—⸗---=.= Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur . von, Gduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.—. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. —— „ 3„„„„—„„. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Nusurneaeid. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— Aus dem Waldleben Amerikas. Von Friedrich Gerſtäcker. 5 ½ 4 — Erſte Abtheilung: Die Regulatoren in Arkanſas. Dred Bände. 4 Zweite Auflage. Die egulatoren in Arkanſas.* 4 4* Von Friedrich Gerſtäcker. 4 Zweite Auflage. . Dritter Band. h Leipzig, Hermann Costen 1853. Cap. I. 3 Die Rückkehr von der Verſammlung. In den wilden, noch wenig angebauten Wäldern des Weſtens, wo die zerſtreut und einzeln liegenden Farmerwohnungen oft durch weite, ungangbare Strecken von einander getrennt liegen, fühlen und kennen die Be⸗ S wohner derſelben auch umſomehr den Werth des Nach⸗ — barthums, der nicht blos darin beſteht, daß ſte frrund⸗ ſchaftlichen Verkehr mitſammen unterhalten, ſondern ſich auch da unter die Arme greifen und einander helfen und S unterſtützen, wo es noth thut, und wo die Kräfte der Einzelnen nicht mehr ausreichen. Sei das nun Pflügen des erſten Ackers, im Zuſammenro geheueren Stämme, die verbrannt werden müſſen III. 4 2 7 2 7 74 „ 8 44 4A dem Mais die ſegenreiche Bahn zu eröffnen; ſei das im Aushauen eines Canoes, oder ſogar im Steppen der — Decken, unter denen bei einbrechender Kälte die neuen An⸗ fiedler gegen den rauhen Nordwind geſchützt ſein ſollen, der noch überall durch die offenen Spalten der rauhen Blockhütte freien Ein⸗ und Auszug hat. Es gilt ihnen b gleich; die einfache Aufforderung darf nur ergehen, und mit Art oder Pflug finden ſie ſich ein, und arbeiten bis zum ſpäten Abend ſo hart und angeſtrengt, wie ſie es vielleicht das ganze Jahr nicht einen einzigen Tag für ſich ſelber thun möchten. 1 Kommen die Männer aber ſchon gern und willig zu„ ſolchen Arbeiten, die auch allenfalls, ohne große Gefahr, 3 noch kurze Zeit liegen bleiben könnten, wie viel bereit⸗ 6 williger ſind da nicht die Frauen, wenn es Krankheit 3 gilt, und ſie, was in der That ſelten genug geſchieht, zu Rath und Hülfe zuſammen berufen werden. Keine, die irgend ihr Haus verlaſſen kann, wird den zweiten Boten abwarten, und mit allen möglichen in der Eile 3 zuſaummengerafften Medicinen verſehen, beſteigen ſie ihre 3 Pferde, und traben dem Orte der⸗Noth ſo freudig und willig zu, als gälte es ein Feſt zu feiern oder einem fröhlichen Tage beizuwohnen. Madame Atkins war nun freilich in der ganzen Nachbarſchaft gerade nicht beſonders beliebt, denn erſtlich beſuchte ſie faſt Niemanden, und kam nur höchſt ſelten zu einer Betverſammlung der Frommen, was ihr vor⸗ züglich nachgetragen wurde, dann aber ließ ſte ſich auch zu keinem einzigen„Steppdeckenfrolick,“ bei keinem „Klötzerollfeſt“ blicken, bei denen doch ihr Mann ſelten fehlte, und ſchon hierdurch mußte ſie den ſchönen Arkan⸗ ſanerinnen ſehr entfremdet werden. Deſto mehr fiel es daher auf, daß ſie jetzt, und zwar mit ſo dringender Bitte um Hülfe, die nächtliche Einladung umhergeſandt hatte. Ohne wirkliche Gefahr war das nicht geſchehen, und dem Wunſche, einem Kinde zu helfen, konnten nur ſehr wenige widerſtehen. Des alten Grolles wurde nicht 8— weiter gedacht, und ehe die Sonne im Mittag ſtand, hatten ſich elf, meiſtens verheirathete und ältliche Frauen mit allen nur erdenklichen Pulvern und Eliriren, vor⸗ züglich aber mit einer faſt unglaublichen Quantität Kalomel, eingefunden, um„dem armen lleineuͦ Würm⸗ chen das ſüße Leben zu erhalten.“ Das kranke K Kind befand ſich auch aledings in einem recht traurigen und ſogar gefährlichen Zuſtand; ein hitziges Fieber tobte durch ſeine kleinen Adern, und 3 ohnedieß mußte es innerlich wirklich heftige Schmerzen leiden, denn es war kaum zu beruhigen, und ſchrie und ſelbſt geſtanden, und noch mehrere andere Farmersfrauen a winſelte faſt ununterbrochen. Die Mutter ging in Ver⸗ zweiflung im Zimmer auf und ab, und überließ den Säugling jetzt ganz den Händen Fremder, unter denen ſich beſonders die Wittwe Fulweals eine Art Ruf als Arzt in Kinderkrankheiten erworben, denn, wie Madame Mullins der Madame Atkins ganz im Vertrauen erzählte, hatte ſie ſchon drei Kinder von ſolchen Uebeln kurirt, die gar kein anderer Menſch(Hinterwäldler nämlich) kannte, die fünf anderen freilich, die ihr unter der Hand geſtorben, waren von unheilbaren Leiden befallen ge⸗ weſen, wie ſie(Madame Mullins) bei dreien mit ihren ſeigenen Augen geſehen hatte, und ſte(Madame Mullins) war auch, was Kinder und ihre Krankheiten anbetraf, nicht gerade geſtern auf die Welt gekommen. Unter den vorhandenen Damen befanden ſich alſo noch, von Bekannten wenigſtens, außer Madame Ful⸗ weals und Mullins, Madame Bowitt, Smith, Pelter, Hoſtler und Kowles, ferner zwei Miſſes Heifer in dem . 5 etwas gefährlichen Alter von fünf und zwanzig gewe⸗ ſen,“ wie ſie, wenn ja einmal zum Aeußerſten getrieben, theils vom füdlichen, theils vom nördlichen Ufer des oourche la fave. DSieſe hatten ſämmtlich das ſogenannte„Schlaf⸗ haus“ bei Atkins in Beſitz genommen, und Mrs. Ful⸗ weals beſonders, ſchien in dem kleinen Kreis eine gewiſſe Obergewalt auszuüben, die ihr ſonſt keineswegs in der Anſiedlung zugeſtanden, hier jedoch, ihrer ſchon erwähn⸗ ten beſondern Geſchicklichkeit wegen, freiwillig anerkannt wurde. Während ſich aber nun die Frauen, als Mittag ſchon lange vorüber war, immer noch damit beſchäftig⸗ ten, die Schmerzen des kleinen Leidenden theils durch kalte Umſchläge an den Schläfen, theils durch warme auf dem Unterleib zu lindern, und genug Latwerge, Thee'e und Kalomelpulver in ihn hineinfüllten, um ſechs weniger abgehärtete Kinder der Städte damit umzubrit= gen, ritten auf der Straße, die von Bowitt’s zu Atkins Hauſe führte, drei der verbündeten Regulatoren in lang⸗ ſamem Schritte hin, und blieben von Zeit zu Zeit halten, als ob ſie noch Jemanden erwarteten, der ſie erſt ein⸗ holen müſſe. Endlich, wie ſie gerade eine kleine Anhöhe erreicht hatten, wurde ein Reiter auf der gegenüberlie⸗ 3 genden Lohe ſichtbar, der im ſcharfen Gallopp daherge⸗ 3 ſprengt kam, und ſchon von weitem, ſobald er der Män⸗ ner anſichtig wurde, mit dem Hute winkte, als 5 wolle, daß ſie auf ihn warten ſollten. Es war Cook, deſſen kleines Poney in er 1 * ordentlich gebadet ſchien, und der mit erhitztem Geſichte endlich bei den drei Freunden, Brown, Curtis und Wilſon, einzügelte. „Peſt,“ rief er aus, als er ſich, neben ihnen an⸗ gekommen, den Hut auf den Kopf warf, und mit kräf⸗ tigem Schlage bis tief in die Augen trieb,„was rennt Ihr denn fort, als ob Ihr wunder was zu verſäumen hättet?— ſeht einmal mein Pferd an, wie das ausſieht — ich werde mir von der Verſammlung ein neues aus⸗ bitten.“ „Wir wollten Euch auf dt Anhöhe erwarten, Cook,“ ſagte Curtis,„da wir— 4 „Und war das nicht ebenſogut bei Bowitt's Hauſe möglich, daß wir wie verſtändige Chriſten zuſammen aufbrechen und weiter reiten konnten? Glaubt Ihr, der Teneſſeeer ſaß da, an der Straße, fertig geſattelt und aufgezäumt, bis ich kam?“ „Nun? willigt er ein?“ frug Brown ſchnell. —„Wenn er nun nicht einwilligte, heh?“ frug Cook, ſich nach ihm herumdrehend,„dann hätten die Herren 3 doch einen hübſchen Spatzierritt umſonſt gemacht.“ „Er kommt aber— nicht wahr?“ , 3 verſteht ſich“— lachte Wilſon—„ſeht ihm nur im's Geſicht, er kann die Freude ja gar nicht ver⸗ .. bergen. Nur heraus mit der Sprache, Cook, die Zeit drängt, und wenn wir hier ſo bange halten bleiben, könn⸗ ten wir leicht Verdacht erregen.“ „Und dennoch müſſen wir hier halten bleiben, bis wir Alles miteinander verabredet haben,“ ſagte Cook— „warum habt Ihr nicht an Ort und Stelle gewartet, das geſchieht Euch ganz Recht; Ihr glaubt, wenn Ihr mit Euerem Mittageſſen fertig geworden ſeid, dann können andere Menſchen bis zur nächſten Mahlzeit hun⸗ gern. Doch jetzt im Ernſte, Stevenſon kommt, und zwar mit ſeinem älteſten Sohn und drei von ſeinen Pferden.“ „Ohne die, die er reitet?“ frug Brown. „Jeder Pferdedieb reitet doch natürlich die geſtohle⸗ nen Pferde,“ lachte Cook—„o Brown, Ihr ſeid noch ſehr weit in der Cultur zurück. Das ſind ja gerade die beiden Hauptbedingniſſe eines tüchtigen Pferdediebes, in einem Strich wochenlang auf dem Rücken eines Thie⸗ res hängen, und dann auch wieder unmenſchliche Fuß⸗ touren machen zu können. Jedes eigene Pferd, das er reitet, iſt reiner Verluſt.— Doch welchen Plan habt denn Ihr Euch nun ausgedacht? „Hat ihn Euch Husfield nicht mitgetheilt?“ „Nein, er vertröſtete mich darauf, daß ich Guch — 8 überholen würde, der faule Burſche lag unter einem Baum, und ſchien ſich zu der Arbeit auf heute Abend vorbereiten zu wollen.“ „Das hat er Euch doch geſagt, daß Ihr und Curtis bei Atkins übernachten müßtet?“ „Ja— weiter aber auch Nichts?“ „Und wo iſt der Teneſſeeer?“ „Oben bei Bowitts mit ſeinem Sohne. Der Alte war ganz Feuer und Flamme, als ich ihm von unſerem Plan erzählte, und wollte die Jungen gleich alle zuſam⸗ men mitnehmen, wie aber die Frauen von dem Raubge⸗ ſindel in der Nachbarſchaft hörten, gab es eindn Haupt⸗ ſpecktakel, und nun ſollte gar keiner fort; der alte Te⸗ neſſeeer blieb aber über Waſſer, und verſtand ſich nur endlich dazu, daß die beiden Jüngſten zum Schutze der Familie zurückbleiben möchten. Die wurden dann, um die Frauen zu beruhigen, mit Meſſern und Piſtolen be⸗ ſteckt, wobei Ben, der Kleinſte, noch die beſondere War⸗ nung erhielt, ſich„nicht weh zu thun,“ und fort trabten wir, was die Pferde laufen konnten. Nun zu Euerem Plan.“. 4 Der iſt einfach der folgende:“ erwiederte Brown. „Der Teneſſeeer— wie iſt ſein Name? „Stevenſon.“— * 8 „Alſo Stevenſon bleibt bis gegen Abend bei Bo⸗ witt's, um etwa eine Stunge nach Dunkelwerden bei Atkins einzutreffen.— Ihr Beide— Cook und Curtis — begleitet uns bis Atkins, und kehrt dort unter irgend einem Vorwand ein— und wir zwei, Wilſon und ich, reiten vorüber.“ „Weßhalb kamet Ihr denn da jetzt ſchon mit her⸗ unter? Ihr konntet ja ebenfalls ſo lange bei Bowitts bleiben?“ ſagte Cook. „Damit Atkins nicht möglicher Weiſe Verdacht ſchöpfen ſoll“— entgegnete Wilſon—„ſieht er uns aber hier ruhig vorbei und zu Hauſe reiten, ſo glaubt er natürlich, daß Alles in Ordnung ſei, und forſcht nicht weiter nach, denn da Brown der Anführer vom Fourche la fave iſt, ſo muß er, wie ſich das von ſelbſt verſteht, mit deſſen Heimritt auch die Verſammlung für aufgeho⸗ ben halten.“ „Wo aber bleibt Ihr indeſſen?“ „Wir reiten bis Wilſons Haus— laſſen dort un⸗ ſere Pferde, und kehren zu Fuß wieder zurück.“ „Hört— da nehmt Euch vor Curneales in Acht— dem trau’ ich keine Büchſenlänge ¹“ warnte Cook. 1 „Wir ebenſowenig,“ erwiederte Wilſon,„um ihn 9 0 aber irre zu führen, ſchultern wir unſere Schießelſen und 10 gehen nach der Salzlecke zu, die ſüdlich von meinem Hauſe liegt. Von dort aus können wir, und wenn wir auch erſt mit der Dämmerung aufbrächen, immer noch zur rechten Zeit auf dem Paetze eintreffen.“ „Und wo haltet Ihr Euch verborgen?“ „Wilſon hier, der früher oft in Atkins Hauſe war, glaubt mit ziemlicher Genauigkeit den Platz angeben zu können, wo ſich die heimliche Thür befindet; wie dem aber auch ſei, in dem Schilfbruch, der hinter Atkins Haus bis zum Fourche la fave hinunter geht, muß der Ver⸗ ſteck liegen, es giebt dort keinen anderen Platz, und in den einzudringen, hat mir Hecker ſchon neulich verſichert, ſei unmöglich. Der hatte einen Truthahn geſchoſſen, und konnte ihn, obgleich er ihn fallen gehört, nicht be⸗ kommen, ſo wild und verworren lagen umgeſtürzte und gefällte Bäume über und durch einander hin.“ „Wie viel Mann muſtern wir zu dem Ueberfall?“ „Etwa achtzehn— die ſind aber auch vollkommen hinreichend.“ 3 „Und was ſagen wir ihm, wenn er nach Jones fragt?“ „Das weiß Curtis ſchon, doch kann ich es Euch noch ſchnell wiederholen. Husfield hätte Jones mit an den Petite Jeanne, zu einer dort morgen zu haltenden Ver⸗ 11 ſammlung genommen, nach wolcher⸗ da doch jener Fluß dem Miſſouri⸗„Staat etwas näher liegt, und alſo auch Räubereien von dorther mehr ausgezetzt iſt, eine Abthei⸗ lung von Regulatoren der Miſſouriſchen Grenze zuge⸗ ſchickt werden ſolle.“ „Und wird er das glauben?“ „Warum nicht?— er wird denken, Jones ſelber habe ſie dazu überredet, um ſie von der Fährte der hier hauſenden Schurken abzulenken. Ihr könnt ihm das auch zu verſtehn geben. Seid Ihr nun im Haus und hört Ihr unſer Zeichen— den ſcharfen Pfiff— ſo bemächtigt Euch augenblicklich der dortigen Waffen, denn Blut wollen wir, wenn es nämlich vermieden werden kann, nicht ver⸗ gießen.“ „Aber die vielen Frauen, die heute Morgen dort waren?“ „Die ſind uns freilich im Wege, das läßt ſich jedoch nicht ändern. Ueberdieß ſchlafen die, wenn ſie ja noch alle da ſein ſollten, in dem anderen Haus, und werden uns an der Ausführung unſeres Vorhabens auf keinen Fall hindern können.“ „Wäre ein Schuß zum Zeichen nicht beſſer?“ „Ein Schuß?— mitten in der Nacht, und nicht einmal Mondſchein? nein, das halt ich nicht für zut. mir das auch im A Wozu die Nachbarſchaft alarmiren, wenn es mit einer ſolchen Kleinigkeit abgemacht werden kann.“ „Habt Ihr auch an den Mulatten gedacht? der ſteckt natürlich mit ſeinem Herrn unter einer Decke, und wird, wenn wirklich Helfershelfer in der Nähe liegen, dieſen auf jeden Fall Kunde bringen.“ „Wir beſetzen alle Wege,“ ſagte Curtis,„und auf hen von dieſem muß er uns in die Hände fallen.“ „Sollte er nicht den Weg durch den Wald vor⸗ ziehen?“ „Bei ſolcher Dunkelheit? nein, ich glaube kaum,“ erwiederte Brown,„doch läßt ſich das nicht ändern; haben wir den Haupthehler erſt einmal auf der That er⸗ wiſcht, ſo muß dieſer die Schurken nennen, die Husfields letzte Pferde fortſchaffen halfen, und unter dieſen finden wir denn auf jeden Fall den Mörder der Indianerin.“ „So kommt,“ ſagte Cook,„das lange Zögern hier auf dem Berg könnte nur, im Fall wir von Jemandem geſehen würden, Verdacht erregen; ich wollte übrigens, wir hätten heute den Indianer bei der Hand, der ſollte treffliche Dienſte leiſten. Bald fange ich ſelbſt an zu glauben, daß er durchgebrannt iſt, ſo unwahrſcheinlich nfang war; aber jetzt volle neun oder — — 13 zehn Tage nicht das Mindeſte von ſich hören zu laſſen, das iſt denn doch außer dem Spaß.“ 1. „Mullins behauptete, ihn geſtern im Walde geſehen zu haben,“ ſagte Curtis,„doch war es an einer ſehr dichten Stelle, und nur für einen Augenblick geweſen. Er erzählte mir auch, er hätte ihn angerufen, d. h. nach der Richtung hin in der er ihn bemerkt, in den Wald geſchrieen, weiter aber Nichts von ihm können zu ſehen bekommen.“ 3 „Fort iſt er nicht,“ behauptete Brown,„darauf wollt ich ſchwören, denn ich habe ihm mein Wort geben müſſen, nicht aus dieſer Gegend zu ſcheiden, bis Alapaha gerächt ſei, es iſt alſo nicht wahrſcheinlich, daß er mich im Stich laſſen ſollte.“ „Nun wir werden ſehen,“ ſagte Cook kopfſchüttelnd, „hat er aber überhaupt im Sinne wieder zu kommen, und wünſcht er, daß etwas in ſeiner Sache, die aller⸗ dings auch die unſere iſt, geſchehen ſoll, ſo hätte er, meiner Anſicht nach, viel lieber hier bleiben, und die Nachforſchung an Ort und Stelle eifriger betreiben ſollen — doch, wie geſagt, wir werden ja ſehen.“ Die Männer verfolgten indeſſen ihren Weg wieder, und näherten ſich jetzt der am Fuß des anſchwellenden Landes liegenden Wohnung Atkins’ Dieſer ſtand ſchon — — 2— 4 1 in der Thüre, und ſchien ſie erwartet zu haben; als ſie übrigens die Fenz erreichten, und er den Fremden nicht bemerkte, kam er den Regulatoren bis an den äußerſten Eingang entgegen, und mochte wohl die Frage nach jenem auf den Lippen haben, ſcheute ſich aber doch auch, ſte auszuſprechen. „Was macht das Kind, Mr. Atkins?“ frug Brown, während er ſein Pferd einzügelte, und neben dem Grü⸗ ßenden halten blieb. „Danke— danke— nicht beſonders, Sir— ich fürchte, wir werden das arme kleine Ding verlieren; nun, iſt die Verſammlung vorüber?“ „Für dießmal, ja 2— die Nachbarinnen ſind noch Alle hier— nicht wahr?“ „Faſt alle, wenigſtens eilf; genug, um ein halbes Dutzend Kinder umzubringen, meine Frau will's aber ſo haben. Nun? iſt etwas beſtimmt worden?— Wollen Sie denn aber nicht ein wenig abſteigen und raſten, Gentlemen?“ unterbrach er ſich ſelber in ſeiner Frage— Sie haben ja noch vollkommen Zeit, die nächſten Häu⸗ ſer zu erreichen— oder bleiben vielleicht gar bei mir über Nacht.“ 1 Nein ich danke, Atkins,“ ſagte Brown ablehnend, für mich ſelbſt wenigſtens; Onkel iſt zu Roberts hin⸗ —— — 15 über geritten, und da werde ich nach dem Hauſe ſehn und die Thiere füttern müſſen; ſonſt recht gern.“ reiten,“ ſagte Curtis—„ich bleibe die Nacht hier; zul Hauſe verſäum' ich doch Nichts.“ „Gut— dann leiſt' ich Euch Geſellſchaft— wenn Atkins nämlich noch. Platz hat für Gäſte, und die Da⸗ men nicht beide Zimmer eingenommen haben,“ rief Cook. „Platz genug— ſteigt nur ab, ich bin überdieß neugierig, Nachrichten von oben zu hören— wo haben Sie denn meinen geſtrigen Gaſt?“ „Der iſt mit Husfield an den Petite Jeanne, doch davon im Haus“— erwiederte Cook, während er aus dem Sattel ſtieg, dieſen dann augenblicklich abſchnallte und über die Fenz hing. Curtis folgte ſeinem Beiſpiel, und Brown(Wilſon war unter der Zeit langſam voran⸗ geritten) grüßte noch einmal, und trabte ſchnell hinter dem Freund her. Indeſſen führte Atkins ſeine beiden Gäſte in das Haus, wo ſie am Kamin noch einen fremden jungen Mann fanden, den ihnen ihr Wirth als Mr. Weſton, „ſeinen Neffen“ vorſtellte, indem er hinzufügte, dieſer ſei an den Fourche la fave gekommen, um ſich hier an⸗ IIl. 2 77 „Hört Brown— da mögt Ihr immer allein weiter — „ Morgen früh, ſo viel ich verſtanden habe; Hus⸗ —— 2 4 5 zuſiedeln, wolle aber nur die Gegend erſt kennen lernen, und werde ſo lange, bis er einen paſſenden Platz gefun⸗ den, bei ihm wohnen. „Ich müßte mich ſehr irren,“ ſagte Curtis,„aber ich glaube, Sie ſchon einmal früher geſehen zu haben, wenigſtens Jemanden, der Ihnen ungemein ähnlich ſah „Das iſt wohl möglich,“ lächelte Weſton etwas verlegen,„ich ging damals nach Little Rock, und hielt mich hier einige Tage auf— ich glaube, ich bin Ihnen einmal auf der Jagd begegnet—“ „Ja wohl,“ ſagte Curtis—„jetzt erinnere ich mich auch— es war hier oben am Fluß, wo Sie ein Lager hatten; mein Gedächtniß täuſchte mich alſo nicht—“ „Sie erwähnten, daß Mr. Jones mit an den Petite Jeanne geritten ſei,“ unterbrach ihn Atkins—„dort wird er wohl längere Zeit bleiben?“ „Nein,“ entgegnete ihm Curtis—„er trug uns noch auf an Sie, wenn wir hier vorbeireiten ſollten, zu beſtellen, daß er ſpäteſtens übermorgen Mittag zurück ſein würde.“ „Die dortigen Regulatoren verſammeln ſich eben⸗ falls?“ field hat noch mehre vom Fourche la fave mit hinüber genommen.“ „Aber ich dachte, es ſollten Verdächtige bezeichnet, gefangen genommen und peinlich verhört werden?“ frug Atkins; und man ſah es ihm an, welches Intereſſe er an der Beantwortung dieſer Frage nahm. „Ja— das ſollte geſchehen,“ ſagte Cook hinge⸗ worfen, indem er an's Kamin trat, und dort ſeine Stie⸗ feln, um ſie zu trocknen, in der Flamme umherdrehte, „wir haben aber darüber noch nicht recht einig werden können, indem gegen Niemanden hierzu genug Verdacht vorliegt; überdieß ſchien Jones ſowohl wie Brown, mit „der Maßregel nicht recht einverſtanden.“ —„Mr. Brown auch nicht?“ rief Atkins verwundert. „Nein— nächſte Woche hoffen wir es aber durch⸗ zuſetzen, denn geſchehen muß etwas,“ miſchte ſich Cook in das Geſpräch—„die Spitzbuben lachen ſonſt am Ende gar noch die Regulatoren aus.“ „Weſton— Du biſt wohl einmal ſo gut und ſiehſt ein wenig nach den Pferden der Herren hier,“ wandte ſich Atkins jetzt zu dem jungen Mann, der aufgeſtanden und an die Thüre getreten war—„Nimm auch die Sättel draußen von der Fenz,“ fuhr er fort, als Jener ſchnell dem Wunſche Folge leiſten wollte,„die verwünſch⸗ 2* ten Kühe haben mir erſt geſtern wieder eine Satteldecke zerkaut— und dann geh doch auch ein wenig hinüber zu meiner Frau, ſie wollte Dir noch etwas ſagen.“ Weſton nickte ihm zu, daß er Alles nach Wunſch — beſorgen werde— trug dann die Sättel in die Porch, und ging um das Haus herum; hier aber, anſtatt den kleinen Stall aufzuſuchen, in welchem die fremden Pferde ſtanden, ſprang er, ſobald er vom Hauſe aus nicht mehr geſehen werden konnte, über die Fenz, und war im näch⸗ ſten Augenblick in dem dahinter liegenden, dichten Wald verſchwunden. Cap. II. Der Indianer auf Johnſons Fährten.— Johnſon beſchließt ihn zu vernichten.— Folgen dieſes Entſchluſſes. . „Wo nur Weſton bleibt,“ ſagte Cotton, ungeduldig in der kleinen Hütte, die ihm nun ſchon ſeit einigen Ta⸗ gen zum Aufenthalt und Schutzort gedient hatte, auf⸗ 4 und abgehend;„der hat mir heute Morgen verſprochen, gleich Nachricht zu bringen, und jetzt müſſen die Regu⸗ latoren doch wahrhaftig ſchon wieder auseinander gegan⸗ gen ſein, eine ganze Woche werden ſie nicht oben ſitzen 3 bleiben.— Gift und Klapperſchlangen— mir wird es 34 hier unbehaglich bei dem Gedanken, aufgegriffen und ge⸗ lyncht zu werden; die Peſt über die Hunde. Ich werde doch wohl der hieſigen Gegend ade ſagen müſſen, das Leben, auf ſolche Art geführt, ſoll der Henker holen.“ 3 7 7 —-——— 20 „Zum Flüchten haben wir noch immer Zeit,“ er⸗ wiederte ihm gähnend Johnſon, der auf der einzigen Bettſtelle, die im Zimmer ſtand, ausgeſtreckt lag,„und ich möchte noch gar ſo gern die neue Sendung mitneh⸗ men, von der Jones erzählt hat, und die in nächſter Woche folgen ſoll. Höllenelement— ſiebenzehn Pferde! nachher iſt's auch der Mühe werth, Ferſengeld zu geben.“ „Ich ſehe nur nicht ein, wie wir die alle glücklich fortbringen ſollen,“ brummte Cotton,„und dann wer⸗ den die übrigen Pferde, die Weſton aufgeſpürt hatte, mit denen zu gleicher Zeit eintreffen; wenn ſie nicht auf den Spuren bleiben können, müſſen ſie blind ſein.“ „Die reiten wir nicht durch den Wald,“ erwiederte ihm Johnſon—„Weſton hat ſchon mit einem Dampf⸗ bootkapitain accordirt, der ſie in Fort Gibſon an Bord nimmt.“ „ Nun dann kommen ſie ja aber erſt recht auf ihre Spur,“ rief Cotton erſtaunt in ſeinem Marſch einhal⸗ tend, wenn ſie den Indianern fortgenommen und gleich an Bord—“ „ und was liegt daran?“ lachte Johnſon,„dem Dampfboot können ſie nicht nachrennen, und in Little⸗ Rock ſchiffen wir die Thiere wieder aus, ſollten ſie nach⸗ her wirklich in einem anderen Boot, und Ihr wißt wie — ſelten zwei dort oben zu gleicher Zeit liegen, nachſetzen wollen, ſo würden ſie auf den breiten Straßen von Little⸗Rock aus, unfehlbar die Spur verlieren, wenn ſie, was noch ſehr zu bezweifeln ſteht, bis dahin wirklich unſeren Fährten anklebten. Wie dem aber auch ſei, auf jedem Fall behalten wir Zeit, den Miſſiſſippi⸗Sumpf und von da die Inſel zu erreichen, und Fourche la fave ſieht mich nachher nicht wieder.“ „Wird es ſehr bedauern,“ erwiederte Cotton,„doch wahrhaftig, dort kommt Weſton; nun, Zeit iſt's— die Sonne geht eben unter.“ Während Cotton noch ſprach, ſprang der eben Er⸗ wähnte über die niedere Fenz, und erſchien im nächſten Augenblick in der ſchmalen Thüre der niedern Hütte. „Alle Teufel!“ rief aber auch Johnſon jetzt er⸗ ſchrocken von ſeinem Lager aufſpringend, als er das leichenbleiche Geſicht des jungen Mannes erblickte— „Unglücksbote was bringſt Du? ſind die Regulato⸗ ren—“ —„Nein— nein,“ flüſterte Weſton, mit dem Kopfe ſchüttelnd—„von denen haben wir noch Nichts zu fürchten.“ „Nun was habt Ihr denn,“ ſagte Cotton ärgerlich, X 22 „Ihr ſeht ja ſo blau im Geſicht aus, wie verdorbene Buttermilch— heraus mit der Sprache— was iſt's?“ „Der Indianer iſt da,“ keuchte Jener, ſich erſchöpft auf den einzigen Stuhl niederwerfend, der im Zimmer ſtand. „Nun, wenn's weiter Nichts iſt,“ höhnte Johnſon, und nahm ſeine frühere Stellung auf dem Bett wieder⸗ ein,„da hättet Ihr uns den Schreck erſparen können. Unſinn verdammter, da hereingeſtürzt zu kommen, als ob Euch ein halbes Dutzend von den kleffenden Regu⸗ latoren⸗Schuften auf den Ferſen wären. Wie iſt die Verſammlung abgelaufen? wo iſt Jones?“ „An den Petite Jeanne mit Husfield— morgen iſt dort ebenfalls Verſammlung— Cook und Curtis ſind bei Atkins— über uns beſchloſſen iſt noch Nichts. Das iſt Alles gut und in Ordnung— Ihr aber John⸗ ſon ſolltet den Indianer gerade nicht ſo leicht nehmen, er iſt auf Euerer Spur.“ „Auf meiner Spur?“ rief Johnſon, doch wieder etwas beſtürzt, aber immer noch halb ungläubig; wie ſoll er auf meine Spur kommen— Husfield war doch mit der ganzen Bande darauf, und hat wieder unver⸗ richteter Sache abziehen müſſen.“ „Seid Ihr heute Nachmittag den Pfad entlang. ge⸗ gangen, der zwiſchen hier und Atkins Hauſe liegt?“ frug Weſton. „Ja— vor etwa einer halben Stunde, und wes⸗ halb?“ „Wie ich vor etwa einer halben Stunde auf eben dieſem Pfad herangelaufen komme,“ erzählte Weſton, „gerade dort, wo der junge Gumbaum in den Weg ge⸗ ſtürzt iſt, und um den Wipfel deſſelben herum biegen wollte, ſah ich ſich etwas auf dem Pfade ſelbſt bewegen, und glaubte im erſten Augenblick, es wäre ein Bär, der ſich hierher verlaufen hätte, erkannte aber gleich darauf, und zwar nicht zu meiner freudigen Ueberraſchung, den Indianer, der niedergebückt, und die Augen feſt auf den Boden geheftet heran, und zwar gerade auf mich zuge⸗ ſchritten kam. Ein ihm Begegnen ſchien unvermeidlich, und ſchon wollte ich hinter dem mich bis jetzt ſeinen Blicken verbergenden Strauche vortreten und ihn an⸗ reden, als er plötzlich, kaum funfzehn Schritte von mir entfernt, an eine kleine feuchte Stelle kam, wo er eine der Fährten, die er zu unterſuchen ſchien, wie ich ſpäter ſah, ſehr deutlich und vollſtändig abgedrückt fand, denn hier hielt er, kniete nieder, nahm ſeinen To⸗ mahawk aus dem Gürtel, und verglich die Spur, die er dort traf, mit einer, die er an dieſem angezeigt zu haben 2/ gezeigt 3 ſchien; richtete ſich dann auf ein Mal hoch in die Höh, ſchwang, mir den Rücken zugewendet, die Waffe mit dro⸗ hender Gebehrden nach der Richtung des Hauſes hier hin, und verließ jetzt den Pfad, von wo aus er rechts, gerade über den erſten niederen Hügel hinweg, in den Wald hineinſchritt.“ „Und die Spur?“ frug Johnſon dringend. „War die Euere,“ ſagte Weſton,„ſobald der ver⸗ dammte Wilde über die Anhöhe verſchwunden war, ſprang ich ſchnell hinter meinem Verſteck hervor, und ſah nach der Fährte— Euer rechter Schuh ſo ſchön und ſauber ab⸗ gedruckt in dem weichen Schlamm, als ob die Form dazu ganz beſonders für Eueren Fuß gemacht wäre.“ „Seid Ihr denn dem Indianer nicht weiter nachge⸗ gangen?“ frug Cotton, während Johnſon in tiefen Sinnen im Zimmer auf und abſchritt, mit dem Fuße ſtampfte und ingrimmig dazu mit den Zähnen knirſchte.“ „Gewiß bin ich!“ erwiederte Weſton und Johnſon frug, ſtehen bleibend, ſchnell— „Was wurde aus ihm?“ „Erſt traut' ich dem Frieden nicht ſo recht,“ ſagte Weſton,„denn aufrichtig geſtanden, hätte ich mich nicht gern von der Rothaut in ihren eigenen Fährten erwiſchen 2⁵ laſſen; bis auf den Hügel zu ſteigen, konnte ich mir aber nicht verſagen, da ich weiß, daß man von dort aus die ganze lange Schlucht, bis unten zu dem Green⸗ briardickicht, hinabſehen kann. Ich ſchlich alſo ſo leiſe wie möglich bis auf den Gipfel, denn wie leicht konnte das rothe Scalpirmeſſer irgendwo dort oben geblieben ſein. Da war er aber nicht, und ſchon wollte ich mich zurückziehen, indem ich vermuthete, er hätte ſich viel⸗ leicht durch eine der Seitenſchluchteu wieder dem Fourche la fave zugewandt, oder ſei auch durch das Kieferndickicht, auf dem Kamm des gegenüberliegenden Hügels, nach dem oberen Gebirgsrücken zugegangen, als ich plötzlich, tief unten in der Schlucht, wo es ſchon anfing dunkel zu werden, einen Feuerſtrahl zu erblicken glaubte. Gleich darauf war Alles wieder finſter, doch nach einer kleinen Weile ſah ich den Schein auf's Neue, und konnte jetzt nicht mehr verkennen, daß es der Indianer war, der dort unten ſein Feuer anzündete, um wahrſcheinlich die Nacht da zu lagern.“ „Und wo iſt die Stelle?“ frug Johnſon raſch. „Kennt ihr den Platz, gleich dießſeits des Green⸗ briardickichts,“ beſchrieb ihm Weſton,„da wo die vie⸗ len Kiefern bei dem letzten Hurricane den Berg herunter geſtürzt ſind?“ 26 „Etwa in der Gegend, wo wir die wilde Katze aus der kleinen Ulme herausſchoſſen?“ b „Gerade da,“ rief Weſton ſchnell,„ſo viel ich er⸗ kennen konnte, muß er ganz genan in jenem Bezirk lagern—“ „Dann wird er ſich keinen andern Platz gewählt haben, als unter dem etwas vorſpringenden Felſen, wo er vor dem Thau wie vor einem Gewitterſchauer hinläng⸗ lich geſchützt iſt,„ziſchte Johnſon hinter den faſt zuſam⸗ mengebiſſenen Zähnen hervor, während er die Büchſe über ſeinem Bett, wo ſie fortwährend hing, herunter⸗ nahm und nach der Pfanne und dem Stein ſah—“ „Was wollt Ihr thun?“ frug Cotton beſtürzt. „Dem verdammten rothen Spion die Witterung le⸗ gen,“ knirſchte Jener. „Unſinn Johnſon,“ rief Cotton ärgerlich—„Ihr werdet uns noch die ganze Nachbarſchaft auf den Hals hetzen. Was, zum Teufel, ſchiert es Euch denn, ob die rothe Beſtie die Länge von Eueren Sohlen weiß oder nicht; ſo lange unſer Einer den Schuh im Schlamm abdrückt, hat es keine Noth, und er kann ſich ruhig nachſpüren laſſen, mit Hufeiſen iſt's etwas anderes—“ „Das verſteht Ihr nicht,“ ſagte Johnſon finſter, „es iſt nicht das erſte Maaß, was der Hund von mei⸗ — ᷣ —————— 27 nem Fuß nimmt, ich weiß von ſicheren Leuten, daß das auch ſchon bei anderen Gelegenheiten geſchehen. Jetzt unterliegt es keinem Zweifel mehr, er iſt auf der rechten Fährte und— das Schlimmſte bei der Sathe— er weiß es— darum muß er ſterben.“ „Verdammt will ich ſein, wenn ich Euch verſtehe;“ brummte Cotton, die Scheite im Kamin mit dem Fuß zuſammenſtoßend,„iſt die Sache nicht ſehr dringend, ſo würde ich Euch rathen, es noch ſo lange aufzuſchieben bis n „Mich die Regulatoren am Kragen haben, und an die nächſte Eiche hängen?“ nicht wahr Ihr Ueberklug? „nein— für mich giebt es jetzt keine Sicherheit, ſo lange 1 die Rothhaut lebt, alſo fort mit ihr—“ „Ich möchte wiſſen, was Ihr mit der Rothhaut habt?“ wandte Cotton noch immer unwirſch, ein—“ als die— die— Geſchichte da— mit der Squaw vor⸗ fiel, wart Ihr doch ſchon, wer weiß wie viele Meilen auf der Straße hin, und auf Euch kann alſo weniger, als auf irgend einen andern Menſchen in ganz Arkanſas Verdacht fallen; und was die Pferde— „Ich ſage Euch aber,“ rief Johnſon, jetzt zum Aeußerſten getrieben—„Pferde haben hierbei gar Nichts 44 28. zu thun, und— doch was hilft es mir, Euch den Brei noch einmal vorzukneten—“ „A— h,— ſ— o—“ ſagte jetzt Cotton, über⸗ raſcht ſtehen bleibend, als ob ein neuer Gedanke in ihm aufdämmere,„weht der Wind aus der Richtung— alſo bei dem Geſchäft—“ „O geht zum Teufel mit Eueren Vermuthungen,“ brummte Johnſon,„wenn's nnr erſt vollkommen dun⸗ kel wäre— der Boden brennt mir hier unter den Füßen.“ „Ja, ja,“— fuhr Cotton ohne die rauhe Anrede zu achten, ſinnend fort—„ſteht die Sache ſo, dann möchte ich freilich ſelber zu einem freundlichen Ausweg rathen; aber warum habt Ihr mir denn nie ein Wort davon geſagt, Ich hätt' Euch doch wahrhaftig nicht ver⸗ rathen.“ „Von was redet Ihr denn eigentlich,“ frug Weſton jetzt ganz erſtaunt,„ich werde ja aus Eueren Wiſchwaſch gar nicht klug, was ſoll denn die ewige Geheimnißkrä⸗ 4 N merei?“ „Ja, jetzt wär's Zeit Geſchichten zu erzählen,“ hohn⸗ lachte Johnſon,„nein, ich breche auf, ich halt' es hier nicht länger aus.“. „Johnſon,“ ſagte Cotton,„die Büchſe gefällt mir nicht;— der Knall— mitten in der. Nacht, man hört es 4 A&△ zu weit, und wozu der unnütze Lärm; ich habe die Pfeile zurecht gemacht von denen wir neulich ſprachen. Könnt Ihr mit dem Bogen umgehen. „Wie ein Indianer,“ erwiederte Johnſon,„ich habe ja ſieben Jahr zwiſchen den Shawaneſen gelebt; aber— Peſt— ich weiß nicht— ein Bogen kommt mir immer wie eine verdammt keunſſcha Waffe vor— da lob⸗ ich mig die Kugel— Gut, probiert wenigſtens einmal die Pfeile,“ ſagte otton, während er die niedere Leiter zu dem oberen taum hinaufſtieg, und gleich darauf mit einem aus zä⸗ hem Hickory verfertigten Bogen, und vier Pfeilen zurück⸗ kehrte.—„So,“ ſagte er, jetzt ſchießt einmal, halt, da iſt eine Kartoffel, sdie will ich hier in die Aſche legen, nun tretet zurück, dort in die Ecke—trefft mir einmal die Kartoffel.“ Johnſon wog den Bogen einen Angenblick lächelnd n der Hand, legte dann den Pfeil auf, zielte wenige Secundet, und gleich darauf zitterte der hölzerne Schaft, der das Ziel vollkommen durchbohrt hatte, in der weichen Erde des Heerdes. „Vortrefflich,“ jubelte Cotton,„ein Meiſterſchuß; trefft den rothen Hallunken auf die Art, und er läuft Euch nicht weit mehr.“ „Es bleibt immer ein unſicheres Schießen,“ ſagte 21 Johnſon, noch halb unſchlüſſig, aber durch den guten Schuß auch wieder gereitzt. „Unſicher? das Gift an der rauhgefeilten Spitze hier, tödtet in fünf Minuten,“ flüſterte der Jäger,„trefft Ihr den Indianer nur damit in den Arm, nur in einen Fin⸗ ger, ſo könnte er dieß Haus nicht mehr erreichen, und wenn er in gerader Richtung ſo ſchnell liefe, wie ihn ſeine Beine trügen.“ 4 „Das Gift tödtet unfehlbar?“ „So wahr ich hoffe, den Fängen der ſchurkiſchen Regulatoren zu entgehen—“... „O laßt den armen Indianer leben,“ bat Weſton, 1 „warum deſſen Blut vergießen, es iſt ja wahrhaftig ſchon genug gefloſſen. Mir wird es ordentlich unheimlich bei Euch, Ihr redet über ein Menſchenleben, als ob es ein Hirſch oder Bär wäre.“ „Jetzt fängt der an, dummes Zeug zu ſchwatzen,“ ſagte 1 ärgerlich Johnſon, indem er die Pfeile immer noch un⸗⸗ ſchlüſſig in der Hand hielt,„kümmert Euch doch um Sachen die Euch angehen, und laßt uns hier zufrieden. 7 Der Indianer ſtirbt!“ „Dann will ich wenigſtens Nichts weiter damit zu thun haben,“ rief Weſton entſchloſſen,„ſein Blut komme * 12 31 über Euch, morgen ziehe ich nach Miſſouri zurück. Ich hatte mich mit Euch zum Pferdehandel verbunden, hier aber iſt nichts als Blut, und immer wieder Blut— mir grauſt's— gute Nacht!—“ Er ſtand auf und wollte das Zimmer verlaſſen. „Halt,“ rief Johnſon, halb beſtürzt, halb drohend vor die Thüre ſpringend, während er die vergifteten Pfeile, ohne jedoch wie es ſchien daran zu denken, dem jungen Mann entgegenhielt—„Ihr wollt uns ver⸗ rathen!“ „Hilfe!“ ſchrie Weſton, entſetzt vor der gefährlichen Wafe zurückſpringend—„Mord!“ „Peſt und Tod,“ rief Cotton ärgerlich, indem er den Was dah mißtrauiſchen Johnſon von der Thür zurückſchob, und ſich ſelbſt zwiſe chen ihn und dem jungen Mann ſtellte,„laßt doch, zum Teufel, die Poſſen.“ „Ich dachte gar nicht an die vergiftete Pfeile,“ ſagte Johnſon—„weshalb aber will Weſton fort?“ „Weil ich bei Atkins eines Theils vermißt werde, und dann auch nicht Zeuge eines neuen Mordes ſein will. Zu glauben, daß ich Euch verrathen wollte, iſt nicht allein ſchlecht, ſondern auch unſinnig. Ich ſtecke überdieß zu tief mit in der Schuld hier, um leicht auf III. 3 3* 32 4 2 Vergebung hoffen zu können, bände mich nicht überdieß mein Schwur.“ „Ihr gedenkt des Schwures noch?“ frug mahnend Johnſon. „Ja,“ hauchte leiſe zuſammenſchaudernd Weſton, „Ihr habt von mir Nichts zu befürchten— ein andermal geht aber vorſichtiger mit ſolchen Waffen um und— laßt ihn leben— Johnſon, laßt ihn leben,“ bat er drin⸗ gend, den Arm des finſteren Mannes ergreifend.