e 7 24 „——,—— Leibbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 1 pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens Eduard Oltmann in Gießen, Leih- und Jeſebedingungen. 1 7 Uyr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen⸗ 7 8 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 8 5 4 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mtr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3— 3„=. 0. 5. Auswürtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung ¹ der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſ zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und —(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ f Theil eines größeren Werkes, ſo i der Leſer zum C es C erpflichtet.. 4 7. Ausleihezeit. Dieſe 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen . der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— K 1 Amerikaniſche Wald⸗ und Strombilder. Zweite vermehrte Auflage. Leipzig, * Arnoldiſce Buchhandl u n J. ⸗ 1656. Inhalt. Der Leichenräuber... Nordamerikaniſche Jagd... Curtis Brautfahrt........ Schulen in den Backwoods.... Die Alligator⸗Jagd....... . . . . . Ein Verſuch zur Anſiedlung, oder, wie's dem Herrn . von Sechingen im Urwald gefiel...... Cincinnati........... Der wunderbare Traum...... Eine Pantherjagd........ Wandernde Krämer........ Der amerikaniſche Urwald... . Die Bärenjagd am Bayon Meter in Arkanſas. . . . Seit dem Krieg mit den Seminolen(1818) hatten ſich die Stämme der nordamerikaniſchen In⸗ dianer ziemlich ſtill und ruhig verhalten und die 3 Regierung ſelbſt vermied natürlich Jedes, was wie⸗ der zu Reibungen und Streitigkeiten Anlaß geben konnte. Nichts deſto weniger und trotz tauſend ver⸗ ſchiedenen Freundſchaftsverſicherungen und geſchloſ⸗ ſenen Bündniſſen, drängte ſie die armen Kinder der Wildniß immer weiter und weiter von den Gräbern ihrer Väter zurück, und nahm ihnen ſogar, wenn ein paar trunkene Häuptlinge vielleicht ihre Zuſtim⸗ mung gegeben, wieder Strecken hinweg, in deren fortwährendem Beſitz ſie frühere Präſidenten peſtätigt hatten. Gerſtäcker, Wald⸗ und Strombilder. . 2 Da ſtanden, dieſer Willkühr müde, im April des Jahres 1832 die Winnebagoes, die Füchſe und Sivux's auf, und wollten unter ihrem tapferen Häupt⸗ ling Black Haͤwk— der ſchwarze Falke— ihr ſchönes am oberen Miſſiſſippi gelegenes Beſitz⸗ thum von den frechen Eindringlingen reinigen. Wohlbewaffnet und beritten richteten ſie auch fürch⸗ terliche Verwüſtungen in den Grenzländern ihrer weißen Unterdrücker an; ſie umzingelten und vernich⸗ teten ganze Anſiedlungen, mordeten und ſcalpirten jedes lebende Weſen und erfüllten den ganzen Staat it Furcht und Beben. Die Regierung ſah ſich endlich gezwungen ernſt⸗ Maaßregeln zu ergreifen und Gewalt mit Ge⸗ walt zu vertreiben; denn die Indianer, von ihrem leichten Sieg berauſcht, drohten auch die Nachbar⸗ ſtaaten mit ihren wilden Schaaren zu überfluthen. Die Generäle Atkinſon und Scott wurden deshalb mit der Vertheidigung der Grenzen beauftragt. Un⸗ ter des Letzteren Truppen aber, die man in Buffalo an Bord von Dampfbooten ſchaffte, um ſie in der dringenden Noth auch ſchnell dem Kriegsſchauplatz zuführen zu können, brach die Cholera aus— die übermäßige Hitze und das Zuſammendrängen ſo vie⸗ ler Menſchen in einem kleinen Raum war die Ur⸗ ſache, entſetzliches Elend aber die Folge dieſer Krank⸗ heit. Viele ſtarben, Viele deſertirten, und mußten dann, von Seuche und Hunger gleich aufgerieben, ih den Wäldern umkommen. General Atkinſon dagegen traf durch forcirte Märſche an der Mündung des oberen Jowa mit Black Hawks Kriegern— es war am 2. Auguſt zuſammen, ſchlug nach glücklichem 1 3 Kampf die Indianer und nahm ſogar ihren Häupt⸗ ling und deſſen Sohn gefangen, die beide zuerſt in Fort Monroe mehrere Monate feſtgehalten, dann aber durch alle Hauptſtädte der vereinigten Staaten geführt wurden, um ihnen die Macht zu zeigen, gegen die ſie einen Krieg unternommen, und ihnen zugleich zu beweiſen, wie thöricht, wie ganz hoffnungslos jedes weitere Auflehnen gegein olche ungeheure Streitkräfte ſein müßte. 3 Black Hawk erſchrack beſonders über die für n ſo bedeutende Anzahl waffenfähiger junger Männer, und kehrte, beſtürzt über das was er geſehen, zu den Seinigen zurück. Er widerſetzte ſich auch von da an nicht länger dem Beſchluß der Regierung, die, um einem zweiten Einfall der Wilden vorzubeugen, und ſich zugleich das ſchöne Land vollkommen zu ſichern, was jene bis jetzt noch immer bewohnten, ſämmt⸗ 4 liche Stämme an das weſtliche Ufer des Miſſiſſippi ſchaffte.. Jahre waren hiernach vergangen, die Jagdgründe jener tapferen Nationen wühlte der Pflug auf, die Gebeine der Krieger bleichten neben denen des von . ihnen ſelbſt erlegten Wildes in Wald und Prairie, und nur noch einzelne und nicht oft die beſſeren 4 der Stämme waren zurückgeblieben und im weiten Land zerſtreut, wo ſie ſich mit Körbeflechten, oder auch mit der Jagd kümmerlich ernährten. In dieſer Zeit alſo und etwa im Jahre 1845 hatte ſich auch ein alter Indianer, aus dem Stamme der Winnebagoes, dann und wann in Waterton, ei⸗ nem kleinen Städtchen am Forriver, eingefunden, und für Prairiehühner oder einen gelegentlich erbeu⸗ teten Hirſch, Pulver, Blei, Whiskey und was er ſonſt brauchen mochte, eingetauſcht. Eines Tages aber, ob er nun des Guten ein Bischen zu viel gethan, dder ſonſt vielleicht ſchon vorher krank geweſen, hatte er kaum das gewöhnliche Geſchäft beendet, und einen Theil ſeines Whiskeys getrunken, als er krampfhafte Zufälle bekam, zu Boden ſtürzte und wenige Minu⸗ ten darauf den Geiſt aufgab. Allerdings wurde der Doktor— der einzige im kleinen Städtchen und zwar ein Ire— augenblick⸗ lich gerufen— jede Hülfe kam jedoch zu ſpät, der arme alte Mann hatte geendet, und in einem roh gezimmerten Sarge trug man ihn etwa eine eng⸗ liſche Meile von der Stadt fort, wo ein alter„In⸗ dianiſcher Mound“ oder Erdhügel lag, der ſtets von dort vorbeikommenden Wilden beſucht ward und der Begräbnißort eines großen Häuptlings der„Füchſe“ ſein ſollte. Dort, aus einer Art Zartgefühl, das dem armen alten Indianer gerade da ſeine Grab⸗ ſtätte anwies, grub man ihm ſein letztes Bett, und 54 5 bald verrieth nichts weiter, als die friſch aufgeſchüt⸗ tete Erde, den ſtillen Ruheort eines alten Mannes, der doch wenigſtens in dem Lande ſchlafen durfte, in dem ſein Stamm einſt geherrſcht und glücklich geweſen war. Eine Perſon lebte aber in Waterton, die alles Mögliche gethan hatte, um dieſes Begräbniß zu hintertreiben, und dieſe Perſon war eben der, ſchon früher erwähnte kleine iriſche Doktor, der— zum Nutzen der Menſchheit, wie er behauptete— ſeit dem Tode des Indianers nicht abließ mit Bitten und Verſprechungen, den. Leichnam ausgeliefert zu bekommen, damit er ihn ſeciren und dadurch viel⸗ leicht wichtig Entdeckungen in dieſem Zweige der Wiſſenſchaft machen könne.— So lautete nämlich der Grund, den er angab, eigentlich wünſchte er aber nur das Skelett zu beſitzen, für das er in New⸗York einen wußte. Nun hätten ſich die guten Wolferinen*) wohl allerdings ſehr wenig daraus gemacht, was aus dem Leichnam eines Indianers wurde, die ſie, der ver⸗ übten Gräuel wegen, ſämmtlich in die hölliſchen Regionen wünſchten; eben dieſe Greuelſconen waren aber auch noch zu friſch in ihrem Gedächtniß, und nicht mit Unrecht fürchteten ſie, wenn ſo etwas von *) Spitzname für die Bewohner von Illinois. * bedeutenden Preis zu bekommen 6 ihrem Ort bekannt geworden wäre, die Rache der übrigen Wilden, die, wenn auch nicht offen ausge⸗ führt, ihrem kleinen unbeſchützten Flecken um ſo ver⸗ derblicher werden konnte. Ueberdies war der alte„Salo mo“— wie ſie ihn genannt hatten, obgleich er ſich keineswegs zur chriſtlichen Religion bekannt— ſo lange Jahre dort aus⸗ und eingegangen, daß wirklich eine Art Freundſchaft zwiſchen ihnen aufgeſprungen ſchien, und zugleich mit der Scheu, die alle Hinderwäldler vor dem Zerſchneiden und Zerlegen eines menſchli⸗ chen Leichnams haben, widerſetzten ſie ſich einſtim⸗ mig der Bitte des Doktors. Der Indianer wurde begraben und damit glaubten ſie die Sache abge⸗ macht. Dem war aber nicht ſo; Doktor Mac Botherme ſah allerdings, daß hier mit weiteren Proteſtationen Nichts mehr auszurichten ſei, eins aber blieb ihm noch, und zwar die Liſt. Schon in Irland hatte er manchen Leichnam ſtehlen helfen, und wenn auch die Zeit viele viele Jahre lang hinter ihm lag— Jahre, in denen er noch kräftig und jung geweſen— ſo wußte er auch dafür, daß das Ausgraben eines Körpers mitten im Wald, wo er Entdeckung gar nicht zu fürchten brauchte, mit viel weniger Schwie⸗ rigkeiten und Gefahr verknüpft ſei— ja, wäre es nicht des unbemerkten Heimſchaffens der Leiche und bewußten Furcht vor Indianern vielleicht der halbun — ——— —————— ——ʃʃ 7 wegen geweſen, er hätte das ganze Abenteuer allein beſtehen können; ſo aber mußte er ſich nach einem Gehülfen umſehen, und den fand er augenblicklich in ſeinem eigenen Diener, einem erſt in demſelben Mo⸗ nat eingewanderten, noch rohen, oder wie ſie in Amerika ſagen, wilden Irländer, den er leicht, durch Verſprechung eines guten Lohnes, dahin zu bewegen hoffte ihm beizuſtehn, wie auch ſpäter über die ganze Sache reinen Mund zu halten. Um aber nun mit dem Doktor, der ſo kühne Abſichten hatte und einer ganzen Gemeinde und den Schreckniſſen des Grabes trotzen wollte, etwas nä⸗ er bekannt zu werden, muß ich den guten Mann 5 8 wohl bei dem Leſer in Lebensgröße einführen. Doktor Mac Botherme war ein kleines korpu⸗ lentes Weſen, mit rothen Backen, etwas echauffirter Naſe, kleinen grauen Augen, grauen Augenbraunen und pechſchwarzem Haar, welches letztere ihm übri⸗ gens ein keineswegs nordländiſches Ausſehen ver⸗ liehen haben würde, wären nicht die aufgeſtülpten Geruchswerkzeuge, wie das ganze fröhliche, breitge⸗ drückte Antlitz des immer munteren Doktors zu ſichere Bürgen der„grünen Inſel“ geweſen. Nach ſeiner, dem Leſer eben mitgetheilten Abſicht, möchte dieſer jedoch verleitet werden, den Doktor für ein Wunder von Muth, Entſchloſſenheit und Charakter⸗ feſtigkeit zu halten; da er trotz der verweigerten Einwilligung von Waterton dennoch auf ſeiner Abſicht beſtand, und jetzt ſogar eine Leiche bei Nacht und Nebel ſtehlen wollte— ein Geſchäft, vor dem ſelbſt der kühnſte Jäger jener Wälder zurückgeſchreckt ſein würde. Dem war aber gar nicht ſo.— Doktor Mac Botherme hatte allerdings, was auch ſchon ſein„Geſchäft“ mit ſich brachte, keine Furcht vor Leichen— der menſchliche Körper war ihm etwa daſſelbe, was einem eifrigen Botaniker die Pflanze iſt, die er zerlegt und nach ihren inneren Theilen claſſificirt; er würde alſo auch das Stehlen der Leiche an ſich ſelbſt als etwas ſehr unſchuldiges, ja vielleicht Intereſſantes betrachtet haben, wäre nicht noch ein anderer Umſtand dazu gekommen, der aller⸗ dings der ganzen Sache eine Schattenſeite gab, und ihn ſogar mit einem Gefühl erfüllte, das, er mochte ſich dagegen ſträuben ſo viel ere wollte— der Furcht ungemein ähnlich ſah. Die Leiche lag nämlich im Wald— eine Meile von jeder menſchlichen Wohnung entfernt, und erſt vor wenigen Tagen hatten die Jäger von Waterton gerade dort einen Panther gejagt und nicht erwiſcht. Der Panther mußte alſo noch nothwendiger Weiſe im Walde ſein, denn es war nicht einmal auf ihn geſchoſſen worden, ſo daß man ſich vielleicht damit hätte beruhigen können, er ſei verwundet und ſpäter irgendwo verendet. Außerdem ſchienen auch die Einreden der Be⸗ wohner von Waterton einen nicht unbedeutenden —-O———— —————— ————————x 9 Eindruck auf ihn gemacht zu haben, daß ſich näm⸗ lich in letzter Zeit wieder mehrere Indianer, und zwar von den Winnebagoes eben in der Gegend gezeigt hätten, die, wenn ſie von dem Leichenraub eines ihres Stammes hören ſollten, nie im Leben 3 eine ſolche That vergeſſen, ſondern ſie an dem Thä⸗ ter und ſeiner ganzen Nachbarſchaft rächen würden, indem ſie, wenn ſie nicht dieſer ſelbſt habhaft würden, doch wenigſtens ihre Maisfelder und Häuſer in Brand ſteckten und ihnen vielleicht auch noch außer⸗ dem mit heimlicher Kugel im Walde auflauerten. Das Alles blieb zu bedenken, die Verſuchung 4 zeigte ſich aber hier zu ſtark, Mac Botherme konnte nicht widerſtehen, und beſchloß nun, der äußeren 9 Vorſicht und der Bequemlichkeit im Allgemeinen 4 vgegen ſeinen eben angenommenen Diener Patrik 4 1 O'Flaherti zu Schutz und Hülfe mitzunehmen und die Sache mo möglich vollkommen geheim zu halten. O'Flaherti, ein wahres Muſter eines Irländers der niederen Klaſſen, mit brennendrothem Haar und ordentlich Funken ſprühender Naſe— ſtarkknochig und keck, mit unverwüſtlichem Humor und nicht zu ermüdender Dienſtfertigkeit, war denn auch, beſonders noch durch die zugeſicherte reichliche Belohnung ge⸗ lockt, gern bereit, dem Doktor, wie er ſich ausdrückte, ₰„durch dick und dünn zu folgen,“ heißt das, wenn ſie es nur„mit wirklich todten“ Perſonen zu thun hätten, und nicht etwa gar der Geiſt des„ſeligen Rothfells“ neben dem Grabe ſäße und aus ſeinem Tomahapk ſchlechten Tabak rauche.. Auch hatte Patrik— der ſonſt keinen Menſchen fürchtete, eine nicht unbedeutende Scheu vor den Wilden ſelbſt, da ihm ſchon in der Heimath die fürchterlichſten Schilderungen von dieſen gemacht waren, die dort als Cannibalen und wahre Teufel verſchrieen wurden. Das was er, in Illinois an⸗ gekommen, hie und da über die letzten Einfälle und Gräuelſcenen gehört, diente ebenfalls nicht dazu, ihm einen beſſeren Begriff von ihnen beizubringen, und ſo äußerte er denn auch dieſe Befürchtung ziemlich frei und offen gegen ſeinen neuen Herrn. Mac Botherme, obgleich er Ihm im Innern vollkommen recht gab', hütete ſich jedoch wohl, ihm davon etwas merken zu laſſen; im Gegentheil ſuchte er mit dem unbefangenſten Lächeln von der Welt jede etwa auf⸗ ſteigende Furcht in ihm zu beſchwichtigen. Das gelang ihm denn auch vollkommen, und die Ausführung des Unternehmens wurde auf den nächſten Abend feſtgeſetzt, da an dieſem, als an ei⸗ nem Sonntag, nicht zu fürchten war, daß vielleicht irgend Jemand von Waterton auf der Jagd draußen ſei, und zufällig in die Nähe des Indianiſchen Monnd kommen könnte. Alle nöthigen Vorbereitungen wur⸗ den nun getroffen, und der Plan ſchien ſich auch leicht und gefahrlos ausführen zu laſſen. Der Dobktor bewohnte nämlich ein eigenes klei⸗ 41 nes Haus mit zwei Abtheilungen, in deren einer er und der Diener ſchlief, während er die andere zu ſeinem Wohn⸗ und Studierzimmer erhoben hatte. In das erſtere nun ſollte die Leiche geſchafft und dort zubereitet werden, bis ſich ſpäter einmal eine Gele⸗ genheit fand, das hergerichtete Gerippe ohne Auf⸗ ſehen an den Ort ſeiner Beſtimmung zu befördern. Patrik mußte ſich dabei Hacke und Schaufel zu⸗ recht legen, und der Doktor nahm die alte Muskete vom Haken, ſchnallte ſeinen breiten, bis dahin zu Schutz und Trutz über dem Bett hängenden Hirſch⸗ fänger um, ſteckte ein Brecheiſen und kleines Beil ⸗ zu ſich, um ohne weitere Mühe den Sarg öffnen zu können, und während er noch das Letzte— ei⸗ nen großen grauen Leinwandſack über ſeine Schultern hing, um darin den Leichnam deſto leichter fortſchaf⸗ fen zu können, brachen an dem bezeichneten Abend die Beiden, als der Mond eben unterging(und das war etwa gerade um neun Uhr) vorſichtig auf, wobei ſie, um jedes Aufſehen zu vermeiden und nicht etwa von einem noch zufällig auf der Straße Weilenden bemerkt zu werden, das kleine Haus um⸗ gingen, die nächſte Fenz, die des Gaſtwirths Mais⸗ feld einſchloß, überſprangen, und dann durch dieſes hin, und von den hohen breitblättrigen Maisſtöcken vollkommen verdeckt, dem Walde zueilten. Es war dies allerdings ein ziemlich bedeutender Umweg, den ſie machten; ſie hatten ja aber die 12 — ganze Nacht vor ſich, und ſetzten ſo, leiſe und ge⸗ räuſchlos, ihren dunkeln unheimlichen Weg fort.— Indeſſen ſaßen in der Schenke von Waterton die vier einzigen nicht religiöſen Männer, die, außer dem Doktor und Patrik in dem kleinen Städtchen zu finden waren, fröhlich beiſammen, und thaten dem erſt friſch von Bincennes eingetroffenem Biere alle nur mögliche Ehre an. Dieſe vier waren aber erſtlich James Glaſſy, der Wirth ſelbſt, ein ſeit der frühſten Gründung von Waterton hier eingewan⸗ derter Pennſylvanier, und kurzweg von ſeinen Be⸗ kannten und Gäſten Jim genannt, dann Joſy, der Schmied, Weppel, der Schulmeiſter, und Shark, der Krämer. Eines nur, wie ſie ſo friedlich und heiter bei einander ſaßen, wirkte höchſt ſtörend auf ihre Unter⸗ haltung ein, und zwar ein Umſtand, der vielleicht zugleich wieder die Dauer ihrer Eintracht verbürgte — ſie waren alle viere Demokraten, hatten für Polk geſtimmt, und im Ganzen eine ſo genau überein⸗ ſtimmende Meinung in Allem was Politik betraf, daß Weppel der Schulmeiſter mehrere Male in aller Verzweiflung erklärte, er werde nächſtens gegen ſeine Ueberzeugung des Whigticket ſtimmen, blos um einmal in einer ſo verwünſcht langweiligen Geſell⸗ ſchaft widerſprechen zu können. Die Politik war deshalb auch faſt ganz aus ihrer Unterhaltung verbannt, und Jim hatte eben 13 einen Bericht gegeben, wie viel Bienenbäume er im letzten Monat gefunden, während ſich Joſy ſeines Glücks auf der Jagd rühmte, mit dem er in voriger Woche zwei Hirſche und drei Truthühner geſchoſſen und Shark behauptete dabei, er würde auch einen Hirſch und noch dazu einen recht feiſten Bock erlegt haben, wäre ihm nicht gerade, als er die Büchſe heben wollte, ſo eine verwünſchte Rothhaut in die Quere gekommen, die ein paar Sekunden früher ge⸗ knallt, und dadurch ein ungemein delikates Stück Wildpret für ſich gewonnen hätte. „Wir ſollten es überhaupt gar nicht mehr dul⸗ den,“ fuhr jetzt Weppel auf,„daß dieſe ſchleichen⸗ den Hallunken, dieſe Indianer, hier immer um die Andſiedlung herum kriechen— in Arkanſas leiden ſie's auch nicht— ich hielt im vorigen Jahr am Mulberry Schule, und da fingen ſie einmal einen ganzen Trupp von ihnen auf— es waren ihrer vierzehn oder fünfzehn— nahmen ihnen die Jagdbeute ab und jagten ſie aus dem County.“ „Ja, ſagte Shark geheimnißvoll—„das hat aber auch hier eine andere Bewandtniß— wißt Ihr denn nicht, was man ſich in Vincennes über Water⸗ ton erzählt?“ „In Vincennes?“ frug ungläubig Joſy—„was wiſſen ſie denn in Vincennes von uns, wovon wir hier an Ort und Stelle noch nicht einmal etwas —— gehört haben ſollten— Unſinn— wäre doch ver⸗ dammt neugierig das zu erfahren!“ „Was ſie in Vincennes wiſſen, will ich Euch ſagen,“ fuhr Shark fort, trank ſein Blechmaas aus, das ihm von der aufmerkſamen Wirthin augenblick⸗ lich wieder gefüllt wurde, rückte ſich ſeinen Stuhl ein bischen näher zum Tiſch, putzte das Licht, ſtemmte beide Ellbogen auf, ſtützte gegen die zurück⸗ geſtreckten Daumen das ſpitze Kinn, und ſagte dann nach allen dieſen Vorbereitungen mit leiſe flüſtern⸗ der Stimme: „Sie glauben, es wäre hier nicht ganz richtig.“— „Nicht ganz richtig?“ frugen die drei übrigen wie aus einem Munde.. „Nein“— ſagte der Krämer—„nicht ganz richtig— oder eigentlich gar nicht richtig, denn die grdianer ſchnüffelten blos deshalb hier noch in der 3 3 ähe herum, weil ſie auf der Stelle, wo Waterton ſietzt ſtünde, einen Schatz vergraben hätten, den ſie heeben müßten, ehe ſie ſämmtlich das Land verlaſſen dürften.“)— „Einen Schatz?“ rief die junge Wirthin, er⸗ ſtaunt näher tretend. „Ja, einen Schatz von Gold, Silber und aller⸗ lei koſtbaren Steinen und Schmuckſachen“— fuhr der Krämer eben ſo geheimnißvoll wieder fort. „Aber wo ſollten ſie denn das Alles hergekriegt haben,“ ſagte der Wirth ungläubig—„das was 15 die Indianer für koſtbar halten, iſt für uns Weiße keinen Pfifferling werth— das ſind gewöhnlich im⸗ mer nur Muſchelſtückchen, die an den Wampum ge⸗ näht werden, rothe Erde, um Pfeifen d'raus zu ma⸗ chen, und allerlei ſeltene Federn, die man in New⸗ York für einen Spottpreis kaufen kann.“ „Wo ſie's hergekriegt haben ſollen?“ rief Shark in allem Eifer;— haben ſie denn nicht von jeher die weißen Anſiedlungen überfallen, und da geraubt und fortgeſchleppt, was ihnen unter die Hände kam? wird denn nicht ſogar behauptet, daß es in dem Alleghany⸗Gebirgen Stellen gebe, wo das Gold klumpenweis läge, und daß es die Indianer wohl gefunden und mitgenommen, aber nicht gewußt hätten, was ſie damit anfangen ſollten, bis ſie es ſpäter durch die Gier der Europäer erfahren! Nein, die Schätze ſinv da, das iſt gewiß, und daß ſie hier in der Nähe liegen mögen, vielleicht gerade hier unter uns, wo wir jetzt ſitzen, das iſt auch mög⸗ lich. Was hätten denn auch wirklich die rothen Hallunken immer hier herum zu ſuchen? geſtern bin ich wieder Dreien begegnet, wie ich, um ein Eich⸗ hörnchen zu ſchießen, in den Wald ging.“ „ Die ſind nach Vincennes zu,“ unterbrach ihn hier die Wirthin,„ſie wollten auch blos eine Parthie Otßrfelle verkaufen und dachten gewiß wenig genug an Schätze.“ „So?“ rief der Krämer pikirt.—„Otterfelle 4½ 5 4 1 7„, 4 6 9 6 16 verkaufen, als ob ſie deshalb nach Vincennes zu gehen brauchten. Da gibt es auch in Waterton Leute, die Geld genug haben, ihnen ein paar lum⸗ pige Otterfelle abzukaufen. Nein, das hat einen an⸗ deren Grund, und wir werden's ſchon noch erfahren. Deshalb war ich übrigens auch ſo dagegen, daß der kleine Doktor den Indianer zerſchneiden ſollte— der Teufel hole die rothen Schurken, vielleicht hätten ſie das als eine Ausrede genommen, uns die Häuſer über dem Kopf angeſteckt, und hier mitgenommen, was ſie mitzunehmen wünſchten.“ „Ja, das ſag' ich auch“— meinte Joſy— „das wäre auf keinen Fall gegangen; ich weiß noch recht gut, wie ſie's ein Mal in Greentown einem Deutſchen machten, der auch das Gerippe von einem am Miſſiſſippi begrabenen Häuptling hatte ſtehlen wollen— ſie erwiſchten ihn dabei— zogen ihm den Scalp ab, und ließen ihn laufen— drei Stun⸗ den drauf war er todt. Ich habe die Geſchichte Mac Botherme zur Warnung erzählt.“ „Ja, und nachher haben ſie noch fünf aus der⸗ ſelben Anſiedlung erſchoſſen,“ ſagte Weppel—„ich kann mich recht gut darauf beſinnen, denn ich kam acht Tage ſpäter durch Greentown.“ „Und dann war Salomo auch ein herzensguter Menſch“ ſagte Mrs. Glaſſy—„gar nicht wie die anderen Indianer— überall gefällig und immer freundlich— es hätte mir in der Seele weh gethan⸗ ſe bleiben, ich ekelte ſinzertretern ſo ſchlimm licher ſie ſich ſtellen, ihnen in Acht nehmen. Aber d — ich möchte nachher nicht gehen, wenn es unter de wir hätten hier in W allein nicht begraben, — am En freſſer.“ „ Brrr,“ ſagte Mrs. Glaſſy, un bei dem Gedanken. „Ja Kind je freund⸗ muß man ſich vor arin hat Shark recht mehr vor die Thür m Stamm bekannt würde, aterton Einen von ih ſondern ſogar noch de glaubten ſie gar, wir wären — er,“ meinte Mr. Weppel, er jetzt aufſtand und aus Fenſter trat, um hin menſchenleere Straße zu ſehen—„was ſonderes zu bekommen, und da will ich denn lieber zu Hauſe ehen— meine Alte möchte 0 83 g 9 doch ſonſt brummen.“ Gerſtäcker, W iſt hier nicht weiter ald⸗ und Strombilder. 2 18 „Wie viel Uhr hat's denn?“ frug Jim—„es muß ja noch früh ſein.“ „Es iſt gerade neun vorbei,“ ſagte der Schul⸗ lehrer,„der Mond drückt ſich auch da drüben in's Neſt— morgen muß ich um ſieben wieder auf den Beinen ſein und Schule geben— alſo gute Nacht, meine Herren.“ „Wartet Weppel,“ rief Shark, während er auf⸗ ſtand und nach ſeinem eignen Hute griff—„ich gehe mit— ich muß ſo ein Bischen in's Freie, habe in der Stubenluft ordentlich Kopfweh bekom⸗ m Aber wer klopft da draußen— iſt denn zu⸗ 7 4 8 44 t . ire war inwendig eingeklingt und Mrs. kragen. e 4 igeilingt u 9 gebe ſie ſchnell, hätte aber faſt einen lau⸗ dn., ſrenon ausgeſtoßen, als plötzlich, halbgebückt, den ruuuſwurzen runden Wollkopf entblößt, ein kleiner zwölfjähriger Negerknabe in's Zimmer glitt augenſcheinliche Angſt in den dunklen Züge ier der Reihe nach anſah, und nicht hien, ob er mit der Sprache heraus ſollte. e ſie über doch wa der da Himmel!“ ſagte Mrs. Glaſſy, indem einen Schritt zurücktrat,„habe ich Aftig geglaubt, es wäre ein Indianer, Kopf zur Thüre herein ſtreckte. Was willſt denn noch ſo ſpät, Sips? ſchickt dich dein Maſter?“. 19 Sip war ein freier Negerknabe, der ſich bei dem Baptiſtenprediger vermiethet hatte, und auch dann und wann, beſonders wenn ſein Herr nach irgend einem benachbarten Flecken zum Predigen gegangen war, allerhand kleine Aufträge und Wege für das Wirthshaus beſorgte, wo er ſich nur zu gern mit einem paar Centen und einem Schluck Whiskey dafür belohnen ließ.— Jetzt verrieth ſein ganzes Weſen aber mehr Furcht und Beſorgniß, und mit leiſer, bebender Stimme ſtotterte er: „Ne— ne— nein, Miſſus— Ma— Maſſa nicht, a— aber— ich ha— habe wa— wa— was gehört—“— „Du haſt was gehört?“ „Ja— Mi— Miſſus“ Kleine ängſtlich fort—„w— w— m Ma Ma— Maſſa Glaſſys M. onengarten ging— e „Sirrah, du Schuft,“ unter zerſc, an hier Mr. Glaſſy entrüſtet—„was haſt Meen a— Ma — Maſſa Glaſſys Melonengarter en? Hab ich dir kleinen ſchwarzen Hallun 6 yt verboten, meine Melonen auch nur über t herüber an⸗ zuſehn?“ ls 8 „Aber ſo laßt ihn doch nurius erzählen, was⸗ er geſehen hat?“ lachte Wepre.„der arme Burſche bringt ja ſonſt keine Sylbe hr vor Angſt und Stottern heraus.“ Sip ſchien auch wirklich 2˙ 20 dadurch, daß er ſich hier ſo urplötzlich ſelbſt ver⸗ rathen hatte, ganz conſternirt zu ſein und ſtotterte eine ſolche Menge wirres Zeug hervor, daß ihn Mrs. Glaſſy erſt wieder beruhigen mußte, bis er ſich nur wenigſtens in ſo weit verſtändlich machen konnte, daß ſie begriffen, was er eigentlich wolle. Der Inhalt ſeiner Mittheilung bezog ſich übri⸗ gens näher auf ihr kaum unterbrochenes Geſpräch, als ſie im Anfang vermuthet, denn Sip erzählte ihnen jetzt, daß er durch eben den fraglichen Me⸗ lonengarten, aber blos durchgegangen ſei, um ſchneller nach Waterton zu kommen, als er dicht an in zwei Männer geſehen habe, von denen eine Flinte, der andere aber Hacken und Nicht weit von ihm ſeien ſie eine eile ſtehen teben und er hätte deutlich die Stimme des M iriſchen Doktors erkennen kön⸗ 1 nen, der mit ſeinem Diener davon geſprochen, den todten Indianer in einen Sack zu ſtecken und zu Haauſe zu tragen. Sip war eben nur deßhalb ſo erſchreckt über das Ganze, weil er ſeinen eigenen Maſter ſchon vor dem Begräbniß des Indianers ſagen gehört, ſie dürften es unmöglich wagen, die Rache der noch in der Gegend umherſtreifenden Indianer zu erwecken, denn Vergeltung für erlittene Unbill ausznüben glaubten, ſolche Menſchen, die Nichts weiter zu verlieren hätten, und dabei vielleicht noch gar eine gerechte —— — —— — 21 ſeien zu Allem fähig und würden die Weißen nach⸗ her ruhig todtſchlagen, das, was ſie beſäßen, rauben, und die Neger— eine Hauptſache für Sip, in Ge⸗ fangenſchaft ſchleppen. So unausführbar nun auch das Letztere geweſen wäre, da die Indianer, nach einem ausgeführten Ge⸗ waltſtreich, nur nach Canada hoffen durften zu ent⸗ kommen, ſo glaubte doch Sip, mit der Geographie des Landes wenig bekannt, ſeine Exiſtenz auf das Aeußerſte gefährdet, und bat jetzt die Männer mit thränenden Augen, ſie möchten doch nur um Gottes⸗ willen nicht zugeben, daß die böſen Menſchen ihr? Vorhaben ausführten. 1 „Hm,“ ſagte nach langer Pauſe Weppel, als Sip geendet und ſchüchtern in eine Ecke zurückgetreten war—„der verwünſchte kleine Doktor wird uns im Ende noch zu ſchaffen machen.“ 1 „Ei potz Hammer und Zangen,“ rief Joſy— 4 —„wir wollen ihm nach— wer fürchtet ſich denn vor ſeiner alten Muskete, die nie im Leben losgeht, und mit der er oft Stundenlang zwiſchen den Eichhörnchen 3 draußen herumſchnappt. Wir wollen doch einmal ſehen, ob der Fremde hier nach Waterton gekommen ſein ſoll, um uns hier, wider Willen, in Gefahr von Leib und Leben zu bringen.“ „Nein, das ſeh' ich auch nicht ein!“ ſagte Wep⸗ pel—„er hat bei uns um den Leichnam angehal⸗ ten— er iſt ihm abgeſchlagen, und wenn er ihn 22 jetzt ſtehlen will, ſo brauchen wir das nicht zu leiden.“ 1„Leiden?“ donnerte der kräftige Schmied dazwi⸗ ſchen—„der Teufel brauchts zu leiden— aber wir nicht— hol' doch den ganzen Irländer der Böſe— mag er zu ſeinem eigenen Land zurückgehen, wo's keine Fröſche und Schlangen giebt, wenn er aber Landes fügen, oder— ich will ihn mit ein paar Hämmern bekannt machen, zu denen er lieber Alles in der Welt, als zum zweiten Mal den Ambos ab⸗ geben ſollte. Kommt, wir wollen ihm nach, und wenn ich ihn nicht vom Leichenſtehlen curire, ſo heißt mich einen Holzkopf.“ Der ehrliche Schmied drückte ſich den Hut feſt in die Stirn, und ſchien, ohne alle weiteren Umſtände, ſeine Abſicht auch ausführen zu wollen; Shark ſtellte ſich ihm aber entgegen, erfaßte ſeinen Arm und ſagte, während er ſich mit der Linken leiſe das glatt⸗raſirte Kinn ſtrich: „vgentlemen, die Sache hat zwei Seiten— der Indi er gehört nicht mehr in den Staat— er liegt 2 greßland begraben und wir haben eben ſo viel nd ſo wenig Recht darauf, als der Dok⸗ 4 tor— geſetzlich können wir ihm alſo gar Nichts anhaben. Treten wir dabei die Sache breit, und fangen wir Streit an, ſo wird, mehr als nöthig iſt, davon geſprochen und die Aufmerkſamkeit der India⸗ hier leben will, ſo ſoll er ſich auch den Geſetzen des lich ein— hin, hauen ihm die Jacke voll, d 23 ner noch ſtärker nach Waterton gelenkt, als das bis jetzt ſchon geſchehen;— ließe ſich das Ganze nicht auf irgend eine andere Art beilegen?“ „Iſt er denn aber auch nach dem indianiſchen Grabe?“ frug Mrs. Glaſſy—„das liegt doch gerade in ganz entgegengeſetzter Richtung!“ „Nun natürlich wird er nicht bei Nacht und Nebel mit Hacken und Spaten mitten durch die Stadt laufen,“— ſagte der Schulmeiſter—„ſo geſcheidt iſt er auch. Ich habe mir's aber gedacht, ich habe mir'’s wahrhaftig gedacht.“ „Ach was denken,“ fiel der S * chmied hier ärger⸗ „hol' der Teufel das Denken, wir gehen aß er das Wieder⸗ kommen vergißt und machen ihm dadurch begreiflich, daß er ſich, wenn er einmal in Amerika leben will, auch ſo betragen ſoll, wie's die Amerikaner verlangen.“ 1 „Meine Herrn!“ unterbrach ihn hier Shark „dagegen muß i zweierlei einwenden— erſtlitch habe ich einen fürchterlich hohlen Zahn, der ſchon jetzt wieder anfängt wehzuthun, und den ich mir vom Doktor morgen wollte herausreißen l A d dann— könnte die verwünſchte Flinte do einmal losgehen— die Art Schießeiſen wartet gewöhnlich den Zeitpunkt ab, wo ſie eigentlich nicht feuern ſollte, und dann feuert ſie erſt recht. In de en Falle bräche er mir, um ſich zu rächen, vielle 24 halbe Kinnlade aus, im anderen könnte er, was noch ſchlimmer wäre, einen von uns todtſchießen; ich ſchlage alſo vor, daß wir uns auf etwas Beſſeres beſinnen.— Wie wäre es zum Beiſpiel, wenn wir ihm den erſten Neger verſprächen, der in der An⸗ ſiedlung ſtirbt.“ „Oh Go— Golly, Ma— Ma— Maſſa!“ ſchrie Sip entſetzt,„was hat a— a— arme Nig⸗ ger gethan,— N— nein— Sip we— we— weiß was Be— Beſſeres!“ „ Heraus denn damit, du ſchwarze Nothflagge 5u lachte Weppel—„heraus mit dem Be— Beſſeren!“ „Maſſa Bo— Botherme, fü— fü— fürchtet Indian— i—— ich ſchreie ge— gerad wie Indian“ aan ahne eine weitere Aufforderung ab⸗ zwarten, ſtieß der kleine Neger plötzlich in ſo täu⸗ ſchender Nachahmung und ſo ſcharf und gellend den ootzigen Schlachtſchrei der Winnebagoes aus, daß Mrrs. Glaſſy entſetzt zuſammenfuhr, und ſelbſt die Männer überraſcht, emporfuhren. Shark hatte aber im Augenblick begriffen, was der Knabe meinte, und rief jrzjubelnd aus: „Bei Gott, Kinder, ich hab's— Sip hat recht, as iſt ein kapitaler Einfall— wir wollen Indianer ſpielen. Dunkel iſt's, der Mond iſt unter, da brau⸗ chen wir nur Jeder eine weiße wollene Decke umzu⸗ hängen, und unſere Garderobe iſt fertig. Draußen —— 25 ſchleichen wir uns denn an das Grab hinan und wenn Sip hier zu ſchreien anfängt, und wir anderen einſtimmen, dann denk' ich, ſoll der gute Doktor glauben, alle drei ausgewanderten Stämme ſäßen ihm auf dem Nacken.“ „Da möchten wir aber auch unſere Büchſen mit⸗ nehmen,“ meinte Joſy, dem der Einfall zu behagen ſchien, denn er ſchmunzelte ganz wohlgefällig vor ſich hin. „J Gott bewahre!“ ſagte der etwas ängſtliche Krämer,„wozu? der Wald iſt dicht verwachſen, und ſo ein Ding könnte unterwegs einmal losgehen. Es ſoll ja auch gar kein Ernſt aus der Sache gemacht werden.““ „Wenn ſich aber der Doktor zur Wehre fetke — meinte Weppel. „Nein, dafür ſteh' ich,“ lachte der Wirth— „wenn der die Büſche raſcheln und nachher den äch⸗ ten Schlachtſchrei hört, dann möchte ich meinen Hals darauf verwetten, daß er Ferſengeld giebt, als ob der Böſe hinter ihm wäre.“ „Aber reinen Mund müſſen wir halten,“ meinte 4 Shark—„ſonſt holt er ihn ſpäter am Ende doch noch.“ „Wenn der einmal verjagt iſt, kommt er ſo⸗ bald nicht wieder“— ſagte Glaſſy—„übrigens iſt's einerlei, ob wir bei dem einen ächten oder unächten Schlachtſchrei haben— der verſteht ihn doch nicht zu unterſcheiden— was hilft auch der Kuh Muskate— doch gleich viel, jetzt nur fort, daß wir nicht zu ſpät kommen. Er iſt, wie Sip ſagt, durch die Felder gegangen, da muß er einen weiten Umweg machen, bis er an den oberen Baum kommt, der über den Fluß liegt, ſonſt kann er nicht hinüber. Wir können indeſſen hier gleich über die Brücke und auf der breiten Straße fortgehen, dadurch ſchneiden wir wenigſtens eine halbe Stunde Weges ab. Du Frauchen, magſt uns aber indeſſen einen heißen Punſch brauen, wenn wir wieder kommen, werden wir ihn brauchen können, und jetzt ihr Herren — anu's Werk.“ Es war Nacht— droben vom Himmel blitzten i unendlicher Pracht die ſchönen herrlichen Sterne vom Firmamente nieder— ein leiſer Südwind ſtrich faſt geräuſchlos über die weite Prairie daher, nur das ſchwankende Gras bog er nieder, daß die hellen, daran blitzenden Thauperlen ſchwer hinab auf den * feuchten Boden fielen.— Sobald er aber das Fluß⸗ thal erreichte, wo die hohen, kräftigen Bäume ſtan⸗ dden, da gewann er auch neue Macht, da ſchien er ſich recht feſt und trotzig zuſammenzunehmen, und hinein warf er ſich in die Wipfel, und rauſchte und brauſte hindurch, als ob er ihnen Wunder was Wich⸗ tiges zu ſagen habe. Die aber ſchüttelten leiſe und altklug mit den Köpfen— ſie wußten recht gut, daß von dort her, aus dem weichlichen Süden, nichts 27 Derbes und Tüchtiges herkommen könne. ſagten ſie,„wenn er von da d die Seen her, blieſe, von den ſtarren Eisgletſchern nieder, dann wär's noch der Mühe werth, ſich da⸗ gegen zu ſtemmen, oder einander die Arme zu reichen, zu Hülfe und Schutz, ſo aber— laßt ihn weiter 5 ziehen, Schweſtern— es iſt ein Südländer— er ritt patzig auf, flüſtert einem Jeden etwas Schönes in's Ohr, und iſt dann eben ſo leicht verſchwunden, wie er gekommen.“ 3 3 3 4 4 4 So allerlei altkluges Zeug ſchwatzten die Zweige und der Schuhu ſaß mitten drinn und ſchaute gäh⸗ nend in das noch vom letzten Herbſt dort unten lie⸗ gende gelbe Laub, ob nicht etwa irgend ein leckerer Biſſen in Geſtalt eines kleinen Kaninchens oder auch einer fetten Maus, vorbeiſchleiche und ihm die unbe⸗ quemere Suche erſpare. Die Natur feierte ihren S lag über der ganzen Welt, ihr monotones Lied nur ab, anſtatt wie ſonſt ſo r einzuquaken in die rüben herüber, über abath— heilige Ruhe ſogar die Fröſche riefen ganz leiſe und ſchüchtern echt aus voller Kehle hin⸗ ſtille— hehre Nacht. Tiefe Dunkelheit lagerte auf dem Walde, ſelbſt die Sterne konnten nicht mit ihrem matten Licht durch die dicht verwachſenen Zweige dringen; nur da, wo ſich der kleine Fluß ſeine unregelmäßige, zickzack laufende Bahn durch den fetten Boden brach, hatten ſich die Rieſenwipfel getrennt und die freundlichen Himmels⸗ 4 „Ja, 28 körper ſpiegelten ſich in der klaren Fluth und ſchictten auf den leichtgekräuſelten Wogen zu ſchwimmen und zu tanzen. Aber auch noch ein anderer Fleck lag in der wal⸗ digen Niederung, wo das blaſſe Sternenlicht ſeinen matten, dämmernden Eingang fand— es war dies eine jener tauſend kleinen Waldblößen, die durch die ganzen weſtlichen Wälder zerſtreut ſind und nur Gras und Blumen erzeugen, während der ſie umſchließende Boden die kräftigſten, ſtattlichſten Bäume trägt, und es ſchien faſt, als ob nur wenige jener unge⸗ heueren Stämme hier herausgeriſſen ſeien, und das weite, die enge, nackte Stelle umkreiſende Waldmeer ſchon im Begriff wäre, ſich wieder über derſelben zu ſchließen. Der freie Raum mochte kaum ſechzig Fuß im Durchſchnitt haben; ſeinen Mittelpunkt bildete aber ein niederer, vielleicht ſieben Fuß hoher Hügel, der, mit dichtem Gras bewachſen, nur auf dem Gipfel eine Wunde trug, wo der Raſen friſch aufgeriſſen ſchien und die in ſpitzem Kamm feſtgeſchlagene Erde den Ort verrieth, unter dem der ſtarre Körper ei⸗ nes Menſchen ausruhe von allen irdiſchen Laſten und Leiden. Heimlich und ſtill lag der ſchaurige Platz in⸗ mitten des grünenden Waldes, und nur der Wolf hatte ihn, als er ſeine erſte Runde beging, umſchli⸗ chen, und von dem friſchen Grabe aus ſeinen Nacht⸗ 29 gruß hinauf Zeheult zu den Sternen— die Spuren heiner ſcharfen Krallen bezeichneten noch den weichen Grund. 3 Aber was hob ſich dort, dunkel und ungewiß, in matten Licht, dicht zu Häupten des Grabes? War es ein Stein der Erinnerung, den die Be⸗ wohner von Waterton dem fremden Krieger geſetzt? — Hatten ſie ſoweit ſein Andenken geehrt, um ſo⸗ gar den Platz zu bezeichnen, wo Einer der von ihnen Vertriebenen ſein Haupt berge unter den Bäumen, deren Schatten ihn früher erquickte? Ach nein— nein— nicht Liebe war's, die das erkaltete Herz Thior. dinee h nnne irdene Urne den Leich⸗ * zu ſchaffen, hatten ſie gemeint; ſo ſchnen und hequem das geſchehen konnte, ſo ſchnell geſchah es— daß ſie das indianiſche Grab dazu gewählt, war die einzige Freundlichkeit, die ſie der Race ſelbſt bewieſen. Und jener Stein?— Hätteſt du die dunkelglühenden Augen geſehen, wie ſie unter der feſt und ſtolz emporſteigenden Ad⸗ lersfeder vorfunkelten— hätteſt du den leiſen mono⸗ tonen Sang gehört, mit dem er, wie in kaum ver⸗ nehmbaren Flüſtern, die Todtenklage über den Ge⸗ ſchiedenen murmelte, du hätteſt nicht nach einem Stein gefragt— ein lebendes Monnment ſeines Stammes, kauerte der Häuptling, im vollen Schmuck des Kriegers, über dem Grab,— ſeines Vaters, ———— 5 7 ½ 30 . 1 und während die Linke faſt bis zuͤm Handgelenk in p den weichen lockeren Boden ſank, hielt er die Rechte ſtarr und regungslos zu den Sternen geſtreckt, als ob er Körper und Seele des Verblichenen herauf und hernieder ziehen wolle zu ſich, dem allein Zu⸗ rückgebliebenen. Da plötzlich ho b er raſch und lauſchend das dunkle Haupt— die hohe Feder ſchwankte von der faſt unwillkührlichen Bewegung, und mehrere Secun⸗ den lang ſchien er mit der geſpannteſten Aufmerk⸗ ſamkeit einem noch fernen aber ſeinen ſcharfen Sin⸗ nen nicht entgangenen Geräuſch zu horchen. Es kam näher— er unterſchied Stinn er vernahm das Krachen und Knicken niedergebro⸗ chener dürrer Zweige, und ſich jetzt vorſichtig erhe⸗ bend— das Antlitz fortwährend der Stelle zuge⸗ wandt, von der die ſtörenden Laute tönten, glitt er leiſe zurück in den ſchützenden Schatten der Bäume und verſchwand im nächſten Augenblick in ihrem Dunkel. „Ich ſage dir Patrik— du biſt ein Eſel!“ Doktor Mac Botherme, als er wenigſtens zum fünf⸗ zigſten Mal über die im Wege liegenden Aeſte ge⸗ ſtolpert und geſtürzt war, und eben wieder, die Schienbeine reibend, aufſtand—„du ſchwatzt ja Zeug, was einen vernünftigen Chriſtenmenſchen in ſeiner eigenen Wohnung zur Verzweiflung bringen könnte, geſchweige denn hier, in dieſem verfluchten rief 31 Wirrwarr von knochenzerbrechenden Bäumen— Herr Gott!“ untexbrach er ſich hier ſelbſt in halbverbiſſenem Schmerzſchrei, als er eben wieder mit dem Geſicht in einer der ſcharfdornigen Schlingpflanzen hängen— geblieben war, und ſich nun ſorgfältig mit der flachen Hand über Stirn und Backen fuhr, um zu fühlen, ob er nicht blute. „Aber Doktor Mac Botherme“— fuhr der da⸗ durch ungerührte Patrik in ſeinem breiten iriſchen Dialekte und in der eben erſt unterbrochenen Rede fort, indem er ſtehen blieb, Hacken und Spaten auf die Erde niederſetzte und ſich ängſtlich dabei nach allen Seiten hin umſah—„iſt es denn nicht meiner Mutter Sohn, den ſie alle Augenblicke bald rechts, bald links feſthalten, als ob ſie ſagen wollten:„Patrik, mein Herzchen, mein Juwel, gehe nicht weiter— gehe keinen Schritt weiter, in dieſer geſegneten Nacht — es koſtet ſonſt deine Seele— du biſt ein ver⸗ lorenes Schaaf.“— „Du biſt ein geborener Ochſe— Patrik, mein Herzchen!“ rief der Doktor ärgerlich, dem die Angſt ſeines Gefährten keineswegs gelegen kam.„Hab' ich dir nicht ſchon zehntauſend Mal geſagt, daß es die Zweige und wilden Rebenſtöcke ſind, in denen du hängen bleibſt;— wenn du dich nicht jedesmal bückteſt und an zu beten fingſt, ſo könnteſt du's ſelber ſehen.“ „Arrah Sir“— ſeufzte der ſich hier höchſt un⸗ — 3²2 behaglich befindende IJre,„mag's mir die Mutter Maria vergeben, daß ich mich bei Nacht in ſolch heidniſchen Wald getraut habe; aber ſo viel weiß ich — bin ich erſt einmal wieder in der Stadt— keine Seele kriegt mich zum zweiten Mal in eine ſolche Gegend.— Und nun auch erſt noch Leichen aus⸗ graben“— fuhr er mit weinerlicher Stimme fort, als der Doktor indeſſen, ſich wenig um ſeine Klagen kümmernd, die Gegend recognoscirte, in der ſie ſich befanden;—„Leichen ausſcharren, wie's die wilden Beſtien in Afrika machen ſollen— und Leichen zu Haus tragen und kochen, wie ein anderes ehrliches Stück Rindfleiſch— o Jäſes, o Jäſes, wenn uns heute der Böſe nicht holt, dann giebt's gar keinen!“ Patrik hatte in aller Verzweiflung ſein Hand⸗ werkszeug fallen laſſen, und kauerte ſich, die Hände über die Knie gefaltet, ängſtlich nieder. Mac Botherme kannte aber den Geiſt, der ſeine Geiſter furcht zu bannen vermochte— aus ſeiner Taſche holte er die mit Leder überzogene Feldflaſche vor, zog den Stöpſel ab und hielt ſie mit ausgeſtrecktem Arm dem Muth⸗ loſen entgegen. „Hier Patrik!“ ſagte er dabei—„deine Ein⸗ bildungskraft wird trocken— gieß ihr ein wenig Bergthau auf die Wurzeln— nachher erholt ſie ſich wieder, und— bedenke, daß du, wenn du mir jetzt getreulich beiſtehſt, nach glücklich abgelaufenem Abenteuer zwei Dollar baar Geld und— zwei 33 Gallonen— ſage zwei Gallonen Whiskey erhälſt, und den zwar vom beſten!“ „Honey my dear!“ ſagte Patrik, der ſchon bei dem Abziehen des Stöpfels den Kopf gehoben und einen flüchtigen aber ſehnſüchtigen Blick nach der Flaſche hinübergeworfen hatte.—„Doktor Mac Bo⸗ therme iſt der Mann, der einem armen gedrückten Menſchen wieder Muth einſprechen kann in der Noth. Doktor Mac Botherme iſt ein ordentlicher wirklicher Chriſt, wie Vater O'Rhoole ſagte, wenn er Sonntags den Beichtpfennig kriegte.“ „Sei nur jetzt ruhig, Patrik!“ beſchwichtigte ihn der Doktor, und warf einen ſcheuen Blick umher —„wir können nicht mehr weit von der Stelle ſein, und je ruhiger wir das ganze Geſchäft abma⸗ chen, deſto beſſer iſts. Es— es könnte ja doch per Zufall ſo eine verwünſchte Rothhaut im Walde herumkriechen, und dann iſt's immer beſſer, man ſchreit ſo wenig als möglich. Komm Patrik— in einer Stunde kann unſer ganzes Geſchäft abgemacht ſein.“ Er war im Begriff ſeinen Weg fortzuſetzen, als Patrik, der indeſſen die Flaſche an ſich genommen hatte, plötzlich ſeinen Arm ergriff, und leiſe flüſternd, aber mit ängſtlicher Stimme ſagte: „Und ſind es wirklich die rothen, blutdürſtigen Deiwels, die einem rechtſchaffenen Chriſten die Haut vom Kopfe ziehn und Geldbeutel d'raus ma⸗ Gerſtäcker, Wald⸗ und Strombilder. 3 könnten?“ „Rede nicht ſo albernes Zeug, Patt!“ ners los—„komm lieber, und ſei geſcheid an den Whiskey und an d rothe Pfennig oder der klare Tropfen iſt's, den Pa⸗ trik O'Flaherti zu ſchmecken bekommt, wenn er jetzt noch lange mit Zweifeln und Reden die Zeit vertrödelt!“ Der würdige Doktor hatte ſich auf die Ark mit Willen in eine Art Zorn hineingeärgert, damit er die eigene Furcht beſchwichtige, und ohne eine wei⸗ tere Einwendung abzuwarten, ſchritt er raſch vor⸗ wärts, und hatte ſo, wenn auch unbewußt, die beſte Methode gefunden, ſeinen Begleiter folgen zu ma⸗ chen, denn der wäre nicht, um alle Verſprechungen der Welt, allein im Walde zurückgeblieben. Nur wenige hundert Schritte brachten ſie aber auch an das erſehnte Ziel, und Patrik ſchüttelte ſich leiſe, da er den ſtillen heimlichen Fleck erblickte, deſſen Ruhe ſie mit frechen, unheiligen Händen entweihen wollten. 8 „Patrik,“ flüſterte der Doktor—„das hier iſt die Stelle— hier iſt das Grab— da gerade in der Mitte.— So, nun nimm deine Hacke und Spaten herunter und ich will indeſſen die Flinte laden— * en⸗ ſinds die rothen Indianer, von denen Doktor Mac Botherme fürchtete, daß ſie hier herumſchnüffeln und Luſt nach Paddy O Flahertis Goldhaar haben ſagte der Doktor, und machte ſeinen Arm von dem des Die⸗ t— denk ie Dollar, denn nicht der Ae 35 gieb mir einmal das Pulverhorn— wir werden's hoffentlich nicht brauchen, aber der Henker traue doch dem Frieden— beſſer iſt beſſer— nun? hörſt du nicht, Pat? das Pulverhorn will ich haben!“ 8„Und iſt es das, was Ihr verlangt?“ frug Pa⸗ trik erſtaunt,„ſteckt denn nicht Alles in Eurer eige⸗ nen Taſche?“ „Unſinn, Pat!“ ſagte der Doktor ärgerlich, wäh⸗ rend er ſich jedoch die Taſchen befühlte, ob er das Geforderte vielleicht dennoch in Gedanken eingeſteckt habe.—„Unſinn Pat, hier iſt's nicht— und da nicht— und da vorne auch nicht— ich hab' es dir ja auch, einen Augenblick ehe wir fortgingen, in die Hand gegeben.“ „Segne Eure Seele Herr!“ rief Patrik ſchnell —„und iſt es weiter Nichts wie das lange Kuh⸗ horn mit dem grünen Bindfaden d'ran, was Ihr ſucht?“ „Nein, das gerade— haſt du's?—“ „O Miſther— macht Euch keine Sorge deß⸗ halb, das hängt ruhig am Nagel hinter der Thür.“— „Holzkopf!“ rief der Doktor entrüſtet—„hab' ich dir nicht noch ausdrücklich befohlen— du ſollteſt dich in Acht nehmen, daß es nicht naß würde.“ „Arrah, Ochone, Herr, und iſt das nicht eben die Urſache, weshalb ich's hinter die Thüre hing?“ erwiederte der unverwüſtliche IJre— Ii hätt' ich's können trocken halten, wenn’s heut' Abend regnete?“ „O sancta simplicitas!“ murmelte der Doktor —„da— jetzt ſitzen wir in einer ganz gemüth⸗ lichen Patſche— wenn nun die Indianer kämen, Patrik, wenn ſie nun kämen?!— das war der dümmſte Streich, den deines Vaters Sohn ſeit langer Zeit gemacht— jetzt hab' ich doch das Schießeiſen mit geſchleppt, daß mir die ganze linke Schulter ſo blau iſt, wie ein deutſcher Sonntags⸗ rock.“ Patrik, der ungefähr eben ſo viel vom Laden ei⸗ nes Gewehrs wie vom Clavierſpielen verſtand, konnte gar nicht begreifen, weshalb ſein„Miſther“ ſo ärgerlich ſei— da ſie ja doch den Whiskey nicht vergeſſen hatten; er begnügte ſich deshalb bloß, einfach mit dem Kopf zu ſchütteln, gehorchte nun aber auch eifrig dem in etwas barſchen Ton gegebenen Befehl,„abzuladen“ und die Arbeit zu be⸗ ginnen. Er warf alſo die mitgebrachten Werkzeuge in's Gras nieder, nahm dann die breite Hacke auf, die er in der Hand wog und ſich ſchüchtern dabei umſchaute, als wenn er nicht ganz ſicher wäre, wie er das Werkzeug zu gebrauchen hätte, zur Arbeit oder gar zur Vertheidigung, und ſchritt dann langſam, und augenſcheinlich mit ſchwerem Herzen dem Mit⸗ telpunkt der kleinen Lichtung, dem Grabe zu, wo 9½ 37 er ſtehen blieb und nun unruhig den Blick nach allen Seiten umherwarf. Der kleine Doktor hatte ſich indeſſen des großen unbehülflichen Sacks entledigt, den er auseinander wickelte, dann das Beil und Brecheiſen hervornahm, um ſpäter, wenn der Sarg erſt einmal zu Tage ge⸗ fördert war, nicht weiter aufgehalten zu werden, und wandte ſich nun an ſeinen Gefährten, der noch immer keine Anſtalt machte, zu beginnen. „Patrik— honey!“ ſagte der würdige Mann, während er den Spaten aufnahm und den Hügel raſch hinanſchritt,„Patrik mein Herzchen, komm und laſſ' uns munter an's Werk gehen.— Je länger hier, je ſpäter dort— hier iſt das Grab und der rothe Burſche liegt ſtarr und ſteif d'rin— denk an den Whiskey, Paddy!“ „Und iſt es nicht der Whiskey, der mich bis jetzt lebendig gehalten hat“— ſagte Patrik und that einen herzhaften Zug aus der jetzt faſt geleerten Flaſche, die er aber ſorgfältig in ſeine eigene Taſche zurückſchob—„war es nicht die liebe Himmels⸗ gabe, die mich getränkt und gewärmt hat—. aber Miſther Doktor— ſegne unſere Seele— ich wollte es wäre vorbei— siiſt ſchauerliche Arbeit, den ver⸗ kehrten Todtengräber zu ſpielen— hallo, was war das?“ „Was war was?“ rief der Doktor erſchreckt, — öõ³ʒ 38 und ſah ſich nach allen Seiten um.„Was war was, Sir?“.. Beide horchten aufmerkſam in den dunkeln Wald hinein, aber nur das leiſe Rauſchen der Bäume, das melancholiſche Quaken der Fröſche konnten ſie hören— ſonſt lag Alles ſtill und ruhig um ſie her, wie das Grab zu ihren Füßen. Der Doktor gewann dadurch wieder Muth und rief mürriſch: „Nun hab' ich's ſatt— Sirrah— hack ein und mach' ein Ende— wir wollen doch nicht die ganze Nacht hier auf dem Grabe zubringen.“ „Mit Gott denn“— ſagte Patrik, zog ſeinen Rock aus, warf den alten Filz auf die Erde, ſtreifte ſich die Hemdsärmel auf, ſpuckte ſich in die breite ſehnige Hand, ergriff die Hacke und holte eben zum erſten Schlage aus— da krachten und brachen— gar nicht weit von ihnen entfernt, die Büſche— durch die kleine Lichtung ſtrich, von irgend etwas im Walde aufgeſcheucht— eine große Eule, und in kurzen Zwiſchenſätzen war es den beiden, jetzt ſtarr wie Bildſäulen daſtehenden Iren, als ob irgend Je⸗ mand— ob Hirſch, ob Menſch, ließ ſich nicht un⸗ terſcheiden— durch das vorjährige gelbe Laub ſpringe, mit dem der Boden in den amerikaniſchen Wäldern das ganze Jahr über bedeckt bleibt. „Doktor— was war das?“ flüſterte Patrik leiſe, während er die Hacke bedächtig wieder zu ſei⸗ nen Füßen niederſetzte. —— 39 „Weiß der Teufel,“ brummte Mac Botherme, „ob's bloß ein Hirſch war, der durch einen fallenden Aſt aufgeſcheucht wurde— das muß es auch ge⸗ weſen ſein,— wer, zum Henker ſollte denn jetzt—“ „Doktor— Miſther Doktor,“ ziſchelte Patrik und blickte ſich ſcheu, bald über die rechte, bald über die linke Schulter—„Patrik O'Flaherti iſt's, dem's unheimlich zu Muthe wird— Jäſes— ich wollte ich läge in Waterton im Bett und hätte im Leben keine Hacke in der Hand gehabt.“— Beide Männer blieben eine kurze Zeitlang wie angewurzelt ſtehen, und horchten mit geſpannter Auf⸗ merkſamkeit auch dem leiſeſten Geräuſch— aber Alles lag wieder todtenſtill und ruhig— ſelbſt der Wind ſchien erſtorben— kein Lüftchen regte ſich. „Patrik,“ ſagte der Doktor, aber mit ſo leiſer Stimme, daß er ſelbſt kaum vernahm was er ſprach —„Patrik— wir wollen unſere Arbeit ſchnell vollenden, und dann machen daß wir zu Hauſe kommen— es iſt unheimlich hier auf dem freien offenen Fleck mit dem dunklen Wald rings herum.“ Patrik erwiederte kein Wort, ſondern warf nur noch einen Blick zurück gegen das Dickicht und einen Blick nach vorn, hob dann die Hacke und ſchlug ſie, bis zu dem Stiel, tief in den weichen lockeren Bo⸗ den ein. Als ob aber der Schlag eine Zauber⸗ formel geweſen wäre, die alle böſen Geiſter der Un⸗ terwelt mit Blitzesſchnelle heraufbeſchworen hätte, ſo 40 ſchien in demſelben Moment der ganze Wald einen einzigen wilden Schrei auszuſtoßen, und zugleich raſchelten die Büſche— knackten und brachen die Zweige, und heraus aus dem Dickicht— Geſpen⸗ ſtern gleich, mit den faſt übernatürlich gellenden Tönen, brachen ſechs, in fliegende Decken gehüllte Geſtalten vor, und ſtürmten gerade den flachen Hü⸗ gel hinan auf die beiden ſtarr und entſetzt daſtehen⸗ den Leichenräuber ein. Starr und entſetzt daſtehenden— ja— im er⸗ ſten Augenblick der Ueberraſchung— als noch Jeder von ihnen glaubte er träume, da ſo etwas Fürchter⸗ liches ja gar nicht wahr ſein könne— plötzlich aber — wie der erſte Gedanke an Indianer ihr Hirn durch⸗ zuckte, gewannen auch die Glieder ihre ganze frühere Gelenkigkeit, wenn nicht in einem zehnfach vermehr⸗ ten Grade wieder. Patrik ſchrie:„O Jäſes!“ ließ die Hacke fallen und war mit zwei Sätzen im ent⸗ gegengeſetzen Theile des Waldes verſchwunden, der Doktor aber, keineswegs geſonnen, ſeinen kräftigen Beiſtand ſo enteilen zu ſehen und allein zurück zu bleiben um deſſen Rückzug zu decken, war kaum weniger behende auf ſeinen Ferſen, und rief ihm zu, doch nur um Gotteswillen ſtehen zu bleiben und ihn mitzunehmen. Patrik, der in dem eigenen Raſcheln der Zweige wohl die Stimme hinter ſich hörte, doch keineswegs einzuhalten gedacht, um die Leute zu unterſcheiden— glaubte natürlich nicht anders ½ 1 ———.— 41 als es ſei Einer ſeiner rothhäutigen Verfolger— beflügelte alſo deßhalb ſeinen Lauf nm ſo mehr, 3 warf Alles, was ihn an ſchneller Flucht hindern konnte, von ſich, und erreichte nach kurz zurückge⸗ legter Strecke den kleinen Fluß, den er übrigens erſt bemerkte, als er bis an den Hals im Waſſer ſtack, aus dem er ſich nur mit größter Anſtrengung zum anderen Ufer hinüberarbeiten konnte. Das nun, obgleich es ſteil und ſchlüpfrig war, erklomm er in ungeheuerer Schnelle, und trotz dem, daß hier Mac Botherme mit wirklich zärtlichem Tone ſeinen Namen rief— wandte er nicht einmal den Kopf, ſondern ſtürzte ſich in wahrer Todesverachtung auf's 4 MNeauue in Dornen und Schlingpflanzen hinein. 4 Der Doktor wäre ihm allerdings von Herzen gern gefolgt, konnte aber nicht ſchwimmen, und hatte 4 nur noch ſo viel Geiſtesgegenwart, daß er begriff, wie ihm hier, wenn er nicht gerade von den In⸗ dianern ausdrücklich verfolgt werde, keine weitere ¹ℳ Gefahr drohe. Da er auch, um in die benachbarten Anſiedlungen auf Krankenbeſuche zu reiten, den 1 Wald ſchon nach allen Richtungen hin durchſchnitten hatte, ſo wußte er doch wenigſtens ungefähr, wo er ſich befand, und wollte jetzt am Fluß hinab gehen, 4 um dort zuerſt die Brücke, und mit dieſer die Stadt in vielleicht einer Stunde zu erreichen. Durch die beſtandene Gefahr waren aber ſeine Sinne geſchärft und er vernahm jetzt zu ſeinem Entſetzen, daß ge⸗ — 42² rade in der Richtung, die er einſchlagen wollte, eben⸗ falls irgend etwas in den Büſchen raſchelte. Was es ſei, ſollte ihm nicht lange verborgen und eben ſo wenig Zeit zum Beſinnen bleiben— im nächſten Moment theilten ſich die Sträucher und eine dunkle Geſtalt, mit— wie er damals glaubte— weiß⸗ bemaltem Geſicht ſprang in wilden Sätzen auf ihn zu. Um aber nun erſt wieder zu unſeren beiden Leichenräubern zurückzukehren, ſo hatten Patrik O'⸗ Flaherti und Doktor Mac Botherme auch übrigens, als ſie ſich in ſo kitzlicher Lage auf dem Grabe be⸗ fanden, alle Urſache gehabt zu erſchrecken, denn ſo plötzlich und ohne weitere Warnung von allen Sei⸗ ten angegriffen zu werden, wo ihnen noch überdies ihr Gewiſſen ſagte, daß ſie im Begriff wären etwas Unerlaubtes und äußerſt Gefährliches zu thun, mußte ſie das Schlimmſte fürchten laſſen, wenn ſie beſonders in die Hände ihrer wilden Feinde fielen, die ſich Patrik gar nicht anders denken konnte, wie Menſchenfreſſer; die Eile, mit der ſie alles Hierher⸗ gebrachte zurückließen, war alſo vollkommen zu ent⸗ ſchuldigen. Jubelnd und lachend rannten indeſſen die Amerikaner, keineswegs geſonnen, ihnen weiter zu folgen, bis zu dem Gipfel des Hügels vor, von dem ſie die Reſurrectioniſten vertrieben hatten, und Sip, der mit den wunderlichſten Sprüngen und Grimaſſen nebenher getanzt war, ſtieß eben noch, 43 als Schluß⸗ und Kraftakkord, und gleichſam um der Sache die letzte Politur zu geben, den markdurch⸗ ſchneidenden Kriegsſchrei aus, der in die Ohren der beiden Flüchtlinge gellte und ſie zu immer wilderer Eile antrieb. „Gentlemen!“ rief da Shark und ſchwenkte ſei⸗ nen alten Filz—„der Sieg iſt gelungen die Fe⸗ ſtung erſtürmt— die Beſatzung mit Zurücklaſſung ihrer Fahnen und Geſchützſtücke entflohen und ich ſtimme dafür, daß—“ Wie von einer Natter geſtochen, fuhr er zurück, denn dicht vor ihm ſtand, den blitzenden Tomahawk in der Hand— die wollene Decke leicht von den Schultern geworfen, die wehenden Federn noch ſchwankend von der raſchen Bewegung— ein wirk⸗ licher, lebendiger Häuptling— ein„ſcalpſüchtiger“ Wilder— ein Rächer der geſchändeten Grabſtätte. Die Uebrigen mußten ihn, da ſie ihre Aufmerk⸗ ſamkeit bis dahin nur den Flüchtigen zugewandt hatten, noch gar nicht bemerkt haben, und Shark blieb mehrere Secunden lang marmorgleich vor der wie aus dem Grabe herausgeſtiegenen Geſtalt ſtehen, Sip aber— vom vielen Schreien ordentlich blau⸗ ſchwarz im Geſicht— wollte eben über den Hügel wegſpringen, um wahrſcheinlich im Walde ſelbſt die Entflohenen noch mit einem„allerletzten“ Male zu beglücken, als er faſt gegen den Indianer ſtieß, der jetzt ſeinerſeits ebenfalls ſtaunend daſtand, und nicht 44 zu wiſſen ſchien, ob die Männer, die er im erſten Anſturm und im Dunkel der Nacht gleichfalls für Indianer gehalten, jetzt aber als Weiße erkannte, Freunde oder Feinde wären. Sip war übrigens nicht der Mann, der einem wirklichen Indianer lange Stich gehalten hätte— denn daß es einer war, erkannte er auf den erſten Blick. Mit flüchtigem Rückſprung warf er ſeinen Nachbar, den eutſetzten Shark, zur Seite, und floh nun, ſo ſchnell ihn ſeine Beine trugen, in das ihm nächſte Dickicht. Sip's Geiſtesgegenwart gab aber auch Shark ſich ſelbſt wieder— kaum ſah dieſer nämlich in der Flucht des Negers ſeine eigene Furcht beſtätigt, als er, ohne ſeine Gefährten weiter mit Blick oder Wort zu warnen, dem Beiſpiel des Negers folgen wollte, leider aber in der ihm im Wege liegenden und in das Grab eingehauenen Hacke hängen blieb, und mit gellendem Angſtruf zu Boden ſtürzte, da er ſich in dieſem Augenblick ſchon wenigſtens für ſcalpirt hielt. Weppel— auch den Kopf von Indianern voll, ſah kaum die Angſt der Gefährten, als er ſich gar keine weitere Mühe gab, den Grund ihres Schrecks zu erforſchen, ſondern nur ſeine eigenen Gliedmaßen eben ſo ſchnell in Sicherheit zu bringen ſuchte, und Joſy— ſonſt der Muthigſte von Allen und einer jener kräftigen Pioniere, die oft mitten in der Wild⸗ 45 niß ganzen Schaaren von Wilden Trotz geboten, wurde hier förmlich überrumpelt. Ein Theil der Seinen floh— Einer brach, mit dem Angſtſchrei auf den Lippen, vor ſeinen Füßen zuſammen— hoch auf dem Grabe erkannte er in den dämmernden Um⸗ riſſen den indianiſchen Krieger— was blieb ihm da anderes zu glauben übrig—als ſie wären von irgend einem hier verborgenen Stamme überliſtet, und er ſelbſt— waffenlos mitten zwiſchen ihnen— konnte jetzt nur noch hoffen, durch ſchnelle verzweifelte Flucht ſein eignes Leben zu retten. Mit der Gewandtheit eines aufgeſcheuchten Pan⸗ thers ſprang er zur Seite, um einem etwa auf ihn abgeſchoſſenen Pfeil, oder gar der tödtlichen Kugel zu entgehen, und ſuchte nun, wie die Uebrigen, das ſchützende Dunkel zu erreichen. Shark, der ſich nur das Schienbein ein wenig aufgeſchlagen hatte, ſprang indeſſen ebenfalls wieder empor, und brach in wilder Verzweiflung in das Dickicht, wobei er ſich wenig darum kümmerte, wel⸗ cher Richtung er folgte, ſo er nur für den Augen⸗ blick ſeinen Scalp in Sicherheit brachte. In tollen Sätzen drängte er ſich oft in ſo dicht verwachſene Dornmaſſen hinein, daß er nur mit aerfetzten Kleidern und blutig geriſſenen Gliedern einen Ausweg finden konnte; überſprang dabei Gräben und umge⸗ ſtürzte Stämme, fiel in Sumpflöcher und Bäche, rannte gegen Bäume und Büſche an, und erreichte endlich das Ufer des kleinen Fluſſes, an dem er, rückſichtslos wohin ihn das führe, hinaufſtürmte, dieſe Bahn mehrere hundert Schritte verfolgte, und plötz⸗ lich— großer Gott, ſo muß er in blinder Flucht dem Feinde gerade in den Rachen rennen— vor einer dunklen Geſtalt ſtand, die eben im Begriff ſchien ihn zu erfaſſen. Einen Schrei ausſtoßen und ſeitab in den Fluß ſpringen, wurde zum Werk eines Augenblicks, aber auch Doktor Mac Botherme, denn dies war der Ge⸗ fürchtete, wartete den vermutheten Angriff nicht ab — mit Blitzesſchnelle wandte er ſich und da er in dem Moment auch noch das nahe Plätſcher.⸗ Waſſer hörte, was ihn natürlich gar nicht anders glauben ließ, als daß die Feinde beabſichtigten, ihm die Flucht abzuſchneiden und deßhalb jetzt den Strom durch⸗ ſchwömmen, ſo brach er wieder zurück in den Wald, floh hier noch einige hundert Schritt gerad'aus, und warf ſich dann zum Tode matt und jedem weiteren Rettungsverſuch durch eigene körperliche Anſtrengung entſagend, neben einer umgeſtürzten, halbverfaulten Eiche nieder, an deren weichen Stamm er ſich dicht „hinanſchmiegte, um vielleicht dadurch noch der Auf⸗ merkſamkeit der Verfolger zu entgehen. Er hatte etwas Aehnliches einmal in einem Buche geleſen. Nach allen Richtungen hin durchtobten die Flüch⸗ tigen den Wald, und auf dem bedrohten Grabe, vom düſteren Lichte der Sterne matt beſchienen, ſtand 47 ernſt und feierlich die hochaufgerichtete Geſtalt des indianiſchen Kriegers, und ſang mit leiſer, monoto⸗ ner Stimme das Todtenlied des Verblichenen.— Am nächſten Morgen war Waterton in fürchter⸗ licher Aufregung.— Joſy traf zuerſt ein, und die Ausſage des ſonſt ſo ruhigen und von Allen als nichts weniger als ängſtlich gekannten Mannes, daß ſie, die Waffenloſen, geſtern Abend von Indianern überfallen worden ſeien, verſetzte Alle in die pein⸗ lichſte Beſtürzung. Die Urſache wurde ebenfalls bald bekannt und ließ ſie das Schlimmſte fürchten. Was ſollten ſie jetzt thun? einen Courier nach Wanennes ſenden und von dort Hülfe holen?— Auf jeden Fall hatten die ſchlauen Wilden das vorausge⸗ ſehen und hielten den Weg beſetzt. Der Bote alſo, hätte ſich wirklich Einer zu ſolch gefährlicher Auf⸗ gabe gefunden, wäre rettungslos verloren gewe⸗ ſen. Weppels und Glaſſys Ausſagen, die faſt zu⸗ ſammen und bald nach Joſy eintrafen, vermehrten nur noch die Beſtürzung, da ſie die erſtgehörte Un⸗ glückskunde nicht allein beſtätigten, ſondern ſogar noch hinzufügten, daß ſie den ganzen Stamm und zwar mit den Kriegsfarben bemalt geſehen hätten, — wonach Waterton alſo das Aeußerſte erwarten durfte. Shark betrauerte man als erſtes Opfer der Rache, denn Joſy hatte ihn, wie er feſt und beſtimmt be⸗ hauptete, fallen ſehen, ſich aber natürlich nicht wei⸗ ter um ihn bekümmern können. Auch die beiden Irländer wurden noch vermißt und man konnte nicht anders glauben, als daß ſie ebenfalls in die Hände der im Hinterhalt lauernden Feinde gefallen wären, welche Befürchtung ſich um ſo mehr beſtä⸗ tigte, da bis Sonnenuntergang am nächſten Tage keiner der Dreie in Waterton erſchien, während die Bewohner des kleinen Städtchens in wahrhaft fie⸗ berhafter Aufregung Alles hervorſuchten, was nur irgend als Waffe dienen konnte, um dem in jeder Secunde erwarteten Angriff und Ueberfall zu be⸗ gegnen. Beſonders ſteigerte ſich gegen Tagesan⸗ bruch am zweiten Morgen ihre Angſt auf das Höchſte, da ſämmtliche Stämme gewöhnlich in dieſer Zeit aus ihrem Hinterhalt hervorbrechen.— Aber ſiehe da, kein Ueberfall erfolgte, die Sonne ſtieg ſtill und majeſtätiſch über den rauſchenden Wi⸗ pfeln der Bäume empor, und ihr Strahl fiel auf kein wildes Blutvergießen, ihr freundliches Licht leuchtete keinem mörderiſchen Angriff— ihr heiteres 3 Auge ſah auf keine rauchenden Trümmer und zuckende Leichen hernieder. Die Zurückhaltung der Indianer wurde räthſel⸗ haft— der Mittag verging— die Sonne neigte ſich ſchon wieder ihrem Untergang— kein Laut ließ ſich hören, kein fremdes Weſen näherte ſich der Stadt. Da endlich— es fing ſchon an zu däm⸗ mern,— wankte mit bleichem Antlitz und zerfetzten 49 Kleidern, zum Tode matt vor Hunger und Angſt, Doktor Mac Botherme herbei, und er, der noch ge⸗ ſtern ein Gegenſtand der höchſten Entrüſtung gewe⸗ ſen, da man nur auf ſeine Schultern die entſetzliche Gefahr ſämmtlicher Watertoniſten wälzte, erſchien ihnen jetzt wie ein Erlöſer, der ſie von Furcht und Noth befreien konnte. Mac Botherme konnte ihnen aber auch nur we⸗ nig Auskunft und Troſt geben— das, was er be⸗ zeugte, klang eben ſo ſchrecklich, als ſie es ſich in ihren wildeſten Träumen gedacht.— Er hatte den ganzen Wald voll Wilder gefunden— hinter allen Bäumen waren ſie vorgeſprungen, im Fluß wie die Fiſche herumgeſchwommen, und nur durch ein Wun⸗ der konnte er ihnen entgangen ſein. Halbverhun⸗ gert und im Walde verirrt war ihm zuletzt das Le⸗ ben ſelbſt eine Laſt geworden, und er hatte, als er endlich einen bekannten Weg fand, beſchloſſen, nach Waterton zurückzukehren, mochten es nun die In⸗ dianer zerſtört haben oder nicht. . Da— während noch Alle um den Doktor ge⸗ ſchaart ſtanden und mit ängſtlicher Spannung ſei⸗ nen Worten lauſchten, meldeten die indeſſen aus⸗ geſtellten Wachen einen auf dem Fahrweg heran⸗ kommenden einzelnen Wanderer, in dem Joſy bald darauf zu ſeinem unbegrenzten Erſtaunen den für todt gehaltenen Shark erkannte. Aber großer Gott, wie ſah der aus— beinahe ſechsunddreiſig Stun⸗ Gerſtäcker, Wald⸗ und Strombilder. * — — ——— — 50 den hatte er den Wald in wilder Angſt durchſtreift, und brach auch, als ſich die Freunde um ihn ſam⸗ melten, erſchöpft und bewußtlos zuſammen. Unter guter Pflege erholte er ſich zwar in kurzer Zeit wieder, ſeine Ausſage ſtimmte dann aber auch haar⸗ klein mit der des Doktors überein, und es blieb nun keinem Zweifel mehr unterworfen, daß ihre Stadt und ſie ſelbſt von Idianern bedroht gewe⸗ ſen, dieſe jedoch wahrſcheinlich aus Furcht vor der Rache der Weißen einen ernſtlichen Ueberfall unter⸗ laſſen hätten. Der Doktor wollte nun allerdings wiſſen, wie es käme, daß ſo viele Männer von Waterton an jenem Abend im Wald geweſen ſeien, darüber be⸗ obachteten aber die dabei Betheiligten ein wirklich mu⸗ ſterhaftes Schweigen, und da auch Patrik O' Fla⸗ herti verſchwunden blieb, ſo dauerte es eine geraume Zeit, ehe man es wagte, die Häuſer und Familien wieder zu verlaſſen, um jenen Grabhügel zu beſu⸗ chen, auf dem faſt ein Jeder die Ueberreſte eines voollſtändigen indianiſchen Lagers zu finden erwar⸗ 3 tete.— Allerdings ſtaunten ſie, als ſie hier keine Spur mehr von Indianern entdecken konnten, denn ſie wa⸗ ren mit Wehr und Waffen ausgezogen, den Feind zu bekämpfen.— Der Platz lag noch ſo öde und ſtill da, wie an jenem Abend, ſelbſt Spaten und Hacke und die Kleidungsſtücke der beiden Leichen⸗ 4 * 2 — 51 räuber deckten, wie ſie von ihren Eigenthümern hin⸗ geworfen worden, den Boden— nur der Hügel ſelbſt zeigte eine Veränderung. Das Grab des In⸗ dianers war geöffnet— der Sarg erbrochen— die Leiche— fort.— Wie die Wilden ſo ſpurlos verſchwunden ſein konnten und was aus dem von ihnen ſelbſt begra⸗ benen Indianer geworden, blieb Allen ein undurch⸗ dringliches Geheimniß— nur am Fluß fand Joſy die tief eingetretene Spur eines Moccaſins, und die an dieſer Stelle weit hinausgewachſene Wurzel einer alten Sycomore machte es möglich, daß hier ein Canoe gelegen haben konnte. Das blieb freilich Al⸗ les nur Vermuthung, und da ſämmtliche an jener Scene betheiligte Perſonen in ihrer Schilderung einen ganzen indianiſchen Stamm geſehen zu haben übereinſtimmten, ſo zweifelte von dem Augenblick an Niemand mehr an der Wahrheit des Berichte⸗ ten. Patrik O'Flaherti und Sip wurden für todt gehalten.— Patrik O'Flaherti und Sip waren aber keines⸗ wegs todt, ſondern hatten nur nach verſchiedenen Richtungen hin ihre Flucht genommen, und die An⸗ ſiedelungen, die ſie zufällig erreichten, durch ihre entſetzlichen Erzählungen in Furcht und Schrecken verſetzt. Sip kehrte erſt nach vierzehn Tagen nach Waterton zurück, Patrik aber wanderte, ſo ſchnell ihn ſeine Gliedmaßen trugen, nach Vincennes und ——=—— = 5² von da nach den öſtlichen Staaten zurück, da er erklärte„ſein goldenes Haar nicht nach Illinois ge⸗ tragen zu haben, daß ſo ein verdammter rothfelli⸗ ger Schurke Staat damit machen ſollte.“ Was aber Waterton anbetraf, ſo erwähnte er von der Zeit an nie den Namen der Stadt, ohne dabei zu bemerken, das wäre auch noch ein Ort, in dem er ſein Glück könnte gemacht haben, wenn ihn nicht die Indianer bei Nacht und Nebel überfallen, alles Lebende ſcal⸗ pirt, und die Wohnungen niedergebrannt hätten, wo⸗ bei er ſelbſt nur noch durch ein Wunder dem Tode entgangen wäre.— Den tief beſchatteten Foxriver hinab ſteuerte in⸗ deſſen ein einſamer Krieger der Winnebagoes ſein leichtes Canoe, während vorn, zwiſchen den Rip⸗ pen, die dem ſchwachen Fahrzeuge Feſtigkeit gaben, in ſeine wollene Decke eingehüllt, der ſtarre Körper des alten Indianers lag. Der junge Häuptling aber ſang leiſe, indeß ſein Ruder ſtill und geräuſch⸗ los die leichte Barke über die ſpiegelglatte Fläche trieb, und den Takt ſchlug zu dem wehmüthig mo⸗ notonen Lied:— „Früher warſt Du ein Häuptling— Der Wald hier gehörte Dein, Jetzt führ ich Dich leiſe und heimlich Hinunter den ſtillen Strom— Und früher warſt Du ein Häuptling.“ F 53 4 „Früher warſt Du ein Häuptling Die Erde gehörte Dein, Jetzt mußt' ich Dich daraus ſtehlen Sie gönnten Dir ſelbſt kein Grab— Und früher warſt Du ein Häuptling.“ „Früher warſt Du ein Häuptling . Und zählteſt der Krieger viel, . Jetzt flüchtet mit Deiner Leiche Dein einziger Sohn— allein— Und früher warſt Du ein Häuptling.—“ Weiter und weiter glitt der Rindenkahn auf dem leiſe murmelnden Fluß hin— weiter hinab, 1 — zwiſchen Weiden und Erlen, und den ſchwanken⸗ 4 5 den ſilberbehangenen Birken; und der Whippoor⸗ will fang in den Sträuchen ſein wehmüthig⸗kla⸗* gend Lied, und der Nachtfalke ſtieg kreiſchend em⸗ 1 k. por von dem knorrigen Aſt, auf dem er geruht.— Dder Tag dämmerte und das leckere Mahl wollte er ſich noch ſuchen vor der Morgenröthe. Auch die CEule wurde wieder lebendig und ihr antwortete O— weit weit aus der fernen Prairie herüber— * der graue Wolf, der ſeinen Rundlauf beendet und jetzt zu dem heimlichen Verſteck mit unhörbarem Tritt zurückſchlich.— Und dort— dicht hin un⸗ 4 ter den thaubehangenen Zweigen, die ſich tief hin⸗ abbeugten zu der klaren Fluth, und von ihr er⸗ faßt, unruhig erzitterten und bebten,— dicht hin, —= 3 1 4——— 54 * unter dem feierlichen Rauſchen der jungfräulichen Eichen, in denen der Morgenwind ſeine Rieſenak⸗ korde griff— glitt das Canoe des Indianers und 4 ſein Todtenſang miſchte ſich mit dem fröhlichen Le⸗ bensgruß des jungen Tages. 5 n.—„ f veis, u e. a 6 nheun muu che He„ . w ee. ue 5 3 . 1 3 6 2„ 5 Nordamerikaniſche Jagd. Jagd auf Hirſche.— Auf Truthühner.— Ein amerikaniſcher Jäger.— Bärenjagd.— Der Panther.— Der Wolf.— Der Fuchs.— Der Waſch⸗ bär.— Das Opoſſum.— Schnepfen in Louiſiana.— Ausrüſtung des — amerikaniſchen Jägers.