iothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 4„ Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.—. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ¹ beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 3 8 auf 1 Monat: Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. i8 3* 3 1 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuruͤckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. 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Der Mulatte, denn dieſer war es, der noch immer, die wieder feſtangedrückte Thür in der Hand, vorſichtig dem geringſten Tone lauſchte, und ſich erſt vollkommen davon überzeugen wollte, ob auch wirklich Alle ſchliefen und nicht vielleicht ein Einzelner nur ruhig auf der Lauer liege, den nächtlichen Feind zu beobachten und plötzlich, wenn ſich dieſer ſicher glaube, zu überfallen— verharrte eine lange Zeit in ſeiner Stellung, und glich eher einer, aus dunklem Stein gehauenen Statüe, als einem menſchlichen, athmenden Weſen. Undurchdringliche Finſterniß herrſchte in dem klei⸗ nen Raume, welcher die, von des Tages Anſtrengung und Hitze ermüdeten Männer umſchloß das Feuer im Camin war niedergebrannt, und nur zwiſchen den 1I 1 2 oberen Balken hindurch fand das matte Dämmerlicht des Mondes einen ſchwachen Eingang— Nichts regte ſich— kein Ton wurde laut, als das regelmäßige Ath⸗ men der Schlafenden, und der Mulatte konnte das Schlagen ſeines eigenen Herzens deutlich, ja ſo deutlich hören, daß er ſchon fürchtete, es müſſe ihn verrathen, und die breite ſchwielige Hand feſt darauf preßte, dieſe augenblickliche Schwäche zu beſtegen. Endlich mochte er ſich wohl überzeugt haben, daß ihm hier noch keine Gefahr drohe, denn er griff jetzt leiſe hinauf über die Thür, wohin die Farmer ſtets, auf dort eingeſchlagene Pflöcke, ihre langen Büchſen legen, und ein triumphirendes Lächeln durchzuckte ſein dunkles Angeſicht, als er den Lauf der gehofften Waffe fühlte. Schnell und ohne Zögern hob er ſie herunter. Nun mußte er aber auch noch die Kugeltaſche haben, und dem Jägergebrauch nach hing dieſe an der anderen Seite beim Kolben, und zwar an demſelben Haken, der dieſen trug. Mit einem Schritt war er drüben, aber—„Peſt!“ — knirſchte er leiſe zwiſchen den Zähnen hindurch, als er den leeren Platz dort fühlte. Sie war nicht da, und wo ſollte er jetzt, zwiſchen den gewiß nur leicht ſchlafen⸗ den Männern die kleine Taſche finden? Mußte ihn nicht ☚‿ das unbedeutendſte Geräuſch verrathen, und würde es ihm möglich geweſen ſein, zu entkommen, ſobald er erſt einmal von dieſen kühnen und in der Verfolgung ſo ſcharfſichtigen Söhnen des Waldes entdeckt und wirklich verfolgt worden wäre? Hier aber half kein Beſinnen; er wußte, daß ihn ſein weißer Begleiter nicht ohne Gewehr durch die Sclavenſtaaten der Freiheit entgegen⸗ führen würde. Ueberdies war er nun doch einmal mit⸗ ten zwiſchen den Feinden; die Zähne alſo feſt auf einan⸗ der gepreßt, die Rechte am Griff des ſcharfen Stahls, fühlte er ſeinen Weg links an der Wand hin und hoffte dabei, die erſehnte Kugeltaſche auf irgend einer Stuhl⸗ lehne, oder auf jedem Fall neben dem Kamin aufgehan⸗ gen zu finden.. Jetzt war er an dem Wandſchrank, der das einfache Haus⸗ und Küchengeräth der Familie trug, und unten — er ſtreifte mit dem Beine daran— ſtak der Schlüſ⸗ ſel. Das mußte jeden Falls der Aufbewahrungsort für Lebensmittel ſein, und ſo ſtark quälte ihn in dieſem Augenblick nagender Hunger, daß er alles Andere vergaß, ja ſelbſt die Gefahr nicht achtete, der er ſich ausſetzte, und ſo geräuſchlos wie möglich die kleine Thür öffnete. Mit welcher Gier fühlte er aber dors eine große Schüſſel, die, wie er ſich bald überzeugte, Milch ent⸗ 1* 1 4, hielt; freudig hob er ſie an die trockenen Lippen, um in langen, durſtigen Zügen die ſüße Labung einzuſau⸗ gen. Kaum konnte er ſich entſchließen, wieder abzu⸗ ſetzen, und tappte nun vor allen Dingen nach etwas compackterem umher, was er auf ſeine Wanderſchaft mit⸗ zunehmen gedachte. Er fand zwar nur wenige Stücken Maisbrod, ſchob dieſe jedoch ſchnell in ſein Hemd vorn, das der Gürtel zuſammenhielt, und hob nun noch ein⸗ mal das Gefäß an den Mund. „Laßt mir auch was drinnen!“ ſagte da plötz⸗ lich eine Stimme dicht neben ihm, und faſt wäre ihm, vor lähmendem Schreck, das ſchwere Gefäß aus der Hand geſtürzt— ſeine Glieder bebten— regungs⸗ los ſtand er da, und wagte kaum zu athmen. „Mr. Cook!“ ſagte dieſelbe Stimme jetzt wieder —„Mr. Cook.— „Was giebts?“ frug dieſer ſchlaftrunken aus ſei⸗ nem Bett—„treib' ihn hinaus— er iſt über die Fenz geſprungen.“ „Wer?“ frug Sander erſtaunt. „Der Rappe,“ murmelte Cook. „» Unſinn— ſchwatzt der im Schlaf von Pferden und Fenzen— ich glaubte, Ihr wäret aufgeſtanden und, tränkt einmal.“ — „Ja, ja— was giebts?0 rief jetzt Cook, der ſich, munter werdend, im Bette aufrichtete—„ rieft Ihr mich?“ 5 „Ich bin fürchterlich durſtig!“ ſagte Sander,„und glaubte, ich hörte Euch trinken— wo ſteht denn das Waſſer?“ „Draußen vor der Thür, auf dem kleinen Bret— gleich links“— erwiederte ihm der, jetzt ganz munter gewordene Cook—,der Flaſchenkürbis zum Ausſchöpfen hängt dicht drüber am Nagel. Wollt Ihr aber nicht lieber Milch trinken? im Schranke ſteht eine ganze Schüſſel voll— ſie wird doch bis morgen früh ſauer.“ Der Mulatte ſetzte ſchnell und leiſe die Schaale nie⸗ der und zog das Meſſer aus der Scheide— ſeine Ent⸗ deckung ſchien jetzt unvermeidlich, denn in der Dunkel⸗ heit durfte er, ohne ſich zu verrathen, keinen Schritt wagen, da er ja gar nicht wußte wohin und auf wen er treten konnte.— „Nein, ich danke,“ ſagte da Sander—, Waſſer wäre mir lieber; das iſt aber eine Finſterniß hier, man kann Hals und Beine brechen.“ 1 „Blaſt die Kohlen im Kamin ein wenig an,“ rief ihm Cook zu—„rechts in der Ecke liegen ein paar Kienſpähne.“ Der Mulatte faßte ſein Meſſer mit feſterem Griff, und hoffte jetzt nur noch, ſobald ein den Raum beleuch⸗ tendes Feuer entzündet ſein würde, auf die erſte Ueber⸗ raſchung der Männer, das Freie glücklich zu erreichen; denn nicht wagen durfte er es, in dieſem Augenblick ſeinen Platz zu verlaſſen, da er im Dunkeln ja kaum die genaue Richtung kannte, die er zu nehmen hatte, und ihm überdieß dort, wo er ſtch gerade befand, noch allein die Hoffnung blieb, nicht entdeckt zu werden. Sander blies jetzt mit aller Macht in die heiße Aſche, vermochte aber keine Flamme zu erwecken, ſondern blies ſich nur die Aſche ein paar Mal ſelber in die Augen. Endlich ſprang er unwillig wieder auf und rief aus: „Der Teufel mag das Feuer holen— nicht die Probe von einer Kohle iſt mehr zu finden.“ „Ihr könnt ja nicht fehlen und braucht gar nicht aus dem Haus zu treten“— bedeutete ihn da Cook— „wenn Ihr auf die Schwelle tretet, habt Ihr den Waſ⸗ ſereimer gleich linker Hand.“.. „Wie viel Uhr iſt's?“ frug jetzt James, der eben⸗ falls wieder munter geworden war. „Es kann noch nicht ſo ſpät ſein!“ erwiederte San⸗ der—„aber Donnerwetter, jetzt hab' ich mir die Kno⸗ chen an einem Büchſenſchloß geſchunden— und— was 7 iſt denn das? die Thür ſteht ja hier auf— da wird wahrſcheinlich einer von den verwünſchten Kötern her⸗ eingekommen ſein.— Wer läßt aber auch die Büchſe hier unten ſtehn?“ „Nun meine Büchſe kann es doch wahrhaftig nicht ſein!“ rief Cook,„die hab' ich geſtern Abend ſelbſt hinauf auf ihren Platz gelegt.“ n Dann iſt ſte auch von ſelber wieder herunterge⸗ kommen,“ brummte Sander,„denn hier ſteht ſte, und das Zeichen davon trag' ich am Schienbein.“ „So hat ſie der verwünſchte Junge gehabt— he Bill!“ „O laßt den um Gottes Willen ſchlafen; es wäre ſchade das ſchöne Schnarchen zu ſtören. Der Herr ſei uns gnädig, der bläſt ja wie der vortrefflichſte Blaſe⸗ balg.“ 8 Sander legte bei dieſen Worten das Gewehr wieder an ſeine Stelle hinauf, trat dann in die Thür, fand den Eimer und trank das kühlende Waſſer mit mehren Ausrufungen unverkennbaren Wohlbehagens. „Ach!“ ſagte er, als er mit dem langſtieligen Fla⸗ ſchenkürbis wieder den Nagel ſuchte, an dem er gehan⸗ gen,„das that gut— es giebt doch nichts Herrlicheres, wenn Einen recht durſtet, als ein Schluck Waſſer.“— „Beſonders, wenn halb Whiskey d'rin iſt“— fiel hier Cook ein, der ebenfalls zum Eimer trat ſeinen Durſt zu löſchen—„wo ſind denn aber all die Hunde? — he Deik— he Ned, Bohs, Watch, halloh hier! wo ſteckt Ihr Canaillen alle?“ Die Thiere, die bis jetzt hinten am Haus gelegen hatten, kamen winſelnd hervor, wedelten vor der Thür herum und wollten an ihrem Herrn hinaufſpringen. „Fort mit Euch, Ihr Beſtien— nieder!“ rief da Cook—„was liegt Ihr Alle mit einander dort hinten unter dem Hirſchfleiſch?— Einer iſt genug— Du Watſch— willſt Du hinaus— Du Bohs— ſo hol' doch der Teufel die Hunde— willſt Du fort, Ca⸗ naille!“ „Was haben ſte denn?“ frug James. „Ei die Sappermenter wollen mit aller Gewalt hier herein;“ rief Cook ärgerlich—„und ſchnüffeln, als wenn ſte eine wilde Katze auf dem Baume hätten — hol ſie der Henker.“ Mit vieler Mühe gelang es ihm erſt die Thüre zu ſchließen, denn die beiden größten der Hunde ſchienen ſich ihren Weg in das Innere der Wohnung erzwingen zu wollen; endlich aber brachte er den hölzernen Pflock vor, tappte, während er Sander dabei führte, zu ſeinem 4 9 Lager zurück und legte ſich wieder nieder; ſchimpfte je⸗ doch dabei noch fortwährend auf die„Beſtien“, wie er ſte nannte, die draußen vor der Thüre lagen und win⸗ ſelten. Sander ſchlief endlich wieder ein, Cook wälzte ſich aber noch immer unruhig auf dem Bett herum, denn die Hunde wurden mit jedem Augenblick lärmender und kratzten jetzt ſchon an der Pforte und an der Seite des Gebäudes, an welcher der Schrank ſtand— ja einer— wahrſcheinlich Bohs, der Hausgelegenheit kannte— hatte ſich durch irgend ein lockeres Bret unter daſſelbe gearbeitet, und heulte nun hier auf ſchauderhafte Art. „Nein!“ ſchrie Cook endlich, indem er wieder auf⸗ ſprang—„das iſt zum raſend werden. Wenn die Canaillen jetzt nicht augenblicklich ruhig ſind, ſo begehe ich einen Mord. Sie müſſen aber doch wahrhaftig etwas wittern, ſonſt könnten ſte ſich ja gar nicht ſo toll und wunderlich anſtellen.“ „Wittern?“ brummte Sander, der durch den Lärm ebenfalls wieder munter geworden war—„was ſollen ſte denn hier wittern?— Ich hatte, als ich in der Thür ſtand, die Büchſe in der Hand, und nun glaubt das dumme Viehzeug wahrſcheinlich, wir wollten Waſchbär⸗ jagen gehn— mir wär's jetzt gerade ſo.“ ] 6 1 10 Cook ſtolperte indeſſen, mit halbverbiſſenem Fluchen, zur Thür, riß dieſe auf, und begrüßte hier die ihn fröh⸗ lich anbellenden Köter mit einem Hagel von Schimpf⸗ wörtern, und auch noch anderen, derberen Gegenſtän⸗ den, die er gerade in die Hand faßte: „Da!“ rief er dabei, als er etwas nach dem ihm zunächſt ſtehenden ſchleuderte—„da, Du Canaille— und da— Du Beeſt, Du— und da, das für Dich, Du feinpipige Quitſcheule Du, und da, das für Dich, Du nichtsnutzige, heulende Hundeſeele. Und nun rührt Euch wieder, Ihr Racker,— muckſt Euch, wenn Ihr es wagt. Und Du, Bohs, kommſt unter dem Hauſe vor — her hier, Sir— hol' Dich dieſer und jener; rühr Dich aber noch eim 1 dann weißt Du, wie wenig ich Spaß verſtehe. Fort mit Euch, an's Fleiſch, wo Ihr hingehört— Du, Bohs— zurück da— daß Du Dich unterſtehſt!“ Die Hunde gehorchten endlich, wenn auch mit vie⸗ lem Widerſtreben, und Cook ſchloß die Thür zum zwei⸗ ten Mal. „S iſt doch eine Finſterniß hier,“ ſagte er jetzt, während er ſich umdrehte, zu ſeinem Bett zurückzutap⸗ pen,„daß man die Hand nicht vor Augen ſehn kann; — wo bin ich denn hier eigentlich hingerathen?— 8 11 Wetter noch einmal, das iſt hier der Schrank; da muß ich ja rechts hinüber.“ „Hier lieg' ich“— ſagte Sander, der ſein Lager mit ihm theilte. „Komme gleich!“ erwiederte Cook, und ſtand in dieſem Augenblick unter dem gezückten Jagdmeſſer des Mulatten, kaum zehn Zoll von dieſem entfernt, der ſich, ſo dicht es gehen wollte, an die Wand gedrängt hatte. Ein einziger Schritt— ein einziges Ausſtrecken der Hand, mußte ihn mit dem hier Eingeſchlichenen in Be⸗ rührung bringen, und daß der, zum Aeußerſten getrie⸗ bene Gelbe ſich dann auch nicht bedenken würde, den Feind unſchädlich zu machen, der für den Augenblick ſeiner Flucht hemmend im Wege ſtand, war voraus zu ſehn. Cooks guter Geiſt lenkte jedoch ſeine Schritte, daß er ſich dicht vor der dunklen Geſtalt wandte und quer über Bills Bett, über dieſen und James hinweg, ſeinem eignen Lager zuſchritt, auf das er ſich ermüdet warf, und auch bald wieder einſchlief. Grabesſchweigen herrſchte auf's Neue in der kleinen Wohnung— das regelmäßige Athmen brach allein wie⸗ der die Stille, und vorſichtig hob der Mulatte jetzt noch einmal die Schaale, trank auch den letzten Reſt und ſchlich nun, ſo geräuſchlos als möglich zur Thüre zurück. 12 Da ſtieß er mit dem Fuß an einen, ihm durch Cook in den Weg geſchobenen Stuhl und zwei Stimmen athme⸗ ten nicht mehr— er wußte, ſte waren erwacht oder we⸗ nigſtens geſtört. Bewegungslos blieb er an ſeiner Stelle und fand bald, daß glücklich für ihn, nur das Letzte der Fall geweſen ſein mußte, denn bald darauf fielen ſie wieder in den allgemeinen Chor ein, und Dan begann ſeinen Weg weiter zu fühlen. Als er aber den Stuhl vorſichtig bei Seite ſchieben wollte, berührte ſein Finger an der Stuhllehne einen Ledergurt; raſch fuhr er daran hinunter und fand hier — die lang erſehnte Kugeltaſche. Schnell hing er ſie um ſeinen Nacken und wollte eben den Stuhl verlaſſen, da fühlte er auf dem Sitz deſſelben noch eine zweite. Welches war nun die richtige? und einen Moment ſtand er unſchlüſſig— aber auch nur einen Moment, denn ſolche Kleinigkeit konnte ihn nicht lange die gefährliche Lage vergeſſen machen, in der er ſich befand. Um ſicher zu gehen nahm er alle beide, trat geräuſchlos an die Thür, fühlte nach der Büchſe, die Sander wieder hinauf gelegt hatte, hob ſie leiſe herab und zog jetzt den Pflock heraus, der die Thür verſchloſſen hielt. Waren die Hunde noch auf der Wacht?— in die⸗ ſem Fall wär' er verloren geweſen, denn die Meute, die erſt vor wenigen Wochen einen fünfjährigen Bären geſtellt und bezwungen hatte, würde den faſt wehrloſen Schwar⸗ zen augenblicklich in Stücke zerriſſen haben. Sein Herz ſchlug daher, als er die Thür ein klein wenig öffnete, wie ein Hammer. Glücklicher Zufall— keiner der Hunde lag vor der Thür— der Befehl des Herren hatte ſie alle hinter das Haus gewieſen und konnte er jetzt nur funfzig Schritte Vorſprung gewinnen, ſo war er gerettet— geräuſchlos öffnete er die Pforte. „Seid Ihr es, Mr. Sander, frug jetzt James, der in dieſem Augenblick von dem kalten, gerade über ihn hin⸗ ſtreichenden Luftzug erwachte—„ha— wer iſt an der Thüre?“— Keine Antwort erfolgte— kein Laut ließ ſich hören, und der Fragende glaubte ſchon geträumt zu haben. Der Dieb aber ſtand auf der Schwelle— im Freien— die kalte Nachtluft kühlte ſeine in Fiebergluth brennende Wange und vorſichtig glitt er in der Dunkelheit dem nahen Dickicht zu, die ſchlafenden Wächter nicht zu ermuntern und unentdeckt zu entkommen. Schon hatte er die kleine niedere Fenz erreicht, welche die Wohnung umgab und zitternd überſtieg er ſte, als er mit dem linken Fuß den Stiel einer Hacke berührte, die daran lehnte und jetzt umfiel.— Da ſchlug Bohs an— ihm folgte Watſch, und im nächſten Augenblick brachen die Hunde um das Haus herum. Mit langen, mächtigen Sätzen floh aber auch jetzt der Mulatte, die gewonnene Büchſe hoch empor haltend, dem Walde zu, hatte gerade, als die Meute auf ſeine Fährte heulend anſchlug, das Dickicht erreicht, rief, da er den Gefährten nicht ſehen konnte—„in's Waſſer— in's Waſſer“— ſprang dann ſelbſt, ohne auch nur eine Secunde Zeit zu verlieren, in den klei⸗ nen Bach, und watete, ſo ſchnell es ihm möglich war, ſtromab. Noch hatte er ſich übrigens keine funfzehn Schritt von der Stelle, wo er den Waſſerrand zuerſt betrat, entfernt, als auch die Hunde, bellend und kleffend, mit den Naſen am Boden, dort angekommen, ohne weiteres hindurch ſetzten, und auf der andern Seite in der Irre umherſuchten. Da ſchlug ein junger Brake, wahrſchein⸗ lich auf einer Kaninchen⸗ oder Waſchbärenfährte, an, und obgleich Bohs und Watſch im Anfang gar nicht geſonnen ſchienen, dem Lärmenden zu glauben, ſo wur⸗ den ſie doch zuletzt ſelbſt durch das wilde Toben der Meute verlockt, und brachen jetzt in langen Sprüngen hinterher, um die Jagd nicht zu verſäumen und in der Verfolgung, wie gewöhnlich, die erſten zu ſein. 4 „Hahaha“— lachte da der Mulatte vor ſich hin, als er dem, ſich weiter und weiter entfernenden Toben lauſchte—„wie ſich das Hundezeug jetzt abquälen wird, um etwas zu finden, was gar nicht exiſtirt. Aber die Zeit vergeht— he Cotton— wo ſeid Ihr?“ „Hier!“ flüſterte dieſer, der leiſe in dem Bach heranſchritt—„alle Wetter, das hätte ſchlecht ablaufen können— und die Büchſe haſt Du wohl auch nicht?“ „So? meint Ihr etwa?— hier iſt ſte— nehmt ſchnell— da— die Taſchen auch, eine von beiden wird wohl die rechte ſein. Aber nun fort; hatten wir früher, als die Hunde noch am Haus lagen, vortrefflichen Wind, ſo wird er jetzt, wenn ſie zurückkehren, um ſo ſchlechter.”“ „Wir müſſen in die Hügel— dort entgehen wir am leichteſten jeder Verfolgung,“ ſagte Cotton. „Ja, aber den Bach dürfen wir in der erſten halben Stunde noch nicht verlaſſen und nachher heißt's erſt recht Ferſengeld geben. Cook iſt ein verdammt guter Spürer, und der andere wird ihm wohl auch Nichts nachgeben.“ „Alſo fort!“ flüſterte ſein Begleiter, während er mit dem Ladeſtock verſuchte, ob die Waffe geladen ſei, —„hier wird's mit jeder Secunde unſicherer, und ſeit ich das Eiſen in der Hand fühle, iſt mir's um hundert Procent leichter um's Herz.“ Die beiden Männer ſchritten jetzt ſchnell in dem ſeichten Bach hinauf, der mehre der niedern Hügel von einander trennte, und verließen ihn erſt dann, als er ſich zu weit weſtlich wandte, und ſie doch vor allen Dingen dem Arkanſasfluß zuſtreben mußten. Es war dieß eine Stelle, wo ſich die Ufer von beiden Seiten ziemlich ſchroff und felſig emporhoben und nur rechts in eine ebnere, aber auch ſteinige Fläche ausliefen, während ſte links, bis zum Gipfel des höchſten Bergkammes auf⸗ ſtiegen. Dieſer wollten ſie jetzt, ihre Bahn wieder zurück⸗ nehmend, folgen, denn ſie wußten, daß ſie dann Helena oder doch die Umgegend der Stadt erreichen mußten. Hier hofften ſte, entweder im Stande zu ſein, da ſte ja dort Niemand kennen konnte, nach Miſſiſſippi über zu ſetzen, wo ihnen die Flucht viel leichter werden mußte. Schöpften ſie aber Verdacht, daß ihnen dennoch, ſelbſt in dem fremden Ort, Gefahr drohen könne, ei nun, dann war es nicht ſo ſchwer irgend ein Boot zu ſtehlen, und damit das gegenüberliegende ſichere Ufer zu erreichen. — —— —j—— 17 „Ei ſo wollt' ich denn doch, daß die verdammten Hunde beim Teufel wären!“ rief James aufſpringend. —„ das iſt ja ein Heidenlärm die ganze Nacht hin⸗ durch— kein Auge kann man zu thun. Nun hör' nur Einer die Beſtien!“ „Hallo— was giebt's? wer iſt da?“ ſagte jetzt auch, gewaltſam den Schlaf abſchüttelnd, Cook— „mit wem ſpracht Ihr, James— wer war an der 82 Thür?“ „Was haben denn die Hunde?“ frug ebenfalls der noch halb ſchlaftrunkene Sander. „Mit wem ich ſprach?“ ſagte der Angeredete, ſich die Augen reibend,„ja wie zum Henker ſoll ich denn das wiſſen? Die Thür ging auf, das wollt' ich be⸗ ſchwören, und ich dachte es wäre Einer von Euch; ich war aber ſo im Schlaf, daß ich mich geirrt zu haben glaubte, und wieder zurück auf's Kiſſen fiel. Gleich darauf ging der Skandal mit den Hunden los, die jetzt in—“ 1 „Beim ewigen Gott— die Thür iſt offen und meine Büchſe fort!“ ſchrie Cook in dieſem Augenblick, der indeſſen auf die Schwelle getreten war, dort aber kaum den inneren Vorſtecker weggezogen fand, als er 1. 2 auch ſchon, faſt inſtinktartig, nach der eigenen Waffe griff. „Kann man denn die Thüre von außen öffnen?“ frug jetzt Sander.— „Gott bewahre!“ rief Cook ingrimmig mit dem Fuße ſtampfend,„die Spalten ſind alle ſorgfältig mit Klötzen und Brettern vernagelt— Einer von Euch muß den Vorſtecker wieder zurückgezogen haben.“ „Es hat ſich keiner von uns gerührt!“ rief James. „Dann iſt auch Jemand hier drinnen geweſen“— tobte Cook—„Peſt und Donner— jetzt weiß ich auch, weshalb die Hunde ſo außer ſich waren und mit Teufelsgewalt hier herein wollten— und ich Eſel muß dem Schuft auch noch fort helfen.“ „Habt Ihr kein Feuerzeug hier im Haus?“ frug jetzt Sander—„es iſt ja eine Dunkelheit, daß man Hals und Beine brechen möchte.“ „Wartet— laßt mich vor“— ſagte James— „ich will gleich Feuer anmachen— ich weiß hier Haus⸗ gelegenheit— Ihr findet's doch nicht.“ Cook tappte indeß im Dunkeln nach den Kugel⸗ taſchen umher.— „Himmel und Hölle“ brummte er dabei vor ſich hin—„ſollte der gottvergeſſene Hallunke— Bill— — ———— 19 Bill!— hat der Bengel einen Schlaf— Bill! ſag⸗ ich— wo haſt Du die Kugeltaſche hingehängt?“ Bill fuhr nun zwar empor, als er ſeinen Namen hörte, begriff jedoch noch lange nicht, was man von ihm wollte. James aber, emſig dabei beſchäftigt, ein⸗ zelne Kohlen unter der Aſche vorzuſchüren und zu neuer Gluth anzublaſen— ſagte: „Auf dem Stuhl— links von der Thür— hängt die eine— und die andere— verdammte Aſche, das beißt ſchändlich in den Augen— und die andere muß auf dem Sitz liegen— die gehört zu meiner Büchſe.“— „Auf welchem Stuhl?“ rief Cook ſchnell, indem er den ihm nächſt ſtehenden von oben bis unten be⸗ fühlte.— „Auf dem, dicht an der Thür— zwiſchen dieſer und dem Schrank.“ „Dann ſind ſie fort!“ knirſchte Cook, den Stuhl gewaltſam von ſich ſchleudernd, daß er über den noch immer halbſchlafenden Bill wegfiel und dieſen ſchnel⸗ ler als es ſonſt wohl der Fall geweſen, auf die Beine brachte. „Beide?“ rief James erſchreckt, und leuchtete mit einem eben entzündeten Kienſpahn überall im Zimmer umher—„die meine auch? beim ewigen Gott— auf 2* den Stuhl da habe ich ſie ſelbſt gelegt— die Büchſe iſt auch fort und die Thüre offen— über das Geſche⸗ hene brauchen wir alſo gar nicht mehr im Zweifel zu ſein. Der diebiſche Hund war hier im Zimmer, und lacht ſich jetzt in's Fäuſtchen.“ In wilder Haſt kleideten ſich nun die Männer an, während Bill das Feuer im Heerde heller lodern machte und das Licht ebenfalls wieder anzündete, daß ſie we⸗ nigſtens den kleinen Raum überſehen konnten. Cooks Wuth aber, als er das geleerte Milchgefäß fand, kannte keine Grenzen und er ſchwur und fluchte auf höchſt got⸗ tesläſterliche Art. Was aber jetzt thun? nach den Sternen war es kaum Eins vorbei, und in ſolch dunkler Nacht ohne die Hunde eine Verfolgung zu beginnen, wäre Wahnſinn geweſen. Ließen ſie aber die Flüchti⸗ gen bis Tagesanbruch un verfolgt, ſo gewannen dieſe einen ſolchen Vorſprung, daß ein Nachſetzen hoffnungs⸗ los werden mußte. „Daß man auch gar Nichts mehr von den Hunden hört!“ rief James ärgerlich, und horchte noch immer nach ihnen in die Nacht hinaus,„das Beſte wird doch am Ende ſein, ich ſattle mein Pferd, und reite in den Wald; vielleicht ſind die Thiere der rechten — 21 Spur gefolgt, haben den Schuft auf irgend einen Baum getrieben, und liegen nun darunter und heulen.“ „Unſinn!“ ſagte der alte Lively, der indeſſen eben⸗ falls mit Ankleiden fertig geworden war—„wenn der Burſche da aus der Thüre ſprang als Du ihn anriefſt, — denn das habe ich deutlich gehört— ſo hat er auch höchſtens zweihundert Schritte Vorſprung gehabt, ehe ihm die Hunde auf den Hacken waren, und dann blieb ihm keine Zeit mehr zu entkommen. In hundert Schrit⸗ ten weiter mußten ſie ihn eingeholt haben, wären ſte wirklich der richtigen Fährte gefolgt. Nein, ſie ſind in’s Blaue hinein getobt und wer weiß, wann ſie wieder zurückkommen.“ „Wie wär's denn, wenn wir einmal das Horn blieſen, Vater,“ ſagte Bill,„vielleicht ſind ſie nicht ſo weit fort, und können es noch hören.“ 8 „Wird wenig helfen, wir wollen's aber verſuchen: — Tod und Teufel, was für ein Hauptſpaß wäre das geworden, wenn die Hunde den Schuft auf friſcher That erwiſcht hätten.“ „Nun, zu ſpät iſt's noch immer nicht!“ brummte James,„ich habe wenigſtens eine Kugel im Rohr und die, hoff' ich, werd' ich dem nächtlichen Halunken wohl noch auf den Pelz brennen. Wo aber zum Donner⸗ 22 wetter iſt denn mein einer Schuh— ich habe doch alle Beide hier nebeneinander hingeſtellt.“— „Ich kann meine Stiefeln auch nicht finden,“ ſagte Sander—„nun weiter fehlte Nichts, als daß uns die Canaille auch noch das Schuhwerk mitgenommen hätte.“— „Die werden draußen liegen“ brummte Cook ärger⸗ lich, während er in die Thür trat—„ich habe, glaub' ich, ſo Dinger wie Schuh oder Stiefeln nach den ver⸗ wünſchten Kötern geworfen, als ſie das Heulen gar nicht laſſen wollten.“— „Sehr ſchön das,“ meinte Sander, als er jetzt drau⸗ ßen im Dunkeln mit bloßen Füßen zwiſchen den Späh⸗ nen und Holzſtücken nach den verlorenen umherſuchte, „das geht ſich hier prächtig, barfuß auf den ſcharfen Splittern— Herr Gott— ich habe mir, glaub' ich, die Zehen abgeſtoßen.“. James kam ihm jetzt mit einem brennenden Kien⸗ ſpahn zu Hülfe und ſie fanden bald ihr wild umherge⸗ ſtreutes Schuhwerk, während Cook den Schall des Horns laut und gellend in die ſtille Nacht hinaustönen ließ. Lange aber mußte der Farmer vergeblich blaſen, und ſchon wollte er das einfache Inſtrument unmuthig. bei Seite werfen, als ein leiſes Winſeln wenigſtens 19 23 einen der ſich nähernden Rüden verkündete und gleich darauf Bohs, den langen buſchigen Schwanz feſt zwi⸗ ſchen die Läufe geklemmt, mit dem Bauch faſt die Erde ſtreichend, herankam, und demüthig zu ſeinem Herrn ſchleichend, dieſem auf jede nur mögliche Art und Weiſe zu erkennen gab, wie tief zerknirſcht er ſich, ſeines ſo ganz, eines ordentlichen Hundes unwürdigen Betra⸗ gens wegen fühle, und wie leid ihm der begangene Feh⸗ ler thue. . Cook war jedoch über des treuen Thieres Rückkehr 1. viel zu ſehr erfreut, als daß er es lange hätte mit Vor⸗ * würfen überhäufen ſollen, er ſchleuderte ihm nur, als erſte Begrüßungsformel, einige Kernflüche entgegen, die Bohs auch ohne weitere Bemerkung einſteckte, und ſtrei⸗ chelte dann dem, durch ein einzig gütiges Wort Beruhig⸗ ten mit unverkennbarer Freude den Kopf. „So recht, mein Alter— laß die andern Canaillen laufen, wir Beide wollen dem Burſchen ſchon auf die — Spur kommen. Wird's nur erſt wieder hell, ſo müßte er ja mit dem Böſen im Bunde ſtehn, wenn er nicht wenigſtens eine Fährte hinterließ* denn durch die Luft kann er doch wahrhaftig nicht davongeſegelt ſein.“ „Wo aber jetzt ſuchen?“ ſagte James—„ich begreife gar nicht, daß die Hunde, die ſo dicht hinter 22 wetter iſt denn mein einer Schuh— ich habe doch alle Beide hier nebeneinander hingeſtellt.“— „Ich kann meine Stiefeln auch nicht finden,“ ſagte Sander—„nun weiter fehlte Nichts, als daß uns die Canaille auch noch das Schuhwerk mitgenommen hätte.“— „Die werden draußen liegen“ brummte Cook ärger⸗ lich, während er in die Thür trat—„ich habe, glaub⸗ ich, ſo Dinger wie Schuh oder Stiefeln nach den ver⸗ wünſchten Kötern geworfen, als ſte das Heulen gar nicht laſſen wollten.“— „Sehr ſchön das,“ meinte Sander, als er jetzt drau⸗ ßen im Dunkeln mit bloßen Füßen zwiſchen den Späh⸗ nen und Holzſtücken nach den verlorenen umherſuchte, „das geht ſich hier prächtig, barfuß auf den ſcharfen Splittern— Herr Gott— ich habe mir, glaub' ich, die Zehen abgeſtoßen.“ James kam ihm jetzt mit einem brennenden Kien⸗ ſpahn zu Hülfe und ſte fanden bald ihr wild umherge⸗ ſtreutes Schuhwerk, während Cook den Schall des Horns laut und gellend in die ſtille Nacht hinaustönen ließ. Lange aber mußte der Farmer vergeblich blaſen, und ſchon wollte er das einfache Inſtrument unmuthig. 8 bei Seite werfen, als ein leiſes Winſeln wenigſtens o 4 23 einen der ſich nähernden Rüden verkündete und gleich darauf Bohs, den langen buſchigen Schwanz feſt zwi⸗ ſchen die Läufe geklemmt, mit dem Bauch faſt die Erde ſtreichend, herankam, und demüthig zu ſeinem Herrn ſchleichend, dieſem auf jede nur mögliche Art und Weiſe zu erkennen gab, wie tief zerknirſcht er ſich, ſeines ſo ganz, eines ordentlichen Hundes unwürdigen Betra⸗ gens wegen fühle, und wie leid ihm der begangene Feh⸗ ler thue. Cook war jedoch über des treuen Thieres Rückkehr wiel zu ſehr erfreut, als daß er es lange hätte mit Vor⸗ würfen überhäufen ſollen, er ſchleuderte ihm nur, als erſte Begrüßungsformel, einige Kernflüche entgegen, die Bohs auch ohne weitere Bemerkung einſteckte, und ſtrei⸗ chelte dann dem, durch ein einzig gütiges Wort Beruhig⸗ ten mit unverkennbarer Freude den Kopf. „So recht, mein Alter— laß die andern Canaillen laufen, wir Beide wollen dem Burſchen ſchon auf die Spur kommen. Wird's nur erſt wieder hell, ſo müßte er ja mit dem Böſen im Bunde ſtehn, wenn er nicht wenigſtens eine Fährte hinterließ, denn durch die Luft kann er doch wahrhaftig nicht davongeſegelt ſein.“ „Wo aber jetzt ſuchen?“ ſagte James—„ich begreife gar nicht, daß die Hunde, die ſo dicht hinter 24 ihm geweſen ſein mußten, ſeine Spur ſollten verloren haben. 7 „ Paßt einmal auf, der hat den Bach angenom⸗ men,“ betheuerte der Alte;„der Wind ſtreicht von hier dort hinüber, wittern konnten ſte ihn nicht gut, und wenn er von ſeiner Fährte abſprang, ſo iſt Nichts wahr⸗ ſcheinlicher, als daß die Hunde dadurch irre geführt wurden.“ „Dann wird er ſich auch ſtromab, dem Miſſiſſtppi, zugemacht haben!“ rief James,„wo der Bach wenigſtens für ein Canoe ſchiffbar wird, hat er das vielleicht ange⸗ bunden und iſt, während wir in den Bergen auf kalter Fährte herumhetzen, lange im Strom oder im anderen Staate drüben.“ 1 „Dort hat geſtern Abend kein Canoe gelegen“ wandte hiergegen der junge Cook ein,„das weiß ich gewiß. Noch vor Dunkelwerden war ich mit Turners Henry unten, um ein paar Fiſche zu fangen, und wir ſind unter jedem Buſch, in der ganzen Nachbarſchaft 5 herumgekrochen. „Waren keine Fährten zu ſehen?“ frug ſein Vater. „Nicht eine, denn wir ſchauten uns auch noch be⸗ ſonders genau nach Otterzeichen um, und hätten doch . 9 25 gewiß in dem weichen Boden die Fußtapfen eines Man⸗ nes erkennen müſſen.“ „Dann ſind ſie in die Hügel,“ rief Cook.„Hat übrigens hier, wie ich kaum noch zweifeln kann, der verdammte entſprungene Mulatte die Hand im Spiel, ſo ſei Gott unſern Pferden gnädig— dann dürfen wir auch keinen Augenblick Zeit mehr verlieren.“ „In Nacht und Nebel wird Ihnen aber eine Ver⸗ folgung wenig nützen“ nahm hier Sander das Wort, der bis dahin ſinnend am Camin geſtanden hatte— „wäre es nicht beſſer Sie warteten das Tageslicht ab, und ritten dann gleich zum nächſten Richter, die nöthige An⸗ zeige davon zu machen.“ „Und was ſollte der uns helfen?“ frug der alte Lively verächtlich, während er aus Leibeskräften in den verkehrten Aermel ſeiner Jacke fuhr—„ wenn der was ausrichten wollte, müßte er uns doch immer wieder dazu rufen. Nein, Jimmy, nach müſſen wir, und das gleich; Bill mag die Pferde holen; glücklicher Weiſe ſind ſie drüben über dem Bach im Schilfbruch, wo der Mulatte nicht hin ſein kann, ſonſt hätten ihn die Hunde ſchon.“ „Ja wohl, Lioely hat recht,“ rief Cook,„wir können ja, ſo lange es dunkel iſt, die Pferde an die Zügel nehmen und vorſichtig am Bachufer hin ſuchen. Begreift 2* 26 Bohs erſt einmal was wir wollen, ſo hat's weiter gar keine Noth.“ „Mit dem einen Hund wirds nur freilich eine lang⸗ weilige Geſchichte werden,“ meinte James,„ Bohs kann doch blos auf einem Ufer ſuchen und der Flüchtling in⸗ deſſen immer auf dem anderen den Bach verlaſſen haben, wenn er— was überhaupt noch erſt bewieſen werden muß, dieſem wirklich gefolgt iſt.“ „Gefolgt muß er ihm ſein,“ meinte Cook,„ſonſt hätten ihn die Hunde auf jeden Fall geſpürt.— Wie dem aber auch ſei, Glück gehört allerdings zu einer ſolchen Nachhetze, bleiben wir jedoch ruhig im Haus, ſo können wir gar nicht erwarten, daß wir irgend etwas ausrichten, denn hierher kommt er nicht wieder, ich dächte davon wären wir Alle mit einander überzeugt. Alſo fort, Bill, hol' uns die Pferde— die Sättel lie⸗ gen dort in der Ecke— gehen Sie mit, Mr. Sander?“ „Ei das verſteht ſich,“ lachte dieſer,„bin ich auch kein ſo vorzüglicher Spürhund, wie ein alter Pionier, ſo hoffe ich doch meinen Mann zu ſtehn— übrigens möchte ich Sie noch ein Mal darauf aufmerkſam machen, ob es nicht doch wielleicht beſſer wäre, die Sache zuerſt den Gerichten anzuzeigen; wir können ja nachher im⸗ mer noch“— 27 „Wir wollen um Gotteswillen die Gerichte nicht be⸗ mühen,“ ſagt James unwillig—„jetzt haben wir auch wirklich gar keine Zeit mehr, an ſie zu denken. Der Dieb iſt noch dazu bewaffnet, und gut bewaffnet, denn Cooks Büchſe ſchießt ſcharf, und da ſind wir es ſogar den Nachbarn ſchuldig, ihm wenigſtens, wenn wir ihn wirklich nicht einholen könnten, doch ſo dicht auf den Ferſen zu bleiben, daß er weiter keinen en Sähnden anrich⸗ ten kann“. —„Ja wahrlich, gut bewaffnet iſt er,“ knirſchte Cook zwiſchen den zuſammengebiſſenen Zähnen hindurch, indem er ſich den breiten Ledergurt mit dem Jagdmeſſer umſchnallte.„Gott ſei ihm aber gnädig, wenn er mir unter die Hände fällt; das Eiſen renne ich ihm zwiſchen die Rippen bis ans Heft.“— Er ſprang jetzt hinaus, dem Sohn mit dem Ein⸗ bringen der Pferde zu helfen, die, ſolch nächtlichen Rit⸗ tes wegen, keineswegs angenehm überraſcht ſchienen; auch die Hunde kehrten nun nach und nach einzeln zu⸗ rück, doch hatten ſie ſich zu ſchlecht bewährt, um großes 5 Vertrauen beanſpruchen zu können; ſie erhielten deshalb mit Wort und Peitſche gemeſſene Befehle, beim Haus . zu bleiben, denn die Jäger fürchteten auch nicht ohne Grund, durch die vielen Naſen Unheil und Verwirrung anzurichten. Bohs blieb jetzt ſeines Herrn einzige Hoff⸗ nung, aber auch dieſe war ſchwach genug, wenn er be⸗ dachte, wie unſicher eine ſolche Verfolgung ſei, wo der Hund nicht einmal wußte, welches Wild er hetzen ſollte. Der alte Lively ging nun vor allen Dingen an das andere Haus, um ſeine Büchſe von dort zu holen und Cook damit zu bewaffnen, er ſelbſt nahm einen leichten Raffel, der ebenfalls über dem Camin lag, und ſeines kleinen Calibers wegen ſonſt nur zu Eichhörn⸗ chenjagden benutzt wurde. Sander bekam eine alte Schrotflinte— ebenfalls Cooks Eigenthum, die dieſer einmal von einem deutſchen Krämer erhandelt hatte, und alſo bewaffnet gingen die Männer an die Verfol⸗ gung des kühnen Diebes. Das Einzige, was ihnen jedoch nur eine Ausſicht auf Erfolg verſprach war, gleich von Haus aus den klugen Hund auf die Fährte zu ſetzen, und dieſer ſchien auch da recht gut zu begreifen, was er eigentlich ſolle, am Bach hörte aber jede Spur auf und ſtromauf und ab ſuchten ſte nun mit ungeſchwächtem Eifer, bis der Morgen ſchon ſeinen grauen Dämmerſchein über die rauſchenden Wipfel der Niederung ausgoß, ohne daß ſte ihrem Ziele auch nur eine Hand breit näher gerückt wären, 0 * C Trotz Bills Betheuerung hatten ſie nämlich noch einmal den Bach hinab geſucht, freilich ohne auch nur das mindeſte Zeichen von einem Boote zu finden, und ſte mußten es ſich nun eingeſtehn, ſtromauf liege noch die einzige Möglichkeit, den Flüchtling einzuholen. „Es bleibt uns Nichts weiter übrig,“ ſagte Cook endlich unmuthig,„als noch einmal in die Hügel zu ſteigen— es wird jetzt hell, und wer weiß, ob der Burſche nicht doch vielleicht in der Dunkelheit ſeine Fährte irgendwo ſo hinterlaſſen hat, daß wir ſie bei Ta⸗ geslicht erkennen und dann natürlich verfolgen können. Du, Bill, magſt die Pferde bis zu dem zweiten Hügel⸗ durchſchnitt nehmen— reite nur voran und warte dort, wo wir vorgeſtern den Bienenbaum fällten. Brauchen wir ſie eher, was ich von Herzen wünſchen will, ſo blaſe ich das Horn. Finden wir aber ihre Spuren bis dort⸗ hin nicht, ſo bleibt uns nichts anderes übrig, als ver⸗ ſchiedene Richtungen einzuſchlagen, die Nachbarn von dem Geſchehenen in Kenntniß zu ſetzen, und dann ver⸗ eint eine förmliche Treibjagd anzuſtellen. Gefangen muß und ſoll der Burſche werden, denn einem Hinterwäldler in die eigene Wohnung einzubrechen und ſeine Waffen zu ſtehlen, das iſt ein Vergehen, das ſchon ſeiner uner⸗ hörten Frechheit wegen exemplariſche Strafe verdient.“ ——ͤ— So großen Eifer nun auch die Jäger bei dieſer Ver⸗ folgung zeugten, ſo unbehaglich ſchien ſich Sander dabei zu befinden, und er wäre ſicherlich, da er ja auch mit ſeiner Kleidung gar nicht auf den Wald eingerichtet war, zurückgeblieben, hätte ihn nicht die Furcht angetrie⸗ ben, jener Flüchtling könne mit zur Inſel gehören und, wenn eingefangen, vielleicht Sachen geſtehen, die für ſte von verderblichſter Folge ſein mußten. War er gegen⸗ wärtig, ſo konnte er in ſolchem Falle ein Geſtändniß entweder verhindern, oder doch die Folgen ablenken, und möglicher Weiſe auch die Flucht des Diebes, wer es immer ſein mochte, begünſtigen. Deshalb hatte er auch gleich von Anfang an den Männern gerathen, die Gerichte zu Hülfe zu rufen, weil er recht gut wußte, wie in dieſem Falle der Dieb ziemlich ſicher geweſen wäre. II. Die Verfolgung. 1 Die Männer ſchritten jetzt vorſichtig am Bach hin⸗ auf; der alte Lively und Cook mit Bohs am weſtlichen oder linken Ufer, von der Quelle aus, und James und Sander am öſtlichen, den Bergen am nächſten. Bohs ſchien übrigens jeden Gedanken an Jagd aufgegeben zu haben, denn immer wieder von Neuem angetrieben, Fährten und Spuren zu ſuchen, wo auch kein Zeichen V irgend eines lebendigen Weſens zu finden war— klei⸗ nere Wildfährten vielleicht ausgenommen, die er aber gründlich verachtete— und noch dazu in einer Gegend, 4 in der ſich größeres Wild nie aufhielt, hatte er jede 3 Luſt an der Sache verloren, ließ den Schwanz hängen und ſchlenderte verdroſſen hinterdrein. 4„Auf den Hund dürfen wir nicht weiter rechnen,“ Se* * 5 7 32 ſagte da endlich Sander zu James, als er mit dieſem mehrere hundert Schritte über ſtarre Felsblöcke hinweg⸗ gekletttert war, und nun von einer etwas vorragenden Bergſpitze nach den beiden anderen Männern und Bohs hinüberblickte—„er ſieht gerade ſo aus, als ob er eben einſchlafen wollte.“ „Laßt uns nur das mindeſte Verdächtige finden,“ erwiederte James,„und er iſt wieder Feuer und Flam⸗ men.— Mit uns Menſchen iſt's ja auch ſo; bei er⸗ folgloſer Jagd werden wir müde und matt und haben in demſelben Augenblick jedes Gefühl von Schwäche vergeſſen, wo wir nur das Laub rauſchen hören, oder gewiſſe Anzeichen von der Nähe der erſehnten Beute finden— das iſt mir ja ſchon tauſendmal ſelber paſſirt.“ „Ich begreife aber wirklich nicht, wo wir etwas Verdächtiges finden ſollen,“ brummte Sander,„hier könnte eine ganze Armee marſchirt ſein und in den um⸗ her geſtreuten Steinen und Felsſtücken wäre es nicht möglich, eine Spur zu erkennen.“ „Meinen Sie?“ ſagte James, und ein triumphi⸗ rendes Lächeln zuckte um ſeine Lippen—„ja ja, im Walde ſind die Herren aus der Stadt gewöhnlich ſo im Trüben wie“— — 33 „Die Herren aus dem Walde in der Stadt.“ ſpöt⸗ telte Sander, mit einem etwas boshaften Seitenblick, James mochte auch fühlen, daß er recht hatte, denn er wurde feuerroth, warf aber die Büchſe über die linke Schulter, über deren Kolben ſeine linke Hand herabhing und ſie im Gleichgewicht hielt, und zeigte jetzt vor ſich zwiſchen die Steine nieder.— „Für was halten Sie das hier?“ „Das?“ ſagte Sander und bog ſich zu der bezeich⸗ neten Stelle aufmerkſam nieder—„das? ei nun das iſt gar Nichts, als etwas Laub und ſehr viel Steine, mit ein paar ſpärlichen Grashalmen dazwiſchen.“ „Und doch iſt vor kaum einer Viertelſtunde ein Hirſch zwiſchen eben dieſe Steine hineingetreten,“ er⸗ wiederte James. „Aber woran ſehen Sie das? ich kann auch nicht das Mindeſte erkennen, das eine ſolche Vermuthung be⸗ ſtätigte.“ „Wirklich nicht?“ ſagte der Jäger, indem er ſich noch weiter zu der bezeichneten Stelle niederbog,„ſo will ich Ihnen hier den Beweis geben, daß wir eine ſolche Verfolgung nicht unternommen haben, ohne im Stande zu ſein, ſie auszuführen. Sehen Sie, wie der eine kleinere Stein hier etwas zur Seite geſchoben iſt? II. 3 34 — zwar nur ein weniges, der ſchmale Streifen läßt ſich aber deutlich auf dem feuchteren Grunde erkennen— dort— gerade an dem grauen Moos nieder, hat die Schaale geſcheuert und hier unten iſt auch noch zum Ueberfluß der Eindruck der Spitze— aber ha— was iſt das?— ſo wahr ich lebe—“ „Nun?“ frug Sander erſtaunt,„was ſehen Sie denn da Beſonderes auf der Steinplatte? wenn der Burſche keine Meißel unter den Füßen gehabt hat, ſo kann er doch dort unmöglich eine Spur hinterlaſſen haben.“ „Habt Ihr etwas gefunden, James?“ rief jetzt Cook von drüben herüber. „Kommt her und ſeht ſelber,“ ſagte dieſer—„ hier iſt etwas, das auf jeden Fall Beachtung verdient.“ In wenigen Secunden waren die Uebrigen an ſei⸗ ner Seite, und blickten jetzt forſchend und geſpannt umher. „Wann hat es zum letzten Mal geregnet?“ frug James. „Vorgeſtern Abend,“ ſagte der Greis. „Und glaubt Ihr, daß ſich ſeit vorgeſtern Nacht dieſes Waſſer hier auf dem Stein gehalten haben könnte?“ fuhr James fort, und deutete auf eine, dicht à 1à vor ihm befindliche feuchte Stelle der Felsplatte— „hätte der Wind dies hier nicht ſchon lange auftrocknen müſſen?“ „Der Wind kann es ja gerade aufgetrocknet ha⸗ ben,“ ſagte Sander—„und das, was wir hier ſehen, ſind nur noch die Ueberreſte.“ „Nein, das iſt nicht möglich!“ rief da der alte Li⸗ vely—„gerade hier iſt dieſer Stein etwas abſchüſſig und der Regen hätte ablaufen und ſich hier unten ſam⸗ meln müſſen; dieſe tiefe Stelle aber iſt trocken.— Beim ewigen Gott, wir ſind auf der rechten Spur.“ „Ja wahrhaftig!“ rief Cook freudig—„das muß die Stelle ſein, wo der Flüchtling den Bach verlaſſen hat, und wo das, von ſeinen Füßen abträufende Waſſer noch nicht die Zeit hatte zu trocknen.“ „Das war mein erſter Gedanke,“ beſtätigte James, „und nun, Cook, laßt uns ſehen, ob Euer Bohs auch nur einen Pflaumenkern werth iſt. Wir ſind die ganze Nacht umhergerannt, und er muß wiſſen, daß wir etwas ſuchen— bringt ihn alſo auf die Spur, und ſeht, was er ſagt.“ „Bohs,“ rief Cook den Hund an—„Bohs— komm her, Alter— was hältſt Du von der Fährte 3* ——— 36 hier? ſuch, mein Hund— ſuch— und nimm Dich zu⸗ ſammen, mein Burſche.“ Bohs gehorchte zwar der Aufforderung, ſchien aber ſonſt ungemein wenig Luſt zu haben, ſich irgend weiter zu bemühen. Seine Meinung war in dieſer Nacht ſchon zu oft befragt worden, als daß er darin etwas beſonders Ehrenvolles oder Außerordentliches hätte ſehen können, und mit ſchwerfälligen langſamen Schritten ſtieg er auf die höher liegende Felsplatte hinauf, ohne ſich auch nur die Mühe zu nehmen, die Naſe auf den Boden zu halten. „Nun ſeh Einer das faule Vieh an!“ rief James unwillig;„mich wunderts nur, daß die Beſtie überhaupt noch die Beine hebt; ich legte mich doch lieber gleich nieder und— ha— jetzt wittert er etwas.“— 6. Bohs ſchien in der That plötzlich auf andere Ge⸗ danken zu kommen, denn er blieb ſtehen, ſpitzte die Oh⸗ ren, blickte rechts und links mit ſchnellen, lebhaften Ge⸗ berden umher und jetzt, als er noch einmal den Stein, auf dem er ſtand, berochen hatte, ſträubten ſich ſeine Haare— er knurrte leiſe und ſchaute, mit dem Schwanze wedelnd, zu ſeinem Herrn auf. „Das muß ein Wolf geweſen ſein,“ ſagte James unmuthig. „Ein Wolf oder Neger!“ rief Cook—„er zeigt Beide auf gleiche Arten.“ „Ein Neger? dann wahrhaftig iſt's der vom Fourche la fave entflohene Mulatte, und er ſoll uns nicht mehr entgehen. Zum Henker mit ihm, es iſt Zeit, daß wir ihm das Handwerk legen. Was ſagt der Hund?“ Bohs ſah mit ſeinen klugen Augen fragend zu dem Herrn empor, und als dieſer ihm ſchmeichelnd den brei⸗ ten Nacken ſtreichelte und ihn ermunterte der Spur zu folgen, wedelte er aus Leibeskräften mit dem Schwanze, um vor allen Dingen ſeine unbedingte Bereitwilligkeit auszudrücken dem Befehl Folge zu leiſten, dann aber wies er knurrend die Zähne, ging ein paar Mal mit majeſtätiſchen Schritten um den Stein herum und ſtieg nun, die Naſe dicht am Boden, langſam den ſteilen Gebirgsrücken, an deſſen Fuß ſie ſtanden, hinauf. Cooks Jagdruf brachte den Sohn mit den Pferden zur Stelle, und feuerte zugleich den treuen Hund an; die Männer ſprangen in die Sättel, und fort gings, dem Führer nach, der nur im Anfange manchmal ſtehen blieb, um die Jäger auch nachkommen zu laſſen, dieſe aber kaum beritten ſah, als er mit fröhlichem, halblau⸗ tem Gebell einige gar wunderſeltſame Luftſprünge aus⸗ R 38 führte und dann in langgeſtrecktem Trabe ſchnell und ſicher der Bahn folgte. Die Reiter blieben ihm, da der Wald hier nicht ſehr verwachſen war, dicht auf den Hacken, und Bohs, der im Anfange in ziemlich gerader Richtung den Berg hinanklomm, folgte jetzt dem Gipfel deſſelben, der ſich, von Nord⸗Weſt nach Süd⸗Oſten laufend, aus dem In⸗ nern des Landes kommend, zum Miſſiſſippi hinabzog. Sander wollte nun hiergegen allerdings Einwendungen machen, und behauptete, der Hund müſſe ſich irren, der Flüchtling ſei gewiß eher waldeinwärts als dem ziemlich dicht beſiedelten Flußufer zugeflohen; Cook dagegen meinte lächelnd, er ſolle ſeinen Hund nur gehen laſſen, der wiſſe was er wolle, und werde ſie wahrhaftig nicht auf der Rückfährte fortnehmen. Das geübte Auge des Waldbewohners hatte indeſſen auch ſelbſt auf weicheren Stellen des Bodens mehre Fußtapfen gefunden, die un⸗ ſtreilig von dem Flüchtling hinterlaſſen waren, und ihn ebenfalls nicht mehr über die von ihm den wnnehe Richtung in Zweifel ließen. Plötzlich hielt Bohs, ſuchte rings auf dem Boden umher und ſchien dann die Männer erwarten zu wollen. Dieſe, die bis dahin weniger auf den Hund geachtet, als den Wald ſelbſt im Auge behalten hatten, um wo “ S — 39 möglich den Mulatten ſelbſt irgendwo zu erſpüren und dann augenblicklich auf warmer Fährte nachſetzen zu können, langten bald auf der Stelle an, wo der Rüde unſchlüſſig zu werden ſchien, und fanden hier die deutlichen Spuren eines noch nicht lange verlaſſenen und nur flüchtig benutzten Lagers. Ein kleines Feuer hatte hier gebrannt, und umherliegende Federn und Knochen, wie ſpitzig zugeſchnittene Hölzchen bewieſen deutlich genug, daß hier ein armer Truthahn überraſcht, erlegt und auch theilweiſe gleich verzehrt worden war. „Beim Himmel, die haben ſich's hier ordentlich be⸗ quem gemacht!