„Es kann ja doch vielleicht ohne ſein Blut auch noch Sicher⸗ heit für uns geben. Bedenkt, daß der arme Teufel ſchon ſein Weib—“ „Verdammt will ich ſein, wenn ich das Geſchwätz noch länger mit anhöre,“ rief Johnſon, ärgerlich den jungen Mann von ſich ſchüttelnd—„Geht— fort mit Euch— Ihr könnt uns hier doch Nichts nützen; doch Weſton— gedenket des Schwures, und glaubt nicht wenn Euch auch ſelbſt Gott verziehe, meiner Rache zu entgehen.“ „Spart Euere Drohungen,“ agte Weſton ernſt, „ich bin kein Verräther, will mit Euch aber auch fortan keine Gemeinſchaft haben. Ich kehre morgen früh nach Miſſouri zurück— zu ſolchem Handwerk bin ich ver⸗ dorben—“ „Oder noch zu neu,“ lachte Cotton,„nun Glück zu Weſton, wenn's wirklich Euer Ernſt iſt und— habe ich Glück, ſo komm, ich in ein paar Jahren einmal hinauf nach Miſſouri.“ „Lebt wohl Johnſon,“ ſagte Weſton, dem Ange⸗ redeten die Hand entgegenhaltend—„kein Groll wenig⸗ ſtens beim Scheiden.“ „Lebt wohl,“ erwiederte dieſer mürriſch und halb abgewendet. Der junge Mann verließ das Haus, überſtieg die Fenz, und war im nächſten Augenblick, durch die dichten das kleine Haus umgebenden Büſche, den Augen der bei⸗ den, ihm nachſchauenden Männer entrückt. „Wir hätten ihn doch nicht ſollen ziehen laſſen,“ ſagte Johnſon, jetzt unruhig im Zimmer auf und abge⸗ hend,„ich traue dem Burſchen nicht.“ „Er iſt treu,“ behauptete Cotton—„ich kenne ihn— der verräth Niemanden— da giebt es andere Menſchen denen ich nicht traue.“ „Ihr meint Rowſon?“ ſagte Johnſon, vor ihm ſtehn bleibend. „Ja!“ „Der ſitzt zu tief drinn— wenn Alle ſo ſicher wären—“ „Ja jetzt— laß ihn aber einmal in die Patſche 3* — . kommen, laßt ihn den Strick an der einen, und die Hoff⸗ nung auf Rettung an der andern Seite ſehen, und dann paßt auf was er thut. Oder dann paßt lieber nicht auf, denn in dieſem Falle möchte ich mich eher auf meine Beine, als auf ſeine Ehrlichkeit verlaſſen. Ich traue ihm nicht.“ „Es wird dunkel,“ ſagte Johnſon,„ich will gehen, aber— ich weiß nicht— die Büchſe wäre mir lieber—“ „Ihr ſeid ein Thor,“ rief Cotton,„Ihr ſchießt, zum Henker, eben ſo ſicher mit dem Pfeil als mit der Kugel, und das eine kann Euch vor Entdeckung ſichern, das andere muß Euch verrathen. Wenn man den Leich⸗ nam findet—“ „Bin ich lange fort von hier,“ lachte Johnſon— „glaubt Ihr ich laſſe bei dieſer Regulatorenwirthſchaft meinen Hals in der Schlinge?“ „Aber die neuen Pferde—“ „Mögt Ihr allein beſorgen, morgen ſchon breche ich nach der Inſel auf— dieſe Nacht kann ich meine Hab⸗ ſeligkeit in Ordnung bringen, und mit Tagesgrauen holl ich mir eins von Roberts Pferden, die zwiſchen hier und ſeinem Hauſe weiden. Ehe man den Indianer gefunden hat, bin ich über alle Berge. „Aber Rowſon.“ 4 weiß wohin ich gehe. „Mag nachkommen wenn er Gefahr ſieht— er Wollt Ihr mit?“— Ich habe Atkins verſprochen, die nächſte Sendung befördern zu helfen, und mein Wort will ich halten, muß ich halten, denn mit meiner Kaſſe ſiehts erbärmlich aus. Die letzte Hetze hat verdammt wenig eingebracht. Bin ich damit im Reimen, ſo kann es ſein, daß ich At⸗ kins nach Texas begleite— alſo Ihr wollt doch die Büchſe nehmen?“ „Büchſe und Pfeile,“ ſagte Johnſon. Erſt verſuch ich das Gift, und bin ich mit meinen Schuß nicht ſo recht zufrieden, nun dann mag das Blei nachhelfen. „Glaubt Ihr denn ſicher an ihn hinanſchleichen zu können?“ „Wenn er da lagert, wo ich ihn vermuthe, ja— ſehr ſicher; auf jenen Felſen liegt nicht einmal trockenes Laub, was mich durch ſein Raſcheln verrathen könnte,“ erwiederte Johnſon, die ſchweren Schuhe mit den leichten, geräuſchloſen Moccaſins vertauſchend. „Nun, wenn’'s doch einmal ſein muß, dann trefft ihn wenigſtens ſicher,“ warnte Cotton. „Nur keine Angſt, bin ich ihm erſt einmal in Schuß⸗ ann iſt er mein, übrigens liegt jene Stelle abge⸗ nähe, d wenn er da⸗ legen genug und er müßte laut ſchreien, 36 durch Jemanden herbeilocken wollte. Wo bleibt Ihr in⸗ deſſen?“ „Hier— ich will einen tüchtigen Stew unter der Zeit brauen, daß Ihr bei der Rückkehr etwas Warmes findet. Alſo Heatheott— „O ſchweigt mit der alten Geſchichte, und braut Euer Getränk— das iſt nützlicher.“ „Laßt nicht ſo lange auf Euch warten,“„rief ihm der Jäger noch nach.“ „Das ich mich nicht erſt zu ihm ſetzen werde, könnt' Ihr Euch denken,“ ſagte Jener mürriſch, warf die Thüre hinter ſich zu, und glitt gleich darauf leiſen aber ſchnellen Schrittes, durch die dunkle Waldung hin, dem mäch⸗ ſten Bergkammer zu, von welchem aus Weſton das Feuer des Indianers bemerkt haben wollte. Die Nacht war rabenſchwarz, kein Stern leuchtete an dem, mit finſteren Wetterwolken überzogenen Himmel, und das dumpfe ſchauerliche Rauſchen der mächtigen Wipfel, kündete ſchon den nahenden Sturm. Weit oben aber auf dem Gebirgsrücken, der die Waſſer des Fourche la fave und der Mamelle von einander ſcheidet, ſchrie mit ſcharf gellendem Klagelaut, ein einſamer Wolf ſein Nacht⸗ lied ab, und die Eule antwortete ſpottend aus dem dun⸗ keln Kieferwipfel heraus, in dem ſie vor dem heranrückenden gun 6 37 Unwetter Schutz zu finden hoffte. Thier und Menſch ſuchte ein Obdach, den warmen Kamin oder den dichten Schilfbruch, nur der Mörder mit ſeinen blutigen Ge⸗ danken ſchritt unbekümmert um die immer ſtärker und drohender werdenden Anzeichen einer Windsbraut, Büchſe und Bogen krampfhaft feſt in der geſchloſſenen Hand haltend, ſeine düſtere Bahn entlang, und je toller und wilder die Elemente zu toben begannen, deſto kühner und trotziger blitzte ſein Auge, da er ja gerade hiedurch ſeine größte Sicherheit und faſt vollkommene Gefahr⸗ loſigkeit fand. Denn lagerte der Indianer wirklich an jener Stelle, ſo hatte er bei ſolchem Wetter auf jeden Fall den Schutz des überhängenden Felſens geſucht, der ihn ebenſo vollſtändig gegen den drohenden Regen wie gegen etwa ſtürzende Bäume decken mußte, und dann war es nicht möglich, ſeinen Schritt oder ſein Nahen zu hören; das Rauſchen und Brauſen in den Aeſten und Zweigen der Waldung übertobte Alles. Sein war die Rache, ſobald er nur das Opfer fand. Vorſichtig folgte er dem Lauf der kleinen Schlucht, obgleich er einen näheren Weg nach der ihm wohl⸗ bekannten Stelle hätte einſchlagen können; ſchwer iſt es aber bei Nacht, ohne Sternenlicht gerade Richtung durch den Wald beizubehalten, und ſelbſt der geübte 38 Backwoodsman verſucht es nicht gern ohne dringende Noth. Die Spitzen der vergifteten Pfeile hatte er mit einem wollenen Tuche dicht umwickelt, daß er ſich nicht durch böſen Zufall ſelbſt verwunde, und ſeine Waffen im linken Arm, ſchritt er, vorſichtig mit der Rechten ſeine Bahn fühlend, höher und höher hinauf, bis er, an dort hinuntergeſtürtzten Fichten die Gegend erkannte, und nun wußte, wo er ſich befand. Gerade da machte die Schlucht eine Art Ellbogen, und dicht über demſelben war der Stein, unter welchem der Indianer liegen mußte, und zwar dem, ſich von dieſer Seite Nähernden, ſchräg gegenüber. Johnſon beſchloß alſo vor allen Dingen erſt zu recognosciren, da Ent⸗ deckung, durch den immer ſtärker heulenden Wind ge⸗ ſchützt, gar nicht mehr zu fürchten war. Jedes un⸗ nöthige Geräuſch jedoch vermeidend, kroch er unter den kreutzweis über die Schlucht hingeſtürzten Stämmen durch, ließ da, wo er ſie augenblicklich wieder finden konnte, ſeine Büchſe, um von den vielen Waffen im Hinanſchleichen nicht gehindert zu werden, und glitt, einer Schlange gleich, der Ecke zu, die ihn bis jetzt noch von ſeinem Opfer trennte. „Triumph! ſein Herz ſchlug faſt hörbar— dort— am Feuer hingeſtreckt, lag der rothe Sohn der Wälder, 39 die Gefahr nicht ahnend, die ihn mit Gift und Blei be⸗ drohte; die Waffen ruhten an ſeiner Seite, und auf den rechten Arm geſtützt, ſchaute er ſinnend in die unſ ſtif flackernde Gluth. Johnſon hob ſich, den Bogen in ſtarker Hand faſſend, convulſiviſch empor, und blickte forſchend hinüber, um die Stelle zu beſtimmen, in die er den tödtlichen Pfeil ſenden ſollte, denn die Entfer⸗ nung zwiſchen ihm und ſeinem Opfer betrug kaum zehn Schritt. Hier aber fand ſich ein neues Hinderniß; die aufgeſpannte Decke des Indianers, die dieſer an der Windſeite angebracht hatte, um auch gegen den etwa ſchräg hereinſchlagenden Regen geſchützt zu ſein, verbarg den größten Theil ſeines Körpers, ſo daß von dieſem eigentlich nur der vordere Theil des Kopfes mit dem rechten Arm vollkommen ſichtbar war, während die übrige Geſtalt unter dem wollenen Schutzdach verdeckt lag. Zwar konnte Johnſon genau die Stelle beſtimmen, wo er den Indianer treffen mußte, und er würde auch, hätte er die Büchſe ſtatt den Pfeilen bei ſich gehabt, keinen Augenblick länger gezögert haben, ſo aber ſtieg plötzlich die ſonderbare Idee in ihm auf, die Wolle könne, 1 wenn nicht den Pfeil aufhalten, doch falſch lenken oder gar dem Gift ſeine Kraft nehmen; kurz, er ſcheute ſich, auf dieſe Art einen Schuß ins Ungewiſſe zu thun. 5 40 Dazu kam noch eine nicht unterdrückbare Furcht vor der kräftigen Geſtalt ſeines Feindes, den er zum Aeußer⸗ ſten entſchloſſen wußte, und der, wenn blos verwundet, dennoch vielleicht ſoviel Kraft behalten hätte, ihn einzu⸗ holen und des Tomahawks Schärfe an ſeinem Schädel zu verſuchen. Wie übrigens die Decke geſpannt war, ſo brauchte es höchſtens zwanzig Schritte zur rechten, gerade bis hinter die ſtattliche Ulme, die am Abhang des Hügels ſtand, hinan zu kriechen, dann bot ſich ihm die Bruſt des Lagernden zum breiten unfehlbaren Ziel, und von da aus konnte der Pfeil ſeine tödtliche Wirkung nicht verfehlen. Der erſte Blitz zuckte jetzt durch den wilden Sturm daher, und warf ſein bleiches, geiſterhaftes Licht über die Landſchaft. Schaurig, wie Hülfe ſuchend, ſchlugen und wehten in ſeinem grellen Schein die gigantiſchen Bäume mit ihren Rieſenarmen, der nächſte Moment hüllte aber wieder in noch viel undurchdringlichere Nacht den Schauplatz des Orkanes. Da hob ſich Johnſon em⸗ por, um ſchnell die erſehnte Stelle zu erreichen und die That zu vollenden, ein Stein aber glitt unter ſeiner rechten Hand, mit der er ſich bis jetzt an der vorwach⸗ ſenden Wurzel einer Eiche feſtgehalten, vor, und rollte F. einige Schritte hinab, in den Grund der Schlucht. Re⸗ gungslos blieb er, dicht an den Boden geſchmiegt, lie⸗ gen, um ſeinem Opfer nicht verrathen zu werden, und hob dann nur leiſe den Kopf, die Wirkung zu beobach⸗ ten, die dieſes außergewöhnliche Geräuſch auf den In⸗ dianer hervorgebracht haben könnte. Der Ton war auch dem wachſamen Ohr des Wilden nicht entgangen, und hoch aufhorchte er, und hob den ganzen Kopf über die Decke empor, den von dem Feuer ausgehenden, und ihn umgebenden Lichtkreis zu über⸗ ſehen; Johnſon lag aber im Schatten der Eiche, die etwas höher als wo er ſelbſt ſich befand, aus dem Ab⸗ hang emporſtieg, und der Blick Aſſowaumss ſchweifte über ihm hin. Da erhellte ein noch grellerer Blitz als vorher die Schlucht, und der Mörder bebte ſcheu zurück; aber auch den Indianer ſchien der Strahl geblendet zu haben, denn er preßte die Hand ſchnell gegen die Augen, und ſank dann, ſcheinbar beruhigt, in ſeine frühere Stel⸗ lung zurück. Jener beobachtete ihn noch einen Augenblick, und glitt nun ſchlangengleich, etwa fünf bis ſechs Schritte zurück, wo er, und wenn es Tages⸗Helle geweſen wäre, von ſeinem Opfer nicht mehr hätte geſehen werden kön⸗ nen. Hier klomm er an der rechten Seite bis hinter die 42 Ulme hinan, von der aus er das Lager des Feindes dicht vor ſich hatte, ſpannte, an Ort und Stelle ange⸗ kommen, leiſe den Bogen, legte den tödlichen Schaft darauf, und hob ſich jetzt ſchnell aber vorſichtig zum Schuſſe in die Hböh.— Da— faſt unwillkürlich, entfuht ihm ein Laut des Staunens und Schrecks, denn— die Stelle am Feuer war leer— Aſſowaum verſchwunden. Ehe er jedoch nur einen Gedanken faſſen, nur ein Glied rühren konnte, fühlte er eine Hand auf ſeiner Schulter, ſchaute— entſetzt zurückfahrend, in das wild drohende Angeſicht ſeines Feindes, ſah den Arm des rothen Kriegers erhoben— der Tomahawk blitzte im Schein des von unten heraufflammenden Feuers, und von der flachen Seite der gefährlichen Waffe getroffen, brach er betäubt und lautlos zuſammen. Schrecklich war ſein Erwachen, durch die ſchwanken⸗ den Baumwipfel praſſelten und ziſchten die ſchwefelgelben Strahlen, laut ſchmetternd brach der Donner hinter drein, und die Schleußen des Himmels ſchienen geöffnet — die ganze Natur in Aufruhr; aber gefeſſelt und ge⸗ knebelt, daß er kein Glied rühren, keinen Laut ausſtoßen konnte, lag der ertappte Verbrecher an der Wurzel eines Hickoryſtammes angebunden, allein zurückgelaſſen im To⸗ ben der zürnenden Elemente. Vergebens rang er mit der 84 Kraft der Verzweiflung, ſeine Bande zu ſprengen, oder wenigſtens einen Arm aus den ſeine Sehnen faſt zer⸗ ſchneidenden Stricken zu befreien, vergebens dehnte er die Glieder, daß das Blut unter dem ſcharfen ledernen Riemen, der ihn umſchlungen hielt, hervorſpritzte; ſein Sieger verſtand die Kunſt einen Knoten zu ſchürzen, eine Bande unzerreißbar zu machen. Matt, erſchöpft mußte er endlich in ſeinen faſt wahnſinnigen Bemühun⸗ gen einhalten, und blieb nun keuchend, ja beſinnungs⸗ los liegen. Der Sturm hatte nachgelaſſen; von den Blättern ſtrömte aber noch immer das Waſſer wie im ſtärkſten Regen herunter, der Wind ſcheuchte die dunkelen Wol⸗ kenmaſſen vor ſich her, und die helle Mondesſcheibe ſandte hie und da, durch auseinandergeriſſene Dunſt⸗ ſchleier, ihr bleiches, ſilberhelles Licht auf die Erde nieder.— Johnſon war eben aus ſeiner zweiten Ohnmacht er⸗ wacht— Fieberfroſt ſchüttelte ſeine Glieder, und zum erſten Mal drang ſich ihm jetzt der entſetzliche Gedanke auf, daß ihn der Indianer hier zurückgelaſſen habe, um nicht wieder zu kehren; daß Cotton, der ſeine Rückkunft⸗ vergebens erwartet, flüchten würde, und er hier langſam verhungern müſſe, wenn nicht ein mitleidiger Wolf ſeinem elenden Daſein früher ein Ende mache. Er konnte ihre ſchrillen Laute ſchon von den nahen Bergen herüber hören— ſie ſammelten ſich nach dem Unwetter, um gemeinſam auf Raub auszuziehen, und da, gerade da, wo er ſich jetzt befand, hatte er ihre Spuren oft und oft bemerkt, wie ſie die Schlucht ge⸗ kreutzt, und von den Gebirgen herunter zu dem Fluſſe gezogen waren. Allmächtiger Gott, ſollte er auf ſo ſchreckliche Weiſe umkommen?— das Geheul kam näher— der Wolf wittert ſeine Beute auf viele Meilen Entfernung. Wieder ſtemmte ſich der Elende gegen ſeine feſten Banden, wie⸗ der knirſchte er in den Knebel, und ſtrengte ſich an, bis ihm das Blut die Adern zu zerſprengen drohte. Die Verzweiflung gab ihm Rieſenkräfte, aber er konnte des Indianers Feſſeln nicht brechen.— Da lag er plötzlich ſo ſtill und ſtarr wie aus Stein gehauen— wohin lauſchte ſo ängſtlich und hoffend ſein Ohr?— weßhalb heftete ſich ſein Blick ſo ſtier und feſt auf jenen dunkelen Waldſtreifen— die Schlucht hinab? Dort heulten die Wölfe nicht, ihr Geſchrei tönte von einer anderen Ge⸗ gend zu ihm herüber. Nein— die Wölfe waren das nicht, aber einen 45 Ruf hatte er vernommen, einen bekannten freundlichen Ruf.— Es war die Nachahmung der Eule, das Zeichen unter den Verbündeten— es mußte Atkins oder Cot⸗ ton ſein— vielleicht Beide— ſie kamen ihn zu retten, und hier— hier lag er, gefeſſelt und geknebelt, ver⸗ mochte kein Glied zu rühren, keinen Ton zu antworten, um die Stelle zu bezeichnen, auf der er ſchmachtete. Aber näher und näher kam die Stimme, lauter und dringen⸗ der wurden die Aufforderungen des Suchenden; jetzt ſchritt er am oberen Ende der Schlucht heran— John⸗ ſon konnte die Umriſſe ſeiner Geſtalt auf dem dunkleren Hintergrund deutlich erkennen; wieder tönte der Eulen⸗ ruf lauter und dringender, erſt drei, jetzt viermal; der Gefangene wand und krümmte ſich wie ein Wurm— der Bande aber und dem Knebel entwand er ſich nicht. Endlich— endlich ſchollen die Tritte näher; der Suchende hatte die Schlucht durchkreutzt— er kannte die Stelle, wo der Indianer gelegen, und umging ſie— er mußte jetzt an dem Freund vorbei— dicht vorbei⸗ kommen.— Wieder tönte der Ruf, und lauſchend, mit vorgebeugtem Körper horchte der Jäger. Johnſon verſuchte das Aeußerſte, nur das Laub mit dem Fuß raſcheln zu machen— den jungen Stamm zu ſchütteln, an dem er hing— vergebens. Der Wind rauſchte 46 und wehte noch in den Zweigen, und das Laub war feucht und weich, der Fuß, der ſich krampfhaft hinein wühlte, blieb unhörbar.— Da kam die Geſtalt heran— es war Cotton— Johnſon konnte deutlich den Hut erkennen, den er auf dem Kopfe trug— konnte den helleren Schein ſeines bleichen Angeſichts ſehen, er kam gerade auf ihn zu— noch zwanzig Schritte in der Richtung fort, und er mußte auf ſeinen Körper treten. Da hielt er— wieder tönte der Ruf, und überallhin wandte der Suchende den Blick; aber er hoffte nicht, den Freund zu ſehen, er lauſchte blos hinein in die Nacht, ob er die antwor⸗ tende Stimme nicht hören würde, ſein Auge glitt faſt bewußtlos, und ohne alle Theilnahme über die Formen hin, die ſich ihm boten, nur manchmal warf er einen ſcheuen, ängſtlichen Blick in die Schlucht hinunter, wo er wahrſcheinlich den Leichnam des Indianers ver⸗ muthete. Da wandte er ſich um— er ſchien ſeinen Plan ge⸗ ändert zu haben— horchte noch einmal hinaus in den rauſchenden Wald, ob wielleicht jener winſelnde Schrei der Wölfe der erwartete Eulenruf ſei, und glitt dann, als er ſich wiederum getäuſcht ſah, ſchnell und lautlos in das nächſte Dickicht. Es war vorbei— keine Ausſicht mehr auf Rettung, und zerknirſcht und elend ſank der Gefangene in ſich ſelbſt zuſammen. Er achtete nicht weiter auf das Geheul der wilden Beßlen, der Tod war ihm gleichgültig, wenn nicht erwünſcht, und nur noch einen Blick des Trotzes, und der ohnmächtigen Wuth warf er hinauf zu dem klaren, jetzt hell und golden über ihm ausgeſpannten Sternenhimmel, und ſchloß dann die Augen, als wenn er mit dieſem Blick von dem Leben wie von jeder Hofſ⸗ nung Abſchied genommen hätte. Cap. III. Rowſon bei Roberts.— Die Truthahnjagd.— Ellen und Marion. Das Mittageſſen war beendet, die Geſchirre auf⸗ gewaſchen und fortgeſtellt, und vor dem Eingang der kleinen Wohnung ſaßen im traulichen Kreiſe die Freunde, und plauderten von dieſem und jenem. Rowſon hatte dabei ſeinen Stuhl neben Madam Roberts und ihr liebliches Töchterchen gerückt, und hielt die Hand der Braut in ſeiner eigenen, während Harper an Ellens, und Bahrens an des alten Roberts Seite Platz genom⸗ men. Nach welchen verſchiedenen Richtungen das Ge⸗ ſpräch aber auch immer hinüber und herüber kreutzte, auf den Eheſtand kam es ſtets wieder zurück, und Harper war nun ſchon zum dritten Mal gefragt worden, warum en ——— er ſich nicht auch nach einer Frau umſehe, die ihm ſeine alten Tage verſüßen könne. „Und das Sterben erleichtern, nicht wahr?“ lachte Harper ſtill in ſich hinein. „Im gewiſſen Sinne— ja—“ ſagte Madame Roberts,„ſonſt möchte das aber kein Hauptzweck ſein, auf jeden Fall der letzte; übrigens weiß ich nicht recht, was Sie damit meinen.“ „Nun, ſie erzählen ſich da in Teneſſee ſo eine Ge⸗ ſchichte,“ meinte der kleine Mann,„da hat's die Frau wirklich gethan, aber— ob ich hier—“ 1„Heraus damit,“ rief Bahrens—„hier ſind zwei angehende Frauen, die vielleicht etwas lernen können.“ „Ob das aber ihren Ehemännern zu Nutz und Frommen gereichte“— erwiederte Harper kopfſchüttelnd. Sie machen mich wirklich neugierig, Mr. Harper,“ ſagte Madame Roberts—„dürfen denn die Mäd⸗ chen—“ 4 „Es iſt eine ganz harmloſe Geſchichte und daſſiet” dem Richter in Randolph—“ *„Alſo doch paſſirt—“ „O verſteht ſich— der arme Mann war ſehr krank geworden, hatte wohl eine Bruſtentzündung oder etwas derartiges bekommen, und da ſie ihn fortwährend nur * 50 mit Calomel und Ricinusöl gedoctert, ſo wurde er mit jedem Tage ſchwächer und elender, ſo daß ihn die Aerzte (die paar Quackſalber, die ſich dort in der Nähe herum⸗ trieben) aufgaben und das Todesurtheil über ihn aus⸗ ſprachen. Seine Frau blieb bis zuletzt bei ihm; der arme Teufel ſoll ſich aber fürchterlich gequält haben, und man erzählte ſich, daß er gar nicht hätte ſterben können, da er wohl noch irgend etwas auf dem Gewiſſen gehabt. Endlich war er todt— die Nachbarn wurden herein gerufen, und der Mann am nächſten Tage— es war Sommer und ſehr warm— begraben.“ „Seine ganz untröſtliche Wittwe weinte und klagte in einem fort; endlich frug ſte eine von ihren Nach⸗ Parinnen, wie er denn eigentlich noch geſtorben wäre der arme Mann. „Ach Du lieber Gott, beſte Madame Sewis,“ ſagte da die Trauernde—„das hätten Sie ſehen ſollen, wie ſich die gute Seele gequält hat; er ſtrampelte und zuckte und krümmte ſich und faßte mit beiden Händen in die Decken hinein, daß ich ſie ihm gar nicht wieder auf⸗ machen konnte, und er ſelber wohl auch nicht, denn er mußtr den Krampf hinein bekommen haben, der liebe, brave Mann. Da legte ich ihm leiſe die linke Hand auf den Mund, und hielt ihm mit dem Daumen und Zeige⸗ . * 1 erzählen Sie mit ſo lachendem Munde?“ 51 finger der rechten Hand die Naſe zu, und da ſchlief er ſo ſanft ein, wie ein liebes Engelchen— es war mir ein rechter Troſt, ihn nach all den Schmerzen noch ſo ruhig ſterben zu ſehn.“ „Ja aber mein Gott, da hat ſie ihn ja erſtickt!“ fuhr Madame Roberts erſchrocken von ihrem Stuhl auf. „Erſtickt? o nein,“ lächelte Harper,„ihm nur„das Sterben erleichtert“. Es wurde freilich auch ſpäter in der Nachbarſchaft Manches davon geſprochen, die Frau zog aber im nächſten Monat nach Kentucky hinauf, und da blieb die Sache liegen.“ „Das iſt ja erſchrecklich!“ ſagte Marion,„und das „Ich dachte mir nur die Gruppe ſo komiſch,“ meinte Harper—„gewiß ein ganz neues Bild ehelicher Zärt⸗ lichkeit.“ 4 „Ach Gott,“ miſchte ſich Roberts in das Geſpräch— „das iſt nun weiter nichts Neues; wie treiben es denn die Dampf⸗Doctoren jetzt in Arkanſas, der lange Hartford, der Krämer, der vor vierzehn Tagen bei uns, und damals bei dem Auffinden der Leiche gegenwärtig war, die ſie nachher— Bahrens Ihr wart ja wohl auch Einer von denen.“ „Ja— aber was wolltet Ihr denn von Hartford ſagen?“ 5 „Ja ſo— der kurirt jetzt auf Mord und Tod mit Dampf und Kalomel; bei Lockſmiths hat er in einer Woche zwei Kinder unter die Erde gebracht, und als er vorgeſtern nach Beſtoilles, die jetzt erſt ſeit zwei Mo⸗ naten auf dem Stück Land leben, das ſie Pelter abge⸗ kauft haben, und was Beſtoille viel zu theuer bezahlt—“ „Auf welche Art kuriren denn die Dampfdoctoren?“ frug Ellen,„ich habe ſchon ſo oft davon reden hören, und konnte noch nie erfahren, wie ſie es eigentlich be⸗ treiben.“ „O die ganze Sache wäre ungemein einfach und un⸗ ſchädlich,“ meinte Bahrens, wenn ſie das verd— viele giftige Zeug aus den Medicinen ließen. Der Dampf⸗ doctor ſoll eigentlich nur durch Schwitzen kuriren, und das haben ſie den Indianern abgeſehen.“ „Der Indianer nämlich ſucht in dem Sche vitzen die größte Heilkraft, und wendet es bei allen Krankheiten an. Die Stämme nun, die an Flüſſen leben, graben ſich in den Ufern derſelben wirkliche Schwitzöfen, in die ſie hineinkriechen, und ſich nachher von da an gleich ins kalte Waſſer ſtürzen; wohnen ſie aber im flachen Lande, wo ſie das nicht haben können, ſo bauen ſie ſich von 53 Fellen, oder, wenn ſie mit den Weißen verkehren, von wollenen Decken, ein kleines niederes Zelt, entkleiden ſich, was bei einem Indianer nicht lange dauert, kriechen hinein, und laſſen ſich nun von ihren Freunden heiße Steine, die indeſſen auf einem dicht daneben angezün⸗ deten großen Feuer glühend gemacht ſind, hinein reichen.“ „Das Zelt iſt feſt verhangen, und auf dieſe Steine gießen ſie, aus einem mitgenommenen Gefäße, lang⸗ ſam kaltes Waſſer, das alſo verdunſtet und den ganzen kleinen Raum mit dichten Waſſt erdämpfen anfüllt. „Manche laſſen ſich nachher noch kalt begießen, manche nicht, damit endet jedoch ihre Kur— unſinnige Tänze und Beſchwörungen natürlich ausgenommen, die immer dabei ſein müſſen, aber weiter auch keinen Scha⸗ den thun. Unſere Dampfdoctoren füttern jedoch ihre Kranken noch mit Lobelia*) und anderen ſolch hölliſchen Gewächſen, machen ihnen Getränke aus ſpaniſchem Pfef⸗ fer, daß es ihnen die Seele aus dem Leibe brennen möchte, und ruhen nicht eher, bis die Natur wirklich ſiegt oder untergeht. *) Lobelia, eine Art Giftpflanze, oft„Indianiſcher Ta⸗ bak“ genannt, da ſie die Wilden häufig unter ihren Tabak mengen. 54 „Das weiß ich— mir ſollen ſie nicht zu nahe kommen.“ „Ich glaube wahrhaftig, Bahrens iſt ſelber einmal Dampfdoctor geweſen, er weiß das Alles ſo genau,“ lachte Harper. „Wenn Ihr erſt einmal eine Frau habt, Harper,“ entgegnete ihm Bahrens,„dann braucht Ihr keinen Dampfdoctor mehr— die wird Euch ſchon warm machen.“ „Davor bin ich ſicher— ich wüßte nicht, wie ich eine bekommen ſollte, ich müßt' es denn ſonſt wie mein Bruder machen, der ſich in die Lotterie geſetzt und aus⸗ geſpielt hat.“ „In die Lotterie geſetzt, Mr. Harper? ſich ſelbſt?“ „Nun die Sache war ſehr einfach; er machte 600 Looſe, jedes zu zehn Dollar für Mädchen und Wittwen unter dreißig Jahren— bei der Unterſuchungscommiſſion hätten Sie ſein ſollen— und ſetzte ſich ſelbſt mit den alſo gewonnenen 6000 Dollarn ein.“ „Aber Mr. Harper—“ „Nun wurde er jedoch blos fünfhundert und einige dreißig los, behielt alſo einige ſechzig, und hatte die ſtarke Hoffnung, ſich ſelber wieder zu gewinnen— ja Proſit, ein junges Mädchen, die drei Zeugen gebracht, — 8— daß ſie erſt achtundzwanzig Jahr alt ſei, bekam ihn, und er iſt jetzt glücklicher Familienvater. Hier in Arkanſas möchte es aber ſchwer werden, ſechshundert Looſe anzu⸗ bringen.“ „Nicht wenn Sie im Einſatz ſtänden,“ lächelte Marion—„ich bin feſt überzeugt, die Kandidatinnen kämen von allen Seiten.“ „Und würden Sie auch ein Loos nehmen?“ „Warum nicht“— lachte Roberts—„man ge⸗ winnt ja manchmal etwas, das man nicht gebrauchen kann; ſte hätte Sie ja im günſtigſten Fall an eine gute Freundin verſchenken können; an Ellen zum Beiſpiel— das gilt doch?“— „Ei warum nicht,“ ſagte Harper,„und ich würde noch dazu nur wenig Einwendungen gemacht haben.“ Rowſon hatte indeſſen dem Geſpräche zugehört, und ſich nur ſelten hineingemiſcht, hielt aber in ſeiner Hand einen ausgeſpannten Truthahnflügel als Fächer, und ſcheuchte damit ſeiner Braut die ſie hie und da umſchwär⸗ menden Fliegen und Musquitos fort. Nadame Roberts nahm ebenfalls einen Fächer, denn die Hitze wurde wirklich drückend. „Wir werden ein Gewitter bekommen,“ ſagte Ro⸗ berts, den Rock abwerfend,„die Luft iſt ſo ſonderbar ſchwül— ich muß doch einmal nach dem Thermometer ſehen— apropos Rowſon,“ fuhr er fort, indem er aufſtand und der Thüre des Hauſes zuging—„wißt Ihr, wer die Leute waren, deren Wagen wir noch ſahen, als Ihr oben bei der Salzlecke zu mir kam't? Teneſſeeer — ein früherer Nachbar von mir— Stevenſon, ein prächtiger alter Mann, ich habe mich recht gefreut, ihn wieder zu ſehen; und Marion, die⸗Madchen ſind einmal herangewachſen, die würdeſt Du gar nicht wieder er⸗ kennen.“ „O warum ſind ſie denn da nicht bei uns einge⸗ kehrt?“ frug Mad. Roberts—„man ſieht doch ſo ſel⸗ ten alte Freunde. Kennen Sie Stevenſons auch, Mr. Rowſon?“ „Nicht daß ich mich erinnere,“ erwiderte dieſer, „und ich habe ſonſt ein ziemlich gutes Gedächtniß. Ste⸗ venſon— der Name iſt mir jedenfalls von Teneſſee her bekannt, die Familie ſelbſt aber ſchwerlich.“ 3 „Er war drüben am Arkanſas geweſen, wie der letzte Mord vorgefallen iſt,“ ſagte Roberts, jetzt mit dem Thermometer in der Hand zurückkommend,„und hat den Mörder geſehen— funfzehn Grad— es iſt erſtaun⸗ lich—“ „Das iſt nicht möglich,“ rief Rowſon, ſich vergeſſend. — „O doch— ſehen Sie hier funſzehn— noch über funfzehn Grad,“ entgegnete Roberts, deſſen Aufruf auf den Wärmegrad beziehend, und ihm den Thermometer entgegen haltend. „In der That,“ erwiderte Rowſon,„ſich ſchnell ſammelnd, wie aber konnte er das?“ „Konnte was?“ Ah „Wie kann Mr.Mewfewden Mörder geſehen haben? es wurde ja behauptet, der alte Mann habe ſich ſelbſt erſchoſſen, eben weil man Niemandes Spur entdeckt hatte.“ „Unſinn,“ ſagte Roberts den Kopf ſchüttelnd.„Er ſtand hinter einem Baum, wo die Beiden, in wenigen Schritten nur, an ihm vorbeigekommen ſein ſollen, kaum fünf Minuten früher als der Schuß fiel. Er hat mir zugeſchworen, er wollte den Burſchen unter Tauſenden wieder herauserkennen. Wären Sie nur hundert Schritte weiter oben heraus, und auf die Straße gekommen, ſo mußten ſie am Lager vorbei; es iſt ein prächtiger alter Mann; er würde Ihnen ungemein gefallen haben.“ „Ich zweifle gar nicht daran,“ ſagte Rowſon, „aber—“ „Nun ſagt mir einmal Roberts,“ unterbrach ihn Bahrens—„wie iſt denn das Ding da, was Ihr in 58 der Hand habt und einen Thermoteter nennt, eigentlich eingerichtet, daß Ihr an dem ſehen könnt, ob es warm oder kalt ſei?“ „Nun das Queckſilber ſteigt in der Hitze,“ erwiderte der Gefragte, und fällt, je kälter es wird, deſto mehr in ſich zuſammen! „Und danach richtet ſich das Wetter?“ „Nein der Thermometerrichtet ſich nach dem Wetter—“ „Ihr habt mir aber doch einmal erzählt, in den grü⸗ nen Gebirgen wäre es 1829 nur deshalb ſo unmenſchlich kalt geworden weil ſie kein ſolch Ding oben gehabt hätten.“ „J bewahre,“ lachte Roberts. „Damals war aber eine Kälte,“ rief Harper,„in dem Winter lebte ich am Erieſee in Cleveland und das Queck⸗ ſilber fiel, Gott weiß wie tief unter Null. Ein al⸗ ter Penſylvanier bei dem ich wohnte, behauptete auch es wäre noch tiefer gefallen, wenn der Thermometer nur länger geweſen wäre.“ 0 „Wird ſich Mr. Stevenſon noch einige Tage in dieſer Nachbarſchaft aufhalten?“ frug Rowſon, der bis jetzt in tiefen Gedanken vor ſich niedergeſchaut hatte. „Nein— bewahre! er ſagte ja— ja ſo, Sie ka⸗ men erſt nachher zu mir— nein er geht direkt nach der Gegend in der er ſich niederlaſſen will, an den Fuß der 59 Gebirge. Wie er mir aber verſicherte, gefällt ihm unſer Land hier am Fourche la fave ungemein, und er ſchien gar nicht übel Luſt zu haben gleich hier zu bleiben, ſeine Frau jedoch und ſeine Tochter fürchteten ſich unmenſchlich vor den Pferdedieben, denn da dieſe, wie ſie am Arkan⸗ ſas gehört hatten, wo ſie, wenn ich nicht irre zwei Tage gehalten, und ein paar neue Stiere eingehandelt hatten, denn die alten—“ „Nun deßwegen brauchten ſich die Frauen nicht zu fürchten,“ ſagte Bahrens,„mit der Geſellſchaft werden füͤrch ſagte Bah ſellſch wir ſchon noch fertig werden.“ „Allerdings,“ lächelte Rowſon—„die Leute ma⸗ chen es auch gefährlicher als es wirklich iſt; der Fourche la fave hat einen viel ſchlimmern Namen als er verdient und—“ „Hallo— was haben die Hunde da?“ rief Roberts aufſpringend—„Poppy hat ſchon in einem fort gewin⸗ det, und jetzt gehts durch's Feld, als ob der Böſe da⸗ hinter her hetzte.“ „Es ſind Truthühner Vater,“ ſagte Marion,„Ellen und ich gingen vor Tiſch dort unten herum, und ſahen, gleich am Bach ein ganzes Volk.“ „Ei warum habt Ihr denn das nicht lange geſagt?“ rief Roberts, aufſpringend—„ich habe ſeit acht Ta⸗ gen keinen Truthahn geſchoſſen— geht Ihr mit Bahrens?“ „Gewiß,“ ſagte dieſer, ſeine Büchſe die er ſtets bei ſich führte, aus dem Hauſe holend—„und wenn ich nicht irre, ſo haben ſie die Hunde auch ſchon in den Bäumen.“ „Ja wohl, ich kenne Poppys Stimme; doch jetzt müſſen wir eilen, ſonſt ziehen ſie hinunter in die Niede⸗ rung, und da iſt ſchlecht nachkommen.“ Bahrens bedurfte ebenfalls keiner weiteren Aufmun⸗ terung, und ſchnellen Laufes rannten die beiden Männer auf dem ſchmalen Pfad, der ſich an der Fenz des Mais⸗ feldes niederzog, bis an die Rückſeite deſſelben, wo die Hunde, wild unter den Bäumen umherfahrend, nicht mehr zu wiſſen ſchienen, auf welchem von ihnen die ge⸗ flüchteten Thiere ſaßen. Aber auch die Jäger blickten ſich vergebens nach den Geſuchten um, denn erſtens war das Laub zu dicht und dann hatten ſich die ſchlauen Truthüh⸗ ner ſo feſt an die Aeſte gedrückt, daß, ſie zu entdecken, zur Unmöglichkeit wurde. „Es wird ein alter Gobler(Truthahn) geweſen ſein,“ ſagte Bahrens,„und der iſt doch jetzt nicht beſonders.“ „Nein,“ meinte Roberts,„ich habe hier erſt geſtern vier Hennen zuſammengeſehen, die dieſes Jahr auf keinen 61 Fall brüten können; einen fetteren Braten giebts auf der Welt nicht als eine ſolche Henne in dieſer Jahreszeit.“ „Nun dann müſſen wir uns hinſetzen,“ entgegnete Bahrens—„ruft die Hunde.— Bleibt Ihr hier, und ich will dahinüber auf die kleine Anhöhe gehen. Können wir die Hunde ruhig halten, ſo wird es nicht lange mehr dauern, bis ſich die Hennen wieder melden— lange ſchweigen ſte nicht gern.“ Roberts, vollkommen mit dieſen Vorſichtsmaaßre⸗ geln einverſtanden, rief ſeine Hunde zu ſich, die ſich dicht neben ihm niederlegen mußten, und wohl eine Viertel⸗ ſtunde rührte keiner der Männer ein Glied. Endlich ahmte Bahrens leiſe aber täuſchend den Ruf der Hennen nach, und es dauerte auch nicht lange, ſo antwortete ge⸗ rade aus einem Baume über Roberts heraus, eine andere. Die Hunde ſahen erſt altklug zu ihrem Herrn empor, als ob ſiehätten ſagen wollen—„hörſt Du's da oben?“ und dann wieder in die Bäume, und wurden bald unge⸗ duldig, da ſich noch immer keiner der Jäger rührte; Ro⸗ berts wollte aber abwarten, bis Bahrens ebenfalls einen Vogel zum Schuß hatte, und erſt als mehre von verſchie⸗ denen Gegenden her antworteten, und jener die Büchſe hob, richtete er ſich empor und legte auf ſein Wild an. Die Truthenne war indeſſen von dem Aſt, an wel⸗ chem ſte dicht angeſchmiegt geſeſſen, aufgeſtanden, und ſchaute, eben den langen Nacken nach allen Richtungen hin verdrehend, umher, ob die frühere Gefahr verſchwun⸗ den ſei, da krachte Bahrens Büchſe, faſt in demſelben Augenblicke war aber auch Robert ſchußfertig geworden, und beide Vögel ſtürzten mit ſchwerem Fall, und faſt in einer Secunde von ihrer, gar nicht unbeträchtlichen Höhe hernieder, wo ſie von den Hunden augenblicklich in Em⸗ pfang genommen wurden. Madame Roberts und Harper hatten indeſſen, wäh⸗ rend die beiden Männer dem Wild nachgegangen waren, ein Geſpräch mit dem Methodiſten anzuknüpfen geſucht, und bald von dieſem, bald von jenem begonnen; Row⸗ ſon ſchien aber heute wenig zu ausführlichen Antworten geneigt und überhaupt entſetzlich zerſtreut zu ſein. Beſſer unterhielten ſich während dem die Mädchen, die Arm in Arm vor der kleinen Wohnung umher⸗ gingen, und nicht von ihren künftigen Plänen Geide vermieden wunderbarer Weiſe jede Berührung derſelben) ſondern ihren verlebten Kinder⸗ und Jugendjahren mit⸗ einander plauderten, und ſich all die, zwar längſtvergan⸗ genen, aber immer noch lieben Spiele und Freuden in's Gedächtniß zurückriefen. 63 „Ach liebe Ellen,“ ſagte Marion, indem ſie ſtehen blieb, und der Freundin ſeufzend in's Auge ſchaute, „das waren doch recht ſchöne, ſelige Zeiten, und wir wußten damals noch nicht, was Sorge und Kummer, was Gram und Schmerz ſei; der Uebergang aus die⸗ ſem glücklichen Alter in das reifere Leben iſt auch ſo unmerklich, kommt ſo allmählich, daß man es nicht eher bemerkt, als bis man alle jene ſüßen Tage weit, weit hinter ſich hat, und nun wie vor einem Ab⸗ grund“— ſie hielt plötzlich inne, als ob ſie ſich ſcheue den Satz zu vollenden, und wandte den Kopf ab, daß Ellen die zwei hellen Thautropfen nicht bemerken ſollte, die ihr im Auge perlten. „Warum biſt Du ſo traurig, Marion,“ frug aber ſchmeichelnd die Freundin,„Du ſtehſt doch am Ziel Deiner Wünſche, und ich ſollte denken, die Verbindung mit dem Manne den wir lieben, dürfte uns nicht ſo traurig und wehmüthig ſtimmen, wenn ich auch wohl zugeben will, daß ich mich ſelbſt mit einem gewiſſen Bangen, zu einem ſolchen Schritte entſchließen würde. Haſt Du einen Kummer?