren, weil es eben der letzte war.“ „Seid außer Sorgen,“ entgegnete ihm finſter der Richter,„wir haben bisher zu trefflich gebaut, um uns jetzt, Wahnſinnigen gleich, das Sparrenwerk ſelber über den Häuptern zuſammen zu reißen. Ich habe einen 20⁵ Plan entworfen, der uns nicht allein Freiheit, ſondern auch Rache ſichert. Vor allen Dingen müſſen wir aber die Unſren, die ſich noch oben im grauen Bären aufhal⸗ ten, in Sicherheit bringen— wohl ahn' ich wer der Raſende war, am Tage der Entſcheidung durch einen ſolchen Mord uns alle der größten Gefahr auszuſetzen, doch dürfen wir die Kameraden nicht verderben laſſen, und dort hin wird ſich die bis jetzt nur mühſam ge⸗ dämmte Rache des Volks am erſten Bahn brechen. Eilt alſo ſchnell hinauf und ſchickt mir Alle, die man hier in Helena nicht kennt, augenblicklich herunter, Sander aber mit Thorby und— noch einigen Anderen, die ich dort vermuthe, mögen gleich den oberhalb liegenden und für ſie beſtimmten kleinen Chickenthief*) benutzen und ſo raſch als möglich hier herunter kommen.“ „Was aber zum Donnerwetter habt Ihr vor,“ ſagte Porrel ärgerlich,„ thut doß icht ſo verdammt geheim⸗ nißvoll und ſchießt einmal los, wie kann ich denn ſonſt wiſſen, wie ich zu handeln habe.“ *) Chickenthief oder Hühnerdieb iſt, beſonders an der Loui⸗ ſianaküſte auf dem Miſſiſſippi, der Name kleiner ſcharfgebauter Segelboote, die ihrer Leichtigkeit und Schnelle vertrauend, wohl manchmal früher die Hühnerhöfe der Pflanzer geplündert haben mögen und deshalb ihren Namen bekamen. 206 „Die Sache ſoll für Euch Alle gar kein Geheimniß mehr ſein,“ entgegnete ihm der Führer.„Wollten wir jetzt, in offenem Anſturm das Dampfboot, was gerade an der Landung liegt, nehmen, ſo würde uns natürlich die ganze Bevölkerung von Helena nicht daran hindern können, ich ſelbſt verſtehe ein Dampfboot zu führen und der Van Buren iſt auch ſchnell genug jeder Verfolgung zu ſpotten.“ „Nun, weshalb greifen wir denn da nicht zu?“ ſagte Porrel,—„wo böte ſich eine beſſere Gelegenheit?“ „Wir ſelbſt wären vielleicht im Stande uns zu retten,“ fuhr Dayton, den Einwurf nicht beachtend, fort, dürften es aber gar nicht wagen an der Inſel zu halten, denn das Land wäre augenblicklich in Aufruhr, und Ihr wißt recht gut, daß bei dem jetzigen Waſſerſtand faſt keine Stunde vergeht, in der nicht Dampfboote hier vor⸗ bei kommen, die wir dann augenblicklich auf den Ferſen hätten. Nicht allein unſere ganze, mühſam aufgeſpei⸗ cherte Beute wäre in dem Fall verloren, nein, auch unſere Leben faſt mehr als gefährdet, wir müſſen daher ſicher gehen.“ „Aber wie das?“ frug Porrel geſpannt. „Einfach genug,“ ſagte der Richter. Die Eriſtenz der Inſel iſt den Farmern verrathen; wie ein Lauffeuer hier in Helena, dürfen wir nur als letzte Rettung wa⸗ 207 fliegt jetzt die ihnen faſt noch fabelhaft ſcheinende Mähr von Mund zu Mund. Leugnen können wir es nicht mehr, und eben ſo wenig den Sturm aufhalten, der ſich noch heute dort hinunter wälzen wird. Ein einziges Mittel giebt es nur, den Todesſtreich, der unſerem Haupte droht, nicht allein abzuwenden, ſondern auch auf die Stirn des Feindes zurückzuführen. In wenigen Stunden werden wir hundert von berittenen Waldleuten hier in der Stadt ſehn, dieſer Cotton hat das ganze Land gegen uns in Aufruhr gebracht, und offenen Kampf gen. Sie werden jetzt ungeſäumt gegen die Inſel auf⸗ brechen wollen; bleiben wir zurück, ſo erregen wir nicht allein Verdacht, ſondern theilen auch zugleich unſere Kräfte, alſo müſſen wir vereint mit den Feinden ſie ſcheinbar begleiten und unterſtützen.— Einen Boten habe ich vor etwa einer Viertelſtunde ſchon abgeſchickt, der ſetzt die Inſulaner von unſerem ganzen Plan in Kenntniß, wir ſelbſt, mit allen kampfesfähigen Män⸗ nern des Countys, ziehen mit dem United States Packet⸗ boot gegen die Inſel. In etwa zwei Stunden landet es hier auf ſeiner Fahrt von Memphis nach Napoleon und muß mir als Richter, zu dieſem Zweck, wo es die Sicherheit des ganzen Staates gilt, zu Dienſten ſtehn. 208 Meine wackern Backwoodsmen würden auch, gar nicht anſtehn den Capitain zu zwingen, ſollte der wirklich geneigt ſein Schwierigkeiten zu machen.“ Porrel nickte lächelnd mit dem Kopf. „So fliegen wir raſch zur Inſel hinunter,“ fuhr Dayton, ſchon in der Begeiſterung des Kampfes freudig fort,„dort ordne ich die Schaaren, gleichvertheilt muß Freund und Feind ſein, und nahern wir uns dem wackern Fort, hinter dem die Unſeren lauernd des Zeichens harren, rücken wir, denn langes Zögern dulden die Hin⸗ terwäldler nicht, raſch darauf los, dann brechen die In⸗ ſulaner von allen Seiten hervor, wir fallen den über⸗ raſchten Gegnern in die Flanke und in dem dichten Un⸗ terholz unſerer Verhaue, von denen ſelbſt angegriffen, die ſie bis dahin als die Ihrigen betrachtet, erſchreckt— zerſtreut— werden ſie nicht einmal mehr wiſſen gegen wen ſie ſich vertheidigen, wen ſte bekämpfen ſollen, und leicht können wir ſte dann bewältigen und aufreiben. Auf das dort liegende— auf unſer Dampfboot ſchaf⸗ fen wir nun unſere Beute, unſere Mannen, und eh noch der Abend dämmert, auf jeden Fall früher als wir ir⸗ gend eine Verfolgung zu fürchten haben, fahren wir, während ſie hier ohen der Rückkehr des ſiegreichen 209 Bootes harren, mit wehender Flagge ſtromab, und durch den Atchafalaha in den Golf von Mexico.“ „Der Plan iſt vortrefflich!“ rief Porrel—„die hitzköpfigen Hinterwäldler gehn unbedingt in die Falle — aber— weshalb haltet Ihr da noch Cook und den andern Bootsmann gefangen? das wird böſes Blut machen.“ „Sie hätten mir durch ihre Hitze den ganzen Plan verdorben,“ ſagte Dayton,—„eilt nur jetzt hinauf zum grauen Bären, daß wir die Unſeren früh genug zurück ziehen und nachher bleibt uns immer Zeit die Ge⸗ fangenen zu befreien— wenn das überhaupt nöthig iſt. Vielleicht ſind wir ſogar im Stande, aufzubrechen ehe ſie alle hier eintreffen, deſto leichtere Arbeit haben wir dann. Auf jeden Fall müſſen wir ſuchen, Einen von ihnen, den jungen James Lively hierher zu bekommen, ehe er uns die ganze wilde Schaar auf den Hals hetzt, und— auch mehr wielleicht ſteht, als gerade nöthig iſt. — Er liegt in dem kleinen, dem grauen Bären faſt gegenüber befindlichen Kieferdickicht verſteckt, um von dort aus das ihm verdächtige Haus zu beobachten. Bringt ihn womöglich in Gutem mit her, geht aber das nicht— ei dann auch mit Gewalt— es iſt der⸗ II. 14 210 ſelbe, deſſen Meſſer in dem Hauſe der Ermordeten ge⸗ funden wurde.“ „Gut!“ ſagte Porrel und rieb ſich freudig die Hände,„vortrefflich, da giebt's doch endlich einmal ein ordentliches Dreinſchlagen, wo man nicht mehr ſüß und freundlich zu ſein braucht. Tod und Teufel, das Leben hatt' ich ſatt— nun weiß man doch woran man iſt, und braucht nicht mehr in ſteter Angſt und Noth zu leben. Alſo Good Bye— meinen Auftrag richt' ich aus, ſorgt Ihr nur auch dafür daß wir, wenn das Memphis⸗Packetboot kommt, die Unſern alle beiſammen haben.“. Und raſch eilte er die Straße hinab, wo er bald ein paar ſeiner Freunde an ſich rief und mit ihnen um die Ecke der ſeitabführenden Gaſſe verſchwand. Der Squire ſchritt indeſſen langſam und ſinnend der eignen Wohnung zu. ***** † „Wer war der Knabe, der da eben das Haus ver⸗ ließ?“ frug Squire Dayton, als er in ſeine Thüre trat und, auf der Schwelle ſtehend, nach einem jungen Bur⸗ ſchen zurückſah, der jetzt flüchtigen Laufes die Straße hinabeilte,„was wollte er, und von woher kommt er?“ „Gott weiß es, Maſſa,“ ſagte Nancy, die ihrem 211 Herrn zugleich einen eben für ihn eingetroffenen Brief überreichte,—„noch gar nicht ſo lange iſt's, da kam er herein— ging zu Miſſus hinauf, blieb ein paar Augenblicke oben, und wäre dann beinahe die Treppe wieder herunter gefallen. Unten ſetzte er ſich auf die Stufen da hin und weinte als ob ihm das Herz brechen wollte. Weil ich mich vor ihm fürchtete, ſchickte ich den neuen Nigger zu ihm, den Maſſa geſtern mitgebracht hat. Von dem wollte er aber gar nichts wiſſen, ſteckte den Kopf feſt unter die Arme— er ſchämt ſich wahr⸗ ſcheinlich, weil er weinte— und rührte und regte ſich nicht. Erſt als Bolivar wieder fort war ſtand er auf, drückte ſich den Hut faſt bis in die Augen hinein, und verließ raſch das Haus— keine zwei Minuten ehe Maſſa kam.“ „Sind die Damen oben?“ frug der Squire jetzt, ohne des fremden Burſchen weiter zu gedenken. „Miß Adele iſt nach Mr. Smarts gegangen,“ er⸗ wiederte Nancy,—„Miſſus iſt aber oben, ſoll ich— 2 „Laß nur,“ ſagte der Squire und ſtieg langſam die Stufen hinauf,—„käme Jemand und früge nach mir, ſo mag er hier im Zimmer warten— ich bin gleich wieder unten.“ Der Friedensrichter Helenas— der blutige Pira⸗ 14* 212 tenhäuptling des Miſſiſſippi, betrat das Gemach ſeines braven unſchuldigen Weibes, das keine Ahnung hatte welche Verbrechen die Bruſt barg, die ihr Liebe gelogen, und ihr reines Herz gewußt hatte an ſich zu feſſeln. Das Zimmer war leer— Hedwig ſaß während Adelens Abweſenheit, oben am Bett der armen Marie, Dayton aber blieb an der Thür ſtehn, und ließ die Augen ſinnend in dem kleinen friedlichen Raum umher ſchweifen, wo er Alles, Alles beſaß, was ihn zum Glück⸗ lichſten der Menſchen hätte machen können, Alles, was das Herz eines braven rechtlichen Mannes mit Stolz er⸗ füllen mußte. Aber der. Ehrgeiz hatte die ſcharfen, gif⸗ tigen Krallen in ſeine, von wilden Leidenſchaften durch⸗ wühlte Bruſt gehauen,— kalte Berechnung allein lei⸗ tete ſeine Handlungen und das Heiligſte opferte er rück⸗ ſtchtslos dem eignen Ich. Wohl giebt es Tauſende wie er war— Menſchen mit eiſernen Herzen, die eben ſo kalt und entſetzlich in das Leben hineingreifen und alles An⸗ dere rückſichtslos unter die Füße treten, wenn ſie nur für ſich jede Luſt, jede Befriedigung ihrer Wünſche er⸗ langen können; aber der kecke tollkühne Muth fehlt ihnen, den der Piratenhäuptling in ſo entſetzlichem Maaße beſaß— ſie ſtrecken die ſpitzigen, behandſchuh⸗ ten Finger vorſichtig aus des ſie nirgends anſtoße 4 213 und nur dann, wenn ſie ſich vollkommen unbeachtet wiſſen, zeigen ſie ſich in ihrer wahren Geſtalt.— Und die Welt ehrt ſie— das Geſetz ſchützt ſte, denn„es iſt ihm gegen ſie nichts bekannt geworden,“ aber dennoch fluchen ihnen zahlloſe Unglückliche, die ſie elend gemacht, die Verwünſchungen der Wittwen und Waiſen heften ſich an ihre Sohlen, und Schätze und Reichthümer, in verzweiflungsvoller Stunde an fromme Stiftungen hinausgeſchleudert, können nicht die feige Angſt der letzten Augenblicke betäuben. Anders war es mit dem Führer jener geſetzloſen Schaar— ſeine Rechnung mit dieſer Welt hatte er ab⸗ geſchloſſen und ruhig und feſt ſein Facit gezogen. Er ſcheute weder den Tod, noch achtete er das Leben, des⸗ halb aber war er gerade ſo entſetzlich ſo fürchterlich ge⸗ worden, denn die Geſetze der Menſchen konnten ihn nicht mehr ſchrecken, Glaube und Schwur an das Heilgſte ihn nicht mehr binden. Feſt und beſtimmt ging er ſeine verbrecheriſche Bahn, und wie auf dem Bret die Schach⸗ figuren, ſo ſtellte und benutzte er die Menſchen zu ſeinen Zwecken und Plänen— nur dann ſorgſam um ſte, wenn ihr Verluſt ihn ſelbſt ſchaden konnnte. Und jetzt, als er ſo da ſtand und wilde Scenen des Bluts und Entſetzens vor ſeinem inneren Auge vorüber 214 glitten, ſchweiften ſeine Blicke, im Anfang faſt bewußt⸗ los, über den kleinen freundlichen Raum hin, der ihn umſchloſſen hielt. Mehr und mehr aber hafteten ſie an den einzelnen Gegenſtänden, die Gegenwart erzwang ſich den Eintritt in ſein Herz und, zum erſten Mal vielleicht ſeit langer Zeit, durchzuckte ihn ein Gedanke an das was er ſein könnte, an das war er war. Hier— hier wohnte Liebe und Treue— hier ſchlug ein Herz für ihn, das ihm mit freudigem Lächeln in Noth und Elend gefolgt wäre— hier athmete ein Weſen, das nur in ihm ſeine Seligkeit kannte, und er—?2 Die Sonne ſchien warm und freundlich in das trau⸗ liche Gemach, die finſteren Nebelſchatten hatte ſte überwun⸗ den und ſpielte jetzt in funkelnder Luft mit den Staub⸗ körnchen, die der Schritt des finſteren Mannes aufge⸗ regt hatte; legte ſich über die bunten Farben des Tep⸗ pichs hin, den ſie noch weit höheren Glanz verlieh, und drang wie ein neugieriges Kind in alle Winkel und Ecken. Dort aber, an dem einen Fenſter, wo ſich ihre Strahlen erſt ſanft und leiſe durch blühende Myrthen und Roſenſtöcke ſtahlen, die Orangeblüthe küßten und die ſanfte Vanille, und einen purpurnen Schein zogen um die blaurothen Glocken der prachtvollen Fuchſte, da ruhten ſte auch um ſo friedlicher und lieber auf dem 215 freundlichen Plätzchen der Herrin vom Hauſe; auf dem weichgepolſterten Stuhl, und dem kleinen zierlichen Ma⸗ hagonynähtiſch, auf den Strick⸗ und Arbeitskörbchen und dem kleinen eingeſpannten Stickrahmen. Selbſt nach der zierlichen Fußbank blinzte ein etwas gar zu ge⸗ ſchäftiger Strahl hinab, und von Blumen und grünem Laub umgeben, auf dem noch die klaren Perlen des Frühtrunks blitzten und funkelten, lag ein Zauber über dem Ganzen, der nicht beſchrieben, nur gefühlt und empfunden werden konnte. Und in dieſem Kreis häuslicher Glückſeligkeit und Ruhe ſtand die dunkle ernſte Geſtalt des Magnes, der ihn zum Paradies hätte ſchaffen können, wie der ver⸗ nichtende ſtarre Todesengel— die Fauſt ſchon zum letz⸗ ten fürchterlichen Schlage erhoben; ſein Auge aber, das immer wilder und ängſtlicher den Raum überflog, haf⸗ tete endlich, faſt unwillkürlich, an dem Bilde ſeines Weibes, das neben dem ſeinigen dort drüben hing. Das waren die ſanften Engelszüge des holden Ange⸗ ſichts, die mit freundlichem Lächeln zu ihm herüber blick⸗ ten, das war das treue dunkle Auge, das ihm damals Liebe— Liebe, wie ſie nur das Wei gewüähren kann, geſchworen, und ihren Schwur nie— noch nicht durch Gedanke oder Wort gebrochen hatte,— und er?