— 9 8 1 1 Die vereinigten Staaten von Nordamerika, vor noch nicht gar langer Zeit das unbegränzte Jagd⸗ gebiet der wilden Indianerſtämme, ſind jetzt zwar von dieſen geräumt und der weiße Jäger durchzieht . nur mit wenigen Ausnahmen, allein die ungeheuren 4 Wälder und Steppen des gewaltigen Reiches; aber auch die zahlreichen Büffelheerden und Rudel von Rieſenhirſchen(Elks), die ſonſt das Land belebten, ſind von den ſicheren Büchſen der Amerikaner und eingewanderten Auslaͤnder erlegt, oder mit den ro⸗ 9 then Söhnen der Wildniß weiter nach Weſten zu⸗ rückgetrieben worden; immer aber ſchreitet noch manch 3 s — .——— . 56 ſtattlicher Hirſch im Schatten des mächtigen Urwal⸗ des einher und Bären und Panther, wie verſchie⸗ dene andere kleine Raubthiere, zwingen den Anſied⸗ ler der weſtlichen Niederlaſſungen, faſt auf jeder Farm,— ſo nennt man die einzeln liegenden Häuſer und Felder der Amerikaner,— eine Meute Hunde zu halten, um ſeine Hausthiere vor der Mordgier derſelben zu ſchützen. Stets ein eifriger Jagdfreund, konnte ich, in Amerika angekommen, den lockenden Beſchreibungen jener Wälder nicht lange widerſtehen, und verließ von unbezwingbarer Luſt für das edle Waidwerk ge⸗ trieben, bald nach meiner Ankunft in New⸗York, die öſtlichen Staaten, um den fernen, ſo viel geprieſe⸗ nen Weſten aufzuſuchen, aber nicht etwa in Schiff oder Wagen, ſondern zu Fuß, mit der Doppelflinte auf der Schulter und beim geringſten Geräuſch, das rechts oder links am Wege laut wurde, zum Schuſſe fertig. Sehr häufig ſah ich mich dabei im Anfang durch die frei im Walde weidenden Heerden ge⸗ täuſcht, und ich weiß mich noch recht gut des Abends zu erinnern, wo ich, wohl eine halbe Stunde lang durch dornige Schlingpflanzen und Sumpfſtellen über umgeſtürzte Bäume und toll und wild umher⸗ geſtreute Aeſte hinweg, ja durch einen, über drei Fuß mit Waſſer gefüllten Bach fortkroch und lief, weil ich irgend etwas, das langſam brummend und im Laube raſchelnd von mir weg ging und wie ich 57 einmal auf einen Augenblick erkennen konnte, ſchwarz ausſah, beſchleichen wollte. Zu hitzig in der Verfolgung, nahm ich mir nicht einmal Zeit, nach einer Fährte zu ſehen, und war nicht wenig überraſcht, als ich endlich, mit der Hülfe eines kleinen, ſchmalen Thales, das ich wie der wilde Jäger durchraſte, um dem Bären, denn für nichts Geringeres hielt ich mein auserſehenes Opfer, den Weg abzuſchneiden, ein gemüthlich im dürren Laube wühlendes, zahmes Schwein fand, das, als es mich erblickte, ſtutzte, mich anſchnob und unwillig grunzend in das Dickicht trollte. Ich kam damals in ſtarke Verſuchung, dem unſchuldigen Geſchöpf eine Ladung Poſten nachzuſenden, mußte aber doch ſelbſt zuletzt über den komiſchen Irrthum lachen und war nur froh, daß ich bei der ganzen Geſchichte keinen Zeugen gehabt hatte. Wilde Sauen giebt es in den vereinigten Staa⸗ ten gar nicht, außer wild gewordene zahme, die je⸗ doch dann nur von den dort angeſiedelten Farmern geſchoſſen werden dürfen; jede andere Jagd iſt frei. In den öſtlichen Staaten fand ich ſehr wenig jagdbares Wild— Rebhühner und Kaninchen aus⸗ genommen, denn der deutſche Haſe fehlt ebenfalls, ſoll aber, weſtlich von den Felſengebirgen, am ſtillen Meere, ziemlich häufig ſein. Die Rebhühner ſind kleiner als die unſrigen und auch etwas anders ge⸗ zeichnetz ihre äußeren Schwungfedern zum Bei⸗ 58 ſpiel ganz grau; auch iſt ihr Ruf anders wie der unſeres Rebhuhns, denn ſie pfeifen. Die Kaninchen kommen den unſeren faſt ganz gleich und leben in Erdbauen und hohlen Bäumen, färben aber im hohen Norden im Winter und wer⸗ den weiß. Vielen Spaß machten mir ſpäter, als ich den Staat Jlinois mit ſeinen ungeheueren Prairien oder Steppen durchzog, die ſogenannten Prairiehühner, die ſich hier in gewaltigen Ketten zuſammengethan hatten. Ich wollte erſt meinen Augen gar nicht trauen, wie's überall um mich herum emporſchwirrte und tauſende von ſtarken Hühnern aufſtiegen; fand aber bald ſo viel von ihnen, daß ich die Suche gern aufgab und nur dann und wann, am Wege hin, ſchoß was ich brauchte. Das Prairiehuhn iſt etwa von der Größe unſe⸗ res Haushuhns— von graulicher Farbe, mit befe⸗ derten Ständern und kurzem, feldhuhnartigem Schwanz; der Hals iſt aber lang wie beim Trut⸗ hahn und die Flügel ſind ganz denen der Faſanen ähnlich. Es fliegt eben ſo wie das Rebhuhn; ich habe aber ſtets gefunden, daß es ſelten vor einer engliſchen Meile wieder einfiel, was denn das Nach⸗ ſuchen ſehr beſchwerlich macht. Das Fleiſch iſt, die Bruſt ausgenommen, nicht ſehr beſonders und ſteht dem der Truthühner bedeutend nach; ſeine Feder⸗ decke aber iſt im Winter ſo dicht, daß es ziemlich 59 ſtarken Schrot erfordert, hindurchzudringen. Sonſt iſt die Jagd auf daſſelbe ungemein leicht, denn es ſcheut den Menſchen ſehr wenig und kommt Mor⸗ gens und Abends ſelbſt zu den in den Prairien zer⸗ ſtreuten Farmen, um ſich auf den Fenzen(Einzäun⸗ ungen) derſelben niederzulaſſen, wo es dann natür⸗ lich ſehr leicht erlegt werden kann. Beim Eintritt kalten Wetters fallen ſie gern auf die Bäume und ſind in dieſer Zeit, beſonders wenn es etwas ſtark gefroren hat, faſt gar nicht wieder aus den Zweigen des einmal gewählten Baumes herauszu⸗ treiben. Ich ſelbſt ſchoß eines Morgens fünf von einer niedrigen Eiche, in der etwa zwanzig bis drei⸗ ßig ſtanden, einzeln herunter, und die übrigen blie⸗ ben ruhig oben. Wagenladungen voll werden von ihnen nach St. Louis und die benachbarten kleine⸗ ren Städte auf den Markt gebracht, ung es leben viele Leute, die ſich blos mit der Jagd derſelben be⸗ ſchäftigen. St. Louis gegenüber kreuzte ich den Miſſiſſippi und wanderte von hier durch den dichten Wald dem ſüdlicher liegenden, wegen ſeiner Jagd berühmten Arkanſas zu. Nahe bei St. Louis iſt jedoch ſehr wenig Wild; Feldhühner und Kaninchen wieder aus⸗ genommen; auch lebt hier noch der ſogenannte ame⸗ rikaniſche Faſan, der ſonderbarer Weiſe in einem weiter ſüdlichen Klima nicht gedeiht. Obgleich ihn aber die Amerikaner Faſan nennen, ſo iſt er doch 60 keineswegs dem unſrigen gleich, ſondern unterſcheidet ſich von dieſem in vielen Stücken. Es giebt zwei Arten— den im Norden, in Ca⸗ nada, fand ich von graulicher Farbe, mehr dem Prairiehuhn ähnlich— der weiter ſüdlich kam da⸗ gegen dem deutſchen etwas näher und ſah bräunlich 3 aus. Auf dem Kopfe trägt er, wie dieſer, einen Federſchmuck; doch fehlt ihm das Spiel gänzlich, ſtatt deſſen ſchlägt er im Affect ein Rad mit dem Schwanz und ſchleift wie der Truthahn. Die Stän⸗ der ſind wie bei dem Prairiehuhn befiedert und er lebt, dem Feldhuhn gleich, in Ketten zuſammen, hat aber noch die ſonderbare Angewohnheit, in der Balz⸗ zeit ſich auf umgeſtürzte Stämme oder abgehauene Baumſtümpfe zu ſtelſen und an dieſe mit den Schwin⸗ gen zu ſchlagen oder, wie es die Amerikaner nennen, zu„trommeln,“ was man eine lange Strecke weit hören kann. Sein Fleiſch iſt äußerſt zart und weiß, und er gehört zu dem beſten Federwild der vereinig⸗ ten Staaten. In Miſſouri nun findet ſich in großer Anzahl der amerikaniſche oder ſogenannte virginiſche Hirſch, den ich vor allen Dingen etwas näher beſchreiben will, ehe ich zur Jagd deſſelben übergehe. Er iſt bedeutend kleiner als der unſrige, und ähnelt in vielen Stücken dem Damwild, trägt auch den Wedel ſtatt der Blume; aber ein von dem des Damwildes ſehr verſchiedenes Gehörn. ₰ 61 Sein ausgelegtes Geweih zählt ſelten mehr als vier, höchſtens fünf und ſehr ſelten ſechs Enden, obgleich ich einſt im Walde ein abgeworfenes fand, 5 an welchem ich dreiunddreißig Enden zählte. Dabei iſt es, ungleich dem des amerikaniſchen „Rieſenhirſches oder Elks, nach vorn zu gebogen und giebt ihm ein ganz eigenthümliches, fremdartiges Ausſehen. Aeußerſt ſelten findet man gefleckte oder weiße Hirſche. Das Rothwild färbt dreimal im Jahre. Im Januar nimmt der Hirſch ſein Winterkleid an und wird„grau“; im April erſcheint er„roth“ und wird im Auguſt und September„blau“! Das Thier färbt ſtets etwa vier Wochen ſpäter als der Hirſch. Zum Gerben eignen ſich die Decken am beſten vom Mai bis Ende September, wo ſie beſonders in die⸗ ſem letzteren Monat die meiſte Feſtigkeit erlangen. Die Brunftzeit der Hirſche fällt durch die verei⸗ nigten Staaten, wegen ihrer großen Ausdehnung nach Norden und Süden, ſehr verſchieden;— in Arkanſas, das etwa in der Mitte liegt, nimmt man an, daß ſie mit dem erſten Froſt eintritt, alſo etwa im October;— weiter unten, in Louiſiana, fällt ſie ſpäter,— im Norden früher. Die Thiere ſetzen im April und Mai ein bis zwei, ja manchmal drei Kälber, die bis zum Herbſt gefleckt bleiben und dann mit den übrigen„blau werden. Jagdgeſetze exiſtiren wohl in den vereinigten —— 62 Staaten, werden aber nicht im mindeſten beachtet und jeder ſchießt, wann es und was ihm beliebt; daß dies übrigens dem Wildſtand ungeheueren Scha⸗ den thun muß, liegt klar am Tage, und nur die wirklich erſtaunliche Menge von Wild hat bis jetzt der Ausrottung widerſtehen können. Die Jagdbe⸗ nutzung, d. h. wie ſie bei den Jägern dort ge⸗ bräuchlich iſt, will ich der Sonderbarkeit wegen hier⸗ her ſetzen. Januar. Die Hirſche ſtehen jetzt mit dem Wilde in Rudeln beiſammen; die Schmalthiere ſind feiſt, und werden des Wildprets und Feiſtes wegen, die Hirſche ſelbſt nur der Wilddecke wegen geſchoſſen, da der Jäger von den letzteren nur dieſe und die Keu⸗ len mitnimmt, das übrige Wildpret aber den Raub⸗ thieren und Aasgeiern überläßt. Ende Januar fan⸗ gen ſtarke Hirſche ſchon an ihr Geweih abzuwerfen und dieſer Monat, wie Februar und März, heißt die „graue Jahreszeit!“ Februar wie Januar. März. Das Rothwild hält ſich jetzt, des Fär⸗ bens und der überhand nehmenden Mosquitos und Stechfliegen wegen, in den unzugänglichſten Dickich⸗ ten auf und Decke ſowohl als Wildpret iſt ſchlecht. Der März iſt daher der einzige Monat im Jahr, in welchem nur hie und da einzelne Stücke geſchoſſen werden; will ein Jäger aber eins haben, ſo zündet er gewöhnlich in der Nähe eines Dickichts einen 63 umgeſtürzten Baumſtamm an,— das Wild kommt dann herbei, und ſtellt ſich in den Rauch, um da⸗ durch Schutz gegen die quälenden Inſekten zu finden. April. Die Thiere fangen an zu ſetzen und be⸗ ſuchen, wie die Hirſche, die Salzlecken. Ende die⸗ ſes Monats beginnt die„rothe Jahreszeit“ und dauert bis Mitte September. Die Hirſche fangen an ihr Geweih aufzuſetzen. Mai. Die Jagd an den Salzlecken, bei Kien⸗ fackeln und aufgerichteten Geſtellen, wird jetzt ernſt⸗ lich betrieben und Hirſche und Thiere werden ge⸗ ſchoſſen. Juni. Die Thiere ſind jetzt ebenfalls vollkom⸗ men roth; die Hirſche werden feiſt und ſtehen, ab⸗ geſondert von den Thieren, in Rudeln von ſieben, acht und mehr Stücken gewöhnlich in einem be⸗ ſtimmten. Waldorte beiſammen, ſo daß man ſicher darauf rechnen kann, ſie hier im Umkreis von zwei bis drei engliſchen Meilen zu finden. Einer der ſchwächſten Hirſche iſt gewöhnlich der Führer und erlegt man dieſen zufällig zuerſt, ſo daß er im Feuer zuſammenſtürzt, ſo hat man nicht ſelten Gelegenheit, die Uebrigen, ſo ſchnell man laden kann, nachzuho⸗ len. Die Thiere werden jetzt nur der Decke wegen a gſchoſſen Juli— wie Juni.— Kälber ſind alt genug, um geſchoſſen zu werden; Hirſche fangen an zu fe⸗ Den, vernachläſſtgen aber die Salzlelken. * Auguſt. Bei den Hirſchen beginnt die„blaue Jahreszeit“ und ſie ſind nun am feiſteſten, die De⸗ cken auch in dieſem und dem nächſten Monat am ge⸗ eignetſten für die Bereitung für Moccaſins—(In⸗ dianiſche Halbſtiefel.) September. Desgleichen. October. Mitte dieſes Monats beginnt gewöhn⸗ lich die Brunftzeit, oft auch erſt zu Anfang Novem⸗ ber, beſonders in recht ſpäten Wintern. Nun er⸗ öffnet ſich für den amerikaniſchen Pürſchjäger die beſte Jagdzeit, denn der Hirſch, den Fährten des Schmalthieres folgend, durchzieht ziemlich ſorglos den Wald und kann leicht erlegt werden, was jetzt nur der Decken wegen geſchieht, die, nach dem Gewicht verkauft, wenn getrocknet, von ſtarken Hirſchen ſechs bis acht, ja wohl auch neun Pfund wiegen. Die Geweihe haben ihren ganz vollkommenen Zuſtand wieder erreicht. November. Desgleichen. December. Vorzüglich Jagd auf Schmalthiere, die jetzt, wenn ein gutes Eicheljahr war, anfangen feiſt zu werden. Hirſche und Thiere ſtehen wieder in Rudeln zuſammen. Das iſt ungefähr Alles, was über die in Ame⸗ rika gebräuchliche Ordnung bei der Hirſchjagd zu ſagen iſt. Dieſe ſelbſt wird auf dreierlei Arten be⸗ trieben. Die erſte iſt das Pürſchen, die zweite die Hetze und die dritte die Nacht⸗ oder Feuerjagd. 65 Das Pirſchen bleibt ſich natürlich in allen Län⸗ dern gleich und iſt auf jeden Fall nach der Bären⸗ hetze die edelſte und ſchönſte Jagd. Das Hetzen erfordert in dem wilden, unbebau⸗ ten Lande, wo oft faſt undurchdringliche Dickichte die verfolgenden Hunde wie nachſetzenden Jäger auf⸗ halten, eine genaue Kenntniß des Bodens und Wech⸗ ſels, und eignet ſich auch mehr für ein Land, wo das Wild ſchon dünner wird und der Jäger froh iſt, mit ſeiner ganzen Meute in einem halben Tag einen Hirſch aufzujagen; aber auch in Arkanſas, wo es noch Hirſche genug zum Pürſchen giebt, wird, den Winter hindurch wenigſtens, dieſe Jagd vorge⸗ zogen; im Sommer jedoch, wo die Hitze am Tage ſehr drückend und das Tragen der ſchweren Büchſe zu beſchwerlich iſt, nimmt der Jäger zum Feuer ſeine Zuflucht und ſchießt ſein Wild Nachts bei der Kienflamme. Sollte es übrigens unſeren deutſchen Jägern auffallen, daß Rothwild, ſonſt das Feuer ſcheuend, bei dieſem erlegt werden kann, ſo muß ich hier be⸗ merken, daß es in Amerika unter ganz anderen Verhältniſſen aufwächſt. Im Frühjahr durchzieht wohl kein Jäger in jenen Gegenden den Wald, ohne das dürre Laub, was oft vier bis ſechs Zoll tief den Boden bedeckt, an eben ſo vielen Stellen an⸗ zuzünden, als er ſein Lager aufſchlägt, oder ſein Mittagsmahl kocht. Es iſt dies nicht allein um das Gerſtäcker, Wald⸗ und Strombilder. 5 3 66 Laub zu beſeitigen und den neuen jungen Gras⸗ wuchs zu befördern, ſondern auch das läſtige Unter⸗ holz und die Dornen und Schlingpflanzen etwas zu tödten, die ſonſt in einigen Jahren ſo überhand neh⸗ men würden, daß an eine Pürſchjagd gar nicht mehr zu denken wäre. Solche Waldbrände greifen aber ſelten oder nie geſunde und kräftige Stämme an, ſondern beſchränken ſich darauf, die am Boden liegen⸗ den Blätter und trockenen Dornen zu verzehren, kleineres Buſchwerk zu tödten und die dürren, halb oder ganz verfaulten und umgeſtürzten Stämme in Brand zu ſtecken. Die Hirſche gewöhnen ſich hierdurch ganz an dieſe Feuer und ſammeln ſich, beſonders im Früh⸗ jahr, gern um ſie, bezeigen daher auch nicht die mindeſte Furcht, wenn ſie ihre gewöhnliche Salzlecke annehmen und dort eine helle Flamme finden. Ihre großen, klaren Lichter der Gluth zuwendend, ſchreiten ſie ſtill herbei und ſtürzen meiſtens, von der ſicheren Kugel getroffen, ehe ſie nur die Nähe eines Feindes ahnen. Eine ſolche Jagd anſchaulicher zu machen, will ich eine der von mir bei Salzlecken durchwachten Nächte beſchreiben. Es war im Jahr 1842, als ich im Monat April unterhalb Little Rock, der Hauptſtadt von Arkanſas, über den Arkanſas⸗Fluß ging und die Sümpfe durchſtrich, die auf dem linken Ufer deſſelben 67 um die ſogenannte Bayou⸗Meter(eine Art Fluß mit faſt gar keiner Strömung, der im Arkanſas ent⸗ ſpringt und auch wieder in denſelben mündet) herum lagen. Es iſt ein gar trauriges Jagen in ſolchen Süm⸗ pfen, beſonders im Frühjahr, wenn der größte Theil derſelben noch überſchwemmt iſt und die Mosquitos dem ſie Durchwandernden auch nicht die mindeſte Ruhe geſtatten. Dabei ſticht die Sonne am Tage ſo bren⸗ nend, wie mitten im Sommer, und faſt keine Nacht vergeht, in der nicht ein Gewitter den im Freien Campirenden, wenn er ſich nicht ſchon darauf vorge⸗ ſehen hat, tüchtig durchweicht. Am Fuße einer niedrigen Hügelreihe dem Laufe eines kleinen Baches folgend, kam ich zu einem flachen, ſumpfigen Fleck, der mitten im ſonſt ſchönen, grünen Raſen ſo von Hirſchen ausgetreten war, daß ich, in einem Raume von dreißig bis vierzig Schritt im Durchmeſſer, auch nicht die Spur von Grünem darauf ſehen konnte. Es ſchien eine jener ſalzigen Sumpf⸗ ſtellen zu ſein, die das Rothwild beſonders im Frühlings⸗ Anfang aufſucht, während es, weiter im Sommer, mehr die trockenen, Salz enthaltenden Lehmufer der kleinen Bäche annimmt. Kaum vier bis fünfhundert Schritt von der erwähnten Stelle ſtanden Kiefern, und ich war ſchnell entſchloſſen, die Nacht an der Lecke, oder wie es im Engliſchen genannt wird,„lick“ zu wachen. 34 68 Vor allen Dingen errichtete ich, etwa zwanzig bis fünfundzwanzig Schritt von dem am meiſten be⸗ ſuchten Theil der Salzlecke, ein kleines Geſtell, wozu ich mit meinem Tomahawk(indianiſches Beil) vier Holzgabeln abhieb und dieſe, das Gerüſt etwa vier Fuß hochlaſſend, in den Boden trieb. Auf darüber hingelegten Querhölzern wurden jetzt grüne Zweige ausgebreitet und dieſe etwa fünf Zoll dick mit Erde und Raſen bedeckt, damit das Feuer nicht hindurch brennen konnte. Als das geſchehen, ging ich mit meiner wollenen Decke und dem Tomahawk zu den Kiefern und Fichten zurück, und ſpaltete leicht aus den dort wildumhergeſtreuten Stäm⸗ men genug fettes Kienholz, um die ganze Nacht eine gute Flamme zu unterhalten, das ich nachher in der Decke zur Salzlecke trug und um das Gerüſt herum aufhäufte, damit ich es in der Nacht leiſe und ge⸗ räuſchlos abnehmen und auf die niedergebrannten Kohlen legen konnte. Eine andere Vorſichtsmaßregel war aber jetzt noch zu treffen. Im Weſten thürmten ſich wieder dunkele, drohende Wolkenmaſſen auf und ließen mich nicht ohne Grund vermuthen, daß ich vor anbrechendem Tageslicht nähere Bekanntſchaft mit ihnen machen würde. Mehre der umher liegen⸗ den Stämme mußten daher ihre Rinde abgeben, von der ich eine bedeutende Quantität zu meinem Ver⸗ ſtecke hinſchaffte, um im Nothfall davon Gebrauch machen zu können. — —CQCQCQCQCQCQ—ñ—O——OC⸗QO—O,O,OLOL=:ͤOꝗͥ Aů— 69 Da ich noch Zeit genug behielt, baute ich mir jetzt auch eine kleine Vorrichtung, die Büchſe(ich hatte ſchon ſeit Jahren das leichte Schrotgewehr ge⸗ gen die ſchwere Büchſe vertauſcht) auflegen und ſiche⸗ rer ſchießen zu können, ſtellte mir dann Meſſer, Ku⸗ geltaſche und Pulverhorn zurecht, ſah nach den Zünd⸗ hütchen, daß die nicht wieder im Augenblick der Noth im Unterfutter ſäßen und dachte, nachdem ich mein „Handwerkszeug“ in Ordnung hatte, jetzt auch ein wenig an den leiblichen Menſchen, zu deſſen Stär⸗ kung ich ein paar Stücke gedörrten Hirſchwildprets, die Hälfte eines kalten Truthahns und eine Scheibe Maisbrod hervorholte. Der vorbeifließende kleine Bach ſah gerade nicht eben einladend aus, doch ſind Hunger und Durſt ein guter Koch; ein Becher voll des etwas bräun⸗ lichen Waſſers ſpülte das trockene Brod und Fleiſch hinunter, und ich würde mich ſehr wohl und behag⸗ lich befunden haben, wären die Mosquitos in dem niederen Lande nicht wie ganz wahnſinnig geweſen. Im Anfang, als ich mich hinſetzte, kamen nur we⸗ nige angeflogen und ſogen ſich voll; dieſe mußten aber den anderen wohl erzählt haben, wie gut mein Blut ſchmecke, denn ſcharenweis drängten ſie jetzt auf mich ein, und hätt' ich ſie ruhig gewähren laſſen, ſo würden ſie mich, noch vor dem nächſten Morgen, ſo trocken wie einen Bückling ausgepumpt haben. In der Dämmerſtunde ſind ſie überhaupt ſtets am ſchlimm⸗ ſten, und ich konnte mich kaum gegen ſie ſchützen, bis endlich die Schatten der Nacht ſich auf den Wald zu lagern begannen und der Whip poor will(Nacht⸗ vogel, eine Art Ziegenmelker) ſein eintöniges Lied ſang. Ich ſchlug jetzt Feuer, ſteckte den Schwamm in eine Handvoll dürrer Blätter und erhielt durch Blaſen bald eine helle Flamme, die ich mit fein geſpaltenen Kienſpänen nährte und nun mein Feuer oben auf dem Geſtell entzündete. Es war indeſſen völlig dunkel geworden und die helle Flamme, gerade über mir, unter der ich völlig im Schatten ſaß, bewies ſich als der ſchönſte Mos⸗ quito⸗Ableiter, den es nur auf der Welt geben konnte. Zu Tauſenden ſtürmten ſie in die Gluth, die ſie eben ſo ſchnell vernichtete, und mit wahrhaft teufliſcher Schadenfreude ſaß ich darunter und ſah ſie elendiglich umkommen. Ich konnte jetzt auch mit Ruhe mein Abendbrod beendigen, das ich, der peinigenden Inſekten wegen hatte niederlegen müſſen, und ſchaute lauſchend da⸗ bei umher, die Ankunft eines Stückes Wild er⸗ wartend. Es iſt ein herrliches Gefühl, in ſtillem Waldes⸗ dunkel bei der rothen Kienflamme zu wachen, die um den Jäger einen Lichtkreis von kaum mehr als vierzig Schritt im Durchmeſſer zieht, in welchem die gewaltigen, magiſch beleuchteten Stämme gleich Rieſengeſpenſtern zum ſchwarzen Nachthimmel em⸗ 71 porſtarren. Wenn nun in weiter Ferne ein einzelner Wolf ſein klägliches Geheul erhebt, das ſeine Brüder von den Hügeln beantworten, wenn die Eule mit ihrem eintönigen Ruf, die quakenden Fröſche und zirpenden Grillen einfallen und ſo ein eigenthümlich wildes Concert entſteht,— dann wird es Einem bei dem flackernden Feuer ordentlich ſchauerlich behaglich zu Muthe. Dieſe Töne verhallen aber nach und nach, ſobald erſt wirklich die Nacht ihr Reich antritt, und von zehn Uhr ungefähr herrſcht eine nur ſelten vom Whip poor will und von einzelnen Fröſchen unter⸗ brochene Todtenſtille. Jetzt mußte aber auch der Mond bald aufgehen, und mit äußerſter Aufmerkſamkeit horchte ich dem leiſeſten Geräuſch, jedem Raſcheln der Blätter, je⸗ dem Säuſeln des Windes durch die hohen Baum⸗ wipfel. Um durch den ſchimmernden Lauf nicht ge⸗ blendet zu werden, hatte ich eben das Viſir über die Kienflamme gehalten und geſchwärzt, dabei auch eine Handvoll friſcher Späne auf die faſt niedergebrann⸗ ten Kohlen gelegt und hüllte mich wieder in meine wollene Decke ein;— denn wenn auch die Sonne den Tag über recht heiß brannte, waren die Nächte doch kühl;— als nicht weit entfernt von mir ein dürrer Zweig krachte. Das war ein Stück Wild, und mit Blitzesſchnelle griff ich nach der neben mir i leh⸗ nenden Büchſe. — Die Salzlecke, an der ich wachte, lag in einem ſie dicht umſchließenden Gebüſch, das, von den rieſen⸗ haften Bäumen des ſumpfigen Thallandes überragt, keinen Strahl des jetzt eben das Firmament erhellen⸗ den Mondes hindurchließ; der von dem Rothwild benutzte Platz ſelber aber war länglich oval und an ihm entlang floß der kleine, ſchon früher erwähnte Bach, deſſen gegenüberliegenden Rand niedere, dichte Büſche einfaßten. An eine ſtarke Eiche geſchmiegt, hatte ich an dem einen Ende der Lecke mein Geſtell errichtet, da⸗ mit ich die ganze Länge derſelben beſchießen könnte, und gerade mir gegenüber ſchien das eben gehörte und ſich jetzt wiederholende Geräuſch herzutönen. Regungslos lauſchte ich mit zurückgehaltenem Athem den lang erſehnten Lauten, als— trap— trap— trap— in langſam abgemeſſenen Zwiſchenräumen der ſchwere Schritt eines Hirſches zu mir herüber⸗ ſchallte. Jetzt ſtand er und ich wußte, er äugte nach der Flamme. Schnell und geräuſchlos ſpannte ich den Hahn und machte mich fertig; wohl zwei Minuten aber konnt' ich auch nicht das Geringſte mehr vernehmen; der Kien fing ſchon wieder an etwas düſterer zu brennen und ich mußte friſch nach⸗ legen, als die Schritte aufs Neue hörbar wurden, und gleich darauf glühten ein Paar rothfunkelnde Lichter aus dem die Salzlecke umgebenden Gebüſch zu mir herüber. In demſelben Augenblick theilten 73 ſich auch die Zweige und vorſichtig und bedächtig, mit hochgehobenem Kopfe und vorgeſtreckten Lau⸗ ſchern betrat ein ſtattlicher Hirſch, kaum zwanzig Schritte von mir entfernt, die kleine, eingeſchloſſene Ebene. Er windete einige Secunden lang nach der Flamme herüber, denn der Kiengeruch mochte ihm nicht recht behagen, konnte aber den Wind nicht von mir bekommen und kam jetzt gerade auf mich zu. Ich war jedoch indeſſen auch nicht müßig gewe⸗ ſen, hatte die Büchſe gehoben und den nichts Böſes ahnenden ruhig auf's Korn genommen, und gerade, als er wieder ſtand, mit etwas mißtrauiſchem Blicke das Geſtell und die dicht daneben aufgehäufte Rinde betrachtete und mit dem rechten Vorderlauf ungedul⸗ dig die Erde ſchlug, berührte mein Finger den Ste⸗ cher und hoch aufſpringend ſtürzte er ſihreiend zu⸗ ſammen. Ich trat ſchnell hinter die Flamme, wo ich vor allen Dingen meine Büchſe wieder lud, und ſchaute dann nach dem Hirſche hinüber; er war aber ſchon verendet und lag bewegungslos dort. Um nicht einen anderen, ſich vielleicht in der Nähe befindenden, Hirſch zu verſcheuchen, verhielt ich mich übrigens ganz ruhig und ging nicht hinaus, ihn ab⸗ zufangen; aber wohl eine volle Stunde hatte ich wieder geſeſſen, ehe ich auf's Neue nahendes Wild hörte. 74 Dies Mal waren es mehr Stücke, und ohne ſich im mindeſten aufzuhalten, ja ohne nur die Flamme eines Blicks zu würdigen, betraten ſie den offenen Fleck und wollten ihn eben, ohne ſich weiter um die Salzlecke zu bekümmern, kreuzen, als ein junger Spießer, der Führer der Uebrigen, von dem friſchen Schweiß Witterung bekam und ſchnaubend abſprang. Wohl wußte ich, daß mir jetzt nicht lange Zeit zum Ueberlegen bleiben würde, drum hob ich ſchnell die Büchſe und in demſelben Augenblick krachte auch der Schuß; mit einem Satz überflog aber der Spießer den Bach und war gleich darauf im Dickicht ver⸗ ſchwunden. Als ſich der Pulverdampf verzogen hatte, konnt' ich keines der übrigen Schmalthiere mehr ſehen und nur in der Ferne hörte ich ſie ſchnaubend und pfeifend davon eilen. Ich hatte eben wieder geladen, als, zwar noch fern, aber doch ſchon recht deutlich und freundlich mahnend ein dumpfer Donnerſchlag zu mir herüber⸗ dröhnte, der mir mit klaren Worten erzählte, was ich zu erwarten hatte. Vor allen Dingen nahm ich daher ein Paar brennende Kienſpäne, um mir den Anſchuß und den Schweiß zu beſehen, um daraus zu beurtheilen, wie weit der Spießer wohl noch ge⸗ gangen ſein könne; denn ſchickt in dieſen Sümpfen ein richtiges Gewitter ſeinen ſelten fehlenden Be⸗ gleiter, den Regenguß, herunter, ſo iſt's nachher mit dem Ausmachen ſehr unſicher, weil die Fährten 75 nachher gewöhnlich in einem freundlichen Gemiſch von Schlamm und Waſſer zuſammenlaufen, und wenn nicht die Aasgeier, die merkwürdig raſch bei der Hand ſind, das verendete Stück anzeigen, ſieht's mit dem Finden oft traurig aus. Mit meiner ſchnell gemachten Fackel ging ich jetzt dem Platze zu, überzeugte mich aber gar bald, daß der Hirſch einen Lungenſchuß bekommen hatte und nicht weit fort ſein könnte. Schweiß lag im Ueber⸗ fluß auf dem Anſchuß und in der Fährte; als ich aber eben über den Bach hinüber wollte, um den Platz, wo der Spießer lag, aufzuſuchen und zu ver⸗ brechen oder ihn abzufangen, wenn er noch nicht verendet ſein ſollte(in Amerika iſt allgemein der Kälberfang Sitte und kein Jäger genickt ein Stück Wild), als einige große, ſchwere, fallende Tropfen das jetzt raſend ſchnell herbei eilende Gewitter ver⸗ kündeten; ich ließ alſo Hirſch Hirſch ſein und ſprang zu meinem Geſtell zurück, nahm ſchnell das Feuer herunter, das ich im Innern ſicher niederlegte, um die Kohlen zu bewahren und es nachher, wenn alles Andere naß ſein würde, wieder anzünden zu kön⸗ nen, und deckte nun die vorſichtig herbeigeſchafften Rindenſtücke dachartig über das Gerüſt, indem ich ſie, um mir unter demſelben einen größeren Raum zu geſtatten, etwa einen Fuß breit an jeder Seite vor⸗ ſtehen ließ. Der Mond war von ungeheueren Wolkenmaſſen 76 verdeckt und rabenſchwarze Nacht umgab mich; die faſt ohne Unterbrechung zuckenden Blitze aber gewähr⸗ ten hinlängliches Licht zu meiner Arbeit, und ich war kaum damit zu Stande, als es auch anfing, wie aus Eimern und Dachrinnen zu gießen Mein Regenſchutz bewies ſich ausgezeichnet, aber ich war doch gewiſſermaßen wieder unter die Traufe gekommen, denn die Mosquitos, jetzt nicht mehr durch das Feuer abgeleitet und den trockenen Schutz unter meinem Aufbau behaglicher findend als den naſſen Regen draußen, noch dazu da ſolch ein ſüßes Stück Menſchenfleiſch, in eine dünne wollene Decke gewickelt, nur ganz zu ihrer Bequemlichkeit dorthin geſetzt ſchien, fingen an mich ſo wüthend zu um⸗ ſchwärmen und zu peinigen, daß ich ſchon mein Dach verlaſſen und lieber den fluthenden Regen als dieſe Myriaden von Vampyren ertragen wollte, als mir noch zum Glück die Kohlen einfielen, die ich auf einem Stück Rinde liegend und mit Rinde zugedeckt neben mir hatte; ſchnell blies ich ſie zur Flamme empor, und ein kleines Feuer unterhaltend, auf welches ich naſſes Holz legte, erzeugte ich einen ſolchen Rauch, daß ich faſt zuſammen mit den Mosquitos erſtickt wäre; das ſchützte mich doch wenigſtens in etwas gegen dieſe, und nach einer Stunde fürchterlichen Gießens hörte endlich das Unwetter auf. 7. Zwar warf ich jetzt mein Rindendach wieder herunter und entzündete aufs Neue die Flamme, die 77 Salzlecke hatte ſich aber in einen kleinen Teich ver⸗ wandelt und ich ſelbſt ſaß, am Fuße der gewaltigen Eiche, auf dem einzigen, inſelähnlichen und trockenen Flecke. Natürlich ließ ſich weiter kein Hirſch ſehen, und noch vor Sonnenaufgang verließ ich das ſumpfige Thal und ſchlug mich in die dicht daran ſtoßenden Hügel, wo ich das Balzen eines Truthahns gehört hatte. Die Truthahnjagd iſt in dieſen Wäldern eigent⸗ lich die am wenigſten beſchwerliche, wird aber doch nicht viel betrieben, weil ſie keinen Nutzen bringt. Der Amerikaner ſchießt wohl, was er zu ſeinem ei⸗ genen Bedarfe braucht, da er aber die erlegten Hüh⸗ ner ſelber eſſen muß und nicht verkaufen kann, ſo ver⸗ wendet er nie mehr Pulver und Blei auſ ſie, als unumgänglich nöthig iſt. Mir war's auch an dieſem Morgen nur um einen Braten zu thun, denn das Wildpret der beiden erlegten Hirſche konnte der Jah⸗ reszeit nach nicht ſehr vorzüglich ſein. Ich ſchritt alſo ſchnell der Gegend zu, von der mir dann und wann die kullernden Töne des balzenden Hahnes herüberſchallten, um den Ort noch zu erreichen, ehe es vollkommen Tag wurde. Der Truthahn findet ſich durch die ganzen ver⸗ einigten Stagten, vom Norden bis Süden, vor⸗ züglich aber in den ſüdweſtlichen Theilen, in unge⸗. heuerer Anzahl. Im Frühjahr, März und April balzt der Hahn und iſt dann auch, bis Anfang aaaoaoö 78 Mai, ausnehmend fett; in dieſer Zeit aber nimmt er faſt keine Nahrung zu ſich, und ich habe, beſon⸗ ders im März, beim Anfang der Balzzeit, den Ma⸗ gen eines Hahnes aufgeſchnitten und auch nicht die Spur von Nahrung darin, ſondern die inneren Wände deſſelben nur mit einer reinen, öligen Feuch⸗ tigkeit überzogen gefunden, wie ſie etwa der Bär während des Winterſchlafes bei ſich trägt. Wenn daher im Mai die Hennen brüten, ſind die alten Hähne dürr und ungenießbar, die Jagd muß alſo dann vollkommen eingeſtellt werden. Die Henne zieht acht bis zwölf, ja manchmal ſechszehn Junge auf, von denen ſie ſich nicht mehr trennt, bis im nächſten Frühjahr die Balzzeit aufs Neue beginnt; die alten Truthähne halten ſich übrigens nicht gern zu dieſen Familien und bilden ſehr häufig eigene Ketten von funfzehn und zwanzig, ja oft dreißig Stück, die dann ſtattlich und ehrbar mit ihren gro⸗ ßen Bärten(ein Borſtenbüſchel, der bis ſechs und ſieben Zoll lang, etwa einen Finger ſtark, ihrer Bruſt entwächſt und„Bart“ genannt wird) den Wald durchſchreiten. Beſonders halten ſie ſich gern im Winter zuſammen und balzen dann manchmal aus reinem Vergnügen, daß es meilenweit durch den ſtillen Wald ſchallt. Die Hennen bauen ihre Neſter in dichten, un⸗ zugänglichen Büſchen aus dürrem Laub und Reiſern auf die Erde und verlaſſen ihre weißen, am dicken 79 Ende etwas gefleckten Eier nur ſelten; werden ſie aber mehre Male geſtört und vom Neſte vertrieben, ſo kehren ſie nicht mehr zu dieſem zurück und laſſen es, ſelbſt wenn ſie ſchon eine Zeit lang gebrütet haben, im Stiche.. Im Juli werden die Jungen jagdbar und ſind dann ein gar delikates Eſſen, verlieren aber viel von ihrem ſaftigen Wohlgeſchmack, weil man ſie nicht rupfen kann, ſondern ordentlich abbalgen muß, indem die in dieſer Jahreszeit den Wald erfüllen⸗ den kleinen Holzböcke auf keine andere Art als mit dem Balge ſelbſt von dem Truthahn zu entfer⸗ nen ſind. In der Balzzeit iſt der alte Hahn ſehr ſcheu, und wo er nur das Geringſte, was ihm gefährlich dünkt, äugt, ſo flieht er und iſt auf keine nur erdenkliche Art an jene Stelle wieder hinzulocken; hat ſich aber der Jäger gut verſteckt oder bewegt er ſich wenig⸗ ſtens nicht, ſo kommt er auch, durch das Nachah⸗ men des Hennenrufs herbeigelockt, bis dicht an das Rohr hinan. Die einfachſte und beſte Truthahnlocke beſteht aus dem zweiten, dünnen Flügelknochen der Truthenne ſelbſt, der, an beiden Seiten abgeſchnitten, des Mar⸗ kes entledigt wird und mit welchem, die Luft durch denſelben einziehend, der Ton der Henne auf das Täuſchendſte nachgeahmt werden kann. Einen ſol⸗ chen Knochen führte ich bei mir und war jetzt auf etwa vierhundert Schritt der Stelle nahe gekommen, in welcher der Hahn oben auf einem Baume ſtehen mußte; zu weit aber ſchien mir der Tag vorgerückt, um von dem wachſamen Vogel ungeſehen heran⸗ ſchleichen zu können; ich ſuchte mir daher einen um⸗ gefallenen Baumſtamm aus, hinter dem ich mir mein Lager machte, legte mehre Zweige oben drauf, meinen Kopf ſo viel als möglich zu verdecken, und fing nun an, einige Male zu locken. Im Anfang ſchwieg der Hahn, als er die be⸗ kannten Laute hörte, wahrſcheinlich nur, um ſich erſt genau zu überzeugen, von welcher Richtung her ſie tönten; dann aber, nachdem er darüber im Klaren ſchien, balzte er auf einmal aus Leibeskräften, und ich hörte, wie er gleich darauf vom Zweige abſtiebte und auf mich zu ſtreichend etwa hundert Schritte vor mir einfiel. In kleinen Zwiſchenräumen ließ ich jetzt und zwar nur leiſe die Locke tönen, auf die er ſchleifend und dann und wann kullernd, als ob er ſich halb zu Tode freue, zukam. Vor mir lag eine kleine, ungefähr 15 Schritte tiefe Blöße, und bald darauf ſah ich den blauan⸗ gelaufenen Kopf, mit den rothen herunter hängenden Fleiſchlappen, durch die die Raſenſtelle umgebenden Gebüſche ragen, auf welche er gleich darauf ſelber heraustrat. Zwar hatte ich ihn jetzt ſehr ſchön zum Schuß, durch Erfahrung aber klug gemacht, hütete — f X8 X 81 ich mich wohl, mit der Kugel nach ihm zu ſchießen, ſo lange er die Federn geſträubt hielt, wobei man kaum errathen kann, auf welcher Stelle ſich der Kör⸗ per befinde, und pfiff daher ein Mal recht laut und kurz. „Kitt,“ ſagte der Truthahn und glättete, ſich hoch aufrichtend, am ganzen Körper, indem er vor⸗ ſichtig nach allen Richtungen umherſpähete; mehr ver⸗ langte ich nicht, und beim Krach der Büchſe flatterte er empor und kam dann, in ſcharfem Laufe, gerade auf mich zu;— dicht vor mir aber hielt er, drehte ſich zwei Mal im Kreiſe herum, breitete die Flügel aus und ſtürzte zuckend zuſammen. Es war ein merkwürdig feiſter Burſche und mußte etwas über zwanzig Pfund wiegen. Ich warf ihn aus; denn vernachläſſigt man dies, ſo wird ein Truthahn in wenig Stunden, ſelbſt im Winter, anbrüchig, band ſeine Ständer mit dem Kopf zuſammen und hing ihn mir, waidtaſchenartig, über die Schulter, nahm dann meine Büchſe wieder auf und wanderte langſam der Salzlecke zu, um meine Hirſche zu zerwirken und den Heimweg, nach dem etwa fünf engliſche Meilen entfernten Hauſe anzutreten. Dem unter dem Feuer in der Salzlecke Geſtürz⸗ ten zog ich einen dünnen Streifen Baumrinde durch das Geäs und ſchleppte, oder ſchwemmte ihn ei⸗ gentlich, zum nächſten trockenen Platz; dann aber Gerſtäcker, Wald⸗ und Strombilder. 6 82 machte ich mich daran, den zweiten wieder zu finden, was noch, trotz dem tödtlichen Schuſſe, ſeine gehöri⸗ gen Schwierigkeiten hatte. Der Boden war in einen Teich verwandelt, in dem ſich Fröſche, Eidechſen und Schlangen ſehr behaglich zu fühlen ſchienen, der ſich aber doch keineswegs dazu eignete, einen Hirſch aus⸗ zumachen. Der Regen hatte ſelbſt von den Büſchen den Schweiß rein herunter gewaſchen und dornige Schling⸗ pflanzen zogen ſich überall in dichten, feſten Maſſen zwiſchen ihnen hindurch; der Hirſch konnte aber nicht mehr weit gegangen ſein, und nach kaum viertel⸗ ſtündiger Suche fand ich ihn, etwa zweihundert Schritt vom Anſchuß, verendet. Wie das vorige Stück ſchaffte ich den Spießer vor allen Dingen auf trockenen Grund und Boden, hatte aber dabei keine kleine Mühe, durch den an⸗ geſchwollenen Bach zu kommen, den ich nicht um⸗ gehen, alſo durchwaten, eigentlich faſt durchſchwim⸗ men mußte, denn das Waſſer ging mir bis unter die Arme. Als das geſchehen, zündete ich jetzt vor allen Dingen neben meiner Beute ein tüchtiges Feuer an, welches dem doppelten Zweck entſprach, mich zu trocknen und zu wärmen, und einen Theil meines Truthahns zu braten; denn mich hungerte bedeutend. Während ein paar der ſaftigſten Stücke am Feuer ſchmorten, zerwirkte ich die beiden Hirſche, nahm von dem Spießer die beiden Keulen und das „ 83 „brisket“(der Theil zwiſchen den Blättern vorn, wo die kurzen Federn zuſammenſtoßen), ſchlug es in eine der Wilddecken ein, verzehrte dann mein einfa⸗ ches, aber darum nicht minder gutes Frühſtück, hing mir nachher die Ueberreſte des Truthahns, meine wollene und die beiden friſchen Wilddecken, nebſt den darin liegenden Keulen über, ergiff meine Büchſe und wanderte, das übrige Wildpret den Aasgeiern oder Wölfen überlaſſend, der nächſten Anſiedelung zu.— Wer übrigens je eine längere Zeit in den ſüd⸗ lichen Theilen Nordamerika's jagte, hat auch ge⸗ wiß mit eben dieſen Aasgeiern, ſeltener mit den Wölfen in Streit gelebt. Dieſe erſteren folgen dem Jäger, wenn er erſt einmal einige Stücke Wild er⸗ legt hat, fortwährend, und laſſen ihm kaum Zeit ſeine Beute aufzubrechen. Mit ſchlecht verhaltener Gier ſitzen ſie in den benachbarten Bäumen, und erwar⸗ ten den Augenblick, in welchem der Jäger den Platz verläßt, um dann mit ihren ſcharfen, langen Schnä⸗ beln über das Zurückgelaſſene herzufallen, von dem nach wenigen Stunden ſelten mehr als die Knochen übrig ſind. Nur ein Mittel giebt's, ſich ihrer in etwas zu erwehren und das iſt, das Stück Wild in der Decke zu laſſen und am Kopfe aufzuhängen; dann finden ſie nirgends einen Anhaltepunkt, als an dem Kopfe ſelber, an dem man ihnen gern ver⸗ ſtattet, herumzuhacken. 64 TMünnenne 84 Noch andere Feinde aber, gegen die ſelbſt das Aufhängen nicht viel nützt, ſind die großen Raben, die nun zwar dem Wildpret ſelber nicht viel Scha⸗ den thun, aber das Talg heraushacken, da es, um abzukühlen, doch aufgebrochen werden muß. Einige weiß geſchälte Stöckchen aber, durch die Wammen querüber geſteckt, ſind ziemlich zweckmäßig, dieſe Burſchen abzuhalten, die ihren Hals nicht gern durch die weißen Hölzer hinein zu ſchieben wagen. Im Winter geht das übrigens noch Alles an, es ſind Unannehmlichkeiten, denen man doch wenigſtens theilweiſe noch begegnen kann; im Frühjahr und Sommer aber erſcheint eine Jägerplage, gegen die es faſt gar keinen Schutz giebt, und das ſind die Schmeißfliegen, die zu Tauſenden faſt in demſelben Augenblick erſcheinen, wo das Wild von der Kugel getroffen ſtürzt. Will man das Wildpret ſpäter mit nach Hauſe nehmen, ſo iſt das einzige Mittel, um es von dieſer Landplage frei zu halten, es in's Waſſer zu legen. Aber nicht überall hat man Waſ⸗ ſer, welches dazu tief genng iſt, in der Nähe, und in den ganz ſüdlichen Staaten geht dies auch über⸗ haupt nicht an, da die Alligatoren ſonſt bald das ihrem Bereich anvertraute in Beſchlag nehmen wür⸗ den. Wollte man einen ſtarken Rauch unter dem Wildpret unterhalten, ſo würde dies auch nur theil⸗ weiſe gegen dieſe Inſekten ſchützen; will daher der Jäger im Sommer Wildpret bewahren, ſo muß er 85⁵ es an Ort und Stelle in ſchmale Streifen ſchneiden und über einem langſamen Feuer dörren; dann hält es ſich Monate lang.— Die Feuerjagd auf Hirſche wird auch noch auf eine andere Art als mit aufgebautem Gerüſt betrie⸗ ben, und beſonders dort in Anwendung gebracht, wo ſich ſehr viele, verſchiedene Salzlecken in einer und derſelben Gegend finden und der Hirſch zwi⸗ ſchen ihnen wechſelt. Um nämlich unter ſolchen Ver⸗ hältniſſen leicht von einem Platz zum anderen gehen zu können, nimmt der Jäger eine gewöhnliche eiſerne langſtielige Bratpfanne(wo dieſe nicht zu bekommen iſt, muß eine künſtlich aus Zweigen und Erde ge⸗ machte, den Dienſt verrichten), befeſtigt an dieſelbe noch ein etwa 3—4 Fuß langes, einige Zoll breites Bret, damit ſie leicht auf der Schulter liegt und ſich nicht wenden kann, und thut in dieſe nun den fein geſpaltenen Kien, mit dem er leicht den Wald nach allen Richtungen hin durchwandern kann. Vorn in das Bret wird eine, von Holz geſchnitzte, kleine, breite Gabel eingebohrt, um beim Schießen die Büchſe hineinlegen zu können, wo dann der ſchwere Kien in der hinten mehre Fuß vom Kopf abſtehenden Pfanne das Gleichgewicht gegen das Rohr hält und eine feſte Lage verſtattet. Die hinter dem Kopfe be⸗ findliche Flamme läßt nun dem Jäger die Lichter eines Stückes Wild oder Raubthieres auf mehre hun⸗ dert Schritte erkennen, und da ſich das erſtere ———ͤnn ——— 86 (Raubthiere lieben die helle Flamme nicht, äugen auch nicht gern hinein) keineswegs vor dem Feuer fürchtet, ſo kann man, wenn man nur leiſe und ohne Geräuſch ſich nähert, auch beſonders den Wind gut beobachtet, leicht an die vertrauend ziehenden Stücke herangehen. In weiter Ferne verſchmelzen die bei⸗ den Lichter der Hirſche in einen glühenden Feuerball, der ſich jedoch, bei dem immer näher und näher Kommen ſcheidet, und erſt in richtiger Schußnähe ſieht man dann die zwei Kugeln in der gehörigen Entfernung zu einander ſtehen. Den Wind kann man dabei ſehr leicht nach dem Rauch beobachten, der auf keinen Fall über den Kopf hinweg ziehen darf. Springt nach dem Schuß das Wild ſchnell und flüchtig ab und rennt fort, ſo iſt es ein ſicheres Zeichen, daß die Kugel ſitzt; hat aber der Jäger ge⸗ fehlt, ſo verſchwinden dir Lichter plötzlich; der Hirſch wendet ſich und geht langſam, ohne die mindeſte Furcht zu verrathen, hinweg. Kommt man nahe genug heran, um die ganze Geſtalt des Wildes zu erkennen, ſo ſchießt man natürlich auf's Blatt; iſt das aber nicht der Fall, ſo hat man ein ſo ſchönes Abkommen bei der hinten lodernden Flamme, daß man getroſt zwiſchen die beiden Lichter hinein halten kann, was überdies immer der beſte Schuß iſt.. Etwas iſt hierbei jedoch noch zu bemerken, auf das der amerikaniſche Jäger ebenfalls ſehr viel Rück⸗ 87 ſicht nimmt: der Mond nämlich, nach welchem ſich das Hochwild mit ſeiner Aeſung richtet. Scheint dieſer die ganze Nacht, ſo zieht es am ſtärkſten gleich nach Dunkelwerden, bis etwa zwei Uhr Morgens umher, wo es ſich dann niederthut und bis zur frühen Morgendämmeruug ſitzt; leuchtet er hingegen die Nacht gar nicht, ſo äßt auch das Wild nicht ſehr lange mehr nach Sonnenuntergang, höchſtens ziehen dann Schmalthiere bis zehn oder eilf Uhr Abends an die Salzlecken; dahingegen äßen ſie am Tage Morgens ganz früh; Mittags etwa von zwölf bis eins und Abends wieder von vier Uhr an. Doch läßt ſich darüber nichts ganz Genaues beſtimmen. Einzelne findet man faſt zu jeder Tageszeit munter. So ſelten nun, in Weſten wenigſteus, die Hirſche mit Hunden gehetzt werden, ſo intereſſant iſt dieſe Jagd auf Truthühner, wenn ſie ſich im Winter zu⸗ ſammen gethan haben und nun in Ketten, oft von 39—50 Stück, durch den Wald ziehen. Von den Hunden eingeholt, bäumen ſie augenblicklich und äu⸗ gen nun, ſich auf ihrer Höhe ſicher glaubend, mit großer Zufriedenheit auf die, die Bäume toll und wild umſpringenden Hunde hernieder, bis der Jäger heranſchleicht und mit der Kugel(denn Schrot würde in jenen hohen Bäumen von gar keiner Wirkung ſein), den Truthahn herunter holt. Es bedarf dazu übrigens nur eines Flügelſchuſſes, denn das Wild 88 iſt ſo ſchwer, daß es faſt ſtets durch den Fall, wenn auch ſonſt nicht tödtlich getroffen, verendet. So geſcheidt der Truthahn aber auch ſonſt iſt, ſo albern und unbehülflich ſtellt er ſich an, wenn er ſich gefangen glaubt, und eben auf dieſe ſeine Dumm⸗ heit ſind auch die Fallen berechnet. Wo nämlich der Anſiedler,— denn der Jäger nimmt ſich ſelten die Mühe, das mit der Arxt zu bekommen, was er mit der Büchſe erlegen kann,— eine Kette Truthühner zu fangen wünſcht, ſei es nun in einem abgeärnte⸗ ten Maisfeld oder im Walde, da macht er von lan⸗ gen, geſpaltenen, ſchweren Stangen eine Umzäu⸗ nung, die etwa zehn bis zwölf Fuß im Quadrat hat und ſo hoch ſein muß, daß der größte Trut⸗ hahn, aufgerichtet, darin herumlaufen kann. Die Decke wird nachher mit Holz oder Steinen beſchwert, daß ſie dem Aufflatternden nicht nachgiebt. In eine der Wände, am beſten nach der Richtung hin, in welcher die Hühner gewöhnlich ins Feld kommen, wird eine kleine Thüre geſägt. Gerade unter dieſer hinweg führt eine Art ſchmaler Laufgraben in das Innere der Umzäunung; unter der Thür iſt dieſer Graben am tiefſten und läuft nach Innen wieder auf die Oberfläche hinaus. Dieſer Graben wird bis aauf zwölf und funfzehn Schritt von der Falle weg⸗ geleitet und nach ihm hin ſparſam, in ihm aber reichlich Mais geſtreut, der bis in den eingezäun⸗ ten Raum hinein führen muß, wo es gut iſt, wenn 89 ein kleiner Haufen von Maiskolben dem Truthahn gleich entgegen lacht. Der Graben aber und die darüber hingehende Thür dürfen zuſammen nur ſo hoch ſein, daß ein ausgewachſener Truthahn, wenn er, mit dem Kopf auf der Erde, der Aeſung nahe geht, gerade hindurch ſchreiten kann, alſo etwa zwanzig bis vierundzwanzig Zoll. Finden nun die den Wald durchſtreifenden Hühner den umher ge⸗ ſtreuten Mais, ſo folgen ſie den einzelnen Körnern, gerathen in den Graben und treten nun, das Ge⸗ ſtell wenig beachtend, in den inneren hohen Raum, wo ſie ſich gar bald an dem dort aufgeſchichteten Vorrath eine Güte thun. Auf dieſe Weiſe gehen manchmal zehn und fünfzehn zu gleicher Zeit in die Falle. Nun hindertesſie freilich nichts auf der Welt, auf eben dieſelbe Art das Geſtell zu verlaſſen, wie ſie es betreten haben; ſobald aber nur einem von ihnen der Gedanke kommt, das Freie zu ſuchen, wo⸗ bei er ſich natürlich aufrichtet und, den feſt ver⸗ wahrten Ort über ſich erblickend, das Warnungs⸗ zeichen giebt, ſo erheben in demſelben Augenblick Alle die Köpfe und verſuchen flatternd in die Höhe zu entkommen; keiner von ihnen denkt von dem Au⸗ genblick weder mehr daran, den Mais zu berühren, noch ſich überhaupt zu bücken, und ich weiß den Fall, daß ſie ſich auf dieſe Art gegen Abend gefangen ha⸗ ben und bis zum nächſten Nachmittag darin geblie⸗ 2—— ben ſind, wo dann der Farmer herbei kam und ſie einzeln heraus holte. Der arme Truthahn hat übrigens auch noch außer dem Menſchen ſehr viele andere Feinde, denn Wölfe, Füchſe, Marder, Katzen, Panther ſtellen ihnen nach; ihr grimmigſter Verfolger aber iſt der weiß⸗ köpfige Adler, dem ſie auch nicht einmal entfliehen können, und zeigt ſich ein ſolcher in der Luft und umkreiſt die Bäume, dann rührt ſich kein Truthahn in ſeinem Verſteck und man kann ſie, wenn man ſie zufällig findet, faſt mit der Hand greifen. Als ich zuerſt die wirklichen Wälder Amerika's betrat, hatte aber nicht allein das Wild für mich Intereſſe, ſondern auch die eingebornen Jäger ſelbſt, die in der Wirklichkeit ganz und gar von dem Bilde abwichen, welches ich mir in meiner Phantaſie von ihnen gemacht hatte. Beſonders viel war mir von den ſogenannten „Hinterwäldlern“ erzählt worden, die in der Bevöl⸗ kerung Amerika's gewiſſermaßen eine eigene Gat⸗ tung bilden. Es ſind Landleute, inſofern ſie ſo viel Welſchkorn bauen, als ſie für ſich und ihre Familie und ein Paar Pferde und Schweine bedürfen, im Uebrigen leben ſie von der Viehzucht und Jagd und führen eigentlich genau genommen, trotzdem, daß ſie — 91 Häuſer bauen und kleine Felder anlegen, doch ein Nomadenleben; denn ſelten bleiben ſie länger als drei oder vier, oft nicht ein Jahr auf einem Fleck, ſondern ſind ſtets bereit, ihr mit ſaurem Schweiß urbar gemachtes kleines Beſitzthum um Weniges wie⸗ der zu verkaufen und weiter weſtlih zu ziehen. Als ich zuerſt nach Miſſouri kam(denn ſelbſt Illinois liegt jetzt ſchon zu öſtlich für dieſe Men⸗ ſchenklaſſe), hörte ich, etwa ſechzig Meilen unterhalb St. Louis, von einem gewiſſen Coltert, der ein alter, tüchtiger Bärenjäger ſein und mitten im Wald in einer kleinen Hütte leben ſolle. Die Beſchreibung dieſes Mannes, wie er lebte, was er ſchon alles für Abenteuer durehgemacht, wie viel Bären und Panther er erlegt, wie oft er verwundet worden, ein Mal ſogar lebensgefährlich, als er ſeinen Lieb⸗ „ lingshund einem Bären entreißen wollte, das Alles ſpannte meine Neugierde auf das Aeußerſte und machte mich ſehr begierig dieſen Mann kennen zu lernen, denn im Geiſte malte ich ihn mir ſchon ganz nach indianiſcher Art, mit allen möglichen Waffen und Jagdgeräth verſehen, aus, und beſchloß, wenn 4 ich auch Meilen weit umgehen müßte, ihn aufzu⸗ ſuchen. Mein Weg ſollte mich indeſſen etwa drei Mei⸗ len vor ſeinem Hauſe vorbei führen, wo, wenn ich einen gewiſſen Fluß erreicht hätte, ein Pfad rechts abging, der bis zu ſeiner Hütte hinlief. Bis zu 92 dieſem Fluſſe hatte ich etwa noch ſechs engliſche Meilen zu marſchiren und wanderte friſch darauf los, um den alten Jäger ſo bald wie möglich ken⸗ nen zu lernen, als ich einen Mann auf der Straße überholte, der ſich ganz gemüthlich dicht am Wege ſeiner weißen leinenen Beinkleider entledigt hatte, trotz dem unfreundlich kalten Wetter ziemlich behag⸗ lich auf einem umgehauenen Baumſtamm ſaß und die etwas ſehr zerriſſenen flickte.— Sonſt trug er einen blau wollenen Frack, ein weißes Hemd und ein Paar grobe rindslederne Schuh, welche drei letz⸗ teren Kleidungsſtücke, als ich zu ihm trat, ſeinen ganzen Anzug ausmachten; neben ihm aber ſtand ein alter, recht ungeſetzlich außer Facon gedrückter Filzhut, und an einem Baume lehnte eine lange Büchſe—(ohne die ſelten oder nie ein Landmann ausgeht) mit einer kleinen ledernen Kugeltaſche und einem in ein buntes Taſchentuch eingebundenen Päckchen.. 1 8 Der Anblick war ſo komiſch, daß ich unwillkür⸗ lich ſtehen blieb und ihm freundlich guten Tag bot; er dankte, ſchien ſich aber ſonſt nicht weiter um mich zu kümmern, ſondern ſteckte ſeine Nadel und Zwirn, da er ſeine Arbeit gerade beendigt hatte, in die Ku⸗ geltatſche, zog das ausgebeſſerte Kleidungsſtück wie⸗ der an, hing ſich die Taſche um, ſetzte den alten Filz, der ihm ein merkwürdig antikes Ausſehen gab, auf, nahm das Bündel in die linke Hand und dann 93 den Büchſenlauf mit der rechten ergreifend, warf er ſich dieſe, den Kolben nach hinten, über die rechte Schulter, indem er zu mir ſagte:„Nun, Fremder, wenn Ihr mit wollt, ſo kommt! urn Es lag etwas ſo ernſt Drolliges in ſeinem We⸗ ſen, das mich unwillkürlich anzog, und wir plau⸗ derten, neben einander herſchlendernd, über vielerlei. Endlich erreichten wir den Fluß; mein Begleiter reichte mir die Hand und wollte ſich verabſchieden, ich bat ihn aber, mir zuerſt den Weg nach des al⸗ ten Coltert Haus zu zeigen, weil ich dieſen aufzuſu⸗ chen wünſchte. „Kennt Ihr den alten Coltert?“ fragte er mich und wechſelte mit der Büchſe auf die andere Schulter. „Nein, ich kenne ihn nicht, wünſchte ihn aber kennen zu lernen!“ „Nun,“ ſagte er,„wenns weiter nichts iſt, das Vergnügen habt Ihr die letzten zwei Stunden gehabt!“. Ich ſtaunte nicht wenig, unter dem alten Filz und in dem hellblauen, wollenen Frack meinen Bä⸗ renjäger zu finden, der noch dazu ſo ächt waid⸗ männiſch die Büchſe, Kolben nach hinten, trug, folgte aber nichtsdeſtoweniger ſeiner freundlichen Ein⸗ ladung, die Nacht bei ihm zuzubringen, und wurde für den kleinen Umweg reichlich durch einige der delikateſten Bärenrippen und viele romantiſche Er⸗ 94 6 zählungen aus dem thatenxeichen Leben des Alten belohnt. In mancher Hinſicht ſehr befriedigt verließ ich ihn am andern Morgen.— Hatte mir einen amerikaniſchen Jäger aber doch anders gedacht. Die Erz zählungen des Alten hatten aber die Jagdluſt um ſo mächtiger in mir aufgeregt und ich beſchloß, was ich auch ſpäter redlich gehalten habe, Arkanſas nach allen Richtungen zu durchſtreifen und die Bärenhetzen, von denen ich ihn jetzt nur reden gehört, ſelber mitzumachen. Der Bär gehört unſtreitig zur edelſten und da⸗ bei auch einträglichſten Jagd Amerika's, und iſt der Kampf mit ihm auch manchmal gefährlich, nun ſo verleiht das der Sache ja auch wieder ein ſo viel friſcheres, gewaltigeres Juterkſſe; denn das arme 1 Wild zu erlegen, welche es ſich nicht widerſetzen kann, ſelbſt wenn 8 wollte, und nur in der Flucht ſein Heil ſuchen muß, nun ja, es iſt auch ſchön und der den düas Hgelhrenes Zerſtörungsgeiſt⸗ macht es ſchon anziehend 2 für uns; mir fehlte aber immer etwas bei ner Jagd, es kam mir ſtets vor, als ob es doch nicht das Rechte ſei, nach dem ich mich geſehnt hätte, bis ich das erſte Mal„Fuß an Fuß“ mit einem der alten, ſchwarzen Burſchen 5 ſtand, und nun auch wußte, ich trüge das großße 6 8 4 — Meſſer nicht blos zum Staate an der Seite. Die Bären fangen übrigens ſchon an in den vereinigten Staaten ſehr ſelten zu werden, nur d* . 95 noch in den unermeßlichen Sümpfen des Miſſiſſippi⸗ und Arkanſas⸗Thales und den ſteilen, an vielen Stellen faſt unzugänglichen Ozark⸗Gebirgen finden ſie ſich und werden mit einigem Erfolg von den Weißen, und an dem letzteren Orte auch theilweiſe von Indianern gejagt; jedes Jahr vermindert ſich aber ihre Anzahl bedeutend und die Zeit iſt nicht mehr fern, wo eine Bärenfährte in Arkanſas eine Seltenheit ſein wird. Die Bärenjagd ſelber wird in jenen Gegenden auf drei verſchiedene Arten betrieben: Erſtens durch Pürſchen, ggweitens durch H etzen mit guten, darin geübten Hunden, und Drittens durch das Aufſuchen der Stellen, in welchen er ſeinen Winterſchlaf hält. Das Pürſchen, ſo intereſſant es an und für ſich iſt, kann übrigens nur im Spätſommer und Herbſt 4— geſchehen, in welchen. Jahreszelten der Bär ſeine Nahrung in den Früchten des Waldes ſucht und ſorglos dabei umhertrollt. In bergigen Gegenden, * wo viele Heidelheeren wachſen, geht daher die Suche ſchon im Juli an, da er bis Ende Auguſt von die⸗ ſen lebt; dann jedoch, ſobald die Eicheln der Weiß⸗ eiche reifen, aber noch nicht abfallen, erſteigt er dieſe und bricht oft ziemlich ſtarke Aeſte herunter, um von ihnen ſeine Lieblingsnahrung abzuleſen. Sind viele Bären in einer Gegend, ſo iſt die Jagd in dieſer 96 Jahreszeit ſehr intereſſant, weil man den Bären, ſobald er erſt einmal anfängt, Zweige niederzubre⸗ chen, eine lange Strecke weit hören und ſehr leicht an ihn heranſchleichen kann. Wo ſie aber nur ſel⸗ ten angetroffen werden, wäre es freilich ein undank⸗ bares Geſchäft, nach den wenigen im Walde her⸗ umzuſuchen; dazu iſt die Hetze und mit einer tüchti⸗ gen Meute Hunde, ſicherer Büchſe und breitem, kurzem Stahl an der Seite, auf einem guten, zä⸗ hen Poney, in geſtrecktem Galopp durch den Wald und Sumpf, hinter den klaffenden, heulenden Hun⸗ den her, das iſt die Jagd, wo einem das Herz warm wird und kühner und freudiger in der Bruſt klopft. Stellt ſich dann der Bär,— denn nicht immer ſucht er auf einem Baum den Feinden zu entgehen,— und tritt ihm der Jäger mit dem Meſſer in der Fauſt entgegen, ſo wird es doch auch eine Jagd, die Ehre bringt und die einen Mann, keinen bloßen Sonn⸗ tagsjäger erfordert; das Gefühl, mit dem man nach⸗ her den ſchweißbefleckten Stahl in die Scheide zu⸗ rückſtößt, wiegt alle anderen Jagden auf. Die letzte Bärenhetze machte ich in Amerika im Sommer mit. Vir hatten keinen großen Nutzen von der Be⸗ ſtie; ſie war aber zu lüſtern nach„ihres Nächſten Schweinen“ geworden, die ſie den in Unmaſſe im Walde wachſenden Heidelbeeren vorzog, und mußte daher aus dem Walde geſchafft werden. Uebrigens zogen wir damals nicht mit der Idee einer Bären⸗ 97 8 jagd aus, ſondern wollten blos ein Paar Hirſche ſchießen, um das Gehirn derſelben zum Gerben ei⸗ niger Wilddecken zu erhalten(die indianiſche Art Hirſchhäute zu gerben, geſchieht nur mit dem Behirn des Hirſches ſelbſt und ſpäter durch Rauch), a wir, von einem alten Jagdgenoſſen, der ſeine 8 meines Begleiters Hunde mitgebracht hatte, über⸗ holt wurden. Drei alte Sauen, erzählte dieſer, ſeien ihm in wenigen Nächten weggeholt, und er dürſtete nach Rache, die ihm denn auch im reich⸗ lichſten Maße wurde. Es war jedoch ziemlich trocken und dürr, und die Hunde, obgleich mit dem rühm⸗ lichſten Eifer ſuchend, konnten in langer Zeit keine friſche Fährte finden; wir hatten ſie aber in dem dichten Unterholz bald aus den Augen verloren und ritten lachend und erzählend über die Berge; plötz⸗ lich riß der Alte ſein Pferd zurück und horchte, ſich hoch im Sattel aufrichtend, mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit. Ein kurzes, dumpfes Geheul ließ ſich hören—„das war Muse,“ rief er— ein ſcharfes, kurzes Bellen folgte„das iſt Watch.“— Gleich darauf ſchlugen zwei der Lieblingshunde zu gleicher Zeit an. Jetzt aber ſchwenkte der Alte den Hut—„ſie haben ihn,“ jubelte er, und dem Pferde den einen Sporn in die Seite drückend, flog er dem Anſchlagen der Hunde zu. Ich ließ ihn nicht die Büſche für mich theilen, ſondern brach mit Hozart an ſeiner Site ins Gerſtäcker, Wald⸗ und Strombilder. 98 Dickicht; gleich darauf ſchlug auch die ganze Meute — etwa 15 Hunde, an, daß der Wald widerhallte. Wir ließen unſere Stimmen luſtig drein ſchällen, und wie die wilde Jagd gings durch Dorn und Schling⸗ pflanze, über umgeſtürzte Stämme und losgeriſſene Steinmaſſen fort dem Schalle nach, der in Schlucht und Thal das Echo erweckte. Der Bär ſah übrigens bald ein, daß er im of⸗ fenen Wald der verfolgenden Meute nicht entgehen konnte, und eilte einem alten Hurricane“) zu, wo die Eichen und Fichten wie Kraut und Rüben durch einander lagen und die Dornen und Schlingpflan⸗ zen und ſpäter aufgeſchoſſener Nachwuchs die Zwi⸗ ſchenräume ausgefüllt hatten. Die Jagd wurde toller und toller; die Pferde, die Begeiſterung der Reiter theilend, ſetzten in faſt unglaublicher An⸗ ſtrengung über alte Baumſtämme und durch Dick⸗ ichte, die im erſten Augenblick faſt undurchdringlich ſchienen.. Im Anfang waren wir drei Reiter beiſammen geblieben; der fürchterlich verwachſene Wald aber hatte ſpäter Jeden den beſten Durchweg allein ſu⸗ chen laſſen, und bald konnte ich nichts mehr von den beiden Anderen hören noch ſehen, ſondern ver⸗ muthete nur, daß ſie, um dem Bären den Weg ab⸗ *) Hurricane, eine Art Orkau, der in langen Strichen dn Land durchzieht und oft meilenbreit jeden Baum um⸗ ürzt.*. 99 zuſchneiden, vielleicht eine andere Richtung einge⸗ ſchlagen hätten; eine plötzliche Wendung des ver⸗ folgten Thieres drehte jedoch die Hetze plötzlich nach meiner Seite; kleffend und jauchzend ſtellte ihn in einem entſetzlichen Dickicht die Meute, und durch eine dichte Brombeerhecke ſetzend, die das letzte von mir abſtreifte, was nicht niet- und nagelfeſt war, fand ich mich in Schußnähe des Kampfes. Augenblick⸗ lich aber warf ich mich vom Pferd und ſprang der Wahlſtatt zu, wo ein ungeheuerer Bär ſich mit der größten Kaltblütigkeit und Tapferkeit gegen eilf der beſten Hunde, die je einer Fährte in Arkanſas folg⸗ ten, vertheidigte; mein Anblick brachte ihn jedoch außer Faſſung und er wollte Ferſengeld geben, die Hunde waren ihm aber zu nahe auf dem Pelz, und vergebens ſah er ſeine Bemühungen, einen Rückzug zu bewerkſtelligen. Ich hatte mich indeſſen immer noch gefürchtet zu ſchießen, da zu viele Gefahr war, einen der Hunde mit zu treffen; als ich jedoch noch unſchlüſſig halb im Anſchlag da ſtand, krachte des Alten wohlbekannte Büchſe und, für einen Augenblick wenigſtens, ſchien der Bär die ihn umtobenden Hunde ganz vergeſſen zu haben, denn ſtöhnend warf er ſich zu Boden und lag im Nu von jenen bedeckt; doch nicht lange ver⸗ harrte er in dieſer Lage, ſondern ſprang, mit jeder ſeiner gewaltigen Branten einen der Rüden von t ſich ſtoßend, wieder in die Höhe. 7* mrein breites Meſſer in die Bryſt ſtieß un 3 100 Theil zu nehmen, dies wohl der einzige Zeitpunkt wäre, in dem ich nützlich ſein könnte, und das Meſ⸗ ſer aus der Scheide xeißend, ſprang ich auf den Ge⸗ ſtürzten zu, ihm durchs Herz zu jagen. Ich war aber, on Schritte von ihm, entfernt, s er ſich, wie ſchon geſagt, mit einer gewaltigen Kraftanſtrengung⸗ befreite, und das eerſte, was ihm in dieſer gexade nicht liebenswürdigen Si⸗ mation in die Augen ſieb war⸗ meine werthe Per⸗ ſon, mit bloßem Meſſer und allen Zeichen⸗ einer bös⸗ lichen Abſicht auf ihn zuſpringend: Erekam mir auf halbem Wege entgegen, und ich mag gerade kein ganz freundliches Geſicht geſchnitzen habenz⸗ das weiß ich nux, wie mir der Gedanke durch's Hirn fuhr, ich⸗ hätte mich ſchon in viel behaglicheren Situationen, befunden. Aus dem einfachen Grunde jedoch hielt ich Stand, weil ich im erſten Augenblick wirklich gar nichts andres zu thun wußte und begegnete⸗ dem An⸗ lauf des Bären, indem⸗ ich ihm mit aller Gewalt⸗ „Was weiter geſchah, kann ich nicht mehr genau⸗ ſagen; ein ſchwexer Schlag, de ich zurückwarf, ein. dumpfes, ſchmexzhaftes Gefühl, ein bekanntes Geſicht, das ich erblickten ehe ich ſtürzte, und ein erſtickendes 3 ich mich Hewicht, dgs guf mir ag, iſt Alles noch entſinne.„35 214 ni — G— „— 101 Als ich wieder zu mir kam, fühlte ich, wie mir der Alte einen Hut voll Waſſer nach dem andern und zwar mit einem Eifer ins Geſicht goß, der bei einer Feuersbrunſt äußerſt lobenswerth geweſen⸗ wäre. Ich erholte mich jedoch bald und fand, mich⸗ aufrich⸗ tend, daß ich den erlegten Bären zum Kopffiſſen hatte. Als dieſer auf mich los ſtürmte, war der Alte glücklicher Weiſe dicht dabei geweſen, unde die Hunde konnten zwar nicht verhüten, daß mich jener zurückwarf, ſich aber in grenzenloſer Wuth auf ihn ſtürzend, überwältigten ſie bald den ſchwer Verwun⸗ deten, meines Alten Stahl dabei nicht zu vergeſſen, der die Haut mehr einem Sieb als etwas anderem ähnlich machte. Es iſt übrigens nicht immer der Fall, daß der Bär ſich, auf das Aeußerſte getrieben, den Hunden auf ebener Erde ſtellt; gewöhnlich erklettert er, mit ausgezeichneter Gewandtheit, im Fall ihm nicht eine Vorderbrante zerſchoſſen iſt, wie ich das auch ein Mal geſehen habe, einen Baum, und kann dann mit geringer Gefahr herunter geſchoſſen werden; einen gehörigen Schlag aber thut's, wenn ſolch ein alter Burſche von zwei bis dreihundert Pfund, acht⸗ zig oder hundert Fuß hoch hernieder und zu Boden ſchmettert, und es iſt ſchon oft der Fall vorgekom⸗ men, daß er im Sturz einige, der ihn unten zu eifrig erwartenden Hunde erſchlagen hat. Steht er 10² auf ebener Erde, ſo wirft er ſich gewöhnlich, gleich nach empfangener Kugel, zu Boden und ächzt und ſtöhnt wie ein Menſch; decken ihn aber dann die Hunde, ſo verſucht er nicht ſie einzeln zurückzuſchla⸗ gen, ſondern er ſtemmt wie in dieſem letzten Falle erſt ſeine Branten ſo gegen ſie, daß er ſich mit einem gewaltſamen Ruck befreien kann, und wehe dann dem Jäger, der ihm in dieſem Augenblick zu nahe iſt!— ohne des Alten Hülfe wäre auch ich rettungslos ver⸗ loren geweſen. Hat der Bär einen Baum erſtiegen und ſich oben feſtgeſtellt, ſo können ihn die Hunde nicht wieder hin⸗ unter ſcheuchen; der Anblick eines Menſchen aber macht ihn unruhig und verſagt das Gewehr, ſo kommt er gewöhnlich mitten zwiſchen die Meute hin⸗ eingefahren und verſucht aufs Neue zu fliehen, doch iſt das nicht ſtets der Fall. Aeußerſt intereſſant iſt der Pürſchgang auf Bä⸗ ren, wenn man unbeachtet an einen derſelben her⸗ ankommen kann. Anſcheinend ſorglos trollt der ſchwarze Geſelle durch den Wald, und wer ihn ſo ſieht, mit den plumpen, ungeſchlachten Knochen, den Kopf unten, faſt auf dem Boden, nachläſſig, ſchein⸗ bar auch nicht das Mindeſte um ſich her beachtend, ahnt wohl kaum, daß eben dieſes anſcheinend plumpe Geſchöpf ſchneller als ein Pferd laufen und faſt ſo behende als eine Katze klettern kann; in ſeinen 6* 6- 103 Branten hat der Bär übrigens die meiſte Gewalt, und ſelten benutzt er ſeine Gefänge, denn ein Schlag mit der Vorderbrante iſt hinreichend einen Hund zu tödten und ſelbſt einen Stier zu betäuben. So fürchterlich er aber, wenn zum Aeußerſten getrieben, iſt, ſo harmlos und unſchädlich zeigt er ſich auch, wenn nicht beläſtigt— man hat noch nie gehört, daß ein Bär einen Menſchen aus freien Stücken angefallen habe, ausgenommen es war eine Bärin, die ihre Jungen vertheidigte. Auch der Schaden, den er dem Landmann thut, wäre nicht ſo bedeutend, wenn er nicht im Sommer, wo noch keine Beeren im Walde ſtehen und die Eicheln noch nicht reif ſind, ſich an die zahmen Schweine hielte; hat er aber erſt einmal den Geſchmack von dieſen weg bekommen, dann thut er auch ungeheueren Schaden, weil er nur gezwungen Aas frißt und ſich, wenn er's irgend haben kann, jede Nacht ein friſches Schwein holt. In dieſem Fall muß er gejagt und erlegt, oder wenigſtens aus der Gegend vertrieben werden, denn nicht immer können die Hunde im Sommer einen mageren Bären einholen, der ihnen oft im offenen Walde durch ſeine Schnelle ent⸗ geht.— Der Bär hält aber, wie der Dachs, ſeinen Win⸗ terſchlaf, liegt mehre Monat feſt in ſeinem gewähl⸗ ten Lager, wo er ſogar ſchwer zu erwecken iſt; in 104 dieſer Zeit wäre dann Pürſchjagd wie Hetze ver⸗ gebens. Die Schlafzeit dauert in Arkanſas, wo das Klima ziemlich mild iſt, von Weihnachten bis Ende Februar; während dieſer ganzen Zeit frißt er weder noch ſäuft er, und in dieſer Zeit iſt ſein Magen in⸗ wendig mit einer reinen, öligen Fettigkeit überzogen. Anfang März aber fängt er zuerſt an, den nächſten Bach aufzuſuchen, um ſeinen Durſt zu löſchen und kehrt dann immer wieder in das Lager zurück. Son⸗ derbarer Weiſe tritt er hierbei ſtets, ſo oft er auch gehen mag, in ſeine zuerſt gemachten Fährten, die dann zuletzt breit und deutlich ausgetreten und stepping path oder Schrittpfad von den Jägern genannt wer⸗ den. Finden dieſe in eben der Jahreszeit eine ſolche Fährte, ſo iſt der Bär ſelten weit entfernt. Sein Bett wählt er aber ſehr verſchieden; zeigt ſich der Winter ſtreng, ſo ſucht er in gebirgigem Lande eine Höhle, in ſumpfigem einen hohlen Baum aus, um dort vor der Kälte geſchützt zu ſein; dabei kratzt und ſcheuert er mit merkwürdiger Sorgſamkeit den letzteren inwendig ſo glatt und rein, wie es ihm mit ſeinen gewaltigen Branten, die hierzu gerade kein ſchlechtes Handwerkzeug ſind, nur irgend mög⸗ lich iſt. Hat er endlich Alles in Stand, ſo ſteigt. er langſam und beſonnen, daß man kaum die Spur ſeiner ſcharfen Krallen in der rauhen Rinde bemerken kann, hinauf und dann durch die Oeffnung, mit dem Hintertheil zuerſt, in ſein vorher bereitetes Lager hinab, wo das faule Holz, das er an den Seiten⸗ wänden herunter gekratzt hat, gewöhnlich ein ſehr weiches Bett bildet. Anders iſt es, wenn er von den Hunden verfolgt, einen Baum erſteigt, und im Hin⸗ aufſpringen, von den ſtärkſten, härteſten Eichen ordent⸗ liche Stücke Rinde herunterſchlägt. Iſt der Winter gelind, ſo nimmt er ſich all' dieſe Mühe nicht einmal, ſondern geht entweder im ſum⸗ pfigem Lande in einen Schilfbruch, wo er von dem hohen, grünen Schilf ſo viel abreißt, als er zu ei⸗ nem bequemen Lager nöthig zu haben glaubt, das er ſich dann auch in einer der unzugänglichſten Ge⸗ genden des Bruches zurecht macht, oder er ſucht in bergigem Lande ein unwegſames Dickicht und bettet ſich hier, auf einer Streu von zuſammengetragenen zarten Zweigen, in den Wipfel irgend eines umge⸗ ſtürzten Baumes.. Die Ranzzeit fällt in den Auguſt, und nicht ſelten gerathen ſich dann ein Paar der ſchwarzen Burſche auf eben keine freundliche Art in die Haare. Einen hübſchen Zug erzählen dabei die amerikani⸗ ſchen Jäger von dem männlichen Bären, der, wenn er wirklich wahr iſt, einen merkwürdigen Ueberle⸗ gungsgeiſt kund thut. Sehr häufig fand ich näm⸗ lich in den Wäldern, beſonders an Saſſafrasbäu⸗ men und Kiefern, die tief eingeriſſenen Zeichen des Gefänges und der Krallen von Bären, die ſtets in 106 größtmöglichſter Höhe an den Stämmen hinauf ge⸗ langt hatten; auf meine Anfragen erhielt ich folgen⸗ den Beſcheid, in dem die Jäger von Norden bis Süden übereinſtimmen. In der Ranzzeit folgt der Bär der Fährte der Bärin, wird aber oft, wenn von einem ſtärkeren überholt, aus dem Felde geſchlagen, von einem ſchwächeren, wenn nicht beſiegt, doch wenigſtens be⸗ läſtigt; um dieſem nun zu begegnen, ſoll der Bär, ſo er ſich ſtark und alt genug fühlt einen Kampf mit Seinesgleichen zu wagen, ſobald er die warme Fährte einer Bärin angenommen hat, ſich an einem dicht daneben ſtehenden Baum— am liebſten Saſſa⸗ fras oder Kiefer— in die Höhe richten und ohne die Hintertratzen von der Erde zu heben, ſo hoch hineinbeißen und ſo hoch daran hinauf kratzen, als er möglicher Weiſe kratzen und beißen kann, worauf er ganz gemüthlich ſeinen Weg fortſetzt. Kommt nun nach einiger Zeit ein anderer deſ⸗ ſelben Weges, auf derſelben Fährte, ſo findet er natürlich die für ihn zurückgelaſſenen Zeichen und mißt nun, ſich eben ſo am Baume emporrichtend, ſeinen vorangegangenen Nebenbuhler;— kann er deſſen Merkmale überreichen, oder kommt er ihnen wenigſtens gleich, ſo folgt er und nimmt die Her⸗ ausforderung an; kann er das aber nicht, iſt er viel⸗ leicht viel kleiner, ſo klemmt er das kleine Stückchen Ruthe, was ihm Mutter Natur verſtattet hat, zwi⸗ 5 . — 107 ſchen die Beine, oder macht wenigſtens die Bewe⸗ gung damit, als ob er es thun würde, wenn ſie lang genug wäre, und trollt den eben gekommenen Weg zurück, um wo möglich eine andere Fährte aufzuſuchen. Die Bärin wirft im Februar, oft ſchon Ende Januar, in einem hohlen Baum oder in einer Höhle, zwei bis vier Junge, die ſie bis zur Ranzzeit bei ſich behält und die ſich auch oft noch nach dieſer wieder zu ihr geſellen, doch ſoll ſie dabei die Geſell⸗ ſchaft des alten Bären meiden, dem nachgeſagt wird, er fräße manchmal ſeine eigenen Jungen, was ich jedoch, zu ſeiner Ehre, nicht glauben will. Die ungeheuere Aufopferung, mit der die Bä⸗ rin übrigens ihre Jungen vertheidigen ſoll, kann nicht als allgemein angenommen werden. Ja, es giebt Fälle, wo ſie ihr Leben im Kampf über die⸗ ſelben gelaſſen hat; aber mit den Bären wird's wie mit den Menſchen ſein— bei denen man oft recht liebe, gute Leute, und dann auch wieder recht ſcho⸗ feles Pack findet. Ich ſelbſt weiß mehre Bei⸗ ſpiele, wo eine Bärin, ſowohl in der Höhle als auch im freien offenen Walde, ihre Jungen, ohne ſich weiter um ſie zu bekümmern, ſchmählich im Stich gelaſſen hat und nur darauf bedacht ſchien, ihren eigenen Pelz, der noch dazu in damaliger Zeit kaum einen Dollar werth war, in Sicherheit zu bringen. 