— 5— ibliothek deutſcher, engliſcher nd franzöſiſcher Literatur Eduard Oktmann in Gießen, 1 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ſtdem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für lhentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 1—————— 4 auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mt.— Pf.* 3 1„ „ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.— 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe i auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 2 Anter dem Aequntor. Javaniſches Sittenbild von Rriedrich Gerstäcker. „Der Verfaſſer behält ſich die Ueberſetzung dieſes Werkes vor.“ Dritter Band. Teipzig, Hermann Coſtenoble. 1861. 12 Es war ein wundervoller Morgen an dem zwei bequeme Kutſchen, jede mit vier rüſtigen in⸗ ländiſchen Pferdchen beſpannt, vor der Thür von Van Straatens Wohnung hielten, und Malayiſche Diener ſchon emſig beſchäftigt waren, einzelne kleine Kofferchen wie Körbe mit Lebensmitteln und Wein auf den verſchiedenen Plätzen unter⸗ zubringen. 3 Wagners Bendi hielt dicht daneben, und Wagner ſelber ſtand in einem leichten Reiſeanzug, wie die Uebrigen einen breiträndigen Strohhut auf, mit den beiden Herrn Lockhaart und Van Straaten, vor dem Porticus und blies den Rauch ſeiner Cigarre in die klare Morgenluft hinaus. Die Damen waren noch im Haus. Unter dem Aequator. III. 1 * 2 „Na ja,“ ſagte Lockhaart, indem er eine ſchon agr Cigarre wegwarf und eine friſche anbrannte,„die Frauenzimmer ſind richtig noch nicht da. Das weiß doch der Henker, was die immer ſo lange zu peſteln und zu häckeln und zu ſtecken und zu putzen haben. Wie wär's, wenn wir langſam vorausführen, denn Du willſt uns doch nicht etwa vertheilen Lodewijk?”“ „Warachtig niet“ rief dieſer raſch aus—„die Vrouwetjes mögen zuſammen fahren, und wir nehmen den andern Wagen. Hab auch den Wein⸗ korb dort hineinſchaffen laſſen und die Cigarren; ſonſt muß man ſich immer geniren ob der Rauch da oder dort hinüber zieht.“ „Brav arrangirt, mein Junge“ ſagte Lock⸗ haart, ſich vergnügt die Hände reibend;„das giebt eine fameuſe Parthie und ich freue mich darauf, wie ich mich lange auf Nichts gefreut habe;— aber die Frauen kommen noch immer nicht. Dazu gehört doch eine Bärengeduld— ich glaube wahr⸗ haftig, die alte Kathrine kann mit ihrer Toilette nicht fertig werden.“ „Nein, es iſt dießmal meine Alte“, lachte Van Straaten—„Hedwig mit der Kathrine ſind ſchon ſeit einer halben Stunde bereit geweſen, die Doortje wird heute aber mit ihrer Morgentoilette 3— nicht fertig, und ich fürchte, ſie will die„Einge⸗ borenen“ auf's Aeußerſte in Erſtaunen ſetzen.“ „Na da kommen ſie endlich— guten Morgen, guten Morgen Vrouwetjes, und nun auf Eure Plätze!— Dort drüben ſcheint ſchon die Sonne durch die Wipfel; wir dürfen nicht warten bis ſie uns auf die Köpfe brennt.“ Wagner war zu Hedwig gegangen, ſie zu be⸗ grüßen. Das junge Mädchen ſah gar ſo lieb und friſch in dem ſchneeweißen Morgenkleide und dem einfachen mit lebendigen Blumen und einem roſa Bande geſchmückten Strohhut aus. Ein leichtes Erröthen verlieh dabei noch ihren Zügen einen höheren Reiz, als ſie dem jungen Manne die Hand entgegenſtreckte und lächelnd ſagte: „Das iſt hübſch von Ihnen, daß Sie gekom⸗ men ſind. Ich freue mich recht darauf das ſchöne Land jetzt auch einmal von eigenem Anſchauen kennen zu lernen, von dem mir Mevrouw Van Straaten ſchon ſo viel und Reizendes erzählt. Es muß gar ſo herrlich im Innern ſein.“ „Es wird Ihre höchſten Erwartungen noch übertreffen“ ſagte Wagner,„denn wie hoch man die— „Vorwärts! vorwärts!“ unterbrach ihn aber Lockhaart,„das Praatjen könnt Ihr Euch auf 1* 4 heut Mittag aufſparen.— Hier her Wagner— Ihr ſeid der Jüngſte, Ihr müßt den Rückſitz nehmen— natürlich, jetzt muß der auch noch erſt den„Damen“ in den Wagen helfen, damit die Malayiſchen Schufte daneben ſtehen und die Mäu⸗ ler aufſperren.— Alles klar Lodewijk?— ſo hier herein, jetzt Api meine Junge— nur vorwärts, das geht auch unterwegs— ſo endlich haben wir einmal die Anker auf und gehen mit vollem Wind vierzehn oder ſechzehn Knoten die Stunde; die Vrouwetjes können ausgucken, daß ſie mit kommen.“ Der alte Herr war heute ganz wie ausge⸗ wechſelt, lachte und erzählte und rauchte dazu, und amüſirte ſich vortrefflich, und der gute alte Van Straaten, mit ſeinem gemüthlichen, treu⸗ herzigen Geſicht, ſaß ſeelenvergnügt neben ihm und freute ſich von Herzen über des Schwagers gute Laune. „Und das Alles danken wir Ihnen nur, Wa⸗ genaar“ brach er auf einmal plötzlich aus, daß ihn ſeine beiden Begleiter erſtaunt anſahen, „die ganze Veränderung iſt mit dem Menſchen erſt vorgegangen, ſeit wir das junge Mädchen im Hauſe haben. Früher ſage ich Ihnen Wagenaar, war es der langweiligſte, verdrießlichſte und un⸗ 8 5 zufriedenſte Peter, den es nur auf der Gottes⸗ welt geben konnte— jetzt iſt er wie ausgewechſelt. Er ſpricht; er lacht; er erzählt; das Eſſen ſchmeckt ihm, der Kaffee ebenfalls, und wir leben jetzt mit ihm gerade wie im Himmel.“ „Jetzt hör' Einer die alte Plappertaſche an,“ rief Lockhaart ſich erſtaunt halb gegen ihn um⸗ wendend—„wer ihn ſo reden hörte müßte mei⸗ nen, ich ſei früher das unleidlichſte, nichtsnutzigſte Geſchöpf auf der Welt geweſen; anderen Menſchen nur zur Plage und zur Qual.“ „Das warſt Du auch, Martijn— hol mich Dieſer und Jener, das warſt Du auch!“ rief Van Straaten dagegen„und ich will meine Alte, Deine eigene Schweſter zum Zeugen gegen Dich aufrufen, daß Du das unausſtehlichſte Exemplar von einem lebendigen Schwager geweſen biſt, der je auf zwei Beinen, zum Aerger ſeiner Mitmen⸗ ſchen herumgelaufen. Jetzt kann man Dirs ſagen; ſo etwas macht ſich recht gut aus der Entfernung— zur Erinnerung, und mag auch vielleicht als Warnung für die Zukunft dienen; aber Gott bewahre uns davor, daß wir's einmal wieder genießen ſollten. Keinenfalls laſſ' ich, ſo lange Du noch bei uns biſt, das Mädel wieder aus dem Haus, denn ſolch einen capitalen Blitz⸗ 6 ableiter möchten wir vielleicht nicht wieder be⸗ kommen.“ Wangner ſchwieg, aber das Alles paßte zu dem was ihm Van Roeken darüber geſagt. Der alte Lockhaart fühlte ſich in der Nähe des Mädchens wohl, und ſelber reich und wenn auch ſchon, für Indien wenigſtens, hoch in den Jahren, war es da nicht das Natürlichſte, daß er darauf denken ſollte, ſie für immer an ſich zu feſſeln? Brauchte er doch bald eine Pflege für ſein heranrückendes Alter, und wer hätte ihm die beſſer gewähren können, als eine Frau. Und Hedwig?— wenn er um ihre Hand warb, hätte ſie wohl ſchwerlich „nein“ geſagt, und wäre es nur deßhalb geweſen, dieſer fatalen Lage zu entgehen, in der ſie ſich durch Van Roekens Rückſichtsloſigkeit noch immer befand. Vagner ſaß rückwärts und von ſeinem Platz aus konnte er das junge Mädchen ſehen, wie ſie, an Mevrouw Van Straatens Seite, entzückt und ſelig auf die wundervolle Landſchaft rings umher hinausſchaute. In der That hatte ſie auch in dieſem Augenblicke für nichts Anderes Sinn, dachte weder an Vergangenheit noch Zukunft, und ſchwelgte nur in der wundervollen, zauberſchönen Gegen⸗ wart, die ſie, wohin ihr Auge fiel, umgab. 7 Im Anfang ahnte ſie freilich nicht, was für ein Genuß ſie heute noch erwarte, denn ſo lange ſie ſich noch in den Vorſtädten hielten, blieb ſich der Weg ziemlich gleich, und die Ausſicht, durch Gärten und mächtige Bäume rechts und links, be⸗ ſchränkt. Je weiter ſie aber hinaus, dem Innern zu kamen, deſto mehr verlor ſich dieſer Charakter, der bis hierher noch immer Europäiſche Gebäude von tropiſcher Vegetation eingeſchloſſen, gezeigt hatte. Auch nur allmählich voränderte ſich die Scene: die Straße blieb noch immer von Hecken und Gär⸗ ten eingefaßt, aber mehr und mehr verſchwanden die Europäiſchen Wohnungen, die bis jetzt mit ihrer grünen Einfaſſung an beiden Seiten, den Hintergrund gebildet hatten. Dafür machten ſie aber nun kleinen, niederern doch ſo viel maleri⸗ ſcheren Hütten der Eingeborenen Platz, die mehr vorn an der Straße ſtanden, und unter die Pal⸗ men und Waringhis auch viel beſſer paßten. In voller Flucht jagten indeſſen die vier Po⸗ neys mit dem leichten Wagen und ihrer, nicht ge⸗ rade übermäßigen, aber doch auch nicht unbedeu⸗ tenden Laſt dahin, denn bei jedem Wagen ſaß der Kutſcher auf dem Bock, und zwei Malayen ſtanden hinten auf, die auch zu Zeiten abſprangen und 4 8 die Thiere anfeuerten. Aber die lebendigen Pferde ſchienen die Laſt gar nicht zu fühlen; die Straße war vortrefflich, glatt wie ein Tiſch und hart und trocken, und Staub und Kies wirbelten hinter ihnen auf, als ihre kleinen Hufe im Takt darüber hin klapperten. Plötzlich, wie mit einem Zauberſchlag hielten beide Wägen unter einem langen, auf niederen, weißgetünchten Backſteinſäulen ruhenden Gebäude, wo ſchon andere Malayen mit fertig angeſchirrten Pferden bereit ſtanden, die Stränge der müde ge⸗ hetzten abzuwerfen und die friſchen vorzulegen. „Nun wie geht's? rief Van Straaten den jetzt dicht hinter ihnen haltenden Damen zu, indem er ſich im vorderen Wagen aufrichtete und um⸗ drehte—„wie gefällt es unſerem Pflegetöchterchen?“ „Oh es iſt gar ſo herrlich! gar ſo ſchön!“ rief Hedwig entzückt,„das Land iſt ſo wundervoll, wie ich es nie geträumt!“ „Na warten Sie nur; es kommt noch beſſer, wenn wir nur erſt einmal aus den hohen Bäumen heraus ſind,“ nickte der alte Herr ihr zu,—„von hier ab fahren wir zwiſchen die Reisfelder hinein, und da bekommt das Land ein ganz anderes An⸗ ſehen.“ Ihr Geſpräch wurde unterbrochen, denn von 4 —,— ten und hier bequemere Beute machen wollten, 9 allen Seiten ſtrömte ein Schwarm kleiner, halb⸗ nackter, brauner Burſchen heran, Jungen und Mädchen, und umdrängte ſchreiend erſt beide, dann aber nur den vorderen Wagen. Hedwig richtete ſich erſtaunt empor, denn ſie wußte nicht, was das zu bedeuten hatte. Es ſah allerdings ſo aus, als ob ſie um etwas bitten wollten, zum Betteln waren ſie aber Alle zu luſtig und ausgelaſſen. Gab ihnen die Natur hier nicht auch Alles, was ſie brauchten? Lockhaart wußte aber recht gut um was ſie hierher gekommen waren, ja hatte ſogar dieſe kleine Bande erwartet, und ſich darauf gefreut und vor⸗ bereitet, denn wie ſich jetzt herausſtellte, trug er eine Menge kleines Kupfergeld in allen Taſchen mit. Als ſich die meiſten nun jubelnd und die Arme emporſtreckend auf einem Haufen ſammelten, warf er eine ganze Hand voll kleiner Münze mit⸗ ten zwiſchen ſie hinein.— Das aber gab ein Ge⸗ dräng und Gekreiſch und oberſt zu unterſt ſtürzten die Jungen ſo wild über die Deute her, daß ſich die kleinen Mädchen ſcheu davon zurück drängten. Denen warf aber Lockhaart jetzt eine andere Hand voll Münze hinüber, und ein paar der Burſchen die bei dem erſten Knäul nicht ankommen konn⸗ K& wurden von dem Kutſcher raſch mit ſcharfen Peit⸗ ſchenhieben in ihre richtige Entſeruung zurückge⸗ wieſen. Eine wahre Luſt aber war's indeſſen zuzuſehn wie ſich die kleinen Malayen um die Deute balg— ten. Mit dem Kopf voran, ſchnellten ſie ſich in den dickſten Haufen hinein, über die Schultern der dicht zuſammen gedrängten ſprangen und kletter⸗ ten ſie, und wer eine oder ein paar der kleinen Kupfermünzen gewann, ſchob ſie nur raſch mit den ſtaubigen Fingern in den Mund— der ein⸗ zigen Taſche die ſie trugen, die Hände wieder für weitere Beute frei zu bekommen. Das war dabei ein Jubel und ein Gekreiſch, daß man ſein eigen Wort kaum verſtehen konnte, und noch während ſie ſich balgten und zur Seite warfen, gellte auf einmal ein lauter, ſchriller Ruf zwiſchen ſie hinein, der ſie mahnte, den anſprin⸗ genden Pferden Raum zu geben. Dieſe waren nämlich ſchon umgeſpannt und während die Kinder nur eben genug zur Seite wichen, daß ſie vorüber konnten, zogen die fri⸗ ſchen Thiere, von Peitſchenſchlägen und lautem Hallohgeſchrei der Umſtehenden getrieben an, und rißen die leichten Wägen im Flug aus dem Säu⸗ lenbau hinaus und wieder in die reizende Land⸗ 11 ſchaft hinein, die ſich jetzt auf einmal wie ein weites Bild vor ihnen ausdehnte.. Mit dieſem Kampong ließen ſie in der That die beengenden Gärten zurück; rechts und links öffnete ſich der Blick ins Freie, und während im Hintergrunde die mächtigen, wildzerrißenen und feuergährenden Bergrücken Javas ſichtbar wur⸗ den, die das Rückgrat der ganzen Inſel und die Waſſerſcheide zwiſchen der nördlichen und ſüdlichen Hälfte bilden, breiteten ſich vor ihnen die eigen⸗ thümlich angelegten Reisfelder der Eingeborenen aus. Jetzt, mit hier und da noch einem kleinen Garten, irgend einer Anpflanzung in der Nähe, ließ ſich auch erſt die wirkliche Schönheit des Landes erkennen, denn bis dahin hatte die über⸗ reiche Vegetation das verhindert, und dem Schau⸗ enden zu viel auf elnmal geboten.— Aber wo⸗ hin ſollte der Blick jetzt zuerſt ſchweifen,— was zuerſt erfaſſen?— Erſt das Fernſte, weiteſt Ab⸗ gelegene gerade, weil er bis dahin eingeengt, und von üppiger Vegetation gewiſſermaßen gefangen ge⸗ halten wurde. Jetzt fliegt er ungehindert nach den Bergen hinüber, deren rauhe, ſcharf abgeriſſene Conturen hie und da gegen den tiefblauen Him⸗ 12 mel abſchnitten, und von ihren höchſten Spitzen auch wohl von duftigen Nebeln umzogen wurden. Noch ſtanden überall am Weg einzelne Bäume, hie und da ein ſtattlicher Waringhi, der von rieſigem Umfang, ſeine dem Birkenlaub nicht un⸗ ähnlichen Zweige von dem mächtigen Wipfel aus in üppigen Feſtons bis zum Boden fallen ließ, dann auch die prächtigen Cocospalmen, die Kö⸗ nigin der Bäume, und die ſchlanke, ſchwankende Arecapalme mit ihrem hohen, zierlichen Stamm und elegant geformter Wipfelkrone. Zwiſchen dieſen aber als vorderen Couliſſen, und mit den mächtigen trotzigen Bergen als Hintergrund, zog ſich in weiter wellenförmiger Strecke das in regel⸗ mäßige Felder getheilte Land, zu beiden Seiten aus, hier noch von Baumbewachſenen Culturen unterbrochen, dort in kleine viereckige, eingerän⸗ derte Stücke geſchnitten, und bunt zerſtreut da⸗ zwiſchen hin, waren nur dichte, abgerundete Buſch⸗ flecken zu ſehen, aus denen einzelne Palmen⸗ wipfel ihre federartigen Kronen ſtreckten. „Wie das ſonderbar ausſieht,“ ſagte Hedwig, die mit lächelnden Blicken an der Verwandlung dieſer Scenerie hing,„erſt noch das ganze Land von Gebäuden dicht beſäet, und jetzt auf einmal die in unſerer Nähe befindlichen ausgenommen, — — 13 keine menſchliche Wohnung, ſo weit das Auge reicht.“ „Und wie irren Sie ſich da, meine liebe Hed⸗ wig,“ ſagte lächelnd die alte würdige Dame.—„In Europa freilich würde ein ſo dicht bevölkerter Landſtrich wie dieſer, eine Menge kleiner feuer⸗ rother Gruppen— die Ziegeldächer nämlich— zei⸗ gen, die von niederen Obſtbäumen eingeſchloſſen wären. Hier in Indien aber brauchen die Häu⸗ ſer oder Wohnungen weit. mehr den Schatten als den Sonnenſchein, und deshalb liegen in all jenen kleinen Gebüſchen die Sie da ſehen und die unregelmäßig über die ganze Gegend ge⸗ ſtreut ſind, in jedem einzelnen ein kleines Dorf.“ „Ein Dorf?— das iſt ja aber kaum mög⸗ 1 lich.“ „Wir werden ſpäter ſolche ähnliche Flecke be⸗ ſuchen,“ ſagte Mevrouw jene Gebüſche beſtehen einzig und allein aus den verſchiedenſten Frucht⸗ bäumen, hie und da von Bambusſtreifen umge⸗ ben, denn ohne Bambus können die Eingebore⸗ nen nicht beſtehen. Zwiſchen dieſen aber ſind Cocos⸗, Areca⸗ und Arenpalmen gepflanzt. Die erſteren der Nüſſe wegen, die ein kühlendes Ge⸗ tränk geben, die zweiteren der kleinen Frucht wegen, die ſie tragen, und die von den Einge⸗ 14 borenen zum Betelkauen benutzt werden; die dritte dagegen, um den Stamm anzuzapfen und den auslaufenden Saft zu Zucker einzukochen. In dem Schatten dieſer herrlichen Bäume liegen dann die kleinen, niederen und luftigen Hütten, und wohnen die einfachen, fleißigen und braven Menſchen, die Eingeborenen, die faſt Alle hier vom Ackerbau leben— jede Familie faſt in einem kleinen Paradies. Aber gleich dort vor uns liegt eine ſolche dessa, wie man dieſe kleinen, in Fruchthainen verſteckten Häuſergruppen nennt, und Sie werden dort beſtätigt finden, was ich eben ſagte. Es ſind künſtliche Oaſen, nur daß ſie in keiner Wüſte, ſondern in einem ſonnbe⸗ ſchienenen Landſtrich, liegen, von dem jeder Fuß⸗ breit urbar gemacht und bebaut iſt. „Und was iſt das dort drüben? das hohe ſchlanke Geſtell, mit einem Korb oben daran?— Eine Art Leiter, wie eine⸗Hühnerſteige führt daran hinauf.“* „Ah dort?— Das iſt eine Reiswache, mein Herz, und paſſen Sie auf, wenn wir vorüber fahren, wie der kleine, darin ſitzende Junge, die Reisvögel aus den umliegenden Feldern ſcheucht.“ „In dem Korb ſitzt ein Menſch?“ rief aber auch jetzt die Kathrine, die bis zu dieſem Augen⸗ 15 * blick vor lauter Verwunderung noch keine Sylbe geſprochen hatte. „Ja allerdings,“ lächelte Mevrouw,„wenn auch nur ein ganz kleiner, aber er iſt doch groß genug, die Seile anzuziehen, die von da oben aus in die Felder hinauslaufen, und ſehen Sie, wie da drüben ein ganzer Schwarm von Vögeln aufſteigt und über die Straße hinüberſtreicht, weil der Junge mit ſeinen Fäden die dort ange⸗ brachten Vogelſcheuchen in Bewegung geſetzt hat. „Aber nu breche ſe dem Nachbar in ſei Reis,“ meinte die Kathrine.— „Das thun ſie allerdings,“ lautete die Ant⸗ wort„aber der mag andere Klappern anbringen, um ſie eben ſo zu empfangen und weiter zu ſchicken.“ Sie fuhren jetzt dicht neben dem Reiswacht⸗ haus hin, das wirklich nur aus einem, auf lan⸗ gen Bambusſtangen aufgerichteten Korb beſtand. Von oben aus liefen aber Schnüre oder Seile nach beweglichen Flederwiſchen und Klappern hinüber, die mitten in den Feldern ſtanden, und, wenn ſie angezogen wurden, ſich hin und her be⸗ wegten oder ein Geräuſch machten. Ehe ſie aber das Alles nur halb betrachten konnten, flogen die Wagen auch ſchon mit ſchwin⸗ ¹ 16 delnder Schnelle daran vorüber, und die Ka⸗ thrine vergaß in der einen Ueberraſchung, die ihr hier wieder bereitet wurde, die ganze Scenerie um ſich her. Plötzlich nämlich, ſprangen die Malayen die hinten auf dem Wagen, und auf beſonders dazu angebrachten niederen Austritten ſtanden, von ih⸗ rem Geſtell herunter, griffen, während ſie mit fa⸗ belhafter Schnelle neben her liefen, im Weg lie⸗ gende Steine auf, und warfen ſie von beiden Seiten mit einem wahren Zetergeſchrei auf die Pferde. Aber weshalb?— Nicht die geringſte Veranlaſſung dazu ſah weder die Kathrine, noch Hedwig, denn die kleinen Thiere hatten bis jetzt ſchon ihr Möglichſtes gethan, und daß ſie, wo der Weg ein wenig an zu ſteigen fing, auch et⸗ was langſamer gelaufen waren, konnte ihnen eben Niemand verdenken. Mevrouw aber, mit dem Leben und Treiben hier ſchon beſſer bekannt, hatte bald die Urſache entdeckt. Vor ihnen fuhr nämlich ein anderer Wagen, auch mit vier Pferden beſpannt und Frem⸗ den darin, und bei Kutſcher wie Treibern war es zur Ehrenſache geworden, dieſe zu überholen — was kümmerten ſie die Pferde. Der vordere Wagen hatte indeſſen ebenfalls, 17 die hinter ihm herkommenden beiden Fuhrwerke gehört, denn die Burſchen machten mit ihrem Schreien Specktakel genug. Natürlich wollten ſich jene aber nicht gern überholen laſſen, und dort begann jetzt eben daſſelbe Toben und Wüthen wie hier. Der Kutſcher hieb in die Pferde, die Boed⸗ jangs zu beiden Seiten heulten und ſchrieen und warfen Steine und Stücken Holz— was ſie nur eben erreichen konnten,— auf die Pferde, und ſchlugen nach ihnen mit kleinen kurzen Peit⸗ ſchen, die ſie im Gürtel trugen, bis ſie die armen Thiere faſt bis zur Raſerei getrieben hatten. Der Schweiß lief ihnen an den glänzenden Haaren nieder, der heiße Dampf ſtieg ihnen aus den Nüſtern, und ſie gingen eben mit dem Wagen durch, ſo raſch ſie rennen konnten. Weiter wollten ihre Peiniger aber auch gar Nichts— wenn ſie nur eben die Straße hielten— und ſowie ſie die armen abgehetzten Thiere in vollſter Flucht hatten, waren ſie mit einem geſchickten Satz wieder auf ihrem Stand, jetzt ſelber nur erſt einmal zu Athem zu kommen, und einen Au⸗ genblick zu verſchnaufen. DOb unſere Freunde nun wirklich beſſere Pferde hatten, oder ob ihre Javanen beſſer, das heißt erbarmungsloſer, mit ihnen umzugehen wußten, Unter dem Aequator. III. 2 2 kurz die beiden hinteren Wagen rückten den vor⸗ deren näher und näher, und gerade als es in der, jetzt mehr wellenförmig werdenden Straße, einen kleinen Abhang hinauf ging, von allen drei Geſchirren die Treiber unten waren und mit Schreien und Steinwerfen wie außer ſich ſchienen, raſſelten Van Straatens mit ihren Gäſten an dem Fuhrwerk vorüber, in dem vier Holländiſche Ofſiciere ſaßen. Da ſie zu gleicher Zeit eine der kleinen Dessas paſſirten, kamen bei dem furchtbaren Geſchrei auch die Eingeborenen aus allen Hütten herausgeſtürzt, bei dem Lärm eben das Entſetzlichſte vermuthend. Hedwig wie die Kathrine, konnten ſich natür⸗ lich in dieſer überraſchend neuen Welt noch gar nicht ſammeln— war ihnen doch Alles fremd, Alles auffallend und ungewohnt, und ſie bedurften erſt einer gewiſſen Zeit ſich da hinein zu finden. Den vollen Gegenſatz zu ihnen bildete jedoch der vordere Wagen, in dem die drei Herren, ihre Eigarre im Mund, ſo behaglich zurückgelehnt ſaßen, und ſo gleichgültig die ganze Außenwelt an ſich vorüber gehen ließen, daß man es ihnen wohl anſah, ſie begegneten hier keinen neuen, ſondern nur allgewohnten, alltäglichen Scenen. Nicht einmal bei der Wettfahrt mit dem anderen Wagen 8 4 A. 4 drehten ſie auch nur den Kopf nach dieſem Hei⸗ denlärm, ſondern blieſen den Dampf in die blaue Luft hinein, und erzählten ſich Anekdoten aus den Kreiſen, in denen ſie ſich in der letzten Zeit be⸗ wegt. Nur als ſie den Wagen mit den Officieren überholten, ſahen ſie hinüber und grüßten ſich gegenſeitig. „Da drin ſitzt auch Ihr Hauptmann Bern⸗ ſtoff,“ lachte Lockhaart zu Wagner hinüber— „Was zum Henker treiben die vents de Urlaub genommen haben?“ „Nein,“ ſagte Van Straaten,„wie ich gehört habe, iſt geſtern ein Trupp friſcher Recruten nach Buitenzorg abmarſchirt, und die Herren haben ih⸗ nen wohl nur den gehörigen Vorſprung gelaſſen, um in größtmöglichſter Bequemlichkeit nachfahren zu können. Den Soldaten ſchadet es weit we⸗ niger, wenn ſie in der Sonne marſchiren müſſen, wie den Officieren.“ „Sie haben Recht, wenn ſie ſich's bequem machen ſo lange es geht,“ meinte Lockhaart— „kommen ſie nachher nach Sumatra in die Sümpfe, und unter die vergifteten Pfeile der Badaks, ſo wird ihnen doch Nichts geſchenkt.“ „Dann ſind ſie aber nachher ſo verwöhnt,“ * un, ob ſie 20 bemerkte Wagner,„daß ſie den geringſten Stra⸗ pazen erliegen.“ „Papperlapapp,“ lachte der alte Lockhaart, „das iſt der gewöhnliche Alteweiber Glaube, daß man ſich von Jugend auf ordentlich abhärten müſſe, um ſpäter irgend etwas ertragen zu kön⸗ nen,— und wie bin ich ſelber zum Beiſpiel ver⸗ hätſchelt worden. Wer überhaupt ſonſt geſund iſt, ſoll ſich das Leben um Gottes Willen nicht unnöthiger Weiſe ſchwer machen, nur um Bedürf⸗ niſſe entbehren zu können, wenn er ſie einmal nicht haben kann. Tritt der Fall wirklich ein, entbehrt er ſie doch, darauf geb' ich ihm mein Wort, ob er nun daran gewöhnt iſt oder nicht. Ob ich das ganze Jahr auf einem Bret ſchlafe, wird mir der Erdboden deshalb nicht weicher, wenn ich einmal darauf campiren muß. Nein, ſo lange ich es haben kann, ſchlafe ich in einem weichen, bequemen Bett, und eſſe und trinke gut, muß ich es dann einmal entbehren, ſo hab' ich auch Selbſtüberwindung genug, das ohne Murren zu erträgen, und zwar ohne mich ſchon Jahre lang vorher ganz unnöthiger Weiſe caſteit zu haben.“ 3 Luſtig rollten die Wagen vorwärts, und ließen das Fuhrwerk mit den Officieren bald weit zu⸗ 8 21 rück. Jetzt flogen ſie, von den unermüdlichen Pferden in wildeſter Flucht fortgezogen, durch ebene ſonnbeſchienene Reisfelder, in denen hier ein Javane mit ſeinem trägen Karbau den Schlamm umwühlte, das Feld zur Saat zurecht zu machen, während dicht daneben eine Schaar halbnackter Mädchen mit einem kleinen ſichelartigen Meſſer den reifen Reis erntete und in feſte dichte Garben band.— Nun kreuzten ſie eine der klei⸗ nen, zauberiſch ſchönen und ſchattig kühlen Deſſas, mit ihren lauſchigen Palmenhainen, aus denen die kleinen luftigen Bambusgebäude ſo zierlich und ſauber gearbeitet hervorſchauten, als ob ſie nur als Putz oder Spielzeug dort aufgeſtellt ſeien. — Aber immer wellenförmiger wurde dabei das Land; immer mehr näherten ſie ſich den gewalti⸗ gen feuerſpeienden Bergen, die ſich als Rückgrat der ganzen Inſel von Weſt nach Oſten hinüber dehnen. Schon ließ ſich der Gedé klar und deut⸗ lich mit ſeinem rauhen Kraterjoch erkennen, und der Megamendong oder Wolkenumhüllte, verſteckte ſeinen Gipfel in einem weißen Duft, der von dem feurigen Nachbar zu ihm herübergezogen war. Immer ſichtbarer wurden aber auch jetzt die dicht bewaldeten Ausläufer dieſer Vulkane, die ſich mit prachtvollen Wäldern bedeckt, ſtrahlenförmig 256 in das flache Land hinauszogen, und endlich lenk⸗ ten ſie wieder in reizende Gärten ein, in Alleen von Tamarinden und pahon Haive*) und zwiſchen die bequemen und luxuciös gebauten Häuſer der Europäer. Gerade wie ſie einem Chineſiſchen Tempel und das Chineſiſche Viertel von Buitenzorg paſſirt hatten, das ziemlich denſelben Charakter zeigte wie das Bataviſche, überholten ſie einen Trupp Soldaten, die eben Halt gemacht, und ſich in den Schatten der Bäume geworfen hatten, von dem heißen Marſch nur kurze Zeit zu raſten. Eine wunderliche Miſchung von Leuten war das, Malayen und Javanen, Neger, Mulatten und Weiße, bunt durcheinander gemiſcht, in ihren blauen, heißen Uniformen— die Eingeborenen und Neger dabei Alle barfuß, die Weißen aber mit Schuhen an. Auch von dem benachbarten Chineſiſchen Viertel hatte die dortige induſtriöſe Bevölkerung ſchon ihre Boten abgeſandt, den ar⸗ men Teufeln gegen ein paar dürftige Erfriſchungen die ihnen verlockend vorgehalten wurden, auch die letzten Deute abzuholen. Langzöpfige Burſchen, in weiten blauen Jacken und kurzen weißen Ho⸗ *) Eine prachtvolle und rieſige Akazienart, mit brennend. rothen und ſteinharten Kernen. 23 ſen, ein paar große Körbe an einem langen Bam⸗ busſtock über der Schulter balancirend, liefen von allen Seiten herbei, Scheiben Ananas, Aren⸗ ſaft und andere unſchuldige und kühlende Dinge öffentlich zum Verkauf auszubieten. Heimlich in ihren Körben trugen ſie aber noch ſorgfältig ver⸗ ſteckte Flaſchen mit verbotenem Arrak, der ihnen ſchon deshalb, weil er verboten war, viel beſſer und theuerer bezahlt wurde. Einige der Soldaten, die mitten im Wege ſtanden, waren bei Seite getreten, als die beiden Wagen heranrollten, Andere lagen im Schatten, der Bäume abſeits, und ſchienen zu ſehr ermü⸗ det, auf die raſch vorbeifahrenden Geſchirre zu achten. Unter dieſen war auch ein junger Mann mit vollem ſchwarzen Haar, der die Dienſtmütze neben ſich und mit der Fauſt zuſammengeballt, den Kopf in die andere Hand geſtützt, ausgeſtreckt unter einem Baum lag. Mit triefender Stirn und fin⸗ ſter zuſammengezogenen Brauen, lehnte er mit dem Rücken gegen die rauhe aufgebogene Wurzel einer Tamarinde, und drehte nur, wie unwillkür⸗ lich, den Kopf dem Geräuſch der rollenden Räder zu. Ehe er ſich ihnen nur ordentlich zugewandt hatte, war der erſte Wagen ſchon vorüber, und die lich⸗ 24 ten Kleider im zweiten zogen noch ſeinen Zlick auf ſich, als er plötzlich, mit einem kaum unter⸗ drückten Schrei emporſprang.— Aber der Wagen war vorüber— in der Ferne wirbelte noch der Staub auf, und ſtumm und ſtaunend ſtarrte er den Verſchwindenden, wie einer wunderbaren Er⸗ ſcheinung nach. Doch auch dies dauerte nicht lange: „Wahnſinn! Wahnſinn!“ murmelte er leiſe vor ſich hin—„eben ſo gut könnte ich erwarten, ihr droben im Monde zu begegnen, wie hier in Indien in einer eleganten Equipage.— Eine Aehnlichkeit, weiter Nichts. Iſt auch nur wieder Einer von meines böſen Geſchickes Streichen, mir die Erinnerung an vergangene Thorheiten, wenn ich ſie beinah ſchon einmal vergeſſen hätte, immer auf's Neue friſch und lebendig vorzuführen. Nur zu! nur zul ich muß jetzt wohl ſtill halten, denn den tollſten hab' ich eben begangen, in den tollſten und verzweifeltſten bin ich eben mit bei⸗ den Füßen, und anſcheinend bei vollem Verſtande hineingeſprungen— für den muß ich erſt einmal büßen, ehe ich mich mit einer anderen Abrechnung befaſſen kann.“ Die Damen im zweiten Wagen hatten eben⸗ falls das Militair bemerkt, und einen Moment, 25 wie ihr Fuhrwerk daran vorüber rollte, die wun⸗ derlichen und maleriſchen Gruppen betrachtet, wie die Soldaten unter den Bäumen ausgeſtreckt la⸗ gen, und Chineſiſche Verkäufer zwiſchen ihnen hin und wieder gingen. Das war aber auch wirklich nur ein Moment geweſen, denn gleich darauf bo⸗ gen ſie ſchon, am botaniſchen Garten mit ſeinen Palmenreihen vorüberfahrend, in die Straße ein, die zum Hotel Bellevue hinüber führte, und wäh⸗ rend die ſchäumenden Thiere in dem weiten, von niederen Gebäuden umſchloſſenen Hof hielten, ka⸗ men die Herren zum Wagen, den Damen heraus⸗ zuhelfen und ſich beſonders bei Hedwig zu erkun⸗ digen, wie ihr die Fahrt bis hierher gefallen habe. In Buitenzorg ſollte übrigens Station ge⸗ macht und ein oder zwei Tage Raſt gehalten wer⸗ den, das Sehenswerthe auch wirklich mit Muße zu betrachten. Erſt wenn ſie Alles geſehen, wollten ſie den weiteren Weg mit aller Bequem⸗ lichkeit wieder aufnehmen. ᷣ S II. Sobald Reiſende in der Holländiſchen Colonie einen Zielpunkt ihrer Fahrt erreicht haben, iſt ihre erſte Sorge es„ſich lecker zu machen, d. h. ein Bad zu nehmen, ſich umzuziehen und dann in aller Ruhe und Ordnung eine ſtärkende Mah zeit zu verzehren.“ Unſere kleine Geſellſchaft machte denn auch davon keine Ausnahme, und ſammelte ſich erſtt wieder um die Tafel, von hier aus gemeinſchaft⸗ lich nach einem kleinen Ausbau in dem Garten des Hotels hinauszuwandern, um dort Kaffee zu trinken, wie die wunderpolle Ausſicht zu be⸗ wundern.*) Van Straaten hatte übrigens ein paar alte *) Buitenzorg(außer Sorge) iſt das bei Batavia gele⸗ gene nächſte hohe Land, und wurde deshald ſchon im Jahr 27 Freunde in Buitenzorg, höhere Beamten bei der Regierung, denen er verſprochen ſie zu beſuchen, wenn er je den Platz wieder berühre. Natürlich nahm er ſeine Frau mit dorthin, und Hedwig mußte ſie begleiten. Lockhaart weigerte ſich aber hartnäckig, ſeine ſchöne Zeit mit irgend einer faden Viſite zu vergeuden, wem dieſe auch ge⸗ macht würde. Wagner entſchuldigte ſich ebenfalls— Lock⸗ haart hatte ihn gebeten, ihm etwa eine halbe Stunde heut' Nachmittag zu widmen, um etwas mit ihm zu beſprechen, und die alte Kathrine wäre auf dieſe Art auch den ganzen Nachmittag ſich allein in dem fremden Ort überlaſſen geblieben, wenn ſie nicht zufällig in dem Wirthshaus ſelber eine deutſche Köchin gefunden hätte, mit der ſie augen⸗ blicklich enge Freundſchaft ſchloß. 3 1745 von Baron Imhoff, dem damaligen opperlandsvoogt auserſehen einen Sommerpalaſt dort hin zu bauen. Die In⸗ diſche Regierung bewilligte den Platz für immer den jedes⸗ maligen Gouverneuren, und jetzt iſt ein reizendes Palais mit einem botaniſchen Garten dort entſtanden, wie er ſich kaum in der Welt wieder findet. Der botaniſche Garten wurde durch den General⸗Gouverneur Van der Capellen an⸗ gelegt; Baron Imhoff aber ſchon, gab dem ganzen Platze den Namen Buitenzorg, der früher und auch jetzt noch von den Eingeborenen bogor genannt wird. 28 Der Wirth war allerdings ein Holländer, ſeine Frau aber eine Deutſche, die deshalb auch ſo viel als möglich deutſche Dienſtboten hierher ge⸗ zogen hatte, und Kathrine ſaß, der Hitze draußen wie dem Herdfeuer trotzend, mit dem ſeligen Gefühl bei ihrer Landsmännin in der Küche, doch endlich einmal ein ebenbürtiges und lebendes Weſen gefunden zu haben, mit dem man ſich aus⸗ ſprechen, das man verſtehen konnte. 3 Eine ſehr angenehme Einrichtung in javani⸗ ſchen Küchen— das Aufwaſchen nämlich, wie alle gröbere Arbeit, den malayiſchen Dienern zu überlaſſen— ermöglichte es auch Kathrinens neu⸗ gefundener Freundin, gleich nach Tiſch einen Spaziergang mit ihr zu machen. Da dieſe indeß 888oſſſſſſſſſͤ gehört hatte, daß neue Rekruten angekommen † wären— die Officiere logirten ſogar in dem nämlichen Hotel— ſo beſchloſſen ſie der Kaſerne zuzuwandern, ob ſie vielleicht friſch eingetroffene Landsleute zwiſchen ihnen fänden.. Sie brauchten deshalb nicht lange zu ſuchen; den erſten Chineſen, den ſie mit ſeinen Körben begegneten, frug die Freundin, die ſchon längere Zeit auf Java lebte, und vollkommen gut Ma⸗ layiſch ſprach, nach den neugekommenen Solda⸗ ten, und der breiten Allee nachgehend, in der ſie 29 links und rechts bald Wohnungen von Euro⸗ päern, bald von Chineſen und Javanen antra⸗ fen, erreichten ſie einen freien, nur mit Wha⸗ ringhis beſetzten Platz, an dem die Kaſerne von Buitenzorg ſtand. Vor dieſer lagerten noch die neu eingerückten Rekruten, bis ihre eigenen Woh⸗ nungen im Innern hergerichtet waren. Die Kathrine war nun freilich gewohnt, an⸗ deres und beſſer disciplinirtes Militair zu ſehen: die wilden farbigen Geſichter der Leute imponir⸗ ten ihr aber doch, und wo ſie beſonders einen Trupp von Negern und Mulatten mit einander lachen und erzählen ſah, machte ſie einen großen Bogen um die Leute, und ging ihnen ſcheu aus dem Wege. So hatten ſie ſchon faſt den umgangen, ſehr häufig dabei von viel mehr angeſtaunt, als die Eingeborenen gar nicht ren, weiße Frauen zu Fuß ge leute fanden ſie aber noch in länder höchſtens, und Menſchen die eine Sprache ſprachen, von der ſie ſelber keine Sylbe ver⸗ ſtanden— Engländer oder Franzoſen vielleicht, was wußten ſie. Plötzlich aber trafen deutſche Laute ihr Ohr, und trotz der fremdartigen Uni⸗ ganzen Trupp den Malayen dieſe von ihnen, da daran gewöhnt wa⸗ hen zu ſehen; Lands⸗ mmer nicht, nur Hol⸗ 30 form, hatten die beiden Mädchen im Nu den deutſchen Ausdruck in Jener Züge erkannt.— „Grüß Gott,“ redete die Köchin aus dem Hotel Bellevue den einen an, der eben verſuchte, mit einem Chineſen um eine Tabackspfeife zu handeln, aber mit den malayiſchen Wörtern nicht fertig werden konnte.„Nimm Dich fein hübſch vor den langzöpfigen Lumpen in Acht, denn die Kerle betrügen Einen halt, wo ſie nur kön⸗ nen.“ 8 „Grüß Gott,“ rief der Deutſche zurück, erfreut in ſeiner Sprache angeredet zu werden,—„ja ſprecht denn Ihr malayiſch, oder wie ſie das Kauderwelſch hier nennen?— wär ſchon Recht, wenn Ihr mir da ein kleines wenig helfen könn⸗ tet.” „Und wie ſidd denn Ihr in die fremde Uni⸗ form gekomme?“ frug die Kathrine, die der arme blutjunge Burſche dauerte—„wenn ich noch ſo jung wäre wie Ihr, wär ich aach de häm ge⸗ bliwwe, anſtatt ſo in die Welt hinaus zu laafe Wenn ich ſo en jungs Blut in aner bunten Ja ſtecke ſeh, muß ich als fort an mein junge Bru⸗ der denke.“ Unter dem Baum, mit dem Rücken nach ihnen zugedreht, ſaß noch ein anderer Sold 31 der jetzt, wie er die Sprache hörte, ſich langſam nach den beiden Frauen umdrehte. Die Kathrine bemerkte ihn zuerſt und ſah ihn ſtarr und immer aufmerkſamer an, und zuletzt wie ſein Blick dem ihren begegnete und er auch ſie forſchend und wie erſtaunt betrachtete, rief die Alte aus: „Ja— ehnder wollt ich doch glaube— ne ich wähs wahrhaftig net— ſollte Sie denn— 2 „Kathrine?“ rief der Soldat, ſo überraſcht wie ſie aus. 4 „Ja— die Kränk will ich krigge— aber ge⸗ rad' ſolche Hoor un ſolch en Schnorres im Ge⸗ ſicht, und ſolche Aagen— aber— es iſt ja doch nicht möglich— der Herr— der Herr Baron von Dorſek?“ „Die Kathrine— ſo wahr ich lebe,“ wieder⸗ holte jetzt der Soldat, vom Boden aufſpringend, —„ſo hatt ich mich vorhin doch nicht geirrt, Hed⸗ wig iſt hier; aber wie in aller Welt hierher ge⸗ kommen?“ „Ja— freilich net als Soldat,“ ſagte aber jetzt die Kathrine, der auf einmal einfiel wie ſie Beiden zuletzt in Deutſchland zuſammen geſtanden. Sie begriff freilich nicht wie der„Herr Baron“ nach Java, noch weniger wie er in die Uniform eines gemeinen Soldaten kam. Daß er aber darin ſtak unterlag keinem Zweifel mehr, ſein Zuſam⸗ menlagern mit Negern und Indianern war dafür ſchon der beſte Beweis, hätte ihn ſelbſt nicht die grobe Uniform verrathen.— Und wenn er ſich nun am Ende gar verkleidet hätte, ihrem Fräulein hierher zu folgen?— aber dann brauchte er ſie ja daheim gar nicht ſo ſchlecht zu behandeln, und wäre auch nicht ſo erſtaunt geweſen, ſie, die Ka⸗ thrine hier zu treffen. Die alte Magd überlegte ſich noch in aller Eile hin und her, was wohl der Grund dieſer ſonderbaren Begegnung ſein könne, als plötzlich eine Trommel wirbelte, und die Soldaten alle von der Erde auf und in Reih und Glied fuhren. Dorſek wollte zögern, es war als ob er noch eine Frage an die alte Magd zu richten hätte, aber ein zweites Zeichen mahnte ihn an ſeine Pflicht, er wußte daß er gehorchen mußte. Die Soldaten ſtanden in Reih und Glied auf⸗ marſchirt,— die verſchiedenen Farben wohl ſo viel als möglich in gleiche Colonnen eingetheilt, aber doch immer neben einander in gleichem Rang, Neger, Malayen und Weiße, während die Ser⸗ geanten faſt Alle Holländer, einige auch Deutſche waren. 1b Drüben an der Kaſerne hin fuhren jetzt in 33 zwei leichten Bendis die Officiere, die heute Mor⸗ gen von Batavia heraufgekommen waren, vielleicht die Truppe zu muſtern, was verſtand die Kathrine von dem Militairweſen. Soviel aber verſtand ſie, daß jetzt irgend etwas commandirt wurde, und die Soldaten bei Trommelſchall in Reih und Glied nach der Kaſerne hinaufmarſchirten. Das war auch keine Verſtellung oder Verkleidung mehr— wie die Anderen gehorchten, mußte er auch mit, der ſonſt ſo ſtolze Herr Baron von Dorſek.— Er war richtig gemeiner holländiſcher Soldat gewor⸗ den, und die Hände in lauter Staunen und Ver⸗ wunderung zuſammen geſchlagen, den Kopf her⸗ über und hinüber ſchüttelnd, ſtand ſie da und ſchaute der Truppe nach, ſo lange ſie ihr mit den Augen folgen konnte. So ganz verblüfft blieb ſie auch in ihrer Stel⸗ lung daß ſie die mehrmalige Aufforderung ihrer Freundin, der Köchin aus dem Hôtel bellevue gar nicht hörte, und ſich immer noch nicht über den Gedanken zufrieden geben konnte, dem Herrn Ba⸗ ron von Dorſek hier in Batavia als gemeinen Soldaten begegnet zu ſein. Das andere Mädchen aber, das ſchon vor vier oder fünf Jahren hier nach Java gekommen war, und die Verhältniſſe genauer kannte ſagte lachend: Unter dem Aequator. III. 3 — „Ja, darüber brauchſt Du Dich nicht zu wun⸗ dern; das kannſt Du öfter ſehen wenn Du länger hier bleibſt, daß alle möglichen Mutterſöhnchen von „drüben herüber“ hier mit den Malayen und Ne⸗ gern in Reih und Glied dem Kalbfell nachmar⸗ ſchiren, und links und rechtsum machen.“ „Aber ein Baron!“ rief die Kathrine, die Hände zuſammenſchlagend. „Das bleibt ſich ganz gleich,“ ſagte die Emilie verächtlich,—„Grafen hab' ich ſchon ſogar in der blauen Jacke ſtecken und Arm an Arm mit ſo einem ſchmutzigen Neger marſchiren ſehen, und dann werden ſie mit einem Schiff fort nach Bali oder Sumatra oder Borneo geſchickt, und wenn die Neger und Malayen auch vielleicht wieder kom⸗ men, die armen Teufel von Weißen haben ſie ſicher jedesmal drüben begraben.“ „Aber wie iſt das möglich?“ rief die Ka⸗ thrine. „Möglich?— was?“ „Daß ſich ſo ein Herr dazu hergebe kann? „Ja wenn ſie's vorher wüßten,“ meinte die Emilie.—„Bei uns im Hotel haben die hollän: diſchen Officiere oft und viel davon geſprochen, und die behaupten, die Herren dächten ſich das Leben ganz anders, wie es iſt. Die glaubten, 95 35 wenn ſie auch als gemeine Soldaten anfingen und herübergingen, könnten ſie doch die erſten vier Wochen ſchon Officier werden, und dann ein ganz behagliches und bequemes Leben führen. Ja, proſit die Mahlzeit, da haperts aber; mit dem Officier werden iſt's Nichts, wenn man nicht ſeine Empfehlungen hat und ſeine Protectionen, und wie will die ein gemeiner Soldat hier krie⸗ gen— ein anſtändiger Weißer geht gar nicht mit ihm um.“ „Aber ein Baron—“ „Und wenn er zehnmal Baron wäre,“ rief die weder Rang noch Stand achtende Köchin— „ſobald er einmal in der blauen Jacke ſteckt und als gemeiner Soldat hier herumläuft, achten ſich ſelbſt die Malayen höher wie er, ob er nun ein Baron oder ſonſt was iſt, und wenn er mit einem Weißen ſprechen will, muß er draußen an der Treppe mit der Mütze in der Hand ſtehen blei⸗ ben, und warten bis der Herr zu ihm heraus⸗ kommt. Draußen in der Kaſerne, ja, da können ſie ſich luſtig machen, ſo viel ſie wollen, und im Stande ſind zu bezahlen, und ein heilloſes Leben ſollen ſie denn auch dadrinnen führen. Wenn man nur vorbei geht, wimmelts auf dem Hof ſchon von Kindern in allen Farben— arme, un⸗ 3 3* — 3 —-- glückliche Würmchen, die da aufwachſen, wie bei uns die Haſen und Kaninchen im Felde.— Aber was geht uns das Volk an; die mögen ſehen, wie ſie ſelber durchkommen, denn wenn ſie ein⸗ mal in der Jacke ſtecken, ſo kannſt Du Dich auch darauf verlaſſen, daß ſie es verdient und oft doppelt und dreifach verdient haben, mit allem Herzeleid das ſie draußen angerichtet. Und jetzt komm Kathrine; jetzt gehen wir einmal über den chineſiſchen Markt und dann durch den Botani⸗ ſchen Garten wieder nach Haus zurück. Wenn Du das noch nicht geſehen haſt, ſo wirſt Du Augen machen.“ Die Kathrine ging mit, wohin ſie ihre Freun⸗ din führte, aber ſie ſah und hörte Nichts mehr von alledem was um ſie her vorging, ſo ganz und allein waren ihre Gedanken bei der noch im⸗ mer unbegreiflichen Thatſache, daß Herr von Dor⸗ ſek, derſelbe der ihr liebes, guts, engelbraves Fräu⸗ lein hatte ſitzen laſſen und unglücklich gemacht, hier in Java als gemeiner Soldat rechts und links marſchiren müſſe.— Und weshalb war er herüber gekommen?— Hatte ſie nur der Zu⸗ fall hier zuſammen geführt, dann ſah ſie wieder nicht ein wie das möglich geweſen wäre, und ſollte ſie jetzt ihrem Fräulein dieß Begegnen ver⸗ 37 heimlichen, oder ihr Alles offen und ehrlich ge⸗ ſtehen? Alle dieſe Dinge gingen ihr ſo wirr und wild im Kopf herum, daß ſie von der Außenwelt, wie ſchon geſagt, Nichts mehr ſah, und der Köchin aus dem Hötel bellevue, die Wunder geglaubt hatte, welchen Genuß ſie ihrer Freundin durch einen ſolchen Spatziergang bereite, ſo lange ver⸗ kehrte oder gar keine Antworten gab, bis dieſe endlich die Geduld verlor. „Da gehen wir heim,“ rief ſie, ‚„wenn Du immer nur in Dich hinein ſiehſt und lauter Albernheiten ſchwatzeſt, wo ich Dich was frage. Braucht man doch nicht in der Hitze herum zu laufen, wenn man weiter Nichts anſehen will, als den Fuhrweg auf dem man den Staub aufwühlt.“ Und damit lenkte ſie wirklich in gerader Richtung nach dem Hotel ein, ohne daß die Kathrine die Drohung gehört oder den veränderten Cours beachtet hätte. Sie hielt ſich nur, in einer Art von Inſtinkt, dicht neben der Köchin, den Weg nicht zu verlieren und war jetzt ſoweit mit ſich in's Reine gekommen, daß ſie Herrn Wagner Alles mittheilen und ihrem Fräulein vor der Hand noch Nichts ſagen wolle. Der Herr Wagner war ein guter und braver Menſch, auf den man ſich in jeder Hinſicht ver⸗ laſſen konnte; er meinte es auch gut mit ihrem Fräulein, das hatte er dadurch bewieſen, daß er ſie zu den guten, lieben Leuten gebracht, wo ſie ſich viel wohler fühlen konnte, als in einem Ho⸗ tel, und wenn es das Beſte geweſen wäre. Er würde dann auch wohl Rath wiſſen, was in die⸗ ſer Sache zu thun ſei, und ob man dem Fräulein etwas davon ſagen dürfe oder nicht. Zu dem Entſchluß war ſie gerade gekommen, als ſie das Hotel wieder erreichten, und hier, ohne von der Emilie nur einmal Abſchied zu nehmen, lief ſie ſo raſch ſie konnte zu Herrn Wagners Zim⸗ mer hinauf. Sie mußte das Geheimniß nämlich los werden, ehe ſie ihr Fräulein wieder traf, denn die hätte es ihr ja auf der Stelle angeſehen, daß irgend etwas mit ihr vorgegangen und nicht in Ordnung ſei.— Einmal mit ſich über etwas im Reinen, ließ ſich auch die Kathrine durch Nichts mehr abhalten es durch zu führen, klopfte an Herrn Wagners Zimmer an, und trat, da nicht gleich herein ge⸗ rufen wurde, auch ohne das in die fremde Stube ein. Wie ſie indeſſen die Thür aufmachte, ſtutzte ſie doch, denn Herr Wagner war wohl zu Haus, aber nicht allein. Der alte Herr Lockhaart ſaß nämlich bei ihm am Tiſch, und ſie hatten auf die⸗ 39 ſem Briefe ausgebreitet und ſchienen mitſammen in eifrigem Geſpräch. Sobald aber die Thür aufging, drehten ſich Beide raſch nach dem Ge⸗ räuſch herum, Lockhaart eben nicht mit einem über⸗ mäßig freundlichen Geſicht, und die alte, treue Magd erſchrak nicht wenig, den„Brummbär,“ wie ſie ihn noch immer nannte, im Weg zu finden. Allerdings hatte er ſich hier am Land viel, viel freundlicher gegen ſie und beſonders gegen ihr liebes Fräulein gezeigt, als auf dem Schiff, und ſie fing ſchon an zu glauben, daß er vielleicht nicht einmal ſo ſchlimm ſei, wie er ſich mache. Nichts deſtoweniger fürchtete ſie ſich noch immer vor ihm,— vielleicht auch aus alter Gewohnheit, und wollte deshalb eben wieder zurückfahren und die Thür in's Schloß drücken, als ſie Wagner anrief: „Heda Kathrine! was giebt's? Wollen Sie zu mire, „ Ja, Herr Wagener,“ ſagte die Alte verlegen, indem ſie in der halb wieder zugeklemmten Thür ſtecken blieb, nich— aber ich— ich meine daß—“ „Na nur keine lange Umſtände und Rede⸗ reien!“ rief Lockhaart ärgerlich,—„wir haben hier mehr zu thun als lange zu nöthigen.“ „Ja,“ ſagte die Kathrine, ſich ein Herz faſſend, — p„nix für ungut— aber— ich wähs net— ich möcht eppes mit dem Herrn Wagener allein ſchwätze.“ „So?— na das iſt wenigſtens Deutſch,“ ſagte Lockhaart, indem er von ſeinem Stuhl aufſtand, „dann geh ich natürlich ſo lang hinaus.“ „Bitte lieber Herr Lockhaart,“ bat aber Wagner ſeinen Arm ergreifend,„bleiben Sie hier; wir haben Nichts mit einander zu reden was Sie nicht hören dürften, denn wahrſcheinlich betrifft es doch Fräulein Bernold, und wer nähme herz⸗ licheren Antheil an ihrem Schickſal wie Sie?“ „Betrifft es das Fräulein?“ fragte Lockhaart, gegen die Magd gewandt. „Ja un nein,“ ſagte die Kathrine, die indeß ganz in’s Zimmer gekommen war,—„wie mer's nimmt,— dem Herr Wagener wollt ich nur ſage, daß er— daß er da 18.“¹ „Daß er da iſt?— wer?“ rief Wagner ver⸗ wundert und ſah Lockhaart dabei mit einem raſch forſchenden Blick an. „Nu er“— meinte aber die Kathrine,— „Sie wiſſe's ja ſchon aus dem Schreiben vom alte Herrn Scharner,— der Herr Baron— der Herr Baron von Dorſek.“ 41 „In der That?“ rief Wagner,„Sie haben ihn geſehen?“ 8 „Drauß auf dem freie Platz, wo als die Sol⸗ date marſchire.— Die Recrutte ware ebe ein⸗ gerückt und lage unter die Bääm als newerenan⸗ ner. Do lag er dazwiſchen.“ „Und hat er Sie geſehen?“ rief Wagner.— „Geſchwätzt hawe mer mit enanner,“ ſagte die Kathrine.„Gemeiner Soldat iſt er worde, und wie ſe angefange hawe zu trommeln, hat er mar⸗ ſchire gemußt. Das kommt von die Buweſträäch.“ „Und weiß er, daß Fräulein Bernold eben⸗ falls hier iſt?“ „Na, das kann ſich ä klaans Kind denke,“ ſagte die Kathrine,„wo ich bin, iſt das Fräulein aach.“ Lockhaart hatte noch kein Wort geſprochen, und nur langſam, leiſe vor ſich hin den Namen Dorſek wiederholt. Jetzt ſtand er auf, ging ein paar Mal im Zimmer auf und ab und ſagte endlich, vor der Kathrine ſtehen bleibend: „Es iſt gut Kathrine— ſagen Sie aber Ih⸗ rem Fräulein noch Nichts davon, bis— bis wir ſelber mit ihr darüber geſprochen haben— Sie können gehn.“ Die Kathrine gehorchte dem Befehl auf das 8 Pünktlichſte, auf der Treppe aber blieb ſie eine ganze Weile ſtehn, nur um ſo viel beſſer erſtau⸗ nen zu können, denn jetzt auf einmal fiel ihr erſt ein, daß keiner der beiden Herren auch nur im Geringſten überraſcht geweſen wäre. Sie hatte geglaubt, daß ſie die außerordentlichſte Neuigkeit brächte, und die da oben thaten, als ob ſie es ſchon ſeit acht Tagen wüßten.— Und hatte denn der alte Herr Lockhaart die Geſchichte mit dem Herrn von Dorſek auch erfahren?— Das wäre nun gerade gar nicht nöthig geweſen, daß das alle Welt wußte, was ihrem armen, jungen Fräu⸗ lein beinah das Herz gebrochen.— Und Nichts davon ſagen ſollte ſie, wo ihr das Herz bis zum Ueberlaufen voll war?— wenn ſie das nur aus⸗ hielt. So lange ihr Fräulein nicht zu Hauſe kam, ja, da wollte ſie kein Wort mit ihr darüber ſprechen, aber nachher.— nachher mußte ſie erſt überlegen, was ſie am Beſten thäte, und mit dem Entſchluß ging ſie hinüber in ihr eigenes Käm⸗ merchen. Lockhaart war indeſſen oben vor Wagner ſtehn geblieben und ſagte mit finſter zuſammengezogenen Brauen:. „Sehn Sie, ich hatte Recht! Er war dazwi⸗ ſchen und das Schickſal hat hier, in einem voll⸗ 43 kommen entlegenen Theil der Welt, auf die wun⸗ derlichſte Weiſe drei Perſonen zuſammengeführt, die ſich vollſtändig von einander losgeriſſen glaub⸗ ten.“ „Und weiß Dorſek, daß Siſe hier ſind?“ frug Wagner. „Er weiß jedenfalls, daß ich wieder nach In⸗ dien gegangen bin, und wird mich wahrſcheinlich in Batavia vermuthen. Weshalb er aber den Schritt gethan, da er mich dort nicht aufgeſucht, kann ich nicht ergründen.“ 1 „Und wenn er Hedwig nun wieder begegnet?“ „Das darf nicht geſchehen,“ rief Lockhaart ſchnell—„wenigſtens— wenigſtens jetzt noch nicht. Als gemeiner Soldat darf er nicht einmal wagen eine Dame anzureden; er könnte ihr keine ſchlimmere Beleidigung anthun.“ „Wenn er auf dieſe Weiſe ſeine Lage zu ver⸗ beſſern glaubte,“ ſagte Wagner achſelzuckend,„ſo hat er ſich böſe geirrt.“ „Das iſt ja eben das Unglück,“ rief der alte Lockhaart,„daß ſich das tolle, junge Volk in Deutſchland den Stand eines Indiſchen Soldaten als beneidenswerth, abentheuerlich, romantiſch und Gott weiß was noch denkt. Die jungen Tollköpfe träumen von Palmen, Tigern und Indianiſchen Häuptlingen, gegen die ſie ins Feld rücken ſollen, irgend ein Eldorado voll Gold und Edelſteinen zu erobern, und ihre Exiſtenz im alten Vaterland ruinirt, glauben ſie nichts Beſſeres thun zu kön⸗ nen, als ſolch einer neuen Auferſtehung in die Arme zu ſpringen. Daß ſie hier faſt Nichts zu thun haben, als in der heißen Sonne zu exerci⸗ ren und marſchiren, in einem Tod drohenden Küſtenſtrich im Quartier zu liegen, und ſich höch⸗ ſtens einmal mit einem unſichtbaren Feind zu ſchlagen, der aus Dickichten heraus mit vergifteten Pfeilen ſchießt, erfahren ſie gewöhnlich erſt, wenn es zu ſpät iſt, und ſie nicht mehr zurück können.“ „Sollte er vielleicht dieſen verzweifelten Schritt gethan haben, nur um— Fräulein Bernold zu folgen?“ ſagte Wagner ſchüchtern. „Bah— Unſinn!“ rief der alte Herr,„das hätte er zu Hauſe bequemer haben können. Nein, ein toller Zufall hat ihm den Streich geſpielt, und ich möchte wohl wiſſen was er dazu ſagt.“ „Wollen Sie ihn ſprechen?“ „Nein, Gott bewahre! Wenn er mich nicht aufſucht, fällt es mir nicht ein, ihm entgegen zu gehen. Ich weiß nicht einmal, ob ich ihn vorließe, ſelbſt wenn er mich ſprechen wollte. Uebrigens müſſen wir unter dieſen Umſtänden fort von hier, 1 ſ * 45 und das morgen mit dem Frühſten. Auf dem Rückwege können wir nachher mit mehr Muße die Sehenswürdigkeiten von Buitenzorg bewundern— wenn die Recruten erſt einmal wieder von hier ausgerückt ſind.“ „Die Damen werden aber einen Grund da⸗ von wiſſen wollen.