“ „Nein, liebe Ellen,“ flüſterte Marion, immer noch das jetzt tränenfeuchte Antlitz abwendend von der Freun⸗ din—„nein— ich bin nur ein thöricht, närriſches III. 5 Kind, und— und ſollte eigentlich recht freudig und mit froher Zuverſicht in die Zukunft ſchauen.— Aber horch— da fielen eben zwei Schüſſe— ſie ſcheinen die Truthühner gefunden zu haben. Nun giebts für uns Beiden noch etwas zu thun heut' Abend,“ fuhr ſie dann, ſich lächelnd zu Ellen wendend, fort, aber auch in dieſer Augen bemerkte ſie Spuren von heimlich vergoſſenen Thränen, und ſagte nun ſchnell und ängſtlich:— „Ach, Ellen, liebe, beſte Ellen, was fehlt denn Dir? ſieh, ich bin ein ſo verzogenes und nur immer mit mir ſelbſt beſchäftigtes Weſen, daß ich es kaum bemerkt, wenigſtens nicht beachtet habe, wie auch Du mir ſo nie⸗ dergeſchlagen und ſtill ſeit einiger Zeit erſcheinſt. Darf ich es wiſſen?“ „Ja!“ ſagte Ellen,“ durch ihre Thränen lächend —„Du ſollſt Alles wiſſen, doch nicht heute— in einigen Tagen erſt, wenn Du ſelbſt ruhiger und mit Dir im Reinen biſt, dann ſollſt Du Alles erfahren; aber,“ fuhr ſie ſchmeichelnd fort—„habe ich Dich erſt einmal zu meiner Vertrauten gemacht, dann muß Du mir auch helfen— ich helfe Dir wieder.“ „Wenn Du könnteſt— liebe Ellen“— „Alſo fehlt Dir doch etwas?“ „Mutter rief mich, wenn ich nicht irre, ich bin gleich wieder bei Dir,“ ſagte Marion, und floh in das Haus; aber keine Mutter hatte gerufen, nur fort wollte ſie aus der Nähe der Freundin, und das Gefühl bekämpfen, das ſie mit kaum widerſtehlicher Gewalt zwang, dem Herzen derſelben Alles— Alles was ſie peinigte und quälte, anzuvertrauen. Sie fühlte, daß ſchon der Ge⸗ danke an den, ach ſo heiß geliebten Mann, Sünde ſei, und ihre Aufgabe war von nun an ſelbſt dieſem zu ent⸗ ſagen, und ganz den Pflichten zu leben, die ihr an der Seite ihres Gatten heilig und theuer ſein mußten. Die Männer kehrten jetzt, mit ihrer Beute beladen, von der Jagd zurück, und das Geſpräch ward wieder allgemein, während die Mädchen jedoch vollauf zu thun hatten, die Truthühner, ehe ſie erkalteten, zu rupfen, was ſelbſt jetzt noch mit bedeutender Schwierigkeit ver⸗ knüpft war, da Beide behaupteten, ſeit langer Zeit kein ſo fettes Wild unter den Händen gehabt zu haben. Rowſon aber hatte indeſſen ebenfalls das, was ihn beunruhigt oder geſtört, abgeſchüttelt, und ſeine ganze ſonſtige Ruhe wiedererlangt; ja, ſchien ſogar an dieſem Abend einmal das ernſte ſtrenge Weſen des orthodoren Prieſters bei Seite legen zu wollen, und zeigte ſich leb⸗ haft, ja ſogar heiter, und mehr als je, ſelbſt in Ma⸗ rions Augen, zu ſeinem Vortheil. Madame Roberts 5* war entzückt, und der alte Roberts nahm Bahrens zweimal bei Seite, und gab ihm im Vertrauen zu ver⸗ ſtehen, er glaube, der Prediger ſei ausgewechſelt; erſt⸗ lich wäre er ſchon nahe an ſechs Stunden im Hauſe, ohne ein einziges Mal zu predigen, und dann habe er eine ſo gewiſſe Ungezwungenheit und Keckheit nicht allein im Ton und Weſen, nein ſogar auch in ſeinen Be⸗ wegungen, wie er ſie früher noch nie an ihm bemerkt hätte. „Er iſt heute Abend eine ganz andere Perſon,“ rief ter nach einer Weile wieder, ſich die Hände reibend, „verdammt, wenns nicht wahr iſt— und merkwürdig hat er ſich verändert— aber ſehr zu ſeinem Vortheil, Bahrens— ſehr zu ſeinem Vortheil.“ Dem Gebete ſollte Roberts aber dennoch nicht ent⸗ gehen, denn vor Schlafengehen hielt Rowſon erſt noch eine ſehr lange, ſalbungsvolle Predigt, der ſich die Männer in Geduld fügen mußten. Am nächſten Morgen wurde nun beim Frühſtück der Plan zu dem heutigen Sonn⸗ und Feſttag entworfen, und Madame Roberts war dafür, ſogleich zuſammen aufzubrechen, ihres künftigen Schwiegersſohnes Woh⸗ nung hübſch einzurichten, dort zu Mittag zu eſſen, und dann den Nachmittag zu dem, von da kaum eine Meile entfernten, Hauſe des Richters hinüber zu reiten. Hierin ſtimmte ihr auch Mr. Rowſon vollkommen bei, bat jedoch die Geſellſchaft, nur noch etwa eine Stunde ſeiner zu harren, da er vorher einen kleinen Weg zu reiten habe, aber in ganz kurzer Zeit zurück ſein würde. „Aber nicht wahr, Mr. Harper und Bahrens, Sie bleiben heute unſere Gäſte?“ frug Mad. Roberts dieſe. —„Nichts da— Madame Bahrens wird nicht zanken, wir müſſen dieſen Tag zuſammen feiern, und ich wollte nur, Mr. Brown wäre auch noch hier; nun das läßt ſich jetzt nicht ändern. Machen Sie alſo, Mr. Row⸗ . ſon, Ihr Geſchäft, was es auch ſein mag, recht ſchnell ab, und Sie ſollen uns, wenn Sie zurückkommen, fertig gerüſtet und bereit finden. Rowſon beſtieg jetzt das, ihm von dem Negerknaben vorgeführte Pferd, winkte noch einen Gruß zurück und trabte, ſchneller als es ſonſt ſeine Art war, wenn er Roberts oder irgend ein anderes Haus der Anſtedlung verließ, die ſchmale Countyſtraße entlang. —— 4 — Cap. IV. Der Hinterhalt. Nachdem Weſton Atkins Wohnung verlaſſen, hatten = 1 8 es ſich die beiden Fremden ſo bequem gemacht, als es die Umſtände erlaubten, und Curtis trat jetzt in die Thüre und ſchaute ſinnend zu den blauſchwarzen Wol⸗ kenmaſſen empor, die ſich im Weſten aufzuthürmen be⸗ gannen. „Sollte mich gar nicht wundern, wenn das Wetter hierherzu käme,“ ſagte Atkins an ſeiner Seite—„ſeht einmal, wie die weißen dünnen Nebelſchleier vorne weg jagen— wenn wir nur keinen Hurricane bekommen; vor ſechs Jahren am Whiteriver ſah's ebenſo aus, und da war nachher der Teufel los.“— „War't Ihr vor ſechs Jahren am Whiteriver?“ frug ihn Cook.— *„Ja— und wohnte etwa zwei Meilen unter⸗ halb der Straße, die von Memphis nach Batesville führt.— „Das muß ja wohl zu der Zeit geweſen ſein, wo ſie den Witchalt hingen, der ſeinen Vater erſchlagen hatte, nicht wahr?“ frug Curtis.— „Später,“ meinte Atkins,„ich kam etwa vier Wo⸗ chen, nachdem er gehangen war.“ „Die Whiteriver Boys übten ſtrenge Gerechtigkeit,“ * lachte Cook—„den Pferdedieb— wie hieß er doch gleich— ließen ſie auch baumeln.“ „Das kann ich ihnen nicht verdenken,“ rief Curtis —„mit Pferdedieben darf kein rechtlicher Kerl Erbar⸗ men haben— das heißt, wenn er ſelbſt Pferde hat, nicht wahr Atkins?“ „Ihr betreibt Euere Gerechtigkeit ſehr eigennützig“— 6 antwortete dieſer ausweichend—„aber— Ihr werdet hungrig ſein, nicht wahr! ich will. Danke— danke“— rief Curtis ihn aufhaltend— 3„wir haben tüchtig zu Mittag gegeſſen, und können recht 1 gut bis zur gehörigen Zeit warten— macht Euch keine 70 Umſtände— Euerer Frau wird jetzt überdieß Nichts an außerordentlichen Mahlzeiten liegen.“ „Nein, allerdings nicht,“ ſagte Atkins,„denn das iſt eine Wirthſchaft da drüben, daß Einem Hören und Sehen vergeht.“ „Iſt das Kind denn noch immer nicht beſſer?“ „Leider nein— man kann es aber auch kaum ver⸗ langen. Mir kommt es ſtets ſchlimm genug vor, wenn ein Kranker einem Doktor in die Fäuſte fällt, hier ſind ihrer aber elf drüber her, und ich baue jetzt ſo feſt auf meines Kindes Conſtitution, daß ich wirklich glaube, ſie können's nicht todtmachen, ſonſt wär' es ſchon lange geſtorben. Ich will aber lieber Licht holen, es fängt an dunkel zu werden. Donnerwetter, wie der Wind draußen pfeift, wir haben doch eigentlich dieſes Jahr einen merkwürdig ſtürmiſchen Frühling.“ Er verließ bei dieſen Worten das Zimmer, und die beiden Regulatoren ſahen ſich im alleinigen Beſitz deſſelben. „Hört Curtis,“ ſagte nach einer kleinen Pauſe Cook zum Freunde,„um Atkins thut mir's leid, daß der auch ſo Einer von den Schuften iſt.“ Sprecht leiſer,“ ermahnte dieſer—„wer zum Henker weiß denn, ob nicht da oben irgend Jemand ver⸗ 71 ſteckt liegt— ja mir auch, beiläufig geſagt; er iſt ſonſt im Ganzen ein recht netter Kerl, und ich habe ihn immer gern leiden mögen. Freilich hat er einen etwas falſchen Blick, das kommt aber wahrſcheinlich von dem vielen „um die Ecke gucken.“ „Es ſoll mich wundern, was ſie mit ihm anfangen werden,“ fuhr Cook nachdenklich fort—„ich hoffe doch nicht, daß ſte ihn hängen— hört Curtis— Schuld an ſeinem Tode möcht ich nicht ſein; Strafe hat er verdient, und ich ſehe recht gut ein, daß wir dem Unweſen ſteuern müſſen, aber hängen— nein— ſchon der Frau und des Kindes wegen nicht.“— „Nun das wäre ein ſauberes Schutzmittel,“ lachte Curtis, dann brauchten ja nur alle Schufte zu heirathen, um ſicher vor dem Strange zu ſein— das dürfte nicht als Hinderniß betrachtet werden— aber leid ſollt' er mir auch thun. Nein, hängen wollen wir ihn nicht, nur—“ „Still, er kommt,“ unterbrach ihn Cook, und der verdachtloſe Wirth trat mit einem aus Wachs und Hirſch⸗ talg gegoſſenen Licht in die Stube, ſetzte es auf den Tiſch, und zündete es mit einem Kienſpahn an. „Das pfeift draußen, als ob es mir das Dach über dem Kopf wegblaſen wollte,“ ſagte er, die Kohlen im 72 Kamin ein wenig aufſtörend;„wenn's der Wind nicht theilt und vertreibt, ſo müſſen wir das Unwetter in zehn Minuten hier haben.“ „Bös für die, die heute draußen ſind,“ ſagte Cur⸗ tis,„das Vieh drängte ſich auch gegen Abend merk⸗ würdig um's Haus herum.“ „Waren viele Leute vom Petite Jeanne bei der Ver⸗ ſammlung?“ frug Atkins. „Nicht beſonders?“ ſagte Cook—„ſie hatten ſich wohl meiſtens darauf verlaſſen, daß ſie es morgen näher haben würden. Ein Fremder aber, ſuchte ihm geſtohlene Pferde—“ „Ein Halbindianer“— erwiderte Atkins—„ja, der war auch hier bei mir, und erkundigte ſich, ich konnte ihm aber leider keine Auskunft geben.“ „Ihr habt gar Nichts von ſeinen Pferden geſehen?“ frug Cook, ihn ſcharf firirend. „Nein— wie ſollte ich,“ erwiederte Atkins er⸗ ſtaunt—„ich bin überhaupt ſeit den letzten vierzehn Tagen nicht aus meiner Fenz herausgekommen, und vor den Häuſern werden die Pferdediebe denn doch wahrhaf⸗ tig die geſtohlenen Thiere nicht vorbeitreiben.“ „Schwerlich,“ lächelte Curtis—„aber was haben denn die Hunde— ſie lärmen ja merkwürdig.“ 73 „Vielleicht noch Einer der Regulatoren, den das nahende Gewitter hier hereintreibt,“ ſagte Cook. „Wahrſcheinlich“— erwiderte Atkins—„ich will doch einmal nachſehen— Ruhe da— ihr Beſtien!— Ruhe!“ Er trat mit dieſen Worten vor die Thür, und Curtis flüſterte Cook zu:„das iſt Stevenſon, paßt auf, der hat aber ſchlechte Zeit gewählt, das Wetter werden wir auf jeden Fall vorüber laſſen müſſen; nun beim Him⸗ mel, die im Schilfbruch werden gute Zeit haben, wenn's an zu toben und ſtürmen fängt; da befinden wir uns doch hier am Behaglichſten.“ „Wiz weit iſt's noch bis zum Fourche la fave?“ 4 überſchrie jetzt draußen eine Stimme das Toben der Hunde. 83„Peſt und Gift,“ murmelte Atkins vor ſich hin, und ſprang von den Stufen herunter, der Fenz zu— „das wäre ja verdammt ſchnell, wenn da ſchon die zweite Sendung käme— Jones hat mir doch geſagt, es 4 würde noch acht Tage dauern—“ *„Er fließt gleich nebenbei,“ ſagte er dann laut zu dem Mann, der, in einen weiten Regenmantel dicht ein⸗ * gehüllt, auf ſeinem Pferde ſaß. „Wer ſeid Ihr— Sir?— Ich heiße Atkins.“ 74 „Hab Ihr gute Weide hier?“ war die leiſe Antwort. „Von woher kommt Ihr? flüſterte Atkins eben ſo leiſe—„ſprecht—“ „Ich bitte um einen Trunk Waſſer.“— „Höll' und 5(Jones ſagte mir doch, es würde noch acht Tage—— 1 „Laßt uns die Pferde ſchnell in Sicherheit ſchaf⸗ fen,“ flüſterte der Fremde—„ich habe meinen Jungen bei ihnen, und es iſt ein fürchterliches Wetter im Anzug.“ „Das Naßwerden wird ihnen Nichts ſchaden—“ erwiderte Atkins— 2 habe Fremde im Haus, und kann jetzt nicht fort— „Aber der Regen würde die Fährten ſo ſchön wieder verwaſchen,“ wandte Jener ein. „Das iſt allerdings wahr— aber— wie viel habt Ihr?“ „Dreie.“ „Dreie nur? Jones ſagte mir von ſieben.“ „Die anderen kommen morgen Abend— wir durf⸗ ten die Fährten nicht zu breit machen.“ „Iſt das der Junge, den ich zum Weiterſchaffen der Thiere hier behalten ſoll?“ Den Jungen? ja ſo— ja— er weiß um Alles.“ oöoöoöo 7⁵ „Kennt er auch den Weg nach dem Miſſiſſippi?“ „Wir kommen eben“— verſchnappte ſich der alte Mann, bemerkte aber noch glücklicher Weiſe zeitig genug ſeinen Fehler, und fuhr, nach kurzem Huſten fort— „von Weſten zwar, der Junge iſt aber auch ſchon oft in der Gegend geweſen. Doch macht fort— die großen Tropfen fangen ſchon an zu fallen.“— „Gut— dann wartet nur einen Augenblick, und ich will denen da drinnen ſagen, Ihr ſähet ſelbſt nach Euerem Pferde oder ſonſt irgend was— hallo— wer iſt das da?“ Ein Mann näherte ſich der Fenz, gab ſich aber gleich darauf als Weſton zu erkennen. „Ach— Ihr kommt mir gelegen, Weſton,“ rief Atkins— hier iſt ein Fremder, der Pferde hat— Ihr wißt ſchon— geht mit ihm hinten herum, und bringt ſie in Sicherheit und kommt nachher herein; ich kann die beiden Regulatoren nicht gut allein laſſen?“ „Regulatoren habt Ihr da drinnen?“ frug der Reiter ſcheinbar erſchrocken. „Es ſind Gäſte, die blos hier übernachten,“ be⸗ ruhigte ihn Atkins—„aber Ihr müßt wahrhaftig war⸗ ten bis das Wetter vorüber iſt— es wird augenblick⸗ lich lospraſſeln. Wenn die Pferde im Bach ſtehen, 76 ſchadet's auch Nichts; Fährten ſollen ſie doch nicht finden.“ „Im Bach?“ ſagte der Fremde,„ſie ſtehen aber nicht im Bach, ich habe ſie oben an der Feldecke.“ „Ei ſo hol Euch der Henker; warum brachtet Ihr ſte denn nicht auf den alten Platz?“— „Es iſt das erſte Mal, daß ich hier bin.“ „Ja dann nehmen wir ſie doch lieber gleich herein,“ rief Atkins ärgerlich—„da oben an der Fenzecke möchte ich nicht gerne morgen früh Pferdehufſpuren haben— der Halbindianer iſt noch in der Nähe. Geht Ihr alſo mit ihm bis an die hintere Thür Weſton, ich will erſt einen Augenblick in's Haus treten, und komme gleich nach.“ „Entſchuldigt, Gentlemen,“ ſagte er dann zu den beiden Regulatoren, als er wieder in's Zimmer kam und die Thüre hinter ſich zuzog;„es iſt ein Fremder ge⸗ kommen, der ſehr eigen zu ſein ſcheint, und ſein Pferd ſelbſt unter Dach und Fach bringen will; er wird gleich hereinkommen. Aber hallo— da bricht das Wetter los— nun wahrhaftig, das tobt nicht übel— der Blitz war ja wahrhaftig ſo blendend, daß man ſein Augenlicht kaum wiederfinden kann.“ „Sonderbar, wie hell er macht,“ ſagte Gurtis du ein kleines, in die Wand gehauenes Fenſter ſchauend— „bei einem ſolchen Blitz kann man die ganzen Felder mit einem Blick überſehen.“ „Wollen ſie ſich nicht an's Kamin ſetzen, Gentlemen,“ bemerkte Atkins etwas unruhig—„es zieht dort, und hier iſt's behaglicher.“ „Warum nicht,“ rief Cook— den Stuhl hinan⸗ ſchiebend, während er ſich niederſetzte, und die Füße oben unter das Kaminbret ſchob—„kommt Curtis— laßt das Wetter draußen brummen, und dankt Gott, daß Ihr Euere eigene Haut trocken wißt.“ „Dafür bin ich auch dankbar,“ lachte Curtis, eine Flaſche aus der Satteltaſche nehmend,„und damit Ihr ſeht wie ich es zu würdigen weiß, ſo wollen wir gleich einmal— Jeſus welch ein Donner— auf den Schreck trinken.— Wo wollt Ihr denn hin Atkins?“ „Ich muß auf einen Augenblick hinüber zu meiner Frau, die Weiber fürchten ſich am Ende, wenn ſie ſo allein ſind. Ich bin gleich wieder hier.“ Er ſchlüpfte ſchnell aus der Thür, und drückte ſie zurück in's Schloß— das heißt in die hölzernen Klinke, die Schloſſes Stelle verſah, und einige Secunden lang blieben die beiden Regulatoren noch laut⸗ und regungslos auf ihren Stühlen ſitzen, dann aber ſprang Cook in N Höhe, und flüſterte leiſe. „Curtis— mir fängt das Herz merkwürdig an zu klopfen— was das für eine Nacht iſt— die Blitze rie⸗ chen ordentlich nach Schwefel; nun die im Schilfbruch draußen werden gehörig eingeweicht.“ „Das läßt ſich nicht ändern,“ erwiderte Curtis überall im Zimmer umherblickend—„alſo da liegen zwei Büch⸗ ſen— über jeder Thüre eine— das iſt vorſichtig.“ Das Beſte wird ſein, wir machen ſie unſchädlich. Selbſt werden wir ſie nicht gebrauchen, und daß Atkins keinen Schaden damit anrichtet,“ fuhr er auf einen Stuhl ſteigend, und erſt die eine, und nachher auf ber anderen Seite die zweite herunternehmend fort,„ſo dent, ü5 ſen wir ihm das Pulver ein Bischen von der Pfanne— So— wahrhaftig beide geladen;— puh— hier auf der liegt Staub. Sonſt noch Waffen?“ „Ich ſehe weiter keine,“ ſagte Cook, überall im Zimmer umherſuchend—„er müßte ſie denn verſteckt haben”— „Viſitirt einmal das Bett— unten— iſt da 3 Nichts?“ „Nein— ich fühle Nichts— aber— ja hier— V 4 wahrhaftig— zwei Piſtolen. O nicht übel, recht hübſch 4* 8 79 9 der Hand, wenn's Noth an Mann gilt. Nun warte Schelm, Dir wollen wir den Spaß ebenfalls verderben — ſo— ihr ſeid auch beſorgt. Jetzt möchte ich ſehn, welches von den vier Schießeiſen am erſten losginge.“ „Seht Euch lieber mit den Piſtolen vor— ſie feuern manchmal doch, und ein einzelner Funke—“ „Ich habe ein wenig Tabaksſaft hineingeſpritzt— bei den Büchſen auch;— und wenn er die Federn ab⸗ ſchnappt, fangen thäte keine.“ Mich ſollte es gar nicht wundern, wenn der Sturm das Dach vom Hauſe riß— hörtet Ihr eben den Baum ſtürzen? Alle Wetter mir fängt es an unheimlich zu werden; ich wollte doch wir hätten eine ruhigere Zeit ab⸗ gexgit Das Herz klopft mir wie ein Schmiedehammer,“ ſagte Cook— ſchnell im Zimmer auf und abgehend— „wir werden den Pfiff durch das Toben draußen gar nicht hören.“ Das bleibt ſich ziemlich gleich; unſern Poſten dürfen wir doch nicht verlaſſen— aber— ich wollte ich könnte etwas ſehen; S'iſt fatal ſo ganz in der Irre und Ungewiß⸗ heit herumzutappen, wenn man weiß, daß indeſſen draußen eine Rotte tüchtiger Burſchen im Hinterhalt liegt, und * guf ihre Beute wartet. Es kommt mir gerade ſo vor, III. 6 .— —————— — T—— 80 als ob man Nachts im Walde lagert, und hört etwas rauſchen, und weiß nicht wo und was es iſt. Oder in einer weiten Höhle mit der Kienfackel, und man hört den Bären winſeln, und kann nicht herausbe⸗ kommen auf welcher Seite er ſteckt. Ich— das muß eingeſchlagen haben, Blitz und Donner war ja faſt zu⸗ ſammen— ich bin einmal in dem Fall geweſen—“ „Hörtet Ihr Nichts?“ „Nein— was ſoll man denn vor dem Toben drau⸗ ßen hören— der arme Stevenſon dauert mich nur, und ſein Junge— na die werden an Arkanſas denken—“ „Iſt denn der Canadienſer mit bei denen im Schilf⸗ bruch, oder haben ſie ihn in den Wald poſtirt?“ „Ei bewahre— der iſt mit bei den Angreifern, und ein tüchtiger Burſche dazu— horcht— war das Nichts?“ „Ich habe Nichts gehört— was die Frauen nur drüben dazu ſagen werden?“ „Mich dauerts, daß das Kind gerade krank ſein muß.“ „Ja das läßt ſich nicht ändern, warum— bei Gott das war der Pfiff— jetzt Cook aufgepaßt— der Tanz beginnt—“ „Kommt ſchnell,“ flüſterte Atkins den, draußen an der Fenz ſeiner harrenden Männern zu—„haben wir es erſt einmal hinter uns, dann iſt's ſo viel beſſer, denn das Wetter vernichtet jede Spur— aber ſtraf mich— Gott wenn es nicht zu arg iſt in ſolchem Regen draußen zu ſein. Jones ſagte mir doch, Ihr kämet erſt in acht Tagen—“ „· zum Donnerwetter, ſpart Euer Geſchwätz bis wir im Trocknen ſind,"brummte, ſich mürriſch ſtellend, der Alte—„iſt das ein Wetter zur Unterhaltung? ich habe weiter Nichts dabei zu thun, als die Thiere ab⸗ zuliefern, und wollte zu Gott, ich hätte es einem Andern überlaſſen, denn ſolchem Regenſturm den Rücken hinzu⸗ halten, das kann Einem den Tod geben.“ „Wo ſtehn die Pferde?“ „Da oben an der Ecke irgendwo— mein Junge iſt bei ihnen, heißt das wenn's den armen Burſchen nicht heruntergewaſchen hat.“ Er ſchob bei dieſen Worten den „Finger zwiſchen die Zähne, und pfiff leiſe aber ſcharf. „Was zum Teufel macht Ihr?“ frug Atkins er⸗ ſchrocken. „Hört Ihrs? da drüben antwortet er“— ſagte der Alte,„er lebt wahrhaftig noch. Wo habt Ihr den Eingang?“ „Gleich da oben— Ihr ſeid nicht weit davon ent⸗ 6* 82 fernt, wenn Ihr aber wieder kommt, ſo reitet etwa hun⸗ dert Schritte weiter aufwärts in den Bach hinein. Seht Ihr dort!“ „Sehen? jetzt bitt ich Einen um Gotteswillen ſe⸗ hen, bei ſolchem Wetter ſehen; keine Hand vor Augen, ausgenommen wenn's blitzt. Doch da iſt der Junge— he Ned— komm hierher; lebſt du noch?“ „Ja Vater,“ flüſterte der junge Mann—„es iſt aber ein entſetzliches Wetter mir grauſt's.“ „Unſinn— werden ſchon wieder trocken werden— komm folge uns. Haben die Thiere ruhig geſtanden?“ „So ziemlich— nur der Rappe ſcheute bei dem Blitzen.“ 5* „Natürlich, welches Vieh ſoll denn auch dabei ruhig ſtehen— aber was macht Ihr? legt Ihr die Fenz nieder?“ „Ja,“ ſagte Atkins,—„ich habe mit Willen hier oben keine Thür— ſondern Futtertröge in der Ecke an⸗ gebracht. Es ſind zu viele Spione in der Nachbarſchaft, und das mindeſte Auffallende erregt gleich Verdacht— So— hier kommt herein— nehmt Euch in Acht, dort liegen noch abgehauene Stämme. Ah— der Blitz kam apropos.“ „Iſt denn der Platz weit von hier, wo Ihr die Pferde laßt?“ —-— 8³ „Keine hundert Schritt mehr— Peſt das war ein Schlag— laßt die Fenz nur liegen bis wir wieder zu⸗ rückkommen; jetzt läuft keines von den Thieren fort— ſie ſtehen alle unter dem Schuppen— ſo— nur mir nach— dieß iſt der Platz.“ In demſelben Augenblick erhellte wiederum ein greller Blitz den ganzen ſie umgebenden Raum, und Stevenſon ſah, daß ſie an einer Fenz ſtanden, über die von der andern Seite abgenagtes Schilf herüberhing. „Wartet einen Augenblick,“ ſagte Atkins jetzt ſchnell, „ich ſchiebe nur die Fenzriegel und die untern Stämme weg— es wird gleich Luft werden.— So, nun hinunter mit den Thieren— dort ſucht ſie keines, und dann in's Söll. und Teufel was Haus— ein warmer Schluck macht Ihr—— Verrath!—“ Er hatte aber wohl Urſache überraſcht zu ſein, denn kaum war der Eingang zu dem geheimen Verſteck geöff⸗ net, als Stevenſon einen lauten ſchrillen Pfiff ertönen ließ. Im nächſten Augenblick erleuchtete ein greller Strahl den Platz mit Tageshelle; der Atkins, von dem Schein halb geblendet umher ſtarrte, ſah eine Maſſe dunkler Geſtalten herbeiſtürmen, und während der Don⸗ ner in mächtigen Schlägen ſchmetternd und krachend am Firmamente hindröhnte, fühlte er wie der räftige Teneſſeeer ———— —c die Hand nach ihm ausſtreckte, und ihn am Kragen er⸗ faſſen wollte. Hier jedoch kam die Dunkelheit, dem mit Grund und Boden genau Vertrauten, ſehr zu ſtatten, denn wie eine Schlange, glitt er unter der drohenden Fauſt hinweg, und Stevenſon erfaßte dafür den Sohn, der ebenfalls herbeigeſprungen war, den Verbrecher zu halten; ein zweiter Blitz verrieth ihnen aber die fliehende Geſtalt des Hehlers, und auch Weſton, den die erſte Ueberraſchung faſt gelähmt hatte, floh der Stelle zu, auf der ſie eben die Umzäunung betreten. Der Platz war übrigens beſetzt, und faſt wäre er zwei anderen Männern in die Hände geſprungen, denen er gerade entgegenlief, als wieder ein Blitz ihm die neue Gefahr verrieth. Schnell wandte er ſich, und ſuchte über die Fenz zu entkommen. Da hörte er auch hier das Zei⸗ chen der Verfolger, und ſah nun, das dieß keine plötz⸗ liche zufällige Entdeckung, ſondern ein verabredeter Ueber⸗ fall ſei, ſah jeden Rettungsweg abgeſchnitten, und hoffte nur noch durch das Haus, oder am Haus und Rauchhaus vorbei, den ſchmalen, faſt ſtets von den Hunden eingenommenen Raum offen zu finden, und hier den Wald, und mit dieſem wenigſtens augenblickliche Sicherheit zu gewinnen. —* ———y—— Eben aber, als er in die Porch ſprang, und zwiſchen den beiden Gebäuden hindurch wollte, hörte er in der Stube zu ſeiner Rechten, wildes Ringen und Fluchen— vor ſich die laute Stimme der zuſammenrückenden Feinde, im Rücken die Verfolger, und ſtürzte ſich nun in der Angſt der Verzweiflung in das Gemach der Frauen, die mit einem Schrei des Entſetzens, der theils der ſo plötzlichen Störung, th eils dem erſchrecklichen Ausſehen des jungen Mannes galt, von ihren Sitzen in die Höhe fuhren. Cap. V. Die Damen⸗Geſellſchaft. Bericht über verſchiedenartige Kin derkrankheiten, zum Troſt der Mutter erzählt. Die Ueber⸗ raſchung. „Oh Madame Mullins, ich möchte Sie bitten, mir noch eine Taſſe Kaffee einzuſchenken,“ ſagte die Wittwe Fulweals, als ſie das ängſtlich ſtöhnende Kind eben wie⸗ der aus der Hängematte genommen hatte, und damit im Zimmer auf und ab lief.„Wie ihm das kleine Köpf⸗ chen glüht,“ rief ſie dann, den Kleinen ſo dicht ans Licht haltend, daß er das fieberheiße Geſichtchen ängſtlich ver⸗ zog und eben in einen neuen Schmerzensſchrei ausbrechen wollte. „Bſcht.— Bäbie*) Bſcht— nicht ſchreien— was *) Kleines Kind— ein Säugling. das Kind für eine Lunge hat, und das iſt nun ſchon die dritte Doſis Calomel, die ich ihm an dieſem geſeg⸗ neten Tage gegeben habe. Bſcht Bäbie— bſcht.“ „Ja,“ ſagte die ältere Miß Heifer, indem ſie ihre kleine kurze Tabakspfeife mit glühender Aſche füllte, und zwiſchen den einzelnen Wörtern den Rauch anzog, um den Tabak zu entzünden—„ja— das kleine Würm⸗ chen— hat uns ſchon— Allen heute— die Arme— lahm gemacht.— Armes Dingelchen— das—“ „Haben Sie noch etwas von dem Tabak, Miß Hei⸗ fer?“ frug Madame Fulweals jetzt, indem ſie zu dem Kamin trat, und aus den Spalten der Querbalken eine eben ſolche, dort aufbewahrte Pfeife zog—„ich habe den ganzen Tag erſt zweie rauchen können, und kann das Kauen nicht vertragen. O Madame Mullins, bitte neh⸗ men Sie das Bäbie indeſſen ein wenig.“ „Warum kauen Sie denn da kein Gumwachs 2) 2⸗ frug Mrs. Smith. *) Eine höͤchſt widerliche Sitte im Weſten von Amerika und vorzüglich in Arkanſas, ein Wachs oder Harz zu kauen, das aus dem ſogenannten Gumbaum fließt und einen eigen⸗ thümlich ſcharfen, aber keineswegs angenehmen Geſchmack hat. Die Hinterwäldler, beſonders aber die Frauen und Kinder, kauen dieſes ſogenannte Gumwachs, bis ſie es müde ſind, und — „Ja, ich hatte mir vorgeſtern Morgen Wachs ge⸗ ſucht,“ ſagte die junge Wittwe,„Betſy wollte es mir aber nicht wieder geben wie ich fortritt. O Gott, wie das Kind ſchreit— wollen Sie denn nicht auch lieber eine Taſſe Kaffee trinken, Mrs. Atkins? es wird Ihnen gut thun.“ „Ich danke, ich danke,“ ſagte dieſe, ängſtlich zum Kind tretend und ihm die eiskalte Hand auf die heiße Stirne legend—„Du lieber Himmel, es wird immer kränker— es ſtirbt mir ſicher dieſe Nacht.“ „O nein, gewiß nicht,“ beruhigte ſie Mrs. Smith —„glauben Sie das ja nicht, Madam Atkins— da hab' ich ganz andere Kinder geſehen— Preſtons Bäbie das hatte die dunkelrothen Flecken auf den kleinen Bäck⸗ chen viel ſchlimmer als Ihr Kleines hier— huſtete auch viel mehr und lebte doch noch fünf Tage.“ „Aber es ſtarb?“ frug ängſtlich die Mutter. „Ja— leider, wir thaten freilich was wir konn⸗ ten für das arme Würmchen— Madame Fulweals da weiß es.— Rothen Pfefferthee hat es bekommen, bis geben es dann einem andern Glied der Familie, das, ohne die mindeſte Scheu oder den geringſten Ekel, die angefangene Arbeit fortſetzt. f— —— 89 es ihn gleich wieder von ſich gab, das arme kleine Ding, ſein Magen war ſo ſchwach, und das Senfpflaſter auf dem Rücken hatte ihm die ganze kleine Haut ſo roth wie Feuer gezogen— es ſtarb aber doch.“ „Und was für ein Engel war das Kind,“ fiel Mrs. Fulweals ein, die ihre Pfeife jetzt zum Brennen gebracht und das Kleine wieder auf den Arm genommen hatte—„ein wahrer Cherub— den Kalomel und das Oel ſchluckte es hinunter, als ob es Syrop geweſen wäre; es ſchlief aber auch ſo ſanft ein— es war eine wahre Freude zuzuſehen.“ „Stewarts Bäbie war auch ein ſüßes Dingelchen, ehe es ſtarb,“ ſagte Mrs. Smith,„das hatte eben ſol⸗ chen Huſten wie dieß hier— ſonderbar wie ſchnell das kommt, Morgens war es noch friſch und geſund, und Abends ſchon bleich und todt— das arme Herzchen.“ „Was kriegt denn das Kind hier für blaue Fleck⸗ chen?“ ſagte Madame Bowitt, ſich zu ihm niederbeugend. „Wo? wo?“ ſchrie die Mutter entſetzt—„was iſt mit den blauen Flecken? ſind die gefährlich?“ ach Gott das Kind ſtirbt mir.“ „Unſinn,“ ſagte Mrs. Fulweals—„blaue Flecken — ich möchte wiſſen, wo blaue Flecken ſein ſollten. Was weiß denn Madame Bowitt von Kinderkrankheiten; — —— 90 das dritte, was ihr ſtarb, war kaum ſechs Monate alt, und alle drei ſind keine acht Tage krank geweſen.“ „Die blauen Flecken ſollen, wie mir einmal ein fremder Doctor verſichert hat— ein ſehr böſes Zeichen ſein,“ piepte die jüngſte Miß Heifer—„Bruder Georges Mädchen bekam ſie, und es fehlte nicht viel, ſo wäre es dieſelbe Nacht geſtorben, ſo aber lebte es doch noch bis zum nächſten Morgen.“ „Bekommt denn das Kind wirklich San Flecken?“ klagte Mrs. Atkins in Todesangſt—„iſt es denn ſchon ſo weit? muß es denn wirklich ſterben?“. 3 „O bewahre,“ ſagte Mrs. Hoſtler—„ſo gefähr⸗ lich iſt es gar nicht— die blauen Flecken machen Nichts — wenn es nur nicht das Pfeifen beim Huſten hätte— mein armes kleines Mädchen, das im vorigen Monate ſtarb, keuchte eben ſo.“ Die Mutter ſetzte ſich in troſtloſem Jammer auf das eine Bett und rang die Hände. „Ladies!“ nahm jetzt Mrs. Kowles, die bis zu dieſem Augenblick ſchweigend ihre Pfeife geraucht hatte, und die Aſche nun auf dem einen Heerdſtein ausklopfte, der den ungeheueren Vorderklotz im Kamin trug— „ich ſehe wirklich nicht ein, warum Sie die arme Mutter ſo ängſtigen— Herr Jeſus der Blitz— iſt mir's doch 91 in alle Nerven gefahren— weder blaue Flecken noch Keuchen und Pfeifen ſind ſo ſichere—“ Sie mußte aufhören zu reden, denn der rollende Donner übertäubte wohl eine Minute lang ſelbſt das Schreien des Kindes—„ſichere Anzeigen,“ fuhr ſie endlich, als ſich der Sturm legte, in ihrer Rede fort— „daß man bei ihnen immer nur auf Tod zu zählen hätte. Bewahre, ich weiß ſelbſt zwei Fälle, wo die Kinder beide Eine wurde blind und das andere biß ein toller Hund, da waren aber die Flecken d davon kamen, das heißt da 4 . nicht daran ſchuld.“ ¹.„Wozu ſich ängſtigen, wenn noch keine Gefahr da iſt.“ „So glauben Sie, daß mein Kind wieder geneſen kann?“ „Warum denn nicht? es hat genug Medicin ge⸗ nommen, um ſechs Kinder geſund zu machen, und wenn es nicht ſo gelb in den Augen ausſähe?“ „Gelb in den Augen?“ frug die auf's Neue ge⸗ quälte Mutter, indem ſie mit dem Licht zu dem Kind ſtürzte—„und was bedeutet das? Madame Fulweals — Sie haben doch Erfahrung; glauben Sie, daß—“ ſte wagte nicht, den Satz zu vollenden, ſondern barg ihr Geſicht in den Händen, und lispelte leiſe:„Das habe 92 — ich verdient— an Ellen verdient— verdient durch mein Mitwiſſen—“ Erſchrocken fuhr ſie empor, ob Niemand die verrätheriſchen Laute gehört habe, und ſank erſt dann wieder in ihre vorige theilnahmloſe Stellung zurück. Da ſchmetterte jener, ſchon zweimal erwähnte furcht⸗ bare Schlag über den Wipfeln des rauſchenden und zitternden Waldes dahin, und die Frauen fuhren entſetzt vor dem zürnenden Sturmgott, der an den Grundveſten der Erde rüttelte, zuſammen. Mehre Seeunden lang herrſchte Todesſchweigen, dann aber flüſterte die jüngſte Miß Heifer leiſe zu der neben ihr ſitzenden Mad. Mullins. „Gerade ein ſolches Wetter als damals, wo Houſton's erſtes Kindchen ſtarb— gerade ſo ein Donner.“ „So ein Gewitter haben wir lange nicht gehabt,“ ſtöhnte Mrs. Fulweals, und zündete ihre Pfeife zum funfzehnten Mal an,„da ſollt es Einem ja faſt im Hauſe angſt und bange werden. Wie mag's nun erſt den Menſchen ſein, die draußen ſind.“ „An was ſtarb denn eigentlich damals Ihr Jüng⸗ ſtes, Madame Mullins?“ frug die älteſte Heifer, die ihren Stuhl zu dieſer hinanrückte. Bei uns wurde be⸗ hauptet, es wären die Blattern geweſen, und wir hatten Alle keine ſehlechte Angſt, das können Sie ſich denken—“ 9 —üÜ „Der Herr ſegne Sie, liebſte Miß Heifer— die Blattern— nein wie die Leute nur ſolch unſinniges Zeug ſchwatzen können— Blattern! Das ſüße Dingel⸗ chen hatte weiter Nichts als eine ſchwache Ruhr, und ich weiß jetzt noch nicht, wovon es die kann bekommen haben. In der ganzen Zeit hat es weiter Nichts als ein paar grüne Pfirſiche und Pflaumen, die die Kinder jedesmal im Sommer eſſen, zu ſich genommen, und die ſind doch ſicherlich nicht daran Schuld geweſen.“ War denn Jemand von Ihnen dabei, als Mrs. 4 Carlton's Anna ſtarb?“ frug Mrs. Fulweals. „Ich war dort,“ ſagte Mrs. Smith—„und ich will der Mrs. Carlton nichts Böſes nachreden, ſo viel weiß ich aber, eine Taſſe Kaffee gehört ſich, wenn man die ganze Nacht aufſitzt, und das Bischen Tabak hätte ſie auch nicht arm gemacht—“ Damals war ja wohl gerade der Doctor von Little Rock hier oben, nicht wahr Mrs. Fulweals?“ frug Mrs. Curneales—„konnte der ihm nicht helfen?“ „Der Doctor? nun ich möchte nur wiſſen, worin der klüger ſein ſollte, als wir hier oben,“ bemerkte Mrs. Fulweals etwas ſehr ſchnippiſch—„beſonders was Kin⸗ derkrankheiten anbetrifft.— Der kommt mit ſeinen paar lateiniſchen Brocken, und giebt der Sache einen anderen ——— —————f 94 Namen, und das iſt Alles— bringt Wörter heraus, die anderen ehrlichen Leuten die Zunge im Munde ver⸗ drehen und— nein wie das blitzt heute Abend— und ſie ſterben nachher doch.“ „Das kleine Würmchen,“ fuhr ſie ganz in ihrem Element fort, als ſie ſah, daß ihr die Anderen andächtig zuhorchten—„das kleine Würmchen hutt' ich ſchon halb gerettet; freilich war es noch ſehr matt und die Beinchen wurden ihm kalt, und es wollte Nichts, was wir ihm gaben, bei ſich behalten, den beſten Calomel warfs wieder aus—„Indian Phyſik“ konnt' es nicht riechen, und Lobelia nicht mehr ſehen, ſonſt war es ſchon wieder ganz auf der Beſſerung, der Doctor hatte das Haus aber noch keine halbe Stunde betreten, ſo lag's auf der Seite, ſtrampelte noch einmal mit den kleinen Beinchen, jappte nach Luft und war weg. Mir ſollte ſo ein Doctor— was giebts denn?“ Mrs. Atkins war emporgeſprungen und horchte auf⸗ merkſam nach außen hin—„was war es?“ habt Ihr was geſehn?“ frug die Rednerin erſchrocken. „Nein— geſehen Nichts— aber— habt Ihr das Pfeifen gehört?— da draußen im Hof?“ „Ja— mir war's ſo,“ ſagte Mrs. Mullins— 2½ „das Wetter tobt aber ſo arg, man kann Nichts deut⸗ lich unterſcheiden?“ „Rief nicht da draußen Jemand?“ frug Mrs. At⸗ kins— bleich und erſchrocken ihr Ohr an die Spalten der Hütte haltend. „J Gott bewahre,“ brummte Mrs. Fulweals,„wer ſollte in ſolchem Wetter draußen ſein— ja— was ich ſagen wollte— mir ſollte ſo ein Doctor über die Schwelle kommen, mit ſeinem Bischen von dieſem und ſeinem Bischen von dem und— Jeſus im Himmel!“ Der Ausruf galt jedoch dießmal keiner bloßen Ein⸗ dung, und mit ihr ſprangen alle Frauen entſetzt und geängſtigt in die Höhe, denn aufflog die Thüre und herein ſtürzte— Todesfurcht und Grauen im Blick, mit fliegenden, naſſen Haaren und ſtieren Augen, der junge Weſton— während er mit Furcht erſtickter Stimme ſchrie: „Verbergt mich oder ich bin verloren,“ dann brach er, ſchon halb bewußtlos, aber noch mit einem ge⸗ wiſſen Inſtinkt den ſicherſten und verſteckteſten Winkel der Stube in einem Sprunge erreichend, hinter dem Bette zuſammen, das ziemlich die eine Ecke ausfüllte. „Um Gotteswillen— Weſton— was iſt vor⸗ gefallen?“ hauchte in Todesangſt Mrs. Atkins. Jener behielt aber keine Zeit zum Antworten, denn in dieſem III. 3* 7 96 Augenblick, ſchon ſprang die dunkele Geſtalt des Halb⸗ indianers in die offene Thür, und mit rauher Stimme rief er aus:* „Hier herein muß er ſein— wo iſt er?“ „Wo iſt wer?“ ſagte Madame Fulweales die, mit Cotton und Weſton vertraut, halb und halb begriff, was geſchehen, und alſo auch am erſten ihre Geiſtesgegenwart wieder gewonnen hatte.„Wo iſt wer? iſt das eine Manier, in fremder Leute Häuſer zu kommen, und noch dazu in ein Zimmer, wo Ladies und Kranke ſind?— wo iſt wer? was ſteht der Herr da und gafft— der Wind bläſt das Licht aus— drüben wohnen die Leute!“.+ und ohne weiter den verdutzten und durch dieſe trotzige „Begegnung überraſchten Canadienſer weiter zu Worte kom⸗ F men zu laſſen, ſchob ſte ihn von der Thüre zurück und 3 — warf dieſe ins Schloß. „So!