—— Aeee Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur ]· von 4 Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.—. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt:. für wöchentlich 2 Bücher:— 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk. Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 6 E Aus dem 1 Waldleben Antrikis. Friedrich Gerſtäcker. Erſte Abtheilung: Ddie Regulatoren in Arkanſas. 4 Drei Bände. Zweite Auflage. Leipzig, Hermann Costenoble. 1853. Kegulatoren in Aekanſas. Von 8 Friedrich Gerſtäcker. Zweite Auflage. Zweiter Band. Leipzig, Hermann Costenoble. 1853. Inhalt des zweiten Bandes. Cap. I. Seite Brown auf dem Rückweg.— Die geheimnißvolle Zu⸗ ſammenkunft.— Der Indianer.— Der alte Far⸗ mer.— Canoefahrt. 1 Cap. II. Die Betverſammlung.— Die Schreckensbotſchaft.. 36 Cap. III. Die Leichenwache 63 Cap. IV. 4 Das Begräbniß der Indianerin 8² Cap. V. * Roberts Abentheuer auf der Pantherjagd.— Die Waſſerparthie..... 947 Cap⸗ VI. Harpers Wohnung.— Cooks Bericht über die Verfol⸗ gung der Pferdediebe.— Harpers und Bahrens wun⸗ derbare Erzählungen 4 3 Cap. VII. Rowſon bei Roberts.— Die Linöſücgmns zur Paih zeit.— Aſſowaum Cap. VIII. Wilſons Geſtändniſſe.— Die ſchöne Wäſcherin.— Ar⸗ kanſiſche Wiege.— Der Rückzug Cap. IX. Atkins Wohnhaus.— Der fremde— Die Pa⸗ role.—.. Cap. X. Die verbündeten Verbrecher.— Unerwartete Gäſte.— Der neue Plan Cap. XI. Die Pionier⸗Familie.— Der neue Regulator ſtellt ſich ſelbſt ſeine Falle..... Cap. XII. Harper und Marion.— Ellens Ankunft bei Roberts.— Cap. XIII. Die Regulatorenverſammlung.— Jones befindet ſich in einer höchſt unangenehmen Lage.— Liſt gegen Liſt. Seite 171 201 234 255 Cap. I. Die geheimnißvolle Zuſam⸗ geh 1 Brown auf dem Rückweg.— Der alte Farmer.— Canoe⸗ menkunft.— Der Indianer.— fahrt. Es war in der Dämmerung deſſelben, im letzten enen Abends, als das Pittsburger Fähr⸗ en über den Arkanſas ge⸗ chen Ufer des Capitel beſchrieb boot, von zwei kräftigen Nege rudert, an dem gegenüberliegenden ſüdli uſſes landete, und dort den einzigen Paſſagier, einen Fl ines, rauhhaariges jungen, blaſſen Mann, der ſein kle am Zügel gehalten, auf feſten Grund und Boden ſetzte. Der Reiſende bezahlte das verlangte Fährgeld und ließ ſein Pferd, dem er den Zügel über den Nacken warf, allein aus dem Boot ſpringen, was ſehr geſchickt bewerkſtel⸗ 1 Poney im Boot es auch mit einem kurzen Satz II. ligte, und dann etwa zwanzig Schritt weiter die Ufer⸗ bank hinauflief, um dort, an den Wurzeln einzelner Birken, das dem ſandigen Boden ſparſam entkeimende Gras abzureißen und zu verzehren. „Aber Maſſa,“ ſagte Einer der Schwarzen, ein ächter Congo⸗Neger, deſſen entſetzlich breite Naſenlöcher mit einem ſchmalen, wolligen Schnurrbart zu wetteifern ſchienen, wer von ihnen beiden ſich am weiteſten über die Mundwinkel hinunterdehnen könnte, und deſſen Haar mehr wie von der Sonne verbrannt als gekräuſelt ausſah, als er den halben Dollar in ein kleines ſchmutzi⸗ ges ledernes Taſchenbuch gelegt, und dieſes dann mit beſonderer Vorſicht in die weite Taſche ſeiner baumwol⸗ lenen Beinkleider geſchoben hatte,„ich hab' Ihnen ſchon drüben geſagt, daß kein Haus auf ſieben Meilen iſt, und Maſſa wird die Nacht im Freien und im Regen zubringen müſſen.“ „Ich weiß das,“ erwiederte ihm gleichgültig der Fremde—„ſeit wann aber iſt die Hütte nicht mehr be⸗ wohnt, die, nicht weit von hier, am Rande der kleinen Prairie ſteht? früher waren Leute darin— Anſtedler aus Illinois.“ „O ſchon ſehr lange, Maſſa,“ entgegnete der Ne⸗ ger—„die Frau ſtarb und— die beiden Kinder auch, 6 da zog denn der Mann wieder fort; er verkaufte aber das kleine Stück Land mit der Hütte vorher an meinen Maſter in Pittsburg und, wie ich d'rüben hörte, ſoll er den Miſſiſſippi hinauf zu Hauſe gegangen ſein.“— „Das Haus ſteht noch?“ „Ja Maſſa— aber—“ „Nun— aber?— iſt kein Dach d'rauf?“ „O ja Maſſa— ein gutes Dach— Alles in Ord⸗ nung noch— aber— die Leute d'rüben erzählen, es wäre nicht ganz richtig in dem Haus.“— ‚Nicht richtig, wie ſo?“ „Nun— die Frau, die ſie dort unter den fünf Pfirſichbäumen begraben haben, die, die ſoll—“ „Etwa noch gar ihr Weſen treiben?“ lächelte der Fremde.. „Ahem!“ nickten die beiden Schwarzen jetzt ſehr bedeutend zuſammen, und ſahen ängſtlich die öde Ufer⸗ bank hinauf und hinunter. „Woher glaubt man das?“ frug der Weiße, indem er ſich zum Gehen wandte—„hat Jemand den Geiſt geſehen?“ Wieder nickten die beiden Neger auf eine lebensge⸗ fährliche Art mit den Köpfen, denn es ſchien faſt un⸗ möglich, mit ſolcher Kraft eine ſolche Bewegung auszu⸗ — — 4 führen, ohne das Genick dabei zu brechen; übrigens be⸗ durfte es einer zweiten Frage, um etwas Näheres über die geſpenſtiſche Wohnung zu erfahren, und der welcher zuerſt geſprochen, ſagte dann aus, daß man ſich allerlei entſetzliche Geſchichten von jener Stelle erzähle, worunter die allgemeinſte die ſei: Der Mann habe zuerſt ſeine Frau, die er los zu ſein wünſchte, und nachher die bei⸗ den Kinder ermordet, und ſich nachher auf einem Dampf⸗ ſchiff den Fluß hinunter begeben; wohin? wiſſe man nicht. Das Grab hätten jedoch nach ſeiner Abreiſe zwei Doktoren, in Gegenwart von Gerichtsperſonen geöffnet und ihren Verdacht beſtätigt gefunden; Einer der Dok⸗ toren ſoll übrigens die beiden Kinderleichen ſpäter ge⸗ ſtohlen haben, und die Mutter ſuche nun Nachts ihre Kleinen, und kehre mit der erſten Morgendämmerung in das Grab zurück.“ Der Neger glaubte jetzt wahrſcheinlich ſo viel über einen ſo ſchaurigen Gegenſtand geſprochen zu haben, als ſich mit der Nähe des Ortes, und der mehr und mehr einbrechenden Dunkelheit vertrug, ſtieß daher, ohne weiter eine Antwort abzuwarten, vom Ufer, wünſchte dem Fremden eine gute Nacht) und gleich darauf glitt, unter den langſamen aber kräftigen Ruderſchlägen, das 8 bniit, ndshſühe Fahrzeug über den Strom zurück. —— Brown, denn kein anderer als unſerer junger Freund war der Fremde, der ſich auf ſeinem Rückweg nach dem Fourche la fave befand, ſchaute ihm noch lange, ſinnend nach, wie es weiter und weiter in dem feuchten Nebel, der ſich auf die Waſſerfläche lagerte, verſchwamm, und endlich nur noch als ferner dunkeler Streifen erſchien, von welchem aus jedoch die abgemeſ⸗ ſenen Schläge der Ruder, ſcharf und deutlich herüber⸗ tönten. Endlich verſchollen auch dieſe— das Boot hatte ſein Ziel erreicht, und wie aus einem Traum erwachend, ſeufzte der junge Mann recht ſchwer und ſorgenvoll, ſtieg dann zu ſeinem graſenden Thiere empor, ergriff deſſen Zügel, und ſchritt langſam den ſchmalen Fußſteg hinauf, der von der Fährbootlandung zu der obenliegen⸗ den Fläche führte. Dort angelangt, blieb er einen Augenblick ſtehen, und überſchaute ſchweigend die vor ihm ausgebreitete, mit düſteren Regenwolken überhangene Landſchaft. Wenige hundert Schritt vom Fluſſe aus ſchien der Bo⸗ den durch das Steigen des mächtigen Stromes aufge⸗ wühlt, und mit dem weißen, ihm eigenthümlichen Sand viele Fuß hoch hedeckt zu ſein, dentt an manchen Stellen waren Birken und Baumwollenholzſtämme halb von ihm verſchlungen, und die Erde ſelbſt glich n mit ir ihre . langen, wellenförmigen Erhöhungen einem wogenden Meer; weiter hin aber, wo die Gewalt des angeſchwell⸗ ten Stromes durch Dickichte von Papaos und Platanen gehemmt worden, lag die weiße, blendende Sandſchicht wie eine ebene Schneedecke auf dem urſprünglichen Fruchtboden, und dehnte ſich bis dort hinaus, wo das Land, höher ſteigend, dem gierigen Strom einen Damm entgegengeſtellt hatte, und grünes, üppiges Gras den weichen Teppich einer Art Prairie bildete, die ſich jedoch vor dem ſie Betretenden als ein weiter, un⸗ geheuerer wilder Pflaumengarten ausbreitete, deſſen buſchig⸗niedere Fruchtſtämme vor langen Jahren von den Cherokeſen gepflanzt waren. Die früheren Eigenthümer dieſes Landſtrichs hatte man jetzt freilich von ihrem Grund und Boden vertrieben und weiter weſtlich trans⸗ portirt. Am Rande dieſes„Cherokeſiſchen Pflaumengartens,“ wie der Ort von den Bewohnern jener Gegend genannt ward, lag nun das vorhererwähnte kleine Haus, das, nach des Negers Ausſage, ſolch' unheimliche Gäſte be⸗ herbergen ſollte; Brown wandte ſich aber nichts deſto⸗ weniger jener Stelle zu, und erreichte gerade mit ein⸗ brechender Dunkelheit denk verrufenen Ort. Es war eine jener kleinen Niederlaſſungen, wie ſie 4 ſich zu tauſenden in dem fernen Weſten Amerikas finden; eine niedere Blockhütte, mit jetzt umgeworfenem Lehm⸗ kamin, ein kleines, verwildertes, etwa zwei Acker großes Feld, deſſen Umzäunung theils niedergefault, theils ver⸗ brannt war, ein halbverfallenes Seitengebäude, das wahr⸗ ſcheinlich zur Küche oder Vorrathskammer gedient hatte, und ein eingeſtürzter Brunnen, deſſen Oeffnung das ab⸗ geſägte Stück eines hohlen Baumes bedeckte. Der Platz ſchien ſeit langen Jahren nicht mehr bewohnt, aber etwas ſo Wildes, Unheimliches ruhte auf der verödeten Stätte, daß Brown unwillkürlich, als er eben die niederliegende Fenz überſchreiten wollte, inne hielt, und nach der be⸗ nachbarten Baumgruppe hinüberſchaute, gleichſam mit ſich zu Rathe gehend, ob ein Nachtlager im Freien, un⸗ ter den grünen Bäumen des Waldes, nicht dem in der, wenn auch trockenen, doch keineswegs traulichen Woh⸗ nung vorzuziehen ſei; als ein ſtärkerer Windſtoß von Weſten her, der ihm den Nebel in dünnem, kaltem Sprühregen entgegen warf, ſeiner Unſchlüſſigkeit auf ein⸗ mal ein Ende machte, denn er zog jetzt, ohne weiteren Zeitverluſt, das treue Thier in die innere Umzäunung und zu dem kleinen Nebengebäude hin, das er vor allen Dingen unterſuchte und als noch benutzbar fand. Zwar ſah er ſich genöthigt ein paar keineswegs leichte Balken aus dem Weg zu heben, um ſeinem Poneh den Durch⸗ gang zu geſtatten, dann aber hatte er auch die Genug⸗ thuung das wackere Thier, das ihn heute ſchon eine lange lange Strecke getragen, trocken und vor den kalten Nordweſtwinden ziemlich geſchützt zu wiſſen, während er ihm aus einem kleinen Sack, den er hinter dem Sattel aufgeſchnallt trug, ſeine Mahlzeit von geſchältem Mais in den ſchmalen, in einer Ecke lehnenden Trog warf, den er vorher mit Hülfe einiger Fenzſtangen in, für das Poney bequemer Höhe befeſtigte. Das zuerſt beſorgt, dachte er nun auch an ſein eignes Lager und trat in das Haus, um unter dem ſchützenden Dach deſſelben den matten Körper zu raſten und für neue Anſtrengungen zu ſtärken. So wüſt und unbe⸗ wohnt dieß aber auch von außen her erſcheinen mochte, ſo fand der junge Jäger doch bald, daß es erſt noch vor kurzer Zeit, ebenfalls einem Wanderer Schutz und Ob⸗ dach gewährt haben mußte, denn in dem Kamin lag Aſche und unter dieſer glimmten ſogar noch einige Koh⸗ len. Angenehmeres hätte ihm nicht leicht begegnen kön⸗ uen, und ſchnell trug er einen Arm voll abgebrochener Fernzſtangen herbei, ſchnitzte mit ſeinem Jagdmeſſer dünne Spähne und ſah bald darauf zu ſeiner Genugthuung ein helles, erwärmendes Feuer emporlodern. △ . ———— Sattel und Pferdedecken hatte er mit hereingebracht, die letzteren breitete er jetzt vor der freundlichen Gluth aus, verzehrte, als ſehr frugales Abendmahl, ein kleines Stück getrocknetes Hirſchfleiſch, und warf ſich dann auf das harte, doch ihm vollkommen genügende Lager nieder. Bis jetzt hatten nun die Vorbereitungen zu ſeiner eigenen Bequemlichkeit, wie zu der ſeines Thieres, die geiſtigen Kräfte des jungen Mannes in Anſpruch genom⸗ men; er war beſchäftigt geweſen und ihm keine Zeit da⸗ bei geblieben, über ſich oder ſeine Lage nachzudenken; jetzt aber, vor den kniſternden Kohlen ausgeſtreckt, in dem engen, unſtäten Lichtkreis des flackernden Feuers, öffnete ſich ſein Herz, und neben den wenigen, ſeeligen Minuten der letzten Vergangenheit ſchritt vor ihm ſein Schickſal ernſt und trübe in die dunkele Zukunft hinaus. Er ſah ſich im heißen Kampf mit den mexikaniſchen Söldlingen, die Freiheit einer jungen Nation vertheidi⸗ gend; er ſah ſich unter dem Donner der Tod und Ver⸗ nichtung herüberſchleudernden Geſchütze, anſtürmen gegen die feindlichen Batterien— er ſah ſich blutend, im To⸗ deskampf unter den Gefallenen, aber auf ſiegreich ge⸗ wonnenen Schlachtfeld liegen, und ein faſt triumphiren⸗ des Lächeln überflog ſeine bleichen Züge, während er ———y krampfhaft die neben ihm ruhende Büchſe erfaßte und mit ſtolzem, todesmuthigen Blick, ſich halb von ſeinem † Lager erhebend, durch den eingeſtürzten Kamin hinaus⸗ ſtarrte in die finſtere, ſternenloſe Nacht. Da plötzlich drängte ſich das Bild der Geliebten vor ſeine Seele, wie ſie, einem ſchönen Opfer gleich, ihre Hand in die des ihr zugetheilten Gatten legte,— er ſah ſie erblaſſen, ſah wie ſie ängſtlich nach Hülfe— nach ihm umher⸗ ſchaute— hörte ihren halb unterdrückten Schmerzens⸗ ſchrei und— der ſtolze kräftige Mann brach zuſammen unter den auf ihn einſtürmenden tödtenden Gefühlen; er. barg das Antlitz in den Händen, warf ſich auf das rauhe 4 Lager zurück, und weinte— weinte, als ob ihm das Herz brechen wollte. Aber auch dieſer wilde, tobendo⸗ Schmerz gab endlich einer weichen, beſänftigenden Weh⸗ muth Raum; die Hand auf das pochende Herz, die bren⸗ nende Stirn gegen die rauhe Bärenfelldecke des Sattels, die ihm zum Kopfkiſſen diente, gedrückt, betete er— für das Glück der Geliebten, für die Ruhe der eigenen, 8 ſchwerbedrängten Bruſt, und mit dem Namen des theue⸗. ren Mädchens auf den Lippen, nahm ihn der Schlum⸗ 8 ſ — mmaergott in die weichen Arme 39 das Herz der ſo heiß Erſehnten. ug ihn hinüber an —— 11 Mitternacht mußte vorüber ſein, als er aus ſeinem ſüßen Traum erwachte, und ſich in der traurigen Wirk⸗ lichkeit nicht mehr von dem erwärmenden Feuer, ſondern vor dem offenen Kamin fand, durch das ihm der wilde Sturm einzelne kalte Tropfen entgegenjagte. Die Koh⸗ len waren gänzlich ausgebrannt— kein Funken mehr zu finden und fröſtelnd rückte er ſein Lager zurück in die mehr gegen Sturm und Wetter geſchützte, hintere Ecke des Gebäudes, um hier die erſehnte Morgendämmerung zu erwarten.. Kaum war dieß jedoch geſchehen, als es ihm vor⸗ kam, als ob er an der Außenſeite des Hauſes Stimmen höre. Schnell rief ihm dieß die Erzählung des Negers, die er faſt ſchon vergeſſen, ins Gedächtniß zurück, und auf den rechten Ellbogen geſtützt, fühlte er erſt ſorgfältig nach Büchſe und Meſſer, ob ihm die treuen Waffen zur Seite lagen, und lauſchte dann mit zurückgehaltenem Athem und der geſpannteſten Aufmerkſamkeit dorthin, von woher er zum erſten Mal die Töne vernommen zu haben glaubte. Aber Nichts ließ ſich weiter hören, und ſchon wollte er, mit eiem Lächeln über ſeine eigene Ge⸗ ſpenſterfurcht, zurück auf das Lager ſinken, als er wieder, und zwar ganz in der Nähe, menſchliche Laute unter⸗ ſchied; faſt in demſelben Augenblick riß Jemand die Thür auf und trat ein in den engen Raum, während eine rauhe Stimme ausrief: „Verdammtes Neſt! ich glaubte ſchon, ich würde es in der dunkeln Nacht nicht wieder finden— iſt das aber ein Wetter— gut für Geſchäfte übrigens.“ „Doch nicht naß genug,“ erwiederte ein Zweiter, „verwiſcht zwar ein Bischen, aber nicht hinlänglich.“ „Hol mich der Böſe, wenn's nicht für mich wenig⸗ ſtens hinlänglich iſt, mich ſchüttelt's, daß mir die Zähne im Munde zuſammenſchlagen; wenn wir nur ein Feuer anzünden könnten.“ „Mit was denn?“ frug der Andere,„Alles iſt naß und aufgeſchwemmt, und ich habe nicht einmal einen Tomahawk bei mir, trockene Spähne zu bekommen. Als ich heute Nachmittag hier war, hatt! ich zwar ein kleines Feuer, hab' es auch, wie ich fortging, mit Aſche bedeckt, um Gluth zu halten, jetzt aber,“ ſagte er, in dem Kamin mit der Fußſpitze herumfühlend und die Aſche bei Seite ſchiebend,„iſt Alles dunkel wie Nacht. Wir dürfen uns übrigens gar nicht ſo lange hier auf⸗ halten, ich wenigſtens nicht, 30 muß morgen Abend wieder zu Hauſe ſein, da ſich unſere Nachbarſchaft in der nächſten Woche ein wenig in Aufregung befinden wird. * 13 Sobald das Wetter nur etwas nachgelaſſen hat, geh ich.“ „Unſere Pferde werden ſich doch indeſſen nicht los⸗ reißen? wir hätten ſie lieber mit herbringen ſollen.“ „Denken gar nicht d'ran— in ſolchem Wetter ſtehn ſie ſtill und rühren ſich nicht.— Nein, ich habe ſie mit Willen nicht in dieſe Gegend geführt, da ich hier nicht gerne Pferdeſpuren haben will. Doch jetzt zu unſerer Verabredung; die Zeit iſt koſtbar, und das uns ver⸗ gönnte halbe Stündchen, müſſen wir benutzen. Wann gedenkt Ihr wieder zurück zu ſein?“ Brown, für den die erſte Ueberraſchung im Anfang wirklich etwas Lähmendes gehabt hatte, wurde noch mehr durch die dunkelen Worte ſtutzig gemacht, die dieß Wetter als„gut für Geſchäfte“ prießen, und er wußte wirklich nicht gleich, was er thun, ob er ſich zu erkennen geben, oder ruhig liegen bleiben ſollte. Der Gedanken den Horcher zu ſpielen, war ihm aber zu fatal, und ſchon wollte er durch einen Anruf ſeine Gegenwart verrathen, als ihn die Aeußerung des Einen auf's Neue in ſeinem Vorſatze wankend machte, der nämlich ſeinen Wider⸗ willen gegen Pferdeß vuren in der Nähe dieſer Hütte aus⸗ ſprach. „Sollten dieſe Männer zu der Bande gehören, zu 14 deren Unterdrückung ſich die Regulatoren vereinigt ha⸗ ben?“ war ſein erſter Gedanke, und das fortgeführte Geſpräch mußte ihn immer mehr in dieſem Verdacht be⸗ ſtärken; leiſe alſo zog er nur das Meſſer aus der Scheide, denn wenn entdeckt mußte er auf einen Angriff gefaßt und zur Vertheidigung gerüſtet ſein, und ſchmiegte ſich dann mit angehaltenem Athem in ſeine Ecke zurück, um zu vernehmen, welche Pläne dieſe würdigen Leute hierher⸗ geführt, und ob es ihm vielleicht vorbehalten ſei, einen ihrer Anſchläge zu nichte zu machen. „Wann ich zurück ſein kann?“ antwortete der An⸗ dere nachdenkend—„ja darüber können immerhin vier⸗ zehn Tage bis drei Wochen verlaufen— der Platz iſt weit von hier, und ich muß ſehr vorſichtig zu Werke gehen.“ „Vergeßt nur die Vorſicht nicht an dem kleinen Bach, ehe Ihr zu meinem Hauſe kommt,“ erwiederte ihm der Andere;„wenn Spuren auf mein Haus zu⸗ führten und die gottoerdammten Regulatoren Wind da⸗ von bekämen, ſo möchte eine Nachſuchung unvermeidlich werden, und das könnte Euch ehenfalls Schaden brin⸗ gen.“ „Mir? wie ſo denn?“ „Nun, wenn ſie Euere Pferde erwiſchen, glaubt * 1 . 15 Ihr, ich bezahlte Euch nachher den Gewinn oder viel⸗ mehr Verluſt heraus?“ 1 „Ja ſo— ich glaubte ſchon, Ihr meintet es auf andere Art;— nein, habt keine Angſt, ich kenne die Vorſichtsmaßregeln genau; aber halt— da fällt mir noch etwas ein: Wahrſcheinlich werde ich ſelbſt die Pferde nur bis an den Washita transportiren können; da ich nicht allein dort, ſondern auch noch weiter aufwärts, ge⸗ rade in jener Zeit Geſchäfte habe, die mir hoffentlich mehr einbringen ſollen; ſind die beendet, dann kehre ich bei Euch ein, und wir können mit einander abrechnen. Uebrigens noch eins— vertraut dem Mann, der Euch die Pferde bringt, in jeder Hinſicht, nur— nur gebt ihm kein Geld für mich.“ „Habt keine Angſt— wird er aber den Platz ken⸗ nen, wo er vor meinem Hauſe vom Wege abbiegen muß?“ „Genau! er hat mir die Stelle ſelbſt und zuerſt beſchrieben.“ „Kenn' ich ihn?“ „Nein, ich glaube nicht.“ „Wie ſoll ich abaßt wiſſen, ob er der iſt, dem ich mein Geheimniß anvertrauen darf?“ „Hahaha— der kennt es gut genug, doch halt— damit Ihr Euch beſſer verſtändigen könnt, ſo mag er nach dem Fourche la fave fragen— Ihr antwortet ihm darauf, daß der neben dem Hauſe fließt. Seine nächſte Frage hierauf ſei,„wie ſteht's mit der Weide in hieſiger Gegend?“ und wenn er Euch zum dritten Mal um einen Trunk Waſſer erſucht, ſo öffnet ihm Thor und Thür— es iſt der Rechte.“ „Gut— ſolche Vorſicht iſt allerdings nothwendig, denn ich habe nicht allein oft Gäſte aus der Nachbar⸗ ſchaft, ſondern meine Pflegetochter, die bei mir im Hauſe wohnt, darf ebenfalls Nichts davon erfahren.— Der Teufel traue Weiberzeugen, siiſt ſchon gefährlich genug, daß es meine Alte weiß. Doch jetzt gute Nacht— der Regen hat nachgelaſſen, und ich muß heim. Euch iſt's auch beſſer, daß Ihr dieſen Platz ſo ſchnell als möglich wieder verlaßt. Mich wundert's, daß Ihr noch das Herz habt, hierherzukommen, wenn nur die Hälfte von dem wahr iſt, was man ſich von Euch erzählt.“ „Kindergeſchichten,“ murrte der Andere—„es wird übrigens nicht lange trocken bleiben, wir bekommen wahr⸗ ſcheinlich einen naſſen Morgen.“ „Vielleicht nicht, meiner Meinung nach, fängt es an kälter zu werden, und dreht ſich der Wind—“ „Nun was habt Ihr?“ frug der Eine, als jener, 4 — —— 17 durch irgend etwas geſtört, plötzlich in ſeiner Rede ein⸗ hielt. „War mir's doch, als ob ich hier ganz in der Nähe ein Pferd ſtampfen hörte,“ ſagte dieſer. „O Unſinn,“ murrte ſein Kamerad—„die Thiere ſtehn eine Viertel⸗Meile von hier entfernt— doch kommt, es ſcheint wirklich beſſer Wetter werden zu wollen.“— Die Thür öffnete ſich wieder— die Männer traten hinaus, und Todtenſtille herrſchte aufs Neue in der verödeten, dunkelen Hütte; lange aber noch lag Brown regungslos in ſeine Decke gehüllt, und lauſchte dem Wind, der jetzt tobend durch die Ritzen und Spalten des Hauſes pfiff, und mit den losgeriſſenen Bretern, die das Dach bildeten, ſpielte, während draußen der Wald rauſchte und wogte, und den Sturm nicht hin⸗ durch laſſen wollte, der ſeine Bahn in tollem Muthwillen auf der breiten Fläche des Arkanſas nieder, verfolgte. „Wer konnten nur die Männer geweſen ſein, die hier in ſolcher Nacht und an ſolcher Stelle miteinan⸗ der verkehrt hatten?“ Das war der Gedanke, der ihn faſt einzig und allein beſchäftigte. Etwas Gutes lag nicht in ihrem Plan, ſonſt hätten ſie beſſere Zeit und Gelegenheit gewählt— wer aber war es? die eine II.. 2 Stimme beſonders, kam Brown bekannt vor, und er wußte genau, daß er dieſelbe ſchon einmal gehört hatte, wo aber oder wann, hier in Arkanſas oder in Miſſouri, ja gar über dem Miſſiſſippi drüben, das war ihm nicht möglich zu entſcheiden. Im darüber Nachdenken verwirr⸗ ten ſich jedoch ſeine Ideen wieder— er ſchloß die Au⸗ gen, zog die Decke über den Kopf, um ungeſtört von äußeren Eindrücken jene Stimme in die verborgenſten Tiefen ſeines Gedächtniſſes verfolgen zu können, und— träumte in wenigen Minuten wieder. Die beiden Stimmen wurden ihm dabei immer bekannter, immer vertrauter, und zuletzt konnte er ſogar die Geſtalten erkennen— Ma⸗ rion und Rowſon, wie die Geliebte vor der Umarmung des ihr aufgedrungenen Bräutigams zurückfloh— immer weiter und weiter, und ihr Verfolger immer tollere und entſetzlichere Geſtalten annahm, ihr immer näher und näher kam— ſie zu erfaſſen drohte, und das arme Mädchen endlich in höchſter Todesangſt um Hülfe hinaus rief, in die dunkele, ſtürmiſche Nacht. Entſetzt warf er die Umhüllung von ſich, und ſprang empor— der kalte Schweiß ſtand ihm auf der Stirn, doch— es war ja nur ein Traum geweſen. Draußen aber heulte der Uhu ſein monotones, ſchauriges Morgen⸗ lied, ein paar Wölfe antworteten aus weiter Ferne, und 19 ein mattes Licht, das von dem öſtlichen Himmel aus⸗ ging, kündete den nahenden Morgen. Die Luft war bitterkalt geworden, der Wind hatte ſich nach nordoſt gedreht, und kein Wölkchen trübte mehr das reine, blaue Firmament. Brown, dem die Vorfälle der Nacht jetzt faſt wie ein wirklicher Traum vorkamen, da ſie ſich mit dem ſeinigen verſchmolzen, blieb ſinnend und brütend ſtehen, und verſuchte auf's Neue, aber wiederum vergebens jene Perſonen mit von ihm erlebten Scenen zu verbinden. Umſonſt— er mußte ſich endlich ſelbſt geſtehen, daß es ein Irrthum ſei, und ging nun mit ſo größerem Eifer daran, ſich in der Beſchäftigung des Augenblicks zu zerſtreuen, und zu vergeſſen, was er doch nicht ändern oder ergründen konnte. Mit dem letz⸗ ten Mais der ihm geblieben, fütterte er ſein Poney, das ihm freudig entgegenwieherte, führte es dann an eine kleine, durch das feuchte Wetter gebildete Lache, um ſeinen Durſt zu löſchen, ſattelte es, und war, ſchon im munteren Trabe auf dem Heimweg, ehe noch die Sonne durch einen einzigen Strahlengruß ihr Kommen ange⸗ kündigt hatte. Die friſche Morgenluft, wie der ſcharfe Ritt gaben aber ſeinem Körper wie ſeiner Seele neue Spannkraft, und das kleine muthige Thier das er ritt, trabte, von 2* ——— 20 dem leichten Schenkeldruck berührt, mit freudigem Schnau⸗ ben durch das flache, ſumpfige Thal des Arkanſas, bis es die erſten niedern Hügelreihn betrat, und nun, feſten — Boden unter den Hufen fühlend, über denſelben hinflog, als ob es ſich ſelber danach ſehne, die heimiſche Weide recht bald wieder zu begrüßen. Da ſah der Reiter, auf dem breiten, ausgehauenen Weg dem er folgte, einen Fußgänger ſchnell daher ſchrei⸗ ten, und erkannte im Näherkommen zu ſeinem unbe⸗ 88 grenzten Staunen den Indianer. „Aſſowaum!“ rief er, indem er dem Poneh n mit raſcher Hand in die Zügel griff, das übrigens ſchon von ſelbſt ſtehen blieb, da es den rothen Krieger gut genug kannte, und wohl wußte, es verſtehe ſich von ſelbſt, daß die beiden befreundeten Männer auch mit einander plau⸗ dern müßten—„Aſſowaum— was in aller Welt führt Dich dieſes Weges? wohin willſt Du?“ „Bis zu dieſer Stelle,“ antwortete ruhig der In⸗ dianer, indem er die ihm dargereichte Hand faßte und drückte. 1 1„So biſt Du, mich aufzuſuchen gekommen? was iſt 4 oorrgefallen?“ „Viel— ſehr viel— und weiß mein Bruder gar Nichts davon?“ 21 „Ich? woher ich— war ich nicht— und doch— die beiden Männer in letzter Nacht— ihre geheimniß⸗ volle Zuſammenkunft— wer weiß, in welcher Verbin⸗ dung das mit dem ſteht, was Du mir zu ſagen haſt; doch heraus mit der Sprache— ich brenne vor Neu⸗ gierde.“ „Und wißt Ihr gar Nichts.“ „O zum Henker Aſſowaum, ſchneid' nicht ſo ein ernſt gewichtiges Geſicht,“ rief Brown lächelnd,„wenn ich am andern Ufer des Arkanſas bin, wie kann ich da wiſſen, was am Fourche la fave vorgeht?“ „Aber vor Euerer Abreiſe— „Mein Streit mit Heatheott?—“ „Heatheott iſt ermordet!“ ſagte der Indianer ernſt, indem er dem jungen Mann forſchend in's Auge ſah—- „Gerechter Gott!“ rief Brown, das Poney zurück⸗ reißend, daß es hoch aufbäumte in jähem Schmerz,„das wäre ſchrecklich”“— „Der Verdacht ruht auf Euch,“ fuhr der Indianer, ſein Auge nicht von ihm verwendend, fort,„und man entſchuldigt Euch auch vollkommen. Der Todte hat wilde Drohungen ausgeſtoßen— hätte ſte vielleicht wahr gemacht— war möglicher Weiſe im Begriff ſie wahr 2 zu machen, und Euere That wird, wie ſie ſagen, dadurch gerechtfertigt, nur—“ „Aſſowaum!“ rief, dieſen unterbrechend, der junge Mann, indem er aus dem Sattel ſprang und neben den Indianer trat—„Aſſowaum— bei jenem blauen Him⸗ mel da droben, der ſich über uns ausſpannt, bei dem Grabe meines Vaters, bei dieſer Hand, die ich rein und frei emporſtrecke— ich bin unſchuldig an dem Mord— ich habe den Unglücklichen ſeit dem Augenblick, wo wir uns vor Roberts Hauſe trennten, nicht wiedergeſe⸗ hen. Glaubſt Du noch daß ich ſchuldig ſei?“ Der Indianer ſtreckte ihm lächelnd die Hand ent⸗ gegen und rief mit freudigem Tone:„Aſſowaum hat es nie geglaubt— wenigſtens nicht von dem Augen⸗ blick an, wo er hörte, der Ermordete ſei beraubt worden.“ „Und auch deſſen beſchuldigt man mich?“ frug Jener entſetzt. 4„Böſe Menſchen— ja— die guten kennen Euch beſſer. Miſter Harper und Miſter Roberts glauben es nicht.“ Brown barg bei Roberts Namen das Geſicht in den Händen und ſtützte ſich ſeufzend auf den Sattelknopf des ruhig neben ihm haltenden Thieres. 4 „Laßt Eueren Fuß ſehen!“ ſagte jetzt der Indianer, indem er den Tomahawk aus dem Gürtel zog. „Weßhalb? haſt Du die Fährte gemeſſen?“ „Ahem,“ nickte der Wilde und hielt den Stiel der Waffe an die Sohle des Freundes. „Dreiviertel Zoll zu lang,“ lachte er dann vergnügt vor ſich hin—„dacht' es doch!“ „Ich trug die Stiefel nicht einmal an jenem Morgen, als ich vom Fourche la fave fort ritt!“ ſagte Brown, indem er in die Satteltaſche griff;„hier dieſe Moeca⸗ ſins.— Waren es denn Stiefelfährten, die Du bei der That entdeckteſt?“ „A— hem,“ nickte der Indianer wieder, und ein neuer Gedanke ſchien ihm plötzlich durch's Hirn zu ſchie⸗ ßen— er legte den Tomahawk vor ſich auf die Erde nieder und ſchien mit der Länge am Stiel ein anderes Maaß zu vergleichen, das er ſich durch Ausſpannen der Finger gemerkt, dann aber ſchaute er plötzlich mit einem ſo wilden und ſtieren Blick zu dem jungen Amerikaner empor, daß dieſer entſetzt einen Schritt zurück trat, und ihn frug, was er habe— an was er denke. „Nichts— nichts,“ lächelte der Wilde geheimniß⸗ voll,„kommt— wir müſſen zurück— die Zeit ver⸗ geht. Sie halten Euch für ſchuldig; böſe Menſchen 24 ſprengen allerlei Gerüchte aus— und der kleine Mann iſt krank geworden— er liegt allein; Alapaha hört die Predigt des blaſſen Mannes, und wird erſt am Abend zu ihm zurückkehren. Will mein Bruder ihm nicht ſelber ſagen, daß er ſchuldlos iſt?“ 8 „Aber wo geſchah der Mord? wie erfuhr man?“ „Fort— fort; wir können gehen und reden—Aſſo⸗ waum muß an den Fourche la fave.“— Mit ſchnellen Schritten eilte der Indianer jetzt den Weg, den er eben erſt gekommen, zurück, und Brown / 7 mußte das Poney faſt ſtets in einem kurzen Trab halten, um nur an ſeiner Seite zu bleiben. Dabei machte jener ihn mit alle den Vorgängen, von denen er Zeuge gewe⸗ ſen war, bekannt, und erfuhr nun auch ſeinerſeits Alles, was Brown über das nächtliche Rendezvous der beiden Männer wußte. Der Indianer behauptete dabei, daß ihm heute Morgen ein Mann auf großem, braunem Pferd begegnet ſei, er habe aber ſein Geſicht nicht erkennen kön⸗ nen, da er ganz in ſeine wollene Decke eingehüllt gewe⸗ ſen wäre und dieſe beim Anblick des Wilden eher noch feſter um ſich herumgezogen hätte.“ „Vielleicht, daß dies Einer der Beiden war,“ fuhr Aſſowaum fort, indem er auf die Hufſpuren hindeutete, — ——. die vor ihnen herliefen,„vielleicht nicht; aber hier die Spur, und wir können ihr folgen.“ Davon wurden ſie jedoch abgelenkt, denn als ſie in das Fourche la fave Thal kamen, war dieß durch deu Regen der vorigen Nacht und durch das Austreten eini⸗ ger kleinen Gebirgsbäche ſo ſumpfig geworden, daß der Indianer vorſchlug, den nicht mehr weit entfernten Fluß, in gerader Linie zu erreichen und den Weg in einem Canoe, das er bei einem dort wohnenden Farmer zu erhalten hoffte, fortzuſetzen. Der Fourche la fave, ein⸗ mal im Steigen, was nämlich nach ſolchem Regen immer ſehr ſchnell erfolgte, ſchoß dann mit ungeheurer Schnelle dem Arkanſas zu, und dehnte ſich auch der Weg, durch die unzähligen Wendungen der⸗Strömung um manche Meile weiter aus, ſo konnte er doch in einem leichten Fahrzeug ſchneller zurückgelegt werden, als wenn die Wanderer ihre ſchlammige Bahn Meile nach Meile lang⸗ ſam fortſetzen mußten. 3 Brown folgte gern dem Rath des Freundes, war es ja doch auch ſein eigener Wunſch die Wohnung Roberts zu umgehen, die er, wenn ſie auf dem Wege blieben, hätte berühren müſſen; das ſumpfige Thal vermeidend, ſchritten ſte alſo auf trockenem Hügelland, das ſich bis an das Ufer des Fluſſes hinzog, und dieſen in ſchroffen, felſigen Abhängen überragte, ſchnell und unaufgehalten weiter und erreichten Smeiers Hütte, einer der älteren Anſiedler, als noch die Sonne mehre Stunden hoch über dem dichten Blättermeere ſtand. Wie es der Indianer gedacht hatte, ſo ſchäumte der Fluß in zorniger Wuth gegen die ihn beengenden Felswände an und der Farmer warnte die Männer, ſich dem kleinen, ſchwankenden Kahn anzuvertrauen, da ſie Stellen zu paſſtren hätten, in de⸗ nen ſich ſelbſt ein geübter Schwimmer nicht würde retten können. Doch überließ er ihnen gern den Kahn, und ver⸗ ſprach auch am nächſten Tag, als an einem Sonntag, das Poney mit ſeinem älteſten Knaben nach Harpers Wohnung hinunter zu ſchicken. Das Canoe aber kaufte ihm Browy gleich ab, da er es im Fluß, an ſeines On⸗ kels Hauſe zu behalten wünſchte. Ihr freundlicher Wirth tiſchte indeſſen auf was in ſeinen Kräften ſtand; um die müden Wanderer zu er⸗ quicken und zu ſtärken; wilder Truthahn und Honig, ſüße Kartoffeln, Kürbißmuß und Maisbrod, wie einen Becher voll echten Monongehela⸗Whiskeys, und Beide ließen ſich nicht lange nöthigen, an dem freundlich gebo⸗ tenen Mahle Theil zu nehmen. „Siiſt heute wieder einmal Alles ausgeflogen,“ ſagte deh alte Mann, als ein kleines Neger⸗Mädchen die 27 letzte Schüſſel hereingetragen, und die Gläſer der Gäſte mit friſcher, köſtlicher Milch gefüllt hatte. Wohin?“ frug Brown, das Glas von den Lippen Ichanrid⸗ „Betverſammlung iſt heute!“ unterbrach ihn der Indianer, indem er das Meſſer neben ſich in den Tiſch ſtieß und den Truthahnflügel in die Finger nahm— „der bleiche Mann muß nicht viel von der Tugend der Fourche la fave Bewohner halten— er läßt ſie alle Woche ein paar Mal zu ihrem großen Geiſt beten.“ „Siiſt wahr!“ meinte der Farmer, nachdem er einen herzhaften Schluck aus dem Whiskeybecher gethan, und dieſen dann dem Weißen hinüber reichte—„es wird mir bald ſelbſt zu toll— mein Nachbar hier— Smith — der iſt jetzt auf einmal auch mit ſeiner ganzen Fa⸗ milie religiös geworden, wie ſie's nennen, und da half denn weiter gar nichts, als meine Alte mußte ebenfalls mit, und ſchleppt ſich nun zur Geſellſchaft die armen Mädchen hinüber, die doch wahrhaftig noch an was Anderes zu denken hätten, als nur an Beten.“ „Die Frauen fühlen eher das Bedürfniß, ſich zu ihrem Gott zu wenden, als wir Mnner erwiederte Brown, der der Geliebten dachte, wie er ſte ſo oft in kindlich frommer Andacht geſehen,„unſer ganzes Schaf⸗ — 28 fen und Wirken läßt uns ſchon zu wenig Zeit übrig, das Herz Gefühlen zu eröffnen, die genährt und ge⸗ pflegt ſein wollen, und nicht auf einmal ſchnell emporge⸗ rufen in's Leben ſpringen können. Den Frauen, auf den engen Kreis ihrer Häuslichkeit angewieſen, iſt die Religion dagegen faſt ein Theil ihrer ſelbſt, und ich möchte ſie d'rum nicht tadeln, wenn ſie mit einer Innig⸗ keit und Verehrung an jenen kirchlichen Gebräuchen hän⸗ gen, die der rauhere Mann in dem Grade wohl nicht für ſie empfindet.“ „Beſter Herr,“ ſagte der Alte in freundlichem Ton, „der liebe Gott ſoll mich behüten, daß ich den Frauen gram oder auch nur hinderlich werden ſollte, wenn ſie beten wollen, aber verdammt will ich ſein, wenn ich nicht glaube, daß ſie ie auch noch etwas anderes auf der Welt zu thun haben, als nur zu beten— der Teufel hole —— die Betſchweſtern— das ſag' ich, und das iſt, glaub ich, das ſchlimmſte, was man, mit gutem Gewiſſen dem Teufel wünſchen kann.“ Aſſowaum nickte lächelnd mit dem Kopfe und ſagte: „Ich werde Alapaha hier heraufſchicken— ſolche Predigt thäte ihr beſſer, als die des blaſſen Mannes.“ „Mißverſtehen Sie mich nicht,“ erwiederte ihm 29 Brown,„Gott weiß es wie zuwider mir das Frömmeln iſt, und es ſcheint wirklich, als ob es in dieſen Anſied⸗ lungen ein wenig überhand nehmen wollte, doch— liegt das vielleicht mehr an den Leuten ſelbſt, als an dem Prediger; ich glaube wenigſtens, daß Mr. Rowſon mit Ueberzeugung ſpricht, und das im inneren Herzens⸗ grunde fühlt was er predigt.“ „Aufrichtig geſagt, glaub' ich das nicht,“ rief der Farmer, ungeduldig auf dem Stuhl herumrückend,„ich habe ihn zwar erſt einmal gehört, da hat er mir aber nicht gefallen— das Augenverdrehen iſt ein böſes Zeichen. Wenn ein Menſch erſt anfängt, wie ein krankes Huhn auszuſehen, dann kann ich mir nicht denken, daß er noch im Stande iſt, große Andacht zu haben; doch — meinetwegen— ich werde ihm nicht wieder beſchwer⸗ lich fallen; wünſche aber wirklich, er gäbe meinen Frauen, wenigſtens nur einer von ihnen jedesmal, Urlaub, daß des doch bei mir auch ausſähe, als ob ich eine Heimath hätte; da ſetzen ſie aber die großen Sonnenkappen auf, nehmen die Bücher in die Hand und reiten fort; ſpät Abends dann, wenn ein anderer Chriſtenmenſch an’s Schlafen denkt, kommen ſie auf einmal wie ein Sturm⸗ wind zu Hauſe, und anſtatt ſich ehrbar und ordentlich niederzulegen, ſitzen ſie noch ſtundenlang in den Ecken 30 herum, und reden von ihren Sünden, und was ſi ſie für verlorene, nichtswürdige Menſchenkinder wären, bei denen es nur eine ganz beſondere Gnade ſei, daß ſt ſich der liebe Gott überhaupt noch um ſie bekümmere. Herr! wenn ich meine Leute nicht wirklich ſo genau kennte, und wüßte, daß es brave, ordentliche Frauen und Kinder ſind— nach den Reden müßt' ich ſie für das nieder⸗ trächtigſte Lumpenpack halten, was je eine Fährte in Gottes Erdboden Alngebrickt hat. d Da iſt aber einzig und deallein das Gepredige und Gebete d'ran ſchuld. Donnerwetter, ich will mich auch g'rade nicht weiß bren⸗ nen, ich habe manchen dummen Streich gemacht, aber, daß ich deßwegen ſollte im Staub herumkriechen und katzenbuckeln und das Maul immer vor Erſtaunen auf⸗ behalten, daß mich entſetzlichen Sünder die Erde noch nicht verſchlungen hat— ne— das wäre zu viel ver⸗ langt. Neulich war der Pfaffe auch hier, und wollte Bet⸗ ſtunde halten— da wurde aber Nichts d'rauß; mit ihm auf der Farm bin ich herumgelaufen, ja, hab' ihm mein ganzes Vieh, meine Pferde und Kühe, mein Land und meine Weide gezeigt, das war aber auch Alles, zum Predigen mußte er weiter hinauf nach Halfer's gehen, und da wurd' ich ihn wenigſtens den Nachmittag los— — 3 31 das Nachtgebet ſchenkt' er mir aber nicht; er ſchlief hier, und verdammt will ich ſein, wenn er nicht von neun Uhr bis drei viertel auf zehne dort in der Ecke auf den Knieen lag, und dem lieben Gott ein ellenlanges Re⸗ giſter von den Sachen vorerzählte, die er alle nicht ver⸗ diente, und doch gerne haben wollte.— Aber Sie ſind fertig und ſcheinen zu eilen; nun mein Geſchwätz ſoll Sie nicht länger aufhalten. Nehmen Sie ſich übrigens mit der Nußſchale in Acht— die Strömung iſt ſehr arg und ein Unglück leicht geſchehen.“ „Keine Angſt, Sir,“ lächelte Brown—„wir wiſſen Beide mit ſolchen Fahrzeugen umzugehen, und dort habe ich ja einen Indianer, der das Steuer führen wird; in beſſeren Händen könnt' es nicht ſein. Alſo das Poney kommt ſicherlich morgen hinunter?“ „Nach Mr. Luzens Haus— Sie können ſich d'rauf verlaſſen,“ ſagte der Farmer—„Ihr Name iſt Harper, nicht wahr?“ „Brown! Sir.“ „Browne frug der Alte ſchnell und erſchreckt, indem en das Auge feſt auf den jungen Mann heftete, der ſeinem Blick indeſſen ruhig begegnete,„Brown? doch nicht der—“ 32 „Von dem man ſagt, daß er den Regulator er⸗ mordet habe? Derſelbe, Sir“— erwiederte der junge Mann—„aber,“ fuhr er fort, indem er einen Schritt vortrat, und ein höheres Roth ſeine Wangen färbte, „es iſt ſchändliche Verleumdung, und ich bin jetzt auf dem Weg, das Gericht Lügen zu ſtrafen; ich habe den Mann nicht erſchlagen.“ „Er hatte Euer Leben bedroht“— fuhr der Far⸗ mer, noch halb zweifelnd fort. „Ja!“— rief Brown in edlem Feuer—„und ich würde ihn getödtet, und dann frei und offen die That bekannt haben, hätte er ſich mir im ehrlichen Kampf ent⸗ gegengeſtellt; der Mann i*ſt aber, wie mir hier der In⸗ dianer ſagte, von Zweien überfallen, gemeuchelmordet und beraubt, und— ſehe ich denn aus wie ein Meu⸗ chelmörder?“ „Nein— ſtraf' mich Gott nicht,“ rief der ehrliche Landmann, des jungen Mannes Hand ergreifend— „nein— ich kenne Euch nicht weiter, aber Ihr habt was Ehrliches, Braves im Geſicht, und da Ihr's ſelber ſagt, daß Ihr's nicht waret, ſo will ich verdammt ſein, wenn ich’s nicht glaube. Meine Mädchen waren geſtern unten bei Robert's geweſen, und die meinten auch, Mr. 4 e5 33 Rowſons Braut hätte Euch ſehr in Schutz genom⸗ men.“ „Aſſowaum, wir müſſen wirklich fort,“ rief Brown ſich plötzlich zu dem Indianer wendend, der ſchon, ſeiner harrend, in der Thüre ſtand. „Ich bin bereit— es wird ſpät“— erwiederte die⸗ ſer, und noch einmal drückte der junge Mann dem Far⸗ mer herzlich die Hand, dankte ihm nicht allein für ſeine Freundlichkeit und Güte, ſondern noch mehr für das Zutrauen, das er in ihn ſetze, und ſprach die Hoffnung aus, ſeine Unſchuld bald und völlig an's Tageslicht ge⸗ bracht zu ſehen. Die Männer beſtiegen nun das Boot, Aſſowaum ſetzte ſich in das Hintertheil deffelben, den ſchmalen Nachen zu lenken, während Brown im Vorder⸗ theil Platz nahm, und Beide ihre Gewehre an ſich be⸗ feſtigten, damit ſie dieſe, im Fall eines Unglücks, nicht einbüßten, und vom Ufer losgebunden, glitt das ſcharfe, leichte Fahrzeug, jetzt von den zwei kräftigen und ge⸗ ſchickten Ruderern getrieben, mit faſt wunderbarer Schnelle über die kochende, ſchäumende Fluth, und verſchwand ſchon in der nächſten Minute um den vorſpringenden, eine ſpitze Landzunge bildenden Felſen, der ſich mehrere hundert Schritte unterhalb der Wohnung in den Fluß hineinſtreckte. Il. 3 Glücklicher Weiſe aber paſſirten die beiden Freunde die gefährlichſten Stellen noch bei Tageslicht, beſonders ſolche Plätze, wo in den Fluß hineingeſchwemmte Birken und Weiden, die dort, oft faſt in der Mitte, Wurzel geſchlagen hatten, einem ſo ſchwanken Fahrzeug als ein Canoe iſt, leicht hätten gefährlich werden können, und erreichten, als es an zu dämmern fing, den ſeichteren aber auch breiteren Theil des Stromes, der auf ſeiner, nicht mehr ſo dunkelſchattig überhangenen Bahn, jeden fremden Gegenſtand im Fahrwaſſer leicht erkennen ließ. Schweigend glitten ſie, als ſchon völlige Dunkelheit die Erde bedeckte, jetzt nicht mehr rudernd, ſondern blos ſteuernd, hinab, als Aſſowaum plötzlich mit der Hand nach vorne deutete, und ſeinen Gefährten, der mit dem Rücken nach dem Bug des Kahnes gewendet ſaß, auf einen hellen, vor ihnen ſichtbar werdenden Schein aufmerkſam machte. „Sonderbar— was kann das ſein?“ ſagte Brown ſich danach umwendend—„ſo weit es die dichten Büſche erkennen laſſen, ſieht es aus wie viele Lichter oder Fackeln. In welcher Gegend mögen wir uns nur be⸗ finden, iſt denn hier ein Haus am Ufer?