“ lachte Cook,„daß wir aber den Schuß nicht gehört haben.“ „Wer weiß denn wie weit der Burſche noch Vor⸗ ſprung hat,“ erwiederte James;„das Braten muß ihn aber auf jeden Fall aufgehalten haben; er kann gar nicht glauben, daß es irgend Jemandem eingefallen iſt ihm zu folgen. Nur vorwärts jetzt; wir dürfen die ſchöne, auf ſolche Art gewonnene Zeit nicht wieder durch Gaffen und Plaudern vergeuden, Bohs wird ebenfalls ungeduldig.“ James hatte recht, Bohs ſaß neben den halbver⸗ brannten Kohlen, blickte winſelnd zu ſeinen Herren auf, und ſcharrte bald mit der rechten, bald mit der linken —;— — 40 Vorderpfote, als ob er hätte ſagen wollen, nun ſo kommt doch und guckt nicht die Aſche und Knochen ſtun⸗ denlang an. Cook war aber abgeſtiegen und rief jetzt, als er ſich den Boden mehre Minuten lang genau und aufmerkſam betrachtet hatte: „Hier ſeh' ich Spuren, und möchte mein Pferd ge⸗ gen ein Kaninchen verwetten, daß ſie von zwei Men⸗ ſchen herrühren. Das eine iſt die breite Fährte eines Schuhs, das andere der leichte runde Eindruck eines Moccaſins. Der Schuh hat ſcharfe Hacken— ſind die Beiden auf dem Bergrücken geblieben, wo ſie allerdings am ſchnellſten fortkommen könnten, ſo brauchen wir den Hund gar nicht mehr, dem Schuh folg' ich mit bloßen Augen.“ Er hatte auch in der That nicht zu viel verſprochen, wieder im Sattel ritt er, etwas vorgebeugt und die Au⸗ gen feſt auf den Boden geheftet, raſch voran, und da Bohs ebenfalls durch das ſchnellere Weiterrücken neue Anregung fand und eifriger ſuchte, ſo ſchien ihre Ver⸗ folgung jetzt das glücklichſte Reſultat haben zu wollen. Trotz des Aufenthalts mußten die Flüchtlinge aber doch keine weitere Zeit verloren haben, denn eine volle Stunde waren ſie noch, und zwar in ziemlich ſcharfem — — — 41 das Mindeſte entdeckt hätten, was ſie konnte hoffen laſ⸗ ſen, ihrem Ziele näher zu rücken, als Bohs plötzlich 3 ſtehen blieb, die Ohren ſpitzte, den Schwanz hoch und gerade emporhielt und mit leiſem Knurren andeutete, daß er etwas ſehr Verdächtiges bemerke. Die Reiter hielten ihre Thiere augenblicklich an und ſpähten nach allen Richtungen umher; da preßte Cook auf einmal dem Seinigen wieder mit wildem Ju⸗ 3 belruf die Hacken in die Seite, ſtieß den Jagdſchrei aus und rief den Gefährten zu: 4„Dort laufen ſte— vorwärts und fangt ſie, todt oder lebendig!“. „Hurrah!“ jubelte James,„jetzt will ich doch ein⸗ mal ſehen, ob ich mir meine Kugeltaſche nicht wieder holen kann, die Peſt über die Schurken— hallo, wie ſie auskratzen— hupih! ihr Hunde, das iſt beſſeres Wild, als ob ihr einem alten Tatzenſauger auf den Hacken wäret.“ 3 Im vollen Rennen flogen die Pferde über den rau⸗ hen ſteinigen Boden dahin, und wenn auch Sander 6 nicht an ſolche Hetzen gewöhnt ſein mochte, ſo ließ ihm ſchon das Thier, das er ritt, gar keine Zeit zu langen Betrachtungen, im Gegentheil, verſuchte es fortwährend, und zwar keineswegs zur großen Zufriedenheit ſeines 42 Reiters, das erſte zu ſein. Nicht mit Unrecht fürchtete Sander nämlich, wenn er ein zu grimmer und eifriger Verfolger ſchien, etwas von dem Blei als Vorausbezah⸗ lung zu empfangen, was die Flüchtigen in letzter Nacht entwendet hatten. Er fand jedoch bald, daß es unmög⸗ lich wäre ſein Pferd einzuzügeln, und fort ſtürmten die Reiter, fort in unaufhaltſamer Schnelle; wie die wilde Jagd brauſten und praſſelten ſie mit klappernden Hufen über die hinter ihnen hinausſtiebenden Steine hin und mit jedem Augenblick näherten ſie ſich mehr und mehr den Flüchigen1 7 **.**.** x* † 3* Dort, wo die Verfolger jene Ueberreſte eines klei⸗ nen Feuers fanden, hatte Cotton, der es wirklich gar nicht für möglich hielt, daß ſte aufgeſpürt werden könn⸗ ten, einen wilden Truthahn erlegt und ſchnell in einzel⸗ nen Stücken gebraten, um wenigſtens nicht durch Hun⸗ ger erſchlafft und an ſchnellerer Flucht gehindert zu werden. Cotton wäre denn auch hier ganz ruhig eine Zeitlang liegen geblieben, da er ſich mit der guten, durch die Keckheit des Mulatten gewonnenen Büchſe faſt ſicher fühlte, davon wollte aber Dan Nichts hören, und drängte ſo ungeſtüm in den Weißen und redete ſo viel von der Gefahr, der ſie hier ausgeſetzt ſeien, daß —, —— ð— —ysn 43 Cotton endlich auch einzuſehen begann, dieſſeit des Miſ⸗ ſiſſippi dürften ſie, wie die Sachen jetzt ſtünden, nicht lange mehr verweilen. Der Bergrücken, auf dem ſie ſich befanden, war der⸗ ſelbe, an deſſen Fuß Lively's Wohnung ſtand, und ſie paſſirten dieſe auch, nachdem ſie ihn erſtiegen, in kaum fünfhundert Schritten; ſpäter aber, mit dem Walde hier nicht vertraut, hatten ſie eine linke Abdachung für die gehalten, die ſich nach Helena hinabzog und waren ihr gefolgt. Dieſe dagegen beſchrieb einen Halbkreis mehr gegen Norden hinauf und endete weiter oben im Sumpf und zwar in einem ziemlich ſchroffen Abhang, der ſich von Oſt nach Weſt mit ſeinen ſteilen Seiten in ein dichtes Saſſafrasgebüſch hinabzog. Wären ſie übrigens unverfolgt geblieben, ſo konnte ihnen jener Sumpf auch weiter keine großen Schwierigkeiten in den Weg legen, denn ein öſtlicher Cours brachte ſte in kaum einer Stunde an das Ufer des Miſſiſſippi, der hier einen Bogen in das Land hinein machte. Cotton jedoch glaubte, ſie be⸗ fänden ſich in ziemlich gerader Richtung nach Helena zu, ſchlug alſo den größten Theil des Truthahns in ſeine wollene Decke, theilte das andere mit Dan, es unter⸗ wegs zu verzehren, und ſchulterte nun die Büchſe, von dem Neger gefolgt, der jedoch weit weniger ſorglos als 44 ſein weißer Begleiter, fortwährend ängſtlich überall hin⸗ ausſpähte, ob er nicht irgend etwas entdecke, das ihnen Gefahr bringen oder ihre Flucht aufhalten könne. „Wir hätten doch lieber, wie es gleich meine Ab⸗ ſicht war, die Pferde mitnehmen ſollen,“ brach der Mu⸗ latte endlich das Schweigen jetzt wären wir lange am Miſſiſſippi.“ „Und hätten Spuren hinterlaſſen, denen ſte bei Nacht und Nebel im Stande wären zu folgen,“ brummte Cotton—„nein, ſo iſt's beſſer, überdieß denk' ich, gehen wir über den Fluß hinüber und dort wird ſchon Rath werden, ein paar gute Thiere zu erwiſchen— nun?— was haſt Du wieder? Gift und Tod, Du biſt ja heut' wie ein altes Weib, alle Augenblicke bleibſt Du ſtehen, horchſt und ſiehſt aus wie verdorbenes Bier.— Was giebt's denn, in des Teufels Namen!“ rief der Verbrecher jetzt ſelbſt geängſtigt, als er den Ausdruck des Schrecks und Entſetzens in den Zügen ſeines Ge⸗ fährten las. „Hört Ihr Nichts, Maſſa Cotton?“ frug Dan flüſternd. „Was denn? was ſoll ich hören? ſo thu' doch das breite Maul auf, wozu haſt Du denn den Rachen? was ſoll ich hören?“ ——.,— „Hufſchläge!“ „Hufſchläge? Unſinn!“ zürnte der Jäger, unwill⸗ kürlich aber faſt verließ auch ſeine Wangen das Blut— „nach welcher Richtung?“ Der Mulatte legte ſich, ohne die Frage gleich zu 2 beantworten, mit dem Ohr auf die Erde, ſprang aber auch faſt in demſelben Augenblick wieder empor und rief: „Fort, fort, bei Allem was lebt, wir werden ver⸗ folgt!“ und ohne eine weitere Zuſtimmung ſeines Ge⸗ fährten abzuwarten, floh er in langen flüchtigen Sätzen auf dem Abhang hin, wobei Cotton, der ſich nicht ein⸗ mal die Zeit nahm die Wahrheit dieſer Befürchtung ſelbſt zu prüfen, ebenfalls nicht zurückblieb. Dan's 3 Ausruf ſollte aber auch nur zu bald beſtätigt werden, denn das Geräuſch, was die durch das Dickicht brechen⸗ den Verfolger machten, wurde immer deutlicher, immer lauter und nun konnte der Weiße ſogar, als er den ſcheuen Blick zurückwarf, die Männer erkennen, wie ſie jubelnd heranſtürmten und in wenigen Minuten faſt ihre Opfer einholen mußten. Cotton fühlte, wie er am Rande eines Abgrunds —,— ſtehe, erkannte aber auch, daß nur die einzige Hoffnung noch für ihn darin liege, die Aufmerkſamkeit der Ver⸗ — —— folger zu theilen. Wenig kümmerte es ihn dabei, ob ſie den Neger erwiſchten oder nicht, ſo er nur ſeine eigene Haut in Sicherheit brachte, und als der jetzt wenige Schritte vor ihm, am Rande einer ſchroff abfallenden Terraſſe, hinfloh, warf er ſich dieſe plötzlich mit kühnem Satz hinunter, drängte ſich dort durch ein dichtes Gewirr von Kaſtanienbüſchen und Hickorys und glaubte ſo die Verfolger gänzlich von ſeiner Spur abgebracht zu haben. Das wäre ihm auch vielleicht vollkommen gelungen, denn kein Pferd konnte ihm gerade da folgen, wo er den Bergkamm verließ, Cooks ſcharfes Auge hatte aber ſchon ſeine eigene Büchſe auf des Flüchtigen Schulter und in dieſem den berüchtigten Cotton erkannt; mit jedem Zollbreit Boden vertraut, ſetzte er alſo gleich da, wo er ſich gerade befand, den Hügel hinab, jenem den Weg abzuſchneiden und Sander, der ſeinerſeits ebenfalls mehr Intereſſe an dem Weißen als an dem Neger nahm, folgte dem kühnen Jäger ſo gut es gehen wollte. Nun war der Weg, den Cotton eingeſchlagen, aller⸗ dings ſo wild verwachſen und felſig rauh, daß er für ein Pferd faſt unzugänglich ſchien, Cook aber, von Ju⸗ gend auf an die raſenden Bärenhetzen gewöhnt, ſah in dieſem Ritt gar nichts Außerordentliches und folgte mit einer Nichtachtung ſeiner eigenen Gliedmaßen, die —,— —yj— * 47 Sander mehre Male dazu brachte, ſein eigenes Pferd ſcharf einzuzügeln. Das half ihm aber gar Nichts; die beiden Thiere ſchienen auf eigene Hand einen Wettlauf halten zu wollen und Alles, was ihm zu thun übrig blieb, war, den Sattel zu behaupten. Cotton hatte wieder, durch die Unebenheit des Bo⸗ dens begünſtigt, einen kurzen Vorſprung gewonnen, jetzt aber, wo eine etwas offnere Bahn den Pferden die augenſcheinlichſten Vortheile gewährte, ſchien ſich ſeine Flucht ihrem Ende zu nähern. Cook, ihm dicht auf den Ferſen, rief ihm ſchon zu, ſich gutwillig zu ergeben, oder er würde ihn wie einen Wolf über den Haufen ſchießen und hatte dabei nur die größte Mühe, Bohs zurückzuhalten, der ſich immer und immer wieder auf den Flüchtigen werfen und ihn erfaſſen wollte. In dieſes Hand blitzte aber der ſcharfe Stahl und Cook wußte recht gut, daß ſein wackerer Hund verloren geweſen wäre, hätte er ſich dem Verzweifelten auf Armeslänge genährt. Aber auch Cotton fürchtete nicht die Büchſe des Verfolgers, denn dieſem blieb ja keine Zeit zum Halten, viel weniger zum Zielen, und im Wald, vom Pferd herabzuſchießen, wäre einfach eine weggeworfene Kugel geweſen. Das Pferd gewann aber mit jedem Sprung an ihm und er ſah, daß er in wenigen Secun⸗ ————— 48 den in der Macht ſeines Feindes ſein müſſe, wenn er nicht das eigene Leben zu retten, das des Verfolgers nehmen konnte. Kaum drei Pferdelängen waren die Beiden noch von einander entfernt, da wandte ſich der Flüchtling; ſein Auge ſprühte Feuer, die Büchſe fuhr mit Blitzesſchnelle empor und Cooks Leben ſchien verfallen, denn Cotton war ein ausgezeichneter Schütze. Die raſche Flucht aber hatte ſein Blut in Aufregung gebracht— große Schweißtropfen perlten ihm Stirn und Wange hinab und trübten ſeinen Blick— wohl richtete ſich das tödt⸗ liche Rohr auf den trotzig Herbeiſprengenden, aber die zitternde Hand vermochte es nicht mehr feſt und ſicher zu halten— es ſchwankte hin und her, und als der Finger den Drücker berührte, ziſchte die Kugel harmlos an dem linken Schlaf des Jägers vorüber und durch⸗ bohrte noch den Hut des ihm dicht folgenden Sander. Ein wildes herausforderndes Triumphgeſchrei von Cooks Lippen verrieth wie gänzlich erfolglos der Schuß geweſen, und noch einmal wandte ſich der Verfolgte zur Flucht. Der Augenblick war aber gekommen, wo ſich ſein Schickſal entſcheiden ſollte; Cook verſuchte zwar zu ſchießen, ſah aber ein, wie zweifelhaft in dieſen Ver⸗ hältniſſen ein Schuß ſein mußte, er ergriff alſo das leichte 49 Rohr am ſchlanken Lauf, hob es hoch empor und holte ſchon aus zum gewaltigen und für den Flüchtigen dann auf jeden Fall verderblichen Schlag. Da blieb ſein Pferd mit den Vorderbeinen an einer ſchwachen Wein⸗ rebe hängen, that noch, im Verſuch ſich loszureißen, einen Sprung nach vorn, ſtürzte dann auf die Knie nieder und ſchleudert Cook, der in dieſem Moment gar nicht auf ſein Thier geachtet, ſondern nur den Feind im Auge behalten hatte, mit der ſchon geſchwungenen Waffe neben den raſch zur Seite ſchreckenden Verbrecher nieder. Das Blatt hatte ſich für den jungen Mann gar traurig gewandt, denn er war in der Hand eines uner⸗ bittlichen Feindes; als ſich Cotton aber raſch gegen ihn wandte und trotz dem grimmig auf ihn einfahrenden Hund den Angriff wagen wollte, kam— allerdings kei⸗ neswegs in der Abſicht, als Cotton es fürchten mußte — Sander herangeſprengt, in dem er natürlich Nichts als einen neuen Verfolger ſah. Seine eigenen Kräfte waren erſchöpft, kaum vermochten die überſpannten Glieder ihn noch zu tragen, der Trieb der Selbſterhaltung weckte aber noch einmal den ſchon faſt erloſchenen letzten Fun⸗ ken von Kraft und Energie— er ſchleuderte ſeine leere Büchſe mit verzweifelter Kraft gegen den heulend zurück⸗ II.—1747 ————— 50 fahrenden Hund, ergriff die, welche dem geſtürzten Reiter entfallen war und ſprang einen ziemlich ſteilen, von rollenden Steinmaſſen überſäeten Abhang hinab, ſah unten daß ihm der zweite Reiter nicht folge, und floh nun noch einmal, jetzt aber mit beſſerer Ausſicht auf Rettung, den letzten Hügeldamm nieder, in das ſumpfige Thalland hinein. Durch Cottons Abſprung von ihrer beabſichtigten Bahn, nahm er zwar auch zwei Verfolger von Dans Ferſen, dieſer aber zögerte nichts deſtoweniger unſchlüſſig, ob er ſeine Flucht wirklich allein verſuchen, oder dem weißen Gefährten folgen ſolle, mit dem er ja noch gar keinen Platz beſprochen hatte, wo ſie ſich, wenn getrennt, wieder finden wollten. James ließ ihm aber nicht lange Zeit zum Beſinnen; die Hufe ſeines wackern Poneys raſſelten über die ſcharfen Steine heran und mit einem: „Hurrah Du Hund, jetzt biſt Du mein!“ flog er, die Büchſe jubelnd emporgehalten, heran. Inſtinkt⸗ mäßig wandte ſich der Mulatte wieder zur Flucht, mehre, quervor über den Weg geſtürzte Fichten hemmten aber gleich darauf ſeinen Lauf, und wenn er ſte auch in wil⸗ der Haſt überſprang, ſo boten ſie doch dem nachſtürmen⸗ 4 6 4 51 den Pferd faſt gar kein Hinderniß. Im kecken Satz flog dieſes darüber hin, und als der Unglückliche den Blick wandte, ſah er ſeinen Verfolger kaum zwanzig Schritt hinter ſich. Da ſiel— weiter unten am Abhang des Hügels — ein Schuß, dort entſchied ſich vielleicht für ſeinen Ge⸗ fährten der Sieg— das blieb auch ſeine letzte Hoffnung — Nur zwei der Feinde waren hinter ihm— noch lag die Möglichkeit vor ihm, dieſe durch entſchloſſene Gegen⸗ wehr zurückzuhalten; raſch ſprang er alſo ein paar Schritte zur Seite, auf eine hochwüchſige Fichte zu, und hier,— ſein Piſtol in Anſchlag— ſtellte er ſich und rief, mit vor Anſtrengung und innerer Aufregung faſt erſtickter Stimme: „Zurück!— der iſt ein Kind des Todes, der noch einen zweiten Schritt gegen mich thut! Vater wie Sohn hatten lange genug in den Wäl⸗ dern gelebt, um nicht an die Wahrheit dieſer Drohung zu glauben, Beide wußten aber auch jetzt, daß ihr Opfer geſtellt ſei und nicht weiter könne, während ſie ſelbſt noch, mit friſchen Kräften ihm im Kampf wie Flucht begegnen konnten. Sich aber ganz nutzlos ihm als Ziel preis zu geben, fiel keinem von ihnen ein. Noch aus den Indianiſchen Kriegen her, hatten ſie ſich auch 4 ½ 52 deren Taktik angeeignet, und kaum ſahen ſie, daß der Flüchtling einen Baum annahm, ſo flogen mit Blitzes⸗ ſchnelle ihre eigenen Pferde herum, wie auf Comman⸗ dowort ſprangen ſie gleichzeitig aus den Satteln und jeder glitt eben ſo raſch hinter den ihm nächſten Stamm, um ſowohl ſelbſt gegen die feindliche Kugel gedeckt zu ſein, als auch jede Bewegung ihres auserſehenen Opfers überwachen zu können. Dan nun, der vielleicht glaubte, dieſen erſten Augen⸗ blick benutzen zu können, um wieder kurzen Vorſprung zu gewinnen, wollte, als er kaum die Männer ab⸗ ſitzen ſah, raſch hinein in's Dickicht, wohl aber war es gut, daß er noch einmal den Blick zurückwarf, denn ſchon lag des alten Lively Büchſe ſo ruhig wie in einem Schraubſtock, auf ihn geheftet, und faſt un⸗ willkürlich ſchmiegte er ſich ſchnell an den Boden nieder, der tödtlichen Kugel zu entgehen. „James!“ rief da der Alte hinter ſeinem Baum vor,„der Racker hält ſich von hier aus gut verſteckt; ich kann nur die Mündung ſeiner Piſtole ſehen— wenn Du im Stande biſt, ihn irgendwo unten an den Beinen zu erwiſchen, laß es ihm zukommen, aber— hab' Acht auf Dich.“— „ — — „Nur keine Angſt Vater,“— lachte der Sohn zurück,—„er darf's nicht wagen auf mich anzulegen, denn ich liege ſchon im Feuer, und wo er mir nur einen Zoll breit Raum giebt, ſitzt meine Kugel. Kurze Zeit verharrten die Dreie in ihrer, gleich von Anfang an genommenen Stellung, denn auch die beiden Lively's hatten den Schuß gehört und wollten nun, ohne das eigene Leben irgend einer nutzloſen Gefahr auszu⸗ ſetzen, erſt einmal abwarten, welch' Reſultat Cooks Ver⸗ folgung gehabt, ehe ſie ſelber etwas Entſcheidendes un⸗ ternähmen. Daß ihnen der Mulatte nicht mehr ent⸗ gehen konnte wußten ſte recht gut, und James ſtieß jetzt ſeinen laut gellenden Jagdſchrei aus, der auch nicht lange ohne Erfolg blieb. Die Büſche brachen in je⸗ ner Richtung nach welcher der Weiße geflohen war, und Sander ſprengte auf ſchäumendem Roſſe durch das Dickicht. Dan hörte ebenfalls das Geräuſch und bog ſich etwas nach vorn, zu ſehen welch neuer Feind ihm dort erſcheine. Da berührte des alten Lively Finger den Stecher, und der Schuß dröhnte durch den ſtillen Wald. Nun hatte Lively aber keineswegs auf den Mulatten ſelbſt gezielt gehabt, ſondern nur ein, am Stamm locker hängendes Stück Rinde auf's Korn genommen, um den Flüchtling vielleicht zu erſchrecken und zur Uebergabe zu zwingen, dieſer aber, der wahrſcheinlich glaubte, daß er durch ſeine vorige Bewegung irgend eine Blöße gegeben hätte, oder auch vielleicht von der abſpringenden Rinde leicht berührt wurde, ſprang raſch und unwillkürlich nach vorn, vergaß aber dabei ganz, welch gefährlicher Feind ihn hier bedrohe. Mit Blitzesſchnelle richtete ſich James Rohr, und in demſelben Moment zuckte auch der Strahl aus ſeiner ſicheren Büchſe, während der unglückliche Mulatte, durch den Schenkel getroffen, wehklagend zu Boden ſtürzte. Dieſe Wunde wäre nun allerdings nicht tödtlich ge⸗ weſen, ſondern entſprach nur dem Zweck,„den Nigger zu fangen“ wie es die Abſicht der Hinterwäldler gewe⸗ ſen, jetzt aber ſprengte mit wildem Schreien, die blon⸗ den Locken wild um die Schläfe flatternd, den feinen Tuchrock durch Dorn und Rebe zerriſſen, die Flinte aber hochgeſchwungen in der Hand, Sander auf den Schau⸗ platz, warf ſich neben dem verwundeten Mann vom Pferde und ſchmetterte ihm auch ſchon im nächſten Mo⸗ ment den ſchweren Kolben auf den Schädel nieder, daß er nur noch kaum den Arm zum Schutz emporwerfen konnte und dann, von dem gewaltigen Schlag beſin⸗ nungslos, zuſammenbrach. Sander aber, damit keines⸗ ———— ——— —- 7 — 55 wegs zufrieden, holte ſchon auf's Neue aus; jetzt aber hatte auch James den Platz erreicht, und warf ſich ihm entgegen— „Halt Sir, halt ſag' ich— iſt das bei Euch Sitte, einen Menſchen zu mißhandeln, wenn er verwundet am Boden liegt?“ * „Die Peſt über den Schuft! ſchrie da mit heiſerer Stimme Sander, und verſuchte, ſich von dem jungen Manne loszumachen—„laßt mich dem Buben den Schädel einſchlagen, Mann, oder wollt Ihr einen von der Bande entkommen laſſen, während Euer eigener Freund unten in der Schlucht durch's Herz geſchoſſen liegt?“ „Was?— Cook?“ rief James entſetzt und ließ den Arm des jungen Böſewichts frei, der raſch die ſchwere Waffe zum dritten Mal hob und ſchon mit zorn⸗ blitzenden Augen die Stelle erſah, wo er ſie am tödt⸗ lichſten einſenken könne. Indeſſen war aber auch der alte Lively, nicht ſo flink mehr auf den Füßen als ſein Sohn, herangekommen, riß ohne weiteres die Schroth⸗ flinte aus des Wüthenden Hand und warf ſie weit von ſich, trat dann zwiſchen ihn und den bewußtloſen Mu⸗ latten und rief ärgerlich: 8 „Gottes Tod, Sir, wenn Ihr mit Gentlemen auf die Jagd reitet, ſo betragt Euch auch wie ein Gentleman; der Gefangene hier iſt unſer und wir wollen ihn ſchon deshalb lebendig behalten, um über Manches, was uns hier weggekommen iſt, Aufſchluß zu hören.“— „Er hat aber Eueren Kameraden ermordet,“ rief „ Sander dagegen. „Der kommt da eben über den Berg herüber,“ erwiederte der Alte ruhig, und in der That kam auch Cook, der den Schuß gehört hatte, zu Fuß und mit blutender Stirn, ſeine eigene Büchſe aber in der Hand, über den niederen Hügelkamm, der ſich hier wel⸗ lenförmig nach nordweſten hinauf zog. Cook wollte jetzt aber vor allen Dingen wiſſen, weshalb Sander ihm nicht beſſer beigeſtanden und den Flüchtigen mit ſeiner Schrothflinte wenigſtens in die Beine geſchoſſen habe. Sander behauptet dagegen viel zu weit entfernt, geweſen zu ſein und ſagte, er hätte ihn ſelbſt von der Kugel tödtlich verwundet geglaubt.“ „Dann war's allerdings recht freundlich, mich ſo allein zwiſchen den Steinen liegen zu laſſen,“ brummte Cook— doch wahrhaftig— dort liegt der Mulatte— iſt er todt?“ —— — Mit wenigen Worten erzählte er nun den Hergang ſeiner Verfolgung, und wie ihm unglücklicher Weiſe im entſcheidenden Moment das Pferd geſtürzt ſei. Weiter nachzuſetzen blieb nutzlos, da Bohs wohl der Spur eines Mulatten, keineswegs aber der eines Weißen gefolgt wäre, wenn er noch überhaupt hätte laufen können. Der Schlag nämlich, den der Flüchtling gegen ihn ge⸗ führt, als er an ihn anſpringen wollte, hatte ſeine Schulter und ſein Rückgrat getroffen, ſo daß er, wann ihm auch vielleicht kein Knochen beſchädigt war, doch kaum mehr von der Stelle konnte und mit augenſchein⸗ licher Anſtrengung und Pein hinter ſeinem Herrn her hinkte. Sie beſchloſſen alſo, den Neger vor allen Dingen mit zu Haus zu nehmen, das ihnen auf jeden Fall näher als Helena lag, und dort das Weitere zu be⸗ reden. James Kugel war dem armen Teufel oben durch den rechten Schenkel gegangen und er blutete ſtark, der Kolbenſchlag ſchien aber viel gefährlicher für ihn geworden zu ſein Adenn ſein rechter Arm, den er der⸗ nieder ſchmetternden Waffe entgegen gehalten, war dicht über dem Handgelenk abgebrochen und das Blut — quoll auch in dunklen, langſamen Maſſen aus dem —— —— —— 58 ſchwarzen Wollenhaar an der rechten Seite ſeines Kopfes hervor Der alte Lively verband ihn nun zwar ſo gut es gehen wollte, der Mulatte gab aber kein Lebenszeichen von ſich; nur das ſchwache Schlagen ſeines Herzens verrieth noch daß er athme, und ſie konnten ihn nicht anders transportiren, als vermittelſt zweier Satteldecken, die ſie zwiſchen die Pferde Cooks und des alten Lively ausſpannten und ſo eine Art Trage bildeten, mit der ſie freilich nur entſetzlich langſam über den rauhen Boden vorzurücken vermochten. James jedoch erklärte, den entflohenen Weißen diesmal nicht ſo leichten Kaufs davon zu laſſen, ſon⸗ dern auf ſeiner Fährte bleiben zu wollen, ſo lange ihm das irgend möglich ſei. Er bat alſo nur noch ſeinen Vater, ihn bei den Damen zu entſchuldigen, da dies eine Sache von Wichtigkeit ſei und nicht aufgeſchoben werden könne, ſchulterte dann ſeine Büchſe, warf ſich auf ſein Pferd und folgte, ſo raſch es ihm ſein Scharf⸗ blick, ja und ſelbſt der Inſtinkt des Jägers geſtattete, die Stellen auszuwühlen die ein flüchtiger Mann am wahrſcheinlichſten einſc=hlagen würde, den Spuren des Weißen, der übrigens, wie er hie und da bemerkte, verwundet ſein mußte, da er an mehren Orten Blut⸗ flecken fand. An einem Stein aber, wo er ſich, — — 59 wahrſcheinlich keine Verfolger mehr fürchtend, verbun⸗ den hatte, hörten dieſe auf, und dem jungen Mann blieb es jetzt überlaſſen, da eine Fährte zu erkennen, wo das Auge des Laien nur, noch nie vom menſchlichen Fuß berührte Wildniß geſehn haben würde. . . III. Bolivar.— Marie's Flucht. In derſelben Zeit etwa, wo Tom Barnwell von Helena abſtieß, um in Montgomerys Point Vorerkun⸗ digungen einzuziehen und das Flatboot am nächſten Morgen wieder zu treffen, ſchoß auch aus den tief über⸗ hängenden Weiden der Inſel ein kleiner ſchmaler Kahn in die Strömung des Miſſiſſippi hinaus und hielt dem Arkanſiſchen Ufer zu. Zwei Perſonen ſaßen darinnen, der Neger Bolivar und der Meſtizenknabe Olyo— und der erſtere handhabte die beiden Ruder, in die er ſich aus allen Kräften hineinlegte, während der andere in nachläſſig vornehmer Stellung hinten im Stern des kleinen Bootes lag und das leichte Steuer regierte. Er trug eine einfache graue Livree und zwar nur in Jacke und Beinkleid beſtehend, deren Nähte mit — — 61 carmoiſtnen Schnüren beſetzt waren, eine eben ſolche Mütze lag neben ihm, ſeinen Kopf aber ſchützte ein gro⸗ ßer breiträndriger Strohhut gegen die ſengenden Son⸗ nenſtrahlen. Bolivar dagegen ſchien dieſe um ſo we⸗ niger zu achten, ja im Gegentheil ſich eher behaglich darin zu fühlen, denn er hatte Hut, Jacke und Hemd abgeworfen und nur die weiten grauleinenen Beinkleider anbehalten, ſo daß die Sonnengluth unmittelbar auf ſeine muskulöſen feuchtſammtnen ſchwarzen Schultern herabbrannte. Im Kahn lagen mehre ſtarke Blei⸗ tafeln, über die zuſammengelegtes Leinen— vielleicht ein Sack— hingeworfen war. Ein gar freundliches Verhältniß mußte aber zwiſchen den Beiden, dem Manne und dem Knaben nicht obwal⸗ ten, denn der Neger blickte, ohne ein Wort mit ſeinem Gefährten zu wechſeln, mürriſch vor ſich nieder, während Olyo, wie zum Hohn, eines der ſogenannten Nigger⸗ lieder pfiff und dabei ſpöttiſch lächelnd über die dunklen Glieder des Aethiopiers hin nach dem breiten Waldſtrei⸗ fen ſah, dem ſie ſich mehr und mehr näherten.— Der Knabe Olyo war nämlich ein Meſtize— von weißer und Indianiſcher Abkunft— was ihn, den Nordamerikaniſchen Anſichten nach, weit über den Neger ſtellte; ohnedieß wurde er aber auch noch von ſeiner ſchönen 62 Gebieterin vor allen Andern wie ein verzogenes Kind begünſtigt, ſo daß er ſich ſelbſt gegen die weißen Män⸗ ner der Inſel, wenn nicht herriſch, doch jedenfalls trotzig und unfreundlich benahm, weshalb ihm auch kei⸗ ner derſelben grün ſein mochte und nur Alle eben die Scheu vor dem Capitain ſelbſt zurückhielt, daß ſte nicht den Favoriten ſeines Weibes einmal recht derb und nachdrücklich züchtigten. Bolivar aber, der als der ein⸗ zige Neger, und daher unter dem Knaben ſtehend, deſ⸗ ſen Tyrannei ſchon mehre Male hatte ertragen müſſen, ohne weder von Kelly ſelber Genugthuung, ja bei Georgine ſelbſt Gehör zu finden, nährte einen fin⸗ ſteren Haß gegen den jungen leichtſinnigen Burſchen, und wohl nichts Gutes mochte es dieſem prophezeiheu, daß der Blick des Aethiopiers manchmal, und wenn auch nur für Secunden, mit einem wilden, triumphiren⸗ den Lächeln auf dem ſchönen Antlitz des ſchwarzlockigen Knaben ruhte. Endlich brach Bolivar das Schweigen und brummte, während er eine kurze Zeit mit Rudern einhielt: „Steuert, zum Donnerwetter, grade, oder laßt's ganz ſein— der Henker ſoll eine ſolche Arbeit holen, wo man einmal im rechten und einmal wieder im lin⸗ ken Ruder liegen muß, weil's dem jungen Herrn da 63 eben bequem iſt, bald hierherüber, bald dahinüber zu halten—'s iſt kein Kinderſpiel, in ſolcher Hitze zu rudern.“ „Deinen Teint wird ſte Dir wenigſtens nicht verder⸗ ben,“ ſpöttelte der Meſtize—„aber, Ruhe da vor dem Maſt ſein, ob Du ein paar Ruderſchläge mehr thuſt oder es kann oder muß Dir vielmehr egal nicht. Unship your star board wheel— hörſt Du, Bolivar— Du ſollſt mit dem rechten Ruder einmal aufhören— Holzkopf, verſteht den gewöhnlichſten Dampfboot⸗Ausdruck nicht.“ „Wir dürfen nicht ſo hoch oben landen,“ erwiederte finſter der Neger—„ſeht Ihr dort weiter unten den hellgrünen Fleck?— es iſt gerade da, wo der Rohr⸗ bruch bis vorn an das Ufer läuft? dort geht eine kleine Bayou hinein, und da wollen wir das Boot laſſen; alſo ſteuert jetzt ordentlich, oder laßt das Ruder ganz liegen.“ „Hu hu hu— alter Brummbär,“ ſpöttelte ihm der Knabe nach—„wenn ich nun nicht will?— he? aber meinet wegen, deſto eher werde ich Deine häßliche Geſellſchaft los, ſo habe denn dieß eine Mal Deinen Willen. Wo find' ich das Pferd?“ „Ich zeig' Euch den Platz, wenn wir hinkommen.“ „Und die Straße?“ 64 „Keine fünfhundert Schritte weſtlich von dort.“ „Führt keine rechts oder links ab?“ „Keine“— ſagte der Neger düſter—„habt keine Angſt, Ihr könnt den Weg nicht verfehlen.“ Olyo ſchien beruhigt und regierte von da an das Steuer regelmäßiger, Bolivar aber überflog jetzt for⸗ ſchend mit den Blicken die weite Fläche des Stroms, die er von dort aus überſehen konnte. Nichts ließ ſich erkennen, als drei oder vier Flatboote, die langſam und träge mit der Fluth ſtromab kamen. Das kleine Boot gerieth jetzt in die ſtärkere Strömung, die dicht am Ufer hinſchoß, und Bolivar ruderte aus Leibeskräften. „Haltet ein klein wenig mehr ſtromauf“— rief er dem Knaben zu—„noch mehr— ſo— die Fluth reißt uns ſonſt unter jenen Baumwollenholzbaum.“ „Der Fluß ſteigt!“ meinte der Meſtize, während er auf die raſch vorbeitreibenden gelben Schaumblaſen ſah—„nun Zeit iſt's auch— die Miſſouri⸗Waſſer haben dies Mal lange auf ſich warten laſſen. Aber halt, Bolivar— halt, ſag' ich— verwünſchter Nigger, Du führſt mich ja mitten in die naſſen Büſche hier hin⸗ ein,“ rief der Kleine plötzlich, als der Neger ſcharf in die ſchmale Mündung der Bayou hielt, die von tief in das Waſſer hängenden Reben und Ranken faſt ver⸗ — 65 ſchloſſen war.— Bolivar ſchien den Rath aber nicht zu achten.—„Wirſt noch näſſer werden,“ murmelte er vor ſich hin und im nächſten Moment warf er mit ſchnellem Ruck die Ruder aus ihren Ruderlöchern in das Boot, während dieſes durch die letzte Anſtrengung pfeil⸗ ſchnell vorwärts getrieben, raſch in das grüne Gewinde hineinglitt und dahinter verſchwand. Was bedeutete jetzt jener ſcharf abgebrochene, wilde, kreiſchende Angſtſchrei? jenes kurze, aber verzwei⸗ felte Ringen?— die Schlinggewächſe erzitterten und aus der Bayou vor drängten ſich kurze kleine Schlag⸗ wellen, als ob da drinnen irgend ein großer Fiſch das Waſſer peitſche.— Kein Laut wurde aber mehr gehört — die Reben hörten endlich auf zu ſchwanken, das Waſſer beruhigte ſich wieder und mehre Minuten lang herrſchte ein lautloſes, unheimliches Schweigen— end⸗ lich theilten ſich die Büſche— der Kahn glitt daraus hervor und hinten darin ſtand der Neger— allein. Sein ganzes Ausſehn war wild und verſtört und ſein Antlitz hatte eine graue Aſchenfarbe angenommen — er ſtrich ſich die wirren Wollbüſchel aus der Stirn und blieb, als das Boot langſam mit der Strömung hinabtrieb— mehre Seeunden lang tief Athem holend ſtehn. Endlich warf er einen ſcheuen trotzigen Blick nach II. 5 ———J—————. 66 dem grünen Dickicht zurück, das er eben verlaſſen hatte, griff dann wieder zu den Rudern und arbeitete ſich lang⸗ ſam am Arkanſiſchen Ufer hinauf, um weiter oben, quer durch nach der Inſel zurückhalten zu können. Nur einmal hielt er unterwegs an, und zwar, vor der Strömung geſchützt, dicht hinter einem dort in den Strom geſtürzten Baum, an deſſen Aeſten er ſeinen Nachen auf kurze Zeit befeſtigte. Hier wuſch er ſich den Oberkörper, ſcheuerte einzelne Theile des Bootes aus und zog dann ſein Hemd und ſeine Jacke an. Als er die Jacke aufnahm, fielen zwei darunter geſchobene und ſchon vergeſſene Briefe ins Boot hinein. Bolivar konnte zwar nicht leſen, aber dennoch betrachtete er die Adreſſe des einen mit großer Aufmerkſamkeit— es war ein Blutfleck darauf. Mit dem breiten angefeuchteten Finger verſuchte er ihn wegzuwiſchen, doch das ging nicht, der Fecken wurde nur noch größer und häßlicher. Er hielt den Brief jetzt ein paar Secunden in der Hand, und ſchien nicht übel Luſt zu haben, ihn über Bord zu werfen. Er drehte ihn bald rechts, bald links, dann aber, als ob er ſich eines beſſeren beſönne, trocknete er die feuchte Stelle mit dem Aermel ſeiner Jacke ſo gut es gehen wollte, und ſchob die beiden Schreiben in die weiten Taſchen ſeiner Beinkleider. 67 Schon wollte er das Tau wieder löſen, das den ſcharfen Bug des Fahrzeugs noch ſchäumend gegen die unruhigen kleinen Wellen anzog, da fiel ſein Blick auf den Platz, wo der Knabe vorher geſeſſen, und auf deſ⸗ ſen dort zurückgelaſſene Mütze. Er trat ein paar Schritte vor, nahm ſie auf, und ſah ſich rings im Boote nach etwas um— der Sack und die Bleiplatten waren verſchwunden— im Boote lag weiter Nichts als die beiden Ruder und ſein eigner Strohhut. „Verdammt,“ murmelte er vor ſich hin—„hab' ich denn gar nichts?“— mit den Händen befühlte er ſich am ganzen Körper. Da traf ſeine ſuchende Hand einen harten Gegenſtand— es war ſein großes, breites Meſſer— eine ſchwere maſſive Klinge mit gewöhnli⸗ chem braunen Holzgriff und einer kleinen Kreuzplatte daran, die Hand vor dem Hineinrutſchen zu bewahren. Er betrachtete es einen Augenblick, dann murmelte er leiſe vor ſich hin: „Hol's der Henker— von dem Zeug giebts drüben noch mehr und beſſere Waare— das hier mag ſeine letzten Dienſte verrichten.“ Und damit ſpießte er die kleine Mütze auf den ſpitzen Stahl— drückte ſie bis dicht unter das Heft und hielt ſie mit ausgeſtrecktem Arm hinaus, über das 5* 68 Waſſer. Im nächſten Moment ſpritzten die Wellen em⸗ vor und ſchloſſen ſich augenblicklich wieder über der tief hinab tauchenden Waffe. Der Neger ruderte langſam zur Inſel zurück. Dort gings aber heut' gar wild und luſtig zu; reiche Beute war am vorigen Tage eingekommen, noch reichere wurden in Kurzem erwartet, und die Führer hatten Beide die Inſel verlaſſen, was Wunder dann, daß ſich dieß wüſte Volk zügelloſer Völlerei überließ und jetzt nur noch mit Mühe von dem faſt allein nüch⸗ ternen Peter im Zaume gehalten werden konnte, der ſie wieder und immer wieder vor den Folgen warnen mußte, wenn vorüberfahrende Boote den Lärm hören ſollten. Die Schaar war aber auch faſt nicht einmal mehr damit einzuſchüchtern, ſie behaupteten, das ſei ſchon oft vorgefallen, und kein Flatbootmann würde darin etwas Außerordentliches finden, wenn er Lärmen und Geſchrei auf irgend einem ſonſt unbewohnten oder ihm wenigſtens unbekannten Platz höre. Ueberdieß könne ja doch keiner landen, dafür wäre geſorgt. Peter, der ſich nicht anders zu helfen wußte, hatte ſchon mehre Male des Capitains Frau zu bereden ge⸗ ſucht, zwiſchen die Trunkenen zu treten und ſte zur Ord⸗ nung anzuhalten, dieſe aber tröſtete ihn fortwährend 69 mit Kelly's baldigem Erſcheinen und immer wieder um⸗ ſonſt verſchwendete er Bitten und Drohungen an die zügelloſe Bande. Da landete Bolivar, verbarg ſeine Jolle und betrat den inneren, von den Gebäuden eingeſchloſſenen Raum, wo er mit wildem Jauchzen von den Zechenden begrüßt wurde. Nun war der Neger ſonſt allerdings eher mürriſcher, verſchloſſener Natur, und hielt ſich am lieb⸗ ſten fern von den Weißen, die ihn doch ſtets ſeiner Hautfarbe und Abſtammung wegen verachteten. Heute aber, in ſeiner jetzigen Stimmung und Aufregung, kam ihm ein ſolches Treiben gerade gelegen; ſeine Augen glänzten in lebendigerem, wilderen Feuer, und mit einer Art Schlachtſchrei— wer weiß denn, ob er nicht in dem Augenblick an die tollen Kämpfe in Kongo oder Guinea zurück dachte— ergriff er die dargereichte Flaſche und ſchien ſie im wahnſinnigen Rauſche leeren zu wollen. „Halloh!“ rief aber da ein langer Burſche aus Illinois—„halloh, mein Türgey Buſſard, willſt wohl den Brunnen auf einen Anſatz austrinken? abgeſetzt, Schneeherzchen, abgeſetzt und Athem geholt, nachher kann man auch noch ein vernünftiges Wort mit zur Unter⸗ haltung beitragen.“ „Die Peſt auf Euere Unterhaltung,“ brummte der Neger,„Euer Brandy iſt mir lieber— aber gebt her die Flaſche— er ſchmeckt. Wo habt Ihr den wieder aufgegabelt, aus den nördlichen Staaten, wie?“ „Hahaha— die braune Chokoladentafel hat eine ſuperfeine Naſe“— lachte der Illinoiſer,„wittert den Braten auf Tiſchlänge— weiß, daß wir ganz kürzlich ein koſtbares Nordboot gekapert haben, und iſt nun ſo verdammt ſcharfſichtig zu ergründen, daß dieſer vortreff⸗ liche Pfyrſichbrandh aus dem Norden kommt. Aber, Schätzchen, Du mußt auch Kunſtſtücke machen wenn Du trinken willſt, mußt Dir Dein tägliches Brod verdienen, auf daß Dir's wohlgehe und Du lange lebeſt auf Erden.“ „O geht mit Euren Narrheiten zum Teufel, Corny, gebt die Flaſche, ſag' ich, mich durſtet— nein? ei ſo behaltet Euer Geſöff und fahrt zur Hölle— ˙s wird wohl noch anderer aufzutreiben ſein.“ Und damit wandte er ſich ab, und wollte zu ſeinem eigenen kleinen Wohnhaus, das dicht an das ſeines Herrn angeſchmiegt ſtand, gehen, Corny vertrat ihm aber den Weg und während er ihm mit der linken die bis dahin verwei⸗ gerte Flaſche vorhielt, erfaßte er mit der rechten Hand ſeinen Arm und rief: 71 „Halt da, meine Alabaſterkrone, ſo kommſt Du mir heute Abend nicht fort— ich habe den Burſchen hier — Gelbſchnäbel, Bolivar, die eben aus den Buckeye⸗ ſtaaten herauskommen, elende erbärmliche Hooſier nur — von Deinen Schädelfähigkeiten und Kopfarbeiten erzählt— nicht Hirnprodukte, Bolivar, ſondern reine Schädelmanufactur.— Weißt Du wohl, alter Burſche, wie Du uns neulich mit der Stirn den Käſe durchge⸗ ſchlagen haſt? Denk Dir, die Lumpe hier wollen mir das nicht glauben— Landratten die es ſind— ich habe um zwanzig Dollar mit ihnen gewettet, Schnee⸗ ball; willſt Du ſte mir verdienen helfen? halbpart, mein Silberfaſan!“ „Ich wär' gerade heut' Abend zu ſolchen Albernhei⸗ ten aufgelegt,“ knurrte der Neger,„— die Peſt auf Euere zwanzig Dollar, ich habe heute mehr Dollar ver⸗ dient, als Ihr in Eueren Hut ſchütten könnt zwan⸗ zig Dollar— pah!“— und er ſchlug dem Weißen ein Schnippchen, und wollte ſich von ihm losmachen. Der aber, nicht geſonnen den einmal Gefaßten ſobald wieder loszulaſſen, hielt nur um ſo feſter und rief, während er den Uebrigen einen von dem Neger unbe⸗ merkten ſchlauen Blick zuwarf, und nach etwas an ſei⸗ nem Körper umherfühlte: „Hier, Bolivar— hier, meine zuckerſüße Puder⸗ quaſte, meine liebenswürdige Theeroſe— hier ſieh ein⸗ mal, was ſagſt Du zu dem Meſſerchen, ah? verlohnte es ſich denn der Mühe, eines ſolchen Prachtſtücks wegen einmal einem Freund gefällig zu ſein?“ Die Uebrigen ſtürmten jetzt auch auf Bolivar ein und ein Theil bat, der andere lachte und ſagte er wiſſe ſelber am beſten, daß er es nicht könne, deshalb ſei er auch ſo breitwillig. Bolivar dagegen, ohne ſich weiter um Hohn oder Bitten zu kümmern, griff nach dem Meſ⸗ ſer und heftete den funkelnden Blick auf den herrlich verzierten Stahl. Es war ein türkiſcher Scimitar— Gott weiß wo erbeutet, auf jeden Fall aber leicht ge⸗ wonnen— mit mattgrüner gewäſſerter Klinge und koſtbarem, gold⸗ und ſilber⸗geſchmückten Griff— eine 4 Waffe, die ein Sultan hätte tragen können. Wäre er nüchtern geweſen, ſo mußte er Verdacht ſchöpfen, weshalb der wilde Bootsmann ſo werthvollen Preis auf einen tollen Streich ſetzte, ſo aber, durch das raſch hinabgeſchüttete feurige Getränk erregt— gerade einer Waffe bedürftig, ſchien er ſich plötzlich eines beſſeren zu beſtnnen. Er blickte mit den rollenden Augen raſch im Kreiſe umher, jauchzte dann, den alten Strohhut weit in die Ecke zurückſchleudernd, laut auf und ſchrie: 8 2 . 1 3 „Hurrah, meine Burſchen— der Genickfänger iſt prächtig— Bolivar will Euch zeigen, wie man ſich in einen„Weſtlichen Reſerve⸗Käſe“ hineinarbeitet. Huſſah — wer will noch mehr dagegen ſetzen?“ Ein wildes Getümmel entſtand jetzt, Alles drängte und ſchrie durch einander, und Bolivar, mitten zwiſchen den Uebrigen, die blanke Waffe gezogen, das dunkle Geſtcht mit den weißen rollenden Augen und den Elfen⸗ bein⸗Zähnen, tanzte in phantaſtiſch⸗raſenden Sprüngen einen Jim Crow, während er mit gellender ſcharfer Stimme die Melodie dazu ſang: „Dreht Euch nur Ihr Niggers— dreht Euch nur im Ring. Dreht Euch nur und wendet Euch und höret was ich ſing— Singen will ich Euch ein Lied, vom braunen Bill und Joe Und jedesmal beim letzten Vers da ſpringe ich Jim Crow! und mit einem Ton auf der letzten Sylbe, der durch Mark und Bein drang, tanzte er, unter dem Beifalls⸗ ruf der jetzt einen Kreis Bildenden, den beliebten und von ihm mit bewundernswerther Muskelkraft ausgeführ⸗ ten Negertanz, während er mit Hacken und Zehen den ſchneller und immer ſchneller wirbelnden Takt dazu ſchlug. l jetzt Peter, noch einmal zwiſchen ſie ſpringend, während er den Neger bei den Schultern faßte und ihn zu be⸗ ruhigen ſuchte;„heilige Dreifaltigkeit“— Peter ſchwur nur dann bei etwas Heiligem, wenn er wirklich ernſtlich wüthend war—„'s iſt ja um rein toll zu werden. Wollt Ihr uns denn die Nachbarſchaft mit Teufels⸗Gewalt auf den Hals ſchreien?“ „War einmal ein Nigger“— jauchzte Bolivar, indem er, trotz dem Gegendruck— immer wieder, wie eine niedergedrückte Stahlfeder emporſchnellte— „War einmal ein Nigger— gar ein großer Mann, Hatte gelbe Hoſen und auch gelbe Stiefeln an, Aber ſeinen Hut dabei, den trug er etwa ſo, Und jedesmal beim letzten Vers, den tanzte er Jim Crow Hurrah hoh!“ „Bravo— bravo!“ ſchrie die Schaar—„Peter ſoll auch tanzen— hurrah für Peter!“ „Ruhig, Ihr Kreuzkröten, Ihr— ruhig, ſag' ich.“ tobte Peter dagegen, und machte faſt noch mehr Lärm als die Uebrigen; der Illinoiſer aber brachte den Hau⸗ fen wieder auf das frühere Originalthema zurück. „Den Käſe her!“ rief er—„den Käſe her— „So haltet zum Donnerwetter die Mäuler!“ rie 9 3 75 Bolivar will ihn chineſiſch begrüßen— bringt einen Käſe.“— Einige liefen augenblicklich fort und kamen bald mit einem der ſogenannten„Weſtlichen Reſerve⸗Käſe“ zurück, die in den nördlichen Staaten, beſonders in Ohio und Penſylvanien ſehr viel bereitet und nach dem Süden verſchifft werden. Es ſind große runde Käſe, etwa zwei Fuß im Durchmeſſer und vier bis fünf Zoll ſtark, mit gewöhnlich dunkelgelber zäher Schaale, ſo daß der Käſe etwas ungemein Elaſtiſches hat. Ein gewal⸗ tiger Schlag gehört denn aus dazu einen ſolchen Käſe ſo zu treffen, daß ſich die Schaale in der Mitte bricht, denn gewöhnlich weicht ſte vor dem Stoß wie Gummi elaſtieum zurück. Bolivar hatte dieß Kunſtſtück aber ſchon mehre Male gemacht, und war ſeines Erfolges ziemlich gewiß. Ueberhaupt zeichnen ſich die Neger durch eine entſetzlich harte Hirnſchaale aus, die ſie ja auch oft ſelbſt unempfindlich gegen ihre ſtahlharten Kriegs⸗ keulen macht, deren Schlag den Schädel eines Weißen wie eine Cierſchaale zertrüümmern müßte. Im Ring⸗ kampf benutzt der Afrikaner ebenfalls die Stirn faſt mehr als die Fauſt, und ſucht hauptſächlich ſeinen Geg⸗ ner zu erfaſſen und mit dem eigenen Vorderkopf zu Boden zu ſchlagen; zwei mit einander ringende Neger 76 geben ſich daher oft Stöße, die, wie das Zuſammen⸗ rennen zweier Widder weit hinausſchallen, und dem Weißen beim bloßen Zuſehn Kopfſchmerz verurſachen. Der Illinoismann, der den Neger nicht recht leiden konnte, hatte ihm aber etwas ganz anderes zugedacht und beredete ſich jetzt ſchnell flüſternd mit einigen Anderen. Indeſſen hob ein junger Burſche den Käſe mit dem Rand auf eines der an der Wand hier anfgeſtellten Zuckerfäſſer, Bolivar„der indeß der Flaſche noch immer wilder und. zugeſprochen hatte, woran ihn die andern auch gar nicht verhinderten, machte noch ein paar Luftſprünge, ſchob ſein, ſchon im Voraus be⸗ anſpruchtes Meſſer in den Gürtel, faßte dann den Käſe mit beiden markigen Fäuſten, zog den Kopf, ſo weit er konnte, zurück— und ſchlug nun mit ſeiner Stirn mit ſolch unwiderſtehlicher Gewalt auf die zähe Rinde, das dieſe borſt, und ſein krauſes Wollhaar in die weiche innere Maſſe eindrang. Ein donnernder Jubelruf feierte den Triumph des Afrikaners, der den Käſe in die Höhe hob und ihn höhniſch lachend vor die Füße der Jauchzenden warf. „Da— ihr Buckra's,“ rief er dabei,—„da habt 77 Ihr Eueren Quark— in ein ſolch breiweiches Ding fährt Bolivar mit der Naſe hinein.“ Das iſt auch nur Quark!“ ſchrie da ein kleiner Hooſier, indem er ſich durch die Uebrigen vordrängte— „mit einem ordentlichen Indianakäſe ſollteſt Du das bleiben laſſen— Rußbutte!“ „Was?“ tobte dagegen der von Illinois an,„blei⸗ ben laſſen—? Bolivar bleiben laſſen? was wollt Ihr verkümmerten Hooſiers denn wohl für was Apartes haben, da oben in Eueren Holzländern— her mit dem Indianakäſe— hier ſind weun für einen— bringt den zäheſten, den ihr finden könnt und ſetzt nach⸗ her was Ihr wollt, ich halt' es, daß Bolivars Eis⸗ brecher eben ſo leicht hineinfährt, als ob's eine New⸗ Yorker Damenhutſchachtel wäre. Hurrah Bolivar, nicht wahr, wir ſind die Beiden die's der Bande zeigen können?“ „Hurrah!“ ſchluckte Bolivar, deſſen Augen ſchon anfingen gläſern und ſtier zu werden— hurrah— bringt einen von Eueren verdammten Hooſt oſterkäſen— her damit ſag' ich— hier iſt das Kind, das ihn ver⸗ nichten und bis in die Mitte nächſter Woche hineinſtoßen kann— wo iſt der Hooſierkäſe?“ „Hier, Herzchen!“ ſagte da der kleine Indiana⸗ 78 Mann, während er einen neuen Käſe brachte und auf eine flache, dicht an der Wand lehnende Kiſte ſtellte— „ſo, den verſuch, und wenn Du in den auch hineinfährſt, dann nenne mich einen Dutchman. „Huſſah— hier kommt Bolivar,“ jubelte der Ne⸗ ger, und wollte ſich ſchon, wie ein Widder, auf das neue Ziel ſtürzen, hieran aber verhinderte ihn für den Augenblick Corny und rief— „Halt, mein Schneekönig— den Käſe hab⸗ ich eben für theueres Geld gekauft, und möchte nicht gern einen Theil Deiner Wollperi fe als Angedenken darin aufbe⸗ wahrt und nachher zwiſchen die Zähne bekommen— denn daß Du mitten durchfährſt iſt gewiß— ſo— laß mich nur erſt das Handtuch hier darüber decken, nachher magſt Du wie Gottes Gericht zwiſchen die Maden fahren.