“ „Natürlich,“ brummte Lockhaart,„denn wann hätten ſich Damen ſchon je einmal damit begnügt einer Anordnung zu folgen, ohne zu fragen, wa⸗ rum? Meinem Schwager werde ich aber ſagen, ich hätte Briefe wegen jenes Klapa bekommen, damit iſt der zufrieden, und der mag ſeine Frau⸗ enzimmer nachher in der unſchuldigſten Art von der Welt weiter anlügen. Um welche Zeit woll⸗ ten die Herrſchaften denn zu Hauſe ſein, daß wir unſeren Thee nicht allein mit der alten Kathrine trinken müſſen.“ „Ich weiß es wahrhaftig nicht, aber ich glaube doch nicht, daß ſie den ganzen Abend dort bleiben werden.“ „Meinetwegen, dann können ſie aber auch in der Nacht ihre Siebenſachen wieder zuſammen⸗ packen, denn ich werde mir gleich den Wirth ru⸗ fen und die Poſtpferde auf morgen früh um halb ſechs Uhr beſtellen. Um die Zeit müſſen wir im Wagen ſitzen.— Ach Wagenaar, Sie könnten mir den Wirth gleich einmal herauf ſchicken. Sie gehen doch hinaus?“ „Ich war eben im Begriff.“ „Sehr gut— ich möchte ihn ſprechen.“ Da⸗ mit legte er die Hände auf den Rücken und nahm ſeinen Spaziergang in der Stube wieder auf. III. Der alte Herr war ſo in ſeine Gedanken vertieft, daß er den gegebenen Auftrag ganz ver⸗ gaß. Er ſchritt wenigſtens in den kleinen Raum, auf und wieder ab und die Zeit verſtrich dabei, ohne daß der Wirth— zugleich auch Poſthalter an dem Orte— der beſtellten Weiſung gefolgt, oder vermißt wäre, Schon ergrauten die letzten Sonnenſtrahlen auf den nur noch matt beleuchteten Gipfeln der fernen Berge; es wurde Nacht und Lockhaart merkte das erſt, als er ſich in der Dunkelheit an einer Tiſchecke ſtieß. „Zum Henker auch,“ rief er aus und blieb ſtehen—„hab ich denn hier nicht die ganze Zeit auf Jemand gewartet?— Ja wohl— auf den Poſtmeiſter, und ſtockfinſter iſt es indeſſen geworden. Heh! Säpäda! Säpäda!“ Niemand hörte— ſein eigener Diener war ebenfalls fort⸗ gegangen, und das ganze Haus ſchien wie aus⸗ geſtorben. „Schöne Wirthſchaft das, in dieſem verwünſch⸗ ten Hôtel bellevue— Belle vue, ja— nicht einmal eine Hand vor Augen kann man ſehen, und die ganze Dienerſchaft dabei zum Teufel.“ Er verließ ſein Zimmer und die Thür ärger⸗ lich hinter ſich ins Schloß werfend, ſchritt er dem äußeren Porticus zu, wo er weit drüben in den Bäumen einen lichten Schein erkennen und Ju⸗ beln und Lachen unterſcheiden konnte. Wahr⸗ ſcheinlich wurde dort, wie das ſo oft der Fall iſt, bei irgend einer chineſiſchen Hochzeit ein Feuer⸗ werk abgebrannt, und die malayiſchen Diener waren hinüber geſprungen, das mit anzu⸗ ſehen. Herr Lockhaart wußte, daß er entweder ſelber hingehen mußte ſie zu holen, oder abwarten konnte, bis das Feuerwerk vorüber war, was in⸗ deſſen nie lange dauert. Er zog das Letztere vor, und blieb im Schatten der Verandah ſtehn, den wunderlich flammenden und wechſelnden Licht⸗ ſchein zu beobachten, der ſich in den Aeſten und 4 1 49 Zweigen der dicht belaubten Bäume brach, und zu einem zitternden Farbenſpiel wurde. Manch⸗ mal ſtieg auch eine einzelne Rakete mit ziſchen⸗ dem Ton durch die Nacht auf, oben in einem bunten Feuerregen auszuſtrahlen. Lockhaart ſtand eine ganze Weile und ſchaute dieſem Spiele zu, als ſeine Aufmerkſamkeit von dem Feuerwerk entſchieden ab, und einer Geſtalt zugewandt wurde, die ſich im Hof bewegte, und ängſtlich bemüht ſchien, in einige der erleuchteten Fenſter hinein zu ſehen. Eine von drüben her⸗ überkommende, ſchräg geworfene Rakete ſchüttete ihre Leuchtkugeln faſt über den Hof aus. Un⸗ willkürlich drehte die Geſtalt den Kopf dort hin⸗ auf, zog ſich aber gleich wieder ſcheu zurück, als ſie der helle Schein daran erinnerte, daß ſie ſich hier einer Entdeckung ausſetze.. Draußen auf der Straße wurden jetzt wieder lachende Stimmen laut. Es waren die von dem Feuerwerk zurückkehrenden Malayen. Der Fremde wandte ſich dicht an der Verandah hin dem Thor⸗ weg zu, wahrſcheinlich den Platz zu verlaſſen ehe die Leute kamen, als die Stimme Lockhaarts ihn wie gebannt an ſeine Stelle hielt. „Herr von Dorſek,“ ſagte dieſer ruhig—„dürfte ich Sie bitten einen Augenblick näher zu treten?“ Unter dem Aequator. III. 50 Dorſek erſchrack, ſo plötzlich in der Dunkel⸗ heit ſeinen Namen zu hören, denn wer konnte ihn hier kennen?— aber er mußte auch erfah⸗ ren wem ſein Geheimniß, doch nur durch die alte Magd, verrathen worden. Jedenfalls war es der Begleiter Hedwigs, und ſich deshalb trotzig gegen die Stimme wendend, ſagte er finſter: „Und wer iſt es, der mich hier anruft und kennt?“ Aber er bekam keine Antwort. Lockhaart ſchritt langſam auf der Verandah zu ſeinem eige⸗ nen Zimmer zurück, es dem Soldaten vollſtändig überlaſſend, ob er ihm folgen wolle oder nicht. Dorſek jedoch, die Brauen trotzig zuſammen ge⸗ zogen, murmelte vor ſich hin: „Zum Teufel auch, wer Du biſt muß und will ich wiſſen, mein feiner Burſche, der im Dunk⸗ len in den Verandahs auf der Lauer liegt; Du wärſt ſonſt zu ſehr im Vortheil gegen mich—0 und an der kleinen Mauer hinaufſpringend, wäh⸗ rend er die hölzerne Einfaſſung überkletterte, folgte er dem Fremden in dieſelbe Thür, in der er ihn hatte verſchwinden ſehen. Die Stuben des Hotels gingen großentheils auf den Hof, oder die der Front gegenüberlie⸗ genden Baumgruppen hinaus. Der Titel Belle 1 51 vue bezog ſich auch keineswegs auf die Ausſicht von den Fenſtern des Hotels, ſondern von je⸗ nem kleinen Tempel im Garten aus, die wirklich zauberſchön war und die Fremden von Nah und Fern hierher lockte. Auch Herrn Lockhaarts Fenſter mündeten auf den Hof, um auf dieſer Seite am Tag den Son⸗ nenſtrahlen ſo viel weniger ausgeſetzt zu ſein, und die Vekandah verband im inneren Hofraum ringsherum die verſchiedenen Piecen mit ein⸗ ander. Gerade als Dorſek die Zimmerthür erreichte, ſah er, daß drinnen Licht angezündet wurde. Ein Herr ſtand, den Rücken gegen ihn gewandt, am Tiſch. Eine Lampe brannte ſchon und er war nur eben noch beſchäftigt die zweite an⸗ zuzünden. Dorſek blieb an der offenen Thür ſtehen und ſchaute, die Mütze in der Hand, mit verſchränkten Armen, auf den dunklen Schatten der Geſtalt. Jetzt drehte ſich dieſe langſam nach ihm um, und während die hellen Strahlen der Lampen auf ihre, nur noch in härtere Falten gelegten Züge fielen, ſagte ſie mit leiſer, kalter Stimme. „Alſo in der Kleidung ſollte ich meiner ar⸗ men Schweſter Sohn zuerſt in Indien wieder 4*½ 52 ſehen?— Dahin hat es[Baron von Dorſek mit all ſeinen hochfliegenden kühnen Plänen, mit all ſeinem Trotz und Leichtſinn doch endlich ge⸗ bracht, daß er Gemeiner in einem javaniſchen Regiment geworden iſt; daß er, der ſich bis jetzt nur in der Geſellſchaft ſeiner adlichen Faullenzer wohl fühlte, jetzt mit Negern und Malayen Brü⸗ derſchaft ſchließen, und dem Kalbfell mit der Muskete auf der Schulter folgen muß?— Ein ſchönes— ſchönes Ende, und ich danke Gott, daß es meine arme Marianne nicht mehr erlebt hat, es hätte ihr das Herz noch ärger gebrochen wie— die Nichtswürdigkeit ihres Gatten.“ 4 „Onkel!“ hauchte Dorſek und ſtand im erſten Augenblick überraſcht, ja faſt gelähmt auf der Schwelle—„Onkel Lockhaart ich— vermuthete nicht Sie hier in dieſem Haus zu treffen?? „Und wen ſonſt, wenn man fragen darf? ſagte der alte Herr kalt—„Du ſcheinſt plötzlich die Sprache verloren zu haben.“ 3 „Nein Onkel, das nicht,“ erwiderte da Dorſek, mit finſter zuſammengezogenen Brauen,„aber ich weiß nicht, ob ich dem Manne, der ſich überhaupt von mir losgeſagt, der ſeiner Schweſter Sohn verſtoßen und verlaſſen hat, noch Rechenſch über meine Thaten ſchuldig bin. Sie haben mich 53 einmal meinem böſen Geſchick übergeben, und es hat damit begonnen, mich zum Javaniſchen Sol⸗ daten zu machen.— Sie nehmen doch an dem weiteren Verlauf kein Intereſſe.“ „Es hat damit begonnen, Dich zum Java⸗ niſchen Soldaten zu machen?“ wiederholte der alte Herr, indem er hinter Dorſek die Thür in's Schloß drückte, und die dunklen Gardinen über die Fenſter fallen ließ—„ſchöner Beginn das. Sag: es hat damit aufgehört, denn etwas Schlimmeres kann Dir jetzt nicht mehr geſchehen, die Galeere vielleicht ausgenommen. Aber einen ſchlimmen Vorwurf haſt Du mir in den wenigen Worten gemacht; eine Anklage die mich dereinſt vor Gottes Richterſtuhl verurtheilen und verdam⸗ men müßte— wenn ſie wahr wäre. Nein nicht verlaſſen und verſtoßen hab' ich Dich, Oswald, wenigſtens nicht ſo lange Du Dich nicht ſelber aufgegeben. Da aber, wie ich ſah daß Dir nicht mehr zu helfen ſei, daß Du von Stufe zu Stufe herunter, immer weiter, immer unrettbarer dem Verderben entgegenſankeſt, da erſt, als alle Er⸗ mahnungen, alle Bitten Nichts mehr fruchteten, als Du alle Deine Schwüre und Verſprechen mißachteteſt, als Du ſelbſt meineidig wurdeſt, an Dir und einem anderen Weſen, und in feiger Furcht vor der Arbeit ſogar ein Verbrechen nicht ſcheuteſt— da Oswald, ſtieß ich Dich von mir, und beim ewigen Gott, Du brauchteſt nicht noch die Uniform eines Javaniſchen Soldaten an⸗ zuziehen, daß ich Dich recht aus tiefſter Seele ver⸗ achten müßte.“ „Sie trotzen zu viel auf die Sicherheit die Ihnen die Verwandtſchaft giebt,“ rief Dorſek mit kaum verbiſſener Wuth—„aber ich wußte es wohl, daß Ohrenbläſer meinen guten Namen bei Ihnen vergiftet, daß—“ „Halt Herr von Dorſek,“ unterbrach ihn kalt der alte Mann,„ich behaupte Nichts, was ich nicht beweiſen kann— Nichts, wofür ich nicht die Belege in Händen hielte. Aber glaubſt Du etwa, daß ich über Deine Handlungsweiſe Er⸗ kundigungen eingezogen hätte, wenn ich mich nicht für Dich intereſſirte, wenn ich nicht wiſſen wollte, wie der Mann ſich betrug, der einſt einmal— mein Erbe ſein ſollte?“ 3 „Ihr Erbe,“ ſagte Dorſek höhniſch—„Sie hätten mich dann nicht vorher im Elend verküm⸗ mern laſſen.“ Lockhaart ſah den jungen Mann eine Weile feſt und faſt zornig an, aber alte Bilder aus früherer Zeit ſtiegen vor ihm auf: das Bild ſei⸗ 4 ner armen, verlorenen Schweſter, die ſich, trotz der Vorſtellungen ihrer Familie in die Arme je⸗ nes liederlichen, adlichen Verſchwenders geworfen hatte, und endlich vor Kummer und Herzeleid ſtarb, als ſie Alles über ſich hereinbrechen ſah, was ihr die Ihren mahnend prophezeiht. Der Zorn ſchmolz vor dem Bild und er ſagte ruhig: „Du ſollſt wenigſtens nicht behaupten können, daß ich ungerecht, daß ich hart gegen Dich ge⸗ handelt; ich bin mir das ſelber, ich bin es dem Andenken Deiner Mutter ſchuldig.— Setz Dich — es iſt Niemand hier der uns ſieht, und ich darf da ſelbſt mit einem Javaniſchen Soldaten an einem Tiſch ſitzen— wenn es meiner Schweſter Sohn iſt. So wiſſe denn, Unglücklicher, daß Nichts verſäumt iſt was in meinen Kräften ſtand, Dich dem Leben zu entreißen, in das Du Dich geſtürzt, und Dich einer vernünftigen, geregelten Laufbahn zuzuwenden. Du warſt verloren von dem Augenblick an, wo Du an zu ſpielen fingſt. Ich weiß, was Dir in Ems begegnete— der Banquier, der Dir darauf ſeine Hülfe anbot, han⸗ delte in meinem Auftrag; ich wollte Dich nicht verzweifeln laſſen. Du ſchwurſt damals einen heiligen Eid, nie wieder zu ſpielen— ich brauche Dir nicht zu ſagen, wie Du ihn gehalten haſt. 56 Ein glücklicher Zufall ließ Dich ſpäter jenes junge Mädchen kennen lernen, die vielleicht allein im Stande geweſen wäre, Dich in eine ehrliche, ſichere Bahn zu ziehen;— Du hatteſt eine Zeitlang gute Vorſätzee,— wo es heimlich geſchehen konnte half ich Dir, und alle Anlehen die Du gemacht, waren vorher durch mich gedeckt— es hätte Dir weiter Niemand einen Groſchen mehr auf Deinen Namen geborgt.“ 3 „SIch ſelber hatte Dir damals eine gute, ehren⸗ volle Stellung ausgewählt und geſichert, nur die Probe mußteſt Du vorher noch beſtehen, ob Du wenigſtens den Willen hätteſt, Dir ſelbſt zu helfen, ob Du nur den Verſuch machen wollteſt, durch eigene Arbeit und Thätigkeit Dir Dein bis jetzt vollkommen nutzloſes Leben zu friſten. Da lernteſt Du die Gräfin Orlaska kennen und— ich will Dir die Erzählung Deiner Schmach er⸗ laſſen.“ „Da Oswald, da erſt zog ich meine Hand von Dir— da erſt, als ich ſah, daß Du keine Hülfe mehr verdienteſt, als ich einſah, daß Du nicht allein leichtſinnig, nein, daß Du überlegt ſchlecht an einem ſchuldloſen, braven Weſen gehandelt— da beſchloß ich, Dich deinen Weg von jetzt an allein gehen zu laſſen.— War es mö glich, ſo weckte. 57 Dich vielleicht die Noth noch einmal zu einem Grad von Energie, der Dich aus Deinem wüſten Träumen aufrütteln ſollte— ich glaubte nicht, daß Dir die Strafe ſobald auf dem Fuße folgen würde. Von getzt an hatte ich aber keine Hand mehr in Deinem Schickſal; die Gräfin Orlaska erfuhr durch fremde Zunge Deine Untreue an ei⸗ nem braven Mädchen, Deine Abſichten mehr auf ihr Geld, als ihre Reize— und verbot Dir von dem Augenblick an ihr Haus. Die Banquiers, bei denen ich meinen Credit zurückgezogen, ſtreckten Dir keinen Gulden mehr vor, und ſelbſt jetzt hoffte ich, daß Du das verzweifelte Mittel des ehrlichen Mannes wählen würdeſt, Deine Ehre zu ret⸗ ten und Dich ſelber zu erhalten, wie Deine frühere Schuld wieder gut zu machen.— Aus dieſem Grund verweigerte ich Dir jede Hülfe— umſonſt! Um ganz verloren zu ſein, ließeſt Du Dich nach Indien anwerben und magſt jetzt ernten, was Du ausgeſäet.“ „MRechne hier nicht auf mich— Du weißt viel⸗ leicht noch nicht, aber Du wirſt es erfahren, daß ein gemeiner Soldat von jedem Umgang mit den geſitteten Europäern ſtreng und unerbittlich ausgeſchloſſen iſt; Du mußt deshalb in der Sphäre bleiben, die Du Dir ſelbſt gewählt.— Suche uns nicht wieder auf, Du biſt uns fremd geworden, wie jeder Andere, der in der blauen Jacke ſteckt, und nichts Beſſeres mehr hatte, als ſein werth⸗ loſes Leben, es gegen den Sold einzuſetzen.— Nicht alle Hoffnung will ich Dir aber abſchneiden; vielleicht kannſt Du Dich ſelbſt jetzt noch beſſern — gebe es Gott, und wie ich die Hand einem Ertrinkenden reichen würde, thäte ich es auch noch einmal meiner Marianne Sohn— aber nicht in dem Rock, in dem Du jetzt ſteckſt. Deine Strafe für Begangenes mußt Du erſt erleiden. „Ich habe Ihre Hülfe noch nicht hier ver⸗ langt, Herr Lockhaart“ ſagte Dorſek, von ſeinem Stuhl aufſtehend.— Der alte Herr wußte Al⸗ les über ihn, und Verſtellung war deshalb un⸗ nöthig.—„Die Möglichkeit wird doch wenig⸗ ſtens auch dem Javaniſchen Soldaten gegeben ſein, ſich auszuzeichnen, und die Zeit mag vielleicht kommen, wo Sie ſich nicht mehr ſchämen werden, dem Sohn ihrer Schweſter die Hand zu reichen.“ „Gott gebe es, Knabe! Gott gebe es!“ rief der alte Mann, und trotz der Mühe die er ſich gab es zu verbergen, zitterte ſeine Stimme vor innerer Bewegung. Still und ernſt vor ſich hin ſtarrend, ſeine Hand auf den Tiſch geſtützt, ſtand der alte Nann 59 und athmete tief und ſchwer.— Ihm gegenüber, halb zum Gehen gewandt, und doch auch noch mit einer Frage und mit dem Wunſche auf dem Her⸗ zen, nicht ſo von dem Manne zu ſcheiden, dem er ſchon ſo viel verdankte, ſtand Dorſek.— Ein leichter Finger hatte ſchon zweimal angepocht, aber Niemand, trotz der Todtenſtille, im Zimmer es gehört.— Jetzt plötzlich öffnete ſich die Thür und Hedwig, die den Kopf herein ſteckte und den alten Herrn anſcheinend allein und in tiefem Nachdenken ſah, trat auf ihn zu und ſagte freund⸗ lich— „Mynheer Lockhaart, der Thee iſt ſervirt, und ich bin abgeſchickt worden Sie zu rufen“. „Ja?“ rief der alte Herr, erſchreckt emporfah⸗ rend,„der Thee— Hedwig— und— „Herr Lockhaart?“ ſagte das junge Mädchen erſtaunt, faſt erſchreckt einen Schritt von ihm zu⸗ rücktretend. So erregt hatte ſie den ſonſt ſo feſten, eiſernen Mann noch gar nicht geſehen, als eine Bewegung ihr zur Seite ihr Auge raſch dort⸗ hin lenkte. Im Nu wandte ſie den Kopf und haftete ihr Blick an der Geſtalt die, ſcharf von den beiden Aſtrallampen beleuchtet, wie aus dem Boden gewachſen, in geiſterhafter Wirklichkeit vor ihr ſtand. Langſam hob ſich dabei ihr Arm em⸗ — 60 por, gegen das, was ſie im erſten Moment faſt für eine Erſcheinung hielt, und mit leiſer, zittern⸗ der Stimme flüſterte ſie: „Oswald!“. Dorſek ſelber, keiner Bewegung mächtig, wußte im erſten Augenblick nicht ob er fliehen, oder ſich ihr zu Füßen werfen ſolle.— Ihm war es faſt als ob die Zeit die zwiſchen jetzt und ſeiner Liebe liege, nur ein wilder Traum ſeiner Phantaſie geweſen ſei, der jetzt bei ſeinem Erwachen ſchwin⸗ den und zerfließen müſſe. Selbſt Hedwig hatte in dem erſten Erſcheinen des früher ſo geliebten Mannes Alles vergeſſen was in der Zeit geſchehen. So plötzlich tauchte er vor ihr auf, ſo wie mit einem Schlage trieb ſein Bild alles Andere in den Schatten zu⸗ rück, was es doch ſonſt ſchon lange, ewig lange aus ihrer Seele verdrängt hatte. 3 Wie eine„fremde Sonne,“ der Widerſchein des letzten Abendroths, ſich durch die Wolken Bahn bricht und in dem Moment den Schauenden ver⸗ geſſen macht, wie lange ſchon das Taggeſtirn ver⸗ ſunken, ſo log das Bild ihr in dem einen Au⸗ genblicke das Glück, den Jubel, das helle Sonnen⸗ licht der ſeligſten Gefühle die ſie je empfunden, zurück.— Aber wehe!— nur der Wiederſchein —61 der geſunkenen war es, der einen Moment noch den Himmel ihres Lebens erhellte. Das Bewußtſein ſchloß im nächſten Augenblick die Wol⸗ ken wieder, und Alles war Nacht wie je.— Ehe aber noch Einer der jungen Leute ein Wort ſprechen, ein Zeichen des Erkennens geben konnten, hatte Lockhaart ſeine ganze frühere Faſſung wiedergewonnen. Er trat auf Hedwig zu, und die Hand gegen den Neffen ausſtreckend, ſagte er mit den kälteſten, ſchneidenſten Tönen Stimme: „Herr Oswald von Dorſek— gemeiner Sol⸗ dat in den Dienſten der Maatchappey oder Hol⸗ länder— es bleibt ſich gleich.“ „Hedwig!“ flüſterte Dorſek— er wußte kaum was er that.— Aber auch Hedwig hatte ihre volle Faſſung wieder gewonnen. „Herr von Dorſek,“ ſagte ſie ernſt und kalt, „ich will hoffen, daß nur ein blinder Zufall dies Begegnen herbeigeführt hat.“— Dorſek bis ſeine Zähne aufeinander. „Sie haben Recht mein Fräulein“ erwiderte er mit einer halben Verbeugung,—„es war der wunderlichſte Zufall von der Welt— entſchuldi⸗ gen Sie ihn.— Adieu Onkel— ich darf wohl kaum ſagen: auf Wiederſehen!“ und ſich noch ſeiner 62 einmal gegen Beide verneigend, war er im näch⸗ ſten Augenblick auf der Verandah und in der Dunkelheit verſchwunden. „Onkel?“ hauchte Hedwig und ſah erſchreckt, beſtürzt in das Antlitz des alten Herrn, aus dem in dieſem Augenblick jeder Blutstropfen gewichen war; aber leiſe nur nickte er mit dem Kopf und ernſt und wehmüthig vor ſich niederſchauend ſagte er: „Er hat nicht gelogen, mein Kind— darin wenigſtens nicht, wenn auch manches, manches andere Mal. Er iſt wirklich der Sohn meiner armen Schweſter Marianne, die lange ſchon in kühler Erde ſchlummert und Gott weiß es, ich habe gethan was in meinen Kräften ſtand, den leichtſinnigen Menſchen auf den rechten Weg zu⸗ rückzuführen. Aber zwingen kann man Nie⸗ manden, weder zum Guten noch zum Böſen,— er hat es nicht anders haben wollen, und mag jetzt auch büßen was er an ſich— was er an Ihnen verbrochen.“ „Mein lieber— werther Herr,“ flüſterte Hed⸗ wig, und ein eigen wehes, ſchmerzliches Gefühl erfüllte ihre Bruſt; aber Lockhaart hatte auch ſchon die Schwäche, die ihn für einen Moment entmannen wollte, überwunden. * 63 „Fort— fort mit den Gedanken,“ rief er, ſich mit der Hand feſt und entſchloſſen über die Stirn ſtreichend—„jener Mann iſt für uns Alle todt, und nur die Erinnerung an ihn, konnte uns für einen Augenblick betrüben— Nicht wahr, der Thee iſt ſervirt Fräulein Bernold?— Da dürfen wir die Herrſchaften nicht warten laſſen.— Meine Schweſter könnte auch ſonſt etwas mer⸗ ken,“ ſetzte er mit einem bedeutſamen Blick hinzu, „und es würde mir recht von Herzen leid thun— alſo Ihren Arm mein Fräulein“— und ehe ſich Hedwig nur ſelber halb ſo viel geſammelt hatte, dieſen raſchen Wechſel zu faſſen und mit auszu⸗ führen, zog er ihren Arm in den ſeinen, und ſchritt mit ihr die Verandah entlag, dem Geſell⸗ ſchaftszimmer zu. ————— Wagner hatte indeſſen, nach Herrn Lockhaarts Angabe, die Pferde ſchon auf den nächſten Morgen mit Tages Dämmerung beſtellt, und wenn auch Van Straatens im Anfang darüber erſtaunt wa⸗ ren, machten ſie doch keine Einwendungen. Bui⸗ tenzorg lief ihnen überdies nicht fort, und ſie konnten es auf dem Rückweg eben ſo gut betrach⸗ ten wie jetzt, wo ſie ſich überhaupt Alle in die Berge ſehnten. Hedwig fühlte ſich an dieſem Abend ſo beengt; ſie hätte irgend etwas darum gegeben, wenn es ſchon Schlafenszeit geweſen wäre, denn ſie wußte nicht wie ſie ſich verſtellen ſollte. Lockhaart da⸗ gegen, der jedes drückende Gefühl mit ſeiner feſten Willenskraft abgeſchüttelt hatte, war nie geſprächi⸗ ger und unbefangener geweſen. Er erzählte Ge⸗ ſchichten und Anekdoten, beſchrieb den Weg den ſie morgen zu machen hätten, und ließ zuletzt keine Ruh, bis ſich Wagner und Van Straaten noch mit ihm zu einer Parthie Whiſt en trois nieder⸗ ſetzten. Die Zeit benutzte aber Hedwig ſich mit Kopf⸗ ſchmerzen zu entſchuldigen,— der lange Aufent⸗ halt heute in der heißen Luft rechtfertigte das auch vollkommen, und ſie zog ſich früher zurück, die Erlebniſſe des heutigen Tages ungeſtört mit ihrer Kathrine zu beſprechen— und wie hatte ſich erſt die Kathrine danach geſehnt. Als auch die Whiſtſpieler endlich ihre letzte Parthie geſpielt, und zu Bett gingen, begleitete Wagner den alten Lockhaart an ſeiner Thür vor⸗ bei, um in ſein eigenes Zimmer zu gelangen. Wie 65 ſie zuſammen auf der Verandah hingingen ſagte Lockhaart: „Er war bei mir heute.“— „Ich weiß es,“ lautete die leiſe Antwort. „Wiſſen Sie auch, daß er mit Hedwig zuſam⸗ mengetroffen iſt?“ „Ja.“— Schweigend ſchritten die Männer bis zu Lock⸗ haarts Thür. „Es iſt nöthig, daß wir morgen recht früh von hier aufbrechen,“ ſagte der alte Herr mit einem Händedruck zu ſeinem jüngeren Begleiter,—„gute Nacht Wagenaar.— Ubrigens wüßte ich auch einen paſſenderen Namen für den Ort hier, als B uiten zorg.“ uUnter dem Aequator. III. IV. Die Poſtpferde ſtanden, auf die beſtimmte Mi⸗ nute, eingeſchirrt vor dem Hotel; die Paſſagiere ließen ebenfalls nicht warten, und noch in dem ungewiſſen, kühlen Dämmerlicht des erwachenden Tages, rollten die leichten Wägen durch die herr⸗ liche Allee hinaus, dem freien Lande und den fernen Bergen zu. 8 Noch hatten ſie Buitenzorg nicht v Maäiſſon, als ein Trommelwirbel zu ihnen herüber ſchallte. Es war das Singnal, das die Soldaten auf ihren. Sammelplatz rief. 1 Hedwig ſchrak zuſammen, und ein tiefer Seuf⸗ zer hob ihre Bruſt— aber es war nur ein Mo⸗ ment. Mit den verhallenden Tönen, mit dem er wachenden Tage ſchwand jedes ängſtliche Gefüh T 67 das bis dahin viellettt noch ihre Bruſt beklemmt hatte.— Und wie das um ſie her lebte und ſchwirrte und der Sonne ſeinen Jubel entgegen trug.— Zahlloſe Schwärme von Reisvögeln und anderen kleinen, zierlichen Waldbewohnern flat⸗ terten um ſie her aus Hecken und Bäumen; an den Rändern der ſumpfigen Reisfelder gingen lang⸗ beinige ſtorchartige Vögel gravitätiſch ſpatzieren — eingeſchirrte Büffel, auf denen kleine, halbnackte Malayiſche Jungen als Treiber ausgeſtreckt lagen, kamen langſam herbei, ihre Arbeit des Pflügens oder Eggens noch in der Morgenkühle zu beenden. Dicht neben der herrlich angelegten Chauſſee knarrten und quietſchten die zweirädrigen Bambus⸗ karren der Eingeborenen, ſchwer mit Produkten des innern Landes beladen, in einem ſchmutzigen, bis auf den Grund zerfahrenen Beiweg hin, und quälten ſich und ihre armen Thiere bis auf's Blut — aber die harte, glatte Chauſſee der Holländer durften ſie nicht betreten— es wäre ſonſt freilich auch keine ſolche Chauſſee mehr geblieben. Wie eigenthümlich dabei die Reisfelder an den Hügeln ausſahen die, in Teraſſen angelegt, aus jedem Fußbreit Boden zu kleinen, von Rändern eingeſchloſſenen Flächen hergerichtet waren, und wie die Quellen, von den Hügeln niederkommend, 5* 68 die oberen Abtheilungen füllten und dann nieder⸗ liefen— durch alle hin, die Saat darin zu kräf⸗ tigen und zu reifen.— Und dort drüben die Berge!— Vor ihnen in dunkler Majeſtät ſtieg der Megamendong, der„Wol⸗ ken umhüllte“ Berg empor, und während dieſen dichter Wald bedeckte, bildeten hier zwiſchen den Reisfeldern die Deſſas kleine Baumoaſen, an de⸗ nen das Auge mit Entzücken hing. Hügel nach Hügel paſſirten ſie jetzt, bis ſie endlich am Fuß des Megamendong ſelber, zuerſt den eigentlichen Urwald erreichten und, oh wie groß, wie herrlich zeigte ſich hier Gottes ſchöne Welt in ihrer neuen wilden Pracht. Verſchwunden war plötzlich der ganz beſondere Charakter des Landes, der dem urbar gemachten Boden eigen iſt, denn wenn dort unten die Ge⸗ bäude auch durch üppige Fruchthaine verſteckt wur⸗ den, verriethen doch überall ſchon die regelmäßigen Umriſſe der Felder, wie hie und da ein, den Pflug hinter ſich drein ſchleppender ſchläfriger Karbau (Büffel) den thätigen, ordnenden, aber auch be⸗ ſchränkenden Fleiß des Menſchen. Hier dagegen war noch Alles Wildniß— Wildniß wie Gotte Hand den Waldſaamen ſelber ausgeſtreut ü⸗ das Land, und ihn mit ſeine ſeinen Bächen begoſſen hatte. Hier, allerdings hörten die Cocospalmen auf, denn noch mächtigere Bäume wie ſie, mit rieſigen ſtahlgrauem Schaft und prachtvollen Laubkronen, die Namudju⸗Eichen und Rijadjis ſtanden hier als die Könige des Waldes und zeigten, durch keinen Zweig geſtörte Stämme von weit über hundert und hundert und zwanzig Fuß Höhe. Mit ihren dunklen Laubkronen, die an unſere Buchen und Eichenpälder erinnerten, hätten ſie auch dem Wald faſt den tropiſchen Charakter nicht der wilde Piſang mit ſ grünen Blättern überall dazi und hätten ſich die Farnkräut ihre feingefiederten Blätter auf dem Boden hin⸗ reckten, hier nicht höher und höher zu zierlichen glattſtämmigen Palmen ſelbſt erhoben. Eine Menge bunter, duftender Blumen floch⸗ ten ſich dazu in dies Chaos von Baum und Strauch ein, und mitten zwiſchen dem wild und dicht ver⸗ wachſenen Urwald gerade hindurch, der an beiden Seiten den Weg wie eine Mauer eindämmte, und . jedes Abweichen davon ſtreng verſagte, ſchlug ſich die Straße ſchräg den Berg hinauf. Mit Art und Meſſer hatte ſich der kecke Menſch in dieſe Wild⸗ r Sonne gereift, mit genommen, wäre einen breiten, faft⸗ wiſchen aufgeſchoſſen er, die tief im Land 70 niß die Bahn gebrochen; mit Axt und Meſſer nie⸗ der gehauen was ihm entgegenſtand und eine Bahn erſt geſchaffen, auf der Stämme und Gebüſch bei Seite geſchafft werden konnten.— Und Tauſende von Händen waren dann geſchäftig geweſen, mit Hacke und Schaufel den Grund zu ebnen und ihn mit Steinen hart und feſt zu ſtampfen, ſelbſt dieſer Vegetation, die ſich aus Felsſpalte und Lavakluft ſogar die Bahn bricht, Trotz zu bieten. Und dort hindurch rollten die Wagen, freilich langſamer jetzt, als durch das flache Land, denn höher und höher ſtiegen ſie. Immer kühler, im⸗ mer ſchattiger wurde es auf der luftigen Höhe, bis ſich endlich oben, an der Grenze der Preanger Regentſchaften, eine Fernſicht vor ihnen öffnete, wie ſie Hedwig bis dahin kaum für möglich ge⸗ halten. Rechts, in wilder, düſterer Majeſtät, lag der dampfende, Unheil kochende gunung Gedé mit ſeinen breiten, zackigen Lavamaſſen und den ſon⸗ derbar geformten Nebelſchichten, die ſeinen Gipfel faſt immer umzogen.— Vorn bauten den Hinter⸗ grund des vor ihnen ausgebreiteten Bildes, die hohen, ſchroff eingeriſſenen Conturen jener langen Gebirgskette, die den Rücken Javas bildet, und in faſt ununterbrochener Reihe aus thätigen Vul⸗ — 71 kanen beſteht, und dazwiſchen lag ein breites, lachen⸗ des Thal, gemiſcht aus fruchtbaren Feldern und bewaldeten Hügeln, und von ſilberhellen Bächen durchzogen. Ach wie ſchön, wie wunderbar ſchön war dieſes Land, und Hedwig hätte manchmal, wo ihr wie jetzt ein ſolcher Blick begegnete, aus voller Bruſt aufjauchzen mögen,— wäre ſie nicht durch die Menſchen ſelber darin geſtört worden. Auch jetzt wieder, gerade wie ſie an jenem Berghang ſtanden, und ſtill und ſtaunend, wie mit einem Zauberſchlage, eine neue, oh ſo herrliche Welt vor ſich ausgebreitet ſahen, kam ein kleiner Trupp von Eingeborenen, Männer und Frauen aus dem inneren Land herauf. Singend und lachend verfolgten ſie auch, ſo lange ſie ſich un⸗ bemerkt und allein glaubten, ihre Bahn, obgleich ſie Alle eben nicht leichte Laſten trugen.— Kaum traf ihr Blick aber die gefürchteten„Wolandas,“ als ſie ſcheu und ängſtlich ſchwiegen, die Frauen, wo das noch anging, vom Weg ab in den Buſch hinein flüchteten, die Männer finſter, aber demü⸗ thig ihre breiten, backſchüſſelartigen Hüte abnahꝛ men, erſt nieder kauerten, die Fremden vorbei zu laſſen, und dann, als ſie ſahen daß dieſe den Platz behaupten wollten, mit geſenktem Haupt vor⸗ beigingen. Es mochte vielleicht, wie ihr Mevrouw Van Straaten ſchon erzählt hatte, nöthig ſein, die Ein⸗ geborenen in Furcht und Demuth zu halten, weil ſie den Holländern an Zahl gar ſo ſehr überlegen waren; hätten ſie doch ſonſt leicht einmal über ſie herfallen und ſie erſchlagen können. Aber die ſchönen, guten Menſchen thaten ihr doch leid, die hier in ihrer eigenen Heimath, in ihrem eigenen Vaterland, von Fremden beſiegt und unterworfen, geknechtet und gedemüthigt, für ihre Unterdrücker auch noch arbeiten, und ſie dabei wie eine halbe Gottheit verehren mußten, und mit recht mitleidi⸗ gen Blicken ſah ſie ihnen nach, und hätte ſie, oh wie gern, zurückgerufen, daß ſie ſich vor ihnen doch nicht fürchten ſollten. Die Kathrine dagegen war vollkommen damit einverſtanden, daß ihnen die Frauenzimmer be⸗ ſonders ſcheu auswichen, wußten ſie doch auch wahrhaftig weshalb. Die unverſchämten Dinger liefen nämlich nur mit einem dünnen Kattun Un⸗ terrock bekleidet, ſelbſt ohne Hemd und zum Skan⸗ dal in der Welt herum, und daß ſie es ihre„Na⸗ tionaltracht“ nannten, war gar keine Entſchuldigung. 3 Hier begegneten ſie natürlich ſchon den Be⸗ 73 wohnern der Preanger⸗Regentſchaften, auf deren Grenze ſie ſtanden, und die Frauen ſchlagen dort nur den Sarong um ihre Hüften und tragen den Oberkörper nackt. Es läßt ſich übrigens denken, daß ſich das nicht mit Kathrinens Begriffen von Sitte und Anſtand vertrug, und ſie wunderte ſich bis aufs Blut, daß bei ſolchem Unfug nicht(der Schutz je⸗ des guten Deutſchen) die Policey einſchritt, und den Dirnen Manieren lehrte. Sie hätte es auch gern gegen die jetzt ausgeſtiegenen Herren er⸗ wähnt, aber— ſie ſchämte ſich, der Frauenzimmer wegen, das zu thun, und lange wurde hier über⸗ haupt auch nicht geraſtet. So langſam es bergauf gegangen war, ſo raſch liefen die munteren Pferde jetzt mit dem leichten Geſchirr den Hang hinab, und bald umſchloß die Reiſenden die wunderbar ſchöne Tjanjor Ebene in deren Hauptſtadt, am Fuß des mächtigen Gedé, ſie die heißen Nachmittags Stunde n verträumten. Nun war e s eigentlich der Plan der kleinen ſchaftlich zu über⸗ ſten Morgen nach ihrem vor⸗ Bandong aufzubrechen. Lock⸗ „ in Tjanjor angekommen, keine erredete auch wirklich ſeinen Schwa⸗ Geſellſchaft geweſen, hier gemein nachten und am nächſt läufigen Ziel, nach haart aber hatte Ruh, und üb 74 ger, bei den Damen zu bleiben und ihnen am nächſten Tage zu folgen, während er und Wag⸗ ner die Reiſe ohne Unterbrechung fortſetzte. Der Reſident von Tjanjor theilte ihm nämlich mit, daß jener Klapa, der hier im Ort eigentlich ſeine Heimath habe, vor ganz kurzer Zeit durchpaſſirt ſei, ohne ſich jedoch am hellen Tage ſehen zu laſ⸗ ſen. Mam wußte aber genau, daß er in die Ban⸗ dong Berge hinübergezogen ſei, und ein raſches Verfolgen verrieth vielleicht am Schnellſten ſeinen Schlupfwinkel. An den wenigen Stunden hing deshalb möglicher Weiſe der ganze Erfolg des Unternehmens und er mochte ſie hier nicht nutz⸗ los verſäumen. 8 Vergebens warf ihm Van Straaten ein, daß es im Anfang ja ſogar ihre Abſicht geweſen wäre, zwei oder drei Tage in Buitenzorg zuzubringen, und ſie die Zeit deshalb immer noch zu gute hät⸗ ten. Lockhaart hatte es ſich einmal in den Kopf geſetzt mit Wagner vorauszufahren, und ſein Schwa⸗ ger war ſo daran gewöhnt, ihm zu Willen zu le⸗ ben, daß er ſich auch dieſer„Grille,“ wie er meinte, fügte. Dafür mußte ihm Lockhaart aber verſprechen, ſie auf dem Rückwege nicht zu drän⸗ gen, und dann gerade ſo langſam zu reiſen, wie es ihnen zuſagen würde. 75 Das meiſte Gepäck wurde jetzt noch in den erſten Wagen genommen, weil der zweite ja eine Perſon mehr bekam, und ehe die Frauen eigent⸗ lich recht begriffen, um was es ſich handele, ka⸗ men ſchon vier friſche Pferde und Lockhaart und Wagner raſſelten davon. „Ich glaube wahrhaftig nicht, daß wir ſo hät⸗ ten zu eilen brauchen,“ ſagte Wagner, als ſie wie⸗ der allein in der Carreta ſaßen und an den re⸗ gelmäßig beſchnittenen und mit Blüthen der Rosa- sinensis bedeckten Hecken Tjanjors vorbei flogen. „Den Damen wird es keinenfalls angenehm ſein, ſo allein zu fahren.“ „Papperlapapp,“ ſagte Lockhaart,„uns wäre es auch nicht angenehm geweſen, heute Abend ir⸗ gendwo in dem Neſt eine Einladung zu bekommen und im ſchwarzen Frack und mit ſteifer Halsbinde vier Stunden hinter einem Whiſttiſch zu ſitzen— Lodewijk— mein Schwager mein ich— iſt in Tjan⸗ jor bekannt wie ein bunter Hund, und kann heute einer Einladung gar nicht entgehen.“ „Aber das Nämliche wird in Bandong der Fall ſein.“ „Nicht halb ſo ſchlimm, und dort kenn ich ſel⸗ ber die Leute— hier hätt' ich lauter fremde Men⸗ ſchen getroffen.— Ueberdies möcht ich mit Euch 76 einmal ein Wort im Vertrauen und allein ſprechen, Wagenaar, und das ging nicht, ſo lange uns mein guter Schwager auf dem Hals ſaß. Es iſt ein guter, braver Menſch, ja, aber— da ſind wir auch fertig. Ohne die geringſte Energie, iſt ihm Alles in den Tod zuwider, was ihn nur irgend aus ſeiner altgewohnten Begquenmlichkeit bringt, ja ich wundere mich, daß wir ihn ſelber zu dieſer kleinen Vergnügungstour überredet ha⸗ ben. Das wär aber noch das Wenigſte— das Schlimmſte iſt, er kann das Maul nicht halten, und was er weiß, muß auch in der nächſten Vier⸗ telſtunde meine Schweſter erfahren. Möglich, daß ſie ihn ſo erzogen hat, oder iſt es nun ein⸗ mal ſeine Natur, aber der Thatſache gegenüber, müſſen wir vorſichtig ſein, denn ich fühle mich ſogar nicht ganz ſicher, ob er ſein Vertrauen eben⸗ ſo auf Fräulein Bernold und die alte Kathrine ausdehnen könnte.“ „Sie thun ihm da gewiß Unrecht.“ „Möglich, aber ich mag es nicht riskiren, ihn auf die Probe zu ſtellen; wenigſtens nicht in die⸗ ſem beſonderen Fall.“ „Und über was wollten Sie mit mir reden?“ „Ueber Hedwig— über Fräulein Bernold 77 mein ich, für— deren Zukunft ich mich in⸗ tereſſire.“ Wagner ſchwieg und ſah ſtill vor ſich nieder, und der alte Herr blickte ihn von der Seite an, ohne weitere Bemerkung hinzuzufügen. Es war, als ob er erwartet hätte daß Wagner etwas ſprechen würde. Endlich räusperte er ſich wieder und fuhr fort: „So verworfen hat ſich der Junge— ſo to⸗ tal verworfen, daß er ſelbſt Javaniſcher Soldat geworden iſt, und er fühlt es noch nicht einmal, denn er kennt noch gar nicht den Stand, in den er Hals über Kopf hineingeſprungen iſt, wie et⸗ wa Jemand von einer Brücke hinunter ſpringt, der ſeines Lebens überdrüſſig worden. Es hat auch verdammt viel Aehnlichkeit damit, und iſt ein richtiger, ordentlicher, moraliſcher Selbſtmord.“ „Aber in welcher Beziehung ſteht das Alles zu Fräulein Bernold?“ „Sie wiſſen, in welcher er früher zu ihr ge⸗ ſtanden hat?“ „Ja— aber fürchten Sie, daß die frühere Neigung noch nicht erloſchen ſei?“ „Fürchten?“ ſagte der alte Mann wehmüthig, „Du lieber Gott, es iſt meiner armen Marianne einziger Sohn, und der Himmel weiß, was ich 48 darum gegeben hätte, ihn mir zu retten— aber er hat es ſelber nicht gewollt. Das liederliche, nichtsnutzige Blut ſeines Vaters läuft ihm in den Adern, der alberne Dünkel als Baron zu vor⸗ nehm zum Arbeiten zu ſein, hat ihn vollends ruinirt, und was ich fürchte, iſt, daß er ſeinem Verderben mit furchtbarer Schnelle entgegen geht. Eins könnte ihn da vielleicht noch retten, wenn er ſelber ſich wirklich noch nicht ganz aufgegeben hätte— eins könnte ihn zu einem ſteten und rechtlichen Leben zurückführen— eine wackere Frau.“ Wagner erwiederte noch immer Nichts. Er blickte ernſt und gedankenvoll auf die reizende Ge⸗ gend hinaus, die ungeſehen an den beiden Män⸗ nern vorüberglitt. Endlich wandte er langſam den Kopf gegen den alten Herrn, ſchaute ihn for⸗ ſchend eine Weile an und ſagte dann mit leiſer, aber feſter Stimme: „Und Sie glauben alſo, daß Hedwig eine paſſende Frau für Ihren— Neffen— für den Soldaten werden könne, oder ſind Sie vielleicht der Meinung, daß ſie beſſer als— Tante auf ihn einwirken würde?“ „Lockhaart drehte ſich überraſcht und ſchnell nach ſeinem Nachbar um, und ſah ihm eine Weile — 79 ſtarr in's Auge. Er hatte keinenfalls die Frage gleich verſtanden, und als er ſie endlich verſtand, wahrſcheinlich böſe werden wollen. Aber wie eine Wolke an der Sonne hin, ſo glitt der Unmuth über ſeine Stirn, und mit einem wehmüthigen Lächeln ſich zurück in die Wagenecke lehnend, ſagte er, langſam den Kopf dazu ſchüttelnd: „Nein Wagenaar; die Zeiten ſind vorüber, in denen es mich ſelber drängte einen eigenen Herd zu gründen. Gott verzeih es den Men⸗ ſchen, die es aus böſem Willen hintertrieben, und mir mein eigen Leben damit verbittert und ver⸗ dorben haben. Doch die Jahre ſind nicht zurück⸗ zubringen, und ich bin nicht Thor genug zu glau⸗ ben, daß ich mit meiner Ruine von eine dazu mit einem gereizten, verwöhnten Tempera⸗ ment, einem Weſen genügen könnte, das eben voll jin's Leben ſchaut, und berechtigt iſt, Gottes ſchönſte und reichſte Gaben für ſich zu beanſpruchen.“ „So glauben Sie, daß ſie ihren Neffen noch liebt?“ „Ich halte es nicht für wahrſcheinlich,“ ſeufzte Lockhaart,„aber das Menſchenherz iſt ein gar wunderliches, unzuverläſſiges Ding, und wo Gott ſegnen vill, ſoll der Menſch nicht flu⸗ chen.“ m Körper, — 80— „Und was gedenken Sie da jetzt zu thun?“ frug Wagner. „Zum Donnerwetter Herr,“ fuhr aber der alte Mann auf, der ſich gewaltſam zuſammen⸗ raffte, die trübe Stimmung zu bewältigen,„dazu habe ich mir Ihre Geſellſchaft nicht ausgebeten, daß Sie mich ausfragen und dazu mit dem Kopf nicken oder ſchütteln ſollen. Ihren eigenen Rath will ich haben; Ihre eigene Meinung⸗— was fängt man am Beſten mit einem gemeinen Sol⸗ daten an?“ „Wie iſt er es geworden 2 „Einzig und allein jedenfalls, weil er mit dem Tollkopf durch irgend eine Wand fahren wollte, und dieſe für die härteſte hielt. Aber vom Soldatenſtand wäre er doch vielleicht noch loszumachen, wenn man einen tüchtigen Erſatz⸗ mann für ihn ſtellt und nur das iſt jetzt die Frage: Was dann?“ „Die beantwortet Ihnen vielleicht am Beſten ein gleiches Subject,“ ſagte Wagner ruhig,„das ich vor wenigen Wochen aus Schmutz und Un⸗ rath wie aus allen Laſtern herausgezogen und in mein Comptoir genommen habe. Der Menſch war, wenn er noch ein paar. Wochen ſo fortlebte total verloren, und iſt jetzt Einer meiner beſten 81 Arbeiter, der ſich, trotzdem daß er kein Vermögen beſitzt, ſein rechtliches Fortkommen und vielleicht noch mehr hier in Java gründen kann.“ „Und Sie meinen wirklich, daß dem Jungen noch geholfen werden könnte?“ ſagte Lockhaart bewegt Wagners Hand ergreifend——„Sie glauben, daß er vielleicht doch noch zu retten wäre?“ „Durch andere Hülfe nicht,“ entgegnete Wag⸗ ner ernſt,„es muß durch ſeine eigene geſchehen. Wir können ihn nur in den richtigen Pfad brin⸗ gen, auf dem er, wenn er ihm folgt, ein ver⸗ fehltes Leben hinter ſich werfen und ein 1 leues beginnen mag.— Will er aber abſolut wie⸗ der davon hinabſpringen— wer kann ihn halten?“ „Aber wo fände man Jemanden hier auf der ganzen Inſel der— einen gemeinen Soldaten in ſein Geſchäft nähme, nur den Verſuch einmal mit ihm zu machen?“ „Ich ſelber will es thun,“ ſagte Wagner leiſe —„Van Roeken wird ſich vielleicht im Anfang dagegen ſträuben, aber zuletzt fügen, und was in meinen Kräften ſteht, ihn ſich ſelber wieder zu geben, ſoll geſchehen.“ Lockhaart ergriff ſeine Hand, und ihm eine Unter dem Aequator. III. 6 Weile feſt in's Auge ſehend, drückte er ſie in der ſeinen— aber er ſprach kein Wort weiter, und wohl eine Stunde lang fuhren die beiden Männer jeder mit ſich und ſeinen eigenen Gedanken be⸗ ſchäftigt ſtill neben einander hin, und unbeachtet lag an beiden Seiten ihres Weges die reizendſte wundervollſte Landſchaft, die je vom Sonnenlicht beſchienen worden. So paſſirten ſie eine Poſtſtation nach der anderen— es war keine Vergnügungs⸗ es war eine Courirfahrt die ſie zuſammen machten, als ob ihr Leben davon abgehangen hätte, zu einer beſtimmten Stunde in Bandong zu ſein, und doch beachtete keiner von ihnen den Weg oder wo ſie ſich befanden— wann ſie eintreffen würden. Nur die raſche Bewegung that ihnen wohl; der ſcharfe Luftzug, der ihre Schläfe und Wangen 3 kühlte, erfriſchte ſie und ſchien nach und nach die trüben Gedanken, denen Beide wohl mächhingen zu zerſtreuen; wenigſtens zu mildern. Der alte Herrfaßte ſich zuerſt wieder; es war eine jener kräftigen geſunden Naturen, denen das Grübeln und Brüten auf die Länge der Zeit widerſteht und die, wenn ſie einmal zu einem Entſchluß gekommen ſind, nun auch feſt und ehern daran halten, das Uebrige eben der Zeit und 83 dem Schickſal überlaſſend. Sein nächſtes Ziel— denn alles Andere mußte eben verſchoben werden bis er zurückkam— lag in Bandong oder deſſen Nachbarſchaft, und er wandte ſich plötzlich mit der Frage an Wagner, ob er jenen Klapa wohl wieder erkennen würde, wenn er ihnen aufſtieße. „Ich denke ja,“ ſagte Wagner,„allerdings hab' ich ihn neulich nur ſehr kurze Zeit geſehen, ja es war eigentlich kaum mehr wie ein Moment, aber der Burſche hat ſo markirte Züge, daß ich ihn doch unter einer Anzahl von Bergbe- wohnern herausfinden wollte.“ „Gut! ſehr gut!“ ſagte Lockhaart„vielleicht iſt es nicht einmgl nöthig und wir finden andere ſichere Zeichen an denen wir ihn erkennen kön⸗ nen, doch— beſſer iſt beſſer.“ „Nun aber ſagen Sie mir auch, mein lieber Herr Lockhaart,“ frug ihn Wagner jetzt,„welches Intereſſe— nehmen Sie ſelber daran, dieſen Heffken zu entlarven, oder jenen Javanen zur Strafe zu bringen, daß Sie Ihre Zeit und Ihr Geld opfern, ihnen hier in den Bergen nachzu⸗ ſpüren? Ich ſelber würde mich natürlich von Herzen darüber freuen, wenn wir ein günſtiges Reſultat erzielten, ſchon meines armen Nitſchke wegen, den dieſer ſchurkiſche Buchhalter auf wirk⸗ 6* —u lich nichtswürdige Weiſe behandelt und gekränkt hat, aber ehe ich ſelber einen derartigen Zug unternommen, hätte ich es doch lieber der Zeit überlaſſen, jenen Patron zur Strafe zu bringen. Der Krug geht ſo lange zu Waſſer bis er bricht, und einmal wird er ſich doch ſchon fangen, wenn er wirklich ſchuldig iſt.“ „Wirklich ſchuldig?“ wiederholte Lockhaart, ſich gegen Wagner drehend,„ich hoffe nicht ſicherer ſelig zu werden, als ich weiß, daß jener Menſch ein nichtswürdiger Hallunke, ein Dieb und Be⸗ trüger iſt.“ „Aber weshalb haben Sie ihn da nicht ſchon lange angezeigt!“ „Weil mir noch die entſcheidenden Beweiſe, weil mir Zeugen fehlen, denn ſein Sie verſichert Wagenaar, der Burſche iſt ſo ſchlau und gewandt, ſo mit allen Hunden gehetzt, und mit allen Hin⸗ terthüren bekannt, die ihm das Geſetz geſtattet, daß man einen feſteren Griff an ihn haben muß, als wir bis jetzt hatten, wenn wir ihn auch wirk⸗ lich halten wollen. Uebrigens iſt ſein Maas voll und übervoll.“ „Nicht allein hat er mich, als er noch in meinem Geſchäft war, betrogen und hintergan⸗ gen; das möchte ihm verziehen ſein, nein er bracht 85 auch ſpäter, wo er ſchon bei der Maatchappey an⸗ geſtellt war und eine ganz ähnliche Geſchichte mit einer Prau vorfiel, wie hier neulich wieder vor⸗ gefallen ſein ſoll, einen jungen, prächtigen Bur⸗ ſchen, den ich adoptirt und in die Maatchappey gegeben hatte, dort das Geſchäft zu lernen, der⸗ maßen in dieſe faule Geſchichte hinein, daß es faſt ausſah, als hätte der blutjunge, ehrliche Menſch einen raffinirten Plan dabei verfolgt, bedeutende Unterſchlagungen zu machen. Ich ſtellte natürlich gleich Caution für den jungen Mann, und er kam frei, aber das Herzeleid das ihm durch den Ver⸗ dacht geſchehen war, nagte ihm an der Seele. Er legte ſich hin, bekam ein hitziges Fieber und ſtarb an demſelben Morgen, als er vom Gericht ehren⸗ voll freigeſprochen wurde.“ „Seit der Zeit habe ich dieſen Heffken gehaßt wie meinen Todfeind. Statt aber meine Feind⸗ ſchaft zu fürchten, hat der Burſche neulich einen Schritt bei mir gethan, der das unerhörteſte von Frechheit iſt, was ſich denken läßt: Er hat bei mir, wie Sie wiſſen, um— Fräulein Bernolds Hand angehalten, und ich mußte mich damals wacker zuſammen nehmen, daß ich ihm nicht nach der Kehle fuhr. Von dem Augenblick an aber hab' ich es ihm feſt und heilig zugeſchworen, daß 86 ich ihm die Unverſchämtheit heim zahlen will, ſo⸗ bald ich nur irgend Gelegenheit dazu bekomme, und wenn uns das Glück wohl will, liefert uns die der letzte Caſſeneinbruch, bei dem er jedenfalls die Hand mit im Spiel hat.“ „Und haben Sie eine Ahnung wo ungefähr jener Klapa ſtecken kann?“ „Ja, ſonſt pürde ich den Zug nicht unternom⸗ men haben; aber es iſt ein wilder, böſer Diſtrikt, durch den nur Einige, den Eingebornen bekannte Pfade führen. Wir müſſen außerordentlich vor⸗ ſichtig zu Werke gehen, die Rechten aufzufinden, die uns dazu nützen können, und die Uebrigen nicht vor der Zeit mistrauiſch zu machen.“ „Und nach welcher Richtung zu iſt etwa die Stelle?“. „Hinter dem Boerangang in der Provinz Kra⸗ wang, gleich links hinter dem Tancuban prau hinab. Dorthin ſoll er ſich wenigſtens jetzt gezogen ha⸗ ben, aber ich weiß natürlich nicht, ob er ſich dort länger aufzuhalten gedenkt. Der Platz iſt übrigens ſo ausgeſucht wild und verſteckt, daß er ihn ſich kaum beſſer hätte wählen können.“ „Und wo wollen Sie nähere Auskunft erhalten?“ 1 „Auf der Kaffeeplantage in Lembang hat er einen Vetter, aber die Beiden ſind ſeit Jahresfriſt 87 etwas verfeindet, ſo daß es fraglich iſt, ob er dieſen von ſeinem Aufenthalt in Kenntniß geſetzt hat. Haben ſie ſich aber ausgeſöhnt, ſo wird er den wahrſcheinlich dazu gebrauchen, nöthige Lebens⸗ mittel aus beſiedelten Diſtrikten für ihn zu ſchaffen.“ „Und das iſt die ganze Spur die Sie haben?“ ſagte Wagner kopfſchüttelnd,„da ſieht es freilich ſchlimm aus, und Klapa iſt ein zu durchtriebener Burſch, als daß er ſich in einem ſo weitmaſchigen Netze finge. Ob er ſich mit ſeinem Vetter ausge⸗ ſöhnt hat oder nicht, verrathen wird ihn der auf keinen Fall.“ „Noch hab' ich eine andere Hoffnung,— ich kenne die Sitten dieſer Burſchen ziemlich genau, und ſpreche auch ihren Javaniſchen Dialekt*) ver⸗ 1**) Die eigentlich Javaniſche Sprache der Eingeborenen iſt ſehr von dem verſchieden, was die Malayen an der Küſte und im flachen Lande ſprechen. Ueberhaupt beſteht in Java daſſelbe Verhältniß, wie faſt auf allen Inſeln des Oſtindiſchen Archipels, daß nämlich ein ganz anderes Volk die Küſten be⸗ wohnt, als das innere, bergige Land. Die Malayen(keines⸗ wegs eine eigene und beſondere Menſchenrage, ſondern Ab⸗ kömmlinge der Kaukaſiſchen und Mongoliſchen) waren und ſind ein ſeefahrendes Volk, und haben faſt alle Inſeln mit ihren Heerden überſchwemmt.— Aber nur an den Küſten konn⸗ ten ſie feſten Fuß faßen, und die in das Hochland der In⸗ ſeln getriebenen Bergbewohner, wahrten ſich dort ihre Unab⸗ hängigkeit, und trieben die Eroberer zurück. So blieb auch 88 ſtehe ihn wenigſtens vollkommen gut, was bei Europäern nur höchſt ſelten der Fall iſt. Möglich daß ich dadurch, wenn ich mit ihnen in ihren Bergen und dort in der Nathbarſchaft jage, Man⸗ ches herausbekomme was ſie unter einander plau⸗ dern. Apropos Wagenaar, ſind Sie Jäger?“ „Jäger? nein, wenigſtens nicht was man eigentlich Jäger nennt. Ich kann ein Gewehr ab⸗ drücken, und treffe auch wohl ein Stück Wild, aber ich habe nicht die geringſte Paſſion dafür, und es würde mir gar nicht einfallen, irgendwo große Strapatzen zu ertragen, oder mir irgend eine Entbehrung aufzuerlegen, nur um einen Hirſch zu ſchießen.“ „Hm— ſo?— nun vieleeicht ſchleppe ich Sie trotzdem einmal mit mir in die Berge.“ „Dort werde ich Ihnen wenig nützen,“ lachte die Sprache geſchieden, und während an allen Küſten des Oſtindiſchen Archipels malayiſch geſprochen wird, behielt jede Inſel in den Bergen ihr eigenthümliches Idiom. Die eigent⸗ liche Bergſprache dieſes Theils heißt aber nicht Javaniſch, ſondern Sunda, und unterſcheidet ſich weſentlich von der Malayiſchen. Ueberhaupt wird die ganze Inſel von den Ein⸗ geborenen keineswegs Java oder Djava genannt, ſondernt nur die öſtliche Hälfte derſelben. Die weſtliche Hälfte heiße Sunda, und nach ihr hat auch der bei Java vorbei fließend Meeresarm den Namen Sundaſtraße bekommen. 89 Wagner,„überhaupt erwarte ich ſehr wenig von unſerer ganzen Fahrt und glaube faſt, daß Nitſchke zu Haus mit ſeinen einfachen, aber zähen Nach⸗ forſchungen mehr ausrichtet, wie wir hier Alle miteinander.“ „Ich habe auch Nichts verſäumt, was uns dort helfen könnte,“ erwiederte Lockhaart,„und bin beſonders die letzte Woche thätig geweſen, eine genaue ſtatiſtiſche Tabelle von all den Leu⸗ ten zuſammenzuſtellen, die mit Heffken gearbeitet haben. Manche davon ſind freilich ſchon todt, Andere wieder nach Europa hinübergegangen, Viele leben aber hier noch auf Java, Einige ſo⸗ gar gegenwärtig ohne Beſchäftigung, und es iſt höchſt intereſſant die Laufbahn mehrerer derſelben zu verfolgen. Heffkens genaue Biographie, ſeit⸗ dem er in Oſtindien iſt— ſo viel wenigſtens dem Publikum davon bekannt geworden, habe ich na⸗ türlich auch, und ſo genau als irgend möglich.“ „Gut! wer weiß, wie wir das ſpäter einmal brauchen können, aber eine ſolche Fahrt rechtfer⸗ tigt es deshalb noch immer nicht. Wir tappen eben in's Blaue hinein und ſind hauptſächlich der Gefahr ausgeſetzt, daß Klapa von unſeren Abſichten erfährt und die ganze Gegend verläßt, ehe wir nur eine Ahnung davon haben, wo er 4 90 eigentlich ſteckt. Aber dort liegt Bandong, eine wahre Perle in dieſem von Bergen eingeſchloſſe⸗ Keſſel— die Burſchen müſſen auf Mord und Tod gefahren ſein, denn die Sonne iſt kaum hinter jenen Gipfeln verſchwunden.“ „Es ſind kurze Stationen und die vier Pferde laufen mit dem leichten Wagen raſch davon— auch hatt' ich, glaub ich, den Leuten anbefohlen, ihr Aeußerſtes zu thun. Es iſt ermüdend, ſo lange auf der Straße zu liegen.“ „Aber in ſo freundlicher Gegend.“ „Chauſſee bleibt Chauſſee, und wenn ſie durch ein Paradies führte— man gäbe dem Poſtillion gern ein Trinkgeld, nur raſch hindurch zu kommen.“ „Ich glaube, das Thor iſt ſchon geſchloſſen?“ „Nein, ſie ſind aber wohl eben dabei. Heh! hollah!— oh ſie haben uns ſchon gehört, und nun für eine gute Mahlzeit. Ich habe das Fah⸗ ren heute herzlich ſatt bekommen, und Mevrouw Splittenhout führt eine delicate Küche.“ V „ Eigenthümlich ſehen dieſe kleinen Städte im Inneren Javas aus, und gleichen auch in der That mehr einem großen Garten, als dem, was wir gewöhnlich unter dem Begriff von„Stadt“ verſtehen. Da ſind keine hohen, düſteren Mau⸗ ern, die rauchige, rußige„Feuerſtellen“ umſchlie⸗ ßen; keine wetterbraune Dächer, und ſchmutzige, graue Giebel in engen, düſteren Gaſſen. Wie das ganze Land, ſo auch iſt die Stadt ein Gar⸗ ten, und was ſie umſchließt und abſcheidet von dem offenen Land, nur eine hohe, grünende und blühende Hecke, die auf der wirklichen Chauſſee ii einem leichten, weiß angeſtrichenen und ver⸗ ſchließbaren Thor zuſammenläuft. 