“ Starr und regungslos ſtand er dort, ſeine Hände hatten ſich krampfhaft geballt und Alles um ihn her ſchien ſich plötzlich im tollen, wirren Kreis mit ihm drehen. Da rang ſich das Herz noch einmal frei, ein⸗ mal noch tauchte es auf aus Sünde und Verbrechen, die Zeit kehrte vor ſein inneres Auge zurück, wo er zuerſt die holde züchtige Jungfrau geſehn und um ſte geworben. Was hatte er ihr damals gelobt, welche Schwüre hatte er der hold Erröthenden in das Ohr ge⸗ flüſtert, und jetzt— jetzt? war er nicht hierher gekom⸗ men um dieſen Raum auf immer zu meiden? war er nicht hierher gekommen um die zu verlaſſen, die kein Glück weiter kannte als das, was ſte an ſeiner Seite in ſeiner Liebe fand? wollte er nicht jetzt mit roher Hand das Band zerreißen, das in dem Herzen ſeiner Gattin die feſten unzerreißbaren Wurzeln geſchlagen? Der Gedanke an Alles, Alles was ſie ihm bisher geweſen, ſo lange und gewaltſam zurück gehalten, ſtürmte jetzt mit ganzer vernichtender Kraft auf ihn ein.— „Hedwig— Hedwig!“ ſtöhnte er, und barg das bleiche ſtarre Antlitz verzweifelnd in den Händen. Da vernahm er auf der Treppe leichte Schritte,— 5 ſte war es ſelbſt und kräftig zwang er den Schmerz hinein in ſein altes Bett— die Züge nahmen wieder 217 ihren ſtarren Ernſt an, nur die Augen lagen noch hohl und glanzlos in ihren Höhlen und ſeine Wangen waren bleich und gefurcht. „Georg!“ rief die junge ſchöne Frau, als ſie in die Thüre trat und freudig erſtaunt den fern geglaubten Gatten erkannte,—„Georg— Gott ſei gedankt, daß Du wieder bei mir biſt. Ach Georg, ich kann Dir gar nicht ſagen wie beengt mir das Herz war, als⸗Du heute von mir gingſt.“ „Närriſches Kind,“ ſagte der Squire, und ein mat⸗ tes Lächeln zuckte um ſeine Lippen,„mußt Dir nicht unnöthige Sorge um mich machen; es giebt Leid ge⸗ nug in der Welt— wir ſollten es nicht bei den Haaren herbei ziehn.“ „Thu' ich denn das?“ flüſterte Hedwig bittend,— „ſieh nur einmal Georg, ſieh nur wie bleich und ange⸗ griffen Du ausſiehſt— habe ich da nicht Urſache beſorgt zu ſein?“ Sie zog ihn mit leiſer Hand vor den breiten Spie⸗ gel, der zwiſchen den beiden Fenſtern befeſtigt war, und Daytons Blick fiel auf das Glas; raſch aber mandte er ſich ab— ſein eignes Antlitz neben dem ihren— der Gegenſatz war zu fürchterlich. Da wurden raſche Huf⸗ ſchläge auf der Straße gehört.— Mrs. Dayton wandte 218 ſich unwillkürlich dorthin, und Beide riefen in gleichem Moment, gleich überraſcht aus: „Abele Und wohl hatten ſie Urſache erſtaunt zu ſein, denn auf ſchnaubendem Rappen, das kleine Köpfchen gegen den ſcharfen Luftzug nieder gebogen, das Sonnenbonnet mit der Linken haltend, indeß ſie mit der Rechten die Zügel des feurigen Thieres regierte, flog Adele in ſau⸗ ſendem Galapp vorbei, und kaum war der Ruf ihren Lippen entflohen, ſo verſchwand auch ſchon die wilde Reiterin um die nächſte, dem obern Theil des Flußufers zuführende Ecke. 8 „Nun ſeh' Einer das tolle Mädchen an,“ ſagte end⸗ lich Mrs. Dayton, während der Squire im erſten Augen⸗ blick einen raſchen, faſt uuwillkürlichen Schritt nach der Thüre gethan hatte, als ob er ſie zurückhalten wollte, jetzt aber wieder langſam zum Fenſter trat,—„kein Pferd iſt ihr zu wild und unbändig, ſie muß es be⸗ ſteigen; was ſie nur wieder vorhaben mag? ſie wird es ſo lange treiben, bis ſie einmal wirklich Schaden nimmt.“ Der Richter ſtützte die Hand auf das Fenſterbret, und blickte ſinnend der Richtung nach, welche die Rei⸗ terin genommen.— Was wollte Adele dort? weshalb 219 trieb ſie ihr Pferd zu ſo wilder entſetzlicher Eile an; war etwas vorgefallen was ihn ſelbſt bedrohte?“ „Dayton!“ rief ſeine Frau, die ſich jetzt gegen ihn umwandte— Du ſtehſt todtenbleich aus, fehlt Dir etwas?“ „Mir?“ ſagte der Squire und bog ſich mit einem krankhaft gezwungenen Lächeln zu ihr nieder,„mir? was ſoll mir fehlen Du wunderliches Kind; nur den Kopf hab' ich voll von all dem Lärm und Treiben die⸗ ſer guten Stadt— mir wird dies wilde ruheloſe Leben nachgerade verhaßt.“ „Ach Georg!“ flüſterte die junge Frau, und ſchmiegte ſich leiſe an den Gatten an,„wie oft iſt es— lange, lange Nächte hindurch, die Du fern von mir weilen mußteſt— mein heißer inniger Wunſch geweſen, daß Du dies Leben wirklich verlaſſen möchteſt. Sieh, Du biſt hier geachtet und geehrt, biſt der Erſte in dieſer Stadt und ich kann begreifen, daß der Ehrgeiz einen Theil an dem Herzen des Mannes haben muß, wie er dem des Weibes fremd ſein ſollte; aber Deine Geſundheit leidet, Deine Kräfte reiben ſich auf, Aerger und mühe⸗ volle Arbeiten und Pflichten rauben Dir jede Ruh, und halten Nächte lang den Schlaf von Deinen Augen. Ach wenn Du Dich losreißen könnteſt von all dieſem 220 Schaffen und Treiben, wenn Dir das Herz Deines Wei⸗ bes genügte, das nur durch Dich, nur in Dir ſeine ganze Seligkeit findet—“ Sie barg das Haupt an ſeiner Bruſt und viele Se⸗ eunden lang hielt er ſie feſt, feſt umſchlungen, aber ein anderes, wunderbares Gefühl überkam ihn— ſeine Züge verloren das Finſtere und Starre— ſeine Blicke hafteten ſinnend mit einem neuen belebenden Glanz auf dem liebend an ihn geſchmiegten Haupt ſeines Weibes, ſeine Hand zitterte, die ihre ſchlanke Geſtalt umſchloß, unterſtützte, und bunte freudige Bilder waren es, die plötzlich an ſeiner inneren Seele vorüber glitten. Dort in weiter Ferne, auf einſam gelegener meerumtoſter In⸗ ſel, unter Palmen und Blüthenhainen erſtand eine Hütte — milde Lüfte fächelten ſeine Wangen, an ſeiner Seite ruhte ſein treues Weib und der Ocean wälzte ſich zwi⸗ ſen ihm und ſeinen Verbrechen; die mächtige Fluth wuſch und tilgte an der Vergangenheit— und die Gegenwart? — ein Eden erſtand ihm in jedem neuen ſonnigen Tag. Noch war es Zeit— noch war der letzte entſcheidende Schritt nicht geſchehen— noch hatte ihn das Verderben nicht ganz in die ehernen Arme geſchloſſen. Er bog ſich nieder zu ihr— ſeine Lippen preßten ſich feſt und innig an ihre reine Stirn und dort— ha, 221 war das eine Thräne, die dem Auge des finſteren Man⸗ nes einen ſo herrlichen Glanz verlieh? war es eine Thräne der Reue, die ihn noch durch den Kuß der Peri mit dem Himmel verband? „Hedwig!“ flüſterte er und ſein Arm zog ſte feſter und inniger an ſich. Da läutete draußen die erſte Glocke des Van Buren — das Boot rüſtete ſich zur Abfahrt— in kaum einer Viertelſtunde verließ es den Landungsplatz. In weni⸗ gen Tagen konnte er in Louisville ſein, und floh er von dort aus unter fremdem Namen nach irgend einem der 9 öſtlichen Hafenplätze, ſo war es unmöglich ihn zu ver⸗ ——— folgen— der nächſte Monat ſchon ſah ihn frei, auf offenem Meere, Tod und Verderben lag hinter ihm— er war gerettet! „Hedwig,“ flüſterte er und die Erregung dieſer neuen mächtigen Gefühle drohte faſt ihn zu erſticken, ſeine Lippen zitterten, als ſte die flüſternden Worte ſprachen—„Hedwig, ich bin Deiner unwerth, ein Sün⸗ der bin ich, den Du reiner Engel zu Dir emporziehen ſollſt— aber ich muß fort— fort von hier, oder ich bin verloren— für immer und ewig verloren.— Doch 8 jetzt, jetzt iſt es noch Zeit— noch iſt Rettung möglich. — Hörſt Du den Laut jener Glocke? nur Minuten noch, 222 und das ſtolze Boot das ſie trägt brauſt in gewaltiger Kraft dem Norden zu. Jetzt— jetzt iſt es mir noch möglich, mich loszureißen von Allem was mich bindet — in der nächſten Stunde wäre es vielleicht zu ſpät— willſt Du mich retten, Hedwig— retten vor mir ſelbſt, und aus dieſem Gewirr das mich zu erdrücken droht?“ „Du willſt fort, Georg?“ rief ſein Weib und blickte erſtaunt zu ihm empor,„wir ſollen Alles ver⸗ laſſen? ohne Abſchied hier von Allen ſcheiden, die uns lieben?“ „Alles— Alles mußt Du verlaſſen, wenn Du mich liebſt, wenn Du mich retten willſt,“ drängte ihr Gatte,„an Deinen Lippen hängt jetzt mein Geſchick— Tod oder Leben bindet ſich an ihren Spruch— Hedwig Du ahnſt nicht wie glücklich— wie elend Du mich mit wenigen Worten machen kannſt.“ „Und Adele?“ frug Mrs. Dayton ſchon halb beſtegt. „Bleibt hier— ihr mag das Haus gehören und Alles was wir zurücklaſſen— ich habe genug für uns und führe Dich dem Ueberfluß entgegen.“ „Aber jetzt, Georg? wie ſoll ich Alles packen und beſorgen, was nur— Du lieber Gott, es iſt ja gar nicht möglich; ich brauchte wenigſtens acht Tage, ehe ich daran denken könnte.“ — 223 „Hedwig, willſt Du mir folgen?“ rief da der Mann, und ſeine Stimme, ſein ganzer Körper zitterte vor wil⸗ der, innerer Bewegung,„noch kannſt Du mich der Liebe, dem Leben erhalten— ja Hedwig, mein Leben viel⸗ leicht hängt an dem Ausſpruch Deines Mundes— meine und Deine Seligkeit. Willſt Du mir folgen, oder— mich allein in die kalte Welt, mit dem Verder⸗ ben im Herzen hinausſtoßen?“ „Georg!“ rief Mrs. Dayton erſchreckt, und ihr Blick haftete ängſtlich an dem des Geliebten—„Georg, um Gotteswillen, was redeſt Du da für Worte? Dich allein hinausſtoßen? heiliger Gott, wenn Du mich lieb haſt, ſprich— was iſt geſchehn?“ „Ich muß fort,“ flüſterte der Richter, und ſein Blick wandte ſich erſchüttert von ihr ab—„die fürchterlichſte Gefahr ſchwebt über meinem Haupte— Du, Du allein kannſt mich jetzt noch retten— willſt Du mir folgen— Hedwig?“. „In den Tod,*Georg— wohin Du mich führſt“ — rief ſie aus und warf ſich an ſeine Bruſt—„in Mangel und Elend, nur nicht— nur nicht getrennt von Dir!“ Lange Minuten hielten ſie ſich ſo feſt umſchlungen, 224 dann richtete ſich der Squire langſam auf und flüſterte, ihre Stirn noch leiſe mit einem Kuß berührend: „Dank, Geliebte, Dank, innigen Dank— aber jetzt eile Dich auch mein ſüßes Kind; das Wenige was Du mitnehmen mußt, kann bald geordnet ſein. Ich ſelbſt ſchicke indeſſen Bolivar voraus und laſſe den Capitain des Van Buren bitten, noch wenige Minuten auf uns zu warten. Cäſar und Nancy mögen unter der Zeit hinabtragen, was Du ihnen giebſt, und die nächſte Stunde finde uns fern von hier, neuem Leben, neuer Freiheit entgegeneilend.“ Er trat jetzt raſch an ſeinen Secretair, aus dem er mehre feſtverſtegelte Briefe und Pakete nahm und in das nicht weit entfernte Camin warf.—„So,“ ſagte er,„dieſe Papiere mag die Gluth zerſtören, und hiermit reiße ich mich von der Bergangenheit los; dieſe Brief⸗ taſche bewahre Du mir, ſie enthält, was ich an eignem Vermögen mein nennen kann. Jetzt muß ich Dich für 1 wenige Minuten verlaſſen— noch bleiben Anordnungen zu treffen, die ich nicht verſäumen darf— Du aber, mein ſüßes Lieb, rüſte Dich ſchnell, und bald— bald kehr' ich zu Dir zurück, mich nie wieder von Dir zu trennen.“ 4 4 8 Noch einen Kuß drückte er auf ihre Lippen, ſchob 22⁵ ſte dann leiſe von ſich und verließ raſch das Zimmer, während Hedwig, die ſich kaum überreden konnte ſie wache, und das Ganze ſei nicht ein wilder, wirrer Traum geweſen, die wenigen Gegenſtände, die ſie auf einer nur etwas ausgedehnten Reiſe bedurfte, in einen kleinen Koffer packte und dann, aber mit thränen⸗ umdunkelten Augen den kurzen Abſchiedsgruß an die Freundin ſchrieb. Mit ängſtlich klopfendem Herzen harrte ſie jetzt der Rückkehr des Gatten, um Helena und Alles was ihr ſonſt noch hier durch einen länge⸗ ren Aufenthalt lieb geworden war, für immer zu ver⸗ laſſen. 3 Der fremde Neger verließ indeſſen, ein kleines wohl⸗ verſchloſſenes Mahagonykäſtchen unter dem Arm tragend, das Haus und ſchritt dem Dampfboot zu, während auf dieſem die zweite Glocke das Signal zur baldigen Ab⸗ fahrt läutete. IX. Adele warnt James Lively. Vor dem Union⸗Hotel der guten Stadt Helena war es an dieſem Morgen wie ausgeſtorben, einige Pferde ſtanden allerdings an dem Reck und ließeen, unmuthig ob des langen Wartens, die Köpfe hängen, oder blick⸗ ten ſchläfrig zur Seite nach den Hausſchwalben, die fle in kreiſenden Zügen umſchwärmten um Mosquitos und andere in ihre Nähe gezogene Inſekten wegzufangen. Aus der Einfriedigung aber, die ſeinen eigenen Thieren und denen ſeiner Gäſte gewöhnlich zum Aufenthaltsort diente, kam Scipio und führte Mr. Smarts Rap⸗ pen am Zügel dem Hauſe zu, aus welchem eben Smart und unſer Bekannter von vorhin, der Virginier traten.. 28 „Leg' raſch den Sattel auf, Sip,“ rief da Jona⸗ than ſeinem langſam heranſchlendernden Neger ent⸗ gegen—„potz Zwiebelreihen und Holzuhren, Du gehſt ja, als ob Du Blei in den Beinen hätteſt— ah, Miß Adele— ſchönen guten Morgen; nun, nehmen Sie meine Alte mit? ja,'s giebt heute Morgen nicht viel zu thun hier— Mrs. Breidelford hat all die Kund⸗ ſchaft—“ „Pfui Mann, ſchäme Dich, wie kannſt Du nur ſo häßlich reden,“ ſagte hier Mrs. Smart— die eben mit gewaltigem Sonnenbonnet und rieſigem Arbeitsbeutel neben Adelen auf die Veranda trat und die linke Treppe niederſtieg—„ich machte mir auch nichts aus ihr, aber ſolch ſchreckliches Ende—* „Mr. Smart meints nicht ſo bös“— entgegnete Tie beruhigend, Adele—„ach, wiſſen Sie wohl, Sir, wie Sie vor wenig Abenden noch jenen Scherz mit ihr trieben— wer hätte da gedanzt, daß ihr auf faſt ähn⸗ liche Weiſe ein ſo fürchterliches Schickſal bevorſtand. Sie iſt ſicherlich überfallen worden.“ „Nein, Miß,“ ſagte der Virginier, indem er die Mittelſtufen hinabſtieg und auf das Pferd zuging— 6, war dort, die Buben bis ſie erſchlagen haben hatten Iihs we vorher ganz bemem gemacht; es ſind wahrſcheiniih 15 227 228 welche von ihren Freunden geweſen, die auch Haus⸗ gelegenheit kannten. Aber Smart— ich muß wahr⸗ haftig fort, ſonſt komm ich zu ſpät; wie weit iſt's denn eigentlich bis zu Livelys und nach welcher Richtung zu liegt die Farm?“ „Ihr könnts wenn Ihr Euch dazu haltet, in zwei Stunden recht gut erreichen,“ erwiederte ihm der Jankee, „die Richtung iſt ziemlich Nord⸗Weſt.“ „Wen wollen Sie denn von Livelys ſprechen?“ frug ſich gegen den Virginier wendend, Adele, denn ſte dachte des heute gehörten Geſpräches zwiſchen dem Squire und William Cook—„ich glaube kaum daß ſie Jemand von ihnen zu Hauſe finden werden.“ „Na, weiter fehlte mir nachher nichts,“ brummte der Virginier—, erſt den Ritt und dann umſonſt. Ich will James Lively aufſuchen und die Sache hat Eile— er iſt in Gefahr.“ „In Gefahr,“ frugen Smart und Adele raſch und zu gleicher Zeit— ,wie ſo? durch wen?“ 1„Ei ſie haben Cook verhaftet—“ „Cook verhaftet?“ rief der Jankee und zog aus lau⸗ 4 ter Verwunderung zum erſten Mal die Hände aus den Taſchen—„William Cook?“ 41 229 „Ei ja wohl und wollen James auch an den Kra⸗ gen— man hat James Meſſer in der Ermordeten Haus gefunden.“— „Das iſt nicht möglich,“ rief Adele entſetzt— „großer Gott, Sie können doch nicht ſolch fürchterlichen Verdacht— Squire Dayton weiß ja ſelbſt, daß er erſt heute Morgen und weshalb er in die Stadt gekom⸗ men iſt.