“ 5 „Deckt ein Tuch darüber!“ jauchzte der Neger, während ſich die übrigen um ihn ſammelten und ſeine Aufmerkſamkeit ablenkten. Corny aber warf den Käſe ſchnell bei Seite und hob dagegen einen kleinen, ganz den Umfang habenden Schleifſtein raſch an ſeine Stelle, den er mit dem breiten Handluch überhing,—„deckt ein Tuch darüber, wenn Ihr keine afrikaniſche Wolle brauchen könnt.“— „Aber er darf ihn auch nicht mit den Händen an⸗ faſſen!“ ſchrie da der kleine Hooſter—„hol' ihn der Teufel, er drückt ihn an der Seite ein, nachher muß er in der Mitte wohl platzen.“— „Hohoho“— jauchzte der Neger und ſchlug eine wilde Lache auf,—„hohoho— meiner Mutter Sohn wird's Euch zeigen, wie man weſtlichen Käſe anſchneidet, — Platz da, Ihr Bukra's, Platz.“ „Wenn ich dann am Sonntag— zu der Liebſten geh Bring ich bunten Kaliko und Kaffe ihr und Thee Küſſe ſie dann auf den Mund und mach' es grade ſo, Und jedesmal, nach jedem Kuß, da ſpringe ich Jim Crow.“ „Hurrah für alt Virginny!“ und mit zurückgezo⸗ genen Ellbogen, den Kopf vorn nieder gebogen, die Augen geſchloſſen, ſprang er hoch in die Höhe, und flog im nächſten Augenblick— während ihn die Uebrigen in erwartungsvollem Schweigen umſtanden, mit fürch⸗ terlicher Gewalt gegen den verhüllten Stein. Der Schlag hätte einen Ochſen zu Boden werfen müſſen und Bolivar ſtürzte denn auch, wie von einer Kanonenkugel getroffen, hinterrücks auf die Erde nie⸗ der, wo er mehre Secunden lang, von Keinem unter⸗ ſtützt, wie todt liegen blieb. Endlich aber, von dem lauten Jubeln der Schaar wieder in etwas zum Be⸗ wußtſein gebracht, richtete er ſich langſam empor, und ſchien im erſten Anfang nicht recht zu begreifen, was das Ganze bedeute, auf weſſen Koſten dies convulſtviſche Gelächter den Raum erſchüttere und was eigentlich mit ihm ſelbſt vorgegangen. Der Kopf mochte ihm aber wohl wirbeln und dröhnen, denn er drückte beide kräf⸗ tige Fäuſte feſt gegen die Schläfe an und ſchloß eine Weile die Augen, dann aber, als er den Blick wieder aufſchlug, fiel dieſer gerade auf den noch an der Wand lehnenden Schleifſtein, von dem das Tuch durch den Stoß herabgeriſſen war und überraſcht und verſtört ſah er die Männer im Kreiſe an. Das machte jedoch auf die wilde Schaar eine noch viel komiſchere Wirkung und betäubendes Gelächter ſchallte ihm von allen Seiten entgegen. Bolivar, der ſich hier allein verachtet und verſpot⸗ tet ſah, und jetzt leicht begriff welcher Streich ihm geſpielt ſei, ſtand mehre Secundenlang mit Zorn und Wuth blitzenden Augen und feſt auf einander ge⸗ biſſenen Zähnen da, bis ihm Corny noch ſpottend in den Weg trat, und ihn frug, ob er nicht glaube die Hooſterkäſe ſeien zu ſehr in der Sonne getrocknet. Da wurde es ihm klar, wer der Anſtifter des ganzen Streiches ſei, und ehe nur Einer an Gefahr dachte, oder ſie verhin⸗ 81 dern konnte, fuhr der Neger, wie ein abgeſchofſener Pfeil auf den Matroſen zu und hatte den überraſcht Zurück⸗ prallenden im Nu, und wie der Panther ſeiner Wüſten, mit den Zähnen an der Kehle gepackt. Wohl ſprangen die Nächſtſtehenden hinzu, den Rafenden von ſeinem Opfer hinwegzureißen, feſt, feſt hielt er dieſes aber umklam⸗ mert, und als es ihnen endlich gelang, ſtürzte Corny blutend in die Arme ſeiner Freunde zurück.— Der Neger wehrte ſich jetzt mit verzweifelter Wuth gegen die Ueberzahl und verſuchte beſonders das Meſſer zu ziehen, das er im Gürtel trug. Daran verhinderten ihn aber die Piraten, warfen ihn zu Boden und banden ihm Hände und Füße; ja ein Theil derſelben, und be⸗ ſonders Cornys Freunde, ſchien nicht übel Luſt zu haben, ſchnelle Gerechtigkeitspflege zu üben und ihn an Ort und Stelle zu ſtrafen, daß er Hand an einen Weißen gelegt. Peter, der ſein Beſtes verſucht hatte, die Tobenden zu beſänftigen, und nun wohl einſah ſeine Macht reiche nicht aus, wandte ſich noch einmal an Georgine und bat ſte den Sturm zu beſchwören, er ſtehe ſonſt für Nichts. Von vorbeifahrenden Flatbooten hätten ſie allerdings wenig zu fürchten— es könnten aber auch Jäger an den gegenüberliegenden Ufern ſein, und der II. 6 —— 82 Wind wehe gerade nach Arkanſas hinüber. Er ver⸗ ſicherte ihr dabei, wie ihm Kelly ſelbſt ganz beſonders aufgetragen habe jetzt, da ſie am Ziel ihrer Wünſche ſtänden, Ruhe zu halten und jede unnöthige Gefahr zu vermeiden; niemand anders aber als ſte ſelber ſei in dieſem Augenblick im Stande, dem rohen Haufen zu imponiren. „Und Marie hier?“ frug Georgine. Das arme Mädchen kauerte bleich und thränenlos in der einen Ecke— ſte hatte am vorigen Nachmittag mehre Male verſucht das Haus zu verlaſſen, Georgine ſie aber ſtets daran verhindert, während dieſe ſelbſt oder der Meſtizenknabe oder auch Bolivar ſte fortwährend im Auge behielten; heute Morgen war ſte noch nicht von ihrem Platze aufgeſtanden und ſchien ihre Umgebung nicht zu beachten, ja ſie kaum zu wiſſen. „Bleibt indeſſen ruhig hier ſitzen,“ rief der Nar⸗ bige, während er einen mürriſchen Seitenblick auf die Unglückliche warf—„es fehlte auch noch, daß uns die im Wege wäre.“ 3 Wildes Gebrüll ſchallte in dieſem Moment von den trunkenen Bootsleuten herüber; Georgine raffte ſchnell den neben ihr liegenden Shawl um ſich her und trat gleich darauf ernſt und drohend zwiſchen die Schaar. 83 Kein Wunder war es aber, daß ſelbſt die Rohſten ſcheu und ehrerbietig vor ihr zurückwichen und der Lär⸗ men, wie durch ein Zauberwort gebannt, verſtummte; die hohe edle Geſtalt des ſchönen Weibes blieb ſtolz und gebieteriſch dicht vor ihnen ſtehn— das ſchwarze ſeidenweiche Haar floß ihr in vollen Locken um den nur halb verhüllten vollen Nacken, aber die dunklen, von langen Wimpern beſchatteten Augen ſchweiften finſter über die vor wenigen Secunden noch ſo unruhigen Männer hin, und ſchienen den herausfordern zu wollen, der es wage, ihrer Macht zu trotzen. Nur der Neger wüthete noch immer gegen ſeine Bande an, ſo daß es die ganze Kraft der ihn Haltenden erforderte, ſeinen raſenden Anſtrengungen zu wider⸗ ſtehen. „Was hat der Mann gethan?“ frug Georgine endlich mit leiſer, aber nichtsdeſtoweniger auch in ihrem kleinſten Laut verſtändlicher Stimme,„was ſoll der Aufruhr?“ Alle wollten jetzt antworten und ein verworrenes Getöſe von Stimmen machte jedes einzelne Wort un⸗ hörbar— endlich trat Peter vor und erzählte mit kur⸗ zen Worten den Lauf der Sache, während der Haufen, 6* 84 als er den Angriff des Negers erwähnte, mit wilder Stimme dazwiſchen ſchrie: „Nieder mit der blutigen Beſtie, die einen Mann wie ein Panther erwürgen will.“ „Seid Ihr Männer?“ zürnte jetzt Georgine und ihr Auge haftete drohend auf den Rädelsführern der Schaar—„wollt Ihr in unſerem Herzen Aufruhr und Kampf entzünden, während uns außen von allen Seiten der Feind umgiebt? Habt Ihr den Neger nicht zuerſt gereizt? wundert es Euch, daß die Schlange ſticht, wenn ſie getreten wird? fort mit Euch an Euere Poſten — Euer Capitain kann jeden Augenblick zurückkehren und Ihr wißt was Euch geſchähe, wenn er in dieſem Augenblick ſtatt meiner hier ſtände— fort— ſchlaft Eueren Rauſch aus und verhaltet Euch ruhig— der Erſte, der noch einmal den Geſetzen entgegenhandelt, verfällt ihrer Strafe— ſo wahr ſich jener Himmel über uns wölbt. Hat ſich der Afrikaner vergangen, ſo ſoll er der Züchtigung nicht entgehn— ich wäre die Letzte, die ihn ſchützte. Sobald Kelly zurückkehrt, wird er Eueren Streit unterſuchen— bis dahin aber Friede.“ Die Bootsleute traten mürriſch, doch dem Befehle gehorſam, von dem gefeſſelten Afrikaner zurück und Pe⸗ ter wandte ſich eben gegen ihn, um ihn bis zu des 8⁵ Capitains Rückkehr zu verwahren, als ſein Blick auf die Thüre von Kelly's Wohnung fiel, und er dort die blaſſe zarte Geſtalt der Wahnſinnigen erkannte, wie ſte, ſich die wirren Haare aus der marmorbleichen Stirn zu⸗ rückſtreichend, einen Moment nur forſchend nach der vor der Bachelors Hall verſammelten Schaar hinüber ſtarrte, dann mit hellem, faſt kindiſchem Lachen, rechts hinaus über den freien Platz ſprang und zwiſchen der fünften und ſechſten Hütte verſchwand. Das Ganze war ſo ſchnell und plötzlich geſchehen, daß der Narbige im erſten Augenblick kaum zu wiſſen ſchien, ob er wirklich recht ſehe, Georgine aber, die ſei⸗ nen Blick dorthin gerichtet fand, und ihm raſch mit den Augen folgte, erkannte kaum noch den eben hinter dem kleinen Haus verſchwindenden Schein des flattern⸗ den Gewandes, als ſie auch den Zuſammenhang ahnte. „Folgt ihr!“ rief ſte ſchnell und deutete nach jener Richtung—„folgt ihr, Bolivar— Peter— Weßley, bei Euerem Leben— bringt ſie zurück.“— Peter gehorchte raſch dem gegebenen Befehl und einige von den Nüchternſten taumelten hinter her, wäh⸗ rend die Andern, vielleicht der Gelegenheit froh ſich un⸗ eachtet fortſtehlen zu können, ſchnell in ihre verſchie⸗ denen Wohnungen verſchwanden. Bolivar blieb allein und noch gebunden am Boden zurück. Georgine löſte jetzt zwar ſchnell ſeine Bande, denn ihr galt es in die⸗ ſem Augenblicke nur darum, die Entflohene zurückzu⸗ bringen. Der Afrikaner aber, durch den Brandy, jenen fürchterlichen Stoß und den letzten mit verzweifelter Kraftanſtrengung geführten Kampf betäubt und entnervt, taumelte ein paar Schritte nach vorn und ſtürzte dann ſchwerfällig zu Boden nieder. Georgine biß ſich die zarte Unterlippe und ſtampfte mit dem kleinen Fuß den Boden.— „Thier!“ murmelte ſie halblaut vor ſich hin, die Verfolgung ſelbſt nahm aber für den Augenblick ihre Aufmerkſamkeit zu ſehr in Anſpruch, um des Negers weiter zu achten— ſte eilte der Stelle zu, wo Ma⸗ rie die nicht unbeträchtliche ſtarke Fenz überklettert haben mußte und ſchien hier ungeduldig die Rückkehr der Ge⸗ fangenen zu erwarten, denn ſte konnte ſich kaum denken, daß das wahnſinnige Kind mit nur wenigen Schritten Vorſprung und in dem ihr gänzlich unbekannten Dickicht im Stande ſein würde Männern zu entgehen, die jeden umgeworfenen Stamm wie jeden einzelnen Platz kann⸗ ten, wo ein Fortkommen überhaupt möglich war. Wußten aber die halbtrunkenen Bootsleute vielleicht ſelbſt kaum recht was ſie wollten, und ſtürmten ſte nur — 87 eben blind hinten nach, oder war Peter durch die erſtge⸗ nommene Richtung der Wahnſinnigen irre geführt, daß er glaubte ſte würde ſolche beibehalten, kurz die Inſula⸗ ner durchkreuzten den ganzen umliegenden Waldſtrich, ohne auch nur die mindeſte Spur von der Entflohenen zu finden, und mußten unverrichteter Sache zurückkehren. Nun behauptete Peter allerdings in den Büſchen könne ſie nicht mehr ſtecken, da hätte ſte ihnen nicht ent⸗ gehen ſollen, ſie werde wahrſcheinlich in den Strom geſtürzt und ertrunken ſein, Georgine beruhigte ſich je⸗ doch nicht damit, noch einmal mußten die Männer hin⸗ aus, ſte zu ſuchen, und nicht eher kehrten ſie, freilich un⸗ verrichteter Sache, zurück, bis die Dämmerung ihnen in dem dichten Walde jedes weitere Vordringen unmöglich machte. Für dieſe Nacht blieb auch weiter Nichts zu thun übrig, und Georgine tröſtete ſich nur damit, daß die Entflohene unmöglich die Inſel verlaſſen konnte und am nächſten Morgen leicht wieder aufgefunden werden mußte.„ IV. Das Wiederſehen. Miſſtſſippi— Rieſenſtrom jener fernen Welt— wild und großartig wälzeſt Du Deine mächtigen Fluthen dem Meere zu, und hinein greifſt Du mit den gewalti⸗ gen Armen nach Oſt und Weſt, in das Herz der tau⸗ ſende von Meilen entfernten Felſengebirge, wie in die innerſten Klüfte der kühn emporſtarrenden Alleghanies, aus den nördlichen eisbedeckten Seen holſt Du Deine Waſſer, und Bett und Bahn iſt Dir zu eng, wenn Du, Deine Kräfte geſammelt, ſte zum wilden Kampf gegen dem ſtillen Golf hinabführſt. Wie ein zuchtloſes Heer erkennen ſie dann keinen anderen Herrn an, als nur Dich, rechts und links durchbrechen ſte geſetzlos Ufer und Damm, ganze Strecken reißen ſie hinab in ihre gährende Fluth— vernichten was ſich ihnen in den 89 Weg ſtellt, zertrümmern was ihre Bahn hemmen will, und plündern den weiten rauſchenden Wald, der ſich. ängſtlich zuſammen drängt, dem fürchterlichen An⸗ ſturm zu begegnen. Viele tauſend Stämme und junge lebenskräftige Bäume, reißen ſte, wie zum Hohn, ſelbſt aus ſeinen Armen heraus und führen ſie im Triumph ſpielend und wirbelnd hinab, immer hinab, ja gebrau⸗ chen ſie ſogar als Waffen gegen die Schutz⸗ und Noth⸗ dämme der zitternden Menſchen, ſchleudern ſie mit ent⸗ ſetzlicher Kraft und Sicherheit wider ſie und durchbrechen nicht ſelten ihre Veſten. Gnade dann Gott dem armen Lande, das dieſe feſſelloſen Maſſen überſchwemmen, nicht einmal Flucht hilft mehr, mit Sturmesſchnelle wälzen ſich die ſchäumenden Wogen durch friedliche Fel⸗ der und über fruchtbare Ebenen hinaus— erbarmungs⸗ los ſchleppen ſie hinweg was ſte tragen können, und vernichten das Uebrige. Und wenn ſie weichen— wenn ſie dem vorangegangenen, nicht rechts noch links ſchauen⸗ den Kern der Armee folgen, dann laſſen ſte eine Wüſte zurück, wo oft ſelbſt die letzte Spur menſchlichen Flei⸗ ßes vernichtet wurde. Solch fürchterliche Macht übt der Miſſiſſippi— iſt er aber vorübergetobt, künden nur noch die ſchlammigen Streifen an Hügel und Baum, welch furchtbare Aühr 90 er erreicht, dann ſtrömt er gährend und innerlich ko⸗ chend, aber doch in ſein Bett hinein gezwängt, zwiſchen den unterwühlten Ufern hin, von denen er nur hie und da, wie aus Grimm daß ihm jetzt die Kraft fehlt über ſie hinaus zu brechen, einzelne Stücken abreißt und ſte ſpielend in ſeine Fluth verwäſcht.— Die gelbe, lehmige Strömung ſchießt reißend ſchnell, hie und da mit trüben Wirbeln und Strudeln gemiſcht, von Landſpitze zu Landſpitze hinüber; ſchmuzige Blaſen treiben auf ihrer Fläche und ſelbſt die ſich weit hinüber biegenden Weiden und Baumwollenholzſchößlinge, ſuchen vergebens ihr Spiegelbild in dem flüſſtgen Schlamme. Dazu ſtarren, dort oben faſt von keiner menſchlichen Wohnung unter⸗ brochen, die Rieſenleiber der Urbaͤume ernſt und finſter, ſelbſt dicht vom Rande der ſchroff abgeriſſenen Uferbank aus, zum Himmel empor, und weite undurchdringliche Rohrbrüche von dornigen Lianen durchwoben, dehnen ſich unter ihnen aus, den einzigen Raum noch erfüllend, der durch die Baum⸗ und Strauchmaſſen zu führen ſchien. Tom Barnwell hatte ſeine Bahn, ohne ſich ſonder⸗ lich anzuſtrengen, langſam verfolgt, und etwa zehn Mi⸗ les, theils rudernd, theils in ſeinem Kahn nachläſſig ausgeſtreckt, zurückgelegt. Er ſah jetzt eine kleine runde 91 Inſel vor ſich, die dicht mit Weiden bewachſen, ziemlich mitten im Strome lag, und an der ihn die Strömung rechts vorüber zu nehmen ſchien; er ließ denn auch ſein Boot ruhig und ſelbſtſtändig gehen und wurde bis ziem⸗ lich an das weſtliche Ufer genommen, wo ſich der Schilf⸗ bruch bis ſo dicht an's Ufer hinanzog, daß die vorder⸗ ſten Stangen deſſelben ſtromüber in die Fluth geſtürzt waren und nun mit ihren langen ſtarren Blättern die Schaumblaſen aufgriffen und zertheilten. Geſtürztes Holz lag hier ſo wild durcheinander, daß Tom faſt un⸗ willkürlich den Blick einen Augenblick darauf haften ließ und noch eben bei ſich dachte, wie es hier doch ſelbſt einem Bär ſchwer werden würde durchzukommen, als— faſt neben ihm, und höchſtens zwanzig Schritt entfernt, mitten aus dem tollſten Gewirr von Rohr und Schling⸗ pflanzen heraus— die munteren ſcharf gellenden Töne einer Violine zu ihm drangen, die dort ein Unbe⸗ kannter mit ſo ungemeiner Fertigkeit und ſolch gutem Willen ſpielte, daß Tom ſich erſtaunt ringsum ſah, ob er denn wirklich auch hier, von Wildniß umgeben, auf dem Niſſſiſſippi und dicht neben einem Rohrbruch ſchwimme, und nicht etwa aus Verſehen an irgend eine bis dahin noch unentdeckte Stadt gekommen ſei. Die Umgebung blieb aber unzweifelhaft, ebenſo die 92 Muſik, und feſt entſchloſſen ſich ſelbſt zu überzeugen, wer hier im Urwald von Arkanſas Solo⸗Concert gäbe, lief er mit ſeinem Kahn dicht an's Ufer, band ihn hier feſt an einen jungen Sycamoreſchößling, der zwiſchen zwei größeren Stämme eingeklammert lag, und kletterte dann— ein Weg war nirgends zu ſehen— mit Hülfe eben des Sycamore, das ſteile Ufer hinauf, wo er ſich aber erſt mit ſeinem Meſſer gegen die immer lebendiger werdenden Töne hin, Bahn hauen mußte. Mühſam arbeitete er ſich durch und erreichte endlich den, ihm ent⸗ gegen liegenden Wipfel eines umgeſtürzten, oder wie er ſpäter fand, eines gefällten Baumes, durch den er drängte und nun plötzlich laut auflachte, als er hier, mitten im Rohrbruch, von weiter Nichts als Schling⸗ pflanzen und Mosquitos umgeben, den einſamen Muſt⸗ kanten vor ſich ſah. Es war noch ein junger Mann, wielleicht von vier bis fünfundzwanzig Jahren, mit krauſen dunkelbraunen Haaren und ſtarkem, ſonnverbrannten Nacken, nur in ein baumwollen Hemd und eben ſolche Hoſen gekleidet, neben ſich einen breiträndrigen Strohhut und eine Art, die ruhig an dem Stamme lehnte, an welchem er noch eben gearbeitet haben mußte. Er ſelbſt aber, höchſt be⸗ haglich an einem emporſtarrenden Aſt gelehnt, drehte 93 Tom den Rücken zu und ſtrich ſo eifrig anf ſeiner nichts weniger als Cremoneſer Geige herum, als ob er zahl⸗ reiche Zuſchauer um ſich verſammelt ſähe und den Ruf bedeutender Virtuoſttät zu wahren hätte. Als es hier in dieſer Wildniß das Lachen eines menſchlichen Weſens hinter ſich hörte, drehte er ſich, ſein Spiel jedoch keineswegs unterbrechend, halb nach dem Fremden herum, den er, die kurze Rohrpfeife zwi⸗ ſchen den Zähnen, mit einem faſt noch kürzerem: „Nun wie gehts, Sir?“ anredete, als ob das Je⸗ den er ſchon den ganzen Morgen erwartet mand ſei, habe und der nun, aus weiter Ferne geſehn, auf breiter Fahrſtraße herankomme, nicht aber hinterrücks, aus dichtem unwegſamen Buſch heraus, zu ihm an ſchleiche. „Halloh, Sir!“— erwiederte Tom, während er von dem ziemlich hohen Stamme herunter ſprang und zu dem Violoniſten trat—„ſchon ſo fleißig heut? Ihr ſpielt ja, daß Einem faſt die Füße an zu zucken fangen — was Wetter noch einmal, macht Ihr denn hier mit der Violine mitten im Rohrbruch.“ „Ich ſpiele Nankeedoodle“— meinte der Back⸗ woodsmann ſehr naiv—„Nankeedoodle und Lord Howes Hornpipe, oder auch manchmal Washingtons Marſch und Such a getting up stairs I never did see 94 — ich bin mannigfaltig;“ und ſeinen Worten treu, fiel er aus dem amerikaniſchen Nationallied in den kaum weniger populären Negerſang ein und ſchien Toms Ver⸗ wunderung, ihn überhaupt hier zu finden, gar nicht zu bemerken. „Ja, aber um Gottes Willen, Mann!“ rief dieſer endlich ganz erſtaunt aus—„habt Ihr Euch denn hier den vier Fuß dicken Baumwollenholzbaum nur apart um⸗ gehauen, um Euch darauf zu ſetzen und Such a getting up stairs zu ſpielen?— iſt denn hier nicht irgend eine Wohnung, irgend ein Lager in der Nähe, wo Ihr hin⸗ gehört?“ „Ei gewiß;“ lachte der junge Mann, ſetzte zum erſten Mal die Violine ab und ſchaute Tom mit ſeinen großen dunklen Augen treuherzig an—„gewiß iſt ein Haus hier und was für eins— aber ſeht Ihr den Pfad nicht? der führt hier gleich zum Miſſiſſtppi hin⸗ unter, wo er eine kleine Bucht im Ufer bildet. Dicht dabei habe ich mein Klafterholz ſtehen, das ich an die vorbeifahrenden Dampfboote, das heißt an die, die nicht vorbei fahren, ſondern bei mir anlegen, verkaufe, aber kommt nur mit, ich muß Euch doch meine Reſidenz zeigen. Jetzt fällt mir's übrigens erſt ein, wo kommt Ihr denn eigentlich her? Ihr ſchient zwar im Anfange 95 wie aus den Wolken gefallen zu ſein, müßt aber doch wohl noch irgend wo anders her ſtammen.“ „Mein Boot liegt unten am Miſſiſſtppi“— ſagte Tom—— b „Wo? an meinem Haus?“ „Ich habe kein Haus geſehen? ich kam mitten durch 4 die Dornen.“. „Hahaha, dann glaub' ich's Euch auch, daß Ihr er⸗ ſtaunt über mein Spiel hier waret, wenn Ihr durch das Dickicht gekrochen ſeid,“ lachte der junge Holzſchlä⸗ ger—„aber kommt nur, ich habe da drüben ein gar behagliches Plätzchen und muß Euch doch wenigſtens. einen Biſſen zu eſſen vorſetzen, daß Ihr mir nicht hung⸗ rig wieder fortgeht. Seht,“ fuhr er fort, als er, dem erſtaunten Bootsmann voran, auf dem kleinen kaum bemerkbaren Pfad hinſchritt—„hier den Baum hab' ich gefällt, um ihn klein zu ſpalten und die Klafter⸗ ſtücken zum Fluß hinab zu nehmen, in einem fort aber ſo ganz allein Holz zu hacken iſt höchſt langweilige Ar⸗ it, und da nehm' ich denn gewöhnlich die Violine ein enig mit, und wenn ich müde mit Hauen bin, ſpiel' ich ein Bischen, bis mir die Arme wieder gelenk wer⸗ den. Aber hier iſt mein Haus— noch wenig Land 96 dabei urbar gemacht, ſonſt jedoch ganz bequem und meinen Bedürfniſſen vollkommen entſprechend.“ Mit dieſen Worten ſchob er die letzten, über den Pfad hängenden Rohrſtangen zurück und Tom ſtand auch ſchon im nächſten Augenblick dicht vor der aus un⸗ behauenen Stämmen aufgeführten Wand des kleinen Hauſes, um das ſie ſich erſt herumdrücken mußten, den ſchmalen niederen Eingang deſſelben zu erreichen. Hier aber dehnte ſich auch ein etwas freierer Platz vor ihnen aus, der nach dem Fluß zu offen lag und einen Ueber⸗ blick über den breiten Strom gewährte. Die Hütte ſtand auf der ſogenannten„ zweiten Ufer⸗ bank“, die ein wenig von der erſten zurück und wohl noch eine Elle höher als dieſe ſelbſt lag, dicht davor waren einige funfzig Corde oder Klafter Baumwollen⸗ und Eſchenholz aufgeſtapelt, ſonſt zeigt aber auch gar Nichts weiter, daß menſchliche Hand in dieſer Wildniß gearbeitet oder ein menſchliches Weſen ſeinen Wohnſitz aufgeſchlagen habe. Kein Dornbuſch war abgehauen, er wäre denn dem Holztransport im Wege geweſen; weder Spaten noch Hacke hatte hier je eine Scholle auf⸗ geworfen und der Pflug mußte dem e ganzen Platz ein eben ſo fremder Gegenſtand ſein, wie es. Hobel oder Kelle dem Haus geweſen war. Nur die Art hatte für —-e— ——y 97 den kecken Menſchen ein Aſyl aus dem Wald herausge⸗ hauen und den Bär und Panther aus ſeinem ange⸗ ſtammten Wohnſitz vertrieben, in das ſich unſer munte⸗ rer Muſikfreund, ein Sohn des alten wackeren Ken⸗ tuckys, häuslich und mutterſeelens allein niedergelaſſen. Ein paar große gelbe Rüden, über und über von Narben bedeckt, waren ſeine einzigen Geſellſchafter und lagen vor der Thür der Wohnung ausgeſtreckt; obgleich ſte aber bemerkten, daß ſich ein Fremder näherte, ſchie⸗ nen ſie es doch nicht einmal der Mühe werth zu halten auch nur den Kopf deshalb zu heben. Er kam ja in Geſellſchaft ihres Herrn, und dieſen nur begrüßten ſie mit einem lebhaften Verſuch die außerordentlich kurzen Schwänze in eine wedelnde Bewegung zu bringen, was ihnen übrigens ohne ſtarke Anſtrengung des ganzen Hintertheils gar nicht möglich geweſen wäre. Was der Kentuckier an Lebensmitteln bedurfte, mußte ihm der Wald liefern, ſeinen ſehr geringen Brod⸗ bedarf zog er von den dort anlegenden Dampfbooten und im Uebrigen verſorgte ihn der Miſſifſippi mit Waſ⸗ ſer und Fiſchen. Durch ſeine Art konnte er aber ein gut Stück Geld verdienen, von dem es ihm, ſelbſt mit dem beſten Willen nicht möglich geweſen wäre, auch nur einen Cent wieder auszugeben, und er erreichte ſo, wie II. 7 98 er dem jungen Bootsmann verſicherte, wenn auch nicht gerade außerordentlich ſchnell, doch ziemlich gewiß ſeinen Zweck, ein kleines Capital zu ſammeln, um ſich ſpäter in geſünderer Gegend und„mehr unter Menſchen“— jedoch mit der Beibemerkung,„keinen Nachbar näher als fünf Meilen zu haben“— niederzulaſſen. Sie traten jetzt in das kleine Haus, und einfacher, was Meublen und Hausgeräth betraf, konnte allerdings keine Wirthſchaft eingerichtet ſein.— Ein leeres Mehl⸗ faß war der Tiſch— ein paar gerade abgehauene Klötze bildeten die Stühle— er hatte deren zwei, um, wie er meinte, nicht auf der Erde zu ſitzen, wenn er einmal Geſellſchaft bekäme— ſein ganzes Kochgeſchirr beſtand in einem einzigen eiſernen Topf, ohne Henkel und Deckel, einem Blechbecher und zwei aus Rohr geſchnitz⸗ ten Gabeln; eine Art Löffel hatte er ſich ebenfalls aus Holz geſchnitzt, der mußte aber nur bei feſtlichen Gele⸗ genheiten benutzt werden, denn er ſtak ruhig und mit Staub bedeckt, über dem Kamin. Beſſer im Stande ſchien ſein Schießgeräth zu ſein; eine treffliche Büchſe lag, mit der Kugeltaſche daran, über der Thür, und das ſogenannte„Scalpirmeſſer“, was unſere Jäger Genick⸗ * fänger nennen, war in dem Riemen derſelben be⸗ feſtigt. 99 Außerdem lagen noch verſchiedene Felle, mit einer wollenen Decke, auf der Erde ausgebreitet und ein, in der Ecke aufgeſpanntes Mosquitonetz zeigte den Platz an, wo ſein Bett gewöhnlich war, denn eine Bettſtelle ließ ſich weiter nirgends ſehen. Ohne Mosquitonetz hätte es hier auch kein Menſch aushalten, wenigſtens kein Auge ſchließen können.— Die Speiſekammer ſchien noch am beſten beſtellt, denn oben im Kamin hing eine Menge geräucherter Hirſch⸗ und Bärenkeulen, und breitmächtiger Speckſeiten, ebenfalls von Bären,— Vorrath für die Zeit, wo die Arbeit entweder zu dringend oder die Jagd nicht beſon⸗ ders war, oder der einſame Mann vielleicht gar krank auf ſein hartes Bett ausgeſtreckt lag und vom Fieber⸗ froſt geſchüttelt, kaum zum Fluß hinabkriechen konnte, ſich ſelbſt einen Trunk friſchen Waſſers zu holen. „Nun Fremder,“ ſagte jetzt der Kentuckier, während er unter dem Mosquitonetz eine bis dahin verdeckt ge⸗ ſtandene, roh ins Holz gehauene Schüſſel hervorholte, die kalte aber feiſte und delikate Hirſchrippen und ein paar Stücke gebratenen Truthahns enthielt,„hier Fremder, machts Euch bequem und langt zu— viel iſt nicht da — halt, da drunter liegen auch noch ein paar kleine Waizenkuchen— ſo— ein Schelm giebts beſſer als er 1 7 5 10⁰ kann— das Eſſen iſt übrigens nicht zu verachten— das Hirſchfleiſch ſchmeckt delikat und der Truthahn kann gar nicht beſſer ſein— ein Tropfen Whiskey fehlt nur, die compakteren Sachen damit hinunter zu ſpülen.“— „Halloh, wenn's Euch an Whiskey fehlt, da kann ich aushelfen,“ rief Tom lachend,„ich habe mir von Helena aus genug Vorrath mitgenommen, acht Tage damit auszukommen, und will doch nur eine Nacht un⸗ terwegs ſein; aber— wie komme ich dazu? die Flaſche liegt im Boot, da werd' ich wohl wieder durch die Dornen zurück müſſen.“— „Ei Gott bewahre,“ ſagte der Kentuckier,„wenn wir den Whiskey ſo nahe haben, ſo ſoll auch ſchon Rath geſchafft werden, ihn herzubekommen, ohne durch ſolche Wildniß zurückzukriechen; ich fahre raſch in meinem Canoe hin und hole das Boot hierher. Alle Wetter, war mirs doch faſt ſo, gerade ehe Ihr kamt, als ob ich Whiskey röche— entweder habe ich eine verdammt gute Naſe, oder es giebt Ahnungen.“ Damit ſprang er raſch die Uferbank hinunter, ſtieg in ſein Canoe, verſchwand damit um die kleine Land⸗ ſpitze, die der Fluß hier oben bildete, und kehrte ſchon nach wenigen Minuten mit Tom's Boot zurück, das er jetzt an ſeiner eigenen Landung befeſtigte, während Tom 4 101 2 ſelber ihm dabei zu Hülfe kam und die Whiskeykruke mit hinauf nahm. „Nun ſagt mir aber in aller Welt, wo wollt Ihr ſo mutterſeelens allein mit der Kruke hin?“ frug der Kentuckier endlich, als ſie ihren Hunger in etwas geſtillt hatten und einen zweiten„ſteifen Grog“ in dem einzi⸗ gen Blechbecher bereiteten.„Ihr gedenkt doch nicht nach New⸗Orleans hinunter zutreiben? Das wäre ein verwünſcht langweiliger Spaß.“— „Nein,“ ſagte Tom,„ich will nur ſehn wie die Preiſe in Montegomerys Point ſind— wir haben hier oben in Helena ein Flatboot, und da unſer Steuermann ſo groß Weſen von jenem Ort machte, ſo gedachte ich einmal vorauszufahren und mich ein Bischen nach Allem zu erkundigen.“ „Nun Gott ſei Dank,“ lachte der Holzſchläger,„das war der Mühe werth, auch noch nach dem Neſt einen aparten Boten vorauszuſchicken. Wenn's noch Na⸗ poleon, an der Mündung des Arkanſas wäre, aber auch da ſind keine beſonderen Geſchäfte zu machen, denn die Leute dort kaufen wenig mehr, als ſie für ihren eignen Bedarf nöthig haben, und das iſt ſehr wenig. Nein, da hättet Ihr in Memphis noch viel beſſere Geſchäfte machen können als hier, wenn Ihr überhaupt nicht bis . 102 Vicksburg und Natchez hinunter wollt. Seid Ihr denn in Memphis gelandet?“ „Nein, unſer Steuermann meinte, dort ſei auch gar Nichts mehr abzuſetzen, da die Memphis⸗Kaufleute ihre beſtimmten Waaren jetzt faſt einzig und allein aus Ken⸗ tucky und zwar aus dem Ohio bezögen.“ „Unſinn— Ihr mögt einen beſonders klugen Steuermann haben, vom Handel verſteht er aber, wenn er das ſagt, Nichts.“ „Vielleicht nur zu viel,“ lachte Tom,„ich habe den Burſchen in Verdacht, daß er irgend einen guten Freund in Montegomerys Point hat, dem er die Waaren zuzu⸗ ſchieben gedenkt; da ſoll er aber unter dem falſchen Baum gebellt haben, denn ſo lange ich ein Wort mit hinein reden darf, bekommt ſie keiner, den er recommandirt.“ „So ſo?“ meinte der Kentuckier,auch möglich— in Kentucky habe ich überhaupt viel über die Miſſiſſippi Bootsleute munkeln hören, was keineswegs ſehr zu deren Vortheil ſpräche; hier kann man freilich nichts Näheres darüber erfahren, obgleich ich mich ſchon manch⸗ mal gewundert habe, wie oft hier in der Nacht Boote vorbeirudern, und zwar nicht allein ſtromab, denn das wäre nichts Beſonderes, nein, auch ſtromauf, und zwar ziemlich regelmäßig gegen Morgen. Weiß der Henker, 8* 10³ „. wer da ſo große Eile hat, daß er nicht Tageslicht wie ein ſtromauf gehendes Dampfboot abwarten kann, und ſich lieber abquält und plagt gegen die ſtarke Fluth die⸗ ſes Fluſſes anzuarbeiten. Wahrſcheinlich muß in He⸗ lena, oder auch in Montgomerys Point, irgend eine heimliche Spielhölle ſein, zu der das alberne Volk bei Nacht und Nebel hinſchleicht, um ſein gutes Geld förm⸗ lich in einen Abgrund zu werfen. Geſtern Nacht rief ich einmal eins an, das gerade hier unten an der Spitze und noch dazu mit umwickelten Rudern vorüber fuhr, — es war ein Nachbar hier, der nach Victoria hinüber mußte— ſie wollten ihn aber nicht mitnehmen und meinten, ſte wären ſchon überdies zu ſchwer geladen. Ich hatte wahrhaftig gleich nachher ſelber das Vergnü⸗ gen, ihn hinunter zu fahren. Doch was kümmerts mich, laß ſie ihr Geld todtſchlagen wie ſie wollen, ich weiß beſſer wohin damit, und wenn jene in den Tag hinein lebenden wilden Geſellen einmal keinen Platz haben, wohin ſie ihr Haupt legen können, dann ſitz ich behag⸗ lich auf meiner guten Farm, und bin für mein übriges Leben verſorgt.“ „Behaltet Ihr denn aber das Geld was Ihr ver⸗ dient, bei Euch?“ frug jetzt Tom,„alle Wetter da würd' ich doch nicht recht trauen— in der Art hat der Miſſiſſippi — 104 keinen beſonders guten Namen. Wenn Ihr nun einmal von zu Hauſe fortgeht?“ „Ei das halt' ich gut verſteckt,“ lachte der Holz⸗ hauer,„finden ſoll's ſchon ſo leicht keiner. Es läßt ſich dabei aber auch nichts Anders thun, denn ehe ich's Einer von den Arkanſas⸗ oder Miſſiſſippi⸗Banken anvertraute, könnt' ich's eben ſo gut verſpielen, da hätt' ich doch we⸗ nigſtens ein Vergnügen davon, wenn auch ein ſchlechtes.“ „Nun, ich weiß nicht,“ meinte Tom,„mit Geld hier ſo ganz allein im Wald zu ſitzen, würdR ich jeden⸗ falls für gefährlich halten— es ſchwimmt eine ganz an⸗ ſtändige Zahl von Leichen in dieſem Vater der Waſſer wie Brocken in einer guten Suppe herum— ich möchte nicht gern einer von den Brocken ſein.“ „Ja, das iſt wahr!“ ſagte der Kentuckier,„vor Victoria beſonders treiben viele vorüber; denkt aber auch nur, wie manches Dampfboot zu Grunde geht, da iſt's ja dann kein Wunder, daß die erſt verſunkenen Leichen auch wieder zum Vorſchein kommen. Aber wollt Ihr denn ſchon fort? wenn Ihr blos nach Montgo⸗ merys Point gedenkt, habt Ihr wahrlich Nichts zu verſäumen.“ „Ci nun, ich bin einmal unterwegs,“ meinte Tom, während er aufſtand und den letzten Reſt aus dem 1⁰⁵ Blechbecher leerte,„und da will ich doch auch hinunter; überdieß ſoll ich ja dort meinen Alten wieder treffen, der hier am Ende an mir vorbei führe. Aber hört einmal— wo gieß ich denn den Whiskey hinein? ich möcht' ihn Euch gerne da laſſen, denn da Ihr hier ſo ſchlecht damit beſchlagen ſeid—“ „Gar zu gütig!“ lachte der Mann,„die Gabe nehme ich übrigens mit Dank an; an Gefäßen fehlts freilich, doch habe ich hier ein paar Rohrſtöcke, die hal⸗ ten wohl eine Pint.“ „Ach was, da geht ja gar nichts hinein,“ brummte Tom—„doch halt, gebt ſte einmal her, wie weit iſt's noch bis Montgomerys Point und wann kann ich unten ſein?“ „Ei doch wohl noch vierundvierzig Meilen, wenn Ihr aber bis Abend rudert und die Nacht hindurch treibt, ſo könnt Ihr es mit Tagesanbruch bequem erreichen.“ „Gut denn, ſo behaltet Ihr die Flaſche hier— da — das Rohr hält ſo viel als ich brauche bis ich hinun⸗ ter komme, und unten giebts mehr.“ „Was? die ganze Kruke?“ rief der Kentuckier er⸗ ſtaunt—„ei Mann, Ihr ſeid großmüthig.“ „Ja ſeht,“ ſagte Tom lächelnd,„ich weiß wie's thut ohne Whiskey zu ſein, bin's auch ſchon manchmal 106 geweſen, und fühle deshalb mit jedem Menſchen Mit⸗ leiden, der ſich in gleich trauriger Lage befindet; unſer halbes Boot iſt übrigens mit Whiskey geladen, und da könnt Ihr wohl denken, daß es gerade nicht auf eine Gallone ankömmt. Aber ade— es wird ſpät und ich möchte doch noch gern morgen früh alle die Geſchäfte abmachen, deretwegen ich eigentlich heruntergekommen bin; ſo guten Abend denn— wie war Euer Name? „Robert Bredſchaw— und der Eurige?“ „Tom Barnwell,“ lautete die Antwort, während das ſchmale Boot ſchon wieder in die Strömung hinaus⸗ ſchoß, ſich, bis Tom die Ruder ergreifen konnte, ein paar Mal umdrehte, und dann, dem ſtarken Arm des jungen Mann gehorſam, raſch über die gelben Fluthen dahinſchoß. Tom hatte ſich bei ſeinem neugewonnenen Freunde, doch länger aufgehalten, als es Anfangs ſeine Abſicht geweſen, noch dazu, da er erſt einen ſehr kleinen Theil ſeiner Fahrt zurückgelegt— Bredſchaws beſcheidene Wohnung lag nämlich nur ſieben engliſche Meilen zu Waſſer und kaum ſechſe zu Land von Helena entfernt — doch hoffte er auf die ſtarke Strömung, die ihn wohl auch ohne große Anſtrengung ſeinem Ziele zuführen würde. 4 „ 107 Die Sonne lag ſchon auf den Wipfeln der Bäume, als er aus der kleinen Bucht vorſchoß, und da es in Nordamerika faſt gar keine Dämmerung giebt, ſondern die Nacht ſich ſcharf von ihrem freundlicheren Bruder abſcheidet, ſo legte er ſich noch recht wacker in die Ruder, den letzten Schein ſo viel als möglich zu benutzen. Links von ihm lag die ſogenannte„runde Weideninſel“ ein flaches unbewohnbares Stück Land, deſſen äußerſte Ränder ſchon jetzt, da der Miſſiſſippi erſt an zu ſteigen fing, unter Waſſer ſtanden, von dem es auch faſt in jedem Jahr vollſtändig bedeckt wurde. Inmitten dicht mit Weiden bewaldet, hatten rings um dieſe herum, ein Zeichen neuangeſchwemmten Bodens, junge Baumwol⸗ lenholzſchößlinge Wurzel geſchlagen und bildeten nun, je nach der Mitte zu höher und höher emporſteigend, eine ſo regelmäßige Anpflanzung, daß es faſt gar nicht ausſah, als ob ſie nur der wildſtreuenden Natur ihre dortige Eriſtenz zu danken hätte, ſondern von Menſchen⸗ hand in teraſſenförmiger Ordnung gepflanzt und ge⸗ hegt ſei. Dieſe ließ er jetzt hinter ſich, und mitten im Bett des ungeheuren Fluſſes zog ſich die Strömung mehre Meilen lang hin, bis dort, wo eine andere Inſel, „Nr. Einundſechzig“ die Fluth theilte und die größere 108 Hälfte der Waſſermaſſe an das weſtliche Ufer hinüber warf, was noch dadurch befördert wurde, daß die Strö⸗ mung durch eine ziemlich ſcharfe Biegung des linken Ufers, gerade überhalb„Einundſechzig,“ ſchräg, faſt über die ganze Flußbreite getrieben wurde, weshalb atch, mit wenigen Ausnahmen, faſt alle herabkommenden Boote dieſe Inſel links liegen ließen und nur bei hohem Waſſer die zwei oder drei Meilen abſchnitten, die ſie ſonſt zurücklegen mußten, um wieder zwiſchen dem öſt⸗ lichen Ufer von zwei und dreiundſechzig und dem Miſſiſſippiſtaat durchzufahren. Tom nun, der die Flußbahn des Miſſiſſippi nicht kannte und nur nach dem Ueberblick, den er von einer Uferſpitze bis zur andern bekam, ſeine Fahrt regelte, ſah, daß der Strom hier einen ziemlich ſtarken Bogen zur Rechten mache, und hielt, um den abzuſchneiden, ſcharf gegen das öſtliche Ufer hinüber, was auch für ſein leichtes Boot der nächſte und beſte Weg ſtromab ſein mußte. Immer ſchneller dunkelte es aber jetzt, ein leich⸗ ter Nebel legte ſich, wie ein dünner Schleier, über die trübe Stromfläche, und ſelbſt der letzte lichte Schein an den hohen Uferbäumen hatte einer bläſſeren mattgrauen Färbung Platz gemacht. In einzelne der hohen Sycamoren und Pappeln — 10⁰9 ſtiegen ganze Schaaren weißer und blauer Reiher nieder, um hier ihren Nachtſtand zu nehmen, quer über den Strom zogen zwitſchernde Flüge von Blackbirds— die nordamerikaniſchen Staare— auch die Krähen ſuchten mit dumpfem Krächzen ihren gewöhnlichen Ruheplatz, ui lange Ketten von Wildenten dicht über das Waſſer mit ſchnell ſchwirrenden Flügelſchlägen dahin ſtrichen und hie und da einen ſcheuen Loon auftrieben, der dann, wenn ſie vorüber waren, wieder wie ärgerlich, mit den leiſe klagenden Lauten ſeinen früheren Platz auf einem alten treibenden Baumſtamm einnahm, mit dem er vor Tag vielleicht mehre zwanzig Meilen ſtromab zurücklegee. Aus dem Walde heraus wurden dabei die Fröſche lauter und lauter, und zwiſchen das helle monotone Geſchrei der kleineren Gattungen fiel manch⸗ mal, im harmoniſchen Baß und mit grimmig tö⸗ nender Stimme, irgend ein ernſthafter Ochſenfroſch ein, und gab dadurch dem rauſchenden Tenor⸗ und Sopran⸗ chor eine gediegenere Grundlage. Zahlreiche Nacht⸗ falken kreuzten dicht am Lande hin, und über dem weſt⸗ lichen Ufer ſchwebte ſogar, in dieſen flachen Gegenden als ſeltener Gaſt, ein weißköpfiger Adler, das Symbol der vereinigten Staaten, und ſuchte, den ſchönen Kopf mit den großen klugen Augen gar ſcharfſichtig ſeitwärts 110 gebogen, nach irgend einem unglücklichen Truthahn, den er aus den Zweigen herausgeholt, und ſeinem eigenen Horſte zugetragen hätte. Tom Barnwell mußte ſcharf rudern, um nicht von der Strömung auf den obern Theil der Inſel getrieben zu werden, einmal aber die äußerſte Spitze umſchifft, nahm ihn auch die Fluth ſelbſt daran hin, und da er auch keine Snags und vorragenden Baumſtämme zu fürchten brauchte, von denen ſich ſein leichtes Boot bald ſelbſt wieder losgeſchwungen hätte, ſo legte er die Ruder bei, lehnte ſich behaglich zurück und trieb nun, die Augen feſt auf die hie und da hervorblitzenden Sterne 5 geheftet, ausgeſtreckt liegen. Lange hatte er in dieſer Stellung verharrt— der dunkelblaue Himmel blitzte und funkelte in ſeinem prachtvollen Schmuck und der Wald rauſchte neben ihm, während unter den Planken des leichten ſchlanken Fahrzeugs die wilde Fluth gur⸗ gelte und murmelte und ihre eigenen wunderlichen Be⸗ trachtungen zu haben ſchien. Es war eine wundervolle Nacht und ſtiller heiliger Friede lag auf dem breiten ruhigen Strom. Ach was für ein aus tiefſter Bruſt heraus geholter Seufzer entfloh da den Lippen des jungen Matroſen — hatte der wilde Bootsmann des Miſſiſſippi ſolch 8 111 bittres geheimes Weh zu tragen?— waren das Thrä⸗ nen, die dem rauhen Manne die Wimpern netzten und ihm leiſe, leiſe an den Schläfen hinabträufelten?— Er ſprang auf und warf ſich die langen braunen Locken halb unwillig aus der Stirn, ohne dabei die Augen zu berühren— er wollte die Thränen nicht an⸗ erkennen. „Zum Henker mit den Dämmerſtunden,“ murmelte er vor ſich hin,„iſt's doch immer als ob's einem ordent⸗ lichen Kerl da gleich breiweich um's Herz werden müßte; und wenn man erſt einmal in das endloſe Blau da hinauf ſtarrt, und hier und da ſo ein paar glänzenden Sternen begegnet, die wie Augen zuſammmenſtehn,— da möchte man doch faſt glauben, der ganze Nachtthau liefe Einem in den Thränendrüſen zuſammen und wollte nun auch augenblicklich wieder hinaus in's Freie. Bah — hier im Wald blitzen die Sterne ebenfalls dieſe tauſend und tauſend Glühkäfer, die in einander , und ſchwirren und glitzern und ein förmliches Feuernetz um die düſteren Baumſchatten zu ziehen ſcheinen, glänzen auch wie Augen— fliegen aber doch vernünftiger Weiſe umher, und ſtarren Einem nicht immer ſo ernſt und weh⸗ müthig entgegen.“ Er nahm langſam das eine Ruder auf und legte es in's Waſſer, um ſeinen Kahn damit näher zu den rau⸗ ſchenden Baumwipfeln hinzulenken, in deren Dunkelheit Myriaden von Glühwürmern das heimliche Reich der Bäume mit einem ganz eigenthümlichen, faſt zauberhaf⸗ ten Lichte erhellten. „Wetter noch einmal,“ murmelte er jetzt vor ſich hin, und ſuchte ſich augenſcheinlich dabei auf andere Ge⸗ danken zu bringen—„was für ein Paradies müßte das hier in dieſem herrlichen Klima, unter dieſer wunder⸗ vollen Pflanzenwelt ſein, wenn es keine“— er ſchwieg einen Augenblick und ſah trübe ſinnend vor ſich nieder, fuhr aber dann wieder raſch auf und rief halblaut und finſter—„Mosquitos und Holzböcke gäbe— die Peſt über alle Inſekten, mögen ſie nun der unvernünftigen oder vernünftigen Thierwelt angehören— die Peſt über die Canaillen— ſie wären im Stande, ſelbſt das Pa⸗ radies in eine Hölle zu verwandeln.“ Er horchte plötzlich hoch auf, denn gar nicht weit von ihm entfernt, und dicht aus dem wildeſten, das Ufer umdämmenden Baumſturz, tönte ihm helles fröhliches Lachen einer Mädchenſtimme entgegen. „Nun bei Gott, das iſt wunderlich,“ ſagte der junge Mann erſtaunt,„hat ſich denn hier, in gerade ſolchem Dickicht, eine Einſtedlerin niedergelaſſen, wie da oben 113 ein Einſtedler?— die beiden ſollten doch wenigſtens zuſammen ziehn.“ Und faſt unwillkürlich lenkte ſich die Spitze ſeines Boots dem Orte zu, von welchem her das Lachen klang. „Hahaha, wie ſie da drinnen durch die Büſche krie⸗ chen, und den entflohenen Vogel wieder hinein haben wollen, in den goldenen Käfig,“— rief die Stimme, „hol über Bootsmann, hol über— an's andere Ufer Fährmann— es wird dunkel, und die feuchte Nacht⸗ luft dringt mir kalt und ſchneidend durch die dünnen Kleider.“ Tom ſchaute erſtaunt am Walde hin, und ſuchte unter dem Gewirr von Aeſten und Stämmen hin, mit den Blicken, bis an's Ufer zu dringen, wo er ein menſchliches Weſen erſt vermuthen konnte. Er befand ſich jetzt faſt an der ſüdlichen Spitze von„Einundſechzig“ und dicht neben dem Platz, wo die Boote der Inſulaner verſteckt lagen; hier aber dämmte auch um ſo wilderes Dickicht das Ufer ein, und Baum über Baum lag von innen herausgeſtürzt, während die ſtarren Aeſte derſelben wie⸗ der ihrerſeits alles hier vorbeitreibende Driftholz aufge⸗ fangen und gegen die Strömung angeſtemmt hatten. Die Boote wurden dadurch vollkommen gedeckt und ein Uneingeweihter hätte den ſchmalen, zu ihnen führenden 8 II. 114 Canal gar nicht gefunden, hier aber auch kein menſch⸗ liches Weſen vermuthen können, wo ſich kaum ein Eich⸗ hörnchen über die wirbelnde Fluth hinaus wagte. Da feſſelte ein heller flatternder Schein ſein Auge— dort, wo ein dünner, weißer Sycamoreaſt über den gährenden Strom hinausſtarrte, oben, faſt auf ſeiner äußerſten Spitze, wie ſich der Falke auf ſchwankendem Zweige wiegt, ſaß, von dem dünnen weißen Kleid umweht, eine weibliche Geſtalt und ihr fröhliches Kichern, mit dem ſte von ihrer gefährlichen Stellung aus auf den erſchreckten Bootsmann niederſchaute, machte dieſem das Herzblut vor Furcht und Entſetzen gerinnen. Er glaubte im erſten Augenblick wirklich ein übernatürliches Weſen vor ſich zu ſehn. „Hahahaha Fährmann,“ rief da wieder die Geſtalt zu ihm nieder,„komm lande Dein Boot— der Mond ſcheint mir ſonſt von da drüben herüber in's Geſicht herein und ich bekomme Sommerſproſſen— ſo— noch ein wenig— jetzt hab' Acht!“ und ehe nur Tom, der von einem ihm unbegreiflichen Gefühl getrieben, dem Rufe des Weibes folgte, ſelbſt die Hand ihr reichen konnte oder im Stande war das Boot zu befeſtigen, flog ſie mit kühnem Satz von oben hinein, und als er hinzuſprang ſie zu unterſtützen, denn durch die entge⸗ 11⁵ gengeſetzte Bewegung des Fahrzeugs taumelte ſte, und wäre bald wieder über Bord geſtürzt— trieb der Kahn an der Südſpitze der Inſel vorüber und mitten im Strome in reißender Schnelle dahin. Es war ſchon ziemlich dunkel, nur die Sterne ver⸗ breiteten ein mattes ungewiſſes Licht. Die Frau aber— von den Armen des jungen Mannes gehalten, verharrte in ihrer erſten Stellung und blieb mehre Minuten lang, den Blick feſt auf die immer mehr verſchwimmende Inſel geheftet, ſtehn, dann aber wandte ſie ſich gegen ihren Retter um, ſah ihm, während ſie ſich mit der rechten Hand den Scheitel lang⸗ ſam zurückſtrich, kurze Secunden ſtarr in's Auge und flüſterte dann leiſe und ängſtlich: „Kommt, Tom Barnwell— kommt— fahrt mich an's andere Ufer hinüber— dort muß Eduards Leiche angewaſchen ſein.“ „Marie!“ ſchrie da plötzlich der junge Mann, und ſeine ganze ſtarke Geſtalt zitterte und bebte—„Marie — bei dem ewigen Gott da oben— Ihr hier— in dieſem Zuſtand.“ „Ruhig, mein guter Tom,“ bat die Wahnſinnige — vich weiß wohl, Du hatteſt mich lieb, aber— es ſollte nicht ſin— Eduard kam— ha Eduard— was 8* 116 ſchwimmt da drüben im Strome?— laß uns hinüber ahren, ich denke ich kenne das bleiche Antlitz, auf das die Sterne nieder ſcheinen— das muß mein Vater ſein!“ „Marie, um Gottes Willen, was iſt geſchehen?“ bat jetzt der junge Barnwell, während er ſie langſam und vorſichtig auf den im Stern befindlichen Bootsſitz niederließ—„was iſt Euch Fürchterliches begegnet? wo ſind Euere Eltern? wo iſt Euer Gatte?“ „Meine Eltern?— mein Gatte?“ wiederholte die Unglückliche, und es war augenſcheinlich, ſte verſtand im Anfange nicht einmal den Sinn der Worte, die ſie nach⸗ murmelte— endlich aber mochten wohl all jene in Wahnſinnsnacht faſt verſunkenen gräßlichen Bilder, die ihr Hirn und Herz verwirrt, vor ihrer Seele wieder auf⸗ tauchen, denn ſie barg plötzlich ihr Antlitz in den Hän⸗ den und während ein Fieberfroſt ihre Glieder zu durch⸗ fliegen ſchien, ſtöhnte ſie halb laut vor ſich hin: „Alle todt— Alls— Alle— in ihrem blutigen Grabe liegen ſie— Nein!