“ “ — 8 “ 8 ¹ Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 1 vo.» Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3„ B „ 5„—„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene’, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ₰ Unter dem Aequator. Anter dem Aequutor. Javaniſches Sittenbild von Friedrich Gerstäcker. „Der Verfaſſer behält ſich die Ueberſetzung dieſes Werkes vor.“ Zweiter Band. Teigiig, Hermann Coſtenoble. 1861. J. Der junge Mann, der beauftragt worden, die Fremde mit ihrer Begleiterin von dem Zollhaus abzuholen, war, wie ſchon geſagt, ein Commis des Wagner und Van Roeken'ſchen Geſchäfts und ſeit längerer Zeit in Batavia. Raſch hatte er deshalb auch die Beförderung des nicht unbedeutenden Ge⸗ päcks nach dem Beſtimmungsort arrangirt und ließ indeſſen die beiden Reiſenden in dem Wagen Platz nehmen.. Hier entſtand jedoch eine kleine Schwierigkeit, denn die alte Kathrine, die ſich keineswegs als „Dame“ betrachtete, wollte abſolut auf dem Bock neben dem Kutſcher ſitzen, und dieſer, darüber aufs Aeußerſte erſtaunt, da ihm etwas derartiges im Leben wohl noch nicht vorgekommen, weigerte Unter dem Aequator. II. 1 2 ſich eben ſo beſtimmt, ſie zu ſich heraufzulaſſen. Glücklicher Weiſe kam noch der Commis zur rech⸗ ten Zeit, einer auffälligen Scene vorzubeugen, denn ſchon ſammelte ſich eine Anzahl von Malayen und Chineſen aus der Nachbarſchaft, den Verſuchen der„weißen Nona,“ auf den Bock zu ſteigen, mit beizuwohnen.. Der Commis hatte Takt genug, etwas der⸗ artiges nicht zu dulden, denn wenn auch Diene⸗ rin, war die Alte doch immer eine Weiße, oder Europäerin, oder Wolanda, wie ſie die Malayen nannten, und als ſolche durfte ſie ſich, ſchon des böſen Beiſpiels wegen, nicht auf eine Stufe mit der braunen Race ſtellen. Glücklich überredete er ſie dann auch mit Hedwigs Hülfe, im Wagen ſelber Platz zu nehmen, aber keine Macht der Welt hätte ſie, als ſie ſich dem endlich fügte, vermocht, ſich mit in den Fond zu ſetzen. Die Stelle mußte der Commis mit Hedwig einnehmen. Als ſie dann das„Nothwendigſte,“ trotz allen Verſiche⸗ rungen, daß in einer Stunde ſpäteſtens ſämmt⸗ liches Gepäck in ihrem Hotel ſein würde, mit in Wagen untergebracht und einen rieſigen Kof⸗ inter ſicher befeſtigt, eine Hutſchachtel und oder vier Körbe neben ſich wußte, beruhigte 3 — Hedwig befänd ſich indeſſen in einer unſag⸗ baren Aufregung, denn einen ganz anderen Em⸗ pfang hatte ſie ſich bei ihrer Landung in Bata⸗ via gedacht— und vielleicht gefürchtet,— das Begegnen ihres künftigen Gatten zwiſchen fremden Menſchen. Noch nie hatte dabei der Gedanke, welchen kühnen und faſt unweiblichen Schritt ſie gethan, indem ſie dem Rath ihres alten Freundes Scharner folgte, mit ſolcher Centnerſchwere auf ihrer Seele gelegen, wie gerade jetzt, da er ſich ſeiner Entſcheidung nahete, und wäre es ihr in dieſem Augenblick noch möglich geweſen, ihn zu⸗ rück zu thun, ſie würde es ungeſäumt und ohne weiteres Bedenken ausgeführt haben.— Aber es war zu ſpät— zu ſpät zu zögern, zu bereuen; die Kugel rollte, und ihr Geſchick mußte ſich jetzt erfüllen. Aengſtlich muſterte ſie dabei die Geſtalten der Europäer, die ſie erſt am Zollhaus traf, und de⸗ nen ſie dann ſpäter unterwegs begegnete, ob ihr beſtimmter Gatte ſich vielleicht ungekannt ihr nä⸗ hern wolle, ſie, ehe er ſich ihr vorſtellte, erſt ein⸗ mal zu ſehen. Aber nur gleichgültige Geſichter waren es, auf die ihr Auge traf, und völlig allein fühlte ſie ſich, als ſelbſt der alte Lockhaart ſo kalt und theilnahmlos, wie er ſich auf der ganzen 1 4 langen Seereiſe gezeigt, ohne Abſchied, ohne Gruß jetzt von ihr ſchied. Und doch hatte ſie eine Art von Schutz ſelbſt in ſeiner Nähe gefunden, ja es war ihr manchmal geweſen, als ob unter der rauhen, barſchen Hülle ein edles, theilnehmendes Herz ſchlagen müſſe,— und ſie hatte ſich doch geirrt, denn ein letztes Lebewohl hätte er ihr da wenigſtens ſagen können, ehe ſie hier in die frem⸗ de, für ſie leere und troſtloſe Welt allein hinaus⸗ ging. Kalt, wie immer, war er aber in ſeinen Wagen geſtiegen und davon gerollt, ohne ſelbſt zu fragen wo ſie bleibe,— was kümmerte er ſich um das fremde, arme Mädchen. Die Kathrine dachte an nichts Derartiges, denn wie in einem wachen Traum ſah ſie plötz⸗ lich eine neue, nie geahnte Welt um ſich entſtehen. Da war auch Nichts mehr, was mit der alten, verlaſſenen auch nur die geringſte Aehnlichkeit hatte, denn ſelbſt die Häuſer und Gebäude ſahen fremd⸗ artig aus, und die Kutſchen und Cabriolets— ſelbſt ohne die winzig kleinen Pferde davor, wür⸗ den ſchon durch ihre braunen Kutſcher mit um⸗ geſtürzten und bunt bemalten oder vergoldeten Backſchüſſeln ſtatt Hüten auf den Köpfen, ihre laute Bewunderung erweckt haben.— Und dazu die ſonderbaren hochſtämmigen Bäume,— Pal⸗ 5 men,— die ſie bis jetzt nur auf Bildern geſehen und dann für etwas künſtlich Gemachtes gehalten halte; die Chineſen mit ihren langen Zöpfen und ſpitzen Hüten, die Malayen mit ihren Laſten, die ſie an einem Stock über der Schulter trugen; die Frauen und Mädchen der Eingeborenen mit ihren dünnen, unanſtändigen Kleidern— keine von ihnen eine Haube auf und mit den nackten Bei⸗ nen in der Welt herum laufend.— Die fremde Sprache dazu, mit Tönen, aus denen ſie auch nicht den geringſten Sinn finden konnte; das Al⸗ les zuſammen mit einem plötzlichen Schlag auf ſie einſtürmend, machte ſie ganz wirr im Kopf, ſo daß ſie wie betäubt von Einem zum Anderen ſtarrte, manchmal hell auf lachte, und dann wie⸗ der ſich faſt erſchreckt an ihren Sitz anklammerte. Ihr junger Begleiter, der ſich über das halb verdutzte, halb erſtaunte Geſicht der Fremden amü⸗ ſirte, verſuchte ein paar Mal ſie anzureden, um ihr Einiges zu erklären; aber ſie gab entweder ganz verkehrte Antworten, oder hörte gar nicht, und er mußte ſie zuletzt ſich ſelber überlaſſen, da⸗ mit ſie ſich mit der Zeit an ihre neue Umgebung gewöhnen könne. Hedwig dagegen bemerkte kaum, daß ſie ſich in einem anderen fremden Lande befand. Sie ſah ———QO—ę——EnEEEEQ 6 wohl die wunderlichen und außergewöhnlichen Ge⸗ ſtalten, die ihr begegneten, aber wie Schatten glitten ſie an ihr vorüber, und ihr Bild wollte nicht an ihrem Auge haften. Nur ein Gefühl bemeiſterte ſich ihrer, nur ein entſetzliches Gefühl: das Bewußtſein, daß ſie nicht mehr frei ſei, zu handeln wie ſie wolle, wie ſie für gut finde— daß ſie ſich verkauft habe an einen fremden Mann, daß ſie den Kauſſchilling nicht zurückzah⸗ len könne und Körper wie Seele nicht mehr ihr eigen nennen dürfe. Eine unſagbare Angſt über⸗ kam ſie; ihr Auge umflorte ſich, immer bänger wurde ihr zu Muth, immer heftiger ſchlug ihr Herz, und wie ſie fühlte, daß ihr zuletzt ſogar die Kraft fehlte, ſich lange aufrecht zu erhalten, ſank ſie halb ohnmächtig in der Wagenecke zuſammen. Ihr junger Begleiter hatte etwas Aehnliches ſchon lange gefürchtet. Sie gab ihm auf ſeine Anreden keine Antwort, wurde mit jedem Augen⸗ blick bläſſer, das Auge ſtierer, und wäre jetzt viel⸗ leicht, als ſie ihr Bewußtſein ganz verließ, aus dem Wagen gefallen, wenn er nicht raſch zuge⸗ griffen und ſie gehalten hätte. Die Kathrine ſchien von alle dem auch nicht das Geringſte gemerkt zu haben, bis ihr Fräulein wirklich bewußtlos zuſammenbrach. Dann aber war auch alles Andere für ſie im Nu verſchwun⸗ den, nur in der Angſt um das ihrem Herzen ſo theure Weſen, das, wie ſie ſchon fürchtete, in ihren Armen ſterben würde. „Kein Wunder,“ rief ſie dabei in ihrem ärg⸗ ſten Dialekt, Seereiſe, Land und Leute verwün⸗ ſchend—„kein Wunder, daß das arme zarte Herz alle die Mißhandlungen von Salzfleiſch und Back⸗ ofenhitze, von braunen Teufeln und Jammer und Leid nicht aushält; kein Wunder, daß ſie mir ſtirbt!— Aber Du darſſt nicht fort, Engel; Du darfſt nicht Deine arme, alte Kathrine hier allein unter den Heiden und Unmenſchen zurücklaſſen, oder wieder über das weite, ſchreckliche Meer ſchicken!“ Der junge Mann hatte die größte Mühe, ſie nur zu beruhigen, und Geiſtesgegenwart genug, dem Kutſcher nicht zu erlauben, daß er ſtill hielt, ſondern ſeine Pferde zu nur noch ſtärkerem Trab anhielt. Hedwig kam denn auch bald wieder, ſelbſt ohne äußere Mittel zu ſich, und als ſie vor dem geſchmackvollen Portal des Hotels hielten, hatte ſie ſich ſchon ſo weit wieder erholt, den Wagen allein verlaſſen und ihr Zimmer aufſuchen zu können, wo ihr dann die Kathrine vernünftiger Weiſe ein paar Stunden Schlaf als beſtes und beruhigendes Mittel verordnete. Sie ſchrieb den ganzen Unfall auch nur der übermäßigen und unmenſchlichen Hitze zu, die gar Niemand aus⸗ halten könne, ohne ohnmächtig zu werden, der nicht gerade von Stahl und Eiſen wäre. Ruhe war dem armen Mädchen aber beſon⸗ ders nöthig. Sie mußte ihren Geiſt erſt wieder ſammeln, dem zu begegnen, auf was ſie ſich aller⸗ dings die lange Zeit der Seereiſe hatte vorberei⸗ ten können, was aber doch, als es ihr plötzlich ſo nahe gerückt wurde, ſie zu bewältigen und zu entnerven drohte. Kathrine hielt dabei getreue Wacht und als ſpät am Nachmittag ein Bote kam und anfrug, ob Fräulein Bernold einen Beſuch empfangen würde, wies ihn die Alte mit dem Bedeuten kurz ab, daß ihr Fräulein heute nicht ganz wohl und von der Reiſe noch zu angegriffen ſei. Wer ſie ſpre⸗ chen wolle, möge morgen oder übermorgen wie⸗ der vorfragen. Es war ein Sonntag Morgen. Wagner hatte ſein gewöhnliches Bad genommen und gefrüh⸗ ſtückt, und ſaß eben noch emſig mit einem Paket Papieren beſchäftigt, als draußen ein Bendi hielt, und gleich darauf Van Roeken in ſein Zimmer trat.— „Haſt Du ſie geſehen?“ waren die erſten Worte, die er ſprach, noch ehe er den Freund gegrüßt hatte—„haſt Du ſie geſprochen?“ „Noch nicht,“ ſagte Wagner lächelnd.„Du biſt ja in einer ordentlichen Aufregung. Iſt etwas vorgefallen?“ „Davon nachher— aber ſie war doch geſtern den ganzen Nachmittag im Hotel.“ „Allerdings— ich ließ auch anfragen, ob ich ſie ſehen könnte, aber ſie fühlte ſich unwohl und ließ mich abweiſen.— Henkel iſt übrigens ent⸗ zückt von ihr. Er behauptet, daß es ein wunder⸗ ſchönes Mädchen ſei, und nur jetzt etwas blaß und angegriffen ausſähe. „Henkel hat nicht den geringſten Geſchmack,“ ſagte kopfſchüttelnd Van Roeken.—„Muſter darf * man ihn z. B. gar nicht ausſuchen laſſen. Ich traue ihm auch hierin nicht; das bleibt ſich aber gleich, ſchön oder nicht, ſie iſt einmal da, und muß ſo raſch als möglich wieder fort.“ „Wieder fort?— und womit liegt denn ein Schiff ſegelfertig?“ „Es ſind fünf, die in der nächſten Zeit und noch vor der Mail ſegeln werden,“ ſagte Van Roeken—„Eines über New⸗York, eines nach Toulon, und der Orion, der Falling star und der Chriſtian direkt.“ „Direkt keins von allen Dreien,“ warf Wag⸗ ner ein,„der Chriſtian geht erſt nach China, der Orion nach Bengalen, ſeine Fracht einzunehmen, und der PFalling star hat ziemlich alle Molukken anzulaufen; Du wirſt aber dem armen Mädchen nicht zumuthen wollen, allein ein halbes oder drei Viertel Jahr in der Welt und auf See her⸗ um zu fahren, nur um Dir wieder raſch aus dem Weg zu kommen. Auch über Toulon und New⸗York darfſt Du ſie nicht ſchicken— wer weiß, welche Gelegenheit ſie in New⸗York nehmen müßte, den Umweg und Aufenthalt gar nicht gerechnet, und das nach Toulon beſtimmte Schiff iſt ein alter Kaſten, das wahrſcheinlich noch nicht ein⸗ mal von hier auslaufen darf, ohne vorher nach⸗ geſehen und reparirt zu werden. Jetzt hilft es Nichts; haſt Du geſündigt, mußt Du auch da⸗ für büßen, und wenn die junge Dame ſelbſt vor⸗ ziehen ſollte, in Batavia zu bleiben, wäre ich der Letzte, der ihr abreden würde.“ „Du biſt des Teufels“ rief Van Roeken raſch — und erſchreckt„und was glaubſt Du, daß meine Frau dazu ſagen würde. 4 „Ah, da ſteckt der Knoten?“ lächelte Wagner, langſam mit dem Kopfe nickend.—„Sie hat doch nicht etwa jetzt ſchon etwas gemerkt?“ „Sie iſt auf der Spur!“ beſtätigte Van Roeken ſeufzend. „Aber wie wäre das möglich?“ rief Wagner erſtaunt.—„Geſtern Mittag iſt die junge Dame an Land gekommen; Mevrouw Van Roeken ſteht, ſo viel ich weiß mit dem Hotel in gar keiner Verbindung.—“ „Du weißt, daß Heffken wieder ausgeht?“ „In der That?— Nun das freut mich zu hören. Wir hatten im Anfang Alle nicht ge⸗ ringe Sorge, daß der Khris könne vergiftet ge⸗ weſen ſein; das ſcheint ſich aber glücklicher Weiſe nicht beſtätigt zu haben. Ich wollte ihn immer einmal beſuchen, wie das aber ſo geht, es kam jedesmal etwas dazwiſchen und unterblieb. „Ihr Beide ſeid eigentlich nie ſehr befreun⸗ det zuſammen geweſen.“ „— Hm— nein— nicht gerade beſonders 34 ſagte Wagner.„Weißt Du, ſehr viel mache ich mir auch gerade nicht aus Heffken. Er iſt ein tüchtiger Geſchäftsmann, von dem wir Alle noch 12 lernen können, und ſonſt auch, wie ich feſt üͤber⸗ zeugt bin, ein braver ehrlicher Menſch, aber„ich habe nun einmal eine Antipathie gegen ihn, die, wenn mich nicht Alles täuſcht, gegenſeitig iſt.“ „Ich wollte ſie wäre bei mir und ihm auch gegenſeitig“ ſeufzte Van Roeken ſtill vor ſich hin; „der unglückſelige Menſch ſcheint aber eine ſtille Neigung zu mir gefaßt zu haben, denn wie er mich geſtern Abend verſichert hat, bin ich ſein erſter Beſuch geweſen, den er nach ſeiner Wunde beglückt hat.“ „Du ſcheinſt nicht recht erbaut davon zu ſein?“ „Nein!“ rief Van Roeken heftig.„Weil ich feſt überzeugt bin, daß er blos zu mir herüber ge⸗ kommen iſt, um zu ſpioniren, wenn ich auch nicht recht begreifen kann, welches Intereſſe er an der ganzen Sache nehmen kann.“ „Er weiß doch noch Nichts von Fräulein Bernolds Ankunft?“ rief Wagner raſch. „Gewiß weiß er davon,“ bekräftigte Van Roe⸗ ken mit einem Fluch,„und irgend ein böſer Geiſt muß es ihm verrathen haben, ſonſt bleibt es ein Räthſel, wie er ſchon Wind davon bekommen konnte.“ „Und hat er Etwas geäußert?“ 13 „Gewiß; und noch dazu in Gegenwart meiner Frau. Ich dachte der Schlag ſolle mich rühren, als er mich direkt frug, was das für eine junge Dame geweſen wäre, die heute— alſo geſtern mit einem von unſeren Commis, von dem Zoll⸗ haus heraufgekommen wäre.“ „Und was ſagteſt Du 29 „Ich gab natürlich eine ausweichende Ant⸗ wort,“ verſicherte Van Roeken,„denn meine Frau wurde gleich ſtutzig und ſchien ſich außerordent⸗ lich für die Sache zu intereſſiren.“ „Du hätteſt ihr einfach die Wahrheit ſagen ſollen,“ meinte Wagner.„Daß Du früher hei⸗ rathen wollteſt iſt keine Sünde, und daß Du von ihren Reizen b ezaubert worden und alle weite⸗ ren Verpflichtungen vergeſſen, könnte für Deine Frau gerade doch auch nur ſchmeichelhaft ſein.“ „Meinſt Du das im Ernſt?“ „Gewiß.“ „Dann⸗kennſt Du meine Frau ſchön,“ lachte Van Roeken—„heiliger Himmel, wenn ich ihr die Entdeckung gemacht, und ſie das NRädchen jetzt auf Java wüßte, ich glaube ſie würde rein toll vor Eiferſucht.“ „Und wenn ſie es jetzt zufällig erfährt, iſt die Sache noch viel ſchlimmer,“ ſagte der Freund. „In dem Fall muß ſie, ſchon Deines Schweigens wegen, Verdacht ſchöpfen, daß doch nicht Alles ſo richtig ſei. Du kannſt die unangenehmſten Scenen mit ihr bekommen.“ „Ich habe jetzt Alles auf Dich geſchoben,“ ſagte Van Roeken abwehrend,„und damit hat ſie ſich vollſtändig beruhigt.“ „Ich bin Dir unendlich verbunden,“ rief Wagner, eben nicht angenehm überraſcht,„aber ich hoffe doch nicht, daß Du das in Heffkens Gegenwart gethan.“ „Er hat gar nicht darauf geachtet,“ ſagte Van Roeken ausweichend. „Da kennſt Du den ſchlecht,“ rief der junge Deutſche von ſeinem Stuhl aufſpringend, und mit raſchen Schritten die Stube meſſend,„und wenn er die Geſchichte zu Romelaers hinüberträgt, kann mein Betragen die größte und ungerechteſte Mißdeutung erfahren— ganz abgeſehen davon in welches Licht Du die arme junge Fremde bringſt.“ „Ach was,“ lachte der Holländer, der ſich durch Nichts ſo leicht beunruhigen ließ, was ihn nicht ſelber und direkt betraf.„Dort klären ein paar Worte ein mögliches Misverſtändniß auf; bei meiner theueren Gattin aber würden ein halb Dutzend Demoſtheneſſe nicht hinreichen, ſie zu überzeugen, daß ich unſchuldig ſei. Thu' mir nur den Gefallen und widerſprich mir heute Abend nicht.“— „Heute Abend nicht?“ „Sie— hat mich gebeten Dich auf heute einzuladen— zu ihrem Geburtstag glaub ich.“ „Ihrem Geburtstag?“— war denn der nicht im vorigen Monat?“ Allerdings haben wir ihn da gefeiert,“ be⸗ ſtätigte Van Roeken,„aber ſie muß das vergeſſen haben, oder— benutzt auch den Geburtstag mehrfach, als paſſende Gelegenheit, ſich einmal ein paar gute Freunde einzuladen. Die unglück⸗ liche Idee dabei iſt nur, daß ich— Fräulein Bernold auch— bei mir einführen ſoll.“ „Aha, Heffken hat ſie neugierig gemacht,“ lachte Wagner,„und um die Gefahr gleich zu kennen, der ſie ausgeſetzt iſt, rückt ſie derſelben direkt in die Zähne. Keck bleibt das immer, und ganz geſcheut obendrein; nach der Einleitung, aber die, wie mir ſcheint Du gemacht haſt, werd' ich Dich bitten mich zu entſchuldigen, nicht allein meinet, ſondern auch der jungen Dame wegen, die wir doch hier in Batavia nicht in böſen Leu⸗ mund bringen wollen, nur damit Du einer Gar⸗ 16 4 dinenpredigt entgehſt. Außerdem möcht' ich Dich bitten mir zu ſagen, wie Du Dir das ungefähr gedacht haſt, wenn Du Fräulein Bernold— die ſich bis jetzt noch für die, Dir beſtimmte Gattin halten muß, bei— Mevrouw Van Roeken ein⸗ führen willſt. „Alle Teufel!“ rief Van Roeken erſchreckt, „daran hab ich noch nicht einmal gedacht. Aber Du hatteſt mir ja doch auch verſprochen Alles mit ihr abzumachen.“ „Wenn es ſich um eine Schiffsladung Pfeffer oder Kaffee handelte,“ ſagte Wagner kalt,„ſo wäre es auch ſchon abgethan. Daß dieſe Sache an— ders angefaßt ſein will, ſcheinſt Du noch immer nicht zu begreifen.. „Aber meine Frau!“ ſtöhnte Van Roeken. „Zum Henker auch,“ rief Wagner ungeduldig, „mach mit ihr was Du willſt; warum haſt Du Deine eigene Thorheit gegen dieſen Heffken aus⸗ poſaunen müſſen; jetzt begegne auch den Folgen. Schütze dabei vor wen Du willſt, nur bitte ich Dich ernſtlich, mich aus dem Spiel zu laſſen, denn Du weißt beſſer, als ich es Dir ſagen könnte, wie raſch ſich hier in Batavia das geringſte der⸗ artige Gerücht in allen Familien verbreitet. In dem Verhältniß aber, in denen ich zu Romelaers * 17 ſtehe, könnte es mir, wie Du wohl begreifen wirſt, nicht wünſchenswerth ſein, den Verdacht auf mich zu laden, als ob ich noch neb enbei eine Lieb⸗ ſchaft unterhielte— ganz abgeſehn davon, wel⸗ chen nachtheiligen Einfluß es auf das Schickſal und den Ruf des armen Mädchens ſelber haben müßte.“ „Aber Du kommſt doch heut' Abend?“— „Ich will kommen, vorausgeſetzt, daß Du mich nicht in Verlegenheit bringſt; ich mache ſonſt das Recht der Selbſterhaltung geltend, und ſtehe Dir für Nichts.“ „Wenn ich nur wüßte wie ich meine Frau davon abbringen ſoll, der jungen Dame eine Ein⸗ ladung zu ſchicken, denn ſie vergißt nie etwas Der⸗ artiges.“ „Das mache wie Du willſt.— Um elf oder zwölf Uhr werde ich übrigens zu Fräulein Bernold hinüber fahren, und wo möglich Alles in Ordnung bringen— ich wollte, es wäre erſt überſtanden. Wenn ſie dann erfährt wie die Sachen hier ſtehn, möchte ſie es ſelber vorziehen mit der hieſigen Ge⸗ ſellſchaft in weiter keine Berührung zu kommen.“ „Und ſoll ſie in dem Hotel bleiben?“ „Nein,“ ſagte Wagner,„ſchon allein am table cehôte zwiſchen all den fremden, ſie angaffenden Unter dem Aequator. II. 2 ◻‿ Menſchen zu ſitzen, muß ihr unerträglich werden, und ich will ſehen ſie, während der Zeit ihres Aufenthalts, in irgend einer Familie unter zu bringen.“ „Aber wo?“ „Erſt muß ich ſie ſelber kennen lernen, um zu beurtheilen wohin ſie paßt, nachher— alle Wetter wer iſt das?— ich bekomme Beſuch.“ Beide Männer wandten ſich dem Garten zu, in den eben einer der gewöhnlichen Mieth⸗ Bendis einfuhr, und Van Roeken rief: „Das iſt der nichtsnutzige und liederliche Nitſchke, von dem es ja ſchon einmal hieß, daß er ertrunken oder auf andere Weiſe umgekommen ſei. Was will der bei Dir?“ „Gott weiß es; jedenfalls um irgend etwas anhalten.“ „Laß Dich ja nicht mit ihm ein, Du wirſt ihn ſonſt nicht wieder los.“ „Schade um den armen Teufel,“ ſagte Wag⸗ ner;„es iſt ein ganz talentvoller Menſch, wenn er ſeine Sinne eben bei einander hält, aber jeder Verführung augenblicklich preisgegeben, und in den Händen dieſes nichtsnutzigen Horbach ein vollkom⸗ men willenloſes Inſtrument, mit dem der Burſche 1 2 19 machen kann, was ihm verüde beliebt. Er kommt wirklich auf das Haus zu.“ „Ich mag ihm hier nicht begegnen,“ ſagte Van Roeken, indem er ſeinen Hut nahm,„ſonſt bettelt er mich am Ende auch an. Alſo ich verlaſſe mich auf Dich, daß Du noch heute Alles in Ordnung bringſt, und heute Abend ſagſt Du mir dann Ant⸗ wort; komm nicht zu ſpät.“ Und mit den Wor⸗ ten verließ er nach dem Hof zu das Haus, dort ſein Fuhrwerk wieder zu finden, und dem eben den Porticus betretenden Nitſchke nicht in den Weg zu kommen. 2* —— ** II. Van Roeken hatte kaum das Zimmer verlaſſen, und Wagner nur eben Zeit gehabt ſich eine friſche Cigarre anzuzünden, als Herr Nitſchke die ſteiner⸗ nen Stufen herauf kam, den Hut abnahm und mit einer leichten aber ehrfurchtsvollen Verbeugung, bei der es Wagner vor kam, als ob er etwas ſchwanke, an der Thür ſtehen blieb. „Kommen Sie herein, Herr Nitſchke.“ „Guten Morgen Herr Wagner.“ „Was führt Sie zu mir?“ Nitſchke ſchwieg und ſah wohl eine Minute ſtill und wehmüthig vor ſich nieder, endlich ſagte er leiſe: „Die Noth.“ „Das dachte ich mir,“ erwiderte ſeufzend der 1 21 — 2 junge Mann, indem er in ſeine Taſche griff und ein paar Guldennoten herausnahm—„Sie ſind unverbeſſerlich Nitſchke, und Vorſtellungen helfen bei Ihnen ebenſowenig, wie die paar Gulden— es ſind Alles nur Tropfen Waſſer auf einen heißen Stein.— Da nehmen Sie— ich habe zu thun und kann mich nicht lange mit Ihnen beſchäfti⸗ gen.— Nun?“ Wagner hatte allerdings Urſache zu erſtaunen, denn Nitſchke trat einen Schritt zurück, und die Hand abwehrend gegen das Geld ausſtreckend, blieb er in ſeiner Stellung. „Ich danke Ihnen,“ ſagte er aber dann, und war in den wenigen Secunden blutroth gewor⸗ den—„ich danke Ihnen; ich bin— ich bin ſchon tief geſunken, aber— ſo tief noch nicht.“ „Aber was Anderes verlangen Sie von mir?“ frug Wagner erſtaunt, indem er das Geld neben ſich auf den Tiſch legte. „Wollen Sie mir nur wenige Minuten Ge⸗ hör ſchenken?“ „Wenn Sie ſich auf wenige Minuten beſchrän⸗ ken, gern— bitte ſetzen Sie ſich; Sie ſcheinen heute Morgen ein wenig ſchwach auf den Füßen zu ſein. Nitſchke, Nitſchke um Gottes Willen, wo⸗ hin ſoll das führen? Sie ſind ſelbſt heute Mor⸗ gen ſchon angetrunken.“ „Wenn Sie für das Wort„angetrunken“ hungrig ſagten,“ lächelte wehmüthig der Mann, indem er ſich mit einer dankenden Bewegung auf dem nächſten Stuhle niederließ,„ſo könnten Sie eher Recht haben. Ich gebe Ihnen mein Chren⸗ wort, Herr Wagner, daß ich ſeit drei Tagen keinen Tropfen Arrak oder Wein über die Lippen ge⸗ bracht habe.— Seit derſelben Zeit habe ich auch an keinem gedeckten Tiſch geſeſſen.“ „Alſo hat Sie Geldmangel daran verhindert?“ „Ich hatte noch genug den Bendi draußen zu bezahlen.“ „Und Sie haben wirklich heute Morgen noch nicht gefrühſtückt?“ frug Wagner, dem es nicht entging, daß der Mann jetzt wieder ſehr. Bieich wurde. „Heute Morgen und geſtern Morgen au⸗ 44 lächelte Herr Nitſchke wehmüthig,„und— was wollen Sie thun?“ Wagner war aufgeſprungen und hatte ſein„SA- pada!“ zur Thür hinausgerufen. „Mit einem Menſchen der ſchwach von Hunger vor mir ſitzt,“ antwortete er jetzt gutmüthig,„kann ich mich nicht unterhalten. Sie müſſen wenigſtens 23 erſt etwas eſſen. Nachher theilen Sie mir mit was ſie mir zu ſagen haben.“ Nitſche faltete verlegen die Hände, Wagner hatte aber die nöthigen Befehle ſchon gegeben, und während ſeine beiden Diener raſch und behend den Tiſch deckten und eine Menge kalter Speiſen auftrugen, hatte ſich Wagner wieder zu ſeinen Pa⸗ pieren geſetzt, ſie zu ordnen und zuſammenzupacken. Er warf jetzt einen flüchtigen Blick darüber hin, nach dem gedeckten Tiſch und ſah, daß Alles fertig war. „Langen Sie zu Herr Nitſchke,“— ſagte er freundlich,—„geniren ſie ſich nicht,— wir ſind allein.“ „Wenn Sie es mir erlauben,“ ſagte der Mann, „ſo will ich von ihrer Güte Gebrauch machen,— ich glaube ſogar daß ich einiger Speiſe bedarf;“ — und ohne weiter ein Wort zu verlieren ging er zum Tiſch, ließ ſich von den beiden Malayen bedienen und ſetzte nun die zwei braunen Burſchen in nicht geringes Erſtaunen als er eine Schüſſel nach der andern aufräumte, und wahrhaft uner⸗ ſättlich ſchien. Eine Flaſche Rothwein ſtand auf dem Tiſch und der eine Diener hatte ſie geöffnet und neben den Gaſt geſtellt, aber Nitſchke rührte ſie nicht an, bis Wagner ſelber aufſtand, zum Tiſch trat und die Flaſche ergriff: „Sie trinken doch ein Glas?“ ſagte er dabei, —„es wird Ihnen gut thun. „Ich glaube es auch, Herr Wagner,“ erwiederte Nitſchke und ergriff das für ihn gefüllte Glas. Noch ſtand ein anderes auf dem Tiſch und er warf einen ſchüchternen Blick darauf, wagte aber nicht etwas weiter anzudeuten. Wagner hatte in⸗ deſſen den Blick bemerkt und das zweite Glas für ſich füllend ſagte er lächelnd: „Auf gute Beſſerung, Herr Nitſchke!“ „Auf gute Beſſerung!“ widerholte aber mit feierlichem und ſelbſt wehmüthigem Ernſt der frü⸗ here Trunkenbold,— und leerte ſein Glas auf einen Zug. Wagner wollte ihm noch einmal ein⸗ ſchenken, aber er zog es zurück und ſagte: „Ich danke Ihnen Herr Wagner,— ich habe ſpirituöſe Getränke nicht ganz abgeſchworen, weil ich weiß, daß es mir doch Nichts hilft. Mein Körper iſt ſo zerrüttet, daß er dann und wann 4 einer unnatürlichen Stärkung bedarf, und wenn ich es, wie mich mehrfache Verſuche gelehrt haben, ganz laſſen will, ſo geht das wohl eine Weile, aber ich komme immer mehr herunter dabei. Die Sehnſucht nach ſolch einem Genuß wird zugleich 25 immer ſtärker, raſender, und— es geht zuletzt nicht mehr.— Ich breche mein Wort und tobe nach⸗ her, aus deiner Verzweiflung, ärger als je zuvor.“ „Alſo muß ich annehmen,“ ſagte Wagner,„daß Sie gegenwärtig wieder Ihren ruhigen Zuſtand, eine kurze Pauſe in Ihrem wüſten Leben haben, der, voller guter Vorſätze, etwa gerade ſo lange anhält wie ein ſtarker Rauſch.“ „Ich habe Ihnen gegründete Urſache gegeben ſich eine ſolche Meinung von mir zu bilden,“ ſagte Nitſchke ruhig, faſt demüthig.„Gute Menſchen, beſonders Herr Kuhn, den ich zu meinen größten und nachſichtigſten Wohlthätern zählen muß, gaben ſich die größte, unverdroſſenſte Mühe mit mir, aber— wir fingen es Beide falſch an. Ich ſollte auf einmal und mit einem Schlag ein Laſter, eine Gewohnheit von mir abſchütteln, die mit in mein innerſtes Leben verwachſen war, und deshalb ſcheiterte jeder der⸗ artige Verſuch.— Jetzt will ich ſehen, ob ich mir in anderer Weiſe beikommen kann. Ich werde trinken,— wenn ich nämlich erſt im Stande bin mir Brod zu verſchaffen, aber nur mäßig, nie mehr als ein Glas; das weiß ich, kann ich er⸗ zwingen.“ „Und wenn ich dann recht errathe,“ ſagte Wag⸗ ner,„verlangen Sie mein Fürwort bei Herrn Kuhn, daß er Sie wieder annimmt, und es noch einmal mit Ihnen verſucht?“ „Nein,“ ſagte Nitſchke entſchloſſen.„Erſtlich kann ich von Herrn Kuhn nicht verlangen, daß er mir noch einmal auf mein Wort glaubt. Ich habe ihn zu oft hintergangen, und dann auch— den Reſpekt bei ſeinen Leuten vollſtändig verloren. Er ſelber wäre vielleicht gutmüthig genug, mir das Alles noch einmal hingehen zu laſſen, aber mit den Eingebornen iſt das etwas Anderes; die brau⸗ nen Burſchen vergeſſen nicht ſo leicht etwas Der⸗ artiges, und wenn man ſich bei ihnen erſt einmal den Reſpekt vergeben hat, iſt er im Leben nicht wieder zu gewinnen.“ „Aber was führt Sie dann zu mir?“ ſagte Wagner, denn Herr Nitſchke hatte abgegeſſen und war aufgeſtanden. Er blieb jetzt vor Wagner ſtehen, ſah ihm feſt in's Auge und ſagte endlich bewegt: „Eine noch viel dringendere Bitte, als bloße Fürſprache für mich einzulegen, was, wie ich über⸗ haupt fürchte, ein troſt⸗ und nutzloſes Geſchäft wäre—“ „Und dieſe beſteht in—?“ „Sie ſollen mir ſelber Arbeit geben,“ ſagte Nitſchke entſchloſſen.„Sie ſollen mich in Ihr Ge⸗ 2 ſchäft nehmen— als was Sie wollen, im Anfang um jeden Gehalt, daß ich nur eben exiſtiren kann, und mir ſelber es überlaſſen, mich emporzu⸗ arbeiten.“ „Sie vergeſſen, daß ich nicht der alleinige Chef unſeres Hauſes bin—“ „Ich weiß, daß was Sie ſagen und wollen, Gewicht hat,“ warf aber Nitſchke ein.„Ich ſelber habe Vertrauen zu Ihnen.— Sie ſind nicht allein ein braver Mann, und als ſolcher in der Colonie bekannt—“ „Lieber ⸗Herr Nitſchke ich muß Sie ern tlich bitten mir eine Schmeicheleien zu ſagen, denn ich glaube kaum, daß Sie auf die Art Ihren Zweck erreichen werden.“ „Ich will Ihnen nicht ſchmeicheln, Herr Wag⸗ ner,“ fuhr Nitſchke ruhig fort—„Ihr Ruf iſt bei mir auch das Wenigſte, da ich heute ſchon an ganz andere Thüren, ohne Erfolg geklopft. Sie aber haben mich als Menſch behandelt— nicht daß ſie mir zu eſſen, ſondern wie Sie es mir gegeben haben, hat mich ergriffen. Sie ſcheuten ſich ſogar nicht mit mir zu trinken, und ſein Sie verſichert, Herr Wagner, daß ich Ihnen das nie vergeſſen werde.“ —————— 2 „Mein lieber Herr Nitſchke, das Alles bringt uns nicht zum Ziel—“ „So will ich mich kurz faſſen,“ ſagte Nitſchke. —„SIch weiß, daß Sie gerade in dieſem Augen⸗ blick einen Mann brauchen, der Ihre engliſche Correſpondenz beſorgen kann. Verſuchen Sie es mit mir.“ „Herr Van Roeken wird nie darein willigen.“ „Ich weiß, daß er mich nicht mag,“ verſetzte Nitſchke,„und— kann es ihm auch eigentlich nicht verdenken, aber— ſtoßen Sie mich nicht von ſich— nicht in dieſem Augenblick. Bedenken Sie, jeder Menſch hat einen Gipfelpuhtt— einen Gipfelpunkt des Glücks, des Unglücks und— des Laſters; glauben Sie mir— oh glauben Sie mir nur dies eine Mal, daß ich auf dem meini⸗ gen angelangt bin, und nehmen Sie dann ſpä⸗ ter das beſeligende Gefühl mit auf Ihren Lebens⸗ pfad, nicht ein Menſchenleben, das meinige wäre in dieſen Augenblick werthlos— nein, ein Menſchenherz gerettet zu haben.“ „Und haben Sie keine anderen Ausſichten?“ „Keine,“ ſagte Nitſchte;„die letzten Deute habe ich heute zuſammengeſcharrt, den Wagen zu bezahlen, weil ich zu ſchwach war zu gehen, und— ein Europäer hier auch nicht gehen darf. ———, 29 Ich wollte im Anfang gar nicht zu Ihnen kom⸗ men— wollte zu einem mehr Fremden gehen, mir meinen Weg zu bahnen. Ich war deshalb ſchon geſtern Abend bei Herrn Heffken, der großen Ein⸗ fluß in der Maatſchappy beſitzt.— Er hat— mich wie einen Hund behandelt, und jetzt bin ich an der Grenze angelangt. Stehlen kann ich nicht, betteln werde ich nicht, Handarbeit giebt man hier keinem Europäer, ſchon des Beiſpiels wegen, wenn auch mein Körper ſtark genug wäre, der heißen javaniſchen Sonne Trotz zu bieten, was er nicht iſt. Noch bei drei, vier anderen Herren war ich — ſie wollen Alle Nichts mit mir zu thun haben. Sie trauen dem Trunkenbold nicht und ließen mich nicht einmal vor.“ „Aber Heffken haben Sie geſprochen?“ „Erlaſſen Sie mir die Schilderung jenes Auf⸗ tritts,“ bat Nitſchke,„wäre ich nicht an Geiſt wie Körper ſo gebrochen, ich— hätte ihn erwürgen müſſen.“ Nitſchke war, während er ſprach, todtenbleich geworden; ſeine Glieder zitterten und Wagner ſchob ihm faſt unwillkürlich einen Stuhl hin, auf den er ſank; er wäre ſonſt vor ihm zuſammen⸗ gebrochen. Wagner ging mit raſchen Schritten im Zim⸗ 30 mer auf und ab, und immer haftete ſein Blick wieder auf der Jammergeſtalt des Unglücklichen, der, wenn auch durch eigenes Verſchulden, auf der letzten Stufe des Elends angelangt war und vielleicht noch durch ihn gerettet werden konnte. Wohl fiel ihm in dieſem Augenblick wie⸗ der Heffken's Erzählung von jenem Abende ein, und die verkommene Geſtalt vor ihm, beſtätigte nur zu ſehr den Verdacht, daß mit ſolchem Ueber⸗ reſt eines Menſchen kaum noch Verſuche anzu⸗ ſtellen ſeien. Sein gutes Herz zwang ihn aber auch den Unglücklichen nicht ſo barſch von ſich zu ſtoßen. Wenn er nun doch vielleicht, wie er ſagte, auf dem Scheitelpunkt ſeines liederlichen Lebens angelangt war, und von jetzt an, durch ſein frü⸗ heres Unglück gewitzigt, ein anderes Leben be⸗ gann— wo nicht, blieb es ja noch immer Zeit den Unverbeſſerlichen wieder auszuſtoßen— „Herr Nitſchke,“ ſagte Wagner nach einigem Zögern, während der arme Teufel mit Furcht und Hoffnung im Blick zu ihm aufſah—„ich will Ihnen jetzt nicht vorhalten was Sie einſt gewe⸗ ſen ſind; Sie fühlen es in dieſem Augenblick wahrſcheinlich ſtärker, als Worte es im Stande wären auszudrücken— ich will Sie auch nicht 31 verletzen, aber— ich werde Ihnen Beſchäftigung geben.“ „Herr Wagner— Sie— Sie wollten—“ rief Nitſchke, halb von ſeinem Stuhl fahrend, in⸗ dem er unwillkürlich die Hände faltete.„Oh wenn Sie mir nur dies eine Mal glauben wollten—“ „Halt!“ unterbrach ihn aber Wagner,„keine Verſprechungen, deren Sie ſchon genug gegeben haben. Ihr eigenes Gefühl, Ihre eigene Exiſtenz muß mir größere Bürgſchaft ſein. Kommen Sie morgen früh in unſer Geſchäft— Sie kennen die Arbeitsſtunden— Ihren Gehalt wollen wir nach der erſten Woche und gegenſeitigem Uebereinkom⸗ men feſtſtellen. Sie ſollen genug bekommen, daß Sie anſtändig leben können, denn ich weiß, daß Sie im Stande ſind den Poſten, den ich Ihnen zugedacht, auszufüllen. Wo wohnen Sie jetzt?“ Ein wehmüthiges Lächeln zuckte um Nitſchke's Lippen, während ſich bei dem Anerbieten, das ihm die rettende Hand bot, ein Strahl von Glück⸗ ſeligkeit über ſeine Züge gelegt hatte. „Wo ich jetzt wohne?“ ſagte er leiſe—„ich habe mit den Reisvögeln ein Hotel.“ „Mit Gepäck werden Sie da auch nicht ſehr belaſtet ſein,“ ſagte Wagner, dem der arme Teu⸗ fel jetzt unendlich leid that. „Nein,“ flüſterte Herr Nitſchke, indem er ein Taſchentuch aus der Taſche zog—„ich— trage es bei mir.“ Es lag in der Bewegung, mit der er dies ſprach, eine ſo reuige Zerknirſchung, und doch wieder ein ſo wehmüthiger Humor, daß Wagner laut auflachen mußte, während ihm die Thränen in die Augen traten. „Ich dachte es mir,“ ſagte er freundlich— „ſpäter muß ſich das freilich ändern, für jetzt aber— bis wir ein Unterkommen für Sie ge⸗ funden haben, bleiben Sie bei mir; ich werde Ihnen ein Zimmer anweiſen laſſen, und Ihren Wagen benutzen Sie jetzt— Ja ſo, es iſt Sonn⸗ tag,“ unterbrach er ſich,„gut, dann mögen Sie das morgen früh beſorgen, ehe Sie in's Geſchäft kommen, denn— Sie nehmen mir das nicht übel, etwas anſtändiger müſſen Sie in unſerem Comp⸗ toir erſcheinen, ſchon Ihrer ſelbſt wegen.“ „Aber— ich—“. „Ich weiß ſchon; natürlich brauchen Sie dazu Vorſchuß.— Herr Nitſchke— ich mache jetzt gleich die Probe mit Ihnen, in wie weit ſie Beſſerung verſprechen.— Hier haben Sie 30 fl. die Sie in dem Nothwendigſten anlegen mögen. Ich rechne feſt darauf, daß Sie keinen Deut davon zum Trunk verwenden.“ „Sie wollen kein Verſprechen von mir Herr Wagner“ ſagte Nitſchke ernſt,„und ich fühle auch, daß ich das Recht verſcherzt habe, ein ſolches abzulegen.— Haben Sie nur Geduld mit mir, weiter verlange ich Nichts, denn ich muß nicht allein neue und reine Kleider, ich muß auch einen neuen und reinen Menſchen anziehen.“ „Genug— hier iſt das Geld,“ ſagte Wagner — übrigens ſind wir ziemlich von einer Größe, und ich denke, daß Ihnen etwas von meinem leichten Sommerzeug wohl paſſen wird, damit Sie wenigſtens heute anſtändig erſcheinen können. — Kommen Sie mit in mein Schlafzimmer.“ „Herr Wagner,“ ſagte Nitſchke in dem er ſei⸗ nes neuen Beſchützers Hand trotz deſſen Wider⸗ ſtreben ergriff, während ihm die großen, hellen Thränen von den Wangen niederrollten—„wenn ich Ihnen das je vergeſſe.“ „Keine Verſprechungen,“ lachte aber Wagner gutmüthig,„ich bin jetzt ſelber neugierig, ob ich mehr aus Ihnen bilde wie Kuhn, deſſen Er⸗ ziehung doch am Ende Nichts getaugt hat—“ und ſich von Nitſchke losmachend, ſchritt er dieſem voran in das nächſte Zimmer, ſeinen neuen Unter dem Aequator. II. 34 Schützling mit der ihm beſonders nöthigen Wäſche und einigen leichten Kleidungsſtücken zu ver⸗ ſehen. Eine Stunde ſpäter fuhr Wagner, der Nitſch⸗ kes Fuhrwerk fortgeſchickt hatte, in ſeinem Bendi die Straße hinab, dem Hotel der Nederlanden zu und Nitſchke, der indeſſen ein Bad genommen und reine Kleider angezogen hatte, ſaß in dem Porticus des luftigen Gebäudes auf einem der bequemen chineſiſchen Stühle, hielt die Hände auf den Knieen gefaltet, und ſchaute, mit einem gan⸗ zen Himmel von Seligkeit in den bleichen, einge⸗ fallenen Zügen nach den wehenden Wipfeln der Palmen hinauf, die den Vorhof des Hauſes be⸗ ſchatteten. 1 III. Während Nitſchke, mit einem ganzen Schatz von guten Vorſätzen im Herzen, und außerdem gereinigt, gekleidet und genährt daheim ſaß und ſich dem behaglichen Gefühl hingab, wieder einen Platz zu haben den er daheim nennen konnte, befand ſich Wagner auf dem Wege einen der un⸗ angenehmſten Aufträge zu erfüllen, die ihm je ge⸗ worden. Sollte er doch Hedwig Bernold auf das vorbereiten, was ſie hier erwartete. Unter keiner Bedingung würde er das auch übernommen ha⸗ ben, wäre es ihm nicht des armen Mädchens ſelber wegen geweſen, das ihm ſein Freund, der alte Scharner, ſo warm empfohlen hatte. So ſcho⸗ nend als möglich mußte ſie es erfahren, und was er ſelber dann für ſie thun konnte, ſollte mit Vergnügen geſchehen. 36 BN—Nãx Bitterböſe war er dabei auf den Freund, der mit ſo fabelhaftem Leichtſinn Glück und Ruhe eines armen Weſens ſeiner Laune preis gegeben, und jetzt glaubte, mit einer Hand voll Gold das Alles wieder ausgleichen zu können. Van Roeken war überhaupt der Meinung, daß mit Gold in der Welt Alles zu reguliren wäre, und durch was auch immer belaſtet die menſchliche Lebens⸗ waage ſinke, Gold das vortrefflichſte Mittel ſei, ſie wieder ins Gleichgewicht zu bringen, oder gar auf die andere Seite zu werfen. Dabei aber war er nicht verſchwenderiſch, und daß er in die⸗ ſem Fall ſich freiwillig erbot, eine weit größere Summe zu zahlen, als eigentlich ausbedungen, zeigte deutlich wie unſicher er ſich ſelber fühle, recht und ehrlich gehandelt zu haben. Nur des⸗ halb griff er auch wieder zu ſeinem alten Mittel, ſich alle Vorwürfe damit abzukaufen, ohne ſelber den Muth zu haben der, gegen die er geſündigt, zu begegnen. Und das Alles ſollte Wagner jetzt ausgleichen — ja, das nicht allein, ſondern ſpäter auch noch die Vertretung ſeinem alten Freund gegenüber, übernehmen.— Und war dieſer nicht eigentlich ſelber Schuld daran?— Hätte er, ehe er einen ſolchen entſcheidenden Schritt that, nicht wenig⸗ 374 ſtens erſt an ihn ſchreiben können?— Aber na⸗ türlich mußte er ja glauben, daß er ſelber von Allem unterrichtet, mit Allem einverſtanden ſei, und wie er es auch drehte und wendete, die Ver⸗ antwortung blieb immer allein auf Van Roeken, der ſelber herzlos, mit dem Herzen und Lebens⸗ glück der armen Fremden auf das Leichtſinnigſte und Unverantwortlichſte geſpielt. Mismuthig, und auf die ganze Welt ärgerlich, aufden alten Scharner in Deutſchland, auf das „Mädchen ſelber, die einen ſolchen Schritt ge⸗ than; auf den Freund, der ihn in ein ſo mis⸗ liches Geſchäft verwickelt, auf ſich ſelber, daß er es übernommen, fuhr er, in den leichten Wagen zurückgelehnt, die Straße entlang und kam eigent⸗ lich erſt wieder zu ſich, als das Fuhrwerk in den Vorgarten einbog und vor dem hohen, von Säu⸗ len getragenen Porticus des Hauſes hielt. Er befahl dem Kutſcher zu warten, ſtieg aus und in den mit Marmorplatten belegten Saal hin⸗ auf, wo er die malayiſchen Diener eben beſchäf⸗ tigt fand den Frühſtückstiſch abzuräumen, und wieder zum ſpäteren Diner zu ordnen.— Gäſte waren keine dort, ein paar eben angekommene Schiffscapitaine ausgenommen, denen auf einem kleinen Seitentiſch ſervirt wurde. 38 Da die Gaſtzimmer in den Hintergebäuden lagen, ſchritt er raſch durch den Saal hindurch und im wahren Sinne des Worts über eine kleine Gruppe von Malayiſchen Jungen hin, die dort mit ihren ewig brennenden Cocosbaſtlunten kauerten, und auf der Welt weiter keine Beſchäf⸗ tigung hatten, als auf das befehlende„api!“ ir⸗ gend eines Europäers zu warten. Ertönte das, woher auch immer, ſo ſchnellten ſie von dem Mar⸗ morboden empor, und boten den Gebrauch ihrer Lunten dar, um nachher wieder an ihren alten Warteplatz geduldig zurückzukehren. Wagner wollte raſch über den hinteren Por⸗ ticus in den Hof hinabgehen, da ſich auf jenem um dieſe Tageszeit, und noch dazu an einem Sonntag, viel Gäſte ſammelten, als er ſeinen Namen rufen hörte. Sich danach umdrehend, er⸗ kannte er den alten Herrn Van Romelaer im Geſpräch mit ein paar holländiſchen Officieren. „Heda Wagner, wohin ſo eilig?“ rief ihn der alte Herr freundlich an.„Wie wär's mit ei⸗ nem Gläschen ächten Schiedam? Hoogeſand hat einen famoſen Stoff mit der Rebecca bekommen, und ein Probefäßchen erſt heut Morgen an Land geſchafft.“ „Ich trinke nicht gern Morgens Spirituoſen,“ ſagte Wagner, die Herren grüßend.„Der Geſell⸗ ſchaft wegen kann man aber wohl ſchon einmal eine Ausnahme machen.“ „Das iſt Recht,“ lachte Romelaer gutmüthig —„Wagner iſt ein famoſer vent, verdirbt nie einen Spaß und macht Alles mit— Na, was habt Ihr hier heute Morgen auf dem Zuge?“ „Nichts Mynheer,“ ſagte Wagner, etwas ver⸗ legen, indem er das zu ihm hingeſchobene Glas nahm und leerte—„nur einen Beſuch wollte ich machen.“ „Schmeckt er?“ „Er iſt vortrefflich.“ „Nicht wahr? ich habe mir gleich ein Fäßchen davon beſtellt. Die. Herren kennen ſich wohl? Herr Wagner, Firma Wagner und Van Roeken und Lieutenant Van Hoevelen und Hauptmann Bernſtoff— kommen gerade von Bali und haben eine ſchmähliche Zeit dort mit durch gemacht.— Apropos Wagner, kommen Sie heute Abend ein Bischen hinüber? meine Marie will gern einmal wieder tanzen und wir ſind eine ganz nette Ge⸗ ſellſchaft. „Ich bedauere ſehr,“ erwiderte Wagner,„aber auf heute Abend bin ich leider ſchon verſprochen.“ „Aha, wahrſcheinlich Ihr Beſuch, aber um 40 Gottes Willen keine Umſtände; Sie wiſſen, daß Sie bei mir nicht im Geringſten genirt ſind. Viel⸗ leicht können Sie ſich noch ſpäter losmachen, vor ein oder zwei Uhr gehen wir doch nicht ausein⸗ ander. Die Herren hier haben ſeit acht Monaten keinen Ball mitgemacht und wollen ſich einmal tüchtig austanzen. Hatten auch Gelegenheit ſich in Bali ordentlich auszuruhen. Hauptmann Bern⸗ ſtoff hat einmal da drüben vierundzwanzig Stun⸗ den in einem Strich bis an die Schultern im Schlamm geſteckt, und eine Bande der rothhäuti⸗ gen Schufte mit ihren Blasröhren und vergifteten Pfeilen um ſich her gehabt— das ſoll die Glie⸗ der außerordentlich geſchmeidig machen— haha⸗ haha!“ „Sie würden wahrhaftig nicht lachen, wenn ſie an ſeiner Stelle geweſen wären;“ meinte der andere Officier. 1 „Allen Reſpekt davor,“ rief Romelaer raſch.— „Apropos Wagner, haben Sie lange Nichts von Heffken geſehen?“ „Seit einiger Zeit nicht. Er ſoll wieder voll⸗ kommen geneſen ſein.“ „Geſund wie ein Fiſch, iſt auch ſchon ſeit acht. Tagen wieder im Geſchäft, hält ſich aber merk⸗ würdig zurück und kommt zu keinem Menſchen. 41 ⸗* Wunderlicher Kauz das; ich muß nur heut ein⸗ mal zu ihm hinausſchicken, denn wenn Alles tanzt, bleiben uns ſonſt die Spieltiſche leer ſtehen, und das wäre für uns„altes Volk“ein Unglück. Aber Sie wollen fort— keine Umſtände Freundchen— nicht erſt noch ein Glas?“ „Ich danke beſtens— ein ander Mal, wenn ich bei Ihnen wieder vorſpreche,“ und die Ge⸗ ſellſchaft freundlich grüßend, ſchritt Wagner in die rechts vom Hofe hinlaufende Gallerie hinein, dort in der Wirthswohnung die Nummer ſeiner Schutz⸗ befohlenen zu erfragen. Es war ihm nicht recht, gerade Romelaer hier gefunden zu haben, denn wenn der alte Herr er⸗ fuhr, daß er hier eine junge Dame aufgeſucht habe, konnte er ſich auch feſt darauf verlaſſen, einen vollen Monat damit geneckt zu werden. Es⸗ ließ ſich aber jetzt nicht mehr ändern und vielleicht konnte er es auch eben noch ſo einrichten, daß er gerade nicht bemerkte, wem ſein Beſuch in dieſem Hauſe galt. Im Lokal des Wirths erfuhr er augenblicklich die Nummer des Zimmers, welches die beiden fremden Damen bewohnten, zugleich aber auch, daß die Aeltere von ihnen vor kaum einer Vier⸗ tel Stunde mit einem Bendi aus dem Hotel ſel⸗ 42 ber, nach ſeiner eigenen Wohnung gefahren ſei, ihn aufzuſuchen und einen Brief an ihn abzuge⸗ ben. Die jüngere Dame hatte denſelben nicht durch einen Malayen ſchicken wollen. Wagner war unſchlüſſig, was er thun ſolle: die Dame, trotzdem aufſuchen, oder augenblicklich zurückfahren, zuerſt den an ihn gerichteten Brief in Empfang zu nehmen. Die Wirthin aber be⸗ ſtimmte ihn bald den erſteren Weg einzuſchlagen, da ſie ihm ſagte, ſie hätte von der Frau, die nur eine Dienerin der jungen, ſehr hübſchen Dame ſei, ſchon geſtern erfahren, daß ſie einen Beſuch erwarteten, und erſt, da derſelbe bis heute Morgen ſpät nicht gekommen ſei, habe ſie ſich entſchloſſen, den Brief abzuſchicken. Wagner bat deshalb ihn in dieſem Fall zu melden, und die Tochter vom Hauſe ging ſelber hinüber, die Botſchaft auszurichten. Hedwig war allein in ihrem Zimmer. Sie hatte einen trüben und peinlichen Morgen ver⸗ bracht, und lange mit ſich gekämpft, welchen Schritt ſie thun ſolle: geduldig warten bis ſie aufgeſucht würde, oder wenigſtens dem Freund ihres alten Scharner wiſſen zu laſſen, daß ſie da ſei, und ihm den Brief zu ſenden, den ihr dieſer noch für ihn mitgegeben. 43 Allerdings hatte ſie gehört, daß ſchon geſtern Jemand nach ihr gefragt— war das Van Roe⸗ ken ſelbſt geweſen?— aber warum kam er da nicht heute Morgen wieder. Sie erhoffte ſeinen Beſuch und fürchtete doch auch wieder ihm zu be⸗ gegnen, und keinen, keinen Freund hatte ſie hier an den ſie ſich wenden konnte; kein Herz das Theil an ihrem Schickſal nahm.— Nur von Wagner, Van Roekens Freund, hatte ihr Schar⸗ ner viel und gern erzählt, und ihn ſtets als einen Ehrenmann geſchildert— es war ihr faſt, als ob dieſer ihr nicht ſo ganz fremd wäre wie alles Andere, und ſie beſchloß endlich, den Brief an ihn abzuſchicken, ihn vorher zu ſprechen ehe ſie mit ihrem künftigen Gatten zuſammentraf. Mit dieſem Entſchluß war es ihr faſt, als ob ſie das erſte gefürchtete Begegnen Van Roekens noch hinausſchieben könne, und ſie fühlte ſich kräftig genug, ſpäter dem nun doch einmal Un⸗ vermeidlichen mit voller Faſſung entgegen zu tre⸗ ten. Als ſie des alten Scharner Rath befolgte, hatte ſie ja ihr eigenes Geſchick aus der Hand gegeben— ob ſie Recht daran gethan, ob nicht — es war zu ſpät das jetzt zu überdenken, und was nun auch kommen mochte, ſie mußte es ge⸗ duldig hinnehmen und ertragen. 44 — Nur zurück durfte ſie nicht denken.— Es war ein ſo ſchöner Traum geweſen, den ſie ge⸗ träumt, ſo zauberiſch ſchön und lieb, und das Herz hätte ihr zerſpringen mögen, wenn ſie daran dachte, daß gerade die Hand, an der ſie gehofft den Lebenspfad zu wandeln, ſo rauh, ſo herzlos ihr den Traum zerſchlagen. „Er hat dich nie geliebt lu das war das ein⸗ zige Troſtwort, das ſie ſich wieder und wieder zugerufen, und doch, oh welch ein bittrer Troſt in ſolchen Leiden.—„Er hat Dich nie geliebt!“ — und wenn das wäre, was blieb dann ſelbſt von jenen ſüßen Stunden, in denen er ſein Herz ihr ausgeſchüttet und zu eigen gegeben?— War das Alles Lug— Alles nur Trug und Ver⸗ ſtellung geweſen? Oh großer Gott, welchem Men⸗ ſchen auf der weiten Welt hätte ſie dann noch trauen können; welches Herz konnte dann treu und ehrlich ſein, wo Treue und Ehrlichkeit ſo klar und unverkennbar von Gott ſelber auf Jenes Zügen eingegraben ſtand? „Fort mit den Gedanken,“ rief ſie ſich dann ſel⸗ ber gewaltſam zu,„die Zeit liegt dahinten— dahinten mit allem Leid und Jammer das die alte Hei⸗ math in dem letzten Jahr auf mich gehäuft; ich muß und will ſie vergeſſen! Bin ich doch jetzt 45 in einem anderen Lande, in einer anderen Welt und mein alter Freund daheim hat mich ver⸗ ſichert, daß hier ein wackeres Herz meiner wartet. Mit Gott will ich ihm entgegen gehen, und Er wird mich hier die Ruhe, den Frieden finden laſſen, deſſen ich ſo ſehr— ſo ſehr bedarf!“ „Liebes Fräulein,“ ſagte in dem Augenblick die Wirthstochter, die den ſchwarzen Lockenkopf in das kleine Zimmer ſteckte—„ein Herr iſt drau⸗ ßen der Sie zu ſprechen wünſcht— darf er her⸗ ein kommen?“ „Ein Herr?