“ „Der Squire? hm, das glaub ich kaum— der iſt's gerade, der mir am Meiſten auf Livelys Ver⸗ haftung zu dringen ſcheint— wenn ich nur wüßte wo er wäre—“ „Oben gleich über der Stadt, am Flußufer,“ ſagte Adele raſch und heftig—„'s iſt keine viertel Stunde von hier— gerad' an der kleinen Schenke vorüber, wo das Kieferdickicht ſteht—“ „So nahe? hm, da werd' ich wohl zu ſpät kom⸗ men,“ meinte der Virginier und drückte ſich den Filz mit beiden Händen feſt in die Stirn—„den Henker auch, wenn's nicht weiter iſt, ſind ſte ſchon lange oben „Ja, aber was macht er denn im Kieferdickicht?“ fragte Smart verwundert. Addele beobachtete, die Frage wahiſcheinlih ganz überhörend, die jetzigen Bewegungen und Anſtalten des ————— langen Virginiers mit faſt fieberhafter Aufregung. Die⸗ ſer nämlich, auf der linken Seite des Pferdes ſtehend, hob höchſt ſorgfältig das rechte Bein in die Höhe und ſtellte es in den Bügel, und wurde erſt durch das ver⸗ gnügte Grinſen des Negers darauf aufmerkſam gemacht, daß er die„Larbord⸗Finne“ zuerſt lüften müſſe, um, Bug nach vorn, ins Fahrwaſſer zu kommen— er wech⸗ ſelte hierauf die Füße. „Sie können nicht reiten Sir?“ rief Adele ängſt⸗ lich, während ſich Smart mit hochgezogenen Braunen ganz ungemein auf das in den Sattel Klettern des Lan⸗ gen zu freuen ſchien. „Ein Boot wäre mir lieber,“ meinte Mills— „'s hat mir was ſchrecklich Unbehagliches, daß die Beine ſo an beiden Seiten herunterhängen ſollen.“— Er hatte jetzt den richtigen Fuß in den Steigbügel gebracht, warf das rechte Bein über den Sattel und kam, als das kleine muntere Thier ein wenig zuſammenfuhr, 3 mit plötzlichem Ruck„an Bord“ wie er's nannte. „Großer Gott, iſt der Steigbügel kurz,“ ſagte er während er erſchreckt auf ſeine, bis faſt an die Bruſt 5 gezogene Knie blickte,„und wo hängt denn eigentlich das andere Ding?“ 84 Er bog ſich etwas rechts hinüber und ſuchte vor⸗ —.— „* 84 231 ſichtig mit dem Fuß den ziemlich hochhängenden Riemen zu treffen; das Poney aber, ſchon durch den ſchwanken⸗ den Sitz des Bootsmanns etwas geängſtigt, warf ſcheu den Kopf zur Seite. „Brrrrr!“ rief Mills—„Brrrr, mein Thier⸗ chen— no bottom!“*) und immer noch fühlte er mit dem einen rechten Beine vergebens nach dem weiter oben hin und herſchlenkernden Bügel. Da kam dieſer unter den Bauch des Poneys, was einen raſchen und kurzen Seitenſprung machte, Mills Hinterläufe, wie ſie der alte Lively betitelt haben würde, zuckten ſchnell und unwill⸗ kürlich zuſammen und begegneten ſich unter dem Rappen, dieſer aber, ſolcher Behandlung ungewohnt, ſchlug kräf⸗ tiglich hinten aus und warf den Kopf zwiſchen die Vor⸗ derbeine, während der Virginier mit einem „Avaſt da—* gerade über die Ohren des ſcheuen Thieres hinweg und mit dem ganzen langen Leibe auf den Hofraum flog. „Hallo!“ lachte Smart,„bedeutendes Stück Arbeit das— war der längſte Wurf, den ich in meinem Leben geſehen habe. 4— — *) No bottom!— kein Grund! der Ruf des Senkblei⸗ werfers, wenn er mit der Leine keinen Grund gefunden hat.* 232 „Mrs. Smarts Sattel— Sip!“— rief Adele und zitterte vor Angſt und Aufregung—„Mrs. Smarts Sattel—* „Meinen Sattel?“ rief, während Scipio raſch dem Befehl gehorchte, Roſalie Smart etwas erſtaunt —„meinen Sattel, Kind? ich denke gar nicht daran zu reiten.“ „Nicht wahr, Sie borgen ihn mir auf wenige Stunden!“ bat Adele und ergriff dabei den Zügel des ihr willig gehorchenden Thieres—„Mr. Smart— bitte, den anderen Sattel—“ „Aber beſte Miß Adele—“ „Mr. Smart,“ ſagte das ſchöne Mädchen und der Ton, mit dem ſie dieſe Worte ſprach, klang ſo weich, ſo ängſtlich, daß Jonathan Smart hätte kein Jankee ſein müſſen, wenn er dem widerſtehen konnte. Mit einem Ruck hatte er den Sattelgurt geöffnet und den Sattel abgehoben, Scipio legte den anderen in derſelben Mi⸗ nute von der rechten Seite, wo der Damenſattel auch geſchnallt wurde, auf, und ehe noch Mrs. Smart, die durch das Schnelle dieſes Entſchluſſes total aus den Wolken zu fallen ſchien, auch nur im Stande war eine— Frage zu thun, ja kaum von Smart ſelber ſo weit unter⸗ ſtützt, daß er ihr leiſe den linken Ellbogen hob, legte 233 das ſchöne, in allem Eifer jetzt lieblich erglühende Mäd⸗ chen, die rechte Hand auf den Sattel, ſchwang ſich hinauf — Smart reichte ihr auf der einen Seite den kleinen, für den linken Fuß beſtimmten Bügel, Scipio eine kurze, dort gerade liegende Weidengerte, und im nächſten Mo⸗ ment, ja bevor ſich Mills ganz von ſeinem Sturz erholt hatte, warfen ſchon die raſch über den harten Boden dahin klappernden Hufen des kleinen Poneys den Staub hinter ſich auf und ließ die Männer, vor Allen aber Mrs. Smart, in wirklich unbegrenztem Erſtaunen zurück. James Lively hatte indeſſen, ſobald Cook ihn ver⸗ laſſen, vorſichtig ſeinen Platz gewechſelt, und ſich, einem Indianer gleich, bis dicht an das Haus geſchlichen. Das aber war viel zu gut verwahrt, ihm auch nur das Ge⸗ ringſte zu verrathen, blos ein. dumpfes Stimmengemur⸗ mel hörte er, als ob viele Menſchen mit einander ſprä⸗ chen und ein paar Mal wurden Thüren geöffnet und wieder geſchloſſen. Da vernahm er auf's Neue, vom Fluß her, Ruderſchläge, die näher und näher kamen und glitt nun ſo raſch und geräuſchlos als möglich zum Ufer hinunter, wo er den Platz überſehen konnte, der zwiſchen dem Boot und dem Haus lag. Es waren dies etwa zwölf bis vierzehn Schritt Zwiſchenraum, denn 234 der Strom hatte noch lange nicht die Uferhöhe erreicht. Ein Verſteck fand er aber hier weiter nicht, als den Stamm einer angeſchwemmten Cypreſſe, hinter der er ſich niederkauerte und mit geſpannter Aufmerkſamkeit dem näher und näher kommenden Fahrzeug entgegenſah. Endlich erkannte er durch den Nebel den dunkeln Schein deſſelben— es legte an und acht Männer, einige in der Tracht der Bootsleute, andere wie Städter ge⸗ kleidet, ſtiegen aus. „He Thorby“ ſagte da eine große, grobknochige Geſtalt, als ihr ein Anderer— der Wirth der Schenke, entgegenkam—„war Kelly ſchon da? was giebts denn eigentlich? Waterford hat uns weiter nichts geſagt.“ „Weiß auch nicht recht“— brummte der,„werdet 's ſchon erfahren— Donnerwetter, es geht jetzt wild in der Stadt zu,'s iſt faſt ſo, als ob Jemand aus⸗ zöge! Habt Ihr Porrel mitgebracht?“ „Toby? nein, der kommt mit einem Kielboot— muß aber auch bald da ſein. Kelly zieht ja ſeine ganze Mannſchaft zuſammen, es muß uns doch von irgend einer Seite Gefahr drohen? Wie ſtehts mit der Inſel?“ „Gut“ ſagte Thorby—„es iſt eben ein Boot von dort hier eingetroffen; doch geht hinein, drinnen beſpre⸗ chen wir das Alles viel beſſer; kommen noch mehr?“ —. „Ja— Waterford ſelbſt bringt alle die Sumpf⸗ männer mit; wie er uns ſagt, wollen wir dann gleich von hier aus heut Abend zur Verſammlung nach Ein⸗ undſechzig hinunter fahren.“— Und mit dieſen Wor⸗ ten verſchwanden die Männer im Inneren des Hauſes, das ſich augenblicklich hinter ihnen ſchloß. James Lively blieb noch ein Weilchen in ſeinem Verſteck liegen, bis er ganz ſicher war daß keiner der mit dem Boote Gekommenen mehr in dieſem weile, und kroch dann, vorſichtig und geräuſchlos wie er gekommen, zum Haus zurück. Obgleich er dort aber deutlich genug hören konnte, wie die darin Befindlichen ein lebhaftes Geſpräch mit einander unterhielten, und hier alſo keines⸗ wegs nur zum Spielen und Trinken zuſammengekommen ſchienen, ſo war er doch auch nicht im Stande etwas Näheres darüber zu beſtimmen. Uebrigens fühlte er ſich jetzt feſt davon überzeugt der„graue Bär“ ſtände, wie ſte ſchon heute Morgen vermuthet, mit jener Inſel,. dem Neſt des Piraten in genauer Verbindung und un⸗ geduldig harrte er der Rückkehr des Schwagers die ent⸗ ſcheidenden Schritte deshalb zu thun. Der Tag dämmerte endlich— die, dem jungen Farmer nächſten Gegenſtände ließen ſich deutlicher erken⸗ nen, und ein leiſer ſich erhebender Luftzug, der die 236 dichtbelaubten Zweige der Niederung durchrauſchte, fing an die ſchwerfälligen Nebelmaſſen nach und nach in Be⸗ wegung zu ſetzen. James hielt es für gerathener ſich zurückzuziehen, um nicht durch das ſchnell hereinbrechende Tageslicht überraſcht und vielleicht vom Hauſe aus ge⸗ ſehen zu werden. So leiſe als möglich ſchritt er des⸗ halb an der Wand des kleinen Gebäudes hin, bis er den vorderen Theil deſſelben und mit dieſem die Straße erreichte. Gleich hinüberkreuzen wollte er aber nicht, weil ein neben der Thür angebrachtes Fenſter auf den offenen Platz hinausführte; dicht am Weg hin waren dagegen eine Anzahl junger Hickorys aufgewachſen, die er zwiſchen ſich und das Haus zu bringen ſuchte, damit ſie ihn in ihrem Schatten verbargen. Kaum zehn Ellen mochte er in denen langſam fortgekrochen ſein, als er den Schritt von Männern auf der Straße hörte, die raſch herankamen. Zuerſt glaubte er ſie würden an ihm vorbeigehen und ſchmiegte ſich feſt auf die Erde nieder, als ſie jedoch am Haus waren blieben ſte ſtehen und er konnte deutlich erkennen wie der Eine vorſichtig viermal anklopfte und dann horchte. Von innen heraus ſchien da irgend Jemand zu fra⸗ gen und die Antwort lautete— Sander!— macht auf!“ 237 Die Stimme kannte er— das war Hawes, er hatte ſich den Mann nur zu gut gemerkt— was aber wollte der hier zu ſo früher Tageszeit? in welcher Ver⸗ bindung ſtand er mit dieſen Männern? und was ſollte das Zeichen? Er ſtrengte jetzt ſeine Augen an, die Ge⸗ ſtalt des Zweiten vielleicht zu erkennen, es war aber noch zu dunkel und ehe er auch nur einen ordentlichen Blick darauf hinwerfen konnte, ſchloß ſich die vorſichtig geöffnete Thüre raſch wieder hinter den Beiden. Was jetzt thun? ſollte er dem Freunde folgen und dieſen von dem Geſehenen in Kenntniß ſetzen? Das hätte ihm nichts genützt, denn Cook war ja ſchon in der Abſicht zum Richter geritten, eine Unterſuchung dieſer verdächtigen Schenke zu beantragen. Er beſchloß alſo ſeine Beobachtungen hier fortzuſetzen und jenes Rück⸗ kehr abzuwarten, ehe er ſelber von der Stelle ginge. Zu dieſem Zweck aber, und um unentdeckt zu bleiben, brauchte er einen beſſeren Verſteck und verfolgte jetzt in den Hickorys ſeine Bahn, bis er ſich dem kleinen, Cook bezeichneten Kieferanwuchs gerade gegenüber ſah, der etwa ſechzig Schritt vom grauen Bären begann und bis zur Mündung deſſelben Baches hinauflief, an welchem weiter oben, Livelys und Cooks Farmen lagen. Hier . kreuzte er den Weg und blieb in der ſpitzen Ecke des 238 Dickichts geduldig Stunden lang auf dem Anſtand liegen. Mehre Reiter paſſirten indeſſen die Straße nach Helena zu, von denen die meiſten ebenfalls vor dem ge⸗ heimnißvollen Hauſe anhielten, abſtiegen und nach kur⸗ zem Aufenthalt ihren Ritt fortſetzten. Selbſt als es ſchon vollkommen Tag geworden war, ſah James noch mehre, ihm jedoch gänzlich fremde Geſtalten, dort ein⸗ kehren und dann in die Stadt hineinreiten. Von dort heraus kamen nur zweie, der eine ein Kaufmann aus Frontſtreet, der andere ein Farmer aus der nächſten Umgegend, die ſich jedoch nicht bei der Schenke aufhiel⸗ ten, ſondern an dem verſteckten jungen Mann vorbei, der eine in die Hügel, der andere einen ſchmalen Pfad einſchlagend, am Ufer hinaufzogen. So mochte es zehn Uhr geworden ſein, und in Helena ſelbſt hatten indeſſen die oben beſchriebenen Vor⸗ fälle ſtatt gefunden: da, als ihm die Zeit ſchon anfing lang zu werden und er eben mit ſich zu Rathe ging, ob er nicht doch vielleicht jetzt, trotz ſeiner Verabredung mit Cook, dieſen aufſuchen, ihm das Geſehene mittheilen wie auch um Beſchleunigung der zu nehmenden Maaß⸗ regeln treiben ſolle, ſah er aus der Stadt heraus vier Männer kommen, die aufmerkſam nach etwas zu ſpüren 239 ſchienen und von denen einige ſogar in die Büſche, an der Seite der Straße hineingingen. Gleich am Papao⸗ dickicht in welchem ſein Pferd ſtand, und dem gegenüber ebenfalls ein kleiner freilich kaum hundert Schritt im Durchmeſſer haltender Kieferſchlag war, hatten ſie ange⸗ fangen und es dauerte nicht lange, ſo fanden ſte das dort angebundene Thier. „Wetter noch einmal“ dachte James, als er aus ſeinem Verſteck heraus ſah wie es vorgeführt und einem der Männer übergeben wurde—„was haben die Bur⸗ ſchen im Sinn?— was geht ſie mein Pferd an, und wer ſind die denn eigentlich?“ Er richtete ſich ein wenig empor, und erkannte deut⸗ lich wie zwei von ihnen die Kiefern abgeſucht hatten und wieder auf die Straße kamen. Eine kurze Berathung fand jetzt ſtatt und der Führer, wenigſtens der den er dafür hielt, deutete den Weg hinauf nach dem Platz zu, wo er ſich befand. Der Zug ſetzte ſich gleich darauf und zwar nach ihm hin, in Bewegung. Da vernahm ſein ſcharfes Ohr donnernde Hufſchläge, und er ſah wie ſich die Männer ebenfalls danach umſchauten; gleich darauf traten ſte raſch aus dem Weg zurück, und im ſel⸗ ben Moment flog auch ein ſchäumender Rappe daher, auf deſſen Rücken— konnte er denn ſeinen Augen 6 240 wirklich trauen?— mit fliegenden Locken und vom ſcharfen Ritt erhitzten, glühenden Wangen— Adele Dunmore ſaß und, weder rechts noch links zur Seite blickend, das feurige Thier durch raſchen Gertenſchlag zu noch immer wilderer Eile antrieb. So gern er ſie aber geſprochen und um das Unge⸗ wöhnliche dieſes einſamen Rittes befragt hätte, ſo war es auch wieder ein Gefühl über das er ſich ſelbſt keine Rechenſchaft zu geben wußte, und das ihn faſt unwill⸗ kürlich zwang, ſich vor der Jungfrau zu verbergen. Er trat raſch hinter eine niedere buſchige Kiefer und erwar⸗ tete natürlich ſte im nächſten Moment vorbeibrauſen zu ſehen. Da hielt, durch plötzlichen Zügeldruck der das feurige Thier faſt auf die Hinterbeine zurückbrachte, Adele ihr Poney an, und James hörte zu ſeinem unbe⸗ grenzten Erſtaunen, wie ſie mit raſcher, ängſtlicher Stimme ſeinen Namen rief— „Mr. Lively— Mr. James Lively! wo um des Himmels Willen ſind Sie, Sir?“ Hätte James in dieſem Augenblick eine zwanzig Fuß hohe Kluft hinabſpringen müſſen um dem Rufe Folge zu leiſten, er würde ſich nicht eine Secunde lang beſon⸗ nen haben, was Wunder denn daß er mit Blitzesſchnelle aus dem Dickicht vorglitt, und ſo plötzlich und unerwartet, — 3 241 wenigſtens von Poneys Seiten, vor dieſem ſtand, daß es entſetzt zurückfuhr und alle Anſtalten machte aus Leibeskräften empor zu bäumen, James aber warf ſeine Büchſe hin, und fiel ihm mit ſchnellem Griff in die Zügel während Adele mit einem leiſe gemurmelten „Gott ſei Dank“ aus dem Sattel und in den ihr hel⸗ fend entgegengeſtreckten Arm des jungen Farmers glitt. Ohne aber auch nur einen Augenblick zu zögern, warf ſie den ſcheuen Blick zurück, nach den raſch herbei eilenden Männern, und rief mit vor Angſt faſt erſtickter Stimme: „Fort Sir— um Gottes Willen fort— nehmen Sie mein Pferd und fliehen Sie.