“ rief ſte plötzlich, und ſprang empor—„nicht blutig— der Strom wuſch ſie rein— er wollte die haͤßlichen Leichen nicht ſo roth mit fortnehmen— als Eduard wieder an der Seite empor⸗ 117 tauchte, ſah er weiß und rein aus und der Kopf war ihm nicht geſpalten. Er lachte— heiliger allmächtiger Gott— das Lachen iſt es ja gerade was mich wahn⸗ ſinnig gemacht hat.“ Zwiſchen den bleichen zarten Fingern quollen jetzt unaufhaltſam die großen hellen Tropfen vor, und ihr Schmerz ſchien dadurch wohl nicht leidenſchaftloſer, aber doch ihrem ganzen zerrütteten Nervenſyſtem weniger gefährlich zu werden. Tom hütete ſich auch wohl dieſen Ausbruch langverhaltenen Grames zu unterbrechen; mit krampfhaft gefalteten Händen ſtand er vor der Armen und noch immer kam es ihm faſt wie ein wilder, entſetz⸗ licher Traum vor, daß Marie— Marie, an der früher ſein ganzes treues Herz gehangen, jetzt hier— allein — wahnſinnig— von all den Ihrigen getrennt oder verlaſſen, in ſeinem Kahn ruhe und er nun für die ſor⸗ gen dürfe, für die er ja ſo gern ſein beſtes Herzblut ver⸗ ſpritzt hätte. 1 Endlich fühlte er aber doch, daß hier etwas geſche⸗ hen müſſe, nicht allein ein Unterkommen für das kranke Weſen zu finden, ſondern auch zu erfahren wie ihr zu helfen, und was die Urſache ihres Unglücks geweſen. Allerlei wirre Vermuthungen kreuzten dabei ſein Hirn, er verwarf ſie aber alle wieder, und nur das eine blieb 118 ihm wahrſcheinlich, daß ſte hier irgendwo an jener Inſel mit Boot oder Fahrzeug verunglückt ſei, vielleicht den Untergang aller Uebrigen geſehen, und ſich allein dort auf dem in den Fluß hinein ragenden Aſt gerettet habe. Einzelne, nur wenig zuſammenhängende Worte, die ſie noch ſpäter ausſtieß, beſtärkten ihn auch in dieſer Vermuthung, und er wußte für den Augenblick keinen andern Rath, als ſie mit ſich ſtromab zu nehmen, bis er entweder ein Dampfboot fände, das im Stande wäre Helena noch vor des alten Edgeworth Abreiſe zu errei⸗ chen, oder dieſem ſelbſt wieder begegnete. Dieſer kannte Marie ebenfalls von früher her, und wußte wohl über⸗ dieß beſſer, was mit dem armen unglücklichen Weibe an⸗ zufangen oder wo es unterzubringen ſei. Mehre Stunden trieb er ſo langſam ſtromab und ſaß noch immer, das Haupt des armen Kin⸗ des unterſtützend, in ſeiner Jolle, als er am linken Ufer ein Dampfboot liegen ſah, das dort Holz einnahm.— Er richtete jetzt, ſo gut das in der Eile gehen wollte, mit der Jacke eine Art Lager für ſeinen Schützling her, der theilnahmlos um Alles was um ihn her vorging, ſich auch das ruhig gefallen ließ— dann aber griff er wieder zu den Rudern und hielt nun gerade hinüber — — 119 nach jenem Holzplatz, dieſen noch vor Abfahrt des Boo⸗ tes zu erreichen. Kaum hatte er denn auch ſeine Jolle daran befeſtigt und das arme Mädchen mit Hülfe eini⸗ ger ihr beiſpringenden Matroſen, an Deck gehoben, als die Maſchine wieder an zu arbeiten fing, und der„Van Buren“, das war der Name des Dampfers— mit rauſchenden Rädern ſeine Bahn ſtromauf verfolgte. V. Sander’s Pläne.— Der alte Lively. Langſam zogen die Männer mit ihrer traurigen Laſt heimwärts, Lively's Farm wieder zu, von der ſie nur wenige Meilen entfernt waren, da, wie ſchon geſagt, der Hügel welchem die Flüchtigen gefolgt, einen ziem⸗ lich ſtarken Bogen machte. Der Mulatte lag faſt während der ganzen Zeit beſinnungslos in der Decke und nur manchmal, wenn eins der Pferde auf dem rauhen Bo⸗ den einen Fehltritt that, zuckte er zuſammen und ſtieß vielleicht einen Schmerzenslaut aus. Als ſie ſich der Farm näherten hielten ſte, um vor allen Dingen zu berathen, auf welche Art ſte den Ver⸗ wundeten am beſten zum Hauſe brächten, ohne die Frauen dabei zu ſehr zu erſchrecken. Sander erbot ſich allerdings voran zu reiten, Cook meinte aber es wäre 121 beſſer, wenn das Einer von der Familie thäte, und zwar Niemand anderes als der alte Lively, da er ſelbſt mit ſeinem blutigen Geſicht ſte vielleicht noch mehr erſchreckt hätte. Der Alte war damit auch vollkommen einver⸗ ſtanden, ſchulterte ſeine Büchſe und wollte eben zu Fuß voraus wandern, als ihm Sander ſein Pferd anbot, was er auch beſtieg und nun raſch damit ſeiner eigenen Wohnung zutrabte. Unterwegs zerbrach ſich aber James Lively senior gewaltig den Kopf, wie er es am klügſten anfange die Frauen gleich von vorn herein ſo zu beruhigen, daß ſie nicht einmal erſchräken, ſondern augenblicklich wüßten es wäre Alles glücklich abgelaufen. Jene hatten näm⸗ lich noch vor dem Aufbruch der Männer gehört, daß die Diebe nicht unbewaffnet geflohen ſeien, was es denn auch außer allen Zweifel ſetzte, ſie würden ſich nur nach verzweifelter Gegenwehr gefangen nehmen laſſen. So gut und brauchbar nun aber auch der alte Mann im Walde oder überhaupt da ſein mochte, wo es galt kaltes Blut und eine muthige Stirn zu zeigen, oder den Weg durch bahnloſe Wildniſſe zu finden, ſo ſehr fühlte er ſich hier außer ſeiner Sphäre, und es koſtete ihm nicht geringe Mühe eine nur irgend haltbare Anrede heraus zu tifteln. Endlich war er jedoch damit im Reinen 122 und beſchloß ihnen vor allen Dingen zu ſagen, daß ſie ſämmtlich wohl und unverletzt ſeien, ihm auf dem Fuße folgten, den einen der Diebe gefangen brächten und den anderen ebenfalls noch vor Abend einzufangen ge⸗ dächten. Damit mußte er ſie vollſtändig beruhigen, und hierüber mit ſich ſelbſt einig, preßte er auch dem mun⸗ teren Thierchen das er ritt, die bloßen Hacken kräftig in die Seite, denn der alte Mann ging wie immer barfuß, und ſprengte in kurzem Galopp den Hügel ſchräg hinab, an deſſen Fuß er ſchon das helle Dach ſei⸗ nes kleinen Hauſes erkennen konnte. Die Frauen ſchienen aber die Rückkunft der Män⸗ ner mit größerer Angſt und Sorge erwartet zu haben, als dieſe vielleicht ſelbſt glauben mochten, denn daß es einen ernſten Kampf galt, bewies ihnen ſchon der Um⸗ ſtand, wie ſie alle nur vorhandenen Waffen mitgenom⸗ men hatten, und es ließ ſich auch wohl denken, wie bei ſo ernſter Verfolgung ernſter Widerſtand zu fürch⸗ ten wäre. Dieſe Furcht wurde noch vermehrt, als ſie jetzt den alten Mann allein zurückkehren ſahen und obgleich eine die andere beruhigen wollte, ſo eilten ſte ihm doch ſämmtlich und zwar in aller Haſt entgegen, das Schlimmſte was er ſagen konnte ſogleich aus feinem eigenen Munde zu hören. 123 „Lively— um Gottes Willen, was iſt vorgefallen!“ — rief ſeine Frau, und mußte ſich an dem Thorpfoſten halten, um nicht in die Knie zu ſinken—„wo— wo iſt James?“— 8 —„Wo iſt Cook, Vater?— wo iſt mein Mann?“ rief die Tochter, eilte zum Pferd und ergriff ſeine Hand —„wo habt Ihr— großer allmächtiger Gott— hier iſt Blut an Euerem Fuß, und hier auch— an Knie und Schenkel— auch Euere Hand iſt blutig— wo um des Heilands Willen iſt mein Mann?“— „Wo iſt James— wo der Fremde? was iſt mit den Dieben geſchehen?“ riefen erſchreckt auch Mrs. Dayton und Adele. Der alte Lively, ſo von allen Seiten in einem An⸗ lauf beſtürmt, der ihn gar nicht zu Worte kommen ließ, vergaß natürlich auch jede Sylbe von dem, was er hatte zur Beruhigung der Frauen ſagen wollen und vermehrte durch ſein beſtürztes Schweigen und Umherſtarren nur noch die Angſt und das Entſetzen der Frauen. Endlich aber, als ihm dieſe nur einen Augenblick Zeit gaben ſeine Gedanken zu ſammeln, fühlte er ſelbſt, daß jetzt eine Antwort unumgänglich nöthig ſei, hielt ſich aber, da ihm jeder weitere Faden abgeriſſen war, feſt an die letzte Frage und ſtotterte nur, indem er dabei ein höchſt beruhigendes Geſicht zu machen verſuchte und in einem fort mit dem Kopfe ſchüttelte: „Er iſt noch nicht todt— ſie bringen ihn!“ „Wen? um aller fünf Wunden unſeres Heilands Willen!“— ſchrieen die beiden Frauen wie aus einem Munde, während Adele leicheyblaß wurde und krampf⸗ haft der Freundin Arm erfaßtt.„Wen Mann?— wen bringen ſie.— Wo iſt James? wo iſt Cook?“— „Hinter dem Anderen her!“ rief der alte Lively jetzt, durch die vielen Fragen total verwirrt—„er kommt mit dem Einen, den wir durchs Bein geſchoſſen haben.“ „James?“ rief die alte Dame. „Cooke“ ſtöhnte deſſen Frau.— „Unſinn!“ brummte aber jetzt der Alte, dem es anfing ſtedend heiß zu werden—„der Mulatte.— Herr Jeſus, Weiber, macht Einen nicht toll— James und Cook ſind beide ſo geſund wie ich— Cook hat ſich die Naſe ein Bischen wund geſchlagen— den Mulatten haben ſie geſchoſſen, der Andere iſt entflohen und Ja⸗ mes iſt auf der Fährte geblieben.— Vater Unſer der Du biſt im Himmel— Ihr fragt ja, daß es Einem wie mit Kübeln den Rücken hinunter läuft.“ „Beruhigen Sie ſich,“ ſagte Mrs. Dayton jetzt, — 12⁵ indem ſie die alte Frau unterſtützte,„es iſt keiner unſe⸗ rer Freunde verwundet— ſie haben nur Einen der Diebe gefangen, den ſie zu Hauſe bringen.“ „Aber was in aller Welt erſchreckſt Du uns da nur ſo!“ rief mit vorwurfsvollem Ton die alte Frau. „Ach, Vater,“ betheuerte auch Mrs. Cook,„die Angſt krieg' ich in vier Wochen nicht wieder aus den Gliedern!“ „Na, das iſt eine ſchöne Geſchichte,“ brummte der Alte in komiſcher Verzweifelung—„ich werde hier ganz beſonders vorausgeſchickt, um gleich als perſönli⸗ ches Beiſpiel zu dienen, daß ſich Alle wohl befinden und ſpringe nun gerade mit beiden Füßen ins Porcellan hinein. Aber beſſer noch ſo wie ſo, Sie ſind Alle wohl — Cook und Sander werden gleich hier ſein— Bohs iſt aber mit Coo's James— Heiland der Welt, man verliert hier noch das Bischen Verſtand— James iſt mit Cook's Bohs— nein doch nicht— der Hund wollte nicht mit— dem weißen Diebe nach, und wird wohl nicht eher wieder kommen, bis er ihn ſelber bringt, oder doch genaue Kunde ſagen kann, wohin er ſich gewendet.“ Der alte Mann mußte jetzt umſtändlichen Bericht über das Geſchehene abſtatten, denn als er in der Nacht 126 die Gewehre holte, hatte er ihnen nur flüchtig ſagen können, daß Jemand geſtohlen habe, und ſie dem nach⸗ ſetzen wollten. Dieſem Berichte ſchloß ſich aber eine, von dem alten Lively bis dahin noch gar nicht bemerkte Perſon an, die erſt dieſen Morgen eingetroffen war und noch beim nachträglich für ſie bereiteten Frühſtück ſaß, als die Frauen dem Botſchafter entgegeneilten. Dieß Individuum war aber niemand Geringeres, als Doktor Monrove oder der Leichendoktor, wie ihn die Hinterwäldler ſchlicht weg nannten, der jetzt noch, zwiſchen Hunger und Neugier ſchwankend, mit einem halb abgenagten Truthahnknochen in der einen, und einem Stück braungebackenen Maisbrod in der anderen fettigen Hand, zu den Frauen trat, und mit immer wach⸗ ſenden Intereſſe hörte, daß ein Mann verwundet, gefähr⸗ lich verwundet ſei, und ſogar hierher geſchafft werden würde.. „Beſter Mr. Livel)“— wandte er ſich jetzt an dieſen. „Ach, Leich— Doktor Monrove“— ſagte der alte Mann, während er ſich erſtaunt und vielleicht auch erſchreckt nach dem ſonſt gern gemiedenen Manne um⸗ blickte, von dem ſich die Landleute überhaupt ſchon er⸗ zählten, er wittere eine Leiche ſo weit wie ein Turkey 127 Buſſard—„Ihr kommt apropos— und könnt hier gleich Eure Kunſt zeigen, ob einem armen Teufel noch zu helfen iſt, dem das Tageslicht an mehr als einer Stelle durch die Haut ſcheint— aber da kommen ſie wahrhaftig ſchon— ſo mögt Ihr gleich mit anfaſſen. Alte, wo wollen wir ihn denn hinlegen?“ „Ach Du lieber Gott!“ ſagte die alte Dame— „hier ins Haus ſoll er?“ „Nun wir dürfen“— „Nein nein, Du haſt recht, es iſt auch ein Menſch ſo gut wie wir, wenn auch ein ſündhafter, den Gott ge⸗ ſtraft hat. Ja da weiß ich aber meiner Seele keinen Rath weiter, als Ihr müßt ihn in Cooks Haus ſchaffen, und Ihr andern zieht, bis er transportirt werden kann, zu uns herüber.— Ach, beſte Mrs. Dayton, daß ſte auch gerade zu ſo unglücklicher Zeit zu uns kommen mußten und wir hatten uns Alle ſo auf Sie ge⸗ freut. 4 Mrs. Dayton wollte ſie nun zwar hierüber be⸗ ruhigen, es blieb ihnen aber keine Zeit weiter, denn die kleine Cavalcade hielt in dieſem Augenblicke vor dem Thore und Cook und Sander an der einen, wie Doktor Monrove und der alte Lively auf der anderen Seite, trugen den Verwundeten langſam und ſo vorſichtig als * 128 möglich in dieſelbe Thür hinein, aus der er in voriger Nacht ſo ſchlau und flüchtig entwichen. Der Mulatte ſtöhnte, als er die Augen aufſchlug und den Platz wieder erkannte. Doktor Monrove, der indeſſen auf des Alten An⸗ frage nur unzuſammenhängende und dieſem vollkommen unverſtändliche Worte erwiedert hatte, denn er nannte ihm in aller Geſchwindigkeit eine Maſſe von Brüchen, OQuetſchungen, wie Hieb⸗, Stich⸗ und Schußwunden, deren Erfolg es ihm ungemeine Freude machen würde, an irgend einem menſchlichen Weſen zu beobachten— ſchien die Zeit kaum erwarten zu könen, wo er im Stande war die Verwundungen des Unglücklichen zu unterſuchen, und verſicherte ein über das andere Mal, es ſei der glücklichſte Zufall von der Welt, der ihn hier zu ſo guter Stunde hergeführt habe. Auf Sanders Frage endlich, ob er wohl glaube daß der Mann ſein Bewußtſein wieder gewinnen könne, antwortete er, ſich freudig dabei die Hände reibend: „Ei gewiß, gewiß— ſoll mir noch zwei, drei Tage leben, hoffe ihn zu trepaniren und am rechten Arme wie rechtem Beine zu amputiren.“ „Zu was?“ frug der alte Lively erſtaunt. „Laſſen Sie mich nur machen, beſter Herr“— er⸗ a 129 wiederte der kleine Mann, ohne die Frage weiter zu beachten, in größter Geſchäftigkeit—„laſſen Sie mich nur machen— hier am Feuer, Gentlemen, wird wohl der beſte Platz ſein, ſein Lager zu bereiten— ein paar wollene Decken genügen— verlange nichts weiter für meine Mühe, Gentlemen, als die Leiche— werden mir wohl ein Pferd borgen, ſte nach Helena zu ſchaffen— ein alter Sack genügt— ſchneiden ſie von einander.“ Der alte Lively drückte ſich leiſe aus dem Zimmer; ihm fing es an in der Geſellſchaft des kleinen Mannes unheimlich zu werden, und ſelbſt Cook wäre ihm gern gefolgt, wenn nicht noch einige zu treffende Anordnun⸗ gen ſeine Gegenwart erheiſcht hätten. Sander, der eine Zeitlang ſinnend, und ohne mit Jemandem ein Wort zu wechſeln, an dem Schmerzenslager des Mulatten ſtand, beobachtete aufmerſam den Zuſtand deſſelben und er⸗ klärte endlich, als dieſer matt die Augen wieder auf⸗ ſchlug, bei ihm bleiben zu wollen. In jedem anderen Fall hätte nun Cook das vielleicht nicht einmal zugege⸗ ben, hier aber ſchien es ihm ſogar lieb zu ſein, und er verließ ſelbſt auf kurze Zeit das Haus, erklärte jedoch bald zurückkehren zu wollen um von dem Mulatten, wenn dieſer aus ſeiner Betäubung erwache, noch über Manches Aufklärung zu erhalten. II. 9 1 130 Das zu verhindern war jetzt Sanders einziger Zweck und mit verſchlungenen Armen und feſt auf einander gebiſſenen Zähnen ging er, als er ſich mit dem Doktor und dem Kranken allein ſah, im Zimmer auf und ab, ſeine Pläne zu ordnen und die nöthigen Maaßregeln zu 3 geln z3 ergreifen. Er befand ſich aber auch hier in einer kritiſchen Lage. Seine Abſticht, weshalb er hierher gekommen, war durch eine Bemerkung der alten Mrs. Lively, wenn nicht ganz bei Seite geworfen, doch ſehr erſchüttert wor⸗ den. Er hatte nämlich durch ihr Geſpräch mit Mrs. Dayton erfahren, daß die alten Benwicks in Georgien eſtorben wären und er wußte durch ſeine frühere Be⸗ g ſ) kanntſchaft mit Adele Dunmore recht gut, wie ſie von jenen erzogen und einem eigenen Kinde gleich behandelt worden ſei. Kelly's Abſicht mit ihr glaubte er nun zu durchſchauen— wahrſcheinlich wartete ihrer eine bedeu⸗ tende Erbſchaft, Blackfoot hatte ihm ja geſagt daß Kelly mit Simrow in Georgien auf das Lebhafteſte correſpon⸗ dire; in dieſem Fall ſtand denn der auf ſeinen Dienſt geſetzte Preis in gar keinem Verhältniß mit dem Gewinn. Unter jeder Bedingung mußte er alſo, ehe er des Capi⸗ tains Plan ſelber förderte, noch einmal mit dieſem ſpre⸗ chen, und ihm wenigſtens zu verſtehen geben, daß er “— —— 131 mit der Sache näher bekannt ſei, als Jener jetzt zu 3 ahnen ſcheine. Fand er dieſen dann, was er jedoch kaum fürchtete, unnachgiebig, ei nun, ſo gab es vielleicht irgend einen Ausweg die ſchöne Beute für ſich ſelber zu ent⸗ führen. Wie das möglich zu machen wäre, wußte er für den Augenblick allerdings noch nicht, dem eitlen Wüſtling ſchien aber Nichts un möglich, wo ſeine eigene Perſon mit ins Spiel kam. Auf jeden Fall mußte er Kelly's Plan aufſchieben, um auch ſelbſt noch ſeinerſeits die nöthigen Erkundigungen einzuziehen, und hierbei gab ihm des Mulatten Gefangennehmung eine herrliche Ausrede, weshalb er den erhaltenen Befehl nicht ohne Zögern ausgeführt. Des Mulatten Zuſtand wurde aber auch ohne dieß ein neuer Grund ſolcher Handlungsweiſe; er durfte die⸗ ſen nicht verlaſſen, ohne ſich vorher überzeugt zu haben, ob er noch überhaupt im Stande ſein werde Geheim⸗ niſſe zu enthüllen, und wie weit ſeine Kenntniß derſelben reiche. Konnte er der Inſel gefährlich werden, ſo ver⸗ langte es nicht allein ſein Schwur— um den hätte er ſich vielleicht wenig gekümmert— nein, ſeine eigene Sicherheit, daß er unſchädlich gemacht würde, und ſeine einzige Hoffnung blieb jetzt, alle Zeugen zu entfernen und dem Mulatten dann ſchnell und unbemerkt den 9* 132 Todesſtoß zu geben. Mit Blut bedeckt wie er war, hätte Niemand daran gedacht ihn näher zu unterſuchen und raſch beerdigt dann, oder auch dem Doktor überlie⸗ fert, brauchte er von der Leiche weiter keinen Verrath zu fürchten. Dieſer Plan ſcheiterte aber an der fürchterlichen Leidenſchaft, die der Doktor für Schwerverwundete hegte; nicht durch alle Verſprechungen der Welt wäre er auch nur auf einen Augenblick zu vermögen geweſen, das Zimmer zu verlaſſen, und er fing ſogar jetzt ſchon an, obgleich der Unglückliche bei jeder Berührung die heftig⸗ ſten Schmerzen zu empfinden ſchien, den Körper zu un⸗ terſuchen, welche Theile beſonders verletzt wären. Dieß ſuchte Sander dadurch zu verſchieben, daß er den kleinen Mann darauf aufmerkſam machte, wie unumgänglich nothwendig es ſei, Schienen für die gebrochenen Glied⸗ maßen herzuſtellen. Davon wollte jedoch der Doktor Nichts wiſſen, indem er auf ſchleuniger Amputation be⸗ ſtand, und er kramte zu dieſem Zweck ſeine raſch herbei geſchleppte Satteltaſche aus, die oben eine Menge von kleinen Fläſchchen und Büchſen enthielt, worunter nach⸗ her das ſchwere Geſchütz— Meſſer, Sägen, Scalpels und andere, gräßlich geformte und markdurchſchneidend blank und ſauber gehaltene Inſtrumente folgten. — 133 Die Fläſchchen und Büchſen ſtellte der kleine ge⸗ ſchäftige Doktor, damit ihm nicht irgend ein Unglück damit paſſire, auf den Kaminſims, und die Sägen und übrigen Inſtrumente breitete er auf dem einzigen kleinen Tiſche, der im Zimmer ſtand, aus, ſo daß ſich Cook, als er einmal hereintrat, einen heimlichen aber heiligen Eid ſchwur, von dem Tiſche nie wieder einen Biſſen eſſen zu wollen. In Lively's Hauſe drüben hielten die Männer in⸗ deſſen Rath, was jetzt am beſten anzufangen ſei den entflohenen Weißen einzuholen, denn Cook meinte, nach des Doktors Aeußerungen dürften ſie ſchwerlich darauf rechnen, den Mulatten ſo weit wieder hergeſtellt zu ſehen, irgend eine Frage vernünftig beantwortet zu bekommen. Als ſie jedoch noch mit einander darüber verhandelten, kehrte James zurück und erklärte, Cotton habe ſich wieder dem Fluſſe zugewendet und es ſei kein Zweifel, daß er entweder ſüdlich hinab oder den Strom bloß kreuzen wolle. Beides mußten ſie zu verhindern ſuchen, denn nicht allein hatte er ſchon in Arkanſas ge⸗ mordet, weshalb ſogar ein Preis auf ſeinem Kopf ſtand, ſondern in ſeiner jetzigen Lage blieb ihm auch faſt nichts weiter als Raub und Mord übrig. Den Nachbarſtaat alſo theils vor ſolcher Geißel zu ſichern, theils auch 134 nicht der Gefahr ausgeſetzt zu ſein, daß der Verbrecher in ihre eigene Gegend zurückkehre, beſchloſſen ſie, dem Miſſiſſippi zu die Nachbarn zu warnen und aufzubieten, und James ſollte zu dieſem Zweck— da Cook zu kurze Zeit in der Gegend war ſie genau zu kennen, nach Helena zu, oder vielmehr etwas über Helena alle Wald⸗ leute requiriren, während der alte Lively dem Strom in gerader und nächſter Richtung zu ging, um von hier aus ebenfalls die nöthigen Maaßregeln zu treffen. Abends wollten ſie jedoch zurückkehren, um zu hören, ob vielleicht von anderen Seiten Nachrichten eingegan⸗ gen ſeien. Daß der Mörder den Miſſiſſtppi hinauf ſuchen ſollte zu entkommen, ſchien ihnen und mit Recht unwahrſcheinlich, für unmöglich hielten ſte es aber, daß er nach Helena ſelbſt fliehen würde, da ſte ja die Ver⸗ bindungen nicht ahnen konnten, in welcher Helena ver⸗ brecheriſcher Weiſe mit den Nachbarſtaaten ſtand. Cook ſollte alſo indeſſen ſuchen mit des Doktors Hülfe den Neger wieder ins Leben zurückzurufen und ihm, da er ja ſchon gegenwärtig genug für ſeine Sün⸗ den litt, gänzliche Strafloſigkeit ſichern, wenn er ge⸗ ſtehen wollte wo beſonders einzelne, bei Little Rack geraubte werthvolle Gegenſtände verborgen ſeien und 135 wer ſeine bis dahin noch unentdeckten Helfershelfer wären.. Die Damen rüſteten ſich jetzt ebenfalls zum Auf⸗ bruch, da ja auch der Raum in Lively's Hauſe auf ſo traurige Art beſchränkt worden war, James aber mußte natürlich vermuthen Mr. Hawes, wie ſich Sander hier nannte, würde ſte auch zurückgeleiten, indem er ja über⸗ dieß Miß Adele abzuholen gekommen war. Ehe er alſo ſein eigenes, indeſſen raſch gefüttertes Pferd wieder beſtieg, ging er noch einmal hinüber zu den Damen und bat dieſe ihn zu entſchuldigen, daß er ſie nicht noch ein Stückchen begleiten könne, aber der Gegenſtand um den es ſich handele verlange zu dringende Eile, um ihn auch nur eine Viertelſtunde aufſchieben zu kön⸗ nen. In nächſter Woche ſei jedoch hoffentlich Alles bei⸗ gelegt und dann käme er wieder herunter nach Helena und wolle die Ladies, wenn's ihnen recht ſei— und James wußte gar nicht wie gut ihm ſeine jetzige Ver⸗ legenheit ſtand, er wäre ſonſt noch viel verlegener ge⸗ worden— einmal auf recht ordentlich lange Zeit hier⸗ heraus holen. Treuherzig ging er dann auf Beide zu, reichte und drückte ihnen herzlich die Hände, ſprang in den Sattel 1 und trabte raſch von dannen, während der alte Libely 5 8 136 . 82 ebenfalls ſeine Büchſe ſchulterte, die für ihn hingeleg⸗ ten Lebensmittel in die Kugeltaſche ſchob und mit einem kurzen„Good Bhe“ ſeinen eigenen Weg einſchla⸗ gen wollte. „Aber Mr. Lively,“ bat da Mrs. Dayton und trat ihm in den Weg,„wieder barfuß? Sie ſind erſt kürzlich krank geweſen— das kann ja auch gar nicht ge⸗ ſund ſein. Wenn Sie ſich nun recht ordentlich erkälten und einmal Monate lang das Lager hüten müſſen?“ Der alte Mann lächelte— der Gedanke war ihm fremd, ja dergleichen hatte er ſich noch nicht einmal für möglich gedacht— Monate lang krank im Bett— nein— ein paar Tage lang vielleicht, wenn ihn ein⸗ mal das kalte Fieber ſchüttelte, aber auf keinen Fall länger.— „'S hat keine Noth, Miſſus,“ ſagte er und griff dabei in den Nacken, um einen ihm dort läſtig werden⸗ den Holzbock fortzunehmen—„bin einmal daran ge⸗ wöhnt— ich kann das Schuhwerk nicht leiden.“ „Ach dazu bringen Sie ihn nicht,“ meinte die alte Mrs. Lively kopfſchüttelnd,„was habe ich da nicht Al⸗ les ſchon geredet und gebeten, er bleibt bei ſeinem Dick⸗ kopf, und läßt die Schuhe lieber vom Schimmel freſſen 3 137 . als daß er ſte anzöge; höchſtens Sonntag einmal, wenn er mit mir zur Kirche reitet.“ Dem Alten fing es an unbehaglich zu werden, und er wollte gehen, Adele aber trat ihm jetzt in den Weg und ſagte, bittend dabei ſeine Hand ergreifend: „Kommen Sie, Mr. Lively, zeigen Sie einmal, daß die Frau Unrecht hat und daß Sie auch nachgeben können— nicht wahr, Sie ziehn die Schuhe heut' an? Sehen Sie, da drüben ſteigt ein Wetter herauf; wenn es regnet und Sie ſind mit bloßen Füßen weit im Walde drinne, da müſſen Sie ja krank werden.“ / Lively blickte verzweiflungsvoll nach der Thür, das junge ſchöne Mädchen war aber nicht ſo leicht abgefer⸗ tigt wie ſeine Frau— mit den großen ſprechenden Au⸗ gen blickte ſie ihm ſo bittend und treuherzig ins Geſicht, daß er ſchon, faſt wie unwillkürlich, die rauhen Sohlen anfing auf der Diele abzuſtreichen, als ob er direkt in die heute wirklich unvermeidlichen Schuhe hinein fahren wollte; das bemerkte ſeine Frau aber kaum, als ſte auch ſchon raſch an den Schrank lief, wo dieſe ſonſt von dem Gatten ſo wenig gebrauchten, Fußquetſcher“, wie er ſte nannte, oft Monate lang ihrer Benutzung ver⸗ gebens entgegen ſahen. Gleich dgrauf ſtanden ſte, mit 138 aufgelöſten Riemen und ſauber abgeſtäubt, dicht vor ihm und als er noch einmal von Mrs. Dayton wie von Adele recht freundlich gebeten war, nur dießmal ihrem Rathe zu folgen, und dann vorſichtig erſt in den rechten und dann in den linken Schuh hineingeſehen hatte, als ob er etwa glaube es habe ſich in der langen Zeit, in der ſie unbenutzt geſtanden, irgend ein junges Schlan⸗ genpaar häuslich darin niedergelaſſen, ſchüttelte er lä⸗ chelnd mit dem Kopfe, blickte noch einmal ins Freie und fuhr endlich, als er hier jeden Rückzug dreifach abge⸗ ſchnitten ſah, tief aufſeufzend in die ihm läſtige Fußbe⸗ kleidung. Während er ſich die Riemen zuband, hielt ihm ſeine Frau das Gewehr. Als er endlich zum zweiten Mal Abſchied genom⸗ men hatte und über den ſchmalen Hofraum ſchritt, be⸗ gegnete ihm Cook, und er ging dicht hinter einem dort liegenden Trog weg, damit jener nur nicht ſehen ſollte er trage Schuhe;— es kam ihm ſo fremdartig vor, daß er ſich ihrer ordentlich ſchämte. „Ich bin wirklich froh!“ ſagte Adele lächelnd, als der alte Mann endlich über die Fenz geſtiegen war und hinter den dichten Büſchen der Waldung verſchwand, „daß wir ihn ſo weit gebracht haben; in ſeinen Jahren 139 i*ſt es doch ſicherlich gefährlich, dem Wetter auf ſolche Art zu trotzen.“ „Mich wunderts daß er's that,“ meinte Mrs. Lively,„das hab' ich aber nur Ihnen zu verdanken, meine gute Miß— ſo gern er mich hat, mir zu Liebe hätte er ſie im Leben nicht angezogen. Jetzt will ich aber auch ſehn, ob ich ihn nicht dabei behalten kann, und wenn er mir eine Weile die Schuh getragen hat, ei dann ſchwatz ich ihm am Ende auch noch die wollenen Socken auf.“ Gute Mrs. Lively— wie Du in Deiner Unſchuld da ſo freundliche Pläne auf rindslederne Schuh und wollene Socken bauteſt— hätteſt Du Deinen Alten in demſelben Augenblick, wo Du Dich Deines Sieges freuteſt, geſehn, Deine kühnen Hoffnungen würden ſich nicht zu ſolcher Höhe hinauf geſchwungen haben. Und was that old man Lioely? Er ſchritt langſam und vorſichtig, als ob er auf Ciern ginge, in dem theils ungewohnten theils verhaß⸗ ten Schuhwerk wirklich in den Wald, wie es ſeine Frau von ihm verlangt, kaum aber hatte er das düſtere Däm⸗ merlicht der Holzung betreten, da warf er den Blick zu⸗ rück und ſchaute ſich um, ob er die Heimath noch von 140 da aus, wo er ſich gerade befand, erkennen könne. Ja — er ſah durch die Büſche den hellen Schein der Häuſer ſchimmern— weiter wanderte er, noch etwa hundert Schritt, bis zu einem kleinen Dickicht von Dogwoodbäu⸗ men, das tief verſteckt im ſtillen Haine lag. Und was that old man Lively hier? Er lehnte vorſichtig ſeine Büchſe an einen Hickory, band ſich dann beide Schuhbänder wieder, eins nach dem andern auf, zog die Schuhe aus, hing ſte ſorgſam oben hinein, in den laubigen Wipfel eines niederen Dogwood⸗ buſches, ſtreckte dann das linke und dann das rechte Bein, als ob er irgend ein lähmendes oder beengendes Gefühl hinausdehnen wollte, ſchulterte aufs Neue, aber diesmal viel raſcher und freudiger ſeine Büchſe, und zog nun mit ſo ſchnellen und lebhaften Schritten in dem leiſe rauſchenden Walde hin, und lächelte dabei ſo ſtill vergnügt und ſelbſtzufrieden in ſich hinein, daß gewiß jeder, der ihn ſo geſehn, ſeine recht herzliche Freude an ihm gehabt haben müßte, ob er auch barfuß, mit den hornigen Sohlen durch gelbes Laub und dürre Aeſte dahin ſchritt. Von dem Tage an weigerte ſich Vater Lively nie, wenn ſeine Frau ernſthaft in ihn drang, die Schuh an⸗ zuziehn, ſonderbar war es aber, daß er dann auch ſtets 141 genau wieder an derſelben Stelle aus dem Wald kam, wo er dieſen zuerſt betreten hatte. Seine Frau wußte nicht warum— er aber deſto beſſer, er mußte ja die aufgehangenen Schuh erſt wieder anziehn, ehe er ſich vor dem Hauſe durfte blicken laſſen. VI. Doktor Monrove und Sander. Die beiden Ladies hatten ſich jetzt zum Aufbruch ge⸗ rüſtet, ihre Pferde waren vorgeführt, und nur Sander fehlte noch, ſie zur Stadt zurückzugeleiten. Obgleich dieſer aber recht gut fühlte, wie man auf ihn allein warte, ja es ſogar für ganz in der Ordnung fände, daß er die Damen, die er herausgeführt, auch wieder zurück⸗ geleite, ſo konnte und wollte er doch, aus den ſchon früher angegebenen Gründen, den Platz jetzt unter keiner Bedingung verlaſſen. Eine Ausrede mußte aber gefun⸗ den werden und da ihn die in den Dornen zerriſſenen Kleider nicht länger entſchuldigen konnten, indem ihn Cook ſehr bereilwillig mit einem von ſeinen eigenen Anzügen verſah, ſo bat er Mrs. Dayton um wenige Worte unter vier Augen, und erklärte ihr hier, Doktor 143 Monrove ſei ein verzweifelter Menſch, dem nur daran zu liegen ſcheine, die Leiche unter ſein Scalpel zu bekom⸗ men. Er ſelbſt aber habe Medicin ſtudirt, und fühle ſich überzeugt daß der unglückliche Verwundete, wenn er ihn in dieſem Augenblick verließe, rettungslos verlo⸗ ren ſein müßte. Natürlich beſchwor ihn, wie er das auch voraus ge⸗ ſehen hatte, Mrs. Dayton, nicht von des Armen Seite zu weichen, und dankte ihm zugleich für die Theilnahme, die er für einen, wenn auch verbrecheriſchen, doch immer unglücklichen Menſchen zeige. Sie ſelbſt hätten den Weg ſchon mehre Male allein zurück gelegt und hofften nur ihn recht bald, und zwar mit recht guten Nachrichten, wieder bei ſich zu ſehn. Sander verſprach das auch und bat nun Miß Adele, der Mrs. Dayton mit wenigen Worten den Stand der Dinge erklärte, ihm nicht wegen ſeines jetzigen Mangels an Aufmerkſamkeit zu zürnen, er hoffe aber, vielleicht ſchon heute Abend den Verwun⸗ deten ſo weit verſorgt zu ſehen, daß dieſer wenigſtens ſeiner Hülfe entbehren könne, und er würde dann augenblicklich nach Helena zurückkommen, um die junge Dame der Freundin zuzuführen. Addele konnte natürlich hiergegen Nichts einwenden, ſie kannten ja auch ſämmtlich den Doktor Monrove und fürch⸗ 144 teten den entſetzlichen Menſchen, von dem das Gerücht vielleicht noch ſchrecklichere Sachen erzählte als verbürgt waren. Mißmuthig aber beſtieg ſie heut ihr kleines Poney und ſprengte,— nach allerdings herzlichem Ab⸗ ſchied von den beiden gutmüthigen Frauen, und beſon⸗ ders gegen die alte Dame mit dem Verſprechen recht baldiger Rückkehr— ſchweigend voran in den heimlichen Schatten des Waldes. Sie war verdrießlich— ärgerlich über ſich ſelbſt und über— ſie wußte oder wollte nicht wiſſen über wen noch ſonſt, und das kleine Thier, das ſie trug, fühlte plötzlich ſo ſcharfen und ungewohnten Peitſchenſchlag, daß es erſchreckk emporfuhr, und dann in raſchem Galopp 3 den ſchmalen Pfad entlang flog. Mrs. Dayton konnte kaum Schritt mit dem Wildfang halten. Indeſſen ſaß Doctor Monrove neben dem Mulatten und beobachtete auſmerkſam und wie es ſchien mit wohl⸗ wollender Zufriedenheit, die ſchmerzdurchzuckten Züge des Unglücklichen, während Sander, am Kamin gelehnt ſtand und ungeduldig ſeine Nägel kaute. Endlich ſchien der Mann des Blutes einen Entſchluß gefaßt zu haben— er ſtand auf, ging an den Tiſch und fing an, die kleinſte der Sägen hie und da nachzufeilen. 4 Cook, der eben in der Thür erſchien, wandte ſich ſcaus 145 dernd wieder ab und ging in den Wald, nur um das Geräuſch nicht zu hören, das ihm durch Mark und Nie⸗ ren drang. Sander dagegen vernahm kaum was um ihn her vorging, ſo ſehr war er mit ſeinen eigenen Plänen be⸗ ſchäftigt; deſto entſetzlicheren Eindruck machte es aber auf den armen Teufel von Mulatten, der in dieſem Augenblick zum erſten Mal ſein volles Bewußtſein wie⸗ der erlangt zu haben ſchien. Wenige Secunden ſtarrte er, von keinem der Männer beachtet, nach dem Doktor hinüber, dann aber, als ob ihm eine Ahnung deſſen, was ihn erwarte dämmere, ſank er ſtöhnend auf ſein Lager zurück. Sander ſchaute ſich raſch nach ihm um, der Unglückliche hatte aber die Augen ſchon wieder ge⸗ ſchloſſen, und lag ſtarr und regungslos da. „Hört einmal, Mr. Hawes,“ brach der Doktor endlich das Schweigen, indem er ſich, über ſeine Brille hinüberlächelnd, an Sander wandte, als ob ihm da eben bei ſeiner Beſchäftigung etwas ungemein Komiſches eingefallen ſei—„es iſt doch eigenthümlich, wie man manchmal in der Praxis— ſo alt und erfahren man auch ſein mag— irgend einen lächerlichen Schnitzer macht— bei dem Sägeſchärfen muß ich gerade wieder II 3 10 146 daran denken.„Oben in— aber Ihr hört mir doch zu?“ „Ja wohl,“— ſagte Sander flüchtig, und wandte ſich verzweifelnd gegen das Kaminfeuer, während ſein Blick über die dort aufgeſtellten Fläſchchen mit ihren daran geklebten Etiquetten ſchweifte— die Ueberſchrif⸗ ten waren jedoch lateiniſch oder wenigſtens in ihm un⸗ bekannten Chiffern geſchrieben, denn er log, als er ſagte er habe Mediein ſtudiert. „Nun ſeht,“— fuhr der Leichendokter noch immer vor ſich hin ſchmunzelnd fort—„oben in Little Rock hatten die Aerzte— es war im Jahr 39— ein Placat er⸗ laſſen, worin ſie eine beſtimmte Summe für jede Kur anſetzten und dadurch gewiſſermaßen eine Gilde mit „feſten Preiſen“ bildeten. Das wäre nun ganz gut ge⸗ weſen, denn die Leute thaten damals gar nichts für die Wiſſenſchaft— es gab keine Aufopferung, keinen wirk⸗ lichen Eifer unter ihnen und ſi ſie wollten nur Geld, immer Anur Geld verdienen. Die ſchönſten Leichen ließen ſie ſich auch, ohne ein Meſſer daran zu legen, vor der Naſe begraben, ja vernachläſſigten ſogar auf wirklich unver⸗ antwortliche Weiſe die Gehängten. Die Preiſe aber, die ſie auf die Heilung ſetzten, waren ſo enorm, daß ſie von armen Leuten gar nicht konnten beſtritten werden. 147 — Heilung eines einfachen Beinbruchs, ſteigerte ſich z. B. bis zu 125 Dollar. Damals kam ich nach Little Rock, fing um einen billigen Preis an zu curiren und behauptete mich, trotz zwanzigmal gedrohtem Meuchel⸗ mords, ein volles Vierteljahr mit unglaublicher Praris, bis die verwünſchten Aerzte, eines einfachen Irrthums wegen, das gedankenloſe Volk gegen mich aufhetzten und ich raſch die Stadt verlaſſen mußte. Ich hatte noch einige hundert Dollar dort gut ſtehn, aber ſoweit ging ſogar die Bosheit jener Quackſalber, daß ſte, nur aus Malice gegen mich, damit ich nie mehr einen Cent davon zu ſehn bekäme, nach und nach alle meine Patienten un⸗ ter die Erde brachten und auch dann noch obenein frech behaupteten, ſie wären an den Folgen meiner Curen geſtorben. „Doktor, was iſt denn hier in dem Fläſchchen,“ un⸗ terbrach ihn da Sander, der augenſcheinlich kein Wort von der ganzen Erzählung gehört hatte.—„ Der Doktor blickte zu ihm auf— ſah einige Secun⸗ den ſcharf mit der Brille dorthin und rief dann: „Nehmen Sie ſich in Acht— ziehen Sie den Pfropfen ja nicht heraus— das iſt Arſenik— und das gelbe Gläschen enthält Scheidewaſſer— das andere weiße, in der großen Flaſche, iſt Colomel.“ 10* ———— 148 „Und das hier mit dem blauen Papier und der darunter gebundenen Blaſe verwahrte?“ „Iſt Acidum Zooticum oder Blauſäure— das Gefährlichſte von Allem, laſſen Sie's lieber ſtehn— ich habe nur das eine Fläſchchen mit und es könnte ihnen aus der Hand fallen und entzwei gehn. Aber wo war ich doch gleich ſtehn geblieben— ja bei dem Irrthum“ — und er that immer zwiſchen den einzelnen Sätzen einige Striche mit der Feile, gleichſam als Begleitung ſeiner Geſchichte.—„Der Fall betraf nämlich einen jungen Kaufmann aus Little Rock, der in einem Wort⸗ wechſel von ſeinem Gegner geſchoſſen, und zwar ſo ſon⸗ derbar getroffen war, daß ihm die Kugel durch das dicke Fleiſch des rechten Oberſchenkels in das linke Bein, eine Spanne etwa über dem Knie, hineinfuhr, und dort zwi⸗ ſchen Muskeln und Schenkelknochen ſo feſtſitzen blieb, daß ſie meinen hartnäckigſten Bemühungen, ſie wieder heraus zu bekommen, trotzte, während der junge Mann wirklich muſterhaft ſtill hielt, und, ſo lange meine ver⸗ ſuchte Operation dauerte, ein ganzes Stück Gummi elaſticum kurz und klein biß. Die Wunde in dem einen Oberſchenkel war nur durch Blutverluſt bedeutend ge⸗ worden und ich verband ſie deshalb ſorgfältig, that dann— ein Gleiches mit der andern, in der die Kugel ſtak und 8 149 gelangte bald zu der Ueberzeugung, daß hier nichts Andres geſchehen könne, als eine Amputation des, die Kugel enthaltenden Beines, um innerliche Schwärung und Knochenfraß zu vermeiden. Der junge Mann zeigte ſich auch zu Allem bereit, wenn er nur am Leben erhalten würde, denn er war Bräutigam und hoffte auch mit einem Bein glücklich werden zu können. Ich ging alſo friſch an die Arbeit, während er— denn feſtbinden wollte er ſich nicht laſſen— ruhig auf dem Bett lag, und an die Decke hinauf ſah. „Da“— und der Doktor nahm in der Erinnerung des Geſchehenen die Brille ab und legte die Feile vor ſich auf den Tiſch—„als ich ſchon im beſten Schnei⸗ den war, ſchrie der junge Kaufmann plötzlich— ich ſehe, ihn noch vor mir, wie er mir raſch nach dem Arm griff —„Doktor— Heiland der Welt— Sie nehmen mir das falſche Bein ab.“ Ich erſchrak natürlich, denn ich hatte ſchon den Fleiſchſchnitt gemacht und die Säge eben angeſetzt— und wer beſchreibt jetzt mein Entſetzen, als ich wirklich fand daß er Recht habe. Hier galt es Geiſtesgegen⸗ wart und raſche Entſchloſſenheit— geſtand ich den Irr⸗ thum ein, ich wäre verloren geweſen, ſie hätten mich ge⸗ ſteinigt— ich durfte mich alſo nur nicht irre machen 150 laſſen, lahm wäre er jetzt doch jedenfalls auf dem Bein geworden— ich lachte ihm alſo gerade ins Geſicht, be⸗ wies ihm, daß er von der, und nicht von der Seite geſtanden hätte, als der Schuß fiel und ſägte ihm, da er überdies ohnmächtig wurde, den Knochen vollends durch.“ „Wirklich das falſche Bein?“ frug Sander er⸗ ſtaunt.“ „Die Sache wäre übrigens ganz gut abgelaufen,“ fuhr der Doktor fort, ohne die Frage gerade hin zu bejahen—„denn glücklicher Weiſe fiel die Kugel jetzt aus dem anderen Bein, wielleicht durch das krampfhafte Zucken der Muskeln getrieben, von ſelber heraus, und ich behandelte nun den anderen Schenkel ganz ſo, wie früher das nur leicht verwundete und jetzt abgeſägte Bein. Der Kranke ſelber hätte es nie merken ſollen, die verwünſchten andern Aerzte aber mengten ſich unbe⸗ rufener Weiſe in die Sache, und da ich nicht zu ihrer Clique gehörte— denn ſonſt hätte keiner von ihnen einen Mucks gethan,— und ſte mich überdies gern von Little Rock fort haben wollten, ſo fielen Alle über mich her, bewieſen auf einmal, daß ich das Bein wirklich ab⸗ genommen hätte, durch welches die Kugel rein durchge⸗ gangen wäre— die vermaledeiten Kugellöcher von beiden 1⁵¹ Seiten ließen ſich auch nicht wegdisputiren— und ich mußte bei Nacht und Nebel die Stadt und eine ausge⸗ breitete Praris, wie über meine Flucht troſtloſe Kranke hinter mir laſſen.“ „Die Blauſäure wirkt wohl als Gift am ſtärkſten?“ ſagte Sander, noch immer ganz mit ſeinen eigenen Ge⸗ danken beſchäftigt, während er das Fläſchchen ſinnend in der Hand wog. „Allerdings— iſt ein fürchterliches Mittel anima⸗ liſches Leben zu zerſtören,“ erwiederte der Doktor und begann ſein, im Feuer der vorigen Erzählung faſt ganz vergeſſenes Feilen wieder von Neuem—, eine Verbin⸗ dung von Chent und Waſſerſtoff— zieht den Tod durch plötzliche, allgemeine Lähmung des ganzen Nerven⸗ ſyſtems noch ſich, aber ſehr gefährliche Mediein zugleich — nur die Probe zu viel angewandt und— ab“— und der kleine Mann ſah dabei wieder über ſeine Brille hinüber und drehte die gegen Sander ausgeſtreckte flache Hand ſchnell um— Es ſollte das den plötzlichen Tod eines Menſchen bildlich darſtellen. „Könnte Ihnen darüber auch zwei wunderbare Ge⸗ ſchichten mittheilen— ich habe nämlich ſchon zweimal Unglück, wirkliches Unglück mit Blauſäure gehabt— einmal betraf es noch dazu einen ganz guten Freund von — 152 4 mir— that mir wirklich leid— das Andere war nur ¶) 5 ein Deutſcher; doch man ſchweigt lieber über ſolche Sachen— es kommt Nichts dabei heraus und wenn es nachher weiter erzählt wird, machen es die Leute ge⸗ wöhnlich viel ſchlimmer als es eigentlich iſt.“ „Und dieſes Gift tödtet unfehlbar und ſchnell?“ frug Sander noch einmal. „Stellen Sie mir nur um Gotteswillen das Glas hin,“ rief der Doktor ängſtlich und ſprang von ſeinem Sitze auf—„Sie richten wahrhaftig noch etwas an— das iſt fürchterliches Gift und kann in den Händen des Laien zu entſetzlichen Folgen führen.“ Sander ſah ſich gezwungen das Fläſchchen wieder auf den Kaminſims zu ſtellen. „So,“ ſagte jetzt Monrove— als er die Säge durch ſein eines Brillenglas genau betrachtete—„ein Mulattenbein hab ich mir lange gewünſcht— ich wollte ſchon einmal Daytons Burſchen amputiren, der Squire gab's aber nicht zu, und es war auch vielleicht gut— für den Jungen heißt das— denn die Natur half ſich wieder.“ Er trat jetzt zu dem Bewußtloſen hin, legte die In⸗ ſtrumente neben dieſen auf einen Stuhl, und betrachtete ihn aufmerkſam.— — 1 153 „Ja, ja,“ ſagte er endlich, nachdem er den Puls des Verwundeten gefühlt, und die Hand auf deſſen Stirn T gelegt hatte,—„er beſſert ſich wie ich ſehe, da werden wir alſo doch an's Amputiren gehen müſſen.“ „Glauben Sie wirklich, daß er ſich wieder erholt?“ „Ja— wahrſcheinlich— er athmet ganz regelmä⸗ ßig und der Puls geht auch, allerdings noch fieberhaft, aber doch ruhiger als vorher,— wäre er mir geſtorben, ſo hätt' ich ihn lieber ganz mitgenommen, ſo aber werd' ich ihn nur um ein Bein bitten. Dafür will ich ihm aber den Arm wieder ordentlich einrichten, und er wird deshalb ſeinem künftigen Herrn gewiß nicht we⸗ niger, vielleicht noch mehr werth ſein. Es iſt manchmal recht gut, wenn Neger zwei Arme zum Arbeiten und nur ein Bein zum Weglaufen haben. Alle Wetter, jetzt hab' ich aber meine Schienen zu Hauſe gelaſſen, ei nun, im Walde kann man ſich da ſchon helfen— der Hickory wird ſich wohl noch ſchälen und da hol' ich mir ein paar Rindenſtreifen. Bitte Sir, bleiben Sie einen Augenblick bei dem Kranken hier— ich gehe nur dort zu den nächſten Bäumen, um mir die paſſenden Stücke zu holen— bin gleich wieder da. Aber— hab' ich denn gar Nichts, womit ich die Streifen abſchälen könnte.“ Er wandte ſich von dem Bette ab, irgend ein Inſtru⸗ 15⁵4 ment zu ſuchen, und Sander griff faſt convulſtviſch wie⸗ der nach dem Giftfläſchchen, das er raſch in ſeiner Hand verbarg. 4 „Ach— dieſer Tomahawk wird gut ſein,“ rief der kleine Mann, als er die in der Ecke liegende Waffe aufhob und damit zur Thür ſchritt:„Da drüben ſteht auch Mr. Cook, den werde ich Ihnen indeſſen herüber ſchicken.“ Sander löſte raſch das Papier von der Viole ab und zog ſein Meſſer, die Blaſe zu durchſchneiden; er durfte keinen Augenblick mehr verlieren, der nächſte konnte ſchon entſcheidend ſein. „Waſſer!“ ſtöhnte da der Mulatte— es war das erſte Wort, das er ſeit ſeit ſeiner Verwundung ſprach und Sander zuckte mit wild gemurmeltem Fluch zuſam⸗ men, denn in dem Moment faſt, wo er Verrath für immer unmöglich gemacht hätte, drehte ſich der Doktor, der jenen Ausruf ebenfalls vernommen, raſch wieder herum, und kam eilenden Schrittes zurück. Auch Cook näherte ſich dem Hauſe. „Alle Wetter,“ rief da Monrove, nachdem er einen flüchtigen Blick auf den Kranken geworfen—„völlig bewußter Zuſtand— klare Augen— freies Athmen— und unbezweifelt rückkehrende Lebenskräfte— ich bekomme 5 1 155 wahrhaftig nur das Bein— Mr. Hawes, wir werden augenblicklich zur Operation ſchreiten müſſen. „Waſſer!“ ſtöhnte der Unglückliche—„ich ver⸗ brenne— ich will ja Alles— Alles bekennen— nur — nur Waſſer— Waſſer!“ Der Doktor, ſo eifrig er auch ſeine eigenen Zwecke im Auge haben mochte, begriff doch, daß es ſich hier um etwas handele, was für die Farmer von beſonderer Wich⸗ tigkeit ſein mußte, er unterſtützte alſo den Kopf des Ver⸗ wundeten, was dieſem jedoch einen lauten Schmerzens⸗ ſchrei auspreßte, und hielt ihm dann einen, neben dem Bett ſtehenden Blechbecher an die lechzenden Lippen. Sander ſchlug— die Zähne vor machtloſem In⸗ grimm zuſammen knirſchend— das kleine Fläſchchen raſch wieder in ſeine Papierhülle ein, die Blaſe war aber ſchon durch den darangeſetzten Stahl verletzt worden und ein Bittermandelgeruch erfüllte das Haus. „Blauſäure!“ rief der Doktor und wandte ſich, während er jedoch den Kranken noch nicht aus dem Arm laſſen konnte, halb gegen Sander um,„— Blauſäure ſo wahr ich geſund bin— alle Wetter, Sir, Sie wer⸗ den mir mit dem Glas ſo lange geſpielt haben, bis es zerbrochen iſt, es riecht hier ganz danach— Mr. Cook es iſt gut, daß ſte kommen, hier— der Burſche da 156 ſcheint noch etwas auf dem Herzen zu haben— laſſen Sie ihn erſt einmal beichten und dann wollen wir ſehen, was die Wiſſenſchaft für ihn thun kann.“ „Lebt er? hat er geſprochen?“ rief Cook und trat ſchnell zum Bett,„wie geht es ihm?“— „Schlecht Sir!“ flüſterte der arme Teufel— „ſchlecht— ſehr ſchlecht— mein Kopf— o mein Kopf.“— „Ja, die Wunde iſt bös,“— beſtätigte der Doktor, —„Hirnſchale hier oben auf jeden Fall ſehr bedeutend verletzt— Knochenhaut getrennt und Gehirn blos ge⸗ legt. Mulatten haben zwar höchſt anerkennungswerth harte Schädel— das Inſtrument, mit dem der Schlag aber geführt wurde, muß ein tödtliches geweſen ſein.— Bitte, beeilen Sie ſich nur mit den Fragen, ich möchte gern noch im Stande ſein, den Mann zu trepaniren — man hat überhaupt viel zu wenig Erfahrung, wie lange ein Menſch im Stande iſt, bei bewußtem Zuſtand, den Gebrauch der Säge an der Hirnſchale auszuhalten,“— „Maſſa Cook,“ ſagte der Mulatte und ſtreckte lang⸗ ſam die Hand nach dem jungen Farmer aus,„ich kenne Sie noch von früher her— Sie ſind gut— wollen Sie mir— wenn ich Alles bekenne, eine Liebe thun?