“ rief Hedwig raſch emporfahrend, und ſie fühlte dabei, daß ſie glühend roth wurde — Wer war das? Herr Wagner?— die Kathrine konnte kaum den halben Weg zu ihm ſein, denn man hatte ihr geſagt, daß es wenigſtens eine Stunde dauern würde, bis ein Bote von dort zurück kommen könne. Alſo Van Roeken ſelber? — das Herz klopfte ihr faſt hörbar in der Bruſt, und ſie hätte jetzt Alles darum gegeben, wenn wenigſtens die Kathrine dageweſen wäre. „Darf er kommen?“ drängte das junge Mäd⸗ chen, die lächelnd die Verwirrung in den Zügen der ſchönen Fremden bemerkte.— „Es wird mir ſehr angenehm ſein,“ ſagte Hedwig, die in dieſem Augenblick kaum wußte 46 was ſie ſprach, und im Nu war die junge, fröh⸗ liche Wirthstochter wieder von der Thür ver⸗ ſchwunden. Hedwig ſtand in der Mitte des Zimmers, wie ſie Jene verlaſſen, eine eigene Angſt überkam ſie; ihre Glieder verſagten ihr faſt den Dienſt, aber das dauerte nur einen Moment. Im nächſten Augenblick ſchon fühlte ſie ihre Kraft zurückkehren, und wenn auch alles Blut ihre Wangen verlaſſen hatte, ſchaute ſie doch dem jetzt Eintretenden feſt und ruhig entgegen. Wagner hatte ſchon auf der Schwelle. noch einen Blick nach dem Haus zurückgeworfen, ob er von da aus geſehen würde, und allerdings ſtand dort noch der alte Herr Van Romelaer mit ſeinen beiden militairiſchen Freunden, und neben ihm der Wirth des Hauſes, den jener um etwas angerufen hatte. Möglich aber, daß ſie ihn gar nicht mehr beachteten; keinesfalls ließ es ſich jetzt mehr vermeiden, und nach flüchtigem Anklopfen das Zimmer betretend, in dem er ſchon angemeldet war, ſtand er in der nächſten Secunde vor Hedwig, deren Blick ihm erwartungsvoll und ſcheu begagmete. „Mein werthes Fräulein— ich muß um Entſchuldigung bitten—“ 47 „Mein Herr—“ Wagner ſah ſich der jungfräulich edlen Ge⸗ ſtalt des jungen Mädchens— noch immer außen mit Romelaers Gegenwart beſchäftigt, ſo plötzlich gegenüber, daß er faſt in Verwirrung kam. Er hatte das Geſpräch dabei mit einigen alltäglichen Entſchuldigungen und Redensarten beginnen wol⸗ len; als aber die großen ſeelenvollen Augen Hed⸗ wigs auf ihm hafteten, fühlte er das Unpaſſende, das Fade ſolcher Einführung, und leiſe ſtam⸗ melte er: „Habe ich das Vergnügen mit Fräulein Ber⸗ nold zu ſprechen.“ „So iſt mein Name,“ hauchte Hedwig, wäh⸗ rend das zurückkehrende Blut ihre Wangen und Schläfe faſt purpurn färbte. „Dann erlauben Sie, daß auch ich mich bei Ihnen einführe,“ ſagte Wagner, und ein eigenes, wehes Gefühl ſchoß ihm dabei durchs Herz. So ſchön— ſo lieb wenigſtens und ſo edel in ihrem ganzen Sein, wie er die junge Fremde fand, hatte er ſie ſich doch nicht gedacht, und dieſem Weſen gegenüber fehlte ihm jetzt ganz der Muth, ſeinen ſchmerzlichen und fatalen Auftrag zu erfüllen. „Herr Van Roeken?“ fragte Hedwig leiſe und mit niedergeſchlagenen Augen. Sie wollte den 48 Namen gar nicht ausſprechen— ihre Gedanken nur hatten ſich zu dem Wort gebildet, und ſie erſchrack ordentlich, als ſie den Klang deſſelben ſelber hörte. „Van Roeken?— nein!“ rief Wagner raſch, der faſt erſchrack, als er ſich mit Jenem verwech⸗ ſelt ſah.—„Das iſt ein Misverſtändniß mein Fräulein— mein Name iſt Wagner, und ich glaubte die junge Dame die mich Ihnen meldete, hätte Ihnen auch geſagt, wer ich bin.“ Hedwig ſah ihm feſt, ja faſt ſtarr in's Auge. — Das war nicht Van Roeken?— Und daß er es nicht war! So viel Vertrauen hatte ihr ſchon der erſte Anblick dieſer Züge eingeflößt— aber ſie gehörten einem Fremden an.— Und wenn nun Van Roeken— eine Schaar verwor⸗ rener Gedanken kreuzte ihr das Hirn und ſie fand keine Worte, ſelbſt nur die erſte Begrüßung Wagners zu erwidern. Auch dieſer fand ſich dadurch in peinlicher Verlegenheit, und mußte ſich endlich faſt gewalt⸗ ſam zuſammen raffen, um ein gleichgültiges Ge⸗ ſpräch zu beginnen. 1 „Ich höre eben,“ ſagte er,„daß Sie einen für mich mitgebrachten Brief in meine Wohnung ge⸗ ſandt haben.“ 49 „Ich war geſtern ſchon angekommen,“ ſagte zögernd Hedwig.— „Zu meinem Bedauern erfuhr ich geſtern, daß Sie unwohl hier eingetroffen wären.“, „So hatten Sie mich ſchon geſtern aufge⸗ ſucht?“ „Wir erwarteten Sie mit der Rebecca, und das Schiff wurde uns geſtern von der Rhede ſig⸗ naliſirt,— wie das mit allen, eben einlaufenden Schiffen geſchieht.“ „Aber darf ich Sie nicht bitten, Platz zu nehmen?“— Beide hatten das Peinliche des erſten Begeg⸗ nens überwunden, und während Hedwig auf dem kleinen, im Zimmer ſtehenden Rohrſopha Platz nahm, ließ ſich Wagner auf einem Stuhl, ihr ge⸗ genüber nieder. „Sie haben hoffentlich eine angenehme Reiſe gehabt,“ ſagte er, und holte dabei tief Athem, denn es war, als ob ihm Jemand die Bruſt zu⸗ ſchnüren wolle. „Sehr lang, aber doch in ſofern glücklich, als wir ohne Unfall hier eingetroffen ſind,“ erwiederte Hedwig, die es ihm dankte, ihr noch mehr Zeit zu laſſen, ſich zu ſammeln.„Der Capitain war ſehr nachſichtig und gut mit uns.“ Unter dem Aequator. II. 4 50 „Und mein alter Freund Scharner befindet ſich wohl?— ich freue mich ſehr darauf, ihn wie⸗ der einmal begrüßen zu können.“ „Körperlich vortrefflich,— wollen Sie— wieder nach Deutſchland hinüber?“ „Unſer Geſchäft bringt es mit ſich, daß Einer der Compagnons von Zeit zu Zeit eine Reiſe nach Europa macht, theils hier gangbare Waaren ein⸗ zukaufen, theils Beſtellungen aufzugeben, die ſich nun einmal nicht gut brieflich abmachen laſſen.“ Hedwig ſchwieg, und auch Wagner fand nicht gleich einen Punkt wieder, an dem er anknüpfen konnte— Und ſo mild, ſo freundlich, ſo geduldig ſaß ihm das holde Geſchöpf gegenüber,— ſo ver⸗ trauensvoll erwartete ſie die Botſchaft des Man⸗ nes, dem ſie ihr ganzes Leben zu eigen geben wollte.— Sie hatte ihn ſelbſt erwartet, und jetzt ſollte er der Fremden mit dürren, kalten Worten ſagen, daß Herr Van Roeken indeſſen ſchon ſeit längerer Zeit verheirathet ſei; ſollte ihr eine Sum⸗ me zur Verfügung ſtellen, damit, wenn es ſie freue, nach Europa zurück zu kehren,— oder auch hier zu bleiben, wie es ihr gefalle, und das Geld zu verzehren. Nein das ging nicht,— das war zu viel verlangt. Wie kam auch Van Roeken da⸗ zu von ihm gerade zu fordern, eine ſolch peinliche Scene hervorzurufen und mit zu durchleben? Das konnte und wollte er ſchriftlich abmachen und dann— brauchte er der armen, jungen Dame auch gar nicht wieder zu begegnen. War ihm doch Nichts ſchrecklicher auf der Welt als Frauen⸗ thränen. „Java,“ ſagte Hedwig endlich,„ſcheint ein ſo ſchönes, herrliches Land zu ſein, daß man den kalten Norden wohl darüber vergeſſen könnte, wenn es eben nicht die Heimath wäre.“ T,n, „Sie ſind ungern von Deutſchland fortge⸗ gangen?“ „Wer verläßt das Vaterland gern?“ ſagte Hedwig innig.—„Schon früher war es mir immer ein recht wehes, ſchmerzliches Gefühl, wenn ich Auswanderer ſah, die, durch Verhältniſſe oder Noth gezwungen, eine fremde Welt aufſuchen mußten.— Ich glaubte damals freilich nicht, daß ich ſelber einmal mit zu dieſen Auswanderern gehören würde.“ „Aber zu deren Zahl dürfen Sie ſich doch nicht rechnen,“ erwiderte Wagner, der nicht recht wußte, was er darauf antworten ſollte.—„Sie — ſind doch nicht gezwungen in dem fremden Land zu bleiben; die Rückkehr ſteht Ihnen jeden 4* 52 Augenblick frei, wenn Ihr Gefühl Sie hier nicht leiden ſollte.“ „Herr Scharner hat Ihnen doch geſchrieben,“ ſagte Hedwig beſtürzt,—„daß ich— „Ja wohl mein beſtes Fräulein,— Alles,“ beruhigte ſie Wagner, der nicht ohne Bangen ſah, wie feſt vertraut ſich Hedwig ſchon mit dem Ge⸗ danken gemacht hatte, in Batavia ihre neue Hei⸗ math zu finden. Und wie anders hätte er es auch erwarten können, da ſie ja nur mit dieſer Ausſicht und in dieſem Glauben Deutſchland ver⸗ laſſen.—„Er hat mir Alles geſchrieben,“ ſetzte er hinzu, und— wenn Van Roeken ſich auch da⸗ mals ohne mein Wiſſen in dieſer delikaten Ange⸗ legenheit nach Deutſchland und an meinen alten Freund Scharner gewandt, ſo verſteht es ſich wohl von ſelbſt, daß ich trotzdem darüber wachen werde, jede Pflicht gegen Sie, mein liebes Fräulein, er⸗ füllt zu ſehen, wie— wie ſich auch Alles noch geſtalten möge.“ „Herr Scharner hat mir viel von Ihnen er⸗ zählt,“ ſagte Hedwig leiſe,—„viel Liebes und Gutes.— Er hängt noch ſehr an Ihnen und— gerade weil er ſo volles Vertrauen in Ihre Redlich⸗ keit ſetzte—“ „Er iſt mir immer ein lieber, väterlicher Freund 53 geweſen,“ verſicherte Wagner, der ſich bei dieſem Lob nicht ganz wohl fühlte,„aber ich fürchte, daß er— daß er manchmal meine Eigenſchaften über⸗ ſchätzt hat..⸗) „Es war jedenfalls ſehr freundlich von Ihnen,“ ſagte Hedwig herzlich,„daß Sie mich zuerſt hier in dem fremden Land begrüßt haben,— es ſoll mir das eine gute Vorbedeutung ſein. Sie mö⸗ gen mir auch glauben, werther Herr, daß Ihre Gegenwart mir neue und friſche Zuverſicht gege⸗ ben hat. Ich war recht nieder gedrückt, als ich das Land betrat; recht im Inneren uneins mit mir ſelber und noch an dieſem Morgen fühlte ich mich einſam und verlaſſen wie kaum je. Das iſt beſſer jetzt— viel beſſer und ich kann nun wohl ſagen, daß ich der nächſten Zukunft feſt und ver⸗ trauungsvoll entgegen gehe,— ſtehe ich ja doch auch hier in Gottes Hand, gerade wie daheim.“ „Halten Sie den Glauben feſt, liebes Fräu⸗ lein,“ rief Wagner bewegt von ſeinem Stuhl aufſpringend und ihr die Hand reichend,„halten Sie ihn feſt und vertrauen Sie auf Gott. Manches erſcheint uns armen Sterblichen hier oft als ein Unglück, als ein neuer Schlag des Schick⸗ ſals, während es uns in gerader Bahn doch nur einem endlichen Glück, endlicher Zufriedenheit ent⸗ 54 gegenführt. Aber Vertrauen müſſen wir haben, Vertrauen und Zuverſicht und Alles kann und wird dann gut gehen. Wie ſich aber auch Alles hier für Sie geſtalten möge, betrachten Sie mich als Ihren wahren und treuen Freund, der Ihnen mit Rath und That zur Seite ſtehen wird. Thun Sie keinen Schritt ohne ihn vorher mit mir be⸗ ſprochen zu haben, ich kenne die Verhältniſſe hier genau und meine es gut mit Ihnen.“ „Ich danke Ihnen für dieſe Theilnahme, Herr Wagner,“ ſagte Hedwig gerührt, durch die Worte aber auch, ſie wußte eigentlich ſelber nicht recht warum, etwas beunruhigt—„und— wann glau⸗ ben Sie, daß ich Herrn Van Roeken ſehen werde?“ „Van Roeken?“ ſagte Wagner, der nicht im Stande geweſen wäre, ihr gerade jetzt und in dieſem Augenblick die kritiſche Stellung aufzudecken, in die ſie des Freundes taktloſes und leichtferti⸗ ges Benehmen gebracht—„morgen vielleicht oder — in den nächſten Tagen. Er hat einen kleinen Ausflug gemacht, von dem er aber in allernächſter Zeit zurückkehren muß. Gedulden Sie ſich nur noch ein ganz klein wenig, und wenn Sie indeſſen irgend einen Wunſch haben, den ich im Stande bin zu erfüllen, ſo bitte ich Sie recht freundlich 55 ihn mich ungeſcheut wiſſen zu laſſen. Sie ſind doch hier gut aufgehoben?“ „Vortrefflich, und über meine Erwartung,“ ſagte Hedwig ſchüchtern.„Es iſt nur faſt Alles zu großartig, zu reich. Doch ſind die Wirthsleute freundlich und gefällig, wo ich mit Ihnen in Be⸗ rührung komme, und für die— und ich befinde mich wohl hier,“ brach ſie plötzlich ab. „Dann erlauben Sie mir, daß ich Sie jetzt verlaſſe,“ ſagte Wagner, ſeinen Hut ergreifend, denn das Geſpräch fing an ihm drückend zu wer⸗ den. Er konnte dieſem Mädchen gegenüber nicht länger lügen, und hatte auch nicht den Muth ihr frei und unverholen die Wahrheit zu ſagen. Die Nachricht auch, daß der Mann, der um ihre Hand geworben, indeß ſchon verheirathet ſei, mußte ſie ohne Zeugen treffen, ihr jede Beſchämung in Ge⸗ genwart anderer Menſchen zu erſparen. Das war die geringſte Rückſicht, die ſie erwarten konnte. Wußte ſie das erſt; hatte ſie den erſten Schmerz über dieſe Zurückſetzung, das erſte Gefühl ge⸗ kränkten Stolzes überwunden, dann erſt galt es, mit ihr ſelber gemeinſchaftlich den Schritt zu be⸗ rathen, den ſie thun— ob ſie nach Deutſchland zurückkehren, oder hier im Lande bleiben wolle, vielleicht in irgend eine Familie als Gouvernante 56 einzutreten. Jedenfalls mußte ihr die Wahl darin vollkommen frei gelaſſen, ihr Wille durfte in kei⸗ ner Weiſe beſchränkt und eingeengt werden. „Aber der Brief, den ich für Sie abgeſandt?“ frug Hedwig.— „Jedenfalls begegne ich dem Boten, den Sie abgeſchickt,“ ſagte Wagner,„und nach der Be⸗ ſchreibung iſt es eine Deutſche die Sie mitge⸗ bracht, und die ich leicht erkennen werde. Bringt ſie ihn zurück, nehm' ich ihn an mich, wo nicht, finde ich ihn zu Haus bei mir. Vielleicht hat mir auch Freund Scharner darin noch Weiteres auf⸗ getragen, das wir dann ſpäter beſprechen können.“ „Alſo auf Wiederſehen,“ ſagte Hedwig ihm freundlich die Hand reichend. „Auf Wiederſehen,“ ſagte Wagner, und wie eine Centnerlaſt fiel es ihm von der Bruſt, als er das Zimmer hinter ſich hatte und wieder hin⸗ aus, ſeinem Wagen zueilte. IV. So aufgeregt fühlte ſich Wagner durch dieſe Unterredung, daß er jetzt mit Niemandem zuſam⸗ men kommen mochte, in irgend ein gleichgültiges Geſpräch verwickelt zu werden. Es drängte ihn auch Van Roeken aufzuſuchen, und den linken Weg einſchlagend, der um das Haus herumführte, traf er ſeinen Bendi dort unter einer kleinen Gruppe von Muskatnußbäumen, warf ſich hinein, und be⸗ fahl dem Kutſcher ſo raſch er könne nach Haus zurück zu fahren. Er vergaß dabei ganz, daß er unterwegs hatte Hedwigs Dienerin anreden und ſie nach dem Briefe fragen wollen. Der Bendi mit der alten, treuen Kathrine, die indeſſen glücklicher Weiſe das Schrei⸗ ben in ſeinem Hauſe gelaſſen hatte, rollte unan⸗ 58 geſprochen an ihm vorüber, und er kam erſt ei⸗ gentlich wieder zu ſich ſelber, als ihm daheim Nitſchke begegnete, und den ihm anvertrauten Brief in ſeine Hände legte. Herr Nitſchke wollte ihm dabei, nicht ohne Humor, eine Schilderung der komiſchen Alten ge⸗ ben, die ſich erſt vor dem Hauſe, ehe er dazu kam, mit den verwunderten Malayen auf Deutſch herum⸗ gezankt hatte. Wagner war aber jetzt nicht in der Stimmung ihm geduldig zuzuhören, nahm den Brief an ſich, ſprang wieder in den Wagen und hieß den Kutſcher, ſo raſch ſein Pferd laufen könne, ihn zu Herrn Van Roekens Wohnung hin zufahren. Hier aber weigerte dieſer Gehorſam. Das Pferd hatte die Tour nach dem Hotel der Ne⸗ derlanden hin und zurückgemacht; andere friſchere ſtanden im Stall, und er erklärte nicht fahren zu wollen, bis er nicht ein anderes Thier eingeſpannt. Wagner mußte ſich ihm fügen; in dem heißen Klima Batavias dürfen die Thiere nicht unnö⸗ thiger Weiſe zu ſehr angeſtrengt werden, und während der Burſche das Pferd ausſchirrte und in den Stall brachte, warf er ſich in einen Stuhl, den Brief zu leſen, den ihm die Fremde von Deutſchland mitgebracht. 59 Er war lang und eng geſchrieben, und das friſche Pferd ſchon wieder eine gute Weile einge⸗ ſpannt und fertig; aber er winkte mit der Hand ihn ungeſtört zu laſſen, bis er das Schreiben zu Ende durchgeleſen und ſelbſt dann noch, ſaß er eine lange, lange Weile den Brief in der Hand, und darüber hin in den Wipfel eines mächtigen Waringhi ſtarrend, bis ihn Nitſchke, der ihn mit keiner Bewegung unterbrochen, endlich ſelber dar⸗ auf aufmerkſam machte, daß der Wagen ſeiner warte. „Ich danke Ihnen,“ ſagte Wagner freundlich, ſprang von ſeinem Stuhle auf und ließ ſich, ſo raſch das Pferd laufen konnte, dem Orte ſeiner Beſtimmung zuführen. Unterwegs las er den Brief noch einmal durch, und war noch nicht wieder damit fertig, als das leichte Fuhrwerk ſchon in Van Roekens„Erbe“ einlenkte, und vor der Verandah hielt, in der Mevrouw eben, behaglich in einem Chineſiſchen Lehnſtuhl ausgeſtreckt, und mit einem kleinen Ma⸗ layiſchen Mädchen neben ſich, das ihr Kühlung zu fächeln mußte, die nöthigen Befehle ertheilte den Mittagstiſch zu decken. Van Roeken lag neben ihr in einem ähnlichen Stuhl, die Zeitung leſend und mit einer Manila⸗ 60 Cigarre zwiſchen den Lippen, ſtand aber auf, als er Wagner in dem Anfahrenden erkannte und ging ihm entgegen, ihn zu begrüßen. „Ah Tuwan Wagner, tabé!“ rief auch Me⸗ vrouw Van Roeken, ohne ihre Stellung im Min⸗ deſten zu verändern, und in ihrem gebrochenen oder vielmehr mit malayiſchen Wörtern reichlich gemiſchten Holländiſch—„wie geht es? Das iſt „Recht, daß ſie gerade jetzt kommen, da können Sie gleich mit uns eſſen. Mynheer Van Roeken iſt ſo immer bei Tiſch ſo erſchrecklich langweilig, und macht nur den Mund auf, wenn er etwas hineinſtecken will.“ „Guten Tag, Mevrouw,“ grüßte ſie Wagner, indem er auf ſie zuging und ihr die Hand bot, die ſie freundlich lächelnd nahm, dabei aber in ihrer alten Lage blieb—„wie geht es Ihnen? Noch immer des Lebens Laſt und Hitze tragend?“ „Wel Mynheer, Wel!“ ſeufzte die dicke, fette Dame, die mit ihrer broncefarbigen Haut die Ab⸗ ſtammung im Leben nicht verheimlichen konnte— „wir armen Frauen führen auch ein geplagtes Leben Kassiang— aber die Männer wollen es immer nicht einſehen— wenigſtens ſobald ſie Männer ſind. So lange ſie noch ſo herumlau⸗ fen, iſt es freilich was anderes.“ 61 „Warſt Du dort?“ flüſterte ihm Van Roe⸗ ken zu. „Ja; ich muß Dich dann nothwendig allein ſprechen. „Nun,“ ſagte die Dame, der die paar leiſe ge— wechſelten Worte trotz ihrer behaglichen Stellung nicht entgangen waren—„was haben die bei⸗ den Herren mit einander zu flüſtern?— Geheim⸗ niſſe?“ „Geſchäftsſachen, liebes Kind,“ ſagte Van Roe⸗ ken gleichgültig,„wir thun Dir einen Gefallen, wenn wir Dich damit verſchonen.“ „Es iſt merkwürdig,“ ſagte Mevrouw mit etwas ſcharfer und ſchneidender Betonung,„wie viel Geſchäfte Mynheer Van Roeken hat, ſeit wir mit einander verheirathet ſind. Vorher hab' ich im Leben Nichts von Geſchäften gehört, und jetzt nehmen Sie kein Ende.“ „Es iſt eine höchſt unbedeutende Sache, Me⸗ vrouw,“ nahm da Wagner das Wort, der die Gelegenheit paſſend fand, ſeinen etwas voreiligen Schritt mit Nitſchke dem Compagnon anzuzeigen, und jetzt deſſen Zugeſtändniß zu erlangen. Da er nämlich ſchon vorher mit ihm geflüſtert, mußte es Mevrouw nun darauf beziehen und Van Roe⸗ ken konnte nicht anders als einverſtanden damit 62 ſein—„ich habe Ihren Gatten nur eben mitge⸗ theilt, daß ich ein bisher etwas liederliches Sub⸗ jekt, der aber feſt verſprochen hat, von nun an gut zu thun und ordentlich zu werden, in das Ge⸗ ſchäft genommen habe— den Deutſchen Nitſchke.“ Van Roeken mußte wirklich an ſich halten, ſein Erſtaunen darüber nicht ganz friſch zu ver⸗ rathen, Mevrouw hätte ſonſt jedenfalls Verdacht geſchöpft. Er drehte ſich deshalb nur raſch ab und ſagte: „Du hätteſt auch etwas Geſcheuteres thun können, denn Nitſchke iſt ein durch und durch ver⸗ dorbenes Subjekt, das im Leben nicht wieder gut thun wird. Wir haben drei oder vier Wochen den Aerger mit ihm, um ihn dann ſicher wieder fort⸗ zuſchicken.“. „Ich glaube nicht,“ ſagte Wagner,„er iſt vollkommen niedergedrückt und herunter—“ „Das war er ſchon zehnmal, und es hat ihn nie verhindert, ſo wie er ſich nur ein klein we⸗ nig erholt, mit beiden Füßen wieder in das tolle und liederliche Leben hineinzuſpringen. Wir haben nur, wie geſagt, für die Zeit den Aerger, und vielleicht auch den Schaden davon. Uebrigens bin ich mit Dir quitt und darf nicht einmal viel ſagen, denn heute Morgen habe ich Horbachs früheren 63 Diener, den nichtsnutzigſten Hallunken, der je in einer malayiſchen Haut geſteckt, als Packer in Dienſt genommen. Die Beiden können ein präch⸗ tiges Geſpann geben, und wir werden unſere Freude an ihnen erleben.“ „Iſt das etwa Tojiang?“ „Derſelbe. Du kennſt den Patron?“ „Gewiß; nun er kann arbeiten, wenn er will.“ „Er will aber nie.“ „Wir werden ihn ſchon dazu bringen, und Nitſchke verſteht vielleicht da am Beſten mit ihm umzugehen.“ „So peitſchen wir Einen mit dem Anderen,“ lachte Van Roeken—„und zu was kannſt Du Nitſchke gebrauchen?“ „Zur Engliſchen Correſpondenz— er iſt der Sprache vollkommen mächtig, und es iſt über⸗ haupt jammerſchade, daß der Burſche ſeine wirk⸗ lich tüchtigen Kenntniſſe nicht früher und beſſer verwerthet hat. Er weiß am kleinen Finger mehr, wie der ganze Horbach.“. „Und gerade Horbachs wegen wollte ich mit Dir ſprechen. Ich habe heute zufällig erſt die Nach⸗ richt durch einen Paſſagier, der mit der letzten Mail angekommen, erhalten, daß Horbachs Vater 8 64 in Deutſchland geſtorben iſt und ihm ein ſehr be⸗ deutendes Vermögen hinterlaſſen hat.“ „Keinenfalls zu groß für Herrn Horbach, um raſch damit fertig zu werden,“ ſagte Wagner, „aber wie haſt Du das heute erſt erfahren?“ „Um Porto zu erſparen ſind die Leute daheim ſo ſchlau geweſen, den Brief einer Gelegenheit— einem herüberkommenden Paſſagier— anzuver⸗ trauen, und der hat ihn natürlich ſo lange in der Brieftaſche behalten, bis er ihm einmal zu⸗ fällig wieder in die Hände gekommen.“ „Und wo ſteckt Horbach jetzt?“ „Er liegt im Spital,“ ſagte Van Roeken, „wohin ſie ihn ſchon vor vierzehn Tagen, als ſie ihn einmal Morgens auf dem pasar baroeh be⸗ trunken und in Fieber fanden, geſchafft haben. Mir iſt jetzt ein Wechſel für ihn auf unſer Haus geſchickt, und das Beſte wird ſein, daß wir den Nachmittag zuſammen hinfahren und ſehen, wie es ihm geht, und ob er von dort zu transpor⸗ tiren iſt.“ 3 „Und wenn er erfährt, daß er ſo viel Geld geerbt hat, iſt das Erſte was er thut, daß er ſich vor lauter Freude den Tod an den Hals trinkt.“ „Ein Unglück wäre es nicht,“ ſagte Van Roe⸗ ken gleichgültig,„aber ſo lange es geht müſſen 65 wir es doch verhindern. Er ſoll es nicht eher er⸗ fahren, bis er wieder vollkommen hergeſtellt und bei vollem Verſtande iſt. Ueberdies hat er ſich die letzte Zeit in einem ſo entſetzlich wüſten Leben herumgetrieben, daß ihm Ruhe und Ordnung nach dieſem Toben gut thun wird.“ „Sonderbar,“ ſagte Wagner,„da wird ſo viel von dieſem ungeſunden, ja tödtlichen Klima Ba⸗ tavias geſprochen, wo man ſich, den gefährlichſten Folgen zu entgehen, vor jeder Extravaganz im Eſſen und Trinken auf das Strengſte zu hüten hätte, und dieſe beiden Menſchen, der Horbach und Nitſchke haben jetzt Jahre lang auf ihre Geſund⸗ heit förmlich hineingewüthet, ohne mehr als ein gelegentliches Unwohlſein, von dem ſie in Europa nicht raſcher wieder geheilt wären. Die Burſchen müſſen wahrhaft eiſerne Körper haben.“ „Spiritusflaſchen,“ ſagte Van Roeken wegwer⸗ fend,—„wir dürfen die Beiden auch immer als ſpecielle Landplage betrachten, und ich will meinem Gott danken, wenn wir ſie erſt einmal von der Inſel wieder los ſind—“ „Jetzt hört einmal mit Euerem langweiligen Geſpräch auf,“ rief Mevrouw Van Roeken, die in immer wachſender Ungeduld der für ſie troſtloſen Unterhaltung gefolgt war. Unter dem Aequator. II. r 66 „Liebes Kind ich ſagte es Dir gleich,“ erwie⸗ derte mit den Achſeln zuckend, ihr Mann,„daß Du keine Freude an unſerer Unterhaltung finden würdeſt.“ „Betoel! betoel!“ rief die Dame, den etwas ſtarken Kopf ungeduldig herüber und hinüber wer⸗ fend, und ſie winkte dabei ihrem Mann mit der Hand zu ſchweigen.—„Was ich aber ſagen wollte, Mynheer Waagenaar,— was iſt das für eine junge Dame, die hier kürzlich von Wolanda oder Ihrem Lande angekommen, und die ein Commis aus Ihrem Geſchäft vom Zollhaus abgeholt hat. — Sie ſoll ſehr hübſch ſein?“ „Sehr hübſch, Mevrouw,“ beſtätigte Wagner, mit dem ernſthafteſten Geſicht von der Welt, und Van Roeken mußte an ſich halten, daß er ihm nicht ein Zeichen zu geben ſuchte, denn ſeine eifer⸗ ſüchtige Gattin fixirte ihn ſcharf von der Seite. „Und wie kommt das Geſchäft mit ihr in Verbindung, wenn man fragen darf?“ „Sehr einfach,“ ſagte Wagner,„ſie iſt auf einem von unſeren Schiffen als Paſſagier herüber gekommen, da erfordert es ſchon die Artigkeit, daß man ſie wenigſtens abholen läßt.“ „Alſo ſehr hübſch iſt ſie?“ „Wie ich Ihnen ſagte.— Leider hilft uns das —6 aber Nichts mehr, denn ſo viel ich gehört habe, iſt ſie mit einem Kaufmann hier aus Batavia verlobt, und wird wahrſcheinlich nächſtens getraut werden.“ „So?“ ſagte Mevrouw, durch die Nachricht, wie es ſchien, nicht unangenehm überraſcht,— „darf man Ihnen da gratuliren?“ „Mir?“ rief Wagner faſt erſchreckt aus,— „warachtig niet! Ich bin ſchon halb und halb verſagt,— könnte wenigſtens nicht mehr zurück, wenn ich überhaupt daran dächte, und muß die allerliebſte Deutſche ſchon ihrem glücklichen Bräu⸗ tigam überlaſſen.“ „Sie ſind bekannt mit ihr?“ „— a,“ ſagte Wagner nach einigem Zögern, denn erfuhr Madame durch Jemand Anders daß er heute Morgen dort geweſen, ſo w ußte ſie, daß man ein Geheimniß vor ihr hatte, und Alles war verdorben;„ich habe ihr wenigſtens heute Morgen meine Aufwartung gemacht,— Roeken, es wäre nicht mehr als nur gewöhnliche Artigkeit, wenn Du ihr ebenfalls Deinen Beſuch machteſt.“ „Ich ſehe die Nothwendigkeit⸗ gar nicht ein,“ fiel Mevrouw dem jungen Manne in die Rede, —„Mynheer Van Roeken hat Nichts dort zu thun, und einem jungen Mädchen, wenn ſie ſonſt an⸗ 3 ſtändig iſt, wird ebenfalls Nichts daran liegen, o 5* 68 vielen Beſuch von Herren zu bekommen. Damit er aber ihre Bekanntſchaft macht— wenn ihm ſo viel daran liegt— ſo mag das heute Abend ge⸗ ſchehen, wo ich geſonnen bin die„wunderbare Schönheit“ zu mir einzuladen. Mein Mann hat Ihnen heute Morgen ſchon davon geſagt?“ „Ja— allerdings,“ verſicherte Wagner,„und das war mit ein Hauptgrund— Ihrem Wunſch nämlich zu willfahren— daß ich dort heute Mor⸗ gen meinen Beſuch machte, denn ich, als Jungge⸗ ſelle, kann die Dame nicht in mein Haus bitten.“ „Alſo ſie kommt?“ „Sie läßt tauſend Mal um Entſchuldigung bitten,“ ſagte Wagner ruhig,„aber ſie fühlt ſich von der Reiſe noch ſo angegriffen, daß ſie nicht einmal im Stande iſt das Haus zu verlaſſen. In einigen Tagen hofft ſie indeſſen ſich ſo weit erholt zu haben, Mevrouw ihre Aufwartung zu machen.“ Die Dame warf verächtlich den Kopf zurück. „Wenn das alberne Ding glaubt daß ich mich darum gräme,“ ſagte ſie,„ſo iſt ſie ſehr im Irr⸗ thum. Braucht eine Woche ſich von einer See⸗ reiſe zu erholen— lächerlich. Ihre zarten Glie⸗ der ſind wohl die Anſtrengung nicht gewöhnt.— Nun warte nur mein Täubchen, Du wirſt hier noch andere Dinge gewohnt werden.— Aber wie 69 ich ſehe iſt endlich das Eſſen aufgetragen,— Mynheer Waagenaar, Ihren Arm, wenn ich bitten darf. Sie eſſen doch einen Teller Suppe mit uns.“ „Ja wohl beſter Freund,“ beſtätigte Van Roe⸗ ken,„denn wir müſſen gleich nach dem Eſſen zu⸗ ſammen in das Hospital, dieſen nichtsnutzigen Menſchen aufzuſuchen.“ „Wenn Mevrouw mir erlaubt—“ Die Dame nickte ihm gnädig zu, nahm den ihr gebotenen Arm, erhob ſich etwas mühſam von ihrem Stuhl, und wackelte neben Wagner zu dem Tiſch hinüber, der inmitten des hohen luftigen Saales gedeckt, eine Unmaſſe von Speiſen und Getränken trug. Ueber Tiſch war indeſſen bei Mevrouw ſtrenges Geſetz, daß nicht von Geſchäften, am Wenigſten von einem Spital geſprochen werden durfte. Die Unterhaltung drehte ſich dann meiſt um Vorfälle in Batavia ſelber, von denen die Dame genaue Kenntniß zu haben ſchien, obgleich ſie ihr Haus nur höchſt ſelten verließ. Am Liebſten verweilte ſie natürlich bei Räuber⸗ und Diebesgeſchichten. So war ein Conmis der Maatchappey gefäng⸗ lich eingezogen, weil man ihn in Verdacht hatte, um das Verſchwinden jener Prau zu wiſſen. Au⸗ ßerdem hatte in Anjer ein Malayiſcher Soldat 70 einen Kameraden mit dem Khris erſtochen, und ſollte deshalb in der nächſten Zeit hier gehangen werden. Ferner hatte ein„Mädchen von den Inſeln“— Sclavin natürlich,— den Verſuch ge⸗ macht, ihre Herrin mit Arſenik zu vergiften, war aber glücklicher Weiſe noch dabei ertappt und tüch⸗ tig ausgepeitſcht worden. Immer wieder kam die gute Frau dabei auf die junge Fremde im Hotel der Nederlanden zu⸗ rück, von der ſie entſchloſſen ſchien mehr zu er⸗ fahren, und Wagner dankte Gott als die Mahl⸗ zeit endlich vorüber war, und er ſich mit Van Roeken entfernen konnte. Wären ſie nicht im Begriff geweſen das Hos⸗ pital gerade zu beſuchen, ſo würde ſie auch Me⸗ vrouw Van Roeken jedenfalls begleitet haben. Vor dieſem Inſtitut aber, das ſie noch nie betreten, hatte ſie eine ganz heilſame Angſt, und wäre ihm unter keiner Bedingung irgendwie zu nahe gekom⸗ men, ja ſah es ſogar nicht einmal gern, daß Mynheer Van Roeken es beſuchte, aus Furcht, er könne irgend eine ſchreckliche, anſteckende Krank⸗ heit mit nach Hauſe bringen. Van Roeken mußte ihr auch verſprechen ſich nicht zu lange dort aufzuhalten, und während Wagner ſein Bendi heim ſchickte, in des Freundes 11 zweiſpänniger carreta raſcher und bequemer ihr Ziel zu erreichen, fuhr dieſe vor, die Beiden ſtie⸗ gen ein und der Wagen rollte mit ihnen zu dem hohen Gartenthor hinaus. „Und Du warſt dort?“ ſagte Van Roeken, als er ſich weit genug vom Hauſe entfernt wußte, Mevrouws Ohren nicht mehr zu fürchten.„Du haſt ſie geſehen und geſprochen?“ „Ja Leopold,“ ſagte Wagner ernſt,„und weiß es Gott, die größte Strafe die ich Dir dictiren kann, iſt: das Gleiche zu thun, und dann jenes Mädchen mit Deiner jetzigen Frau zu verglei⸗ chen. Du haſt einen ſchönen Tauſch getroffen.“ „Iſt ſie ſo ſchön?“ frug Van Roeken etwas kleinlaut. „Schön und gut,“ ſagte Wagner ſeufzend— „Du haſt eine ſchwere Sünde auf Dich geladen, mit dem Herzen dieſes armen Geſchöpfes in ſol⸗ cher Art zu ſpielen, und glaube ja nicht, das je wieder mit Geld ausgleichen zu können, denn jetzt hat mir Scharner auch ausführlich und offen den ganzen Grund geſchrieben, weshalb ſie Deutſch⸗ land verlaſſen.“ 4 „Und weshalb?“ frug Van Roeken kleinlaut. „Weil ſie dort ſchon verrathen und betrogen wor⸗ den. In den beſten Verhältniſſen erzogen, machte ihr 72 Vater Bankerott und ſtarb, die Mutter folgte ihm bald, und die Waiſe ſah ſich von dem Mann, der, wie er geſchworen, ſie ihr Unglück wollte vergeſſen machen, verrathen und verlaſſen— ver⸗ laſſen nur um einer reichen Gräfin Herz zu ge⸗ winnnen. Der Aufenthalt in ihrer Heimath wurde ihr danach zur Qual, und gerade in jener Zeit, wo ihr Herz gebrochen, ihr Gemüth erbittert war traf Dein Brief ein, der ihr die Möglichkeit zeigte, das unglückliche Deutſchland für immer zu ver⸗ laſſen. Jetzt kommt ſie hierher und nun ſage ſelbſt, mit welchem Geſicht Du ihr entgegentreten möchteſt, Dich zu entſchuldigen.“ „Aber die ganze Sache haben wir doch eigent⸗ lich ſchon zuſammen abgemacht,“ warf Van Roe⸗ ken ein, der ſich nur höchſt ungern ſolchen fata⸗ len Reflexionen hingab.„Es iſt doch nun ein⸗ mal geſchehen; ich habe eingeſtanden daß ich ge⸗ fehlt, und will Alles thun was in meinen Kräften liegt, es wieder gut zu machen. Mehr kann ja doch kein Menſch von mir verlangen.“ „Aber es iſt noch immer eine Hauptſache,“ ſagte Wagner,„wie etwas Derartiges geſchieht, denn mit Geld allein iſt hier Nichts gethan. Dem Mädchen gegenülber war ich auch nicht im Stande ein Wort davon über die Lippen zu bringen, und es iſt deshalb nöthig daß Du ihr ſchreibſt.“ „Ich?“ rief Van Roeken erſchreckt nach ihm herumfahrend,„aber beſter Freund, Du haſt mir feſt verſprochen, daß Du das Alles mit ihr ord⸗ nen willſt, und jetzt ſoll ich ſchreiben. Woher weißt Du denn auch, wenn ſie ſo außerordentlich zartfühlend iſt, daß ich nicht in meinem Briefe ganz unſchuldiger Weiſe irgend einen Ausdruck gebrauche, der ſie, natürlich wider meinen Willen, auf's Tiefſte verletzen könnte? Ich bin unge⸗ ſchickt in ſolchen Dingen, und fürchte daß ich da am Ende mehr verſchlimmern, wie gut machen würde.“ „Aber wenn ich geſchrieben habe, mußt Du ſie ſelber ſprechen.“ „Daß es meine Frau erführe, nicht wahr?— Wenn ich nur den geringſten haltbaren Grund einſehen könnte, weshalb das nöthig iſt.“ „Dann kann ſie auch nicht in dem Hotel blei⸗ ben,“ ſagte Wagner—„wir müſſen irgend eine Wohnung in einer achtbaren Familie für ſie aus⸗ findig machen.“* „Aber weshalb?“. G „Weil es nicht angeht, daß das junge Mäd⸗ chen dort allein in dem Hotel wohnt,“ ſagte Wag⸗ 74 ner beſtimmt.„Wäre ich ſchon verheirathet, ſo böte es keine Schwierigkeit; ich nähme ſie den Augenblick zu mir, bis ſich ihr künftiges Schickſal entſchieden hätte, aber ſo.— Ob nicht Romelaers vielleicht bewogen werden könnten, ſie auf kurze Zeit in ihr Haus aufzunehmen.“ „Das wäre das Allerbeſte,“ rief Van Roe⸗ ken, dem dieſer Gedanke außerordentlich gefiel. Seine Frau wußte nämlich, daß er Romelaers Haus nie mehr betrat, und dort hätte jeder Ver⸗ dacht, jede Eiferſucht von ihrer Seite aufhören müſſen—„aber nun, lieber, guter Wagner, thu' mir auch den Gefallen und erwähne die ganze Geſchichte heute nicht mehr. Du verdirbſt mir den ganzen Tag, ohne den geringſten Nutzen, Du haſt meine Vollmacht; ordne Alles, wie Du es am Beſten hältſt— frage mich gar nicht dabei um Rath, thue als ob ich gerade in Celebes oder Macaſſar oder ſonſt wo wäre und— ſchaffe mir die junge Dame, ſo zartfühlend wie Du willſt— aber ſobald wie irgend möglich, wieder aus Java fort. Ich habe geheirathet um Frieden und Be⸗ quemlichkeit zu finden, nicht um in einem unaus⸗ geſetzten Guerillakrieg mit meiner Frau zu leben. Alſo habe nicht allein Mitleiden mit der jungen 75 Dame, ſondern auch mit mir, der ich Dir doch näher ſtehe.“ Wagner ſeufßzte tief auf; aber er kannte das phlegmatiſche Temperament ſeines Freundes, und da der Wagen überdies gerade vor dem Hospi⸗ talgarten hielt, ergab er ſich ſchweigend in die ihm auferlegten Bedingungen. V. Dicht vor dem Eiſengitter Thor hielt der Wa⸗ gen, und die beiden Freunde ſtiegen aus, zu Fuß nach jener Abtheilung der Gebäude hinüber zu gehen, in der die Fieberkranken abgeſondert von den Uebrigen lagen. Das Hospital beſtand deshalb aus mehreren niederen und luftigen Gebäuden,— einſtöckig und jedes von einem freien Gartenplatz umgeben, auf der einen Seite dabei durch den Fluß, auf der anderen durch Mauern von der Nachbarſchaft ge⸗ trennt, um jeden Verkehr mit der Außenwelt, um den der Arzt nicht wußte, zu verhindern. Nur zu häufig kommt es nämlich vor, daß Reconvales⸗ centen, denen beſonders Spirituoſen auf das Streng⸗ ſte verboten ſind, Alles daran ſetzen, ſich dieſe 8 77 trotzdem zu verſchaffen, und ein für die Kranken ſelber ſehr gefährlicher, für die Unternehmer aber ſehr lucrativer Handel wird deshalb fortwährend, und trotz aller Aufmerkſamkeit und Vorſicht, be⸗ ſonders von Chineſen mit dem Hospital geführt. Allerdings ſtehen ſtrenge Strafen darauf, wenn man einen ſolchen Schmuggler dabei erwiſcht. Das aber hält die Uebrigen nicht ab, es immer wieder auf's Neue zu verſuchen, und oft müſſen beſon⸗ dere Aufſeher nur deshalb angeſtellt werden, die anderen Aufſeher wieder zu überwachen. „Weißt Du wo der Burſche liegt?“ ſagte Wag⸗ ner, als die beiden Männer zwiſchen den ſauber gehaltenen Beeten des Gartens hinſchritten. „Ungefähr,“ lautete Van Roekens Antwort,— „die Fieberkranken ſind übrigens, wenn ich nicht irre, mit den am delirium tremens Leidenden in einem Haus, wenigſtens unter einem Dach, und wir haben da keinesfalls weit zu gehen, ihn zu finden.“— „Und Du willſt ihm den Tod ſeines Vaters noch nicht mittheilen?“ „Nein,“ ſagte Van Roeken,„obgleich ich nicht glaube, daß er ihn ſich ſehr zu Herzen nehmen würde. Erſt müſſen wir ihn geſund und aus dem Spital heraus haben.“ 78 „Aber giebſt Du ihm dann Geld, beginnt er das alte Leben von Neuem, ja thut es ohnedies, nur auf ſeinen jährlichen Wechſel hin ſündigend. Mit einem ſo verdorbenen Subjekt würde ich jetzt auch keine Umſtände weiter machen, ihm einfach ſagen was geſchehen iſt und daß er von mir Reiſegeld zu erwarten habe— und damit baſta.“ „Vielleicht wäre es auch das Beſte;“ meinte Van Roeken, der ſich damit einer Mühe überhoben ſah,—„jedenfalls müſſen wir uns den Patron aber erſt einmal anſehen, wie es mit ihm ſteht. Schade nur um das Geld, das in ſolche Hände fällt.“ Sie waren indeſſen durch eine der Thüren in den inneren Raum getreten, in dem die leichteren Fieberkranken lagen, und fanden ſich hier in einem weiten, luftigen Schlafſaal, der, dem Klima ange⸗ meſſen, mit allen nur möglichen Bequemlichkeiten für die Kranken verſehen war. Den ziemlich hohen Saal umgab eine etwa zehn bis elf Fuß hohe Mauer, ohne Fenſter; das Dach dagegen war hoch auf Zwiſchenpfeiler geſtellt, ſo⸗ daß die Luft von allen Seiten freien Durchgang hatte, und während dort zugleich reichliches Licht. — 79 herein fiel, nie ein, ſonſt ſo ſchädlicher Zug die Kranken treffen konnte. Den ganzen Saal entlang ſtanden zwei Reihen eiſerner Betten, alle mit ſchneeweißem Linnen über⸗ zogen, und immer weit genug von einander ent⸗ fernt, daß die zahlreichen⸗Krankenwärter vor, hin⸗ ter und zwiſchen ihnen hindurch gehen konnten, die Patienten zu bedienen, oder ihnen ſonſt eine nöthige Hülfe zu leiſten. 1 Das Ganze ſtand unter einem Oberarzt, und war von dieſem erſt in neuerer Zeit auf das Vor⸗ trefflichſte und in ganz militairiſcher Ordnung ein⸗ gerichtet, und er beaufſichtigte Alles, während die Unterärzte, von denen jedem eine beſtimmte Section zugewieſen worden, die Kranken unter ſeiner Lei⸗ tung behandelten. Was für ſolche unter den günſtigſten Umſtän⸗ den überhaupt geſchehen konnte, war hier ge⸗ leiſtet, und die Reconvalescenten fanden in dem ſorgfältig gehaltenen Garten, in dem zugleich die Pflanzen und Gewächſe wiſſenſchaftlich geordnet waren, nicht allein Erholugg, ſondern auch Un⸗ terhaltung und Belehrung. Das Ganze machte überhaupt gar nicht den Eindruck eines Hospitals,— noch dazu eines Hospitals in Batavia, das ſich der Fremde nur * 80 zu leicht mit düſteren und unheimlichen Farben ausmalt, und ſo geräuſchlos ſchritten die Wär⸗ ter zwiſchen ihren Pflegbefohlenen umher, lüfteten hier ein Kiſſen, reichten dort einen erfriſchenden Trunk oder die vorgeſchriebene Medicin, und tha⸗ ten das Alles mit einer ſo ruhigen Sicherheit, daß nur hie und da das fieberheiße Antlitz eines der Kranken den Ort verrieth, in dem man ſich in Wirklichkeit befand. Van Roeken, der häufig Gelegenheit gehabt den Platz zu beſuchen, wandte ſich jetzt an einen der jungen, im Vorzimmer befindlichen Aerzte, der die Wache hatte, das Lager Horbachs zu erfragen, und wurde von dieſem zu dem Bett des Recon⸗ valescenten, als welchen ihn der Arzt ſelber be⸗ ozeichnete, geführt. Horbach lag dort, ein Buch in der Hand in dem er blätterte und wenig auf die Leute achtend, die fortwährend in dem Saal hin und wieder gingen, bis die beiden Freunde an ſeinem Bett ſtehen blieben und Van Roeken ihn anredete. „Ah— Beſuch?“ ſagte der Kranke lächelnd, indem ein leichtes Roth ſeine etwas eingefallenen und bleichen Wangen färbte,—„Herr Van Roe⸗ ken— Herr Wagner— die ganze Firma.— Das iſt ſehr freundlich von Ihnen,— wenn 81 ich mir wirklich die Ehre deſſelben zuſchreiben darf.“ „Wir hatten hier im Hospital zu thun, Herr Horbach,“ ſagte Van Roeken, indem er näher zu ihm trat,„und da wir hörten, daß Sie ſich hier befänden, wollten wir doch einmal ſehen wie es Ihnen ginge. Ich finde übrigens zu meiner Freude, daß Sie auf der Beſſerung begriffen ſind.“ „Noch nicht reif zum Abfahren, mein lieber Herr Van Roeken,“ lächelte aber Horbach, indem er abwechſelnd die Züge der Beiden ſcharf und forſchend beobachtete,—„thut mir leid, wenn ich damit vielleicht eine angenehme Hoffnung von ir⸗ gend einer Seite zerſtören ſollte; merkwürdige Lebenskraft, wie?— meinen Sie nicht.“ „Mein lieber Herr Horbach,“ ſagte Wagner ruhig,„Sie können allerdings Gott nicht genug für Ihre geſunde Conſtitution danken, denn was ein Menſch im Stande iſt zu leiſten, ſeine Ge⸗ ſundheit muthwillig und gefliſſentlich zu zerſtören, das haben Sie allerdings redlich und unverdroſ⸗ ſen gethan. Hunderte an Ihrer Statt lägen in der That ſchon Jahrelang auf dem hieſigen Kirch⸗ hof, ſtatt nur in dem Vorhof deſſelben— im Hospital. Ihnen indeſſen zu beweiſen, daß wir nicht in der Hoffnung hierher kamen Sie ſehr 6 Unter dem Aequator. II. 82 gefährlich krank oder gar todt zu finden, ja, daß wir im Gegentheil wünſchen, Sie wieder voll⸗ ſtändig hergeſtellt und im Freien zu ſehen, möchte ich Sie fragen was wir für Sie thun können. Wenn Ihr gewöhnlicher Wechſel auch noch nicht von Deutſchland für Sie angekommen iſt, möch⸗ ten wir Sie doch nicht länger als nöthig hier im Krankenhaus wiſſen, wo Sie ſich draußen vielleicht raſcher erholen können.— Natürlich mit der Bedingung, daß Sie endlich einmal Ihr wil⸗ des Leben einſtellen, wenn nicht der Colonie, doch Ihrer ſelber wegen.“ Horbach ſah erſt Wagner und dann Van Roeken erſtaunt und nicht ganz ohne Mistrauen an. Die beiden Leute hatten ſich allerdings früher unendlich viel Mühe gegeben, ihn zu einem ordentlichen Leben zu bringen; als Alles aber fehlſchlug, und er immer wieder ſein wüſtes Trei⸗ ben von vorn begann, ihn ſeit etwa einem Jahr ganz aufgegeben. Was bewog ſie jetzt plötzlich ihn wieder aufzuſuchen, und ihm auf's Neue ihre Hülfe anzubieten? denn daß er ſich ihrer nicht würdig gemacht, wußte er recht gut.— Aber was kümmerte das auch ihn? Horbach war wahrlich nicht der Mann, eine aus irgend einer Ecke gebotene Hand zurückzuſtoßen, wenn ſie ihm 83 augenblicklich nützen konnte: Alles Weitere mochte er dann ruhig der Zeit überlaſſen. „Sie fühlen ſich doch wohl genug, das Hospital verlaſſen zu können?“ frug ihn Van Roeken. „Ich denke ja,“ erwiderte Horbach—„habe eine verwünſcht häßliche Zeit durchgemacht.“ „Der junge Mann,“ miſchte ſich hier der Arzt in das Geſpräch, der indeſſen den Saal hinabgegangen war und wieder zurückkam,„hat ein ſehr ſchweres Fieber erſtaunlich ſchnell über⸗ wunden. Acht Tage lag er völlig beſinnungslos und phantaſirte in einem fort; am neunten beſ⸗ ſerte er ſich wie durch ein Wunder. Er hat eine vortreffliche Natur.“. „Selbſt die Aerzte haben mich nicht todtmachen können,“ lächelte Horbach. „Und glauben Sie, daß er fortgeſchafft wer⸗ den kann?“ frug Wagner den Arzt. „Ohne Bedenken,“ ſagte dieſer,„nur muß ſich der Patient die nächſte Zeit noch ſehr diät hal⸗ ten, und beſonders vor Spirituoſen hüten, denn ein Rückfall könnte von den verderblichſten Fol⸗ gen ſein.“ Van Roeken nahm Wagner bei Seite und flüſterte ihm leiſe zu: 6* 84 „Es wird mir nichts Anderes übrig bleiben, als ihn in mein Haus zu nehmen; wir können ihn ſonſt in keiner Weiſe überwachen, und dort genirt er ſich auch noch am Erſten vor meiner Frau. Sobald dann ein Schiff ſegelfertig iſt, ſagen wir ihm Alles und ſchicken ihn an Bord. — Vielleicht kann er nachher mit Fräulein Ber⸗ nold die Reiſe zurück nach Deutſchland machen.“ „Das wäre eine Geſellſchaft für eine junge Dame,“ ſagte Wagner finſter,„wie magſt Du nur an ſo etwas denken.“ „Nun das bleibt ja auch Nebenſache,“ meinte Van Roeken. 3 „Und indeſſen,“ lachte Wagner,„haben wir Beide, uns in die zwei liederlichſten Menſchen dieſer ganzen Inſel getheilt. Wir wollen nun einmal ſehen, weſſen Erziehung beſſer iſt— die Deinige mit Horbach, oder die meinige mit Nitſchke.“ „Können Sie mir vielleicht ſagen wo Nitſchke jetzt ſteckt?“ frug Horbach, der die beiden Freunde nicht aus den Augen gelaſſen, und jedenfalls das letzte Wort verſtanden hatte. Van Roeken drehte ſich etwas überraſcht nach ihm um und Wagner ſagte:. „In meinem Haus, Herr Horbach.— Herr 4 85 Nitſchke hat ſich entſchloſſen ein anderes Leben zu beginnen, und wird in der nächſten Zeit in unſerem Comptoir arbeiten.“ „Alle Wetten“ rief Horbach erſtaunt,„da weiß ich waheii nicht, weſſen Muth ich mehr bewundern ſoll, den ſeinigen oder den Ihrigen. Aber hol's der Teufel; er hat vielleicht Recht. Es iſt auch ein elendes Leben ſich immer ſo her⸗ umzutreiben, wie wir Beide es in der letzten Zeit gethan haben. Ich hätte ſelber Luſt es ein⸗ mal in anderer Weiſe zu verſuchen.“ „Ich will Ihnen Gelegenheit dazu geben, Herr Horbach,“ ſagte Van Roeken„und Sie ſo lange in meine Wohnung nehmen, bis Sie ſich vollſtändig erholt haben. Natürlich müſſen Sie mir aber das Verſprechen geben, ſich in meinem Hauſe ordentlich und mäßig zu betragen.“ „Meine Herren,“ ſagte Horbach,„Sief ſetzen mich in immer größeres Erſtaunen. Batavia muß ſich, ſeit ich hier im Fieber gelegen, außerordent⸗ lich verändert haben, oder irgend wo in der Welt iſt eine Schraube losgegangen. Wie dem aber auch ſei— ich nehme Ihr Anerbieten unter den geſtellten Bedingungen an— ſobald ich nämlich im Stande bin dieſen Ort zu verlaſſen.“ 86 Der Arzt hier beſtätigt Ihnen, daß Sie es können“ ſagte Van Roeken. „Anſtändiger Weiſe nicht,“ verſicherte aber Horbach,„ich beſitze nämlich keine weitere Gar⸗ derobe als die, mit der ich agßße e liege, und wenn dieſelben auch dem Klima vollkommen genügt, ſo würde ich mich doch höchſt ſonderbar in einem Bendi darin ausnehmen, und keinen⸗ falls Ihrer Frau Gemahlin können vorgeſtellt werden.“ „Aber was, um Gottes Willen iſt aus Ihren Kleidern geworden?“ rief Van Roeken erſtaunt aus. „Thut mir leid, Ihnen keine genaue Aus⸗ kunft darüber geben zu können,“ ſagte Horbach ruhig, meine Erinne rung reicht kaum ſoviel Stun⸗ den zurück, als Tage dazu nöthig wären.“ „Ohne Kleider können Sie natürlich das Hos⸗ pital nicht verlaſſen,“ meinte Van Roeken— „ich werde Ihnen deshalb gegen Abend, wenn es kühl geworden iſt, einen Bendi,— den Sie dann gleich benutzen können zu mir zu kommen— mit dem Nöthigſten ſchicken. Alles Uebrige hier im Hospital werde ich ebenfalls reguliren, daß Sie ſich um weiter Nichts zu ſorgen haben. Das wäre alſo abgemacht?“ 1 87 „Vollkommen,“ lächelte Horbach,„und wie ich hoffe, zu allſeitiger Zufriedenheit.— Alſo Nitſchke in feſter Arbeit— hm, hm, hm, was doch nicht Alles aus einem Menſchen werden kann. Armer Nitſchke.“ „Sie ſind unverbeſſerlich,“ lachte Wagner. „Alſo guten Tag Herr Horbach,“ ſagte Van Roeken, der ſich nicht länger mit dem Mann ein⸗ laſſen mochte.—„Um ſechs Uhr etwa wird der Wagen hier ſein und Sie abholen. Halten Sie ſich bereit.“ „Ich werde jedenfalls zur beſtimmten Zeit zu Haus ſein,“ verſicherte Horbach, und grüßte, als ihm die beiden Freunde zunickten, mit einer ent⸗ laſſenden Handbewegung hinter ihnen drein. Van Roekens hatten ihren Empfangsabend, und ſo ungern Wagner dorthin ging, weil ihm die Frau von jeher unangenehm war, ſo ließ es ſich heute dennoch nicht vermeiden. Noch beſon⸗ ders eingeladen hatte er zugeſagt, und wenn ihn ſein Herz auch zu Romelaers zog, wo er jetzt, die junge, reizende Marie im Arm, hätte durch den Saal fliegen können, mußte er ſchon, wenig⸗ 88 ſtens ein paar Stunden, dort ausharren,— Mev⸗ rouw Van Roeken würde es ihm ſonſt im Leben nicht verziehen haben. Wider Erwarten fand er bei Van Roeken's nur eine ſehr kleine Geſellſchaft, und noch dazu großentheils von„gemiſchtem Blut“— allerdings mit die reichſten Leute der Colonie und viele Ver⸗ wandte von Mevrouw. Unter dieſen hatte ſich aber auch Heffken eingefunden, der in beſonderer Gunſt bei Frau Van Roeken ſtand, weil er ihren Lau⸗ nen zu ſchmeicheln und mit einem gewiſſen Talent und Witz, wie mit hinlänglicher Bosheit intereſſant zu ſein, die geſellſchaftlichen Schwächen der Colo⸗ nie zu geißeln wußte. Er kannte dabei die Ge⸗ heimniſſe von jeder Familie,— oder that wenig⸗ ſtens, als ob er ſie kenne— wobei ihm ſein nicht unbedeutendes Combinationstalent vortrefflich zu Statten kam. Er daher, vor allen Anderen, war der Mann, den Mevrouw brauchen konnte, ihr nicht allein manche müſſige Stunde zu Haus zu kürzen, ſondern auch hinlänglichen Stoff zu lie⸗ fern, andere Geſellſchaften dadurch in Erſtaunen zu ſetzen, daß ſie eben Alles wiſſe. Heffken war es dabei keineswegs entgangen, daß ihn Mynheer Van Roeken ſelber nicht mochte; das genirte ihn aber nicht im Mindeſten, denn ziemlich angegriffen, und ſah heute ſelbſt bleicher 89 Mevrouw war eben der Herr im Haus und Van Roeken ſelber eine unvermeidliche Nebenſache, über die man nur nicht hinwegkonnte, und die man dulden mußte. Daß ihn Heffken auf dieſe Weiſe betrachtete, konnte Van Roeken kein Geheimniß bleiben, und ärgerte ihn vielleicht äm Meiſten. Wagner ſtand mit dem kleinen boshaften Buch⸗ halter auf einem beſſeren und daher friedliche⸗ ren Fuß. Ihre Wege hatten ſich noch nie ge⸗ kreuzt, und liefen deshalb, ohne ein weiteres Hin⸗ derniß, ruhig neben einander hin. Wagner wußte freilich, daß Hefften auch auf ihn herab ſah, weil er eben ein Deutſcher war, und dem Hol⸗ länder deshalb von vorn herein das Waſſer nicht reichen konnte. Zu gutmüthig aber, dieſe kleine Nationaleitelkeit mehr zu beachten als ſie ver— diente, ließ er ihn eben gehen, fertigte ihn kurz ab, wenn er einmal übermüthig werden wollte, und ſah dem kleinen, überdies von der Natur ſo ſparſam bedachten Manne dafür wieder manche von ſeinen Schwächen nach, die ihn ſelber weiter nicht berührten.. Hefflen war von dem letzten Krankenlager der Khriswunden, über deren Urſache er eine ganz glaubwürdige Erzählung ausgeſonnen, noch 90 als gewöhnlich aus, war aber trotzdem heute ge⸗ rade aufgeweckter und munterer wie je, und wußte wieder eine Menge Staͤdtneuigkeiten— meiſt Scandaloſa— und Anekdoten, die Mevrouw in einem ſteten Lachen hielten.