“ „Miß Adele“— rief James ganz überraſcht aus. Fort— bat aber dieſe—„wenn Sie— wenn Ihnen meine Ruhe nur etwas gilt— fort— Mr. Cook iſt gefangen— Helena in Aufruhr— jene Män⸗ ner dort, kommen Sie zu fangen.“ „Mich?— weßhalb?“ „Mein Pferd— Heiland der Welt, es wird zu ſpät!“ James, obgleich er in dieſem Augenblick wirklich nicht wußte ob er wache oder träume, begriff leicht daß hier irgend etwas ganz Außergewöhnliches und ihm wahr⸗ ſpeinlich Gefahrdrohendes geſchehen ſein müſſe. Wenn III. 4 16 —— 242 auch ſich ſelber keiner Schuld bewußt, erſchreckte ihn doch Cooks Gefangenſchaft; ein dunkler Verdacht durchzuckte ſein Hirn und als er auch noch die Fremden, wie er jetzt glauben mußte in feindlicher Abſicht, herbei eilen ſah, fühlte er, daß er ſich wirklich in Gefahr be⸗ finde. Adele hatte aber indeſſen ſchon für ihn gehan⸗ delt; ſchnell löſte ſte den Sattelgurt des Poneys, das ihr indeſſen, vor dem herbeigeſprungenen Jäger ſcheuend, die andere Seite zugedreht hatte, und warf den Damen⸗ ſattel ab.— Die geglaubten Verfolger waren nicht funfzig Schritte mehr entfernt. „Und Sie, Miß Adele, ſoll ich hier allein zurück⸗ laſſen?“ rief James, unſchlüſſig—„das kann ich bei Gott nicht.“ „Mir droht keine Gefahr!“ rief die Jungfrau,„ich habe nichts— gar nichts zu fürchten— aber Sie— großer Gott, es iſt ja jetzt ſchon zu ſpät.“ „Nein, noch wahrlich nicht“ lachte der junge Hin⸗ terwäldler der bald erkannte, daß die herbeieilenden Männer unbewaffnet ſeien und raſch ſeine Büchſe vom 243 Schlimmſte—„wenn Sie mich lieben— James, o ſo fliehen Sie!“. O hütte ſie ihn doch mit dieſen Worten aufgefor⸗ dert ſich dem Feind entgegen zu werfen, James wäre dem Tod mit Freuden in die Arme geſtürmt— aber fliehen? Doch ihr flehender Blick traf ihn— mit der Linken, in der er die Büchſe hielt, legte er ſich auf den Rücken des Pferdes, ſchwang ſich hünui und griff jetzt erſt in die Zügel. „Halt da Sir!“ rief Porrel, der kaum nach dreißig Schritt von ihm entfernt war—„halt— wir kommen als Freunde— Ihr habt nichts zu fürchten!“ „Fürchte auch nichts“ brummte James, und hielt ſein Pferd noch immer eingezügelt—„wenn ich nur—“ „Glaubt ihnen nicht!“ bat Adele in Todesangſt „fort— zu den Eueren— fort!“— „Squire Dayton ſchickt mich nach Euch!“ rief Por⸗ rel, ſprang auf ihn zu und griff nach dem Zügel— Adele die den jungen Mann verloren glaubte, ſtarrte mit wildem verzweifeltem Blick zu ihm empor. „James!“ hauchte ſte und mußte ſich an dem Baum an dem ſie ſtand, aufrecht halten. „Ich gehorche“ rief da James und ſtieß mit d Kolben ſeiner Büchſe die Hand, die ſchon faſt ſei 16 ¾ 4* Zaum berührte, zur Seite—„zurück da, Sir⸗— donnerte er dann den Fremden an,„ſei's in Freund⸗ oder Feindſchaft— in einer Stunde bin ich in Helena“; und während er den Zügel locker ließ, bohrten ſich ſeine Hacken in die Flanken des Poneys, das mit flüchtigem Satz nach vorn ſprang— im nächſten Augenblick flog es, von der ruhigen Hand des Reiters gelenkt, ſeit ab in die Büſche hinein, und war gleich darauf in dem dich⸗ ten Unterholz der Niederung verſchwunden. „Miß Dunmore“ ſagte Porrel, der ſich jetzt gegen das noch immer zitternde und erſchöpfte junge Mädchen wandte,„ich begreife wahrlich nicht, was Sie veranlaſ⸗ ſen konnte den Burſchen da ſo dringend zur Flucht zu bewegen, ihm droht keine Gefahr.“ „Sie wollten ihn verhaften, Sir“— rief Adele, noch immer in höchſter Aufregung—„man hat ihn des Mordes angeklagt!“ „Und ſollte das etwa ein Beweis ſeiner Unſchuld werden wenn er, anſtatt ſich frei zu ſtellen, dem Rich⸗ ter entflieht?“ frug der Mann von Sinkoille, und ein ſpöttiſches Lächeln zuckte um ſeine Lippen. Adele ſchwieg beſtürzt ſtill.„Doch wie dem auch ſei“ fuhr er 88 endlich fort,„der Squire iſt, wie er mir verſicherte, ſchhon auf der Spur der wirklichen Mörder, ich war eben — — —- 245 hierher geſchickt das dem jungen Mann mitzutheilen und ihn von jeder Beſorgniß zu befreien; Sie mögen jetzt ſelber urtheilen Miß, ob Sie ihm mit dieſer Warnung, wenn Sie ihm in der That wohlwollen, einen Gefallen gethan haben.“ „Mr. Porrel,“ ſagte Adele und erröthete tief— „die beſtimmte Nachricht die jener Bootsmann beſchie der ſelbſt hierher wollte Mr. Lively aufzuſuchen— „Wollen Sie ſich überzeugen, mein Fräulein, ob ich die Wahrheit geredet,“ erwiederte Porrel,„ſo fragen Sie Sauire Dayton ſelber. Cook, den man, wie ich gehört habe, heute Morgen allerdings, aber nur wegen Ruheſtörung— verhaftete, iſt jetzt wahrſchein⸗ lich auch ſchon wieder frei, es laſtet wenigſtens kein Verdacht mehr auf ihm— bitte Jim, legt doch einmal der jungen Dame hier, den dort herunter geworfenen Sattel auf— ſie wird ſicherlich lieber reiten wollen, als in unſerer Geſellſchaft in die Stadt zurückzugehen.“ Der Mann gehorchte ſchnell dem Ruf und führte bald James Livelys Pferd Adelen vor, die ſich erſt in aller Verlegenheit gegen den Advokaten wandte, als ob ſie ſich bei ihm entſchuldigen wolle, dann aber raſch auf das Holz ſtieg, neben dem das ungeduldig ſcharrende Thier ſtand, in den Sattel ſprang und, unwillig 246 mit ſich und der ganzen Welt, in die Stadt zurück⸗ ſprengte. Porrel ſah ihr mit leiſe gemurmeltem Fluch nach und ging dann, nachdem er ſeine Begleiter nach dem nicht weit mehr entfernten Chickenthief geſandt und ſie unterrichtet hatte, ihn ſo ſchnell als möglich zu dem Flatboot des grauen Bären herunter zu bringen, auf den kleinen Gaſthof zu, in deſſen Thüre er bald darauf verſchwand. XI. Die Flucht der„grauen Bär“ Männer.— Smart erzürnt. 8 4 Waren Mr. und Mrs. Dayton ſchon über den wil⸗ den Ritt Adelens erſtaunt geweſen, ſo beobachteten die⸗ gegenwärtigen Inſaſſen des grauen Bären mit kaum geringeren Intereſſen die, ſich in ihrer unmittelbaren Nähe ereignenden Vorgänge. Galt dieſe ſcheinbare Verfolgung des Einen, den ſie durch die Büſche nicht erkennen konnten, ihrer Sache, oder hatte die Be⸗ gegnung ſo vieler Menſchen auf der Countyſtraße nur zufällig ſtattgefunden? Ihr böſes Gewiſſen machte ſie zittern und von Allen ſtand Sander, als er unter den Männern Adele erkannte, mit bleichem Antlitz und ängſt⸗* lich pochendem Herzen oben an dem kleinen, im lte Stock befindlichen Fenſter, um von da aus ſowohl die 248 Vorgänge auf der Straße zu überſehen, als auch, im Fall ihm wirklich Gefahr drohe, augenblicklich zu wiſſen nach welcher Richtung hin er ſich am beſten retten könne. Was hatte Adele Dunmore hier ſo allein zwiſchen die fremden Männer geführt? und wer war es, der dort in tollen Sätzen mitten durch den wild verwachſe⸗ nen Wald davon ſprengte? einzelne dichtbelaubte Hicko⸗ rys verſtatteten ihm nicht den ganzen Schauplatz zu überſehn, aber nur um ſo mehr fühlte er ſich beunruhigt, da ihm das wenige, was er erkennen konnte, ſo räthſel⸗ haft ſchien. Da wurde ſeine Aufmerkſamkeit plötzlich von der Straße ſelbſt abgezogen, denn einer der Fremden kam raſch auf das Haus zu. Sander war noch in Zweifel wer es ſein könne, denn die Männer trugen faſt ſämmt⸗ lich Strohhüte und von oben herunter entzog ihm der breite Rand das Geſicht. Da öffnete ſich die Hausthür und ließ den Klopfenden ein;; er gehörte alſo auf jeden Fall zu den Freunden, Thorby hätte ihm ſonſt nimmer den Eintritt verſtattet, und raſch ſprang der junge Ver⸗ brecher die Stufen hinab, um zu hören was jener bringe. Es war Porrel ſelbſt, der hierher kam den Auf⸗ trag ihres Führers auszurichten, den Kameraden in der 249 Kürze zu melden was in Helena geſchehen, welcher Ge⸗ fahr ſte ausgeſetzt geweſen, welche Vorkehrungen dagegen getroffen wären, und welchen Plan vor allen Dingen Kelly entworfen habe, nicht allein ihre Flucht zu ſtchern, ſondern auch zugleich Rache an den Feinden zu nehmen. „Aber beim Teufel,“ rief da Sander ärgerlich aus, „weshalb kommt der Capitain nicht einmal ſelber hier herauf; er weiß was er mir verſprochen hat und wes⸗ halb ich mich jetzt in der Stadt nicht gut ſehn laſſen darf. Wenn die ganze Sache, was mit jedem Augen⸗ blick geſchehen kann, wirklich auseinanderbricht, dann fitzen wir nachher feſt auf dem Sande, während er ſehr behaglich im Trüben fiſcht und angelt, oder doch auf jeden Fall ſeine eigene werthgeſchätzte Perſon in Sicher⸗ heit bringt.“ „Habt keine Angſt,“ beruhigte ihn lachend Porrel, oder Toby, wie er gewöhnlich der Kürze wegen von den Kameraden genannt wurde,„glaubt ja nicht daß Ihr, wenn es wirklich an den Kragen ginge, beim letzten Tanze fehlen ſollt. Ihr, die Ihr Euch jetzt noch ver⸗ ſteckt halten müßt, bleibt in dem Chickenthief, mit dem Ihr nun ſo ſchnell als möglich an die Helenalandung hinabfahrt, ruhig liegen; gelingt unſer Plan und gehen wir mit den Bewaffneten von Helena wirklich gemein⸗ 8 ——— 250 ſchaftlich auf das Dampfboot, dann ſetzt Ihr Euere Se⸗ gel, und mit denen und etwas Rudern könnt Ihr, wenn auch nicht mehr zum Kampf doch auf jeden Fall noch zur Einſchiffung kommen. Gelingt er aber nicht, müſſen wir, was ich uns übrigens nicht wünſchen will, ſchon in Helena zuſchlagen, ſo ſind vier ſchnell hinter einander abgefeuerte Schüſſe das Signal. Dann iſt Alles ent⸗ deckt und nur Gewalt kann uns befrein; in dem Fall zögert aber auch nicht wenn Ihr nicht abgeſchnitten wer⸗ den wollt. Die Maske haben wir nachher überhaupt ab⸗ geworfen und Ihr braucht Euch nicht länger zu lcheun ans Licht zu treten.“ „Ich für mein Theil wollte faſt es wäre ſo weit,“ brummte Sander,„meines Bleibens iſt nicht mehr hier; ein Glück war's nur, daß ſie in Helena den verwünſch⸗ ten Hooſier verhafteten, der hätte mich ſonſt in eine böſe Patſche bringen können. Was wolltet Ihr denn mit dem Burſchen, der da ſo merkwürdig eilig durch den Wald ſprengte.“ „Das war James Lively,“ erwiederte Porrel,„der hier im Kieferdickicht auf der Lauer gelegen und dies Haus beobachtet haben muß.“ „Nun da habt Ihrs,“ rief Sander erſchreckt,— „das ſind die Folgen dieſes verdammten Zögerns, und — 251 wir, die wir unſere eigenen Phyſtognomien des allge⸗ meinen Beſtens wegen haben müſſen verdächtigen laſſen, werden wohl noch zum guten Ende, während Ihr An⸗ dern frei durchbrennt, in einer ſauber gedrehten Hanf⸗ ſchlinge an's Licht gezogen werden. Tod und Ver⸗ dammniß, ſo ganz in die Hände dieſes Kellh gegeben zu ſein.“ „Nun, das hat die längſte Zeit gedauert,“ beruhigte ihn Porrel,—„dort kommt auch das Boot ſchon, jetzt zu Schiffe Ihr Herrn, James Lively wird, wenn er ſo ſchnell zurückkehrt als er gegangen iſt, die Hinterwäldler bald genug hier verſammelt haben, dann laßt ſie das leere Neſt finden, und wir ziehen indeſſen in Helena unſere Mannen zuſammen. Sind Euere Sachen geſtern Abend noch hinunier auf die Inſel geſchafft, Thorby?“ „Nein, geſtern Abend nicht, wer Teufel ſollte denn bei dem Nebel fahren,“ erwiederte der Gefragte,„ aber 3 heute Morgen hab' ich ſie abgeſchickt, auf jeden Fall treffen wir ſte dort, bis wir ſelbſt hinunter kommen.“ „Sollen wir denn aber ſo offen aufs Boot gehn?“ frug Sander—„wenn nun noch irgend ein Hallunke hier verſteckt liegt und nachher in Helena unſeren 3cſlunf winkel verriethe?“ „Da, hängt die Decken über,“ ſagte Thorbh,— „ſte mögen Euch für Indianer halten, und nun raſch, mir iſt's immer als ob ich ſchon Hufſchläge hörte.“ Die Männer ſtiegen ohne weiteres Zögern in das dicht am Flatboot liegende kleine Segelboot hinunter, und Porrel eilte, von noch mehren der Leute aus dem grauen Bären begleitet, ſchnellen Schrittes nach Helena zurück. ***** Indeſſen hatte ſich Jonathan Smart, der von dem Virginier die näheren Umſtände über Cooks Verhaftung raſch erfragte, ohne Zögern mit dieſem auf den Weg gemacht, den Richter ſelbſt darüber zur Rede zu ſtellen. Der war aber nirgends zu finden, und der Conſtabel er⸗ klärte, die angebotene Bürgſchaft ohne deſſen Be⸗ willigung auf keinen Fall annehmen zu können. Dagegen ließ ſich nicht wohl etwas einwenden, das wußte Smart gut genug, und obgleich ſich der Virginier höchſt entrüſtet verſchwor, er habe unmenſchliche Luſt der ehrſamen Gerichtsbarkeit in Helena Arm und Beine zu zerſchlagen, ſo hatte er doch an dieſem Morgen ſelber „geſehn, daß er ſich mit denen die gleichgeſinnt waren, bedeutend in der Minorität befinde, und machte deshalb für den Augenblick ſeinem gepreßten Herzen nur in einer 253 unbeſtimmten Anzahl von Kernflüchen und Verwünſchun⸗ gen Luft. Die beiden Männer waren unter der Zeit langſam die Straße hinab und dem Gefängniß zu gegangen, dem gegenüber, vor Mrs. Breidelford ſeel. Hauſe, ſich noch immer einzelne Bootsleute und Kinder aus der Nach⸗ barſchaft herum trieben, wenn auch die feſt verſchloſſenen Thüren jeden ferneren Eintritt verſagten. Da wurden ſie plötzlich aus einem der obern Jailfenſter mit einem „Boot ahoi!“ begrüßt und Smart, der im Anfang glaubte es ſei Cooks Stimme, erſtaunte nicht wenig hier auch ſeinen Freund von geſtern, den jungen In⸗ diana⸗Bootsmann zu treffen, der ihm das junge Mäd⸗ chen gebracht, und den er ſchon lange, weil er ſich gar nicht wieder hatte ſehn laſſen, ſtromab vermuthet. „Hallo Sir!“ rief er erſtaunt aus,„was zum Henker macht denn Ihr hier hinter den Eiſenſtäben? potz Zwiebelreihen und Holzuhren, was iſt denn auf einmal in den Richter gefahren, der der ſo bei der Hand mit Leute einſperren. „Gott weiß, auf welches Schurken Annn ich hier ſitze,“ rief da der junge Matroſe,—„der Hallunke, hat ſich nicht wieder ſehen laſſen, und wie es ſcheint be⸗ kümmert ſich gar Niemand um uns hier. Iſt denn das doch ſouſt nicht, „ 254 ein freies Land, wo man die Bürger, ohne Weiteres in ein Loch wie dieſes hier werfen und laſſen darf?“ „Aber weshalb ſitzt Ihr denn?“ frug Smart erſtaunt. „Gentlemen,“ miſchte ſich da ein Fremder— Smart hatte ihn wenigſtens noch früher nie in Helena geſehn— in das Geſpräch,—„derlei Unterhand⸗ lungen dürfen hier nicht ſtattfinden; ein Freund von mir hat den Mann da verklagt und— und der Con⸗ ſtabel hat verboten, daß Jemand zu ihm gelaſſen werde.