“ 157 „Sprich Dan,“ ſagte Cook mitleidig, und reichte ihm noch einmal den Becher hinüber, da er merkte daß ſeine Augen ſchon wieder matt und glanzlos wurden— —„wenn Du aufrichtig Alles bekennſt, ſo ſoll Dir weiter Nichts geſchehen darauf gebe ich Dir mein— Ehrenwort; Du haſt Strafe genug in dieſen Wunden gelitten.“ „Und jener Mann,“— ſtöhnte der Mulatte, denn der Doktor war in ganz Arkanſas berüchtigt, und er kannte und fürchtete ihn noch von früher her—„der Leichendoktor—— ſoll mich— ſoll mich nicht haben und— und zerſchneiden?“ „Unſinn— Leichendoktor— zerſchneiden,“ rief der Doktor und richtete ſich unwillig auf,—„zwi⸗ ſchen Löſchpapier kann ich ihn natürlich nicht trocknen.“ „Er ſoll Dir Nichts thun, Dan,— ich habe Dir mein Wort gegeben— weder Meſſer noch Säge darf 1 er an Dich legen; aber Du mußt auch aufrichtig beken⸗ nen was Du weißt.“ „Mr. Cook,“ ſagte Monrove, indem er ſich ſchnell an den jungen Farmer wandte,—„Sie geben da ein höchſt unüberlegtes Verſprechen— ein Verſprechen, was Sie unmöglich werden halten können, wenn Sie nicht die Wiſſenſchaft mit ihren ſegensreichen Folgen —————. 158 gänzlich hintan ſetzen wollen. Ich glaube überdieß gar nicht, daß dieſes Niggers Leben wird erhalten werden können, wenn es ihm nicht gerade meine Säge erhält.“ „Dann will ich ſterben,“ ſtöhnte der Mulatte und ſank für den Augenblick wieder bewußtlos zurück. „Doktor!“ ſagte Cook, als er ihn eine Weile be⸗ obachtet und geſehen hatte, daß er wahrſcheinlich kurze Zeit der Ruhe bedürfe, ehe er wieder im Stande ſein würde irgend eine an ihn gerichtete Frage zu beantwor⸗ ten—„ich will einmal hinüber gehen und die Frauen fragen, was wir mit dem armen Teufel am beſten an⸗ fangen, denn Pflege muß er doch haben. Ich bin gleich wieder hier aber— thut mir den Gefallen und redet, wenn er früher wieder zu ſich kommen ſollte, als ich zu⸗ rück bin, nicht mit ihm von all den gräßlichen Dingen, wie Ihr das gewöhnlich thut— nicht wahr, Ihr ver⸗ geßt das nicht? Einem Geſunden gerinnt ja ſchon das Blut in den Adern, wenn er ſolche Sachen nur er⸗ wähnen reden hört, wie viel mehr alſo einem unglückli⸗ chen Chriſtenmenſchen, dem das Alles verſprochen wird.“ Und damit verließ er raſch das Haus, während ihm der Doktor— ſehr eifrig und ungeduldig dabei mit ſeinem langen goldnen Petſchaft ſpielend— ärgerlich nachſah.— — 159 „Hm— ja— hm!“ ſagte er, und nahm aus ſeiner kleinen ſilbernen Doſe eine entſetzliche Priſe— „hm— das iſt recht— das fehlte auch noch, daß ſich ſolche Holzköpfe um die Wiſſenſchaft bekümmerten; ſoll nicht einmal davon reden— ſoll weder„Meſſer“ noch „Säge“, wie ſich dieſer Barbar ausdrückt, an den ſchwarzen Cadaver legen dürfen— ich möchte nur um Gotteswillen wiſſen, wozu er ſonſt noch gut wäre.“ Sander hatte die ganze Verhandlung in wirklich peinlicher Ungeduld mit angehört.— Was aber konnte er machen? einen Schritt thun, der auf ihn ſelbſt den Verdacht lenkte, und dann fliehen?— er hatte erſt an dieſem Morgen geſehen, wie die Hinterwäldler einer Spur folgten. Ueberdieß war es ja noch nicht einmal beſtimmt, ob der Mulatte um die Eriſtenz der Inſel wirklich wiſſe, und unnütz eine ſolche Gefahr zu laufen, wäre mehr als thöricht geweſen. Da brachten ihn des Farmers letzten Worte und des Doktors Unwillen dar⸗ über, auf einen neuen Gedanken— vielleicht konnte dieſer gewonnen werden ihm beizuſtehen; ſeine Leiden⸗ ſchaft mußte er nur ſuchen zu wecken und nach kurzem Ueberlegen ſagte er, indem er ſich an den ingrimmig auf und ab laufenden kleinen Mann wandte— „Doktor Monrove, ich würde mich nicht über einen 160 Menſchen wundern, der weder von Arznei noch Wiſſen⸗ ſchaft einen weiteren Begriff hat, als das„Indian⸗ phyſik“ auf die eine und Ricinusöl auf die andere Art wirkt— was hält uns denn ab, doch zu thun was wir wollen?“ „Was uns abhält?“ rief der Doktor unwillig, in⸗ dem er ſtehen blieb und dem Rathgeber ins Antlitz ſah —„was uns abhält?— haben Sie geſehen was der Menſch für Fäuſte hat? ließe ſich mit Gewalt da— gegen etwas ausrichten?“ „Nein,“ ſagte Sander lächelnd—„aber mit Liſt — wenn man da überhaupt wirkliche Liſt anzuwenden hat, wo es nur gilt einen ſolchen, mit der Art zuge⸗ hauenen Verſtande zu begegnen.“ „Aber wie?“ frug der Sdktor und warf einen ſcheuen Seitenblick auf den Verwundeten. „ Er verweigert Ihnen, Hand, oder vielmehr In⸗ ſtrument an den Lebenden zu legen,“ ſagte Sander „Ja—* „Gut, wenn der Mann nun ſtürbe.“ „Aber er ſtirbt ja nicht,“ lamentirte der Doktor— „ſolche Mulatten haben Katzenleben, und an einer Hirn⸗ wunde iſt, glaub' ich, noch nicht ein Einziger drauf ge⸗ 161 gangen— zähe Nazgen ſind's, denen das Leben nur im Magen ſitzt.“ „Gut— was hindert Sie dann, es auch dort an⸗ zugreifen?“ frug ihn Sander lauernd. „Was mich hindert? wie verſtehen Sie das?“ „Ei nun, die Sache iſt einfach genug— wozu füh⸗ ren Sie dieſe Gifte bei ſich?“ „Doch nicht um Menſchen zu vergiften, Sir!“ rief der kleine Doktor erſchreckt aus.— Allerdings war es bei ihm zur Leidenſchaft gewor⸗ den, menſchliche Glieder zu ſeciren und ſich in eine „Wiſſenſchaft hineinzuarbeiten“— wie er's ſelber nannte— hn der er kaum im Stande geweſen, ober⸗ flächliche Kenntniß zu erwerben. In der Ausübung der⸗ ſelben hielt er denn qauch Alles für vollkommen gerecht⸗ fertigt, was einem, ihm einmal unter die Hände gefal⸗ lenen Opfer zuſtieß, nie aber hätte er es ſo weit getrie⸗ ben, wirklichen Mord zu begehen, um eben dieſer Lei⸗ denſchaft zu fröhnen, ja der Gedarke war vielleicht noch nicht einmal in ihm aufgeſtiegen, denn er ſtarrte den jungen Verbrecher mehre Secunden lang ganz erſtaunt und beſtürzt an. Dieſer aber der einſah, daß er viel⸗ leicht, gleich beim erſten Anlauf ein wenig zu weit ge⸗ gangen ſei, lenkte raſch wieder ein und ſagte: II. 11 162 „Verſtehen Sie mich nicht unrecht, Sir— nicht tödtliches Gift würde ich dem Burſchen geben, nur irgend einen unſchädlichen aber doch dahin wirkenden Trank, daß er in einer Art Starrkrampf liegen bliebe, wo Sie dann nicht allein im Stande ſein würden ihn, da die unwiſſenden Farmer das ſicherlich für den Tod ſelbſt hielten, mit fortzunehmen, ſondern ihn auch— ein Sieg der wirklichen Kunſt— wieder herzuſtellen.“ „Hm, ſo— ja ſo— auf die Art meinten Sie das?— hm ja, das wäre vielleicht eher möglich. Da könnte man zum Beiſpiel—“ Seine Rede wurde hier durch Cook kurz abgeſchnit⸗ ten, der in dieſem Augenblick mit einem großen Blech⸗ becher irgend eines kühlenden, von Mrs. Lively ſelbſt bereiteten Getränks, in der Thür erſchien, und ohne wei⸗ tere Umſtände zum Lager des Kranken ſchritt. „Dan,“ ſagte er hier—„Dan— wie geht Dirs?“ „Beſſer! flüſterte der arme Teufel nach kleiner 3 Pauſe, während er die Augen aufſchlug und einen lei⸗ ſen Dank murmelte, als ihm Cook den Becher an die Lippen hielt—„Maſſa Cook— Ihr ſeid gut“— ſagte er dann, während er mit einem tiefen Seufzer wieder zurückſank—„recht gut— aber— laßt die 163 1 beiden Männer einmal hinaus gehn— will Euch— will Euch wichtige Nachricht mittheilen.“ „Die beiden Herren da, Dan?— ei die mögen da bleiben,“ meinte Cook—„es iſt doch kein Geheim⸗ niß was mich allein betrifft?“ „Nein,“ ſtöhnte Dan, und man ſah es ihm an wie ſchwer ihm das Reden wurde—„nein— nicht allein — geht Alle an in Arkanſas— viel böſe Buckra's— will's Euch aber allein ſagen.“ Cook bat nun die beiden Männer, das Zimmer einen Augenblick zu verlaſſen, Sander dagegen ſuchte alle mögliche Entſchuldigungen vor, nur wenigſtens in der Nähe zu bleiben, bis Cook endlich, da der Mulatte unter keiner anderen Bedingung reden wollte, feſt dar⸗ auf beſtand. Cook und Dan hatten nun eine gar lange und heimliche Conferenz mit einander, bei der ſelbſt der Pflock innen vor die Thür geſchoben war, um auch die geringſte Störung zu vermeiden. Erſt als Dan wieder, vom vielen Reden erſchöpft, ohnmächtig wurde, oder doch in eine Art bewußtloſen Zuſtand verfiel, rief der junge Farmer die beiden Frauen herüber, die ſich erboten hatten die Wunden zu beſorgen und beſprach ſich nun, während es ſich der Doktor nicht 11* ——jÿ—13ös—sn 164 nehmen ließ wenigſtens gleichfalls hülfreiche Hand an⸗ zulegen, mit dem vermeintlichen Mr. Hawes über das was er eben von des Mulatten Lippen gehört. Dieſer nämlich, obgleich er recht gut das Beſtehen der Inſel kannte, da Atkins ſchon ſehr viel Pferde dort⸗ hin beſorgt und ihn ſelbſt einmal bis zum Stromufer mitgeſchickt hatte, war doch nicht im Stande die Lage derſelben genau anzugeben, ja wußte nicht einmal be⸗ ſtimmt, ob ſie dicht über Helena, oder weiter abwärts liege— wenn er ſie auch in der Nähe dieſer Stadt ver⸗ muthetete. Soviel aber ſagte er als gewiß aus, daß ſich die Bewohner derſelben fürchterlicher Verbrechen ſchuldig gemacht hätten, und Cook wollte jetzt nur noch die Rückkunft der Freunde abwarten, um augenblicklich die entſcheidenden Schritte zu thun. Dieſe nämlich ſollten nicht allein dahin gehen, jenes Raubneſt aufzu⸗ heben, ſondern auch die Verbrecher ſelbſt zu überraſchen und ſie den Arm ſtrafender Gerechtigkeit fühlen zu laſ⸗ ſen. Früher hatte er ſchon gehört, daß Sander mit dem Miſſiſſippi ziemlich vertraut ſei, und verlangte nun zu hören, wie dieſer wohl glaube daß man der geſetz⸗ loſen Bande am beſten und zwar ſo beikommen könne, um beſonders die Flucht derſelben zu verhindern. Sander ſchaute lange und ſinnend vor ſich nieder 165 — ſeine ſchlimmſten Befürchtungen waren eingetroffen — ihr Aller Leben war bedroht, ihr Schlupfwinkel ver⸗ rathen und er ſelbſt ſtand machtlos da, konnte den Ver⸗ räther nicht züchtigen, ja wußte im erſten wirren Augen⸗ blick ſelbſt weder Rath noch That, dieſem fürchterlichen Schlag zu begegnen. In ſeinem erſten Schreck ſuchte er denn auch, ehe er im Stande war irgend einen ande⸗ ren Plan zu faſſen, die Sache geradehin als unglaub⸗ lich und unwahrſcheinlich aufzuſtellen, und meinte, der Mulatte habe allem Anſchein nach ſolch tolle, wahnſtn⸗ nige Schreckbilder nur erfunden, um ſein eigenes Leben zu retten— ſeine eigene Haut in Sicherheit zu bringen. Davon wollte Cook aber Nichts wiſſen und erſt als Je⸗ ner fand, daß er ihn auf keinen Fall dazu bringen würde, des Mulatten Ausſage zu mißachten, beſchloß er nach einem anderen, nach dem letzten Plane hinzu⸗ arbeiten. Cook war allerdings jetzt noch der einzige Menſch der um das Geheimniß wußte, und wäre er mit ihm allein im Walde geweſen, wer weiß, ob er da nicht ver⸗ ſucht hätte ſein Leben zu nehmen, hier aber wäre das für ihn mit zu großer perſönlicher Gefahr verknüpft ge⸗ weſen, da es ihm überdieß vollkommen genügte, die Entdeckung der Inſel nur noch zwei Tage hinauszuſchie⸗ ben. Am Sonnabend Abend mußte der gewonnene Antheil einem Jeden ausgeliefert werden und er ſelbſt hatte in den letzten Monaten ſolche Summen erübrigt — die ſich aber ebenfalls noch ſämmtlich bis zur allge⸗ meinen Verſammlung in Kelly's Händen befanden— daß er feſt entſchloſſen war dieß gefährliche Leben auf⸗ zugeben und ſich nach Mejico oder Californien zurück⸗ zuziehn; er wollte nicht gern gleich wieder alten Be⸗ kannten begegnen. Am Sonntag Morgen konnte er in Sicherheit ſein, bis dahin mußten alſo die Opera⸗ tionen der Feinde verzögert werden, und das zu bewerk⸗ ſtelligen war jetzt ſein einziges Strebeu. „Gut, Sir,“ ſagte er nach langem ernſten Nach⸗ denken zu dem Farmer—„wenn Sie denn wirklich glauben daß jener Burſche die Wahrheit geſagt hat und geſonnen ſind eine Bande wie er ſie beſchreibt, aufzuheben, ſo dürfen Sie das auch als kein Kinderſpiel betrachten, denn ſolche Burſchen, wenn ſie wirklich exiſti⸗ ren, würden, da ihr Alles auf dem Spiele ſteht, auch wie Verzweifelte kämpfen. Fallen Sie alſo nicht mit der gehörigen Macht über ſie her, ſo geben Sie ihnen nur eine Warnung und finden ſpäter das Neſt leer, denn dazu kenne ich den Miſſiſſippi und ſeine Ufer zu genau— und Sie vielleicht auch— um Ihnen nicht * 167 die feſte Verſicherung geben zu können, daß an eine Ver⸗ folgung darauf nicht zu denken iſt. Wollen Sie alſo das was Sie thun auch mit Erfolg thun, ſo bereden Sie die Sache heute Abend mit Ihren Freunden, be⸗ nachrichtigen dann morgen Ihre Nachbarn und kommen morgen Abend oder Sonntag früh nach Helena. Ich ſelbſt will augenblicklich nach Helena zurück, dort den Richter davon in Kenntniß ſetzen und dann nach Sink⸗ ville hinüber fahren um dort ebenfalls Alles an waffen⸗ fähigen Leuten aufzubieten; Sonntag Nachmittag ſpä⸗ teſtens bin ich wieder in Helena und dann müſſen wir noch an demſelben Abend den Schlag ausführen, da wir keine lange Zeit darüber verſäumen dürfen.“ Dieß Alles leuchtete dem jungen Farmer, der Sander natürlich nicht ſelbſt in Verdacht haben konnte, vollkommen ein; früher, das wußte er ſelber, war es auch kaum möglich die nöthigen Kräfte zuſammen zu bringen. Er verſprach alſo bis längſtens am Sonntag Morgen wohl bewaffnet mit allen Nachbarn in Helena einzutreffen und Sander, dem jetzt natürlich nur daran liegen mußte die Freunde ſo ſchnell als möglich von der ihnen drohenden Gefahr in Kenntniß zu ſetzen, er⸗ klärte keinen Augenblick länger verlieren zu wollen, um die nöthigen Schritte noch vor der, zum Aufbruch be⸗ G —nͤͤſſſſ 168 ſtimmten Zeit, in Sinkville thun zu können, beſtieg ſein Pferd, das er ſelbſt raſch aufzäumte und ſattelte und ſprengte bald darauf, als er ſich erſt einmal hinter den Büſchen unbemerkt wußte dem Thier vollkommen die Zügel überlaſſend, in wildem Galopp die Straße nach Helena entlang. VII. Die Abfahrt.— Mrs. Breidelford's Ein⸗ ſpruch.— Die Begegnung. Edgeworths Steuermann trieb den ganzen Freitag Morgen daß ſie abfahren ſollten, und drohte mit Wet⸗ tern und Nebel, Edgeworth aber, der in den Wolken Nichts ſah was die erſten verkündete, und die gewalti⸗ gen Nebel des ſüdlichen Miſſiſſippi noch gar nicht kannte, alſo auch nicht fürchtete, hatte einen Freund, einen früheren Nachbar aus Indiana angetroffen und mit dieſem, in Smarts Hotel drüben, ein Stündchen ver⸗ plaudert, während Smart ſelber, das eine Bein hoch herauf gezogen und mit beiden Händen haltend, dicht daneben an einer Tiſchecke halb ſaß, halb ſtand und den Erinnerungen der beiden alten Leute zuhörte, die ſie nicht allein auf Jagd und Wald, ſondern auch auf die 170 wilden Kriege mit den Indianern, auf Prairiekämpfe und die nächtlichen Hinterhalte jener dunklen Race zu⸗ rückführten. Da trat endlich Blackfoot ins Zimmer, und mahnte dringend zum Aufbruch— er habe, wie er ſagte— die Güter gleich morgen früh zu verſenden und müſſe be⸗ ſtimmt darauf dringen jetzt abzufahren, damit ſie noch vor Tagesanbruch an Ort und Stelle kämen. Hierin beſtätigte ihn der Indianamann ſelber, in⸗ dem er verſicherte ſte hätten keinen Augenblick mehr zu verlieren, wenn ſie noch in der Zeit Victoria erreichen wollten. Der Steuermann, Bill, der einige Minuten nach Blackfoot, ohne ſich aber um die Uebrigen zu kümmern, zum Schenktiſch getreten war, frug jetzt den alten Edgeworth ob er noch heute Morgen abfahren wolle, ſonſt ging er gern einmal ein Viertelſtündchen vor die Stadt, wo ein alter Schiffs⸗ gefährte von ihm wohnen ſolle.. „Nein Mann!“ rief da Blackfoot ſchnell dazwiſchen, „das geht unmöglich mehr— Ihr habt die ganze Nacht Zeit dazu gehabt— entweder wir fahren jetzt, oder ich kann die ganze Ladung nicht brauchen.“ „Ei nun meinetwegen,“ brummte der Steuermann und trank ſein Glas auf einen Zug aus, drückte ſich 171 den Hut trotzig in die Stirn und verließ wie ärgerlich das Zimmer. „Unfreundlicher Geſell das—“ ſagte der vermeint⸗ liche Kaufmann, als er dem Bootsmann nachblickte— „habt Ihr den ſchon lange an Bord?“ „Ja, von Indiana aus,“ erwiederte Edgeworth, „und ich weiß nicht, was mir den Menſchen ſo verhaßt gemacht hat— doch, wir ſind ja bald geſchieden. Er i*ſt übrigens ein wackerer Steuermann und verſteht ſeine Sache; den Fluß kennt er, wie ich meine Taſche und hat mein Boot bis dahin wacker und gut geführt. Aber, wie geſagt, ich will froh ſein, wenn ich von ihm los bin — ſein Blick hat für mich etwas Abſtoßendes, das ich nicht überwinden kann. Apropos, Landlord,“ wandte er ſich da plötzlich an den Wirth, der indeſſen Blackfoot von der Seite mit flüchtigem Blicke maß—„hat denn der Büchſenſchmied mein Schloß hergeſchickt? er ver⸗ ſprachs wenigſtens.“ „Ja, die Büchſe ſteht da drinne“— ſagte Smart, ohne ſeine Stellung zu verändern—„Francis— reich' einmal das lange Schießeiſen heraus, an dem Toby erſt herumgearbeitet hat.“ 4„Habt Ihr ihm bezahlt was die Reparatur koſtete?“ frug Edgeworth. 172 „Ja“— erwiederte der Barkeeper—„es war ein halber Dollar— er ſagte die Feder wäre zerbrochen und die ganze Nuß hätte drinne gefehlt; Ihr müßtet ſte einmal auseinander genommen und die Nuß verlo⸗ ren haben.“ „Unſinn!“ rief der Alte—„ich habe die Büchſe, ſeit ich ſte abſchoß, auswiſchte und wieder lud, nicht an⸗ gerührt— Tom eben ſo wenig, denn der hat ſeine eigene. Weiß der Henker wie die Nuß hinausgekom⸗ men iſt. Nun meinetwegen— ſie ſchießt doch jetzt wieder. Da kann ich ja auch gleich den Schuß heraus⸗ brennen, der noch im Rohre ſteckt, und einen andern hineinladen. Wo ſchießt man denn hier wohl am ſicher⸗ ſten hin?“ „Ei nun, am ſicherſten gar nicht,“ meinte Smart, „eigentlich iſt's auch in der Stadt verboten, wir neh⸗ mens aber immer nicht ſo genau. Schießt nur hoch. Seht da oben ſitzt ein Specht an dem trocknen Stumpf — ganz hoch— gerade über dem rechts hinausſtehen⸗ den Aſt— ſeht Ihr ihn?— Ihr könnt Euer Gewehr da an den Pfoſten anlegen.“ Edgeworth war indeſſen, mit der Büchſe im An⸗ ſchlag, vor die Thür getreten und blickte ſcharf nach dem bezeichneten Gegenſtande hin. ————— 173 „Anlegen?“ ſagte er dabei lachend—„auf neun⸗ zig Schritt anlegen? das fehlte auch noch; wenn das Schloß ordentlich Feuer giebt, könnt Ihr den Specht holen.“ Er hob raſch die Büchſe, zielte einen Augen⸗ blick und mit dem Krach des Gewehrs faſt, zuckte das arme kleine Thier hoch empor, und ſtürzte dann dicht am Stamm herab auf die Erde. „Es geht ja noch“— lächelte der alte Mann, wäh⸗ rend er die Büchſe neben ſich niederſtellte und aus der umgehangenen Kugeltaſche den Krätzer nahm, ſie erſt ordentlich wieder auszuwiſchen;„nun man aber nicht mehr auf Indianer zu ſchießen braucht, ſchießt man Spechte, das iſt ſo der Welt Lauf— der Menſch iſt, wenn nicht das größte, doch ſicherlich das gefährlichſte Raubthier— er mordet zum Vergnügen. Doch mein Handelsmann da wird ungeduldig— geht nur voraus, guter Freund, ich lade blos meine Büchſe, bezahle meine Rechnung und bin gleich unten.“ Blackfoot ſchien damit zufrieden, bat ihn nur noch einmal, nicht lange mehr zu zögern und verließ das Zimmer, Smart aber, als jener die Thür hinter ſich zugedrückt hatte, wandte ſich an Edgeworth und frug ihn: 3 Kennt Ihr den da ſchon von früher?“ * „Nein— weshalb?“ „Wie ſeid Ihr denn zu ihm gekommen, den Handel mit ihm abzuſchließen?“ „Wie? ei nun, ich traf ihn hier im Union⸗Hotel, Ihr wart ja ſelbſt dabei— Bill hat ihn irgendwo in der Stadt getroffen.“ „Bill? wer iſt Bill?“ „Mein Steuermann!“. „So?“ ſagte der Wirth nach ziemlich langer Pauſe, und fing an das Knie, was er zwiſchen den Händen hielt, hin und her zu ſchaukeln—„ſo?— alſo Bill hat Euch den recommandirt. Hört einmal, Mr. Edge⸗ worth— der Burſche gefällt mir nicht.“ „Weshalb?“ lachte der Alte,„weil er nicht wie ein Handelsmann ausſteht? Ei laßt Euch das wenig kümmern, unſere indianiſchen Händler ſind immer mehr Krieger und Jäger als Kaufleute und müſſen ihre Waf⸗ fen ſo gut wie ihre Gewichte zu führen wiſſen.“ „Aber die Beiden verſtehen ſich mit einander,“ ſagte Smart. „Wer? der Kaufmann und Bill?— hm, das iſt wohl kaum möglich, der Mann hat mir treffliche Preiſe geboten, und einen Theil ſogar ſchon als Draufgeld, baar ausgezahlt.“ 175 „Ich ſah wie ſie Blicke wechſelten,“ verſicherte Smart und ſtand auf—„verdammt will ich ſein, wenn ſie nicht wenigſtens bekannter mit einander ſind, als ſie hier anzugeben ſcheinen. Habt lieber Acht— es giebt gar nichtsnutziges Volk am Fluß und beſon⸗ ders Helena weiß eine Geſchichte davon zu erzählen. Auf Euere Leute könnt Ihr Euch doch verlaſſen? denn ein Fremder hat hier unten gerade nicht viel Hulfe zu erwarten.“. „Ei gewiß kann ich das,“ ſagte der alte Mann, „mehr jedoch verlaſſ' ich mich auf mich ſelber. Es hat übrigens keine Noth; ſo klug iſt der alte Edgeworth auch noch, daß er ſich nicht von bloßem Geſtndel frei zu halten wüßte. Aber, was ich noch ſagen wollte, Mr. Smart es hat mich eine junge Frau hier, die von irgend Jemand erfahren hat ich landete in Victoria, gebeten, ſie und ihre Sachen mit an Bord dorthin zu nehmen— eine gewiſſe Mrs.—— Mrs.— Everett, glaub' ich. Sie will von Helena fortziehn um ſich, wenn ich nicht irre, in Victoria niederzulaſſen— iſt das eine ordent⸗ liche Frau?“ „Ei gewiß, Sir“— rief Smart eifrig—„ ein braves, wackeres Weib, deſſen Bräutigam erſt kürzlich im Fluß verunglückte, und deſſen Land ich kaufte. Ich 176 habe ihr alle nur mögliche Hülfe angeboten, ſie weigert ſtch aber hartnäckig, auch nur die geringſte Unterſtützung anzunehmen. Und ſie will wirklich nach Victoria ziehen?“ „Ja, ſo,“ meinte ſie—„doch ich muß wahrhaftig fort— denn goodbye ſollte ich Tom Barnwell verfehlen unnd er wieder hierher nach Helena kommen, ſo ſagt ihm er möchte nur gleich wieder zurückfahren— werde ich mit Ausladen früher fertig, nun ſo wart' ich auf ihn bis er kommt.“ Und damit warf ſich der alte Mann die Büchſe auf die Schulter, und ſchritt, dem Wirth noch einmal die Hand zum Abſchied reichend, zum Fluß hinab, wo eben auf einer ſogenannten Dray, einer Art zweirädrigen Güterkarren, die wenigen Habſeligkeiten Mrs. Everetts angefahren kamen. Die Frau ging neben ihnen her. 5 Es war eine ſchlanke ſchöne Geſtalt, das junge Weib; von Kopf zu Fuß in Schwarz gehüllt, aus dem das bleiche, gramgedrückte Schmerzensantlitz gar traurig mit den großen blauen Augen herausblickte, das hell⸗ caſtanienbraune Haar quoll ihr dabei in vollen Locken aus dem eng anſchließenden Kopftuch hervor, und manchmal noch fuhr ſie ſich, wie verſtohlen, über die blaſ⸗ ſen Wangen nach den rothgeweinten Augen hinauf, als —— 177 ob ſite da jede ungehorſame Thräne, die ſich trotz allem feſten Willen unter den langen Wimpern vorſtehlen wollte, gleich auf friſcher That zu ertappen und fortzu⸗ nehmen gedenke. Der Karren hielt an der Flatbootlandung, dicht vor Edgeworths Boot, und der Mann, der Peitſche und Hut zu Boden warf, wollte eben einen Theil ſeiner La⸗ dung über die ſchmale Planke an Bord tragen, als ſich ihm hier Bill, der Steuermann, in den Weg ſtellte, und ihn mit einem herzhaften Fluche fragte, was er da noch für Packen und Paſſagiere an Bord bringe— ſie hiel⸗ ten keine Fähre und brauchten keine Geſellſchaft weiter. „Laßt's nur ſein, Bill!“ ſagte Edgeworth, der gerade oben von der Uferbank herabſchritt—„wir ſetzen die Lady in Victoria an's Land— es iſt ſchönes Wetter und die Sachen können oben an Deck bleiben.“ Der Steuermann trat brummend bei Seite, der Fluß ſchien aber ſeine Aufmerkſamkeit jetzt mehr in An⸗ ſpruch zu nehmen, als das Land. Den Niſſſiſſippi herunter, trieben gerade ſechs oder ſieben Ohioboote— als was ſte das geübte Auge der Bootsleute bald er⸗ kannte— und dem ruhigen Ausſehen der an Bord Be⸗ findlichen nach, mußten ſie auch gar nicht geſonnen ſein hier zu landen, denn oben an Deck ausgeſtreckt lagen II. 12 die meiſten der Männer höchſt behaglich in der ziemlich heiß niederbrennenden Sonne, und nur an der hinter⸗ ſten langen Steuerfinne lehnte der Lootſe— beide Arme rechts und links hinausgelegt auf das baumlange Holz — und ſchaute gemächlich nach der kleinen Stadt her⸗ über. „Nun, da finden wir Geſellſchaft,“ meinte Edge⸗ worth—„ſchnell, Ihr Leute— nehmt die Sachen an Bord— wenn wir uns ein Bischen ſcharf in die Ru⸗ der legen, können wir die da drüben wohl noch ein⸗ holen.“ Damit ſchien aber der Steuermann nicht beſonders einverſtanden und meinte, ſie hätten nicht ſo gar weit von Helena, eine Inſel zu paſſtren, wo der Canal ziem⸗ lich ſchmal wäre, wodurch ſie aber wohl acht Meilen Biegung abſchnitten und da käm es oft, daß ſie, wenn viele beiſammen wären, einander auf die Snags trieben. Sie wollten die Boote immer voraus laſſen, weiter unten müßten ſte dann gute Lootſen an Bord haben, wie ſte all die Abkürzungen der Wages kennten, die er wußte, und er hoffte doch noch, wenigſtens mit ihnen zugleich, Victoria zu erreichen. Blackfoot ſtimmte ihm darin bei, und die Leute trugen die letzten Sachen an Bord, denen Mrs. Cverett 179 gerade folgen wollte, als dieſe auf eine ſo unerwar⸗ tete, als gewaltſame Weiſe daran verhindert werden ſollte. Mrs. Breidelford nämlich war Mainſtreet herabge⸗ kommen und erkannte kaum die ſchwarzgekleidete Geſtalt der jungen Wittwe, die, wie ſich nicht verkennen ließ, mit all ihrem Habe in Begriff war Helena zu verlaſſen, als ſte,— einer Rachegöttin nicht unähnlich, ſofern man ſich nämlich Rachegöttinnen in einem höchſt altmodiſchen, verblichenen Seidenhut mit gemachten Blumen, einem hochrothen großen Umſchlagetuch, gelb und grünem Kat⸗ tunkleid und ledernen Schuhen mit Kreuzbändern den⸗ ken kann— auf die wirklich erſchreckte Everett einfuhr, ſte am linken Handgelenk erfaßte, und nun eine ſolche Fluth von Schimpf⸗ und Drohwörtern über ſie aus⸗ ſchüttete, daß die unglückliche junge Frau nur noch blei⸗ cher wurde und ſich zitternd dem Griff der Wüthenden zu entziehen ſuchte. Dieſe aber, dadurch noch mehr erboſt, hob drohend die geballte Rechte gegen ſie empor und rief mit vor innerer Bosheit faſt erſtickter Stimme: „So? fortlaufen will Sie? Sie Creatur, Sie? fortlaufen wie ein Dieb in der Nacht? oh, wo iſt Sie denn die letzten zwei Tage überhaupt geweſen, Madame? 12 180 wo hat man ſich denn, ſo lang es hell war, heimlich aufgehalten, um Nachts, in Dunkelheit und Nebel fremder Leute Schlöſſer zu probiren und durch fpemder Leute Schlüſſellöcher zu gucken?“ „Um Gottes Willen— befreien Sie mich von der Raſenden!“ rief Mrs. Cverett, und ſah ſich überall nach Schutz und Beiſtand um; die Leute aber, die ſte rings umſtanden, konnten natürlich nicht anders glau⸗ Pen, als daß die junge ſchöne Frau auch wirklich ein ganz abſonderliches Verbrechen verübt haben müſſe, ſol⸗ cher Art auf öffentlicher Straße angehalten zu werden, und ſcheuten ſich da, wo allein das Geſetz entſcheiden konnte, dazwiſchen zu treten. „So?“ rief aber hier wieder, jetzt auch zugleich an ihrer Ehre angegriffen, Mrs. Breidelford aus, und rückte ſich den, ihr immer in das Geſicht rutſchenden Blumenhut wohl zum zwanzigſten Mal nach hinten. „So?— eine Raſende bin ich, wohl weil ich auf mei⸗ nem Recht beſtehe und mein Haus nicht Nachts von fremden Menſchen viſitirt haben will? Ich bin auch eine einſame Wittwe— ich ſtehe auch allein— mutter⸗ ſeelensallein in der Welt, aber ich betrage mich anſtän⸗ dig und zurückhaltend, und laufe nicht Nachts allein und heimlicher Weiſe in der Stadt herum, und andern . 181 Männern nach, daß ich um jeden Bootsmann trauern müßte, der im Miſſiſſippi erſäuft. Louiſe, ſagte mein Seliger immer— Louiſe, Du— „Mr. Edgeworth!“ bat die zur Verzweiflung ge⸗ triebene Frau—„ſchützen Sie mich vor dieſer Wahn⸗ ſinnigen— Sie bringt mich um.“ „Zurück da, Maſter Eſchhold oder wie Sie ſonſt heißen mögen“— rief dieſem aber die erzürnte Dame entgegen—„laufe einmal Einer von Euch zum Rich⸗ ter— Squire Dayton ſoll einmal herkommen— gleich — der Conſtabel ſoll her— da drüben ſtehen ihre Sachen— Stück für Stück muß ſie auspacken. Ich will doch ſehen was ſie Nachts an meinem Schloſſe zu probiren hat— ich will doch ſehen, ob ordentliche Bürgersfrauen turbirt und geängſtigt werden ſollen, daß ſie Abends nicht einmal bei Freunden eine Taſſe Thee ruhig trinken können. Wo iſt der Conſtabel, ſag' ich?“ „Großer Gott, iſt denn Niemand hier der ſich eines armen Weibes annimmt?“ rief die unglückliche junge Frau.“ Bill und Blackfoot hatten heimlich lachend die ganze Scene ruhig beobachtet, denn nach Allem was ſie ſahen, glaubten auch ſie natürlich, die gute Dame habe 182 das junge Frauenzimmer auf irgend einer böſen That ertappt und wolle ſie nun dafür vor Gericht ziehen, Edgeworth aber, der Menſchenkenntniß genug zu haben glaubte, in dem bleichen, edlen Antlitz der Einen nichts Schlechtes und Unehrenhaftes, dagegen alles nur mög⸗ lich Widerliche in dem ihrer Anklägerin zu leſen, brach die Sache kurz ab, erfaßte Mrs. Breidelfords Arm und zwang ſie, während er ihr das Handgelenk feſt zuſam⸗ men preßte, Mrs. Everetts Arm los zu laſſen, ſchüttelte dann der darüber empörten und laut aufſchreienden Frau herzlich und nachdrücklich eben dieſelbe Hand— erklärte ihr, daß jene Dame ſein Paſſagier ſei und die Fahrt nicht verſäumen dürfe, reichte Mrs. Everett den eigenen Arm und führte dieſe nun, während ſeine Leute dicht hinter ihm der nachſtürmenden Wittwe Breidelford den Weg vertraten, raſch auf ſein Boot, wonach die Planken ſchnell eingezogen und die Taue gelöſt wur⸗ den. Die übrige Mannſchaft ſprang an Bord und die „Schildkröte“ löſte ſich langſam von den übrigen Fahr⸗ zeugen ab. Im Anfange trieb das breite gewaltige Boot dicht an der Flatbootlandung nieder, und drohte auf einen unten angeſchwemmten Baum aufzulaufen, dann aber, als die Leute erſt raſch die langen Finnen in ihre eiſer⸗ 183 nen Halter geſtoßen und Raum gewonnen hatten, mit dieſen mächtigen Rudern ordentlich auszugreifen, da ge⸗ horchte auch das ſonſt ſo unbehülfliche Fahrzeug dem Steuer, und mit dem Bug langſam der Mitte des Fluſ⸗ ſes zu ſtrebend, arbeitete es ſich weiter und weiter von der gefährlichen Stelle hinweg, bis es über jenen Platz hinaus, die eigentliche Strömung erreicht hatte, die es in gerade ſüdlicher Richtung der ſchon früher erwähnten runden Weideninſel zuführte. Wer beſchreibt aber die Wuth Louiſe Breidelfords, als ſie ſich ihr Opfer ſo plötzlich und ganz hoffnungslos entriſſen ſah. Sie war nämlich, Gott weiß weshalb, zu der unumſtößlichen Ueberzeugung gelangt, daß Mrs. Everett jene Frau ſein müſſe, die nach Mr. Smarts Ausſage vor einigen Abenden ihr Haus umſchlichen und verſucht hatte, mittelſt Nachſchlüſſels ihre Thüre zu öffnen. Einige Gegenſtände die ſte wohl verlegt haben mußte oder ſonſt nicht finden konnte, beſtärkten ſte noch mehr darin, und ſie hatte jetzt wirklich nichts Eiligeres zu thun, als zu Squire Daytons Haus zu laufen und die Gerechtigkeit allen Ernſtes anzurufen, damit jenes Boot aufgehalten und ihr zu ihrem Rechte verholfen würde. Squire Dayton war aber eben ſo wenig zu Haus, als irgend eine der Damen, wenigſtens gab ihr 184 Nancy hierüber die Verſicherung aus dem Fenſter her⸗ aus, ohne ſich dabei die Mühe zu nehmen der ſehr er⸗ hitzten Lady die Thüre zu öffnen. Ihre einzige Hoffnung blieb jetzt der Conſtabel, um aber raſch zu deſſen Haus zu kommen, der ebenfalls an der äußerſten Grenze der kleinen Stadt wohnte, mußte ſte etwa zweihundert Schritt, auf einem ſchmalen Fahr⸗ weg hin, durch ein Dickicht gehen, das hier aus einer früheren Rodung wieder aufgewachſen war. Raſch ſchlug ſie auch dieſen Weg ein, und hatte etwa die Hälfte deſſelben zurückgelegt, wo eine Eiche quer über die Straße geſtürzt war und dieſe jetzt zwang um ſte her ihre Bahn zu ſuchen— als ihr plötzlich, und wie es ſchien von beiden Seiten gleich unerwartet, ein Mann entgegen trat, deſſen ganzes Ausſehen in dieſem etwas abgelegenen und ſelten betretenen. Theil allerdings ein Erſchrecken der ſonſt gerade nicht ſehr ſchreckhaften Dame rechtfertigte. Die Kleider hingen ihm faſt in Streifen vom Leibe — die Haare umſtarrten ihm wild den bloßen Kopf und der Bart mußte wochenlag kein Raſirmeſſer gefühlt haben. Schweiß und Blut klebten ihm dabei auf Ge⸗ ſicht und Händen, und Mord ſtand ihm mit fürchter⸗ — — — 185 lichen Zeichen auf der Stirn und ſprach aus ſeinen ſtier aber mißtrauiſch umherſchweifenden Augen. „Jeſus Maria!“ rief Mrs. Breidelford, als der Mann plötzlich vor ihr ſtand und den Blick— gleich⸗ falls überraſcht, feſt und prüfend auf ſie geheftet hielt.— „Was wollen Sie, Sir? was ſehen Sie mich ſo ſtier an, Sir? ich bin auf dem Wege zum Conſtabel— er wohnt keine zehn Schritt von hier, und der Friedensrichter kommt dicht hinter mir!“ Und damit trat ſte raſch etwas zur Seite und ſuchte an der unheimlichen Geſtalt vorüber zu ſchreiten. Der Fremde rührte ſich auch gar nicht, er folgte ihr nur mit den Augen, als ſie aber gerade an ihm vorüberſchritt, und nur noch einmal mißtrauiſch den Kopf nach ihm hinwandte, flüſterte er leiſe: „Mrs. Dawling!“ Wären die wenigen Sylben der Bannfluch irgend eines morgenländiſchen Zauberers geweſen, nach denen Mrs. Breidelford von nun an verdammt ſein ſollte, drei bis viertauſend Jahr unbeweglich, und in der gerade angenommenen Stellung verharrend, auf einem Platz ſtehn zu bleiben, ſo hätte die würdige Lady von dem einfachen, obengenannten Namen nicht mehr erſchrecken können; ihre Augen fingen dabei ganz gelaſſen an, ſich aus ihren Höhlen zu drängen, ſo erſtaunt und zugleich 186 entſetzt hefteten ſie ſich auf den Mann, der unzweifelhaft ein, für ſie fürchterliches Geheimniß kennen mußte. Dieſer aber, ohne auch nur im mindeſten den Eindruck, den er hervorgebracht, weiter zu beachten— außer daß vielleicht ein trotziges Lächeln für einen Moment um ſeine Lippen zuckte, trat raſch einen Schritt gegen ſie vor und flüſterte: „Folgt Ihnen der Friedensrichter wirklich dicht auf dem Fuß?“ „Nein,“ ſtammelte Mrs. Breidelford und ſchien noch immer nicht weder zu Athem noch zu völliger Be⸗ ſinnung gekommen zu ſein—„nein— er kommt— er kommt nicht.“ „Deſto beſſer— Sie müſſen mich verbergen— die Verfolger ſind mir auf den Fährten. Im Walde konnte ich den verdammten Schurken nicht mehr entge⸗ hen— wie die Indianer ſpürten ſie meiner Fährte nach und ich mußte mich endlich, als ich die breite Straße traf, auf dieſer halten. Vielleicht aber ſind ſie dicht hinter mir— jede Minute kann mich in ihre Hände bringen, alſo machen Sie ſchnell— führen Sie mich in Ihr Haus.“ „Heiland der Welt, Henry Cotton, ſo wahr ich wünſche geſund zu bleiben und ſelig zu werden. Cotton, ———. — —y— 187 nach dem ganz Arkanſas ſpürt. Zu mir wollt Ihr, Mann? in mein Haus? das geht nicht, das iſt unmög⸗ lich— Ihr müßt fort.“ „Ich kann nicht weiter,“— knirſchte der Flüchtling — ,matt und abgehetzt wie ich bin, würde ich den Ver⸗ folgern augenblicklich in die Hände fallen— ich muß wenigſtens einen Tag raſten. Gift und Peſt! über vierzehn Tage werde ich nun ſchon wie ein Panther ge⸗ hetzt, und zehnmal den Rettungsweg vor Augen, den ſichern Hafen faſt erreicht, immer und immer wieder zurückgetrieben in Elend und Noth— immer wieder gejagt und umſtellt und auf Mord und Raub förmlich angewieſen. Verbergt mich deshalb in Euerem Hauſe bis ich im Stande bin über den Fluß zu ſetzen, oder wielleicht auch in irgend einem Boot ſtromab— ja— wenn es nicht anders ſein kann, bis auf die Inſel zu gehn. Ich habe dies Leben ſatt, und will es nicht länger führen.“ „In mein Haus könnt Ihr nicht, Sir,“ rief da die Wittwe ſchnell—„ich bin eine alleinſtehende Frau, und wenn— „O, laßt zum Donnerwetter den Unſinn!“ rief Cotton ärgerlich,—„die Peſt über Euer Schwatzen— bringt mich in Sicherheit.“ 188 „Es geht wahrhaftig nicht an,“ rief die würdige Dame in Verzweiflung,„denkt nur, wenn Ihr in dem Aufzug durch die Stadt und in meine Wohnung gingt, was das für Aufſehen erregen müßte. Die geringſte Nachfrage hier nach Euch, würde auch Euere Verfolger augenblicklich auf die richtige Spur bringen, und wenn ſie bei mir Hausſuchung anſtellten— nein, das darf nicht ſein. Bleibt hier im Wald irgendwo verſteckt, und ich will Euch heute Abend abholen und ſicher auf die Inſel befördern laſſen; mehr kann ich für Euch nicht thun.“ „So? wirklich nicht?“ höhnte Cotton,—„ ſagt lieber, mehr wollt Ihr nicht thun, aber Ihr werdet wohl müſſen. Doch die Zeit drängt und nochmals ſage ich Euch, ich werde verfolgt und bin, wenn Ihr mich nicht verbergt, heute Abend noch in den Händen meiner Feinde. Ihr ſeid jetzt im Stande mich zu ret⸗ ten, thut Ihr es nicht, wohl, ſo mögen auf Euer Haupt auch die Folgen fallen. Glaubt aber nicht etwa daß ich den Großmüthigen ſpiele, und als Märtyrer in Kerker und Ketten vorkomme, oder gar am Galgen pa⸗ radire, während Ihr hier hochnäſig als fromme Lady ſitzt— ich werde States evidence, und was Euch dann bevorſteht, könnt Ihr Euch etwa denken!“ 189 „Seid Ihr raſend?“ rief Mrs. Breidelford er⸗ ſchreckt,„wollt Ihr mich und uns Alle unglücklich machen, Mann?“ „Nein— gewiß nicht, außerdem Ihr zwingt mich dazu. Aber— in einem Stück habt Ihr Recht— ging ich ſo in die Stadt, wie ich hier ſtehe, ſo müßte ich die Aufmerkſamkeit Aller auf mich ziehen, denen ich begegnete— geht alſo und holt mir Kleider— Ihr werdet ſie Euch ſchon zu verſchaffen wiſſen; ich will in⸗ deſſen hier in dieſem kleinen Saſſafras⸗Dickicht liegen bleiben und Euerer Rückkunft harren. Bleibt aber nicht zu lang, wenn ich indeſſen entdeckt werde, tragt Ihr die Schuld— und die Folgen.“ „Wo ſoll ich denn um Gotteswillen die Kleider her nehmen!“ rief Mrs. Breidelford erſchreckt— ich weiß ja gar nicht—“ „Das iſt Euere Sache,“ unterbrach ſie Cotton und wandte ſich gleichgültig von ihr ab,—„denkt aber an Dawling oder— ſoll ich Euch vielleicht noch einen andern Namen nennen?— ich dächte doch, der genügte Euch!“ „Schrecklicher Mann!“ ſtöhnte die Frau— ha fort⸗— raſch fort— ich höre Jemand kommen— ver⸗ bergt Euch!“ 190 Cotton hatte ſchon ſeit einigen Momenten hoch auf⸗ gehorcht, denn auch er vernahm Schritte, und wußte nur noch nicht recht, von welcher Seite ſie nahten. End⸗ lich ſchien er ſich davon überzeugt zu haben und glitt jetzt raſch— den Finger nur noch einmal drohend ge⸗ gen die Frau erhoben, in die Büſche, die ſich wieder hinter ihm ſchloſſen. Gleich darauf ſchritt pfeifend, die Hände in die Taſchen geſchoben, den Hut etwas nach hinten auf den Kopf gedrückt, Jonathan Smart auf der Straße heran, und Mrs. Breidelford hatte wirklich kaum Zeit ſich zu ſammeln und einen Entſchluß zu faſſen nach welcher Seite ſte ſich überhaupt wenden wolle, als Jonathan auch um die ſchon früher erwähnte umgeſtürzte Eiche bog, und nun ſeinerſeits ebenfalls überraſcht war, Dame Breidelford in unverkennbarer Verlegenheit hier allein zu finden. Sein erſter Verdacht fiel auf ein Liebes⸗ abenteuer, den verwarf er jedoch augenblicklich wieder, als total unmöglich, und konnte nur ein in aller Eile herausgeſtoßenes„Guten Morgen Madame“ vorbringen, als auch dieſe ſchon in voller Eile an ihm vorbeiſtürmte und der Stadt wieder zueilte. „Potz Zwiebelreihen und Holzuhren!“ rief der Jankee lächelnd, als er ſtehen blieb und ihr erſtaunt ——y:— ſehn glaubte, die ſich hie und da abgedrückt zeigten, ſo auf dem betretenen Wege etwas Genaueres darüber 191 21 nachblickte——„gewaltige Eile, Mrs. Breidelford, gewaltige Eile—— wichtige Geſchäfte wahrſcheinlich — wieder vielleicht eine Freundin mit einem Beſuch für einen ganzen Abend elend zu machen, oder einen guten Namen vernichten oder auch einmal zur Abwechſelung eine Frau gegen ihren Mann aufhetzen— wäre noch gar nicht da geweſen— o Gott bewahre. Was aber hat ſie in aller Welt nur hier zu thun gehabt? irgend eine Zuſammenkuft? oder war der Aufenthalt hier zufällig? Weshalb aber bewies ſie ſich da ſo augen⸗ ſcheinlich verlegen?“ Smart fing an die Straße gerade da, wo er ſie zuerſt geſehn hatte, zu unterſuchen, um vielleicht Spu⸗ ren anderen Schuhwerks darauf zu erkennen. Ob⸗ gleich er aber die Fußtapfen eines Männerſchuhs zu war er doch zu wenig geübt, zu wenig Waldmann, um beſtimmen zu können. Er ſchüttelte alſo ein paar Mal gar bedeutſam mit dem Kopf— ſchob ſeine Hände auf ihren alten Platz zurück, ſchritt wieder langſam weiter, und fiel genau in denſelben Ton, mitten im Lied wie⸗ der ein, wo er vorhin durch Mrs. Breidelfords Anblick unterbrochen worden. 192 Etwa eine Stunde ſpäter verließ die Dame zum zweiten Mal an dieſem Tag dieſelbe Straße und eilte, ohne ſich höchſt ungewöhnlicher Weiſe auch nur im mindeſten um das zu kümmern, was um ſie her vor⸗ ging, ihrem eigenen Hauſe zu, während ihr am ande⸗ ren Ende der Straße ein, in die gewöhnliche Tracht der Landleute gekleideter Mann, den breiten Strohhut aber tief ins Geſicht gedrückt, folgte, und bald darauf ebenfalls in ihr Haus trat, deſſen Thüre ſich feſt hinter ihm ſchloß. ————— — — VIII. Der Van Buren.— Mr. Smart fügt ſich dem Willen ſeiner Frau. Tom Barnwell hatte, wie ſchon früher erwähnt, ſeinen unglücklichen Schützling an Bord des„Van Bu⸗ ren“ gebracht, und gab ihn hier, um allen läſtigen Fra⸗ gen überhoben zu ſein, einfach für eine kranke Schweſter aus, die er nach Helena zu Verwandten bringen wolle. Marie war dabei, durch die gehabte Aufregung ſo er⸗ ſchöpft und angegriffen, daß ſie, ohne auch nur die ge⸗ ringſte Einwendung dagegen zu machen, Alles mit ſich geſchehen ließ; die Kammerfrau der Cajüte erſtaunte allerdings, da ſte das durch die Dornen und Zweige zerriſſene Oberkleid ſah und mochte wohl nach dem ſtie⸗ ren, an nichts haftenden Auge der Unglücklichen ihren wahren Zuſtand ahnen; doch was kümmerte ſich die n. 13 194 Mulattin um den Zuſtand der Weißen, ſie hatte darauf zu ſehn, daß ihre Cajüte, nicht das Hirn ihrer Paſſagiere in Ordnung ſei, und ſie bereitete ihr deshalb das Lager und überließ ſie dann ihren eigenen wilden Phantaſien und Traumgebilden. Der„Van Buren“ war ein wackres Dampfſchiff, eines der ſogenannten Clipper, die nach St. Louis oder Louisoville und Cincinnati, gewöhnlich mit einer Tafel vorn einlaufen, auf welcher die Zeit ihrer Fahrt mit großen weitſcheinenden Zahlen gemeldet wird. In der That grenzt auch die Schnelle, mit welcher dieſe Boote oft ungeheuere Strecken, und zwar gegen die ſtarke Strömung des Niſſiſſippi— zurücklegen, an's Un⸗ glaubliche. So rühmte ſich der„Van Buren“ auf ſeiner letzten Fahrt von New⸗Orleans nach Louisoille, nur eine halbe Stunde länger gebraucht zu haben, als die Diana— welche Zeit er auf einer Sandbank im Ohio feſtgeſeſſen haben wollte— und das war fünf⸗ Tage und dreiundzwanzig und eine halbe Stunde— eine Entfernung von 1350 engliſche Meilen ſtromauf. Der Van Buren arbeitete denn auch dießmal gar wacker gegen die ſteigende Fluth an, und hoch und ge⸗ waltig tanzten und ſchlugen die Wogen hinter ihm drein, und brachen ſich in trübem, gährenden Schaum. In 195 wenigen Stunden hätten ſie Helena erreichen müſſen, gerade aber an jener, ſchon mehrmals erwähnten runden Weideninſel war der Lootſe, der den Ohio vielleicht gut genug kannte, dießmal aber zuerſt den Miſſiſſippi und zwar einzig und allein nach dem„Navigator“ befuhr, zu nahe an die kleine Inſel hinangerathen und aufge⸗ laufen, ſo daß ſte, trotz dem gewaltigen und ſtunden⸗ langen Arbeiten der Maſchine nach rückwärts, nicht wie⸗ der loskommen konnten. Da ſie nun endlich ſahen, daß jeder weitere Verſuch nutzlos, die Nacht dagegen eingebrochen war, und der Fluß mit jeder Stunde ſtieg, ſo hofften ſte mit Tagesanbruch vielleicht von ſelber flott zu werden und verſuchten deshalb mit der Jolle ans Ufer zu fahren und ein Springtau dort irgendwo zu befeſtigen, damit ſte, wenn ſie wirklich loskämen, nicht wieder mit der Strömung hinabtrieben. Die mit der Befeſtigung des Taues beauftragten Leute fanden das indeß ein ſchwerer Geſchäft, als ſie im Anfang vermuthet haben mochten; die ganze Inſel war allerdings dicht mit Bäumen bewachſen, jedoch nur mit ſchwachen Baumwollenholzſtämmen, die kaum ein Flatboot, viel weniger denn ein ſo ſchweres Fahrzeug gehalten hätten. Anſtalten mußten aber dennoch dazu getroffen werden, obgleich die Schwierigkeit, ſie auszu⸗ 13* 196 führen, noch ſehr durch den dichten Anwuchs der an der Außenſeite ſtehenden Schößlinge vermehrt wurde. Dieſe nämlich, die ſtarr und dicht wie Schilf aus dem ſchon etwas angeſchwellten Miſſiſſippi heraus wuchſen, ver⸗ weigerten dem breiten Bug der Jolle hartnäckig den Eingang; die erſten bogen ſich zwar, wenn die Ma⸗ troſen mit allen Kräften dagegen ruderten, elaſtiſch zur Seite, wie Stahlfedern preßten ſie aber dann auch augen⸗ blicklich mit rückwirkendem Druck wieder gegen das Boot an, ſobald die Ruder nur einen Moment aufhörten zu arbeiten. Die Matroſen mußten den Verſuch endlich aufgeben und hinein in das hier etwa drei Fuß tiefe Waſſer ſpringen, was des Triebſandes wegen an und für ſich ſchon mit großer Gefahr verknüpft war. Mit vereinter Anſtrengung zogen ſie nachher das lange ſchwere Tau ſo weit inſeleinwärts, als ihnen das möglich war, ſchlugen es hier, wo ſie wieder trockenen, das heißt wenigſtens nicht unter Waſſer ſtehenden Boden fanden, um eine Anzahl der ſchwachen Stämme herum, die es, wie ſie hofften, halten ſollten und kehrten dann an Bord zurück, um zu weiteren Operationen den an⸗ brechenden Tag zu erwarten. Nun waren allerdings zwei Wachen an Deck ge⸗ laſſen, die auch die Feuer unter den Keſſeln unterhalten 197 ſollten, wie das aber mit faſt allen Wachen geht, ſo blieben ſie im Anfang ungemein munter— warfen ſorgſam Holz nach, und ſahen nach dem Tau, ob es noch immer ſtraff und feſt halte; ſobald jedoch erſt einmal Mitternacht vorüber, und keine Ablöſung für ſte beſtimmt war, ſo legten ſie ſich auf das, vor den Keſſeln aufgeſchichtete Holz und fingen an ſich etwas zu erzäh⸗ len, damit ſie wenigſtens munter blieben. Der Erzäh⸗ ler wurde aber auch endlich ſchläfrig— der Zuhö⸗ rer hatte ſchon lange aufgehört Zuhörer zu ſein, und tiefes Schweigen herrſchte bald auf dem ſchlummernden Koloß. Leiſe murmelnd brach ſich die Fluth an ſeinem Bug und in der nicht fern gelegenen Weideninſel rauſchte und brauſte es— das vorn angeſchwemmte Holz ſtemmte die Strömung, und dann und wann warfen ſich mächtige losgeſchwemmte Stämme dagegen und verſuchten dieſen natürlichen Damm zu durchbrechen. Rabenſchwarze Nacht lag dabei auf dem dumpf grollenden Strom und es war als ob die Waldgeiſter von beiden Ufern wun⸗ derliche unheimliche Weiſen herüber und hinüber riefen und der alte Miſſiſſippi dazu die langgehaltenen Melodien in ſeinen ſchäumenden Bart ſummte. Auf dem Boote rührte ſich nichts mehr— nur die beiden Wachen hoben noch dann und wann einmal müde, und ſchon halb bewußtlos, die Köpfe, und blickten nach den Sternen empor und nach den zu Starbord leiſe ſchwankenden Weiden, ob ſie noch auf der alten Stelle lägen; das monotone Summen des Stromes ſchloß aber bald wieder ihre Augenlieder und das harte Lager war doch nicht hart genug, feſten, geſunden Schlaf von ihnen fern zu halten. An dem Springtau zerrte und zog indeß die kräftige unermüdliche Fluth— der ſteigende Strom hob das Boot aus ſeinem ſandigen Bett und die, durch das Tau umſchlungenen Stämme wurden von dieſem zu einander gebogen und hielten wohl nur im Anfang noch feſt und und ſicher die ihnen anvertraute Laſt. Endlich aber, als wieder und immer wieder, aber nur ſtets mit ver⸗ mehrter Kraft, der alte Druck ſich erneute, bogen ſte mehr und mehr die ſchlanken, faſt aſtloſen Wipfel— noch leiſtete die Menge den Widerſtand, hie und da aber brach einer der am meiſten in Anſpruch genommenen; ein anderer ließ das Seil über den elaſtiſchen Wipfel hingleiten, mit jedem Augenblick verminderte ſich der Halt, den jenes ungeheuere Gewicht erforderte und jetzt — knickte auch der letzte Stamm, der noch nachhaltigen Widerſtand geleiſtet. 