“ ſagte ſie, als ſie den kleinen eiſernen Riegel vorſchob, der an dieſer Thür— ein wahrer Luxusartikel in Arkanſas— angebracht war—„nun wollen wir einmal unſeren Gefangenen betrachten—“ Indeſſen hatten aber auch die übrigen Frauen, Mrs. „ Atkins ausgenommen, ihre Beſinnung und Zungen wie⸗ der erlangt und ein ſolches untereinander Rufen und Fragen begann jetzt, daß das kranke Kind erſchrocken und geängſtigt das Köpfchen in der Hängematte, in die es beim Ausbruch dieſer Verwirrung gelegt war, hervor⸗ ſtreckte, einen Augenblick ſelbſt überſchrieen, ſtille ſchwieg, ſich dann aber in die Kiſſen zurück warf, und nun ein Zeter⸗Mordio anhub, daß es ſich Mrs. Fulweals als eine beſondere Gnade vom Himmel erbat, dieß unermüd⸗ liche Kind zum Schweigen gebracht zu ſehen. Was iſt hier vorgefallen? wer iſt der Mann? was hat er verbrochen? wem gehörte das dunkele Geſicht? woher kam der naſſe Menſch auf einmal? und ſollten ſie ihn verbergen, oder würde noch einmal nach ihm gefragt werden? Das Alles ſchwirrte und ſchwamm in einem wahren Babel von Tönen durcheinander, daß die ein⸗ zelnen Damen kaum die Fragen hören konnten, die ſie ſelbſt ſtellten. Da faßte etwas an die Klinke, und gleich darauf pochte Jemand von außen an die Thür. „Wer iſt da draußen noch ſo ſpät, und was wollen Sie?“ frug Wittwe Fulweales, ſich wiederum das Sprecheramt zueignend, das ihr die Anderen gern über⸗ ließen;„wiſſen Sie nicht, daß hier ein krankes Kind liegt?“ „Ladies— Sie werden mir eine Frage erlauben“ ſagte die Stimme, die Mrs. Atkins mit Entſetzen als . 7* 3 Brown! s erkannte—„hat ſich ein junger Mann in die⸗ ſes Zimmer geflüchtet?“ Mrs. Fulweals ſah, ehe ſie antwortete, ihre Mitver⸗ ſchworenen im Kreiſe an, bei denen hatte aber auch ſchon zu Gunſten Weſtons, das weiche weibliche Herz— das Mitleiden— geſtegt und was er auch verbrochen hatte (ſie waren übrigens ſämmtlich feſt entſchloſſen, das her⸗ auszubekommen) ausliefern wollten ſte ihn nicht. Ein allgemeines Kopfſchütteln antwortete dem Blick und Wittwe Fulweales, als Dollmetſcher der Feſtung, um nicht geradezu eine beſtimmte Lüge auszuſprechen, hielt es für zweckmäßig, in anderer Art einen Ausweg zu ſuchen, und vor allen Dingen die Beleidigte und Gekränkte zu ſpielen; ſie rief daher mit ihrer etwas ſcharfen und ſchneidenden Stimme ſehr empört und in⸗ dignirt aus. „Nun jetzt wird's mich wundern, was ſie ſonſt noch hier ſuchen wollen? zu Narrenspoſſen iſt's doch wahr⸗ haftig mitten in der Nacht und bei einem ſolchen Wetter keine Zeit.— Wir ſind hier im Begriff ſchlafen zu ge⸗ hen, und wünſchen ungeſtört zu ſein— good night Sir!“ 3 Damit war die Verhandlung abgebrochen und der Frager ſchien befriedigt; hatte wenigſtens jeden weite⸗— ren Verſuch etwas Näheres über die Sache zu erfahren, oaoaoaaaaa—¼—— 99 aufgegeben und die Thüre verlaſſen. Mehrere Minu⸗ ten lang lauſchte nun Mrs. Fulweals und mit ihr alle die Uebrigen, klopfenden und ängſtlich ſchlagenden Her⸗ zens an der Thüre, kein Laut ließ ſich aber weiter hören — Alles war ſtill und ruhig wie das Grab, und auf den Zehen wollte jetzt die Wittwe zu dem noch immer regungslos hinter dem Bette kauernden Flüchtling ſchlei⸗ chen, als ihre Aufmerkſamkeit, wie die der ſämmtlichen übrigen Frauen auf Mrs. Atkins gelenkt wurde, die ſich krampfhaft an der Lehne ihres Stuhles feſthielt und augenſcheinlich Alles that, was in ihren Kräften ſtand, um den anf ſie eindrängenden Gefühlen nicht zu erliegen; nach kurzem Kampf aber verließ ſie das Bewußtſein und ſie wäre geſtürzt, hätten die Frauen ſie nicht in ihren Armen aufgefangen. Das ganze Schreckliche ihrer Lage war in dem einen Moment, als ſie die Stimme des Regulatorenführers erkannte, auf ſie eingeſtürmt und das Schlimmſte fürch⸗ tend, da ſie wußte, ihr Mann hatte das Schlimmſte verdient, brach ihr ſo ſchon durch Nachtwache und Angſt geſchwächter Körper, unter dem Schmerz und Bangen zuſammen. 4½ In dem andern Zimmer ging es indeſſen nicht weni⸗ ger wild und unruhig her. Kaum hatte Curtis dem Freunde die Warnung zugerufen und beide Männer ihre Poſten an den zwei verſchiedenen Thüren eingenommen, als ein Sprung auf dem hohlen Dielenboden, in der Verbindungs⸗Porch der beiden Häuſer gehört wurde, und auch faſt in demſelben Augenblick Atkins, mit wild blitzenden Augen und fliegenden Haaren hereingeſtürzt kam. Er war überzeugt, daß die Männer mit zum Complott gehörten, wußte aber auch, daß er ohne Waf⸗ fen im Walde rettungslos verloren ſei, und die mußte er ſich jetzt, und wenn es mit Gefahr ſeines eigenen Le⸗ bens geſchehen ſollte, verſchaffen. Auf die erſte Ueber⸗ raſchung daher, ihn freiwillig in das Haus ſtürmen zu ſehen, am meiſten zählend, riß er mit kräftiger Hand die Thür auf und ſprang in das Zimmer. Hier aber überſah er ſchnell genug, daß ſeine Büchſen in der Ge⸗ walt der Feinde ſeien, das Bett war jedoch nicht beſetzt, und mit einem Triumphruf flog er zu dieſem, riß die Piſtolen hervor und drängte gegen die Thür, während er die Waffe mit geſpanntem Hahn auf Cook gerichtet hielt— augenſcheinlich nur um ihn zurückzuſchrecken und ſich ſelbſt die Bahn frei zu machen. Dieſer aber behaup⸗ tete nuhig ſeinen Stand und Atkins, natürlich das fremde Lebeik dem ſeinigen opfernd— drückte ab. Shrecklicher— entſetzlicher Klang für den, der ſeine 5 —õxe— — — 9 — 101 8 ganze Lebenshoffnung, ſein Alles auf Dich geſetzt hat, machtloſes Schloß, wenn Du mit mattem, bleiernen Schlag gegen den Stahl triffſt;— iidin ſinkt die Hand und vermag ſelbſt die treuloſe Waffe nicht mehr zu halten.— Vorbei— das war die laur Hoffnung— vorbei. Atkins ſchaute wild nach der Thür zurück durch die er eingetreten, aber in demſelben Moment brachen dort⸗ herein ſeine Verfolger, und Cook und Curtis warfen ſich ihm entgegen, und umwanden ſeine jetzt widerſtand⸗ loſen Glieder mit feſten Seilen. „Wo iſt der Andere?“ frug Brown, die Thüre zurückſtoßend—„weiß ihn Jemand?“ „Drüben in's Haus ſprang er“ erwiederte der Ca⸗ nadienſer, ich hab es mit eigenen Augen geſehen— ſie wollen ihn aber nicht herausgeben.“ „So will ich ſelbſt verſuchen, ob ſie auch mir den Eintritt verweigern“, erwiederte der Regulatorenführer, und t trat an die gegenüberliegende Thür. Wir kennen je⸗ doch den Erfolg, und ohne weitere Zeit und Mühe zu verlieren, traf er augenblicklich die ſicherſten Maßregeln, den Flüchtling zu erfaſſen, ſobald er wenigſtens ver⸗ ſuchen würde, in den Wald zu entfliehen, was auf jeden Fall noch vor Tagesanbruch geſchehen mußte. „Gentlemen“ wandte er ſich deßhalb an die Freunde, —„jener Burſche darf uns nicht entgehen; zu der Bande gehört er auf jeden Fall und wer weiß, ob er nicht Einer der Mörder war, oder in wie weit er mit dem hier vorgefallenen Verbrechen verwickelt iſt.— Wir müſſen alſo das Haus umzingeln— aber leiſe, daß wie ihn zu dem Glauben veranlaſſen, der Weg ſei ſicher. Hat man den Mulatten erfaßt?“ „Nein“ ſagte Bowitt—„der Schuft muß mitten durch den Wald geſchlüpft ſein, ſonſt hätte er uns nicht entgehen können. „Bös— bös!“ murmelte Brown—„der wird Lärm machen; das läßt ſich aber nicht mehr ändern. Wir haben das Neſt jener Schufte, ihren ſicheren Schlupf⸗ winkel aufgeſtört; von nun an müſſen wir uns auf un⸗ ſer gutes Glück verlaſſen. Alſo Gentlemen, auf Ihre Poſten— der Regen hat nachgelaſſen und der Wind draußen, wird uns bald wieder abtrocknen. Nehmt den Gefangenen zum Feuer, Cook— er iſt ebenfalls naß.“— „Gut ſagte Cook— mit Curtis Hülfe dem Be⸗ fehle Folge leiſtend,„denn laßt aber uns zwei Trockene mit Wachtdienſte thun, und Stevenſon und ſeinen Jun⸗ gen hier beim Feuer auf den Gefangenen acht geben. 2* 103 Wir ſind den Beiden ſchon ſo viele Verbindlichkeiten ſchuldig und wollten ſie doch nicht gerne krank ſehen.“ „Ja wohl“ erwiederte Brown„nicht mehr als bil⸗ lig; wo ſtecken ſie nur?“ Die beiden Stevenſon's traten aber in die Thür und wurden bald mit ihrer neuen, dießmal bequemeren, we⸗ nigſtens trockneren Pflicht bekannnt gemacht. Die ande⸗ ren Männer begaben ſich dann auf ihre Poſten, und Brown, der noch über irgend etwas leiſe mit dem älte⸗ ren Stevenſon geſprochen hatte, wollte ihnen eben fol⸗ gen, als er faſt erſchrocken von der Thüre zurückfuhr, denn in dieſer ſtand mit naſſen herunterhängenden Haa⸗ ren, mit wildglühendem Blick und ſtolzer, finſterer Hal⸗ tung— der Indianer. „Aſſowaum!“ rief Brown freudig überraſcht— „kommſt Du endlich? Wir haben indeſſen für Dich ge⸗ arbeitet.“ 2 „Auneeshween ke pukketayhwud?“ Weshalb ergrifft Ihr den da?“ frug der Indianer leiſe, mit der Hand, in der er einen Bogen und mehre Pfeile hielt— auf At⸗ kins deutend.. „Er war der Hehler der Verbündeten, doch du ſollſt morgen früh Alles erfahren— kehrſt Du erſt jetzt zurück?“ 104 „Nein— ich habe einen Gefangenen.“ „Wen? und wo?“ „Johnſon— draußen im Wald.“ „Weißt Du ihn ſchuldig?“ Er ahnte einen Panther auf ſeiner Fährte und fürch⸗ tete deſſen Fänge.„Kennſt Du dieſe Waffen? die Pfeile ſind vergiftet.“ Mit ihnen ſchlich er zu dem La⸗ ger Aſſowaums und wollte ihn tödten.“ „Die Peſt über ihn— Du haſt ihn doch gebunden? kann er aber nicht entfliehen?“ Aſſowaum lächelte und flüſterte leiſe: „Wen Aſſowaum bindet, der rührt ſich nicht.“ „Wo aber warſt Du ſo lang? es gab hier Leute, die da behaupteten, Du ſeieſt geflohen!“ „Du warſt nicht unter denen“ erwiederte der Wilde. „Aber glaubt mein Bruder, daß ich in dieſer Zeit müſſig geweſen?— Ich kenne die Mörder Heathcotts.“ „Du kennſt ſie?— wer, wer war es? ſprich?“ rief Brown in wilder Freude. „Johnſon und— Rowſon!“ ſagte leiſe der In⸗ daner. 2 3„Rowſon— allmächtiger Gott— das iſt nicht möglich!“ ſchrie Brown entſetzt—„das iſt— das wäre entſetzlich— Rowſon ein— Mörder.“ 105 „Johnſon und Rowſon“ wiederholte Aſſowaum eben ſo leiſe, aber eben ſo beſtimmt.„Der blaſſe Mann 4 hatte ebenfalls Theil an dem Pferdediebſtahl.“ „Menſch biſt Du deſſen gewiß?“ ſtöhnte Brown, noch immer nicht im Stande, den ſchrecklichen Gedanken zu faſſen, Marion in den Händen eines Verräthers zu wiſ⸗ ſen,„haſt Du wirklich Beweiſe für ſolch entſetzliche An⸗ klage?“ „Der blaſſe Mann war bei dem Pferdediebſtahl; ich weiß es, und neben dem Blute des weißen Mannes ſtand ſein Fuß.“ „Gerechter Gott— Aſſowaum— weißt Du, wen Du beſchuldigſt?“ „Den Methodiſt“— ſagte der Indianer finſter. „Vielleicht zertrat er auch die Blume der Prairieen; doch umkreiſte Aſſowaum bis jetzt umſonſt das Lager; aber er erſchlug den weißen Mann; ſeit vier Tagen weiß ich es.“ „Und weshalb ſchwiegſt Du?“ „Wenn die weißen Männer den Verbrecher des einen Mordes für ſchuldig fanden“ lächelte Aſſowaum mit wil⸗ dem, faſt geiſterhaften Blick,„dann kehrten ſie ſich nicht 1 an den andern— ſie hingen ihn, und Aſſowaum hätte 5 eine eigene Rache in den Händen Anderer geſehen. . — 106 „Aſſowaum ah weeh— Aſſowaum iſt ein Mann — er will ſich ſelbſt rächen!, „Wo aber haſt Du Deinen Gefangenen?“ „Draußen im Walde; er glaubte einen Häuptling ſchlafend zu finden. Hat mein Bruder ſchon einen Pan⸗ ther geſehen, der die Augen ſchloß?“ „So wollen wir ihn— was iſt das? ſchon zum dritten Mal tönte der Eulenruf von da herüber, und immer in einer anderen Richtung— ſollte das ein Zei⸗ chen ſein?“ Der Indianer horchte— wiederum klang der ſchau⸗ rig monotone Ruf des menſchen und lichtſcheuen Nachtoogels zu ihnen herüber— dreimal— in langſam abgemeſſenen Pauſen, und dreimal, in demſelben Zeit⸗ maas, antwortete ihm der rothe Sohn der Wälder. Aber d'rüben im Dickicht verſtummte von jetzt an der Nuf, und wurde nicht weiter gehört. „Es war eine Eule,“ ſagte Brown— noch hin⸗ aushorchend in die ſtille Nacht. „Vielleicht,“ erwiederte ſinnend der Indianer— vielleicht auch nicht—„der Mann da, wird das Zeichen wohl kennen.“ Atkins, dem dieſe Bezeichnung galt, hatte ängſtlich verſtohlene Blicke nach der Thüre geworfen, und war, als Aſſowaum dem Rufe antwortete, wie erſchrocken em⸗ porgefahren, jetzt aber, als Alles ſchwieg, und der falſche Lockton nicht weiter beantwortet wurde, durchzuckte ein trotzig höhniſches Lächeln ſeine dunklen Züge, und ohne weiter ein Zeichen von Theilnahme zu verrathen, kauerte er wieder an der wärmenden Gluth nieder; beantwortete auch keine einzige, der von Brown an ihn gerichteten Fragen, und wandte dieſem ſowohl als dem Mannne der ihn zu erſt verrathen, und jetzt ſein Wächter war, in zorniger Verachtung den Rücken. Der Indianer hatte indeſſen die Hütte, in Begleitung mehrer Regulatoren, wieder verlaſſen, und tiefes Schwei⸗ gen herrſchte wohl eine halbe Stunde lang, als auf ein⸗ mal ein wilder Angſtſchrei, an dem hinteren Theil der Fenz, da, wo dieſe an den Wald ſtieß, gehört ward. Gleich darauf brachte Wilſon und Bowitt den gefangenen Weſton, der in die Falle gegangen, und ſeine Flucht verſucht hatte, herein. Nicht viel ſpäter erſchien auch Aſſowaum mit zweien der Regulatoren, die den bleichen und ſcheu die Augen niederſchlagenden Johnſon, in die Stube ſtießen, wo er ſich plötzlich ſeinem grimmigſten Feind, dem wilden Hus⸗ field gegenüber ſah. „Alſo doch— Sir?“ frug dieſer, ihn erſtaunt von Kopf bis zu Füßen betrachtend—„doch mit bei der Bande, und wie es ſcheint in gar verzweifelter Situation? Wer hat den Menſchen gefangen?“ „Der Indianer,“ ſagte Cook, auf ihn deutend. „Ha Aſſowaum!“ rief Husfield, dieſen jetzt erſt er⸗ kennend—„das iſt brav, daß Ihr wieder da ſeid, und noch dazu ſolche Beweiſe Eueres guten Willens mitge⸗ bracht habt. Verdamm mich— Aſſowaum, wenn ich weiß, was ich Euch dafür Liebes und Gutes erweiſen ſoll— Peſt— fünfhundert⸗Dollar wären mir nicht ſo 4 lieb. Da, da habt Ihr meine ſilberbeſchlagene Büchſe— ich weiß die Eurige taugt Nichts mehr— ſie verſagt* immer, und Ihr habt Euch ſchon lange ein gutes Gewehr gewünſcht— nehmt ſie, und möge ſie Euch ſo gute Dienſte leiſten, wie ſie mir geleiſtet hat. Und Du Ge⸗ ſelle—“ wandte er ſich dann an den zitternden Ver⸗ 3 brecher—„Du ſollſt dießmal deiner Strafe nicht ent⸗ * 3 gehen. Als wir uns zum letzten Male ſahen, warſt Du verdammt trotzig; jetzt möchte ſich das Blättchen ein we⸗ nig gewendet haben. Seht nur wie der Schuft zittert und bebt; die Kniee können ihn kaum noch tragen.“ ¾ 6„Gift und Tod über Euch!“ fluchte der Gefeſſelte, ſich jehr zum erſten Male trotig emporraffend.„Ihr könnt mich hier feſſeln, und— Lynchen— zum Teufel, 5 8. —— 109 aber Ihr braucht mich nicht zu verhöhnen. Hunde Ihr — die Ihr Alle über Einen herfallet.“ Husfield wollte auffahren, Brown wehrte ihm aber und ſagte: „Laßt ihn gehn— er mag prahlen und ſchimpfen; daß wir ein Recht haben ihn gefangen zu halten, dafür iſt uns der Indianer Bürge, den er heimlich hat über⸗ fallen und morden wollen. Das iſt die erſte Anklage; das Uebrige kommt nach. Sobald wir ſeine Genoſſen ha⸗ ben, wird das Gericht, unſer Gericht nämlich— das Weitere beſtimmen. Jetzt gilt es vor allen Dingen die zweite Höhle dieſer Hallunken aufzufinden. Wer kennt den Weg?“ „Ich!“ ſagte Aſſowaum,„aber glaubt mein Bru⸗ der, daß der Bär in ſein Lager zurückkehrt, wenn er die Fährten des Jägers am Eingang wittert? das Eulenzei⸗ chen galt den hier Wohnenden, wir wußten nicht es zu beantworten, und jene Schufte wurden gewarnt— die Höhle iſt leer.“ „Du magſt in der That Recht haben, Aſſowaum,“ — P.:— ſagte Brown,„den Verſuch müſſen wir aber machen, und von dort an ſei unſere nächſte Aufgabe den g den zweiten zu finden, den Du für ſchuldig hältſte Noch iſt . 2 11⁰ es, dem Himmel ſei Dank, Zeit, aber ich kann mir das Entſetzliche nicht denken.“ „Wer iſt denn der andere Mann, von dem der In⸗ dianer ſprach?“ frug Stevenſon jetzt. „Sie ſollen ihn morgen kennen lernen,“ erwiederte — finſter vor ſich niederſtarrend, der junge Regulato⸗ renführer—„aber— nicht wahr Mr. Stevenſon—“ fuhr er dann, wie aus einem Traume aufſchreckend fort— „nicht wahr, Sie bleiben jetzt bei uns, bis wir die Sache zu Ende gebracht haben? Sie müſſen doch ſehen, wie wir hier in Arkanſas Recht und Gerechtigkeit ausüben—“ „Ich bleibe da— verſteht ſich,“ betheuerte der alte Farmer, mit kräftigem Druck den dargebotenen Handſchlag erwiederiid. „Dann werden aber Ihre Frauen auch meine Woh⸗ nung wenigſtens ſo lange als die ihrige betrachten,“ ſagte Heinze, dem Alten ebenfalls die Hand reichend. Wie mir Cook geſagt hat, ſo lagern Sie kaum eine Viertel Meile von meinem Haus entfernt, und da ich doch morgen früh einmal hinauf muß, will ich ſie ſelbſt 8 herüber holen. Wann iſt unſer Gericht?“ „Am Montag Morgen.“ „Und wo?“— 4 „Dießmal im freien Walde, dort wo unterhalb 111 Wiswills Mühle, der ſteile Fels in den Fluß hinein⸗ ragt. Oben auf dem Gipfel iſt ein offener, herrlicher Platz, und dort wollen wir die bis dahin gemachten Ge⸗ fangenen transportiren.“ „Wen ſucht Ihr noch?“ frug Husfield. „Cotton und— Rowſon!“ „Rowſon? den Prediger? den Methodiſten? riefen Alle erſtaunt und überraſcht durch einander.“ „Den Prediger und Methodiſten,“ erwiederte Brown leiſe. „Und wer iſt ſein Ankläger?“ frug Mullins beſtürzt. „Aſſowaum!“ ſagte der Regulatorenführer, auf den Indianer deutend, deſſen dunkle Geſtalt ruhig am Kamin lehnte, während er mit nicht zuckenden Wimpern den faſt auf ihn gerichteten Blicken der Menge begegnete. „Er hat Blut an ſeiner Hand,“ ſagte er endlich leiſe, nach kurzer Pauſe— er hat Blut in ſeiner Fährte, und die Waſſer des Petite Jeanne— die Waſſer des Fourche la fave konnten es nicht verwiſchen. „Und morgen will er des alten Roberts Tochter als ſein Weib heimführen,“ rief Cook erſtaunt—„es iſt nicht möglich, der Indianer muß ſich irren—“ „Der fromme Rowſon,“ ſtöhnte Mullins, noch halb ungläubig in ſtummen Entſetzen. III. 112 „Hier nützt kein Reden,“ ſagte Brown ſchnell ent⸗ ſchloſſen—„hier muß gehandelt werden. Iſt es ein bloßer Verdacht, der auf dem Prieſter ruht, ſo verlangt es ſein eigener guter Ruf, daß er ſo ſchnell gehoben werde, als möglich, denn auf ſeinem Stande darf kein Makel haften, wenn er nicht zehnfache Verdammung auf das ſchuldige Haupt herabrufen will. Jetzt aber gilt's vor allen Dingen die Verbrecher einzufangen, die hier in der Nähe, und alſo auch ſchon wahrſcheinlich gewarnt ſind. Aſſowaum mag uns alſo nach Johnſons Hauſe führen, und von dort brechen wir zuſammen nach Roberts Wohnung auf, die wir noch früh am Morgen erreichen müſſen.“ „Das iſt auf jeden Fall ein Irrthum““ ſagte Mullins,„der Indianer iſt ja auch nur ein Menſch, und—“ „Wochenlang hat Aſſowaum den Fährten nachge⸗ ſpürt, und ſie gemeſſen und verglichen,“ erwiederte fin⸗ ſter der Wilde; ſo wahr jener Sturm die alten Stämme ſchüttelt— der blaſſe Mann iſt ein Verräther.“ „Was nützen die Worte;“ erwiederte Brown— „er iſt beſchuldigt und—“ „Aber von wem?“ unterbrach ihn ärgerlich Mullins —„der Indianer, der ihm nie grün war, weil er 113 Alapaha zum Chriſtenthum bekehrte, klagt ihn an— ſollen wir auf deſſen Wort hin einen frommen, gottes⸗ fürchtigen Mann ergreifen und auf den Tod beleidigen? Das geht auf keinen Fall— bringt erſt Beweiſe, eher gebe ich meine Zuſtimmung zu ſolch raſcher That nicht.“ „Stellt ihn mir gegenüber,“ ſagte der Indianer, indem er ſich aus ſeiner ruhenden Stellung ſtolz empor⸗ richtete—„ſtellt ihn mir gegenüber, und wenn ſein Auge an dem meinigen haften kann— dann hängt mich. Sind die Männer zufrieden?“ „Ja!“ ſagte Husfield ernſt.„Ich ſehe nicht ein, warum wir auf das Zeugniß eines weißen Mannes mehr geben ſollten, als auf das eines rothen. Ich ſelbſt habe den Methodiſten nie leiden können, und würde mich gar nicht wundern, wenn jetzt ein Wolf unter dem Lammfell ſtäke. Er iſt ſo gut wie jeder Andere, nur ein Menſch, und daß er predigt, erwirbt ihm, in meinen Augen wenigſtens, kein beſonderes Ver⸗ dienſt. Reinigt er ſich vor Gericht von der Beſchul⸗ digung, deſto beſſer für ihn; ich fürchte aber faſt, der Indianer hat zu ſichere Beweiſe, denn ſein Auftreten iſt 1 nicht gerade wie das eines Mannes, der auf bloßen Ver⸗ dacht hin handelt. Führt uns an Brown— jeder Augenblick, den wir noch verſäumen, iſt nie wieder ein⸗ e —* 2— —yy—y——— 114 zubringen; führt uns an, und ſo möge Verdammniß und Strafe den Schuldigen treffen, wie wir jetzt unſer gutes Recht ſichern und bewahren wollen.“ „Und was ſoll mit dieſen Gefangenen geſchehen?“ frug Cook auf Atkins, Weſton und Johnſon deutend. „Am Beſten iſt's, wir ſchaffen ſie heute Nacht noch fort,“ ſagte Brown— das ganze Haus iſt voll Frauen, Mrs. Atkins hat alſo Hülfe und Unterſtützung. Wo aber hin mit ihnen?“ „Zu mir,“ ſagte Wilſon—„Curneales wird ſich, das bin ich überzeugt, nicht weigern, die Regulatoren mit ihren Gefangenen aufzunehmen, und wir brauchen dann nur für ſichere Wacht zu ſorgen.“ „Die will ich halten,“ rief Curtis,„ich werde wohl noch Kameraden dazu finden, und daß ſie nicht ent⸗ kommen ſollen, dafür bürgt meine Büchſe. Aber dann brecht auch auf— es kann nicht mehr ſo weit bis zum Morgen ſein, und iſt Cotton wirklich gewarnt, ſo mögt' es eine ſchwierige Aufgabe werden, ihn einzufangen. Der iſt mit allen Hunden gehetzt. Jetzt alſo vor allen Dingen eine Abtheilung mit den Gefangenen fort, und die andere auf die Suche.“ Schnell und geräuſchlos wurden nun die hierzu nöthigen Schritte gethan, um die Frauen nicht unnützer * — —— 5—— 115 Weiſe noch mehr zu beunruhigen. Die drei Gefangenen ſahen ſich in der nächſten Viertelſtunde, von ſechs ſchwer⸗ bewaffneten Männern geleitet, auf dem Wege nach ihrem einſtweiligen Gefängniß, Pelter und Hoſtler blieben als Wachen in Atkins Haus zurück, und die Uebrigen, von Aſſowaum geführt, brachen nach der einſamen Hütte der Verbündeten auf, um dort noch wo möglich 4. den ſchon ſo lange Geſuchten zu erfaſſen, oder doch neue Beweiſe der Schuld aller bis jetzt Eingebrachten und Gefangenen zu erhalten. Mitternacht lagerte über den Wäldern; noch rauſch⸗ ten und brauſten die mächtigen Wipfel, und ſchüttelten 4 ſich die kalten Schauer aus den grütlen, wehenden Locken, noch zuckten am fernen, öſtlichen Horizont matte Blitze, und leiſe— leiſe grollte und murmelte der ferne, ferne Donner hinterher; da huſchte ſchnell und vorſichtig eine dunkele Geſtalt über die Fenz, welche Jahnſons niedere Hütte umſchloͤß. Cs war Cotton— er glitt durch die offene Thüre in den inneren Raum der Hütte, raffte dort, was er an Waſſen und Kleidern beſaß, zuſammen — barg mehrere andere Sachen, die er dem Auge der Feinde wahrſcheinlich zu entziehen wünſchte, in einem hohlen Baum unfern der Hütte, ſchleppte dann das im Kamin durch ihn ſchnell wieder angefachte Feuer in eine —* Ecke der Stube unter das Bett, warf einen flüchtigen Abſchied nehmenden Blick auf den Raum, der ihm ſo lange Schutz gegen ſeine Verfolger gewährt hatte, mur⸗ melte noch einen bitteren Fluch zwiſchen den dünnen, bleichen Lippen hindurch, und verſchwand dann, ſchnell und geräuſchlos wie er gekommen, im dichten undurch⸗ dringlichen Schatten des Waldes. — 15 4 Cap. VWI. Die Kreutzeiche. Die Kreutzeiche war ein, bei den Jägern des Fourche la fave, allgemein gekannter Platz, unfern vom Ufer eines kleinen Sees, wo ſie am Rande einer der vielen Slews oder Sumpfbäche, die die Niederung durchkreutzen, nahe bei einem dichten Rohrbruch ſtand, der im vorigen Jahre, wahrſcheinlich durch die Nachläſſigkeit einiger Jä⸗ och ein gar trauriges Bild von ver⸗ ger entzündet, jetzt n dorrtem und halboerbranntem Schilf lieferte, und zwi⸗ ſchen dem ſich das junge, maigrüne Rohr nur eben erſt d ſehr zerſtreut liegenden Stellen wieder an einzelnen un anfing Bahn zu brechen. ſtämmiger Perſimonbaum aber, Ein gewaltiger, hochſ deſſen Wipfel der Blitz geſpalten, hatte einen ſeiner Aeſte — —————— —— in die auszweigende Hauptgabel des Nachbarſtammes, eben dieſer Eiche, gelegt, und auf ſolche Art ein rohes aber leicht erkennbares Kreutz gebildet. Rowſon, der hier oft, beſonders in früherer Zeit, Betverſammlungen, ſogenannte Camp Mentings gehal⸗ ten, kannte wie auch Cotton den Platz genau, in deſſen Nachbarſchaft noch vorzüglich viele Hirſche, und auch hie und da ſelbſt einzelne Bären wechſelten. Dieſer hatte ſich aber wohl ſchon eine Stunde vor der, ihm von Rowſon beſtimmten Zeit eingefunden, und ſchritt ſchnell und unruhig am ſteilen Ufer der Slew auf und ab, dann und wann nur, ungeduldige Blicke nach der Seite hin werfend, von welcher er den Freund erwartete, während er ſcheu und vorſichtig bald nach dieſer, bald nach jener Himmelsrichtung hinlauſchte, als ob er irgend eine Ueber⸗ raſchung oder Gefahr befürchte. Da krachte ein dürrer Zweig, nnd ſchlangenartig glitt der Jäger hinter einen umgeſtürzten Baumſtamm, woo er, ſtill und regungslos wie das Holz das ihn verbarg, liegen blieb. Es war aber der ſo ungeduldig Erwartete, und ſchnell brach der Flüchtling wieder aus ſeinem Verſteck hervor, und ſchritt unruhig jenem entgegen. — ⸗ 119 „Endlich kommt Ihr,“ rief er mürriſch—„ſeit einer Stunde ſtehe ich hier Todesqualen aus, und—“ „Ihr dürft Euch nicht beklagen, ich bin noch etwas vor der Zeit da— es kann kaum halb neun Uhr ſein, und Ihr wißt, daß wir hier erſt um neun Uhr zuſam⸗ mentreffen wollten.“ „Ja, um einander vielleicht nie wieder zu finden.“ „Was iſt vorgefallen?“ frug Rowſon erſchrocken, dem erſt jetzt das bleiche, entſetzte Antlitz des verbündeten Freundes auffiel.„Ihr ſeht aus, als ob Ihr eine Todesnachricht brächtet— ſind die Regulatoren?“ „Ich wollte beim Teufel, es wäre nur eine Todes⸗ nachricht”“— knirſchte zwiſchen den aufeinandergebiſſenen Zähnen hindurch, der Jäger;„die Hunde von Regu⸗ latoren haben auf irgend eine Art Wind bekommen, und Atkins Haus überrumpelt.“ „Alle Wetter!“ rief Rowſon ängſtlich—„und hat er geſtanden?“ „Ich war nicht neugierig genug, mich danach zu erkundigen,“ brummte Cotton—„auch Johnſon muß in die Hände des verdammten Indianers gefallen ſein, denn er ging aus, ihn bei Seite zu ſchaffen, und— iſt ſelbſt nicht wiedergekehrt.“ „Aber woher wißt Ihr, daß Atkins—“ 8ſ“ 8— 420 „Wie Johnſon nicht wieder kam, ging ich aus ihn zu ſuchen, fand aber keine Spur von ihm und ſtrich nun nach Atkins Haus hinüber, um dem meine Befürchtung mitzutheilen; dort aber fiel mir ſchon die Unruhe auf, die in der Farm herrſchte.— Die Pferde galloppirten wild und ſcheu in der Einfriedigung umher, und als ich an der Fenz, bis zu dem geheimen Eingang hinſchlich, fand ich dieſen offen. Hierdurch ward mein Verdacht nur noch mehr beſtärkt, ich wollte aber dennoch einen Verſuch machen, mich dem Hauſe zu nähern und gab mehre Male hinter einander das beſtimmte Zeichen.“ „Lange ward es nicht beantwortet und endlich falſch — nur dreimal. Jetzt wußte ich, daß Verrath hinter den ſcheinbar ruhigen Wänden lauere.“ „Leiſe umſchlich ich nun eine Zeit lang die Farm, wäre aber doch bald, trotz aller Vorſicht, in die Hände der Schufte gefallen, die ſich dort herum anfgeſtellt hat⸗ ken, denn als ich eben um die eine Ecke biegen wollte, ſprangen eine Menge dunkler Geſtalten aus ihren bishe⸗ rigen Verſtecken hervor, und warfen ſich auf einen Ein⸗ zelnen, der, der Stimme nach, kein Anderer als We⸗ ſton ſein konnte. Ihr könnt denken, wie ich jetzt Fer⸗ ſengeld gab. So ſchnell mich meine Füße trugen, floh ich zu Johnſons Hütte zurück, verbarg dort die für uns werthvollſten Sachen in dem hohlen Gumbaum, der nicht weit von dem Hauſe, nach dem Fluſſe zu, liegt, nahm meine Waffen und ſteckte das Neſt in Brand.“ „Euch zu finden war nun noch meine einzige Hoff⸗ nung.“ „Aber was ſollen wir thun?“ frug Rowſon ängſt⸗ lich auf und abgehend fort.„Wenn uns nun die Ge⸗ fangenen verrathen? Wo iſt Jones?“ „Wahrſcheinlich auch in den Händen der Regulato⸗ ren,“ knirſchte Cotton,„jetzt wenigſtens glaub' ichs, denn ſonſt wär er zurückgehrt.“ „So müſſen wir fliehen,“ ſagte Rowfon—„da bleibt weiter kein Ausweg— noch iſt es Zeit.“ „Aber wie? man wird uns verfolgen und einho⸗ 8 len“— Zu Pferde dürfen wir allerdings nicht fort“ erwie⸗ derte Rowſon„jetzt da die kleffenden Hunde einmal mun⸗ ter ſind, möchten wir ſie zu bald auf den Hacken haben, und nach dem Regen ließen wir Zoll tiefe Spuren zu⸗ rück; aber mein Kahn iſt uns ſicher, der Fluß noch im⸗ mer ziemlich hoch und da uns auch von Harpers Haus heute keine Gefahr droht, ſo können wir den Arkanſas vielleicht unentdeckt erreichen. Nachher hat es keine Noth weiter; bis morgen früh müſſen wir an der Mündung 122 der Bayou Meter ſein, in die laufen wir ein und erſt einmal dort, ſind wir auch gerettet.“ „Aber Euere und meine Braut— Ellen wird ſich gewaltig grämen,“ hohnlachte der rauhe Jäger.* „Wir dürfen nicht mehr an ſie denken.“ ſagte Row⸗ ſon.„Peſt und Gift, ſich ſo den Biſſen vor den Lip⸗ pen weggeſchnappt zu ſehen, aber mein Hals iſt mir doch lieber und ich zweifle, daß ſte viele Umſtände mit uns machen würden, wenn wir erſt einmal in ihren Klauen wären. Ja würden wir den Gerichten überantwortet und ordentlich mit Richter und Advokaten verhört, dann wollt' ich immer noch ſagen, laßt es uns abwarten, zur Flucht iſt ſpäter Zeit, ſo aber mag der Teufel den Canaillen trauen, ich nicht. Glücklicher Weiſe iſt Alles gerüſtet, und wir können, ſobald wir das Haus— aber alle Wetter— ich bekomme Beſuch.— Verdammt! an die hätt ich beinahe nicht gedacht.“ „Ich muß allein gehen Cotton,“ fuhr er dann ſchnell, zu dieſem gewandt, fort.„Roberts ganze Familie und Bahrens und Harpers ſind in Begriff nach meinem Hauſe aufzubrechen. Das muß ich verhindern; es wird mir ſchon unterwegs ein Vorwand einfallen, unter dem ich ſte bereden kann noch einen Augenblick zu warten, und mich voraus zu laſſen. Haben wir nur eine einzige 1 4 123 Stunde Vorſprung, dann fürchte ich Nichts mehr, dann fnd wir gerettet. Eilt alſo ſo ſchnell Ihr könnt in mein Haus, ich werde, obgleich ich erſt nach Roberts muß, ziemlich zugleich mit Euch dort eintreffen, denn mein Pferb iſt gut und hält es nur noch heute aus, dann mag's zuſammenbrechen wann es will. „Solltet Ihr aber doch ſpäter kommen?“ ſagte Cot⸗ ten,„denn glaubt mir, ich werde mich nicht unterwegs aufhalten.“ 4„So ſteigt indeſſen die Leiter hinauf in den oberen Theil des Hauſes; dort ſteht auch der kleine Koffer, der, für ſolchen Fall gerüſtet, Alles enthält, was wir unter⸗ wegs gebrauchen werden.“„ „Und das Zeichen?“ U „Ihr ſeht mich ſchon kommen, das Haus beherrſcht 60 Ar‿εμ mehre hundert Schritt weit die es umgebende kleine Wald⸗ wieſe, auf der ich gebaut habe.“ „Aber Unrecht iſt's doch, die Kameraden jetzt ſo im Stich zu laſſen,“ ſagte Cotton nachſinnend,„wer weiß denn ob wir ihnen nicht von Nutzen ſein könnten, wenn wir die Nacht noch hier blieben. Es ſind manche unter den hier wohnenden Farmern, die es im Stillen recht gut mit uns meinen und gern Vorſchub leiſteten, aber freilich werden ſich die nicht rühren, wenn wir 1. ——— ſelbſt gleich beim erſten Schreckſchuß die Flucht er⸗ greifen.“ „O zum Henker mit Eu'ren Vernunftſchlüſſen,“ rief ungeduldig Rowſon aus.„Glaubt Ihr, ich ſoll jetzt zwiſchen ſie treten, wo vielleicht Johnſon oder Weſton geſtanden haben, um augenblicklich ebenfalls gegriffen und gebunden zu werden. Nein, verdammt will ich ſein, wenn ich meinen eigenen Hals in eine Schlinge ſtecke, blos um zu ſehen wie ſich ein paar Andere, denen ich doch nicht mehr helfen kann, darin befinden.— J ch gehe— Ihr mögt's jetzt machen wie Ihr wollt.“ „Ihr wißt ja aber noch gar nicht, ob Euer Name überhaupt erwähnt wird. Ihr kennt doch unſeren Schwur.“ „Ja wohl— Alles recht gut, der Teufel aber traue auf den Schwur, ich nicht. Das wäre nicht der erſte, den ein ſchwarzer Hickory Stock gebrochen hätte; und ſag⸗ tet Ihr nicht ſelbſt, Johnſon habe gefürchtet, von dem rothen, hündiſchen Wilden verrathen zu werden? Daſſelbe droht mir, nur noch in einem viel ärgeren Grade. Hätte ſich der Indianer nicht wieder in unſerer Gegend gezeigt, vielleicht wagt' ich's dann und bliebe; der heimlichen Rache eines ſolchen Burſchen mag ich aber nicht ausgeſetzt 4 8. — K 125 ſein, und darum ſuch' ich das Weite. Kommt Ihr alſo mit oder nicht?“ „Nun natürlich werd' ich die Finger nicht allein im Brei ſtecken laſſen, das könnt' Ihr Euch denken,“ ent⸗ gegnete mürriſch der Jäger.„Ich darf es ja nicht ein⸗ mal wagen, meine Phyſiognomie in Little Rock zu zei⸗ gen— nein mir iſt's gerade bequem genug auf Gottes Erdboden, und ich habe nicht das Mindeſte mit meinem Hals zwiſchen den Eichenäſten zu ſuchen. Alſo fort denn; aber wohin wollen wir?“ „Ich gehe auf die Inſel,“ ſagte Rowſon eutſchloſſen, —„wohin Ihr?“ „Zum Ueberlegen haben wir Zeit genug unterwegs,“ erwiederte ausweichend der Jäger,„jetzt vor allen Din⸗ gen hier fort, denn jeder andere Platz, ſelbſt das Zucht⸗ haus von Arkanſas, iſt in dieſem Augenblick ſicherer für uns als der Fourche la fave. Alſo kommt bald nach, und, laßt mich nicht lange warten— mir iſt's unheim⸗ lich, wenn ich da vielleicht eine Stunde allein ſitzen ſollte; ich würde jeden Augenblick fürchten, das Haus von Regulatoren umzingelt zu ſehen.“ „Habt keine Angſt— ich werde ſchnell genug da ſein; Roberts ſind hoffentlich noch nicht aufgebrochen, denn deren Gegenwart könnte uns jetzt allerdings 126 gewaltig ſtören; ſo raſch mich alſo mein Pferd trägt, bin ich bei Euch. Uebrigens will ich verdammt ſein, wenn ich nicht halb froh bin, die erbärmliche Prediger⸗ maske abwerfen zu dürfen; ſie iſt mir, beſonders in den letzten vierzehn Tagen, ſchauderhaft läſtig geworden.“ „Nun ich will nur wünſchen, daß Euch die Luft in Arkanſas unmaskirt beſſer zuſagt, als mit der Maske,“ erwiderte Cotton, indem er unter einem dichten Gewirr von Gründornen und Schlingpflanzen ſein, in eine wol⸗ lene Decke eingeſchlagenes Kleiderbündel hervorholte und ſich auf den Rücken warf—„ſo— nun bin ich reiſe⸗ fertig,“ fuhr er, einen ſcheuen Seitenblick umherwerfend, fort— folgt alſo bald— Good bye!“ „Good bye,“ antwortete der Prieſter, und ſchaute ihm ſinnend noch eine kurze Zeit nach, bis er ganz hinter den dichten Papao⸗ und Saſſafrasbüſchen verſchwunden war, dann aber ſchritt er ſchnell zu ſeinem Pferde, das ihn ruhig graſend erwartete, ſchwang ſich in den Sattel, ſetzte dem Thiere die Hacken in die Seite, und galloppirte, ſo raſch es ihm das dichte Unterholz erlaubte, waldeinwärts, der Wohnung Roberts wieder zu. Cap. VII. Der entlarvte Verbrecher. Harper und Bahrens hatten ſich, beſonders der Erſtere, ungern der Einladung gefügt, doch war ſie ſo herzlich geſtellt geweſen, daß Beide kaum umhin konnten ſie anzunehmen, und nun ihre Thiere ſattelten und auf⸗ zäumten, um ſpäter die Geſellſchaft nicht noch auf ſich warten zu laſſen. Marion betrieb dabei mit einer gewiſſen unruhigen Angſt alle Vorbereitungen zu dem Schritt, der ſie von nun an für immer aus dem elterlichen Hauſe entfernen ſollte, und ſo auffallend ſtark war eben dieſes Gefühl in ihren Zügen ausgeprägt, daß ſelbſt der rauhe, in ſolchen Sachen höchſt unbekümmerte und ſorgloſe Bahrens es bemerkte, und Harper darauf aufmerkſam machte. Dieſer III. 9 verſuchte jedoch es ihm auszureden, und ſchweigend be⸗ ſorgte Jeder das, was er noch zu beſorgen wünſchte. Mrs. Roberts hatte aber gar Manches vorzurichten und einzupacken, und eine Zeit lang mit augenſcheinlicher Ungeduld, dem Hin⸗ und Herlaufen der verſchiedenen Menſchen zugeſehen, endlich aber ſtegte ihre gewöhnliche Unruhe, mit der ſie gern Alles ſelbſt thun, Alles ſelbſt beſorgen wollte, und aus dem Stuhl, in dem ſie geſeſſen, aufſtehend, wandte ſie ſich an Marion und Ellen, und ſagte, Marions Bonnet dabei vom Nagel nehmend: „Kommt Kinder— zieht Euch an, und macht daß Ihr fortkommt, das Gelaufe wird mir hier zu arg; ich habe noch eine Maſſe von Kleinigkeiten zuſammen zu räumen und mitzunehmen, die in einer neuen Haushal⸗ tung unumgänglich nothwendig ſind, in einer Jung⸗ geſellenwirthſchaft aber ſelten gefunden werden. Unter⸗ deſſen kommt dann Mr. Rowſon zurück, Sam muß die beiden Körbe auf ſein Pferd nehmen, und wir drei fol⸗ gen Euch ſo ſchnell als möglich. „Dort mögt Ihr Euch nachher unterhalten ſo gut Ihr könnt, lange warten werden wid Euch hoffentlich nicht laſſen.. 