“ „Schlagt doch dem einmal ein's auf den Kopf, Smart!“ rief Tom von oben herunter,—„ich bin Euch auch wieder einmal gefällig.“ „Mein lieber Sir,“ ſagte der Jankee ruhig, ohne jedoch dem Gefangenen dieſen kleinen Dienſt zu erwei⸗ ſen,„es wäre für Sie gewiß hchſt vortheilhaft, glaub ich, wenn Sie ſich um Ihre eigenen Geſchäfte beküm⸗ mern wollten; ich meines Theils wenigſtens, bin kei⸗ neswegs— Das ſind aber meine Geſchäfte Sir,“ fiel ihm der andere trotzig in's Wort, und von der entgegenge⸗ ſetzten Straßenreihe zogen ſich nach und nach einzelne Männer herüber,—„ich bin ganz beſonders hierher 255 geſtellt, derlei Unterhaltungen zu hindern und verbiete ſte hier ein für alle Mal.“ —„geneigt mir von irgend einem Fremden Vor⸗ ſchriften machen zu laſſen;“ fuhr Smart fort, während der Virginier, dem die Galle ſchon gleich von der erſten Anrede gekocht hatte, vortrat, ohne weitere Worte ſeine Jacke abwarf, die Aermel aufſtreifte und Smart nun aufforderte das Geſpräch fortzuſetzen, denn er wolle ver⸗ dammt ſein, wenn er dem„Breimaul,“ wie er ſagte, nicht den Rachen ſtopfe, ſo bald er ſeinen Bug nur noch ein einziges Mal hier einſchiebe. „Ruhe hier, Gentlemen, da drüben liegt eine Leiche,“ riefen jetzt Andere, die hinzu traten,„pfui, wer wird ſich ſchlagen und raufen vor dem Todtenhaus.“ „Ich, wenn Ihr's wiſſen wollt,“ rief trotzig der Virginier,—„ich, ſobald ich die Urſache dazu bekomme, und vor der da drüben brauch ich nsch lange keine Ehrfurcht zu haben— verdient hat ſie, was ihr ge⸗ worden iſt, und das hundertfach— mich hat ſie zum Beiſpiel betrogen, daß mir die Augen über gegangen ſind.“ „Ei ſo dreht doch dem lügneriſchen Schuft den Hals um,“ rief da ein Anderer aus der ſich jetzt mehr und mehr ſammelnden Volksmenge heraus, und als ſich der 256 Virginier raſch nach ihm umwandte, begegnete er lauter kampffertigen Geſtchtern, unter denen er ſeinen Angreiſe nicht im Stande war zu erkennen. „Heilige Dreifaltigkeit— wenn ich doch jetzt unten wäre,“ wünſchte ſich Tom aus dem Fenſter heraus, aber Smart über ſolche Feigheit einer Mehrzahl gegen den Einzelnen auf's Tiefſte empört, wandte ſich gegen die Menge und rief, den langen Arm mit der keineswegs unbeträchtlichen Fauſt gegen ſie ausſtreckend— „Fellows— denn Gentlemen kann man Euch Lumpengeſindel nicht mehr nennen— feiges, er⸗ bärmliches Pack, das ſich nicht ſchämt in Maſſe gegen Einen aufzuſtehn— Amerikaner wollt Ihr ſein?— niederträchtiges Halbbrutzeug ſeid Ihr, das man in New⸗England bei den—“ „Hurrah für Smart!“ tobte da jubelnd der Hau⸗ fen, der durch dieſen derben Ausfall des ſonſt ſo ruhigen und gleichmüthigen Wirthes mehr ergötzt als gereizt wurde—„Hurrah für den Jankee— bringt einen Stuhl— einen Tiſch herbei— Smart ſoll auf den Tiſch— eine Rede halten— Smart ſoll reden— Hurrah für Smartchen!“ „Beinen aufhängen würde“ überſchrie Smart, jetzt wirklich in Wuth gebracht, den Haufen—„Bande — 257 verdammte— flußwaſſerſaufendes Piratenvolk das Ihr ſeid— Einer und Alle— Euere Väter haben ihr Blut für die Unabhängigkeit ihres Vaterlands vergoſſen, und Ihr, Schandbuben wegelagert jetzt daſſelbe Land und bringt Schimpf und Schmach auf die Gräber Euerer Eltern, auf Euer Vaterland. Aber Ihr habt gar kein Vaterland— Ihr ſeid vogelfrei— Waſſerratten ſeid Ihr, die man mit Gift ausrotten ſollte, daß die Erde von ſolcher Brut befreit würde.“ „Bravo Smart, bravo!“ jubelte es ihm von allen Seiten entgegen, und der Virginier ſtand mit halb⸗ erhobenen Fäuſten, und ſchien ſich jetzt wirklich nur ein Geſicht auszuſuchen, in das er ſeinen Arm zuerſt hinein⸗ ſtoßen konnte. Es wäre am Ende doch noch zu Thätlichkeiten ge⸗— kommen und wer weiß, wie weit nachher der Uebermuth des Pöbels dieſen geführt hätte, als der Conſtabel zwi⸗ ſchen die Männer trat, und ernſtlich und nachdrücklich Ruhe gebot. Smart mußte aber noch gar keine Luſt haben dem Rufe Folge zu leiſten, denn es ſah aus als ob er eben wieder mit friſch geſammelten Kräften gegen die ihn umgebenden feixenden Geſichter einen neuen Anlauf nehmen wollte, da beſann er ſich wahrſcheinlich eines Beſſeren, warf noch einen verächtlichen Blick über III. 3 17 258 die rohe Schaar, ſchob plötzlich und ohne vorherige . Warnung beide Arme faſt bis an die Ellbogen in ſeine tiefen Beinkleidertaſchen hinein, und ſchritt pfeifend die Straße hinab, wobei ihm übrigens Alle willig Raum gaben und den Scherz keineswegs weiter trieben als nöthig war, denn ſie hatten den Jankee ſchon frü⸗ her als einen entſchloſſenen und, wenn gereizt, auch gefährlichen Mann kennen lernen, wit dem wenig⸗ ſtens kein Einzelner Streit auf eigene Fauſt zu begin⸗ nen gedachte. Der Conſtabel, der indeſſen mit ernſten aber zugleich freundlichen Worten die wilde Schaar zu beruhigen ſuchte, theilte dabei dem Virginier mit, er habe ſchon mit einem hieſigen Kaufmann geſprochen, der ſowohl für Cook als auch für James Lively Bürgſchaft leiſten wolle, und Mills verſchwor ſich hoch und theuer, das ſei der einzige vernünftige Menſch in ganz He⸗ lena, und er wolle verdammt ſein, wenn er von jetzt an bei irgend jemand Anderein als bei ihm ſeinen Taback kaufe. Als Porrel die Stadt wieder betrat, fand er den Richter, der ihn ſchon ungeduldig an der Dampfboot⸗ landung erwartet zu haben ſchien. 259 „Alles beſorgt!“ rief ihm der Sinkoiller entgegen, und deutete auf den Strom hinaus, über deſſen Fläche eben mit geblähten ſchneeweißen Segeln, die Brieſe von dem ſcharfen Oſtwind in die ſtraff geſpannten Arme faſſend, das kleine ſchlankgebaute Fahrzeug heranglitt und ſeine Bahn gerade dem Platze zuzunehmen ſchien, auf dem ſie ſtanden.„Der Kahn dort birgt unſere Muſterexemplare, für die wohl Arkanſas einen ganz hübſchen Eintrittspreis geben würde, um ſte nur ſehn zu dürfen— wir können jetzt alle Augenblicke los⸗ ſchlagen.“ „Ja“— ſagte der Richter und ſchaute finſter vor ſich nieder,„und uns hier, und was wir in unſerer Nähe haben, bringen wir in Sicherheit— Anbere aber, die wir zurücklaſſen, ſind verloren— wir können nicht fort.“ „Alle Teufel!“ rief Porrel erſchreckt,„das wäre ein ſchöner Spaß— der junge Lively iſt, durch Euere Verwandte gewarnt, entflohen, und wir werden die ganze Waldhande in keiner Stunde auf dem Halſe ha⸗ ben— längerer Aufſchub iſt bei Gott nicht mehr zu erhalten— wer fehlt denn jetzt noch?“ ⸗ „Eben bekam ich einen Brief von Memphis,“ ſagte der Richter—„ein reitender Boote hat ihn durch die — 47 8 260 Sümpfe gebracht— drei von unſeren Kameraden befin⸗ den ſich da oben in größter Gefahr, und nur mein Er⸗ ſcheinen dort kann ſie retten.“ „Wegen den Dreien darf doch nicht das Ganze zu Grunde gehn!“ rief Porrel unwillig. „Nein,“ ſagte der Squire,„aber unſere Pflicht iſt es für ſie, ſo lange das noch in unſeren Kräften ſteht, wenigſtens einen Verſuch zu machen.“ „Doch wie?“ „Porrel— Ihr kennt unſere Pläne und wißt daß ihr Gelingen ganz in unſere Hände gegeben iſt. Bin ich im Stande mich auf Euch zu verlaſſen? wollt Ihr die Unſeren führen, jetzt in den leichten Kampf und nachher der Freiheit entgegen? wollt Ihr die Beute an Bord des Dampfbootes ſchaffen, die Gelder, die Euch Georgine bei Vorzeigung dieſes Ringes übergeben wird in Ver⸗ wahrung nehmen, und bis dahin, wo ich Euch an dem verabredeten Ort in Texas treffe, halten, oder— wenn ich unterginge— vertheilen?“ „Was habt Ihr vor?“ frug Porrel erſtaunt— „Ihr wollt nicht mit?“ „ Ich allein kann die, deren Sicherheit bisher meine Pflicht war, noch retten,“ fuhr Dayton, ohne die Frage 261 direct zu beantworten, fort;„noch hat Niemand eine Ahnung wer ich ſei, oder daß ich überhaupt in ſolcher Verbindung ſtand; dies Dampfboot geht in wenigen Minuten ſtromauf— heute Abend ſchon bin ich in Memphis— morgen kann der Reſt der Unſeren auf dem Weg nach Texas ſein.“ „Und was nützte das?“ erwiederte Porrel—„Hun⸗ derte ſind noch oben in den verſchiedenen Flüſſen und Flußſtädten vertheilt— ſie Alle müſſen dann zurück⸗ bleiben, und haben ſie nicht daſſelbe Recht, als jene in Memphis?“ „Saht Ihr heute Morgen den alten Baum fällen, der hier am Ufer ſtand?“ frug ihn Dayton. „Ja— was hat der mit meiner Frage zu thun?“ „Er iſt allen ſtromabkommenden Booten das Wahr⸗ zeichen vom Beſtehen der Inſel,“ entgegnete ihm der Richter—„ſehen ſie den Stamm nicht mehr, ſo wiſſen ſie, daß die Inſelcolonie entweder untergegangen oder es für jetzt doch nicht möglich iſt dort zu landen, und fah⸗ ren vorüber.“ „Hm— verdammt vorſichtig,“ brummte Porrel und blickte halb überzeugt, halb mißtrauiſch den Gefähr⸗ .. ten an; es war ein eigner Verdacht der in ihm aufſtieg 4 — wollte der Capitain ſie im entſcheidenden Moment verlaſſen? des Richters Ausſehn beſtätigte das Alles und er ſagte: „Hört— Squire— ſoll ich das, was Ihr mir da eben mittheilt, den Leuten erzählen, wenn ſie nach Euch fragen, und wollt Ihr mir offen ſagen was Ihr vorhabt, oder— iſt die Geſchichte für mich mit erdacht?“ Der Squire ſah ihn einen Augenblick unſchlüſſig zögernd an, Mnn ſtreckte er dem Freunde raſch die Hand entgegen. „Nein“— rief er—„nicht für Euch Porrel— Euch werde die lautere Wahrheit, ich will fort— will dies Leben, will dieſe Schaar verlaſſen— Ihr Porrel, mögt der Vollſtrecker meines letzten Willens— mein Erbe ſein.“ „Und Euer Weib nehmt Ihr mit?“ frug der Mann von Sinkville. Der Squire nickte ſchweigend mit dem Kopf. „Aber Georgine—“ „Leſt den Brief!“ ſagte dumpf der Richter. Por⸗ rel nahm das Schreiben und überflog es raſch. „Eiferſucht!“ ſagte er lächelnd—„blinde Eifer⸗ 263 ſucht— an?“ er drehte, um die Aufſchrift zu leſen, das Papier herum—„ha, da ſind Blutflecken— mit einem Tuch verwiſcht. Wer hat dies Schreiben ſo roth geſtegelt?“ „Der Träger,“ entgegnete Dayton finſter—„doch wie dem auch ſei, nie will ich ſie wieder ſehn, aber ſie ſoll auch nicht darben— hier dies Packet und ſeinen Inhalt übergebt ihr von mir. „Alſo Ihr habt feſt beſchloſſen—“ „Feſt, Porrel— feſt, und Euch— wenn Ihr meine Bitte treu erfüllt, die Leute in Sicherheit bringt und die Beute redlich unter ſie theilt— ſei mein Antheil beſtimmt, genügt Euch das?“ „Der ganze Antheil?“ frug erſtaunt der Advokat —„Mann, wißt Ihr auch, welche Reichthümer wir be⸗ ſonders in letzter Zeit erübrigt haben?“ „Wohl weiß ich es“— flüſterte mit abgewandtem Antlitz der Richter—„es iſt das Euere— wer von den Unſern nach mir fragen ſollte, dem ſagt zu welchem Zweck ich mit dieſem Boote und wohin ich mit ihm ge⸗ gangen. Doch jetzt beruhigt die Leute da oben, ich höre noch immer den wilden Lärm und Zank; die Burſchen ſind doch unverbeſſerlich und nicht im Zaum zu halten, 3 2 264 ob ihnen Tod und Henker auch ſchon vor Augen ſtän⸗ den. Good bye Porrel— ich gehe jetzt hinauf mein Weib zu holen— Glück zu— der beſte Wunſch den ich für Euch habe, iſt: Texas und den Golf hin⸗ ter Euch.“ Adele war indeſſen raſch die kurze Strecke zum Union⸗Hotel getrabt um Mrs. Smarts Sattel zurück⸗ zubringen, dort fand ſite aher das ganze Haus wie aus⸗ geſtorben, der einſame Barkeeper ſchaukelte ſich in der Veranda auf den Hinterbeinen ſeines Stuhls, Madame war, wie Scipio ſagte, nach Squire Daytons, Mr. Smart ſelbſt mit dem Virginier fortgegangen und er, Scipio, wußte nun— wie er meinte— vor langer Weile nicht, ob er ſeine gewöhnliche Arbeit beſorgen oder hinter den anderen hergehn ſollte.“ „Iſt Mrs. Smart ſchon lange drüben?“ frug Adele, während der Neger den Sattel abnahm und den Zügel des Pferdes über das Reck warf. „Nein Miſſus,“ lautete die Antwort—„gar noch nicht lange— Golly Jeſus— Miſſus hat ja das falſche Pferd verwechſelt— Nanch war hier— iſt bei Jingo Mr. Livelys Poney— fremde Miſſus ſoll recht krank geworden ſein.“ „Marie?“ rief Adele erſchreckt— armes, armes 265 Kind— aber ich bin gleich bei Dir— ach Scipio, weißt Du nicht ob Squire Dayton zu Hauſe iſt— ich muß ihn augenblicklich ſprechen.“ „Steht unten am Waſſer, Miſſus,“ ſagte Scipio, „gleich unten 1 wenn Ihr hier die Straße hinunter geht — Ihr könnt gar nicht fehlen, er müßte denn wieder weggegangen ſein.“ „Scipio“— ſagte Adele,„willſt Du mir die Liebe thun und einmal hinunter laufen und ihn bitten, er möchte doch— oder nein— ich will lieber ſelber gehn— Seipio, nicht wahr Du begleiteſt mich an den Fluß; eine ſolche Maſſe fremder Bootsleute iſt heute in der Stadt ich fürchte faſt allein zu gehn.“ „Großer Golly,“ ſagte Scipio und ſchüttelte be⸗ denklich mit dem Wollkopf—„geht heute merkwürdig wild in Helena zu— dies Kind hier— Scipio, wenn er von ſich ſelber ſprach, nannte ſich immer gern mit dieſem, allerdings für ihn etwas zu jugendlichen Bei⸗ namen—„dies Kind hier hat noch keine ſolche Wirth⸗ ſchaft geſehen— wundert mich, daß der Leichendoctor noch nicht da iſt—“ 4* „Willſt Du mit mir gehn, Scipio?“ „Be sure— Miß, be sure— Scipio geht immer mit“— und der Afrikaner drückte ſich ſeinen alten ab: 266 gegriffenen Strohhut noch feſter in die Stirn, hob ſich, nach Matroſenart, den Bund ein wenig, ſtreckte erſt das rechte, dann das linke Bein, und gab nun durch eine kurzabgeknickte Verbeugung der jungen Dame zu verſtehen, daß ſeine Toilette beendet und er voll⸗ kommen bereit ſei zu folgen, wohin ſie ihn führen würde. — —— —— XII. Die Piraten zum Aeußerſten getrieben.