108 Die Höhlenjagd iſt äußerſt intereſſant, aher L. dabei auch gefährlich, und wird etwa folgendermaßen betrieben. In den unwegſamen Gebirgen des Weſtens, in die ſich der Bär bei einbrechender Kälte zurück⸗ zieht, geht der Jäger und ſucht, zwiſchen den am tollſten und wildeſten umher geſtreuten Felsblöcken, an ſteilen Wänden hinkletternd und Schluchten und Spalten durchkriechend, nach Höhlen, in die er dann mit angezündeter Kienfackel oder mit einem aus wildem Wachs gekneteten Lichte eindringt. Oft verrathen ſchon die in der Nähe der Höhle abge⸗ nagte Büſche den Beſuch, der für einige Zeit in ihnen zu wohnen beabſichtigt, oder der stepping path, der hinein führt, wenn die Jahreszeit ſchon weit vorgerückt iſt, oder die vor der Höhle umher liegende Loſung, den Eingewinterten; am ſicherſten iſt es aber ſtets, den Ort ſelbſt zu unterſuchen, und daß dieſe Jagd dann nicht zu den leichteſten gehört, iſt ſehr erklärbar. Ich weiß mich Tage zu erinnern, in denen ich in funfzehn, ſechszehn Höhlen herumgekrochen bin und mich durch Plätze durchgezwängt habe, von denen ich mir eigentlich jetzt noch ſelber nicht erklären kann, wie ich wieder heraus kommen konnte— ohne auch nur ei⸗ ner Kralle zu begegnen. Findet man nun an ſolchen Ort einen Bären, ſo muß er beim Lichte der Fackel geſchoſſen und nachher entweder ganz, oder wenn das nicht mög⸗ lich iſt, in Stücken zu Tage geſchafft werden. Ich habe übrigens dieſe Höhlenjagd in meinen „Streif⸗ und Jagdzügen“*) ſehr ausführlich behan⸗ delt und will hier nur, um dem Leſer einen kleinen Begriff von dieſen freundlichen Orten zu geben, das Innere derſelben ein wenig beſchreiben. Lon der Natur gebildet ſcheinen ſie faſt alle ſchon ſo lange wie die Erde überhaupt zu beſte⸗ hen, und finden ſich meiſtens in Kalkſteinfelſen, in die ſie manchmal nur zehn bis zwölf Fuß, dann und wann aber auch 4—500 Schritt hinein gehen und an manchen Stellen geräumig genug ſind, daß der Jäger aufrecht in ihnen ſtehen kann, dann aber auch wieder eng genug zuſammen laufen, um nur mit größter Anſtrengung ein Durchpreſſen möglich zu machen. Im Innern ſind ſie an den Seitenwän⸗ den glatt, oft von dem Anſtreichen der Raubthiere, die ſeit Jahrhunderten ſie bewohnten, ſpiegelblank, oben aber gewöhnlich mit Stücken Tropfſtein behan⸗ gen, der auch unten, wenn ſich nicht weicher, tho⸗ niger Boden findet, das Fortkommen ſehr erſchwert. In dieſe Höhlen nun ziehen ſich nicht allein Bären, ſondern auch andere Raubthiere, als Panther, Waſch⸗ bären und Füchſe, wie Schlangen, Eidechſen und Fledermäuſe zurück, um ihren Winterſchlaf entweder wie der Bär zu halten, oder in den warmen Erd⸗ —j— *) Streif⸗ und Jagdzüge durch Nordamerika. Leipzig, Arnoldiſche Buchhdl. oöe 110 gängen gegen die Kälte geſchützt zu ſein. Die Fledermäuſe beſonders hängen an den Hinterbeinen von der Decke herunter und zirpen und ziſchen, wenn ihnen die Kienfackel zu nahe kommt. Der Bär ſel⸗ ber liegt, wenn er ſchläft, auf dem Bauche und hält die Stirn, die Naſe an die Bruſt gedrückt, mit bei⸗ den Tatzen, wie betend, umfaßt.— Nur wenn er wacht, ſaugt er und wahrſcheinlich blos aus Spie⸗ lerei, an den Branten, Kinder haben das Daumen⸗ lutſchen ja auch an ſich, wobei er ein leiſes, winſeln⸗ des Geräuſch von ſich giebt. In der Höhle angegriffen, iſt er ſehr ſcheu und verſucht ſtets ſein Beſtes, durch die Flucht einer ſich nähernden Gefahr zu entgehen; im Freien dagegen iſt er viel heldenmüthiger. Ich ſelbſt habe eine Bärin in einer der tiefſten Höhlen der Ozarkgebirge ange⸗ ſchoſſen, und bin, von ihr gefolgt, zurück gewichen, bis ſie einen anderen Zweig der Höhle annahm und ich im Stande war, mir meine Büchſe, die ich hatte zurücklaſſen müſſen, wieder zu holen und zu laden; die Bärin aber, als ich ihr nachher aufs Neue zu — Pelze rückte, obgleich ſie ihre Jungen in unſerer Ge⸗ walt wußte, wagte nicht mich anzugreifen, ſondern ſaß, in wilder Wuth den thonigen Boden vor ihr mit den ſcharfen Krallen zerhauend, auf ihrem Hin⸗ tertheil und ſchnappte in ohnmächtiger Wuth mit dem Gefänge, bis ſie die zweite, tödtliche Kugel er⸗ hielt. &—— 4. , Hat der Bär in einem Baum ſeine Zuflucht ge⸗ nommen und wird er vom Jäger aufgefunden, was dieſer aus den freilich nicht ſehr deutlichen Zeichen in der Rinde erkennen muß, ſo iſt ſein Loos aller⸗ dings kein ſehr beneidenswerthes. Entweder wird der Baum umgehauen und Petz auf dieſe Art in ſeiner beſten Ruhe geſtört und durch den Sturz be⸗ täubt, wenn er endlich ſchlaftrunken emportaumelt, von dem ihn Erwartenden mit einer Kugel und von einer Meute Hunde empfangen, von denen er ſich gewöhnlich gar keine Idee machen kann, wie ſie alle da ſo geſchwind hingekommen ſind; oder er wird mit Rauch von unten heraus getrieben, was ihm höchſt fatal iſt, ſo daß er gewöhnlich brummend ſei⸗ nen bisherigen Ruheort verlaſſen will, bis ihn auch hier, ſobald er ſich oben an der Oeffnung zeigt, eine todtbringende Kugel empfängt.—. Am ſchnellſten und komiſcheſten iſt das Heraus⸗ treiben deſſelben mit einem Feuerbrand; denn wenn die Höhlung des Baumes nicht bis an die Wurzel geht, daß alſo der Rauch auch nicht zu dem Schla⸗ fenden hinauf dringen kann, ſo muß, im Fall die Jäger keine Axt mit haben und der Baum zu ſtark iſt, um ihn mit den kleineren Tomahawks umzuhacken, Einer von dieſen mit einem Feuer⸗ brand hinauf klettern, den er dann oben in die Höh⸗ lung und dadurch gewöhnlich dem Bären auf den Pelz wirft; kaum ſpürt Petz aber die Glut, als er 11² voller Entſetzen in die Höhe fährt und oft den Erd⸗ boden viel früher als der gewiß nicht zögernde Jäger erreicht. Daß er ſich von dem Baum herunter ſtürzt, iſt eine Fabel; er behält dieſen zwiſchen den Branten und gleitet gewiſſermaßen daran nieder, aber ſo ſchnell, daß er kaum den Stamm zu berühren ſcheint, und wie ein ſchwarzer Blitzſtrahl zwiſchen die ihn unten erwartenden Hunde hineinfährt; thun dieſe dann aber nur im mindeſten ihre Schuldig⸗ keit, ſo darf er nicht entkommen, denn, noch halb im Schlafe, hat er weder ſein volles Be⸗ wußtſein noch ſeine vollen Kräfte, und wird leicht von ihnen geſtellt und dem herbeieilenden Jäger zur Beute. Iſt der Bär in jagdbarer Zeit, um Nugen von ihm zu ziehen und nicht des Schadens wegen, den er thut, erlegt, ſo wird er gleich an Ort und Stelle abgeſtreift, abgefließt und dann zerlegt. Das„Ab⸗ fließen“ nennt man das Ablöſen des Fließes(der Speckſeiten), die dann in das Innere des Felles ein⸗ geſchlagen und auf eins der Pferde befeſtigt wer⸗ den; das Wildpret wird nachher ebenfalls zuſam⸗ men gebunden und, auf dem Rücken der Laſtthiere hängend, mit fortgenommen. Sind aber die Jäger in einem größeren Lager und haben ſie einen Keſſel zum Fettauslaſſen mitgenommen, dann wird dieſe Arbeit gleich im Walde vorgenommen und das aus⸗ „. 113 7 14 4 4 geſchmolzene Wildpret bekommen nachher die Hunde, die beſſeren Stücken behalten natürlich die Jäger zu ihren eigenen Mahlzeiten. Das Beſte am Bären ſind die Federn,*) und eine recht fette Wand, auf zwei Hölzern am Feuer geröſtet; das herunter träu⸗ felnde Fett nachher mit dem trockenen Bruſtſtück des Truthahns aufgefangen und das Ganze mit einem heißen Becher ſtarken Kaffees hinunter geſpült— beim Schreiben läuft mir ſchon, bei der bloßen Er⸗ innerung, das Waſſer im Munde zuſammen. Das ſind übrigens die Lichtſeiten der Bärenjagd — die Schattenſeiten aber ſchauen viel düſterer d'’rein.— Wochenlang in Sturm und Regen den Wald durchzogen, Jäger und Hunde halb verhungert —(denn iſt man einmal ausgegangen, um Bären zu ſchießen, ſo läßt man ſich nicht gern mit geringerem Wild ein.)— Alle zu Tode erſchöpft und immer noch keine warme Fährte— endlich werden die Hunde lebendig, ſie wittern den Feind, ſie wiſſen, daß ihrer, mit deſſen Erlegung, Ruhe und Stärkung wartet; ſie ſtrengen ihre letzten Kräfte an und fort geht die Jagd, über Stock und Stein— ſie überholen ihn, werfen ſich in blinder Wuth auf ihn— aber der Jäger hat durch die Dickichte oder ſteilen Schluchten nicht ſo ſchnell mit ſeinem Pferde folgen können; der Bär, ein alter erfahrener Burſche,— nicht *) Für den Nicht⸗Jäger„Rippen.“ Gerſtäcker, Wald⸗ und Strombilder. 8 114 gerade mager, aber doch nur feiſt genug, um tüchtig laufen zu können, ſchlägt die Hunde zurück, tödtet drei oder vier, verkrüppelt andere und iſt, wenn trübe Dämmerung den raſch nahenden Abend verkündet, fern von aller Gefahr und von der für ihn ſorgſam aufgeſparten Kugel unerreicht,— das ſind Schatten⸗, das ſind Nachtſeiten, die leider nur zu oft vorkommen. Am Lagerfeuer herrſcht dann ſehr üble Laune, und den nächſten Tag iſt der Jäger äußerſt zufrieden, wenn er nur noch ſo glücklich iſt, einen Hirſch zu erlegen, um mit ſeinen übrigen Hunden, wieder eine Mahlzeit halten zu können.— Der Bär, obgleich zu den Rausthie gehörig, nährt ſich doch nur, ausgenommen im äußerſten Noth⸗ fall, von Früchten und Inſekten, und greift nur im Sommer, wo er ſeine Nahrung zu ſparſam zuſammen ſuchen muß, Schweine und faſt nur Schweine an, zwiſchen denen er dann freilich oft recht arge Ver⸗ wüſtung anrichtet. Hauptſächlich lebt er von Eicheln, anderen Waldfrüchten und Beeren, und wird in frucht⸗ baren Jahren oft ſo feiſt, daß er fünf bis ſechs Zoll Feiſt anſetzt. Ein ordentliches Bärenmeſſer darf daher auch eigentlich nicht weniger als 9 Zoll in der Klinge haben, wenn es in allen Fällen gerecht ſein ſoll. Zu dem jagdbaren Wilde Nordamerika's gehören noch einige Raubthiere, die eine zu wichtige Rolle im Walde ſpielen, um ganz unerwähnt zu bleiben. Der Panther muß mit Recht an die Spitze 2 —— kommen, denn er iſt der ſtärkſte und gefährlichſte Gegner des Menſchen, und auch wohl das einzige Raubthier in dem weiten Urwald, das der Jäger zu fürchten hat, da es Nachts die Lager umſchleicht und in manchen, aber doch ſehr ſeltenen Fällen ſchon dem ſorglos Schlummernden gefährlich geworden iſt. Heerden und Schweine und Kälber, Fohlen, und ſelbſt erwachſene Pferde fallen ſeinem Blutdurſt. Hauptſächlich nährt er ſich jedoch, von Hirſchen und kleinerem Wild, beſchleicht Nachts die Salzlecken oder lauert, im Laub der Bäume petſteckt, auf die ruhig darunter hin Aeſenden. Von den Hunden gehetzt, bäumt en lage ſehr leicht auf, Abends und Nacts i r verlaͤßt er ſich lieber auf ſeine Gewand⸗ heit und Lit bringt die Hunde durch falſche Sprünge von der Fährte ab und entgeht ihnen meiſtens. Er wird etwa ſo groß wie ein tüchtiger Fleiſcher⸗ hund, iſt ziemlich von der Farbe des Rothwildes und bt, wie dieſes, im Winter; ſein Fell hat keinen großen Werth und die Jagd auf ihn wird daher auch nicht, wenn er ſich nur irgend entfernt von den Anſiedelungen hält, beſonders lebhaft betrieben. Son⸗ derbar iſt es, wird aber allgemein behauptet, daß er, ſo ſcheu er auch am Tage den Menſchen flieht, mit wilder Blutgier ſchwangere Frauen anfalle und zerreiße. Der Wolf ſteht dem europäiſchen an Größe be⸗ deutend nach, lebt aber wie dieſer in Rudeln zu⸗ 8* zwingen, einen Menſchen anzugreifen, denn er iſt 116 ſammen und geht gemeinſchaftlich auf Raub au. doch nur fürchterlicher Hunger könnte ihn feig und flieht bei dem leiſeſten n wirft die Wölfin 3— 6 Jun er denen, wie die Sage geht, jedesmal ein Wo shund ſein ſoll, der ſpäter der grimmigſte Feind der Wölfe wird.— Dieſen nun aufzufinden, führt die Wölfin die Jungen, ſobald ſie laufen können, an ei Waſſer, um ſie zu tränken. Hier verräth ſich der Wolfshund, der nach Fundeart leckt, während die rklichen, ächten und treuen Wölfe ſaufen, und augenblicklich wird der junge, bis dato noch unſchuldige Verräther, Tode gebiſſen. Nicht ſo ſchlau als der unſere, fängt häufig in Fallen, die gemeiniglich aus eine ſchweren rohen Baumſtämmen zuſammengefügte ſten beſtehen, in dem zuerſt, ehe er ganz been iſt, das Geſcheide eines Hirſches oder anbrüchiges Fleiſch geworfen wird, das er ſich gemeiniglich bald holt, dann auch ſpäter den aufgerichteten Deckel nicht ſcheut und ſich plötzlich gefangen ſieht. Da er, in Fuchsfallen oder Ottereiſen erhaſcht, gewöhnlich den feſt gehaltenen Lauf abbeißt, ſo läßt der ameri⸗ kaniſche Jäger die Falle unbefeſtigt ſtehen, hat aber eine drei bis vier Fuß lange, ſchwache Kette daran, an der ein vierhakiges Eiſen hängt; dieſes faßt überall, wenn der Wolf mit der Falle zu entfliegen ſucht, 117 hinter Büſche und Wurzeln, wird aber ſtets wieder von dem darin Sitzenden losgemacht, der ſogar ſchon den Haken in's Gefänge genommen und zu entfliehen verſucht hat; aber nie greift er zum äußerſten Mittel, ſich den Lauf abzubeißen, ſo lange er noch eine Hoff⸗ nung auf Entkommen hat und wird nachher leicht mit dem Hunde ausgemacht. In Canada hörte ich von ſehr vielen Farmern, daß ſein Biß, ſelbſt bei einer leichten Verwundung, ködtlich ſein ſolle; das iſt aber wohl nur Fabel. Thatſache iſt es übrigens, daß Jahre vergingen, ehe ſich die Wölfe an die dortigen Landgüter hinanwagten, als zuerſt auf ihnen— Schafe aus Europa einge⸗ führt wurden.— Sie kannten die rauhen wolligen Thiere nicht und fürchteten ſie ungemein— wie ſie aber erſt einmal, durch Zufall oder peinlichen Hunger getrieben, den Geſchmack derſelben weg bekamen und ſie als harmloſe, nicht gefährliche Geſchöpfe kennen lernten, räumten ſie fürchterlich zwiſchen ihnen auf. In ſeiner Naturgeſchichte ähnelt er ſonſt dem euro⸗ päiſchen Wolfe in allen Stücken, nur iſt er bedeutend kleiner und ſchwächer als dieſer.— Der graue oder Prairiewolf iſt eine Abart, ſieht hellgrau aus, iſt noch kleiner und furchtſamer als der ſchwarze, und lebt meiſtentheils in den Steppen. Der Fuchs. Es wäre nicht halbrecht, Reinecken auszulaſſen, wo von Wild die Rede iſt, obgleich er in Amerika eine ziemlich untergeordnete Rolle * ſpielt. Erſtlich iſt er bedeutend kamer als der unſere, giebt ihm aber wohl kaum an Schlauheit nach und weiß tauſend Mittel und Wege, die Hunde von ſeiner Spur abzubringen. Eine Eigenthümlichkeit hat er übrigens vor dem europäiſchen voraus— er bäumt auf, was faſt unglaublich klingt; ich ſelbſt wollte aber auch meinen Augen nicht trauen, als ich zum erſten Male den Hunden zueilte, deren wildes Bellen und Klaffen zeigte, daß ſie ihn geſtellt oder, wie ich damals glaubte, in ſeinen Bau gejagt hatten; ich wußte jedoch wahrlich kaum, was ich ſagen ſollte, als ich den rothen Schelm ganz gemüth⸗ lich in einem jungen Baum, etwa 12 Fuß von der Erde, erblickte, wo er ſich in die erſten auszweigenden Aeſte eingeklemmt hatte und, vor den Hunden we nigſtens, geſchützt war; er ſchnitt aber ein( P wie eine Katze, die beim Milchnaſchen ertappt wird, als er mich kommen ſah, denn an Fliehen war nicht mehr zu denken, da zwölf rüſtige Hunde den kleinen Baum umtobten. In Amerika bäumt übrigens faſt alles Wild auf, Büffel, Hirſche und Wölfe ausgenommen; ſelbſt die Kaninchen kriechen wenigſtens inwendig in hohlen Bäumen hinauf und die Rebhühner, vom Hunde verfolgt, fallen faſt ſtets in die Bäume ein; es iſt einmal die Natur des Wildes dort, in dem ungeheueren Wald auch die Bäume zum Zufluchts⸗ ort zu wählen. Der Fuchs lebt übrigens in hohlen 12 Bäumen, kann aber nicht etwa klettern, ſondern wirft ſich nur, in äußerſter Noth mit Springen und An⸗ klammern, zwiſchen die niederen Aeſte eines jungen Stammes und bleibt da eingeklammert ſitzen. Den Schluß mögen zwei ächte Amerikaner machen, der Waſchbär(racöon) und das Opoſſum oder die Beutelratze.. Der Waſchbär, deſſen Fell unter dem Namen „Schuppen“ eine bedeutende Rolle auf den deut⸗ ſchen und ruſſiſchen Märkten ſpielt, findet ſich, be⸗ ſonders in den ſumpfigen Thalländern des Miſſiſſippi und anderer großen Ströme, in ungeheuerer Menge, und wird dort an Ort und Stelle wenig oder gar nicht geachtet. Die Krämer bezahlen ſein Fell in jener Gegend mit etwa vier guten Groſchen. Der Waſchbär iſt übrigens an und für ſich ein ſehr lie⸗ bes, poſſirliches Geſchöpf, und ähnelt, obgleich er nie größer als ein ſtarker⸗Dachshund wird, in ſehr vielen Stücken dem Bär, zu dem er auch, dem Geſchlechte nach, gehört. Er lebt von Beeren, Waldfrüchten und Inſekten, und liegt, wenn ruhend, in der näm⸗ lichen Stellung wie ſein vierſchrötigerer Vetter. Den Namen Waſchbär hat er mehr von ſeiner Neigung zu naſſen Nahrungsmitteln als wegen ſeiner Rein⸗ lichkeit, denn das, was die Leute bei ihm waſchen nennen, iſt doch nichts mehr als ein Anfeuchten ſeines Fraßes. Er kann leicht gezähmt und zu allen mög⸗ lichen Kunſtſtücken abgerichtet werden; ſein Fleiſch iſt 120 dabei delikat und hat ſehr viel Aehnlichkeit mit dem Bärenwildpret, nur daß es nicht wie dieſes, wenn es anbrüchig wird, leichenähnlich, ſondern wie anderes Wildpret riecht. Das Weibchen wirft 3— 5 Junge und thut im Sommer den Matisfeldern ungeheueren Schaden, weshalb ihm auch die Landleute ſchon aus dieſem Grunde ſehr nachſtellen. Sein Fell iſt grau und ſein buſchiger Schwanz mit ſchwarz und gelben Ringen umzogen. Im Winter wird er mit Hunden gehetzt und zu Baume gejagt. Das Opoſſum, oder die Beutelratze, ſteht an Größe dem Waſchbären kaum nach, ſieht aber ganz grau und ratzenartig aus und hat, wenn man es an einem regneriſchen Tage durch den Wald trollen ſieht, in der That die wirkliche Geſtalt einer koloſ⸗ ſalen Ratze, die über irgend etwas ſehr erſchrocken und blaß geworden iſt. Beſonders geben ihm der kahle, dicke Schwanz, wie die fingerartigen Krallen, ein außerordentlich widerliches Anſehen. 3 Aeußerſt komiſch aber ſchaut es drein, wenn man ihm im Wald plötzlich begegnet und dicht zu ihm hinan geht. Zuſammenfahrend legt es ſich dann halb auf die Seite und ängſtlich, mit weit aufge⸗ riſſenem ſcharfen Gefänge, in die Höhe blickend, zieht es die Lefzen ſo weit zurück, daß es gerade ſo aus⸗ ſieht, als ob es den Störer ſeiner Ruhe angrinze und ſich unendlich über ſeinen Beſuch freue; es macht dann auch nicht den mindeſten Verſuch zu entfliehen, und läßt ſich nur mit einiger angewandten Vorſicht, wobei man ſich beſonders nicht ſo ſchnell nach ihm hinunter bücken darf, ſogar hinter dem Gehör kratzen, was ich oft verſucht habe, denn es hat keinesweges einen biſſigen und bösartigen Charakter; ſchlägt man es aber mit einem Stocke, und ſei es noch ſo leiſe, oder ſieht es mehre Hunde(einem ſtellt es ſich) kommen, ſo fällt es auf einmal um und iſt anſchei⸗ nend todt. Dieſe mögen es nachher beißen, daß ihm die Rippen krachen— der Jäger mag es in die Höhe nehmen und wieder hinwerfen— es iſt todt und rührt ſich nicht, und erſt im wirklichen Todes⸗ zucken oder in tiefes Waſſer geworfen, wo es ſeine Rolle vergißt und ſchnell zu ſchwimmen anfängt, zeigt es Bewegung. Dieſes kleine Thier beweiſt dabei, während der fürchterlichſten Qualen, die es doch nothwendiger Weiſe unter den wüthenden Biſſen der Hunde ausſtehen muß, ſelbſt noch im Tode eine ſolch merkwürdige Geiſtes⸗ ſtärke, mit der es das Schlimmſte erträgt und nicht zuckt, ja ſelbſt keinen Laut von ſich giebt— daß i mich ſpäter, als ich ſeine Eigenthümlichkeiten recht ken⸗ nen lernte, nie mehr entſchließen konnte, eins umzu⸗ brngen, denn unter dieſen Verhältniſſen erſchien es mir ein wirklicher Mord. Aeußerſt komiſch ſieht es aber aus, wenn man es hinter einem Baume vor beobachtet, wie es aus ſeinem anſcheinenden Tode wieder erwacht. 12² ich feſt überzeugt glaubt, daß ſein Feind den Platz erlaſſen hat, öffnet es leiſe die kleinen Lichter und äugt— ſo wenig als möglich den Kopf dabei be⸗ wegend, überall umher; kann es nichts weiter er⸗ ſpähen, ſo ſtreckt es behutſam die winzigen Lauſcher vor und horcht— Alles ruhig; jetzt hebt es den Kopf, blinzt rings im Kreiſe umher, liegt noch ein Weilchen ganz ruhig, wo es beim geringſten Geräuſch wieder in ſeine vorige Stellung und Leb⸗ loſigkeit zurückſinkt, und richtet ſich zuletzt, wenn es 1 Zuerſt, wenn Alles ruhig und ſtill iſt, und es ſ den Frieden völlig wieder hergeſtellt glaubt, auf und trollt ab. Wird es verfolgt und kann in der Geſchwindig⸗ keit einen Baum erreichen, ſo bäumt es auch auf, wobei es mit ungemeiner Gewandtheit klettert, doch benutzt es, um an ſtarken Bäumen emporzuklimmen, gewöhnlich die herunter hängenden, wilden Wein⸗ reben. Sein Fleiſch, das zart und ſchön ausſieht, wird von Vielen leidenſchaftlich gegeſſen, die dann behaupten, es ſchmecke wie junge Ferkel; ich konnte aber nie meinen Ekel vor ſeiner häßlichen Geſtalt ſo weit überwinden, davon zu koſten. Seine nackten Jungen trägt es, wie das Känguruh, nach der Ge⸗ burt noch eine lange Zeit in einem ſich unter dem Bauche befindenden Beutel umher; in den ſie ſich auch, wenn ſie ſchon herumlaufen können, bei jeder nahenden Gefahr hineinflüchten. 6 6 123 Das iſt etwa der Urwald mit ſeinen Bewoh⸗ nern, der nun freilich noch durch unzählige kleinere Vögel belebt wird. Schaaren von Tauben und klei⸗ nen Papageien durchſchwärmen die Luft, und im Herbſt und Frühjahr füllen unzählige Völker von wilden Enten und Gänſen die fließenden Waſſer und einſamen Waldſeen des gewaltigen Reiches, deren Jagd beſonders in den ſüdlichen Staaten, in Louiſiana, wo ſie, aus dem hohen Norden kommend, überwintern, äußerſt intereſſant iſt. Louiſiana kann ich aber nicht erwähnen, ohne der Schnepfenjagd dabei zu gedenken, die ich dort von Anfang Februar bis Mitte März getrieben. Faſt fürchte ich jedoch hier in Deutſchland, wo die Schnepfe eigentlich zu den Seltenheiten gehört, keinen Glauben zu finden, wenn ich die Zahl angebe, die ich jede und jede Nacht erlegt habe; ich will aber die Sache erzählen, wie ſie wirklich iſt, und der⸗ jenige, welcher je die Ufer des Miſſiſſippi nach mir betritt und in dem flachen Lande, das an ſeinen Ufern, zwiſchen dieſen und den weiter zurückliegenden Sümpfen liegt, jagt, wird finden, daß ich nicht über⸗ trieben habe, denn jene Maſſen können nicht ver⸗ nichtet werden. Die ungeheueren Schilf⸗ und Sumpfdickichte die⸗ nen der amerikaniſchen Waldſchnepfe und Becaſſine den Tag über, zum Aufenthalt, und mit Dunkel⸗ werden, wie bei uns, ſtreichen ſie in die offen lie⸗ —— — 124 genden naſſen Wieſen und Baumwollenfelder. Nun könnte man ſich zwar anſtellen und ſie auf dem Strich ſchießen, denn Tauſende ſchwärmen aus den ſchützenden Büſchen in's Freie; die Bäume ſind aber dazu zu hoch und eine viel bequemere, Kraut und Blei ſparende Jagd betreibt der Creole dort, zu deſſen Lieblingsgerichten die Schnepfe gehört. Auf ähnliche Art habe auch ich jede Nacht— über ſechs Wochen hinter einander, gejagt, wobei ich ſelten und nur dann, wenn das Wetter ungünſtig war, nach zwei⸗ ſtündigem Umherwandern weniger als zwölf bis acht⸗ zehn Schnepfen hatte. Die Schnepfe wird aber hier, wie der Hirſch im Walde, bei Fackellicht geſchoſſen. Mit eben ſolcher Pfanne verſehen, wie ich ſie für die Feuerjagd des Rothwildes beſchrieben habe, betritt der Jäger Abends nach Dunkelwerden, wenn der Wind nicht zu ſtark bläſt und der Mond nicht zu hell ſcheint, die feuch⸗ ten Wieſen. Ein Sack mit feingeſpaltenem Kien⸗ holz hängt an ſeiner Seite oder wird beſſer von ei⸗ nem ihm dicht folgenden Begleiter nachgetragen, der dann auch das Wiederauflegen des herunter ge⸗ brannten Kiens beſorgen muß, um ſtets eine recht helle, lebhafte Flamme zu unterhalten, und jetzt, in der rechten Hand die leichte Doppelflinte, in deren Rohren ſich nur eine Viertelladung befindet, um die kleine Schnepfe(ſie ſind bedeutend kleiner als bei uns, den deutſchen ſonſt aber ziemlich ähnlich) nicht —— 125 zu fehr zu zerſchießen, wandert der Jäger leiſe und höchſt aufmerkſam, das kurze Gras der Wieſen über⸗ ſchauend, an kleinen, feuchten Gräben und naſſen ſumpfigen Stellen entlang. Auf dreißig Schritt ſchon kann er, wenn er eine recht gute Flamme führt, die Schnepfe erkennen, die, entweder das Feuer gar nicht beachtend, ſorglos weiter läuft und den langen Schnabel in den weichen Erdboden hineindrückt, oder mit auf den Rücken gelegtem Kopf, den Schnabel vor ſich hinausſtreckend, ſtehen bleibt und den Heran⸗ kommenden ruhig erwartet. Auf zehn bis zwölf Schritt habe ich gewöhnlich geſchoſſen und natürlich nur ſelten gefehlt, was aber dennoch manchmal vorfällt, da das Feuer oft auf dem hellen Lauf, den man bei einer Schrotflinte überſehen muß, blendet, und man beim Abdrücken ſchon hinan zu ſein glaubt, die Schnepfe aber dennoch unterſchießt. Durch den Schuß oder auch durch den ihr zu nahe auf den Leib rückenden Jäger aufgeſcheucht, ſteigt ſie mit ſchwirrendem Laute gerade in die Höhe, fällt aber auch augenblicklich in einem kleinen Bogen und faſt ſtets noch im Bereich des Feuerſcheins wieder ein, und kann ſchnell auf's Neue gefunden werden. So wenig ſcheut ſie die Flamme, daß viele Neger, deren Herr ihnen nicht erlaubt, eine Flinte zu führen, Nachts mit der Fackel und lang abgeſchnittenen Zweigen hinausgehen und ſie zu Boden ſchlagen. In der einen Anſiedelung, Pointe Coupée am Miſſiſſippi, die ſich etwa zwei engliſche Meilen in das Land erſtreckt und zwei und zwanzig engliſche Meilen am Fluß hindehnt, werden doch in je⸗ dem Jahre,(d. h. in den ſechs Wochen, denn im Herbſt läßt ſie ſich nicht in den Wieſen ſehen) we⸗ nigſtens 10,000 Schnepfen und Becaſſinen erlegt und theils nach New⸗Orleans und in die kleinen Städte auf den Markt gebracht, theils ſelbſt ver⸗ zehrt. Bei dieſer Nachtjagd, zwiſchen den zahlrei⸗ chen Lagunen der Niederung umher, ſchoß ich denn auch ſehr häufig dort eingefallene Enten, ja einmal ſelbſt eine wilde Gans, für die ich jedoch beſonders laden mußte; auch Kaninchen und Rebhühner, die man in den Baumwollenfeldern auftreibt, halten, und ich glaube gewiß, daß man eben dieſelbe Jagd hier in Deutſchland, wenigſtens auf Enten und Hühner, betreiben könnte; denn Schnepfen ſind doch dazu zu ſelten;— es kommt natürlich nur einmal auf einen Verſuch an. Die Bewaffnung eines Bärenjägers in Arkan⸗ ſas, der ſich nicht fortwährend in drei und vier Meilen um ſein Haus herum treibt, ſondern län⸗ gere Züge in die Waldung unternimmt und oft wo⸗ chenlang keine Wohnung, außer der, die er ſich ſel⸗ ber aus Rindenſtücken aufbaut, zu ſehen bekommt, iſt etwa die folgende. Eine gute einläufige Büchſe und ein Bärenmeſſer— etwa 9 Zoll lang in der Klinge und zwei und einen halben breit, mit der 127 gehörigen Schwere, um nicht allein kleine Lager⸗ ſtangen, ſondern auch beim Zerlegen des Wildes das Schloß ohne Mühe durchſchlagen zu können, dazu ein kleineres, kurzes Meſſer(Scalpirmeſſer) ausſchließlich für das Zerwirken und Eſſen beſtimmt und dann ein Tomahawk(indianiſches Beil) im Gürtel, um im Nothfall ſtärkere Bäume umhauen, Kienholz ſpalten und ein tüchtiges Lager bauen zu können, iſt Alles, was er als Vertheidigungs⸗ und Angriffswaffen bei ſich führt; zu ſeiner Be⸗ quemlichkeit trägt er aber noch eine wollene Decke zuſammengerollt auf dem Rücken, und einen Blech⸗ becher an einem Henkel im Gürtel, um in dieſem Abends, wenn er ſeine Decke aufgeſpannt oder ein Rindendach erbaut hat, etwas von dem gebrannten Kaffee, den er in einem ledernen Säckchen in die Decke gewickelt mit ſich führt, erſt mit dem Stiel ſeines Tomahawks im Becher zu ſtoßen und dann in dieſem zu kochen. Die Bekleidung beſteht faſt ganz aus Leder, was die Unzahl von dornigen Schlingpflanzen, die überall den Wald durchziehen, nöthig machen. Ein ordent⸗ licher Jäger muß aber nicht allein ſein eigener Schneider und Schuſter ſein, ſondern er gerbt auch die Häute, die er verwenden will, ſelber, und nur dann kann er ſich in jenen gewaltigen Wäldern un⸗ abhängig fühlen, wenn er aus ſich ſelbſt ſich zu er⸗ halten, zu nähren und zu bekleiden vermag. 28 Doch ich bin weitläufiger geworden, als im An⸗ fang meine Abſicht war, und muß ſchließen, um nicht zu breit und dadurch langweilig zu werden, glaube aber in dieſer kleinen Skizze einen ungefähren Umriß von der nordamerikaniſchen Jagd, wie ich ſie durch ſechsjährige Erfahrung und faſt vierjährigen, ununterbrochenen, praktiſchen Betrieb kennen gelernt, gegeben zu haben. Die Jagd iſt jedoch in den end⸗ loſen, wilden Wäldern des noch neuen Landes kein Vergnügen mehr, das man ſich zur Erholung ge⸗ ſtattet, ſondern es iſt eine Arbeit, die, weil man einmal darin iſt und leben muß, vollzogen ſein will, verliert daher vieles von ihrer Annehmlichkeit. Dabei verringert ſich, durch das rlückſichtsloſe Jagen, das Wild mit jedem Jahre, die Mühe wird daher immer größer, der Erfolg immer weniger be⸗ lohnend; dennoch aber iſt's ein eigenes herrliches Ge⸗ fühl, ganz ſo auf ſich und ſeine eigene Kraft angewieſen zu ſein und frei, ungehindert wie der Vogel in der Luft, den Wald durchziehen zu können. Hat dann der einſame Jäger Abends ſein Feuer angezündet, ſein ſchnell errichtetes Dach über ſich ausgeſpannt, ſo iſt er auch zu Hauſe, denn der Wald iſt ja ſeine Heimath und jedes dichte Laubdach ſeine Schlafkammer. Wer freilich mit der Idee nach Amerika geht, dort Geld zu verdienen, ja der ſoll um Gottes wil⸗ len die Flinte an den Haken hängen, denn wenn er auch hören mag, daß die Gallone Bärenfett 1 ½ Dollar gilt und ein recht tüchtiger, feiſter Burſche oft funfzehn, ja zwanzig Gallonen mit ſich trägt, ſo iſt das Alles recht ſchön und gut— er trägt ſie eben mit ſich und der Jäger kann ihn vielleicht— wenn er rechtes Glück hat— nach Monate langer Jagd auffinden und erlegen, und dann iſt er gewöhn⸗ lich immer in einer Gegend, wo er vor allen Dingen, wenn er das Fett wirklich auslaſſen kann, dieſes in erſt gemachte Hirſchhautſchläuche füllen und dann noch, wer weiß wie weit, zum Verkaufe transportiren muß; Hirſchdecken gelten im Sommer kaum acht bis zwölf gute Groſchen— das Wildpret hat faſt gar keinen Werth. Nein, zu verdienen iſt nichts auf der Jagd; wer jedoch einmal ein Paar Jahre ſeines Lebens dran wenden will, nun dem bleibt in ſpäteren Zeiten wenigſtens die Erinnerung. Es iſt aber auch recht ſo, denn wollte man das edle Waidwerk nur um ſchnöden Gewinnſtes willen treiben, wie im Norden und Weſten Amerika's die großen Pelzcompagnieen thun, ſo würde es zum ſchändlichſten Morden herab⸗ gewürdigt und verlöre all das Schöne und Männ⸗ liche, das ihm jetzt ſolch unendlichen Reiz ver⸗ leiht.— Dooch genug hiervon; ich habe aus meinem Le⸗ ben, nicht wie ich es von Anderen erzählen gehört oder in Büchern geleſen, ſondern wie ich es ſelbſt erfahren und beobachtet, das beſchrieben, nnos in den Gerſtäcker, Wald⸗ und Strombilder. 1 130 Urwäldern Nordamerika's innerhalb der vereinigten Staaten lebt und gejagt wird, und bin ich ein we⸗ nig weitläufiger dabei geworden, als es Manchem recht erſcheint, ſo mag er bedenken, daß ein Jäger, der von ſeinen erlebten Jagden erzählt, ſelten das Ende finden kann. 1 A 4, f 4 r— AV 4 5 AA Curtis Brautfahrt. An dem kleinen Flüßchen„Fourche la fave,“ das ſich dreißig Meilen überhalb Little Rock in den Ar⸗ kanſas ergießt, lebte im Jahre 1841 ein Mann Namens Jeremias Curtis. Er war noch, wie er ſelber ſagte, in den beſten Jahren, etwa zwiſchen ſechs und dreißig und vierzig, und hatte erſt vor zwei Jahren ſeine Frau an einem hitzigen Fieber verloren, was Wunder alſo, wenn es ihn mit dem erwachenden Frühling ebenfalls trieb, die heiligen Bande der Ehe auf's Neue zu knüpfen, da noch überdies drei unerzogene Kinder von vier, ſechs und ſieben Jahren ihn mahnten, daß ſie der Mutterpflege bedürfen. Zur Wartung der Kleinen, wie zur Beſorgung der Wirthſchaft, lebte indeſſen eine entfernte Ver⸗ wandte, ein armes, aber braves und dich wirkl — — und klein(und die vi recht hübſches Mädchen, Namens Nancy, in ſeinem Hauſe, und ſchon mehrmals war ihm der Gedanke durch den Kopf gefahren, dieſes zu heirathen und dadurch jeder weiteren Sorge überhoben zu ſein. Jeremias Curtius war aber ein Mann, der nicht blos für die Gegenwart lebte, ſondern auch hinaus in die Zukunft ſchaute, und da glaubte er denn vernünftiger und zweckmäßiger zu handeln, wenn er ſich eine Frau wähle, die ihm nicht allein ſich ſelbſt, ſondern auch noch eine kleine Ausſteuer zuführe, auf daß er ſeine irdiſchen Güter, wenn er auch keinen Reich⸗ thum begehrte, doch um ein Weniges vermehren könne. „Zwar bedurfte er deſſen nicht“(wie er ſich ſelbſt vor ſeiner Hausthür auf⸗ und abgehend, her⸗ zählte),„er hatte, was er brauchte im Ueberfluß; hier ſtand ein recht wohnliches Blockhaus, 18 bis 20 Fuß, waſſerdicht gedeckt(die nordweſtliche Ecke ausgenommen, wo es hineinregnen wollte, er mochte auch thun was in ſeinen Kräften ſtand) mit einem guten Boden gelegt; daneben eine kleine Küche und ein Rauchhaus mit„Maſſen von Fleiſch“; dabei neun Acker urbar gemachtes und eingefenztes Land, und dicht daneben noch ein kleines Eckchen für Rüben angefangen; zwei ausgezeichnet gute Pferde; ſieben. und dreißig Stück Rindvieh, groß ere eingerechnet, die ihm im gen Frühjahr in die Arkanſas Rohrbrüche ge⸗ gangen und noch nicht wieder gekommen waren); einige vierzig Schweine(oder nur neun und drei⸗ ßig, wenn das ſeine Sau geweſen, die der Bär in letzter Nacht gefreſſen); eine vorzügliche Stahl⸗ mühle; vier Hemden, fünf paar Socken und drei paar Beinkleider(zwei für den Sonntag und noch ganz neu); einen Frack von Kenntucky Jeannet*), die beſte Büchſe im ganzen Revier, fünf Hunde, und— die Hauptſache, einen kleinen Negerjungen von circa neun Jahren, wie hundert und fünzig Dollar in baarem, harten Gelde— harten Gelde!“ Curtius wiederholte beſonders die letzten Worte verſchiedene Male„hartem Gelde— kein's von Euerem lumpigen Arkanſas⸗Papier⸗Geld— Arkan⸗ ſas⸗Real⸗Eſtate— 72 pro Cent Discount— Puh!“ „Aber Mr. Curtis, was haben Sie denn nur heute vor? Sie wollen wohl bei der nächſten Wahl eine Rede halten?“ frug Nancy, die ſchon ſeit meh⸗ reren Minuten in der Thür geſtanden und ihm leiſe ichernd zugeſchaut hatte, wie er mit gewaltigen Schritten am Ufer des kleinen, vor ſeinem Hauſe vorbeifließenden Baches auf und abging, und lebhaft dazu mit den Händen geſtikulirte. *) Ein grobes wollenes, meiſt ſelbſtgewebtes Zeug. „Hat der Braune gefreſſen?“ frug aber Mr. Curtis dagegen, indem er ſtehen blieb und ſich nach ſeiner Haushälterin umſah, ohne die lächelnde Be⸗ merkung weiter einer Antwort zu würdigen. „Vierzehn Kolben Mais habe ich ihm gegeben,“ erwiederte Nanch,„und Bob iſt bei ihm ſtehn ge⸗ blieben, die Hühner vom Troge zu ſcheuchen; ich kann übrigens noch einmal hingehn und zuſehn, ob er fertig iſt und mehr verlangt.“ Dabei ſprang ſie leicht über die dem Hauſe als Stufen dienenden Klötze hinweg, und hüpfte mit fröhlichen Schritten dem Futterkaſten zu, wo das Pferd, ein ſchönes, braunes Thier, die ſchon abge⸗ nagten Kolben, die ſogenannten Kobs, zerkaute, und ungeduldig mit dem Vorderfuße den Boden ſcharrte. „Nun Bill, biſt du noch hungrig?“ frug das Mädchen, ihm dabei freundlich den Hals klopfend, waͤhrend Bill, dem die ſchmeichelnde Hand der Pfle⸗ gerin zu behagen ſchien, nur ſtärker ſcharrte und mit dem ſchönen Kopfe auf⸗ und niederfuhr— „nun warte— ich hole dir noch ein paar Kolben“ und damit wandte ſie ſich dem Hauſe wieder zu, wobei der Braune, ihre Abſicht wahrſcheinlich ahnend und als Zeichen freudiger Beiſtimmung, hellauf wieherte. Curtis hatte der ſchlanken, behenden Geſtalt des chen Kindes mit wohlgefälligem Blicke nachge⸗ — 13⁵ ſchaut, aber ein ernſtes, bedeutſames Kopfſchütteln verrieth doch, daß er ſeine ganz abſonderliche Bedenken dabei haben mußte, und auf's Neue trat er ſeinen, kaum unterbrochenen Spaziergang an, wiederum vor ſich hinmurmelnd„einen kleinen, neunjährigen Neger und hundert fünfzig harte Dollars— harte, ſilberne Dollars.“ „Gieb ihm nichts mehr zu freſſen, Nancy,“ rief er da plötzlich, als er zum Hauſe aufblickte und Nancy mit dem nachträglichen und dem Braunen extra ver⸗ ſprochenen Mais aus der Thüre treten ſah—„ich will fortreiten— hol' mir einmal die Decke aus dem Rauchhaus— und reich' mir den Zügel heraus— er liegt unter meinem Bett.“ Nancy that wie ihr befohlen, und bald darauf hatte Jeremias Curtis ſeinem keineswegs ganz da⸗ mit einverſtandenen Pferde den Zügel an und den Sattel aufgelegt, ſchnallte ſich dann einen äußerſt blank geſcheuerten Sporn an den linken Fuß, fuhr ein ge Male mit dem Ellenbogen über den etwas abgetuzgenen Biber, und ſchien bei dieſer Beſchäf⸗ tigung wieder in tiefes, tiefes Nachdehten zu ver⸗ ſinken. Plötzlich aber mußte ein großer Entſchluß in ſeiner Seele gereift⸗.. —jj⁊BBnł wo er Nancy, die ihn verwundert betrachtete, genau fixirte. „Nancy“, ſagte er endlich—„ich will aus⸗ reiten.“ „Und in Ihren„Geh⸗zur⸗Kirche⸗Kleidern?“ „Ja Nancy, und— wenn ich vielleicht— es könnte ſein, daß ich— ich ſetze den Fall ich käme — nun Nancy“, brach er kurz ab,„räume das Haus hübſch auf und kehre Alles fein ſauber ab; — wir— wir bekommen vielleicht— Beſuch!“ und dem Thiere den linken Hacken einbohrend, ſetzte er über den Bach, und trabte ſchnell die am Fluß hinaufführende Straße, am Fuß der mit Kiefern be⸗ ddeckten Hügel, fort. Nancy ſchaute ihm, bis er hinter den Bäumen verſchwunden war, lächelnd und kopfſchüttelnd nach, dann aber drehte ſie ſich lachend auf dem Abſatz herum, und ſchmunzelte, in das Haus zurücktretend: „Nun wenn der nicht Freiersgedanken im Kopfe hat, dann will ich nicht Nancy heißen. Viel Glr k, Mr. Curtis, viel Glück! Neugierig bin ich Aber doch, wo er hinreitet; dort oben wohnen zwae viele Wünache am Fluß hinauf— ſollte er wehl nach Trumbells? die haben zwei Töchter— ih“— lachte ſie kurz abbrechend und ihre Arbeit am Baumwollen⸗ Sainurad aeiader beginnend— ieeeerd's ſchon 5 anlich ſeine 137 Jeremias Curtis ritt indeſſen mit leichtem, fröh⸗ lichem Herzen die Straße entlang, und ſtimmte end⸗ lich, in einem Ausbruch ſeiner nicht mehr zu bän⸗ digenden und zurückzuhaltenden Gefühle, eine weit hinausſchallende Hymne an, ſo daß mehrere Hirſche, die friedlich an der Straße geäßt, entſetzt und mit mächtigen Sprüngen in's Dickicht flohen. Wenig aber kümmerte dies den Freiersmann; er war Einer von den Menſchen, die ſich Monate, Jahre lang mit einem Plan oder Entſchluß herumquälen können, ohne ihn zur Reife oder Ausführung zu bringen, die aber, nur erſt einmal mit ſich ſelbſt im Klaren, ruhig in die Zukunft hinausſehen und den lieben Gott für das weitere ſorgen laſſen. G Im beſten Mannesalter, ſah er— Nancy hatte ihm das ſelbſt mehr als einmal verſichert— gar nicht ſo übel aus; beſonders wenn er Sonntags ſeine„reinen Sachen“ angezogen. Nun wollte ihm zwar ſeine übergroße Beſcheidenheit den Einwurf machen, daß ihn Nancy mit ein wenig zu partheiiſchen Augen betrachte, dann aber blickte er links am Pferd hinunter auf ſeine ſtattlichen, wohlproportionirten Gliedmaſſen, dann wieder rechts, nickte dazu lächelnd mit dem Kopf, murmelte„einen kleinen Neger und hundert und fünfzig Dollars in baarem, harten harten Geld,“ und begann mit lauterer, ſtärkerer, ja recht herzfreudiger Stimme den geiſtlichen Geſang auf’s Neue. 139 Hand und hielt ihn bald dicht vor die Augen, bald in etwa Armeslänge von ſich entfernt, um unge⸗ fähr den Eindruck zu berechnen, den, wie er hoffte, ſein erſtes Erſcheinen auf die Mädchen hervorbrin⸗ gen ſollte. Aber gar nicht mit ſeinen Plänen harmonirend, ſtahlen ſich hie und da einzelne graue Haare ſowohl aus dem Backenbart als auch aus den Schläfen her⸗ vor, und emſig war er eben bemüht, die unwillkom⸗ menen Boten eines ehrwürdigeren Zeitalters mit ſicherer Hand und ſpitzen Fingern zu erfaſſen und herauszureißen, als plötzlich das helle Gelächter zweier ſilberreinen Mädchenſtimmen an ſein Ohr ſchlug, und er, entſetzt ſich wendend, in die vor ausgelaſſener Freude funkelnden Augen eben dieſer beiden Schönen blickte von denen er ſich Eine zum ehelichen Gemahl auserſehen. Hätte das ruhig neben ihm graſende Pferd ihn mit einem freundlichen„guten Morgen Mr. Curtis“ 4 angeredet, oder der Spiegel, der jetzt ſeiner zittern⸗ den Hand entfiel, ihm ein ſcheußliches Fratzengeſicht gezeigt, als er hineinſchaute und ſeine eigenen, wohl⸗ gebildeten Züge darin zu finden erwartete, oder die alte Eiche, unter der er ſtand, die Rieſenarme über den Kopf zuſammengeſchlagen und ſich die Wurzeln ſelber wie einen Zahn ausgezogen, er würde nicht ſo ſtarr vor Schrecken, ſo völlig wie eine ungeſal⸗ zene Madame Lot dageſtanden haben. Nicht einmal 140 die unbedeutendſte Begrüßungsformel wollte über die Lippen, und mit weit aufgeriſſenen Augen und noch weiter geöffneten Lippen blieb er in der einmal ein⸗ genommenen Stellung, und blickte bald auf dieſe, bald auf jene Schweſter. „Aber Mr. Curtis,“ begann jetzt die Aelteſte der Beiden, die ſich zuerſt wieder genug geſammelt hatte, um reden zu können,„läßt Ihnen denn Nancy z Hauſe gar keine Ruhe, daß Sie ſoweit in den Wald hinein müſſen, um Ihre Toilette zu machen?“ „Mr. Curtis will unter die Indianer gehen,“ fiel die Schweſter, immer noch mit vom Lachen un⸗ terbrochener Stimme ein—„er übte ſich ſchon im Bartausraufen, und ich bin feſt überzeugt, daß er in derſelben Taſche, aus der er ſchon ſo viele andere Sachen hervorgeholt hat, auch noch die Kriegsfarben trägt.“ „Das iſt möglich,“ kicherte Luey—„dort im Baum ſteckt ſein Scalpirmeſſer.“ „Aber beſter Mr. Curtis,“ ſagte Betſy mit ſcheinbarer Beſorgniß,„dann müſſen Sie ja auch tanzen, und da Sie doch jetzt erſt zu den Metho⸗ diſten— „Miß Lucy— Miß Betſy,“ ſtammelte in höchſter Verlegenheit der arme Curtis—„ich— ich habe einen kleinen Neger und hundert fünfzig Dollar—“ „Ah Sie werden ein Häuptling!“ jubelte Betſy, „ich ſehe Sie ſchon im Geiſt mit der Sealplocke 141 und dem blutigen Tomahawk im Gürtel— bunt⸗ bemalt, wehende Adlerfedern auf dem Haupte, die ausgefranzten Leggins von dem flatternden Haar⸗ ſchmuck der erlegten Feinde umweht— Brrrrr“ fuhr ſie ſchaudernd fort,„was Sie ſchon für wilde Blicke nach uns ſchießen;“ und wiederum fingen die Mäd⸗ chen an zu lachen, daß der Wald tönend das helle Echo zurückgab. Der arme Curtis aber, die Zielſcheibe dieſes un⸗ erbittlichen Spottes, ſtand keineswegs mit wildem Blick, ſondern mit höchſt kläglicher, erbarmenswerther Miene da, und überlegte eben, mit welcher Wonne er in einen zwei hundert und fünfzig Fuß tiefen Brunnen oder in eine unergründliche Felsſpalte hin⸗ einfahren könne, um nur hier, von dieſer für ihn zum Marterpfahl gewordenen Stelle fortzukommen, denn aller Muth, auch nur eine Sylbe über die Abſicht ſeines Beſuches laut werden zu laſſen, war ihm jetzt entfallen. Endlich aber faßte er ſich ein Herz, hob mit einer ſchnellen und geſchickten Bewegung den ihm vorhin entfallenen Spiegel wieder auf, ließ ihn in die Taſche gleiten, und frug jetzt, mit halb trotzigem, halb kläglichem Geſicht die Schweſten⸗ was ſie um des Himmels willen im Walde, hier an dieſer ein⸗ ſamen Stelle allein zu thun hätten. „Wenn wir nun grauſam wären,“ ſagte Lucy, „könnten wir Ihnen das zu rathen aufgeben, ſo aber wollen wir Mitleiden mit Ihnen haben, und 142 Sie in unſer Geheimniß einweihen. Sehen Sie den Waſchkeſſel da unten? ſehen Sie das freund⸗ liche Geſicht Jeſſina's?“ Und Curtis ſah das freundliche Geſicht Jeſſina's, denn nicht zwanzig Schritt von da entfernt, grinſte ihm, zwiſchen ein paar blühenden Dogwoodbüſchen hindurch, das breite, ſchwarze Antlitz eines kleinen, vierſchrötigen Negermädchens entgegen, das ſeine Arbeit verlaſſen hatte und kichernd zwei Reihen der reinſten, weißeſten Perlzähne zeigte, die je unter einer Negerin Lippe hervorſchimmerten. „How de do, Maſſa?“ nickte ihm die Kleine freundlich zu, und der fromme Curtis hatte ſchon einen höchſt gottesläſterlichen Fluch auf den Lippen, doch un⸗ terdrückte er ihn noch zur rechten Zeit, ſtarrte einen Augenblick vor ſich nieder, und war im Begriff, ſein Pferd zu beſteigen und den Ort zu fliehen, wo er unter für ihn ſo mißlichen Umſtänden empfangen worden. Da aber ſiegte der Verſtand des ruhigen beſonnenen Mannes. Nein— Mr. Trumbell war ſehr wohlhabend, und nicht allein hier, ſondern auch im Oiltrovebot⸗ tom, am Whiteriver, hatte er nicht unbeträchtliche Strecken Land, das am Fourche la fave jedoch, ſeiner geſünderen Lage wegen, zum Aufenthaltsort gewählt. Dabei viel Vieh— ſehr viel Vieh und— was das bedeutendſte war, eine ganze Colonie von Ne⸗ gern und beſonders von ſehr hübſchen Negermädchen. 143 Jeremias dachte an ſeinen eigenen jungen Spröß⸗ ling aethiopiſcher Race— romantiſche Gebilde von fabelhaft großen Baumwollenplantagen mit unzäh⸗ ligen Negerſclaven jagten an ſeiner inneren Seele vorüber— jedes der beiden vor ihm ſtehenden Mäd⸗ chen war wenigſtens zweitauſend Dollar werth— er drückte ſich den Hut etwas feſter auf den Kopf. Jetzt war der Zeitpunkt gekommen. Die Mädchen r ſchienen ihr Betragen zu bereuen— ſie flüſterten leiſe und ernſt zuſammen— ſie wußten, daß ſie ihm durch ihren Spott weh gethan haben mußten— Reue kam vielleicht dem, was er ihnen ſonſt noch bieten konnte, zu Hülfe; auf keinen Fall dürfte die koſtbare Zeit verſäumt werden, und Lucy ſollte erfahren, daß f es in ihrer Macht ſtehe, ihn zum Glücklichſten der Sterblichſten zu machen. Er ſetzte den rechten Fuß vor und hob den lin⸗ . ken Arm auf— der Augenblick der Entſcheidung * war da. 4 Lucy wandte ſich gegen ihn und ſagte bittend: „Nicht wahr, Sie ſind nicht böſe, wenn—“ „Mein Fräulein,“ unterbrach ſie mit freudiger Stimme der neue Hoffnung ſchöpfende Freier,— wie können Sie nur glauben, daß ich— ich habe—“ 80.„Wenn ich eine Frage an Sie richte—“ fuhr 1 Lucy, ohne die Unterbrechung zu beachten, fort— „Betſy und ich haben miteinander geſtritten— Betſy meint, Sie hätten ſich die einzelnen Haare aus Ver⸗ 144 zweiflung ausgeriſſen, ich behaupte aber, Sie wollten ihrer Geliebten eine Locke mitbringen. Nicht wahr, ich habe Recht?“ Das war zu viel für den armen Curtis! er ver⸗ ſchluckte die ſchon halb begonnene Anrede, ſteckte das Meſſer in den Gürtel, faßte ſein Pferd am Zügel, hielt aber noch einmal und warf einen letzten, fragen⸗ den Blick auf die Schönen. Dieſe aber waren indeſſen in ein lautes Kichern ausgebrochen, das in dem blühen⸗ den Dogwoodbuſch ein ſchallendes Echo fand, und ein paar blaue Heher, die gerade über der kleinen Verſammlung auf dem jungen Aſte eines jungen 8 Saſſafras ſaßen, ſtimmten mit ihren ſchmetternden, plappernden Stimmen ein in den Lärm. Curtis ſaß mit einem Sprung im Sattel. „Good bye Ladies!“ rief er mit lauter, trotziger Stimme, und als ob er hinter einem alten Bären her auf flüchtiger Hetze den Wald durchraſe, ſo flog er, über mehrere geſtürzte Stämme hinweg, der mit ſo frohen Hoffnungen verlaſſenen Countyſtraße wie⸗ der zu. zum Hauſe zu reiten und bei ihren Eltern zu über⸗ nachten, vergebens verſprach Lucy ihn nicht zu necken und keine Sylbe des Vorgefallenen zu erwähnen, er hörte nichts von ihren verſöhnenden Worten, und nur das ſpöttiſche(ihm teufliſch vorgekom⸗ mene) Lachen tönte und klingelte ihm noch in den Vergebens riefen ihm jetzt die Mädchen nach, 145 Ohren, als eer ſchon mehrere Meilen in ſcharfem Trabe zurückgelegt, und nun endlich anfing, die Sache ruhig zu überdenken. „Verdammt!“ rief er, und zügelte den Eifer des ſchäumenden Thieres ein wenig, indem er ſich zu⸗ gleich erſchrocken umſah, ob Niemand den gottes⸗ läſterlichen Fluch gehört habe,„kann ein einzelner Menſch größeres Unglück auf der weiten Gottes⸗ welt haben, als ich an dieſem geſegneten Morgen genoſſen? Aber gut— gut— ſpottet nur, lacht nur, meine Miß Lucy und meine Miß Betſy, verhöhnt nur den aufrichtigen Freier, der ſich Euch mit treuem Herzen naht, Ihr werdet's ſchon noch einmal bereuen und dann will ich triumphiren; dann iſt mein klei⸗ ner Neger groß geworden, mein baares Geld, meine hundert und fünfzig harten Dollars haben ſich ver⸗ mehrt, und die Zeit möchte kommen, wo Ihr Euch lieber Miſtres Curtis als Miß Lucy oder Miß Betſy nennen hörtet.“ Er hatte ſich bei den letzten Worten im Sattel umgedreht, und hob drohend den rechten Zeigefinger nach der Richtung hin auf, aus der er eben gekom⸗ men war. Seine Selbſtliebe trug aber endlich den Sieg über die gekränkte Eitelkeit davon, ein mitlei⸗ diges, faſt höhniſches Lächeln umſpielte für einen Augenblick ſeine Mundwinkel, und ſich dann feſter im Sattel ſetzend, preßten ſeine Schenkel auf's Neue Gerſtäcker, Wald⸗ und Strombilder. 10 8 8 146 die Flanken des edlen Thieres, das mit ihm in lan⸗ gen Sätzen über die felſige Straße dahinflog. Das nächſte Haus, das jetzt in ſeinen Augen einigen Werth hatte,— denn diejenigen Farmen, auf denen keine jungen Maͤdchen lebten, exiſtirten gegen⸗ wärtig gar nicht für thn w⸗ gehörte einem Leidens⸗ gefährten, einem Wittwer, Namens Ewis; der Mag⸗ net aber, der ihn dorthin zog, war des alten Ewis einziges Töchterlein, ein liebes, holdes Mädchen, ſchlicht und einfach, doch brav und häuslich erzo⸗ gen, und eine amerikaniſche Jungfrau im reinſten und vollſten Sinne des Wortes. Darum war übri⸗ gens Curtis nicht gleich von allem Anfang hierher⸗ geritten, weil— die Neger fehlten. Ewis konnte mit zu den wohlhabenderen Farmern gerethnet wer⸗ den, ſeine Heerden weideten in allen eilen der weitverbreiteten Rohrbrüche, ſein Land trug herrliche, reichliche Frucht, und es gab in einem nicht geringen Umkreis keinen gutmüthigeren und zugleich rechtliche⸗ ren alten Mann, als eben ihn; abey die Neger fehl⸗ ten, und Curtis hatte deßhalb Lucy und Bet— aber nein, er wollte gar nicht mehr an die Mädchen denken— ſie verdienten es nicht. Jetzt hatte er die äußerſten Fenzen erreicht; im Oſten wurden ſchon an dem erdunkelnden Nacht⸗ himmel einzelne, blitzende Sterne ſichtbar, und nur im Weſten verrieth ein ſchmaler bleicher Streif die geſchiedene, ſchlummernde Sonne; aber dort wirkte 147 und ſchaffte noch reges Leben; die Hr bellten, die Kühe blökten, eine feine Kindesſtimme rief das lockende„Huph— huph“ in den Wald hinaus, und dazwiſchendurch ſchallten die eintönigen Schläge der Axt, die noch Feuerholz füy die kühle Nacht herbei⸗ ſchaffen mußte. 5 Gleich darauf betrat den inneren, von den verſchiedenen Feldern und Gebäuden eingeſchloſſenen Raum, der gewiſſermaßen als Hof gelten konnte, und fand ſich bald darauf, von fünf bellenden heu⸗ lenden Rüden umgeben, vor einem einſtöckigen, aber ziemlich hochgiebligen Blockhaus, aus deſſen Inne⸗ rem ihm ſchon ein freundlich gemüthlicher Licht⸗ glanz, Wärme und Geſelligkeit verſprechend, entge⸗ genleuchtete. „Hallo Curtis!“ rief der alte Ewis, als er den, wenn auch etwas fernwohnenden„Nachbar“ erkannte, während er im Holzhacken einhielt und dem Ankom⸗ menden entgegentrat,—„das macht Ihr geſcheidt, daß Ihr Euch endlich einmal ſehen laſſet; habt mir's lange genug verſprochen. Komm Bill— nimm das Pferd und führ' es in den Stall; jag' nur die an⸗ deren hinaus, die haben jetzt gefreſſen, und wir brauchen ſie morgen doch nicht; tretet ein; laßt nur den Sattel ſein, Bill wird ſchon auf Alles Acht geben.“ Curtis athmete hoch auf— in der Thür der Hütte ſtand Anna, das holde liebe Kind, und lä⸗ 10* 148 chelte ihm ſo freundlich entgegen, daß er vor lau⸗ ter ſeligen Gedanken des Vaters Hand gar nicht wieder losließ. Er ſtieg aber vom Pferd, ſchüttelte die dargebotene Rechte des Alten recht derb und herz⸗ lich, und trat mit klopfendem Herzen in's Haus, wo er der Jungfrau nach alter wackerer Sitte die Hand zum Gruß bot. 1 „Nun, Curtis, wie gehts?“ fragte Ewis, als ſie ſich zuſammen zum Feuer geſetzt hatten und der Freiersmann emſig beſchäftigt war, mit ſeinem Ge⸗ nickfänger einen Span zu zerſchneiden,—„wie ſteht Euer Mais? ſchon gepflanzt? habt wohl frucht⸗ bares Wetter abwarten wollen? ja s'iſt merkwürdig trocken dieſes Jahr.“ „Nicht ſo ganz— wenigſtens nicht bei mir,“ erwiederte Curtis, dem es war, als ob ihm das Herz die Bruſt zerſprengen müſſe, denn Anna ſtand dicht neben ihm und hoͤlte die blankgeſcheuerte Kaffee⸗ kanne zum am Feuer brodelnden Abendeſſen vom Geſims herunter—„mein Feld liegt, wie Ihr wißt, ein wenig tief, im Thalland d'rin— neun Acker urbar gemachtes Land und daneben noch ein kleines Stückchen für Rüben— eine ſchöne Fenz, drum—“— „Ja, ja, s'iſt gutes Land, kann's aber doch mit meinem hier nicht aufnehmen.“ „Mr. Ewis“, entgegnete Curtis etwas pikirt (denn das heißt einem Anſiedler der weſtlichen Staa⸗ — 149 ten an's Herz gegriffen, wenn man behauptet: ent⸗ weder beſſeres Land, ein ſchnelleres Pferd, eine ſichere Büchſe oder tüchtigere Hunde, zu haben), „Mr. Ewis, mein Land wurde durch die Feldmeſſer ausgeſucht, und für das fruchtbarſte im ganzen County erklärt; überdies habe ich noch ein recht gu⸗ tes Wohngebäude, ein Rauchhaus, eine kleine Küche—“ „Haben Euch denn die Eichhörnchen und Trut⸗ hühner dies Frühjahr viel Saat weggefreſſen? ich mußte an den Fenzen herum ſchon wenigſtens zwei Mal nachpflanzen.“ „Das war bei mir nicht ſo bedeutend“, entgeg⸗ nete Curtis, auf's Neue die Gelegenheit ergreifend, all ſein bewegliches und unbewegliches Eigenthum im beſten Lichte erſcheinen zu laſſen;„Ihr wißt, ich habe einen kleinen Neger, und der muß gehörig aufpaſſen; es iſt ſehr angenehm, einen kleinen Ne⸗ ger“— er ſah ſich ſchnell um, denn er konnte faſt darauf ſchwören, es hätte Jemand hinter ihm geki⸗ chert, Anna ſtand aber ganz ernſthaft am Tiſch, und war emſig beſchäftigt, die Meſſer und Gabeln zu ordnen, und weiter ſah er Niemand im Zimmer— „kleinen Neger zu haben“, fuhr er nach kurzer Pauſe in der unterbrochenen Rede wieder fort; dabei die hundert und funfzig—"„) „Wie iſt's denn mit dem Brunnen geworden, den Ihr wolltet graben laſſen? oder trinkt Ihr noch 150 immer aus dem Bach? wenn ich Nancy wäre, ließ ich mir das gar nicht gefallen; im Sommer iſt's ein ſchauderhaftes Getränk.“ „Oh bewahre— ich nahm Mowers Jim auf vierzehn Tage in Arbeit, und da ich doch hundert und ſechszig Dollars in baarem, hartem Gelde liegen hatte, ſo wendete ich gleich zehn daran, dieſe wirklich nothwendige Arbeit gethan zu bekommen.“ „Hm“, ſagte Mr. Ewis, und ſchaute den red⸗ ſeligen Eurtis, während er mit dem Daumen und Zeigefinger der linken Hand die Unterlippe beobach⸗ tend zuſammenkniff, forſchend an. Zum erſten mal ſchien die Ahnung der Abſicht ſeines Beſuchs in ihm aufzudämmern. Zu jetziger Zeit war Alles eifrig in den Feldern beſchäftigt, und Curtis hatte mitten in der Woche ſeine Sonntagskleider angezogen und ſich zu ihm verfügt, blos um bei ihm zu übernachten.— „Hm“— ſagte er dann noch einmal, und ſah forſchend bald ſeine Tochter, bald Curtis an, der, als er dies bemerkte, feuerroth wurde und mit eiſernem Fleiße an ſeinem Spahn fortſchnitzte. Einige Minuten lang küberlegte ſich der Alte die Sache, und ſchien das pro und contra bedeutend in Betracht zu ziehen; endlich mußte aber doch wohl das pro den Sieg davon getragen haben, denn er ſtand auf, und verließ, unter dem Vorwand, nach den Pferden zu ſehen, das Haus. Curtis war auch wirklich gar keine ſo üble Parthie! er hatte 4* 151 was er brauchte, ja von dieſem wohl mehr als ſie⸗ ben Zehntel der übrigen Anſiedler, und die kleine, am Fourche la fave freilich ziemlich bekannte Eigen⸗ heit, daß er immer von ſeinem kleinen Neger er⸗ zählte, durfte, wie der Alte meinte, bei einem Mäd⸗ chen auch weiter keinen Unterſchied machen, wenn der Mann nur ſonſt brav und gut wäre. Curtis, der nicht einmal dieſe Eigenſchaft gegen ſich, wohl aber alle die andern für ſich kannte, merkte gar bald, wenn er auch ſonſt gerade keine übermäßigen Verſtandeskräfte beſaß, daß er den Alten auf ſeiner Seite habe, und beſchloß nun mit der Tochter die Sache ebenfalls ſchnell in's Reine zu bringen. Wie er aber allein mit ihr war, verließ ihn auf ein Mal aller Muth; es war ihm, als ob ihm Jemand mit zwei Fingern die Naſe, und mit der ganzen Hand die Kehle zuhielte, und er nun mit jedem Augenblick erſticken müſſe. Anna brach auch endlich zuerſt das ihm wenigſtens peinlich werdende Schweigen und frug ganz unbefangen: „Wie befindet ſich Nancy, Mr. Curtis? warum kommt ſie nicht einmal herauf zu uns; ſie hat es mir doch ſchon ſo oft verſprochen.“ Curtis rückte eine Weile auf dem Stuhl umher, faßte ſich aber endlich ein Herz und frug das junge Mädchen mit einem ſeiner zärtlichſten Blicke: „Wie wär's, Miß Ewis, wenn Sie dafür einmal Nancy beſuchten, vielleicht gefiel Ihnen der Ort?“ 15² „Nancy muß erſt zu mir kommen,“ ſagte Anna, „ſie hat es verſprochen.“ Eine lange Pauſe entſtand jetzt, bis endlich der zaghafte Werber auf's Neue das Wort nahm und die Unterredung mit einem leiſen: „Es iſt heute ſchönes Wetter“ wieder anzuknü⸗ pfen ſuchte. „Ja!“ ſagte Anna. Curtis ſah ſich im ganzen Hauſe um, und ſeine Augen flogen bald über die an der Wand hängen⸗ den Kleider, bald über die im Schornſtein ange⸗ brachten Speckſeiten, und haftete endlich wieder auf Anna's ſchlanker Geſtalt, die an das Feuer getre⸗ ten war, um nach dem beigeſtellten Maisbrod zu ſehen. „Miß Anna!“ ſagte Curtis. „Mr. Curtis?“ frug Anna, ſich nach ihm um⸗ drehend. „Ich muß Ihnen nur geſtehen“, ſtotterte der Freier, daß ich einzig und allein darum hierher ge⸗ kommen bin, um— um Sie— um mich bei Ihnen — bei Ihnen zu erkundigen,— ob Sie—“ „Ob ich?“— fragte das Mädchen, den neu⸗ gierig lächelnden Blick feſt auf ihn gerichtet. Er war ſo ſchön im Zuge geweſen, wie er ihr aber wieder in das dunkle Auge ſah, das ihn ſo ſchelmiſch, und doch auch ſo— er wußte ſelbſt nicht wie, ſo— ſo trotzig anblickte, da verließ ihn auf's 153 Neue ſein Selbſtvertrauen, und er ſtammelte, nach einigen vergeblichen Verſuchen, die Faſſung wieder zu⸗ gewinnen, auf das Fleiſch deutend— „Haben Sie das ſelber geräuchert?“ — Wohl zwei Minuten mußte er aber auf die Antwort warten, denn ſo lange dauerte es, ehe ſich Anna erholen konnte, die bei den letzten Worten in ein faſt nicht zu beſchwichtigendes Lachen ausgebro⸗ chen war. „Und deßhalb alſo ſind Sie die zwölf Meilen geritten?“ frug ſie endlich mit noch thränenden Au⸗ gen,„blos um ſich zu erkundigen, ob ich das Fleiſch geräuchert hätte? o beſter Mr. Curtis, das hätten Sie bequemer haben können, Nancy war dabei, wir haben es zuſammen eingeſalzen. Curtis wurde leichenblaß— er wußte, ſein bö⸗ ſes Geſchick arbeitete jetzt an ſeinem Verderben; die⸗ ſelbe Sehnſucht nach irgend einer noch unentdeckten Felsſpalte oder nach einem bodenloſen Abgrund er⸗ faßte ihn— „Ich habe einen kleinen Neger— „Und hundert und fünfzig Dollar in baarem, hartem Gelde,“ kicherte Anna. Nancy hat mir das mehr als zwanzig Mal erzählt.“ „Kinder, was Shabt Ihr denn?“ ſagte der alte Ewis, der durch das Gelächter angelockt, in die Thüre trat.„Ihr ſeid ja ungemein luſtig— ich glaubte—“ 74 ————— 154 „O Vater, denke Dir nur— lächelte Anna— aber ein flehender Blick des Unglücklichen traf ſie, und dem konnte ſie nicht widerſtehen. Sie hatte Cur⸗ tis Abſicht bei ſeinem erſten Eintritt gemerkt, denn wenn ein lediger Mann an einem Wochentage, noch dazu in ſo nöthiger Arbeitszeit, und in ſeinen beſten Kleidern, mit dem beſten Sattel auf dem Pferd, auf einer Farm übernachtet, wo junge, heirathsfähige Mädchen ſind, da wird und kann faſt ſtets ein Heirathsantrag vorausgeſetzt werden. Curtis war aber überdies noch in der ganzen Anſiedlung ſchon gewiſſermaßen prophezeit worden, da er einige dunkle Worte hatte fallen laſſen, was wie ein Lauf⸗ feuer von Farm zu Farm geflogen. Bei Stepp⸗ decken⸗ und Klötzerollfeſten hatten die jungen Mäd⸗ chen auch ſchon zuſammengekichert und gelacht, welche von ihnen die Glückliche ſein werde, der„der kleine Neger und die hundert fünfzig Dollar“ zuerſt ange⸗ boten würden. Auf dieſe Art war gewiſſermaßen ein Complott gegen den armen Mann entſtanden, und er glich jetzt einem Menſchen, der wohlvermummt und verlarvt auf einem Maskenball umherwandert, feſt überzeugt iſt, daß ihn Niemand erkennen kann, und hinten auf dem Rücken, durch irgend eine boshafte Hand angeheftet, ſeine eigene Biſitenkarte trägt. Anna fürchtete aber faſt, den Scherz zu weit getrieben zu haben, lenkte alſo ein, ſpeiſte den Vater κ 155 mit einer ausweichenden Antwort ab, und war dann ſehr beſchäftigt, das Abendeſſen herzurichten und auf⸗ zutragen, wich aber ſorgfältig jeder Erklärung von Curtis Seite aus, ja ging ſogar ebenfalls hinaus, als ſie merkte, daß ſie der Vater nach Tiſche auf's Neue mit dem jungen Manne allein laſſen wollte, und überzeugte die beiden Herren der Schöpfung gar bald, daß ſie auf die Pläne, die ſie zu brüten belieb⸗ ten, nicht einzugehen geſonnen ſei. Curtis verzehrte ſein Abendbrot ſehr traurig— es war ihm, als ob ihm die Biſſen im Munde ſtecken blieben, er verbrannte ſich zZweimal den Mund und nahm einen Löffel voll Senf ſtatt braunem Zucker in den Kaffee; die Mahlzeit wurde auch ſehr abgekürzt— der alte Ewis führte allein das Wort, erzählte ein paar lange Geſchichten von einer Kuh, die ein Panther gefreſſen haben ſollte und die nach⸗ her wieder plötzlich zum Vorſchein gekommen war, und endlich konnte ſich Curtis zurückziehn und ſein ſtilles, einſames Lager ſuchen. Sinnend verträumte er einen Theil der Nacht, aber auch friſchen, neuen Lebensmuth ſog er aus dieſen Träumen. Weshalb ſollte er ſich bei dem zweiten, eigentlich nur erſten Verſuche abſchrecken laſſen, denn bei Truͤmbells war er ja nicht einmal an's Haus geritten. Nein— noch gab es mehr und recht hübſche Mädchen in der Anſiedlung, und ſolche auch wahrſcheinlich, die ſeinen eigenen Werth, 156 wie den ſeines kleinen Negers und ſeiner hundert und fünfzig Dollar zu ſchätzen wußten, ohne des anderen Eigenthumes zu gedenken. Feſt entſchloſſen alſo, den Muth nicht ſinken zu laſſen, hüllte er ſich dicht in die weiche Steppdecke ein und Gott Morpheus nahm ihn ſanft in ſeine Arme. Am nächſten Morgen war er ſchon vor Tages⸗ anbruch auf und beſorgte ſein Pferd; dringende Ge⸗ ſchäfte riefen ihn, wie er dem alten Ewis ſagte, noch weiter am Fourche la fave hinauf, und Miß Anna nur einen guten Morgen durch die Thüre zurufend; als er, ſchon im Sattel, am Hauſe vorbeiritt, drückte er dem alten Manne herzlich die Hand und ſprengte auf der Countyſtraße weiter. „Nein Curtis,“ ſprach er aber dabei mit ſich ſelber,„wegwerfen thuſt Du Dich auch nicht; bitten und betteln iſt Deiner unwerth, Du biſt ein ordent⸗ licher Kerl und haſt“— er griff plötzlich dem Pferd in den Zügel und hielt in ſeinem Selbſtgeſpräch und im Reiten an. Ein Gedanke durchzuckte ihn—„ich glaube, Miß Anna hat ſich über meinen kleinen Ne⸗ ger luſtig gemacht— ſie lachte auf eine höchſt un⸗ anſtändige Art, als ich ihn erwähnte— nun gut,“ fuhr er, dem Braunen den linken Sporn wieder ein⸗ drückend, fort, indem dieſer einen, der Anreizung ent⸗ ſprechenden Seitenſatz that, und dann pfeilſchnell mit ihm unter den thauträufelnden, duftigen Zweigen 157 davonflog,„nun gut— wir werden ja ſehn. Doch Miß Anna— die Einzige ſind Sie nicht in der Anſiedlung— Sie wahrhaftig nicht. Aber armer Curtis!— wieder und immer wie⸗ der ſollteſt Du Deine Hoffnung, Dein felſenfeſtes Vertrauen getäuſcht und betrogen ſehen; wieder und immer wieder fandeſt Du Dich verſchmäht, zurück⸗ gewieſen und ach, an vielen Orten gar verſpottet. Am rechten Ufer des Fourche la fave, kam ihm ein Anſiedler, den er noch gar nicht kannte, ſogleich mit der Frage entgegen:„Ach, Sie ſind der, der den kleinen Neger und die hundert und fünfzig Dollar hat, nicht wahr?“ An anderen Orten liefen die Mädchen hinaus, wenn er kam, ließen ſich von dem Erſten Beſten ihr Pferd ſatteln, und galoppirten zur nächſten Anſiedlung, dahin ſchon die Kunde von dem wandernden Freier tragend, und Curtis hielt endlich, am dritten Tag ſpät Abends an der Farm eines Freundes, der, ziemlich abgelegen von den übri⸗ gen Anſiedlungen, auch wenig, ſelbſt mit ſeinen nächſten Nachbarn zuſammenkam und verkehrte. Peterſon hatte zwei hübſche Töchter, recht liebe und brave Mädchen, neben dieſen aber noch die Tochter eines Bruders, der in Texas geſtorben. Fanny, ſo hieß die Jungfrau, ſtammte aus Geor⸗ gien, wo ihr Vater damals eine kleine Baumwollen⸗ plantage beſaß, und war ein ſehr ſchönes, dunkel⸗ äugiges und heißblütiges Kind, aber auch toll, wild 7 und ausgelaſſen, und ihr Onkel hatte ſich ſchon früher einmal bei Curtis darüber beklagt, daß ſie es ſich in den Kopf geſetzt hätte, einen jungen Bengel zu heirathen, der— Advokat wäre.„Ein Menſch, der erſtlich einmal ſchon Advokat ſei,“ hatte er da⸗ bei geäußert,„ſolle nie, ſo lange er lebe und athme, eines von ſeinen eigenen, noch ſeines Bruders Kin⸗ dern zur Frau bekommen, wenn er es verhindern könne— ein Advokat, der den Leuten weißmache, roth ſei blau und grün ſchwarz! nein wahrhaftig nicht. Hatte nicht noch überdies im vorigen Herbſt derſelbe Laffe ſeinem Nachbar durchgeholfen, der an⸗ geſchuldigt war, eine von Peterſon's Kühen geſchlach⸗ tet zu haben? und hatte nicht er— Peterſon ſelbſt, die Haut von der Kuh,„auf die er das Sakrament neh⸗ men wollte,“ über deſſen Fenz hängen ſehen? nein— ein Menſch, der ſo etwas zu thun im Stande ſei, der ſei zu Allem fähig. Ueberdies konnte er nicht einmal einen Maiskolben von einer Waizenähre unter⸗ ſcheiden, und hatte ihn ſelbſt— er konnte das be⸗ ſchwören— gefragt, ob die Baumwolle auf ſolchen Bäumen wüchſe, wie ſie hier im Bottom ſtänden und die Banmwollenbäume hießen. 3 Und ſo ein Menſch ſollte einmal Beſitzer von einer Baumwollenplantage werden? nein— Fanny) war erſt achtzehn Jahr alt, und bis zum ein und zwanzigſten müßte ſie bei ihrem Onkel bleiben; nachher würde ſie ſchon Vernunft angenommen und 159 eingeſehen haben, daß ihr alter Onkel ehrlich und trefflich für ſie geſorgt, indem er ſie vor einem ſol⸗ chen Schritte bewahrte. Dies Haus betrat jetzt Curtis und wurde herz⸗ lich von Allen empfangen; ja ſo herzlich, daß er ſchon hoffte, jenes unglückſelige Gerücht über ſeinen kleinen Neger ſei nicht bis hierher gedrungen, und ſich heimlich zuſchwor, auch keine Sylbe davon zu erwähnen; aber leider ſchienen die beiden Miſſes Peterſon recht gut zu wiſſen, was den armen Mann zu ihnen geführt hatte, und wenn ſie auch, emſig mit ihrer Arbeit beſchäftigt, kein Wort, keine Sylbe äußerten, ſo verriethen doch dem jetzt ſchon miß⸗ trauiſch Gewordenen einzelne verſtohlene Blicke den kleinen lachenden Teufel, der in den Herzen der Waldſchönen lauerte. Ganz anders benahm ſich dagegen Fanny; ſie ſetzte ſich zu ihm— plauderte mit ihm, war ernſt und geſetzt und ſah ihn dabei ein paar Mal, wenn ſie ſich unbeobachtet glaubte— Curtis hatte es deutlich gemerkt— ſo forſchend, ſo theilnehmend an, daß ihn einmal, als er dieſem dunklen, feſt auf ihn haftenden Auge begegnete, ein eiskalter, aber un⸗ endlich wohlthuender Schauer durchrieſelte, und er ſich ſchon in's Geheim drei oder vier keineswegs ſchmeichelhafte Ehrentitel beilegte, nicht gleich von allem Anfang an hierhergeritten zu ſein. Er ließ ſich dieſe kleinen Zeichen denn auch nicht zweimal 8 160 geſagt ſein laſſen— rückte näher zu ihr, und fing nun an, um gleich mit etwas Schmeichelhaftem zu beginnen, das ſelbſtgewebte Zeug zu loben, was ſi trage, und meinte dabei: „Ja Miß Fanny, es ſteht einem jungen Mädchen Nichts auf der weiten Welt beſſer, als der Stoff, den es ſelbſt geſponnen und gewebt— das, iſt der Grundſtein der Häuslichkeit, und ein Mann—“ „Das Zeug hab' ich gewebt, Mr. Curtis,“ ſagte Kitty, die jüngſte, mit einer etwas malitiöſen Be⸗ tonung auf dem Pronomen. Curtis ſaß da wie vom Schlag getroffen, Fanny riß ihn aber ſchnell aus der Verlegenheit, indem ſie verſicherte, ſie habe ſich zu Hauſe all ihr Zeug ſelbſt gewoben und hielte es auch für paſſend, daß eine Hausfrau das thun ſolle. Curtis lebte wieder auf, die ganze alte Scheu verlor ſich, er wurde geſprächig und hatte wirklich mehrere ausgezeichnete Einfälle, über die Fanny ganz beſonders lachte, der alte Peterſon ſich aber ausſchütten wollte. Dieſen ſchien übrigens die Zu⸗ neigung, die ſeine Nichte zu dem einfachen Farmer gefaßt, herzlich zu freuen(denn daß Curtis blos darum gekommen ſei, um eins der Mädchen anzu⸗ halten, darüber war Niemand in der ganzen kleinen Geſellſchaft mehr zweifelhaft).„Gott ſei Dank,“ dachte er bei ſich ſelber,„hat ſie doch endlich den verwünſchten Advokaten vergeſſen; ich wußte es aber 161 wohl, der Rechte mußte nur kommen; das iſt mit allen Mädchen ſo.“ Das Abendeſſen war verzehrt— der alte Peter⸗ hatte ſich, ſehr vernünftiger Weiſe, zu Bett egeben; dem Gaſt war,„wenn er ſich niederlegen wolle, ſein Bett gezeigt“ und Kitty und Roſy be⸗ endeten ebenfalls mit manchen einander heimlich zu⸗ geflüſterten Bemerkungen ihre Arbeit, verſchwanden dann urplötzlich hinter einer breiten, an den oberen Querbalken des Hauſes aufgehangenen Matte, und Curtis fand ſich mit klopfendem Herzen allein neben Fanny am Feuer ſitzen. Er gedachte der Zeit, wo er, ganz auf ähnliche Art, ſeiner erſten Frau die Leidenſchaft geſtanden, die er fühlte, und wieder drohte ihm ein unbeſchreib⸗ lich ängſtliches Gefühl die Kehle zuzuſchnüren, denn wenn er auch in den letzten Tagen für ſolche Er⸗ klärungen etwas abgeſtumpft geworden war, da er die Gelegenheit gehabt mehrere zu geben, ſo fühlte er doch, daß hier Alles— Alles für ihn ſpreche, denn Fanny wäre ſonſt nicht allein zurückgeblieben, und die Liebenswürdigkeit ſelbſt geweſen. So ſehr er aber auch den Augenblick herbeige⸗ ſehnt, wo er mit ihr allein ſein würde, ſo ſchien es doch, als ob er, der noch vor ſo kurzer Zeit der Redſeligſte geweſen, plötzlich die Sprache verloren hätte, und er nahm wieder, aus lauter Verlegenheit, ſein Meſſer aus der Scheide und fing an zu ſchnitzeln. Gerſtäcker, Wald⸗ und Strombilder. 11 16² Fanny ſaß ihm gegenüber, an der andern Seite des Kamins, alſo ſo weit wie nur irgend möglich von ihm entfernt. Curtis hätte zwar um's Leben ggern ihr ſeinen Stuhl näher gerückt, aber er wagte nicht, er wußte keine Ausrede, die das auch nur im Mindeſten entſchul wie die Zeit verrann, und er ſich lächerlich machen würde, wenn er noch länger ſo ſtill und ſtumm wie der Klotz, der neben ihm zum Nachlegen lehnte, da ſaß. Mit einem tiefen Seufzer ſprengte er endlich die Feſſeln, die ſeine Zunge in Banden hielten und ſagte zögernd: „Miß Fanny— ſind Sie noch nicht müde?“ — er fühlte, ſobald ihm die Worte über die Lippen waren, daß er auf der weiten Gotteswelt Nichts aber es waren doch Dümmeres hätte ſagen können, wenigſtens Worte geweſen, die vielleicht den Zauber gebrochen hatten. Um Fanny's Lippen ſpielte bei dieſer endlichen Frage ein leiſes, leiſes Lächeln; es zuckte ihr nur ſo durch die Korallenlippen, und für einen Augen⸗ blick ſtiegen, wie Bläschen aus einem Cryſtallbecher, zwei leichte, wunderliebliche Grübchen empor auf den roſigen Wangen; ſie verſchwammen aber faſt eben ſo ſchnell, wie ſie entſtanden in der Sammethaut und nur mit leiſer Stimme ſagte ſie: „Freilich würde es eigentlich Zeit ſein ſchlafen zu gehen, und ich weiß nicht—“ digen konnte, und doch fühlte er 163 „Miß Fanny,“ ſtotterte Curtis. „Onkel ſchläft ſchon,“ meinte Fanny—„wir werden ihn wieder aufwecken durch unſer lautes Reden.