“ „Ja!“ ſagte der Indianer leiſe, den Kahn dort hin⸗ überſteuernd—„ja— eine leere Hütte— Alapaha war hier geſtern Abend— wir wollen landen,“ und im nächſten Augenblick ſchoß auch ſchon das kleine leichte Fahrzeug an die Uferbank an, wo es von ſeinen Eigen⸗ thümern ſchnell mit der gewöhnlichen Ankerkette, einer dünnen Weinrebe, am Stamm einer jungen Birke be⸗ feſtigt wurde. Cap. II. Die Betverſammlung.— Die Schreckensbotſchaft. Die Sonne hatte die Mittagslinie etwa zwei Stun⸗ den überſchritten, als von mehreren Seiten zu gleicher Zeit, verſchiedene Gruppen an einem kleinen Blockhaus erſchienen, das einſam und allein im weiten, ſtillen— Walde lag. Der Beſitzer deſſelben, Mr. Mullins, ebenfalls ein neuer Anſiedler, und ein fleißiger, ordent⸗ licher Mann, hatte ſchon in gar kurzer Zeit, ein recht hübſches Stück Land urbar gemacht; an dem Hauſe ſelbſt konnte man aber Nichts davon bemerken, denn dieſes ſtand, ganz unähnlich der ſonſtigen Amerikaniſchen Farm⸗ ſitte, wohl eine halbe Meile vom Feld entfernt, am Ab⸗ hang eines kleinen, felſigen Hügels, der die erſte Ab⸗ 37 dachung jenes die Waſſer des Fourche la fave und Petite Jeanne ſcheidenden Gebirgsrückens bildete. Um die Wohnung ſelbſt lagen dabei in wilder Unordnung gefällte Bäume und geſpaltene Fenzſtangen umher, was dem Platze ein zwar neues, aber auch zu gleicher Zeit unge⸗ müthliches, ja trauriges Ausſehen gab. Wie öde und ſtill jedoch auch Alles den ganzen Morgen über dreingeſchaut hatte, ſo belebt wurde es jetzt, und kein Buſch war, an dem nicht ein Pferd an⸗ gebunden ſtand, kein gefällter Stamm, auf dem nicht ein paar ſonntäglich gekleidete Männer ſaßen und trau⸗ lich mit einander plauderten, während die Frauen in das Haus traten, um dort vor allen Dingen ihre Hüte und Tücher abzulegen, und ſich dann noch ein wenig, ganz insgeheim, ehe der Prediger kam, über die Sünden ihrer Nebenmenſchen aufzuhalten; natürlich mit dem ſehr freundlichen Zweck dieſelben ſo ſehr zu bemänteln, wie ſich das nur möglicher Weiſe mit einer genauen und voll⸗ ſtändigen Aufzählung derſelben vereinigen ließ. „Sonderbar, daß Mr. Rowſon noch nicht da iſt,“ ſagte Madame Palter zu Madame Mullins,„er hält doch ſonſt ſo pünktliche Stunden.“ „Wird wohl mit Roberts kommen,“ war die Ant⸗ wort—„in drei Wochen iſt ja die Hochzeit, und ———— 38 da darf er die Braut doch nicht ſo lange mehr allein laſſen.“ „Was Hochzeit?“ frugen drei oder vier andere, ſich neugierig herbeidrängend,„iſt's wirklich wahr, daß Mr. Rowſon Marion heirathet?“. „Ich hab's von der Mutter ſelbſt, und die ſollt' es doch wiſſen— übrigens muß ich Sie bitten noch keinen Gebrauch davon zu machen, denn ich weiß nicht, ob es ſchon veröffentlicht werden darf.— Aber wahrhaftig, da kommen Roberts ohne Mr. Rowſonz; nun weiß ich doch in der That nicht—“ „Er war ja an den Arkanſas gegangen,“ meinte eine Verwandte von Bowitt,„am Ende hat er ſo viel Geſchäfte dort zu beſorgen, daß er gar nicht zur rechten Zeit zurück ſein kann.“ „Das wäre recht Schade,“ ſeufzte die jüngſte Miß Smeiers; ich hatte mich ſo auf die Predigt heute gefreut.“ „O er kommt gewiß,“ rief die alte Madame Smeiers, eine⸗ wohlbeleibte, freundliche Matrone,„es thut auch Noth, daß wir in der Anſiedlung hier, Gottes Wort recht fleißig hören— ſolche Sündhaftigkeit wie jetzt überhand zu nehmen droht— der Herr wolle uns nur gnädig bewahren.“ 39 „Und dabei giebt's noch Leute, die gar nicht an Beten denken,“ ſagte Mrs. Bowitt—„Leute, die zu keiner Verſammlung gehen, und wenn ſie im Nach⸗ barhauſe gehalten würde— Leute, die fluchen und ſchwören.“— „Ach, wenn ich nur meinen Mann ein einziges Mal dazu bewegen könnte, das Wort Gottes mit anzuhören,“ ſagte Mrs. Hoſtler— jedesmal verſpricht er's mir, und nie hält er's. „Sie müſſen es ihm ſo machen, wie ich neulich mei⸗ nem Mann,“ erwiederte Mrs. Hennigs,„der hatte ſich Nachmittag ruhig in die Ecke zum Schlafen hingelegt, und wie er aufwachte, ſaß das ganze Zimmer voll Men⸗ ſchen, und der Prediger vom Petite Jeanne d'rüben, fing gerade ſein Gebet an. Die Augen hätten Sie einmal ſehen ſollen, die Hennigs machte, er konnt s aber nicht mehr ändern und mußte geduldig aushalten. Noch zwei oder dreimal ſo, und ich bin überzeugt, er kommt von ſelbſt— ach, wenn ſie nur erſt einmal das Süße und Wohlthuende einer ſolchen Predigt empfunden haben, dann zieht ſie's immer wieder hin.“ „Mr. Hennigs hat aber zu meinem Mann geſagt,“ behauptete Madame Smith,„daß er ſich das nächſte 40 Mal die Hunde mit zum Schlafen hineinnehmen wollte, damit die Specktakel machten ſobald Jemand käme.“ „Das ſoll er ſich nur unterſtehen,“ rief Mrs. Hennigs entrüſtet,„die Hunde auf meine Betten, nicht „ wahr? Da wollt' ich denn doch einmal ſehen wer— Guten Abend, Mrs. Roberts,“ unterbrach ſie ſich ſelbſt, als in dieſem Augenblick die genannte mit ihrer Tochter in das Haus trat— wie geht's, Miß Marion?“ Begrüßungsformeln wurden nun von allen Seiten ge⸗ wechſelt, und die Frauen hatten in übergroßem Eifer den neuen Putz der immer wieder neu Hinzukommenden zu muſtern, ganz überſehen, daß Mr. Rowſon indeſſen wirklich angekommen war, und jetzt plötzlich, freundlichem Gruß mitten unter ihnen ſtand. Aber, großer Gott, wie ſah er aus; ſein Antlitz war bleich, ſeine Wangen hohl, ſeine Augen eingefallen und ſeine Bruge zitterte merklich, als er, den lin⸗ ken Arm tief in die Weſte hineingeſchoben, die niedere Schwelle heraufſtieg. mit einem „Mr. Rowſon!“ riefen die Frauen faſt wie aus einem Munde—„ſind Sie krank? was fehlt Ihnen denn— Sie ſehen ja todtenbleich aus!“— „Sie müſſen krank ſein”— ſagte Mrs. Roberts, 41 indem ſte an ihn hinantrat—„oder iſt etwas vor⸗ gefallen?“ „Nein— gar Nichts— ich danke Ihnen,“ er⸗ wiederte freundlich lächelnd der Prediger—„wirklich herzlich danke ich Ihnen für Ihre Theilnahme, meine verehrten Freundinnen und Schweſtern, es iſt aber nur vielleicht etwas übertriebene Anſtrengung. Ich komme aus den nördlichen Niederlaſſungen herunter, und bin die ganze Nacht geritten, um mein Wort zu halten und zur beſtimmten Zeit hier zu ſein; das mag mich ein wenig zu ſehr angegriffen haben, da der Körper an der⸗ gleichen nicht gewöhnt iſt.“ Er trat dabei zu Marion, und reichte ihr freundlich die Rechte, als dieſe die ſonderbare Haltung ſeines lin⸗ ken Armes bemerkte, und ihn beſorgt frug, ob er ſich auf irgend eine Art verletzt habe?„ „Eine Kleinigkeit,“ erwiederte der Prieſter—„die bald vorübergehen wird. Mein Pferd ſtürzte geſtern Abend über einen im Wege liegenden Aſt, und warf mich gegen einen Baum, wobei ich mir den Arm ein wenig aufriß, was ich, da es ſehr unbedeutend war, im Anfang gar nicht achtete; da wir aber eine ſehr feuchte unfreundliche Nacht hatten, ſo ſchwoll es gegen Morgen —— 42 auf, und der Arm iſt mir jetzt etwas ſteif geworden, es wird jedoch, wie geſagt, bald vorübergehen.“ „Ach, Mr. Rowſon— ich habe eine herrliche Ein⸗ reibung,“ ſagte Mrs. Mullins, zu ihm hinantretend— „wenn Sie mir erlauben wollten—“ „Danke wirklich— danke recht herzlich für all dieſe Freundlichkeit; es iſt in der That nicht der Mühe werth, ſich auch nur im mindeſten darum zu ſorgen— nein ich muß, auf mein Wort, danken, beſte Schweſter Mullins; wäre es auch bedeutender, als es iſt, eine kleine, bald vorübergehende Erkältung, ſo ich dadurch nicht die Veranlaſſung ſein, die ſo viele fromme und gläubige Seelen eine Stunde länger ihrem Herrn entzieht. Laſſen Sie uns beginnen, verehrte Freundinnen, Sie ſehn, wie zahlreich ſich die Guten verſammelt haben; wollen wir im Hauſe bleiben, oder ſollen wir in's Freie gehen 2 des Raumes wegen möchte wohl der offene Platz vorzuzie⸗ hen ſein.“ „Wenn es Ihnen nur nicht zu kalt in der friſchen Luft iſt,“ ſagte Mrs. Roberts ängſtlich—„es weht immer noch ein recht kalter und feuchter Wind.“ „Tragen Sie keine Sorge meinethalben,“ lächelte der Prediger, indem er ihr die Hand drückte,„ich ſtehe im Dienſte des Herrn, und in ſolchem Dienſt darf man 43 nicht läſſig ſein. Die Bewegung wird mir übrigens gut thun, und in wenigen Tagen hoffe ich, wieder ganz her⸗ geſtellt zu ſein.“ Bpe⸗de⸗—= I Alles weitere Zureden blieb fruchtlos, der kleine Tiſch wurde unter die zwei Maulbeerbäume getragen, die der Farmer, als er den übrigen ſeine Wohnung umſchat⸗ tenden Baumwuchs fällte, ihrer ſüßen Frucht wegen ge⸗ laſſen hatte, und in einer kleinen halben Stunde ſpäter ſandte die ſcharfe, weitſchallende Stimme des Prieſters ihre Gebete und Dankſ agungen zu dem reinen Him⸗ melsblau empor.— Und die Bäume brachen nicht ſchmet⸗ ternd über ihm zuſammen, die Erde verſchlang nicht den Heuchler, der die blutbefleckten Hände zu dem Allerbar⸗ mer erhob, und ihm dankte, daß er ſeine ſchwachen Bemühungen mit ſeiner Vaterhuld geſeegnet und ſie Alle— Alle die Seinigen fromm und gläubig hier unter dem grünen Laubdach ſeines Domes zuſammen⸗ geführt habe. Kein rächender Blitz ſchlug den lügenden Verräther zu Boden, als er Vergebung für die erflehte, die die Gelegenheit verſäumten, das Wort des Herrn zu hören, da ſie ja ſonſt mit allem Eifer ſtrebten, ihre Sünden abzulegen, und würdig zu werden, ſich die Knechte ihres Gottes nennen zu können. Dort ſtand er, und erröthete nicht, als ſich ein freundlicher Sonnen⸗ — — 44 ſtrahl hindurchſtahl durch das dichte Blätterdach des Unterholzes, dort ſtand er, und erröthete nicht, als ſich die Frauen in ſeiner Nähe zuflüſterten,„ein Heiligen⸗ ſchein umgäbe die Schläfe des Gottſeeligen;“ dort ſtand er, und ſchlug das freche Auge nicht zu Boden, als er dem reinen, frommen Blick ſeiner Braut begegnete, die ſich zum erſten Male mit inniger Zuneigung zu ihm hin⸗ gezogen fühlte, da auch ſie glaubte, der übergroße Eifer ſeines frommen Berufes habe ihn ſo angegriffen und verändert. Der Frauen Herz wird ja ſo oft durch Mit⸗ leiden gewonnen, und der bleiche Mann hatte dem lei⸗ denden Ausdruck ſeiner Züge das zu danken, was er durch monatelange Mühe und Anſtrengung nicht zu er⸗ reichen vermocht. Marion glaubte an dieſem Abend zum erſten Mal an ſeiner Seite, wenn auch nicht glücklich, doch ruhig und zufrieden leben zu können. Royſon beendete indeſſen mit unerſchütterter Ruhe die heilige Handlung; ſeine Lippe bebte nicht, als er die Verzeihung des Höchſten für ſich und ſeine Zuhörer er⸗ flehte; ſeine Stimme zitterte nicht, als er das Amen und den Seegen ſprach; nur einmal, einmal nur, als Alles um ihn her, in Andacht hingegoſſen auf den Knieen lag, durchzuckte ihn ein jäher Schreck, und er ſtockte mehre Secunden lang; denn hoch— hoch über den ——C— 45 wehenden Wipfeln der Eichen, ſtrichen nach nordweſt hin⸗ über vier Aasgeier. Er konnte das ſchwere Schlagen ihrer Flügel nicht hören, aber er wußte, welchem Orte ſie mit gierig vorgeſtreckten Hälſen entgegenſtrebten; wußte was ihr Mahl ſein würde, ehe die Sonne dort drüben im Weſten unterſank. Da, ſich mit Gewalt emporraffend, ſtimmte er ein lautes„Hallelujah“ wie im grimmen Spott ſeiner ſelbſt an, und die Gemeinde fiel ein, in die bekannte Melodie, während er unter den lautſchwellenden Tönen ſich wieder ſammelte, und für den Schluß des Gottesdienſtes kräftigte. Indeſſen ſchienen nicht alle dort eingetrofſenen An⸗ ſiedler auch Theil am Gebete zu nehmen, denn eine kleine Gruppe derſelben war in etwa hundert und funf⸗ zig Schritt von der Verſammlung entfernt, gelagert. Zu dieſen gehörte beſonders Bahrens, der Krämer Hartfort, Roberts und Wilſon; der Letztere ebenfalls ein junger An⸗ ſtedler an demſelben Fluß, nur auf der anderen Seite; doch hatte ihr Geſpräch, das der Krämer bis jetzt größtentheils mit Klagen über den ſchlechten Handel belebt, in den letzten Minuten geſtockt; da die lautſchallenden Ermahnungen Royſons bis zu ihnen gedrungen waren, und Bahrens ein kleines Fläſchchen mit Whiskey, das er eben zu Tage fördern wollte, verſchämt wieder in die Taſche zurück⸗ 46 ſchob. Wilſon aber bemerkte dieſe Bewegung, und griff nach dem Arm, der ihm das Labſal entziehen wollte. „Halt da,“ ſagte er lachend—„das iſt gegen die Geſetze der Menſchlichkeit; zeigt Einem erſt den„ächten Stoff“ und wollt ihn dann wieder bei Seite ſchaffen?— da wird Nichts daraus.“ „Aber Wilſon— wenn Rowſon zufällig hierher⸗ ſehen ſollte; oder gar eine von den Frauen.“ „Ach— was da; die müßten ſcharfe Augen haben, wenn ſie durch die Büſche erkennen könnten, was wir hier angeben— und wenn auch— zum Donnerwetter, was ſcheert uns das Geplapper; wären wir deßhalb her⸗ gekommen, ſo ſäßen wir mitten zwiſchen ihnen.“ „Laßt's aber nicht mehr ſehen, als nöthig iſt,“ ſagte Bahrens;„meine Alte ſingt auch mit, und das muß ich ſonſt acht Tage hören.“ „Keine Noth— Alterchen,“ lachte Wilſon, indem er der frommen Geſellſchaft geſchickt den Rücken wandte und, die Flaſche an die Lippen hebend, den hellklaren Himmel einige Augenblicke mit beſonderer Aufmerkſam⸗ keit betrachtete. „Nun,“ ſagte Roberts, während er das Ende des Gefäßes herunter drückte—„erſtickt nur nicht gar— Ihr wollt wohl drinne wohnen bleiben? hättet Ihr vor⸗ 47 her ein klein wenig beſſer aufgepaßt, ſo würde Euch Rowſons Moral,„Anderen zu thun, wie Ihr erwartet, daß ſie Euch thuen,“ von großem Nutzen geweſen ſein.“ „Ach, geht mir zum Teufel mit Euerer Moral,“ ſagte Wilſon ärgerlich, indem er ſich unter der Fichte, wo er bis jetzt geſeſſen hatte, ausſtreckte, und in die dichten Zweige derſelben hinaufſchaute—„das iſt ein ewiges Moral leſen und„auf den rechten Weg bringen“ in unſerer Anſiedlung; es gefällt mir gar nicht mehr. Was waren ſonſt für tüchtige Kerle unter uns— Leute, die keinen Hut auf dem Kopf, und keine Schuh an den Füßen leiden konnten, die in Sturm und Schneegeſtöber draußen herum lagen, und ebenſowenig wußten, daß Sonntag ſei, als der Hirſch oder Bär. Jetzt thät' es Noth, daß man nicht allein Sonntage, ſondern auch Mittwoche und Sonnabende hielte, und mit Gebeten feierte, und warum? weil da ſo ein glatthaariger, weich⸗ mäuliger— ja ſo, es wird Euer Schwiegerſohn, Ro⸗ berts— ich dachte nicht d'ran—“ „Schießt los!“ rief der Alte—„kehrt Euch nicht an mich— ich denke vielleicht gerade wie Ihr— alſo abgedrückt—“ „Nun ja— Ihr wißt's auch wahrſcheinlich ſchon, was ich eigentlich ſagen will. Mir behagt das ewige ö ————— — „Wegweiſen“ nicht, nach dem Himmel; wer zum Henker ſoll ſich danach zurecht finden. Bei derlei Predigten fällt mir immer der neue Anſiedler von da oben ein, der Deutſche, der vor einem viertel Jahr hierherkam. Der wollte von ſeinem Haus aus, den nächſten Weg nach Kellwefers unten gehen und ließ ihn ſich vom alten Cur⸗ tis genau beſchreiben; der ſagte ihm denn nun auch ganz ordentlich, er müßte ſich im Anfang durch den Schilf⸗ bruch gerade weſtlich halten, bis er in den offenen Wald an die Hollhbuſchdickichte käme, dann ein klein wenig nördlich abfallen, die tiefe Slew da kreutzen, wo die vie⸗ len dürren Cypreſſen ſtänden— dann gerade nördlich gehen, bis zu dem kleinen See, und von da an, den See an der linken laſſend, faſt ganz öſtliche Richtung wieder einſchlagen, weil er ſonſt zu hoch auf der Countyſtraße herauskäme. Das war deutlich genug, und wenn man's ſo hört, ſollte man glauben, es wäre gar nicht möglich, daß ſich nach ſolcher Beſchreibung ein Menſch mit ſeinen fünf geſunden Sinnen hätte verlaufen können; Recken war aber kaum im dickſten drin, als er anfing im Kreiſe umherzulaufen, und Abends, wie ich dort hinauf kam, um mir einen Truthahn zu holen, hört' ich ihn brüllen, ſobald mein Schuß gefallen, und er nun wußte, daß ir⸗ gend ein Menſch in der Nähe wäre. Später hab' ich's g 9 2 49 ſelbſt mehre male verſucht, und Leute durchſchicken wol⸗ len; ja mit dem beſten Willen, ſie kamen ſtets am ver⸗ kehrten Ende heraus, und jetzt wollen ſie einen Weg hindurch aushauen, daß ſie endlich einmal geradeaus ge⸗ hen lernen.“ „Shat Aehnlichkeit,“ lachte Bahrens,„nur glaub' ich nicht einmal, daß der Burſche da drüben, der die Au⸗ gen ſo fromm und andächtig in dem bleichen Geſicht herumdreht, den Weg richtig beſchreiben kann. Sei dem aber wie ihm wolle; mir gefällt er nicht.“ „Meine Frau hat einen Narren an ihm gefreſſen,“ ſagte Roberts,„noch geſtern Abend behauptete ſie, es wäre ein Heiliger, ſte könnte ordentlich fühlen, wie fromm und gut ihr um's Herz würde, wenn er nur zur Thüre herein käme.“ „Gott ſei uns gnädig,“ rief Bahrens erſchrocken— „nächſtens wird er ein paar Flügel bekommen und auf einen Baumaſt fliegen und Manna freſſen.“ „Seht nur einmal, wie die Aasgeier heute Nachmit⸗ tag da hinüberſtreichen,“ ſagte Wilſon,„das iſt nun ſchon der dreiundzwanzigſte den ich zähle, ſeitdem ich hier liege.“ „Die Predigt ſcheint beendet zu ſein,“ ſagte der Krämer, der ſeit einigen Minuten dem Geſpräch ſchwei⸗ II. 4 —— 50 gend gelauſcht hatte,—„das iſt das Schlußlied— ich kenn' es.“ „Ihr ſeid wohl auch muſtkaliſch, Hartford?“ lachte Bahrens. „Und warum nicht?“ erwiederte dieſer etwas pikirt —„ich ſpiele die Violine, und kann einige ausgezeich⸗ nete Stücke auf der Flöte. Wenn Sie es nicht glauben wollen, ich habe ſie bei mir,“ und mit dieſen Worten langte er mit der Hand in die tiefe Rocktaſche hinein, und war eben im Begriff ſeine Drohung wahr zu ma⸗ chen, als ihm Roberts erſchrocken in den Arm fiel und ausrief: „Um Gotteswillen, Mann, behaltet das ſchreckliche Inſtrument im Beutel; was denkt Ihr wohl, was die fromme Verſammlung da drüben ſagen würde, wenn wir hier zu muſiciren anfingen. Wir hatten einmal ſo einen Spaß im vorigen Jahre, wo Wells unten, der jetzt frei⸗ lich ganz zurückgezogen lebt und nirgends mehr hingeht, wenn er nicht apart zu einem Klötzerrollfeſt oder etwas derartigen gerufen wird. Neulich war er einmal bei mir, wiie er den Bienenbaum gerade am Fluſſe gefunden hatte, denn er mußte eine Art haben, weil er nicht erſt deß⸗ wegen zu Hauſe gehen wollte, und“— „Ja aber— unterbrach ihn der Krämer, der die Angewohnheit Roberts noch nicht kannte.„Ihr wolltet ja von Muſik.“— „O, warum hieltet Ihr ihn auf,“ lachte Bah⸗ rens,„er war auf dem beſten Wege— es hätte gar nicht lange gedauert, ſo fand er ſich in New⸗Orleans oder New⸗York wieder.“ „Wie ſo denn?“ ſagte Roberts,„das iſt nun wie⸗ der baarer Unſinn— ich dachte weder an New⸗Orleans noch an New⸗York, ich wollte Euch von Wells erzählen, deſſen Nachbar auch ſo ein langes, ſpitzes Ding mit Lö⸗ chern d'rin, gerad' wie eine Flöte, mitgebracht hatte, er nahm es nur an der Spitze in den Mund, nicht an der Seite. Gut, der war oben bei Smiths über Nacht ge⸗ blieben, und Abends, wie gebetet werden ſoll, nimmt der — er war gerade von Fort Gibſon heruntergekommen, und kannte noch unſere Gebräuche nicht, hatte auch, glaub' ich, eine unmenſchlich lange Zeit an der Indiani⸗ ſchen Grenze gelebt, und erzählte merkwürdig gern, was ſie für ewigen Kampf und Streit mit den Choktaws ge⸗ habt hätten, die erſt damals von Georgien nach dem We⸗ ſten geſchafft waren; die armen Teufel haben mir übri⸗ gens ſelbſt leid gethan, denn um ihr Land hat man ſie damals doch ſchändlich betrogen; da kamen aber die gro⸗ ßen Herren in Washington und New⸗York—“ 4* 3 1 8 1 3 „Hurrah!“ ſchrie Bahrens, der nur auf das Stichwort, wenn gleich mit der ernſthafteſten Miene von der Welt gewartet hatte—„ob ich's denn—“ „So ſchreit doch nur nicht ſo,“ ſagte Wilſon— „ſie ſehen ja Alle hierher; aber Gott ſei Dank, es iſt vorbei; heute hat's Rowſon einmal recht kurz gemacht.“ „Er ſieht auch elend genug aus,“ warf Roberts ein, „ich erſchrak ordentlich, wie er mir vorher an der Feldecke dort unten begegnete.“ „An der Feldecke? ich glaubte, er wäre von oben herunter gekommen, aus den nördlichen Anſtedlungen—“ ſagte Wilſon. „Nun, das kann er ja auch,“ entgegnete ihm Bah⸗ rens,„wenn er ſich drei Meilen von hier xechts gehalten hat, um den ſumpfigen Stellen aus dem Weg zu gehen, ſo mußte er bei der Feldecke ungefähr wieder herauskom⸗ men; ich bin den Weg auch ſchon einmal geritten; an den Hügeln hin iſt's aber doch trockner.“ Die Verſammlung war indeſſen allerdings aufge⸗ brochen, und Alles bewegte ſich jetzt bunt durch einander, Madame Bahrens kam aber vor allen Dingen auf die ſehr muntere kleine Geſellſchaft zu, erwiſchte ihren„Al⸗ ten,“ wie ſie ihn nannte, bei einem Knopf, und hatte 53 ihm dann, etwa eine Viertelſtunde lang, irgend etwas ſehr ernſthaft einzuprägen, wobei Wilſon Roberts bedeu⸗ tend in die Rippen ſtieß und ihn frug, ob er dergleichen Verhandlungen wohl kenne.“ „Kinder, es wird ſpät,“ ſagte endlich Smith, der die Betverſammlungen eifrig beſuchte, und für einen ſehr frommen Mann galt—„die Sonne iſt in der That ſchon am Untergehen, und ich habe noch mehre Meilen zu machen— Wilſon, Ihr begleitet mich wohl?“ „Doch wohl nicht,“ entgegnete dieſer,„ich habe Bahrens verſprochen mit ihm zu Hauſe zu reiten— er will mir gern etwas erzählen, was er in der letzten Woche erlebt hat.“ „Nun denn Glück zu,“ lachte Mullins,„laßt's uns nur auch wiſſen, wenn's beendet iſt.“ „Damit Ihr Euer Maul drüber breit reißen könntet, nicht wahr?“ ſagte Bahrens—„ich bin mit meinen Er⸗ zählungen vorſichtig geworden, denn— Gott ſei uns gnädig— wie ſteht der Menſch aus?“ Der letzte Ausruf galt einem jungen Manne, der in dieſem Augenblick aus dem Dickicht trat und ſich ihnen näherte, dabei aber ein ſo geiſterbleiches, entſetztes Aus⸗ ſehen hatte, und mit den glanzloſen, weit aufgeriſſenen Augen ſo ängſtlich umherſtierte, daß mehre der Frauen wirklich erſchreckt vor ihm zurückwichen, und Wilſon auf⸗ ſprang und ausrief: „Halway— zum Teufel— habt Ihr den Ver⸗ ſtand verloren, daß Ihr am hellen Tage wie eine Leiche umherrennt und die Leute erſchreckt?— Was iſt vorge⸗ fallen?“ „Fürchterliches!“ ſtöhnte der junge Mann, indem er matt auf einem Baumſtamm niederſank—„Fürchterli⸗ ches!“ wiederholte er mit hohler Stimme,„drüben in dem alten Blockhaus—“ „Nun was iſt dort?“ frugen zehn zugleich. „Laß mich nur erſt zu Athem kommen; drüben im alten Blockhaus— liegt— mich ſchaudert's, wenn ich daran denke— liegt die Leiche der Indianerin.“ „Alapahas?“ rief die Menge entſetzt—„Aſſowaums Weib? ſchrecklich! fürchterlich! ſchauderhaft!“ tönte es von allen Seiten durch einander.„Wie fandet Ihr ſie? woran iſt ſie geſtorben? wie ſteht ſie aus? wer iſt ihr Mörder?“ und tauſend ähnliche Fragen kreutzten ſc mit Gedankenſchnelle. 3 „Ich weiß es nicht!“ ſagte Halway—„laßt mir nur erſt Zeit— mich zu ſammeln.— Ich bin die —— 3 55 Strecke von dem Schreckensort hierher— in faſt wunderbar kurzer Zeit gelaufen— die Angſt gab mir Flügel—“ „Aber ſo erzählt doch nur— was iſt denn ge⸗ ſchehen?“ „Gleich— gleich— ſo hört denn. Ich war in der letzten Woche an der Mündung des Fluſſes geweſen und hatte dort gejagt, brach aber vorgeſtern von dort auf, um von hier aus meine erlegten und getrockneten Häute abzuholen. Geſtern ſchon gedachte ich bis Tanners Haus zu kommen, es wurde aber dunkel, und ich mußte am Flußufer, im dichten Schilf, übernachten. Wie manchen Abend hab' ich nun ſchon draußen im Wald allein zuge⸗ bracht, wie manchen Sturm, wie manches Gewitter abge⸗ halten, und nie Furcht gekannt, geſtern aber lief mir's ein paar Mal mit eiſigen Schauern über den Leib und ich ſchürte mein Feuer noch einmal ſo groß an, als ich's eigentlich gebraucht hätte. Es mußte die Ahnung von dem ſein, was in meiner Nähe vorging. Sonſt blieb übrigens Alles ruhig, nur einmal ſchlug mein Hund an, und mir war's ſchon, als ob ich hätte ein Pferd ſchnau⸗ ben hören, doch mußte das ein Irrthum ſein, da der Schilfbruch dort undurchdringlich iſt, und nur der Fluß an der Stelle gerade ſehr tief vorbeifließt. Hoswell hatte mir nun ſchon früher ſein Canoe zu borgen verſprochen, gleich früh Morgens ſah ich aber Bienen arbeiten, und verſuchte, bis gegen Mittag den Baum zu finden, und da mir das nicht glückte, ſo ſah ich mich nach dem Canoe, und zwar mit nicht beſſe⸗ rem Erfolge, um. Um alle Biegungen kroch ich, konnte jedoch weiter nichts entdecken, als ein Taſchentuch mit Proviſionen, das ein Jäger muß im Buſch aufgehangen und vergeſſen haben, und ging endlich bis an den Weg hinauf, um dort durch den Fluß zu ſchwimmen.“ „Von da aus war es nun meine Abſicht links ab, und noch etwa zwei Meilen ſtromauf zu wandern, um ein anderes Canoe, was ich dort weiß, zu erhalten, ich konnte aber nicht umhin den beſonderen Zug der Aas⸗ geier zu beobachten, die ſich Alle, nicht ſehr weit unter⸗ halb des Weges, niederzulaſſen ſchienen. Ueber den Weg liefen auch zwei ganz friſche Wolfsfährten, in derſelben Richtung hin, und ich beſchloß, da ich doch weiter nichts Beſonderes zu verſäumen hatte, einmal nachzuſehen, was für Wild dort läge, oder ob der Bär vielleicht ein Schwein, oder gar der Panther ein Pferd gewürgt habe.“ „Allmächtiger Gott, ich war nicht auf den Anblick vorbereitet—“ „Als ich den dicht mit Unterholz verwachſenen Fleck wo die kleine Hütte ſtand, erreichte, glaubte ich gewiß zu ſein, daß eines der Schweine, die ſich dort immer herum⸗ getrieben haben, in die Klauen eines hungrigen Bären gefallen ſei; noch dazu da ich erſt heute Morgen Spuren eines ſolchen an der Uferbank bemerkt hatte; das aber ſchon machte mich ſtutzig, daß ſich keiner der Aasgeier niedergewagt; ſie ſaßen alle auf den Aeſten der Bäume um die Hütte herum, und ſchlugen gierig mit den Flü⸗ geln, als ich mich ihnen näherte.“ „Und die Wölfe?“ „Nach deren Fährten ſah ich nicht— ich wußte jetzt das Aas müſſe in der Hütte ſelbſt liegen, und trat nun, immer noch nicht an einen menſchlichen Körper denkend, hinein; aber— erlaßt mir die Beſchreibung, es war die Leiche der Indianerin, das erkannte ich noch, ehe ich wieder hinausſtürmte, dann floh ich in wilder Eile, zu⸗ erſt dem nächſten Hauſe zu, wo mich aber ein kleines Negermädchen beſchied, wie Niemand daheim, ſondern Alles zur Betverſammlung hierher gegangen ſei, und wie von einem böſen Feind getrieben, hetzte ich nun weiter, nur immer weiter, um wenigſtens zu Menſchen zu ge⸗ langen.“ „So erzählt uns aber doch—!“ 58 „Nichts— gar Nichts— Ihr müßt es ſelbſt ſehen, und das zwar gleich— die Leiche darf auf keinen Fall dieſe Nacht dort liegen bleiben; die Wölfe, die ſich heute ſcheuten das einſt von Menſchen bewohnte Gebäude zu betreten, würden, bei wieder einbrechender Dunkelheit, und das iſt nicht lange mehr hin, Muth gewonnen haben, und den Körper zerreißen.“ „Wo aber iſt Aſſowaum?“ frug Roberts,„ſollte er dem Thäter ſchon auf der Fährte ſein?“ „Würde er ſeine Squaw unbeerdigt zurückgelaſſen haben?“ warf Bahrens ein,„nein— nie!“ „Es iſt doch nicht möglich, daß Aſſowaum ſelbſt“— ſagte ſcheu umherblickend Smith—„er war ſtets dagegen, daß ſte zu den Gebeten der Weißen ging, und hat ihr manches harte Wort, ihres Uebertritts zum Chriſten⸗ thum wegen, geſagt.“ „Eher wollt' ich glauben, daß ſie von ihrer eigenen Mutter, als von Aſſowaum erſchlagen ſei!“ rief Roberts heftig—„ich weiß wie lieb er ſie hatte. Doch wir müſ⸗ ſen fort, die Zeit verfliegt, und es iſt keine kleine Strecke bis dahin. Haßs Ihr Kienholz im Haus?“ „Genug!“ ſagte Mullins,„und gleich fertig geſpal⸗ ten, ich wollt' es den Montag Abend mit an die Salz⸗ 59 lecke nehmen, hierzu iſt's aber nöthiger— wir können gleich aufbrechen. Wo iſt Mr. Rowſon?“ „Hier!“ ſagte der Prieſter, der bis jetzt, von Nie⸗ mandem beachtet, an einem Stamm gelehnt hatte,„wir müſſen augenblicklich gehen, um dem Schrecklichen nach⸗ zuſpüren.“ „Großer Gott, Mr. Rowſon,“ ſagte Madame Ro⸗ berts—„Sie müſſen wirklich hier bleiben— Sie ſind krank— ernſtlich krank und ſehen leichenbleich aus.“ „Ich glaube doch wohl, daß es meine Pflicht iſt,“ ſagte der Prieſter, allerdings habe ich peinliche Kopf⸗ ſchmerzen— W eie eeeaue, „Nein, wir geben es auf keinen Fall zu,“ rief e Mrs. Mullins—„der Anblick würde Ihnen auch Nichts— 83 taugen.“ Sui B „Ich weiß aber doch nicht— beſte Schweſter Se.— Mullins—, f „Bleiben Sie nur hier,“ miſchte ſich Roberts jetzt.— in das Geſpräch—„Sie ſehen wirklich ſthr unwohl aus, nu und bei dem traurigen Amt, was wir h eüte zu verſehen. haben, bedarf es Ihrer nicht. Morgen, beim Begräbniß 7 iſt es etwas anderes, da werden wir, wenn Sie ſich in⸗—— 5 60 deſſen wieder ſtark genug fühlen, Ihre Hülfe in Anſpruch nehmen.“ Der Prediger nickte ſchweigend, halb dankend mit dem Kopf, und wollte ſich umwenden, um dem Hauſe zuzuſchreiten, da trat ihm ſeine Braut noch in den Weg, reichte ihm mit halb ſchüchternem, halb freundlichem Blicke die Hand, und flüſterte leiſe:„Gute Nacht, Mr. Rowſon— legen Sie ſich nieder, und erwachen Sie morgen wieder wohl und heiter— gute Nacht.“ Es waren nur ſanfte, liebende Worte, die ihm aus dem Munde des lieblichen Mädchens entgegentönten, wie mit eiſiger Fauſt griffen ſie aber in ſein Inneres, und erſchreckt— vernichtet wollte er vor der Berührung der reinen Jungfrau zurücktaumeln, da begegnete ſein Auge den auf ihn haftenden Blicken der Umſtehenden, ſeine alte Seelenſtärke erwachte, er zog das erröthende Mäd⸗ chen zu ſich heran, drückte einen leiſen Kuß auf ihre Stirn, legte ſegnend ſeine Hand auf ihre Locken und ſchritt dann feſten Ganges in das Haus, um das für ihn in der Eile, aber warm und weich bereitete Lager einzu⸗ nehmen. „Welch ein Engel,“ murmelte Mrs. Smith, wäh⸗ rend ſie die Hände faltete, den Kopf auf die eine Seite neigte und ihm ſinnend nachſchaute. —y— 61 „“ ſagte Mrs. Pelter, die neben ihr ſtand, und die Worte gehört hatte,„die gute Seele „Wie ein wurde todtenbleich, wie ſte von der Leiche erzählen hörte, und fing ordentlich an zu zittern; ach ſo ein Gemüth—“ „Maria ſollte dem lieben Herrgott auf den Knieen danken, daß er ihr eine ſolche Perle beſcheert hat,“ ſagte Mrs. Smith. hlk. „Wann wird denn wohl die Hochzeit ſein? frug Mrs. Pelter. „Nun, lange wird's nicht mehr dauern,“ meinte Mrs. Smith, denn erſt noch heute— aber da brechen ſie wirklich ſchon auf; ob wir Frauen denn auch mit⸗ gehen? 11 ℳ 0— nm.. „O das geht doch nicht an,“ ſagte Mrs. Bahrens, „mein Alter würd' es auch wohl nicht gerne ſehen; ich reite zu Hauſe, aber zum Begräbniß kommen wir doch Alle wieder morgen zuſammen.“ „Sicherlich,“ erwiederte Mrs. Smith, indem ſie ihr Pferd an einen umliegenden Baumſtamm führte, und mit deſſen Hülfe in den Sattel ſtieg. Die andern folgten jetzt ebenfalls meiſtens ihrem Beiſpiel, und kurze Zeit nachdem die Männer auf ihren flüchtigen Poneys davongeſprengt waren, und die Sonne ſcheidend hinter den weſtlichen Hügelreihen hinunterſank, verließ auch der 62 weibliche Theil der Verſammlung den Platz, doch nicht ohne vorher noch herzliche Grüße und Beſſerungswünſche für ihren Seelenhirten der geſchäftigen Wirthin des Hauſes aufgetragen zu haben, die auch feſt verſprach ſie alle auszurichten, und für den Kranken wie für ein eignes Kind zu ſorgen. Cap. III. Die Leichenwache. Von Mullins Haus bis zu der alten Hütte mochte es etwa vier Meilen in gerader Richtung ſein, die Män⸗ ner hatten aber die Entfernung in außerordentlich kurzer Zeit zurückgelegt, und noch war es nicht ganz dunkel, als ſie die kleine„todte Rodung,“ wie derartige Plätze in der Landesſprache genannt werden, erreichten. Hier hielt Roberts, befeſtigte ſein Pferd; welchem Beiſpiele ſämmtliche Gefährten folgten, und ſchlug Feuer. Es waren ſechzehn Männer, aber keiner von ihnen ſprach ein Wort, lautlos trugen ſie Holz zuſammen und fach⸗ ten eine helle Flamme an, lautlos banden ſie mit dün⸗ nen Streifen Hickoryrinde ihre langeſpaltenen Kien⸗ —— ſpähne zuſammen— lautlos entzündeten ſie dieſelben an der Gluth, und von Roberts und Wilſon angeführt, betraten ſie klopfenden Herzens den Schreckensort. Die beiden Erſten traten ziemlich bis in die Mitte der Hütte, und bis faſt dicht vor den Leichnam der Un⸗ glücklichen hin, die hier von Mörderhand gefallen, wäh⸗ rend die Anderen leiſe nachdrängten, und jetzt einen Kreis um das Opfer ſchloſſen, wobei die hoch über den Köpfen gehaltenen Kienfackeln das Ganze ſchauerlich mit ihrer rothen Gluth erleuchteten „Sie iſt ermordet,“ ſagte endlich Roberts leiſe, und leiſe hallte es von den Lippen der Uebrigen nach: „Ermordet!“ Die ſchreckliche Thatſache unterlag auch keinem Zwei⸗ fel weiter, der Hieb über den Kopf, mit ſchwerem Ame⸗ rikaniſchen Bowiemeſſer geführt, hätte allein ſchon ge⸗ nügt ſie zu tödten; jener eine Schlag, ohne die drei Stiche, mit derſelben breiten und gefährlichen Waffe, die dem Lebensquell die rothen Thore geöffnet. Die Indianerin ſchien ſich übrigens heftig gewehrt zu haben, der Grund war zerſtampft. Uebrigens ging auch ſchon daraus hervor, daß die erſte Wunde die todtbringende geweſen, da ihr, aus zartgegerbten Fellen beſtehender Ueberwurf, nur auf einer Seite von Blut benetzt war, 65 was ſich überdieß an keiner anderen Stelle der Hütte fand. Nach dem erſten Schlag mußte ſie regungslos liegen geblieben und geſtorben ſein. 3 „Hat hier Jemand einen Verdacht, auf welche Art und durch wen dieſe Unglückliche ihr unzeitiges Ende gefunden?“ frug Roberts jetzt. Niemand antwortete— endlich ſagte Bahrens: „Es iſt nicht möglich den Menſchen in's Herz zu ſehen, was ſie d'rinnen brüten, dieſe Indianerin ſchien mir aber ſo brav und gut, ſo gefällig und freundlich zu ſein, daß ich nicht begreifen kann, wie und auf welche Art ſie ſich hier in der Anſtedlung einen Feind gemacht haben ſollte. Ich weiß Niemanden, den ich für fähig hielt, ſo Schreckliches zu verüben.“ „Ich auch nicht— wir Alle nicht,“ war die tief⸗ tönende Antwort.“ „Wer hat die Todte zuletzt geſehen?“ frug Wilſon jetzt. „Ich begegnete Beiden— Alapaha und Aſſowaum, geſtern Nachmittag, auf der anderen Seite des Fluſſes,“ erwiederte Pelter; ſie ſchienen freundlich gegeneinander geſinnt, wer kann aber ergründen, was ein Indianer im Sinne trägt!“ II. 5 66 „Aſſowaum iſt unſchuldig,“ rief Roberts heftig— „ich würde mit meinem Leben für ihn ſtehen!“ „Weshalb?“ frug, in der Thür der Hütte, die volle, wohltönende Stimme des Häuptlings, der in dieſem Augenblick, von Brown gefolgt, in der Ver⸗ ſammlung erſchien, und ahnungslos gegen die Mitte vorſchritt, während ihm die Männer zu beiden Seiten halb ſcheu, halb mitleidig Platz machten, ſo daß er das Entſetzliche nicht eher bemerkte, als bis er dicht vor der Leiche ſeines Weibes ſtand. „Wah!“— ſchrie er und ſprang wie ein angeſchoſſener Hirſch hoch vom Boden empor—„was iſt das?“— „Alapaha!“ rief Brown entſetzt, der ihm gefolgt war—„Alapaha— großer Gott! ermordet!“ „Ermordet?“ wiederholte in wildem, hohlen Ton der Indianer, während ſeine Augen ſich aus ihren Höhlen zu drängen drohten, und die Rechte unwillkür⸗ lich das ſcharfe Scalpirmeſſer aus dem Gürtel riß, als müſſe es das Herz des Verräthers finden, der ſein Weib erſchlagen:„Wer ſagt ermordet?“ „Sieht das aus wie Schuld, Ihr Männer von Arkanſas?“ rief Roberts, indem er ſeine Hand auf die Schulter des Wilden legte und die Freunde fragend anblickte. 67 „Nein— bei Gott nicht! Der arme Indianer! Schrecklich! Wer war der Thäter!“ ſchallte in einzelnen Ausrufungen von den Lippen der Farmer, während Aſſowaum mit ſtierem Blick Jeden im Kreiſe anſtarrte, der ein Wort äußerte; auch für den Augenblick wirklich das ganze Bewußtſein ſeiner Lage verloren zu haben ſchien. Da trat Brown neben Roberts und ſagte, mit leiſer Stimme, von der aber die kleinſte Sylbe verſtanden werden konnte, vor ſich hin auf die Leiche deutend: „Dieß iſt das zweite Opfer, das innerhalb einer Woche von Mörderhand gefallen; das Gerücht legte vor meine Thüre die erſte Blutſchuld; ich bin hierhergekom⸗ men, um die Anklage zu widerlegen— meine Unſchuld zu beweiſen. Rein iſt mein Herz von ſo entſetzlicher Schuld, aber der Mörder lebt unter uns.“ „Vor wenigen Tagen noch war es meine Abſicht dieſen Staat zu verlaſſen und nach Texas zu gehen, es iſt es noch, aber nicht eher jetzt, bis die Hand entdeckt iſt, die jene Wunde ſchlug, bis mein Name wieder rein und ſchuldfrei vor der Welt daſteht. Doch nicht meine Pläne allein, nein, auch meine Anſichten haben ſich geändert.“ „Ihr wißt, Männer von Arkanſas, Viele von Euch 5* wenigſtens, die mich näher kannten, daß ich bis jetzt dem Treiben und Wirken der Regulatoren entgegen war; ich hielt ihre Ungeſetzlichkeit für einen vollgültigen Grund, ſie zu verdammen— ich denke nicht mehr ſo. Hier zu unſeren Füßen liegt ein Weſen gemordet, das harmlos und unſchuldig Keinen kränkte oder betrübte; wer iſt hier, dem ſte nicht durch ihr anſpruchlos freund⸗ liches Weſen gefallen, den ſie nicht durch ihre ſtreng gemeinte und gläubige Religioſität, wodurch ſie ſelbſt dem Glauben ihres Stammes untreu wurde, gerührt hätte. Sie iſt todt— und die Geſetze konnten ſie nicht ſchützen; ſie iſt todt, und die Geſetze ſind zu machtlos den Mörder zu erreichen und zu beſtrafen; hier aber hebe ich meine Hand empor, und ſchwöre bei dem allmächtigen Gott, daß ich nicht eher ruhen und raſten will, bis ihr Blut, wie das jenes unglücklichen Mannes gerächt iſt, daß ich nicht eher ruhen und raſten will, bis wir die Naterbrut, die ſich unter uns eingeſchlichen hat, gefun⸗ den, und ihre Köpfe zertreten haben. Männer von Arkanſas, wollt Ihr mir beiſtehen mit Eueren Armen und Eueren Herzen?“ „Ja!“ hallte es dumpf und leiſe durch die niedere Hütte—„ja! ſo wahr uns Gott helfe.“ „So laßt uns vor allen Dingen den Leichnam 69 zu dem nächſten Hauſe ſchaffen; dorthin muß morgen Früh Jemand den Prediger holen, der ja wohl in der Anſtedlung zu finden ſein wird; wir wollen dann das arme Weib beerdigen.“ Mehre der jungen Leute begannen, dieſer Auffor⸗ derung zu Folge, Stangen abzuſchlagen und eine rauhe Bahre herzurichten; da trat Aſſowaum, der bis jetzt ſchweigend, den Blick auf die Züge ſeines todten Wei⸗ bes geheftet, neben der Leiche geſtanden hatte, vor, ſchob die ihm Nächſten mit den Armen ſanft hinweg, und machte eine Bewegung, als wenn er ſie bitten wollte, das Haus zu verlaſſen. „Was willſt Du thun, Aſſowaum?“ frug Brown. „Laßt mich allein!“ hauchte der Krieger, indem er das Meſſer, das er noch vom erſten Augenblick an blank in der Hand trug, wieder in die Scheide zurückſchob— „laßt mich allein mit Alapaha— nur dieſe Nacht.“ „Sollen wir denn nicht—?“ Eine verneinende Bewegung des Indianers drängte ſte, ſeinem Willen zu gehorchen; ſchweigend traten ſie zurück, und beriethen nun vor dem Eingang der Hütte leiſe, was zu thun ſei. „Wär's nicht beſſer, wir lagerten hier draußen?“ meinte Bahrens, als ſie einen etwas entfernten und 70 ziemlich offenen Platz erreicht hatten,„Aſſowaum mag die Leichenwache halten, und morgen früh ſind wir dann gleich an Ort und Stelle.“ „Wohl wahr,“ ſagte Brown,„aber Aſſowaum er⸗ zählte mir unterweges mein Onkel ſei krank, und er habe Alapaha mit Lebensmitteln an ihn abgeſchickt. Das unglückliche Weib wurde aber ermordet, der arme, kranke Mann liegt alſo allein und hülflos in ſeiner Hütte, ich muß ſpäteſtens morgen früh dort ſein, wie wäre es da⸗ her, wenn wir jetzt zu Mullins zurückgingen, dort zuerſt ſähen wie ſich Rowſon befindet, und ob er im Stande iſt, die morgende feierliche Handlung zu begehen, und dann vor Tagesanbruch mit einigen Lebensmitteln für den Indianer wiederkehrten? Alapaha nehmen wir dann in dem Canoe zu ihrer eigenen Hütte, die dicht neben unſerer Wohnung liegt. Es wird auch des Indianers Wunſch ſein, die Squaw neben ſeinem Wigwam be⸗ erdigt zu haben.“ „Bei dieſem tobenden Waſſer können aber nur höch⸗ ſtens vier Perſonen in dem Canoe ſitzen,“ ſagte Wilſon. „Mehr ſollen auch gar nicht darin fahren,“ entgeg⸗ nete Brown.„Von Mullins nach Harpers iſt es, wenn Ihr von Heinzes aus eine gerade Richtung durch den Wald einſchlagt, kaum ſechs Meilen, alſo nur wenig —— 71 weiter, wie von hier; Wilſon und ich übernehmen daher das Fortſchaffen des Indianers und der Leiche, und Ihr Anderen verfolgt indeſſen mit dem Prieſter den Land⸗ weg; wir treffen dann ziemlich zu gleicher Zeit bei mei⸗ nem Onkel ein.“ „Gut,“ ſagte Bahrens—„damit bin ich einver⸗ ſtanden; ſollten wir aber jetzt, ehe wir den Platz wieder verlaſſen, nicht verſuchen, die Fährten der Mörder auf⸗ zufinden?“ „Das wäre nutzlos,“ warf Roberts ein,„der Re⸗ gen, der nach Mitternacht in Strömen herabgoß, muß Alles verwiſcht haben, wir würden nur unnütz unſere Zeit verſchwenden; nein, der Mörder iſt für den Augen⸗ blick vor jeder Verfolgung ſicher, wer es aber auch ſei, er wird unſerem rächenden Arme nicht entgehen, und dann ſollen weder die frommen engherzigen Ermahnun⸗ gen eines Prieſters, noch die machtloſen Drohungen eines Gouverneurs uns abhalten, da einzugreifen und zu ſtra⸗ fen, wo wir an unſerem Heiligſten verletzt wurden.“ „Ich möchte noch einmal zu Aſſowaum hineingehen,“ ſagte Brown zögernd. „Stört ihn heute Abend nicht mehr,“ bat Roberts —„er hat als Indianer ſeine eigenen Anſichten und Gefühle, und ich glaube kaum, daß ihm bei denen der Anblick eines Weißen, und wäre es ein Freund, will⸗ kommen iſt.