199 Der Ruck, der des Van Buren Tau befreite, zitterte aber durch das ganze Boot und ſtörte den Schlum⸗ mer der ſorglos im Bug ausgeſtreckten Wachen. Zuerſt ſchlugen ſie erſtaunt die Augen auf und ſahen nach dem Himmel; der ſpannte ſich aber noch in ſeiner alten Ge⸗ ſtalt über ihnen aus. Dieſelben Sterne ſchauten fun⸗ kelnd auf ſie nieder, auf die ſte beim Einſchlafen ihre Blicke geheftet hatten, döch entſetzt ſprangen ſie empor, denn die Baumwollenholzſchößlinge, deren träumendes Wiegen ſie bis dahin ebenfalls neben ſich beobachtet und deren Nicken ſie mit dem eigenen Kopf gar oft accom⸗ pagnirt hatten, lagen hinter ihnen— das Waſſer rauſchte nicht mehr gegen ihren Bug an— die Weiden rückten weiter und weiter zurück. Die Männer wurden mit einem Male munter und ſprangen, von einem Ge⸗ fühl getrieben, nach dem Tau— es hing locker über Bord und ihr Ruf: „Das Boot iſt los!“ weckte mit Blitzesſchnelle die noch hie und da in der warmen Sommernacht am Deck umher geſtreuten Ge⸗ fährten. Alles ſprang jetzt herbei, und lief wild und rathlos durcheinander; Einige fühlten nach Grund, Andere riſſen am Tau, ein Paar ſprangen nach dem Lootſen, 200 um dieſen an's Steuerrad zu rufen, Keiner aber dachte an die Hauptſache, daß das Dampfboot auch nicht ohne Dampf regiert werden könne, und erſt die Feuer wieder aufgeſchürt und das Waſſer er ſte hoffen durften wirklich ern zu entgehen. De hitzt werden müſſe, ehe ſter Gefahr für ihr Boot s Steuermanns feſter Ruf ſammelte die Schaar zuerſt wieder zu geregelter Thätigkeit. Raſch wurden vor allen Dingen um die ſtets bereit liegenden kleinen Anker Taue geſchlagen, um dieſe über Bord zu werfen und ſte wenigſtens da zu halten, wo ſie ſich gerade be⸗ fanden. die Feuerleute mußten indeſſen unter allen Keſſeln die Feuer aufſchüren und zu gleicher Zeit nach⸗ pumpen, damit nicht durch Waſſermangel ein noch größe⸗ res Unglück— das Zerſpringen derſelben— herbeige⸗ führt würde. Dieſe Vorſichtsmaßregeln, zur rechten Zeit getroffen, wären auch hinlänglich geweſen, das Boot gar bald wieder in Stand zu ſetzen, daß es ſeine Bahn aufs Neue beginnen konnte, denn ſobald die Ma⸗ ſchine an zu arbeiten fing, lichtete ſte, während ſie langſam ſtromauf fuhren und die Anker fach um die Schafte ſchlugen, der. taue dabei ein⸗ die Anker von ſelber wie⸗ Durch die ungemein ſtarke Strömung aber waren ſte ſchon weiter hinabgeriſſen, als ſie im Anfang ſelber 201 vermuthet hatten, denn dieſe führte ſte mit reißender Schnelle, und zwar rückwärts dem weſtlichen Ufer ent⸗ gegen. „Stangen hinter— an Larbord Steragedeck!“ ſchrie der Steuermann mit heißerer Stimme,„ſtemmt Euch meine Burſchen, ſucht die Bäume zu treffen und ſchiebt ab.“ Die Matroſen gehorchten in flüchtiger Eile dem Be⸗ fehle— die langen Stangen wurden, Alles von Paſſa⸗ gieren niederrennend, was ihnen zufällig in den Weg trat, nach hinten geſchleppt und dort raſch über Bord und gegen die Seitenwand geſtemmt, um das jetzt un⸗ vermeidliche Anprallen wenigſtens ſo viel als möglich zu mildern. Die Anker waren zu gleicher Zeit eben⸗ falls über geworfen; der weiche Schlammboden ge⸗ währte ihnen aber noch keine Feſtigkeit— ſie ſchlepp⸗ ten nach, und in demſelben Moment rannte auch der Van Buren, ſeitwärts gegen das Ufer treibend, mit der Lorbordſeite und mit dem hinteren Theile zugleich ſo gewaltig gegen die Stämme an, daß das mächtige Boot bis in ſeinen Kiel hinunter erzitterte, und das Larbordradhaus krachend und praſſelnd zuſammenbrach. Die Paſſagiere ſtürmten jetzt erſchreckt von allen Seiten herbei, Einzelne ſogar ſchon mit ihren Habſelig⸗ 2 202 keiten unter dem Arm oder auf dem Rücken, bereit, mit nächſter Gelegenheit an's Ufer, oder doch wenigſtens in ein rettendes Boot zu ſpringen. Auch die Mannſchaft ſelbſt war im erſten Augenblick beſtürzt, denn man wußte noch nicht genau, wie bedeutend der angerichtete Schaden ſei, und ob der Rumpf wirklich ſo gelitten habe, daß das Fahrzeug ſinken müſſe. Der Zimmermann ſprang denn auch vor allen Dingen in den Rumpf hinunter, und die Pumpen wur⸗ den verſucht. Da ergab es ſich denn, daß der Van Buren wahrſcheinlich nur mit dem breiten Obertheil in das ſtarre Treibholz hineingerannt ſei, und weiter nicht gelitten habe als an Rad, Bulwarks und Steuer. Allerdings wurde der Schaden jetzt ſo ſchnell als mög⸗ lich und ſo gut es gehen wollte, ausgebeſſert, ehe das Steuer aber wieder hergeſtellt war, konnten ſie nicht daran denken auszulaufen, und die Sonne ſtand ſchon hoch am Himmel, als dieſes erſt, mit Hülfsſtücken und ſtarken Ketten geſchnürt und befeſtigt, ſo weit hergerich⸗ tet war, um den Van Buren wenigſtens bis Helena zu nehmen, wo dann Alles ordentlich reparirt werden mußte. 3 Zweimal machten ſie dabei vergebens den Verſuch auszulaufen, denn noch immer verweigerte das Steuer —,— —— 203 den Dienſt, da beſonders das Larbord⸗Rad ganz zer⸗ trümmert war, und ſie mit dem ebenfalls beſchädigten Starbord⸗Rad allein gegen den Strom anarbeiten mußten. Hierdurch wurde der Bug natürlich gegen Larbord hinüber geworfen, was das Steuer außerge⸗ wöhnlich anſtrengte. Endlich, und noch mit einem ſtar⸗ ken Tau verſehen, ſchien es genügend zu ſein; die Ma⸗ ſchine fing wieder an zu arbeiten und wie ein verwunde⸗ ter Leu, der traurig die zerſchoſſene Pranke nachſchleppt, ſo keuchte und ächzte das verletzte Boot langſam und ſchwerfällig ſtroman. Die Sonne hatte den Zenith ſchon überſchritten, als ſte Helena endlich erreichten und dort förmlich lan⸗ deten um vor allen Dingen erſt wieder ordentlich fluß⸗ tüchtig zu werden. Tom Barnwell aber, der in ziem⸗ licher Ungeduld ſich zehnmal an's Ufer gewünſcht hatte, um zu Fuß ſchneller noch die Stadt zu erreichen und der Abfahrt des alten Edgeworth zuvor zu kommen, lief bitteren Unmuths voll auf dem Hurricanedeck hin und her, und blickte vergebens nach den zahlreichen vorbei treibenden Flatbooten hin. Eins ſah aus wie das an⸗ dere und er konnte unmöglich erkennen, welches das ſei, zu dem er gehöre. Einmal zwar glaubte er an mehren, nur dem Auge eines Bootsmannes bemerklichen Kleinigkeiten und trotz des beginnenden Nebels, die„Schildkröte“ auszufinden, und er hatte ſchon die Hände trichterförmig an den Mund gelegt, ſie womöglich anzurufen. Da erkannte er an Bord derſelben eine Menge Kiſten und zwiſchen dieſen eine Frau, die, wie es ihm vorkam, geſchäftig unter ihnen herum ging. Das konnte ihr Boot alſo auch nicht ſein— an Bord der„Schildkröte“ war keine Frau und er hoffte jetzt nur Edgeworth werde vielleicht, durch irgend etwas aufgehalten, Helena noch gar nicht verlaſſen haben. Darin ſollte er ſich freilich getäuſcht ſehen— das Boot war wirklich, und wie er ſpäter erfuhr, erſt ganz kurze Zeit vor ſeiner Ankunft, abgefahren; er hatte auch ganz richtig geſehen, jenes Boot mußte in der That ie„Schildkröte“ geweſen ſein, nur konnte er damals natürlich nichts von dem Paſſagier wiſſen, den ſte an Bord gehabt. Hier half freilich kein langes Ueberlegen weiter, und er geleitete nur vor allen Dingen das arme Mädchen, das ſich willenlos an ſeinen Arm hing und ihm, ohne auch nur den Blick aufzuſchlagen, folgte, ſo raſch als möglich in das Union⸗ ⸗Hotel, wo er, um allen weiteren Fragen darüber auszuweichen, ebenfalls wie —õy — 205 auf dem Dampfboot erzählte, es ſei ſeine Schweſter, die von New⸗Orleans herauf gekommen wäre. Hier aber hatte er noch mit einer und allerdings am allerwenigſten erwarteten Schwierigkeit zu kämpfen, denn Mr. Smart, der ihm in das Zimmer hinauf folgte und ſich bald ſelbſt von dem troſtloſen Zuſtand der Un⸗ glücklichen überzeugte, erklärte ihm ganz frei und offen, daß er, was ihn ſelbſt beträfe, das arme Weſen von Her⸗ zen gern bei ſich aufnehmen und verpflegen würde, daß dieſes aber weiblicher Pflege bedürfe und ſeine Frau jetzt ſo mit Geſchäften überhäuft ſei, wie noch nie vor⸗ her. Sie befand ſich deshalb auch in keinesweges roſen⸗ farbener Laune, und er verſicherte dem jungen Manne ſte würde, wenn ihr das Mädchen ſo ohne weiteres auf⸗ gebürdet werden ſollte, nicht allein aus Leibeskräften dagegen proteſtiren, ſondern auch in dieſem Departe⸗ ment, wo ihr Befehl vor allen anderen gelten mußte, ohne Weiteres die Wiederentfernung der Kranken ver⸗ langen. „Aber wo um Gotteswillen ſoll ich mit dem armen Weſen hin,“ ſagte Tom traurig, als er dem Wirth den wahren Verlauf der Sache erzählt hatte.„Das Boot iſt fort, ich muß nach, denn ich habe nicht allein mein ſämmtliches kleines Vermögen, ſondern auch alle meine A 206 „* Kleider dort an Bord, und dieß unglückliche Weib darf ich in ihrem Zuſtande, ohne Schutz, ohne Freunde hier, in einer fremden Stadt unmöglich zurücklaſſen— eben ſo wenig kann ich ſie mit mir nehmen. Behaltet ſie hier, Sir, und ſeid verſichert, daß ich vielleicht ſchon in wenig Tagen wieder zurück bin und Euch dann reichlich vergüten werde, was Ihr an ihr gethan.“ Ihr Geſpräch wurde hier von außen her und auf etwas laute Weiſe unterbrochen, denn draußen auf dem Gange hörten ſie plötzlich Mrs. Roſalie Smart, die eben in keineswegs freundlichen Ausdrücken dagegen eiferte, daß hier jeder„lumpige Bootsmann“ herein fallen 3 ſollte, um ihr ſeine Dirne ins Haus zu ſchleppen. „Schweſter?“ rief ſte dabei, wahrſcheinlich auf eine von dem Neger gemachte Entgegnung—„Schweſter? — was da Schweſter— da könnte Jeder kommen und ſeine Schweſter bringen. Und noch dazu nicht recht bei Sinnen— na weiter fehlte mir gar nichts. Jetzt, wo ich Tag und Nacht nicht weiß wo mir der Kopf ſteht? jetzt, wo ich mich placken und quälen muß, um nur das Haus in Ordnung zu halten und die geſunden Gäſte zu bedienen, ja wo nur erſt noch geſtern mein Mäd⸗ chen fortgelaufen iſt, das mir dieſe Perſon, dieſe Mrs. Breidelford abſpenſtig gemacht hat, jetzt ſoll ich auch * 207 noch Krankenwärterin werden? So? oder will Mr. Smart das junge Ding vielleicht gar ſelber warten und pflegen? Nein, daraus wird nichts, aus dem Haus muß ſie mir wieder, und das gleich; ich will doch ſehen, wer hier Zimmer zu vergeben hat, Mr. Smart oder ich. Wenn er das beſorgen will, ſo ſoll er auch die Wirth⸗ ſchaft führen und die Betten in Ordnung halten, und dann bin ich nachher ganz überflüſſig— ich werde ſo ſchon als wie Dienſtbote und Sklave behandelt. Hier will ich denn aber doch einmal ſehen, wer“— Das Weitere wurde unhörbar, denn Madame ar⸗ beitete ſich in gewaltigem Eifer die Treppe hinauf, und es war augenſcheinlich, daß ſich die Ausſichten, dieſe Sache in Frieden und Freundſchaft beizulegen, mit jeder Minute verringerten. 3 „Ich will hinauf und ſie ſelbſt darum bitten,“ ſagte Tom jetzt raſch und griff nach ſeinem Hut—„ſte kann und wird mir's nicht abſchlagen. Sie muß auch wiſſen was ſie dem eigenen Geſchlecht ſchuldig iſt und darf ihr Herz dem Mitgefühl nicht ganz verſchließen.“ Er wollte hinaus, Smart aber, der ſich bis jetzt das Kinn mit dem Zeigefinger und Daumen der rechten Hand ſinnend geſtrichen und ſtarr dabei vor ſich nieder 208 geſehen hatte, ergriff ihn raſch am Arme, und ſagte ſchnell: „Halt! Sie verderben die ganze Geſchichte— meine Frau iſt herzensgut, wir haben aber einen Fehler gemacht— dem Mädchen iſt eine Stube angewieſen ehe ſte darum befragt wurde, und das vergäbe ſie nie.— Gehen Sie jetzt nachträglich zu ihr, und bitten Sie um etwas, was wir ſchon vorher als geſtattet angenom⸗ men haben, ſo möchte ich Sie nur erſuchen, mich vorher etwa zweihundert Schritte fortzulaſſen, denn Sie bekä⸗ men das ſchönſte Aufgebot das man ſich wünſchen kann, und Ihre Bitte erfüllte ſie nachher erſt recht nicht, darin kenn' ich 4— „Aber um Gotteswillen, was ſollen wir denn da thun!“ rief Tom in Verzweiflung—„Sie ſind der einzige Menſch hier in ganz Helena, dem ich dieſe Un⸗ glückliche anvertrauen möchte, und gerade Sie verwei⸗ gern es. O fürchten Sie ja nicht, daß ich etwa nicht⸗ wieder käme und die Schuld abtrüge— Sie wiſſen nicht, wie theuer mir jenes arme Weſen einſt war“— „— meine Alte zu gut,“ fuhr Smart, ohne ſich irre machen zu laſſen, fort.„Ein Mittel giebt es aber noch, und das wäre wenigſtens einen Verſuch werth.“ 209 „ Und das iſt?“ ——y „Ruhig— laſſen Sie mich machen— warten Sie einmal“— und er ſah ſich dabei rings im Zimmer um —„ja, das wird gehn. Springen Sie einmal zu dem Fenſter hinaus.“ „Aber Mr. Smart“— ſagte erſtaunt der junge Bootsmann.— „Ja, ich kann Ihnen nicht helfen,“ lächelte der Yankee—„wir müſſen heute ein Bischen Comödie ſpielen. Springen Sie nur da zum Fenſter hinaus, und kommen Sie mir vor Abend nicht wieder ins Haus.“ „Das geht unmöglich!“ rief Tom—„ich kann die Unglückliche nicht eher verlaſſen, bis ich ſte ſicher untergebracht weiß; und— und was ſollte ihr denn das auch nützen?— ich muß erſt wiſſen wie es mit ihr wird.“ „Ja dann müſſen wir's unterlaſſen,“ ſagte der Yankee gleichgültig und ſchob die Hände wieder in die Taſche—„das iſt das Einzige was ich weiß; wenn Sie dafür keine Zeit haben, ſo thut's mir leid.— Vielleicht nähme ſie Squire Dayton.“ II. 14 210 „Wer iſt Squire Dayton?“ „Der Friedensrichter hier im Ort— er iſt verhei⸗ rathet und hat auch noch ohnedieß eine weitläufige Verwandte ſeiner Frau bei ſich— vielleicht nimmt der ſie ins Haus.“ „Glauben Sie daß ich ihn jetzt finden kann?“ frug Tom ſchnell.— „Nein,“ ſagte der Yankee ruhig—„der iſt fort⸗ geritten, und die beiden Damen ſind auch nicht da⸗ heim.“ Tom ging unruhig ein paar Mal im Zimmer auf und ab.— „Und hoffen Sie wirklich, daß Sie Ihre Frau dazu überreden können, die Unglückliche aufzunehmen?“ ſagte er endlich, als er wie verzweifelt vor Smart ſtehen blieb. „Ueberreden? nein,“ erwiederte dieſer—„es kann ſich Niemand auf dieſer Welt rühmen, meine Frau zu etwas überredet zu haben, doch— ich bringe ſte dazu — ich hoffe es wenigſtens, und das iſt ja Alles was Sie wollen. Alſo— wenn's Ihnen gefällig wäre — dort iſt das Fenſter“— 211 „Aber weshalb nur zum Fenſter hinaus?“ „Weil Sie jetzt gerade meiner Frau nicht draußen begegnen ſollen— oh, Sie können wohl die fünf Fuß nicht hinunter ſpringen.“ Tom wollte noch etwas erwiedern— bezwang ſich aber, öffnete den einen Fenſterflügel und drehte ſich dann noch einmal gegen den Wirth um. „Sir“— ſagte er—„wenn Sie nur ahnen könnten“— Ein Schritt wurde auf dem Gange gehört.— „Meine Frau,“ ſagte der Nankee einfach, und machte dabei eine leiſe Verbeugung, als ob er dem jun⸗ gen Mann Jemanden, der eben in die Thür trete, vor⸗ ſtellte. Dieſer verſtand den Wink, legte ohne weiter ein Wort zu erwiedern, die rechte Hand auf das Fen⸗ ſterbret, und war mit einem Satz unten auf der Straße. Keine drei Secunden ſpäter ging die Thür auf, und Mrs. Smart trat, mit faſt eben ſo erhitztem Geſicht, als wir ihr im Anfang unſerer Erzählung begegneten, ins Zimmer, obgleich dießmal ihre Röthe wohl einen anderen, viel gefährlicheren Grund haben mochte. Smart ging plötzlich— die Hände auf dem Rücken, 14* 212 den Hut faſt noch weiter nach hinten gedrückt als ge⸗ wöhnlich, mit ſchnellen Schritten in der Stube auf und ab. „Wer hat mir die Mamſell ins Haus—?“ waren die erſten Worte die ſie ſprach, und ſie ſtemmte dabei, als ob ſie ihren Grimm erſt recht von unten herauf drücken wollte, die Arme in die Seite, unterbrach ſich aber ſelbſt in ihrer Rede, als ſie Niemanden bei ihrem Mann bemerkte, wo ſie doch gewiß glaubte Stimmen gehört zu haben—„mit wem ſprachſt Du denn eigent⸗ lich eben hier?“ ſagte ſie dann erſtaunt und ſchaute ſich überall um—„ich weiß doch daß ich Jemanden reden hörte.“ „Wohl möglich,“ erwiederte der Gatte kurz, ohne den Blick auch nur einmal auf ſie zu heften—,ich kann mit mir ſelbſt geſprochen haben, doch das iſt einerlei, ich will nichts mit vagabondirendem Geſindel zu thun ha⸗ ben, und ich muß Dich bitten, mein Kind, mich künftig, ehe Du Gäſte, das heißt ſolche Gäſte, kranke Gäſte ins Haus nimmſt, davon zu benachrichtigen.“ Mrs. Smart blieb vor Verwunderung ohne auch nur eine Sylbe darauf zu erwiedern, ſtehen. „Es iſt ganz gut, mildthätig zu ſein,“ fuhr der Wirth, ihr Erſtaunen gar nicht beachtend, fort—„ich 213 will aber mit dem Bootsgeſindel nichts zu thun haben. Niemand hat weiter Noth und Sorge davon als ich, und Niemand—“ „So?“ fuhr jetzt plötzlich Mrs. Smart auf, denn Jonathan hatte eine Saite berührt, die jedesmal bei ihr einen rauſchenden Anklang fand—„ſo— der ge⸗ ſtrenge Herr da hat Sorge und Noth davon, wenn Gäſte im Hauſe ſind? er kocht wohl das Eſſen, oder hält Betten und Stuben rein? oder beſorgt Wäſche und ſonſtige Gegenſtände, die zu Küche und Haus ge⸗ hören? Hat nun je ein Menſchenkind ſchon ſo etwas gehört? Wo aber kommt das Mädchen her? wer hat ſte mir ins Haus gebracht, und was ſoll mit ihr ge⸗ ſchehen?“ —„wird denn auch ſpäter einmal dafür verant⸗ wortlich gemacht,“ ſagte Jonathan, der während ſie ſprach, ihr ruhig ins Auge geſehen hatte. „Wer ſie ins Haus gebracht hat will ich wiſſen,“ rief Mrs. Smart ärgerlich. „Das kann uns egal ſein,“ entgegnete Jonathan, —„ein junger Farmer von Indiana war's— es iſt ſeine Schweſter und er iſt fremd hier und meint die Perſon müßte elend umkommen, wenn ſich nicht eine 214 rechtſchaffene Frau ihrer annehme, denn er muß jetzt, um ſeinen Geſchäften nachzugehen und ſein Leben zu friſten den Fluß hinab; was geht das aber uns an? ich kann hier kein krankes Geſchöpf warten und pflegen und — will die Umſtände und den Spektakel auch nicht im Haus haben.“ „Perſon— Geſchöpf? ja, das iſt ſo die Art, wie die Herren der Schöpfung von einem armen Frauenzimmer reden, das nicht ein Seidenkleid an und einen Federhut auf hat“— fiel ihm hier Mrs. Smart etwas pikirt in die Rede—„Du brauchſt auch kein krankes Geſchöpf zu warten und zu pflegen— das wäre auch die rechte Wartung und Pflege die es bekäme. Wo iſt denn aber der Mosje, der hier anderen Leu⸗ ten ſeine Schweſtern ins Haus bringt?“ „Fort!“ rief da Mr. Smart in höchſter Aufre⸗ gung—„fort iſt er— das ärgert mich ja eben ſo— zwingt mir die Perſon ordentlich auf— ſagt, ich hätte überhaupt darüber gar nichts zu beſtimmen, das wäre der Hausfrau Sache, und Mrs. Smarts Edelmuth wäre bekannt und noch mehr ſolchen Unſinn, und fort iſt er nun, mitten in den Wald hinein, vielleicht nach Little Rock oder ſonſt wohin. Doch was geht das mich an — macht er ſich ſo wenig aus ſeiner kranken Schweſter, “ö „“ 21⁵ daß er ſie auf ſolche Art fremden Leuten überläßt, ſo brauch ich noch weniger Theil an ihr zu nehmen. Nicht einmal ein einziges Kleidungsſtück hat ſie mit— nicht einmal ein Hemd, ihre Wäſche zu wechſeln.“ „Mr. Smart!“ rief Mrs. Smart auf das Tiefſte empört aus—„ich muß Sie bitten Ihre Ausdrücke anſtändiger zu wählen, wenn Sie in meiner Gegenwart von ſolchen Sachen reden wollen; ich bin gerade ſo gut eine Lady, als ob ich in New⸗York oder Philadel⸗ phia wohnte. Wo hat übrigens der geſtrenge Herr beſtimmt, daß die Kranke hingeſchafft werden ſoll?“ „Hingeſchafft? was kümmert das uns?“ ſagte Jo⸗ nathan,„Scipio ſoll ſie vor die Thür führen und ſie mag gehen wohin es ihr beliebt; ich will weiter nichts mit ihr zu thun haben.“ „Vor die Thür können wir ſie nicht ſetzen,“ ſagte Mrs. Smart,„das iſt gegen Menſchen⸗ und Chriſten⸗ pflicht, und ich will es nicht nachgeſagt haben, daß ich ſo ein armes Ding aus dem Hauſe geworfen habe, blos weil es kein Geld und keine Kleider hatte, und ſonſt noch unglücklich war. Uebrigens haſt Du auch gar nichts damit zu thun; die Sache geht Dich weiter nichts an, das Mädchen mag meinetwegen ein paar 216 Tage hier bleiben, und wenn es ſich ordentlich beträgt und ſich wieder erholt, ſo wollen wir ſehen was weiter wird. Ich brauche ſo Jemanden als Hülfe im Haus, wenn ich nicht förmlich draufgehen und mich aufreiben ſoll. Das iſt Dir aber einerlei— Du gehſt Deinen Geſchäften oder Vergnügungen nach, und kümmerſt Dich nicht, wie ſich Dein armes Weib plagen und quälen muß. Du weißt freilich nicht, wie es ſo einem armen Weſen zu Muthe iſt, das keine Eltern mehr hat, und nun verlaſſen in der Welt ſteht.— So ſeid Ihr Män⸗ ner aber— hartherzige Egoiſten, alle miteinander, und uns, die wir ſo etwas beſſer müſſen wiſſen, denen der liebe Herrgott ein Herz in die Bruſt gelegt hat, das Leiden Anderer zu fühlen— uns wollt Ihr dann auch noch vorſchreiben, was wir thun oder laſſen ſollen, wenn es ſich um etwas handelt, wo eben nur ein Weib über ein Weib entſcheiden kann. Das laß Dir aber nur nicht weiter einfallen; das Mädchen bleibt jetzt bei mir, bis ich ſte ſelber fortſchicke.“ Und damit verließ Madame das Zimmer, warf die Chüre heftig hinter ſich zu, und ſtieg ſtracks zu dem Zimmer des armen Kindes hinauf— freilich jetzt in ganz anderer Abſicht, als ſie vorhin in ihrem Selbſt⸗ geſpräch geäußert hatte. Jonathan aber ſchob wieder, 2 217 wie das ſo ſeine Art war, wenn er entweder gar ernſt⸗ haft über etwas nachdachte oder ſich ganz außerge⸗ 4 wöhnlich freute, die Hände tief in ſeine Beinkleider⸗, taſchen hinein und ſchritt, aus Leibeskräften Nankee⸗ Doodle pfeifend, in dem kleinen Zimmer auf und ab. IX. Der Ire theilt Jonathan Smart ſeinen Ver⸗ dacht mit.— Tom Barnwell's Zeugniß. Jonathan Smart wurde in ſeinen höchſt erfreulichen Selbſtbetrachtungen durch einen Beſuch unterbrochen, der ihn nicht allein ſtörte, ſondern auch ohne weitere Umſtände ſeine Aufmerkſamkeit auf längere Zeit ver⸗ langte. „Nun, O'Toole?“ frug ihn der Wirth, als er ihn erſtaunt betrachtete—„wo habt Ihr denn geſtern und heute den ganzen Tag geſteckt? Ihr waret ja auf einmal ordentlich verſchwunden! Donnerwetter, Mann, wie ſeht Ihr denn aus?“ „Verſchwunden?“ wiederholte O'Toole—„nein, das wohl nicht, aber heimlich fortgegangen— ja. Doch hört, Smart— ich habe ein Wort mit Euch zu reden 219 und machte das— aufrichtig geſagt, lieber mit Euch im Freien ab. Hier in dem Zimmer, denk ich immer, kann man nichts ſagen, was der Nachbar, der auf der Wand drüben ſteckt, nicht ebenfalls hören müſſe, und da mir keineswegs damit gedient wäre, daß die ganze Stadt gleich von Haus aus erführe was ich Euch mitzu⸗ theilen habe, ſo dächt' ich gingen wir ein Bischen, mei⸗ netwegen an's Flußufer hinunter, ſpatzieren.“„ „So? alſo Geheimniſſe?“ lachte Smart,„nun da muß ich ja wohl mitgehn. Aber was betrifft's?“ „Kommt erſt hinaus, dort draußen ſpricht ſich's beſſer,“ erwiederte der Ire, und ohne weiter eine an ihn gerichtete Frage zu beachten, verließ er raſch das Haus, und ſchritt dem Flußufer zu, wo ihn Smart bald einholte und ſtellte. „Nun zum Henker was rennt Ihr denn ſo?“ rief er hier, als er den kleinen Mann hinten am Rockkra⸗ gen faßte und feſthielt.„Wir wollen doch wahrlich nicht zu Fuß nach dem Arkanſas, daß Ihr dorthin Sie⸗ ben⸗Meilen⸗Schritte macht.“ „Smart,“ ſagte O'Toole, indem er plötzlich ſtehen blieb und ſich gegen den Wirth wandte,„Ihr erinnert Euch doch, daß neulich Abends jenes Boot dort hinüber ruderte“— * 220 „Ja wohl.“ „Gut— das Boot iſt nicht bei Weathelhope ge⸗ landet.“ „Das iſt erſchrecklich“— meinte der Nankee lä⸗ chelnd—„aber wo denn ſonſt?“ „Das weiß ich eben nicht,“ rief der Ire ärgerlich, und ſtampfte mit dem Fuße den Boden. „Ihr habt mir in der Sache allerdings kein Still⸗ ſchweigen auferlegt, Mr. O'Toole,“ bemerkte Smart hier feierlich,, ich verſichere Euch aber nichts deſtoweniger, und zwar ganz von freien Stücken, daß ich keiner ſterb⸗ lichen Seele dieß mir anvertraute Geheimniß je— ſelbſt nicht unter peinlicher Tortur— vertrauen oder geſtehen werde.“. „Smart— die Sache iſt ernſthafter als Ihr glaubt,“ rief O'Toole ärgerlich—„ allerdings weiß ich nichts Beſtimmtes, ein Geheimniß liegt aber dieſen Booten zum Grunde. Jenes Fahrzeug iſt nicht drü⸗ ben gelandet, aber auch nicht, weder ſtromauf noch ſtromab am Ufer hingefahren;z ich bin eine ganze Strecke hinauf und hinunter gegangen und überall haben mich die Leute verſichert, es könne kein Ruderboot, außer mit um⸗ wickelten Rudern, zu jener Stunde an ihrem Ufer vorbei⸗ gefahren ſein, ohne daß ſie es gehört hätten. Weshalb —2 — . 2 221 ſind nun die Burſchen da hinüber gefahren, wenn ſie nicht landen wollten? Einfach deshalb, um uns hier glauben zu machen, ſte gingen dort hinüber, während ihr Ziel ganz wo anders lag— und weit kann das Ziel auch nicht von hier ſein, ſie hätten ſich ſonſt nicht ſolch unnütze Mühe mit uns gegeben. Ich bin jetzt— und das iſt eigentlich die Sache, die ich Euch mitthei⸗ len wollte— feſt davon überzeugt, daß die Bootsleute irgendwo drüben im Sumpf— ja vielleicht ſogar hier auf der Arkanſas⸗Seite— einen Schlupfwinkel haben, wo ſie, wenn ſie nichts Schlimmeres thun, wenigſtens ihre Spielhöllen halten und andere ehrliche Chriſten⸗ menſchen dadurch unglücklich zu machen ſuchen. Mei⸗ nem armen Bruder haben ſie in ſolcher Spielſpelunke auch einmal bis aufs Hemd ausgezogen und nachher halb nackt vor die Thür geworfen. Es wäre ein Werk der Barmherzigkeit ein ſolches Neſt zu zerſtören und überhaupt eine Bande hier aus der Gegend zu vertrei⸗ ben, die nichts Gutes aber unendlich viel Elend über ihre Nachbarn bringen kann. Hier oben das Haus, der graue Bär, wie ſie's nennen, iſt auch ein ſolcher Platz, dem ich von Herzen wünſche, daß ihn der Miſſiſſippi einmal bei nächſter Gelegenheit mit fort⸗ ſpühlt.“ 222 „Hm— ja,“ ſagte Smart endlich nach ziemlich langer Pauſe, während er ſich das Kinn ſtrich und gar ernſthaft vor ſich nieder ſah.— Das was ihm Tom Barnwell an dieſem Morgen erzählt hatte, fiel ihm faſt unwillkürlich wieder ein, und er blickte ſinnend nach dem Strom hinaus, den, aus Sümpfen kommende leichte Nebelſchleier umzogen und über die, noch immer hie und da in der Sonne blitzende Fluth, einen dünnen, beweg⸗ lichen Schleier woben.„Und Ihr wißt ganz ſicher, daß ſie nicht drüben gelandet ſind?“ frug er endlich,— „nicht etwa bei Müllers unten? denn von da an führt auch noch ein Weg durch den Sumpf.“ „Das dacht' ich ebenfalls,“ rief O'Toole,„und ließ mich deshalb die Mühe nicht verdrießen hinab zu laufen, aber Gott bewahre, Millers Nigger, Ire, Ihr kennt ihn ja, hat von Dunkelwerden an das Ufer nicht verlaſſen, und ſchwört Stein und Bein, es ſei keine Katze in der Zeit vorbei geſchwommen, vielweniger an's Land geſtiegen. Und in den Rohrbruch, unten und oben, können ſie doch wahrhaftig auch nicht, ohne ganz beſondere Gründe hineingekrochen ſein. Beiläufig ge⸗ ſagt, war ich auch bei dem Deutſchen dort unten, Bran⸗ der heißt er glaub' ich, der neulich hier auf einmal krank geſagt wurde, und nach dem der Doktor in Nacht — — —— 223 und Nebel fortſprengen mußte. Aber kein Finger thut ihm weh, und hat ihm auch nicht die letzten acht Wochen weh gethan. Ich will gerade nicht be— aber da kommt Einer von der Bande, ſeid ruhig, wir bereden die Sache ein ander Mal.“ Smart wandte ſich ſchnell nach dem alſo Bezeichne⸗ ten um, erkannte aber Niemand anders, als unſeren alten Freund Tom Barnwell, der nach ſeinem Boot ge⸗ ſehn hatte und nun am Ufer herauf ſchlenderte. Als er den Wirth bemerkte, ging er raſch auf ihn zu und rief ihn ſchon von weitem an: „Nun Sir— wie iſt's? habt Ihr Euch des armen Mädchens erbarmt?— wollt Ihr ſie nicht wieder heraus auf die Straße ſtoßen?“ „Ei nun,“ lächelte Jonathan,—„ich hätte das ſchon gern gethan, aber,— meine Frau will nicht— ſte beſteht darauf das arme Kind bei ſich zu behalten und es zu pflegen bis es wieder geſund iſt— nachher ſoll es aber erſt recht da bleiben, und ihr in der Wirth⸗ ſchaft helfen.“ „Das haben Sie durchgeſetzt?“ rief der junge Mann freudig. „Wer? ich?“ ſagte Mr. Smart,—„fragen Sie einmal meine Frau darüber.— Aber— Scherz bei 224 Seite Sir— erzählten Sie uns doch noch einmal— uns Beiden hier— Mr. O'Toole iſt ein Freund von mir und ein braver Mann— wie und wo, aber be⸗ ſonders genau wo Sie das Mädchen gefunden haben, und was es dort für Auskunft über ſich gab.“ Tom willfahrte gern dieſem Wunſch und gab über jenen Platz, wo er die Unglückliche auf ſo wunderbare Art angetroffen hatte, ſo ausführlichen Bericht, als es ihm möglich war. „Und konntet Ihr gar nichts weiter von dem ar⸗ men Kinde heraus bekommen, wie es auf die Inſel ge⸗ rathen ſei? ob es Schiffbruch gelitten, ob das Boot vielleicht einfach auf einen Snag gerannt, oder vielleicht gar— angefallen wäre!“ frug Smart endlich, während der Ire mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit dem Be⸗ richte lauſchte. „Nein,“ ſagte Tom ſinnend,—, nichts Gewiſſes, denn in ihrem Zuſtand konnten ihre Reden kaum für zurechnungsfähig gelten, obgleich einzelne Worte die ihr entſchlüpften, auch wieder das Fürchterlichſte ahnen ließen.— Sie ſprach von geſpaltenen Köpfen und blu⸗ tigen Leichen— von ihrem— Gatten, der rein und weiß aus der Fluth empor getaucht wäre. Ich hoffe, ihr Zuſtand wird ſich, bis ich zurück kehre, gebeſſert haben —— 9 „— e— 2 und ſie ſelbſt dann vielleicht Näheres über ihr Unglück anzugeben wiſſen. Ach Gott, es iſt ja auch möglich, daß irgend ein entſetzliches Loos die Ihrigen betraf, und Schreck und Entſetzen ihre Sinne verwirrten. Es ſollen ſich, wie ich gehört habe, noch immer Indianer in der Nähe des Fluſſes aufhalten.“ „Sie ſprach alſo gar nichts, was auf das Vorge⸗ fallene weiter Bezug haben konnte?“ frug der Ire. „Die erſten Worte die ich hörte,“ ſagte der junge Mann nachdenkend—„klangen von einem Vogel, den ſte in ſeinen goldenen Käfig zurück haben wollten, und ſte redete von„durch die Büſche kriechen und ihn wieder fangen wollen.“ Doch das war der Wahnſinn— ſie ſaß auch wie ein Vogel auf dem Aſt eines niederge⸗ brochenen Baumes.”“ „Nun, einen goldenen Käfig hätte ſie wahrlich nicht gehabt, wenn ſie auch gefangen geweſen wäre,“ meinte der Jankee. „Auf welcher Inſel war das?“ frug der Ire,„un⸗ ten auf dreiundſechzig?“ „Ja ich kenne die Zahlen nicht genau,“ erwiederte Tom;„es muß die zweite oder dritte von hier geweſen ſein.“. II. 15 „Es lagen zwei von ihnen nicht weit von einander entfernt?“ „Ja, ich glaube— erſt kam eine runde kleine In⸗ ſel, dicht mit Baumwollenholzſchößlingen bedeckt— an der haben wir auch die Nacht mit dem Dampfboot gelegen.“ „Die hat keine Nummer und iſt unbewohnbar,“ ſagte der Ire. „Dann— ja wahrhaftig, dann muß die gekommen ſein, wo ich Marien fand— ich weiß mich wenigſtens auf keine weiter zu erinnern, als noch ein Stück weiter unten zwei größere nebeneinander, zwiſchen denen ich hinfuhr.“ „Das iſt zwei und dreiundſechzig— alſo war das einundſechzig. Die hat aber eine Hurricane durch und durch verwüſtet— ich wollte dort einmal an's Land, es war jedoch nicht möglich einzudringen, die Bäume lagen wild und toll durcheinander.“ „Ja, ganz recht— an der Inſel war's und Gott nur weiß, wie ſie in das Zweig⸗ und Aſtgewirr hinein gerathen iſt; ein wahres Wunder muß ſie gerettet haben.“ „Smart, Smart,“ ſagte der Ire kopfſchüttelnd,„ob 8 4 227 am Ende nicht doch jenes Boot mit der ganzen Geſchichte zuſammenhängt. „Das wäre kaum möglich,“ meinte der Wirth,„am Mittwoch Abend ſind die hier abgefahren, und Donnerſtag — nun ja, es könnte ſchon ſein, das glaub' ich aber nicht.“ „Was für ein Boot?“ frug Tom, aufmerkſam wer⸗ dend,—„am Mittwoch Abend?“ O'Toole erzählte ihm den Verdacht, den er habe, und wie ein Boot, was hier vom Lande geſtoßen und gerade über den Strom gerudert, doch von Niemandem drüben geſehn worden wäre. „Und das war am Mittwoch Abend?“ „Ja, ſpät.“ „Ein junger Farmer, Namens Bredſchaw, den ich unterwegs ſprach, erzählte mir, daß er an jenem Abend ein mit vielen Männern beſetztes Boot angerufen habe,“ ſagte Tom. „Bredſchaw? der wohnt ja gleich hier unten, keine ſechs oder ſteben Meilen von hier, und an dieſer Seite des Fluſſes.“ „Ja, ganz recht— er hat es mir noch geſtern er⸗ zählt— er behauptet auch es gingen, beſonders Nachts, recht häufig Boote dort vorüber, und zwar eben ſo oft 15* ſtromauf als ſtromab. Er meint es müſſe irgendwo, in Helena oder Montgomerys Point, eine Spielhölle ſein, daß ſich die Leute nächtlicher Weiſe des Stromauf⸗ ruderns unterzögen, um nur nicht entdeckt zu werden und in Strafe zu verfallen.“ „Sonderbar bleibt das,“ ſagte Smart,—„das Flußvolk— Ihr nehmt mir die Benennung nicht übel — iſt doch ſonſt gerade nicht ſo entſetzlich furchtſam vor den Geſetzen, die ſie wahrhaftig am allerwenigſten geniren. „Smart,“— rief jetzt der Ire plötzlich,—„ich habe mein Wort gegeben dem Boote nachzuſpüren, und ich will es halten— vorerſt lande ich einmal bei Bred⸗ ſchaw, und laſſe mir von dem ſagen was er weiß, und dann unterſuch ich die Weideninſel und die darauf fol⸗ genden Nummern— eine nach der andern. Find ich verdächtige Spuren, ſo hol' ich Hülfe, find ich keine, ſo ſpür ich die Sümpfe ab; bei St. Patrik, ich will doch ſehn ob ich ſo auf den Kopf gefallen bin, daß ich am hellen lichten Tage Geſpenſter ſehe, wenn keine da ſind.“ „Wann fahrt Ihr ab?“ frug ihn Tom. „Gleich— das verſchieb ich keinen Augenblick län⸗ ger,“ lautete die Antwort;„wollt Ihr mit?“ 5 229 „Ich gehe allerdings auch ſtromab, aber jetzt noch nicht— ich darf jenes unglückliche Mädchen wenigſtens heute noch nicht aus den Augen laſſen und kann morgen immer noch zeitig genug in Victoria eintreffen, ehe Edgeworth ſein Boot ausgeladen hat, noch dazu da er, Mr. Smarts Verſicherung nach, auf mich warten will, bis ich ihm nachkomme. Ein ſolcher Fall wird ſicher⸗ lich mein etwas längeres Zögern entſchuldigen.“ „Gut, mir auch recht,“ ſagte O'Toole,„deſto un⸗ geſtörter, und vielleicht auch unbemerkter, kann ich meine Nachforſchungen beginnen, aber— aber etwas von Pro⸗ viſtonen ſollt' ich eigentlich mitnehmen.“ „Die mögt Ihr bei mir zu Hauſe einpacken, geht zu meiner Frau, bittet ſie darum und ſagt nur, Ihr hättet—* „Die giebt ſte mir im Leben nicht,“ rief O'Toole — Acushla machree, Smartchen, kennt Ihr Euere Alte ſo wenig, daß Ihr noch glauben könnt, die ge⸗ horchte einem ſolchen Befehl? Sie hat mich ganz gern, und weiß, daß ich ihr, wo ich nur kann, gefällig bin, heute iſt ſie aber in ſo bitterböſer Laune, daß ich ihr nicht gern wieder zu nahe kommen möchte. Ich ſprach vor⸗ her einen Augenblick mit ihr.“ 230 —„mich ſchon darum gebeten, ich aber habe. Euch grob angefahren und Euch geheißen, zum Teufel zu gehn.“ „Hahahaha,“— lachte O'Toole,—„Smart ſpielt einmal wieder Herr im Hauſe— nun meinetwe⸗ gen, verſuchen kann ich das, und auf jeden Fall iſt's beſſer, als wenn ich ſagte, Ihr ſchicktet mich deshalb. Doch good Bye Gentlemen, good Bye, die Zeit ver⸗ geht, und bei Gott, wir bekommen auch einen ächten Miſſiſſippinebel. Nun wahrhaftig, wenn das nur nicht 3 ärger wird, ich habe neulich meinen Compaß verloren und will lieber zum Richter gehn und mir da einen 4 borgen, der hat ihn immer in der Taſche.— Der Henker mag das Rudern holen, wenn man nicht weiß wo Nord noch Süd iſt.“ .„Und ſoll ich jetzt mit zum Hauſe gehn?“ frug Tom, als O'Toole des Richters Wohnung zuſchritt,„ich hätte gern Gewißheit über ihr Schickſal, denn zu lange darf ich mein Boot nicht verlaſſen.“— „Nein, jetzt noch nicht,“ ſagte Smart—„bleibt meiner Frau lieber noch ein Bischen unter den Augen weg; ſie iſt herzensgut, will aber immer gern ihren eigenen Willen haben und ſo lange mir der nicht ge⸗ radezu die Quere läuft, laß ich ihr auch die Freude. Ihr— *½ 231 habt übrigens keine Eile, das Flatboot erreicht heute Victoria nicht, ja liegt vielleicht jetzt ſchon irgendwo an einer Sycamore feſt gebunden, denn bei dem Nebel, der gerade den Fluß heraufkommt, alſo weiter unten ſchon ärger iſt als hier, dürfte der beſte Lootſe nicht wagen mit einem Flatboot unterwegs zu ſein, er würde auf irgend eine Sandbank laufen, und das Steigen des Waſſers abwarten müſſen, oder gar, was noch viel ſchlimmer wäre, auf irgend einen Snag rennen, und dann ſänk er ſo tief, daß ihm nicht einmal das Steigen etwas weiters hülfe. Alſo geduldet Euch— die Nacht bleibt Ihr bei mir, und morgen früh wollen wir ſchon ſehn wie es weiter wird. 5 Lom Barnwell, der wohl einſah daß er dem Rathe des gutmüthigen Jankees folgen müſſe, ſchlenderte lang⸗ ſam am Ufer hin, um zu ſehen, ob er nicht auf einem der anderen Flatboote vielleicht einen Bekannten finde; das war jedoch nicht der Fall, und er wollte eben in die Stadt zurückgehn, als er Pferdegetrappel hinter ſich hörte und gleich darauf zwei Damen die Straße herabſprengen ſah die, aus dem Innern des Landes kommend, den Fluß gleich oberhalb Helena berührte, und dicht an deſſen Ufer etwa hundert Schritte hinführte, ehe ſie wieder, nach Squire Daytons Wohnung zu, rechts abzweigte. Tom blieb einen Augenblick ſtehn, ſie an ſich vorüber zu laſſen und ſah zu ihnen empor, die Sonnenbonnets aber, die Beide trugen, verhinderten ihn ihre Züge ge⸗ nau zu erkennen. Nur einmal, als die Jüngſte ihre klaren Augen einen Moment feſt auf ihn heftete, war es ihm faſt, als ob er das Geſicht ſchon einmal geſehn habe, doch wurde ihm der Anblick zu ſchnell wieder entzogen, als daß er zu irgend einer Gewißheit hätte darüber kom⸗ men können. Ueberdies gingen ihm jetzt viel andere, ernſtere Dinge im Kopf herum und er ſchritt ſchweigend, der unbekannten Reiterin nicht mehr denkend, in die Stadt. 3 — X. Tom Barnwell findet eine Freundin Marie's.— Seine Unterredung mit dem Squire. Jene beiden Damen, welche der junge Bootsmann am Ufer des Fluſſes geſehn, waren Adele und Mrs. Dayton geweſen, die von Livelys zurückkehrten und nun in kurzem Galopp vor ihr Haus ſprengten. Ihr Mu⸗ lattenknabe empfing ſie ſchon an der Thür und nahm ihnen raſch die Pferde ab, während Mrs. Dayton zuerſt nach ihrem Gatten frug.— „Squire Dayton iſt dieſen Nachmittag fortgeritten,“ lautete des Knaben Antwort,—„Mr. O'Toole hat ebenfalls nach ihm gefragt. Er muß aber ſchon wieder in Helena ſein, denn vorhin brachte ein Matroſe von dem Dampfſchiff was unten an der Landung liegt, ſein Pferd, und ſagte Maſter würde bald zu Hauſe kommen.“ ³ Die Frauen ſtiegen ſchweigend die Treppe hinauf und Adele legte nur ihr Bonnet ab, warf ſich die langen ſeidenen Locken aus der Stirn und öffnete das Clavier. Langſam glitten ihre Finger zuerſt über die Taſten hin; in leiſen, kaum hörbaren Acorden, deutete ſie mit leich⸗ tem Griff einzelne Melodien an, immer feſter wurde aber die wehmüthig ernſte Weiſe, in die ſie hineinge⸗„ rathen ſchien, immer weicher verſchmolzen die ſanften Töne in einander, und erſt da, als ſie plötzlich und. 2 5„ 7 7 df. ſchroff in einen Duracord überging und nun in rauſchen⸗ 5 wenigſtens zu übertäuben ſuchte, glänzten und blitzten den wilden Harmonien die frühere Schwäche zu bannen, 8 ihre holden Augen wieder in dem alten gewohnten Feuer und die kleinen zarten Finger berührten die Taſten* mit ſo feſtem ſicheren Anſchlag, daß dieſer auch wieder in ſeiner Rückwirkung der Seele der Spielenden Feſtig⸗ 3 keit und Sicherheit zu geben ſchien.* Mrs. Dayton hatte indeſſen, von Nancy dabei un⸗ terſtützt, ihre Reitkleider abgelegt, ſaß in ihren weich⸗ gepolſterten Stuhl zurückgelehnt, das reizende, aber 5 etwas bleiche kleine Antlitz in die Hand geſtützt, ſin⸗ 5 nend da und heftete nur manchmal das Auge feſt und prüfend auf das halb von ihr abgewandte Köpfchen der jüngeren Freundin. 235 * „Was fehlt Dir, Adele?“ frug ſie endlich leiſer, während ein kaum merkliches Lächeln um ihre Lippen 6 ſpielte,—„weshalb biſt Du ſo verdrießlich?“ „Wer? ich? verdrießlich? was mir fehlt? ein paar wunderliche Fragen, Hedwig,— es iſt mir nie wohler und ich bin nie munterer geweſen, als eben jetzt— was ſoll mir fehlen? Ach Du meinſt weil ich das alberne „days of absence“ einmal durchſpielte? hahaha, es kam mir nur gerade ſo unter die Finger.— Nein, tanzen möcht' ich jetzt— tanzen bis ich— bis ich mich einmal recht ſatt getanzt hätte. Apropos, Hedwig, — der junge Mann, der gerade da, wo die erſten Flat⸗ boote lagen, am Ufer ſtand, kam mir recht bekannt vor; ich bemerkte ihn nur eben erſt als wir vorbeiſprengten, aus Helena iſt er aber nicht.— Ich muß das Geſicht 8 ſchon früher einmal geſehn haben, wenn auch vielleicht in anderer Tracht und anderer Umgebung.“ „Mir war er fremd!“ ſagte Mrs. Dayton,— „ſeiner Kleidung nach ſchien er zu einem der Boote zu gehören. Doch wo nur Dayton wieder ſein mag, ach wenn er doch das, was er vor kurzer Zeit zum erſten Mal erwähnte, wahr machen und von hier fortziehen wollte— ich weiß nicht— Arkanſas will mir gar nicht mehr gefallen. Dies rüde Leben und Treiben verletzt 236 3 mich— die Leute ſind, mit wenigen Ausnahmen, ſo roh und theilnahmlos, und Dayton ſieht ſich ſo von allen Seiten in Anſpruch genommen, daß er ſein Leben ja gar nicht mehr genießen kann. Wie er mir ſagt, will er nach New⸗York ziehn.“ „Ich gehe mit Euch,“ ſagte Adele, indem ſie raſch vom Clavier aufſtand, an's Fenſter trat und mit den kleinen Fingern der rechten Hand langſam die Scheiben trommelte,—, mir gefällt's ebenfalls nicht mehr hier, — ich will auch fort— ich glaube— dies Arkanſas iſt ein recht ungeſundes Land— es wundert mich, daß Ihr ſo lange hier ausgehalten habt.“ „Allerdings iſt das Klima hier in Helena gerade nicht beſonders,“ erwiederte mit leichtem Lächeln Mrs. Dayton,„aber etwas weiter im Lande drin,— in und auf den Hügeln ſoll die Luft doch—“ „Sieh, dort kommt der Fremde,“— unterbrach ſie ſchnell Adele,„er ſcheint ſich die Stadt ein Bischen be⸗ ſehn zu wollen. Jetzt bin ich neugierig wer das ſein— Tom Barnwell, bei Allem was da lebt— Tom Barn⸗ well von Indiana. Den glaubte ich eher in Afrika oder Europa.“ „Aber wer iſt Tom Barnwell?“ — ————„ * 237 „Ein früherer guter Bekannter unſerer Familie A. Ccr⸗ und ein damaliger, wie es hieß ſehr ſtarker Anbeter von Tewuen Marie Morris, der jetzigen Mrs. Hawes. Jene Liebe ſoll auch die Urſache geweſen ſein, daß er zur See ging; er iſt aber raſch wieder zurückgekehrt.“ „Er kommt gerade auf das Haus zu!“ 1 „Ei,— ich rufe ihn an,⸗M Ji(Abele plözlich, —„Tom war ſtets ein wackerer Burſche, und überall beliebt. Marie verſtand ihn nur damals nicht, ſo we⸗ nigſtens glaube ich, und als er ſah, daß ſie den anderen Bewerber vorzog, räumte er freiwillig das Feld und ver⸗ ließ die Staaten. Ob er wohl weiß, daß ſie ſo ganz hier in der Nähe iſt?— Aber er geht wahrhaftig vorüber ohne herauf zu ſehn.— Der muß in tiefen Gedanken ſein, unſer Haus fiele ihm doch ſonſt gewiß von allen übrigen auf. Höre Nanch— geh einmal raſch hinunter und ſage dem jungen Mann dort— ſtehſt Du denn, der da gerade um die Ecke biegen will— eine alte Bekannte ließ ihn bitten, einen Augenblick hierher⸗ zukommen— ſte wünſche ihn zu ſprechen.“ Die Mulattin folgte raſch dem Befehl und Tom war nicht wenig erſtaunt, auf ſolche Art und in einer ihm wildfremden Stadt angeredet zu werden, gehorchte aber ohne weiteres der Einladung und ſtand bald darauf . vor Adelen, die ihm freundlich grüßend die Hand ent⸗ ggegenſtreckte. „Willkommen in Arkanſas, Mr. Barnwell, es iſt hübſch von Ihnen, daß Sie des alten Onkel Sams Territorien nicht ganz vergeſſen haben.— Mr. Barn⸗ well, von Indiana, Mrs. Dayton von Georgia. „Miß Dunmore!“ rief Tom erſtaunt und erfaßte wie mechaniſch die ihm gebotene Rechte—„Miß Dun⸗ more— träum' ich denn oder wach ich?— Sie hier in Helena— und wiſſen Sie denn?— nein, nein, wie konnten Sie es denn wiſſen— Marie—“* „Um Gotteswillen!“ ſagte Adele erſchreckt,— was fehlt Ihnen, Sir, erſt jetzt ſeh' ich— Sie ſind leichen⸗ blaß— Sie haben Marie geſehn?“ „Ja,“— ſtöhnte der junge Mann, und barg für einen Augenblick das Antlitz in den Händen, dann aber, ſich raſch wieder ſammelnd, ſagte er leiſe— ſie iſt hier ⸗ „Ja, ich weiß es,“ erwiederte Adele mitleidig,— „wenn auch nicht hier in Helena, doch gar nicht weit entfernt, in Sinkoille., „In Sinkoille? nein— hier— hier— in der Stadt.“ * 239 „Wer?— Marie?“ rief Adele,—„und ihr Mann?“ „O Miß Dunmore!“ bat Tom, ohne die letzte Frage zu beantworten, ja ohne ſte vielleicht zu hören— „Sie waren ſtets Marieen eine treue, liebende Freundin — verlaſſen Sie jetzt nicht die Unglückliche in ihrer größten, fürchterlichſten Noth“— „Um alles Lebendigen willen was iſt geſche⸗ hen?“ rief Adele und erfaßte krampfhaft den Arm des Unglücksboten, dieſer aber erzäͤhlte der athemlos Zuhö⸗ renden die Erlebniſſe des geſtrigen Abends, und wie und wo er das arme Weſen getroffen, theilte ihr ſeine Befürchtungen mit und bat ſie nochmals ſich der Schutz⸗ loſen hier in der fremden Stadt anzunehmen. Mrs. Dahton, die theilnehmend dem Bericht zuge⸗ hört hatte, fiel hier, als ſie das troſtloſe Entſetzen in Adelens Angeſicht erkannte, dem jungen Mann in die Rede, und verſicherte ihm, die Freundin ihrer Adele ſolle in ihrem eigenen Hauſe ein Aſyl finden. Das Mädchen faßte dankend ihre Hand. „Wie aber theilen wir Hawes die Schreckensbot⸗ ſchaft mit?