8 Der innere Theil war allerdings in regelmä⸗ 92 ßige Straßen abgetheilt, aber nur an einer Stelle— auf dem Chineſiſchen Paſar— ſtand Haus an Haus, oder vielmehr Laden an Laden dieſes thätigen, unternehmenden Volkes, eine volle Reihe von bunt gefüllten Verkaufsbuden dadurch her⸗ ſtellend. Sonſt aber berührte kein einziges Haus die Straße ſelber, ſondern jedes lag abgeſondert und oft tief verſteckt in einem Hain vo Frucht⸗ bäumen, den wieder eine niedere Blumenhecke umſchloß. Die Häuſer beſtanden ſämmtlich aus einge⸗ 1 rammten Pfählen oder Bambuspfoſten, mit ge⸗ (flochtenen Bambuswänden, und mit den dicht zu⸗ ſammengepreßten Faſern der Aren oder Zucker⸗ palme gedeckt. Nur die Europäer hatten ſich be⸗ queme und luftige Steingebäude aufgerichtet, wie in Batavia, obgleich die Luft hier nicht ſo heiß war, wie dort unten. atten ſie aus dem dunklen Grün der Pal⸗ „men und Blüthenbüſche vor, und„ſtolz auf ihre Weiß gemalt oder bewor⸗ niederen Nachbaren und Diener, die Javaniſchen Hütten hinab. Mevrouw Splitten Das Hotel ſelber war ein großes, geräumiges, vortrefflich gehaltenes Gebäude, deſſen Küche ſo⸗ gar, durch die Umſicht und Thätigkeit von Mev⸗ rouw Soltersdrop, der Wirthin, berühmt war. Eine Zeit lang hatte ſie auch als Wittwe Split⸗ tenhout das Geſchäft allein geführt, und es ihm wahrlich Niemand angeſehen, daß kein Mann darin regiere. Vor etwa einem Jahr aber kam der jetzige, glückliche Gatte, der immer noch ganz anſehnlichen Frau, nach Bandong, und wußte durch ſeine männliche Schönheit, wie ſein ein⸗ ſchmeichelndes Weſen der Wittwe Gunſt zu er⸗ langen. Was ihn darin aber beſonders hob, war ſeine wirklich aufopfernde Geſchäftigkeit, mit der er unermüdlich vom frühen Morgen bis ſpäten Abend aus reiner Gefälligkeit für die damalige chout ſich des Hausweſens an⸗ nahm, ſo daß Mevrouw nach einiger Zeit keinen haltbaren Grund mehr ſah, weshalb ſie ihren Beinamen Splittenhout nicht in Soltersdrop ver⸗ wandeln ſolle. Sonderbarer Weiſe wurde Mynheer Sol⸗ tersdrop aber nach der Trauung ein ganz an⸗ derer Menſch— und zwar nicht etwa, daß er ſich nun des Hausweſens noch mehr angenom⸗ men hätte, weil ihn jetzt ſein eigenes Intereſſe 94 daran feſſelte; nein gerade das Gegentheil. Wo er früher, ſelbſt bei der Mahlzeit keine Ruhe hatte, und oft mitten im Eſſen aufſprang und hinauslief, nur um zu ſehen ob die Pferde or⸗ dentlich gefüttert wären, oder ſonſt Alles in der Ordnung ſei, dachte er jetzt gar nicht mehr daran ſich in irgend einer Mahlzeit oder ſpäteren Sieſta ſtören zu laſſen. Mit einem Wort: er vernach⸗ läßigte Alles und wurde ein ſo ffaules nichts⸗ nutziges Subject, wie ſich je als Hausherr in einer Wirthsſtube auf den Bänken herumge⸗ trieben. Mevrouw ließ ſich dies im Anfang eine Weile gefallen; ob ſie vielleicht glaubte, daß die neue Würde dem Hausherrn zu Kopf geſtiegen.— Wie er ſich aber gar nicht änderte, ja noch mit jedem Tag fauler und bequemer wurde, und kaum mehr war, als ein permanenter Gaſt im Haus, der keine Zeche bezahlte, lief ihr die Galle auch über. Von jetzt an gab es Streit und Unfrieden im Haus, und Mevrouw hatte wenigſtens die Er⸗ fahrung auf ihrer Seite, wenn ſie behauptete, daß von ſieben Männern ſechs Nichts taugten und der ſiebente der Schlimmſte von Allen wäre — Mevrouw Solterstrop beſaß nämlich in Myn⸗ heer Soltersdrop ihren ſ iebenten Gatten, und 95 einige von dieſen hatte der Tod hinweggerafft, Andere waren verſchollen, jedenfalls zur See ver⸗ unglückt. Wie aber die Nebenmenſchen nur darin Freude finden, wenn ſie eben über den Nebenmenſchen etwas Böſes oder Nachtheiliges ſagen können, ſo gingen auch im Publicum ver⸗ ſchiedene Gerüchte, daß ihre Männer keineswegs Alle todt, ſondern Einige noch friſch und wohl ſeien, und irgendwo in der Welt ſtäken, von wo ſie, wer wußte wann, leicht einmal wieder auf⸗ tauchen konnten. Ja dann und wann hieß es ſogar als beſtimmte Thatſache, daß der oder Je⸗ ner ihrer verlorenen Gatten wieder an irgend einem Orte der Colonie erſtanden ſei, und ge⸗ droht habe, Bandong zu beſuchen.— Einzelne wollten ihn dann immer geſehen haben, und faſt jedes Jahr ſollte in dieſer Art ein anderer Mann erſchienen ſein. Der Volksmund machte dabei den einen von dieſen zu einem verfolgten und blutigen Seeräuber, den anderen zu einem In⸗ diſchen Fürſten, der ſich irgendwo auf dem Feſt⸗ land bei ein oder dem anderen wilden Stamm die Königskrone geholt, und daß derartige Be⸗ richte auch unverweilt zu Mevrouws Ohren ſelber kamen, dafür ſorgten ſchon ihre Freunde, wie ſie deren jeder Menſch auf Erden hat. Trotzdem ließ ſich aber Mevrouw nicht ab⸗ halten immer wieder auf's Neue zu heirathen. Mynheer Splittenhout hatte kaum ein Jahr vor⸗ her der Schlag gerührt, und der Wittwenſtand deshalb ihrer Meinung nach, lang genug gewährt, als ſie deſſen Nachfolger— dem ſiebenten Alles in Allem gerechnet— die Hand reichte, und den Schwur ehelicher Treue leiſtete, und ſeit dieſer Zeit waren nun wieder ſechs Monate ver⸗ ſtrichen. Regelmäßig aber wie der Weſt⸗Mon⸗ ſuhn über die Inſel wehte, traf da auch wieder das Gerücht ihr Ohr, daß Einer ihrer früheren Männer, und zwar der Dritte, auf Java gelan⸗ det und in Batavia angekommen ſei, von wo er in ihre Arme fliegen werde, ſobald es irgend ſeine Zeit erlaube. Nun wäre Mevrouw gegen die gewöhnliche Kunde eines ſolchen Falles ſchon dadurch vollſtän⸗ dig abgeſtumpft geweſen, daß ſich, was ſie ge⸗ fürchtet, nie beſtätigt, wenn es ſie nämlich auch auf die gewöhnliche Art als Gerücht, erreicht hätte. Ehe aber nur Einer ihrer Nachbaren oder der umwohnenden Culturenbeſitzer ſelber: ein Wort davon wußte, und ſie ein einziges Mal da⸗ necken konnte, erhielt ſie einen Brief von Batav 97 der, ſo kurz er war, ſo gewichtige Kunde enthielt. Er lautete: „Weledle vrouw. Ich benachrichtige Sie hiermit, daß Chriſtiaan Valentijn Jooſt, mit dem Sie früher ehelich verbunden waren, und der im Jahre 18— ſpurlos verſchwand—(damals, wie man glaubte, bei dem Schiffbruch eines Ara⸗ biſchen Schiffes mit ertrunken) glücklich wieder hier angekommen iſt, und beabſichtigt, nach Ban⸗ dong zurückzukehren.— Ein Freund!“ Dies Schreiben trug weder Poſtſtempel noch Datum, noch weitere Unterſchrift, und ein Bote hatte es ihr gebracht, der vor einiger Zeit von dem Reſidenten nach Batavia geſchickt war, einige für ihn dort angekommene Sachen abzuholen. In Batavia ſelber hatte es dieſem ein„Tuwan“ gege⸗ ben, der erfahren, daß er aus Bandong ſei, und ihm auf die Seele gebunden, es im Hotel abzu⸗ liefern. Die Adreſſe lautete aber Mevrouw„Split⸗ tenhoud“ in Bandong.— Der Schreiber des Briefes hatte alſo noch gar nicht gewußt, daß ſie ſchon wieder, und zwar zum vierten Mal, ſeit Jooſt ihr dritter Mann ſie verlaſſen, das Joch der Ehe über ſich genommen habe. Annfangs glaubte ſie nun allerdings, daß ſich irgend Jemand von ihren Bekannten einen höchſt Unter dem Aequator. III. 7* 98 unpaſſenden und häßlichen Scherz mit ihr erlaubt und zugleich ihre wundeſte Stelle dabei getroffen habe, denn wenn ſie von irgend einem ihrer frü⸗ heren Männer wirklich nicht genau wußte, ob er todt ſei oder nicht, ſo war es eben Valentijn Jooſt geweſen. Umſtände kamen dazu, die ſeinem Abſchied von ihr vorhergegangen ſein mußten. Von denen ſprach ſie aber nie, obgleich ſie es vielleicht wahrſcheinlich machen konnten, daß er noch leben könne, wenn ſie auch nie geglaubt hätte, daß er je zurückkehren würde.— Und wenn das jetzt doch geſchah? Mevrouw Soltersdrop befand ſich dadurch ein paar Tage in einer ſo unbehaglichen Stimmung, daß ſie ſogar ihrem jetzigen Mann das Faullenzen und Trinken ungerügt hingehen ließ— nur aus Furcht vor einem früheren; aber die Befürchtung ſollte ſogar zur Gewißheit ſteigen, als heute Nach⸗ mittag ein Fremder bei ihr abſtieg, und ſie, auf etwas geheimnißvolle Weiſe bat, ihm eine kurze Unterredung zu gönnen. Dieſer war nun allerdings nicht der angeblich Auferſtandene, denn er ſah viel jünger aus als Jooſt hätte ſein können, und ſoviel ſie ſich auf Jenen noch erinnern konnte;— wer kann gena⸗ behalten wie ſechs verſchiedene Männer ausgeſehe 99 haben, wenn noch dazu ein Zeitraum von vier⸗ zehn oder funfzehn Jahren dazwiſchen liegt. So hatte Jooſt ſchwarzes und dieſer hier trug blon⸗ des Haar; die Frau führte ihn übrigens in einer Aufregung daß ihr alle Glieder zitterten, augen⸗ blicklich in ihr Zimmer und frug ihn hier, was er ihr zu ſagen habe. „Werehrte Frau,“ begann hier der Fremde in ziemlich gutem Holländiſch, obgleich mit unver⸗ kennbar fremden Accent,—„ich komme in einem etwas peinlichen Auftrag für einen Reiſegefähr⸗ ten, dem ich mich auch nicht unterzogen hätte, wenn ich es als Geiſtlicher nicht für meine Pflicht gehalten, Leiden zu mildern und Sorgen und Ge⸗ fahren bei Einzelnen ſowohl, wie bei Familien auszugleichen.“ „Ja Mynheer,“ ſagte die Frau, die vor Auf⸗ regung kaum nur die Worte verſtand die er ſprach, —„wer— wer ſind Sie denn eigentlich und was wollen Sie mir mittheilen?“ „Ich werde mich ganz kurz faſſen,“ erwiederte der Fremde,„und dabei ſo deutlich wie irgend möglich ſein. Ich ſelber heiße Salomo Holder⸗ breit, bin vor einigen Wochen erſt nach Java ge⸗ kommen und Miſſionair, den blinden Heiden das Licht des Glaubens zu bringen. Eigentlich war 7* mein Plan das ganze Innere von Java zu durch⸗ reiſen, und ich habe ihn auch noch nicht aufge⸗ geben, vor der Hand aber nur die Erlaubniß der Holländiſchen Regierung bekommen, dieſe Regent⸗ ſchaften auf einige Tage zu beſuchen. Unterwegs nun traf ich in Tjanjor mit einem Herrn zuſam⸗ men,— der mich auch bis hierher begleitet hat“— „Er iſt hier?“ rief Mevrouw Soltersdrop er⸗ ſchreckt. „Erlauben Sie, verehrte Frau, daß ich unun⸗ terbrochen in meiner Erzählung fortfahre,“ ſagte aber der Geiſtliche,—„ich verliere ſonſt den Faden und wir kommen um ſo viel ſpäter zum Ziel. Wo war ich denn gleich ſtehen geblieben? ja ſo, in Tjanjor. Dort übernachteten wir zu⸗ ſammen, und im Geſpräch erfuhr der Fremde, der ein braver, tüchtiger Mann zu ſein ſcheint, kaum meinen Stand, als er Vertrauen zu mir faßte, und mir noch an demſelben Abend ſein wunder⸗ liches Schickſal mittheilte.— Verehrte Frau, faſ⸗ ſen Sie ſich eine überraſchende, ſo freudige wie be⸗ ängſtigende Kunde zu vernehmen; Der Herr war“— Mevrouw Soltersdrop hatte den Tiſch gefaßt an dem ſie ſaß, und ſchaute den Sprechenden mit großen, ſtarren Augen an. Salomo Holderbreit aber, der hier eine kleine Pauſe machte, fuhr nach 101 wenigen Secunden eben ſo ruhig und ohne die geringſte Aufregung fort: „Mynheer Chriſtian, Valentijn Jooſt, früher Ihnen, verehrte Frau, als ehelich Gemahl ange⸗ traut, und auf wunderbare Art von Ihnen ge⸗ trennt.“ „Valentijn Jooſt,“ murmelte die Frau leiſe vor ſich hin,—„Valentijn Jooſt,— ſo iſt es doch wahr, ſo iſt es doch wahr,— er lebt noch — und er kommt wieder,— er kommt wieder!“ „Er iſt ſchon da,“ unterbrach Holderbreit ihr Nachdenken, während die Frau ängſtlich und er⸗ ſchreckt nach der Thür ſah, als ob ſie erwarte, daß er ſelbſtgin dieſem Augenblick hereintreten werde. 3 „Aber was will er,— um Gottes Willen, was kann ſeine Abſicht ſein,“ ſtöhnte die Frau — mit gefalteten Händen.„Er muß doch wiſſen, daß ich wieder verheirathet bin,— wenn ich mir die Plage auch nicht hätte aufzubürden brauchen, und Jammer und Schande über mich zu bringen, das hab ich nicht verdient.— Iſt er doch ge⸗ ſegnete vierzehn oder funfzehn Jahre ausgeblieben, und hat Nichts von ſich hören laſſen, nicht geſchrie⸗ ben, nicht ein Wort geſandt. Kann es ein Menſch da einer armen, verlaſſenen Frau verdenken, wenn 102 ſie ſich wieder nach Schutz und Beiſtand umſieht, in dieſer ſchlechten Welt?“ „Aber das Band der Che iſt ein ſo heiliges.“— „Ach ehrwürdiger Herr,“ ſagte die Frau in ihrer Angſt und mit einer gewiſſen vertraulichen Treuherzigkeit,—„die Heiligkeit dabei iſt nicht weit her, und eine Menge Menſchen heirathen nur eben, um unter Dach und an einen gedeckten Tiſch zu kommen.— Gott verzeih mir die Sünde, aber — ich will weiter Nichts geſagt haben, doch dor Gott bin ich mir in dieſer Sache keine Schuld bewußt, und die Geſetze ſind auf meiner Seite; gegen die hab' ich nicht geſündigt, und nur, mit⸗ Erlaubniß der Regierung wieder gkheitathet, die es dann auch verantworten möchte, wenn es eine Sünde geweſen wäre. Aber die Menſchen— lie⸗ ber, guter Gott, wenn das bekannt würde, könnte ich nur mein Haus verkaufen, mein Bündel ſchnüren, und machen daß ich aus Java fortkäme, ſo raſch als möglich, denn Frieden fänd ich nicht mehr, ſoviel iſt gewiß.“—— „Das gerade,“ ſagte hier Salomo Holder⸗ breit freundlich,„meinte auch Ihr früherer Gatte, verehrte Frau, und deshalb hat er mich mit die⸗ ſer kitzlichen Sache, die außer uns Dreien noch kein Menſch kennt, betraut, Alles nach Pflicht und Gewiſſen, aber im Stillen abzumachen.“ „Außer uns Dreien kein Menſch?“ ſagte die Frau, den Miſſionair raſch und aufmerkſam be⸗ trachtend,—„alſo haben Sie mir vor ein paar Tagen den Brief von Batavia geſchickt?“ „Ich?— nein,“ ſagte Herr Holderbreit er⸗ ſtaunt,—„erſt in Tjanjor hatte ich, wie ſchon vorher erwähnt, das Vergnügen Herrn Jooſt ken⸗ nen zu lernen.“ „Dann weiß alſo noch Jemand darum— oder Valentijn hat den Brief ſelber geſchrieben— ſich ſelber angemeldet.“ „Damit Ihnen vielleicht der Schreck über ſeinen plötzlichen Anblick nicht ſchaden möchte, verehrte Frau,“ ſagte Holderbreit,—„mach Allem aber, was wir Beide über Sie geſprochen, liegt ihm Nichts ferner als Sie zu kränken und zu betrüben, und nur mit äußerſter Delicateſſe wollte er von mir die Sache behandelt wiſſen, daß fremde Ohren das Geheimniß nicht erlauſchten. Sie glauben nicht, verehrte Frau, wie beſorgt er um Ihren Ruf iſt, und das gerade hat mich veranlaßt ihm meine Vermittelung zuzuſagen, wenn ich nicht außerdem meine Pflicht darin zu erfüllen glaubte.“ „Wenn er aber ſo erſchrecklich rückſichtsvoll auf 104 meinen guten Ruf iſt,“ klagte Mevrouw Solters⸗ drop,„weshalb kömmt er da überhaupt? wes⸗ halb ſetzt er mich dieſer Gefahr aus, die uns Beiden nicht den geringſten Nutzen bringen kann, ddeenn ich bin ja doch nun einmal Soltersdrops Frau und kann es nicht mehr ändern— wenn ich auch wollte.“ „Hm— ja,“ ſagte Holderbreit ſelber etwas überraſcht von dieſer Logik, denn darin hatte die Frau vollkommen recht, und er ſelber noch nicht einmal daran gedacht.— Warum war er über⸗ haupt gekommen?— Jedenfalls doch nur, um ſie noch einmal zu ſehen, und ſich vielleicht mit ihrem Vermögen auseinander zu ſetzen.„Trauen Sie ihm die edelſten Beweggründe zu,“ fuhr er aber freundlich fort, denn die Sehnſucht, nach ſo langer Zeit das Weſen wieder zu ſehen, das beſtimmt einſt war mit uns durch das ganze Leben zu pil⸗ gern, mag ſein Herz vor allem Andern hierher gelockt haben. Gewiß waren außerdem einige, vielleicht noch zu treffende materielle Anordnungen — gütliche Auseinanderſetzung über Vermögen—“ „Da liegt der Hund begraben,“ ſagte Me⸗ vrouw Soltersdorp, die viel proſaiſchere Anſichten vom Leben zu haben ſchien, wie ihr ehrwürdiger Beſuch. Jedenfalls kannte ſie das Leben von 105 einer weit mehr praktiſchen Seite wie er,—„das wird auch ſeine ganze Sehnſucht nach mir ſein, die er die funfzehn lange Jahre vortrefflich hat bezwingen können.“ „Seine Anſprüche,“ ſagte Holderbreit begüti⸗ gend,„werden ſich gewiß nur auf das beſchrän⸗ ken, was er—“ „Anſprüche?“ unterbrach ihn aber Mevrouw entrüſtet,—„Anſprüche? wohl deshalb, weil ich ihn drei Jahr gefüttert und nachher noch mit Geld und Waaren ausgeſtattet habe, eine Speculations⸗ reiſe nach Macaſſar und Borneo zu machen? Schöne Anſprüche die er erheben könnte, daß er mir nie im Leben Rechenſchaft über Geld und Güter abgelegt, Anſprüche! Aber mit denen wird er auch nicht kommen, und ich ſehe jetzt ſchon durch das Ganze durch.— Sie alſo hat er zu ſeinem Geſchäftsträger auserſehen?“ „Ich bitte Sie freundlichſt dafür ein anderes Wort zu gebrauchen,“ ſagte Holderbreit,—„ſo⸗ weit es das Gefühl betrifft, ja, würde ich mir dieſen Titel gefallen laſſen; alles Weitere muß ich Sie aber erſuchen mit ihrem früheren Gemahl ſelber abzumachen.“ „Nehmen Sie's nicht übel,“ ſagte die Frau, indem ſie ihm die Hand hinüberſtreckte,—„ich hielt ſie für ſeinen Abgeſandten, irgend eine be⸗ ſtimmte Summe aus mir herauszupreſſen, wofür Sie dann Ihre gewiſſen Procente bekämen.“ „Mevrouw!“ rief Holderbreit, wirklich böſe ge⸗ macht,„Sie glauben doch nicht etwa, daß ich als Geiſtlicher ſolcher Handlung fähig wäre?“ „Lieber Herr,“ ſagte die Frau ruhig,„unſer Herr Gott hat allerlei Koſtgänger, und wenn man vier und zwanzig Jahr Wirthin iſt, und in der Zeit ſieben Männer gehabt hat, ſo bekommt man ein kleines Stück vom Leben, und wie es darin zu geht, zu ſehn, das mögen Sie mir glauben. Geld regiert nun einmal die Welt, und der Va⸗ lentijn, wenn er noch ſo ſchön geſprochen hat— was er konnte, ſoweit ich mich auf ihn beſinne — iſt doch um weiter Nichts hier herauf gekom⸗ men, als eine Abſtandsſumme aus mir heraus zu drücken, daß er ruhig wieder fort ginge, und mit keinem Menſchen darüber ſpräche.“ „Sie denken zu hart von ihm; ich bin beſſerer Meinung und traue ihm ſolche ſchnöde Abſichten nicht zu—“ „Lehren Sie mich die Männer kennen, und noch dazu die Kaufleute. Aber das ſchadet Nichts; geht es ihm wirklich ſchlecht— und wäre das nicht der Fall hätte ich ſeinen Schatten ſchwer⸗ 107 lich wieder geſehen— ſo will ich ihm gern etwas von dem mittheilen, was mir Gott geſchenkt. Es kommt mir auf eine Hand voll Gulden nicht an und ich kann ihn, dem Himmel ſei Dank, zufrie⸗ den ſtellen, aber— er muß dann auch machen daß er ohne Zögern und Verweilen wieder fort kommt.“ „Aber verehrte Frau— „Nun?“ ſagte die Frau,„er ſoll wohl da blei⸗ ben?— ich habe wohl nicht ſchon einen Mann?“ „Ja ſo,“ ſagte Herr Holderbreit beſtürzt,— „entſchuldigen Sie, ich meinte es nicht in dieſer Art.“ „Alſo wollen Sie mir behülflich ſein ihn dahin zu vermögen, die Sache raſch und bündig abzu⸗ wickeln?“ „Wenn ich Ihnen damit einen Dienſt erweiſen kann, von Herzen gern,— vorausgeſetzt daß Sie die Ueberzeugung haben, ich wenigſtens verfolge keine eigennützigen Intereſſen.“ „Reden wir nicht davon„“ meinte die Frau, „ich glaube daß Sie es gut meinen; Sie ſehn mir wenigſtens nicht ſo aus, als ob Sie die Schliche und Wege ſchon weg hätten, auf denen hier die Leute zum Ziel zu kommen ſuchen.— Wenn ich Ihnen aber nachher wieder gefällig ſein kann, ſoll es auch geſchehen,— eine Hand wäſcht die andere auf der ganzen Welt.“ „Da nehme ich Sie beim Wort,“ ſagte Herr Holderbreit,„wenigſtens da wo es mein Miſſions⸗ werk betrifft, das mir vor allen anderen Dingen am Herzen liegt. Vielleicht ſind Sie da gerade die paſſende Frau dazu, und Gottes Hand hat mich als ſchwaches Werkzeug, ſelber hierher geleitet.“ „Hm,“ ſagte die Frau, indem ſie ihn mis⸗ trauiſch betrachtete,„Sie— Sie wollen doch nicht etwa aus unſeren Malayen Chriſten machen?“ „Mit Gottes Hülfe, ja,“ ſagte Salomo Hol⸗ derbreit ernſt und entſchieden—„ich bin wenig⸗ ſtens mit dem beſten Willen dazu hierher gekom⸗ men.“ „Nun— ich will Ihnen etwas ſagen, meinte die Frau.—„Erſtlich glaub' ich nicht daß es die Regierung leidet; denn die Malayen zu Chriſten oder liederlichen Menſchen machen, heißt ziemlich ein und daſſelbe bei uns. Bekommen Sie aber die Erlaubniß, ſo will ich Ihnen ein paar präch⸗ tige Plätze zeigen, wo Sie vollauf Arbeit bekom⸗ men— daß Sie wenigſtens nicht mit unſeren gleich anzufangen brauchen. Doch um jetzt wie⸗ der auf unſer Geſchäft zu kommen, ſo— muß ich den Valentijn doch vorher erſt ſehen. Der 109 Henker traue.— Ein oder der andere vent kann ſich einen Spaß gemacht haben, mich hinters Licht zu führen— nicht als ob ich ſagen wollte, daß Sie auch mit darunter ſteckten, aber klügere Leute ſind ſchon von ſolchen Spitzbuben angeführt, und ſicher iſt einmal ſicher. Ich will nicht leugnen, daß ich die Möglichkeit zugebe, der Valentijn könne noch leben, denn über ihn habe ich al⸗ lerdings nie die beſtimmte Nachricht ſeines Todes, ſondern nur Kunde von dem Untergang des Fahr⸗ zeugs bekommen. Iſt es aber der Rechte, ſo muß er doch wenigſtens noch Papiere, muß ſeinen Trauring und manche andere Dinge haben oder wiſſen, um die ich ihn ſchon fragen werde. Mein Mann hält noch ſeine Sieſta— er hat heute Mittag ein Glas über den Durſt getrunken, weil er behauptete, daß ſein Geburtstag wäre— er wird nicht aufwachen bis ich ihn wecke. Laſ⸗ ſen Sie den Valentijn gleich kommen; je eher ich die Sache mit ihm abmache, deſto beſſer.“ „Und ſind Sie vollſtändig auf dies Wieder⸗ ſehen vorbereitet, verehrte Frau?“ ſagte Holder⸗ breit, der ſich das Wiederſehen zweier Gatten, die fünfzehn Jahre getrennt geweſen, etwas aufre⸗ gender, erſchütternder Natur dachte— er über⸗ legte freilich nicht, daß vier andere Ehemänner dazwiſchen lagen: Dreie in ihrem Grab, und Ei⸗ ner drin in der Schlafkammer auf ſeinem Bett.“ „Vorbereitet? gewiß,“ erwiderte Mevrouw— „es iſt auch beſſer, daß das ſo raſch als möglich geſchehe, denn dieſe Angſt und Aufregung vorher reibt mich auf. Ich will fertig mit ihm ſein— ich will Ruhe vor ihm haben, nachher— kann ich mich auch darüber freuen, daß ihm Gott das Leben gelaſſen hat, ſonſt— ſonſt nicht, und ich fühle daß das Sünde ſein würde— Sünde ge⸗ gen Gott und— gegen ihn.“ „Alſo Sie wünſchen, daß er gleich zu Ihnen komme?“ frug Holderbreit. Die Frau konnte aber nicht antworten; die Worte ſtaken ihr oben in der Kehle feſt, und ſie nickte nur einmal heftig mit dem Kopf, worauf der Miſſionair aufſtand und langſam das Zimmer verließ. VI. Es wäre unmöglich die Aufregung zu ſchildern, mit der Mevrouw Soltersdrop im Zimmer allein zurückblieb. Bald ſetzte ſie ſich, bald ſprang ſie, trotz ihrer Beleibtheit wieder empor, ſobald ſie nur draußen Schritte hörte, und die Knie zitter⸗ ten ihr ordentlich, als plötzlich die Thür aufging, und Salomo Holderbreit, den ſo lange verſchol⸗ lenen Valentijn Jooſt an der Hand, das Zim⸗ mer betrat. Valentijn Jooſt verdient indeſſen eine kurze Beſchreibung. Es war eine kleine, ziemlich wohl⸗ beleibte Geſtalt, nicht mehr ganz jung, mit einem gelben, von Sommerſproſſen faſt zu reichlich be⸗ dachten Geſicht. In dieſem ſtanden außerdem ein paar ſehr große, waſſerblaue Augen, die mit — 11² dem dunklen Haar und den ſehr weißen Zähnen ſeinen Zügen wohl nicht viel Ausdruck verliehen, hätte er die Augen nicht ſtets weit aufgeriſſen. Eigenthümlich waren nur ſeine Bewegungen, wie er durch's Zimmer ging. Er that das nämlich vermittelſt großer Schritte, mit denen er aber nur äußerſt vorſichtig auftrat, als ob er ſich ſcheue unnöthiges Geräuſch zu machen. Da er die Fin⸗ ger etwas geſpreitzt trug, hätte es ihm vielleicht einen komiſchen Anſtrich gegeben; der bleibend melancholiſche und beſtürzte. Ausdruck ſeiner Züge milderte das aber wieder, denn er glich frappant einem Menſchen, der eben eine überraſchende und ſehr traurige Nachricht bekommen hat. 1 Mynheer Jooſt mochte zwiſchen vierzig und fünfzig Jahr alt ſein— vielleicht war er noch älter, es ließ ſich nicht ſo genau beſtimmen. Uebri⸗ gens ging er ſehr anſtändig, wenn auch gerade. nicht dem Klima angemeſſen, in Schwarz gekleidet, was ſeine Erſcheinung eher noch etwas düſterer und wehmüthiger machte. 4 Als der wohl um acht Zoll größere Holder⸗ breit mit dieſer Perſönlichkeit, die er am Arme hielt und faſt wie hinter ſich herzog, im Zimmer erſchien, würde ein unbefangener Zuſchauer kaum den wahren Sachverhalt errathen haben. Es 113 ſah weit eher aus, als ob der Geiſtliche den klei⸗ nen beſtürzten Mann irgendwo auf einer faulen That ertappt und hierher geſchleppt habe, ſein Urtheil zu vernehmen, und ſeine Strafe zu em⸗ pfangen, und mit einer wahren Armen⸗Sünder⸗ miene folgte ihm Mynheer Jooſt— weil er eben nicht anders konnte. Als er aber die Thür hinter ſich zugedrückt hatte, machte er ſich von Holderbreits Hand los, ließ beide Arme glatt herunterhängen, bog den Kopf, den er etwas auf die Seite legte, nach vorn, ſah mit den großen, blauen und etwas wäßrigen Augen in die Höh und ſagte: „Grietje!“ „Laſſen Sie uns allein ehrwürdiger Herr,“ ſagte die Frau, ohne von dem Stuhl aufzuſtehen, in den ſie wieder geſunken war, oder dem Ein⸗ tretenden nuremehr als einen flüchtigen Blick zu⸗ zuwerfen—„laſſen Sie uns wenigſtens auf kurze Zeit allein, ich— habe Einiges mit Valentiin Jooſt zu beſprechen, was ich gern unter vier Au⸗ gen mit ihm abmachen möchte.“. Salomo Holderbreit neigte langſam das Haupt, warf noch einen milden, verſöhnenden Blick auf die Frau, und verließ dann langſam und wie es ſchien tief bewegt, das Gemach. Unter dem Aequator. III. 8 —,— 1—— — lange hinter ſich geſchloſſen, und noch immer ſprach keiner der Beiden ein Wort. Valentijn hielt wie vorher den wehmüthigen, vorwurfsvollen Blick auf Mevrouw geheftet, und dieſe betrachtete eben ſo aufmerkſam, aber mit weit weniger Sentimen⸗ talität die vor ihr ſtehende, etwas traurige Geſtalt. „Grietje!“ wiederholte Valentijn und ſtreckte die rechte Hand nach ihr aus. „Und biſt Du's denn wirklich, Valentijn,“ ſagte dieſe, ohne die Hand noch zu nehmen, wäh⸗ rend ein tiefer Seufzer ihre Bruſt hob—„biſt Du's denn wirklich, der fünfzehn Jahr draußen in der Fremde herumgewandert iſt, und ſeine arme Frau hier allein hat ſitzen laſſen?“ „Aber allein biſt Du doch nicht ſitzen geblie⸗ ben, Grietje,“ wandte Valentijn ſchüchtern ein. „Nein, das bin ich auch nicht,“ erwiederte ſchon etwas heftiger die Frau,„aber Deine Schuld iſt's doch nicht, Valentijn— Deine Schuld iſt's nicht, daß ich nicht die lange Jahre hier im Witt⸗ wenſchleier geſeſſen, und mich um einen Menſchen gegrämt und gehärmt habe, der vielleicht indeſſen mit Gott weiß welchem jungen Geſchöpf herum ſprang, und ſeine eigene, ihm angetraute Frau lange vergeſſen hatte.“ 115 „Grietje!“ ſagte wieder der Mann, jetzt aber mit einem leiſen, ſchmerzlichen Vorwurf im Ton. „Es iſt gut,“ ſeufzte die Frau, und nahm die Hand, die er ihr noch immer entgegen hielt— nes iſt gut Valentijn, und Du ſollſt mir ſpäter erzählen, wo Du Dich die Zeit herumgetrieben haſt.— Du weißt aber, daß ich jetzt wieder ver⸗ heirathet bin— laß mir Zeit zu überlegen was ich thun ſoll. Sprich auch vorher nicht mit mei⸗ nem Mann darüber. Ich bin geſetzlich vollkom⸗ men gerechtfertigt, aber ich möchte das Geſchrei der Nachbaren vermeiden, die ſich überdies ſchon viel mehr als nöthig mit mir beſchäftigen.— Was wir mit einander abzumachen haben, kann zwiſchen uns Beiden geſchehen— Du hätteſt viel⸗ leicht nicht einmal den Geiſtlichen dazu gebraucht; da es aber einmal geſchehen iſt, mag es gut ſein.— Wieder betrachtete ſie ihn eine lange Zeit aufmerkſam und fuhr dann, wie vorhin fort:“ „Du haſt Dich ſehr verändert, Valentijn— ich hätte Dich vielleicht nicht einmal wieder er⸗ kannt. „Funfzehn Jahr ſind eine lange Zeit, Grietje,“ ſeufzte der Mann,„und wir alle Beide nicht jung darin geblieben. Ich habe viel durch gemacht in 8* 116 den Jahren und war eine lange, lange Zeit in Borneo von den Indianern gefangen, Du hätteſt ſonſt gewiß von mir gehört. Die Trennung iſt mir ſelber ſchwer genug angekommen.“ Wieder betrachtete ihn die Frau forſchend von oben bis unten, endlich ſagte ſie leiſe: „Manchmal iſt mir's, als ob Du's wäreſt, manchmal wiedex nicht. Haſt Du gar kein Zei⸗ chen aus früherer Zeit, das mir als feſter Beweis dienen könnte.“ „Sagt Dir Dein Herz Nichts, Grietje?“ frug ihr Gatte mit zärtlichem Vorwurf. Grietje aber ſchüttelte den Kopf und meinte: „Das kauf' ich Alles nicht theuer— Herz und dergleichen— haͤſt Du gar kein Zeichen von früherer Zeit behalten?— Wo iſt unſer Trau⸗ ring?“ 3 „Du guter Gott,“ ſtöhnte der Mann,„das war ein ſchwerer Tag an dem ich mich von dem Ring trennen mußte.— Es war gerade, als die Dajaks über uns herfielen und uns in ihre Hüt⸗ ten ſchleppten— und damals glaubte ich, wir ſollten gebraten und verzehrt werden; aber wir kamen noch mit dem Leben davon. Was wir freilich an Gold und Kleinodien bei uns hatten, nahmen ſie uns ab.“ 3 117 4 „Die Briefſchaften auch?“ ſagte die Frau, mistrauiſch werdend. „Nein,“ erwiderte ruhig Valentijn,„mit de⸗ nen hätten ſie Nichts anfangen können, ja ſie fürchteten ſich ſogar davor, ſie anzufaſſen, da ſie glaubten daß vielleicht irgend ein böſer Zauber darin ſtecken möchte.“ „Und die haſt Du noch?—“ „Ja Grietje— wenn Du denen mehr Glau⸗ ben ſchenken willſt, wie mir ſelber.— Vielleicht kennſt Du ſogar die alte Brieftaſche noch, in die Du ſie ſelber damals eingelegt, als ich auf Rei⸗ ſen ging.“— Langſam mit dem Kopfe nickend, nahm die Frau die Brieftaſche, betrachtete ſie ſeufzend und ſagte dann: „Geh' jetzt hinaus Valentijn— laß mich eine Weile allein— mein Mann wird auch jetzt mun⸗ ter werden. Heute Abend können wir nicht mehr — wenigſtens nicht ausführlich miteinander ver⸗ kehren; ſteh morgen früh auf und komm wieder hierher in mein Comptoir; ich will hier auf Dich warten.“. „Grietje!—“ „Beruhige Dich— ich ſtelle Dich zufrieden — dich will Dir die verlorenen Waaren nicht in 118 Anrechnung bringen— ich wünſche, daß es Dir fortan gut gehe, und das Wenige, was ich dazu beitragen kann, ſoll geſchehen— aber wie geſagt, nur unter der einen Bedingung, daß Du auch mein Wohlergehen berückſichtigſt und gegen kei⸗ nen Menſchen erwähnſt, wer Du biſt— oder wer Du vielmehr warſt. Verſprichſt Du mir das?“ „Gewiß verſpreche ich das, Grietje— freilich war ich mit anderen Hoffnungen hierhergekom⸗ men,“ ſeufzte er. „Sei kein Narr,“ dämpfte aber„Grietje“ ziemlich proſaiſch dieſen Ausbruch von Gefühl —„geh' jetzt hinüber und laß Dir mit dem Pre⸗ diger etwas zu eſſen geben— Ihr werdet Beide hungrig ſein.— Ich ſchicke Euch nachher den Wein dazu— es ſind noch immer ein paar Fla⸗ ſchen von der alten Sorte da, die Mynheer Sol⸗ tersdrop noch nicht gefunden hat.— Behüt Dich Gott Valentijn“— und wieder reichte ſie ihm die Hand, die er derb und herzlich drückte, dann winkte ſie ihm hinaus, und ſchob hinter ihm den Riegel vor, vollkommen ungeſtört, die alten, gel⸗ ben Papiere durchzuſehen und zu prüfen. Es war ein trauriges Geſchäft und koſtete ihr man⸗ chen Seufzer, manche Thräne, denn ſogar ein 119 paar alte Briefe von ſich, fand ſie dabei, noch aus der erſten Zeit ihrer Liebe. Oh ſelige Erinnerungen, wenn das Herz noch friſch iſt, denn Valentijn war ja erſt ihr dritter Mann geweſen.— Valentijn warf noch einen ſchmachtenden Blick zurück, wie ſich aber die Thür hinter ihm ſchloß, war es auch, als ob eine Art von Zauber von ihm genommen, ein anderes Leben über ihn ge⸗ kommen ſei. Seine ganze Geſtalt hob ſich um wenigſtens drei Zoll, ſein gelbes Geſicht lächelte freundlich und ſelbſtzufrieden, und zeigte dabei die perlmutterartigen Zähne in ihrem vollen Um⸗ fang, und die großen, hellblauen Augen blitzten und funkelten nach allen Seiten ihren Triumph hinüber. Von der vorigen Zerknirſchung und Rührung war auch nicht die Spur mehr zu fin⸗ den. Das Geſicht zog ſich dabei erſt wieder in die vorigen, ernſten Falten, als Salomo Holder⸗ breit aus der Küche kam, wo er mit einiger Um⸗ ſicht ein Mittagsmahl für ſie beſtellt hatte. „Nun Freund?“ ſagte er des Mannes Hand ergreifend, mit einem ernſt wehmüthigen Blick— „Sie haben einen ſchweren Moment überſtanden. — Trug ſie es mit Faſſung?“ „Sehr!“ ſagte Valentijn, der den Handdruck 120 erwiderte,„ſie hat einen ſehr ſtarken Charakter. Ich glaube nicht, daß ſie ſo leicht irgend etwas erſchüttern kann.“ „Nein, das glaub' ich auch nicht,“ ſagte Hol⸗ derbreit—„war ſie gerührt?“ „Sie hat vor allen Dingen meine Papiere behalten, um zu unterſuchen ob ſie auch ächt ſind. Eine ſolche Frau wird nur dann gerührt, wenn ſie beſtimmt weiß, daß ſie gegründete Urſache dazu hat.— Morgen früh werde ich ſie aber wieder ſprechen, Ehrwürdiger Herr, ich bin Ih⸗ nen ſehr dankbar, daß Sie ſo freundlich waren die erſte Vermittlung zu übernehmen— das erſte Eis zu brechen, wie ſie in Europa ſagen.“ „Mein lieber Herr, ich habe nicht mehr als meine Schuldigkeit gethan,“ ſagte Holderbreit treu⸗ herzig—„es iſt meine Pflicht zu verſöhnen, ſo⸗ weit meine ſchwache Kraft reicht; die hab' ich er⸗ füllt.“ „Und, wie ich hoffe, ein gutes Werk damit geſtiftet,“ beſtätigte Valentijn Jooſt.„Ich glaube mit Zuverſicht, daß dieſes Begegnen weſentlich zu unſerer beiderſeitigen Ruhe beitragen wird— daß der Frieden wieder einkehren wird in dieſes Haus — und— in meine Bruſt. Das Alles verdanken wir nur Ihnen.“ 121 „Reden wir nicht weiter davon; da kommt das Eſſen,“ verſicherte Holderbreit freundlich. „Mir ſelber aber ſoll es als ein gutes Omen zu meinem beginnenden Unternehmen gelten. Sie glauben gar nicht, mit welcher Luſt und Liebe ich daran gehen werde— aber hungrig darf der Menſch auch nicht ſein— famos riecht das.— Nach gethaner Arbeit iſt gut ruhen— wir haben heute ſchon einen hübſchen⸗Weg gemacht, und dürfen es uns jetzt mit gutem Gewiſſen ſchmecken laſſen.“ „Und was das für eine reizende Ausſicht hier hinaus iſt,“ bemerkte Herr Jooſt.„Wie heißt der Berg dort drüben?“ „Ja, das fragen Sie mich?“ ſagte Holder⸗ breit erſtaunt, während ſie Beide⸗Platz an dem Tiſch nahmen.—„Sie müſſen den⸗Platz— nur hierher die Schüſſeln, Freund, und daß wir dann auch etwas zu trinken bekommen— Sie müſ⸗ ſen den Platz hier doch viel beſſer kennen, wie ich— wenn Sie eben die Namen nicht vergeſſen haben.“ „Funfzehn Jahr iſt eine lange Zeit,“ ſagte der Mann mit einem ſcheuen Blick, zuerſt nach ſeinem Nachbar, und dann nach dem aufwarten⸗ den Malayen— nund was ich Alles in der Zeit erlebt.“— 122 Er drehte ſich etwas überraſcht um, denn dicht hinter ihnen begann eine rieſige Spieldoſe, mit einem Werk, das wenigſtens eine anderthalb Fuß lange Walze drehte, mitten in einem Tanz, mit⸗ ten aus einem Takt heraus, in dem ſie abgelau⸗ fen ſtehn geblieben war, ihr nicht unharmoniſches Getön. Auch Salomo Holderbreit wandte raſch den Kopf und ſie ſahen jetzt, wie ein Mann in der bequemen, leichten Tracht der Tropen, einen breit⸗ rändigen Strohhut auf, und ein paar geflochtene Chineſiſche Pantoffeln an den Füßen, mit ſtillem Behagen ſich ſeiner Ueberraſchung freute, und liebevoll bald auf das Inſtrument, bald wieder auf die Gäſte ſah. Er ließ ſie übrigens nicht lange in Zweifel, wen ſie vor ſich hätten, ſondern mit einem gemüthlichen Kopfnicken Beide grüßend, legte er ſeine rechte Hand breit auf die Bruſt und ſagte: „Willem Soltersdrop, meine Herren; Wirth zu Bandong, der ſich eine Ehre daraus macht, Sie bei ſich zu ſehen. Wie gefällt Ihnen meine Muſik, heh?“. Der Sgpielkaſten hatte indeſſen den Bauern⸗ walzer aus dem Freiſchütz, dem geſtern nur noch ein paar Takte fehlten, beendet, ſchnurrte und 123 hämmerte ein paar Mal auf die, derartigen In⸗ ſtrumenten eigenthümliche Weiſe, und ging dann, ohne vorherige Warnung, direkt in einen feierli⸗ chen Choral über, in dem aber leider ein oder zwei Stifte fehlen mußten. Gerade an entſchei⸗ dender Stelle ſtörte dies den Effekt bedeutend. Willem Soltersdrop wußte das auch, aber da es nur in dem Choral war, und er genau die Stelle kannte, ſo huſtete er jedesmal heftig, ſo wie es den Takt erreichte, und rettete ſo die Ehre ſeines Inſtruments. „Komm ich ja gerade Recht,“ fuhr er fort, als beide Gäſte aus leicht begreiflichen Gründen den Mann, wie ſeinen Muſikkaſten aufmerkſam be⸗ trachteten,„habe den Mittag ein kleines Schläf⸗ chen gehalten, und wieder vollen Appetit von Neuem zu beginnen— Schweres Leben das, in einem— ahem— ahem ahem— der nichts⸗ nutzige Huſten— ahem— ahem— ahem— ſchweres Leben das, in einem ſo heißen Land.“ „Wollen Sie ſich nicht zu uns nieder ſetzen, Mynheer?—“ „Soltersdrop.—“ „Mynheer Soltersdrop,“ ſagte Holderbreit freundlich, und warf unwillkürlich einen Blick da⸗ bei auf ſeinen Nachbar, deſſen gelbes Antlitz noch 124 um einen Schatten ſtrohfarbener geworden war. Allerdings konnte man es ihm nicht verdenken, daß ihn die Gegenwart des jetzigen Mannes ſei⸗ ner früheren Frau aufregte— es blieb immer ein eigenthümlicher Verwandtſchaftsgrad, in dem er zu ihm ſtand, und Holderbreit fürchtete nur, daß er ſein Intereſſe zu ſehr zeigen, und ſich da⸗ durch vielleicht verrathen würde. Valentijn Jooſt beſaß aber mehr Faſſung, als er ihm im Anfang zugetraut, und während ſich ſeine dünnen, kaum ſichtbaren Augenbrauen allerdings immer höher hinaufzogen, lächelte doch der untere Theil des Geſichts ganz vergnügt den Nebenbuhler an, und ſchien ſich beſonders über die Muſik zu freuen. „Warum das nicht,“ erwiderte indeſſen Willem Soltersdrop, der eine ſehr geſellſchaftliche Natur beſaß.—„S'apäda, mir noch einen Teller her und ein Glas— aber mit wem habe ich denn eigentlich die Ehre?“ „Salomo Holderbreit— Miſſionair der Evan⸗ geliſch⸗Lutheriſchen Kirche—"“) „Sehr angenehm, Ihre werthe Bekanntſchaft zu machen— werden nur hier verdammt wenig zu bekehren kriegen— und Sie?“ „Everhard Jooſt, Commis der Maatſchappey 4 4 V — 125 zu Batavia,“ log Valentijn Jooſt mit einer ſol⸗ chen Unverſchämtheit, als ob er nur ſeinen all⸗ täglichen Namen nenne. Der Geiſtliche erſchrack auch in der That über dieſe gar nicht vermuthete „Faſſung“ ſeines neuen Freundes. Der Wirth. aber fühlte ſich jetzt, noch dazu da die Spieldoſe auch ſein Lieblingslied„Freut Euch des Lebens“ begann, vollkommen zufrieden geſtellt, und mit den herein gebrachten Spelſen und dem vortreff⸗ lichen Wein— über deſſen Exiſtenz er ganz erſtaunt ſchien— befand er ſich ausnehmend wohl.“ Die Mahlzeit unterbrach Mynheer Soltersdrop nur ein einziges Mal, um ſeine Spieldoſe wieder aufzuziehen und nach ſeiner Frau zu fragen; dann ſetzte er ſich wieder zu ſeinen beiden Gäſten an den Tiſch, und freute ſich ungemein über die fa⸗ belhafte Freigebigkeit mit der„Everhard Jooſt“ eine Flaſche des vortrefflichen alten Weines nach der andern beſtellte. Noch ſaßen die drei in voller Gemüthlichkeit bei den immer wieder aufs Neue gefüllten Gläſern, obgleich Holderbereit ſelber nur ſehr mäßig von dem ſtarken Getränk verſuchte. Er blieb auch in der That nur bei Tiſch noch ſitzen, um ſeinen neu gefundenen Freund zu überwachen, damit 126 dieſer nicht, vielleicht vom Weine erregt, eine un⸗ vorſichtige Aeußerung ſich entſchlüpfen laſſe— eine übrigens unnöthige Vorſicht. Während alſo die drei Herren noch um den Tiſch ſaßen, und jetzt zum Deſert die herrlichen Früchte verzehrten, welche ihnen die Umgegend in reichſter Auswahl bot, raſſelte ein leichter Wagen vor die Thür, und ein paar„nußbraune“ Hausknechte und Markeure rzten rechts aus dem Hof und links um das Haus herum, das Gepäck in Empfang zu nehmen, das die beiden darin ſitzenden Reiſenden mit gebracht haben möchten. „So ſagte der Aeltere von ihnen, als er, die Hülfe der Malayen verſchmähend, allein her⸗ ausſprang,„da ſind wir am Ziel Wagenaar, und eine tüchtige Tour haben wir gemacht.“ „Es war aber auch Zeit daß wir Dach und Fach erreichten,“ meinte Wagner,„denn die Wolke dort über dem Gedé hat nicht umſonſt gedroht. Wir werden gleich einen tüchtigen Schauer be⸗ kommen.“ „Jetzt ſobald es gefällig iſt,“ lachte Lockhaart —„hinein mit dem Gepäck, Ihr Schlingel, und daß der Wagen augenblicklich unter einen Schup⸗ 122 pen kommt— ſo, und nun zu unſerer Leibes⸗ ſtärkung.“ Die beiden Herren traten durch die hohe Glasthür, die in den mittleren Speiſe⸗ und Ge⸗ ſellſchaftsſaal führte, und während Wagner, ohne ſich irgend um die übrigen Gäſte zu kümmern, gerade hindurch ging, ſein eigenes Zimmer zu erreichen, warf Lockhaart einen raſchen Blick durch den Saal, der im nächſten Moment erſtaunt auf dem bekannten Geſicht des Geiſtlichen haf⸗ tete. „Alle Teufel!“ rief er, ordentlich überraſcht vor dieſem ſtehen bleibend,„wie kommen Sie hier in die Berge?— Iſt Ihnen denn der Paß ſchon ausgefertigt worden?“. „Dank Ihrer gütigen Fürſprache, ja,“ ſagte Holderbreit, der etwas verlegen von ſeinem Stuhl aufſtand und auf Lockhaart zuging. Er hätte ihm auch ſehr gern eine Hand zur Begrüßung gereicht, da aber Lockhaart in der einen ein klei⸗ nes Reiſetäſchchen, in der anderen eine Cigarren⸗ kiſte trug, und nicht die geringſte Miene machte eins oder das andere abzulegen, ſo wußte er nicht wie er es anfangen ſollte.—„Ich hatte mir allerdings vorgenommen noch einmal zu Ihnen zu kommen und Ihnen meinen beſonderen Dank 128 auszuſprechen,“ fuhr er endlich, da Lockhaarts Auge jetzt nach Herrn Jooſt hinüberſchweifte— ſchüchtern fort—„aber die— die Zeit drängte ſo.“ „Unſinn,“ meinte Lockhaart, der die Worte nur halb verſtanden,„möchte wahrhaftig wiſſen wofür. Ich habe dem Gouverneur nur geſchrie⸗ ben, daß wir mit einander über See gekommen wären, und ich Sie nicht im Geringſten für ge⸗ fährlich hielte. Wenn Sie das für eine Schmei⸗ chelei nehmen, iſt es Ihre eigene Schuld; der Gouverneur hat es ſchwerlich gethan, ſonſt— hätten Sie keinen Paß bekommen.“ „Ich weiß,“ ſagte Holderbreit erröthend,„daß Sie überhaupt gern jeden Dank vermeiden.“ „Thun Sie mir den einzigen Gefallen und werden Sie nicht weitläufig.— Wem gehört denn der verfluchte Marterkaſten mit ſeinem ewig grü⸗ nen Jungfernkranz?“ „Er iſt, glaub' ich, Eigenthum des Wirths.“ „Ich wollte, ich hätte ihn einmal auf etwa fünf Minuten in der einen, 85 einen guten Vanuntei in der andern Hand— „Wären Sie aligh im Stande mir die beiden fehlenden Stifte wieder zu erſetzen?“ frug da Mynhärr Soltersdrop, der nur die ungefäh⸗n ren letzten Worte verſtanden hatte, ihnen aber einen ganz andern Sinn gab; ich würde mich ſehr gern erkenntlich erweiſen?“ „Wer? ich?“ ſagte Lockhaart, und ſah den Mann mit einem halb wüthenden, halb drolligen Blicke an. Das Komiſche der Situation gewann aber bald die Oberhand, und er rief, indem er in das ihm angewieſene Zimmer hineintrat: „Ja, ich denke ich kanns— bringen Sie mir den Kaſten nur nachher einmal in mein Zimmer— und einen Hammer ſowie eine Zange dazu.“— Und mit dieſen Worten warf er in⸗ grimmig lächelnd die Thür hinter ſich ins Schloß. Unter dem Aequator. III. 9 VII. Die Reiſenden befanden ſich nach einer halben Stunde etwa in dem behaglichen Zuſtand, den ein Bad nach einer ſtaubigen Fahrt gewährt, tran⸗ ken ihr Gläschen Genèvre,*) was dort vor Tiſch 1 für das Geſündeſte gehalten wird, und befahlen⸗ — wenn es auch indeſſen Nacht geworden war— ihr Diner nmnm en hatte ſich unter der Zeit ein tüchti⸗ ges Unwetter zuſammengezogen; die Wolken ballten ſich zu dichten drohenden Maſſen, Blitze zuckten und der Donner krachte in kanonenähnlichen Schlã⸗ *) Es iſt eine ſonderbare Thatſache, daß auf ganz Java kein anſtändiger Holländer den dort einheimiſchen und ganz vorzüglichen Arrak trinkt. Nur Soldaten und Fremde be⸗ nutzen ihn. 131 gen über das Land, während ein ſtrömender Re⸗ gen niederſchüttete. Aber Niemand fürchtet hier z ein ſolches Gewitter, das ſeine Blitze höchſtens 1 einmal an einem Stamme niederſchmettert. So 1 V lange es regget hält man ſich eben im Haus, und 19 wenn die Wolken vorbei gezogen ſind, dauert es kaum eine halbe Stunde, und der warme Bodegr hat auch die letzte Feuchtigkeit eingeſogen. Salomo Holderbreit ſah dieſem Toben der Ele⸗ mente allerdings nicht mit der Ruhe zu, wie die 3 Uebrigen. Es war das erſte Gewitter das er⸗ in Indien erlebte, und nie hatte er ſo furcht⸗ bar grelle Blitze, ſo Ohr und Sinne betäubenden 3 Donner gehört, wie hier. Auch ſolcher Regen war ihm noch nie vorgekommen, der wie ein dichter 3 Schleier die ganze Welt um ihn her durch naſſe Faden abſchloß, denn unter einem Waſſerfall hätte es kaum ſtärker gießen können. Doch: geſtrenge Herren regieren nicht lange. Was ausſah, als ob es die Banden der Welt auseinander ſprengen wollte, zog mit einem Luft⸗ hauch vorüber, und während ſich am einen Ende des Städtchens noch die Palmen wie zur Flucht bogen, und die langen gefiederten Blattſtiele flehend gen Himmel warfen, lachte am andern ſchon wie⸗ der der blaue Aether durch, an dem jetzt einzelne — — 132 Sterne hell ausfunkelten und ihr mildes Licht zur Erde nieder goſſen. Die beiden letztgekommenen Reiſenden nahmen dagegen nicht die geringſte Notiz von dem Wetter, 3 ſo arg es auch tobte. Wie ſie bereit waren— wenn auch draußen die ganze Natur in Aufruhr ſchien, und die Luft ordentlich nach Schwefel roch— ließen ſie die Lampen anzünden, beorderten ihre beſtellte Mahlzeit und begannen dieſelbe, trotz den zuckenden Blitzen und ſchmetternden Donnerſchlägen, ſo ru⸗ hig, als ob ihnen nicht ſelber der wilde Feuerſtrahl das Dach im nächſten Augenblick über den Köpfen zuſammenſchlagen könne. Um den Tiſch ſtanden mehre Malayen ſie zu bedienen, und Lockhaart, von der langen Fahrt ſehr hungrig, hatte ſchon ernſtlich begonnen in die trefflich zubereiteten Speiſen einzuhauen. Da fiel ihm die frühere Geſellſchaft ein, die ſie bei ihrer Ankunft hier getroffen, und raſch hob er den Kopf ſich nach ihr umzuſehn. Salomo Holderbreit hatte für den Augenblick den Salon verlaſſen, ſich in ſein eigenes„Käm⸗ merlein“ zurück zu ziehen. Das Gewitter machte einen zu bewältigenden Eindruck auf ihn, als dasßs er das profane Teller⸗, Meſſer⸗ und Gabelge⸗ klapper hätte dazu hören mögen. In der an⸗ — nerung,— Zähne hat er ſo weiß wie gekochtes 133 2. 8— deren Ecke des Saales aber ſaß noch der andere Gaſt und zwar ziemlich außer dem Bereich der Lam⸗ pen, ſo daß man ſeine Züge nicht mehr deutlich erkennen konnte. Nur die blendend weißen Zähne ſchimmerten klar und deutlich vor, und gaben, mit den unbeſtimmten Umriſſen des dicken, gelben Ge⸗ ſichts, dem Ganzen etwas unheimlich Todtenkopf⸗ artiges. „Wo zum Henker hab ich nur dieſe confiscirte Phyſiognomie ſchon einmal geſehen?“ murmelte Lockhaart halb laut vor ſich hin.„Kennen Sie den Burſchen nicht, Wagenaar?“ „Welchen?“ „Sehn Sie nicht gleich hin— den dort hin⸗ ten in der Ecke, links von Ihnen— genau links in einer Linie.“ Die Beiden aßen wieder eine Weile ſchweigend fort und dann drehte Wagner, wie zufällig den Kopf halb hinüber. „Es iſt ja dort ſtockfinſter,“ lachte er aber gleich darauf vor ſich hin,—„wie ſoll man denn da einen Menſchen erkennen?“ „Hm— ja ſo,“ ſagte Lockhaart,—„ich habe das Galgengeſicht noch von vorhin in der Erin⸗ 134 Elfenbein, und ein paar große hellblaue Augen wie Glaskorallen rund.“ „Anſtändig gekleidet?“ „Danach hab' ich gar nicht geſehen; mir fiel nur das Geſicht auf, gerade als wir daran vor⸗ beigingen. Ich gäbe was drum, wenn ich wüßte wer es iſt.“ „So viel ich flüchtig im Vorbeigehn geſehen habe, ſaß er mit dem Geiſtlichen unſamnmen⸗ Sollte der ihn nicht kennen?“ „Das iſt ein guter Gedan— Peſt! das ver⸗ fluchte Geklimper wieder.— Herr, Sie haben da wohl ein neu erfundenes perpetuum mobile, das ununterbrochen ſeine Stücke ableiert?“ „Bitte um Verzeihung,“ ſagte Willem Solters⸗ drop, indem er mit einem ſelbſtgefälligen Blick auf den polirten Mahagonikaſten niederſchaute, war ihm doch ſeine Ueberraſchung vollſtändig gelungen. „Leider ſpielt das Inſtrument nur ſechs Stücke, — einen Choral,— Freut Euch des Lebens,— den Jungfernkranz,— So leben wir, ſo leben wir,— Fordre Niemand mein Schickſal zu hören und den Walzer aus dem Freiſchütz— lauter deutſche Melodieen, aber höchſtens anderthalb mal durch und muß dann jedes Mal wieder friſch aufgezogen wer⸗ den. Sehn Sie?— Jetzt kommt der Choral.“ * 135. „und wie oft gedenken Sie dieſen Kaſten heute Abend noch in Bewegung zu ſetzen?“ ſagte Lock⸗ haart, aber mit weit mehr Ruhe, als Wagner er⸗ wartet hatte, daß er zeigen würde. „Lieber Gott,“ ſeufzte Willem,—„hier ſo abgeſchieden von der übrigen Welt, bleibt Einem ja doch,— ahem! ahem! ahem! bleibt Einem ja doch weiter— ahem— ahem— ahem!— ich bin die Nacht ein paar Mal auf geweſen und habe mir richtig einen Huſten geholt,— bleibt Einem ja doch Nichts weiter übrig, als Muſik. Welches Stück hören Sie am Liebſten?“ Wagner lächelte und Lockhaart, mit einem drol⸗ lig wüthenden Seitenblick auf den Mann ſagte: „Ich hoffe nicht, daß Sie die Muſik unſeret⸗ wegen machen, es wäre ſonſt ein verdammt ſchlecht angebrachtes Compliment. Ich weiß auch nicht, ob der Kaſten mit ſeinem muſikaliſchen Scandal in Bewegung gehalten werden muß, wie ein al⸗ tes Pferd vielleicht, was ſonſt ſteif wird, möchte Ihnen aber dann rathen, ihn lieber auf den Bo⸗ den, oder noch beſſer auf das Dach zu ſetzen. Dort könnte er höchſtens„die Vögel des Him⸗ mels“ ärgern.“ „Jetzt kommt: Freut Euch des Lebens,“ ſagte Willem Soltersdrop, der indeſſen gar nicht auf 136 die Worte des Gaſtes, ſondern nur mit großem Wohlgefallen auf ſeinen Kaſten gehört hatte,— „das hab ich am Liebſten,— das könnt' ich den ganzen Abend mit anhören.“ Lockhaart zerbiß einen Fluch zwiſchen den Zäh⸗ nen, und hieb wüthend in die vor ihn geſetzten Speiſen ein; Willem Soltersdrop aber, doch jetzt über den Choral weg, in dem die zwei Stifte fehl⸗ ten und ſein Inſtrument voll im Gang wiſſend, verließ für kurze Zeit das Zimmer ſchon mehr⸗ fach verlangten Wein herauszugeben. Außerdem zerbrach er ſich übrigens den Kopf über das wun⸗ derliche Betragen Mevrouws an dieſem Abend, die ſich feſt eingeſchloſſen hielt und— obgleich nicht zu Bett— doch durch keine Bitten bewogen werden konnte, ihre Thür zu öffnen. Ja ſie beant⸗ wortete nicht einmal die an ſie gerichteten Fragen. Willem Soltersdrop wagte aber nicht Einſpruch dagegen zu thun, denn Mevrouw war doch nun einmal„Herr im Haus.“ Kaum hatte er übrigens den Speiſeſaal ver⸗ laſſen, als Lockhaart ſeinen Malayiſchen Wurſchen anrief: „Toſy!“ „Tuwan!“ „Nimm einmal den Kaſten und trag ihn hinaus.“ — 137 „Wohin Tuwan?“ „Dort vor die Thür,— nicht in's Haus hinein, ſondern in's Freie, an den Fluß, oder auf den Gedé hinauf; wohin Du wilſſt.“ „Aber Tuwan.“ „Wird's bald?“ Der Burſche, der recht gut wußte, daß ein einmal gegebener Befehl auch erfüllt werden mußte, ging zu dem noch immer ſehr eifrig arbeitenden Kaſten. Da er aber etwas Derartiges noch nie geſehen hatte, und die Muſik unverdroſſen fortar⸗ beitete, obgleich Niemand auch nur in ſeine Nähe kam, fing es an ihm unheimlich zu werden, und er hätte den Auftrag lieber Jemand Anderem überlaſſen. „Ob Du jetzt den Kaſten anfaſſen wirſt?“ rief da ſein Herr.„Glaubſt Du etwa, daß Dich das Ding beißt?— Hinaus damit!“ Der Malaye, alſo in die Enge getrieben, konnte nicht mehr ausweichen, und den„lebendigen Ga⸗ melaͤng,“ wie er ihn nach einem ihrer Haupt⸗ inſtrumente nannte, aufgreifend, lief er damit ſo raſch er konnte hinaus vor das Haus. „So— Gott ſei Dank,“ ſeufzte Lockhaart recht aus voller Bruſt, als die feinen, aber die Nerven dadurch nur um ſo mehr angreifenden Töne ver⸗ 138 ſtummt waren.„Die feuchte Nachtluft, hoff' ich, wird das Ding ſo auseinander ziehen, daß es morgen keinen geſunden Ton mehr unter dem Deckel hat.“ Wagner lachte und bog ſich über ſeinen Tel⸗ ler hinüber, als ein dunkler Schatten ſeinen Seh⸗ kreis kreuzte. Er ſah raſch empor und bemerkte eben den Fremden, der mit ein paar großen, völ⸗ lig geräuſchloſen Schritten dicht hinter Lockhaarts Stuhl hin und zur Thür hinausglitt. Als ſich Lockhaart, durch die Aufmerkſamkeit Wagners dort⸗ hin gewieſen, raſch nach ihm umdrehte, ſah er nur eben noch, wie ſich die Thür hinter dem Mann ſchlp. „Was zum Teufel iſt nur mit dem los?