“ Die Männer entzündeten hiernach ihre größtentheils verlöſchten Kienfackeln wieder, beſtiegen die Pferde und ritten langſam zu Mullins Hauſe zurück, während das einſame Blockhaus ſtill und ſchweigend die beiden Weſen umſchloß, die, wenn auch nicht freundlos, doch fremd unter einem Volke gelebt, das ihren Stamm vernichtet, und aus deſſen Mitte jetzt eine Mörderhand, die letzte zarte Blüthe geknickt hatte. Der dunkelklare Himmel funkelte in all ſeiner mit⸗ ternächtlichen Herrlichkeit, rauſchende Lüfte ſpielten mit den hochragenden Wipfeln der rieſigen Bäume, und ſchlugen in abgemeſſenen Zwiſchenräumen die gewaltigen guirlandenartigen Weinreben an die ſchlankaufſtrebenden Stämme an, der Fluß tobte dazu ſchäumend und brau⸗ ſend dicht an der halbverfallenen Hütte vorbei, und es war faſt, als ob er gierig hinauflecke nach der blutigen Leiche, und ſich danach ſehne, ſie in ſeinen Armen mit fortzuführen; ein Spiel dem noch wilderen Geſellen, dem breiteren und mächtigen Arkanſas. In dem inneren Raum aber, des Rauſchens der Wiöpfel, des murmelnden Brauſens der aufgeregten Waſ⸗ ſer nicht achtend, ſaß, zu den Füßen ſeines todten Wei⸗ — 73 bes, der Indianer, und ſchaute ſchweigend und ſinnend, wie ihn die Männer verlaſſen hatten, auf ihr ſchmerz⸗ durchzucktes, blutiges, und doch noch ſo ſchönes Antlitz. Das Feuer war ziemlich niedergebrannt, und nur noch manchmal glühte vor dem Erlöſchen, ein rother Flam⸗ menſtrahl daraus empor, um die nachfolgende Dunkel⸗ heit ſo. viel auffallender und unheimlicher zu machen. Da ſprang auf einmal, wie von einer Natter geſtochen, der rothe Sohn der Wälder empor— ſeine Augen drängten ſich faſt aus ihren Höhlen, mit bebenden Hän⸗ den warf er, was er an dürren Spähnen in der Nähe fand, auf die faſt verglommene Gluth, fachte dieſe in zitternder Haſt wieder zur neuen Flamme an, wandte ſich jetzt in Fiebergluth zu der Leiche und beobachtete mit ängſtlicher Sorgfalt ihre Züge.— Ach! das ungewiß flackernde Licht hatte ihn getäuſcht, ihm war es geweſen, als ob ſich die ſtarren Züge wieder belebt, die bleichen Lippen geöffnet hätten; er konnte ſich ja noch nicht zu der Ueberzeugung zwingen, daß das Weib ſeines Herzens, ſeine Alapaha, hier todt— todt zu ſeinen Füßen liege; an jedem Strahl von Hoff⸗ nung klammerte ſich mit der Kraft der Verzweiflung die ſinkende, ſchmerzdurchſchauerte Seele. Bald erfüllte den Unglücklichen aber nur zu ſicher die ſchreckliche 4 Wahrheit. Alapaha, die Blume der Prairieen war wirklich todt— nur eine gefühl- und ſeelenloſe Leiche traf ſein liebender Blick, und traurig entfielen die flam⸗ menden Spähne der matt und kraftlos niederſinkenden Hand. Der augenblickliche Hoffnungsſtrahl hatte ihn jedoch wenigſtens aus ſeiner träumenden Lethargie aufgerüttelt; er ſtrich ſich die langen, wild und unordentlich ſeine Schläfe umflatternden Haare aus der Stirn, ſchaute, faſt wie ungläubig, einige Secunden in dem engen Raum umher, und bebte erſt dann ſchaudernd wieder zuſammen, als er dem ſtarren Geiſterblick der Geliebten begegnete. „Die Wölfe, die in der vorigen Nacht nicht gewagt hatten, das von Menſchenhänden errichtete Gebäude zu betreten, näherten ſich jetzt, und zwar durch Hunger kühner geworden, der Stelle, welche ihre ſchauerliche Beute enthielt; ſcheuchte ſie aber ſchon die Witterung der vielen friſchen Fährten zurück, ſo ward ihre Furcht noch durch die Nähe eines lebenden Weſens vermehrt, und ſcheu, und umzogen ſie in weiten Kreiſen die Woh⸗ nung des Todes, und heulten in klagend ängſtlichen Weiſen ihren Leichengeſang. Aſſowaum achtete ihrer kaum; er kannte dieſe Hyänen des Waldes, fürchtete ſie 4 7⁵ aber nicht, und beſchäftigte ſich nur mit dem früheren Gegenſtande ſeiner Liebe— jetzt leider ſeines Schmer⸗ zes. Noch einmal ſchürte er das Feuer an, daß es in hellen Flammen die Wände der Hütte wie mit Tageshelle erleuchtete, und wanderte nun ſpähend um⸗ her, und forſchte nach Spuren und Zeichen der verübten That. Die Hütte, vor langen Jahren von einem neuen An⸗ ſiedler errichtet, der ſie bald darauf wieder verließ, war ſeit dieſer Zeit nur höchſt ſelten von einzelnen Jägern bei ſtürmiſchem Wetter als Lagerplatz benutzt worden, und deshalb gänzlich vernachläſſigt und verfallen. Früher hatte auch wohl der erſte Beſitzer ein kleines Stückchen Land, dicht daneben, urbar gemacht, und Mais darauf gezogen, jetzt aber nahm kräftig aufwachſendes Unterholz mit ſeinen eng verzweigten Wurzeln den Acker ein, und ſelbſt im Inneren der Hütte verriethen einzelne junge Stämme die üppige Vegetation des Bodens, der hier, von Regen und Sonnenſchein gleich entfernt gehalten, und nur durch die Feuchtigkeit des vorbeiſtrömenden Fluſ⸗ ſes genährt, mehre junge Eichen und Hickoryſtämmchen an derſelben Stelle emporgetrieben hatte, wo vor noch nicht ſo langer Zeit Menſchen unter ſchützendem Dache gehauſt. Neben einem dieſer Schößlinge lag die Leiche, 8 und Aſſowaum ſuchte jetzt vergebens nach Spuren, die ihm den Mörder hätten verrathen können. Die Männer hatten den ſonſt feuchten Boden der Hütte gänz⸗ lich betreten, und keine andere Fußſpur war zu erkennen; nur dort, dicht neben dem kleinen Geſttell, auf dem Ala⸗ paha das von dem Gatten erlegte Hirſchfleiſch getrocknet, — in der zerſtreuten Aſche— entdeckte er, von den An⸗ dern noch nicht zerſtört, die theilweiſe Fußſpur eines Mannes. Aſſowaum betrachtete ſie lange und aufmerkſam, es war aber nur der vordere Theil des Fußes, er konnte nicht die ganze Länge erkennen, und dann wieder rührte ſie von einem ſolchen Stiefel her, wie ihn Brown trug; es mochte des jungen Mannes Spur ſein, der ja eben erſt die Hütte verlaſſen hatte. Aſſowaum maß die Spitze ebenfalls am Stiel ſeines Tomahawks, und ſchaute mehre Minuten lang ſinnend auf die niedergetre⸗ tene Aſche. Solches Zeichen genügte aber nicht, und er wanderte weiter umher, forſchte nach irgend einem zurückgelaſ⸗ ſenen Gegenſtand des Mörders und fand— den Toma⸗ hawk der Geliebten, der blutig, von rauher Hand in die Ecke der Hütte geſchleudert ſchien, und dort bis jetzt ſeinem Adlerblick entgangen war. 6 77 Ein ſtolzes Lächeln des Triumphes durchzuckte jedoch zum erſten Mal die Züge des wilden Kriegers, als er die Blutſpuren an der leichten, doch ſcharfen Waffe ſeines Weibes bemerkte; Alapaha war einer Indianerin würdig geſtorben, und der Feind der ſie vernichtet, hatte zuerſt von ihrer Hand geblutet. Das brachte aber auch das Andenken an den Tod der Geliebten mit erneuter Heftig⸗ keit vor ſeine Sinne, und den Tomahawk feſt mit den Eiſenfingern umſpannend, richtete ſich der wilde Krieger hoch empor, und ſchaute mit blitzenden Augen umher, als ob er den Mörder erſpähen, und ihn mit dem Rache⸗ ſchrei auf den Lippen zu Boden ſchmettern wollte. Ach zu ſpät! wo war dieſe rettende Hand in der Stunde der Noth? wo war dieſes ſtarke Herz im Augen⸗ blick der Gefahr geweſen? weit— weit von hier, und das arme Weſen mußte hülflos und unbeſchützt fallen und verbluten. Aſſowaum knirſchte wild, in ohnmäch⸗ tiger Wuth, ſeine Zähne zuſammen, als ob ihm dieſer Gedanke das brennende Hirn durchzuckte, dann aber ſiegte endlich die kalte, ruhige Ueberlegung des Indianers. Noch einmal durchforſchte er jeden Winkel, jede Ecke des kleinen Raums, verließ dann die Hütte„und unterſuchte im Freien jeden Strauch und jeden offenen Moosfleck; aber vergebens; der niederſtrömende Regen hatte Alles verwiſcht, nur zwiſchen dem Fluß und der Hütte, jetzt zwar ſchon von den ſteigenden Fluthen erreicht, feſſelten einzelne Birkenzweige ſeine Aufmerkſamkeit, von denen die Blätter gewaltſam abgeſtreift zu ſein ſchienen; doch hatte, wie ſchon geſagt, der wachſende Fluß jede Spur darunter verwaſchen, und der Indianer kehrte, ohne ſeinen Zweck erreicht zu haben, in die Hütte zurück. Hier bereitete er nun für die ermordete Gattin das Todtenlager; ſeine Decke breitete er aus, und legte ihre ſtarren Glieder darauf, aus dem Fluſſe trug er Waſſer herbei und wuſch ihr das blutige Antlitz und Haar rein von dem rothen, geronnenen Lebensſtrom, ſchob ihr dann die eigene Decke unter das Haupt, daß ſie gut und ſanft ruhe, wie vor alten— ſchönen Zeiten, und verſuchte ihre Hände auf dem Herzen, das ihn ſo treu undeinnig ge⸗ b hatte, zu falten. Die Rechte hielt ſich aber krampf⸗ haft geſchloſſen, und ſchon wollte er den Verſuch aufgeben, mit Gewalt die im Tode erſtarrten Finger zu löſen, als er etwas Fremdartiges in ihnen fühlte, ſeine Anſtren⸗ gungen erneute, und in dem Griff der Leiche einen dun⸗ keln Hornknopf fand, den ſie im Todeskampf gefaßt und gehalten hatte. 4 Was war aber mit ſolchem Zeichen zu beginnen? wie konnte das auf die Spur des Thäters führen? Aſſo⸗ waum ſchüttelte traurig mit dem Kopf, ſchob jedoch das Gefundene in die Kugeltaſche an ſeiner Seite, und ſetzte ſich nun wieder traurig zu den Füßen der Gat⸗ tin nieder, als ob ſie nur ſchlummere, und er ihren Schlaf bewachen wolle. So ſaß er regungslos viele lange Stunden; das Feuer fiel in ſich zuſammen, flackerte noch manchmal zuk⸗ kend empor, und verglomm endlich; dichte Finſterniß er⸗ füllte den kleinen Raum— draußen im Wald zogen ſich die Wölfe ſcheu vor der Nähe eines Menſchen zurück, kein Laut unterbrach die feierliche Stille, als das Plät⸗ ſchern und Gurgeln des Fluſſes; ſelbſt die Eule hatte den ſchaurigen Platz gemieden, und nur weit, weit entfernt lockte ihr klagender Ruf den Gefährten, dem ſie dann mit leiſem, geräuſchloſen Flügelſchlag in die freundlicheren Hügel folgte— Alles ſchwieg, und immer noch kauerte die dunkele Geſtalt vor der ſtillen Leiche, bis draußen die friſche Morgenluft den Thau von den Büſchen ſchüt⸗ telte, im Oſten ein heller Streifen den nahenden Tag verkündete und die Vögel der Nacht mit lauten, weh⸗ müthigeir dönen Abſchied von dem weichenden Dunkel nahmen. — 3. Da wurden Stimmen vor der Hütte laut, und von Wilſon gefolgt, trat Brown wieder in das ſtille Gemach —y der Trauer. Der Indianer ſchien ihn aber nicht zu bemerken, ſein Auge, das er keinen Augenblick von dem Antlitz Alapahas gewandt hatte, hing immer noch an den theueren Zügen, und erſt als ihm der Freund mit leiſem Finger die Schulter berührte, ſtarrte er, wie aus tiefen Traum erwachend, empor. „Komm Aſſowaum!“ ſagte Browu jetzt, indem er ihm freundlich die Hand entgegen hielt,„ſei ein Mann — ſchüttle den Gram ab, der Dich zu verzehren droht, und⸗laß uns ans Werk gehen, zuerſt Dein Weib beerdi⸗ gen, und dann ſie rächen!“ Der Indianer hatte theilnahmlos den Worten des weißen Mannes gelauſcht, bis das letzte ſein Ohr be⸗ rührte. „Sie rächen!“ rief er, indem er mit leuchtenden Au⸗ gen emporſprang—„ja— ſie rächen— komm mein Bruder— der Anblick dieſer Leiche entmannt mich— komm!“— damit nahm er den kleinen Tomahawk ſei⸗ nes Weibes, und ſteckte ihn in den Gürtel, half dann Anker auf den durch die überſchwemmten Bäume gebro⸗ chenen Wellen ſchaukelte. Wilſon bot ihm nun einige für ibn mitgebrachte Er⸗ aber den beiden Männern mit feſten Schritten die Leiche in das ſchwanke Boot tragen, das an ſeinem Reben⸗ 81 friſchungen an— er wieß aber Alles zurück, nahm ſchweigend ſeinen gewöhnlichen Platz im Canoe ein, und ſteuerte dieſes, das von den kräftigen Armen der beiden Männer gerudert, mit Blitzesſchnelle über die kochende Fluth dahinſchoß, ſicher und ruhig ſtromab der zu Waſſer etwa zehn Meilen entfernten Wohnung Harpers zu. II. 6 Cap. IV. 2 Das Begräbniß der Indianerin. Harpers Blockhaus ſtand kaum hundert Schritt vom Ufer des Fourche la fave entfernt, im Schatten von jun⸗ gen ſchlanken Hickory und Maulbeerbäumen; die beiden Männer aber hatten erſt ſeit Kurzem begonnen das Land, in der Nähe des Hauſes urbar zu machen, und noch lagen toll und wild, auf der Nordſeite des Gebäudes, die gefäll⸗ ten und theils abgehauenen, theils noch unberührten Stämme durcheinander. Am Hauſe ſelbſt ſchienen da⸗ gegen viele, und bei den gewöhnlichen Farmern ſogar ſelten gefundene Bequemlichkeiten getrofſen; ein kleines Fenſter war nicht allein ausgehauen, ſondern auch mit wirklichen Glasſcheiben verſehen, ein Brunnen, trotz der Nähe des Fluſſes gegraben, um friſches, geſundes Trink⸗ waſſer zu erhalten, und eine wohlgefüllte„Corncrip“, wie der Aufbewahrungsort des Mais genannt wird, ver⸗ rieth, daß die Männer, wenn ſie auch noch ſelbſt kein Getraide gezogen, doch keineswegs Mangel daran litten, und ſich wohl verſorgt hatten. Hühner und Enten, ja ſelbſt ein Volk ſtolzer Truthühner, umgab ſcharrend und gluckend die Thür, und ſchien ſehnſüchtig auf Futter zu harren, während zwei braune, kräftige Pferde, augen⸗ ſcheinlich im Norden erzogen, an dem leeren Trog ſtanden, und ſich mit den Naſen daran ſcheuerten, als ob ſie un⸗ geduldig und unzufrieden wären, die gewöhnliche Anzahl Maiskolben nicht an ihrer gewöhnlichen Stelle vorzu⸗ finden. Auf dem freien Platz vor der Wohnung war aber jetzt die Geſellſchaft der am vorigen Abend bei Mullins verſammelten Männer eingetroffen und Roberts beſonders fiel die ſtille, unheimliche Einſamkeit des Platzes auf. Schnell ritt er zur offenen Thür des Hauſes, ſprang vom Pferd, trat ein, und fand hier wirklich ſeine ſchlimmſten Befürchtungen beſtätigt. Auf hartem, rauhen Lager, die Decken in heißer Fiebergluth von ſich geſtoßen, lag der ſonſt ſo heitere, fröhliche alte Mann, der ſich faſt keinem Haus in der Nachbarſchaft nähern konnte, ohne 6* 84 mit herzlichem Händedruck und freundlichem Lächeln be⸗ grüßt zu werden, allein und hülflos, mit nicht einer Seele zu ſeinen Dienſten, die ihm nur einen Becher Waſſer hätte reichen können, die brennenden Lippen zu kühlen. Roberts und Bahrens traten erſchüttert zum Bette des Leidenden, und ergriffen ſeine Hand, er kannte ſie aber ſchon nicht mehr, und phantaſirte in wilden, unge⸗ regelten Bildern von Jagden und Märſchen, von ſeinem Bruder, der die Braut eines Andern liebe, und von ſei⸗ nem Neffen, der den Gegner erſchlagen habe, und nun mit dem Blute deſſelben bedeckt vor ihm erſchienen ſei. In dieſem Augenblick trat Rowſon, der ſeine ganze Fe⸗ ſtigkeit und Ruhe wieder erlangt hatte, in das niedere Gemach und zu dem Bett des Kranken, der ſich bei ſeinem Anblick aufrichtete und ausrief: „Fort— fort— waſche Deine Hände— ſie ſtar⸗ ren von Blut— wiſche den Stahl ab, er könnte Dich verrathen— ha— Deine Kugel trifft ſicher, welch ein Loch ſie reißt— die Wunde wird ſchwer zu heilen ſein — gerade durch's Hirn.“ Riowſon erbleichte und trat ſchaudernd einen Schritt zurück, Roberts aber, ohne den Blick von dem Antlitz des Kranken zu wenden, ſagte leiſe:„Er träumt von 85 ſeinem Neffen— er hält ihn für ſchuldig, und fürchtet für ſein Leben.“ „Wilde Phantaſien,“ flüſterte leiſe der Prieſter, in⸗ dem er ſich ſchnell geſammelt, zu dem Kranken nieder⸗ beugte. „Miſter Harper!“ rief er dieſem dann freundlich zu, indem er ſeine kalten Finger auf deſſen brennende Stirn legte—„kommt zu Euch— Freunde ſind in Euerer Nähe“— aber noch hatte er die Rede nicht ganz vollendet, als der Leidende mit einem Schmerzſchrei vom Lager emporfuhr. 4 „Waſſer! Waſſer!“ ſchrie er,„der böſe Feind ſtreckt ſeine Krallen nach mir aus— ich war es nicht, der ihn erſchlug, nein, der— nein— ja— ich war es doch— ich bin's geweſen— nimm— mich— ich — führte— den— Streich,“ flüſterte er dann leiſe, und brach bewußtlos auf dem Lager zuſammen. „Er iſt recht krank,“ ſagte Bahrens mitleidig,„bleibt ein wenig bei ihm, und ich will ihm einen Trunk Waſ⸗ ſer holen, ſeinen Fieber⸗Durſt zu löſchen; das Viehzeug draußen muß auch gefüttert werden, ich kann's nicht mit anſehen, daß das Alles hier ſo hungrig und henene los herumläuft.“ 4 86 Ohne weitere Worte machte ſich Bahrens augen⸗ blicklich daran, das Geſagte auszuführen, und ehe noch anlegten, hatte er, von Roberts unterſtützt, des Kranken Schläfe durch kalte Umſchläge gekühlt, ſein Lager beſſer in Stand geſetzt, einen erfriſchenden Trunk für ihn be⸗ 3 die Männer an der Landung mit ihrer traurigen Fracht reitet, das Vieh verſorgt, das Haus ausgekehrt und auf⸗ geräumt, und Alles wieder ein wenig wohnlicher und menſchlicher hergerichtet. Rowſon ſaß indeſſen neben Roberts am Bette des Kranken, und reichte ihm was er begehrte, bis er endlich, nach mehrſtündigen, wilden Fie⸗ berträumen, in einen, mehr durch Erſchöpfung als geiſtige Ruhe herbeigeführten Schlummer fiel. Kurz darauf landete auch das Canoe und Brown und Wilſon trugen, von dem Indianer gefolgt, die Leiche die Uferbank hinauf und legten ſie an dem mooſigen Fuß einer gewaltigen Eiche nieder. „Wo ſollen wir das Grab graben?“ frug Mullins jetzt, zu Brown hinantretend; der Indianer aber ergriff ſchweigend die Hand des Mannes, und führte ihn etwa hundert Schritt von Browns Wohnung entfernt, und dicht neben ſeinen eigenen, aus breiten Rindenſtücken und ungegerbten Fellen errichteten Wigwam, zu einem 87 alten Indianiſchen Grabhügel, wie ſie ſich in großer An⸗ zahl in Arkanſas finden, und ſagte: „Laßt die Blume der Prairieen bei den Kindern der Natchez ruhen. Haß und Zwietracht entzündete in alten Zeiten die Herzen der Lenni Lenapes gegen ihre rothen Brüder im Süden; der große Geiſt hat ſie dafür ge⸗ ſtraft— ihre Aſche ruhe friedlich beieinander“— Die Männer warfen nun mit regem Eifer an der beſchriebenen Stelle die Erde aus, bis ſie die Grube für hinlänglich tief hielten, und wollten dann die Leiche in den in voriger Nacht rauh zuſammen gezimmerten und hierher geſchafften Sarg legen. Hieran verhinderte ſie aber noch der Indianer, der jetzt aus ſeinem Wigwam eine Anzahl fein gegerbter Felle herausholte, den Körper ſeines Weibes mit dieſen umhüllte, und dann von Brown, den Bahrens aus dem Zimmer getrieben hatte, damit er ſeinen Onkel nicht wieder in dem kurzen, ſtär⸗ kenden Schlummer ſtöre, unterſtützt, die junge Gattin hinein in ihr letztes, ſtilles Haus legte. Mullins nahte ſich jetzt, einen Hammer und Nägel in der Hand, um den Deckel zu befeſtigen; doch auch die⸗ ſem wehrte der Wilde, und umſchlang den Sarg mit ſei⸗ neem ledernen Fangriemen, den er aber wieder ablöſte, als die Erde ihr rothes Kind aufgenommen hatte. 88 Rowſon trat hierauf an die offene Gruft, und Aſſo⸗ waum machte ſchon eine Bewegung, als ob er die chriſt⸗ liche Feier des weißen Mannes zurückweiſen wolle, da fiel ſein Blick auf das Kreutz, das Jener in der Hand trug, und zu dem die Todte mit ſolcher Ehrfurcht ge⸗ betet hatte, er barg das Antlitz in den Händen, kniete neben dem Grabe nieder, und jetzt zum erſten Mal brach ſich der lang verhaltene, bis zu dieſem Augenblick männ⸗ lich bezwungene Schmerz Bahn, ſeine Bruſt hob ſich convulſtviſch, und die Thränen drängten ſich in großen, erhſtallhellen Tropfen zwiſchen den dunkelen Fingern hindurch, und träuften in die aufgeworfene Erde nieder, die in wenigen Minuten das Weſen bedecken ſollte, um das er Stamm und Freunde, Heimath und Eltern ver⸗ laſſen hatte und ein einſamer Wanderer unter dem frem⸗ den Volke geworden war. Indeſſen begann der Methodiſtenprieſter mit lei⸗ ſer, zitternder Stimme ſeine Leichenrede über der Aſche der von ſeiner eigenen Hand ſchändlich Gemordeten. Er prieß ihre Tugend und Frömmigkeit, er lobte ihren Eifer, mit dem ſie dem wahren Gott angehangen und an ihn geglaubt habe, er rühmte ihren Fleiß und ihre Liebe zu ihrem Gatten und Häuptling, und erflehte dann vom Himmel, zu dem er es nicht wagte die ſcheuen, ver⸗ 89 brecheriſchen Blicke zu erheben,„Gnade für die Ver⸗ ſtorbene und— Vergebung für die Hand, die, vielleicht im Zorn, unſchuldiges Blut vergoſſen.“— Er hatte ſein Gebet aber noch nicht beendet, als ein eigenes, wildes Feuer den Indianer zu durchzucken ſchien; langſam nahm er die Hände von den Augen, und wie ſein feſter, durchdringender Blick dem des Prie⸗ ſters begegnete, und dieſer vor dem dunkel⸗glühenden Auge des Kriegers heimlich erſchaudernd ſchwieg, richtete ſich der Häuptling ſtolz empor, erfaßte mit der Rechten den Tomahawk ſeines Weibes, den er noch im Gürtel trug, und die Linke gegen den Mothodiſten ausſtreckend, ſprach er mit lauter, klangvoller Stimme: „Alapaha iſt todt— ihr Geiſt iſt zu den ſeligen Gefilden des weißen Mannes gegangen, ihr Herz hatte ſich von dem großen Geiſt gewandt, deſſen Rache ſie jetzt erreicht hat; aber weßwegen bittet der blaſſe Mann bei ſeinem Gott um Gnade für das Weib, das Alles vergaß, um nur ihm anzugehören— das dem Glauben ihres Stammes entſagte und zu dem weißen Gotte betete. Sie bedarf keiner Gnade— Du haſt mir oft geſagt Dein Gott ſei gerecht, und Aſſowaums Weib ſoll nicht einmal von einem Gotte Gnade zu erbitten haben, wo es Gerechtigkeit verlangen kann. Iſt Dein Gott ge⸗ 90 recht, ſo muß er die Unglückliche belohnen, die ſeinet⸗ halben das vergaß, was ihr ſonſt lieb und heilig war.“ Rowſon wollte ihn unterbrechen, doch hielt ihn wiederum der feſt auf ihm ruhende Blick des Wilden zurück, der mit immer lauterer und kräftiger tönender Stimme fortfuhr:—„Deine Lippen flehen aber auch um Vergebung für den Mörder. Er tauchte ſeine giftige Hand in das reine Herzblut der Blume der Prairieen; wer iſt hier, der ſie nicht kannte und— nicht liebte? Nein! keine Vergebung— Fluch treffe den Mörder, Aſſowaum wird ihn finden, ſein Leben hat fortan nur den einen Zweck: den Mörder zu ſtrafen; mag ihn nachher weiße oder rothe Erde decken, der große Geiſt wird ihn mit offenen Armen und lächelndem Antlitz empfangen.“ Rowſon, der nur mit gewaltiger Kraftanſtrengung ſich bezwungen hatte, den finſteren drohenden Blick des Kriegers auszuhalten, hob jetzt ſchweigend, wie in ſtillem Gebet verſenkt, die Hände, und ſagte nach langer— andächtiger Pauſe: „Vergieb ihm Herr! vergieb dem Unglücklichen, der von bitterem Schmerz übermannt, Worte des Zornes und Haſſes ausſprach, wie ſie nicht wohlgefällig vor Deinem Angeſichte ſind; vergieb ihm Herr— vergieb 5. 91 uns Allen, die wir hier über eine That entrüſtet ſtehen, welche ja ebenfalls durch Deine unerforſchliche Weisheit verhängt wurde— vergieb uns, die wir vielleicht eben⸗ falls Gedanken des Zornes und der Rache hegen, und erleuchte uns mit Deinem Lichte, auf daß wir erkennen, wie nur in Deiner Gnade, in Deinem Frieden das Heil liegt, das uns zu guten und gottesfürchtigen Menſchen macht, und uns ſtärkt das Auge zu Dir, Du Allmäch⸗ tiger, reinen Herzens emporheben zu können. Amen!“ „Amen,“ hauchten die Umſtehenden nach, nur Aſſowaum blieb in finſterem Schweigen, die Rechte noch immer am Tomahapk, ſtehen, bis jetzt der Sarg von den Männern erfaßt und langſam in die enge Gruft hinabgehoben wurde. Da brach auch ſein Stolz, er ſank, mit vor das Antlitz gepreßten Händen am Grabe nieder, und als er ſich wieder erhob, war der kleine Hügel gewölbt, und Rowſon pflanzte das ſchwarze Kreutz, zu Häupten deſſelben oben darauf. Die Feierlichkeit war beendet, und die Nachbarn verfügten ſich zurück in ihre Wohnungen, nur Bahrens und Wilſon blieben mit Brown in der kleinen Hütte des Freundes, um ihn in ſeiner Krankheit, ſoviel es in ihren Kräften ſtand, zu pflegen; Brown aber trat noch, ehe ſich Rowſon entfernt hatte, zu dieſem, dankte ihm für 92 ſeine freundliche Bemühung, den Leib des unglücklichen Weibes beerdigen zu helfen, da er doch ſelbſt krank und angegriffen ſei, und bat ihn ſein Haus, im Fall er nicht augenblicklich wieder zurück wolle, ganz als das ſeinige zu betrachten. Doch Rowſon wieß dieß Anerbieten freundlich zurück, da er zu ſeiner kurz bevorſtehenden, veränderten Lebensweiſe ſo viele Vorbereitungen treffen müſſe, daß an ein müßiges Vergeuden ganzer Tage nicht mehr zu denken ſei, und ſchied mit dem friedlichen Se⸗ gensgruß auf den Lippen und tiefe Demuth und Fröm⸗ migkeit im Blick von dem jungen Mann, der ihm noch lange, in finſteres Brüten verſenkt, nachſchaute.— Das war der Mann, der ihm ſein ganzes irdiſches Glück geraubt, oder ihm doch unmöglich gemacht hatte, es je zu erreichen; das war der Mann, dem die Geliebte Herz und Hand geopfert, dem ſie angehören mußte, von nun an bis zu der Zeit, wo der Tod mit ſeinem eiſernen Griff die Bande trennen würde, die von Gott ſelbſt ge⸗ knüpft, für das Leben unzerreißbar ſein ſollten. „Lebe wohl,“ hauchte er leiſe—„lebe wohl du ſchöner Traum, den ich einſt in wilden Jugendphanta⸗ ſteen geträumt— lebe wohl Du Bild häuslicher Glück⸗ ſeligkeit, das ich mit Tantalusqualen mich umgeben ſehe, und das den lechzenden Lippen doch ewig entzogen bleibt 4 93 — lebe wohl Du holdes, reines Weſen, und Gott lindere Deinen Schmerz— vergiß den Unglücklichen, deſſen böſes Geſchick ihn in Deinen Weg warf, um Deinen— ſeinen Frieden zu untergraben.— Lebe⸗ wohl!“ „Lebewohl!“ flüſterte Aſſowaum, der an ſeine Seite getreten war und das letzte Wort gehört hatte— „lebewohl— ein wunderbares Wort einer Todten nach⸗ zurufen.“— „Einer Todten?“ frug entſetzt auffahrend Brown. „Sprachſt Du nicht mit Alapaha?“ „Ich ſprach mit einer Todten,“ hauchte Brown, ſein Antlitz in den Händen verbergend—„ſie iſt todt — todt— todt!“ 5 „Todt,“ ſtöhnte Aſſowaum im dumpfen Echo nach —„gemordet— doch den Mörder muß ich finden— der Geiſtervogel ſoll mir in nächtlichen Träumen den Namen in's Ohr flüſtern; neben dem Grab will ich lagern, bis ich ſeine Stimme gehört— wird mein weißer Bruder mir beiſtehen, um der Todten willen? wird er dem Arm des Freundes ſeine Sehnen leihen, ehe er in ein anderes Land geht, und für die Freiheit eines fremden Volkes kämpft?“ Brown reichte ihm ſchweigend die Hand, und ſchritt 94 dann langſam zu dem Bette ſeines kranken Oheims zurück, während der Indianer, für den Augenblick ſeinen Schmerz bezwingend, mit regem Fleiß daran ging, aus ſtarken Nindenſtücken ein Dach über dem Grabe zu er⸗ bauen, um den Regen davon abzuhalten. Hiemit be⸗ ſchäftigt, neigte ſich die Sonne ſchon wieder ihrem Un⸗ tergang, als er die letzte Wohnung ſeines Weibes be⸗ endet hatte, und nun am oberen Theil derſelben, da, wo der Kopf der Leiche ruhte, eine kleine Oeffnung mit dem Tomahawk hineinhieb. „Und Du zerſchlägſt das wieder, was Du errichtet?“ frug ihn Brown jetzt, der die Sorge für den Kranken auf kurze Zeit den Freunden überlaſſen hatte, und zu dem Indianer trat, um ihn aufzufordern etwas Speiſe und Trank zu ſich zu nehmen, die er in faſt vier und zwanzig Stunden nicht gekoſtet hatte. „Ich zerſtöre es nicht,“ ſagte der Wilde—„aber die Seele muß einen Ausgang haben, daß ſie den Kör⸗ per verlaſſen und zu ihm zurückkehren kann.“ „Die Seele kehrt nicht zurück, armer Freund,“ ent⸗ gegnete ihm traurig der junge Mann—„ſie iſt dort hinaufgegangen, wo die Seligen wohnen— ſie wird die Erde nicht vermiſſen.“ „Es giebt zwei Seelen,“ flüſterte leiſe der In⸗ 9⁵ dianer,„zwei Seelen giebt es,“ wiederholte er eifriger, als er ſah, daß der Weiße ungläubig mit dem Kopfe ſchüttelte,„fliegt Aſſowaums Seele nicht im Traum zurück, zu den Jagdgründen ſeines Stammes? ſteht ſie nicht dort den Wigwam, vor deſſen Eingang er ſeine frühſten Kinderſpiele ſpielte? folgt ſte nicht dort in dunkler Schlucht dem Elenthier, das ſchnaubend und praſſelnd ſich Bahn bricht durch den dichtverwachſenen Wald? ſieht ſie nicht dort den Vater, wie er mit ſtarker Hand dem ſchwachen Knaben hilft den Bogen ſpannen? ja— ſie „iſt weit— weit hinweg, in fernen Landen, und dennoch lebt Aſſowaum— er liegt auf ſeinem Lager und athmet. Könnte er athmen, wenn er nur eine Seele hätte, und dieſe im Lande ſeines Stammes weilte, während er ſelbſt, zwiſchen den Hütten der Weißen am„rauſchenden Waſ⸗ ſer*)“ lebt? Nein— der rothe Mann hat zwei Seelen.“ Als die Nacht anbrach, nahm Aſſowaum die Spei⸗ ſen, die ihm Brown gebracht, ſtellte ſie neben die Oeff⸗ nung, zu Häupten des Grabes, und zündete dann ein kleines Feuer vor demſelben an, das er auch ſorgfäl⸗ tig unterhielt, während er, als ſich dichtere und dichtere *) Arkanſas. 96 Finſterniß auf die ſchlummernde Erde lagerte, mit leiſer, klagender Stimme den eintönigen, ſchaurigen Todten⸗ geſang ſeines Volkes ſang: „Wo ach, wo ach Weilſt Du Liebchen? ſieh' es blühen Hier im Thale Alle Blumen, alle— Du nur fehleſt. Wo ach— wo ach Tönt die Stimme die ich liebte, Horch es ſchallen Tauſend Stimmen, tauſend— Du nur fehleſt. Droben— droben In dem Wipfel jener Eiche Sitzt der Vogel, Und er ſingt des Geiſterrufes Klage. Droben, droben Iſt Dein Geiſt, o werd' ich nimmer Hier im Thale, Deine lieben Laute wieder hören? Unten— unten— Feſt am Boden lieg' ich lauſchend Hier im Thale, Und ich höre Deine Stimm' im Grabe Unten— unten Deine leiſen— leiſen Klagen Und ſie rufen Mahnend auf zur Rache— Lieb' ich folge!“ Mobele Alen hener auf der Pantherjagd.— Die Waſſer⸗ parthie. gwei volle Wochen waren ſeit den, in den vorigen Kapiteln beſchriebenen Scenen verfloſſen, alle Nachfor⸗ ſchungen aber, die ſchuldigen Verbrecher aufzuſpüren, fruchtlos geblieben, und vergebens hatte Brown, deſſen Onkel ſich in letzter Zeit wieder ziemlich erholt, mit un⸗ ermüdlichem Eifer geforſcht und gearbeitet, um eine Spur der Mörder zu finden. Aſſowaum ſelbſt, konnte mehrere Tage nach der Be⸗ erdigung ſeines Weibes, durch Nichts bewogen werden ihr Grab zu verlaſſen, dann aber war er plötzlich ver⸗ ſchwunden, und ſelbſt Brown wußte nicht, wohin er. ſich gewendet. I.. 98 Die Anſiedler wurden aber durch dieſe erfolgloſen Anſtrengungen keineswegs entmuthigt, und ſahen darin nur einen ſo viel ſprechenderen Beweis, wie nöthig es wäre, daß ſie ſich ſelbſt zum Schutz ihrer Rechte ver⸗ bänden, da auch in dieſem Falle die Gerichte nicht das Mindeſte hatten ergründen können, und der Mörder, für jetzt wenigſtens, ſicher und unentdeckt zu bleiben ſchien. Dadurch von der Nothwendigkeit eines ernſten Schrittes überzeugt, war der größte Theil der Farmer jener Ver⸗ bindung, die ſich„die Regulatoren“ nannten, beigetre⸗ ten, und eine Hauptverſammlung, die ſehr zahlreich zut werden verſprach, auf den morgenden Tag— den Sonn⸗ abend, feſtgeſetzt worden, wo dann ernſtere Schritte ver⸗ abredet werden ſollten, um beſonders Verdächtige, die ſich in ihrer Nachbarſchaft aufhielten, denen aber kein wirklich begangenes Verbrechen bewieſen werden konnte, vor ihr Gericht zu fordern. Möglicher Weiſe wollten ſie hieran den Faden knüpfen, der ſie auf die Spur der Schuldigen, wenn auch nur im Anfang auf die der Pferde⸗ diebe brächte, unter denen ſie nicht mit Unrecht die Mör⸗ der der beiden gefundenen Leichen zu entdecken er⸗ warteten. Freundlich lag der warme Sonnenſchein auf dem grünen Laubdach des Waldes— ſtiller Frieden herrſchte * 4 . * 8 in der ganzen, herrlichen Natur, kein Lüftchen regte ſich, aber tief, tief unten im finſteren Dickicht d'rinnen, da, wo der Fourche la fave ſeine Fluth durch unwegſame Rohrbrüche und von dunkelſchattigen Sumpfbäumen überhangen, hindrängte, tobte die Jagd und ſchallte das bald dumpfe Bellen, bald helle Kleffen der Rüden 4 hervor. 5—— „Joho— joho— ihr Hunde— Huh— pih!“ ſchrie Roberts, als er auf ſchäumendem Roß über einen breiten ſumpfigen Fleck dahinbrauſte, und das vor fröh⸗ lichem Jagdeifer ſchon überdieß erhitzte Thier, immer noch mehr durch lauten Nuf und kräftigen Hackenſtoß anfeuerte, daß es wild hinten aushieb, und vorſprang in ein Gewirr dicht verwachſener Weinreben. Die Meute war voraus, und zerſtreut hetzten die Jäger ein⸗ zeln, wie ihre Pferde ſie gerade getragen, oder die Bahn, der ſie zufällig gefolgt, es erlaubt hatte hinterdrein, Jeder mit gellendem Jagdſchrei die Hunde ermuthi⸗ gend, ſobald er nur hoffen durfte, von ihnen gehört zu werden. „Huhpih,“ ſchrie Roberts noch einmal, indem er, mit der Büchſe in der Linken, die Rechte mit dem ſchwe⸗ ren Jagdmeſſer bewaffnet, um im Nothfall Schlingpflan⸗ zen und Reben zu zerhauen, eine gewaltige umgeſtürzte — 7* 100 Cypreſſe überflog und zu gleicher Zeit, mit kräftigem Hieb eine ſeilartig verwachſene Gründornliane von ein⸗ ander trennte, die ſeinen Fortgang aufzuhalten drohte. Dadurch hatte er aber eine andere, wenn auch ſchwächere, doch deßhalb nicht minder zähe Weinrebe überſehen, und ehe er noch zu neuem Schlage ausholen, oder dem wild dahinſtürmenden Poney in die Zügel fallen konnte, ſchlüpfte dieſes dicht darunter hin, und im nächſten Augenblick lag Roberts, mit Büchſe und Meſſer neben dem Stamm, den er eben erſt mit ſo kühnem Satze über⸗ ſprungen. 1 „Peſt,“ murmelte er, als er ſich, nach nicht geringer Anſtrengung aus dem zähen Schlamm vorarbeiten mußte, in den er gerade mit den Schultern gefallen war— „Poney hier!— kob— kob— Poney!— der Teufel hole die Beſtie, ich glaube, die will auf eigene Hand jagen.“— Er hatte auch nicht Unrecht; das kluge Thier, das Roberts auf allen Jagden geritten, nahm viel zu großen Antheil an der Hetze ſelbſt, als daß es jetzt hätte auf ſeinen Herrn warten und dadurch die ſchöne Zeit verſäumen ſollen. Wie ein losgelaſſener Sturmwind folgte es daher, des ſchweren Reiters baar, der Meute, und war in wenigen Secunden weder mehr zu hören noch zu ſehen. „Siiſt wahrhaftig fort,“ ſagte der alte Jäger brum⸗ mend, als er mehrere Minuten lang aufmerkſam umher⸗ geſchaut und gehorcht hatte—„nicht die Spur mehr zu merken— jetzt ſitz' ich ſchön auf dem Trockenen.— So wollte ich denn doch, daß die— aber halt, die Jagd dreht ſich nach den Hügeln herum; da wär' es gar nichts Unmögliches, daß ſich der Panther, wenn er nicht dem Petite Jeanne zuflieht, noch einmal hier herunter in die Niederung wendet, und dann iſt ſein Lieblingsplatz der Rohrbruch da d'rüben über dem Fluß. Wart mein Burſche, vielleicht bin ich dennoch, trotz meinen alten Knochen, bei der Erndte— nur Geduld— ich habe mich ſchon in ſchlimmeren Lagen befunden.“ Roberts Gedanken führten ihn jetzt augenſcheinlich wieder zu dem Revolutionskrieg zurück, denn er lächelte ſehr ſelbſtzu⸗ frieden in ſich hinein, und ſchritt, da er während dem vorigen Selbſtgeſpräch ſeine Büchſe von dem Schlamm gereinigt und friſches Pulver aufgeſchüttet, wie ſein Meſſer wieder in die Scheide geſteckt hatte, dem nahen Fluſſe zu. Hier jedoch bot ſich dem aus dem Sattel Gehobenen eine neue Schwierigkeit, das Hinüberkom⸗ men nämlich, und vergebens hatte er ſchon eine Strecke hinauf⸗ und hinabgeſucht, ob er nicht irgendwo eine ſeichte Stelle finden und benutzen könnte. Da ſah er einen — —yy=— angefaulten Baumſtamm, dicht am ſteilen Ufer, an dem ein Bär gearbeitet und mehrere Stücken hinuntergeriſſen zu haben ſchien, denn deutlich ließen ſich die Spuren der Krallen daran erkennen, und noch dazu war dieß ſeit dem letzten Regen geſchehen; doch befanden ſich die Hunde jetzt auf einer warmen Pantherfährte, und von der ſie abzulenken, wäre unmöglich geweſen, hätte Ro⸗ berts auch nur je einem ſolchen Gedanken Raum gegeben, das aber kam dieſem keineswegs in den Sinn. Ein Panther hatte erſt vor wenigen Tagen eines ſeiner Fül⸗ len, und die nächſte Nacht ein großes, ausgewachſenes Arbeitspferd zerriſſen, dem er von einem Baum aus, auf den Hals geſprungen, und dort durch Aufbeißen der Halsadern im Stande geweſen war, das viel ſtärkere und kräftigere Thier zu ermatten und zu bezwingen. Der alte Jäger wußte aber auch wie wahrſcheinlich es ſei, daß der Panther, wenn er wirklich ſeinen kaum verlaſſenen Schlupfwinkel wieder aufſuche, den Fluß nicht ſogleich zum zweiten Mal durchſchwimmen würde, da er vom Waſſer kein beſonders großer Freund iſt; um ſo nöthiger wurde es daher, ſchnell an's andere Ufer zu kommen. Ueberdieß tönte das Geheul der Meute wieder deutlicher herüber, und die Jagd konnte ſich jeden Augenblick nach dieſer Richtung drehen. Roberts wälzte 103 und hob alſo das vorerwähnte Stück faulen Holzes dem ſteilen Uferrande zu, warf es hinab, und ſtieg dann ſelbſt, ſich an Rohrwurzeln und Schilf anhaltend, zum Waſſer nieder, legte ſeine Büchſe auf das Holz, und wollte eben ſeinen Uebergang beginnen, als er ganz nahe das Gebell und Gekleff der Hunde hörte, die, wie gar nicht mehr zu verkennen war, dem Fluß wieder zueilten, und plötzlich in ein ſolch wildes, raſendes Geheul ausbrachen, daß Roberts nicht anders glauben konnte, als der Panther ſei aufgebäumt, und dadurch für den Augenblick den Zähnen ſeiner Verfolger entgangen. Jetzt war aber auch keine Zeit mehr zu verlieren; ſchnell ſtieß er das Holz in den Strom und hatte eben das tiefere Waſſer, und etwa die Mitte des Fluſſes er⸗ reicht, als am gegenüberliegenden Ufer die Büſche ra⸗ ſchelten, das dürre Rohr brach, und faſt zu gleicher Zeit eine dunkele Geſtalt am äußerſten Rande der Uferbank er⸗ ſchien, und ſich mit Gedankenſchnelle hineinwarf in die über ihr zuſammenſchlagende Fluth. Es war der Panther, und ſo dicht neben dem Jäger ſank er nieder, daß dieſer durch das aufſpritzende Waſſer überſchüttet wurde, und die kleinen, erregten Wellen ſein rohes Floß ſchaukelten, während der Kopf des Raub⸗ thieres wieder emportauchte, das, ohne ſeinen Feind wei⸗ 104 ter zu bemerken oder zu beachten, dem anderen Ufer zu⸗ ſchwamm. Jetzt hatte aber auch Roberts ſeine ganze Ruhe und Geiſtesgegenwart, die ihn im erſten Augen⸗ blick wirklich durch die unvorhergeſehene Ueberraſchung verlaſſen, wieder gewonnen. Das Schloß ſeiner Büchſe war glücklicher Weiſe trocken geblieben, ſchnell zog er den Hahn auf, und mit dem linken Arm auf dem Holze ruhend, während er mit den Füßen langſam aus⸗ trat, zielte er in dieſer keineswegs bequemen Lage auf den Panther, der jetzt eben glatt und triefend dem Waſ⸗ ſer entſtieg, von der Kugel getroffen, hochaufzuckte, und in den Strom zurückglitt. Wie aber Roberts ſchon ein Triumphgeſchrei ausſtoßen wollte, hob ſich das verwun⸗ dete Thier wieder aus der Fluth, und floh mit flüchtigen Sätzen den ſteilen Abhang in dem nämlichen Augenblick hinan, in welchem der Schwimmende, der das Gleichge⸗ wicht ſeines Floßes ein wenig verſehen hatte, von dieſem abrutſchte und mit Büchſe und Pulverhorn unter dem⸗ ſelben verſchwand. Als er gleich darauf ſprudelnd und plätſchernd wie⸗ der an die Oberfläche kam, erreichten die Hunde, die vor⸗ her auf der verlorenen Fährte geheult hatten, gerade den Platz von welchem der Panther abgeſprungen, und ſo wenig ſie ſonſt geneigt geweſen wären, das Waſſer ſchnell 10⁵ anzunehmen, ſo bereitwillig folgten ſie jetzt ihrem ge⸗ wandten Vorgänger, als ſie die dunkele Geſtalt in dem Fluſſe bemerkten, die ſie, da ſie von dorther die Witte⸗ rung nicht bekommen konnten, für den verfolgten Feind hielten. Roberts Lage gehörte aber in dieſem Augen⸗ blick keineswegs zu den beneidenswerthen, denn hätten ihn die vor Eifer winſelnden Rüden, die mit aller Gewalt dem vermeintlichen Feinde zuſtrebten, noch im tiefen Waſſer erreicht, ſo würde ſich die Maſſe auf ihn gedrängt und ihn erſtickt haben, ehe er im Stande geweſen wäre, ſie von ihrem Irrthum zu überzeugen; ſo aber bemerkte er noch glücklicher Weiſe die Gefahr in der er ſchwebte, zei⸗ tig genug, ſchwamm, in der Linken immer noch feſt und ſicher die ſchwere Büchſe haltend, dem Ufer zu, und hatte kaum einen Ort erreicht, auf welchem er Grund fühlen konnte, als die Hunde ihn auch umgaben, und Poppy ſelbſt, der ſeinen Herrn nicht gleich erkannte, an ihn hin⸗ anfuhr. Der aber hob ſich ſchnell in die Höhe, ſtieß die nächſten mit dem Kolben von ſich und ſchrie die erſchrok⸗ ken zu ihm Aufſchauenden mit wilder Stimme an: „Zurück ihr Beſtien— ihr verdammten Köter ihr — zurück— du Poppy, du nichtsnutzige Canaille— willſt du deinen eigenen Herrn anbeißen? Zurück da, — / 106„ 4— Lrig ¹ Aun— ihr Schlingel— nehmt die rechte Fährte, und geht zum Teufel— du Poppy!“ Der letzte Ausruf galt aber wieder, obgleich unſchuldiger Weiſe dem eigenen Hund, der ſeinen Herrn jetzt erkannte, und freudig zu ihm hin⸗ anſchwimmen wollte, Roberts jedoch, der dem Frieden nicht ſo recht traute, that abwehrend einen Schritt zurück, trat in ein etwas tieferes Loch, und verſchwand noch ein⸗ mal, und zwar in demſelben Augenblick unter Waſſer, als Bahrens am Ufer erſchien und ſchnell die Büchſe hin⸗ aufriß, um den Panther, denn auch er glaubte nicht an⸗ ders, als daß er es mit dem verfolgten Raubthiere zu thun habe, eins aufzubrennen. Dießmal waren es aber die Hunde, die den Jäger vor der Kugel des Gefährten ſchützten, denn um nicht etwa einen von dieſen zu treffen, hielt Jener ſein Blei noch zurück, und erkannte bald dar⸗ auf zu ſeinem nicht geringen Erſtaunen den Freund, der die neue Gefahr nicht einmal ahnend, wieder feſten Boden erreicht hatte, und nun, das verſchluckte Waſſer ausſprudelnd, die Hunde fluchend auf die Fährte des Verwundeten brachte, wo die Meute kaum das friſche Blut witterte, als ſie mit wildem Toben dem Feinde nachſtürmte, und ihn nicht lange darauf, und noch im Thallande ſtellte. „Halloh, Roberts“— ſchrie Bahrens jetzt vom 107 Ufer aus,„was zum Henker macht Ihr denn da im Fourche la fave?“ „Ich krebſe,“ rief dieſer, noch ärgerlich über ſeine nichts weniger als behagliche Lage, indem er dem Waſſer entſtieg und an der ſchlüpfrigen Uferbank hinauf klet⸗ terte. Sein Spott ſollte aber zur Wahrheit werden, denn zweimal noch, ehe er die ſichere Höhe erreichen konnte, glitt er aus, und kam viel ſchneller, als er ſich hinaufge⸗ arbeitet hatte, wieder zurück, und zwar jedesmal, zu dem Ergötzen ſeines ſich vor Lachen die Seiten haltenden Freundes, bis über den Gürtel unter Waſſer. Endlich ſtegte jedoch ſeine Beharrlichkeit, er ergriff, oben ange⸗ langt, einen jungen Stamm, ſchwang ſich hinauf und verſchwand, ohne den Jubelnden weiter eines Blickes zu würdigen, im Dickicht. Dieſer eilte übrigens ebenfalls ſeinem Pferde zu, das er, als er die Hunde im Waſſer hörte, eine kurze Strecke zurückgelaſſen hatte, um ihnen ſchneller zu Hülfe eilen zu können, beſtieg es wieder, und galoppirte nach der weiter oben ſich befindenden Furth. Er kam jedoch zu ſpät auf dem Kampfplatz an, denn noch im Schilfbruch d'rin hörte er den ſcharfen Knall der Büchſe, und gleich darauf das Winſeln der unter dem Baum ſehnſüchtig harrenden Hunde. Noch aber hing der Panther oben, als er auf 108 den kleinen, offenen Fleck trat, auf welchem ſich jetzt die ganze Jagd concentrirt hatte. Die Krallen tief in den Aſt der Eiche eingeſchlagen, klammerte er ſich mit der letz⸗ ten Spannkraft ſeiner Sehnen an das ſchützende Holz; bald aber bewies ein, den freiſchwebenden Körper erſchüt⸗ terndes Zucken, den Todeskampf des Schwergetroffenen; ſeine Tatzen öffneten ſich und nieder ſtürzte er zwiſchen die wild aufjauchzende Meute, und zwar gerade auf einen der jungen Hounds, deſſen Rückgrat er im Falle brach, und der dann winſelnd und heulend vorzukriechen ſuchte unter dem ſchweren Körper. Im Anfang war es übrigens kaum möglich, das arme verkrüppelte Thier zwiſchen den, wüthend den ver⸗ endeten Panther zerzauſenden Hunden vorzuziehen, end⸗ lich aber gelang es den vereinten Kräften der Männer, und Cook, einer von deſſen Hounds es war, und der wohl einſah, daß es für das arme Geſchöpf doch keine Rettung weiter gab, hielt ihm die Mündung ſeiner Büchſe vor die Stirn, und machte mit der Kugel dem Leiden deſſelben ein Ende. „Das iſt nun ſchon der ſtebente Hund, den ich auf ſolche Art umkommen ſehe,“ ſagte Bahrens ärgerlich, indem er ſeinen Kolben vor ſich niederſtieß,„das dumme Viehzeug iſt aber nicht fortzubringen, wenn ſo eine Beſtie oben ſitzt; ehe ſie ſich's verſehn kommt ſie dann herunter, und ſchlägt mit den ſchweren, ungeſchickten Knochen ein paar zu Schanden. „Ein Bär, den ich im vorigen Jahre ſchoß,“ ſagte Roberts, vor Froſt mit den Zähnen klappernd,„ſchlug auf dieſe Art zweie todt, und brach einem dritten den lin⸗ ken Hinterlauf, ich mußte ihn auch abſtechen.