“ rief ſte ängſtlich,„und wie kommt Marie geſtern Abend auf den Fluß, da er ſie doch erſt geſtern Morgen auf ſeiner Plantage verlaſſen haben kann?“ *† „Wer— Hawes?“ frug Tom erſtaunt—„Eduard Hawes? der muß mit auf dem Boot geweſen ſein. 240 Mariens Phantaſieen kehren immer wieder zu ihrem Gatten zurück, den ſte, wie ihre Eltern, todt ſagt.“ „Was iſt das?“ rief Adele entſetzt—„ſte wahn⸗ ſinnig— ihre Eltern todt— und Hawes hier— ge⸗ ſund und wohl? Großer Gott, wie kann das zuſam⸗ menhängen— waren wenige Stunden im Stande, ſolch fürchterliche Veränderungen hervorzubringen— oder— ich weiß nicht, mir ſchwindelt ſelbſt der Kopf, wenn ich nur ſo Entſetzliches denken ſoll, es kann ja wahr⸗ haftig nicht ſein.“ „Faſſe Dich, liebes Kind,“ beruhigte Mrs. Dayton —„gewiß herrſcht hier noch irgendwo ein Mißverſtänd⸗ niß— Marie Hawes, die Mr. Hawes erſt geſtern Mor⸗ gen auf ſeiner Plantage verlaſſen hat“— „Liegt jetzt krank, halb wahnſinnig in Mr. Smarts Hotel in Helena,“ unterbrach ſte Tom ſeufzend— „wollte Gott ich hätte mich wirklich geirrt— doch das Alles iſt nur zu wahr— zu fürchterlich wahr.“ „Ich muß hin— ich muß ſie ſehen,“ rief Adele —„komm Hedwig— nicht wahr, Du begleiteſt mich?“ „Gewiß Adele; es wäre mir ſogar lieb, wenn uns auch Georg dort aufſuchen wollte— er iſt Arzt wie 241 Friedensrichter, und ich fürchte faſt, das arme Weſen wird die Hülfe des Einen wie des Anderen gebrau⸗ chen.“ „O ſo laß uns eilen,“ bat Adele—„jeder Au⸗ genblick Verzögerung könnte der Tod der Unglücklichen ſein— komm, Hedwig, komm.“ Raſch ſetzte ſie das erſt abgelegte Bonnet wieder auf, half Mrs. Dayton ein Tuch umhängen und ſchritt haſtig voran zur Thür; Hedwig aber blieb hier noch einmal ſtehen und hinterließ bei Nancy, die ihnen öff⸗ nete: Mr. Dayton ſobald er nach Hauſe kommen ſollte, zu ſagen, ſie ſeien in das Union⸗Hotel gegangen, eine Kranke zu beſuchen und ließen ihn bitten, doch auf je⸗ den Fall dort, ſobald ihm das nur irgend möglich wäre vorzuſprechen. Unten im Hotel trafen ſie weiter Niemanden als den Neger, der ihnen auf ihre Frage mittheilte Mrs. Smart ſei oben bei der kranken jungen Frau, Mr. Smart aber abweſend und ihm ſelber wäre befohlen worden, keine menſchliche Seele die hinauf wollte paſ⸗ ſtren zu laſſen; den Doktor ausgenommen. „Schon gut, Scipio, ſchon gut,“ ſagte Adele und drückte ihm aus ihrer kleinen Börſe einen halben Dol⸗ II. 16 lar in die rauhe ſchwielige Hand—„wir müſſen die junge Dame ſprechen, hörſt Du?“ „Ja, Miſſus, wenn Sie müſſen, da iſt's was anders,“ lachte der Neger mit breitem Grinſen— „meine Miſſus hat mir nur ausdrücklich geſagt, alle die abzuweiſen, die hinauf wollten— ſelbſt Maſſa;— aber wenn Sie müſſen,“ und er machte eine etwas ungeſchickte Verbeugung, während die Damen an ihm vor⸗ über, die Treppe hinaufſtiegen. Nur erſt als Tom ihnen folgen wollte, faßte er deſſen Arm und erklärte er würde ihn unter keiner Bedingung hinauf laſſen. Tom aber, darauf wohl vorbereitet, flüſterte ihm, mit einem ahnlichen Geſchenk raſch zu—„es iſt meine Schweſter, Burſche, und ich muß ebenfalls hinauf;“ wonach er auch ſchon dadurch allen Bedenklichkeiten des Aethio⸗ piers ein Ende machte, daß er dieſen ohne weiteres mit rieſenſtarker Fauſt zur Seite ſchob und den Damen in raſchen Sätzen treppauf folgte. Seipio aber ſteckte die beiden halben Dollarſtücke in die Taſche und murmelte, während er ſich mit breitem innig vergnügten Lachen abwandte: „Es war doch ein Glück, daß Miſſus den Poſten hierher geſtellt hat— hätte ſonſt das größte Unglück paſſiren können.“ 243 Im nächſten Augenblick ſtanden die beiden Damen mit Tom an der Thür der Kranken, und auf ihr leiſes Klopfen öffnete Mrs. Smart dieſelbe, das heißt nur ſo weit als nöthig war die Außenſtehenden zu erkennen, wobei ſie ſchon mit ſcharfer Zunge aber ſehr gedämpfter Stimme eine grimmige Zornrede von innen heraus, und ehe ſie noch ſah wer draußen war, begann. Kaum erkannte ſie jedoch Mrs. Dayton und die muntere Miß Adele Dunmore, ihren Liebling, als ſich ihr eben noch ſo finſteres Angeſicht auch aufklärte und ſie zurücktretend die Frauen, und ihren ihnen dicht folgenden Begleiter eintreten ließ, Stillſcheigen übrigens durch alle nur möglichen Zeichen und Geberden als etwas unumgäng⸗ lich Nöthiges anempfahl und zur Pflicht machte. Marie ſchlief, und noch immer trug ſie das weiße, dornzerriſſene Oberkleid; die langen Locken hingen ihr wirr und unordentlich um die faſt leichenbleichen Schläfe, die rechte Hand hielt ſie feſt auf das Herz gepreßt, während ihre linke die blutleere Wange unterſtützte, gegen welche die langen dunklen geſchloſſenen Wim⸗ pern nur noch mehr abſtachen und ihre Bläſſe hervor⸗ hoben. Ihre Bruſt hob ſich ängſtlich und die Lippen bewegten ſich leiſe— ihr zerrütteter Geiſt ließ ihr ſelbſt im Schlaf keine Ruhe. 4 16* 3 94 hinüber, und die großen hellen Thränen liefen ihr an den Wangen hinab.— „Marie, o Du arme, unglückliche Marie!“ ſtöhnte ſie. Leiſe, faſt unhörbar waren dieſe Worte gelispelt worden, dennoch hatten ſie das Ohr der Schlummern⸗ den erreicht— ſie öffnete die großen blauen Augen und ihre Blicke hafteten im erſten Moment erſtaunt auf ihrer Umgebung. Dann richtete ſie ſich halb auf dem Lager empor, ſtrich ſich das wirre Haar aus der Stirn und ſtreckte Adelen lächelnd die Hand entgegen. Sie ſchien gar nichts Außerordentliches darin zu finden, die Freun⸗ din, die ſte doch weit von da entfernt glauben mußte, ſo plötzlich hier zu ſehen. „Marie!“— rief aber dieſe und warf ſich ſchluch⸗ zend über ſte—„Marie— armes— armes unglück⸗ liches Kind— wo biſt Du geweſen, was iſt Dir wi⸗ derfahren?“) „Das iſt ſchön von Dir, daß Du mich zu beſuchen kommſt,“ ſagte die Frau, ſchob ihr leiſe mit beiden Händen die Locken zurück und küßte ihre Stirn— „auch Tom Barnwell iſt da— armer Tom“— und Adele blickte ſtarr und entſetzt auf die Freundin 245 ſte bot ihm mit mitleidigem Blick die eine kleine Hand, die er ſchweigend nahm und leiſe drückte. „Marie— willſt Du mir eine Frage beantworten?“ flüſterte da endlich Adele und ſuchte ſich ſo viel als möglich zu ſammeln,„willſt Du mir über Einiges, was uns Beide angeht, Auskunft geben?“ „Ei ja wohl— recht gern“— lächelte die Kranke —„gewiß will ich das, warum nicht?“— ſie war ganz ruhig und gefaßt, nur der unſtete, umherſchwei⸗ fende Blick verkündete noch die wilde Richtung, die ihr Geiſt genommen. „Gut“— ſagte Adele und hielt gewaltſam die Thränen zurück, die ihr fortwährend die Stimme zu er⸗ ſticken drohten—„wann— wann haſt Du Sinkville verlaſſen?“, „Sinkoille?“ wiederholte Marie erſtaunt— „Sinkoille? den Namen habe ich nie gehört— in In⸗ diana liegt doch kein Sinkoille.“ „Ich meine Deine Plantage drüben in Miſſiſſippi.“ „Plantage? in Miſſtſſippi?“ ſagte Marie noch eben ſo verwundert und halb lächelnd—„Du träumſt wohl, närriſches Kind— wie ſollte ich denn zu einer Plantage in Miſſiſſippi kommen?— ich kenne den Staat gar nicht, und habe ihn nie betreten.“ 246 „Hat ſich denn nicht Eduard bei Sinkville ange⸗ kauft?“ frug Adele verwundert. Marie war bis jetzt vollkommen ruhig geweſen und augenſcheinlich mußte ſie die letzten fürchterlichen Vor⸗ gänge ganz vergeſſen haben; der fremde Ort, an dem ſte ſich befand, die Perſonen, von denen keine eine Er⸗ innerung an das Geſchehene zurückrief— die Erwäh⸗ nung fremder, ihr unbekannter Namen, lenkte ſie mehr und mehr von den Erlebniſſen jener Nacht ab, oder mochte ihr dieſe wenigſtens, wenn ſte in düſteren Bildern dennoch wieder vor ihrer Seele aufſteigen wollten, wie irgend einen wilden fürcherlichen Traum erſcheinen laſſen. Eduards Name aber, ihr ſo plötzlich entgegengeru⸗ fen, war das Zauberwort das dieſen glücklichen Schleier zerriß. Krampfhaft fuhr ſie empor— die Hände preßte ſie gegen die Stirn und die ſtieren Blicke heftete ſie wild auf die zurückbebende Freundin; dann aber ſprang ſie raſch von ihrem Lager auf und rief, während ſie mit ausgeſtrecktem Finger, dem ihr Blick in glanzloſer Leere folgte, nach dem Fenſter deutete. „Dort— dort ſteigt er herauf— ſeine Locken ſind naß— aber ſein helles Lachen ſchallt über das Verdeck. Eduard— Heiland der Welt— Cduard ſchütze Dein Weib— hahaha, Kinder— das ging vortrefflich —— 247 — über Bord mit dem Aas— gebt ihnen nur die Steine mit— Eduard— ſchütze Dein Weib— Eduard!— hahahahaha!“ und mit krampfhaftem Lachen ſank ſie bewußtlos auf ihr Bett zurück. Die Frauen hatten ihr ſchaudernd zugehört und ſelbſt Toms Herz erbebte, als er den markdurchſchnei⸗ denden Schmerzensſchrei der einſt— ach der noch ſo Geliebten hörte. Mrs. Smart war die erſte die ſich wenigſtens ſo weit ſammelte, dem armen Kinde alle nur mögliche äußerliche Hülfe zu leiſten. Marie kam bald wieder zu ſich, und die wilde Angſt, die ſie bis da⸗ hin erfaßt, ſchien jetzt einem ſanfteren Schmerze Raum geben zu wollen— ſie weinte ſich an Adelen's Bruſt recht herzlich aus und horchte wenigſtens ruhig den Troſtworten der Freunde. Alles aber was dieſe ver⸗ ſuchten, Aufklärung über das entſetzliche Geheimniß von ihr zu bekommen, blieb fruchtlos, denn was ſie ja dar⸗ über äußerte, verwirrte ſie, da es mit Eduard Hawes Worten ſogar nicht zuſammen ſtimmte, nur immer noch mehr. Dieſer mußte nun vor allen Dingen von ſeines Weibes Zuſtand benachrichtigt werden, und Adele be⸗ ſchloß, ihn brieflich in ihre eigene Wohnung zu beſtel⸗ len, um ihn dort erſt auf das Gräßliche vorzubereiten. 248 Ein Bote ſollte zu dieſem Zweck augenblicklich nach Live⸗ lys Farm hinausgeſandt werden und während Adele die kurze Note ſchrieb, berieth ſich Mrs. Dayton mit Mrs. Smart, wie und auf welche Weiſe Marie am beſten in ihre eigene Wohnung geſchafft werden könne. Das wollte nun die gute Frau im Anfang aller⸗ dings gar nicht zugeben, da ſte aber doch wohl einſehen mußte, die Unglückliche würde ſich, von der Freundin gewartet und gepflegt, viel ſchneller erholen, als das bei ihr möglich ſei, ſo gab ſie endlich nach und erbot ſich dann zugleich die Kranke in ihrem eigenen Cabriolet hinüber zu ſchicken, damit ſie nicht die Aufmerkſamkeit des ſtets müßigen und gaffenden Volkes zu ſehr errege. Der Bote, der nach Livelys Farm hinausritt, ſollte zu gleicher Zeit vor Daytons Haus halten und Nancy davon benachrichtigen, das kleine Zimmer im oberen Stock herzurichten, damit ſte wenn ſie dort ankämen Alles bereit fänden. Scipio, der zu dieſem Dienſt er⸗ wählt war, hatte denn auch eben Squire Daytons Woh⸗ nung verlaſſen und den breiten, nach Livelys Farm hin⸗ ausführenden Reitpfad eingeſchlagen, als der Squire ſelbſt zurückkehrte und von Nancy die hinterlaſſene Bot⸗ ſchaft ſeiner Frau empfing. 249 „Eine kranke Freundin? woher?“ frug er dieſe er⸗ ſtaunt. „Miſſus ſagte nichts davon,“ erwiederte das junge Mädchen,„aber Sip, der eben hier war und einen Brief nach Livelys Farm hinausbringen ſoll, meinte, es wäre die Schweſter eines Bootsmanns, der ſie mit dem Dampfſchiff von New⸗Orleans gebracht hätte.“ Squire Dayton ging, ohne hierauf etwas weiter zu erwiedern, in ſein Zimmer hinauf, ſchloß in den dort ſtehenden Secretair ein ziemlich großes Packet Papiere, zog den Schlüſſel wieder ab und ſchritt dann in tiefem Nachdenken und augenſcheinlicher Unruhe, raſch dem Union⸗Hotel zu. Marie hatte ſich indeſſen beinah vollſtändig von ihrer erſten Aufregung erholt, Adele war nämlich eifrig bemüht geweſen, ihr das Ganze, was jetzt ihre Seele ängſtige und quäle, als einen fürchterlichen Traum zu ſchildern, der aber auch weiter nichts als eben ein Traum ſei, denn ihr Eduard lebe, ſei geſund und werde ſie noch heute Abend in ſeine Arme ſchließen. Das aber, was ſte da immer von hohen Palmen, einer wun⸗ derſchönen ſtolzen Frau und wilden Geſtalten phanta⸗ ſire, die ihr Leben bedrohten, ſei auch eben nur eine 250 Phantaſie, der ſie ſich nicht ſo macht- und willenlos hingeben, ſondern die ſie bekämpfen müſſe. Da wurden Schritte auf der Treppe gehört und gleich darauf frug, dicht vor ihrer Thüre, Squire Day⸗ tons Stimme, in welchem Zimmer ſich die Kranke be⸗ finde. Kaum hatte aber Marie dieſe Töne gehört, als ſte, ein Bild ſtarren Entſetzens, von ihrem Lager em⸗ porfuhr. „Um Gottes Willen, was iſt Dir wieder, Marie?“ rief Adele erſchreckt. „Hier? gleich in dieſer Thür?“ ſagte noch einmal der Squire draußen, als ihm dieſelbe wahrſcheinlich von unten herauf bezeichnet worden war. „Heiland der Welt— das iſt er!“ ſchrie Marie entſetzt—„das iſt der Fürchterliche— ſchützt mich vor ihm— er will mich wieder haben.“ „Marie— beruhige Dich doch nur“— bat ſte Adele,„das iſt ja Squire Dayton, hier dieſer Dame Gatte— ein braver wackerer Mann, der Dich vor je⸗ dem Schaden bewahren wird.“ In dieſem Augenblick öffnete ſich die Thür und der Squire trat ein. Marie heftete dabei feſt und prüfend den Blick auf ihn, und ſchien mit peinlich ängſtlicher Spannung in ſeinem Inneren zu leſen, als aber dieſer, 251 nach einigen flüchtig mit ſeiner Frau gewechſelten Wor⸗ ten, auf ſte zuging, ihre Hand erfaßte und ſie mit ſeiner gewinnenden Stimme und jetzt zwar mit den ſanfteſten Tönen derſelben begrüßte, ließ die Furcht in ihrem gan⸗ zen Weſen nach— ſie ſank auf ihr Lager zurück und wurde ruhig, nur noch manchmal, wenn ſie die Au⸗ gen ſchloß und dann nur den Laut ſeiner Worte ver⸗ nahm, fuhr ſie wieder empor, und ſah ſich ſcheu im Zimmer um, als ob ſie ſich überzeugen wolle, wo ſie denn eigentlich und was ihre Umgebung ſei. Der Wagen fuhr indeſſen vor und die Frauen ge⸗ leiteten Marie die Treppen hinab, Tom aber, der mit dem Squire noch zurückblieb, erzählte dieſem jetzt um⸗ ſtändlich, was es eigentlich für eine Bewandniß mit dem armen Mädchen habe, wie er ſie gefunden und wie ſein Verdacht durch alles Gehörte immer mehr verſtärkt würde, daß hier irgend eine planmäßige Büberei aus⸗ geführt worden, die es ihm bis jetzt freilich noch nicht möglich ſei zu ergründen. Mr. Hawes Gegenwart müſſe aber viel dazu beitragen Licht auf die Sache zu werfen. „Und Sie glauben, daß Sie die Unglückliche an einer Inſel gefunden haben?“ frug ihn der Squire, der bis jetzt der Erzählung des jungen Mannes mit dem ge⸗ ſpannteſten Intereſſe gefolgt war. * 252 „Glauben?“ ſagte dieſer—„das weiß iſt gewiß — es iſt die zweite von hier ſtromab, und muß nach jenes Irländers Bericht Nr. Einundſechzig ſein.“ „Weſſen Irländers— jenes der im Union⸗Hotel aus und ein geht?““ „Das weiß ich nicht, doch ſprach ich ihn allerdings mit Mr. Smart am Ufer, und er iſt jetzt ſtromab um jene Inſel zu unterſuchen.“ „Wer? der Ire?“ frug der Squire ſchnell— „Nun ja, er will überhaupt allerlei Verdächtiges in letzter Zeit bemerkt haben, und behauptet ſogar, es müſſe dort irgendwo eine Art von Spielhölle exiſtiren, was das böſe nichtsnutzige Geſindel ſo in Helenas Nähe halte. Er war ſeiner Sache ziemlich gewiß und iſt jetzt ſtromab, um ſich vollkommen davon zu überzeugen. Ich ſelbſt möchte nur noch abwarten, wie die Veränderung auf den Zuſtand jener unglücklichen Frau einwirkt, und dann nehm' ich meine Jolle und fahre ſo raſch als mög⸗ lich nach Victoria, unſer Flatboot zu überholen. Unter⸗ wegs will ich übrigens ſelbſt dort landen, wo ich die Arme gefunden, und einem alten Jäger wie ich bin, wird es nicht ſchwer werden zu entdecken was jener Ort verbirgt.“ „Sie fahren allein?“ frug der Squire. 2⁵³3 „Leider, ich muß Steuermann und Bootsknecht ſpielen, doch das kann nichts helfen, wenn ſich nur der verwünſchte Nebel ein klein wenig aufklären wollte.“ „Ja ja,“ ſagte Dayton,„wie es jetzt iſt, würde es ihnen auch unmöglich werden ſtromab zu gehen; ſobald Sie die Ruder eingelegt haben, wiſſen Sie nicht mehr wohin. Ich rathe Ihnen auf jeden Fall erſt den Nebel abzuwarten, vielleicht finden Sie bis dahin auch eine Begleitung; es ſind faſt ſtets Leute hier, die nach Vie⸗ toria hinüber wollen.“ „Nun, ſtatt mancher Begleitung führ' ich lieber allein,“ meinte Tom,„ſo mich aber Einer, um ſeine Paſſage zu verdienen, hinabrudern will, hab' ich nichts dagegen; das wird übrigens keiner thun und ich habe auch keine Zeit darauf zu warten. Kann ich in dem Nebel nicht rudern, ei nun, ſo laß ich das Boot eben treiben und die Strömung muß es ja dann mit hinab nehmen; jeder Snag an dem ich vorbei komme, ſagt mir die Richtung der Fluth und überdieß kann ich mich ja auch im Anfang noch ein wenig in der Nähe des Ufers halten. Doch ich muß einmal nach meinem Boote ſehen— es iſt nicht angeſchloſſen und ich traue den Burſchen hier nicht beſonders viel Gutes zu.“ „So erwarten Sie mich wenigſtens, che Sie ab⸗ 254 fahren, an Ihrem Boote,“ ſagte der Richter,„ich will Ih⸗ nen ein paar Zeilen an den Friedensrichter in Sinkoille mitgeben, damit Sie, ſo Sie wirklich etwas Verdächtiges entdecken ſollten, dort gleich Unterſtützung finden. Die junge Dame ſoll indeß gut aufgehoben ſein.“ „Ich fürchte das Schlimmſte für die Unglückliche,“ ſeufzte Tom und ſchritt langſam dem Flußufer zu, wäh⸗ rend der Richter ſtehen blieb und ihm lange und ſinnend nachſchaute. Noch ſtand er ſo, als ein kleiner weißer Knabe auf ihn zu trat und ihm ein locker und unordentlich zuſam⸗ mengefaltetes aber mit vielen Siegeln feſt verklebtes f Briefchen gab, das er las und zu ſich ſteckte; dann ging er langſam Mainſtreet hinab und verſchwand in der nächſten rechts abführenden Straße. XI. „Zum grauen Bären.“ Dicht an Helena, und zwar die nördlichſte Grenze der Stadt bildend, ja eigentlich faſt wie ein verlorener Poſten, ſchon über das Weichbild derſelben hinausge⸗ rückt, ſtand ein einſam kleines Häuschen ganz dicht am Ufer, im Norden und Weſten hoch von Bäumen, im Oſten vom Miſſiſſippi, im Süden aber, und zwar nach der Stadt zu, von dichtem niederen Buſchwerk ein⸗ geſchloſſen, das einer vorjährigen unbenutzten Rodung entwuchert war. Frontſtreet führte übrigens bis hier heraus, wenigſtens verkündete das eine, neben der„aus⸗ gehauenen“ Straße an eine ſtarke Eiche genageltes klei⸗ nes Bret und der ganze umliegende Platz war auch in einzelne„Lot's“ oder Bauplätze abgetheilt, von Specu⸗ lanten aber angekauft und liegen geblieben, da ſich die 256 meiſten Anſtedler lieber dem wacker gedeihenden Städt⸗ chen Napoleon, an der Mündung des Arkanſas anſchloſ⸗ ſen, das durch dieſen Strom eine Verbindung mit dem ganzen ungeheueren Weſten der Vereinigten Staaten un⸗ terhielt, während Helena gerade im Weſten faſt gänzlich durch jene ungeheueren Sümpfe von den auch nur ſpar⸗ ſam dort zerſtreuten Anſiedelungen abgeſchloſſen war, und nur durch jene niedere Hügelreihe mit Little Rock und Batesville eine Communication unterhalten konnte, die noch überdieß nach der erſteren Stadt das ganze Jahr hindurch leichter auf Dampfbooten bewerkſtelligt wurde. Selbſt nach Batesville konnten, ſchon bei nur mäßigem Waſſerſtande, kleine Dampfer laufen. Der Beſitzer jener, dicht am Ufer gelegenen„Lol's“ ſchien auch geglaubt zu haben, ſeine Rechnung in der Bebauung des Platzes ſelbſt zu finden, denn er errichtete dort ein ziemlich geräumiges Häuschen, lichtete den Wald um dieſes herum und begann ſogar ein in der Nähe gelegenes und ihm gehöriges Feld zu bebauen, bald aber, wie es bei den weſtlichen Pionieren und Back⸗ woodsmen gewöhnlich geſchieht, fing ihm der Ort an zu mißfallen; Helena hatte ſich nicht ſo raſch, wie er es erwartet, vergrößert, und er verkaufte, kaum zum Be⸗ trag der darauf verwendeten Arbeitskoſten, ſein kleines 257 Beſitzthum an einen früheren Bootsmann, der ſich nun dort nieder ließ, vom Richter die Erlaubniß erhielt ſpirituöſe Getränke— nur nicht an Indianer, Neger und Soldaten, nach dem amerikaniſchen Geſetze— zu verkaufen, und der auch wohl ganz gute Geſchäfte machen mußte, denn bald darauf legte er noch ein Flat⸗ boot, dicht an ſein Haus an, das bei hohem Waſſer mit dieſem faſt parallel ſtand, im Frühjahr aber tief, tief unten auf dem Strome an langen Tauen befeſtigt lag, während eine in die Ufererde geſtochene Treppe die Verbindung zwiſchen Land und Waſſer unterhielt. Allerdings wollte man in der Stadt ziemlich be⸗ ſtimmt wiſſen, es werde dort Nachts, und zwar um be⸗ deutende Summen geſpielt, der Richter hatte aber ſchon mehre Male mit dem Conſtabel ſelbſt, und zwar ganz unerwartet, Nachſuchung gehalten, ohne auch nur das mindeſte Verdächtige zu bemerken, und da das Haus ziemlich getrennt von der Stadt lag und man das nächtliche Singen und Zechen dort nicht hören konnte, ſo bekümmerte ſich bald Niemand mehr darum. Der Wirth, der ſeine Bedürfniſſe ebenfalls nur von Flat⸗ oder Dampfbooten bezog, kam auch ſelten oder nie nach Helena hinein, ſo daß ihn viele Bewohner deſſelben nicht einmal von Anſehen kannten. Il. 17 * 258 Der Nachmittag war jetzt ziemlich weit vorgerückt, trübe und düſter lag er aber auf der niederen Sumpf⸗ ſtrecke, die ſich faſt nach allen Himmelsgegenden hin in weiter ununterbrochener troſtloſer Fläche ausdehnte. Der Nebel, der bis dahin in einzelnen noch zerriſſenen Wolken, bald hier bald da hinüberdrängte und dann und wann kleine Strecken des Fluſſes, ja manchmal ſogar, bei einem etwas ſtärkeren Luftzug, das gegen⸗ überliegende Ufer ſichtbar werden ließ, hatte ſich jetzt zu einer feſten Maſſe verdichtet, und lagerte ruhig auf der unheimlich unter ihm dahin ſchießenden Fluth. Selbſt der leiſe, noch nicht ganz erſtorbene Wind vermochte nicht mehr auf ihn einzuwirken, und konnte nur dann und wann einen wehenden Streifen von ihm losreißen und über das feſte Land hinauspreſſen, das er dann in weißen durchſichtigen Wolken durchzog, um ſpäter, mit den Schwaden der Niederung vermiſcht, nur neue und compacktere Kräfte in ſeinen röthlich un⸗ geſunden Dünſten zu ſammeln, und in das nebelgefüllte Strombett zurückzuführen. Die Sonne ſelbſt vermochte nicht durch dieſe ihrem Lichte trotzenden Maſſen zu dringen und ihre blutrothe Scheibe ſtand ſtrahlenlos und düſter am Firmament— die ganze Mittagszeit hindurch hatte ſie den Titanen⸗ 259 kampf gegen die ineinander gepreßten Schwaden ge⸗ kämpft, doch vergebens, und jetzt ſchien es faſt, als ob ſie voll zornigen Unwillens das unerfreuliche Ringen aufgebe und ernſt und mürriſch in ihr waldumſchloſſenes Lager nieder ſteige. Brach ſich dann die Abendluft nicht Bahn und zerſtreute dieſe nicht mit ſtarkem Hauch den ſtämmigen Feind, dann konnte die Nacht wohl ſchwer⸗ lich ſeine Maſſen bewältigen, denn feuchter Nachtthau, und der Athem der ſchlummernden Erde nährten ihn mehr und mehr, ſo daß er ſich noch nach allen Seiten ausbreitete und zuletzt ſogar den Wald, was ihm am Tag nicht möglich geweſen, bis zum Rand mit milch⸗ weißem Schaum erfüllte. Das dicht am Ufer ſtehende kleine Haus befand ſich ebenfalls im Bereich dieſer Schwaden oder doch we⸗ nigſtens ſo dicht an der Grenze derſelben, daß bei jedem nur leiſe herüberwehenden Luftzug der ganze Drang des Nebels ſich über daſſelbe hinwälzte und es förmlich um⸗ hüllte. Wenig ſchien das aber die darin verſammelte luſtige Schaar von Bootsleuten zu kümmern, deren Lärmen und Jauchzen nur einmal, und ſelbſt da nur auf Secunden unterbrochen werden konnte, als ein, augen⸗ ſcheinlich nicht zu ihnen gehörender ſehr modern und ſelbſt elegant gekleideter Mann eintrat, und raſch, ohne 17** 260 links oder rechts zu ſehn, den menſchengedrängten Raum durchſchritt, und gleich darauf in einer zu dem hinteren Theil des Gebäudes führenden Thüre verſchwand. Als er das, auf den Strom hinausſehende nie⸗ dere Gemach betrat, wollte ſich eine andere Perſon, wie es ſchien, leiſe und unbemerkt zur gegenüberliegenden Thür hinausſtehlen, des Fremden ſcharfes Auge ver⸗ eitelte aber den Verſuch. „Waterford!“ rief er ernſt,—„bleibt hier!— ich will jetzt nicht unterſuchen, weshalb Ihr Eueren Poſten verlaſſen habt,— ich bedarf Euerer— ſpäter werdet Ihr vielleicht darüber Rechenſchaft zu geben wiſſen. Iſt Toby eingetroffen?“ „Nein Captain Kelly!“ lautete die demüthig gege⸗ bene Antwort des ſonſt wild und trotzig genug aus⸗ ſehenden Burſchen, der mit dem einen funkelnden Auge — das andere hatte er in einem Gouchkampf*) verlo⸗ *) Das gouching iſt eine, den ſonſt ſo kräftigen und offe⸗ nen Charakter der Amerikaner wahrhaft ſchändende Sitte, und wird überhaupt nur in einem ſehr kleinen Theil der Union, vor⸗ züglich aber in Kentucky ausgeübt. Hat nämlich beim Boxen oder Ringen der eine Kämpfer den anderen niedergeworfen, 261 ren— ſcheu unter den grauen buſchigen Augenbraunen hervorblinzte. und will dieſer ſich durch Treten oder Beißen befreien— denn bis der Beſiegte nicht ſein„enough“— genug— ruft, wird der Kampf nicht für beendet angeſehn— ſo ſucht der Obenlie⸗ gende den ſchon ſo weit überwundenen zu gautſchen— das heißt er drängt hin einen oder auch beide Daumen in die Augen⸗ höhlen hinein, aus denen er, wenn nicht daran verhindert, die Augäpfel herauspreßt. Nicht ſelten wickelt er dabei mit ra⸗ ſchem geſchickten Griff die an den Schläfen wachſenden Haare des Opfers um ſeine Zeigefinger, um dadurch in ſeinem fürch⸗ terlichen Geſchäft nicht allein mehr Sicherheit zu gewinnen, ſondern auch den Niedergeworfenen zu verhindern, ſich die ihm Blindheit drohenden Daumen in den eigenen Mund zu ziehn und mit verzweifelter Wuth abzubeißen. Hunderte können bei ſolchem Kampf gegenwärtig ſein, keinem wird es einfallen das gräßliche Reſultat zu verhindern, ausgenommen der Eine ge⸗ ſteht mit dem Ruf„genug“ ſeinem Gegner den Sieg zu, dann müſſen augenblicklich alle Feindſeligkeiten eingeſtellt werden. Das Gouchen bedingt übrigens nicht jedesmalige Blindheit, zu Zeiten können die Augen wieder in ihre Höhlen, ohne ihre Sehkraft zu verlieren, zurück geſchoben werden, nur zu oft zieht es jedoch ſeine entſetzlichen Folgen nach ſich, und Huaderte ſind, die ſo, theils halb theils ganz erblindet, die Wirkung eines unnatürlichen Kampfes durch's ganze Leben ſchleppen. Der Verluſt eines Auges gilt auch dabei als vollkommen hin⸗ reichende Entſchuldigung einen angebotenen Kampf auszu⸗ ſchlagen, ohne dabei in den Verdacht der Feigheit zu gerathen, da man es erklärlich findet, der alſo Verkrüppelte wolle nicht gern auch ſeine zweites Auge gleicher Gefahr ausſetzen. 262 „Nein?“ rief Kelly und ſtampfte unmuthig den Boden,„daß die Peſt ſeine faulen Sohlen treffe— ſchick ihm raſch Jemandem entgegen— er muß un⸗ terweges ſein und noch heute Nacht auf der Inſel ein⸗ treffen— raſch— ſende Belwy, der iſt leicht und kann dem Rappen eher etwas zumuthen. Er ſoll ſich gleich überſetzen laſſen und reiten, bis ihm das Roß unter dem Leibe zuſammenbricht und halt— noch eins, ſobald Ihr drüben das Raketenzeichen ſeht, braucht Ihr keine weiteren Befehle von mir abzuwarten. Ihr wißt dann was Ihr zu thun habt. Seid aber ſchnell und ſendet Alle die Ihr auftreiben könnt, und zwar Alle auch zu augenblicklicher Flucht gerüſtet.“ Der Einäugige verſchwand durch die Thür und der Capitain ſchritt, mit feſt verſchlungenen Armen und ſchwei⸗ gend, wohl mehre Minuten lang raſch im Zimmer auf und ab; endlich blieb er vor Thorby, dem Wirth dieſer Diebsſpelunke ſtehn, der ihm ehrfurchtsvoll, mit der Mütze in der Hand zuhörte und ſagte mit leiſer aber ſchneller Stimme: „Es wird— hoffentlich in kurzer Zeit— ein Bote von dem See hier ſein— der ſoll mir augenblicklich auf die Inſel folgen, auch dann, wenn es Sander ſelbſt 263 iſt— ich muß ihn ſprechen. Im Uebrigen haltet Euch heute und morgen ruhig— entfernt Alles, was bei einer etwaigen Hausunterſuchung Verdacht erregen könnte, und— ſeid wachſam. Daß mir die Burſchen an den Raketen ihre Plätze nicht verlaſſen, vielleicht iſt die Vorſicht nur noch—* Kelly horchte hoch auf, denn heftiges und raſches Pferdegetrappel ließ ſich im nächſten Moment hören und hielt, wenn ihn ſein Ohr nicht täuſchte, dicht vor der Thür. Thorby glitt hinaus den Beſuch zu erkunden, kehrte aber auch gleich darauf mit dem erſchöpften San⸗ der zurück, der in den fremden Kleidern— mit den flatternden Haaren— den Hut hatte er unterwegs in den Büſchen verloren— gar wild und verſtört ausſah. „Sendet einen Boten nach Kelly,“— waren die erſten Worte, die er dem Wirthe flüſternd zurief,— „aber raſch— raſch— raſch— habt Ihr die Ohren orrſtopft, Holzkopf? einen Boten ſollt Ihr an Kolly ſenden.“ „Der Kapitain iſt hier,“ ſagte endlich der, durch die wilde Anrede und das wunderliche Ausſehn Sanders erſtaunte Wirth—„er hat ſchon nach Eurem eigenen Boten gefragt.“ 1 264 Ohne ein weiteres Wort des Alten abzuwarten, ſchob ihn der junge Mann zur Seite, warf ſich die Haare aus der Stirn und trat raſch in den mit Gäſten gefüll⸗ ten Raum. Lauter Jubelruf ſchallte ihm hier entgegen, und von mehren Seiten hoben Einzelne die Becher zu ihm auf, um mit ihnen zu trinken; aber nur einen von dieſen ergriff er, leerte ihn, ohne es auch nur erſt der Mühe werth zu halten, zu prüfen was er enthalte, bis auf die Hefen und trat dann, nicht einmal mit einem Kopfnicken dafür dankend, raſch in die vorerwähnte Thüre, die er hinter ſich verriegelte. Kelly war allein und faßte ihn ſcharf in's Auge, Sander aber, nachdem er nur einmal den Blick ſcheu im Kreiſe umhergeworfen hatte, um ſich vor allen Dingen zu überzeugen, daß Niemand weiter ſeine Worte höre, trat dicht an den Capitain hinan und flüſterte leiſe: „Wir ſind verrathen.“— Erſtaunt ſah er zu dem Führer auf, denn dieſer hielt den ruhigen, kalten Blick feſt auf ihn geheftet, an⸗ ſtatt wie er es erwartete, zurückzuſchrecken vor der fürch⸗ terlichen Botſchaft. Das Einzige was er darauf erwie⸗ derte war: „Weshalb habt Ihr Eueren Auftrag nicht erfüllt?“ 265 „Sander, hierüber faſt außer Faſſung gebracht, zö⸗ gerte einen Augenblick und Kelly, der gewohnt war in der Seele der Menſchen zu leſen, durchſchaute ihn im Nu; der junge Verbrecher aber, vielleicht mehr durch des Capitains Betragen als die Frage überraſcht, ſam⸗ melte ſich gleich wieder und erzählte nun ſo kurz aber auch ſo genau als möglich, die Vorgänge bei Livelys, bis zu des Mulatten Geſtändniß, bei dem Cook und der Doktor Zeugen geweſen waren— ſeine Gründe, wes⸗ halb er zu ſolcher Zeit den Mulatten nicht verlaſſen durfte, waren— das wußte er auch recht gut— wich⸗ tig genug und alle Nebenpläne mußten jetzt fallen, wo es galt, das Leben vor den aufmerkſam gewordenen Be⸗ wohnern des Staates zu retten. Kelly erwiederte ihm keine Sylbe, ſondern trat nur an das kleine, auf den Strom öffnende Fenſter, und blickte ſinnend in das weiße Nebelmeer hinaus, das ſeine Fläche bedeckt hielt. Sander ſchritt indeſſen ungeduldig auf und ab, bis ihm das lange Schweigen peinlich wurde und er es mit einem halbängſtlichen halb trotzigen„Nun, Sir?“ brach. „Nun, Sir?“ wiederholte der Capitain und wandte ſich langſam gegen ihn—„das, was ich lange befürch⸗ 266 tet, iſt endlich eingetroffen, und es wundert mich weiter nichts davon, als daß dieſe ſonſt ſo ſcharfſichtigen Wald⸗ läufer, mit all ihrem geprießenen indianiſchen Spurſinn die Sache nicht früher herausbekommen und uns jetzt vollkommen Zeit gegeben haben, unſer Schäfchen ins Trockene zu bringen.“ „In's Trockene?“ ſagte Sander erſtaunt,„ver⸗ dammt wenig Schafe ſind's, die ich in's Trockne ge⸗ bracht habe— ich hoffte auf die morgende Theilung der in Eueren Händen befindlichen Vereinskaſſe, und habe mich ſo rein ausgegeben, daß ich nicht einmal Ca⸗ jütenpaſſage nach New⸗Orleans bezahlen könnte,„in's Trockne bringen“— zum Henker, Capitain, Ihr nehmt die Sache verdammt kaltblütig. Wißt Ihr denn, daß uns die verbrannten Schufte in jedem Augenblick hier auf den Hacken ſitzen können? Doch— noch eins— ich muß Euch um Vorſchuß bitten, Sir, man weiß doch jetzt nicht wie die Sachen ſtehn, was Einem paſſiren kann, und da iſt's gut wenigſtens ſo viel in der Taſche zu haben, um vielleicht für den Augenblick eine kleine Reiſe machen zu können. Schießt mir fünfhundert Dollar vor und zieht ſie mir morgen Abend von meinem Antheil ab. Ich muß auch in den Kleiderladen in Helena, und mir neue Sachen ſchaffen. Ich ſehe —— wahrhaftig wie eine Vogelſcheuche im Herbſt aus, und kann mich gar nicht ſo vor den Damen wieder ſehn laſſen.“ „Ihr thätet überhaupt beſſer, Euch von denen heut etwas fern zu halten,“ ſagte Kelly ruhig lächelnd,„wie ich gehört habe, iſt dort Beſuch angekommen!“ 3 „Beſuch?— was für Beſuch?— Lively ſchon hier?“ „Nein, Damenbeſuch— Mrs. Hawes von Sink⸗ ville.“ „Unſinn,— laßt Eueren Scherz jetzt, Donnerwet⸗ ter Mann, das Meſſer ſitzt uns an der Kehle, und Ihr ſteht da und lacht und ſpaßt, als ob wir uns auf irgend einem guten Segelſchiff und etwa tauſend Meilen von Amerika entfernt befänden. Mirr iſt jetzt gar nicht wie ſpaßen.“ „Und wer ſagt Euch denn, daß es mir ſo wäre?“ erwiederte Kelly ernſt,„ich ſpaße nicht, Sir,— Mrs. Hawes befindet ſich in dieſem Augenblick in der Pflege von Mrs. Dayton und Miß Adele Dunmore, und heute Nachmittag iſt der Ire O'Toole nach Nr. Einundſechzig abgefahren, auf welche unſchuldige Inſel er ſolchen Ver⸗ dacht geworfen hat, daß er eine genaue Unterſuchung 268 derſelben beabſichtigt. Ebenſo wird in etwa einer Stunde ein anderer junger Bootsmann von hier aus⸗ laufen, und zwar zu demſelben Zweck— das ſind meine Neuigkeiten; nicht wahr, meine Spione ſind gut?“ Sander hatte ihn, ſtarr vor Schrecken und Entſetzen, zugehört.— „Wie in des Teufels Namen iſt Marie!“— „Ruhig Sir,“— unterbrach ihn Kelly,—, ich ahne den ganzen Zuſammenhang, aber noch iſt nichts verlo⸗ ren— die Inſel müſſen wir allerdings aufgeben, doch uns ſelber ſollen ſie nicht fangen. Ich bin gerade des⸗ halb hier, Gegenmaßregeln zu ergreifen. In der Stadt dürft Ihr Euch übrigens ſo lang es hell iſt, noch nicht ſehn laſſen, und ſelbſt dann möchte es gerathen ſein, irgend ein Tuch um's Geſicht zu binden, ich ſelbſt will augenblicklich auf die Inſel hinunter, um dort die nöthi⸗ gen Anordnungen zu treffen. Glück genug, daß wir Alles ſo zeitig erfahren haben, das hätte ſonſt ein böſer Schlag werden können.“ Und ein junger Bootsmann wird, wie Ihr ſagt, von hier auslaufen, die Inſel aufzuſpüren?“ „Ja,“— erwiederte Kelly. und ſeine Lippen um⸗ zuckte ein höhniſches Lächeln,—„das iſt jetzt wenigſtens 269 ſeine Abſicht, doch die wird zu vereiteln ſein. Er darf die Stadt nicht verlaſſen— aber das iſt das Wenigſte, nichts iſt leichter als einen ſolchen Burſchen auf ein paar Tage unſchädlich zu machen— wofür haben wir denn die Geſetze?“ „Die Geſetze?“ frug Sander erſtaunt. „Laßt mich nur machen— meine Maßregeln ſind ſchon getroffen.“ „Aber der Ire—“* „Kann die Inſel, bis ich hinunter komme noch nicht wieder verlaſſen haben und wenn auch— ehe unſere langſame Juſtiz die Sache in die Hände nimmt, ſind wir lange außer aller Gefahr.“ „Die Juſtiz? Ihr glaubt doch nicht, daß die Nach⸗ barn hier auf die warten werden?“ „Deſto weniger können ſie dann ausrichten; leben⸗ dig fangen ſie uns nicht, und in unſere Schlupfwinkel in den Sümpfen von Miſſtiſſippi find ſte eben ſo wenig im Stande uns gleich zu folgen. Auf jeden Fall be⸗ halten wir Zeit zur Flucht, und ich glaube faſt daß wir die morgende Nacht noch ruhig abwarten können. Uebrigens ſind wir auf das Schlimmſte gerüſtet. Hier an gewiſſen Stellen befeſtigte Raketen, die eine laufende 270 Linie bis zu uns bilden, künden uns unten, ob uns von hier aus Gefahr drohe, und dafür ſind meine Pläne ebenfalls bis zur Ausführung fertig; wollen die Bur⸗ ſchen Gewalt, gut, dann ſoll ſich's auch zeigen in weſſen Händen ſich die befindet— wir ſind fürchterlicher als ſie es jetzt noch ahnen.“ Er ſprach dieſe letzten Worte mehr zu ſich ſelbſt als zu dem Kameraden, der indeſſen, ganz in Gedanken ver⸗ tieft mit ſeinem Bowiemeſſer lange Spähne von dem rohen Holztiſch abhieb. „Peſt!“ murmelte er nach einiger Zeit,—„daß wir jetzt unſer freundliches Plätzchen verlaſſen müſſen — es iſt ſchändlich— konnte dieſe vermaledeite Ca⸗ taſtrophe nicht noch wenigſtens zwei Tage ſpäter kom⸗ men?— Nun wie iſt's, Capitain, wollt Ihr mir das Geld geben?“ „Ich habe nicht ſo viel bei mir,“ ſagte Kelly ruhig und ſchritt zur Thür, deren Griff er erfaßte,„ſeid aber um acht Uhr wieder hier, da ſollt Ihr es haben, bis dahin hat es noch keine Gefahr. Auf Wie⸗ derſehen— Vorſicht brauch' ich Euch weiter nicht anzu⸗ empfehlen.“ Er verſchwand aus dem Zimmer und Sander blieb 271 noch einige Minuten in tiefem Nachdenken, die Augen feſt und finſter auf die wieder geſchloſſene Thür gehef⸗ tet, ſitzen. „So?“ ſagte er endlich, und ſtieß, während er von ſeinem Sitze aufſtand das Meſſer wohl einen Zoll tief in das weiche Holz,—„Deine Pläne ſind alſo zur Ausführung fertig, aber Du haſt nicht einmal lumpige funfhundert Dollar für Jemanden, der in den letzten Monaten Deiner Privatkaſſe ſolch ungeheuere Summen eingebracht? Und warten ſoll ich, mich hier bis acht Uhr verſteckt halten, um dann vielleicht auf's Neue hals⸗ brecheriſche Aufträge zu bekommen, aber kein Geld? Nein, mein Alterchen, da Du ſo für Dein eigenes Wohl geſorgt zu haben ſcheinſt, ſo vergönne mir wenigſtens ein Gleiches. Mrs. Breidelford kann unmöglich ſchon von der uns drohenden Gefahr wiſſen, die will ich an⸗ zapfen. Das Zauberwort, was mich Blackfoot gelehrt, wird, wenn es das faſt Unglaubliche vermögen ſoll, ihre Zunge zu hemmen, doch auch wohl ein paar hundert Dollar aus ihr heraus preſſen— die alte Hexe hat früher überdies genug durch meine Vermittelung ver⸗ dient. An’s Werk denn, es kennt mich ja doch Nie⸗ mand hier in der Stadt als Daytons, und deren Woh⸗ nung kann ich vermeiden. 8 272 Er verließ raſch das Haus und verſchwand bald in dem ſich immer mehr und mehr dichtenden Nebel, der jetzt ſogar ſelbſt die vom Fluß am weiteſten entfernten Straßen förmlich anfüllte. XII. Die unerwartete Verhaftung. Tom ſchritt ungeduldig in Fronſtreet auf und ab. Dem Richter hatte er verſprechen müſſen, auf ihn zu warten, und der kam jetzt nicht zurück. Seine Jolle befand ſich zur Abfahrt bereit, dicht neben dem dort noch immer vor Spring⸗ und Sterntau liegenden Dampf⸗ boote Van Buren, das ſeine Schäden ſoweit ausgebeſſert hatte, am nächſten Morgen elf Uhr wieder abfahren zu können, und zweimal ſchon war er die vom Fluß abfüh⸗ rende Wallnutſtreet in aller Ungeduld hinauf und herun⸗ ter gelaufen und immer noch wollte ſich der Squire nicht ſehen laſſen. Der Abend brach dabei mehr und mehr herein und Tom blieb plötzlich, mitten in ſeinem Marſch ſtehen, ſtampfte ärgerlich mit dem Fuße und rief: II. 18 274 „Ei ſo hol ihn der Henker, ich gehe wieder zum Fluß hinunter und läßt er dann noch nichts von ſich ſehen, dann fahr ich ohne ſeinen Wiſch ab. Wetter nooch einmal, der Conſtabel in Victoria muß mir über⸗ dieß beiſtehn, wenn ich gerechte Sache habe, und wenn ich die nicht habe, kann mir auch die Empfehlung nichts helfen.“ Er ſchritt Walnutſtreet wieder hinab, und bog eben ſcharf um Frontſtreet⸗Ecke, als ihm auch ganz unerwar⸗ tet ein Mann entgegenkam, der, den Fremden kaum be⸗ merkend, ſein Taſchentuch ſchnell vor das Geſicht hielt, als ob er Zahnſchmerzen habe und dann raſch aber den Kopf geſenkt, an ihm vorüber ſchritt. Nebel und Abenddämmmerung vergönnten dem ſcheidenden Tageslicht nur noch einen ſchwachen Strahl, dennoch war er dem Scharfblick des jungen Mannes hinreichend, in dem ſchnell verhüllten Antlitz des Frem⸗ den die Züge eines Mannes zu entdecken, die ſich an und für ſich ſchon durch ihre ganze Eigenthümlichkeit, ihm aber auch mit einer Schärfe in Herz und Gedächt⸗ niß eingegraben hatten, um ein Vergeſſen unmöglich zu machen. Es war Eduard Hawes— die blonden, flatternden Locken ließen ihm keinen Zweifel, wenn auch der grobe 275 Farmersrock den für einen Moment erweckt haben konnte — es war der Mann, der ihn damals, als er in der Nähe der reizenden Marie Morris ſein ganzes irdiſches Glück zu finden glaubte, und wirklich fand, aus all ſeinen ſüßen ſeligen Träumen riß und wieder in die kalte Welt hinaus ſtieß. Ach, Marie hatte ja nicht einmal geahnt, mit welcher Gluth und Leidenſchaft der rauhe Jäger an ihr hing— wie einen Bruder hatte ſie ihn geliebt, und als Hawes, mil Reichthum, Schönheit und dem einfachen Kinde imponirenden Geiſt dazwiſchen trat, reichte ſte ihm, des Schrittes kaum bewußt, den ſie that, die Hand. Erſt als Tom jetzt in Verzweiflung floh, und ſie beim Abſchied ſeinen tiefen, kaum bezwun⸗ genen Schmerz erkannte, mochte ihr eine Ahnung ſeiner Gefühle dämmern. Da war es aber zu ſpät— ſchon am andern Tage legte der alte Friedensrichter, Morris, der Onkel der Braut, der den fernen Tom Barnwell wie einen Sohn liebte und auf deſſen Verbindung mit ſeiner Nichte ſchon als auf den Troſt ſeines Alters ge⸗ hofft hatte, die Hände der beiden Verlobten ineinander und drückte dann die weinende zitternde Braut, ſelbſt mit Thränen im Auge, an ſein Herz. Dieſer Hawes, deſſen Bild ſich Tom Barnwells Seele mit unauslöſchlichen Zügen eingeprägt hatte, 18* 276 ſtand plötzlich vor ihm, und das ganze Weſen und Be⸗ nehmen deſſelben mußte in Tom den faſt unwillkühr⸗ lichen Gedanken erwecken, jener wolle nicht geſehen ſein. Mit Blitzesſchnelle ſtiegen da all die wirren und fürch⸗ terlichen Vermuthungen wieder in ihm auf, die er, ſeit er Marieen gefunden, oft hatte faſt gewaltſam zurück⸗ drängen müſſen. Hawes hier, wo ein Brief an ihn auf das Land hinaus geſchickt war, in einem ganz anderen Theile der Stadt, als in dem ſich Marie befand, — wollte er wirklich unerkannt ſein, oder war dieſe Bewegung nur Zufall? All dieſe Gedanken zuckten pfeilſchnell durch Tom Barnwells Hirn, als er ſtehen blieb und der Geſtalt des raſch davon Eilenden nachſah. Im Augenblick hatte er ſich aber auch wieder in ſoweit geſammelt einen feſten Entſchluß zu faſſen; auf keinen Fall durfte er jenen Mann aus den Augen verlieren, denn wußte er wirklich noch nichts von ſeines Weibes Zuſtand, ſo war es nöthig daß er es erfuhr, und wußte er es— ihm blieb keine Zeit zu längerem Ueberlegen, mit flüchtigen Schritten folgte er dem jungen Mann, der gerade um die nächſte linke Ecke bog, und wollte ihm, dort angelangt, eben nachrufen, als er ihn, keine. zwei Häuſer entfernt, vor einer Thüre ſtehen ſah, an die er augenſcheinlich eben erſt angeklopft haben mußte.— 277 Daß ihm der, dem er begegnet, gefolgt war, hatte er nicht einmal bemerkt. Die Straße bildete hier eine Art freien Platzes, denn die linke Reihe der Häuſer war, die zwei vorder⸗ ſten abgerechnet, weiter zurückgerückt, und enthielt neben anderen Privatwohnungen auch das etwas allein ſte⸗ hende Gerichtshaus und die County Jail oder das Ge⸗ fängniß. Schräg dieſem gegenüber befand ſich aber das Haus, vor welchem der vermeintliche Mr. Hawes jetzt ſand und Tom Barnwell ſchritt raſch und ohne Zögern auf ihn zu. Iener jedoch, viel zu ſehr in ſein Klopfen vertieft, und vielleicht ungeduldig, daß ihm von innen nicht geöffnet wurde, mußte den ſich nahenden Schritt des leichten, mit Moccaſin bekleideten Fußes gar nicht gehört haben, denn er bog ſich eben zum Schlüſſel⸗ loch nieder und rief ärgerlich hinein: „Aber ins drei Teufes Namen, Mrs. Beidelford — ich bin es ja, Sander, und muß Euch wichti⸗ ger“— Er ſchrak empor— dicht neben ſich vernahm er in dieſem Augenblick zum erſten Mal die Tritte des ihm Folgenden, und als er überraſcht auffuhr blickte er in das ernſte ruhige Antlitz Tom Barnwells der, allerdings ſtutzig über die eben gehörten Worte, h zu ſehr mit 278 dem Zuſtand Mariens beſchäftigt war, um ihnen auch nur mehr als flüchtiges Gehör zu ſchenken. Ueber den Mann ſelbſt aber, der vor ihm ſtand, blieb ihm kein Zweifel mehr— es war Hawes, und Tom, da er das Zurückſchrecken und den ängſtlichen Blick ſeines einſtigen Nebenbuhlers bemerkte, der ſcheu die Straße hinabſah als ob er ſich dem vermutheten Feind durch die Flucht entziehen wollte, ſagte, ihn mißverſtehend, ruhig: 8 Fürchten Sie nichts, Sir— ich bin Ihnen nicht in feindlicher Abſicht gefolgt, und hege in der That kei⸗ nen Groll gegen Sie; wenn das aber auch wirklich der Fall wäre, ſo müßte er jetzt dennoch ganz anderen Ge⸗ fühlen weichen. Wiſſen Sie, daß Mrs. Hawes hier in der Stadt iſt?“— „Ich?— ja— ich— ich weiß es— ich bin eben auf dem Wege dorthin!“ ſtotterte der ſonſt ſo kecke und zuverſichtliche Verbrecher, in dieſem Augenblick aber, durch das ſo plötzliche Erſcheinen eines Mannes, der ihm hier faſt wie aus dem Boden herauf ſtieg, und durch das Bewußtſein der Gefahr, die über all ihren Häuptern ſchwebte, wie vielleicht auch durch den Platz ſelbſt, wo er betroffen worden, in der That außer Faſ⸗ ſung gebracht. — 279 „Was?— Sie wiſſen es?— ſind auf dem Wege dorthin?“ frug Tom erſtaunt—„ Mr. Hawes, ich be⸗ greife nicht— wer wohnt denn in dieſem Haus?“ „Nun, Squire Dayton doch!“ rief Sander jetzt ſchnell gefaßt, immer aber noch nicht geſammelt genug, den feſt auf ihm haftenden Blick des jungen Boots⸗ manns ruhig zu begegnen. „Squire Dayton,“ wiederholte Tom langſam und zum erſtenmal mit wirklichem Mißtrauen—„ Sie nannten eben einen anderen Namen, Sie riefen eine Dame an, der Sie Wichtiges mitzutheilen hatten— nicht ſo?“ „Ich ſage Ihnen, ich bin eben im Begriff, Squire Daytons Haus aufzuſuchen!“ rief Sander, jedes ihn noch bewegende Gefühl mit eigner Selbſtbeherrſchung gewaltſam abſchüttelnd—„die Dame, die hier wohnte, wollte ich nur— ſie ſollte Krankenwärterin meiner Frau werden, aber ſie— ſie ſcheint nicht zu Hauſe zu 1 ſein.“ „Nein— ſo ſcheint es,“ erwiederte Tom kalt, und jetzt feſt entſchloſſen dem Manne nicht von der Seite zu weichen, bis ihm deſſen ſonderbares Benehmen erklärt ſei—„wiſſen Sie Squire Daytons Haus?“ 280 „Ja— ja wohl— es liegt an der oberen Grenze der Stadt— ich bitte Sie mich dort anzumelden— ich werde gleich nachkommen— Mr. Barnwell, ich hoffe dort das Vergnügen zu haben.