— Mevrouw wurde aber ernſthaft, als Heffken mitten in einer ande⸗ ren Anektode eine Anſpielung auf die junge Fremde machte, und dabei Van Roeken mit einem ganz eigenthümlichen Blick von der Seite anſah. Ob er indeſſen in dieſer Hinſicht wirklich discret war, oder noch nicht mehr davon wußte, als daß ſie eben angekommen und von dem Geſchäft Wagner und Van Roeken protegirt wurde, mußte dahin geſtellt bleiben. Daß er jedoch Van Roeken ſel⸗ ber in eine unbehagliche Stimmung brachte, konnte ihm nicht entgehen, und war Urſache genug für ihn, die Sache wenigſtens nicht ruhen zu laſſen. Wagner fah das, und da er Heffken nicht einer direkten Bosheit für fähig, ſondern das Ganze mehr für Neckerei hielt, beſchloß er dem ein Ende zu machen. Dadurch überhaupt, daß er die Sache immer und immer wieder berührte, mußte Mevrouw zuletzt ſo neugierig werden, daß ſie am Ende mit ihrer gewöhnlichen Rückſichts⸗ loſigkeit irgend einen faux pas machte, der nicht allein ihren Mann, ſondern auch die arme Fremde .91 compromittirte. Wie es die Gelegenheit gab, nahm er deshalb den kleinen Buchhalter bei Seite und ſagte freundlich: „Heffken, ich möchte ein paar Worte mit Ihnen ſprechen.“ „Ich ſtehe mit Vergnügen zu Ihren Dienſten. Irgend eine Neuigkeit?“ „Nein— ich möchte Sie nur bitten— Sie erwähnten vorhin ein paar Male in, Gegenwart von Mevrouw der jungen Dame, die mit der Rebecca angekommen iſt.“* „Ja,“ nickte Herr Heffken mit dem Kopf, und hielt ihn dabei niedergebückt, daß Wagner das um ſeine Augen zuckende, verſchmitzte Lächeln nicht ſehen konnte. „Wenn Sie mir und— Van Roeken einen Gefallen thun wollen,“ fuhr da Wagner fort,„ſo — unterlaſſen Sie es?“ „Aber weshalb?“ ſagte Heffken, indem er jetzt mit der unſchuldigſten Miene von der Welt zu Wagner aufſah.„Ich wüßte nicht, daß—“ „Sie haben einen Hinterhalt dabei,“ unter⸗ brach ihn aber Wagner, den dieſe Miene nicht täuſchte,„da ich aber weiß, daß Sie nicht Un⸗ frieden in der Van Roeken'ſchen Familie anrich⸗ ten wollen, obgleich Sie auf dem beſten Wege 92 dazu ſind, ſo genügt Ihnen gewiß die Andeu⸗ tung, daß die Gegenwart der jungen Dame— „Die Gegenwart der jungen Dame?“ wieder⸗ holte Heffken lauernd. „Daß wir Ihnen Beide dankbar ſein würden, wenn Sie es unterließen,“ brach Wagner kurz ab. „Wir?— Das Geſchäft alſo,“ lächelte Heff⸗ ken.—„Ich wußte in der That nicht, daß die Dame Geſchäftsſache ſei.“ „Und wer hat Ihnen das geſagt?“ „Mein lieber Herr Wagner,“ lächelte Heffken ſtill vor ſich hin—„Sie haben allerdings Recht, mir zuzutrauen, daß ich nicht abſichtlich Un⸗ frieden in dieſe, mir befreundete Familie bringen möchte. Wenn man aber vollkommen unſchuldig ein Thema berührt, das, ohne daß man es weiß, verbotener Grund iſt, ſo trägt Niemand die Schuld als die, die eben unnöthiger Weiſe ein Geheim⸗ niß aus der Sache machten. Ich bin— ich muß es zu meiner Schande geſtehen— entſetzlich neu⸗ gierig, aber dabei auch außerordentlich discret, wo ich eben in das Vertrauen gezogen werde. Schwebt alſo um die junge Dame irgend ein Geheimniß, ſo gebe ich Ihnen mein Wort, daß ich es noch auf irgend eine Weiſe herausbekomme.“ „Und wenn Sie ſich nun vollſtändig irrten?“ 93 „Ich will Ihnen etwas ſagen mein lieber Herr Wagner,“ fuhr Heffken wieder mit ſeinem eigen⸗ thümlichen Lächeln fort.„Ich habe in der That ſchon einen Verdacht, und hätte Van Roeken mir ehrlich— wie es ſich unter ſo alten Freunden gehört— die ganze Sache geſagt, ſo wäre ich— wie ſie mir auf mein Wort glauben können— der Letzte, der unrechten Gebrauch davon machen würde. Ja im Gegentheil, ich hätte ihm wahrſcheinlich in mancher Hinſicht gerade in dieſer Sache von Dien⸗ ſten ſein können.“ „Sie haben einen Verdacht? und welchen?“ „Das will ich Ihnen ganz aufrichtig ſagen,“ antwortete Hefffen.„Van Roeken hat, wie ich gewiß weiß, und zwar aus ſeinem Munde— nach Europa um eine Frau geſchrieben. Sie erinnern ſich vielleicht ſelber der Wette die er uns an ſei⸗ nem letzten Geburtstage anbot. Bald darauf über⸗ raſchte er uns, und ich glaube auch ſich ſelber, durch die plötzliche Verbindung mit Mevrouw, die er Knall und Fall heirathete.— Indeſſen kommt jetzt die verſchriebene junge Dame an, und unſer Freund befindet ſich— wo er früher keine einzige Frau bekommen konnte, in der höchſt ſon⸗ derbaren Situation zwei zu haben, wo— wie das gewöhnlich bei ſolchen Gelegenheiten der Fall iſt, die eine Nichts von der Anderen wiſſen darf. — Hab' ich Recht?“ Wagner zögerte mit der Antwort. Er warf einen Blick über ſeine Schulter; die Uebrigen wa⸗ ren gerade in ein eifriges Geſpräch verwickelt. So viel ſah er ein: Heffken hatte vielleicht großen⸗ theils durch Van Roekens eigene Schwatzhaftigkeit, oder wenigſtens durch ſeinen Leichtſinn, Alles theils ſchon erfahren, theils errathen, und unter dieſen Umſtänden blieb es in der That das Beſte ihn zum Vertrauten zu machen. Es war wenigſtens der einzige Weg ihn hier zum Schweigen zu bringen. „Und wenn Sie Recht hätten?“ ſagte er leiſe. „Dann beweiſt es nur, wie wenig mich Ihr Freund kennt,“ erwiderte Heffken ruhig,„er würde ſonſt gleich vom Anfang an aufrichtig gegen mich geweſen ſein. Möglich ſogar, daß ich ihm einen Ausweg geboten hätte die fatale Sache ohne Wei⸗ teres zu beſeitigen.“ „Und werden Sie jetzt, da Sie davon un⸗ terrichtet ſind, Nichts weiter gegen Mevrouw er⸗ wähnen?— werden Sie die Sache auf ſich be⸗ ruhen laſſen?“ „Aber lieber Wagner,“ ſagte Heffken gutmüthig, „das verſteht ſich ja doch wohl von ſelbſt. Be⸗ —— 95 D h. S antworten Sie mir nur noch eine Frage: Was gedenkt ihr Freund jetzt zu thun?“ „Die Sache iſt abgemacht,“ ſagte Wagner, der nicht wünſchte, daß ſich gerade Heffken weiter da⸗ mit befaſſe.„Van Roeken hat leichtſinnig gehan⸗ delt, wie ſich nicht leugnen läßt— wie er ſelbſt nicht leugnet, da er aber natürlich weitere Ver⸗ bindlichkeiten nicht einging und ſich in dieſem Fall freie Wahl vorbehalten mußte, ſo wird oder iſt vielmehr die junge Dame ſchon vollkommen zu⸗ frieden geſtellt. Sie bekommt ihre Reiſe vergütet, außerdem eine kleine Summe Geld, und wird mit dem nächſten Schiff nach Europa zurückkehren. Sie ſehen Herr Heffken, daß ich in jeder Hinſicht offen gegen, Sie bin. Geben Sie mir nun aber auch Ihr Ehrenwort, gegen Jedermann von dem was ich Ihnen eben mitgetheilt, zu ſchweigen?“ Heffken beſann ſich einen Augenblick, dann legte er ſeine Hand in die ihm dargebotene Rechte und ſagte: „Mit Vergnügen, mein lieber Herr Wagner. Ich begreife jetzt erſt ganz Van Roekens delikate Situation, und würde der Letzte ſein, der ihm wei⸗ tere Unannehnlichkeiten bereitete; er ſitzt außer⸗ dem ſchon feſt genug drin. Alſo— wie Sie ſagen, iſt die Sache vollſtändig abgemacht und regulirt?“ „So vollſtändig wie es wenigſtens in der kur⸗ zen Zeit möglich war. Van Roeken wird dadurch von all ſeinen Verbindlichkeiten befreit.“ „Und die junge Dame hat auch keine weite⸗ ren?“ „Gott bewahre. Sie iſt vollkommen ihr eige⸗ ner Herr.“ „Sehr ſchön,“ lachte Heffken, ſich vergnügt die Hände reibend,„da hat ſich das Ganze noch viel beſſer abgewickelt, wie ich ſelber geglaubt. Sehn Sie wie geſcheut das war, daß Sie mir einen Wink gegeben. Mit der beſten Abſicht hätt, ich da wirklich Unheil ſtiften können. „Aber was haben die beiden Herren denn da nur ſo angelegentlich zu beſprechen?“ rief in die⸗ ſem Augenblick Mevrouw herüber,„irgend ein Ge⸗ heimniß, daß man nicht wiſſen darf?“ „Nicht im Geringſten,“ lachte Heffken,—„wir ſprachen von Kaffee und Zimmet.“ „Haben Sie ſchon von dem letzten Einbruch ge⸗ hört?“ ſagte Mevrouw,„von dem uns Mynheer Raſtlopp eben erzählt?“ „Von dem letzten Einbruch?“ rief Heffken, drehte ſich ab und ging in die entfernteſte Ecke des Zimmers, wo auf einem kleinen Tiſch einige Liqueurflaſchen und Gläſer ſtanden. 97 „Sehn Sie, daß Sie doch nicht Alles wiſſen, mein kluger Herr. In Buitenzorg haben ſie einen Chineſen erwiſcht, der bei Hoodwell u. Co. heut gegen Morgen einbrechen wollte.— Auf friſcher That, noch dazu mit allen möglichen Werkzeugen und Mordinſtrumenten, ertappt.— Die Poſt hat eben die Nachricht mitgebracht.“ Heffken hatte ſich ein Glas Liqueur eingeſchenkt, und mit einem Zuge geleert. Er holte, als er ſich der Geſellſchaft wieder zudrehte, tief Athem und ſagte gleichgültig: „Der dumme Teufel hätte vorher wiſſen bön⸗ nen, daß er erwiſcht wird.— Unſere Vorſichts⸗ maaßregeln ſind überall ſo ausgezeichnet getroffen, daß ein Diebſtahl mit Einbruch faſt unmöglich iſt. „Wenn uns unſere übergroße Sicherheit nur nicht einmal ſchadet,“ ſagte ein anderer Kaufmann von ſehr dunkler Färbung, der lang ausgeſtreckt in einem Rohrſtuhl lag.„Wir verlaſſen uns viel zu ſehr auf unſere Oppaß, bis wir einmal tüchtig mit dieſen ſelber anlaufen. Wenn man aber auch wirklich ſo einem Lump nicht mehr traut, kann man ihn nachher nicht einmal gut wegſchicken, da er mit allen Schlichen und Gängen im ganzen Lager bekannt und vertraut iſt.“ Unter dem Aequator. II. 7 „Apropos,“ lachte Van Roeken, zu Wagner gewandt—„da wir gerade von Lumpen reden, fällt mir mein neuer Hausgenoſſe ein. Mir iſt noch gar nicht gemeldet, daß er angekommen iſt.” 1 „Haſt Du denn ſeinen früheren Diener den Tojiang auch hier im Haus?“ frug Wagner. „Ich werde mich hüten,“ ſagte Van Roeken, „der ſchläft mit den übrigen Arbeitern in der Stadt— und bekommt nur bezahlt, was er den Tag über leiſtet. Ich habe mich mit dem Bur⸗ ſchen nicht weiter einlaſſen wollen.— Hehl Sa- päda— iſt Tuwan Horbach in dem Bendi ge⸗ kommen.“ „Tra tau, Tuwan,“ antworteten die verſchie⸗ denen Diener achſelzuckend—„haben ihn nicht geſehen.“ 4.. „Das iſt merkwürdig,“ ſagte Van Roeken, indem er von ſeinem Stuhl aufſtand, und nach dem hinteren Theil des Hauſes ging. „Iſt etwas vorgefallen?“ frug Mynheer Raſtlopp. „Nicht das Geringſte,“ erwiderte Van Roeken; „ich habe nur vor beinah drei Stunden ein Bendi hinunter nach dem Hospital geſchickt, den lieder⸗ 99 lichen Horbach von dort abzuholen; aber weder Bendi noch Horbach laſſen ſich blicken.“ „Der Kutſcher wird ruhig zu Haus gefahren ſein,“ ſagte Wagner. „Oh bewahre,“ rief Roeken,„ich habe ihn nicht allein im Voraus bezahlt, Horbach kein Geld in die Hände zu geben, ſondern auch die beſtimmten Wäſch⸗ und Kleidungsſtücke mit⸗ geſchickt.“ „Und kennſt Du den Kutſcher?“ „Verſteht ſich; es iſt ein Geſchirr von Thi⸗ haing aus dem nächſten Kampong, wo ich ſtets mein Fuhrwerk holen laſſe, wenn ich einmal mit meinen Pferden auf dem Trocknen ſitze.“ „So ſchickt doch einmal hinüber,“ ſagte ein Anderer der Gäſte,„das iſt ja das aller Ein⸗ fachſte. Ein Diener kann in einer Viertelſtunde wieder zurück ſein.“ Van Roeken befolgte den Rath, und ſchickte Einen von ſeinen Leuten ab, ſich zu erkundigen was aus Bendi und Paſſagier geworden wäre. Der Burſche kam auch in ſehr kurzer Zeit, aber mit der Meldung zurück, daß der Kutſcher ſchon ſeit einer Stunde etwa wieder zu Haus ſei. Er habe den weißen Tuwan aus dem Hospital ab⸗ geholt und ihm das Paket mit Kleidungsſtücken 7* 100 übergeben, wie ihm befohlen worden. Der Tu⸗ wan hatte ſich aber nicht wollen hierher fahren laſſen, ſondern verlangte in die Stadt, auf den chineſiſchen Markt geſchafft zu werden. Natürlich konnte ſich der Malaye dem Weißen nicht wider⸗ ſetzen. Auf dem chineſiſchen Markt ſei der Tu⸗ wan dann ausgeſtiegen und habe ihm befohlen, nach Haus zurückzufahren— weil er ihn nicht mehr brauche. Van Roeken ſchüttelte zu dem wunderlichen Bericht den Kopf; heute Abend ließ ſich aber doch Nichts mehr an der Sache thun.— Mor⸗ gen wollte er dann zuſehen, wie das Ganze zu⸗ ſammenhing. Heffken, der ſich außerordentlich wenig darum bekümmerte, was aus dem„nichtsnutzigen Deut⸗ ſchen“ geworden, und ob er ſich je wiederfinde, hatte ſich indeſſen mit einigen anderen Herren zu einer Parthie Whiſt angeſetzt, und als Mynheer Raſtlopp austrat, zu Haus zu fahren, nahm Van Roeken ſeine Stelle ein. Wagner hatte ſich um elf Uhr empfohlen, noch zu Romelaers hinüberzufahren, wo er auf das Herzlichſte empfangen wurde, und Van Roe⸗ ken wäre zuletzt auch gern zu Bett gegangen, — aber Heffken ſchien heute Abend unermüdlich 101 in Whiſt und Anekdoten. Er wollte nicht auf⸗ hören zu ſpielen wie zu erzählen, und während Mevrouw ſchon lange in ihrem Rohrſtuhl ſanft ſchlummerte, provocirte er noch immer wieder einen neuen Rubber. Van Roeken als Hausherr konnte natürlich nicht aufbrechen, und Heffken wäre diesmal viel⸗ leicht bis zur Morgendämmerung ſitzen geblieben, hätten die anderen beiden Herrn nicht endlich den todtmüden Wirth erlößt. Es war zwei Uhr Morgens als man die armen Teufel von Malayen, die ſchon ſeit vielen Stunden draußen auf dem Bock ihrer Fuhrwerke ſaßen und ihre Herren erwarteten, endlich herbei⸗ rief. Die Boedjangs zündeten ihre Bambus⸗ fackeln an und traten hinten auf; die Kutſcher ſchnalzten mit der Zunge, und fort raſſelten die Wagen in die ſtille, ſternhelle Nacht hinein, bis ihre Lichter endlich in der Ferne, wie ſinkende Sterne erloſchen. VII. Am nächſten Morgen fuhr Herr Heffken zur gewöhnlichen Zeit in ſein Comptoir. Die jungen Leute die unter ihm arbeiteten waren ſchon dort, mußten aber auf ihn warten, da er die Schlüſſel mitbrachte, und Einer von ihnen, ſchon ein ziem⸗ lich alter Knabe, vertrieb ihnen indeß die Zeit ſo gut, daß ſie oft in ſchallendes Gelächter aus⸗ brachen. Herr Jooſt war überhaupt ein merkwürdiges Individium, mit ſehr bleichen, durch dunkle fet⸗ tige Haare ſcharf abgeſchnittenen und von Sommer⸗ ſproſſen faſt entſtellten Zügen, und zwei Reihen ordentlich unheimlich weißer Zähne, aber mit etwas ſehr drolligem in ſeinem Ausdruck wie einem unverwüſtlichen, trockenen Humor. 103 Herr Heffken kam endlich und ſchloß ſein Comptoir auf, und malayiſche Diener ſprangen, während er ſelber ſein kleines Blechkäſtchen mit den nöthigen Papieren auf ſein Schreibpult ſetzte, hinzu, den Raum zu lüften und zu reinigen, als ein Ausruf eines der jungen Leute die Aufmerk⸗ ſamkeit Aller nach dem Geldſchrank zog. „Die Kaſſe iſt erbrochen!“ rief dieſer, und nur ein Blick genügte, die ſchlimme Wahrheit zu beſtätigen. Die obere Thür deſſelben ſchien aller⸗ dings geſchloſſen, aber die kleinen Klappen und Schieber, welche die geheim gehaltenen Schlüſſel⸗ löcher verdeckten, waren mit einem ſcharfen, noch daneben am Boden liegenden Inſtrument abge⸗ brochen und der Schrank ſtand offen. Einer der jungen Commis wollte gleich dar⸗ auf zuſpringen, es näher zu unterſuchen, Heffken verhinderte ihn aber daran. „Halt!“ rief er ihm zu.„Rühren Sie den Schrank nicht an— Jooſt, fahren Sie augen⸗ blicklich, ſo raſch Ihr Pferd laufen kann, auf die Policey hinunter, machen Sie die Anzeige und bringen Sie gleich die nöthigen Beamten mit, den Thatbeſtand zu conſtatiren. Von Ihnen verläßt indeſſen keiner das Zimmer— wir wiſſen nicht, ob es vielleicht wünſchenswerth iſt, die 104 Sache vor der Hand geheim zu halten. Jeden⸗ falls mögen die Beamten darüber entſcheiden.“ Wenige Secunden ſpäter rollte Jooſt in ſei⸗ nem Bendi raſch dem Policeygebäude zu, wäh⸗ rend Heffken indeſſen auf das Sorgfältigſte das Zimmer ſelber unterſuchte, weitere Spuren auf⸗ zufinden. Dieſe zeigten ſich vor allen Dingen am Fenſter— zwei der eiſernen Stäbe, die das⸗ ſelbe nach Außen ſchützten, und überdies ſchon arg vom Zahn der Zeit gelitten hatten, waren durch⸗ geſägt, und die Stücke, nachdem ſich der Dieb entfernte, wieder zurückgebogen worden, vielleicht eine vorzeitige Entdeckung von Außen zu ver⸗ meiden. Im Zimmer ſelbſt lag ein Stück halbgerauch⸗ ter Cigarre, und einige angebrannte Schwefelhöl⸗ zer daneben zeigten, daß der Dieb auch mit Feu⸗ erzeug verſehen geweſen und mit dieſem, entweder die Cigarre oder vielleicht eine Blendlaterne an⸗ gezündet hatte. In ſehr kurzer Zeit kamen übrigens die Be⸗ amten angefahren, und eine Unterſuchung des Schrankes ergab vor allen Dingen, einen nicht unbeträchtlichen Verluſt an Banknoten und Gold, 4 was in der oberſten Abtheilung des Schrankes gelegen und ſich im Ganzen auf eine Summe von 6 105 ca. 20000 Gulden belaufen mochte. 16000 Gul⸗ den gehörten der Compagnie und 4000 waren Heffkens eigenes Capital, das er vor kurzer Zeit aufgenommen um es, wie er angab, nach Holland zu ſenden. Das untere Fach, das eigentlich die werth⸗ vollſten Papiere, wie außerdem eine nicht unbe⸗ deutende Summe in Spaniſchen Doublonen ent⸗ hielt, hatte der Dieb oder die Diebe nicht auf bekommen. Auch hier waren die Schieber theils zurückgebogen, theils nur beſchädigt. Unerklärlich blieb, wie der Dieb den oberen Theil aber geöffnet hatte, wenn er keinen Schlüſſel dazu gehabt, denn obgleich an dem Schlüſſelloch viele Zeichen von dem gewaltthätigen Einpreſſen und Scheuern eines harten Inſtruments erkenn⸗ bar waren, ſchien das Schloß doch nicht hinläng⸗ lich verletzt, einer ſolchen Kraft nachgegeben zu haben. Heffkens Schlüſſel konnte es noch auf und zu ſchließen, und der innere Mechanismus war in keiner Weiſe geſtört worden;— wenn aber der Dieb einen Nachſchlüſſel gehabt, wozu dieſe Anſtrengung das Schloß zu ſprengen? Er mußte aber einen Schlüſſel gehabt haben, denn ein Diet⸗ rich hätte das künſtliche Schloß nie geöffnet, und außerdem war er auch nicht im Stande geweſen, 106 die untere Klappe zu öffnen, die ein anders Schloß trug. Auch vor dem Hauſe wurde jetzt nachgeſucht, doch ließen ſich natürlich auf dem mit Stein⸗ platten belegten Boden unten, keine weiteren Spu⸗ ren entdecken. Aber im Comptoir hatte indeſſen der eine der Commis ein kleines Zahnſtecher Etui von Schildpatt gefunden, das Niemandem von ihnen gehörte. Auf der einen Seite war mit ei⸗ nem Meſſer oder einer Nadel ein N. eingekratzt, und es wurde dem Policeybeamten mit dem Stemm⸗ eiſen, dem Cigarrenſtummel und den Schwefelhöl⸗ zern übergeben, aus dieſen todten Zeugen die möglichſten Schlußfolgerungen zu ziehen und den Thäter zu entdecken. DTor der Hand baten die Beamten aber Herrn Heffken— außer der Maatſchappy, der er natür⸗ lich gleich Bericht erſtatten mußte— über den Diebſtahl zu ſchweigen, bis ſie nähere Nachfor⸗ ſchungen angeſtellt hatten. Thörichte Vorſicht— der Dieb wußte doch, daß ſeine That jetzt ent⸗ deckt war, und hatte den Raub wohl ſchon lange in Sicherheit gebracht. 107 Hedwig hatte indeſſen einen trüben Tag ver⸗ bracht, und Wagners Beſuch an jenem Morgen, anſtatt ſie zu beruhigen, ihr Herz nur noch mehr mit Sorgen und Zweifeln gefüllt.— Weshalb kam Van Roeken nicht ſelber?— war er wirk⸗ lich verreiſt?— Sie wollte daran zweifeln, und doch— weshalb hätte er ſie dann nicht ſchon aufgeſucht— ſie war ja ſein— ſein Eigenthum, das er ſich verſchrieben und erkauft— und von dem Gedanken im innerſten Herzen zerknirſcht, barg ſie das Antlitz in den Händen, in ſchmerz⸗ lichem und doch ſo nutzloſem Grübeln den Tag zu verträumen. Die alte Kathrine ging in dem Zimmer aus und ein— ſie hätte ihre junge Herrin gern ge⸗ tröſtet, aber der ganzeEmpfang hier kam ihr ſel⸗ ber unheimlich und jedenfalls ganz anders vor, wie ſie ihn wohl erwartet haben mochte. Dabei fühlte ſie ſich zwiſchen den vielen rothhäutigen und gelben Malayen und Chineſen, von deren Sprache ſie kein Wort verſtand, ebenfalls nicht wohl: es kam ihr immer ſo vor, als ob ſie von ihnen ausgelacht würde, und als ob Jemand hin⸗ ter ihr drein Geſichter ſchnitte. Sie hätte, wer weiß was, darum gegeben, wieder daheim, wieder in ihrem alten, freundlichen Frankfurt zu ſein, 108 und das fremde, wunderliche Land nie geſehen zu haben. Der ganze Sonntag verging ſo— der ganze Montag. Das war ein Leben und Treiben in dem Hauſe, ein Hin⸗ und Wiederfahren und Lau⸗ fen und Rufen, und auf dem breiten Hofe brannte die Sonne dazu nieder, und über die Dächer ſchauten die Palmenkronen ſo fremd herüber— da war auch Nichts, das die armen Frauen an die Heimath erinnert hätte— nicht einmal die Sterne Nachts, die in anderen Bildern über ih⸗ ren Häupten ſtanden. Jetzt ſchlug wieder die Mittagsſtunde— die farbigen Diener ſchleppten Schüſſeln nach Schüſſeln in den großen Saal hinüber; die Kutſcher brach⸗ ten ihre Pferde in die Ställe und die jungen Burſchen, die erſt nach der Tafel mit ihren bren⸗ nenden Lunten gebraucht wurden, lagen auf dem ſteinernen Boden der Vorhallen und hielten ihren Mittagsſchlaf vor Tiſche. Hedwig hatte ſich von den Wirthsleuten aus⸗ gebeten, in ihrem Zimmer eſſen zu dürfen, denn ſie wagte ſich nicht zwiſchen die vielen fremden geputzten Menſchen hinaus, und Schüſſel nach Schüſſel wurde ihr jetzt gebracht, wo ſie von der erſten kaum gekoſtet, während ſie ſich den Leuten „. nicht verſtändlich machen konnte, daß ſie Nichts weiter bedürfe. Sie hätte weinen mögen, ſo weh — ſo herzlich weh war ihr zu Sinn. Der alten Kathrine Unruhe erſtreckte ſich in⸗ deſſen nicht bis auf den Magen, und die Eſens⸗ zeit war die einzige, die ihr noch gewiſſermaßen Erſatz für alle übrigen„Entbehrungen“ brachte. Sie that ihr Möglichſtes, und nach dem Eſſen, als die Diener das Geſchirr wieder hinausgeräumt, wollte ſie ihrem lieben Fräulein eben das Lager ein wenig zurecht rücken, daß ſie unter dem Mos⸗ kitonetz, vor den zahlloſen Mücken geſchützt, ein Stündchen ruhen könne, als Einer der Malayi⸗ ſchen Burſchen an die Thür pochte, und den Kopf hereinſteckend, meldete:„Ein Tuwan wünſche ſie zu ſprechen.“. Daß Tuwan Herr bedeute, hatte Hedwig ſchon gelernt, wenn ſie auch weiter Nichts von der Meldung verſtand. Zitternd fuhr ſie aber von ihrem Sitz empor, denn ſie fühlte, daß der Augenblick ſich nahe, in dem ſich ihr künftiges Ge⸗ ſchick entſcheiden ſolle. Der Malaye wartete übrigens gar nicht auf weitere Antwort, denn ſchon im nächſten Moment war er wieder verſchwunden, und gleich darauf pochte es ziemlich herzhaft an die Thür. * 110 „Herein,“ hauchte Hedwig, denn die Stimme verſagte ihr faſt den Dienſt, und krampfhaft preßte ſie die Hand auf das Herz, als mit dem Wort auch ſchon die Thür ſich öffnete, und eine kleine verwachſene Geſtalt auf der Schwelle ſtand, ein paar kleine, graue, unſtäte Augen ihrem Blick begegneten. „Mein Fräulein, ich hoffe, daß ich Sie nicht ſtöre,“ — ſagte die Geſtalt, indem ſie ohne die geringſte Schüchternheit in's Zimmer trat, und der jungen Dame eine etwas förmliche Verbeugung machte, „Fräulein Bernold, nicht wahr?“ Hedwig ſchnürte es faſt die Kehle zu— ſie konnte nicht Athem holen— ſie konnte nicht ant⸗ worten. Jeder Blutstropfen hatte ihr Antlitz ver⸗ laſſen, und nur ein leiſes Neigen des Hauptes bejahte die Frage. „Schön,“ ſagte der Beſuch, indem er ſeinen Hut auf den Tiſch legte, einen Stuhl heranrückte und dann ruhig fortfuhr:—„Ich habe mich ohne weitere Umſtände bei Ihnen eingeführt, aber als ein alter Freund Van Roekens, der kein Geheim⸗ niß vor mir hat—“ „Sie ſind“— ſtotterte Hedwig, und die Auf⸗ regung, in der ſie ſich in dieſem Augenblick be⸗ fand, konnte Heffken unmöglich entgehen. 111 „Ich glaube nicht, daß ich das Vergnügen habe, von Ihnen gekannt zu ſein,“ ſagte der Mann mit einem ſüßlichen Lächeln—„Mein Name iſt Heffken— ich bin Buchhalter in der Holländiſchen Maatchappey und nur hierherge⸗ kommen—“ „Gott ſei Dank!“ ſtieß da die alte Kathrine heraus, die mit gefalteten Händen in der Ecke ge⸗ ſtanden und den Beſuch mit ſtieren Augen betrach⸗ tet hatte. Herr Heffken ſah ſich etwas erſtaunt nach ihr um; die Kathrine erſchrak aber ſchon genug ſel⸗ ber über die Worte, die ihr unwillkürlich ent⸗ ſchlüpft waren, und fuhr ohne Weiteres aus der Thür, draußen erſt wieder einmal ordentlich Athem zu holen. „Was hat denn die Frau?“ ſagte Heffken, erſtaunt ihr nachſehend. „Es iſt eine alte, treue Dienerin, die ich mit⸗ gebracht habe,“ ſagte Hedwig, die durch dieſe Unterbrechung Zeit gewann ſich ſelber zu ſam⸗ meln.„Ich fürchtete mich, die lange Seereiſe allein zu machen.“ „Hm,“ ſagte Herr Heffken, und ſah ein paar Secunden ſtill vor ſich nieder—„aber das läßt ſich Alles einrichten— die Hauptſache iſt, mein 4 8 12 Fräulein, daß ich Theil an Ihrem Schickſal nehme, und gern Alles dazu beitragen möchte, Sie nicht bereuen zu laſſen, hier nach Java gekommen zu ſein.“ Hedwig konnte den Ideengang des Mannes nicht verfolgen. Sie verſtand wohl die Worte, denn Heffken ſprach, wenn auch mit etwas aus⸗ ländiſchem Accent, doch das Deutſche vollkommen correkt— aber ſie verſtand den Sinn derſelben nicht. Auch ſah der Mann vor ihr gerade nicht aus, als ob er an irgend etwas großen oder innigen Antheil nehmen könne— wenigſtens an Nichts, was das Herz betraf. Sein eben nicht be⸗ ſonders einnehmendes Geſicht war von einer flie⸗ genden Röthe— vielleicht den Folgen des eben beendeten Diners— überzogen; ſeine zuſammen⸗ gedrückten grauen Augen ſchoſſen fortwährend kleine Miniaturblitze im Zimmer umher, und begegneten den ihrigen nicht zwei Secunden ruhig hinter einander, und der ganze Ausdruck ſeiner Züge hatte etwas Höhniſches und Abſtoßendes, das nicht für ſich einnehmen konnte. Heffken wußte allerdings liebenswürdig zu ſein — wenn er eben wollte— aber er hielt das hier entweder nicht für nöthig, wo er nur hergekom⸗ men war eine Geſchäftsſache abzumachen— oder war auch möglicher Weiſe heute nicht in der Stimmung, einmal ſo ganz aus ſich heraus zu gehen. „Ich verſtehe Sie nicht,“ ſagte ſie leiſe. „Ich will deutlicher ſprechen,“ erwiderte Heff⸗ ken, und bemerkte gar nicht, daß die Kathrine wieder in dieſem Augenblick in's Zimmer trat, oder achtete nicht darauf. Die alte treue Magd hatte ſich nämlich überlegt, daß ſie ihr junges, liebes Fräulein doch nicht mit dem„alten, häß⸗ lichen Menſchen“ allein laſſen könne; und war deshalb zurückgekehrt, ſo unheimlich ſie ſich in ſei⸗ ner Nähe fühlte. „Ich will deutlicher ſprechen,“ wiederholte Heff⸗ ken langſamer,„möchte aber vorher die Frage an Sie richten, ob Sie ſich ſchon entſchloſſen ha⸗ ben, hier auf Java— was ich Ihnen anrathen möchte— zu bleiben, oder— ob Sie wieder nach Deutſchland zurückkehren wollen?“ „Mein Herr,“ ſagte Hedwig, der dieſe unzarte Berührung ihres überdies peinlichen Zuſtandes weh that—„Sie haben mir eben verſichert, daß Sie ein Freund des Herrn Van Roeken ſind, und“— dunkle Röthe deckte dabei ihr Geſicht— „den Grund kennen, weshalb ich Batavia beſucht habe. Sie müſſen dann aber auch wiſſen, daß ich, Unter dem Aequator. II. 8 114 nachdem ich dieſen Schritt gethan, nicht mehr mein eigner Herr bin.“ „Vollſtändig, mein liebes, beſtes Fräulein, vollſtändig!“ rief aber Heffken.„Von dem Augen⸗ blick, wo Van Roeken ſeine jetzige Frau nahm, konnte er nicht mehr darüber beſtimmen, wo Sie künftig Ihren Aufenthalt wählen würden. „Herr Van Roeken?“ ſagte Hedwig, indem ſie den Arm langſam gegen Heffken ausſtreckte, und ihn ſtier und ſtaunend anſah—„Herr Van Roeken ſagen Sie?— ſeine— ſeine jetzige— Frau nahm?“ .„Ja,“ nickte Heffken, ſprang aber auch im nächſten Augenblick ſchon von ſeinem Stuhl auf und rief—„alle Teufel, davon haben Ihnen die Beiden wohl noch gar Nichts geſagt, daß Van Roeken indeſſen geheirathet hat? Ah, das nehme mir aber kein Menſch übel, das iſt ein Bischen ſtark.“ „Der Herr Van Roeken hat ſchon geheira⸗ thet?“ ſchrie in dieſem Augenblick die Kathrine, die nicht länger zurückhalten konnte—„ei ſo ein nichtsnutziges, erbärmliches Oos— daß er die Kränk kriegt.“ „Die alte Perſon ſpricht ein ſehr verſtändliches Deutſch,“ ſagte Heffken mit einem boshaften Lächeln, 115 „und Van Roeken hat eben Nichts verloren, daß er die Aeußerung nicht hörte.“ Hedwig hat keine Sylbe von dem, was die Kathrine geſagt, verſtanden; nur das Eine hörte — begriff— fühlte ſie, daß ſie ſchändlich und er⸗ barmungslos verrathen und betrogen ſei,— heraus gelockt aus ihrer Heimath in ein fremdes Land, jetzt als Spott den Leuten zu dienen, daß ſie mit Fingern auf ſie deuten konnten.„Allbarmherziger Gott,“ flüſterte ſie leiſe vor ſich hin, und barg dabei ihr Antlitz in den Händen,—„hab ich denn das verdient? hab ich denn das verdient?“ Die Kathrine war eigentlich erſchrocken, als ihr die heftigen Worte ſo in Gegenwart ihres Fräuleins und des Fremden entſchlüpften.— Als ſie aber jetzt das arme, junge Mädchen in ein⸗ ander brechen ſah, als ſie all des Herzeleids ge⸗ dachte, das ſie ſchon ertragen und Alles, Alles unverſchuldet, Alles mit einer Geduld und Sanft⸗ muth, die einen Engel hätte beſchämen können, da brach ihr faſt das Herz. Zu Hedwig ſpringend legte ſie ihren Arm um ihren Nacken, und ſagte leiſe und liebkoſend. „Komme Sie, mei liebs, guts Fräule, komme Sie,— nicht weine vor dem— vor dem Aff' do,“ flüſterte ſie ihr ſo leiſe zu, daß Heffken die Worte 8* 116 —x nicht verſtehen konnte.„Wir beide gehn widder heim, gehn widder nach Frankfort, und wann wir auch die lange ekliche Reiſ' noch als emol mache miſſe. Nicht weine übr die ſchlechte Menſche, die ſin kei Thräne werth, und dorch komme mer aach ſchon. Nur kei Furcht mei Herzenskind,— nur kei Furcht, der alte Gott lebt noch und— die alte Kathrine aach.“ Heffken hatte dieſer Scene allerdings vollkom⸗ men ruhig und gleichgültig, aber doch auch wie⸗ der mit einem gewiſſen, unbehaglichen Gefühl zu⸗ geſehen, da es ihm faſt ſchien, als ob er für ſeine Zwecke hier ein wenig zu früh gekommen ſei. „Beſſer zu früh als zu ſpät,“ dachte er aber auch wieder,—„ein Bischen austoben muß man die Sache laſſen; nachher giebt ſich Alles von ſelber. — Und dieſer ſcheinheilige Wagner— hat mich richtig angelogen, um mich von der rechten Fährte zu bringen.— Alles abgemacht,— Alles in Ord⸗ nung, ja den Teufel.— Ob er aber nicht am Ende ſelber?“ fuhr er plötzlich auf, ohne jedoch dem Gedanken Laut zu geben,—„zum Henker auch, ich bin doch am Ende nicht zu früh gekommen, und muß nur das Eiſen ſchmieden, weil es warm iſt.“ „Ich danke Dir, liebe Kathrine,“ ſagte Hedwig 117 in dieſem Augenblick, indem ſie langſam das Antlitz zu der alten, treuen Perſon emporhob,„habe keine Sorge um mich,— es iſt ſchon Alles gut und vorüber. Sei nur ſo gut und ſetze Dich dort hinten ſtill in die Ecke,— es iſt noch Einiges, was ich mit dem Herren beſprechen muß. Nach⸗ her ordnen wir dann unſeren Reiſeplan,— äng⸗ ſtige Dich nicht; wir bleiben bei einander, und ich bin ſtark genug, zu tragen, was da komme.“ Die Kathrine küßte den Arm, der gegen ſie ausgeſtreckt war, wie eine Mutter ihr Kind ge⸗ küßt haben würde. „Alſo Sie haben wirklich kein Wort von der ganzen Geſchichte gewußt?“ ſagte Heffken noch ein⸗ mal,—„das finde ich ſehr Unrecht, und mir hat Wagner noch geſtern Abend feſt verſichert, daß Alles geordnet und abgemacht ſei, während ich ſelber nur hergekommen bin, zu ſehen ob es auch zu Ihrer Zufriedenheit geſchehen, und ob ich Ihnen vielleicht mit etwas dienen könne.“ „Sie ſind ſehr gütig,“ hauchte Hedwig leiſe, —„aber— hat Sie vielleicht Herr Van Roeken zu mir geſandt?“ ſagte ſie von einem plötzlichen Gedanken ergriffen. 1 Heffken wußte nicht gleich was er darauf ant⸗ worten ſollte; er wußte aber auch nicht, wohin 118 ihn eine direkte Unwahrheit führen konnte und ſagte deshalb: „Nein— geſandt, was man ſo nennt, gerade nicht, aber— ich dachte mir, daß es Ihnen viel⸗ leicht unangenehm ſein könnte, mit dem Mann, der Ihre Gefühle ſo verletzt hat, unmittelbar zu unterhandeln, und wollte Ihnen deshalb meine Dienſte anbieten. Er muß zahlen, da gebe ich Ihnen mein Wort, ſo befreundet ich ſonſt mit ihm bin,— zahlen muß er, und tüchtig, und wenn er ſich auch nicht gleich darauf einläßt, wir haben Zeit zu warten. Ich verſchaffe Ihnen indeſſen ſchon ein Unterkommen hier, denn wenn Sie ihm unabhängig gegenüber ſtehen, können Sie Ihr Recht viel beſſer und nachdrücklicher verfolgen.“ „Was meinen Sie damit?“ frug Hedwig ver⸗ wirrt, denn dies erſte Gefühl der Demüthigung hatte ſie ſo niedergedrückt, daß ſie nicht einmal recht begriff, was Heffken mit den Worten ſagen wollte. „Nun,“ erwiderte Heffken ruhig,„Sie haben doch jedenfalls Anſpruch auf einen tüchtigen Scha⸗ denerſatz, den er Ihnen auch nicht weigern kann, aber— wenn Sie es verſtehen, ordentlich darauf zu drücken, und beſonders Jemanden an der Seite haben, der mit den Verhältniſſen hier bekannt iſt, “ 119 können Sie bei der ganzen Geſchichte noch Ihr Glück machen. Van Roekens Frau iſt ſteinreich, — eine Farbige— Lip⸗lap, wie wir hier ſagen, von einem weißen Vater und einer Malayiſchen Mut⸗ ter abſtammend. Er hat ſie auch nur ihres Gel⸗ des wegen genommen, und vor der Frau jetzt eine Heidenfurcht, daß ſie nämlich erfährt, wie er mit Ihnen ſteht.— Sie iſt furchtbar eiferſüchtig, und wenn Alles geſchickt arrangirt wird—“ „Großer Gott,“ rief Hedwig erſchreckt, die jetzt erſt begriff, auf was er hinaus wollte,—„und glauben Sie, daß ich zu einen ſolchen Mittel meine Zuflucht nehmen würde?— ich Geld er⸗ preſſen?— barmherziger Himmel, arbeiten will ich,— arbeiten, ſoweit meine Kräfte ausreichen, und über meine Kräfte, aber Geld von dem Manne nehmen, der mich auf ſolche Weiſe hintergangen? — Nie— nie im Leben.“ „Mein liebes Fräulein,“ ſagte Heffken lächelnd, „Sie ſprechen jetzt in der erſten Aufregung und in dem Gefühl gekränkter, weiblicher Eitelkeit, die hier auch vollkommen gerechtfertigt iſt, aber— das wird ſich ſchon geben. Nur darin haben Sie vollkommen Recht, daß Sie ſich ſo raſch als ir⸗ gend möglich von Van Roeken frei machen müſ⸗ ſen. Schon das würde mir— in Ihrer Stelle — ein drückendes Gefühl ſein, hier in dem Gaſt⸗ hofe zu wohnen, den er für Sie bezahlt. Der Gang unſeres Rechtsverfahrens, wenn es ſelbſt dahin kommen ſollte, iſt dabei in Batavia ein er⸗ ſtaunlich langſamer und weitläufiger,— auch würde ich Ihnen nicht einmal rathen, das Land, das Sie vorher doch erſt einmal müſſen kennen lernen, ſo gleich wieder zu verlaffen. Manche junge Dame hat hier ſchon ihr Glück gemacht und ſich ſpäter ſehr wohl hier befunden. Die Haupt⸗ ſache würde alſo ſein, daß Sie, um vollſtändig unabhängig von Herrn Van Roeken dazuſtehen, vor allen Dingen in irgend eine Stellung ein⸗ treten, in der Sie ſich, ohne Ihre Kräfte zu ſehr anzuſtrengen, Ihr Brod ſelber verdienen könnten. „Aber wie iſt das möglich?“ ſagte Hedwig, der bei den wunderlichen Reden des Fremden der Kopf wirbelte. Nur das Verletzende, Kalte, Ab⸗ ſtoßende fühlte ſie auch heraus, ſo freundlich und theilnehmend die Worte eingekleidet waren. Aber meinte er es nicht doch vielleicht gut mit ihr— ſo unfreundlich auch ſein Aeußeres war, ſo ſcharf und ſchneidend ſeine Worte ihr in die Seele dran⸗ gen?— Wie herzlich— wie theilnehmend hatte Wagner mit ihr geſprochen, und doch wußte er dabei um den Verrath ſeines Freundes und hatte 121 ſie nicht gewarnt— nicht einmal davon in Kennt⸗ niß geſetzt, ihr dieſe Scene jetzt, ihr dieſe ſcho⸗ nungs⸗ und erbarmungsloſe Darſtellung der Ver⸗ hältniſſe zu erſparen.— Wer war da ihr Freund — wer ihr Feind? „Möglich? ſehr leicht,“ ſagte Heffken gutmü⸗ thig,„und Ihnen zu beweiſen, welchen Antheil ich ſelber an Ihnen nehme, biete ich Ihnen dieſe Hülfe an. Würden Sie ſich zum Beiſpiel ent⸗ ſchließen können auf einige Zeit— ſo lange es Ihnen nänlich ſelber zuſagt— eine kleine Haus⸗ haltung zu führen, in der Sie vollkommen freie und unbeſchränkte Hand behielten— quaſi die Hausfrau repräſentirten?„Ihre alte Begleiterin,“ fuhr Heffken fort, als ihn Hedwig ſtaunend und überraſcht anſah—„würde dabei gar kein Hin⸗ derniß ſein. Sie verſteht jedenfalls, wie ich vor⸗ ausſetzen darf, vortrefflich zu kochen— alle deut⸗ ſchen Frauen kochen gut— und es ließe ſich da ſehr leicht ein Arrangement treffen.“ Die auf den Porticus führende Thür war, ſo lange ſich der Beſuch in Hedwigs Stube befand, offen geblieben. Jetzt fiel ein Schatten herein und als ſich Beide danach umſahen, ſtand Wag⸗ ner dort und ſagte: „Mein Fräulein, ich muß um Entſchuldigung 122 bitten, daß ich— Herr Heffken!“— unterbrach er ſich aber in demſelben Augenblick, erſtaunt ge⸗ rade dieſen hier zu finden.„Das iſt allerdings eine Ueberraſchung auf die ich nicht gerechnet hatte.“. „Wie Sie ſehen, mein lieber Wagner,“ lachte Heffken, indem er ihm, ohne ſeinen Platz zu ver⸗ laſſen, nur leichthin zunickte. „Und Sie in Thränen, Fräulein?“ rief aber Wagner, ohne Jenen weiter eines Blicks zu wür⸗ digen—„ich darf kaum mehr fragen weshalb, denn wie mir ſcheint, hat ſich dieſer Herr hier auf ſehr unberufene Weiſe eingeführt, Ihnen Schmerz und Qual zu bereiten.“ „Unberufener Weiſe?“ ſagte Heffken ſpöttiſch lächelnd; Hedwig unterbrach ihn aber, und mit vor innerer Bewegung zitternder Stimme doch ihre ganze Kraft zuſammenraffend, ſagte ſie: „Mein Herr— ich kann dieſem fremden Herrn nur dankbar ſein, daß er offen und ehrlich mich von dem unterrichtet hat, was ich in der erſten Viertelſtunde meines Hierſeins hätte erfahren müſſen. Gott vergebe Ihnen Allen, wie Sie an mir ge⸗ handelt— wie ſie ein armes, freundloſes Mäd⸗ chen mit herzlichen Worten hierher gelockt, nach⸗ her Ihren Spott an ihrem Unglück zu haben— 123 Gott vergebe es Ihnen, wie Sie mich Alle ge⸗ täuſcht und hintergangen, aber häufen Sie nicht auch noch Vorwürfe auf den einzigen Mann, der wahr und ehrlich gegen mich geweſen.“ „Fräulein Bernold,“ ſagte Wagner mit tiefer Bewegung—„wenn auch abſichtslos, trage ich vielleicht die größte Schuld Ihrer jetzt gerechten Vorwürfe. Dieſe Scene hätte ich Ihnen er⸗ ſparen können, wenn auch nicht den Schmerz, den Van Roekens Betragen Ihnen leider bereitet. Aber laſſen Sie das Wort meines alten Freundes Scharner für mich ſprechen— vertrauen Sie mir und ſein Sie verſichert, daß ich Alles thun werde, was jetzt zu thun noch möglich iſt.“ „Keine Redensarten mehr, lieber Wagner— keine Redensarten mehr,“ ſagte da Heffken, dem dies Zuſammentreffen keineswegs erwünſcht war, der aber jetzt nicht mehr zurück konnte.„Die junge Dame verlangt mehr als das, und braucht nicht etwa darum zu bitten— ſie kann es for⸗ dern.“ „Herr Heffken,“ ſagte Wagner kalt,„ich weiß nicht, wer Sie gerade zum Vermittler in dieſer Sache, die keinen Vermittler weiter braucht, auf⸗ gerufen hat.“ „Das Fräulein ſelbſt,“ erwiderte Heffken keck, 124 „ſie hat ſich unter meinen Schutz geſtellt, und ich werde ihr beweiſen, daß ich wenigſtens meine Zuſagen halte.“ Wagner ſah erſtaunt Hedwig an. „Der Herr,“ ſagte Hedwig ſchüchtern,„hat mir ein Aſyl in ſeinem Hauſe angeboten.“ „In ſeinem Hauſe?“ rief aber der junge Mann empört aus—„und hat er Ihnen da auch geſagt, daß er Junggeſelle iſt?“ „Oh der ſchändliche Kerl,“ rief die Kathrine aus der Ecke vor; Hedwig aber wurde todten⸗ bleich, und das Antlitz in den Händen bergend, ſtöhnte ſie: „Auch das noch.“. „Sie ſehen,“ fuhr Wagner, der ſich hoch empor gerichtet hatte, kalt zu Heffken fort,„daß Ihre Gegenwart hier nicht mehr nöthig iſt— nicht mehr gewünſcht wird. Sie haben eine klägliche Rolle geſpielt, Herr Heffken, und ich möchte nicht, um alle Schätze Javas, in dieſem Augenblick an Ihrer Stelle ſein.“ „Ich bin offen und ehrlich mit dem zu Werke gegangen,“ ſagte Heffken boshaft, indem er auf⸗ ſtand und ſeinen Hut ergriff,„was Andere eben auch nur auf Umwegen zu erreichen ſuchen. „Noch ein Wort der Beleidigung gegen die 125 junge Dame,“ rief Wagner, der ſeine Faſſung kaum bewahren konnte,„und beim ewigen Gott, ich vergeſſe, daß Sie— ein Krüppel ſind.“ „Setzen Sie Ihrem Treiben auch noch die Krone durch rohe Gewalt auf,“ ſagte Heffken ver⸗ ächtlich, indem er ſich jedoch nach der Thür zu⸗ rückzog,„übrigens werde ich Sie ſpäter wegen dieſer Worten um Erklärung bitten.“ „Ich ſtehe Ihnen zu Dienſten,“ ſagte Wagner kalt und der Buchhalter verſchwand ohne Gruß, ohne weiteres Wort aus der offenen Thür. Wagner ſtand regungslos dem jungen, un⸗ glücklichen Mädchen gegenüber. Er mußte ihr Zeit laſſen, ſich zu faſſen, er mußte ſich ſelber erſt wieder ſoweit ſammeln, mit ruhigen Worten ſie zu tröſten. Endlich ſagte er mit leiſer, be⸗ wegter Stimme: „Mein liebes Fräulein; mich trifft allerdings in dieſer Sache eine große Schuld; wenn ich aber gefehlt habe, geſchah es in guter und redli⸗ cher Abſicht— ich wollte Sie mit dem, was Sie doch erfahren mußten, auf ſo ſchonende Weiſe als möglich bekannt machen, und hatte, als ich Ihnen neulich gegenüber ſtand, nicht den Muth offen mit Ihnen zu reden. Ich nahm mir da vor, Ihnen Alles zu ſchreiben, und Ihnen dann —126. erſt mündlich die weitere Erklärung zu geben— aber auf dem Papier erſchienen mir die Worte, die Sie tröſten und beruhigen ſollten, wieder ſo kalt und herzlos. Ich fing zwei, drei Briefe an, und zerriß ſie alle wieder, denn ich fühlte, daß Sie mehr von uns fordern könnten, als eine todte Erklärung des Geſchehenen. Ich bin des⸗ halb zu Ihnen gekommen, Ihnen die zu geben, und wie ich ſehe, gerade zur rechten Zeit Sie der Gegenwart jenes— Menſchen zu entheben, der Ihr Unglück und— wie er glaubte, Ihre ſchutz⸗ loſe Lage zu ſeinen nichtswürdigen Zwecken aus⸗ zubeuten hoffte— darf ich reden?“— „Reden Sie,“ ſagte Hedwig leiſe—„ich habe keine Wahl weiter.“ Mit klaren und einfachen, aber herzlichen Worten, erzählte ihr jetzt Wagner, aber auf ſo ſchonende Weiſe wie möglich— erſt Van Roekens Wunſch ſich eine Häuslichkeit zu ſchaffen, dann die plötzliche Ausſicht die ſich ihm hier geſtellt und die er, der anderen Verbindlichkeiten nicht gedenkend, angenommen. Er verſicherte ſie dabei, wie ihn Van Roeken nicht um Rath gefragt, ja die erſten Schritte hinter ſeinem Rücken ge⸗ than habe, ſo daß er das Ganze erſt erfahren, als es zu ſpät geweſen. Auf ſo zarte Weiſe als möglich berührte er hierauf die Verpflichtungen, die Van Roeken gegen ſie ſelber übernommen und auf ihn übertragen habe, weil er ſich ſcheute ihr nach dem Vorgefallenen vor Augen zu treten. „Seien Sie verſichert, mein liebes Fräulein,“ ſetzte er dann herzlich hinzu,„daß dieſe unglück⸗ liche Sache in keine beſſeren Hände gelegt wer⸗ den konnte. Ich werde für Sie— ſchon meines alten Freundes Scharner wegen, handeln, als wenn Sie meine Schweſter wären, und wenn Sie mir nur vertrauen wollen, ſollen Sie we⸗ nigſtens keine weitere Sorge haben: Jetzt muß Ihnen nur vor allen Dingen Raum zur Ueber⸗ legung bleiben, ob Sie längere Zeit auf Java zubringen, oder nach Deutſchland zurückkehren wollen. Van Roeken iſt Ihr großer Schuldner; geſtatten Sie ihm, daß er nur einiger Maßen wieder gut zu machen ſucht, was er gefehlt. Sie ſelber ſollen außerdem, falls Sie nach Eu⸗ ropa zurückkehren, mit einer ſo delikaten Sache nicht behelligt werden, und ich bitte Sie nur mir und unſerem gemeinſchaftlichen Freund Schar⸗ ner zu erlauben, das Alles für Sie zu ordnen.“ Hedwig erwiderte noch immer kein Wort; 128 ſie zitterte an allen Gliedern und ſah ſtill und ſchweigend vor ſich nieder. „Ich laſſe Sie jetzt allein mein liebes Fräu⸗ lein,“ fuhr Wagner nach kurzer Pauſe fort; aber ich werde dafür Sorge tragen, daß Sie ſolchen Kränkungen, wie die eben erlebte, nicht wieder ausgeſetzt ſind. Ich bin hier in Batavia in man⸗ chen wackern Familien bekannt, und werde Ihnen in einer derſelben, in der mir ſelbſt liebe Freunde leben, ein Unterkommen ſchaffen, in dem Sie ruhig und ungeſtört, unter guten Menſchen einen Entſchluß faſſen können. Sie ſollen auch die Lichtſeiten unſeres Lebens hier kennen lernen“ ſetzte er heiterer hinzu,„damit Sie ſpäter ein⸗ mal nicht nur böſe und ſchmerzliche Erinnerungen aus unſerem ſchönen Java mit in die Heimath nehmen. Die nöthigen Schritte dazu werde ich ſchon heute oder morgen thun, und hoffe Ihnen dann recht bald gute Kunde bringen zu können. Alſo faſſen Sie Muth, Fräulein Bernold!— Gottes Wege ſind wunderbar; wer weiß ob nicht Alles was Ihnen jetzt wie Nacht und Schwarz erſcheint, ſich noch zum Guten und zum Heil wenden kann. Scharner hat an mich ausführlich über Sie geſchrieben; Sie kommen hier deshalb nicht unter lauter fremde, theilnahmloſe Menſchen. 129 Wenn ich dann ſelber auch noch Nichts gethan habe, Ihr Vertrauen zu verdienen, will ich es doch zu verdienen ſuchen, und wenn Sie Java wieder verlaſſen, ſollen Sie wenigſtens nicht von mir in Groll ſcheiden.“ Wagner war aufgeſtanden und grüßte ehr⸗ furchtsvoll die in ſich zuſammengebrochene Ge⸗ ſtalt des Mädchens; Hedwig regte ſich nicht und noch als er ſchon eine ganze Zeit lang fort war, blieb ſie bewegungslos in ihrer Stellung. Kathrine war leiſe hinter ihren Stuhl getre⸗ ten und flüſterte„Fräulein, liebes Fräulein“— Hedwig gab kein Zeichen, daß ſie es gehört— verſtanden habe. Der Alten liefen die großen hellen Thränen über die Wangen nieder, und langſam legte ſie die Hand auf der Jungfrau Schulter. Erſt bei der Berührung ſchrack Hedwig empor, ſprang von ihrem Stuhl auf, und die Arme um den Nacken der alten treuen Dienerin ſchlingend, warf ſie ſich an ihre Bruſt und hielt ſie ſo lange Zeit feſt und krampfhaft umſchloſſen. Unter dem Aequator. II. 9 VIII. Wagner hatte ſich, ohne mit irgend Jemandem im Hotel zu verkehren in ſein Bendi geworfen, und fuhr in das Geſchäft hinunter, dort Van Roeken von dem Geſchehenen ſowohl in Kennt⸗ niß zu ſetzen, als ihm mitzutheilen, was er jetzt zu thun beabſichtige. Als er aber gerade über die Brücke kam, wo der Weg in das chineſiſche Viertel hineinführt, begegnete ihm Van Roeken ſelber in ſeinem Einſpänner, auf dem hinten der erſt kürzlich angenommene Arbeiter und frühere Diener Horbachs, Tojiang ſtand. Die beiden leichten Fuhrwerke hielten neben einander. „Wo willſt Du hin?“ „Den liederlichen Horbach auffuchen,“ ſagte Van Roeken,„er iſt richtig bis jetzt noch nicht 131 zu Haus gekommen, und keine Spur von ihm zu finden. Im Hospital unten war ich ebenfalls ſchon. Der Bendi hat ihm geſtern wirklich die neuen Kleider gebracht und ihn abgeholt; dann iſt er fortgefahren, aber Niemand weiß wohin.“ „Und wo glaubſt Du, daß er jetzt ſteckt?“ „Tojiang, den ich mitgenommen, meint, er kenne die Spelunken ganz genau, wo er ſich ge⸗ wöhnlich herumgetrieben; er ſoll mich jetzt führen. Aber lieber iſt mir's ich habe Geſellſchaft; komm mit; in einer halben Stunde machen wir die ganze Sache ab.“ „Gut,“ ſagte Wagner,„dann komm ich mit zu Dir hinüber— ich habe doch Einiges mit Dir zu ſprechen, und Tojiang mag ſich zu meinem Kutſcher ſetzen. Wenn wir den Burſchen finden, wird es dem einen Pferde außerdem zu viel, Euch Alle mit fortzubringen.