“ „Hallo, Roberts,“ lachte Bahrens,„Ihr ſeht lie⸗ benswürdig aus, wir wollen lieber ein Feuer anmachen. Doch Cook, wo kommt Ihr denn her? ich habe Euch ja ſeit vierzehn Tagen, wo Ihr damals die nutzloſe Hetze hinter den falſchen Pferden her machtet, nicht wiederge⸗ ſehen. Habt Ihr die Beſtie geſchoſſen?“ „Ja,“ erwiederte Cook, der eben ſeine Büchſe wieder auswiſchte und lud,„ich war bei Harper drüben, und hörte die Hunde ſo in der Nähe, daß es mir nicht mög⸗ lich war, ruhig im Hauſe ſitzen zu bleiben.“ „Wir ſind wohl ganz in der Nähe von Harpers Haus?“ frug Roberts—„die Gegend hier kommt mir wenigſtens ſo bekannt vor; nicht wahr, es liegt gleich da drüben, hinter jenen Cypreſſen?“ 3 „Kaum fünfhundert Schritt von hier,“ erwiederte ihm Cook,„wir gehen am beſten gleich zum Hauſe, „ dort kann ſich Mr. Roberts trocknen, und da iſt's auch noch immer Zeit die Beſtie abzuſtreifen.“ „Ich wollte ich wüßte, wo mein Pferd wäre,“ meinte Roberts beſorgt,„wenn das nur nicht irgendwo mit dem Zügel im Buſche hängen bleibt; ich habe ihm zwar einen Knoten ineingemacht, und er kann nicht ſehr weit herunterhängen, es iſt aber doch möglich.“ „Habt keine Sorge,“ agte Bahrens,„da kommt Mullins, und bringt es mit ſich— wo war das Pferd, Mullins?“ „Es ſtand dort, wo der Panther wahrſcheinlich zum erſten Mal durch den Fluß ſetzte, und weidete, das Ufer mochte ihm zu ſteil ſein,“ rief Mullins, der in dieſem Augenblick mit dem Vermißten herbei kam;„aber halloh, iſt das ein ſtarker Burſche, von dem wundert's mich nicht, daß er das große Pferd umwerfen konnte.“ Es war auch allerdings ein außerordentlich großer Panther, dem ſie von Tagesanbruch an nachgehetzt, ehe ſie ihn zum Aufbäumen bringen konnten, und wahrſcheinlich hätte er ſich auch jetzt noch nicht ohne Noberts Kugel geſtellt, die ihn geſchmerzt und geſchwächt hatte. Er ſollte nun auf Cooks Pferd gehoben werden z obgleich Cook aber verſicherte, daß dies ſchon mehr als zehn Bä⸗ ren, und ohne das mindeſte Zeichen von Furcht zu ver⸗ V rathen, getragen habe, ſo war es doch unter keiner Be⸗ 4 dingung zu bewegen, den todten Panther auchenur in fünf Schritte an ſich hinan zu laſſen. Vergebens wiſch⸗ n ſie ihm das Blut des Erlegten an das Maul— es war. nicht das Blut, vor dem es ſich 8. ſcharfe, ihm fürchterliche Witteruns 8 mußten ſich zuletzt dazu ver und Stelle abzuſtreifen, und die Haut allein mitzuneh⸗ — men, die ſie ſelbſt dann noch mit genauer Noth auf den Rücken eines der Pferde brachten, das fortwährend ſcheu den Kopf zurückwarf, und durch alle nur erdenklichen Seitenſprünge der ihm unangenehmen Laſt ſich zu entzie⸗ hen ſuchte. — Bald erreichten ſie jedoch Harpers Wohnung, befe⸗ ſtigten dort ihre Thiere an den ſie umgebenden Büſchen, und traten ein. rw KA —————— Cap. VI. Harpers Wohnung.— Coo ks Bericht über die Verfolgung der Pferdediebe.— Harpers und Bahrens wunderbare Er⸗ zählungen. Dort ſah es freilich noch immer nicht 3 wohnlich wieder aus als damals, wie tig und ſtets in guter Laune, die gle wirthſchaft, ſo freundlich Harper noch ine Junggeſellen⸗ nur ſelten von Alapaha unterſtützt, Zwar hatte er ſich in der letzten Woche wieder ziemlich von ſeiner Krankheit erholt, die Schwäche aber, die ſtets eine unvermeidliche Folge des Fiebers bleibt, aus allen ſeinen Bewegungen leicht zu erkennen, das ſonſt ſo lebensfrohe, ge litz, hatte eine recht häßliche die Backenknochen ragten dar führte. war noch ja ſogar ſundkräftige und rothe Ant⸗ Aſchfarbe angenommen, und aus hervor, als ob ſie ſich, über ſolche Veränderung verwundert, im d ibriden Geſicht umſchauen wollten. 1 Die Nachbarn verließen ihn aber in der Zeit der Noth nicht; Jeder war ihm gut, und abwechſelnd wachten ſie mit Brown an ſeinem Bette lange er noch danieder liegen mußte, und bra damit zu, ihn zu zerſtreuen und auf,* Bahrens beſonders hatte eine eigene uneigung zu ihm gefaßt, und war ein häufiger und gern geſehener Gaſt in der Hütte der beiden Männer geworden. Auf dem rauh aufgeſchlagenen Bettgeſtell, auf ſeiner, mit ſpaniſchem Moos geſtopften Matratze, lehnte Harper; doch die ſonſt ſo rothen Wangen waren blaß und einge⸗ fallen, ſeine früheren lebhaften Bewegungen hatten der merklichen Fieberſchwäche Platz gemacht, und nur die Augen, wenn auch noch immer nicht in dem alten Feuer erglühend, glänzten beim Anblick der lieben Gäſte in faſt gewohnter Fröhlichkeit, und herzlich grüßend ſtreckte er den Eintretenden, beſonders Roberts und Bahrens, die ebenfalls etwas abgemagerte, bleiche Hand entgegen. „Willkommen Ihr Alle, willkommen, Roberts— Ihr ſeid mir ein ſchöner Patron; alſo wilde Beſtien ſind nöthig, um Euch einmal zu mir zu bringen; wahrlich nicht übel, doch Gott ſeegne mich, wie ſeht Ihr denn II. 8 pfeift hindurch.“ 114 A aus, Ihr ſeid ja wie aus dem Waſſer gezogen. Heh, Bill, gieb doch Roberts andere Kleider, der kann ja den Tod davon uun „Danke) danke,“ ſagte dieſer, als der junge Mann ihm einen n beim Aus⸗ und Ankl den behülflich war,„danke ſchön; — Vu e 0. 1 nit Euch habe ich ein beſonderes Hühnchen zu pfflcken: meine Alte iſt ſchön bös auf Euch, daß Ihr Euch gar nicht mehr ſehen laßt. Noch ſeit der Panthergeſchichte her, wo Ihr auf ſo eine Beſtie ſchoſ⸗ ſet, als Marion mit Euch war, die auch ziemlich trockenen Anzug brachte, und ihm gut getroffen ſein mußte, denn wie ich höre, hat ihn Cooks älteſter Junge zwei Tage d'rauf gefunden, das Gerippe wenigſtens, und einen Theil der Haut, ſonſt waren die Aasgeier”“— Brown hätte ihn ruhig fortreden laſſen, Cook faßte ihn aber an einem Arm, und rief: „Hallo da— jetzt geht die Reiſe wieder fort, ge⸗ rade öſtlich, wie die Poſt— ſo— da ſetzt Euch zum Feuer, und Ihr Harper, kommt ebenfalls lieber näher zum Kamin, denn wenn wir auch die Spalten ziemlich verſtopft haben, ſo iſt doch noch immer Luft genug, und Ihr könntet Euch wieder erkälten; der verdammte Wind — 1K 1 11⁵ „Habt Ihr wohl ein Waſchbecken hier?“ frug Ro⸗ berts,„beim Herausklettern aus dem Fluß bin ich mit den Händen ſo verdammt tief in den Schlamm ge⸗ fahren“— „Ach Cook, ſeid ſo gut, gebt ihm einmal das eiſerne Aufwaſchgeſchirr dort— das ohne Griff— Ihr wißt ja ſchon.“ „Ob ich's weiß, te der junge Farmer, indem er mit einem langſtieligen Flaſchenkürbis das Waſſer aus dem vor der Thür der Hütte ſtehenden Eimer in das verlangte Gefäß ſchüttelte,—„natürlich kenn' ich Euer Geſchirr hier, vielleicht beſſer jetzt, als Ihr ſelbſt; man bedarf auch keiner langen Zeit, um damit bekannt zu werden.“ „Kein Handtuch?“ frug Roberts. „Nun, Ihr werdet doch wohl ein Taſchentuch bei Euch haben?“ ſagte Cook. „Ja— aber es iſt Alles naß geworden?“ „Ach ſo, na dann nehmt mein's hier“— „Die Jagd müßt Ihr mir erzählen,“ rief Harper— „das iſt ein merkwürdig großes Pantherfell— wollt Ihr's nicht aufſpannen, Cook? draußen vor der Thür liegen ja wohl noch Schilfſtäbe— hängt's nur an den kleinen Ahornbaum hier rechts— aber hoch— die ver⸗ 8* wetterten Hunde haben mir das letzte Hirſchfell, das ich ſo ſauer verdienen mußte, auch heruntergeriſſen und ge⸗ freſſen— die Beſtien.“ Roberts mußte jetzt erzählen wie es ihm gegangen, und Cook ſpannte indeſſen das Fell auf und brachte es in Sicherheit, hatte aber dabei vollauf zu thun, den Er⸗ zähler an allen möglichen Aſgrüngen und mehrmaligem Durchgehen zu verhindern.„“ 4 „Sagt einmal, Roberts,“ rief er endlich als dieſer geendet hatte,„habt Ihr denn das damals auch ſo ge⸗ macht, als Ihr um Cuere jetzige Frau freitet— Pol mich dieſer und jener, wenn ich da an ihress Stelle⸗ Pich die Geduld verloren hätte.“ „Das jetzt bei Seite, Cook,“ſagte Rben es n heute das erſte Mal, daß ich Euch oder überhaupt Einen von denen wieder ſehe, die vor vierzehn Tagen auf den falſchen Fährten hinter den Pferdedieben herhetzten, wie war denn die Sache eigentlich?“ „Ja, das hat er mir auch noch nicht erzählt,“ rief Harper,„und iſt doch alle Tage ein paar Stunden hier“— 6. „Ihr waret krank,“ erwiederte Cook,„was ſollt' ich Euch da mit der langweiligen Geſchichte quälen; nun die Sache it ſehr einfach. Wir fanden die Spuren die 4 117 durch den Fluß gingen, und folgten, weil wir ſie natür⸗ lich für die rechten hielten, und nirgends andere gekreutzt hatten, Husfield auch noch, ehe wir in den Fluß hinun⸗ territten, behauptete, wie ich ſelbſt gehört habe, daß er darauf ſchwören wolle, es ſeien ſeine eigenen Pferde. Er muß ſich aber doch wohl geirrt haben. Am anderen Ufer ſuchten wir nicht lange, warfen die Fackeln fort, und ſprengten nun, was unſere, freilich ſchon etwas müden Klepper rennen konnten, hinter den vermeintlichen Die⸗ ben her. „In der Nacht hielten wir nur einmal an, um un⸗ ſere Pferde raſten zu laſſen, und ſelber etwas zu genießen, hörten auch hier, daß ein Mann mit Pferden vorbeige⸗ kommen, und ziemlich ſcharf geritten ſei, doch hatte der Farmer natürlich blos das Klappern der Hufeiſen ver⸗ nommen, und die Thiere ſelbſt nicht geſehen, verſicherte uns aber, wir würden ihn bald einholen, falls das un⸗ ſere Abſicht ſei, denn er wäre vor kaum einer halben Stunde dort vorbeipaſſirt.„Meine armen Pferde,“ ſtöhnte damals Husfield,„wie ſie der Hund nun ab⸗ hetzen wird— aber gnade ihm Gott, wenn ich ihn er⸗ reiche— hier an dem Strick“— er trug den Strick bei ſich,„ſoll er ſeine ſchwarze Seele ansſtrane ln. 42 hatte gut Rache ſchwören; bei Tagesanbruch e 7 wir 3 als wir mit verhängten Zügeln auf den breiten Spuren einen leiſen Abhang hinab galoppirten, plötzlich an den„ * Mann mit den Pferden, der ruhig unter einem Baum ſaß, und, als er unſere Annäherung bemerkte, keineswegs die geringſte Bewegung zur Flucht machte. Ich ſah Husfield verwundert an, der aber ſtarrte mit aufgeriſſenen Augen nach den Pferden hinüber, und ſchrie endlich, in⸗ dem er ſeinem eigenen Thier in die Zügel riß—„Höll und Teufel, das ſind nicht die meinigen!“ Er hatte ganz recht, es waren ein paar Schimmel dabei, die Nie⸗ mand von uns kannte, und der Fremde ritt ſein eigenes Pferd, und war kein Anderer, als der Burſche Johnſon, der ſich ſeit einiger Zeit am Fourche la fave herumtreibt, und, ſo viel ich weiß, von der Jagd lebt.“ 1 „Husfield war wüthend, noch dazu da er, wie er mir ſpäter geſtand, einen beſonderen Grimm auf den liederlichen Geſellen hatte, dem er das Schlimmſte zu⸗ traute, es ließ ſich aber in dieſer Sache gar Nichts thun. Wir ritten zu den Pferden hin, Johnſon gab uns jedoch ſehr kurze Antworten, und erwiederte auf eine Frage, was er mit den Pferden anzugeben gedenke,„er könne doch hoffentlich mit ſeinen eigenen Thieren thun was er wolle.. Husfield knirſchte vor Wuth mit den Zähnen, und . ob ich gleich verſuchte, ihn im Guten wieder zurück zu bringen, ſo war er doch zu aufgeregt, und es dauerte nicht lange, ſo ſtanden ſich die beiden Männer im feind⸗ lichſten Wortwechſel gegenüber, wobei Johnſon zwar ſehr kaltblütig und ruhig blieb, jedoch die rechte Hand fortwährend unter der Weſte verborgen hielt, wo er natürlicher Weiſe ſeine Piſtolen und Meſſer ſtecken hatte. Husfield ſchwor zuletzt die fürchterlichſten Eide, er wolle ihn lynchen, ſobald er ihn einmal auf ſeinem eige⸗ nen Lande fände, und Johnſon lachte dazu und erwie⸗ derte, er würde ſich nächſtens einmal das Vergnügen machen und ihn beſuchen. Endlich bracht' ich ſie aus⸗ einander, vergebens war es aber jetzt, irgend eine weitere Spur zu finden, der nächtliche Regen hatte Alles ver⸗ waſchen, und wir mußten die Verfolgung aufgeben. Husfield behauptete nun ſteif und feſt, die Thiere ſeien noch in der Anſiedlung, und wir ſuchten jeden Winkel der Niederung aus, in den nur ein Pferd möglicher Weiſe eindringen konnte, doch umſonſt, ſie ſind fort, obgleich das wie? mir ſelbſt ein Räthſel iſt.“ „Auch wohl das wohin?“ ſagte Bahrens. „Nun das weniger, doch wahrſcheinlich nach Texas. Ich muß nur ſelbſt einmal nach Teras gehen,um das Volk dort kennen zu lernen; wenn man⸗ auch keine — — 120 bekannten Menſchen da finden ſollte, bekannte Pferde trifft man ſicherlich.“ „Es war ja auch an jenem Abend, an welchem die Indianerin ermordet wurde, nicht wahr? habt Ihr denn gar Nichts davon gehört?“ frug Roberts—„Ihr müßt dicht an der Stelle vorbeigekommen ſein.“ „Ich glaube— ja, mir iſt es wenigſtens ſo, als ob Jemand erwähnt hätte, er höre einen Schrei. Das war gerade, als wir an die Furth kamen, und es wird wahrſcheinlich das arme Weib geweſen ſein; die Ent⸗ fernung zwiſchen der Hütte und Straße iſt gar nicht ſo bedeutend. Wißt Ihr denn nicht, wo der Indianer jetzt iſt, Brown?“ „Nein,“ erwiederte dieſer,„vier Tage nach dem Begräbniß ſeiner Squaw, in welcher Zeit er ein kleines Feuer am Grabe unterhalten, und fortwährend friſche Speiſen daneben geſtellt hatte, verließ er die Gegend, hat ſich wenigſtens nicht wieder bei uns ſehen laſſen; doch erwarte ich ihn mit jedem Tage zurück, denn daß er das Land verlaſſen habe vor der Erfüllung ſeines Racheſchwures, glaub' ich nun und nimmermehr.“ „Wo mag er ſich aber nur herumtreiben?“ „Sorgt für den nicht,“ ſagte Bahrens—„der kriecht umher und ſpionirt, wer weiß wie bald er wieder 121 da iſt, und irgendwo ein Neſt aufgefunden hat. Ihr Regulatoren könntet Euch kein beſſeres Mitglied wün⸗ ſchen, als eben den Indianer.“ „Iſt es wahr, Brown, daß ſie Euch zum Anführer an Heatheott's Stelle gewählt haben?“ frug Roberts. „Husfield und mich,“ erwiederte der junge Mann, „ihn am Petite Jeanne, mich am Fourche la fave; doch werde ich meine Stelle niederlegen, ſobald mein Schwur erfüllt iſt, und die Mörder des jungen Heatheott wie die der Indianerin entdeckt und beſtraft ſind. Wie ich aber höre, ſo ſoll Mr. Rowſon ſehr eifrig gegen die Verbin⸗ dung der Regulatoren, als etwas nicht allein Ungeſetz⸗ liches, ſondern auch Unchriſtliches predigen.“ „Er iſt ſeit acht Tagen verreiſt,“ ſagte Roberts, „wie ich höre an den Miſſiſſippi, um dort verſchiedene Einkäufe, ich glaube in Memphis, zu machen, muß aber in dieſer Woche wieder eintreſſen; was ich überhaupt noch, da Atkins, der ebenfalls ſein Land verkaufen will, was ganz guter Boden iſt, wenn er nicht ſo viel Sumpf⸗ land—“ „Atkins will ausverkaufen?“ frug Mullins,„da⸗ von weiß ich ja noch keine Sylbe; hat er denn ſchon einen Käufer?“ „Rowſon ſchien das Land zu gefallen,“ ſagte Ro⸗ 122 berts,„und ich habe Nichts dagegen, dann kommt Ma⸗ rion wenigſtens nicht ſo weit fort, und wenn ſie einmal Sonntags, wo wir das neue Bethaus am Wege nach der Lefthandfork bauen wollen, denn die Stämme ſind ſchon ſeit Weihnachten dazu gehauen, und ich ſollte ſie zuſammen—“ „Gentlemen, rückt Euere Sitze hier zum Tiſch, und nehmt vorlieb mit dem, was wir haben,“ rief Brown jetzt dazwiſchen, der indeſſen mit Cooks Hülfe das ein⸗ fache Mahl bereitet. „Wie wär's, wenn wir ein Stück Pantherfleiſch koſteten,“ lachte Roberts. „Danke ſchön,“ ſagte Bahrens,„danke, das hab⸗ ich einmal verſucht, und der Ekel hat mich nachher ſter⸗ benskrank gemacht.“ „Wo denn?“ rief Harper, der eben ſeine Taſſe Thee zum Munde führen wollte, und nun erwartungs⸗ voll inne hielt. „Wo denn? nun im Wald draußen, wo denn an⸗ ders,“ erwiederte Bahrens—„es war am Washita, und wir hatten den ganzen Tag gejagt, bis Abends ſpät, wo ich ohne eine Klaue, an dem verabredeten—“ Roberts, indem er Harper von der Seite zublinzte. „Ihr hattet Euch wohl den Fuß vertreten?“ ſagte 123 „O geht zum Teufel,“ fuhr jener ärgerlich in ſeiner Erzählung fort,„zu dem verabredeten Lagerplatz zurück kam. Da gings aber hoch her, eine Maſſe Knochen lagen am Feuer, und dicht daneben, über den kurz abgehauenen Zweig eines niederen wilden Pflaumenbäumchens, hing ein abgeſtreiftes, und wie die Anderen ſagten, junges Hirſchkalb, das delikat ſchmecken ſollte; die Füße, der Kopf, Schwanz und eine der Keulen fehlten übrigens, und als ich danach frug, ſagten ſie, ſie hätten die Keule gegeſſen, und das Uebrige den Hunden gefüttert. Ich alſo nicht faul über das Fleiſch her, ſchnitt mir ein tüch⸗ tiges Stück herunter, und briet und verzehrte es ganz allein, da die Schufte ſatt zu ſein behaupteten. „Wie ich im beſten Eſſen war, kommt mein Hund, der ebenfalls hungrig, überall umhergeſchnüffelt hatte, und bringt etwas im Maule angeſchleppt bis dicht zu mir hin, als ob er ſagen wollte:„Du, ſieh einmal nach was ſie hier geſchoſſen haben“, und was war es? der Kopf eines jungen Panthers. Der Biſſen blieb mir im Halſe ſtecken, und ich ſchaute erſchrocken zu den grinſenden Schuften auf, die um mich herum ſaßen. Wie die aber jetzt nicht mehr an ſich halten konnten, und in ein ſchal⸗ lendes Gelächter ausbrachen, da wurd' ich falſch, und beſchloß nun ſie glauben zu machen, daß Pantherfleiſch 8 a ein Lieblingsgericht von mir wäre. Ich würgte den Biſſen hinunter, der unterwegs ſtak und nicht weiter wollte, ſchnitt mir ein anderes Stück ab, und frug ſie mit der unbefangenſten Miene von der Welt, warum mmir nicht gleich geſagt hätten, das wäre Pantherfleiſch, da hätt es mir noch einmal ſo gut geſchmeckt— im Te⸗ neſſee hätt' ich einmal einen ganzen Monat von Nichts als Pantherfleiſch gelebt, und nur manchmal Sonntags eine wilde Katze gegeſſen.“ „Die Mäuler blieben ihnen indeſſen vor r Verwun⸗ 3 derung ofſen ſtehen, und Einer, ein junger Burſche von ſiebenzehn Jahren, der mir gerade gegenüberſaß und zuſah, ſchnitt, da es ihn wahrſcheinlich ekeln mochte, die ſchauderhafteſten Geſichter, und kaute in Gedanken immer mit. Der Biſſen aber, den ich im Munde hatte, wollte nicht herunter; jemehr ich ihn mit den Zähnen bearbei⸗ tete, deſto mehr ſchwoll er an;— ich zwang mich noch eine Weile, endlich konnt' ich's jedoch nicht länger aushalten, ſprang auf und— na das Andere braucht Ihr jetzt nicht zu wiſſen.— Hört Brown, der Truthahn iſt delikat— habt Ihr viele dieß Frühjahr geſchoſſen?“ „s geht an,“ ſagte der junge Mann, noch immer über die ebengehörte Anekdote lächelnd,„ſie ſind dieſes 8 Jahr übrigens ſehr fett und ſchmecken ausgezeichnet.“ 8 ¼ 4 „Habt Ihr ſchon einmal Klapperſchlangen gegeſſen?“ frug⸗Mutlints.— a 2ſ, 4 r „Nein, danke,“ ſagte Harper! den der Thee etwas aufgeregt hatte, und der ſich heute, ſeit langer Zeit zum erſten Mal wieder wohl und leicht fühlte—„danke ſchön— gut ausſehendes Fleiſch haben die Beſtien, ſo zart wie Hühnerfleiſch, aber ſie riechen ſo fatal. ⁷ „Nur der Körper,“ warf Mullins ein,„der Schwanz iſt eine Delicateſſe.“ 7 41 „Schadet denn das Gift nihhts,, frug Bahrens erſtaunt. „Nicht, wenn Ihr's verſchluckt, ſagte Brown,„über⸗ dieß ſitzt doch auch im Fleiſche kein Gift,“ der Geruch iſt nur fatal, ſonſt iſt es unſchädlich, und ich kenne Einen, der von der„gehörnten Schlange,“ die doch, wie Ihr wißt, die giftigſte ſein ſoll, ein tüchtiges Stück gegeſſen hat, ohne daß es ihm das Mindeſte geſchadet hätte./ At,„ ſ „Ob die giftig iſt,“ rief Harper,„ich ſah einſt ſo eine Hornſchlange an einer großen Eiche auf und ab ſpielen, und wollte ſie eben ſchießen, als ſie herumfuhr und voller Wuth in einen der kleinen Schößlinge biß, die im Frühjahr hie und da am Stamme unten aus⸗ 9₰ 3 123I— 8* wachſen; gleich darauf hielt ſie ſich einen Augenblick ruhig, und ich ſchnitt ihr mit der Kugel den Kopf weg. Die Eiche ſtarb aber noch in demſelben Monat ab, der kleine Aſt, wo ſie hineingebiſſen hatte, wurde ganz ſchwarz, und ſogar die Schlingpflanzen, die aan hin⸗ aufrankten, welkten und fielen ab.“ „Das iſt noch gar Nichts,“ ſagte Bahrens, ſih nach Harper herumwendend.„Ihr wißt, was für eine Gegend Poinſett Counth iſt, und das ganz beſonders in Hinſicht giftiger Schlangen. Es können in den Miſſiſſippi⸗Niederungen kaum mehr ſein. Unter denen findet ſich auch manchmal, wenn gleich glücklicher Weiſe nur ſelten, die„Hornſchlange.“— Vor zwei Jahren war dorthin ein Deutſcher mit ſeiner Familie gezogen (etzt iſt er freilich wieder fort, das heißt, er ſtarb, und ſeine Familie konnte das Klima nicht vertragen), und damals, als er gerade ankam, lebte ein Verwandter oder Bekannter, oder was weiß ich, bei ihm, der die gröbſte Arbeit im Haus verrichten ſollte. In der Woche hatte der aber immer das Fieber, und wundermerkwürdig ſah er aus, wenn er Sonntags ſo recht ordentlich herausge⸗ geputzt, in's Freie kam. Dann trug er eine hellgelb und roth geſtreifte Weſte— einen fürchterlichen Filz⸗ hut, kurze ſchwarze und ganz eng anliegende Beinkleider 8 127 (ſeinen Beinen wären etwas weitere keineswegs ſchädlich geweſen) und einen blauen Tuchrock bis auf die—“ „Aber was geht uns denn ſein Rock an,“ ſagte Harper, ungeduldig werdend.— „Mehr als ihr denkt,“ nickte Bahrens bedeutend mit dem Kopfe, und fuhr dann, ohne ſich weiter irre machen zu laſſen fort—„bis auf die Knöchel hinunter, mit ſehr ſchmalem Kragen und ſehr großen weißleinenen Rocktaſchen, die immer offen ſtanden, und in die ihm die liebe Jugend häufig zerquetſchte Pfirſiche und Stück⸗ chen Waſſermelonen und dergleichen andere Vegetabilien hineinſchob. Eine beſondere Zierde daran waren noch die ſehr großen meſſingnen Knöpfe.“ „Aber was gehen uns die Knöpfe an?“— rief Harper wieder. „Viel— ſehr viel,“ nickte Bahrens bedeutungsvoll —„doch hört. Dieſer junge Mann alſo geht eines Sonntags, eine große ſchwarzeingebundene Bibel unter dem Arm, nach einem Nachbar hinüber, wo eine dieſer unausweichbaren Betverſammlungen ſein ſollte; als er dicht neben dem ſchmalen Fußpfad dem er folgte, einen der kleinen grünen Peroquets oder Papageien findet, der eben erſt vom Zweige gefallen zu ſein ſchien. Er bückt ſich, und will ihn aufheben, hat aber unglücklicher à 3 2 — Weiſe die„Hornſchlange“ nicht geſehen, deren Beute er ſich ſo unbeſonnen zueignen wollte, und die jetzt unter dem gelben Laub, wo ſie verborgen gelegen hatte, vor⸗ ſchoß, und den Unglücklichen gerade unter dem Ellbogen, durch den Rock hindurch, in den Arm biß.“ „Natürlich ſtarb er ſchon nach wenigen Minuten, und ſein Verwandter, der mit ſeiner Frau hinterherkam, fand ihn todt auf dem Wege. Zwar holte er gleich Hülfe, es war aber zu ſpät, ſie trugen ihn auf einer ſchnell gemachten Bahre zu Haus, zogen ihm dort den Rock aus, und fanden bald die kleine, aber ſchon ganz ſchwarz gewordene Wunde. Todte laſſen ſich nicht mehr erwecken, alſo wurde der arme Teufel noch an demſelben Abend, denn es war ſehr warm, in einem ſchnell zuſam⸗ mengezimmerten Sarge beigeſetzt, und der blaue Rock blieb neben der Thüre an einem Nagel hängen.“ „Was geſchah aber mit dem von der Schlange ge⸗ biſſenen Rock? Als die Deutſchen am nächſten Morgen aufſtanden, hatte der Aermel, in dem das Gift ſaß, lauter helle Streifen bekommen, gegen Mittag wurden die Näthe ganz hellblau und einzelne Theile trennten ſich auf, der rechte Aermel dagegen bekam eine ſchöne, ſchwarze Farbe mit einem etwas röthlichen Schein; Nachmittags gingen ihm die Knöpfe aus und fielen einzeln, in . u 4ℳ — —— 129 ſchaurigen Zwiſchenräumen auf die Erde, die Knopf⸗ löcher riſſen aus, die Taſchen und das Unterfutter ſchwoll an, und gegen Abend riß der, Henkel, er ſiel herunter ₰„ 7 4 und— fing an zu riechen.“ henn M 55 ſing an zu ricchen.“ Dp 749 — ³ „Aber Bahrens,“ ſchrie Harper entſetzt.— 6 „Fing an zu riechen, ſage ich— ſie mußten ihn hinausſchaffen und einſcharren,“ fuhr Bahrens, ohne ſich irre machen zu laſſen fort. „Ne nu hört Alles auf,“ rief Harper, die Taſſe niederſetzend und aufſpringend:„der Rock“— — nkrepirte förmlich,“ agte der alte Jäger in höchſter Gemüthsruhe, indem er ein Stück Taback aus der Taſche nahm und mit dem Tiſchmeſſer ein großes Stück davon herunter ſchritt, das er dann wohlbedächtig in den Mund ſchob. „Kinder wir müſſen wirklich zu Hauſe,“ mahnte jetzt Roberts, als der Jubel ein wenig nachgelaſſen hatte, wobei Bahrens, ſcheinbar ſich darüber beleidigt fühlend, daß man ſeinen Worten nicht beſſeren Glauben ſchenke, höchſt ſteif und ernſthaft auf ſeinem abgeſägten Baum⸗ block, der die Stelle eines Stuhles vertrat, ſitzen blieb und mit den Fingern auf dem hölzernen Tiſchtuſch trom⸗ melte—„ich wenigſtens,“ fuhr er fort, als er ſah, daß ſich nur Mullins bereit zeigte, ihn zu begleiten, II. 9 130 „meine Alte brummt ſonſt; überdieß ſollte Rowſon heute Abend dort eintreffen, und noch Mehreres, ſeine baldige Heirath betreffend, in Richtigkeit gebracht werden. Ihr thätet mir wohl nicht den Gefallen mit zu reiten, Brown? es wird Manches dabei zu ſchreiben geben, und wenn ich auch in meiner Jugend, wo wir die Woche fünfmal Schreibeſtunde hatten, wofür der Lehrer—4ℳ lla⸗ „Es iſt mir heute wirklich nicht möglich, beſter Herr Roberts,“ ſagte Brown etwas verlegen,„ohnedem wollen ſich die Regulatoren vom Fourche la fave morgen bei Bowitt verſammeln.“— „Ich glaubte die Verſammlungen wären bei Smith?“. „Den hat Mr. Rowſon ſo lange überredet, daß eine ſolche Geſellſchaft ſündhaft ſei,“ lächelte Brown, „bis er ausgetreten iſt; das ſchadet aber Nichts, Bowitt wohnt nicht weit von ihm, an einer Stelle, zu der wir Alle faſt gleich weit entfernt leben, und iſt dabei ſelbſt ein eifriger Verfechter unſerer Sache.“ „Ueber Heatheotts Mörder hat man alſo noch gar Nichts Näheres erfahren können?“ „Nicht das Mindeſte— Sie wiſſen, daß gleich nach der That auf mir der faſt alleinige Verdacht ruhte, ich ſollte ſogar einige Tage nach Alapahas Ermordung verhaftet werden, doch unterblieb es, da Beweiſe fehlten, 8 131 und ich noch überdieß mit Hoswell, der mich an jenem Morgen eine Strecke begleitet hatte, beweiſen konnte, ich habe keineswegs Stiefeln, ſondern Moccaſins ge⸗ tragen; obgleich ich ſolche Stiefel wie jene Fährten ge⸗ macht hatten, bei mir in der Satteltaſche führte. Damit hörte aber auch aller Verdacht auf, denn das einzige, dem ähnliche Schuhwerk in der ganzen Nachbarſchaft, 0 trägt Mr. Rowſon, und Niemand hätte wohl, den an⸗ zuklagen, unternehmen mögen.“ Roberts ſah beſtürzt zu ihm auf—„doch,“ ſagte er dann halbleiſe vor ſich hin—„der Todte hätte das unternommen— er konnte den ruhigen Prediger nie leiden—“ oA. 7 6 1„Unglücklicher Weiſe hat es dieſes ganze Frühjahr faſt jeden Morgen etwas geregnet,“ fuhr Brown fort— „und da wurden auch jene Spuren verwaſchen. Das kleine Meſſer, was wir bei der Leiche fanden, kannte ebenfalls Niemand.“— „Ein Federmeſſer,“ murmelte Roberts vor ſich hin. *„ Uebrigens haben wir noch nicht alle Hoffnung auf⸗ gegeben; wir ſind, obgleich wir dieſe Zeit unthätig ſchienen, thätig genug geweſen, und es wirft ſich jetzt Verdacht hie und da auf Leute, von denen ich es wenig⸗ ſtens, früher nie vermuthet hätte.“ 9* 3 n — 132 „Was iſt denn aus dem Mann geworden, auf deſ⸗ ſen Fährte die Verfolger kamen?“ „Johnſon?“ ſagte Cook,„der ſoll wieder hier ge⸗ ſehen ſein, ob aber zum Aufenthalt oder nur zur Durch⸗ reiſe, weiß ich nicht.“ 3 „Hört Brown, Ihr könnt mir wenigſtens einen Ge⸗ fallen thun, wenn Ihr in die Anſiedlung hinaufreitet?“ ſagte Roberts,„wann brecht Ihr auf?“ „In einer halben Stunde etwa; ich hatte im Sinne, bei Wilſon zu übernachten.“ „O ſchön! dann kommt Ihr überdieß Morgen früh an Atkins' Wohnung vorüber, und da wär' es mir lieb, wenn Ihr ihn bätet, den nächſten Montag zu Hauſe zu bleiben, weil ich dann mit Rowſon hinüberreiten und die Farm in Augenſchein nehmen will;— kann ich mich darauf verlaſſen?“ Brown gab ihm ſein Wort, es nicht zu vergeſſen, Roberts zog dann ſeine jetzt getrockneten Kleider wieder an, und verließ bald darauf mit Mullins die Hütte, um heim zu reiten. —— Jdeses fatete 47 24/ 25 h, e afeernse, 2,/,)/ 4.* DprM V V un 7 Cap. VII. Rowſon bei Roberts.— Die Einwilligung zur Hochzeit.— Aſſowaum. Faſt drei Wochen waren ſeit jenem Abend, an wel⸗ chem Brown von Marion Abſchied genommen, verfloſſen. Er hatte ſich aber damals geſchworen, ſte nie wieder aufzuſuchen— und ſeinen Schwur treu und feſtgehal⸗ ten; was er aber in jener Zeit gelitten, wie er mit ſich gerungen, wußte nur er, und ſein Antlitz war bleich ge⸗ worden, ſeine Augen hatten den Glanz, das frühere Leben verloren. Nichts würde ihn auch vermocht haben, länger in einer Gegend zu weilen, wo er nur zu bald ſelbſt Zeuge ſein mußte, wie ein Weſen geopfert wurde, an deſſen Seite er einen Himmel hätte finden können; ehe er aber ging, wollte er wenigſtens in den Augen 134 der Welt ſeinen guten Namen hergeſtellt wiſſen, daß kein Makel auf ihm haftete, keine giftige Zunge mit ver⸗ läumderiſcher Nachrede ihn beflecken konnte. Marion hielt ihn eines ſolchen Verbrechens nicht für fähig, davon war er überzeugt, aber auch ſeine Freunde in Arkanſas ſoll⸗ ten das nicht, und ſo beliebt er bei ihnen ſein mochte, ſo war doch die Mehrzahl, beſonders hinſtchtlich des Mordes, den ſie für ganz gerechtfertigt und gerecht hielten, ſo voll⸗ kommen damit einverſtanden, daß er der Thäter, und zwar mit vollem Rechte ſei, daß ſie nur bei Erwähnung des Geldes mit den Achſeln zuckten, und meinten,„es hätte dem Todten auch weiter keinen Nutzen bringen kön⸗ nen, wenn er das gute Geld mit in den Strom ge⸗ nommen. Der Thäter mußte entdeckt und beſtraft, die India⸗ nerin gerächt ſein, dann wollte er ein Land verlaſſen, in dem doch für ihn fortan nur Kummer und Schmerz blü⸗ hen konnte. Und was empfand Marion indeſſen für den Freund, den ſie ſo nah, und doch wieder ach ſo fern wußte? Das Herz des Weibes iſt ſtark, und gewaltige Leiden müſſen es ſein, die es brechen; Marion aber fühlte, daß ſte ihre Pflicht that, und in dem Gedanken fand ſie Beruhigung für den, ſonſt ſicher zu herben, vernichtenden Gram. 4 4 1 Rowſon hatte ihr Wort; zwar kannte ſie damals, als ſie es gab, den Mann noch nicht, bei deſſen erſtem An⸗ blick ſte empfinden mußte, was Liebe eigentlich ſei, aber es war gegeben, freiwillig, ohne Zwang und Zureden— ſte durfte nicht zurücktreten. Und hätte ſie es auch vor Gott verantworten können das Herz des einen Mannes, und dieſer Eine ihr rechtmäßiger Bräutigam, zu brechen, um einen Andern glücklich zu machen? hatte ihr nicht Royſon, mit ſeiner weichen, klangvollen Stimme, erſt noch neulich geſagt, wie er nur in ihr ſeine irdiſche See⸗ ligkeit finden könne, wie ihm ihr Antlitz das ſei, was der Pflanze Luft und Sonnenſchein, daß ihre Nähe ſchon eine ſtille, fromme Gluth durch ſeine ganze Seele gieße und er verzweifeln müßte, wenn ſie ſich je von ihm wen⸗ den würde?. Ach das arme Mädchen benetzte in jener Nacht ihr Kiſſen mit heißen, heißen Thränen— kein Menſch ſah ſie, aber im brünſtigen Gebet kam ihr Troſt und Beru⸗ higung in das gequälte, bangende Herz, und der andere Morgen fand ſie ſtark und gefaßt. Rowſon hatte da⸗ mals in ihrer Wohnung übernachtet, nnd am nächſten Tage erklärte ſie ihrer Mutter, nicht mit Thränen und Schluchzen, ſondern mit feſter, wenn auch etwas zittern⸗ der Stimme, ſie ſei bereit ſich mit dem Manne, der ihr 136 von ihren Eltern beſtimmt wäre, ſobald es dieſe für gut finden ſollten, auf immer zu verbinden. Die Mutter ſchloß ſie entzückt an's Herz, und der Vater küßte ihr die Stirn und ſagte: „Nimm ihn, wenn Du glaubſt, mit ihm glücklich werden zu können; möge es Dir ſo gut gehen, als Du es verdienſt.“ ha Gar Rowſon reiſte damals auf kurze Zeit nach Mem⸗ phis, und wurde jetzt faſt in jeder Stunde zurücker⸗ wartet. Es war wieder ein Freitag, gerade vierzehn Tage nach jenem entſetzlichen Abend, an welchem die arme Indianerin dem feigen Mörder zum Opfer fiel; die Sonne ſtand noch über den maigrün ſchimmernden Wip⸗ feln der herrlichen Baumgruppen, die ſich an der Grenze des kleinen Feldes eng und dicht zuſammendrängten, als ob ſie jetzt feſt entſchloſſen ſeien, dem weiteren Vorrücken der tolldreiſten Menſchenfauſt kräftig und gemeinſam entgegentreten zu wollen. Recht ernſtlich reichten ſie ſich auch die ſtarken, gewaltigen Arme herüber und hinüber, und flochten mit den rankenden Schlingpflanzen die mäch⸗ tigen Netze, die ſie auf immer und ewig mit einander verbinden ſollten; dazu ſchüttelten ſie im leichten Süd⸗ wind altklug und ſchlau die buſchigen Häupter, und kecke H 44 ) 137 h Cichhörnchen trugen ſpielend und ſcherzend die Botſchaf⸗ ten hin und her. Armer Wald— du wirſt der Art nicht widerſtehen, die ſich langſam aber ſicher in deine Reihen frißt; deine Stämme werden fallen, und ranken ſich dann auch in enger, liebender Umarmung Liane und Weinrebe feſt um dich her, und laſſen nicht ab von dem Geſtürzten, es iſt umſonſt, ſie können mit ihm ſterben, aber ihn nicht retten. Vor und in dem Farmhauſe des alten Roberts herrſchte indeſſen ein reges, freudiges Leben; die holde Jungfrau ſtand, mit einem kleinen Korb am Arm, unter einer flatternden und gackelnden Schaar von Hühnern, Enten und Gänſen, und ſtreute weit hinaus in dem rein⸗ lichen Hof die goldenen Maiskörner, während draußen an der niedern Fenz, ein ganzes Rudel grunzender und tobender Ferkel auf und ab ſtürmten, und vergebens in wilder Haſt einen Eingang ſuchten, um an dem freigebi⸗ gen Mahle Theil nehmen zu können. Die Mutter ſaß dabei und ſchaute lächelnd dem lebendigen Treiben zu, als Marion plötzlich einen leiſen Schrei ausſtieß, und den leeren Korb, den ſie eben zum Hauſe zurücktragen wollte, fallen ließ. An der Fenz ſtand Rowſon, und winkte ihr mit freundlich lächelndem Antlitz einen Gruß herüber. Er — hatte ſeine Geſchäfte beendet, und war gekommen ſeine Braut heimzuführen. „Was iſt Dir?“ rief im erſten Moment erſchrocken die Matrone, bemerkte dann aber auch, zu gleicher Zeit den Blicken der Tochter folgend, den lang und ſehnſüchtig Erwarteten und ſagte— ihm freundlich die Hand ent⸗ gegenſtreckend:„Nun, das iſt ſchön Mr. Rowſon— ſehr ſchön von Ihnen, daß Sie endlich wieder da ſind, wir haben Sie recht ſehnſüchtig erwartet.“ „Marion auch?“ frug der Prieſter lächelnd, indem er über die niedere Fenz tretend, die Hand des erröthen⸗ den Mädchens ergriff und leiſe an ſeine Lippen preßte, „Marion auch?“ 1* „Ich freue mich recht, Sie geſund und wohl wieder zu ſehen,“ flüſterte die Jungfrau,„Sie wiſſen ja, daß Sie uns ſtets willkommen ſind.“ „In Ihrem Hauſe, aber auch in Ihrem Herzen, Marion?“ frug Rowſon dringend— das Mädchen zit⸗ terte und ſchwieg.„Marion,“ fuhr der Methodiſt nach kurzer Pauſe fort—„der Segen des Himmels iſt auf meinem jetzigen Zuge mit mir geweſen, ich bin wohlha⸗ bend genug um mir hier, in unſern beſcheidenen Verhält⸗ niſſen, eine Heimath gründen zu können; Marion, willſt * 8 139 Du mein ſein, willſt Du am nächſten Sonntag, am Tage des Herrn, mein Weib werden?“ „Ja,“ ſagte die Mutter gerührt, als ſie das bebende, keines Wortes mächtige Kind an ihre Bruſt zog—„ja, ehrwürdiger Herr— ſie hat es mir ſchon geſtanden, daß ſte Euch gut ſei, und das Uebrige findet ſich Alles, Ihr werdet ſie ſicherlich glücklich machen.“ „Was in meinen Kräften, in den Kraͤften eines ar⸗ men, ſündigen Menſchen ſteht,“ ſagte der Methodiſt, in⸗ dem er die Augen fromm zum Himmel emporhob,„werde ich thun; ich glaube auch gewiß, daß Marion davon über⸗ zeugt iſt; darf ich es wenigſtens hoffen?“ male. Das ſchöne Mädchen reichte ihm lautlos die Hand hinüber, die er nochmals an ſeine Lippen drückte, und ſchluchzte laut am Herzen der Mutter. „Hallo, Rowſon!“ ſagte der alte Roberts, der in dieſem Augenblick neben der Fenz erſchien,„Ihr habt richtig Wort gehalten; nun, wie ſtehn die Geſchäfte?“ „Vorzüglich, Mr. Roberts!“ erwiederte der Metho⸗ diſt freudig,„beſſer ſogar, als ich erwartet hatte, und ich komme nun, um Euch um Eueren Seegen zu der Ver⸗ bindung mit Euerer Tochter, und zwar auf nächſten Sonntag, zu bitten.“ „Wird das dem Mädchen aber nicht zu unerwartet 140 und ſchnell kommen?“ frug Roberts, indem er ſein Pferd dem Negerknaben übergab, und die Fenz überſteigend, zu ihnen hinantrat. „Sie iſt damit einverſtanden,“ ſagte die Mutter, „was brauchen wir auch hier im Wald große Vorberei⸗ tungen. Wie aber iſt's mit Ihrer Wohnung, Mr. Rowſon?“ „Ich wollte Sie Beide zu gleicher Zeit bitten,“ ſagte der Prediger,„dieſe, morgen Früh, wenn Sie mir ein paar Stündchen Zeit ſchenken könnten, in Augenſchein zu nehmen; ſie iſt zwar noch klein und beengt, ich werde aber wahrſcheinlich in dieſer Woche mit Atkins Handels einig werden, und deſſen Platz kaufen, nachher können wir uns ſchon beſſer rühren.“* „Wäre es denn aber gerade darum nicht beſſer,“ meinte Roberts,„Ihr wartetet noch mit der Heirath, bis das geſchehen iſt, es erſparte viele Umſtände beim Ausziehen, und— iſt auch dem Mädchen ſicherlich lieber, gleich in eine kleine Farm, als blos in eine Block⸗ hütte einzuziehen.“ „Das iſt allerdings nicht zu leugnen,“ erwiederte Rowſon,„dann aber iſt es noch unbeſtimmt, wann Atkins fortzieht, es können vier, ja vielleicht ſogar acht Wochen darüber hingehen und, beſter Mr. Roberts, 141 Sie werden es mir nicht verdenken können, wenn ich mich jetzt, nach Beſeitigung ſo vieler Hinderniſſe, ſehne, Marion die Meine zu nennen.“ „Nun in Gottes Namen,“ ſagte der alte Mann, „nehmt ſie hin und ſeid glücklich mit einander.“ ⸗ „Dank— herzlichen Dank,“ rief Rowſon, gerührt ſeine Hand ergreifend—„Marion ſoll nie bereuen, ihr künftiges Schickſal meiner Hand anvertraut zu ha⸗ ben; doch jetzt lebt wohl, Ihr lieben Eltern, erlaubt, daß ich Euch ſo nennen darf, und bald—“ annee „Aber wollen Sie denn nicht lieber heute Abend bei uns zubringen?“ ſagte Mrs. Roberts—„Sie ſind ſo lange fort geweſen, und es iſt eigentlich nicht halb recht, die Braut fortwährend allein zu laſſen.“ „Die Zeit iſt kurz, meine gute Mrs. Roberts,“ ſeufzte Rowſon,„und hier in unſerer Anſtedlung, wo die Nachbarn ſo weit von einander entfernt wohnen, vergeht, nur mit wenigen Beſorgungen, ein Tag unge⸗ mein geſchwind, ich hoffe aber bis morgen Abend Alles beendet zu haben, und dann wenigſtens noch die letzten Stunden vor dem glücklichen Tag, in Ihrer Geſellſchaft, in der Geſellſchaft meiner Braut, verbringen zu können.“ „Gut— gut,“ Mr. Rowſon,„ſagte der Alte— „das iſt ganz in der Ordnung. Sie ſind jetzt eine — —ͤ— oche Hon r Batte fort 442 8 fen, da iſt natürlich viel in Ordnung zu bringen; alſo morgen Abend ſehen wir uns wieder— apropos— es bleibt doch dabei, daß wir am Montag zuſammen zu Atkins gehen?“ „Sicherlich,“ ſagte der Prediger. „Nun gut,“ fuͤhr Roberts fort,„ich habe ſchon heute Abend Brown darum gebeten, uns anzumelden; der kommt morgen früh dort vorbei, um der Regula⸗ torenverſammlung beizuwohnen, die bei Bowitts gehal⸗ ten werden ſoll.“. „Mir wurde geſagt, die Regulatoren hätten ſich aufgelöſt,“ ſagte Rowſon etwas eifriger, als ſich ſonſt mit ſeinem ruhigen, geſetzten Benehmen vertrug.„Auf meiner Reiſe hört' ich das als ganz beſtimmt.“ an te „Nicht doch— es ſoll jetzt erſt recht losgehen,“ ich glaube ſte haben, wie ich heute hörte, Verdacht auf mehre Perſonen der Nachbarſchaft, und da wollen ſie wohl morgen miteinander berathen, was jetzt, da die Zeiten doch einmal ſo gefährlich—“ „Wäre es nicht möglich, dieſer Verſammlung ein⸗ mal beiwohnen zu können?“ unterbrach ihn Rowſon. „Warum nicht,“lachte Roberts,„dann müſſen Sie aber Regulator werden, und meines Wiſſens haben Sie bis jetzt ſehr dagegen geeifert.“ 143 „Den Regulatoren thäte ein Mann noth,“ ſagte Royſon ſchnell gefaßt,„der ihren zu ſtürmiſchen Eifer manchmal zügelte, und ſie von Exceſſen, wie die zum Beiſpiel in White County, zurückhielte; in dieſem Sinne würde ich es ſelbſt mit meiner Stellung nicht unverein⸗ 7 A?, bar finden, mich ihnen anzuſchließen.“. Au, 71— Roberts ſah ihm forſchend ins Auge, und Rowſon 1 fuhr leicht erröthend fort: „Sie glauben, daß ich in ſo kurzer Zeit meine Meinung geändert habe? nein, wahrlich nicht, ich halte die Verſammlung der Regulatoren noch immer für un⸗ recht, weil ſie ungeſetzlich iſt—“ Kr 9 883 „Aber?“ ſagte Roberts, als jener ſtockte.— „Nun Du haſt es ja ſchon gehört,“ rief Mrs. Ro⸗ berts halb ärgerlich,„der gute Mr. Rowſon hat ganz Recht, das junge Volk tobt da toll und wild in den Tag hinein— ich ſage ja gar nicht, daß ſie's böſe mei⸗ nen, aber ſie glauben Recht zu handeln, und üben dann vielleicht manchmal das größte, ſchreienſte Unrecht aus, und ich, an Mr. Rowſons Stelle—“ ahahe „Es werden keine in den Verein aufgenommen,“ ſagte Roberts, den Prediger dabei fortwährend anſehend, während dieſer den Blick mehremale niederſchlug, endlich aber dem ſeinigen feſt begegnete,„die nicht auch thäti⸗ 144 gen Ancheil dabei nehmen; ich glaube nicht, daß ſie, wenn ſie auch deſſen bedürfen ſollten, einen Rathgeber dulden werden.