“ 3 Curtis ließ ſich das nicht zweimal ſagen; blitzes⸗ ſchnell war er von ſeinem Stuhle auf und rückte dieſen neben das ſchöne, leichterröthende Mädchen. „Dann brauchen wir doch wenigſtens nicht ſo laut zu ſprechen,“ meinte er. „Aber Mr. Curtis.“ „Ach Miß Fanny,“ ſeufzte Curtis, der jetzt einmal im Gang, auch alle Furcht und Scheu über⸗ wunden hatte,„Sie müſſen es lange gemerkt haben, daß ich Sie liebe; wiſſen Sie wohl noch das letzte Klötzeroll⸗Feſt?“ Fanny nahm die kirſchrothe Unter⸗ lippe zwiſchen die Perlzähne und blickte ſtill vor ſich nieder.„Ich bin allein,“ fuhr Curtis jetzt ſelbſt mit niedergeſchlagenem Blicke fort—„ich habe Niemanden zu Hauſe, der— der Theil an mir nimmt— oder der— der mich lieb hätte; ich — ich habe lange gewünſcht,— lange gewünſcht ein Herz zu finden, das— das gern in meiner Nähe wäre. Da bin ich denn hierher gekommen— Miß— Miß Fanny.“ Fanny ſpielte verlegen mit der Schnur der Ku⸗ geltaſche, die an der Seite des Kamins neben ihr herunter hing.— „Und wollte Sie fragen, Miß“— fuhr Curtis 11 ³ 164 mit angehaltenem Athem fort— ob Sie— ob Sie Ihr Schickſal mit einem Manne theilen wollten, der— der es brav und ehrlich meint, und Alles thun wird, was in ſeinen Kräften ſteht, Sie glück⸗ lich zu machen.“ Ein tiefgeholter Seufzer kündete jubelnd die vollendete Erklärung, das Abrollen des Felſenge⸗ wichts, das bis zu dem Augenblick ſeine Bruſt be⸗ ängſtigt hatte. Fanny ſprach kein Wort, nur manchmal warf ſie einen ängſtlichen Blick nach der Thür und nach dem kleinen Fenſter, das, mit einer dünnen weißen Gardine verhangen, dem Kamin gegenüber ange⸗ bracht war. „Miß Fanny,“ flüſterte jetzt, durch dies bedeu⸗ tungsvolle Schweigen kühn gemacht, der Glückliche —„Miß Fanny, ich bin auch kein hergelaufener Squatter, der Nichts hat, als ſeine Axt und Büchſe, und mit jedem neuen Frühjahr auch wieder eine neue unbewohnte Gegend aufſucht— ich habe ein recht wohnliches Haus mit einer kleinen Küche und dem Rauchhaus— neun Acker urbar gemachtes und gut eingefenztes Land, auch ein kleines Rüben⸗ ſtück— zwei ausgezeichnet gute Pferde— ſieben und dreißig Stück Rindvieh, einige vierzig Schweine, eine vorzügliche Stahlmühle, vier Hem— die beſte Büchſe im ganzen Revier und einen kleinen Neger von—“ 4 1 . . 165 Curtis hielt plötzlich inne; der Neger war ihm wider Willen herausgefahren, und Fanny barg plöͤtz⸗ lich ihr Geſicht im Taſchentuch und wandte ſich ab — Hals und Nacken färbten ſich ihr hochroth;— lachte ſie ihn aus? Eine peinliche Pauſe entſtand— um Gottes⸗ willen— ſie ſchluchzte. „Ach Gott!“— Miß Fanny— was fehlt Ih⸗ nen? habe ich Sie durch irgend etwas gekränkt oder beleidigt? o mein Himmel, ſo reden Sie doch— Sie bringen mich zur Verzweiflung.“ „Mr. Curtis,“ flüſterte endlich das ſchöne Mäd⸗ chen noch immer hinter dem Tuche vor— „Miß Fanny,“ bat Curtis. „Für wie eigennützig— niedrig denkend müſſen Sie mich halten, daß Sie mir Ihre Reichthümer aufzählen, als ob Sie glaubten, dadurch mein Herz beſtechen zu wollen.“ „Miß Fanny!“ ſagte Curtis, und war wie vom Schlag gerührt; Scham und Freude rangen in ſei⸗ ner Bruſt um die Oberherrſchaft. Scham, da er fühlte, wie Recht ſie hatte;— Freude aber, da die⸗ ſer Ausbruch des Gefühls ein ſicheres Geſtändniß ihrer Zuneigung zu ihm war. Die Freude trug aber nach kurzem Ringen den Sieg davon. „Fanny,“ flüſterte er und faltete bittend die Hände—„Fanny— wollen Sie die Meine ſein?“ Fanny, mit noch immer abgewandtem, verhülltem 166 Geſicht reichte ihm ihre Hand, die er glühend an ſeine Lippen preßte. „Es wird ſpät, Mr. Curtis,“ flüſterte endlich das holde Mädchen, indem ſie leiſe die Hand ent⸗ zog und von ihrem Stuhl aufſtand— wie mit Pur⸗ pur übergoſſen war ihr liebes Angeſicht—„wir müſſen uns für heute Abend trennen— ſprechen Sie Morgen mit meinem Onkel.“ „Fanny,“ ſagte Curtis noch ein Mal und wollte ſeinen Arm um ihre Taille legen,„Sie haben mich zum Glücklichſten—“ Fanny ſtieß einen leiſen Schrei aus, denn mit fürchterlichem Gepolter kam ein großer Stein zu dem niederen Kamin herunter, daß Funken und Aſche weit umherſtiebten; gleich darauf ſchlugen die draußen gelagerten Rüden an, und umbellten wüthend das Haus. „ Was um Gotteswillen?“ rief Curtis. „Sick' em!“ ſagte der alte Peterſon im Schlaf die Hunde antreibend. „Gute Nacht!“ flüſterte Fanny dem Glücklichen zu;„gute Nacht, Mr. Curtis.“ „Gute Nacht, theuere, theuere Fanny!“ rief die⸗ ſer entzückt, drückte noch einen heißen Kuß auf die nicht widerſtrebende, zierlich kleine Rechte und ſuchte dann ebenfalls das für ihn bereitete Lager. Aber an Einſchlafen war nicht zu denken, wie mit Schmiedehämmern tobte es ihm in den Schlä⸗ fen, und wenn er ſich auch unruhig bald auf dieſe, bald auf jene Seite warf, kein Schlummer kam in ſeine Augen; die Hähne krähten ſchon wieder, drau⸗ ßen im Walde kullerte der wilde Truthahn und die Eule heulte ihr Morgenlied, als er endlich in einen leiſen Schlaf der Ermattung ſank, aus dem ihn bald wieder das Holzſchlagen des alten Peterſon weckte, der gleich darauf mit einem ſchweren Klotze auf der Schulter in das Haus trat, und dieſen, als Rück⸗ ſtück, in's Feuer warf. Er ſprang auf, kleidete ſich an und folgte dem Alten vor die Thür. Hier geſtand er ihm denn ſeine Liebe für deſſen Nichte, behauptete ihrer Ein⸗ willigung gewiß zu ſein und bat um ſeinen Segen und ſeine Zuſtimmung. 3 Peterſon hatte es, nach Allem was er am vori⸗ gen Abend geſehen, erwartet, ſprach ſich aber recht herzlich gegen den Farmer aus, wie er ſich freue, daß ſeine Nichte ſo vernünftig geweſen, eine ſo kluge Wahl zu treffen, und verſprach ihm dafür zu ſorgen, daß es ihm fortan recht gut und wohl gehen ſolle, da Fanny keineswegs unvermögend, dem Manne ihrer Wahl nicht allein ihre liebreizende Geſtalt, ſondern auch ein recht anſehnliches Grundeigenthum wie verſchiedenes anderes bewegliches Beſitzthum mitbrächte. 6 Noch an demſelben Morgen ward Alles geord⸗ net und Curtis wün ſchte nun mit ſeiner jungen 168 Braut den Fourche la fave hinunter zu Mr. Hou⸗ ſton, dem nächſten Friedensrichter, zu reiten, um dort mit ihr für immer vereinigt zu werden; Fanny aber bat den Bräutigam, ihr den Gefallen zu thun, und ſie den Fluß hinauf zu dem etwa fünfzehn Meilen entfernten Richter Welmot zu begleiten, der, ein Freund ihres verſtorbenen Vaters, ſtets den in⸗ nigſten Antheil an ihr genommen und jetzt auch dem wichtigſten Schritte ihres Lebens beiwohnen ſolle. Hiergegen ließ ſich Nichts einwenden, Curtis war ſehr gern damit zufrieden, und ſeinem Wunſche nach wären ſie augenblicklich aufgebrochen; Fanny hatte aber noch ſo viel zu ordnen, ſo viel zu beſorgen, daß. der Nachmittag heranrückte, und erklärte nun, als der Vater vorſchlug, den nächſten Morgen ab⸗ zuwarten,„ſie wünſche bei einer Freundin, die etwa auf der Hälfte Weges zwiſchen hier und dem Rich⸗ ter wohnte, zu übernachten, wo auch Mr. Curtis gern geſehen ſein würde, da ſie dort ſchon viel von ihm geſprochen.,“ Wie hätte Eurtis dem holden Mädchen die erſte Bitte abſchlagen können? was Fanny wünſchte, ge⸗ ſchah; um drei Uhr etwa brachen ſie, herzlichen Ab⸗ ſchied von Allen nehmend, auf, und der alte Pe⸗ terſon gab noch, da er der dringenden Arbeiten we⸗ gen nicht ſelber mitreiten konnte, der Richte einen Zettel*) für den Friedensrichter, der— freilich et⸗ was unorthographiſch, doch hinreichend war, jenen mit ſeinen Wünſchen bekannt zu machen. Wohl noch eine Stunde vor Dunkelwerden er⸗ reichten ſie die Farm, in welcher Fanny die Nacht zu bleiben wünſchte, wurden hier auf das Freund⸗ lichſte bewillkommt, und ſchienen ſogar erwartet zu ſein, obgleich Curtis nicht begreifen konnte, wie das möglich war; die Unterhaltung ward übrigens ſehr lebhaft geführt und Fanny ließ ſich beſonders viel von einem jungen Deutſchen erzählen, der eben aus den Ozark⸗Gebirgen zurückkam und hier ebenfalls eingekehrt war, weil ſchwerdrängende Wetterwolken eine ſtürmiſche Nacht verkündeten. Curtis fühlte ſich übrigens ſehr abgeſpannt; drei Nächte lang hatte er faſt jedes Schlafes entbehrt, und die fortwährende Aufregung, in der er ſich be⸗ funden, mußte überdies noch dazu beitragen, die Er⸗ mattung und Erſchlaffung ſeines ganzen Nervenſy⸗ ſtems zu entſchuldigen. Der Farmer bemerkte auch bald ſeine Müdigkeit, winkte ihm ſeitab, und führte ihn in die Ecke zu ſeinem Lager von weichgebreiteten Hirſchfellen, auf das er ſich warf, und hier bald dem Schlummergott, der ihm ſo lange treulos geweſen, in die Arme ſank.— *) Der Zettel lautete wörtlich:„Plees Sir— merry the too young peepel; yoors M. Peterson.“ 170 In der Nacht machten die Hunde einmal einen. fürchterlichen Lärmen, und Curtis träumte, es fiele wieder ein Stein im Kamin herunter; er wachte aber nicht davon auf, und erſt ein unruhiges Umherlau⸗ fen im Haus, und ein Auf⸗ und Zuſchlagen der Thüren erweckte ihn. Es war ſchon heller Tag, die Sonne ſchien durch die Seitenſpalten des Blockhauſes, als ſie eben die dunkelwogenden Fichtenwipfel überſtieg, und der Deutſche ſchnürte vor dem Kamin die wollene Decke zuſammen, um ſeine Wanderung, den Fluß hinunter, fortzuſetzen; Fanny konnte aber auch noch nicht auf ſein, denn er ſah ſie nirgends. Mit außerordentlicher Geſchicklichkeit, die auch wirklich nur dem daran gewöhnten Hinterwäldler eigen iſt, kleidete er ſich jetzt unter der Bettdecke ſo⸗ weit an, daß er aufſtehen und ſeine Toilette vor den übrigen Mitgliedern der Familie vollenden konnte und trat nun ebenfalls zum Feuer. Fanny ließ noch immer Nichts von ſich ſehen. „Mr. Curtis,“ ſagte endlich der alte Farmer, als er die ungeduldigen Blicke bemerkte, die der feu⸗ rige Liebhaber nach den Gardinen warf, hinter denen die Geliebte noch immer weilte;„Mr. Curtis, wiſ⸗ ſen Sie es ſchon?“ „Wiſſen Sie?“ frug Curtis überraſcht—„wiſ⸗ ſen? was?“. 171 „Sie wiſſen alſo Nichts davon?“ ſagte jener kopfſchüttelnd. „Von was denn, um Gotteswillen?“ „Hm!“ ſagte der Alte— „Mr. Peterſon, Sie bringen mich in Verzweif⸗ lung; was iſt vorgefallen? was ſoll ich wiſſen? ſo reden Sie doch— wo iſt Fanny?“ William, Peterſons älteſter Sohn, winkte dem Ungeduldigen auf bedeutungsvolle Art und verließ das Haus. Curtis drückte ſich den Hut auf den Kopf und folgte ihm ſchnell— ihm ahnte Schreck⸗ liches.— „Mr. Curtis,“ ſagte William, als er hinter der Fenz, da wo ſie das Haus nicht mehr ſehen konn⸗ ten, ſtehen blieb—„Mr. Curtis, ich habe einen Auftrag an Sie auszurichten?“ „Auftrag— von wem?“ „Von Miß Fanny Lowland!“ „Von meiner Braut?“ „Von Miß Fanny Lowland.“ „Mann Gottes, iſt ſie denn nicht mehr im Hauſe? iſt ſie wieder heimgekehrt?“ „Nein; ſie iſt zum Friedensrichter,“ ſagte Wil⸗ liam. „Zum Friedensrichter?“ rief Curtis plötzlich be⸗ ruhigt, ja das iſt was anderes; aber ſo lange hätte ſie doch noch warten können, bis ich mich angezogen hatte. Ja da muß ich gleich nach—“ 172 „Bitte,“ ſagte William und hielt den Forteilen⸗ den zurück—„ich habe auch noch ein kleines Brief⸗ chen an Sie abzugeben.“ „Einen Brief? von wem?“ „Von Miß Fanny Lowland!“ „Von meiner Braut?“ „Von Miß Fanny Lowland.“ „Der Menſch macht mich noch wahnſinnig,“ dach Curtis, und riß dem Lächelnden das zuſam⸗ mengefaltete Papier aus der Hand. Es war ver⸗ ſiegelt, und enthielt, mit Bleiſtift geſchrieben, die fol⸗ gende, tröſtliche Nachricht. „Dear Sir— Kaum darf ich hoffen, daß Sie mir eine Liſt verzeihen, zu der mich freilich nur die Nothwehr ge⸗ zwungen hat. Ich liebe einen jungen Mann, einen Advocaten aus Cincinnati, und mein Onkel hätte mir noch Jahrelang ſeine Einwilligung verſagt, da hörte ich von Ihrer Ankunft. Schon am Tag vor⸗ her, ehe Sie unſer Haus betraten, war die Nach⸗ richt gekommen, daß Sie bei Smeiers um die Hand der Tochter angehalten, und da zwiſchen dort und unſerem Hauſe nur drei Farmen lagen, von denen nur auf zweien heirathsfähige Mädchen lebten, ſo konnten wir mit Gewißheit darauf rechnen, Sie ge⸗ ſtern bei uns zu ſehen. Mein Plan war augen⸗ blicklich gefaßt; durch Sie mußte ich die ſchriftliche Erlaubniß meines Onkels bekommen, mich zu ver⸗ 173 heirathen— ich ſandte meinem Bräutigam durch einen ſicheren Neger Kunde, und verſuchte nun ſelbſt, Ihr Herz für mich zu gewinnen. Ich will aber nicht eitel ſein, ich will es nicht meinen Reizen zu⸗ ſchreiben, die mir das Ihrige ſo ſchnell eroberten; doch ſei dem wie ihm wolle, mein Plan gelang, ich erhielt das Papier; Sie ſelber führten mich in die Arme meines Bräutigams, der Sie am vorigen Abend erſt mit dem Stein erſchreckte, und dann ge⸗ gen Morgen kam, mich abzuholen. Ich bin, wenn Sie dieſe Zeilen erhalten,— ſein Weib.“ Curtis ſtarrte mehrere Secunden verblüfft in das Antlitz ſeines Begleiters— dann fuhr er fort zu leſen: „Zürnen ſie mir nicht, aber ich war ſtets ein wildes, unfolgſames Kind, und verdiente weder Sie noch ihren kleinen Neger, noch die hundert und fünf⸗ zig Dollar— leben Sie wohl und machen Sie eine Andere glücklich.“ P. S. Meine Couſinen wußten Nichts von meiner Liſt, auch Peterſon's haben es nicht erfah⸗ ren, nur William, der junge Mann, der Ihnen die⸗ ſen Brief übergiebt, iſt im Geheimniß ihm kön⸗ nen Sie vertrauen. Er hat zwei liebenswürdige Schweſtern; und da Sie gerade an Ort und Stelle ſind— doch einem Manne von Ihrer Erfah⸗ rung—“ Curtis warf den Brief auf die Erde und trat 174 ihn ſo lange mit den Hacken ſeines Stiefels in den weichen Erdboden hinein, bis er auch nicht die Spur mehr davon entdecken konnte; dann wandte er ſich wild gegen den jungen Mann und wollte ſeinem Grimm in tobenden Worten Luft machen; dieſer legte jedoch warnend und beſchwichtigend den Finger auf den Mund, trat lächelnd näher und ſagte leiſe, des Aergerlichen Arm Fgreifend: „Pſt, Mr. Curtis— Blatt vor den Mund— um Gottes Willen Blatt vor den Mund; bis jetzt weiß die Sache keiner als wir Beide, denn Miß Fanny oder— Mes. Grey kommt, wenn ſie zu⸗ rückkehrt, wahrſcheinlich nicht hier wieder vorbei— alſo ſtillgeſchwiegen, das iſt das Geſcheidteſte, was Sie unter den Verhältniſſen thun können. Mit einem Mädchen, das Sie nicht liebt, wären Sie überdies nie glücklich geworden.“ „ Ich will ihr nach“ knirſchte Curtis. „Um ausgelacht zu werden?“ meinte William. „wollen Sie einen guten Rath annehmen, Mr. Curtis?“. Curtis ſah fragend zu ihm auf. „Sie ſuchen eine Frau, und werden überall ab⸗ gewieſen—“ „Six!“ „Ich meine es gut, Mr. Curtis, bei Gott, ich meine es gut, aber— gehen Sie in einen anderen Staat, wenigſtens in ein anderes County. Sie wiſſen . * nicht, wie ſchwer es hält, Vorurtheile zu be⸗ ſiegen.“— „Mr. Peterſon, ich werde Sie um Ihren Rath erſuchen, wenn ich deſſen bedarf,“ rief Curtis ent⸗ rüſtet, eilte zum Hauſe zurück, warf dort ſeinen Sattel auf das höchſt unmuthig wiehernde Pferd, dem es gar nicht behagen wollte, einen neuen Ritt ohne vorhergenoſſenes Frühſtuck anzutreten, drückte ihm den Zaum in's Gebiß, den er ſich nicht einmal die Zeit nahm feſtzuſchnallen, ſchwang ſich hinauf und ſprengte, ohne auch Jemanden„good bye“ oder ein ſonſtiges Abſchiedswort zu ſagen, wie beſeſſen die Straße hinauſ, dem Hauſe des Friedensrich⸗ ters zu. Der frühe Ritt aber, der kalte Nordwind, der durch den Wald dahin ſtrich, und die noch von den Zweigen träufelnden Regenperlen, die der nächtliche Sturm in dem Nadelholz zurückgelaſſen, kühlte ſeine Wangen und— ſeinen Jähzorn. Er hatte zuerſt im Sinn gehabt, wie ein zürnender Gott vor das Mädchen zu treten, das ihn ſo ſchändlich hintergan⸗ gen, aber des jungen Peterſon's Worte:„Sie wer⸗ den nur ausgelacht,“ ſchallten noch immer in ſeinen Ohren.. „Ausgelacht?“ er hielt ſein Pferd an, und blickte nachdenkeud auf die Straße nieder;„aus⸗ gelacht— und hat jenes— Geſchöpf— verdient, daß ich mich ſo um ſie ärgere?“ Sein Auge fiel 4 —— .. 8. N AA 6 An 28 ½ 8— 175 5 X auf die friſch eingedrückten Spuren zweier Pferde, von denen er die einen augenblicklich als die Spu⸗ ren des Poneys erkannte, das Fanny geſtern ge⸗ ritten. b Curtis— der fromme Curtis fluchte— er ſchwur, er wolle verdammt ſein, wenn er nicht Rache —„nein— er wolle nicht verdammt ſein“— ſagte er plötzlich, indem er den Zügel losließ, den Hut abnahm und ſich mit der Hand hinter dem Ohre kratzte.— „Curtis!“ ſprach er dann nach kleiner Weile vor ſich hin,„Curtis, biſt Du nicht ein rechter ſtraf⸗ würdiger Narr geweſen?“ Das Pferd nickte ein paar Mal mit dem Kopfe auf und nieder und wieherte— es hatte Hunger. „Haſt Du Dich nicht in der Anſiedelung zweck⸗ und ziellos umhergehetzt?“ fuhr der Reiter fort, ohne des Pferdes Bewegung weiter zu beachten,„haſt Du nicht nach Glaskorallen draußen im Weiten geſucht, während Du einen Diamant im eigenen Hauſe hegſt? Curtis— Du haſt dieſe Strafe verdient— lange hätteſt Du merken müſſen, daß Dir Nancy gut ſei, und— geſtehe es Dir uunr ein, Du haſt es gemerkt, Du haſt es gefühlt, daß ſie Dich heim⸗ lich liebe, aber von ſchnöder Geldgier, von dem Drang mehr und mehr Dein eigen zu nennen ge⸗ trieben, verachteſt Du ein Herz, das Dir mit treuer Liebe entgegen ſchlug, und das in Leid und 177 Freud' bei Dir ausharrte, nur um Dich zu tröſten und zu pflegen.“ Er ſchwieg und ſah wohl mehrere Minnten lang ſinnend vor ſich nieder, dann aber, wie von einem unwiderruflichen feſtbeſchloſſenen Gedanken durchglüht, ſetzte er den Hut wieder auf, ergriff den Zügel, lenkte den Braunen herum, der mit der größten Be⸗ reitwilligkeit Folge leiſtete, und ſprengte dann„daß Kies und Funken ſtoben“— zurück, der eigenen Hei⸗ math zu. Aber nicht an Peterſon's Hauſe wollte er vorüber, deshalb verließ er bald die breite ausgehauene Coun⸗ tyſtraße und trabte durch den Wald dem Fluſſe zu, den er an einer bekannten Furth kreuzte; die Niederung dann durchſchneidend erreichte er bald den Fuß der ſüdlich liegenden Hügel, wo er wußte, daß er, ohne an einer Anſiedelung vorüber zu kommen, ſeine eigene Farm erreichen konnte, und ſprengte dann mit ver⸗ hängtem Zügel und ſo ſchnell ihn des Braunen Füße tragen konnten, weiter. Unterwegs aber überdachte er in zürnendem Sinnen die Körbe— die ganze Korbhandlung, die er erhalten, und grollte mit dem Schickſal, das ihn dazu verdammt habe, überall ſeine Hoffnungen zer⸗ trümmert, ſeine Pläne untergraben zu ſehen. War es aber das Schickſal, das Alles dieſes verübt? war es ein böſes Fatum, das über ſeinen Handlungen wachte und die ſchönſten Keime noch in der Büüthe Gerſtäcker, Wald⸗ und Strombilder. 12 178 erſtickte?— nein— er hatte ſonſt in Allem Glück, ſeine Erndten gehörten ſtets zu den beſten, ſein Vieh⸗ ſtand wuchs mit jedem Jahre ſtärker, als er es ſelber zu hoffen wagte; keinem anderen Anſiedler am Fourche la fave zerriß der Panther weniger Kälber oder der Bär weniger Schweine, und kein Haus war weniger vom kalten Fieber heimgeſucht geweſen, als gerade Curtis; dabei war er ein or⸗ dentlicher, fleißiger und braver Mann, nicht ſtreit⸗ ſüchtig, aber tapfer und unerſchrocken, wo es galt, ſeinen Mann zu ſtehen, und bei der Arbeit uner⸗ müdlich. Woher nun konnte es kommen, daß er von allen Mädchen, um die er anhielt, verſchmäht wurde, die noch überdies zu all den obigen Eigenſchaften ſeine Verhältniſſe kannten, die in dieſen anſpruchsloſen Gegenden wirklich an Wohlhabenheit grenzten. Kaum glaublich iſt es, aber die Urſache lag einzig und allein in jener Angewohnheit, von ſeinem kleinen Neger und ſeinem baaren Gelde zu ſprechen; er war verlacht und verſpottet worden, und irgend Eines der Mädchen hätte lieber einen anerkannten Schuft geheirathet, als einen Mann, der ſich einmal— lächerlich gemacht. Curtis fühlte das jetzt ſelbſt, und er beſchloß hinfüro die Aufzählung ſeines Eigenthums zu ver⸗ ſchieben, bis er darum gefragt werde—„doch“— fuhr er dann in ſeinem Selbſtgeſpräche fort—„was 179 bedarf ich deſſen weiter— Nancy liebt mich auch mit meinen Schwächen, denn ſie kennt meine guten Eigenſchaften ebenfalls, und ich werde jetzt das Glück zu Hauſe finden, das ich, Thor der ich war, vergebens unter Fremden ſuchte.“ Dieſe Nacht lagerte er bei einem alten Jäger, der, ziemlich abgeſchieden von anderen Anſiedelungen, ſich dicht am Fluſſesufer eine kleine Hütte gebaut hatte, Viehzucht trieb und dabei jagte. Er fand dort gaſt⸗ liche Aufnahme und Nahrung für ſich und ſein Pferd; ſchlief auch, da er die Gewißheit hatte, der Alte könne Nichts von ſeinem Unglück erfahren haben, ſanft und ruhig die Nacht, und war am andern Morgen, als die Sonne eben erſt den äußerſten Hügelſaum ver⸗ goldete, ſchon wieder unter Weges. Ihn trieb jetzt die Sehnſucht heim, wie ſie ihn vor wenigen Tagen fortgetrieben, und freudig und ſtürmiſch klopfte ſein Herz, als er endlich das eigene Dach hinter den maigrünen Maulbeerbäumen, die dem Hofe Schatten gaben, hervorſchimmern ſah. Der Braune wieherte ebenfalls vor Freuden, als er den heimiſchen Trog erblickte, und Curtis ſtrei⸗ chelte ihm im Mitgefühl den ſchöngeformten Hals. — Ha— da war Nancy— ſie hatte das bekannte Wiehern des Braunen gehört, und war in die Thür geſprungen, das heimkehrende Paar zu begrüßen, das heißt, nicht etwa den Braunen und deſſen Herrn, ſondern den Herrn und deſſen— Pran ſie blieb — 180 auch etwas überraſcht in der Thüre ſtehen, als ſie Mr. Curtis allein zurückkehren ſah; dieſer aber drückte dem treuen Thier die Hacken in die Seite, ſprengte bis dicht vor die Pforte, blieb dort plötzlich mit einem Ruck halten, und ſagte: „Guten Morgen, Nancy?“ „Ei guten Morgen, Mr. Curtis,“ rief das fröh⸗ liche Mädchen,„Sie ſcheinen ja heute gewaltig guter Laune zu ſein; ich dachte aber Sie brächten Geſellſchaft?“ „Wie gehts Nancy?“ frug Mr. Curtis, ohne jedoch auf die letzte Bemerkung weiter zu achten, indem er immer noch vor dem Hauſe hielt, und zu ihr aufſah—„wie iſt es die Tage über gegangen?“ „Danke— gut, Mr. Curtis— ſehr gut— aber warum ſteigen Sie denn nicht ab? wo bleibt denn der Beſuch? ich habe das ganze Haus geſcheuert und gekehrt.“ „Schadet Nichts, Nancy,“ ſagte Mr. Curtis, und ſah ſinnend auf den— kleinen Neger nieder, der höͤchſt bedeutungsvoll vor ihm ſtand und dem Pferde nach dem Zügel griff—„ja Bob,“ rief er dieſem dann zu, führ ihn fort und füttere ihn gut, ich reite nun ſobald nicht wieder aus, der Braune ſoll ſich eine Woche pflegen, denn zu Richter Houſtons nebenbei⸗ können wir zu Fuße gehn. Höre Nancy, wandte er ſich dann an das junge Mädchen—„ich hab Dir viel zu erzählen, und muß Dich um etwas fragen.“— 181 „Mich?— ei um was denn?“ „Sollſt es gleich erfahren, aber— Du haſt Dir ja all Deine Sonntagskleider vorgeholt? iſt ein Tanz in der Nähe?“ „Ach Mr. Curtis— ich hätte Ihnen auch viel zu erzählen,“ ſagte Nancy, und wurde feuerroth. „Nun Nancy? heraus mit der Sprache,“ lächelte dieſer,„heraus mit der Sprache— was iſt's?“ „Ach, Sie werden mich auszanken!“ „Ich Dich auszanken, Nancy? habe ich Dich je⸗ mals ausgezankt?“ „Ach Gott ja, wiſſen Sie wohl das eine Mal, wo ich über den kleinen Neger“— „Oh— Unſinn,“ ſagte Mr. Curtis. „Es war Jemand hier während Ihrer Abweſen⸗ heit,“ fuhr Nancy fort. „So? wer denn? aber was wollteſt Du mir denn erzählen?“ „Mr. Pelter, Sir,— der junge Mr. Pelter.“— „So? wollte er das Joch Ochſen kaufen, wegen dem er ſich ſchon faſt die Füße abgelaufen hat?“ „— Nein— er— er hat,“ ſagte Nancy zögernd und bis in die Haare hinauf erröthend—„er hat um meine Hand angehalten.“ Curtis zuckte wie von einem Blitzſtrahl getroffen zuſammen, und blickte dem Mädchen ſo wild, ſo ſtier in's Auge, daß dieſes erſchreckt einen Schritt zurück⸗ trat und ausrief: 182 „Mr. Curtis!“ 3 Es war aber auch nur ein Moment, dann ge⸗ ſchah ihm das, was uns armen Sterblichen nicht ſelten geſchieht, wenn ein Unglück ſo ſchnell dem an⸗ dern folgt, daß wir kaum Zeit behalten, über das erſte nachzudenken, während ſchon das zweite und dritte nachbricht— die ganze Sache kam ihm komiſch vor— er ſchlug ein fürchterliches Gelächter auf und fing dann wie wahnſinnig an zu pfeifen. Nancy ſah ihn erſchrocken an— was konnte dem Manne wohl fehlen? ſein ganzes Benehmen war ihr ſchon ſonderbar erſchienen— ſollte er— es wäre ſchrecklich— übergeſchnappt ſein?— „Bob!“ rief Curtis ſeinen kleinen Neger an— „Jes Maſſa.“ „Jattle den Rappen, der Braune mag ſich aus⸗ ruhen, ich muß fortreiten.“ „Aber Mr. Curtis“— ſagte Nancy. „Und wann wollt Ihr Euch verheirathen, Nancy?“ „Sobald Sie zurückkamen— heute“— ſtotterte Nancy. „Willſt Du mir einen Gefallen thun, Nancy?“ „Gern— von Herzen gern— welchen?“ „Willſt Du noch bei den Kindern bleiben und auf das Haus acht geben, bis ich, vielleicht in acht Tagen, zurückkehre?“ „Das will ich mit Freuden, aber— wo wollen Sie denn hin?“— 183 „Nach Teneſſee hinüber, vielleicht nach Kentucky,“ ſagte Curtis, und trat vor die Thüre, denn in dieſem Augenblick brachte Bob den Rappen. „Good bye Nancy“— ſagte Jeremias, als er ſich in den Sattel ſchwang. 8 1 „Good bye Mr. Curtis,“ ſagte Nancy, als ſie ihm kopfſchüttelnd nachblickte. Jeremias aber ſetzte wieder, wie vor einigen Tagen, über den Bach weg und pfiff ſich ein munteres Lied, bog aber diesmal anſtatt links, rechts in die Countyſtraße ein, und murmelte, als er dem feurigen Rappen den Hacken feſter in die Seite drückte: „Das müßte doch mit dem Henker zugehen, wenn ich keine Frau kriegen könnte.“ 3 4 Jeremias Curtis zog nun über den Arkanſas, und wie es hieß, ſogar über den Miſſiſſippi hinüber. Nancy aber, die allerdings verſprochen hatte, bei den Kindern, keineswegs aber ledig zu bleiben bis er zurückkehre, ſchloß nicht mit Unrecht, daß dies wohl noch eine Zeit lang dauern könne, und da es, wie ſie ſchon mehrere Sonntage gehört hatte, nicht gut wäre, daß der Menſch allein ſei, beſonders in den dichten Wäldern des fernen Weſtens, ſo ver⸗ band ſchon am zweiten Tage nach Curtis plötzlicher Abreiſe der benachbarte Friedensrichter die beiden Liebenden, und„der junge Mr. Pelter“ zog, da 184 „die Heerden doch unmöglich ſo lage ohne männ⸗ liche Aufſicht bleiben konnten,“ indeſſen als Verwalter auf Curtis Farm.. Hoffentlich bekomme ich recht bald und recht günſtige Nachrichten über Curtis zweiten Zug, und werde dann ſicherlich nicht ermangeln, dem freund⸗ lichen Leſer mitzutheilen, ob Curtis eine Frau bekam. Schulen in den Backwoods. Schulen und Urwald ſind eigentlich zwei einan⸗ der ſehr entgegengeſetzte Begriffe. Die wild und ſchauerlich rauſchenden Baumwipfel und das Er⸗ lernen von Gegenſtänden, die gerade in ihrem Schat⸗ ten am wenigſten anwendbar ſind, ſtehen ſich ein⸗ ander faſt zu unvereinbar und ſchroff gegenüber; es iſt aber hiermit wie mit der Fabel von dem Baume, der dem Menſchen erlaubte ein kleines Stück Holz, nur ſo viel als er zum Stiel einer Axt ge⸗ brauchte, zu nehmen, und ſich bald darauf durch dieſen ihm ſo gering erſchienenen Span angegriffen und gefällt ſah. So iſt es mit den Schulen im Urwald: zuerſt ſammeln ſich in roh aufgeſchlagener Hütte, im Schatten und unter dem Schutz der Wild⸗ niſſe, die Kinder und jungen Leute aus den verein⸗ zelten Anſiedlungen und Jägerwohnungen; aber ihre ·⅓ 186 Fähigkeiten wachſen— bald ſtehen ihnen die ſie um⸗ ſtarrenden Rieſenſtämme zu beengend und hemmend im Weg und die herrlichen Bäume fallen, der Wald wird gelichtet, das Land urbar gemacht, Farmen und Städte ſpringen auf und der Pflug durchfurcht den Platz, Laſtwagen knarren über die Stelle wo noch vor wenigen Monden der Bär ſein ſtilles und un⸗ geſtörtes Lager aufgeſchlagen, wo kein Laut das feier⸗ liche Waldesſchweigen gebrochen hatte, als der gellende Schrei des Panthers und der ſchauerliche Ruf der Eule und des Whip⸗poor⸗will. Es iſt eine traurige Wahrheit, der Poeſie des Lebens folgt die trockene, ernſte Proſa, der fröhlichen Jugendzeit das geſetzte, ſorgenvolle Alter, den bun⸗ ten, glänzenden Luftſchlöſſern des Kindes die dü⸗ ſteren, kalten Gebäude des Mannes mit ihren zugigen Gängen und rauchenden Kaminen, dem Brautſtand die Ehe, dem freien, ſorgloſen Waldleben der Pflug und die Egge des Landmanns und die dumpfige Schreibſtube des Gelehrten und Kaufmanns. Die Leute ſagen: die Welt wird beſſer, der Segen der Civiliſation ſpricht aus den wallenden Getreidefeldern und den friedlich rauchenden Hütten des Landmanns, aus den blühenden Städten und belebten Land⸗ ſtraßen, die ſich zwiſchen grünen Hecken und blühen⸗ den Obſtbäumen hinziehen; aber die Natur trauert. Aus tauſend qualmenden Fabrikſchlünden wälzt ſich erſtickender Kohlendampf und legt ſich wie giftiger 187 Mehlthau auf die grünen Matten, der Staub der Landſtraßen bedeckt Blätter und Blüthen, und ge⸗ ſpalten imd aufgeriſſen lechzt die ſchmachtende Erde, des kühlen Schattens ihrer Wälder beraubt, nach Thau und Erquickung. „Die Welt iſt civiliſirt und hat ihren großen Endzweck, ſich zu vervollkommnen, erreicht,“ ſo ſagen die Weißen; der Indianer aber wickelt ſich ſchwei⸗ gend in ſeine Decke, wirft noch einen trauernden Blick auf dieſe Civiliſation, die ihm freilich, da ſie ſein Alles, ſeine Heimath, ſein Glück zerſtörte, Ver⸗ wüſtung erſcheint, und— ſtirbt.— Die Welt iſt civiliſirt. Doch ich ſpreche hier Gefühle aus, welche in Europa wohl wenig Anklang finden möchten; die Welt iſt civiliſirt und die Leute kennen ſie hier nicht anders— ſie ſind ſich„nur des einen Triebes be⸗ wußt,“ und es iſt auch vielleicht recht gut ſo; das wilde Leben muß der Cultur, die rohe Kraft dem höheren Geiſte weichen, und die Gebeine des In⸗ dianers düngen mit dem Wald, der einſt ſeine Hei⸗ math war, den Acker des weißen Mannes. In den Vereinigten Staaten von Nordamerika geht dieſe Umgeſtaltung mit raſend ſchnellen Schrit⸗ ten vor ſich, und wie bei einer Feuersbrunſt die Flamme zu gleicher Zeit züngelnd nach tauſend ver⸗ ſchiedenen Stellen hinüberleckt und weit und weiter um ſich greift, ſo bricht ſich auch Aufklärung und =——— —— 1” 1 — c— 2 188 Cultur im Norden, Weſten und Süden Bahn durch die Wildniß, und noch von den Wigwams der Ur⸗ einwohner umgeben, entſteigen blühende Pftanzungen und Kirchen und Schulen vor den Blicken des er⸗ ſtaunten Indianers dem Boden. Die Bevölkerung der verſchiedenen Staaten iſt namentlich in den letzten zehn Jahren ungeheuer ge⸗ wachſen; nach einer Zählung vom Januar 1840 be⸗ lief ſich die Geſammt⸗Einwohnerzahl auf 17,062,566 Seelen, die jetzt auf 23 Millionen geſtiegen iſt. Un⸗ ter dieſen waren 386,245 freie Neger und Abkömm⸗ linge von Negern, oder ſogenannte coloured persons, ferner 2,487,213 Sklaven und 14,189,108 freie Weiße. Von den letzten 14 Millionen waren 6,439,700 zwanzig und über zwanzig Jahre alt, und von dieſen konnten noch 549,693 weder ſchreiben noch leſen. Hieran waren aber bis jetzt größtentheils die Kriege und Kämpfe mit den Eingebornen Schuld, denn die kühnen Pionniere des Weſtens, allein und unbeſchützt zwiſchen ihnen feindlich geſinnten Stämme vorge⸗ drungen, konnten, wenn ſie wirklich die Kenntniſſe dazu beſaßen, keine Zeit darauf verwenden ihre Kinder zu unterrichten, ſo lange es galt, Tag und Nacht ihr eigenes Leben und Eigenthum gegen den ſchlauen und wilden Feind zu ſchützen; jetzt aber, wo dieſer, mehr und mehr verdrängt, bald nur noch in der Erinnerung der alten Leute und in den Sagen und Erzählungen der Nachwelt leben wird, ändert ſich 189 auch dieſes. Der Wald iſt ſicher und die Kinder dürfen allein das ſchützende Haus verlaſſen, um der meilenweit entfernten Schule zuzueilen. Die Anzahl von Schulen in Nordamerika iſt be⸗ trächtlich; Univerſitäten und höhere Schulen giebt es 173, Real⸗ und Vorbereitungsſchulen 3242 und von den geringeren im ganzen Lande zerſtreuten Inſtituten für die erſten Anfangsgründe, von ſoge⸗ nannten Abeſchulen, 47,209. Auf die erſtern wer⸗ den dabei 16,233, auf die mittlern 164,159 und auf die letztern 1,845,244 Schüler gerechnet, wozu noch 468,264 auf Staatskoſten oder Freiſchüler ge⸗ zählt werden müſſen. Die Univerſitäten und Schu⸗ len der öſtlichen und ſelbſt der ſüdlichen Staaten ſind übrigens den europäiſchen zu ähnlich, um hier beſonders viel über ſie zu ſagen, die weſtlichen oder Backwoodsſchulen aber zeichnen ſich dagegen durch ſo viel Eigenthümliches aus, daß ſie allerdings eine kurze Beleuchtung verdienen, die manchem nicht un⸗ intereſſant erſcheinen wird. Vom Staate ſelbſt iſt für die Erziehung der Kinder immer die ſechzehnte Section(640 Acker) jedes Townſhips*) beſtimmt, und wird das„Schul⸗ land“ genannt. Dieſes ſoll nur zum Nutzen der Schulen und des ihnen vorſtehenden Lehrers ver⸗ *) Das Townſſhip ſelbſt beſteht aus einem Quadrat von ſechzehn Sectionen. 190 wendet werden; in den weſtlichen Staaten aber, den ſogenannten Backwoods, geſchieht wenig mehr mit dieſem Landſtrich, der, wie es ſich trifft, bald aus dem herrlichſten, bald aus dem ſchlechteſten Boden beſteht, als daß höchſtens ein kleines Blockhaus, das Schulgebäude, darauf errichtet wird und der Schul⸗ lehrer, welcher eine ſolche Stelle ſelten auf länger als ein oder zwei Jahre, oft nur für eine Jahres⸗ zeit, den Winter, übernimmt, ein kleines Stückchen davon urbar macht und Kartoffeln oder Mais hinein⸗ pflanzt, was denn vielleicht im nächſten Jahr, wenn ſich ſein Nachfolger nicht darum bekümmert, ſo ver⸗ wächſt und verwildert, daß es, ordentlich wie zornig darüber, ſeinem Naturzuſtande auf kurze Zeit entriſſen geweſen zu ſein, mit dem tollen Gewirr von Unter⸗ holz und Schlingpflanzen gar nicht wieder zu lichten iſt. Sonſt beſchützen es aber die in der Nähe lebenden Anſiedler inſofern, daß ſie den Flötzern(rafters) nicht geſtatten, ſich von dieſem Landſtrich, wenn er gerade bequem an einem Waſſerlauf liegen ſollte, Stämme zu holen und dieſe den Fluß hinabzuſchwem⸗ men, gegen welchen Erwerbszweig ſie ſonſt, wenn es blos Onkel Sams*) Grund und Boden wie Holzung betrifft, höchſt nachſichtig ſind. Wo Anſiedler nun ganz allein und nachbarlos *) Launige Bezeichnung der U.(nited) S.(tates). Uncle Sam. 191 leben, wie z. B. in den Sümpfen des öſtlichen Theiles von Arkanſas und Miſſouri, wo ſie vielleicht 15, ja 20 und noch mehrere Meilen wandern müſſen, ehe ſie die Spuren menſchlichen Wirkens und Flei⸗ ßes erblicken können, da hört denn freilich jedes Schulgehen der Kinder auf, oder hat vielmehr noch gar nicht angefangen; die Knaben durchſtreifen den Wald und jagen und fiſchen, und die Mädchen bleiben daheim bei der Mutter und ſpinnen die Baumwolle, welche ihnen der Vater dann und wann von ſeinen„Zügen“ in das nächſte Städtchen mit⸗ bringt, oder die ſie auch wohl ſelbſt in einem kleinen Feld neben dem Hauſe gezogen haben. Nähern ſich aber dieſe Anſiedlungen einander auf 5 bis 6 Mei⸗ len, dann fangen die Farmer an ſich nach einem Schullehrer umzuſehen; gewöhnlich treibt Einer von ihnen irgendwo einen wandernden Yankee, manchmal auch einen Deutſchen auf, und der Grund zur Ci⸗ viliſation wird gelegt. Haben ſie den Schullehrer erſt, dann ſtellt ſich ihnen auch die Nothwendigkeit heraus, ein Haus zu bauen, wobei dieſer gleich mit Hand anlegen kann, die Nachbarn werden alſo zuſammenberufen und in wenig Tagen ſteht die kleine anſpruchsloſe Hütte fertig mit Dach und Thüre da. Zwar befindet ſich das Kamin noch ſehr im Naturzuſtande, und eine Diele fehlt gänzlich, es iſt ja aber„nur die Schule,“ und da kommt das nicht ſo genau darauf an. 192 Sind nun in dem Diſtrict, aus welchem die Kinder gemeinſchaftlich die Lectionen beſuchen ſollen, recht geſcheute Leute, die ſich berufen glauben, dem Manne, der ihr junges Amerika bilden ſoll, einmal ernſtlich auf den Zahn zu fühlen, ſo wird ein Examen angeſetzt, in welchem der Lehrer einige ſehr verfäng⸗ liche Fragen über Grammatik und amerikaniſche Ge⸗ ſchichte vorgelegt bekommt, und ihm verſchiedene ent⸗ ſetzlich klingende, und zu dieſem Zweck beſonders aufgeſuchte fünf- bis ſechsſylbige Wörter zum Buch⸗ ſtabiren aufgegeben werden; hat er dieſe Fragen zur Genüge beantwortet und kann er(auf ſchöne Schrift wird weniger geſehen) beſonders recht ſchnell und klein ſchreiben, ſo iſt ſein Ruf begründet, die Män⸗ ner beſtätigen, daß er„knows a heap,“ oder mit andern Worten ein ſehr geſcheuter und gebildeter Mann ſei, und am nächſten Montag beginnt die Schule. Von dieſem Augenblick an iſt der Schullehrer heimathlos, denn er geht nun aus einer Hand in die andere, d. h. er„boardet“ oder wohnt in dieſer Woche bei dem, in der Woche bei einem andern Farmer und hat nirgends einen Platz, den er ſein eigen nennen könnte, das Schulhaus ſelbſt ausge⸗ nommen, das ſich übrigens ſtets in einem nichts⸗ weniger als wohnlichen Zuſtand befindet. Sein Gehalt beträgt von 10 bis 15, oft ſogar 20 Dol⸗ lars den Monat, und täglich hat er dafür ſeinen · —— 193 Zöglingen ſechs, auch ſieben Stunden zu geben. Dieſe kommen Morgens, wenn ſie über eine Meile entfernt wohnen, was auch faſt bei allen der Fall iſt, auf ihren kleinen, indianiſchen Poneys angallo⸗ pirt, binden dieſe an die das Schulgebäude um⸗ gebenden Büſche, nehmen ihre Bücher und ihr Mittagbrod, das ſie in einer Blechbüchſe bei ſich tragen, mit hinein, und ſetzen ſich auf die zu ihrem Nutz und Frommen roh aufgeſchlagenen Bänke von weichem— Holz. Fenſter hat das Zimmer oder vielmehr das Haus (denn das ganze Haus beſteht nur aus einem Zim⸗ mer) nicht, die Thür bleibt deßhalb offen, um das nöthige Licht hereinzulaſſen; zum Schreiben aber läuft ein zwiſchen zwei Stämmen an der einen Sei⸗ tenwand ſchräg befeſtigtes Brett hin, welches da⸗ durch erhellt wird, daß man den Zwiſchenraum zwiſchen den gerade über demſelben befindlichen Blöcken nicht ausgefüllt hat, was, wenn man dieſe Spalte nur an der Süd⸗ oder Südoſtſeite anbringt, dem Zweck ziemlich entſpricht, da es von der Wet⸗ terſeite her hineinregnen würde. Die Hauptwiſſenſchaft in dieſen Anſtalten beſteht im Buchſtabiren und richtigen Abtheilen der Wörter, in der engliſchen Sprache allerdings nicht ſo ganz leicht zu erlernen, und dieſes Buchſtabiren wird wirklich, ſelbſt noch von erwachſenen Perſonen, mit wahrer Leidenſchaft getrieben; es kommen ordentliche Gerſtäcker, Wald⸗ und Strombilder. 13 194 Geſellſchaften zuſammen, nur um zu buchſtabiren, und in dieſen bilden ſich dann zwei Parteien, die einander recht ſchwierige Wörter aufgeben. Sobald die Schüler hierin einige Fortſchritte gemacht ha⸗ ben, beginnt das Schreiben, die Grammatik und hin und wieder einige Stunden Geſchichte, wo vor allen Dingen, wie das auch nicht mehr wie recht und billig iſt, der nordamerikaniſche Freiheitskrieg durchgenommen wird. Das iſt der regelmäßige Curſus in den gewöhn⸗ lichen Backwoodsſchulen; oft aber geſchieht es auch, daß, wie ich ein Beiſpiel aus den Bay de View⸗ Sümpfen in Arkanſas weiß, irgend ein durchziehen⸗ der Krämer oder Kaufmann, deſſen Geſchäft auf eine andere Art nicht recht gut gehen will, Gaſt⸗ rollen als Schullehrer giebt. Dieſer alſo, wenn er in eine Gegend kommt, in der noch früher nie Schule gehalten wurde, macht auf einmal bekannt, (d. h. er reitet von Haus zu Haus und meldet es ſelber), daß er das„Winterhalbjahr“ Stunden geben würde, und ladet nicht allein die Kinder, ſondern mehr noch die ſchon erwachſenen jungen Leute ein, gegen ein gewiſſes Honorar an dem Unterricht Theil zu nehmen. In dem oben erwähnten Fall hatte der plötzlich von Teneſſee hereingeſchneite Lehrer, ein Handlungs⸗ commis aus Memphis, Schreibeſtunden angekündigt, und wohl einige 30 Schüler, meiſtens junge Mäd⸗ 195 chen und junge Leute von 10 bis 20 und 22 Jah⸗ ren bekommen; von dieſen allen aber konnten, drei ausgenommen, keiner weder leſen noch buchſtabiren, und ſie lernten nur, nach den ausgelegten Vor⸗ ſchriften und perſönlichen Anweiſungen, die Buch⸗ ſtaben und zuletzt die Worte nachmalen, worin ſie es, ein Beiſpiel was Uebung thut, ſchon zu ziem⸗ licher Fertigkeit gebracht hatten. Die Folgen waren übrigens leicht vorauszuſe⸗ hen, der Lehrer blieb nur etwa vier Monate, und ging, da er das kalte Fieber nicht wieder loswerden konnte, mit ſeinem indeſſen verdienten Gelde nach Teneſſee zurück. Als ich darauf in Jahresfriſt jene Gegend zum zweitenmal durchzog, und bei einem Farmer übernachtete, deſſen erwachſene Kinder eben⸗ falls an dem Unterricht Theil genommen hatten, und dieſe bat, mir auf ihrer Schiefertafel, auf der ſie mit einander Wolf und Schafe, oder wie ſie's dort nennen„Fuchs und Gänſe“ ſpielten, etwas vorzuſchreiben, ſo waren ſie auch gern dazu bereit, aber welcher Sprache dieſe fremdartigen Zeichen und Hieroglyphen angehörten, ſah ich mich nicht im Stande zu beſtimmen, den Begriff der Buchſtaben und Worte hatten ſie nie gelernt und die Form und Geſtalt derſelben bald wieder vergeſſen. Rechnen gehört auch ſchon eigentlich zu den hö⸗ heren Wiſſenſchaften, doch wird das immer noch eher betrieben, weil es mehr in's ben. eingreift; 196 mit der Geographie müſſen ſich die Lehrer dagegen ſehr vorſehen, denn ich weiß ſelbſt ein Beiſpiel, wo ſich ein alter Backwoodsman einſt die Karten von Arkanſas und Miſſouri, nach welchen der Lehrer unterrichtete, zeigen und erklären ließ, und nach einer Weile entrüſtet aufſprang und ſeinem Sohn befahl, ſein Buch zu nehmen und mitzukommen:„wo ſolche Lügen gelehrt würden, wollte er ſein Kind nicht hinſchicken,“ meinte er und zeigte dann, als der Lehrer ganz verwundert und erſtarrt daſtand, zornigen Blickes das Meſſer aus der Scheide rei⸗ ßend, mit deſſen Spitze auf die vor ihm ausgebrei⸗ tete Karte. „Alſo hier kommt White River heraus, oh? und da entſpringt er— und die kleinern Striche hier, und die Grasbüſchel, das iſt Sumpf— oh?“ „Ja— ſo ſteht's anf der Karte, und iſt ſo nach den neueſten Vermeſſungen angegeben.“ „So? alſo das ſoll ich glauben, und dann iſt auch da an der Buffalofork kein Berg, nicht wahr? und Mulberry mündet über Ozark in den Arkan⸗ ſas? und wo iſt denn der Richland und der Wa⸗ reagle, und wo iſt der Spiritcreek und Frog⸗Bayou? Alſo jetzt ſoll mein Junge die Lügen lernen, und wenn er nachher hinein in den Wald kommt, dann ſteht er da, wird irre und verläuft ſich— nein ſo was kann ich ihn ſelber lehren, da brauch' ich die Papierverderber nicht dazu.“ 197 Der alte Jäger nahm ſeinen Sohn wirklich mit zu Hauſe, und es bedurfte der ganzen Ueberredung ſeiner Frau und Schwägerin, daß er ihm endlich wieder erlaubte hinzugehen; er legte es dem Jungen aber dringend an's Herz,„kein Wort von dem zu glauben, was ihm der Nankee vorſchwatzen würde.“ Der Sonnabend iſt in den Vereinigten Staa⸗ ten, in den weſtlichen wenigſtens, durchaus ſchulfrei. Fünf Tage wird nur gelehrt, und der Freitag Abend gewöhnlich zu Red⸗ und Denkübungen be⸗ nutzt, an denen dann nicht nur Kinder, ſondern auch die Erwachſenen, ja alte Perſonen aus der Umgegend Theil nehmen. Es iſt dieß aber in der That eine ſehr gute und zweckmäßige Einrichtung, und gewöhnt nicht allein die jungen Leute daran, über ihnen vorgelegte ſchwierige oder verwickelte Fragen ſcharf nachzudenken, ſondern macht ſie auch zu frühen Rednern und lehrt ſie die Scheu, öffent⸗ lich zu ſprechen, abzulegen. Dieſe Verſammlungen heißen kurzweg„Debat⸗ ten,“ und jeder hat dazu freien Zutritt. Ich habe übrigens einen ſolchen Abend in meinen„Streif⸗ und Jagdzügen“ ziemlich ausführlich beſchrieben, und will nur hier noch die ungefähren Geſetze und Verhältniſſe derſelben kurz angeben. Zuerſt werden zwei Richter gewählt, die ſich gewöhnlich etwas vom Feuer zurück gerade gegen das Kamin zu ſetzen; dann folgt die Wahl zweier —— 1 198 Capitäne, um die Verhandlungen zu leiten, und dieſe ſuchen ſich nun unter den Anweſenden ſolche aus, von denen ſie ſich die beſten Argumente ver⸗ ſprechen; erſt dieſer Capitän einen, und dann der andere, bis ſämmtliche Mitglieder verbraucht ſind. Die zwei feindlichen Parteien nehmen jetzt die bei⸗ den Seiten des Kamins ein, und nun wird von den Richtern ein Thema oder vielmehr eine Dis⸗ putation aufgegeben, über welche debattirt werden ſoll; verſtändigen ſich die Capitäne, welchen Theil ſie vertheidigen wollen, gut, ſo bedarf es weiter keiner Anordnungen; iſt das aber nicht der Fall, ſo entſcheiden die Richter dieſen Punkt. Gewöhnlich wird ein Geldſtück in die Höhe geworfen, um die beginnende Partei zu beſtimmen, wo es denn vor⸗ her ausgemacht wird, ob Kopf oder Schrift den Ausſchlag giebt. Das Thema oder die Debatte wird ſehr ver⸗ ſchieden, manchmal ernſt, am meiſten aber komiſch gewählt, und es kommen oft, beſonders unter den Schulkindern, gar ſonderbare Argumente dabei zum Vorſchein. Beiſpielshalber will ich hier die folgen⸗ den aufführen: „ ‚Ob Neger oder Indianer das meiſte Unrecht von den Weißen erlitten haben“(ein wunderbares Capitel für einen amerikaniſchen Sklavenſtaat, und doch kam es in Arkanſas vor);„ob die katholiſche oder jüdiſche Religion die beſſere ſei.“(Die Rich⸗ 199 ter, ein paar ſtrenge Methodiſten, wollten ſich weder zu Gunſten der einen noch der andern entſcheiden und erklärten einſtimmig, daß alle beide nichts taugten). „Ob die Erfindung des Pulvers oder des Pa⸗ piers Amerika den meiſten Nutzen gebracht haben,“ (die Entſcheidung fiel für das Pulver günſtig aus). „Ob ein Küchelchen, von einer Ente aus einem Hühnerei gebrütet, dieſe oder das alte Huhn als ſeine Mutter zu erkennen habe.“ „Ob eine böſe Frau oder ein rauchendes Kamin ſchlimmer ſei ꝛc.“ Was mir beſonders lobenswerth bei allen dieſen Verhandlungen erſchien, war der Ernſt, mit dem ſämmtliche Anweſende oft dem baarſten Unſinn lauſchten, beſonders wenn ein Jüngerer ſprach; er mochte ſchwatzen was er wollte, ſo lachten ſie nie, ausgenommen die Sache gehörte an und für ſich zu den komiſchen. Sie gehen dabei von dem ganz richtigen Grundſatz aus, man müſſe die jungen Leute nicht abſchrecken und ſie den Muth verlieren machen. Der Nutzen, den dieſe Freundlichkeit und Nach⸗ ſicht gewährt, iſt augenſcheinlich, beſonders in den weſtlichen Staaten, wo ich junge Leute, die ſonſt ſchüchtern und ängſtlich ſchienen, bei politiſchen Verſammlungen habe auf irgend einen abgehauenen Baumſtumpf treten, und lange, wenn auch nicht * 200 tief durchdachte aber doch durch kein Stocken unter⸗ brochene Reden halten ſehen; ſchon die Schulkinder üben ſich auf dieſe Art unter einander. Das Verhältniß zwiſchen Lehrer und Schüler iſt ebenfalls in Amerika ein ganz anderes, als in den europäiſchen Ländern. Jene Freiheit und Gleich⸗ heit, die alle Stände mit einander verbindet, dehnt ſich auch auf dieſen aus, und ſo ernſt und ſtreng der Lehrer in der Schule ſein mag, ſo ungezwun⸗ gen beträgt er ſich außerhalb derſelben oder in den Zwiſchen⸗ und Erholungsſtunden gegen ſeine Schü⸗ ler. Selten ſpielen dieſe ein Spiel oder halten einen Wettlauf, an dem er nicht Theil nimmt, und oft iſt er der ausgelaſſenſte des ganzen Haufens, nie aber auch weiß ich, daß Knabe oder Mädchen, in den Backwoods nämlich, einen Schlag von dem Lehrer erhalten habe; durch Ehrgeiz treiben ſie ſchon einander ſelbſt zum Lernen an, und dieſes wöchent⸗ liche Zuſammenkommen zum Debattiren und Buch⸗ ſtabiren iſt gewiſſermaßen ein eben ſo oft wieder⸗ holtes Examen, bei dem Eltern und Freunde ge⸗ genwärtig ſind, und der junge Amerikaner möchte um die Welt nicht am ſchlechteſten beſtehen, denn er würde ja zu Hauſe damit geneckt werden und in der Claſſe nicht unter den erſten ſein, auch wür⸗, den ihn die Mädchen auslachen(Knaben und Mäd⸗ chen theilen ſtets dieſelben Stunden), und das wäre doch zu entſetzlich. Mit regem Eifer drängt ihn alſo 201 ſchon ſein innerer Trieb zum Lernen, und von dem Augenblick an, wo er die Schule betritt, denkt er faſt nicht mehr an Spielen und Umherrennen, ſon⸗ dern ſitzt ehrbar und andächtig mit ſeiner Schiefer⸗ tafel in der Ecke und malt ſeine Buchſtaben und Zahlen. Das kindliche Leben aber, die fröhlichen Spiele der Jugendzeit, das Alles kennt der Amerikaner auch nur dem Namen nach; von dem Augenblick an, wo er allein gehen und ſich ankleiden kann, gehört er nicht mehr ſich ſelbſt, ſondern ſeinen Eltern und beginnt mit Hand anzulegen an der großen Aufgabe des Lebens. Iſt es ein Knabe, ſo muß er mit in's Feld und kleine Büchſe zuſam⸗ mentragen, auf einen Haufen werfen und ſpäter anzünden und verbrennen, Späne und trockene Rinde für Mutter oder Schweſter zum Kochen her⸗ beiſchleppen und tauſend andere kleine Handreichun⸗ gen thun; wird er etwas ſtärker, ſo holt er den Mais aus dem„Corncrib“ und füttert Pferde und Schweine, haut Brennholz und hilft mit im Korn⸗ feld die Maishügel anhacken. Iſt es ein Mädchen, ſo lernt es ſchon, wenn es kaum auf den Tiſch ſehen kann, das Geſchirr anfwaſchen und Brodteig anrühren, und wird es nur ein klein wenig älter, ſpinnen und weben. Puppen kennt es kaum dem Namen nach, mit andern Kindern kommt es auch, der weiten Entfernung der auseinanderliegenden ——— 2— 20² Farmen wegen, ſelten oder nie in Berührung und wird ſchon mit dem achten oder neunten Jahre »an old woman“(eine alte Frau), wie es ſich gern nennen läßt. Oft zwingt freilich auch die Nothwendigkeit die armen Kinder zu einer Thätigkeit, welche ihren Jahren keineswegs angemeſſen iſt. So ſtarb am Richland, in den Ozarkgebirgen, die Frau eines Farmers am Nervenfieber(der arme Mann hatte keinen Arzt und keine Medicin bekommen können, und der Leidenden nur immer Calomel gegeben, bis ſie todt war); ſie hinterließ ſechs Kinder, von de⸗. nen das älteſte ein Mädchen etwa neun Jahre alt, das jüngſte noch ein Säugling war, und der Vater* konnte ſich, da er ſeinen Mais pflanzen mußte, wenn er das kommende Jahr etwas für ſich und ſeine Fa⸗ milie zum Leben haben wollte, gerade in dieſer Zeit gar nicht um die Wirthſchaft zu Hauſe beküm⸗ mern. Da fiel dann die ganze Arbeit, die ganze 3 Sorge, nicht allein für ſämmtliche Kinder, ſondern auch für die Wirthſchaft, auf das arme Mädchen, ſelbſt noch ein Kind, das vorher ſchon Monate lang die kranke Mutter hatte pflegen müſſen, und alle lebten in einem kaum eine Hütte zu nennenden Block⸗ haus, mit nicht ausgefüllten Spalten zwiſchen den 4. Stämmen, ohne Diele und faſt ohne Bett; der Va⸗ ter mußte ſich wenigſtens Nachts mit ſeinen drei Knaben Rinde auf die Erde vor das Kamin breiten .— 4— — 5——üõ—· 203 4 und auf darüber gelegten Hirſchfellen und mit wol⸗ lener Decke gegen den Wind geſchützt, der überall das Gebäude durchzog, vor dem wohlunterhaltenen Kaminfeuer förmlich lagern, während die übrigen vier Kinder ſich auf zwei Betten zuſammenkauerten, wenn man nämlich dünne, mit ungereinigten Trut⸗ hahnfedern geſtopfte Matratzen und eine leichte Steppdecke wirklich ein Bett nennen kann. Und doch waren die Kinder zufrieden, ſie wußten es nicht anders, und ich erinnere mich, daß ſie uns mit Jubel empfingen, als wir, mein alter Jagd⸗ gefährte und ich, dort eines Abends Schutz gegen ein heraufſteigendes Unwetter ſuchten und einen ge⸗ waltigen wilden Truthahn mitbrachten, den ich ge⸗ ſchoſſen. In den öſtlichen Staaten und Städten verbeſſert ſich freilich das Schulweſen mit jedem Tage; die Anſiedlungen liegen dort dichter; breite, gute Stra⸗ ßen ſetzen die verſchiedenen Wohnungen miteinander in Verbindung, und nicht jeder herumſtreifende Krä⸗ mer oder Yankee wird angenommen, ſobald er den Wunſch zu erkennen giebt, der Lehrer ihrer Kinder zu ſein. In Cincinnati beſonders entſtanden ſchon 1841 drei Freiſchulen, in denen nicht allein Rech⸗ nen, Leſen und Schreiben, ſondern auch Engliſch und Deutſch, wie Geographie und Geſchichte gelehrt wur⸗ de, und auch in St. Louis, wie überhaupt im Nor⸗ den der Vereinigten Staaten, hat das Erziehungs⸗ 9* 204 weſen bedeutende Fortſchritte gemacht. Beſonders ſind in Louisville ausgezeichnete Schulen, und hier⸗ her werden vorzüglich die jungen Indianer aus dem Weſten von Arkanſas gebracht, um in den Kün⸗ ſten und Wiſſenſchaften der Weißen unterrichtet zu werden. Was das Schulweſen unter den Indianern an⸗ betrifft, ſo verſehen dieß bis jetzt noch einzig und allein die Miſſionäre; die civiliſirten Stämme na⸗ türlich, als Chacktaws, Cherokeſen, Shawnees und einige andere, dicht an den Grenzen der Weißen lebende Nationen ausgenommen, die, wenigſtens für die Anfangsgründe, ihre eigenen Lehrer haben. Den amerikaniſchen Miſſionären liegt aber keines⸗ wegs das Seelenheil ihrer Beichtkinder allein am Herzen, die Amerikaner ſind ein zu ſehr ſpeculiren⸗ des Volk, um der Religion jedes andere Intereſſe nachzuſetzen. So kommt es denn, daß, wie dieß beſonders im Oregongebiet deutlich wird, einzelne fromme Männer ſehr ehrbar und eifrig mit der Re⸗ ligion anfingen, bald aber, nachdem ſie die rothen Söhne der Wildniß bekehrt und ihren Willen ge⸗ beugt hatten, den NYankee hervorſteckten und unter dem Vorwande, ſie mit dem Segen des Ackerbaues bekannt zu machen, für ſich ſelbſt große Farmen an⸗ legten und dann, wenn ſie erſt einmal eine eigene 1 Heimath gegründet, damit zufrieden waren, die Wilden zu belehren und zu beſſern, welche ſich ge⸗ 205 rade in ihrer Nachbarſchaft befanden, oder mit de⸗ nen ſie zufällig in Berührung kamen. Aus den Miſſionären wurden ſo nach und nach Farmer, und das religiös zugeſchnittene Kleid wich dem beque⸗ mern Jagdhemd. Die Alligator⸗Jagd. ) In den ungeheueren Sümpfen Louiſiana's und überhaupt in dem ganzen ſüdlichen Theil der ver⸗ 4 einigten Staaten lebt in den warmen Waſſern der Lagunen und Flüſſe der Alligator(crocodilus lu- cius. Cuv.) in ungeheuerer Anzahl. Er gehört zu dem Geſchlecht der Eidechſen und hat ganz die Geſtalt und Beſchaffenheit dieſer Thiere, erreicht aber, beſonders in den ſüd blichſten Theilen von Louiſtana und Florida, oft eine Länge von zwölf bis ſechszehn Fuß. Der ungeheuere Kopf, der faſt den vierten Theil des ganzen Thieres ausmacht, öff⸗ net, wie der Haifiſch, den Oberkiefer, ſtatt des Un⸗ terkiefers, und zeigt dann ein äußerſt anſtändiges 1 207 Gefänge, das den gewaltigen, roſenrothen Schlund einfaßt. Den Körper ſelbſt umgiebt eine harte, panzerartige, aus lauter kleinen eckigen Stücken be⸗ ſtehende Haut, die unter dem Bauche in weißen, harten Schuppen ausläuft. Die Naſenlöcher ragen, am Ende des Rachens, über dieſem empor und lie⸗ gen dicht zuſammen, und wenn der Alligator an einem ſtillen, ſonnigen Tag auf dem Waſſer ge⸗ wiſſermaßen ruht, ſo ſchauen nur die Lichter, mit einem kleinen Theil des Kopfes und Nackens, und dann weiter vorn, oft ſechszehn bis zwei und zwan⸗ zig Zoll von ihnen entfernt, die Naſenlöcher über dem Waſſerſpiegel hervor. Die Lichter ſelbſt ſind ſehr klein und ſehen tückiſch und katzenartig aus, die Läufe dabei kurz und zum Gehen ungeſchickt, deſto beſſer ſchwimmt aber dafür der Alligator. Eine ſeiner Lieblingsbeſchäftigungen iſt es, im hei⸗ ßen Sonnenſchein auf den ſandigen Uferbänken der Seen oder Flüſſe zu liegen und mit aufgeſperrtem Rachen das Herbeifliegen von Inſekten abzuwarten, die durch den biſamartigen Geruch, welchen einige Drüſen, die er unter dem Halſe trägt, verbreiten, angelockt werden, ſich auf ſeine breite Zunge ſetzen und von ihm, wenn er genug zu haben glaubt und zuſchnappt, mik größtem Wohlbehagen verſpeiſt werden. Die Brutzeit iſt im April und Mai; das Weib⸗ 208 chen legt ſeine Eier in ein gewöhnlich aus Schlamm und Schilf zuſammengebautes Neſt und zwar von achtzig bis hundert und zwanzig, ja dreißig Stück welche es von der Sonne ausbrüten läßt. Die jungen auskriechenden Alligatoren haben jedoch ſehr viele Feinde; Aasgeier oder Buſſards, Schlangen, ja das Männchen ſelbſt, das oft faſt die ganze Brut verſchlingen ſoll, ſtellen ihnen nach; es bleiben aber doch noch genug übrig, die zahlreichen Seen und Lagunen der ſüdlichen Länder im Ueberfluß mit ih⸗ nen zu bevölkern. In der Paarzeit kämpfen die alten Alligatoren manchmal mit Rachen und Schwänzen blutige Schlachten. Der lange, panzerharte Schwanz iſt überhaupt ſeine gefährlichſte Waffe, doch gebraucht er ihn weniger zur Erlegung als zur Erreichung ſeiner Beute, denn er faßt damit das auserſehene Opfer und wirft es nach vorn, gegen ſeinen Ra⸗ chen zu, der es dann mit freundlichem Zuſchnappen empfängt. Dem Alligator geht es nun wohl in einer Hin⸗ ſicht wie Maria Stuart—, er iſt beſſer als ſein Ruf— denn die ſchrecklichen Geſchichten, die man ſich von ſeiner Mordgier und ſeinem unverwüſtlichen Haß gegen das menſchliche Geſchlecht erzählt, ſind doch meiſtens übertrieben.— Ein Weißer hat, wenn er ihn nicht ſelber angreift und verwundet, ——— 209 (und auch dann nur ſelten) ſehr wenig von ihm zu fürchten, den Negern freilich ſtellen ſie nach; der pikante, dieſer Race eigene Geruch, der, aufrich⸗ tig geſagt, beſonders an heißen Sommertagen ge⸗ rade nicht zu den angenehmſten gehört— lockt ſie an— ſie lieben dieſen Geruch einmal, und wer kann ſie deshalb tadeln,— kauen doch manche Men⸗ ſchen asa foetida, um ihren Athem zu reinigen, alſo ſie lieben die Neger— wenigſtens dann und wann einen Arm oder ein Bein von ihnen, und die ſchwarzen Söhne Aethiopiens hüten ſich wohl, tief in eine dieſer Sumpflagunen hinein zu waten. Da⸗ bei hegen ſie auch noch eine zärtliche Leidenſchaft für Ferkel und Hunde, welche erſtere ſie gewöhnlich ganz, letztere nur theilweiſe verzehren, da der Hund, von dem Alligator erfaßt, kaum einen Schmerzſchrei aus⸗ ſtößt, als auch ſchon die anderen dadurch angelockt von allen Seiten herbeiſtrömen und die Beute theilen; den weißen Mann aber ſcheuen ſie, verlaſſen bei ſei⸗ ner Ankunft das Ufer, an dem ſie ſich geſonnt, und tauchen unter. Schaden thun ſie alſo nur inſofern, daß ſie die hie und da ſich ihnen nähernden Ferkel abfan⸗ gen, ſeltner einmal einen jungen Neger unter Waſ⸗ ſer ziehen, oder eine Negerin, die am Ufer zu wa⸗ ſchen gedenkt, bei einem Beine erwiſchen; da aber auch der Nutzen, den ſie der menſchlichen Geſellſchaft Gerſtäcker, Wald⸗ und Strombilder. 14 210 bringen, ſehr gering iſt, und ſie überdies noch ein häßliches, boshaftes, gefährliches Ausſehen, was aber noch das Allerſchlimmſte iſt, einen ſchlechten Ruf haben(denn es iſt ein altengliſches Sprichwort: „Hängt einen Hund lieber, ehe ihr ihm einen ſchlech⸗ ten Namen macht“), ſo wird ihnen, wo man ihrer habhaft werden kann, mit Kugel und Harpune, oft auch gar mit großen Angelhaken nachgeſtellt. Ganz unnutzbar ſind ſie übrigens doch nicht, denn die großen, feiſten Burſchen werden in Keſſel gethan und das Fett heraus geſchmolzen, das beſonders gut zu den verſchiedenen Maſchinerien, die das Reinigen der Baumwolle erfordert, gebraucht werden kann. Die Schwänze der kleineren—(bis höchſtens fünf oder ſechs Fuß lang) ſchmecken dabei delikat, nur muß das Fleiſch bald von der Rückengräte abgelöſt werden, da es ſonſt den, dieſen Thieren eigenen, biſamartigen Geſchmack annimmt. Ein unfern von uns wohnender Pflanzer in Pointe Coupée hatte mich lange ſchon geplagt, eine ordentliche Alligator⸗Jagd vorzunehmen, da er gar ſo gern einige Gallonen von dem Fett dieſer lieben Beſtien zu haben wünſchte und ich die einzige gute Harpune dort in der Gegend beſaß; als er daher eines Morgens mit ſeinem Sohne und zwei pech⸗ ſchwarzen Negerſklaven zu mir kam und erzählte, daß er ſchon am vorigen Abend zwei leichte Kähne 211 in den hinter ſeinem Hauſe liegenden See, der durch ſchmale Lagunen mit fünf oder ſechs anderen in Ver⸗ bindung ſtand, geſchafft hätte und nun eine ordent⸗ liche Jagd beabſichtige, ſo ſchulterte ich meine Har⸗ pune, ſteckte mein kleines Scalpirmeſſer in den Gür⸗ tel, und dem jungen Harbour die Büchſe überlaſſend, mit der er ziemlich gut umzugehen wußte, ſchlender⸗ ten wir langſam dem etwa anderthalb engliſche Meilen entfernten See zu. %„Was trägſt Du denn da, Ben?“ fragte ich den einen der Neger, der etwas in grobes Baumwollen⸗ zeug eingeſchlagen, das mir Leben zu haben ſchien, unter dem Arme hielt. „Kann ſelber reden— Maſſa! ſagte der Schwarze grinſend, indem er den fürchterlichen Mund von einem Ohr bis zum andern aufriß und zwei Reihen blen⸗ dend weißer Zähne zeigte—„kann ſelber reden,“ und dabei preßte er mit dem linken Ellbogen das ſeiner Sorgfallt Empfohlene. „Quitſch!“ ſagte ein kleines Ferkelchen, das jetzt mit allen vier Läufen anfing zu ſtrampeln. *„Stille halten, Kleines,“ beruhigte es der Neger —„gutes Thierchen— ſo recht!“ Er trug es mit ſich, um durch das Schreien deſſelben die Alligatorenn herbeizulocken und dann leichter zu ſchießen. Endlich erreichten wir einen ſchmalen Damm, der den größten See in zwei 14* 212 Hälften theilte und an deſſen Einlauf die Kähne be⸗ feſtigt lagen; obgleich wir aber ſchon Ende Juni hatten, war das Waſſer doch noch ſehr hoch, denn der Miſſiſſippi, durch den Schnee der Felſengebirge angeſchwellt, hielt die tiefer als ſeine Ufer liegende Niederung gefüllt, daß all das innere Land über⸗ ſchwemmt und einem ungeheneren See gleich da lag, den nur hier und da ſchmale Streifen Landes oder Dämme durchzogen. Auch dieſer Damm, an wel⸗ chem unſere Kähne befeſtigt waren, ragte kaum zwei Zoll, naß und ſchwammig, über die Waſſerfläche empor. Zwei Drucker, welche die„Pointe Coupée Chro⸗ nicle“ redigirten, ſetzten und druckten, hatten ſich unſerer Jagd noch angeſchloſſen, und wir machten jetzt alſo im Ganzen, mit dem Ferkel, acht Perſonen, die ſich nun der alte Harbour anſchickte gleichmäßig zu vertheilen. Zuerſt kam in jedes Boot ein Neger „zum Rudern,“ dann ein Buchdrucker„zum Zuſehen,“ — denn viel mehr Nutzen erwarteten wir nicht von ihnen— dann der junge Harbour mit der Büchſe in ein Boot und ich mit der Harpune in das an⸗ dere„zum Jagen“, und ich bekam das Ferkel, wäh⸗ rend der alte Harbour zu ſeinem Sohn in den Kahn trat, der jetzt ganz kaltblütig bemerkte:„das Ferkelchen und er—(der⸗ Vater) wären zum Quitſchen.“ 213 Die Sonne brannte grimmig heiß und kein Schatten bot ſich auf der ganzen weiten Waſſer⸗ fläche, als der, den manchmal einzeln ſtehende Cy⸗ preſſen, mit dem langen, grauen Mooſe bewachſen, warfen; nicht ein Lüftchen regte ſich, kein Vogel zirpte— kein Froſch quakte, Alles lag in träger— ſchlaffer Ruhe, und ſelbſt die einzelnen Alligatoren, die mit ihren ſchwarzen Köpfen, wie Stücke halb⸗ verbrannten Holzes, auf der ſpiegelglatten Waſſer⸗ fläche trieben, ſahen aus, als ob ſie ſchliefen, hätte nicht manchmal einer der großen Burſchen den roſen⸗ rothen Rachen aufgeriſſen, deſſen Oberkiefer dann einen Augenblick emporſtand und mit ſchwerem Schlage wieder zuklappte. „Selbſt die Alligatoren langweilen ſich hier,“— ſagte Kelly— der eine Drucker, der bei mir im Boote war. „Wird ſchon lebhaft werden, Maſſa,“ lachte. der Neger,„wenn das Kleine hier ſpricht!“ Das Ferkel ſeufzte wehmüthig im Sack.— „Wir ſtießen jetzt voin Lande ab, hielten uns im Anfang dicht zuſammen, und verſuchten leiſe an die Alligatoren hinanzugleiten, ſie waren aber zu ſcheu, und immer, wenn wir faſt in Schußnähe zu ſein glaubten, ſanken ſie unter.— Ich hatte mich auf das Vordertheil des Kahnes geſtellt und er⸗ wartete ruhig das Erſcheinen eines der Burſchen 1 214 auf zwölf bis funfzehn Schritt Entfernung, doch der alte Harbour wurde ungeduldig und rief zu uns herum: „Drückt doch das Ferkel einmal ins Teufels Namen!“— Der Buchdrucker aber, der ſich aufrecht hinge⸗ ſtellt hatte, um die Waſſerfläche um ſo beſſer über⸗ ſehen zu können, und dem es wahrſcheinlich zu viel Mühe ſchien, ſich zu bücken, trat, ohne eine Miene zu verziehen, dem armen kleinen Ding auf den Bauch. „Maſſa— um Gottes willen,“ rief aber auch erſchrocken der Neger und hörte mit Rudern auf— „das mein Schwein— Ihr tretet's todt!“ Das Experiment hatte jedoch den gewünſchten Erfolg gehabt; mehre der langen Geſellen, die vor⸗ her von uns weggeſchwommen waren, drehten ſich jetzt und kamen langſam auf uns zu— der Neger mußte mit Rudern aufhören und ſich ganz ruhig ver⸗ halten, und nahe heran, auf etwa dreißig Schritt, ſtrich ein gewaltiger alter Burſche von zwölf Fuß Länge.— Einen Augenblick hielt er und traute den Boten doch nicht ſo recht; der Neger aber, der zu ſeinem Schweinchen niedergekniet war, ließ dieſes einen ganz kleinen winzigen Schrei thun und dadurch angelockt, ſchwamm er herbei.— 215 „Feuer!“ rief jetzt der alte Harbour, die Büchſe krachte und in demſelben Augenblick auch faſt drehte ſich das tödtlich verwundete Ungeheuer herum und zeigte den weißen, ſchuppigen Bauch; im Vorſchießen und Umſichſchlagen war es aber glücklicher Weiſe meinem Kahne nahe genug zum Wurf gekommen und im Nu ſaß ihm auch die ſcharfe dreizackige Harpune in den Weichen. Der Schuß aber, der ihm das Hirn zerſchmettert hatte, erlaubte ihm nicht mehr viel zu reißen und zu zerren, und leicht zogen wir ihn dicht an den Kahn heran; das gewaltige Thier aber in das kleine Fahrzeug zu nehmen, wäre auf keinen Fall ange⸗ gangen, und wir ruderten deshalb ſchnell ans Ufer zurück und ſchleppten es dort, wobei es jedoch noch tüchtig mit dem Schwanze umher hieb, unter einen Baum. Der Verſuch mit dem Ferkel wurde jetzt mehrere Male wiederholt und der junge Harbour ſchoß nach vier Alligatoren, von denen wir jedoch nur zwei be⸗ kamen, da ich nicht ſchnell genug mit der Harpune hin konnte, und ich harpunirte drei, die ſich zu nahe an mich herangewagt und die Gefahr zu ſpät ein⸗ geſehen hatten. Zwei von den letzteren waren jung und ſaftig, und ich ſchnitt ihnen augenblicklich für meinen eigenen Tiſchgebrauch die Schwänze ab. Nach und nach mochten ſie es aber doch wohl wegbekommen haben, daß es mit dem Schweine nichts war, denn in immer weiteren Kreiſen um⸗ zogen ſie unſere Kähne, und wir konnten keinen mehr auf Schußweite anlocken. Das wurde alſo aufgegeben, der Neger aber, der in meinem Kahne ruderte, machte ſeine Sache ſo ungeſchickt und voll⸗ führte einen ſolch gräulichen Spectakel, daß an An⸗ ſchleichen mit dem Burſchen gar nicht zu denken war; ich ließ ihn daher von der Ruderbank aufſtehen, die ich jetzt einnahm, und übergab die Harpune an Kelly, der mich inſtändig bat, auch einmal einen harpuniren zu dürfen, wobei er betheuerte, zu Hauſe in Kentucky manchen großen Catfiſch auf dieſe Art gefangen zu haben; unſere beiden Kähne blieben aber jetzt nicht mehr bei einander und ich legte ein Ruder nieder, während ich das andere aus dem Ruderloche nahm und in der Hand führte, da ich auf dieſe Art am geräuſchloſeſten fortgleiten konnte. Lange ſchon hatte ich verſucht, an einen ziem⸗ lich großen Alligator hinanzukommen, immer aber noch war er mir entgangen, obgleich ich mir genau gemerkt hatte, wo er untertauchte und in welcher Entfernung er dann immer wieder an die Oberfläche kam. Jetzt ſank er auch eben wieder, und mit aller Kraft das Ruder führend, das der Kahn mit Blitzesſchnelle über die Waſſerfläche dahin ſchoß, verſuchte ich ihn beim Emporkommen zu überraſchen ——õõ 217 und rief Kelly zu, aufzupaſſen. Ich hatte das Wort kaum geſagt, als der ſchwarze Kopf der Beſtie ſicht⸗ bar wurde; eben ſo ſchnell wollte er nun zwar wie⸗ der niederfahren, doch war er zu nahe, kaum ſechs Schritt, als daß ihn Kelly hätte fehlen können; das Eiſen ſaß und mit gewaltigem Ruck ſchoß er vorwärts. Nun iſt eine ſolche Harpune auf folgende Art eingerichtet; das dreizackige, mit Widerhaken ver⸗ ſehene Eiſen iſt etwa achtzehn Zoll lang und circa drei bis vier Pfund ſchwer; in dieſem ſitzt eine leichte, zehn Fuß lange Stange, die beim Wurf vom Eiſen abgeht, um deſſen Mitte ein ſtarkes Seil gut befeſtigt iſt, das an der Stange hinauf läuft, an „dieſer, oben, wieder feſtſitzt und nun noch etwa zwölf bis ſechszehn Fuß freien Spielraum gewährt, ſo daß die ganze Länge des Wurfes etwa dreizehn bis vierzehn Schritte betragen darf. Das Ende des Seiles iſt dabei um das Handgelenk des Werfenden befeſtigt, damit er es nicht durch die Finger gleiten laſſe, und Beute und Waffe zu gleicher Zeit verliere. Wohl hatte ich, durch Erfahrung belehrt, Kelly vor dem Wurfe gewarnt, ſich feſtzuſtellen und nicht das Gleichgewicht zu verlieren; in dem freudigen Gefühl aber, einen Alligator zu harpuniren, dachte er nicht weiter daran, und als jetzt der Verwundete mit dem Eiſen hinwegeilte, rieß ein plötzlicher Ruck deſſelben den Schützen aus dem Boote. Der Neger aber, der wohl etwas Aehnliches geahnet haben mochte, warf ſich auf ihn, und wenn ihm auch der Körper entging, erwiſchte er doch noch ein Bein, das er feſthielt, bis es unſern vereinten Kräften gelang, Drucker und Alligator, die unzertrennlich waren, den erſten am Lauf, den zweiten am Seil, in's Boot zurück zu ziehen. 4 Der junge Harbour hatte indeſſen auch noch einige kleine Alligatoren erlegt, und mit unſerer Beute zufrieden, da die Hitze in der Mittagsgluth zu fürchterlich drückend wurde, kehrten wir langſam zum Hauſe zurück, während die Neger die Erlegten mit Handkarren zum Hauſe fuhren, da ſich nicht leicht ein Pferd dazu hergiebt, einen Alligator zu tragen. Sehr häufig habe ich Alligatoren, wie die Hirſche, Nachts bei dem Scheine der Kienfackel ge⸗ ſchoſſen, und ihre Lichter glühen wie Stücke rothhei⸗ ßen Eiſens.— 3 4 — Ein Verſuch zur Anſiedlung, oder wie's dem Herrn von Sechingen im Urwald gefiel. Amerika— Urwald— Indianer— Toma⸗ hawk— Scalpiren— Schlingpflanzen— Panther —„Oh, wer doch einmal im Urwald ſein und das Alles ſo recht in der Nähe mit anſehen könnte“— ruft der entzückte Leſer, während vor ſeinem inneren Auge eine wunderliebliche Camera obscura ihm all die obenerwähnten Sachen klein und zierlich, aber mit dem vollen Zauber reicher Phantaſie übergoſſen, vorſpiegelt.. „Da muß ich hin!“ hatte auch„von Sechin⸗ gen,“ ein junger unabhängiger deutſcher Edelmann geſagt, als er Coopers„Anſiedler“ auf's Sopha warf, emporſprang, die an der Wand hängende Büchſe ergriff und auf einen, im Geiſt heraufbe⸗ ſchworenen Panther ſchnell und ſicher anlegte. Er nahm ſich kaum Zeit, das Buch auszuleſen; noch in demſelben Monat ordnete er ſeine Geſchäfte, und acht Wochen ſpäter trug ihn die wogende, blaue See hinüber zu dem Lande ſeiner Hoffnungen und Träume. Dort, im ſtillen Wald— im rauſchen⸗ den Schwanken der Urbäume, wollte er ſich ſeine Hütte bauen, den Bär und Panther jagen und mit den rothen Eingeborenen verkehren; dort von allen Sorgen und Aergerniſſen des alten Vaterlandes ent⸗ fernt, hoffte er die Ruhe zu finden, nach der er ſich geſehnt, und die Oberlippe warf er ſtolz und verächt⸗ lich empor, als er jetzt an all das Complimenten⸗ und Etikettenweſen der alten Welt zurückdachte, was Gott ſei Dank nun hinter ihm lag. Die Reiſe war höchſt glücklich— nach ſchneller Fahrt erreichte er New⸗Orleans, hielt ſich aber hier kaum lange genug auf, die Stadt flüchtig anzuſehen, ſondern nahm, als am nächſten Morgen ein für den Arkanſas beſtimmtes Dampfboot ſtromauf lief, auf dieſem Paſſage, und erreichte neun Tage ſpäter Little Rock, die Hauptſtadt des Staates. Hiier nun ſtrömten, wie das ſtets bei ankommen⸗ den Booten der Fall iſt, eine Maſſe von Menſchen an Bord, um vielleicht hie und da einen Bekannten —————y 221 zu treffen oder Zeitungen und Briefe in Empfang zu nehmen, und von Sechingen, dem das Treiben noch ganz neu und ungewohnt war, konnte nicht umhin, einen kleinen freundlichen Mann zu bemerken, der, etwa ein Achtunddreißiger, einen grauen, ver⸗ ſchoſſenen Ueberrock mit Meſſingknöpfen, ein paar dunkelfarbige Sommerbeinkleider, grobe Schuh, ein hellblaues Halstuch und einen ziemlich mitgenomme⸗ nen ſchwarzen Seidenhut trug. Der kleine Mann trat nämlich mit einer unbe⸗ ſchreiblichen, wohlbehaglichen Sicherheit auf, ſchien dabei Jeden auf dem Boot zu kennen, und war auch wirklich von Allen gekannt, denn des Zunickens und Handdrückens wurde gar kein Ende und„wie gehts Charleh— noch immer munter, Charleh?