“ rief er, erſtaunt hinter ihm drein ſchauend,„der geht ja wie auf Eiern; gerade als ob er ſeinen ſil⸗ bernen Löffel eingeſteckt hätte, und nun damit auskneifen wollte.“ „Sie haben Recht Lockhaart,“ ſagte aber Wagner jetzt, indem er den Kopf in die Hand ſtützte, und vor ſich nieder ſchaute,„das Geſicht habe ich ebenfalls ſchon geſehen und zwar mehr als ein⸗ mal, wenn auch nie in eigentlich recht anſtän⸗ diger Geſellſchaft.— Wetter jetzt hab ichs— wiſſen Sie wo?“ „Nun?“ frug Lockhaart geſpannt,—„ich bin dem Patron auch ſchon begegnet, aber kann nicht wieder auf ihn kommen,— ſprechen Sie übrigens Deutſch, daß uns die Burſchen nicht verſtehen. „In Heffkens Comptoir!“ Lockhaart legte plötzlich Meſſer und Gabel hin und blieb, ſtarr vor ſich auf den Teller ſehend, eine ganze Weile regungslos ſitzen. Plötzlich be⸗ lebten ſich ſeine Züge, ſein Auge funkelte und zu Wagner aufſehend ſagte er mit triumphirender, aber vorſichtig gedämpfter Stimme. „Und ich kenne die Fährte jetzt. Wiſſen Sie wer es iſt?— das Hauptgeſchöpf Heffkens und ſein Name Jooſt. Aber laſſen Sie ſich um Got⸗ tes Willen noch Nichts merken, denn der Schuft iſt jedenfalls ſo ſchlau wie nichtswürdig, und der Zufall allein hat ihn ſicher nicht hierher ge⸗ führt.“ „Wiſſen Sie denn etwas Näheres von ihm?“ „Nichts,— gar Nichts, als daß er in Heff⸗ kens Comptoir arbeitet, aber die Liſte, die ich mir über ihn und ſeine„Freunde“ gemacht habe, und die von ſehr zuverläſſigen Leuten herrührt,— auch Nitſchke hat daran gearbeitet,— ſagt, daß er Einer der durchtriebenſten Hallunken ſei, die le Javaniſchen Boden betreten hätten. Die Haupt⸗ 1 440 nachrichten über dieſen Jooſt habe ich übrigens gerade von Nitſchke, der ihn genau zu kennen ſcheint. Ich werde nachher einmal das Papier nachſehen und mich näher orientiren. Wir dürfen nur gar nicht thun, als ob wir ihn kennten, da⸗ mit er ganz ſicher gemacht wird; aber heilig kön⸗ nen Sie ſich darauf verlaſſen, daß den Patron irgend eine von ſeinen ſauberen Geſchichten hier herauf geführt hat. Ja wer weiß, ob er nicht eben Klapas wegen hier oben iſt, und dann will ich nur wünſchen, daß keine Ahnung über unſer Ziel ſeine Schritte hierher gelenkt habe.“ „Das iſt kaum möglich.“ „Möglich iſt Alles, aber freilich nicht wahr⸗ ſcheinlich. Wie dem aber auch ſei, es wäre merk⸗ würdig, wenn er nicht unſere Geſichter eben ſo raſch erkannt hätte, wie Sie das Seinige, und wir dürfen uns dann darauf verlaſſen, daß er alle unſere Schritte auf das Sorgfältigſte beobach⸗ tet— beſonders wenn wir gezwungen ſein ſoll⸗ ten, uns länger hier aufzuhalten.“ „Was kann er thun?“ „Was er thun kann?— jenen Javaniſchen Schuft ermahnen, ſich aus dem Wege zu halten; ich denke, das wäre gerade genug. Wir hätten doch am Ende ſollen Ihren Tojiang mitnehmen.“ —- 4 141 „Das wäre zu gefährlich,“ ſagte Wagner, „und unſere ganze Expedition in dem Fall nur von dem Burſchen abhängig geweſen, ob er uns unterſtützen oder gegen uns agiren wollte. Ich glaube auch jener Klapa weiß ſelber zu viel von ihm, als daß er es wagen dürfte ihn zu ver⸗ rathen. Eine Krähe hackt der anderen die Augen nicht aus.“ „Faſt alle Sprichwörter ſind falſch,“ rief Lock⸗ haart,„keines aber mehr wie dies.— Und wie hacken ſie, nur müſſen die anderen Krähen eben erſt todt, oder vielmehr unſchädlich ſein. Wenn ſich Tojiang nicht vor jenem zu fürchten hätte, glaube ich nicht, daß ihn ſonſt Zärtlichkeit oder Mitgefühl abhalten würde, zwanzig oder dreißig Gulden zu verdienen.“. „Hallo!“ rief Willem Soltersdrop, der in die⸗ ſem Augenblick wieder das Zimmer betrat, und ſich vergebens nach ſeinem„Spielkaſten“ umſah —„ſchon abgelaufen?“ „Ja— und hinaus dazu,“ ſagte Lockhaart trocken. „Hinaus?— alle Wetter, wer hat denn den Kaſten fortgetragen?“ „Ich will Ihnen etwas ſagen, Mynheer Sol- ventopp oder wie Sie heißen,“ erwiderte da Lock⸗ 142 haart—„ich haſſe Tafelmuſik— beſonders wenn gleich hinter dem Choral, Freut Euch des Lebens und der Jungfernkranz kommt— deshalb habe ich den Kaſten hinaustragen laſſen. Wenn Sie im Stande wären, den Choral gleich hinter Freut Euch des Lebens zu bringen, ſo würde ich nicht das Mindeſte dagegen einzuwenden haben, ſon⸗ dern Ihnen noch dankbar dafür ſein.“ „Ja aber—“ ſagte Willem verlegen—„das geht doch nicht an; die Maſchinerie erlaubt das nicht— und dann— aber wo iſt denn nur die Muſikdoſe?“ „Ich ſage Ihnen, daß ſie draußen im Freien ſteht,“ erwiderte Lockhaart,„und dort kann ſie ſpielen, ſo lange ſie will. Kommt ſie aber wie⸗ der herein, ſo lange ich noch beim Eſſen ſitze, ſo gehe ich, und verdammt der Deut, den ich für meine Mahlzeit zahle.“ Willem Soltersdrop ſah den finſteren Mann erſtaunt an. So entſchieden hatte, außer ſeiner Frau, noch Niemand mit ihm geſprochen. Aber durch dieſe nachgerade daran gewöhnt, zu ge⸗ horchen, verließ er nur innerlich murrend das Haus, ſeinen geliebten Spielkaſten wieder aufzu⸗ ſuchen, und aus der feuchten Luft in Sicherheit zu bringen.— Was ſich dieſe Herren von Bata⸗ 143 via uuinbildeten, die hier in's Land kamen und dabei genau ſo thaten, als ob ſie allein auf der ganzen Inſel zu befehlen hätten.„Hol ſie der Böſe!“ Willem Soltersdrop verließ im Unmuth das Zimmer, draußen ſeinen dernch Spielkaſten auf⸗ zuſuchen, und die beiden Gäſte konnten jetzt hören wie er mit der unermüdlichen Maſchinerie, die eben wieder den Jungfernkranz abwalzteum das Haus herum und hinten in ſeine eigene Stube ging. Lockhaart und Wagner hatten indeſſen ihr Mahl beendet, uſd) zündeten ſich eben, den Kaffee erwartend, ihre Cigarren an, als Jooſt wieder in das Zimmer kam, und wie vorher ſeine durch den Schatten einer der Säulen ziemlich verdun⸗ kelte Ecke einnahm. Ein Malayiſcher Diener brachte ihm ebenfalls Kaffee, und wenige Minuten ſpäter ſaß er in eine ſolche Rauchwolke einge⸗ hüllt, dort hinten, daß kaum noch die Umriſſe der Geſtalt ſichtbar blieben. Nur die Augen und Zähne blitzten dann und wann aus dem Dampfe hervor, nicht unähnlich einem ausgehöhlten und geſchnitzten Kü abiskopf, in den Kinder eine glühende Kohle gelegt, oder ein Licht geſteckt hatten. Nicht lange dauerte es, ſo kam Holderbreit wieder herein, denn der Saal bildete den Mittel⸗ 4 ⸗ . punkt des Hauſes, und die verſchiedeſen Gaſt⸗ zimmer lagen— die Front des Hotels ausgenom⸗ men— rings umher. Zugleich mündeten ſie, nicht unähnlich den state rooms oder Cabins auf ei⸗ nem großen Dampfer, durch Glasthüren mit matt⸗ geſchliffenen Scheiben alle nach innen, ſo daß Niemand ſein Zimmer verlaſſen oder betreten konnte, ohne von den im Hauptſaal befindlichen Gäſten geſehen zu werden.— Holderbreit war nicht in ſeinem eigenen Schlaf⸗ zimmer geweſen, ſondern kam von draußen her⸗ ein, und mußte ſich wirklich erſt eine Zeitlang im Saal umſehen, ehe er ſeinen neugewonnenen Freund nur fand. Endlich hatte er ihn erſpäht, und auf ihn zugehend, verſchwand er mit in der Dampfwolke, nie hinter einer Spaniſchen Wand. Dort ſprach er allerdings nur heimlich mit ihm, Lockhaarts ſcharfes Gehör fing aber doch ei⸗ nige Wörter auf, die mit Salomo Holderbreits Beruf als Miſſionair keineswegs in Zuſammen⸗ hang zu ſtehn ſchienen. „Sie weint,“ hörte ihn ſagen—„weib⸗ liche Stolz gebrochen— 1hn me Sache— Mann erfährt.—“ Dann ſchien Jooſt ihn zz warnen, vorſichtiger zu reden, und ſeine Worte 145 ſanken zu einem Flüſtern herab, aus dem ſich Nichts mehr verſtehen ließ. Während ſie noch da ſaßen, kam ein Oppaß vom Reſidenten,*) zu dem ſie gleich nach der An⸗ kunft ihre Karten geſchickt, und lud ſie auf heut Abend dort hinüber. Der Wagen, der ſie abho⸗ len ſollte, hielt ſchon vor der Thür. Da Lockhaart vorzüglich hier in Bandong ge⸗ blieben war, um mit dem Reſidenten ſeinen Ver⸗ dacht zu beſprechen, und von ihm womöglich Un⸗ terſtützung zu erhalten, ſo kam ihnen die Einla⸗ dung ſehr erwünſcht. Lockhaart übrigens, der ei⸗ nen kleinen, kaum vierzehnjährigen Malayen als Diener mitgenommen hatte, flüſterte mit dieſem ein paar Worte, horchte noch einen Moment nach der Rauchwolke hinüber, in der die beiden Män⸗ ner jetzt vollſtändig verſchwunden waren, und verließ dann mit Wagner das Hotel. „Sie kennen den langen Herrn?“ ſagte Herr Jooſt, nachdem er gehört hatte daß der Wagen draußen mit den beiden Fremden fortgerollt war. „Allerdings— ſehr gut. Ich bin mit ihm erſt ganz kürzlich über See gekommen, und ſeiner —— *) Der Reſident iſt die oberſte Behörde jedes Diſtrikts, und ſteht nur unter dem Befehl des General⸗Gouverneurs. Unter dem Aequator. III. 10 146 Fürſprache verdauk ich es auch allein, daß ich ei⸗ nen Paß in's In nere bekommen habe.“ „Hm ſo?— er heißt Lockhaart, nicht wahr?“ „Ja wohl— Martin Lockhaart.“ „Und der andere Herr iſt Wagenaar, von der Firma Van Roeken und Wagenaar?“ „Thut mir Leid Ihnen darüber keine weitere Auskunft geben zu können,“ ſagte achſelzuckend der Geiſtliche—„ich habe nicht die Ehre den Herrn zu kennen.“ „ Aber was zum Teufel thun die Beiden jetzt hier oben in den Bergen,“ frug Jooſt, faſt mehr mit ſich ſelber, als zu ſeinem Nachbar ſprechend. „Was ſie hier thun?“ erwiderte Holderbreit, eben nicht ſehr erbaut von dem ewigen Fluchen und Blasphemiren ſeines Gefährten,„ei nun daſ⸗ ſelbe wohl, was ſo viele Menſchen, wie mir ge⸗ ſagt iſt, in den Bergen thun. Sie machen eine Vergnügungsreiſe.“. „Die beiden Herren allein?“ ſagte Jooſt un⸗ gläubig mit dem Kopf ſchüttelnd—„dann wä⸗ ren ſie ſchwerlich noch ſo ſpaät am Abend hier an⸗ gekommen.“ 84 „Sie ſind wahrſcheinlich nur ſo raſch gefahren, um Quartier für die Damen zu beſtellen, die 147 wohl morgen früh nachkommen,“ ſagte Herr Hol⸗ derbreit,„ſo wenigſtens hat mich der Wirth ver⸗ ſichert, der es von dem Diener gehört haben will.“ „Damen kommen noch?— ſo?— das iſt etwas Anderes,“ nickte Jooſt ſtill und vergnügt vor ſich hin—„ich— dachte ſchon— aber— hm— bleibt ſich gleich— vielleicht kann ich dies ſchmerzliche Geſchäft beendet haben, ehe die D amen kommen.“ „Gewiß— ſicher, mein werther Freund,“ ſagte Holderbreit begütigend.„Ich habe vorher noch einmal mit Mevrouw geſprochen, und ſie iſt gern bereit Sie zufrieden ſtellen. Sie leugnet freilich, daß ſie irgend eine Verbindlichkeit gegen Sie— „Natürlich— natürlich,“ unterbrach ihn un⸗ geduldig Herr Jooſt, nwelche Frau würde unter gleichen Verhältniſſen gern etwas herausgeben, aber— ich bin nicht hergekommen, mich mit ihr zu ſtreiten, Gott ſoll verhüten, daß ich in Unfrie⸗ den wieder von ihr ſcheiden möchte. Schmerzlich, recht ſchmerzlich wäre es aber für mich, einen derartigen Fall einem Advokaten zu übergeben.“ „Thorheit, denken Sie gar nicht daran,“ ſagte Holderbreit begütigend.„Wenn Sie allen weite⸗ — 10* 6 ren Anſprüchen entſagen, und der Frau verſpre⸗ chen wollen, gegen Niemanden weiter ein Wort zu erwähnen, auch die Preanger Regentſchaften nicht wieder zu betreten, ſo will ſie Ihnen mor⸗ gen früh tauſend Gulden in guten Papieren und Gold übergeben.“ „Sagen Sie mir das in ihrem Auftrag?“ „Ja.—“ „Hm, das ſind drei Bedingungen, die mir nach allen Richtungen hin, die Hände binden.“ „Aber ſie verlangt nichts Unbilliges.“ „N— ei— n,— das kann ich gerade nicht ſagen,“ dehnte Jooſt,„außer der Haupt⸗ ſache, daß ich mich mit eintauſend Gulden be⸗ gnügen ſoll, während ich Anrechte auf wenigſtens zehn habe.“ „Sie verſichert mich aber, daß ſie nur ein⸗ tauſend Gulden baar in Händen hat, was ſie Ihnen geben könnte, ohne daß ihr Mann etwas davon erführe. Sind Sie damit nicht zufrieden, ſo müßte ſie, um eine größere Summe aufzutrei⸗ ben, ihren Mann jedenfalls davon in Kenntniß ſetzen, denn ſie wäre es nicht hinter ſeinem Rücken im Stande, und wüßte er und die Welt erſt einmal darum, ſo wollte ſie es auch auf die Klage ankommen laſſen. Die tauſend Gulden gäbe ſie 149 nicht deshalb, weil ſie den Betrag ſchulde, ſon⸗ dern um die Sache damit ein für alle Mal ab⸗ zumachen und geheim zu halten— alſo ihres ei⸗ genen Friedens wegen.“ Jooſt ſaß eine ganze Weile ſtill und ſah nach⸗ denkend vor ſich nieder. „Wenn ich das Geld nothwendig brauchte,“ ſagte er endlich—„wenn ich es zum Leben ha⸗ ben müßte, ſo bliebe mir keine weitere Wahl, als es eben auf eine Klage ankommen zu laſſen, ob⸗ gleich ich ſelber fühle, daß ihr Erfolg nicht ganz ſicher ſein würde. Der paar tauſend Gulden wegen, will ich die arme Frau aber nicht noch härter drücken, wie ſie ſchon gedrückt iſt. Sie ſoll nicht ſagen können daß ihr Valentijn hart mit ihr verfahren wäre, als er ſie nach ſo langer Abweſenheit wieder geſehen.— Ich nehme ihren Vorſchlag an und— möge ihr Gott in ihrer neuen Ehe das Glück geben, daß ſie an meiner Seite nicht hat finden können.— Nicht wahr lie⸗ ber Holderbreit, Sie haben die Güte morgen in aller Frühe die ganze Sache abzumachen, daß ich gleich nach dem Frühſtück Bandong verlaſſen kann?“ „Mit großer Freude erbiete ich mich zu jeder Dienſtleiſtung hierin,“ ſagte der Geiſtliche gerührt, „da Sie ſo bereitwillig den Wunſch der armen Frau erfüllen. Ich denke daß morgen früh in einer Stunde Alles regulirt ſein kann. Aber leid ſollte es mir thun ſo bald wieder Ihre Geſellſchaft zu verlieren. Eigentlich hatten Sie verſprochen mich in die Berge zu begleiten.“ „Und mein Wort will ich auch halten,“ ſagte Herr Jooſt, ,denn ehe ich die Preanger Regent⸗ ſchaften für immer verlaſſe, habe ich noch eine Pflicht gegen einen werſtſehendn zu erfüllen, die mich gen Norden in die Berge führt.“ „Gegen einen Verſtorbenen?“ „Am Bord des letzten Schiffes mit dem ich nach Java kam, hatten wir einen Javaniſchen Matroſen aus dieſer Gegend. Der arme Teufel erkrankte ſchwer und bat mich, als Cargadeur des Schiffes, eine kleine Summe die er ſich erſpart hatte, ſeiner alten Mutter oder ſeinem Bruder zu bringen, die irgend wo an den unteren Halden jener Vulkane wohnen. Dieſe Pflicht will ich jetzt erfüllen, und möglich, daß Sie gerade in jener Familie ſchon fruchtbaren Boden für Ihre heiligen Lehren finden. Jener Javane an Bord, der bald nachher ſtarb, war auch zur chriſtlichen Religion übergetreten.“. „Alſo es kommt doch vor?“ „Gewiß, ſogar ſehr häufig— allerdings ſieht 151 es die Regierung nicht gern, weil ſie die Einge⸗ borenen gerade ſo dumm und verblendet, wie ſie nun einmal ſind, auch nothwendig braucht; aber laſſen Sie ſich dadurch nicht abhalten, und wenn es Ihnen irgend möglich iſt, ſo ſchiffen Sie ſich nach der Weſtküſte von Sumatra ein.“ „Und glauben Sie, daß ich dort ein Feld für meine Thätigkeit finden würde?“ „Ein brillantes,“ ſagte Herr Jooſt.—„Hier in der Colonie wird man Ihnen allerdings die ſchrecklichſten Geſchichten von Menſchenfreſſern und allem möglichen ſolchen Unſinn erzählen— derartige Mährchen ſind eben dazu erfunden, Fremde ab⸗ zuhalten nach jenem Land hinüber zu fahren— aber laſſen Sie ſich davon nicht abſchrecken, ſage ich. Sie ſollen einmal ſehen, welchen Erfolg Sie haben, und außerdem werden Sie dadurch ein be⸗ rühmter Mann.“ „Sie glauben in der That, daß ich dort beſſer reuiſſiren werde als hier auf Java?“ „Hier auf Java richten Sie Nichts aus,“ ſagte Jooſt kopfſchüttelnd.„So lange Sie kei⸗ nen Erfolg haben, läßt Sie die Regierung viel⸗ leicht zufrieden, und ſieht Ihnen indeſſen nur ſcharf auf die Finger; ſobald Sie aber irgend et⸗ was, und ſei es noch ſo wenig, erreichen, ſo 152 können Sie ſich auch feſt darauf verlaſſen, daß Sie augenblicklich ſo beſchränkt werden, ſich nicht mehr rühren zu können.“ „Sie glauben wirklich?“ „Sie brauchen mir nicht zu glauben; fragen Sie wen Sie wollen. Wenn Sie meinem Rath folgen wollen, ſo gehen Sie, ſo raſch Sie irgend können, nach Sumatra, und dort nur unerſchrok⸗ ken und furchtlos in das Innere hinein, es thut Ihnen Niemand etwas zu leid, und ich garan⸗ tire Ihnen, daß Sie einen glänzenden Erfolg in jenem Lande haben. Doch es wird ſpät; ich wenigſtens bin nach den Aufregungen des heu⸗ tigen Tages ſo angegriffen, das ich mmich nieder⸗ legen werde.“ „Ich wünſche Ihnen eine angenehme Ruh.“ 44 „Gleichfalls, lieber Herr Holderbreit— und veergeſſen Sie nicht morgen mit Tagesanbruch be⸗ reit zu ſein, daß wir unſer Geſchäft hier im Hauſe beenden und dann vielleicht gleich in die Berge aufbrechen können.— Nicht wahr?“ „An mir ſoll es gewiß nicht fehlen,“ ſagte der Geiſtliche,„und dies erſte gute Werk, das ich ſtifte, den Frieden in einer Familie zu erhal⸗ ten, mag mir als ein gutes Zeichen für mein ſpi⸗ teres Wirken dellen 6— 153 Die beiden Freunde waren zu Ruh gegangen; nach einer Stunde etwa kamen Lockhaart und Wagner ebenfalls zu Haus und gingen bald dar⸗ auf zu Bett, denn auch ſie waren von der Reiſe angegriffen. Eine Viertelſtunde etwa lag das Zimmer in voller Ruhe— nur die Lampen brannten noch. Da öffnete ſich die Thür und Mynheer Sol⸗ tersdrop kam herein, den unvermeidlichen Spiel⸗ kaſten unter dem Arm, den er auf ſeinen alten Platz an die mittlere Säule ſetzte. Eine Menge Dinge gingen ihm aber im Kopfe herum, und dieſen in beide Hände geſtützt, ſetzte er ſich an einen der Tiſche und blieb eine ganze Weile in tiefes Nachdenken verſenkt. Was war heute mit ſeiner Frau vorgegangen, daß ſie ſich den ganzen Nachmittag einſchloß und weinte— ja weinte, eine Frau die ſonſt von Stahl und Eiſen ſchien.— Was hatte der Fremde und der proteſtantiſche Pfaff immer miteinander zu ziſcheln und zu flüſtern und warum konnte der Lange ſeine Spieldoſe nicht leiden?— Das Letzte kränkte ihn faſt am Meiſten und er ſprang zuletzt auf und ging ein paar Mal im Zimmer auf und ab. Endlich ging die Thür auf, die in die hinteren Gebäude führte, und ein 154 Malaye, ein zum Ueberlaufen volles Glas heißen Grog auf einem Teller tragend, balancirte, ängſt⸗ lich das Glas beobachtend, in das Zimmer, und Willem Soltersdrops Züge heiterten ſich auf. „Ah, mein Schlaftrunk,“ murmelte er leiſe und vergnügt vor ſich hin,„hol' der Teufel die Grillen— ſetz ihn hierher meine Junge und Api! ſo raſch Du kannſt.“ Der Malaye befolgte den Befehl, nahm dann eine an ſeinem Gürtel hängende Lunte, zündete ſie an der nächſten Lampe an und reichte ſie ſei⸗ nem Herrn. „Sehr brav,“ nickte Soltersdrop vergnügt, während er eine Manila aus ſeiner Eigarren⸗ taſche nahm.„So Willem, jetzt kannſt Du Dirs in aller Bequemlichkeit bequem machen. Hol der Teufel die Grillen, ſag ich noch einmal!“ und damit ging er zur Spieldoſe, zog ſie auf, ſetzte ſich dann mit ſeinem Grog und der Cigarre dem Kaſten gerade gegenüber, den er mit liebevollen Augen betrachtete, und gab ſich dem Genuß mit voller Seele hin. So arbeitete er ſich durch den Choral, wo ihn zur regelmäßigen Zeit wieder ſein Huſten befiel, dann kam„Freut Euch des Lebens,“ dann der „Jungfernkranz,“ dann„So leben wir, ſo leben 9₰ℳ 155 wir alle Tage,“ hiernach,„Fordre Niemand mein Schickſal zu hören“ und zuletzt„der Freiſchützen⸗ walzer,“ um das Gemüth vor Schlafengehn noch heiter zu ſtimmen. Drinnen hinter der Glasthür mit mattge⸗ ſchliffenen Scheiben wälzte ſich Lockhaart auf ſei⸗ nem Bett herum, verfluchte den Wirth und ſeine Spieldoſe und ſchwur, daß er dem Einen den Hals und der anderen die Schrauben verdrehen wolle, und draußen ſaß Willem Soltersdrop, bließ den blauen Rauch der guten Manila von ſich, nippte an ſeinem Grog und lächelte freund⸗ lich bei den melodiſchen Tönen. VIII. Am nächſten Morgen war die Sonne kaum über den Horizont herauf, als es auch ſchon leiſe an Lockhaarts Thür pochte. Der alte Herr ſchlief ſanft, aber im Nu war er bei dem Geräuſch mun⸗ ter, horchte einen Moment und öffnete, da ſich das Klopfen wiederholte, die Thür. „Nun? ſchon eine Meldung?“ ſagte er aber erſtaunt, als ſein kleiner Malaye herein glitt. „Ja Tuwan,“ flüſterte dieſer,—„habe auf⸗ gepaßt,— der Tuwan mit ſchwarzem langen Rock war heute Morgen ganz früh bei Mevrouw,— dann ging der Tuwan mit den weißen Zähnen hinein und ſie hat ihm Geld gegeben— viel Geld—“ „Wem?— dem mit den weißen Zähnen?“ 157 Der Malaye nickte. „Und wo iſt der Tuwan dem das Haus ge⸗ hört?“ 1, „Schläft noch,“ erwiderte der junge Burſch eben ſo leiſe. „Sonſt haſt Du Nichts bemerkt?“ „Die beiden Weißen wollen heute Morgen noch fort in die Berge.“ „Ah,“ ſagte Lockhaart, raſch von ſeinem Bett aufſtehend,„das iſt etwas Anderes. Beſtelle mir gleich den Kaffee, ſo wie ich aus dem Bad komme, und dann—“ „Tuwan?“ „Es iſt gut— ich werde nachher ſchon ſehn,“ und in Cabaya und Schlafhoſe, wie er auf dem Bett gelegen, nahm er ſein Handtuch, fuhr in die Strohpantoffeln, und ging hinaus in das Bade⸗ zimmer, dort die in ſolchem Klima nöthige Ab⸗ kühlung und Reinigung vorzunehmen. Wie er aber gerade das Badezimmer betrat, fiel ihm ein daß er ſeine Brieftaſche und einige Papiere hatte offen in ſeinem Zimmer liegen laſſen. Seinen Malayiſchen Diener wußte er dabei in der Küche, die Stube alſo ganz ohne Aufſicht und fühlte ſich deßhalb nicht ruhig. Ueberdies waren es nur ein paar Schritte zurück,— er konnte ja 158 leicht ſeinen Schlüſſel abziehn und mit dem erſten Gedanken daran, drehte er ſich auch ſchon auf dem Abſatz herum, und trat wieder in den Saal. Wie er aber die Hand nach ſeinem Schlüſſel ausſtreckte, öffnete ſich ſeine Thür und er ſah ſich im nächſten Moment den großen blauen Augen und unheim⸗ lich weißen Zähnen Herrn Jooſt's gegenüber, der aus ſeinem Zimmer heraustrat. Deſſen Geſicht nahm aber eine faſt ſtrohgelbe Farbe an, während er unbewußt mit einem ver⸗ ſuchten, etwas verlegenen Lächeln das ganze Ge⸗ biß in abſchreckender Reinheit zeigte. „Was zum Teufel!“ rief Lockhaart, ſo erſtaunt über dies plötzliche Zuſammentreffen, daß er gar nicht gleich wußte was er ſagen ſollte. „Ich muß tauſend Mal um Entſchuldigung bitten,“ lächelte aber der ſeine Faſſung vortreff⸗ lich bewahrende Jooſt, indem er ſich leicht und artig verneigte,—„die Thüren hier im Salon ſehen ſich Alle ſo vollkommen gleich, daß man wirklich ſehr genau auf die Nummer achten muß, nicht irre zu gehn,— guten Morgen.“ Und mit den Worten drehte er ſich ab, und wollte in ſein allerdings daneben liegendes Ge⸗ mach treten, aber dem alten Lockhaart kam er ſo nicht fort..— 459 „Halt mein lieber Herr,“ ſagte er, indem er— raſch mit ſich im Klaren, was er zu thun habe,— ſeinen Arm ergriff und ihn feſthielt,„ſeit Sie ein⸗ mal mein Zimmer beſucht haben, müſſen wir auch nähere Bekannte werden, denn Sie“— flüſterte er ihm in's Ohr—„ſind auf faulen Wegen, und ich will verdammt ſein, wenn ich Ihnen jetzt nicht auf die Sprünge komme.“ Jooſt wurde womöglich noch fahler, als er vorher geweſen war, und ſeine lichtblauen Augen loderten wie die einer Schlange unter den dün⸗ nen Augenbrauen vor, aber dennoch lächelte er, und lispelte mit einer verbindlichen Verbeugung. „Sie belieben zu ſcherzen, werther Herr Lock⸗ haart, denn Sie werden doch wohl nicht allen Ernſtes glauben, daß ich Ihr Zimmer in irgend einer verbrecheriſchen Abſicht betreten hätte?“ „Was ich glaube oder nicht bleibt ſich gleich,“ ſagte der alte Herr finſter„aber meine Meinung iſt, daß ſich heute Morgen ein Fuchs im Eiſen ge⸗ fangen hat. Wagenaar!— Wagenaar— kom⸗ men Sie einmal heraus.“ Wagner, der das Geſpräch draußen ſchon halb überhört, öffnete in dem nämlichen Augenblick die Thür, als Holderbreit von der anderen Seite 160 in den Saal trat, und ſehr erſtaunt die Gruppe bemerkte. „Wagenaar,“ ſagte aber Lockhaart, ohne ſich im Mindeſten irre machen zu laſſen—„ſchicken Sie augenblicklich einen unſerer Leute nach dem Reſidenten hinunter, er ſoll, ſo raſch er mög⸗ licher Weiſe kann, vier Oppaß herauf ſenden, den Herrn hier in Empfang zu nehmen— und Sie, Mynheer— treten indeſſen wieder in mein Zim⸗ mer ein.“ „Sie müſſen wahnſinnig ſein,“ rief Hen Jooſt halb in Beſtürzung, halb in Aerger,„gegen mich, auf einen ſolchen Grund hin, derartig zu ver⸗ fahren.— Ehrwürdiger Herr Holderbreit, möchten Sie nicht die Güte haben, dieſem etwas excentri⸗ ſchen Herrn zu beſtätigen, als was Sie mich in der Zeit unſeres Beiſammenſeins kennen gelernt haben?“ „Sehr verehrter Herr Lockhaart,“ ſagte der Geiſtliche, erſchreckt vortretend—„dies iſt jeden⸗ falls ein Irrthum.—“ „Wir Beiden haben nachher ebenfalls ein Wort miteinander zu ſprechen,“ unterbrach ihn aber Lockhaart, und ohne ſich weiter um den ver⸗ blüfft draußen ſtehen bleibenden Miſſionair zu kümmern, ſchob er den in ſeiner Hand machtloſen 461 Jooſt ohne Weiteres in ſein Zimmer hinein, und inwendig den Riegel vor. „Herr Lockhaart,“ ſagte Jooſt,„wenn ſich dieſe Behandlung vielleicht auf— einen Scherz bezieht, den ich mir mit der Frau Soltersdrop erlaubt habe, ſo muß ich Ihnen ſagen—“ „Sagen Sie mir gar Nichts,“ ſchnitt ihm aber Lockhaart jedes Wort kurz ab—„Ihre Scherze gehen mich auch gar Nichts an; wir haben es hier mit etwas ganz Anderem zu thun.“ „Aber zählen Sie Ihr Geld nach, wenn et⸗ was hier im Zimmer liegt, ob daran fehlt.— Ich will—“ 3 „Bitte, was iſt denn das für ein Zettel, den Sie da eben fallen ließen?“ ſagte Lockhaart, deſ⸗ ſen ſcharfes Auge eine verdeckte Bewegung ſeines Gefangenen nicht entgangen war. „Ich habe Nichts fallen laſſen,“ ſagte dieſer ruhig,—„Herr ich fange an Ihr Benehmen der⸗ Art zu finden, daß ich Sie deshalb werde zur Rechenſchaft ziehen müſſen.“ „Ganz nach Belieben,“ erwiederte Lockhaart trocken, indem er ſich bückte, das zu einer kleinen Kugel zuſammen gedrehte Papier aufnahm, und auseinander wickelte,—„hm hm hm,“ lächelte er dabei,„mein Notizenzettel— glücklicher Weiſe 11 3 Unter dem Aequator. III. * 162 mit Dinte geſchrieben. Sie müſſen ein verdammt ſcharfes Auge haben, daß Sie die Wichtigkeit die⸗ ſes Zettels für Sie ſogleich weg hatten.“ „Aber ich gebe Ihnen mein Wort.“— „Pſt, pſt,— das iſt ja auch nur Nebenſache, — es war ein Schachzug, der, einmal misglückt, nicht wieder kann zurückgenommen werden.“ „Nebenſache?“ „Ich will Ihnen etwas ſagen, Herr Jooſt,“ flüſterte da der alte Herr, dicht zu ihm hintre⸗ tend,„wir ſind hier unter uns und ich kann unge⸗ ſcheut mit Ihnen reden. Ich weiß, daß Sie nicht in meinem Zimmer waren, um Geld zu ſtehlen.“ „Aber weshalb halten Sie mich da feſt?“ „Ich weiß aber auch,“ fuhr Lockhaart, ohne den Einwurf zu beachten, fort,„daß Sie nicht aus Zufall dort hinein gerathen ſind und— ſo ſicher Sie ſich auch deshalb fühlen können, eins nicht. bedacht haben.“ „Und das wäre?“ „Die Papiere die Sie bei ſich führen.“⸗ „Was wollen Sie damit ſagen?“ frug Jooſt, und ſah den alten Herrn ſcharf und lauernd an. Ehe Lockhaart aber etwas darauf erwidern konnte, klopfte Wagner ſchon an die Thür und rief:— „Ich habe ſie draußen,— traf ſie glücklicher Weiſe unfern von hier in der Straßeund brachte ſie gleich mit. Der Reſident wird Nichts dagegen haben.“ „Schön,“ ſagte Lockhaart, die Thür aufſchlie⸗ ßend,„rufen Sie die Burſchen herein, daß ſie dem Herrn hier Geſellſchaft leiſten, bis ich mein Bad genommen habe,— oder Sie ſind angezogen Wagenaar, bitte fahren Sie mit ihm zum Reſiden⸗ ten hinunter und laſſen ihn vom Kopf bis zu Füßen genau viſitiren, daß er auch nicht eher frei gegeben wird, bis ich ſelber hinunter komme.“ „Herr Lockhaart,“ ſagte Jooſt, indem er dicht zu dem alten Herrn trat, denn die Sache fing doch an ernſt zu werden, und er ſchien kein ſo ganz reines Gewiſſen zu haben,—„ich will Ih⸗ nen etwas ſagen,— die Wirthin ſoll jeden Deut wieder bekommen, denn es war wirklich nur ein Scherz, in dem ich vielleicht ein wenig zu weit gegangen bin.“ „Zum Teufel auch,“ rief Lockhaart ärgerlich, „ich weiß gar nicht, was Sie mit Ihrer verwünſchten Wirthin wollen. Was gehen mich denn die Scherze an, die Sie mit der treiben 274 „Aber Herr Lockhaart wenn ich nun—“ „Wagenaar, thun Sie mir den Gefallen und ſchaffen Sie mir den Burſchen fort. Paſſen Sie 11* 164 mir aber beſonders auf, daß er unterwegs keine Papiere wegwirft. Er hat hier ſchon damit an⸗ gefangen, und Sie laſſen am Beſten einen der Leute ein paar Schritte hinter ihm hergehen. „Ich proteſtire hiemit feierlich.“— „Ah, gehen Sie zum Teufel mit ſammt Ihren Proteſten,“ rief aber Lockhaart ärgerlich werdend. „Wenn Sie ſich ſo ſicher wiſſen, ſo verklagen Sie mich nachher, jetzt aber folgen Sie dem Herrn, oder Sie ſetzen ſich der Unannehmlichkeit aus, daß man auch noch Gewalt mit Ihnen braucht.“ „Dem werde ich mich nicht ausſetzen,“ erwie⸗ derte, ſeine Unterlippe beißend, Jooſt,—„aber wiſſen was ich nachher zu thun habe. Herr Wa⸗ genaar, ich ſtehe zu Ihren Dienſten,“ und mit den Worten verließ er, an Wagners Seite, das Haus. Lockhaart ging indeſſen, ſo raſch er konnte in das Bad, und trank gerade ſeinen eben herein gebrachten Kaffee, als Salomo Holderbreit mit gefalteten Händen auf ihn zukam und ängſtlich rief: „Aber ſagen Sie mir um Gottes Willen, beſter Herr Lockhaart, was Sie mit Herrn Jooſt haben? Irgend ein molitcliches Mißverſtändniß muß d da jedenfalls— 165 „Ich will Ihnen etwas ſagen, Herr Holder⸗ breit,“ ſchnitt ihm aber Herr Lockhaart das Wort ab,—„Sie ſind erſt kurze Zeit auf Java und kennen die hieſigen Verhältniſſe noch nicht; ich müßte mich aber ſehr irren, wenn ich nicht glau⸗ ben ſollte, daß dieſer Herr Jooſt Sie in irgend eine Sache mit verwickelt hat, die Ihnen vielleicht ſpäter unangenehm und dem Ziel gerade nicht förderlich ſein könnte, das Sie hier verfolgen wollen.“ „Ich verſtehe Sie nicht?“ „Was für einen Scherz hat ſich der Herr Jooſt mit der Wirthin dieſes Hotels erlaubt?“ fragte Lockhaart, den Geiſtlichen ſcharf fixirend, „und wofür hat er ſich von ihr Geld geben laſ⸗ ſen? Sie waren doch dabei betheiligt, heh?“ „Einen Scherz?“ rief Herr Holderbreit erſtaunt aus,—„von einem Scherz weiß ich Nichts, dazu wäre die Sache auch wohl zu ernſthaft ge⸗ weſen. Aber woher wiſſen Sie, daß Herr Jooſt Geld von Frau Soltersdrop bekommen?“ „Herr Jooſt hat ſich aber bei mir damit ent⸗ ſchuldigt, daß es eben nur ein Scherz geweſen, — was Sie vielleicht für Ernſt genommen haben. Sie müſſen am Beſten wiſſen, ob es eine ſcherz⸗ hafte Sache war, um die es ſich handelte.“ „Scherzhaft?— in der That nicht,“ rief Herr Holderbreit erſchreckt. „Dann geb' ich Ihnen zu bedenken,“ ſagte Lockhaart ernſt,„daß Sie ſich doch einen größeren Gefallen thäten,— wenigſtens meiner Meinung nach,— wenn Sie ihre Finger aus ſolchen Ge⸗ ſchichten ließen, die mit einer Intrigue anfangen und mit der Policey endigen.“ „Mit der Policey?— Herr Lockhaart, Sie glauben mir gewiß auf mein Wort, daß ich ab⸗ ſichtlich Nichts thun würde, wodurch ich mit den Gerichten in Colliſion kommen könnte.“ „Gut, wenn ich Ihnen das glauben ſoll, dann ſagen Sie mir offen und ehrlich, was Sie mit Jooſt und der Wirthin gehabt haben.“ „Ich habe ihm feſt zuſagen müſſen, mit keinem fremden Menſchen über den Gegenſtand zu reden.“ „Gut,“ ſagte Lockhaart das Kaffeezeug zurück⸗ ſchiebend und ſeine Cigarrentaſche herausnehmend „wenn Sie es lieber vor dem Reſidenten als vor mir berichten, und dann noch das Vergnü⸗ gen haben wollen, augenblicklich nach Batavia zurückgeſchickt zu werden, Ihre Zeugenausſagen dort zu wiederholen, ſo kann es mir auch Recht ſein.“ „Wenn Sie mir nur verſprechen wollen—“ 1674 „Ich verſpreche gar Nichts. Sie haben ſich mit einem Menſchen eingelaſſen, den ich im Ver⸗ dacht habe, daß er ein nichtswürdiger Hallunke und durchtriebener Betrüger iſt. Bewahren Sie ſein Geheimniß, ſo kommen Sie natürlich in Verdacht, mit ihm unter einer Decke zu ſtecken, und die Folgen können Sie ſich ſelber etwa zu⸗ ſammenreimen.“ „Unter dieſen Umſtänden,“ ſagte Holderbreit beſtürzt,„glaub ich mich keinem größeren Ehren⸗ mann anvertrauen zu können, wie Ihnen.— „Sie werden ſicherlich keinen Gebrauch davon machen, wenn es nicht unumgänglich nöthig iſt, und hauptſächlich dem Wirth dieſes Hauſes Nichts davon ſagen.“ „Dem Wirth?“— „Herr Valentijn Jooſt iſt der frühere Mann der jetzigen Mevrouw Soltersdrop,“ ſagte Hol⸗ derbreit mit leiſer Stimme, indem er dicht zu Lockhaart hintrat.„Er war 15 Jahr abweſend und die Frau hat indeſſen ſchon wieder den drit⸗ ten oder vierten Mann. Jetzt iſt er zurückge⸗ kehrt, und aus Zartgefühl gegen die neuerdings wieder geſchloſſene Verbindung, will er nicht ein⸗ mal ſeine ganzen Anſprüche geltend machen, ſon⸗ dern hat ſich mit Eintauſend Gulden begnügt, die 16 8 ihm heute Morgen in meiner Gegenwart ausge⸗ zahlt wurden.“ „Valentijn Jooſt— funfzehn Jahre abwe⸗ ſend?“ wiederholte Lockhaart leiſe vor ſich hin, indem er den vorhin wieder gefundenen Zettel aus der Taſche nahm, noch etwas beſſer glättete, und dann gegen das Licht hielt.—„Valentijn? — hm— der Burſche heißt weder Valentjin, noch war er ſchon vor 15 Jahren in der Colonie. Sein Vorname iſt Everhard und er iſt jetzt ge⸗ rade— laſſen Sie mich ſehen— zwölf Jahre und zwei Monate in der Colonie. Er hat aber einen Bruder gehabt der irgendwo im Innern — möglicher Weiſe hier in Bandong— lebte, und ſeit langer Zeit verſchollen iſt. „Aber woher haben Sie dieſe Nachrichten?“ frug Holderbreit heſtürzt. „Daher,“ ſagte Lockhaart,„wo man nur au⸗ thentiſche Berichte bekommt: von der Policey. Merken Sie nun wie die Sache hier ſteht, und weshalb Herr Jooſt das Ganze einen Sch. nennt?“ „Er hat ſich für ſeinen Bruder ausgsgeben ſtöhnte Holderbreit. „Es iſt mir lieb, daß Sie noch ſo viel Frf⸗ 169 ſungsgabe beſitzen,“ erwiderte Lockhaart trocken. „Das Geld hat er alſo bekommen?“ „Sau „Gut, das Weitere werden wir dann gleich mit dem Uebrigen abmachen. Es geht in einer Rechnung hin.“ „Oh beſter Herr Lockhaart,“ rief aber der Geiſtliche in größter Beſtürzung, da ihm der ganze Betrug klar wurde,„wenn Sie es mög⸗ lich machen könnten, daß ich bei dieſer Sache nicht compromittirt würde. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort zum Pfande, daß ich in beſter Ab⸗ ſicht gehandelt habe.“ „Ich glaube es Ihnen,“ ſagte der Holländer —„aber ſchon der armen Frau wegen müſſen wir discret mit der Geſchichte umgehen, und Sie — kommen dabei ebenfalls gut weg; alſo beru⸗ higen Sie ſich.“ Lockhaart hatte ſeine Cigarre angezündet, und ohne weiter dem Miſſionär ein Wort des Troſtes zu ſagen, ja ohne ſich auch nur im Geringſten mehr um ihn zu bekümmern, ſetzte er ſeinen Hut auf, ſteckte den Zettel wieder in die Taſche, und wanderte, ſo raſch er konnte auf des Reſidenten Wohnung zu, die Morgenkühle noch zu benutzen und alles Geſchäftliche abzumachen. 170 Das mußte aber wohl länger dauern, als er im Anfang vermuthet hatte; die bei Jooſt ge⸗ fundenen Papiere erwieſen ſich außerdem ſo in⸗ tereſſant, daß der Reſident, als ihn Wagner und Lockhaart gegen zehn Uhr wieder verließen um in das Hotel zurückzukehren und die Damen zu er⸗ warten, vorzog Herrn Jooſt bei ſich zu behalten, anſtatt ihn ebenfalls auf freien Fuß zu laſſen. Die Unterſuchung war nämlich noch nicht zu Ende und ein weiterer Zeuge mußte beigebracht wer⸗ den, der aber noch oben in den Bergen ſtak: Klapa. „Wie trotzig und frech der Burſche im Anfang war,“ ſagte Wagner als ſie zuſammen zum Ho⸗ tel zurückſchritten,„und wie demüthig und zer⸗ knirſcht er nachher wurde.“ „Die Rechnung jener letzten Prauen⸗Fracht bricht ihm den Hals,“ entgegnete Lockhaart— ver hatte keinenfalls Ahnung, daß wir ſo genau von Allem unterrichtet wären. Außerdem kann er auch keine Rechenſchaft geben, von wem er die Doublonen hat.“ Wahrſcheinlich weiſen ſich die bei ihm efnu⸗ denen Banknoten auch noch zu den geſtohlenen gehörig aus,“ ſagte Wagner, wenn ſie nur erſt verglichen werden können. „Es war doch ein 161 ſehr geſcheuter Gedanke von Ihnen, den Burſchen bei dieſer, ziemlich unbedeutenden Gelegenheit gleich feſtzuhalten und durch die Gerichte viſitiren zu laſſen. Riskirt blieb es freilich immer.“ „Was riskirt?“ fragte Lockhaart verächtlich —„wenn wir Nichts bei ihm fanden, konnte er mich verklagen. Ich wußte aber vom erſten Mo⸗ ment an, daß er irgendwo ſich nicht ganz be⸗ haglich fühle. Jetzt haben wir ihn feſt und Herrn Heffken ebenfalls. Daß der nur nicht Wind von der Sache bekommt, ſonſt macht er ſich heilig aus dem Staub und iſt ſo mit allen Hunden gehetzt, daß ich auch feſt überzeugt bin er käme durch.“ ia. „Er darf Nichts merken, bis wir nach Batavia kommen, und dann wollen wir ſchon Maßre⸗ geln ergreifen, die eine Flucht für ihn unmöglich machen.“ 1 „Er weiß, daß er den Galgen oder lebens⸗ länglich Zuchthaus verdient hat.“— „Fühlt ſich aber ſo vollkommen ſicher, daß er ſchwerlich an irgend eine Gefahr denkt, bis ſie eben über ihm zuſammenbricht.— Und der Menſch hat um Hedwig Bernold geworben?“ „Bah, das kann man Niemandem verwehren,“ brummte Lockhaart.„Der Schuft ſcheint aber 172 feſt entſchloſſen, ſich eine Frau irgendwoher zu verſchaffen, denn Jooſts jetzige Reiſe hat wirk⸗ lich— von Heffkens Seite aus— keinen andern Grund gehabt, als jenes arme Javaniſche Mädchen wieder einzufangen, das ihm damals, als ihn der Javane in den Arm ſtieß, entwiſchte. Durch Klapa hat er ihren Aufenthalt erfahren, und Jooſt, der unterwegs noch dabei eigene Geſchäfte zu betreiben ſuchte, wurde zum Merkur ge⸗ wählt.“ „Wir werden aber nicht wagen durfen ihn mit in die Berge zu nehmen?“ „Sind Sie 1n überzeugt, Wagenaar, daß Sie jenen Klapa wieder erkennen würden?“ „Am hellen Tag, ja.“ „Dann brauchen wir ihn auch gar nicht, ſon⸗ dern beſorgen es allein.“ „Aber er kennt uns alle Beide, denn ich glaube nicht, daß dieſer durchtriebene Geſell unſere Züge vergeſſen hätte. Sowie er Verdacht ſchöpft iſt Alles verdorben, und oben im Wald, mit drei Schritten Vorſprung, dürfen wir nicht daran den⸗ ken, ihn je wieder einzuholen.“ „Nein,“ ſagte Lockhaart,„das glaub' ich auc; 4 aber dann nehmen wir unſern Geiſtlichen mit, wofür haben wir denn den hier?“ „Der wird ſich dazu nicht hergeben wol⸗ len.“ „Er giebt ſich zu Allem her, um was ich ihn erſuche,“ ſagte Lockhaart,„denn ich habe ein vortreffliches Mittel, ihn kirre zu machen. Doch hier ſind wir am Haus, unſere Damen müſſen auch gleich kommen, wenn Sie nur irgend bei Zeiten mit ihrer Toilette fertig wurden. Außer⸗ dem habe ich noch einen Auftrag an die Wirthin den ich erſt ausrichten möchte.“ „Von Herrn Jooſt?“ „Es iſt Privatſache,“ ſagte Lockhaart,„und wenn ich auch mein Wort nicht Vegeben habe zu ſchweigen, geſchieht doch Niemandem ein Scha⸗ den, eher ein Nutzen dadurch.— Ich bin gleich wieder da.“ Wagner ging im Schatten der vor dem Hotel ſtehenden Waringhis auf und ab, und Lockhaart betrat indeſſen den innern Raum des Hauſes und klopfte an die Thür, die zu dem kleinen Comptoir⸗ zimmer führte. 85 Madame rief herein! Sie ſaß auf dem ſchma⸗ len Bambusſopha in der Ecke, und hatte ein Buch vor ſich, in dem ſie jedenfalls gerechnet ha⸗ ben mußte. Sie ſah aber bleich und niederge⸗ ſchlagen aus, und blickte Herrn Lockhaart groß 174 und erſtaunt an, als dieſer ſich ohne Weiteres neben ihr niederſetzte, und ein Notizbnch aus der Taſche nahm. „Mevrouw, ich habe Ihnen etwas auszuhän⸗ digen,“ ſagte er dabei, indem er ihr ein ganzes Paket Banknoten überreichte—„bitte zählen Sie es nach; es müſſen gerade 1000 Gulden ſein.“ „Tauſend Gulden?" rief Mevrouw erſchreckt aus und warf einen ſcheuen Blick auf das Geld, das ſie nur zu gut kannte. Sie wußte auch, daß Jooſt heute Morgen mit Policeydienern abge⸗ holt war und zitterte jetzt, was für ein Verbrechen er wohl begangen haben könne, in das auch ſie vielleicht verwickelt würde.“ „Ich möchte Sie bitten,“ fuhr aber Lockhaart fort,„mir dafür Ihren Schwager zu über⸗ laſſen.“ „Meinen Schwager?“ wiederholte die Frau, die nur noch immer verwirrter wurde.— „Herr Everhard Jooſt, Bruder des verſchol⸗ lenen Valentjin, mit dem er eine frappante Aehn⸗ lichkeit haben ſoll,“ ſagte Lockhaart,„hat nämlich eine ſo lebhafte Phantaſie, daß er ſich manchmal einbildet, wirklich ſein Bruder zu ſein. Wir haben ihm aber heute Morgen das Gegentheil 166 bewieſen, und er war ſo gerührt darüber, daß er mich bat, Ihnen dieſe 1000 Gulden zum Anden⸗ ken auszuhändigen. Seine Rechnung, bitte ich Sie, noch beſonders auszuziehen— zu den Pa⸗ pieren, die er Ihnen vorgelegt, iſt er, Gott weiß wie, gekommen.“ „Oh der nichtsnutzige, niederträchtige Hallunke der,“ rief da Madame, die jetzt erſt ihre Sprache wieder fand,„er und der gut für gar Nichts Geiſtliche der—“ „Bſt Mevrouw,“ unterbrach ſie aber Lock⸗ haart—„dem Geiſtlichen verdanken Sie eigent⸗ lich beſonders, daß wir dem ſauberen Burſchen auf die Spur gekommen ſind, denn er iſt im Anfang ſo gut wie Sie, von dem Schuft ge⸗ täuſcht worden.“ „Und jetzt der Spott— der Hohn!“ jammerte die Frau.— „Wenn Sie etwas weniger ſchreien, haben Sie auch das nicht zu befürchten,“ ſagte Lock⸗ haart.—„Wir, die wir darum wiſſen— der Reſident, der Geiſtliche und ich, werden Nieman⸗ dem ein Wort darüber ſagen, und von dieſer Seite ſind Sie alſo ſicher, ſofern Sie ſelber den Ge⸗ genſtand nicht weiter berühren; hat aber Ihr Gatte vielleicht davon gehört?“ 176 Die Spieldoſe antwortete dieſer Frage, denn in dem Moment begann ſie mitten im alten Deſſauer„So leben wir, ſo leben wir, ſo leben wir alle Tage,“ und Lockhaart, halb lachend halb är⸗ gerlich, rief aus—„Bitte bemühen Sie ſich nicht; Ihr Herr Gemahl hat ſchon für Sie geantwortet — laſſen Sie ihn in ſeiner Unſchuld—“ und ehe die Wirthin ihm nur danken konnte, zog er ſich, keinen Blick auf Mynheer Soltersdrop wer⸗ fend in ſein eigenes Zimmer zurück. — X. Lockhaart wie Wagner hatten indeſſen kaum ordentliche Toilette gemacht, als Van Straatens Wagen vor der Thür hielt, und die Damen mit dem alten, freundlichen Herrn ausſtiegen. Allerdings bedurften auch dieſe einer Erfriſchung und einiger Ruhe, aber raſcher als Lockhaart er⸗ wartet hatte, waren ſie mit Allem fertig, und ſam⸗ melten ſich jetzt um den großen Frühſtückstiſch, mitten im Salon. Willem Soltersdrop aber wußte kaum die Damen unter ſeinem Dach, als er auch ſchon triumphirend ſeine Muſikdoſe aufzog. Jetzt konnte der alte Brummbär Nichts dagegen haben, denn wenn es den Damen gefiel, kam er nicht in Be⸗ tracht. Unter dem Aehuator. III./ 12 178 Schon bei dem„Freut Euch des Lebens“ ſtand auch die Kathrine neben dem Kaſten, voller Be⸗ wunderung und Rührung die Hände faltend. Gu⸗ ter Gott, das Lied verſetzte Sie ja mit einem Schlag wieder in die Heimath, wieder in ihr lie⸗ bes Frankfurt zurück, und ſie lauſchte den lieben, ſo lange nicht gehörten Tönen mit wahrem und ungeheucheltem Entzücken.— Der Wirth hatte an ihr ſeine herzliche Freude. Wer aber ſeine herzliche Freude nicht daran hatte, das war Lockhaart, und ſeine Thür auf⸗ reißend, rief er: „Plagt Sie denn der helle Teufel, dieſen ver⸗ dammten Marterkaſten ſchon wieder los zu laſſen?“ „Mynheer Lockhaart,“ rief Willem Solters⸗ drop gekränkt,„die deutſche Muſik, was Sie auch ſonſt von den Deutſchen halten mögen, iſt aner⸗ kannt die Beſte in der Welt.“ „Darum braucht man ſie aber nicht den gan⸗ zen Tag zu dudeln.“ „Aber ich bin überzeugt, daß die Damen da⸗ von entzückt ſein werden.“ „Schön,“ ſagte Lockhaart, der zu einem fin⸗ ſteren Entſchluß gekommen war—„iſt Ihr Früh⸗ ſtück fertig?“ 109. „Zu Befehl— ich warte nur auf die Herr⸗ ſchaften, das Zeichen zu geben.“ „Da kommen die Damen— Sie können an⸗ richten laſſen.“ Willem Soltersdrop ging zur Thür, einen der Malayen in die Küche zu ſchicken, Lockhaart aber war mit zwei Schritten bei der Spieldoſe, ſchnitt das Band von dem daran hängenden, großen Meſſingſchlüſſel, ſteckte dieſen in die Taſche und ſetzte ſich jetzt mit voller Gemüthsruhe an den Tiſch, die Damen und ſeinen Schwager zu er⸗ warten. Gleich nachher kam Wagner, aber er ſchien zerſtreut und hörte die Spieldoſe gar nicht, über deren Fortgang ſich jetzt Lockhaart trefflich zu amüſiren ſchien. Wagner ſah heute auch bleich und angegriffen aus; die Augen zeigten dunkle Ränder und waren matt. Selbſt Lockhaart, der ihn beobachtete, als er in die Thür trat, entging das nicht, wenn er auch heute Morgen zu ſehr beſchäftigt geweſen war, um auf ihn acht zu geben. „Fehlt Ihnen etwas, Wagenaar,“ ſagte er, als der junge Mann in den Saal trat,„Sie ſehen hundeelend aus.“ „Ich wüßte nicht,“ erwiederte Wagner,„es müßte denn vielleicht die Aufregung über den 12* 180 nichtsnutzigen Geſellen ſein, mit dem wir es heute Morgen zu thun gehabt. Ich bin feſt überzeugt, daß er in Heffkens ſämmtliche Geheimniſſe einge⸗ weiht iſt; aber er wird ſelber mit zu tief darin ſtecken, ein Geſtändniß wagen zu dürfen.“ „Wenn wir den Klapa bekommen, brauchen wir Herrn Jooſt gar nicht,“ ſagte Lockhaart, mit heimlicher Schadenfreude nach der Spieldoſe hin⸗ über horchend, die eben wieder in ein anderes Tonſtück, den Jungfernkranz, hinüber ſchnarrte.— Nur noch drei, und ſie hatte ausgeſungen. „Ich fürchte die Anweiſung, die uns Jooſt gegeben hat, iſt falſch,“ ſagte Wagner,„oder wenn nicht falſch, doch ſo ungenau, daß wir nicht nach ihm ſuchen können, ohne uns zu verrathen. Daß Weiße in der Nähe ſind, läuft ja ſtets mit Blitzes⸗ ſchnelle durch einen ganzen Diſtrikt, und Jooſt weiß recht gut, daß der erſt einmal eingefangene Javane mit ſeinen Ausſagen auch gegen ihn ſel⸗ ber zeugen würde.“ „Bſt, da kommen unſere Damen,“ unterbrach ihn aber Lockhaart, als Hedwig und Mevrouw Van Straaten den Saal betraten, und die Erſtere auf Lockhaart zueilte, und ſeine Hand ergriff, ihn zu begrüßen. „Mein lieber Herr Lockhaart,“ ſagte ſie dabei, „Sie glauben gar nicht, wie dankbar ich Ih⸗ nen bin, mir dies wundervolle, herrliche Land gezeigt zu haben. Wahrlich, ich konnte nie glau⸗ ben, daß Gottes Welt ſo ſchön— ſo wunderbar ſchön ſei.“ „Mein liebes Fräulein,“ ſagte Lockhaart trocken, „erſtlich haben Sie mir gar nicht dafür zu dan⸗ ken, denn mein Schwager,— der jeden Mor⸗ gen beim Frühſtück eine halbe Stunde auf ſich warten läßt— iſt der eigentliche Veranſtalter. Dann ſind Sie übrigens auch im Irrthum, wenn Sie glauben, daß Java ſchöner ſei wie Europa — es iſt nur in anderer Art ſchön, und ich bin feſt überzeugt, daß ein Javane, wenn er das herrliche Land dort drüben ſehen könnte, ebenſo entzückt davon ſein würde, wie Sie von dem Sei⸗ nigen. Doch bitte, ſetzen Sie ſich— geniren Sie ſich nicht des verdammten Klapperkaſtens wegen; er hat gleich ausgerungen, und dann können wir ihn zur Fußbank gebrauchen.“ „Laſſen Sie ſich nicht irre machen, liebes Kind,“ ſagte aber Mevrouw Van Straaten freund⸗ lich—„er bleibt nun einmal ein ſchroffer, un⸗ zugänglicher Menſch, wenigſtens von der Außen⸗ ſeite, ſonſt aber—“ „Bitte Frau Schweſter, unterbrechen Sie den — 132 Jungfernkranz nicht,“ ſagte Lockhaart, dem Ge⸗ ſpräch eine andere Wendung zu geben— ‚jetzt kommt gleich der Deſſauer.— Nun, ſeid Ihr überhaupt gut hergekommen?— Es war ver⸗ dammt langweilig geſtern Abend in Tjanjor, wie?“ „Gott bewahre, wir haben uns vortrefflich amüſirt—“ meinte Mevrouw. „Ja Du, das glaub ich,“ ſagte Lockhaart, Dich hab' ich aber auch nicht gefragt— Du brauchſt, nicht mehr Stoff um Dich zu amüſiren, wie eine Ziege Platz zum Stehen. Ob ſich unſer Gaſt amüſirt hat, wollt' ich wiſſen.“ „Und warum nicht?“ ſagte Hedwig lächelnd, denn ſie kannte Lockhaarts Eigenheiten ſchon zu genau.—„Die Leute waren ſo lieb und herz⸗ lich.— „Das dank ihnen der Teufel,“ brummte Lock⸗ haart. „Und Alles hat noch überhaupt ſo ſehr für mich den Reiz der Neuheit— b „Die Entſchuldigung laß ich eher gelten,“ nickte der alte Herr,„na Wagenaar, was ſtehn Sie denn da hinten, als ob Ihnen der Löffel in die Suppe gefallen wäre.“ „Mynheer Wagenaar, ſo wahr ich lebe,“ nei die alte Dame,„und ſo ganz in der Ecke; ich habe Sie nicht einmal geſehen.“ „Es freut mich ungemein Sie wohl angelangt zu ſehen,“ erwiderte Wagner den Gruß, auf etwas ſteife Weiſe, und wurde roth, als ihm Hedwig die Hand reichte. „Sie müſſen geſtern Abend ſehr ſpät hier an⸗ gekommen ſein,“ ſagte Hedwig,„denn der Weg iſt ziemlich lang—“ „ Nur, wenn man ihn in langweiliger Geſell⸗ ſchaft fährt,“ bemerkte Lockhaart,—„wir waren ſchon mit Dunkelwerden da.“ „Und fanden hier auch einen früheren Reiſe⸗ gefährten von Ihnen,“ ſetzte Wagner hinzu,„die Paſſagiere der Rebecca, ſind jetzt hier Alle im Hotel verſammelt.“ „Herr Holderbreit,“ ſagte Hedwig lächelnd —„war— eben keine ſo übermäßig angenehme Perſönlichkeit.—“ „Sie werden ihn hier viel genießbarer finden wie an Bord,“ verſicherte aber Lockhaart.„Er iſt ſchon, ſeit er ſich an Land befindet, einige Mal mit dem Kopfe gegen den Wall gerannt, und ſcharf im Begriff es noch weiter zu verſu⸗ chen. Jeder ſolcher Anprall ſtimmt ihn aber mil⸗ der und vernünftiger, und ich denke, wenn er 184 auch hier Niemanden auf Java bekehrt, werden wir ihn doch wenigſtens von mancher Albernheit bekehrt haben, ehe wir ihn wieder nach Hauſe ſchicen.— Aber da iſt er ſelber— Mynheer Holderbreit, ich habe das Vergnügen Ihnen hier eine alte Bekannte von uns vorzuſtellen— Fräu⸗ lein Bernold. Sie erinnern ſich vielleicht nicht einmal der jungen Dame mehr.“ „Bitte tauſend Mal um Entſchuldigung,“ ſagte Holderbreit. „Weshalb?“ frug ihn Lockhaart ſcharf. 4 „Weshalb?— nun— daß ich— daß ich die junge Dame nicht kennen ſollte,“ ſagte der Geiſtliche verlegen—„ich müßte die vier monat⸗ liche Reiſe auf der Rebecca ſehr raſch vergeſſen haben.“ „So, dann ſind wir Alle„klar,“ wie der Steuermann immer ſagte,“ lachte Lockhaart— „der Kaſten da hat auch„Fordre Niemand mein Schickſal zu hören,“ überſtanden, und ſeinen Schwanengeſang, den„letzten Walzer“ begonnen — wenn nun Lodewijk— alle Wetter da iſt er wirklich. Junge, Junge, Du wirſt alle Tage lang⸗ ſamer. Na, ſetz Dich hier her zu uns, und nun Mynheer Soltersdrop, je eher Sie Ihr Frühſtück hereinſchaffen, deſto beſſer. 185 Das Frühſtück wurde gebracht, und für den Augenblick nahm dies die Aufmerkſamkeit der Gäſte vollſtändig in Anſpruch. Alles beobachtete auch ein ziemlich ernſtes Schweigen, und Lock⸗ haart lächelte ſtill und vergnügt vor ſich hin, denn der Tackt der Spieldoſe wurde immer lang⸗ ſamer und Mynheer Soltersdrop ſuchte den Schlüſſel. Van Straaten begann jetzt, ohne auf den alle Winkel der Stube und ſeine Taſchen viſitirenden Mann zu achten, eine Beſchreibung des geſtrigen Tages und ihrer heutigen Fahrt, als ein Bote des Reſidenten Herrn Lockhaart von der Tafel abrief. 3 Er blieb nur wenige Minuten draußen, kam dann wieder herein und nahm ſeinen Hut. „Sie wollen fort?“ rief Wagner. „Der Reſident hat ſeinen Wagen geſchickt mich abholen zu laſſen. Unſer Freund unten möchte mir einige Mittheilungen machen. Bitte, bleiben Sie oben und geben Sie Van Straaten einen kurzen Bericht über das Vorgefallene. Myn⸗ heer Holderbreit iſt vielleicht indeſſen ſo gut, den Damen Geſellſchaft zu leiſten. Doortje, das ſchlägt in Dein Fach, Du willſt ja auch immer haben, daß wir unſere Malayen hier zu Chriſten machen; 186 da könnt Ihr Euch zuſammen berathen wie das am Beſten anzufangen iſt. Die Tafel war aufgehoben, Wagner nahm jetzt Van Straaten bei Seite um ihm mit kurzen Worten die Umriſſe von Jooſts Gefangennahme, wie der Entdeckung mitzutheilen, die man durch die, bei ihm gefundenen Papiere gemacht. Es ſtellte ſich dadurch nämlich außer allen Zweifel, daß Heffken dem letzten Kaſſendiebſtahl nicht fern ſtand, ja denſelben ſogar veranlaßt und geleitet habe, und in die nächſte Expedition gegen ſeinen Javaniſchen Mitſchuldigen mußte der alte Herr ebenfalls eingeweiht werden. Lockhaart war noch in ſeinem Zimmer ge⸗ weſen, und wollte eben durch den Saal hin der Ausgangstreppe zugehen, als er Mynheer Sol⸗ tersdrop bemerkte, der vor einem Schrank auf den Knieen lag, und mit ſchiefgebogenem Kopf ſich die größte Mühe gab, einen Blick darunter zu gewinnen.. „Was zum Henker machen Sie denn da?