“ 8 f „Es kommt auf einen Verſuch an,“ rief Rowſon, der jetzt ſeine ganze Geiſtesgegenwart wiedererlangt hatte; „ich werde mich morgen, wenn es mir irgend möglich iſt, dort einfinden, und nur dann gehen, ſo ſie mich fort⸗ weiſen; ich habe in dieſem Falle meine Schuldigkeit gethan— mehr kann ſelbſt Gott nicht verlangen.“ 8„Brav!“ ſagte Roberts, ihn die Hand treuherzig 3 ſchüttelnd,„brav geſprochen, es freut mich, wenn ich ſehe, wie ein Mann ſeinen Grundſätzen treu bleibt.“ 8 „Wer iſt jetzt ihr Anführer?“ 4„Brown— wenigſtens für den Fourche la fave. 44 5„Der iſt dann wenigſtens ſeinen Grundſätzen nicht treu geblieben,“ entgegnete der Prediger, indem er zu dem alten Manne aufſah,„ich erinnere mich noch recht gut der Worte die er hier an dieſer ſelben Stelle, über eben dieſe Verbindung äußerte.“ „Das iſt etwas Anderes,“ erwiederte ihm ernſthaft der alte Farmer,„Brown ſah ſich halb und halb dazu 8 gezwungen, an dieſer Verbindung einen thätigen Antheil zu nehmen, da ſein eigener guter Name auf dem Spiel ſtand. Er war als Mörder förmlich angeklagt, und ſein einziges Streben iſt jetzt, den wirklichen Mörder Heath⸗ cotts, mit dem er zwar den Streit hatte, den Heatheott war überhaupt etwas— „Ich glaubte, die Hauptabſicht der Regulatoren be⸗ ſchränkte ſich auf die Entdeckung der Pferdediebe,“ ſagte 1 Roberts, leicht erbleichend. „Nur theilweiſe, doch wenn Ihr morgen der Ver⸗ ſammlung beiwohnt, werdet Ihr das Alles hören; jetzt gilt es, ſo viel ich erfahren habe, die Verdächtigen auf⸗ zugreifen, um von dieſen, wenn ſie auch wirklich nicht die Thäter ſind, wenigſtens auf die Spur gebracht zu werden.“ . 4„Wenn ſie nur den ſchändlichen Mörder der armen Wilden entdeckten,“ ſagte Mrs. Roberts,„o Mr. Row⸗ ſon, Sie glauben gar nicht, wie ich ſchon deshalb gebetet habe. Die Frau war ſo fromm und gut, und hing mit einer ſolchen Ehrfurcht an Ihnen. Ach wie oft habe ich ſie während Ihren Predigten weinen ſehen, als ob ihr das Herz brechen wollte— und nun ſo jung, und auf ſolche Art ſterben zu müſſen.“ „Ja es iſt ſchrecklich,“ ſagte Rowſon, ſelbſt tief er⸗ ſchüttert, freilich einer anderen Urſache willen,„doch meine Freunde— ich muß wirklich fort, alſo gute Nacht 46 für heute— gute Nacht Marion, wo iſt das Mädchen?“ II. 10 145 —— 146 „Marion— Kind!— ſo komm doch heraus hier,“ rief die Mutter,„Herr Rowſon will Dir gute—“ „Laßt ſte gehen, verehrte Freundinnen,“ ſagte der Methodiſt abwehrend—„das Herz iſt ihr voll, und ſte wird ſich mit ihrem Gotte unterhalten; morgen hofſe ich ſte recht froh und heiter anzutreffen.“ Damit winkte er ihnen Beiden noch einen herzlichen Gruß zu, beſtieg ſein kleines Poney und trabte fort, in ddeen jetzt dämmernden Wald hinein. „Mutter, was iſt dem Mädchen eigentlich?“ frug Roberts, als der Prieſter ſich entfernt hatte—„ſie kommt mir ſo ſonderbar vor; ich will doch nicht hoffen, daß ſte zu einer Heirath mit dem Manne gezwungen wird?“ „Närriſcher Mann, wer ſollte ſie denn zwingen,“ lächelte die Matrone,„es iſt nur noch ein halbes Kind, und da beträgt es ſich ängſtlich und wunderlich; mag ihr auch wohl ſchwer genug ankommen, die Eltern zu verlaſſen. Nun an des Mannes Seite—“ „Ja, ſchon gut,“ ſagte Roberts, den Sporen ab⸗- ſchnallend, und ihn auswendig am Haus, unter einem kleinen Vorbau neben den Sattel und Zaum hängend— „ſchon gut, das hab' ich ſchon oft gehört—“ „Du haſt keine Vorliebe für den frommen Mann—“ 159 treuherzig,„und wenn Ihr auch noch ſo ſchön prediget, ſo ſeht Ihr mir doch ebenfalls aus, als wenn Ihr den ent⸗ ſetzlicſten Kummer auf der Welt hättet, und keinem Menſchen ein Wort davon anvertrauen könntet. Nein, ſo ſtill halt ich's nicht aus; bis Atkins fortgeht, muß ſich mein Schickſal entſcheiden, und will oder kann mir bis dahin Keiner von Euch helfen, daß ich das Mädchen im Guten bekomme, nun ſo hol' mich der Teufel, wenn ich ſie nicht entführe— und mit geht ſie, das weiß ich.“ „Habt Ihr denn ſchon bei Atkins um ſie ange⸗ halten?“ „Ja, und ſie— die Alte— ein bitterböſes Weib, hat mir gedroht mich zur Thüre hinauszuwerfen, wenn ich mich noch einmal dort blicken ließe.“ „Und jetzt wollt Ihr hin?“ „Allerdings— aber nicht in's Haus,“ lachte Wil⸗ ſon—„ſo auf den Kopf gefallen bin ich auch nicht; nein, Ellen wäſcht heute, unten am Bach, ein paar hun⸗ dert Schritt vom Haus entfernt, im Buſch d'rin, und, da das faſt die einzige Zeit iſt, wo ich ungeſtört ein Wörtchen mit ihr plaudern kann, ſo wollt' ich die Mi⸗ nuten wenigſtens benutzen, und reite nachher, wenn ſte — — 160 ihre Arbeit beendet hat, noch nach Bowitts' hinüber; das Wetter iſt ja warm und ſchön.“ „Kann ich denn Euer Liebchen nicht einmal zu ſehen bekommen, daß ich doch wenigſtens weiß, welchen Ge⸗ ſchmack Ihr habt,“ lächelte Brown. 5 „Warum das nicht?“ rief freudig Wilſon,„ſie wird Euch gefallen, und ich brauche mich ihrer nicht zu ſchämen; aber kommt denn, wir ſind nicht weit mehr von dem Platze entfernt, und müſſen hier rechts abbiegen, ſonſt ſehen ſte uns vom Hauſe aus.— Halt,— hier laßt Euer Pferd, denn durch die Slew können wir nicht rei⸗ ten, und zur Brücke liegt nur eine alte, dürre Cypreſſe drüber hin; mein Poney nehme ich übrigens hinunter in das Schilfdickicht— da iſt ſein gewöhnlicher Platz.“ „So,“ ſagte er, als er jetzt ſchnell wieder zurückge⸗ ſprungen kam, und dem Freund über die ſchmale Brücke voranlief—„So— dort iſt ſie, aber nur leiſe, wir wollen ſie überraſchen.“ „Die Maänner ſchlichen jetzt auf den Zehen einem kleinen offenen Fleck im Walde, gerade in der Biegung des Baches, zu, der ſeine Waſſer dem nicht weit entfern⸗ ten Fourche la fave in tauſend Krümmungen entgegen führte, und blieben hier von dem lieblichen Schauſpiel, das ſich ihnen bot, wirklich überraſcht ſtehen, während 4 — —————— 161 Wilſon dem Freunde einen triumphirenden Blick zuwarf, als ob er hätte ſagen wollen: Siehſt Du, daß ich recht habe? iſt das ein Weſen für Texas, und ſoll ich mir dieſe holde Blume entführen laſſen? Neben dem kieſigen Bachufer, von zwei niederen Holzgabeln geſtützt, hing über einem kleinen, kniſternden Feuer ein mächtiger, ſchwarzer Keſſel; mehre kleine Bänke ſtanden in einem Halbkreis umher, und trugen in einzelnen Abtheilungen die verſchiedenen Wäſcharten, far⸗ bige und weiße, und vor einem tiſchähnlich befeſtigten Bret ſtand Ellen, Wilſons liebliches Bräutchen, ſchlug mit dem breiten Waſchholz die einzelnen Stücke Weiß⸗ zeug, die ſie aus einem neben ihr ſtehenden Kübel nach⸗ einander vornahm, und begleitete mit ihrer ſilberhellen Glockenſtimme die regelmäßigen Schläge des Klöppels. Aber nicht ihre einzige Beſchäftigung war das; dicht da⸗ neben, zwiſchen zwei ſchlanken Hickoryſtämmen befeſtigt, hing, von dem leichten Südwind geſchaukelt, eine kleine, aus Papao⸗Ninde geflochtene Hängematte, in der ein rothbäckiges, munteres Kindchen bis jetzt ſtill und fried⸗ lich, geſchlummert hatte, nun aber die großen, dunkelen Augen öffnete, einen Blick in die Höhe that, und dann, anſtatt die herrliche, es umgebende Natur freundlich an⸗ zulächeln, das kleine, liebe Geſichtchen zu einer gat ent⸗ II. 11 162 ſetzlich ſaueren Miene verzog, die alle Anzeichen eines na⸗ henden Sturmes und Wehegeſchreies verkündeten. Ellen hatte den kleinen Schläfer aber nicht außer Acht gelaſſen, und bemerkte kaum das Erwachen des angehenden, unge⸗ duldigen Weltbürgers, als ſie auch ihren Klöppel ſchnell fallen ließ, die Hängematte in etwas lebhaftere Bewegung ſetzte und dem, durch ihre Gegenwart ſogleich beruhig⸗ ten Kinde, mit leiſer, ſchmeichelnder Stimme ein Wiegen⸗ lied vorträllerte. Die Männer lauſchten ſchweigend, und Ellen, ihre Nähe nicht ahnend, ſang, munter bald ſich zu dem jetzt lächelnden Kinde niederbiegend, als ob ſie es küſſen wollte, bald neckend von ihm zurückfahrend: Es ſchaukelt ſo leiſe 1— Der ſpielende Wind, = Im ſicheren Netze I. Das lächelnde Kind. 94 ſ Er ſchaukelt Dich, Herzchen, Was willſt Du denn mehr, Mit neckiſchem Koſen ₰ Wohl hin und wohl her. Er ſcheucht Dir die Fliegen, Und fächelt Dich, Lieb, Und raubt tauſend Küſſe Der ſchelmiſche Dieb. Err küßt Dir die Schläfe, Die Wänglein ſo rund, — 163 CErr küßt Dir die Locken, Den roſigen Mund. Er pflückt von den Zweigen, Was Lenz ihnen gab, UInd wirft Dir auf's Bettchen Die Blüthen herab. 4 So ſchlummre, mein Herzchen, Dein Waͤchter der Wind, Deein freundlicher Hüter Er ſchaukelt das Kind. Er ſchaukelt's ſo leiſe, Was willſt Du denn mehr?— Mit neckiſchem Koſen Wohl hin und wohl her— „Ach Gott,“ fuhr ſte dann erſchrocken auf, als Wilſon bei dem letzten Verſe leiſe an ſte hinangetreten war, und ſeine Hand um ihre Hüfte legte—„ach Du böſer Menſch, wie Du mich erſchreckt haſt.“ „Sei nicht böſe d'rüber, mein liebes Midchen,“ flüſterte Wilſon, einen Kuß auf die Lippen der ſich nur ſchwach Sträubenden preſſend,„aber ſieh, hier hab' ich Dir einen Freund mitgebracht— der—“ Ellen wandte ſich raſch und erſchrocken um, und als ihre Blicke denen, des freundlich lächelnden jungen Frem⸗ den begegneten, der ja den Kuß auf jeden Fall geſehen haben mußte, färbte ſich ihr Hals und Antlitz wie von 11* 164 Purpur übergoſſen, und flüchtigen Fußes wollte ſte fort, Wilſon aber faßte noch zeitig genug ihre Hand und bat flehend: „Ellen— es iſt ja ein guter Freund, und er weiß, daß wir uns lieb haben; überdieß,“ fuhr er neckend fort,„darf das kleine Fräulein auch unter keiner Be⸗ dingung fortlaufen, und den ihr anvertrauten Schutzbe⸗ fohlenen zurücklaſſen, alſo— da der Schelm in der Hängematte, gerade keine beſondere Luſt bezeugt auszu⸗ wandern, ſo bleibſt Du am liebſten hier— hab ich Recht oder Unrecht?“ „Unrecht,“ flüſterte lächelnd das ſchöne Mädchen, indem ſte ſich, immer noch von hoher Gluth übergoſſen, vor dem Fremden verneigte—„Unrecht, Du weißt, daß Du immer Unrecht haben mußt.“ „Schöne Geſetze,“ ſagte Wilſon mit ernſtkomiſcher Miene zu Brown—„ſehr ſchöne Geſetze, da ſind unſere Regulatoren noch gar Nichts dagegen.“ Die häßlichen Regulatoren“— rief Ellen.— „Halt da,“ unterbrach ſie lachend Wilſon—„nicht ſo voreilig, Miß— hier ſtehen zwei.“— „Du ein— „Stop a little— hier iſt unſer Hauptmann und ich— 7— „O Sie ſind kein Regulator, nicht wahr?“ ſagte halb ängſtlich, halb ſchmeichelnd das ſchöne Mädchen zu Brown,„das glaube ich nicht.“ „Haben Sie einen ſo fürchterlichen Begriff von dieſen Menſchen,“ lächelte Brown.. „Ach ja— Mutter und Vater haben mir entſetz⸗ liche Dinge von ihnen erzählt; wie ſie die unſchuldigen Männer Nachts aus ihren Betten holen, nur wenn Einer von ihnen auf Jemanden böſe iſt, und ſte dann an einen Baum binden und ſo lange peitſchen, bis ſie ſterben. Vater hat geſchworen Jeden todt zu ſchießen, der Nachts in feindlicher Abſicht über ſeine Schwelle käme.“ „Sie ſind autt ſo ſchlimm, als es Ihr Vater wohl glaubt,“ meinte Brown,„und wenn auch—“ „Nun bitt' ich aber ebenfalls darum, ein Wort mit einlegen zu dürfen,“ rief Wilſon, zwiſchen ſie tretend, „ich bin denn doch wahrhaftig nicht hierhergekommen, um einer Abhandlung über die Regulatoren zuzu⸗ hören. Ellen, haſt Du noch einmal mit Deiner Mutter geſprochen?“ „Ja,“ ſagte das arme mmidcheng maur d 1 Köpf⸗ chen ſenkend— ſie meinte aber— „Du brauchſt Dich vor Mr. Brown m zu ſcheuen, er weiß Alles,“ betheuerte Wilſon, als er be⸗ . 166 merkte, wie ſeine Braut dieſem einen angſtlichen Seiten⸗ „blick zuwarf. 1 „Ach es hilft ja auch Nichts, es zu verſchweigen,“ ſeufzte das arme Mädchen,„ganz Arkanſas wird's doch wohl bald erfahren, daß ich den rauhen Cotton heirathen ſoll.“— „Cotton?“ frug Brown erſtaunt. „Ja— leider;— zwar hat es mir die Mutter ſtreng unterſagt, den Namen gegen irgend Jemand auszuſpre⸗ chen, aber weßhalb nicht?— eher ſterb' ich, als daß ich den Menſchen heirathe.“ „Du ſollſt ihn auch nicht heirathen,“ ſagte Wilſon trotzig—„verd— ja ſo, das darf ich auch nicht,“ unterbrach er ſich ſelbſt, als ihm ſein Liebchen einen ſtrafenden Blick zuwarf,„ich weiß aber ſchon, was ich thue, haben wir erſt die Raubbande entdeckt, die hier ganz in unſerer Rähe ihr ſchändliches Weſen treibt, und will ſich Atkins dann noch immer nicht erweichen laſſen, nun gut, dann ſoll mich— Dieſer und Jener holen— das iſt nicht geflucht— wenn ich nicht einen dummen Strrich mache und mit Dir davonlaufe.“ „Und das nennt der Herr einen„dummen Streich, 4 ſehr galant, in der That,“ lächelte Ellen, ſchelmiſch mit dem ider drohend. „— 167 „Du weißt ja, wie ich's meine,“ bat Wilſon— „aber was iſt Euch, Brown— Ihr ſeht ſo gedanken⸗ los oder gedankenvoll, wie man's nehmen will, in die Baumwipfel hinauf.“ „Haben Sie den Mann, den Sie Cotton nannten, kürzlich geſehen?“ wandte ſich Brown jetzt, ohne Wil⸗ ſons Bemerkung zu beachten, an das junge Mädchen. „Ja,“ ſagte dieſe,„vor etwa vier Tagen kehrte er wieder, vom Miſſiſſippi glaub' ich, zurück, wohin er vor faſt zwei Wochen aufgebrochen war; er kommt aber im⸗ mer nur Abends, und ich mag ſein heimlich, häßliches Weſen nicht leiden;— kennen Sie vn⸗Ae EAf „Ich glaube, weiß es aber wirklich nicht gewiß; kommt er wohl— aber was iſt mit Wilſon?“ Brown hatte auch alle Urſache, dieſem beſtürzt nach⸗ zuſehen, denn wie eine Schlange glitt er plötzlich in's Dickicht, und war in wenigen Secunden ſpurlos ver⸗ ſchwunden. Die Urſache dieſes eigenthümlichen Rück⸗ zuges blieb aber nicht lange ein Räthſel, denn faſt zu gleicher Zeit erſchien in dem, nach dem Hauſe zuführen⸗ den Pfad, die ſtattliche und ſelbſt noch jugendliche Geſtalt der Mrs. Atkins, deren helles, ſchimmerndes Kleid Wil⸗ ſon noch zur rechten Zeit gewarnt hatte, und der es jetzt 3 168 dem Freunde überließ, mit dem anrückenden Feinde fertig zu werden. „Halloh da, Miß,“ rief die ſich mit gewaltigen Schritten und hochgehobenem Haupte nähernde Matrone, „halloh da— Herrengeſellſchaft? ich habe ſchon ſeit einer Viertelſtunde keinen einzigen Schlag gehört, die Wäſche ſoll ſich wohl allein fertig machen?“ „Das Kind“— ſtotterte Ellen. „Was da— Kind— das liegt ſo ruhig wie ein Gotteskäferchen in ſeinem Neſt; leere Ausreden—“ „Ich muß Sie bitten, die junge Dame meinetwegen zu entſchuldigen,“ unterbrach jetzt Brown, vortretend die Zürnende, indem er ſie freundlich grüßte;„ich komme mit einem Auftrag von den Herren Roberts und Row⸗ ſon, und beabſichtigte eigentlich die Nacht in Ihrer Woh⸗ nung zuzubringen.“. „Dieß iſt nun freilich der breite Weg nicht“— ſagte Mrs. Atkins, jedoch ſchon merklich beſänftigt. „Allerdings nicht,“ lächelte Brown, jetzt nur be⸗ müht, dem armen zitternden Mädchen jedes harte Wort zu erſparen,„allerdings nicht, ich kam aber ein Stück durch den Wald, und wußte an der Slew nicht recht, ob ich hinauf⸗ oder hinunterreiten ſolle, um das Haus am Schnellſten zu erreichen ging alſo zuerſt über den +₰ —— 169 darüber hinwegliegenden Stamm, um zu recognosciren, und fand die junge Dame hier, die ich freilich durch meine Fragen einige Minuten in ihrer Arbeit ſtörte.“ „Junge Dame— hat ſich was zu„junge Dame,“ ſetzen Sie dem Mädchen nur keinen Unſinn in den Kopf; doch mein Mann iſt oben im Haus; wo ſteht denn Ihr Pferd, ich will den Jungen danach ſchicken!“ „Gerade dort, wo die Cypreſſe über der Slew liegt,“ erwiederte Brown, dem jetzt daran lag, die zürnende Madame mit zum Hauſe zurückzunehmen, um Wilſon freien Spielraum zu laſſen. „Gut, ſo kommen Sie,“ agte Madame Atkins— „und Du, Mamſell, hältſt Dich dazu und biſt fleißig; noch nicht die Hälfte von der Wäſche geklopft— es iſt eine Schande, und ſchon an zwei Stunden hier unten. Daß Du mir vor Dunkelwerden fertig wirſt. Und was macht das Kleine? wandte ſte ſich dann mit wahrhaft mütterlicher Zärtlichkeit in dem ſonſt ſo rauhen Ton, zu der ſchwebenden Wiege des Kindes nieder, das der bekannten Geſtalt mit freundlichem, jauchzenden Lächeln entgegenſtrampelte—„das gefällt dem Kind? nicht wahr? ſchaukeln— den ganzen Tag ſchaukeln, und nach⸗ her ſchläfts die Nacht nicht, und Ellen muß bis Tages⸗ aubruch mit ihm herumlaufen— der kleine Schelm; aber ja— Sie warten; alſo Ellen, daß Du mir fleißig biſt.“ „Ehe ſie ſich jedoch zum Gehen wandte, richtete ſie noch den forſchenden Blick auf die verſchiedenen Fuß⸗ ſpuren und Browns Stiefel; doch war der Grund zu ſehr zertreten um etwas Gewiſſes, beſonders für ein ungeübtes Auge, mit Leichtigkeit erkennen zu laſſen; dem Säugling alſo einen freundlichen Kuß zuwerfend, ſchritt ſie bald, von Brown gefolgt, zu dem, am Rande des nicht unbedeutenden Feldes liegenden Wohnhaus zurück. — Cap. IX. Atkins Wohnhaus.— Der fremde Beſuch.— Die Parole.— Atkins Wohnhaus unterſchied ſich, und zwar ſehr zu ſeinem Vortheil, bedeutend von den meiſten Blockhüt⸗ ten der Anſtedlung, obgleich es auch eigentlich nur aus Stämmen errichtet war; dieſe aber, von innen und außen behauen, bildeten zwei vollkommen gleiche, anderthalb Stockwerk hohe Häuſer, welche in der Mitte durch einen nach Norden und Süden offenen Zwiſchenraum verbun⸗ den wurden, wobei ſich das Ganze unter einem Dach befand. Auch inwendig war der Farmer außergewöhn⸗ lich thätig geweſen, und die ſauber abgehobelten Breter, mit denen er jede Spalte höchſt ſorgſam vernagelt, wur⸗ den nur hie und da durch einige rieſengroße Ankündi⸗ gungen wandernder Kunſtreitergeſellſchaften, Wachs⸗ 172 figurencabinette und Menageriebuden verdeckt, wobei ſich beſonders eine der letzteren, auf hellgelbem Papier, aus⸗ zeichnete, die einen Mann darſtellte, der mit ſehr engen Beinkleidern und zwei außergewöhnlich großen Federn auf dem Barret, einen Löwen im Arme lag, und dieſem höchſt angelegentlich etwas ins Ohr zu flüſtern ſchien. Das eine dieſer beiden, einander ganz ähnlichen Ge⸗ bäude, wurde nur zum Schlafzimmer benutzt, und fünf Betten mit einer verhältnißmäßigen Anzahl von Matratzen und Steppdecken, um vielleicht noch einem Dutzend Gäſte zum Lager dienen zu können, füllte ſeine Räume, wäh⸗ rend an den Wänden die Garderobe der Frauen und— in einem ganz boſonderen Winkel— der Sonntagsſtaat des Eheherren hing. In dieſes Zimmer wurden die Gäſte aber nur erſt Abends, zur Schlafenszeit, einge⸗ führt, wo die verſchiedenen Lager alle hergerichtet und der müden Glieder der Fremden gewärtig waren; am Tag blieb es jedem, nicht zu dem Hausſtand gehörenden Auge, ein feſtverſchloſſenes Heiligthum, und die Leute erzählten ſich ſogar, daß Mr. Atkins ſelbſt einmal die Betverſammlung verſäumt habe, weil ſeine theuere Ehe⸗ hälfte ſchon früher, und zwar mit dem Schlüſſel fort⸗ geritten ſei, wobei ſie trauriger Weiſe vergeſſen, den Staat für ihren Herrn und Gemahl herauszulegen, 173 während dieſer, der ſonſt gerade nicht mit ſich ſpaßen ließ, doch zuviel Ehrfurcht für den geheiligten Raum empfand, als daß er hätte verſuchen ſollen, mit Gewalt in denſelben einzudringen. In das Wohn⸗ und Staatszimmer wurde Brown jetzt eingeführt und dort fand er ſeinen Wirth, der, ſich auf den Hinterbeinen eines Stuhles balancirend, in tiefe Gedanken verſenkt ein Lied pfiff, und an einem Stückchen Cederholz mit dem halbabgebrochenen Feder⸗ meſſer ſchnitzelte.— Das Eintreten des Gaſtes ſtörte ihn aus ſeinen Betrachtungen auf, er hatte aber kaum den Blick auf die Thüre geworfen und den eben Gekommenen erkannt, als er, augenſcheinlich erbleichend, von ſeinem Sitze emporſprang, wild nach dem Geſimſe über der Thüre ſchaute, wo eine lange Büchſe auf zwei Pflöcken lag, und ſich erſt dann beruhigte, als er ſah daß der Gaſt allein, und in einer keineswegs feindlichen Abſicht ſein Haus betreten habe. „Mr. Atkins,“ ſagte Brown, ſelbſt etwas beſtürzt über das unbegreifliche Erſchrecken des Farmers, es je⸗ doch ſo viel wie möglich ignorirend, indem er auf ihn zuging und ihm freundlich und offen die Hand entge⸗ genſtreckte;„es thut mir ſehr leid, wenn ich etwa geſtör haben ſollte.“ 174 „Oh— ganz und gar— ganz und gar nicht,“ ſtotterte immer noch nicht recht gefaßt der Farmer,„es war nur— es ſollte ſich doch auch—“ „Natürlich hatten Sie mich am allerwenigſten heute vermuthet, da ich durch meine lange Zurückgezogenheit, in dieſe Gegend faſt noch gar nicht gekommen, und hier eigentlich ein Fremder bin, doch mag die Zeit, in der wir leben, meine Störung, wenn ich eine ſolche verur⸗ ſacht habe—“ „Aber beſter Mr. Brown,“ unterbrach ihn Atkins, der jetzt ſeine ganze Faſſung wiedergewonnen hatte, „erwähnen Sie doch nur ſo etwas nicht; Sie ſind zwar ein ſeltener, aber darum nicht minder willkommener Be⸗ ſuch, und möge dieß der Anfang zu einer recht deißigen und fortgeſetzten Bekanntſchaft werden.“ „Ich will es wünſchen,“ ſagte Brown, die darge⸗ botene Hand ſchüttelnd,„und möglich iſt es, daß wir in einem fremden Lande, die hier begründete Freund⸗ ſchaft fortſetzen; ich habe wenigſtens gehört, daß Sie nach Texas auszuwandern gedenken—“ „Ja— aber Sie auch? wenn mir doch recht iſt, ſo wurde mir in voriger Woche erzählt, Sie— Sie hätten 115 dun Regulatoren angeſchloſſen, ja— wären ſogar Anführer geworden.“ * ——— — — 175 Ja und nein,“ lächelte Brown,„angeſchloſſen habe ich mich ihnen wirklich, und bin auch für den Augenblick ihr Führer geworden, ſollte es etwas zu führen geben, aber nur Bedingungsweiſe, und zwar bis zu der Zeit, wo die beiden kürzlich hier geſchehenen Mordthaten ent⸗ deckt und beſtraft ſind; dann leg' ich mein Amt nieder und verlaſſe den Staat, um ein Bürger der Republik Teras zu werden.“ „Aber die Pferdediebe,“ warf Atkins ein. „Kümmern mich nur in ſo fern, als ich in ihnen ebenfalls die Mörder vermuthe, und natürlich werde ich, ſo lange ich an der Spitze ſtehe, und zwar mit allem Eifer, gegen ſie handeln, falls ich auf ihre Spur kom⸗ men könnte, dieſe ſcheint aber zu vorſichtig verſteckt zu ſein, um hoffen zu dürfen, ſie leicht oder ſchnell zu ent⸗ decken, alſo will ich mir den Kopf darüber nicht ſehr zerbrechen. Jetzt kenne ich nur das eine Ziel, jene Buben aufzuſpüren, und der Herr ſei ihnen gnädig, wenn wir ſie herausbekommen; von den Menſchen haben ſie dann keine Gnade zu hoffen.“ „Sonderbar,“ ſagte Atkins nachdenkend,„daß man auch in beiden Fällen noch auf keine Seele Verdacht geworfen hat.— Ja— ich weiß— Sie wurden der erſten That beſchuldigt, doch widerſtritten dem im Anfang 176 gleich Mehrere; beſonders hatten Sie die Frauen auf. Ihrer Seite, auch war Ihr Benehmen an jenem Mor⸗ gen gegen Heatheott, ſoweit ich es nämlich erfahren konnte, keineswegs ſo, als ob Sie ſich geſcheut hätten, ihm frei und männlich entgegenzutreten; ein ſolcher Aus⸗ weg wäre alſo für Sie ſicher nicht nothwendig geweſen. Es muß ihn Jemand nur ſeines Geldes wegen beraubt haben, das hab' ich mir gleich gedacht, und wer weiß da, mit wem er Alles verken t, und wer das Geheimniß der Summe, die er bei ſich trug, noch außer denen ge⸗ wußt hat, die hier am Fourche la fave wohnen.“ „So halten Sie keinen der Unfrigen für ſchuldig?“ „Aufrichtig geſagt, nein, denn ſelbſt die,“ ſetzte er etwas leiſer, und faſt wie mit ſich ſelbſt redend hinzu, die es wielleicht in anderen Fällen mit ihrer Ehrlichkeit nicht ſo genau nähmen, halte ich doch, was Menſchenblut betrifft, für unfähig, einen ſolchen kaltblütigen Mord zu begehen.“ „Ich will es wünſchen,“ ſeufzte Brown, indem er ſich mit der Hand an den oberen Balken des Kamins ſtützte und gegen dieſe die Stirn legte—„ich will es wünſchen; übrigens erwarte ich mit jedem Tage den In⸗ dianer zurück, und der kommt ſicherlich nicht ohne Kunde wieder.“ «* — ₰ ℳ „Nicht ohne Kunde— ſo?“ ſagte Atkins,„ja der Indianer iſt ſehr ſchlau, aber mit den Hufſpuren wußte er damals doch nicht umzugehen—“ „Weil er nie nachforſchte,“ erwiederte Brown,„der Tod ſeines Weibes hatte ihn ſo erſchüttert, daß ich wirk⸗ lich ernßllich für ſein Leben fürchtete. Uebrigens kam er auch eien Tag zu ſpät, denn die Diebe waren ſchon geflohen, und der Regen hatte indeſſen die Spuren ver⸗ waſchen.“ x „Ein verwünſchtes Ding mit dem Regen,“ lächelte der Farmer, ſich hinter dem Rücken ſeines Gaſtes leiſe und ſelbſtgefällig die Hände reibend,„hat ſchon manche Spur verwiſcht und ſolchen Sappermentern fortgeholfen. Mir haben ſie ebenfalls im vorigen Jahr ein paar herr⸗ liche Pferde geſtohlen.) „Ihr hättet ſchon lange kräftiger gegen die Burſchen auftreten ſollen; ſie ſind zu kühn geworden, und holen Euch die Thiere zuletzt unter den eigenen Augen weg; man ſagt ſogar, es wohne hier irgendwo am Fluß ein Hehler, der einen ſicheren Aufbewahrungsort für ge⸗ raubte Pferde habe.“ „Wer ſagt das?“ frug Atkins ſchnell auffahrend. „Es wurde in unſerer letzten Verſammlung er⸗ wähnt,“ entgegnete Brown, ohne die Bewegung zu be⸗ II. 12 4 X achten, oder ſeine Stellung zu verändern,„man ſprach auch davon, wenn die Diebereien nicht nachließen, eine Durchſuchung Zorzan mun, ob man Nichts entdecken könnte.“ „Es wird ſich nicht Jeder einer Sausſuchung unter⸗ werfen,“ erwiederte Atkins unwillig,„wir ſind hier in einem freien Lande, und wen ich nicht auf meinem Grund und Boden dulden will, dem ſag' ich ganz ein⸗ fach„marſch!“ und wenn er da nicht geht, ſo nehm' ich die Büchſe vom Haken.“ „Ja ſehn Sie Mr. Atkins,“ entgegnete Brown, ſich freundlich nach ihm umwendend,„das iſt ja gerade die Urſache, weshalb wir Regulatoren zuſammengetreten 4 ſind. In dieſem Falle ſind die Geſetze zu ſchwach in Arkanſas. Ein Mann, gegen den kein weiterer Beweis vorliegt, und wenn er der ärgſte Schurke wäre, könnte ruhig und ungeſtört auf ſeiner Farm ſitzen bleiben. Er hat das Recht, jeden niederzuſchießen, der ſichi mit Ge⸗ walt bei ihm eindrängen will— gut! hierdurch wird aber auch dem Verbrechen auf eine Art Vorſchub ge⸗ leiſtet, bei der die Bevölkerung im Allgemeinen nicht be⸗ ſtehen kann. Wer ſoll ſein Eigenthum geſichert wiſſen, wenn es der Räuber bei regneriſchem Wetter, das die Spuren verwiſcht, vielleicht nur zu Hauſe zu treiben ——— — 8 1„, 24 braucht, um es außer aller Gefahr zu wiſſen, und ein ſolcher nicht zu gleicher Zeit dem ausgeſetzt iſt, daß das Volk in Maſſe gegen ihn aufſteht, ihn hervorholt aus ſeinem Schlupfwinkel und— züchtigt.“ „Wofür haben wir aber die Geſetze?“ frug Atkins mürriſch,„wofür, wenn ſie zu ſchwach ſind?“ „Sie ſind nicht zu ſchwach,“ erwiederte ihm Brown, „können aber nicht ausgeführt werden. Ich will den Fall ſetzen, der Verbrecher wird von dem Sheriff erfaßt und vom Gericht verurtheilt, wohin bringt man ihn, bis er in das Zuchthaus des Staates abgeliefert werden kann? in eins der kleinen, zu dieſem Zweck errichteten Blockhäuſer, aus dem ihn ſeine Freunde in der erſten Nacht befreien.“ Atkins lächelte. 3 .„Wie mir geſagt wurde,“ fuhr Brown, ohne es zu bemerken fort,„haben Sie davon ſelbſt in dieſem County einige Beiſpiele. Erreicht er aber wirklich im günſtigſten Fall die Penitentiary in Little Rock, hat ihn der Staat ſicher unter Schloß und Riegel, ſo iſt das doch kaum für eine, höchſtens zwei Wochen, denn ein paar von den daraus entſprungenen Verbrechern ſollen ja ſelbſt ge⸗ äußert haben, das Zuchthaus ſei ſo ſchlecht gebaut, daß ſie der Sheriff gar nicht ſo ſchnell hineinſperren könnte, 12* 9₰ 180 wie ſie wieder herauskämen. Was hilft es uns alſo, wenn wir den Geſetzen gehorchen, die Sträflinge ablie⸗ fern, und ſie dann, wenn wir ſte ſicher und unſchädlich hinter Schloß und Riegel glauben, ſchon nach vierzehn Tagen wieder unter uns und mit unſerem Eigenthum beſchäftigt finden?“ „Ach ja,“ lächelte Atkins,„die Sache iſt nicht ſo ganz ohne, ich weiß, daß Cotton—“ „Wo iſt Cotton jetzt?“ frug Brown ſchnell. „Cotton?“ wiederholte Atkins ſchnell gefaßt, und wie es ſchien ſehr verwundert—„Cotton? das ſoll ich wiſſen? der Sheriff ſucht ihn ja wohl, wie ich neulich gehört habe; wie kommen Sie zu der Frage?“ „Er ſoll ſich in dieſer Gegend haben blicken laſſen,“ erwiederte Brown, der Ellens Ausſage nicht anführen wollte, um dem armen Mädchen keine Unannehmlichkeiten zu bereiten, jetzt aber, durch ſeines Wirthes Leugnen, zum erſten Mal Verdacht ſchöpfte;„man will ihn ſogar auf dieſer Straße bemerkt haben.“ „Ja, das iſt ſehr leicht möglich,“ lächelte Atkins, „es reitet Mancher auf dieſer Straße hin, ohne gerade bei mir einzuſprechen; die Leute ſchwatzen viel.“ „Ich bin heute eigentlich im Auftrag der Herren Roberts und Rowſon hier,“ ſagte Brown, der dem 181 Geſpräch eine andere Richtung zu geben wünſchte,„Mr. Roberts nämlich— ach da kommt mein Pferd, unter⸗ brach er ſich ſelbſt, als der Mulatte den Braunen vor die Thüre ritt und dort aus dem Sattel ſprang.“ „Bitte— bleiben Sie hier,“ hielt ihn Atkins auf, als er ſah, daß ſein Gaſt hinausgehen wollte,„Dan wird das ſchon beſorgen— nimm das Pferd in den Stall, füttere es gut und leg' das Geſchirr nachher hier zwiſchen die Häuſer,“ rief er dieſem zu, und wenn Du damit fertig biſt, ſo—“ er war bei dieſen Worten zu ihm hinausgetreten, und vollendete ſeinen Satz mit lei⸗ ſerer Stimme, daß Brown nichts weiter davon verſtehen konnte, der Mulatte nickte aber ſehr bedeutend mit dem Kopf, als ob er Alles ganz vollkommen begriffen habe — führte das Pferd fort, und ließ ſich an dieſem Abend nicht weiter blicken. „Sie wollten mir etwas von einem Auftrag ſagen,“ frug Atkins den Gaſt jetzt, als er in das Haus zurück⸗ kehrte. „Ja“— antwortete dieſer, wie aus einer Zer⸗ ſtreuung erwachend,„Mr. Roberts wird mit— mit ſeinem Schwiegerſohn am Montag Morgen oder Mittag zu Ihnen kommen, um Haus und Felder in Augenſchein zu nehmen, und läßt Sie daher bitten, auf ihn zu warten, wenn er auch vielleicht ein wenig ſpät eintreffen ſollte.“ „Schön— ſehr ſchön!“ erwiederte Atkins freund⸗ lich,„ich denke, daß wir ein Geſchäft mitſammen machen können, es ſind Beides ein paar wackere Leute, die einen armen Teufel, der auswandern will, nicht drücken wer⸗ den; die Hochzeit ſoll wohl morgen ſchon ſtattfinden?“ „Ja!“ erwiederte Brown mit leiſer Stimme,„ich glaube— morgen.“ „Sie werden alſo wohl auch bei der Trauung ſein?“ „Wer— ich? nein— ich glaube nicht— unſere Verſammlung wird wahrſcheinlich bis ſpät Abends dauern, und dann bleibe ich bei Bowitt s.“ „Welche Verſammlung?“ „Die der Regulatoren; wir kommen morgen in Bo⸗ witt's Hauſe zuſammen.“ „Morgen Verſammlung? das muß ja recht heimlich zugegangen ſein, ich habe keine Sylbe davon gehört.“ „Natürlich wurde es nur an die beſtellt, die Regu⸗ latoren ſind, doch wundert es mich,“ fuhr Brown fort, der in dieſem Augenblick eine Gelegenheit gefunden zu haben glaubte, für den armen Wilſon ein gutes Wort einzulegen—„daß Ihnen Wilſon Nichts davon geſagt hat— er hatte die Beſtellung in dieſer Gegend über⸗ — —— 183 nommen, und es war von unſerer Seite keineswegs ein Geheimniß dabei beabſichtigt.“ „Mr. Wilſon iſt ſehr lange nicht in meinem Hauſe geweſen,“ erwiederte Atkins, dem die Erwähnung dieſes Namens unangenehm zu ſein ſchien,„daher kommt es denn wohl, daß mir die Sache fremd blieb; doch iſt das einerlei, ich bin kein Regulator, habe alſo auch kein In⸗ tereſſe an der Verſammlung. In Terxas ſollen ſich ja ebenfalls ſolche Compagnien gebildet haben.“ „Ja,“ ſagte Brown, war jedoch nicht geſonnen, ſeinen Angriff ſobald aufzugeben, und beſchloß einen neuen Sturm zu wagen.„Wilſon ſcheint ſich hier in der Gegend für immer niederlaſſen zu wollen,“ fuhr er daher in dem eben abgebrochenen Geſpräch fort,„und ich glaube, Sie können ſich keinen beſſeren Nachbar wünſchen.“ „Sie vergeſſen, daß ich mich kaum noch zu dieſer Gegend rechnen kann,“ erwiederte ihm Atkins,„da ich vielleicht am Montag ſchon ausverkaufe— doch— meine Alte kommt mit dem Tiſchzeug— die Tage ſind noch recht kurz. Apropos, Mr. Brown, wie geht es denn Ihrem Onkel? es hat uns Allen recht leid gethan, daß das Fieher den armen Mann ſo gewaltig packte, — das verwünſchte Fieber will ſich aber nicht abweiſen laſſen, und die geſündeſten Menſchen greift es am ſtärkſten an.“ Brown ſah wohl, daß, für jetzt wenigſtens, jede weitere Anſpielung vergeblich ſein würde, noch dazu da auch Madame Atkins, und bald darauf Ellen mit dem Kinde zum Hauſe zurückkehrten. Gern hätte er nun frei⸗ lich ein wenig mit dem ſchönen Mädchen geplaudert, doch fürchtete er ebenfalls ihr dadurch unangenehme Worte zuzuziehen, ein freundlich dankender, ihm verſtohlen zu⸗ geworfener Blick ſagte ihm jedoch deutlich genug, daß ſie ſeine frühere Güte, die Pflegemutter mit fortzunehmen, erkannt, und— was noch beſſer war, benutzt hatten. Das Geſpräch drehte ſich jetzt um allgewöhnliche Gegenſtände, um Weide, Jagd, Vermeſſung des Landes in der Nachbarſchaft, und den nicht ſelten damit verknüpf⸗ ten Streitigkeiten der neben einander Wohnenden, um einen, vor etwa fünf Tagen vorgefallenen Mord am an⸗ deren Ufer des Arkanſas, wo ein Viehhändler erſchoſſen und ſeiner Brieftaſche, die etwa tauſend Dollar enthalten haben ſollte, beraubt worden, ohne daß man den Mörder hatte entdecken können, dann um die jetzige Geſetzgebung, Sheriffs und Gouverneurswahlen, ꝛc. ꝛc., bis die bunt⸗ farbige, das Kaminſims zierende Jankee⸗Uhr achte ſchlug. Jetzt aber begann das Kleine, was bis dahin ſanft in — 185 ſeiner, im Hauſe befeſtigten Hängematte geſchlafen hatte, unruhig zu werden und zu ſchreien. Ellen nahm es aus dem Bettchen heraus, und ging leiſe, ein Lied murmelnd, mit ihm im Zimmer auf und ab, es ſchrie aber immer ärger, wollte ſich nicht mehr beruhigen und wurde in kaum einer Viertelſtunde ſo krank, daß die Frauen jetzt, zu Tode geängſtigt, hin und herſprangen, und alle mög⸗ lichen, im Hauſe nur aufzutreibenden Heilmittel herbei⸗ holten, um des Kleinen Schmerzen, der ſeiner Kehle auf eine wahrhaft herzzerſchneidende Manier freien Spiel⸗ raum gab, zu lindern. Es blieb aber Alles vergeblich, und in Todesangſt ſchickte nun die Mutter den Mulatten und noch einen weißen Arbeiter, der für Atkins in den letzten Tagen eine große Pirogue*) aus einem ungeheueren Baum⸗ ſtamm ausgehauen hatte, nach verſchiedenen Richtungen fort, um die benachbarten und fernen Farmersfrauen, die irgend etwas von Kinderkrankheiten verſtanden, mit dem Zuſtand des armen Würmchens bekannt zu machen, und ſie, ſo ſchnell ſie ihre Pferde tragen würden, herbei⸗ zurufen. 5 Die Mutter gebehrdete ſich indeſſen wie eine halb *) Großes Canoe. 186 8 Wahnſinnige, und machte der armen Ellen fortwährend die bitterſten Vorwürfe, daß ſie das Kind vernachläſſigt habe, und es ſelbſt gerne aus der Welt ſchaffen möchte, nur um ſeiner Wartung und Pflege überhoben zu ſein. Umſonſt betheuerte das arme Mädchen ſeine Unſchuld, berief ſich auf die Liebe, die es dem kleinen Schreier ſtets bewieſen, es war Alles vergeblich, und unter den här⸗ teſten, ungerechteſten Vorwürfen befahl ihr die Frau ſtille zu ſein und„keinen Muks weiter zu thun“, wenn ſte nicht erfahren wollte, wie man viderſpenſtige Dienſtboten behandele. Brown war entrüſtet hierüber, und beſchloß von nun an Alles zu verſuchen, was in ſeinen Kräften ſtehen würde, den Freund zu unterſtützen und die 29 einer ſolchen Mishandlung zu entziehen, wußte aber nur zu gut, daß in dieſem Augenblick jede Vorſtellung nicht—. allein nutzlos ſein, ſondern für die Arme nur noch un⸗ angenehmere Folgen haben würde. Die Verwirrung hatte jetzt ihren höchſten Grad er⸗ reicht, das arme kleine Weſen ſchien mit jedem Augen⸗ blick kränker zu werden, Ellen ängſtigte ſich mit ſtill⸗ thränenden Augen ab, dem Liebling Hülfe zu leiſten, und die Mutter lief, des Fremden Gegenwart gar nicht mehr beachtend, im Zimmer auf und ab, und rief fort⸗ * — „ 187 während die Hände ringend, daß dieß des Himmels Strafe wäre, der ſie jetzt in dem armen unſchuldigen Kinde für alle ihre Sünden und Schwachheiten heim⸗ ſuchte; als von draußen her plötzlich eine fremde Män⸗ nerſtimme Einlaß begehrte, und die Hunde, dadurch er⸗ weckt, laut bellend und heulend anſchlugen. Der Wind, der den ganzen Tag nur ſchwach von Süden hergeweht, hatte ſich gedreht, ſchüttelte, von Nordweſten kommend, die Aeſte und Zweige der gewaltigen Stämme wild durch einander, und bließ, als die Thüre geöffnet wurde, das Licht aus, das auf dem Tiſche ſtand, wodurch, da das Feuer im Kamin ziemlich niedergebrannt war, das Haus in plötzliche und nur um ſo ſchaurigere Dunkelheit ſetzt ward. „Hallo da drinnen— kann ich hier übernachten?“ rief die Stimme zum zweiten Mal—„der Henker hole die Hunde— wollt' Ihr die Mäuler halten!“ „Ruhig Hecktor— ruhig Deik— nieder mit Euch, Ihr Canaillen— könnt Ihr einen Mann nicht zu Worte kommen laſſen?“ ſchrie Atkins, der in die Thüre getreten war, ärgerlich nach den Hunden hinüber—„ſteigt ab! 4 wandte er ſich dann an den Fremden,„inein Burſche ſoll das Pferd beſorgen.“ „Beißen die Hunde?“ frug Jener, vorſichtig, der — 188 Einladung Folge leiſtend und ſeinen Weg über die Fenz fühlend. „Nein,“ ſagte Atkins—„nicht wenn ich dabei bin, kommt nur hierher und fallt nicht über das Holz dort— halt— dort ſteht die Stahlmühle— ſtoßt Euch nicht — ſo— drei Stufen, die unterſte wackelt ein wenig. O Ellen zünde doch das Licht wieder an.“ Ellen war indeſſen ſchon emſig beſchäftigt geweſen, ein paar Kienſpähne zum Brennen zu bringen, und bald war der Raum hinlänglich erleuchtet, um den Mann er⸗ kennen zu können, der in dieſem Augenblick ins Zimmer trat, dort ſeinen alten Reitermantel und die Otterrfell⸗ mitze ablegte, und nun freundlich grüßend zu der Fami⸗ lie an den Kamin und in den hellen Schein des jetzt wieder hochauflodernden Feuers ſchritt. Es war ein kleiner unterſetzter Mann, mit lebhaften grauen Augen, langen ſchlichten, etwas blonden Haaren und vielen Sommer⸗ ſproſſen, dabei in ein braunwollenes Jagdhemd und eben ſolche Kamaſchen gekleidet, während eine alte, vielge⸗ brauchte Satteltaſche, die er über dem Arm trug und jetzt neben dem Kamin niederlegte, Alles das zu enthal⸗ ten ſchien, was er auf einem Ritt durch den Wald und in ſolch wilder Gegend bedurfte. Sein Blick ſchweifte übrigens, als er ſich den beiden Männern näherte, un⸗ „ - — * ———:—:—:ʒ—— ᷣ G 189 ruhig von Einem zum Anderen, und er ſchien mit ſich ſelber zu Rathe zu gehen, welchen von ihnen er als den Wirth des Hauſes anreden ſolle. Madame Atkins mochte übrigens mit dem neuen Gaſte, der nur noch mehr Störung und Unruhe ver⸗ ſprach, weniger zufrieden ſein, denn ſie nahm jetzt mit ziemlich mürriſchem Blicke das kleine leidende Weſen auf den Arm, hüllte es in eine Decke, und rief Ellen zu, ihr mit dem Licht und Feuerzeug in das andere Haus zu folgen, wo augenblicklich ein Feuer im Kamin angezündet werden ſollte. Ellen gehorchte ſchnell dem Befehl, und es war alle Wahrſcheinlichkeit vorhanden, daß Madame an dieſem Abend nicht weiter ſichtbar ſein würde. „Schrecklicher Wind draußen,“ ſagte der Fremde nach einer Weile, in der er, als er mit ſich ſelbſt über die Identität des Wirthes einig zu ſein ſchien, ſtarr vor ſich nieder geſehen hatte;„bläßt, als ob er die Eichen mit der Wurzel ausreißen wollte.“ „Ja es iſt draußen ein wenig unruhig,“ ſagte At⸗ kins, ſeinem Gaſte einen forſchenden Blick zuwerfend; „kommen wohl weit her?“ „Nein nicht ſo ſehr— vom Niſſiſſippi.“ „Weiter weſtlich??“?“ „Ja— nach Fort Gibſon— wie weit iſt's noch bis zum Fourche la fave?“ „Ich wohne an dem Fluß,“ ſagte Atkins,„und be⸗ gegnete dabei dem Blick des Fremden, während Brown, durch die Unruhe mit dem Kind und den Eintritt des Neugekommenen aufgeſtört, ſeinen Sitz am Feuer wieder eingeno hatte, und ſich damit unterhielt, den langen Feuerſtock, der an der Kaminecke lehnte, dann und wann in die Kohlen zu ſtoßen, um hie und da ein in der Gluth ſich formendes Bild zu zerſtören, oder neu zu ge⸗ ſtalten. 8— „Ihr ſeid am Ufer des Fluſſes mehre Meilen hinge⸗ ritten,“ miſchte er ſi ch jetzt in das Geſpräch,„konntet ihn aber nicht ſehen, da das Schilf wohl eine viertel Meile breit und ſehr dicht iſt.“ „Ja, ich dachte mir, daß der Fluß in der Nähe ſein müßte— ſchönes Schilf das— muß herrliche Fütterung geben;— die Weide iſt wohl gut hier?“ „Sehr gut,“ antwortete Atkins, und wieder traf er den Blick des Fremdem, der, vorſichtig Brown von der Seite im Auge behahend, zu ihm aufſchaute. Dieſer aber hörte mitten in. ſeiner Beſchäftigung auf, ließ ganz in Gedanken den Stock in der Gluth, der hell an zu flam⸗ men fing, und ſah ſinnend in das Kamin hinein, als ob ——— er ſich irgend etwas hätte in's Gedächtniß zurückrufen wollen, das ihm ſchon halb und halb entfallen war. „Ich bin ſcharf geritten,“ brach jetzt der Fremde das kurze Schweigen,„und der Wind macht durſtig, dürft' ich Sie wohl um einen Schluck Waſſer bitten?“ „Von Herzen gern,“ erwiederte Atkins, und eilte ſchnell auf den Eimer zu, dem Gaſt das Verlangte zu reichen; aber auch Brown ſah ſich, von einem plötzlichen Gedanken durchzuckt, nach dieſem um, und fand deſſen Blicke feſt auf ſich ſelber haftend, doch drehte er ſich ſo⸗ gleich nach Atkins zu, nahm den Flaſchenkürbis aus ſeiner Hand und that einen langen, langen Zug. „Da ich den Herrn hier nach Waſſer fragen hörte, fiel auch mir ein, daß ich durſtig ſei,“ ſagte Brown jetzt wieder ganz gefaßt, indem er ſich nun mit aller Klarheit des Geſpräches, in der geſpenſtiſchen Hütte am Arkanſas, erinnerte, und auf keinen Fall die beiden Männer merken laſſen wollte, daß er in irgend einer Sache Verdacht ſchöpfe oder ihr Verſtändniß ahne. Halt Gentlemen,“ rief jetzt Atkins—„Sie trinken da das kalte Zeug ſo in ſich hinein, noch dazu bei ſol⸗ chem Sturm draußen; wie wär's, wenn wir erſt ein Tröpfchen Whiskey vorangöſſen? der mag Bahn brechen, und das Waſſer thut auch nachher keinen Schaden mehr.