“ Der Tauſch war raſch gemacht. Während Tojiang Befehl erhielt voran zu fahren und den Weg zu zeigen, hielt Van Roekens Bendi dicht hinter ihm her, und beide bogen jetzt, quer über den chineſiſchen Paſar hinüber, in die krummen und engen Gaſſen des chineſiſchen Viertels ein, in denen ſie ſich hätten keinen beſſeren Führer 9* 132 wünſchen können, als eben den liederlichen To⸗ jiang. Raſch konnten ſie hier auch nicht vorwärts rücken. Es wimmelte in den Straßen nicht allein von Laſtträgern und wandernden Krämern, ſon⸗ dern auch von Kindern, die ſich entweder hetzten und haſchten, oder mitten in der Straße mit ihren Spielen ſaßen, und ſehr erſtaunt die hier ganz außergewöhnlichen Fuhrwerke ankommen ſahen, ohne Miene zu machen ihnen auszuweichen. Der Kutſcher mußte ſie erſt anrufen, daß ſie ihm nur Raum gaben hindurchzukommen. Und was für Höhlen ſchloſſen ſich ihnen da auf? In eine der Querſtraßen einbiegend, ſahen ſie eine Seitengaſſe, die in einen Sack auslief, und in der ſie nicht einmal hätten unwenden können. Sie waren deshalb gezwungen auszuſteigen, weil Tojiang hier die erſte Nachfrage halten wollte, und Van Roeken ihm nicht genug traute, dies ihn allein thun zu laſſen. Die Gaſſe hinaufgehend, die von Schmutz ſtarrte, ſahen ſie überall in den offenen, wenn auch engen Hausfluren, Trupps von chineſiſchen und Malayi⸗ ſchen Mädchen ſitzen,— junge und doch ſchon ver⸗ lebte Geſtalten und widerliche Weiber, in lange ſchmutzige Kattunlumpen gehüllt und mit unächtem Schmuck behangen, mit weißer Schminke ihre Ge⸗ ſichter gefärbt. Einzelne müſſige Chineſen trieben ſich zwiſchen dieſen herum, mistrauiſche Blicke nach den Fremden werfend, und erſt als Tojiang zwiſchen ſie ſprang und von einigen als alter Ge⸗ noſſe erkannt wurde, grüßten ſie die Tuwans. Im anderen Fall hätten dieſe auf keinen Gruß von den ſonſt ſo demüthigen Burſchen rechnen dürfen, denn ſie waren, als ſie ſich hier zeigten, zu tief aus ihrer Sphäre herabgeſtiegen. Tojiangs Nachfragen blieben jedoch erfolglos. Der weiße Mann oder der„wilde Tuwan“ wie ſie ihn nannten, war ihnen recht gut bekannt, aber ſchon ſeit langer, langer Zeit— wenigſtens vierzehn Tage— nicht in dieſe Gegend gekommen. Sie gingen zurück zu ihren Wägen und fuhren weiter. Jetzt kamen ſie durch eine lange Gaſſe⸗ in der lauter Färber wohnten, jetzt in das Vier⸗ tel der Tiſchler, in dem die rieſigen Chineſiſchen Särge in Vorrath aufgeſchichtet ſtanden. Nun wieder kreuzten ſie eine andere Quergaſſe und gleiche Laſterhöhlen zeigten ſich hier. Aber auch dort ſuchten ſie vergeblich nach ihrem Entflohenen. Tojiang tauchte in die unglaublichſten Stellen ein, klopfte an Thüren wo man gar keinen Eingang vermuthete, drang in das Innere der Häuſer vor, 134 und führte ſeine beiden Begleiter durch Gänge, in denen ſie ſich ſcheuten, ſelbſt den Boden mit den Sohlen ihrer Stiefel zu berühren. Trotzdem fanden ſie den Geſuchten nicht, und Tojiang ſchien ſchon alle Hoffnung aufzugeben. Er erklärte auch endlich, daß er in der That nicht mehr wiſſe, wo der weiße Tuwan ſtecken könne, denn alle die Orte, an denen er je mit ihm zuſammen geweſen, das heißt, wo er ihn ſelber wahrſcheinlich eingeführt, hätten ſie abgeſucht. Die einzige Möglichkeit blieb nur, daß er ſich nach einem der entfernt gelegenen Paſars gewandt; wahrſcheinlich ſei es, daß ſie ihn im Paſar baroeh, im Paſar ſnin, oder vielleicht gar in Meeſter Cor⸗ nelis finden könnten, und wenn es den Herren zu weit wäre, ſo wolle er ſelber gern hinüber fahren, und ſtände ihnen dafür, daß er ihn doch noch aufſtöberte. Wagner wäre damit vollkommen einverſtanden geweſen, denn Horbach intereſſirte ihn viel zu we⸗ nig, Stunden lang daran zu wenden hinter ihm drein zu fahren. Van Roeken dagegen, mehr mit dieſen Leuten und ihren Schlichen und Wendun⸗ gen vertraut, hatte einen Verdacht geſchöpft, daß Tojiang noch irgend einen Platz hier in der Nähe wiſſe, an den er ihn nicht hinführen wolle, und r—— 135 war um ſo mehr entſchloſſen die Urſache davon zu erfahren. Während der Burſche nämlich mit ſeinen früheren Kameraden und einigen Chineſiſchen Mäd⸗ chen ſprach, war verſchiedene Male ein Wort vor⸗ gekommen, daß ſie ſich immer nur zuflüſterten, ſo daß er den Namen nie deutlich verſtehen konnte. Er wußte dabei, daß es hier in der Nähe einige geheime Opium⸗ und Brantweinhöhlen gab, die vor dem controllirenden Arm der Regierung ſtreng geheim gehalten wurden, und wenn Tojiang Ver⸗ dacht hatte, daß Horbach in einem ſolchen Verſteck liege, ſo war es mehr als wahrſcheinlich, daß er wünſchen mußte, ihn auch dort allein aufzuſuchen. Einmal aber auf ſolcher Fährte, und Van Roe⸗ ken war nicht ſo leicht wieder davon abzubringen. „Paß auf mein Burſche,“ ſagte er, während er neben dem Bendi ſtehen blieb und Tojiang feſt anſah,—„und höre mir einmal ein wenig genau zu. Ich bin nicht taub, und verſtehe das Ma⸗ layiſche ziemlich ſo gut wie Du ſelber. Wenn Du nun behaupteſt, daß Deiner Meinung nach Dein früherer Herr auf einem der Paſars zu finden ſei, ſo lügſt Du wie ein nichtswürdiger Hallunke, der Du auch biſt. Ich habe gehört, daß Dir die Dirnen den Ort nannten, wo Du Deinen Tuwan Horbach aller Wahrſcheinlichkeit nach fin⸗ 136 den würdeſt,— ich weiß auch etwa die Gegend wo der Ort liegt, wenn auch nicht ganz genau das Haus, und verlange jetzt von Dir, daß Du uns direkt hinführſt, oder ich werde Dir zeigen was ich thue.“ „Aber Tuwan,“ ſagte Tojiang erſchreckt,— wenn ich weiß wo der Tuwan Horbach ſteckt will ich— will ich gleich—“ „Halt; keine von Deinen doppelzügigen Aus⸗-⸗ flüchten,“ ſagte aber Van Roeken ruhig,„ich weiß recht gut, daß Du noch nichts Beſtimmtes dar⸗ über erfahren haſt, aber Deiner Vermuthung nach ſteckt er dort. Er hat mir ſelber erzählt was Ihr an jenem Ort ſchon Alles mit durchgemacht, und wie geheim und aus dem Weg, von anderen Gebäuden vollſtändig verdeckt, der Ort läge,— ja zu Haus habe ich ſogar ein Buch von ihm in dem er genau beſchrieben iſt. Fahre ich jetzt zu 4 Haus und hole das, ſo gebe ich Dir mein Wort, daß ich auch zugleich die Policey mitbringe, und ich brauche Dich nicht mehr zu verſichern, daß wir 2 den Platz nachher finden, und wenn wir die Häu⸗ ſer in ſeiner Nachbarſchaft alle bis in die letzten Winkel hinein durchſtöbern ſollten. Du ſelber aber kommſt dann als Mitwiſſer jener geheimen Höhlen, in denen Opium geraucht, getrunken und 3 137 geſpielt wird, ebenfalls in Teufels Küche und wirſt ſo ſicher eingeſteckt, wie Du jetzt da vor mir auf Deinen zwei Füßen ſtehſt. Sitzeſt Du aber erſt einmal im Gefängniß, dann denk ich mir, kom⸗ men auch noch andere Dinge an den Tag von denen ich habe munkeln hören. Da iſt einmal ein alter Chineſe geweſen— Du verſtehſt ſchon wen ich meine—“ „Tuwan Roeken,“ ſagte Tojiang erſchreckt, —„ich weiß gewiß Nichts von einem alten Chi⸗ neſen.“ „Nun, ſo alt war er auch eigentlich noch nicht,“ fuhr Van Roeken fort, der auf gut Glück hin rieth, denn unter hundert, von Malayen ver⸗ übten Diebſtählen kann man feſt darauf rechnen, daß neunzig einen Chineſen zu ihrem Opfer hat⸗ ten.„Doch das Alles bringen die Gerichte ſchon heraus, wenn ſie Dich erſt einmal unter dem Daumen haben, und Du magſt jetzt thun und laſſen, was Du willſt.“ „Ich glaube nicht, daß er den Aufenthalt weiß,“ ſagte Wagner zu Van Roeken in deutſcher Sprache. „Und ich möchte mein Leben zum Pfand ſetzen,“ verſicherte Van Roeken,„daß er ihn nicht allein jetzt ganz ſicher vermuthet, ſondern daß 138 wir auch keine drei hundert Schritt davon ent⸗ fernt ſind. Laß ihm nur Zeit, er wird es ſich ſchon überlegen, daß ſein eigener Vortheil darin liegt, die Policey nicht zu inkommodiren, und iſt er einmal darüber mit ſich im Reinen, ſo ſchwindet für ihn jede andere Rückſicht. Nun mein Burſche, willſt Du uns führen?“ „Wenn Tuwan den Platz ſo genau weiß,“ ſagte der Burſche ſtörriſch,„ſo braucht er ja gar nicht Tojiang dazu, ihn zu finden.“ „Ich habe Dir aber ſchon geſagt, daß ich ihn nicht genau weiß, jedoch finden könnte, wenn ich eben die Policey zu Hülfe nehmen will. Da ich die Sache aber jetzt abmachen möchte, und mir daran liegt den Tuwan Horbach noch heute aufzufinden, ſo ſollſt Du uns führen. Thuſt Du es gutwillig, ſo verſpreche ich Dir, mich um weiter Nichts zu bekümmern.— Ich gehöre nicht zur Policey und was die Leute da ſonſt treiben, geht mich Nichts an; thuſt Du es nicht gut⸗ willig, ſo haſt Du Dir die Folgen ſelber zuzu⸗ ſchreiben.“ Tojiang erwiderte kein Wort; er ſtieg aber wieder auf den Bock, flüſterte dem Kutſcher ein paar Worte zu, und fuhr langſam die Straße hinunter; Wagner und Van Reeken folgten in 139 ihrem Bendi, und die Gaſſe nieder bogen ſie gleich darauf rechts in eine kleine Querſtraße ein die zwei breitere mit einander verband, und in der Mitte durch eine ſchmale, hölzerne Brücke ge⸗ trennt wurde. Unter dieſer Brücke wälzte ſich einer jener Canäle hin, die den Schmutz des ganzen chineſi⸗ ſchen Viertels aufnehmen, und dafür in ihrer unmittelbaren Nähe ſchädliche Dünſte in Maſſe ausſtrömen. In dieſe Gaſſe, obgleich ſie ſo eng war, daß kaum noch ein Mann neben dem Bendi herſchrei⸗ ten konnte, lenkte Tojiang trotzdem ein, und wenn auch das Pferd vor der ſchmalen Brücke ſcheute, ließ er ſich davon nicht abſchrecken. Er ſelber ſprang vom Bock herunter, nahm es am Zügel, führte es hihüber, und hielt dann eben weit ge⸗ nug drüben, an der anderen Seite derſelben, daß Van Roeken dort gerade noch Platz für ſeinen Bendi fand. „Und iſt dies die Stelle Tojiang?“ frug Van Noeken.— „Ta-u, tuwan“ erwiderte achſelzuckend der Malaye mit dem, bei dieſer Antwort eigen⸗ thümlichen ſingenden Tone,„ta-u— wollen ſehen.“ 140 „Halt! wir gehen mit,“ rief aber Van Roeken, als Tojiang Miene machte, ſeine Unterſuchung allein anzuſtellen, und ſprang dabei aus dem Wagen. „Gut,“ ſagte Tojiang, ließ ſich aber dadurch nicht abhalten, das kleine niedere Bambusgebäude vorher allein zu betreten. Ehe Van Roeken es verhindern konnte, war er durch die Thür hin⸗ durchgeſchlüpft und blieb, als die beiden Freunde ihm dorthinein folgen und durch einen ſtockfinſteren Gang daran verhindert wurden, etwa zehn oder vierzehn Minuten aus. Als er endlich zurückkehrte, wollte Van Roe⸗ ken ſchon mit einem Sturm von Vorwürfen über ihn herfallen; Tojiang aber legte den Finger auf die Lippen, und indem er den beiden Herren winkte ihm zu folgen, flüſterte er leiſe und vor⸗ ſichtig.* „Er iſt da.“ „Hab ich's nicht geſagt?“ lachte Van Roeken —„ob ich das Geſindel nicht durch und durch kenne. Aber pfui Teufel, was für ein Geſtank und Dunſt hier herrſcht; die reine bataviſche Peſtluft, wie ſie noch in uralten Reiſebüchern ge⸗ ſchildert wird, und auch vollſtändig wahr wäre, „ 141 wenn der nämliche Dunſtkreis über die ganze Inſel zöge. „Und hier, in dieſem furchtbaren, widerlichen Loch ſollte ſich Horbach aufgehalten haben,“ ſagte kopfſchüttelnd Wagner,„das iſt gar nicht mög⸗ lich, und der Schuft von Tojiang hat uns nur hierher gelockt, um unſere Geduld zu ermüden, und ſeine eigenen geheimen Verſtecke nicht zu com⸗ promittiren.“ „Das werden wir bald ausgefunden haben,“ meinte Van Roeken,„lange bleibe ich ſelber aber auch nicht in dieſer Nachbarſchaft, denn mir wird ſchon ganz übel und weh zu Muthe— und was für eine Dunkelheit. Wenn wir jetzt in dieſem Korbgeflecht auf eine geheime Fallbrücke ſtoßen, können wir im Nu unten in dem ſchmutzigen Kanal liegen um zu ertrinken oder zu erſticken. Ob hier wohl nicht manchmal ſolche Dinge vor⸗ fallen.“ „Mal' den Teufel nicht an die Wand,“ er⸗ widerte Wagner, dem es hier ſelber ganz un⸗ heimlich wurde—„wenn ich eine Ahnung hätte, daß mein Tod irgend Jemanden in Batavia von Nutzen ſein könnte, würde ich mich, weiß es Gott, nicht in dieſe Höhle wagen.— Aber da iſt Licht — ah, hier finden wir Geſellſchaft.“ 142 Tojiang hatte, um die beiden Weißen durch den dunklen Gang zu bringen, Van Roekens Hand gefaßt und, während er voranging, ihn geführt. Er ſchien vortrefflich hier Beſcheid zu wiſſen. Wagner faßte dann wieder des Freun⸗ des Rockſchoos an, und ſo waren ſie etwa zwan⸗ zig oder fünf und zwanzig Schritt im Dunklen vorwärts getappt, als ſie plötzlich ein helles, ſon⸗ niges Gemach betraten. Hell und ſonnig ja, war das Gemach, denn das dem Untergehen nahe Tagesgeſtirn warf ſeine goldenen Strahlen gerade in das geöffnete Fenſter herein,— aber ſonſt ein ſo wüſter Aufenthalt, wie man ſich denken konnte, und Wagner bereute ſchon faſt ihn betreten zu haben. Das Zimmer lag im unteren Geſchoß des Hauſes; den Boden deſſelben bildete der hartge⸗ ſtampfte, oder auch vielleicht nur hart getretene Lehm, den die Natur ſelber Leeheſe In der einen Ecke ſtand ein großes, mit ſchmutzigen und verräucherten Gardinen verhangenes Bett, auf dem, quer darüber hingeſtreckt, ein ſchlafender Chineſe lag. Mitten im Zimmer aber ſaßen und lagen drei chineſiſche und zwei malayiſche Mädchen zwiſchen ein paar Söhnen des himmliſchen Reiches, die 143 aber faſt unnatürlich irdiſch ausſahen, und er⸗ ſchreckt aufſprangen, als zwei Weiße zu ihnen in ihr Verſteck traten. Kleine dampat sirihs oder Be⸗ telkörbchen ſtanden neben ihnen auf der Erde— ein paar leere Flaſchen lagen mit Opiumpfeifen in der Ecke, und eine alte Malayin kauerte da⸗ neben und flickte einen zerriſſenen Sarong, der jedenfalls Monate lang kein Waſſer und keine Seife geſehen hatte. Ueberhaupt war das Ganze ein Bild des verworfenſten Elends, das ſich menſch⸗ liche Phantaſie nur ausmalen konnte, und wäh⸗ rend die Dirnen, den Anblick der Weißen fürch⸗ tend, ihre halbnackten Glieder ſo viel als mög⸗ lich verhüllten, ſuchten Wagners und Van Roe⸗ kens Blicke vergeblich Horbachs Geſtalt zwiſchen dieſer Gruppe. Tojiang indeſſen, ohne ſich weiter um die Uebrigen zu bekümmern, war auf die Alte zuge⸗ gangen, die bei, dem Eintritt der Fremden kaum von ihrer Arbeit aufſah, und flüſterte ein paar Worte mit ihr. Sie nickte nur einfach mit dem Kopf, ohne ihn weiter eines Blickes zu würdigen, dann ſprach er noch etwas und ſie deutete nach einer Thür hinüber, die in ein Nebengemach führte. „Iſt er da?“ frug Van Roeken. 144 „Dort d'rin ſoll er ſein,“ ſagte Tojiang und ſchritt auf die bezeichnete Thür zu, die er öffnete. Die beiden Freunde folgten ihm raſch, ohne von den übrigen Inſaſſen des Zimmers weitere Notiz zu nehmen und dort, allerdings, fanden ſie den Geſuchten— aber in welchem Zuſtande. Das ganze Nebengemach war nur ein in den Hof hinausgebauter Schuppen von Bambus ge⸗ flochten und mit Schindeln gedeckt, ohne Fenſter, einen kleinen Einſchnitt in der einen geflochtenen Wand ausgenommen: ohne Meubles, ohne Bett, ohne irgend ein Zeichen, daß hier ein Menſch ſich wohnlich fühlen, oder überhaupt exiſtiren könne, mit eben dem kahlen Boden wie die„Wohnſtube“ neben an. Auf dem Boden aber lag ausgeſtreckt, die Arme von ſich geworfen, das eine Bein über das andere gezogen, mit dem Geſicht auf der Erde und nackt, wie ihn Gott erſchaffen, ohne einen Lappen Zeug über oder unten ſich, Hor⸗ bach, anſcheinend in feſtem Schla— ja, man hätte ihn für todt halten können, nur daß ein gelegentliches Zucken des Körpers, auf den ein Sonnenſtrahl durch die defecte Wand fiel, das in dem Menſchen noch wohnende Leben verrieth. „Großer Gott!“ rief Wagner unwillkürlich aus,„der Unglückliche! eben aus dem Spital ent⸗ 145 laſſen, mit dem kaum fieberfreien Körper, mit der Warnung des Arztes, ſich jetzt ernſtlich zu ſcho⸗ nen und vor einem Rückfall zu bewahren, hier in dem feuchten Loch, in dieſer Atmoſphäre nackt und betrunken auf dem bloßen Boden.“ „Da liegt nun der Herr einer halben Million,“ ſagte Van Roeken, der die Sache viel kaltblütiger nahm,„ein Menſch, der, wenn er ſeine geſunden Sinne gebrauchen wollte, zu den Glücklichſten und Beneidetſten unſeres ganzen Geſchlechts gehören könnte, ſchlimmer wie ein Vieh an einem Orte, an dem ſich ein Pferd nicht einmal wohl fühlen könnte. Ein treffliches Bild und abſchreckendes Beiſpiel genug für eine Lebenszeit, wenn man es ihm nur eben ſelber vorhalten könnte.“ „Und was fangen wir jetzt mit ihm an?“ ſagte Wagner, der den Elenden noch immer kopf⸗ ſchüttelnd betrachtete. „Vor allen Dingen müſſen wir ſehen, daß wir ſeine Kleider wieder bekommen, oder Tojiang ab⸗ ſchicken, neue zu holen, wenn das nicht möglich wäre, denn in dem Zuſtand können wir ihn nicht transportiren.“ „Armer Tuwan,“ ſagte Tojiang, der indeſſen zu ſeinem früheren Herrn getreten war—„wie ihn das nichtsnutzige Volk hierhergeworfen hat. Unter dem Aequator. II. 10 146 Das wäre auch nicht geſchehen, wenn er Tojiang mitgenommen.“ „Die Redensarten helfen jetzt Nichts, mein Burſche,“ ſagte Van Roeken trocken—„rufe ein⸗ mal die Alte herein, daß wir mit ihr unterhan⸗ deln können; ſie muß die Kleider ſchaffen, denn ſie kann noch keine Zeit gehabt haben, ſie aus dem Haus zu bringen.“ Tojiang ging hinüber zur Alten und blieb eine ganze Weile darin. Sie ſchien leugnen zu wollen. Der Burſche aber, mit all' ihren Schlichen und Winkelzügen genau vertraut, ließ ihr keine Hoffnung, mit einem trockenen Nein hier durch⸗ zukommen. Mürriſch warf ſie endlich den Lum⸗ pen, an dem ſie gearbeitet, neben ſich auf die Erde, und in den Schuppen hinkend, wo der Trunkene noch in ſeiner alten Stellung lag, ſagte ſie:— „Und was wollt Ihr von mir kann ich was dafür, daß der liederliche Weiße hier zu mir hereinbricht und das Oberſte zu unterſt kehrt— iſt das überhaupt ein Platz für einen Tuwan? Er ſoll zu ſeines Gleichen gehen, wo er hinge⸗ hört, und eine arme, ordentliche Frau nicht in's Gerede bringen. Ich will weiter Nichts mit ihm 147 zu thun haben— mag ihn im Leben nicht wie⸗ derſehen— nehmt ihn fort.“ „Wo ſind ſeine Kleider?“ ſagte Van Roeken ernſt. „Weiß ich's?“ brummte die Alte verdroſſen. „Ohne Geld iſt er herein zu uns gebrochen, ohne einen einzigen Deut in der Taſche, aber trinken muß er doch— trinken und mit den Dirnen ju⸗ beln und toben, und wenn ihm der Arrak dann in den Kopf ſteigt, weiß er nicht mehr was er thut, und reißt Alles vom Leib, was er auf ſich trägt.“ „Gut,“ ſagte Van Roeken, der recht wohl wußte, auf was das Alles hinauswollte, dem aber daran lag, hier ſobald als irgend möglich wieder fortzukommen;„ich kann mir wohl denken, daß Du Deine— Waaren nicht umſonſt hergiebſt, Alte, und da der Tuwan kein Geld hatte, mußte er natürlich ſeine Kleider verkaufen, wozu er leicht⸗ ſinnig genug war. Alles das ging Dich freilich Nichts an; wir Beiden ſind jedoch hergekommen, ihn mit uns fortzunehmen. Er war bis jetzt im Spital und iſt noch krank, Du aber weißt recht gut was Dir geſchehen könnte, wenn er hier im Hauſe ſtirbt; alſo ſchaff' ſo raſch Du kannſt ſeine Kleider herbei, und ich zahle Dir Alles, was eer Dir ſchuldig iſt. Verſtanden?“ 10⸗ „Alles?“ ſagte die Alte lauernd.—„Noch vom vorigen Monat ſtehen fünf und zwanzig Gul⸗ den für ihn angeſchrieben.“ „Alles,“ ſagte Van Roeken, ſie von ſich drän⸗ gend—„je ſchneller Du die Kleider bringſt, deſto raſcher bekommſt Du Dein Geld, und wirſt dazu den Weißen los, ſo lang er noch lebt.“ „Deſto beſſer, deſto beſſer,“ mumpelte die Alte vor ſich hin, die dieſe günſtige Wendung wohl kaum erwartet hatte, und viel raſcher als ſie ge⸗ kommen, verſchwand ſie wieder aus der Thür, das Verlangte herbeizuholen. Es dauerte auch gar nicht lange, ſo brachte ſie die Kleider, die aber ſchon ausſahen, als ob ſie Horbach eben ſo viel Tage, wie Stunden getragen hatte; beſſer dieſe jedoch wie gar keine und Tojiang wollte jetzt, während Van Roeken indeſſen der Alten das ver⸗ langte Geld zahlte, ein paar von den Chineſen aus dem anderen Zimmer holen, ihm beim An⸗ ziehen des Trunkenen zu helfen. Horbach war nämlich, trotz allen Verſuchen, ihn munter zu brin⸗ gen, nicht zu erwecken, und ſtarrte dabei ſo von Schmutz und Unrath, daß ihn weder Wagner noch Van Roeken anrühren mochten. Tojiang allein konnte aber den ſchweren Mann, dem Kopf und Arme machtlos niederhingen, nicht bewältigen, die 149 Chineſen hatten ſich aus dem Staub gemacht, und ſo mußten die Alte und einige von den Mädchen zu Hülfe kommen, ihn nur wenigſtens wieder in ſeine Kleider hineinzubringen. Während des Anziehens kam er einmal halb zu ſich ſelber, und ſtarrte mit gläſernen Augen im Kreiſe umher. Er mußte dabei auch Van Roeken erkannt haben, denn er ſtammelte mit ſchwerer Zunge und einem, wie krampfhaft ver⸗ zogenem lächelndem Geſicht—„bitte— mich— Ihrer Frau— Frau Gemahlin— beſtens— beſtens zu empfehlen,“ dann fiel er wieder wie todt zurück, und mußte von Tojiang und den Mäd⸗ chen in den Wagen getragen werden. Von hier aus gingen ſie aber nicht durch den dunklen Gang zurück, ſondern eine kleine Thür führte über den Hof gleich in's Freie auf die Straße hinaus. „Was zum Teufel haſt Du uns denn nicht vorher dieſen Weg geführt,“ ſagte Van Roeken zu Tojiang,„daß wir durch die ſchauerliche Höhle kriechen mußten— heh mein Burſch?“ „War nicht offen Tuwan,“ entſchuldigte ſich der Malaye,„und Tojiang wußte eben nicht beſ⸗ ſern Beſcheid. Das nächſte Mal gehen wir hier herein.“ 150 „Verdamm mich, wenn Du mich in der Bude hier wieder fängſt,“ fluchte aber der Holländer— „und nun ſetz' Dich zu Deinem früheren Herrn und fahr ihn direkt in meine— halt, wenn Du mit dem betrunkenen Burſchen allein dort an⸗ kämſt, und meiner Frau in den Weg liefeſt, iſt es unbeſtimmt was ſie gerade thun würde. Fahr lieber hinter uns drein— ich nehme Dich dann gleich mit nach Hauſe, Wagner.“ „Das geht nicht,“ ſagte Wagner,„ich muß je⸗ denfalls noch erſt einmal ims Geſchäft, denn ich habe Nitſchke geſagt, dort auf mich zu warten. Aber benutze nur meinen Wagen; ich gehe die kurze Strecke von hier hinüber und fahre dann mit Nitſchke nach Haus.“ „Zu Fuß?“ rief Van Roeken erſtaunt aus, denn es wäre ihm ſelber nie eingefallen, auch nur die Länge einer Straße zu Fuß zurückzulegen. „Es ſind höchſtens tauſend Schritt,“ ſagte aber Wagner— ‚ſch komme ſchon hinüber,„wenn ich aus dieſen Winkelgaſſen nur den Weg finde.“ Ueberdies geht die Sonne eben unter und es iſt kühl und angenehm zu gehn. Kannſt Du mir ſagen, Tojiang, wie ich von hier aus am Schnell⸗ ſten nach dem Kali besaar oder nach unſerem Geſchäft komme.“ 151 „Gleich dort hinüber Tuwan,“ berichtete der Burſche, der hier jeden Fußbreit Boden kannte— „rechts über der Brücke drüben iſt die Haupt⸗ ſtraße und von dort aus—“ „Find ich mich ſchon zurecht,“ unterbrach ihn Wagner und wandte ſich der bezeichneten Rich⸗ tung zu. Van Roeken aber ſtieg kopfſchüttelnd in ſein Bendi und fuhr, von Tojiang mit dem beſinnungsloſen Horbach gefolgt, raſch der eige⸗ nen Wohnung zu. 1 IX. Noch rollten die Bendis das kleine Gäßchen entlang, und Wagner hatte ſich eben der Ecke deſſelben genähert, als ein Javane, ein ſchlanker Burſche mit faſt dunkelbrauner Hautfarbe, ſeinen Khris im Gürtel, aus einer der kleinen niederen Thüren raſch hervorglitt und die Straße hinab wollte. Erſchreckt prallte er aber vor dem An⸗ blick des Weißen, den er hier keinenfalls mehr vermuthet, zurück, und wieder in dieſelbe Thür hinein, die er hinter ſich ſchloß und einen Riegel vorſchob. Deutlich konnte Wagner das Geräuſch des vorgeſtoßenen Riegels hören, ſich aber nicht er— klären, weshalb er der braunen Geſtalt einen ſolchen Schrecken eingejagt. So flüchtig er in⸗ —yq 155 deſſen das Geſicht auch geſehen, ſo bekannt kam ihm doch die ganze Geſtalt des Mannes vor, dem er jedenfalls im Leben ſchon früher einmal be⸗ gegnet ſein mußte. Wo? darauf konnte er ſich aber den ganzen Weg entlang nicht beſinnen, ob⸗ gleich er herüber und hinüber und an alle ſolche Scenen dachte, bei denen er ſchon mit den Ja⸗ vanen der Berge, die ſich von den eigentlichen Malayen weſentlich unterſcheiden, in Berührung gekommen war. Es fiel ihm nicht mehr ein, und als er bald darauf ſein Geſchäft betrat, vergaß er auch die ganze Figur mit ihrem plötzlichen Er⸗ ſcheinen und Verſchwinden.— Der Geſchäftsplatz ſelber war ziemlich leer; die meiſten Kaufleute waren ſchon heimgefahren, und nur noch hie und da rollten einzelne Bendis die Straße am Fluſſe hinauf, ihren Wohnungen zu. Seine eigenen Commis waren ebenfalls ſchon fort, den einen Buchhalter ausgenommen, der Herrn Nitſchke nicht hatte die Schlüſſel anver⸗ trauen wollen; Nitſchke aber wartete, wie es ihm befohlen war, auf ſeinen Principal. Herr Nitſchke hatte ſich in der kurzen Zeit, ſehr zu ſeinem Vortheil verändert. Er war ſau⸗ ber und außerordentlich ſorgſam gekleidet, und wenn ſein Geſicht auch noch hohlwangig und bleich 154 ausſah, und die Augen noch nicht den früheren Glanz eines geſunden, kräftigen und nüchternen Menſchen wieder erlangt hatten, gab ihm doch die Ruhe und glückliche Zufriedenheit die jetzt auf ſeinen Zügen lag, wieder etwas Freundliches und Wohlthuendes. Herr Nitſchke hatte ein ganz Paket beendeter Briefe, die nur der Unterſchrift warteten, neben ſich und war eben bemüht, ſein Schreibpult or⸗ dentlich aufzuräumen und abzuſtauben, als Wag⸗ ner das Comptoir betrat. „Ah Herr Beßler, Sie ſind auch noch hier,“ ſagte er zu dem Buchhalter gewandt—„ich habe mich heute etwas verſpätet. Bitte laſſen Sie mir nur die Schlüſſel da und fahren Sie nach Hauſe; Sie verſäumen ſonſt Ihr Eſſen. Herr RNitſchke, Sie müſſen mich heute mitnehmen, denn ich habe meinen Wagen fortgeſchickt.“ „Wenn Sie wirklich mit mir fahren wollen, Herr Wagner,“ ſagte der Mann, und es lag in den wenigen Worten eine ſolche Demuth, und doch ſo ſtille, reſignirte Ruhe, daß ihm Wagner gerührt die Hand reichte und freundlich ſagte: „Mein lieber Herr Nitſchke, fahren Sie ſo fort wie Sie angefangen haben; bewahren Sie ſich dieſen feſten, ſtäter Sinn, und ich hoffe, daß wir 155 ſogar noch recht gute Freunde werden ſollen. Sie haben heute das Mögliche geleiſtet und ich bin vor der Hand mit Ihrer Arbeit ſehr zufrieden. — Die Briefe, die ich bis jetzt von Ihnen geleſen, ſind verſtändig, kurz und bündig, und dabei cor⸗ rekt; vergeſſen Sie nur erſt einmal Ihr altes Leben und alles Uebrige wird ſich leicht machen.“ „Ich habe den beſten Willen Herr Wagner,“ ſagte Nitſchke ruhig,„und nachdem ich alle Schulen des Leichtſinns,— ich mag wohl ſagen bis auf die Hefen— durchgekoſtet, fühle ich ſelber, daß es die höchſte Zeit wird, einem ſolchen Leben zu ent⸗ ſagen. Es wäre freilich ſogar jetzt ſchon zu ſpät geweſen, wenn Sie mir nicht noch einmal die Hand geboten und es mit mir verſucht hätten. Ich weiß, daß dies meine letzte Probe iſt, und ich wäre. mehr als leichtſinnig, ich wäre wahnſinnig, wenn ich auch dieſe Hülfe wieder von mir ſtieße.“ „Ich hoffe, daß Sie diesmal aushalten,“ ſagte Wagner lächelnd,„keinenfalls werde ich Ihnen aber, wenn das Gegentheil eintreten ſollte, eine Piſtole anvertrauen.“ „Herr Wagner,“ ſtotterte Nitſchke und wurde blutroth. „Nun laſſen Sie es gut ſein,“ ſagte Wagner freundlich,„das iſt lange vorüber und vergeſſen; 156 wenn es Ihnen nicht zu ſpät iſt, wollen wir nur noch die Briefe raſch ſchließen. Die Schiffe nach Auſtralien und Chile ſegeln morgen, und ſie müſſen deshalb lieber heute Abend noch fertig werden.“ Mit den Worten nahm er an dem Pult Platz, ſah die Briefe, die Nitſchke geſchrieben, raſch durch und unterzeichnete ſie, während dieſer neben ihm ſtehen blieb und die ihm zugereichten gleich adreſ⸗ ſirte und verſiegelte. Noch während ſie ſo beſchäftigt waren, wurden Schritte draußen hörbar, und als ſich Wagner danach umſah, trat Einer der Bataviſchen Poli⸗ ceybeamten in das Comptoir. „Ah guten Abend Mynheer Wagenaar,“ ſagte er, ſehr artig grüßend,—„ich ſah nur, daß Ihr Comptoir noch offen war, und glaubte Einen Ihrer Leute hier zu finden. Sie ſelber werden mir wohl ſchwerlich Auskunft geben können.“ „Und was wünſchen Sie?“ frug Wagner, während Nitſchke ruhig in ſeiner Arbeit fortfuhr. „Ach,“ meinte der Mann,„da iſt am letz⸗ ten Sonntag eine fatale Geſchichte paſſirt,— geſtern wars, denn ſoviel iſt ziemlich ſicher, daß es von der Nacht des Sonnabend auf den Sonn⸗ tag nicht kann geſchehen ſein. Da iſt nämlich in 157 Herrn Heffkens Privatbureau von ein paar Leuten, die dort genau bekannt ſein müſſen, eingebrochen, und von Allen, auf die wir denken können, hängt nur allein Verdacht an einem Landsmann von Ihnen, einem Herrn Nitſchke, der aber jetzt nir⸗ gends in der Stadt zu finden iſt. Jedenfalls hat er ſich aus dem Staub gemacht, und ich wollte jetzt nur einmal in den deutſchen Geſchäften nach⸗ fragen, ob mir nicht Einer der Herren vielleicht einen Wink geben könnte, wo er möglicher Weiſe aufzutreiben wäre, denn daß er nicht per Schiff fortkommt, dafür iſt geſorgt.“ Nitſchke hatte, bei Nennung ſeines Namens, hoch aufgehorcht, und ſich jetzt langſam gegen den Policeybeamten herumdrehend, ſagte er: „Wielleicht wäre ich im Stande, Ihnen auf ſeine Spur zu helfen.“ „Herr Nitſchke!“ rief dieſer aber, ordentlich er⸗ ſchreckt aus, als er den Mann, den er noch vor wenigen Secunden eines Einbruchs ſchuldig, flüch⸗ tig oder verſteckt glaubte, hier im vollen Gefühle der Sicherheit vor ſich ſah,—„alle Wetter, wo kommen Sie denn her?“ „Sie betrachten mich,“ ſagte Nitſchke lächelnd, „als ob ich eben aus den Wolken gefallen wäre. Wünſchen Sie etwas von mir?“ 4 ½ 6 1 158 „Hm,“ ſagte der Mann erſtaunt,—„haben Sie gehört, was ich eben erzählte?“ „Allerdings,“ erwiderte Herr Nitſchke. „Nun denn— Gott verd— mich— dann — ſehen Sie mir gerade nicht aus, als ob Sie den Diebſtahl begangen hätten.“ „Ich danke Ihnen,“ ſagte Nitſchke freundlich, „‚kann Ihnen auch die Verſicherung geben, daß Sie ſich nicht irren. Darf man aber wohl fragen, wer einen ſolchen Verdacht gegen mich ausge⸗ ſprochen hat?“ 3 „Ja— ich weiß nicht,“— ſagte der Poli⸗ ceybeamte etwas unſchlüſſig,„eigentlich ſollte die Sache wohl Geheimniß bleiben, Sie, als die Haupt⸗ perſon, müßten es aber doch erfahren. Es iſt nämlich ein kleines Zahnſtocheretui im Comptoir gefunden.—“ „Von Schildpatt?“ „Ja ganz recht. „Auf dem ein N eingekratzt iſt.“ „Allerdings— trifft auf's Haar“— „Das iſt das meinige,“ ſagte Nitſchke ruhig, und mir ſehr lieb, daß es ſich wieder gefunden hat. Von allen aus Europa mitgebrachten An⸗ denken,“ ſetzte er wehmüthig hinzu,„war es das letzte, und ſein Verluſt hat mich ſchon geſchmerzt.“ 159 „Alſo Sie waren oben?“ frug der Beamte. „Allerdings,“ erwiderte Nitſchke,„ich war am Sonnabend Abend bei Herrn Heffken, ihn, da ich ſchon früher auf ſeinem Comptoir gearbeitet, wieder um Beſchäftigung zu erſuchen. Sie erlauben mir wohl, Ihnen nicht genau zu ſagen, wie er mir geantwortet hat. Ich bin am nächſten Morgen zu Herrn Wagner gefahren und wurde dort ſo gütig aufgenommen, daß ich ſeit jener Stunde ſein Haus nicht wieder verlaſſen habe.“ „Hm, hm, hm,“ brummte der Mann des Ge⸗ ſetzes vor ſich hin, denn das Alles ſtimmte nicht mit dem Bild, das er ſich bis dahin von Herrn Nitſchke, als dem einzig möglichen Verbrecher, entworfen,—„das iſt ja eine ſehr, ſehr wunder⸗ liche Geſchichte, und der Herr Heffken hat ſich da wahrſcheinlich bös geirrt. Was läßt ſich aber thun?— der Befehl iſt einmal gegeben und muß ausgeführt werden. Herr Nitſchke, es thut mir ſchrecklich leid, aber— ich habe einmal den Auf⸗ trag, Sie zu verhaften und— kann es eben nicht ändern. Sie müſſen mit mir kommen.“ Wagner hatte, während der Beſchuldigung Nitſchke ſcharf beobachtet, war aber ſchon nach den erſten Secunden feſt überzeugt, daß er der Thä⸗ ter auf keinen Fall geweſen ſei. Frech leugnen 160 kann auch der Schuldige, aber dieſe Ruhe, die auf ſeinen Zügen, in ſeinen Augen lag, konnte keine Verſtellung ſein. „Lieber Freund,“ ſagte er deshalb zu dem Be⸗ amten,„Sie ſcheinen ſelber einzuſehen, daß der Verdacht ein unbegründeter iſt. Was mich be⸗ trifft, ſo bin ich von Herrn Nitſchkes Unſchuld überzeugt, und erbiete mich, Ihnen jede beliebige Bürgſchaft zu leiſten, daß er ſich zu jedem anbe⸗ raumten Verhör pünktlich ſtellen wird. Sind Sie das zufrieden?“. „Ich wär's von Herzen gern, Herr Wagner,“ ſagte der Mann,„aber Sie kennen meine Stellung. Die Herren da unten laſſen nicht mit ſich ſpaßen und Befehl iſt einmal Befehl— wozu werden ſie gegeben, wenn man ſie nicht erfüllen will?“ „Das iſt ſchon richtig, aber der Befehl ſoll auch erfüllt werden. Ich hafte Ihnen für das Erſcheinen des Angeklagten, und das Gericht iſt, der Sorgen und Koſten enthoben, ihn unter Schloß und Riegel zu halten.“ „Klingt ſehr ſchön“ meinte der Mann des Geſetzes,„iſt aber doch nicht wahr. Einen müſſen ſie haben, ſchon der Autorität wegen, und wenn ich den nicht bringe, den ſie einſtecken wollen, ſo komme ich vor allen Dingen in's Teufels Küche, b b 461 daß ich auf eigene Fauſt gehandelt. Herrn Nitſchke holen ſie ſich nachher doch— wäre alſo kein wei⸗ terer Gewinnſt dabei, als daß er heute vielleicht noch ſein Mittageſſen in Ruhe und Frieden ver⸗ zehren könnte. Der Mond ſchiene ihm heute Nacht doch durch ein eiſernes Gitter auf's Bett— wenn man die Hundelager da drinn überhaupt ein Bett nennen kann.“ „Laſſen Sie es gut ſein, Herr Wagner,“ lä⸗ chelte Nitſchke—„der gute Mann hat mich ein⸗ mal, und iſt entſchloſſen mich zu halten. Die Sache wird keine weiteren Folgen haben, als daß ſich meine Abrechnung. mit Herrn Heffken ver⸗ größert. Leid thut es mir nur, daß ich wieder für einige Dage aus dem Geſchäft und meiner Arbeit geriſſen werde, in die ich mich gern erſt recht tüchtig hineingefunden hätte. Sie müſſen ſchon Geduld tnit mir haben; geſchieht es doch diesmal nicht durch meine Schuld— wenn es auch eine Folge meines früheren Lebens iſt.“ „Dann bring' ich Sie wenigſtens ſelber hin⸗ unter,“ ſagte Wagner entſchloſſen,„dort wird ſich eher etwas ausrichten laſſen.“ „Sie werden ſchwerlich noch einen der Herren im Bureau finden,“ meinte aber der Beamte, „mit dem erſten Glockenſchlag haben ſie chon den Unter dem Aecquator. II. 162 Hut auf, und mit dem letzten ſitzen ſie unten im Bendi, und jetzt iſt es faſt eine Stunde über die Zeit.“ Der Mann hatte Recht; es war indeſſen ſchon völlig dunkel geworden. Wagner ließ ſich aber von dem einmal gefaßten Vorſatz nicht wieder abbringen, ſteckte die Briefe zu ſich, ſie ſpäter ſelber zu beſorgen, ſchloß dann zu und fuhr mit Herrn Nitſchke, von dem Policeybeamten dicht gefolgt, in das Stadthaus hinab. Unterwegs erzählte Wagner ſeinem Begleiter wo und wie er ſeinen Freund Horbach heute ge⸗ funden, und ſuchte dann Nitſchke über dieſe au⸗ genblickliche Unannehmlichkeit die ihn betroffen, zu tröſten. Nitſchke war aber vollkommen ruhig und gelaſſen; überdies blieb ihnen nicht lange Zeit zur Unterhaltung, denn bald darauf hielten ſie vor dem Stadthaus, wo ſich leider des Ge⸗ richtsmannes Ausſage beſtätigte. Von den Herren, die eine Bürgſchaft Wagners für den jetzigen Ge⸗ fangenen hätten annehmen können, war kein ein⸗ ziger mehr zugegen, und es blisb in der That Nichts weiter übrig, als Herrn Nitſchke dort bis morgen in Gewahrſam zu laſſen. Wagner ſorgte indeſſen dafür, daß er augen⸗ blicklich ſein Eſſen geholt bekam, und zwar andere . 163 Koſt als ſie den Gefangenen dort gereicht wurde, verſprach ihm morgen früh, gleich mit Beginn der Bureauſtunden wieder herunter zu kommen, und entzog ſich dem Dank des armen Teufels, indem er raſch in ſein Bendi ſprang und davon fuhr. X. Wagner kam, von der Aufregung des heuti⸗ gen Tages zum Tode ermüdet, in ſeiner Woh⸗ nung an. Er hatte heute Abend noch zu Rome⸗ laers gewollt, dort ſeinen alten Freund zu bitten der jungen Fremden eine Heimath zu geben, bis ſich eine Segel⸗Schiff fände, ſie wieder in direkter Fahrt nach Europa zu bringen. Aber er fühlte ſich nicht mehr im Stande, dorthin zu fahren. Abends war er auch ſicher, bei Romelaers Ge⸗ ſellſchaft zu finden, ſelbſt außer den Empfangs⸗ Abenden, und was er mit der Familie abzumachen hatte, verlangte und duldete keine Zeugen. Galt es ja doch dem alten Herrn wie Marieen auf⸗ richtig das Schickſal des jungen Mädchens, deſſen er ſich nun einmal angenommen hatte, zu ſchil⸗ 165 dern, und er wußte, wie freundlich und herzlich ſie dann bei ihnen aufgenommen wurde. Heffken beſuchte allerdings das Haus zuwei⸗ len, aber er würde es nie gewagt haben, ſich der jungen Fremden dort auf eine unehrerbietige Weiſe zu nähern, und wäre es wirklich geſchehen, ſo genügte ein Wort über das Vorgefallene gegen den alten Herrn Van Romelaer, ihn augenblick⸗ lich von dort ausgeſchloſſen zu ſehen. „Heffken!—“ Wagner ſaß daheim allein in ſeinem Lehnſtuhl, und überdachte die reichen Er⸗ lebniſſe des heutigen Tages—„Heffken, wie räth⸗ ſelhaft ſich der Mann heut benommen. Heute Morgen war die Beraubung ſeiner Kaſſe erſt ent⸗ deckt worden, ein Unfall der auf ſeine ganze Stellung von Einfluß ſein konnte, und ihn doch auf das Tiefſte hätte erſchüttern müſſen, und gegen Abend ſchon hatte er das Alles ſoweit vergeſſen, bei je⸗ nem armen Mädchen einzudringen und ſeine ſchmäh⸗ lichen Anträge vorzubereiten.“ „Nitſchke war nicht ſchuldig— ſein eigenes Leben hätte er dafür verpfänden wollen— und glaubte Heffken wirklich an ſeine Schuld?— Aber wenn nicht, welchen Grund konnte er gehabt haben, ihn anzuklagen?— Und Horbach, der hier eine Exiſtenz führte wie der verworfenſte Chineſe, Herr 166 einer halben Million und dabei Sclave der nie⸗ drigſten Leidenſchaften. Was für ein Leben würde der führen, wenn er jetzt nach Europa zurück⸗ kehrte und in den Beſitz ſeines Vermögens kam— und was dann mit ihm, wenn er es leichtſinnig und raſch verſchleudert?— Doch was kümmerte ihn der— mochte er das zuſammengeſcharrte Gold ſeiner Eltern durchbringen— was nützte ihm auch der Reichthum— und doch— wie ungleich waren die Gaben auf dieſer Welt vertheilt. Dort der reiche Wüſtling, hier das arme, brave Mäd⸗ chen das, in beſſeren Verhältniſſen auferzogen, ohne ihr Verſchulden Alles verloren, und nun in dem fremden Lande, unter fremden Menſchen eine Heimath ſuchen ſollte.“. „Und dieſe Beiden wollte Van Roeken auf ein Schiff ſenden, daß ſie die lange, ewig lange Seereiſe von Batavia nach Deutſchland, vielleicht als einzige Paſſagiere mitſammen machen ſollten. Und wenn ſie dann, bei immerwährendem Allein⸗ ſein einander lieb gewannen. Frauen haben eine ganz verzweifelte Manie ihr Herz gerade an ſolche Männer zu hängen, die das Leben auf die tollſte Art durchgekoſtet— die Leichtſinnigſten ſind ihnen gewöhnlich die Liebſten, und das Mitleid ſie zu „retten“ ſpielt ihnen da nur zu oft einen Streich. 167 — Und wieder, was ging das ihn an?— Eine brave ordentliche Frau konnte den wüſten Men⸗ ſchen vielleicht doch noch beſſern, und ſein Geld hätte ihr wenigſtens ein ruhiges Alter bereitet.“ „Des Schickſals Wege ſind wunderbar,“ mur⸗ melte er leiſe und nachdenkend vor ſich hin,„und nur wo man ihm ruhig und natürlich ſeinen Weg läßt, geſtattet ſich meiſt Alles gut und ſchön, da aber, wo wir ſelber mit unſerem ſchwachen Menſchenverſtand in die Speichen ſeines Rades greifen wollen, richten wir gewöhnlich, wenn wir nicht ſelber darunter zermalmt werden, nur Unheil und Verwirrung an. Das Beſte iſt des⸗ halb die ganze Sache ruhig gehen zu laſſen, wie ſie einmal geht; das Schiff treibt mit der Strö⸗ mung die Fluth hinab; der Menſch kann und ſoll es ſteuern und vor Gefahren ſo viel als möglich behüten, aber er iſt nicht im Stande es umzuwenden und gegen ſolche Strömung hin⸗ aufzufahren.“ „Gegen Gefahren ſchützen, ja,“ fuhr er nach einer kleinen Pauſe ſinnend fort,„und mehr hab' ich auch heute nicht gethan; armes, armes Kind, das ſo weit in die Welt hinausgeſchleudert wurde, allein auf Fremde angewieſen zu ſein, 168 ſie zu hegen und zu ſchützen— armes, armes Mädchen.“ Wagner hatte ſich feſt in ſeinen bequemen Lehnſtuhl hineingedrückt, blies den Rauch ſeiner Cigarre in dichten Wolken von ſich und träumte, den Kopf in die aufgeſtemmte Hand geſtützt, noch einmal all' die heutigen Scenen durch— Nitſch⸗ kes Verhaſtung— die Höhlen im chineſiſchen Viertel und— der Malaye— wo nur hatte er ſchon das Geſicht geſehen? wo war ihm der Burſche aufgeſtoßen, der bei ſeinem Anblick ſo ſcheu zurückprallte. Jetzt überdachte er auch To⸗ jiangs wunderliches Betragen, der ſie dort im Anfang nicht hatte einführen wollen. Sie glaub⸗ ten damals es geſchähe deshalb, weil es ein ge⸗ heimes Trink⸗, Spiel⸗ und Rauchhaus ſei; das war aber nicht der Fall. Jenes Winkelgebäude gehörte wohl zu den verworfenſten, aber wahrlich nicht zu den geheimen Höhlen jenes Viertels, und was dann konnte ihn bewogen haben ſie nicht gleich dorthin zu führen? Auch daß er vorher in das Haus hineinſprang, ehe er ſie folgen ließ, fiel ihm ein— ſollte jener Javave vielleicht da⸗ mit in Verbindung ſtehen? Er hatte die Wagen rollen hören, und jedenfalls geglaubt, die Weißen wären fort, denn daß Einer von ihnen den Platz 169 zu Fuß verlaſſen würde, konnte er allerdings nicht erwarten. Wie er ſich dem nun plötzlich gegenüber ſah, ſchrack er zurück— aber weshalb? — Jedenfalls hatte er ein böſes Gewiſſen, er würde ſonſt nicht den Riegel der Hausthür vor⸗ geſchoben haben— oder wünſchte er blos einen Weißen, die in der Gegend wahrlich Nichts zu thun hatten— aus ſeinem Eigenthum entfernt zu halten?— Aber was kümmerte ihn der Javane ihm gingen andere Dinge durch den Sinn, und während er lächelnd vor ſich hin mit dem Kopfe nickte, flüſterte er: „Marie muß helfen.“ Wagner hatte, wie ſchon erwähnt, eigentlich noch an dieſem Abend zu Romelaers fahren wollen, es aber bis auf den nächſten Morgen auf⸗ geſchoben. Wir ſollten eigentlich nie etwas auſſchieben, denn die Zeit verfliegt, und wie oft ſchon machte der Morgen das unmöglich, was noch der vorige Abend ganz anders würde geſtaltet haben.— Wie oft halten wir uns für Herren der Zeit, und fühlen dann erſt, wenn ſie uns unter den Händen davon gleitet, wie klein, wie machtlos weer ihr gegenüber ſtehen. Aber das ſorgloſe Mäiaiſchenvolk träumt fort, baut Pläne auf Pläne 170 in die blaue Luft hinein, und denkt und hofft für Morgen nach wie vor. Romelaers waren an dieſem Abend, wie es ſich Wagner auch gedacht hatte, allerdings nicht ganz allein, aber nur zwei Gäſte fanden ſich ein, die plaudernd um den großen runden Theetiſch ſaßen: der Hauptmann Bernſtoff, ein noch junger Mann aus einer angeſehenen holländiſchen Fa⸗ milie, der ſich in den letzten Kriegen gegen die Eingeborenen in Sumatra und Bali ausgezeich⸗ net hatte, und raſch avancirt war und— unſer alter Bekannter Herr Heffken, der Buchhalter. Heffken war gegen Abend in Geſchäften zu Romelaers gekommen— wenn er nicht dieſe eben nur zur Ausrede genommen— und hatte dem alten Herrn auch den bei ihm verübten Einbruch angezeigt. Eine ſolche Sache geheim zu halten, die ſechs oder acht Perſonen gleich von Anfang an wußten, ließ ſich ja doch nicht durchführen. Er theilte ihm dabei den Verdacht mit, den er hatte, wie den Verluſt, den er ſelber erlitten. Romelaer, gutmüthig wie immer, und da ihm der kleine Mann heute beſonders niederge⸗ ſchlagen vorkam(Heffken hatte gerade das Hotel der Nederlanden verlaſſen und befand ſich aller⸗ dings in einer etwas ungemüthlichen Stimmung) 171 lud ihn ein, den Abend bei ihnen zuzubringen. Was geſchehen war, ließ ſich doch einmal nicht mehr ändern, und vielleicht gelang es den Ge⸗ richten, den Thäter noch ausfindig zu machen. Hauptmann Bernſtoff kam ſpäter dazu, und da ſich Van Romelaer beſonders für Sumatra intereſſirte, in welchem Lande er nicht unbedeu⸗ tende Capitalien ſtecken hatte, hörte er den oft romantiſchen Schilderungen der dortigen Zuſtände und Eingeborenen mit großer Aufmerkſamkeit zu. Es war ein wildes, trotziges Volk, mit dem es die Holländer hier zu thun bekommen, die Eingeborenen von Sumatra ſowohl wie von Bali, und die erſteren beſonders noch durch ihre unge⸗ ſunden Küſten und weiten, undurchdringlichen Wälder geſchützt und begünſtigt. Was aber konn⸗ ten ſie zuletzt gegen die zähe Ausdauer, und be⸗ ſonders gegen die überlegenen Waffen der Hol⸗ länder ausrichten. Ja, wären ſie Alle einig ge⸗ weſen, dem Feind von Außen gemeinſam zu be⸗ gegnen, aber Eiferſucht und Neid der Nachbar⸗ ſtämme ſäete auch hier den Fluch, wie in man⸗ chem anderen Land, und da die Europäer ſchlau genug waren das zu benutzen, und Stamm gegen Stamm aufzuwiegeln wußten, ließ ſich das end⸗ liche Schickſal dieſer Völker leicht vorausſehen. 172 Langſam aber ſicher gewannen die Weißen mit jedem Jahr mehr feſten Boden in dem fremden Land— langſam aber ſicher unterjochten ſie die Eingeborenen, und legten damit, hier wie in anderen Welttheilen, den erſten Grund zu ihrer Ausrottung. Hauptmann Bernſtoff wußte das Alles vor⸗ trefflich zu ſchildern. Er hatte mehrere Jahre dort drüben zugebracht, und einige der blutigſten Kämpfe mit durchgemacht, die nicht immer für die hollän⸗ diſchen Waffen günſtig ausfielen. Er war auch verwundet worden und in die Gefangenſchaft der Eingebornen gerathen, ja ſchon zum Tod verur⸗ theilt geweſen, denn Kriegsgeſetze erkannten ſie nicht an und betrachteten die in ihre Hände fal⸗ lenden Europäer, nur als Räuber und Eroberer. — Und hatten ſie etwa nicht Recht? Blut um Blut gilt ihr Geſetz, und wie viel der Ihren hat⸗ ten die Fremden erſchlagen, die ja doch nur in ihr Land gekommen waren, ſie von den Gräbern ihrer Väter zu vertreiben? Jene Zeit nun, in der er gebunden und verurtheilt in der Gewalt eines der wildeſten Stämme, der Battaks, gelegen hatte, ſchilderte Bernſtoff meiſterhaft, und mit athemloſer Span⸗ nung lauſchte beſonders Marie ſeinen Worten, 173 wie er, den ſichern Tod am Opferfeuer doch vor ſich ſehend, zuletzt das Aeußerſte gewagt, ſich zu befreien. Es gelang ihm, von den Feinden um⸗ geben, heimlich ſeine Banden zu löſen und mitten aus der wilden Schaar, mit einer aufgegriffenen Kriegskeule ſich Bahn brechend, ſprang er in Nacht und Wildniß hinaus, von den heulenden Kanni⸗ balen gefolgt. Dort, der Wuth ſeiner Feinde und der kaum wilderen Raubthiere preisgegeben, verbrachte er drei furchtbare Tage und Nächte, zehnmal wohl in Gefahr, entdeckt und wieder ein⸗ gefangen zu werden, und erſt am vierten Mor⸗ gen gelang es ihm, halb verhungert, zum Tod erſchöpft, in heftigem Wundfieber und mit blu⸗ tenden Händen und Füßen die erſten Vorpoſten der Holländer,— wo man ihn ſchon als todt und verloren aufgegeben— wieder zu erreichen. Romelaer hatte ſeiner Erzählung ſehr auf⸗ merkſam zugehört; auf die Länge der Zeit fand er aber doch nicht Intereſſe genug an dieſen Schil⸗ derungen, ihnen den ganzen Abend zu widmen. Er ging nämlich nicht gern zu Bett, ohne vorher ein paar Rubber Whiſt oder eine Parthie Lhom⸗ bre geſpielt zu hahen, und fand ſich, als er end⸗ lich den Hauptmann dazu aufforderte, in ſeinen 843 174 Erwartungen etwas getäuſcht, als dieſer ihm ge⸗ ſtand, er kenne gar keine Karten. „Keine Karten 2“ rief Romelaer erſtaunt aus —„helf uns Gott, Mann, womit verbringt Ihr denn da Euere Abende?“ „Auf beſſere Weiſe, wie mit dem langweiligen Kartenſpielen, Papa,“ nahm aber Marie des Haupt⸗ manns Parthei,„das eigentlich nur erfunden iſt, uns arme Frauen zu ärgern und zu Tod zu lang⸗ weilen.“ „Warum ſpielt Ihr nicht auch?“ ſagte der Vater.. „Das wäre nachher eine hübſche Geſellſchaft,“ lachte das junge Mädchen,„wenn ſich die ver⸗ ſchiedenen Parthien nur in die Ecken ſetzten, um den ganzen Abend zu verſuchen, ob Einer mehr rothe oder ſchwarze Blätter bekommt, denn dar⸗ auf läuft das Ganze ja doch nur hinaus. Erſt bei'm Fortgehn erführe man dann, wer eigentlich dageweſen, und was in der Welt indeſſen vor⸗ geht,— nie.“ „Die Nebenmenſ chen würden weit weniger ver⸗ läſtert werden, wenn Alles Karten ſpielte, mein Kind,“ vertheidigte aber der alte Herr ſein Spiel, „denn wenn Ihr bei einer Näh⸗ oder Stickarbeit ſitzt, da hat die Zunge freien Raum und kann 175 indeſſen das größte Unheil anrichten. Beim Kar⸗ tenſpiel müßt Ihr aber ſtill ſitzen und aufpaſſen, und darum mögen es die Frauen ſo ſelten lei⸗ den. Wenn nur Wagner wenigſtens heut' Abend gekommen wäre, da hätten wir doch eine Parthie zuſammen gebracht; weiß aber der Henker, wo der die letzten Tage ſteckt; er iſt nur ein einzi⸗ ges Mal, und dann kaum auf eine Stunde da⸗ geweſen.“ 1 „Herr Wagner hat jetzt andere Dinge im Kopf,“ lächelte Heffken ſtill vor ſich hin,„und wird ſich auch wohl in der nächſten Zeit hier ſehr wenig einfinden.“ „Ach was,“ ſagte Herr Romelaer,„der Tag⸗ gehört den Gäſſchäften, das iſt richtig, was aber nicht abgemacht werden kann, ſo lange die Sonne am Himmel ſteht, gehört dem anderen Morgen, Mail⸗Tage natürlich ausgenommen. Da ſollte der Henker das Leben in Indien holen, wenn wir uns auch noch unſere einzige Freizeit, die herr⸗ lichen Abende, mit langweiligem Briefſchreiben ver⸗ kümmern wollten. Auf einmal kann man doch nicht reich werden, und ſo lange wir leben, ſol⸗ len wir das Leben auch genießen.“ „Ich glaube nicht, daß ſich Herr Wagner gegen⸗ wärtig viel mit Geſchäften befaßt,“ fuhr aber G f 176 Heffken boshaft fort,„wenigſtens ſollte ich nicht glauben, daß er deren viele im Hotel der Neder⸗ landen abzuſchließen hat.“ „Alle Wetter!“ rief Romelaer, ſich raſch gegen den Buchhalter umdrehend,„da hab' ich ihn neu⸗ lich auch getroffen. Er machte dort einen Beſuch, und wie er zurückkam, rannte er mich beinah' um, ſah mich aber gar nicht, und hatte einen dicken, rothen Kopf.“ „So lange wir leben,“ wiederholte Heffken trocken Van Roekens Worte,„ſollen wir das Le⸗ ben auch genießen.“ „Was für Fremde logiren denn dort?“ frug Marie, die den Buchhalter aufmerkſam betrach⸗ tete, denn es konnte ihr nicht ertgehen, daß er mehr wußte als er bis jetzt ausgeſprochen, oder auch vielleicht ausſprechen mochte. Er und Wag⸗ ner waren ja befreundet. „Keine von Bedeutung,“ meinte Heffken aber ausweichend,„Herr Hauptmann Bernſtoff müßte uns ſonſt darüber Auskunft geben können, denn Sie logiren ja dort auch, nicht wahr? „Allerdings,“ ſagte der Hauptannn,„wie wir Herrn Wagner aber neulich dort drüben trafen, hat er, ſo viel ich weiß, einen Beſuch bei einer Dame gemacht— einem jungen, reizenden Mäd⸗ 177 chen, das erſt ganz kürzlich mit der Rebecca von Deutſchland gekommen iſt.