— bless me Charleh, wie dick Ihr geworden ſeid!“ tönte faſt von jeder Lippe.— Es war Charles Fiſcher, deſſen Name bei allen dort geweſenen oder reiſenden Deutſchen faſt unzertrennlich von dem Namen der Stadt ſelbſt gewor⸗ den, denn ſchon ſeit langen Jahren wohnhaft in der Stadt, die er, wie er gern erzählte,„noch als ein Dorf gekannt,“ hatte er durch Fleiß und Sparſamkeit(er war ein Tiſchler) und beſonders durch Glück, bei allen ſeinen Unternehmungen eine hübſche Summe geſpart, ſpäter ein paar kleine Häuſer gebaut, dann eine Art Wirthshaus und Schenkſtand angelegt und jetzt ſteigerte ſich mehr und mehr ſein Verdienſt, da er Alles, was er brauchte, von New⸗Orleans oder Cincinnati— wo Proviſionen wie Getränke ſehr billig ſind— bezog, und dieſes dann in Little Rock zu einem enormen Preis wieder verkaufte. Dazu als eine gute, harmloſe Seele beliebt, und ſchon ſo lange an jenem Ort wohnend, daß ihn Hin⸗ und Herreiſende immer wieder auf derſelben Stelle, der Erſte an Bord jedes anlangenden Bootes, und eine halbe Stunde ſpäter hinter ſeinem Schenktiſch fan⸗ den, wurde Charles Fiſcher gewiſſermaßen die Haus⸗ nummer, die man auf alle nach Little Rock oder auch ganz Arkanſas addreſſirten Briefe ſetzte, wenn man nicht den Ort, wohin Brief oder Paſſagier be⸗ ſtimmt war, ganz genau angeben konnte. Charles Fiſcher war alſo, und iſt ſelbſt jetzt noch, das Policeibüreau für ſämmtliche nach Little Rock kommende Deutſche, auf dem ſie ſich nach je⸗ dem Intereſſanten erkundigen können, das aber dafür auch Alles, was den Fragenden angeht, wiſſen will. Selbſt übrigens ſelten oder nie, ſeit er in Amerika iſt, aus Little Rock herausgekommen, wechſelt er auch ſeine Anſichten nicht beſonders, und wenn Jemand von ihm wiſſen will, wo in Arkanſas gutes Land liegt, ſo ſchickt er ihn ſeit funfzehn Jahren an den Fourche la fave; wünſcht man von ihm zu erfahren, wie die„Zeiten“ ſind, ſo ſchimpft er und holt ein Paketchen kleiner Banknoten, die er mit einem ſtar⸗ 223 ken Bindfaden in einem Weſtenknopfloch befeſtigt hat, aus der Taſche und ſagt„man müſſe in Little Rock das Geld anbinden, ſonſt liefe es fort;“ er⸗ kundigt man ſich nach ſeiner politiſchen Meinung, ſo iſt er Demokrat mit Leib und Seele er ließe ſich, behauptet er, lieber todtſchlagen, ehe er zu den Whigs überginge, läßt ſich aber nie auf nähere Erörterun⸗ gen ein, da ihm der Unterſchied zwiſchen Whigs und Demokraten noch ſelbſt in vielen Stücken ſehr dun⸗ kel iſt; fragt man ihn aber, was ſeine Frau macht, ſo ſtößt er Einem den Zeigefinger in die Rippen, blinzt das linke Auge zu, was verſchmitzt ausſehen ſoll, und lacht. Außer Little Rock exiſtirt weiter keine Welt für ihn, er verſchmäht jede Einladung, einmal auf das Land zu ſeinen Freunden zu kommen, und behauptet bei ſolchen Gelegenheiten ſtets, ſich mit innigem Be⸗ hagen die Hände reibend,„es gäbe doch nur ein Little Rock,“ und darin hat er vollkommen recht, denn es wäre fürchterlich, wenn auf der Welt noch ſolch ein zweiter Platz exiſtirte. Eben hatte Charleh, wie er von Allen freund⸗ ſchaftlich genannt wurde, mehre Briefe vom Buch⸗ halter in Empfang genommen, die zwar an ihn adreſſirt, keineswegs aber für ihn beſtimmt waren und wollte das Boot wieder verlaſſen, als von Se⸗ chingen, der jetzt genug von ihm geſehn und auch — 224 den Namen ſo oft gehört hatte, um ziemlich ſicher zu ſein, wer vor ihm ſtehe, auf ihn zutrat, und freundlich grüßend fragte, ob er„das Vergnügen habe, mit Herrn Carl Fiſcher zu ſprechen?“— „Charleh— of course— gewiß—“ ſagte der Kleine,„eben von Deutſchland gekommen, eh? haben Sie dort auch letztes Jahr ſo naſſes Wetter gehabt, wie wir hier? aber apropos, was ich Sie fragen wollte, wie weit ſind Sie denn bei Stuttgart mit der Eiſenbahn?“ „Es thut mir leid, Ihnen darüber keine genaue Auskunft geben zu können,“ lächelte der Fremde„ich komme aber mit einer Bitte um Rath zu Ihnen, Herr Fiſcher, indem ich von New⸗Orleans aus durch einen dort zufällig getroffenen Freund an Sie ge⸗ wieſen bin, mir die beſte Gegend für Land hier in Arkanſas zu nennen. Ich beabſichtige mich anzukau⸗ fen und weiß ſelbſt noch nicht recht, ob ich meine Nachforſchungen von hier aus beginnen, oder mit dem Boot bis Fort Gibſon hinauf gehen ſoll.“ „Land kaufen?“ ſagte Charleh, wie er ſich ſelber nannte,„Land kaufen? keine beſſere Gegend in der Welt, als am Fourche la fave— Land nicht todt zu machen— Weide, unverwüſtlich— Wild unmenſchlich.) „Viel Wild? ſo?“ frug der Fremde, und wurde auf⸗ merkſamer—„und wo liegt dieſes paradieſiſche Land?“ — 225 „Etwa vierzig Meilen von hier, über die Berge fort, Sie gehen jedoch am Beſten mit dem Boot bis an die Mündung des kleinen Fluſſes ſelbſt, und dann ſoll es noch etwa zwanzig Meilen von da bis zu der deutſchen Anſiedlung ſein, Sie können nicht fehlen, immer am Fluß hinauf.“ 5 „Was fang ich aber indeſſen mit meinen Sachen an? denn wenn ich eine Fußtour unternehmen ſoll, muß ich die auf jeden Fall zurücklaſſen.“ „Können Sie zu mir hinſtellen,“ ſagte Charleh, „ich habe ein kapitales Lokal— unten ein großes Barzimmer mit einem Schlafkabinet.“ „Barzimmer?“ frug der Fremde. Nun ja— Barzimmer, ach ſo, Sie wiſſen nicht was Bar iſt, nun Schenkzimmer, das iſt ja wohl deutſch— eine Treppe hoch habe ich einen Tanz⸗ ſaal, ſollen einmal den Tanzſaal ſehen, wie ich den herausgeputzt habe— und auch ein Schlafkabinet, und oben unter dem Dach noch zwei Schlafkammern, wo, wenn es ordentlich eingetheilt wird, an die vier⸗ zehn Betten ſtehen können. „Aber wo wohnen Sie denn da?“ ſagte erſtaunt der Fremde. „Im Sommer wohn' ich im Tanzſaal und im Winter unten, neben dem Barzimmer.“ „Und vierzehn Betten in zwei Dachkammern?“ „Ja, und wie viel meinen Sie, daß im letzten Gerſtäcker, Wald⸗ und Strombilder. 15 4 226 Winter, wo ich den großen Ball hatte, dort oben in eilf Betten Menſchen gelegen haben?“ „Nun vielleicht gar zwei und zwanzig Perſonen lachte der Deutſche. „Zwei und zwanzig?“ rief Charleh die Naſe rümpfend,„wegen denen wären die Umſtände nicht nöthig geweſen— ſieben und dreißig.“ „Aber wie iſt das möglich?“ „Möglich? in Amerika iſt Alles möglich, das werden Sie auch wohl noch erfahren, ehe Sie ſechs Monate im Lande ſind. „Dann kann ich alſo Alles zu Ihnen in's Haus ſchaffen laſſen? 3 „Ja wohl— verſteht ſich, wollen gleich einen Mann rufen, heh— Sam! oh Sam! hierher!“ Der Zuruf galt einem großen, breitſchultrigen Mulatten, der neben ſeinem zweirädrigen Güterkarren am Ufer ſtand und mit der Peitſche knallte—„hier iſt ein Gentleman, der Sachen nach meinem Hauſe zu ſchaffen hat.“ „Ay, ay, Mr. Charleh,“ rief der Mulatte, freund⸗ 27 7 lich grinſend, während er über die Planke an Bord lief, und in wenigen Augenblicken oben neben ihnen ſtand,„ſoll rictigſbeforgt werden,“ fuhr er fort, in⸗ dem er den getheerten Matroſenhut neben die Peitſche auf das Verdeck legte,„aber Miſter Charleh, nicht ½ 5 — 227 wahr, Sam bekommt dann auch einen Schluck von dem Peach brandy. „Iſt der ſchwarze Teufel ſchon wieder durſtig,“ rief Charleh erſtaunt,„hat er nicht erſt vorgeſtern eine halbe Flaſch voll ausgetrunken?“ „Aber Miſter Charleh—“ „Nun ſchon gut, ſchaff nur die Sachen ordent⸗ lich und ſchnell hinauf— ich komme gleich mit und da wollen wir ſehen.“ Drei Koffer, zwei Hutſchachteln, mehrere Ge⸗ wehrfutterale, ein Reiſeſack und noch verſchiedene andere kleine Kiſtchen und Kaſten wurden jetzt von dem geſchäftigen Mulatten in faſt unglaublich kurzer Zeit an's Ufer, zu dem nur wenige hundert Schritt vom Waſſerrande entfernten Hauſe Carl Fiſchers be⸗ fördert, und der Fremde, nachdem er das Fuhrlohn wie einen Trunk für den Karrenführer bezahlt hatte, und Alles beſorgt ſah, wandte ſich hier zu ſeinem freundlichen Wirth und ſagte: „Wenn es Ihnen recht iſt, ſo möchte ich jetzt ein wenig Toilette machen, denn in dieſem Aufzug kann ich doch auf keinen Fall in den Urwald dringen. Haben Sie Bären hier in der Nähe?“ 5 „Bären?“ frug Charleh verwundert,„die Leute da oben leben von weiter Nichtehals Bärznfleiſch; wie die Schweine laufen ſie im Walde berud, nach den Hirſchen ſchießen ſie gar nicht: ir * 3 2 — — 228 „Die Bären?“ „Die Jäger, of course!“— „Nun“ rief der Fremde,„dann werde ich ja auch wohl noch heute Abend zum Schuß kommen, will alſo Sie waren unterdeſſen in die Wohnung oder Eber Kugeln einladen.“ vielmehr das„Barzimmer“ des kleinen Charleh, wie es dieſer nannte, getreten, und in dem daranſtoßen⸗ den Kämmerchen verwandelte ſich der junge Mann bald, was wenigſtens das Aeußere betraf, aus einem Stutzer in einen Jäger, mit grüner Pikeſche, leder⸗ nen Beinkleidern, hohen Waſſerſtiefeln, umgeſchnalltem Hirſchfänger, gewaltiger lederner Waidtaſche, und ſchöner Suhler Büchsflinte, dabei wohl ausgerüſtet, was Schrotbeutel, Pulverhorn, Zündhütchenaufſetzer, Meſſer, kurz Alles das betraf, was er nach deut⸗ ſcher, richtiger Waidmannsart„fertig gerüſtet“ nennen konnte. „Nun kann's losgehen!“ jubelte Charleh und ſchlug vor Freuden in die Hände, als er den Jäger erblickte.„Da ſieht man's doch auch, daß es ein Jäger iſt;— hier zu Lande laufen ſie mit ihren langen Schießprügeln auf der Schulter, den Kolben nach hinten, in glten ledernen Jacken und wollenen Fracks un Wald Aun und haben dünne hirſchlederne Lappenan den Füßen, durch die man jedes Sand⸗ korn fühlt. Ich habe ſelbſt einmal ſo ein paar 2 x —— ☛— 4 229 Dinger angehabt, bin aber beinah lahm geworden; weiß der Böſe nur, wie ſie noch was ſchießen, es muß aber wohl ſo viel draußen ſein, daß ſie's ſelbſt nicht ändern können.“ „Gehen Sie denn nie auf die Jagd?“ frug der Fremde. „Ich? nein— bewahre—“ lachte Charleh, „ich müßte mich auch gut mit einer Flinte ausneh⸗ men; ne, da draußen im naſſen Walde herumzu⸗ kriechen, den ganzen Tag ein ſchweres Stück Eiſen auf der Schulter zu ſchleppen und dann auch noch d'raus zu ſchießen— ne— das iſt meine Paſſion nicht. Ich habe gern Alles in der gehörigen Ord⸗ nung, Abends mein gutes Eſſen und ein warmes Bett, und am Tag— aber ſie läuten ſchon wieder auf dem Boot— daß Sie’s nur nicht verſäumen. Was mir aber noch einfällt, es wäre doch eine Mög⸗ lichkeit, daß Sie ſich verliefen, denn im Walde ſieht ein Baum wie der andere aus, und hier neben an- wohnt ein Indianer, wenn Sie dem einen Dollar und einen Schluck Whiskey geben ſo geht er mit Ihnen durch's Feuer.“ „Ein Indianer?“ rief der Fremde entzückt,„o rufen Sie ihn her, ich will ihm geben was er haben will, der muß mit mir gehen, das iſt zu romantiſch.“— „Wie heißen Sie denn eigentlich?“ frug Char⸗ 230 leh jetzt, dem der letzte Ausdruck wahrſcheinlich auf⸗ fallen mochte. „Mein Name iſt von Sechingen,“ erwiederte der Fremde. „Ach Herr von Sechingen, iſt mir ſehr ange⸗ nehm Ihre werthe Bekanntſchaft— aber der Teufel ſoll mich holen, wenn's da nicht ſchon zum zweiten Male läutet— laufen Sie auf's Boot, ich bringe den Indianer.“ „Ja— aber er muß ſich doch erſt zurecht machen.“ „Iſt immer zurecht gemacht,“ erwiederte Charleh, „nur fort, ſonſt werden Sie noch zurückgelaſſen. Alſo wohl gemerkt— an der Mündung des Fourche la fave laſſen Sie ſich ausſetzen, und wenn Sie Alles in Richtigkeit haben, ſo kommen Sie nur her, und holen ſich Ihre Sachen— apropos— grüßen Sie mir die Deutſchen oben.“ Herr von Sechingen eilte jetzt auf das Boot, es dauerte jedoch gar nicht lange, bis Charleh mit dem verſprochenen Indianer nachkam und ihn auch kaum noch abliefern konnte, denn eben ſchellte die Glocke zum dritten und letzten Mal, die Taue wurden ein⸗ genommen, ein flüchtiges Lebewohl den am Ufer Bleibenden zurückgerufen, und fort ſchoß der Koloß, das„ſchwimmende Gaſthaus“ gegen den Strom an, dem fernen, fernen Weſten zu.— ——— —— 231 Der Deutſche verſuchte indeſſen mit dem Indianer ein Geſpräch anzuknüpfen, fand dieſen aber zu einer langen Unterhaltung keineswegs aufgelegt, und konnte auf ſeine Fragen, da dieſer noch dazu ſehr gebrochen engliſch ſprach, nur kurze, und meiſtens unbefriedigende Antworten erhalten, ſo daß er ſeine Erkundigungen endlich einſtellte und bei ſich dachte, im Walde würde der rothe Sohn der Wälder auch wohl geſprächiger werden. Dieſer rothe Sohn der Wälder ſah übrigens ganz anders aus, als ſich Sechingen eigentlich die Indianer, jene ſtolzen, kriegeriſchen Häuptlinge ge⸗ dacht hatte. Ein früher einmal blau geweſenes, baumwollenes Jagdhemd hing ihm loſe um die Schultern, die Beine ſtaken in grau wollenen Bein⸗ kleidern, die Füße in mächtigen groben Schuhen, auf dem Kopf ſaß ihm, bis tief in die Augen hinein, ein alter zuſammengedrückter Strohhut, unter dem die langen, ſchwarzen Haare wild und unor⸗ dentlich hervorquollen, und im Gürtel, der ſein Jagdhemd zuſammenhielt, ſtak ein kurzes, ſchmales Meſſer, während an ſeiner rechten Seite eine kleine lederne Taſche, auf ſeiner linken Schulter eine zu⸗ ſammengewickelte wollene Decke hing und eine lange, keineswegs prachtvoll ausſehende Büchſe mit Feuer⸗ ſchloß, die Bewaffnung und Ausrüſtung dieſes ſonder⸗ baren Weſens beendete. 232 Dem jungen Sechingen blieb jedoch kaum Zeit, dieß Alles an ſeinem neuen Reiſegefährten und Be⸗ gleiter zu bemerken, denn faſt ſämmtliche, ſich auf dem Dampfboot befindenden Amerikaner drängten ſich um ihn her und begannen mit der liebenswür⸗ digſten Unbefangenheit von der Welt ſeine Waffen und ganze Ausrüſtung anzuſtaunen und zu betrach⸗ ten. Einer nahm ihm, mit einem freundlichen„if you please“(wenn Sie eerlauben) die Büchſe aus der Hand und knackte unzählige Male die Schlöſſer, ein Anderer zog, ohne zu ſagen„if you please,“ den Hirſchfänger aus der Scheide und unterſuchte die Schärfe deſſelben, ein Dritter zupfte an dem Patent⸗ ſchrotbeutel, bis er die Kapſel glücklich herausbrachte und eine ganze Ladung Schrot auf's Deck ſtreute, kurz es fehlte nicht viel, ſo hätten ſie ihn wie eine Puppe aus und wieder angezogen.. Von Sechingen ließ ſich im Anfang wirklich Alles mit vieler Gutmüthigkeit gefallen, as ſchien ſogar ſeiner Eitelkeit etwas zu ſchmeicheln, von Jedem ſo bewundert zu werden; nach und nach ward ihm die Sache aber doch ein wenig läſtig und er nahm, ohne viele Umſtände, ſein verſchiedenes Eigenthum wieder an ſich. Die Amerikaner frugen ihn jedoch faſt bei jedem Stück, wie er es verkaufen wolle und wunderten ſich ſehr, als er ihnen ſagte, daß er Nichts von alle dem veräußern würde. Einer * 233 wünſchte ſogar zu wiſſen, wie er ſeine Stiefeln gegen ein paar andere, erſt wenige Wochen getragene ver⸗ tauſchen, d. h. ob er noch Aufgeld haben wolle, denn daß er ſie, wenn ihm der Handel gut ſchiene, über⸗ haupt vertauſchen würde, verſtände ſich, glaubten die „Leute, von ſelbſt. Sechingen bekam die Geſellſchaft ſchon recht über⸗ drüſſig, als er endlich zu ſeiner Freude den Ausruf des Indianers vernahm, der, mit dem Finger vorwärts deutend, auf einen Anwuchs niederer Baumwollen⸗ holzſchößlinge hinwies. 4 „Iſt das die Mündung des Fluſſes,“ rief er freudig— nun Gott ſei Dank— aber werden wir auch halten?“ Die Bootsglocke beantwortete ſeine Frage, der Ruf des Lootſen ſandte die„Deckhands“ oder Ma⸗ troſen nach der, hinten am Boot befeſtigten Scha⸗ luppe— der Deutſche und Indianer ſprangen hinein und fanden ſich, wenige Minuten darauf, an der Spitze einer Sandbank, welche gerade überhalb des Fluſſes Mündung eine kurze Strecke in den Arkan⸗ ſas hineinlief. Das leichte Fahrzeug, was ſie hier⸗ her gebracht, war indeß zum Boot zurückgekehrt— das Zeichen wurde gegeben, puffend und ſchnaubend brauſte der ſchöne Dampfer ſtromauf, und die beiden Männer ſtanden allein auf der kleinen, ſandigen Landzunge. ☛— 234 Sechingen blickte entzückt um ſich her— Alles — Alles mahnte ihn daran, daß er jetzt im Begriff ſei, zum erſten Mal die Amerikaniſche Wildniß, den Urwald zu betreten, und von wonnigen Schauern durchbebt, wandte er ſich gegen den dunklen Wald. Zu ſeiner Linken, am andern Ufer des kleinen Fluſſes, thürmten ſich ſchroffe, mit Kiefern und Eichen bedeckte Hügel empor, rechts von dieſen, in der Richtung, die er einzuſchlagen gedachte, lag eine dichte grüne Baum⸗ und Laubmaſſe und hinter ihm wälzte ſich der gewaltige Arkanſas dem„Vater der Waſſer“, dem Miſſiſſippi zu, während der ſchmale Sandſtreifen, auf dem ſie ſtanden, etwa eine Meile lang bis zu dem wieder ſteiler werdenden Ufer hinauflief. Noch war der Deutſche in ſtaunender Bewunde⸗ rung des Heiligthums verſunken, das er kaum zu be⸗ treten wagte, als der Indianer, deſſen chriſtlicher „Robert“ in den bequemeren„Bob“ umgetauſcht worden, das Schweigen brach und dem jungen Mann mit wenigen Worten andeutete, wie er nicht geſonnen ſei, hier die ganze Nacht auf offener Sandbank halten zu bleiben. „Wollen gehn—“ ſagte er, und drehte dabei den Kopf nach allen vier Himmelsgegenden, um Wolken, Sonne und Luft genau und prüfend zu betrachten—„kaum noch eine Stunde Tag, beſſer „ 235 an einen trockenen Platz vor Abend— Feuer an⸗ machen— groß.“ „Und welchen Weg nehmen wir jetzt?“ frug Sechingen. „Weg?“ ſagte der Indianer verwundert,„kein Weg von hier— lauter Wald.“ „Ha, deſto beſſer!“ rief der Deutſche,„das iſt herrlich; lauter dichter, finſterer Wald, und dann das Nachtlager,— o das muß köſtlich werden.“ „Will der Weiße die nächſte Richtung, ganz durch den Wald gehen, oder fünf Meilen um, über die Hügel— weit oben läuft ein gebahnter Weg!“ ſagte Bob. „Oh unbedingt den nächſten Weg durch den Wald, wie weit iſt es wohl?“ „Funfzehn Meilen— aber viel naß,“ ſagte der Indianer, und zeigte mit dem Finger gerade auf den Wald. „Ich habe große Stiefeln an,“ lachte Sechingen, „und wenn Sie ſich nichts daraus machen“— „Bob kann ſchwimmen,“ erwiederte dieſer lako⸗ niſch, ſchritt jetzt, ohne ein Wort weiter zu verlieren und die dünnen Baumwollenholzbäumchen auseinander biegend, durch dieſe hinweg und betrat, von dem Deutſchen gefolgt, während ſie die ſandige, ange⸗ waſchene Landzunge hinter ſich ließen, den eigentlichen dunklen Wald. 1 236 Sechingen hatte vom erſten Augenblicke an, als er feſten Grund und Boden unter den Füßen fühlte, die Doppelbüchſe von der Schulter genommen und zum großen Aergerniß Bob's der fortwährend nach ihm hinſchielte, beide Hähne aufgezogen, ging auch jetzt, ſtets im Anſchlag, vorſichtig und aufmerkſam umherſpähend, hinter dem Indianer her, bis dieſer endlich, trotz dem ihm angeborenen ſtoiſchen Gleich⸗ muth, das Gefühl nicht länger ertragen konnte, in dem dichten Gewirre von Schlingpflanzen eine ge⸗ ſpannte Büchſe hinter ſich zu haben, und von nun an neben dem jungen Mann blieb. Die Sonne ſank indeſſen mehr und mehr und verſchwand eben hinter den gewaltigen Bäumen, nur noch hie und da einen der höchſten Wipfel mit ihrem roſigen Schein übergießend. Im Walde herrſchte tiefe Stille, die nur ſelten durch das Qua⸗ ken eines Froſches oder das Gezirpe einer Grille unterbrochen wurde; es war ein wunderlieblicher, entzückender Frühlingsabend, dem ſchönen Wald von Arkanſas ſo eigenthümlich; dennoch aber ſchien ſich der Herr von Sechingen dieſes langerſehnten Genuſſes nicht ſo recht zu erfreuen, oder wenigſtens keine Zeit dafür zu haben, denn bald ſchlug er ſich mit der flachen Hand auf die Stirn, bald in den Nacken, bald auf die andere Hand; oder nahm die Mütze ab, mit der er um ſich herumſchlug, und „ 237 endlich blieb er gar in allem Unmuth ſtehen und rief aus: „Wo kommen denn nur um Gotteswillen alle dieſe verwünſchten Mücken her? das iſt ja zum Raſendwerden.“ „Mücken?“ ſagte Bob,„was das? Mosquitos meint Ihr; nicht viele hier! mehr davon weiter vorne; aber lagern jetzt— gleich dunkel.“ Damit, ohne weiter eine Antwort ſeines Beglei⸗ ters abzuwarten, warf er ſeine Decke und Kugel⸗ taſche ab, lehnte die Büchſe an einen Baum und ſchlug Feuer, das er bald mit Hülfe des dürren Laubes zu einer Flamme anfachte, die, von trockenem Holz genährt, in wenigen Minuten zur hohen Gluth emporloderte. „Hier alſo ſollen wir bleiben?“ ſagte Sechingen etwas kleinlaut, indem er ſich an dem Orte, auf welchem ſie ſich befanden, umſah,„ja— es wäre recht hübſch hier, wenn die verdammten Mücken nur nicht wären. Alſo das ſind Mosquitos?“— fuhr er fort, als er eben wieder vier mit einem Schlage auf dem Rücken ſeiner Hand vernichtet hatte—„nun Gott ſei Dank, es ſind doch wenigſtens genug von ihnen da, um ſich abzulöſen, wenn ein Then ſatt oder müde werden ſollte.“ „Fremder legt ſich auf dieſe Seite vom Feuer, unter den Rauch— keine Mosquitos!“— bedeu⸗ 238 tete ihn Bob. Sechingen befolgte auch ſchnell den guten Rath, und fand ſich hier, in dem weichen, gelben Laub, das mehrere Zoll hoch den Boden be⸗ deckte, bald von ſeinen Quälgeiſtern verlaſſen, die durch . den über ihm hinwegziehenden Rauch verſcheucht wur⸗ den. Bob ſchien ſie gar nicht zu achten.. „Lieber ein Dach machen— kann regnen die Nacht,“ ſagte der Indianer jetzt. „Regnen?“ lachte Sechingen,„wo ſoll denn der Regen herkommen? es iſt ja keine Wolke am Himmel?“ „Schadet Nichts,“ meinte Bob—„Regenfroſch gutes Zeichen.“ „Ach nein hier iſt's herrlich,“ betheuerte Jener, der, von ſeinen Plagegeiſtern für den Augen⸗ blick befreit, wieder das ſo lang gehegte und genährte romantiſch wilde Sehnen in ſich erwachen fühlte— „hier iſt's ſo wundervoll, mit dem grünen Laubdach über uns, dem blauen ſternbeſäeten Himmel als Decke, und dem dunkelen, rauſchenden Wald um uns her; wozu da noch ein Dach, was uns doch nur den Anblick des prachtvollen Firmamentes entziehen würde; kommen Sie hierher, Bob, legen Sie ſich neben mich und erzählen Sie mir etwas aus Ihrem Leben.“ „Bob iſt hungrig,“ war die lakoniſche Antwort. „ Nun ja, da es einmal erwähnt wird,“ meinte 239* der Deutſche,„ſo wäre mir auch ein Biſſen War⸗ mes nicht ſo unerwünſcht, ein Taſſe Thee könnte beſonders gar Nichts ſchaden.“ „Viel Thee im Wald,“ ſagte Bob. „Thee? grüner Thee?“ „Gewiß grüner Thee— will der Weiße Ther haben?“ „Das wäre nicht ſo übel,“ erwiederte Sechingen, „auf alle Fälle können wir es verſuchen.“ Bob riß hierauf einen kleinen, neben ihm wach⸗ ſenden grünen Strauch aus der Erde, wiſchte die Wurzel ſo rein als möglich mit ſeinem Jagdhemd ab, ſchnitt ſie in dünne Spähne, that ſie in den Blechbecher, den er an ſeiner wollenen Decke hängend trug, füllte dieſen dann voll Waſſer und ſetzte ihn auf die Kohlen. „Und das wird Thee?“ frug Sechingen un⸗ gläubig. „Ahem,“ war Bob's Antwort, der nur mit dem Kopfe nickte. „Es iſt aber doch ſonderbar,“ ſagte der Deutſche nach einer wohl viertelſtündigen Pauſe, in der er träumend zu den funkelnden Sternen hinaufgeſchaut hatte,„daß wir jetzt ſchon über eine Stunde durch den dichteſten Wald gegangen ſind, ohne eine Spur von Wild geſehen zu haben.“ 8 240 „Sonderbar?“ entgegnete die Rothhaut,„Bob hat drei Tage hier gejagt und keine Klaue gefunden.“ Das ſtimmte nun freilich nicht mit Charles Fiſchers Ausſagen überein, doch blieb ihm für den Augenblick keine weitere Zeit zu ferneren Erörterungen, denn der Thee war fertig und wurde Sechingen dar⸗ gereicht. „Etwas Zucker und Milch wäre jetzt ſehr an ſeinem Platz,“ meinte dieſer—„aber halt— ich habe ja Rum bei mir; der mag den Dienſt verſehen,“ und aus einem kleinen Fläſchchen, das er aus dem Jagdranzen nahm, goß er etwa ein Spitzglas voll in den Becher, und reichte die Flaſche dann an Bob hinüber, der ſie ſchon mit gierigen, verlangenden Blicken betrachtet hatte und jetzt einen langen, langen Zug that. Mit augenſcheinlichem Widerwillen mußte er zuletzt abſetzen, um Athem zu holen und Sechingen ſchob ſie wieder in den Ranzen zurück. Der Thee war indeſſen etwas kühl geworden,— aber welch entſetzliches Gebräu. „Pfui Teufel!“ rief der junge Deutſche aus, indem er den Becher zurückſchob und aufſprang. „Bob, das können Sie allein trinken, das ſchmeckt ja abſcheulich.“ „Indianer trinkt nur Thee, wenn krank iſt.“ „Ich bin aber nicht krank,“ rief Sechingen. „Ich auch nicht,“ ſagte Bob und begann mit —— 241 großer Ruhe die Lederriemen aufzubinden, die ſeine Decke zuſammenhielten. „Daß mich auch der Böſe plagen mußte, mit keiner Sylbe an Lebensmittel zu denken,“ murmelte Sechingen ärgerlich vor ſich hin,—„ich glaubte aber ſicher, noch vor Dunkelwerden irgend ein Stück Wild erlegen zu können.“ „Bob kann warten,“ brummte dieſer und rollte die jetzt gelöſte Decke auf. „Nun ſo erzählen Sie mir wenigſtens etwas,“ bat ihn der Deutſche,„ich möchte gar ſo gerne einige Skizzen aus dem Leben der Indianer, von den Lippen eines Indianers hören, und da wir doch nun einmal im Wald ſind, ſo laſſen Sie mich auch einige Anekdoten von Ihren Jagden mit Büffeln oder Bären, von den Kämpfen mit anderen Stäm⸗ men, dem nächtlichen Ueberfall, dem Schlachtſchrei und den genommenen Scalpen hören— was hilft mir denn der Wald und der Indianer, wenn wir ſchlafen wollen?“ „Weiß Nichts zu erzählen,“ ſagte Bob, indem er ſeine Decke nahe zum Feuer ausbreitete und dieſes dann wieder von Friſchem aufſchürte—„habe nie einen Büffel geſehen und noch keinen Bären ge⸗ ſchoſſen;— kam vor ſechs Jahren von Georgien mit ganzem Stamm.“ Gerſtäcker, Wald⸗ und Strombilder. 16 —— 1 —— 8 242 „Und was haben Sie in den ſechs Jahren ge⸗ trieben?— Jagd?“ „Nein— Schuhmachen!“ „Schuhmachen?“ frug Sechingen entſetzt— Schuhmachen? ein Indianer— in Arkanſas? aber Ihr Vater war doch ein Jäger und Krieger? fiel vielleicht in der Schlacht— in einem nächtlichen Ueberfall.“ „Mein Vater ſtarb in Georgien an den Blat⸗ tern— war ein Korbmacher.“ Bob ſchien jetzt zu glauben, daß er über ſich und ſeine Familienangelegenheiten hinlängliche Aus⸗ kunft gegeben habe, denn er rollte ſich in die Decke, und war wenige Minuten ſpäter, wie ſein lautes, regelmäßiges Athmen bewies, ſanft eingeſchlafen. Sechingen aber ſpießte, auf den linken Ellbogen gelehnt, mit ſeinem Genickfänger höchſt mißvergnügt die vor ihm liegenden, gelben Blätter auf. Er hatte ſich Alles ſo romantiſch gedacht— das Heulen der Wölfe, das Geſchrei des Panthers, die Erzählungen eines rothhäutigen Kriegers von Jag⸗ den und Kriegszügen, und dazu das Rauſchen des mächtigen Urwaldes— Ja! Der Urwald umgab ihn, in all ſeiner Pracht und Herrlichkeit, mit ſei⸗ nen Rieſenſtämmen und wild durchwachſenen Dickich⸗ ten, mit den gigantiſchen Weinreben, die ſich von Stamm zu Stamm ſchlangen, und im unzerreißba⸗ 243 ren Netze die gewaltigen verbanden, den einzigen Laut aber, den er vernehmen konnte, war das Sum⸗ men der Mosquitos, die, von der kühlen Nacht nicht eingeſchüchtert, nach dem warmen Blute des Fremd⸗ lings lüſtern, deſſen Lager umſchwirrten. Höchſt verdrießlich ſchob er ſich endlich die Jagd⸗ taſche unter den Kopf, und wollte ebenfalls ſchlafen, als er, wie von einer Natter geſtochen, wieder em⸗ porſprang, und nach der Büchſe griff, denn dicht neben ihm— es konnte kaum zwanzig Schritte ent⸗ fernt ſein— vernahm er den ſonderbarſten, wilde⸗ ſten Laut, den ſich ſeine Phantaſie nur je gedacht, nur je geträumt hatte. 2 Huhu, huhu huhu, huhu h!“ tönte es ſo klagend, ſo ſchauerlich, daß er, ſprachlos vor Jagdeifer und innerem Entſetzen, den Arm ſeines ſchläfrigen Gefährten ergriff, und den Ru⸗ henden mit aller Macht ſchüttelte, während er dabei in der Rechten die ſchnell geſpannte Büchſe fertig⸗ zum Schuß hielt. „Bob,— Bob,— Bob!“— flüſterte er da⸗ bei mit unterdrückter Stimme—„ein Panther— Bobl“ „Ein was?“ rief dieſer, und ſprang ſchnell auf die Füße, ergriff ſeine Büchſe und ſah den Fremden groß an.„Wo? wo Panther?“ „Pſt!“ winkte Sechingen—„dox war’'s— 244 gleich in dem Buſch da— er muß auf einen Baum geklettert ſein, mir kam es hoch vor.“ „Huhu, huhu—— huhu, huhn— a— h!“ riefen die ſchauerlichen Töne auf's Neue, diesmal aber auf der entgegengeſetzten Seite. „Horch— horch— er hat uns umſchlichen— erſt war er hier.“ „Das der Panther?“ frug Bob. „Nun? was ſoll es ſonſt ſein? ein Wolf ſteigt doch nicht auf die Bäume?“ „Enle!“ ſagte Bob, und legte ſich wieder, ohne ein Wort zu verlieren, nieder. „Teufel!“ murmelte Sechingen ärgerlich vor ſich hin, indem er den Hahn ſeiner Büchſe in Ruhe ſetzte,„das nur eine Eule, und hat eine Stimme wie das ſtärkſte, gewaltigſte Thier.“ Bob hatte aber ganz recht, es war wirklich eine Enle, die ihr einſames Nachtlied krächzte, und unwillig warf ſich der in ſeinen ſchönſten Erwartungen Getäuſchte in das gelbe Laub zurück. Durch die ungewohnten Anſtrengungen ermattet, ſchlief er lang und feſt, ſein Erwachen war aber ein ſehr trauriges, unbehagliches, denn, als er von kalten Schauern durchſchüttelt die Augen aufſchlug, ſtrömte von dem dunkelen, nur dann und wann durch einzelne grelle Blitze erhellten Nachthimmel der Regen in Fluthen hernieder, und fern grollender 245 Donner murmelte ſeinen gewaltigen Segen dazu. Das Feuer war niedergebranhnt und ausgelöſcht, und tiefe Nacht umgab ihn. „Bob?“ rief er—„Bob!— Bob!“ wieder⸗ holte er ſtärker und ängſtlicher, als ihn auf einmal der Gedanke durchzuckte, ſein rother Führer könne ihn im Stiche gelaſſen haben—„Bob!“— kein Bob antwortete und„Bob“ ſchrie er jetzt in die Höhe ſpringend aus Leibeskräften, daß er ſelbſt vor dem dumpfverhallenden Nothruf zurückbebte, der gar ſo ſchauerlich in dem öden Walde wiederklang. „Ja!“ ſagte der Wilde, der, nur wenige Schritte von ihm entfernt und in ſeine Decke gewickelt, un⸗ ter demſelben Baume mit ihm ſtand— wir werden naſſen Morgen bekommen.“ „Warum antworten Sie denn gar nicht? ich glaubte Sie wären fort.—“ „Und wohin!“ frug Bob,„ein Baum ſo gut- wie der andere— ich ſchlief!“ „Im Stehen?“ „Bob kann überall ſchlafen.“ „Was fangen wir denn jetzt um Gotteswillen an? ich bin durch und durch naß, und muß mich erkälten— wenn ich nur wenigſtens eine Decke hätte. „Wenn der Weiße Bob's Decke haben will,“ 4 246 ſagte gutmüthig der Indianer,—„ſo mag er ſie nehmen, Bob kann ohnè Decke naß werden.“ Sechingen ſchämte ſich im Anfang, den armen Burſchen ſeines faſt einzigen Schutzes zu berauben, da der dünne Kattunlappen, den jener noch darun⸗ ter trug, ſicherlich als kein wärmendes Kleidungs⸗ ſtück angeſehen werden konnte, doch überwog bald die Sorge um die eigene Geſundheit jede andere Bedenklichkeit, und feſt in die, wenn auch etwas feuchte doch warme Umhüllung eingeſchlagen, warf er ſich wieder, die Waidtaſche unter dem Kopf, an der Wurzel der alten Eiche nieder, deren Blätter ihnen, wenigſtens jetzt noch, einigen Schutz gegen die immer ſtärker und ſtürmiſcher niedertobenden Schauer gewährten.— Bob kauerte ſich dicht daneben, einen möglichſt kleinen Raum einnehmend, zuſammen und ließ den Kopf auf die Bruſt hinunterſinken, wachte aber, denn dann und wann lauſchte er aufmerkſam den Athemzügen des Weißen, ob dieſer ſchlafe oder nicht, bis er ſich endlich von deſſen Bewußtloſigkeit hin⸗ länglich überzeugt zu haben ſchien, und nun leiſe an ihn hinkroch. Immer tobender raſte indeſſen der Sturm, dar⸗ um aber ganz unbekümmert, befühlte Bob mit vor⸗ ſichtiger Hand und geräuſchloſen Bewegungen die Waidtaſche, und nach und nach, faſt unmerklich ſeine 247 Finger unter des Schlummernden Kopf bringend, gelang es ihm nach mehreren Minuten, die Flaſche der Ledertaſche zu entrücken. Wäre es Tageshelle geweſen, ſo hätte man des Indianers Geſicht wohl ein triumphirendes Lächeln überfliegen ſehen können, als er geräuſchlos und mit geübter Hand den Kork abzog, ſo aber ward nur gleich darauf der leiſe, gluckende Laut gehört, wie der heiße erquickende Trank die Kehle des Durſtigen hinunterglitt, und lange, lange ſogen ſeine Lippen an dem engen Hals der Korbflaſche. Endlich war auch der letzte Tropfen geleert, und Bob ſetzte, tief Athem holend, ab, verſuchte dann zwar noch ein⸗ mal, dem Boden einen vielleicht zurückgehaltenen Reſt zu entziehen, die Nachleſe fiel aber wenig er⸗ giebig aus, und er bemühte ſich jetzt, die entwendete Flaſche wieder an ihren früheren Platz zurück zu ſchaffen. Um jedoch keinen unnützen Verdacht zu erregen, ſchob er ſie vorſichtiger Weiſe verkehrt, mit⸗ der Oeffnung nach unten, in die Taſche und ließ den Kork daneben in das Laub fallen, dann kroch er auf ſeinen alten Standpunkt zurück, und war bald ebenfalls, trotz ſtürmenden Unwetters und heu⸗ lender Windsbraut, ſanft und ruhig eingeſchlafen. Kalt und ſchaurig brach der Morgen an, die Gewitter hatten ſich verzogen, aber ſchwere, dunkele Wolkenſchichten ſchienen in an einander gepreßten 248 Maſſen auf den Wipfeln der Bäume zu ruhen; ein feiner, dünner Regen ſtäubte nieder und einzelne Windſtöße ſchüttelten in Schauern die großen Tro⸗ pfen auf das feſt an den Boden geſchmiegte gelbe Laub hernieder. Sechingen, obgleich ſchon ſeit längerer Zeit er⸗ wacht, fürchtete faſt, ſich in den naßkalten Falten der Decke zu bewegen, und lag regungslos in ein⸗ ander gekrümmt, bis es heller Tag geworden war; endlich ermannte er ſich, ſprang, die Hülle von ſich werfend, auf die Füße, und ſchaute mit troſtloſem, mattem Blick auf die ihn umgebende, keineswegs lächelnde Natur. „Das alſo iſt Urwald!“ ſeufzte er leiſe vor ſich hin, indem er einige der, trotz der kühlen Morgen⸗ luft auf ihn einſtürmenden Mosquitos von ſich ab⸗ zuwehren ſuchte—„das iſt Urwald?— eine ſehr ſchöne Gegend— daß mich der Böſe auch plagen mußte, dem Rath des Narren in Little⸗Rock zu folgen; der Indianer ſchläft dabei in ſeinem dünnen, baumwollenen Jagdhemd, als ob er im weichſten Federbett läge.“ Die Wahrheit zu geſtehen, ſchlief Bob aber ei⸗ gentlich nicht, ſondern war ſchon, um ſich zu er⸗ wärmen, ſeit einer Stunde hin⸗ und hergelaufen, hatte ſich aber, um wegen der Flaſche nicht befragt zu werden, ſchnell wieder unter den Baum gewor⸗ 249 fen, ſobald er das Munterwerden ſeines Marſchge⸗ fährten bemerkte. „Bob!“ wollte dieſer jetzt rufen, aber Du lie⸗ ber Gott, keinen Ton brachte er aus der Kehle, der Hals war ihm wie zugeſchnürt und er konnte ſich ſelbſt kaum vor Heiſerkeit reden hören; noch⸗ mals verſuchte er„Bob!“ zu ſagen, aber verge⸗ bens und ſeine Worte wurden zu einem kaum hör⸗ baren Hauch. Er trat daher dicht neben den In⸗ dianer, und ſchüttelte dieſen, bis er auf die Füße ſprang und ſich nun langſam, wie eben erſt aus tiefem Schlaf erwacht, nach den Bäumen und Wol⸗ ken umſchaute. „Wie weit haben wir noch bis zum nächſten Haus?“ frug Sechingen jetzt mit ſeiner leiſen, rö⸗ chelnden Stimme. „Könnt laut reden,“ ſagte der Indianer, das Schloß ſeiner Büchſe abtrocknend und friſches Pul⸗ ver auf die Pfanne ſtreuend,„kein Wild hier, fin⸗ den aber welches; dieſer Morgen guter Jagdtag.“ „Ich kann nicht laut reden— ich habe mich ja erkältet,“ flüſterte Sechingen ärgerlich. „Erkältet!“ rief verwundert die abgehärtete Roth⸗ haut—„erkältet? was iſt das?“ „Wie weit haben wir noch bis zum nächſten Haus?“ „Fünf Meilen!“ ſagte Bob. 250 „So laſſen Sie uns wenigſtens eilen, daß wir dort hinkommen, ich bin halb todt vor Hunger und Erſchöpfung— Peſt!“ rief er aber zu gleicher Zeit, mit dem Fuße ſtampfend, aus, als er bei dieſen Worten in die Jagdtaſche gegriffen hatte, und die jetzt leere Flaſche hervorzog,„auch das noch— ausgelaufen— bis auf den letzten Tropfen— die einzige, letzte Stärkung fort.“ „Wie ſchade!“ ſagte Bob, und ſah traurig die Flaſche an. Doch hier half kein weiteres Beſinnen, beide Männer ſchulterten alſo ihre Gewehre, Bob hing ſeine alte, naſſe Decke, die er jedoch vorher ſo⸗ gut wie möglich ausgerungen hatte, wieder auf den Rücken, und fort ging's auf's Neue in den Wald hinein, oder eigentlich, beſſer geſagt, im Walde fort, denn unbeſtreitbar waren ſie darinnen. Hier zeigte ſich übrigens der Nutzen, den des Indianers Ortsſinn, ein gewiſſer ihm angeborener Inſtinkt, dem Deutſchen gewährte, denn ohne Jenen hätte er ſich im Leben nicht wieder aus den Dickich⸗ ten und Sümpfen herausgefunden, die, einander ſo ganz ähnlich, ihn nicht begreifen ließen, wie man in einem ſolchen Labyrinth eine wirklich gerade Richtung beibehalten konnte, ohne bei jeder Wendung irre zu werden. Immer unwegſamer wurde hier der Wald, häu⸗ figer und häufiger kreuzten ſie ſchmale, kleine tiefe Bäche, und ſtanden plötzlich an einem kleinen Fluſſe(oder 251 einer Slew, wie es der Indianer nannte), der ſeine ſchlammigen Fluthen dem Fourche la fave zudrängte. „Bob!“ ſagte Sechingen erſchrocken, als dieſer ohne weiter eine Sylbe zu äußern, hineintrat und durchwaten wollte, wobei ihm das Waſſer bis un⸗ ter die Arme reichte„iſt denn keine Fähre hier? wir ſollen doch nicht mitten durch?“ „Iſt der Weiße hungrig?“ frug Bob, ſtehen bleibend. „Sehr!“ „Und naß?“ „Durch und durch!“ Bob erwiederte nichts weiter, ſondern badete ge⸗ rade durch, während ihm die Fluth bis zu den Schultern ſtieg, und war in wenigen Minuten am anderen Ufer. Wehmüthig ſchaute ihm Sechingen nach, überzeugte ſich aber bald, daß hier nichts An⸗ deres zu thun übrig bliebe als zu folgen, denn allein zurück zu bleiben, ging doch auch nicht an. Das alſo, was er nicht zu durchnäſſen wünſchte, als Brieftaſche, Zündhütchen, Pulverhorn und Uhr in die Jagdtaſche ſteckend und dieſe, nebſt der Flinte, über dem Kopf haltend, trat er ſeine unfreiwillige Waſſerfahrt an, kam auch glücklich hinüber, ſchüttelte ſich hier, ließ das Waſſer aus den Waſſerſtiefeln laufen, indem er ſich auf den Rücken legte und die Beine an einem Baum in die Höhe reckte(im An⸗ 252 fang freilich etwas zu hoch) und folgte dann dem Führer, der ſchweigend voranſchritt. So großen Jagdeifer Sechingen aber beim An⸗ fang ihrer Wanderung gezeigt hatte, ſo abgeſtumpft war er jetzt gegen alles ihn Umgebende geworden und ſchaute kaum vom Boden auf, um nicht fort⸗ während über die unzähligen, überall umhergeſtreu⸗ ten Aeſte und Stämme zu ſtolpern und zu ſtürzen; die Flinte hing ihm, Hahn in Ruh und Sicherheit aufgeſetzt, über die Schulter, die Mütze ſaß ihm tief in der Stirne und der einzige Laut, den er von ſich gab, war dann und wann ein leiſe gemurmelter Fluch, wenn ihm die naſſen Zweige in's Geſicht ſchlugen, oder ſich ſein Fuß, trotz aller Vorſicht und Aufmerkſamkeit, in dem dichten Schlingpflanzenge⸗ webe fing, das an vielen Stellen den Boden wie mit einem feſten Netze überzog. Da blieb Bob plötzlich ſtehen und hob ſchnell und lautlos die Büchſe an den Backen, und wie mit einem magiſchen Feuer durchgoß dieſe einzige Be⸗ wegung den Körper des bis jetzt in faſt gänzlicher Apathie verſunkenen Deutſchen; blitzſchnell riß er das eigene Gewehr von der Schulter und ſchaute, hochaufgerichtet, die Augen in dem alten, keineswegs erſtorbenen Jagdeifer erglühend, ſpähend umher, das Wild zu entdecken, das der Indianer auf's Korn genommen. Aber erſt, als er der Richtung von —ypy 2⁵53 Bob's Büchſe folgte, von deren Pfanne das Pul⸗ ver ſchon zweimal abgeblitzt war, ſah er einen ſtatt⸗ lichen Hirſch, der ruhig äſte und die Nähe zweier menſchlichen Weſen gar nicht zu ahnen ſchien. Vor Eifer zitternd, hob Sechingen das Doppelrohr, das, noch mit guten, deutſchen Zündhütchen verſehen, dem Wetter Trotz geboten, und der Schuß krachte dröh⸗ nend durch den ſtillen Wald. Hochauf ſprang der Hirſch und ſetzte über einen, vor ihm liegenden Baumſtamm, blieb dann aber augenblicklich wieder ſtehen, äugte verwundert um⸗ her, witterte zu gleicher Zeit die Feinde und ſprang eben in ein benachbartes Dickicht, als ihm Sechin⸗ gens Rehpoſten nachſauſten. Wohl ſchüttelte er den ſchönen Kopf ein wenig, als ihm das Blei um's Gehör pfiff, unverletzt aber warf er den Wedel in die Höhe und war mit wenigen Sätzen verſchwunden. „Ich muß ihn getroffen haben,“ rief Sechingen, der dem Anſchuß in wilder Jagdluſt zuſprang; Bob folgte ihm jedoch ſehr ruhig und bemerkte, die Fähr⸗ ten keines Blickes würdigend: „Hirſch merkwürdig wohl, wenn er den weißen Fleck zeigt— weiße Mann Bockfieber!“ Gar ſehr wider Willen mußte es ſich Sechingen zuletzt ſelbſt geſtehen, daß er, auf kaum funfzig Schritt, mit beiden Läufen das Wild gefehlt habe, denn auch nicht ein einziger Tropfen Schweiß war 254 auf dem Laube zu ſehen. In hierdurch nicht gerade verbeſſerter Laune ſetzten alſo Beide, nachdem der Deutſche zuerſt wieder geladen, ihren Weg weiter fort, und erreichten, nach etwa zweiſtündigem Mar⸗ ſchiren, das Haus, von dem Bob geſprochen, und⸗ Sechingen mehr todt als lebendig, begrüßte mit freudigem Herzklopfen das trauliche, Schutz und Wärme verſprechende Dach, aus deſſen Lehmſchorn⸗ ſtein eine dünne, blaue Rauchſäule emporwirbelte. Nachdem die beiden Männer zuerſt noch eine niedere, die Wohnung umgebende Fenz überklettert hatten, näherten ſie ſich dem Gebäude, deſſen Thür, nach Art all der andern fenſterloſen Blockhäuſer, offen ſtand, um Licht und Luft zu gleicher Zeit ein⸗ zulaſſen, und betraten den inneren Raum, vor deſſen breiten Kamin ſie eine, dem Auge Sechingens we⸗ nigſtens, ſehr ſonderbar erſcheinende Gruppe ver⸗ ſammelt fanden.— Es waren zwei Frauen und drei Kinder, die in maleriſchen Stellungen das Feuer umſaßen und um⸗ lagerten, und durch den Eintritt der Fremden in ihren verſchiedenen Beſchäftigungen weiter nicht ge⸗ ſtört wurden, als daß die eine der Frauen, wahr⸗ ſcheinlich die Wirthin, mit ihrem Seſſel ein wenig zur Seite rückte und ſagte: „ Nehmt einen Stuhl!“ Nun wäre das zwar an und für ſich ſchon eine 25⁵ recht freundliche Einladung geweſen, denn das Feuer flackerte mächtig und erwärmend mit rother Zunge die ſchwarz geräucherte Eſſe empor, wenn— nur ein Stuhl dageweſen wäre, vergebens ſchaute ſich aber der Deutſche nach einem derartigen Möbel in dem kleinen Raume um, lehnte daher vor allen Dingen die Büchsflinte in die Ecke, legte die Jagd⸗ taſche daneben, welchem Beiſpiel der Indianer ohne weitere beſondere Einladung folgte, und trat dann in den für ſie freigemachten Raum an die linke Kaminecke. „Nehmt den Stuhl!“ ſagte die Frau zum zwei⸗ ten Male, und winkte dabei mit dem Kopf nach der gegenüber liegenden Ecke, aber kein Gegenſtand, der auch nur die entfernteſte Familienähnlichkeit mit ei⸗ nem derartigen Hausgeräth gehabt, oder zu ſolchem hätte benutzt werden können, zeigte ſich dem Auge; die Ecke war, ein ſchmales, langes Bret was darin lehnte ausgenommen, leer. Bob ſchien jedoch mit den Gelegenheiten der Wohnung und ihren Ge⸗ bräuchen ſchon etwas beſſer bekannt, oder ein ge⸗ wiſſer Inſtinkt mußte ihn leiten, denn kaum hatte 8 er ſich ſeiner naſſen Decke entledigt, als er eben jenes Bret vorholte, dieſes dann, dicht neben dem Kamin, zwiſchen zweien der die Wand bildenden Stämme hindurch, und auswendig unter den, zu dieſem Zweck in einen Pfirſichbaum geſchlagenen Pflock ſchob, und dem Deutſchen mit der Hand zu⸗ winkte, darauf Platz zu nehmen, was dieſer denn auch nach einigen, etwas ängſtlichen Verſuchen zwar, befolgte, während Bob neben ihm ſtehen blieb und ſich wie ein am Spieße ſteckender Braten, langſam vor der Gluth im Kreiſe herumdrehte, um ſeinem ganzen Körper einen gleichen Antheil von Wärme zukommen zu laſſen. Bald ſtieg von ihren naſſen Kleidern der feuchte Dampf wie eine Wolke zur Decke hinauf und drängte ſich dort, durch aufge⸗ hangene Schinken und Speckſeiten, in's Freie. Die Beſchäftigung der beiden Frauen zog jetzt, als das erſte froſtige Schütteln vorüber war, was Jeden erfaßt, der naß und kalt zu einem erwärmen⸗ den Feuer tritt, Sechingens neugierige Blicke auf ſich. Die Herrin des Hauſes ſaß nämlich auf einem kleinen Seſſel, dem Feuer gerade gegenüber, hatte zwei Karden oder Wollkämme in der Hand, mit welchen ſie die klargezupfte Baumwolle ſpinngerecht in lange Streifen rollte und nur dann und wann 4 ihre Arbeit unterbrach, um eine kleine, kurze Pfeife aus dem Mund zu nehmen und den Kopf derſelben, dieſe am Stiel faſſend, durch die glühende Aſche zu ziehen, wonach ſie die dadurch herausgehobene kleine Kohle in die Höhe hielt, und in langen Zügen den verlöſchten Tabak wieder zu entzünden ſuchte. In ihrem ganzen Weſen lag aber eine gewiſſe Reinlich⸗ 257 keit und Ordnung, die, mit dem freundlichen, offenen Geſicht der Matrone, einen höchſt wohlthuenden Ein⸗ druck auf den jungen Deutſchen machte, denn er war durch ſeine letzte Wanderung beſonders empfänglich für alles Das geworden, was Behaglichkeit und „häuslichen Sinn verrieth. Sie war ſehr einfach, aber höchſt ſauber in ſelbſtgewebte Stoffe gekleidet, und die größte Ordnung ſchien auch in dem kleinen, wenn gleich ärmlich ausgeſtatteten Raume zu herr⸗ ſchen, den ſie bewohnte. Keineswegs ſo günſtig ſprach ihn die Erſchei⸗ nung der zweiten Geſtalt an, deren Haar, nach Art der irländiſchen Frauen, in einem breiten Scheitel von dem rechten nach dem linken Ohr, quer über die Stirn hinüber gelegt war, und die durch ihre, nichts weniger als reinliche Kleidung auf eine um ſo auffallendere Art gegen die neben hr ſitzende Amerikanerin abſtach. Ihr Anzug beſtand aus grell buntem Kattun, der ſeine beſten Tage ſchon geſehen hatte, und deſſen große Pfauenaugen wehmüthig nach einer Stange Seife hinüber zu blinzen ſchienen, die auf einem kleinen Bretchen in der rechten Ecke des Zimmers ruhte. Sie kreuzte den einen Fuß über den andern und ſtützte ſich mit dem linken Arm auf das rechte Knie, mit dem rechten Ellenbogen wie⸗ der auf den linken Arm, und paffte, ohne die eben Angekommenen weiter viel zu beachten, den Rauch Gerſtäcker, Wald⸗ und Strombilder. 17 258 aus ihrer kurzen Pfeife nach Herzensluſt in den Kamin hinein. Deſto aufmerkſamer wurden aber dafür die bei⸗ den feuchten Gäſte von den drei Kindern beobachtet, deren ganzes, verwildertes, unſauberes Ausſehen ſie als der Irländerin(denn eine ſolche war der Gaſt) zugehörig bezeichnet hätten, wäre nicht dieſe ſtille Vermuthung Sechingens noch durch den unwider⸗ legbaren Beweis eines eben ſolchen Stückes Kattun, als Madame zum Kleid verwandt, beſtärkt worden, das in verſchiedenen ſpitzwinkeligen und dreieckigen Stücken die Kehrſeite des jüngſten Kindes zuſammen⸗ hielt. Mit weit aufgeriſſenen Augen und Sprech⸗ oder Schreiwerkzeugen ſtarrten dieſe, nicht den Indianer, — denn dergleichen hatten ſie ſchon genug geſehen, — ſondern den, ihrer Meinung nach, viel wunder⸗ barer bekleideten Deutſchen an, und nur durch ver⸗ ſchiedene Ermahnungen der Wirthin des Hauſes— denn die eigene Mutter ſchien ſich wenig oder gar nicht um ſie zu kümnern— konnten ſie zurückgehal⸗ ten werden, ſich immer wieder auf's Neue zwiſchen den Fremden und das dieſem ſo höchſt wohlthuende Feuer zu drängen. Auf Sechingens Bitte um etwas Warmes zu eſſen und zu trinken, ließ die Amerikanerin jedoch augenblicklich mit freundlichem Eifer ihre beiden Be⸗ 0 259 ſchäftigungen, Rauchen und Karden, im Stich und es dauerte gar nicht lange, bis ein Paar heiße Taſſen Kaffee, nebſt gebratenem Speck und ſchnell gebackenem Maisbrod auf dem rohen, aber blank geſcheuerten Holztiſch dampften, zu dem ſich auch die Zwei nicht lange nöthigen ließen, ſondern mit wahrem Heißhun⸗ ger über die ſo lang und ſchmerzlich entbehrten Le⸗ bensmittel herfielen. Sechingens verwöhnter Gaumen möchte freilich unter anderen Verhältniſſen, mit den vorgeſetzten Gerichten ſchwerlich zufrieden geweſen ſein; er befand ſich aber gegenwärtig nicht in der Laune, lange zu betrachten und zu koſten, was er aß, ſo er nur über⸗ haupt etwas zu verzehren hatte, und bald waren Teller und Schüſſel leer und blank. Während der Mahlzeit hatten die Frauen ſich nicht weiter um die hungrigen Gäſte bekürmmert, als daß die Wirthin ihnen noch zweimal die ſchnell ge⸗ leerten Taſſen mit dem heißen, erquickenden Trank füllte; da ſie aber jetzt geſättigt vom Tiſche aufſtan⸗ den und wieder an's Feuer traten, fingen ſie an, die mit Schnüren und Troddeln beſetzte Pikeſche des Deutſchen zu bewundern, der, ihnen darin gern ge⸗ fällig, ſich von allen Seiten genau betrachten und die Arbeit daran unterſuchen ließ. Nun hatte aber Sechingen durch dieſe Aufmerk⸗ ſamkeit die moraliſche Ueberzeugung gewonnen, daß 17* 260 die beiden Damen von dem zierlichen Kleidungsſtück ganz entzückt ſeien, und frug daher die Irländerin mit freundlicher Stimme, ob ſie vielleicht im Sinne habe, ihrem Ehegemahl eine dieſer ähnliche anzufer⸗ tigen; die Frau rief aber verwundert: „Meinem Manne, Sir? Gott ſegne Euch, für eine erwachſene Perſon eine ſolche Jacke? nein, aber ein hübſches Röckchen für das Jüngſte gäb' es.“ Sechingen biß ſich auf die Lippen und ſah von der Seite den Indianer an; dieſer ſchien jedoch in der Bemerkung nichts Auffallendes gefunden oder ſie gar nicht beachtet zu haben, ſondern nahm, als Zei⸗ chen des Aufbruchs, die Büchſe wieder zur Hand, und nickte dem Deutſchen zu. „Was ſind wir Ihnen für Ihre Güte ſchuldig?“ frug alſo Sechingen jetzt, da es ihm nach dieſer Aeußerung nicht mehr ſo recht wohnlich bei den Leuten war. „Oh ich weiß nicht“— entgegnete die Ameri⸗ kanerin,„das Wenige, was ich Euch vorſetzen konnte, war gern gegeben und keiner Bezahlung werth. Wohnten wir hier an der Straße, dann wär' es etwas anderes, man kann nicht zalle Reiſende um⸗ ſonſt beherbergen, wenn man ſelbſt arm iſt und ſich ſeine Lebensmittel ſchwer verdienen und erziehen muß, ſo aber mag's gehen. Wir ſitzen hier mitten im Wald, und in Alabama, von wo wir herkommen, — 261 iſt es auch nur an wenigen Stellen Sitte, daß man Bezahlung von Reiſenden nimmt, alſo geht mit Gott, Ihr ſeid Nichts ſchuldig.“ Herzlich dankte ihr Sechingen, nicht allein für die gegebene Stärkung, ſondern auch für die freund⸗ lichen Worte, und bedeutend gekräftigt und erfriſcht, obgleich immer noch ſehr durch die naſſen Kleider beläſtigt, folgte der Deutſche ſeinem rothen Führer einen ſchmalen Pfad entlang, der ſich von hier aus am Fuße einer jetzt erreichten niederen Hügelreihe hinwand und die Wanderer wenigſtens dem niederen Sumpflande entzog, durch das ſie bis dahin ihre Bahn hatten ſuchen müſſen. Nicht viel Worte wurden zwiſchen Ihnen gewechſelt, denn Sechingen ſpähte, da ſie den etwas offeneren Wald betraten, ſcharf nach Wild umher, das der Führer jedoch wenig zu beachten ſchien, denn er ſchritt mit geſenk⸗ ten und feſt auf den Pfad gerichteten Blicken voran. Uebrigens blieb des Deutſchen Aufmerkſamkeit höchſt nutzlos verſchwendet, denn kein einziger Hirſch, nicht einmal emn Truthahn, ließ ſich ſehen, und höchſt miß⸗ muthig und unzufrieden mit der ganzen amerika⸗ niſchen Jagd warf er ſich endlich die Büchsflinte wieder über die Schulter und ſchwur, daß— un⸗ dankbarer Menſch— Charleh Fiſcher ein— Auf⸗ ſchneider ſei. Nicht mehr weit hatten ſie von da aus zu gehen, 262 bis ſie zu der kleinen Lichtung und Blockhütte kamen, die ihm von dem Indianer als die„deutſche Nieder⸗ laſſung“ bezeichnet wurde, und hier lag wieder, wo Sechingen allerdings etwas ganz anderes erwartet hatte, ein ſolches unausweichbares Blockhaus vor ihm, das keineswegs dem von einer„deutſchen Nieder⸗ laſſung“ entworfenen Bilde glich; dennoch eilte er mit freudigen und lebhafteren Schritten darauf zu, denn er ſollte ja jetzt Landsleute wiederfinden und durfte hoffen, nach der ausgeſtandenen Schreckens⸗ nacht ſeine Glieder in etwas ſtärken und erfriſchen zu können. Es iſt aber eine eigene Sache mit den Deut⸗ ſchen in Amerika; in Arkanſas, und überhaupt im fernen Weſten, mag es noch angehen; ſelten be⸗ kommen ſie hier einen Landsmann zu ſehen, und freuen ſich wirklich, wenn ſie Einmal einem begeg⸗ nen, der ihnen etwas Neues aus der Heimath er⸗ zählen kann. Anders, ach weit anders und weit trauriger iſt es dagegen in den öſtlichen Städten, wo alle neue Einwanderer von den, ſich ſchon dort befindenden Landsleuten als„Preisverderber und Ein⸗ dringlinge“ betrachtet werden, wo der ſchon etwas Amerikaniſirte zu ſtolz iſt, den früheren Freund deutſch anzureden, weil ein zufällig daneben ſte⸗ hender Amerikaner ſonſt ſogleich wiſſen würde, daß er ebenfalls ein„Dutchman“ wäre, und wo ſich der — 263 Deutſche wirklich nur deßhalb mit dem Deutſchen einläßt, um ihn, ſobald ſich eine Gelegenheit dazu finden ſollte, tüchtig üͤber's Ohr zu hauen und hin⸗ terher auszulachen. Das kannte v. Sechingen frei⸗ lich noch nicht, ein ganz anderer Empfang wartete aber auch hier ſeiner, und mit offenen Armen und herzlichem, treugemeintem Gruß wurde er von dem biedern Deutſchen Klingelhöffer, der in der einſamen Wildniß ſeine Wohnung aufgeſchlagen hatte, em⸗ pfangen. Er war gerade beſchäftigt geweſen Feuerholz zum Haus zu fahren, ſpannte jedoch augenblicklich aus und führte ſeine beiden Gäſte in die kleine Hütte, um ihnen dort nach den ausgeſtandenen Strapatzen jede mögliche Bequemlichkeit gewähren zu können. Der Indianer war auch bald entſchloſ⸗ ſen, wenigſtens für dieſe Nacht ſein Quartier hier aufzuſchlagen, und hing deshalb ſeine Decke ausge⸗ breitet über die Fenz, damit ſie der Wind, der jetzt recht ſcharf aus Nordweſt zu blaſen anfing, abtrock⸗ nen könne, während Klingelhöffer, von Sechingen gefolgt, das Haus betrat, in welchem ihnen des erſteren wackere Hausfrau, freundlich grüßend, ent⸗ gegen kam. Vor allen Dingen mußte er nun ſeine naſſen Kleidungsſtücke ab und trockene anlegen, und bald vergaß er bei guter, nahrhafter Koſt und neben 264 einem erquickenden Feuer die überſtandenen Mühſelig⸗ keiten und Entbehrungen. . Jetzt bekam er aber auch Zeit, das Innere der einfachen Hütte, in welcher die kleine Familie hauſte, zu betrachten, und begriff in der That nicht, wie Menſchen, die früher ſchon einmal an mehr und größere Bequemlichkeiten gewöhnt geweſen waren, hier und unter ſolchen Verhältniſſen exiſtiren konnten. Das Haus beſtand, nach der gewöhnlichen Bauart des Landes, aus unbehauenen Stämmen, und die Spalten zwiſchen dieſen waren, um den rauhen Nordwind abzuhalten, an dieſer und an der Weſt⸗ ſeite mit lang geſpaltenen Stücken Holz und Lehm ausgefüllt, dadurch eine feſte und ziemlich warme, dem Klima wenigſtens angemeſſene Wand bildend; die beiden anderen Wände jedoch ließen Licht und Luft ein, ſoviel nur durch die oft handbreiten Ritzen und Spalten einſtrömen konnten. In einer Ecke des Hauſes ſtanden zwei Betten, über denen ein langes Bret mit— einem ſeltenen Artikel in Ar⸗ kanſas— Büchern befeſtigt war, und an der ge⸗ genüber ſtehenden Wand befand ſich ein anderer Ge⸗ genſtand, den der Deutſche hier im Walde am we⸗ —————;——— nigſten geſucht hätte und der auch von dem Indianer mit neugierig ſtaunenden Augen betrachtet wurde: L. nämlich ein Fortepiano. Drei oder vier rohgear⸗ beitete Holz⸗ und Rohrſtühle, der Tiſch, deſſen ——— 265 Platte ein früherer Kiſtendeckel bildete, und mehrere Kaſten mit Schlöſſern und Fächern, auf denen das wenige Küchengeräth aufgeſtellt war, füllten den übrigen Raum, und Sechingen, als er das Alles eine Zeitlang betrachtet hatte, wandte ſich endlich zu ſei⸗ nem Wirth, der eben wieder einen tüchtigen, lang ggehauenen Hickorhklotz in's Feuer trug, und fragte, an noch immer etwas ſchüchtern: „Iſt denn dieſes wirklich der einzige Raum, den Sie mit Ihrer ganzen Familie bewohnen?“ „Nein,“ ſagte Klingelhöffer,„hier neben an ſteht noch ein kleines, ſogenanntes Rauchhaus, wo wir unſer Fleiſchtund Fett, die Kartoffeln, etwas zu Brod ausgeſuchten Mais und andere zum Hausſtand nöthige Sachen aufbewahren.“ „Und hier in dieſem einzigen Zimmer weohnezn und ſchlafen Sie?“ „Nun, iſt das nicht genug?“ lachte der Farmer, „da ſollten Sie einmal hier ſein, wenn Gerichtstag iſt, und wir noch zwei oder drei Nachbarn und ein paar Advokaten zu bewirthen und unterzubringen ha⸗ ben, dann geht's freilich eng her.“ „Die ſchlafen doch nicht mit in dieſem Hauſe?“ „Wo denn ſonſt? Alle mit einander.“ „Das iſt ja aber ganz unmöglich!“ „Unmöglich?“ lachte der Farmer,„unmöglich?“ wiederholte er kopfſchütterlnd—„das iſt ein Wort, 266 7 was wir hier in Arkanſas nicht kennen; unmöglich iſt gar Nichts auf der Welt, ſobald es nur uns ſelbſt und unſer eigenen Bedürfniſſe betrifft.“ „Sie Beide, mit Ihren drei Kindern(und die beiden Mädchen da draußen können kaum noch Kinder genannt werden), ſchlafen und wohnen wirklich fortwährend in dieſem Zimmer? entbehren alle Bequemlichkeiten, die man ſich ſonſt bei einem Wohn⸗- und Schlafzimmer als unentbehrlich denkt, und exiſtiren ſo gewiſſermaßen im Freien, auf offe⸗ ner Straße?“ 5 „Ja, ja,“ lachte Klingelhöffer,„und das iſt noch gar nichts, jetzt haben wir doch Dach und Fach, werden nicht naß, wenn es draußen regnet, und können, wenn es kalt wird, ein Feuer anmachen, ohne dabei fürchten zu müſſen, daß uns der Wind die Funken und Kohlen über das Bettzeug wegtreibt, wie das im erſten Winter der Fall war, wo wir hierher zogen und ich das Haus erſt aufbauen mußte. Meine arme Frau war noch dazu damals krank und mußte viel, ſehr viel ausſtehen. Doch was man gern thut, wird Einem auch leicht, und wenn wir viel, ja faſt Alles von dem entbehren müſſen, an das wir im alten Vaterlande gewöhnt oder durch das wir verwöhnt waren, ſo drückte uns auch keine von den Sorgen, die wir dort kann⸗ ten; wir arbeiten Beide, und dafür vermehrt ſich auch —————— —— 4 267 unſer Wohlſtand und ich bin jetzt ſchon im Stande, das nächſte Jahr ein bequemeres und geräumigeres Wohnhaus aufzuführen; bis dahin muß dies freilich noch ausreichen.“ „Ja, daß tertragen t 1 begreiflich! enthoben, Sie das Alles mit leichtem Muth ien,“ rief Sechingen„finde ich ſehr des drückenden europäiſchen Zwanges fühlt ſich der Mann, auch wohl unter ſchlimmenfn Verhältniſſen, kräftig genng, Alles zu beſtehen Und zu überwinden, was ihm hemmend in den Weg tritt. Die ſchwache Frau aber, zarte Kinder, in ſolcher Wildniß, den rauhen Stürmen der Jahreszeit, all den Entbehrungen eines Lebens auszuſetzen, das doch nur eigentlich für einen In⸗ dianer paſſend ſcheint, da— da weiß ich denn doch nicht, ob ich ſo etwas über's Herz bringen könnte. Wenn nun die Frau krank wird und das Heimweh bekommt, und ſich ewig und ewig fort⸗ ſehnt, zurück nach den verlaſſenen, glücklicheren Verhältniſſen?“ „Lieber Herr von Sechingen,“ entgegnete ihm freundlich Klingelhöffer, indem er ſeine Hand ergriff, „wenn die Frau ihren Mann recht herzlich lieb hat, dann wird ſie ſich ſchon nicht von ihm fortſehnen, weil ſie Bequemlichkeiten entbehren muß, an die ſie früher gewöhnt war, im Gegentheil wird ſie bei ihm bleiben wollen und alles das, was er ertragen 268 muß, Freude wie Leid, mit ihm tragen, wie es meine Frau gethan; hat ſie ihn aber nicht ſo recht von Herzen lieb, dann bleibt ſich's auch ziemlich gleich, wo er ſeinen Leidenskelch leert, in der Stadt, oder im Walde. Mein liebes Weib hier iſt nun einmal an mich und meine Laune gewöhnt, Gewohnheit thut viel, ſie möchte mich nicht mehr entbehren, nicht wahr, Alte? und da harren wir denn ſchon hier im Walde zuſammen aus.“ 5 Er reichte bei dieſen Worten der lächelnden, jun⸗ gen Frau die Hand hinüber, und dieſe exwiederte den herzlichen Druck und lehnte ſich vertrauend mit ihrem Köpfchen an ſeine Schulter. „Ja, das iſt Alles recht gut,“ meinte Sechingen kopfſchüttelnd—„Sie Beide haben ſich lieb, wie ſich Eheleute haben ſollten, und können durch Sparſam⸗ keit und Fleiß leicht ihr Auskommen, ſelbſt in den widerwärtigſten Verhältniſſen finden; warum aber? ich bin feſt überzeugt, daß Sie das auch im alten Vaterlande ermöglichen würden, und viele Genüſſe des Lebens kennen Sie hier nur dem Namen nach, die dort eine natürliche Folge Ihres ganzen Wirkens wären.“ „Noch kennen Sie unſer Land nicht,“ erwiederte ihm der Farmer freundlich—„Sie ſind gewiſſer⸗ maßen erſt eine Nacht in Amerika, denn den kurzen Aufenthalt in einem der beſten Hotels von New⸗ — 269 Orleans, wie die kurze Reiſe auf bequemem, ſelbſt mit jedem Luxus ausgeſtatteten Dampfboot, dürfen Sie gar nicht rechnen; lernen Sie alſo das Land erſt ordentlich kennen, und iſt das geſchehen, dann wollen wir weiter über dieſes Kapitel reden; davon aber ſein Sie überzeugt, daß es gewaltige Vortheile ſein müſſen, die im Stande waren, einen Deutſchen zu bewegen, ſeinem Vaterlande für immer zu entſagen. Nicht alle Menſchen lernen übrigens dieſe Vorzüge einſehen, und viele von dieſen ſchleppen dann entweder ein unglückliches Leben in dem frem⸗ den, freundloſen Lande hin, oder ſie kehren in die alte, aus Unmuth oder Veränderungsſucht verlaſſene Heimath zurück; keiner aber, der Sinn für Freiheit und Unabhängigkeit in ſich trägt, wird, wenn ihn nicht Familienbande unaufhaltſam dorthin ziehen, weniger erbärmlicher, leicht zu entbehrender Be⸗ quemlichkeiten und Luxusartikel wegen den freien Wald wieder mit den Ketten des alten Vaterlandes vertauſchen. Thät' er es aber doch, ſchmiegte er ſich bloß deshalb wieder unter das, einmal gemie⸗ dene Joch, flög' er wieder in den goldenen Käfig zurück, weil er ſich nicht gern im Walde, in Sturm und Regen ſein Futter ſelbſt ſucht, nun dann iſt das kein Verluſt für Amerika, ſolche Leute gehören auch nicht in den Wald, ſie ſind Futter für Bälle und Theater.“ ‧——;BP 4 270 „Ich weiß nicht,“ meinte Sechingen kopfſchüttelnd, „man braucht gerade kein Anhänger von Ueppigkeit und Wohlleben zu ſein, und mag doch die Ueber⸗ zeugung haben, ſeine Zeit nützlicher und angenehmer verbringen zu können, als im Walde bei einem Ge⸗ witterſchauer. Mir zum Beiſpiel iſt die Kehle wie zugeſchnürt, und ich werde die Erkältung in vierzehn Tagen nicht wieder los.“ „Glaub's wohl,“ lachte Klingelhöffer,„Sie 3 ſind aber auch gleich mit dem Kopf zuerſt in das 1 Schlimmſte hineingefahren; was uns hier im Walde paſſiren kann: Kälte, Hunger und Näſſe auszu⸗ 3 ſtehen, iſt ein freilich etwas großer Abſtand gegen die reich beſetzte Tafel und das warme Bett eines Dampfbootes. Doch jetzt ſollen Sie, wie ich hoffe, auch einige von den Annehmlichkeiten unſeres Wald⸗ und Farmerlebens kennen lernen, und wenn dieſe Sie dann nicht ganz mit unſerer rauhen Heimath ausſöhnen, ſo werden ſie wenigſtens viel dazu bei⸗ tragen, Ihnen das Leben hier nicht allein von ſei⸗ ner Schatten⸗, ſondern auch von ſeiner Lichtſeite zu zeigen. Es giebt auch im Urwald glückliche Menſchen.“ „Der Urwald verliert aber doch ſehr in der Nähe,“ erwiederte Sechingen, als er durch eine Spalte der Wohnung hinaus auf die, von grauen, 3 naſſen Regenwolken überhangenen Baummaſſen blickte, — 271 während der Wind, unheimlich pfeifend, durch ihre Wipfel brauſte und ihnen die großen, klaren Tropfen aus den ſchwankenden Häuptern ſchüttelte,„ich hatte mir in mancher Hinſicht ein anderes Bild davon entworfen.“ „Sie hatten nicht daran gedacht,“ fiel ihm ſein freundlicher Wirth lachend in's Wort,„daß die gewaltigen, ſtattlichen Bäume auch im Sumpfe ſtehen, oder gar quer über den Weg hin liegen könnten, und dann die Paſſage eher verſperren, als verſchönern, daß nicht allein das romantiſche Geheul der wilden Thiere, ſondern auch das ſehr proſaiſche Geſumme der Mosquitos den Wald erfüllt, und daß ſich eine Landſchaft, wo der Sturm auf den Flügeln der Windsbraut die Fläche durchſauſt, wo tolle Regengüſſe aus den Wolken niederfluthen und trockene Wege zu Bächen und Bäche zu Strömen werden, ſehr hübſch und intereſſant auf der Lein⸗ wand, keineswegs angenehm aber im wirklichen Leben, in der nüchternen hausbackenen Wirklichkeit ausnehmen. Ja, das geht Manchem ſo, das giebt ſich aber, und zuletzt lernen wir ſelbſt die Unan⸗ nehmlichkeiten eines wilden Lebens lieb gewinnen. Sehen Sie aber, wie ſich der Indianer das Forte⸗ piano betrachtet, eine ſolche Maſchine hat er im Leben noch nicht geſehen, ich werde ihm etwas vor⸗ ſpielen.“ 272 Damit trat der Farmer zu dem Clavier, öffnete es, und präludirte ein wenig; gar wunderbarer Weiſe hatte ſich auch das Inſtrument, einige Töne abgerechnet, noch ziemlich gut in Stimmung erhal⸗ ten, trotz der feuchten Luft, der es fortwährend aus⸗ geſetzt war. Der Deutſche ging alſo nach einigen ſchnell gegriffenen Akkorden zu einem leichten Walzer über, und das Erſtaunen Bob's, der vom Oeffnen des Inſtrumentes an bis jetzt, ſtarr von Ueber⸗ raſchung und Verwunderung geſtanden hatte, er⸗ reichte nun ſeinen höchſten Grad. Bei den immer ſchneller und munterer folgenden Tönen heiterten ſich aber auch ſeine dunklen, bis jetzt faſt ausdrucks⸗ los geweſenen Geſichtszüge auf, und ein Paar Reihen Zähne wurden ſichtbar, die an Weiße dem friſchgefallenen Schnee nichts nachgaben. Endlich ſchloß Klingelhöffer, und vom Stuhle aufſtehend, klopfte er dem Indianer auf die Schulter und frug: „wie das klänge?“ „Bless my soul,“ ſagte dieſer, noch immer das früher nie geſehene, wunderbare Geſtell betrachtend —„eine große Violine mit Zähnen und Beinen wie ein Bär, die das Maul aufmachen kann— Bob hat noch nie ſo ein Ding geſehen!“ „Und wie gefällt es Dir?“ „Gut— unmenſchlich gut!“ ſagte Bob, indem er den Mund von einem Ohr bis zum andern zog. —— 273 „Sehen Sie, hier haben Sie gleich eine Natur⸗ beſchreibung des Fortepianos,“ lachte der Farmer, „der Burſche wird Wunderdinge davon erzählen, wenn er wieder nach Little Rock kommt; aber apropos, da wir von Little Rock reden, wo haben Sie denn Ihre Sachen gelaſſen, etwa dort?“ Ja, hei Charles Fiſcher.“ „Nun da ſtehn ſie ziemlich ſicher, ſonſt iſt dem Neſte gerade nicht viel zu trauen; ich habe allen Reſpekt vor dieſer Hauptſtadt von Arkanſas.“ „Haben Sie von dem Staat eine eben ſolche Meinung, als von der Stadt?“ „Dann blieb ich hier nicht wohnen, nein, ich halte Arkanſas für den beſten Staat der Union, das heißt, er iſt mir der liebſte, ich möchte in kei⸗ nem anderen wohnen, und hoffentlich werden Sie daſſelbe ſagen, wenn Sie erſt einmal im Lande um⸗ hergeſtreift ſind und die verſchiedenen Gegenden ſelbſt beſucht haben. Wohin gedenken Sie ſich von hier aus zu wenden?“ „Aufrichtig geſagt,“ erwiederte ihm Sechingen, „ſo hatte ich nach dem, was ich von Herrn Fiſcher in Little Rock gehört, große Luſt, mir irgend ein Stück Land in dieſer Gegend auszuſuchen, und mich darauf niederzulaſſen. Es iſt dieß die Urſache, weß⸗ halb ich nach Amerika ausgewandert bin, ich— ich hatte ein ſo gewaltiges Sehnen nach dem— Gerſtäcker, Wald⸗ und Strombilder. 18 274 nach dem Urwald; ſeit letzter Nacht hat ſich das freilich bedeutend gegeben, und ich möchte doch nun erſt die hieſigen Verhältniſſe ein wenig genauer ken⸗ nen lernen, ehe ich mich bleibend feſtſetze. Iſt es Ihnen alſo recht, mein beſter Herr Klingelhöffer, und fall' ich Ihnen nicht zur Laſt, ſo bleib ich ein paar Tage bei Ihnen, wir durchziehen dann die Nachbar⸗ ſchaft ein wenig, und ich kann mich im Laufe dieſer Woche feſter und genauer beſtimmen.“ „Von Herzen gern,“ ſagte der wackere Farmer, ihm die Hand reichend,„Sie ſind mir ſo wilkommen, wie die Blumen im Mai, und ſehen Sie ſich das Land erſt einmal an, dann gefällt es Ihnen auch. Wie wär's, wenn wir Ihre Sachen indeſſen von Little Rock heraufkommen ließen? Das nächſte Dampfboot kann ſie bis Bakers Landung am Arkanſas bringen, und dort holen wir ſie in nächſter Woche mit mei⸗ nem Canoe ab.“ „Wo aber ſoll zich bei Ihnen ſchlafen?“ frug Sechingen mit komiſchem Ernſt, indem er ſich über⸗ all im Hauſe umſah—„wenn Ihre Frau und Töchter—“ „Thorheiten,“ lachte Klingelhöffer—„das fällt hier alle Tage vor, wir machen Ihnen ein Lager auf der Erde— ein wenig hart wird's ſein, doch daran müſſen Sie ſich gewöhnen; ein Jäger darf überhaupt nicht ſo ſehr viele Bedürfniſſe haben.“ 3 275 „Jagen Sie viel?“ „Nein, ſehr ſelten, ich bin kein großer Freund mehr davon.“ „Es iſt wohl viel Wild in der Gegend?“ „Ja, ziemlich viel Hirſche und Truthühner!“ „Auch Bären, nich wahr?“ „Dann und wann kommt uns einmal ſo ein alter Burſche zwiſchen die Schweine, doch ſind wir in ſolchem Falle ſchnell mit den Hunden dahinter her, und fangen ihn entweder, oder treiben ihn doch wenigſtens aus der Nachbarſchaft.“ „Dann und wann?“ frug Sechingen ſehr erſtaunt, „aber Charles Fiſcher hat mir ja geſagt, daß ſie hier faſt nur von Bärenfleiſch lebten.“ „Dann müßten wir bald genug verhungern,“ lachte der Farmer.— Speck und Maisbrod, das iſt die Koſt, ſelten einmal Hirſch⸗ oder Truthahn⸗ fleiſch, denn Bären fangen an zu den Seltenheiten zu gehören— ich habe in den ſechs Jahren, die ich hier bin, erſt drei geſchoſſen.“ „So hat Fiſcher alſo wohl auch mit dem An⸗ preiſen des Landes nicht die Wahrheit geſagt?“ meinte ſchon etwas kleinlaut der junge Deutſche „Das ſteht auf einem anderen Blatt!“ rief der Farmer—„davon ſollen Sie ſich auch ſelbſt über⸗ zeugen, denn wenn er nicht fürchterlich aufgeſchnit⸗ ten hat, ſo werden Sie Ihre Erwartungen eher 18* 276 noch übertroffen finden. Außerdem iſt dieß eine Er⸗ fahrung, die Sie ebenfalls in Amerika machen müſſen: jeder Farmer preiſt die Gegend, in der er ſelbſt lebt, am meiſten, und ich ſehe nicht ein, warum ich mich allein davon ausſchließen ſollte, da ich noch dazu das gute Recht und vollkommene Urſache auf meiner Seite habe. Aber wie iſt's? wollen wir an Charles nach Little Rock ſchreiben, daß er die Sachen her⸗ aufſchicken ſoll? Der Indianer könnte den Brief mit⸗ nehmen?“ Sechingen blickte unentſchloſſen vor ſich nieder; er hatte ſich das Leben im Walde doch ganz anders gedacht— ſollte er hier— in einer ſolchen Wildniß von jedem Verkehr mit civiliſirten Menſchen abge⸗ ſchnitten(ein oder zwei Nachbarn höchſtens ausge⸗ nommen) förmlich verſauern?— ſein Geld an todtes, mit ungeheueren Bäumen bewachſenes Land wenden, das er vielleicht nachher nicht einmal be⸗ bauen konnte?— „Hm“— ſagte er nach ziemlich langer Pauſe —„ich weiß doch nicht— wenn ich nun wieder zurückginge nach Little Rock, ſo“— „Ja, wenn Sie darüber noch nicht mit ſich im Reinen ſind,“ unterbrach ihn ſchnell der Farmer, „dann laſſen Sie's lieber beim Alten— ich ſehe ſchon wie's ſteht— die Sachen mögen alſo unten bleiben und gefällt Ihnen unſere Gegend gut genug, 277 ei nun, dann wird auch Rath werden, die paar Habſeligkeiten mit Allem, was ein Farmer hier ſonſt noch im Walde brauchen könnte, heraufzu⸗ ſchaffen. Morgen ſollen Sie ein Stück von unſerer Gegend kennen lernen, und daß ich Ihnen nicht das ſchlechteſte zeiigen werde, darauf mögen Sie ſich eben⸗ falls verlaſſen.