— Der ⸗Van Buren vom Black Hawk „erfolgt. Adele ſchritt raſch ihrem ſchwarzen Begleiter voran, und ſie erreichten in demſelben Augenblick Frontſtreet, als der Richter von Porrel Abſchied genommen und, Elmſtreet hinauf, ſeinem Hauſe zueilen wollte. Ob⸗ gleich er die junge Dame nun freilich, ſobald er ſie erkannte, lieber vermieden hätte, ging das doch nicht an; ſie hatte ihn ſchon geſehn und kam raſch auf ihn zu. Da blieb ſie plötzlich ſtehn und ſchaute die Straße am Ufer hinab— Scipio ſtarrte ebenfalls dorthin und ſchlug die Hände in lauter Verwunderung zuſammen, und als der Squire ihrem Blick mit den Augen folgte, 268 ſah er eben noch, wie dicht am Ufer ein Pferd mit ſeinem Reiter zuſammenbrach und dieſen weit hin über ſich ab⸗ ſchleuderte. Von allen Seiten eilten Menſchen herbei ihm beizuſtehn, der Mann aber, obgleich von dem ge⸗ waltigen Sturz etwas betäubt, raffte ſich doch ſchnell wieder empor, und warf den Blick ſcheu im Kreis um⸗ her; dort aber mußte er wohl bekannte Geſichter treffen, denn Dayton ſah wie er dem Einen die Hand reichte und ein paar Worte mit ihm wechſelte, und wie dieſer dann der Stelle zudeutete, wo er ſelber ſtand. Dayton erſchrak— es lag etwas Unheimliches in dem ganzen Benehmen des Reiters, der nicht einmal nach dem geſtürzten Thier zurückſchaute, ſondern nur weiter und weiter ſtrebte, als ob er etwas Entſetzliches hinter ſich wiſſe, das er fliehen wolle. Er ging ihm ein paar Schritte entgegen und blieb, als er ihn er⸗ kannte, wie in den Boden gewurzelt ſtehen. Es war Peter— bleich und mit Blut bedeckt— die Kleider zerriſſen und beſchmutzt, den Hut verloren, das Haar wirr um den Kopf hängend— die kaum geheilte Narbe auf der Wange blauroth und entzündet— er hätte ihn kaum wieder erkannt. „Capitain Kelly“— ſtöhnte der Mann, als er ihn jetzt erreichte und den Blick ſcheu zurückwarf, ob auch — ——O—OCOC—õ— 269 der, dem die Worte galten, ſie allein vernähme— „rettet Euch— die Inſel iſt genommen.“ „Biſt Du raſend?“ rief der Richter und trat entſetzt zurück—„raſend oder trunken?“ „Gift und Verdammniß,“ ziſchte der Narbige durch die zuſammengebiſſenen Zähne hindurch—„ich wollte ich wär es und ſpräch eine Lüge— ein Dampfboot lan⸗ dete dort heute Morgen— bei allen tauſend Teufeln, da unten kommts ſchon um die Spitze— ich habe Eueren Fuchs todtgeritten und ſo dicht ſind ſie hin⸗ ter mir.“ „Alles verloren?“ rief Dayton und ſah den Un⸗ glücksbooten mit ſtierem Blicke an. „Alles!“ ſtöhnte dieſer. „Und Georgine?“ frug der Capitain. „Verließ heute vor Tag in Euerer Jolle die Inſel!“ „Allmächtiger Gott, Dayton— was iſt Dir?— Du biſt todtenbleich“— rief die in dieſem Augenblicke herbeieilende Adele—„die ganze Stadt ſcheint in Auf⸗ ruhr— Mr. Cook und Tom Barnwell ſollen verhafter ſein— der Conſtabel ſprengt zu Pferde hin und wieder — eine Maſſe fremder Menſchen zieht bewaffnet durch die Straßen—“ 4 . 25 270 „Fort von hier, Adele,“ ſagte der Richter und that ſich Gewalt an ruhig zu bleiben—„fort— dies iſt nicht Dein Platz— Scipio geleite ſte wieder zu Hauſe, ha— was iſt das?“ Er horchte den Fluß hinauf, und die Erde ſchien plötzlich von den donnernden Hufen heranſprengender Roſſe zu beben— die Straße herab ſtürmte es, in wilder Haſt— Reiter nach Reiter jagte heran— Elm⸗, Walnut⸗ und Frontſtreet nieder und über den Platz hin dem Gefängniß zu. Es waren die wilden Rotten der Hinterwäldler, in Jagdhemden und Mocca⸗ ſins, die langen Büchſen auf der Schulter, die Meſſer an der Seite, wie ein Ungewitter ſtürmten ſie herbei— der gellende Jagdruf, ſcharf hinaustönend wie der Schlachtenſchrei der kaum wilderen Indianer, ſammelte ſie auf dem freien Platz vor den Häuſern, und ganz He⸗ lena ſchien ſich jetzt um ſte ſammeln zu wollen. Adele ſchmiegte ſich ängſtlich dem Richter an— James war der Führer der Schaar und ſein Befehl ſandte flüchtige Reiter hinauf und hinab in die Stadt, mit Windesſchwelle. Der Squire ſtand ſtarr und regungslos, von tau⸗ ſend auf ihn eindrängenden Gefühlen beſtürmt, dort, faſt neben ihm, lag das Boot, das ihn der Rettung —— 271 entgegenführen konnte— ſeine Schornſteine qualmten, das Oeffnen der Ventile die den eingehemmten Dampf mit wildem Rauſchen in's Freie ließen, bewies deutlich die Ungeduld des Ingenieurs— die ſchnellen Schläge der Glocke mahnten zur Abfahrt. Bolivar drängte ſich in dieſem Augenblick zu ihm hin. „Maſſa,“ flüſterte er leſſe—„der Capitain vom Dampfer läßt Euch ſagen er müſſe fort— er könne nicht länger warten.“. „Ha— Squire Dayton!“ rief da James Lively, deſſen Blick durch das lichte Kleid der jungen Damen angezogen, den Richter erkannte— er ritt noch das Pferd das ihm Adele gebracht und ſein Schenkeldruck trieb es raſch dem Platze zu, wo Dayton ſtand. „Squire!“ ſagte er hier, während er raſch von ſei⸗ nem ſchnaubenden Thier herabſprang, und tieferröthend die junge Dame grüßte—„Squire— es ſind heut Morgen wunderliche Sachen in Helena vorgegangen. Wir hatten die Nachbarn aufgeboten dem Geſetz, wo es Hülfe brauche, beizuſtehen— Cook eilte zu dieſem Zweck voraus, und wie ich jetzt höre iſt er verhaftet.“ „Mr. Lively,“ ſagte der Squire und ſein Herz klopfte als ob es ihm die Bruſt zerſprengen ſallte— das Dampfboot von ſtromauf kam mit jedem Augenblick 172 näher— nur Zeit jetzt gewonnen, nur wenige Minuten Zeit—„Cook's wilder Hitzkopf hatte ſich allein das zugezogen— ich mußte ihn faſt mehr noch ſeiner eige⸗ nen Sicherheit wegen verhaften laſſen, als eines anderen Grundes wegen.— Das Alles hat ſich jetzt jedoch er⸗ ledigt, und da nun auch kein weiterer Grund vorliegt, will ich ſelbſt hinaufgehen und ihn in Freiheit ſetzen.“ „Möchte kaum nöthig ſein, Sir,“ ſagte lächelnd der junge Hinterwäldler,„Vater iſt dorthin aufgebrochen und wird ihn wohl mitbringen— wahrhaftig, ich glaube 3 dort kommen ſie ſchon.“ Er richtete ſich raſch empor und in der That ſprengten eben einzelne Reiter mit Cook und Tom Barnwell in ihrer Mitte, aus der oberen Straße heraus. Der Squire bog ſich ſchnell zu ſei⸗ nem Neger nieder. „Bolivar!“ flüſterte er—„hinauf, und bringe Mrs. Dayton hin aufs Boot— Leben und iriheit hängt an Deiner Eile.“ „Squire! wir haben eben den„grauen Bären“ ge⸗ ſtürmt,“ wandte ſich James wieder an dieſen—„aber das Neſt iſt leer! unſer Geheimniß iſt verrathen— die Bande hat—“ 8 Ein lauter Ruf des Entſetzens, den Bolivar in Furcht und Staunen ausſtieß, unterbrach ihn.— Der 273 Neger ſchon im Begriff den ihm gegebenen Befehl zu erfüllen, hatte aber auch Urſache zurückzuſchrecken, denn dicht vor ihm— den alten ſchwarzen Filzhut abgewor⸗ fen— das marmorbleiche Antlitz von wilden dunklen Locken umwallt— die Augen ſtier und geiſterhaft— die blaſſen Wangen von zwei kleinen blutrothen Flecken gefärbt— die Lippen zitternd und halb getrennt— ſtand ein Knabe— und hob langſam die Hand gegen den Richter auf— „Georgine!“ ſtöhnte der Häuptling und das Blut wich aus ſeinen Wangen. „Dayton“— bat Adele in Todesangſt—„was um des Himmels Willen ficht Dich an— was bedeutet dies Alles?“ „Hahahaha!“ lachte da mit markdurchſchneidendem Hohn Georgine und richtete ſich ſtolz und wild empor— ſie hielt in dieſem Augenblick Adele, die ſie früher noch nicht geſehen, für des Richters Gattin—„Richard Kelly, der Kindesmörder, fürchtet die eine ſeiner Frauen zu be⸗ grüßen, weil die andere daneben ſteht— herbei Ihr Leute, herbei!“ „Wahnſinnige!“ rief Dayton und ergriff raſch ihren Arm. „Zurück von mir!“ ſchrie aber das Weib in wilder III. 18 274 Wuth—„wahnſtnnig? ja ich bin wahnfinnig, ich will es ſein— aber Du— Du haſt mich dazu gemacht.— Herbei Ihr Farmer— herbei Ihr Männer von Helena — herbei— der, der hier vor Euch ſteht als Richter und Squire— der Jahre lang in Euerer Mitte gelebt hat— wie ſich die Schlange im ſtillen Haus, in der Nähe der Menſchen ihr Neſt ſucht,—“ „Georgine!“ rief Dayton in Entſetzen. „Iſt Kelly! der Häuptling der Piraten— der Herr jener Räuberinſel— und ich— ich— ich bin ſein Weib!“ e Der ſchwache Körper konnte nicht mehr ertragen— Aufregung, Schmerz, Wuth und Rache hatten ihre Kräfte wohl noch bis zu dieſem Augenblick aufrecht er⸗ halten, jetzt aber ließ auch die letzte, zu ſtraff ange⸗ ſpannte Sehne nach, und bewußtlos ſank ſie zurück und wäre zu Boden geſtürzt, hätte nicht James ſie in ſeinem Arm gefangen. Dayton ſtand einer aus Stein gehauenen Bilpſäͤule gleich, ſtarr und regungslos da, und hörte die Worte die ſein Idesurtheil ſprachen wie Einer, der einem fernen, fernen Tone lauſcht. So lange der Blick Geor⸗ ginens auf ihm haftete, war er nicht im Stande ſich zu regen— jetzt aber als ſie zurückſank, als ein Ausruf — ‧— — 8 ——yyy-— 5 —— des Entſetzens den Lippen Adelens entfuhr, und der Racheſchrei der ihn umgebenden Feinde zum Himmel emporſtieg, durchzuckte auch ihn wie mit wilder zünden⸗ der Gluth das Gefühl ſeiner Lage, das Bewußtſein der Gefahr in der er ſchwebe. Jetzt war jede Verſtellung unnütz— der letzte Augenblick erſchienen, die Maske gefallen. „Faßt den Räuber— laßt ihn nicht entkommen,“ ſchrie es von allen Seiten, und Adele trat unwillkürlich und erſchreckt von ihm zurück, James aber, ihm der Nächſte, wurde noch durch die Geſtalt Georginens am Vorſpringen verhindert, und war auch wirklich durch das Ueberraſchende und Fürchterliche dieſer Anklage ſo be⸗ täubt, daß er kaum wußte ob er wache oder träume. Während aber jetzt von allen Seiten die übrigen Män⸗ ner herbeieilten, Farmer und Bootsleute zum An⸗ griff— zur Vertheidigung, die bis dahin offen getrage⸗ nen oder verborgenen Waffen gezogen, riß Kelly zwei kleine Doppelpiſtolen aus ſeinen Taſchen.—„Verlo⸗ ren!“ ſchrie er mit heiſerer Stimme—„verloren und verdammt— herbei denn Piraten, herbei! ſchaart Euch um Eueren Führer— Freiheitz und Rache!“ und die Erſten die ihm entgegenſtürmten, fielen von den nur zu ſicher gezielten Kugeln durchbohrt, während die 18* Angreifer überraſcht zurückfuhren, denn rechts und links tauchten Feinde auf— in ihren Rücken knallten Piſto⸗ lenſchüſſe und blitzten Meſſer, und für einen Augenblick wußten ſie nicht, wie es der entſetzliche Mann ja auch berechnet hatte, wer Freund noch Feind ſei, und für wen oder gegen wen ſie zu kämpfen hätten.. Das Signal war gegeben— oben und unten in der Stadt wurde es beantwortet— aus den Straßen kamen eilenden Laufes wilde trotzige Geſtalten— die Boote ſpieen ſie aus, mit Büchſen, Aexten, Meſſern und Harpunen, der kleine Chickenthief beſonders, der dicht vor dem Dampfboot lag, wurde lebendig, und Cotton und Sander, von jubelnden Piraten gefolgt, ſprangen in's Freie.— Der Capitain des Van Buren ſah erſtaunt die plötzlich der Erde und dem Waſſer ſcheinbar entſteigen⸗ den Schaaren, und fürchtete nicht mit Unrecht für die Sdciicherheit ſeines Bootes, denn über deſſen Planken flohen auch ſchon viele Einzelne an Bord. Raſch gab er den Befehl die Taue zu kappen und die Planken ein⸗ zuziehn, während die Klingel des in ſein Haus ſprin⸗ nden Lootſen den Ingenieur zum Bereitſein mahnte. Khor kam eben ſo ſchnell die Antwort zurück, und die Matroſen flogen an ihre Plätze aber— es war zu ſpät. —— ——y „An Bord, Boys!“ ſchrie die donnernde Stimme des Piratenhäuptlings—„entert das Dampfboot— an Bord.“ Die Matroſen, die ſich niedergebogen hatten, die Planken zu faſſen und einzuziehn, wurden von ſchon früher Eingeſchlichenen raſch zur Seite geworfen— im nächſten Augenblick ſprangen von allen Richtungen her dunkle Geſtalten über die Breter. An den Seiten des Bootes und aus Kähnen kletterten ſte herauf, und wäh⸗ rend die noch am Ufer Befindlichen Front gegen die jetzt vorſtürmenden Farmer machten, bemächtigten ſich jene des ganzen Dampfers, rannten auf die erſte Cajüte und auf das Hurricane⸗Deck hinauf, und eröffneten von hier aus ein tödtliches Feuer gegen die mehr und mehr ſie umzingelnden Feinde. Georgine, wenn auch für den Augenblick durch den, ſie bewältigenden Sturm der Leidenſchaften betäubt, raffte ſich jetzt, von dem Lärm und Schießen umtobt,* wieder empor, und James ſah ſich kaum von ſeiner Laſt befreit, als er auch auf Adele zuſprang und ſie raſch aus dem Getümmel führte, wo ihr Leben ja von allen Sei⸗ ten bedroht war.— Hier traf er glücklicher Weiſe Cä und Nancy, die eben im Begriff geweſen waren mit Koffern und Hutſchachteln dem Van Buren zuzueilen, 278 und übergab ihnen das arme Mädchen, das nach dem eben Erlebten faſt Alles willenlos mit ſich geſchehen ließ. Dann aber ſammelte auch der wohlbekannte, ſcharf aus⸗ geſtoßene Jagdruf die Seinen, mit denen er ſich von Cook, Smart und dem Virginier unterſtützt, im wilden Anſturm auf die Feinde warf. Dieſe von den Uebrigen umdrängt, behielten natürlich keine Zeit die abgeſchoſſe⸗ nen Gewehre wieder zu laden, und ſuchten die Angreifer nur mit Meſſern und Büchſenkolben abzuhalten. Mehr und mehr aber zogen ſie ſich dabei auf das Boot zurück, der Raum, den ſie zu vertheidigen brauchten wurde im⸗ mer kleiner, das Feuer, vom Boote ſelbſt aus, immer vernichtender, und faſt alle Farmer waren verwundet, während Kelly, in der Linken ſein breites Bowie, in der Rechten den Lauf einer abgebrochenen Büchſe, Tod und Verderben um ſich her ſäete. Oben auf dem Hurricanedeck ſtand Sander und ju⸗ belte, während er ſein Gewehr zwiſchen die am Ufer ſtehenden abſchoß: „Hurrah Boys! kommt an Bord— Anker gelichtet, der Freiheit entgegen!“ Aus einem raſch in den Fluß hinausgeruderten Boot ſprang ein Mann, und ſchwang ſich auf das Steuer des Van Buren. 5 —ᷓ 279 „An Bord!“ ſchrie Kelly—„an Bord Ihr Leute — kappt die Taue—* „Hierher— Ihr Rächer— hierher,“ rief da eine weibliche Stimme und Georgine, den Tomahawk Eines der Geſtürzten in hochgeſchwungener Rechte, ſprang den Kämpfenden zu. 3 James, deſſen Abſicht es jetzt war, die Planke zu ge⸗ winnen, damit er denen, die nah am Ufer ſtanden, den Rückzug abſchneiden, und den Häuptling wo möglich lebendig fangen könnte, ſprang in das Waſſer und wollte das Boot ſchwimmend erreichen, zwei Kugeln aber tra⸗ fen ihn faſt zu gleicher Zeit und er ſank. Cook warf ſich indeſſen, von Mills und Smart unterſtützt, auf den Kern des Ganzen, wo Kelly die Seinen antrieb auf das Boot zu flüchten, während er ſelbſt ihren Rückzug decken wollte. Der Virginier hatte ſich dabei den Capitain der Schaar ganz beſonders zum Angriff auserſehn. „Teufel!“ ſchrie er, und warf ſich ihm mit keckem Sprung entgegen,„die Stunde der Rache iſt gekom⸗ men— fahre zur Hölle!“ Und mit ſeinem Meſſer führte er einen Streich nach dem Piraten, der ſein Schick⸗ ſal ſicherlich beſtegelt hätte, doch Bolivar fiel dem jungen Mann in den Arm, umfaßte ihn und ſchlug ihn mit 280 dem Eiſenſchädel ſo gewaltig gegen die Stirn, daß er bewußtlos hinten überſtürzte. Kelly ſprang auf die Planke— die Taue waren gekappt, das Boot lag frei, und die Ruder fingen an zu arbeiten— die Planken bewegten ſich ſchon— ein Kolbenſchlag warf Jonathan Smart, der überdieß auf dem durch Blut ſchlüpfrig ge⸗ wordenen Holze ausglitt, in den Fluß hinab— er war gerettet! „Du biſt mein!