“ „Ganz recht,“ beſtätigte Heffken,„mit einem Schiffe der Firma Wagner und Van Roeken.“ „Sie ſind boshaft, Herr Heffken,“ rief Marie, und fühlte, wie ſie dabei blutroth wurde. „Papperlapapp,“ ſagte der alte Herr,—„bos⸗ haft? was iſt da boshaft dabei; das kann eine ganz unſchuldige Geſchichte ſein— aber hölliſch aufgeregt ſchien er den Tag, das iſt wahr. Warte mein Burſche, wenn er wieder herkömmt, wollen wir ihn deshalb einmal tüchtig vorkriegen, und ſehen, was er für ein Geſicht dazu macht.— So ein heimlicher Fuchs, was hat er da bei fremden jungen Damen herumzukriechen, wo hier ein Whiſttiſch mit drei leeren Stühlen ſteht. Komm Du mir nur wieder vor's Rohr; beichten ſoll er bis zum letzten Buchſtaben.“ „Und iſt die junge„Dame“ ſchön?“ fragte Marie, mit einem eigenthümlichem Accent auf dem Wort Dame, indem ſie ſich gegen den Haupt⸗ mann wandte. „Ich habe ſie allerdings nur einmal einen Moment, und ſelbſt dann nicht ordentlich geſehen,“ erwiderte dieſer;„da kam ſie mir freilich, wenn Unter dem Aequator. II. 12 8' 178 auch nicht ſchön, aber doch ſehr hübſch vor. Sie hält ſich außerordentlich zurückgezogen.“ „Nimmt aber doch Herrenbeſuche an,“ warf Marie ein. „Jedenfalls Geſchäftsſachen,“ ſagte Heffken trocken,„was Anderes könnte denn auch Herrn Wagner, unſeren ſolideſten aller ſoliden Kauf⸗ und Handelsherren zu Batavia bewogen haben, Beſuche bei einer jungen, hübſchen Dame zu machen.“ „Was habt Ihr denn nur eigentlich gegen Wagner, Heffken?“ ſagte Van Romelaer,„ſo viel ich weiß, ſtandet Ihr doch ſonſt gut zuſammen.“ „Oh gewiß,“ rief Heffken, durch die direkte Frage etwas außer Faſſung gebracht—„aber — ich ärgere mich nur immer, wenn ich Jemand finde der äußerlich ſo außerordentlich fromm und ehrbar thut, und dann doch eigentlich auch nicht beſſer iſt, wie— wir Alle mit einander.“ „Sie wiſſen aber noch gar nichts Beſtimmtes gegen ihn,“ ſagte Marie. „Ich weiß nichts Beſtimmtes,“ wiederholte Heffken, den Kopf ungeduldig herüber und hin⸗ überwiegend—„ich weiß— aber verſprechen Sie mir, daß Sie allerſeits darüber ſchweigen wollen, denn als Freund dieſes Hauſes glaube ich, ge⸗ 179 rade gegen Sie kein Geheimniß daraus machen zu dürfen.“ „Meine Frau verräth Nichts,“ ſagte Romelaer trocken. Mevrouw Van Romelaer, eine dicke, be⸗ häbige Dame, war nämlich ſchon bei des Haupt⸗ manns Erzählung ſanft in ihrem Lehnſtuhl ein⸗ genickt, und das ſpätere Geſpräch deshalb ſpurlos an ihr vorübergegangen. Van Romelaer ſelber aber mochte dieſe Art von Enthüllungen, hinter dem Rücken eines Anderen, nicht leiden. Er ach⸗ tete Wagner als einen offenen, ehrlichen Mann und tüchtigen Geſchäftsmann dazu, und obgleich Heffken unſtreitig das Letztere ebenfalls war, zwei⸗ felte er doch ſehr, ob er auch auf die erſteren Eigenſchaften Anſpruch machen dürfe. Außerdem genirte ihn die Gegenwart des Hauptmanns, den er doch noch nicht genau genug kannte, und er ſetzte deshalb nach einigen Zögern hinzu:„Ihr Geheimniß wäre überhaupt viel beſſer bewahrt, wenn Sie es für ſich behielten.“ „Ach er weiß ja ſelber Nichts, Väterchen,“ lachte aber Marie, die vor Neugierde brannte, zu erfahren was Heffken ſagen wollte. „Deſto beſſer; dann kann er auch Nichts ver⸗ rathen,“ meinte der Vater—„aber hollo— da kommt wahrhaftig noch Beſuch— das iſt geſcheut 12* 180 und noch dazu Goedekamp und Van der Tromp! Herein Mannetjes, herein, Euch können wir hier gebrauchen; wir dürfen doch wahrhaftig nicht zu Bett gehen, ohne vorher unſer Parthiechen ge⸗ macht zu haben.“ Das Geſpräch war dadurch vollſtändig abge⸗ brochen. Mevrouw Van Romelaer erwachte eben⸗ falls und Romelaer, während er die Gäſte mit ſeiner alten Herzlichkeit empfing, hatte jetzt voll⸗ auf Beſchäftigung, den Spieltiſch ſo raſch als mög⸗ lich zu arran giren, um noch weiter an Heffkens Mit⸗ theilungen denken zu können. „Na Heffken, wie iſt es, macht Ihr ein Lom⸗ bertche mit?“ frug Romelaer dieſen, als die erſten Begrüßungen vorüber waren, denn beide neue Gäſte kamen allerdings nur herüber eines Spieles wegen. „Wenn es ſein muß,“ erwiderte dieſer, ſonſt widme ich mich lieber den Damen. „Wel, gaat praten,“ lachte Romelaer,„dann machen wir ein Whiſt mit dem Strohmann. Nun aber flink, alte Jongens, wir verbrennen Tages⸗ licht, wenn wir noch länger zögern.“ „Wie um Gottes Willen, ſind Sie denn aber wieder von den ſchrecklichen Menſchenfreſſern fort⸗ gekommen, beſter Herr Hauptmann,“ wandte ſich 181 jetzt Mevrouw an dieſen. Sie erinnerte ſich noch dunkel, daß ſie etwas von ſeiner Gefangennahme habe erzählen hören, und da ſie keine Ahnung davon hatte, eingeſchlafen zu ſein, glaubte ſie natürlich, er wäre dabei ſtehn geblieben. Der Hauptmann begegnete einem ſpöttiſchen Blick Heffkens, war aber zu gutmüthig oder zu zartfühlend, die alte, freundliche Dame merken zu laſſen, daß ſie das Beſte der Erzählung verträumt habe, und gab ihr— allerdings diesmal nur in der Kürze— eine flüchtige Schilderung der ſchon er⸗ zählten Scenen. Heffken war indeſſen am Tiſch ruhig ſitzen geblieben und nahm ein vor ihm liegendes Buch, irgend ein Engliſches Bilderwerk mit Stahl⸗ ſtichen, in die Hand. Marie trat neben ihn, und ihre Hand auf ſeinen Stuhl ſtützend, ſagte ſie: „Sie wiſſen etwas, Herr Heffken, das Sie, wie Sie meinten, uns nicht vorenthalten dürften. Was iſt es?“ „Mein liebes Fräulein,“ lachte Heffken ver⸗ ſchmitzt vor ſich hin,„Sie behaupteten ja vorhin ganz beſtimmt, daß ich Nichts wiſſe.“ „Betrifft es uns?“ fuhr Marie fort, unge⸗ duldig mit dem Kopf ſchüttelnd. „Nein,“ ſagte aber Heffken, ernſthafter wer⸗ 182 dend,„beruhigen Sie ſich, es hat Nichts mit Ih⸗ nen oder Ihrer Familie zu thun und betrifft nur Herrn Wagner und jene junge Dame, alſo Ihnen vollkommen gleichgültige Perſonen.“ Marie biß ſich auf die Lippe. Der kleine, bos⸗ hafte Menſch wußte recht gut, daß ſie ſich für Wagner mehr intereſſire, als ſie ihm hätte ein⸗ geſtehen mögen; durch ein weiteres Dringen in ihn, that ſie das aber doch— weßhalb ſie ſchwieg und ärgerlich vor ſich niederſah. Heffken hatte das Buch wieder aufgenommen, als ob die Sache damit abgemacht wäre. Er er⸗ wartete jedenfalls ein weiteres Fragen der jungen Dame; als dies aber nicht erfolgte, mußte er ſel⸗ ber einlenken. Eine ſo gute Gelegenheit, das was er wußte zu Wagners Schaden wieder aus⸗ zuſtreuen, fand ſich vielleicht ſobald nicht wieder, und er durfte ſie ſich eben nicht entgehen laſſen. Er ſah zu dem noch immer neben ihm ſtehen⸗ den Mädchen auf, und als Marie ihr Geſicht halb von ihm abwandte, ſagte er freundlich, in⸗ dem er ebenfalls von ſeinem Stuhle aufſtand: „Schauen Sie nicht ſo finſter drein, Fräulein Marie, die Sache iſt viel zu unbedeutend und verdient weder Ihren Zorn noch Aerger, höchſtens Ihr Mitleiden.“ 183 „Und warum das gerade?“ „Vielleicht das nicht einmal,“ ſagte Heffken, „auch ließe ſich das Ganze vielleicht mit unſeren Javaniſchen Zuſtänden, wenn auch nicht in die⸗ ſem ſpeciellen Fall, entſchuldigen. Aber ich will mich kurz faſſen, denn es iſt auch wirklich nicht vieler Worte werth. Die Firma Wagner und Van Roeken hat ſich alſo, wie das ſchon einige Mal hier in Batavia vorgekommen iſt, eine junge Dame von Deutſchland verſchrieben— ich will zu ihrer Ehre annehmen, in ganz ehrenhafter Ab⸗ ſicht. Im Anfange, als ich es erfuhr, glaubte ich, Van Roeken habe es ſpeciell für ſich gethan, da dieſer aber bald darauf hier in Batavia hei⸗ rathete, ſo bleibt nur noch der andere Compagnon übrig. Was ich bisher davon geſehen, beſtätigt das. Weil ich nun Sie und Ihren Papa gern habe, und— andere Vermuthungen hatte, ſo hielt ich es für meine Pflicht, als Freund dieſes Hau⸗ ſes, der Sache näher auf den Zahn zu fühlen. Ich ging direkt zu jenem— Fräulein hin, zu ſondiren, wie weit die ihr gemachten Verſprechungen reichten. Herr Wagner, der ein ſehr fleißiger Beſucher dort iſt, traf mich bei ihr und behan⸗ delte mich— obgleich er auf mich nicht hätte 4 6 „ 9. 184 eiferſüchtig zu ſein brauchen— in einer Weiſe die ich— Ihnen nicht näher beſchreiben kann.“ „s iſt abſcheulich,“ ſagte Marie leiſe vor ſich hin, und ihre kleine Hand faßte faſt krampf⸗ haft die Lehne des Stuhls, an der ſſie ſich hielt. „Hübſch war es nicht,“ erwiderte Heffken trocken. „Und— und haben Sie mir die reine, lau⸗ tere Wahrheit erzählt? Bei Ihrem Leben?“ „Was für einen Grund ſollte ich haben, mein zwerthes Fräulein, Sie anzulügen?“ „Sie haſſen die Deutſchen!“. „Daß ich ſie nicht liebe, kann ich eingeſtehen, · und das liederlichſte Geſindel, was ſich hier /in Batavia findet, ſind gerade Deutſche; daß ich aber darin einen Unterſchied zu machen weiß, dächt ich, hätt' ich Ihnen ebenfalls be⸗ wieſen. Sie brauchen mir aber darum nicht zu glauben; fragen Sie Herrn Wagner ſelber. Na⸗ türlich wird er Ihnen gegenüber Ausflüchte machen, wie er ſich aber dabei benimmt, wird ihnen bald und augenblicklich verrathen, ob ich die Wahrheit geſagt habe oder nicht.“ „Heffken kommen Sie her— beim Himmel! zweimal hinter einander groß Schlemm gemacht—“ rief Romelaer jubelnd.— Solch eine Karte hab' ich im Leben nicht gehalten.“ 185 Heffken war froh eine Ausrede zu haben, Marieen ſich ſelber zu überlaſſen, denn Alles was er vorſichtiger Weiſe thun konnte, war ge⸗ ſchehen, nicht allein ſich an Wagner, für die heutige Behandlung zu rächen, ſondern auch einer möglichen Klage deſſelben in dieſer Familie gegen ihn, die Spitze abzubrechen. Wagner mochte die Thatſachen nun ſo unumwunden darſtellen, wie er wollte, ſie erſchienen in einem ganz anderen Licht, und er ſelber war ſicher. Mevrouw Van Romelaer hatte ſich indeſſen von dem Hauptmann noch einmal die ganze Ge⸗ ſchichte erzählen laſſen, und obgleich ſie in der Mitte wieder ein paar Mal einnickte, glückte es ihr doch gegen das Ende derſelben zu erwachen, und ihr unbegrenztes Erſtaunen über die Fähr⸗ lichkeiten des Soldatenſtandes auszuſprechen. Marie ſetzte ſich aber jetzt zu ihnen und da ſich ihnen auch Heffken bald wieder anſchloß, wurde das Geſpräch lebhaft fortgeführt, bis die Herrn gegen elf Uhr mit Spielen aufhörten, und dadurch das Zeichen zum Aufbruch der kleinen Geſell⸗ ſchaft gaben. XI. Am nächſten Morgen fuhr Wagner, gleich nach Beginn der Bureau⸗Stunden in das Stadt⸗ haus hinunter, Herrn Nitſchke frei zu machen, was ihm auch nach einiger Schwierigkeit gelang. Es lag nämlich gegen ihn gar kein anderer Verdacht vor, als daß ſein Zahnſtocheretui oben im Comtoir gefunden war, und allein auf Heff⸗ kens Aeußerung hin, daß nur er an jenem Mor⸗ gen zu ihm gekommen ſei, wahrſcheinlich die Gelegenheit auszuſpüren, und man ihn danach geflüchtet glaubte, hatte man ſich bewogen gefun⸗ den einen Verhaftsbefehl gegen ihn zu er⸗ laſſen. Wider Erwarten fand er ſich dagegen in feſter Arbeit und, wie Wagner beſtätigte, ohne einen 187 Pfennig Geld, ja ſelbſt ohne die nöthigſten Klei⸗ dungsſtücke, die er ſich doch wohl, mit einer ſol⸗ chen Summe in Händen, erſt geſchafft hätte. Außerdem war Nitſchke allerdings als ein ſehr liederlicher und ausſchweifender Menſch bisher bekannt geweſen, der auch ſelbſt borgte, wo ihm überhaupt Jemand noch etwas borgen mochte. Irgend eine direkte Unehrlichkeit hatte er ſich aber noch nie zu Schulden kommen laſſen. In allen Geſchäften wo er bisher gearbeitet, mußte man ihm das Lob eines talentvollen und ehrlichen Menſchen laſſen, mit dem nur auf die Länge der Zeit nie etwas anzufangen war, weil er eben nach einer kurzen Periode der Ruhe, und wenn er ſich ein paar Thaler verdient, unrettbar wie⸗ der in ſein wüthendes und rückſichtsloſes Trin⸗ ken zurückfiel. Das gefundene Zahnſtocheretui bewies außer⸗ dem Nichts, da ja Herr Nitſchke ganz offen und am hellen Tag im Comptoir geweſen war, und um Arbeit gebeten hatte. Außerdem hatte er, ſeit Sonntag Morgen Herrn Wagners Haus keine Stunde mehr verlaſſen— ausgenommen in das Geſchäft hinunter zu fahren— und der Haupt⸗ voeerdacht baſirte darauf, daß Nitſchke eben nur in dem Geſchäftslokal geweſen ſei, die Gelegen⸗ 188 heit auszuſpähen. Sobald er es nachher nicht betreten, fiel die ganze Anklage in ſich ſelbſt zu⸗ ſammen. Herr Wagner erbot ſich außerdem volle Bürg⸗ ſchaft zu leiſten, daß ſich Nitſchke nicht allein je⸗ dem Verhör ſtellte, ſondern auch, bis zur Erle⸗ digung der wider ihn erhobenen Anklage, Batavia nicht verließ, und man geſtattete ihm unter die⸗ ſer Vorausbedingung leicht mit ſeinem Beſchützer das Gefängniß wieder zu verlaſſen. Wagner nahm ihn gleich mit in ſeinen Bendi und als ſie zuſammen dem Geſchäft wieder zu⸗ fuhren, ſaß Nitſchke ſtill und ſchweigend neben ihm. „Nehmen Sie ſich die Sache nicht zu Herzen,“ tröſtete ihn Wagner,„es iſt allerdings eine höchſt fatale Geſchichte, mit den Gerichten überhaupt zu thun zu haben, denn Jahre lang kann ſich ſo etwas hinausdehnen, und derartige Leute betrei⸗ ben ihr Geſchäft, als ob ſie eines Methuſalems Lebensalter vor ſich hätten— ein Jahr iſt für ſie eine Stunde.“ „Ich ſehe der Entſcheidung außerordentlich ruhig entgegen, Herr Wagner,“ ſagte Nitſchke freundlich; das Einzige was ich dabei bedaure iſt Ihnen gleich faſt in der erſten Stunde ſolche 189 Unannehmlichkeit bereitet zu haben. Sie werden am Ende wieder bereuen, daß Sie ſich meiner annehmen. „Das werde ich nicht, Nitſchke,“ erwiderte Wag⸗ ner herzlich,„wenn Sie nur ſo fortfahren Ihre guten Vorſätze zu halten; faſſen Sie deshalb Muth, und ſein Sie nicht ſo niedergeſchlagen.“ „Ich bin nicht niedergeſchlagen, Herr Wagner,“ ſagte Nitſchke,„und dachte nur, als wir das Stadt⸗ haus verließen, über einen anſcheinend geringfügi⸗ gen Umſtand nach, der mich aber ſchon die ganze Nacht beſchäftigt hat.“ „Und der iſt?“ „Das kleine Zahnſtocheretui, das oben im Comptoir gefunden wurde. Ich habe es nämlich gar nicht oben im Comptoir verloren.“ „Nicht?“ ſagte Wagner erſtaunt,—„aber wie kommt es denn dorthin?“ „Das iſt mir ſelber ein Räthſel,“ erwiederte Nitſchke.„Ich erinnere mich ſo genau, als ob es in der vorigen Stunde geweſen wäre, daß ich es aus der Taſche nahm, als ich Herrn Heffken ver⸗ ließ— und zwar erſt auf der Treppe. Ich war in einer furchtbaren Aufregung auf ſolche Weiſe behandelt zu ſein, wie mich Herr Heffken an jenem Abend behandelt hat, daß ich gar nicht recht wußte 3 190 was ich that, und erſt unten vor dem Haus— ich könnte den heiligſten Eid darauf ſchwören, ſteckte ich das kleine Etui, das ich als letztes Andenken meiner Mutter ſehr hoch halte, wieder in die Taſche, und zwar ehe ich in den Wagen ſtieg. Dort muß es verloren gegangen ſein, und ich kann es mög⸗ licher Weiſe neben die Taſche geſteckt haben, be— merkte es aber nicht. Als ich nur einen Blick zu⸗ rückwarf, ſah ich das tückiſch boshafte Geſicht jenes Menſchen, der mich ſcharf beobachtete, oben im Fenſter, und außer mir vor Schaam und Reue, durch mein vergangenes Leben ſo tief geſunken zu ſein, ſprang ich in den Wagen und ſah und hörte Nichts weiter. „Aber wie kann das Etui dann hinaufgekom⸗ men ſein, ohne daß man es früher entdeckt hat, als der Raub bekannt wurde?“ „Es giebt dafür nur eine Möglichkeit,“ ſagte Nitſchke,„wie ich mir die Sache auch überlegt habe, und die iſt die, daß Jemand abſichtlich das gefundene Etui in das Comptoir gelegt hat, den Verdacht des Raubes auf mich zu lenken. „Mit ſo ſchwachem Beweis wäre das hoffnungs⸗ los geweſen.“ „Doch nicht ſo ganz, Herr Wagner,“ ſagte Nitſchke,— bei dem Leben das ich bis dahin ge⸗ 191 führt, ließ ſich Alles glauben, und es war, wie Sie mir zugeſtehen werden, nichts weniger als wahrſcheinlich, daß ich noch Jemanden fände der ſich meiner annähme, alſo dann auch in Verzweif⸗ lung und Elend untergehen mußte.“ „Und haben Sie auf irgend Jemand Ver⸗ dacht?“ frug Wagner. „— Ja,“ ſagte Nitſchke nach einigem Zögern; naber erlauben Sie mir, daß ich noch darüber ſchweige. Ich möchte Niemanden ungerecht an⸗ klagen und erſt ſtärkere Indicien ſammeln. Iſt mir das geglückt, ſo ſollen Sie der Erſte ſein, der es erfährt.“ „Aber warum haben Sie nicht gleich vor Ge⸗ richt ausgeſagt, das Sie das Etui nicht im Comp⸗ toir verloren haben?“ „Das hätte mir wahrſcheinlich gar Nichts genützt, ſondern vielleicht eher noch geſchadet,“ ſagte Nitſchke, „denn das Gericht, das verpflichtet iſt von jedem Menſchen das Schlimmſte zu denken, würde dann erſt recht Auskunft von mir darüber verlangt ha⸗ ben. Wäre ich aber eingeſperrt geblieben, ſo hätte ich mich in der, mir jetzt ſehr am Herzen liegenden Sache gar nicht umthun, und deshalb auch nicht den beſtimmten Beweis meiner Unſchuld bringen können. Jetzt bin ich dagegen„Dank Ihrer gü⸗ 192 tigen Hülfe, frei, und ich zweifle gar nicht, daß ich dieſem Caſſeneinbruch, wie es jetzt heißt, noch auf die Spur komme. Es iſt aber hauptſäch⸗ lich eine Sache der Zeit, und wir müſſen es ab⸗ warten.“ Das Fuhrwerk hielt in dieſem Augenblick vor dem Geſchäftslokal, und Wagner bot Nitſchke an, lieber erſt nach Haus zu fahren und ſich von der „Haft“ zu erholen. Nitſchke beſtand aber darauf ſeine Arbeit unverweilt wieder aufzunehmen und meinte, er habe ſchon an unbequemeren Stellen geſchlafen, wie das allerdings etwas harte Lager ſeines Gefängniſſes geweſen ſei, und fühle ſich ſo friſch und wohl als je. Wagner blieb einige Zeit mit im Geſchäft, denn die Stunde für einen Damenbeſuch war noch zu früh; gegen zwölf Uhr aber rief er ſeinen Wagen an und befahl dem Kutſcher ihn nach Cramat zu Mynheer Van Romelaer zu bringen. Van Romelaer war nicht zu Haus und Me⸗ vrouw hatte noch keine Toilette gemacht, als der Bendi vor dem Porticus hielt,— Marie aber war ſchon ſeit zwei Stunden unten in der luftigen Halle und hatte vergebens geſucht durch Muſik, oder mit Hülfe eines Buches des Unmuths Herr zu werden der ſie heut beherrſchte. 193 Sie war böſe— böſe auf ſich und die ganze Welt, böſe beſonders, daß ſie Niemand hatte, an dem ſie ihren Aerger auslaſſen konnte, und die armen Dienſtboten mußten indeſſen entgelten, daß das junge, ſchöne, aber entſetzlich verzogene Mäd⸗ chen eine Lieblingsidee gekreuzt, einen Wunſch nicht erfüllt ſah. Marie war in der That ſchön, und auch von Herzen gut und edel, aber als Herrin im Haus aufgewachſen und kannte deshalb kaum einen an⸗ deren Willen als den ihren. Was konnten frei⸗ lich die armen Mädchen dafür, daß ſie heut Mor⸗ gen nicht ſo guter Laune war wie gewöhnlich,— aber warum gingen ſie auch ſo langſam wenn ſie ihnen zehn Befehle hinter einander gab, und einen durch den andern wiederrief. Die Geduld einer Heiligen hätte da, wie Marie glaubte, ermüden können, und daß ſie die armen Dinger an den Haaren zupfte und in Schultern und Arme kniff, ja nach ihnen ſchlug, war nur eine Folge davon. Weshalb waren es Sclavinnen, und ſie ihre Her⸗ rin und Gebieterin. Wenn ſie ſelber ſich nicht glücklich und zufrieden fühlte, ſollten es dieſe ſein? Still weinend ſaßen die Mädchen in der Ecke auf dem Boden und nähten an Cabayen für den Unter dem Aequator. II. 13 V 4 8 *. 194. Herrn. Marie hatte ſich in einen Lehnſtuhl ge⸗ worfen und wohl zum zwanzigſten Mal ein Buch aufgegriffen, als draußen der Bendi hielt. Nur einen flüchtigen Blick warf ſie nach dem Kommenden hinüber, ſprang aber mit einem kaum unterdrückten Schrei empor, als ſie den Mann erkannte, den ſie in dieſem Augenblick am Wenig⸗ ſten erwartet hatte.— Und wie ſah ſie aus? Ein Blick nur in den Spiegel zeigte ihr die verwirr⸗ ten Haare, das erhitzte Geſicht und die halbver⸗ weinten Augen,— ſie war ſich in ihrem ganzen Leben noch nicht ſo häßlich, ſo abſcheulich vorge⸗ kommen.— Und ſuchte er ſie nicht auf, die ganze Anklage zu vernichten, die jener boshafte Menſch geſtern gegen ihn vorgebracht?— Was wußte er von dem fremden Mädchen?— Was ging ſie ihn an? Was hatte er mit ihr zu thun? Wohnte ſie überhaupt in einem Hotel, wenn ſie ihm irgend näher ſtand oder ſtehen ſollte, denn zehn Familien hätte er ja gefunden, die ſeine künftige Braut wohl bei ſich aufgenommen. Aber ihr blieb keine Zeit zum Ueberlegen; ſelbſt dies Alles zuckte ihr nur wie ein flüchtiger Ge⸗ danke durch das Herz. Schon ſprang Wagner die Stufen herauf und wenige Secunden ſpäter ſtand er vor ihr. 195 Sie wollte ihm, wie ſie das gewöhnlich that, die Hand zum Gruß entgegenſtrecken— aber ſie vermochte es nicht. Heffkens Verläumdung ſtand zwiſchen ihr und ihm, und noch hatte er ja Nichts gethan, ſie zu zerſtören. Wagner dagegen ſah keine ſolche Schranke, und wie immer, freundlich auf ſie zugehend, nahm er ihre Hand und ſagte: „Guten Morgen, mein liebes Fräulein— Sie dürfen mir nicht böſe ſein, daß ich ſo früh Sie heimſuche, aber— ich komme heute mit einer Bitte. Iſt Ihre Mama zu Haus?“ „Zu Haus— ja— aber—“ „Noch nicht Toilette gemacht;“ lachte Wag⸗ ner,„nun das ſchadet Nichts— der Vater auch nicht?“ „Vater iſt heute Morgen ſchon früh nach dem Zollhaus gefahren und bis jetzt noch nicht zurück⸗ gekehrt.“ „Fehlt Ihnen etwas Marie?“ ſagte Wagner, „der ſie erſtaunt betrachtete.—„Sie ſind ſo ernſt — ſehen ſo aufgeregt aus. Iſt Ihnen etwas Un⸗ angenehmes geſchehen?“ „Mir?— Nein— weshalb mir?“ ſagte Ma⸗ rie, halb ihr Antlitz abwendend—„und worin beſtand Ihre Bitte?“ „Ich hätte mir freilich ein freundlicheres Ge⸗ 13* 196 ſicht dazu gewünſcht,“ lächelte Wagner,„aber Sie werden mich hoffentlich nicht entgelten laſſen, was Jemand Anders vielleicht verſchuldet.— Eigentlich freilich, hätte ich es lieber mit Ihrem Papa ab⸗ gemacht. Sie aber ſind doch auch eine Haupt⸗ perſon dabei, ſo mögen Sie denn wenigſtens meine Fürſprecherin ſein.“ „Sie holen weit aus.“ „Sie haben Recht; es— iſt aber auch eine etwas delicate Sache, denn es handelt ſich um eine junge Dame, die— „Um eine junge Dame,“ unterbrach ihn Ma⸗ rie, kalt und verächtlich dabei lächelnd, während Ihr Blick den Sprechenden nur ſtreifte,„eine junge Dame, die Sie vielleicht hier unterzubringen wünſchen.“ „Können Sie Gedanken errathen?“ rief Wagner wirklich erſtaunt aus, denn er hatte keine Ahnung, daß Marie auch nur von der Exiſtenz Hedwig Bernolds etwas wiſſe. „Es ſcheint ſo,“ ſagte das junge Mädchen, und ſie bezwang kaum den aufkochenden Zorn, der in ihr tobte. Sie wollte ruhig bleiben, wollte den frechen Menſchen durch ihre Kälte vernichten, und nur krampfhaft ballte ſich die kleine Fauſt. Wagner aber bemerkte das nicht. Ganz von dem 197 Gegenſtand erfüllt, der ihn beſchäftigte, ſagte er freundlich: „Deſto beſſer, ſo kommen Sie mir auf hal⸗ bem Weg entgegen und erſparen mir eine weit⸗ läufige und ermüdende Auseinanderſetzung. Ja, liebes Fräulein, deshalb bin ich heute hierherge⸗ kommen, und wenn ich die Gaſtfreundſchaft Ihres väterlichen Hauſes— nur für ganz kurze Zeit, denn das Alles wird ſich bald verändern— in Anſpruch nehme, ſo können Sie ſich feſt darauf verlaſſen, daß ich es für keine Unwürdige ver⸗ lange. Die junge Fremde iſt ein ſo liebes, rei⸗ zendes Geſchöpf, ſo einfach dabei und beſcheiden—“ „Sie werden warm, Herr Wagner.“ „Wenn Sie die junge Dame kennen lernen, werden Sie mir ſelber Recht geben, daß ich Ur⸗ ſache habe. Das Hotel iſt aber kein paſſender Aufenthalt für ſie; zu ſehr fremden Beſuchen aus⸗ geſetzt, die—“ „Vielleicht ergründen könnten, welche Abſich⸗ ten da verfolgt werden—“ unterbrach ihn Ma⸗ rie, und ihr Auge funkelte. 4 „Fräulein Marie!“ rief Wagner erſchreckt, denn jetzt erſt ſah er den aufglimmenden Zorn, der in den Zügen des jungen Mädchens lag. Länger aber konnte ſich auch Marie nicht halten. 198 „Abſcheulich! abſcheulich!“ rief ſie mit vor in⸗ nerer Heftigkeit faſt erſtickker Stimme—„und ge⸗ rade zu mir wollen Sie das Geſchöpf bringen? gerade zu mir, die— Aber es iſt gut; Alles hat ſeine Grenzen, mein Herr, und ich erkläre Ihnen hiermit feſt und beſtimmt, daß ſie unſere Schwelle nicht betreten wird.“ 3 „Fräulein Marie?“ wiederholte Wagner jetzt, völlig überraſcht durch einen Zorn, deſſen Urſache er ſich nicht erklären konnte.„Wer giebt Ihnen das Recht, jene junge Dame in ſo verächtlichem Tone ein„Geſchöpf“ zu nennen— was um Got⸗ tes Willen—“. „Genug! übergenug!“ unterbrach ihn aber Marie, die der Jähzorn jetzt übermannte—„auch noch Achtung verlangen Sie für die— Dirne? — aber ich will Nichts weiter hören.— Meinen Wagen Saija,“ rief ſie auf malayiſch dazwiſchen einem der Mädchen zu, die ſchüchtern noch im⸗ mer bei ihrer Arbeit ſaßen, und von dem in hol⸗ ländiſcher Sprache geführten Geſpräch Nichts ver⸗ ſtanden hatten, als daß ihre Herrin heute mit dem weißen Tuwan ebenfalls erſchrecklich böſe ſei. Das aufgerufene Mädchen überhörte auch deshalb den Befehl, und nähte ruhig weiter. „Dirne?“ ſagte Wagner erſchreckt—„großer 199 Gott, Marie, hier muß ein Mißverſtändniß ob⸗ walten. Hören Sie mich erſt. Sie müſſen mich hören.“ „Mehr als genug hab ich ſchon gehört,“ rief aber das junge, heftige Mädchen, ganz außer ſich —„meinen Wagen Saija— willſt Du mich auch noch raſend machen?“ und auf das junge, zitternde Ding, die jetzt erſchreckt aufſpringen wollte, zufahrend, ſchlug ſie das arme Mädchen mit der geballten Hand zwei Mal raſch hinter ein⸗ ander in das flehend zu ihr aufgedrehte Antlitz, das ihr das helle Blut raſch aus der Naſe ſtrömte.“ Wie ein geſcheuchtes Reh floh die Unglück⸗ liche aus der Thür, den Befehl der zürnenden Herrin zu erfüllen, und Wagner rief erſchreckt und vorwurfsvoll aus: „Marie! um Ihrer ſelbſt Willen— was war das?“ Marie war ſelbſt erſchrocken. Die raſche Hand⸗ lung hatte ſie mehr zu ſich gebracht, als es alle Bitten und Ueberredungen vermocht hätten. Das Gewitter hatte ſich entladen und ſie ſtand einen Moment regungslos. Als ihr ſcheuer Blick aber nach Wagner hinüberflog und den kalten, vor⸗ wurfsvollen Ausdruck in deſſen Zügen entdeckte, kehrte im Nu der alte Trotz zurück. Welche Rechen⸗ — ₰ᷣ * 200 ſchaft über ihre Handlungen war ſie ihm ſchul⸗ dig, daß er ſich anmaßen konnte ſie hier, vor ihren Leuten zu hofmeiſtern? Welches Recht hatte er gerade, ihr hier ſo gegenüber zu ſtehen? Einen Augenblick noch blieb ſie unſchlüſſig, was ſie thun ſollte; aber ſie war nicht gewohnt, ſich einem an— deren Willen zu fügen, eines Andern Ueberlegen⸗ heit anzuerkennen, und mit dieſem zürnenden Selbſtbewußtſein raffte ſie ſich empor, drehte Wag⸗ ner den Rücken und verließ raſch und trotzig den Saal. Wagner ſtand noch eine lange Weile, nachdem ſie ihn verlaſſen, auf derſelben Stelle. Das Ganze war raſch und betäubend wie ein Traum an ihm vorüber gegangen, und er wußte kaum ob er wache. Die noch auf den hellen Marmor⸗ boden liegenden Blutstropfen ließen aber an dem Geſchehenen keinen Zweifel, und mit einem, aus tiefer Bruſt heraufgeholten Seufzer, wandte er ſich ab, und verließ langſam und mit recht ſchwe⸗ rem Herzen das Haus. XII. Wagner war ein ruhiger und geſetzter Mann; nichts weniger als leidenſchaftlich und aufbrau⸗ ſend, ſondern kalt und beſonnen, aber mit einem warmen und edlen Herzen. Deſto mehr ſchmerzte es ihn hier, ſich in Marie, die er wirklich mit voller Neigung liebte, ſo getäuſcht zu ſehen. Die⸗ ſen jähzornigen, böſen Character hatte er in dem jungen Mädchen, das er nur immer in Geſell⸗ ſchaften getroffen, gar nicht vermuthet und ge⸗ ahnt; um ſo mehr erſchreckte es ihn jetzt. Daß die Urſache ihres Zornes auf einem Mißverſtändniß beruhe, daran zweifelte er keinen Augenblick, wenn er auch noch nicht begriff, wo⸗ her es entſtanden ſein könne. Das hoffte er auch bald, und ganz einfach durch wahrheitsgetreue 202 Darſtellung des Geſchehenen zu beſeitigen— aber was dann?— Doch Marie hatte ja ein gutes Herz; der innere Kern war edel und rein, und, unter der Leitung und feſten Führung eines braven Mannes, konnte ſich ihr Charakter leicht verſöhnen und mildern laſſen. Er nahm ſich auch vor, mit ihr in der allernächſten Zeit wohl recht freundlich, aber recht ernſthaft darüber zu reden. Sie wußte ja wie gut er es mit ihr meine, wie lieb er ſie habe, und wo das Herz nur einmal willig iſt, da iſt mit dem Kopf ſchon eher zurecht zu kommen. Viel ſchwerer ſind bloße Verſtandesmenſchen von irgend etwas abzubringen, oder auf einen anderen Weg zu führen. Dieſe laſſen eben nur den Verſtand gelten, und mit dem Gemüth iſt ihnen nimmer beizukommen. Wagner war aber auch dabei viel zu prak⸗ tiſcher Natur, durch die eben erlebte Scene ſeinen Plan aus den Augen zu verlieren. Daß in⸗ deſſen, unter dieſen Umſtänden, Hedwig hier keine freundliche Aufnahme finden würde, ſah er ein; einer ſolchen Scene durfte er das arme, ſo ſchon genug niedergedrückte Mädchen nicht aus⸗ ſetzen, und deshalb mußte er unverweilt eine andere Wohnung für ſie finden. Er wußte, daß 203 ihm das ohne große Schwierigkeit gelingen würde. Es giebt nämlich kaum einen gaſtfreieren Ort in der Welt, wie Batavia, kaum eine Bevölke⸗ rung, die den Fremden, wenn er nur durch acht⸗ bare Leute bei ihr eingeführt wird, herzlicher und unbeſchränkter aufnimmt, wie die Bataviſche. Im Ueberfluß lebend, und ſchon des Klimas wegen, in weiten bequemen Räumlichkeiten hau⸗ ſend, haben ſie kleinliche Schwierigkeiten dabei nicht zu überwinden, und nach wenigen Stunden ſchon iſt gewöhnlich der Fremde, an dem reichbe⸗ ſetzten Tiſch wie in der Familie ſelber ſo herz⸗ lich aufgenommen, als wenn er daheim im eige⸗ nen Hauſe wäre. Einen beſſeren Fürſprecher wie Wagner hätte Hedwig dabei kaum finden können. Wagner war in Batavia als ein ſtreng rechtlicher, braver und biederer Mann bekannt, und ſeines einfachen, ge⸗ müthlichen Weſens wegen überall gern geſehen. Als ein tüchtiger Kaufmann hatte er ſich dabei mit einigem Glück raſch emporgearbeitet, und da die Welt den Erfolg überhaupt als maßgebend für ihr Urtheil betrachtet, ſo durfte er auf ihre Anerkennung in jeder Hinſicht rechnen. In mehren deutſchen wie holländiſchen Fa⸗ 204 milien war er deshalb ein gern geſehener Gaſt und er beſann ſich ſo auch nicht lange, ſchüttelte das unangenehme Gefühl, das ihn bis dahin noch befangen gehalten, ab, und fuhr ohne weiteres Zögern nach Weltefreden hinüber, wo ein paar alte prächtige Leute, Holländer, allein und ziem⸗ lich abgeſchieden auf einer reizenden Beſitzung lebtten. Mynheer Van Straaten war ein Mann, der in früheren Jahren bedeutende Cochenille und Zuckerculturen getrieben und ein großes Vermö⸗ gen damit erworben hatte. Damit zog er ſich nach Holland zurück, um dort, wie es die meiſten Pflanzer thun, ſeine Reichthümer in Ruhe zu ver⸗ zehren— aber er ſowohl wie ſeine Frau waren zu ſehr an das tropiſche Leben gewöhnt worden, um ſich in Europa wieder wohl fühlen zu können. Ein paar Jahre hielt es der alte Herr aus, dann erfaßte ihn die Sehnſucht nach dem ſchönen Java ſo ſtark, daß er in Holland nicht länger bleiben konnte. Das rauhe Klima trug möglicher Weiſe viel dazu bei, aber ſeine Palmen fehlten ihm, ſeine ſüdliche Sonne, und wie mancher Andere kehrte er dorthin zurück, wo er ja doch ſeine glücklichſte und ſchönſte Zeit verlebt— nach Ba⸗ tavia. 205 S Hier in Weltefreden, einer der ſchönſten Vor⸗ ſtädte, kaufte er ſich ein gerade freies, herrlich ge⸗ legenes Erbe, und hier gedachte er auch ſeine Tage zu beſchließen. Wagner war ſchon vor einiger Zeit mit ihm bei Van Romelaers, mit denen er manchmal ver⸗ kehrte, bekannt geworden. Der alte Herr Van Straaten hatte den jungen tüchtigen Mann lieb gewonnen und ihn zu ſich eingeladen, und er dort ſtets eine ſo freundliche wie herzliche Auf⸗ nahme gefunden. An dieſe Leute dachte er auch jetzt, als er ein Unterkommen für Fräulein Ber⸗ nold ſuchte, und er zweifelte nicht, daß ſich das junge Mädchen die kurze Zeit ihres Aufenthalts dort nicht allein wohl und glücklich fühlen, ſon⸗ dern auch ruhig und ungeſtört leben werde, und keine Kränkung weiter zu befürchten habe.— Und doch fand ſeine Bitte an dieſer Stelle nicht gleich ein williges Gehör. Als er nämlich bei den alten Leuten ſaß und ihnen, ohne weitere Umſchweife von der jungen Fremden erzählte, die er nicht gern allein in ei⸗ nem Hotel laſſen möge, und deshalb bei lieben Freunden unterbringen möchte, wurde Mevrouw Van Straaten ganz verlegen, und der alte Herr huſtete ein paar Mal und ſah ſtill vor ſich nieder. 206 Wagner erſchrack; er fühlte, ohne daß ein Wort der Erwiderung gefprochen war, wie hier etwas nicht ſo ganz richtig ſei, und bereute ſchon die guten Leute in Verlegenheit gebracht zu ha⸗ ben, ihm eine abſchlägige Antwort geben zu müſ⸗ ſen— und einen wichtigen Grund dafür hatten ſie dann gewiß. Mevrouw ließ ihn aber darüber nicht lange in Zweifel und ſagte, mit einem Blick auf ihren Gatten: „Oh wie gern, wie ſehr gern würden wir die junge liebe Dame, von der Sie uns eine ſo freund⸗ liche Beſchreibung machen, bei uns aufnehmen, wären wir aber noch ſo allein, wie vor wenigen Tagen, aber— mein Bruder iſt von Europa zu⸗ rückgekommen. Er war krank, recht krank, als er Batavia vor drei Jahren verließ, und wenn ſich ſein Leiden auch zum Glück vollſtändig gehoben hat, daß er ſich wieder einer für ſeine Jahre kräftigen Geſundheit erfreut, ſo— ſo iſt er doch ſo ernſt, ja ſo— ſo— „Ein Rappelkopf iſt's, Wagner ein mürriſcher Rappelkopf,“ unterbrach ſie Mynheer von Straa⸗ ten,„der mit ſich und der Welt unzufrieden ſcheint, und ſich und die Welt dabei mißhandelt. Das iſt das Kurze und Lange von der Sache, und du 207 brauchſt da gar nicht ſo um den Brei herum zu gehn, Alte. Ein ſeelengutes Herz hat er; er würde keinem Thier ein Unrecht thun, geſchweige denn einem Menſchen, aber er iſt ordentlich Menſchen⸗ ſcheu, mag mit Niemandem verkehren, wie mit ſeinem eigenen langweiligen Selbſt, und iſt dabei ein ſolcher Haustyrann geworden, wie überhaupt nur ein alter Junggeſelle ſein kann.“ „Aber Lodewijk!“ „Was wahr iſt, muß wahr bleiben,“ rief der alte Herr.„Das junge Mädchen von dem Sie ſprechen, wäre ein wahres Gottgeſandt hier in's Haus, und ich und meine Alte würden ſie mit offenen Armen empfangen, wenn wir den Schwa⸗ ger nicht hier hätten. Möglich, daß er ſie ſich ganz ruhig gefallen läßt, möglich aber auch, daß er ihr das Leben zu einer Hölle machte, und dem wollen wir doch wahrhaftig keinen lieben Gaſt ausſetzen.“ „Mein Mann hat leider Recht,“ ſeufzte Mev⸗ rouw,„Bruder Martijn iſt, ſeit er uns verlaſſen, recht griesgrämig und unzufrieden geworden. Mög⸗ lich, daß ſie ihn daheim viel geärgert und gekränkt haben, denn wenn Jemand aus Indien nach Hol⸗ land zurückkommt, ſo wird der ſtets als ein gol⸗ dener Schwamm betrachtet, den man ſo lange 208 drücken muß, wie er nur noch einen Tropfen her⸗ giebt. Er hat dadurch die Menſchen verachten gelernt, läßt es jetzt aber an den falſchen aus, und hat ſogar im Sinn, ſich ganz allein irgend wo ein Haus in die Berge hinein zu bauen, um nur mit Niemandem weiter in Berührung zu kommen.“ „Das wäre der größte Gefallen, den er dem Menſchengeſchlecht erweiſen könnte,“ ſagte Van Straaten trocken,„denn man muß ihn wirklich ſo genau kennen und ſo lieb haben wie wir, um nur mit ihm auszukommen. Aber da iſt er. Wenn man den Wolf nennt, kommt er gerennt, übrigens brauchen Sie ſich nicht vor ihm zu fürchten, Wag⸗ ner.— Er beißt wenigſtens nicht— die einzige, gute Eigenſchaft die er hat.“ Ein großer, ſchlanker Mann mit eiſernen Zü⸗ gen und eisgrauen Haaren, in die leichte, bequeme Indiſche Morgentracht gekleidet, betrat in dieſem Augenblick das Gemach. Er hielt ein Buch in der Hand, und wollte damit eben hindurch in ein anderes Zimmer gehen, als er den Fremden be⸗ merkte. Im erſten Augenblick ſchien es, als ob er nicht übel Luſt habe wieder umzukehren, aber ſchicklicher Weiſe ging das doch nicht mehr, ohne 209 vorher wenigſtens ein paar Worte der Begrüßung gewechſelt zu haben. „Mein Schwager Lockhaart,“ ſagte dabei, ihn vorſtellend, Van Straaten—„Martijn, ein lie⸗ ber Freund unſers Hauſes, Mynheer Wagenaar von der Firma Wagenaar und Van Roeken.“ Der alte Herr hatte, während ſich Wagner leicht verneigte und ſein eigener Name genannt wurde, ein Geſicht gemacht, das der, vorhin von ihm gelieferten Beſchreibung vollkommen entſprach. Wie er aber Wagners Namen und die Firma hörte, wurde er aufmerkſam, und mit einer Be⸗ wegung, daß der Gaſt ſeinen Sitz behalten möge, ſagte er: „Wagenaar— Wagenaar? Ich habe mit einer jungen Dame die Seereiſe gemacht, die an einen Herrn Wagenaar empfohlen war. Sind Sie das?“ „Kamen Sie auf der Rebecca?“ „Ja.“ „Dann war allerdings Fräulein Bernold Ihr Mitpaſſagier.“ „Und wo ſteckt ſie jetzt?“ „Im Hotel der Nederlanden, wo ſie—“ „Im Hotel?“ rief der alte Herr, ordentlich unwillig, ohne ihn ausreden zu laſſen—„ein Unter dem Aequator. II. 14 210 einzelnes, junges Mädchen im Hotel. Hatten Sie gar keine Familie hier, wo Sie ſie unterbringen konnten?“ Van Straaten ſah ſeine Frau etwas erſtaunt an. So viel Theil hatte der alte Herr noch an Niemandem genommen, ja ſich nicht einmal er⸗ kundigt, was aus ſeinen Freunden hier geworden war. Die Welt, wie er immer behauptete, ging ihn Nichts mehr an, und er wollte auch deshalb Nichts mehr von ihr wiſſen. Wagner ſelber wußte nicht gleich was er dar⸗ auf erwidern ſolle, denn ſagte er, daß er gerade in dieſer Abſicht heute Morgen hierhergekommen wäre, ſo brachte er Van Straatens dadurch je⸗ denfalls in Verlegenheit. Mevrouw aber, die das wohl fühlen mochte, nahm für ihn das Wort, und vief: „Mynheer Wagenaar hat uns deshalb gerade heute Morgen beſucht. Er— wußte nicht, daß wir ſchon ſo liebe Einquartirung hatten und da— „Nun?— und da?“ wiederholte der alte Herr und ſah ſie erſtaunt an.“ „Nun, wir— wir ſprachen eben darüber,“ ſagte ſeine Schweſter, jetzt wirklich verlegen, denn ſie hätte um's Leben gern die junge Fremde bei 211 ſich auf einige Zeit im Hauſe gehabt, nur ein klein wenig Abwechſelung in ihr ſtilles Leben zu bringen—„wir— wir glaubten aber nicht, daß es jetzt ausführbar ſein würde, weil— weil Du doch jetzt Deine Bequemlichkeit hier haben mußt.“ „Ich?“ ſagte der alte Lockhaart, und ſah ſeine Schweſter mit großen Augen an,„brauch ich ſechs Zimmer zu meiner Verfügung um meine Bequem⸗ lichkeit zu haben, wie Du's nennſt, und betrachtet Ihr mich etwa als Vogelſcheuche hier im Hauſe, Euch ſonſt vielleicht liebe Gäſte daraus fern zu halten? Verdommich, dann pack ich noch heute meinen Koffer wieder und ziehe in die Berge hinauf.“ „Aber lieber, beſter Bruder,“ rief Mevrouw erſtaunt,„wenn ich nur eine Ahnung gehabt hätte, daß es Dir irgend lieb ſein könnte—“ „Ahnungen— was brauchſt Du Ahnungen zu haben,“ ſagte der alte Herr„und ob es mir lieb wäre oder nicht, kommt das hier in Betracht? Wer iſt denn hier der Herr im Hauſe, Lodewijk oder ich, und glaubt Ihr, wenn Ihr bei mir wohntet, daß ich Euch fragen würde, wen ich mir ſonſt noch dazu einladen ſollte?— Warachtig niet.“ „Bravo Lockhaart,“ rief da der alte Van 14* 212 Straaten in aller Herzensfreude aus,„das iſt das erſte vernünftige Wort, das Du geſprochen haſt, ſeit Du wieder in Java biſt.“ „So?“ ſagte Lockhaart trocken—„ich denke, ich habe mich einige Male ſehr vernünftig mit mir ſelber unterhalten; ſuche mir aber dazu eben meine Geſellſchaft.— Alſo ich glaube, die Sache wäre damit abgemacht.“— „Ja, wenn der Bruder ſelber Freude daran findet,“ rief Mevrouw aus,„dann mein beſter Herr Wagenaar, ſchaffen Sie uns das junge, liebe Mädchen nur hierher, ſobald Sie irgend können, und— je eher, deſto lieber. „Aber ſie hat noch eine ältere Begleiterin,“ erwiderte Wagner, von der Wendung die das Ganze genommen, eben nicht beſonders erbaut. Wer bürgte ihm dafür, daß dieſe Bereitwilligkeit des alten, ſo eiſern ausſehenden Herren nicht eben nur auch eine ſeiner verſchiedenen Launen war, die vielleicht ſo raſch wieder entflog, wie ſie gekommen—„es iſt allerdings nur eine alte Dienerin, die ſie zu ihrer Geſellſchaft und Auf⸗ wartung mitgenommen.— „Mann Gottes,“ rief aber der alte Van Straa⸗ ten,„ſeid nicht ſo entſetzlich weitläufig und um⸗ ſtändlich—„wo die junge Dame unterkommt, 213 wird auch die Dienerin einen Platz finden, und Reis und Curry haben wir im Hauſe genug, zwanzig zu füttern, und wenn ſie Alle ihre Die⸗ nerinnen mitbrächten. Alſo die Sache iſt abge⸗ macht und— ſoll ich meinen Wagen gleich hin⸗ unter ſchicken?“ „Nein, tauſend Dank,“ lächelte aber Wagner, die junge Fremde weiß noch nicht einmal etwas davon, und ich muß es ihr doch erſt mittheilen. Heute gegen Abend, oder ſpäteſtens morgen früh bringe ich ſie dann ſelber her— wenn Sie ſich denn einmal ſo freundlich ihrer annehmen wollen. „Formen, Formen,“ ſagte der alte Herr Lock⸗ haart, ungeduldig mit dem Kopf dazu ſchüttelnd; „Nichts als Formen. Wo nur die Leute all die Redensarten herbekommen.“ Die Worte klangen rauh, Wagner fühlte aber doch heraus, daß ein herzlicher Sinn darinnen lag, und nach einem kurzen Geſpräch, das jetzt auf andere Gegenſtände überging, wollte er ſich entfernen, um ſeine Schutzbefohlene aufzuſuchen, als der alte Herr Lockhaart, der ebenfalls im Be⸗ griff war, ſein eigenes Zimmer aufzuſuchen, ſich ſchon in der Thür noch einmal umdrehte und ſagte: „Apropos, Herr Wagenaar— wiſſen Sie 214 etwas Näheres von dem Einbruch, der bei Herrn Heffken ſtattgefunden hat?“ „Weiter Nichts,“ ſagte Wagner,„als daß Herr Heffken einen, jetzt in unſerem Geſchäft ar⸗ beitenden Mann beſchuldigt hat, der aber, mei⸗ ner Meinung nach, vollkommen unſchuldig iſt.“ „So?— ſo?—“ ſagte Herr Lockhaart, nickte dann einfach mit dem Kopf und verließ, ohne weitern Gruß, das Zimmer. Wenige Minuten ſpäter war Wagner ſelber wieder unterwegs, und fuhr direkt nach dem Ho⸗ tel hinunter, Hedwig von dem getroffenen Ar⸗ rangement in Kenntniß zu ſetzen. Er ſchüttelte dabei wohl den Kopf über das wunderliche Be⸗ tragen des alten Lockhaart, aus dem er nicht recht klug wurde; ob der wirklich ſo hart und rauh ſei, wie er ſich ſelber machte, oder ob die rauhe Schaale einen beſſeren Kern verberge. Doch ſorgte er ſich nicht deshalb, denn er kannte Mev⸗ rouw Van Straaten zu gut, als eine treffliche, gütige Frau, in deren Schutz ſich Fräulein Ber⸗ nold bald wohl und ſicher fühlen würde. Froh dabei, dieſe unangenehme Sache ſo raſch und glücklich beendet zu haben, konnte er doch Mariens Bild nicht aus ſeiner Seele bannen, wie er ſie heute zum erſten Mal geſehn. Oh 215 was hätte er darum gegeben, gerade dieſe Scene vergeſſen zu können, aber immer und immer wie⸗ der ſah er ſie vor ſich, wie ſie mit vor Zorn ge⸗ röthetem Antlitz, mit funkelnden Augen und ei⸗ nem wahren Megären Blick, das arme, unſchul⸗ dige Mädchen blutig ſchlug.— War das ſeine ſanfte, fröhliche Marie?— War das jenes kind⸗ lich, heitere Gemüth, das er in ihr verehrt und geliebt?— Und wenn es auch nur ein Moment. auflodernden Zornes geweſen wäre, durfte in dem Herzen einer Jungfrau auch nur ein Funken ſol⸗ chen unweiblichen Zündſtoffs ſ chlummern?— Hatte er ſich eine Frau— ſeine Frau ſo gedacht?— Dabei überlegte er ſich hin und her, was wohl die Urſache dieſes ſonderbaren Betragens, beſonders des auffallenden Zürnens gegen ihn geweſen ſein könne. Er war ſich nicht des ge⸗ ringſten Unrechts gegen Marie bewußt; er hatte Nichts gethan, auch nur einen unfreundlichen Blick von ihr zu verdienen, und dieſen Auftritt wahr⸗ lich nicht erwartet.— Recht böſe war ſie eigent⸗ lich erſt da geworden, als er ihr von der Frem⸗ den ſprach— aber nein, ſie hatte ja ſelber ſchon von ihr angefangen, ſelber ſchon Alles gewußt, was er ihr ſagen wollte, alſo war ſchon vorher —„Seffken!“ ſtieß er unwillkürlich laut das Wort ——————— 216 hervor, Heffken— es iſt nicht anders möglich! er muß noch geſtern Abend dort geweſen ſein, er allein, von Wuth und Galle gegen mich er⸗ füllt, hat mir auch dieſen Freundſchaftsdienſt ge⸗ leiſtet.— Aber was thut's?— alle ſeine Ver⸗ leumdungen ſind nicht ſtark genug, einem einzigen Strahl Wahrheit Stand zu halten, und hat er wirklich über mich gelogen, ſo bricht ihm das bei dem alten Romelaer für immer den Hals, ohne daß ich ſelber mit einer gehäſſigen Anklage gegen ihn vorzugehen brauche. Und vollkommen beruhigt von dem Gedanken, lehnte ſich Wagner in ſein leichtes Fuhrwerk zu⸗ rück, und ſuchte, im Betrachten all der wunder⸗ lichen Gruppen die ihm begegneten, die trüben Bilder die ihm die letzte Scene herauf beſchworen, ſo raſch als möglich wieder zu vergeſſen. Es galt ja auch jetzt der armen, jungen Fremden mit einem freundlichen Geſicht entgegen zu kommen, um ſie endlich einmal das erlittene Leid vergeſſen zu machen— ihr endlich einmal auch eine frohe Botſchaft zu bringen, denn daß ſie ſich bei Van Straaten bald wohl und heimiſch fühlen würde, daran zweifelte er keinen Augenblick. XIII. Das Fuhrwerk hielt endlich vor dem Hotel, und Wagner ſprang raſch heraus, ſich ſeines an⸗ genehmen Auftrags zu entledigen; aber er fand Hedwig nicht zu Haus. Nur die alte Kathrine war emſig beſchäftigt, das Zimmer aufzuräumen und in Ordnung zu bringen, und ſie erzählte ihm dabei, ohne ſich in ihrer Arbeit ſtören zu laſſen, daß ihr armes Fräulein heute Morgen böſe Kopf⸗ ſchmerzen gehabt, und ſich recht niedergeſchlagen, recht unglücklich gefühlt habe. Die Tochter vom Haus ſei aber da ſo freundlich geweſen, ihr eine Spazierfahrt anzubieten, um die ſchöne Umgegend Batavias auch ein wenig kennen zu lernen, die ſie ja noch, die Hierherfahrt ausgenommen, mit keinem Auge geſehen. Der Tag ſei auch herrlich 218 dazu, da bei dem bewölkten Himmel die Sonne nicht ſo nieder brennen könne, wie ſonſt. Uebri⸗ gens wären ſie ſchon eine ganze Weile fort, und müßten bald wiederkommen. Wenn der Herr Wagner deshalb nur ein klein wenig hier ver⸗ weilen wolle, träfe er ſie gewiß und ſicher. Wagner war unſchlüſſig, was er thun ſolle. Er hatte heute ſchon einen ſo großen Theil ſeiner Geſchäftszeit verſäumt, und wäre nicht gern länger hier ſitzen geblieben, als eben unumgänglich nöthig war. Die Alte aber, die mit einer gewiſſen Art von Inſtinkt den jungen Mann für den einzig wahren Freund hielt, den ihr liebes Fräulein in dem fremden Lande habe, ließ ihn nicht ſo leicht wieder los. Es drängte ſie ſelber, ihr Herz ein⸗ mal gegen ihn auszuſchütten, und eine gleich gute Gelegenheit dafür, fand ſich vielleicht im Leben nicht wieder. Ohne Weiteres rückte ſie ihm deshalb einen Stuhl zum Tiſch, nahm ihm den Hut ab, den ſie ſorgfältig auf die Kommode legte, und ſtand dann neben ihm und wußte nicht wie ſie eigentlich be⸗ ginnen ſolle. So viel, ſo unendlich viel ſie auf dem Herzen haben mochte, was ſie ihm jetzt ge⸗ rade hätte ſagen mögen, ſo fand ſie doch keinen paſſenden Anfang, brachte kein Wort über die 219 Lippen, und zupfte verlegen bald an ihrer Schürze, bald an ihrer Haube. Wagner hatte ſich geſetzt, ſtützte den Kopf in die Hand, und ſah ſtill und ſchweigend vor ſich nieder. Wieder tauchte Mariens Bild vor ihm auf, und er konnte die Gedanken nicht los werden, die ihm das Herz mit ſolch bitteren Gefühlen er⸗ füllten. Wie häßlich hatte das ſonſt ſo ſchöne Mädchen in jenem Augenblick ausgeſehen,— wie gar ſo häßlich. Und war das etwa ihr eigentliches Spie⸗ gelbild, und all die frühere Freundlichkeit und Sanftmuth nur Verſtellung,— nur geſellſchaft⸗ liche Maske geweſen, eine Art von Schablone vielleicht, die mit dem übrigen Putz, als dazu ge⸗ hörig, an, und daheim, d. h. im häuslichen Leben, auch wieder mit dem Uebrigen bei Seite gelegt wurde?— Nein, ſicher nicht! So brave Eltern konnten nicht ein ſolches Kind erziehen!— Und hatten ſie es denn erzogen? wo der Vater in jener Zeit von Geſchäften unabläſſig in Anſpruch genommen, die Mutter aber nur immer ängſtlich beſorgt war, in ihrer eigenen Ruhe und Bequem⸗ lichkeit nicht geſtört zu werden. Wer wußte denn, ob ſich Mevrouw Van Romelaer mehr um ihre Kinder bekümmert hatte, als ſich bis auf den heu⸗ ———- 220 tigen Tag noch hunderte von Bataviſchen Müt⸗ tern darum kümmern. Die Kinder wachſen da nur zu oft unter der alleinigen Aufſicht Malay⸗ iſcher Dienerinnen empor,— nicht ſelten ſogar unter der von Sclavinnen, über die das Kind ſchon Hexrr iſt, und wie ſie keinen anderen Wil⸗ len kennen lernen als den ihren, wurzelt der böſe Same der Herrſchaft feſt und unvertilgbar in den jungen Herzen. Wagner mußte die trüben Bilder ordentlich mit Gewalt von ſich ſchütteln, und von ſeinem Stuhl aufſpringend, ging er ein paar Mal mit raſchen Schritten in dem kleinen Gemach auf und ab. Die gegen den Porticus oder Säulengang of⸗ fene Thür ſtörte ihn dabei, denn fortwährend paſ⸗ ſirten dort Fremde vorüber, die nach dem Bade⸗ haus gingen, und dann nie unterließen, herein zu ſehen. Die Kathrine wurde endlich darüber ärgerlich und warf ihnen die Thür vor der Na⸗ ſe zu. „Das iſt erſchrecklich neugierig Volk,“ ſagte ſie dabei in ihrem kurz abgehackten Dialekt;„wenn mer die Thür offe hält, glotze ſie alls fort herei, und wenn mer ſie zu macht, verſtickt mer vor Hitz.