“ Der Indianer, der indeſſen mit Speiſe und Trank und einem tüchtigen Glaſe Whiskey hinläng⸗ lich geſtärkt war, von Sechingen auch die Bezahlung für ſeine Mühe empfangen hatte, rollte nun die an dem Feuer getrocknete wollene Decke wieder zuſam⸗ men, in deren Falten er vorher noch ein paar, nicht unanſehnliche Stücke Maisbrod und Speck barg, warf einen letzten, ſehnſüchtigen Blick nach der, wieder auf das Wandbret geſtellten grünen Flaſche hinauf, murmelte einen kurzen Abſchiedsgruß und ſchlug bald darauf den ſchmalen, an der Fenz hin führenden Fußpfad ein, der der Countyſtraße zulief. Ueber die Berge hin war er ſo im Stande, Little Rock trocke⸗ nen Fußes zu erreichen. Sechingen ſah ſich bald häuslich eingerichtet, und wider alles Erwarten wurde ſein, wenn auch etwas hartes Nachtlager, ſo vortheilhaft, und ſelbſt dem verwöhnten Körper des Europäers genügend hergeſtellt, daß er— vielleicht auch noch durch die ungewohnten Anſtrengungen mehr als je ermüdet 278 — ſanft und ruhig bis zum nächſten Morgen ſchlief, und ſich bei ſeinem Erwachen zum erſten Male ge⸗ ſtehen mußte, es ſei doch eigentlich recht wenig, mit dem ein Menſch glücklich und zufrieden leben könne, wenn er nur mit ſich ſelbſt im Reinen und ein freier Mann, ſeinem freien Willen auch friſch und fröhlich folgen dürfe. Ein nach amerikaniſcher Art zubereitetes Früh⸗ ſtück wurde jetzt verzehrt, und Sechingen glaubte, daß ſie gleich nach Beendigung deſſelben aufbrechen wollten; Klingelhöffer hatte aber die Abſicht, ſeinem Gaſt, ehe er ihn auf das Land ſelbſt führe, auch die Schwierigkeiten zu zeigen, die eine Urbarmachung deſſelben mit ſich bringe. Unter dem Vorwande alſo, noch Feuerholz ſchlagen zu müſſen, nahm er den jungen Mann etwa hundert Schritte mit in den Wald, zeigte ihm eine, hier unter jenen Stämmen keineswegs ſtark ausſehende Eiche von circa drei Fuß im Durchmeſſer, und bat ihn,„den kleinen Stamm,“ da er das doch Alles lernen müſſe, einmal zu fällen, er wolle dann in einem Viertelſtündchen wiederkom⸗ men, um ihn abzuholen. Von Sechingen, der ſich lange danach geſehnt, einmal ſeine Kraft an den Rieſen des Waldes zu verſuchen, griff freudig nach der ſchweren Axt, und ſeine Schläge— als ihm der Farmer erſt gezeigt hatte, wie er das Werkzeug am vortheilhafteſten 279 halten müſſe— ſuchten ſich bald ihr Echo in den nahen Hügeln. Klingelhöffer, der wohl gemerkt, daß dem jungen Mann die Romantik des Waldlebens noch zu ſehr im Kopfe lag, und der ihn daher gern zu der der⸗ ben, hausbackenen Wirklichkeit zurück führen wollte, ſchritt, ſtill vor ſich hinlächelnd, dem eigenen Hauſe wieder zu. Was er aber vorausgeſehen, traf auch und zwar in ſehr kurzer Zeit ein; Sechingen hackte allerdings eine ziemliche Weile an dem gewaltigen Baum herum, das zähe Holz wollte jedoch ſeinen un⸗ gleich geführten Hieben nicht weichen, nur hie und da ſprang ein, durch einen Kreuzhieb gelöſtes Spän⸗ chen ab und er mußte ſich endlich— todesmüde und die Hände voller Blaſen— geſtehen, das Wort urbarmachen klänge wohl ausgezeichnet und nehme ſich auch ſehr ſchön auf dem Papiere aus, paſſe je⸗ doch in der Wirklichkeit ganz und gar nicht für ihn. So viel ſah er ein, und wenn er den ganzen Tag hier ſtehen geblieben wäre— den Baum hätte er doch nicht umgebracht. Klingelhöffer fand ihn ziemlich verſtimmt am Fuß der Eiche ſitzen, und ſo verſunken ſchien er im Anblick ſeiner Blut unterlaufenen Hände, das er den Kom⸗ menden gar nicht hörte, bis er dicht neben ihm ſtand. Dieſer aber ſuchte ihn nun auch über das noch nicht Glücken und Vorwärtsſchreiten der Arbeit zu tröſten 280 und meinte,„es fiele kein Meiſter vom Himmel und gut Ding wolle Weile haben— ſolche Arbeit fände ein Jeder ſchwer, der erſt in den Wald zöge, und ſelbſt Leute, die ihr Lebelang Nichts gethan hätten als ſchwere Werkzeuge geführt, müßten ſich an die Führung der Axt gewöhnen, ehe ſie im Stande wären, etwas Tüchtiges zu leiſten— er ſolle des⸗ halb auch ja nicht muthlos werden, denn Luſt zur Sache ſei halb gewonnen Spiel, und wenn ein Mann einmal recht ernſtlich wolle, ſo könne er es auch durchführen, trotz allen Schwierigkeiten und Hinderniſſen.“ Das waren eine Menge Thatſachen und unbe⸗ ſtreitbare Wahrheiten, die Sechingen nicht gut weg⸗ läugnen konnte, das harte Eichenholz ſtand aber auch wieder auf ſeiner Seite als ein unfällbarer Be⸗ weis, und nur froh, für jetzt durch eine gute Aus⸗ rede der fatalen Arbeit enthoben zu ſein, folgte er ſeinem freundlichen Wirth zum Haus, beſtieg eines von den Pferden und ritt nun mit ihm in den Wald hinein. Jetzt aber hatte auch das heitere Sonnenlicht all die dunklen, trüben Regenſchatten verſcheucht und ſeine belebenden Strahlen fielen friſch und fröhlich durch die glänzenden, glizernden Blätter der leiſe rauſchenden Wipfel zur Erde nieder— der ganze Wald duftete ſo lieblich, der klare Himmel hing ſo ——————— 281 rein und lächelnd über der wunderſchönen Welt, daß Sechingen ſchon faſt die überſtandenen Mühſelig⸗ keiten vergaß und endlich auch ſeinem Begleiter nicht länger verſchweigen konnte, welchen ſo ganz ver⸗ ſchiedenen Eindruck der Urwald geſtern und heute auf ihn gemacht habe. „Das alte Lied,“ lachte dieſer,„bei trübem Wetter ſehn wir auch die ganze Welt mit trüben Gläſern an, und ſcheint dann die liebe Sonne und zwiſchern die muntern Vögel ihr Lied dazu, dann hängt der Himmel gleich wieder voller Geigen. Wir wollen die Mittelſtraße wählen— ja— es iſt ſchön hier im freien Wald, ſo ſchön, daß ich glaube, das Herz würde mir brechen, müßt ich ihm einmal wieder ade ſagen, aber— er hat auch ſeine großen Schattenſeiten, von denen Sie bis dahin allerdings erſt ſehr wenige kennen gelernt haben. Vollkommen iſt jedoch Nichts auf der Welt, und ſo lange die guten Eigenſchaften nicht von den böſen überdeckt werden, ei nun, ſo lange dürfen wir uns dann auch nicht ſonderlich beklagen. Jetzt ſehen Sie ſich das Land erſt einmal ordentlich von allen Seiten an, und dann können Sie ſich nach beſtem Urtheil friſch und frei entſchließen, was Sie zu thun beabſichtigen.— Mehrere Stunden lang ritten die Beiden im Wald umher und Klingelhöffer gab ſich beſondere 282 Mühe, dem neuen Ankömmling die verſchiedenen Landarten und die Vegetation, durch welche ſie ſich unterſcheiden, zu zeigen; dieſer aber, der ſich in feinem ganzen Leben noch nicht um Land oder Acker⸗ bau bekümmert hatte, widmete dem Gegenſtand kei⸗ neswegs die Aufmerkſamkeit, die er verdiente, und die jener zu finden erwartete, ſondern ſah ſich jetzt vielmehr fortwährend nach Wild um und kam da⸗ durch nicht ſelten in die unangenehmſten Berührun⸗ gen mit vorſtehenden Aeſten und niederhängenden Schlingpflanzen. Dabei überſprang ſein kleines muthi⸗ ges Pferd alle Augenblicke vor ihnen liegende Stämme und Aeſte, oder Waſſergräben und Sumpflöcher, und brachte den Reiter mehrere Male ſogar aus allem Gleichgewicht, daß er ſich kaum noch im Sattel er⸗ halten konnte. Die Mittagszeit rückte ſo heran, noch immer aber machte Klingelhöffer keine Anſtalt heimzukehren, denn er behauptete, und auch ganz mit Recht, ſie wären nun doch einmal draußen im Wald und es ſei nicht allein für den Fremden gut, das Land und die Vege⸗ tation kennen zu lernen, ſondern er ſelbſt wolle auch die Gelegenheit gleich benutzen, nach ſeinem Vieh zu ſehen, das hier in der Nähe ſeine Weideplätze hätte, denn apart deswegen hierherzureiten, nähme ihm zu viel Zeit weg. Sechingen hatte nach und nach einen merkwür⸗ 283 digen Hunger bekommen, und die Glieder ſchmerzten ihn ebenfalls von der ſo ganz ungewöhnlichen Be⸗ wegung, Klingelhöffer ſchien aber von dem Allen Nichts zu ſpüren, ritt durch tiefe Gräben, die ſteilen Ufer hinab und herauf, wich keinem Dickicht aus, gallopirte an Stellen, wo Sechingen lieber abgeſtiegen wäre und das Pferd geführt hätte und zeigte ſich hier in dem wilden pfadloſen Walde ſo zu Hauſe, als ob er in ſeiner eigenen Stube umherginge. Da— er hatte eben davon geſprochen, den Heim⸗ weg anzutreten, und der müde Reiter athmete ſchon hoch auf— ſchlugen nicht weit von ihnen entfernt die Hunde an und der Farmer, ſich hoch dabei im Sattel emporrichtend, horchte den, ihm ſo wohl be⸗ kannten Tönen mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit. — Mehre Sccunden lang war jetzt Alles ſtill— da plötzlich ertönte der Lärm auf's Neue und der Farmer, der jetzt wußte, daß ſeine Hunde irgend et⸗ was im Walde geſtellt oder wenigſtens aufgejagt hatten, fühlte im Nu den alten Jagdeifer in ſich erwachen. „Hurrah!“ rief er, und wandte ſich im Sattel nach ſeinem Begleiter um—„die Hunde ſind flei⸗ ßig, wir wollen die Pferde einmal laufen laſſen, das Bischen Bewegung wird ihnen Nichts ſchaden.“ Und ohne weiter eine Antwort abzuwarten, drückte er dem eigenen Thiere die Sporen in die Seite 284 und dieſes, der Aufforderung nur zu gern Folge leiſtend, floß in muthigen Sätzen der Richtung zu, aus der das Bellen und Toben der Hunde jetzt immer deutlicher zu ihnen herüberſchallte. Sechingen mußte, wollte er hier nicht allein im fremden Wald zurück⸗ bleiben, folgen und ſein eigenes Pferd, das ſchon un⸗ geduldig den Kameraden hatte davon gallopiren ſehen, fühlte kaum den leichten, faſt unwillkührlichen Schen⸗ keldruck, als es fröhlich wiehernd hinten ausſchlug und nun in tollen, unaufhaltſamen Sätzen den Spuren des Vorangegangenen folgte. Nun war Sechingen zwar ein geübter Rei⸗ ter, und ſaß beſonders ſchön und kunſtgerecht im Sattel, verſtand auch die Behandlung eines zuge⸗ rittenen Pferdes aus dem Grunde, durch ſolch wild⸗ verwachſenen Wald aber zu gallopiren und noch dazu mit allem möglichen Schies⸗ und Jagdgeräth behangen, das war mehr als er je verſucht hatte, und bald blieb er mit dem locker befeſtigten Pulver⸗ horn, bald mit dem Griff ſeines Hirſchfängers, bald mit dem Gewehrriemen in den Zweigen und Schling⸗ gewächſen hängen, und endlich wurde er gar bei einem ſchnellen Seitenſprung des Pferdes, das einer vor ihm liegenden Schlange auszuweichen ſuchte, unter einen vorragenden Aſt geriſſen und— mit Blitzesſchnelle aus dem Sattel geſtreift.„Das Roß, des Reiters ledig,“ ſchien weiter gar keine Notiz von 285 ihm zu nehmen, und von Sechingen befand ſich bald darauf, als auch das Bellen der noch fernen Hunde nachgelaſſen hatte, mitten im Wald, ohne Weg, ohne Steg— jeder Richtung, jeder Himmelsgegend un⸗ kundig— allein. Eine volle Stunde wohl irrte er jetzt, mit im⸗ mer ſteigender Angſt und jenem entſetzlichen beengen⸗ den Gefühl, das ſich ſtets des Verirrten bemächtigt, in der Wildniß umher— ſeine feine Tuchpikeſche war in den ſcharfen Dornen zerriſſen, die Pulver⸗ hornſchnure abgeſprengt und das Pulverhorn ver⸗ loren, den Hirſchfänger hatte ebenfalls wahrſcheinlich irgend eine Ranke erfaßt und herausgeriſſen— die Scheide hing ihm leer an der Seite— die Mütze mochte Gott weiß wo ſein, Geſicht und Hände bluteten ihm und die Rippen thaten ihm alle mit einander im Leibe weh. Erſchöpft warf er ſich endlich unter einer alten Eiche nieder— er konnte nicht mehr vorwärts, er mußte erſt aus⸗ ruhen. „Und hier ſoll man den Urwald ſehen?“ rief er endlich in vollem Unmuth aus—„hier wo man den Kopf nicht heben darf, ohne mit dem Geſicht in irgend einem verwünſchten Dornenbuſch hängen zu bleiben— und die Bäume— großer Gott, es nähme ja ein Lebensalter, um nur ein halbes Dutzend von dieſen Koloſſen umzuwerfen; und dann iſt die 8 286 Erde hier ſo mit Wurzeln verwachſen, daß man kaum einen Stock hineinſtoßen, geſchweige denn einen Pflug hindurchziehen könnte. Nein— ich paſſe nicht zu ſolchem Geſchäft— ich habe mir das viel roman⸗ tiſcher gedacht. Blüthenbäume— blumige Ranken— duftenden Wald— zum Himmel ſtrebende Rieſen⸗ ſtämme— hol' ſie alle mit einander der Teufel— ich will Gott danken, wenn ich erſt wieder an einem gedeckten Tiſch ſitze, und eine heiße Taſſe Kaffee trinken kann— und jetzt gar verirrt— in dieſer fürchter⸗ lichen Wildniß.—“ Er ſprang in aller Verzweiflung wieder auf, um nur wenigſtens einen gangbaren Pfad zu finden, der ihn zu einer menſchlichen Wohnung führe; da hörte er plötzlich, nicht weit von ſich entfernt, das laute„Hallo“ Klingelhöffers. Vor lauter Freude ſchoß er raſch die Büchſe ab, das verhinderte ihn aber nicht auch ſeiner, leider ſchon ſehr angegriffenen Kehle, noch eine letzte, außerordentliche Anſtrengung zuzumuthen, um ja die Stelle anzudeuten, wo er ſich befinde. Klingelhöffer ſtand bald an ſeiner Seite, und wenn er auch im erſten Augenblick nicht umhin konnte, recht herzlich über das tragikomiſche Ausſehen ſeines etwas arg mitgenommenen Gaſtfreundes zu lachen, ſo that ihm dieſer doch auch wieder, da er ja fremd und ein Neuling im Walde war, leid, und er bot nun Alles, * 287 was in ſeinen Kräften ſtand, auf, um ihn zu tröſten und ihm Muth einzureden. Es war ein erſter, wenn auch etwas böſer An⸗ fang, wie er ſagte, und hatte wenigſtens das Gute, ihn alles Nachkommende ſo viel leichter und beque⸗ mer ertragen zu laſſen. Von Sechingen ſchien übri⸗ gens gar nicht geneigt, irgend etwas Nachkom⸗ mendes abzuwarten, und zum Tode matt ließ er faſt willenlos mit ſich geſchehen, daß ihn der Farmer auf ſein eigenes Pferd ſetzte. Er hatte, ſeiner Verſicherung nach, keinen ganzen Knochen mehr im Leibe, dafür aber Hunger wie ein Wehrwolf, Kopf⸗ und Zahnſchmerzen und noch außerdem verloren, was an ſeinem Körper nicht niet⸗ und nagelfeſt geweſen. In Klingelhöffers Wohnung endlich angelangt, ſtärkte er ſeinen ermatteten Körper durch Speiſe, Trank und Ruhe. Nichts in der Welt hätte ihn aber am nächſten Morgen vermögen können, eine zweite Tour zu unternehmen, um erſtlich die ver⸗ lorenen Sachen wieder zu ſuchen und dann auch, wie der Farmer lächelnd bemerkte,„das Land noch etwas beſſer kennen zu lernen.“ Er verſchwor ſich hoch und theuer, vom Lande mehr zu wiſſen, als ihm lieb ſei, und war, als der Morgen graute, feſt ent⸗ ſchloſſen nach Little Rock zurückzukehren. Als Ausrede meinte er zwar, er wünſche erſt die öſtlichen Städte 288 und den Oſten überhaupt zu bereiſen, ehe er ſich ganz feſt im Walde niederlaſſe; was aber die Urſache die⸗ ſer ſchnellen Sinnesänderung geweſen, ließ ſich wohl leicht genug erkennen. Weiteres Zureden blieb auch nutzlos, und⸗Klingel⸗ höffer erbot ſich alſo, ihn wenigſtens mit einem Hand⸗ pferd eine Strecke auf der Countyſtraße hin zu be⸗ gleiten, damit er nicht die ganze Strecke, etwa 44 engliſche Meilen, zu marſchiren hätte. Nach Mittag, als ſich ſein Gaſt von den erduldeten Strapatzen ein wenig erholt, brachen ſie auf, und der wackere Far⸗ mer ritt ſo weit mit ihm, daß er eine, am Wege liegende deutſche Anſiedelung noch bequem vor Dun⸗ kelwerden erreichen konnte, und nahm erſt dann, den Dank des Fremden für die ihm gewordene ſo freund⸗ liche Aufnahme und Gaſtfreundſchaft leicht übergehend, herzlichen Abſchied von dieſem. „Leid thut mir's nur,“ ſagte er, als er ihm noch vom Pferde herunter derb und gutmüthig die Hand ſchüttelte,„daß Ihre Luſt zur Anſiedelung gleich beim erſten Anlauf einen ſolchen Stoß erhal⸗ ten hat, aber— ich gebe noch nicht Alles verloren, ſuchen Sie den ſchönen Weſten doch ſpäter einmal wieder auf. Von Deutſchland gleich ohne weiteres nach Arkanſas hineinzufallen, iſt allerdings ein etwas zu großer Abſtand, haben Sie ſich aber erſt einmal eine Zeitlang in den öſtlichen Städten her⸗ X — 289 umgetrieben, ſo wird Sie's ſchon wieder in die geſunde Waldluft zurückziehen. Vergeſſen Sie dann nicht, daß Sie in meiner Hütte immer herzlich willkommen ſind. So leben Sie denn wohl— grüßen Sie mir die Deutſchen in Little Rock, und halten Sie ſich nicht länger dort auf als Sie müſ⸗ ſen— es giebt beſſere Plätze in den Vereinigten Staaten.“ Damit hatte er den Zügel des Handpferds um ſeinen Arm geſchlungen, winkte noch einmal einen letzten Gruß herüber, ſtieß dem eigenen Thiere die Hacken in die Seite, und trabte pfeifend waldein⸗ wärts. Von Sechingen blieb aber noch lange ſinnend auf dem Wege ſtehen und ſein Auge ruhte ſchwei⸗ gend auf den grünen Waldesſchatten, hinter denen ſein Gaſtfreund ſoeben verſchwunden war. Kopf⸗ ſchüttelnd dachte er dabei an Alles, was er in ſo kurzer Zeit erlebt, zurück. „Das alſo,“ ſagte er endlich tief aufſeufzend, „das iſt das ſtille freundliche Farmerleben— das iſt die patriarchaliſche Zurückgezogenheit der Wälder. Kaum zweimal vier und zwanzig Stunden bin ich drin, und wie ſeh ich aus? Meine Kleider ſind zerfetzt, den alten Hut, den mir Klingelhöffer zum Nothbehelf gegeben hat, würde bei uns zu Hauſe Gerſtäcker, Wald⸗ und Strombilder. 19 4 8 4 290 kein Lumpenſammler aufheben, und ich muß noch froh ſein, daß ich ihn nur habe und nicht im bloßen Kopfe zu rennen brauche; Hirſchfänger— Taſchen⸗ tuch, Pulverhorn, Zündhütchenaufſetzer— Alles bin ich losgeworden, im Geſicht und an den Hän⸗ den ſehe ich ſo zerkratzt aus, als ob ich die Nacht in einer Dornenhecke geſchlafen hätte. Dazu ſchmer⸗ zen mich alle Knochen— ich habe einen fürchter⸗ lichen Schnupfen, und von dem harten Lager Hüh⸗ neraugen am ganzen Leibe. Nein, guter Sechingen, ſo viel merk' ich, für den Wald paßt Du nicht— ja, der Urwald ſieht ſich recht gut an— wenn man ſich nicht gerade Bäume zum Umhacken ausſucht— es lieſt ſich auch recht gut darüber, ſchläft ſich aber nur höchſt mittelmäßig darin, und was das Reiten anbelangt, ſo ſoll mich Gott vor einem zweiten Verſuch bewahren. Nein, Du mußt ja kein Far⸗ mer werden— Du kannſt Coopers Romane leſen, für Indianer ſchwärmen— wenn Dir Dein Schu⸗ ſter nicht die Ideale verdirbt— und kannſt auch meinetwegen— heißt das im Geiſt— den wilden Bär und Büffel verfolgen— ſo lange es aber keine Chauſſeeen und Hotels hier giebt, gehe ich nach New⸗York oder Philadelphia.“ „Und meine jetzige Reiſe?“ fuhr er leiſe mur⸗ melnd in ſeinem Selbſtgeſpräch fort, als er ſich 8 291 langſam dabei wandte und auf der Countyſtraße hinſchritt—„ih nun— es war doch immer eine ganz gute Erfahrung und— wenn weiter Nichts — ein Verſuch zur Anſiedelung. Cincinnati. Cincinnati,„die Königin des Weſtens,“ wie ſie in den Vereinigten Staaten von Nordamerika all⸗ gemein genannt wird, liegt in der ſüdweſtlichen Ecke Ohio's, deſſen ſchönſte und bedeutendſte Stadt ſie iſt. Erſt ſeit einigen ſechzig Jahren entſtanden (denn noch leben Männer, welche 1791 die erſte Blockhütte dort bauen halfen), zählt ſie jetzt ſchon über 100,000 Einwohner und hat im Weſten dieſelbe Bedeutung erlangt, deren ſich New⸗Orleans im Sü⸗ den und New⸗York im Oſten rühmt. Da Ohio ſelbſt ſchon ſeit etwa 30 Jahren beſonders von deut⸗ ſchen Auswanderern angebaut wurde, ſo breitete ſich auch Cincinnati immer mehr und mehr aus, ver⸗ theilte nicht allein von dort die den Miſſiſſippi und Ohio heraufkommenden Fremden in dem Staat, ſon⸗ 293 dern ward auch zum Mittelpunkt des Binnenhan⸗ dels, der die Producte des Nordens, als Mais, Mehl, Whiskey, eingepöckeltes Schweinefleiſch, ge⸗ trocknete Früchte, Kartoffeln ꝛc., nach dem Süden verſandte und dafür die Erzeugniſſe der wärmeren Landſtriche, als Zucker, Baumwolle, Tabak, Seeſalz, Kaffee und die übrigen Früchte der Tropenländer in Empfang nahm. Zur Erleichterung dieſes Zweckes ſtand es nicht allein durch den Ohio, einen großen, ſchönen Strom, mit dem Oſten, ſondern auch durch den weſtlichen Canal mit Buffalo und den nördli⸗ chen Seen, Erie, Michigan und Ontario in Ver⸗ bindung, und gute, nach europäiſcher Art angelegte Chauſſeen zweigten ſich durch das ganze Land. Durch die Erbauung eben dieſer Wege und Canäle, wie durch die geſunde Lage des Ortes ſelbſt, wurde eine ſehr große Menge von Deutſchen, meiſtens aus den ärmern Claſſen, veranlaßt, die blühende Stadt aufzuſuchen und ſich in ihr oder wenigſtens in der Nähe derſelben eine Exiſtenz zu gründen. Beſonders ſtrömten von Norddeutſchland, Olden⸗ burg und Hannover dem Eldorado des Weſtens Schiffsladungen voll Auswanderer zu. Die natür⸗ liche Folge aber war, daß, wo ſo viele zuſammen⸗ trafen, die den Platz nur in der Hoffnung aufgeſucht hatten, nicht allein„Geld zu verdienen,“ ſondern auch„reich zu werden,“ der größte Theil derſelben 294 ſich getäuſcht ſehen und entweder unter nicht gerade glänzenden Verhältniſſen ausharren, oder weiter weſt⸗ lich einen geeigneteren Wirkungskreis ſuchen mußte. Natürlich war ein ſolcher Zuſammenfluß von Menſchen, die meiſtentheils von allen Hülfsmitteln entblößt in Cincinnati eintrafen und nun, da ſie ihre Hoffnungen nicht realiſirt, ſich ſelbſt obdach⸗ und hülflos fanden, ſehr wenig dazu geeignet, den Amerikanern einen guten Begriff von Deutſchen und durch dieſe von Deutſchland ſelbſt zu geben, daher denn auch wohl mancher, der mit dem ſchönen Glau⸗ ben das fremde Land betritt, ſchon durch ſein Va⸗ terland allein, wenn nicht freundlich aufgenommen, doch geachtet zu werden, ſeinen Irrthum einſehen wird, wenn er findet, daß der Name„Dutchman“ nicht bloß bei den niedern Claſſen ein Spott⸗, ja oft Schimpfname geworden. Das kann übrigens nur von den Städten gelten, wo ſich die rohe Hefe des Volkes concentrirte, im Lande ſelbſt iſt der deutſche Landmann wegen ſeines eiſernen, unermü⸗ deten Fleißes geſchätzt und geachtet, wie denn auch die deutſchen Anſiedlungen in den nördlichen Staa⸗ ten faſt ſtets die beſſern ſind. Und doch muß eben der Deutſche, ſelbſt wenn er im alten Vaterlande den Ackerbau getrieben hat, in Amerika wieder von vorn zu lernen anfangen, indem nicht allein Boden und Erzeugniſſe, ſondern auch Ackergeräthſchaften, 295 wie die in jenem Lande nöthigen Behandlungsarten der Felder ganz verſchieden von den unſern ſind. Da die Arbeit dort aber leichter, der Humus ſelbſt, beſonders in den weſtlichen Staaten ſo viel vorzüg⸗ licher als in den alten, ſeit langen Jahren ange⸗ bauten Landſtrichen iſt, ſo unterzieht ſich der Deutſche auch ſtets mit Luſt und Liebe einer Lehrzeit, die einen ſo reichhaltigen Erfolg verſpricht, und ſieht ſeinen Fleiß und ſeine Ausdauer, welche letztere dem Amerikaner gänzlich fehlt, in kurzer Zeit durch blü⸗ hende Felder und üppige Vegetation belohnt. Der Amerikaner, d. h. der nördliche Amerikaner (denn der ſüdliche Pflanzer in den Sklavenſtaaten iſt wieder ein ganz anderer Menſch), iſt auch fleißig, und arbeitet mit einer Schnelle und Gewandtheit, in der ihm der Ausländer vergebens gleichzukommen ſucht, aber nur kurze Zeit hält er aus, das Gleich⸗ förmige ermüdet ihn, eine ſchlechte Ernte macht ihn gegen ſein Land mißtrauiſch; er hört von frucht⸗ barerem, ergiebigerem Boden, von beſſerer Weide, üppigerer Vegetation und augenblicklich führt er den ſchnell entworfenen Plan aus. Gerade in dem Zeit⸗ punkt, in welchem der ruhige Deutſche anfängt, die Früchte ſeines Fleißes zu ernten, verkauft der Ame⸗ rikaner den Platz, der ſeine Heimath war, packt ſein bewegliches Eigenthum auf Karren und Wägen, treibt ſein Vieh zuſammen und zieht gen Weſten. 7 —— 296 Etwas aber iſt, was ſo vielen, ja man könnte ſagen faſt allen Deutſchen den Anfang einer zu gründenden Exiſtenz erſchwert: die zu großen Er⸗ wartungen, mit denen ſie gewöhnlich das neue Va⸗ terland betreten. Durch Briefe oder Reiſebeſchrei⸗ bungen von dem ſchnellen, faſt fabelhaften Glücks⸗ wechſel Einzelner in Kenntniß geſetzt, malt ſich ihre Phantaſie die dortigen Verhältniſſe mit den bunte⸗ ſten, heiterſten Farben aus; das Wenige, was von Noth und Sorgen, von getäuſchten Erwartungen und vernichteten Hoffnungen zu ihnen herüberdringt, verliert durch die große Entfernung die ſcharfen, ſchroffen Conturen, wird gemildert oder tritt vielleicht ganz in den Schatten zurück; kein Wunder denn, daß Viele, nach kurzem Aufenthalt in Amerika, von dem ſie oft nur eine der öſtlichen Städte geſehen haben, das erſte, heimwärts ſegelnde Schiff benutzen, in ihr altes Vaterland zurückkehren, und nun nicht ſich ſelbſt, ſondern das Land anklagen, das ſo war, wie es einmal iſt und nicht wie ſie es ſich dachten. Von den Tauſenden aber, die dort zurückbleiben, und hierzu nur zu oft durch den Mangel an Mit⸗ teln, die zweite Seefahrt zu beſtreiten, gezwungen werden, ſind doch auch, zur Ehre der Deutſchen, recht Viele, die mit männlichem Muthe das ertragen, was ihnen ihr Schickſal oder ſie vielmehr ſich ſelbſt aufgebürdet. Der engliſchen Sprache nicht mächtig 297 oder wenigſtens nicht vertraut genug damit, um ihre Geiſtesfähigkeiten geltend zu machen, ſehen ſie ſich gezwungen zu Handarbeiten ihre Zuflucht zu neh⸗ men, und daher kommt es, daß man oft an Canä⸗ len, Chauſſeen und Eiſenbahnen, in Kohlengruben und auf Dampfbooten, Doctoren und Geiſtliche, Officiere und Kaufleute mit Hacken, Spaten oder Schürſtange, mit Schiebkarren und Handtrage be⸗ ſchäftigt findet, ihr„tägliches Brod“ zu verdienen. In Pennſylvanien hatten ſich z. B. in frühern Jahren in einer der dortigen einträglichen Kohlen⸗ gruben viele wiſſenſchaftlich gebildete Männer zu⸗ ſammengefunden und duldeten, um die gewöhnliche Claſſe der Handarbeiter von ihrer Geſellſchaft und Unterhaltung fern zu halten, keinen zwiſchen ſich, der nicht lateiniſch ſprach oder wenigſtens einige zu dieſem Zweck an ihn gerichtete Fragen befriedi⸗ gend beantworten konnte. Jene Grube hieß in da⸗ maliger Zeit„die lateiniſche Kohlengrube!“ Sehr natürlich findet ſich am leichteſten jene Claſſe in die neuen Verhältniſſe, die ſchon im alten Vaterlande durch harte Arbeit ihr Brod verdienen mußte, und nun in den Vereinigten Staaten einen etwas höhern Lohn ſo wie beſſere Nahrung erhält und doch freier und ſelbſtſtändiger daſteht. Dieſe Leute ſammeln ſich durch Fleiß und Sparſamkeit einige hundert Dollars, kaufen nachher entweder ein 298 Stückchen Land oder gerathen in eine der größern Städte und beginnen hier ihre Carriere als„Schenk⸗ wirth und Gaſtgeber;“ daher die ungeheuere Menge dieſer Trink⸗ und Wirths-, oder ſogenannten 1 Boarding⸗Häuſer, von denen man, beſonders in Cincinnati, faſt in jeder Straße einige findet, und die, ohne dem Reiſenden oder Fremden die geringſte Bequemlichkeit zu bieten, ihm eigentlich nur des Nachts in einem harten Bett ein Obdach gewähren und ihn dreimal des Tages zu beſtimmten Stunden abfüttern. Da dieſe Leute nun hauptſächlich auf deutſche Einwanderer angewieſen ſind, die, der engliſchen Sprache nicht mächtig, durch das deutſche Wirths⸗ b hausſchild angezogen bei ihnen einkehren, ſo ver⸗ lieren ſie auch gar bald das Mitgefühl, das ſie vielleicht noch für ihre Landsleute gehegt hatten; ſie fragen nicht darnach, was der Neuangekommene treibt, was er anzufangen gedenkt, ſie wollen nur wiſſen, ob er noch genug Eigenthum beſitzt, für die nächſte Woche das„Boarding⸗Geld“ pränumerando bezahlen zu können oder an deſſen Statt wenigſtesn einen Koffer in Verſatz zu geben vermag. Ueberhaupt irrt man ſich in Deutſchland gewaltig, wenn man glaubt, der Deutſche freue ſich, im Aus⸗ land einen Landsmann zu finden. Im Anfang, ja; noch nicht an die fremdtönenden Laute gewöhnt, “ 299 klingt die Mutterſprache dem Ohre wie Muſik; das verliert ſich aber, man lernt durch einen langen Auf⸗ enthalt unter den Fremden mit deren Augen ſehen, mit deren Gefühlen empfinden und legt nur zu oft mit den vaterländiſchen Sitten auch das Gefühl für die ab, die dieſen noch anhängen. Nirgends zeigt ſich aber dieſe Entfremdung unter Landsleuten ſtärker, als gerade in Cincinnati, wo der Parteigeiſt oft in die bitterſten Feindſeligkeiten ausartet; und doch ſollten ſich gerade hier die Deutſchen durch Einigkeit und feſtes Zuſammenhalten enger an ein⸗ ander anſchließen, da ihnen in jener Stadt die ar⸗ beitende Claſſe der Amerikaner beſonders gram iſt, und in ihrer Art und Weiſe auch wohl nicht ſo ganz Unrecht hat, denn die das Land überſtrömenden Deutſchen, von denen in jedem Jahre Tauſende nach Cincinnati kamen, um dort Arbeit und Beſchäfti⸗ gung zu finden, waren zuletzt genöthigt jedes Aner⸗ bieten, das ſich ihnen darbot, zu ergreifen, um nur Obdach und Nahrung zu erhalten, und arbeiteten um einen Lohn, der ihnen zwar, noch mit den deut⸗ ſchen Preiſen im Gedächtniß, hoch ſchien, in der That aber die bisher gegebenen„wages“ oft auf ein Drittel herabſetzte. Statt alſo nun in der frem⸗ den, ſie umgebenden Welt unter Leuten, von denen ſie nicht geliebt werden, brüderlich bei einander zu ſtehen, ſpalten ſie ſich nicht allein in politiſcher, ſon⸗ 1 300 dern auch in religiöſer Hinſicht in vier Hauptpar⸗ teien, die ſelbſt wieder unter ſich ihre eigenen Zwiſte und Streitigkeiten haben. Vor allen Dingen trennen ſie ſich in Katholiken und Proteſtanten, und Nord⸗ und Süd⸗-, oder den dortigen Ausdrücken gemäß,„Hoch⸗ und Plattdeut⸗ ſche,“ die dann wieder als Whigs und Demokra⸗ ten einander feindlich gegenüberſtehen, wobei die Pro⸗ teſtanten noch ihre beſondere Malice als Lutheraner und Reformirte und Methodiſten auf einander ha⸗ ben, und ſich aus dieſen allen als letzter Kern ein Häufchen Rationaliſten ausſondert. Als Organe dieſer verſchiedenen Parteien dient den Katholiken der„Wahrheitsfreund,“ ein ächt ultramontanes Blatt, den Methodiſten dagegen der„Chriſtliche Apolo⸗ gete,“ der mit ſchwärmeriſchem Eifer ſeine Blitze gegen die Anhänger des Papſtes, aber auch zu glei⸗ cher Zeit gegen die Proteſtanten ſchleudert, aus de⸗ ren Mitte im Jahre 1840„der Lichtfreund,“ dem Rationalismus Bahn brechend entſtand, und nun die Zornausbrüche des Wahrheitsfreundes ſowohl als des chriſtlichen Apologeten auf ſich concentrirte. Selten oder nie religiöſe Gegenſtände berührend, vertheidigte indeſſen das„Volksblatt“ die Sache der Demokraten und warb mit regem Eifer für den demokratiſchen Präſidenten, bis nahe vor der Wahl die deutſchen Whigs, von den amerikaniſchen dabei 301 3 unterſtützt, den„deutſchen Amerikaner“ herausgaben und augenblicklich als die erbittertſten Feinde des Volksblattes auftraten. Zu jener Zeit hatte alſo Eincinnati fünf ſich einander feindlich gegenüberſte⸗ hende deutſche Zeitungen, doch ging der„deutſche Amerikaner“ nach der Wahl, die bekanntlich zu Gun⸗ ſten des Whigpräſidenten, General William Harriſon ausfiel, wieder ein. Später wurde auch der„Licht⸗ freund“ wegen Ueberſiedlung des Redacteurs, Herrn Eduard Mühls, nach Hermann in Miſſouri verlegt, dafür entſtand aber, als Oppoſition des Volksblattes „der deutſche Republicaner.“ Feinden ſich aber in Cincinnati die Deutſchen gar oft an und ſchimpfen und ſchmähen ſie einander, ſo⸗ exiſtiren doch wenigſtens nicht jene Blutſauger unter ihnen, denen der eben von Deutſchland Kommende in den Seeſtädten nur zu oft in die Hände fällt. Ich ſelbſt habe während eines ſehr kurzen Aufent⸗ halts in New⸗York mehrere Deutſche kennen gelernt, welche davon lebten, ſich freundſchaftlich an die in der fremden Stadt unbekannten Landsleute anzuſchlie⸗ ßen, bis ſie entweder den letztmöglichen Cent aus ihnen herausgepreßt, oder von den wiederholt Ge⸗ täuſchten durchſchaut und gemieden worden waren. In Cincinnati gehen ſie offener und ehrlicher zu Werke, entweder mit der Feder oder— geht das nicht— mit dem Munde, denn der Deutſche hat 2 5 30 gewöhnlich noch vom alten Vaterlande her eine Averſion gegen das„Zuſchlagen.“ Der ſpäter angelegte Theil Cincinnati's, wel⸗ chen der weſtliche Canal von der eigentlichen Stadt und dem Ohiofluß trennt, iſt größtentheils von Deut⸗ ſchen bewohnt und wird auch von den Amerikanern „Little Germany“ genannt. Faſt über jeder Thür⸗ hängen Schilde deutſcher Wirthshäuſer, Schuſter, Schneider und anderer Handwerker, die, wenn ſie auch wirklich dann und wann engliſch geſchrieben ſind, den deutſchen Meiſter doch ſtets verrathen. Be⸗ ſonders können ſich die vaterländiſchen Schuſter mit ihrem gemalten Stiefel in der Mitte und einem ro⸗ then Schuh an der einen, einem ſchwarzen Schuh an der andern Seite nimmermehr verläugnen, eben ſo wenig die Leute ſelbſt mit ihren langen, blauen, ſchmalkragigen Röcken und den weißleinenen Taſchen, mit dem hochausgeſchweiften Hut und dem rothge⸗ blümten Halstuch. Das Elend aber, welches leider ſo oft unter je⸗ nen armen Familien herrſcht, die eben eingewandert, von allen Hülfsmitteln entblößt, in kleinen, nackten, Kämmerchen mit großen Familien zuſammengepreßt, hungern und frieren, und vergebens nach Arbeit und dem verheißenen hohen Lohn jammern, iſt fürchter⸗ lich. Glücklich noch die, denen ein Freund oder Ver⸗ wandter im Anfang das Nothwendigſte reichte, da —ÿ 303 nur zu oft ſchon gerade jene Stadt und Staat ver⸗ laſſen mußten, um irgendwo anders ein Unterkom⸗ men zu ſuchen, die ſolch lockende, einladende Briefe, häufig nur um zu prahlen, in die Heimath ſchrie⸗ ben; der arme Einwanderer, welcher feſt auf die ver⸗ ſprochene Hülfe baute, ſieht ſich nachher in dem fremden Lande ſchutz⸗ und freundlos, und iſt nicht vermögend, ſich ſelbſt, viel weniger ſeine zahlreiche Familie vor Mangel und Elend zu bewahren. Schwere und drückende Noth herrſcht dann oft unter den armen Leuten, und dieß mag wohl auch die Urſache ſein, daß die wohlhabenderen Landsleute endlich abgeſtumpft gegen ein mit jedem Jahre wie⸗ derkehrendes Elend werden, dem ſie doch nun einmal nicht abhelfen können. Durch dieſe übergroße An⸗ zahl von arbeitsfähigen Männern verringert ſich na- türlich auch mehr und mehr der Lohn, den die dor⸗ tigen Anſiedler in früheren Zeiten gezwungen waren zu geben, weil ſie nicht Leute genug bekommen konn⸗ ten. Im Jahre 1840 bezahlten die Farmer fünf bis ſechs Dollar den Monat für einen kräftigen Mann, was, wenn man die dortigen Verhältniſſe bedenkt, entſetzlich wenig iſt; und dennoch boten ſich ihnen viele, ſehr viele an, welche nur um die Koſt zu er⸗ halten bei ihnen arbeiten wollten. Mit dem Kauf⸗ mannsſtande iſt es daſſelbe, und am allerſchlimmſten befinden ſich Gelehrte, die, vielleicht mit tüchtigen 304 Kenntniſſen ausgeſtattet, geglaubt haben, dort ver⸗ ſtanden oder anerkannt zu werden. Die armen Leute finden ſich, beſonders in Cincinnati, arg getäuſcht. Für die heimathliche Literatur ſterben die Deut⸗ ſchen in Amerika ab. Die gebildeteren Klaſſen ler⸗ nen das Engliſche, und vernachläſſigen ſchon aus dem Grunde die Mutterſprache, da ſie zu ſelten Gelegenheit bekommen, deutſche Schriften zu erhal⸗ ten; die arbeitenden Claſſen aber leſen einzig und allein Zeitungen, und nichts iſt leichter, als eine ſolche Zeitung zu redigiren. Der Redacteur muß nur dann und wann einen Aufaatz ſchreiben, in welchem er aus Leibeskräften gegen die politiſche Oppoſition zu Felde zieht; dabei dürfen natürlich die Wörter„deutſcher Freiheitsſinn,“„deutſche Treue und Biederkeit“ u. ſ. w. nicht fehlen. Um das Blatt nachher zu füllen, erſcheint im Anfang irgend ein Gedicht, ſei es von Goethe oder Schiller oder eigenes Fabricat,— ſelbſt eingeſandte werden mit Dank angenommen,— dann eine kleine Novelle oder Erzählung aus einer alten, vorſündfluthlichen Di⸗ dascalia, hierauf einige aus engliſchen, oder, iſt es möglich, auch deutſchen Blättern entnommene Noti⸗ zen, dann die Marktpreiſe und Ankündigungen, und die Nummer iſt verſehen. Honorar iſt nie zu fürchten. Nun iſt das Blatt freilich gedruckt, muß aber 305⁵ auch noch an die verſchiedenen Subſcribenten her⸗ umgetragen werden; zu dieſem Zwecke ſchließt der Redacteur einen Contract mit irgend einem Mann ab, dem er wenigſtens die einzucaſſirenden Wochen⸗ gelder anvertrauen kann, und der von jeder Zeitung, die er austrägt, etwas Beſtimmtes per Woche er⸗ hält, deſſen Vortheil es alſo neben dem Austragen auch iſt, noch ſo viel neue Abonnenten als möglich zu ſeinen alten zu bekommen, indem ſich durch eine Vermehrung des Abſatzes auch ſein Gehalt oder Einkommen vermehrt, wobei er für die täglichen Blätter an jedem Sonnabend, für die wöchentlichen jeden Monat das Geld eincaſſirt, weil überhaupt in Amerika nichtanſäſſige Leute ſelten lange an einem Platze bleiben, und ein Verfolgen der Schuldner, da keine Controle weder über Fremde noch Rolſende ge⸗ führt wird, unmöglich iſt. Cincinnati ſelbſt liegt am nördlichen Ufer des Ohio, der von Pittsburg aus, wo dieſer durch den Zuſammenfluß des Alleghany und Monongahela ſeinen Namen erhält, ſich öſtlich nach einem Lauf von circa 1000 engliſchen Meilen in den Miſſiſſippi ergießt. Es iſt ein ſtattlicher Strom, deſſen ma⸗ leriſche Ufer ihm den Namen des„amerikaniſchen Rheines“ gewonnen haben; bei Cincinnati mag er etwa eine engliſche Meile breit ſein und trägt im Winter und Frühjahr die größten Daupfboote Gerſtäcker, Wald⸗ und Strombilder. 306 wird jedoch im Sommer und Herbſt, nicht mehr durch die Bergſtröme der Alleghany⸗Gebirge genährt, an mehreren Stellen ſehr ſeicht und die Schifffahrt hört dann für die größern Boote auf. Durch dieſen „ſchönen Strom“ aber(der indianiſche Name der Senecas iſt Oh⸗ey⸗o oder der ſchöne Strom) erhielt Cincinnati ſeine Bedeutung und wuchs ſchnell zu einer der größten Städte der Union an; zwar ver⸗ ſuchten Speculanten am gegenüberliegenden Ufer in Kentucky am Ausfluß des Licking, Oppoſitionsſtädte zu erbauen, und New⸗Port wie Covington entſtanden: Cincinnati aber überflügelte ſie ſchnell und wurde die „Königin des Weſtens.“ Die eigentliche Stadt,— denn ſie zählt außer dem Städtchen Mohawk noch mehrere Anbaue,— liegt am Fuß einer Hügelreihe, die das Thal des kleinen Miami einſchließt, und hat mehrere Eiſen⸗ gießereien; dabei verſorgt ſie faſt die ganzen Ver⸗ einigten Staaten mit geſchnittenen eiſernen Nägeln, die überall ſtatt der geſchmiedeten gebräuchlich ſind. In und um Cincinnati befinden ſich auch die be⸗ deutendſten Brauereien und Whiskeybrennereien Ame⸗ rika's, beſonders aber Schlachthäuſer, wie ſie auf keinem zweiten Platz in der Welt exiſtiren; denn von hier aus werden nicht allein die Vexeinigten, ſondern auch die ſüdlich gelegenen Staaten, Texas und Mexico, mit eingepökeltem Schweinefleiſch ver⸗ 307 ſehen, das ſogar bis nach Südamerika verſchifft wird. Nichts ſchildert den Charakter eines Menſchen deutlicher als kleine Anekdoten und Angewohnheiten aus ſeinem Leben; eben ſo iſt es mit einer Stadt, die man wohl am leichteſten durch kleinere Züge ihres innern Treibens und Verkehrs kennen lernt und von denen ich verſuchen will, dem Leſer einige, wie ſie mir noch friſch im Gedächtniß ſind, mit⸗ zutheilen. Der Markt. Durch ganz Nordamerika haben die Marktplätze ein ziemlich ähnliches Ausſehen; ein ſogenanntes „Markthaus“ bildet den Mittelpunkt und beſteht aus einem auf einer doppelten Säulenreihe ruhen⸗ den Dach, unter deſſen Schutz die Fleiſchhauer oder Metzger den innern Raum einnehmen; um dieſen reihen ſich die ein höheres Standgeld bezahlenden Gärtner an der Außenſeite, aber ebenfalls noch unter dem Schutz des Vorbaues an. In Cincinnati ſind drei ſolcher Marktplätze: der obere oder Flymar⸗ ket, der mittlere und der untere Markt; Montag und Donnerſtag wird auf dem erſten, Dienſtag und Frei⸗ tag auf dem zweiten und Mittwoch und Sonnabend auf dem dritten Markt gehalten. Dort prädo⸗ miniren die Deutſchen beſonders, dein ſie bilden 308 nicht allein die Mehrzahl der Fleiſcher, ſondern haben auch mit wenigen Ausnahmen den alleinigen Verkauf der Gartenfrüchte, und zwar ſchon aus dem Grunde, weil der Amerikaner in dieſer Hinſicht nun einmal ein Vorurtheil zu Gunſten der Deutſchen hat, die, wie er glaubt, Alle geborene Gärtner ſind. Will ein Amerikaner im Frühjahr ſeinen Garten herſtellen laſſen, ſo ruft er den erſten beſten Deut⸗ ſchen dazu und überträgt ihm die Arbeit, er fragt aber nie:„weißt du mit einem Garten umzugehen?“ ſondern denkt, das verſtehe ſich von ſelbſt. Dabei haben unſere Landsleute das Monopol des Sauer⸗ krautes, mit dem es ihnen wie den Creolen mit ihrem Lieblingsgericht Gumbo geht: es iſt zum Spottnamen und zur Bezeichnung der Nation ge⸗ worden, und nicht ſelten hört man unter den nie⸗ dern Claſſen der Amerikaner, wenn jemand eine gemiſchte Verſammlung bezeichnen will, den Aus⸗ druck:„Es waren Amerikaner, Gumbos und Sauer⸗ krauts dort.“ Da übrigens die meiſten der zu Markte Kom⸗ menden ihre Producte von meilenweit entfernten Farmen herbeiſchaffen, ſo laſſen ſie dieſelben auf ihren kleinen einſpännigen, mit Leinwand überzoge⸗ nen Fuhrwerken, und fahren dieſe auf beiden Seiten des Marktplatzes ſo auf, daß die Einkäufer an der Außenſeite umhergehend den im Hintertheil des 1 309 Wagens ausgelegten Inhalt ſehen und prüfen kön⸗ nen. Oft ſtehen Hunderte derſelben in langer, die Straßen weit hinaufreichender Reihe beiſammen und geben dem Ganzen ein eigenthümliches Anſehen; was aber dem Europäer beſonders auffällt, ſind die Einkäufer ſelbſt. Wie ich zum erſtenmal auf einen amerikaniſchen Markt kam, traute ich meinen Augen kaum, als ich nicht allein anſtändige, ſondern ſogar elegant gekleidete Männer, oft in ſchwarzem Frack, mit Ringen an den Fingern, goldenen Uhr⸗ ketten und blendend feiner Wäſche großmächtige Körbe am Arm tragend zu Markte gehen oder gar reiten ſah; es war etwas unſern deutſchen Sitten und Gebräuchen ſo ganz entgegengeſetztes, daß ich nur mit vieler Mühe das Lachen verbeißen konnte. Nichts macht ſich dann komiſcher, als wenn es an⸗ fängt zu regnen und der„Gentleman“ den ſchon zur Vorſorge mitgenommenen Regenſchirm aufſpannt, dem kleinen Poney die Hacken in die Seiten ſetzt und mit kurzen Steigbügeln, daß die Knie faſt den Sattel⸗ knopf berühren, zu Hauſe galoppirt. Die Fleiſcher ſchmücken beſonders bei feierlichen Gelegenheiten, als am 4. July, dem Tage der Un⸗ abhängigkeitserklärung, an Waſhingtons Geburts⸗ tag, an verſchiedenen Dank⸗ oder Bußtagen ec., ihre Stände und das ausgeſchlachtete Vieh auf das zierlichſte, wobei ſie etwas darin ſuchen, alle mög⸗ 310 lichen Fleiſcharten zum Verkauf auszuſtellen; daher findet man nicht ſelten bei einem Einzelnen neben den gewöhnlichen Thierarten ganze Bären, Hirſche, Waſch⸗ bären, Opoſſums und Eichhörnchen, die durch Blumen⸗ guirlanden auf das freundſchaftlichſte mit einander verbunden ſind. Den Gemüſeverkauf beſorgen, wie ſchon geſagt, faſt ausſchließlich die Deutſchen, denen auch die beſten und einträglichſten Farmen in der Nähe von Cincin⸗ nati gehören und von welchen ſogar ſchon Einige Weinberge angelegt und einen erträglich guten Wein gekeltert haben. Die Amerikaner ſchaffen hingegen mehr Käſe, Eier, Butter und Geflügel zu Markt, während die farbige Bevölkerung von Cincinnati meiſtens gedörrtes Obſt, Pfirſiche und Aepfel feil hält. Im Ganzen iſt Cincinnati die billigſte Stadt des Weſtens, und ein einzelner Mann kann mit 400 Dollars(1 Dollar 1 Thlr. 10 Ngr.) das Jahr an⸗ ſtändig leben. Boardinghäuſer. Das Wort„boarding-house“ iſt faſt das erſte, welches der Einwanderer in Amerika lernt— er muß ein Obdach und Nahrung haben, und dieß alles findet er für einen verhältnißmäßig billigen Preis in ſolchen Koſt⸗ oder Boardinghäuſern. Ich rede hier nicht von den beſſer eingerichteten Wirth⸗ 311 ſchaften und Hotels, die dem Reiſenden alle mög⸗ lichen Bequemlichkeiten bieten, und von denen, in Cincinnati beſonders, eine große Anzahl exiſtirt, ſon⸗ dern von den Häuſern, in welchen der Fremde, deſſen finanzielle Umſtände ihm nicht erlauben ſechs, acht, ja zwölf Dollar die Woche für Koſtgeld zu bezahlen, einkehrt, und wo er, wie der deutſch⸗ amerikaniſche Ausdruck iſt,„boardet!“ Dieſe Anſtalten werden faſt ausſchließlich von Deutſchen gehalten, ſind ſich im Ganzen ziemlich ähnlich, und wir wollen dem Leſer eines dieſer „Kaffeehäuſer,“ wie ſie ſich faſt alle nennen, näher vorführen. Es iſt ein ſchmales, zweiſtöckiges, grün angeſtrichenes Brettergebäude, das, ſelbſt etwas windſchief, zwiſchen zwei große Backſteinhäuſer hin⸗ eingepreßt, ſcheinbar von dieſen aufrecht gehalten wird. Ein breites Glasfenſter zeigt drei über einander ange⸗ brachte Reihen von Flaſchen mit Liqueur oder wenig⸗ ſtens einer liqueurfarbigen Flüſſigkeit gefüllt, zwiſchen denen, um den ſonſt etwas zu leeren Raum auszu⸗ füllen, einzelne Citronen liegen, während in der unteren Reihe mehrere Glasgefäße mit Candiszucker und anderen Näſchereien prangen. Ueber der mit einer rothen Gardine verhangenen Thür ſteht auf einem grünlackirten Schild mit grellrothen Buch⸗ ſtaben, daß die Augen kaum das Verſchwimmen der Farben ertragen können,„Battle of Bunkershill 1 3 3 8½ 31² Coffee house,“ und darunter„Deutſches Koſthaus von N. N.“ Doch wir wollen hineingehen und das Innere des Heiligthums betrachten. Es iſt ein kleines, wahrſcheinlich früher zum Vorſaal beſtimmt gewe⸗ ſenes Zimmer, das jetzt aber zur Schenkſtube benutzt wird und zugleich das Entrée des Hauſes bildet. Rechts ſind bis zur Decke hinauf Regale angebracht, die mit Flaſchen, Caraffen, Gläſern, Apfelſinen und Zuckerwerk ausgeſchmückt, die eine Wand verdecken, während Thür und Fenſter die zweite einnimmt, und rieſenhafte Zettel, Ankündigungen von Seiltänzern und Kunſtreitern, mit Abbildungen der merkwür⸗ digen Sachen, welche dieſe auszuführen gedenken, die andern beiden überziehen. Beſonders hervor⸗ 6 ſtechend zeigt ſich noch, gerade am mittelſten Regale befeſtigt, ein kleines Schild, auf dem mit größtmög⸗ lichen Buchſtaben die Worte„No Credit!«„Kein Credit!“ zu leſen ſind, und mit dem eine zweite un⸗ ter Glas und Rahmen gebrachte Tafel correſpondirt, durch welche dem Eintretenden in zierlichen Verſen lund gethan wird, daß der Eigenthümer ſeine Weine 1 und Liqueure, ſeine Flaſchen und Gläſer, ferner Hausrente und Taxen bezahlen müſſe, und deß⸗ 5 wegen unendlich bedaure, ſeinen geehrten Gäſten unter keiner Bedingung borgen zu können. Eine Art Ladentiſch trennt den Ausſchenker oder„Barkeeper“ 313 von den Gäſten, zu deren Bequemlichkeit nur eine kurze, grünlackirte Gartenbank an der gegenüber⸗ ſtehenden Wand angebracht iſt, die aber für den Augenblick leider nicht benutzt werden kann, da ein Irländer, der ein wenig zu ſchwer geladen, langge⸗ ſtreckt darauf liegt. „Wer tractirt?“ ruft jetzt der Barkeeper, welcher ſich ſchon faſt eine Viertelſtunde lang die Anweſen⸗ den ungeduldig betrachtete.„Wer tractirt? Boy's— ihr ſteht ja ſo trocken da, wie die Pulverfäſſer— wollen wir drum würfeln?“ Er hat bei den letzten Worten einen kleinen Lederbecher unter dem Ladentiſch vorgeholt und ſchüttelt denſelben ein wenig; der Klang wirkt wie bezaubernd, alle treten hinzu, und die drei niedrigſten Würfe müſſen den Trunk à Perſon mit einem Picayune(6 ½¼ Cent. oder 2 gGr.) bezahlen. Ob⸗ gleich der Barkeeper ſelbſt mitſpielt, ſo iſt es doch eher zu erwarten, daß der niedrigſte Wurf leicht einen der Gäſte, von denen ſechſe gegenwärtig ſind, als ihn treffen wird, und ſchon auf ſolche Art und Weiſe verdienen die Wirthe manchen Dollar. Jetzt öffnet ſich aber die Thür, und ein anſtändig geklei⸗ deter Mann tritt herein und erkundigt ſich bei dem Ausſchenker, ob er hier eine oder mehrere Wochen „boarden“ könne. Dieſer beſchaut ihn zuerſt ſehr aufmerkſam vom 4 — 3 5 8 1 3 ³½ 314 Kopf bis zum Fuß, und fragt ihn dann vor allen Dingen,„ob er Gepäck bei ſich habe?“ „Nichts als dieſes!“ antwortete der Fremde und zeigt auf ein kleines, in ein rothſeidenes Schnupftuch eingeſchlagenes Päckchen. „Hm,“ ſagt der Ausſchenker,„dann müſſen Sie pränumerando bezahlen, ich kann Ihnen nicht helfen!“ „Und wer hat Ihnen denn geſagt, daß ich das nicht werde,“ entgegnete pikirt der Fremde. „Oh well!“ ſagt der Ausſchenker, keineswegs dadurch außer Faſſung gebracht,„dann iſt alles in Richtigkeit.“ „Und der Preis?“ fragt der Fremde. „Drei Dollar die Woche!“ Der Mann bezahlt und bittet den Barkeeper nun, ihm ſein Zimmer zu zeigen; dieſer ſteigt mit ihm eine kleine, ſchmale Treppe hinauf, öffnet die ſich faſt an der oberſten Stufe befindende Thür, und weiſt den Ebengekommenen hinein. Es iſt ein ziemlich großer Raum, der die ganze Breite des Hauſes einnimmt, mit drei Fenſtern und einem gewaltigen Kamin an der Seite, das Ganze hat aber ein unfreundlich kaltes Ausſehen, denn in dem Kamin liegen Stiefeln, Stöcke, Hutſchachteln, Pfeifen ꝛc. ꝛc., und beweiſen zur Genüge, wie wenig von dieſer Seite auf ein gutes, erquickendes Feuer zu hoffen ſei. Des Fremden, den Raum ſchnell 2 315 durchfliegende Augen zählen fünfzehn zweiſchläfrige Betten, die eines neben dem andern an den Wän⸗ den hin und in der Mitte ſtehen, und eine ziemlich zahlreiche Schlafgenoſſenſchaft verſprechen. Nur ein Tiſch und etwa acht oder neun Stühle dienen dem Worte„Mobilien“ zur Entſchuldigung, und die um⸗ herhängenden verſchiedenartigen Kleidungsſtücke ſind nicht gerade geeignet, dem Ganzen ein freundlicheres Ausſehen zu geben. „Und hier ſoll ich ſchlafen?“ fragt mit gerade nicht freudiger Ueberraſchung der Fremde. „Ja!“ iſt die Antwort—„in dieſem Bette hier, mit einem Amerikaner— es iſt ein ganz ordentlicher Mann!“ „Und kann ich kein Bett für mich allein be⸗ kommen?“ „Unmöglich, wir haben jetzt kaum Platz für unſere Gäſte— alle Boardinghäuſer ſind überfüllt.“ Noch ſteht der Fremde unſchlüſſig am Eingang, er weiß aber, daß wenn er auch zu einem andern Hauſe gehen wollte, ſich die Verhältniſſe ziemlich gleich leiben, wirft ſein Päckchen auf das ihm angewieſene Bett und— iſt eingezogen. „Haben Sie denn wohl einen ruhigen Platz, wo ich einen Brief ſchreiben könnte?“ fragt er jetzt noch⸗ mals den Barkeeper, der eben im Begriff iſt die ſteile Treppe wieder hinunter zu klettern. ——ꝓ—— 316 „Unten im Zimmer, wo die Uebrigen ſind!“ ſagt dieſer,„das iſt der einzige Platz im ganzen Haus.“ In jenes Zimmer führt er jetzt ſeinen Gaſt und zeigt ihm in der einen Ecke einen Tiſch, an welchem eben ein freundlicher Oldenburger emfſig beſchäftigt iſt, zu dem morgenden Sonntag ſeine Stiefeln zu wichſen. „Du mußt damit hinausgehen!“ fährt er dieſen an,„das gehört ſich nicht in der Stube! wir ſind nicht mehr auf dem Schiffe!“ Schweigend räumt der alſo Abgefertigte ſeinen Platz ein und der Fremde ſieht ſich vergebens nach irgend einem Gegenſtand um, mit welchem er den ſtaubigen Tiſch abwiſchen könne! „Warten Sie, ich will Ihnen etwas bringen,“ ſagt der Barkeeper und geht in das Schenkzimmer zurück; unterdeſſen hat jener aber vollkommen Zeit den Raum zu betrachten, in welchem er ſich jetzt befindet. Es iſt ein geräumiges Zimmer mit einem großen, gußeiſernen Geſtell in der Mitte, das ein Mittel⸗ ding zwiſchen Ofen und Kamin zu ſein ſcheint, denn es hat wohl die Geſtalt des erſtern, entſpricht aber ganz dem Zweck des letztern, da es die Hitze nicht erſt durch Röhren, ſondern gleich durch die vorn im Roſt ſichtbaren Kohlen verbreitet. Um dieſes haben ſich in allen möglichen Stellungen und Lagen die verſchiedenen Gäſte des„Kaffeehauſes zur 317 Schlacht am Bunkers Hill“ verſammelt, und befin⸗ den ſich alle in einer ſehr heitern Stimmung, lachen und erzählen und machen einen Lärm, daß die Glä⸗ ſer auf dem zweiten Tiſche zittern. Einige, die im Anfang gekommen ſein mochten, hatten noch Stühle gefunden, die ſpäter Eintreffenden ſchon mit zwei grünlackirten Holzbänken, denen ähnlich, die in der Schenkſtube ſtanden, vorlieb nehmen müſſen, und die letzten konnten einzig und allein ſtehend an der Ge⸗ ſellſchaft und zu gleicher Zeit am Ofen Theil neh⸗ men. Unſer Gaſt war gezwungen, ſich auf irgend eine Art einen Stuhl zu verſchaffen, und mit den Sitten ſolcher Häuſer ſchon ziemlich vertraut, blieb er einige Minuten am Feuer, bis einer der Sitzenden aufſtand, welchen er dann ohne weitere Umſtände den kaum verlaſſenen Stuhl entführte und an ſeinen Tiſch trug. Dieſen mußte er übrigens, da der Barkeeper nicht wiederkehrte, mit ſeinem eigenen Taſchentuche abſtäuben. Jetzt klingelt es plötzlich im nächſten Zimmer, und der lang erſehnte Ruf„supper, supper!“ (Abendeſſen) übertönt und erſtickt bald den frühern Lärm; alles ſtrömt in das Speiſezimmer und der Barkeeper trägt den Davondrängenden die zurückge⸗ laſſenen Stühle nach, da an der Table d'hote noch einige fehlen. Eine lange Tafel ſteht dort gedeckt, an welcher etwa 30 Perſonen Raum und die mit —ͤ— 318 mehrern Fleiſcharten, Kartoffeln, Eiern, Butter und Käſe beſetzt iſt. Jeder Gaſt findet neben ſeinem Teller eine eingeſchenkte Taſſe Thee, die er, wenn geleert, bloß empor zu heben braucht, um ſie augen⸗ blicklich wieder von einem jungen Mädchen, das die Aufwartung beſorgt, gefüllt zu bekommen; doch ſieht es der Wirth nicht gern, wenn das öfter als zweimal geſchieht. Das Eſſen iſt gut und ſchmackhaft zubereitet, und nach der Mahlzeit, von der jeder, ſobald er fertig iſt, aufſteht, ohne ſich weiter mit Wort oder Blick um ſeinen Nebenmann zu bekümmern, verſammeln ſich die Gäſte wieder um den kaum verlaſſenen Ofen, an welchem jene jetzt die beſten Plätze einnehmen, die am ſchnellſten eſſen konnten. Die Geſellſchaft iſt übrigens keineswegs unin⸗ tereſſant, denn nicht allein verſchiedene Nationen, ſondern auch verſchiedene Stände treffen ſich hier, und die gebildetere Claſſe der Deutſchen, als Advo⸗ 1 caten, Aerzte, Theologen, Kaufleute ꝛc., die größten 2 theils wenigſtens für den Augenblick noch gezwungen waren, eine ihren frühern Beſchäftigungen gerade nicht entſprechende Arbeit zu übernehmen, um ehrlich und or⸗ dentlich in der neuen Welt durchzukommen, findet ſich bald zuſammen und verplaudert die langen Abende. Die Zeit des Schlafengehens naht aber jetzt, und hie und da ſchleichen einzelne mit abgebrannten 319 Lichtendchen in der Hand die Treppe hinauf, denen die übrigen ebenfalls bald folgen und ermüdet das harte Lager ſuchen, welches nur aus einer Seegras⸗ Matratze und zwei oder drei wollenenen Decken be⸗ ſteht. Die Lichter verlöſchen nach und nach, und ſo⸗ bald ſich die einzelnen Paare und Bettgenoſſenſchaften veerſtändigt haben, ob ſie„doppelt⸗Adler“⸗ oder„löffel⸗ artig“ liegen wollen, herrſcht für wenige Minuten tiefes Schweigen, das aber bald einem von allen Seiten hertönenden Schnarchen weicht, bei dem ſich ran nicht Gewöhnte oft ſtundenland unruhig Lager umherwälzt. Es exiſtiren übrigens auch mehrere amerikaniſche Boarding⸗Houſes in Cincinnati, wo der Gaſt für 5 Dollars per Woche eine reinlichere und freundlichere Umgebung hat, das Unangenehme des Zuſammen⸗ ſchlafens mit Mehrern findet ſich in den meiſten. Money⸗Brokers. Die Geldwechsler ſpielen in allen Städten Ame⸗ rika's eine bedentende Rolle, denn wo ſolch' unzählige nken und Tauſende von verſchiedenen Banknoten d Münzſorten circuliren, iſt es unbedingt nöthig, Leute zu haben, welche nicht allein die ächten von den nachgemachten unterſcheiden können, ſondern auch den Reiſenden mit den für ihn brauchbarſten Münz⸗ ſorten oder Treſorſcheinen verſehen. 320 Hunderte von Banken ſtreuen jährlich ihre Noten unter die Bevölkerung der Vereinigten Staaten aus; viele beſtehen fort und löſen ſpäter das ausgegebene Papiergeld wieder mit Silber ein, die meiſten aber machen bankerott oder thun wenigſtens was gleich⸗ bedeutend iſt: ſie nehmen nicht einmal mehr ihr eigenes Geld für den vollen Werth an, ſo daß es 20, 30, ja bei dem Miſſiſſippi⸗, Arkanſas⸗, Atcha⸗ falaya⸗ und Texas⸗Geld ſchon bis zu 70 und 80 Procent gefallen iſt. Am ſchlimmſten ſteh irgend einem Papiergeld ausbezahlt bekommen, das, wie ihnen der Broker ſagt,„gut“ iſt— und wofür ſie auch ihre Bedürfniſſe an Kleidern und Schuh⸗ werk kaufen können; morgen aber vielleicht ſchon heißt es—„die und die Bank hat ihre Zahlungen eingeſtellt.“ Niemand nimmt die Noten mehr zu dem vollen Werth, und der Mann, welccher ſich ſchwer und hart für die wenigen Dollars geplagt hat, verliert noch 15 bis 20 Procent daran, während die Bank von ihren eigenen Noten, ſo viel kommen kann, ſchnell zu dem gefallenen Preis auf⸗ kauft und nach ein paar Monaten, nach deren Verlauf ſie ſich wieder für zahlungsfähig erkärt, Tauſende ver⸗ dient hat. 321 Ein fürchterlicher Mißbrauch wird mit dieſem Pa⸗ pierweſen getrieben, und daneben exiſtirt faſt keine Bank, von der nicht Verfälſchungen circuliren, zu deren Entdeckung wöchentlich Broſchüren ausgegeben werden, welche die Namen der ſogenannten„coun- terfeits⸗ und den Werth der verfälſchten Noten angeben. Auch hier iſt es wieder der Arme, wel⸗ cher durch dieſe den meiſten Schaden leidet, da er die ächten ſelten von den unächten zu unterſcheiden vermag. Das wenige Silber und Gold hat übrigens durch die ganze Union denſelben Werth und daſſelbe Ge⸗ präge, wenn auch hie und da andere Namen, nur iſt Cincinnati die weſtlichſte Stadt, in welcher Kup⸗ fergeld circulirt(Cente, hundert auf einen Dollar); ſchon in Louisville, 150 Meilen weſtlich, kennt man als kleinſte Münzſorte nur Picayunes oder half dimes(6 ½¼ und 5 Centſtücke), die von dort an einen andern Werth haben, und mit denen gegen die aus den öſtlichen Staaten ein bedeutender Handel getrieben wird, indem die half dimes dort, ſelbſt noch theilweiſe in Cincinnati, nur 5 Cent gelten, und weiter den Ohio hinunter und am ganzen Miſſiſſippi für 6 ½ angenommen werden. Die Broker haben ihre kleinen, zierlich ausge⸗ putzten Locale gewöhnlich an Straßenecken, um recht in die Augen zu fallen, und ſuchen etwas darin, Gerſtäcker, Wald⸗ und Strombilder. 21 322 durch in den Fenſtern ausgelegte Packete Banknoten und kleine Haufen von Goldſtücken die Augen der Vorübergehenden auf ſich zu ziehen. Auctionen. In einem Lande, wo ſo viel und ſo großartig ſpeculirt wird, wie in Amerika, iſt es eine ſehr na⸗ türliche Folge, daß ſich auch Tauſende in ihren Er⸗ wartungen und Hoffnungen betrogen finden, deren Eigenthum und Waare dann den Weg in die zahl⸗ reichen, durch die ganze Stadt zerſtreuten Auctions⸗ locale findet, und hier auf eine oft unglaubliche Art unter dem Werth verſchleudert wird. Eine kleine hellrothe Fahne, über der Thür auf⸗ geſteckt, ziigt am Tage den Ort an, wo Abends mit dem Glockenſchlag ſieben der Ausverkauf begin⸗ nen wird, und Kaufluſtige oder Neugierige treiben ſich, einander ablöſend, fortwährend vor und in dieſen Localen herum, um die am Abend vorkom⸗ menden Waaren zu betrachten und zu prüfen; mit einbrechender Dämmerung jedoch, wo die blutrothe Flagge überſehen werden könnte, ſtellt ſich irgend ein Mann oder Knabe, ſehr häufig ein beſonders hierzu gemietheter Neger, mit einer Handglocke vor das Auctionslocal, und läutet pauſenlos auf eine ohrenzerreißende Art, um die Bevölkerung von Cin⸗ — — — — 323 einnati darauf aufmerkſam zu machen, daß die Ver⸗ —— bald beginnen werde. Es ſind wohl zwölf 4 ſunfzehn verſchiedene Auctionen an jedem Abend, und hier kaufen beſonders die umherziehenden Krämer ihre Waaren ein, mit denen ſie ſpäter die Farmer im Innern des Landes beglücken. Der Auctionator ſteht auf einer von dem Platz, welchen die Käufer einnehmen, getrennten hohen Bühne, die es ihm möglich macht, alle zu ſehen, wie von allen geſehen zu werden, und die zu ver⸗ ſteigernden Gegenſtände werden ihm durch einen zweiten von innen hinaufgereicht. Von dem Mittel⸗ punkt dieſer Bühne aus' läuft ein ſchmaler, langer Tiſch bis faſt zur Thür hin, um auf dieſem vor⸗ kommende Ausſchnittwaaren aufzurollen und den Kaufluſtigen beſehen zu laſſen. Die Waaren ſelbſt ſind übrigens ſehr gemiſchter Art— Tuche und Steingut, Bijouterien und Glaswaaren, Kattune und Bücher, eiſerne Geräthſchaften und Porzellan, Schuhe und Hüte, Weine, Liqueure, eingemachte Früchte und Auſtern, alles wird wild durcheinander feil geboten, wobei ſich der Auctionator durch eine faſt fabelhafte Zungenfertigkeit auszeichnet, mit wel⸗ cher er das ausbietende und aufmunternde going, going, going, going, ruft, daß das Ohr dem Klange kaum zu folgen vermag, bis ein entſcheidendes„gone!“ den Bietenden entweder erſchreckt oder erfreut. 21* 324 Allerdings hat man öfters die Gelegenheit auf dieſen Auctionen Waaren zu einem Spottpreis einzu⸗ kaufen, im Ganzen iſt es aber doch ſehr gefäfxlich denn entweder wird der mit den Gebräuchen nicht Bekannte angeführt, oder kauft, durch den anſcheinend billigen Preis beſtochen, eine Maſſe von Sachen, die er mit gutem Gelde bezahlen muß und nachher nicht gebrauchen kann. Kleiderladen ſind in Amerika, wo alles ſo zauberhaft ſchnell geht und die Menſchen ſich faſt ſtets unterwegs befinden, unentbehrlich— wie hätte der Amerikaner Zeit, ſich einen Rock anmeſſen und nachher machen zu laſſen. Oft Hunderte von Meilen verreiſend, nimmt er gewöhnlich als einziges Gepäck ein kleines Felleiſen mit, in welchem er ein Hemd und mehrere reine Vorhemdchen und Kragen führt, das iſt das einzige, was er waſchen läßt, alles übrige wird, ſobald getragen oder zerriſſen, neu angeſchafft. Kleider⸗ läden, in denen man jedes zum Anzug Nöthige antrifft, findet man daher auch in jeder Stadt und beſonders gleich an den Dampfboot⸗Landungen in großer Anzahl, die faſt alle, ſei es nun im Norden oder Süden, New⸗York oder New⸗Orleans, St. Louis, Cincinnati, Buffalo oder Charlestown, von deutſchen Juden gehalten werden. Wie die Yan⸗ — 325 kees den faſt alleinigen Uhrenhandel an ſich geriſſen haben, ſo verhält es ſich mit den Iſraeliten und Kleiderläden, in keiner Stadt aber mehr als in Cincinnati, das gewiſſermaßen den Mittelpunkt bil⸗ det, von welchem ſie ſich in die ganzen weſtlichen Staaten zerſtreuen, um als wandernde Krämer mit Tragekaſten oder Laſtpferd ihre Waaren feilzubieten, oder auch in der Stadt ſelbſt bleiben und am Werft wie in den Hauptſtraßen vor ihren Läden förmlich auf die Vorbeigehenden lauern. Gnade Gott dem armen Teufel, der mit etwas ſchäbigen Kleidern und einem ſehnſüchtigen Blick auf die zur Schau ausgehängten Anzüge vorüber geht, er iſt unrettbar verloren; der Verkäufer, ein auf das Eleganteſte angezogener Jüngling, der nie deutſch ſpricht, außer da, wo er ſieht, daß der, mit dem er es zu thun hat, auch kein Wort engliſch verſteht, ſtürzt auf ihn zu, faßt ihn um die Taille, und zieht ihn unter den zärtlichſten Vorwürfen, daß„ſo ein hübſcher Menſch ſolch abgeriſſenes Zeug trage,“ in den Laden; hat dieſer dann noch hinlänglich baares Geld, und ſei es nur genug, um ein Taſchentuch zu kaufen, bei ſich, ſo kommt er ſelten ohne irgend einen aufgedrun⸗ genen Artikel fort. Freilich laufen dieſe Ladenjünglinge auch manchmal der unrechten Perſon in den Weg und ernten Grobheiten oder gar Ohrfeigen für ihre Zudringlichkeit; was thut's —— ͦ—— 326 aber, ſie leiden ja für die heilige Sache, und der nächſte Vorüberwandernde entgeht darum ſeinem Schickſal doch nicht. Durch die in den Zuchthäuſern gefertigten Schuhe und Kleidungsſtücke, wie durch den geringen, wahr⸗ haft grauſamen Preis, welchen arme Nähmädchen für eine Tagesarbeit bekommen, ſind Kleidungsſtücke, was nicht Seide oder Tuch iſt, erſtaunlich billig ge⸗ worden, ſo daß man jetzt ſelbſt in New⸗Orleans ein baumwollenes Hemd mit leinenem Vorhemd und Kra⸗ gen für Einen Dollar kauft, ebenſo recht gut ausſehende Schuhe und Beinkleider, Jacken und Weſten für Einen Dollar das Stück. Wie nachläſſig übrigens dieſe Sachen gefertigt ſind, kann man ſich denken; es ſoll aber alles ſchnell gehen, die Dauer und Solidität der Arbeit kommt nicht in Betracht. So z. B. kündigte eine Wäſcherin(Mulattin) vor mehreren Jahren in Cincinnati, in Mainſtreet, durch ihr Aus⸗ hängeſchild an, daß ſie jedes ihr anvertraute Klei⸗ dungsſtück„in einer Stunde waſche und trockne;“ auf welche Art der Stoff dabei behandelt wurde, läßt ſich denken. —— Der wunderbare Traum. Im Staat Penſylvanien, dicht am nordweſtlichen Fuß der Alleghanies, liegt oder lag vielmehr das kleine Städtchen Seneka, das damals, als man es gründete, von Anſiedlern faſt überſchwemmt ward; denn jeder Einzelne hoffte goldene Berge in dem neu entdeckten Eldorado zu finden und Seneka bald als den Brennpunkt des Staates zu ſehen, nach dem ſich aller Verkehr, wie die Blumen zur Sonne, hin⸗ wenden müſſe. Jetzt ſind freilich dieſe ſchönen Träume größten⸗ theils in ihr urſprüngliches Element Luft zurück⸗ verſchwommen, und ein allein und einſam ſtehendes Farmhaus kündet die Wohnung des„Letzten der Senekaner,“ der hier, allen früheren Plänen und ℳ☛ 328 Hoffnungen von gepflaſterten Straßen und Gaßbe⸗ leuchtung entſagend, gar ehrſam Ackerbau und Vieh⸗ zucht treibt. Noch vor zwölf Jahren aber, und in derſelben Zeit, von der ich hier erzählen will, befand ſich Alles in ſeiner Blüthe; mehre Wirthshäuſer waren ange⸗ legt, ein Gerichtshaus und ein Gefängniß ſtanden fertig aufgerichtet und wurden auch ſchon benutzt, denn es fehlte nur noch das Dach zu beiden, mehre kleine Stores oder Läden waren etablirt, in denen der fleißige Städter Whiskey beim Quart und Kaffee, Zucker und Kattun, wie Schuh und Stiefel, Ackergeräth, Kochgeſchirr ꝛc. ꝛc. ꝛc., kaufen konnte, und zwei Schul⸗ und Kirchengebäude, das eine den Presbyterianern, das andere den Baptiſten gehörig, ſtanden zum frommen Dienſt bereit und wurden von der gottesfürchtigen Gemeinde gar häufig benutzt. Wie es nun aber ſtets bei ſo neuerrichteten und gegründeten Städtchen geht, ſo ſammelte ſich auch dort ein buntes Gemiſch von allerlei oft recht wun⸗ derlichen Leuten, und wo viel gute und ordentliche Menſchen ſind, da bleibt es faſt nie aus, daß ſich auch ein parr rauhe, wilde und nichtsnutzige Geſellen mit einſchwärzen, die dann ſo lange mit der übrigen Bevölkerung auf einem Fuß ſtehen und mit ihr gleiche Achtung und gleiche Rechte genießen, bis ſie entweder ſelbſt ſehen, daß die Zeit naht, wo ſich jeder brave 329 Mann von ihnen fern hält und ſie ihr Weſen nicht länger treiben können, oder die Gemeinde auch feſt und entſchloſſen auftritt und ſie ausſtößt. Ein ſolcher Burſche, zu allem Schlechten fähig und zu nichts Gutem zu gebrauchen, war ein junger Kentuckier, Hills, der ſich eine Zeitlang auf dem Monongahelafluß als Flatbootmann herumgetrieben hatte, und nun einmal verſuchen wollte, ob er's nicht ſchneller und bequemer„in der Stadt“ zu etwas bringen könne. Er lebte oder„boardete“ wie man dort ſagt, im Hauſe eines Irländers, eines braven fleißigen Mannes, der mit ſeiner jungen Frau erſt kürzlich aus dem alten Vaterlande herüber gekommen, und von einem der ſogenannten Landhaye in New⸗York auch gleich be⸗ redet worden war, ſich hier in Seneka, der künftigen Königin aller weſtlichen Städte anzukaufen und nie⸗ derzulaſſen. Hills aber, der an nichts Heiliges, weder im Himmel noch auf Erden glaubte, fand Gefallen an der jungen Irländerin und ſuchte ſich ihr, wenn ihr fleißiger Mann ſein kleines Grundſtück bearbeitete, zu nähern und ſie ſich geneigt zu machen. Dieſe aber wies ihn ernſt und ſtrenge zurück und drohte endlich, als Alles das nichts half, ihren Mann von dem nichtswürdigen Betragen ſeines Hausgenoſſen in Kenntniß zu ſetzen. Eine Zeit lang ſchüchterte das den Kentuckier ein, 330 denn der Irländer war ein kräftiger Geſell und ver⸗ ſtand ſicherlich, was ſeine Hausrechte betraf, keinen Spaß; eines Abends aber, als er der jungen Frau im Walde begegnete, die gerade eine kranke, nicht ſehr entfernt wohnende Freundin beſucht hatte, und nun zu Hauſe zurückkehren wollte, ſchloß er ſich ihr an und wurde nach wenigen miteinander gewechſel⸗ ten Worten ſo frech und zudringlich, daß ſie ihm mit lauter Stimme drohte, um Hülfe zu rufen, wenn er ſich nicht gleich entferne, als plötzlich mit zorn⸗ gerötheten Wangen und finſter zuſammengezogenen Braunen ihr Mann aus den benachbarten Büſchen ſprang und im nächſten Augenblick neben dem erblei⸗ chenden Kentuckier ſtand. Was an jenem Abend weiter vorgefallen hat nie ein Menſch erfahren, am nächſten Morgen aber fand man, durch Blut in der Straße aufmerkſam gemacht, den Kentuckier mit zerſchmettertem Schädel im Gebüſch liegen. Er ſchien ſchon mehrere Stunden todt, und jede Hülfe kam zu ſpät. Noch an demſelben Abend wurde er begraben. 3 Wüthend durchtobten aber indeſſen die Freunde des Ermordeten die kleine Anſiedlung und forſchten nach dem Mörder; ja ſelbſt der ſtillere Theil der Bevölkerung, die Baptiſten und Presbyterianer, waren entrüſtet, daß in ihrer ruhigen und frommen Gemeinde ſo etwas vorgefallen war. Durch einen — —-— 331 kleinen Knaben ward endlich der Verdacht auf den Irländer gelenkt, denn dieſer hatte ihn noch ſpät Abends mit ſeiner Frau zu Hauſe kommen geſehen, und zwar gerade aus jenem Weg, neben welchem die Leiche lag und der kleine Burſche behauptete da⸗ bei ſteif und feſt, der Irländer ſei blutig im Geſicht geweſen. Man forſchte jetzt genauer nach, durchſuchte das Haus und fand— ſorgfältig hinter einer großen Kiſte verſteckt, eine baumwollene Jacke, an welcher noch friſche Blutflecken nicht zu verkennen waren. Zwar behauptete Mac Ferſon(der Name des Iren), einen Hirſch erſt an dem Nachmittag erlegt und den Kentuckier wohl geſehen, aber keinen Streit mit ihm gehabt zu haben; in ſeinem ganzen Weſen ließ ſich aber dabei eine gewiſſe Verlegenheit nicht verkennen, und weder ſeine Betheuerungen„er ſei unſchuldig,“ noch die Bitten ſeiner Frau halfen ihm etwas; er wurde gebunden und in das Gefängniß— ebenfalls ein aus ſtarken Stämmen errichtetes Blockhaus— abgeführt. Dort blieb er den Tag ſeinen einſamen Betrach⸗ tungen überlaſſen, und wurde am nächſten Morgen, da gerade Gerichtstag im Städtchen war, vor ſeine Richter, vor die Geſchworenen geſtellt. Hier aber ſchien leider Zeugniß auf Zeugniß gegen den armen Teufel auftauchen zu wollen, denn außer dem blu⸗ 332² tigen Kleidungsſtück hatte man noch ganz nahe bei ſeiner Wohnung einen ebenfalls mit Blut befleckten ſchweren Knittel gefunden, und mehrere Einwohner ſagten dabei aus, Mac Ferſon habe ſich mehre Male gegen ſie geäußert, er glaube, ſeine Frau gefalle dem Kentuckier, und er wolle ſich nur erſt Beweiſe ver⸗ ſchaffen, ehe er ihn fühlen laſſe, was es heiße, den Rechten eines Irländers zu nahe zu treten. Mac Ferſon leugnete dies auch nicht, blieb aber bei ſeiner Behauptung, an dem Nachmittag keinen Streit mit dem Kentuckier gehabt, ja kein einziges Wort mit ihm gewechſelt zu haben und betheuerte nur in einem fort ſeine Unſchuld. Der Staatsanwalt verſuchte jetzt ihn durch Kreuzfragen zu verwirren, Mac Ferſon war aber nicht der Mann, der ſich, wenn wirklich ſchuldig, durch einen Advokaten außer Faſſung bringen ließ— er blieb dabei, das an der Jacke gefundene Blut ſei von einem Hirſch, und man ſah ſich gezwungen, ihn aufzufordern, die Männer zu der Stelle hinzu⸗ führen, wo er den Hirſch geſchoſſen habe. Der Ire war auch gern bereit dazu, aber erſt ſeit kurzer Zeit in Amerika, behauptete er mit dem Wandern im Walde nicht recht vertraut zu ſein, indem er nie genau wiſſe, nach welcher Richtung er ſich wenden ſolle, ſobald er einmal mitten zwiſchen den Bäumen ſei, den Ort alſo auch nicht wiederfinden könne, wo —— ₰ — e„. 