“ „Wird uns allen Dreien von Vortheil ſein,“ ſagte ſchmunzelnd der Fremde, während der Wirth an einen kleinen Seitenſchrank ging, und gleich darauf einen Krug und drei Blechbecher zum Vorſchein brachte. „Hier, Mr. Brown— ſchenkt Euch ſelbſt ein,“ ſagte er zu dieſem, ihm den Krug hinhaltend— ordentlich, das iſt ja kaum ein Tropfen— ſo recht— je unfreundlicher es draußen ſtürmt, deſto freundlicher müſſen wir ſehen es im Inneren zu erhalten;- und „oh nun Sie, Sir? wie iſt Ihr Name eigentlich; ich heiße Atkins, und der Herr da, Brown!“ „Mein Name iſt Jones,“ erwiederte der Gaſt, „John Jones, leicht zu behalten, nicht wahr? nun auf beſſere Bekanntſchaft, Mr. Atkins— auf beſſere Be⸗ kanntſchaft, Mr. Brown,“ und er hob das Glas, freund⸗ lich zu den Männern aufblickend, an die Lippen, Atkins Züge aber überflog ein halb ſpöttiſches, halb ängſtliches Lächeln, als der Mann, der ſich Jones n Regulator„auf beſſere Bekanntſchaft“ anſtieß, er durfte aber was er dachte mit keiner Miene, mit keinem Blick verrathen, und begnügte ſich nur die Becher der Beiden zu berühren, während er, wirklich aus tiefſter Seele ſagte, annte, mit dem 193 „auf daß wir immer recht gute Freunde bleiben mögen.“. Ellen hatte indeſſen mehre Decken und Matratzen auf der Erde ausgebreitet, und begann ein Lager daraus herzurichten, erwiederte aber auf Atkins Frage, nach dem Befinden des kranken Kindes, daß es arge Schmerzen zu haben ſcheine, obgleich keiner von ihnen wiſſe, was ihm fehle.“ „Kannſt Du ein Viertelſtündchen abkommen von der Pflege deſſelben,“ frug der Vater. „Ich weiß kaum— Madame“— „Schon gut— ſetze nur die Töpfe an's Feuer,“ unterbrach ſte Atkins—„Du mußt ſchnell noch etwas Abendeſſen für Mr. Jones hier, zurecht machen; ich will es indeſſen meiner Frau ſagen.“ Er verließ bei dieſen Worten das Zimmer, und Ellen traf raſch alle nöthigen Vorbereitungen zu der einfachen Mahlzeit der weſtlichen Farmer, die aus Nichts mehr als warmem Maisbrod, gebratenen Speck, heißem Kaffee, und etwas Butter, Käſe und Honig beſtand. Die beiden Männer ſaßen indeſſen ruhig am Kamin, und Brown beobachtete die ſchlanke Geſtalt des ſchönen Mädchens, das mit geſchäftiger Eile und gewandter Hand alles Nö⸗ thige beſorgte, während Jones, wie in tiefen Gedanken, II. 13 . —— 4 194 mit dem langen Stock im Feuer herumarbeitete, und die glühenden Kohlen von den großen Klötzen abſtieß, welche Arbeit er nur dann unterbrach, wenn er mit etwas unge⸗ duldiger Miene, einen Blick zuerſt auf die über dem Ka⸗ min ſtehende Uhr, und dann nach der Thür warf, durch die er Atkins zurückerwartete. Dieſer erſchien endlich, und zu gleicher Zeit war das Abendeſſen für den ſpäten Gaſt bereitet. Ellen ſollte aber noch mehr zu kochen bekommen, denn eben hielten drau⸗ ßen an der Thüre wieder mehre Pferde, Frauenſtimmen wurden gehört, und die ſcharfen Töne der Mrs. Atkins riefen gellend herüber, den Kaffee aufzuſetzen und eine tüchtige Kanne voll bereit zu halten.“ Brown ſaß noch immer ſinnend, mit dem Kopf an den Seitenbalken gelehnt, neben dem Kamin, Atkins aber zündete ein zweites Licht an und ſagte freundlich zu ihm: „Mr. Brown, Sie cheinen müde zu ſein, hier iſt Ihr Licht, und wenn Sie ſich niederzulegen wünſchen, ſo will ich Ihnen Ihr Bett zeigen. 4 84 „O bitte, machen Sie ſich meinetwegen keine beſon⸗ deren Umſtände,“ rief der junge Mann, der die von Ellen herbeigeſchafften Betten zuſammengerollt in der 195 Ecke liegen ſah—„ich kann warten und bin keineswegs ſchläfrig.“ „Wir haben ein Bett hier oben,“ erwiederte ihm Atkins,„dort können Sie ungeſtört liegen, und morgen Früh, ſo früh es Ihnen gefällt, nach Bowitts aufbrechen, überdieß werden wir hier unten wenig zu Ruhe kommen, da ich eben mehre Nachbarinnen ankommen hörte; das Kind iſt doch wohl kränker, als ich im Anfang ſelbſt glaubte.“ „Sie ſcheinen Damenbeſuch zu bekommen.“ „Leider,“ ſeufzte der Farmer mit unverſtelltem Ent⸗ ſetzen,„und der liebe Gott gebe nur, daß ſich das arme, kleine Würmchen bald wieder erholt, ſonſt ſchwatzen ſie es todt— alſo wenn“— „Ja, da halt ich es ſelbſt für beſſer, daß ich mich zurückziehe,“ lächelte der junge Mann,„alſo gute Nacht meine Herren— Mr. Jones kommt wohl auch ſpäter hinauf?“ „Es iſt nur ein Bett oben, Mr. Jones werd' ich wohl verſuchen müſſen hier unten“— „O machen Sie um Gotteswillen mit mir keine Umſtände,“ rief dieſer, Ellen ſeine Taſſe hinüberhaltend, die von ihr wieder aus der großen ſchweren Blechkanne gefüllt wurde—„alſo gute Nacht. Wenn Sie nicht mor⸗ . 13* 3 4 196 gen zu früh aufbrechen, habe ich vielleicht das Vergnügen Ihrer Geſellſchaft auf der Straße— ich weiß zwar nicht welche Richtung“— „Aufwärts— nein, ſo ſehr früh werde ich nicht reiten,“ entgegnete ihm Brown,„alſo auf Wieder⸗ ſehen.“ Damit nickte er noch einen freundlichen Gute Nacht⸗ gruß der Jungfrau zu, und war im nächſten Augenblick in dem obern Theil des Hauſes, der eigentlich nur durch quer über die Balken weggelegten Breter gebildet wurde, verſchwunden. Atkins kehrte bald darauf wieder mit dem Lichte zurück, und er ſowohl als der Fremde beob⸗ achteten, ſo lange Ellen noch im Zimmer war, und theils das Lager für den Gaſt bereitete, theils das Geſchirr und Tiſchtuch wieder abräumte, tiefes Stillſchweigen; endlich aber hatte ſie Alles vollendet, ſtellte das Licht auf den Tiſch, nahm die Kaffeekanne und einen Korb voll Taſſen mit hinüber, und zog ſich mit einem leiſen„Gute Nacht,“ das von keinem der Männer gehört, wenigſtens von keinem beachtet wurde, zurück. Kaum hatte ſie aber das Zimmer verlaſſen, als At⸗ kins aufſtand, das Licht auslöſchte, daß der Raum nur noch ſparſam durch die kniſternden Scheite erhellt wurde, und dem Gaſt winkte, ihm zu folgen. 197 „Euch ſendet Jemand zu mir,“ flüſterte er dann, als er ihn weit genug vom Hauſe fortgeführt hatte, um nicht von dort aus gehört zu werden. „Ja!“ erwiederte der Fremde—„Euer Name?“ „Atkins.“ „Gut— ich bringe Pferde.“ „Wo find ſie?“ „In der Biegung des Baches?“ „Im Waſſer ſelbſt?“ „Nun verſteht ſich.“ „Aber woher kennt Ihr die Stelle? war't Ihr ſchon früher einmal in dieſer Gegend?“ „Ich ſollte denken,“ lächelte Jener,„Ich habe hier den erſten Arthieb gethan, und von mir kaufte Brogan den Platz, von dem Ihr ihn wieder erſtanden habt.“ ⸗ „Alſo Ihr ſelbſt legtet jenen geheimen—“ „Schon gut,“ unterbrach ihn vorſichtig Jones, „was hilfts, Sachen zu nennen, die ja doch ein Anderer hier im Dunklen möglicher Weiſe überhören könnte; ich habe nie von ſolchen Gegenſtänden geſprochen. Befindet ſich das Thor noch an der oberen Fenzecke?“ „Ei ja wohl, wo der Bach vorbeifließt.“ „Gut, dann trefft Anſtalten, die Thiere unterzu⸗ bringen; ich hole ſie indeſſen.“ ——— ——— 198 „Und braucht Ihr keine Hülfe?“ „Keine, bis wir ſie im Innern der Umzäunung haben,“ und mit dieſen Worten wandte ſich der bündige Sprecher von ſeinem Wirth ab, und war in wenigen Secunden im Dunkel verſchwunden. Atkins aber kehrte zum Hauſe zurück, umging dieſes, ſchritt dann quer über den kleinen Platz einer Art Hof zu, in welchem ſechs oder acht Pferde frei umherliefen, überſtieg die ſich darum hinziehende Fenz, und verlor ſich dann ebenfalls in der finſteren, rabenſchwarzen Nacht. Brown fand, als er durch die Spalten der Decke die beiden Männer das Haus leiſe zuſammen verlaſſen ſah, ſeinen Verdacht beſtätigt, und war lange unſchlüſ⸗ ſig, ob er ihnen folgen und ſie auf der That ertappen, oder ihr nächtliches Werk ruhig vollenden laſſen ſollte. Was konnte er, der Einzelne, Unbewehrte, aber gegen ſie ausrichten, die ſicher auf eine Ueberraſchung vorbe⸗ reitet und bewaffnet waren, er hätte ſie nur gewarnt, daß ſie entdeckt wären, und jede weitere Enthüllung des Verbrechens ſelbſt vernichtet; ruhig blieb er daher auf ſeinem Lager ausgeſtreckt liegen, und überdachte ſich die Vorfälle und einzelnen Umſtände des vergangenen Tages. „Ellen, das unſchuldige Kind, war auf keinen 5 * 4 Fall in die Frevelthat eingeweiht, ſonſt hätte ſie nicht ſo unbefangen den Aufenthalt und Beſuch Cottons, dem der Sheriff ſchon ſeit mehreren Wochen nachſpürte, ver⸗ rathen. Wo aber lebte dieſer Cotton? wo gab es eine Hütte oder ein Dickicht, das ſo viele Tage lang einen Verbrecher verbergen konnte, ohne daß die Nachbarn auch nur das Mindeſte von ihm geſpürt hätten? Hier in der Nähe mußte es ſein, denn weite Märſche durfte jener Mann, beſonders bei Tage, ſchwerlich wagen zu unternehmen; wo alſo war ſein Schlupfwinkel? Wer wohnte hier in der Nachbarſchaft? Wilſon? bei dem war es nicht— Pelter? gehörte mit zu den Regula⸗ toren— Johnſon? das wäre eher möglich geweſen, und hier öffnete ſich eine neue Quelle des Verdachts. John⸗ ſons Pferde hatten die Verfolger in jener Nacht einge⸗ holt; Husfield ſchwor, die Fährten zu erkennen, und noch am nördlichen Ufer ſeine Spuren geſehen zu haben; am anderen Ufer waren ſie nur dieſen Pferden gefolgt, und fanden fremde Thiere, die auf keinen Fall ihre Hu⸗ fen am jenſeitigen Ufer eingedrückt hatten, da Curtis, Cook und Husfield ihre Seligkeit zum Pfande ſetzten, die großen Hufen des einen Pferdes am vorigen Tage nirgends bemerkt zu haben. Johnſon und Cotton— zwiſchen dieſen Beiden muß 200 ein Verſtändniß herrſchen; aber nicht allein konnten ſie alles dieß ausgeführt haben; wer waren die Anderen, und ſtanden jene mit den beiden Todſchlägen in irgend einer Verbindung? Der Kopf that ihm zuletzt weh, vom vielen Nach⸗ ſinnen, ſeine Gedanken verwirrten ſich, die verſchiedenen Geſtalten und Plätze, die er geſehen, verſchwammen zu 6 tollen, bunten Bildern, und er träumte zuletzt, er ſei in den Prediger Rowſon umgewandelt, und Marion beuge ſich über ihn hinüber und küſſe ihn, und nenne ihn mit den zärtlichſten Namen, während ihm das Herz blutete, daß Alles dieſes dem Bild ſeines Nebenbuhlers gelte, in das er zu ſeiner eigenen Qual hineingebannt ſei. —— 8 ¹ Endlich verließen ihn auch dieſe unruhigen Träume, der Geiſt unterlag, wie der Körper der gehabten Anſtren⸗ gung, und er ſchlief ſanft und feſt. — bald wieder liegen laſſen, und dann nur einen kleinen 8 Cap. X. Die verbündeten Verbrecher.— Unerwartete Gäſte.— Der neue Plan. Wir müſſen noch einmal zu der Dämmerungsſtunde dieſes nämlichen Abends, und zwar in eine kleine aber wohnliche Blockhütte zurückkehren, die im dichten Walde lag, und durch keine, wenigſtens leicht erkennbare Straße, mit den übrigen verſchiedenen Wohnungen des County in Verbindung ſtand. Johnſon hauſte hier, und hatte den Platz, vor etwa Jahresfriſt, von einem Jäger für zwanzig Dollar baares Geld, eine wollene Decke und ein Bowiemeſſer erſtanden; ſpäter zwar einmal den An⸗ fang zu einem kleinen Feld gemacht, dieſes aber gar 20² Hofraum eingefenzt, um die wild umherſtreifenden Schweine und Kühe von ſeiner Thüre abzuhalten, oder auch ein Pferd, das er bei ſich zu behalten wünſchte, daran zu hindern, das Weite zu ſuchen. Da er übri⸗ gens nur ſelten in ſeiner Wohnung anzutreffen war, und dieſe ſelbſt, wie ſchon geſagt, ganz aus dem Weg und iſolirt da lag, ſo verlor ſich nicht oft ein Anſtedler, höchſtens ein Jäger in dieſe Gegend, und der Eigen⸗ thümer ſah ſchon dadurch vollkommen ſeinen Wunſch er⸗ füllt, nämlich allein und ungeſtört leben zu können. Der Einzige, mit dem er in dieſer Nachbarſchaft Umgang pflog, war Atkins, und deſſen Mulatte, in das Geheimniß ſeines Herren eingeweiht, trug oft Bot⸗ ſchaft herüber und hinüber. Jetzt aber ſah es in der ſonſt ſo einſamen Hütte keineswegs leer und öde aus, denn in dem Kamine kniſterte ein helles, erwärmendes Feuer, an einer, darüber hinweggelegten und befeſtigten Stange hing ein großer eiſerner Topf, und um die Gluth herum, auf niederen Seſſeln und Stühlen, ſaßen Cotton und Johnſon im eifrigen Geſpräch begriffen, und Beide augenſcheinlich mit Sehnſucht das Kochen des vor ihnen hängenden Keſſels oder Topfes erwartend. „Hört Johnſon— jetzt ſteigen Blaſen auf,“ ſagte endlich der rauhe 6n ungeduldig—„mach't fort, . d * daß ich meinen Trunk bekomme, ich muß eilen, fonſt find' ich Atkins vielleicht nicht mehr zu Haus.“ „Wartet nur noch ein paar Secunden, das Getränk wird flau, wenn das Waſſer nicht ordentlich ſiedet,“ erwiederte der Gefährte—„aber halt— jetzt fängt es an; nun reicht Euren Becher her, ich will Euch nicht länger aufhalten.“ „Donnerwetter das iſt heiß,“ fluchte Jener, als er ungeduldig den Blechbecher an die Lippen brachte— „in den verwünſchten Geſchirren kühlt ſich 's auch gar nicht ab.“ „Ja das läßt ſich nicht ändern,“ lachte „Glas und Porzellan können wir hier nicht Teufel wer kommt da?“ Johnſon, — alle Wo?“ rief Cotton, und ſprang mit einem Satze die Hälfte der kleinen Leiter hinauf, die den oberen Theil des Hauſes mit dem unteren in Ve rbindung ſetzte. „O bleibt hier,“ ſagte Johnſon, der nahe an eine der Spalten getreten war und hindurch geſehen hatte, „es iſt Dan— Atkins Mulatte.“ „Nun, was zum Henker will der?“ rief Cotton verwundert, indem er zurückkam und ſeinen Sitz wieder einnahm,„doch hoffentlich keine böſe Nachricht?“ „Da iſt er ſelbſt und tann ſf ſich ſprechen,“ ſagtr 204 Johnſon, die Thüre öffnend und den treuen Gelben ein⸗ laſſend;„Nun Dan, was bringſt Du?“ „Maſſa Cotton ſoll oben bleiben,“ antwortete die⸗ ſer, die Zähne fletſchend und den Hut abnehmend, „Maſſa Brown iſt bei ihm und wird dort ſchlafen?“ „Brown? was in's drei Teufels Namen führt den hier oben her?“ rief Cotton ärgerlich—„ich hätte gerade heute ſo Wichtiges mit Atkins zu bereden.“ „Hat morgen Regulatorenverſammlung bei Bowitt,“ ſagte der Mulatte, indem er ſeinen alten Kautaback in den Kamin ſpuckte, und mit ziemlicher Vertraulichkeit ein neues Priemchen von dem Stück abſchnitt, das nebſt einem Meſſer auf dem kleinen viereckigen Tiſch, dicht neben dem einen Bett, an der Wand, lag. „Regulatorenverſammlung— Peſt,“ knirſchte Cot⸗ ton,„wenn ich könnte wie ich möchte, ſo ſollten die Kerle ſchön tanzen morgen— aber wartet, Euere Zeit kommt auch, und kann man Euch Nichts im Ganzen anhaben, ſo wirds mit den Einzelnen deſto weniger Schwierigkei⸗ ten machen.“ 4 „Hat Dein Herr ſonſt noch etwas an uns beſtellt?“ frug Johnſon. „Nein, Maſſa— nichts weiter, er wird wohl ſelbſt morgen früh herüber kommen.“ ————— ſichtbar—„dort ſteht ein leerer Becher.“ „Dann ſag ihm, wir würden ihn erwarten— hörſt Du? nun was ſtehſt Du noch und gaffſt.“ „Maſſa, ſagte der Mulatte, und ſeine Elfenbein⸗ zähne wurden von einem Ohrläppchen bis zum anderen „Ah— der Strick hat Durſt,“ lachte Johnſon, „nun hier— trink und pack Dich zum Teufel!“ „Danke Maſſa,“ ſagte Dan, goß das heiße Ge⸗ tränk in einem Zug die ausgepichte Kehle hinab, nickte Beiden noch einen kurzen Gruß zu, und brach im näch⸗ ſten Augenblick auch ſchon wieder vollen Laufes durch die dichten, den Platz umgebenden Saſſafrasbüſche, auf dem Wege nach Hauſe.“ „Nun,“ brummte Cotton, indem er ſich behaglich. c auf dem eben erſt verlaſſenen Sitz niederließ,„dann 9 kann ich's mir wenigſtens heute Abend bequem machen, und brauche mich nicht abzuhetzen, das hat auch ſein Gutes.— Brown— Regulatoren— Gift und Klap⸗ perſchlangen über die Kerle— daß ſie die— Seeine Rede wurde in dieſem Augenblick durch deut⸗ liches Pferdegetrappel kurz abgebrochen, und mit einem Satz ſtand er wieder, dießmal jedoch den gefüllten Be⸗ cher in der Hand, auf der Leiter, um, wenn es Noth thäte, ſich jedem unberufenen Auge entziehen zu können; 206 aber wiederum war ſeine Vorſicht nutzlos geweſen, denn „Rowſon,“ rief Johnſon, der nachgeſehen hatte, er⸗ ſtaunt aus, und ehe noch Cotton zum Feuer zurück⸗ kehren, und Johnſon den Pflock vor der Thüre weg⸗ ziehen konnte, rüttelte der würdige Mann auch ſchon an der nur ſchlecht verwahrten Pforte und verlangte Einlaß. „Höll und Teufel, ſo laßt Einen nicht eine Stunde hier draußen warten!“ rief er ungeduldig aus, als John⸗ ſon den hölzernen Vorſtecker nicht ſchnell genug zurück⸗ ziehen konnte. „Hallo da,“ lachte Cotton, als die Thüre aufging, „das klingt chriſtlich— Ihr habt's ja verdammt eilig; wenn wir nun zufällig fremde Geſellſchaft hier hätten, heh? würde ſich da der ehrbare Methodiſt mit dem Maul voller Flüche nicht ſehr wunderbar ausgenommen haben?“ „Hol die Peſt ſie Alle,“ zürnte der Prediger,„es wird bald ſehr gleichgültig ſein, ob die Leute hier glau⸗ ben, daß ich bete oder fluche— ich muß fort.“ „Was?“ rief Johnſon erſchrocken wieder von dem Stuhle aufſpringend, auf dem er ſch eben niedergelaſſen hatte—„fort? haben ſie entdeckt, daß?“— „Unſinn,“ ſagte der Prediger ärgerlich—„wahre lieber Deine Zunge— noch iſt Nichts entdeckt, aber es 207 kann in jedem Augenblick geſchehen— der Indianer iſt zurück.“ „Daß ihn unterwegs ſein Nannabozho geholt hätte,“ grollte der Jäger,„mir iſt die Rothhaut ein Dorn im Auge, und ich wollte was d'rum geben, wenn ich ſie aus dem Wege ſchaffen könnte—“ „Nun, der Indianer wird das Kraut noch nicht fett machen,“ lächelte Johnſon verächtlich, indem er ſei⸗ nen Becher auf's Neue füllte und einen anderen an Rowſon hinüberreichte, der ihn auf einem Zug leerte— „die Spuren ſind lange vertilgt, und ohne die kann der kupferfarbene Schuft Nichts ausrichten.“ „Das iſt's nicht allein,“ zürnte der Methodiſt,„der Böſe iſt auch in das Geſindel hier herumgefahren, und der alte Regulatorenteufel ſpukt einmal wieder unter ihnen. Morgen iſt große Verſammlung, und es leben einige Verdächtige hier in der Gegend, die ſte aufgreifen und, natürlich peinlich, verhören wol⸗ len. Wie gefällt Euch das?“ „Alle Wetter,“ rief Johnſon,„dann wird mir ebenfalls eine Luftveränderung ganz zuträglich ſein; zu dieſem Neſt hier kommen ſie zuerſt, aber ich weiß nicht, was Du dabei zu fürchten haſt? auf Dich kann doch 3 208 Niemand auch nur den mindeſten Verdacht geworfen haben.“ „Der Indianer iſts, der mich beſorgt macht,“ knirſchte Rowſon,„wenn ich nur wüßte, wie ich den ſcalplockigen Hallunken bei Seite ſchaffte.“ „Das wird ſchwer halten,“ ſagte Cotton nachden⸗ kend,„aber möglich iſt s—“— „Und bringen dann das Land erſt recht in Aufruhr, nicht wahr? nein, es i*ſt hier Blut genug gefloſſen, das Beſte wird ſein, wir ſuchen das Weite, und zwar bald, denn das Ungewitter kann ſich mit jedem Tage über unſeren Köpfen entladen.“ „ Müßte nur vorſichtig betrieben werden—„fuhr Cotton, ohne Rowſons Einwand zu beachten, fort, „man behauptet hier allgemein, der Indianer habe in ſeinem Stamm einen Häuptling erſchlagen, und ſei dann entflohen; Nichts iſt natürlicher, als daß ihm don dort aus ein Verwandter des Getödteten gefolgt ſein könnte, um die Blutſchuld zu ſühnen. So etwas aber ſicher auszuführen, würde er natürlich auch nichts anderes als einen vergifteten Pfeil benutzt haben, und da müßte man nicht Jahre lang in Teras und dem Arkanſas Ter⸗ ritorium gelebt haben, wenn man nicht ſo einen Pfeil zurecht machen könnte.“ — * 209 „Verſteht Ihr die Zubereitung des Giftes?“ frug Rowſon ſchnell. „Ach was hilft Euch das,“ rief ärgerlich Johnſon dazwiſchen,„der Indianer iſt immer nur eine Perſon, die wir uns leicht vom Halſe halten können; die Gefahr liegt tiefer. Wenn dieſe hündiſchen Regulatoren wirk⸗ lich auf die rechte Spur kämen, und einen von denen er⸗ faßten, die das Herz nicht, ſondern nur das Maul auf der rechten Stelle haben, ſo könnte der Teufel bei uns Gebatter ſtehen. Rein, in dem Fall hat Rowſon recht, dann wär' es beſſer, wir befänden uns Alle jenſeits der Grenze von Onkel Sam's Grund und Boden; doch können wir es ja abwarten, noch ſind Leute unter uns, auf die kein Verdacht gefallen iſt, wie zum Beiſpiel Du Rowſon, und ſelbſt Atkins— Ihr müßt Euch den Verſammlungen anſchließen, und hört Ihr dort etwas, das Euch verdächtig ſcheint, nun dann friſch geſattelt und ſcharf geritten. Ein Arkanſas finden wir überall wieder.“ „Das möchte ich bezweifeln,“ ſagte Rowſon,„und überdieß habt Ihr ledigen Leute gut reden, Ihr werft Euere Büchſe auf die Schulter, und in dem Augenblick, wo Ihr das rechte Bein über den Sattel hebt, ſeit Ihr freie Menſchen— aber ich—“ 14 210 „Du biſt auch noch ledig“— warf Johnſon ein. „Ja— heute noch— morgen Abend nicht mehr.“ „Ihr ſeht die Sache zu ſchwarz Rowſon,“ lachte Cotton—„Gott verdamm mich, wenn ich einen ſolchen Namen hier in der Nachbarſchaft hätte wie Ihr, und ſo bei den Frauen angeſchrieben ſtände, mich brächten keine zehn Pferde aus Yell⸗ County. Wenn Ihr übrigens ſolche Angſt habt, warum heirathet Ihr denn? ſchiebt doch den Bettel noch auf; es wird überhaupt ledern, wenn man nachher zu Euch kömmt, und ſich immer ſo unmenſchlich im Reden geniren muß.“ „Ich kann nicht mehr zurück, ohne Verdacht zu er⸗ regen;“ ſagte der Prieſter, heftig im Zimmer auf⸗ und abgehend,„hätt' ich das Alles nur heute Morgen ge⸗ wußt— da war es noch möglich, die Sache wenigſtens aufzuſchieben, aber— Peſt und Gift, wenn ich erſt ver⸗ heirathet bin, muß mir meine Frau auch folgen, wohin ich gehe, und das kann in ſehr kurzer Zeit geſchehen. Ein Brief von meiner alten Tante in Memphis, die mich vor ihrem Tode noch einmal ſehen will, wird hinläng⸗ liche Entſchuldigung ſein, und bin ich erſt einmal fort, dann können ſie mir nachreden was ſie wollen, daß ſie mich nicht wieder finden, ſei meine Sorge.— Nur der 211 Indianer, vor der verwünſchten Rothhaut, iſt mir bange—“ „J nun,“ brummte Cotton,„wenn der einmal zu gefährlich werden ſollte, dann iſt das aus dem Weg⸗ räumen immer ſchnell geſchehen; jetzt aber würde es, wie Ihr ganz richtig bemerkt, nur noch mehr böſes Blut unter den Anſtedlern machen, die durch das letzt ver⸗ goſſene ſchon überdieß aufmerkſamer wurden als gerade nöthig iſt; aber vorbereiten—“ „Laßt doch nur den verwünſchten Indianer aus dem Spiel,“ zürnte Johnſon—„die Regulatoren ſind's, die wir zu fürchten haben, das iſt die Seite, von der uns Gefahr droht, nach der Richtung hin müſſen wir alſo auch wirken. Kannſt Du der Verſammlung bei⸗ wohnen, Rowſon?“ „Ja— ich hoffe es,“ erwiederte dieſer,„es giebt wenigſtens keinen erheblichen Grund, den ſie bis jetzt gegen meine Gegenwart haben könnten. Ich gedenke es auf jeden Fall zu verſuchen.“ „Gut— dann iſt auch für jetzt noch keine Urſache vorhanden, weßhalb wir uns ängſtigen ſollten. Leicht wird es Dir ſein, Dich von jeder wichtigen Verhandlung in Kenntniß zu ſetzeil, und wir brauchen nicht mehr zu fürchten, überraſcht zu werden.“ 14* „Ich kann es aber unmöglich jetzt wagen, Atkins's Haus und Land zu kaufen,“ ſagte Rowſon,„der Teufel kann ſein Spiel haben, und dann wär' ich ſchändlich gebunden.“ „Es kommt darauf an, wies mit Deiner Caſſe ſteht,“ erwiederte Johnſon—„liegen Dir die zweihun⸗ dert Dollar, die Jener dafür verlangt, nicht ſo beſon⸗ ders am Herzen, dann bringſt Du ſchon durch den Kauf Manchen zum Schweigen, der im anderen Falle vielleicht hie und da Verdacht geſchöpft hätte; iſt das aber—“ „Ja Du haſt Recht,“ ſagte Rowſon, ſchnell ent⸗ ſchloſſen—„ich kaufe den Platz, und das zwar gleich am Montag; übrigens ſage ich mich von heute an los von jedem Antheil an neuen Unternehmungen; ich will es wenigſtens einmal verſuchen als ehrlicher Mann zu leben und ruhig zu ſchlafen.“ „Zeit wär's,“ lächelte Cotton verächtlich;„da würde ich aber dem Herrn Prediger rathen, mit ſeiner jungen Frau nach der Inſel zu ziehen— das wäre ein herrlicher Platz für einen Miſſtonair.“ 1 Rowſon wandte ſich finſter ab, Johnſon nahm aber das Geſpräch auf, und ſagte zu Rowſon: „Da Cotton gerade die Inſel erwähnt, ſo denke, wär's wohl auch an der Zeit, mich einmal mit deren 213 Verhältniſſen genau bekannt zu machen; zwar weiß ich, daß ſie im Miſſiſſippi, auch wo ſie liegt, bin aber, ob⸗ gleich ich zweimal ſelbſt Pferde dahin abgeliefert habe, noch nie darauf geweſen. Die Schufte, die ſie in Empfang nahmen, thaten immer ſo geheimnißvoll, daß Nichts aus ihnen herauszubekommen war.“ „So iſt mir's dießmal auch gegangen,“ fluchte Cot⸗ ton,„wären uns die Regulatoren auf den Ferſen ge⸗ weſen, ſo hätten ſie uns, Gott ſtraf mich, erwiſcht, denn verdammt will ich ſein, wenn uns die Kerle in ihr Boot nahmen. Wir mußten die Pferde abliefern, und Weſton und ich lagerten an der Uferbank, bis ſte nach etwa zwei Stunden wieder zurückkamen und uns das Geld brach⸗ ten. Weſton iſt bald vor Neugierde geſtorben.“ „So hört denn,“ flüſterte Rowſon leiſe, als ob er fürchte, von Jemand Anderem dabei behorcht zu werden, „es kann uns doch Niemand von Außen hören.“ „Nein— nein,“ ſagte Johnſon—„Du kannſt getroſt reden— ich wollte aber doch, Cotton hätte ſeinen Hund hier, und nicht bei Atkins gelaſſen.“ „Er iſt beſſer dort aufgehoben,“ meinte dieſer— „aber macht fort— die Zeit vergeht, und ich bin müde.“ „Nun gut,“ ſagte Rowſon—„ich ſehe auch nicht ein, warum Ihr nicht ein Geheimniß ganz erfahren ſoll⸗ 214 tet, von dem Ihr doch ſchon alles das wißt, was es ver⸗ rathen könnte. Die Inſel kennt Ihr— den Weg dahin wenigſtens— weiter unterhalb liegt aber noch eine zweite, mit mehren trefflich verſteckten Schlupfwinkeln, im Fall die Bewohner der oberen einmal angegriffen oder überraſcht werden ſollten. Ein guter Schwimmer kann dann die untere, beſonders bei Nacht, leicht errei⸗ chen. Die Leute, die jenes Land inne haben, ſtanden früher unter Morrels Befehl, der jetzt im Philadelphia⸗ Zuchthaus ich glaube Schuſter oder ſonſt irgend etwas geworden iſt, ſie haben ihn auf jeden Fall ein Handwerk gelehrt. In dieſem Augenblick iſt der Anführer der In⸗ ſulaner ein gewiſſer— doch der Name thut Nichts zur Sache— ich habe ſchwören müſſen, ihn zu verſchwei⸗ gen.“ „Iſt es denn eine wohl organiſirte Raubbande?“ frug Cotton.* „Ja— beſſer noch als je eine beſtand, und faſt ganz geſichert vor Entdeckung, denn die, mit denen ſie in Verbindung ſtehen, können nur durch ihr Exiſtiren, nie aber durch ihren Verrath Nutzen gewinnen.“ „Und auf welche Art betreiben ſie. ihr Geſchäft, da ihre Nachbarn nie beläſtigt werden, ja ihr Vorhanden⸗ ſein nicht einmal ahnen?“ 21⁵ „Das macht der Fuchs ebenſo,“ lachte Rowſon,„in den, ſeinem Aufenthaltsort nächſten Farmhöfen, ſtiehlt er nur im äußerſten Nothfall ein Huhn; wir ähneln ihm in der Hinſicht.“ „O laßt Euere moraliſchen Bemerkungen, wenn's gefällig iſt,“ brummte Cotton— zur Sache— zur Sache.“ „Nun gut denn, zur Sache— Mit den Staaten, zwiſchen denen ſite wohnen, haben ſie ſehr wenig zu thun, ausgenommen mit dem öſtlichen, denn nach Miſſiſſippi hinein erſtrecken ſich ihre Verbindungen bedeutend, und dazu bedürfen ſie auch unſerer Pferde, weil ſie ſich auf jener Seite in dem dicht bebauten Lande gewaltig vor⸗ ſehen müſſen. Von oben herunter kommt aber ihr ganzer Wohlſtand. In allen großen Städten nämlich, am Miſſiſſippi wie Ohio, am Wabaſch, Illinois, ja ſelbſt am Miſſouri, haben ſie ihre Agenten, größtentheils junge Burſchen aus Kentucky und Illinois, und dieſe ſpionieren umher, welche Boote den Fluß hinunter gehn, und mit was ſie beladen ſind. Iſt es Etwas, das ſie zu haben wünſchen, oder das ſie in den ſüdlichen Städten ſchnell und vortheilhaft glauben verkaufen zu können, ſo ſuchen ſie eine Stelle als Steuermann, und geht das nicht, als gewöhnlichere Ruderer, darauf zu bekommen, führen das 4 216 Boot richtig und ordentlich bis zu ihrer Inſel, und laſſen es dort, mit Liſt oder Gewalt, auf den Strand laufen. Natürlich muß das in der Nacht geſchehen, wenn nur höchſtens Einer der Bootsleute an Deck iſt. Ein vor⸗ heriges Zeichen verkündet die Ankunft neuer Beute und die Mannſchaft— muß ins Gras beißen.“ „Hölle und Schwefel, rief Cotton,„dann wun⸗ derts mich auch nicht mehr, woher die vielen Leichen im Miſſiſſippi kommen; Anfang Februars war ich in Nat⸗ chez, da kamen einmal ſieben zuſammen, und alle ohne die mindeſte Verletzung. Wir glaubten damals, es ſei ein Boot mit ihnen umgeſchlagen.“ „Ja, ſie wiſſen es ſchon klug einzurichten,“ lächelte Rowſon—„das Geſchäft iſt mir aber zu blutig, ich mag Nichts damit zu thun haben.“ „Nein, ich auch nicht,“ ſagte Cotton ſchaudernd— „Gott ſei uns gnädig, das heißt ja die Sache wie ein Fleiſcherhandwerk betreiben. Wenn nun Frauen in den Booten ſind?“ „Junge Frauen werden auf der Inſel behalten, und zwar wohl bewacht, im Innern derſelben, denn jedes Mitglied darf eine Frau haben.“ „Alſo die ſchaffen ſie nicht bei Seite?“ frug Johnſon. 17 b „Das weiß ich nicht, geht mich auch Nichts an,“ entgegnete Rowſon,„das aber iſt gerade der Inſel größ⸗ ter Schutz, daß ſie von uns Allen ſtets als letzter Zu⸗ fluchtsort betrachtet werden kann. Sind wir in äußerſter Gefahr, ſo werden wir dort aufgenommen und auch be⸗ ſchützt, darauf könnt Ihr Euch verlaſſen.“ „Das hab ich dießmal geſehen,“ rief Cotton,„ver⸗ derben hätte ich am Ufer können, keiner der Himmelhunde würde eine Hand gerührt haben.“ „Weil Ihr das rechte Zeichen nicht wußtet,“ lachte Rowſon.„Glaubt Ihr, ſie holen Jeden herüber, der ſich an den Landungsplatz hinſtellt und ſchreit und winkt?“ „Aber welches iſt das Nothzeichen?“ „Lauft viermal zwiſchen den beiden Pawcornbäumen, die dort am Ufer ſtehen, hin und her— Nachts natürlich, mit einem brennenden Scheit Holz, und paßt auf, wie ſchnell Bewaffnete mit einem Boot bei der Hand ſind—“ „Alſo viermal?“ ſagte Cotton nachdenkend—„nun wer weiß, wie bald wir Alle von der Gaſtfreundſchaft jener Leute Gebrauch machen.“ „Einmal aber die Inſel betreten”“— warnte ihn Rowſon,„und Ihr ſeid unrettbar der ihrige—“ „Wart Ihr ſchon darauf?“ frug lauernd der Jäger. 218 „Nein— noch nicht,“ entgegnete ihm kurz abge⸗ brochen der Methodiſt—„doch wo iſt Weſton, wär' es nicht beſſer, daß er ebenfalls von der Gefahr, die uns droht, in Kenntniß geſetzt werde?“ „Atkins hat ihn in die oberen Anſtedlungen ge⸗ ſandt,“ warf Johnſon ein,„er wollte morgen wieder bei ihm eintreffen und dann auch zu mir kommen.“ „Mein'twegen,“ ſagte Cotton gähnend—„ich bin müde und lege mich nun ſchlafen; iſt noch etwas im Topf Johnſon? enghin 3 „Nein, Ihr habt den Reſt da im Becher.“ „Nun gute Nacht denn, wer zuerſt morgen auf⸗ wacht, weckt die Andern,“ damit ſchob er ſich ein paar Hirſchhäute, die in der Ecke lagen, zurecht, nahm eine alte wollene Decke über die Schultern, warf ſich nieder, auf das harte Lager, und war in wenigen Minuten feſt eingeſchlafen. 4 Johnſon und Rowſon ſaßen ſchweigend neben ein⸗ ander, und ſtarrten in die Kohlen; Beide hatten augen⸗ ſcheinlich noch etwas auf dem Herzen, aber Keiner wollte beginnen, und mehremale ſchon war der Methodiſt auf⸗ geſprungen, im Zimmer auf und abgegangen, und dann wieder am Kamine ſtehn geblieben. Endlich brach John⸗ ſon das Schweigen und ſagte leiſe: 219 „Fürchteſt Du, daß man uns entdeckt hat?“ 8 „Nein,“ antwortete mit ebenſo vorſichtig gedämpfter Stimme der Prediger,„nein— aber daß es geſchehen wird, fürcht ich.“ „Wie iſt das möglich—“ „Möglich? frag lieber, wie es möglich war, daß es noch nicht geſchehen iſt.“ „Du biſt ein Thor, und ſiehſt überall Geſpenſter.“ „Solche Thorheit hat noch Niemandem Schaden gebracht,“ antwortete düſter der Prediger—„ich fürchte, der Indianer hat Verdacht geſchöpft; der Blick, den er mir heute zuwarf, läßt mich faſt mit Gewißheit darauf ſchließen.“ „Du haſt freilich beſondere Urſache, den Indianer zu fürchten,“ flüſterte Johnſon leiſe. „Und wer hat Dir geſagt?—“ „Pſt,“ beruhigte ihn der Freund—„der da— aber nur ruhig— es iſt vielleicht ſogar beſſer für Dich, daß ich darum weiß. Ueberdieß war es nöthig, und ich hätte eben ſo gehandelt; haſt Du aber auch vorſichtig alle Zeichen vertilgt?“ „Die Frage war überflüſſig.— Meine Kleider wuſch ich noch in derſelben Nacht, obgleich mir's mit der Wunde im Arm hart genug ankam; das Loch, das der Toma⸗ 220 hawk der kleinen Hexe im Aermel des Rockes Ln ſchnitt ich aus und ſetzte einen anderen Fleck darauf, und mein Meſſer vergrub ich eine ganze Woche lang. Trotz alledem erfaßt mich aber eine unbeſchreibliche Angſt, wenn ich an jenen Abend zurückdenke, und— ich weiß nicht— bald iſt mirs, als ob ich halb und halb be⸗ reute—“ „Oh, Unſinn,“ ſagte Johnſon verächtlich—„wie iſt es denn mit dem Anderen— haſt Du das kleine Meſſer wiedergefunden?“ „Nein,“ flüſterte Rowſon, noch viel leiſer als vor⸗ her,„das iſt in Roberts Händen— ich hab' es ſelbſt geſehen; er frug mich, ob ich es kennte.— Johnſon, daß ich mich in dem Augenblick nicht verrieth, begreif ich jetzt noch kaum.“ „Es ſollen am Arkanſasfluß einem reichen Kerl über tauſend Dollar abgenommen ſein;“ ſagte dieſer jetzt, indem er einen ſcharfen Seitenblick auf den Freund warf —„Du warſt ja zu jener Zeit in der Gegend— haſt Du etwas davon gehört?“ „, die Peſt über Dein unſinniges Schwatzen!“ fluchte der Gefragte—„was; ſoll ich von jedem Mord wiſſen, der innerhalb des Staates verübt wird? küm⸗ mere Dich um Deine eigenen Angelegenheiten, und laß 221 mich aus dem Spiel. Biſt Du auch ſicher, daß Weſton reinen Mund hält? wir hätten ihn nicht ſollen mit bis an die Inſel ſchicken.“ „Ich glaube, daß er treu iſt,“ erwiederte nachden⸗ kend Johnſon—„man kann dem Menſchen übrigens nicht ins Herz ſehen.— Und Du willſt wirklich morgen heirathen?“ „Ja— freilich unter nicht gerade freundlichen Aus⸗ ſichten; doch iſt es das Beſte, was ich thun kann— wird die Sache ruchbar, nun dann mag der Teufel den ganzen Bettel holen; das wird nachher die kleinſte Sünde ſein, an die Frau zuletzt zu denken.“ „Bei den Grundſätzen kann Dir die Ehe nicht be⸗ ſonders hinderlich ſein,“ lachte der Freund—„Du machſt Dir alſo Nichts aus dem Mädchen?“ „Glaubſt Du, ich würde mich dem alle ausgeſetzt haben, ſie zu erringen, wenn ich ſie nicht liebte?“ frug der Prediger raſch,„eine wilde, raſende Leidenſchaft iſt's, die mich zu dem reinen Weſen hinzieht, und ich fühle es recht gut, daß gerade dieſe Liebe die größte Sünde iſt, die ich in meinem Leben begangen.“ „Und doch kannſt Du jetzt ſchon daran denken, ſie wieder zu verlaſſen?“ „Zeige mir die Möglichkeit, ſie auf der Flucht— 222 gegen ihren Willen, mitzunehmen, und Du wirſt mich mit Seel' und Leib bereit finden,— es geht aber nicht an; jeder Fremde, den ſie anſpräche, würde ihr Schutz gewähren, und dem wollen wir uns nicht ausſetzen. Nein— könnte ich noch zurücktreten— vielleicht thät ich's— vielleicht auch nicht; aber es geht nicht mehr, alſo mag ſie mein Geſchick theilen, ſo lange es möglich iſt— ſie wird doch mein.“ „Haſt Du denn in Deinem Hauſe irgend einige Vorſichtsmaßregeln getroffen, wenn einmal eine Flucht nöthig ſein ſollte?“ „Ich ſallte denken, Du kennteſt mich Ve ge⸗ nug,“ ſagte der Prieſter.„In dem kleinen Schilfbruch, gleich unter dem Haus, liegt ſorgfältig verſteckt ein gutes Canoe, ein kleiner Koffer mit allen nöthigen Reiſe⸗ bedürfniſſen ſteht ſchon ſeit jener Nacht, in der uns die Indianerin entdeckt, fertig gepackt, und meine Waffen ſind ſtets in Ordnung und bei der Hand— den gehei⸗ men Weg kennſt Du ſelbſt—“ „Wie Viele trägt das Canoe?“ „Viere, auch fünfe im Nothfall— es iſt groß ge⸗ nug und trefflich gebaut;— mit drei Rudern könnten wir in ſechs Stunden den Arkanſas erreichen.“ „Das iſt vorſichtig gehandelt— ich will übrigens — 223 wünſchen, daß wir's nicht gebrauchen. Können wir dieſes Mal die Regulatoren von unſerer Fährte abbrin⸗ gen, ſo ſind wir geborgen. Doch gute Nacht— leg' Dich dort auf die Matratze— ich will indeſſen noch einmal nach Deinem Pferde ſehen.“ Rowſon, ſehr ermüdet, gehorchte gern der Ein⸗ ladung, und für kurze Zeit ward kein anderer Laut als das tiefe Athemholen der Ruhenden gehört; da tönte plötzlich der laute ſchrille Ruf einer Eule durch die ſtille Nacht; jetzt wieder, und nun zum dritten Male. John⸗ ſon ſtand auf, und ſtieg über die in der Mitte der Stube Eagernden hinweg, der Thüre zu. „Nun, was kriechſt Du denn da herum?“ frug Royſon, den er auf den Arm getreten hatte, unwillig. „Haſt Du die Eule gehört?“ ſagte leiſe der Ge⸗ fragte.— 7 „Nun Gott ſei Dank, Du willſt wohl Eulen ſchießen?“ brummte der Müde,„Du haſt doch wahr⸗ haftig keine Hühner hier, die—“ „Pſt,“ rief Johnſon, als dieſelben Töne wiederum, und zwar dießmal in vier einzelnen Rufen gehört wur⸗ den—„es iſt Atkins— bei Allem Lebenden. Was mag den hier in Nacht und Nebel heruntertreiben? 224 Nur näher!“ rief er dann in die Thüre tretend—„nur näher— es ſind Freunde hier!“. „Guten Abend Johnſon,“ ſagte der breitſchulterige Farmer, als er über die kleine Fenz ſtieg und ſich der Thüre näherte—„wir ſind ſpäte Gäu⸗Micht wahr?“ „Wir wen bringt Ihr noch?“ „Einen Freund, der Waare abgeliefert, er wollte Euch gerne vorgeſtellt ſein; aber wer iſt denn überhaupt bei Euch im Haus?“ „Cotton und Rowſon?“ „Rowſon?“ frug der in ſeinen dunkeln Mantel gehüllte Fremde, jetzt ſchnell vortretend,„Rowſon? ei hätt' ich doch nicht gedacht, heute Abend noch einen alten Bekannten zu finden.“ „Alter Bekannter?“ brummte Rowſon drinn am Kamin, wo er eben bemüht war, die halberlöſchten Koh⸗ len wieder zu neuer Gluth anzufachen—„alter Bekann⸗ ter? wer mag das ſeine „Ihr kennt Rowſon alſo?“ „Ob ich ihn kenne,“ lachte der Kleine,„predigt er noch?“ „Das kann er wohl am beſten ſelber bengvortem s ſagte der Methodiſt, nicht eben in der freundlichſten Laune, mit hochgehaltenen, flackernden Kienſpähnen Vortretend, 225 kaum hatte er jedoch nach erſtem, faſt ungläubigen Starren, den jetzt frei in das Licht tretenden Fremden erkannt, als er fröhlich die Hand ausſtreckte, und jubelnd ausrief: „So wahr wie ich lebe, Hokker— was führt Dich denn einmal wieder nach Arkanſas, wurde es Dir in Miſſouri zu warm? nun ſei uns herzlich willkommen, alter Junge— komm nur herein, der Wind bläſt hier die Fackeln aus.“ „Wir dürfen nicht lange bleiben,“ ſagte Atkins, „denn wir haben uns nur leiſe von zu Hauſe fortge⸗ ſtohlen; ſollte—“— „Oh macht keine langen Umſtände,“ rief Cotton aus dem Inneren des Hauſes heraus—„die Zeit ver⸗ geht Euch vor der Thür nicht langſamer als hier drinnen, und durch die offene Thüre kommt's verdammt kalt herein.“ Dagegen ließ ſich Nichts ſagen, und die Män⸗ ner folgten dem voranleuchtenden Rowſon, zu dem kaum verlaſſenen Kamin, wo noch die leeren Trinkgefäße un⸗ aufgeräumt umherſtanden und lagen. „Habt Ihr noch einen Trunk?“ frug Atkins, als er den großen eiſernen Topf halb niederbog, um das Licht hinein ſcheinen zu laſſen—„keinen Tropfen mehr d'rin gelaſſen, ſo wahr ich lebe.“ II. 15 226 „Geduldet Euch eine Viertelſtunde,“ ſagte Johnſon, „und es ſoll an dem nicht fehlen!“ „Nein,“ warf Atkins ein,„wir müſſen wahr⸗ lich—“ „Nun ſagt nur, was Ihr zu ſagen habt,“ unter⸗ brach ihn der Wirth,„indeſſen kocht das Waſſer; das braucht Euch wenigſtens nicht zu hindern.“ „Nun Hokker, wie ſiehts in Miſſouri aus?“ frug Rowſon, dieſem noch einmal derb die Hand ſchüttelnd. „Vor allen Dingen nicht mehr, Hokker,“ lachte der Fremde—„ich heiße Jones— J. Jones, wenn Dich Jemand fragen ſollte.“ „Gut, gut,“ ſchmunzelte Rowſon,„das bleibt ſich ziemlich gleich— aber was führt Dich her?“ Der Fremde, der, wie ſich bald aus dem Geſpräch ergab, in früheren Zeiten ein ziemlich vertrauter Freund Rowſons geweſen war, erzählte jetzt dieſem, wie den Kameraden, daß er Miſſouri—„einzelner Mißver⸗ ſtändniſſe“ wegen, verlaſſen, und ſeinen Wohnſitz in Franklin und Crawford County, den weſtlichſten Theilen des Staates, aufgeſchlagen habe, da es dort allein mög⸗ lich ſei, mit den Indianern wie den Weißen zu gleicher Zeit, wie er ſich ausdrückte,„in Handelsverbindung“ zu bleiben. Gegenwärtig hatte ein„Compagniegeſchäft“ 44 227 ihn veranlaßt, Yellcounty zu beſuchen, da durch„nei⸗ diſche Menſchen“ der früher beliebte Weg, den Arkanſas hinunter, gefährlich gemacht war, und er beabſichtigte nun, ſich wenigſtens einige Tage, hier in der Gegend aufzuhalten, um einestheils ſeine„Fährten kalt werden zu laſſen,“ anderentheils auch dieſen Landſtrich, für den er noch von alten Zeiten her eine beſondere Vorliebe habe, und von dem er in„neuſter Zeit“ ſo viel Rühm⸗ liches gehört, einmal in ſeinen jetzigen Verhältniſſen näher kennen zu lernen. Royſon hatte den Worten ſeines alten Freundes mit beſonderer Aufmerkſamkeit, und nicht ſelten mit beifälligem Kopfnicken gelauſcht, jetzt aber, als jener geendet, und Johnſon aus dem indeſſen wieder friſch ge⸗ brauten, ſüß und kräftig duftenden Trank die Becher füllte, ſprang er auf, ſtreckte Jones die Hand hinüber und rief aus: * „Willſt Du der Unſere ſein? willſt Du augen⸗ blicklich Deine Rolle in dem Luſtſpiel, was wir hier aufführen, übernehmen, ſo ſchlag ein, morgen früh ſchon beginnt Dein Geſchäft.“ „Das hat eigentlich ſchon längere Zeit begonnen,“ lächelte der Fremde,„und was das Luſtſpiel anbe⸗ trifft, ſo bin ich ſogar ſeit einiger Zeit mit Vortheil in 85 15* d — 228„ Intriguenſtücken verwendet worden, ich habe die Zeit, die ich in New⸗Orleans verlebt, nicht ſchlecht benutzt. Aber topp, es ſei, wenn ich der Sache gewachſen bin, und uns dabei ſelbſt, oben im Staate, nützlich ſein kann, ſo haſt Du an mir Deinen Mann gefunden; ich weiß nur noch nicht recht wie?“ „Das ſollſt Du augenblicklich erfahren,“ ſagte, ſich freudig die Hände reibend, Rowſon, während er ſeinen Sitz wieder einnahm, und zu gleicher Zeit einen ihm von Johnſon dargereichten Becher halb leerte.—„Mor⸗ gen iſt Regulatorenverſammlung.“ „Nun wenn das die ganze freudige Botſchaft iſt, die Du mir bringen willſt,“ ſagte lachend Jones,„dann hätteſt Du Dir die Mühe und Anſtrengung ſparen kön⸗ nen, das würde eher ein Grund ſein, mich meine Reiſe wieder ſchneller fortſetzen zu laſſen, als ich im Anfang gewünſcht hatte.“ „Nein, das derßt Du nicht,“ rief Rowſon— „Du mußt der Verſammlung beiwohnen.“ „Ich? weiter fehlte mir gar Nichts,“ rief Jones erſtaunt aus. „Ja Du,“ fuhr Rowſon, ohne ſich irre machen zu laſſen fort.