“ — ꝗů—— 221 „Der Aufenthalt in dem Hotel hier, ſagt Ihrem Fräulein auch nicht zu, nicht wahr?“ frug Wag⸗ ner, vor ihr ſtehen bleibend. „Ach,“ ſeufzte die Alte,—„wäre mer ganz dahäm gebliwwe, und hätte mer ehnder gewißt, wie's hier wär. Im Hotel hier iſt's freilich net hübſch, und ich hätt's lang ſchon mies,— aber — was kanns helfe,— Mer müſſe nu ſchon aus⸗ halte, bis es annerſch wird.“ „Und das ſoll heute oder morgen anders wer⸗ den,“ erwiderte Wagner freundlich.—„Ich habe heute mit einer wackeren Familie geſprochen, die nicht weit von hier entfernt wohnt, und bin eigentlich nur hergekommen, das junge Fräulein zu fragen, ob ſie ihren Aufenthalt wechſeln und da einziehen will. Sie wird auf das Herzlichſte aufgenommen werden, und dort auch gleich einen alten Reiſe⸗ gefährten vom Schiff her finden.“ „Gott ſteh mir bei!“ rief die Alte in komi⸗ ſchen Erſchrecken,„wenn das die einzige Empfeh⸗ lung is, die Sie forſch Logis habe, Herr Wagener, ſo erwähne Sie lieber nix davon. Unſere Reiſe⸗ gefährte ware alle Beide des Mitnehmens net werth, und der Eine ein Frommer, der alsfort die Auge verdrehen that, und der Andere ein Brumm⸗ bär, der kei Wort ſchwätze mocht, und eine lieber 222 von vornherei gefreſſe hätt,— Staatsmenſche, wenn mer ſe kennt newerenanner ſehe. Und doch war mer der Brummbär noch lieber wie der An⸗ nere mit dem dicke, fette, rothe Geſicht,— Wie hieß er doch gleich—“ „Wer? der Fromme? lächelte Wagner. „Ne— der Annere,“ ſagte die Kathrine, ſich dabei die Stirn reibend, der Erinnerung aufzu⸗ helfen,„Bocker— Hocker— Locker—4 „Herr Lockhaart iſt es allerdings.“ „Das iſt recht— Lockhaart— hab ich mich doch die ganze Zeit immer widder uf den Name beſunne. Lockhaart— ja wohl, Herr Lockhaart. Alſo der wohnt auch dort mit im Haus. Ja beſſer wär's freilich, wenn mer ſo e hibſch Privatlogis bekomme könnt, und net mehr uf dem offene Gang zu wohne braucht. S'arme Fräule hat ſo als ene erſchreckliche Angſt, wenn die ganze Nacht Einer von die ſchwarze Kerls da drauße dicht vor der Thür leit und ſchläft— und dann— „Und dann, Kathrine?“ ermunterte ſie Wag⸗ ner, der wohl merkte, daß die Alte noch irgend etwas auf dem Herzen hatte. „Ja un dann“ fuhr dieſe langſamer fort— „is mer's aach net ſo ganz geheuer; eheder aber noch in der Nacht wie am Tag, denn wenn der 223 klaane ſchebbe Kerl noch emol widder käm, mit ſeine Buweſträäch, und mei liebs, liebs Kind, mei Hedwig, noch emol ſo weine müßt', wie ſie an dem Tag geweint hat, ich glaub' ich ertrüg's net und ſtürb vor Jammer un Herzeleid.“ Wagner hatte ſeinen Platz wieder eingenom⸗ men, und den Kopf in die Hand geſtützt, ſchaute er ſtill und ſinnend vor ſich auf den Boden. Er dachte an Heffken, an Marie, an Van Roeken, an die arme Fremde ſelber, und lauſchte dabei nur halb wie im Traum den Worten, die der Kathrine anfingen über die Lippen zu ſprudeln. Sie war nämlich in Gang gekommen; ſie hatte den Anfang gefunden, ſich endlich, endlich einmal über ihr armes Fräulein, und wie ſchmählich und nichtswürdig ihr von der ganzen Welt Unrecht geſchehen ſei, auszuſprechen, und daß ihr Wag⸗ ner gar Nichts darauf antwortete, war ihr gerade recht— wurde ſie doch auch nicht unterbrochen, und konnte Alles ſagen, was ſie auf dem Her⸗ zen hatte. Im Anfang achtete Wagner, mit ſeinen eige⸗ nen Gedanken voll beſchäftigt, auch nur wenig, ja faſt gar nicht darauf. Das wunderliche Deutſch, was die Alte ſprach, beirrte ihn ebenfalls, und machte ihm, was ſie meinte, ſchwerer verſtändlich; 8 — 224 nach und nach aber wurde ſeine Aufmerkſamkeit immer mehr den einfachen Bildern zugelenkt, die die Kathrine vor ihm aufrollte, und ohne daß er eigentlich ſelber recht wußte wie ihm geſchah, plauderte ihm die Alte von Hedwigs Kinderjah⸗ ren, von Hedwigs Jugend, von dem Glanz und Reichthum, in dem ſie erzogen worden, von dem Jammer und Elend, das über ſie hereingebrochen, und von dem ganzen Leben und Weſen der Jung⸗ frau ſo viel vor, daß er ſich endlich wie daheim in ihrer ganzen Geſchichte fühlte, und alle Einzel⸗ heiten ihres Lebens, ihrer Leiden kannte. Und wie wohl that es der alten Kathrine ſel⸗ ber, ſich endlich einmal ausſprechen zu dürfen, endlich einmal Jemanden gefunden zu haben, der ihr wirklich zuhörte, wenn ſie von dem plauderte, was ihr das ganze Herz erfüllte. Das ihr Zuhö⸗ rer nur halb bei ihren Worten war, und mit der anderen Hälfte ſeiner eigenen Phantaſie freien Spielraum ließ, wußte ſie nicht, und kümmerte ſich auch nicht darum. Wagner hatte ſich im Anfang nur ganz kurze Zeit hier aufhalten wollen, und jetzt war ihm eine volle Stunde bei der alten Magd vergangen, er wußte ſelber kaum wie. Das Schlagen der Uhr draußen brachte ihn auch erſt wieder zu ſich ſel⸗ ) 225 ber, und als er eben von ſeinem Stuhl empor⸗ ſprang, rollten einige Wagen in den Hof. Es war Hedwig, und Kathrine riß die Thür auf, ihre junge Herrin zu begrüßen. Che aber Wagner nur ein einziges Wort ſagen konnte, ſeinen Beſuch zu entſchuldigen, und die junge Fremde mit dem neuen Wohnort bekannt zu ma⸗ ſchen, den er für ſie ausgeſucht, wurde er auf ſo überraſchende wie angenehme Weiſe darin unter⸗ brochen.. Gleich hinter Hedwig nämlich, die erſchrak, als ſie Wagner erblickte, denn immer nur neues Leid hatten die Beſuche der Fremden auf ſie ge⸗ häuft— gleich hinter Hedwig erkannte Wagner Mevrouw Van Straaten, die lächelnd und ihm zunickend, hinter dem jungen Mädchen drein ſchritt. „Da komme ich gerade zur rechten Zeit,“ ſagte die alte Dame freundlich,„unſeren jungen Gaſt gleich ſelber einzuladen und in Empfang zu neh⸗ men— Mynheer Wagenaar, wollen Sie mich vor⸗ ſtellen?“ Hedwig ſah erſtaunt zu ihr auf, Wagner aber, indem er der alten Dame die Hand entgegen⸗ ſtreckte, rief: „Sie ſetzen Ihrer Güte und Gaſtfreundſchaft noch die Krone auf, und ich kann Ihnen gar Unter dem Aequator. II..15 226 nicht ſagen, wie dankbar ich Ihnen für die zarte Aufmerkſamkeit bin—“ 1 „Vorſtellen, Mynheer, vorſtellen!“ rief aber Mevrouw lachend,„wir ſtehen ja einander noch immer ſtockfremd gegenüber.“ „Fräulein Hedwig Bernold— ich habe hier das große Vergnügen, Sie mit Mevrouw Van Straaten bekannt zu machen, einer meiner wür⸗ digſten und liebenswürdigſten Freundinnen, wie ihr Gatte Mynheer Van Straaten zu den beſten und trefflichſten Menſchen Batavias gehört.“ „Halt ihn auf! halt ihn auf!“ rief Mevrouw lachend,„er geht in ſeinen Lobpreiſungen wahr⸗ haftig durch. Da will ich mich denn lieber ſel⸗ ber vorſtellen, mein liebes Fräulein, und ich komme, hoffe ich, ſchneller und raſcher damit zum Ziel—“ Hedwig wollte etwas darauf erwidern, ehe ſie aber Zeit dazu hatte, fuhr die alte Dame freundlich fort: „Meinen Namen hat er Ihnen richtig ge⸗ nannt, und wir wohnen nicht eben übermäßig weit von hier entfernt, auf einem ſo ſchönen Stückchen Erde, wie ſie es nur hier um Batavia finden mögen. Heute aber haben wir von Herr Wagenaar erfahren, daß Sie hier fremd ange⸗ 227 kommen ſind.— Ein junges Mädchen, allein im Hotel, kann ſich aber da nicht wohl fühlen, und da komme ich denn, ohne weitere Umſchweife und Formalitäten einfach im Auftrage meines Man⸗ nes und in dem meinen, Sie zu fragen, ob Sie, ſo lange es Ihnen eben gefällt, und Sie ſich wohl bei uns fühlen, zu uns hinüberziehen wollen.“ „Frau Van Straaten— Ihre Güte beſchämt mich wirklich,“ ſtammelte Hedwig ganz verlegen —„ich weiß in der That nicht wie ich—“ „Keine Redensarten weiter, mein liebes junges Fräulein,“ rief die alte Dame, deren Blicke mit Wohlgefallen und herzinniger Freude an den lie⸗ ben Zügen des Mädchens hingen—„packen Sie Ihre Sachen zuſammen— ſo wie wir zu Haus ſind, ſchick ich den Wagen zurück, ſie zu holen — und ſetzen Sie ſich mit Ihrer Begleiterin in denſelben. Daß Sie ſich wohl bei uns fühlen werden, bezweifle ich keinen Augenblick— mein Mann und ich ſind ſchon ein paar Leute, mit denen ſich auskommen läßt, und mein Bruder ſelber— ein Reiſegefährte von Ihnen, ſcheint ſich auf Ihre Ankunft ſo zu freuen, daß er mich eigentlich mit meinem Wagen fortgeſchickt hat, Sie abzuholen.“ 228 „Ein Reiſegefährte?“ ſagte Hedwig aufmerk⸗“ ſam werdend. „Der Brummbär“ flüſterte ihr die alte Ka⸗ thrine leiſe zu und wäre vor Schreck faſt in die Knie geſunken, als Mevrouw Van Straaten die das Wort trotzdem gehört, lachend ſagte: „Ja, der Brummbär, denn das iſt er wirk⸗ lich, aber ein ſeelensguter Menſch außerdem, der Ihnen, liebes Fräulein, gewiß Nichts in den Weg legen wird.“ „Herr Lockhaart war eigentlich nie unfreund⸗ lich gegen mich,“ erwiderte Hedwig erröthend— „das er ſeine Eigenheiten hat, lieber Gott, dafür iſt er ein alter Herr, der vielleicht Manches im Leben erfahren haben mag, was ihn überhaupt erbitterte, und ihn vorſichtig, ja ſcheu in ſeinem Umgang machte. Mevrouw Van Straaten ergriff Hedwigs Hand und ſie herzlich drückend ſagte ſie ge⸗ rührt: „Ich danke Ihnen liebes Fräulein, daß Sie meinen armen Bruder ſo in Schutz nehmen. Sie haben Recht: Böſe Menſchen tragen allerdings die Schuld, daß er griesgrämig und ſcheu, und dadurch vielleicht oft ungerecht geworden, aber er hat ſich ſchon viel, ſehr viel gebeſſert ſeit er bei 229 uns im Haus iſt, und ſich von Leuten umgeben weiß, die es gut mit ihm meinen. Ich hoffe je⸗ doch das wird noch viel viel beſſer werden, wenn Sie erſt einmal bei uns ſind, denn gerade das geſelligere Leben hat ihm bis jetzt gefehlt, und mein Mann und ich haben ihm da doch wohl nicht genügt.— Aber ich ſchwatze und ſchwatze hier,“ unterbrach ſie ſich ſelber, als Hedwig wirklich et⸗ was verlegen vor ihr ſtand, und nicht wußte was ſie darauf erwidern ſollte,„und wir ver⸗ ſäumen nicht allein die ſchöne Zeit für uns, jon⸗ dern auch für Mynheer Wagenaar, der wahrhaftig mehr zu thun hat, als unſerem Plaudern zu lau⸗ ſchen. Kommen Sie, liebes Kind, machen Sie keine Umſtände weiter, glauben Sie nicht, daß Sie uns im Geringſten geniren oder uns gar, durch Ihren Beſuch zu Dank verpflichtet werden, wir allein ſchulden Ihnen in dieſem Fall Dank, denn wir erhoffen durch Sie eine angenehmere belebtere Häuslichkeit. Alſo haben Sie noch et⸗ was hier zu thun?“ „Gar Nichts Mevrouw,“ nahm da Wagner lächelnd für Hedwig das Wort,„wenn Sie, mein Fräulein, nämlich mich und Ihre alte Kathrine, die wir ſchon recht gute Freunde geworden ſind, 230 bevollmächtigen wollen, Alles hier in Ordnung zu bringen und Ihnen nachzuſchicken.“ „Aber ich weiß nicht,“ ſagte Hedwig noch immer unentſchloſſen. „Mynheer Wagenaar hat ganz Recht,“ ſtimmte ihm aber die alte Dame bei,„ſetzen Sie ſich ruhig mit in meinen Wagen und in einer Viertelſtunde ſind wir daheim.“ „Sie beſchämen mich tief durch Ihre Freund⸗ lichkeit,“ ſagte Hedwig gerührt,— aber von den Wirthsleuten muß ich vorher doch jedenfalls Ab⸗ ſchied nehmen. Sie waren ſo gut und freund⸗ lich gegen mich, wie ich noch Niemanden hatte, der ſich meiner annahm.“ „Gewiß, gewiß mein liebes Kind,“ ſagte Me⸗ vrouw herzlich,„gehen Sie dort hinüber, und ich helfe indeſſen der Kathrine Alles was etwa noch draußen liegt, in die Koffer oder Schachteln packen.“ „Aber Mevrouw.“ „Keine Umſtände; laſſen Sie mich nur ma⸗ chen, und je eher Sie wieder kommen, deſto beſſer.“ Hedwig blieb wirklich nichts Anderes übrig, als der freundlichen Bitte der alten Dame zu gehorchen, und ein eigenes frohes Gefühl— das 231 erſte wieder ſeit langen, langen Monden,— zit⸗ terte ihr durch das Herz, als ſie ſich nicht mehr ganz einſam und verlaſſen fühlen durfte, als ſie ein anderes weibliches Weſen fand, das ſich theil⸗ nehmend ihr zuwandte, und ihr freundlich in dem fremden Land die Hand zur Hülfe bot. Wohl verhehlte ſie ſich nicht, daß Sie das Alles eigent⸗ lich nur Wagner verdanke, der jedenfalls dort für ſie geſprochen, aber ſie war durch ihren alten Freund Scharner ſchon daran gewöhnt worden, dieſen gar nicht mehr als Fremden zu betrachten und es ſchien deshalb viel weniger drückend für ſie. Längeres Weigern hier, ſolcher herzlichen Auf⸗ forderung gegenüber, wäre aber ſo taktlos wie ungerecht geweſen, und Hedwig fügte ſich des⸗ halb mit all ihrer liebenswürdigen Beſcheiden⸗ heit dem Wunſch der alten Dame, ihre eigne Abfahrt ſo viel als möglich zu beſchleunigen. Des Wirths Tochter bedauerte freilich die Ge⸗ ſellſchaft der jungen Fremden ſo raſch wieder, und kaum gefunden, zu verlieren, denn auch ſie hatte Hedwig in den wenigen Tagen, die ſie in ihrer Nähe gelebt, lieb gewonnen. Aber ſie ſah auch recht gut ein, wie viel beſſer es für Hedwig ſelber ſei, in einer Familie ein Unterkommen zu fin⸗ den, und Van Straatens beſonders hatten einen guten Namen in der ganzen Colonie. Fräulein Bernold konnte dabei immer dann und wann wieder einmal zu ihr herüber kommen, oder ſie holte ſie ſelber mit einem ihrer Wagen ab, und ihre Bekanntſchaft brauchte deshalb kei⸗ neswegs abgebrochen zu ſein. Wenige Minuten ſpäter war Hedwig zurück bei Mevrouw, und der Kathrine nur noch einige kleine das Gepäck betreffende Einzelnheiten an⸗ empfehlend, ſaß ſie gleich darauf mit ihr in der bequemen zweiſpännigen Carreta, ihrer neuen Hei⸗ math entgegenrollend. gar Nichts. Stück für Stück, was ſeine Kiſten⸗ XIV. Im Amſterdam Hotel logirte der von Deutſch⸗ land herübergekommene Miſſionsprediger Salomon Holderbreit, und hatte jetzt glücklich ſein ganzes Gepäck nicht allein an Land, ſondern auch— eine viel ſchwierigere Sache, durch das Zollhaus be— kommen.. Vergebens waren alle ſeine Verſicherungen ge⸗ weſen, daß er, was er an Waaren bei ſich führe, nur zu Geſchenken für die heidniſchen Eingebore⸗ nen mitgebracht habe, deren Erziehung und Be⸗ kehrung er ſich widmen wolle. Die Steuerbeamten behandelten ihn nach dieſer Erklärung eher noch nachſichtsloſer und ſtarrer, und Bitten wie Dro⸗ hungen, es dem Gouvernement anzuzeigen, nutzten 234 enthielten, mußte er nach dem Tarifſatz verſteuern, und wurde noch außerdem bald aus dem einen in das andern Bureau gehetzt, hier ein Papier ausſtellen, dort ein anderes unterzeichnen oder conſtatiren zu laſſen, daß er zuletzt faſt in Verzweiflung das ganze Bataviſche Steuer⸗ und Regierungsweſen verwünſchte, und ſchon beinah bereuete nur je Fuß auf Javaniſchen Boden geſetzt zu haben,— der Heiden wegen. b Aber dies unangenehme Gefühl überdauerte ſeine Urſachen nur kurze Zeit, denn zu viel des Neuen und Intereſſanten umgab den neuen Miſ⸗ ſionsgeiſtlichen hier, ihn lange auf die hohen Steuer⸗ koſten denken zu laſſen, die ja doch die Miſſions⸗ geſellſchaft zu B. bezahlte. Am Liebſten hätte er nun freilich gleich eine Unterhaltung mit den Malayiſchen Dienern im Haus angefangen. Zu ſeinem Erſtaunen hörte er nämlich, daß ſie ſich alle, obgleich im Dienſt von Chriſten, noch zur muhamedaniſchen Religion be⸗ kannten; aber er traf hier auf ein Hinderniß auf das er vorher nicht gerechnet. Er hatte allerdings gewußt, daß im Innern des Landes die Malayiſche Sprache die Verkehrsſprache ſei, aber nie gedacht, daß ſelbſt in Batavia die Holländer mit ihren ein⸗ geborenen Dienſtleuten nur malayiſch ſprächen, ℳ dieſe alſo auch keine andere Sprache verſtänden und nicht einmal der ihrer Herren mächtig wären, auf die er ſich vollkommen gut vorbereitet. Anſtatt alſo mit ſeinen Bekehrungsarbeiten gleich beginnen zu können, blieb ihm nichts Anders übrig als erſt vor allen Dingen Malayiſch zu lernen, denn wie hätte er ſonſt hoffen dürfen, auch nur den gering⸗ ſten Einfluß auf die zu Bekehrenden auszuüben? Was für eine Zeit verging aber darüber; wie theuer war der Aufenthalt im Hotel, und wie ge⸗ nau mußte die fremde Sprache ſtudirt werden, ſie ſo zu erlernen, daß man ſich nicht allein verſtänd⸗ lich machen konnte, ſondern auch im Stande war die Malayen von den Irrthümern ihrer bisherigen Glaubenslehren— die Herr Salomon Holderbreit übrigens gar nicht kannte— zu überzeugen. Aber was halfs. Unſer Miſſionsgeiſtlicher ge⸗ hörte nicht zu den Menſchen die ſich viele Sorge um die Zukunft machten. Gerade nicht mit über⸗ mäßigen Geiſteskräften aber mit ziemlich praktiſchem Verſtand ausgeſtattet, hatte er ſchon in den erſten zwei Tagen gefunden, daß ſich das Leben hier viel angenehmer herausſtelle, als ihn die bisher gele⸗ ſenen Berichte der übrigen Miſſionsprediger, die ebenfalls„zwiſchen den Heiden lebten“ vermuthen ließen. Hier gab es nicht allein keine Entbehrungen 236 für ihn, ſondern er ſchwelgte ſogar, nur dem ge⸗ wöhnlichen Leben folgend, in einem Luxus und in einer Bequemlichkeit, die er früher kaum dam Namen nach gekannt, und gegen die er wohl des⸗ halb auch mit allen Kräften als Sitten verderbend geeifert hatte. Aus dieſem Grund brauchte er vor der Hand weiter Nichts zu thun, als ſeinen über⸗ nommenen Pflichten nachzukommen; ſchon dabei be⸗ fand er ſich völlig wohl, und was hätte er Beſſeres verlangen können? Feſt aber war er auch entſchloſſen, ſeine über⸗ nommenen Pflichten zu erfüllen, und ſchon am zwei⸗ ten Tag ſeines Aufenthalts in Java(den erſten gebrauchte er, nur erſt einmal zu Athem zu kom⸗ men) begann er die Malayiſche Sprache mit allem Fleiß zu ſtudiren. Hierbei ſtand ihm indeſſen eine Ueberraſchung bevor, denn ein alter Malaye, der ſich viel in ſeiner Nähe zu ſchaffen gemacht, und den er jetzt anredete, vor allen Dingen ein kleines Alphabet malayiſcher Wörter zu ſammeln, antwortete ihm in Holländiſcher Sprache, und verſetzte dadurch Herrn Holderbreit in ein ſehr angenehmes Er⸗ ſtaunen. Ohne Weiteres ging er auch zum Wirth, ihn zu erſuchen, daß er ihm dieſen Malayen als 237 Diener zutheile“*) und der Wirth lächelte zwar dazu ſtill vor ſich hin, erklärte aber, Nichts dage⸗ gen zu haben. Bali, wie der Burſche genannt wurde, da er eigentlich von Bali abſtammte, ſchleppte deshalb ſchon an dieſem Abend ſeine Matte vor die Thür des ehrwürdigen Herren Holderbreit, und ſchlief daran wie ein treuer Hund. Die nächſten Tage ging der Geiſtliche nicht aus, ſondern beſchäftigte ſich nur mit dem alten Balineſen— von dem ſich die übrigen Diener eigentlich erzählten, daß er eines Diebſtahls we⸗ gen von Bali verbannt worden wäre.— Von dieſem lernte er eine bedeutende Anzahl malayiſche Worte, ſchrieb ſie auf und ſuchte ihm dafür die Lehren der chriſtlichen Religion einzuprägen. Bali war eigentlich von Haus aus ein Heide, als er aber nach Java kam, anſtatt zur chriſtlichen, zur muhamedaniſchen Religion bekehrt worden und dieſer, wie er verſicherte, bis jetzt treu geblieben. Ob es die richtige ſei, wiſſe er freilich ſelber nicht, *) In den Bataviſchen Gaſthöfen hat jedes Zimmer ſeinen beſonderen Malayiſchen Diener, der es über Tag in Ordnung hält, und Nachts auf einem Stückchen Matte dicht vor der Thür deſſelben ſchläft, um gleich bei der Hand zu ſein, im Fall der darin Wohnende etwas gebrauchen ſollte. 238 aber er glaube ſie ſei gut,— beſſer wie die alte, die er früher gehabt und jetzt abgelegt, und bis er nicht eine noch beſſere finde, wolle er ſie be⸗ halten. Bali war jedenfalls, für ſeine Abſtammung und Erziehung, ein ganz intelligenter Kopf und, wie Herr Holderbreit ſich geſtand, ein wahrer von Gott geſandter Schatz, den er hier gefunden. So vortreffliche Fortſchritte der Geiſtliche nämlich bei ihm im Malayiſchen machte, ſo vortreffliche Fort⸗ ſchritte machte Bali auch in den Lehren der Chriſt⸗ lichen Religion, denen er mit wirklich rührender Aufmerkſamkeit lauſchte. Herr Holderbreit ſelber hatte einen ſo raſchen Erfolg kaum für möglich gehalten, aber die Thatſache, die ihm hier vorlag, berechtigte ihn auch zu den ſchönſten Hoffnungen in ſeinem Berufe, wenn er nur einmal die erſten Schwierigkeiten der Sprache überwunden haben würde. Ein anderes Hinderniß trat aber deſto ſchroffer an einer Stelle vor ihm auf, wo er es gar nicht erwartet, und zwar von Seiten der Holländiſchen Regierung, die er früher dem Miſſionsweſen günſtig geſtimmt, geglaubt hatte. Dank den Emp⸗ fehlungsbriefen die er mitgebracht, fand er aller⸗ dings zwei Bürgen, die für ihn gut ſagten, und 239 ihm vor der Hand den Aufenthalt in Batavia ſelber ſicherten— aber auch weiter Nichts. Die Erlaubniß, das Innere zu beſuchen, wurde ihm kurz und einfach abgeſchlagen— nicht einmal ei⸗ nen Paß ſollte er bekommen, viel weniger ir⸗ gend eine Unterſtützung, die„Heiden“ zu bekeh⸗ ren. Wollte er indeſſen abſolut ſein Heil mit dieſen verſuchen, ſo— deutete ihm der Beamte, den er um einen Paß angegangen war, einfach an—„würde er hier in Batavia ſelber Arbeit für eine ganze Lebenszeit finden, ohne auch nur einen Fuß in das Innere des Landes zu ſetzen. Darin hatte der Beamte auch ſehr wahrſchein⸗ lich vollkommen Recht, denn heidniſche Chineſen und muhamedaniſche Javanen und Malayen gab es in Maſſe hier, denen Allen noch das Licht des Chriſtenthums fehlte, aber— der Aufenthalt ſel⸗ ber in Batavia war nicht allein enorm theuer, ſondern auch ein eigentliches Leben mit den Be⸗ kehrten, noch dazu von allen Verführungen einer ſolchen Stadt umgeben, vollſtändig unmöglich. Wo hätte ſich hier der Miſſionair ein Haus mit einem Garten anlegen können, in dem die Eingeborenen, nach patriarchaliſcher Sitte ihm Gemüſe und Früchte bauten, wo war hier Einer der Vortheile zu finden, die er als Miſſionair auch für alle„Ge⸗ 240 fahren und Entbehrungen“ beanſpruchen konnte, und ſollte er dafür gleich mit dem Proletriat einer großen Stadt beginnen das, wie er noch von Europa wußte, überhaupt in der ganzen Welt das verworfenſte iſt? Es ging nicht, es ging wahrhaftig nicht, und der einzige Troſt blieb ihm jetzt nur noch der alte Bali, an dem er ein leuch⸗ tendes Beiſpiel aufzuſtellen gedachte. Gelang es ihm, den braunen Burſchen in den nächſten Tagen vollſtändig zu bekehren, ſo konnte die Regierung, mit ſolchen Thatſachen vor Augen, ihm ein größeres Feld für ſeine Wirkſamkeit kaum mehr verweigern. Er hatte dann bewieſen, was er im Stande ſei zu leiſten, und alles An⸗ dere mußte ſich leicht ohne Schwierigkeit geſtalten. Mit ſolchen Gedanken beſchäftigt, ſaß er im Porticus des Hofes, wohin die Strahlen der un⸗ tergehenden Sonne nicht reichen konnten. Er hatte ein kleines, malayiſches Wörterbuch vor ſich liegen, mit dem er die von Bali erhaltenen Wor⸗ te verglich und achtete dabei nicht darauf, daß, unfern von ihm, ein paar Schiffscapitaine neben einer Flaſche Genevre ſaßen, und allerlei tolle Schnurren aus ihrem Leben erzählten. Was küm⸗ merte ſie der Mann in dem dunklen Rock mit dem breiträndigen Hut und weißen, umgeſchlage⸗ 241 nen Hemdkragen. Sie hatten deren mehr auf ihren verſchiedenen Reiſen geſehen und für dieſel⸗ ben gerade kein günſtiges Vorurtheil gefaßt. Schiffs⸗ capitaine und Miſſionaire ſind nun einmal, aus verſchiedenen Urſachen, geſchworene Gegner und nicht ſelten Feinde. Im Hofe entſtand ein Lärm, und als Herr Holderbreit aufſah, erkannte er zu ſeinem Erſtau⸗ nen Bali, den der Wirth des Hauſes bei der Schulter hatte und ihm nicht allein ein paar tüch⸗ tige Hiebe mit einem Rohr überzog, ſondern auch noch in Malayiſcher Sprache die bitterſten Grob⸗ heiten ſagte. Herr Salomo Holderbreit verſtand allerdings Nichts davon, aber er bemerkte zu ſeiner Beſtürzung, daß Bali nicht recht feſt auf ſeinen Füßen ſtand, alſo krank— oder das viel Wahrſcheinlichere und Schlimmere— betrunken ſei. Er widerſetzte ſich auch nicht im Geringſten ſeinem Herrn, nahm die ihm zugetheilte Strafe geduldig hin und taumelte dann nach dem ſich links hinziehenden Säulen⸗ gang, in dem ſich Herrn Holderbreits Zimmer befand, kauerte ſich vor dieſem auf die Steine nieder, und war bald ſanft und ſüß eingeſchlafen. Der Wirth ſah dem in der That angetrunke⸗ nen Burſchen noch eine Weile nach, dann den uUnter dem Aequator. II. 16 242 Stock von ſich werfend, kam er in eben nicht beſter Laune auf den Tiſch zu, an dem der Geiſtliche Platz genommen, ſetzte ſich zu ihm, ſah eine Weile ſtill vor ſich nieder und ſagte dann mit etwas unterdrückter Stimme, damit es die Capitaine nicht hören ſollten: „Ich muß Sie auf etwas aufmerkſam machen, mein guter Herr, denn Sie ſind noch fremd hier und kennen Land und Leute nicht.“ „Ja?“ ſagte Herr Holderbreit, etwas erſtaunt über dieſe Vorrede aufhorchend, denn er ahnte ganz richtig, daß ſich die Einleitung auf Niemand anders, wie Bali beziehen ſollte. „Sie haben ſich,“ fuhr jetzt der Wirth fort, „die Zeit, die Sie hier ſind, ſehr eifrig mit dem Burſchen dadrüben beſchäftigt, und obgleich ich es von Anfang an nicht gern ſah— denn ich kenne den Schlingel— mocht' ich auch Nichts dagegen einwenden, weil Sie ſelber eben der Malayiſchen Sprache nicht mächtig waren, und von ihm zu lernen wünſchten.“ „Nicht das allein, mein lieber Herr,“ unter⸗ brach ihn Herr Holderbreit lächelnd,„nicht allein lernen wollte ich, ich wollte auch zugleich belehren, und ich glaube, daß es mir gelungen iſt.“ „Wie figura zeigt,“ erwiderte trocken der Wirth. 243 „Soviel kann ich Sie übrigens verſichern, daß der Burſche da drüben von keinem Menſchen mehr lernt, der hat ausgelernt und iſt die durch⸗ triebenſte braune Canaille, die wir vielleicht auf der ganzen Inſel haben.“ „War es vielleicht,“ erwiderte Holderbreit freundlich,„ehe mich Gott ihm in den Weg ge⸗ führt; aber ich hoffe nicht, ohne guten und heil⸗ ſamen Einfluß auf ihn geblieben zu ſein.“ „Das wäre mir lieb,“ brummte der Wirth, „aber was für ein Einfluß ihn in dieſem Au⸗ genblick beherrſcht, ſehn Sie doch wohl. Der Kerl iſt total angetrunken.“ „Das halt ich für ganz unmöglich,“ rief Herr Holderbreit. „Bah,“ ſagte der Wirth verächtlich,„nicht ſo viel geb' ich für das, was Sie hier auf Java für möglich oder nicht möglich halten, ehe Sie Land und Leute einmal ordentlich kennen gelernt haben.“ „Dann iſt er vielleicht von irgend Jemandem verführt worden,“ verſicherte der Fremde,„und meine Vorſtellungen werden ihn bald wieder auf den richtigen Weg zurückführen. Er iſt ein Chriſt geworden.“ „Ja,“ ſagte der Wirth trocken,„das hab' ich 244 gewußt, wie ich ihn nur betrunken ſah; er ſpielt wieder ſein altes Spiel.“ „Mein lieber Herr—“ „Mein lieber Herr,“ fuhr aber der Holländer fort,„ich will Ihnen mit wenig Worten Aufſchluß über das Ganze geben, und bitte Sie danach, wenn es Ihnen irgend möglich iſt, ſich etwas we⸗ niger mit meinen Leuten zu beſchäftigen. Unſere Malayiſchen Diener hier, die der Muhamedani⸗ ſchen Religion angehören, ſind einfache, nüchterne und gutmüthige Menſchen, fleißig in ihrer Art, denn ſolche Südländer arbeiten überhaupt nicht viel, und ohne Anſprüche. Ihre Religion verbie⸗ tet ihnen dabei, ſehr vernünftiger Weiſe, den Ge⸗ brauch ſpirituöſer Getränke, und ſo lange wir ſie dabei laſſen, befinden wir uns mit ihnen wohl. So wie ſie ſich aber zur Chriſtlichen Religion be⸗ kehren, iſt es nicht mehr mit ihnen auszuhalten. Das Schlechteſte davon nehmen ſie natürlich im⸗ mer gleich zuerſt, oft nur allein an, und da ſie ſehen, daß die Europäer Wein und Arrak trinken dürfen, weil ſie eben Chriſten ſind, glauben Sie ſich ebenfalls vollkommen berechtigt dazu. Wenn nun damit irgend etwas Gutes erreicht würde, wollte ich nicht ein Wort dagegen ſagen, aber die Hallunken, die ſich überhaupt bekehren laſſen— 245 denn der gute Muhamedaner hält feſt an ſeiner Religion— thuen es nur, um von den Weißen eine Menge Geſchenke herauszulocken, und eine Zeitlang ein liederliches Leben zu führen.“ „Aber ich bin feſt überzeugt—“ „Was?“— „Daß Bali hiervon eine rühmliche Ausnahme macht.“ „Weil Sie ihn bekehrt haben, nicht wahr? So diene Ihnen denn nur zur Nachricht, mein werther Herr, daß der Hallunke ſeit den letzten vier Jahren, die er bei mir in Dienſt ſteht, ſchon ſieben Mal zur chriſtlichen Religion übergetreten und getauft, auch genau ſo lange Chriſt geblieben iſt, wie wir einen Miſſionair oder Geiſtlichen hier im Hotel hatten, an die er ſich jedesmal anzu⸗ drängen wußte. Sobald ſie fort ſind, betrachtet er ſich dann für einen ſo guten Muſelmann wie je, verabſcheut geiſtige Getränke, verrichtet ſeine Gebete und Abwaſchungen, und glaubt, daß er ſeinen früheren heidniſchen Standpunkt, auf dem er Brahma und Wiſchnu verehrte, vollſtändig überwunden habe.“ .„Aber Sie halten es doch nicht für möglich,“ rief Herr Holderbreit erſchreckt,„daß Bali je wie⸗ deer in ſeine alten Irrthümer zurückfallen könnte.“ 246 „Irrthümer?“ ſagte der Wirth trocken.„Der iſt vielleicht klüger, wie wir alle Beide zuſammen, und weiß verdammt gut, was er zu thun und zu laſſen hat— ſeien Sie um den nicht beſorgt. Ueberhaupt mein guter Herr, wenn Sie meinem Rath folgen wollen— was Sie aber wahrſchein⸗ lich nicht thun— ſo hängen Sie die ganzen Be⸗ kehrungsverſuche hier auf Java an den Nagel, denn, aufrichtig geſtanden, richten Sie doch Nichts aus.“ „Sie werden mich nie glauben machen, daß die Javanen nicht bildungsfähig wären,“ rief Herr Holderbreit gereizt,„aber ich ſehe ſchon wie es iſt, es liegt der Regierung nicht einmal etwas daran, die Eingeborenen aufgeklärt zu wiſſen.“ „Jetzt haben Sie den Nagel auf den Kopf getroffen,“ bemerkte der Holländer vollkommen ruhig—„und wenn Sie erſt einmal ein wenig länger im Lande ſind, werden Sie die Wahrheit dieſer Worte noch mehr einſehen. Nicht allein der Regierung, ſondern der ganzen weißen Be⸗ völkerung von Java liegt Nichts daran, daß die Javanen aufgeklärt und Chriſten werden, denn wir haben etwa ſieben Millionen Eingeborene und Chineſen auf der Inſel, die von ein paar tauſend Weißen müſſen im Zaum gehalten werden. Machen 247 wir Jenen nun weiß, daß wir Menſchen Alle Brüder, daß wir Alle die Kinder eines Vaters ſeien, und wie die ſonſt ſehr hübſchen Sätze alle klingen, machen wir ſie mit einem Wort zu dem, was wir ſelber ſind, zu Chriſten, ſo wäre die na⸗ türliche Folge, daß ſie auch anfingen zu über⸗ legen, weshalb ſie uns eigentlich gehorchen ſollen, und daß wir einer ſolchen Ueberzahl auf die Länge nicht die Stange halten könnten, ſieht ein Kind ein.“ „Aber die Chriſtliche Religion lehrt gerade Duldung und—“ „Papperlapapp!“ rief der Holländer ärgerlich, „wir reden hier vernünftig mit einander, darum laſſen Sie Ihre Redensarten weg. Sie wiſſen ſo gut wie ich, wie viel Duldung die Chriſten daheim und in fremden Welttheilen üben, und wenn wir geſcheut ſind, halten wir wenigſtens das Maul davon, und prahlen nicht noch damit. Dem Indier, beſonders dem Malayen, alſo dem Muhamedaner taugt überhaupt die Chriſtliche Re⸗ ligion gar nicht, wie uns die Erfahrung hier ſchon zur Genüge gelehrt hat. Sobald die Kerle— und das ſchlechteſte Geſindel thut es ohnedem, nur— ſich bekehrt haben, glauben ſie nicht allein, daß ſie jetzt ſo gut wie die Weißen ſelber wären, ſon⸗ 248 dern ſie handeln auch danach.„Ich bin ein Chriſt,“ damit entſchuldigen ſie Alles, was ſie thun. Sie arbeiten nicht mehr, ſondern trinken und rauchen den ganzen Tag.„Ich bin ein Chriſt,“ ſagen ſie dabei,„ich darf das“— ſie halten nicht mehr ihre Abwaſchungen und werden unreinlich und kommen zuletzt gewöhnlich ſo herunter, daß ſie, ein ſehr ſeltener Fall hier in Indien, betteln müſ⸗ ſen, um nur nicht an der Straße zu verhungern.“ „Die Geiſtlichen bekommen es nämlich bald ſatt dieſen Proſelyten, was ſie hartnäckig ver⸗ langen, nur immer und immer fort zu geben und zu ſchenken; die Neubekehrten aber haben das faſt immer als ſelbſtverſtändlich angenommen, daß ſie, wenn ſie einmal wirklich Chriſten geworden wären, auch von den Chriſten gefüttert und er⸗ halten werden müßten. Merken ſie nun endlich, daß das nicht der Fall iſt, ſo glauben ſie ſich ſchlecht behandelt, lügen und ſtehlen um zu leben, und füllen ſpäter, wenn ſie nicht für irgend einen Mord gehangen werden, die Gefängniſſe.— Da haben Sie ein Bild von unſeren Eingeborenen, wenn ſie abſolut bekehrt werden ſollen und Sie können es, mit ſolchen Erfahrungen, der Indi⸗ ſchen Regierung wahrhaftig nicht verargen, wenn ſie eben derartige Experimente nicht begünſtigt. 249 „Experimente?“ fragte Herr Holderbreit ent⸗ rüſtet.* „Ja, Experimente,“ wiederholte aber ganz trocken der Wirth.—„Im Land draußen will der Gouverneur Nichts davon wiſſen, in der Stadt der Reſident, und hier im Haus ich nicht. Sie ſehen alſo, daß Sie überall gegenrennen müſſen, und das Nützlichſte wäre deshalb, ſich eine beſſere Beſchäftigung zu erwählen.“ „Wenn man Ihren Reden glauben wollte,“ ſagte Herr Holderbreit gereizt,„ſo ſollte man ja wahrhaftig denken, daß die ſogenannte chriſt⸗ liche, holländiſche Regierung das Heidenthum ganz ängſtlich beſchütze und. zu erhalten ſuche.“ „Wenn auch nicht gerade ängſtlich,“ lachte der Wirth,„aber es iſt beinah ſo—“ „Wer aber,“ rief Herr Holderbreit,„iſt da der ſchlimmere Heide— der arme Eingeborene, dem das Licht der göttlichen Weisheit noch nie geleuch⸗ tet hat, der alſo auch nicht dafür verantwortlich gemacht werden kann, daß er im Dunkeln wan⸗ delt, oder eine hohe, erleuchtete Regierung, die nicht allein Nichts zur Verbreitung des Chriſten⸗ thums beiträgt, ſondern daſſelbe ſogar noch, ſo viel in ihren Kräften ſteht, unterdrückt?“ „Jedenfalls die erleuchtete Regierung,“ lächelte 250 der Wirth vergnügt vor ſich hin,„und wenn Sie meinem Rath folgen wollen, ſo fangen Sie des⸗ halb nicht mit den viel weniger zurechnungsfähigen Malayen, ſondern vor allen Dingen mit der Re⸗ gierung ſelber an. Wenn Sie mir die bekehren, will ich Reſpect vor Ihnen haben, und die Ein⸗ geborenen können Sie nachher zum Deſert ver⸗ zehren.“ Damit ſtand der Wirth auf und nahm eine Cigarre aus ſeinem Etui. Wie er nur die Hand danach in die Taſche ſchob, ſprang ſchon einer der kleinen, braunen Burſchen herbei, die überall mit ihren brennenden Lunten auf der Lauer la⸗ gen. Der Wirth des Amſterdam⸗Hotels zündete ſie an und ſchritt langſam ſeiner eigenen Stube zu. Herr Holderbreit ſaß noch eine ganze Weile in tiefem Nachdenken auf ſeiner Stelle. Es konnte ihm aber nicht entgehen, daß die beiden Capitaine ihre Unterhaltung unterbrochen und nachdem her⸗ übergehorcht hatten, was er mit dem Wirth ge⸗ ſprochen. Große Sympathieen für ſich und ſeine Sache durfte er bei dieſen ebenfalls nicht erwar⸗ ten, denn ſie kicherten und lachten auch mitein⸗ ander, und er ſtand ebenfalls auf, ihnen aus dem Weg zu gehen. Er verfolgte ſeine Zwecke, ſie 251 die ihren, und er wußte von vornherein, daß ſie ſich da nicht vereinigen könnten. Langſam ſchritt er grade in die Sonne hin⸗ aus und quer über den Hof hinüber ſeiner eige⸗ nen Stube zu, vor der noch immer Bali zuſam⸗ mengekauert lag und in feſten Schlaf verſunken ſchien. Als er den Nahenden aber hörte, zog er die Beine etwas mehr an, um nicht getreten zu werden und Herr Holderbreit, der dies für ein Zeichen völliger Beſinnung hielt, blieb neben ihm ſtehen und ſagte: „Bali!— Bali!— hörſt Du mich nicht?— ich verlange Antwort von Dir. Fühlſt Du Dich krank, oder haſt Du heute in frevler Gier geſün⸗ digt— Bali!— Bali!l“ Bali ſchien im Anfang keine Sylbe von der an ihn gerichteten Frage gehört oder verſtanden zu haben; keinenfalls rührte er ſich, bis der ehr⸗ würdige Herr ihn endlich, als er ihn die letzten beiden Male bei'm Namen rief, an der Schulter faßte und derb ſchüttelte. „Tuwan,“ ſtammelte er da endlich,—„ja, Tuwan?“* „Warum haſt Du getrunken?“ frug jetzt Herr Holderbreit ſtreng, denn wie ſich der Burſche nur 252 in die Höhe richtete, verrieth ihn der widerliche Geruch des ſtarken Getränks im Augenblick. „Wer?— ich?— getrunken?“ „Ja Du, nichtsnutziger, ſündhafter Menſch, der Du biſt.“) „So?“ ſagte Bali, ſich ziemlich ungenirt wie⸗ der auf die eine Seite legend—„ich wohl kein Chriſt?— ſchön— darf ich auch trinken ſo viel ich will— nirgends verboten— tabé weißer Mann, geh zum Teufel!“— und der nächſte Augenblick verrieth, daß er wieder ſanft und ſüß eingeſchlum⸗ mert ſei. Salomo Holderbreit ſah den Trunkenbold ſtarr an, ſeufzte dann tief auf aus voller Bruſt, und ſeinen rechten Fuß emporhebend, ſtieg er über den völlig bewußtloſen Menſchen hinweg, in ſeine eigene Stube hinein, ſchloß ſie hinter ſich ab und kam an dieſem Tage auch nicht wieder zum Vorſchein. XV. Draußen ſchien hell und klar die Sonne, konnte aber nicht in ein lauſchiges kleines Gemach drin⸗ gen, das durch die dichten Zweige eines Waring⸗ hibaumes vollkommen gegen ihre Strahlen ge⸗ ſchützt wurde. 4 Das kleine Zimmer war ſehr einfach, aber nicht ohne Geſchmack meublirt, mit einem Rohr⸗ ſopha und einigen Rohrſtühlen, freundlichen Gar⸗ dinen vor dem einen Fenſter, an dem der bequemſte Seſſel ſtand, einem goldgerahmten Spiegel und einem kleinen Bücherbrett, das holländiſche, fran⸗ zöſiſche und deutſche Bücher trug. In der einen Ecke deſſelben ſtand ein mit feiner Wäſche überzogenes Bett, vor dieſem ein Stuhl mit reinen und neuen Kleidern, und 254 in dem Bett lag unſer alter Bekannter, Hor⸗ bach, der gerade ſeinen wilden Rauſch ausgeſchla⸗ fen hatte, und wieder zur Beſinnung und Vernunft kam. Jetzt öffnete er zum erſten Male die Augen, und warf einen überraſchten Blick auf ſeine Um⸗ gebung— dann ſchloß er ſie wieder und lag eine lange, lange Weile ſtill und regungslos da, den Platz auf dem er ſich befand, und der ihm voll⸗ kommen fremd ſchien, in ſeine Erinnerung zurück⸗ zurufen— aber es ging nicht. Die Sinne waren ihm überdieß noch halb betäubt und nur ſtärker ſchüttelte er den Kopf als er die Augen wieder aufſchlug und auf's Neue die ihn umſchließenden Wände betrachtete. Befand er ſich abermals im Hospital?— Aber das war keine eiſerne Bettſtelle in der er lag, — hatte ſich irgend ein guter Genius ſeiner an⸗ genommen, und ſeine ſchützende Hand über ihn gebreitet?— War ein Zauber mit ihm vorgegan⸗ gen, unter deſſen Schutz ihn ſtets Jemand, ſowie er wieder ausbrechen wollte, hinten beim Kragen erwiſchte und in irgend ein behagliches Bett hin⸗ einherte, vor dem jeden Morgen friſche Wäſche und neue Kleider lagen?— Zum Henker auch, er mußte wenigſtens wiſſen, 255 was mit ihm vorgegangen ſei und ſchrie deshalb ſo laut er konnte ſein sapäda, irgend einen Die⸗ ner damit herbeizurufen und von dieſem das Nö⸗ thige zu erfahren. Ja, er ſchrie wohl ſo laut er konnte aber— brachte keinen Ton über die Lip⸗ pen, denn er war ſo vollſtändig heiſer geworden, daß er ſich ſelber nicht mehr hören konnte. „Das iſt eine ſaubere Geſchichte,“ flüſterte er vor ſich hin,„wo zum Teufel bin ich nur und was iſt aus mir geworden? Ich weiß weder wo das Haus ſteht in dem ich jetzt reſidire, noch wie der heißt dem es gehört. Ich weiß nicht einmal ob es Morgen oder Abend iſt, und ob die Kleider, die hier auf dem Stuhl vor meinem Bett liegen, mein ſind oder nicht.— Geſtern?— hm, wenn ich nicht ganz confus geworden bin, befand ich mich an einem von dieſem ſehr verſchiedenen Platz, und heute— wenn es überhaupt heute und nicht ſchon wieder morgen oder übermorgen iſt, lieg ich hier behaglich ausgeſtreckt zwiſchen reiner Leinwand in einer ſchneeweißen Cabaye und in einer geba⸗ Zeichnungen zu verſehen. Die Muſter werden durch, mit der Hand aufgetragenes Wachs gebildet. 256 fuhr er endlich mit einem halb unterdrückten Lachen empor, und ſetzte ſich in ſeinem Bett auf, in den gegenüberhängenden Spiegel zu ſehen.— Aber es war kein angenehmes Bild, das ihm von dort ent⸗ gegen ſtarrte; die hohl liegenden Augen, die ein⸗ gefallen bleichen Wangen, die wirren Haare, der unraſirte Bart. Er fand keine Freude daran, ſich länger anzuſchauen, und ſich wieder um, mit dem Geſicht nach der Wand zu legend, blieb er wohl eine halbe Stunde in der Stellung. Aber Niemand kam,— keinen Laut konnte er aus dem Haus herauf hören, und nur einmal war es ihm, als ob irgend ein leichtes Fuhrwerk her⸗ beirollte und hielt— dann herrſchte wieder, wie vorher, Todtenſtille rings umher, und er mochte dieſe Ungewißheit nicht länger ertragen. Mit beiden Füßen zugleich ſprang er aus dem Bett, wuſch ſich und zog ſich an, und nickte be⸗ friedigt vor ſich hin als er auf ſeinem Waſchtiſch ſelbſt ein Raſirmeſſer fand, mit dem er ſich den übermäßig lang gewordenen Bart abnehmen konnte. So ſah er doch wieder einmal menſchlich aus, und durfte wenigſtens ohne Scheu ſeinen Aufenthalt verlaſſen, wenn er nicht— Er erſchrak plötzlich ordentlich vor einem Gedanken, der ihm wie ein Blitz auftauchte— war er am Ende eingeſperrt? 257⁷ — Aber an den Fenſtern befand ſich kein Gitter; die Thür, deren Drücker er verſucht, war nicht verſchloſſen, und es blieb ihm zuletzt nichts Ande⸗ res übrig, als eben an einen guten Geiſt zu glau⸗ ben, der ihn hier hergeführt, ſauber abgewaſchen und zu Bett gebracht hatte.. Von all dem konnte er ſich aber leicht ſelber überzeugen, wenn er nur eben ſein Zimmer ver⸗ ließ und nach unten ſtieg. Nicht gewohnt dabei ſich lange einen Wunſch zu verſagen, wenn er deſſen Erfüllung nur ermöglichen konnte, nahm er den auf dem Tiſch liegenden Strohhut, der ihm ziemlich gut paßte, und ſuchte vor allen Dingen erſt einmal von dem Fenſter aus die ungefähre Gegend zu erkennen, in der er ſich eigentlich befand. Das aber war nicht. gut möglich, denn nicht allein ſehen ſich die Gärten der verſchiedenen Vor⸗ ſtädte ziemlich ähnlich, und ſind äußerſt dicht mit Büſchen und Bäumen bewachſen, ſondern der vor dem Fenſter ſtehende Waringhisbaum verſperrte mit ſeinen in dichten Feſtons niederhängenden Zweigen auch noch jede Ausſicht ſo vollkommen, daß er nach keiner Richtung hin einen Ueberblick gewinnen konnte. Nur gegenüber lagen die nie⸗ deren Wohnungen der Dienſtleute, vor denen ein paar Malayiſche Frauen mit verſchiedenen Arbei⸗ Unter dem Aequator. II.. 17 258 ten beſchäftigt, im Schatten ſaßen; dahinter durch leuchtete das rothe Dach eines anderen Erbes— Das war Alles was ſich unterſcheiden ließ und Horbach beſann ſich deshalb nicht lange, unten gleich an Ort und Stelle Gewißheit über ſeinen jetzigen Aufenthalt zu erlangen. So wenig Schaam er ſonſt aber auch kannte und ſein nichtswürdiges Leben hier, der Colonie zum Trotz, Jahrelang fortgeführt hatte, ſo über⸗ kam ihn heute doch ein eigenthümliches Gefühl, von dem er ſich eigentlich ſelber keine Rechen⸗ ſchaft zu geben wußte. Es dämmerte ihm nämlich eine Art von Erinnerung, wo er ſich den letzten Abend aufgehalten— wer nur immer ihn hierher geſchafft hatte, mußte ihn auch dort gefunden ha⸗ ben, und alſo mehr von ihm wiſſen, als ihm eigentlich recht und lieb war. Daß ſich nun Al⸗ les hier von ihm zurückhielt, und doch jedenfalls genau wußte, wie und wo er ſich die letzte Zeit herumgetrieben, genirte ihn am Meiſten, aber was halfs? Jedenfalls hatten ſie einen Zweck, daß ſie ihn hier bei ſich aufgenommen, denn Horbach glaubte nun einmal nicht an irgend eine, aus gutem Herzen geſchehene Handlung, und wenn ſie irgend einen Nützen aus ſeiner Gegenwart zu ziehen gedachten, ſo war er nicht mehr der Em⸗ 259 pfänger, ſondern der Geber— folglich konnte er ſich wie zu Haus fühlen, und brauchte vor kei⸗ nem Menſchen die Augen niederzuſchlagen. Mit ſolchen Gedanken öffnete er die Thür und ſchritt auf den Gang hinaus, zu ſehen wo er ſich eigentlich befinde. Kaum war er aber die kleine Treppe hinuntergeſtiegen, und in die eigentliche Halle des Hauſes eingebogen, als er ſich in einem ſo elegant und reich ausgeſtatteten Raum befand, wie er ſeit Jahren nicht betreten hatte. „Zum Teufel auch,“ murmelte er leiſe vor ſich hin, indem er den Blick ſcheu umherwarf, ob er nicht irgendwo einen Menſchen entdecken könne, —„wohin bin ich denn hier eigentlich gerathen? Hat etwa der General⸗Gouverneur von meinen Fähigkeiten gehört, und beabſichtigt mich als Statt⸗ halter nach Celebes oder Macaſſar zu verſetzen? oder — Donnerwetter, das wird das Richtige ſein— hat ſich vielleicht irgend eine Lip⸗lap Schöne in mich ſterblich verliebt und mich nun heimlich auf⸗ heben laſſen, damit ich von ihrer Eiferſucht hier ſicher hinter Schloß und Riegel gehalten werde? Nun, irgendwo muß ich die Donna doch jeden⸗ falls finden und dann wird ſich auch dies ſüße Räthſel löſen.“ Damit ſchritt er auf das nächſte und anſto⸗ 17* 260 ßende Gemach zu, das nur durch einen, von dem Luftzug leiſe bewegten Vorhang abgeſchieden war. So zuverſichtlich er aber auch vor ſich ſelber zu ſcheinen ſuchte, ſo unbehaglich war ihm zu Muthe, und daß ſein Fuß, anſtatt mit der alten Keckheit, jetzt leiſe und faſt ſcheu auftrat, bewies am Be⸗ ſten, wie er ſich hier nicht ganz ſicher und zu Hauſe fühle.. Aber auch in dieſem Gemach, in dem ein Schreibtiſch und einige Bücherbreter ſtanden, fand er Niemand; das ganze Haus ſchien wie ausge⸗ ſtorben und er wußte nicht, ob er zurück oder weiter gehen ſollte.— Rechts war noch ein an⸗ deres, ebenfalls durch einen Vorhang abgeſchiede⸗ nes Cabinet— es war ihm faſt, als wenn er von dort her eine Stimme gehört hätte— jetzt freilich— er horchte einen Augenblick— ſchien Alles wieder ruhig.— Aber irgend Jemandmußte er treffen; übelnehmen konnte man es ihm auch nicht, daß er, ungewiß wo er ſich befände, die Hausbeſitzer aufgeſucht habe. Geräuſchlos trat er deshalb auch zu dieſem Vorhang und ſchaute, denſelben ein klein wenig zurückbiegend, hinein in das kleine, ſchattig kühle und etwas düſtere Ge⸗ mach— aber er trat nicht näher. Eine halbe Minute lang blieb er vielleicht in 261 dieſer Stellung, dann zog er den Finger, der nur eine Falte des Vorhangs ein wenig bei Seite geſchoben, langſam und vorſichtig zurück und ver⸗ ließ gleich darauf, ſo ſtill und unhörbar wie er den Platz betreten, das Haus.— Aber er ging nicht weit; hinten auf dem Porticus, im Schutz des wundervollen Waringhibaumes, der auch ſein Zimmer beſchattete, ſtand ein Lehnſtuhl aus dün⸗ nem Drath geflochten, und gar nicht weit davon entfernt, im inneren Fenſter, ein Cigarrenkiſtchen, das er ohne Weiteres unterſuchte, und noch ein paar Dutzend ächte Manila darin fand. Eine von dieſen nahm er heraus, und ſich ohne Weiteres in den Lehnſtuhl werfend,— ſollte ſein Ruf api! ihm einen der Hausdiener herauf⸗ beſchwören; aber guter Gott, nicht einen Laut brachte er über die Lippen, und es blieb ihm zu⸗ letzt nichts Anderes übrig, als ſelber nach der Küche hinüberzugehen, und ſich dort Feuer zu holen. Dort brauchte er allerdings Nichts weiter zu ſagen, denn wie er nur mit der Cigarre im Munde den Raum betrat, in dem ein halb Dutzend Ma⸗ layen müſſig umherlagerten, ſprangen ein Paar von ihnen gleich geſchäftig empor, ihm Feuer zu geben, und Horbach ſtand eine Weile unſchlüſſig zwiſchen ihnen, ob er fragen ſolle wem dies Erbe 2 262 gehöre oder nicht.— Die braunen Hallunken hät⸗ ten ihn aber doch nur jedenfalls ausgelacht, ſo⸗ bald ſie gemerkt daß er ſelber nicht wiſſe wo er ſich befand; bei denen durfte er ſich deshalb den Reſpect nicht gleich von vornherein vergeben. Was kam auch darauf an, ob er das eine Stunde früher oder ſpäter erfuhr; wie er jetzt ſah, ſank die Sonne und neigte ſich nach Abend zu, dann kehrte der Beſitzer doch jedenfalls aus ſeinem Geſchäft oder vom Bureau zurück. Er war in der Küchenthür, dieſen Betrachtungen nach⸗ hängend, ſtehen geblieben und blies wohlgefällig dazu den Rauch der vortrefflichen Cigarre in's Freie hinaus, als eine Geſtalt das gegenüberlie⸗ gende Haus verließ, die er nur zu gut kannte, und heute nicht zum erſten Male ſah. „Herr Heffken,“ murmelte er leiſe vor ſich hin —„es iſt doch die Möglichkeit, was man nicht Alles in der Welt erlebt.— Daß Heffken aber — zum Henker— ich bin doch nicht etwa hier in ſeiner eigenen Behauſung, pah— er nähme eben ſo gern den böſen Feind ſelber in ſein Logis, wie mich, davon bin ich ziemlich feſt überzeugt— aber wo— im Namen aller geſunden Vernunft, bin ich hier?— Weſſen Familie hat er mit ſei⸗ ner angenehmen Gegenwart beglückt?