“ rief er bei ihm ſtehen bleibend. ., Bitte um Entſchuldigung Mynheer— ich ſuche meinen Schlüſſel.“ „Was für einen Schlüſſel?“ 187 „Zur Spieldoſe. Er iſt auf die räthſelhafteſte Art abhanden gekommen.“ „Mynheer Soltersdrop.“ „Mynheer? ſagte der Wirth, und ſchaute, ohne ſeine Stellung auf Knieen und Ellbogen zu verändern zu dem alten langen Herrn empor.“ „Ich will Ihnen etwas ſagen,“ bemerkte da Lockhaart, indem er langſam auf ſeine Weſten⸗ taſche ſchlug—„da ſteckt er,“— der Wirth fuhr mit wahrer Federkraft vom Boden empor —„und da wird er ſtecken bleiben, ſo lange wir noch hier in Bandong und in Ihrem Hotel ſind.“ Der geringſte Widerſpruch von Ihrer Seite, und ich werfe den Schlüſſel in's Waſſer, und Sie können nachher die Doſe nach Batavia ſchicken, einen neuen machen zu laſſen.“ „Aber beſter Herr.—“ „Guten Morgen Mynheer Soltersdrop!“ und mit den Worten ſchritt Lockhaart an dem be⸗ ſtürzten Wirth vorüber, ſprang draußen in die ſeiner wartende carreta, und war im nächſten Augenblick auf ſeinem Weg nach dem Reſi⸗ denten. ‧‧*² 133 Wenige Minuten ſpäter hielt das leichte Fuhr⸗ werk vor des Reſidenten Haus, und Lockhaart wurde zu einem, etwas im Garten liegenden Sei⸗ tengebäude geführt, das dem Gefangenen für jetzt zum Wohnort diente, und von Wachen rings um⸗ geben war. Selbſt vor jedem, in den freundlichen Garten führenden Fenſter ſtanden zwei Oppaß. Lockhaart fand den Reſidenten ſelber eifrig beſchäftigt, Herrn Jooſts Bekenntniſſe aufnehmen zu laſſen. Herr Jooſt war nämlich nicht mehr der lächelnde, ſelbſtzufriedene Mann von geſtern Abend. Er ſaß, ſeine Hände zwiſchen den Knieen, auf einem Rohr⸗ ſtuhl mitten in der Stube, dicht hinter ihm aber ſtanden zwei Javaniſche Oppaß,— ſchlanke, kräf⸗ tige Geſtalten, denen ſelbſt die halb Europäiſche geſchmackloſe Beamtentracht keinen weſentlichen Abbruch thun konnte und vor ihm lehnte, in einem bequemen Seſſel, ſeinen Schreiber neben ſich, der Reſident, das ihm abgelegte Geſtändniß ſogleich rechtskräftig aufzunehmen. Als Lockhaart in das Zimmer trat, erſchrak Herr Jooſt. Scheu blickte er zu dem gefürchteten Mann auf, während ſich in alter Gewohnheit ſeine Lippen zu einem grinſenden Lächeln verzogen, und beide grellweiße Zahnreihen bloß legten. Die hell⸗ 4 2 nn AKAecee Zan, 3 O. Heue 189 blauen, runden Augen fuhren dazu unruhig von einem der Herren zu dem anderen, bis er ſie wie⸗ der mit einem halb verlegenen, halb tückiſchen Blick zu Boden ſenkte. „Herr Jooſt iſt zur Vernunft gekommen, Myn⸗ heer,“ redete der Reſident den Eintretenden an. „Einmal in den Händen des Gerichts, mit ſolchen Beweiſen wie wir haben, konnte Leugnen auch ſeine Sache einestheils nur ſchlimmer machen, während er ſich anderen Theils durch ein offenes Bekenntniß eine bedeutende Milderung ſeiner Strafe ſichert.“ „Geſteht er wirklich Alles klar und unumwun⸗ den, daß wir ohne längere Weitläufigkeiten dem eigentlichen Verbrecher die Beweiſe vorhalten kön⸗ nen,“ ſagte Lockhaart,„ſo will ich mich ſelber ver⸗ bindlich machen, was in meinen Kräften ſteht zu thun, um ſeine Strafe erleichtert zu erhalten. Der Maatſchappey liegt ſelber außerordentlich daran, dieſen verſchiedenen und kecken Betrügereien auf die Spur zu kommen, und wenn ihr Jemand da⸗ zu mit reuigem Herzen behülflich iſt, wird ſie ſich dankbar erweiſen. Im anderen Fall weiß Herr Jooſt beſſer als ich es ihm ſagen kann, daß eine lange Unterſuchungshaft in den Bataviſchen Ge⸗ 190 fängniſſen für den Europäer mit großen Gefah⸗ ren verknüpft iſt. Er wird das Beſte wählen.“ „Sie— Sie haben Recht,“ ſtammelte Herr Jooſt, und die Worte gingen ihm nur ſchwer von den Lippen.„Das Gericht wird auch gnädig mit mir ſein; Herr Heffken hat mich verführt.“ Lockhaart wollte etwas darauf erwidern, ein warnender Blick des Reſidenten hielt ihn aber zurück. „Wir wiſſen, daß Herr Heffken ein ſehr ge⸗ fährlicher und verſchmitzter Menſch iſt,“ ſagte er, und es ſcheint deshalb nur ſoviel wahrſcheinlicher, daß er Ihre, von ihm abhängige Stellung benutzt hat, ſich Ihrer Dienſte zu verſichern. Um ſo eher werden Sie auch zu entſchuldigen ſein,— aber Sie müſſen uns eben beweiſen, daß er dieſe verſchiedenen Betrügereien angegeben und geleitet, wie auch den Hauptnutzen davon gezogen hat.“ „Das kann ich!“ rief Herr Jooſt ſchnell,— „das kann ich auf Ehr und Seligkeit!— Schaffen Sie mich nach Batavia, dort will ich Ihnen in vier und zwanzig Stunden die vollſten Beweiſe bringen, die Sie nur wünſchen können— was nämlich den Kaſſendiebſtahl betrifft. Ueber das Verſchwinden der beiden Prauen freilich—“ „Bitte, fahren Sie fort Herr Jooſt,“ ſagte der Richter ruhig. 191 „Habe ich keine Beweiſe in Händen,“ ſetzte Jooſt leiſe hinzu. „Und wer hat ſie?“ „Klapa.“ „Alſo Sie wiſſen beſtimmt, daß auf Heffkens Veranſtaltung damals wie in der letzten Zeit jene Prauen verſchwanden?“ „Ja.“ „Dieſer Heffken iſt doch ein ganz abgefeimter Hallunke!“ rief Lockhaart, ſeinen Stock auf den Boden nieder ſtampfend. „Und welchen Zweck hatte Ihre Reiſe hier⸗ her, wenn man fragen darf?“ ſagte der Reſident, „denn wie Sie uns heute Morgen ſchon erklärten, iſt Ihnen das Abenteuer mit unſerer armen Me⸗ vrouw Soltersdrop erſt hier oder unterwegs ein⸗ gefallen?“ „Ich habe es Ihnen ſchon angegeben,“ ſagte Jooſt leiſe, und ſein bis jetzt aſchfahles Geſicht bekam wieder Farbe, denn ſelbſt er ſchämte ſich des ſchmutzigen Auftrags, deſſen er ſich unterzogen. „Ich ſollte mich jenes Mädchens verſichern, daß er von ihren Eltern ge—gemiethet hat, und deret⸗ wegen jener Javane ſchon einmal nach ihm ge⸗ ſtochen.“ „Und woher hat Herr Heffken jetzt ſo plötzlich 192 ihren Aufenthalt erfahren?— Ich erinnere mich daß wir vor einiger Zeit alle Berge nach jenem Burſchen abgeſucht, der im Verdacht ſteht, ſie ent⸗ führt zu haben. Wie hieß ſie gleich?“ „Melattie.“ „Ganz recht.“ „Klapa hat ihren Aufenthalt verrathen.— Pa⸗ tani hat eine kleine Hütte am Goenung boekit Toengoel.*) „Und Sie allein hätten ſich dem ausſetzen wollen, jenem kecken Javanen die Frau wegzu⸗ holen?— Beſinnen Sie ſich auf etwas Beſſeres, mein guter Herr Jooſt, die Ausſage iſt zu un⸗ wahrſcheinlich.“ „Sie haben Recht, Mynheer,“ ſagte Jooſt leiſe, —„ich ſelber würde es auch nie gewagt haben, wenn uns nicht Klapa feſt verſprochen hätte das Mädſhen oßex die, Frau an einer beſtimmten Stelle abzuliefe a, ſobald ich nur bereit ſei, ſie in Em⸗ pfang zu nehmen.— Für Leute, ſie bis Bandong mitzuführen, wollte er ſelber ſorgen, ich ſollte ihm nur verſprechen, daß ſie nicht wieder in die Ber⸗ ge käme.“ *) Oe immer wie u nach der holl. Schreibart geſprochen. „Und welcher Lohn war Klapa für dieſen Lie⸗ besdienſt zugeſichert?“ frug Lockhaart. „Eine Summe Geldes, die ich bei mir trage, und ihm dort oben perſönlich überliefern ſollte.“ „In der That?“ ſagte der Reſident raſch, „dann mein Herr Jooſt iſt Ihnen jetzt die Mög⸗ lichkeit gegeben, uns zu beweiſen daß Sie es wirklich ernſt und ehrlich meinen. Glauben Sie, daß es Ihnen gelingen könnte, ihn feſt zu neh⸗ men?“ „Die Möglichkeit iſt allerdings da,“ ſtammelte Jooſt, noch vollſtändig unſchlüſſig was er erwie⸗ dern ſolle. „Und Klapa ſteckt mit unter der Prauenge⸗ ſchichte?“ „Er hat ſie ſelbſt von der Rhede ab⸗ und im Nebel durch die Schiffe geſteuert,“ verſicherte Jooſt. „Ebenſo hält er die Quittung von dem Araber in Händen, dem die Waaren 1 zerlie t würden. Heffken hat ſich die größte Mühe zegeben, ſie von ihm zu bekommen; er will ſie aber unterwegs aus ſeinem Kopftuch verloren haben, und Heffken fürchtet jetzt, der ſchlaue Burſche habe das Papier nur deshalb in Händen behalten, um ſpäter noch mehr Geld aus ihm heraus zu preſſen.“ „Und ein ſolches Leben voll Angſt und Ge⸗ Unter dem Aequator. III. 13 194 fahr mochten Sie führen, blos der paar Gulden wegen, mit denen Sie etwas beſſer eſſen und trinken konnten?“ rief Lockhaart erſtaunt und den Kopf ſchüttelnd aus.—„Daß Jemand aus Noth ein Verbrechen begeht, ja, das begreif ich, aber hier in unſerem reichen Java, dem Ueberfluß au⸗ ßerdem ſchon im Schooß, aus reinem Muthwillen ein ganzes Loos auf das Zuchthaus zu ſpielen, iſt mehr, wie ich mit meinem alten Kopf begrei⸗ fen kann.“ „Und, wie glauben Sie, daß wir uns am Beſten dieſes Klapa verſichern können?“ frug der Reſident, dem dieſe Ausbrüche des Gefühls nicht beſonders behagten, weil ſie den Gefangenen leicht ſtutzig machen konnten. „Ohne mich bekommen Sie ihn nicht,“ erwi⸗ derte leiſe Herr Jooſt, an dem die Erwähnung des Zuchthauſes keineswegs unbeachtet vorüber gegangen war.—„Liegt Ihnen aber wirklich da⸗ ran, Beweiſe, und zwar feſte und unumſtößliche Beweiſe gegen Heffken zu bekommen, ſo müſſen Sie auch etwas dafür opfern.“ „Und das wäre?“ frug der Reſident mit ei⸗ nem vorwurfsvollen Blick auf Lockhaart. „Mich,“ ſagte Jooſt feſt und beſtimmt, und 193 nickte dazu drei oder viermal mit ſeinem bleichen, gelblichen Geſicht. „Herr Jooſt,“ ſagte der Reſident,„ich fürchte, daß Sie Ihre Fähigkeiten überſchätzen. Wenn ſich Klapa in unſerer Gegend wirklich befindet, und der Goenung boekit Toengoel iſt nicht ſo außerordentlich groß und weitläufig, ſo zweifle ich nicht im Geringſten, daß wir ihn auch allein fin⸗ den können.“ „Verſuchen Sie es,“ ſagte Jooſt ruhig.„Sig wiſſen aber ſelber recht gut, mit welchem Erfolg Sie früher nach Patani geſucht haben.“ Der Reſident war aufgeſtanden und ging mit raſchen Schriten ein paar Mal im Zimmer auf und ab, und Lockhaart ſtieß gugch immer, ungedul⸗ duldig vor ſich hinſehend, ſeuten Stock auf den Boden. 8 „Was verlangen Sie für ſich,“ ſagte Jener endlich, indem er plötzlich vor dem Gefangenen ſtehen blieb, und ihn ſcharf anſah. „Völlige Strafloſigkeit,“ ſagte Herr Jooſt, wo⸗ bei er aber doch nicht wagte, dem Blick des Re⸗ ſidenten zu begegnen—„ich— bin nur ein armes, ſchwaches Werkzeug in den Händen Heffkens ge⸗ weſen— was kann den Gerichten daran liegen, mich eine Zeit lang einzuſperren— meine Ge⸗ 13* 1196 ſundheit ertrüge das nicht einmal. Verbannen Sie mich von Java, wenn Sie wollen— ſelbſt aus den Holländiſchen Beſitzungen, wenn Sie es für nöthig finden— aber— laſſen Sie mich laufen.— Ich— bin ja doch auch wahrlich zu unbedeutend, Ihren Zorn an mir auszulaſſen.“ „Aber wir können nicht der Regierung in Batavia vorgreifen,“ ſagte der Reſident zögernd. —„Wir wiſſen nicht einmal, ob wir ihre Ge⸗ nehmigung erhielten, oder vielleicht ſelber dafür in Strafe fielen.“ „Gut,“ ſagte Jooſt ſtörriſch—„dann mag ſich die Regierung in Batavia auch ſelber die Zeugen holen, die ſie zu ihren Beweiſen braucht. Ich riskire doch mein Leben dabei, wenn ich den liſtigen Javanen in Ihre Hände zu bringen ſuchte, und nur um der Regierung einen Gefallen zu er⸗ zeigen, und denn noch ſo viel ſicherer eingeſperrt zu werden, thät ich das nicht. Ueberhaupt fürcht' ich—“ ſetzte er nach einer kurzen Pauſe immer ſtörriſcher werdend hinzu—„daß ich mich habe überraſchen laſſen, manche Dinge hier auszuſa⸗ gen, die ſich ganz anders verhalten. Beim Vor⸗ leſen des Protokolls werde ich noch— wenn mir doch das Zuchthaus in Ausſicht ſteht— ver⸗ ſchiedene Aenderungen machen müſſen.“ 197 „Leugnen wird Ihnen Nichts mehr helfen.“ „Ein Geſtändniß ſcheint dieſelbe Wirkung zu haben, und iſt jedenfalls noch unſicherer.“ „Es bleibt immer ein Unterſchied, ob man zu zwei oder zu zehn Jahren verurtheilt wird.—“ „Hier auf Java nicht,“ ſagte Jooſt, ſich die Hände reibend, während ſein Geſicht immer blei⸗ cher wurde, und ſeine großen, blauen Augen im⸗ mer unheimlicher leuchteten—„es bleibt ſich ziemlich gleich, ob man auf zwei oder zehn Jahr verurtheilt wird, denn der müßte eine Bärenna⸗ tur haben, der nur die erſten zwei Jahr aus⸗ hielte. Es geht Alles drauf und— ſoll ja auch wohl Alles drauf gehen.“ Lockhaart hatte, ärgerlich die Zähne zuſam⸗ menbeißend, dem Allen zugehört. Jetzt winkte er dem Reſidenten und trat zum Fenſter, wohin ihm dieſer folgte. „Wir werden dem Lump den Willen thun müſſen,“ ſagte er. „Ich kann es aber kaum, bis ich nicht wenig⸗ ſtens deshalb nach Batavia berichtet habe,“ meinte der Reſident. „Und bis Antwort kommt, iſt es zu ſpät,“ warf Lockhaart ungeduldig ein,„denn Sie wiſ⸗ ſen ſelber beſſer, wie ich es Ihnen je ſagen könnte, 193 auf welche Weiſe die Eingeborenen zuſammen⸗ hängen. Laſſen Sie nur ein paar Tage vergehen und Klapa mag auf dem entfernteſten Bergrücken ſitzen, ſo erfährt er doch durch ein oder die an⸗ dere Hülfe, daß ein Weißer hier in Bandong gefangen ſitzt, und wie er ausſieht. Einmal ge⸗ warnt aber, und es iſt unmöglich ihn zu fangen. — Die Javanen müßten ſich denn in den fünf Jahren, in denen ich ſie nicht geſehen, ſehr ver⸗ ändert haben.“ „Ich ſetze mich aber den größten Unannehm⸗ lichkeiten aus.“ „Das ſollen Sie nicht,“ verſicherte ihn Lock⸗ haart,—„ich ſtehe Ihnen dafür, daß der Ge⸗ neral⸗Gouverneur, ſobald wir zurück kommen, den ganzen Sachverhalt genau erfährt. Ich bin ſel⸗ ber intim mit ihm befreundet und weiß, wie viel ihm daran liegt), Beweiſe gegen den wirklichen Urheber jener Defraudation in Händen zu haben. Ich ſtehe Ihnen auch dafür, daß er jeden Schritt billigen wird den Sie dafür thun; Sie können es deshalb getroſt wagen, dies erbärmliche Sub⸗ 1 jekt in ſeinem Namen zu begnadigen, vorausge⸗ ſetzt nämlich, daß er auch Alles erfüllt was er uns verſpricht.“ 1 „Hab' ich Ihr Wort dafür?“ 199 „Ja— das haben Sie.“ „Gut— wir wollen es mit dem Lump ris⸗ kiren. Herr Jooſt,“ redete er dann den Gefan⸗ genen laut an, indem er ſich gegen ihn wandte; —„Sie werden begreifen, daß ich große Ver⸗ antwortung auf mich nehme, wenn ich Ihnen nach dem Vorgefallenen Ihre Freiheit garantire. Halten Sie aber Alles, was Sie verſprochen ha⸗ ben, und ſind Sie bereit, in Batavia ſelber als Zéuge gegen Heffken aufzutreten, ſo verſpreche ich Ihnen, daß Sie augenblicklich die Erlaubniß ha⸗ ben ſollen Java zu verlaſſen, ſobald der Zeugen⸗ verhör gegen den Schuldigen geſchloſſen iſt.“ „Und bis dahin?“ „Bleiben Sie allerdings in Gewahrſam, wer⸗ den aber nicht— als Verbrecher behandelt.“ „Ich habe Ihr Ehrenwort?“ „Ja.“ „Ich danke Ihnen,“ ſagte Jooſt, und während ein tief heraufgeholter Seufzer ſeine Bruſt hob, und über ſeine häßlichen Züge ein triumphirendes Lächeln zuckte, fuhr er leiſe fort—„und jetzt laſſen Sie uns, je eher deſto beſſer, aufbrechen, und ich ſtehe Ihnen mit meinem Kopf dafür ein, daß ich Klapa in Ihre Hände liefere.“ X. Hoch droben in den Bergen, ſcheinbar abge⸗ ſchnitten von dem Verkehr mit der übrigen Welt, und ſo einſam und ſtill, als ob ſie nicht von grü⸗ nender Waldung, ſondern von ſtürmenden Wo⸗ gen umgeben wäre, lag eine kleine, Indianiſche Hütte. Von einem Luftballon aus geſehen, hätte ſie jedenfalls den Eindruck gemacht, als ob der Erbauer derſelben, den Wald eigends dazu aus⸗ gehöhlt und dieſe Hütte wie ein Ei in ein Neſt hineingelegt habe. Selbſt aber auch aus den Büſchen heraus den kleinen, freien Platz betre⸗ tend, umdrängte ihn die Waldung wie eine feſte Wand, und während rieſige, ſilbergraue und ſäu⸗ lenartige Stämme eine Wucht von zu Feſtons ge⸗ ſchlungenen Lianen und Orchideen trugen, ragten darunter die leicht gefiederten Wipfel der Farrn⸗ palmen, die breiten, vom Wind eingeriſſenen Blät⸗ ter der wilden Piſangbäume hervor. Still und verſteckt in dieſem Gewirr von Bäu⸗ men und Pflanzen, wie es nur eben ein ſolcher gebirgiger und von reichen Quellen durchzogener Tropenſtrich erzeugen kann, lag dieſe enge Bam⸗ bushütte, mitten in einem kleinen Feld, das zur einen Hälfte mit rothem Reis, zur anderen mit Katjang tjina) bepflanzt war. Schatten aber gaben ihr ein paar Manga und Manguſtan Bäume während zwei Cocospalmen und eine Areka ihre auf ſolcher Bergeshöhle ziemlich niedrigen Stämme, mühſam durch das Laub der Fruchtbäume dräng⸗ ten, und ihre Kronen mit deren breiten Wipfeln miſchten. Wohl führte nun von hier aus ein ſchmaler Weg in den Wald hinein und durch dieſen hin zu den Wohnungen anderer Menſchen. Von der Wohnung ſelber aus war er aber gar nicht zu ſehen, denn breite Piſangblätter hingen darüber hin, und dig wilde Himbeere drängte ihre Schöß⸗ linge von rechts und links hinüber. Ein Frem⸗ *) Katjang tjina(chineſiſche Bohne) die Erdnuß, die auch in Nordamerika ſehr viel angepflanzt wird und nußar⸗ tig ſchmeckt. [—— 202 der hätte ihn aber ſelbſt nicht einmal verfolgen können, denn ob er gleich früher mit dem Kle⸗ wang ausgehauen worden, brauchte dieſe Ve⸗ getation keine Jahre, nicht einmal Monate, ihn wieder von allen Seiten zu überwuchern.— Der Wanderer mußte dazu bald einem hin⸗ übergeſtürzten Baum ausweichen, bald an einer felſigen Ravine niederklettern, und einmal den Pfad verloren, ob man auch ſelbſt der Richtung treu geblieben, wäre es nicht möglich geweſen ihn wieder aufzufinden. In früheren Zeiten mochte dieſe Stelle im Walde freilich mehr Leben gezeigt haben, denn je⸗ denfalls hatte hier einmal, wie die zurückgelaſſenen Cocos und Arenpalmen auch bezeugten, ein Dorf oder Kampong geſtanden. Aus irgend einem Grund aber— vielleicht der überhand nehmenden Tiger wegen— war er von den Bewohnern verlaſſen wor⸗ den, und kaum nicht mehr zurückgehalten, wucherte das reiche Pflanzenleben überall empor. Die al⸗ ten Hütten zerfielen und verfaulten; wo ſie ge⸗ ſtanden keimten junge Stämme auf, und reckten ſchon nach kurzer Zeit die Zweige aues, und wäh⸗ rend die eigentliche Lichtung noch immer die Oeff⸗ nung in dem Urwald zeigte, der den Kampong einſt umſchloſſen, hob ſich das Grün der Büſche 203 mit jedem Jahre mehr und mehr empor, und drohte ſchon bald wieder die alte Höhlung aus⸗ zufüllen. Dort hinein hatten die neuen Bewohner jetzt ihre einfache Heimath gebaut, und nicht etwa der günſtigen, verſteckten Lage wegen, denn ähnliche hätten ſie auch an vielen anderen Stellen gefun⸗ den, wo ſie noch außerdem nicht mit ſolch üppig gewaltigem Pflanzenwuchs zu kämpfen hatten, wie gerade hier,— aber die zurückgelaſſenen Palmen und Fruchtbäume gaben dem Platz auch wieder einen Vortheil, den ihnen kein anderer Punkt im wirklichen Urwald bieten konnte. Wie ſchwer hier freilich Patant hatte arbeiten müſſen, der Wildniß dieſen kleinen Acker abzu⸗ zwingen, und den alten Fruchtbäumen wieder Licht und Freiheit zu geben, wußte nur er; aber mit leichtem Herzen ging er daran, denn galt es nicht ſeinem eigenen kleinen Herd, galt es nicht ſeinem armen Mädchen, ſeiner Melattie ein Obdach, eine Heimath zu gründen? Schon früher hatte er ſich dieſen Platz, den ſelbſt nur wenige von den Eingeborenen kannten, auserſehen. Er, vor vielen Anderen, würde auch vielleicht ein Anrecht darauf gehabt haben, denn er war hier geboren worden, und ſein Vater Einer 204 mit von denen geweſen, die ſich dem Thal mehr zugezogen. Des verlaſſenen Ortes konnte ſich aber Jeder wieder bemächtigen, wenn auch nur We⸗ nige Muth genug beſaßen, all den Gefahren und der Arbeit zu begegnen, die ihrer hier wartete. Sobald er deshalb ſeine sawa und ſeinen Büf⸗ fel verkauft, den Erlös deſſelben Hetavi für die Tochter anzubieten, war er daran gegangen, hier eine Hütte zu bauen und die Wildniß zu lichten. Was kümmerten ihn die Tiger, für die er Fallen grub, und denen er mit Lanze und Khris begegnen konnte,— ſein Weib wollte er ſchon vor ihren Fängen ſchützen, und ſeinen Lebensunterhalt zwang er dem Boden ab, allen gierigen Weißen zum Trotz. Wenn er auch freilich damals nicht daran dachte, daß er dieſe ſtille Wohnung einſt als Flüchtling und Verfolgter wieder aufſuchen ſollte, hatte er doch zu keinem Menſchen davon geſprochen. Er verkehrte überhaupt mit Wenigen, und der Ein⸗ zige, der ihn einſt hier bei der Arbeit getroffen, war jetzt ein Flüchtling und Verfolgter wie er,— freilich mit größerer Schuld wie er es je geweſen. Aber auch Klapa hatte den Ort nicht wieder be⸗ treten, wenigſtens nicht, daß Patani es wußte. War er in die Anſiedlungen zurückgekehrt?— 205 hatte er ſich einem anderen Theil des Inneren zugewandt? Patani hörte Nichts mehr davon, küm⸗ merte ſich nicht darum. Klapa warſtets ein ſchlechter, gewiſſenloſer Menſch geweſen, und Patani hielt nie mit ihm Verkehr. Gleich nach ſeiner Flucht von Batavia, von wo er die ihm ſchändlich geraubte und ver⸗ kaufte Geliebte glücklich aus den Händen jenes Buben befreite, hatte er erſt mit ihr in einem Boot Java verlaſſen wollen. Einer jener plötz⸗ lichen Stürme aber, die in den Tropen nicht ſel⸗ ten bei blauem Himmel entſtehen, und ſo raſch vorbei toben, wie ſie entſtanden ſind, warf ſein Boot in Trümmern an das Land zurück, und kaum, daß er ſich noch mit Melattie in den Wald flüch⸗ ten konnte, ehe ihn die Strandwachen fanden und feſt hielten. Der größten Gefahr entging er indeß zum zweiten Mal, als er ſich ein anderes Boot ver⸗ ſchaffen wollte. Man war auf ihn aufmerkſam geworden, und es blieb ihm jetzt Nichts anderes übrig, als mit Melattie, zu ſeinem alten Zufluchts⸗ ort, in die Berge zu fliehen. Mit unſagbaren Mühſeligkeiten hatte das arme Mädchen freilich auf dem Marſch zu kämpfen, denn ſie mußten ihre Spur ſo geheim als möglich hal⸗ 4 206 ten. Nur bei dem heimiſchen Kampong raſteten ſie in einem Bambusdickicht, und mit der Abend⸗ dämmerung ſchlich Melattie in der Mutter Hütte, ihr Troſt über ihr Schickſal zu bringen. Dann flohen ſie ſo raſch ſie konnten immer waldein, bis ſie den ſtillen Fleck, tief in der Bergſchlucht, erreichten, und ziemlich ſicher waren, hier nicht von Europäern gefunden oder beläſtigt zu werden. War eine Zeit dann über jenen Vorfall ver⸗ gangen, dann durfte Patani wohl eher daran denken wieder zur Küſte zurück zu kehren, und nach den„tauſend Inſeln“ hinüber zu ziehen, falls ihm hier irgend eine Gefahr drohte. Aber ſchon der Gedanke ſchien ihm ſchrecklich; ſein Vaterland für immer zu verlaſſen. Wenig Menſchen hängen mit ſolcher Innigkeit an ihrer Heimath, wie die Be⸗ wohner dieſer Inſeln; keine haben gerechteren Grund dafür. So hoffte er denn auch hier un⸗ bemerkt, unbeachtet, in dem Schatten der näm⸗ lichen Bäume, unter denen einſt die Hütte ſeiner Eltern geſtanden, und von der ihn umgebenden, freundlichen Wildniß geſchützt, ſein Leben genießen zu dürfen. Hierher drang nicht das rege Treiben der Welt, die, ſelbſt ungeſehen, zu ſeinen Füßen lag. Nur das Gebrüll des hungrigen Tigers ſchreckte 29 vielleicht einmal in ruhiger Nacht durch den Wald, oder der Schrei des wunderlichen Pfeffervogels brach die Sille und antwortete dem klagenden Ruf, eines Heulaffen, der ſich in irgend einem Baum⸗ wipfel langweilte. Aus Pfoſten mit geflochtenen Bambuswänden aufgerichtet, das Dach mit feſt zuſammen geſchnür⸗ ten Palmenfaſern gedeckt, lag hier die kleine Hütte, der ſelbſt ein Gärtchen nicht fehlte, Alles das zu ziehen, was die Natur ja ſo im Ueberfluß bot, und was ſie doch zu ihrem Leben brauchten. Frei⸗ lich ſah Alles noch ein wenig neu, noch nicht recht eingewohnt aus; noch war die Wunde nicht or— dentlich vernarbt, die Patanis Klewang dem Wald geſchlagen. Aber dennoch trieb ſchon der breit⸗ blättrige Piſang ſeinen ſaftigen, dicken Stamm aus der noch feuchten Erde auf, die Sirihpflanze ſchlang ihre grüne Ranke um junge Stämme des Kaffeebaums, den eine frühere Generation ge⸗ pflanzt, und die zwei ſchlanken Arekapalmen, die dicht vor dem Eingang der Hütte ſtanden, ſchüt⸗ telten ihre reifen Nüſſe auf den Boden nieder. Auch das Innere der kleinen Wohnung war ärmlich genug, und beſtand in wenig mehr als einer ordinairen Binſenmatte, ein paar Kopf⸗ und Kniekiſſen mit Kapaswolle geſtopft, und meh⸗ * 208 reren kurz geſchnittenen Bambusſtöcken, Waſſer darin zu holen; die Hütte aber war Melattie Wohnung, und Patani ſah ſeinen Himmel darin. Dieſer Theil der Erde iſt auch jedenfalls noch ein Land, in dem„eine Hütte und ihr Herz“ genügen mögen, glücklich zu ſein und zu bleiben— aber die Schlange fehlte auch im Paradieſe nicht. Klapa war Einer jener geſetzloſen Burſchen, die ſich unter allen Völkern, in allen Lebens⸗ verhältniſſen finden, und entweder zu genial oder — zu faul zum Arbeiten ſind. Daß ſich dergleichen Geſellen dann nicht ſelten außergewöhnliche Wege bieten Geld zu verdienen, läßt ſich denken. Sie ſind nie durch eine feſte Beſchäftigung abgehalten den paſſenden Moment zu ergreifen; ſie haben immer Zeit, und eine Art von Inſtinkt das für ſie Paſſendſte und Bequemſte herauszuſuchen. Nur mit der Policey gerathen derartige Menſchen zu⸗ letzt in Widerſpruch, und führen eigentlich ihr ganzes Leben lang einen Guerillakrieg gegen dieſel⸗ ben, der allerdings faſt immer zu ihrem Nachtheil en⸗ digt. Sie behaupten dann, in dem Bewußtſein, daß noch tauſend Andere ihres Gelichters draußen frei ihr Weſen treiben: ſie hätten kein Glück— und verſchwinden vom Schauplatz ihrer bish 3 2090 Thätigkeit, Anderen— Schlaueren eine Zeitlang Raum zu geben. Wir finden derartige Subjekte eben ſo wohl in den civiliſirteſten Städten Europas, in Lon⸗ don, Paris oder Berlin, wie auf den Inſeln der Südſee oder unter den wilden Horden der Amerikaniſchen Wildniß— ob in Auſtralien, ob in Afrika innerhalb der Polarkreiſe oder unter dem Aequator.— Nur ihre Wirkſamkeit iſt ver⸗ ſchieden, und muß ſich natürlich, den ſie umgeben⸗ den Verhältniſſen anpaſſen, aber alle dieſe Vaga⸗ bunden ſelber ſind nach einer einzigen Chablone gezeichnet, und es bleibt ſich vollſtändig gleich, ob ſie in einer ſchwarzen, weißen, gelben oder brau⸗ nen Haut ſtecken. Klapa trug eine braune, und war Einer der durchtriebenſten und gewiſſenloſeſten Exemplare ſeiner Art. Jetzt aber gerade aus dem flachen Land mit der Ernte ſeiner Thätigkeit zurückgekehrt, wollte er ſein Leben auch genießen, und, vor der Hand wenigſtens, Nichts unternehmen, was ihn hätte in neue Gefahr bringen können. Schon oft hatte er ja das alte Mittel bewährt gefunden; ſich nur eine Zeitlang außer Sicht zu halten. Hier in den Bergen wußte er dabei genau Beſcheid; kannte — 14 Unter dem Aequator. III. jeden Wildpfad, jeden Thaleinſchnitt, und würde ſich, einmal in dem Schatten dieſer Wälder nicht „gefürchtet haben, und wenn er die ganze Bata⸗ viſche Policey hinter ſich gewußt hätte. Klapa hatte, wie ſchon geſagt, vor längerer Zeit einmal— wie er ſich auch aus dem Wege hielt, einer unerwünſchten Begegnung mit dem Oppaß des Reſidenten zu entgehen— Patani hier im Wald und dem alten Kampong getroffen. Nach⸗ her war er ihm aus dem Geſicht gekommen, und erſt ſpäter erfuhr er in einer der benachbarten Deſſas, daß die Policey der Wolandas nach Pa⸗ tani geſucht habe, weil er einen Weißen in Ba⸗ tavia mörderiſch angefallen, und ein von dieſem gemiethetes Mädchen geſtohlen habe. Man glaubte damals allerdings in der ganzen Gegend, Patani ſei zur See entkommen; Klapa aber wußte es beſſer und ſuchte und fand eines Tages wieder den ſtill verſteckten, freundlichen Platz im Wald, der zwei glücklichen Menſchen Schutz und Obdach gab,— der zwei bis dahin glückliche Menſchen in Angſt und Sorge laſſen ſollte, als er ſie verließ. Rückſichtslos Alles unter die Füße tretend, was ſeinem eigenen Selbſt, ſeiner Sinnenluſt im Wege ſtand, hatte er eine Zeit, in der Patani * 211 auf der Jagd abweſend war, benutzen wollen, ſein treues Weib ihm abwendig zu machen. Er log ihr von einer freundlichen Deſſa vor, die ſein⸗ eigen gehöre, von fruchtbaren sawas und fetten Heerden, und wollte ſie mit ſich locken in den Wald. Aber Melattie wies ihn ſchnöde ab und als er dringender und kecker wurde, erſchien zur rechten Zeit Patani, dem der Buhle kaum ent⸗ gehen konnte. Wie der Kiedang ſeiner Wälder floh er in das Dickicht hinein, und der ihm nach⸗ geſchleuderte arit blieb zitternd in dem ſchlanken Schaft einer Cocospalme ſtecken, hinter der der Flüchtling eben kaum verſchwunden war. Von der Zeit an verlebte Melattie keine ruhige Stunde mehr, denn immer fürchtete ſie die Rache Klapas, der, wie ſie recht gut wußte, mit den Weißen in Batavia in ſteter Verbindung ſtand. Patani ſelber, wenn er die Gefahr auch nicht für geringer hielt, zeigte es doch weniger, und ſuchte auch die Furcht bei Melattie zu zerſtreuen— aber es gelang ihm nicht. Patani— das wußte Melattie recht gut— hatte nach einem Europäer mit dem Khris geſtoßen— alſo ihn auch, ihrer Meinung nach— jedenfalls getödtet, und wenn er von den Holländern gefangen wurde, war ihm der Tod durch Henkershand gewiß. 14* Patani, durch ihre Sorgen endlich auch an⸗ geſteckt, traute dieſem Klapa eben ſo wenig wie ſie und um nicht der Gefahr ausgeſetzt zu ſein, an ir⸗ gend einem Tage einmal gefaßt und überfallen zu werden, beſchloß er mit ſeiner Frau wieder nach der Nordküſte Javas hinabzuſteigen. Soviel Geld hatte Patani noch zur Noth, irgend ein kleines Boot zu kaufen, und einmal erſt draußen in See, trafen ſie ſchon eine Prau an, die ſie an irgend einer der zahlreichen, den Archipel ausfüllenden Inſeln abſetzen konnte. Freilich ſein ſchönes, liebes Java mußte er da verlaſſen, nie, nie vielleicht hierher zurück zu keh⸗ ren, und das Herz hätte ihm bei dem Gedanken brechen mögen,— doch was halfs? Wäre er ſei⸗ ner Freiheit, ſeiner Melattie beraubt worden, hätte es ihm auch das Herz gebrochen, und lieber Verbannung mit ihr, als ein Paradies ohne ſie ertragen. Patani hatte auch ſchon alle die nöthigen Vor⸗ bereitungen getroffen, Lebensmittel für einen län⸗ geren Marſch zuſammen gepackt und ihre Abreiſe ſelbſt auf dieſen nämlichen Abend feſtgeſetzt. Mochte die Hütte dann wieder zerfallen, gerade ſo wie jene, die vor ihr an dieſer Stelle geſtanden; mochte der Wald ſich wieder über dem ſtillen, lauſchigen Plätzchen ſchließen und der wilde Pfau aufs Neue das Feld, das der Menſch geſäet, plündern und Abends in den nächſten Palmen aufbäumen;— mochte der Tiger wieder die Lichtung umſchleichen, wo ihn die Nähe menſchlicher Wohnungen nicht mehr ſchreckte. Er wußte, daß die Rache der wei⸗ ßen Männer, weil er das Blut Eines ihres Stam⸗ mes vergoſſen, bald gefährlicher ſein würde, als der Zahn des gierigſten Tigers, als alle Schrecken ſeiner Wildniß, und vor deren Rache konnte ihn eben Nichts retten.— Was wußten dieſe Chriſten von Verſöhnung— von Verzeihen. Melattie fühlte dies Scheiden von dem ſo lieb gewonnenen Platz wohl noch viel ſchmerzlicher wie ihr Gatte; aber ſie ſprach kein Wort darüber; keine Klage kam über ihre Lippen, und ſchweigend rollte ſie an dem Morgen die leichte Matte zu⸗ ſammen, ihr einziges Beſitzthum in der weiten Welt, das ſie aus ihrer Heimath mit fortnehmen konnte. Fielen auch die großen, hellen Thränen darauf nieder— was thats? Patani ſah ſie ja doch nicht, denn er war noch einmal hinaus in den Wald gegangen, ſein Werkzeug, das er hier zurücklaſſen mußte, zu verbergen. Wer wußte denn, ob er nicht doch noch einmal hierher zurückkehren 214 könne— und wenn nicht, ſollte wenigſtens nicht Klapa ſein Erbe ſein. Melattie ſtand vor der Thür, die zuſammenge⸗ rollte Matte über ihre Schulter gehangen, nur den Sarong um die ſchlanken Hüften und über die linke Schulter noch ein Tuch geworfen, in dem ausgeſchälter Reis lag, unterwegs davon zu zehren. Aber wo blieb Patani?— Schon neigte ſich die Sonne und es wurde Zeit, daß ſie aufbrachen, wenn ſie vor Dunkelwerden noch das offene Land erreichen wollten.— Wo er nur blieb?— aber jetzt rauſchte es in den Büſchen— ſie war ihm ſchon, bis dahin wo ſie ihn erwartete, entgegen⸗ gegangen— jetzt theilte ſich das zitternde Bana⸗ nenlaub und— vor Schreck brach ſie in die Knie und ſtreckte flehend die Arme aus, als im nächſten Augenblick der gefürchtete Klapa mit noch zwei fremden Javanen auf ſie zu ſprang. Wohl dachte ſie an Flucht, aber das ſchwere Bündel das ſie trug hemmte ſie daran, und ehe ſie es abwerfen konnte, umſchnürte feſter Baſt die Gelenke ihrer Hände. „Hülfe!“ rief ſie jetzt, ſo laut ihre Stimme trug, den Geliebten herbei zu rufen,„Hülfe! Hülfe! Patani!“— aber nur Klapas höhniſches Lachen antwortete ihr. 215. „Du haſt es vorgezogen, Du thöricht Ding,“ rief er ihr drohend zu,„bei dem albernen Jungen auszuharren und trockenen Reis zu eſſen, wo ich Dir ein reiches Leben bieten konnte. Gut, nimm jetzt die Folgen. Die Reiſe bis Bandong wirſt Du allerdings mit Deinem Schatz zuſammen ma⸗ chen können, dort werdet ihr Euch aber trennen müſſen, denn Du wirſt Deinem rechtmäßigen Herrn wieder nach Batavia geſchickt, während Patani Rechenſchaft geben mag, weshalb er nach dem Weißen mit ſeinem Khris geſtoßen.“ „Patani!“ ſchrie Melattie entſetzt,— Patani! rette Dich! rette Dich!“ und ihr gellender Angſt⸗ ruf ſchallte durch den Wald. Aber Klapa ſpottete: „Gieb Dich zur Ruh, mein Täubchen! Patani iſt ſo gut in Sicherheit wie Du, und wenn er Dich hört, kann er leider nicht zu Hülfe ſpringen. Aber fort mit der Dirne!“ rief er dann plötzlich ſeinen Begleitern zu,—„der weiße Tuwan war⸗ tet, und will heute Abend noch nach Bandong fahren. Hebt ſie auf, wenn ſie nicht gutwillig gehen will; das Ding iſt leicht und trägt ſich. beſſer den Berg hinunter, als daß man ſie, wenn ſie ſich anhakt, führen könnte— fort mit ihr!“ Bei dieſen Worten hatte er ſchon ein dünnes 216 Baſtſeil von ſeinem Arm losgeſchlungen, und es um Melatties Knie werfend, die er damit feſt zu⸗ ſammen zog, befand ſich das arme junge Weib wenige Secunden ſpäter, machtlos in ihrer Feinde Gewalt, die mit ihr gleich darauf im dichten Wald verſchwanden. XI. Von munteren Pferden gezogen, fuhr die kleine Geſellſchaft in die Berge hinauf, und Hedwig war von all dem Neuen, Wunderbaren was ſie umgab, faſt wie betäubt. Wie ſie unten in dem Thal, in den friedlichen, kleinen Fruchtoaſen der Deſſas von der Lieblichkeit der Landſchaft entzückt geweſen, ſo ſtaunte ſie hier über die mächtig wilde und groß⸗ artige Natur, die ihr von allen Seiten entgegen trat. Van Straatens hatten dabei doppelten Genuß mit dem jungen Mädchen, denn nicht allein, daß es ſie herzlich freute zu ſehen, wie dankbar und jubelnd die junge Fremde jede neue, ſich ihr bie⸗ tende Schönheit begrüßte, ſo wurden ſie auch ſel⸗ ber auf Manches in ihrer Umgebung aufmerkſam 218 gemacht, das ſie ſonſt, als eben etwas ganz All⸗ tägliches, ruhig und unbeachtet hätten an ſich vor⸗ bei ſchwinden laſſen. Beſonderen Spaß machte ihnen aber die alte Kathrine, die ganz bewältigt von Staunen und Bewunderung nur immer in laute Rufe ausbrach, und von jedem neuen Gegenſtand den Namen wiſſen wollte. Van Straaten nannte ihr natür⸗ lich jedesmal den Malayiſchen Namen, den ſie eben ſo regelmäßig, weder verſtehen noch behalten konnte. Sonderbarer Weiſe dachte ſie aber bei allen dieſen, für ſie doch jedenfalls außergewöhn⸗ lichen Erſcheinungen, viel mehr an ihre Vaterſtadt, wie an Java, denn All und Jedes weckte nur im⸗ mer und immer wieder den einen Gedanken in ihr: Was werden die ſtaunen, wenn ich wieder heim komme, und ihnen das Alles erzählen kann? Die kleine Geſellſchaft hatte ſich indeſſen noch um einen Wagen und vier Reiter vermehrt. In dem Wagen ſaß Salomo Holderbreit mit Herrn Jooſt, und vier Oppaß oder Policeydiener ritten vor und hinter dem Wagen her. Dies fiel in⸗ deſſen nirgends auf, denn es iſt eine Artigkeit, die der Reſident nicht ſelten Fremden erweiſt, da⸗ mit ſie bei den Eingeborenen und Chineſen deſto freundlichere Aufnahme finden. 219 Die Burſchen ſahen dabei komiſch genug aus, in ihren bloßen Füßen, blauen Uniformen und goldlakirten, backſchüſſelartigen Hüten; aber gut zu Pferde ſaßen ſie doch, und wo dem Zuge Ein⸗ geborene begegneten, da zogen dieſe ſcheu und halb von der Straße abgewandt, den großen, bambusgeflochtenen Hut vom Kopf, oder kauerten auch wohl ſelber, eins ihrer Kniee beugend, am Boden nieder. Die Oppaß wußten, daß ſie dieſe Begrüßung von der Bevölkerung fordern konnten, denn wo ſie mit dem Wagen eines Europäers ritten, galt ſolche Demuth dem Reſidenten ſelber. Gar nicht recht war es ihnen deshalb auch, daß die Frauen und Kinder den Wägen aus dem Wege ſchlüpften, ſo raſch und ſo oft ſie konnten. Wo ſie einen Sei⸗ tenpfad fanden, in den ſie einzubiegen vermochten, thaten ſie es, ſobald ſie nur das Raſſeln der Wagen hörten, und die Kinder krochen durch jede Hecke, in jeden Buſch hinein, wo ihnen das grüne Laub nur ein irgend genügendes Verſteck bot. Hedwig hatte das ſchon unterwegs und in Bandong, aber noch nie ſo ſtark bemerkt, als ſeit ſie unter dem Schutz und zugleich der Würde je⸗ ner vier braunen Policeydiener reiſten, und wenn irgend etwas im Stande geweſen wäre, ihr den 220 Genuß der wundervollen Scenerie zu verbittern, wäre es eben nur dies geweſen. Vollkommen gleichgültig ſahen indeß die ſchon ſeit langen Jahren daran gewöhnten Europäer dieſen demüthigen Gruß der Eingeborenen, die ſcheu, mit abgezogenem Hut ſtehen blieben, bis die weißen Tuwans außer Sicht waren. Der Gruß war nicht allein etwas vollkommen Alltäg⸗ liches, ſondern der Eingeborene mußte ſogar dem Europäer dieſe Ehrfurcht erweiſen, wenn er nicht in Strafe fallen wollte. Es lohnte deshalb auch gar nicht einmal der Mühe, nur dafür zu danken. So wenigſtens betrachteten Lockhaart und Wag⸗ ner in der erſten Carreta dieſe ſtete, ihnen begeg⸗ nende Demuth— ſo ſah ſie Mynheer und Mev⸗ rouw Van Straaten an. Nur die Kathrine freute ſich über die„höflichen Menſchen,“ wie ſie dieſel⸗ ben nannte, verglich ſie im Geiſt mit Erinnerun⸗ gen, die ſie von Sachſenhauſen mitgebracht, und die nicht zu Gunſten der Sachſenhäuſer ausfie⸗ len, und dankte jedes Mal auf das Verbindlichſte — ſehr zur ſtillen Freude Van Straatens, wie zum unbegrenzten Erſtaunen der Eingeborenen ſelber, die noch nie eine derartig freundliche und 221 zugleich ſo ſonderbar ausſehende Weiße geſehen hatten. Im dritten Wagen ſaßen, wie ſchon vorher erwähnt, Salomo Holderbreit und Herr Everhard Jooſt, und der Geiſtliche war allerdings nicht mit dieſer Geſellſchaft einverſtanden, hatte ſie aber doch endlich geduldet, da er eben keine andere be⸗ kommen konnte. Auf ſeinen dringenden Wunſche, ſich der Geſellſchaft anſchließen zu dürfen, ſtellte ihm nämlich Lockhaart nur die einzige Alternative, entweder ſelber einen Wagen zu miethen(was ſehr viel Geld koſtete) oder für kurze Zeit Herrn Jooſts Nachbarſchaft zu ertragen. „Und ich ſehe auch nicht ein, weshalb Sie ſich weigern wollten,“ ſetzte er hinzu,„denn da Sie vorher ſo eng befreundet mit dieſem Herrn wa⸗ ren, brauchen Sie ſich jetzt auch nicht ſo zu ge⸗ niren.“ „Aber ich wußte damals nicht, daß er—“ „Andere Menſchen betrogen hätte?— Sie haben ganz Recht; das war der alleinige Unter⸗ ſchied.— Sie wußten es eben nicht, und das iſt unſere Entſchuldigung immer, wenn wir mit Frem⸗ den verkehren. Wir wiſſen eben nicht, wer und was Sie ſind, und bekümmern uns auch nicht viel darum. Keiner z. B. von uns Allen kennt 222 Sie und ihre Vergangenheit hier; Sie können eben ſo gut der edelſte Menſch, wie der nichts⸗ würdigſte Hallunke ſein.—“ „Aber als Geiſtlicher—, „Bah— Thorheit— where is the difference? Machen Sie jedoch was Sie' wollen; fahren Sie mit oder bleiben Sie hier!“ und damit drehte ſich der alte Herr von ihm ab. Salomo Holder⸗ breit war aber feſt entſchloſſen mitzufahren, und ließ ſich deshalb ſelbſt Herrn Jooſt gefallen, über den er mehr gehört hatte, als ihm lieb war, und neben dem er jetzt durch die wunderliebliche Land⸗ ſchaft in die Berge hinein rollte. Beide Reiſegefährten waren aber, beſonders beim Anfang, nicht ſehr zum Reden aufgelegt, doch würde man Jooſt Unrecht gethan haben, wenn man geglaubt hätte das Bewußtſein von Herrn Salomo Holderbreit erkannt zu ſein, trüge die geringſte Schuld dabei. Wenn ſich, ſeiner Meinung nach, Jemand zu ſchämen hatte daß er überliſtet ſei, ſo war es eben der Geiſtliche, und der Mann ihm überhaupt zu fremd und gleich⸗ gültig, ſich weiter um ihn zu bekümmern. Nein, ſeine Hauptſorge lag tiefer, und zwar darin, ob er den ſchlauen Klapa auch wirklich überliſten könne oder nicht— in welch letzterem Falle ſich 223 — denn auch dieſer eiſerne Lockhaart an kein Ver⸗ ſprechen gebunden hielt. Dieſen Klapa kannte Herr Jooſt aber viel zu genau, um nicht mit Recht an einem ſicheren Erfolg zu zweifeln, und doch hing ſeine eigene Freiheit davon ab. Wenn man Herrn Jooſt freilich ſo bequem, und allem Anſcheine nach kaum beachtet, in dem Wagen ſitzen, oft auch, wo der Weg ſteil anging, ausſteigen und daneben her gehen ſah, hätte man 1 denken ſollen, er ſei ſchon jetzt frei, und Nichts 1 könne ihn daran verhindern, zu jeder ihm belie⸗ bigen Zeit in den Urwald zu fliehen, wo eine Verfolgung faſt unmöglich geweſen wäre. Herr Jooſt wußte aber leider nur zu gut, wie der Urwald im Inneren ausſah, und daß er dort ſein Leben nie und nimmer hätte auf die Länge der Zeit friſten können— Schlangen und Tiger noch nicht einmal gerechnet, die er mehr fürchtete, als er gern eingeſtehen mochte. Nicht um alle Freiheit der Welt hätte er des⸗ halb auch nur eine einzige Nacht im Wald allein zubringen mögen, denn in ſeinem dunklen Schat⸗ ten lagerten tauſende von Schrecken für ihn. Selbſt in einer Hütte der Eingeborenen hätte er ſich aber nur ſo lange halten können, als ſein mitgenommenes Geld reichte, die Leute zu be⸗ ſtechen, denn welches Intereſſe nahmen dieſe an einem Europäer ſich die Strafe des Reſidenten, den Zorn ihres eigenen Regenten oder Häupt⸗ lings über den Hals zu ziehen, irgend einen ſchlechten Weißen zu verbergen? Nein mit ſol⸗ chen Gedanken an Flucht hätte ſich vielleicht ein Neuling herumtragen können, Herr Jooſt kannte aber das Land und ſeine Sitten und Bewohner zu genau für ein derartiges Wageſtück, auch nur den Plan zu machen.— Er wußte ja doch, daß er ihn nicht hätte ausführen konnen. Das Einzige an was er dachte war Klapa und deſſen Ueberliſtung, und jeden Javanen der bei ihrem Wagen ſtehen blieb und demüthig den Bambushut zog, blickte er raſch und ſcheu von der Seite an, als ob er fürchtete Klapa könne unter ihnen ſein, und müſſe ihm dann ſeine verrätheriſchen Abſichten an der Stirn leſen. Sein häufiges Hinüberblicken nach den Grü⸗ ßenden brachte endlich Salomo Holderbreit zu der Vermuthung, Herr Jooſt mißbillige dies knech⸗ tiſche Benehmen ebenſo wie er. Ließen ſich doch die Weißen hier eine faſt abgöttiſche Ehr⸗ furcht erzeigen, und ſo durfte ſich kein Menſch vor dem anderen demüthigen; es war dies eine 225 Entheiligung des Knieens, das nur vor Gott ge⸗ rechtfertigt ſein konnte. Herr Holderbreit dankte allerdings im Anfang jedesmal den Grüßenden, während Herr Jooſt gedankenlos über ſie hinaus in die Wipfel der Bäume ſtarrte; endlich aber konnte er es nicht mehr über ſich bringen dazu zu ſchweigen, und er ſagte, ſich zu ſeinem Reiſegefährten wen⸗ dend.— „Das ſollte nicht geduldet werden— es iſt eine Entwürdigung des Menſchen.“ „Was?“ frug Herr Jooſt zerſtreut. „Dieſes Verbeugen und Niederkauern vor uns,“ fuhr aber Salomo Holderbreit fort.„Ich werde dem Reſidenten, ſo bald ich nach Bandong zurückkomme, Vorſtellungen darüber machen, es jedenfalls zu verbieten, denn es läßt ſich ja gar nicht mit der Chriſtlichen Religion ver⸗ einigen.“ Jooſt murmelte einige unverſtändliche Worte vor ſich hin, an denen Herr Holderbreit Nichts verlor, denn es waren eben keine Schmeicheleien für ihn.. „Wie ſagten Sie?“ frug der Geiſttliche. „Herr Holderbreit,“ erwiderte ihm da Jooſt Unter dem Aequator. III. 15 —„ESie werden mir zugeſtehen, daß ich manche Erfahrung in Java geſammelt habe, nicht wahr?“ Die Frage kam dem Deutſchen, unter den eigenthümlichen Verhältniſſen unter denen er den Mann wußte, ſo unerwartet, daß er in der That im Anfang gar nichts darauf erwidern konnte. Endlich ſagte er langſam.— „— al— ich ſollte denken.“ „Nun gut,“ entgegnete Jooͤſt, den dies Zö⸗ gern weiter nicht berührte—„wenn Sie dann dem Rath eines Mannes von Erfahrung folgen wollen, ſo bekümmern Sie ſich, ſo lange Sie hier auf Java leben, weder um die Verbeſſerung der Sitten, noch des Glaubens unſerer Eingeborenen — überhaupt gar nicht um dieſe.“ „Aber ich bin doch nur deshalb hergekommen um—“ „Bitte, bemühen Sie ſich nicht mir eine Aus⸗ einanderſetzung zu geben,“ unterbrach ihn Jooſt trocken,„ob Sie meinen Rath befolgen wollen oder nicht, kann mir ganz gleichgültig ſein. So⸗ viel darf ich Sie aber verſichern, daß die Hol⸗ ländiſche und beſonders die Colonialregierung ge⸗ nau weiß, was ſie und wie ſie's thut. So lange der Javane den Curopäer noch gewiſſer⸗ maßen für ein höheres Weſen hält und ihm die 22r dazu nöthige Ehrfurcht beweißt, ſo lange dürfen die Weißen auch hoffen, hier die Herren zu blei⸗ ben. Sobald das einmal nicht mehr der Fall iſt, haben ſie ausgeſpielt. „Aber die Chriſtliche Religion.“ „Werden Sie nicht langweilig,“ ſagte Herr Jooſt;—„übrigens nähern wir uns unſerm Ziel. Da vorn liegt Tjiledi, wo wir bei einem ganz gemüthlichen Heiden und Götzenanbeter, einem Chineſen, abſteigen werden; machen Sie ſich wenigſtens darauf gefaßt, die Wohlgerüche mit einzuathmen, die er ſeinen Göttern an- zündet.“ b „Und ſollten denn nicht einmal dieſe Chineſen, die ein ſo geſcheutes und induſtriöſes Volk ſind, zu überzeugen ſein, daß Ihre Religion ein reiner ſyſtematiſcher Wahnſinn iſt?“ ſagte Hol⸗ derbreit. „Verſuchen Sie es,“ erwiederte lächelnd Herr Jooſt. „Wiſſen Sie nicht, daß es meine Pflicht iſt?“ „Ich weiß, daß Ihre Pflicht iſt, ſich um lauter Sachen zu bekümmern, die Sie eigentlich gar Nichts angehn,“ erwiederte trocken der Hol⸗ länder.„Machen Sie das alſo mit ſich ſelber aus, und ſein Sie ſo gut und laſſen Sie mich 3 15z damit ungeſchoren.— Ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich andere, wichtigere Sachen im Kopf habe.“ Herr Holderbreit, eigentlich darüber etwas beleidigt, wollte darauf erwiedern. Der erſte Wagen hielt aber ſchon in dieſem Augenblick vor dem Haus, aus dem ein breitſchultriger, lang⸗ zöpfiger Chineſe mit freundlichem Grinſen und die Mütze in der Hand trat, und dem dagegen völlig gleichgültigen Lockhaart eine Menge tiefe und ehrfurchtsvolle Verbeugungen machte. Wenige Minuten ſpäter war die ganze Ge⸗ ſellſchaft ausgeſtiegen, und während Jooſt mit dem Chineſen raſch und heimlich einige Worte wech⸗ ſelte, ſammelten ſich die übrigen Gäſte in einem offenen, nur mit einem Dach verſehenen Neben⸗ bau des Hauſes— einer Art Baulichkeit wie ſie bei uns nicht ſelten in öffentlichen Gärten ſtehen„um Concerte im Freien“ darunter ab⸗ zuhalten. In Tiledi ſollten die Pferde gewechſelt wer⸗ den, bis aber dieſe kamen dauerte es eine längere Zeit, und der Chineſe hatte, ſeine Gäſte zu ehren, Thee beſtellt, der augenblicklich ſervirt wurde. Lockhaart war indeß das Flüſtern Jooſts mit dem Chineſen nicht entgangen, aber er wußte 229 auch, daß Jooſts eigenes Intereſſe nur darin lag, ihnen zu dienen, und konnte ihn deshalb recht gut ſich ſelber überlaſſen. Daß er den Einge⸗ borenen jeden Augenblick ſeiner eigenen Sicher⸗ heit opfern würde, verſtand ſich außerdem von ſelbſt— zu dieſem Zweck hätte er keinen Men⸗ ſchen auf Gottes Erdboden geſchont. Während ſich nun die kleine Geſellſchaft in der offenen Verandah ſammelte, konnte Lockhaart, der ſie Alle ſcharf beobachtete, die Veränderung nicht entgehen, die mit Salomo Holderbreit, und zwar ſehr zu ſeinem Vortheil, ſtatt gefunden hatte. An Bord der Rebecca nämlich war er nur ein unausſtehlich eingebildeter, proteſtantiſcher Geiſt⸗ licher geweſen, der ſich für unfehlbar hielt, und ſeine Reiſe nach Java als einen einfachen Sie⸗ geszug betrachtete, in dem er rechts und links die Ungläubigen zu Boden mähen, und gute Chriſten daraus entſtehen laſſen würde.— Statt deſſen hatte er hier, ſo kurz ſein Aufenthalt auch bis jetzt geweſen, doch noch Nichts als Enttäuſchungen erlitten. Selbſt mit der Sprache kam er nir⸗ gends fort, wo er früher ebenfalls geglaubt, daß die Eingeborenen holländiſch verſtänden, alſo ihm auf halben Wege entgegen kämen. Wo er ging und ſtand brauchte er daher Unterſtützung und Hülfe von anderer Seite, und das Einzige was er den Leuten dafür bieten konnte: ſeine Ueber⸗ zeugung von der Alleinſeligmachung der Chriſt⸗ lich Evangeliſchen Religion, hatte hier ſo wenig Werth, und wurde überall ſo gleichgültig zurück⸗ gewieſen, daß er mit jedem Tage mehr und mehr in ſich ging, und ſchon keine Spur von Ueber⸗ muth mehr zeigte. Salomo Holderbreit, ehe ihn der Chriſtliche Stolz aufblies, war auch ein ganz einfacher, bra⸗ ver Menſch geweſen, der vielleicht ſeine geiſtigen Kräfte etwas überſchätzte, aber wiſſentlich nie et⸗ was Böſes oder auch nur Unrechtes that. Er hatte nur, wie leider ſehr viele ſeiner Klaſſe, die feſte Ueberzeugung, daß ſeine Dogmen den allei⸗ nigen Urquell aller Wahrheit, alles Wiſſens um⸗ ſchlößen und dadurch auch in ſeine Hand die Macht gegeben ſei zu ſegnen und zu fluchen. In dieſen Theorieen den größten Theil ſeines Lebens verbracht, trat er eigentlich hier zum erſten Mal in das praktiſche Leben hinaus, und fand ſich da plötzlich von einem Volk umgeben, das ihn völlig ignorirte und ſich, ohne alles das was er ihm bringen wollte und konnte, vollkommen wohl und anſcheinend glücklich fühlte.— Es wäre über⸗ haupt allen Miſſionairen zu wünſchen, daß ſie 231 erſt einmal eine Lehrzeit in einer der Holländi⸗ ſchen Colonien beſtänden. Salomo Holderbreit gab deshalb allerdings die Vorſätze, mit denen er Java betretén, noch nicht auf; ſeine Anſprüche aber hatten ſich um ein Bedeutendes heruntergeſtimmt, und er ſelber war dadurch, was nur vortheilhaft für ihn ſein konnte, um ein großes Theil beſcheidener gewor⸗ den. Viel trug ebenfalls dazu die letzte Erfahrung mit Herrn Jooſt bei, denn vor dieſer hatte er ſich für eine Art von Menſchenkenner gehalten, der nicht ſo leicht hinters Licht geführt werden könne. Hier aber mußte er ſich doch geſtehen, daß er durch einen ganz gemeinen Betrüger war dupirt worden. Daß aber Lockhaart und Wagner noch mit dem Mann umgingen, verwirrte ihn ganz, denn ſeiner Meinung nach, mußte auf einen ent⸗ deckten Betrug, noch dazu, wenn man den Thä⸗ ter darauf ertappte, auch unfehlbar die Strafe folgen. Herr Jooſt wurde aber von den beiden Herren, ſo wenig ſie ihn auch beachteten, noch immer als ihres Gleichen behandelt— freilich nur deshalb, um bei den Damen keinen Verdacht zu erregen und dieſe zu beunruhigen— wohin ſollte aber das führen? Zum erſten Mal in ſeinem Leben fing er 232 übrigens an ſich in Damengeſellſchaft wohl zu fühlen, und am Meiſten ſetzte ihn das vollſtändig veränderte Benehmen ſeiner Reiſegefährtin in Er⸗ ſtaunen. An Bord immer ſtill, niedergeſchlagen und traurig, nicht ſelten in Thränen, dabei mit eingefallenen, bleichen Wangen, hatten dieſe we⸗ nigen Wochen genügt, eine faſt wunderbare Um⸗ wandlung mit ihr zu bewirken. Aufgeblüht war ſie in der kurzen Zeit, wie eine junge Roſe, und wenn man ſie auch noch nicht gerade heiter nen⸗ nen konnte, lag doch ein ſtiller, glücklicher Frie⸗ den auf ihren lieben Zügen. Bewirkte das nur die gegenwärtige Geſellſchaft, die herrliche Scene⸗ rie, vielleicht die friſche Bergluft?