„Keiner der jetzigen Anſtedler kennt Dich bier, die, die damals in dieſer Gegend lebten, als Du 5 49. „ 229 2 Atkins Haus bauteſt, ſind lange todt oder ausgewandert. Ich ſelbſt wollte im Anfang den Verhandlungen bei⸗ wohnen, bei mir hat die Sache aber mehrere Haken. Erſtlich erlaubt es morgen kaum meine Zeit, das hätte aber doch möglich gemacht werden müſſen, wenn Du nicht gekommen wärſt, dann aber ſind auch Einige hier Dam Fluß, mir nicht recht grün, und würden ſich, wie ich feſt überzeugt bin, in meiner Gegenwart über Man⸗ ches zu ſprechen ſcheuen; Dich aber ſtelle ich morgen früh dem jungen Brown vor(ich muß noch dort ein⸗ treffen, ehe Ihr aufbrecht), und zwar als einen„Re⸗ gulator aus Miſſouri,“ der hier nach Arkanſas gekom⸗ men iſt, um mit den hieſigen Regulatoren⸗Verbindungen anzuknüpfen,„damit beide Staaten in dieſer Hinſicht ihre Kräfte vereinigen könnten, um dem Unweſen zu ſteuern, das, hinſichtlich des Pferdefleiſches, die braven und fleißigen Farmerleute der Backwoods zu ruiniren drohe.“ „Herrlich! köſtlich!“ jubelte Atkins—„das iſt ein ganz kapitaler Plan.“ „Ich weiß aber nicht, ob ich ſo lange Zeit habe,“ ſagte Jones bedenklich, indem er mit dem geleerten Blech⸗ becher vor ſich auf den Seſſel klopfte. ‚Zeit haben,“ erwiederte Rowſon,„Du kannſt ja ——-——õ— 230 Deine Zeit nicht beſſer anwenden als Pläne zu ergrün⸗ den, und ihnen dann zu begegnen, die, wenn ausge⸗ führt, eine Verbindung für Dich und Deine Freunde zu einer Unmöglichkeit, oder doch ſo gefährlich machen möchte, daß kein vernünftiger Kerl mehr ſeinen Hals zur Ausführung derſelben hergeben würde.“ „Das iſt allerdings wahr,“ ſagte Jones ſinnend, während er den Becher zum wieder Füllen gegen den Keſſel hielt—„allerdings wahr— aber— und wird mir Brown glauben; ich habe doch heute Abend nichts davon gegen ihn erwähnt.“ „Du wußtet ja doch auch nicht, daß er Regulator war, und wirſt nicht jedem Fremden eine ſolche Nach⸗ richt aufhängen.“ „Allerdings— Aic übel—— werden aber die übrigen Regulatoren?— „Das hat keine ,d Johnſon,„ich habe ſchon davon reden hören, daß ſie ſich mit den angren en⸗ den Counties in Verbindung ſetzen wollen, und da wird ihnen ein ſolches Anerbieten gerade erwünſcht kommen.“ *. „Spion— wirkliche, unverfälſchter Spion, antr der Miſſourier ſtill vor ſich hchund mitten zwiſchn die Regulatoren hineingeworfen, wie ein Veilchen in ein Roſenbouquet; ganz amüſſantes Abenteuer.“ „ und Du gehſt es ein?“ frug Rowſon. „Verſteht ſich,“ fuhr der Kleine, immer noch mit ſich ſelber redend, ſchmunzelnd fort—„werde die Einen zum Aufpaſſen dahinauf, und die anderen dorthin ſpren⸗ gen— werde einen ſehr guten Namen hier bekommen, und wenn wir einmal einen richtigen Streich führen wollen, nun, dann ſchicken wir ſie Alle auf einen Klum⸗ pen in die falſche Himmelsgegend, und— ha, ha, ha — haben die Luft rein; gottvoller Einfall das.“ „Und Ihr wollt alſo morgen nicht mit in die Ver⸗ ſammlung gehen, Rowſon?“ frug Cotton. „Nein— nun iſt es nicht nöthig,“ erwiederte Jener. „Wie ſollen wir aber erfahren, was ſie beſchloſſen haben?“ 5 „Iſt etwas Wichtiges im Welk,“¹ ſagte Rowſon nach hdenkend,„ſo mag Jones, der doch gegen Abend uf jeden Fall zu Atkins zurückkommt, deſſen Mulatten hrrüberſchicken und Euch Kunde geben, ich ſelbſt aber muß morgen früh noch einige wichtige Geſchäfte ab⸗ machen, und morgen Abend bei Roberts zuͤbringen, will aber Sonntag Früh ißn neun Uhr an der Kreutzeiche 231 232 8 4 ſein— Ihr kennt den Vum Aütins, in den der Per⸗ ſimon⸗Aſt hineingefallen iſt, daß es wie ein Kreutz aus⸗ ſteht. Nun gut— an der Stelle halt' ich, und dahin ſendet mir den Mulatten; was auch vorfällt, es iſt einerlei, denn möglich wär's, ich hätte ſelbſt eine Bot⸗ ſchaft für Euch, und die ganze Strecke zu reiten, dazu bleibt mir keine Zeit.“ 3 „Dieß wäre alſo abgemacht,“ ſagte Atkins,„ſo kommt denn, Jones, damit wir zu Hauſe nicht etwa vermißt werden. Der Teufel iſt heute Abend bei mir los, mein Kind iſt krank, und Betſy hat den Mulatten und meinen weißen Arbeiter nach allen Himmelsrichtun⸗ gen ausgeſchickt, um Hülfe herbeizuholen; drei alte Weiber aus der Nachbarſchaft waren ſchon angekommen, ehe wir den Platz verließen, und ich bin feſt überzeugt, morgen haben wir das Haus voll. Es ſſ mir ſchon 4 einmal ſo gegangen.“ „Laßt aber Brown nicht fort, ehe ich dort eintreſfe ermahnte Rowſon noch eingnl. 8 „Nein— habt kei Angſt, kommt aber nich ga zu ſpät, denn wenn ich auch eine halle Stunde, oder o mit dem Frühſtück zögern kann, zu delande uf e nicht dauern.“ Die Männer uieſen ſich jetzt e leß gute 1u, zu, 8 4 * Atkins ſchwanden in der dahinterliegenden Dunkelheit, und die Uebrigen ſuchten aufs Neue ihr Lager, um das jetzt an Schlaf vieder einzubringen, was ſie durch den ſpäten und unerwarteten Beſuch verſäumt hatten; Cotton brummte aber noch, als er ſich wieder in ſeine Decke ein⸗ hüllte.„Wer mich han zum zweiten Male ſtört, dem dreh' ich den Hals um— das iſt ſicher”— und ſchon im nächſten Augenblick bewies ſein entſetzliches Schnar⸗ chen, wie müde er ſei, und wie ſehr er der Ruhe be⸗ dürfe. 4 8 und Jones überſprangen die Fenz, und ver⸗ Die Pionier⸗Familie.— Der neue Regulator ſtellt ſich ſelbſt ſeine Falle. Der wilde Weſtwind, der in voriger Nacht getobt, allte, ehe der Morgen hereinbrach, mit letzter, verzwei⸗ felter Kraftanſtrengung noch einen Arm voll dunkeler, gewitterſchwangerer Wolken zuſammen, die er in fliegen⸗ den Schauern über die Erde ausſchüttete, dann aber, er⸗ ſchöpft und matt, gab er dem ſiegenden Tage Raum, und als die Sonne mit ihren erſten Strahlen die fernen Huͤgelſpitzen, und auch hie und da eine tinzelne ohe Kiefer im Thale küßte, Uagerte ſich eine nach dem ver⸗ gangenen Sturm ſoviel heiligere Ruhe und Sull au dem nur leiſe rauſchenden und flüſternden Waͤld. Ddite frühmunteren Haushähne hatten ſchon aufgehört 3 zu krähen, und ſtolzirten mit wichtiger Miene und hoch⸗ 2. 3 3 235 gehohenen Haupte, in dem wohlthuenden Gefühle, ihre Pflicht erfüllt und den benachbarten Genoſſen kund ge⸗ than zu haben, daß ſie ſich auch noch des Lebens freuten, auf den kleinan Hofräumen der verſchiedenen Farmen umher, und warfen ſehnſüchtige Blicke nach den eben geöffneten Thüren der Wohnungen, ob nicht bald eine freundliche Seele, mitzeinem Arm voll Mais erſcheinen, und die ſchon ſeit einer Viertelſtunde an der Fenz un⸗ ruhig hin und her trabenden und ungeduldig wiehernden Pferde füttern wollte, wobei ſie dann natürlich auch ihr Scherflein von frei⸗ oder unfreiwillig gegebenen Körnern erwarteten. Die Gänſe ſchnatterten, die Hunde bellten, aus den Lehmkaminen der kleinen Wohnungen wirbelte dazu der blauklare Rauch kerzeng'rad und traulich in die mit Millionen ſtrahlenden Diamanten geſchmückten Fich⸗ ten hinauf, und ſelbſt der lehmgelbe Strom, der ſich unter den niederhängenden Schilfmaſſen und Flußweiden hinwaͤlzte, ſchien etwas lebhafter und freudiger in dem Alles belebenden Sonnenlichte zu rauſchen, und weniger bösartig einzelne hohe Uferſteſen zu unterwaſchen, um ſpäter einmal, wenn er ſeinen Feſttag feierte, und wild und toll niit 525 Secunde wachſend dahin ſtürmte, ge⸗ waltige Schollen und ſtattliche Bäume mit fortzureißen auf ſeiner raſtloſen, tobenden Bahn.— 236* Ganz im Einklang mit dem freundlichen Morgen ſtand aber ein einzelner Reiter, der auf ſchlanken kräf⸗ tigem Poney, ein munteres Lied trällernd durch den Wald, einen ſchmalen Fahrweg entlang hintrabte, und nur dann und wann das ſchnelle Thierchen das ihn trug, ein wenig ſchärfer antrieb, um zu dem erſten, wohl noch drei Meilen entfernten Hauſe zu gelangen, und dort zu frühſtücken, da er, um nicht zu ſpät in der Verſamm⸗ lung einzutreffen, nüchtern von zu Hauſe aufgebrochen war. Da griff Cook, denn dieſer war es, plötzlich raſch und erſtaunt dem Pferde in die Zügel, daß es, ob der unerwarteten Bewegung, auf die Hinterbeine ſprang, und einige gar wunderbure Evolutionen ausführte, dann aber ſtill und ruhig, wie es einem Jagdpferd geziemt, ſtehen blieb und jetzt, ſcheinbar nicht weniger erſtaunt als ſein Herr, die Ohren nach vorn ſpitzte und einem, an dieſer Stelle ſicher nicht vermutheten Tone lauſchte. In einem Umkreis von drei vollen Meilen war kein einziges Haus zu finden, und dennoch krähte hier, m itten im Walde, gerade hinter jenem Dickicht von Holly⸗ und Saſſafrasbüſchen, ein ſehr munterer und ſich trefflich bei Stimme befindender Haushahn, und Cook ſah ganz ver⸗ wundert und wirklich verdutzt um ſich her. „Ich habe mich doch nicht verirrt,“ brummte er keiſe * 237 vor ſich hin—„i Gott bewahre, ich kenne ja jeden Hirſch⸗ und Kuhpfad im Wald— neue Anſtedler? das iſt an dieſe Stelle auch nicht gerade zu erwarten; aber hallo— ſind das nicht Radſpuren hier neben dem Weg? Der Regen hat es freilich verwaſchen; aber ja, wahrhaftig— dort haben ſie den Buſch niedergefahren, und hier an der Eiche geſtreift,— alſo Auswanderer, da wird man etwas Neues erfahren,“ und mit leichtem Schenkeldruck theilte er ſeinem Poney den Wunſch mit, die Fremden einzuholen. Das, ließ ſich auch nicht lange bitten, denn eine dunkele Ahnung von verſchiedenen gold⸗ glänzenden Maiskolben, in einem hölzernen Kübel herbei⸗ gebracht, ſtieg vor ſeiner inneren Seele auf(denn warum ſollte ein Poney, das in den unwegſamen Waldungen ſo ganz auf ſich und ſeine Geiſteskräfte angewieſen iſt, keine Seele haben) und laut wiehernd machte es durch einen Seitenſprung, das zeitgemäße Hintenausſchlagen beider Hinterbeine und andere Töne, ſeinen Reiter darauf aufmerkſam, mit welcher freudigen Bereitwilligkeit es die⸗ ſen neuen Bekannten entgegeneile. In wenigen Minuten hatte der Reiter die kleine Er⸗ höhung, die ihn noch von den Fremden getrennt, zurück⸗ gelegt, und ſah ſich jetzt vor einem jener Lager von Aus⸗ wanderern, die, beſonders in Arkanſas und auf dem 238 Wege nach den Weſten oder nach Teras zu, angetroffen werden. Zwei große, mit weißen Leinen überſpannte Wägen bildeten den Mittelpunkt der Gruppe, um welche mehre Geſpann Stiere, je zwei und zwei durch das große höl⸗ zerne Joch zuſammengefeſſelt, angebunden ſtanden, denen ein kleiner, weißköpfiger Burſche, etwa acht oder neun Jahr alt, kurzgebrochene Kolben Mais abwechſelnd und jedem einzeln in das Maul ſchob, während die Thiere, die großen gutmüthigen Augen matt und ſchläfrig auf das nächſte ihnen zukommende Stück geheftet, in aller Gemüthsruhe das wirklich erfaßte zerkauten und hinun⸗ terſchluckten, und dann mit der langen, ſcharfen Zunge wie bittend oder ermahnend den Aermel und die Hand ihres jungen Fütterers leckten, um ihn darauf aufmerk⸗ ſam zu machen, daß ſie jetzt für eine erneute Auflage empfänglich und bereit wären. Fünf Pferde weideten, mit Glocken um den Hals und die Vorderfüße zuſammen⸗ gebunden oder, der Landesſprache nach„gehobbelt“ in dem vorzüglichen Schilfbruch, ganz in der Nähe, und die Auswanderer ſelbſt, die augenſcheinlich die Nacht über im Innern der Wägen zugebracht hatten, da weiter kein Zelt oder Schutzdach den Platz verrieth, wo ein Menſch im Regen geſchlafen haben könnte, waren eben im Be⸗ 239 griff, ſich um den Tiſch zu lagern, der aus auf die Erde gelegten Bretern beſtand, die mit einem großen Leintuch bedeckt die Stelle eines Frühſtückstiſches vollkommen ver⸗ ſahen, da auch die Sitze, ausgebreitete wollene Decken, dieſem ganz entſprachen, während der muntere Hahn, der zuerſt die Gegenwart der hier Eingetrofſenen mit heller Stimme verrathen hatte, zum zweiten Mal den Warnungs⸗ oder Begrüßungsruf ertönen ließ. Ganz nach türkiſcher Art nahm indeſſen die kleine Familie, der Mann, die Frau, zwei erwachſene Töchter und drei junge Burſchen, der älteſte etwa ein⸗ oder zwei und zwanzig Jahr, der jüngſte, neben den Stieren, wie ſchon geſagt ungefähr achte alt, Platz. „Komm Ben,“ rief jetzt der Vater dieſem zu— „die Thiere haben genug, ſie ſtanden ja die ganze Nacht im Schilf, freſſen auch gar nicht mehr— ruhig Ihr Hunde, was haben denn die Beſtien wieder, die ganze Nacht geklefft und gebellt, weil es einmal einem lum⸗ pigen Panther einfiel, in der Nähe zu heulen.— Nie⸗ der mit Euch.“— Trotz dieſer freundlichen Zuſprache waren die alſo angeredeten und unter dem Wagen feſtgebundenen den⸗ noch keineswegs geſonnen, der Warnung Folge zu leiſten, ſondern klefften nur ſo viel wüthender die Straße hinab⸗ 240 von der Cook jetzt, ſich der Gruppe nähernd, herbei⸗ trabte. 4 „Guten Morgen zu Allen,“ rief dieſer freundlich, als er, in kaum zehn Schritten von ihnen, aus dem Sattel ſprang, und dem kleinen ſchnaubenden Thier den Zügel über den Nacken warf,„guten Morgen, ſchmeckts?“— „Soll erſt,“ rief ihm der Farmer entgegen— „kommt— legt Euch mit her und eßt, wenn Ihr noch nicht gefrühſtückt habt— hier Anm— einen Becher für den Gentleman— langt zu— helft Euch ſelber.“ „Danke ſchön,“ ſagte Cook, der ohne die mindeſten Umſtände der herzlichen Einladung Folge leiſtete,„das trifft ſich prächtig, ich hatte allerdings nicht gehofft, hier mitten im Walde ſo gute Geſellſchaft und ein ſo treff⸗ liches Frühſtück zu finden, aber“— er ſah ſich dabei nach ſeinem Pferd um, das, klug genug, ſich durch Gra⸗ ſen keinen Vortheil zu vergeben wünſchte, und mit an⸗ dächtig geſpitzten Ohren und gerunzelter Stirn nach dem Wagen hinüber. ſchaute, wo Ben noch mit dem Mais raſchelte. „Bring einen Arm voll Mais her, Ben,“ rief der Farmer, ohne den Gaſt ausreden zu laſſen—„Du kannſt ihn in den eiſernen Topf thun, der dort neben 241 dem Wagen ſteht, dem Poney wird wohl das Geſchirr, aus dem es frißt, gleichgültig ſein.“ Das Poney gab durch ein halbunterdrücktes, leiſes Wiehern ſeine volle Beiſtimmung zu dieſem Vorſchlag, und that gleich darauf, mit ſehr geſchäftigen Kinn⸗ backen, dem vor ihm hingeſetzten Mahle alle Ehre an, da ihm Ben noch dazu den Trenſenzügel und Sattel in⸗ deſſen abgenommen hatte. „Und woher kommt Ihr, Six?“ frug Cook endlich, nachdem eine etwas viertelſtündliche Pauſe von ſämmt⸗ lichen Mitgliedetff des kleinen Kreiſes auf das zweck⸗ mäßigſte benutzt worden war. „Aus Teneſſee, vom Wolfriver.“ „Und wollt?“ „Nach Franklin County, an den Fuß der Ozark⸗ gebirge.“ „Schon einen Platz ausgeſucht?“ „Noch nichts Beſonderes, werde jedoch bald einen finden; ich habe einen Bruder dort wohnen.“ „Ahem!= iſt hier auch kapitales Land—“ „Ja— weiß wohl, die Leute am Fourche la fave ſollen aber das Pferdefleiſch zu lieb haben.“ „Hoho“— lachte Cook,„haben Euch die Arkanſas⸗ Flußleute auch ſchon einen Floh ins Ohr geſetzt? ſo I. 16 2⁴42 ſchlimm iſt's nicht. Doch— aufrichtig geſagt, ſchlimm genug, ich bin gerade auf dem Weg nach einer Regu⸗⸗ latorenverſammlung, hoffe aber, wir werden dem Un⸗ weſen jetzt ein Ziel ſtecken, Arkanſas ſoll nicht länger nur dann genannt werden, wenn man von Raub⸗ und Diebesbanden ſpricht.“ „Arkanſas im Allgemeinen?“ lachte der Farmer, „ja!— in den vereinigten Staaten überhaupt; in Te⸗ neſſee und weiter ſüdlich nördlich und öſtlich, da kennen ſie in der Hinſicht nur Arkanſas, kommt man aber ein⸗ mal über den Miſſiſſippi in den Staat ſelbſt, dann heißt's Fourche la fave.— Ihr habt einen ausgezeich⸗ neten Ruf im Lande.“ „Mag ſein,“ ſagte Cook,„ſo ſchlimm iſt's aber doch wohl nicht, wie es gemacht wird, und ſind auch einige nichtsnutzige Burſchen hier in der Gegend, ſo müßte es mit dem X— ja ſo, was ich gleich ſagen wollte— wir werden ſie ſchon fortbringen. Ich wollte, Ihr könntet unſerer Verſammlung heute beiwohnen— es iſt ja überdieß Sonnabend, und morgen reiſt Ihr wohl ſchwerlich weiter.“ 1 „Morgen?“ frug der Farmer,„wegen Sonntag? das macht keinen Unterſchied, meine Alte da iſt vernünf⸗ tig genug, und die Mädchen hat auch noch keiner von 8 3 243 den herumkriechenden Methodiſten angſt und bange vor kommendem Höllenfeuer machen können. Das gute Wet⸗ ter muß benutzt werden, und da ich, wenn es möglich iſt, und ich ein Stück urbargemachtes Land mitbekommen kann, noch gern ein paar Acker Mais ausſäen möchte, ſo hab' ich, wie Ihr wiſſen werdet, keine Zeit mehr zu verſäu⸗ men—“ „Nein, allerdings nicht, ich glaubte aber, es würde Euch vielleicht intereſſiren, unſere Regulatoren⸗Geſetze kennen zu lernen.“ „Allerdings würde es das,“ ſagte der Teneſſeer. „Alſo wollt Ihr wirklich das Lynchgeſetz ausüben? ge⸗ hört hab' ich ſchon zu Hauſe davon, es aber immer noch nicht geglaubt.“ „Ja, es iſt nöthig,“ erwiederte Cook,„wir ſind hier in unſerem Staat noch nicht darauf eingerichtet, Verbrecher erſt vor Gericht zu ſtellen, und dann in ſiche⸗ rem Gewahrſam zu halten; es iſt noch Alles zu neu hier. Kein Staat hat es aber ſo nöthig, als gerade Ar⸗ kanſas, und da muß etwas geſchehen, wenn wir nicht unter uns ſelbſt zu Grunde gehen, oder, wie Ihr ſelbſt ſagt, einen ſolchen Ruf in den übrigen Staaten erhalten wollen, daß kein Menſch mehr zu uns zieht, und unſer 16* 244 Land, wenn nicht werthlos, doch auch nie werthvoller wird.“ „Ja ja,“ ſagte der Teneſſeer—„ganz recht, wir haben es vor fünf Jahren ebenſo gemacht, denn im „Diſtrikt“ hatte ſich damals auch eine nicht unbedeutende Bande Lumpenpacks gebildet, aber ein paar Ellen Hanf und ordentlicher Ernſt hinter der Sache, da drückten ſich die Schufte bald. Es iſt am Arkanſas drüben auch nicht ſo geheuer; als wir in den erſten Tagen dieſer Woche am Fluß heraufzogen, wurde ein dort anſäſſiger Farmer, der in der„Indian Nation“ geweſen war, und Schweine verkauft hatte, auf ſeiner Rückkehr von einem Hallunken gemeuchelmordet.“ „Ich habe davon gehört,“ ſagte Cook ſchaudernd, „ hat man denn den Thäter nicht entdeckt?— „Nein,“ ſagte der Alte, mit der Fauſt ärgerlich vor ſich auf das Tiſchtuch ſchlagend, daß das loſe, darunter liegende Bret ein kleines gläſernes Salzfaß hochempor⸗ ſchnellte,„nein— und ich wollte nur, der glatte Schuft käme mir wieder ſo nahe, und ich mit der Büchſe im Anſchlag hinter einem Baum, oder auch auf der offenen 4 Prairie, wie damals, verdammt will ich ſein, wenn ich nicht Tageslicht durch ſeinen Hirnſchädel ließe, das iſt ſicher.“ 4 „So kennt Ihr ihn?“ „Nein— ich kenne ihn nicht, aber ich habe ihn ge⸗ ſehen, es kann wenigſtens kein Anderer geweſen ſein. Unſer Wagen fuhr nämlich auf der Straße hin, und ich und Ned da, mein Aelteſter, wir waren ein wenig mit unſeren Büchſen ſeitab gegangen, um vielleicht einen Hirſch zu ſchießen, von denen wir ſehr viele Fährten im Wege bemerkt hatten. An der Spitze eines kleinen Sees hatte Ned die eine, und ich die andere Seite genommen, als ich einen ſchmalen Pfad bemerkte, der aus dem Dickicht kam und augenſcheinlich der Straße zuführte, die wir eben verlaſſen, und auf der der Wagen, vielleicht eine halbe Meile hinter uns, herkam. Da hörte ich etwas in den Büſchen raſcheln, und trat, in der Meinung, es ſei ein Hirſch oder ein Volk Truthühner, hinter einen Baum; es waren aber zwei Reiter, Beide in das ge⸗ wöhnliche blaue Wollenzeug gekleidet, der Eine nur mit einem breiträndigen ſchwarzen Hut auf. Dieſe ſprachen ſehr eifrig mit einander und ritten an mir vorüber, ohne mich zu bemerken; ich redete ſie auch nicht weiter an, da ich kein unnöthiges Geräuſch machen und mir vielleicht in der Nähe äſendes Wild verſcheuchen wollte. „Hundert Schritte mochte ich wieder langſam weiter geſchlendert ſein, und die Fremden waren indeſſen im 246 Gebüſche hinter mir verſchwunden, als ich plötzlich, nach derſelben Richtung hin, einen Schuß hörte. Nun glaubte ich im Anfang, Ned habe des Waſſers wegen nicht drü⸗ ben um den See gekonnt, ſei mir nach, und zufällig zum Schuß gekommen, denn keiner der beiden Männer trug eine Büchſe, und ſtieß deßhalb meinen Jagdruf aus, um zu erfahren, ob er irgend etwas getroffen; aber gleich darauf antwortete mir mein Junge von der gegenüber⸗ liegenden Seite des Sees, und nun natürlich nichts An⸗ deres vermuthend, als daß noch ein dritter Jäger dort in der Gegend ſei, und mich um den nicht weiter beküm⸗ mernd, ſetzte ich meinen Weg ruhig fort. „ Das war ſchon ſpät am Nachmittag, und an dem⸗ 2 ſelben Abend noch überholten uns Leute auf der Straße, vo wir lagerten, die uns von einem Mord erzählten, der vorgefallen. Der Todte ſei durch den Kopf geſchoſſen. Von den Reitern war übrigens Keiner an unſeren Wä⸗ gen vorbeigekommen. „Wie ich das hörte, ſetzte ich mich augenblicklich auf meinen Rappen—(die Weiber hier ſchrieen nicht ſchlecht, denn die fingen an ſich zu fürchten), und galloppirte, was das Thier laufen konnte, dorthin, wo der Leichnam, in einem Farmhauſe nicht ſehr weit von da, wo die That geſchehen, liegen ſollte. Es war richtig, wie ch ver⸗ 247 muthet, Einer von denen, die ich an demſelben Tage hatte zuſammen reiten ſehen, und zwar der Aeltere, der breiträndige Schuft mußte alſo der Mörder ſein. Ich beſchrieb ihn ſo gut ich konnte, Keiner der Anweſenden wollte ihn aber kennen, ja erinnerte ſich nicht einmal, ihm je begegnet zu ſein. Vergebens blieb ich noch nach dem, zwei ganze Tage in der Nachbarſchaft, der Thäter war ſpurlos verſchwunden, und nach Berechnungen von Leuten, die genau wußten, wie viel Schweine der Er⸗ mordete mit fortgenommen, und wie der Preis bei den Indianern ſtand, mußte er etwa tauſend Dollars bei ſich gehabt haben, von denen natürlich ebenfalls Nichts wei⸗ ter geſehen wurde.“ 5 „Ja ja,“ ſagte Cook,„es ſind hier auch ähnliche Sachen vorgefallen, faſt noch ſchlimmer— nun wir wollen hoffen, daß wir den Kopf der Schlange treffen, die ſich, wenigſtenz in dieſer Gegend, eingeſchlichen hat. Die über dem Arkanſas drüben mögen ſehen, wie ſie mit ihrer Seite fertig werden. Doch welchen Weg gedenkt Ihr einzuſchlagen?“ „Ich weiß es ſelbſt nicht recht genau, die Straße führt wohl an dieſer Seite hin.“ „Ja— an beiden Seiten, die jenſeits möchte aber für Euch die gerathenſte ſein, denn weiter oben, wo die Lefthandfork hereinkommt, iſt der Durchgang durch den Fluß, beſonders mit Wägen, ſehr beſchwerlich.“ „Auf welche Art komme ich denn da am Beſten hin⸗ über? wie weit iſt's noch bis zum nächſten Haus?“ „Nun das nächſte Haus iſt Wilſons,“ ſagte Cook, „das zweite, etwa anderthalb Meilen weiter, Atkins, am erſten aber könnt Ihr ſchon überſetzen; es iſt dort ein recht gutes Fährboot, und ein breiter, bequemer Weg zum Fluß hinunter.“ „Iſt des Fährmanns Name Wilſon?“ „Nein, der wohnt nur dort, der Fährmann heißt Curneales.“ „Gut denn, ich dank' Euch für den Rath, und werd⸗ ihn befolgen, kommt Ihr aber einmal in meine Nähe, ſo fragt nur nach dem alten Stevenſon, und ſucht mich auf, Ihr ſollt mir herzlich willkommen ſein!“ „Danke, danke,“ ſagte Cook, der indeſſen aufgeſtan⸗ den war, und ſein Pferd wieder geſattelt und gezäumt hatte,„jetzt wird's übrigens Zeit, daß ich ausgreife, ſonſt komme ich zu ſpät, ich habe noch verſchiedene Mei⸗ len zu machen. Alſo behüt Euch Gott.“ Mit herzlichem Gruß und Händedruck nahm der junge Farmer dann von jedem Einzelnen der Familie, Ben, der ſein Pferd ſo wacker gefüttert hatte, nicht aus⸗ 249 genommen, Abſchied, und trabte bald darauf ſingend und mit ſeinem eben ſo zufriedenen Poney ſich unter⸗ haltend, dem vorgeſteckten Ziele zu. Nach ſcharfem, etwa ſtündigem Ritt, erreichte er Atkins Thür, wo er zu ſeinem Erſtaunen Brown noch vorfand, den er ſchon lange an Ort und Stelle, oder doch wenigſtens auf dem Weg dahin vermuthet, dieſer aber ſtand neben den geſattelten Pferden auf der Straße, und unterhielt ſich ſehr angelegentlich mit dem, am vo⸗ rigen Abend angekommenen Fremden, den ihm der eben eingetroffene Rowſon gerade als einen alten Freund vor⸗ geſtellt hatte. „Halloh Cook!“ rief ihm Brown freudig entgegen, „das iſt herrlich, daß Ihr kommt, jetzt können wir zu⸗ ſammenreiten.“ „Guten Morgen— guten Morgen,“ rief dieſer, „ich glaubte Euch ſchon lange unterwegs.“ „Das iſt meine Schuld,“ ſagte Atkins, Cook die Hand hinaufreichend,„oder eigentlich die Schuld meiner Frau, die heute Morgen unverzeihlich lange mit dem Frühſtück trödelte; das kranke Kind mag ſie aber wohl verhindert haben—“ „Ich wäre ſchon lange fortgeritten,“ ſagte Brown, „aber Mr. Atkins—“ 250 „Doch nicht ohne einen Biſſen genoſſen zu haben?“ unterbrach ihn dieſer,„das hätte ich nie zugegeben, nein; Sie kommen überdieß noch zeitig genug, und haben jetzt dadurch neue Geſellſchaft gewonnen.“ „Es iſt auch noch Nichts verſäumt,“ ſagte Brown, dem Freunde Cook, der neben ihm halten geblieben war, ebenfalls die Hand ſchüttelnd,„aber Mr. Rowſon,“ wandte er ſich dann zu dieſem, der ſein Pferd eben dem Mulatten übergeben hatte,„wollen Sie denn nicht mit uns kommen? ich glaubte, als ich Sie ſah, daß das der Zweck Ihres Hierſeins geweſen ſei.“ „Ich würde ſehr gern dieſer Verſammlung beige⸗ wohnt haben,“ erwiederte der Methodiſt,„hielten mich nicht gerade heute wichtige Geſchäfte davon ab. Ich feiere morgen die Verbindung mit meiner Braut, und da werden die Herren wohl einſehen, daß es unter ſolchen Umſtänden ſelbſt unaufſchiebbare Beſorgungen geben kann.“ „Allerdings,“ erwiederte Brown, faſt tonlos 8 „ und dieſer Herr iſt, wie Sie ſagten, ebenfalls ein Re⸗ gulator? er äußerte davon geſtern Abend keine Sylbe.“ „Sie werden das ſehr begreiflich finden,“ lächelte Mr. Jones,„wenn Sie bedenken, daß ich mich unter 8 lauter Fremden befand.“ 251 „Allerdings eine höchſt lobenswerthe Vorſicht— Sie wollten nach Fort Gibſon, nicht wahr?“. „Das war mein Wille, und iſt es noch, da ich aber hier ganz zufällig und unerwartet einen alten Freund in Mr. Rowſon gefunden habe, ſo gedenke ich ein paar Tage in der Nachbarſchaft zu verweilen, und es würde mir ſehr angenehm ſein, wenn ich der heutigen Ver⸗ ſammlung der Regulatoren beiwohnen könnte; vielleicht iſt es möglich, dieſe mit unſeren Verbindungen im Nor⸗ den zu vereinigen, und mit einem gemeinſamen Ziel im Auge, würde es dann weit eher möglich ſein, das zu er⸗ reichen, was beide Partheien jetzt einzeln nur ſo viel ſchwerer erzwecken können.“ „Allerdings,“ erwiederte Brown, ihm dabei feſt in's Auge ſehend,„und Sie wünſchen alſo durch mich den Regulatoren vorgeſtellt zu werden?“ „Das iſt mein Wunſch, und Sie würden mich ſehr verpflichten—“ „Ich ſelbſt würde Ihnen im Namen meines Freun⸗ des ſehr dankbar ſein,“ unterbrach ihn Rowſon zu glei⸗ cher Zeit,„und wenn er dann auch, meiner jetzigen neuen Haushaltung wegen, nicht gleich bei mir ein Un⸗ terkommen finden könnte, ſo iſt Mr. Atkins vielleicht ſo gütig, ihn noch einmal in nächſter Nacht zu beher⸗ 2 52 bergen, ſpäter treffen wir dann ſchon ein Abkommen miteinander.“ „Machen Sie ſich deßhalb keine Sorgen, Mr. Row⸗ ſon,“ ſagte Brown lächelnd,„ich zweifle nicht daran, daß ſich Mr. Jones einige Zeit hier bei uns aufhalten wird, ob es ihm dann gefällt, iſt eine zweite Frage.“ „Ich bin leicht befriedigt,“ entgegnete Jones dem jungen Mann ſehr freundlich,„doch möchten wir nicht lieber aufbrechen? es wird ſpät.“ „Mr. Jones Pferd!“ rief Atkins dem Mulatten zu, der in der Thüre ſtand und nach den Männern her⸗ überſtarrte. „Hört Brown, deſſen Geſicht gefällt mir gar nicht,“ flüſterte Cook dem Freunde zu, während er ſich zu ihm hinunterbog. „Wenn wir nach Bowitts kommen, muß ich ein paar Worte mit Euch allein ſprechen?“ flüſterte dieſer zurück. „Iſt etwas— „Pſt— nur ruhig— es hat Zeit, bis wir oben ſind.“ Jones war indeſſen ebenfalls aufgeſtiegen, und Brown ſchwang ſich gerade in den Sattel, als der Mu⸗ latte noch zwei andere Pferde, und eines zwar mit einem Damenſattel belegt, herausführte. „Gott ſegne mich,“ rief Cook—„noch ein Frauen⸗ ſattel, ich zählte eben ganz erſtaunt die da d'rinne im Zwiſchenhaus aufgehangenen; ſieben Stück, und das hier iſt der achte; was habt. Ihr denn vor?“ „Es iſt Beſuch bei meiner Frau,“ ſagte Atkins, „Krankenbeſuch, des Kindes wegen; der hier aber gehört Ellen— ſie ſoll nach Roberts hinüber.“ „In dem Augenblick öffnete ſich die Thüre, und Ellen kam mit Sonnenhut und Tuch, ein kleines Bündel in der Hand, das der Mulatte ihr draußen abnahm, aus dem Haus; als ſie aber das, von dem tiefen Bonnet beſchattete Köpfchen nach Brown zudrehte, konnte dieſer die rothgeweinten Augen nicht verkennen. Schnell wandte ſie ſich jedoch ab, ſtieg mit Hülfe eines dort ſtehenden, und zu dieſem Zwecke glatt abgehauenen Baumſtumpfes in den Sattel, und galloppirte gleich darauf, von dem Neger gefolgt, die Straße hinab. „Was fehlt dem Mädchen?“ frug Brown theil⸗ nehmend den Herrn des Hauſes, der ihr kopfſchüttelnd, und ſich ein außergewöhnlich großes Stück Taback ab⸗ ſchneidend, nachſchaute—„mir kam es vor, als ob ſie ganz verweinte Augen hätte—“ f 254 „J— uUnſinn,“ ſagte der Angeredete—. wollte nicht von dem kranken Kind fort— ſie ſagte, ſte 3 ſäh' es nicht wieder, und da— hatte meine Frau wohl einen kleinen Tanz mit ihr— die Alte brummt manch⸗ mal, meint es aber nicht ſo bös.— Das hat ſich das dumme Ding denn zu Herzen genommen; nun, ſie wird ſchon vernünftig werden, wenn ſte einmal einen ordent⸗ lichen Mann bekommt.“ „O kommt Brown— zum Donnerwetter, laßt das Trödeln— Die Zeit vergeht, r rief Cook ungeduldig. „Ja, ja,“ erwiederte dieſer,„ich muß nur noch ein paar Worte mit Mr. Rowſon ſprechen; eine Frage—“ „Der iſt in's Haus gegangen, das kann ja morgen oder heute Abend geſchehen; es wird Mittag ſein, ehe wir's uns verſehen, und die Leute oben erwarten uns ſicherlich ſchon ſeit vier Stunden.“ „Gut denn, auf Wiederſehen,“ ſagte der junge Mann, winkte den Zurückbleibenden noch einmal zu und trabte dann, von den Anderen gefolgt, ſchnell auf dem in den Wald führenden Pfad hin. Cap. XII. Harper und Marion.— Ellens Ankunft bei Roberts.— Still und freundlich beſchien die leuchtende Morgen⸗ ſonne Roberts wohnliche Heimath; noch hatten die das Feld und den Hofraum begrenzenden Kiefern und Eichen ihren thauigen Perlenſchmuck nicht verloren, warfen ihn aber jetzt in leiſen, glitzernden Schauern auf die duftende Erde nieder, und winkten und nickten dazu mit den Zwei⸗ gen, als ob ſie hätten ſagen wollen:„geht— geht— Ihr könnt uns doch nicht verlaſſen, ihr glänzenden Tropfen, und wenn es nur erſt dunkelt, ſteigt ihr ſchon wieder heimlich in feuchten Dünſten empor, und drängt Euch uns wieder auf, und ſammelt Euch hier oben zu Euerer ſtolzen, prahlenden, lieben Herrlichkeit— geht 256 3 geht— ihr kommt ſchon wieder, und wenn wir euch noch tauſendmal abſchüttelten.“ Vier große, ſtattliche Truthühner, aus wilden, im Walde gefundenen Eiern aufgezogen, ſtrutteten ſtolz und kollernd auf dem das Haus umgebenden freien Fleck umher, und ſchienen die Maiskörner, die ihnen Marion in einem kleinen Körbchen brachte, erſt durch das ganz Ausbreiten ihrer Pracht und Schönheit verdienen zu wollen, ehe ſie ſich herabließen, die Morgengabe in Em⸗ pfang zu nehmen. Auf den kleinen niederen Hickory⸗ büſchen, die des Schattens wegen in der Nachbarſchaft der Wohnungen gelaſſen waren, lärmten die blauen Heher, und zwitſcherten die feuerrothen Kardinäle, und hie und da glitt ein munteres, ſilbergraues Eichhörnchen an irgend einem Stamm herunter, ſprang auf die Fenz, lief an dieſer, genau den Zickzackwindungen derſelben folgend hin, und ſchwang ſich dann wieder, durch irgend ein im Laube raſchelndes Huhn hfgeſcheucht, mit flüch⸗ 3 Satz an dem ihm nächſtſtehenden Baum hinauf, und ſchaute oben, das Köpfchen gar ſchlalt und pfiffig von der Seite drehend, vorſichtig um den ſchlanken Stamm herum, mit den weit vorgeſpitzten kleinen Ohren aufmerkſam herünterlauſchend, was das verdächtige Ge⸗ räuſch zu bedeuten gehabt habe. 257 Die beiden Frauen waren allein, Roberts hatte ſich mit den Hunden ſchon faſt vor Tagesanbruch in den Wald begeben, um dort nach ſeinen Heerden zu ſehen, aber verſprochen, noch vor Mittag wieder zurück zu ſein, und Madame Roberts wirthſchaftete jetzt auf eine wun⸗ derbar geſchäftige Weiſe zwiſchen allen nur möglichen Pfannen und Töpfen herum. Ja ſogar das Rauchhaus wurde durchſtöbert, und von dort her einige ſehr ge⸗ heimnißvoll zugebundene und verwahrte Büchſen und Gläſer herbeigeſchafft, die theils ſaure Gurken und Ho⸗ nig, theils aber auch die verſchiedenen Waldesfrüchte auf treffliche und delikate Art eingemacht, enthielten, und heute zu einem ſowohl ſeltenen als glänzenden Feſtmahl hervorgeholt wurden. Marion hatte das Geſchäft des Brodbackens über⸗ antwortet bekommen, und knetete das zarte, weiße Mehl mit den noch viel zarteren, feineren Händchen zu kleinen flachen„Biscuits,“ die, mit einer Gabel durchſtochen, um der Luft den freien Zutritt in das Innere zu geſtat⸗ ten, ſpäterhin in der hohen eiſernen Deckelpfanne ge⸗ backen werden ſollten, jetzt aber, in langen, gleichen Reihen, auf dem Tiſche ausgebreitet lagen. Die beiden Frauen waren, ganz auf die gewöhnliche Art der Amerikaniſchen Hinterwäldlerinnen, in ſelbſt II. 17 258 gewebte Anzüge gkleidet, der Stoff aber von der beſten und vorzüglichſten Art, und die Farben und Muſter auf das geſchmackoollſte und ſinnigſte gewählt, denn Mrs. Roberts ſuchte etwas darin, in dieſer Arbeit von„keiner Einzigen in Arkanſas, und in den anderen Staaten eben⸗ ſowenig,“ wie ſie ſich ausdrückte, übertroffen zu werden, obgleich ſie gern, und nicht ohne faſt eben ſo viel Stolz eingeſtand, ihre Tochter ſtände ihr an Geſchicklichkeit faſt gleich. Marion hatte die vollen kaſtanienbraunen Haare einfach und glatt zurückgeſcheitelt und in einem Knoten befeſtigt, der einzige Schmuck den ſie dabei trug, waren zwei kleine, halbaufgeblühte weiße Roſen, und ſüß und zart, wie ihre ſchwellenden Lippen glühten, und duftete aus deren kaum erſchloſſenen Kelch das ſanfte jungfräu⸗ liche Roth der aufkeimenden Blüthen. Sie hatte ihre Arbeit beendet, und ſchaute jetzt ſtumm und ſinnend, die Hände vor ſich gefaltet, das Köpfchen wie ermüdet an den blank geſcheuerten Thürpfoſten gelehnt, die Straße hinab. 1 „Kommt er noch nicht?“ frug die Mutter, indem ſie mit Kennermiene eine ebengeöffnete ſteinerne Büchſe an die Naſe hielt. — 259 „Wer?“ ſagte Marion, erſchrocken auffahrend, und ſich ſchnell nach der Mutter hinwendend. „Wer?“ fuhr dieſe, ohne die Bewegung zu beach⸗ ten, fort,„„wer? närriſches Mädchen— Sam— den Du doch ſelbſt nach Mr. Harper hinuntergeſchickt haſt, um ihn auf heute einladen zu laſſen. Hat's aber gar nicht verdient, daß man die Leute nach ihm in die Welt hineinjagt— hätte ſich wohl einmal wieder können blicken laſſen, in der langen Zeit.“ „Er war ja krank—“ „Nun ſein ſauberer Neffe denn, der jetzt zu den Regulatoren übergegangen iſt.— Du warſt auch un⸗ wohl, und es wäre nicht mehr als artig geweſen, einmal nachzufragen, wie Dir's ginge; er iſt immer freundlich hier aufgenommen, und hat gar Nichts, auf der weiten Gotteswelt zu Hauſe zu thun—“ „Er hat ſeinen Onkel gepflegt,“ ſagte Ma⸗ rion leiſe. „O ja— ich weiß wohl, Du vertheidigſt ihn im⸗ mer, ſeit der Geſchichte mit dem—“ —„VPanther,“ unterbrach ſie faſt noch leiſer als früher, und mit einem leichten Vorwurf im Ton das tieferröthende Mädchen.“ „Nun ja— er hat Dir damals einen großen Dienſt 17* 260 erzeigt, das iſt richtig,” murmelte die alte Dame,„aber auch nicht mehr als jeder Andere an ſeiner Stelle gethan. haben würde und— doch ich will gar Nichts gegen ihn ſagen, Kind,“ ſchwatzte ſie dann redſelig weiter, die nicht mehr nöthigen Gefäße dabei an ihre gehörigen und beſtimmten Plätze zurücktragend—„ich habe keines⸗ wegs etwas gegen ihn— es iſt ſoweit ein lieber junger Mann, aber darum bin ich ja gerade böſe auf ihn, daß er nicht manchmal herkommt. Freilich iſt die Sache mit Heathcott—“ „Aber Mutter,“ unterbrach ſie mit vorwurfsvollen Ton die Tochter.—. „Ich weiß, was Du ſagen willſt,“ fuhr dieſe, ohne ſich irre machen zu laſſen fort—„ich weiß, was Du ſagen willſt, warum hat er ſich denn aber ſeit jener Zeit nicht wieder hier ſehen laſſen, wenn er ein ſo ganz gutes, reines Gewiſſen hat— Mr. Rowſon gab mir darin neulich ganz Recht.“ „Und Mr. Rowſon hätte gerade vlle Urſache, Herrn Brown zu vertheidigen, wo es in ſeinen Kräften ſteht“— rief Marion, ſich eifriger als bisher zu ihrer Mutter umwendend—„das iſt Etwas, was mir an ihm nicht gefällt.“ „Er hat ihn auch vertheidigt,“ entgegnete dieſe,„hat — ihn wacker vertheidigt, aber was kann er dafür, wenn er ſelbſt den Verdacht nicht ganz abzuſchütteln vermag?“ Marion wandte ſich zur Seite, um eine Thräne zu verbergen, die ſich ihr ungerufen in's Auge ſtahl, und die Mutter hatte jetzt vollauf zu thun, verſchiedene Fleiſchſtücken herbeizuholen, die ſie noch vor zwölf Uhr zubereiten wollte, als ſie, an das kleine, in die Stämme eingeſchnittene Fenſter tretend, das, eigentlich gegen Arkanſiſche Sitte, mit einer Glasſcheibe verſehen war, die Straße hinabſchaute und drei Reiter bemerkte, die auf derſelben herbeikamen, und ſich bald als der erwartete Harper nebſt Bahrens, und hinterherreitend den nach jenen ausgeſandten Negerknaben kund gaben.“ „Good gracious!“ rief Madame Roberts erſchrocken aus,„da kommt Herr Harper ſchon, und ich bin noch nicht fertig— ei der Schlingel von einem Jungen, hat doch beſtellen ſollen, erſt um Zwölf.“ „So laß doch Mutter,“ lächelte Marion, leiſe mit dem Finger den feuchten verrätheriſchen Fleck von den Wimpern wiſchend—„die beiden Männer nehmen das nicht ſo genau, es ſind ja gute Freunde vom Vater; Sam hat ſie ſicher ſchon unterweges getroffen.“ — Es war übrigens hierbei auch weiter Nichts zu thun, Mrs. Roberts ordnete nur noch in aller Geſchwindigkeit ihre, wie ſie glaubte, etwas verſchobene Haube vor dem kleinen Spiegelglas, ſtrich ſich die Schürze glatt, und trat dann den heiden Gäſten, wenn auch mit noch von der Arbeit ein wenig erhitztem Geſicht, aber freundlich und herzlich entgegen. „Willkommen Mr. Harper, willkommen als von den Todten auferſtanden;“ ſagte ſie, dieſem die Hand eichend.—„Nur herein, Gentlemen, mein alter Mann wird gleich wieder zu Hauſe ſein, er will blos einmal nach einem paar Kühen ſehen, die lange nicht zum Melken zu Hauſe gekommen ſind; nur näher, Mr. Bahrens, wenn ich auch noch nicht ganz in Ord⸗ nung bin.“ „Madame Roberts,“ ſagte dieſer lachend,„ich dränge mich heute ungeladen ein, erfuhr aber erſt daß Sie Gäſte hätten, als ich ſchon auf dem Wege war.“— „Ich glaubte Sie mit bei der Regulatorenverſamm⸗ lung,“ antwortete Mrs. Roberts, ſonſt hätt' ich ſchon lange zu Ihnen hinübergeſchickt— aber nur herein, vor der Thüre machen wir das Alles nicht ab.“ Die beiden Männer folgten der Einladung, und Harper, zwar noch immer ſehr blaß und angegriffen, aber doch mit dem ganzen früheren, gemüthlichen Weſen, das ihm die Herzen ſeiner Bekannten ſtets im Sturm * 263 „* eroberte, mußte ſich nun vor allen Dingen niederſetzen, einen Becher des für ihn ganz apart aus Honig und Früchten bereiteten Getränkes, zur Stärkung zu ſich neh⸗ men, und dann erzählen, wie es ihm in ſeiner Krankheit gegangen, wer ihn Alles gepflegt, was er für Arzneien genommen, und wie er wieder beſſer geworden ſei. Er willfahrte auch mit der freundlichſten Bereitwilligkeit von der Welt dem Allen, und rühmte beſonders ſeinen Nef⸗ fen und ſeine drei Nachbarn, Wilſon, Cook und Ro⸗ berts, die ſich ſehr verdient um ihn gemacht.„Selbſt Bahrens,“ fuhr er, dieſem die Hand hinüberreichend, fort,„hat ſein Maisfeld verlaſſen, und iſt auf ein paar Tage zu mir herübergekommen, ſie haben mich Alle lieb, was kann ich denn hier im Walde mehr verlangen?“ Das Geſpräch wandte ſich jetzt auf die ihnen zunächſt liegenden Gegenſtände, d. h. alle mögliche Arten von Vegetabilien und andere Eßwaaren, die theils ſchon auf dem Feuer brodelten, theils noch der weiteren Verwen⸗ dung harrend, auf einem kleinen Seitentiſche aufgeſchich⸗ tet ſtanden, während Mrs. Roberts ein ſcharfes Meſſer herausſuchte und ihre Abſicht kund that, in den Garten zu gehen um etwas Sallat zu holen. Bahrens, der ihr indeſſen ſchon einige außerordent⸗ lich wunderbare Begebenheiten von fabelhaft großen 264 Spargeln und märchenhaften Kohlköpfen erzählt hatte, beſtand darauf ſie zu begleiten, und Harper blieb mit der Jungfrau allein im Hauſe zurück. Obgleich ſich nun aber Marion ſchon den ganzen Morgen danach geſehnt hatte, mit Harper ein paar Mi⸗ nuten allein ſein, und über den fernen Freund ſprechen zu können, da er ja der Einzige war, zu dem ſie ſprechen durfte, ſo ſchien es doch jetzt, als dieſer Wunſch wirklich erfüllt war, als ob ihr alles Herzblut hinaufſtrömte nach „Geſicht und Schläfen; die Zunge klebte ihr am Gaumen, und ſi ſie konnte keinen Laut hervorbringen. Auch Harper ſchwieg, doch dachten Beide ſicherlich nur an den einen Gegenſtand, fürchteten aber zu gleicher Zeit Etwas, für Beide ſo Schmerzliches, zu berühren, und konnten es doch nicht über's Herz bringen, ein anderes, gleichgül⸗ tiges Geſpräch anzuknüpfen. Da brach endlich Harper das peinlich werdende Schweigen und ſagte, dem jungen Mädchen mit wehmüthig freundlichen Ausdruck die Hand hinüberreichend: „Wie geht es Ihnen, Marion? gut, hoff' ich, nicht wahr? das iſt recht— ſein Sie ein braves, ſtarkes Kind— es freut mich— freut mich herzlich, Sie ſo wohl und— und zufrieden zu finden.— Mr. Row⸗ ſon“— fuhr er dann fort, als ihm Marion lautlos 265 die Hand gereicht hatte—„Mr. Royſon iſt ein ſehr wackerer Mann, und wird Sie ſchon ſo glücklich machen, als Sie es verdienen— der— der Junge iſt doch ein Sauſewind, und— ſehen Sie, es iſt vielleicht viel beſſer ſo—“ „Er iſt jetzt mit bei den Regulatoren,“ erzählte er, ihren fragenden Blick verſtehend, weiter,„will aber nur ſehen, ob er nicht die wirklichen Mörder herausbekommen 72 22 kann— Peſt und Gift— es müßte eine Wonne ſein, —.— die Kerle hängen zu ſehen.“ „Und er iſt nicht ſchuldig— nicht wahr?“ frug das Mädchen mit bittendem Blicke. „Schuldig?