“— Er lüftete den Hut und wollte ſich von dem jungen Manne abwenden. „Halt, Sir!“ ſagte dieſer aber und ergriff ſeinen Arm—„ich kann Sie ſo nicht fort laſſen— Marie — Mrs. Hawes liegt, ihrer Sinne nicht mächtig, nur wenige Straßen von hier entfernt— und Sie— wie ich jetzt kaum anders glauben kann, wiſſen darum, und wandern in dieſen Kleidern, offenbar nicht Ihren eignen, in einem fremden Theil der Stadt herum.“ „Sie nennen Urſache und Wirkung in einem Athem, Sir“— erwiederte ihm Sander mit einiger Ungeduld,„ich kann Ihnen unmöglich hier auf der Straße erzählen, wie ich zu dieſen Kleidern gekommen bin, oder was mich gezwungen hat ſie anzulegen— ſollte Sie das intereſſiren, ſo können Sie es morgen von Mr. Lively erfahren— jetzt aber bin ich eben, um dieſe Lumpen los zu werden, im Begriff mir andere zu kaufen, damit ich mich vor den Ladies in Mr. Daytons Haus anſtändiger Weiſe wieder ſehen laſſen kann. 281 Uebrigens fühle ich mich Ihnen für den Antheil, den Sie an Mrs. Hawes nehmen, ſehr verpflichtet, möchte Ihnen aber zugleich bemerken, daß ich jetzt, da ich zu⸗ rückgekehrt und ſelber im Stande bin für meine Frau zu ſorgen, Sie dieſes Dienſtes oder dieſer Gefälligkeit, wie Sie es nun auch nennen wollen, vollkommen ent⸗ binde.“ Sander hatte ſich nach und nach ganz wieder in ſei⸗ nen alten Trotz hineingearbeitet, und Tom würde auch wohl bei jeder anderen Gelegenheit durch ſeine jetzige Ruhe und Sicherheit getäuſcht worden ſein, ſeine erſte augenſcheinliche Verlegenheit aber— die groben Klei⸗ der des ſonſt in dieſer Hinſicht förmlich ſtutzerhaften Gecken, ja ſogar die Worte die er von ihm, als jener ſich unbeobachtet glaubte, vernahm, das Alles hatte einen Verdacht in ihm erweckt, den einfach Unbefangen⸗ heit von James Seite nicht allein beſiegen konnte. Nur den Arm des Mannes gab er frei, da aus einigen der nächſten Thüren die Köpfe Neugieriger hervorſahen, welche die Urſache des etwas lebhafter werdenden Ge⸗ ſprächs zu erfahren wünſchten. Auch in Mrs. Breidel⸗ fords Haus ließ ſich oben mit äußerſter Vorſicht, die Spitze einer Haube blicken, der dann und wann— je⸗ doch raſch niedertauchend ſobald ſich einer der beiden 282 Männer gegen ihr Haus wandte— eine roth glänzende Stirn und ein paar große graue Augen folgten. „Sie haben recht, Sir,“ ſagte Tom—„die Straße hier iſt nicht der Platz zu langen Erklärungen, ich be⸗ gleite Sie aber jetzt zu Squire Daytons Haus, und dort werden Sie hoffentlich den Damen— Ihrer Frau ſolche nicht verweigern. Folgen Sie mir“— „Ich ſehe nicht ein, Sir, welches Recht Sie haben mich hier auf öffentlicher Straße aufzugreifen,“ ſagte jetzt Sander mit ärgerlicher, doch unterdrückter Stimme —„Ihre Geſellſchaft iſt mir überdieß nicht angenehm genug Sie bis dorthin zu beanſpruchen. Wie ich Ihnen ſchon einmal geſagt habe, bin ich eben im Begriff Toi⸗ lette zu machen, und ehe das geſchehen iſt, bringen Sie mich nicht einmal in die Nähe jener Damen, viel weni⸗ ger in ihre eigene Wohnung. Ich denke Sie haben mich jetzt verſtanden!“ „Vollkommen!“ ſagte Tom, ſeine Züge nahmen aber einen ernſten finſtern Ausdruck an und er flüſterte, während er ſich zu dem halb von ihm abgewandten Mann niederbog—„Sie wollen nicht mit mir gehen, ich aber ſchwöre es hier bei meiner rechten Hand— und den Schwur brech' ich nicht, Sir— daß ich Sie 2 —— — 283 zwingen will mir zu folgen— ein Geheimniß liegt hier zu Grunde und ich will es enthüllen.“ „Mein Herr!“ „Ha— dort kommt der Squire— ſo, Sir, Wi⸗ derſtand wäre jetzt nutzlos— Ihres eigenen Selbſt wegen vermeiden Sie jedes Aufſehen und folgen Sie uns gutwillig.“— Sander war in peinlicher Verlegenheit— wie ſollte er die Umſtände jener Nacht erklären, die Marie doch jedenfalls ſchon entdeckt hatte; ſollte er ſuchen in den Wald zu entkommen? kaum hundert Schritte von dort, wo ſie ſtanden begannen die Büſche— er war ſchnell⸗ füßig wie der Wind, fürchtete kaum von ſeinem Feinde eingeholt zu werden. Wenn es aber doch geſchah— dann hatte er Alles auf eine Karte geſetzt— und ver⸗ loren. Nein, noch blieb ihm ein anderer Ausweg, Flucht ſollte das Letzte ſein; denn er wußte recht gut, daß ihn der Kerker von Helena nicht hätte daran ver⸗ hindern können die Inſel wieder zu erreichen. „So kommen Sie, Sir,“ erwiederte er, nach kaum ſecundenlangem Nachdenken,„kommen Sie, ich will jetzt .. 1. 2 1 Ihrem ſonderbaren Willen Folge leiſten, ſpäter werden aber dann auch Sie ſich nicht weigern, mir für ein 284 Betragen Rede zu ſtehen, das ich in dieſem Augenblick nur in Ihrer ungeheueren Frechheit begründet ſehen kann.“ „Genug der Worte,“ ſagte Tom mürriſch, und wandte ſich, an des jungen Verbrechers Seite, raſch zum Gehen—„es ſind deren ſchon zu viel gewechſelt — Squire Dayton— ich habe das Azanlen Ihnen hier Mr. Hawes vorzuſtellen“— „Oh wahrhaftig, Sir— das iſt ein glücklicher Zufall, daß Sie jetzt ſchon eintreffen— der Brief hat Sie wahrſcheinlich unterwegs erreicht— aber, Mr. Barn⸗ well, ich ſuchte Sie unten vergebens an Ihrem Boote, und wurde erſt von ein paar Dampfbootleuten herauf⸗ gewieſen.“ „Ein glücklicher Zufall ließ mich Mr. Hawes tref⸗ fen,“ ſagte Tom hier, mit einem ernſten Blick auf dieſen.— „Das glückliche iſt dann ganz auf Ihrer Seite geweſen, Sir“— entgegnete mürriſch der ſo wider ſei⸗ nen Willen an's Licht gezogene,„ich habe Ihre Geſell⸗ 4 ſchaft wahrhaftig nicht geſucht“— „Aber Gentlemen,“ ſagte Dayton erſtaunt—„ich begreife nicht“— „Das iſt er, Mr. Nickleton,“ rief da plötzlich eine fremde Stimme von der Mitte der Straße aus, und zwei Männer, die eben an ihnen hatten vorbei gehen wollen, wandten ſich jetzt, des Richters Rede unter⸗ brechend, ſcharf gegen dieſen und ſeine beiden Beglei⸗ ter um. „Welcher? der mit dem Wachstuchhut?“ frug der mit Nickleton bezeichnete, der Conſtabel von Helena. „Ja! bei Gott— nun das trifft ſich prächtig?“ — jubelte der Andere,„packen Sie ihn, mein wackerer Haltefeſt— bringen Sie ihn auf Numero Sicher!“ „Sir— Ihr ſeid mein Gefangener,“ ſagte der Conſtabel und legte ſeine Hand auf Tom's Schulter —„im Namen des Geſetzes!“ Tom blickte ihn erſtaunt an, und wirklich kam das Ganze ſo ſchnell und unerwartet, und er ſelbſt war mit dem aufgefundenen Gatten Marieens ſo ganz und gar beſchäftigt geweſen, daß er die Gegenwart der Uebrigen erſt bemerkte, als ſie ihn anredeten. Jetzt aber, mit dem gefürchteten Bannſpruch im Ohr, richtete er ſich raſch auf und ſagte lachend: „Halloh, Sir— der Waſchbär wird auf dem an⸗ deren Baume ſitzen— diesmal habt Ihr Euere Zau⸗ berformel wohl an den Unrechten verſchwendet, das muß ein Irrthum ſein.“ „Seid Ihr nicht geſtern den Fluß hinab und dann ganz plötzlich wieder mit einem Dampfſchiff aufwärts gefahren?“ frug der Fremde. „Allerdings bin ich das!“ erwiederte Tom,„und was weiter?“ „Ich wußte es— ich wußte es!“ rief jener— „thut Euere Pflicht, Conſtabel, und laßt den Burſchen nicht wieder entſpringen.“. „Das muß auf jeden Fall ein Irrthum ſein, Sir, 4 unterbrach ihn hier der Richter und legte ſeine Hand auf den Arm des Conſtabels, der Tom noch immer an der Schulter hielt—„dieſer Gentleman iſt ein gewiſ⸗ ſer Mr. Barnwell von Indiana, mit meinem Haus be⸗ freundet, und gewiß nicht der“— „Thut mir leid, Squire— hier hört die Freund⸗ ſchaft auf. Ihr habt mir übrigens ſelber den Verhafts⸗ befehl ausgeſtellt“— „Ja auf den, der bei dieſem Manne eingebrochen war und ſeinen Geldkaſten gewaltſam aufgeriſſen hatte,“ ſagte Dayton—„aber nicht auf“— „Und das iſt der hier!“ rief der Kläger und 287 deutete mit grimmigem Blick auf Tom Barnwell— „das iſt der niederträchtige Burſche, der ſich heimlicher Weiſe vom Flußufer aus an einzeln gelegene Häuſer anſchleicht, und dort, wenn man draußen im Walde an der Arbeit iſt, raubt und plündert— das iſt die Ca⸗ naille, und ich bin feſt überzeugt, er wird ſchon geſtehen, wohin er meine ſilberne Uhr gebracht hat, wenn er ſie nicht etwa gar bei ſich trägt.“ Der Abend hatte indeſſen mehr und mehr gedun⸗ kelt, dennoch verſammelten ſich, durch das laute Ge⸗ ſpräch herbeigezogen, eine Menge neugieriger Men⸗ ſchen um Conſtabel und Richter, und umgaben ſo förm⸗ lich die kleine Gruppe. Sander, der es jetzt für das beſte hielt ſich leiſe zu entfernen, ſuchte unbemerkt hinter den Bootsmann zu treten, Tom aber ließ ihn, trotz die⸗ ſer plötzlich gegen ihn auftauchenden Klage, keine Se⸗ eunde aus den Augen, und jener ſah wohl, daß er, wenn er nicht ebenfalls Aufſehen erregen wollte, die Flucht auf gelegnere Zeit verſchieben müſſe. Tom Barnwell ſich keines Fehls bewußt, wandte ſich ruhig an den Richter und ſagte lächelnd: „Dem Manne hier iſt wahrſcheinlich etwas aus ſei⸗ ner Hütte entwendet worden, und er hat nun, Gott weiß aus welchem Irrthume, auf mich jedenfalls einen 288 falſchen Verdacht geworfen; ich kann mich auch deshalb nicht durch ſeine Reden beleidigt fühlen. So unange⸗ nehm mir das übrigens in dieſem Augenblicke ſein mag, ſo ſoll es und darf es doch auf keinen Fall die Aufklärung eines gräßlichen Geheimniſſes hindern, die uns Mr. Hawes hier wahrſcheinlich im Stande iſt zu geben. Fürchten die Herren hier, daß ich ihnen ent⸗ ſpringe, ſo mögen ſie mit uns gehen— Ihre Gegen⸗ wart, Squire, wird hinlängliche Bürgſchaft dabei ſein; meine Anklage kann ſich nachher bald beſeitigen laſſen.“ 1 „Was iſt denn vorgefallen?“ frug der Conſtabel. „Auf jeden Fall etwas, das mich ganz und gar nichts angeht!“ rief der Kläger unwillig—„ich bin keineswegs geſonnen mit dem Burſchen hier in der Stadt herum zu laufen, bis er irgend Gelegenheit findet zu entſpringen— Conſtabel, thut Euere Schuldigkeit — Richter Dayton, Ihr müßt mir in dieſer Sache bei⸗ ſtehen— wenn der Mann entkommt, halt' ich mich, wegen Allem was mir abhanden gekommen, an Euch.“ „Könnt Ihr denn aber beweiſen, daß dieſer Mann auch wirklich der iſt für den Ihr ihn haltet?“ frug der Richter. 289 „Kommt nur mit zum Fluß hinunter,“ erwiederte jener—„zwei von meinen Leuten haben ihn geſehen, und wollen auf ihn ſchwören!“ Tom Barnwell, dem das, was er erſt für ein tolles Mißverſtändniß gehalten, doch jetzt anfing zu ernſt zu werden, noch dazu da es wirklich drohte ihn in ſeinen freien Bewegungen zu hindern, that jetzt ernſthaften Einſpruch und rief den Richter zum Beiſtand an. Dieſer aber zuckte mit den Schultern und erklärte,s, nicht ſelber gegen das Geſetz handeln zu können,“ Mr. Nickleton wiſſe hier eben ſo gut wie er, was er zu thun habe, und eine Einrede von ihm würde nicht einmal von Nutzen ſein. Tom ſah bald, daß er ſich den Umſtänden fü⸗ gen müſſe, denn ein dichter Menſchenhaufe umſtand ſchon die Redenden, aus dem ein Entrinnen zur Un⸗ möglichkeit wurde; nichts deſtoweniger ließ er Sander nicht aus den Augen und bat nun den Richter, da er für ihn ſelber nicht im Stande ſei etwas zu thun, jenen Mr. Hawes mit ſich zu Hauſe zu nehmen und dort Aufklärung über das Geſchehene zu verlangen. Mr. Dayton verſprach ihm das auch und ſchritt gleich darauf durch die ihm Bahn machende Menge, mit Sander an ſeiner Seite, in der Richtung dem eigenen Hauſe zu, während der Conſtabel, jedoch mit aller Freundlichkeit, II. 19 0 290 übrigens aber von einem großen Theil Müßiggänger gefolgt, den jungen Bootsmann in die County Jail brachte, und ihn dort ſeinen eigenen Betrachtungen überließ. XIII. Die„Schildkröte“ nähert ſich der Jefährlichen Inſel.— Blackfoot's Plan. „Hebt die Finnen!— munter, meine braven Bur⸗ ſchen!“ rief der alte Edgeworth, Füährend er inmitten auf dem gebogenen Deck ſeines breitſpurigen Fahrzeugs ſtand und mit dem Blick die Entfernung maß, die ſie wohl noch zwiſchen ſich und den letzten, an der Landung liegenden Booten zu fürchten hatten—„greift aus, daß wir hinüber in die Strömung kommen— die Boote drüben gehen ja faſt ganz am anderen Ufer.“ „Das ſieht nur wegen dem Nebel ſo aus“— meinte Blackfoot, der ſich neben ihn ſtellte, aber noch immer zurück an's Ufer blickte, wo die Geſtalt der em⸗ pörten Mrs. Breidelford auf⸗ und abflog, und durch rachedrohende Geſtikulationen irgend einen wohlthätigen 19 292 Snag zu beſchwören ſchien ſeinen ſcharfen Zahn in dieß nichtswürdige Fahrzeug zu bohren und es mit Mann und Maus zu verſenken,„ſie müſſen ſich, wie wir, ziem⸗ lich in der Mitte halten.“ Der Steuermann, der indeſſen ſtromauf zu mit den Augen die dunſtige Atmoſphäre zu durchdringen ſuchte, ob vielleicht den vorangegangenen Fahrzeugen noch an⸗ dere folgten, ſchien jedoch mit dem Befehl des alten Mannes ganz zufrieden; er gehorchte ihm wenigſtens ſchnell und willig, und hielt den Bug gerad' über den Strom hinüber, während die Ruderleute mit vorgeleg⸗ ten Schultern gegen die langen, über das Verdeck ra⸗ genden Finnen preßten und jedesmal, ehe ſie das unten angebrachte Schaufelbret wieder aus der Fluth hoben, dieſem noch mit einem letzten Ruck den ſtärkſten Nach⸗ druck zu geben ſuchten, dann die Stange an Deck nieder⸗ drückten, raſch zu ihrem Ausgangspunkte damit zurück liefen und nun wieder von vorn ihr mühſelig Geſchäft begannen. Das Flatboot, ſchon an und für ſich ein unbehülf⸗ licher ſchwerer Kaſten, iſt auch eigentlich nur auf die Strömung angewieſen, und hat die Finnen einzig und allein dazu, um vorſtehenden Landſpitzen und drohen⸗ den Snags auszuweichen, oder vielleicht mit den Rudern 293 einen nicht gerade durch bloßes Treiben zu gewinnenden Landungsplatz zu erreichen; die auf ſolchen Fahrzeugen angeſtellten Ruderleute thun auch nichts ſo ungern als gerade rudern, obgleich das die einzige, von ihnen be⸗ gehrte Arbeit ſein mag. Es dauerte deshalb gar nicht lange, ſo murrten ſie gegen das„querüber ſchinden“, wie ſte's nannten, Bill dagegen machte wenig Umſtände, e X warf ihnen ein paar kräftige Fluche entgegen und nannte ſte„faule Beſtien“, die lieber ihre breiten Kehrſeiten in der Sonne brieten, als ihre Pflicht thun wollten. Bill war ein breitſchultriger kräftiger Geſell, mit ein paar Fäuſten wie Schmiedehämmern, es mochte auch deshalb nicht gern Einer mit ihm anbinden, noch dazu da ſie im Unrecht waren, Edgeworth aber, der jetzt ſah, daß ſie mit den vorangegangenen Booten in einem Fahrwaſſer ſeien, ſagte endlich: „Nun ſo laßt's gut ſein— ich denke auch wir ſind weit genug hinüber— easy boys— easy— wir ren⸗ nen ſonſt am Ende drüben auf die Sandbank, die hier im Navigator angegeben ſteht“— „Hat keine Noth,“ brummte Bill—„die Sand⸗ bank iſt ſchon theilweiſe weggewaſchen, und überdieß haben wir die lange paſſtrt— dort drüben liegt ſte, wo die Nebel dicker und maſſenhafter herüber kommen, 294 bleibt nur noch eine Weile bei den Rudern, bis ich's Euch ſage— nachher habt Ihr's leichter dafür.“ „Wie weit iſt's noch bis zu der hier angegebenen Sandbank?“ frug Edgeworth jetzt und deutete auf das Buch, das er in der Hand hielt.— „Noch ein gut Stück,“ miſchten ſich Blackfoot da in das Geſpräch,„wenn wir übrigens, wie der Steuer⸗ mann ganz recht hat, noch ein Bischen in Zeiten über⸗ halten, ſo bekommen wir gar nichts von ihr zu ſehen — aber— Alligatoren und Moccaſins, der Nebel wälzt ſich immer derber herauf— nun weiter fehlte uns nichts, als eine recht ordentliche Miſſtſſippimütze, die ſich uns über Augen und Ohren herabzöge, nachher könnten wir die Finnen wie Fühlhörner vorſtrecken, und wüßten noch nicht einmal ob wir rechts oder links ab⸗ kämen“— „Nun ſo gefährlich ſieht's doch nicht aus,“ meinte Edgeworth—„man kann ja noch den halben Fluß überſehen, und die Bäume auf beiden Seiten des Ufers erkennen— es ſind ja auch nur ganz dünne duftige Schatten, die ein richtiger Abendwind leicht vor ſich herſcheucht“— „Ich will's wünſchen,“ ſagte der angebliche Han⸗ delsmann und ſchritt langſam zum Steuer zurück, an 295 dem Bill jetzt, beide Hände in den Taſchen, nachläffig mit dem Rücken lehnte, und wie träumend vor ſich nie der ſah. „Das thut's,“ ſagte da Einer von den Ruderleuten, der beim Rückgehen die Finnenſpitze führte, indem er das lange Ruder, durch Niederdrücken ſeines Theils, vollſtändig aufs Verdeck hob und niederlegte— die Uebrigen folgten darin augenblicklich ſeinem Bei⸗ ſpiel. „Halloh, was iſt das?“ rief der Steuermann— „hab' ich's Euch geheißen aufzuhören? Bob— John⸗ ſon— nehmt Cuere Ruder wieder auf, wir müſſen noch weiter hinüber.“ f. 3„Dem Captain ſind wir weit genug drüben,“ er⸗ wiederte trotzig der erſte Sprecher— eine lange Hoo⸗ ſiergeſtalt mit breiten ſcharfen Achſelknochen und ſehnigen Fäuſten—„wenn's dem nicht recht iſt, wird er's ſagen!“ „Die Peſt über Dich, Canaille!“ rief Bill wüthend, 3. lies ſein Steuer los und ſprang auf den ruhig ihn er⸗ wartenden Bootsmann ein— „Nun, Sir?“ lachte dieſer, während er ſich raſch in Boxerſtellung gegen ihn drehte und die beiden Fäuſte 296 bis etwa in Schulterhöhe brachte,„bedient Euch— thut als ob Ihr zu Hauſe wäret— langt einmal aus und ſeht dann, ob ich nicht klein Geld bei mir habe, Euch zu wechſeln.“ „Halt da, Leute!“ ſagte Blackfoot und trat zwi⸗ ſchen ſie—„halt— werdet doch auf ein und demſel⸗ ben Boote Frieden halten— Schiffskameraden und wollen ſich untereinander ſchlagen— pfui— geht an Euere Ruder, Leute, und thut Euere Pflicht—'s iſt nicht mehr weit und Ihr habt das Bischen Arbeit bald überſtanden.“ „Ich will verdammt ſein wenn ich's thue,“ brummte der Hooſter trotzig,„außer Captain Edgeworth ſagt's— dann meinetwegen, und wenn wir bis Victoria hinunter hinter den Quälhölzern liegen ſollten— ſonſt aber kei⸗ nen Schritt wieder auf Deck. Donnerwetter ich habe das Weſen von dem Burſchen da ſatt— warum hielt er denn das Maul, ſo lange Tom Barnwell noch an Bord war, der ihm die Spitze bot— er glaubt wohl er kann über uns nur ſo weglaufen?— ſteckt da in einem ver⸗ wünſchten Irrthum, den ich ihm gern noch nehmen möchte, ehe wir von Bord gehen.“ Bill heftete ſein Auge mit wilder, tückiſcher Bos⸗ heit auf die unerſchrockene Geſtalt des Rudermannes, 297 und ſchien nicht übel Luſt zu haben den Streit noch ein⸗ mal zu beginnen, Blackfoot warf ihm aber einen ſchnel⸗ len, warnenden Blick zu und trotzig kehrte er, mit leiſe gemurmeltem Fluch, zu ſeinem Platz zurück. Edgeworth hatte keine Sylbe während der ganzen Zeit geſprochen, und nur vielleicht der Worte Smart's gedenk, die Strei⸗ tenden beobachtet. Dadurch war ihm aber auch der, zwiſchen ſeinem Abkäufer und Steuermann gewechſelte Blick nicht entgangen, der ihm das jetzt faſt zur Gewiß⸗ heit machte, was er bis dahin ſchon gefürchtet— daß jene beiden Männer zuſammen im Einverſtändniß wa⸗ ren. Natürlich bezog er das noch immer nur auf den Verkauf ſeiner Waaren und beſchloß ein beſonders wachſames Auge nicht allein auf die Ablieferung der Güter, ſondern auch auf das dafür zu empfangende Geld zu haben. Das Boot trieb langſam mit der Strömung hinab, und die Leute waren in verſchiedenen Gruppen oben an Deck, theils am Bug, theils in der Mitte des Fahr⸗ zeugs gelagert, während auf dem hinteren Theil deſſel⸗ ben, dem Quarterdeck, wie es ſcherzweiſe genannt wurde, nur Bill und Blackfoot zuſammen ſtanden, und dieſer jetzt dem wilden Geſellen leiſe Vorwürfe über ſein unbedachtes Handeln machte: 298 „Ei zum Henker, Bill,“ ſagte er und deutete dabei nach dem linken Ufer hinüber, als ob er mit ihm über Gegenſtände am Lande ſpreche,„Du biſt wohl toll, daß Du noch kurz vor Thorſchluß Händel, ſucheſt— ich dächte doch Du könnteſt Deinen Groll in gar kurzer Zeit vollſtändig genug auslaſſen, als daß er jetzt vor der Zeit überſprudeln und vielleicht Alles verderben ſollte— weshalb haſt Du Dich nicht mit den Leuten in beſſeres Einverſtändniß gebracht? viel leicht hätten wir ſogar Einige davon für unſer Vorhaben gewinnen können.“ „Nicht von denen,“ erwiederte Bill trotzig,„nicht einen Einzigen— Dolch und Gift— die Brut haßt mich von oben bis unten— ſelbſt der Hund knurrt, wenn ich ihm nur zu nahe komme, und hätte mich neu⸗ lich, als ich ihn ſtreicheln wollte, faſt an der Kehle ge⸗ packt. Ich würde die Beſtie lange einmal über Bord geſtoßen und erſäuft haben— aber ſte geht ihrem Herrn nicht von der Seite.“ „Alſo Hülfe haben wir von denen auf keinerlei Art zu erwarten?“ ſagte Blackfoot ſinnend. „Nein— eher das Gegentheil, aber, hol ſie der Teufel, das ſoll ihnen wenig frommen— ſieh nur daß Du Edgeworth's Büchſe einmal auf ein oder die — 299 andere Art in die Hand bekommſt— hier ſind ein paar Stifte— treibſt einen von denen ins Zündloch, nach⸗ her kann er ſchnappen— ich ſehe nicht ein, weshalb man ſeine Haut nutzlos zu Markte tragen ſoll.“ Gieb her, ich will's wenigſtens probiren, glaube aber kaum, daß mich der alte Burſche das Schießeiſen wird haben laſſen; nun es käme auf einen Verſuch an“— . Wie wär's denn, wenn Ihr mit den Büchſen tauſchtet,“ ſagte Teufelsbill—„die Deine iſt reich mit Silber beſchlagen und ſieht prächtig aus— ſchießt auch famos— die ſeine iſt alt und ſchlecht— er wird leicht dazu zu bringen ſein— Du darfſt aber dann auch in der Deinigen den Stift nicht vergeſſen!“ „Hm— das wäre allenfalls etwas— die Burſchen tauſchen alle gern, und wenn ich ihm ein geringes Auf⸗ geld abverlangte“— „Nur nicht zu wenig, ſonſt würde er mißtrauiſch“— „Nein, nein, ſo klug bin ich auch. Wie haltet Ihr's denn ⸗dießmal mit dem Zeichen? wieder das vo⸗ rige, oder iſt etwas Anderes beſtimmt?— ich mag das Schießen nicht leiden“— „Und doch iſt's das Beſte,“ ſagte Bill—„über⸗ dieß iſt nichts Anderes verabredet und wir werden es 300 beibehalten müſſen. Was könnte man denn auch ſonſt in dem Nebel für ein Zeichen geben— denn Nebel und recht richtigen handfeſten Nebel bekommen wir noch in dieſer Nacht, darauf kannſt Du Dich verlaſſen.“ „Meinetwegen— ich hoffe nur die Burſchen ſind gleich bei der Hand, ehe ſte hier an Bord etwas merken.“ „Sie werden doch— wenn aber auch nicht, ſo haben wir Zeit genug— laufen wir in dem Nebel auf den Sand, ſo iſt gar kein Gedanke daran vor morgen früh davon abzukommen, und Edgeworth iſt auch klug genug, den Verſuch nicht einmal zu machen.“ „Getrauſt Du Dich denn die Inſel wirklich zu fin⸗ den, wenn es ſich ganz umziehen ſollte?“ frug Blackfoot jetzt beſorgt, und ſchaute ringsum auf die dünnen milchigen Streifen die mehr und mehr die Geſtalt von kleinen rollenden Wolken annahmen,—„hol' mich der Teufel, ich glaube wahrhaftig es wäre beſſer wir legten an, ehe wir am Ende vorbei trieben.“ „Hab' keine Sorge,“ lachte Bill,—„als ich das letzte Mal herunter kam,— Ihr wart gerade in Vicks⸗ burgh,— da konnte man den Nebel mit einem Meſſer ſchneiden und ich fand den Platz, als ob es im hellſten Sonnenſchein geweſen wäre.— Treff ich die Sandbank wirklich nicht oben an der Inſel, nun ſo nimmt mich 301 die Strömung gerade auf die Zwiſchenbank und das wäre auch weiter kein Unglück, als daß wir nachher ein Bischen Arbeit hätten, das Boot wieder flott und ſtromab zu bekommen,— die Fracht können wir ſo nicht ganz gebrauchen.“ „Von wo fahren wir denn da ab?“ frug Black⸗ foot,„denn einen Anhaltepunkt müſſen wir doch auf jeden Fall haben.“ „Ei ja wohl— gerade etwa zwei Meilen unter der Weideninſel liegt das Treibholz, daß Du kennen wirſt; wenn wir das nicht im Stande ſind zu ſehn, ſo hören wir ſein Rauſchen eine halbe Stunde weit, und von dort an kann man nur durch unausgeſetztes Ru⸗ dern Einundſechzig oder vielmehr unſeren künſtlich auf⸗ geworfenen Damm vermeiden— im neuen Navigator ſteht er ſogar ſchon angegeben, als eine erſt kürzlich durch ſich ſelbſt entſtandene Sandbank.“ „Gut— ſonach kommen wir alſo etwa gleich nach Dunkelwerden an die Inſel; deſto beſſer, dann iſt die Geſchichte bald abgemacht, und wir können ordentlich ausſchlafen. Aber höre, Bill, wird uns der Laffe, der vorausgerudert iſt, nicht etwa Verdrießlichkeiten machen? wenn der das Boot nicht wieder findet, ſchlägt er auf jeden Fall Lärm.“ 302 „Dafür iſt geſorgt,“ lachte Bill,„ich habe ſchon meine Maßregeln danach getroffen.— Aber jetzt Ruhe, — der Alte ſcheint aufmerkſam auf uns zu werden— — geh ein wenig nach vorn, und höre was er ſoviel mit dem Weibe zu ſchwatzen hat— ſpäter wollen wir unſern Plan noch beſſer bereden— der Augenblick muß frei⸗ lich zuletzt immer noch den Ausſchlag geben.“ Und damit wandte er ſich ab von ihm, und arbeitete mit dem Steuer den Bug ein klein wenig mehr gegen den Strom anzubringen. Inmitten des Bootes, mehr jedoch nach vorn zu, ſtanden die Effekten der jungen Frau und dieſe ſaß, der letzten Scene noch immer mit unheimlicher Angſt ge⸗ denkend, auf dem einen Koffer, während ihre Sachen, un⸗ ordentlich, wie ſie die Ruderleute an Bord geworfen, um ſie her lagen. In dem letzten Streit der rohen Boots⸗ männer, der das Intereſſe Aller erregt zu haben ſchien, bekümmerte ſich auch Niemand weiter um ſte, nur Wolf, des alten Edgeworth treuer Schweißhund, hatte ſich, mitten zwiſchen das Gepäck hinein, neben Mrs. Everett, und ſeinen Kopf zwar auf ihren Fuß gelegt, als ob ſie ganz alte liebe Bekannte wären; dieſe ließ das auch gern geſchehn, hatte doch ſelbſt eines Hundes Annäherung 303 unter all den fremden wilden Männern, etwas Wohl⸗ thuendes und Beruhigendes für ſie. Edgeworth ſchritt endlich auf ſie zu, ſetzte ſich auf die neben ihr ſtehende große Kiſte und ſagte freundlich: „Aengſtigen Sie ſich nicht, Nadame— Bootsleute ſind faſt ſtets roh und derb, und einige der unſeren vor⸗ züglich, Ihre Fahrt wird aber bald beendet ſein— wenn dieſer Nebel nicht gar zu bösartig werden ſollte, hoff! ich⸗Victoria bald nach Abend zu erreichen. Wird es dunkel, ſo laß ich Ihnen hier oben von meinen Decken ein kleines Zelt aufſchlagen, und da können Sie dann ganz ungeſtört ſchlafen, bis wir an Ort und Stelle die Taue auswerfen.“ „Sind Sie in Victoria bekannt, Sir?“ frug Mrs. Everett jetzt, und heftete ihre großen thränenfeuchten Augen auf den alten Mann.* „Nein, Madame,“ ſagte der Greis und ſtreichelte den Kopf ſeines wackeren Hundes, der ſich jetzt an ihm aufrichtete,—„ich war nie in Victoria, habe aber den 4 Platz oft erwähnen hören.“ 3„So ſind Sie ganz fremd in dieſer Gegend?“ frug die Frau beſorgt,—„mit dem Waſſer und ſeinen tücki⸗ ſchen Gefahren unbekannt, und fürchten nicht in dieſem Nebel an Sandbank oder Drift aufzulaufen?“ 5 ———— 304 „Die Gefahr iſt wohl nicht ſo groß als ſie glauben,“ erwiederte Edgeworth,—,wir haben einen ſehr guten Steuermann, der den Fluß genau kennt und nicht mehr weit zu fahren; der Mann, der meine Ladung gekauft hat, befindet ſich ebenfalls an Bord und iſt mit dem Strom vertraut, da glaub' ich wirklich nicht daß viel zu fürchten iſt.“ „Ach Gott, es verunglücken ſo viele Menſchen auf dieſem böſen Waſſer,“ ſeufzte die arme Frau. „Ja wohl, Madame, ja wohl,“ ſtimmte ihr mit wehmüthigem Kopfnicken der Alte bei,—„an dieſem und den anderen weſtlichen Strömen tauſende— aber es giebt auch böſe Menſchen, nicht der Strom allein reißt die zahlreichen Opfer in ſeine Tiefe.“ „So haben auch Sie ſchon von jenen Fürchterlichen gehört, die hier auf dem Miſſiſſippi ihr Weſen treiben ſollen,“ flüſterte Mrs. Cverett erſchreckt und ängſt⸗ lich—„vielleicht wiſſen Sie etwas Näheres über ihr Beſtehn?“ „Ich verſtehe nicht recht wen Sie meinen, Madame,“ ſagte Edgeworth.“ „ Sie haben in Helena gehört, daß mein Bräutigam vor kurzer Zeit im Fluß verunglückte?“ frug die Frau dagegen. 305 „Ja,— Mr. Smart ſprach davon.“ „Man ſagt, das Boot ſei auf einen Snag gerannt.“ 3 3, Das iſt wenigſtens das Wahrſcheinlichſte.— Du lieber Gott, ſo mancher arme Bootsmann hat ja ſchon auf ſolche Art ſeinen Tod gefunden.“ „Ich glaube es nicht,“— flüſterte Mrs. Everett,— — aber noch viel leiſer als vorher.— „Was?“ frug Edgeworth erſtaunt. „Daß Holk's Boot auf natürliche Weiſe unterge⸗ galigen ſei,“ erwiederte die junge Frau, wie früher flüſternd,—„ich habe einen fürchterlichen Verdacht, und will eben nach Victoria ziehn, wo ſich ein Bru⸗ der von mir, ein wackerer Advokat, niedergelaſſen hat; der ſoll ſehen ob er die Thäter nicht aufſpüren kann.“ „Wäre aber da nicht Holk's Sohn, der wie ich höre des Verſtorbenen Land ſo ſchnell verettioniren ließ, eine viel paſſendere Perſon geweſen?“ meinte der alte Mann,„ich weiß doch nicht, ob eine Frau im Stande ſein ſollte gegen dieß Volk aufzutreten— wenn es nämlich wirklich exiſtirte.“ „ Holk hatte gar keinen Sohn,“ fuhr Mrs. Everett noch eben ſo leiſe als früher fort,—, mein Leben ſetze ich zum Pfande, daß jener Mann, der ſich für ſeinen Sohn ausgab, ein falſches Spiel ſpielte. Ich habe oft— II. 20 306 oft mit dem armen Holk über ſeine Familie geſprochen, und er verbarg mir nichts. Ach, wie manchmal hat er mir verſichert, er ſtehe ganz allein in der Welt, und habe nur mich, auf die er ſein künftiges Lebensglück baue— hätte er den Sohn verläugnen ſollen? nie!“ „Hm!“ murmelte Edgeworth und ſchaute eine ganze Weile ſinnend vor ſich nieder— er gedachte deſſen, was ihm Smart noch vor ſeiner Abfahrt geſagt hatte— un⸗ willkürlich ſchweifte dabei ſein Blick nach den beiden Männern hinüber, die jetzt in ſehr angelegentlichem Ge⸗ ſpräch begriffen ſchienen,—„hm— ich wollte Tom wäre hier. Weiß auch der Henker, weshalb ich den Jungen allein voran fahren ließ. Hör einmal Bob⸗ Roy“— und er wandte ſich damit zu einem der Boots⸗ leute, der ihm am nächſten ſtand, und zwar an denſelben der ſchon früher den Streit mit dem Steuermann ge⸗ habt,—„was hältſt Du von dem Nebel? Du biſt doch auch nicht das erſte Mal auf dem Miſſiſſippi.“ „Ich halte davon, daß wir ſobald als möglich irgend wo an's Land laufen oder den Nothanker über Bord laſſen,“ ſagte der Mann unwillig,—„hier ſo in den Nebel hineinzuſegeln iſt wahre Tollkühnheit,— wenn uns ein Dampfboot begegnet ſind wir verloren, und begegnet uns kein's, ſo bleibt uns doch noch immer die 307 ziemlich ſichere Ausſicht irgendwo feſt zu rennen. Wenn ich ein Boot zu befehligen hätte, ſo wüßte ich ſo viel, daß es bei ſolchem Nebel lieber Miſſiſſippiſand als Miſſiſſippiwaſſer unter ſich haben ſollte— obgleich beides noch manches zu wünſchen übrig läßt.“ „Alſo Ihr meint, wenn der Nebel dichter würde, ſollte ich beilegen?“ „Gewiß meine ich das, wenn Ihr mich denn einmal d'rum fragt,“ ſagte der Rudermann,—„' iſt mir ohnedies ein unheimliches Gefühl, ſo gar nicht zu ſehn wohin man fährt, und dann dem Burſchen da“— und er wies rückwärts über die Schulter mit dem Daumen nach Bill hin—„anvertraut zu ſein.“ Edgeworth folgte der Bewegung mit den Augen, brach aber jetzt, als Blackfoot langſam auf ihn zu ſchritt und bald darauf neben ihm Platz nahm, das Geſpräch mit dem Mann ab. „Es wird trüb!“ ſagte der, während er dabei den Strom hinabdeutete, wo die Nebelmauerhöher und höher zu ſteigen ſchien,—„es wird verdammt trüb— wir können froh ſein, daß wir einen ſo guten Lootſen an Bord haben.“ 3 „Ja, ja,“ erwiederte Edgeworth und blickte un⸗ 20* ruhig umher,„es ſieht bös dort unten aus— dauern dieſe Miſſiſſippinebel lang?“ „Sehr verſchieden Sir— ſehr verſchieden— manchmal treibt ſie ein leichter Abendwind wie gar nichts vor ſich hin, manchmal aber liegen ſie ſo zäh auf dem Strom, als ob ſie von Gummi elaſticum wären und immer weiter und weiter ſich ausbreiteten, je mehr der Wind daran zerrte und zöge— wahrſcheinlich wird's aber, wenn der Mond aufgeht, beſſer, auf jeden Fall können wir noch ein oder zwei Stündchen ruhig fortfahren, bis wir einmal in die Nähe von Dreiund⸗ ſechzig kommen— dort pflegen die Boote gewöhnlich beizulegen.“ „So? alſo nachher rathet Ihr ſelbſt mir das Boot irgendwo zu befeſtigen— ich hatte Luſt, ſchon früher anzulegen.“ „Nein, ja nicht!“ rief Blackfoot—„wozu die ſchöne Zeit verſäumen, wenn es nicht unumgänglich nöthig iſt. Habt nur keine Angſt, Sir, mir liegt, wie Ihr Euch denken könnt, die Wohlfahrt des Bootes jetzt eben ſo am Herzen als Euch, und ich würde ſeine Sicher⸗ heit gewiß nicht unnütz oder leichtſinnig auf’s Spiel ſetzen.— Ihr habt da eine ſtattliche Büchſe— Kentucky Fabrik oder Penſylvaniſche?“ 309 Edgeworth hatte ſeine Büchſe noch zwiſchen zwei dort ſtehenden Fäſſern lehnen und griff jetzt hinüber ſie an ſich zu nehmen— jeder Jäger hört es gern wenn ſeine Lieblingswaffe gelobt wird. „Ja,“ ſagte er, während er das gute Gewehr vor ſich auf den Schooß legte, die Mündung jedoch vorſich⸗ tig dabei dem Waſſer zu richtete—„es giebt wohl ſchwerlich ein beſſeres Stück Eiſen in Onkel Sams Staaten, als dies alte unanſehnliche Ding hier— manchen Hirſch hab' ich damit umgelegt, ja und manchen Bären dazu. Auch gute Dienſte gegen die Rothhäute hat ſie ſchon geleiſtet und manchen heißen blutigen Tag geſehn.“ „Ihr möchtet ſte wohl nicht gegen irgend ein an⸗ deres, wenigſtens beſſer und zierlicher ausſehendes Ge⸗ wehr vertauſchen?“ warf hier der Fremde ein und hielt dem Alten ſeine eigene Büchſe hin, die er noch nicht aus der Hand gelegt hatte. Es war ein herrliches, reich mit gravirtem Silber verziertes und beſchlagenes Gewehr, mit damascirtem Lauf und wunderlichem Sicherheits⸗ ſchloß verſehn, wie es dem alten Jäger noch gar nicht vorgekommen. „Hm,“ ſagte er und nahm die fremde Waffe faſt unwillkürlich in Anſchlag.—„das iſt ein prachtvolles 310 Stück Arbeit— liegt vortrefflich— ganz ausgezeich⸗ net— gerade wie ich's gern habe— mit hellem Korn und nicht zu groben Viſter— muß viel Geld gekoſtet haben in den Staaten— ſehr viel Geld. Schießt es gut?“ „Ich parire auf ſechzig Schritt aus freier Hand einen viertel Dollar, achtmal auch zehnmal zu treffen.“ „Ei nun, das wäre aller Ehren werth,— warum wollt Ihr's aber vertauſchen?“ „Aufrichtig geſagt,“— meinte der Andere und blickte ſinnend dabei vor ſich nieder—„thut mir's weh von der Büchſe zu ſcheiden, dann aber auch wieder hab' ich mich feſt dazu entſchloſſen— ſie kommt aus lieber Hand und erweckt dadurch nur zu oft recht bittere und ſchmerzliche Erinnerungen— ich gebe ſie auf jeden Fall weg und— wenn ſte doch einmal in eines Fremden Hand kommen ſoll, ſo wäret Ihr gerade der Mann, dem ich ſie wünſchen könnte. Kommt, Ihr findet mich gerade in der Stimmung und könnt einen guten Handel machen.“ „Ich wäre der Letzte, Vortheil aus der Stimmung eines Anderen zu ziehn,“ ſagte der alte Jäger,„das aber bei Seite, ſo ſcheinen wir auch in einer anderen Sache ſehr verſchiedener Anſicht zu ſein— das, was 311 Euch durch ſchmerzliche Erinnerung peinigt, macht es mir theuer und ich möchte mich nicht um vieles Geld von dieſer alten lieben Waffe trennen. Ich hatte einſt einen Sohn, der ſie zuerſt führte— ich brachte ſte ihm aus Kentucky mit— und der arme Junge— doch einerlei das— dies iſt das einzige Angedenken was ich noch von ihm habe, und es ſoll bei mir ausharren in Freud und Leid.“ „Alſo Ihr habt keine Luſt zum Tauſch?“ „Nicht die mindeſte, und wenn Euer Gewehr ſo von Golde ſtrotzte, als es jetzt von Silber thut.“ „Ach Mr. Edgeworth das Silber iſt das Wenigſte an einem guten Gewehr,“ ſagte der Händler,—„das wißt Ihr ſelber wohl beſſer, als ich es Euch ſagen kann; der Werth liegt im Innern und da habt Ihr denn wohl ganz recht, wenn Euch das Cuere, unſcheinbare genügt — das finde ich auch ſchon ohne irgend einen anderen Grund, der es Euch noch werther machen könnte, na⸗ türlich— Bitte, erlaubt mir einmal Euer Gewehr— ſteht der Stempel des Fabrikanten nicht daran?“ „Ich weiß wirklich nicht,“ ſagte Edgeworth,—„ich habe nie danach geſehn— das bleibt ſich auch ziemlich gleich, ob der Mann John oder Harry geheißen hat, wenn ſeine Arbeit nur gut war.“ 3 312 „Ja allerdings— aber ich bin mit mehren Büchſen⸗ ſchmieden in Kentucky befreudet, und es wäre mir in⸗ tereſſant einen bekannten Namen hier zu finden.“ Er nahm bei dieſen Worten die Büchſe in die Hand und drehte ſie langſam nach allen Seiten hin, betrachtete beſonders aufmerkſam den Lauf, an dem noch einige, wenngleich undeutliche Zeichen ſichtbar waren, und öffnete endlich auch die Pfanne.— „Gebt Acht— Ihr werdet mir das Pulver herun⸗ ter ſchütten,“ rief Edgeworth. „Es ſcheint ohnedieß zem Nehel feucht geworden zu ſein,“ erwiederte ihm Ereworth, während er ſein eignes Pulverhorn hervorzog—„wir wollen anderes darauf thun.“ Mit der linken Hand hielt er die Büchſe, und die rechte, mit der er zuglrich das Pulverhorn öffnete, be⸗ wahrte einen der kleinen, von Bill empfangenen Stifte. — Edgeworth wollte aber noch immer nicht den Blick von ihm wenden. „Was habt Ihr für Pulver?“ frug er den Fremden. „Dümont'ſches— natürlich,“— erwiederte Black⸗ foot,—„haltet einmal Euere Hand her— nun ſeht das Korn— iſt das nicht herrliche Waare?“ Edgeworth prüfte das Pulver mit dem Finger und 313 in demſelben Augenblick ſaß der Stift im Zündloch ſeiner eignen Waffe— Blackfoot ſchüttete gleich darauf friſches Puloer auf und ſchloß die Pfanne wieder. „Ja, das Pulver iſt gut,“ ſagte der Alte, während er es noch mit der Zunge koſtete,„reinlich und von gu⸗ tem Geſchmack— man bekommt's ſelten von der Art in Indiana— ich will mir auch ein Fäßchen davon mit hinauf nehmen— es ſteht ſchon auf meinem Zettel,“ — und damit nahm er ſein Gewehr wieder aus Black⸗ foots Hand und ſtellte es neben ſich. Mrs. ECoerett hatte dabei geſeſſen und nur manchmal und flüchtig den Blick zu den Männern erhoben. „Halloh, Sir!“ rief da plötzlich der Händler und zeigte auf die junge Frau,—„was iſt denn mit der Lady— die wird ja plötzlich leichenblaß.“ „Um Gott, Mrs. Everett,“ ſagte Edgeworth auf⸗ ſpringend,—„fehlt Ihnen etwas? Sie ſehn wahrlich ganz aſchfarben aus.“ „Es wird ſchon vorüber gehn,“ flüſterte die junge Frau leiſe und hielt ſich einen Augenblick ihr Tuch feſt gegen die Augen gedrückt,—„es war nur ſo ein An⸗ fall— die Aufregung in Helena— der ſchnelle Wechſel — vielleicht auch die feuchte Flußluft.“ „Ja, ja,“ ſagte Edgeworth,—„die iſt hauptſäch⸗ 314 lich daran ſchuld, ich hätte das ſchon früher bedenken ſollen, aber warten Sie nur, ich hole Ihnen gleich die Decken herauf, und dann wollen wir. ſchon ein ordentlhes Lager für ſie herrichten— es giebt nichts beſſeres feuchte Luft abzuhalten, als wollene Decken.“ Und der alte Mann ergriff ſein Gewehr und ſchritt, ohne weiter auf die Einwendungen der Frau zu achten, vorn zum Bug und dort eine kleine Treppe hinunter in den unteren Raum, von wo er nach einiger Zeit mit drei großen Makinawdecken zurück kehrte und nun mit Blackfoots Hülfe emſig daran ging eine Art Zelt her⸗ zuſtellen, unter dem ſich Mrs. Everett ungeſehn und un⸗ geſtört der Ruhe überlaſſen konnte. Es iſt dies eine Art Galanterie und Aufmerkſamkeit für das weibliche Geſchlecht, wie ſie ſelbſt der rohſte Hinterwäldler faſt inſtinktartig beweiſt, und jede Frau kann deshalb auch, ohne fürchten zu müſſen der geringſten Unannehmlich⸗ keit ausgeſetzt zu ſein, die ganzen Vereinigten Staaten allein durchreiſen, ſte wird in jedem Fremden, der durch Zufall ihr Begleiter geworden, einen bereitwilligen aber faſt ſelten oder nie benöthigten Schutz finden. Mrs. Cverett ſchien übrigens, ſo herzlich ſie auch dem alten Mann für ſeine Güte dankte, dennoch keinen Gebrauch von derſelben machen zu wollen, denn ſie blieb —— — — ¾-- unruhig am Deck und ſchien von jetzt an beſonders auf⸗ merkſam die noch immer ſorglos gelagerten Geſtalten der Flußleute zu betrachten, von denen nur einer unten im Raum emſtig beſchäftigt war, auf dem dort befind⸗ lichen Roſt oder Kochofen das einfache Abendmahl der Mannſchaft zu bereiten, von woher er dann manchmal mit glühend rothem Geſicht auftauchte, um ſich entwe⸗ der abzukühlen, oder Holz von oben mit hinunter zu nehmen. „Halloh— was für Land iſt das da drüben?“ ſagte da plötzlich Edgeworth, als er auf einen im Nebel kaum erkennbaren etwas dunkleren Streifen deutete, den ſie zu ihrer Linken liegen ließen,„kann das wohl das Miſſiſſippiufer ſein?“ „O bewahre!“ erwiederte ihm Blackfoot—„das muß ja der Steuermann wiſſen— was für Land iſt das, Sir?“ „Runde Weideninſel!“ erwiederte Bill lakoniſch und drückte den Bug etwas davon ab, denn er fürchtete ſelbſt eine von dieſer auslaufende Sandbank, a welcher ja auch das Dampfſchiff Van Buren feſt geſeſſen hatte. „Wie wär's denn, wenn wir hier eine Weile vor 316 Anker gingen?“ meinte Edgeworth,—„ wenigſtens ſo lange, bis ſich der Nebel etwas verzogen hätte.“ „Geht nicht!“ rief Bill ruhig dagegen,— wir können nicht bis an hundert Schritt von der Inſel ſelbſt kommen— der Sand läuft hier ein tüchtiges Stück in den Strom hinein— nehmt einmal das Senkblei.“ Edgeworth nahm die Leine, an welcher das Blei befeſtigt war, und warf dieſes über Bord— Bill hatte recht, der Strom war hier höchſtens acht Fuß tief und ſte durften allerdings nicht wagen, näher hinan zu hal⸗ ten, die Strömung lag aber, dem Nevigator nach— von hier an rechts an der Inſel vorüber dem Arkanſas⸗ ſtaat zu, und drängte erſt von dort aus, etwa vier bis fünf Meilen unterhalb, der Mitte des Stromes wieder zu. Nr. Einundſechzig lag, wie ſchon früher erwähnt, dreizehn engliſche Meilen unter der Weideninſel. Durch den Nebel noch beſchleunigt, fing es jetzt recht ernſtlich an dunkel zu werden, und der alte Farmer ſchüttelte gar bedenklich den Kopf, als ſelbſt die letzten bis dahin faſt noch immer ſichtbar gebliebenen Wipfel der nächſten Uferbäume verſchwanden, ſo daß ſie nun, faſt auf gut Glück und ohne auch den leiſeſten Halt von irgend einer Seite aus, ſtromab und wie er recht gut wußte, zwiſchen unzähligen Gefahren hin trieben. Er A — 317 ſtand vorn auf dem Bug und lauſchte auch dem unbe⸗ deutendſten Geräuſch, ob er nicht das Brechen der Waſ⸗ ſer an irgend einer Drift, oder das Wehen der viel⸗ leicht nahen Uferbäume hören könne; aber Alles lag ruhig und ſtill, kein Laut ließ ſich vernehmen, die ganze Natur ſchien wie ausgeſtorben und ſelbſt der Wind, der noch früher den Nebel in etwas zertheilt hatte, mußte gänzlich eingeſchlafen ſein, denn die Dünſte lagen wie ein graues Leichentuch, feſt und unbeweglich auf dem ¹ Strome und müde und träumend ſchwamm das ſchläf⸗ rige Boot auf ſeiner mattblinkenden Fläche. Eine halbe Stunde mochte auf dieſe Weiſe verfloſ⸗ ſen ſein, und Edgeworth war oft ungeduldig zum Steuermann gegangen, mit dieſem eine mögliche Gefahr zu bereden, dann wieder mit raſchen Schritten auf dem runden Verdeck hin und her gelaufen— unſchlüſſig, was er thun, ob er ſeinem Lootſen folgen, oder ſelber handeln ſolle, wie er es für gut finde, das heißt augen⸗ blicklich zum nächſten rechten Ufer rudern und dort an⸗ legen bis ſich der Nebel verziehen möchte. Blackfoot hatte ſich indeſſen faſt immer an ſeiner Seite gehalten, um jeden, möglicher Weiſe in ihm aufſteigenden Ver⸗ dacht abzulenken; jetzt aber, da ſte ſich mehr und mehr dem verhängnißvollen Punkte näherten, war noch ſo ——y— — * 8 318 Manches was er mit den Verbündeten zu beſprechen wünſchte, und er zog ſich nun nach und nach dem Steuer wieder zu, wobei er zuerſt eine Zeitlang in Bills Nähe auf und ab ging, ohne ein Wort an dieſen zu richten, eendlich laut einige Fragen über den Fluß in dieſer Gegend that, und zuletzt ein leiſeres, dem Ohr des entfernter Stehenden unverſtändliches Geſpräch mit dem Steuermann anknüpfte. Mrs. Everett hatte ſich erſt in ganz letzter Zeit in ihr hergerichtetes Zelt zurückgezogen, oft aber den Vor⸗ hang gelüftet der es verſchloß, und jenen Theil des Verdecks mit ihren Augen überflogen, auf dem ſich Mr. Edgeworth befand. Jetzt, da ſie ihn zum erſten Mal auf kurze Minuten allein und ungeſtört ſah, verließ ſie ihr Lager wieder und ſchritt— mit flüchtigem Blick ſich überzeugend, daß keiner der übrigen Männer in der Nähe ſei, auf ihn zu. „Ach, Madame,“ ſagte der alte Mann als er ihren Tritt hörte und ſich nach ihr umwandte,„Sie ſind auch noch munter? ja ja, man hat keine Ruh, wenn man nicht weiß wo man iſt und Gefahren jeden Augen⸗ blick erwarten kann, ohne im Stande zu ſein ſie zu ſehen— geht mir's doch ſelbſt nicht beſſer.“ ————— ——— 319 „Ich fürchte nicht die Gefahren die uns der Fluß ſelber entgegenſtellt,“ flüſterte jetzt Mrs. Everett raſch und ſah ſich ſcheu nach den Männern am Steuer um— „Ihnen— vielleicht uns Allen droht etwas Schlimme⸗ res und gebe nur Gott, daß es noch Zeit iſt, es zu ver⸗ meiden. „Was haben Sie, Mrs. Everett!“ ſagte Edge⸗ worth erſtaunt—„Sie ſcheinen ja ganz aufgeregt— was fürchten Sie?“ „Alles,“ ſagte die Frau, aber immer noch mit un⸗ terdrückter Stimme—„Alles, ſobald Sie nicht der Treue Ihrer eigenen Leute gewiß ſind.“ „Aber ich begreife nicht—“ „Wo haben Sie Ihre Büchſe?“ „Unten an meinem Bett“— „Gehen Sie hinab und unterſuchen Sie das Sotiß.” „Das Schloß?“ „Zögern Sie keinen Augenblick, der nächſte kann unſer aller Verderben beſtegeln.“ „Aber was fürchten Sie denn? was iſt mit dem Schloß meiner Büchſe?“ 320 „Sie gaben es vorhin in die Hand jenes Mannes — ich ſelbſt aber, im Walde auferzogen und oft ge⸗ zwungen die Schußwaffe zu führen, wenn Everett Tage⸗ und Wochenlang auf der Jagd blieb, warf faſt zufällig den Blick auf jenen Menſchen, als er aus ſeinem eigenen Horn Pulver auf die Pfanne ſchüttete. Wäre mir der Gebrauch jener Waffe fremd, ſo hätte ich nichts Auf⸗ fallendes in ſeinem Benehmen finden können— er trug etwas Spitzes in der Hand und öffnete ſcheinbar damit das Zündloch, aber der lauernde Blick, den er dabei auf 5 Sie warf, machte mich zuerſt ſtutzig— ich lehnte den Kopf in die Hand und behielt, ohne daß er mein Ge⸗ ſicht ſehen konnte, ſeine Hand im Auge. Wohl drehte er ſich, während Sie ſein Pulver prüften, ſo weit von Ihnen ab, daß ſein eigener Arm das Schloß verdeckte, deutlich aber erkannte ich, wie er irgend etwas, ob Holz oder Nagel weiß ich nicht, in Ihr Zündloch drückte, und ſeine Hand zitterte, als er gleich darauf wieder Pulver auf die Pfanne ſchüttete— ich ſah wie das Pulver reich⸗ lich an Deck hinab ftel. So übermannte mich damals Angſt und Schreck, daß mir das Blut ſtockte und ich beinah ohnmächtig am Deck niedergeſunken wäre, ſeit der Zeit war es mir aber auch nicht möglich Ihnen auch nur eine Miuute lang unbemerkt meinen Verdacht mit⸗ ——— — 8₰ — 6 4““. 8 5— 4 8*———