— Jedenfalls, wie ſich Herr Holderbreit das zuſammenſtellte, war ſie in gedrückten, ungewiſſen Verhältniſſen nach Java gekommen, was ſie an Bord ſo nie⸗ dergebeugt; jetzt dagegen hatte ſie eine Anſtellung als Geſellſchafterin in einer anſtändigen Familie bekommen; die erſte Sorge war dadurch von ihr genommen, und die faſt welke Blume hob gekräf⸗ tigt ihr Köpfchen wieder empor. Ueber das Eine nur zerbrach er ſich vergebens den Kopf, als was ſie hier,„ihre alte Verwandte“ untergebracht hätte. Seine Aufmerkſamkeit wurde aber bald wie⸗ 2³3 der auf ſeine nächſte Umgebung gelenkt, die zu viel des Neuen und Wunderbaren bot, lange un⸗ beachtet zu bleiben. Zum erſten Mal befand er ſich nämlich in der Behauſung eines dieſer Chineſiſchen Götzen⸗ anbeter, von denen er ſchon früher ſo viel ge⸗ hört und geleſen, und die er in Batavia auch in Menge auf den Straßen geſehen, aber noch nie hatte näher beobachten können. Selbſt unter⸗ wegs wichen dieſe dem Europäer gewöhnlich aus, wenn er ſich noch dazu nicht einmal mit ihnen in ihrer Mittelſprache: der Malayiſchen, unterhalten konnte. Hier aber war eines der prächtigſten Exemplare, mit einem wahren Staatszopf, deſſen unterſtes Ende ein rothſeidenes Bändchen zierte, mit ziemlich ſchräg geſchlitzten Augen, gelber Haut⸗ farbe, weißer Jacke und Hoſe— wie ſie ja auch auf Theekiſten getreulich abgebildet ſtehn— der ih⸗ nen eine tiefe Verbeugung nach der anderen machte, und unter deſſen Leitung jetzt ein paar ächte Chi⸗ neſinnen irdene Theebreter mit ſehr kleinen Taſſen und dazu paſſende Kannen brachte. Salomo Holderbreit ſchielte unwillkürlich nach ihren Füßen hinab, die auch unter den nicht zu langen Kleidern vollſtändig ſichtbar waren. Sie trugen aber keine Spur von Verkrüppelung, und 234 hatten weit eher in Länge und Breite ſehr reich⸗ liches Maas. Er wußte damals noch nicht, daß die ausgewanderten Chineſen entweder dieſer Un⸗ ſitte nicht mehr fröhnen, oder auch— als ſie ihr Vaterland verließen— nicht zu der vornehmen Klaſſe gehört hatten, die nur ihren Stolz darein ſetzen konnte die Töchter zu verkrüppeln, und da⸗ durch zu jeder Hausarbeit unfähig zu machen. Außer dem Thee, den der Chineſe ohne Milch und Zucker trinkt, obgleich für die Europäer Zucker gegeben wurde, ſtanden noch eine Menge verſchie⸗ dener ſehr delicat eingemachter Früchte auf dem Tiſch, und der alte Tſin⸗fu, wie er von Lockhaart genannt wurde, machte auf eine liebenswürdige Weiſe die Honneurs. Jooſt hatte ſich nicht mit zu der Geſellſchaft ge⸗ ſetzt, und Holderbreit ſah wie er mehrmal in dem Hauſe, in dem er ſehr bekannt ſchien, aus und ein ging. Gern hätte auch er es betreten, um einmal die innere Einrichtung zu betrachten, aber er getraute es ſich nicht, bis ihn Lockhaart end⸗ lich beim Arm nahm und hinüber führte. „Kommen Sie, Sie Heidenbekehrer,“ lachte er, „ich will Ihnen den Feind auch von Angeſicht zu Angeſicht zeigen, den Sie nun ſchon eine lange Zeit bekämpfen, ohne ihn je geſehen zu haben, denn bis jetzt kennen Sie ihn doch nur von Hören ſagen.“ 1 „Den Feind?“ ſagte Salomo Holderbreit er⸗ ſtaunt,—„den Böſen?“ „Den böſen und den guten,“ lachte Lockhaart —„Sie finden ſie hier dicht bei einander— aber“ ſetzte er ernſthaft hinzu—„keine Ausbrüche von fanatiſcher Leidenſchaft da drinnen, wenn ich bit⸗ ten darf. Dieſer langzöpfige Wirth darf nicht merken, daß wir unter ſeinem eigenen Dache un⸗ ehrerbietig von dem ſprechen, was er für gut und heilig hält,— er hätte ſonſt das Recht uns augen⸗ blicklich vor die Thür zu ſetzen.“ „Aber ich kann mich doch wahrhaftig nicht vor einem Götzen beugen?“ rief der Geiſtliche empört. „Gott bewahre,“ ſagte Lockhaart,„das wird auch gar nicht verlangt. Nur ruhig und anſtän⸗ dig ſollen Sie ſich betragen, und Ihre Meinung vorläufig für ſich behalten; doch da ſind wir an Ort und Stelle.“ Noch während ſie ſprachen hatten ſie die Schwelle überſchritten, wohin ihnen Tſin⸗fu wieder mit den devoteſten Verbeugungen und der Einladung folgte, ſein Haus ganz als das ihre zu betrachten. Salomo Holderbreit aber, ſo ſehr er es ſich auch früher gewünſcht hatte, die innere Einrichtung einer Chineſiſchen Wohnung einmal genauer betrach⸗ ten zu dürfen, ſah im erſten Augenblick weiter Nichts, als den vor ihnen aufgeſtellten Altar. Vor dieſem brannte nämlich eine Lampe und ſtanden mehre Ge⸗ fäße, in denen rothe und ſehr dünne glimmende Stäbchen einen Weirauchgeruch verbreiteten.*) Der Altar beſtand aber nur in einem kleinen Geſims an der Wand, etwa ſo breit wie der Ueberbau eines engliſchen Kamins; doch hing über demſelben ein großes und eigenthümliches Bild. Es ſtellte zwei Männer, lebensgroß und in Chineſiſcher Tracht vor, die aber einen ganz ent⸗ gegengeſetzten Charakter trugen. Der Eine war von behäbiger Geſtalt, ein dicker, fetter und au⸗ genſcheinlich gemüthlicher Mann, ziemlich weiß von Angeſicht und in einem bequemen Lehnſtuhl ſitzend. Neben dieſem aber, zu ihm übergebeugt und den Finger erhoben, als ob er ihm etwas in das Ohr flüſterte, ſtand eine andere ſchwarze Geſtalt mit verzerrtem Antlitz, funkelnden Augen und fletſchen⸗ den Zähnen mit einem Wort: das böſe Princip in jeden Zug geſchrieben. Neben dem Altar hin⸗ gen noch rechts und links einige mit vergoldetem 5) Dieſelben kleinen Stäbchen ſtecken die Chineſen auch auf ihren Dſchunken in See um den Compaß her, der in einer mit Sand gefüllten Büchſe liegt. 237 Schnitzwerk verzierte Tafeln, welche die Namen der verſtorbenen Vorfahren Tſin⸗fus trugen. „Da haben Sie die ganze Beſcheerung,“ ſagte Lockhaart ruhig, während Holderbreit überraſcht vor dem Bilde ſtehen blieb.„Der dicke gemüth⸗ liche Schmerbauch iſt Tepikong oder das gute Weſen, mit dem ſie übrigens nicht viel Aufhebens machen, da er ſich nicht in Reſpekt zu ſetzen weiß. Sie halten ihn für zu gut, als daß er ihnen ſchaden möchte,— jedenfalls eine Lehre die uns in ihrer Allbarmherzigkeit beſchämt. Der andere daneben iſt aber Seitan oder der böſe Geiſt, und dem bringen ſie hauptſächlich die Opfer, weil ſie wiſſen, daß er nicht mit ſich ſpaßen läßt.“ „Seitan?“ frug Holderbreit erſtaunt,„das klingt ja faſt wie Satan, und verſchmilzt da vielleicht mit unſerem Glauben⸗ 44 „Da haben Sie Recht,“ ſagte Lockhaart trocken, —„es iſt Alles ein Teufel.“ Wie er ſich umdrehte ſtand Jooſt hinter ihm und flüſterte ihm zu: „Es wird die höchſte Zeit daß wir die Damen entfernen. Klapa hat eben einen Boten geſchickt daß er Melattie und Patani aufgeſpürt und ge⸗ fangen habe, und ſchon mit ihnen unterwegs wäre.“ „Dann wird ihm der Bote jedenfalls melden . 238 welche Geſellſchaft hier verſammelt iſt,“ erwiderte, ungeduldig mit dem Kopf ſchüttelnd der alte Herr. „Das fürchtete ich auch,“ ſagte Mynheer Jooſt, „und habe den Boten deshalb durch zwei der Oppaß feſthalten und binden laſſen. Einer von dieſen muß jetzt bei ihm bleiben, daß er nicht los kommt, ſonſt ſehen wir den ſchlauen Burſchen im Leben nicht hier.“ „Brav! brav!“ nickte Lockhaant,„das war geſcheut. Nun, Sie wiſſen am Beſten, für wen Sie es thun. Kommen Sie, die Frauenzimmer wollen wir bald unterwegs haben. Iſt Alles mit Tſin⸗fu beſprochen?“ „Alles; dem Chineſen liegt beſonders daran dieſen Klapa aus ſeiner Nachbarſchaft zu be⸗ kommen, denn mehrere, bei ihm verübte Dieb⸗ ſtähle haben den verwegenen und ſchlauen Bur⸗ ſchen ganz ſicher ebenfalls zum Urheber.“ „Deſto beſſer, deſto beſſer. Kommen Sie Holderbreit— Sie müſſen mit den Damen auf⸗ brechen, wenn Sie die Theeplantage noch vor Nacht erreichen wollen.“ „Werden Sie uns nicht begleiten?“ frug der Geiſtliche erſtaunt und er wäre vielleicht nicht böſe darüber geweſen, Herrn Lockhaarts Geſell⸗ ſchaft auf kurze Zeit entbehren zu müſſen. 239 „Ja,“ ſagte dieſer aber—„gewiß begleiten wir Sie; nur voraus ſollen Sie fahren, denn wir haben noch Einiges hier zu beſprechen, und möchten doch die Damen nicht aufhalten. Wo ſind die Pferde?“ „Die kommen eben,“ ſagte Jooſt—„ich hatte mir ſchon erlaubt ſie zu beordern, um keinen Auf⸗ enthalt zu veranlaſſen.“ „Sehr recht! Jetzt werden wir gleich in Ord⸗ nung ſein“— und mit den Worten ging er auf ſeinen Schwager zu, mit dieſem, was nöthig war zu beſprechen. Wagner hatte indeſſen die Damen zu ihrer carreta geleitet, und Herr Holderbreit gab ſich ſchon der Hoffnung hin, diesmaͤl zu ihnen beordert zu werden, fand aber, daß er ſich wieder geirrt, da Van Straaten nicht mit zurückblieb, ſondern ſich mit dem Geiſtlichen in die Kaleſche ſetzte, die vorher Jooſt und Herr Holderbreit ſel⸗ ber inne gehabt.— Die Damen folgten in dem andern Wagen dicht hinter ihnen, und da es ziemlich ſteil bergan ging, ſollten ſie nur lang⸗ ſam vorausfahren; die noch zurückbleibenden Herrn wollten dann ſuchen, ſie ſpäter einzuholen. Gelang ihnen das nicht ſo war als beſtimm⸗ tes Rendez⸗vous die Theeplantage von Tipen⸗ boeloeit bezeichnet worden. ———— —— Kaum waren übrigens die Wägen hinter der erſten. Biegung der Straße verſchwunden, als Jooſt zu Lockhaart trat und ſagte: „Ich hoffe Sie ſetzen Vertrauen in mich, daß ich alle Kräfte aufbieten werde mein Verſprechen zu erfüllen?“ „Allerdings thu' ich das,“ erwiederte der alte Herr,„eben weil ich weiß, daß es Ihr eigener Vortheil iſt.“ „Gut— dann muß ich Sie aber jetzt auch bitten meinen Anordnungen genau zu folgen, ich ſtehe Ihnen ſonſt für keinen Erfolg und kann, wenn es misglückt, nicht verantwortlich gemacht werden. Ich betrachte mich, Ihrem Verſprechen nach, überhaupt ſchon jetzt als freier Mann, in⸗ 241 dem ich jeder mir auferlegten Verpflichtung nach⸗ gekommen bin.“ „Hoho, nicht ſo raſch mein werther Herr,“ ſagte Lockhaart,„erſt müſſen wir den Burſchen wirklich haben. Entſchlüpft er uns dann wie⸗ der durch unſere Schuld, ſo können Sie aller⸗ dings nicht dafür verantwortlich gemacht werden. Doch was ſollen wir jetzt thun?“ „Treten Sie beide in Tſin⸗fus Hinterſtübchen, meine Herren“ erwiderte Jooſt,„und laſſen Sie ſich unter keiner Bedingung blicken, bis ich Ihnen das Zeichen durch einen Ruf gebe. Durch eine kleine Oeffnung im Bambus können Sie trotzdem Alles ſehen, was hier vorgeht. „Und die Oppaß?“ „Sind ebendaſelbſt ſchon untergebracht, und wiſſen genau wie ſie ſich zu verhalten haben. Zögern Sie aber noch fünf Minuten hier, ſo mögen Sie auch die Verantwortung für das Mis⸗ lingen unſeres Planes tragen.“ „Donnerwetter,“ lachte Lockhaart,„wir ſtehen unter ſtrenger Controlle; aber es kann Nichts helfen, er hat Recht— wollen wir ihm gehorchen, Wagenaar?“ „Da wir wenigſtens zuſehen können, habe ich Nichts dagegen,“ ſagte der junge Mann— Jh⸗ 16 Unter dem Aequator. III. 5. ——— 242 nen, Herr Jooſt, möchte ich aber noch vorher be⸗ merken, daß auch ich den Oppaß ſtrengen Befehl. gegeben habe, Sie nicht aus dem Auge zu laſ⸗ ſen. Spielen Sie daher ein doppelt Spiel, ſo ſollen Sie uns wenigſtens nicht unvorbereitet finden.“ „Sehr verehrter Herr,“ brummte Jooſt mit mürriſchem Trotz—„ich habe Ihnen geſagt was Sie thun müſſen, um unſeren Plan zu för⸗ dern. Es ſteht jetzt in Ihrem Belieben ihn zu ſtören, ſo viel Sie wollen.“ „Kommen Sie Wagenaar,“ ſagte aber Lock⸗ haart,„der Vent hat Recht und wird nicht daran denken, uns zu hintergehen— eben weil es ſein eigener Nutzen iſt.— Alles Weitere beſprechen wir da drinnen,“ und Wagners Arm ergreifend führte er ihn mit ſich in das kleine Haus des Chineſen, in dem ihnen Tſin⸗fu ein paar be⸗ queme und gut verſteckte Sitze anwies. Auch die Oppaß hatten ſchon eine ganze Weile ihre Plätze eingenommen, als drüben im Wald der langge⸗ zogene, ſchwermüthige Ton eines Heulaffen laut und etwas weiter zur rechten, beantwortet wurde — Dann war Alles wieder ſtill, und es dauerte wohl noch eine volle Viertelſtunde, bis am Wald⸗ 243 ſaum des nächſten Hügels zuerſt eine einzelne Geſtalt ſichtbar wurde. Jooſt rief Einem der neben ihm kauernden Malayen ein paar Worte zu, und dieſer ſprang auf, blies ſeine Tabakslunte ſcharf an, und brachte bald ein kleines Häufchen dort aufgehäufter wel⸗ ker Blätter zum Brennen. Ein paar Stücken trockenen Holzes darauf gelegt erzeugten einen leichten Rauch, der hoch und gerade in die reine Luft hinaufwirbelte. Die Geſtalt drüben war indeſſen wieder ver⸗ ſchwunden, aber gleich darauf erſchien ein kleiner Trupp von Javanen. Dicht gedrängt paſſirten ſie über die Lichtung, bis ſie wieder an demſel⸗ ben Hügel, auf dem des Chineſen Wohnung lag, von den überhängenden Büſchen gedeckt wurden. Tſin⸗fu ſaß jetzt wieder mit Mynheer Jooſt ganz allein draußen unter dem offenen Dach, und die beiden würdigen Männer tranken Thee mit⸗ ſammen. Herr Jooſt machte ſeinem Chineſiſchen Freund aber ſo wichtige Mittheilungen über die künftige Stellung ſeines bisherigen Protektors Heffken, daß Tſin⸗fu in Angſt und Schrecken über die Gefahr, in der er ſelbſt vielleicht noch ſchwebte, ganz ihr eigentliches und augenblickliches Vorha⸗ ben vergaß. Hatte er doch bis jetzt nur geglaubt, 16* reereeee T — 244 daß es ſich allein darum handele, den eingebore⸗ nen Unterhändler, der den Weißen in Batavia vielleicht unbequem geworden war, aus dem Weg zu ſchaffen. Darin fand er denn auch nichts Un⸗. gewöhnliches oder Außerordentliches. Daß es aber einem der Tuwans ſelber an den Kragen ging, gab der Sache eine ganz andere Wendung, und Tuwan Heffken wußte allerdings mehr von ihm, wie ihm in dieſem Augenblick lieb war. Aber jetzt blieb ihm keine Zeit zum Nachden⸗ ken, denn in dieſem Augenblick erſchien Klapa ſelber, dem ſchmalen Fußpfad folgend, der aus den Büſchen herausführte, und von dem aus er den kleinen Platz vor dem Haus ſchon länger hatte erkennen können. „Tabé Tuwan! Tabé Tſin⸗fu,—“ ſagte er mit einem Blick das ganze Terrain um ſich her überfliegend. Sein Auge haftete dabei auf den friſchen Räderſpuren, nach denen er den Kopf drehte. Aber er konnte auch ſehen, wie ſie die nächſte Steigung paſſirt, alſo den Platz verlaſſen hatten, und Europäer beſuchten dieſe Gegend zu häufig, als daß ihm das auffallen konnte. „Tabé Klapa!“ entgegnete ihm Jooſt, der hier das Wort nahm,—„haſt Du Dein Verſprechen gehalten?“ 245 „Ich? ja,“ ſagte der Javane,—„haltet Ihr nun auch vorher das Euere.““ „Das Geld iſt bereit Klapa,— Du weißt, daß ich Dich nicht darum betrügen würde,“ ſagte Jooſt finſter,—„weshalb alſo die Umſtände?“ „Ja ja,“ lachte Klapa ſtill vor ſich hin,„ich kann meine Laune haben ſo gut wie Ihr. Außer⸗ dem ſind mir heut ſchon viel zu viel Wolandas hier geweſen,— der Grund riecht nach ihnen und Klapa hat zwiſchen ihnen nicht gern viel zu thun. Haltet mich nicht auf, gebt mir das Geld und Patani und Melattie ſind in Euerer Gewalt.“ „Was geht mich Patani an,“ brummte da Jooſt, denn Klapa kam noch immer nicht näher und blieb am Rand der Dickung ſtehen. Ein ein⸗ ziger Sprung von dort aus, und er war wieder im Dickicht drin, in dem ſie ihn im Leben nicht gefunden hätten.—„Liefere den an den Reſi⸗ denten ab, der Dir den Fanglohn zahlen wird, oder laß ihn laufen, was kümmerts mich. Ich habe Dir nur aufgetragen das Mädchen herzu⸗ ſchaffen.“ „Ja, wie Ihrs verſteht,“ murrte Klapa finſter vor ſich hin,„nur das Mädchen,— natürlich, damit mir der tollköpfige Burſche, der Patani, der mit ſeinem Khris ſelbſt gegen die Weißen zu ge⸗ * 8 246 ſchwind iſt, nachher bei erſter Gelegenheit die Be⸗ zahlung durch den Leib rennte. Ihr wißt recht gut, daß ich es Tuwan Heffken in der Stadt gleich ſagte: wenn er die Eine haben wolle, müſſe er den Anderen auch nehmen, ſeiner und—meiner Sicherheit wegen, und er ging darauf ein. Ihr ſelber wäret Eures Lebens nicht eine Stunde ſicher, wenn Ihr die Dirne aus den Bergen führtet, und Patani frei auf Eurer Fährte hättet. Glaubt Ihr, der ließe Euch nur bis Tjanjor mit Eurer Beute kommen?“ „Hm,“ ſagte Jooſt als ob er von den Wor⸗ ten Klapas überzeugt wäre,„darin haſt Du aller⸗ dings Recht, und ich habe vorher an die Gefahr, die ich ſelber laufen könnte, nicht einmal gedacht. Gut, ich kann ihn ja eben ſo gut wie Du an den Reſidenten in Bandong abliefern, der dann ſchon wiſſen wird, was er mit ihm zu thun hat.“ „Und wenn er ihn wieder frei ließe?“ „Frei?“ rief Jooſt lachend aus,—„hat er nicht das Blut eines Weißen, noch dazu eines Holländiſchen Beamten vergoſſen, und glaubſt Du, daß ſie das je ungeſtraft laſſen? Wenn er nicht gehangen wird, weil der Verwundete mit dem Leben davon gekommen iſt, ſo wäre doch Ver⸗ bannung das Wenigſte was ihm bevorſteht.“ * 247 „Das dacht ich mir,“ ſagte Klapa, zufrieden mit dem Kopfe nickend,„und das wäre für uns Alle das Beſte. Patani iſt ein wilder und gefähr⸗ licher Geſell, und haßt die Wolandas.“ „So ſchaff Deine Gefangenen her,“ ſagte Jooſt, „ich habe Leute mitgebracht, die ſie in Obhut neh⸗ men können.“ „Leute?“ frug Klapa mistrauiſch,„wen?“ „Ein paar Oppaß vom Reſidenten. Wenn Du ihnen nicht begegnen magſt, ſo geh in Tſin⸗ fu's Haus; dort werd' ich Dir dann auch das Geld auszahlen.“ „In Tſin⸗fu's Haus?“— wiederholte immer noch halb unſchlüſſig der Eingeborene,—„aber bah!“ rief er plötzlich, den Kopf zurückwerfend und den Chineſen mit ſeinen dunklen Augen ſcharf firirend,—„Tſin⸗fu kennt Klapa. Er weiß daß er gegen ihn nicht falſch ſein darf, oder— es wäre ihm zu wünſchen, er hätte die Preanger Re⸗ gentſchaften— und dieſe Berge in ſeinem Leben nicht geſehen.“ „Klapa weiß, daß Tſin⸗fu der Freund ſeines Stammes iſt,“ ſagte der Chineſe ängſtlich, denn eer gerieth hier in doppelte Verlegenheit und Ge⸗ fahr, wenn der Fang dieſes ſchlimmen Burſchen mislang. Heffken konnte ihn dann verrathen, und 248 dieſe Rothhaut ihm jede Stunde das leichte Haus mit allen ſeinen Vorräthen über dem Kopf an⸗ zünden, ohne daß er im Stande geweſen wäre es zu verhindern. Der Javane beachtete ihn aber ſchon nicht mehr. Hier, dicht an der Grenze ſeiner Wildniß, fürchtete er wenig von ſeinen Feinden,— am Wenigſten von dem Chineſen ſelber, deſſen feige Natur er kannte, und der ihm ſchon dadurch auch für des Weißen Ehrlichkeit Bürgſchaft leiſten mußte. Wie er gekommen, verſchwand er deshalb auch wieder in den, jenen kleinen Platz umgebenden Blüthen⸗ büſchen, und bald darauf erſchienen Patani voran und hinter ihm Melattie, ihre Arme mit Baſt⸗ ſeilen auf dem Rücken feſt gebunden, und der Mann von zwei Malayen, die Frau von einem einzelnen, alten Burſchen geführt. Der unglückliche Patani war mit Blut bedeckt, denn nicht gutwillig hatte er ſich ſeinem Feind überliefert, und nur Hinterliſt und Verrath ihn ſo raſch bewältigen können. Bis zum letzten Mo⸗ ment, ſo lange er nur noch die Möglichkeit einer Befreiung ſah, hatte er ſich auch mit Anſtrengung aller ſeiner Kräfte gewehrt; jetzt, wo er Alles ver⸗ gebens wußte, ſchritt er ſtill und mit geſenktem Kopfe zwiſchen ſeinen Führern hin.— Es ſollte 249 ſo ſein; ſein Schickſal war erfüllt— Allah wollte, daß er an ſeine Feinde ausgeliefert wurde, um dort für das vergoſſene Blut den Tod zu erlei⸗ den— was konnte er dagegen machen?— Von dem Moment auch, wo dieſes Gefühl der erreich⸗ ten Beſtimmung, der Fatalismus der Muhame⸗ daner, ſeine Seele erfaßt hatte, rührte er kein Glied mehr zu ſeiner Vertheidigung.— Es wäre ja doch nutzlos geweſen. Ganz ineinander gebrochen war Melattie. Eine anſpruchsloſe Heimath hatte ſie verlaſſen, ja, eine Heimath voll Entbehrungen und Sorgen, ſelbſt ohne die Sicherheit, die ſonſt das ärmlichſte Dach ſeinen Inſaſſen gewährt, aber es war doch eine Heimath geweſen.— Der wilde Wald, von ſchlimmen Thieren und oft ſchlimmeren Menſchen gefüllt, hatte doch den eigenen Herd umſchloſſen, an dem ſie mit dem Geliebten weilen durfte, und ſie ſelber, außer der Sehnſucht nach ihrer Mut⸗ ter, keinen weiteren Wunſch genährt, oder nur gekannt. Des Feindes rauhe, mörderiſche Hand brach da über ſie herein. Ob ſie ihr ganzes Leben auch arbeitſam, ehrlich und brav geweſen, wen küm⸗ merte das jetzt?— Gegen die Geſetze der Wei⸗ ßen, ſo jedem Glauben widerſprechend dieſe auch oft ſein mochten, hatte er gefehlt, ihnen war er verfallen, und ihnen ſollte nicht allein jetzt er, nein auch ſie geopfert werden. Und konnte das ein Gott der Liebe ſein, der ſolchen Frevel duldete? Handelten ſo Chriſten? und durften ſie dann glauben, die Muhamedaner zu überzeugen, daß ihre, die chriſtliche Reli⸗ gion die beſſere ſei? Arme Melattie! mache die Lehren Chriſti, des edelſten, einfachſten, beſcheidenſten Menſchen nicht für das verantwortlich, was Prieſter und Laien in ſeinem Namen ſündigen. Wohl iſt die Chriſt⸗ liche Religion eine Religion der Liebe— das wenigſtens war der Wille ihres Schöpfers.— Daß ſie nur zu oft zu einer Religion des Haſſes und Blutvergießens wird, iſt nur das Werk ſei⸗ ner„Diener“, und hat mit der eigentlichen Lehre Nichts zu thun. Eine Lehre wurde uns gegeben, einen Glauben haben wir uns daraus gemacht und der Himmel lächelt blau und freundlich über Chriſten und Muhamedaner, über Heiden und Juden— ja ſelbſt über Katholiken und Pro⸗ teſtanten nieder. Herr Jooſt ſah indeſſen mit Vergnügen, daß Klapas erſtes Mißtrauen zum Theil beſeitigt ſei, und hoffte nun auch noch, ihn dahin zu bringen — 251 Tſin⸗fus Haus ſelber zu betreten. Sowie er deſ⸗ ſen Schwelle dann überſchritt, war er gefangen. Klapa ſchien aber dazu noch immer keine rechte Luſt zu haben. „Hier ſind Beide,“ ſagte er jetzt zu Jooſt herantretend, indem er auf die kleine Gruppe der Unglücklichen zeigte—„hier ſind Beide, wie ich es verſprochen; wo iſt das Geld?“ „Ei, das hab' ich ebenfalls mitgebracht, Kla⸗ pa,“ rief Jooſt raſch,„Du ſollſt uns nicht etwa ſo lange borgen, bis Du wieder nach Batavia kömmſt. Aber ſchwerlich wirſt Du doch gleich in Deine Berge zurückkehren und erſt etwas eſſen und trinken. Außerdem“— ſetzte er leiſe zu ihm gewandt hinzu—„hab' ich noch einen Auftrag für Dich, bei dem Du viel Geld verdienen könn⸗ teſt, wenn Du eben Luſt und— Muth dazu hätteſt.“ „Keine gefährlichen Dinge mehr,“ ſagte aber Klapa mit dem Kopf ſchüttelnd—„mein Hals iſt ſchon zu oft in Gefahr geweſen, dafür zu bü⸗ ßen was die Hände unternommen.— Aber was iſt es?“ Jooſt antwortete ihm nicht, ſondern drehte den Kopf derſelben Richtung zu, nach der ſchon Klapa aufmerkſam hinüber horchte.— Es war . 1 — ——— 252 der Straße zu, auf der kurze Zeit vorher die beiden Wagen fortgefahren, und von woher in dieſem Moment ſchon wieder Rädergeraſſel herüber tönte. Herr Jooſt war indeſſen darüber ebenſo erſtaunt wie Klapa, deſſen Blick unwillkürlich nach den bleichen Zügen ſeines Gefährten hinüber flog; die nächſte Minute aber ſollte ihnen Aufklärung brin⸗ gen, denn dieſelben beiden Wagen die Tiji⸗ledi mit den Damen und Herrn Holderbreit und Van Straaten verlaſſen, kehrten ſchon wieder von dort⸗ her zurück.— Herr Jooſt konnte ſeine Beſtürzung darüber kaum verbergen, doch Klapa lachte. „Aha,“ rief er,„die Weißen haben nach Tjoem boeloit hinüber gewollt, aber geſtern in der Nacht hat der Wind zwei mächtige Yamudjus quer über den Weg geworfen, und denen konnten ſie nicht ausweichen— da ſind ſie wieder.“ „Und wenn ſie ſehen, daß wir Beide Geldge⸗ ſchäfte miteinander haben—“ ſagte Jooſt zögernd. „So könnten ſie vielleicht glauben,“ lachte der Javane höhniſch,„daß Ihr irgend ein un⸗ ehrenhaftes Gewerbe triebet. Kommt mit in Tſin⸗fu's Haus— bis ſie nur ausgeſtiegen ſind, kann unſere Sache abgemacht ſein.“ „Aber die Beiden,“ frug noch zögernd Jooſt, 23. dem nichts Erwünſchteres hätte kommen können, obgleich er ſich wohl hütete es zu zeigen— in⸗ dem er auf die Gefangenen deutete. „Bah,“ ſagte Klapa finſter, indem er der nie⸗ deren Wohnung des Chineſen zuſchritt,„was kümmern ſich die Wolandas um gebundene oder mishandelte Kinder dieſer Berge?— Ja wenn es Leute ihrer Farbe wären.— Komm Tſin⸗fu— kommt Tuwan; ich habe ſchon zu lange hier oben gezögert und muß fort“— und mit den Worten ſchritt er über den freien Platz und betrat, von Jooſt und dem Chineſen dicht gefolgt, das Haus. Kaum aber hatte er die Schwelle überſchrit⸗ ten, als Tſin⸗fu, der ſich wohl hütete, ihm zu nah zu kommen, von außen die Thür zuwarf. Im nächſten Moment ſchon prallte Klapa wieder von innen dagegen, aber des Chineſen wie Jooſts Gewicht verhinderten, daß er den Ausgang er⸗ zwingen konnte, wenn er auch die Thür ſelber in Stücken brach. Zu gleicher Zeit warfen ſich die im Inneren poſtirt geweſenen Oppaß auf den Burſchen, und Lockhaart und Wagner, ſprangen zu ihrer Hülfe herbei. Klapa hatte aber auch ſchon, als er ſeine Flucht abgeſchnitten ſah, dens Khris aus ſeinem Gürtel geriſſen, und während die eingeborenen Gerichtsdiener erſchreckt vor dem Stahl zurückfuhren, rannte der zur Verzweiflung getriebene Javane, mit zum Stoß gehobener Waffe voll, gegen Lockhaart an. Ein kleines, offenes Fenſter lag hinter dieſem, und Klapa wußte recht gut, daß er frei war, ſowie er das erreichte. Lockhaart ſelber fand übrigens etwas zu ſpät, daß er ſich doch hätte mit irgend einer Waffe verſehen ſollen, und wäre es nur ein Stock ge⸗ weſen, den tollen Angriff des Raſenden abzuweh⸗ ren. In dem engen Raume konnte er nicht ein⸗ mal zur Seite ſpringen; mit einem Satz aber flog der Javane gegen ihn an, und der rechte Arm fuhr zurück, den Tod bringenden Stoß zu führen, als Wagner mit Blitzesſchnelle das Hand⸗ gelenk ergriff, das die Waffe hielt und mit eiſer⸗ ner Gewalt den Arm des Eingeborenen faſt aus der Kugel drehte. Im nächſten Moment ſchon traf Lockhaarts Fauſt den Wüthenden mit gut gezieltem Stoß zwiſchen die Augen, und als er zurücktaumelte, griffen auch jetzt die Oppaß zu, und hatten ihn bald machtlos in ihrer Gewalt. Das Alles bedurfte aber nur wenige Secun⸗ den, denn noch hielten die anrollenden Wagen nicht vor dem Hauſe, auf deſſen freien Vorplatz ſie allein umwenden konnten, als Klapa ſchon, ſeiner Waffe beraubt, mit gebundenen Händen 255. und Füßen am Boden lag, und Lockhaart, Wag⸗ ners Hand ergreifend, herzlich ſagte: „Ich danke Ihnen, Wagenaar— Sie kamen zur rechten Zeit, und ich fürchte faſt, der Burſche hätte, ohne ihre Dazwiſchenkunft, ein häßliches Loch in meine Haut geſtoßen. Die braunen Schufte ſind doch keinen Deut werth, wo man ſich wirk⸗ lich einmal auf ſie verlaſſen will.“ „Es war nur ein glücklicher Zufall,“ erwi⸗ derte Wagner,„daß er mich in dem dunklen Raume erſt bemerkte, als es für ihn zu ſpät war. Wie ſchlau ſich aber Tſin⸗fu in Sicherheit zu bringen wußte.“ „Das ſind Alles feige Hallunken,“ lachte Lock⸗ haart—„hol' ſie der Henker. Nun Mynheer Jooſt, ich beſtätige Ihnen hiermit, daß Sie Ihr Verſprechen erfüllt haben. Sobald Sie Ihr Zeug⸗ niß in Batavia abgelegt, können Sie gehen, wo⸗ hin Sie wollen, denn die Colonial Regierung wird ſich wohl das Vergnügen verſagen müſſen, Ihnen einen längeren Aufenthalt hier zu geſtat⸗ ten.“ „Wir haben Beide an einander Nichts verlo⸗ ren,“ ſagte Herr Jooſt trocken,„und Beide keine gegenſeitigen Gefälligkeiten zu erwiedern.“* „Allerdings nicht,“ erwiederte ebenſo lakoniſch 256 Lockhaart,„da wir den Preis Ihres eigenen Hal⸗ ſes, als zu unbedeutend, nicht in Anrechnung bringen dürfen. Doch fort mit den Thorheiten; wir haben Ernſteres zu thun. Mynheer Jooſt, Ihnen übergebe ich hiemit die Bewachung des Javanen, zu der Ihnen außerdem zwei der Oppaß zur Verfügung bleiben. Sie ſelber haben dabei auch das größte Intereſſe, daß er in ſicherem Ge⸗ wahrſam bleibt, denn in dieſem Fall gewinnen Sie Ihre Freiheit, im anderen— möchte ich nicht in Ihrer Haut ſtecken, mit den Geſetzen und der Rache dieſes gewiſſenloſen Schuftes hin⸗ ter ſich. Das alſo iſt Ihre Sache, und nun Wagenaar wollen wir einmal ſehen, was um Got⸗ teswillen unſere Geſellſchaft wieder zurückbringt.“ „Was auch immer,“ ſagte Wagner,„ich glaube die heranfahrenden Wagen haben uns den Fang erleichtert.“ „Mag ſein; es hätte aber auch gerade das Gegentheil geſchehen können, und da trägt Van Straatens bodenloſe Bequemlichkeit wieder allein die Schuld. Jedenfalls haben ſie irgend ein Hin⸗ derniß im Wege getroffen, und mein guter Schwa⸗ ger iſt, ohne ſich den Henker darum zu kümmern was hier vorgeht, augenblicklich wieder umge⸗ kehrt.“ 257 Ein Schmerzensſchrei Tſin⸗fu's unterbrach ihn hier, und ſchien durch Mynheer Jooſt ſelber ver⸗ anlaßt. Während dieſer nämlich mit Lockhaart ſprach, mochten dem Chineſen allerlei Bedenklich⸗ keiten gekommen ſein, ob die Wolandas den ver⸗ zweifelten Burſchen nicht doch am Ende wieder frei ließen, und was ihm ſelber dann bevorſtand, wußte er genau. Das Gerathenſte ſchien es ihm deshalb, jetzt, da er den Wünſchen der Europäer Folge geleiſtet, auch ſeinen eigenen Intereſſen da⸗ durch Rechnung zu tragen, daß er ſich Klapa wie⸗ der verband, indem er dieſem ſelber zu ſeiner Befreiung half— dann konnte er doch an ihm keine Rache nehmen. Was kümmerte ihn das Geſetz und die Gerichte. Leider ſollte er aber ſeinen liſtigen Plan nicht durchführen können, denn Mynheer Jooſt war ſelber zu ſehr bei der Sache intereſſirt, den Ja⸗ vanen lange außer Acht zu laſſen. Eben ſo we⸗ nig traute er dem Sohn des Himmliſchen Reiches, deſſen Furchtſamkeit er kannte, und ertappte auch Tſin⸗fu gerade in dem Augenblick, als er ſich hin⸗ ter Klapa hindrängte und mit einem kleinen, ſcharfen Meſſer, den ſeine Arme umſchlingenden Baſt zu durchſchneiden ſuchte. Wie ein Geyer auf ſeine Beute, ſo fuhr da Jooſt auf den er⸗ Unter dem Aequator. III. 17 258 ſchreckten Chineſen, und der Schlag, mit dem er ihn auf den bloßen Nacken traf, hatte ihm jenen Schrei ausgepreßt. Lockhaart drehte den Kopf danach um, und er⸗ rieth leicht was da vorgefallen, lachte aber nur und verließ mit Wagner das niedere Haus. Er wußte jetzt ſeinen Gefangenen unter ganz vor⸗ trefflicher Aufſicht. Draußen waren unter der Zeit die carretas wieder vorgefahren, und Mynheer Van Straaten ſtieg behaglich aus, den Damen ebenfalls aus dem Wagen zu helfen. „Nun? Ihr ſeid iſchon wieder zurück?“ frug ihn Lockhaart kopfſchüttelnd. „Gewiß,“ ſagte ſein Schwager, ſich eine friſche Cigarre anzündend—„lag doch der halbe Wald quer über den Weg.“ „Und warum habt Ihr nicht Leute holen laſſen, ihn wegzuhacken.“ „Sind auch jetzt oben,“ erwiderte Van Straa⸗ ten,„hatte aber nicht Luſt, ſolchen Regenſchauer dort abzuwarten, wie wir geſtern bekamen. Habt Ihr ihn.“— „Ja allerdings— aber beinah wäre durch—“ „Bah— ſo iſt ja Alles in Ordnung,“ unter⸗ brach ihn gleichgiltig der Holländer,„iſt übrigens 259 raſcher gegangen wie wir dachten, und wir keh⸗ ren jetzt gleich mit Euch nach Bandong zu⸗ rück.“ „So willſt Du nicht mit den Damen in die Theeplantage fahren?“ „Allerdings, aber nicht den Weg, den Gott weiß wie lange kein Wagen paſſirt hat. Für heut Abend wär es überdies für einen Beſuch zu ſpät geworden, und wir müſſen denken, wir hätten nur eben eine Spazierfahrt gemacht. „Um Gottes Willen,“ rief Hedwig, die mit gefalteten Händen und Angſt und Mitleiden in den ſchönen Zügen, neben der unglücklichen Me⸗ lattie ſtehen geblieben war—„weshalb ſind der armen Frau die Hände auf den Rücken gebun⸗ den?— was hat ſie verbrochen?“ „Was die Frau verbrochen hat weiß ich nicht einmal,“ erwiederte Lockhaart—„ich glaube, das iſt eine Privatangelegenheit des Herrn Jooſt. Der Burſche da aber ſoll, ſoviel ich weiß, derſelbe ſein, der ſeinen Khris gegen einen Europäer ge⸗ hoben und ihn verwundet hat. Wenn das auch ein ſehr nichtsnutziges Subject war, dürfen wir es doch ſchon des ſchlimmen Beiſpiels wegen nicht hingehen laſſen.“ „Ich fürchte, Sie werden diesmal eine Aus⸗ 17* 260 nahme machen müſſen,“ ſagte da Wagner, der noch immer den, Klapa abgenommenen Khris in der Hand trug, und ſchon während er ſprach Patanis Banden damit durchſchnitt. „Alle Teufel was machen Sie?“ rief Lockhaart erſchreckt.„Sie bringen ſich in böſe Händel mit der Colonial⸗Regierung.“ „Die ich dann auch auszufechten habe,“ ſagte Wagner ruhig—„zufällig aber kenne ich durch einen unſerer Malayiſchen Diener, jenen Tojiang, der auch mit Klapa beſſer bekannt iſt als er gern eingeſtehen mag, das ganze Unrecht das dieſen beiden Leuten von Heffken und unſeren leidigen Geſetzen geſchehen iſt, und will nicht ſelber mit dazu beitragen, ſie noch unglücklicher zu machen, indem ich ſie einer vollkommen ungerechten Strafe überliefere.“ Patani war frei, und ein wahrhaft ſeliges Lächeln zuckte über ſeine Züge, als ihm Wagner den Khris und mit einem Zeichen auf Melattie auch die Erlaubniß gab, deren Banden zu löſen. Im Nu fuhr er auf das arme geängſtigte Weib zu, und wenige Secunden ſpäter ſtand ſie, von ihren ſchmähligen Banden befreit, neben ihm. „Das lohne Ihnen Gott,“ ſagte Hedwig leiſe zu Wagner als ſie ihm, faſt unbewußt die Hand 261 entgegenſtreckte.—„Sie haben ein gutes Werk an dieſen Unglücklichen gethan.“ „Aber was hilft es Ihnen?“ ſagte kopfſchüt⸗ telnd Lockhaart—„wenn dieſer Burſche ein Verbrechen begangen hat, iſt ihm das jetzt nur eine Galgenfriſt, denn wie ein Stück Wild muß er ſich im Wald verſteckt halten, und zuletzt wird er doch einmal wieder eingefangen.“ „Das ſoll aber nicht geſchehen,“ entgegnete freundlich der junge Mann.„Ich ſelber will zum Gouverneur gehen und für das künftige Betragen des armen Teufels Bürgſchaft leiſten. Daß er damals ſeinen Khris zog, war ja doch nur Nothwehr, und er ſelber ſchon faſt zur Verzweiflung getrieben. Die Frau aber iſt ganz ſchuldlos und — doch ich erzähle Ihnen die Sache lieber auf dem Heimweg ausführlich, und bin dann feſt über⸗ zeugt, Sie verſagen mir Ihr Fürwort bei Sr. Excellenz nicht.“ „Und was wird jetzt mit den armen Leuten?“ frug Hedwig mitleidig. „Es ſoll ihnen nichts Uebles mehr geſchehen, liebes Fräulein,“ ſagte der junge Mann.—„Ver⸗ laſſen Sie ſich auf mich; ich werde dafür ſorgen. — Hier Patani,“ wandte er ſich dann in dem Dialect dieſer Berge an den jungen Eingeborenen, 262 der noch immer den Khris in den Händen hielt und zweifelnd von Einem der Weißen zum An⸗ deren ſah. Verſtand er doch nicht die Worte, die ſie zuſammen ſprachen, und wußte deshalb nicht, ob ſeine Befreiung nur der Gegenwart der Frauen galt, oder ernſtlich gemeint ſei. Aber die Banden lies er ſich nicht wieder anlegen, dazu war er entſchloſſen und feſter griffen ſeine Finger die Waffe, als ſich der Weiße gegen ihn wandte. Wagner war die Bewegung nicht entgangen, aber er ſagte lächelnd. „Du brauchſt die Waffe nicht mehr— Du biſt unter Freunden. Geh mit Deinem Weib nach Haus— geh zu ihren Eltern oder wohin Du willſt— Du ſollſt nicht mehr verfolgt werden. — Ich will ſelber mit dem Gouverneur ſprechen Damit Du aber einen Anfang für Deine Wirth⸗ ſchaft haſt, ſo nimm das hier— nimm nur— ich verlange Nichts von Dir dafür, und zum Be⸗ weis daß Du von uns hier Nichts zu befürchten haſt, ſo gehe, ſobald es Dir gefällt, ungehindert mit Deinem Weib fort.“ Patani ſtand ſtaunend vor dem Weißen. Sein überraſchter Blick flog von deſſen freund⸗ lichem Antlitz zu den Banknoten nieder die er in der Hand hielt, und deren Werth er wohl kannte, 263 und wieder zu ſeinem neuen Beſchützer empor. In Dankbarkeit und Ehrfurcht aber kauerte das arme Weib ſich zu den Füßen des Europäers nieder; ach, waren es nicht die erſten freundlichen Worte, die ſeit langer, langer Zeit von fremden Lippen zu ihr geſprochen worden? hatte ſie denn nicht noch erſt vor wenigen Augenblicken nur Nacht und Verzweiflung auf ihrem nächſten Le⸗ benspfad geſehen, und war es nicht dieſe Hand geweſen, die ihnen Freiheit— Hülfe und Sicher⸗ heit geboten? „Es iſt gut! geht! geht!“ rief Wagner aber abwehrend ihnen zu,„fort, dankt auch mir nicht für das was ich gethan. Es war Euch Unrecht geſchehen, und deshalb meine Pflicht es wieder gut zu machen“— und ehe ihm Patani auch nur ein Wort des Dankes ſagen konnte, drehte er ſich ab und ſchritt, ſo raſch er konnte, zu des Chineſen Haus hinauf, die Abfahrt der indeſſen dort ein⸗ gelenkten Wägen zu beſtellen und anzuordnen. Als er ſich wieder umwandte waren Patani und Melattie im Wald verſchwunden. XIII. Lockhaart trieb jetzt ſelber zur Abfahrt, und ſo erſtaunt die Damen auch waren den Heim⸗ weg ſchon wieder anzutreten, fügten ſie ſich doch willig den Anordnungen des alten Herrn. Sie wußten außerdem recht gut, daß er überhaupt keinen Widerſpruch ertrug, und für Alles was er that ſeine guten Gründe hatte. Auf der Heimfahrt waren aber auch die Plätze anders arrangirt worden, denn man hatte Herrn Holderbreit jetzt doch nicht zumuthen mögen, mit Herrn Jooſt, ſeinem Gefangenen und einem der Oppaß in einem Wagen zu fahren. Salomo Hol⸗ derbreit war deshalb den Damen als Begleiter zugetheilt worden und Van Straaten ſetzte ſich mit zu ſeinem Schwager und Wagner ein. Salomo Holderbreit hätte nun allerdings gern 265 erſt erfahren was es für eine Bewandniß mit dem gefangenen und den losgelaſſenen Javanen ge⸗ habt; da aber Niemand Zeit zu haben ſchien, ihm darüber Rede zu ſtehn, und die Damen gar Nichts davon wußten, ſo mußte er eine Erklärung dar⸗ über wohl für andere Zeit erwarten. Sowie die Wägen anfuhren machte Wagner vor allen Dingen Van Straaten mit den Einzelheiten des Vorgefallenen bekannt. Beſonders intereſſirte ſich der gutmüthige Mann für Patanis und ſeines Weibes Geſchick, und verſprach ebenfalls ſeinen ge⸗ ringen Einfluß aufbieten zu wollen, ſie vor jeder wei⸗ teren Verfolgung zu ſchützen und ſicher zu ſtellen. Lockhaart hatte die ganze Zeit ernſt und ſchwei⸗ gend vor ſich nieder geſehen. Seine Gedanken waren augenſcheinlich bei ganz anderen Scenen, als der gegenwärtigen. Plötzlich ſagte er, halb laut und mit ſich ſelber redend: „Ich muß einmal mit ihr darüber ſprechen — vielleicht iſt ihm doch noch zu helfen.“ „Wem?“ frug Van Straaten,„ſitzt der jetzt da in der Ecke, und faſelt Unſinn— wem iſt noch zu helfen?“ „Dem Oswald,“ flüſterte der alte Mann,„er bleibt ja doch immer der Sohn meiner armen Marianne, und wär' der das Herz nicht gebro⸗ 266 chen, hätte ſich doch auch wohl für ihn Manches anders geſtaltet.“ „Aber was willſt Du mit ihm machen?“ ſagte Van Straaten.—„Selbſt das vorausgeſetzt, daß Du ihn vom Militairdienſt frei bekämſt.“ Lockhaarts Blick haftete feſt und forſchend auf Wagner, endlich ſagte er leiſe: „Glauben Sie, Wagenaar, daß ihn das Mäd⸗ chen noch liebt?“ Wagner brauchte eine lange Zeit, ehe er die Frage beantwortete. Einmal ſchon glaubte Lock⸗ haart, er habe ſie gar nicht gehört und trotzdem wagte er nicht, ſie zu wiederholen. Endlich ſagte der junge Mann: 3 „Wer kann in dem Herzen eines Mädchens leſen?— Aber— wenn es ſelbſt der Fall wäre, glauben Sie, daß ſie mit ihm glücklich werden könnte?“ „Oswald iſt von Herzen gut,“ vertheidigte ihn der alte Mann—„bodenlos leichtſinnig ja, aber ich halte ihn nicht für ſchlecht. Thäte ich es, wäre ich der Letzte, der das arme Mädchen an ſeiner Seite unglücklich machen würde. Er hat nur einen ſchwankenden, unſteten Charakter— er iſt nicht ſelbſtſtändig genug und braucht Je⸗ manden, der ihn unterſtützt und—“ 267 Der alte Mann ſchwieg und ſeufzte recht aus tiefſter Bruſt, denn das gerade, was er zur Ent⸗ ſchuldigung ſeines Neffen ſagen wollte, ſtimmte ſo gar nicht mit ſeinem eigenen Charakter, und kam ihm ſelber ſo verabſcheuens werth vor, daß er nicht weiter darin fortfahren mochte. „Darüber ſollteſt Du Dir die wenigſten Sor⸗ gen machen,“ ſagte Van Straaten.„Frauen lie⸗ ben gar nicht ſelten gerade das an dem Charak⸗ ter eines Mannes, was uns an ihm misfällt, und ſelbſt Mitleiden iſt ſchon halbe Liebe. Wer weiß, ob Hedwig ſich nicht gern in ein ſolches Verhältniß einwohnte, wenn wir den jungen Bur⸗ ſchen ſelber nur für irgend eine dauernde Thä⸗ tigkeit gewinnen könnten. Arbeiten muß er aber etwas, ſonſt iſt er nicht allein hier verloren, ſon⸗ dern er machte auch ſeine Frau mit elend, und — dazu möchte ich die Hand nicht bieten, und wenn es mein eigener Sohn wäre.“ „Aber was erträgt eine Frau nicht Alles, wenn ſie den Mann ihrer Wahl wirklich liebt?“ ſagte Lockhaart, immer noch unſchlüſſig—„nicht daß ich ihr zumuthen möchte ſich zu zwingen,“ ſetzte er raſch hinzu—„aber dadurch wäre doch noch vielleicht Rettung für den armen Teufel, der ſonſt rettungslos verloren ginge. Wie wär's Wa⸗ 268 genaar, wenn Sie mir den Gefallen thäten, und einmal mit Fräulein Bernold über die Sache ſprächen, die—“ „Sie kennen vielleicht nicht die Einzelheiten des Contrakts, zu denen ſich Van Roeken ver⸗ bindlich gemacht hat,“ unterbrach Wagner raſch den alten Herrn.„Sobald ſich Fräulein Ber⸗ nold hier verheirathet, hat er nämlich weiter keine Verbindlichkeiten zu erfüllen, als ihr die vorher beſtimmten 5000 fl. Gulden auszahlen.“ „Die kein Menſch braucht oder verlangt,“ ſagte Lockhaart ärgerlich. „Angeblich handelt es ſich aber immer um einen Geldpunkt,“ beharrte Wagner,„und da ich mit zur Firma gehöre, und mir Van Roeken die Regelung dieſer Angelegenheit vertraut hat, ſo möchte ich der Letzte ſein, der Fräulein Bernold überredete ſich hier wieder ehelich zu verbinden. Wenn ich mir ſelber auch deshalb Nichts vor⸗ zuwerfen hätte, könnten es doch am Ende Andere thun.“— „Dieſe verfluchte Gewiſſenhaftigkeit,“ rief Lock⸗ haart ärgerlich,„ſo peinlich kann auch wahrhaf⸗ tig nur ein Deutſcher ſein. Keinem Menſchen würde es einfallen, Ihnen eigennützige Abſichten 269 zuzutrauen— und noch dazu eines ſolchen Ba⸗ gatells wegen.“ „Ich bitte Sie trotzdem, mich in dieſer Sache zu entſchuldigen.“ „Dann überlaß es mir, Martijn,“ ſagte Van Straaten,„ich will bald wiſſen woran ich mit dem jungen Mädchen bin, ſelbſt auf die Gefahr hin, daß ſie glauben könnte, wir wollten ſie los ſein. Sie ſehen, Mynheer Wagenaar, daß ich nicht ſo viel Rückſichten nehme wie Sie. Das aber ſag ich Dir, Martijn, mag fie den Burſchen nicht, dann bin ich der Allerletzte ihr zuzureden ihn zu nehmen, und wenn er zehnmal unſer Neffe wäre. Ein liederlicher Strick bleibt er immer, der weit eher verdient ſeine Zeit hier als Soldat abzuexerciren, wie ein ſolches Mädchen heimzu⸗ führen.“ „Aber wenn ſie ihn noch liebt, Lodewijk,“ ſagte Lockhaart leiſe,„wäre es dann nicht vielleicht doch möglich, einen ordentlichen und braven Men⸗ ſchen aus ihm zu machen.“ „Wer weiß es? Liebe ſoll ja überhaupt blind ſein,“ ſagte Van Straaten achſelzuckend,„wenn ſie vollſtändig blind iſt, nimmt ſie ihn vielleicht. Das Beſte wäre aber, Du kriegteſt den ſauberen Patron indeſſen einmal ordentlich vor, und ſäheſt 27⁰ ob noch ein brauchbarer und geſunder Kern in der faulen Schaale ſteckt— nachher kommen wir raſch zu einem Reſultat. Wunderbar bleibt es freilich immer, daß ſich die beiden Leute ſollten in Europa aufgegeben haben, um ſich in Indien wieder zuſammen zu finden. Man möchte dann faſt denken, daß ſie der Himmel ſelber für einan⸗ der beſtimmt hätte.“ „Gott gebe es, Gott gebe es,“ murmelte der alte Herr leiſe vor ſich hin,„und mein beſter Segen ſollte Ihnen folgen.“ Keiner der Drei ſprach ein Wort weiter, bis der Wagen durch das, um Bandong liegende flache Land rollte, eine kurze Strecke an den hohen Hecken hinfuhr, jetzt in das Thor einbog, und die breite platte Straße bis zum Hotel einhielt, zu der rechts und links die eben angezündeten Lich⸗ ter aus dem grünen Laub der Büſche heraus funkelten. Es war ein wundervoller Abend; klar und hell ſtanden die Sterne am dunkelblauen Him⸗ mel, und nur leiſe ſchaukelte der Luftzug die flüſternden Wipfel der Cocospalmen, machte die hohen zierlichen Kronen der Arekas hin und wie⸗ der ſchwanken, und durchzitterte die hängenden Zweigmaſſen der Waringhis, daß ſie rauſchten 271 und wogten, und wunderlich wechſelnde Schatten warfen. Van Straaten hatte, ſobald ſie den Platz er⸗ reichten, ein Diner für die ganze Geſellſchaft be⸗ ſtellt— Herrn Jooſt natürlich ausgenommen, der es vorzog in der Nähe ſeines Gefangenen zu blei⸗ ben. Keinenfalls hätte er es wenigſtens gewagt, der verwittweten Frau Valentijn Jooſt, jetzigen Vrouw Soltersdrop wieder unter die Augen zu kommen. Van Straaten wollte eben die verſchiedenen Theilhaber zuſammenrufen, denn während ſich draußen ſchwarze Wolken zuſammenballten und ein neues Unwetter heraufzog, war in dem gemüth⸗ lichen, durch zahlreiche Lampen erhellten Salon die Tafel ſervirt worden, als ihn Wagner am Arm ergriff und bei Seite zog: „Mynheer Van Straaten.“ „Wel Mynheer?— Sie haben Hunger, wie? und wollen mich fragen, ob wir noch nicht bald eſſen?“ 3 „Nein— das nicht,“ lächelte Wagner ver⸗ legen,„nur— nur eine Frage möchte ich in Betreff jenes jungen Mannes an Sie rich⸗ ten.“ 272 „Jungen Mannes?— Sie meinen doch nicht etwa Herrn Jooſt?“ „Nein—“ erwiederte Wagner mit einigem Zögern—„es betrifft nicht Herrn Jooſt, ſon— dern jenen— Dorſek— Ihren Verwandten.“ „Und was für eine Frage?“ ſagte Van Straa⸗ ten geſpannt.. „Welche Schritte man zu thun hätte, und wo?“ erwiederte Wagner,„um vielleicht durch Geld oder einen Erſatzmann den jungen Dorſek von ſeinem ſchlimmen Militairdienſt loszukaufen.“ „Kennen Sie den jungen Dorſek genauer?“ „Ich kenne ihn gar nicht.“ „Und was, zum Henker, geht er Sie denn da an,“ rief Van Straaten ärgerlich.—„Weiß der Teufel! um einen ordentlichen, braven Menſchen kümmert ſich keine Seele, und ſo einem liederlichen Strick wollen Alle helfen.“ „Aber Sie haben ſelber geſehen wie ſtark Ihres Schwagers Herz noch an dem, ſonſt viel⸗ leicht verlorenen Menſchen hängt,“ ſagte Wagner leiſe—„es hat mir ordentlich die Seele ergrif⸗ fen, wie gerührt der ſonſt ſo eiſerne Mann ſelbſt bei dem Gedanken ſchien, den Sohn ſeiner ver⸗ lorenen Schweſter noch zu ſich heraufzuziehen.“ „S— o?“ ſagte Van Straaten, und ſah Wag⸗ nern mit einem forſchenden Blick von der Seite an.—„Nur Martijns wegen wollen Sie dem Musje helfen, der in Deutſchland ſein Vermögen durchgebracht hat, und jetzt, ſeiner eigenen Familie zur Schande, als gemeiner Soldat nach Java kommt?— aber mit dem Mädchen ſelber mochten Sie deshalb nicht ſprechen.“ „Lieber Herr Sie werden mir zugeſtehen, daß da— „Was da— gar Nichts geſtehe ich Ihnen zu,“ rief aber Van Straaten,„und noch dazu vor Tiſch. Ich kenne jetzt Ihren Wunſch und will mir die Sache überlegen; nun laſſen Sie mich aber vor dem Eſſen mit allen weiteren An⸗ trägen ungeſchoren. Heh⸗Martijn— heh Doortje Van Straaten!“ rief er an die verſchiedenen Thüren gehend.„Heraus mit Euch, denn die Suppe wird kalt und der Wein warm— Mes- dames, ich muß bitten, Ihre Toilette ein klein wenig zu beeilen, denn Mynheer Wagenaar iſt ſo hungrig, daß er ſchon wie ein Tiger um den Tiſch herumſchleicht.“ Lachende Stimmen antworteten ihm; bald öffneten ſich rings die Thüren und die kleine fröhliche Geſellſchaft ſammelte ſich um die reichbe⸗ ſetzte Tafel. Unter dem Aequator. III. 274 Das Geſpräch wechſelte dazu bald hier, bald da hinüber, und vor allen Dingen wurde der heutige Zufall beſprochen, der ihre Fahrt in die Theeplantage verhinderte. Aber„aufgeſchoben ſei nicht aufgehoben“ meinte Van Straaten, und morgen, noch in der kühlen Zeit wollten ſie von hier aus das Verſäumte nachholen,— falls die Damen damit zufrieden wären, ihn allein zum Ritter zu behalten. „Und die anderen Herrn wollen uns verlaſ⸗ ſen?“ ſagte Hedwig zögernd. „Bitte um Verzeihung,“ fiel hier Salomo Hol⸗ derbreit ein,—„ich für meinen Theil habe nicht die mindeſte derartige Abſicht, und bin mit dem größten Vergnügen bereit, Sie morgen früh wie⸗ der, wohin Sie befehlen, zu begleiten.“ „Das können Sie machen,“ lachte Lockhaart, „freilich müſſen Sie ſich da einen eigenen Wagen nehmen und Poſtpferde ſind verwünſcht theuer. Ihre Miſſionsgeſellſchaft wird aber gewiß Nichts dagegen haben, wenn Sie die Ihnen anvertrau⸗ ten Gelder dazu verwenden, Damen in die Berge zu begleiten und ſie vor den Gefahren zu beſchütben⸗ die ihnen dort von den Heiden drohen könnten.“ „Sie mahnen mich zur rechten Zeit an meine Pflicht, Mynheer Lockhaart,“ ſagte Holderbreit, der nur mühſam die Kränkung verbiß, vor den Damen in ſolcher Art zurecht gewieſen zu ſein. „Uebrigens bedenken Sie, daß es mit in meinem Beruf liegt, Land und Sitten des Volkes vorher zu ſtudiren, das ich von ſeinem Unglauben heilen möchte. In der Stube aber lerne ich weder das Volk im Ganzen, noch einzelne Individuen kennen, und möglich daß ich auch meiner Pflicht folgte, indem ich jede ſich mir bietende Gelegenheit er⸗ griff, dieſem Ziel gerad' entgegen zu arbeiten.“ „Sie müſſen das nicht ſo genau nehmen, was der alte Brummbär da aus ſich heraus knurrt,“ beſchwichtigte aber Van Straaten den Geiſtlichen, denn es that ihm leid den Mann unverſchuldeter Weiſe gekränkt zu ſehn. Lockhaart lachte ſtill vor ſich hin, aber er er⸗ griff das vor ihm ſtehende Glas, hob es, ſah dar⸗ über hin nach Holderbreit, nickte ihm zu und leerte es auf einen Zug, und Salomo Holderbreit that ihm mit Vergnügen Beſcheid in dem, was er vielleicht nicht mit Unrecht für einen Verſöh⸗ nungstrunk hielt. „Aber Sie eſſen ja gar nicht,“ ſagte Hedwig lächelnd zu dem neben ihr ſitzenden Wagner,„und doch behauptete Herr Van Straaten vorher, daß Sie einen ſo entſetzlichen Hunger hätten.“ 18*½ 276 Appetit.“ „Sind Sie krank?“ „Nein,“ ſagte Wagner gleichgültig, und erſt, wie er die Frage beantwortet, fühlte er, wie viel Theilnahme darin gelegen, und machte ſich Vor⸗ würfe, ſie ſo kurz abgefertigt zu haben. Lockhaart hatte ſein Glas geleert und gab das Zeichen zum Aufſtehn, indem er ſich von ſeinem Stuhl erhob.— Die Uebrigen folgten raſch ſeinem Beiſpiel, und Van Straaten ſchlug den Damen noch einen Spatziergang in der Abendkühle vor, da ſich das Gewitter verzogen hatte.— Seine Frau entſchuldigte ſich aber— er hatte ihr vorher ge⸗ ſagt, daß er etwas mit Hedwig beſprechen müſſe und dieſe mit ihrer alten Kathrine wanderten bald an ſeiner Seite unter den mächtigen Waringhis hin, die ein Stück die Straße hinab den großen vor des Reſidenten Haus gelegenen Platz umſchloſſen b Lockhaart war daheim geblieben; ganz gegen Van Straatens Willen würde ſich aber Salomo Holderbreit den Damen angeſchloſſen haben, hätte ihn nicht Wagner daran verhindert. Der Spa⸗ ziergang war natürlich frei, und der Geiſtliche 277 ſchien feſt entſchloſſen die angenehme Gegenwart der Frauen ſo lange wie nur irgend möglich zu genießen. Wagner ſah auch bald, daß er von der Geſellſchaft nun einmal nicht zu entfernen war, ausgenommen durch eine direkte Erklärung, und damit wäre auch jedenfalls Hedwig mistrauiſch gemacht worden. Er ſchloß ſich ihm deshalb an, und wußte ihn bald ſo in ein Geſpräch über Re⸗ ligion und die Pflicht der Bekehrung zu feſſeln, daß Holderbreit Augen und Ohren nur für ſeinen Begleiter brauchte, einige ihm höchſt gefährlich dünkende Ideen zu bekämpfen, und den jungen Handelsherrn davon zu überzeugen, auf welch ſchauerlichen Irrwegen er wandele. Wagner war dabei manchmal ſtehen geblieben, Van Straaten mit Hedwig und ihrer Begleiterin ein Stück voraus zu laſſen, und Salomo Holder⸗ breit folgte dieſem Beiſpiel, ohne irgend eine Kriegsliſt darin zu ahnen. Dadurch hatten die Uebrigen Vorſprung genug gewonnen, von den ihnen Folgenden nicht mehr gehört zu werden. Van Straaten zögerte auch nicht lange Hedwig mit dem, was ihm auf dem Herzen lag bekannt zu machen. Er wollte wiſſen woran er mit ihr war, des Schwagers wegen, und ob dieſer noch irgend eine Hoffnung nähren konnte, ſeinen Lieb⸗ lingswunſch erfüllt zu ſehen.