“ fuhr Harper in ſeinem Stuhle auf— „ſchuldig? iſt da noch Einer, der ihn für ſchuldig hält? — nein, Sie nicht,“ ſagte er dann, die weiße Hand, die er nicht wieder losgelaſſen, liebkoſend ſtreichelnd, „Sie gewiß nicht, aber auch andere Laute ſollen das nicht mehr. Ich ſelbſt freilich glaubte es einmal; ich kannte ſein ſchnellaufloderndes Blut, das verlorene Geld machte mich aber gleich ſtutzen, und ſpäter erſt fand es ſich dann, daß er an jenem Tage ſeine Moccaſins getra⸗ gen, und die Spuren waren beide von Stiefeln oder Schuhen. Nein— er hat keine Schuld an jenem Blut, .—.— ———— 266“ hoffentlich aber wird ſchon irgend einmal ein Zufall den wirklichen Thäter verrathen.“ „Die Regulatoren ſind ja, wie Sie ſagen, deßhalb verſammelt,“ erwiederte leiſe die Jungfrau. „Ach, das ſind auch nur Menſchen,“ meinte kopf⸗ ſchüttelnd der alte Harper—„nicht einmal Indianer; ja wenn Aſſowaum bei uns geblieben wäre, der Schlin⸗ gel hat ſich aber recht heimlich— recht Indianiſch, fort⸗ geſchlichen, und nie wieder etwas von ſich hören laſſen, obgleich Bill feſt daran glaubt, daß er noch zurück⸗ kommt.“— „Mr. Rowſon äußerte hier neulich, die heimliche Entfernung des Indianers ſpreche ſehr gegen ihn,“ ſagte Marion. „Oh— Mr. Rowſon ſollte ein wenig ſparſamer mit ſeinem Verdacht umgehen,“ rief etwas ereifert der alte Mann—„es iſt nicht hübſch, einem Menſchen gleich ſo Schreckliches aufzubürden, und wenn zes auch nur ein Indianer iſt. Uebrigens war der es nicht, da⸗ gegen wollt' ich mit Freudigkeit meinen Hals zum Pfande ſetzen.“ „Wird Mr. Brown noch nach Texas gehen?“ flüſterte zitternd das Mädchen. 267 „Ja“— beſtätigte Harper, auf einmal wieder traurig und niedergeſchlagen,„ich kann ihm den tollen Gedanken nicht ausreden, und glaube, wenn ſie heute den Mörder fänden, er ginge morgen fort.— Hat er ſchon das Pferd von Ihrem Vater gekauft?“ „Das machte mich fragen,“ ſagte Marion—„ich hörte, wie mein Vater heute Morgen äußerte, er müßte den Fuchs für Mr. Brown einfangen, der oben im Thal⸗ grund gewöhnlich weidet. Es thut mir ſo unendlich weh die Urſache zu ſein, die ihn fort, von Ihnen fort⸗ treibt—“ „Es hat ſo ſein ſollen, liebe Marion,“ beruhigte ſie der alte Mann, indem er aufſtand und ihre Stirn küßte—„und— es iſt vielleicht recht gut, daß es ge⸗ rade ſo und nicht anders gekommen iſt; wer kann es denn wiſſen. Alſo Herz gefaßt, mein liebes Mädchen, und die ſtarke Seite nach Außen gekehrt.“ Dabei hob er ihr mit leiſer Hand das Kinn in die Höhe, und wollte recht heiter und ſorglos ihr ins Auge ſchauen, die Stimme zitterte ihm aber doch, und er mußte hart kämpfen, daß er nicht am Ende ſelbſt von ihrer Wehmuth angeſteckt wurde. Gerade noch zur rechten Zeit kam daher Mrs. Ro⸗ ——— 268 3* berts mit Bahrens aus dem Garten zurück, und die erſte zwar lachend, dennoch aber mit einer gewiſſen religiöſen Entrüſtung in den Zügen, daß Mr. Bahrens da Sachen erzähle, die„doch unmöglich wahr ſein könnten, ſo gerne ſie auch ſeinen Worten glaube,“ während Bahrens dagegen feſt auf dem Erzählten beſtand, und Harper im Haus bei Mehrem, was er auch ihm ſchon mitgetheilt haben wollte, zum Zeugen aufrief. Sie waren noch in dieſem halb ernſten, halb ſcherz⸗ haften Streit begriffen, als zwei Pferde vor dem Hauſe ihielten, und Ellen, vonsdem jungen Mulatten gefolgt, eintrat. Die Madchen kannten ſich ſchon von früher her, und begrüßten ſich herzlich, aber auch Mrs. Roberts empfing die junge Waiſe mit wirklicher Güte, da Rowſon ihr, (in dieſem Falle einmal die Wahrheit), nicht allein ſehr viel Liebes und Gutes, ſondern auch das von ihr erzählt hatte, daß ihre Pflegemutter, Madame Atkins, ſie eigent⸗ lich mehr wie eine Seclavin, als wie das Kind, wenn auch das angenommene, vom Hauſe behandele. Harper war Ellen noch fremd, Bahrens hatte ſie aber ſchon häufig geſehen, und ſie frug nach den erſten Begrüßungen ſchüchtern ihre neue Herrin oder vielmehr 269 Freundin, ob ſie noch zeitig genug eingetrofſen ſei, da ſie ſich zu Hauſe etwas verſpätet. „Zeitig genug, liebes Kind,“ unterbrach ſie Madame Roberts—„zeitig genug, morgen früh erſt wollen wir hinüber reiten in Euere neue Wohnung. Es wird wohl noch Manches darin nöthig ſein, denn man kann doch nicht erwarten, daß ein Junggeſelle ſeine Wirthſchaft ſo ganz vollkommen ſollte eingerichtet haben. Spaͤter be⸗ ſuchen wir den Richter, wo Mr. Rowſon Nachmittags predigen wird, und Jener verbindet dann die jungen Leute mit einander. Abends vringen wir ſie zu Hauſe, und Du liebes Kind bleibſt mit unſerem Negerknaben, den Ihr zu Euerer erſten Einrichtung etwa vierzehn Tage dort behalten könnt, bei ihnen.“ Dieſe Angelegenheit war bald in Ordnung gebracht, und es rückte nun die viel wichtigere des Mittageſſens heran, weder Rowſon noch Roberts kamen aber, und die Matrone fing ſchon an ſehr ungeduldig zu werden; Bahrens hatte auch, auf wiederholtes Anregen, ſo eben zum zweiten Mal in das lange gerade Blechhorn ſtoßen müſſen, das den Ton weit hin durch den Wald trug, als dieſer endlich von dem, freilich noch ſehr fernen Jagdruf Roberts beantwortet wurde, und bald tobten, 270 als fröhliche Vorboten, jauchzend und kleffend die Hunde die Countyſtraße herunter, und wenige Minuten ſpäter kam Roberts und Rowſon ebenfalls, in etwas größerer Eile als gewöhnlich, wahrſcheinlich um dem dringenden Rufe Folge zu leiſten, zuſammen angetrabt. Cap. XIII. Die Regulatorenverſammlung.— Jones befindet ſich in einer höchſt unangenehmen Lage.— Liſt gegen Liſt. Um Bowitts kleine Wohnung hatte ſich an dem⸗ ſelben Morgen nicht allein eine ziemliche Anzahl der be⸗ nachbarten, ſondern auch der entfernter wohnenden Far⸗ mer und Jäger verſammelt, das Haus ſelbſt durfte aber keiner betreten, denn dort wirthſchafteten und arbeiteten zwei wohlbeleibte, von der benachbarten Mühle(die einem wohlhabenden Mann aus Little Rock gehörte) ge⸗ liehene Negerinnen, um für Manche, die ſchon eine weite Strecke Weges gekommen, Frühſtück zu bereiten, und unterdeſſen auch wieder die nöthigen Vorbereitungen zum Mittagsbrod zu trefſen; während zu gleicher Zeit vor dem Hauſe, auf zwei niederen Stäben befeſtigt, ein 272 nicht unbedeutender eiſerner Keſſel, mit loderndem Feuer darunter, hing, um ſtets kochendes Waſſer bereit zu hal⸗ ten, und dann und wann die kühle Morgenluft mit einem heißen, erquickenden Trank zu dämpfen und angenehmer zu machen. Trotz dem aber, daß der Becher, der doch ſonſt ſo ſchnell Leben und Fröhlichkeit unter die„Männer von Arkanſas“ brachte, häufig im Kreiſe herumging, ſo ſchien heute ein faſt feierlicher Ernſt die Zungen der Meiſten ge⸗ feſſelt zu halten. Unter einem dichtlaubigen Baum, der das darunter geſtreute vorjährige Laub vor dem nie⸗ derfallenden Regen geſchützt hatte, ſtanden die Regula⸗ toren, finſtere Aufmerkſamkeit und feſte Entſchloſſenheit in den dunkelen, ſonngebräunten Geſichtern, um einen einzelnen Mann geſchaart, der mit lebhaften Gebehrden und geläufiger Zunge ihnen etwas ſcheinbar ſehr In⸗ tereſſantes mitzutheilen ſchien. Es war Eines jener, keinem beſonderen Staate an⸗ gehörenden Mitteldinge, halb Weißer, halb Indianer, deſſen faſt zu dunkele Farbe ebenfalls Verdacht auf die, in den Augen der Amerikaner noch niederere Abſtam⸗ mung warf, in den Backwoods oft ein kanadiſcher Fran⸗ zoſe, Halbindianer oder auch mit dem Spottnamen „Gumbo“ benannt, der den hier verſammelten Männern 273 mit lebhaften Geſtikulationen erzählte, wie er aus der Nation der Cherokeſen hinter, ihm und einem Freunde geſtohlenen, Pferden hergekommen, etwa fünf Meilen, von da aber die Spur verloren habe, und ſchon wieder mürriſch genug auf dem Heimweg geweſen ſei, als er von der„Regulator Meeting“ gehört, und nun hierher geritten ſei, um, wenn er auch die Thiere jetzt nicht wie⸗ derbekäme, die Regulatoren doch auf dieſe aufmerkſam zu machen, damit ſie wenigſtens nicht ſo leicht hier durch geführt, oder gar verkauft werden könnten. Der Canadienſer, denn Canada nannte er ſeine Hei⸗ math, war ein kleiner unterſetzter Mann, mit glänzend ſchwarzen, langen Haaren, dunkelen feurigen Augen, blendend weißen Zähnen und ganz Indianiſch vorſtehen⸗— den Backenknochen wie etwas breitgedrückter Naſe und großen Naſenflügeln, doch erſchien ſeine Geſichtsfarbe kaum dunkler gefärbt als die der ihn umſtehenden Män⸗ ner. Seine Kleidung war aber total Indianiſch, und ſelbſt der Gürtel, den er trug, aus mit Perlen geſtickter rother Wolle gefertigt, und reich mit Pantherfängen und Bärenkrallen verziert. 5 Die Regulatoren riethen noch hin und her darüber, wie ſonderbarer Weiſe die meiſten Fährten in ihre Nachbarſchaft führten, und da, auf faſt wunderbare Weiſe, verſchwän⸗ II. 18 274 den, wenigſtens, wenn einmal verloren, nie wieder auf⸗ zufinden wären, als Brown, Jones und Cook herbei⸗ ritten, und von den vor der Hütte Verſammelten, mit freudigem Gruß empfangen wurden. Zu gleicher Zeit faſt, traf auch von der anderen Seite her, Husfield ein, der ſich vor allen Dingen an dem Frühſtück erquickte, da er ſchon, ſeiner Ausſage nach, funfzehn Meilen nüchtern geritten ſei. Erſt als er dieſes beendet, näherte er ſich den letzt⸗ gekommenen Freunden, zu deren Beſten der Canadienſer ſeine Erzählung wiederholte, als ſich Jones mit in das Geſpräch miſchte und den Halb⸗Indianer frug, ob nicht ein weißes Pferd mit einem ſchwarzen Hinterbein unter den Vermißten geweſen ſei. Mit freudig erſtauntem Eifer bejahte es der Fremde. „Dann hab ich ſie geſehen,“ ſagte Jones, mit der rechten Fauſt in die linke geöffnete Hand ſchlagend, dann hab' ich ſte, ſtraf mich C Gott— geſehen.“ „Aber wo? frug ſchnell und hitzig der Verfolger. „Etwa funfzehn Meilen von hier; geſtern Abend ſchon ſpät, oben auf dem Bergrücken, der die Waſſer der Mamelle und dieſes Fluſſes von einander trennt.“ „Und welchen Weg nahmen ſie?“ frug Jener voller Eifer—„waren ſie auf der offenen Straße, oder— „Sie kreutzten die Straße, gerade als ich den ſteilen Berg von der anderen Seite heraufkam,“ erwiederte Jones. „Und wie viel Männer waren mit ihnen?“ „Einer nur, den ich ſehen konnte.“ „Das ſind ſte,“ rief der Halbwilde frohlockend aus —„ein Farmer an der Grenze hatte ſie ebenfalls ge⸗ ſehen, und konnte mir nur den Mann nicht beſchreiben, da er zu weit entfernt geweſen war. Aber wo etwa find' ich die Fährten?“ „Die wird freilich Regen und Wind verweht haben,“ ſagte Jones nachdenklich—„kommt Ihr aber auf den Berg(das letzte Haus, das Ihr von hier paſſirt, iſt Greathouſes), ſeid etwa vier oder fünf Meilen von da hingeritten, und findet dann Nichts von der Rechten zur Linken hinüber, ſo bleibt Euch freilich weiter keine Wahl, als an das Ufer des Arkanſas zu gehen, denn der fließt von dort nicht ſo ſehr weit entfernt, und in den am Ufer⸗ rand ſtehenden Blockhütten nachzufragen, das wird das Einzige ſein.“ „Dann will ich wenigſtens keine Zeit weiter ver⸗ ſäumen, daß ich nicht auch dieſe, wenn gleich ſehr kalte Fährte verliere,“ rief der Fremde—„dank Euch für die Weiſung— Good bye Gentlemen.“ Und ohne 18* 276 weitere große Umſtände wollte der Canadienſer zu ſeinem Poney eilen und dem Dieb nachſetzen, Brown faßte ihn aber am Aermel ſeines ledernen Jagdhemdes, und als ihn der alſo Zurückgehaltene verwundert anſah, ſagte er freundlich: „Schenkt uns noch etwa eine halbe Stunde; die alſo angegebene Spur iſt doch, wie Ihr einſehn müßt, ſehr unſicher und zeitraubend, und auf ſo wenige Minuten kann es Euch unmöglich ankommen. Ueberdieß ſcheint Euer Pferd ermattet, und bedarf der Pflege; ſeid Ihr alſo in einer Stunde noch geſonnen nachzuſetzen, ſo könnt Ihr meines nehmen, das friſcher bei Kräften iſt und Euch V die verſäumte Zeit bald einbringen wird, auf dem Rück⸗ weg tauſchen wir wieder um.“— „Wenn aber der Burſche unterdeſſen ein Boot fin⸗ den ſollte, was ihn aufnähme,“ ſagte Jones. „So ſchnell wird das nicht gehn, denn ſo häufig ſind die Dampf⸗Boote noch nicht auf dem Arkanſas; alſo Sie bleiben noch ein wenig, und nehmen dann mein Pferd?“ Der Indianer nickte ſehr befriedigt, und jetzt wieder voller Hoffnung mit dem Kopfe, folgte aber faſt noch freudiger dem Winke Bowitts als dem Rathe Browns, welcher Erſterer ihn zu dem gedeckten Tiſche lud, wo W 277 zuerſt etwas zurückhaltend, eingeſtand, er habe ſeit dem vorigen Morgen keinen Biſſen über die Zunge gebracht, dann jedoch zum Entſetzen der Negerinnen auf eine wahr⸗ haft vernichtende Art in die Speiſen und Getränke hin⸗ einwüthete. „Gentlemen,“ redete jetzt Brown, als ſich der Halb⸗ Indianer zurückgezogen hatte, die Verſammelten an,„ich habe Ihnen vor allen Dingen einen, mir von Herrn Royſon empfohlenen Fremden vorzuſtellen, der als Re⸗ gulator aus Miſſouri bei uns eingeführt zu werden wünſchte. Er hofft dadurch zwiſchen uns und den nörd⸗ lichen Staaten eine Verbindung herzuſtellen; es lag ihm aber zuerſt vor allen Dingen daran, unſere Ver⸗ ſammlung zu beſuchen und den Geiſt kennen zu lernen, der ſie beſeelte. Nicht wahr, Mr. Jones?“ Der alſo Gefragte verbeugte ſich blos verbindlich. „Da er gleich damit begonnen hat,“ fuhr Brown fort, einem Hülfsbedürftigen, der ſich an uns um Schutz und Rath wandte, auf den rechten Weg zu helfen, ſein verlorenes Eigenthum wieder zu erhalten, ſo glaube ich nicht, daß er noch weiter einer Empfehlung bedarf, um ihm den Zutritt zu unſerer, ſonſt eigentlich geheimen oder wenigſtens geſchloſſenen Verſammlung zu geſtatten — meinen Sie nicht auch?“ 3 278 „Genügt vollkommen,“ riefen die Männer, während Husfield vortrat, und den alſo Eingeführten beſonders begrüßte und ihm ſeine Freude kund that, auf ſolche Art gleich mit dem Bruderſtaat, was in dieſer Hinſicht ſo unumgänglich nothwendig ſei, verbunden zu werden. „Was wollt Ihr mir denn ſagen, Brown?“ frug Cook dieſen jetzt, der mit ihm einige Schritte abſeits ge⸗ treten war. „Geht dem eben Eingeführten nicht von der Seite,“ flüſterte Brown ſchnell—„er gehört mit zur Bande— pft— kein Wort weiter— theilt es Wilſon mit, und Ihr Beide bewacht ihn— habt Ihr Euer Terzerol?“ (Cook bejahte es)—„gut— ich will nur erſt, daß wir die Neger dort bei Seite haben; ich traue den Schuften nicht, und ſie könnten den Alarm geben—“ „Alſo iſt das mit den geſehenen Pferden auch eine Lüge?“ frug Cook ſchnell— „Pſt— er ſieht hier her“— flüſterte Brown— „er darf noch Nichts merken— nehmt Euch Wilſon zur Hülfe, und dann müſſen wir das Mittageſſen ſchnell vor⸗ über haben, daß die Neger fortkommen.“ 1 Ddie Männer trennten ſich jetzt auf kurze Zeit, als Jones aber gleich darauf von dem Canadienſer wieder vorgenommen und über mehre Einzelheiten befragt wurde, 279 trat Cook noch einmal an den jungen Führer hinan, und ſagte leiſe: „Die Neger bekommen wir nicht fort, ſie bleiben den ganzen Tag hier, was geſchehen ſoll, muß alſo bald geſchehen; daß die ſchwarzen Canaillen aber nachher nicht fortkommen, und das Gerücht ausſprengen, dafür will ich ſchon ſorgen.“ „Habt Ihr es Wilſon geſagt?“ frug Brown. „Ja— ſeid außer Sorgen, der kommt nicht weg— das giebt einen Hauptſpaß; doch die Verſammlung ſoll beginnen.“ Husfield näherte ſich in dieſem Augenblick Brown, und frug ihn, ob ſie nicht anfangen ſollten, da manche von den hier Anweſenden vielleicht noch an demſelben Tage ihre Heimath wieder zu erreichen wünſchten, als Brown ihn unter den Arm faßte, bei Seite nahm, und ihm nun in der Kürze und mit ſo wenig Worten als möglich, ſeinen Verdacht erzählte, und die feſte Ueberzeu⸗ gung ausſprach, der Fremde ſei, wenn nicht ein notori⸗ ſcher Dieb, auf jeden Fall ein ſehr ſchlauer und gefähr⸗ licher Hehler. „Und was wollt Ihr thun?“ frug Husfield ſchnell. Davon hernach,“ flüſterte Brown—„mir bangt 280 nur vor den Negern, wenn wir hier etwas vornehmen — wer weiß.“ „Peſt! Ihr habt Recht,“ ſagte Husfield— mir kam es ſchon vor, als ob der Fremde dem einen Nigger ganz verſtohlen zugenickt hätte— Verrath könnte uns hier Alles verderben— doch halt— laßt mich ſorgen — Bowitt muß dafür ſtehen und kennt ſeine Leute; den will ich unterrichten, verzögert Ihr indeſſen die Entſcheidung, bis Ihr mich in den Kreis treten und den Hnt abnehmen ſeht— fort! Jones kommt, es mag ihm wohl nicht angenehm ſein, wenn zwei mit einander heimlich flüſtern.“ Husfield verlor ſich gleich darauf unter den Uebrigen, und Brown, als gewähltes Oberhaupt dieſes County's rief die Männer herbei, und eröffnete die Verſammlung. Nach ächt Arkanſiſcher Art trat er dabei, um etwas höher zu ſtehen, und ſowohl Alle ſehen zu können, als auch von Allen geſehen zu werden, auf den Stumpf eines gefällten Baumes und ſprach, zur Einleitung über den Zweck, der ſie hier zuſammengeführt, wie über das ge⸗ ſetzliche der Verſammlung ſelbſt, frug ſie aber zum Schluß, ob ſie auch feſt und ernſtlich geſonnen wären, den ungeſetzlichen Theil ihrer Verbindung, die Aus⸗ übung des ſogenannten Lynchgeſetzes in kräftiger Ge⸗ 281 ſammtheit durchzuführen, und die zu ſtrafen, und zwar ſelbſt am Leben, wenn es die Mehrzahl der Regulatoren für nöthig finden ſollte, die Strafe und ſolche Strafe verdient. Ein lautdonnerndes„Ja“ gab das Zeug⸗ niß, wie aus der Seele geſprochen dieß Allen ſei, und wie feſt ſte entſchloſſen wären, das mit Leib und Leben zu vertreten, was ſie einmal begonnen und unternom⸗ men hätten. Unterdeſſen bemerkte Brown, wie Bowitt eine Zeit lang mit zwei jungen Burſchen geſprochen hatte, und dieſe ſich jetzt von den Uebrigen abſonderten, wobei der Eine ſeinen Platz gerade der Hausthüre gegenüber auf einem Holzklotz nahm, und das Schloß ſeiner Büchſe ſehr aufmerkſam zu unterſuchen begann, während der Andere, das geſattelte Poney am Zügel, neben ihn trat und eine Unterhaltung mit ihm anknüpfte. „Nun, Maſſa,“ ſagte die eine Negerin zu den Beiden, als ſie eben einem jungen, etwa zwölfjährigen ſchwarzen Knaben einen Korb voll Spähne abnahm, und dieſe neben die Thür der Hütte ſchüttete,„wollen Sie nicht der Verſammlung zuhören?“ „Noch zu jung, Lyddy,“ lachte der Eine,„und nicht hübſch genug— es dürfen bloß hübſche Leute da⸗ bei ſein.“ 282 „O Golly,“ ſagte die Schwarze,„Unſinn das, Maſſa— Maſſa Hokker dort—“ „Wer, Lyddy?“ „Oh— Maſſa— Maſſa Hoſtler dort,“ rief die Schwarze, augenſcheinlich verlegen werdend,—„Maſſa Hoſtler auch nicht groß hübſch; was hat Maſſa mit dem Gewehr?— Alles in Ordnung?“ „Das verſtehſt Du nicht, Lyddy— wenn eine Armee irgendwo kampirt, dann werden Poſten aus⸗ geſtellt—“ „O Golly— Golly!“ ſchrie die Schwarze lachend, daß ihre Augen wie zwei große, weiße Kugeln faſt aus den Höhlen herausdrängten, und zwei Reihen blenden⸗ der Zähne ſichtbar wurden, deren ſich ein Haifiſch nicht hätte zu ſchämen brauchen.—„Schildwalhin vor die Küchenthür!—,o Golly— Golly!“ „Die jungen Leute lachten ebenfalls, und ſcherzten und ſpaßten mit den beiden Negerinnen, die, während ſie im Innern des kleinen Gebäudes die Geſchirre auf⸗ wuſchen, und die auf's Neue zum Feuer geſtellten Le⸗ bensmittel beaufſichtigten, dennoch immer abwechſelnd in die Thüre traten und beſonderen Antheil an den nicht ſehr entfernt von da gehaltenen Verhandlungen zu neh⸗ men ſchienen. 283 „Wir ſind alſo heute hier zuſammengekommen, meine Freunde,“ fuhr Brown, ſich jetzt hochaufrichtend⸗ und im Kreiſe umherſchauend, fort,„um dem Unweſen, das uns bei ſämmtlichen Staaten der Union in Miß⸗ kredit gebracht hat, zu ſteuern. Wenn wir aber auch kräftig und beſtimmt gegen die ofſenen Feinde und die, die uns von außen als Fremde angreifen, auftreten können, ſo iſt das bei ſolchen, die ſich unter uns als unſere Freunde und Genoſſen einſchleichen, die uns ſchmeicheln und am Tage herzlich die Hand drücken, während ſie in der Nacht mit der Raubbrut aus anderen Gegenden verkehren, unmöglich.“ „Wie aber dieſe auffinden? ſeh ich Euch fragen, wie ſie entlarven, wenn ſie ſich ſchlau und liſtig dem forſchenden Auge der Gerechtigkeit zu entziehen wiſſen? Allerdings iſt das ſchwer, aber es lebt auch dort oben ein Gott, der die Sünder manchmal da, wo ſie es am we⸗ nigſten vermuthen, in die Hand der Rächer liefert.“ Husfield trat in dieſem Augenblick heran, nahm den Hut ab und trocknete ſich die Stirn. „Nennt es Zufall oder Schickſal,“ fuhr Brown, ſeinem Blicke begegnend, fort—„was mich gerade zum Mirwiſſer eines ſolchen Geheimniſſes machen mußte, aber Mitwiſſer wurde ich, und jetzt, Kameraden, hoff' 284 ich, daß wir die Fährte gefunden haben, auf der die Wölfin nächtlich ausſchleicht und ihre Beute in Sicher⸗ heit bringt.“ „Wo?— was gefunden?— was habt Ihr ent⸗ deckt, Brown? wer iſt es? hier in der Anſiedlung? am Fourche la fave Einer?“ tönten die Stimmen wild durch⸗ einander, und Jones, bis jetzt ſehr ruhig und ſelbſtzu⸗ frieden an einen Baum gelehnt, wandte leiſe und faſt unmerklich ſeinen Kopf der Hütte zu, um zu ſehen, ob er auch im ſchlimmſten Fall den Rückzug zu ſeinem Pferde frei habe, das unfern von dort, und etwas ab⸗ geſondert von den übrigen, angebunden war. Er be⸗ gegnete dem Blicke Cooks, der dicht neben ihm, etwas zurück ſtand, und ihm freundlich und leiſe zuflüſterte: „Nicht wahr, Ihr hättet zu keiner günſtigeren Zeit hierher kommen können? die werden in Miſſouri ſtaunen, wenn ſie das hören.“ „Ja— ſehr günſtig,“ ſagte Jones—„ſehr gün⸗ ſtig, ich— ich bin außerordentlich neugierig(er wandte den Kopf nach der anderen Seite, und ſ ſah Wilſon dort, anſcheinend gleichgültig am Baume lehnen), u. wirklich außerordentlich neugierig, wer damit gemeint iſt. Schade, daß ich die Leute nicht kenne.“ 285 „O Ihr lernt ſie vielleicht kennen,“ erwiederte Cook —„aber hört nur!“ „Gleich, meine Freunde,“ beruhigte Brown die Ungeduldigen,„Ihr ſollt ſogleich Alles erfahren.— Ein Zufall— wenn wir's denn einmal ſo nennen wol⸗ len, brachte mich vor einigen Wochen, das wie erzähl! ich ein andermal, in den Beſitz eines Schlüſſels, von dem ich damals zwar keinen Gebrauch zu machen wußte, der mir aber ſeit kurzer Zeit klar und deutlich geworden iſt. Es war die Verabredung zweier Ehrenmänner, ſich durch gewiſſe Worte und Redensarten, wenn auch ſonſt einander gänzlich fremd, an einem dritten Orte zu er⸗ kennen und zu verſtehen.“ „Wünſchen Sie etwas?“ frug Cook Jones, der in dieſem Augenblick an ihm vorbeitreten wollte, um den äußeren Rand des Kreiſes zu erreichen. „Nur ein Glas Waſſer,“ flüſterte dieſer zurück, ich bin augenblicklich wieder da—“ „Lyddy, ein Glas Waſſer für Mr. Jones!“ rief plötzlich mit lauter Stimme Cook, daß ſich Alle ver⸗ wundert nach jener Stelle umſahen, Brown einige Se⸗ cunden lächelnd in ſeiner Rede anhielt und Jones leichen⸗ blaß wurde. Die Schwarze aber, die ſchon lange auf eine Gelegenheit gewartet hatte, den Männern, und be⸗ 286 ſonders jener Gegend, wo Jones ſtand, näher zu rücken, ergriff in aller Eile einen Becher mit dem verlangten Getränk, und watſchelte, ſo ſchnell es ihre außer⸗ gewöhnlich wohlbeleibte Geſtalt erlaubte, dem Baume zu, an welchem er ſtand. Er dankte, nahm den Becher und trank, flüſterte dabei aber der Schwarzen einige Worte zu, und blieb jetzt außerhalb des Kreiſes ſtehen, während Wilſon eben⸗ falls vortrat, die Negerin um einen zweiten Trunk bat, und ſich an die andere, Cook entgegengeſetzte Seite des Fremden verfügte. Brown hatte mit ſchnellem Blick das eben Beſchrie⸗ bene überſehen, und fuhr nach kleiner, hierdurch ent⸗ ſtande Pauſe wieder laut fort: „Eine Frage nach dem Fourche la fave, eine Frage nach der Weide dieſer Gegend, und eine Bitte um einen runk Waſſer, waren die Zeichen; und wo glaubt Ihr, daß der Verräther unter uns gelauert habe?“ Lyddy kam in dieſem Augenblick mit einem kleinen Korb voll Mais aus der Küche, und ging zu dem⸗Poney des Fremden, deſſen Zügel ſie, wie ſich Cook mit ſchnel⸗ lem Blicke überzeugte, in Ordnung brachte, während Alles in der Verſammlung mit athemloſem Schweigen dem Berichte lauſchte, der ihnen die enthüllen ſollte, die — 287 ſo lange als Verräther und Schurken verdachtlos und ruhig unter ihnen geweilt hatten. „Gentlemen,“ ſagte der Regulatorenführer nach kurzer, athemloſer Pauſe mit erhabener Stimme,„ich war geſtern Abend in dem Hauſe unſeres bisherigen Nachbars Atkins, und der Verräther iſt er. „Sonderbare Geſchichte das“— flüſterte Cook lächelnd, ſeinen Arm vertraulich auf die Schulter von Jones lehnend, der ihm mit ſtierem Blicke und aſchfar⸗ benen Wangen in's Auge ſah—„ſehr ſonderbare Ge⸗ ſchichte das.“ Er fühlte, daß er verrathen war, fühlte, wie der Blick des Regulatorenführers auf ihm haftete, wenn er ihm auch nicht ſelbſt ins Auge ſchaute— er wußte, daß für ihn jetzt keine andere Rettung als ſchnelle Flucht ſei, und er ſich zu dieſer den Weg bahnen müſſe, wie er nur immer könnte, leiſe daher, aber ſchnell die rechte Hand unter die Weſte bringend, ergriff er dort das verborgen gehaltene Bowie⸗Meſſer, und warf noch einen Blick for⸗ ſchend hinüber zu der Negerin, die eben ihre Vorberei⸗ tungen beendet hatte. Das Ganze, ſo lang hier im Erzählen, hatte in der Wirklichkeit nur wenige Secunden in Anſpruch ge⸗ nommen, während bei den letzten Worten Browns ein 288 Murmeln des Erſtaunens und der Verwunderung die Verſammlung durchlief. „Jener Bube aber,“ fuhr Brown jetzt mit erhöhter Stimme fort, indem er ſeinen Arm gegen den Fremden ausſtreckte,„der ſich mit ſeinem diebiſchen Treiben, unter dem Mantel der Nacht, in unſere Anſiedlung, ja als „Negulator aus Miſſouri“ ſogar in unſere Mitte ſchlich — iſt dieſer!“— Alles wandte ſich erſchrocken und empört nach dem Bezeichneten um; Jones hatte aber auf dieſen Augen⸗ blick des Erſtaunens gerechnet, denn mit ſchnellem Griff riß er das breite, haarſcharfe Meſſer aus der Scheide, und ſchwang es hoch empor, ſich Bahn zu hauen, ſo daß die ihm zunächſt Stehenden, die keine Ahnung von ſolchem Schluß gehabt, entſetzt zurückprallten. Wilſon aber, der von der erſten Bewegung Jones an, deſſen Abſicht errathen, wußte, was er mit der Hand unter der Weſte ſuchte, und verſtand vollkommen deſſen Plan. Kaum blitzte daher der breite Stahl in der Hand des ent⸗ deckten Verräthers, als er ihm auch mit ſchnellem und ſicherem Griff in den Arm fiel, und im nächſten Augen⸗ blick lag der Spion, von der kräftigen Fauſt des Hinter⸗ wälders niedergeworfen, unter deſſen Knie, und knirſchte . vergebens gegen die Macht an, die ihn, wie in einem eiſernen Schraubſtock, regungslos gefeſſelt hielt. Ein wildes Staunen, eine eigene, wie ſinnverwirrende Ueberraſchung, ſchien in dem erſten Augenblicke die ver⸗ ſammolten Männer rath⸗ und thatlos gemacht zu haben, hrer faſt unbewußt, drängten ſie ſich durch einander, erſtarrt ſtanden ſie über das Ungeahnte, noch nicht Begriffene; aber nur wenige Secunden dauerte dieſe faſt zauberartige Lähmung, denn zu raſcher Thätigkeit wur⸗ den bald alle ihre Kräfte aufgerufen. „Halt' den Neger!“ ſchrie Brown, der, ſobald er den Feind gefangen ſah, die offene Lichtung mit ſeinem Adlerblick überflog, und eben noch die helle Jacke des Negerknaben bemerkte, der ſchlangengleich in die dichten Büſche hineinglitt. Wahrſcheinlich wollte er fliehen und die Kameraden des Verbrechers warnen. Der Zuruf war aber nutzlos, denn Einer der jungen, als Wache aufgeſtellten Leute, hatte den Burſchen, der ihm von Anfang an verdächtig vorgekommen, nicht aus den Augen verloren, und ſich, ſobald dieſer Miene 4 machte, das Dickicht zu erreichen, da er nach dem erſten Tumult wohl ziemlich klar ſehen mochte, wie die Sa⸗ chen ſtanden, in den Sattel ſeines kleinen muthigen Thieres geſchwungen, das jetzt mit ihm, von Peitſche II. 19 290 und Sporn getrieben, wie eine Windsbraut über die im Wege liegenden Stämme wegſetzte, und den Neger in wenigen Secunden einholte. Dieſer machte auch, da er ſich auf ſolche Art verfolgt ſah, keinen weiteren Verſuch zur Flucht, ſondern drückte ſich auf die Erde nieder, und bat mit flehender Stimne ihm Nichts zu thun, er wolle ja nicht weglaufen, er wolle keinen Schritt vom Hauſe fortgehen. 5 Die beiden dicken Negerinnen ſelbſt, waren wie vom Schlag gerührt, verſuchten jedoch natürlich keinen Fuß ver das Haus zu ſetzen, da ihrerſeits eine Flucht unmöglich 1 war. Das kleine Gebäude, mit den drei Schwarzen im„ Innern, wurde jetzt von mehren Schildwachen umſtellt, die ihren zeitweiligen Gefangenen übrigens freundlich zu⸗ ſprachen und ſie beſonders darauf aufmerkſam machten, um Gotteswillen deß Mittageſſen nicht zu vernach⸗ läſſigen. 4 Sones war indeſſen gebunden, und in den Kreis der.. Männer geführt, wo er jedoch, wenn auch mit nieder⸗ geſchlagenen Augen, ſtöckiſch und hartnäckig verblieb — und auf keine Frage Antwort geben wollte. 1 „Legt ihm den Hickory über,“ riefen da mehre Stimmen—„Verdamm den Hund— bindet ihn an — einen Doogwood und laßt ihn Rinde ſchälen*),— hängt ihn an den Händen auf und hetzt die Hunde auf ihn“— lauter freundliche Rathſchläge, die alle dem Opfer galten, das bleich und gebunden, aber mit feſt und krampfhaft auf einander gebiſſenen Zähnen, zwiſchen ihnen ſtand, und das Aergſte zu erwarten, aber jetzt, da es einmal über ihn hereingebrochen, keineswegs zu fürch⸗ ten ſchien. Mehre der wilden Backwoodsmen wollten übrigens ihre Drohungen ſchon thatkräftig in Anwendung brin⸗ gen, und Einer beſonders, ſtreifte mit großem Eifer die zähe Rinde eines Papaobaumes ab, um den Gefangenen damit an den beſchriebenen Baum zu befeſtigen. Brown wehrte ihnen aber und ſagte ruhig: *) Der Dogwoddbaum— eine Art wilder Cornelius⸗ kirſche, aber mit bitteren, ungenießbardt Beeren, hat eine ziem⸗ lich leicht abzubröckelnde Rinde, und wurde, da er in Arkanſas in ungeheurer Menge wächſt, und ſelten ſtärker als drei bis fünf Zoll im Durchmeſſer wird, von den Regulatoren oder auch von den Seclavenaufſehern ſehr häufig dazu benutzt, die Ver⸗ brecher, Weiße, oder im letzteren Falle, Selaven, mit den Hän⸗ den daran feſtzubinden, wo ſie ſich dann unter den Schmerzen der Züchtigung wanden, und dadurch die Rinde von den ſchwa⸗ chen Stämmen gäͤnzlich abrieben. Daher der in Arkanſas ge⸗ bräuchlich gewordene Ausdruck„Jemanden Dogwood⸗Rinde ſchälen zu laſſen“, anſtatt„ihn zu peitſchen“. 2 19* * 25* 292 „Halt— laßt den Mann noch in Frieden; ſo lange wir die Ausſicht haben, unſeren Zweck ohne ſolche Mit⸗ tel zu erreichen, iſt es immer beſſer. Noch bleibt uns Atkins„ der auch auf jeden Fall mehr von den hieſigen Verhältniſſen weiß als dieſer Burſche, denn er und At⸗ kins waren ſich, wie ich feſt überzeugt bin, vorgeſtern Abend gänzlich fremd.“ „Dann iſt das auch eine Lüge, daß er meine Leſerde geſehen, und er wollte mich auf einen wilden Ritt in“ die Mamelle⸗Berge ſchicken?“— frug jßtt er Halb- Indianer, zornig vortretend; doch Brown hielt auch ihn zurück und ſagte: „Euere Pferde hat er auf jeden Fall geſehen, denn ich zweifle keinen Augenblick daran, dnß er ſelbſt derjenige iſt, der ſie hierher a,4 hat— „Ei ſo ſoll—— 1 „Halt“— fuhr Brown fort, den Zürnenden an der Schulter faſſend—„ſte ſind da, noch kann ſie Atkins nicht wieder weiter befördert hasen wenn er das Ah in nächſter Nacht beabſichtigt hätte— *„Dann wollen wir doch gleich hin,“ rief Husfield —„finden wir die Thiere bei ihm, ſo liegt ja der Beweis klar auf der Hand.“ „Ich fürchte nein,“ ſagte Brown—„heute Mor⸗ gen war ich in ſeinem Hofraum, und beobachtete die ganze Einrichtung deſſelben. Wenn er die Pferde in ſeinem Gewahrſam hat, ſo ſind ſie keinesfalls inner⸗ halb ſeiner Fenzen, und es muß irgendwo hinter dem Feld oder Viehhof einen Platz geben(in dem nie⸗ deren mit Schilf bewachſenen Thalgrund wahrſcheinlich), durch umſichtig abgehauene Bäume, in einer ſo gewiſſer⸗ maßen natürlichen Umzäunung eingefenzt gehalten wer⸗ Lande aus,“ rief Cook ungeduldig. — den.“ „Dann iſt aber doch der Eingang nur von ſeinem „Allerdings,“ entgegnete Brown,„ich kann es mir wenigſtens nicht anders denken, doch das iſt einerlei, er den, was frei im Walde läuft— denn außerhalb der Fenzen iſt Freiheit.“ „O verdamm die Gerichte,“ ſagte Smeiers jetzt vor⸗ tretend und mürriſch die Mütze rückend;„wir ſind hier nicht zuſammengekommen, um zu fragen, was die Ge⸗ 8 richte dazu ſagen würden— verdamm ſie! ruf' ich noch einmal; wir wollen unſer eigenes Recht ſuchen, und wenn wir davon überzeugt ſind, daß es Recht iſt, nun ————–— wo die Thiere durch das dichte Rohr ſelbſt, wie vielleicht kann vor Gericht nicht dafür verantwortlich gemacht wer⸗ ſo geht uns der andere Firlefanz alle weiter Nichts an. Darum, und in dieſem Sinne haben wir Euch zu un⸗ ſerem Anführer gemacht, wenn Euch das nicht recht iſt, ſo ſagts, dann übernimmts ein Anderer.“ Brown wollte darauf erwiedern, Husfield unter⸗ brach ihn aber, bat einen Augenblick um das Wort, und wandte ſich hierauf, im Ganzen wohl an die Verſamm⸗ lung, beſonders aber an den, der zuletzt geſprochen, und jetzt den größten Theil der Regulatoren auf ſeiner Seite zu haben ſchien, während er ſagte: „Gentlemen, ich glaube, Sie kennen mich Alle, und Keiner von Ihnen wird denken, mein Eifer der guten Sache zu dienen, ſei ſchwächer als der ſeine, aber— Mr. Brown hat Recht. Uns genügt jetzt nicht allein zu wiſſen, ob Atkins, als Helfershelfer der Pferdediebe, Pferde verhehlt und aufbewahrt hat, wenn wir auch den Beweis dort finden, ſondern ob er es noch thut, und auf welche Art es geſchieht. „Daß er dabei Hülfe haben muß, liegt klar am Tage— bindet den Jungen dort, wenn er noch einn Fuß aus der Hütte ſetzt”— unterbrach er ſich jetzt ſelbſt, und wieß nach dem jungen Neger hinüber, der in dieſem Augenblick wieder ſchnell, und augenſcheinlich ſehr verle⸗ gen, in die Thür zurückglitt—„habt beſſere Wacht auf — derben— er hat Böſes im Sinn“ rief er dann den, über die Nachläſſigkeit beſchämten Wächtern zu, die zu auf⸗ merkſam nach den Reden hinüber gehorcht hatten, und fuhr in ſeinem, vorher begonnenen Satze fort:„Wie ich hier überall gehört habe, geht Atkins ſelten oder nie von zu Hauſe fort, er muß alſo Leute an der Hand ha⸗ ben, die ihm derlei kleine Gefälligkeiten beſorgen; dieſe „können auch nicht weit von ihm entfernt leben.“ „Johnſon hat eine Hütte nur kurze Strecke von ſeinem Haus entfernt,“ ſagte Wilſon. „Verdamme die Canaille,“ brach Husfield bei die⸗ ſer Entdeckung, ſeine ganze frühere Ruhe vergeſſend, los,„ſo ſteckt auch der Hund mit ihm unter einer Decke und das Spiel mit den Pferden damals, war falſch— Die Peſt über ihn— „Doch halt—“ fuhr er dann nachdenkend fort— „auch hier wird Liſt und Ruhe nachdrücklicher wirken, als tolles Toben und rohe, unberechnete Gewalt. Noch⸗ mals alſo ſtimme ich Mr. Browns Vorſchlag bei, die Sache erſt reiflich zu überlegen, ehe wir raſch und viel⸗ leicht thöricht handeln. Wir haben noch mehrere Stun⸗ den Zeit, ehe wir gedrängt werden, etwas zu beſchließen. den Burſchen, ſonſt könnte er uns den ganzen Spaß ver⸗ 296 Mr. Brown iſt vielleicht jetzt ſo gut und macht uns in⸗ deſſen mit dem Plan bekannt, den er entworfen hat“ „Gern“ ſagte der junge Mann, ſeine frühere Red⸗ nerbühne wieder beſteigend—„er iſt leicht mitgetheilt und wird eben ſo leicht begriffen werden. Wir wiſſen die Zauberformel, die uns Zutritt zu dem heimlichen Hehlerplatz unſeres Nachbars ſichert; noch aber iſt es nicht bekannt, daß wir ſie wiſſen, noch iſt das Geheim⸗ niß unſer. Mein Vorſchlag iſt alſo der: heute Abend einen Mann, den Atkins nicht kennt, mit mehreren frem⸗ den Pferden zu ihm zu ſchicken; hier dieſer Canadienſer wäre vielleicht gleich der Rechte.“ Der alſo Bezeichnete ſchüttelte mit dem Kopf— „nein— verdammt,“ ſagte er dann—„ich war ſchon dort— heute Morgen mit Tagesanbruch— er hat wohl mein Pferd nicht geſehen, das ſtand draußen, aber mich ſelber— viel Weiber drinn—“ „Das iſt fatal; nun dann finden wir einen Anderen, der bei ihm einkehren muß, die Parole giebt, die draußen angebundnen Pferde nach ſeiner Anweiſung herbeibringt, und zu dem Platze gelangt, auf welchem die Thiere zu dem für ſie beſtimmten Verſteck geführt werden.“ 5 Wir liegen indeſſen dort in der Gegend im Hinter⸗ —-— halt und ſpringen nur nach einem gegebenen Zeichen auf — 1 den Wahlplatz.“ †„Das iſt Alles recht ſchön und gut,“ ſagte Wilſon, „wo aber nehmen wir noch vor Abend Jemanden her, den Atkins nicht kennt, denn Atkins kennt faſt jeden Menſchen in ganz Arkanſas.“ „Was machtet ihr denn bei Atkins?“ frug Husfield 3 den Canadienſer. „Was ich machte? ich frug nach Pferden,“ erwie⸗ derte dieſer— „Und er antwortete?“ †„Er habe keine geſehen.“ „Das war wenigſtens blos eine einfache Lüge; Allere dings wird es ſchwer halten, einen Mann zu finden— Euch kennt er auch, Kefner?“ „Ich ſollte denken,“ lachte dieſer—„ſeit fünf Jahren!“ „Und Euch Jankins?“ 8 „So genau wie ſeine Nachbarn.“ 3 „Und Euch Williams?“ „Er kennt ſie Alle, Mr. Brown,“ ſagte der zuletzt Angeredete,„da müſſen wir weiter gehen; wenn wir auf der Straße vielleicht—“ — „Halt!“ rief Cook—„ich hab es— einen köſt⸗ lichen Einfall— dem alten Mann wird es auf ein oder zwei Tage nicht ankommen, wir können ihm Mais und Lebensmittel genug liefern?“ „Wem denn?“ frugen Mehre. „Habt Ihr heute Morgen keinen Wagen auf Euerer Fähre überſetzen ſehen, Wilſon?“ frug dieſen jetzt Cook. „SIch bin ſeit geſtern Abend hier“— ſagte der An⸗ geredete, leicht erröthend—„doch was ſollen die?“ „Die können höchſtens uns hier gegenüber, an der anderen Seite des Fluſſes, alſo kaum zwei Meilen in gerader Richtung, entfernt ſein,“ erwiederte Cook, „ein alter Teneſſeer mit ſeinen beiden Knaben führt die Wägen. Einer von dieſen, die Jungen oder der Vater ſelbſt, muß uns beiſtehen, die kennt Atkins nicht und — Alles ſchlau angefangen, geht der alte Fuchs viel⸗ leicht in die Falle.“ „Wer reitet aber hinüber?“ frug Wilſon,„uud wie ſoll man ſie finden?“ „O Nichts leichter als das,“ beſchrieb ihm Cook— „Ihr ſetzt hier gleich durch den Fluß, ſchneidet gerade durch die Niederung, links an dem kleinen See vorbei und — — öxö————— — O— ſeht, wenn Ihr die Straße erreicht, nur nach den Wa⸗ gengleiſen. Sind die Auswanderer ſchon vorbei, was ich kaum glaube, ſo müßt Ihr ſie in ſehr kurzer Zeit einholen, und ſind ſie jene Stelle noch nicht paſſirt, nun deſto beſſer, ſo reitet Ihr ihnen blos entgegen.“ „Da wär's aber viel beſſer,“ ſagte Brown,„Ihr ginget ſelber, Cook; wie ich höre, habt Ihr mit dem alten Mann ſchon Bekanntſchaft gemacht, und vielleicht wird es Euch gerade dadurch leichter, ihn für unſere Bitte zu gewinnen.“* „Meinetwegen,“ entgegnete Cook entſchloſſen,„mir auch Recht— an mir ſoll es nicht liegen, und wo ich helfen kann, thu' ich's gern. Uebrigens wird es wahr⸗ lich nicht ſchwer halten, den alten Haudegen auf unſeren Plan eingehen zu machen; ich möchte meinen Hals ver⸗ wetten, daß er ſelber kommt.“ „Das wäre alſo abgemacht,“ lachte Curtis, ſich fröhlich die Hände reibend—„Eidechſen und Regen⸗ würmer, jetzt glaub ich auch, daß wir den verdammten Buſchſchleichern auf die Spur kommen, die ſo freigebig mit heißem Blei und kaltem Stahl ſind, und dann gnade ihnen Gott— ſie ſollen Hanf zu ſchmecken be⸗ kommen, daß ſie genug haben. Was machen wir aber 299 — indeſſen mit den Gefangenen, ich traue dem Neger nicht, die ſchwarze Canaille hat ſchon ein paar Mal entwiſchen wollen, und ich zweifle nicht im Mindeſten, daß ſie nachher geradewegs zu Atkins hinübergebrannt wäre.“ „Wir müſſen ſie binden,“ ſagte Brown,„denn der Gefahr, jetzt verrathen zu werden, dürfen wir uns nicht ausſetzen.“ „Die Negerinnen auch?“ frug Wilſon. „Den Burſchen wenigſtens,“ ſagte Husfield,„für die beiden Frauen genügt eine Wache, und macht der Junge wieder den geringſten Verſuch zur Flucht, ſo bin⸗ b den wir ihn an einen Dogwood und laſſen ihn tanzen. Wo iſt die Papaorinde?“ 1 „Nehmt lieber Stricke,“ wandte Bowitt ein,„dort unter dem Bett, in der Ecke, liegen einige. Iſt denn auch Jones ſicher verwahrt?“ Er trat bei dieſen Worten an den Gefangenen hinan und wollte nach deſſen Banden ſehen, als der Miſſourier, der auf irgend eine, Allen un⸗ erklärbare Weiſe, ſeine Hände frei gearbeitet hatte, dem Baum entſprang, an den er gefeſſelt geweſen, und mit flüchtigen Schritten dem Walde zueilen wollte. Er am aber nicht weit; Wilſon befand ſich, als jener den eerſten Satz that, vor dem Bowitt mehr überraſcht als erſchreckt zurückfuhr, in kaum zehn Schritten von ihm, 8* wandtheit, den wüthenden Biſſen des Raſenden aus⸗ 1 zuweichen, doch warf endlich ein kräftiger, von ſeiner Hand geführter Fauſtſchlag, den zum Aeußerſten Ge⸗ 8 8 B . 8 und hatte ihn nach kurzem Wettlauf eingeholt. So wüthend war aber der, ſich jetzt rettungslos verloren, und in den Händen ſeiner Feinde Sehende, daß er ſich dem viel ſtärkeren Gegner, als dieſer eben die Hand nach ſeinem Rockkragen ausſtreckte, ſtellte, und ihn mit Fauſt und Zähnen in aller Wuth der Verzweiflung zu verwunden ſtrebte. Wilſon bedurfte auch wirklich ſeiner ganzen Ge⸗ 1 triebenen zu Boden; hier wurde er dann an Händen und Füßen feſt geknebelt und in das Haus getragen, das, durch vier Wachen mit geladenen Büchſen um⸗ ſtellt, keine weitere Gefahr von dieſer Seite fürchten ließ. Cook aber ſattelte ſein kleines Poney, und trabte bald darauf mit dieſem dem Fluſſe zu, um ſeine Be⸗ kannten von heute Morgen wieder aufzuſuchen; Brown und Husfield dagegen ſtellten nach allen Richtungen hin Wachen aus, um die Verbindung mit den übrigen An⸗ ſiedlungen abzuſchneiden, und zu verhindern, daß Atkins gewarnt werden könnte; während die anderen Regula⸗ toren indeſſen dafür ſorgten, daß das Mittageſſen be⸗ ... 2 v H reitet, wie ſonſt alles Nöthige hergerdchtet würde, und dann im Schatten der einzelnen, in der Lichtung ſtehen. gelaſſeneu Baumgtuppen lagerten, um theils ihren Plan— für den Abend zu bereden, theils der Ruhe zu pflegen, und mit Soimendntergang zu neuen Anſtrengungen ge⸗ ſtärkt und gekrftigt zu ſein. * Druck von Otto Wigand.