3 Hiergegen hatte Niemand etwas einzuwenden, ſelbſt Harper ſträubte ſich nur noch ſchwach, und bald darauf — 129 G ſetzte ſich die kleine Caravane, von Roberts und Bahrens angeführt, in Bewegung, während Mrs. Roberts, ge⸗ ſchäftiger als je, zwiſchen allen möglichen Krügen und Käſtchen und Kiſten und Schachteln umherfuhr, eine ganze Menge von Sachen herausſtellte, die ſie nachher als gar nicht transportabel, wieder wegthun mußte, und ſchon zum dritten Male die beiden Körbe ausgepackt hatte, um ſie immer wieder auf's Neue zu füllen, als plötzlich, wie ſie noch in beſter Arbeit war, die Geſtalt des Indianers in der Thüre erſchien, und dieſer ſo ernſt und düſter unter ſeinen, wild die Stirn umflatternden Haaren hervorſchaute, daß die Matrone wirklich einen leiſen Schrei des Schrecks oder vielmehr der Ueberraſchung ausſtieß, und beinahe das irdene Gefäß, was ſie, mit getrockneten Pfirſichen zefült. in der Hand trug, hätte fallen laſſen. „Ach Aſſowaum,“ rief ſie endlich lächelnd—„bin ich doch beinahe erſchrocken, als ich Euch ſo unerwartet daſtehen ſah— es war faſt wie ein Geſpenſt; Ihr habt Euch recht lange nicht ſehen laſſen. Wie iſt es Euch ge⸗ gangen?“ „Hat der blaſſe Mann ſchon das braunäugige Mäd⸗ chen heimgeführt 2“ ſagte der Indianer, ohne ihre freund⸗ liche Anrede zu beachten, und nur ängſtlich forſchend im 9* 130 Zimmer umher ſchauend—„iſt Aſſowaum zu ſpät ge⸗ kommen?“ —„Was habt Ihr— Mann?“ rief die Matrone, jetzt in der That vor den rollenden Augen des Wilden entſetzt,„was wollt Ihr mit Mr. Rowſon, den Ihr ja doch wohl immer den blaſſen Mann genannt habt?“ „Ich will noch Nichts von ihm flüſterte Aſſowaum „noch nicht; aber die Regulatoren verlangen nach ihm!“ „Was geht er die Regulatoren an, er gehört ja nicht zu ihnen— billigt ihre Verſammlungen nicht einmal—“ „Das glaub ich,“ lächelte der Wilde, aber ſo ſchauer⸗ lich durchzuckte ſelbſt dieſes Lächeln ſeine dunklen Züge, daß die Matrone ernſtlich fürchtete, er ſei über den Ver⸗ luſt ſeiner Squaw wahnſinnig geworden, und vorſichtig ſchaute ſie ſich nach dem Negerknaben um, der eben ihr eigenes Pferd, draußen vor der Thüre, ſattelte. „Aſſowaum mochte leſen was in ihrer Seele vorging, denn er fuhr mit der Hand über die Stirn, ſtrich ſich die herübergefallenen Haare glatt, und ſagte leiſe. „Aſſowaum iſt nicht krank— aber er kam hierher Euere Tochter zu retten, iſt es zu ſpät?“ „Meine Tochter? allmächtiger Gott was iſt mit ihr? was ſollen Euere räthſelhaften Reden? ſprecht das 131 Schreckliche aus— was iſt es— was iſt mit meinem Kind?“ „Iſt Marion ſchon des blaſſen Mannes Weib?“ „Nein— aber was hat Mr. Rowſon— 2 „Die Regulatoren ſind auf ſeiner Fährte— er iſt der Mörder Heatheott’'s—“ „Großer Gott!“ rief die Matrone entſetzt, und wankte zu dem Seſſel zurück, während der Indianer ru⸗ hig und ernſt in der Thüre ſtehen blieb.“ „Das iſt Verläumdung,“ ſagte ſie endlich, ſich er⸗ mannend—„ſchändliche, niederträchtige Verläumdung. Wer iſt der Bube der ihn deſſen angeklagt?“ „Ich ſelbſt,“ flüſterte Aſſowaum—„ich ſelbſt,“ wie⸗ derholte er nach kurzer— athemloſer Pauſe—„er mag ſich vertheidigen— aber ich fürchte an ſeinen Händen klebt auch das Blut Alapahas— meines Weibes—“ „Entſetzlich— fürchterlich,“ ſtöhnte die unglückliche Frau,„und mein Kind— aber nein, es iſt nicht mög⸗ lich— es iſt ein Irrthum— ein ſchrecklicher, wahnſin⸗ nig machender Irrthum, der ſich bald aufklären wird und muß; er wird rein und unſchuldig vor jedem Gericht her⸗ vorgehen.“ „Oniſhin,“ ſagte der Indianer—„wo aber ſind die 7 1 Eurigen?— wo iſt der alte Mann, wo das Mädchen? wo der blaſſe Mann ſelbſt?“ „Er muß augenblicklich zurückkehren— Marion und Roberts ſind vorausgeritten zu ſeinem Hauſe, heute Nachmittag ſoll in des Richters Wohnung die Trauung ſtatt finden. Menſch— es iſt ja nicht möglich— Rowſon— der fromme, gottesfürchtige Mann kann kein Verbrecher ſein.— Er müßte denn den Regulator, der ihn ſtets beleidigte und kränkte, in der Hitze erſchla⸗ gen haben—“ „Und wen beſchuldigte er der That?“ frug der In⸗ dianer ernſt,„der blaſſe Mann hatte zwei Zungen in ſeinem Mund, die eine ſprach mit ſeinem Gott und die andere zürnte dem Verbrecher. That er Recht, wenn er das Blut an ſeiner eigenen Hand wußte?“ „Ich kann es nicht glauben— ich kann es nicht be⸗ greifen,“ jammerte die Frau händeringend. „Ich weiß den Tag nach Alapahas Mord,“ ſagte Aſſowaum mit unterdrückter Stimme, indem er den klei⸗ nen Tomahawk ſeiner Squaw aus dem Gürtel nahm, und auf den Tiſch legte.„Mit dieſer Waffe,“ fuhr er dann, faſt noch leiſer aber mit deutlicher, nur hohl und geiſterhaft klingender Stimme fort,„mit dieſer Waffe wehrte ſich die Blume der Prairieen gegen den feigen 4— 133 Mörder, und Rowſons Arm war an jenem Tage ver⸗ letzt.“„Dieſen Knopf—“ flüſterte er weiter, die Re⸗ liquie dabei aus ſeiner Kugeltaſche nehmend,„wand ich aus den, im Tode krampfhaft geſchloſſenen Fingern Ala⸗ paha's. Er muß Rowſon's ſein— Aſſowaum hat Leute geſprochen, die da ſagten das iſt Rowſons Knopf. „Das ſind Alles nur noch unſichere, ſchwankende Vermuthungen,“ rief die Matrone ſich erhebend, und dem rothen Sohn der Wildniß feſt in's Auge ſchauend— „das iſt noch kein Beweis Mann— ich ſage Euch, es iſt nicht möglich— Rowſon iſt unſchuldig!“ „Oniſheshin! dann fragt ihn ſelber, denn dort kommt er,“ erwiderte Aſſowaum ruhig—„wird der blaſſe Mann noch bläſſer werden, wenn ihm die gute Frau ſagt, daß er ein Mörder ſei?“ Ehe die Matrone nur einer Antwort fähig war, hatte der Wilde den kleinen Tomahawk wieder an ſich genommen, und mit geräuſchloſem Schritt, ein Verſteck das in der Ecke ſtehende, mit weißem Fliegennetz über⸗ hangene Bett, erreicht; faſt in demſelben Augenblick hielt auch das Poney des Predigers, ganz mit Schaum be⸗ deckt, an der Fenz; der Reiter ſchwang ſich aus dem Sattel, und betrat gleich darauf die Schwelle, wo er allerdings das bleiche Ausſehen der Matrone hätte be⸗ merken ſollen. Zu ſehr aber mit ſeiner eigenen Gefahr beſchäftigt, frug er nur mit heiſerer, faſt tonloſer Stimme, wo ſeine Braut, wo die Männer wären; ja, ein Fluch ſchwebte ihm auf den Lippen, als Mrs. Roberts, zwar noch zitternd, aber doch ſchon wieder ge⸗ ſammelt, antwortete,„ſie wären vorausgeritten, und er⸗ erwarteten ihn und ſie ſelbſt, bald nach. Die alte gewohnte Scheu hielt jedoch noch jedes rauhe Wort zurück, und er wollte ſich ſchon wenden, um jene vielleicht noch mög⸗ licher Weiſe zu überholen, das eigene Haus zeitig ge⸗ nug zu erreichen um ſich in den Kahn zu werfen, und zu Waſſer eine Flucht zu verſuchen, die ihm, wie er fürch⸗ ten mußte, ſchon zu Land abgeſchnitten war, als Mrs. Roberts Stimme ihn zurückrief, und ihn bat zu ihr zu treten.. Wohl fühlte er, daß jetzt weitere Verſtellung nur unnöthige Zeit vergeude, und er wohl gar den günſtigen Moment verſäumen könne, dann aber auch gewann ſein beſſeres Gefühl, der Frau gegenüber, die er ſo fürchterlich getäuſcht hatte, die Oberhand, und er beſchloß wenig⸗ ſtens in Frieden von ihr Abſchied zu nehmen. Schnell ſchritt er in dieſer Abſicht zu dem Tiſch zurück, an dem ſte lehnte, und hier fiel ihm zum erſtenmal ihr ganz ver⸗ ändertes, bleiches Ausſehen auf; ehe er jedoch hierüber eine Frage thun konnte, ſagte die Matrone ſehr ernſt, aber immer noch freundlich: „Mr. Royſon, wollen Sie verſprechen mir auf etwas, das ich Sie fragen werde, frei und offen zu ant⸗ worten?“ „Ja— ſagte der Pregiger halb beſtürzt und halb verlegen—„doch muß ich Sie bitten es zu beeilen, denn ich— ich muß wirklich noch einmal fort— Sie wiſſen, daß ſo viele Geſchäfte—“ 8 ein ihm ſelbſt unerklärbares Gefühl beängſtigte ihn, und Er hatte nicht das Herz ſein Auge zu ihr zu er es war ihm als ob er vor ſeinem Richter ſtände. „Miſter Rowſon,“ ſagte die alte Dame jetzt mit leiſem aber deutlichem Ton—„es ſind mir heute Mor⸗ gen wunderbare Sachen von Ihnen erzählt worden!“ „Von mir? von wem?“ frug der Prediger er⸗ ſchrocken,„wer war hier?“— Es ſind immer noch nur Vermuthungen,“ fuhr Mrs. Roberts ruhig fort—„und ich hoffe zu Gott, daß es auch nur Vermuthungen bleiben ſollen, aber nothwendig iſt es, daß Sie ſelbſt erfahren, was man von Ihnen ſagt, um ſich dann kräftig und vollſtändig dagegen vertheidigen zu können.“ „Ich weiß in der That nicht— dieſe räthſelhaften 136 Worte— was iſt nur vorgefallen?“ ſtotterte Rowſon immer verlegener werdend, und ſchon warfer einen ſcheuen Seeitenblick nach der Thür, als ſei er entſchloſſen den Faden kurz abzuhauen, und ſich durch die Flucht jeder weiteren Frage zu entziehen; unwillkürlich hatte er aber indeſſen mit einer Blume geſpielt, die auf dem Tiſche lag, an dem er lehnte, und er nahm jetzt ebenfalls den Knopf auf, den der Indianer dort zurückgelaſſen hatte. „Rühren Sie den Knopf nicht an, Sir— um Gotteswillen,“ rief die Matrone, die es bemerkte, in einem plötzlichen Gefühl des Schreckes und der Angſt— „er iſt—“ „Was fehlt Ihnen, Madame Roberts,“ frug aber jetzt Rowſon, ſich wieder ſammelnd und entſchloſſen dem Geſpräch ein Ende zu machen.„Sie ſcheinen außer ſich. Was iſt mit dem Knopf? es iſt einer der mei⸗ nigen, der wahrſcheinlich—“ „Der Ihrige?“ ſchrie entſetzt die Matrone, und hielt ſich an der Lehne ihres Stuhles—„der Ihrige?“ „Was iſt Ihnen?“ „Den Knopf fand Aſſowaum in der Hand ſeines ſchändlich gemordeten Weibes,“ rief die bis jetzt ängſt⸗ liche und ſchwache Frau, ſich hoch und kräftig aufrich⸗ tend—„und Sie— Sie ſind der Mörder!“ Des Prieſters Hand fuhr ſchnell und krampfhaft an ſeine Seite unter die Weſte, wo er die verſteckten Waffen trug, als er aber den ſcheuen Blick im Zimmer umher⸗ warf, begegnete ſein Auge dem des Indianers, der, die Büchſe erhoben, feſt im Anſchlag auf ihn lag, und ihm donnernd zurief: „Ein Schritt, und Du biſt eine Leiche!“ Rowſon hielt ſich für verloren, da bemerkte Madame Roberts die drohende Stellung des Wilden, und nicht anders glaubend, als daß dieſer hier gleich an Ort und Stelle Rache für das unſchuldig vergoſſene Blut ſeines Weibes nehmen wolle, warf ſie ſich von der Seite auf ihn— drückte ihm den todtbringenden Lauf in die Höh' und rief entſetzt aus: „O nur nicht hier— nur nicht hier vor meinen Augen!“ Rowſon ſah dieſe Bewegung, und wußte, daß dieß vielleicht der letzte günſtige Augenblick ſei, der ſich ihm zur Flucht böte; mit der Gewandtheit eines Panthers ſprang er daher, ehe der Indianer, dem Mr. Roberts den Weg verſperrte, voreilen konnte, aus der Thür, ſchwang ſich in den Sattel ſeines Poneys, und war auch in der nächſten Secunde in dem Dickicht, das beide Seiten des ſchmalen Weges begrenzte, verſchwunden. Ihm nach ſtürmte mit wilder Eile der rothe Krieger, ehe er jedoch die fliehende Geſtalt des Feindes wieder auf's Korn nehmen konnte, entzogen dieſen ſchon die dichtbelaubten Büſche ſeinen Blicken wie ſeiner Kugel, und Aſſowaum trat nun ſchnell entſchloſſen zu dem Reitpferd der Mrs. Roberts, das fertig geſattelt und aufgezäumt, und von dem Neger gehalten, vor der Fenz hielt, warf den Damenſattel ab, riß den Zügel aus der Hand des ganz verblüfften Schwarzen, ſchwang ſich ſelbſt auf den nackten Rücken des Thieres und folgte, dieſem die 1 — Cap. VIII. Die Belagerung. „Seht Ihr wohl— ich hatte doch Recht— da iſt das Haus!“ ſagte Roberts, als die kleine Caravane den Rand der Waldlichtung betrat, und nun vor dem ein⸗ fachen, von hoher ⸗Fenz umgebenen Gebäude ſtand, das für kurze Zeit Marions ganze Welt in ſich faſſen 5 5 9 follte—“ „Wahrhaftig!“ rief Harper verwundert,„aber die Bäume waren nach ganz anderer Richtung hin ange⸗ zeichnet; ich glaubte nicht anders, als daß er irgendwo in dem hohen Lande, weiter hinauf, wohnen müßte. Jetzt werden wir ja faſt halbe Nachbarn, denn mein Haus liegt gar nicht ſo ſehr weit von hier entfernt, den Fluß hinunter.“— 8 „Nun Marion, wie gefällt Dir der Platz?“ frug der alte Roberts, ſich zu ſeiner Tochter wendend— heh? ein Bischen ſtill und ſchaurig, nicht wahr? ja, das macht die Nähe des Fluſſes, die dichten Sycamoren die dunkelen Weiden, die einzelnen Baumwollenholzbäume, die ſich hier noch finden, denn weiter hinauf ſtehen ſie ſehr ſelten, und Smeiers hat mich neulich verſichert—“ „Es iſt auch hier recht ſtill und einſam,“ flüſterte Marion, Ellens Hand ergreifend, als ob ſie ſich ſelbſt ſcheue, die lautloſe Ruhe durch ihre Stimme zu ſtören— „ich weiß nicht, was den Platz ſo öde ſo— ſchauerlich macht.“ „Weil das Vieh fehlt,“ ſagte Bahrens—„das iſt natürlich, wo keine Kuhglocken läuten, und die Hühner und Ferkel nicht auf dem Hof herumjagen, wo Einem nicht ein paar Hunde entgegenſpringen und einen Specktakel machen, daß man ſein eigenes Wort nicht hören kann, und eine Heerde Gänſe immer gerade zu derſelben Zeit an zu ſchnattern fängt, wo man dem, der uns erwartend im Haus ſteht, etwas zurufen will, da iſt's auch nicht wohnlich und gemüthlich, und würde: mir wenigſtens ſtets höchſt unbehaglich vorkommen.“ „Wozu ſollte ſich aber Mr. Rowſon Vieh anſchaf⸗ 141 fen,“ warf Harper ein,„wenn er vielleicht ſchon in acht Tagen wieder auszieht.“ „Ach was da“— erwiderte Bahrens,„und wenn ich nur drei Tage auf einem Fleck wohnte, ſo müßte ich wenigſtens ein paar Hühner oder Ferkel um mich herum⸗ haben, die das liebe Getraide aufläſen, was ſonſt ver⸗ wüſtet wird. Seht nur, wie's da drin im Hofe aus⸗ ſteht, der Mais liegt dicht geſtreut am Boden; ach, wenn das meine Alte ſähe.“ „Wird jetzt ſchon anders werden,“ lachte Roberts —„die Frau wird ihm den Kopf ſchon zurecht ſetzen, und es iſt nun auch ein möglicher Fall, daß nicht mehr alle Sonntage zweimal, und manchmal Mittwochs ein⸗ mal gepredigt wird. Für die Bequemlichkeit der Pferde iſt übrigens geſorgt, das muß wahr ſein— Tröge genug.“ „Was haſt Du, Ellen?“ frug Marion, ſelbſt ſogleich beunruhigt, als die Freundin einen leiſen, halb unter⸗ drückten Schrei ausſtieß—„was war da?“ „O Nichts, lächelte das Mädchen verlegen, und warf dabei einen flüchtigen, aber immer noch ſcheuen Seitenblick nach dem Haus hinauf—„Nichts— es war bloße Täuſchung, mir kam es aber auf einmal vor, als ———— — ꝗ— 14² ob da oben, zwiſchen den beiden offenen Spalten, ein Auge hervorgeleuchtet hätte.“ „Wo? da oben?“ lachte Bahrens—„da würde ſich wohl ſchwerlich ein Gaſt einquartirt haben; wer hier im Hauſe wohnen wollte, fände bequemere Plätze— die Thür iſt ja offen.“ „Und was für eine Thür!“ ſagte Harper, der die Pforte jetzt öffnete und das Haus zuerſt betrat,„merk⸗ würdig ſtark, als wenn er wunder wie große Reichthümer hier aufbewahrte. Nun— ziemlich ordent lich ſ ſiehts aus“ fuhr er dann fort, ſich überall umſchauend— „für eine Junggeſellenwirthſchaft nämlich, denn die Frauen möchten noch Manches daran auszuſetzen haben. Das läßt ſich aber nicht anders verlangen; bei uns unten bleibt ebenfalls Viel zu wünſchen übrig. Als freilich Alapaha noch lebte“ ſeufzte er dann ſtill vor ſich hin, „da war es dort auch immer recht wohnlich. und hübſch, — und da.“— „Es wird ſchon wieder ſo werden Harper“ unter⸗ brach ihn Bahrens freundlich—„vielleicht noch beſſer — Brown muß heirathen und dann braucht Ihr nach⸗ her nicht mehr über Junggeſellenwirthſchaft zu lamen⸗ tiren, dann haben die Junggeſellen ausgewirthſchaftet.“ „Nun herein da Ihr Mädchen!“ rief Roberts, der 4 ſich jetzt den beiden Männern angeſchloſſen hatte, lachend „herein da, mit Euch— hier beginnt Euer Reich und Marion mag gleich Beſitz nehmen.“ „So—“ fuhr er fort, als ſie ſeinem Wunſche Folge geleiſtet,„ſo— das iſt Recht— nun kommt und wirthſchaftet hier nach Herzensluſt, und wir wollen indeſſen draußen ein Feuer anzünden und den eiſernen Keſ ſel d'rüber hängen. Eine Küche iſt doch nicht beim Haus wie ich ſehe, und meine Alte, die gar nicht mehr lange bleiben kann, denn in ſolchen Sachen— „W— oh“, rief Bahrens lachend—„er geht wie⸗ der duech.— Hier iſt Schwamm;— wo aber machen wir das Feuer an, ein unbequemer Platz für Holz, das— wenigſtens funfzig Schritt, da wollen wir lieber erſt ein paar Aſte herbeitragen— iſt denn keine Art auf der Farm? ſchöne Einrichtung das! 14 „Dort in der Ecke lehnt eine“ ſagte Harper— „Gut, dann bleibt Ihr nur indeſſen hier.“ „Nein, ich will mit Holz tragen“, mein Roberts, „Harper mag Feuer anmachen— dürres Laub und Rei⸗ ſig hat ja der Wind genug hergeſchafft.“ Die Männer gingen nun lachend und erzählend an ihre Beſchäftigungen und die Mädchen blieben allein im Haus zurück; ihre Stellung aber veränderten ſie nicht, III. 10 144 und mit ineinander verſchlungenen Händen ſahen ſie ſich ernſt und ſtill in die Augen, bis endlich Marion den in⸗ neren Gefühlen nicht länger gebieten konnte, ſich an die Bruſt der Freundin warf und hier, in einem lindernden Thränenſtrom dem lang und arg bedrängten Herzen Luft machte. „Marion, was fehlt Dir?“ frug Ellen erſchreckt, „was um Gotteswillen haſt du?— Dich quält ir end etwas Entſetzliches— ich habe es Dir lange angeſe — Du biſt nicht glücklich.“— „Nein“, ſchluchzte das arme Mädchen und umſchlang nur feſter die Freundin die ihre Arme zu löſen ſuchte um dem Lüu der Weinenden zu begegnen.„Nein— Gott„ weiß ich bin nicht glücklich, und werde es nie⸗ mals werden.“ „Aber was iſt Dir, um das Heiland's Willen, habe ich Dich noch nie geſehen— Du zitterſt und eſß — Marion, was fehlt Dir?“ „Was mir fehlt?“ frug die Braut des Methodiſten, ſich wild und krampfhaft emporrichtend,—„was mir fehlt?— Alles— Alles auf der weiten Welt— Ver⸗ trauen— Liebe— Hoffnung— ja ſelbſt die Hoffnung fehlt mir, und jetzt— jetzt iſt es zu ſpät— zu ſpät— ich kann nicht mehr zurück.“ 145 „Marion Du ängſtigſt mich“ flüſterte ſchüchtern die Freundin, die ſte bebend umſchlang—„was ſollen all die räthſelhaften Worte, kannſt oder darfſt Du mir nicht vertrauen?“ „Noch kann und darf ich“ ſagte jetzt entſchloſ⸗ ſen Marion und ſtrich ſich die dunkelen Locken aus der Stirn zurück—„noch ſind wenige Minuten mein eigen, noch bin ich Herrin meiner ſelbſt; in einer Stunde viel⸗ leicht iſt es zu ſpät— ſo höre denn Ellen, was mich bis zu dieſem Augenblick elend gemacht hat, was mir von dieſem Augenblick an, mein ganzes zukünftiges Le⸗ ben verbittern“—„was haſt Du? was iſt?“ „Sieh nur dort“ ſagte das Mädchen erſtaunt— „iſt das nicht Nr. Rowſon?— großer Gott, das Pferd muß mit ihm durchgehen— ſtie nur, wie es jagt.“ „Hallo Rowſon!“ ſchrien Bahrens und Roberts am Waldſaum, die ihn erſt jetzt erblickten—„was zum Teufel iſt vorgefallen?“ „Alle Wetter!“ rief Harper und ſprang auf die Seite, denn das keuchende, ſchäumende Thier hätte ihn faſt über den Haufen gerannt—„Rowſon ſeid Ihr wahnſinnig geworden? was zum Henker habt Ihr?“ Dieſer aber würdigte keinen der Männer einer Ant⸗ wort, nicht einmal eines Blickes, ſprang vom Pferd, 10* — ſtürzte durch die ſchmale Fenz⸗Pforte, die er wieder hin⸗ ter ſich zuwarf, in das Haus, wo die Mädchen mit einem wilden Angſtgeſchrei vor ſeinem bleichen verſtörten Aus⸗ 1 ſehen zurückfuhren 1 warf auch dieſe Thür ins Schloß, ſchob zwei eiſerne Riegel vor, riß die Büchſe von dem Haken herunter und blickte jetzt erſt, dieſe ſpannend und im Anſchlag heraufnehmend, im Zimmer umher, als ſei er feſt entſchloſſen, den Erſten, der ſich ihm in den Weg ſtellen würde, niederzuſchießen. „Allmächtiger Gott— Miſter Rowſon“, rief Ellen zu Tode erſchrocken—„was wollen Sie thun? ihre Braut ermorden?“ „Cotton!“ ſchrie Rowſon mit heiſerer Stimme, als er ſich überzeugt hatte, daß keiner der Männer in der Hütte weile, und ohne das Mädchen weiter eines Blicks zu würdigen—„Cotton!“ 3 „Ja“, antwortete dieſer mürriſch von oben herab— „ich bin hier, aber hab Acht da unten— der Indianer kommt. Höll, und Teufel.— war Euch der dicht auf den Ferſen.“ indem er mehre kleine Pflöcke aus den Zwiſchenſpalten der Klötze herausnahm, und ſo zu gleicher Zeit Schieß⸗ ſcharten und Ausſchaulöcher bildete— kommt herunter „Kommt herunter— ſchnell“, befahl der Prediger, 4 hier— es wird gleich Arbeit geben— wir haben Ein⸗ quartirung.“ Wie eine Katze glitt jetzt der Jäger, da er die Leiter hinter ſich heraufgezogen hatte, an den rauhen Stämmen der Hütte, aus dem engen Raume nieder, der ihn bis jetzt verborgen gehalten, und Ellen bedurfte nun Ma⸗ rions Arm, ſie aufrecht zu halten, als ſie den Mann erblickte, den ſie von allen Menſchen der Erde am mei⸗ ſten fürchtete, und der jetzt unter ſo ſonderbaren, geheim⸗ nißvollen Verhältniſſen auf dem Schauplatz erſchien. „Was ſoll das heißen?— um Gotteswillen Mr. Nowſon, laſſen ſie uns hinaus“— bat Marion, in dieſem Augenblick zum erſten Mal befürchtend, daß ſie gefangen und in der Gewalt von Verbrechern wäre— „laſſen Sie mich zu meinem Vater— was bedeutet dieß Alles?“ „Wirſt es bald erfahren Täubchen“, lachte höhniſch der Jäger, indem er die zweite Büchſe über dem Kamin weg nahm—„wirſt es bald erfahren— aber Gift und Klapperſchlangen“ fuhr er dann, ſich zu Rowſon wen⸗ dend, zornig fort—„Ihr habr mich hier ſchön mit in die Falle gelockt— Thor der ich war in das Neſt hin⸗ auf zu kriechen; jetzt könnt ich ruhig im Canoe ſitzen und eine fünf Meilen ſichere Diſtanz zwiſchen mir und den Schuften da draußen haben.“ „Zurück da“, ſchrie Rowſon durch die Spalte, ohne etwas auf die Vorwürfe des Gefährten zu erwiedern— „zurück oder Ihr ſeid des Todes!“ und in demſelben Augenblick krachte auch ſein Schuß durch die Spalte der Hütte und das entladene Gewehr niederwerfend, war er mit einem Satz am Bett, riß die Matratzen herunter und brachte noch vier andere, geladene Büchſen zum Vorſchein. „Wart rothe Beſtie!“ murmelte er dann vor ſich hin—„Dir hoff' ich das Spioniren gelegt zu haben. — Zurück von der Thür da!“ donnerte er jetzt die Mädchen barſch an:„es iſt bitterer Ernſt— zurück, wenn Euch Euer Leben lieb iſt.“ „Was ſollen wir aber mit den Dirnen hier?“ frug Cotton ärgerlich. „Sie als Geißeln behalten“, ſagte der Methodiſt, „ihr Leben bürge uns für das unſrige— halten wir uns nur bis Dunkelwerden, ſo ſind wir gerettet.“ „Das ſeh' ich auch noch nicht ein“, antwortete mur⸗ rend der Jäger, indem er erſt vorſichtig nach allen Rich⸗ tungen umher ſchaute und dann die Büchſe, aus der ihm bezeichneten Kugeltaſche, wieder lud—„Abends werden —— — 149 ſte Feuer um das Haus herum anzünden, oder es gar in Brand ſtecken.“ 4 „Dafür ſtehen uns die Mädchen“ lachte Rowſon, „aber hallo— da kommt der alte Roberts, allein, ohne Büchſe— er will ſein Kind wieder haben; kann nicht geſchehen Alter.“— Die drei Männer, eher des Himmels Einſturz als dem Aehnliches, was ſich hier vor ihren Augen zutrug, vermuthend, hatten mit Staunen das Heranſprengen des Methodiſten bemerkt und im erſten Augenblick, wie Ellen geglaubt, das Pferd ginge mit ihm durch; kaum war aber der ſonſt ſo ruhige Prediger im Innern ſeines Hauſes verſchwunden, und noch hatte Bahrens und Ro⸗ berts, der Eine mit der“ Art, der Andere mit einem ab⸗ gehauenen Aſt auf der Schulter, den er vor lauter Ver⸗ wunderung mitnahm, die Fenz nicht erreicht, als auch ſchon wieder donnernde e Hufſchläge gehört wurden, und gleich darauf der Indianer eanſnde die langen ſchwarzen Haare im Winde flatternd, Büchſe in der Rechten, quer über dem Pferd den L duß aber nach vorne, dicht an den Hals des Thieres gehalten, damit ſie nicht in den Dornen und Schlingpflanzen hängen bliebe, den Zügel loſe in der Linken und hinuntergebogen faſt bis 2 3 auf das rechte Knie, um die Fährten denen er folgte, deutlicher erkennen zu können. „Aſſowaum!“ riefen Jene erſchrocken und überraſcht —„was iſt vorgefallen? was willſt Du mit dem Pre⸗ diger? was hat er gethan?“ „Sein Blut will ich!“ knirſchte der Wilde—„ſein rothes Blut— das Herz aus ſeinem Leibe!“ und ſich von dem Rücken des mit weißen Schaum bedeckten 1 Thieres werfend, das, an ſolche Anſtrengungen nicht gewöhnt, erſchöpft zuſammenbrach, ſtürmte er gegen die Fenz und kletterte daran empor. In demſelben Augen⸗ blick ertönte die Stimme des Methodiſten, der Schuß krachte aus dem Innern hervor, und Aſſowaum ſtürzte von der Fenz, deren oberſte Stange er eben erreicht, hinunter. Ehe ſich aber die Männer von ihrem Schreck erholen konnten, ſprang er wieder empor, floh um die hohe Einzäunung herum, und trat dort hinter einen ſtarken Baumſtamm, von wo aus er die Rückſeite der Hütte beſchießen und jede Flucht nach dem Fluſſe zu abſchneiden konnte. Hierhin folgten ihm Bahrens und Harper, Roberts aber ſchritt auf das Haus zu, feſt entſchloſſen, ſein Kind den Händen des Verfolgten zu entreißen, deſſen räthſel⸗ haftes Betragen zu deutlich kund gab, wie er ſich irgend 151 einer Schuld, die Roberts freilich noch nicht kannte, be⸗ wußt fühlte. „Zurück da!“ rief ihm Rowſon aus dem Haus ent⸗ gegen—„zurück wenn Euch Euer Leben lieb iſt.“ „Mein Kind gebt mir heraus,“ rief Roberts dage⸗ gen,„die beiden Mädchen laßt aus dem Hauſe— ich ſchwör' es Euch zu, ich habe Nichts gegen Euch, ich be⸗ greife nicht einmal was dies Alles bedeuten ſoll, aber Ihr habt auf den Indianer geſchoſſen— es iſt Blut gefloſſen und ich will die Weiber von einem Orte neh⸗ men, wohin ſie nicht paſſen, gebt mir mein Kind!“ „Zurück da!“ ſchrie Rowſon drohend und hob die Büchſe. Marion warf ſich ihm aber in die Arme und rief flehend: „Um Gottes Willen— Mann— wollt Ihr mei⸗ nen Vater morden?“ „Schaff mir die Dirnen vom Hals Cotton“ rief der Prediger ärgerlich—„höre nur wie der Narr draußen an der Thüre rüttelt— ein Glück, daß ſie den Sturm nicht zuſammen verſucht haben, ſonſt hätt's uns bös be⸗ kommen können. Jetzt ans Werk— die Mädchen müſ⸗ ſen gebunden werden— deren Arme dürfen uns nicht mehr hinderlich ſein— und ſchweigen ſie nicht, auch eknebelt. Wir haben nur noch einige Minuten freie Zeit und die müſſen wir benutzen.“ 5 „Hülfe! Hülfe!“ ſchrieen und flehten die beiden Jung⸗ ffrauen als ſie ſich von den rauhen Händen der Männer erfaßt und geſeſſelt fühlten. „Räuber! Schuft!“ tobte der alte Roberts, und riß mit der Kraft der Verzweiflung an der eichenen Thür, um ſich den Eingang zu erzwingen, während Bahrens her⸗ beiſtürmte, ſo dem Freunde zu helfen, und Harper ſelbſt, ſo nach einem friſch abgehauenen Aſt griff, und dem Hauſe zueilte, um ſeinen ſchwachen Arm ebenfalls dem Vater zu leihen. Ehe aber die Männer die Fenz überklettert und die Thüre erreicht hatten, waren auch die ſchwachen, zit⸗ ternden Glieder der beiden Unglücklichen von ſtarken Seilen umwunden, und Royſon rief drohend aus: „Oeffnet Eure Lippen noch zu einem Hülfeſchrei, und ich ſchieße den alten weißköpfigen Narren, der hier an der Schwelle tobt, wie einen Hund nieder. „Gnade! Gnade!“ flüſterte Marion leiſe und zit⸗ ternd—„Erbarmen!“ „Schießt einmal hinaus, Cotton, verwundet aber keinen,“ rief dieſem der Methodiſt zu— indem er ſelbſt an eine der hinteren Spalten mit der Büchſe trat, und ſehr er ſich auch durch die letzte Aufregung geſchwächt fühlte, von hier aus den Indianer zu treffen hoffte, wenn dieſer ſich einmal unvorſichtiger Weiſe eine Blöße geben ſollte. 1 Aſſowaum hatte aber nach dem erſten Schuß die Abſicht des Prieſters errathen, der in ihm ſeinen grimmigſten Feind kannte und fürchtete, und ihn deshalb auch auf jede Gefahr hin zu beſeitigen wünſchte. Deshalb war er nach der Kriegführung ſeines Stammes und als die erſte Hitze verraucht war, auf eine gedeckte Stelle geflohen, von wo aus er die Flucht ſeines Feindes verhindern konnte, bis die, ihm auf den Ferſen folgenden Regu⸗ latoren eintreffen würden. Den Mörder Alapahas leben⸗ dig und unverletzt zu fangen, war jetzt ſein einziges und alleiniges Ziel. Daß übrigens Brown, dem er ſonſt mit der ganzen Treue ſeines Volkes zugethan war, Marion liebe, wußte er nicht, wenn er es auch vielleicht geahnt hatte. Trotz dem hätte ihn aber auch das nicht von dem vorgeſteckten Ziel abbringen können. Er wollte und mußte ſein Weib rächen und wäre die ganze Welt darüber zu Grunde ge⸗ gangen. Eine Kugel, aus Cottons ſicherem Rohr gefeuert, die Bahrens Hut vom Kopfe riß, machte übrigens die Män⸗ ner auf die Gefahr aufmerkſam, der ſie ſich, unter dem Feuer des zum äußerſten getriebenen Feindes, ausſetzten, und Roberts ſelbſt hielt die Freunde von dem Verſuch zurück, die ſchwere, feſte Thür mit Gewalt zu ſtürmen, da ſie nicht einmal bewaffnet waren, und alſo auf dieſe Art nie hoffen durften, den Panther mit Erfolg in ſei⸗ ner eigenen Höhle anzugreifen. „Ich will ihm allein und unbewaffnet entgegentreten,“ ſagte er,„er hat in meinem Hauſe viel Gutes genoſſen, und wird es jetzt nicht wagen mir die Erfüllnng der einzi⸗ gen Bitte— die Zurückgabe meines Kindes zu verſagen — geht daher“ bat er noch einmal, als er ſah daß Bah⸗ rens zögerte, und wilde trotzige Blicke nach dem Hauſe hinüber warf— geht— ich hoffe noch Alles im Guten beizulegen, und das Räthſel gelöſt zu bekommen? Mit dieſen Worten wandte er ſich, als Bahrens und Harper die innere Umzäunung verließen, gegen die offene Spalte, hinter der er den Methodiſten vermuthete, und wollte eben ſeine Anrede beginnen, als dieſer höh⸗ niſch daraus hervorrief. „Haltet ein geſtrenger Herr— ich habe zu lange ſelbſt gepredigt um an derlei Salbadereien noch viel Be⸗ hagen finden zu können. Um aber kurz und bündig zu einem Verſtändniß mit einander zu kommen, ſo hört meine Worte, die diesmal Nichts weniger als eine Pre⸗ — 15⁵ digt ſein ſollen, obgleich heute der Sabbath, der Tag des Herrn iſt.“ „So hab' ich mich doch nicht in Dir geirrt— Bube!“ knirſchte der alte Mann im bitterem Groll, während er wild mit dem Fuße ſtampfte,„ſpotte nur noch unſerer Leichtgläubigkeit, mit der wir Deinen glatten Worten trauten.— Aber wehe Dir, wenn Du einem der Mäd⸗ chen, die ein unglückſeliges Geſchick in Deine Hand ge⸗ geben, ein Haar krümmſt; ſtückenweiß wird Dir dann das Fleiſch von den Gliedern geriſſen.“ „Was hilft das Reden, ich—“ „Halt— ſprich noch nicht“— rief der alte Mann in höchſter Aufregung—„ſteh, Du haſt, wie es ſcheint, Schreckliches begangen, denn ſonſt kann ich mir Dein Betragen nicht erklären, aber, was es auch ſei, noch haſt Du Zeit zur Flucht, und ich ſelbſt will Dir dabei behülflich ſein— nimm eins von meinen Pferden— nimm Geld— aber gieb mir mein Kind— gieb mir die beiden Mädchen zurück. Bedenke wie freundlich Du bei uns aufgenommen warſt— bedenke, daß ich Dich heute Sohn nennen wollte“— „Nehmt den Vorſchlag an,“ rieth Cotton—„ſo wird er uns ſobald nicht wieder geboten— verſteht ſich wenn ich einbegrifſen bin; ich laſſe die Mädchen frei—“ * „Halt da,“ unterbrach ihn ſchnell der Methodiſt— „ſeid Ihr wahnſinnig? glaubt Ihr, der Indianer, hinter dem Baum dort, kehrt ſich an das, was der alte Grau⸗ kopf hier verſpricht? Zeigt Eueren Scalp an irgend einem offenen Platz, und ſeht zu, wie bald ſein Blei hier herüber ſpritzt.„Nein, das ſind nur Verſprechungen uns in die Falle zu locken; vor Dunkelwerden blüht für uns keine Rettung.“ 3 „Warum bahnen wir uns aber nicht jetzt mit Ge⸗ walt einen Weg? die drei Männer ſind alle unbewaffnet, ſte können uns nicht aufhalten.“ „Und beſchießt der verdammte rothhäutige Schuft hinter der Fichte dort nicht das ganze Flußufer?“ „Wie aber wenn die Regulatoren hierher kommen ſollten?“ „Mich wunderts, daß ſie noch nicht da ſind,“ hohn⸗ lachte Rowſon—„die Peſt über ſie— ich trotze ihnen dennoch!“ „Dann möcht' ich wiſſen, wie Ihr Nachts entfliehen wollt, wenn ſie das Haus umzingeln?“ „Mit Wacht⸗Feuern dürfen ſie es nicht wagen,“ flüſterte Rowſon—„wir könnten ſie ſonſt von hier aus auf's Korn nehmen, lagern ſie aber im Dunkeln, ſo ſind wir gerettet. Ein ſchmaler Gang, den ich und — 157 Johnſon mit unſäglicher Mühe gegraben, führt unter dieſer Diele fort bis dahin, wo das Canoe verſteckt liegt—“ „Und warum benutzen wir ihn nicht jetzt gleich? kann ſich denn eine beſſere Gelegenheit finden?“ rief ärgerlich Cotton. „Blinder Thor!“ zürnte Rowſon—„jene ſchur⸗ kiſche Rothhaut ſteht in dieſem Augenblick gerade über der Stelle und obgleich wenig Gefahr vorhanden, daß der Schuft von da oben aus den verborgenen Kahn ent⸗ decken könne, da das Schilf zu dicht iſt, ſo wäre es doch jetzt unmöglich dieſen, ohne verrathen zu werden, flott zu machen.“ „Aber die Regulatoren.“ „Gift und Tod über ſie! was in ihren Kräften ſteht, werden ſie thun, aber ſie dürfen es nicht wagen, das Haus feindlich anzugreifen, ſo lange wir dieſe Büchſen und die Mädchen als Geißeln haben.“ „Nun?“ rief Roberts draußen—„haſt Du mei⸗ nen Vorſchlag überlegt?— ich ſehe, es ſind Euerer mehre— geht Alle— Alle die ihr in dem Hauſe Schutz geſucht habt, frei fort von hier, noch iſt es Zeit, denn noch ſind die Richter nicht da, aber gebt mir mein Kind wieder, ſetzt die unſchuldigen Mädchen in Freiheit!“ „Hört meine Antwort!“ entgegnete Rowſon— „mein Leben iſt verfallen, und jener Indianer iſt feſt entſchloſſen, es zu nehmen; könnt Ihr ihn bewegen, in Euere Bedingungen einzugehen, wohl, ſo bin ich bereit; könnt Ihr das aber nicht, ſo bedenkt, daß bei dem erſten Verſuch dieſes Haus gewaltſam zu erſtürmen, die beiden Mädchen von meinen Händen ſterben— wenn nicht noch Schlimmeres mit ihnen geſchieht.“ „Der Indianer muß ſich fügen,“ rief Roberts freu⸗ dig—„er darf nicht— allmächtiger Gott— es iſt zu ſpät— dort kommen die Regulatoren.“ Er hatte Recht— das dumpfe Trampeln von eini⸗ gen zwanzig Pferden ward bald durch das Raſcheln und Brechen von Zweigen und dürren Aeſten begleitet; Aſſo⸗ waum ſtieß ſeinen Schlachtſchrei aus und gleich darauf ſprengten die Regulatoren, von Brown und Husfield angeführt, auf den Kampfplatz. „Mee⸗eu wau iauyaumbaun!“ jubelte der India⸗ ner, als ſie, ſchnell das Ganze überſehend, die Wohnung umzingelten—„jetzt iſt er mein— jetzt hab' ich ſein Blut.“ Rowſon ſchien aber ganz die Gefahr zu kennen die ihm drohe, wenn er in die Hände dieſes Feindes falle, denn weniger noch fürchtete er die Regulatoren; als der 159 Indianer daher in der Freude des Augenblicks nur einen kleinen Theil ſeines Körpers hinter dem Baume ſichtbar werden ließ, ſchoß ein zweiter Blitz zwiſchen den Spal⸗ ten des Blockhauſes hervor, und des Häuptlings Blut färbte aus einer zweiten Streifwunde die Erde. In raſcher Wuth über dieſe raſende Keckheit, ſelbſt einem ſolchen Feinde noch zu trotzen, ſprangen die Regu⸗ latoren aus den Sätteln, und waren im Begriff die Fenz niederzureißen, als ſich ihnen Roberts in den Weg warf und die Noth verkündete, in der ſein Kind ſchmachte. „Großer Gott!“ rief Brown—„Marion in den Händen jener Schurken— was läßt ſich da thun?“ „Stürmen,“ rief Husfield wüthend—„ſtürmen und die Beſtien mit Gewalt heraustreiben.— Laßt ſie's wagen, den Mädchen ein Haar zu krümmen, und wir brennen ihnen die Glieder ſtückweis vom Leibe— geben ſie ſich aber gutwillig und auf Gnade oder Ungnade ge⸗ fangen, ſo— ſo ſollen ſie bloß einfach gefangen wer⸗ den. Hier ſind die Stricke.“ „Spart Cuere ſchnen Reden,“ lachte Rowſon, der die Worte überhört hatte—„wer ſich auf zehn Schritte der Wohnung naht, iſt ein Mann des Todes, wir ſind hier unſerer ſechſe und haben achtzehn Büchſen.