— Und was blieb dem armen Mädchen zuletzt übrig, als die Hand zu ergreifen, die ihr endlich Befreiung aus dieſer unglückſeligen Lage bot? Aber die Noth ſollte ſie auch nicht dazu treiben— ſie ſollte nicht dahin gedrängt werden, dazu war der alte gutmüthige Mann feſt entſchloſſen. Nur ihrer freien Wahl durfte ſie folgen, nur dem Gefühl, das ihr eige⸗ nes Herz bezeichnete. Mit dieſen Gedanken beſchäftigt, und keines⸗ wegs ſchon vollſtändig mit ſich im Reinen, wie er eigentlich beginnen ſolle, ging er eine ganze Weile ſchweigend neben Hedwig her, bis dieſe endlich leiſe und freundlich ſagte: „Sie ſind heute Abend ſo ernſt, Mynheer, fehlt Ihnen etwas, daß Sie ſich nicht an dieſer wundervollen Natur erfreuen können? Oh ſehen Sie nur, wie herrlich die Sterne nach dem Ge⸗ witter funkeln, wie dieſe wunderbaren Bäume ihre, ſchon wieder vollkommen trockenen Zweige ſchütteln, und der Mond ſo zaubriſch ſchön durch jene Wipfel ſcheint.— Und dieſe Luft; es iſt or⸗ dentlich, als ob man mit jedem Athemzug leichter würde, und zu jenen duftigen Bergmaſſen hinüber⸗ fliegen möchte, über denen jetzt die Wolken la⸗ gern. Wie wunderbar das ausſieht, wenn dort Blitz nach Blitz ſo raſch einander folgt, als ob es faſt ein einziges Glühen wäre. Ach dieſe Welt iſt ſo ſchön— ſo ſchön.“ „Sie haben Recht, liebes Fräulein,“ ſagte der alte Herr leiſe,„dieſe tropiſche Welt iſt ſo wun⸗ derbar ſchön, daß wir, die wir uns erſt einmal daran gewöhnt haben, gar nicht glauben draußen aushalten zu können, wenn wir das Land wirk⸗ lich einmal wieder verlaſſen ſollen. Nur den hei⸗ miſchen Frühling müſſen wir vergeſſen; er iſt das Einzige, für das uns ſelbſt dieſe Natur kei⸗ nen Erſatz bieten kann.“ Hedwig nickte langſam und ſchweigend mit dem Kopfe— ſie dachte des deutſchen Frühlings, des letzten, den ſie dort verlebt, und wie er all' die Blüthen ihr mit rauher Hand zerſtört.— Arme Hedwig, die Heimath hatte für ſie keinen Frühling mehr, und um ſo dankbarer mußte ſie ja begrüßen, was ihr die Fremde bot. Van Straaten blickte verſtohlen nach ihr hin⸗ über; er hätte gern gehabt, daß ſie ſelber von Deutſchland angefangen, und ihm das Unange⸗ nehme eines Beginnens dadurch erſpart wäre. Wo aber auch ihre Gedanken weilten, ihre Lippen ſchwiegen, und der Blick haftete nicht einmal mehr auf der mondbeſchienenen Landſchaft um ſie her, 280 ſondern auf dem dunklen Boden auf dem ſie hin⸗ ſchritten. Ueber dieſem aber zogen die Mimoſen ihre feinen Blätter nicht ängſtlicher und ſchüch⸗ terner zuſammen, wie die Jungfrau mit ihrer ſchmerzlichen Erinnerung in ſich ſelber zurücktrat, damit kein Lichtſtrahl von außen ſie mehr beleuchte — und verletze. Der Holländer an ihrer Seite fühlte auch bald, daß er auf dieſe Weiſe nicht zum Ziele käme; Wagner konnte ihm überdies den läſtigen Bur⸗ ſchen, den Holderbreit, nicht viel länger vom Leibe halten, und. zer mußte die wenigen, ihm noch geſtatteten Minuten benutzen. „Mein liebes Fräulein,“ begann er endlich nach einer ziemlich langen Pauſe—„Sie— Sie ſeufzen ſo aus tiefer Bruſt. Haben Sie vielleicht irgend— irgend einen Wunſch, den wir Ihnen erfüllen könnten?“ „Hab' ich geſeufzt?— oh Sie ſind ſo gut— aber— es iſt wirklich bewußtlos geſchehen. Sie nannten vorher den deutſchen Frühling— und dürfen es der eben gekommenen Fremden nicht übel nehmen, wenn ſie die Heimath noch nicht ganz vergeſſen hat!“ „Und iſt es blos die Heimath?“ Hedwig ſah raſch und faſt erſchreckt zu ihm 281 auf. Sie fühlte, daß Van Straaten von etwas reden wolle, vor dem ſie ſich fürchtete, und faſt unwillkürlich wandte ſie ihre Richtung dem Hotel wieder zu, als ob ſie dort Schutz ſuchen und fin⸗ den könne. Van Straaten indeſſen, ohne die ver⸗ änderte Richtung zu bemerken, oder zu beachten, fuhr zögernd fort: „Liebes Fräulein, Sie müſſen wohl heraus gefühlt haben, wie lieb und werth Sie uns in der kurzen Zeit geworden ſind, in der Sie bei uns im Hauſe wohnen, und nicht etwa nur, weil Sie uns den Martijn, meinen verehrten Schwa⸗ ger, ſo umgeändert haben, daß er kaum noch wie⸗ der zu erkennen iſt—“ „Doch nicht allein durch meine Schuld,“ lächelte Hedwig, immer noch bemüht, dem Geſpräch eine andere Wendung zu geben—„der alte Herr iſt ſo von Herzen gut, daß er—“ „Sondern wir ſchloſſen Sie beſonders deshalb ſo in's Herz,“ fuhr aber Van Straaten, ohne ſich unterbrechen zu laſſen, fort,„weil wir genau erfahren haben, was Sie daheim und hier, unver⸗ ſchuldeter Weiſe gelitten.— „Mynheer,“ ſagte Hedwig bittend. Laſſen Sie es ſich nicht leid ſein, liebes ‿ Kind,“ beruhigte ſie aber der alte Herr, indem 22 er ihre flehend zu ihm aufgehobene Hand ergriff und feſthielt.—„Dadurch ſind Sie erſt recht ein Glied unſerer Familie geworden, daß wir nicht allein Mitwiſſer, ſondern auch Theilnehmer Ihres Schickſals wurden. Von dem Augenblick an betrachteten wir Sie auch als völlig zu un gehörig, und deshalb dürfen Sie es mir 3 nicht übel nehmen, wenn ich über etwas mit Ih⸗ nen ſpreche, über das ſonſt vielleicht nur ein naher Verwandter das Recht hätte zu reden.“. „Mein werther Herr,“ ſagte Hedwig zitternd. „Ich will kurz ſein,“ erwiderte aber Van Straa⸗ ten gutmüthig, denn er fühlte, daß er ſich wie der jungen Fremden, einen gleich großen Gefallen damit that, die Sache ſo raſch als möglich zu be⸗ enden.„Denken Sie, Ihr Vater oder Onkel ſpräche mit Ihnen— geſtatten Sie mir einen Augenblick das Recht dazu, wenn ich Sie darauf zurückführe, daß Sie einen jungen Mann in Deutſch⸗ land liebten, der— ſich Ihrer unwürdig zeigte.“ Es war, als ob Hedwig etwas darauf erwie⸗ dern wollte, aber Sie brachte kein Wort über die Lippen und Van Straaten fuhr fort: „Die Liebe iſt ein wunderliches Ding; ſie wurzelt feſt und tief im Herzen, und wenn man zehnmal glaubt, daß man ſie mit der Wurzel . 283 ausgeriſſen habe, ſo ſind doch ſicher noch immer eine Menge kleiner Faſern zurückgeblieben, die ohne daß man es ſelber im Anfang merkt, neue und friſche Keime treiben. Irgend ein Zufall genügt dann, ihnen die Bahn in's Freie zu bre⸗ chen, und erſt einmal draußen, grünen und blühen ſie friſcher und fröhlicher wie je.“ Van Straaten ſah nicht, wie Hedwig leiſe annd traurig mit dem Kopf ſchüttelte, fühlte nicht die Thräne, die ihr langſam und ſchwer von den Wimpern tropfte.— „Wir glauben jetzt, liebes Kind,“ fuhr er herzlich fort,„daß auch bei Ihnen dieſe alte Liebe für jenen unglücklichen jungen Mann noch nicht ganz erloſchen iſt; wir glauben, daß— wenn das wirklich der Fall wäre— Ihre Hand vielleicht ſegenbringend in ſein verfehltes Leben eingreifen könne, und ich bin von meinem Schwa⸗ ger Lockhaart mit der direkten, offenen und ehr⸗ lichen Frage an Sie abgeſchickt worden, ob Sie den jungen Dorſek noch lieben— und zum Mann haben wollen, denn in Ihre Hände allein ſoll dann ſein Geſchick gelegt werden.“ Hedwig zitterte an allen Gliedern, ſcheu drehte ſie den Kopf halb dorthin, wo ſie noch Wagners Stimme, im eifrigen Geſpräch mit dem Miſſionair 24 hören konnte, denn jedenfalls fürchtete ſie von dort geſtört zu werden. Die beiden Männer waren aber noch wenigſtens zwanzig bis dreißig Schritte hinter ihnen, und vor ihnen lag ſchon wieder das Hotel, dem ſie ſich indeß, im Eifer des Geſprächs genähert. Stehen bleiben konnte ſie nicht, die ihr Folgenden hätten ſie ſonſt ſo raſch eingeholt, und deshalb langſam und mit geſenkten Kopf vor⸗ wärts ſchreitend, ſagte ſie mit feſter, wenn auch unterdrückter Stimme: .„Werther Herr; Sie haben ſich ein Recht darauf erworben über das, was mir das innerſte Herz bewegt, mit mir zu ſprechen; aber— Sie täuſchen ſich, wenn ſie glauben daß ich Herrn von Dorſek, nach dem wie er ſich gegen mich betragen, noch lieben könne.“ 5 „Täuſchen Sie ſich nur nicht liebes Kind.“ „Es iſt nicht möglich,“ ſagte Hedwig ruhig, „er hat mir außerdem auch klar bewieſen, daß er mich nie wirklich geliebt hat, wenn ihn auch vielleicht ein augenblickliches Intereſſe an mich feſſelte;— denn ich will keine ſchlimmeren Motive annehmen.“ „Und wenn es doch ſo wäre— „Es iſt nicht,“ ſagte Hedwig feſt—„und wenn es wäre, das Gefühl käme zu ſpät für ³ 285 ihn. Nicht allein daß ich Herrn von Dorſek nicht achten kann, ich muß ihn verachten, und bedaure innig, dieſe wunderliche Fügung des Zufalls, die uns Beide hier in dieſem entlegenen Welttheil noch einmal zuſammengeführt hat.“ „Und ſind Sie feſt davon überzeugt, daß dies Ihre wahren und wirklichen Gefühle bleiben werden?“ „Ich bin es. Nie und unter keiner Beding⸗ ung, und wenn er mir ſelber das glänzendſte Loos der Welt bieten könnte, würde ich Herrn von Dorſek meine Hand reichen.“ „Brav geſprochen!“ ſagte in dieſem Augen⸗ blick eine Stimme dicht hinter Ihnen, und Hed⸗ wig erſchrack als ſie, raſch den Kopf danach wen⸗ dend, Herrn Salomo Holderbreit als den Sprecher erkannte. Die beiden Männer waren näher ge⸗ kommen und der Miſſionair mußte die letzten Worte jedenfalls in eifrigem Geſpräch an Herrn Wagner gerichtet haben. Da öffnete ſich plötzlich die Thür des Hotel⸗Salons und mit wüſtem Lachen taumelte mehr als er ging, ein junger anſtändig gekleideter Mann ins Freie. Mitten in der Thür aber blieb er noch einmal ſtehen, drehte den Kopf zurück und rief:— „Und Dir zum Trotz jetzt treib ich es toller * 286 als vorher. Was zum Teufel liegt mir an mei⸗ nem Leben, und wenn ich auf dem Schaffot ſtürbe— aber wie die Geſellſchaft hier darüber ſchnattern wie ſie ſchreien würde— das iſt es nur was Dir am Herzen liegt.— Alle Wetter noch einmal,“ unterbrach er ſich plötzlich, als er den Kopf halb zur Seite wandte, und gerade in dem Lichtſtrahl der aus der geöffneten Thür voll her⸗ ausfiel, Hedwig mit ihren Begleitern ſtehen ſah —„die ganze Geſellſchaft, heh? und Fräulein Bernold auch, mit der alten Kathrine natürlich — Tod und Teufel ich— habe doch am Ende einen dummen Streich gemacht.— Aber weshalb warſt Du auch ſo blutarm Schatz? das war noch viel dümmer, und wir Beide hätten höchſtens unſere Schulden zuſammenlegen und betteln gehn können— Herr und Frau von Dorſek!— Die Peſt über die Welt! jetzt will ich meine Jugend genießen und den Becher bis auf die Hefen lee⸗ ren. Horbach hat Recht— wenn man ſein Le⸗ ben in die Schanze ſchlägt, iſt Java dazu der bequemſte Platz, und verdammt will ich ſein, wenn ich nicht an der Quelle ſchöpfen werde — damit baſta! das geht auch keinem Menſchen weiter etwas an. Lebewohl Hedwig— ich glaube ſo, ich habe Dir noch nicht einmal Adieu geſagt — 6 dieſer— Schlange, dieſer falſchen Orlaska wegen — Nun, Siiſt jetzt gerad' noch Zeit— gute Nacht.—“ Und damit ſtreckte er die Hand gegen die ſcheu vor ihm zurückbebende Jungfrau aus. In demſelben Augenblick trat aber auch ſchon Wagner zwiſchen die Beiden. „Mynheer Van Straaten, Sie haben wohl die Güte die Dame in ihr Zimmer zu geleiten,“ ſagte er dabei,„indeß ich dieſen, wie es ſcheint von Arrak erregten Menſchen entferne.“ „Er geht ſchon ſelber,“ lachte aber Dorſek ihn trotzig an—„glaubt Ihr, daß er ſich in Euerer langweiligen Geſellſchaft wohl fühlen könne?— Hol Euch alle der Teufel, und meinen ſauberen Onkel dazu.— Glaubte, er hätte den unbeque⸗ men Neffen ſicher in der Zwangsjacke ſtecken, oh? Hahaha! er iſt Euch Allen zu geſcheut, und wird Euch jetzt erſt einmal zeigen, was er zu thun im Stande iſt. Geht zum Henker.“ Und mit den Worten drehte er ſich ſcharf auf dem Abſatz herum und ſchwankte, mit den Armen geſticulirend, die Straße hinauf. Um das Hotel herum aber glitt eine dunkle Geſtalt— Einer der Oppaß des Reſidenten, von Lockhaart ſelber hinter dem deſertirten Neffen hergeſandt. Hedwig hatte den Oppaß gar nicht bemerkt, 288 4—2 denn ihr Blick hing noch immer an der Geſtalt des unſeligen Dorſek, der ſchwerfällig und ſeiner eigenen Glieder kaum noch mächtig, die Straße aufwärts im Zickzack ſeinen Weg verfolgte. „Und dieſen Mann glaubten Sie, daß ich noch lieben könne?“ ſagte ſie, faſt wie zu ſich ſelber redend, halblaut zu Van Straaten,„einen Menſchen, der ſich ſelber ſoweit verloren hat, glaubten Sie, daß ich noch meine Hand reichen könne?“ „Nein liebes Kind, nein,“ ſagte aber Van Straaten raſch—„es war nur meine Pllicht Sie zu fragen, denn ich hatte es verſpro⸗ chen; aber ich bin jetzt ſelber recht innig froh, daß Sie vernünftig genug ſind, Ihren Verſtand nicht mit dem Herzen davon laufen zu laſſen.— Doch kommen Sie herein der Thau fängt an zu fallen und Sie könnten ſich erkälten.“ 3 Hedwig gab ihm die Hand, die er herzlich drückte, und ſtieg die ſteinerne Treppe hinauf, die zum Eßſaal führte. Von dort aus ging ſie gleich in ihr eigenes Zimmer, wo ſie ſich mit ihrer Ka⸗ thrine einſchloß, und es an dieſem Abend nicht mehr verließ. Salomo Holderbreit hatte ſich an einen der 289*¼ Tiſche geſetzt, ſtützte den Kopf auf beide Arme und ſah ſtill und nachdenkend vor ſich nieder. Hinter ihm trat Lockhaart aus ſeiner Stube. Er ſah bleich und erregt aus, ſprach auch kein Wort, ſondern winkte nur Wagner und ſeinem Schwager, ihm in das kleine Gemach zu folgen, das er hinter ihnen verſchloß. „Er war hier?“ fragte Van Straaten. „Ja!“ nickte Lockhaart leiſe—„deſertirt von ſeiner Compagnie; wie? weiß ich ſelber nicht. Er hat aber die Fahrt mit einem gerade heraufkom⸗ menden, jungen Controlleur gemacht, bei dem er mich vorgeſchoben, und den es ſeinen Dienſt koſten wird. Trunken dazu— frech und unver⸗ ſchämt, ſo iſt mir Mariannes Sohn entgegen ge⸗ treten, wegehung und Hülfe zu fordern und als das nicht ging— als ich ihm den Rücken drehte.“— Der alte Mann ſchwieg, und barg ſein Antlitz von Schmerz ergriffen in beiden Händen. „Und weiß es Doortje?“ frug leiſe Van Straaten. „Glücklicher Weiſe hatte ſie gerade die Frau des Reſidenten zum Thee abgeholt,“ ſagte Lock⸗ haart ſich gewaltſam ſammelnd—„ihr wäre das Herz gebrochen, wenn ſie den unſeligen Men⸗ ſchen in dem Zuſtand geſehen und erkännt hätte.“ Unter dem Aequator. III. 19 2 290 „Und was willſt Du jetzt thun?“ „Für den iſt keine Rettung mehr,“ ſeufzte Lockhaart aus tiefſter Bruſt—„aber Soldat darf er nicht bleiben— nicht etwa ſeinet, ſon⸗ dern unſeret wegen— er würde uns nicht al⸗ lein durch ſeinen Stand entehren—“ „Und was willſt Du, was kannſt Du mit ihm anfangen?“ „Ich ſchicke ihn nach Celebes auf meine Plan⸗ tage,“ ſagte Lockhaart entſchloſſen.„Mein Auf⸗ ſeher dort iſt ein braver, aber auch ſehr ſtrenger .Mann.— Liegt es noch in Menſchenkräften ihn zu beſſern, ſo geſchieht es dort— wo nicht, mag. er dort eher untergehn, wie hier vor unſeren Augen. Hat ſie ihn geſehen?“ „Ja,“ ſagte Van Straaten leiſe. „Das arme Kind,“ feufzte Lockhaart,„aber es kann Nichts helfen Für ſie iſt es ſogar beſſer, denn ſo viel ſicherer macht ſie ſich ſelbſt von der Erinnerung an ihn frei. Fort mit ihm— er verdient gar nicht, daß wir noch an ihn denken“ — und mit einem recht aus tiefſter Bruſt her⸗ ausgeholten Seufzer warf ſich Lockhaart auf das im Zimmer ſtehende Ruhebett und achtete gar nicht darauf, daß Wagner und Van Straaten leiſe und geräuſchlos das Zimmer verließen. Wagner kam an dieſem Abend ſpät in ſein Bett, denn lange noch ging er in der Nachtkühle unter den rauſchenden Palmen ganz allein auf und ab, mit ſich und ſeinen eigenen Gedanken beſchäftigt. Trotzdem aber war er der Erſte wie⸗ der am nächſten Morgen auf, und früh unten beim Reſidenten, ſich dort nach den Gefangenen zu erkundigen. Klapa war wohl verwahrt und von Wachen umſtellt, ſo daß er an Flucht nicht denken durfte — aber auch der Deſerteur hatte einen ſtrengen Gefängnißwärter bekommen, und lag in einem hitzigen und heftigen Fieber. Erſt vor kurzer Zeit aus einer kalten Zone in dies tropiſche Klima gebracht, hatte ſein mit Früchten und ſpirituoſen — 19* 292 Getränken unmäßig angefüllter Körper dem ſchäd⸗ lichen Eindruck nicht widerſtehen können, und ſtatt für die thöricht verſuchte Flucht„ſeiner Strafe überliefert zu werden, mußte man ihn den Händen eines Arztes übergeben, um vor allen Dingen ſein Leben zu retten. Wagners und Lockhaarts Abreiſe war bis auf neun Uhr verſchoben, das Frühſtück um acht Uhr beſtellt, und als er zurück zum Hotel ſchritt, glaubte er kaum, die Damen ſchon fertig angezogen zu finden. Um ſo mehr ſah er ſich überraſcht, als er Hedwig mit ihrer alten Begleiterin unterwegs begegnete und zwar Beide im Begriff noch vor dem Frühſtück einen kleinen Spaziergang zu machen. 3 Hedwig ſah heut Morgen viel bläſſer aus, als er gewohnt war ſie zu finden. Sie hatte dazu augenſcheinlich verweinte Augen, wenn ſie auch den jungen Mann mit heiterer Stirn be⸗ grüßte. Die alte Kathrine dagegen war immer die Alte, und da ſie Wagner vor allen Uebrigen in's Herz geſchloſſen, kam ſie auch gleich treuher⸗ zig auf ihn zu, gab ihm die Hand und ſagte: „Gehorſamſchten Diener, Herr Wagner— und Sie ſind jetzt gerad recht, daß Sie dem Kind da emal in's Gewiſſe ſchwätze, denn mit dene 293 4 viele Thräne macht ſe ſich alsfort das Herz noch ſchwerer, wie's nöthig iſt.“ „Es iſt ſchon vorbei,“ ſagte Hedwig, als ſie mit einem wehmüthigen Lächeln ihre Hand in die ihr gebotene Rechte Wagners legte—„wir ſprachen nur geſtern Abend— von jenem un⸗ glücklichen— leichtſinnigen Menſchen, an deſ⸗ ſen Leben mich faſt einmal mein bös Geſchick ge⸗ feſſelt hätte. Ich darf Gott danken, daß er mich davor bewahrte; ich wäre doch recht, recht un⸗ glücklich geworden.“ „Fürchten Sie nicht daß er Ihnen noch ein⸗ mal begegnen werde,“ ſagte Wagner, ſie zu be⸗ ruhigen—„er wird von hier nach einer ande⸗ ren Inſel geſchafft, wo wenigſtens verſucht wer⸗ den ſoll, ob dieſer zerrüttete Geiſt, der ſich und die Welt verlören hat, noch aufzurichten und zu retten iſt.“ „Gott möge es denen vergelten, die ſich ſo viel Mühe um das verlorene Leben eines Mitmen⸗ ſchen geben,“ ſagte Hedwig leiſe,„aber— ich fürchte nicht ihm wieder zu begegnen, denn ich bin entſchloſſen nach Deutſchland zurück zu kehren.“ 1 „Sie wollen Java verlaſſen?“ rief Wagner raſch und erſchreckt. 2 „Das is es ja ebe,“ rief die Alte—„ich wähs net was er in den Kopp geſtiege is, und ob ſie das Land hier ſchon mies hätt; aber ehnd' ich heim ginge, wollt ich doch aach mehr von dem Java geſehn habe— denn ſobald komme mer hier nich widder her.“ „Sie wollen fort?“ wiederholte Laaer leiſe und faſt nur mit ſich ſelber redend—„fort— fort von Java— und— kennt Van Straaten ſchon die Abſicht die Sie haben?“ „Nein— erſt dieſen Morgen, oder vielmehr dieſe Nacht bin ich zu dem feſten Entſchluß ge⸗ kommen,“ erwiderte Hedwig mit niedergeſchlage⸗ nen Blicken.„Es iſt beſſer ſo— gewiß beſſer, denn ſo gütig mich Van Straatens auf Ihre Verwendung aufgenommen haben, ſo kann dies doch nicht auf die Länge der Zeit fortbeſtehen. Sie würden und müßten es einmal ſatt bekom⸗ men, und ich gehe weit lieber ehe das geſchieht, wie nachher.— Beſſer einen Monat, ein Jahr zu früh, wie eine einzige halbe Stunde zu ſpät.“ „Aber fürchten Sie um Gotteswillen nicht, daß Sie Van Straatens je zur Laſt fallen könn⸗ ten,“ rief Wagner. „Es iſt möglich daß es nicht ſo wäre,“ er⸗ 295 wiederte ruhig das junge Mädchen,„aber ich würde es doch glauben, und der Gedanke allein mich unglücklich machen. Ich darf vielleicht des⸗ halb die letzte Bitte an Sie richten, werther Herr, daß Sie mir in Batavia, ſo raſch das irgend geht, ein Schiff zur Ueberfahrt beſorgen. „Und das iſt wirklich Ihr Ernſt?“ „Ich gehöre nicht hierher,“ ſagte Hedwig mit abgewandtem Antlitz—„es iſt beſſer, daß ich wieder gehe, denn in dem Haus meiner lieben Gaſtfreunde werde ich noch dazu weit über meine Verhältniſſe verzogen— verwöhnt. Ich darf es nicht länger annehmen, ſchon meiner ſelbſt wegen.“ 3 „Und wie froh werden Sie ſein, das fremde Java, das Ihnen ſo manche ſchmerzliche Stunde bereitete, wieder verlaſſen zu dürfen,“ ſagte Wagner, indem er faſt unbewußt in eine der ſtil⸗ len Querſtraßen Bandongs einbog, die, wie alle Gaſſen von niederen beſchnittenen und blühen⸗ den, Gärten umſchließenden Hecken eingefaßt war. „Glauben Sie das nicht,“ ſagte Hedwig leiſe —„ich habe auch liebe— recht liebe Freunde hier gefunden, an die ich ſtets mit aufrichtiger Dankbarkeit zurückdenken werde.“ „Und doch hat Niemand mehr hier gethan, als 296 nur geſucht das wieder ſo viel als möglich gut zu machen, was man an Ihnen verſchuldet hatte.“ „ und iſt das nicht ſchon viel— ſehr viel?“ ſeufzte Hedwig.„Du lieber Gott! in der Welt draußen wie ich ſie, ſo jung ich bin, ſchon habe kennen lernen, kümmert ſich ſelten der Nachbar um den Nachbar, ob ſein Loos glücklich oder elend gefallen iſt.“ „Sie haben ſchon bittere Erfahrungen ge⸗ macht,“ ſagte Wagner mit tiefem Mitgefühl. „Recht bittere,“ erwiderte Hedwig ſchmerz⸗ lich—„aber— reden wir nicht davon. Die Zeit liegt hinter mir— die Schlimmſte we⸗ nigſtens.“ 4 „Und allein wollen Sie Allem wieder be⸗ gegnen, was noch Ihrer warten könnte?“ ſuhr Wagner fort, ohne die Bitte zu beachten—„allein wollen Sie wieder in dieſe fremde kalte Welt hinaus, aus der Sie ſchon einmal flüchteten?“ „Nicht allein,“ ſagte Hedwig herzlich, aber auch von einem wehen, ihr ſelbſt unerklärlichen Gefühl durchzuckt, indem ſie die Hand nach ihrer alten Magd ausſtreckte.„Meine Kathrine geht mit mir; ſie wenigſtens wird mich nicht ver⸗ laſſen.“ „Ehnder ging die Welt auseinander,“ beſtä⸗ tigte die Kathrine. „Die Rebe vertröſtet ſich auf das Moos,“ ſagte Wagner ſchmerzlich,„das allein von ihr gehalten und getragen wird. Die alte Kathrine kann Sie tröſten und pflegen, Hedwig; aber iſt ſie im Stande, Sie gegen des Lebens Ungemach zu ſchützen?— iſt ſie im Stande Ihnen das Alles zu erſetzen, was Sie an Ihrem Vater, was Sie an Ihrer Mutter verloren haben?“ Hedwig ſah beſtürzt zu ihrem Begleiter auf, deſſen Worte lauter, ja leidenſchaftlicher als bis⸗ her geſprochen wurden. 3 „Das werde ich ſelber thun müſſen,“ ſeufzte ſie endlich leiſe—„ich bin früh ſelbſtſtändig ge⸗ worden; vielleicht zu früh, und das iſt das ein⸗ zige Gut das ich ererbte. Ich werde ſuchen müſſen, den größtmöglichſten Nutzen daraus zu ziehen.“ „So laſſen Sie mich die Eiche ſein, Hedwig,“ ſagte da Wagner herzlich, indem er ihre Hand ergriff—„laſſen Sie mich die Eiche ſein, um die ſich die Rebe ſchlingt, von der ſie getragen, geſchützt wird.“ „Herr Wagner,“ ſtammelte Hedwig erſchreckt, während die alte Kathrine mit leuchtenden Aüden ihre Hände faltete. 298 „Hedwig,“ ſagte aber der junge Mann, wäh⸗ rend hohe Röthe ſeine edlen Züge färbte.— „Hier haben Sie eine einfache herzliche Frage: Wollen Sie mein Weib ſein?— Ich habe Sie gern gehabt vom erſten Augenblick wo ich Sie ſah, und lieber und lieber gewonnen, höher und höher achten gelernt mit jedem Tag, den ich in Ihrer Nähe ſein durfte. Vor einigen Tagen ſchon hätte ich Sie auch um die Hand gebeten, die Sie unbewußt einem Unwürdigen beſtimmten, aber erſt— ich weiß ſelber nicht wie es kam— glaubte ich der alte Herr Lockhaart habe durch ſein derbes ehrliches Weſen Ihr Herz gewonnen, und da ich Ihnen nicht ſolchen Reichthum bieten konnte wie er, ſtand ich zurück. Als dann Dor⸗ ſek Ihnen begegnete, und ich ſah, daß ich mich in Ihren Gefühlen gegen Lockhaart getäuſcht, mußte ich glauben, daß Sie den Mann noch liebten, dem Sie ſich mit ihrer erſten Liebe zu eigen geben wollten. Wie weh mir ſelber auch das Herz deshalb that— ich kann mir keinen Vorwurf machen irgend etwas verſäumt zu ha⸗ ben, ſelbſt Ihren möglichen Wünſchen darin zu⸗ voorzukommen. Aber jetzt ſind Sie frei; Dorſek hat ſich als Ihrer vollſtändig unwürdig gezeigt. Sie können ihn nicht mehr lieben, und ein trauriges 299 Loos wartete Ihrer an ſeiner Seite. Kehren Sie aber deshalb nicht nach Deutſchland zurück; wenigſtens jetzt noch nicht— nicht allein. Ich bin nur ein ſchlichter Mann, mit wenig Poeſie vielleicht, aber einem treuen, ehrlichen Herzen. Genügt Ihnen das Hedwig, ſo ſchlagen Sie ein — werden Sie mein Weib, und nehmen Sie hier zum Pfand mein Wort, daß ich Alles— Alles thun werde, Sie dieſen Schritt nie bereuen zu laſſen.“ „Und mich—“ ſtammelte Hedwig unter vor⸗ brechenden Thränen,„das arme, von allen Sei⸗ ten zurückgeſtoßene Mädchen wollten Sie wählen, der ſich ſeine Braut unter den erſten Familien dieſes reichen Landes ſuchen könnte?“ „Nicht ſo, Hedwig, nicht ſo!“ rief Wagner, „ſein Sie verſichert, daß nur Sie ſelber und im reichſten Maas die Geberin wären. Vertrauen Sie mir deshalb, und glauben Sie, daß Sie an meiner Seite dem, was das Leben vielleicht noch für uns aufgeſpart, ruhig begegnen könnten, ſo werfen Sie lichten Sonnenſchein in mein Herz mit dem einen kleinen Wörtchen,„ja“— Bin ich Ihnen aber vollſtändig gleichgültig,“ ſetzte er leiſe hinzu,„fürchten Sie vielleicht, daß auch ich—“ „Nein, nein, nein,“ unterbrach ihn da mit 300 tiefem Gefühl das Mädchen—„es wäre Sünde an Gott— an Ihnen, wollte ich ein ſo edles Herz kränken oder zurückſtoßen.“ „Und Sie wollen mein ſein?“ „Wenn Sie das arme, freundloſe Mädchen für würdig halten, die Stelle auszufüllen, die eine Beſſere einnehmen könnte— ja.“ „Keine Beſſere, Hedwig, beim ewigen Gott, keine Beſſere,“ rief aber Wagner, indem er ihre Hand an ſeine Lippen hob—„und tauſend, tauſend Dank für das reiche, überreiche Geſchenk. Jetzt auch kann ich Dir ſagen, Du liebes, liebes Mädchen, wie glücklich Du mich mit dieſem Wort gemacht. Kalt und zurückhaltend bin ich Dir vielleicht bis jetzt vorgekommen, aber Niemand weiß, welchen Kampf das mich, beſonders in der letzten Zeit gekoſtet. Nicht aufdringen wollte ich mich Dir— nicht durch irgend einen Dank ſoll⸗ teſt Du Dich an mich gebunden glauben, und nur glücklich wollt ich Dich wiſſen, wäre es auch an der Seite eines Andern geweſen.“ „Und hab' ich Alles das verdient?“ ſagte Hedwig mit einem ſeligen Lächeln zu dem Mann aufſchauend. „Mehr als das— mehr als ich je im Stande bin Dir, Du armes, liebes Kind zu bieten.“ 301 „So— das iſt Recht,“ ſagte die Kathrine jetzt, der die Freudenthränen, nur immer eine hinter der andern über die gefurchten Wangen gelaufen waren—„und nun kann die Kathrine gehn— kein Menſch kümmert ſich mehr um ſie — ihre Zeit iſt vorbei und ſie mag die Fieß jetzt hinſetze, wohin ſie will.“ „Kathrine,“ rief aber Hedwig, die alte treue Perſon feſt an ſich ziehend. „Da ſei Gott vor,“ lächelte aber Wagner, „ daß wir die alte, wackere Kathrine von uns lie⸗ ßen. Im Gegentheil wird ſie jetzt erſt recht ge⸗ braucht werden, ein paar Leuten eine Wirthſchaft einzurichten, die wahrſcheinlich Beide nicht viel davon verſtehn.— Sie müſſte denn lieber bei Van Straatens bleiben wollen.“ „Ja, ja, ſchwätze Se nur in's Blaue hinein,“ lachte die alte Perſon—„meine klaane Hedwig weiß, wo ich dehäm bin und Pleiwe will, mein ganzes Lebe lang.“ „Und nun zu Haus“ drängte Wagner, indem er der erröthenden Hedwig Arm in den ſeinen zog;„aber die Erinnerung an dieſen Morgen wol⸗ len wir uns wahren; dieſe Palme hier, mein treues Herz, war Zeuge der glücklichſten Stunde meines Lebens. Sieh' wie ſie ihren glatten Stamm 302 ſo majeſtätiſch hoch zum Himmel hebt— ſieh' wie ihre zierliche, wehende Krone die federarti⸗ gen Blätter ſo heimlich und leiſe, wie uns zu⸗ nickend ſchaukelt. Ein ſtiller Friede weht um ei⸗ nen ſolchen herrlichen Baum, und die Erinnerung an dieſen hier, mag uns mit ihrem freundlichen Bild durchs ganze Leben geleiten.“ „Und ich ſoll nicht nach Deutſchland zurück?“ ſagte Hedwig leiſe und lächelnd. „Gewiß; aber an meiner Seite,“ rief Wagner, ihren Arm feſter an ſich preſſend.„Zuſammen wollen wir dann das liebe Vaterland beſuchen, ja uns dort vielleicht wieder unſere neue Heimath gründen, und dann, meine Hedwig, ſollen alle die Thränen getrocknet ſein, die Du dort vielleicht geweint.“ „Und dazu wolle der Himmel ſeinen Sege gebe,“ ſagte die Alte, während ein recht aus tief⸗ ſter Bruſt heraufgeholter Seufzer ihre Bruſt hob. Die Straße lag allerdings öde und leer und nur aus dem dunklen Grün der dichten Frucht⸗ und Blüthenbüſche ſchauten hie und da die nie⸗ deren Bambuswohnungen der Eingeborenen vor, oder klingelten da oder hier die feinen Schellen, die den kleinen Kindern an einem Drathring um die Knöchel gelegt werden, damit ſie ſich nicht ſo leicht verlaufen können. Aus ein oder dem an⸗ deren Haus hatten aber doch Inwohner, die in dieſem Diſtrikt ſeltenen Weißen bemerkt, und über die Hecken ſchaute bald auf, der, bald auf jener Seite, ein brauner Kopf, und verſchwand mit Blitzesſchnelle wieder, wie nur die Fremden das Antlitz ihnen zudrehten. Wagner aber hatte Hedwig feſter an ſich ge⸗ zogen, und ſchritt mit ihr leiſe plaudernd und Won h und Seligkeit im Herzen, die Straße hin⸗ aob, die dem Hotel zu führte, und nur erſt, als er dieſes in Sicht bekam, ließ er ſie wieder frei und ſagte lächelnd: „Gönne mir den Spaß, Hedwig, den alten Herru zu überraſchen. Ich weiß er meint es gut mit uns allen Beiden, denn er iſt ein braver, wackerer Mann. Er wird ſich freuen daß wir Beide in einander Glück und Frieden gefunden haben.“ Wenige Minuten ſpäter erreichten ſie das Ho⸗ tel, in dem eben die Frühſtückstafel gedeckt wurde. Einzelne Malayen trugen die Teller, Meſſer und Gabeln herein, während Andere auf die geſchick⸗ teſte Weiſe die Servietten zu Blumenſträußen, Fa⸗ ſanen und Körben zuſammen falteten. Der alte Herr Lockhaart ging noch allein, mit 304 auf den Rücken gelegten Händen im Zimmer auf und ab; als er die Beiden aber eintreten ſah blieb er ſtehen, ſchaute Hedwig mit freundlich theil⸗ nehmendem aber auch recht wehmüthigem Blick an und ſagte: „Sein Sie mir nicht bös, Hedwig, daß ich noch ſolche tolle Träume hatte, Sie könnten Ihr Glück an der Seite jenes nichtsnutzigen Dorſek finden— an der Seite eines Mannes der ſi ſelber viel zu tief verworfen hat, Ihrer auch mit einem Gedanken würdig zu ſein. Ich will es 6 auch nur geſtehn— es war reiner Egoismus von mir; reiner nichtsnutziger Egoismus, der durch ſein Glück meinen Frieden gründen ſollte, und nicht an das Herz dachte, das er darüber vollends brechen müßte. Das iſt jetzt vorbei; aber glauben Sie ja nicht, daß ich Ihnen darum weniger freund⸗ lich geſinnt bin— daß ich mich weniger jenes nichtsnutzigen Burſchen wegen in Ihrer Schuld glaubte. Herr Wagner hier ſei mein Zeuge daß ich Ihnen hiemit verſpreche—“ „Bitte um Verzeihung,“ unterbrach ihn Wag⸗ ner lächelnd,„Sie ſind vollſtändig im Irrthum, denn ich habe mich verſprochen und nehme Sie hiermit zum Zeugen, daß ich dieſer Jungfrau von heute an jeden Tag meines Daſeins widme.“ 305 „Sie?“ ſagte Lockhaart und ſah verdutzt bald in das lächelnde Antlitz Wagners, bald auf die verſchämten und doch ſo glücklichen Züge Hedwigs, —„Sie?— und Hedwig?“ „Ich will ſuchen ihn den Schritt den er heute gethan, nie bereuen zu laſſen,“ flüſterte das junge Mädchen und barg, als Wagner leiſe ſeinen Arm um ſie legte, ihr glühendes Antlitz an ſeiner Bruſt. ESs nar eine eigene, merkwürdige Veränderung, die in den ſonſt ſo harten Zügen des alten Man⸗ naes vorging. Zu überraſchend wirkte die Kunde auf ihn, und der lächelnde Ausdruck um Wagners Lippen ließ ihn ſogar im Anfang glauben, daß das Ganze nur ein Scherz ſei, oder— er wußte ſelbſt nicht was ihm Alles in dem Moment durch den Sinn fuhr. Hedwigs verſchämtes Erröthen aber, wie Wagners offnes, Glück ſtrahlendes Auge konnte ihn nicht länger im Zweifel laſſen. „Und iſt es wahr?“ ſagte er leiſe,—„haben Sie das arme, verlaſſene Kind in Ihren Schutz genommen, Wagenaar, und wollen Sie ihm ein treuer, ehrlicher Hüter ſein durchs ganze Leben?“ „Das will ich, ſo mir Gott helfen ſoll in mei⸗ ner letzten Stunde,“ ſagte Wagner mit tiefer Rüh⸗ rung im Ton, indem er den erſten Kuß auf Hed⸗ wigs Stirn drückte. Unter dem Aequator. III. 20 306 4 Der alte Mann ſtand ſtill und bewegt vor ihnen. Er hatte die Hände zuſammen geſchlagen, und ſchaute mit tiefer Rührung auf das junge Paar. Endlich ging er auf Hedwig zu, ſtrich ihr die Haare aus der glühenden Stirn und ſagte herzlich: „So nehmt denn meinen beſten Segen auf Eueren Lebenspfad. Was ich mir ausgedacht— es hat nicht ſein ſollen, aber ich fühle, daß es zu Ihrem Heil und Glück ſo gekommen iſt, mein lie⸗ bes, wackeres Kind. Sein Sie auch verſichert daß von dieſem Augenblick an Ihre Sorgen aufgehört haben. Ein wackerer Führer iſt Ihnen für dies Leben zugetheilt, und der alte Lockhaart ſteht noch nebenbei am Weg, und wird helfen mit Rath und That, wo er irgend kann.“ „Sie waren, ſeit ich dies Land betreten, im⸗ mer ſo lieb und gut gegen mich,“ ſagte Hedwig, bewegt ſeine Hand ergreifend. „Und auf dem Schiff ein Flegel, nicht wahr?“ lachte der alte Herr, der ſich ſeine Rührung nicht wollte merken laſſen,—„bſt, bſt, bſt— es hatte Alles ſeinen Grund— Alles ſeine Urſache— aber die Zeit iſt jetzt vorbei und nun— Na ja, da haben wirs; da kommt der langweilige Miſſionair. d Laßt ihn Nichts merken Kinder,— thut es mir zu Gefallen—“ „Aber Van Straatens“— ſagte Wagner. „Meinem Schwager erzähl ich die ganze Ge⸗ ſchichte unterwegs, und Ihr Beide habt ebenfalls Zeit meine Schweſter damit zu überraſchen, wenn ihr in die Berge fahrt.“ „In die Berge?“ ſagte Wagner erſtaunt,— „ich dachte ich ſollte Sie begleiten.“ „Ja das dachte ich auch,“ lachte Lockhaart, „wenn man aber ſolche Streiche am frühen Mor⸗ gen macht, hört natürlich jede Berechnung auf. Sie bleiben jetzt, wie ſich das von ſelbſt verſteht, bei den Damen, während ich meinen Schwager mit hinunter nehme, die Sache in Ordnung zu bringen. Auf dem Rückweg könnt Ihr Euch dann meinetwegen ſchon in Buitenzorg trauen laſſen, wenn Ihr eben nicht länger als Brautleute in Batavia leben wollt. Doch ſtill, da iſt der Schwarz⸗ rock; am Ende könnten wir den gleich hier dazu verwenden.— Nun nun, es war ja nur ein Scherz,“ lachte er gutmüthig, als Hedwig eine er⸗ ſchreckt abwehrende Bewegung machte.—„Das Ganze muß auch mit einiger Feierlichkeit in's Werk geſetzt werden, wenn es den richtigen Eindruck machen— ah guten Morgen Mynheer Holder⸗ 20* breit.— Schon ſo früh heute auf dem Fang nach irgend einer heidniſchen Seele geweſen?“ „Weniger nach einer heidniſchen, als einer chriſtlichen,“ lächelte der Miſſionair gutmüthig, denn er wußte, wie die Scherze des alten Herrn gemeint waren. „Nach einer chriſtlichen?“ „Ja— ich ſuchte Fräulein Bernold, um ſie zum Frühſtück zu rufen, und— glaubte dabei, ſie hätte ihren Spaziergang wieder nach jener Stelle von geſtern Abend ausgedehnt.— Leider fand ich mich aber getäuſcht.“ „Sieh, ſieh, ſieh, ſieh!“ ſagte der alte Herr kopfſchüttelnd,„was das für eigene Studien ſind, die Sie hier beginnen. Dabei werden Sie aber verwünſcht wenig Malayiſch lernen, und ich wüßte Ihnen wohl ein beſſeres Mittel anzugeben.“ „Und welches?— wenn man fragen darf?“ „Später einmal vielleicht— ſpäter. Jetzt wol⸗ len wir erſt unſer Frühſtück einnehmen, denn da kommt auch Mynheer Van Straaten mit meiner Frau Schweſter.— Guten Morgen Ihr Leutchen, guten Morgen; aber Ihr macht lange heute, und wir werden dadurch einen ſpäten Aufbruch be⸗ kommen.“ „Was thut das,“ ſagte Van Straaten;„wir 9 kommen doch bald in die Berge, und dort wird die Luft ſchon kühl.“ „Nur mit dem Unterſchied,“ lachte Lockhaart, „daß Du gar nicht in die Berge kommſt, ſondern mit mir zurück nach Batavia mußt.“ „Den Teufel auch,“ rief Van Straaten— „und weshalb?“ „Einmal brauch' ich Dich in Buitenzorg— Du weißt ſchon weshalb,“ ſagte Lockhaart mit einem verſtohlenen Blick auf ſeine Schweſter, „und dann— möcht ich Dich auch des Herrn Jooſt wegen in Batavia haben— aber ich er⸗ kläre Dir das Alles unterwegs.“ „Aber die Damen?“ ſagte Van Straaten und ſah erſtaunt zu ſeinem Schwager und dann zu Hedwig auf. „Die wird Wagenaar begleiten,“ erwiderte Lockhaart,„er thut mir das ſchon zu Gefallen.“ Wagner verbeugte ſich leicht und lächelnd. Van Straatens Blick fuhr aber blitzſchnell von Hedwig hinüber nach ihm, und dann zurück zu dem jungen Mädchen, und leiſe und vergnügt vor ſich hinpfeifend, rieb er ſich die Hände und ſagte dann, dem einen Malayen winkend: „Gieb mir einmal den Kaffeepot herüber, mein Junge; alle Wetter, wo hat denn Soltersdrop ſeine Spieldoſe, daß er noch nicht einmal den Jungfernkranz oder„ſo leben wir, ſo leben wir,“ losgelaſſen hat.“ „Nicht wahr Mynheer?“ rief der arme Teufel von Wirth, der indeſſen hinten im Saal beſchäf⸗ tigt geweſen war, eine ausgeworfene Fenſterſcheibe wieder einzuſetzen. Dazu überwachte er ſeine Ma⸗ layen, und kam nur jetzt, als er ſeine Spieldoſe erwähnen hörte, vorn an den Tiſch.„Mynheer Lockhaart hat den Schlüſſel eingeſteckt und ihn noch nicht zurückgegeben.“ „Alle Wetter,“ lachte Lockhaart, indem er nach ſeiner Weſtentaſche griff—„das hab ich heilig vergeſſen.— Er muß in der Weſte ſtecken, die ich geſtern anhatte.— Nun, Soltersdrop, ſobald wir gefrühſtückt und die Pferde vor dem Wagen haben, ſollt Ihr den Schlüſſel wieder bekommen, und dann könnt Ihr die unglückliche Maſchine vier und zwanzig Stunden nach einander laufen laſſen.“ „Dann begleitet uns alſo Mynheer Wagenaar nach Tjoem boeloeit?“ ſagte Mevrouw Van Straa⸗ ten, indem ſie freundlich nach dem jungen Mann hinüber ſah—„auch ſchön; in dem Fall kann ich meinen Alten recht gut entbehren, und Hed⸗ wig und ich, werden uns ſchon mit ihm ver⸗ tragen.“ 311 Es war ein paar Mal, als ob Salomo Hol⸗ derbreit ſeine Dienſte nochmals anbieten wolle, und er öffnete auch ſchon in der That ein oder zwei Mal dazu den Mund, war aber doch viel⸗ leicht zu ſtolz, ſich noch einmal abweiſen zu laſ⸗ ſen. Außerdem gefiel ihm auch Herrn Wagners Geſellſchaft nicht. Wäre Van Straaten der ein⸗ zige Begleiter geweſen, ſo hätte er ſich doch viel⸗ leicht kaum abhalten laſſen, die intereſſante Tour in die nächſten Thee⸗ und Kaffeeplantagen mit⸗ zumachen, aber ſo— Das Frühſtück war beendet. Lockhaart hatte Gelegenheit gefunden, ein paar Worte leiſe mit Van Straaten zu wechſeln, der., ohne eine ein⸗ zige Sylbe dabei zu ſagen, nur ſeine Hand ge⸗ gen Wagner ausſtreckte, und deſſen Rechte derb und herzlich drückte. Draußen fuhr ein Wagen vor.— Es war der, welcher die damen und Wagner in die Berge führen ſollte. „Alſo an Nitſchke ſoll ich mich wenden, wenn ich in die Stadt komme,“ ſagte Lockhaart zu dem jungen Mann, während die Damen in ihre Stube gegangen waren, die nöthige Reiſetoilette zu machen. „Vertrauen Sie ihm in jeder Hinſicht,“ er⸗ wiederte Wagner.„Er kann Ihnen auch über Alles, was Sie brauchen, die beſte Auskunft ge⸗ ben.“. „Das Nöthigſte wird doch ſein, daß wir Heff⸗ ken gleich verhaften laſſen.“ „Das allerdings; aber trotzdem möchte ich Sie bitten, vorher in unſerem Geſchäft vorzu⸗ fahren und meinem Compagnon wie Herrn Nitſchke nur die Mittheilung zu machen. Möglich, daß indeſſen Manches vorgefallen iſt, was Ihnen nütz⸗ lich ſein könnte.“ „Gut! ich muß ja doch dort vorbei— aber da ſind die Damen, Wagenaar, ich glaube Sie haben heut' das große Loos gewonnen und ich — bedauere vielleicht heut' zum erſten Mal, daß ich— nicht dreißig Jahre jünger bin. Aber nun auch fort, denn wir dürfen keine Zeit weiter ver⸗ lieren. Ich habe eben zum Reſidenten hinunterge⸗ ſchickt und anfragen laſſen, ob Herr Jooſt mit ſeinem Gefangenen bereit zur Abfahrt ſei.— Bis der Bote zurück iſt, habe ich anſpannen laſſen. Haben Sie Nichts von— von dem Jungen ge⸗ hört? Wagenaar— ich möchte doch nicht daß wir irgend etwas—“ 3 „Ich habe mich ſelber heut' Morgen nach ihm erkundigt. Sie kommen leider zeitig genug nach Buitenzorg, denn ſeine Unmäßigkeit im Eſ⸗ — 4 ſen und Trinken hat ihm ein Fieber zugezogen, das ihn wahrſcheinlich für ein paar Tage an ſein Lager feſſeln wird. Keinenfalls iſt er in die⸗ ſer Zeit zu transportiren, und der Reſident ließ Sie bitten, bei ihm vorzufahren, den Bericht gleich ſelber mit nach Buitenzorg zu nehmen.“ „Gut, gut,“ nickte der alte Mann leiſe mit dem Kopf—„vielleicht iſt es beſſer ſo, denn je⸗ denfalls haben wir jetzt Zeit, Schritte zu ſeinen 6 Gunſten zu thun, ehe ihn die Strafe der Geſetze 8 trifft. Das Schlimmſte muß doch verhütet wer⸗ den.— Aber ich ſehe die Damen ſteigen ſchon ein— allons Wagenaar auf Ihren Platz.— Ende der Woche ſehen wir uns ja doch wieder in Batavia und bis dahin— tauſend Glück und Segen.“ Die beiden Männer drückten ſich die Hand und das gewöhnliche Gewirr beim Einſteigen einer Geſellſchaft, mit Hinaufreichen von Eßkör⸗ ben und Regenſchirmen ꝛc., nahm zunächſt alles Andere in Anſpruch. Van Straaten war aber ſchon in ſein Zimmer gegangen, ſich auch zur Abreiſe vorzubereiten, da er ja nicht wieder nach Bandong zurückkam, Lockhaart ſtand an der Thür und ſah den Davonfahrenden nach, und Salomo Holderbreit, der ihnen beim Einſteigen 314 § 2 behülflich geweſen, kehrte jetzt langſam und nach⸗ denkend zum Hotel zurück. Lockhaart verharrte noch immer in ſeiner Stellung und auch der Miſſionair ſchien in tie⸗ fen Gedanken, ſo daß die beiden Männer eine ganze Weile ſchweigend neben einander ſtanden. Der Geiſtliche ſammelte ſich aber zuerſt wieder. Er hatte etwas auf dem Herzen, über das er mit dem alten Herrn ſprechen wollte, und es war faſt, als ob er einen gewaltſamen Anlauf dazu nehmen müſſe. „Sehr werther Herr,“ ſagte er. Lockhaart drehte ſich raſch nach ihm um, ſtrich ſich mit der Hand über das Geſicht und ſagte ruhig,— „Ah Mynheer Heidenbekehrer. Sie ſind alſo nicht mit hinauf in die Berge gefahren?“ „Warum ſpotten Sie immer über meinen Beruf, Herr Lockhaart,“ erwiderte ihm Holder⸗ breit mit freundlichem Vorwurf.„Ich lege doch Niemanden etwas in den Weg, und habe, wie Sie mir ſelber als Chriſt, gar nicht ableugnen kön⸗ nen, ein gutes und edles Ziel vor Augen, ob ich das nun erreiche oder nicht. Sie ſind auch außerdem gar nicht ſo ſchlimm, wie Sie ſich ma⸗ chen, und von Herzen ein guter und edler Menſch 315 — weshalb alſo immer dieſen Spott gegen die Religion, der Ihnen nicht von Herzen kom⸗ men kann.“ „Hoho,“ lachte Lockhaart,„jetzt wollen Sie mich mit Schmeichelreden ködern, aber damit rich⸗ ten Sie Nichts aus. Ebenfalls leugne ich Ihnen, daß ich gegen die Religion ſpotte— ich möchte das nicht einmal gegen die chineſiſche thun, viel⸗ weniger gegen die chriſtliche.“ „Alſo glauben Sie doch— „Bitte, bemühen Sie ſich nicht,“ ſagte der alte Mann,„mein Glaubensbekenntniß iſt ſehr einfach: Ich glaube an einen Gott und an gar keinen Geiſtlichen.“ —„Laſſen wir das,“ ſagte der Miſſionair ausweichend—„ich bin nicht nach Java ge⸗ kommen Sie zu bekehren, ſondern das Heil—“ „Noch verſtockteren Menſchen zu bringen,“ lachte Lockhaart. „— Vielleicht ja— gegenwärtig aber möchte ich mif Ihnen nicht einmal über Religion ſon⸗ dern über etwas ganz Anderes, Weltliches ſprechen — obgleich es unſerem heiligen Beruf auch nicht fern ſteht.“ „Und das wäre?“ ſagte Lockhaart geſpannt. Holderbreit zögerte einen Augenblick, aber der 316 Wagen fuhr vor und er hatte nicht mehr viel Zeit— Lockhaart ſah auch ſchon ungeduldig nach ihm hinüber, und der Wirth kam, mit einer hal⸗ ben Verbeugung ſchmunzelnd an des alten Herren Seite und flüſterte. „Vergeſſen Sie den Schlüſſel nicht ynheer—“ „Ihren Schlüſſel— ja ſo— ich habe ihn eben geſehen. Er liegt drinnen in meiner Stube unter dem Spiegel. Laß nur die Sachen hin⸗ untertragen, Lodewijk; ich bin gleich draußen. Haſt Du unſere Rechnung abgemacht?“ „Alles in Ordnung.“ „Gut— alſo Mynheer Holderbreit, ein wenig raſch, wenn ich bitten darf— was wollten Sie mir noch ſagen?“ „Da ich mit der Zeit ſo gedrängt werde, muß ich mich in der That kurz faſſen,“ ſagte der Geiſtliche—„nur das als Einleitung, daß ich zu meinen Lebensbedürfniſſen keineswegs allein auf mein Einkommen als Geiſtlicher und meine Diäten angewieſen bin. Ich habe ein, wenn auch nicht großes, doch recht nettes Vermögen von Haus aus, das—“ „Aber was, um Gottes Willen, geht denn das mich an?“ „Das ſollen Sie gleich erfahren.“ 314 „Biſt Du fertig, Martijn—“ „Den Augenblick— alſo?“ „Ich habe im Sinn mich hier ganz auf der Inſel niederzulaſſen, um Sitten und Sprache recht aus dem Fundament zu lernen, nur um dann meinem Beruf mit ſoviel mehr Erfolg ob⸗ liegen zu können. Das Wirthshausleben iſt dazu einestheils nicht geeignet, andern Theils zu theuer und—“. „Aber was um Alles in der Welt ſchiert denn das mich?“ „Ich will deshalb heirathen?“ fuhr Holder⸗ breit alſo gedrängt fort—„und verlange dazu nicht allein Ihren Rath, ſondern auch Ihr Für⸗ wort.“ „Mein Fürwort?“ frug Lockhaart und ein eigenthümliches Lächeln zuckte ihm durch das ge⸗ furchte Antlitz und blieb um ſeine Lippen haften. „Ja,“ ſagte aber der Miſſionair,„meine Wahl fiel auch nicht etwa über meinen Stand, ſondern eher darunter, aber ich glaube, daß die junge Perſon meiner würdig iſt, und ich damit keinen Fehlgriff gethan habe— „Und?—“ „Ich meine unſere Reiſegefährtin, Mamſell 2 Bernold,“ ſagte Salomo Holderbreit,„die jetzt gezwungen iſt, ihr Brod als Geſellſchafterin—“ „Gehn Sie zum Teufel,“ unterbrach ihn aber auf etwas rauhe und plöͤtzliche Weiſe der alte Herr, und war mit zwei Sätzen die Treppe hinab und unten beim Wagen. Salomo Holderbreit ſtand wie vom Schlag gerührt; aus dem Saal aber tönten in dieſem Augenblick die ſanften Laute von„Freut Euch des Lebens!“ triumphirend herüber, und ſchienen ſei⸗ ner nur noch mehr zu ſpotten. „Vorwärts Kutſcher, vorwärts!“ rief der alte Herr,—„da geht die verfluchte Dudelei ſchon wieder los!“ und mit einem Hurrah und gellen⸗ den Schrei, der einer Indianerhorde Ehre gemacht hätte, ſprangen die umſtehenden Malayen auf die erſchreckt zuſammenfahrenden Pferde ein. Der Kutſcher behielt kaum Zeit die Zügel zuſammen zu raffen, denn im nächſten Moment riſſen ſie ſchon den Wagen mit einem ſo plötzlichen Anruck nach vorn, daß die Stränge klangen, und Staub und Kies wirbelten hinter den Rädern drein, als das flüchtige Fuhrwerk im nächſten Moment ſchon hinter einer dichten, ſelbſtgeſchaffenen Wolke ver⸗ ſchwunden war. XV. In dem großen, alterthümlichen Comptoir zu Batavia ſaß Herr Nitſchke, verkehrt auf ſeinem Drehſtuhl und ſchaute, die Hände gefaltet, ſtill und halb verlegen vor ſich nieder. Vor ihm aber ſtand Horbach, heute etwas reinlicher gekleidet als ſonſt, das Haar nicht ſo wirr, die Augen nicht ſo tief in ihren Höhlen und ſagte: 1 „Nun ſchlag ein Nitſchke,— komm mit,— morgen ſegelt mein Schiff und ich helfe Dir dort drüben mit irgend etwas auf die Beine.“ „Ich danke Dir Horbach,“ erwiderte aber der bleiche Buchhalter, indem er die ihm gebotene Hand nahm und ſchüttelte,—„ich danke Dir recht von Herzen für Dein freundliches und großmüthiges Anerbieten aber— ich muß es ausſchlagen.“ 320 „Und weshalb?“ „Erſtens würden wir Beide zuſammen auf einem Schiff, und auf der langen Ueberfahrt kaum einen Tag nüchtern werden,— ſei verſichert ich kenne uns da alle Beide viel zu gut und dann — habe ich mir auch feſt vorgenommen mich ſel⸗ ber, und aus mir ſelbſt heraus, wieder empor zu arbeiten. Erſtlich hab ich mehr Freude daran, und dann— beweis ich auch den Leuten damit, daß ich noch nicht ſo ſchlecht geweſen bin, wie mich Einige von ihnen hielten.“. „Ueberleg es Dir noch einmal.“ „Ich danke Dir; ich bin ganz feſt entſchloſſen, und kehre nicht eher wieder nach Deutſchland zu⸗ rück, bis ich mir ſelber das Geld dazu mit ehrlicher Arbeit erworben habe,— aber— da kommt Jemand. Entſchuldige mich einen Augen⸗ blick.“ „Mynheer Van Roeken im Geſchäſt?“ frug mit einer leichten Verbeugung gegen Herrn Nitſchke der alte Lockhaart, indem er ſich überall im Comp⸗ toir umſah. „Nein Mynheer,“ ſagte Nitſchke, von ſeinem Stuhl aufſtehend,„er iſt hinunter nach dem Zoll⸗ haus gefahren, dort irgend etwas abzumachen.“. „Wird er bald zurück kommen?“ „Vielleicht in ein oder zwei Stunden. Es läßt ſich das nicht immer ſo genau beſtimmen.“ „So lange kann ich nicht warten; dann müſſen wir Beide es zuſammen abmachen,“ ſagte Herr Lockhaart mit einem Seitenblick auf Horbach,— „dürfte ich Sie vielleicht bitten, mir einen Augen⸗ blick unter vier Augen zu gönnen? Es betrifft die bewußte Sache, wegen der Ihr Principal Wa⸗ genaar mit mir in die Berge gefahren iſt—“ „Bitte ſich um Gottes Willen nicht zu geni⸗ ren,“ ſagte Horbach, indem er ſeinen Hut ergriff. „Bleib da, Horbach,“ hielt ihn aber Nitſchke zurück,—„es betrifft Heffklen. Vor Herrn Hor⸗ bach können Sie ungeſcheut reden, Mynheer, denn er beſonders hat uns weſentliche Datas in Betreff Heffkens geliefert—“ „Und die beſten außerdem noch auf dem La⸗ ger,“ lachte Horbach vergnügt vor ſich hin.„Wenn Sie etwas zu ſagen haben was den Fuchs aus ſeinem Bau bringt, mein Herr, ſo würden Sie wohl kaum irgend zwei Menſchen auf Java finden die dieſen Berichten mit ſo viel Intereſſe folgten, wie wir Beide, und können wir Sie in irgend etwas unterſtützen, ſo disponiren Sie nur über uns.“ „Deſto beſſer,“ ſagte Herr Lockhaart, mit einer Unter dem Aequator. III. 21 leichten Verbeugung gegen Herrn Horbach, indem er dieſen jedoch mit einem ſcharfen und raſchen. Blick von Kopf bis zu Füßen maß. Dem rein⸗ lichen, an ſtrenge Ordnung gewöhnten Holländer gefiel wohl kaum das unordentliche, zerſtörte We⸗ ſen des jungen Wüſtlings das dieſer, ſo ſteif er ſich heute auch zu halten ſuchte, doch nicht ver⸗ leugnen mochte.„So kann ich Ihnen denn mit⸗ theilen, daß wir den Eingeborenen Klapa einge⸗ fangen und durch dieſen, wie Heffkens früheren Mitſchuldigen Jooſt, die unumſtößlichſten Beweiſe gegen Heffkens Schurkereien in Händen haben. Ich bin eben im Begriff einen Verhaftsbefehl ge⸗ gen den Burſchen zu erwirken, und ihn dam un⸗ geſäumt feſtnehmen zu laſſen.“ „Alle Teufel!“ rief Horbach raſch,„das geht nicht— das verdürbe mir den ganzen Spaß.“ .„Das geht nicht?“ ſagte Herr Lockhaart er⸗ ſtaunt,—„ich möchte in der That wiſſen wes⸗ halb?“ „Das will ich Ihnen ſagen,“ erwiderte Hor⸗ bach, indem er mit ſeiner liebenswürdigen Unver⸗ ſchämtheit des alten Herren Arm ergriff und ihn an das entgegengeſetzte Ende des Zimmers führte. Dabei flüſterte er ihm mit raſchen Worten etwas zu, und Herr Lockhaart, ſo mistrauiſch er ſeinen neuen Vertrauten im Anfang betrachtete, ſchien ſich doch bald für das, was er ihm mittheilte, zu intereſſiren. Seine ernſten Züge verzogen ſich ſogar zu einem finſteren Lächeln als er endlich antwortete:— „Und Sie ſind Ihrer Sache auch völlig gewiß?“ „Vollkommen,“ erwiederte Horbach.„Schon ſeit mehreren Wochen lauere ich auf dieſe Gele⸗ genheit die ich heute Morgen ausgeſpürt habe, und Sie dürfen mir den Spaß nicht verderben; ganz abgeſehen davon, daß wir ein gutes Werk damit ſtiften.“— Lockhaart ſah eine Weile vor ſich nieder, end⸗ lich ſagte er: „Wel! überdies hält es das Ganze nur um höchſtens zwei oder drei Stunden auf. Um wie viel Uhr ſoll ich alſo die Leute hinauf beſtel⸗ len?“— Wieder flüſterte ihm Horbach etwas zu, und der alte Herr nickte langſam und bedächtig mit dem Kopf, während Nitſchke nicht wußte, was er von dem Allen denken ſollte. „Aber ich begreife gar nicht“— ſagte er endlich. „Dich hol ich um vier Uhr ab,“ rief aber Horbach.„Du mußt mit dabei ſein; und ſo . 21* lange wirſt Du Dich ſchon hier im Geſchäft frei machen können. Donnerwetter das giebt einen Hauptſpaß, und ich feiere den letzten Tag meines Aufenthalts auf Java in einer würdigen Weiſe.“ „Aber Van Roeken?“ ſagte Lockhaart. „Ich warte auf ihn bis er zurückkommt,“ er⸗ wiederte Horbach,„laſſen Sie mich nur machen, in der Sache bin ich Feuer und Flamme, und garantire Ihnen, daß Sie keinen Beſſern hätten werben können.“ „— Gut!“ ſagte Lockhaart nach einer kurzen Pauſe.„Ich verlaſſe mich auf Sie und werde indeſſen die nöthigen Schritte thun, daß Herr Heffken dieſe Nacht ſchon in ſicherem Gewahrſam zubringt. Herr Nitſchke auf Wiederſehen.— Um ſechs Uhr, Herr Horbach, werde ich an Ort und Stelle ſein.