333 er das Wild erlegt und aufgebrochen hätte. Er bat daher die Richter nur, in dieſer Gegend herum mehrere Männer zu poſtiren, die dann bald aus dem Flug der Aasgeier erkennen könnten, nach welcher Richtung zu die im Walde zurückgelaſſene Beute läge. Er war dabei ſo ernſt und ruhig, blieb ſich in allen ſeinen Antworten ſo gleich, und widerſprach ſich nicht ein einziges Mal, ſo daß die Männer, die ſein Urtheil ſprechen ſollten, wirklich anfingen, trotz allen vorliegenden und faſt unumſtoßbaren Be⸗ weiſen, an ſeine ſo feſt betheuerte Unſchuld zu glau⸗ ben und den Bitten des Gefangenen willfahrten. Vergebens aber blieb ihr Suchen; alle Buſſards und Adler ſchienen die Gegend verlaſſen zu haben, und erſt am dritten Tag, als man auch noch ein kleines Scalpiermeſſer bei ihm gefunden hatte, was der Ermordete an demſelben Abend, wo er erſchla⸗ gen worden, in dem nächſten kleinen Laden aus der Scheide gezogen, um Brod damit abzuſchneiden, glaubte man hinlängliche Beweiſe(circumstantial proofs) zu beſitzen, ihn auch ohne ſein Eingeſtänd⸗ niß zum Tode durch den Strang zu verur⸗ theilen. Er lauſchte dem Spruch ruhig und ohne eine Miene zu verziehen, nur nahm ſein Geſicht eine faſt noch bleichere, leichenähnlichere Farbe an und 334 er ſagte dann, ſich mit leiſer aber doch deutlich klin⸗ gender Stimme an die Geſchworenen wendend,„daß er ſie nicht tadeln könne, ſie haben ihre Schuldigkeit gethan, Alles ſcheine gegen ihn zu ſprechen und die Menſchen müßten ihn wohl für ſchuldig halten, Gott aber wiſſe, wie er ſchuldlos ſei, und wenn es mit ſeinen weiſen Rathſchlüſſen übereinſtimme, ſo werde er ihn auch wohl noch zu retten und ſeine Unſchuld dazuthun wiſſen.“ So rückte der letzte Abend heran, und ſeine Frau, der man den Zutrit zu ihm natürlich geſtattete, blieb mehrere Stunden in der engen Zelle, hielt ſich aber ſehr gefaßt und ruhig und ſprach ihm ſogar Muth ein— Gott werde ihn ſchon nicht in dem fremden Lande verlaſſen— er ſolle nur auf ihn bauen. Mac Ferſon verlangte dann nach dem Prieſter; es war aber in der ganzen Anſiedelung kein katholiſcher Geiſt⸗ licher, und der Ire bat dann, ihm einen Prediger der Baptiſten zu ſenden, da er ſich nach dem Troſt der Religion ſehne, wenn dieſer auch aus einem nicht katholiſchen Munde käme. Das freute die Baptiſten ungemein und machte ihm ihre Herzen ſehr geneigt. Der Prediger der kleinen Schaar, ein kleiner hagerer Mann, mit einem etwas abgetragenen blauwollenen Frack, ſehr eingefallenen Wangen und etwas ſtieren gläſernen Augen, auf der ſcharfgebogenen Naſe eine gewaltige Brille, ——— 335 ſäumte denn auch nicht lange, und verſicherte ihm nach kurzer Unterredung, daß er, ſei er nun des angeklagten Verbrechens ſchuldig oder nicht, in we⸗ nigen Stunden am Throne des Höchſten Verzeihung für ſeine Sünden und Gnade in den Augen des Allerbarmers finden würde. Mac Ferſon betete wohl bis zwölf Uhr in dieſer Nacht mit dem frommen Manne, beichtete ihm alle ſeine Sünden, geſtand auch, wie er ſchon, ſeit er das freie Land Amerika betreten, gewünſcht habe dem katholiſchen Glauben zu entſagen und ſich den Baptiſten anzuſchließen, deren einfache Formen ihm ſtets am meiſten zugeſagt, und bewies ſich ſo zerknirſcht, ſo weich und religiös, daß der Prediger dieſen Augen⸗ blick nicht ungenützt vorüber laſſen zu dürfen glaubte, und dem Verurtheilten noch einmal dringend an's Herz legte, das letzverübte Verbrechen zu geſtehen, damit er vor Gott Nichts habe, was noch einen ſchwarzen Schatten auf ſeine Seele werfen könne. Hier blieb der Unglückliche aber verſtockt und behaup⸗ tete nur, der liebe Gott wollte ihn durch dieſen un⸗ verſchuldeten Tod für all' ſeine früheren Sünden und Laſter ſtrafen, an dem vergoſſenen Blute ſei er jedoch unſchuldig und der Kentuckier müſſe von einem An⸗ deren erſchlagen ſein. „Ich habe einen Verdacht,“ ſagte er dann wie überlegend nach kurzer Pauſe,„aber er iſt zu weit — 336 hergeholt, zu unwahrſcheinlich, als daß ich es ge⸗ wagt hätte, ihn vor den Geſchworenen zu äußern; es würde meine Sache vielleicht noch verſchlimmert haben.“ „Aber mir könnt Ihr ihn entdecken, armer „Mann,“ ſagte der Prediger—„meinem Herzen könnt Ihr ihn vertrauen; wer weiß, ob nicht viel⸗ leicht dadurch noch Rettung für Euch möglich iſt.“ „Ach nein, ehrwürdiger Herr,“ erwiederte der Ire—„der Verdacht iſt zu wild, zu oberflächlich, doch Ihr ſollt ihn hören. Erſt vorgeſtern äußerte der Kentuckier— wie auch allenfalls meinen Frau bezeugen könnte, denn wir ſaßen zuſammen am Tiſch— das er glaube einen Menſchen hier in der Gegend geſehen zu haben, der ſeinen Wohnort um⸗ ſchliche, und deſſen Anweſenheit er eigentlich fürchten ſolle, da er ihn früher einmal tödtlich beleidigt habe. Damals achteten wir nicht ſonderlich auf die Worte, jetzt aber, da der Unglückliche erſchlagen iſt, kann ich kaum umhin zu glauben, daß jener Fremde die That verübt hat.“ „Aber weshalb erwähntet Ihr dieſen ſo wichtigen Umſtand nicht bei Euerem erſten Verhör?“ rief der Prediger aus.„Man hätte in der benachbarten Gegend nachforſchen und den Mörder, wenn es wirklich jener Fremde war, vielleicht auffinden können.“ * 337 „Ich wußte nicht gewiß, ob Jener der Thäter ſei,“ ſagte der Ire mit frommen zum Himmel ge⸗ richteten Blicken,„und wollte keinen Unſchuldigen in’s Verderben bringen. 10 So lange blieben die beiden Männer nun noch im Geſpräch und Gebet zuſammen, bis der Diener des Herrn faſt wirklich von der Unſchuld des armen Irländers überzeugt war; das einmal geſprochene Urtheil ließ ſich aber einer ſolchen oberflächlichen Vermuthung nach nicht abändern, und die Stunde rückte heran, in welcher der zum Tode Verdammte die Strafe für ein Verbrechen erleiden ſollte, das er, wie jetzt ein großer Theil der Bewohner von Seneka zu glauben anfing, gar nicht begangen. Der Baptiſt hatte nämlich ſeiner ganzen Gemeinde am nächſten Morgen das in der Nacht erhaltene Geſtändniß des armen Iren mitgetheilt, wobei er nicht zu erwähnen vergaß, mit welch frommem Her⸗ zen er ſich ihrer Religion zugeneigt und dem Papſt⸗ thum entſagt habe, und wer weiß, ob nicht ſchon aus dieſem Grunde eine Art Gnadenakt zu ſeinen Gunſten ausgeübt wäre, hätten ſich die Presbyte⸗ rianer dabei nicht in's Mittel geſchlagen, die ſchon das mit neidiſchen Augen betrachtet hatten, daß der Katholik die Religion der Baptiſten der ihren vor⸗ gezogen. Der Baptiſtenprediger ſuchte etwa nei Stun⸗ Gerſtäcker, Wald⸗ und Strombilder. 338 den vor der Execution den Verurtheilten wieder auf und frug ihn, ob er vielleicht noch wünſche, ſeine Frau vor ſeinem Tode zum letzten Mal zu ſehen; Mac Ferſon verneinte das aber, indem er ſagte, er habe ſchon Abſchied von ihr genommen, und wolle ſich das Sterben nicht durch eine zweite ſolche Scene erſchweren. Sein ganzes Benehmen war aber an dieſem Morgen ſo ſonderbar, ſo eigenthüm⸗ lich, daß es nicht umhin konnte, dem frommen Manne aufzufallen, der dann natürlich gar eifrig in ihn drang, ihm das zu entdecken, was ſeine Seele noch belaſte, damit er rein und ſündenfrei vor den Thron des Höchſten treten könne. Der Baptiſt glaubte nicht anders, als Mac Ferſon fange an, durch die Nähe ſeiner letzten Stunde geängſtigt, ſein bisheriges verſtocktes Leugnen zu bereuen, und wolle nun bekennen, daß er das Verbrechen doch begangen habe. Mac Ferſons ganzes Benehmen ſchien ihn auch darin zu beſtärken, denn erſt war er unruhig, ging mit etwas verſtörten Blicken in dem engen Raume auf und ab, und beantwortete faſt alle an ihn gerich⸗ teten Fragen zerſtreut und wie mit ganz andern Din⸗ gen beſchäftigt. Der Mann Gottes bat ihn zwar mehrere Male, ſeine Blicke nun der Ewigkeit zuzu⸗ wenden, an deren Pforten er in wenigen Minuten ſtehen würde; der Ire ſchien jedoch das Alles nicht 339 zu beachten, preßte aber oft die Hände gegen die Stirn, als ob ihn ein wilder Traum ſchrecke oder ir⸗ gend ein, vor ſeiner Seele aufſteigendes Bild ängſtige, bis endlich die Stunde ſchlug, die zu ſeiner Hinrich⸗ tung beſtimmt war, und erſt als er den nahenden Sheriff hörte, da warf er ſich auf die Kniee nieder, betete mit leiſer flüſternder Stimme ein kurzes Gebet, und geſtand nun dem Prediger, er habe einen 1 gehabt, von dem er nicht wiſſe, ob er ihm von. oder von dem Erzfeind dem Teufel geſandt ſei. Der Prediger drang jetzt in ihn, ihm den Traum mitzutheilen, der Gefangene wies aber auf den eben eintretenden Sheriff, der mit zwei Conſtablen in der Thür erſchien, und flüſterte leiſe: „Es iſt zu ſpät!“ „Nein Mann— nein— es iſt nicht zu ſpät,“ rief der fromme Geiſtliche entſetzt,„das wolle Gott verhüten, daß Ihr in Euerem letzten Augenblick dar⸗ an verhindert werden ſolltet mir mitzutheilen, was Euere Seele peinigt— nein— der Sheriff iſt ein braver Chriſt und wird ſicherlich nicht ſolche Ver⸗ antwortung vor Gott auf ſich nehmen wollen.“ Dieſer verſicherte auch dem Geiſtlichen augen⸗ blicklich, daß er gern bereit ſei, noch eine Viertel⸗ ſtunde zu warten, die Zuſchauer wären aber ver⸗ ſammelt, und länger dürfe er den Ausſpruch des Geſetzes nicht verzögern. Er zog ſich dann nebſt 340 ſeinen Begleitern zurück und mehre Secunden ſah ihm Mac Ferſon ſinnend und ernſt nach; dann aber wandte er ſich an den frommen Mann und ſagte mit feſter, ruhiger Stimme: „Ich ſehe, ich darf nicht länger zögern; der Augenblick, der mich mit meinem Gott vereinen ſoll, iſt gekommen. Vorher, ehrwürdiger Herr, erfahren ude noch einen Traum, den ich in letzter Nacht geträumt und der mir in dieſem Moment faſt mehr als Traum ſcheint— ich habe den Mörder des Kentuckiers geſehen!“ „Großer Gott— wär' es möglich!“ rief der Prediger, überraſcht von ſeinem Stuhle aufſpringend, „hätte Euch Gott in ſeiner unendlichen Güte den wahren Mörder gezeigt und wäret Ihr wirklich un⸗ ſchuldig? Wer war es? „Ich kenne ihn nicht.“ „Keiner aus dieſer Stadt?“ „Nein!“ „Und Ihr habt ihn früher nie geſehen?“ „Nie!“ 3 „Aber was, um des Heilandes willen, ſoll Euch das nützen? wer wird Euch glauben? wie wollt Ihr den Mann zur Stelle ſchaffen?“ 4 „Ich kenne ſeinen Aufenthalt“— „Ihr? aber woher?“ 3 „Ich ſah ihn im Traum— doch hört mich und 341 ſagt mir nachher, was ich thun, ob ich ſchweigen oder dem Volk den Traum bekannt machen ſoll. Mir war, als ob ich langſam, mit meiner Axt auf der Schulter, durch den Wald, und zwar auf dem⸗ ſelben Fahrweg, auf dem der Mord geſchehen, hin⸗ ſchlenderte, als ich plötzlich um eine Ecke bog, die hier durch dichtes Geſtrüpp und einige umgeſtürzte Fichten gebildet wurde. Was ich dort wollte, weiß ich nicht mehr, denn ich bin nie ſo weit mit d in dem Walde geweſen, aber mir war wunderbar leicht zu Muthe und ich hätte von der Erde auf⸗ fliegen und über die Baumwipfel dahinſtreichen mö⸗ gen. Es kommt Einem ja manchmal im Traum ein ähnliches Gefühl. Da, wie geſagt, bog ich um jenes Dickicht herum und ſah ein Schauſpiel vor mir, das mir das Blut in den Adern zu Eis er⸗ ſtarren machte. Mitten im Fahrweg lag die große, kräftige Geſtalt des Kentuckiers, und über ſie hin⸗ gebeugt, eben wieder zu erneutem Schlage ausholend, ſtand ein ſchlanker, ſchmächtig gebauter Mann, mit rabenſchwarzem Haar, einer breiten Binde um das linke Auge, die ſein halbes Geſicht verdeckte, und einem gelben, breiträndigen Strohhut auf dem Kopfe. Er trug ebenfalls einen hellen Rock, und wenn ich nicht irre, blaue Beinkleider und Schuhe.“ „Sie erſtaunen vielleicht, daß ich das Alles ſo deutlich und genau behalten konnte, aber als ich den 342 Mörder gewahr wurde, ſtand er, wie aus Stein ge⸗ hauen, mit der gehobenen Waffe über ſeinem Opfer, und mehrere Minuten lang verharrten wir Beide ſo, ſtarr und regungslos, wie die uns umgebenden Rie⸗ ſenſtämme des Waldes.“ „Da fand ich zuerſt Leben und Bewegung wie⸗ der und ſtieß einen lauten, durchdringenden Hülferuf aus, denn jetzt durchzuckte mich wie mit Blitzes⸗ lle der Gedanke: dort ſteht der wirkliche Mör⸗ der und Dich wird man dafür beſtrafen, wenn Du ihn nicht ergreifſt und feſthältſt. In demſelben Au⸗ genblick aber begann auch der finſtere Fremde ſich zu regen; der ſchwere, keulenartige Stock fiel noch ein⸗ mal mit dumpfem Schall auf den ſchon zerſchmet⸗ terten Schädel des unglücklichen jungen Mannes nieder, und eilenden Laufes entfloh dann der feige Mörder in das Dickicht. Mir aber ward es in die⸗ ſem Augenblicke klar.„Er oder Du!“ rief ich mir zu, und mit einer Schnelle, die ich damals ſel⸗ ber nicht begreifen konnte, folgte ich dem Flüchtling in das wildeſte Dickicht der Niederung.“ „Wohl erinnere ich mich, wie ich dabei über meine eigene Kenntniß der Waldpfade erſtaunte, ich, der ich ſonſt kaum zwanzig Schritte weit den ge⸗ bahnten Weg zu verlaſſen wagen durfte, aus Fuxcht, mich zu verirren. So folgte ich dem Mörder„deſ⸗ ſen leichte Geſtalt immer in gleicher Entfernung vor 3 8 3 343 mir blieb, den ich aber nicht zu erreichen vermochte, bis es mir endlich vorkam, als ob ich ihm, zwar langſam, aber doch ſicher, näher und näher rücke.“ „Eine Stunde waren wir auf dieſe Art, wie mir träumte, gerannt, als wir eine Gegend erreichten, die mir bekannt ſchien, und ich ſah bald, daß wir in einem weiten Bogen Seneka umlaufen hatten. Wir befanden uns nicht weit von der großen Straße nach Pittsburg, gerade da, wo die beiden tiefen Höhlen in den Berg hineingehen, und der Verfolgte mußte wohl in einer derſelben Schutz ſuchen wollen, denn ich war ihm jetzt dicht auf den Ferſen und hatte ſchon die Axt erhoben, um ihn vielleicht zu treffen und nieder zu werfen—— als Sie, ehr⸗ würdiger Herr, an die Thüre klopften. Ich fuhr er⸗ ſchreckt empor und— erwachte. Der Traum war verſchwunden und anſtatt frei im Walde, auf der Spur des wirklichen Thäters, fand ich mich wieder gebunden und eingekerkert, wie ein zur Schlachtbank bereit gehaltenes Opferthier.“ Mac Ferſon warf ſich ſtöhnend auf ſein Lager zurück und der Prediger ſtand tief erſchüttert neben dem Unglücklichen, den er nicht einmal zu tröſten vermochte. Da mahnte ihn das wiederholte Klopfen des Sheriffs an die ihres Opfers harrende Gerech⸗ tigkeit und er ſchritt ſchnell zur Thür, dieſe zu öffnen. Raſch hatte er aber auch ſeinen Entſchluß gefaßt, — 344 und dem eintretenden Beamten den Gefangenen überlaſſend, rief er dieſem nur mit wenigen Worten zu, noch nicht zu verzagen, der alte Gott lebe noch, und eilte dann flüchtigen Schrittes dem Executions⸗ platz zu, wo ſchon die ungeduldig harrende Menge an zu murren, ja an zu toben fing, daß man die verſprochene Hinrichtung ſo lange— verſchiebe.— Dieſelben Männer, die noch nicht einmal recht von der Schuld des Verurtheilten überzeugt waren, murr⸗ ten, daß ſie eine Viertelſtunde länger ſeinen Tod erwarten ſollten. Da kam ſchnellen Schrittes der Prediger herbei — er beſtieg das Schaffot, mit kurzgefaßten aber klaren und zum Herzen dringenden Worten rief er von dem todmahnenden Gerüſt ſeine Ueberzeugung herab, daß der Angeſchuldigte das Verbrechen nicht begangen, Gott ſelbſt aber ihm durch einen wunder⸗ baren Traum den Mann gezeigt, ja offenbaret habe, der ſchuldig und zum Tode reif ſei. Mit wenigen Worten erzählte er nun den gan⸗ zen Traum Mac Ferſons, und wenn auch zwei ge⸗ rade anweſende presbyterianiſche Geiſtliche ſehr mit⸗ leidig darüber mit den Köpfen ſchüttelten, ſo war doch das Volk ſelbſt nur zu gern bereit, einer ſo ge⸗ heimnißvollen Enthüllung eines Verbrechens Glauben zu ſchenken und mit Jubelruf wurde der jetzt herbei⸗ geführte Gefangene empfangen. Zwar hielten die 4 345 Conſtabel die Maſſe zurück und ließen ſich den ihnen Ueberlieferten nicht entreißen, aber dem ganzen An⸗ drang der Menge konnten ſie nicht widerſtehen. Alles tobte und ſchrie: „Nach den Höhlen!— nach dem Schlupfwinkel des Mörders! Gott ſelber hat ſeinen Verſteck dem rächenden Arme des Gerichts verrathen! nach den Höhlen— fort nach den Höhlen!“ Und den Gefangenen in der Mitte, von dem Baptiſtenprediger angeführt, wogte die Menge dem etwa drei Meilen entfernten Gebirgszweig zu, an deſſen Fuß ſich jene, in der Anſiedlung genugſam bekannten Höhlen befanden, in die, wie der Traum geſagt, der Verbrecher geflohen war. Die breitaus⸗ gehauene Countyſtraße führte auch in kaum fünf⸗ hundert Schritten daran vorüber und auf dieſer hin wälzte ſich der Zug in unaufhaltſamer Eile. Dort aber angelangt, wo die Männer die befahrene Straße verlaſſen und die pfadloſe Wildniß betreten muß⸗ ten, hielt ſie ein alter Backwoodsman, ein Freund des erſchlagenen Kentuckiers, auf und erklärte, daß ſie, wenn ſie auf ſolche Art noch weiter vorrückten, den Flüchtling im Leben nicht einholen würden, der ja ſchon eine halbe Stunde vor ihrer Ankunft den Lärm hören mußte, den ſie machten, und dann na⸗ türlich nicht warten werde, bis ſie herankämen und ihn einfingen. Er ſchlage daher vor, daß man ſechs 346 oder acht Jäger voranſchicke, die ſich anſchleichen und das Terrain vorher recognosciren ſollten; be⸗ merkten dieſe dann vor den Höhlen und in der Nach⸗ barſchaft derſelben nichts Verdächtiges, dann war es ja noch Zeit, die ganze Maſſe herbeizurufen. „Haben wir nachher den Raum umzingelt,“ fuhr der rauhe Backwoodsman in ſeiner Rede fort,„ſo kann uns nichts Lebendes, was in den Höhlen ſteckt, entgehen, denn die mitgebrachten Fackeln werden Licht genug geben; und finden wir ein ſolches Subject, wie unſer Gefangener hier im Traum geſehen haben will, nun gut, ſo mag der ſeine Stelle einnehmen, denn wenn er ein gutes Gewiſſen hätte, triebe er ſich nicht in den Schluchten und Felsecken herum. Finden wir aber Nichts, wie es mir faſt am wahrſcheinlichſten vorkommt, ſo ſchlag' ich vor, daß wir dann mit dem Wunder ſehenden Mosje keine weiteren Umſtände machen, ſondern ihn an die erſte beſte Eiche aufhängen, denn umſonſt ſoll er uns doch, beim Teufel, nicht in den April geſchickt haben.“ Dieſer Plan ſchien allgemein anzuſprechen, ſchnell und geräuſchlos wurden die Männer ausgewählt, die den Grund und Boden vorher recognosciren ſollten, und der Sprecher, zum Führer ernannt, ordnete ſyſtematiſch, wie bei einer Treibjagd, den Plan zum Vordringen. — 347 Nach einigen, mit dem Gefangenen gewechſelten Worten, hielt aber der Baptiſt die eben aufbrechen⸗ den Männer noch zurück, und ſchärfte ihnen beſon⸗ ders ein, den, den ſie da treffen würden, lebendig einzufangen, da ſie ſich ja ſonſt gar nicht von der Unſchuld des Verurtheilten überzeugen könnten; das ſahen denn die einfachen Hinterwäldler auch recht gut ein und verſprachen, ihr Blei zurückzuhalten, ſo lange es ginge.„Will er aber in spite aus⸗ kratzen,“ rief Einer, indem er ſeine Büchſe ſchul⸗ terte,„nun dann will ich von Grashüpfern zu Tode getreten werden, wenn ich ihm nicht eins mit meiner langen Betſy auf den Pelz brenne; fort kommt er nicht, wenn er Knochen genug zeigt, um darnach zielen zu können.“ Im nächſten Augenblick waren die Männer im Walde verſchwunden und Mac Ferſon warf ſich auf die Kniee nieder, preßte das Angeſicht gegen die Wurzel einer alten hochſtämmigen Eiche und betete inbrünſtig. Sein Antlitz hatte eine wirklich unheim⸗ liche Leichenfarbe angenommen und ſeine blutunter⸗ laufenen Augen ſtarrten, ehe er ſich zum Gebet niederbog, wild von einem der Zurückbleibenden zum andern. Doch wir wollen indeſſen den Kundſchaftern folgen, die, ihre Büchſen vorher unterſuchend und die Meſſer in den Scheiden lockernd, langſam vor⸗ 348 rückten, um ſich nicht vor der Zeit zu verrathen Leslie, der Führer der Schaar, gab endlich, an einer kleinen Waldblöße angelangt, das Zeichen zum Halten, um ſeine Leute zu vertheilen, und verſam⸗ melte dieſe nun leiſe um ſich, während er, erſt nach allen Seiten einen ſcheuen Blick hinüber werfend, flüſternd ſagte: „Hört, Ihr Burſchen, mir wird's ganz unheim⸗ lich und ſchauerlich zu Muthe.— Hol' mich Dieſer und Jener,'s iſt doch curios, einem Menſchen nach⸗ zujagen, den ein anderer im Traum geſehen hat— es wird Einem ganz grauslich dabei.“ „Der Prediger hat aber doch auch geſagt, daß wir gehen ſollten,“ bemerkte ein Anderer. „O der Prediger mag zu— Graſe gehn!“ rief Leslie,„deshalb thu' ich's beim Teufel nicht— ich will nur ſehen, ob ſo ein Schuft noch da her⸗ umkriecht, der heimtückiſcher Weiſe einen Mann wie Hills zu erſchlagen gewagt.— Oder ich will mich wenigſtens ſelber überzeugen, daß Keiner da iſt,“ fuhr er, ärgerlich mit dem Fuße ſtampfend, fort, „denn— Tod und gelbes Fieber— verdammt will ich ſein, wenn ich ein Wort von dem ganzen Un⸗ ſinn glaube.“ Der alte ehrliche Backwoodsman ſuchte durch halbunterdrücktes Fluchen das unheimliche Gefühl zu ertödten, das ſich ihm unwillkürlich aufdrang; b 349 er ſelbſt aber zweifelte keinen Augenblick, daß hier irgend ein böſer Geiſt, vielleicht gar der Teufel, ſein Spiel treibe, und begriff nur nicht recht, was die Prediger dabei zu thun hätten. 3 So beſchränkt aber auch ſeine Ideen in geiſtiger Hinſicht ſein mochten, ſo ganz war er am Platz, wo es galt, einen Feind zu beſchleichen oder irgend einen vermutheten Lagerplatz, wie es hier der Fall war, zu umzingeln. Schnell und umſichtig traf er ſeine Maßregeln. Er kannte auch das Terrain ge⸗ nau und wußte, nach welcher Richtung hin ein Menſch, der ſich hier wirklich verborgen halten wolle, entfliehen könne, ſobald er Gefahr ahne, und nur Einen deshalb auf einem Umwege dem ſteilen Berg⸗ kamm zuſendend, in deſſen Fuß die Höhlen hinein⸗ liefen, poſtirte er die Uebrigen in einen weiten Halbkreis und gab, durch täuſchend nachgemachten Eulenruf, das Zeichen zum gemeinſchaftlichen Vor⸗ rücken. Er ſelbſt aber glitt, von einem jungen Hinter⸗ wäldler allein gefolgt, auf einem ſchmalen Fußpfade, der gerade zu den Höhlen hinführte, weiter, und eine kleine Anhöhe überſteigend, ſah er plötzlich Rauch von dorther durch die hohen Kiefernwipfel empor⸗ wirbeln. Ein zweiter Eulenruf feſſelte Jeden an die Stelle, auf der er ſich befand, und Leslie kroch nun auf 350 beiden Knieen und auf den linken Ellbogen geſtützt, während er die treue Büchſe mit der Rechten feſt auf der rechten Schulter hielt, jenem Orte zu, von woher der Rauch zu kommen ſchien. Der Wald beſtand hier größtentheils aus Nadel⸗ holz, mit ſehr wenig Unterholz vermiſcht, der Boden war deshalb auch faſt einzig und allein mit Fichten⸗ nadeln bedeckt, und geräuſchlos— hier und da die niedergebrochenen, trockenen kleinen Aeſte und Zweige vermeidend, um ſich nicht durch das Knacken der⸗ ſelben zu verrathen— ſchlich der geübte Jäger dem Eingang der erſten Höhle näher und immer näher. Gerade auf dem Kamm der ziemlich flachen Anhöhe lag jedoch eine umgeſtürzte Fichte, mit der Wurzel der verdächtigen Stelle zu, und ſich vorſichtig um den Wipfel herumbiegend, glitt er am Stamme hin und befand ſich nun hinter dem Erdwall, der in den durch den Sturz der Rieſin mit ausgeriſſenen Wurzeln hängen geblieben war. Hier aber kauerte er mehrere Secunden lang laut⸗ und regungslos nieder— das Herz ſchlug ihm ſchwer und ängſtlich in der Bruſt, und er getraute ſich kaum den Kopf zu heben, um über das niedere Bollwerk hinwegzu⸗ ſchauen. Dort ſollte er ja das Weſen ſehen, das er, er wußte ſelbſt nicht weshalb, zu den Ueberir⸗ diſchen rechnete, weil ſeine Exiſtenz einem Sterb⸗ lichen durch ihm unbegreifliche Mittel verrathen 351 war, und lange konnte er ſich nicht entſchließen, das mit eigenen Augen zu erblicken, was zu glauben ſein Verſtand ſich ſträubte. Endlich faßte er ein Herz, hob leiſe den Kopf empor und— hätte vor Ueberraſchung faſt laut aufgeſchrieen, denn in kaum zweihundert Schritten Entfernung— das Geſicht ihm zugewandt— ſaß— Zug um Zug— die von dem Gefangenen beſchriebene Geſtalt. Ein ſchmächtiger, bleicher junger Mann, mit rabenſchwarzem Haar, einer breiten Binde um das linke Auge, die das halbe Geſicht verdeckte, und mit einem gelben, breiträndigen Strohhut auf den dunkeln Locken— dazu der helle Rock und die blauen Beinkleider— es war der im Traum ge⸗ ſehene Mörder, bis auf das Kleinſte, Unbedeutendſte der Beſchreibung herab. Selbſt ſeine Stellung ver⸗ rieth die That, die er begangen, denn ängſtlich, halb vorgebeugt ſaß er, wie zum Sprunge bereit, neben dem Feuer, und ſchien die Gegend, in welcher ſich Leslie gerade befand, mit ſeinem Blick zu über⸗ fliegen, als ob er von dorther Jemanden erwarte oder zu ſehen fürchte. „Weshalb, um aller guten Geiſter Willen, lagert das Menſchenkind hier?“ frug ſich Leslie un⸗ willkürlich—„und iſt es überhaupt ein Menſchen⸗ kind?“ fuhr er dann leiſe ſchaudernd fort.„Doch Alles eins— Menſch oder Teufel— Du biſt der, — 35² welcher meinen Freund erſchlagen hat, und fort kommſt Du nicht mehr.“ Mit dem Abdlerblick des Jägers überflog er die ganze Gegend und ſah bald, daß der Flüchtling, nach dem wie er ſeine eigenen Leute poſtirt hatte, ihnen nicht mehr entgehen konnte. Auf der einen Seite ſtarrte ſteil und kahl der nackte Felſenkamm empor, in deſſen Fuß ſich die Höhlen befanden; zur Linken tobte der kleine, durch die Bergwaſſer ange⸗ ſchwellte Strom; und hätte er dieſen auch durch⸗ ſchwimmen wollen, ſo erwarteten ihn doch drüben die wackeren Männer von Seneka, die bei ſolchen Gelegenheiten gerade nicht mit ſich ſpaßen ließen. Alle andern Schluchten und Anhöhen waren eben⸗ falls von den Jägern und Backwoodsmen beſetzt, und Leslie, darüber beruhigt, ſchlich nun eben ſo leiſe zurück als er gekommen, ließ den jungen Mann, der ihn begleitet hatte, die Uebrigen von ſeinem Plane in Kenntniß ſetzen, und auf ſein gegebenes Zeichen brachen von allen Seiten zugleich die in dunkles Hirſchleder gekleideten Geſtalten aus dem Dickicht hervor und ſprangen, flüchtigen Panthern gleich, mit vorgehaltenen Büchſen auf den Fremden ein. Dieſer aber, durch das Plötzliche des Ueber⸗ falls betäubt, ſtieß einen gellenden Angſtſchrei aus und warf ſich dann, ohne weiter einen Verſuch zur Flucht oder zum Widerſtand zu machen, mit dem 353 Antlitz auf die Erde nieder. Er ſchien jeder Hoff⸗ nung auf Rettung entſagt zu haben und die Männer, die ihn zuerſt erfaßten und vom Boden emporriſſen, fühlten, wie ſeine Glieder zitterten und ſeine ganze Geſtalt erbebte. „Hund!“ ſchrie der kräftige Leslie aber jetzt, und hob die eiſerne Fauſt zum Schlage auf— „Hund— feiger— nichtswürdiger Hund, der Du biſt— Du alſo haſt es gewagt, die Hand an den kräftigſten Burſchen zu legen, den je Kentucky's Boden getragen? Du— Gedanke von einem Manne, den man erſt träumen muß, um ſeiner habhaft zu werden. Der Fremde hob die Arme flehend empor und wimmerte„Gnade!“ Leslie aber ſchien wenig geneigt, ihm dieſe angedeihen zu laſſen; denn ſeine hammer⸗ artige Fauſt ſollte eben auf ſeinen Schädel nieder⸗ fallen, und wer weiß, ob der Sheriff dann nicht bei der ganzen Verhandlung unnütz geweſen wäre; der eine Conſtabel aber lenkte den Schlag des Erzürnten zur Seite, daß er machtlos an der Schulter des Knieenden niederglitt, und rief: „Schämt Euch, Leslie— wollt uns Leute vom Gericht um das Unſrige bringen— der iſt dem Strick verfallen— ſo gönnt ihm den auch.“ Ehe aber noch Leslie ein Wort darauf zu erwidern vermochte, drängte ſich die übrige Maſſe der Männer Gerſtäcker, Wald⸗ und Strombilder. 354 und Frauen herbei, die es nicht länger ausgehalten hatten, das Reſultat in Ungewißheit zu erwarten. Den Gefangenen führten ſie in ihrer Mitte und ſchon von weitem riefen einzelne Stimmen: „Iſt er es? iſt es der Mörder, den Mae Ferſon im Traum geſehen?“ Kaum aber hörten ſie das antwortende„Ja“— das„kommt ſchnell— wir haben ihn— er fleht um Gnade!“ da ſtieg ein wildes Jubelgeſchrei in die Luft und Alles drängte jetzt in wilder Eile vor, den zu ſehen, der durch Gott ſelbſt den Gerichten überliefert worden. Den bisherigen Gefangenen beachtete Keiner mehr; nur ein Knabe von zehn oder eilf Jahren, auch ein Irländer, der mit Mac Ferſon auf einem Schiff herübergekommen war, hatte ſich bis jetzt dicht zu ihm gehalten, und als er nun, von Allen zurückgelaſſen, allein ſtehen blieb, da ihm ſeine auf den Rücken zuſammengebundenen Hände nicht verſtatteten, ſo ſchnell fortzukommen, glitt er ſchnell hinter ihn, ſchnitt ihm mit einem haarſcharfen Meſſer die Bande durch, drückte ihm in der nächſten Secunde den Griff des Stahls in die Hand und folgte dann in flüchtigen Sätzen den Uebrigen. Mac Ferſon aber, ohne die mindeſte Neugierde zu bezeigen, wie der Mann im wirklichen Leben ausſähe, den er ſchon einmal im Traum erblickt, warf ſich, als er kaum ſeine Hände frei und zugleich bewaffnet fühlte, hinter einem umgeſtürzten Baumſtamm, der ihn den Blicken ———ÿ——ᷣ——— YV ——— 3⁵⁵ der Uebrigen entzog, lief gebückt, aber ſo ſchnell er konnte, hinter dieſem hin, kroch über den Kamm der Anhöhe hinweg, bis er dieſe zwiſchen ſich und ſeinen bisherigen Feinden wußte, rannte dann, ſo ſchnell ihn ſeine Füße trugen, den Abhang hinunter in das an⸗ grenzende Dickicht, ſah ſich hier einen Augenblick etwas ängſtlich um, ſchien aber bald das, was er ſuchte, gefunden zu haben— ein Pferd, das hier geſattelt und aufgezäumt, wie des Reiters harrend, ſtand, ſchwang ſich auf deſſen Rücken und ſprengte, ihm die Hacken in die Seiten bohrend, in vollem Carriere gen Süden. Wie eine zürnende Fluth ergoß ſich jetzt die wogende Menſchenmaſſe der Stelle zu, wo der ſo wunderbar Entdeckte noch immer wie in gräßlichſter Angſt und Ver⸗ zweiflung auf den Knieen lag. Man riß ihn vom Boden auf und aus den wildverworrenen Fragen, die faſt von jeder Lippe an ihn gerichtet wurden, ſchien er nicht eine einzige verſtehen zu können oder zu wollen, denn er warf zuerſt einen ſcheuen Blick im Kreis umher, und barg dann auf's Neue das Antlitz in den Händen. Der Sheriff drängte die ihm zunächſt Stehenden ein wenig zurück, bat ſie ihm Raum zu machen, um den Gefangenen zu examiniren, und das Volk, willig gehorchend, beobachtete tiefes Schweigen. „Haſt Du den Kentuckier erſchlagen?“ war jetzt des Sheriffs erſte Frage, der es nach all dem Ver⸗ gangenen für ganz unmöglich hielt, baſß, der⸗ den ſie ——˖——— hier ſo mitten im Walde gefunden, vielleicht gar Nichts von der Sache wiſſe.„Haſt Du den Kentuckier erſchlagen? Geſtehe es, und vielleicht kann Dir noch Gnade werden!“ „Gnade?“ unterbrach ihn Leslie entrüſtet, ehe der Gefangene auch nur eine Sylbe zu erwidern ver⸗ mochte—„Gnade? den möcht' ich ſehen, der Hill Mörder begnadigen wollte. Tod und—“— „Ruhe!“ tönte es von allen Seiten.„Stört den Sheriff nicht und laßt ihn thun, was ſeines Amtes iſt— Ruhe!“ Eine augenblickliche Todtenſtille folgte dem früheren Lärmen, und der Sheriff berührte auf's Neue die Schulter des Unglücklichen und ſagte mit ernſter und doch milder Stimme: „Haſt Du den Kentuckier erſchlagen, ſo geſtehe es— nur durch ein offenes Geſtändniß kannſt Du noch auf Gnade oder Mitleiden hoffen. Biſt Du der Mörder?“ „Gnade— Gnade!“ ſchrie der Knieende und umklammerte die Knie des Sheriffs—„Gnade— ich will Alles geſtehen.“ „Ein Wunder— ein Wunder!“ riefen die Bap⸗ tiſten im jubelnden Chor, und der Prediger ſtimmte mit voller, lauttönender Stimme ein Loblied des Herrn an, in das ſämmtliche Mitglieder ſeiner Ge⸗ meinde jauchzend einfielen. 357 „Wo iſt Mac Ferſon?“ ſagte jetzt der Sheriff— —„bringt ihn her, daß wir ſehen, ob dies derſelbe iſt, der ihm im Traum erſchienen.“ Die Conſtabel ſahen ſich etwas verblüfft einander an, denn Keiner von ihnen hatte mehr an Mac Ferſon gedacht. Der war ja unſchuldig, der in Erfüllung gegangene Traum bewies das ſo ſonnenklar wie nur möglich. Schnell durcheilten ſie jedoch die Menge, den Verlangten aufzufinden und ihn, eigentlich im Triumph, zu dem hinzuführen, für deſſen Schuld er beinah hätte büßen müſſen; aber vergebens ſchauten ſie ſich zu ihrem Erſtaunen nach dem bisherigen Ge⸗ fangenen um, der war und blieb verſchwunden und ſie ſahen ſich endlich genöthigt, dem Sheriff Anzeige davon zu machen, der dann augenblicklich nach allen Richtungen hin Botſchafter ausſchickte, den vermuth⸗ lichen Flüchtling zurückzubringen, ihm aber zu ſagen, daß er ohne Furcht folgen möge— er ſei frei; der, den ihm Gott im Traum gezeigt, habe die Schuld ſchon geſtanden. „Alle Wetter!“ rief da der ehrliche Leslie aus, „jetzt läuft der fort, weil er dem Frieden doch nicht ſo recht traut, und iſt ein ehrlicher Mann und ich habe ihm Unrecht gethan. Nein, Sheriff, der ſoll nicht lange in der Welt umherirren und ſich fürchten, einem ordentlichen Kerl in's Auge zu ſchauen— den müſſen wir wieder finden, und mein beſtes Pferd ſoll er 3⁵⁸8 haben, wenn er's annehmen will, nur deshalb, weil ich ihn für einen Schurken und Mörder gehalten. Gebt Ihr aber indeſſen wohl auf den zitternden Hal⸗ lunken acht— gnade Gott dem, der ihn entſpringen läßt. Nun fort, Ihr Leute, laßt uns Mac Ferſon wiederfinden— er kann noch nicht weit ſein, und drüben an der Straße ſtehen ja alle unſere Pferde.“ Der ehrliche Backwoodsman ſuchte jetzt, von ſeinen Freunden gefolgt, den ganzen Bezirk ab, und bald entdeckten auch ihre ſcharfen geübten Augen die Fährten des Entflohenen; Andere waren indeſſen nach den Pferden abgeſandt, und Leslie ſchwang ſich bald auf ſeinen feurigen Rappen und ſprengte mit verhängten Zügeln dem nach, dem er ſo entſetzliches Unrecht ge⸗ than zu haben glaubte. Die Uebrigen folgten zwar noch ebenfalls eine Strecke, gaben aber die Jagd bald auf, da ſie einſahen, daß ſie mit dem beſſer berittenen Leslie nicht Schritt halten konnten. Indeſſen hatte ſich um den auf ſo wunderbare Art gefangenen jungen Mann eine ganz eigene Gruppe gebildet; noch immer barg dieſer nämlich ſein Geſicht in den Händen und die Frauen, die gar zu gern gewußt hätten, was er denn eigentlich für Augen habe und wie er überhaupt ausſähe, drängten immer näher und näher herzu und hielten den Sheriff und den zitternden Mörder faſt allein umzingelt, während die kräftigen Geſtalten der zurückgebliebenen Hinter⸗ .[ͤ— 359 wäldler den äußeren Kreis um dieſen Zirkel bildeten. Der Sheriff aber winkte jetzt dem einen Conſtabel, den Verbrecher aufzuheben, um ihn in die Stadt und ſeinem richterlichen Verhör zuzuführen; erſt nach langem Sträuben gehorchte der Unglückliche aber ſeinen Wäch⸗ tern, und mehre Male mußte ihm der Baptiſten⸗ prediger zureden, ſich zu ermannen, ſeine Sünden zu bereuen und Gott wenigſtens mit ſeinem entſetzlichen Verbrechen auszuſöhnen. „Wo iſt Mac Ferſon?“ flüſterte dieſer endlich mit leiſer, kaum hörbarer Stimme. „Hol' mich der Henker— ob er den Namen nicht kennt,“ ſagte der Conſtabel—„der iſt fort, ſie werden ihn aber wohl wieder holen!“ „Fort?“ rief der Gefangene mit lauter freudiger Stimme und richtete ſich ſchnell und plötzlich hoch auf—„fort? iſt er wirklich fort?“ „Jeſus von Nazareth!“ ſchrie die Frau des Presbyterianiſchen Geiſtlichen, die dicht neben dem jungen Manne ſtand, und ſich bis jetzt vergeblich be⸗ müht hatte, ſein Geſicht zu ſehen, während ihr dieſer jetzt ſtarr in's Antlitz ſah—„Jeſus von Nazareth, das iſt ja Miſſis Mac Ferſon.“— „Miſſis Ferſon?“ rief Alles erſtaunt durchein⸗ ander;„die Frau des Iren? ſeine eigene Frau? und das der Mörder?“ Judith Mac Ferſon aber, denn es war in der 360 That die Frau des jetzt glücklich Befreiten, ſank wieder thränenden Auges auf ihre Kniee nieder und ſandte zu dem Allerbarmer ein heißes Dankgebet empor, daß ihr die Rettung ihres Mannes ſo glücklich gelungen ſei. Der Sheriff ſammelte ſich zuerſt wieder, denn die Uebrigen ſtanden wirklich alle ſo ſtumm und ſtarr vor Ueberraſchung, als ob ſie der Schlag getroffen habe; mit blitzenden Augen trat er der ſchönen jungen Frau, die jetzt die entſtellende Binde und den Strohhut von der dunklen Lockenfülle abwarf, entgegen und rief mit finſterem Blick und drohender Stimme: „Unglückliche, Du haſt einem Verbrecher zur Flucht verholfen und mußt nun ſelbſt dafür ſeine Strafe leiden— Du kannteſt die Geſetze des Landes nicht und biſt in Dein eigenes Verderben gegangen. Ich verhafte Dich hiermit im Namen der Geſetze— Mrs. Mac Ferſon,“ fuhr er dann mit ernſter, tiefer Stimme fort, indem er ſeine Hand nach ihrer Schulter ausſtreckte—„Mrs. Mac Ferſon— Sie ſind meine Gefangene!“ Judith Mac Ferſon hatte aber, wenn auch erſt kurze Zeit in Amerika, die Charaktere der Frauen kennen gelernt, unter denen ſie lebte und auf deren Schutz vertrauend ſie das gefährliche Spiel gewagt. Mit ſchnellem Druck des Conſtabels Arm zurück⸗ ſchiebend, trat ſie zwiſchen die erſtaunt zu ihr anſ⸗ blickenden Frauen und riei 361 „Weg von mir, Sir— weg von mir! Ihr habt keinen Theil an mir. Habe ich ein Verbrechen begangen? Es war mein Mann— der Vater meines Kindes, den ich befreite; iſt eine hier unter den Frauen von Penſylvanien, die nicht unter gleichen Verhältniſſen ein Gleiches gethan hätte? Iſt Eine hier von Müttern oder Weibern, die nicht willig ihr Leben daran ſetzen würde, den glibten zu befreien? Keine— ich weiß es, und kein Gericht des Landes wird mich deshalb ſtrafen können. Werden aber die Frauen von Penſylvanien zugeben, daß ich einem Gericht ausgeliefert werde?“ „Nein— nimmermehr— den wollen wir ſehen, der ihr etwas zu Leide zu thun ſollte,“ rief es von allen Seiten, und um das junge, heldenmüthige Weib ſchaarten ſich beſonders die Presbyterianiſchen Frauen, voller Freude, daß den Baptiſten ein ſolcher Sieg mißlungen ſei. „Ladies— auf Ihre Verantwortung,“ rief der Sheriff—„Sie müſſen mir für die Dame haften, übrigens wird ihre Gefangennehmung wohl nicht nöthig ſein, denn Leslie iſt mit ſeinem Rappen auf Mac Ferſons Fährten, und wir kennen Alle mitein⸗ ander Leslie genug, um nicht zu wiſſen, daß der nim⸗ mer zurückkehrt, ehe er den Flüchtigen eingeholt hat. Einen beſſeren Renner giebt's in ganz Penſylvanien nicht, als ſein Rappe. 362 Judith erbleichte, die Frauen aber ließen ihr gar keine Zeit ſich zu beſinnen, nahmen ſie in ihre Mitte und führten ſie im Triumphe fort. So eifrig ſie früher die Hinrichtung Mac Ferſons gewünſcht hat⸗ ten, ſo ſehr intereſſirten ſie ſich jetzt für ſeine Flucht, und ſelbſt die Baptiſtinnen konnten die Frau nicht tadeln, die ihren Mann befreit habe. Um ſo mehr eiferte der Baptiſtenprediger, der jetzt mit mehren Anderen, mit denen er Mac Ferſons Spuren aufgeſucht, zurückkehrte, dagegen. Er ſah in dieſer lügenhaften Eingebung eines rettenden Traumes, zu dem ſich die beiden Eheleute verabredet hatten, eine Blasphemie des Göttlichen und forderte ernſt und beſtimmt die Auslieferung beider Gottesläſterer. Der eine war aber, Niemand wußte wo, und die Andere wurde, nun ſich der Baptiſt ſo feſt dagegen erklärte, von den Presbyterianerinnen nur um ſo mehr vertheidigt und in Schutz genommen. Bald erreichte man die Stadt wieder, und hier erboten ſich augen⸗ blicklich drei junge Leute, Mrs. Ferſon mit ihrem Kinde, das indeſſen bei einer Landsmännin geblieben war, hinzubegleiten, wohin ſie gebracht zu ſein wünſche. Das nahm Judith mit herzlichem Danke an, ver⸗ ſchwieg aber natürlich den verabredeten Ort, wo ſie ihren Mann wieder zu treffen hoffte, denn der kleine Irländer, der Mac Ferſons Bande durchſchnitten, hatte ihr ebenfalls zugeflüſtert, wie dieſer auf ſchnellem 363 Roß ſeine Flucht bewerkſtelligt, und ſie verlangte nur an den Ohiofluß gebracht zu werden, von wo aus ſie ihre Bahn ſelbſt verfolgen wolle. Das geſchah denn auch noch an demſelben Nachmittage, und während der Sheriff mit den zwei Conſtabeln und dem Bap⸗ tiſtenprediger berieth, was in dieſem Falle zu thun ſei, und ob man erſt die Rückkunft Leslie's mit dem Entflohenen abwarten ſolle, ſprengte Judith Mac Ferſon, auf einem ſchlanken Zelter, das Kind im Arm, die Begleiter an ihrer Seite, die Fahrſtraße hinunter, die dem ſchönen Ohiofluſſe zuführte. Doch jetzt wollen wir Mac Ferſon folgen, der, ſobald er das Pferd erreicht und ſich hinaufgeſchwun⸗ gen hatte, mit kaum unterdrücktem Jubelſchrei einen kleinen Holzpfad entlang flog, welcher ihn endlich zu der Hauptſtraße führen mußte. Er ritt ein wackeres Thier, und hatte gegründete Urſache zu glauben, daß der von ſeinem treuen Weibe ſo glücklich erdachte Plan gelingen müßte. Einige Meilen vom Ohio noch entfernt, wollte er nämlich abſteigen, das Pferd laufen laſſen, um etwaige Verfolger irre zu führen, und dann ſeinen eigenen Weg bis zu einer Stelle am Ohiofluß fortſetzen, wo er früher ſchon einmal zwei Nächte mit ſeiner kleinen Familie gelagert hatte. Dort ſollte er Judith erwarten, und dann konnten ſie von da aus leicht eine neue Heimath im fernen Weſten aufſuchen, wohin ihre Verfolger ſchwerlich vordringen 364 würden, ſelbſt wenn ſie den Aufenthaltsort erfahren ſollten. Fröhlich gallopirte daher Mac Ferſon, von dieſen Gedanken erfüllt, die Straße entlang, und mochte etwa ſechs oder ſieben engliſche Meilen zurückgelegt haben, als ſein Pferd, das über einen im Wege liegen⸗ den, umgeſtürzten Baumſtamm wegſetzen wollte, in einer trockenen aber noch zähen Schlingpflanze hängen blieb, ſtürzte, den Reiter weit ab gegen einen Baum ſchleuderte und dann, unfähig ſich wieder zu erheben, liegen blieb. Wie lange dieſe Bewußtloſigkeit Mac Ferſons gedauert haben konnte, wußte er ſelber nicht, als er aber nach ziemlich langer Zeit wieder zu ſich kam, fühlte er, wie ihm Jemand die Schläfe mit kaltem Waſſer wuſch und erkannte, als er die Augen auf⸗ ſchlug, den Mann, der, wie er wußte, ſein grim⸗ migſter Feind war. Mit einem leiſen Schmerzensruf ſank er wieder zurück, Leslie aber, der wohl ahnen mochte, was den Armen erſchreckt habe, bog ſich zu ihm nieder, faßte ſeine Hand und ſagte: „Fürchtet Nichts, Mac Ferſon— wir haben Euch Alle Unrecht gethan; der, den Euch Gott im Traum gezeigt, hat das Verbrechen geſtanden; Ihr könnt frei zurückkehren, ich ſelbſt bin Euch aber nachgeritten, um Euch abzubitten, daß ich, vor allen Anderen, Euch 365 ſo feindlich geſinnt war; aber feht, Hills war mein Freund, und wenn auch ſonſt ein etwas roher Geſell und vielleicht in manchen Stücken tadelnswerth genug, ſo mußt' ich mich doch ſeiner im Tode annehmen, da er ja ſonſt faſt Niemanden in Seneka hatte, der ſeinen Mord rächen konnte. Kommt— ſteht auf— gebt mir Euere Hand und laßt uns Freunde ſein. Ihr habt Euch doch keinen Schaden gethan?“ Mac Ferſon wußte kaum, ob er ſeinen eigenen Ohren trauen ſollte. War dies vielleicht ein Traum, der ihn befangen hielt, oder hatte er den früheren wirklich geträumt? Die durch den Sturz angegrif⸗ fenen Sinne vermochten nicht gleich klar und deut⸗ lich ſeine jetzige Lage zu faſſen, und er ſchloß wieder auf mehrere Secunden die Augen, um ſich erſt ganz zu ſammeln. Mac Ferſon war übrigens nicht der Mann, einen ſich ihm bietenden Vortheil leicht hintan⸗ zuſetzen. Leslie wußte augenſcheinlich noch nicht, daß der vermeintliche, von ihm im Traum geſehene Ver⸗ brecher ſein eigenes Weib, und das ganze ein abge⸗ karteter Plan geweſen war; dieſer mußte ihn daher auch für unſchuldig halten, und er beſchloß nun, ſeine Maßregeln darnach zu ergreifen. Er öffnete die Augen, richtete ſich mit des Ame⸗ rikaners Hülfe, indem er ſich ſchwächer ſtellte, als er wirklich war, vom Boden auf, und ließ ſich nun mit kurzen Worten erzählen, wie ſie den von ihm ſo genau 8 366 bezeichneten Fremden gefunden hätten. Ehe er ſich aber noch ſelbſt über ſeine eigene Flucht entſchuldigen konnte, trat Leslie, der darauf weiter gar nicht ein⸗ ging, zu Mac Ferſons Pferd und fand, daß dieſes das linke Vorderbein gebrochen hatte. Jetzt war guter Rath theuer. Der Irländer erkläre, er könne keine hundert Schritte weit gehen, alle ſeine Glieder ſeien ihm wie zerſchlagen, und ein Haus war ebenfalls nicht in der Nachbarſchaft, wo man vielleicht ein Pferd hätte borgen können; hier blieb alſo keine andere Wahl, Leslie bot dem Irländer ſein Pferd zum Reiten an, verſicherte ihm dabei nochmals, er könne unbeſorgt mit ihm zurückkehren, er würde von Allen auf das Freundlichſte empfangen werden, und half ihm dann ſelbſt in den Sattel. Ob er aber dem Erſchöpften doch noch nicht ſo recht trauen mochte, oder ob ihm der ſcheue Blick mißfiel, mit dem ſich dieſer nach der Straße umſah, als ihm Leslie den Sattel und Zaum ſeines eigenen Thieres hinaufreichte, kurz, der Ameri⸗*† kaner nahm eine lange Leine, die er in der Taſche 3 trug, hervor, befeſtigte ſie in einer Schlinge um den Hals des Pferdes und trieb dieſes nun langſam den Weg zurück, den er eben gekommen war. Mac Ferſon wußte aber, daß ſeine Liſt jetzt ent⸗ deckt ſein mußte— jeden Augenblick konnte ihnen ein neuer Bote begegnen, der den wahren Sachbe⸗ ſtand verkündete und ihm dann jede Ausſicht auf tt 367 Rettung abſchnitt; ſein Entſchluß war alſo auch deshalb ſchnell und ohne weiteres Zögern gefaßt, und eben, als ſie auf die oben beſchriebene Art vielleicht eine Meile zurückgelegt hatten und an eine Stelle kamen, wo der Pfad ſo ſchmal wurde, daß Leslie nicht mehr nebenher gehen konnte, ſondern voraus mußte, wobei er jedoch das Seil nicht losließ, zog Mac Ferſon ſchnell aber vorſichtig das von dem Knaben erhaltene Meſſer aus dem Gürtel— trennte mit raſchem Schnitt die hänfene Schnur, die ihn bis jetzt noch immer zum Gefangenen gemacht, riß in demſelben Augenblick den Rappen auf den Hinter⸗ füßen herum, und ehe ſich der beſtürzte Amerikaner nur beſinnen konnte, ob er ſeine Büchſe gebrauchen ſollte oder nicht, war der auf's Neue Befreite ſchon im dichten Gebüſch ſeinen Blicken entſchwunden. Acht Tage ſpäter erhielt Leslie, der vergebens den Räuber ſeines Eigenthums zu Fuß verfolgt hatte und die Fährte gegen Abend, da ein ziemlich ſtarker Regen fiel, nicht mehr erkennen konnte, ſein Pferd durch einen, etwa zwanzig Meilen von Seneka wohnenden Farmer zurück, der ihm auch zugleich einen kleinen Brief von Mac Ferſon einhändigte, worin ihm dieſer für die geleiſtete Hülfe herzlich dankte, ſich aber nochmals entſchuldigte, daß er zu einem frommen Betruge ſeine Zuflucht habe nehmen müſſen. 368 „Da er jedoch,“ ſo ſchloß er ſeine Zeilen,„bei weitem lieber in dem kühlen Schatten der ſtolzen Eichen des Weſtens lagere, als— mit zugeſchnürter Kehle an einem Chesnutaſt in Penſylvanien hänge— ſo ſei ihm das wohl nicht ſo ſehr zu verdenken ge⸗ weſen.“ Ueber den Mord ſagte er weiter Nichts. Sein wirklicher Aufenthaltsort wurde nie näher be⸗ kannt, doch hieß es allgemein und vielleicht nicht unrichtig— Me Ferſon iſt nach Texas. Heulend und bellend liefen und ſprangen drei kräftige, ſchlankgebaute Hunde vom Geſchlecht der Bracken, die Naſen im eifrigen Suchen dicht am Boden haltend, durch den dicht verwachſenen Wald, oft die Spur in den dürren Blättern verlaſſend und auf umgeſtürzten Bäumen und alten, halbverfaulten Stämmen ſchnoppernd, auf denen ſie hinliefen und von da wieder kläffend ihre Verfolgung erneuerten; ein ſicheres Zeichen, daß ihre Jagd einem wilden Thier, ſei es nun Bär oder Panther, und nicht dem ſchnellfüßigen Hirſch galt, der ſie wohl, wenn er ihre Bahn durchſchnitt, auf kurze Zeit von ihrer Fährte ablocken, nie aber ganz der einmal aufge⸗ nommenen Spur untreu machen konnte. Gerſtäcker, Wald⸗ und Strombilder. ſo oft entgangen iſt!“ 370 Jetzt hatten ſie einen Platz erreicht, auf dem ihr Feind offenbar eine Zeitlang verweilt, und ſeine Fähr⸗ ten gekreuzt haben mußte, denn heulend ſtanden ſie oft einen Augenblick ſtill und durchſuchten dann, mit wil⸗ dem Winſeln hin und herſpringend, deſto eifriger den, von dicht herabhängenden Schlingpflanzen faſt wie mit einer lebendigen Mauer umgebenen Raum, im⸗ mer wieder zum Mittelpunkt zurückkehrend, um ihr Heulen und Wehklagen dort wie früher zu beginnen. Plötzlich theilten ſich die Büſche, und ein junger Mann auf einem kleinen, ſchwarzen, indianiſchen Pony ſetzte, mit ſeinem breiten Jagdmeſſer, das er bloß in der Hand trug, ein paar Schlingpflanzen in kräftigem Zuge durchhauend, die ihn vom Pferde zu reißen drohten, gerade zwiſchen die Hunde hinein, die bei ſeinem plötzlichen Erſcheinen ihn für einen Augenblick freundlich wedelnd umgaben, und dann wieder, mit erneutem, durch die Nähe ihres Herrn belebten Eifer in ihrem Suchen fortfuhren. „So recht, meine braven Thiere,“ rief der junge Jäger, indem er ſein Pferd anhielt, das Meſſer in die Scheide zurückſteckte und die lange Büchſe, die er auf der linken Schulter trug, vor ſich auf den Sattelknopf legte,„ſo recht,— ſucht, ſucht— ihr ſeid einmal auf der Fährte, und ich denke doch, daß wir dießmal den Ferkeldieb erwiſchen, der mir ſchon 371 „Huhpih!“ rief er, ſich hoch im Sattel aufrich⸗ tend und ſeinen Jagdruf ausſtoßend, als er ſah, daß der älteſte der Hunde plötzlich die wieder gefun⸗ dene Fährte aufnahm und von den andern gefolgt, augenblicklich im Dickicht verſchwand. „Huhpih!“ und die Büchſe zurück auf die Schul⸗ ter werfend, ergriff er jetzt mit der rechten den Zügel, rannte dem hochaufbäumenden Pony die Hacken in die Seite, und flog in wilden Sprüngen ſeinen dahineilenden Hunden nach. Im Wege liegende Stämme, dicht verwachſenes Gebüſch, Sumpflöcher und ſchlammige Canäle, Nichts konnte ihrem Eifer Schranken ſetzen, vorwärts ging's, und ſchnaubend und ſchäumend folgte der Rappe mit ſeinem in freudiger Luſt hochaufjauchzenden Herrn. Da hielten die Hunde aufs Neue; dießmal hemmte aber nicht Ungewißheit über die Richtung des Weges, den der verfolgte Feind eingeſchlagen haben konnte, die Wüthenden, nein, bellend und heu⸗ lend ſprangen ſie an einer ſtarken Eiche in die Höhe, und biſſen vor Grimm in die Wurzeln und die rauhe Rinde des mächtigen Baumes, daß er ihrem Feinde Schutz verlieh, und ihn ſeinen Verfolgern vorenthielt. Jetzt erſchien auch der Jäger auf dem Wahlplatz, und ſprang, ohne nur das Anhalten ſeines feurigen Thieres abzuwarten, mit einem Satz aus dem Sat⸗ tel, das ſeiner Laſt enthobene Thier ſich ſelbſt über⸗ 7 372 laſſend; mit ſpähendem Blick aber unterſuchte er den dichtbelaubten Baum, an dem die Hunde jetzt wie⸗ der jauchzend emporſprangen, und erkannte bald, zwiſchen ein paar Aeſten eingeſchmiegt, die Geſtalt eines lebendigen Weſens, das dort ſich, feſt an einen der Aeſte angedrückt, verſteckt und unbemerkt glauben mochte. Zwar war es im Schatten des dichten Laubes ziemlich dunkel, und ein weniger geübtes Auge als das unſeres jungen Waldbewohners möchte wohl lange über den Namen und die Art des Thieres, das ſich ſo angelegentlich den Blicken der Untenſte⸗ henden zu entziehen ſuchte, in Ungewißheit geblieben ſein; Wiſtons ſcharfer Blick erkannte aber bald in der zuſammengepreßten Geſtalt das Junge eines Pan⸗ thers, das der lange Schweif, den es nicht ganz verbergen konnte, leicht verrieth. Schon hob er die Büchſe, um das ſich ſicher Glaubende aus ſeiner Höhe herabzuholen, und athem⸗ und lautlos ſchauten die Hunde ängſtlich und erwar⸗ tend bald nach dem Lauf der Büchſe, aus dem ſie mit jedem Augenblick den Feuerſtrahl herausblitzen zu ſehen hofften, bald nach dem Gipfel der Eiche, in deren Laub ſie ihren Feind wußten. Doch vergebens war dießmal ihr leiſes, flehen⸗ des Winſeln, mit dem ſie den Schuß ihres Herrn Zu beeilen glaubten; dieſer ſchien ſich plötzlich anders ——— 373 beſonnen zu haben, ſetzte die Büchſe ab, und begann auf's Neue den Banm, faſt mit noch größerer Auf⸗ merkſamkeit als vorher, zu unterſuchen. Nach langem, bedächtigen Aufblicken ſchien er ſich endlich von dem, was er wiſſen wollte, überzeugt zu haben, ſtellte ſeine Büchſe gegen einen umgeſtürz⸗ ten Stamm, der nicht weit vom Baume lag, ſchnallte ſeinen Gürtel ab, in welchem Meſſer und Tomahawk ſtaken, zog ſein Jagdhemd aus und kehrte dann mit dem Gürtel, den er in der Hand hielt, zur Eiche zurück, welche die Hunde, die zwar aufmerkſam allen Bewegungen ihres Herrn gefolgt waren, dennoch nicht aus den Augen ließen. „Ich verſuchs,“ murmelte er endlich vor ſich hin, „ich verſuch's und fang ihn lebendig; bringe ich den jungen Panther nach Little Rock, ſo bekomme ich dort mit Leichtigkeit meine 10—15 Dollars für ihn, ſchieß ich ihn dagegen, ſo iſt das Fell keinen Bit werth. Die Alte muß überdieß geflohen ſein, denn ich kann ſie nirgends im Baume ſehen, und für 10 Dollars läßt man ſich ſchon einmal von ſolch einem jungen Teufel kratzen; alſo Pantherchen, paß auf, ich komme!“ Mit dieſen Worten ging er zu ſeinem Pferde, das ruhig graſte, ſchlang einen Strick, der um deſſen Hals gewunden war, von demſelben ab, ſchnallte ſeinen eigenen Gürtel wieder um, in den er das Meſſer ſteckte, den Tomahawk aber zurückließ, und 374 begann den ſtarken Baum, den er nicht umklam⸗ mern konnte, zu erſteigen, indem er das Seil, drei⸗ fach genommen, um den Stamm warf, die beiden Enden deſſelben, und zwar ſo kurz, als er ſie faſfen konnte, ergriff, und dann mit deren Hülfe, indem er bald mit dem rechten, bald wieder mit dem linken Arme ſich bedächtig am Baume in die Höhe zog, denſelben erſtieg. 3 Die Hunde verſtanden augenblicklich, was er be⸗ abſichtige und umſprangen winſelnd und jauchzend die Wurzeln der Eiche. 4 Langſam zwar, aber ſicher klomm er an dem geraden, ſchlanken Stamm, wohl 40 Fuß empor, ehe er an die erſten Aeſte kam und dort einen Augen⸗ blick Athem ſchöpfen und ſich ausruhen konnte; hier fühlte er auch nach ſeinem Meſſer, ob das noch feſt— ſtak, blickte zum jungen Panther, der noch bewe⸗ gungslos an demſelben Aſt wie früher angeſchmiegt lag, empor, ſchlang ſich jetzt das Seil, deſſen er nun, da er die Aeſte zum Anhalten hatte, nicht mehr bedurfte, um die Schultern, und ſtieg, gewandt die Zweige als Sproſſen ſeiner natürlichen Leiter be⸗ nutzend, ſchnell und leicht zu dem jungen Panther hinauf, der zwar, ohne ſich zu regen, liegen blieb, aber dennoch die glühenden Blicke feſt auf den na⸗ henden Feind geheftet hiel. Aber noch andere und wildere Blicke beobachteten V „„ V 375 und bewachten das Fortſchreiten des Jägers, der von ſolch grimmiger, gefährlicher Nähe keine Ahnung hatte, und zwar Niemand anders als die Mutter des Jungen, die auf einem dicht danebenſtehenden ver⸗ dorrten Baume, deſſen Zweige in die des andern hineinragten, auf einen Aſt niedergeduckt, zum Sprunge fertig da lag und mit dem Schwanze leiſe wedelnd nur die noch weitere Annäherung des Jägers zu er⸗ warten ſchien, um mit gewaltigem Satze ſich auf den Kühnen, der ihre Brut greifen wollte, zu wer⸗ fen, und ihn mit Zahn und Tatze zu vernichten. Sorglos ſchwang ſich Wiſton von Aſt zu Aſt, und war ſchon dicht unter dem Jungen, das ſich jetzt leiſe erhob und nach Art der Katzen den Rücken biegend auf dem Aſte ſtand und nach dem Jäger herunterſchaute, die Gefahr, welche deſſen Nähe mit ſich brachte, noch nicht ſo recht begreifend; da hielt der Jäger, wand das Seil von ſeinen Schultern, machte ſchnell eine Schlinge daraus, um ſie über den Kopf des Jungen zu werfen, und ſchaute, ſich auf zwei anderen Aeſten feſtſtellend, eben zu dieſem em⸗ por, um den rechten Zeitpunct abzuwarten, als er, gerade gegenüber, kaum zehn Schritte von ſich ent⸗ fernt, in die glühenden Augen der Pantherin blickte, die ſich eben zum entſcheidenden Sprunge niederbog. Von Kindheit auf im Walde erzogen und mit den Gefahren, die den einſamen Jäger ſo oft be⸗ 376 drohen, bekannt und vertraut, behielt er in dem fürchterlichen Augenblick Beſinnung genug, ſchnell und ehe der ihm gegenüber liegende Feind ſeine Ab⸗ ſicht errathen konnte, den Stamm der Eiche, auf dem er ſtand, zwiſchen ſich und die Beſtie zu brin⸗ gen, was ihm durch eine raſche Bewegung gelang; es war aber die höchſte Zeit geweſen, denn in dem⸗ ſelben Momente ſchnellte auch die dunkle Geſtalt des Panthers auf den Platz, den er eben verlaſſen hatte, herüber, und ſeine glühenden Augen ſchauten in die des unerſchrockenen Jägers, der den linken Arm um einen Zweig gewunden, in der Rechten das blanke Meſſſer, mit jedem Athemzuge erwartete, das gereizte Thier auf ſich herabſpringen zu ſehen. Die Pantherin jedoch, durch das Auge, das Je⸗ ner feſt auf ſie geheftet hielt, eingeſchüchtert, begnügte ſich damit ihr Junges beſchützt zu wiſſen, und jede Bewegung ihres Feindes auf das Aufmerkſamſte zu beobachten, während ſie, kaum ſechs Fuß von ihm entfernt, mit dem Schweife wedelnd da lag. Zuerſt glaubte ſich Wiſton verloren, denn wenn auch ſein Meſſer eine gute und ſtarke Waffe ſelbſt gegen den grimmigſten Feind ſein konnte, ſo war doch ſchon der Platz allein, wo er ſtand, und wo ihn der geringſte Fehltritt zerſchmettert in die Tiefe geſandt haben würde, nicht zu einem Kampf mit ſolchem Feinde geeignet; kaum fand er daher, daß 1 t ——— —— — 377 ſein Gegner ſich damit begnügte, ihn zu bewachen, als er ſchnell, aber vorſichtig und ohne irgend eine raſche Bewegung zu machen, die das Ungethüm hätte reizen können, das Meſſer in die Scheide ſchob und langſam ſeinen Rückzug antrat. Der Panther, als er ſah, daß Jener ſich mehr und mehr von ihm entfernte, folgte ihm langſam, und mehreremal zuckte Wiſton's Hand nach dem Stahl, wenn ſich die ſchlanke Geſtalt der Katze zum Sprung niederbog, immer aber konnte ſich dieſe nicht zu einem offenen Angriff, Aug' in Aug, entſchließen. So erreichte er den unterſten Aſt wieder, ſchlang das Seil um den Stamm, erfaßte beide Ende des⸗ ſelben, und glitt bedächtig, aber doch ſo ſchnell als möglich hinab. Die Hunde hatten aber indeſſen ih⸗ ren Feind in den Aeſten bemerkt, wie er ihrem Herrn folgte, und in toller Wuth, faſt zur Verzweiflung getrieben, daß ſie ihn nicht erreichen konnten, ſpran⸗ gen ſie empor und bellten und heulten auf eine herz⸗ brechende Art. Endlich gewann Wiſton wieder den feſten ſiche⸗ ren Boden; ſeine Kleider waren zerriſſen, das Blut tropfte von ſeinen Armen, denn die rauhe Rinde des 3 Stammes hatte ſie zerſchnitten, ſeine Kräfte waren erſchöpft und ſeine Kniee zitterten; aber nicht einen Augenblick vergönnte er ſich zum Ausruhen, ſondern ſprang zu dem Ort, wo ſeine Büchſe lehnte, ergriff dieſe und hob ſie, um den Panther aus ſeiner ſicher geträumten Höhe herabzuholen; aber vergebens be⸗ mühte er ſich das ſchwere Rohr auch nur eine Se⸗ eunde lang ſtill und unbeweglich zu halten, ſeine Glieder zitterten, und er war genöthigt ſich nieder⸗ zuwerfen, um auszuruhen. Aber kein Auge wandte er von der, jetzt dicht an den Stamm angeſchmieg⸗ ten Geſtalt der Beſtie, neben der das Junge, keine Gefahr weiter fürchtend, mit emporgehobenem Schwei⸗ fe, auf einem etwas vortretenden Aſte ſtand, und ſich behaglich an der Mutter ſtrich. Viiſton erholte ſich bald, faßte noch einmal ſeine Büchſe, zielte lange und ſicher, und donnernd ſchallte das Echo von fernen Hügeln herüber. Die Beſtie, vom tödtlichen Blei durchbohrt, zuckte zuſammen, ſprang empor und kletterte in wilder Eile von Zweig zu Zweig in den Gipfel des Baumes; die dünnen Aeſte ſchwankten unter ihr; jetzt hatte ſie den höchſten Punct erreicht— höher hinauf wollte ſie; das ſchwache Laubwerk gab nach— ſie ſtürzte, faßte noch mit den gewaltigen Tatzen im Herunter⸗ fallen nach den Blättern und Ranken und ſchmetterte, von den Hunden heulend erwartet, verendet zu den Füßen Wiſton's nieder. Zwar ſtand dieſem jetzt kein weiteres Hinderniß entgegen, das Junge lebendig zu fangen, das ängſt⸗ lich bis zu den niedrigſten Aeſten des Baumes der —— — 379 Mutter gefolgt war, doch hatte er das erſte Mal ſeine Kräfte zu ſehr angeſtrengt, und vermochte nicht 4 auf's Neue den beſchwerlichen Weg anzutreten; er lud daher ſeine Büchſe wieder und brachte es mit. ſicherem Schuſſe in den Bereich der Hunde, die mit grimmiger Wuth über daſſelbe herfielen. 8 In wenigen Minuten waren die Felle abgeſtreift und auf den Pony geworfen, und von den Hunden gefolgt, trabte der kühne Jäger neuer Beute und neuen Gefahren entgegen. und Pflanzer nicht, wie in Europa, in Dörfern und Marktflecken zuſammen, ſondern vereinzelt auf ihrem eigenen Lande und von dieſem umgeben wohnen, iſt natürlich der Handel und Verkehr zwiſchen den ver⸗ ſchiedenen, iſolirt liegenden und oft meilenweit von einander getrennten Beſitzungen, wenn auch nicht gehindert, doch ſehr erſchwert, und feſtſtehende Kauf⸗ läden könnten nur denen zum Nutzen und zur Be⸗ quemlichkeit gereichen, deren Anſiedelung ſich gerade in ihrer Nähe befänden. Da nun aber der Farmer nicht gern ſein Land verläßt, an das ihn dringende Arbeiten feſſeln, um irgend einen kleinen unbedeutenden Gegenſtand, den In den Vereinigten Staaten, wo die Farmer „ 381 er vielleicht auch entbehren kann, einzukaufen, und ſich lieber einmal eine Zeitlang ohne ſolche Gegen⸗ ſtände behilft, die er ſich, wenn er ſie eben bei der Hand hätte, wirklich anſchaffen würde, ſo fanden es die Handelsleute bald für nöthig, anſtatt auf ſeinen Beſuch zu warten, ihn ſelbſt aufzuſuchen, und durch⸗ zogen nun entweder in eigener Perſon mit ihren Waarenpäcken das Land oder ſchickten ihre Leute aus, während ſie dem Laden zu Hauſe vorſtanden. Vorzüglich fanden die Deutſchen an dieſer Be⸗ ſchäftigung Geſchmack, beſonders unter dieſen die Iſraeliten,(denn von all den wandernden deutſchen Krämern in ganz Amerika ſind kaum ein Hundertſtel Chriſten) und von New⸗York und New⸗Orleans, ſpäter von Cincinnati aus durchſtreiften ſie mit un⸗ ermüdlicher Ausdauer jeden Winkel der Union. Der Handel iſt das Lebensprincip der Iſraeli⸗ ten, davon liefert Amerika den unläugbaren Beweis; dort wird ihnen keine Schranke geſteckt, in der ſie ſich bewegen müſſen; dort ſind ſie durch Vorurtheile oder Geſetze an keine Beſchäftigung, an kein Gewerbe gebunden, ſie ſtehen mit der ganzen übrigen Bevöl⸗ kerung auf Einer Stufe; was ſie aber auch im Va⸗ terlande getrieben haben mögen, welches Handwerk, welche Kunſt, es bleibt ſich gleich, in Amerika, wo ſſie wählen dürfen, greifen ſie nach dem Handel und *† werden mit ſehr wenigen Ausnahmen Kaufleute, oder 8 382 geht das nicht, Krämer und Hauſirer, wie man ſie dort nennt,„Pedlars.“ Zwar iſt ein kleiner Theil dieſer Pedlar, wie ſchon geſagt, Chriſten; doch dieſer ſind ſo wenige und ſie verlieren ſich ſo ſehr unter der Maſſe, daß ſie kaum einer Erwähnung verdienen, und nur die wirklichen Yankees(die Bewohner der nordöſtlichen Staaten der Union) concurriren bedeu⸗ tend mit ihnen, und nehmen auch wirklich in dieſem Geſchäftszweig, ſelbſt den Zuden gegenüber, den erſten Rang ein. Wir aber en es hier erſt vor allen Dingen mit den Deutſchen zu thun.— In einem der Seehäfen angekommen beſteht die Baarſchaft der wandernden Krämer, wenigſtens die der ärmern Claſſe, gewöhnlich noch aus wenigen Dollars, mit denen ſie denn auch nicht ſäumen, ohne weiteren Zeitver⸗ luſt ein„Geſchäft zu beginnen.“ Ein ſchmaler Korb (zum Umhängen) wird vor allen Dingen ange⸗ ſchafft, dahinein ein kleiner Vorrath von etwas Band und Zwirn, einige Kämme und Zahnbürſten, Hoſenträger und Zahnſtocher, wunderbar ſchimmernde Hemdknöpfchen und Näh⸗ und Stecknadeln und an⸗ dere derartige Sachen gekauft, und der Weg zu ih⸗ rem Glück iſt gebahnt.. Noch verſteht der angehende Kaufmann keine 3 Sylbe von der Sprache des Landes, das er jetzt zu 2 — 7 2* ſeiner Heimath gemacht hat, yes und no und noch 4 ein paar kleine Hülfswörter, wie very cheap(ſehr 6 6 3 4 4 58 a, Keusn, 4/ 383 billig) und very good(ſehr gut) ausgenommen,“ mit einer liebenswürdigen Dreiſtigkeit aber ſucht Se vorzüglich die amerikaniſchen Häuſer auf(denn die Deutſchen ſelbſt ſind ſchlechte Kunden), und knüpft hier mit der Hülfe von ſolch barbariſchen Wörtern und lebensgefährlichen Geſticulationen ein Geſpräch an, daß die Leute, wenn ſie nicht den ohne alles weitere Eintretenden beim erſten Anlauf aus der Thüre werfen, ſehr häufig geneigt ſind eine Kleinig⸗ keit zu kaufen, die ſie na⸗ kürlich im Leben nicht be⸗ nutzen können, blos um das Mienen⸗ und Gebärden⸗ ſpiel wie die außerordentliche Unterhaltung des„jun⸗ gen Amerikaners“ eine kurze Zeit zu genießen. Das dauert aber nur wenige Monate; in faſt unglaublich kurzer Zeit lernt der Pedlar die Landes⸗ ſprache wenigſtens ſo weit, daß er ſich verſtändlich ausdrücken kann, und nun beginnt das eigentliche Leben deſſelben. Wie der Schmetterling aus der Puppe, ſo kriecht er mit ſeinem mächtigen Packen und einem tüchtigen Wanderſtab verſehen aus den Straßen der engen Stadt hervor und flattert, wenn man überhaupt mit einem Waarenballen von einigen 60 Pfund auf den Schul⸗ tern flattern kann, hinaus ins Weite, den fernwohnen⸗ den Farmern das an Herrlichkeiten zuzutragen, was er entweder auf Auctionen mit baarem Gelde eingekauft, oder von bekannten Kaufleuten auf Credit erhalten hat. 384 In dem Staat, in welchem er Handel treibt, muß er freilich eine beſtimmte Taxe, ſogenannte Li⸗ cence entrichten, weiter iſt er aber auch in nichts gebunden, und kann an Waaren ausbieten, was ihm nur immer und wo es ihm beliebt; deshalb haben ſie ſich auch über die ganzen öſtlichen, ſüdlichen und mittlern Staaten ausgebreitet, und nur die ganz weſtlich liegenden größtentheils den Amerikanern über⸗ laſſen, da dort die Gegend noch zu unbebaut iſt und ihnen der Anblick von wilden Thieren, die, wenn auch einzeln, doch dann und wann umher⸗ ſtreifen, keineswegs zu behagen ſcheint. Natürlich wählt ſich der Pedlar ſtets den Strich Landes, auf welchem die meiſten Anſiedlungen liegen und der noch am wenigſten von ſeinen Collegen heimgeſucht iſt; dort geht er dann von Farm zu Farm und fragt, ob die Inwohnenden etwas von Waaren nöthig haben. Gewöhnlich lautet die Ant⸗ wort„nein.“ Da aber der Mann ſelten zu Hauſe iſt und die Frauen ſtets gerne ſehen möchten, was der Krämer denn eigentlich in dem großen, ſchweren Packen für Koſtbarkeiten verborgen trägt, ſo erhält dieſer leicht die Erlaubniß ſeinen Ballen zu öffnen und ſeine Waaren auszubreiten. Erhält er die übrigens auch nicht, ſo bleibt ſich das im Grunde gleich, denn öffnen thut er ihn doch, und 385 ſeine Sachen zeigt er auch vor, ehe er geht, Stück für Stück, ob er nun freundliche oder mürriſche Zu⸗ ſchauer um ſich ſieht. Das Ausbreiten der Waaren in einſamer, den Städten fernliegender Hütte, hat aber ſeinen dop⸗ pelten Nutzen; erſtlich ſehen die Bewohner derſelben ſo viele Sachen, welche ſie gut gebrauchen können, ja deren ſie wohl gar nothwendig bedürfen, vor ſich und werden dadurch an manche Kleinigkeit er⸗ innert, die ſie ſonſt vergeſſen hätten; und dann gewinnt auch die Waare ſelbſt, in der unſcheinbaren niedern Hütte, auf dem rohen Holztiſch, in der ganzen haus⸗ backenen Umgebung zur Schau geſtellt, ein ganz anderes Anſehen. Wie verführeriſch glänzen die ſchildpattähnlich gemalten Hornkämme von dem ſchlauen Krämer gegen den dunkeln Scheitel des neben ihm ſtehenden erröthenden Mägdeleins ge⸗ halten; wie feenhaft zauberiſch glitzern die mächtig großen Vorſtecknadeln und Ohrgehänge auf den ſau⸗ ber gebürſteten, ſchwarzen ſammtmancheſternen Kiſſen und die goldenen Ringe mit den Brillanten und Rubinen auf der ſchwarzen Rolle aufgereiht wie Bretzeln am Fenſter eines Bäckerladens; welche kaum geahnte Pracht eröffnet ſich nicht in den jetzt auf⸗ geſchlagenen Stücken Kattun, deſſen wunderliche Muſter, mit den blitzähnlichen Zickzacks und unzäh⸗ ligen Monden und Sternen ſelbſt der ältern Far⸗ Gerſtäcker Wald⸗ und Strombilder. 