“ 263 Heffken hatte indeſſen ſeinen Bendi erreicht und ſich hinein geworfen, ohne Herrn Horbach zu bemer⸗ ken, und in wenig Minuten ſpäter war er in der, am Garten vorbeiführenden Straße verſchwunden. Horbach ſchritt langſam und immer mit dem Kopf ſchüttelnd nach ſeinem vorher ausgeſuchten Platz hinüber, warf ſich dort in den äußerſt be⸗ quemen Drathſtuhl und bließ den Dampf ſeiner Manila in dichten, blauen Kräuſelwolken gegen die zu ihm niederhängenden Zweige des Waring⸗ his hinauf. Eine Stunde mochte er etwa ſo geſeſſen haben; im Hauſe ſelber rührte ſich noch gar Nichts, und nur die Malayen begannen in der Vorhalle den Tiſch zu decken, damit der Herr, wenn er nach Haus käme, nicht mehr zu warten brauche. Die Sonne war ihrem Untergang nahe; in der That vergoldete ſie nur noch die höchſten Gipfel der Palmen, während ſich ſchon unter den dichten Gebüſchen im Garten die Nacht lagerte, als ein Bendi in das Erbe rollte, und gleich darauf der Beſitzer deſſelben aus dem Wagen und auf die Verandah ſprang. „Ob ich's mir nicht gedacht habe,“ flüſterte Horbach leiſe vor ſich hin,—„richtig Van Roe⸗ ken,— bin aber verteufelt neugierig, zu erfahren, 264 weshalb der auf einmal eine ſolche Zuneigung zu mir gefaßt hat; hab ſie doch wahrlich nicht um ihn verdient.“ „Ah, Herr Horbach!“. rief der Holländer, als er vor dem Haus von ſeinem Sitz ſprang, und den Deutſchen dort in ſeiner Bequemlichkeit ent⸗ deckte,—„nun, ſind Sie endlich aufgewacht?“ „Ja Mynheer Van Roeken,“ erwiderte Hor⸗ bach, trotz ſeiner gewöhnlichen Unverſchämtheit doch etwas verlegen von ſeinem Sitz aufſtehend, und die Cigarre aus dem Mund nehmend,—„ich— wußte nicht gleich wo ich mich befand, denn neu⸗ lich, als ich Ihrer freundlichen Einladung folgen wollte, war ein Verſehen vorgefallen, das— das mich— „Ein Verſehen? in der That?“ ſagte Van Roeken trocken,— indem er zu ihm auf die Ve⸗ randah trat,—„doch laſſen wir das. Die Sache iſt vorbei und abgemacht, und nicht ſo angenehm für uns Beide, um noch weiter davon zu reden. Haben Sie meine Frau ſchon geſprochen?“ „Nein Mynheer,— ich— glaube gar nicht, daß ſie zu Haus iſt,— möglicher Weiſe iſt ſie ausgefahren.“ „Warachtig niet,“ lachte Van Roeken,„nicht um dieſe Zeit.— Wo iſt meine Frau?“ wandte 1 265 er ſich dann in malayiſcher Sprache an Einen der Diener. „Zu Haus, Tuwan,“ lautete die Antwort. „Wo?— Das weiß ich, daß ſie zu Haus iſt, Holzkopf.“. „In ihrem Schlafzimmer,— ſie hat es den ganzen Abend noch nicht verlaſſen.“ „S— o,“ ſagte Horbach,„da hab ich mich doch geirrt.“ .„Iſt Mevrouw angezogen?“ frug Van Roeken den Diener wieder. „Tau tuwan,“ ſagte der Burſche mit den Schul⸗ tern zuckend,—„darf Niemand zu ihr hinein.“ „Gut,— ſchick Eines der Mädchen hinein und laß ihr ſagen daß das Eſſen bereit iſt. Sie wer⸗ den auch Hunger haben, Horbach.“ „Allerdings,“ erwiderte der junge Mann, der ſich ganz in Gedanken wieder in dem Stuhl nie⸗ der gelaſſen hatte, und dort ſtärker als je qualmte, —„allerdings, aber— ſagen Sie mir doch ein⸗ mal aufrichtig, verehrter Herr, was eigentlich für ein Geheimniß hinter der ganzen Geſchichte ſteckt, denn aus reinem Intereſſe für meine Per⸗ ſon, hätten Sie mich doch wahrhaftig nicht aus dem Chineſiſchen Viertel heraus fiſchen laſſen, ein 266 Kunſtſtück, das Ihnen in der That nur mit To⸗ jiangs Spürnaſe gelingen konnte.“ 8 „Mein lieber Herr Horbach,“ ſagte Van Roe⸗ ken ſehr ruhig, indem er ſeinen Hut ablegte, und den kleinen Blechkaſten mit ſeinen Briefſchaften daneben ſtellte,—„es liegt nicht mehr der ge⸗ ringſte Grund vor, Ihnen etwas, was Sie ſelber genau betrifft zu verheimlichen. Allerdings habe ich Ihnen eine Nachricht mitzutheilen, wollte das aber nicht im Hospital thun, wo ich Sie zu ſchwach glaubte, und konnte es nicht in jener Schand⸗ bude, aus der wir Sie geſtern heraus geholt.“ „So waren Sie ſelbſt dort?“ fragte Horbach etwas verlegen. „Allerdings“ fuhr Van Roeken ruhig fort, —„nehmen Sie es mir aber nicht übel, mein guter Herr Horbach; allen Reſpeckt vor Ihrer Lei⸗ besconſtitution, durch deren Hülfe Sie ſelbſt je⸗ nem Aufenthalt nur mit einer leichten Erkältung entgangen ſind,— tauſend Andere an Ihrer Stelle hätten ſich einfach den Tod geholt,— aber— einen beſſeren Geſchmack habe ich Ihnen doch zugetraut.“ „Reden wir von etwas Anderem,“ ſagte Hor⸗ bach, ſeine Cigarrenaſche abſtreichend,„das Thema kann, wie Sie vorher ganz richtig bemerkten, für uns Beide nicht angenehm ſein.“ 267 „Es thut mir überhaupt leid,“ erwiderte Van Roeken,„gar keine angenehme Nachricht für Sie zu haben. Sie müßten denn eine Todesbotſchaft dazu rechnen.“ „Eine Todesbotſchaft?“ rief Horbach, und ſprang, wirklich erſchreckt, von ſeinem Stuhl em⸗ por. Er war ſehr blaß geworden und ſagte end⸗ lich, mit durch die Heiſerkeit kaum hörbarer Stimme: „Mein Vater??“ Van Roeken ſah ihn ein paar Secunden for⸗ ſchend an, dann nickte er langſam mit dem Kopf und erwiderte.: „Ja— wiſſen müſſen Sie es doch einmal, und je eher das alſo geſchieht, deſto beſſer. Es iſt für Sie ein Wechſel von„5000 Gulden“ ein⸗ gelaufen, über den Sie jeden Augenblick verfügen können; wir haben weder das Recht noch die Luſt dazu, Ihnen Ihr Eigenthum auch nur eine Stunde vorzuenthalten; Sie ſind ſelber alt genug zu wiſ⸗ ſen, wie Sie es zu verwalten haben. Thun Sie nun der Colonie und— ſich den Gefallen, mit dem Geld nicht wieder ſo umzuſpringen, wie bis⸗ her. Wollen Sie meinem Rath folgen, ſo bezah⸗ len Sie vor allen Dingen Ihre Schulden, erholen ſich die nächſten Tage von Ihrem bisherigen Le⸗ ben, und gehen dann mit der Mail nach Deutſch⸗ 4 268 land zurück, wo Ihre Verwandten wohl größeren Einfluß auf Sie haben werden wie wir hier. So lange Sie ſich übrigens ordentlich und anſtändig betragen, ſteht Ihnen mein Haus als Wohnort zur Verfügung.“ Horbach ſtand, die Hand auf den Tiſch ge⸗ ſtützt, den Kopf geſenkt, dem Kaufmann gegen⸗ über und flüſterte mit leiſer, faſt bewegter Stimme: „Mein Vater todt?— Armer Vater, haſt auch nicht viel Freude an Deinem Schlingel von ei⸗ nem Jungen gehabt. Nun— jetzt iſt's über⸗ ſtanden— Frieden Deiner Aſche;“ und einen Moment beugte er das Haupt und blieb ſtill und ſtumm in ſein wehmüthiges Nachdenken verſunken — aber es war auch wirklich nur ein Moment, denn ſchon im nächſten Augenblick hatte er die Eigarre wieder zwiſchen den Lippen, und mit ei⸗ nem Blick nach dem inneren Raum, ſagte er: „Mynheer, wir Alle müſſen ſterben— thut mir leid, daß ich„den Alten“ nicht noch einmal geſehen habe; jetzt aber iſt's nicht mehr zu än⸗ dern— ich glaube die Suppe iſt aufgetragen, und dort kommt auch Ihre Frau Gemahlin.— Dürfen ihr doch das Mittagseſſen nicht durch traurige Geſpräche verderben.“ 269 „Sie ſcheinen ſich ziemlich gefaßt zu haben, Herr Horbach?“ „Vollkommen,“ erwiderte der Erbe, ſeine Ci⸗ garre hinaus in den Garten werfend;„was hilft auch das Kopfhängen— ah Mevrouw.“ Mevrouw Van Roeken kam in voller Toilette herausgeſchwebt, rauſchte an Horbach, der ihr eine ehrfurchtsvolle Verbeugung machte, den ſie aber kaum eines Blickes würdigte, ſtolz vorüber und ſagte zu ihrem Gatten: „Tabé mein Herz— kommſt Du endlich? Ich habe eine ſolche Sehnſucht nach Dir gehabt!“ „Wirklich, mein ſüßes Leben?“ erwiderte Van Roeken zärtlich—„aber warum biſt Du nicht ein wenig ausgefahren?“ „Ich hatte Kopfſchmerzen— betoel— ſchreck⸗ liche Kopfſchmerzen.“ „Kassiang,“ ſagte ihr Gatte bedauernd. „Und mochte auch nicht ohne Dich fahren.“ „Du gute Frau— aber unſer Eſſen wird kalt.— Liebes Herz, ich habe Dir erſt hier noch einen jungen Deutſchen, Mynheer Horbach vorzu⸗ ſtellen, der es ſich einige Tage in unſerem Hauſe will gefallen laſſen;— Mynheer Horbach, Mev⸗ rouw Van Roeken. 1 Mevrouw Van Roeken, ohne auch nur den 270 Blick dorthin zu werfen wo Horbach ſtand, machte einem der großen ſteinernen Pfeiler eine halbe Verbeugung, und ſich dann an den Arm ihres Gatten hängend, führte ſie ihn hinüber zum Tiſch, hinter deſſen Stühlen die dienſtbaren Malayen ſchon ihre Plätze eingenommen hatten. Horbach entging die Verachtung nicht, mit der ihn Mevrouw behandelte, und es geſchah das auch nicht ohne guten Grund, denn von ihren Mäg⸗ den hatte ſie ſchon geſtern gehört, in welchem Zuſtand der Fremde in ihr Haus geſchafft ſei. Daß ſie mit einem ſolchen Vagabonden Nichts zu thun haben wollte, konnte ihr eigentlich Niemand verdenken, und ſie hatte geſtern Abend ſogar ſchon einen harten Kampf mit ihrem Gatten gekämpft, indem ſie den„verdorbenen Menſchen“ gar nicht an ihren Tiſch nehmen, ſondern zu den Malayen verweiſen wollte. Das ging aber, wie Van Roe⸗ ken meinte, doch nicht an; er blieb immer ein Weißer und überdies— wurden ſie ihn ja auch mit der nächſten Mail für immer aus der Colo⸗ nie los. Es war die letzte Unbequemlichkeit die er ihnen bereitete, und ihren Geſchäftsfreunden in Deutſchland konnten ſie ſchon nicht gut dieſe Gefälligkeit verſagen. Mevrouw Van Roeken duldete ihn deshalb, ſuchte dem„Verworfenen“ aber nun mit der größ⸗ ten Anſtrengung fühlen zu laſſen, wie ſie ihn verachte, und war nicht allein erſtaunt, nein er⸗ ſchrak ordentlich darüber, als ſie bemerken mußte, welch' geringen Eindruck das auf ihn machte. Statt nämlich vollſtändig zerknirſcht und in einander gebrochen zu ſein, als ſie an ihm vor⸗ über rauſchte, machte ihr Horbach nur eine lä⸗ chelnde Verbeugung, und jedesmal, wenn ſie den verächtlichen Menſchen einmal von der Seite und verſtohlen anſehen wollte, fand ſie ſeinen ſpötti⸗ ſchen Blick voll auf ſie geheftet. Van Roeken merkte indeſſen von dieſem Zwi⸗ ſchenſpiel nicht das Mindeſte. Er hatte eben ein paar Briefe bekommen, die mit einem Schooner von Sumatra eingetroffen waren und überflog ſie, während er die Suppe aß, dann knüpfte er mit ſeiner Frau ein Geſpräch über einen neu zu bauenden Wagen und ein paar andere Wirth⸗ ſchaftsſachen an. Mevrouw ging angelegentlich darauf ein, und drehte dabei dem aufgedrungenen Gaſt ſo viel als möglich den Rücken zu. Sie fühlte aber auch zu⸗ gleich, daß ſein Blick ſie fortwährend fixirte. Was wollte der unausſtehliche Menſch von ihr?— Sie haßte ihn jetzt mehr, als je. XVI. Etwa acht Tage waren nach den vorherbe⸗ ſchriebenen Scenen verfloſſen, und die diesmal regelmäßige Ankunft der Monats⸗Mail— oder des monatlichen Dampfers— brachte⸗ wieder re⸗ ges Leben in die Geſchäftswelt Batavia's. Den erſten Morgen nach Ankunft der Corre⸗ ſpondenz hatte wohl auch keiner der Kaufleute einen anderen Gedanken, als ſeine Briefe durch⸗ zuleſen und die erhaltenen oder zu ertheilenden Aufträge zu überdenken. An demſelben Abend aber war auch ſchon das Wichtigſte angeordnet und abgemacht; die verſchiedenen Commis hatten ihre Aufträge bekommen, und das Ganze ging ſchon wieder ſeinen geregelten Gang, wenn die⸗ ſer auch noch überwacht werden mußte. Mit der Mail war auch ein kleines Paket für Wagner von Europa angekommen; ein Geſchenk, daß er für Marie Van Romelaer beſtimmt ge⸗ habt. Geſtern war es ihm unmöglich geweſen, hinaus zu fahren, heute aber mußte ſich Zeit dazu finden. Es traf ſich ſogar heut, daß ihr Geburtstag war, und den Tag durfte er doch nicht verſäumen.— Aber er ging nicht mit leich⸗ tem Herzen; denn ſeit jenem Morgen, an dem Marie ſo leidenſchaftlich geweſen, hatte er ſie nicht wieder geſehen. Seit jenem Morgen war ihm, ſo oft er auch dort anklopfte, ihre Thür ver⸗ ſchloſſen geblieben, und ſelbſt der alte Romelaer ſchien etwas gegen ihn auf dem Herzen zu haben, das ihn drückte und ſtörte, und das alte freund⸗ ſchaftliche Verhältniß noch nicht wieder aufkom⸗ men ließ. So geduldig er das nun auch die ganze Woche ertragen, ſo feſt war er entſchloſſen, dem heute ein Ende zu machen. Allerdings ſtieg zuweilen der Verdacht in ihm auf, daß Marie vielleicht gar auf die Fremde eiferſüchtig geweſen wäre— lie⸗ ber Gott und wie geringe Urſache hatte ſie dazu — doch blieb es immer möglich. Jetzt aber mußte ſie ſich doch auch vom Gegentheil überzeugt ha⸗ ben, denn ſeit Hedwig Bernold zu Van Straa⸗ Unter dem Aequator. II. 18 274 tens übergeſiedelt war, hatte er abſichtlich noch keinen Fuß dort über die Schwelle geſetzt. Erſt wollte er vor allen Dingen mit Marie wieder Frieden geſchloſſen haben, ehe er der ſchönen, un⸗ glücklichen Fremden auf's Neue gegenübertrat. Und doch war es nicht das alte freudige, durch keinen Schatten getrübte Gefühl, mit dem er jetzt an Marie dachte. Wie er ſich auch ihr Bild in all ſeinem Glanz, in all ſeiner Jugendfriſche und Unſchuld ausmalen mochte, immer und immer wieder ſtörte ihn die Erinnerung an den Augen⸗ blick, in dem er ſie zuletzt geſehen. Immer wie⸗ der erſchreckte ihn auf's Neue jener dämoniſche Ausdruck in ihren Zügen, der ihm ſeit der Zeit ſchon manche, manche unruhige Stunde bereitet. Er hatte ſich zuletzt ordentlich zwingen müſſen, nur das Schlimmſte zu vergeſſen, denn er be⸗ trachtete ſich, wenn auch noch nicht durch feſte Zuſage, doch durch ſtillſchweigendes Uebereinkom⸗ men, an Marie gebunden. Aber er zweifelte da⸗ bei auch nicht im Geringſten, daß er das junge Mäd⸗ chen, ſobald er es nur einmal Frau nennen durfte, von all dieſen heftigen und unweiblichen Leiden⸗ ſchaften curiren könne. Schon ihm zu Lieb mußte ſie ſich ändern, und wenn ſich zwei Menſchen auf der Welt nur recht ernſtlich und von Herzen lieb 275 haben, ſo kann ja gar Nichts ſtörend oder noch ſchlimmer feindlich, zwiſchen ſie treten. Jedenfalls mußte er ihr heute das für ſie be⸗ ſtimmte Geſchenk bringen— heute Morgen hatte er nicht kommen können, aber den Abend durfte er ebenſowenig verſäumen, und gleich vom Ge⸗ ſchäft aus nahm er das kleine, zierliche Etui, das einen reizend gearbeiteten Schmuck enthielt, in ſeinen Wagen, ließ Herrn Nitſchke mit den Brie⸗ fen und ſonſtigen Arbeiten nach Haus zum Eſſen fahren, wobei er ihm verſprach, ſpäteſtens um acht Uhr wieder bei ihm zu ſein, und fuhr dann, ſo raſch die Pferde nur laufen konnten, zu Romelaers hinaus. In den bequemen Sitz zurückgelehnt, den Kopf in die Hand geſtützt, und ganz in ſeine freund⸗ lichen Gedanken vertieft, achtete er auch gar nicht darauf, wer ihm begegnete. Nur ſein Wieder⸗ ſehen Mariens malte er ſich aus.— Lieber Gott, die acht Tage, die er ohne ſie verbracht, kamen ihm ſchon ewig lang vor— und wie Sie ihn wohl empfangen und begrüßen würde. Eine Carreta fuhr dicht an ihm vorbei, und ein darin ſitzender Malaye, der einen mächtigen Blumenſtrauß vorn an der Jacke trug, rief et⸗ was herüber und winkte Wagner zu. Dieſer aber 18* 276 ſah ihn gar nicht, und da er ſeinem Kutſcher auch keinen Befehl zum Halten ertheilte, fuhr dieſer ruhig weiter. Ueberhaupt waren ſie kaum noch fünfhundert Schritt von Romelaers entfernt. Die Carreta lenkte aber raſch um und fuhr wieder hinter ihm drein. Schon konnten ſie in der Ferne Romelaers Erbe erkennen, als ſie Wag⸗ ners Bendi wieder überholte, und der darin ſitzende Malaye dem jungen Manne ein roſa farbenes, ſüß duftendes Briefchen überreichte. Che Wagner ihn aber nur um etwas Weiteres fragen konnte, lenkte das leichte Fuhrwerk ſchon wieder um, und war wenige Secunden ſpäter zwiſchen all den übrigen Wagen verſchwunden. Der junge Deutſche hatte indeſſen Zeit genug gehabt den Boten zu erkennen, der, wie er recht gut wußte, in Van Romelaers Dienſten ſtand. Das kleine Billet war von ihr— es enthielt jeden⸗ falls eine Einladung auf heute Abend, und ſo häßliche, ungerechte Gedanken hatte er ſich indeſſen ſchon über Mariens Starrſinn gemacht. Während er ſeinem Kutſcher das Zeichen gab weiter zu fahren und das leichte Bendi raſch dem Romelaerſchen Grundſtück entgegen rollte, öffnete er das zierliche, duftende Billet, das nur eine 277 einzelne Karte enthielt. Er nahm ſie heraus und las auf derſelben die beiden Namen: Marie Van Romelaer Capitain Karel Bernſtoff mit der einen Unterſchrift:„empfehlen ſich als Verlobte.“ Wagner ſtarrte auf das kleine Blatt, als ob es eine Art von böſem Zauber auf ihn ausübe; in der That vergaß er ganz dabei, wo er ſich be⸗ fand, wohin er fuhr, und ehe er ſich ſoweit ſam⸗ meln konnte nur aufzuſchauen, bog ſein Fuhrwerk in Romelaers Garten ein, raſſelte durch die Allee von zierlichen Areka⸗Palmen, und hielt wenige Secunden ſpäter vor dem Portal. Der junge Mann wollte, als er zuerſt aufſah und ſich dicht vor dem Hauſe fand, das er jetzt vor allem Anderen am Liebſten gemieden hätte, raſch wieder umkehren laſſen, aber— es ging nicht mehr. Nicht allein war er ſchon von meh⸗ reren der Dienſtleute bemerkt worden, nein ſelbſt im Hauſe hatte man ihn geſehen, oder doch we⸗ nigſtens gehört daß ein Fuhrwerk hier gehalten. Was hätten die Leute davon denken ſollen, wenn er jetzt vor ihnen geflohen wäre. Es blieb ihm auch nicht einmal eine Wahl— gerade die, die er am Liebſten heut' vermieden hätte, ſprang ihm 278 mit raſchen, fröhlichen Schritten entgegen: Marie ſtand im nächſten Augenblick auf den oberen Stu⸗ fen der Treppe und wollte lachend die Hand nach dem Bendi ausſtrecken, als ſie Wagner darin er⸗ kannte, und erbleichend einen Schritt zurück trat. Dies Erſchrecken gab aber Wagner vollſtändig ſich ſelber wieder. Es durfte Niemand ahnen, daß er vollkommen gegen ſeinen Willen hier vorge⸗ fahren ſei; der Spott darüber würde ſonſt kein Ende genommen haben. In ſeinem ganzen We⸗ ſen überhaupt ernſt und geſetzt, hatte er auch, mit dieſem Gefühl, ſchon wieder ſeine volle Ruhe und Sicherheit gewonnen. Mit freundlichem Gruß gegen die junge Dame, die noch gar nicht wußte, ob ſie den unerwarteten Beſuch fliehen ſolle oder nicht, ja noch nicht ein⸗ mal wieder die Fähigkeit erlangt hatte, ſich von der Stelle zu bewegen, ſprang er aus dem Wa⸗ gen, rief dem Kutſcher zu, hier auf ihn zu war⸗ ten, und ſtieg langſam die Stufen hinauf. Die eben erhaltene Karte hatte er im Wagen liegen laſſen, und das Etui in der Hand, ſchritt er auf Marie zu. „Herr Wagenaar,“ ſtammelte Marie, die nicht anders glauben konnte, als daß er ihre Verlo⸗ glücklich, Marie; mögen Sie an Bernſtoffs Seite 279 bungskarte noch gar nicht erhalten habe,„ich— weiß nicht.“ „Liebes Fräulein,“ unterbrach ſie aber der junge Deutſche, all ihren Zweifeln raſch ein Ende machend,„Sie ſcheinen, wenn ich nicht irre, Je⸗ mand Lieberes, ſtatt meiner, erwartet zu haben, und ich bin unſchuldiger Weiſe die Urſache einer Enttäuſchung geweſen. Zürnen Sie mir nicht deshalb; ich werde gleich dem— Anderen Raum geben, wollte mir nur vorher nicht verſagen, Ih⸗ nen meine aufrichtigen Glückwünſche, wie noch et⸗ was Anderes zu bringen, was ſchon ſeit langen, langen Monden für Sie beſtimmt und unterwegs war.“ „Herr Wagenaar,“ widerholte Marie noch einmal, während glühende Röthe ihre Züge über⸗ goß, aber Wagner ließ ſie nicht zu Worte kom⸗ men; was hätten ſie Beide ſich auch noch, nach der erhaltenen Karte, zu ſagen gehabt. 4 „Ich hatte gehofft,“ fügte er mit unterdrückter Stimme hinzu, indem er das Etui in ihre Hand legte,„daß Sie den Inhalt als meine Braut tragen ſollten, und für dieſe Bitte den heutigen Tag beſtimmt— Ihre Karte hat mir eine ſchmerz⸗ liche Abweiſung erſpart. So leben Sie denn 280 den Frieden und das häusliche Glück finden, das Sie mir nicht geſtatten wollten, Ihnen zu berei⸗ ten. Vergeſſen Sie mich dabei, aber ſein Sie zu⸗ gleich verſichert, daß ich ſelber nie mit Groll an Sie zurück denken werde. Leben Sie wohl, liebe Marie, Gott beſchütze und behüte Sie.“ Mit den Worten nahm er ihre rechte Hand, drückte ſie ehrfurchtsvoll und ganz leicht an die Lippen, machte der jungen Dame dann eine ſehr förmliche Verbeugung, ſtieg die Treppe wieder hinunter und war, ehe ſich Marie nur von ihrer Ueberraſchung erholen konnte, in ſeinem Bendi und draußen vor dem Garten, die Straße raſch hinabfahrend. So beſtürzt aber Marie Van Romelaer über dieſen unerwarteten Beſuch Wagners und mehr noch über das Geſchenk ſein mochte, das er in ihren Händen zurückgelaſſen, ſo zufrieden war Wagner ſelber über die Art, wie er ſich hier aus der Affaire gezogen. Recht von Herzen hatte er Marie geliebt, und gehofft, einſt an ihrer Seite ein frohes und glückliches Leben zu führen, denn er hielt ſie für den Inbegriff aller weiblichen Tugenden. Dieſer Glaube bekam aber ſchon durch ihr damaliges heftiges Betragen einen argen Stoß, und konnte ſie ſich jetzt, wie ihm die Karte bewies, auf ſo leichte, ja leichtfertige Weiſe für immer von ihm losreißen, ſo zweifelte er auch ſehr, ob ſie ihm je recht von Herzen gut geweſen. In dieſem Falle war es dann viel beſſer, daß Alles ſo gekommen, wie es ſich jetzt herausſtellte. Stets äußerſt praktiſch in ſeiner ganzen Le⸗ bensweiſe, ſuchte er das unangenehme, ja ſchmerz⸗ liche Gefühl, das ſich ihm immer wieder aufdrängen wollte, ſoviel als möglich von ſich abzuſchütteln. Die Sache war geſchehen, und Nichts mehr daran zu ändern, weshalb alſo ſich noch ganz unnöthi⸗ ger Weiſe trübe Gedanken deshalb machen. Er ſah nach ſeiner Uhr; es fehlte noch eine Stunde an der Zeit, die er Herrn Nitſchke be⸗ ſtimmt hatte, mit ihm in ſeiner Wohnung zuſam⸗ menzutreffen, um die nöthigen Arbeiten dort vor⸗ zunehmen.— Was alſo machte er indeſſen?— Er befand ſich nicht ſo ſehr weit von Van Straa⸗ tens Wohnung, und die Artigkeit erforderte ſchon, daß er dort endlich einmal vorfrug, wie ſich ihr neuer Gaſt gefiele, wie ſie ſelber mit ihm zufrie⸗ den ſeien. Ueberdies rückte die Zeit heran, in der ſich auch Fräulein Bernold entſcheiden mußte, ob ſie noch länger auf Java bleiben, oder nach Deutſchland zurückkehren wolle; es war deshalb 282 nöthig, daß er mit ihr ſelber darüber ſprach, und ſeinem Kutſcher die nöthige Weiſung gebend, lenkte dieſer in eine Querſtraße ein, die nach Van Straa⸗ tens Wohnung führte. 3XH ⏑:⏑⏑ʃ⏑; Dort ſaß indeſſen der alte Lockhaart, Hedwigs Reiſegefährte von Amſterdam aus, allein in dem unteren, luftigen Salon. Obgleich es draußen noch hell genug war, hatte er ſich doch hierher eine Lampe bringen laſſen, und während eine Menge holländiſche, engliſche und franzöſiſche Zeitungen Tiſche und Stühle um ihn her bedeckten, ſtudirte er, den Kopf in beide Hände geſtützt, und das Licht der Lampe voll auf ſeinen harten aber aus⸗ drucksvollen Zügen, einen vor ihm liegenden Brief, den er, ſo oft er ihn ſchon durchgeleſen, immer wieder von Neuem begann. Er hatte es ſich dabei ſchon wieder ganz be⸗ quem bemacht, mit Cabaye und Schlafhoſe, die bloßen Füße in feingeflochtenen Chineſiſchen Pan⸗ toffeln. Er rauchte auch, hatte aber ſämmtliche Diener mit ihren Lunten hinausgejagt, und neben ſich, auf einem bootartigen lackirten Geſtell, eine der chineſiſchen wohlriechenden Glimmkerzen liegen, 283 an der er dann und wann ſeine Cigarre wieder anzündete. Ganz in ſeine Lektüre des Briefes vertieft ſaß er da, als er plötzlich ſchwere Tritte neben ſich mehr fühlte als hörte. Raſch aufſchauend erkannte er aber eine Geſtalt die er ſo erſtaunt betrachtete als ob er einen Geiſt ſähe und mit den eben nicht einladenden Worten empfing: „Wie ſind Sie denn hier hereingekommen? Sapäda!“ ſchrie er dann, ehe der Fremde auch nur eine Sylbe zu ſeiner Entſchuldigung vorbrin⸗ gen konnte.—„Sapäda! wo ſteckt das Geſindel? Heh Ihr Schlingel! wozu ſeid Ihr denn da, als draußen aufzupaſſen und etwaige Fremde anzu⸗ melden, heh? Habt Ihr ſchon wieder vergeſſen, daß man Euch erſt ſagen muß ob man die Leute an⸗ nehmen will oder nicht, damit Einem nicht jeder täppiſche Ochs ohne Weiteres in das Zimmer her⸗ ein bricht?— Jetzt wieder hinaus mit Euch und Gnade Euch Gott, wenn ich Euch wieder einmal auf der faulen Haut erwiſche.“ Die Malayen, die bei dem erſten Ruf ſchon von allen Seiten herbeigeſprungen waren, blieben ſcheu am Eingang ſtehn. Sie fürchteten den ſtren⸗ gen Tuwan entſetzlich, obgleich er noch Keinem von ihnen etwas zu Leid gethan. Beſtürzt ſahen ſie auch den Fremden an, denn ſie konnten ja nicht wiſſen, daß er noch nicht ſo viel Malayiſch ſprach die, für ihn eben nicht ſchmeichelhafte Rede zu verſtehen. Bei den letzten Worten fuhren ſie aber auch wieder, wie der Blitz zur Thür hinaus, vor der ſie jetzt nur in Rufs Nähe blieben— falls ſie noch einmal verlangt werden ſollten. „Ich muß ſehr um Entſchuldigung bitten,“ ſagte der Fremde— Niemand Anders als unſer alter Bekannter Salomo Holderbreit—„wenn. ich vielleicht geſtört habe. Das lag nicht in mei⸗ ner Abſicht: ich komme vielmehr mit einer Bitte an meinen alten Reiſegefährten.“ „Und was wünſchen Sie 2“ lautete die kurze, eben nicht freundliche Anfrage des alten Herrn, der nicht einmal daran dachte ſeinem Gaſt einen Stuhl anzubieten. Herr Salomo Holderbreit war aber nicht der Mann, ſich durch geringfügige Schwie⸗ rigkeiten einſchüchtern oder zurückſchrecken zu laſſen. Er kannte den Herrn, mit dem er es hier zu thun hatte, ſchon als einen ungeſelligen abſtoßenden Kumpan von der ganzen Seereiſe her, und wußte recht gut, daß bei ihm mit Schüchternheit gar Nichts auszurichten war. Ohne ſich deshalb an den mürriſchen Blick zu kehren, mit dem er em⸗ pfangen worden, ohne ſelbſt dieſe unhöfliche An⸗ 285 rede zu beachten hielt er nur ſein Ziel im Auge: daß er nämlich von ihm etwas erbitten wolle— ging ruhig auf den nächſten Stuhl zu, den er ſich zum Tiſch rückte, legte ſeinen Hut ab, ſetzte ſich dem, ihn erſtaunt betrachtenden Lockhaart gegen⸗ über und ſagte: „Erlauben Sie, daß ich Ihnen nicht gleich ſage was ich wünſche, ſondern erſt ein wenig weiter aushole.“ „Nein, das erlaub' ich keineswegs,“ verſicherte Herr Lockhaart eben ſo beſtimmt,„denn ich habe weder Luſt noch Zeit, irgend eine langweilige Aus⸗ einanderſetzung mit anzuhören, die mich gar nicht intereſſiren kann, ſie mag handeln von wem und von was ſie will.“ „Und wenn es die Religion ſelber beträfe,“ warf Herr Holderbreit ein.— „Mynheer!“ rief der alte Lockhaart, und hob ſich halb von ſeinem Stuhl auf,—„ich will nicht hoffen, daß Sie hierher gekommen ſind um—“ „Fürchten Sie Nichts,“ unterbrach ihn der Geiſtliche, indem er beruhigend mit der Hand winkte, denn er wußte recht gut wie weit er mit ihm gehen durfte.„Es fällt mir gar nicht ein Sie bekehren zu wollen, denn obgleich wir nie 286 — drei Worte über Religion gewechſelt, weiß ich doch, daß Sie faſt noch ſchlimmer als ein Heide ſind.“ „So?“ lachte Lockhaart, den dies zu amüſiren anfing—„und die ganze lange Seereiſe, haben Sie eine ſo wundervolle Gelegenheit vollſtändig unbenutzt gelaſſen, mich eines Beſſeren zu beleh⸗ ren?— War das chriſtlich?“ „Mein ſehr verehrter Herr,“ erwiderte Hol⸗ derbreit ruhig,„Sie werden nür gewiß zugeben — was auch immer Ihre Anſichten über Religion ſein mögen, daß es ein gutes und gottgefälliges Werk iſt, ein todtes Stück Land, das unbenutzt und brach liegt, mit fruchttragenden Körnern zu beſäen; nicht wahr?“ „Wenn irgend Jemandem ein Nutzen daraus erwächſt,“ meinte Lockhaart. „Und wenn es nur für die Vögel des Him⸗ mels wäre,“ fuhr Holderbreit eifrig fort.„Wer alſo den Pflug in den Boden einläßt, und ſei die⸗ ſer noch ſo dürftig und ausgeſogen, thut immer ſicherlich ein gutes Werk. Was würden Sie aber von einem Menſchen halten, der, mit den beſten Abſichten von der Welt, ſeinen Pflug auf einen glatten Granitblock hinauf ſchafft, und dort oben ackern und ſäen will?— Sie würden einfach ſa⸗ gen: der Menſch iſt verrückt.“ 287 Mynheer Lockhaart ſah den Geiſtlichen völlig verdutzt über die kecke Rede an. Was aber keiner Bitte oder einer ſchmeichelnden Rede gelungen wäre, das erreichte der ehrwürdige Salomo Hol⸗ derbreit hier ohne Weiteres durch Grobheit, und wenn nicht ſeinem Zartgefühl, ſo gereichte doch die Art und Weiſe, in der er mit dem alten, rauhen Herrn umſprang, ſeiner Menſch enkenntniß zur höch⸗ ſten Ehre. „Sie haben Recht,“ lächelte Herr Lockhaart ſchon bei dem Gedanken ſtill vor ſich hin, daß ſein Mitpaſſagier unterwegs an ihm ſeine Bekeh⸗ rungsverſuche begonnen haben könne,—„Sie haben ganz Recht: Auf Granit iſt ſchlecht pflügen, die Schaar könnte höchſtens eine Weile Funken heraus ſtoßen und dann abſtumpfen; Aber— was wollen Sie eigentlich?“ „Ich will an Anderen das verſuchen, was bei Ihnen völlig nutzlos wäre,“ erwiderte Herr Hol⸗ derbreit ziemlich grad heraus.„Ich bin von Eu⸗ ropa herüber gekommen, die Heiden zu bekehren, und mit allen Mitteln dazu ausgerüſtet, fühle ich mich ſtark und befähigt genug, das zu unter⸗ nehmen.“—— „Gut, aber was zum Henker geht das mi ch an?“ „Eigentlich gar Nichts,“ erwiderte ruhig der 288 Geiſtliche,„inſofern Sie kein näheres Intereſſe daran nehmen; aber gedulden Sie ſich nur noch wenige Secunden.— Ich habe Ihnen vorhin ge⸗ ſagt, daß ich mich ſtark und befähigt genug fühle, das Unternommene durchzuführen,— die Hände dürfen mir jedoch dabei nicht gebunden— ich muß im Stande ſein mich frei und willkürlich zu be⸗ wegen, und dazu ſollen Sie mir helfen.“ „Ich?“ rief Herr Lockhaart erſtaunt und trotzig aus,—„verdammt will ich ſein, wenn ich mich auch nur mit einem Finger in Ihren ganzen Un⸗ ſinn hinein menge. Gehen Sie dorthin, wo man Ihre Dienſte braucht und verlangt, und dort wer⸗ den Sie auch wohl dankbarer angenommen, und — beſſer bezahlt werden.“ „Aber ich habe die feſte Ueberzeugung, daß ſie nirgends dringender verlangt werden, wie ge⸗ rade hier.“ „Papperlapapp!“ ſagte der alte Herr,„das ſind rein fixe Ideen, und das Kurze und Lange von der Sache iſt, mein Herr, daß wir hier auf Java, und überhaupt im Oſtindiſchen Archipel keine Be⸗ kehrungsverſuche haben wollen, denn bis jetzt iſt Nichts weiter daraus entſtanden, als Unheil und Aergerniß. Die Bevölkerung hängt faſt ausſchließ⸗ lich, die Chineſen abgerechnet,— an der Muha⸗ 289 medaniſchen Religion; dieſe entſpricht ihren Sit⸗ ten wie Bedürfniſſen. Die Leute ſelber leben da⸗ bei mäßig und nüchtern; ſie ſind fleißig und zu⸗ verläſſig, und werden gerade durch die Muha⸗ medaniſche Religion von ihren Obern feſt und ſicher im Zügel gehalten; was wollen wir mehr? Dadurch, daß wir die Muhamedaniſche Religion unangefochten laſſen, haben wir auch ſämmtliche Prieſter zu unſeren Freunden; würfen wir aber Miſſionaire in ihre Gemeinden, und zerriſſen dieſe durch ihre Propaganda der Chriſtlichen Religion die bis jetzt feſtgehaltenen Familien und Staats⸗ banden, dann ſtünde ein Feind gegen uns Alle auf, dem wir mit unſeren paar Tauſend Euro⸗ päern vergebens die Spitze bieten würden. Wollte unſere Regierung deshalb auch noch dazu beitra⸗ gen, die Chriſtliche Religion unter den eingebo⸗ renen Stämmen, die ſie weder brauchen noch ver⸗ langen, zu verbreiten, ſo wäre das ein reiner und einfacher Selbſtmord, und dazu liegt denn doch noch keine Veranlaſſung vor.“ „Aber Sie werden mir doch zugeben, daß un⸗ ſere Religion uns ſelber gebietet.“— „Ich gebe Ihnen gar Nichts zu,“ unterbrach ihn der alte Mann,—„ſo, wie ich es Ihnen eben erſt auseinander geſetzt, ſtehen die Verhält⸗ Unter dem Aequator. II. 19 290 niſſe hier. Java iſt dabei eine bedeutende Re⸗ venue für den Staatsſchatz, und daß wir uns das Alles nicht, blos einer Phraſe wegen, durch ein paar idealiſtiſche Schwärmer verderben laſſen, kön⸗ nen Sie ſich wohl denken.“ „Ich gehöre nicht zu dieſen,“ ſagte Holderbreit. „Sie ſehen wenigſtens nicht ſo aus,“ erwie⸗ derte Lockhaart trocken.„Das bleibt ſich aber gleich; im Gegentheil ſind die praktiſchen Menſchen noch viel gefährlicher als die Phantaſten, weil ſie die Sache gewöhnlich am rechten Zipfel anfaſſen.“ „Alſo hält ſich die Regierung für mächtig ge⸗ nug,“ ſagte Holderbreit finſter,„die Verantwor⸗ tung dereinſt zu übernehmen, Millionen von Men⸗ ſchen das Chriſtenthum hartnäckig verweigert zu haben.“— „Unſinn! alle Ihre Verantwortungen,“ brumm⸗ te der alte Mann,—„wir haben etwa 160 Mil⸗ lionen Muhamedaner auf dem Erdball, die ſich meiſt Alle geiſtig wohl befinden und auf ein ſpäteres Leben hoffen. Wohin die kommen, dort haben unſere Javanen auch Platz. Wünſchen Sie ſonſt noch etwas?“— Die letzten Worte waren von einem ſo deut⸗ lichen Blick begleitet und ſo entſchieden betont, daß ſie Herr Salomo Holderbreit nicht wohl mis⸗ 291 verſtehen konnte. Er fühlte auch recht gut, daß ihn Herr Lockhaart gern los ſein wollte, war aber keineswegs der Mann, der ſich hätte durch eine derartige Anſpielung beſtimmen laſſen, zu gehen, ehe er es ſelber für Zeit hielt. Er ſah eine Weile ſinnend vor ſich nieder, dann begann er endlich wieder, dem Alten feſt in's Auge ſehend: „Ich will Ihnen etwas ſagen, Herr Lockhaart, betrachten wir die Sache einmal von einem ganz anderen Geſichtspunkt, und zwar als Geſchäft, ſo iſt es höchſt unbillig, ja kleinlich von der Hol⸗ ländiſchen Regierung, da ſie gerade die Macht in Händen hat, einem Concurrenten ſolche unüber⸗ ſteigliche Schwierigkeiten in den Weg zu legen. Wo bleibt da das, was der Engländer fair play nennt?“ „So wollen Sie die Miſſion als Geſchäft be⸗ trachtet haben?“ 1 „Ja,“ ſagte der Geiſtliche,„wenn Sie mir keine höhere Berechtigung zugeſtehen.“ „Aber auch in dem Sinn werden Sie Nichts ausrichten,“ erwiderte ungeduldig werdend Lock⸗ haart.„Die Regierung ſieht ein daß das, was Sie dem Volk verkaufen wollen, ein ſchädlich wir⸗ kendes Gift iſt, und wird es nicht dulden.“ „Sie läßt Opium verkaufen.“ 19 292 „Bah,“ rief Herr Lockhaart,„ich habe nicht geſagt, daß ſie es des Volkes wegen verbietet, ſondern nur ihrer ſelbſt wegen.“ „Alſo fürchtet die holländiſche Regierung den Einfluß, den ein armer, fremder Geiſtlicher wie ich, ausüben könne— Sie erkennt alſo die Macht an, die Gottes Wort auf die Maſſen ausüben würde, und wagt doch, es zu unterdrücken.“ „Von Fürchten iſt gar keine Rede,“ ſagte Lock⸗ haart unwillig—„Sie ſehen auch nicht aus, als ob man ſich vor ihnen fürchten dürfte, und mei⸗ nen Hals wollt' ich zum Pfand ſetzen, daß man Sie ganz ohne die geringſte Beſorgniß loslaſſen könnte; Sie würden kein Unheil unter den Mu⸗ hamedanern anrichten.“ „Un heil? Nein,“ ſagte Herr Holderbreit,„das iſt auch nicht meine Abſicht, aber Heil, und ich nehme Ihre Wette an, verſchaffen Sie mir nur Gelegenheit, an's Werk zu gehen, wozu ich weiter Nichts als einen Paß in's Innere brauche.“ „Stell' i ch Päſſe aus?“ frug Lockhaart trocken. „Nein, aber ich weiß, daß Sie großen Ein⸗ fluß in Batavia haben,“ verſicherte Herr Holder⸗ breit,„und bin einzig und allein deshalb hier⸗ hergekommen, mir Ihr Fürwort zu erbitten. Ich habe eine Seereiſe von ſoviel Monden gemacht, 295 „Alſo ich darf hoffen,“ ſagte Holderbreit nach einer ziemlich langen Pauſe, in der ihn Lockhaart ſchon vollſtändig vergeſſen hatte. „Was?“ fuhr dieſer auf. „Daß Sie einen Paß in's Innere für mich befürworten wollen.“ „Aber ich bin ſelber kein Chriſt,“ fuhr der alte Herr auf—„Sie wenigſtens halten mich für keinen.“ „Das ſchadet Nichts,“ lächelte Herr Holder⸗ breit,„die Religion bedient ſich Aller ihr zu Ge⸗ bote ſtehenden Mittel, ihr heiliges Ziel zu errei⸗ chen, und muß dazu auch manchmal ſelbſt feind⸗ ſelige Werkzeuge gebrauchen.“ „Alſo als Werkzeug werd' ich betrachtet,“ lachte Lockhaart ſtill für ſich hin.—„Sie ſind wenigſtens aufrichtig, und was ich thun kann, ſoll geſchehen, ihren Wunſch zu erfüllen. Wie es dann ausſchlägt, iſt ihre Sache. Sie ſehen übri⸗ gens, daß ich jetzt beſchäftigt bin—“ „Ich will ſie nicht länger ſtören,“ erwiderte der Miſſionair, denn dieſe Andeutung war doch zu deutlich geweſen, als daß er ſie hätte mißver⸗ ſtehen oder ignoriren können.„Mein werther Herr, ich habe die Ehre, mich Ihnen gehorſamſt zu empfehlen.“ 296 „Guten Abend,“ ſagte Lockhaart, ohne von ſeinem Brief aufzuſehen, ünd der Deutſche ver⸗ ließ im nächſten Augenblick das Haus, in ſein Hotel zurückzukehren und ſeine Vorbereitungen zu einer Fahrt in's Innere zu treffen. Nach ſeinen letzten Bekehrungsverſuchen mit dem jetzt wieder ganz verſtockt gewordenen Bali, war ihm der Auf⸗ enthalt im Amſterdam⸗Hotel drückend, und er wünſchte es ſobald als irgend möglich zu ver⸗ laſſen. —,— XVII. Der alte Herr Lockhaart hatte noch gar nicht lange ſeine Lektüre wieder aufgenommen, ohne auch nur einen Blick hinter dem Geiſtlichen her⸗ zuwerfen, als draußen wieder ein Wagen vor⸗ rollte und ein Malaye ſchüchtern in den Saal hineinglitt. „Tuwan Heffken kommt,“ flüſterte er dabei— „ſollen wir ihn herein laſſen?“ „Heffken?“ rief Lockhaart von ſeinem Sitz emporfahrend,„was zum Teufel will Der Hier? Jagt ihn fort.“ „Frug nach Tuwan,“ warf der Malaye ein. „Nach meinem Schwager? ſo;— hm— Na meinetwegen, führ ihn her; mit dem werden wir auch noch fertig werden.— Bin doch wahrhaftig neugierig, was der Herr bei uns zu ſuchen hat.“ 298 Und mit den Worten ſtand er auf und ging ein paar Mal in der Halle auf und ab, bis er die Schritte des Kommenden auf dem Marmor⸗ boden hörte. Wie er ſich nach ihm umdrehte, ſtand der Buchhalter vor ihm und ſagte, mit ei⸗ ner achtungsvollen Verbeugung. „Ah Mynheer Lockhaart— herzlich erfreut, in der That, Sie wieder in Batavia begrüßen zu können. Sie ſehen friſch und wohl aus, und das kalte Europäiſche Klima ſcheint Ihnen außeror⸗ dentlich gut gethan zu haben.“ „Finden Sie?“ ſagte Herr Lockhaart, ohne auch nur eine Miene zu verziehen. „In der That,— ich weiß mich kaum eines Beiſpiels zu erinnern, daß—“ „Sie wünſchten meinen Schwager zu ſprechen?“ unterbrach ihn, ohne die geringſten Umſtände, der alte Herr,„er iſt nicht zu Haus— mit meiner Schweſter und unſerem Gaſt ausgefahren— kom⸗ men auch erſt ſpät zurück.“ So?— ſagte Herr Heffken, und ſah ſtill und nachdenkend vor ſich eine Weile nieder—„aus⸗ gefahren— hm— dann kann ich alſo Fräulein Bernold auch nicht ſprechen?“ „Und was haben Sie mit der, wenn man fragen darf?“ 299 „Bei Licht beſehn,“ erwiderte der kleine Buch⸗ halter, ohne auf die Frage direkt zu antworten, „könnte ich Alles, was ich zu beſprechen habe, auch eben ſo gut mit Ihnen, wie mit Ihrem Schwager abmachen— vielleicht noch beſſer— vorausgeſetzt nämlich, daß Sie mich anhören mögen.“ „Und es betrifft Fräulein Bernold?“ —„Ja,“ ſagte Heffken, nach einigem Zögern —„darf ich ſprechen?“ „Reden Sie,“ ſagte Lockhaart, indem er, wäh⸗ rend er ſich ſelber wieder ſetzte auf einen, ihm gegenüberſtehenden Stuhl deutete—„bin begierig, was Sie mir über die junge Dame zu ſagen haben.“ „Ich darf vorausſetzen,“ begann Heffken, wäh⸗ rend er Platz nahm, und ſeinen Hut ſpielend auf der linken Hand herumdrehte, daß Sie davon un⸗ terrichtet ſind, auf welche Art die junge Dame nach Java gekommen iſt?“ „Sollt' es denken,“ erwiderte Lockhaart, mit einem forſchenden Blick auf den Buchhalter— in der Rebecca, und ich könnte Ihnen Rechen⸗ ſchaft von jedem Tag unterwegs geben— wenn ich es eben für nöthig hielt.“ „ Das mein ich nicht,“ ſagte Heffken gleichgül⸗ 300 tig,„ſondern was die Veranlaſſung ihres Hierherkommens geweſen.“ „Nein— kenn' ich nicht,“ brach Lockhaart kurz ab,„geht mich auch Nichts an— und Sie noch weniger. Was bekümmern Sie ſich um That⸗ ſachen, die nur den davon Betroffenen intereſſiren können?“ „Die Sache iſt für jeden intereſſant,“ meinte Herr Heffken, ohne den Wink zu verſtehen.„Myn⸗ heer Van Roeken hat ſie ſich als Braut verſchrie⸗ ben und indeſſen Mevrouw Wattlingen, des alten Wattlingen junge Wittwe geheirathet. Er wird ihr jetzt eine Abſtandsſumme zahlen, und ſie mit der nächſten Mail wieder nach Deutſchland zu⸗ rückſchicken.“ „Und woher wiſſen Sie das Alles?“ frug Lockhaart, der mit der geſpannteſten Aufmerkſam⸗ keit dieſem kurzen Bericht gelauſcht.„Wer hat Sie in einer ſo delicaten Sache zum Vertrauten gemacht?“ „Van Roeken ſelber hat mich davon in Kennt⸗ niß geſetzt,“ erwiderte leichthin der Buchhalter. „Er bedurfte meines Rathes und Beiſtandes, da ihm zu Hauſe einige Schwierigkeiten drohten.“ „Und Fräulein Bernold wird alſo, wie Herr Van 301 Roeken beſtimmt hat, Java ſchon mit der nächſten Mail wieder verlaſſen?“ „Ja— allerdings— wenn nicht— wenn nicht Fälle eintreten ſollten, die ihr Hierbleiben für ſeine häusliche Ruhe ungefährlich machen.“ „So?— ſehr umſichtig das von Mynheer Van Roeken gedacht— hätte ich ihm gar nicht zugetraut,“ lächelte Lockhaart ingrimmig vor ſich hin.„Ich komme aber noch immer nicht dahinter, was Sie eigentlich mit der ganzen Geſchichte zu thun haben.“ „Das will ich Ihnen gleich ſagen Mynheer Lockhaart,“ erwiderte Heffken, ſich etwas auf ſei⸗ nem Stuhl zurecht rückend—„Ich— ich inte⸗ reſſire mich für Fräulein Bernold—“ „So?“— „Ja— ich intereſſire mich ſehr für ſie, und bedauere das arme Mädchen, das hier ſo verlaſſen und allein in der Welt ſteht.“ „In der That?“ „Ich weiß dabei, daß ſie Nachſtellungen aus⸗ geſetzt iſt.“ „So?“ „Und daß Leute, die ſelber ein Intereſſe da⸗ bei haben, ihre unrechtlichen Abſichten zu verber⸗ gen, mir ſogar derartige untergeſchoben haben.“ 302 „Was Sie da nicht ſagen; das iſt mir ja et⸗ was ganz Neues.“ „Sollte Herr Wagenaar nie etwas gegen Sie erwähnt haben?“ „Alſo Wagenaar iſt der Hallunke,“ ſagte der alte Herr, ſein Auge dabei nicht von Heffken nehmend, der dem Zlick ſoviel als möglich aus⸗ zuweichen ſuchte—„habe mir beinah' etwas Aehn⸗ liches gedacht— und Ihre Abſicht jetzt.“ „Um Ihnen zu beweiſen, wie ehrlich ich es immer mit der jungen Dame gemeint habe,„ſagte Heffken, der ſeinen Hut jetzt mit beiden Händen herumdrehte,“ ſo will ich Ihnen geſtehen, daß ich hierher gekommen bin Mynheer, bei der jungen Dame nach allen Formen um— ihre Hand zu werben.“. „Sie?“ rief Lockhaart, jetzt wirklich überraſcht. „Allerdings, Herr Lockhaart,“ erwiderte Heff⸗ ken über das unverhehlte Erſtaunen, das in der Frage lag, pikirt—„wenn ich mich auch gerade nicht zu den Schönheiten zählen kann, ſo weiß ich doch auch, daß häßlichere Männer Frauen bekommen haben. Die junge Dame iſt dabei arm und freundlos in einem fremden Welttheil; ich ſelber dagegen habe mir ſo viel erſpart, daß ich ſie vor Mangel und Sorgen ſchützen kann.— 303 Ich darf mir ſchmeicheln, daß ich mir in Bata⸗ via eine Stellung errungen habe, und Fräulein Bernold braucht nicht zu glauben, daß ſie eine ganz ſchlechte Parthie mit mir macht. Ich ſehe einer Entſcheidung übrigens vertrauensvoll ent⸗ gegen, denn ein ſolcher Antrag iſt die höchſte Ehre, die ein Herr einer Dame erweiſen kann. Ich hatte auch die Abſicht, Mynheer Van Straa⸗ ten um ſein Fürwort zu bitten, der vielleicht noch nicht einmal die hülfloſe und unangenehme Lage, in der ſich die junge Dame befindet, in ihrem vollen Umfang kennt. Da ich ihn aber nicht zu Haus getroffen und mich an Sie wenden konnte, bleibt es ſich ja gleich. Ihr Fürwort werden Sie mir nicht verſagen, denn Sie kennen mich ja zur Genüge—“ „Ja,“— unterbrach ihn hier der alte Lock⸗ haart, der ſeinen Grimm nicht länger verſchlucken konnte,„ich kenne Sie allerdings, mein Herr Heff⸗ ken. Wenn ich aber an Ihrer Stelle geweſen wäre, hätte ich die Leute, die mich kennen, ge⸗ rade am Allerwenigſten aufgeſucht.“ „Mynheer Lockhaart ich bin—“ „Der nichtswürdigſte, erbärmlichſte Schurke, der Gottes Erdboden durch ſeine Fußſohlen ent⸗ ehrt!“ brach aber jetzt der alte Mann aus,„und 304 da wir doch einmal ſo hübſch unter vier Augen ſind, thut es meiner Seele wohl, Ihnen das ſagen zu können.“ „Mynheer Lockhaart!“ rief Heffken, erſchreckt von ſeinem Stuhl aufſpringend, denn der alte, eiſenfeſte Mann ſah ihn mit ein paar Augen an, als ob er ihm im nächſten Moment nach der Kehle fahren wollte. Etwas Derartiges aber lag ihm fern, und wie ſelbſt der Verſuchung dazu zu ent⸗ gehen, legte er beide Hände auf ſeinen Rücken und fuhr fort: „Sie haben ſich an den Rechten gewandt, Ihr Fürſprecher zu ſein. Glauben Sie ſchofeler Pa⸗ tron denn nicht, daß ich Sie lang durchſchaute, ehe ich Sie noch aus meinem Geſchäft entließ? Sie haben mich betrogen und beſtohlen wo Sie konnten—“ „Herr Lockhaart!“ „Sie haben die Maatchappey ebenſo beſtohlen, und jetzt treten Sie mit dieſem frechen Geſicht vor mich hin—“ „Herr Lockhaart ich— verachte Sie!“ rief Heffken, der nicht gewillt war, mehr von ſolchen Beſchuldigungen anzuhören. Dabei war er aber mit einem raſchen Sprung vor der Thür, und 305 keine drei Secunden ſpäter raſſelte ſein Bendi zum Thor hinaus. „Hahahahaha!“ lachte aber Mynheer Lockhaart hinter ihm drein, denn anſtatt ſich über den Bur⸗ ſchen, den er von Grund ſeiner Seele aus haßte, zu ärgern, ſchien es weit eher, als ob ihm dieſe Scene ſeine volle gute Laune wiedergegeben habe. —„Hahahaha,— mich will der Hallunke zum Fürſprecher haben; mich! na ich denke, ich habe ihm eine Probe davon gegeben, wie ich etwa für ihn ſprechen werde und ſobald— Sapäda!— Sa- päda!“ unterbrach er ſich plötzlich ſelbſt, als ſein ſcharfes Auge ein die Gartenſtraße eben herauf⸗ kommendes Fuhrwerk entdeckte und Einige der Ma⸗ layiſchen Diener herbeiflogen.„Spring Einer von Euch ſo ſchnell wie er kann— halt— es iſt gut. Er kommt ſchon von ſelber hierher! Bravo, wie gerufen. — Ihr könnt wieder gehen. Halt vorher zündet die Lampen an,“ und die Hände feſt zuſammenreibend, ohne aber eine Muskel ſeines faſt unbeweglichen Ge⸗ ſichtes zu verziehen, ſchritt er ein paar Mal raſch in dem hohen luftigen Raum auf und ab. Nur kurze Zeit war verfloſſen als Wagner, eben von Van Romelaers zurückkommend, die Stu⸗ fen heraufſprang und, den Blick in dem leeren Saal umherwerfend, auf Lockhaart zuſchritt. 20 Unter dem Aequator. II. 306 „Sehr werther Herr, ich fürchte faſt daß ich Sie ſtöre.“ „Nein,“ ſagte Lockhaart,„im Gegentheil; ich wollte eben einen meiner Burſchen Ihrem Bendi nachhetzen, Sie zu mir hereinzurufen, als Sie von ſelber kamen. Trotz der Dämmerung erkannte ich den ganz außergewöhnlichen weißen, ſpitzen Hut Ihres Kutſchers, der ſich darin vor allen Uebrigen unterſcheidet.— Was zum Henker fällt dem Bur⸗ ſchen ein ſich ein ſo auffallendes Ding auf den Kopf zu ſetzen?“ 2 „Er muß es doch für ſchön halten,“ lachte Wagner,„ich ſelber aber habe mich wirklich, mit anderen Dingen im Kopf, noch viel zu wenig dar⸗ um bekümmert. Wünſchen Sie mir etwas mitzu⸗ theilen, weil ſie mich wollten rufen laſſen?“ „Davon nachher. Erſt, was führt Sie zu uns?“ „Einestheils die Pflicht, einmal nach unſerer Schutzbefohlenen zu ſehn,“ lächelte Wagner,„ob⸗ gleich ich vollkommen gut weiß wie ſie hier auf⸗ gehoben iſt; dann aber iſt es auch nöthig, daß ich mit Fräulein Bernold ſelber, ihrer nächſten Zukunft wegen ſpreche. Es war einmal ihre Ab⸗ ſicht, mit der nächſten Mail nach Europa zurück⸗ zukehren, und wenn das noch der Fall iſt, wäre 307 es jetzt die höchſte Zeit die unumgänglich nöthigſten Vorbereitungen zu treffen.“ „Und weshalb ſoll ſie jetzt Java ſchon wieder verlaſſen?— Wollen Sie nicht Platz nehmen?“ „Sie ſoll gar nicht,“ erwiderte Wagner, in⸗ dem er der Einladung Folge leiſtete,„aber wenn es ihr eigener Wunſch iſt, möchten wir demſelben nicht im Wege ſtehn.“ Lockhaart hatte ſeine Arme feſt verſchlungen und ſah eine Weile ſtill und ſinnend vor ſich nie⸗ der. Endlich hob er den Kopf wieder, nahm aus einer neben ihm ſtehenden Kiſte, die er dann Wag⸗ ner hinüber ſchob, eine Cigarre, zündete ſie an, und den Rauch eine Weile fortblaſend, frug er plötzlich ſeinen Gaſt ganz abgebrochen: „Sie werden nächſtens Fräulein Marie Van Romelaer heirathen?“. „Ich?“ fuhr Wagner empor, der eher alles Andere, als dieſe Frage vermuthet hatte.„Wo⸗ her glauben Sie das?“— „Ich habe guten Grund dafür!“ „In der That?“ ſagte Wagner mit einem bit⸗ teren Lächeln, indem er die vor kaum einer Stunde erhaltene Karte aus der Bruſttaſche nahm.„Viel⸗ leicht überzeugt Sie dann dies hier eines Beſſeren.“ Lockhaart nahm die Karte, und ſie gegen die 20* 308 eben von den Malayen entzündete Lampe haltend, las er die darauf ſtehenden Namen. „Hm— das ſieht allerdings nicht ſo aus,“ brummte er endlich leiſe vor ſich hin—„Haupt⸗ mann Bernſtoff— bah, daß die Mädchen doch immer dem zweierlei Tuch nachlaufen— hätte eine beſſere Parthie machen können— viel beſ⸗ ſer.— Apropos— wiſſen Sie, daß mir vor wenig Minuten ein Heirathsantrag für Fräulein Hedwig Bernold gemacht iſt?“ „Von wem?“ rief Wagner und fuhr über⸗ raſcht empor. „Sie riethen den Namen nicht, und wenn ich Ihnen ein Jahr Zeit gäbe— von Heffken.“ „Es iſt nicht möglich!—“ „Aber doch wahr,“ ſagte der alte Herr trocken, „ich habe mir aber die Freiheit genommen, ihm einen Korb zu geben, und zwar einen Holzkorb, mit dem er keinen Staat machen wird.“ „Aber weiß Fräulein Bernold davon?“ „Nein— iſt auch nicht nöthig.— Wenn wir ſie einmal in unſer Haus nehmen, ſo betrachten wir ſie auch in der Zeit, in der ſie unſere Woh⸗ nung theilt, als zu unſerer Familie gehörig, und Niemand von meiner Familie ſollte ſich mit dem Burſchen verbinden.“ 309 „Und er hat förmlich um ihre Hand ange⸗ halten?“ „Mit geraden Worten, wenn auch nicht mit geraden Blicken, denn der Lump kann mir keine drei Secunden feſt in's Auge ſehen. Er— hat mir aber auch die— Veranlaſſung genannt, die Fräulein Bernold hier nach Java geführt. Iſt das begründet?“ „Van Roeken trägt allerdings die Schuld?