— Solltet Ihr aber dennoch Euere Leben ſo gering achten— gut III. 11 160 ſo ſchwör' ich's bei dem ewigen Gott, Sonntage heult und betet, daß die Mädchen vorher eines ſchmählichen Todes ſterben— ich ſpaße nicht.“ „Hol der Teufel den prahleriſchen Schuft,“ rief Husfield, indem er die Fenzſtangen niederwarf,„mir nach Kameraden, in fünf Minuten iſt das Neſt unſere!“ „Halt,“ ſchrieen dazwiſchen ſpringend, Brown, Wil⸗ ſon und Roberts—„halt— das wäre Mord— Mord an den unſchuldigen Mädchen. Die Buben, zur Ver⸗ zweiflung getrieben, ſind zu dem Schrecklichſten fähig, und noch müſſen ſich andere Mittel finden ſie zu zwin⸗ gen, als das Leben derer, die wir beſchützen wollen, ſo leichtſinnig preis zu geben.“ „Nennt Ihr das beſchützen, wenn wir ſte och zwei Minuten in den Händen dieſer Schufte laſſen? 44 „Es muß Rath geſchafft werden,“ ſchrie Brown— „nur nicht mit Gefahr ihres Lebens— wo iſt der Indianer?“ „Geſtattet uns freien Abzug— gebt uns wenig⸗ ſtens vierundzwanzig Stunden Vorſprung und die Mäd⸗ chen ſind frei!“ „Gut! es ſei!“ rief Brown ſchnell. „Halt Sir!“ unterbrach ihn Husſield—„wir haben die Buben, die ſo Gräßliches vollführten, wir zu dem Ihr alle 1 —— & ——qꝙ— A 4 161 haben den Mörder des armen Heatheott in unſerer Ge⸗ walt, und deſſen Blut heiſcht allein ſchon Rache, blu⸗ tige Rache; ſo leichtfinnig dürfen wir die nicht verſcher⸗ zen. Hierüber hat übrigens die Verſammlung abzuſtim⸗ men. Wollt Ihr alſo, Ihr Männer, den Schufteentſchlüpfen laſſen, bloß weil er damit droht ein paar Mädchen, die er in ſeiner Gewalt hat zu ermorden? oder—“ „Nein— nein— nein!“ ſchrie die Maſſe, Har⸗ per, Wilſon, Roberts und Brown ausgenommen. „Männer— Ihr ſeid auch Väter— denkt an Euere Kinder!“ flehte Roberts. „Roberts!“ ſagte Stevenſon der bis jetzt geſchwie⸗ gen hatte vortretend—„ſeid ohne Sorge— Euerem Kinde ſoll und darf Nichts geſchehen, aber leichtſinnig wär es, jenen Verbrechern auf eine ſolche Drohung hin die Freiheit zu geben—“ „Laßt uns die Höhle ſtürmen,“ riefen Viele—„er weiß was ihn erwartet, und wird ſeine Strafe nicht noch durch ein neues Verbrechen vergrößern wollen—“ „Nein ihr Männer von Arkanſas!“ hielt ſie Ste⸗ venſon auf—„ich bin zwar ein Fremder hier bei Euch, vergönnt aber auch mir ein Wort—“ „Redet Stevenſon!“ ſagte Husfield, Ihr habt ge⸗ 11* handelt, als ob Ihr zu uns gehörtet, und Euch dadurch alle Rechte erworben, die wir ſelbſt beſitzen.“ „Gut denn!“ ſagte der alte Mann, ſo hört meinen Vorſchlag— aber vorher ſtellt Wachen aus um das Haus, daß uns keiner der Buben entgeht, während wir hier debattiren.“ „Der Indianer hält am Fluß Wache,“ ſagte Brown —„und an jeder Seite nach dem Wald zu, ſtehen zwei der Unſeren; hier ſind wir— Flucht wäre für ſie unmöglich.“ „So hört meinen Plan,“ fuhr Stevenſon fort: „die Gefangenen, ſo viel es auch immer ſein mögen, wiſſen, daß ſie auf keinen Fall den Wald erreichen kön⸗ nen ſo lange es hell iſt, und haben alſo ihre ganze Hoffnung auf die einbrechende Dunkelheit geſetzt. Mit Gewalt können wir, wie die Sachen jetzt ſtehen, Nichts ausrichten, denn ich glaube, mit Roberts und Herrn Brown, daß ſie, zum Aeußerſten getrieben, auch das Aeußerſte wagen werden. Alſo müſſen wir jetzt zur Liſt unſere Zuflucht nehmen.“ „Sobald es dunkelt, wollen wir hier vorne unſere Lagerfeuer anzünden, bei denen ſich beſonders der In⸗ dianer zeigen muß.“ 8 163 „Er wird ſich nicht ihren Kugeln zum dritten Mal preiß geben wollen,“ warf Cook ein. Hat keine Noth,“ erwiederte der Alte—„in der Dämmerung iſt unſicheres Schießen, und dann wird es Jenen beſonders daran liegen, uns ruhig zu halten— ſie werden gewiß nicht den Frieden zuerſt brechen. Ihre einzige Hoffnung iſt dann der Fluß, oder der umgren⸗ zende Wald, da ich nicht weiß, ob ein Canoe hier liegt?—“ „Nein, es iſt keins zu ſehen,“ ſagte Wilſon. „Gut,“ fuhr der Alte fort,„dann werden ſie um ſo eher den kleinen Fluß durchſchwimmen wollen, um uns von der Fährte abzubringen, einzelne Wachen müſſen deshalb(aber ſo vorſichtig, daß Niemand vom Haus aus, ſie ſehen kann) an den Waldgrenzen verſteckt wer⸗ den, und ich möchte meinen Hals verwetten, daß wir ſie erwiſchen, wenn ſie ſich mit dunkelwerden leiſe zu dem Flußrande hinabſtehlen.“ „Und ſo viele Stunden noch ſoll ich mein Kind in den Händen der Mörder und Diebe wiſſen?“ jammerte Roberts—“ „Das geht auf keinen Fall an,“ warf Husfield ein, „es iſt kaum eilf Uhr und— Peſt und Gift ich kann ———— 164 die Zeit nicht erwarten, die betende Canaille hängen zu ſehen!“ „Ja, wenn wir ſo wollen, Mr. Husfield,“ lachte der Teneſſeeer,„dann geht mir's gerade ſo, mir wird ſte auch verdammt lang werden, aber was dürfen wir an⸗ ders thun?— die Hallunken frei laſſen? das wollt Ihr ſelbſt nicht, vor den ganzen vereinigten Staaten könnten wir das auch nicht verantworten; und die armen Mäd⸗ chen ihrer Wuth preis geben, geht eben ſo wenig an.— Aber da kommt der Indianer herbeigeſchlichen— ſeht nur, wie er ſich aus dem Bereich ihrer Kugeln hält. Gegen den müſſen ſie eine ganz beſondere Malice haben.“ Stevenſon hatte Recht— ſchlangengleich glitt Aſſo⸗ waum hinter niederliegenden Stämmen, Brombeerdickich⸗ ten und dichten Baumgruppen hinweg, und erſt als er nur noch einen offenen Waldfleck zwiſchen ſich und den Männern ſah, floh er flüchtigen Laufes über dieſen hin⸗ weg, und deckte, durch den hier verſammelten Menſchen⸗ knäuel ſeinen Körper. Seine Vorſicht zeigte ſich auch keineswegs unnütz, denn kaum hatte er den freien Platz betreten, ſo bewieß eine dritte Kugel, wie genau jede ſei⸗ ner Bewegungen von dem Haus aus verfolgt war; triumphirend aber ſchwang er dießmal die Büchſe, und hielt dann den von der zweiten Kugel getroffenen Arm, — ‿— 165 dem Freunde hin, der augenblicklich ſein Tuch vom Nacken riß, und die blutende jedoch unbedeutende Wunde verband. „Weshalb hat d denn der Methodiſt eine ſolch entſetz⸗ liche Wuth auf Dich?“ frug ihn jetzt Brown— er verſchießt kein Stück Blei, wenn er es nicht auf Deine rothe Haut abſchicken kann.“ „Er kennt mich!“ ſagte der Indianer, ſich ſtolz empor richtend,„er weiß auch, daß er meiner Rache verfallen iſt — er erſchlug Alapaha?“ „Was? Dein Weib? der Prieſter? Rowſon? die Indianerin,“ riefen die Männer entſetzt und verwirrt durcheinander. „Er erſchlug Alapaha!“ wiederholte tonlos der Wilde—„ſein Blut war es, daß dieſen Tomahawk färbte.“ „Das iſt eine überreife Frucht,“ rief Husfield,„mir kommds wie Sünde vor, auch nur noch eine Stunde länger zu warten.“ „Halt,“ ſagte der Indianer,„Stürmt Ihr das Haus, ſo ſtirbt der„blaſſe Mann,“ er kennt ſein Loos; — er wird tapfer ſein; aber er gehört dem„befiederten Pfeil“ und darf nicht ſterben. Er iſt mein! Wartet bis die Sonne in ihr Bett iſt. Aſſowaum wird Euch führen.“ „So beſchäftigt ihre Aufmerkſe amkeit wenigſtens jetzt,“ 166 ſagte Brown—„die armen Mädchen müſſen ja ver⸗ zweifeln, wenn ſte uns hier draußen wiſſen, und nicht ein Lebenszeichen von uns vernehmen. Sie werden uns der Feigheit zeihen.“ „Allerdings dürfen wir den Canaillen nicht zu viel Luft laſſen,“ ſagte Wilſon— wer weiß, was ſie ſonſt noch aus Uebermuth begehen. Wenn mich nicht Alles trügt, ſo iſt der Schuft, der Cotton, auch mit dort drinnen, und der iſt zu Allem fähig.“ „Auch Atkins Mulatte iſt uns entſchlüpft,“ ſagte Cook“— möglich kann's ſein, daß der dort ebenfalls eine Zuflucht gefunden hat.“ „Nowſon redete ja von ſechſen,“ warf Curtis ein. „Prahlerei!“ ſagte Stevenſon—„nichts als Prahlerei er will uns einſchüchtern.— Aber iſt denn auch jener Platz wieder beſetzt, wo der Indianer ſtand?“ „Euer Sohn ging nach der Richtung zu,“ ſagte Husfield—„der wird ſchon aufpaſſen.“ „Gut— dann wollen wir die Belagerten noch einmal zur Uebergabe auffordern und mit Sturm drohen, daß wir ſie wenigſtens im Schach halten,“ ſagte Brown. „Im was?“ frug Bahrens erſtaunt. „Daß wir ihnen nicht zu viel Zeit zum Nachdenken * —, 167 laſſen,“ lächelte der junge Mann. Wer will der neue Parlamentair ſein?“ „Ich habe Nichts dagegen,“ ſagte Bahrens,„was ich dazu beitragen kann, die Schufte von der rechten Fährte abzubringen, ſoll gewiß geſchehen; lieber ging ich aber mit Büchſe und Meſſer auf die Canaillen ein— hol ſie der Henker, mich juckts ordentlich im Zeigefinger, eine halbe Unze Blei dahinüber zu ſenden; wenn man nur nicht fürchten müßte, eines der Mädchen damit zu treffen.“ „Hallo, wer kommt da geritten?“ „Es iſt Euer Neger, Roberts“— ſagte Cook, „die Frau wird Todesangſt zu Hauſe ausſtehen, denn wie wir vorbeikamen, ſah ſie leichenblaß aus, und rief uns nur zu, ihr Kind zu retten.“ „Schickt ihr den Burſchen zurück, und ſagt, die Mädchen wären in Sicherheit,“ bat Harper—„ſie ängſtigt ſich ſonſt zu Tode.— Ehe der Junge dort an⸗ kommt, hoff' ich, haben wir das Wort wahr gemacht.“ „Natürlich darf ich ihr nicht ſagen laſſen wie die Sachen ſtehen,“ meinte kopfſchüttelnd der alte Mann, „ſie hätte den Tod vor Schreck. Ob ſie denn wohl ſchon weiß, daß Rowſon—“ Sie rief: rettet mein Kind aus den Händen des 2 168 Predigers,“ ſagte Curtis—„wie ſie's erfahren hat, weiß ich nicht. „Er verrieth ſich ſelbſt,“ warf Aſſowaum ein,„aber die Zeit drängt. Dort oben ſtreichen die Aasgeier— ſie kennen ihre Beute. Wir ſind jetzt die Aasgeier, bis Abend müſſen wir die Hütte umſchwärmen. Der blaſſe Mann hielt den Lauf ſeiner Büchſe auf Aſſowaum gerichtet, wie der Truthahn nach dem Adler blickt, wenn er über ihm kreiſt. Sobald aber der Whip⸗poor⸗will zum erſten Mal ſchreit, dann verſchwimmt das Korn ſeines Rohres und er muß nach allen Gegenden hin achten ob er nicht den Schlachtſchrei der Odjibewas höre.“ Cap. X. Liſt und Gegenliſt.— Der Ueberfall.— Indianer und Methodiſt. „Spart Euere Kugeln!“ ſagte Cotton ärgerlich, als Rowſon auf den hinweg ſchleichenden Indianer im Anſchlag lag und endlich nach ihm ſchoß, wie er die ſchmale Lichtung überſprang—„Ihr möchtet ſie beſſer gebrauchen können. Der Indianer iſt uns jetzt nicht gefährlicher, als irgend Einer der Anderen; fielen wir der Bande in die Hände, ſo möchten ſie die Stricke für uns bereit haben, ehe die Rothhaut ein Wort dazu ſagen könnte.“ „und wär ich tauſend Meilen von hier,“ knirſchte der Prieſter,„ſo würde ich mich nicht ſicher glauben, bis ich den rothen Schuft unter der Erde weiß— der Anderen lach' ich.“— „Er hat ſeinen Poſten verlaſſen,“ flüſterte Cotton, „wäre es nicht möglich, das Canoe ſchnell flott zu machen, und wenigſtens an's andere Ufer zu ent⸗ kommen?“ „Seid kein Thor und redet keinen Unſinn,“ brummte Rowſon ärgerlich, während er die abgeſchoſſene Büchſe wieder lud, und dann die Zündpfannen der übrigen un⸗ terſuchte.„Ihr wollt uns wohl durch unüberlegtes Handeln den letzten noch gebliebenen Rettungsweg ab⸗ ſchneiden? Wagen wir es, das Canoe vorzuholen ſo lange es noch Tageslicht iſt, und werden wir, was un⸗ bezweifelt geſchehen muß, entdeckt, ſo haben wir unſer Fahrzeug eingebüßt und ſind dann rettungslos in ihre Hände gegeben; erreichten wir aber wirklich das andere Ufer, ſo hätten wir die ganze Bande heulender Schufte auf unſerer Fährte. Bedenkt daß es geregnet hat.“ „Wahr! aber wenn ſie uns ſo umſtellen, daß wir es auch in der Nacht nicht erreichen können, und uns nachher aushungern.“ „Aushungern?“ hohnlachte Rowſon,„wer ſtürbe denn da eher, die Mädchen oder wir?“ „Allerdings,“ ſagte Cotton ſinnend—„das dür⸗ fen ſie ſchon deretwillen nicht thun— aber ich weiß nicht—“ † 4 „ 171 „So will ich's Euch ſagen,“ flüſterte Rowſon, ihn bei Seite ziehend, daß die beiden Jungfrauen ſeine Worte nicht vernehmen konnten.„Der Platz dort, wo das Canoe liegt, iſt ſo verſteckt und fern von hier, daß ſie, wenn es dunkel wird, nicht daran denken werden einen Poſten dorthin zu ſtellen. Ihren Plan ahn' ich, ſie hoffen auf einen Verſuch den wir machen ſollen, das Flußufer zu erreichen ſobald es dunkelt, und das müßte auch geſchehen, wenn wir nicht glücklicher Weiſe den unterirdiſchen Gang hätten.“ „Und was machen wir nachher mit den Mädchen? verdammt will ich ſein, wenn ich nicht jetzt eine ganz beſondere Luſt verſpüre, ſie mitzunehmen. Wenn wir Nachts auslagern, könnten ſie uns unſere Mahlzeiten kochen, und— hol ſie der Teufel— man iſt nachher durch keine großen Heiraths⸗Umſtände gebunden.“ „Sie müſſen mit,“ flüſterte Rowſon noch leiſer— „und wär' es auch nur deßwegen, uns gegen die Kugeln⸗ der Feinde, vom Ufer aus, gedeckt zu ſehen, ſo dieſe unſere Flucht ja zu früh erfahren ſollten.“ „Gut,“ ſchmunzelte Cotton, ſich die Hände rei⸗ bend—„der Lump— der Wilſon iſt auch unter den Regulatoren— es wird mir eine ganz beſondere Wonne 172 ſein, dem den Biſſen vor den Zähnen fortzureißen. Wie aber, wenn ſie ſchreien?“ „Dafür ſorg' ich ſchon,“ erwiederte Rowſon leiſe. „Natürlich müſſen wir ſie knebeln, doch damit ſie jetzt Nichts merken, wollen wir uns gar nicht um ſie beküm⸗ mern. Ich werde ihnen indeſſen ſchon etwas vorlü⸗ gen, das ſie bis Abend ruhig hält.“ „Habt alſo indeſſen ein wachſames Auge auf die Burſchen, daß ſte uns nicht etwa unvermuthet über den Hals kommen,“ fuhr er nun laut fort,„und wird es dunkel, ſo ſchlagen wir uns durch, den Wald müſſen wir erreichen, und dann ſind wir gerettet. Ihr aber“— wandte er ſich hierauf an die Mädchen,„haltet Euch bis dahin hübſch ruhig, und wenn wir das Haus verlaſſen und Ihr uns nachher ſchwören wollt nicht eher um Hülfe zu rufen, bis wir eine volle Stunde fort ſind, dann ſollt Ihr Eueren Freunden noch heute znrückgegeben werden.“ „Wir wollen für Euer glückliches Entkommen beten,“ rief Ellen freudig—„haltet aber Euer Verſprechen, und oh— nehmt uns dieſe Feſſeln ab, ich gebe Euch—“ „Laß das unnütze Schwatzen, mein Täubchen,“ ſagte Cotton, durch die verſchiedenen Ausſchaulöcher in⸗ deſſen den Feind beobachtend—„ſeid froh, daß Ihr 173 Euere Zungen frei behaltet, mit den Armen müßt Ihr Euch nun ſchon einmal bis zum Abend behelfen.“ 5,Die Stricke ſchmerzen mich,“ bat Ellen,„Ihr habt ſie ſo feſt gebunden, ſie zerſchneiden mir das Fleiſch—“ „Nun dem läßt ſich abhelfen,“ ſagte Rowſon in dem er um die Knoten etwas zu löſen, zu den Mädchen trat. „Und was macht mein Bräutchen?“ fuhr er dann zu dieſer gewendet fort, die verächtlich ihr Antlitz von ihm derhten „ſo böſe mein kleines Bräutchen?“ lächelte er, indem er ihr liebkoſend die Locken aus der Stirn ſtreichen wollte. „Zurück Verräther!“ zürnte das ſchöne Mädchen mit funkelnden, zornblitzenden Augen—„zurück— oder ich rufe nach Hülfe und trotze Deinen Drohungen wie Deinen Waffen.“ „Aber beſtes Kindchen—“ „An Eueren Poſten, Rowſon— Gift und Klap⸗ perſchlangen! ¹“ rief ärgerlich der Jäger—„iſts jetzt Zeit zu folchen; Poſſenſ ſpielen? wartet bis— da draußen ver⸗ theilen ſich die Regulatoren⸗Hunde wieder,“ unterbrach er ſich ſchnell;„faſt kommt mir's vor, als ob ſie einen Angriff verſuchen wollten. Ich hätte verdammte Luſt dem Brown ein's auf den Pelz zu brennen— er iſt gerade in Schußnähe.“ Marion lehnte ſich zitternd an dem Bettpfoſten, an dem die beiden Mädchen zuſammengefeſſelt ſtanden. „Nein— haltet Euer Blei zurück!“ ſagte Rowſon, „wir dürfen ſie jetzt nicht noch mehr aufreizen; nur wenn ſte in zehn Schritt Nähe kommen und verdächtige Be⸗ wegungen machen, dann Feuer! und in dieſem Falle natürlich die Führer zuerſt weggeſchoſſen— Brown, Husfield, Wilſon und Cook— das ſind die gefähr⸗ lichſten.“ „Und der Indianer?“ „Der iſt ausgenommen“ rief Rowſon,„wo der ein Stück ſeines rothen Felles zeigt, da geb' ich Feuer.“ „Dort ſchleicht der Hund wieder hinter die Büſche,“ ſagte Cotton, durch die Spalten der Hütte zeigend,„ſeht nur wie er ſich am Boden hinſchmiegt; es iſt gar nicht möglich, ein richtiges Viſtr auf ihn zu bekommen.“ „So zeigt jetzt einmal Euere K Kunſt im Schießen, mit der Ihr immer prahlt“ munterte ihn Rowſon auf „ſchickt dem Indianiſchen Teufel dort ein Stück Blei durch die Rippen, und ich gebe Euch zweihundert Dollars.“ „Donnerwetter, Rowſon,“ ſagte der Jäger verwun⸗ dert, ohne jedoch ſeine Angen von der, nur dann und wann für Secunden ſichtbar werdenden Geſtalt Aſſowaums zu verwenden.„Ihr müßt verdammt reich ſein, wenn Ihr zweihundert Dollar—“ Er fuhr mit der Büchſe ſchnell an den Backen, als ob er ſchießen wolle, ſetzte jedoch nach einer Weile wie⸗ der ab—„zweihundert Dollar für einen Schuß ver⸗ ſprechen könnt; aber verſuchen will ich's— kommt er mir vor's Rohr—“ 4 Wieder zuckte der Lauf in die Höhe, aber auch dies⸗ mal erreichte der„befiederte Pfeil“ einen deckenden Schutzort, ehe jener ihn auf's Korn nehmen und abdrük⸗ ken konnte. „Die Peſt über ſeinen Schatten,“ rief der Jäger, ärgerlich mit dem Fuße ſtampfend,„da will ich doch eben ſo gern mit der Büchſe einem Blitz durch eine Hagedorn⸗ hecke folgen, als dieſem Indianer, der wirklich wie ein Pfeil, von dem der Schuft ja ſeinen Namen hat, über den Boden ſchießt. Was er nur im Sinne hat; Row⸗ ſon— habt Acht auf die Canaille— ſie ſpionirt uns ſonſt noch das Boot aus, und dann gute Nacht Inſel.“ Der Indianer hatte übrigens keinen beſtimmten Zweck im Auge und ahnte nicht, daß in dem dichten, das Ufer begrenzenden und über den Fluß hinhängenden Rohr ein tüchtiges Canoe verborgen liege, er wollte die Aufmerkſamkeit der Belagerten nur beſchäftigen, nach III. 12 176 Dunkellwerden gedachte er dann die Feinde zu beſchleichen, und mehrere der Regulatoren, unter ihnen Curtis und Cook hatten feſt verſprochen, ihm beizuſtehen. Führten auch die Belagerten ihre Drohung aus, fielen auch die Mädchen zuerſt unter ihren Streichen— was kümmerte das den Indianer— auch ſeine Squaw war er — Niemand hatte ihr beigeſtanden— der Mö in jener Hütte verborgen, und ehe eine a das Dach derſelben beſchien, mu Gewalt ſein. mordet; rder lag ndere Sonne ßte er todt oder in ſeiner So verging Stunde nach Stunde; Licht“ hatte den Zenith überſchritten, und ſa tiefer— ſchon färbte ſich die Landſchaft in theren Tinten, und feurig glü „das große nk tiefer und matteren, rö⸗ hten die fernen Gebirgsrücken und die einzelnen Wipfel rieſtger Fichten; Raubvögel verließen die ſchattigen Aeſte in denen ſie die heiße Mit⸗ tagszeit verträumt hatten, und ſtrichen, wie der Hai in ſpiegelklarer See, durch das grüne, wogende Blättermeer nach Beute; hie und da ſpielten noch Eichhörnchen in tollkühnen Sätzen von ſuchten, als ſte vergebens mehremale die kameraden herbeigerufen, die ſicheren Höh krochen aus ihren Schlupfwinkeln, hohlen finſteren Erdhöhlen hervor, und ſpitzter einzelne muntere Aſt zu Aſt, und übrigen Spiel⸗ len; Kaninchen Bäumen und i ganz erſtaunt 177 die langen Löffel, als ſie den Platz von Menſchen be⸗ ſetzt fanden, der ihnen bis jetzt, ſo lange ſie denken konnten, zum ungeſtörten Tummelplatz gedient, wäh⸗ rend ſich hoch oben in klarer, hellblauer Luft ein klei⸗ ner Nachtfalke wiegte und dann und wann in kurzen, abgebrochenen Tönen den ſcharfen, dieſen Thieren eigen⸗ thümlichen Schrei ausſtieß. Der Abend brach herein und mit ihm die Entwicke⸗ lung dieſes Kampfes, denn bis jetzt hatten die Belagerer nur fortwährend, theils durch gedrohte Angriffe, theils durch plötzliche Bewegungen, bald nach dieſer, bald nach jener Seite, die Aufmerkſamkeit der Umſtellten in Anſpruch genommen. „Sobald die Sonne unter iſt“, flüſterte Rowſon dem Gefährten zu—„will ich hinabſchleichen zu dem Boot und recognosciren; hoffentlich iſt das Canoe flott, es war es wenigſtens geſtern Morgen und der Fluß iſt nur wenig gefallen. Ihr haltet unterdeſſen gute Wacht und kehr' ich zurück ſo ſchaffen wir erſt die Waffen hin⸗ unter und— knebeln dann die Maͤdchen— das muß unſere letzte Ladung ſein. Zeigen ſie ſich zu widerſpen⸗ ſtig— nun— ſo habt Ihr gute Knochen— ein Fauſt⸗ ſchlag mag ſie betäuben; ſchlagt ſie mir aber nicht todt.“ „Nur keine Angſt“, lachte Cotton—„ſo ein Bis⸗ 12* chen Ohnmacht kann überhaupt Nichts ſchaden, wenig⸗ ſtens bis wir erſt einmal fünf Meilen hinter uns haben — nachher.⸗— „Sprecht leiſer— das naſeweiſe Ding, Euer Lieb⸗ chen— ſpitzt gewaltig die Ohren; machen ſie zu früh Lärm, ſo könnte es uns den Spaß verderben, ſchreien ſte aber nachher beim Knebeln ein Bischen, nun ſo ſchadt's Nichts, dann ſtürmen die Narren vielleicht, und während ſie ſich die Schädel an der eichenen Thür zer⸗ ſtoßen, ſind wir durch den Gang und haben in deſſen an unſerem Landungsplatz Luft bekommen.“ „Wir müſſen dann auf jeden Fall gleich über den Fluß hinüber“, ſagte Cotton—„im Schatten des dichten Schilfes an der andern Seite werden wir unbe⸗ merkt hingleiten können— die Dirnen tragen ja glück⸗ licherweiſe ebenfalls dunkele Röcke. Was aber fangen wir ſpäter mit ihnen an?“ „Mit den Mädchen?“ frug Rowſon—„Unſinn, zerbrecht Euch jetzt den Kopf nicht darüber; im ſchlimm⸗ ſten Fall, iſt Platz genug auf der Inſel, oder— unten im Miſſiſſippi. Doch ich will meine Bahn antreten— alſo habt wohl Acht Cotton— noch iſt es hell genug und Ihr könnt bemerken, wenn die Regulatoren etwas Beſonderes unternehmen ſollten.“ „Sorgt nicht um mich und kommt bald wieder, mir fängt der Boden an unter den Füßen heiß zu werden; ich wollte, ich hätte erſt das Ruder in der Hand. Dort ſchleicht der rothe Schuft wieder vom Fluſſe fort— ſoll ich ſchießen?“ „Nein— jetzt iſt's zu ſpät“, ſagte Rowſon, wäh⸗ rend er die Dielen aufhob, die den Gang verbargen— „Ihr könnt ihn doch nicht mehr treffen, zu ſolcher Tages⸗ zeit ſchießt ſich's mit der Büchſe am ſchlechteſten; aber habt Acht auf ihn— ſeht wo er bleibt; ich bin bald wieder zurück.“ Er verſchwand bei dieſen Worten in der künſtlichen Höhle, und Cotton wanderte ſchnellen Schrittes von einer Oeffnung zur anderen, um ſich keine Bewegung des Feindes entgehen zu laſſen und vielleicht noch in den letzten Augenblicken überraſcht zu werden. „Marion“, flüſterte unterdeſſen Ellen der Freundin zu—„Marion— faſſe Muth— ich habe meine Hand befreit— als Rowſon ſie lockerte, rief ihn die War⸗ nung jenes Buben fort, ehe er den Knoten wieder ſo feſt wie früher ſchürzen konnte— ich bin frei.“ „O löſe auch meine Bande“, flehte die Freundin leiſe— ich vergehe faſt vor Angſt und Schmerz.“ „Ruhig— er kommt“, flüſterte die beſonnene Ellen 180 zurück, als ſich Cotton ihnen, ohne jedoch Acht auf ſie zu geben, näherte, damit er auch dieſe Seite nicht un⸗ bewacht ließe. Ellen veränderte übrigens, um keinen Verdacht zu erregen, ihre Stellung nicht im Mindeſten, warf aber ängſtlich die Blicke umher, wo die nächſte Waffe liege, um im Nothfall Meſſer oder Büchſe, was es ſei, ergreifen und ſich und die Freundin, verthei⸗ digen zu können. Auf einem Stuhl, kaum zwei Schritt von ihr entfernt, lag eine lange Piſtole, und an jeder Wand— die nächſte konnte ſie faſt erreichen, lehnte eine geladene Büchſe, um nach den verſchiedenen Richtungen hin augen⸗ blicklich in Bereitſchaft zu ſein. „Löſe meine Bande“, bat flehend Marion—„ich muß verzweifeln, wenn Du mich noch länger“— „Warte nur noch wenige Secunden“, bat Ellen— „ſieh— ſobald Cotton wieder in jener Ecke iſt, darf ich mich bewegen, und Dich befreien; dann nimmſt Du die Büchſe, die neben Dir ſteht. Weißt Du damit um⸗ zugehen?“ „Ja““ flüſterte die Jungfrau—„mein Vater lehrte es mich.“ „Deſto beſſer— wir ſchieben nachher die Riegel ruhig ſind“, ſagte Marion. 181 zurück und vertheidigen den Eingang bis uns Hülfe wird.“— „Sie werden uns aber überwältigen— Rowſon hat uns doch Sicherheit verſprochen, wenn wir ſtill und „Ich traue ihm nicht“, erwiederte ihr eben ſo leiſe die Freundin—„denn ich vernahm einzelne Worte, die mich Verrath ahnen laſſen.— Jetzt— jetzt habe Acht — ſobald er jene Ecke betritt, kann ich Dir helfen.“ Cotton war mit dem Auge an den offen gelaſſenen Spalten langſam im Kreiſe umher gegangen, und näherte ſich nun dem Bett, an welchem die Mädchen ſtanden und deſſen Vorhänge ſie, wenn er dahinter trat, ſeien Blicken entziehen mußten. Auf dieſen Augenblick hatte Ellen gewartet— jetzt verbarg ihn das dichte, dunkelfarbige Musquitonetz— ſchon ſetzte ſie den Fuß vor, die Waffe zu ergreifen— da ſtieg Rowſon's Kopf wieder aus der Höhlung herauf, und den Blick feſt auf die Mädchen geheftet, ſtand er in der nächſten Minute, ein Bild der geſpannteſten Auf⸗ merkſamkeit, in der Mitte der Stube.— „Cotton— hörtet Ihr Nichts?“ frug er leiſe, als dieſer wieder aus der Ecke vortrat. „Hören? wo?“ —— S „Mir kam es vor, als ob Jemand irgendwo ein Stück Bret losbräche— es kann ſich doch Niemand an das Haus geſchlichen haben?“ „Der müßte ſchlau geweſen ſein,“ brummte Cotton —„die hohe Fenz ſteht noch, und ſo dunkel iſt es doch wahrhaftig nicht, daß man einen darüber Kletternden über⸗ ſehen ſollte. Was würde es aber auch dem, dem es wirklich glücken ſollte, helfen? unſere Schießſcharten ſind ſehr zweckmäßig angebracht und wenn—“ „Schon gut,“ unterbrach ihn Rowſon,„ſeitdem es dunkel geworden, wird es mir ganz unheimlich hier ich wollte wir wären auf dem Waſſer.“ 4 „Iſt das Boot in Ordnung?“ Fir und fertigs— alſo jetzt fort— die Regulato⸗ ren ſind größtentheils da vorne gelagert, und wenn ſie auch wirklich ihre heimlichen Wachen zwiſchen hier und dem Fluſſe haben, wie ich keineswegs bezweifle, ſo kön⸗ nen wir doch leiſe über den Fourche la fave hinüber⸗ gleiten, und drüben die dunkelen Schatten zu ſchleuniger Flucht benutzen.“ „Aber die Mädchen—“ „Müſſen zur Ruhe gebracht werden; jetzt fort in's Boot.“ 3 183 „Und wie ſchaffen wir unſere Waffen und den Kof⸗ fer hinab? wenn wir die Dirnen zu tragen haben, ſo—“ „Kriecht Ihr noch einmal voran, und nehmet den kleinen Koffer und zwei Büchſen mit— Ihr könnt nicht fehlen— die Höhle iſt ſchnurgerade, und dicht davor liegt das Canoe— ſtellt den Koffer ſo geräuſchlos als möglich hinein— die Büchſen auch, und kommt dann ſchnell zurück. In zehn Minuten muß Alles abgemacht ſein.“ „Was für Proviſtonen nehmen wir mit?“ „Die hab, ich eben hineingetragen, ſte ſtanden in der Höhle, und liegen jetzt im Canoe,“ ſagte Rowſon. „Sehr brav!— haltet indeſſen gute Wacht— ich bin gleich wieder da.“ Royſon ſchritt unruhig im Zimmer auf und ab. Draußen regte ſich kein Lüftchen— kein Laut wurde ge⸗ hört— Todesſchweigen lagerte über der Landſchaft, und nur um die Lagerfeuer, wohl hundert funfzig Schritt vom Hauſe entfernt, und nach den Bergen zu, bewegten ſich langſam einige dunkele Geſtalten. „Was zum Henker treiben die Schufte? brüten ſie irgendwo Unheil?“ murmelte er vor ſich hin, während er mit verſchränkten Armen an einer der Spalten ſtehen blieb, und hindurch ſchaute. Er drehte den beiden? tädchen den Rücken zu. ——— 184 Ellen trat geräuſchlos vor, und nahm die Piſtole vom Stuhl, glitt aber augenblicklich in ihre frühere Stellung zurück, denn Rowſon wandte ſich, und ſchritt an die andere Wand der Wohnung. „Wo nur Cotton bleibt— ho hol ihn d der r Teufel, 7* fluchte er jetzt ärgerlich, ſeinen früheren Marſch erneuend, „ſollte er falſch— Er ſprang in die Höhle hinunter und lauſchte. „Hätte ich nur ein Meſſer deine Bande zu löſen,“ flüſterte Ellen dem zitternden Mädchen in's Ohr—“ „Die Planke auf der ich ſtehe, bewegt ſich—“ ſagte dieſe, eben ſo leiſe und erſchreckt—„was iſt das?“ „Das müſſen Freunde ſein,“ rief Ellen mit vor 1 Freude kaum unterdrückter Stimme. „Was?“ frug Royſon, ſich wieder aufrichtend, daß ſein Kopf eben über dem Fußboden ſichtbar ward— „Wir beten,“ ſagte Ellen. „Hol Euch der Henker,“ zürnie d der Methodiſt ſich wieder niederbiegend. „Ich wollte ihn ſchießen,“ ſagte Ellen bebend,„aber die Hand zitterte mir ſo entſetzlich— ich würde nicht treffen.“ „Es muß Jemand unter der Planke hier ſein,“ flü⸗ ſterte Marion—„ich fühle es deutlich—“ — — 8 — —,— „So hebe den Fuß— das ſind Freunde,“ ſagte Ellen—„der Fluß liegt auf der andern Seite, und dorthin muß der geheime Gang führen.“ „Allmächtiger Gott— hätte ich nur meine Hände frei!“ klagte die Jungfrau. „Die Peſt über den Buben— ich höre und ſehe Nichts,“ zürnte Rowſon, wieder heraufſpringend. „Soll mich der Teufel holen, wenn ich nicht glaube, daß der Burſche falſch d aber dann gnade ihm Gott — ich muß ihm nach“ Die Planke hob ſich jetzt in die Höhe, und des In⸗ dianers finſter drohende Augen blitzten daraus hervor— Rowſon hatte eine Büchſe ergriffen, und wollte eben wieder in den Gang hinabſteigen, da gab das ſchwere Bret, unter dem ſich der„befiederte Pfeil“ hervordrängte, etwas nach, und ſcharrte bei Seite— der Methodiſt wandte ſchnell den Kopf, und begegnete hier, in dem ungewiſſen Dämmerlicht der Hütte, dem Blicke ſeines Todfeindes, der die erſte Ueberraſchung des Prieſters be⸗ nutzen, und ſchnell aus ſeiner unbequemen Lage empor⸗ ſpringen wollte. So erſtarrt und erſchreckt nun aber auch der Predi⸗ ger im erſten Augenblick der Ueberraſchung geweſen war, ſo ſammelte er ſich doch immer ſchnell genug, um dem, 186 noch mit halbem Leibe unter der Planke ſteckenden JI In⸗ dianer, ſehr gefährlich werden zu können, da dieſer jetzt weder ſchnell genug hinauf noch wieder zurück konnte, und ſchon war der ſchwere Kolben gehoben, der ihn wohl ſicher genug ſeinem Weibe nachgeſandt haben würde, als Ellen, mit einem Muthe der eines Häuptlings würdig geweſen wäre, vorſprang, und die Waffe auf den zum Todesſchlag ausholenden Prieſter abfeuerte. „Hölle! und Teufel!“ rief dieſer, und ſtürzte zurück; längerer. Zeit itbedurftraber auch Aſſowaum nicht, dem engen Raum, der ihm faſt ſo gefährlich geworden wäre, zu entſtei⸗ gen; wie der Panther ſeiner Wälder glitt er daraus empor, und ſprang im nächſten Augenblick mit wildem Satz nach der Bruſt des Mörders, der mit einem Schrei der Angſt und Verzweiflung machtlos zuſammenbrach. In derſelben Minute hob ſich die Planke noch einmal, und Curtis tauchte daraus hervor, während zu gleicher Zeit Cotton, der zurückgekehrt war die Mädchen zu holen, in dem Eingang der Höhle erſchien, und die Ge⸗ fahr des Freundes erſehend, ſchnell entſchloſſen zu ſeiner Hülfe herbeieilte. Ellen war indeſſen an die Thür geſprungen, und hatte die Riegel zurück geſchoben, während der Indianer, kühn der neuen Gefahr trotzend, den Tomahawk aus 8 1 2— dem Gürtel riß, und dieſen, ohne die Linke von der Gurgel ſeines Opfers zu entfernen, gegen den neu er⸗ ſchienenen Feind ſchwang. Dieſer aber— den ein ſchnell umhergeworfener Blick überzeugte wie die Sachen ſtanden, da in dieſem Augenblick, von der einen Seite ſich ihm Curtis entge⸗ gen warf, während von den anderen Brown, von den Regulatoren gefolgt, durch die nun offene Thür ſtürmte, erſah klug genug ſeinen Vortheil, ſprang mit Blitzes Schnelle in den unterirdiſchen Gang zurück, und floh von der Dunkelheit begünſtigt, dem rettenden Boote zu. Curtis aber, der den Flüchtling nur verſchwinden ſah, glaubte er hätte ſich auf die Erde geworfen, um dem erſten Anprallen zu entgehen, und dann vielleicht das Freie zu erreichen, folgte ihm alſo mit einem Kernfluch auf den Lippen, und ſtürzte kopfüber in das offenſte⸗ hende Loch. Wah!“ ſchrie der Indianer, während ſeine Augen vor wilder Freude glänzten—„bin neugierig, wer zuerſt wiederkommt.“ Fackeln her!“ ſchrie Husfield jetzt zur Thür hinaus, „Fackeln her und umſtellt das Haus— Einer der Schufte hat ſich unter den Dielen verſteckt.“ Schnell kamen mehre der Männer mit ſchon bereit 188 gehaltenen und entzündeten Kienſpähnen herbei, und Cook, dem Erſten die Leuchte aus der Hand reißend, folgte dem Freunde, Brown aber ſprang indeſſen zur Geliebten, und zitternd vor Siegesfreude und Liebesluſt, war er kaum im Stande mit ſeinem Jagdmeſſer die feſten Banden des armen Mädchens zu löſen, das jetzt von, in ſo ſchnellem Wechſel aufeinander folgendem Schmerz und Glück erſchöpft, bebend und ohnmächtig in die Arme des theueren Mannes ſank. Wilſon und Ellen bildeten an der Thür eine beſon⸗ dere Gruppe. „Hier iſt ein unterirdiſcher Gang,“ ſchrie Curtis 4 von unten herauf—„die Andern ſind entflohen— — nach dem Fluſſe zu ihr Männer— ſchnell, und ſchießt auf Alles was ſich regt.“ Fort ſtürmten die Regulatoren und gleich darauf krachten fünf bis ſechs ſchnell aufeinander folgende Schüſſe. „So haben die Canaillen doch ein Boot gehabt,“ ſagte Husfield—„und ich und der Indianer wir glaubten Wunder wie genau wir geſucht hätten.“ „Seid Ihr verletzt Curtis,“ frug dieſen Cook, als er ihm im Eingang der Höhle wieder auf die Füße half. „Ja— nein— ich glaube nicht— Peſt und Gift 189 — was iſt denn eigentlich mit mir vorgegangen, wo bin ich denn? Wem gilt das Schießen?“ „Den Entflohenen. Ihr ſeid in Rowſons Haus oder eigentlich d'runter— künſtlich angelegter Spatzier⸗ gang hier. Nun jeder alte Fuchs gräbt ſich Nothröhren, um im ſchlimmſten Fall ausbrechen zu können; das Ding war auch ſchlau genug angelegt, ich glaube aber, der In⸗ dianer kam ein wenig zu früh.“ „Wo iſt Rowſon?“ frug Curtis, der durch den Sturz betäubt, ſich erſt jetzt wieder zu beſinnen anfing was ihn eigentlich hierhergebracht. „Hier!“ antwortete der Indianer, während er ſeine lederne Schnur aus der Kugeltaſche nahm, und dem Ge⸗ fangenen damit die Füße zuſammenband—„wer hat ein Tuch?“ „Was willſt Du mit einem Tuch?“ frug Cook, der ſich ebenfalls wieder heraufgearbeitet hatte. „Der Methodiſt iſt verwundet,“ ſagte leiſe der In⸗ dianer—„das junge Mädchen dort rettete das Leben des befiederten Pfeiles und ſchoß den blaſſen Mann in die Schulter— Inya!*) wie blaß er ausſteht.“ „Der Indianer hat wahrhaftig Mitleiden,“ ſagte 190 Stevenſon, der eben in die Thür getreten war—„auch eine neue Eigenſchaft, die ich an ihm kennen lerne.“ „Mitleiden?“ frug der Häuptling wild, indem er ſich hoch emporrichtete und zornige Blicke auf den Spre⸗ cher warf—„wer ſagt, daß Aſſowaum Mitleiden mit dem Mörder Alapaha's habe? aber er darf nicht jetzt— nicht hier— nicht an dieſer Wunde ſterben, die ihm die Hand eines Weibes ſchlug. Die Rache muß mein ſein. Wer hat ein Tuch für die Schulter des blaſſen Mannes?“ „Hier iſt mein Halstuch,“ ſagte Stevenſon, dem In⸗ dianer das verlangte darreichend—„aber— wie iſt mir denn,“ fuhr er, ſich mit der Fackel über den bewußtloſen Körper des Predigers biegend, fort,„das Geſicht hab' ich ſchon irgendwo geſehen— die Züge ſind mir bekannt.“ Royſon ſchlug die Augen auf und blickte ſcheu zu dem Sprecher empor. „Himmel und Erde— das iſt der Mörder des Viehhändlers,“ rief jetzt der alte Farmer, indem er halb erſchreckt, halb im wilden Zorn emporſprang—„beim ewigen Gott, das iſt das Geſicht des Schurken, der ihn meuchlings niederſchoß.“ „Zur Hölle mit Euch,“ rief der Verwundete, und wandte zähneknirſchend das Antlitz zur Seite. 191 „Wo iſt Brown?“ frugen mehrere Stimmen. „Hier“, ſagte dieſer leiſe—„kann Niemand etwas Eſſig ſchaffen? Miß Roberts iſt ohnmächtig.“ „Mein Kind— mein liebes Kind“, rief Roberts, in Todesangſt neben dem lebloſen Körper des bleichen Mädchens knieend. „Marion— liebſte, beſte Marion“, flüſterte ihr Ellen ins Ohr, die ſich, als die erſte Ueberraſchung und Aufregung vorüber war, erröthend den Armen Wilſon's entzogen hatte. „Hier iſt etwas Waſſer und Whiskey“, ſagte der junge Stevenſon, einen Blechbecher mit dem erſten und eine Korbflaſche, mit dem letzten Getränk gefüllt, dem Regulatorenführer hinüberreichend. Brown bewieß ſich auch gar nicht ungeſchickt, und rieb Stirn, Schläfe und Hände der Geliebten mit einem Eifer, der den dabeiſte⸗ henden Bahrens in Erſtaunen ſetzte. „Harper!“ flüſterte er dem Freunde leiſe zu—„iſt denn Brown ein Doktor?“ „Nein“, erwiderte der lächelnd—„waruu?“ „Nun, weil er die Reibung ſo weg hat; mir wären die Arme lange eingeſchlafen— das geht ja wie mit Dampf.“ 3 „Vater!“ ſeufzte das holde Mädchen jetzt, die gro⸗ III. 13 192 ßen klaren Augen aufſchlagend—„Vater!