25 386 mersfrau ein lautes„Ach“ der Bewunderung ent⸗ locken; und dann erſt gar die ſeidenen Halstücher und Bänder, die Perlmutterknöpfe und Haarnadeln mit den kleinen farbigen Glaskugeln oben drauf, die Haarſchleifen und Armbänder, die Ketten und feuer⸗ ſtrahlenden Ohrringe, das alles muß in einem ſol⸗ chen Blockhaus, mitten im Walde geſehen werden, um ganz den, wenigſtens für den Verkäufer wün⸗ ſchenswerthen und günſtigen Eindruck hervorzu⸗ bringen. Der Pedlar läßt ſeine Waaren gewöhnlich nur für baar Geld aus den Händen; kennt er aber ſeine Leute oder ſieht er an der ganzen Umgebung, daß er gerade nicht viel zu fürchten hat, ſo creditirt er wenigſtens einen Theil derſelben, was ihm zu gleicher Zeit Entſchuldigung für einen zweiten Be⸗ ſuch gewährt. Ein anderes iſt es mit den„Jewelry pedlars“ oder denen, die nur goldene Schmuckwaa⸗ ren, einige Taſchenuhren und ſilberne Löffel führen. Dieſe geben nie Credit, weil ſie aus ſehr vernünf⸗ tigen Gründen nie ein und denſelben Ort zweimal beſuchen: ſie trauen dem Frieden nicht recht und ſind ſelten geneigt, dem Mann wieder unter die Augen zu treten, dem ſie früher von ihren Waaren verkauft haben. Der größte Betrug wird in dieſer Hinſicht mit den Argentan⸗Löffeln getrieben, die in den Städten 387 unter dem Namen german silver oder deutſches Silber bekannt ſind und wo, beſonders in Ohio, den leichtgläubigen Farmern unter dem Vorwande, daß deutſches Silber nur eine andere Art, aber ſonſt eben ſo gut ſei, das Dutzend Eßlöffel zu 18 und 20 Dollars verkauft wurde. Hätten die Geſetze in dieſen Fällen wirklich einſchreiten wollen, ſo würden ſie nichts haben ausrichten können, denn die Waare war unter dem rechten Namen,„deutſches Silber,“ wenn auch zu einem übermäßigen Preiſe, verkauft, die Landleute ſelbſt aber, welche mit der Zeit, obgleich erſt durch Schaden, klug wurden, ſchwuren nachher freilich dem Pedlar, ſobald er ſich wieder blicken laſ⸗ ſen würde, furchtbare Strafe zu. Dieſer jedoch trieb dann ſchon in einem anderen Staat, entweder weiter weſtlich oder ſüdlich,— wer konnte ſagen wohin er gezogen,— ſein Weſen, und nur wenige Jahre be⸗ durfte es, ſo hatte ſich der arme Packträger ein Pferd oder gar einen kleinen Wagen angeſchafft, auf dem er jetzt ſeine Waaren, in bedeutend größerer und beſſerer Auswahl, durch das Land fuhr. Louiſiana beſonders wimmelt von dieſen Leu⸗ ten und es kommt dort vor, daß mehrere derſelben zuſammenlegen und ſich ein Pferd gemeinſchaftlich kaufen, um ihre Waarenballen fortzuſchaffen; das arme Thier iſt aber dann wahrlich zu bedauern, denn erſtens muß es die ſicherlich übermäßige Laſt, 25* 388 und gewöhnlich auch noch abwechſelnd einen der hoffnungsvollen Jünger Mercurs ſchleppen, und nicht ſelten geſchieht es dann, daß ſolch ein gequältes Ge⸗ ſchöpf zuſammenbricht und nicht weiter kann. In Louiſiana beſteht der Haupnutzen des Ped⸗ lars in dem Verkehr mit den Negern und beſonders den Negerinnen, welche, da ſie die Plantagen nicht verlaſſen dürfen, für alles das, was ſie gebrauchen, einzig und allein auf dieſe wandernden Krämer an⸗ gewieſen ſind. Den jungen Mulattinnen und Me⸗ ſtizen fehlt es dabei nicht an Geld, beſonders wenn ſie ſchön ſind, und ſie wiſſen den Minneſold na⸗ türlich auf keine andere Art zu verwenden, als daß ſie Putz und Kleider dafür einkaufen, die ihnen von den geſchäftigen Deutſchen in reicher Auswahl zu⸗ geführt werden. Grellrothe Tücher, Glasperlen, auffallend bunte Kattune und alle Arten von Schmuck finden hier einen ausgezeichneten Markt, und der Nutzen an dieſen Gegenſtänden, die ſpottbillig auf den Auctionen in New⸗Orleans eingekauft werden, iſt bedeutend. Am meiſten verdienen dieſe Leute aber mit dem verbotenen Handel, wie das faſt ſtets der Fall iſt. Den Negern dürfen ſie nämlich keinen Whiskey verkaufen, wie überhaupt kein Kaufmann in den Sklavenſtaaten; und die Strafen, welche für Ueber⸗ —— — 3 389 tretung dieſes Geſetzes beſtimmt ſind, werden ſehr ſtreng beobachtet; der Krämer weiß aber der Gefahr entdeckt zu werden, ſehr gut zu entgehen; Verrath iſt von den Negern ſelbſt nicht zu befürchten und eine mittlere, doppelte Wand im Wagen birgt den geheimen Schatz, aus dem ſie heimlich die Flaſchen der durſtigen Sklaven füllen. Viel bedeutendere Geſchäfte machen übrigens in dieſem Artikel die großen Flat⸗ und Kielboote, welche für den heimlich ausgeſchenkten Whiskey, wenn ſie einmal eine kurze Zeit am Ufer anlegen, Landes⸗ producte annehmen, als Hühner, Ferkel, Truthühner, Mais und was die Sklaven ſonſt ſelber ziehen oder in der Geſchwindigkeit ſtehlen können, welche Gegen⸗ ſtände der wandernde Krämer freilich nicht im Han⸗ del annehmen kann, da er keinen Ort hat, an dem es möglich wäre, dieſe Sachen zu verbergen, auch bliebe ihm, im Fall es entdeckt würde, kein Weg zur Flucht offen, während die Bootsleute weiter nichts zu thun haben, als ihr Tau loszubinden, wo ſie in wenigen Stunden mit dem Strome hinabtreibend unter der Maſſe ähnlicher Fahrzeuge verſchwinden und vielleicht zehn Meilen weit unten denſelben Han⸗ del auf's neue beginnen. Wunderbar iſt es übrigens in der That, wie dieſe Pedlars, beſonders in einigen Staaten noch, ihren Lebensunterhalt verdienen können, denn z. B. 390 — Louiſiana, Ohio, Pennſylvanien und ſelbſt Kentucky ſind mit ihnen ordentlich überſchwemmt; die Ame⸗ rikaner kennen ſie aber ſchon, wiſſen, daß es wirklich poſitive Unmöglichkeit iſt, einen derſelben loszuwerden, ohne ihm eine Kleinigkeit abzukaufen und fügen ſich dann auch meiſtens mit vieler Ruhe in das doch ein⸗ mal unvermeidliche Schickſal. Hat ſich der Pedlar nun endlich nach langen, mühſam und auf der Landſtraße durchlebten Jahren etwas erſpart, ſo giebt er das wandernde Leben auf und wird„Storekeeper,“ d. h. er miethet ſich ir⸗ gendwo an der Dampfboot⸗Landung eines kleinen Städtchens oder einer Stadt, und iſt das nicht mög⸗ lich, im Innern des Ortes ſelbſt einen Laden, und beginnt ein Geſchäft mit fertigen Kleidungsſtücken, incluſive Hüten, Mützen, Schuhen und Stiefeln, Meſſern, Piſtolen, goldenen Ringen und Vorſteck⸗ nadeln. Die ſämmtlichen Kleiderläden der Ver⸗ einigten Staaten(es beſtehen deren Tauſende) ge⸗ hören auf dieſe Art, mit nur ſehr wenig Ausnahmen, deutſchen Iſraeliten, von denen viele in kurzen Jahren ein recht anſtändiges Vermögen zuſammen⸗ geſcharrt haben, und ſämmtliche Städte eben dieſer Staaten, die an einem Fluß oder ſonſtigen Waſſer⸗ cours liegen, ſind auf dieſe Art im wahren Sinne des Wortes mit wehenden und flatternden Kleidungs⸗ ſtücken garnirt, zwiſchen denen unter jeder Thür ein 391 mit vieler Aufmerkſamkeit friſirter, ſehr elegant ge⸗ kleideter, und die rothen Finger mit Ringen, die ſcheinende Weſte mit Ketten und Vorſtecknadeln über⸗ ladener junger Mann ſteht und die Vorübergehenden fortwährend mit lauter Stimme einladet, ſein„wohl⸗ aſſortirtes Lager“ ꝛc. ꝛc. in Augenſchein zu nehmen; ja oft ſogar mit wahrer Todesverachtung beſonders ärmlich Gekleidete gewaltſam in das Heiligthum ſeines Verkaufslocals hineinzerrt, wo er im düſtern Schatten einer Unzahl flatternder Beinkleider das unglückliche Opfer förmlich zu irgend einem Handel zwingt. Dieſe Kaufleute übrigens, die einſt wandernde Krämer geweſen, geben ihren ärmern, noch umher⸗ ſtreifenden Collegen ſelten oder nie Credit; ſie mögen wohl wiſſen, wie ſie es ſelbſt in früheren Zeiten ge⸗ trieben, und wie oft ein ſolcher nomadiſcher Händler, wenn er eine Zeitlang Kleinigkeiten im Vertrauen auf ſeine Redlichkeit erhalten und verkauft, auch ſtets richtig bezahlt hat, mit dem erſten größeren Waarenballen ſpurlos verſchwindet, und erſt wieder in einem andern Staat, wo möglich 5 bis 600 Meilen von dem erſten entfernt, auftaucht. Ihn durch die Geſetze zu verfolgen, iſt kaum möglich, der angeführte Kaufmann erfährt vielleicht auch den neuen Aufenthaltsort ſeines Schuldners erſt nach geraumer Zeit, wenn die Schuld ſelbſt ſchon lange verjährt iſt. 392 Ich war übrigens ſelbſt einſt Zeuge, wie mehrere Kleiderhändler in New⸗Orleans eine wenn auch ko⸗ miſche Art Lynchgeſetz in Anwendung brachten, um einen Pedlar zu beſtrafen, der fünfe von ihnen, die ſich ſpäter alle zufällig in New⸗Orleans zuſammen⸗ gefunden und feſtgeſetzt hatten, in verſchiedenen Städten der vereinigten Staaten um eine nicht un⸗ beträchtliche Summe in Waaren betrogen. Die Schuld war verjährt und in einer Verſammlung vor die er berufen, wurde ihm als Strafe von jeder Hand(es hatten ſich etwa 18 eingefunden, und ich war eigentlich nur ein zufälliger Zeuge) zwanzig Stockſchläge zuerkannt, denen er ſich auch im Gefühle ſeiner Schuld, geduldig unterwarf. Als aber der vierte, an dem er vorzüglich geſündigt, ſeinen größern Verluſt auch durch ſtärkere Schläge, als ſie der Delinquent wohl erwartet, wieder einzu⸗ bringen gedachte, lehnte ſich dieſer höchſt unvorher⸗ geſehenermaßen gegen die Gewalt auf, und faßte den Strafenden mit ſo ſchlauem Griff, daß dieſer erſchreckt aufſchrie, den Stock fallen ließ und froh war, dem kräftigen Schuldner wieder entriſſen zu werden. Das ſchreckte die andern ab, und der Ped⸗ lar ward in Gnaden, aber mit entſetzlichen Schimpf⸗ worten entlaſſen. Zwei Arten von Waaren giebt es übrigens, mit denen ſich die Deutſchen nie oder wenigſtens ſehr 393 ſelten befaſſen: es iſt dies der Verkauf von Wand⸗ oder Standuhren und Medicinen. Zum erſten Ge⸗ ſchäft ſind ſie nicht gewandt, zum zweiten nicht un⸗ verſchämt genug. Dieſen Handel haben alſo die Amerikaner faſt allein an ſich geriſſen, vorzüglich die Yankees, d. h. die Bewohner der nordöſtlichen Staaten, als Maine, New⸗Hampſhire, Connecticut, Vermont, Maſſachuſetts und Rhode⸗Island, deren „Clock pedlar“ oder Uhrenkrämer in der ganzen Welt berühmt ſind. Sam Slick hat einen tiefen Blick in ihre Ver⸗ hältniſſe thun laſſen und ich will ſie, da ſie doch einmal in dieſe Rubrik gehören, nur kurz erwähnen. Mit einem kleinen Wägelchen, vor das ein ziem⸗ lich gut ausſehendes, ſonſt aber gewöhnlich höchſt nichtsnutziges Pferd geſpannt iſt, zieht der Uhren⸗ händler oder Clockpedlar in die weite Welt, und zwar am liebſten in die weſtlichen und ſüd⸗weſtlichen Staaten hinein; ſein Zweck und Ziel iſt Uhren zu verkaufen und er verkauft ſie auch, mag er nun willige oder zähe Käufer finden. Leute, die früher nie auch nur an die Möglichkeit gedacht haben, je eine Summe, die für ſie ein Capital iſt, an die An⸗ ſchaffung eines ſo leicht entbehrlichen Gegenſtandes zu wenden, finden ſich plötzlich als Eigenthümer eines ſolchen Werkes, von dem es ihnen faſt wie 394 Zauberei und ſchwarze Kunſt erſcheint, wie ſie ei⸗ gentlich und ſo ganz gegen ihren poſitiv ausge⸗ ſprochenen Willen zum Beſitz deſſelben gelangt ſind. Da ſteht es aber jetzt, oben auf einem groben, un⸗ behobelten Bret zwiſchen dort aufgehangenen Hirſch⸗ und Waſchbärenfällen ſo ruhig und gemüthlich mit ſeinem ſtillen, ſelbſtzufriedenen Ticktack, als ſei es etwa 1500 Meilen von dort ganz beſonders zu dem Zweck angefertigt worden, in möglichſt kurzer Zeit hierher geſchafft zu werden, und durch die Augen einer holdſelig lächelnden Dame in wunderbar ſchim⸗ merndem, feuerfarbenem Kleid, die, auf der Klappe der Uhr befindlich, in der einen Hand eine außer⸗ gewöhnlich große Roſe, in der andern einen chineſiſchen Fächer hält, dem wirklich verblüfften Farmer ſeine volle Zufriedenheit mit deſſen trefflicher Wahl zu er⸗ kennen zu geben. Der Nankee, eine ſtets ſehr lange und ſehr ſorg⸗ fältig bis hoch hinauf an die Schläfe raſirte Ge⸗ ſtalt mit glatt geſtrichenen Haaren und grauen, leb⸗ haften Augen, etwas vorſtehenden Backenknochen und etwas ſchiefgezogenen Geſichtszügen, wovon je⸗ doch größtentheils ein in der linken Backe ruhendes entſetzliches Stück Kautaback die Schuld trägt, ver⸗ ſichert indeſſen den Farmer ſchon zum drittenmal, daß er ihn erſt binnen Jahresfriſt und vielleicht ſelbſt dann noch nicht wiederſehen ſolle, läßt ſich je⸗ nn 395 doch„um Lebens oder Sterbens willen“ einen klei⸗ nen Wechſel nach Sicht ſchreiben, ſetzt ſich am nächſten Morgen in ſein kleines, grün lackirtes Wä⸗ gelchen, nickt noch einmal einen freundlichen Gruß herüber und verſchwindet in den Biegungen der durch den dichten Wald führenden Straße. Er hält Wort— er ſelbſt kommt weder in Jahresfriſt noch jemals wieder in dieſelbe Gegend, aber nach zwei Monaten erſcheint ſein„Partner“ oder Compagnon, präſentirt den Wechſel und dringt auf die Bezahlung. Von jähriger Friſt weiß er nichts, ſein College„hat ihm nichts davon geſagt,“ der Wechſel lautet auf augenblickliche Bezahlung und muß, wenn er unter 50 Dollar iſt, dem Vorzeiger bezahlt werden. Der arme Backwoodsman weiß das und ſchafft ſeufzend Rath, der Pedlar aber, oder Einkaſſirer vielmehr, zieht heimlich lachend von dannen. Die Hinterwäldler ſind ſonſt ſo ſchlau und ge⸗ wandt, im Geſchäft ſowohl wie im wirklichen Leben; in den Händen eines Nankees aber iſt es ordentlich, als ob ſie ihre bisherige That⸗ und Denkkraft ver⸗ lieren; ſie erkennen ſeine geiſtige Ueberlegenheit an und geben ſich rettungslos verloren. Kehrt der Händler in ſeine eigene Heimath zurück, ſo hat er auch ſtets ein ausgezeichnet gutes Pferd vor dem Wagen, denn das vortheilhafte Vertauſchen deſſelben gehörte mit zu ſeinem Geſchäft. 396 Nur ein Beiſpiel weiß ich, wo ein Yankee und noch dazu einer der pfiffigſten, von einem Backwoods⸗ man mit ſeinen eigenen Waffen geſchlagen wurde und ſehr betrübt abziehen mußte. Es war in Arkanſas, und Jackſon, ein Anſiedler, der erſt kürzlich von Teneſſee herübergekommen, ſein letztes baares Geld für 40 Acker Land, zwei Milchkühe und ein Pferd, da ihm das alte krank geworden und geſtürzt war, ausgegeben hatte, ſaß Abends in der ärmlichen Blockhütte beim frugalen Nachtmahl von Speck, Mais⸗ brod und Milch, als das kleine Fuhrwerk eines ſol⸗ chen Clockpedlars vor ſeiner Thür hielt, Freundlich lud er den Krämer ein, bei ihm die Nacht und mit ſeinem Mahl vorlieb zu nehmen, und dieſer ließ ſich auch nicht lange bitten, beſorgte ſein Pferd ſelbſt, trug, wobei ihm Jackſon half, die Uhren unter Dach und Fach und begann hier nun auf den Verkauf einer derſelben hinzuarbeiten; Jack⸗ ſon war aber„an old hand,“ wie ſie in Amerika ſagen, und durchſchaute nicht allein ſeinen Plan, ſondern hatte ihn ſchon von dem erſten Anblick an vorausgeſehen, ſagte daher dem Pedlar ganz freund⸗ lich, er ſei zu arm eine Uhr zu kaufen, denn wenn er ſie wirklich kaufen wolle, könne er ſie nicht be⸗ zahlen. Dies war übrigens eine zu alltägliche Aus⸗ flucht, als daß ſich der Yankee dadurch hätte ſollen 4 397 abſchrecken laſſen; im Gegentheil gab ihm das ruhige Betragen des Mannes die beſten Hoffnungen zu einem guten Geſchäft, und nicht eher ruhte er, bis ſämmt⸗ liche Uhren in Reih und Glied vor dem ſtill vor ſich hin lächelnden Backwoodsman aufmarſchirt ſtan⸗ den, und jetzt handelte es ſich nach des Krämers Meinung nicht mehr darum, ob er eines der herr⸗ lichen Kunſtwerke, ſondern nur welches er kaufen ſolle. Vergebens erwähnte der Arkanſaner, daß er arm ſei und keine Uhr kaufen könne, der Pedlar ließ nicht locker, und jener richtete ſich endlich entſchloſſen auf und ſagte? „Gut— ich nehme eine— Ihr bekommt aber kein Geld.“ „Im erſten Jahr nicht,“ lächelte der Krämer, „habt die Uhr nur einmal ein Jahr, Ihr laßt ſie nicht wieder fort.“ „So will ich dieſe wählen— was iſt der Preis?“ „Achtundvierzig Dollar.“(Er wußte recht gut, daß er bei einer Klage auf mehr als 50 Dollar Jahre lang hinausgehalten werden konnte.) Jackſons Frau ſah ängſtlich zu ihm empor, er winkte ihr aber lächelnd zu, ruhig zu ſein, und ließ es, behaglich auf ein Bärenfell ausgeſtreckt, geſche⸗ hen, daß der Fremde die aufgedrungene Uhr über 398 dem Kamin auf einem durch hölzerne Pflöcke gehal⸗ tenen Bret befeſtigte und aufzog. „Ihr bekommt aber kein Geld dafür,“ ſagte er dem Nankee. „Ich weiß es wohl,“ erwiederte dieſer,„aber doch Euern Wechſel, Ihr wißt wohl, das iſt ſo Sitte.“ „Gut, dagegen habe ich nichts, den ſollt Ihr haben,“ ſagte der Farmer, und unterſchrieb das ſchnell ansgeſtellte Papier. Der Pedlar zog am nächſten Morgen weiter, aber ehe ſein Collecteur mit dem fälligen, natürlich nach Sicht ausgeſtellten Wechſel erſcheinen konnte, hatte Jackſon die Uhr auf ſein Pferd genommen, nach der nächſten Stadt gebracht und dort verkauft. Der Compagnon des Nankees kam endlich nach drei Monaten, und erſtaunte zwar, keine Uhr in der Hütte des Farmers zu finden, äußerte jedoch hier⸗ über nichts, ſondern präſentirte nur ſeinen Wechſel. Der Farmer bedeutete ihn aber ſehr kaltblütig, daß er dem Uhrenhändler aufrichtig geſagt habe, er be⸗ käme nie ſein Geld und das wäre in der That wahr, denn er ſei nicht allein nicht geſonnen, ſondern auch nicht im Stande, die 48 Dollars jetzt oder jemals zu bezahlen; er hätte die Uhr nehmen müſſen, um den Krämer nur loszuwerden, und der Collecteur 399 möge ihn jetzt, wenn er ſonſt glaubte, etwas dabei verdienen zu können, verklagen. Als dieſer endlich wirklich ſah, der Farmer ſei feſt entſchloſſen, ſein Wort zu halten, ſo ging er zum nächſten Friedensrichter und klagte; der gute Mann war jedoch zum erſtenmal in Arkanſas— er hatte gut klagen, das Erlangen ſeiner Schuld ſtand aber auf einem anderen Blatt, denn der Farmer war— nicht zahlungsfähig. Vergebens warf der Yankee ein, daß er eine Menge Hausgeräth, eine Büchſe, ein Pferd und zwei Kühe habe, es half ihm nichts; in Arkanſas kann einem Farmer weder die Büchſe noch Handwerkszeug, weder zwei Kühe noch zwei Pferde, noch alles nöthige Hausgeräth als Pfand weggenommen werden, denn es giebt ein gewiſſes Eigenthum, welches er beſitzen muß, ehe das Geſetz ein Recht auf das übrige erhält, und da er das, was ihm der Staat als unantaſtbar zugeſtand, noch nicht einmal alles beſaß, denn er hatte uur ein Pferd und kaum die Hälfte des ihm verſtatte⸗ ten Hausgeräthes, ſo war natürlich an eine gewaltſame Bezahlung gar nicht zu denken. Als dies dem Yankee endlich in all ſeiner entſetzlichen Wahrheit einleuchtete, verſuchte er die Uhr zurückzuerhalten, aber auch das war zu ſpät, und ſeit jener Zeit iſt Jackſon nie wie⸗ der eine Uhr zum Verkauf angeboten worden. Ein anderer Handelszweig und keineswegs der 400 unbedeutendſte, mit dem die Nankees faſt gänzlich Monopol treiben, iſt der Medicin⸗Handel. Ein alter Yankee, der ſeine Söhne in die Welt ſchickt, damit ſie Erfahrungen— die wichtigſte Schule im menſchlichen Leben— ſammeln, und einmal von den Zwiebelbeeten erlöſt werden, an die ſie bis zu ihrem einundzwanzigſten Jahr gefeſſelt geweſen, ſtellt ihnen die Wahl frei, ob ſie Clockpedlar oder— Doctor werden wollen, und wählen ſie das letztere, ſo be⸗ darf es noch nicht einmal ſo vieler Warnungen und Ermahnungen, als bei dem erſten Geſchäft, um den jungen Mediciner mit der Wirkung ſeiner Heilkräfte, die er in einem kleinen Felleiſen bei ſich führt, be⸗ kannt zu machen. Die Mittel, deren er ſich bedient, ſind ſehr ein⸗ fach. Calomel iſt die Hauptcur, und macht, nebſt irgend einer großnamigen Patentmedicin, den Mittel⸗ punkt, um den ſich alles übrige dreht; ſonſt gebraucht er noch etwas Opium(aufgelöſt), Ricinusöl, Glau⸗ berſalz, etwas Ipecacuanha, Chinarinde und Brech⸗ weinſtein, und er hat alles, was er zu einer ausge⸗ breiteten Praxis bedarf. Schon fünf Meilen von ſeinem Heimathsort, wo er dem erſten fremden Menſchen begegnet, erhält er den Namen„Doctor,“ und die können von Glück ſagen, die noch mit Salz oder andern unſchädlichen Medicinen abgefertigt werden, denn wo der junge Doctor Geld 401 wittert, da müſſen die Leute von ſeiner Patent⸗Me⸗ diein kaufen, und Gnade ihnen Gott, wenn ſie das rothe, zuſammengeknetete Zeug verſchlucken. Sind ſie vollkommen geſund, ſo kommen ſie vielleicht mit einer heilbaren Kolik oder einigen gelinden Krämpfen und einem ſchwachen Anfall von Apoplexie davon; ſind ſie aber ohnedies kränklich, dann iſt ihnen ſelten mehr zu helfen, und ſie vermehren die Zahl der Schlachtopfer, die jährlich dem ſo ſcheußlichen Götzen„Quackſalberei“ geopfert werden. Manchmal betreiben auch dieſe wandernden Krämer oder„Doctoren,“ wie ſie ſich am liebſten genannt hören, ihr Geſchäft humoriſtiſch, im Fall ſie entweder zu gewiſſenhaft ſind, den Farmern ihre Latwergen aufzudringen oder darin eine leichtere und ſchnellere Art ſehen, Geld zu verdienen; ſo durchzogen z. B. im Jahre 1843 zwei Nankees die nördlichen oder nord⸗ weſtlichen Staaten mit ſolchem Glück, daß ſie in we⸗ nigen Monaten eine bedeutende Summe Geldes er⸗ übrigt hatten. Ihr Plan, oder vielmehr ihre Liſt, war die folgende geweſen. Der Eine von ihnen, ohne Waaren oder Gepäck, mit nur einer gewöhnlichen amerikaniſchen Satteltaſche von ſeinem kleinen, feurigen Pferde getragen, war der erſte auf der unter ihnen ausgemachten Marſchroute, und hielt bei jedem Haus, das auf ſeinem Wege lag, an, ſtieg ab, ſchüttelte den Bewohnern deſſelben ſehr Gerſtäcker, Wald⸗ und Strombilder. 26 402 freundlich und lang die Hand, ging an den Waſſer⸗ eimer und trank aus dem langſtieligen Flaſchenkürbis, der neben demſelben an einem Haken aufgehangen war, unterhielt ſich dann noch eine Weile mit den Leuten, ſprach über dies und jenes, ſchüttelte ihnen noch einmal zum Abſchied die Hand, kehrte wieder um und entdeckte nun irgend einem der Männer, den er bei Seite nahm und um Verſchweigen des ihm Anvertrauten bat, daß er— an einer ſehr bösartigen Hautkrankheit leide und frug ihn, ob er nicht irgend eine dieſer abhelfenden Salbe habe. Er hielt dabei die Hand des Farmers feſt in der ſeinen und ſah ihm bittend in's Auge, bis dieſer plötzlich den Sinn der Worte begriff und ſchnell zurücktrat. Gewöhnlich wurde er hierauf ſchnell und mit einigen kurzen, nicht beſonders freundlichen Worten abgefertigt; das that aber nichts, er hatte ſeinen Zweck erreicht, ſchwang ſich in den Sattel und trabte, wehmüthig zurück⸗ grüßend, langſam der nächſten Anſiedlung zu, um hier ſeine Liſt zu wiederholen. Die Farmerfamilie blieb aber in größter Aufregung zurück— was mußten hiervon die Folgen ſein? Der Mann mit der ekelhaften Krankheit hatte allen und höchſt warm und freundſchaftlich die Hand gedrückt, hatte aus demſelben Trinkgeſchirr mit ihnen getrunken und es war jetzt faſt unvermeidlich, daß ſie angeſteckt werden mußten. Da nähert ſich auf hohem, ſtark⸗ 403 knochigem Roß ein Fremder, hält und ſteigt ab; die Familie iſt noch ſo beſtürzt, daß ſie kaum ſeiner achtet, er nimmt aber ohne weiteres das kleine Felleiſen, wel⸗ ches er hinter ſich am Sattel trägt, geht in's Haus und fragt, ob niemand etwas von ſeinen Medicinen bedürfe. Medicin? das war ein Wink des Himmels— der Mann kam wie von Gott geſandt, und welch ein Glück, daß er auch eine ſolche gerade für dieſe Art Haut⸗ krankheiten nützliche Salbe bei ſich führte. Es iſt ſeiner Ausſage nach das letzte, und wenn auch etwas viel für die eine Familie, ſo kann man ja doch nicht wiſſen, ob die Krankheit nicht wirklich zum Ausbruch kommt und wie ſie ſich zeigen wird, gut oder bösartig. Aus iſt der Preis gerade für dieſen Artikel ſehr hoch, aber was ſchadet das, beugt man denn nicht damit dem Unangenehmſten vor? Der ſchlaue Krämer hat aber in der That ſeinen Mantelſack nur mit dieſer Arznei gefüllt, welcher blos oben darauf zum Schein noch einige andere beigefügt ſind; er ſtreicht daher fröhlich das Geld ein und folgt ſchnell dem Compagnon, der indeſſen auf ſeiner Schrecken verbreitenden Bahn weiter gegangen iſt und neue Opfer geſammelt hat. Da ſie ihren Weg natürlich immer weiter und ſtets durch fremde Gegenden fortſetzten, ſo war auch eine Entdeckung gar nicht zu befürchten, und nie haben wohl zwei Nankees in ſo kurzer Zeit ſolche brillante Geſchäfte gemacht, als dieſe beiden wandernden Werhäeiukrüner, 404 Zu dieſer Menſchenclaſſe gehören auch noch ei⸗ gentlich ſtreng genommen die unzähligen Kiel⸗ und Flatboote, welche mit den größeren Strömen hinab⸗ treiben; nur eine gewiſſe Art derſelben legt aber an den einzelnen Farmen und Plantagen an, die Mehr⸗ zahl ſchwimmt dem großen Markt des Südens, dem gewaltigen New⸗Orleans zu. Dieſe Krämerboote zeichnen ſich vor den ernſteren Kameraden durch eine kleine Stange und einen flatternden Wimpel aus; ſie landen an jeder größeren Anſiedlung und führen theils Producte des Nordens, theils Ausſchnitt⸗ oder Blechwaaren, ja manchmal ſogar Schaubuden und Theater mit ſich. Iſt an dem einen Ort ihr Ge⸗ ſchäft beendet, ſo löſen ſie das Tau und treiben weiter hinunter zum nächſten Platz, wobei ſie, wie ſchon oben erwähnt, beſonders in den ſüdlichen Staaten vorzüglich gute Geſchäfte machen, indem ſie heimlich an die Negerſklaven Whiskey ausſchenken und dafür von dieſen Feldfrüchte und ſelbſtgezogenes noder geſtohlenes Vieh eintauſchen. Der amerikaniſche Urwald. Der deutſche Jäger, der Abends ſeine Jagdge⸗ räthſchaften für den nächſten Tag in der freundlich⸗ gemüthlichen Stube zurechtlegt, Pulverhorn wie Korbflaſche füllt und nun mit Tagesgrauen nichts weiter zu thun hat, als den Hund zu füttern und 5 für ſich ſelbſt ein Paar Butterbröde zu ſchneiden, wenn nicht auch das die Frau ſchon beſorgte; der dann ſein Schießzeug umhängt und mit dem klugen Ponto durch offene Felder ſucht, oder durch lichte Waldung pürſcht, Nachts aber wieder ruhig in ſei⸗ nem warmen, weichen Bette liegt: der weiß freilich nicht, wie es einem armen Streifſchützen zu Muthe iſt, der, weit von jeder menſchlichen Wohnung ent⸗ fernt, in Regen und Sturm, vielleicht in Schnee A —————— 406 und Eis draußen im Walde campirt, und hungert und friert.. Das Leben in den amerikaniſchen Urwäldern hat aber ſtets einen geheimnißvollen Reiz für den Euro⸗ päer gehabt; ſchon der Name klingt romantiſch, man denkt dabei an die gewaltigen, rieſigen Bäume, an das ſchaurige Rauſchen der mächtigen Wipfel, an die Schlingpflanzen und an den wilden Wein, der in ſchweren, dunklen Trauben von den Aeſten herniederhängt, an das Wild, das leiſen, bedächtigen Schrittes hindurchzieht, an den finſtern Bären, den ſtattlichen Hirſch, die zahlreichen Völker wilder Trut⸗ hühner, vielleicht gar an einen in den Zweigen lauernden Panther; ja das iſt Alles ſehr ſchön und gut— exiſtirt auch wirklich, nur iſt es ſchlimm, daß die Sache, ſo recht in der Nähe, aus der Mitte heraus, betrachtet, ſehr, ſehr viel an Reiz und ro⸗ mantiſchem Zauber verliert.— Es iſt damit gerade ſo, wie mit einer weidenden Heerde. Weelch einen lieblichen Anblick gewährt es, wenn man, auf einem Hügel gelagert, in der Ferne, auf grüner blumiger Wieſe eine Heerde weiden ſieht, wo die einzelnen buntſcheckigen Kühe nach dem duftigen Futter umherſuchen, wo der Hirt, deſſen Hund ihn ſpielend umſpringt, an ſeinem Hirtenſtabe lehnt; wenn man das melodiſche Läuten der Glocken, das weiche Blöken des Viehes ſelbſt, das freundliche 1 —— —= — 407 Klaffen des Hundes hört— ein unendlicher Zauber liegt über dem anmuthigen Bilde;— ſteigt man aber von dem Hügel herunter und kommt in die Nähe, ſo wird aus der blumigen Wieſe ein mit ganz anderen Gegenſtänden als Blumen bedecktes Brachfeld, die Glocken klingen nicht rein, die eine beſonders, die einen Sprung hat, und die man in der Ferne nicht hören konnte, vernichtet den ganzen günſtigen Eindruck. Der Hund läuft Einem ſchon von weitem entgegen und weiſt knurrend die Zähne — und kommt man nun gar noch näher— riecht erſt die Heerde— und den Hirten— ja dann iſt’s mit dem idylliſchen Weſen vorbei— der Zauber ſchwindet und wir haben eine Heerde Rindvieh, mit Jürges Gottlieb, der daneben ſteht und an einem außergewöhnlich ſchmutzigen Strumpfe ſtrickt. Nun iſt es freilich nicht ganz ſo arg mit dem Urwald; das einzelne Schöne, aus dem er beſteht, bleibt immer, ja gewinnt ſogar noch in der Nähe an Großartigkeit, wenn man es nämlich blos an⸗ zuſehen brauchte; muß ſich aber der Jäger durch die Schlingpflanzen mit Meſſer und Tomahawk Bahn brechen, dann findet er zu ſeinem Schrecken, daß jene maleriſchen Geflechte voll Dornen und giftiger Blät⸗ ter ſind, die, wenn ihr Saft die Haut berührt, Blaſen ziehen und das Fleiſch entzünden; der mit Blumen und Kräutern bedeckte Boden giebt nach, X ———— 408 und zäher Schlamm umſchließt Fuß und Kröchel, umgeſtürzte Rieſenſtämme verſperren den Weg und ſie zu umgehen, iſt unmöglich, denn in ihrem Sturz haben ſie alles Danebenſtehende mit niedergeriſſen und undurchſichtige Brombeerhecken ſind aus den Wurzellöchern aufgewachſen;— Schaaren von Mos⸗ quitos ſtürmen auf den Geplagten ein, zahlloſe Holz⸗ böcke peinigen ihn auf eine faſt unerträgliche Art, und iſt er im flachen Lande—(denn nur dort fin⸗ det er den Urwald noch in ſeiner ganzen Majeſtät, da in den Hügeln das dürre, trockene Laub zu oft angezündet wird, was die jungen Bäume tödtet und die älteren im Wachsthum hindert), ſo darf er den Blick kaum zu den herrlichen Stämmen aufheben, weil er fortwährend fürchten muß, auf eine der zahl⸗ reichen Schlangen zu treten, die überall dort, wo die Sonne durch's dichte Laubdach bricht, zuſammen⸗ gerollt liegen und dem Unvorſichtigen leicht gefährlich werden können. Im Winter fallen nun allerdings eine Menge dieſer Uebelſtände weg, die giftigen Schlingpflanzen ſind unſchädlich, die Inſekten fort, die Schlangen liegen in Erdlöchern und hohlen Bäumen;— das iſt etwas;— damit aber der deutſche Jäger einen Begriff davon bekommt, wie ein amerikaniſcher Ur⸗ wald im Winter beſchaffen iſt, ſo will ich hier ein Paar Tage, freilich nicht die angenehmſten, aus 4 409 meinem Jagdleben, aus den Niederungen von Ar⸗ kanſas, beſchreiben. Im Januar 1840 hatte ich den Theil dieſes Staates wieder aufgeſucht, der öſtlich vom Miſſiſ⸗ ſippi und weſtlich vom Whiteriver, zwiſchen dieſen beiden Strömen einen wohl hundert engliſche Mei⸗ len breiten und viele hundert langen Landſtrich ein⸗ ſchließt und von zahlreichen anderen, aber kleineren Flüſſen durchſchnitten wird. Wild gab es in den 4 mächtigen Wäldern genug, das entſetzlich ungeſunde Klima aber hatte mich im Sommer aus den Süm⸗ 8 pfen getrieben, wo ich das kalte Fieber nicht los ¹ wurde, jetzt jedoch, bei Froſt und Schnee, war das nicht mehr, wenigſtens nicht anhaltend, zu befürch⸗ ten, und ich beſchloß, wo möglich eine Büffeljagd auf meine eigne Hand anzuſtellen, denn dort iſt der einzige Platz in den vereinigten Staaten, wo ſich noch 1 Büffel aufhalten. Nun waren die Ausſichten zur Jagd freilich nicht die lockendſten, denn ich bekam die letzten Tage des Januar gar Nichts zu ſchießen und mußte halb verhungert, als ich endlich nach einer glücklichen 4 Schneenacht einen Hirſch erlegte, den mich von meiner Beute trennenden, ſchmalen Fluß durchſchwim⸗ ——————— 410 men um dieſe zu erreichen, wo ich dann ein paar Tage krank oder wenigſtens unwohl im Schnee liegen blieb; das iſt aber immer noch nicht das Schlimmſte aus jener Zeit, ich hatte wenigſtens ein gutes Feuer, eine wollene Decke und Hirſchwildpret — was will ein Jäger mehr? Am 2. Februar endlich brach ich auf, warf meine Decke zuſammengerollt, über den Rücken, und ſchritt ſüdlich in den mächtigen Wald hinein, oder beſſer geſagt, darin fort, denn ich war ſchon recht eigentlich im ſtrengſten Sinne des Worts darin. Bald kreuzte ich mehrere Hirſchfährten; das war aber das Wild nicht, dem ich zu begegnen wünſchte, und ich verfolgte meinen Weg. Der Wald war in dieſer Gegend wahrhaft groß⸗ artig, die gewaltigen Rieſenſtämme, größtentheils ſechzig bis achtzig Fuß vom Boden gerade empor⸗ ſteigend, ehe ſie auszweigten, boten mit den ſchnee⸗ bedeckten Wipfeln einen wundervollen Anblick. Es hatte zu ſchneien aufgehört, und eine heilige Stille herrſchte rings umher, die nur dann und wann durch das Herunterbrechen irgend eines zu ſchwer mit Schnee beladenen Aſtes, oder das heiſere Kräch⸗ zen eines Raben unterbrochen wurde. Es ließ ſich auch ſehr gut marſchiren; lange ſchmale Streifen hohen Landes liefen zwiſchen den zahlreichen Bächen und dem überſchwemmten Boden der Niederung hin, 411 und auf dieſem ſtanden die meiſten Schlingpflanzen und Dornen; da es aber jetzt ſtark gefroren und geſchneit hatte, ſo hielt ich mich fortwährend auf dem Eis und wanderte ſo leicht und ungehindert wie auf einer geebneten Landſtraße darauf fort, denn der Schnee hinderte mich wenig, da ich damals noch meine alten, deutſchen Waſſerſtiefeln trug. Mehre Male kreuzte ich auch die Spur von Wölfen, ſah mich jedoch nicht einmal darnach um, denn ich würde keinen Wolf geſchoſſen haben, ſelbſt wenn er mich darum gebeten hätte, weil ich Pulver und Blei mehr zuſammen halten mußte. In einer Gegend, wo man ſeine Ammunition nicht wieder erſetzen kann, geht man gewiß haushälteriſch damit um; ich verließ mich daher auch auf meine Stücken Hirſchwildpret und zog an ein paar Völker Truthühner ruhig vorüber, wobei dieſe ebenfalls ſehr wenig Notiz von mir zu nehmen ſchienen. Nach einigen Stunden vorſichtigen Pürſchens jedoch, wobei ich immer noch nicht die ſtille Hoffnung aufgab, einem alten Bären zu begegnen, der ſeine Winterwohnung einmal verlaſſen haben konnte, ob⸗ gleich dazu eigentlich wenig Hoffnung war, erreichte ich plötzlich einen Platz, wo in der vorigen Nacht etwa zwanzig Büffel gelagert haben mußten. Die Betten waren vom Schnee entblößt, die Zweige der Büſche ringsumher abgenagt und die Fährten ſahen 412 4 noch ſo friſch aus, als ob ſie eben erſt der weißen Schneedecke eingepreßt worden wären. Das war Alles, was ich wollte— Büffel— und welche Fährten fand ich? ein alter Bull beſon⸗ ders mußte ein unmenſchlich ſtarker Burſche ſein. Natürlich hoffte ich die Heerde, die, meiner Anſicht nach, nicht weit konnte gewandert ſein, in kurzer Zeit beim Aeſen zu erwiſchen, und ſchnell, aber ſo ge⸗ räuſchlos als möglich, folgte ich den breit ausgetre⸗ tenen Fährten eine Strecke am Fluß hinunter, und dann wieder, weſtlich von dieſem ab, als ob ſie nach ihrem gewöhnlichen Sammelplatz, den„Cash-“ Sümpfen, hinüber gewollt hätten; auf einmal aber änderte ſich ihre ganze Richtung und ſie waren wieder nordweſtlich hinaufgerannt und zwar diesmal, wie es ſchien, in wilder Eile. Erſt konnte ich mir dieſes ſchnelle Wenden nicht erklären, fand aber bald die Auflöſung in einer Maſſe Wolfsfährten, die wahrſcheinlich die Heerde, in der Hoffnung, ein Junges zu fangen, angefallen und zerſtreut hatten, obgleich ſich der Büffel ſonſt nicht beſonders vor dem Wolf fürchtet. Jetzt ging auch für mich ein viel beſchwerlicherer Marſch an, denn da ſich die ſchweren Thiere vereinzelt hatten, mußte ich mir ſelbſt meinen Weg hinter ihnen her bahnen. Unglücklicher Weiſe war ein Schilfdickicht von ihnen durchbrochen worden und die Folge daher — 413 erſchrecklich beſchwerlich gemacht, denn nichts iſt dem Bärenjäger hinderlicher, als eben dieſe Schilf⸗ oder Rohrbrüche, in die ſich beſonders der Bär augen⸗ blicklich flüchtet und nur zu oft dadurch gerettet wird; denn wer einen ſolchen Bruch nie geſehen hat, kann ſich unmöglich einen richtigen Begriff da⸗ von machen. Das Schilf ſelbſt iſt hart wie Holz, wird bis anderthalb und zwei Zoll im Durchmeſſer ſtark, und oft dreißig und vierzig Fuß hoch, ſteht auch in dem fruchtbaren und ſumpfigen Thalland ſo dicht, daß man ſich kaum dazwiſchen hindurchdrängen kann; ein Fortſchreiten in dieſen Dickichten wird aber nur zu häufig durch die Unmaſſe dorniger Schlingpflanzen, die mit einem feſten Gewebe ganze Strecken eng verbinden, faſt unmöglich gemacht, wenn der Jäger ſich nicht, in der Rechten das ſchwere, breite Jagdmeſſer, Bahn haut; kommt er aber zu einem in dieſem Gewirre umgeſtürzten Baum(und die umgeſtürzten Bäume liegen nicht etwa ſelten darin), ſo iſt an ein Weiterdringen in gerader Richtung gar nicht zu denken; junge Bäume, Schlingpflanzen, Rohr und Dornen bilden dann eine Maſſe, durch die man ſich nicht einmal Bahn hauen kann, und man muß den Platz umgehen. Wie langſam aber in einem ſolchen Schilfbruch ein Vorrücken möglich iſt, habe ich einſt im Miſſiſ⸗ ſippi⸗Thal erfahren, wo ich drei Stunden zu einer 414 Strecke von etwa 500 Schritt brauchte. Hier ging es jedoch etwas beſſer, die Büffel hatten mir, we⸗ nigſtens ein wenig, Bahn gebrochen, und mit dem Meſſer nachhelfend folgte ich erträglich raſch. Der Tag war aber auch jetzt ſehr weit vorgerückt und die hereinbrechende Dämmerung überraſchte mich kei⸗ neswegs angenehm. Das Schilf wollte gar kein Ende nehmen; wenn ich daher auch, beim hellen Schein des Schnees, der Spur in der Nacht hätte folgen wollen, ſo wäre dies ſchon wegen des dicken Rohres nicht möglich geweſen, das, nach allen Rich⸗ tungen hinaus ſtehend, die ganze Aufmerkſamkeit des Hindurchdringenden am hellen Tage in Anſpruch nahm, indem man ſich bei jedem Schritt die Augen aus dem Kopfe ſtoßen konnte; daher zündete ich ein Feuer an, was mit Hülfe des Tomahawks und etwas trockenen Schwammes ſehr bald gelang, reinigte einen Platz vom Schnee und hatte mich bald behaglich genug eingerichtet. Ich lag gerade auf einer kleinen Erhöhung, mit⸗ ten im Schilf, ſo daß ich gegen den kalten Nordwind ziemlich geſchützt war; der Platz hatte aber das Un⸗ angenehme, auch nicht die mindeſte Ausſicht zu ge⸗ währen, nicht zwei Schritte weit konnte ich ſehen und fühlte mich durch die Nähe des Dickichts, von dem ich förmlich umſchloſſen lag, beengt; die Sache ließ ſich jedoch nicht ändern, eine offene Stelle auszuhauen, — 41⁵ dazu fühlte ich mich zu ermüdet, Wirthshäuſer waren auch nicht in der Nähe, alſo machte ich gute Miene zum böſen Spiel und bekümmerte mich mehr um mein Feuer als um das Dickicht. Weil ich doch noch nicht recht ſchläfrig war, holte ich, nachdem ich mein frugales Abendbrod ver⸗ zehrt hatte, den Compaß vor, und denſelben gerade in eine der Büffelfährten an meiner Seite ſtellend, vertrieb ich mir damit die Zeit, zu rathen, auf wel⸗ chem ganz genauen Strich nun die Heimath läge, und dabei zu überlegen, wie mich hier, von dieſem Punkt aus, das Abweichen eines 32ſtel Zolles zur Rechten oder Linken, entweder in die Wüſte Sahara oder nach Sibirien hinaufbringen könnte. Dieſem Gedanken geſellten ſich andere zu— was ſie jetzt wohl zu Hauſe machten, ob ſie auch an mich hierher dächten und noch viele, viele Dinge— ſo daß ich endlich vom vielen Denken müde wurde und einnicken wollte.— Da krachte ein kleinex Zweig— dicht neben mir;— zwar war der Laut gedämpft— der Zweig mußte unter dem Schnee gelegen haben, ich hatte es aber deutlich gehört und hob ſchnell den Kopf, um wenigſtens den kleinen Raum, in dem ich lag, überſehen zu können; auch war ich in der Rich⸗ tung noch ungewiß, inſtinktartig hatte ich aber das Meſſer aus der Scheide gezogen. Eine Weile blieb Alles ruhig und ich konnte ——— 416 das Schlagen meines Herzens hören— da krachte es wieder, ganz nahe;— was es auch immer ſein mochte, es konnte ſich keine zwölf Fuß von mir be⸗ finden; deutlich vernahm ich auch jetzt die leiſen Schritte 4 im Schnee, wie das Thier trap— trap— trap— trap— mich langſam umſchlich. O wie ich mir damals einen Hund wünſchte. Eine Zeit lang ſchien es ſtill zu ſtehen, dann hörte ich es wieder in der anderen Richtung, deut⸗ licher noch als vorher. All' meine Sinne waren aber jetzt auf das Peinlichſte geſpannt, denn jeden Augenblick erwartete ich irgend eine Beſtie, ob Pan⸗ ther oder Wolf konnte ich nicht wiſſen, aus dem Dunkel hervorblinzen und mich anſchnüffeln zu ſehen. In dieſer angenehmen Hoffnung hatte ich nun freilich den Hahn der Büchſe aufgezogen, aber auch diesmal ſtarb das Geräuſch hinweg und das frühere, lautloſe Schweigen herrſchte. Aus allem Vorhergegangenen mußte ich nun nach wohl Stunden langem Harren vermuthen, daß mich mein Nachtbeſuch verlaſſen habe, doch war ich zu aufgeregt, um gleich einſchlafen zu können und blieb noch lange wachend liegen, indem ich einen vor mir ſtehenden alten Baum betrachtete, der ein 3 gar eigenthümliches Ausſehen hatte. Es war ein— ungeheuerer Saſſafrasſtamm, der, von einem dichten Gewebe von Schlingpflanzen umgeben, ſeiner Aeſte 417 und Zweige beraubt, wie eine rieſenmäßige Säule gegen den dunkeln Nachthimmel emporſtarrte. Eine hohe, breite Schneekappe krönte den Gipfel. Im Sommer, wenn die Schlingpflanzen ihre grünen Blätter bekommen, ſehen dieſe Baumleichen herrlich aus, denn dann iſt von der alten, vertrockneten Rinde auch nicht die Spur mehr zu erkennen, und nur die grüne, lebendige Säule ſteht wie ein Denk⸗ mal vergangener Zeiten da, wo noch der Indianer die Wildniß durchzog, die jetzt nur ſein Grab um⸗ ſchließt.— Ich ſchlief bald darauf ein und der Morgenruf der Eulen weckte mich erſt wieder. Vor allen Dingen unterſuchte ich aber jetzt, wer mein nächtlicher Beſuch geweſen war, und fand auch dicht am Lager, einmal ſogar bis auf drei Schritte, die Spuren eines ziemlich ſtarken Wolfes, was mich um ſo mehr befremdete, da der Wolf ſonſt ſehr menſchenſcheu iſt und einem Lager ſelten gern naht; — ſpäter übrigens habe ich oft Beweiſe vom Ge⸗ gentheil erhalten, denn einmal, zwei Jahre darauf, holte mir eine ſolche Beſtie das Jagdmeſſer fort, das dicht neben mir lag und zerkaute den ſchweißigen Griff; ich hatte erſt an demſelben Nachmittag einen Hirſch damit aufgebrochen. Mit neuen Kräften verfolgte ich nun die jetzt wieder vereinigten Fährten, die an manchen Stellen, wo kein beſonderes Futter ſie aus der Bahn lockte, Gerſtäcker, Wald⸗ und Strombilder. 27 418 eine förmliche Straße bildeten; aber wie ich auch ſpähte, immer noch konnte ich nicht das erſehnte Wild ſelbſt entdecken, hundertmal wohl ließ mich ein niederbrechender Aſt’, oder ein aufgeſcheuchter Hirſch ihre Nähe hoffen, ſtets ſah ich mich aber getäuſcht. Meine einzige Hoffnung blieb jetzt, als die Sonne wieder blutigroth am Horizont verſchwand, die Nacht; der Wald war offener als am vorigen Abend, ich gedachte daher meinen Weg fortzuſetzen, da die Büf⸗ fel auf keinen Fall nach einbrechender Dämmerung weiter wandern würden. Das wäre auch recht gut gegangen, denn hell genug leuchtete der Schnee, um die Fährten zu verfolgen, wieder aber ſtellte ſich mir ein ſolch unglückſeliges Schilfdickicht in den Weg, dazu umwölkte ſich der Himmel und ich wurde auf's Neue gezwungen„beizulegen.“— Mein Nachtlager war ausgezeichnet, denn durch einen umgeſtürzten Stamm gegen den kalten Luft⸗ zug geſchützt, bei einem herrlichen Feuer, an dem ein anſehnliches Stück Hirſchwildpret ſchmorte, hätte ich mich ſehr wohl fühlen können, aber— aber— die aufſteigenden Wolken machten mich beſorgt, da⸗ zu wurde es merklich wärmer, und mir bangte vor Thauwetter. Ich war viele Meilen in den Sumpf eingedrungen und die ganze Zeit faſt nur auf Eis marſchirt, durfte daher wenig trockenen Boden hoffen, wenn dieſe Schneemaſſe jetzt flüſſig werden ſollte. — 419 Doch was konnte ich thun? ich mußte es abwarten, hüllte mich alſo in meine Decke und ſchlief bald ein. Die Sonne mochte aber ſchon lange aufgegangen ſein, als ich endlich erwachte und zu meinem Ent⸗ ſetzen das, was für mich das Schrecklichſte war, be⸗ ſtätigt fand— es regnete und die Luft war mild und warm wie im Mai— o wie ich mich jetzt nach einem tüchtigen Nord⸗Oſtwind ſehnte. Mit welchen Gefühlen ich übrigens meine naſſe Decke zuſammenrollte und mich marſchfertig machte, läßt ſich denken; dabei kamen mir bedeutend ſtarke Gedanken an Umkehren und Büffel Büffel ſein laſ⸗ ſen; die Fährten ſahen aber gar zu lockend aus, noch blieb mir die Hoffnung, ſie einholen zu können, ja ſogar die Wahrſcheinlichkeit war vorhanden, daß ſie bei ſolchem Wetter nicht weiter ziehen, ſondern ruhig äſen würden; feſt entſchloſſen alſo, da es jetzt doch auf eine Meile mehr oder weniger nicht ankam, folgte ich auf's Neue den Fährten und trotzte dem Himmel, der mir eine Wolke voll Waſſers nach der andern auf den Pelz goß. Die Büffel ſchienen auch ganz in der Nähe zu ſein; in den Fährten ſtand das ſchlammige Waſſer, das ihre Tritte auf⸗ gerührt hatten, Loſung ſogar, die ich fand, war noch warm— ich mußte ſie finden;— da kam es mir plötzlich vor, als ob der liebe Gott alle Zapfen aus den Schleußen dort oben heansgezogen habt— es —————— 420 regnete nicht mehr, es waſſerfallte und der Erdbo⸗ den glich einer ungeheuern Eislimonade, nur fehlten Zucker und Citronen. Es iſt jedoch ein eigenes Ding um das Men⸗ ſchenherz; vor kleinen Beſchwerden und Gefahren bebt es zurück, ſtürmt aber alles wild und toll dar⸗ auf ein, kommt ein Schlag nach dem andern; dann wird es verſtockt und ſtörriſch, wie ein wilder Stier, macht die Augen zu und ſtürmt blindlings gegen Jedes an, was ſich ihm in den Weg ſtellt. Etwas beſſer macht ich's doch, die Bäume um⸗ ging ich, aber ſo erbittert hatte mich dieſer, für mich wahrhaft fürchterliche Witterungswechſel gemacht, daß ich das Aeußerſte zu wagen beſchloß. Der ganze Wald ſtand unter Waſſer, d. h. unter geſchmolzenem Schnee, und ich mußte jetzt ſchon auf das höhere, mit Dornen und Schlingpflanzen bewachſene Land, da ſich erſtlich die Büffel hierher gewandt hatten und dann auch das Gehen auf dem Eis faſt zur Unmöglichkeit wurde, indem es unter dem Schnee geſchmolzen, wenigſtens weich geworden war und beim zweiten oder dritten Schritte ſtets einbrach. Noch konnte ich die Fährten erkennen und folgte, oft bis an den Gürtel im Waſſer, dem Wild— ich war gegen Alles gleichgültig geworden und hatte nur den einen Gedanken noch— Büffel— ich wollte Büffel ſehen— ich wollte einen ſchießen und wäre 421 dann mit dem größtmöglichen Vergnügen geſtorben, um nur nicht wieder den ganzen Weg, den ich ge⸗ kommen war, zurück machen zu müſſen. Da wurde der Wald plötzlich licht und nach we⸗ nigen hundert Schritten dehnte ſich eine weite, öde Fläche vor mir aus— es war ein See— wenig⸗ ſtens jetzt, er konnte aber nicht gefroren geweſen ſein, denn es lag nur eine dünne Decke geſchmolzenen Schnees auf der Oberfläche, und hier— hier wa⸗ ren die Büffel hindurch. Deutlich konnte ich die langen, dunkeln Streifen, die ſich quer durch zum anderen Ufer zogen, erkennen; vergebens aber ſpähte ich nach den Thieren ſelbſt— eine räthſelhafte Wan⸗ derluſt trieb ſie vorwärts und ich unglückſeliges Men⸗ ſchenkind hatte gerade dieſen Zeitpunkt wählen müſſen, um Jagd auf ſie zu machen; doch das Ueberlegen brachte mich nicht weiter; auf einem etwas trockenen Fleck band ich alle meine Habſeligkeiten in die Decke zuſammen, nahm dieſe auf die Schulter und— folgte den Fährten. Noch jetzt, wenn ich an dieſe Jagd zurückdenke, kann ich nicht anders glauben, als daß ich damals einen gelinden Anfall von Wahnſinn haben mußte, denn wenn ich die Büffel wirklich überholte, ſo konnte ich höchſtens ein paar Pfund Fleiſch und vielleicht ein Horn, als Siegestrophäe, mitnehmen; ich fühlte aber jetzt nur den einen Trieb in mir, 422 hatte nur das eine Ziel im Auge und fand mich ſehr bald bis unter die Arme im Schneewaſſer, mit⸗ ten im See. Als mir das Waſſer über die Bruſt ſtieg, verging mir der Athem, doch war der Boden glücklicherweiſe feſt, nicht ſchlammig, wie ich im Anfang gefürchtet hatte, und ich erreichte das an⸗ dere Ufer,— oder, beſſer geſagt, das höhere Land, denn von Ufer war keine Rede,— ohne unterwegs erſtarrt zu ſein. Hier fand ich das Waſſer doch wenigſtens nur knietief und athmete etwas freier. Zu meiner großen Verwunderung ſchien es aber Abend zu werden, und kaum konnte es, wie ich we⸗ nigſtens glaubte, Mittagszeit ſein. Sollten wir eine Sonnenfinſterniß haben? dacht' ich einmal— das war möglich, aber immer dunkler wurde es, immer ſtiller im Wald— in der Ferne ließ ſich ein einzelner Wolf hören— es war kein Zweifel mehr, die Nacht brach ſchon wieder herein, und noch iſt es mir unbegreiflich, wie mir die Zeit an jenem Tage verſchwunden ſein konnte. Der Regen, der am Nachmittag etwas nachge⸗ laſſen hatte, fing wieder von friſchem an zu gießen, und als ich mich, mit gerade keinen freundlichen Ge⸗ fühlen, nach einem Platz zum Lager umſah, regnete es, wie man ſagt, Bindfaden; trotzdem gab ich die Fährten nicht auf— an Feuermachen war jedoch gar nicht zu denken; auf dem trockenſten Platz, den —— 423 ich finden konnte, ſtand das Waſſer anderthalb bis zwei Zoll, und Jedermann wird eingeſtehen müſſen, daß das immer noch feucht war; ich kauerte mich daher unter einem halbumgeſtürzten, ſchräg liegenden Baumſtamm, der wenigſtens die fürchterlichſten Re⸗ gengüſſe von mir abhielt, nieder, obgleich ich auch ſchon beſſere Dächer, als er war, geſehen habe, und verſuchte zu ſchlafen.— Zu ſchlafen? ja, wenn ich das einen Verſuch nennen will, daß ich einige Male die Augen zumachte; an wirkliches Schlafen war aber natürlich unter ſolchen Verhältniſſen nicht zu denken; zwar trug ich noch ein Stück gebratenes Hirſchwildpret bei mir, fühlte aber nicht den minde⸗ ſten Appetit, es zu verzehren, und erwartete ſehnend und vor Froſt ſchüttelnd den anbrechenden Morgen. Nitternacht mochte es ſein, als ich, ſeit der Dämmerung, die erſten Wölfe wieder hörte— ſie ſchienen ganz in der Nähe zu ſein und heulten jäm⸗ merlich; die armen Beſtien mochten wohl auch naſſe Füße haben; ſo gleichgültig war ich aber gegen ihre Nachbarſchaft, ſo abgeſtumpft gegen jede, nur er⸗ denkliche Gefahr geworden, daß ich es nicht einmal der Mühe werth hielt, das Meſſer aus der Scheide zu ziehen, ſondern ruhig ſitzen blieb und abwartete, was ſie thun würden, denn ſchon der Gedanke, mich zu bewegen, war mir gräßlich. Es mochten ſechs oder ſieben Wölfe ſein— ſo viel verſchiedene Solo⸗ 424 ſänger konnte ich wenigſtens unterſcheiden und ich erinnere mich ſogar noch recht deutlich, daß ich ein⸗ mal gelacht habe, als ein junger Wolf, mit einer beſonders dünnen Stimme, ſo gar klägliche Töne ausſtieß. Immer näher kamen ſie, aber, und da es nicht anders möglich ſein konnte, als daß ſie mich wittern mußten, denn der Wolf wittert, wie bekannt, ungemein ſcharf, ſo begreife ich eigentlich jetzt noch nicht, was ſie, wenn es nicht ihre grenzenloſe Feig⸗ heit war, abhielt, über mich herzufallen, da ich ihre dunklen Geſtalten deutlich erkennen konnte, wie ſie im Waſſer hin und her wateten. Weil mir ihre Nähe aber doch jetzt faſt etwas zu freundſchaftlich wurde, beſchloß ich, der Sache auf einmal ein Ende zu machen, nahm die Büchſe an den Backen, zielte auf den größten Körper und drückte ab.— Ja ich hatte gut drücken— es war Alles naß geworden; da blieb mir denn weiter nichts übrig, ich lehnte die Büchſe neben mich, und ſchloß die Augen; die ganze Sache um mich her kam mir ſo ekelhaft und fatal vor, daß ich ſie gar nicht mehr ſehen mochte. Endlich brach der ſo heiß erſehnte Morgen an — aber wie— grau und feucht; der Regen hatte freilich nachgelaſſen, doch ſchien das Wetter noch viel wärmer geworden zu ſein— der Schnee war jetzt vollkommen geſchmolzen und der ganze Wald eine 42⁵ flüſſige Maſſe, in der jede Fußſpur zuſammenlief— die Büffelfährten exiſtirten nur noch in der Erinne⸗ rung. Da ſtand ich nun, mit meiner Büffeljagd — Gott weiß, wie viele Meilen von irgend einer menſchlichen Wohnung entfernt, in einem Wald, in dem ſich ein Froſch hätte erkälten müſſen, mit einem Stückchen kalten, gebratenen Hirſchfleiſch und einer Büchſe, die nicht losgehen wollte; ich verzehrte je⸗ doch vor allen Dingen das erſtere, wobei ich Pulver ſtatt Salz gebrauchen mußte, und ſtand dann auf, um meine Marſchroute für dieſen Tag zu beſchließen. Wie ich damals das Alles ausgehalten habe, iſt mir jetzt noch ein Räthſel; naß zum Ausringen, die ganze Nacht im Schneewaſſer, gekrümmt unter einem Baumſtamm geſeſſen, von Wölfen umheult, fühlte ich mich jetzt ſo wohl und kräftig, als ob ich in einem warmen Bette geſchlafen hätte, nur waren mir die Kniegelenke etwas ſteif. Wenn ich aber auch, zu meiner Zeit, ein ſo eifriger Jäger geweſen bin, als ſich ſelten findet, ſo hatte meine Jagdluſt durch die letzten Begebenheiten dennoch einen bedeutenden Stoß erhalten, ich ſehnte mich nach Menſchen— nach Brod, nach Bergen — denn ohne Berge konnte ich mir gar keine Erlö⸗ ſung aus dieſer Waſſerwüſte denken: ſchnell faßte ich daher meinen Entſchluß.— Ich hatte mein Mög⸗ lichſtes gethan, hatte bis auf den letzten Augenblick 426 ausgeharrt, und brauchte mir nichts vorzuwerfen; den Büffeln ſagte ich alſo, mit einem halb trauri⸗ gen, halb ärgerlichen Blick nach Südweſten Lebe⸗ wohl, und ſchlug die gerade Richtung nach Nordoſt ein, um an den S. Francis⸗Fluß, an die breite Fahrſtraße, zu kommen und von dort den Miſſiſſippi zu erreichen, auf dem ich in den Ohio und auf die⸗ ſem nach Cincinnati zurückkehren wollte. Meiner Luſt nach dem Urwald war für eine Zeit lang genügt, und ich kann mit gutem Gewiſſen fra⸗ gen, wer hätte den Wald, unter ſolchen Umſtänden, nicht ſatt bekommen? Das„Sattbekommen“ allein half mir aber noch nicht heraus und der vor mir liegende Weg erfüllte mich mit Grauſen und Schau⸗ der.— Tagelang mußte ich noch in dem kalten Waſſer fortwaten und eine einzige Nacht Froſt konnte meinen Untergang herbeiführen, denn wenn ſich jetzt auf dem Waſſer eine dünne, ſcharfe Eis⸗ rinde ſammelte, ſo wär' ich verloren geweſen; glück⸗ licher Weiſe blieb es aber warm und ich trat mei⸗ nen Marſch, wenn auch nicht mit Singen und Ju⸗ beln, aber doch mit dem feſten Entſchluß an, Alles, auch das Schlimmſte, ohne Murren, zu ertragen. Unmöglich wäre es jedoch, den Weg zu beſchrei⸗ ben, den ich zu durchwandern hatte. Nur wenige Streifen trockenen Landes fand ich, und hielt auf dem erſten, um meine Büchſe wieder in Stand zu 4 4 427 ſetzen. Dann aber durch Sumpf und Moor, durch Fluß und ſeegleiche Waſſerſtrecken meine Bahn ver⸗ folgend, oft bis unter die Arme im Eiswaſſer(einige Male mußte ich ſogar ſchwimmen) erreichte ich ge⸗ gen Abend einen hohen indianiſchen Grabhügel und erquickte mich in dieſer Nacht wieder bei einem lo⸗ dernden Feuer und einem am Spieß ſteckenden Trut⸗ hahn, den ich, wenige hundert Schritt von meinem Lager, von einem Baum herunter geſchoſſen hatte. Am nächſten Tage blieb mein Marſch nun zwar derſelbe— dieſelbe öde Waſſerwüſte, derſelbe kalte, naſſe Wald, mit ſeinen ungeheueren Bäumen; doch intereſſirte mich an dieſen jetzt nur noch das Moos, nach dem ich meine Richtung beibehielt, denn in dem flachen Lande, an deu geraden Stämmen, iſt das Moos an der Nordſeite(ein klein wenig mehr weſt⸗ lich als öſtlich) am ſtärkſten, und man kann ziemlich ſicher darnach gehen; ich wenigſtens habe meinen Weg ſtets ſehr gut mit der Beobachtung deſſelben gefunden. Wer beſchreibt aber meine freudige Ueber⸗ raſchung, als ich gegen Mittag Spuren eines menſch⸗ lichen Weſens fand und bald darauf einen Schuß hörte; ich brauche wohl nicht erſt zu ſagen, wie ich eilte, um mich dieſem anzuſchließen; nach nicht gar langem Marſch holte ich den Jäger auch ein, wie er eben einen erlegten Hirſch aufgehangen hatte; er war aber ebenfalls nicht wenig erſtaunt, mich und — 428 zwar an ſolchem Ort und in ſolchem Aufzuge zu ſehen. Wäre er nur ein Bischen mit europäiſcher Civiliſation bekannt geweſen, ſo würde er mich un⸗ bezweifelt für einen Weinreiſenden gehalten haben, ſo konnte ich ihm nur verſichern, daß ich ein„Pech⸗ Reiſender“ ſei und mich in den Sümpfen hier zu meinem Vergnügen aufhalte; mein Ausſehen mußte das auch beſtätigen. Ich hatte jedoch nun den ſchlimmſten Weg über⸗ ſtanden und erreichte einige Tage darauf die An⸗ ſiedelungen; es bedurfte aber langer Monate, ehe ich dieſe Jagd vergeſſen, wenigſtens verſchmerzen konnte; doch durfte ich mich gar nicht beklagen; ich lernte dadurch nur eine der vielen Schattenſeiten kennen, die eine jede Sache haben muß, um nicht durch Einförmigkeit allen Reiz zu verlieren; fand aber auch zu gleicher Zeit, daß der Urwald trotz all dem Zauber, der ſchon allein in dem Worte liegt, recht ſehr proſaiſch, ja ſogar vecht ſehr lang⸗ weilig ſein konnte. Sind daher die deutſchen Jagden auch weniger gefahrvoll, alſo auch weniger intereſ⸗ ſant, als die amerikaniſchen, ſo iſt der Jäger hier doch auch nicht ſolchen erſchrecklichen Lagen ausge⸗ ſetzt, als es nur zu oft dort der Fall iſt, und wo einmal eine Sache Zwang wird, wo der im Walde Lebende ſchießen muß, wenn er nicht verhungern will, hört ſie auf Vergnügen zu ſein. 2 2 429 Drum,— haben wir auch hier in Deutſchland keine Bären⸗ und Pantherjagden, ſo ſind die Ha⸗ ſentreiben doch äußerſt gemüthlich; und liefern fette Bärrippen und Honig ein ſehr leckeres Mahl, ſo ſchmeckt ein geſpickter Rehziemer auch nicht ſo übel. ——— Die Bärenjagd am Bayon Meter in Arkanſas. Eine reine, klare Juliſonne ſandte ihre glühenden Strahlen auf die Sümpfe herab, welche die Bahon Meter am nördlichen Ufer des Arkanſas umgeben. Selbſt die Fröſche ſchwiegen, wie erdrückt von der ſchweren Atmoſphäre, und nur dann und wann un⸗ terbrach ein einzelner Ruf derſelben, oder das Zwit⸗ ſchern eines kleinen Waldvogels, die Stille, die gra⸗ besähnlich auf der Wildniß lagerte. Da ſchallte aus weiter Ferne das Geheul einer Meute Hunde herüber, ſchwieg wieder einen Augen⸗ blick, und erklang dann lauter und näher als vor⸗ her. Jetzt konnte man ſchon die verſchiedenen, tiefe⸗ ren und höheren Töne einzelner Braken erkennen, und reißend ſchnell näherte ſich die Jagd der noch vor * —, 431 wenigen Augenblicken geräuſchloſen Einſamkeit.— Ein Hirſch, der, um den Fliegen und Mosquito's zu entgehen, dicht verſteckt in einem kleinen Schilf⸗ dickicht gelegen hatte, ſprang auf, ſtreckte und dehnte ſich, horchte einige Sekunden lang dem näher und näher kommenden Getos der Meute, und ſprang dann mit langſamen aber weit geſtreckten graziöſen Sätzen in's Gebüſch, einen ſtilleren, ungeſtörten Platz zu ſeiner Ruhe zu wählen. Jetzt ſchallte das Gebell klar und deutlich, wie nur wenige Schritte entfernt aus den, mit dornigen Schlingpflanzen dicht durchflochtenen und durchwach⸗ ſenen Büſchen; dürre Aeſte krachten, das trockene Laub raſchelte, das ganze Gewirr von Schlingge⸗ wächſen kam in Bewegung, und heraus ſtürzte mit offenem, dampfenden Rachen, aus dem die rothe, lechzende Zunge hing, mit zurückgelegten Ohren, mit geſträubtem Haar, ein gewaltiger Bär, und verſuchte über die kleine offene Fläche hinweg das gegenüber liegende Dickicht zu erreichen. Ihm auf den Ferſen aber folgten fünf mächtige Hunde, und kaum hatte er die Hälfte der kleinen Waldprairie durchrannt, als der ſchnellſte und kräftigſte von ihnen, ein ſchwarz und grau geſtreifter Burſche mit rothen, glühenden Augen und fürchterlichem Gebiß, an ſeiner Seite war und ihn faßte. Mit Blitzesſchnelle wandte ſich der Bär nd ver⸗ 43² ſuchte ſeinen Verfolger mit der Tatze zu erreichen und zu vernichten. Das kluge Thier aber, mit dieſer Jagd vertraut und die Gefahr kennend die in der, mit furchtbarer Kraft geführten Tatze ſeines Feindes lag, entging durch einen gewandten Seitenſprung dem wohlgeführten Schlage. Ehe aber der Bär, der ſich augenblicklich wieder zur Flucht wandte, das Zurück⸗ prallen ſeines Feindes benutzen konnte, das ſchütz⸗ ende Waldesdunkel zu erreichen, in welchem wild über einander geſtürzte Bäume der verfolgten Beſtie den größten Vorſprung gegeben haben würden, über⸗ holten die vier anderen Rüden jetzt den Verfolgten und umzingelten im Nu das zur äußerſten Wuth ge⸗ reizte Thier. Vergebens war's, daß ſich dieſes zur Wehr ſtellte, und mit einer Gewandtheit, die Nie⸗ mand dem anſcheinend plumpen Geſchöpfe zugetreut haben würde, nach allen Seiten hin gegen die an⸗ greifenden Hunde Front machte und ſie zurückſchlug; vergebens, daß ſchon drei der kühnſten und unvor⸗ ſichtigſten ihre Kampfluſt mit dem Tode gebüßt, und erſchlagen oder ſchwer verwundet am Boden zuckten; andere, die der Jagd nicht ſo ſchnell hatten folgen können, nahmen die Plätze der Getödteten ein, und griffen mit immer erneuerter Wuth den vom langen Lauf erſchöpften Bären an. Durch einige wohlgeführte und todtbringende Schläge jedoch, die wieder zweien der Meute das Le⸗ * 433 ben koſteten, verſchaffte er ſich einen Augenblick Luft und ſtand ſchnaufend, mit glühendroth unterlaufenen Augen, die weißen Zähne bis über das Zahnfleiſch 3 hinauf entblößt, einen friſchen Angriff erwartend, da, . während die Hunde bellend und heulend ihn um⸗ 6 ſprangen. Oft aber, indem ſie ſchon einen raſchen An⸗ lauf verſuchten, wurden ſie nur durch eine ſchnelle zuckende Bewegung, ein Drehen des Kopfes, ein B in⸗ 2 zeln des Auges ihres gefürchteten Feindes zurückge⸗ 8 ſcheucht, daß ſie winſelnd zur Seite ſprangen, gleicca darauf ſo viel eifriger ihre Angriffe zu wiederholen. Da erſcholl nahe und laut der Jagdruf ihres— 8 Herrn, des jungen Lobſton.— Sie horchten; noch einmal ertönte der ermunternde Zuruf des jungen † Mannes, der ſeinem Vater, mit dem er die Jagd 4 begonnen, voraus geeilt war. Sobald er die Hunde hörte, trieb er ſie zu neuen Anſtrengungen, den Feind aufzuhalten, bis er ſelbſt mit Kugel und Meſſer den Gefährlichen abfangen und das Land von ihm be- 3 freien könne. Schweren Schaden hatte der Ge⸗ fräßige nämlich den Heerden der Nachbarſchaft zuge⸗ fügt, und mancher Hund war ſchon in ſeiner Ver⸗ folgung geopfert worden, wobei er ſich bis jetzt je⸗ desmal durch ſeine ungemeine Schnelle und fürchter⸗ liche Kraft den Feinden entzogen und ewiſſe, ſichere Dickichte erreicht hatte, in die n weßer Luun noch Pferd folgen konnte und wollte. Gerſtäcker, Wald⸗ und Strombilder. 28 3 —— 434 Dießmal ſchien aber ſein Schickſal beſiegelt zu ſein, denn mit Tigerwuth und alle Gefahr verach⸗ tend, warfen ſich jetzt die Hunde, von der Stimme ihres Herrn geſtachelt, auf den gemeinſamen Feind. Umſonſt wüthete er gegen ſie mit Zahn und Tatze, umfonſt erfaßte er den Lieblingshund des jungen Lob⸗ ſton, gerade als dieſer auf dem Kampfplatz erſchien, in ſeine tödtliche Umarmung, daß das gequälte Thier laut aufheulte und ſeinem Herrn, den es ſchon drei⸗ mal aus Todesnoth gerettet hatte, wie Hilfe rufend, entgegen ſchrie. Fang und Klaue verachtend, bedeckte die jetzt zu raſender Wuth gereizte Meute den Bär, daß er mit ihnen, kämpfend und um ſich hauend, zu Boden ſtürzte. Der junge Lobſton war nahe bei dem rollenden, wogenden Knäuel, den die wüthenden Thiere bil⸗ deten, vom Pferde geſprungen, und hatte mehrere Augenblicke vergebens geſucht, dem Bären eine Ku⸗ gel beizubringen. Kaum hie und da konnte er auf Augenblicke ein Stück von deſſen Fell ſehen, ſo hiel⸗ ten ihn die Hunde bedeckt, und die Büchſe hinwer⸗ fend, das Meſſer herausreißend, ſtürzte er ſich gegen den Niedergeworfenen. In demſelben Augenblicke ſprang dieſer, wie durch Zauberei von den Hunden befreit, die nach allen Himmelsrichtungen geſchleudert von ihm weg flogen, eempor, und das erſte, was ſich ſeinen vernichtenden 435 Blicken zeigte, war ſein grimmigſter Feind, der mit geſchwungenem Meſſer auf ihn zuſtürzen wollte. 3 Der Anblick des mit Schaum und Blut faſt über⸗ zogenen Thieres war fürchterlich, und mit ſolcher ſchrecklichen Mordgier im Blick ſprang es auf den erſchrockenen Jäger zu, daß dieſer, der noch nie einen gereizten Bären in ſeiner ganzen Furchtbarkeit geſchaut hatte, ſich entſetzt wandte und zu fliehen verſuchte. Nur einen Angſtſchrei konnte er ausſtoßen, als ihn die Beſtie erreichte und niederſchlug; in demſel⸗ ben Augenblicke aber hatten ſich auch die Hunde wie⸗ der geſammelt, kamen ihrem jungen Herrn zu Hilfe, zwangen den Bären, ihn loszulaſſen und folgten dem ſich langſam Zurückziehenden in den dichte⸗ ren Wald. Da krachten wieder die Büſche und dürren Aeſte deſſelben Dickichts, aus welchem vor wenigen Mi⸗ nuten der junge Lobſton herauskam, und deſſen Vater, ein alter, weißhaariger Greis, ſprengte auf den Wahlplatz. Sein Jagdhemd hing in Fetzen an ihm herunter, ſein Geſicht war blutig und zerriſſen, und lang flat⸗ terten ihm die weißen Locken beim ſcharfen Ritt um die Stirn. Auf der Hetze hatte er ſeine Mütze verloren, als er im raſenden Sprung, bei dem Roß und Rei⸗ ter in den unzerreißbaren Schlingpflanzen hängen geblieben, über eine umgeſtürzte Eiche Herweggeſett — ͦ— 436 geſtürzt und gegen einen Baum geſchleudert war. Eben wollte er, ſeinem Pferde die Hacken in die Seite ſetzend, über den blutigen Fleck hinüberſpren⸗ gen, der Jagd zu folgen, als er ſeinen Sohn ohn⸗ 4 mächtig, das Geſicht der Erde zugekehrt, am Boden liegen ſah, und mit krampfhaftem Zucken das Pferd zurückriß, daß es hochaufbäumend ſich beinah mit dem wilden Reiter überſchlagen hätte. „William!“ rief er mit vor Angſt erſtickter Stimme,„William— um Gotteswillen antworte, biſt Du verwundet?“ und alles Andere vergeſſend, ſprang er vom Pferd, das ſchnaubend und keuchend ſtehen blieb, und verſuchte den Sohn aufzurichten. Dieſer holte nur ſchwach Athem und ſchlug mit Mühe die Augen auf, den Vater zu bewillkomm⸗ nen. Sein Geſicht war todtenbleich und, wie ſeine vorn ganz aufgeriſſenen Kleider, mit Blut überzogen. Der alte Mann kniete neben ihm und legte den Kopf des Kindes auf ſein Knie, während der Ver⸗ wundete zu lächeln verſuchte. Da ſchlugen, nicht ſehr weit entfernt, die Hunde wieder wie raſend an, und heulten und jauchzten, daß der alte Jäger unwill⸗ kürlich ſeinen Kopf hob und den bekannten Tönen lauſchte. „Sie haben ihn auf einem Baume,“ murmelte William leiſe. „ ch weiß wohl, ich weiß wohl,“ ſagte der Alte, ——— 437 „aber laß ihn da ſitzen und laß die Hunde darunter verhungern; ich kann Dich nicht verlaſſen.“ „Geh— geh,“ bat der Sohn—„o laß ihn dießmal nicht entkommen.“ „Aber, William, Du liegſt ſchwer verwundet hier, ich weiß nicht einmal wie ſchwer und ich ſollte Dich jetzt verlaſſen? nicht um alle Bären in Arkanſas— laß mich lieber ſehen, wo Dich die Beſtie getroffen hat,“ und mit vorſichtiger Hand verſuchte er die Kleider zu entfernen, um die Wunde zu entdecken; aber ein Schmerzensſchrei des Kindes hinderte ihn, und beſorgt zog er die helfende Hand zurück. „Es thut wohl recht weh?“ fragte er ängſtlich. „Vater— ſchieß den Bär,“ bat der Sohn,„ich ſterbe hier vor Ungeduld— höre nur, wie uns die Hunde rufen— der alte Wolf ruft mich!“ „Aber ſoll ich Dich hier allein laſſen?“ fragte der Alte, noch unſchlüſſig. „Du biſt in zehn Minuten wieder zurück, und wenn ich den Knall der Büchſe und den Sturz des Bären höre, werde ich wieder geſund!“ Die Hunde heulten jetzt wirklich auf eine herz⸗ zerreißende Art, und der alte Jäger, von den Bitten des Sohnes und ſeinem eignen Wunſche, ein ſchwer⸗ verwundetes Kind zu rächen, gedrängt, winkte dem 4 ihm freudig Zulächelnden noch ein kurzes Lebewohl, G ſprang auf ſein Pferd und ſeinen Jagdruf ausſto⸗ N 6 9 5 4⁸ 8 438 ßend, der von der Meute jubelnd beantwortet wurde, war er in wenigen Secunden im Waldesdunkel ver⸗ ſchwunden. Bald darauf ließ das Bellen der Hunde nach, ein Augenblick ängſtlichen Stillſchweigens, der frü⸗ heren Todtenſtille ähnlich, herrſchte, und der Ver⸗ wundete hob ſich mit unendlicher Mühe etwas auf ſeinem Ellbogen in die Höhe, um ſein Geſicht nach der Seite hin zu kehren, von welcher her er den Schuß zu hören erwartete. Da krachte der ſcharfe Knall der Büchſe; die Hunde ſtießen einen Schrei aus, und gleich darauf ſchallte der dumpfe Fall des ſchweren Thieres, das von ſeiner erklommenen Höhe herabſtürzte, zu dem jungen Mann herüber. Hochauf athmete der, und ſank zufrieden lächelnd auf die Wur⸗ zel des Baumes zurück, unter dem er lag Weenige Minuten darauf aber ſprengte auch ſchon in vollem Carriere ſein Vater wieder zurück, warf ſich vom Pferde und kniete an der Seite des todt⸗ matten jungen Mannes nieder, der bleich, mit ge⸗ ſchloſſenen Augen, aber leiſe athmend da lag. „William,“ ſagte er, leiſe ſeinen Arm berührend, „William— ſchläfſt Du?“ „Nein, Vater,“ hauchte der Kranke, die Augen aufſchlagend und ihn freundlich anblickend—„haſt Du den Bär?“ „Hier iſt ſeine Tatze,“ ſagte der Alte, indem er 439 dem Sohne die blutige, abgeſchnittene Tatze des Un⸗ gethüms hinhielt—„der iſt nicht mehr ſchädlich.“ „Nun ſterb' ich gern,“ hauchte der Jüngling, und erfaßte ſeines Vaters Hand. „Sterben, William? Thorheit— komm, ſei ein Mann; ſteh' auf, komm, ich helfe Dir,“ und mit Todesangſt im Blick, verſuchte er den Verwundeten zu unterſtützen. „Vater, Du thuſt mir weh!“ ſeufzte dieſer. „Um Gotteswillen, wo fehlt es Dir denn?“ fragte der alte Mann, jetzt wirklich zum erſten Mal die Möglichkeit vor Angen ſehend, daß ſein Sbhſ zum Tode verwundet ſein könne. „Hier,“ ſagte dieſer, indem er auf ſeine rechte Bruſt zeigte—„hier— es iſt Alles aufgeriſſen, im Rücken ſticht es auch recht— und— die Mos⸗ quito’s ſind ſo bös.“ „William,“ fragte der Vater in ſeiner Herzens⸗ angſt,„kannſt Du reiten?“ Der Sohn ſchüttelte traurig den Kopf. 1 In Todesangſt rang der Vater die Hände und ſtöhnte endlich mit leiſer, drängender Stimme: „Aber hier kannſt Du nicht liegen bleiben, Wil⸗ liam; die Inſekten brächten Dich um, kein Menſch könnte Dich pflegen und Du müßteſt verſchmachten, wenn die Sonne morgen wieder ſo heiß wie heute brennt. Wir ſind aber kaum vier Meilen von unſe — 8— — 440 rem Haus, Du weißt, der Bär wandte ſich ganz wieder dem Fluſſe zu und es kann kaum 200 Schritt bis zur Bayou ſein. Ich will Dich aufnehmen und tragen; ich thue es gewiß vorſichtig!“ „Ach, ich bin zu ſchwer für Dich, Vater!“ ſeufzte der junge Mann. „Nein, nein, William, ich habe Dich zu tauſend⸗ mal getragen. Damals warſt Du freilich noch klei⸗ ner und ich war ſtärker, Du biſt aber jetzt krank und ich will Dich ſchon vorſichtig fortbringen.“ Ohne eine weitere Antwort abzuwarten, beugte er ſich nieder, hob leiſe und ſanft den Verwundeten auf, nahm ihn in ſeine Arme und wanderte mit ſtarken Schritten heimwärts, fortwährend in das bleiche Antlitz ſeines Sohnes ſchauend, das bei jedem Fehltritt, bei der geringſten Erſchütterung ſchmerzhaft zuſammenzuckte und deſſen Farbe mit jedem Augen⸗ blicke fahler und bleicher wurde. Zwei Meilen mochte der alte Lobſton den Sohn wie ein krankes Kind alſo getragen haben, als dieſer flehend bat ihn nieder legen und ruhen zu laſſen, er könne es nicht mehr aushalten. Der Vater willfahrte der Bitte und legte ihn in's Gras, und brachte ihm in ſeinem Blech⸗ becher, den er am Gürtel trug, zu trinken; dann aber trieb er auch um ſo mehr, das ſchützende Ob⸗ dach des Hauſes zu erreichen, aus der Nachbarſchaft dort weibliche Pflege herbeizuholen. 441 Sanft nahm er den Verwundeten wieder auf und trug ihn mit unendlicher Mühe durch die Un⸗ zahl hochaufwachſender Cypreſſenwurzeln, die den Weg überall unterbrachen. Aengſtlich vermied er da⸗ bei auch die kleinſte Erſchütterung, während keiner von ihnen weiter ein Wort ſprach, bis der Vater endlich das, ihm peinlich werdende Schweigen brach und, ſich zum Sohne niederbeugend, lispelte: „Nur noch eine Viertelſtunde, mein William, nur noch eine Viertelſtunde, dann lege ich Dich ſanft auf Dein Bett und rufe Nachbar Spellens Anna. Die ſoll Dich pflegen und dann wird Dir bald wieder beſſer werden. Zu Hauſe nehmen wir auch die blu⸗ tigen Kleider ab und— aber William,“ unterbrach er ſich ängſtlich, indem er ſtill ſtand. Der Sohn ſchlug noch einmal die Augen zu ihm auf, öffnete den Mund, als wenn er reden wollte, ſtreckte ſich und athmete tief auf, während ein tiefer Schmerz ihm durch das Antlitz zuckte. „William!“ rief der Greis entſetzt,„William! ſo antworte doch— thue ich Dir weh?—“ Der Sohn antwortete nicht mehr— er war todt. Der Vater legte den Körper in's Gras, rieb ihm die Schläfe, nahm ſeinen Kopf auf den Schooß, er⸗ faßte ſeine Hände; es war nutzlos, ſein Kind war todt. Da übermannte ihn einen Augenblick ſein Ge⸗ fühl; er warf ſich auf den Leichnam und ſchluchzte laut; 442² dann aber, ſich gewaltſam ſammelnd, ſtand er ruhig auf, nahm die Leiche wieder in ſeine Arme, und trug ſie, ſo ſorgfältig als er das verwundete Kind gehalten hatte, dem jetzt nur noch wenige hundert Schritte ent⸗ fernten Hauſe zu. Dort angekommen, legte er die Lei⸗ che auf das Bett, rückte einen Seſſel daneben und des Kindes Hand in die ſeinige nehmend, legte er ſeinen Finger auf deſſen Pulsader, um den leiſeſten Schlag derſelben zu vernehmen, das unbedeutendſte Zucken ſeiner Augenlider zu bemerken. Es war die letzte Hoffnung des Vaters, dem ſtarren unerbittlichen Tode gegenüber. Ruhig und geduldig, ja vielleicht ohne ſie zu bemerken, hielt der Greis die Stiche von ganzen Schaaren Mosquito's aus, die ihn umſchwärmten, beobachtete ſogar mit fieberhafter Spannung die ein⸗ zelnen der kleinen Blutſauger, wenn ſie ſich auf das Geſicht der Leiche niederließen, zu entdecken, ob noch nicht aller Lebensſaft aus den Adern des ein⸗ zigen Kindes gewichen ſei. Die Mosquito's aber ſenk⸗ ten ihren Stachel in die Haut und tauchten umſonſt mit der langen Spitze deſſelben nach der warmen Nahrung, zogen ihn wieder heraus, verſuchten an einer anderen Stelle und verließen dann, ſummend und unmuthig, den blutloſen Leichnam. So kam die Nacht; der alte Mann ſtand auf und zündete ein Licht, von Hirſchtalg und Bie⸗ 443 nenwachs gegoſſen, an, das er auf den Tiſch ſtellte und denſelben nahe zum Bett rückte. Dann ſetzte er ſich ſelbſt wieder auf ſeine alte Stelle, und die Hand des Kindes in der ſeinigen, erwartete er das erſte Tageslicht. Als nun endlich der Morgen dämmerte, die Sonne hinter den Baumwipfeln emportauchte, da ſtand er auf, ging hinaus, nahm eine Hacke und fing an das Grab ſeines Erſt⸗ und Einzig⸗Gebore⸗ nen zu bereiten. Als die Grube tief genug war, wickelte er die Leiche in die wollene Jagddecke, küßte noch einmal Lippe und Stirn des Kindes, ſenkte ihn ſanft hinab, legte dachartig lange Schindeln über ihn hinweg, daß ihn die Erdſchollen nicht berühren konnten und füllte das Grab aus. Das beendet, rollte er mit unſäglicher Mühe einen abgehauenen, zu Fenzſtangen beſtimmten Ei⸗ chenſtamm auf das Grab, ſchlug die Rinde oben ab, und grub mit ſeinem ſchweren Jagdmeſſer, das er meiſelartig gebrauchte, den Namen ſeines Sohnes in rohen Buchſtaben auf den Stamm. An demſelben Tag noch fing er die beiden Pferde wieder auf, die er an dem geſtrigen Unglücksabend im Walde verlaſſen hatte, bepackte ſie mit dem Nöthig⸗ ſten, was er bei einer neuen Anſiedelung zunächſt zu brauchen glaubte, und zog über den Arkanſas hin über nach den Maſſerne⸗Gebirgen, do 444 den Tod ſeines geliebten Kindes beweinen zu können. Das Haus ſtand verlaſſen und öde, der Stamm aber, der auf dem Grab des Jägers lag, war jeden Sonntag Morgen mit friſchen, bunten Waldblumen geſchmückt. Ein junges Mädchen kniete dann wohl eine Stunde lang, die Stirne auf die rauhe Rinde gepreßt, ſtill daneben und netzte mit ihren Thränen die rauhe Decke des jungen Backwoodsman.— und zündedruch von Alexander Wiede in Leipzig. —— 7 8 9 10 11