“ ſchrie da ein gellender Ton in ſein Ohr,—„mein, und mein ſei auch die Rache!“ und Georgine, in wilder, Alles um ſich her vergeſſender Wuth, ſtürzte ſich mit funkelnden Augen und Jubelgeſchrei ihm entgegen. Faſt unwillkürlich zuckte Kellys Hand empor, und die ſtahlbewehrte Fauſt ſenkte ſich im nächſten Moment auf die Schulter des ſchönen Weibes nieder.— Georgine war zum Tode getroffen, aber fallend ergriff ſie die Kniee des Verräthers, und während ſich dieſer be⸗ mühte, das dadurch gefährdete Gleichgewicht zu bewah⸗ ren, ſprang Cook vor, ſchlug den Neger zu Boden, deckte ſich mit dem rechten Arm, in dem er ſein Bowie ſchwang, gegen den nach ihm geführten Hieb eines der Feinde, ergriff mit der Linken den Piratenführer und ſtieß ihm, mit dem Racheſchrei auf den Lippen, das breite Meſſer in die Bruſt. Eine nach ihm abgeſchloſſene Kugel 281 ſtreifte ihm die Schulter— ein Kolbenſchlag fuhr ihm am Haupte nieder, aber er wankte und wich nicht, und als die Planke von dem zurückgleitenden Boot in den Fluß ſtürzte, und Alle in dem hoch aufſchlagenden Waſſer verſanken, hielt er ſich krampfhaft feſt in die Kleider des Feindes geklammert, und mußte mit dem Leichnam ans Ufer gezogen werden. Da, während das flüchtige Boot vom Lande ſchoß, wurde ein Schrei vom menſchengedrängten Hurricanedeck gehört— aller Augen richteten ſich dorthin und der alte Lively der, ebenfalls aus zwei tiefen Wunden blu⸗ tend, ſeinen Sohn gerade ans Ufer gezogen hatte, rief erſtaunt aus:. „Hawes— bei Gott?“ und im nächſten Augen⸗ blick ſtürzten auch ſchon zwei menſchliche feſt zuſammen⸗ geklammerte Geſtalten, von der nicht unbeträchtlichen Höhe des obern Decks herab in den aufgewühlten Strom, während von allen Seiten Boote abſtießen die wüthen⸗ den Kämpfer aufzunehmen. Noch hatte der Van Buren die Landung aber keine zweihundert Schritt verlaſſen, als der Blackhawk, ſeine Decks mit Soldaten erfüllt, und unter dem raſchen An⸗ ſchlagen der Glocke heranfuhr. Wohl ſtanden auch die Matroſen vorn mit den Tauen, bereit ſie ans Ufer zu werfen, aber Capitain Colburn, der das Schießen ge⸗ hört und den Kampf ſchon von weitem mit dem Fern⸗ glas beobachtet hatte, ſchrie oben vom Pilothaus mit dem Sprachrohr ſein— „What’s the matter?“ herunter. Die einzelnen dem davonbrauſenden Dampfboot nachgefeuerten Schüſſe, das Winken und Schreien der am Ufer Stehenden und die umher geſtreuten Leichen waren ſeine Antwort, und ließen ihn mit dem was er ſchon ſelbſt über die Ver⸗ hältniſſe in Helena erfahren, nicht länger mehr in Zweifel. „Give her hell boys!“ rief er vom Deck herunter, —„feuert daß die Keſſel roth werden, den Burſchen da vorn müſſen wir einholen— hurrah für old Ken- tucky!“ Raſch an den weiter oben liegenden Flatbooten vorbei glitt der Blackhawk, wie der Vogel deſſen Namen er trug; die Feuerleute ſchürten mit ihren mächtigen Eiſen⸗ ſtangen in der Gluth, die Soldaten und Mannſchaft trugen Holz und Kohlen herbei, und die Maſchine that, ohne ſelber Gefahr zu laufen, ihr Aeußerſtes. Aber der Blackhawk war ein altes, der Van Buren dage⸗ gen ein neues und faſt das ſchnellſte Boot des Miſſiſſippi — wie ein Pfeil ſchoß es eine kurze Strecke den Strom 4 3 hinauf, dann fiel ſein Bug plötzlich vor der Fluth ab — von Helena aus konnten ſie das von Menſchen ge⸗ drängte Steragedeck überſehn— und Jauchzen und Jubeln ſcholl von dort herüber. Die Schnelle, mit der es die Fluth durchſchnitt, war entſetzlich— der einge⸗ hemmte Dampf jagte die Ruder in raſendem Wirbel⸗ ſchwung um ihre Achſen— Fett und Oel ſchleppten die Piraten herbei und warfen es unter die Keſſel— wäh⸗ rend ſich zwei der Männer an die Ventile hingen, um ſelbſt der unbedeutendſten Quantität Dampf den Aus⸗ ſtrom zu verwehren. Es galt ja auch hier nicht allein dem Feind zu entgehn, ſondern weiten Vorſprung genug zu gewinnen um nicht Gefahr von andern Booten fürch⸗ ten zu müſſen. Aber wo war der Mann der dieſe wilde zuchtloſe Schaar hätte in Ordnung halten können? wer verſtand die Leitung dieſer Maſchinen, um die Sicherheit ihrer Kraft zu beſtimmen? nur wilde ungeregelte Flucht war der Gedanke der Piraten— die Maſchine arbeitete— Holz lag noch an Bord, die Keſſel glühten, die Bucket⸗ planken der Räder peitſchten die Fluth— vorn am Bug ziſchte der gelbe Schaum empor und dort— wie weit zurück hatten ſie ſchon die Verfolger gelaſſen, faſt war die Landſpitze erreicht, die ſte ihren Blicken ent⸗ 284 zog— und dort vor ihnen lag der weite ruhige Strom der ſie der Freiheit entgegen tragen ſollte. Noch leuch⸗ tete hoch und hell die Sonne am Himmel, und wenn ſie unterging, wenn dunkle Nacht— Heiliger Gott der Schlag, der das Innerſte des ſtolzen Baues erbeben machte— weißer ſiedender Qualm füllte den Raum oder quoll aus den Seiten des Decks, und zum Himmel em⸗ porgeſchleudert ſchoſſen zerſtückte Leichname und Boots⸗ trümmer, und ſtürzten, nach kurzem ſchauerlichen Flug, ſchwerfällig und matt tönend auf die zitternde Waſſerfläche nieder.— Das halbe Boot war verſchwun⸗ den, aber Verzweifelnde kämpften noch mit den Wogen, als der Blackhawk vorüber brauſte und auf derſelben Stelle einſchwenkte, auf welcher wenige Minuten vorher die Keſſel des Van Buren geſprungen waren. In Helena ſtieg, als ſte von dort aus die Exrploſion des Piratenboots erkannten, ein Jubelruf aus hundert Kehlen und miſchte ſich mit dem fernen Angſtſchrei und Todesröcheln der Verbrecher.— Die Feinde waren ver⸗ nichtet, die Inſel hatte der Blackhawk geſtürmt, und was nicht im Kampf ſeinen Tod fand, brachte er gefeſſelt an Bord. An der Landung von Helena aber, ſuchten wei⸗ nende Frauen und Mädchen unter den Todten ihre 285 Lieben und Freunde, und ernſte Männer trugen die ver⸗ wundeten Kameraden in die nächſten Häuſer hinauf. Wer aber waren die Beiden die, noch immer mit⸗ ſammen ringend, dem Waſſer entſtiegen?— das Volk ſammelte ſich um ſie und Manche wollten mit Hand an⸗ legen und die Feinde trennen. Tom Barnwell, der Eine von ihnen, hatte aber ſein Opfer zu feſt und ſicher ge⸗ packt, und wenn auch dieſes in verzweifelter wilder Wuth⸗ gegen ihn ankämpfte, und Nägel und Zähne einſchlug in das Fleiſch ſeines ihm überlegenen Siegers, ſo ſchien der die Wunden kaum zu fühlen, vielweniger zu achten. „Zurück,“ rief er, „gleichen Kampf und Einer gegen Einen— der hier iſt mein— bei dieſer rechten An Hand hab ich's geſchworen, daß ich ihn zwingen will mir zu folgen, und meine rechte Hand ſoll den Schwur halten, ob er den Arm auch bis auf den Knochen nagte.“ „Halloh Tom,“— rief ihn hier ein Bekannter an, „will ihm die Beine ein Bischen heben, daß er's be⸗ quemer hat.“. „Zurück da, Bredſchaw zurück!“ ſchrie aber der junge Bootsmann—„hinauf ſchleifen will ich ihn, wenn die Beſtie nicht mehr gehen kann, aber kein Mann weiter ſoll Hand an ihn legen.“ Mit wildem Jauchzen ſchleppte, in faſt wahnſinniger 286 Aufregung, der wilde Bootsmann ſein heulendes Opfer die Straße hinauf, des Richters Wohnung zu; einzelne der Männer folgten ihm, aber er ſah ſte nicht— nur vorwärts— vorwärts ſtrebte er.„Marie!“ war das Wort, das er manchmal zwiſchen den zuſammengebiſſe⸗ nen Zähnen vorknirrſchte,—„Marie ich bring ihn Dir — ich bring ihn Dir.“ Jetzt erreichte er das Haus— Niemand war in dem Vorſaal— die Hausthür nur angelehnt— Adele hatte, ſelbſt kaum ſtark genug ſich aufrecht zu erhalten, die über den Kampf zum Tod erſchreckte Hedwig hinauf in ihr Zimmer geführt, daß ſte das Gräßlichſte noch nicht hören noch nicht erfahren ſollte. Unten aber in dem kleinen kühlen Gemach, das man erſt heute der Kranken angewieſen,— an dem Lager, auf dem eine bleiche Mäd⸗ chengeſtalt, ſtarr und regungslos ausgeſtreckt lag, ſtan⸗ den zwei Frauen,— Mrs. Smart und Nanch— und der erſteren liefen, während ſie mit gefaltenen Händen vor ſich nieder ſah, die klaren, hellen Thränen über die Wangen hinunter, indeß ſich Nanch zu Füßen des Bet⸗ tes nieder kauerte und die großen dunklen Augen feſt und ängſtlich auf die Züge der— Leiche geheftet hält. „Ich bring ihn, Marie— ich bring ihn!“ ſchallte da die wilde jubelnde Stimme des Raſenden in das 287 Zimmer der Todten—„hier herein, hierher, und jetzt auf die Kniee nieder vor einer Heiligen— herein hier, Beſtie!“ Und mit gewaltigem Griff, dem ſelbſt der in verzweifelter Angſt ſich ſträubende Verbrecher nicht wider⸗ ſtehen konnte, riß er den Verräther in den ſchmalen Hausgang und in die erſte offene Thür die er erreichte. Mrs. Smart und Nancy ſtießen einen Schrei der Angſt und Ueberraſchung aus und Tom, der den Ver⸗ brecher nachſchleppte, ſchlug jetzt ſelbſt erſchreckt die Augen auf, und ſtarrte verwundert umher. Sein Blick flog über die beiden, entſetzt zu ihm aufſehenden Frauen, über die ganze wohnliche Umgebung des kleinen Ge⸗ machs, über die dicht verhangenen Fenſter hin, durch die ſich nur hie und da ein einzelner ſchimmernder Strahl die leuchtende Bahn erzwang;— es war faſt als ob er Jemanden ſuche, und ſich doch fürchte nach ihm zu fra⸗ gen.— Da— da erkannte er das Bett,— das in der dunkelſten Ecke ſtand, nur dort wo ſich der Vorhang ein klein wenig verſchoben hatte, ſtahl ſich, von der dünnen Gaze noch gemildert, ein lichter Glanz hindurch, und legte ſich wie ein Heiligenſchein um das bleiche ruhige Todten⸗ antlitz. Der Bootsmann zuckte, wie von einer Kugel ge⸗ troffen, zuſammen— er ſah weiter nichts mehr, als jene — blaſſe rührende Geſtalt— ſeine Hand ließ bewußtlos in ihrem Griff nach, mit dem ſie ihr Opfer bis dahin⸗ wie in eiſernen Fängen gehalten; Sander aber, den wielleicht nie wieder kehrenden Augenblick zur Flucht be⸗ nutzend, ſchlüpfte von jenem unbeachtet, raſch aus der Thür und in's Freie. Tom ſah ihn nicht mehr— als ob er die vielleicht nur Schlummernde zu wecken fürchte, trat er auf das Bett zu, faltete die Hände und ſchaute ihr lange ſtill und ernſt in das liebe bleiche Angeſicht.—— Viele viele Minuten ſtand er ſo, kein Laut entfuhr ſeinen Lippen, kein Seufzer ſeiner Bruſt, und die Frauen wagten kaum zu athmen, der ſtumme Schmerz des Armen hatte etwas gar ſo Ehrfurchtgebietendes und Gewaltiges— ſie konnten es nicht über's Herz bringen ihn zu ſtören. Endlich beugte er langſam den Kopf zum todten Liebchen hinab, ein ein⸗ zelner Wehelaut:. „Marie!“ rang ſich aus ſeiner Bruſt, und laut ſchluchzend ſank er neben der Leiche in die Kniee nieder. XIII. Schluß. Wenn die wilden zerſtörenden Aequinoctialſtürme ausgetobt, den Wald recht tüchtig abgeſchüttelt, und die heißen drückenden Sommerlüfte mit polterndem Brau⸗ ſen gen Süden gejagt haben; wenn die Wildniß ihr, in den wundervollſten Farben und Tinten prangendes Herbſtkleid angelegt, wenn der Saſſafras ſeine blut⸗ rothen Flecken bekommt, die den Jäger ſo oft irre führen und necken; wenn die Hickoryblätter, während das übrige Laub ſich noch einmal, um nur nicht alt zu ſcheinen, von friſchem ſchminkt und putzt, ganz allein jenes herr⸗ liche hellleuchtende Gelb annehmen; wenn die Wander⸗ vögel lebendig werden, und die fallenden Eicheln und Beeren das Wild ſchrecken und ſcheu machen: dann be⸗ 19 290 ginnt im nördlichen Amerika die ſchönſte herrlichſte Zeit — der„Indianiſche Sommer“— und blau und wol⸗ kenlos ſpannt ſich das ätherreine Firmament Monate lang über die fruchtbedeckte Erde aus. 8 Dann kommt die Zeit, wo im fernen Weſten der naſchhafte Bär Fenſterpromenaden unter den Weißeichen und Gumbäumen macht, die ſchönſten und reichſten aus⸗ ſucht, hinaufklettert und mit einem Kennerblick und lei⸗ ſem behaglichen Brummen die ſchwerbeladenſten faßt und niederbricht; dann zieht der Hirſch auf den Fährten der Hirſchkuh durch den Wald, die Truthühner thun ſich in Völker zuſammen und geben ſich nicht einmal mehr die Mühe ihrer Nahrung nach in die Bäume hinauf zu ftiegen, denn die ſüßeſten herrlichſten Beeren decken förmlich den Boden— das graue Eichhörnchen raſchelt im Laub und haſcht nach den fallenden Nüſſen, der blaue Heher ſchreit und lärmt in den Zweigen und die Taube ſtreicht in ungeheuren Zügen gen Süden. Die ganze Natur lebt und athmet, und wirkt und webt ſich aus weichen welkenden Blättern, in die ſie gar ſinnig Früchte und Aehren hineinflicht, ihr warmes, behagliches Winterkleid, ihren Schutz gegen den kalten unfreund⸗ lichen Nordwind. Es war an einem ſolchen milden lauen Sonnentag 291 zu Ende des Monats Octobers, als im Staat Georgia zwei Reiter auf der breiten trefflichen Straße dahin⸗ trabten, die von dem kleinen Städtchen Cherokee aus, dicht an dem, raſch dem Golfe zufluthenden Apalachicola hinauf, einer großen, wohlbeſtellten Plantage zuführte. Vor dem Gartenthor des reizend gelegenen Herrenhauſes, neben dem aus fruchtbedeckten Orangenhainen die hellen Dächer der Negerwohnungen hervorſchimmerten, hielten ſte einen Augenblick, und überſahen von hier aus das wunderliebliche Schauſpiel das ſich ihren Blicken bot. Das nur einſtöckige, aber mit breiter es rund um⸗ laufender Veranda verſehene Haus, ſtand mit dem Thor durch eine Allee ſchlanker, breitäſtiger Chinabäume in Verbindung, um deren mächtige Beerenbüſchel Schaaren von Seidenvögeln ſchwärmten und die berauſchenden Früchte naſchten; die Treppe die von der Gallerie in den Garten führte, war von wilden Myrthen faſt wie von einer Laube umſchloſſen, und daneben glühten ſchwellende, würzig goldene Orangen und überreife Granaten. An den beiden Ecken des Hauſes ſtanden zwei ſtatt⸗ liche Peconbäume, von deren Zweigen lange wehende Streifen grauen Mooſes herabhingen, einen faſt wun⸗ derbaren Anblick aber gewährte ein hoher, grauſtämmi⸗ ger Magnolia⸗Buſch, an dem die weiße, rothgefüllte 19* 292 Lianenroſe ihre Ranken hinaufgeſchlungen und die herrlichen duftigen Arme feſt hinein in ſein tief dunkelgrünes Laub, und zwiſchen die vollen ſaftigen Blätter gewoben hatte. Wie mit lebendigen Guirlan⸗ den umſchloſſen ſie dieſen duftenden Strauch, und noch einmal ſo laut und freundlich ſang hier zu Nacht der Mockingbird ſeine ſüßen ſchmelzenden Weiſen, wenn tauſend und tauſend Feuerkäfer die ſtillen heimlichen Plätzchen mit ihrem Funkenlicht erhellten. „Wahrhaftig Bill“ ſagte da der Eine der Reiter und ſtrich ſich zugleich den Spann des nackten Fußes, auf den ihn ein Mosquito geſtochen hatte, unter dem Bauch ſeines Pferdes—„Jimmy wohnt merkwürdig fein hier — ſeh mir Einer den Jungen an, wird nun Pflanzer und läßt ſeinen alten Vater in Arkanſas ſitzen und trockenes Hirſchfleiſch kauen.