“ aber ihr Blick begegnete nicht dem des Vaters, obgleich dieſer eine ihrer Hände feſt in der ſeinigen hielt, ſondern dem Geliebten, der über ſie hingebeugt mit zärtlicher Sorg⸗ falt und ſeeliger Freude in den Zügen, das Erwachen des theueren Weſens beobachtete. „Vater“, hauchte die Jungfrau, und ſchloß die Augen wieder, aber mit ſo ſtillem, zufriedenen Lächeln, daß es faſt ſchien, als hielte ſte das eben Geſehene für einen ſchönen Traum und fürchte ihn im wirklichen Er⸗ wachen zu verlieren. „Habt Ihr keinen der Flüchtigen mehr einholen kön⸗ nen?“ frug Husfield endlich, der die Führerpflichten übernehmen zu müſſen glaubte, da Brown's chirurgiſches Talent für den Augenblick ſo ſehr in Anſpruch genom⸗ men war. „Nein,“ erwiderte Hoſtler—„einholen nicht, aber ich glaube faſt daß unſere Kugeln gewirkt haben. Als wir an den Fluß kamen, ſahen wir den dunkeln Schatten eines Bootes am gegenüberliegenden Ufer hin⸗ gleiten und feuerten unſere Büchſen darauf ab, gleich darauf hörten wir etwas in's Waſſer ſchlagen und drin⸗ nen plätſchern; die Dunkelheit war zu groß, mehr er⸗ kennen zu können. Ich hoffe übrigens zu Gott, daß AoM— 193 unſere bleiernen Botſchaften ihre Pflicht gethan und we⸗ nigſtens Einen umgelegt haben.“ „Es war nur noch Einer mit dieſem da“, ſagte Ellen ſchüchtern—„Cotton iſt ſein Name, Ihr kennt ihn wohl Alle.“. „Cotton— die Peſt“, rief Wilſon—„ein Glück, daß ich das nicht vorher gewußt habe, ich hätte das Haus auf meine eigene Fauſt geſtürmt und wäre am Ende todtgeſchoſſen.“ „Und was ſoll mit dem Prediger geſchehen?“ „Morgen iſt Regulatorengericht“, ſagte Brown— „und dort muß er verhört werden.— Noch viere ſeiner Mitſchuldigen erwarten ihr Urtheil zu derſelben Zeit.— Ihr kennt den Platz. Es wäre mir auch lieb, wenn Sie ſich ebenfalls dort einfinden wollten, Mr. Roberts— wir brauchen alte und erfahrene Leute zu ſolch ernſten Verhören.— Wer iſt noch draußen auf der Wache?“ „Nur wenige,“ erwiderte Cook—„der Cana⸗ dienſer mit ein paar der Unſeren. Im Neſt ſtaken blos die Beiden und weiter wird ſich wohl Niemand ein⸗ finden.“ „Von dem Mulatten hat man alſo keine Spur entdecken können?“ 14* ———2JnJͤͤſͤͤͤͤn——— 191 „Nein— nichts Erhebliches— der Indianer meinte freilich, heute Norgen—“ „Er iſt in die Gebirge“, ſagte Aſſowaum—„ich ſah ſeine Fährte.“ „Nach dem Regen?“ „Er muß nach dem Regen wieder am Haus geweſen ſein;— der Vogel, deſſen Neſt zerſtört iſt, umflat⸗ tert noch eine Zeit lang den Baum. Den Gelben ſchmerzte der Verluſt ſeines Bettes.“ „Wo iſt Wilſon?“ frug Brown, ſich nach dieſem umſehend. „Er beſorgt wohl die Pferde draußen“, ſagte Hus⸗ field—„es wird auch das Beſte für die Damen ſein, aufzubrechen, Einige von uns müſſen aber hier bleiben und den Platz morgen bei Tageslicht genau unterſuchen.“ „Husfield— wollt Ihr mir den Gefallen thun?“ frug Brown zögernd und, wie es jenem vorkam, etwas crröthend—„es könnte doch ſein, daß ich—“ „Herzlich gern“, unterbrach ihn lachend der Regu⸗ lator—„Ihr dürft überhaupt Euere Kranke nicht ver⸗ laſſen, und da will ich indeſſen Eueren Rückzug decken. Morgen früh um eilf bin ich am beſtimmten Platz. Ihr braucht aber mit dem Verhör nicht auf mich zu warten — fangt nur immer an.“ „Wir nehmen Atkins und Jones zuerſt vor“, er⸗ widerte Brown—„werden auch wohl früh beginnen müſſen, kommt alſo dann, ſo ſchnell es Euch möglich iſt, nach.“ „Ach da ſind die Pferde“, rief Harper—„nun Junge — Du Schlingel, haſt ja nicht einen einzigen Gruß für Deinen alten Onkel heute Abend, der iſt Dir wohl bei den jungen Damen ganz aus dem Gedächtniß entſchwun⸗ den, eh?“ „Onkel!“ rief Brown, und ergriff des freundlichen alten Mannes Hand—„Onkel— ich bin recht glücklich.“ „Wie transportiren wir denn den Gefangenen?“ frug Curtis jetzt—„ein Boot haben wir nicht.“ „Dafür wird der Indianer ſchon ſorgen“, ſagte Bahrens—„der ſitzt ja neben ihm und ſchaut ihm wie ein verliebtes Mädchen in's Geſicht. Brrrr— mich ſchaudert's, wenn ich mir die blutdürſtigen Gefühle denke, die bei dem ſanften Blick dem Indianer durch Kopf und Herz zucken. Solche Wilde ſind doch entſetzliches Volk.“ „Ich möchte nicht in des Methodiſten Haut ſtecken“, murmelte Cook—„nicht für alle Schätze des Erdballs, wenn den die Regulatoren frei gäben, ich glaube der Indianer biß ihm die Kehle auf und ſöffe ſein Blut.“ „Die Wunde wird ihm nicht erlauben zu reiten“, 196 ſagte Stevenſon, der Rowſon’s Arm indeſſen unterſucht hatte—„der Knochen iſt zerſchmettert.“ „Glaubt Ihr, daß die Wunde gefährlich iſt?“ frug der Indianer, wie aus einem Traum erwachend. „Wenn er reiten muß und Erkältung dazu ſchlägt — die Nacht iſt feucht— dann iſt es freilich unſicher“, entgegnete Stevenſon. 4 „Ich trage ihn“, ſagte der Indianer. „Wen?“ frug Bahrens—„den ganzen Prediger?“ „Ja“, erwiderte Aſſowaum und ſchlug ſeine wollene Decke um den Verwundeten. „Gentlemen“, redete jetzt der alte Robert's die übri⸗ gen Männer an—„Einige von ihnen bleiben, wie ich gehört habe, heute Nacht hier; dieſe erwarte ich morgen zum Frühſtück, die Anderen aber, welche jetzt mit uns aufbrechen, da der Gefangene doch ebenfalls transportirt werden muß, und mein Haus nicht ſo ſehr weit aus dem Wege liegt, denn meine Frau wird ſich bis dieſe Zeit wahrſcheinlich ſchon ſchön geängſtigt haben—“ — So erſuche ich Sie alle mit einander“, fuhr Harper lachend in Robert's begonnener Rede fort— „heute Abend mit bei mir einzukehren, und wenn wir auch ein wenig mit Raum beſchränkt ſein werden, ſo 197 läßt ſich das Alles ſchon einrichten— wir ſind ja in Arkanſas.“ „Bravo!“ lachte Roberts gutmüthig,„ganz mir aus der Seele geſprochen. Alſo Gentlemen, da Sie ſich ſo freundlich meiner annehmen— Brown nämlich mei⸗ ner Tochter und Harper meiner Rede, ſo wollen wir denn aufbrechen. Will der Indianer wirklich den Un⸗ glücklichen tragen?“ Aſſowaum beantwortete dieſe Frage mit der That; er hob den ſchweren Körper des Prieſters, trotz ſeiner eigenen, doppelten Verwundung, mit der Leichtigkeit eines Federballs empor, und ſchritt, ohne ein Wort weiter zu äußern, auf der ſchmalen Straße voran; Rowſon mußte aber ohnmächtig geworden ſein, denn er lag re⸗ gungslos in den Armen ſeines Feindes, und ſein bleiches Antlitz ruhte, ſchauerlich von den langen, dunkelen an⸗ einander klebenden Haarbüſcheln umflattert, an der Schul⸗ ter des Rächers. „Er wird ihn doch nicht ermorden?“ flüſter Marion ängſtlich ihrem Führer zu, auf deſſen Arm ſie ſich bis jetzt geſtützt hatte, und der ihr nun in den Sattel half. „Nein, Marion, fürchten Sie kein weiteres Blut⸗ vergießen heute Abend,“ erwiderte der junge Mann, „das Gericht der Regulatoren wird aber morgen über 198 den Elenden entſcheiden, der dreifache, ſchreckliche Blut⸗ ſchuld auf ſich geladen hat; das Maaß ſeiner Sünden iſt übervoll.“ „Schrecklich— ſchrecklich!“ ſtöhnte das arme Mäd⸗ chen, im Andenken an die fürchterliche Gefahr, der ſie ſo kürzlich erſt entgangen war, dieſem Ungeheuer als Beute zu fallen. „Und wo iſt unſere kleine Heldin, unſere Amazone?“ frug Bahrens ſich überall nach Ellen umſchauend— „Blitz und Hagel wo ſteckt ſie denn? zu deren Ritter erklär' ich mich heute Abend.“ „Zu ſpät,“ lachte Brown—„zu ſpät Sir— der Poſten iſt beſetzt— Mr. Wilſon hatte die Güte, die Pflicht zu übernehmen, da ſich Niemand Anderes dazu meldete.“ „Zu ſpät? ſo?“ ſagte Bahrens— ja das geht mir manchmal ſo, und ich könnte darüber eine köſtliche Ge⸗ ſchichte erzählen, gefröre mir nicht beim Anblick des In⸗ dianers da vorne, der ſein Opfer ſo zärtlich und ſorgſam, wie eine liebende Mutter ihr Kind, im Arme trägt, das Blut vor lauter Grauen und Entſetzen in den Adern.“— „Es iſt wahr,“ ſagte Roberts, der neben ihm ritt —„es hat etwas Fürchterliches, wenn man die über⸗ legene Ruhe des rothen Mannes betrachtet, mit der er 199 ſeiner Rache entgegengeht; ihm wurde aber auch das Liebſte genommen, was er auf der Welt hatte, und wenn er jetzt, wo er um die Erfüllung ſeines Schwures, den er damals am Grabe ſeines Weibes leiſtete— Ihr war't ja wohl auch dabei, Bahrens?“ „Ja!“ ſagte dieſer—„aus tiefen Gedanken auf⸗ fahrend—„ja ſo— ja— apropos Roberts, habt Ihr(unter uns geſagt) nicht einen Tropfen Whiskey in Euerem Haus? Ich weiß, Euere Frau kann ihn nicht leiden— aber ich glaube, heute Abend würde ich krank, wenn ich nicht einen tüchtigen Schluck nehmen könnte. Zum Eſſen hab' ich den ganzen Appetit verloren.“ „Erinnert mich wieder d'ran, wenn wir zu Hauſe kommen,“ ſagte Roberts leiſe—„aber— laßt es Marion nicht merken— die Frauen ſtecken immer unter einer Decke, und, wenn ſie weiter Nichts thäten, ſo— drehten ſie mir einmal die Flaſche um, und ließen ſie auslaufen, und das wäre Schade— es iſt ächter Monongahela. Wißt Ihr Roberts, wie mir der Methodiſt davorne in den Armen ſeines Feindes vorkommt?“ ſagte Bahrens ſinnend, nach einer kleinen Pauſe. „Nun?“ . Die Pawnees haben eine Sage, nach der ein ſchur⸗ 200 kiſcher ſpaniſcher Händler mit der Leiche des Weibes, das er unglücklich gemacht, auf ein Pferd gebunden iſt, und nun für Ewigkeiten, mit dem Elend vor ſich, durch die Steppen raſt;— ich glaube nicht, daß der Methodiſt— ſo lange er noch lebt, etwas anderes ſehen wird, als des Indianers auf ihm haftende Augen.“ „Kommt Bahrens, wir wollen voran reiten, meine Frau beruhigen und Quartier beſtellen,“ ſagte Roberts. —„Mir wirds auch unheimlich hier zu Muthe.“— Die beiden Männer galloppirten an dem übrigen Zuge vorbei, und als die Fackeln, die ſie in den Hän⸗ den trugen, das Antlitz des Methodiſten und Indianers für einen Moment erhellten, ſo ſahen ſte, wie Aſſowaum erſt ängſtlich zu ſeinem Opfer niederſchaute, ſich aber auch gleich darauf wieder mit triumphirendem Blicke auf⸗ richtete und ſchnell, wie von keiner Laſt beſchwert, weiter ſchritt.— Der Methodiſt lebte naech. Cap. X. Das Gericht der Regulatoren. Der zu dem Gericht der Regulatoren auserſehene Platz, lag dießmal den Fourche la fave Niederlaſſungen etwas näher als der vorige, und zwar auf einem ſteilen Hügel oder„Bluff,“ der mit ſenkrechter Felswand am ſüdlichen Ufer des Fluſſes emporſtieg, und an beiden Seiten, öſtlich und weſtlich von dem niederen Thalland und dichten Rohrbrüchen begrenzt wurde. Etwa eine Meile weiter ſtromab, kreutzte jene Straße den Fluß, auf welcher damals die Regulatoren von Royſons Liſt irregeführt waren, und die kleine Hütte, in der Alapaha von Mörderhand fiel, lag, wie der Leſer weiß, kaum eine halbe Meile in gerader Rich⸗ tung von dieſer entfernt. So ſtill und öde jener ſchroffe Vergesgipfel aber auch ſonſt gewöhnlich war, da auf viele Meilen im Um⸗ kreis, wenigſtens auf der Seite des Fluſſes, kein Haus ſtand, ſo lebhaft und bewegt zeigte er ſich jetzt, denn unter den ſchlanken Kiefern und dichtbelaubten Eichen und Hickorys lagerten, um fünf verſchiedene Feuer herum, einige zwanzig kräftige Jäger und Farmer, Prachtexemplare der wirklichen Hinterwälder, theils mit der Zubereitung ihres Frühſtücks, theils mit Verzehren deſſelben beſchäftigt, und der blaue Rauch kräuſelte wie vor Zeiten, als noch der Urſtamm, die Arkanſas dieſe Höhen bewohnte, luſtig und wild in die blaue klare Morgenluft hinauf. So gewöhnlich nun aber auch ſolche Lager in Ar⸗ kanſas oder überhaupt in den weſtlichen Wäldern Ame⸗ rika's ſind— ſo ſehr unterſchieden ſich zwei Gruppen, nicht allein von dem Ausſehen, ſondern auch von dem ganzen freien Benehmen der übrigen Männer. Sie bildeten gewiſſermaßen den Hintergrund dieſes Gemäldes, und lagerten am weiteſten von dem ſteilen Abhang ent⸗ fernt, unter zwei ebenfalls einzeln ſtehenden Gruppen von Dogwoodbäumen, deren weiße Blüthenzweige ſie wie mit einem Blumendach überſchatteten. Wenig aber ſchienen die Hauptperſonen dieſe freundliche Umgebung zu achten, und finſter brütend ſtarrten ſie auf das gelbe vorjährige Laub nieder, in dem ſie mit gefeſſelten Glie⸗ dern ausgeſtreckt lagen. Es waren die Gefangenen Atkins, Johnſon, Weſton und Jones, von zweien der Backwoodsmen, die neben ihnen auf ihren langen Büchſen lehnten, bewacht. Die andere Gruppe beſtand nur aus zwei Perſonen — dem Methodiſten und Indianer.— Ueber dieſen hin ſchlängelte ſich in reichen, maleriſchen Windungen eine rothe Feuerliane mit ihren trichterförmigen Purpurblü⸗ then, zwiſchen denen die weiße, qnellende Knospenpracht der Gewürzbüſche und der Dogwoods einen wunderlieb⸗ lichen Abſtand bildeten. Unter dem Laub⸗ und Blumen⸗ dach, auf ſorgſam zuſammengetragenen Blätterlager, das mit warmen Decken belegt, dem verwundeten Prieſter zum behaglichen, weichen Ruheplatz diente, kauerte der In⸗ dianer, nur dann und wann ſeine Aufmerkſamkeit auf Augenblicke, von der vor ihm ausgeſtreckten Geſtalt ver⸗ wendend, um ein neben ihnen kniſterndes Feuer zu un⸗ terhalten, das die etwas kühle Worgenluft, dem lei⸗ denden Gefangenen erträglicher machen ſollte. Ein Becher mit Waſſer gefüllt ſtand neben ihm, den er manch⸗ mal an die brennenden Lippen, des im Wundfieber Lie⸗ genden brachte, und ſeinen Durſt damit löſchte, während ——: 204 er ſorgſam wieder die verſchobenen Decken zurecht zog, damit kein rauhes Lüftchen ſeine Lage verſchlimmern, oder ſte ihm auch nur für Augenblicke, unerträglich ma⸗ chen konnte. Jetzt ſchlugen in nicht ſehr großer Entfernung mehre Hunde an, und bald darauf kamen die am vorigen Abend bei dem Ueberfall betheiligten Regulatoren, mit Brown, Roberts, Harper und einen Fremden an ihrer Spitze den Berg herauf, und begrüßten hier die ſchon verſammelten Männer. Brown ſtellte dann den Regula⸗ toren, den Fremden als einen Advokaten aus Pulaski County vor, der, zufällig in der Nähe, von ihrer heu⸗ tigen Gerichtsſitzung gehört, und dieſer, wenn es ihm verſtattet würde, beizuwohnen wünſchte. Hierauf erklärte er, da Husfield erſt in etwa einer Stunde eintreffen könne, die Sitzung für eröffnet. . Vor allen Dingen wurde jetzt eine Jurh von zwölf Anſtedlern gewaͤhlt, wobei den Gefangenen ſelbſt das Recht: zugeſtanden ward, den, den ſie in dieſer Sache für partheiiſch hielten, zu verwerfen, keiner aber machte von dieſer Erlaubniß Gebrauch. Sie wußten gut genug, wie klar ihre Schuld ſei, und da Husfield nicht gegenwärtig war, ſo ſchien es ſelbſt Johnſon gleichgültig, wer von ſeinen Feinden Richter oder Zuhörer wäre, denn nur zwei ——— — 20⁵ ihm vertraute, freundliche Geſichter ſah er unter der Menge, und die hielten ſich wohlweislich ſehr zurück, und ſchienen keineswegs geneigt eine active Rolle in dieſem Drama zu ſpielen, ſo lange es wenigſtens noch in ihren Kräften und ihrer Macht ſtand, davon zurückzu⸗ bleiben.— Es war Curneales und Junnegan, die zu⸗ ſammen an einem Baum lehnten, und ſich nur dann und wann leiſe flüſternd ihre Bemerkungen mittheilten. „Und wer ſoll für die Gefangenen ſprechen?“ frug Brown, als zwei Männer vom Petite Jeanne, wie Ste⸗ venſon, Curtis, der Kanadienſer und Cook als Kläger ge⸗ gen die Angeſchuldigten aufgetreten waren. „Das will— mit Ihrer Erlaubniß— ich über⸗ nehmen,“ ſagte vortretend der fremde Advokat—„mein Name iſt Wharton, ich bin Attorney in Little Rock, und glaube nicht, daß ſie jenen Unglücklichen einen Für⸗ ſprecher verweigern werden.“ Einige der Regulatoren wollten hiegegen etwas ein⸗ wenden, doch Brown nahm das Wort, und erklärte dem Fremden wie ſie bereit wären, ihm die Vertheidigung der Verbrecher zu geſtatten, er ſolle aber bedenken, daß ſte hier, unabhängig von der Macht des Staates, ein freies Lynchgeſetz gebildet hätten, und ihren Grundſätzen 206 dabei, was auch immer die Folgen ſein möchten, getreu bleiben wollten. „Vertheidigen Sie aber dieſe Leute,“ fuhr er dann Mr. Wharton freundlich die Hand reichend, fort;„giebt es etwas, das zu ihrem Vortheil ſpricht— deſto beſſer; fern ſei es von uns Unrecht thun zu wollen. Aber wehe auch dem Schuldigen, die Geſetze des Staates waren zu ſchwach und ohnmächtig uns zu beſchützen— hier ſtehen wir jetzt, die Bewohner dieſer herrlichen Wälder, und ſchützen uns ſelber.“ „Doch die Zeit vergeht, und wir haben einen ge⸗ ſchäftigen, arbeitsſchweren Tag vor uns; wir wollen be⸗ ginnen.“ Die Anklagen begannen jetzt; zuerſt gegen Atkins und Weſton als die Hehler, und gegen Jones als den Stehler oder Zuführer von geraubten Pferden, und da es an Zeugen für früher verübte Diebſtähle fehlte, ſo beſchränkte man ſich hier ganz allein auf den letzt vorge⸗ kommenen und entdeckten Fall. Das geheime Verſteck für entwendete Pferde war genau unterſucht, und hatte die Schuld des angeklagten Atkins außer allen Zweifel ge⸗ ſetzt, da ſich nicht allein die Pferde des Canadienſer's, ſon⸗ dern auch noch zwei andere, vor kurzer Zeit einem An⸗ ſiedler am Fourche la fave entführte Thiere, bei ihm fan⸗ den, und er ſich zuletzt zu ſeiner Schuld ſelbſt bekennen mußte.“ Weſton wurde dann vorgeführt, leugnete aber ſtand⸗ haft Alles, bis Einer der Männer vom Petite Jeanne darauf drang, ihn zum Geſtändniß zu zwingen, und ſo lange zu peitſchen bis er bekenne. Hiergegen proteſtirte nun freilich Mr. Wahrton voll⸗ kommen, und nannte das„grauſam“ und„inquiſi⸗ tionsartig“, es half ihm aber Nichts— die Mehrzahl ſtimmte für„Dogwood“, und der Unglückliche ward an einem dieſer Bäume angeſchnürt und mit den ſchwanken Schößlingen eines Hickorybuſches gepeiſcht, bis ihm das Blut von den Schultern rann, und lange ſchwarze Strie⸗ men ihm über die Seiten, bis auf die Bruſt liefen, da die Spitzen des elaſtiſchen Holzes ſich wie Fiſchbein her⸗ umgelegt hatten. Der Schmerz preßte ihm endlich das Bekenntniß ſeiner eigenen Schuld aus, aber keine Qual der Hölle war im Stande, einen einzigen Namen der Mitſchul⸗ digen über ſeine Lippen zu bringen, und ohnmächtig brach er zuletzt unter den Streichen zuſammen. Die Regulatoren— aufgeregt durch das Blut, und entrüſtet über das ſtöckiſche Schweigen des Verbrechers, III. 14 208 wie ſie es nannten, dürſteten nach ſeinem Leben und riefen wild durch einander: „Hängt ihn— an die Eiche mit ihm— er hat geſtanden, daß er Pferde geſtohlen hat, was ſollen wir uns länger mit ihm aufhalten?“ Brown aber ſchlug ſich hier in's Mittel— erklärte, daß dies gegen das ausgemachte Gerichtsverfahren ſei— daß nämlich erſt Alle gehört werden müßten und die Jury nachher über Leben und Tod der Gefangenen zu entſchei⸗ den habe. 4 Jones Schuld lag klar und deutlich vor, und es herrſchte darüber nur eine Meinung, ſelbſt Wahrton vermochte wenig zu ſeinen Gunſten zu ſagen; jetzt aber galt es das ſchwerere Verbrechen, den Mord Heatheotts, zu prü⸗ fen, und als Ankläger gegen Johnſon und Rowſon trat hierbei Curtis und der Krämer Hartford nach dem auf des Indianers Verlangen geſandt war, auf. Hartford hatte nämlich erſt vor wenigen Tagen eine jener Banknoten durch zweite Hand von Rowſon empfan⸗ gen, die er früher bei Heotheott ſelbſt geſehen. Sie war von der Louiſtana Staat Bank und trug noch als beſonderes Kennzeichen, den Namen eines früheren Eigen⸗ thümers auf der Rückſeite. Johnſons und Rowſons Fährten hatte der Indianer 209 ſpäter mit den an ſeinem Tomahawk bemerkten Zeichen verglichen und übereinſtimmend gefunden. „Johnſon hat ferner noch verſucht den Indianer zu ermorden,“ ſagte Brown,„wir Alle—“ „Wozu die ſchöne Zeit mit weiteren Anklagen ver⸗ ſäumen“ unterbrach ihn Einer aus der Menge.„Der Schuft hat wegen dem einen Mord das Hängen verdient — ſpräche ihn aber die Jury wirklich davon frei, was ich ſehr bezweifle, nun dann iſt's immer noch Zeit zu dem andern.“ Wahrton wollte jetzt auftreten, und den Angeſchul⸗ digten vertheidigen, ehe er aber nur ſeine Rede begin⸗ nen konnte, fuhr dieſer, trotz den zuſammengebundenen Armen empor, und rief trotzig. „Schweigt mit Eueren Salbadereien; die Schurken ſind einmal entſchloſſen mich zu hängen, und werden es thun— die Peſt in ihren Hals; ich will ihnen aber wenigſtens nicht den Gefallen thun zu zittern und zu krie⸗ chen. Ja Memmen Ihr—, die Ihr zu zwanzig über einen einzelnen Mann herfallt; ich ha be den Regulator erſchoſſen, und Gott ſoll mich verdammen, wenn ich nicht Euerer ganzen Bande mit Wolluſt die Kehle durch ſchneiden könnte.“ „Fort mit ihm an die Eiche— fort— hängt die 14* 210 Canaille,“ ſchrieen die Meiſten, und Einige ſprangen ſogar ſchon auf den Gefeſſelten zu; Brown warf ſich aber dazwiſchen und rief: „Halt! zur Ordnung Ihr Männer von Arkanſas, wir müſſen vorher den Prediger verhören; die Geſchwo⸗ renen ſprechen dann das Urtheil.“ „Gut denn— Rowſon vor— den Methodiſten her!“ ſchrie die Maſſe, und zog ſich wieder, den Raum in der Mitte frei laſſend, zurück. . Rowſon war, als er ſeinen Namen auf den Lippen der tobenden Menge hörte, erſchrocken und leichenblaß empor gefahren; vergebens bemühte er ſich aber aufzu⸗ ſtehen, die Banden hielten ihn nieder und Aſſowaum mußte dieſe erſt löſen, und dann den durch Blutverluſt und Angſt Geſchwächten auch noch unterſtützen, ehe er im Stande war, ſich in die Höhe zu richten. Doch ver⸗ ſagten ihm ſeine Glieder den Dienſt, zitternd und bebend ſchlugen ihm die Kniee an einander, und er wäre wieder zu Boden geſunken, hätte ihn nicht ſein ſorgſamer Wäch⸗ ter gefaßt und aufrecht gehalten, und nachher, als er ſich einen Augenblick geſammelt, vor die, auf dem grü⸗ nen Raſen gelagerten Männer des Geſchworengerichts geführt. „Jonathan Rowſon,“ redete ihn hier ernſt und ſtreng 211 der Regulatorenführer an,„Ihr ſteht vor Eueren Rich⸗ tern. Man hat Euch angeklagt—“ „Halt— halt— nicht weiter,“ ſagte mit leiſem, flüſterndem Ton und wild und ängſtlich umherſchweifen⸗ den Augen der Prieſter—„nicht weiter— Ihr ſollt mich nicht anklagen— ich will Alles geſtehen— Alles verrathen— als„State's Evidence“ dürft Ihr mich nicht verletzen, ich werde dadurch ſelbſt— ich gehöre mit zum Gericht— ich will—“ „Die Peſt über Deine feige, erbärmliche Seele,“ ſchrie Johnſon entrüſtet—„ſeh' Einer wie die Memme zittert.“ „Wenn Ihr die Zähne noch einmal von einander bringt ohne daß Ihr gefragt werdet“ rief Hoſtler, der hier Sheriffs⸗Dienſte verſah, ſo klopf' ich Euch mit dem kleinen Stück Hickory hier den Schädel ein— ver⸗ ſtanden?“— Johnſon ſchwieg zähneknirſchend ſtill. „Ihr dürft mich nicht morden!“ rief Rowſon, dem der klare Angſtſchweiß in großen Perlen auf Stirn und Schläfen ſtand—„oder— Ihr müßt mich wenigſtens vor dem Teufel hier ſchützen, der über meinen Körper wacht, als ob er der Seele habhaft zu werden hoffe. Ich 212 will Alles geſtehen— ich erkläre mich hiermit für Sta⸗ tes Evidence.“ Ein Murmeln der Verachtung durchlief die Reihen der Regulatoren, Brown aber nahm das Wort und ſagte ſich zu den Unglücklichen wendend, der flehend die gefeſ⸗ ſelten Hände gegen ihn emporhob: „Zu ſpät kommt dieſe Reue, Rowſon, ſelbſt das kann Euch nicht retten. Dreimal des Mordes angeklagt, des ſchändlichen Verrathes gar nicht zu gedenken mit dem Ihr Euch in die Familien dieſer friedlichen Gegend ſchliechet, ſeid Ihr dem Gericht verfallen. Habt Ihr noch etwas zu Euerer Vertheidigung zu ſagen?“ „Da kommt Husfield mit den Uebrigen,“ rief Cook, „von den beiden Entflohenen bringen ſie aber Keinen zurück.“ Husfield ritt in dieſem Augenblick bis ziemlich dicht an die Gefangenen hinan, warf ein Bündel, das er vor ſich getragen hatte, zur Erde nieder, ſprang aus dem Sattel, nnd überließ das Thier ſich ſelbſt. „Etwas Neues noch, Husfield, was Licht auf die verſchiedenen Anklagen werfen könnte?“ frug Brown. „Nichts Erhebliches,“ erwiderte der Regulator,„hier den alten Rock, der mir übrigens verdächtig vorkam, weil er ſo ſorgfältig gewaſchen ſchien, und verſteckt lag.“ — —ÿ— 213 „Wah ¹“ ſagte der Indianer, der hinzugetreten war, und auf die Stelle zeigte, an der einer der hörnenen Knöpfe fehlte—„dieſen Knopf erfaßte Alapaha im Todeskampfe— und hier— hier war die Wunde.“ Ohne weiter eine Antwort abzuwarten, ſchritt er zu dem laut⸗ und regungslos daſtehenden Prieſter, nahm ſein Scalpiermeſſer aus dem Gürtel, und ſchlitzte den linken Aermel bis an die Achſel auf, wo die rothe kaum geheilte Narbe von dem Tomahawk der Indianerin ſichtbar wurde. Ruhig deutete Aſſowaum darauf hin, und ſagte leiſe:„Er iſt der Mörder!“ Alles ſchwieg— es war als ob ſich jeder ſcheue, die ſchauerliche Stille zu unterbrechen, und Rowſon's Blicke flogen ängſtlich von Antlitz zu Antlitz, nur ein einziges zu finden, aus deſſen Zügen Mitleiden nnd Er⸗ barmen ſpräche— ſie ſtanden Alle— Alle ſtarr und kalt, und der finſtere Ernſt, die zuſammengezogenen Brauen verkündeten ſein nahes Schickſal. „Dieſe Brieftaſche,“ ſagte Brown endlich,„fand man ebenfalls bei dem unglücklichen Mann hier, der wie es ſcheint Verbrechen auf Verbrechen häufte, um ſeine dunkelen Zwecke zu erreichen. Die Summe, die hierin enthalten iſt— eilfhundert Dollar, entſpricht etwa der, ) fh) den. Sie haben überdieß des jungen Weſton, oder wie er heißt, Geſtändniß mit Gewalt, gewiſſermaßen durch die Folter herausgelockt, und—“ „Sir”“— unterbrach ihn ruhig Brown—„ich habe Ihnen ſchon im Anfang geſagt, daß Sie hier vor keinem geſetzlich gebildeten und nach beſtimmten Regeln hergeſtellten Tribunal ſtehen. Eben das hat uns ge⸗ zwungen, ſelbſtſtändig aufzutreten, daß vor dem Geſetz des Staates Kniffe, und Ränke der Advokaten ſtets die ärgſten Verbrecher der Strafe entzogen, weil vielleicht irgend eine Kleinigkeit in der Anklage verſehen, oder ein Zeuge fehlte, oder ſonſt ein Haken gefunden werden konnte, mit dem man den, der im Stande war zu be⸗ zahlen, herausriß aus Noth und Strafe. Wir hier ſind eine Verſammlung von Regulatoren, und die Ge⸗ walt, die wir ausüben, iſt das Lynchgeſetz. Dieſe Männer wurden angeklagt, und werden beſtraft, wenn ſchuldig befunden.— Können Sie uns beweiſen, oder auch nur hofſen laſſen, daß Einer von ihnen ſchuld los, ſo ſei Ihnen im Voraus verſichert, daß er frei und un⸗ gehindert von dannen gehen ſolle— das iſt, meines Wiſſens nach, das Einzige, was Sie bei dieſer Sache zu thun haben. Was beſchließen die Geſchworenen über Atkins?—“ 214 die jener am Ufer des Arkanſas erſchlagene Viehhändler bei ſich getragen haben ſoll. Mr. Stevenſon hat Row⸗ ſon als denſelben Mann erkannt, den er an jenem Tage, wenige Minuten vor der verübten That, mit jenem ge⸗ ſehen.“ „Kennt Ihr dieſes Federmeſſer— Rowſon?“ frug er dann mit leiſer Stimme den bleichen Mörder— „kennt Ihr dieſe Blutſpuren daran?“ Rowſon wandte ſich ſchaudernd ab und ſtöhnte, auf Johnſon deutend—„der da gab den Rath— warum mir das Alles— warum jedes Verbrechen auf meine Schultern?“ „Und Ihr geſteht ein, daß Ihr ſchuldig— an drei⸗ fachem Morde ſchuldig ſeid?“ frug ihn Husfield. „Ja— ja— ich will Alles geſtehen— Alles— noch mehr— noch viel entſetzlichere Sachen— ich will Euch vom Miſſiſſippi—“ „Ich proteſtire gegen dieſes Verfahren,“ ſagte der fremde Advokat, ſchnell vortretend—„Sie entlocken dieſem Elenden hier das Geſtändniß ſeiner Schuld, wäh⸗ rend er noch immer in der Hoffnung ſteht, als State's Evidence begnadigt und auf freien Fuß geſetzt zu wer⸗ 216 „Gebt mich frei,“ ſchrie Rowſon in Verzweiflung— „gebt mich frei— und ich will Dinge bekennen, die—“ „Schweigt— ich rette Euch,“ flüſterte ihm leiſe der fremde Advokat zu. Erſtaunt und freudig ſchaute der Elende zu dieſem empor, begegnete aber nur noch dem behutſam warnen⸗ den Blick deſſelben, der ſich eben von ihm, den Geſchwo⸗ renen zuwandte, die in kleiner Entfernung, mit einander über das Schickſal der Angeklagten beriethen. Nach kurzer Zeit ſchon kehrten ſte mit dem einſtim⸗ migen Ausſpruch „Schuldig!“. zurück. Atkins ſank, das todtenbleiche Antlitz mit den Händen bedeckend, in die Kniee nieder. „Und Weſton?“ frug Brown. „Schuldig!“ „Und Jones?“ „Schuldig!“ „Und Johnſon?“ „Schuldig!“ „Und Rowſon?“ „Schuldig!“ tönte es nach, im ſchauerlichen— Mark erſchütternden Chor. Weſton ſchluchzte laut, und 217 Johnſon knirſchte, ſeinen Richtern giftige Blicke zu⸗ ſchleudernd, wüthend mit den Zähnen. „Ihr habt es gehört!“ ſagte Brown nach langer Pauſe, während Royſon, alles Andere um ſich ver⸗ geſſend, nur an jeder Bewegung des Fremden hing, durch deſſen Arm er, als ob jener mit überirdiſchen Kräften begabt geweſen, allein noch Rettung vom Verderben hoffte. „Das Gericht der Regulatoren erklärt Euch hiemit für ſchuldig, und ſpricht Euch den Strang für Euere Vergehen zu!“ ſagte Brown mit feſter, tiefer Stimme. „Fort mit ihnen,“ ſchrieen Einzelne aus der Menge—„an die nächſten Bäume— fiüttert die Aasgeier mit den Hunden!“ „Halt!“ rief Brown dazwiſchen, ſeine Hand gegen die Herandrängenden ausſtreckend—„Halt! das Ge⸗ richt verurtheilt ſie— aber Männer von Arkanſas— wir wollen nicht wie die wilden Thiere gegen unſere Nebenmenſchen wüthen— nicht Alle dürfen gleiche Strafe dulden. Iſt keiner dabei, den Ihr begnadigen möchtet?“ „Atkins Kind iſt heute Nacht geſtorben,“ ſagte Wilſon, vortretend—„ſeine Frau liegt ſchwer krank —————— —— — 218 ** darnieder— Er hat nach Texas auswandern wollen— ich dächte wir ließen ihn ziehen.“ Eine augenblickliche Stille herrſchte— Atkins blickte mit ſtieren— thränenleeren Augen von Einem zum Andern. „Ich ſtimme für Gnade!“ ſagte Brown. „Und ich auch,“ pflichtete ihm Husfield bei— „laßt uns überhaupt, Kameraden, unſer erſtes Gericht nicht als ein zu blutiges beginnen. Ich bitte auch um Weſtons Leben; der arme Teufel hat Alles, was er ſelbſt verbrochen, bekannt; daß er die Mitſchuldigen nicht verrathen wollte, können wir ihm nicht zur Laſt legen; ich meinestheils finde es brav. Soll er mit der erhal⸗ tenen Züchtigung hinlänglich beſtraft ſein?“ „Ja!“ ſagten die Männer nach kurzem Bedenken. „Aber er muß verſprechen, ſich zu beſſern!“ rief eine feine Stimme.— Alles lachte und ſchaute ſich nach dem Sprecher um. „Gnade! Gnade!“ flehte jetzt auch Jones, der an dem ganzen Betragen der Regulatoren wohl ſah, wie ſehr ſie geſonnen ſeien, ernſt durchzugreifen, und dieſen erſten lichten Augenblick zu ſeinem Vortheil zu benutzen beſchloß.„Gnade auch mir— ich habe einmal gefehlt— und gehöre ja überdieß in ein anderes County.“ 219 „Das möchte Euch wenig helfen,“ ſagte Brown— „ich ſtimme jedoch dafür, dieſen Mann, der allerdings weder den Fourche la fave, noch Petite Jeanne angeht, den Gerichten von Little Rock zu übergeben; die mögen über ihn entſcheiden. Daß er nicht wieder an den Fourche la fave kommt, davon glaub' ich, können wir überzeugt ſein.“ „Fort mit ihm,“ riefen Einige,„gebt ihn dem Sheriff.—“ „Swär ſchade um den Strick,“ ſagte Curtis, „jedoch Gentlemen, hab' ich gegen das letzte Urtheil noch etwas einzuwenden. Der Burſche hat uns hier in unſere Rechte Eingriffe gethan, und ſtecken ſie ihn in Little Rock ins Zuchthaus, und bricht er durch, wie ſich das von ſelbſt verſteht, ſo lacht er uns nachher noch aus.“ „Bei meiner Seligkeit nicht,“ rief Jones, der etwas ahnen mochte, ängſtlich. „Die kauf' ich nicht theuer,“ erwiderte ihm Curtis —„nein— ich ſtimme dafür, daß wir ihn erſt mit unſeren verſchiedenen Holzarten, Hickory und Dogwood bekannt machen; nachher kann er gehen, er wird dann wenigſtens freundlich an unſer Flüßchen zurückdenken.“ „Curtis hat Recht,“ ſagte Brown,—„und meiner * 220 Anſicht nach iſt dieſer Jones, wenn nicht ſo ſchlimm wie Rowſon, doch Einer der abgefeimteſten Schufte, die es geben kann; wenn es alſo die Männer von Arkanſas zufrieden ſind, ſo mag ihm der Neger dort fünfzig Streiche zuzählen.“ „Gentlemen!“ bat Jones ängſtlich. „Fünfzig ſind eigentlich zu wenig,“ rief Bowitt, als die Uebrigen beigeſtimmt hatten,„doch möchten wir dann einen anderen Mann als den Neger zum Strafen wählen; ich traue dem—“ „Halt,“ unterbrach ihn der Canadienſer.„Ich will Schläge geben— bin ihm ſo noch was ſchuldig—“ „Gnade! Gnade!“ flehte Jones, der wohl wußte, wie dieſer Halbwilde ſeinem Rücken bearbeiten würde.— „Die iſt Euch geworden,“ ſagte Brown, ſich von ihm wendend—„nach Verdienſt gebührte Euch der Strang— fort!“ „Und Johnſon und Rowſon?“ frug Husfield jetzt, ſich langſam im Kreiſe umſchauend, während der Cana⸗ dienſer den wimmernden Jones zur Seite führte. „Den Tod!“ ſchallte es dumpf und eintönig von jeder Lippe. 1 „Sir— wenn Ihr mich retten wollt,“ flüſterte Rowſon mit Leichenbläſſe im Antlitz, dem fremden Manne 221 zu„jetzt iſt die höchſte Zeit— Ihr kennt die Regu⸗ latoren nicht—“ „Schweigt und baut auf mich,“ ſagte ihm eben ſo leiſe und vorſichtig der Advokat. Wilſon hatte indeſſen Atkins Bande zerſchnitten, und bot ihm ſein Pferd zum zu Hauſe reiten an. Dieſer nickte auch dankend mit dem Kopf, löſte den Zügel deſ⸗ ſelben von dem Zweige an dem es befeſtigt ſtand, und wollte aufſteigen; da beſann er ſich noch einmal, blieb 4 einige Secunden über den Sattelknopf des Thieres ge⸗ beugt ſtehen, kehrte dann zurück uud reichte erſt Wilſon, dann Brown und dann Husfield ſchweigend die Hand — — drückte ſie herzlich— ſchwang ſich in den Sat⸗ tel, und ſprengte mit verhängten Zügeln ſeiner Woh⸗ nung zu. Brown ſah ihm ſinnend nach und ſagte dann zu Wilſon:—„Bei dem hat's geholfen— es ſollte — mich nicht wundern, wenn Atkins ein ehrlicher Mann würde!“ „Rettet mich— ſonſt iſt es zu ſpät,“ flüſterte Rowſon wieder in Todesangſt—„Ihr habt es ver⸗ ſprochen— Ihr müßt mich retten.“ — „Führt die Gefangenen zum Tode!“ ſagte Brown mit leiſer, aber volltönender Stimme. 222 „Halt!“ rief der Advokat jetzt dazwiſchentretend, „halt! im Namen des Geſetzes! dieſe Verbrecher ſind des Todes ſchuldig— es iſt wahr, aber ich proteſtire hier öffentlich gegen dieſes Gerichtsverfahren, was eben ſolcher Mord wäre, als jene begangen haben. Ueberliefert ſie mir, und ich will ihr Ankläger vor den Richtern des Staates werden, aber hier—“ „Thut Euere Pflicht,“ widerholte Brown ruhig, ohne den Einwurf zu beachten,„hat noch Einer der Ge⸗ fangenen etwas zu ſagen?“ „Ich will Alles entdecken,“ ſchrie Rowſon,—„hört mich nur— Alles will ich entdecken, wenn Ihr mir mein Leben ſichert— Bis an meinen Tod will ich im Gefängniß arbeiten— aber das Leb en ſchenkt mir— nur das Leben. Ich habe fürchterliche Sachen zu ent⸗ decken.“ „Euer Leben iſt verwirkt,“ erwiderte ernſt der ſtrenge Richter— bereitet Euch auf Eueren Tod vor.“—— „Zurück!“ ſchrie der Elende— als ihn die Regu⸗ latoren ergreifen wollten— zurück mit Euch—„ich bin dem Geſetz verfallen— ich—“ „Halt!“ flüſterte der Indianer, der bis dahin, wie ein zum Sprung bereiter Panther, neben der gefeſſelten Geſtalt des Methodiſtenprieſters gekauert hatte, ſich jetzt aber zu ſeiner vollen Höhe emporrichtete und ſeine Hand auf die Schulter des, vor der Berührung zurückbebenden Verbrechers legte—„dieſer Mann iſt mein, Ihr habt ihn ſchuldig geſprochen— aber ich bin ſein Henker!“ „Nein— nein— nein!“ ſchrie der Methodiſt in Todesangſt—„nein— eher Alles— fort— fort Ihr Regulatoren, fort mit mir— hängt mich— hängt mich hier an dieſen Baum!— Nein, nicht hier— weiter fort etwas— hundert Schritt— eine halbe Meile— aber gebt mich nicht in die Hände dieſes Teu⸗ fels— Hülfe— Hülfe!“ Aſſowaum umſchlang, ohne weiter eine Antwort der Regulatoren abzuwarten, die Arme ſeines Opfers mit der ledernen Fangſchnur, und nahm den ſich wü⸗ thend aber machtlos Sträubenden wie ein Kind in ſeine Arme. „Gentlemen— das iſt entſetzlich!“ ſagte der fremde Advokat ſchaudernd,—„Sie wollen doch nicht zugeben, daß der Wilde den Mann in den Wald ſchleppe und dort zu Tode martere?“ Keiner der Regulatoren antwortete eine Sylbe— Alle ſtarrten ſchweigend den Indianer an, deſſen Züge aber, unverändert und ruhig, nicht das Mindeſte von III. 15 — — — — dem verriethen ,was in ſeiner Seele vorging. Selbſt Johnſon ſchien für den Augenblick die Gefahr ſeiner eigenen Lage vergeſſen zu haben. „Erbarmen!