“ „Lieber ein klein wenig ſpäter— fagen wir halb ſieben, daß wir ſichere Dämmerung haben. Van Roeken iſt erſt auf ſechs Uhr eingeladen worden, und wir dürfen auch nicht zu früh kom⸗ men, ſonſt verfehlen wir unſer Ziel.“ „Gut— alſo Schlag halb ſieben. Geht Ihre Uhr richtig?— „Es fehlen bei mir noch fünf Minuten an elf— „Und bei mir ſieben— alſo auf Wiederſehen;“ und mit einem freundlicheren Kopfnicken als er gekommen war, verabſchiedete ſich der alte Herr, und fuhr wenige Minuten ſpäter in ſeiner Car⸗ reta nach dem Stadthaus hinunter. Es war Abend geworden. Mynheer Van Roeken, der auf heute eine Einladung bekommen, hatte in ſeiner Wohnung Toilette gemacht und war im Begriff in ſeinen Wagen zu ſteigen. „Aber Du gehſt nun ſchon wieder fort,“ ſagte Mevrouw, die ihn bis vorn auf die Treppe begleitete—„und wieder zu einer ſoſchrecklichen Junggeſellen⸗Geſellſchaft, wo Ihr bis zum frühen Morgen ſchwelgt und trinkt. Es iſt entſetz⸗ lich.“— „Aber liebes Kind,“ ſagte Van Roeken, der heute merkwürdig blaß und aufgeregt ausſah— „Du weißt, daß ich erſtlich die Einladung nicht ablehnen konnte, und dann auch ſpäteſtens bis zwölf Uhr wieder zu Haus bin. Keurhuis feiert heute ſeine Geſchäftseröffnung mit Bylderheer, Beides ein paar frühere ſehr gute Bekannte von mir, und ich hätte ſie beleidigt, wollte ich mich 326 von dem Diner zurückziehen. Außerdem werden wir in ſo genaue Geſchäftsverbindung mit dem Haus treten, daß ich bei Wagners Abweſen⸗ heit unſere Firma nothgedrungen repräſentiren muß.“ „Soedah! soedah!“ ſagte die Frau, mit der Hand abwehrend,„ich ſehe es ja auch ein. Ihr Männer habt überdies immer Gründe genug, und wir armen, Frauen müſſen indeß allein zu Haus ſitzen— Kassiang!— Alſo umelf ſchicke ich Dir den Wagen.“ 1 „Nicht zu früh, die Pferde müſſen ſonſt zu lange warten. Um halb oder dreiviertel zwölf, iſt es Zeit genug; ich kann mich nicht eher los⸗ machen. Adieu mein Herz.“ „Tabé, mein lieber Mann— tabé!“ winkte ihm Mevrouw zu, und ſtand noch lange auf der Treppe, als der leichte Wagen ſchon um die Ecke der nächſten Straße verſchwunden war. Mynheer Van Roeken fuhr aber nicht zu Keurhuis Wohnung, wenigſtens nicht direkt, ſon⸗ dern bog vorher nach Wagners Erbe ein, an deſſen Thür ihn Horbach ſchon erwartete. Der Kutſcher bekam Befehl vor der Hand zu halten und Van Roeken folgte Horbach und Nitſchke in das Haus. 1 „Sie ſind Ihrer Sache gewiß?“ ſagte Van Noeken hier, als er den inneren Raum betrat— „So gewiß, wie wir drei hier beiſammen ſtehn,“ erwiederte Horbach.„Schon am erſten Morgen, den ich in Ihrer Wohnung zubrachte, machte ich jene überraſchende Entdeckung, war aber ſelber noch zu wirr im Kopf, mir der ganzen Sache klar bewußt zu ſein, bis es zu ſpät war, und ich keine feſten Beweiſe mehr liefern konnte. Von da an habe ich mich auf die Läuer gelegt, und wären Sie ein paar Mal bei mir geweſen, hätten wir das Pulvermagazin ſchon damals in die Luft ſprengen können. Es paßte aber immer nicht, und ich war viel zu vorſichtig irgend etwas zu verderben. Heute Morgen habe ich aber die Gewißheit bekommen, daß wir an dieſem Abend nicht fehl gehen werden. Erlaſſen Sie mir Ihnen zu ſagen, wie ich das erfahren habe, da überdies das wie auch gar Nichts zur Sache thut.“ „Und iſt es jetzt Zeit?“ „Ich denke, ja— die Sonne geht eben hinter jenen Büſchen unter. Bis wir zu Fuß hinüber⸗ kommen wird es gerade recht ſein.“ „Zu Fuß?— den ganzen Weg?“ „Wir brauchen dann nicht der breiten Straße zu folgen, denn ich weiß hier auf allen Schleich⸗ wegen durch die Gärten Beſcheid. Ueberdies dür⸗ fen wir Ihr Erbe nicht vorn vom Eingang be⸗ treten, denn unſere hellen Kleider leuchten zu weit, und Sie wiſſen, daß man das Portal von Mevrouws Stube aus überſehen kann.“ „Ich bin mit Allem einverſtanden,“ ziſchte Van Roeken durch die Zähne durch—„mit Allem! ſo lange Sie mir nur Ihr Verſprechen halten. Finde ich aber, daß ich es mit einem Verleumder zu thun hatte, den ich arglos und freundlich in meine Familie aufnahm, ſo—“ „Sollen Sie berechtigt ſein, jede Strafe über mich zu verhängen, die Sie für gut finden,“ ſagte Horbach ruhig.„Ich würde mich wohl hüten in ein ſolches Wespenneſt zu ſtören, wenn ich⸗ nicht eben meiner Sache gewiß wäre. Aber kom⸗ men Sie; es iſt Zeit. Nitſchke paß Du ein we⸗ nig unterwegs auf, ob Du ein oder den andern der von Herrn Lockhaart citirten Herrn erſpähen kannſt. Ich glaube zwar nicht, daß wir ihnen auf unſerem Weg begegnen werden, aber Vor⸗ ſicht iſt immer gut.“ „Und die Wagen?“ „Mögen in einer Stunde nachkommen; bis dahin ſind wir fertig.“ Die Sonne war unter, und ddie Nacht hatte ihren dunklen Fittich über die Erde gebreitet, als ſich im hinteren Theil von Van Roekens Erbe eine kleine Gruppe von Männern zuſammen fand. Unter drei oder vier ſchlanken Cocospalmen, die über den darunter hinmurmelnden Kali be- saar ſtanden, lag eine niedere Bambushütte, in der der Gärtner des Erbes wohnte, und der kleine Platz war von Cacao⸗Gewürznelken und Muskatnußbüſchen ſo vollſtändig und dicht ein⸗ geſchloſſen, daß durch das eng verwachſene Laub derſelben nicht einmal ein Lichtſtrahl fiel. „Wen zum Teufel haben Sie hier?“ flüſterte Van Roeken Horbach zu, als ſie die Schwelle der Hütte überſchritten, und einen Herrn dort neben der Cocosnußöllampe ſtehend fanden. „Einen Mitſpieler,“ erwiederte Horbach,„der aber erſt im zweiten Akt vorkommt. Den erſten Akt ſpielen wir Beide allein durch— natürlich mit dem paſſenden Hintergrund, und nachher wird Mynheer Lockhaart, den ich die Ehre habe, Ihnen hiermit vorzuſtellen, die weitere Sorge für Herrn Heffken übernehmen. Er iſt als Kaſſendieb und ſonſtiger Betrüger entlarvt, und die Regierung möchte ſich heute Abend ſeiner verſichern.“ „Die Zeugen aber waren unnöthig.“ 330 „Zeugen müſſen Sie haben, ſonſt können Sie überdies gegen Ihre Frau Nichts ausrichten,“ warf Horbach ein.—„Jetzt aber iſt es für je⸗ des weitere Ueberlegen zu ſpät, denn wenn Sie nicht mitgehn, wird Mynheer Lockhaart die Lei⸗ tung des Ganzen übernehmen.“ „Das wenigſtens hätten Sie mir erſparen können,“ ſagte Van Roeken bitter—„da es aber einmal ſo weit gediehen iſt, läßt ſich in der That Nichts mehr daran ändern.“ Der Malaye, der dies kleine Haus bewohnte, trat jetzt auf die Schwelle und Horbach redete ihn raſch und leiſe an: „Iſt er da?“ „Schon ſeit einer Viertelſtunde,“ lautete die Antwort.—„Sie waren erſt vorn im Haus und ſind jetzt—“ „Gut— gut— es iſt alſo Zeit?“ Der Malaye zeigte nickend ſeine beiden Rei⸗ hen gelber Zähne, und Horbach, ohne ein Wort weiter zu verlieren, machte gegen Van Roeken eine Bewegung ihm zu folgen und ſchritt, ohne die Anderen weiter zu beachten, ihm voran hin⸗ aus in's Freie und gegen das Haus zu. Vorſichtig ſchlichen die beiden Männer, von Nitſchke dicht und den Uebrigen in etwas größe⸗ rer Entfernung gefolgt, neben dem Kiesweg auf dem Raſen hin, und glitten ſo bis an das Haus. Hier erſt hielt Horbach und bog ſich zu Nitſchke zurück. „Es iſt Alles in Ordnung,“ hünt rte aber die⸗ ſer—„er kann nicht mehr fort— Ohne weiter ein Wort zu wechſeln, ergriff Horbach Van Roekens Arm, der wie Espenlaub zitterte und führte ihn um das Haus herum der Treppe zu. Dort hielt er einen Moment und ſtreifte ſeine Schuhe ab. „Was machen Sie?“ „Was ſie auch thun müſſen,“ lautete die Ant⸗ wort—„wir gehen ſonſt zu laut.“ In dem Salon brannten, wie immer die Lam⸗ pen und in der einen Ecke kauerte Eines der Mädchen von Mevrouw. Van Roeken war ſchon Horbachs Beiſpiel gefolgt, und dieſer wechſelte ein paar Zeichen mit der Malayin, die ihm ängſt⸗ lich zunickte und auf die nächſte Thür deutete. Geräuſchlos ſchritten die beiden Männer durch den Saal und das Arbeitszimmer Mynheers, und hielten gleich darauf vor dem nächſten Gemach, das nur mit einer ſchwerwollenen, dunklen Gar⸗ dine dicht verhangen war. Zögernd ſtand Van Roeken einen Augenblick davor. Sein Herz ſchlug ihm wie ein Hammer in der Bruſt; ſeine Glieder zitterten, und er ſtützte ſich auf Horbachs Schulter, nur nicht umzuſinken.“ „Nur Courage,“ flüſterte dieſer aber, indem er mit einem leiſen, heiſeren Lachen den Vorhang etwas bei Seite ſchob. Dieſe Bewegung gab Van Roeken ſich ſelber wieder; die entſcheidende Hand⸗ lung war geſchehen, und mit einem Schritt ſtand er, von Horbach dicht gefolgt, in dem kleinen, nur von einer mattbrennenden Aſtrallampe er⸗ leuchteten Gemach. Draußen dicht vor der Thür ſtand Nitſchke und hinter ihm Lockhaart, und horchten mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit auf das, was dort innen vorging.— Aber nur einen leiſen Auf⸗ ſchrei von Mevrouw vernahmen ſie, dann war Alles ſtill, bis ſie plötzlich Horbachs laute Stimme hörten, der lachend ſagte: „Ah mein lieber Heffken— ſehr angenehm, daß ich Sie noch treffe. Da ich morgen in See gehe, können wir gleich von einander Abſchied nehmen.“ Zugleich faſt mit den Worten theilte ſich raſch der Vorhang auseinander und Heffken trat hin⸗ durch und wollte hinaus, ſchrak aber zurück, als er auch hier die Männer ſtehen ſah. 333 „Ich gratulire Herr Heffken,“ ſagte Nitſchke trocken—„ließe ſich nicht vielleicht auch hier im Zimmer mein Zahnſtocheretui anbringen?“ „Unverſchämter Menſch!“ rief der kleine Buch⸗ halter und wollte, der größeren Geſtalt ſcheu aus⸗ weichend, an dieſer vorüber, die Treppe gewinnen, als ihm Lockhaart in den Weg trat und mit don⸗ nernder Stimme ausrief: „Halt! Kaſſendieb und Pirat! Du biſt ent⸗ deckt, und wirſt jetzt der gerechten Strafe nicht entgehen!“ und mit den Worten ſprang er auf ihn zu und faßte ihn am Kragen. Che er aber einen recht feſten Halt gewinnen konnte riß ſich Heffken, der jetzt Alles verloren ſah, in wil⸗ der Verzweiflung von ihm los und während ſein, durch die Gefahr geſchärftes Auge, auf der Treppe vorn drei oder vier andere Geſtalten entdeckte, ſchoß er in wilder Flucht ſeitab in eine andere Stube hinein. Rechts und links zugleich ein paar Stühle faſſend und hinter ſich werfend, die Ver⸗ folger aufzuhalten, war er dann mit einem Satz auf dem Vorbau des offenen Fenſters und drau⸗ ßen im Freien. „Haltet ihn! packt ihn!“ ſchrie Nitſchke, der dicht hinter ihm war und über einen der geſchickt vorgeworfenen Stühle hinweg ſtürzte, und Lock⸗ — 1 8 8 ſII1“— haart, der ſchon vermuthete was der ſchlaue Burſch beabſichtigte, ſprang auf die Verandah hinaus, den Fliehenden dort gleich in Empfang zu nehmen. Hier aber wäre er zu ſpät gekommen. Heffken, der mit der Angſt eines Verzweifelten den engen Raum um das Haus überflog, hatte eben ſchon die Hecke erreicht und wollte nach dem Rücktheil des Erbes flüchten, als er von dort den Gärtner ſich entgegen kommen ſah. Nach vorn zu waren ſechs oder acht Policeydiener poſtirt, und dahin„ blieb ihm deshalb jede Flucht abgeſchnitten— 3 über die Hecke aber konnte er noch, und mit 9 einer Gewandheit die er ſich ſelber nie zugetraut warf er ſich in einem Sprung mitten hinauf. Wohl hielten ihn dort einen Moment die aus⸗ zweigenden Büſche, aber von unten aus konnte ihn ſchon Niemand mehr mit dem Arm erreichen und ſein Gewicht auf die andere Seite drängend wollte er ſich eben dort hinunter fallen laſſen, als er einen wilden Schmerzensſchrei ausſtieß, und ſeinen Hals wie von tauſend ſcharfen Zangen feſt gehalten fühlte. Zu gleicher Zeit klammerte er ſich jetzt ſelber in Todesangſt an die ſtarren Zweige an, denn er kannte nur zu gut das In⸗ ſtrument das ihn hielt, und wußte ſein Fleiſch würde ihm erbarmungslos vom Hals geriſſen, 3 — 335 daß er elend verbluten mußte, wenn er dem hätte mit Gewalt entfliehen wollen. Der Jubelruf eines der Malayen ſammelte zugleich mit Blitzesſchnelle die Uebrigen an die Stelle, und nicht zwei Minuten ſpäter war die ganze Hecke an beiden Seiten umſtellt, auf der der Gefangene, von jenem wunderlichen Inſtru⸗ ment nur locker am Hals gehalten, aber mit bei⸗ den Armen feſt in die Büſche krallend, lag. Alle jene Malayen nämlich, die auf Java Nachts den Dienſt als Wächter haben, ſind mit einer ſo einfachen wie zweckmäßigen Waffe verſe⸗ hen, Verbrecher oder unnütze Nachtſchwärmer ein⸗ zufangen. Statt der albernen und nutzloſen Lanze oder Hellebarde aber, mit denen die Europäiſchen Nachtwächter noch größtentheils bewehrt ſind, füh⸗ ren ſie eine ſogenannte Fangegabel in dieſer Form:— mit einem langen Stiel und einer in Gabelform geflochtenen dornigen Bam⸗ busart. Die Stacheln des Dorns ſind dabei ſo eingelegt, daß ſie ſämmtlich zurückſtehen und der Wächter hat alſo nur dieſe Gabel ſo zu ſtoßen daß er einen Arm, ein Bein, oder am Beſten den Hals des Verfolgten hineinbringt, der dann ret⸗ tungslos darin feſt ſitzt, bis der Bambus mit Gewalt wieder aus einander gebogen wird, ihn frei zu laſſen. In einer ſolchen Gabel lag Herr Heffken, denn der ihm nachſpringende Malaye hatte eben noch Zeit gehabt ſie nach ſeinem Hals zu ſtoßen. Heff⸗ ken wußte aber nur zu gut in welch erbarmungs⸗ loſen Fängen er hing, aus denen an ein Los⸗ reißen nicht zu denken war; ja er fürchtete, daß der braune Wächter nur ein klein wenig feſter anziehen würde, und wie die ſpitzen Dornen dann in ſein Fleiſch eindrangen, fühlte er ſchon. Die Malayen kannten aber ſelber die gefähr⸗ liche Eigenſchaft gut genug, und während der Burſche, der die Gabel hielt, nur ruhig und un⸗ beweglich ſtehn blieb, ſprangen vier oder fünf andere raſch auf die Hecke hinauf, banden vor allen Dingen Herrn Heffkens Füße zuſammen und erlößten ihn dann, nicht ohne Mühe aus der Stachelklammer in der er feſt ſaß. Wenige Mi⸗ nuten ſpäter fand ſich der ertappte Buchhalter mit auf den Rücken geſchnürten Armen in der Gewalt ſeiner Hüter, und dem Mann gegenüber, den er vielleicht am Meiſten auf der ganzen Inſel fürchtete: Herrn Lockhaart. Der Hof war indeſſen von zehn oder zwölf Bambusfackeln faſt zu Tageshelle erleuchtet und eben keinen guten Eindruck auf die Malayen ma⸗ chen könne, Einen des gefürchteten Geſchlechts der Weißen in dieſem Zuſtand in ihren Händen zu ſehen, beorderte raſch den ſchon von Lockhaart be⸗ reit gehaltenen Wagen, den Verbrecher in das ſeiner wartende Gefängniß abzuliefern. Lockhaart ſtand mit untergeſchlagenen Armen vor dem Buchhalter. Dieſer aber halb in Scheu halb in Trotz und Wuth, ſah wild zu ihm auf, und rief mit vor Angſt und Ingrimm faſt er⸗ ſtickter Stimme: „Herr! das ſollen Sie mir büßen. Iſt das— iſt das eine Behandlung für einen Holländer auf dieſer Inſel?“ „Schande und Schmach, daß Sie ein Hol⸗ länder ſind,“ ſagte aber Lockhaart ruhig—„übri⸗ gens mögen Sie am Beſten beurtheilen, in wie fern Sie gerecht oder ungerecht behandelt wer⸗ den, wenn ich Ihnen ſage, daß Ihr Commis und Helfershelfer Jooſt Alles geſtanden hat, und der Javane Klapa in unſeren Händen iſt.“ „Das iſt— das iſt eine Lüge!“ ſtammelte Heffken, der bei den Worten todtenbleich gewor⸗ den war. Unter dem Aequator. III. 22 Lockhaart wandte ſich verächtlich von ihm ab und auf ſein Zeichen faßten ihn die Malayen und hoben ihn in den Wagen; ein paar Policeybe⸗ amte ſetzten ſich zu ihm, und fort rollte das leichte Geſchirr zum Gartenthor hinaus, ſeiner Beſtimmung zu. XVI. Am nächſten Morgen ging das holländiſche Schiff„die Brigitta“ unter Segel. Auf elf Uhr früh war die Abfahrt angeſetzt, und um zehn Uhr ſollte Horbach, der einzige Paſſagier des Fahr⸗ zeugs, an Bord ſein. Es war Sonntag, und Herr Nitſchke brauchte deshalb nicht die Erlaubniß ſeines Principals nachzuſuchen, den Freund wenigſtens bis zum Strande zu begleiten. Van Roeken hatte übrigens noch am vorigen Abend eine lange und geheime Unterredung mit Horbach gehabt, in die zuletzt auch das eine ma⸗ layiſche Mädchen mit hineingezogen wurde; dann war er hinüber zu Keurhuis und Bylderheer in die beabſichtigte Geſellſchaft gefahren, wohin er 22* 340 die Neuigkeit von Heffkens Verhaftung, und da⸗ mit die ganze Eeſellſchaft faſt in Aufruhr brachte, denn Heffken war eine zu allgemein gekannte und eigentlich auch gefürchtete Perſönlichkeit geweſen. Als er Morgens zwiſchen drei oder vier Uhr heim kam, wartete Madame übrigens diesmal nicht auf ihn. Ihre Zimmer lagen ſtill und dunkel, und Van Roeken ging in ſeine Arbeitsſtube, wo er bis Tagesanbruch beſchäftigt war Briefe zu ſchreiben. Als Horbach zu dieſer Zeit herunter kam, Ab⸗ ſchied von ihm zu nehmen und an Bord zu gehn, befahl Van Roeken, ganz gegen ſeine ſonſtige Gewohnheit, das Frühſtück, und die beiden Män⸗ ner ſaßen zwei volle Stunden hinter ein paar Flaſchen ſchweren Weines, die heute ſtatt Kaffees dienen mußten. Horbach ſpürte auch ſchon ihre Wirkung im Kopf; er wurde ſehr heiter und ſchien ſich außer⸗ ordentlich wenig aus der Trennung von Java zu machen. Van Roeken dagegen blieb, obgleich er viel mehr wie Horbach getrunken hatte, kalt wie Eis, übergab dem Scheidenden noch ein Pa⸗ ket Briefe für den Kapitäin, die dieſer in der Capſtadt laſſen ſollte, und ſchloß ſich dann in ſeiner Stube ein, ein paar Stunden zu ſchlafen. 341 Horbach indeſſen traf noch auf dem Wege nach dem Zollhaus, an welchem Ort er Nitſchke finden ſollte— ein paar gute Freunde, mit denen er bei Einem der Schiffsmäkler einkehrte, das be⸗ gonnene Frühſtück fortſetzen. Nitſchke konnte unter der Zeit, das ſeiner harrende Schiffsboot kaum noch bewegen ſo lange zu warten, bis er endlich eintraf. Dann aber war er ſo betrunken, daß er ohne irgend wel⸗ chen Abſchied in das Boot taumelte und am Schiff angelangt, an Bord gehißt werden mußte. Glück⸗ licher Weiſe hatte er ſeine ſämmtlichen Effecten ſchon am Tage vorher auf die Brigitta ſchaffen laſſen, und dort trugen ihn die Steuerleute in ſeine Cajüte und ließen ihn den Rauſch aus⸗ ſchlafen. Das war ſein Abſchied von Java. Eine volle Woche dauerte es indeſſen bis das Verhör gegen Heffken beginnen konnte, denn ſo langweilig und Zeit tödtend die Gerichte auch bei uns verfahren mögen, ſo viel bequemer machen ſie es ſich noch in der heißen Zone, wo die Ge⸗ ſchäftsſtunden überdies auf ein Minimum redu⸗ cirt werden. Es iſt dies auch ſehr erklärlich, 4¼ und wir Deutſchen können uns davon einen vor⸗ trefflichen Begriff machen, wenn wir uns einen im alten Schlendrian und bei Kanzleyſtyl aufge⸗ zogenen Aſſeſſor denken, der bei 30° Reaumur im Schatten, irgend eine Arbeit vorneh⸗ men ſollte. Jooſt aber erleichterte durch ſeine direkten Ausſagen das Verfahren ungemein. Die Regie⸗ rung hatte ihm nämlich die Zuſage beſtätigt, die ihm ſchon Lockhaart oben in Bandong gemacht, denn es lag ihr beſonders daran dem Urheber der, in letzter Zeit ſo häufig verübten und ſchlauen Betrügereien auf die Spur zu kommen. Dabei konnte ſie recht gut einen, doch nur untergeord⸗ neten Helfershelfer wie Jooſt, durch die Finger ſchlüpfen laſſen. Jooſt ſuchte ſich dann auch die⸗ ſer Gnade würdig zu machen, und brachte ſolche überzeugende Beweiſe von Heffkens verſchiedenen Verbrechen, daß deſſen Schuld ſchon nach den erſten Verhören vollſtändig erwieſen war. In dieſen Enthüllungen wurde dann auch Klapa in mancher Hinſicht blosgeſtellt, da der Javane in die meiſten Unternehmen Heffkens verwickelt ſchien. Bei den ſpäteren Verhören glaubte dann Klapa, der Heffkens Verhaftung kannte, nicht anders, als daß ihn dieſer ſelber verrathen habe, und zögerte 343 nun auch ſeinerſeits nicht, ſämmtliche Unterſchläge die der Buchhalter ſeit einer längeren Reihe von Jahren an den Regierungs⸗Prauen verübt, an's Licht und die Beweiſe dafür zu bringen. Van Roeken hatte ſich in der ganzen Zeit nur wenig im Geſchäft gezeigt, und ſelbſt dann faſt gar nicht mit ſeinen Leuten verkehrt, mit Nitſchke ſogar noch kein einziges Wort wieder ge⸗ ſprochen. Schämte er ſich vielleicht, daß ſeine häuslichen Verhältniſſe bekannt geworden waren? — aber er ‚hätte darüber ruhig ſein können, denn weder Lockhaart, Horbach noch Nitſchke hat⸗ ten ein Wort von jenem Abend gegen irgend einen Dritten erwähnt. Nur Van Roeken ſelber ſchrieb es in der erſten Aufregung ſeinem Com⸗ pagnon nach Bandong, und bat ihn, ſo raſch er könne wieder zurückzukommen, und die Leitung des Geſchäfts in der nächſten Zeit zu überwachen. Wagner ſchien das aber für keinen genügenden Grund gehalten zu haben, ſeine, einmal genom⸗ menen Ferien ſo raſch wieder zu unterbrechen, und blieb noch trotz dem Rückruf, eine volle Woche in den, Bergen. Ja Lockhaart wie Van Straaten reiſten ebenfalls wieder hinauf, wenig⸗ ſtens in Buitenzorg mit ihm und den Damen zu⸗ ſammenzutreffen. Van Roeken verzehrte ſich indeſſen— ganz gegen ſeinen ſonſtigen Charakter— faſt vor Un⸗ geduld, und war ſchon ſelber im Begriff nach Buiten⸗ zorg hinauf zu fahren, um Wagner dort zu ſprechen, als er einen Brief erhielt, daß dieſer am nächſten Morgen um zehn Uhr wieder in ſeiner Wohnung eintreffen würde.— Um neun Uhr ſchon war Van Roeken dort, ihn zu erwarten und ließ ihm, angekommen, kaum Zeit ein Bad zu nehmen und ſeinen Anzug zu wechſeln, ſo drängte es ihn das, was ihm auf dem Herzen drückte, los zu werden. „Leopold,“ ſagte Wagner, als die beiden Freunde endlich neben einander auf der kühlen Verandah des Hauſes ſaßen,„Du ſiehſt bleich V und angegriffen aus. Du haſt Dir den Unfall zu ſehr zu Herzen genommen, aber— Du wirſt Dich erinnern, was ich Dir immer geſagt habe.“ „Ich bin wenigſtens jetzt bereit, Deinem Rath zu folgen,“ erwiderte Van Roeken leiſe— „ich wollte, ich hätte es früher gethan.“ „Beſſer ſpät, wie nie. Aber was beabſichtigſt⸗ Du?“ „Ich will mich von meiner Frau ſcheiden laſſen.“ „Du hätteſt ſie nie heirathen ſollen.“ „Gut! aber es iſt einmal geſchehn, und Alles, 345 2 was ich jetzt thun kann, iſt: mich wieder auf immer von ihr zu trennen. Sie ſelber, die Nichts ſo ſehr fürchtet, als einen derartigen, öf⸗ fentlichen Proceß, noch dazu da Heffken als Dieb vor Gericht ſteht, iſt auch ſchon mit Allem ein⸗ verſtanden, und wird nicht die geringſte Schwie⸗ rigkeit machen. „ und die böſen Zungen in Batavia?“ „Ich habe der ſchlimmſten von ihnen ſo lange getrotzt,“ ſagte Van Roeken,„daß ich ſie jetzt alle miteinander nicht fürchte. Was mir aber früher außerordentlich unbequem ſchien, kommt mir jetzt trefflich zu Statten und ich bin froh, daß— Fräulein Bernold Java noch nicht wieder ver⸗ laſſen hat.“ „In der That? und weshalb? wenn man fragen darf;“ ſagte Wagner, indem er etwas Me⸗ doc in ein Glas füllte und Waſſer hinzugoß. „Weil ich ſie jetzt ſelber heirathen will,“ rief Van Roeken entſchloſſen.„Es iſt ein bildhübſches, gebildetes, braves, gutes Mädchen— ich bin ihr überhaupt dieſe Genugthuung ſchuldig, und— ſchaffe mir dann ein angenehmes Familienleben, in dem ich mich auch um die übrige Geſellſchaft Batavias gar nicht mehr zu kümmern brauche.“ Wagner hatte ſein Glas langſam an die Lip⸗ 4 346 pen gehoben und trank es jetzt, ohne dem Freunde noch zu antworten, eben ſo bedächtig aus. „Hm,“ ſagte er endlich, während er einen Blick auf die Straße nach einem heranrollenden Wagen warf—„Du biſt zu dem Entſchluß ein wenig ſpät gekommen.“ „Doch noch nicht zu ſpät— und was meinſt Du dazu?“ b „Oh er wäre vortrefflich, aber ich ſehe nicht ein daß er ausführbar iſt.“ „Und warum nicht?— ich laſſe mich noch in dieſer Woche von meiner Frau ſcheiden.“ „Sehr ſchön das,“ ſagte Wagner ruhig,„aber ich mich nicht von der meinen, und ich begreife wirklich nicht, wie Du das Alles vereinigen willſt.“ „Du Dich nicht von der Deinen?“ rief Van Reoeken, erſtaunt den Freund anſtarrend. „Seit wann biſt Du verheirathet?“ „Seit vorgeſtern Abend mit Hedwig Bernold,“ lachte Wagner, indem er hinaus in den Garten deutete,„und dort werde ich gleich das Vergnü⸗ gen haben können, Dir meine Frau vorzuſtellen.“ „Hedwig— Bernold— Deine Frau?“ ſtam⸗ melte Van Roeken, ſeinen Compagnon anſtar⸗ rend, als ob er ihm eben das Unglaublichſte mit⸗ 346 getheilt.„Du— Du haſt mich jedenfalls zum Beſten.“ „Dort kommt meine Frau,“ wiederholte ruhig der Freund,„und ſie mag es Dir ſelber beſtä⸗ tigen.“ Van Roeken hielt noch immer ſeinen Blick feſt und ungläubig auf Wagner geheftet, deſſen aus⸗ geſtreckter Arm deutete aber auf den. heranrollen⸗ den Wagen. Van Roeken erkannte in der That Hedwig mit Frau Van Straaten, und als ihm die Wahrheit des Gehörten jetzt dämmern mochte, ſagte er leiſe: „Alſo wirklich?— Aber dann will ihr nicht hier begegnen,“ ſetzte er, ſeinen Hut ergreifend, raſch hinzu—„wenigſtens nicht in dieſem Au⸗ genblick. Sei ſo gut und ſchicke mein Bendi vorn auf die Straße; ich werde es dort erwarten.“ „Aber Du kannſt doch nicht vermeiden ihre Bekanntſchaft zu machen.“ „Nein— doch ſoll das wenigſtens nicht jetzt geſchehen.— Du wirſt einſehen, daß ich ihr in dieſem Augenblick nicht gegenüber treten kann — eine weitere Erklärung des Geſchehenen wirſt Du mir dann ſpäter geben, wie auch meine Glück⸗ wünſche entgegennehmen.“— Und ehe ihn Wag⸗ ner daran verhindern konnte, verließ er deſſen Wohnung, gerade in demſelben Augenblick durch die Hinterthür und den Garten, als Mevrouw Van Straaten, und Hedwig mit der alten Kathrine in einer, wie Lockhaart mit ſeinem Schwager in einer anderen carreta vor dem porticus hielten. Wagner behielt kaum Zeit, Einem ſeiner Leute den Auftrag zu geben, Van Roekens Wunſch zu erfüllen und das Bendi ſeines Compagnons hinaus auf den Weg zu beordern, dort ſeinen Herrn aufzunehmen. Der alte Herr Lockhaart war indeſſen aus ſeinem Wagen geſprungen und half Hedwig her⸗ aus, und ihren Arm dann in den ſeinen ziehend, führte er ſie zuerſt in ihre neue Heimath ein. Wagner eilte ihnen entgegen, ſeine junge wie Purpur glühende Frau zu begrüßen, der alte Herr aber, die Hand nach ihm ausſtreckend, ſagte mit herzlicher, tief bewegter Stimme: „Wagner, ich bringe Ihnen hier einen Schatz, den Sie nicht theuer genug wahren und hegen können. Möge mit dieſer Stunde ein guter Geiſt Ihre Schwelle überſchreiten, und Ihnen Frieden, Glück und Segen bringen. Mich ſelber aber, Ihr lieben, jungen Leute, betrachtet von dieſer Zeit an als einen treuen Freund, der Euch in ſpäteren Jahren vielleicht auch noch durch mehr 349 als Worte beſtätigen wird, welchen innigen An⸗ theil er an Eurem Schickſal nimmt.— Ich mag wenigſtens von jetzt an kein Fremder in dieſem Hauſe ſein.“ „Mein lieber, väterlicher Freund!“ ſagte Hed⸗ wig, ſeine Hand, ehe er es verhindern konnte, an ihre Lippen ziehend. Der alte Lockhaart aber rief lachend: „Nein Kind, das geht nicht— als Braut⸗ führer hab' ich noch andere Rechte,“ und ihr Köpf⸗ chen zu ſich empor hebend, drückte er einen leiſen, väterlichen Kuß auf ihre Stirn. „Und nun den Zug in Ordnung!“ rief er dann fröhlich aus—„Donnerwetter Wagner, wo iſt Ihr Frühſtückstiſch, ich hoffe doch wahr⸗ haftig nicht, daß Sie uns Alle trocken hier be⸗ grüßen wollen.“ „Da kommt ſchon mein Maitre de plaisir,“ erwiderte aber, mit leuchtenden Augen Wagner, indem er ſeine junge Frau umfaßte und küßte, und auf den Porticus heraus trat Herr Nitſchke, feierlich, aber außerordentlich ſauber und anſtän⸗ dig in ſchwarzem Frack und weißer Halsbinde ge⸗ kleidet, während die Malayiſchen Diener die Flü⸗ gelthüren aufriſſen und die reichbeſetzte Tafel zeigten. 350 In dem Augenblick rollte noch ein Bendi in den Garten, und als ſich Alle danach umdrehten, rief Lockhaart erſtaunt aus: „Unſer Mann in Schwarz! Herr Salomo Holderbreit. Was führt den zu uns?“ Herr Salomo Holderbreit ſchien aber eben ſo, wenn nicht noch mehr, überraſcht, wie Herr Lock⸗ haart, denn ſchwerlich hatte er ſo zahlreiche und noch dazu dieſe Geſellſchaft hier erwartet. Zu⸗ rück konnte er aber nicht mehr, denn ſie hatten ihn Alle geſehen, und es blieb ihm Nichts übrig, als gute Miene zum böſen Spiel zu machen. Au⸗ genſcheinlich verlegen, ſtieg er auch aus ſeinem kleinen Fuhrwerk und es konnte Lockhaart, nach den auf ihn gerichteten Blicken nicht entgehen, daß ihm vor allen Anderen der Beſuch gelte. Des Miſſionnairs Augen hafteten wenigſtens allein auf ihm, während er mit einer etwas ſcheuen Bewegung die übrige Geſellſchaft grüßte. Lockhaart ging ihm entgegen. Ein eigener Verdacht ſtieg in ihm auf, und mit leiſer Stimme frug er den Geiſtlichen: „Bringen Sie mir eine Nachricht?“ „Ja,“ ſagte Herr Holderbreit,„die letzten Grüße eines Todten, der mir aufgetragen hat, Ihnen und— Fräulein Bernold, ich glaube jetzt 351 wohl Frau Hedwig Wagner, ſeine Bitte um Ver⸗ gebung für alles Herzeleid zu bringen, das er Ihnen angethan.“ Lockhaart ſtand tief erſchüttert neben dem Manne, und hielt ſeinen Arm feſt gefaßt. „Er iſt todt?“ wiederholte er mit kaum hör⸗ barer Stimme—„und ſo raſch— ſo furchtbar raſch— aber ihm iſt wohl.“ „Ich hoffe es,“ ſagte Holderbreit freundlich, „denn er ſtarb mit reuigem Bewußtſein ſeiner Fehler— doch weiß ich nicht, ob ich den heu⸗ tigen Tag mit dieſer Trauerkunde ſtören darf.“ „Nein,“ wehrte Lockhaart ab—„nicht heute — überlaſſen Sie das mir, den richtigen Zeit⸗ punkt dafür zu wählen. Aber ich danke Ihnen recht freundlich für die Mühe, die Sie ſich des⸗ halb gegeben. Wie ſahen Sie Oswald von Dorſek?“ „Ich bin die letzten drei Tage nicht von ſei⸗ nem Lager gekommen. Er hatte keinen Freund dort oben unter all den fremden Menſchen, und ich hielt es für meine Pflicht, ihm all die fernen Freunde durch die Tröſtungen der Religion zu erſetzen.“ „Das haben Sie gethan, Holderbreit?“ ſagte Lockhaart ihn bewegt anſehend—„Gott lohne es 352 Ihnen, Sie ſind ein guter Menſch. Was ich aber von jetzt an für Sie hier auf Java thun kann, ſoll mit Freuden geſchehen. Wenden Sie ſich in irgend etwas an mich, wenn Sie meiner bedürfen ſollten.“ „Ich danke Ihnen; ich nehme Sie vielleicht beim Wort.“ „Und weshalb haben Sie Bandong ſchon ver⸗ laſſen?“ „Mein Paß, den man mir ja nur für ſo kurze Zeit ausgeſtellt, war abgelaufen, und der Reſident konnte mir nicht geſtatten, meinen Aufenthalt dort länger auszudehnen. Er hat mir ſchon ein paar Tage länger Friſt gegeben, um den Sterbenden nicht verlaſſen zu dürfen. Außerdem hätte ich doch nicht in dem Hotel bleiben können, da mir Mevrouw Soltersdrop, des früheren Misverſtänd⸗ niſſes wegen, eine ſehr unangenehme Scene be⸗ reitet.“ „Gut— wir wollen ſehn, was ſich thun läßt — aber kommen Sie nicht mit herein?“ „Der Todesbote paßt nicht in die Geſellſchaft der Fröhlichen,“ ſagte Salomo Holderbreit ab⸗ wehrend—„außerdem wiſſen Sie vielleicht am Beſten, verehrter Herr, daß ich mich hier nicht recht wohl fühlen könnte.“ „Aber kein Menſch weiter wie ich, weiß darum.“ „Ich danke Ihnen dafür— aber wie dem auch ſei, erlauben Sie, daß ich mich entferne, und bitte, bringen Sie dem jungen Paar in mei⸗ nem Namen die herzlichſten und aufrichtigſten Glückwünſche. Sie werden mir zutrauen, daß ſie ernſtlich gemeint ſind.“ Lockhaart drückte ihm feſt die Hand, und Sa⸗ lomo Holderbreit wandte ſich mit einer leichten Verbeugung, und rollte in der nächſten Minute in ſeinem Wagen ſchon wieder zum Thore hinaus. Unter dem Aequator. III. 23 4., 1 s o ⁹◻ Zwei Jahre waren ſeit den letztbeſchriebenen Vorfällen verfloſſen, als eines Morgens die Zeil in Frankfurt zwei Männer hinobſchritten, die, ihre Arme in einander verſchränkt, in lebhaftem Geſpräch begriffen waren. „Und ſo habe ich Sie denn endlich einmal wieder, mein lieber, lieber junger Freund,“ ſagte der Aeltere von ihnen, indem er den Arm den er hielt, feſter an ſich drückte—„habe ich Sie, wie ich hoffen darf, auf längere Zeit. Oh Sie glauben gar nicht wie glücklich, wie unendlich glücklich mich Ihr letzter lieber, Freudekündender Brief gemacht hat.“ „Und ermeſſen Sie danach, mein lieber Schar⸗ 7 —— . 1 4 ner, wie glücklich ich ſelbſt geworden bin,“ er⸗ widerte der Andere mit herzlichem Ton.„Hed⸗ wig iſt eine gar ſo liebe, prächtige Frau, und ſeit ich mit Ihr vereint bin, hab' ich wahrlich den Himmel auf Erden gefunden.“ 4.„Ich wußte es; ich wußte es, welch ein Schatz n dem wackeren Herzen verborgen lag, und danke Gott recht aus gtiefſter Seele, daß er in die rechten Hände gekommen iſt. Oh das arme Kind hat hier eine ſchwere, böſe Zeit mit durch⸗ gemacht.“ „Die jetzt hoffentlich für immer in dunkler Vergangenheit liegt,“ antwortete fröhlich Wagner. „Alles traf dabei zuſammen, daß ſich unſere Ver⸗ hältniſſe noch günſtiger geſtalteten, denn dadurch, daß Van Roeken mir die Compagnieſchaft auf⸗ ſagte, gewann ich meinen lieben alten Lockhaart zum Theilhaber des Geſchäfts, der eigentlic nur meiner Frau zu Lieb mir die vortheilhafteſten Anerbietungen machte.“ „Aber können Sie da Java jetzt ſo lange ver⸗ laſſen?“ „Lockhaart ſelber kümmert ſich allerdings wenig um das Geſchäft,“ ſagte Wagner,„aber wir haben einen anderen Deutſchen mit in unſere Firma aufgenommen. Er brachte aller⸗ 23 8 dings kein Capital ein, iſt aber ſonſt ein recht tüchtiger zuverläßiger Mann und die Firma heißt jetzt: Wagner, Lockhaart und Nitſchke. Einer von uns muß nun einen Theil ſeiner Zeit in Europa zubringen, da wir mit den hieſigen Fa⸗ briken in der lebendigſten Verbindung ſtehen, und an Ort und Stelle doch viel wirkſamer thätig ſein können, wie durch Briefe, und dazu bin ich, für das nächſte Jahr gewählt, oder habe mir vielmehr den Poſten ausgebeten.— Noch konnte ich Ihnen aber nicht einmal danken, wie voll⸗ ſtändig, und mit wie zarter Aufmerkſamkeit Sie alle meine Wünſche erfüllt haben.“ „Sind Sie dort geweſen?“ „So eben. Hedwig wird glücklich ſein, wenn ſie es erfährt.“ zo weiß ſie noch gar Nichts davon?“ icht ein Wort. Sie ſoll damit überraſcht, werden. Ich gehe eben nach Haus, ſie dorthin abzuholen.“ „Oh dann laſſen Sie mich vorausgehn,“ bat Scharner—„laſſen Sie mich ſie dort an Ort und Stelle im Glück wieder finden, wo wir ſo manche ſchwere Stunde mitſammen verlebt. „Gut gut,“ lieber Scharner, aber dann neh⸗ men Sie eine Droſchke, und erlauben der alten — —-— — —-— entgegentritt.“ terſtadt zurückgekehrt. Dit wird erzählen können.“ 2 Kathrine mitzufahren,“ bat Wagner,„es iſt viel⸗ leicht noch manche Kleinigkeit zu ordnen, und — ich habe ſie auch lieber dort draußen, da es meine Hedwig gewiß noch mehr anheimeln wird, wenn ihr dieſe auf der alten, geliebten Schwelle „Die alte Kathrine,“ ſagte Scharner und nickte leiſe und lächelnd vor ſich hin.—„Du lieber Gott, hätt' ich die alte treue Perſon doch bald in all der Freude und dem Glück vergeſſen; die alte Kathrine, die drüben in Oſtindien ge⸗ weſen iſt, und jetzt nach Frankfurt in ihre Va⸗ „Alſo Sie wollen?“ „Gewiß— gewiß! freu ich mich doch ſelber wie ein Kind auf den Einzug.“ „Hier ſind wir an Ort und Stell nur 4 einen Moment warten Sie; ich wues Kathrine gleich herunter.— In eine nde N 4 ſpäteſtens ſind wir aber draußen—“ und mit raſchen Schritten betrat Wagner das PortoR des Hotels und ſprang die breiten, Teppie belegten Stufen hinauf. So ſchnell bog er dabei um die Ecke, daß er eine Gruppe überraſchte. Oben an der Treppe ſtand ein ſehr elegant gekleideter Herr, mit dem Rücken ihm zugedreht, 358 Taille gefaßt, und ſuchte ihr einen Kuß zu ſteh⸗ len. Das Mädchen aber mochte vielleicht den von unten herauf Kommenden ſchon bemerkt ha⸗ ben, denn ſie entwand ſich geſchickt ſeinen Hän⸗ den und floh lachend den Gang hinunter. Der Fremde mußte jetzt wohl ebenfalls die Schritte auf der Treppe hören, denn Wagner war dicht hinter ihm. Er wandte raſch den Kopf und trat dann, ohne ſich wieder umzudrehen, in eines der nächſten Zimmer der erſten Etage. „Wetter noch einmal,“ dachte Wagner,„das Geſicht muß ich doch ſchon irgendwo geſehen ha⸗ ben,“ und er überlegte hin und her, wo er dem Manne ſchon begegnet ſein könne. Die den Gang herunterkommende Kathrine machte ihn aber alles Andere raſch wieder vergeſſen, und mit 7“ kündigte er ihr an, wen ſie un⸗ ten würde, und was ſie zu thun habe. Im erſten Augenblick wollte die Kathrine Ueerdings vor Freude aufſchreien, und dann alle en Schwierigkeiten machen, daß ſie doch erſt eine andere Haube aufſetzen, eine beſſere Schürze vorbinden müſſe. Wagner ließ aber alle dieſe Einwürfe nicht gelten. Nachmittags konnte ſie zurückkehren und Alles nachholen— hatte eines der hübſchen Stubenmädchen um die 359 jetzt mußte ſie gehorchen und ſeufzend und kopf⸗ ſchüttelnd fügte ſie ſich endlich ſeinem Willen. Wagner betrat im nächſten Augenblick das Zimmer ſeiner Frau, und fand ſich von ihren Ar⸗ men umſchlungen. „Du böſer, böſer Mann,“ ſagte ſie dabei.— Erſt läßt Du mich in Caſſel zwei volle Monate allein mit der Kathrine und unſerem kleinen Mar⸗ tin im Hotel ſitzen, und jetzt gehſt Du wieder auf drei volle Stunden von mir fort. Oh laß mich hier in Frankfurt nicht allein— nicht jetzt allein — nicht die erſten Tage. Du weißt nicht welch ſchmerzliche, wehe Empfindungen mir hier das Herz erfüllen, und mich gegen meinen Willen traurig ſtimmen. Und doch fühle ich es ja, daß es Sünde ſein würde, jetzt zu trauern.— Begleiteſt Du mich nun, wie Du verſprochen?“ ſetzte 5 dann plötzlich mit leiſer, bittender Stimme hinz „Gewiß mein Kind, deshalb komme i her. fagte Wagner herzlich,„aber daß ich Dich heut allein ließ geſchah nur deshalb, um eine freund⸗ liche kleine Wohnung für uns zu M. damit Du recht bald von dem ungemüthlichen Hotel er⸗ lößt würdeſt. Wir gehen hernach hinüber ſie an⸗ zuſehen, ob Du damit zufrieden biſt.“ „Und haſt Du unſeren alten Freund Scharner getroffen?— mich wundert daß mich der böſe, alte Mann noch nicht aufgeſucht hat.“ „Er war verreiſt mein Herz, und iſt erſt heute Morgen zurück gekehrt. Ich traf ihn zufällig auf der Straße und er wird heute Mittag mit uns ſpeiſen. Gehn wir jetzt? „Ja,“ ſagte die Frau, und das helle Lächeln ſchwand im Nu von ihren Lippen,—„laß uns gehn. Ihr gehöre mein erſter Gang in dieſer lieben Stadt— ich kann ſie ja doch nur an ih— rem ſtillen Ruheort beſuchen.“ Und mit leiſem Finger klopfte ſie an die Nach⸗ barthür, aus der gleich darauf ein junges Ma⸗ layiſches Mädchen mit einem ſchlafenden Kind auf dem Arm trat. „Er iſt noch nicht aufgewacht, der kleine Burſch,“ lächelte die Mutter,„ſieh nur wie lieb er die leinen, dicken Fäuſtchen zuſammen ballt. — Aber komm laß uns gehn,“— und Hut und Shwal anlegend, hing ſie ſich, von dem Mädchen mit dem Kind gefolgt, an des Gatten Arm. Un⸗ ten hiit eie der Equipagen des Hotels, und der Kutſcher, der ſchon ſein Ziel wußte, trieb die Pferde zu einem raſchen, lebendigen Trab an. Unterwegs wechſelten die Gatten kein Wort — nur dann und wann warf die Mutter einen 361 ſorgenden Blick auf das Kind, einen flüchtig3en hinaus auf die doch ſo wohl bekannten Straßen durch die ſie fuhren, aber ihr Herz hatte jetzt nicht mehr Raum für etwas Anderes, und als der Wagen an der engen Kirchhofspforte hielt, ſchritt ſie mit klopfenden Pulſen an des Gatten Arm den ſchmalen, von Blumen eingefaßten Weg entlang, der zu der lieben, theuren Stätte führte. Und jetzt zögerte plötzlich ihr Fuß. Sie ließ den Arm los der ſie bis dahin geſtützt, und ſtand mit gefalteten Händen neben einem niederen, blu⸗ migen Hügel, über den ſich eine junge Trauer⸗ weide neigte. Kein ſtolzer Marmor bezeichnete das einfache Grab; keine vergoldeten Buchſtaben prieſen die Tugenden der darunter ſchlummernden Todten. Nur ein kleines, niederes, ſteinernes Kreuz ſtand am Kopfende des Grabes, und trug Nichts als die zwei Worte: Meine Mutter. Einen Moment ſtand Hedwig aufrecht neben „dem theuren Grab, dann aber verdunkelten ſich ihre Blicke. Lindernde Thränen floſſen an den Wangen nieder und das Tuch vor die Augen ge⸗ preßt, ſank ſie an dem Hügel in die Knie und ſchluchzte leiſe. Tief gerührt ſtand Wagner neben der trau⸗ ——— ernden Gattin, die hier der Kindesliebe treues V Opfer brachte— aber er ſprach kein Wort, denn das war kein Schmerz der Troſt verlangte, ſon⸗ dern nur Troſt und Linderung in den eigenen Thränen fand. Eine Weile lag Hedwig an der theuren Stätte, dann hob ſie langſam den Kopf und blickte lang und liebend auf den Hügel, unter dem ſie damals Alles begraben was ſie auf der Welt noch das Ihre nannte; dann betete ſie ſtill und leiſe und richtete ſich, von dem Gatten unterſtützt, wieder empor. „Komm, mein Herz,“ bat da Wagner,—„gieb Dich auch dem Schmerz nicht zu ſehr hin. Denke daß Deine Mutter jetzt mit Freuden auf uns herabſchauen kann.“ „Ihr Segen hat ſich an mir erfüllt,“ flüſterte Hedwig, indem ſie ihr Haupt an der Bruſt des theueren Mannes barg,—„er hat mich Dich finden laſſen,— er hat mir unſer Kind gegeben, und tauſend Dank Dir hier, mein Reinhard, an 6 dem theueren Ort für alles Liebe und Gute was— Du an mir gethan. Ich kann Dir hier im Namen meiner Mutter danken.“ Wagner hatte ſein Weib umfaßt und drückte einen langen Kuß auf ihre Stirn; dabei flüſterte er: ——— — 8 4 1 4 „Wenn Jemand des Andern Schuldner iſt, meine Hedwig, ſo bin wahrlich ich es, da ich Dir ein Glück verdanke, das ich in früheren Jahren kaum für möglich hielt.— Aber ſieh— der kleine Burſch iſt erwacht. Wie freundlich er nach Dir herüber ſchaut.“ Die Mutter drehte ſich raſch nach dem Kinde um und wie von einem plötzlichen Gedanken er⸗ griffen nahm ſie es von dem Arm der Wärterin, küßte es, und kauerte mit ihm am Grabe nieder. Der Kleine aber langte hinüber nach den bunten Blumen und einen Reſedazweig erfaſſend, der ihm zwiſchen die Fingerchen kam, ſchloß er die kleine Fauſt und pflückte ihn ab. „Ein Gruß der Mutter,“ rief die junge Frau und ihre Thränen floſſen wieder ſtärker,—„das waren ſtets ihre Lieblingsblumen,“ und feſt und innig drückte ſie das Kind an ihr Herz, und küßte den kleinen Zweig, den er noch in ſeinem Händchen hielt. Dann aber gab ſie den Kleinen dem Mädchen zurück. „Jetzt komm,“ ſagte ſie unter Thränen lä⸗ chelnd zu dem Gatten,„komm mein Reinhard; jetzt iſt mir wohl, und ich will Dir nicht auch das Herz noch ſchwer machen. Kann ich den lieben Platz doch jetzt auch öfter ſehen.“ 364. Langſam wanderten ſie den Gang hinab, der aus dem Friedhof führte, und Hedwig trocknete die Thränen die noch an ihren Wimpern hingen. Für den Friedhof ſind ſie ein ſchöner, ehrender Schmuck, aber draußen auf der Straße darf man ſie der kalten, fremden Welt nicht zeigen. Was kümmert ſich die auch um des Nachbars Leid. Der Wagen brachte ſie raſch wieder ein Stück in die Anlagen hinein. Dort aber bat Wagner ſeine Frau auszuſteigen, da ſie die übrige Strecke zu Fuß zurücklegen wollten. „Es geht ſich ſo wunderhübſch zwiſchen dieſen blühenden Hecken,“ ſagte er,„und dort drüben habe ich auch in einer ſchattigen Laube unſer Mittagsmahl beſtellt. Wir brauchen deshalb den Wagen erſt wieder, wenn er uns abholen ſoll.“ Von Herzen gern,“ ſagte Hedwig, jetzt zum erſten Mal ſich umſehend in welcher Gegend ſie ſich befanden,„aber dann wird die Kathrine auf uns warten.“ „Ich habe ſchon Alles beſtellt,— hier hinüber, wir biegen in dieſe Straße ein.“ Hedwig zögerte. Die Richtung mußte ſie an ihrer alten Wohnung vorüber führen, und ſie fühlte ſich kaum ſtark genug der ſchmerzlichen Er⸗ innerung jetzt ſtandhaft zu begegnen. Aber ſie b V V V b V V V wollte ſtark ſein— das Schmerzlichſte war ja doch ſchon überwunden. „Und weißt Du, mein Kind, daß ich vorgeſtern als ich hier durch kam Dich abzuholen, ganz zu⸗ fällig einen alten Bekannten und Reiſegefährten von Dir getroffen habe,“ ſagte er, während er mit ihr in eine der breiteren Straßen einbog. „Einen Reiſegefährten von mir?“ „Herrn Salomo Holderbreit, der mit der letz⸗ ten Mail von Java zurück gekehrt iſt.“ „Zurück gekehrt? ich dachte er wollte ſich von dort nach Sumatra oder Borneo wenden.“ „Nach Sumatra nicht,“ lächelte Wagner,„denn dafür ſchwärmte er nur nach Herrn Jooſts Be⸗ richten, hat aber doch ſpäter gefunden, daß ihn der nichtsnutzige Burſche nur dort hinüber ſchicken wollte, um ihn aus dem Weg zu haben. Aber auch nach Borneo hat er keine Erlaubniß von der Colonial⸗Regierung bekommen, ſo viel Mühe ſich ſelbſt Lockhaart gegeben ihm behülflich zu ſein. Die Holländiſche Regierung weiß recht gut wel⸗ ches Unheil die Miſſionäre ſchon unter den ſonſt ganz fügſamen Eingeborenen angerichtet haben, und duldet ſie nun einmal nicht, wo ſie zu be⸗ fehlen hat.“ „Und warum iſt er nicht auf Java geblieben?“ 366 ſagte Hedwig zerſtreut, denn immer näher kamen ſie der alten, nie vergeſſenen Heimath, und jeden Baum kannte ſie hier,— jeden Stachelbeerſtrauch. „Auch dort wollte man ihn nicht in das In⸗ nere laſſen,“ erwiederte Wagner der ihre Auf⸗ merkſamkeit noch abzulenken wünſchte,„und wo es ihm mit Lockhaarts Hülfe, der ſich ſonderbarer Weiſe gewaltig für ihn intereſſirte, doch gelang, wurden ihm an Ort und Stelle ſo viel Schwierig⸗ keiten in den Weg gelegt, daß er es endlich in Verzweiflung aufgab.— Auch der endliche Entſcheid in Heffkens Sache iſt jetzt erſchienen— Klapa, jener Javane iſt mit dem Tod, Heffken mit le⸗ benslänglichem Zuchthaus beſtraft worden. Heff⸗ ken hätte freilich zehnmal die ſchärfere Strafe ver⸗ dient, aber die Holländer mögen den Eingebore⸗ nen nicht ein ſolches Schauſpiel mit einem ihnus eigenen Stammes geben.“ Vor ihnen her ging ein Herr und eine Dame, denen ein Bedienter in Livree folgte und einige eingekaufte Kleinigkeiten trug.— Die Dame drehte den Kopf nach ihnen um. Es war eine bildſchöne, noch ganz jugendliche, friſche Geſtalt, mit höchſter Eleganz gekleidet. Jetzt erſt ſah Wagner ihren Begleiter an, und glaubte in ihm denſelben Herrn —— —— 867 zu erkennen, den er vorher auf der Treppe des Hotels überraſchte. Faſt unwillkürlich beſchleunigte er ſeinen Schritt etwas, die beiden Spatziergänger zu paſſiren, als ihn Hedwig leiſe nach der anderen Seite hinüber drängte. „Dorthin, mein liebes Herz,“ ſagte er,„wir haben nicht mehr ſo weit.“ „Können wir nicht durch jene Straße gehen? — ſie hat mehr Schatten.“ „Wir ſchneiden aber hier ein groß Stück ab. Ueberlaß Dich nur heute einmal meiner Führung. — Apropos— ich habe Dir noch eine Neuig⸗ keit aus Java mitzutheilen. Nitſchke gedenkt ſich zu verheirathen.“. Sie waren jetzt dicht neben dem jungen Paar, als der Herr raſch, wie nach den eben geſproche⸗ nen Worten horchend, den Kopf wandte. In dem Augenblick aber uͤnd faſt unwillkürlich, griff er nach ſeinem Hut, und Wagner erwiederte völlig bewußtlos den Gruß, denn der Fremde, mit der reizenden jungen Frau am Arm, und dem La⸗ kayen hinter ſich war Niemand anders als— Horbach. Die junge Frau dankte freundlich— es war noch faſt ein Kindergeſicht, mit gar ſo herzigen, 166 blauen Augen und im nächſten Moment hatten ſie jene überholt: Beide Männer ſchienen auch in der That viel zu ſehr von dem plötzlichen Begeg⸗ nen überraſcht, an eine weitere Unterredung zu denken— ſie wäre überdies für Beide peinlich geweſen. Wagner aber bog mit Hedwig jetzt rechts ein. Horbach ſchritt, vielleicht abſichtlich, links hinüber, und Hedwig, die überhaupt Herrn Horbach gar nicht kannte, hatte die Fremden lange vergeſſen, denn vor ihr lag, von blühenden Bäumen um⸗ geben wie in ſchönſter Zeit, und ſo wenig verän⸗ dert— wenngleich anſcheinend friſch gemalt, als ob ſie es erſt geſtern verlaſſen hätte, das alte liebe Vaterhaus— die Heimath ihrer Kindheit. „Und weißt Du wo wir ſind?“ flüſterte ſie dem Gatten zu—„ach ich hätte mir das heut gern erſpart.“ „Was mein Herz?“ „Dort drüben ſteht die alte, liebe Wohnung in der ich geboren bin,“ flüſterte Hedwig, und ihr Auge hing dabei voll wehmüthiger Erinnerung an den Fenſtern, die zuletzt ihr Mütterchen be⸗ wohnt.—„Dort— oh es war eine ſchöne, aber auch eine entſetzlich ſchwere böſe Zeit, und nie im Leben werd' ich die Tage vergeſſen, die ich 1 369 dort verlebte.— Aber wo gehſt Du hin? frug ſie raſch und erſtaunt, als Wagner gerade nach dem Hauſe hinüber bog. „In unſere neue Wohnung, liebe Hedwig,“ ſagte der Mann mit freundlichem Ton.„Das Häuschen da drüben war gerade zu verkaufen, und da ich glaubte, daß es Dir vielleicht Freude ma⸗ chen würde—“ „Reinhard!“ „Komm, komm, mein Herz— bleib hier nicht ſtehn; wir fallen ſonſt auf. Die Straße iſt viel zu belebt dazu“— und er hatte vollkommen Recht, denn die blühende, wunderhübſche Frau mit dem kleinen, von einem braunen Mädchen getragenen Kind, war den Leuten überdies ſchon mehrfach aufgefallen, und daß ſie ſich jetzt in heftiger Er⸗ regung befand, konnte ihnen um ſo weniger ent⸗ gehen. Hedwig mußte ſich auch wirklich mit Gewalt zuſammennehmen, aber wie in einem Traum ſchritt ſie an des Gatten Seite über die Straße hin⸗ über— wie in einem Traum öffnete ſie ſelber die kleine Gartenpforte, wo ihr das Herz faſt ge⸗ brochen war, als ſie dieſelbe zum letzten Mal ge⸗ ſchloſſen. In der Laube, in dem kleinen Gärtchen war Unter dem Aequator. III. 24 —ÿÿ— — 370 der Tiſch gedeckt— aber ſie ſah das nur mit einem flüchtigen Blick— drüben öffnete ſich die Hausthür— Wagner umfaßte ſie und führte ſie die wenigen Schritte in das Haus, denn die Knie verſagten ihr faſt den Dienſt— drüben ſtand der alte, treue Freund ihres Hauſes, der alte Scharner und ſtreckte ihr die Arme entgegen, und als ſie hineinflog und an ſeinem Herzen im erſten Augenblick erſt aller der trüben Stunden wieder gedachte, unter denen ſie geſchieden waren, und ihre Thränen ſtärker und heftiger floſſen, da ſtrei⸗ chelte ihr der alte Mann, ſelber mit naſſen Au⸗ gen, das volle kaſtanienbraune Haar, von dem der Hut zurückgefallen war und ſagte leiſe: „Gott ſegne Deinen Eingang, mein liebes, braves Kind— Gott ſegne Dich und die lieben Deinen viel tauſend Mal, und laſſe Dich ſo viel glückliche Tage hier verleben, wie Du Thränen in dem alten Hauſe vergoſſen haſt.“ „Mein lieber, lieber Freund—“ „Und da ſteht auch die Kathrine,“ ſagte Schar⸗ ner, mit einem gewaltſamen Verſuch zu lachen, obgleich ihm die Thränen faſt die Worte im Munde erſtickten—„dort ſteht die Kathrine und ſchlägt einmal übers andere die Hände zuſam⸗ 361 men, und weiß ſich vor lauter Erſtaunen nicht zu faſſen.“ „Ja Kinner,“ ſchluchzte die alte, treue Per⸗ ſon—„ich wühs aach wahrhaftig nicht, wie mer is, und wo mer der Kopp ſteht. Das ganze, alte Haus, wie wer's faſt verlaſſe habe— nur noch hübſcher— nur noch freundlicher— und da ſolle mer wieder mitenanner wohne?“ Hedwig warf einen halb ſcheuen Blick im Zimmer umher. Dort am Fenſter ſtand der alte, liebe Lehnſtuhl, in dem die Mutter ſo manche Stunde in der letzten Zeit geſeſſen— hier an der Wand ihr altes Inſtrument, das ſie mit von Mainz herübergebracht. Am Fenſter dort drüben die Reſedaſtöcke und Monatsroſen, wie zu der Mutter Zeit— die nämlichen Gardinen, die ſie ſelbſt geſtickt— und neben ihr ſtand mit leuch⸗ tenden Augen Wagner in dem Glück der Gattin ſchwelgend, das nur im erſten Augenblick noch durch den Schmerz der Erinnerung zurückgehalten wurde. 4 „Und das Alles verdanke ich Dir,“ ſagte da Hedwig— indem ſie ſeine Hand ergriff und an ihr Herz zog— mit weicher, tief bewegter Stimme —„all das Glück, das jetzt wie Himmelsthau auf mich hernieder träufelt; nur Dir und Deiner 24* 322 treuen Liebe— laß mich ihrer immer würdig ſein.“— Und als Wagner ſich zu ihr niederbog und ihre Lippen küßte, und der kleine Burſche den die Malayin gegen die Blumen hielt, jubelte und ſtrampelte, und die Kathrine vor lauter Freu⸗ denthränen und Seligkeit gar nicht mehr aus den Augen ſehen konnte, hatte der enge, ſtille Raum noch nie glücklichere Menſchen umſchloſſen, hatte Gottes Sonne noch nie fröhlicher und herrlicher da draußen auf all die tauſend und tauſend 9 5. Blumen niedergeſtrahlt, die ſie ja erſt zu Licht am und Glanz hervorgerufen, wie Gottes Segen in e den Herzen dieſer guten Menſchen wieder glühte. Druck von G. Pätz in Naumburg.