“ „Hat er Euch denn nicht bis auf's Blut gequält, Lively, Euch und die Schwiegermutter, daß Ihr mit⸗ kommen ſolltet und hier bei ihm wohnen?“ frug da der Andere,„habt Ihr denn gewollt?“ „Werde nicht ſo dumm ſein, Cook“ lachte der Alte und richtete ſich ein wenig in den Steigbügeln auf um über das Staket zu ſehen—„werde nicht ſo dumm ſein. Sind wir nicht heute Morgen ſieben richtige — n 293 Meilen geritten und haben wir auch nur eine Hirſch⸗ fährte geſehen? iſt hier ein Truthahnzeichen in dem ganzen Wald?— von Bären gar nicht zu reden; die werden wahrſcheinlich in Menagerien hergebracht. Nein Billy, für uns Beide paßt Arkanſas am Beſten, wir müßten denn Luſt kriegen in Californien drüben mit anfangen zu helfen, ich werde aber beinah zu alt ſein. Doch— wie iſt's denn da drinn, wie kommen wir hinein? ob die Thür wohl auf iſt?“ Er ritt dicht an die Gartenpforte hinan und trat auf die Klinke; dieſe ging auf und die Thür knarrte langſam in ihren Angeln. „Halloh the house!“ rief da der Alte mit weit dröhnender Stimme, und blitzesſchnell glitt um die vier⸗ eckigen Backſteinſäulen, die das ganze Gebäude trugen, ein Mulatte und eilte auf die Männer zu. „Dein Maſter zu Hauſe, Dan?“ frug Cook, und bog ſich nach ihm hinüber. „Mein Maſter?“ wiederholte der Mulatte und ſtarrte dazu die beiden Männer ſo verwundert an, als ob er ſie eben hätte aus dem Monde fallen ſehen. Da plötzlich, als er ſich erſt überzeugt, daß es die auch wirklich ſeien, für die er ſie im Anfang, kaum ſeinen 294 Augen trauend, gehalten, ſprang er hoch empor und rief jauchzend: „Bei Golly— Maſſa Lively— Maſſa Cook— o Jimmini, Jimmini, wie wird ſich Miſſus freuen!“ und er flog raſch auf die Männer zu, ergriff die Hände, die er küßte und drückte, und dachte gar nicht daran die Pferde abzunehmen die ihm ungeduldig entgegenwiehreten. „So Dan— das thut's nun“ ſagte Cook und gab ihm den Zügel ſeines Thieres in die Hand—„wie geht's hier? Alle wohl?“ „Alle wohl, Maſſa!“ beſtätigte freudig der Burſche, während er geſchäftig nach den Zäumen griff und einen Kratzfuß nach dem anderen machte—„Alle mit⸗ einander, Dan auch— behielt ſein Bein ſelber— Leichendoktor kann ſehen wo er ein Mulattenbein ſonſt wo herkriegt—“ „Und Dein Herr?“ frug der Alte. „Geht auch beſſer!“ verſicherte dan—„nur noch ein Bischen krank.— Hier Nancy— führ mal die Gentlemen zu Miſſus und Maſſa'nauf; Golly, was iün eine Freude wird Miſſus haben.“ Dan plauderte noch fortwährend vor ſich hin, 15 beiden Männer aber folgten raſch dem jungen Mädchen, das ſchnell die niedere Treppe hinaufſprang und die 295 Thüre des Hauſes öffnete. Da blieb der alte Livel) auf einmal ſtehen— 1 „Wetter noch einmal! das hätt' ich bald vergeſſen, Dan— heh Dan— bring einmal ſchnell mein Pferd wieder her!“ „Was giebt's denn?“ frug Cook erſtaunt und ſah ſich nach ihm um.„Dan führt es in den Stall, und bringt uns unſere Sachen nachher herauf!“ „Willkommen, tauſend und tauſendmal willkom⸗ men!“ rief da eine freudige Stimme, und Adele— aber nicht Adele Dunmore, ſondern James Livelys rei⸗ zendes kleines Frauchen, flog die Treppe herab und ihnen entgegen.—„Lieber, lieber Vater Lively— herzlich willkommen— Schwager Cook— das iſt ſchön daß Ihr endlich einmal Euer Verſprechen erfüllt habt.“ Sie fiel dem Vater um den Hals, und reichte dem jungen Farmer die Rechte hin. Obgleich der alte Mann aber mit dem herzlichem Kuß den ſie ihm auf die Lippen drückte vollkommen einverſtanden ſein mochte, ſo blieb er doch immer noch wie verlegen ſtehen, und ſah ſich ängſtlich nach dem ruhig mit ſeinem Pferd davonſchlen⸗ dernden Mulatten um, ja er rief ihm ſogar noch einmal mit lauter Stimme nach und verlangte das Poney. „Aber ſo kommen Sie doch nur herauf, Vater,“ 296 1 bat Adele—„James wird auch gleich wieder da ſein. Nanchy mag Ihnen nachher bringen was Sie gebrauchen.“ Der alte Lively ſtand auf dem einen Fuß und hielt den andern dahinter verſteckt, Adele ſah zufällig hinun⸗ ter und lachte laut auf: „Hahaha— wieder keine Schuh— noch immer der Alte— oh Mr. Lively— Mr. Lively!“ „Sie ſtecken wahrhaftig in der Satteltaſche“ betheu⸗ erte der alte Mann, und blickte wehmüthig hinter dem, eben um die Ecke verſchwindenden Dan her. „Aber die wollenen Socken hat er unterwegs verloren“ lachte Cook,„wie wir aus Cherokee heraus⸗ ritten, ſchob er ſie in den Hut um ſie nachher anzu⸗ ziehen, und da ſind ſie ihm wahrſcheinlich heraus⸗ gefallen.“ Der alte Livelh drohte ſeinem nichtswürdigen Schwiegerſohn mit der Fauſt, Adele aber faßte ihn unter dem Arm, gelobte ihm ſtrenge Verſchwiegenheit gegen Mrs. Lively die ältere, und führte nun ihre lieben Gäſte raſch in das Haus hinauf. Hier mußte übrigens Dan ſchon Lärm geſchlagen haben, denn aus dem Garten ſprang, zwar noch den linken Arm in der Binde, aber ſonſt wohl und kräftig, James herbei, und in dem Saal oben, begrüßte ſie mit 297 herzlichem Wort und Händedruck Mrs. Dayton. Sie ging ganz in Trauer gekleidet, und um den kleinen fein⸗ geformten Mund hatte ſich ein recht wehmüthig ernſter Zug gelegt, der dem bleichen zarten Antlitz etwas unge⸗ mein rührendes gab, Freude aber über die lieben, ſo lange herbeigewünſchten und erwarteten Gäſte, röthete ihre Wangen ein wenig und verlieh ihren ſanften Augen einen höheren Glanz. Cook und Lively mußten jetzt erzählen, wie es all den Lieben zu Hauſe ging, was Mutter und die Kleinen machten— wie ſich Bohs und die übrigen Hunde be⸗ fänden, ob die und die Kuh noch recht wacker Milch gäbe, und das und das Kalb noch immer den Melkeimer umſtieße, und tauſend und tauſend Kleinigkeiten über Farm und Haus, über Feld und Wald. Immer aber, wenn Einer der Beiden nur mit Wort oder Miene auf jene entſetzlichen Vorgänge in Helena zurückkommen wollte, lenkte Adele raſch ein, und hatte ſo viele und wichtige Fragen zu thun, ſo manche Kleinigkeiten und Schätze zu zeigen und bewundern zu laſſen, daß Cook wohl endlich merkte, ſte wollte die Sache nicht berührt haben, und nun auch ſeinerſeits die dorthin zielenden Aeußerungen des alten Lively parirte, der, Winke und Blicke nicht achtend, immer nur auf das eine Ziel wieder 298 los arbeitete, ſchon wenigſtens zum zehnten Mal über Helena anfing, und eine ganze Menge Sachen auf dem Herzen zu haben ſchien, die er unmenſchlich gern los zu ſein wünſchte. Endlich ſtand Mrs. Dayton auf, flüſterte Adelen leiſe einige Worte in's Ohr, küßte ſie und verließ dann mit ihr das Zimmer. „So— nun ſchießt los!“ ſagte jetzt Cook zum Alten, der ihn verwundert anſah—„iſt mir ſchon im ganzen Leben ſo ein alter Mann vorgekommen—“ „Aber Cook“ rief erſtaunt Vater Livel)—„ich will mein Lebelang Schuh und Strümpfe tragen, wenn ich weiß was Ihr wollt!“— „Beſter Vater!“ ſagte James und trat, ſeine Hand ergreifend, auf ihn zu,„reden Sie nicht von Helena wenn Mrs. Dayton dabei iſt; wir vermeiden es hier ſtets und es erneut nur ihren Schmerz.“ „Aber“— entgegnete der alte Mann—„ ſie weiß doch—“ „Kein Wort von dem was ihr, wenn ſie nur eine Ahnung davon hätte, das Herz brechen würde.“ „ Was?“ rief Cook erſtaunt—„ſie weiß noch nicht, daß Dayton der heimliche Führer der Piraten und — — 299 ein Verbrecher war, wie ihn die Welt kaum wieder auf⸗ zuweiſen hat? 4 „Nein— und ſoll es nie erfahren,“ ſagte James, „Ihr erinnert Euch noch, daß ſie an jenem unglück⸗ ſeligen Tage gleich auf die Farm hinausgeſchafft wurde, und wie ſie nach der Nachricht von ihres Gatten Tode, den ſie im Kampf gegen die Piraten geblieben glaubte, lange Wochen krank lag.“ „Allerdings,“ erwiederte Cook,„ und Ihr wart ja alle Beide damals ſo elend, daß Euch der Arzt mit Ge⸗ walt aus Arkanſas fortſchickte, wir glaubten aber im⸗ mer ſte müßte die Wahrheit am Ende doch noch er⸗ fahren.“ „Sie würde es nicht überleben,“ verſicherte James, „und Adele wacht ſorgfältig darüber, daß ſie mit Nie⸗ mandem ſpricht, der ihr das Schreckliche aus Unwiſſen⸗ heit oder Schwatzhaftigkeit verrathen könnte; auch die Zeitungsblätter ſind deshalb für jetzt noch ſtreng aus unſerem Hauſe entfernt gehalten, ſo daß ich eigentlich ſelbſt nichts Genaueres über die damaligen Vorgänge weiß, obgleich ich im Anfang mitten drin ſtack. Dies Andenken hier werde ich wohl noch eine Weile zu ſchlep⸗ pen haben, bin aber doch froh, daß ich Monrove damals 300 nicht gewähren ließ, der mich faſt auf den Knien bat, ihn den Arm abſägen zu laſſen.“ „Der Leichendoktor hat in jener Zeit eine gar bedeutende Rolle geſpielt,“ ſagte Cook ſchaudernd,„iſt denn Day⸗ tons Leiche, die er einbalſamiren mußte, glücklich hier angekommen?“— „Ja,“ erwiederte James,„wir haben den Körper in unſerem Garten beigeſetzt, und Mrs. Dayton verbringt an jedem Morgen die Stunde, in der ſte in Helena Ab⸗ ſchied von ihm nahm, auf ſeinem Grabe; ſie iſt auch jetzt dorthin gegangen, und findet in dieſem Todtenopfer Beruhigung und Troſt.“ „Da haben die Uebrigen, die es vielleicht weniger verdient, ein ſchlimmeres Bett bekommen,“ ſagte Cook düſter—„Dayton ſtarb doch noch im wilden Kampf, Mann gegen Mann und mit den Waffen in der Hand, aber ſeine Kameraden—“ „Alſo iſt es wahr, was das Gerücht darüber ſagt?“ frug James leiſe. Cook nickte ſchweigend mit dem Kopf und der alte Lively flüſterte: „Ja Jimmy— das war ein ſchlimmer Tag, und Du magſt froh ſein daß Du im Bett lagſt und nichts davon wußteſt— ich kann ſeit der Zeit gar kein Miſ⸗ 301. ſiſſippiwaſſer mehr trinken, denn es iſt mir immer noch, als ob ich die weite Blutfläche vor mir ſähe. Denke Dir nur, vier und ſechzig Menſchen nahmen ſie dem Conſtabel weg und—“ „Ich bitt Euch, Vater— hört auf,“ bat Cook— „laßt die Todten ruhen— ſie haben fürchterlich genug gebüßt. Nein, da lob ich mir offenen, wackeren Kampf, wie wir's zuerſt begonnen, und da hat von Allen Tom Barnwell, den ſie mit mir aus dem Gefängniß holten, den keckſten, verwegenſten Streich ausgeführt. Auf dem Hurricanedeck des Van Buren erſah er ſich ſeinen Feind, kletterte ganz allein zwiſchen die Piraten an Bord, die ihn natürlich eben dieſer grenzenloſen Tollkühnheit we⸗ gen für einen der Ihrigen halten mußten, lief auf das oberſte Deck, faßte mitten aus der Schaar ſeinen Mann heraus, und riß den Entſetzten mit ſich über Bord.“ „Aber er hat ſich doch ſpäter wieder von ihm los⸗ Su Se, Jemacht,„ ſagte der alte Lively—„er war wenigſtens 8 V a nachher wieder allein auf der Straße, und wollte 4 7 vaunſrids in den Wald.“ re„Nun, fort iſt er nicht,“ erwiederte Cook—„ ich y ſelbſt wie ihn Bredſchaw, der ihn dann wahrſchein⸗ 21 302 lich abgefangen hat— dem Fluß zuſchleifte— er kam nachher zu den Uebrigen.“ „Was iſt denn nur aus Tom Barnwell gewor⸗ den?“ frug James,„das muß ein wackerer Burſche ge⸗ weſen ſein.“ 0 „Ich weiß nicht,“ ſagte der alte Lively;„Edge⸗ worth, jener Indianafarmer, der eigentlich die Urſache war daß die Inſel ſo raſch und glücklich geſtürmt wurde, blieb noch ein paar Tage in Helena und ging dann auf den nächſten ſtromauf gehenden Dampfer; Tom jedoch, der zu ſeinem Boot gehört hatte, blieb zurück und iſt wohl ſpäter nach New⸗Orleans gefahren; ich glaube er wollte nach Teras. Aber höre Jimmy, Dan ſcheint ſich ja ganz hübſch hier eingerichtet zu haben— ſind die alten Mucken vergeſſen?“ „Die Lection ſcheint ihm ſehr gut bekommen zu ſein,“ erwiederte James,„Dan iſt jetzt ein recht wackerer Burſche und Adele hat ſchon nach Texas an Atkins ge⸗ ſchrieben, ihm angezeigt daß ſein Neger bei uns ſei, wir iihn zu behalten wünſchten, und er uns doch den Werth deſſelben beſtimmen möchte. Ich ſchickte den Brief an Smart, der ihn auch wohl beſorgt haben wird.“ „Apropos, Smart,“ rief der alte Lively,„wo ſteckt denn der jetzt eigentlich— aus Helena, wo er Alles — 30⁰³ verkauft hat, iſt er ſeit vierzehn Tagen fort, und ſeine Frau behauptet er wäre mit O'Toole nach New⸗Orleans gefahren, um ſich eine neue Einrichtung zu kaufen, die er hier in Georgien zu benutzen gedenke. Iſt das wahr?“ 4 „Allerdings,“ lachte James—„ich habe für ihn, hier in Cherokee, das Bunker Hill Hotel gekauft, und erwarte ihn ſchon ſeit geſtern Morgen jeden Augenblick um das Weitere mit ihm in Richtigkeit zu bringen.“ „Und er kommt wirklich hierher?“ frug Cook raſch. „Gentlemen noch zu Hauſe?“ frug in dieſem Au⸗ genblick unten eine Allen bekannte Stimme, und Cook der raſch das Fenſter aufwarf, rief fröhlich hinab: „Smart— halloh da— wie gehts in Georgia?“ .„ Gut— uncommonly ſo,“ ſagte Smart, glitt von ſeinem Rappen und rieb ſich, während er zu dem Fenſter hinaufnickte, vergnügt die Hände—„prächtige Gegend hier— ungewöhnlich prächtige Gegend.“ Da⸗ mit ſprang er in zwei Sätzen die kleine Treppe hinauf, die aus dem Garten ins Haus führte, und ſtand im nächſten Augenblick im Zimmer zwiſchen den Freunden, denen er die Hände ſchüttelte, als ob er ganz beſonders hiier nach Georgien gekommen wäre, ihnen bei erſter Ge⸗ legenheit ſämmtliche Arme auszurenken. „Nun Smart,“ rief James, als die erſten Begrü⸗ ßungen vorüber waren,„habt Ihr Euer neues Beſittz⸗ thum ſchon in Augenſchein genommen? gefällts Euch und ſeid Ihr mit dem Handel zufrieden?“ „Unmenſchlich,“ ſagte Smart und fing an James geſundem Arm die kaum eingeſtellte Operation von vorn wieder an,„unmenſchlich, in vier Wochen bin ich mit Kind und Kegel hier; O'Toole iſt jetzt ſchon drin ge⸗ blieben und kommt heute Abend nach. Aber— wo iſt denn die kleine Frau?“ ſagte er, ſich überall dabei im Zimmer umſehend— Mrs. Adele Lively möchte ich doch vor allen Dingen begrüßen.“ „Wird gleich wieder da ſein, Smart,“ erwiederte James,„aber was habt Ihr in Eurer Taſche?— was arbeitet Ihr denn da aus Leibeskräften— ſie hat ſich wohl verſtopft?“. „Ich weiß nicht?“ murmelte Smart, und ſuchte dabei mit aller nur möglichen Anſtrengung ein feſt zuſam⸗ mengedrücktes Paket aus der linken Fracktaſche an's Licht zu bringen,„ich habe da auf der Straße hierherzu was gefunden“— Cook ſprang auf und trat raſch neben den Jankee—„es muß wohl ein Reiſender oder Jemand aus Cherokee es verloren haben.“ „Hurrah Schwiegervater— das iſt ein Glück!“ 4 7 8