“ ſchrie Rowſon—„ich bin dem Lynchgeſetz verfalen— Erbarmen— rettet mich vor dem Teufel, der mich gefaßt hat.“ Der Indianer trat mit ihm aus dem Kreis, und ſchritt den ſchmalen Fußpfad, der in die Niederung und von da an den Fluß führte, hinab. „Nein— das darf ich nicht dulden!“ rief der Fremde, und eilte dem Häuptling nach, entſchloſſen, den Unglücklichen wenigſtens aus dieſer Gefahr zu retten, als aber Aſſowaum die Schritte hinter ſich hörte— wandte er ſein Antlitz dem Advokaten zu und rief drohend: „Folge mir auf meiner dunkelen Bahn, und Du kehrſt nie zu den Deinen zurück— ich kenne Dich!“ „Rettet mich!“ flehte Rowſon—„rettet mich— bei Eurer Seele Seligkeit.“ „Aſſowaum wandte ſich und war im nächſten Augenblick mit ſeinem Opfer im Dickicht verſchwun⸗ den, Wharton aber blieb, wie in den Boden gewurzelt ſtehen, und ſtarrte halb träumend und faſt benneßilos 225 ☛ der langſam fortſchreitenden Geſtalt des rothen Krie⸗ gers nach. Aber auch auf dem Hügel wagte Keiner die feier⸗ liche Stille zu unterbrechen, Jeder verharrte mit tief⸗ gefühltem Entſetzen in ſeiner Stellung— kaum zu athmen wagten die Männer, und nur Brown ſchritt leiſe und geräuſchlos an den Rand des Felſens, der den Fluß überragte, und ſchaute, den Arm um eine junge Eiche geſchlungen, hinab auf das Flußbett. Dort aber glitt in ſeinem Canoe der Indianer mit langſamen, ruhigen Ruderſchlägen dahin, und vorne im Boot lag die gebundene Geſtalt des Methodiſten. Jones Wehgeſchrei weckte die Männer zuerſt wieder aus ihrer Betäubung; der Canadienſer, der in dem Rachewerk des Häuptlings weiter nichts Außerordentliches geſehen, hatte die ruhige Zeit indeſſen dazu benutzt, den klei⸗ nen ſchwächlichen Mann an einen jungen Dogwoodſtamm zu binden, und ließ nun mit dem beſten Willen von der Welt das ſchwanke Holz auf ſeinem Rücken herumtanzen, obgleich dieſer, bald unter den ſchmerzhaften Krümmun⸗ gen ſich windend, ſchrie und jammerte, er habe ſchon ſechzig— einundſechzig— zweiundſechzig— dreiund⸗ ſechzig Schläge bekommen. Brown legte ſich endlich in's Mittel und befreite 15* 3 — — 1 226 den Gezüchtigten von ſeinem Executor, der keineswegs geſonnen ſchien, ſich an die einmal zugeheilte Anzahl Streiche zu kehren, und nur, wie er auch aufrichtig ge⸗ nug ſagte,„dem Burſchen den Appetit für Pferdefleiſch benehmen wolle, da er doch einmal dabei ſei.“ Eine andere Abtheilung hatte indeſſen Johnſon unter den zu ſeiner Hinrichtung beſtimmten Baum ge⸗ führt. Bowitt ermahnte ihn noch einmal zu beten, als Antwort aber ſpie er ihn an und wandte ihm verächtlich den Rücken. Kein Wort, weder Bitte noch Klage, kam über ſeine Lippen, die Regulatoren aber, durch dieſen letzten Beweis von Frechheit empört, warfen ihm ohne weitere Umſtände die Schlinge um den Hals, hoben ihn auf ein Pferd— der Neger mußte an den Baum hin⸗ auf und das Seil an einem vorragenden Aſt befeſtigen, und Curtis nahm dem Poney, das ruhig unter der ihm aufgebürdeten Laſt ſtand, den Zügel ab. Johnſon's Ellbogen waren ihm auf den Rücken zu⸗ ſammengebunden und er ſaß hoch aufgerichtet im Sat⸗ tel; das Seil reichte gerade hinauf— ſobald das Pferd aber nur einen Schritt vorwärts that, um das Gras ab⸗ zupflücken, das im Ueberfluß auf dem Kamm des Hügels und auch ſehr reichlich gerade da, wo es fand. wuchs, war es um ihn geſchehen. Das Poney rührte und regte ſich jedoch nicht, und ſchaute mit ſeinen großen dunklen Augen von Einem zum Anderen der Männer, als ob es wiſſe und verſtehe, wie alle Blicke erwartungsvoll an ihm hingen. „Was ſollen die Faren?“ rief Johnſon jetzt halb ärgerlich— halb ängſtlich, während ihm der kalte Angſt⸗ ſchweiß auf die Stirn trat—„nehmt das Pferd fort und macht ein Ende!“ Es hätte nur eines Schenkeldrucks von ihm bedurft, und das Poney wäre vorgeſprungen— aber er bewegte kein Glied— das Thier das ihn trug, eben ſo wenig. Browu ſchwang ſich in den Sattel, und ſprengte den Hügel hinunter— ihm folgten die Uebrigen, und den Canadienſer bis auf Jones, während Einige Wharton im Auge behielten. Das Pferd des Verurtheilten, ſtand noch immer unbeweglich, und Johnſon ſchaute halb trotzig halb ver⸗ zagt nach dieſen hinüber. „Kommt,“ ſagte der Halbindianer jetzt zu dem Pfer⸗ dehändler—„was Ihr im Sinne habt, weiß ich wohl — dem Mann ſollt Ihr aber den Spaß nicht verderben — fort mit Euch.“ „Aber ſo laßt doch—“ „Fort mit Euch ſag ich oder— wird ſind jetzt 1 † 8 allein—“ er ſchwang bei dieſen Worten eine der noch vorräthig abgeſchnittenen Stöcke. Im nächſten Augen⸗ blick verließen die Männer den Platz, und Johnſon ſaß allein auf dem ſtill und regunglos haltenden Thier, un⸗ ter ſeinem Galgen. — Cap. XI. Roberts Haus. Laute Fröhlichkeit herrſchte indeſſen, während auf dem Felshügel des Fourche la fave des Lynchgeſetz ſeine Opfer verurtheilte und ſtrafte, in Roberts Hauſe, bis jetzt Marions Mutter bleich und beſinnungslos auf ihrem Lager gelegen hatte. Die Regulator Schaar war mit ihrem Gefangenen aufgebrochen, die Sonne ſchon hoch über die Wipfel der Bäume geſtiegen, und noch immer hatte Mrs. Roberts kein Zeichen ihres zurückgekehrten Bewußtſeins gegeben; da plötzlich, als ſchon der alte Roberts anfing mit einem ſehr ernſten und bedenklichen Antlitz im Zimmer auf und ab zu gehen, als Marion ſtill weinend am Bette kniete und betete, und Ellen eben⸗ falls ſtumm und traurig an ihrer Seite ſaß, und die — 230 kalte Hand der alten Frau in der ihren hielt, da ſchlug dieſe plötzlich die Augen auf, ſchaute wie erſtaunt und verwundert— immer noch nicht recht darüber im Klaren was eigentlich vorgegangen ſei, zu ihrer Marion auf, die fröhlich emporſprang, und mit einem Freudeſchrei der zu neuem Leben erwachten Mutter um den Hals fiel, und ſagte dann leiſe. „Kind— liebes Kind— biſt Du mir wieder ge⸗ geben? biſt Du wieder zu uns zurückgekehrt? hat der— Gott ſei mir gnädig— mir ſchwindelt's wenn ich an jenen Augenblick zurückdenke— hat der böſe Feind, der in der Geſtalt jenes Menſchen bei uns erſchien, keine Gewalt über Dich gewonnen?“ „Nein Mütterchen— nein herziges, liebes Mütter⸗ chen“, rief das fröhliche Mädchen—„o nun iſt Alles gut, da Du die Augen wieder ſo hell und klar geöffnet haſt; nun wird Alles gut werden.“ „Aber— wie iſt mir denn Kind?“ haben wir denn Morgen oder Abend? mir kommt es vor, als ob ich eine lange, lange Zeit durchträumt hätte. Wo kommen die Leute alle her?“ „Margareth!“ ſagte jetzt Roberts, der leiſe und vorſichtig herzugetreten war und ſich auf dem Stuhl, 231 neben dem Bett ſeines Weibes niederließ—„Marga⸗ reth— liebe— herzige Margareth, wie geht Dir's?“ „Roberts hier? und Mr. Bahrens und Harper? und Ellen?— ſeid Ihr denn gar nicht fortgeritten?“ frug die alte Frau erſtaunt und unruhig;„hab ich denn das Alles nur geträumt?“ „Du ſollſt Alles erfahren, Mütterchen, flehte Ma⸗ rion, bittend ihre Hand ſtreichelnd—„aber jetzt, nicht wahr, jetzt hältſt Du Dich recht ruhig und erholſt Dich erſt wieder?“ „Erholen?“ frug die Mutter, ſich von ihrem Lager aufrichtend—„erholen? ich bin ſtark und kräftig— nur der Kopf— der Kopf ſchwindelt mir noch ein wenig; aber erzählt mir, o bitte— erzählt mir was vorgefallen. Roberts— Bahrens— Harper— was fehlt den Män⸗ nern? ſie ſehen Alle ſo ernſt aus.“ „‚Nichts fehlt ihnen Mrs. Roberts“, erwiderte ihr Bahrens, indem er vortrat und ihre Hand ſchüttelte— „nicht das Mindeſte— jetzt wenigſtens nicht mehr; nur ſo lange Sie da kalt und bleich wie eine Leiche lagen, ſo lange war's uns hier nicht recht geheim im Zimmer, und da mögen wir wohl noch ein wenig alberne Geſichter ſchneiden; Harper hier, iſt überdem ſelbſt halber Patient. Aber heraus jetzt mit der Sprache; am Beſten erfahren Sie gleich Alles auf einmal, da es überdieß nichts Schlimmes iſt, und nachher wird Ihnen und uns das Herz leicht.“ Marion mußte nun erzählen; von dem erſten Augen⸗ blick an wie Rowſon in das Haus geſprungen und Cot⸗ ton aus ſeinem Verſteck herabgeklettert ſei, wie ſie ge⸗ bunden geweſen und wie ſich Ellen befreit; Aſſowaums erſtes Erſcheinen, der Freundin Heldenthat, und die Rettung durch— die Regulatoren, unter welchem all⸗ gemeinen Namen das holde Mädchen ſchüchtern die Nen⸗ nung des geliebten Mannes umging, dieß Alles kündete ſie dem aufhorchenden und liebend ihre Hand in die ihre preſſenden Mütterchen, das immer noch das theuere Kind in Gefahr zu ſehen glaubte und nicht laſſen wollte von ihm, um es nicht auf's Neue zu verlieren. „Alſo Dir, gutes Mädchen, danke ich eigentlich allein das Leben meiner Tochter“, wandte ſie ſich dann aber zu der erröthenden Ellen und reichte ihr die noch freie Hand hinüber.“. Mirs ach Gott nein“, entgegnete dieſe ſchüchtern— „mein Verdienſt iſt gar gering dabei— die Piſtole— ich weiß nicht— ich glaube ſie muß von ſelbſt losge⸗ gangen ſein; ich habe mich wenigſtens immer vor Feuer⸗ waffen gefürchtet.“— 233 „Ellen war gewiß unſer Rettungsengel“, unter⸗ brach ſie Marion;„der Indianer wäre verloren geweſen, wenn jener Schuß nicht fiel und nach ihm— vielleicht der— Nächſtfolgende; auf jeden Fall aber würde der Wüthende uns ſelbſt ſeiner Rache geopfert haben. Ellen iſt ſicherlich die Heldin jener Nacht.“ „Wo aber ſind die Übrigen, Mr. Curtis, Brown und Wilſon?“ frug die Matrone—„ſie, die neben dem Indianer ihr Leben ſo kühn und uneigennützig für Euch auf's Spiel ſetzten, verdienten doch ſicher den hei⸗ ßeſten Dank. Harper huſtete bei dem Worte„uneigennützig“ be⸗ deutend und Marions Antlitz überflog eine Scharlach⸗ röthe. „Die jungen Leute ſitzen über die Buben zu Gericht“, ſagte Roberts—„und wärſt Du nicht ſo ſehr krank geweſen, ſo hätte ich heute ebenfalls dem Regulatoren⸗ gericht beigewohnt. Wo ſolche Schurkereien vorfallen, da muß den Schuften einmal bewieſen werden, daß der alte Geiſt in uns Hinterwäldlern noch nicht etwa erſtor⸗ ben iſt. Nun— ſie werden's auch ohne uns, die wir doch nun einmal hier, wo wir vollauf zu thun haben—“ „Aber ſagtet Ihr nicht“, frug Mrs. Roberts ſchau⸗ dernd—„daß jener Mann— jener— Rowſon.“ 234 „ Laß das jetzt ſein Alte“, unterbrach ſie ſchmeichelnd Roberts—„wenn Du wieder recht wohl und kräftig biſt, dann wollen wir über die Vorfälle genauer ſprechen, bis dahin hören wir auch das Reſultat des Regulatoren⸗ gerichts. Aber nun Mädchen, ſchafft einmal an, was Küche und Rauchhaus zu bieten vermögen. Wir feiern heute ein Feſt, ein Feſt der Erlöſung und zwar ein Doppeltes, in geiſtiger und leiblicher Hinſicht, denn in leiblicher ſind uns dieſe verwünſchten Pferdediebe, vor denen kein Huf im Stalle mehr ſicher war; Heſtlern haben ſie neulich verſucht, ſeinen Hengſt mitten aus dem Hofraum zu ſtehlen, und ſeine Fenz iſt über eilf Fuß hoch. Uebrigens hat er keine„Reiter”“*) d'ran, und ich habe es ihm—“ „Und in geiſtiger können wir unſerem Herrgott faſt noch mehr danken—“ unterbrach ihn Bahrens, als er fand, daß Roberts wieder mit verhängten Zügeln nach New⸗York ſprengte—„jetzt wird das Predigen doch einmal ein wenig nachlaſſen.“ „Aber Mr. Bahrens“, ſagt im vorwurfvollen Ton die Matrone—„wollen Sie die Schuld auf eine ſo heilige Sache werfen?“ *) Eine Benennung der oberſten, durch beſondere Stützen hoch geſtellten Fenzſtanzen. 2353 „Nein ſicherlich nicht“, erwiderte dieſer, um Alles zu vermeiden, die noch nicht ganz Geneſene zu kränken— „ſicherlich nicht— aber das Gute hat es, daß wir künf⸗ tig in der Wahl der Prediger ſehr vorſichtig ſein wer⸗ den, und auch mit Recht. Ein gebranntes Kind ſcheut das Feuer.“ „Hallo da“, rief Harper dazwiſchen—„hier iſt verboten worden die Sache weiter zu berühren, bis wir erſt einmal eine ordentliche Mahlzeit im Magen haben, und das find' ich nicht mehr wie recht und billig. Seit geſtern Abend ſitzen wir hier neben dem Bett und hun⸗ gern; das mag ein Anderer aushalten.“ „Gleich ſollen Sie befriedigt werden, beſter Herr Harper“, ſagte Marion, ihm lächelnd das kleine Händ⸗ chen hinüberreichend—„Sie dürfen ſchon nicht böſe ſein— Mutter— „Pſt— pft— keine Entſchuldigungen“, lachte der kleine Mann—„ich weiß Alles— habe den Hun⸗ ger bis jetzt ſelber nicht geſpürt, aber nun kommts, darum meld ich's auch gleich, eh' es zu ſpät oder ſpäter wird, von Mittag kann's ſo nicht weit mehr ſein.“ „Wie wär's, wenn wir jetzt noch hinüberritten nach der Verſammlung?“ frug Bahrens—„ich hätte ge⸗ waltige Luſt daran Theil zu nehmen.“ 4 236 „Wir kämen doch zu ſpät,“ erwiderte ihm Roberts; „der Platz iſt ziemlich weit, deßhalb warten wir's beſſer ab; Brown und Wilſon haben mir Beide verſprochen, heute Abend noch herüber zu kommen, und das Reſultat 3 zu melden. Es iſt ſehr gefällig von ihnen.“ „Sehr!“ ſagte Harper, und warf einen Seitenblick nach Marion hinüber, dieſe aber ſchien, mit der Mutter beſchäftigt, die Bemerkung ganz überhört zu haben, während Ellen ſich ebenfalls herumwandte, mit außer⸗ ordentlich lobenswerthem Eifer die faſt verglommenen Kohlen im Kamin zur hellen Flamme anbließ, und Holz nachlegte, um die verſpätete Mahlzai für die Männer zu kochen.“. Der Abend rückte indeſſen heran; Mrs. Roberts hatte ſich wieder vollkommen erholt, und da das Wetter mild und warm war, ſo ſaßen Alle unter den blühenden Dogwoodbäumen im kleinen Gärtchen, in welchem, eine Seltenheit bei den weſtlichen Amerikaner, nicht allein nahrhafte Gemüſe, ſondern auch wilde Waldblumen, ſorgfältig von den lieben Händen Marions gehegt und gepflegt wurden, und dem kleinen Platze etwas unge⸗ mein Freundliches und Heiteres gaben. Wie oft ſie aber auch das Geſpräch auf fernliegendere, gleichgültigere Ge⸗ genſtände bringen mochten, immer flogen wieder die 237 Augen hinüber nach der Gegend, aus der ſie die Freunde erwarteten, und immer wieder war das wahrſcheinliche Neſultat jener ernſten Verhandlungen die Are, um die ſich ihre Vermuthungen und Bemerkungen drehten. „Sie werden ihn wohl nicht ſo hart beſtrafen,“ ſagte Mrs. Roberts endlich nach kleiner Pauſe, in der ſie nachdenkend vor ſich niedergeſtarrt hatte—„wenn die Wunde ſo bös war, iſt ja das ſchon Züchtigung genug—“ „Für ſolches Verbrechen?“ frug ernſt und mahnend ihr Gatte. Schaudernd barg die Matrone ihr Antlitz in den Händen.“ 4 „Der Indianer hatte Mitleiden mit ihm,“ flüſterte ſchüchtern Marion—„er pflegte ihn mit einer Sorg⸗ falt, deren ich ihn nicht für fähig gehalten hätte—“ „Der Indianer?“ frug, ſtaunend zu der Tochter auf⸗ ſchauend, die alte Fran—„der Indianer pflegte den— Mörder ſeines Weibes?“ widerholte ſie dann immer noch ungläubig und verwundert. „Ja— wie wir das Vieh pflegen, das wir ſchlach⸗ ten wollen,“ ſagte Bahrens mit einem leiſen Schauder; „mir iſt der Indianer noch nie ſo entſetzlich vorgekom⸗ men, als in ſeiner zärtlichen Sorgfalt— ich kann ſein Bild gar nicht los werden.“ „Und Du— armes— armes Kind,“ wandte ſich die Mutter jetzt liebend zu der neben ihr ſitzenden Jung⸗ frau; wer wird Dir je für jene fürchterliche Täuſchung Erſatz geben können? „Brown. wahrhaftig— dort kommt erangeſprengt,“ rief der alte Roberts, während Marion erſt erſchreckt zu ihm aufſchaute, und jetzt zitternd und erröthend ihr Ant⸗ litz an der Bruſt der Mutter barg. „Und dort iſt auch Wilſon,“ rief Harper— nun jetzt werden wir erfahren wie Alles abgelaufen iſt.“ „Sie ſehen ernſt und feierlich aus,“ ſagte Bahrens. „Ein ernſtes und feierliches Geſchäft war es auch das ſie beendet“— erwiderte ihm Roberts,„aber ein ſchönes und herrliches Recht haben ſie zugleich dabei ausgeübt, das Recht des Selbſtſchutzes— der Selbſtvertheidigung, und das wollen wir uns in Arkanſas bewahren, ſo lange wir noch Mark in den Knochen, und Blut in den Adern haben.) In dieſem Augenblick ſprengten die beiden Männer heran, warfen ſich von den Pferden, überſprangen die Fenz, und begrüßten mit herzlichem Wort und Hände⸗ druck die Freunde. Cap. XlI. Die Rache des„Befiederten Pfeiles.“ Leiſe und geräuſchlos glitt unter dem überhängenden, ſchwankenden Rohr, unter den wehenden, ſchaukelnden Weiden, die ſich weit hineinbeugten in das grüne Bett des fröhlich plätſchernden Stromes, ein kleines, ſchmales Canoe von ſicherer Hand geführt, dahin. Kein Laut wurde gehört, als ſich nach jedesmaligem Schlage, das Ruder blitzesſchnell aus dem Waſſer hob, kein Laut wurde gehört, wenn es eben ſo raſch wieder eintauchte in die Fluth. Der Hirſch der zum Waſſer herunter gekom⸗ men war, trank ruhig weiter; kaum funfzig Schritte von ihm glitt der dunkele Schatten vorüber, ſtill und geiſterhaft— er ſah ihn nicht, und erſt als er ſchon in weiter Ferne, mit Rohr und Buſch, unter dem er hin⸗ III. 16 4 5 240 ſchoß, verſchwamm, ſtutzte das ſcheue Wild, warf den ſchönen Kopf in die Höhe, ſchnaubte, ſtampfte das kieſige Ufer auf dem es ſtand, mit dem Vorderlauf, und trabte dann langſam und ſtolz in ſein kaum ver⸗ laſſenes Dickicht zurück. Die verrätheriſche Luft hatte den Hauch ſeines Feindes zu ihm herübergetragen. Leiſe und geräuſchlos glitt das Canoe dahin, und nur die wirbelnden Luftblaſen, die ſprudelnd und kochend von dem kräftigen Ruderſchlag gelockt, an die Ober⸗ fläche kamen, kündeten die Bahn die es genommen, wie ſie in kleine einzelne Strudeln ſchnell entſtanden, und von der Strömung die ſie erzeugt, wieder aufgelöſt und vernichtet wurden. Der Indianer ſteuerte das Canoe, und im Vorder⸗ theil deſſelben lag, gebunden und ohnmächtig vor Angſt und Erſchöpfung, der Methodiſt. Jetzt richtete ſich der Schnabel des kleinen ſchlanken Fahrzeugs über den Fluß herüber, wenige Minuten darauf trieb er vorne auf die glatten Kieſelſteine der ſeichten Uferbank, und ſchaudernd erkannte Rowſon die Stelle, auf der die Hütte ſtand, und wo er in jener Nacht das Weib des Mannes ermordet hatte, deſſen Ge⸗ fangener er jetzt war, und vor deſſen Rache ihn kein Gott mehr ſchützen konnte. — 241 Das Boot landete und Aſſowaum ſprang an das Ufer, ſchlang die Weinrebe, die ihm zum Ankertau diente, um eine dort ſtehende, kleine Birke, trat dann zurück, neben ſein Fahrzeug, und hob leiſe und vorſichtig ſeinen Gefangenen heraus. „Was willſt Du thun, Aſſowaum?“ flehte dieſer mit heiſerer, zitternder Stimme 2 keine Antwort ward ihm—„rede nur+‿ um aller Heiligen willen rede!“ rief der meineidige Prieſter in Verzweiflung—„ſprich, und laß mich das Schrecklichſte wiſſen.“ Schweigend trug ihn ſein Henker das Ufer hinauf und in die Hütte, den Schauplatz ſeines Verbrechens, hinein. Entſetzt wandte Rowſon ſein Antlitz von der nur zu wohl bekannten Stätte und ſchloß die Augen, ruhig aber legte ihn Aſſowaum in die Mitte der Hütte, dicht neben einen der kleinen dort emporgewucherten Hickory⸗ Schößlinge nieder, und kein Laut unterbrach dann weiter das grabesähnliche Schweigen des Platzes, als das ſchwere Athmen des Unglücklichen ſelbſt. Es war die⸗ ſelbe Stelle, auf der Alapahas Leiche gelegen hatte. Da ertrug der Methodiſt nicht länger die peinigende Unge⸗ wißheit ſeiner Lage, er blickte empor, und ſah dicht neben ſich den Indianer, niedergekauert wie zum Sprung und die kleinſte ſeiner Bewegungen aufmerkſam und ſorgfältig 16* 242 bewachend, ſonſt aber unthätig, und wie es ſchien, ganz in dem Anſchauen ſeines Opfers verloren; ein triumphi⸗ rendes Lächeln durchzuckte jedoch ſeine dunkelen Züge, 3 als er den Ausdruck der Angſt und des Entſetzens in dem Antlitz ſeines Opfers gewahrte, und leiſe hob er ſich jetzt empor, nahm von ſeinem Gürtel das lederne Fangſeil und feſſelte die ſchon überdieß gebundene Geſtalt des Gefangenen ſorgſam und unauflösbar an den jun⸗ gen, zähen Stamm, neben dem ſein Körper lag. Vergebens bot ihm der Unglückliche Schätze und Reichthümer, vergebens erzählte er ihm von Gold, das er vergraben, und das er alles ihm, dem Feinde geben wolle, wenn er ihn frei ließe, oder wenigſtens ſeiner Qual mit einem Streich des Tomahawk's ein Ende mache. Schweigend, als ob er die Worte nicht verſtände, die jener in leidenſchaftlicher Rede in ſein Ohr hauchte, vollendete der„befiederte Pfeil“ das Werk der Rache, und machtlos, Hände und Füße gebunden, durch den jungen Baum aber an den Boden gefeſſelt, verließ ihn der Indianer auf wenige Augenblicke, und kehrte dann mit etwas trockenem Laube und dürrem Reiſigholz zurück. Jetzt durchſchoß zum erſtenmal eine dunkele Ahnung das Hirn des Unglücklichen— er kannte die Sitte der 1 8 2⁴3 wilden weſtlichen Stämme, kannte ihre erbarmungsloſe Grauſamkeit, und in wildem, gellenden Schmerz und Angſtſchrei machte ſich ſeine Bruſt Luft, während er um⸗ ſonſt gegen ſeine Banden anwüthete. Der Indianer wehrte ihm nicht— ein Knebel würde jedem weiteren Schmerzensruf ein Ende gemacht haben, aber nein; jener Ton war Muſik für ſein Ohr, und lächelnd bog er ſich nieder und bließ mit ſeinem Hauch das qualmende Laub zur Flamme an. Das geſchehen trug er eine Menge ſchnell geſpaltener Kienſpähne herbei, und bald loderte im feurigen Kreiſe, rings an den Wänden der Hütte entzündet, ein Flammenſtreifen empor, und leckte zün⸗ gelnd und gierig an den trockenen Stämmen. Lauter und dröhnender ſcholl der gellende Hülferuf durch den ſtillen Wald, aber ſorgſamer nur nährte der Indianer die Flamme, das ſie auf keiner Seite verlöſchte und bald wie mit einem Feuermeer im weiten Zirkel das Opfer umgab. Jetzt erſt, als die Hitze unerträglich wurde, und ihm ſelbſt an mehren Stellen die Haut in Blaſen zog, ver⸗ ließ er das glutherfüllte Gemach, und begann draußen mit geſchwungenem Tomahawk und in lauten, jubelnden Tönen ſeinen Sieges⸗ und Triumphgeſang. 244 Schauerlich accompagnirte dazu das Wehgeheul des Prieſters— ſchauerlich kniſterten und ſprühten dazu die qualmenden, flackernden Stämme, deren Rauch ſich ſchwerfällig hinaufdrängte in das grüne Laubdach, und hier ſich Bahn brach, in die klare helle Frühlingsluft hinein. Dort aber blieb er liegen; wie ein düſterer unheimlicher Schleier lagerte ſich der gelblich graue Qualm auf dem Blättermeer, dem er kaum entſtiegen. Wilder und entſetzlicher wurden die Hülferufe des Gepeinigten, und lauter und jubelnder ſchallte dazu der Feſtgeſang der Odjibewas, daß ein Wolf, der unfern von dort ſein ſtill verſtecktes Lager gehabt, ſcheu emporprang und fortfloh, um ein ruhigeres, heimlicheres Bett zu ſuchen. Da krachte endlich das Sparrenwerk des morſchen Daches— hochauf ſpritzten und ſprühten die Funken— ein wilder Schmerzſchrei brach noch aus der emporzün⸗ gelnden Gluth— ſchwarzer Qualm wälzte ſich rollend daraus hervor, und— Alles war vorüber. Blutroth ſank hinter dem fernen Bergrücken die Sonne hinab; aber neben der Brandſtätte ſtand mit geſchwungener Waffe der rothe Krieger und ſang in einförmiger, wilder Weiſe ſein Rache⸗ und Siegeslied. 245 Alapaha! Aus dem Grabe, aus dem finſtern. Grabe ſteige, Eile, eile wie in früh'ren Zeiten Zu mir Liebchen, Denn Dein Blut, es iſt geſühnet; In der Flamme Zuckt und ſtirbt Dein Mörder— Alapaha! Unten— unten, Feſt am Boden lag ich lauſchend Hier im Thale, und ich hörte Deine Stimm' im Grabe Unten— unten, Deine leiſen, leiſen Klagen, Und ſie riefen Mahnend mich zur Rache— Sieh) ich folgte. Aus den Gluthen Schrill und laut ertönt ſein Wehſchrei Alapaha, Heulend reißt er an den Banden, Doch vergebens, Schwach und ſchwächer wird ſein machtlos Toben Und geſühnt iſt Endlich meine Rache!— endlich! endlich! Eap. XIII. Schluß. „Alſo ernſtlich gut ſeid Ihr dem Mädchen die ganze Zeit über geweſen, Brown, und habt mir nicht ein einziges Wort davon geſagt?“ frug dieſen der alte Ro⸗ berts, während er die Hand des jungen Mannes feſt in der ſeinigen hielt. Brown drückte ſie ihm ſchweigend, und erwiederte herzlich: „Was hätt' es geholfen, Sir? ich war zu ſpät ge⸗ kommen, und durfte mich nicht beklagen.“ „Und jener Schurke hätte Euch beinahe—“ „Er iſt beſtraft,“ fiel ihm Brown in die Rede; „nun aber ſagt auch Ihr mir gerad' und frei heraus, v 247 2 wollt Ihr mir das Glück Euerer Tochter anver⸗ trauen?“ „Ja— Blitz und Hagel,“ lachte der Alte ganz erſtaunt— Ihr fragt mich da, als ob ich überhaupt bei der ganzen Verhandlung ein Wort zu ſagen hätte; bin ich denn bei Rowſon—“ „Roberts,“ unterbrach ihn bittend die Mutter. „Aber das Mädchen,“ rief dieſer kopfſchüttelnd— „das iſt doch hierbei immer die Hauptperſon.“ „Vater,“ bat Marion, die bis jetzt ihr Köpfchen am Herzen der Mutter verborgen hatte, und nun liebend den Sals des alten Mannes umſchlang. „Ach!“ ſagte dieſer, halb lachend, halb verwundert —„ſo ſtehen die Sachen? ja, wenn das Wild Klai aufbäumt, dann kriegt der Jäger leichte Jagd, übrigens— rief er, nach Brown mit dem Finger hinüberdrohend, während er die Stirn ſeines lieblichen Kindes küßte —„ſcheint mir der Herr nicht erſt ſeit heute auf der Fährte zu ſein.“ „Und die Mutter?“ frug Brown, dieſer das Pold Nädchen entgegenführend. „Nehmt ſie hin, Sir,“ ſagte die alte Frau zitternd —„ſie ſcheint Euch gut zu ſein, und ich— ich habe 248 mir leider das Recht vergeben, für ſie eine Wahl zu treffen.“ „Mutter,“ bat Marion,„rede nicht ſo; Du glaubteſt ja doch nur für mein Glück zu ſorgen.“ — „Ja, das glaubte ich, Kind, der Allmächtige iſt mein Zeuge, das glaubte ich, mit feſter, inniger Ueber⸗ zeugung; aber der Herr allein kennt die Herzen der Menſchen; wir armen Sterblichen ſind ſchwach und blind.“ „Dank— Dank— herzlichen Dank ihr Guten,“ rief Brown, indem er die holde Jungfrau liebend an ſein Herz ſchloß.„Sie ſollen hoffentlich nie bereuen, 8 mir Ihr einziges Kind anvertraut zu haben.“ „und mich fragt der Junge gar nicht,“ ſagte Harper jebt⸗ der mit reanſtn Ainoan e vortrat und den Nefſen feſt 4 —— als ob er einen Onkel hätte. 71 4ℳ 4 „Ihre Güte kenn' ich, lieber Onkel,“ rief, ihn 1 freudig umarmend, der junge Mann,„und auch für Sie ſoll hoffentlich jetzt ein freudigeres, fröhlicheres Leben erblühen.“ 3„Ja,“ ſagte Harper, indem er ſich mit dem Rock⸗ ärmel ſchnell über die Augen fuhr, den Neffen losließ —,— 249 und die künftige Nichte beim Kopf nahm;„es that auch Noth, daß das Leben einmal aufhörte. Lange hätt'’ ich's übigens nicht ausgehalten; hier Bahrens und ich, wir wollten ſchon im nächſten Monat eine Wanderſchaft antreten.“ „Wohin?“ frug Madame Roberts erſtaunt. „Wohin?“ ſagte Harper—„nirgends hin, hier bleiben, aber heirathen. Jetzt feirt der Junge wie⸗ der, als ob ich zu alt zum Heirathen wäre. Höre Burſche—“ „Dort kommen Reiter,“ rief Bahrens, nach der Flußgegend zeigend, und gleich darauf ſprengte auch Stevans, Cook und Curtis auf den freien, die Farm umgebenden Platz. Stevans begrüßte die Frauen, die er als alte Freunde und Nachbarn kannte, herzlich, ſchüttelte aber lachend mit dem Kopf, als ihm Mrs. Roberts Vorwürfe machte, ſeine Frau und Töchter nicht einmal zu ihr geführt zu haben, die ſie doch in ſo langer Zeit nicht geſehen, und ſo gern einmal wieder geſprochen hätte. „Wir können morgen hinaufreiten,“ ſagte Ro⸗ berts.“— „Iſt nicht nöthig,“ rief dagegen Stevans,„Ihr werdet uns ſchon noch Alle ſatt und müde werden.“ 250 „Wie ſo? Ihr bleibt hier?“ frug Roberts ſchnell. „Ich habe Atkins Farm gekauft,“ ſagte der alte Teneſſeer;„die Gegend hier gefällt mir— der arme Teufel wollte fort, und— da bin ich Handels einig mit ihm geworden.“ „Ihr könnt ja aber den Platz noch nicht einmal be⸗ ſehen haben, denn an jenem Abend—“ „Iſt auch nicht nöthig,“ lachte Stevenſon,„ſagt er mir nicht zu, nun ſo läuft mir Crawford Counth immer nicht fort, iſt er aber ſo, wie ihn Mr. Curtis und Cook hier ſchildern, dann brauch' ich nicht weiter zu ziehen. Die Nachbarn gefallen mir ebenfalls, da unter dem Pack ein wenig aufgeräumt iſt, und ich fange an einzuſehen, daß der Fourche la fave gar nicht ſo ſchlimm ſei, als ihn die Leute machen.“ „Brav, Stevenſon, brav!“ rief Roberts, ihm voller Freude beide Hände ſchüttelnd. Heute iſt ein Glücks⸗ tag. Mord— ja ſo— der Teu— o— Füchſe und Wölfe— höre Alte, heute mußt Du mir einmal einen Fluch zu Gute halten, es kommt ſonſt nicht ſo herzlich heraus wie ich's meine, aber verdammt will ich ſein, wenn ich die Zeit weiß, wo ich ſo vergnügt geweſen bin. Kinder— wo iſt denn Ellen? das brave Mädchen darf nicht fehlen.“—. —— — — — „Im Haus,“ ſagte Brown. „Allein im Haus?„ei weshalb kommt ſie denn nicht zu uns, die gehört von jetzt an mit zur Familie.“ „Daß ſie nicht allein iſt,“ erwiederte ihm lächelnd Brown,„dafür hat, glaub' ich, Mr. Wilſon Sorge getragen.“ „Pu— uh,“ ſagte Roberts Truthahn? Nun ſo kommt Kinder, da ſie Nichts von „dort ſitzt der uns wiſſen will, müſſen wir ſie aufſuchen. Ihr ſeid aber alle meine Gäſte, und Stevenſon, alle Wetter— wo iſt denn Euer Junge?“ 4„Den Frauen hab' ich ihn geſchickt, die zu be⸗— 4 uhigen,“ ſagte der Alte. „Recht ſo; alſo Stevenſon muß ſeine Familie mor⸗ gen ebenfalls herunterholen; wir ſchlagen hier ein Lager auf, und in nächſter Woche— oder ſobald es den jungen Leuten gefällig iſt— denn die haben doch wohl dabei die Hauptſtimme— oder nehmen ſie ſich wenig⸗ ſtens, was— wenn man es bei Tage—“ 4„Betrachtet vollkommen recht iſt,“ unterbrach ihn lachend Harper— halten wir alſo Hochzeit, und nach⸗ her,“ fuhr er mit einem komiſchen Seitenblick auf Brown fort,„läßt ein gewiſſer junger Mann ſeinen einen, zu dieſem nes beſonders angeſchafften Fuchs, und reitet nach— —„Little Rock— Onkelchen,“ fiel Brown, ihm die Hand hinüberreichend ein—„um dort das Land zu kaufen, auf dem er von nun an, am Fourche la fave mit eben dieſem alten Onkel und ſeinem jungen Weibchen leben will.“ „Und wird Euch Regulatoren der Gouverneur nicht zürnen, daß Ihr ſeine Geſetze gebrochen?“ frug Marion 3 ſchüchtern den Geliebten, indem ſie ſich heſn und inniger an ſeine Bruſt ſchmiegte. „Mag er,“ ſagte lächelnd der junge Mann, die Stirne der holden Jungfrau mit leiſem Kuſſe berührend, „wir haben nnſere Rechte vertheidigt, und die Brut ver⸗ nichtet, die giftgeſchwollen dieſe herrlichen Wälder durch⸗ kroch. Seine Machtloſigkeit gerade war es, die jene Verbrecher hierherlockte, wo ſie hoffen durften, wenn auch nicht unentdeckt, doch ungeſtraft Unthat nach Unthat zu begehen. Unſer Regulatoren⸗Bund hat ihnen aber die Gewalt gezeigt, die der einfache Farmer im Stande iſt auszuüben, ſobald es die Noth und ſeine eigene Sicher⸗ heit erheiſcht. Die Gefahr iſt vorüber, und gern ver⸗ alten Onkel hier allein auf dem Trocknen ſitzen, beſteigt ——yy— tauſchen wir wieder das Richtſchwert mit dem freundlicheren Ackergeräth des Landmanns.“ Das Uebrige iſt bald erzählt: Was Wilſon und Ellen betraf, ſo hatte dießmal der alte Roberts, nach einem Arkanſiſchen Sprichwort, kei⸗ neswegs„unter dem falſchen Baum gebellt,“ noch in derſelben Woche legte der nicht fern wohnende Friedens⸗ richter die Hände beider Paare in einander, und während Brown nach Little Rock ritt, den Kauf ſeines Landes zu beſorgen, ſchrieb Wilſon an ſeine alte Mutter in Mem⸗ phis, um dieſe zu ſich einzuladen, damit ſie an ſeinem Heerde ihre letzten Tage in Ruhe und Frieden verleben könne. Atkins verließ ſchon am nächſten Morgen den Fourche la fave, lagerte jedoch noch eine kurze Zeit in der Nähe, um ſeinen Handel mit Stevenſon in Ordnung zu brin⸗ gen. Dieß geſchah jedoch durch Curneales Vermittelung, da er ſich nicht entſchließen konnte wieder freundlich mit dem Manne zu verkehren, durch deſſen Hülfe er ſeiner, „ 254 wenn auch gerechten Strafe oder Beſchimpfung über⸗ liefert worden. Mit Wilſon hatte er jedoch noch eine Unterredung, und auch Ellen nahm Abſchied von ihren Pflegeältern, ehe ſie den Staat auf immer ver⸗ ließen. 6 Ueber Cotton konnte man nichts Näͤheres erfahren; 6 Canoe war umgeworfen und mit einem Kugelloch in der Seite, unterhalb Harpers Haus, angetrieben gefun⸗ den; es ließ ſich daher nichts anders vermuthen, als daß dieß daſſelbe ſei, in welchem die Verbündeten hatten entfliehen wollen; doch blieb Cotton ſelbſt ſpurlos ver⸗ ſchwunden, und da man auch an keinem der Ufer eine weitere Fährte entdeckte, ſo gewann das Gerücht bald allgemeinen Glauben, der Verfolgte ſei, wenn nicht von einer der nachgeſchickten Kugeln getroffen, doch mit dem Boote umgeſchlagen und d durch die Kleider und vielleicht noch ſonſtiges, mitgenommenes Gepäck am Schwimmen verhindert worden und ertrunken. Ebenſowenig war von dem Mulatten zu erfahren, obgleich die Männer, die einige Tage darauf Johnſons Leichnam abſchnitten und und begruben, behaupten wollten, den Schatten ſeiner dunkelen Geſtalt am Rande jenes Schilfbruchs geſehen zu haben, der ſich vom Uferrande des Fourche la fave aus nach dem Hügel zu erſtreckte. Der Advokat von Little Rock hatte ſich, gleich nach Beendigung der Verſammlung, auf ſein Pferd geworfen und war im geſtreckten Galopp davon geſprengt, doch, wie man ſpäter erfuhr, nicht in der Richtung nach Little Rock zu, wo Niemand einen„Wharton“ kannte. Der Indianer lagerte dagegen noch neun Tage nach dem Tode des Methodiſten, neben dem Grabe ſeines Weibes, unterhielt dort ein Feuer, und brachte ihr nächt⸗ lich ſeine Spenden an Speiſe und Trank; am Morgen des zehnten jedoch trat er, mit Decke und Büchſe auf der Schulter, marſchfertig gerüſtet in Harpers Hütte, die bis ihr eigenes Haus errichtet worden, von den jungen Eheleuten einſtweilen bezogen war, und reichte dem Freunde ernſt und ſchweigend die Hand zum Ab⸗ ſchied. „Und will der befiederte Pfeil ſein Leben nicht bei ſeinen Freunden beſchließen?“ frug ihn Brown herzlich; „Aſſowaum hat Niemanden, der für ihn kochen und ſeine Moccaſins nähen wird; will er das Dach meiner Hütte mit mir theilen?“ „Du biſt brav!“ ſagte der Indianer, indem er freundlich mit dem Kopfe nickte;„Dein Herz hat den⸗ ſelben Sinn wie Deine Worte, aber Aſſowaum muß III. 17 . 256 jagen. Die weißen WMaͤnner haben das Wild am Fourche la fave getödtet; die Fährten der Hirſche ſind ſelten geworden, und Bären kommen nur noch als Wanderer in die Niederungen dieſer Thäler; die Heerden der Weißen haben die Rohrdickichte der Sümpfe gelichtet, und der Bär ſieht ſich in ihnen umſonſt nach einem Lager um. Aſſowaum iſt krank; Büffelfleiſch wird ihn geſund machen. Er zieht nach Weſten.“ „Dann gehe wenigſtens nicht ſo weit, und wenn Du des Umherwanderns müde biſt, kehre zurück zu uns; Du haſt hier eine Heimath.“ „Mein Bruder iſt gut— Aſſowaum wird daran denken.“ „Und Ellen?— haſt Du von ihr ſchon Abſchied genommen?“ frug Brown ihn. „Aſſowaum vergißt nimmer die, die ihm Gutes er⸗ wieſen,“ ſagte der Indianer,„das junge Mädchen rettete ſein Leben, aber mehr noch— es rettete ſeine Rache — mein Pfad führt an ihrem Hauſe vorbei— Good bye!“ Noch einmal ſchüttelte der Häuptling warm und innig des weißen Freundes Hand— eben ſo die ſeiner ——— — — 1 257 jungen Gattin— noch einmal winkte er den letzten Gruß zurück, und im nächſten Augenblick ſchloß ſich das volle Laub der Büſche hinter ihm, als er, die Fenz über⸗ ſpringend, im Wald, im grünen, blühenden, duftigen Walde verſchwand. Druck von Otto Wigand. Inhalt des dritten Bandes. Cap. I. Die Rückkehr von der Verſammlung Cap. II. Der Indianer auf Johnſons Fährte.— Johnſon beſchließt, ihn zu vernichten.— Folgen dieſes Ent⸗ ſchluſſes Cap. III. Rowſon bei Roberts.— Die Truthahnjagd.— Ellen und Marion Cap. IV. Der Hinterhalt Cap. V. Die Damen⸗Geſellſchaft. Bericht über verſchiedenartige Kinderkrankheiten, zum Troſt der Mutter erzählt. Die Ueberraſchung...... Cap. VI. Die Kreutzeiche Seite 19 68 117 V Cap. VII. — Der entlarvte Verbrecher Cap. VIII. Die Belagerung Ca p. IX. Liſt und Gegenliſt.— Der Ueberfall.— Indianer und Methodiſt Cap. X. Das Gericht der Regulatoren Cap. XI. Roberts Haus Cap. XII. Die Rache des„Befiederten Pfeiles“ Cap. XIII. Schluß rluanuunuunururunuN 14 15 16 17