“ „Van Roeken,“ rief der alte Herr ärgerlich, „hat damit verdient, daß er— die Mevrouw Watt⸗ lingen zur Frau bekäme— ich wüßte ihm wirk⸗ lich nichts Schlimmeres zu wünſchen. Was ſagt er denn jetzt, da er dies junge Mädchen geſehen hat?“ „Er hat ſie noch gar nicht geſehen, und ver⸗ meidet ſie ängſtlich. Sein Wunſch beſonders iſt es auch, daß Fräulein Bernold Java ſobald als möglich wieder verlaſſen möge, um eben nicht ein⸗ mal auf ein oder die andere Art mit ſeiner Frau in Berührung zu kommen. Er erbietet ſich übri⸗ gens auf die liberalſte Weiſe für ſie zu ſorgen.“ „Das dank ihm der Teufel,“ polterte Lockhaart heraus.—„Es wäre nicht mehr wie ſeine ver⸗ fluchte Pflicht und Schuldigkeit— wenn es näm⸗ 310 lich Fräulein Bernold überhaupt von ihm an⸗ nimmt.“ „Leider iſt die junge Dame,“ ſagte Wagner— „ſoviel ich wenigſtens davon gehört habe, unbe⸗ mittelt.“ „Wiſſen Sie mehr von ihren früheren Schick⸗ ſalen, und was ſie veranlaßt haben kann dieſen — etwas unweiblichen Schritt zu thun?“ „Schwere Schickſale haben ihre Jugend ge⸗ trübt,“ ſagte Wagner.„Der Vater machte Banke⸗ rott und ſo ehrenvoll, daß er Alles dabei verlor. Die Mutter ſtarb an gebrochenem Herzen, und die Waiſe, die ſich von einem jungen Edelmann, Namens Dorſek geliebt glaubte, ſah ſich plötzlich auch von dieſem verlaſſen, als er erfuhr wie mit⸗ tellos ſie daſtand. In Verzweiflung nur nahm ſie gerade in jener, für ſie ſo traurigen Zeit, das Anerbieten an, das ihr Van Roeken leichtſinnig machte.“ „Wie hieß der Adliche?— nannten Sie nicht ſeinen Namen.“ „Von Dorſek.“ „Wo wohnte er?“ „In Frankfurt am Main.“ „Sie wiſſen nicht zufällig ſeinen Vornamen?“ „Er ſteht allerdings im Brief des alten Schar⸗ 311 ner, der in dieſer Sache Van Roekens Geſchäfts⸗ führer war, aber ich habe ihn vergeſſen. Wenn ich nicht irre, war es Oskar oder Oswald, aber ich will es nicht beſtimmt behaupten.“ „Herr Scharner in Frankfurt am Main?“ wie⸗ derholte Lockhaart, während er ſeine Mappe öff⸗ nete, und eine Parthie Briefe durchblätterte. Er fand auch bald, was er ſuchte, und das Schreiben durchfliegend, nickte er dabei leiſe mit dem Kopf, und murmelte einige Worte vor ſich hin. „Kennen Sie meinen Freund Scharner?“ frug Wagner. „Ich?— woher ſoll ich ihn kennen?“ erwiderte Lockhaart—„bin in meinem Leben nicht in Frank⸗ furt geweſen.— Apropos, können Sie mir das Nähere über dies Verhältniß— ich meine von jenem— Dorſek und Fräulein Bernold ſagen?“ „Sie haben ſich hier ſo freundlich der jungen Dame angenommen,“ erwiederte Wagner,„daß ich glaube, ich kann Sie auch völlig zum Vertrau⸗ ten ihrer Angelegenheiten machen. Ich ſelber würde allerdings nie indiscret genug geweſen ſein, auch nur ein Wort darüber gegen irgend Jemand zu erwähnen; Heffken dagegen, der mit ſeinen frechen Anträgen das arme Mädchen ſchon auf das Tödtlichſte beleidigt hat, ſcheint ſolche Bedenk⸗ 312 lichkeiten nicht gehabt zu haben. Durch Van Roe⸗ kens Unbedachtſamkeit iſt er in das Geheimniß mit eingeweiht worden, oder hat ſich hinein ge⸗ drängt, und ſcheint nun, wie es mir vorkommt, es ſoviel als möglich auszubeuten. Deshalb ſchon iſt es vielleicht nöthig, daß Sie die volle Wahr⸗ heit erfahren, und ich werde Ihnen heute Abend noch meines alten Freundes Scharner Briefe ſchicken. Ich kann das auch mit gutem Gewiſſen thun, da Sie Fräulein Bernold nicht zum Nachtheil gerei⸗ chen; im Gegentheil werden Sie ſich noch mehr für das arme Mädchen intereſſiren, das ſchuldlos ſchon viel und Schmerzliches ertragen hat. Ich bitte Sie nur gegen die junge Dame Nichts da⸗ von zu erwähnen.“ „Das verſteht ſich von ſelbſt,“ ſagte Lockhaart, „es iſt überdies ſchon zu viel davon geſprochen. Eine Menge Menſchen können eben den Mund nicht halten, wenn ſie irgend ein Geheimniß da⸗ hinter haben.“ G Wagner ſchwieg und ſah ſtill vor ſich nieder — endlich ſagte er: „Fräulein Bernold iſt nicht zu Hauſe?“ „Nein.“ „Sie erwarten Sie auch nicht ſobald zurück?“ „Nein,“ lautete wieder die lakoniſche Antwort 313 des alten Herrn, deſſen Geiſt, wie es ſchien weit. ab nach anderen Scenen ſchweifte. Wagners Ge⸗ genwart beachtete er faſt gar nicht mehr, und die⸗ ſer, ſo ungern er es that, ſah ſich endlich genö⸗ thigt das ihm fatale Geſpräch wieder aufzunehmen. Ob nun Fräulein Bernold,“ ſagte er endlich, „Java wieder verläßt oder noch eine Zeitlang hier bleibt, ſo hat doch Van Roeken die gleichen Pflichten gegen ſie, und Sie ſelber, werther Herr, werden mir zugeſtehen, daß es dieſer jungen Dame ge⸗ genüber ein höchſt fatales Geſchäft iſt, ſie zusord⸗ nen. Es iſt faſt ganz unmöglich, das zu thun, ohne ihr Zartgefühl zu verletzen, und doch kann b es eben nicht umgangen werden.“ „Ihr ſeid Alle mit einander auf eine ſchänd⸗ liche Weiſe mit dem armen Kind umgegangen,“ rief der alte Herr,„und hintennach iſt es keine Kunſt, ſchöne Reden zu machen und das arme Ding zu bedauern. So viel ſehen Sie übrigens ein, daß Sie die Sache nicht mit ihr bereden können.“ *„Aber wer ſoll es ſonſt thun?— Van Roe⸗ ken—“ ..„Mag zum Henker gehen wann es ihm be⸗ liebt! den können wir hier gar nicht gebrauchen, — 314 — das muß eine Frau thun und vielleicht kann ich meine Schweſter dazu bewegen.“ „Sie würden mich unendlich dadurch verbinden“ rief Wagner erfreut aus. „Sie glauben doch nicht etwa,“ ſagte Lock⸗ haart, ihn erſtaunt anſehend, daß ich etwas Der⸗ artiges Ihretwegen thäte? Wenn esgeſchieht, iſt es nur des armen Kindes wegen, das als eine Waiſe, hier im fremden Lande ſteht; ein Anderer hat ſich deshalb auch nicht dafür zu bedanken.“ Wagner fühlte ſich durch das Abſtoßende in des alten Herren Worten etwas verletzt; aber es ließ ſich doch nicht verkennen, daß er es gut mit dem jungen Mädchen meinte, und dieſem zu lieb wollte er es gern ertragen. „Dann wird das Beſte ſein, daß ich mich ſel⸗ ber an Mevrouw Van Straaten deshalb wende,“ ſagte er. „Laſſen Sie auch ſelbſt das noch ſein,“ wehrte Lockhaart ab.„Erſt geben oder ſchicken Sie mir einmal die verſprochenen Briefe. Soviel ſage ich Ihnen indeſſen beſtimmt, daß Fräulein Bernold mit dieſer Mail auf keinen Fall Java ver⸗ laſſen wird; Sie brauchen alſo Nichts zu über⸗ eilen.“ 4 „Ich vertraue Ihnen vollkommen, werther 315 Herr,“ erwiderte Wagner,„denn ich glaube nicht zu irren, wenn ich denke, daß Fräulein Ber⸗ nold an Ihnen und den lieben Ihrigen wahre Freunde gefunden hat. Wollen Sie mir jetzt nur noch ſagen, weshalb Sie mich zu ſprechen wünſchten?“ „Ich Sie?“ wiederholte Lockhaart,—„ja ſo, weil ich ſie wollte anrufen laſſen? Das iſt jetzt erledigt.— Eigentlich wollte ich mit Ihnen nur über unſere Schutzbefohlene ſprechen, um die Sie ſich die ganze Woche nicht bekümmert haben. Schicken Sie mir nur bald die Briefe—“ und in ſeinen Stuhl zurückfallend, wo er die eigenen Schriften wieder aufnahm, nickte er Wagner blos zum Abſchied zu, und ſchien ſein Fortgehen weiter gar nicht zu bemerken. Draußen vor der Thür von Van Straatens Wohnung und zwar auf dem von dichten Cacao⸗ büſchen eingefaßten und von Cocospalmen über⸗ ragten freien Platz, der zum Vorfahren und Um⸗ lenken der verſchiedenen Fuhrwerke diente, hatten 8 ſich indeſſen ebenfalls ein paar Bekannte ge⸗ troffen. Tojiang war heute nämlich von Wagner als Boedjang mitgenommen worden, die Fackel hinter dem Wagen zu halten, wenn es ſpät werden 316 ſollte. Wie die Dämmerung nun einbrach und ſein Herr noch immer nicht herauskam, war er in die Küche gegangen, dort Feuer zu holen, und auf dem Kiesweg, unfern vom Haus, mit dürren Reiſern eine kleine Flamme zu unterhalten. Auf dem Herd in der Küche loderte eine helle Gluth, und Einige der Diener waren herein⸗ gekommen ihren, in großen und eigenthümlichen Keſſeln gekochten Reis zu holen, während Andere ihre Strohcigarren entzündet hatten, und ſo weit als möglich vom Feuer entfernt an der Wand kauerten, beim Rauchen aber nur in die Flamme hineinſtarrten. Gerade als Tojiang den hellerleuchteten Raum betrat, ſtand ein Burſche, der augenſcheinlich nicht mit zur Dienerſchaft des Hauſes gehörte, am Herde, den einen Fuß hoch auf deſſen Rand ge⸗ ſtützt, und den rechten Arm gegen die Kohlen ausgeſtreckt, ſeine kleine Cigarre daran zu ent⸗ zünden, während die Linke den Griff ſeines Kle⸗ wangs hielt. Er blieb auch nicht lange in dieſer Stellung, in der die Flamme ſein Geſicht hell und deutlich beſchien, ſondern trat zurück und bließ den Dampf in dichten Wolken aus, als ſein Blick plötzlich auf den ihn aufmerkſam betrach⸗ tenden Tojiang fiel, und er, mit einer raſchen 317 Wendung in eine Nebenkammer einbiegen wollte — aber es war zu ſpät. Im nächſten Momente war Tojiang an ſeiner Seite, und ſeinen Arm ergreifend ſagte er raſch und leiſe. „Diesmal kommſt Du nicht fort, Klapa— dies⸗ mal hältſt Du mich nicht wieder zum Narren, denn ich habe mich jetzt oft genug anführen laſ⸗ ſen. Bei Allah, ich bleibe Dir auf der Fährte, wohin Du auch gehſt.“ „Sei kein Thor und komm mit hinaus in's Freie,“ flüſterte ihm aber Klapa raſch zu—„es fällt mir nicht ein Dir davon zu laufen.“ „Soviel beſſer für Dich,“ murmelte Tojiang finſter vor ſich hin—„geh voraus; ich bleibe bei Dir.“ Klapa wäre ihm vielleicht gern noch aus dem Weg gegangen, denn er hatte den früheren Ka⸗ meraden allerdings wieder und immer wieder auf ſeinen ihm zuſtehenden Antheil noch von früheren Geſchäften her vertröſtet— und gerade jetzt mußte er ihm da in den Weg laufen, wo er in kaum einer Stunde ſchon unterwegs nach ſeinen ſicheren Bergen geweſen wäre. Klapa verließ das Haus, und über den freien, davorliegenden Platz hinüberſchreitend, hatte er bald ein kleines Gebüſch von jungen Muskat⸗ 318 nußbäumen erreicht, wo ſie ſich weit genug, vom Haus entfernt befanden, dort nicht mehr gehört zu werden. „Und was führt Dich hier in's Haus?“ frug Klapa jetzt, ſich nach ſeinem aufgezwungenen Be⸗ gleiter umdrehend.„Wer hat Dir geſagt, daß ich hier ſei?“ „Das bleibt ſich gleich,“ erwiderte vorſichtig Tojiang, denn es war vielleicht beſſer, Klapa glaube er habe ihn hier direkt aufgeſucht.—„Sag mir lieber was Du hier auf Van Straatens Erbe zu ſuchen haſt?“ „Eine von den Hausmägden iſt meine Schweſter, und ich— mußte ſie noch ſprechen ehe ich wie⸗ der heim ging.“ „Alſo richtig auf dem Weg?“ „Ich bleibe noch zwei oder drei Tage hier in der Gegend,“ ſagte Klapa,„und hätte Dich mor⸗ gen jedenfalls ſelber aufgeſucht.“ „So? wirklich? nun da hab' ich es Dir jetzt bequemer gemacht. Aber wohin gehſt Du?“ „Willſt Du mit?“ „Hm, nein— und mein Fragen hilſt mir auch Nichts,— Du ſagſt mir doch nicht mehr wie ich wiſſen ſoll.— Aber die Zeit vergeht, und jeden Augenblick kann mich der Tuwan zum Wa⸗ 319 gen rufen. Halte jetzt alſo was Du verſprochen haſt, oder ich halte auch nicht was ich verſprach und erzähle heute Abend Alles was ich von Dir weiß.“ „Wenn Du wiüßteſt wie wenig ich in der Zeit verdient habe,“ ſtöhnte Klapa. „Ich will Dir ſagen was Du verdient haſt,“ rief ihn aber Tojiang ärgerlich an.„Die frühere Sache ganz abgerechnet, für die Du allein den Lohn empfangen—“ „Ich habe auch allein die Arbeit gethan.“— „Gut, ich will Nichts dagegen ſagen, obgleich Du des mir verſprochen hatteſt.— Aber die Taube, — wer hat Dir zu der Taube verholfen, um die der alte Tonké den ganzen Kampong umgedreht, und geheult und geſchrieen hat.— Wer iſt der geweſen?“— „Daß Dich und Deine Taube der Henker holte,“ fluchte Klapa zwiſchen den zuſammengebiſſenen Zähnen durch,—„Du biſt von jeher zu feig ge⸗ weſen, bei irgend einer kecken That die Hand ſel⸗ ber mit im Spiel zu haben, wo's aber galt den Anderen vorzuſchieben, da warſt Du der rechte Mann. Mit der verdammten Taube hab' ich mehr Laſt, Müh und Gefahr gehabt wie von all meinen Abenteuern zuſammen. Seit der Stunde darf ich 320 mich nicht mehr in Meeſter Cornelis blicken laſſen; der alte Tonké hat mir den Tod geſchworen, weil er glaubt, ich erndte jetzt alle Tage ſo und ſoviel Diamanten, und verdorren will ich hier an der Stelle, auf der ich ſtehe, wenn mir das unſelige Vieh von einer Taube nicht in der nämlichen Nacht crepirt iſt, wo ich ſie dem alten Narren aus der Hütte holte.— Du magſt es glauben oder nicht,“ fuhr er, in der Erinnerung an jenen Abend noch ärgerlich fort,— hätt' ich ſie aber gut nach Haus gebracht, ſäß ich jetzt nicht hier.“ „Und Hetavi?“ warf Tojiang ein. „Was geht mich der alte Schuft an,“ knurrte der Javane.—„Alles was in der ganzen Um⸗ gegend verübt iſt, muß natürlich auch Klapa ver⸗ übt haben. Verſteht ſich! es iſt ja auch das Be⸗ quemſte einen ſolchen Sündenbock bei der Hand zu wiſſen.“ „Wenn Du ungeſchickt warſt, iſt das nicht meine Schuld,“ brummte Tojiang,—„ſoviel weiß ich aber, daß ich von Dir noch nie mehr wie eine Handvoll Deute geſehen, und Alles was Du hier im Ort verdient, hab' ich gleichwohl für Dich ausſpioniren müſſen. Wer hat Dich z. B. bei dem kleinen, krummen Tuwan eingeführt, und wie dick ſeid Ihr Beide ſeit der Zeit geworden.“ „Schrei nicht ſo,“ ſagte Klapa, indem er einen Blick umher warf und zugleich die rechte Hand in ſeine Taſche ſchob.„Etwas haſt Du ſchon ver⸗ dient, ich kanns nicht leugnen, und Du ſollſt nicht ſagen, daß Klapa ſeine Freunde betröge, aber— iſt Dir Dein eigener Hals lieb, ſo laß den klei⸗ nen Weißen unerwähnt. So klein er iſt, ſo lange Arme hat er— und er zahlt gut.— Da behalte das, das iſt die Hälfte von Allem was ich hier in Batavia verdient habe.“ Mit dieſen Worten drückte er Tojiang ein gro⸗ ßes Goldſtück in die Hand, und wollte dann fort von ihm, wieder zum Haus zurück. Tojiang aber, der die Münze und den Werth derſelben gar nicht kannte, war nicht geſonnen, ſeine ganze Ausſicht auf Gewinn durch ein Stück, vielleicht werthloſes Erz, abgekauft zu ſehen. „Bei Allah!“ rief er aus,„Du haſt gute Ge⸗ danken, wenn Du glaubſt, daß ich mich mit dem .großen Deut*) zufrieden gebe. Nicht einmal einen Mund voll Opium bekäme ich dafür.“ „Narr,“ ſagte Klapa finſter,—„ein einziges ſolches Stück kauft Dir oben in den Bergen die *.) Die kleinſte und auch faſt einzige Münze auf Java, ungefähr vom Werth zweier Pfennige, da die übrige Ver⸗ kehrsmünze nur in Papiergulden beſteht. Unter dem Aequator. II. 21 beiden beſten Karbauen, die Du finden kannſt,— biſt Du noch nicht damit zufrieden?“ „Tojiang!“ rief in dieſem Augenblick Wagners Stimme durch den Garten, und Tojiang an den Klang gewöhnt, ſchrak empor. „Sag keinem Menſchen wo Du es her haſt,“ flüſterte Klapa noch dem Freund zu, und verſchwand im nächſten Augenblick in den Büſchen, während Tojiang raſch in die Küche zurück ſprang, ſeine Fackel zu entzünden, und mit dieſer, ſo ſchnell er konnte, dem Bendi zu zu eilen. Wagner hatte ſchon ſeinen Platz eingenommen, Tojiang ſprang hinten auf und ſchwang die Fackel, und fort raſſelte das leichte Fuhrwerk, ſich draußen auf der Hauptſtraße einer ganzen Reihe ähnlicher anzuſchließen, die den Weg auf eigenthümliche Art belebten. XVIII. Herr Nitſchke hatte alle ſeine Geſchäfte in der Stadt beſorgt, und war dann mit den nothwen⸗ digſten und heute noch zu beendenden Scripturen nach Hauſe gefahren, ſeinen Principal Wagner dort zu erwarten. Das Mittagseſſen harrte eben⸗ falls auf dieſen, und Nitſchke ſchaute ſehnſüchtig nach dem Bendi aus. Wußte er doch nicht allein, wie viel ſie noch zu thun hatten, ſondern war auch ſehr hungrig geworden, und ſcheute ſich trotz⸗ dem vorher zu eſſen. Mit Nitſchke war übrigens in der kurzen Zeit ſchon eine große Veränderung, und ſehr zu ſeinem Vortheil vorgegangen. Die ſonſt ſo eingefallenen bleichen Wangen hatten ſich gehoben und auch etwas geröthet. Sein Auge ſchien freier und . 21* 324 lebendiger, und der äußere Menſch, was Kleidung und Friſur betraf, zeigte eine entſchiedene Beſ⸗ ſerung. Seine Wäſche war, was früher nicht immer der Fall geweſen, untadelhaft ſauber, ſein ganzer Anzug eben ſo reinlich und unzerknittert, und der ganze Menſch hatte etwas Feſtes und Be⸗ ſtimmtes in ſeinem Auftreten bekommen. So ſtand er vor dem Porticus, ungeduldig die Straße hinaufſehend, ob nicht einer der zahlrei⸗ chen vorbeifahrenden Bendis endlich hier herein⸗ lenken wolle. Nitſchke begriff auch gar nicht, was in aller Welt gerade heute den pünktlichſten aller Geſchäftsleute abgehalten haben könne, zur rechten Zeit nach Hauſe zurückzukehren. Jetzt endlich bog ein Bendi ein— aber es ſtanden zwei Fackelträger hinten auf dem Tritt, und Wagner hatte doch nur Tojiang mitgenom⸗ men. Nichtsdeſtoweniger lenkte das Fuhrwerk richtig in den breiten Gartenweg ein; als Nitſchke aber ihm entgegen ging, an dem gewöhnlichen Halteplatz den Principal zu empfangen, rief ihn eine fröhliche, nur zu wohl gekannte Stimme laut und lachend an. „Hollo Nitſchke! Hol's der Teufel, wie ehrbar der durchtriebenſte aller Hallunken und das lie⸗ derlichſte Menſchenkind Javas— Einen ausge⸗ 325 nommen— heute Abend ausſieht. Schneidet er nicht ein Geſicht, als ob er eben zur Beichte ge⸗ weſen wäre, und keine Abſolution erhalten hätte, wie ein zweiter Tannhäuſer. Nitſchke, alter Junge, wie gehts?“ Und mit den Worten ſprang Hor⸗ bach mit einem Satz aus ſeinem Wagen und auf den eben nicht angenehm überraſchten Nitſchke zu. So ſehr dieſer nämlich auch früher Horbachs Ge⸗ ſellſchaft geſucht, ſo ſehr ſchämte er ſich jetzt ihrer, und fürchtete ſogar, daß Wagner glauben könne, er wolle wieder in das alte Laſter des Trunks zurückſinken, wenn er ihn hier mit dem verrufen⸗ ſten Trinker der Inſel antraf. Das half aber Alles Nichts, denn aus Er⸗ fahrung wußte er nur zu gut, wie Horbach immer ſeinen eigenen Weg ging, und ſich nun einmal nicht abſchütteln ließ. Ja im Gegentheil, wenn er merkte, daß man ihn los ſein wollte, machte er ſich nur erſt recht ein Vergnügen daraus, die Leute zu ärgern. Das Beſte war deshalb, ihn ſeinen Weg ruhig gehn zu laſſen; er blieb doch ſo lange er Luſt hatte. „Guten Abend Horbach,“ ſagte Nitſchke, wäh⸗ rend ihm dieſe Gedanken durch den Sinn zuck⸗ ten—„wir haben uns lange nicht geſehen. Ich weiß aber nicht, trägt das Licht der Fackeln die 326 Schuld, oder iſt es wirklich ſo, doch Du ſiehſt recht bleich und elend aus. Biſt Du krank ge⸗ weſen?“ „Ein bischen Fieber!— bah nicht ſo viel hat es mich untergedrückt, wenn mir auch das Fleiſch ein wenig von den Knochen gefallen iſt,“ lachte Horbach.„Wir Beide haben eine zähe Natur, nicht wahr Kamerad? Und was wir Zwei ſchon zuſammen ausgehalten, machen uns keine anderen zwei Menſchen auf Java nach, darauf kannſt Du Dich verlaſſen.“ „Aber was führt Dich heut Abend her?“ „Möchteſt mich wohl ſchon wieder forthaben?“ lachte Horbach.— „Den Vorwurf haſt Du mir ſonſt nicht ge⸗ macht.“ „Nein, denn früher holteſt Du mich ab, und ich brachte Dich dafür nach Haus. Hahahaha; weißt Du noch, wie uns bei Van Roekens Gar⸗ ten das Rad brach, und wir dort der Geſellſchaft in die Bowle fielen?— Ja ſo, Du warſt damals unzurechnungsfähig, und wirſt Dich nicht mehr auf viel aus jener Zeit beſinnen. Aber ich ſchwatze und ſchwatze, und vergeſſe ganz, weshalb ich her⸗ gekommen bin. Komm mit, Nitſchke, wir wollen heute einen fidelen Abend feiern. Denke Dir, 327 mein Alter iſt geſtorben, und ich gehe mit dem erſten Schiff heim, die Erbſchaft anzutreten. Auf die Nachricht haben wir noch nicht einmal zuſam⸗ men getrunken.“ „Auf Deines Vaters Tod?“ ſagte Nitſchke ruhig.—„Da ließe ſich doch wohl auch eine an⸗ dere Urſache finden, einen vergnügten Abend zu feiern.“ „Die iſt auch gefunden,“ rief Horbach—„heute iſt ein friſcher Militairtransport von Amſterdam angelangt— unglückſelige Menſchenkinder, die ſich zu dieſem Dienſt verkauft haben, und ſich die Sache wunder wie phantaſtiſch und bunt ausma⸗ len. Schön enttäuſcht werden ſie ſich finden, wenn ſie das Leben nur erſt einmal acht Tage gekoſtet haben; aber es kann jetzt Nichts helfen. Mit dem angenommenen Handgeld ſind ſie dem böſen Feind verfallen, und wenn ſie auch nicht gerade aus⸗ dienen, müſſen ſie doch wenigſtens ſo lange in Reih und Glied ſtehn, bis ſie irgend wo an der Küſte von Sumatra oder Borneo in den weichen Uferſchlamm eingegraben und zur Ruhe gebracht werden.“ „Und wer iſt damit angekommen?“ „Ein Schulkamerad von mir und Jugend⸗ freund, den der Teufel geplagt hat, holländiſche 328 Militairdienſte zu nehmen,“ ſagte Horbach.„Seine Ankunft müſſen wir aber jedenfalls feiern, denn wer weiß, ob er nur morgen noch in Batavia bleibt. Wir wollen deshalb heute Abend nach der Kaſerne hinausfahren und ihn wenigſtens für die paar Stunden vergeſſen machen, daß er Javani⸗ ſcher Soldat iſt.“ „Es thut mir leid, lieber Horbach,“ ſagte Nitſchke ruhig,„aber ich kann nicht mit. Du weißt, daß die Mail in den nächſten Tagen ab⸗ geht, und drinn liegt ein ſolches Paket zu beant⸗ wortender Briefe, daß wir ſchwerlich heute Abend vor elf oder zwölf Uhr damit fertig werden.“ „Mit Eueren langweiligen Briefen, rief Hor⸗ bach ungeduldig,„als ob Ihr nicht Zeit genug dazu am hellen Tage hättet, auch die kühlen Abende noch damit zu verderben.“ „Wohnſt Du dem jetzt nicht bei Van Roekens?“ „Gewiß.“ „Und kannſt da die Nächte ausbleiben?“ „Ich wohne im Hintergebäude, an dem ſich eine beſondere Treppe befindet,“ lachte Horbach, „das Haus hat überhaupt verſchiedene Aus⸗ und Eingänge, und ich habe dort ſchon koſtbare Ent⸗ deckungen gemacht. Aber davon ein ander Mal, aetzt mach keine Umſtände und komm mit in das 329 Bendi, oder mußt Du Deinen Principal erſt um Urlaub bitten?— Junge, Junge, daß Du das friſche, freie Leben gegen die alte Tretmühle ein⸗ tauſchen konnteſt.“ „Ich befinde mich beſſer ſo, Horbach— aber Herr Wagner iſt noch nicht zu Haus, ich erwarte ihn jedoch jeden Augenblick, ja wir haben noch nicht einmal dinirt.— Du kennſt doch ein Jung⸗ geſellenleben?“ „Noch nicht einmal gegeſſen? Das hol der Teufel! aber wir werden da draußen wohl ſchon etwas bekommen. Spring herauf und laß Wag⸗ nern ſeine langweiligen Briefe allein ſchreiben.“ „Es geht nicht,“ ſagte Nitſchke ernſt—„ich habe mir feſt vorgenommen ein anderer Menſch zu werden, und ich will es halten.“ „Du biſt ein Narr,“ lachte Horbach,„und quälſt Dich nur ganz umſonſt wieder einmal drei oder vier Wochen mit ſolchen verunglückenden Verſuchen ab. Daß Du's nicht mehr durchführen kannſt, haſt Du ſchon oft und oft gezeigt.“ „Und doch will ich's noch einmal verſuchen,“ ſagte Nitſchke beſtimmt.„Außerdem befinde ich mich noch immer unter der Anklage dieſes nichts⸗ würdigen Heffken, der gern den Verdacht des Kaſ⸗ ſeneinbruchs auf mich gelenkt hätte. Herr Wag⸗ * 330 ner hat in der Zeit für mich gut geſagt, damit ich nicht zu ſitzen brauchte, und ich müßte mehr als ſchlecht ſein, wenn ich jetzt ſein Vertrauen täu⸗ ſchen könnte. „Zum Henker ja, ich habe davon gehört,“ rief Horbach, Nitſchke's Arm ergreifend,„aber weißt Du wohl, daß ich dem Schuft noch auf eine ganz andere Spur gekommen bin?„Die tolle Nacht im Chineſiſchen Viertel hat mir nur Alles wieder aus dem Gedächtniß gewaſchen, und ich muß wirklich zuſehn, ob ich mich von Neuem darauf beſinnen kann.“ „Und könnte Dir Tojiang darin nicht helfen?“ „Der Schuft,“ ſagte Horbach,„ſteckt mit dem Anderen unter einer Decke und Einer verräth den Andern nicht gern. Ich habe aber volle Urſache zu glauben, daß er mich nur immer als Opfer ſeinem eigenen Geſindel in die Hände geführt und den Raub, um was ſie mich betrogen, nachher mit ihnen getheilt hat. Darum jagte ich ihn zum Teu⸗ fel. Wenn Tojiang wollte, könnte er allerdings genug erzählen, denn ich bin feſt überzeugt er iſt in all jene Schurkereien eingeweiht, aber auch eben ſo vorſichtig wie klug, und verplaudert ſich nicht ſo leicht. Das Einzige bliebe, wenn er ſich einmal mit ſeinen Freunden veruneinigt; dann wäre der 331 rechte Moment Alles aus ihm heraus zu bekommen was er weiß.“ „Er ſoll Herrn Wagner und Van Roeken da⸗ mals ſehr vorſichtig durch das Chineſiſche Viertel geführt haben, als ſie Dich ſuchten. Wie es ſchien, vermied er dabei die Stellen wo ſeine intimen Freunde wohnen.“ „Wahrſcheinlich weil ſich dieſer durchtriebenſte aller Hallunken, der Klapa dort aufhielt. Aber Peſt und Tod Nitſchke— jetzt, wie ein dunkler Traum fällt mir wieder ein, daß ich mitten in meinem wildeſten Rauſch den Lump, den Heffken, in jener Mörderhöhle geſehen habe.“ „Heffken?“ wiederholte Nitſchke, ungläubig mit dem Kopf ſchüttelnd,„was ſollte der dort ſuchen. Dorthin geht er nicht auf die Mädchenjagd.“ „Nein, und das einzig Mögliche iſt, daß er ge⸗ rade jenen Klapa dort getroffen. Die Beiden haben auch irgend etwas zuſammen, was das Licht ſcheut, darauf wollte ich meinen Hals verwetten, und ich erinnere mich auch, jenen Javanen ſpäter wieder geſehen zu haben.“ „Und wo mag der Burſche jetzt ſtecken?“ ſagte Nitſchke, deſſen ganzes Sinnen und Trachten dar⸗ auf ging, irgend einen Halt an Heffken zu bekom⸗ . 332 men. Zweifelte er doch ſelber nicht daran, daß der Buchhalter keine reine Sache hatte.“ „Wo mag er ſtecken,“ ſagte achſelzuckend Hor⸗ bach,—„in jenen Höhlen wäre er nicht aufzu⸗ finden, und wenn man einen Monat nach ihm ſuchen wollte. Die meiſten dieſer Spelunken haben Verbindungsthüren, und wenn man ſelbſt in der einen nachſuchen ließe, könnte der Schuft ſchon durch zwei oder drei andere hin ſeinen ſicheren Weg zur Flucht genommen haben. Heffken weiß auch recht gut wie ſicher ſich dieſe Burſchen aus dem Weg zu halten wiſſen; er hätte ſich ſonſt nicht mit ihnen eingelaſſen. Nur an einem Zipfel hab ich ihn feſt, und ehe ich gehe will ich da noch mei⸗ nen Spaß mit ihm treiben. Er ſoll wenigſtens an ſeinen Freund Horbach denken.“ „Und was iſt das?“ „Warte nur noch, ich ſag' es Dir ſpäter. Aber jetzt zum Teufel mit dem Burſchen, hol' Deinen Hut und komm mit, den die Zeit—“ Ein Bendi fuhr dicht an ihnen vorbei in den Hof hinein— es war Wagners Fuhrwerk und der hinten aufſtehende Tojiang hob die Fackel, die beiden nebeneinander ſtehenden Männer zu be⸗ leuchten. Im nächſten Moment war er vorüber und hielt vor dem Haus. „Ich kann wirklich nicht mitgehn,“ ſagte Nitſchke, indem er Horbach's Hand ergriff und drückte,— „laß mich jetzt fort. Ehe Du Java verläßt, ſehen wir uns doch jedenfalls noch einmal?“ „Das gewiß,“ rief der junge Wüſtling,„aber Du biſt ein nichtswürdiger, eingefleiſchter Philiſter geworden, Nitſchke, ſo viel kann ich Dir ſagen,— ein trockener, erbärmlicher Geſchäftsmenſch, mit dem kein vernünftiges Wort mehr zu ſprechen iſt. Und was für einen fidelen Abend hätten wir fei⸗ ern können. Junge, ich habe die ganze Taſche voll Silber und bezahle einen ganzen Rongging nur für unſer eigenes Plaiſir.“ „Und wenn Du für jeden Einzelnen einen Rongging hätteſt, ich komme nicht. Laß mich; ich habe mir einmal feſt vorgenommen mein liederliches Leben aufzugeben, und diesmal halt' ichs.— Gute Nacht!“ „Gute Nacht denn Du langweiliger Patron,“ lachte Horbach,„und jetzt vorwärts zur Kaſerne ſo raſch die Pferde laufen können.“ Mit den Worten, während Nitſchke zum Haus zurückeilte, ſprang er in den Wagen, und eben wollten die Pferde anziehen, als ein dunkler Schatten aus den Bäumen herausſchlüpfte und rief: 334 „Tuwan Horbach! auf ein Wort— bitte, nur einen Augenblick.“ „Hallo wer iſt da?“ rief Horbach, ſich aus dem Wagen herauslehnend. In dieſem Augen⸗ blick fiel aber das Licht der Fackeln auf den Her⸗ beikommenden und der Weiße erkannte ſeinen alten Diener Tojiang, der ſchüchtern zur carreta trat.—„Nun Tojiang was giebts?— willſt Du etwas von mir?“ „Will Nichts Tuwan,“ ſagte Toiiang zurück⸗ haltend, denn er wußte recht gut, daß Horbach alle Urſache gehabt hatte ihn fortzujagen.„Möchte nur etwas fragen— aber nicht hier— ein Stück⸗ chen mehr da drüben.“ „Hm, ein Geheimniß?“ ſagte der Weiße, der unwillkürlich an Heffken dachte—„haſt Du mir etwas zu ſagen?“ „Nein Tuwan, nur zu zeigen,“ erwiderte der Malaye, indem er einem der Fackelträger die Fackel abnahm, denn Horbach war wieder aus dem Wa⸗ gen geſprungen, und ſchritt jetzt an ſeiner Seite ein paar Schritte in die Büſche hinein, damit ſeine Leute am Wagen nicht hören konnten, was ſie mitſammen ſprachen. „Nur zu zeigen?— und was iſt das? 20— Tojiang ſah ſich um, und holte dann aus 335 ſeiner Jackentaſche vorſichtig das heute von Kalpa erhaltene Goldſtück vor, das er in das Licht der Fackeln hielt und dann leiſe frug: „Iſt das Stück wirkliches Gold?“ Horbach ſah ihn an, und es konnte ihm nicht entgehen, daß der ſonſt ſo ſchlaue Burſche hier nicht wußte, wie er mit dem Goldſtück ſtand?— Wo aber hatte er die Doublone her, und Dou⸗ blonen waren, wie er bei Van Roekens mehr⸗ mals gehört, mit in dem bei Heffken erbrochenen Geldſchrank geweſen? Stak Tojiang mit da⸗ zwiſchen?“ „Woher haſt Du das?“ frug er, den Burſchen fixirend. „Oh— nur auf der Straße gefunden,“ er⸗ widerte dieſer leichthin.—„Sah es im Staube glänzen und dachte ich nähme es mit.“ „Hm, ſo?“ erwiderte Horbach, und fühlte da⸗ bei, daß mit einer direkten Frage Nichts aus dem durchtriebenen Geſellen herauszubekommen war. Er mußte es in anderer Weiſe verſuchen. „So?“ ſagte er gleichgütig—„nun dann haſt Du auch Nichts daran verloren. Ich glaubte erſt, es hätte Dir Jemand das Ding im Handel gegeben; dann wärſt Du freilich ſchlimm betrogen worden?“ — 336 „Es iſt kein Geld?“ frug der Burſche be⸗ ſtürzt. „Geld, ja,“ ſagte Horbach,„eine Münze der Chineſen, aus irgend einem werthloſen Metall wie unſere Knöpfe gemacht. Sie wird etwa zehn oder zwölf Deute koſten.“ „Der Schuft!“ platzte Tojiang heraus,„der nichtsnutzige Spitzbube.“ „Was?— ich denke, Du haſt das Ding ge⸗ funden?“ lachte Horbach. „Nein,“ rief aber Tojiang, wenn auch noch immer mit unterdrückter Stimme, denn der Zorn über Klapas vermutheten Betrug gewann jetzt bei ihm die Oberhand—„nicht gefuͤnden hab' ichs ſondern der ſchuftige“— er brach plötzlich ab und ſagte verſtockt, in dem er die Hand wieder nach der Münze ausſtreckte“— aber was thuts; ich mach es ſchon wieder wett mit dem Patron.“ „Halt einmal Kamerad“ ſagte aber Horbach, indem er die Hand mit dem Goldſtück zurückzog— „da wir einmal ſo viel von der Sache wiſſen, möchten wir auch noch gern mehr erfahren. Wo haſt Du das Stück her?“ „Gebt mir's zurück Tuwan“ erwiderte aber Tojiang kopfſchüttelnd—„ich darf's und will's 3 nicht ſagen— geht auch Niemanden etwas an, wenn ich eben damit zufrieden bin.“ „Meinſt Du?“ lachte Horbach,„das wollen wir denn doch einmal ſehen. Komm mit herein zu Tuwan Wagner.“ „Nein Tuwan!“ rief Tojiang erſchreckt, in⸗ dem er ſeinen Arm faßte—„hülf Euch auch Nichts mehr, denn der, der es mir gegeben, iſt lange auf ſeinem Wege in die Berge.— Guter Burſche ſonſt, ſehr guter Burſche— wollen aber Nichts weiter davon reden.“ „So kommſt du nicht davon mein Freund“ rief aber Horbach, jetzt feſt entſchloſſen der ihm verdächtigen Sache weiter nachzuforſchen. Heffken hatte den Diebſtahl auf Nitſchke zu bringen ge⸗ ſucht, ihn ſelber auch ſchon einmal, eines andern Verdachtes wegen, in Haft gebracht, Heffken haſſte ſie Beide aus Herzensgrund. Das wußte er eben ſo gut, und er ſelber haſſte den kleinen Buchhal⸗ ter nicht um einen Gran weniger. Jetzt fand ſich vielleicht die Gelegenheit ihm heimzuzahlen, was er ihm ſchon ſeit lange ſchuldete. Ohne ſich deshalb an Tojiangs Sträuben oder Bitten zu kehren, faßte er dieſen am Kragen und führte ihn ohne Weiteres in Wagners untere Halle hinein, wo er eben Nitſchke und Wagner Unter dem Aequator. II. 7 338 zuſammen bei Tiſch traf, ihr Abendbrod zu ver⸗ zehren. Wagner hatte Nitſchke gefragt wer bei ihm geweſen, und dieſer ihm Horbachs Namen, aber nicht den Zweck ſeines Beſuchs genannt, und Beide glaubten, daß Jener ſchon lange wieder das Erbe verlaſſen habe. Horbach überraſchte ſie deßhalb vollkommen, als er mit einem„Guten Abend meine Herrn— wünſche geſegnete Mahl⸗ zeit, wie ſie bei uns daheim ſagen,“ zu ihnen trat, und den etwas beſtürzten Tojiang ohne Weiteres in den Schein der Lampe führte—„muß aller⸗ dings um Entſchuldigung bitten, wenn ich vielleicht ſtöre, kann es aber nicht ändern, denn die Sache verträgt keinen Aufſchub“; ſetzte er dann hinzu. „Sie lieben die Ueberraſchungen Herr Hor⸗ bach,“ ſagte Wagner. „Finden Sie?“ lachte der junge Mann, in⸗ dem er ſich das wirre Haar durch eine raſche Kopfbewegung aus der Stirn warf,„für dieſe ſind Sie mir aber vielleicht dankbar, denn es wäre möglich, daß ich Sie auf eine Spur un⸗ ſeres gemeinſchaftlichen Freundes— Du verſtehſt mich ſchon Nitſchke— brächte.“— „Das wäre herrlich,“ rief Auäcte„ 3 ſich X 5u— 4 *½. 8 N 7 4 339 bei Horbachs ſo plötzlichem Erſcheinen nicht ganz wohl gefühlt hatte. „Hier wenigſtens,“ ſagte Horbach, indem er das Goldſtück auf den Tiſch warf,„iſt, wenn ich nicht irre, ein Spahn von dem alten Block, den unſer Freund Tojiang in Beſitz hatte. Leider will er nicht eingeſtehn, von wem er es bekom⸗ men, und wir werden ihn deshalb wahrſcheinlich der Policey übergeben müſſen.“ Wagner hatte die Doublone aufgenommen, und ihr Gewicht mit der Hand geprüft. „Sie könnten Recht haben,“ ſagte er,„aber wollen Sie ſich nicht ſetzen?— Einen Teller für den Herrn.“ „Ich danke beſtens,“ wehrte Horbach ab,„ich habe ſchon mit Mevrouw Van Roeken dinirt, und eſſe überhaupt nie viel.“ 6. 6 „Alſo nur ein Glas dann.“ „Das klingt ſchon beſſer, meine Leber hat ei⸗ nen ſehr trockenen Untergrund.“ „Alſo Tojiang,“ ſagte Wagner, indem er Hor⸗ bachs Glas vollſchenkte, ohne den Malayen dabei anzuſehen.„Du willſt nicht ſagen, woher Du das Goldſtück haſt?“ „Kann nicht Tuwan,“ verſicherte Tojiang— „guter Freund— ſehr guter Menſch— iſt ein Lcſ uen 7. A h ₰ 1 340 Chriſt geworden— ſehr braver orang— hat es wahrſcheinlich gefunden.“ „Schön— S'apaàda! meine carreta aber raſch — ein paar friſche Pferde, um hinunter nach, dem Stadthauſe zu fahren. Du wirſt uns beglei⸗ ten Tojiang.“ „Aber Tuwan.“ „Die Policey wird Deinen braven orang ſchon herausbekommen. Sie intereſſirt ſich für derar⸗ tige Chriſten.“ Tojiang ſchwieg. Wagner und Nitſchke be⸗ endigten indeſſen ihr Eſſen, und Horbach leerte ſein Glas, und füllte es ſelber wieder. Niemand ſchien weiter auf den Malayen zu achten, bis nach einer Weile der beſtellte Wagen vorfuhr. „Haben wir das Vergnügen Ihrer Geſellſchaft Herr Horbach?“ „Ich muß ſehr bedauern,“ ſagte der Trinker, indem er den Reſt der Flaſche in ſein Glas goß, „aber ich habe einem Freund verſprochen, ihn etwa um dieſe Zeit zu treffen. Sie brauchen mich auch weiter nicht dabei; ein Verhör findet doch heut Abend nicht mehr ſtatt, und der Burſche hier wird einfach eingeſperrt, bis morgen die Ge⸗ richtsbeamten kommen.“ Er hatte die letzten Worte abſichtlich malayiſch 341 ihn Tojiang verſtehen ſollte, und geſprochen, daß ih dieſer fühlte ſich augenblicklich nicht ganz wohl, bei der Sache. Niemand bekümmerte ſich aber weiter um ihn. Horbach nahm ſeinen Hut wie⸗ der, Wagner und Nitſchke ebenfalls, und Wagner winkte ihm voran nach dem Fuhrwerk zu gehn.— Sollte er wirklich auf die Policey geſchafft wer⸗ den? „Aber Tuwan,“ ſagte er kläglich,„wenn das Ding da nur höchſtens zehn oder zwölf Deute werth iſt, ſo würde es gar nicht der Mühe loh⸗ nen, ſo viel Umſtände deshalb zu machen.“ „Zehn oder zwölf Deute?“ ſagte Wagner er⸗ ſtaunt. „Einerlei mein Burſche,“ fiel aber Horbach ein—„das Stück iſt irgendwo in der Stadt ge⸗ ſtohlen; an einem daran befindlichen Zeichen, hab ich es erkannt, und mit dem Stück noch eine Menge werthvoller Sachen. Wird es nun bei Dir gefunden, und Du kannſt nicht angeben wo⸗ her Du es haſt, ſo verſteht es ſich von ſelbſt, daß man Dich für 3* Dieb hält.“ „Und wenn ich ſage, wer es mir gegeben hat, wollt Ihr dann machen, daß ich mit der ganzen Sache nichts weiter zu thun habe?“ „Das verſprech ich Dir,“ ſagte Horbach. „Gut denn!“ rief Tojiang ſtöckiſch—„er hat's auch eigentlich nicht beſſer verdient; warum be⸗ trügt er mich jedesmal.—“ „Und wie heißt der er?“ „Klapa von Tjanjor.“ „Das dacht' ich mir etwa,“ nickte Horbach Wagner zu,„und wir ſind vollſtändig auf der richtigen Fährte. Wo ſteckt er jetzt mein guter Burſch, wenn man fragen darf?“ „Das weiß ich nicht,“ betheuerte aber Tojiang, nſeiner Verſicherung nach wollte er um dieſe Zeit unterwegs nach den Bergen ſein. Ich fand ihn heute Abend bei Tuwan Straaten in der Küche wo er eine Schweſter hat.“.— „Dann iſt die Fährte jedenfalls noch wau, meine Herren,“ ſagte Horbach wieder auf Hol⸗ ländiſch,„und das Beſte wäre, Sie führen unge⸗ ſäumt dorthin; möglich, daß Sie den Fuchs noch im Bau erwiſchen. Jedenfalls wird ſich von der Schweſter herausbekommen laſſen, wo er ſteckt. Ich habe aber jetzt meine Schuldigkeit gethan, und ſchon mehr Zeit verſäumt, als ich meinem Freund gegenüber verantworten kann. Alſo Nitſchke Du gehſt nicht mit?— Gut, bleib daheim und copire langweilige Coursberichte, daß die Krämer über dem Waſſer drüben erfahren, ob der Kaffee 9435 25 oder 26 Deut koſtet— guten Abend lieber Wagner, auf Wiederſehn; Tabé Tojiang— dies⸗ mal haſt Du Deinen Hals noch aus der Schlinge gezogen— hüt' ihn, 4 Du ihn nicht noch ein⸗ mal hineinbringſt.“ Und mit eine Männer grüßend, ctraulichen Kopfnicken die er hinaus vor das Haus, d, und rollte damit, was Wagner war im Anfang, als ihn Horbach ſo plötzlich verließ, unſchlüſſig, was er thun ſolle: der Sache augenblicklich nachforſchen, oder gele⸗ gentlich eine nähere Anfrage machen. Ein paar Querfragen an Tojiang aber, worin ſich dieſer mehr und mehr verwickelte, überzeugten ihn bald, daß es beſſer ſei jenem Klapa unmittelbar nach⸗ zuſpüren wenn er ſich arch dazu eine Zeit ge⸗ wünſcht hätte, in der er weniger beſchäftigt ge⸗ weſen wäre. „Klapa,— Klapa,“ ſagte er dabei im Saal auf und abgehend,„wenn ich nur wüßte, wo ich den Namen ſchon gehört und was mit dem Men⸗ ſchen damals geſchehen.“ 344 „Klapa,“ ſagte Tojiang leiſe,„hat einmal für Tuwan Wagner die kleinen Hirſche aus den Ber⸗ gen gebracht, die mit dem Schiff fortgeſchickt wur⸗ den nach Wolanda.“ „Wetter! Burſche Du Recht!“ rief Wag⸗ ner vor ihm ſtehen bleibe„und jetzt weiß ich auch wer der Javane w ben ich neulich im Chineſiſchen Viertel traf usder ſo ſcheu vor mir zurückſprang,— derſelbeMlapa!“ „Im Chineſiſchen Viertel?“ fragte Tojiang be⸗ ſtürzt. „An derſelben Stelle, wohin Du uns nicht führen wollteſt, mein Burſche, und wo er mir nach⸗ her, als ich zu Fuß hindurch ging, in den Weg lief. Der Vent hatte allerdings kein gutes Ge⸗ wiſſen, dafür wollte ich mich ſelber verbürgen, ebenſo daß Du tiefer mit ihm drin ſteckſt, als Dir dienlich wäre zu geſtehen. Haſt Du ihn aber heute Abend erſt noch bei Van Straatens geſehen, ſo iſt die Möglichkeit doch vorhanden, daß er noch irgendwo dort verſteckt liegt. Jedenfalls muß Mynheer Van Straaten vor der etwas gefähr⸗ lichen Nachbarſchaft gewarnt werden.“ „Aber Tuwan.“ „Du bleibſt hier,— Herr Nitſchke, Sie wer⸗ den die Güte haben und darauf achten, daß To⸗ 345 jiang heute Abend mit keinem Fuß das Erbe ver⸗ läßt.— Du magſt mit der Lunte neben dem Tiſch ſitzen bleiben bis ich zurückkomme. Verläßt Du das Haus mit einem Schritt, ſo mache ich morgen die Anzeige bei der Policey. Haſt Du mich ver⸗ ſtanden?“ „Saya tuwan,“ nickte der Malaye, aber mit dem betrübteſten Geſicht von der Welt. Es fing ihm nämlich an zu dämmern, daß ihm ſeine eigene Dummheit einen ſehr böſen Streich geſpielt, und ihn nicht allein um ein werthvolles Stück Geld, ſondern auch noch in alle mögliche Fatalitäten hinein gebracht habe. Wäre das große, gelbe Stück näm⸗ lich, wie ſein früherer Herr geſagt, nicht mehr werth geweſen, als zehn oder zwölf Deute, die weißen Tuwans hätten wahrlich nicht ſolch ein Leben davon gemacht. Tuwan Horbach hatte ihn alſo belogen, und außerdem ſeine Bekanntſchaft mit Klapa zu Tag gebracht, mit der er— we⸗ nigſtens gegen die Europäer— nicht gern ge⸗ prahlt hätte. Was geſchehen, ließ ſich aber jetzt nicht mehr ändern, und wenn er ſelber nur Nichts mit der Policey zu thun bekam, wollte er noch recht zufrieden mit dem Allen ſein. Klapa ſelber mochte dann ſehen wie er durchkam, und hatte an ihm auch wahrlich nicht verdient, daß er große 346 Rückſicht auf ihn nahm.— War er doch eben wie⸗ der im Begriff geweſen, in die Berge hinauf zu ziehen, ohne ihm den geringſten Antheil an ſeinem Verdienſt zu gönnen, und daß er ihn eben noch dabei ertappt, reiner Zufall geweſen. Wie im Flug ſchoſſen dem Malayen dieſe Ge⸗ danken durch den Kopf, und Wagner ſtand noch immer oben auf den in den Garten führenden Stufen, unſchlüſſig, ob er zu Van Straatens hin⸗ überfahren ſolle oder nicht.— Die Damen waren jetzt zu Haus,— er ſtörte vielleicht— aber der Kutſcher draußen knallte mit der Peitſche: „Mein lieber Nitſchke, ſeien Sie ſo gut und ſehen Sie die mitgebrachten Briefe indeſſen einmal durch: ich bin ſpäteſtens in einer Stunde wieder da, und— paſſen ſie mir auf Tojiang—“ „Wohin Tuwan?“ frug der Kutſcher, als er in den Wagen ſprang, und Einer der andern Die⸗ ner hinten die lodernde Fackel hielt. „Zu Mynheer Van Straaten,“— und wie der Blitz hieb der Malaye auf die Pferde ein. Wie das ſo wunderliche Schatten zog, die Straße hin; wie die hohen glatten Stämme der Cocospal⸗ men, von dem rothen Licht der. Bambusſplitter be⸗ ſchienen, ſo geiſterhaft empor ſtarrten, und wie freundlich die Sterne durch die gefiederten Wipfel 347 nieder funkelten. Hell erleuchtete die hochgeſchwun⸗ gene Fackel die Straße, jetzt an hohen laubigen Hecken und an weiß gemalten Gittern und Thür⸗ pfoſten vorüber, die geiſterhaft aus dem dunklen Grün hervorſchauten. Die Straße herab rollte ein anderer Wagen — die beiden Boedjangs ſchüttelten gegen einan⸗ der die Fackeln und riefen ſich lachend ein paar Worte zu, und im Nu waren ſie getrennt, und jeder verfolgte wieder einzeln ſeine Bahn.— Wei⸗ ter und weiter bog der Weg hinauf, über den Kali besaar hin, über den eine ſchmale Brücke führte.— Hie und da glitt ein Eingeborener über den Weg, ein glimmendes Scheit in der Hand, das ihm in der Dunkelheit als Legitimation oder Paß diente, und durch die Luft, über die Flamme hin, ſchoß der„fliegende Hund“ ſeine dunkle unheimliche Bahn. Und überall aus den würzigen Büſchen heraus ſchimmerten die Lichter geſelligen Verkehrs, und zeigten die hell erleuchteten Hallen, in denen ſich geputzte, fröhliche Geſtalten hin und her be⸗ wegten. Aber Wagner hielt an keinem von dieſen Häuſern an, ein ſo gern geſehener Beſuch er in. vielen geweſen wäre. Raſch an den Gärten vor⸗ 348 über flog ſein Fuhrwerk, bis er das kaum ver⸗ laſſene Erbe Van Straatens wieder erreichte. Aber nicht mehr ſo ſtill wie vorhin lag der Platz, denn die Damen waren indeß zurückge⸗ kehrt und der Thee wurde vorn auf dem Austritt des Salons, der durch ein übergebautes Dach vor dem Nachtthau geſchützt ward, halb im Freien ſervirt. Der kleine Familiencirkel ſaß um den großen runden Tiſch, Hedwig zwiſchen Mevrouw Van Straaten und ihrem alten Reiſegefährten, dem greiſen Lockhaart, und eine große Veränderung war mit dem jungen Mädchen vorgegangen, ſeit ſie Java an jenem Morgen fremd und freudlos betreten. Auf ihre bleichen Wangen war die Farbe zurückgekehrt, und ihre Augen lächelten wieder, denn zwiſchen den guten, freundlichen Menſchen hier hatte ſie eine Heimath gefunden, zwiſchen den guten, freundlichen Menſchen Herzen, die theilnehmend für ſie ſchlugen, und zum erſten Mal ſeit langen, langen Monden wieder fühlte ſie ſich nicht mehr ſo elend, nicht mehr ſo ver⸗ laſſen, wie die ganze lange Zeit vorher. Der Einzige der ſich bis jetzt noch, wenn auch nicht unfreundlich, doch kälter als die Uebrigen von ihr zurückgehalten, war Lockhaart geweſen, 349 und heute Abend zuerſt hatte er ſie mit einem Händedruck begrüßt und ſie in einem ganz unge⸗ wohnt herzlichen Tone ſeine kleine Reiſegefährtin genannt. Seine Schweſter Mevrouw Van Straaten, hatte ihm dafür einen Kuß gegeben, und der kleine Kreis guter Menſchen ſaß, wie geſagt, fröhlich um den Tiſch, als Wagners Carreta vorfuhr. „Nur keinen Beſuch heut' Abend mehr’“ brummte der alte Lockhaardt vor ſich hin, dem Nichts hätte ungelegener kommen können. Im nächſten Augenblick aber ſprang ſchon Wagner die Treppe herauf und Lockhaardt rief erſtaunt aus: „Mynherr Wagenaar— ich dachte Sie hätten ſo viel zu thun zu Haus!“ „Ich muß um Entſchuldigung bitten daß ich— „Entſchuldigung Mann⸗ unterbrach ihn aber der freundliche Van Straaten,„das fehlte auch noch— ſeelensfroh ſind wir daß wir Sie einmal wieder hier haben. Für unſeren lieben Gaſt hier, konnten gwir Ihnen ohnedies nicht einmal danken“. Wagner war um den Tiſch herum gegangen Hedwig zu begrüßen und dieſe ſagte, herzlich ſeine Hand ergreifend: „Wenn Jemand Dank zu ſagen hat 3 bin 350 doch gewiß ich es, die Ihnen, lieber Herr ſo viel ſchuldet. Sie glauben gar nicht wie glücklich ich mich hier bei den guten Menſchen fühle.“ „Herr Gott, nun laßt einmal die langweili⸗ gen Phraſen und Redensarten“ unterbrach ſie der alte Lockhaardt, indem er ungeduldig mit dem Kopf ſchüttelte.—„Was ſich die Menſchen das Leben doch ſelber ſchwer machen mit ſolchen ge⸗ ſellſchaftlichen Höflichkeiten. Was iſt den vorge⸗ fallen, Wagenaar, daß Sie noch einmal herüber kommen?“ „Biſt Du aber ein grober Menſch“ rief lachend ſeine Schweſter,„kehren Sie ſich nicht an ihn, Mynherr Wagenaar, wir haben ihn noch nicht lange genug wieder in der Zucht gehabt, daß er ſchon hätte ordentliche Lebensart lernen können. Sein Sie uns aber herzlich willkommen und trin⸗ ken Sie eine Taſſe Thee mit uns.“ „Das wird er außerdem auch thun“ ſagte Lockhaardt trocken,„viel vernünftiger aber iſt es der Sache gleich auf den Grund zu gehen, denn daß ihn irgend etwas heut' Abend noch hier her geführt hat, kann man ihm an der ⸗Naſe anſehn— wozu alſo thun als ob man's nicht merkte.“ „Sie haben recht Mynherr“ ſagte Wagner, „da es aber eine Geſchäftsſache betrifft, mit der 351 ich die Damen nicht gern langweilen möchte, ſo bitte ich Sie, mir einen Augenblick in ein benach⸗ bartes Zimmer zu folgen. Ich— wünſche auch nicht, was ich Ihnen zu ſagen habe, vor den Malayen auszuſprechen, denn Einer oder der An⸗ dere verſteht manchmal genug Holländiſch, wenig⸗ ſtens herauszufühlen über was man verkehrt.— Mynherr Van Straaten ich bitte Sie ebenfalls mitzukommen— die Damen entſchuldigen uns wohl einen Augenblick.“ „Und wenn ſie's nicht thun, bleibt es eben daſſelbe“ ſagte Lockhaardt„verdammte Höflich⸗ keitsformeln.“ Van Straaten hatte indeſſen ſchon ein paar von den Malayen beauftragt Licht in das benach⸗ barte Zimmer zu ſchaffen, und Wagner, nachdem er Lockhaardt die für ihn mitgebrachten Briefe gegeben, erzählte den beiden Herrn in kurzen und gedrängten Worten welchen Verdacht er gefaßt, und was ihn hierher geführt habe: nämlich jenes Klapas habhaft zu werden, den Tojiang vor kaum einer Stunde hier getroffen. Durch ihn konnten ſie dann vielleicht einen Zeugen gegen Heffken bekommen.. Van Straaten ſchüttelte freilich dazu mit dem Kopf, der alte Lockhaardt war aber gleich Feuer und Flamme und zweifelte keinen Augenblick daß ſie auf der richtigen Spur wären. So klug und umſichtig aber auch ſeine Vor⸗ bereitungen getroffen wurden, den Javanen, falls ſich derſelbe noch auf dem Erbe befände, zu über⸗ liſten und feſtzuhalten, ſo erfolglos blieb der Ver⸗ ſuch. Die drei Männer unterſuchten ſelber die Dienſtwohnungen und ließen ſich jeden Winkel aufſchließen und beleuchten, Klapa aber, blieb verſchwunden, obgleich die Malayen keineswegs leugneten, daß er dageweſen ſei. Ihrer Ansſage nach war er aber wieder in die Berge und zwar nach Bandong zurückgekehrt, und ſie wußten nicht ob er im nächſten Kampong übernachten oder die Nachtkühle benutzen würde, gleich durchzumar⸗ ſchiren. Das Letzte hielten ſie für das wahr⸗ ſcheinlichſte. Hatte ſich Klapa aber wieder in die Berge geſchlagen, wer hätte ihn dort auffinden wollen wo ſchon früher einmal die ganze Polizei nach ihm umſonſt gefahndet? Dort kannte er jeden⸗ falls ſeine ſicheren Schlupfwinkel und es war ihm da nicht beizukommen. Wagner erzählte jetzt daß er dieſem ſelben Burſchen, und bei welcher Gelegenheit, vor kurzer Zeit im Chineſiſchen Viertel begegnet ſei, und 353 keinen Augenblick mehr zweifle, er ſei ein Werk⸗ zeug des kleinen verſchmitzten Buchhalters der ihn, wer wußte es denn zu welchen Schlechtigkeiten benutzte. In den gewundenen und verſteckten Gumpen und Höhlen jenes Stadttheils war er aber faſt ſo ſicher wie in den unwegſamen Dickich⸗ ten der Gebirge, und es blieb jetzt keine weitere Hoffnung als vielleicht aus Tojiang noch mehr heraus zu bekommen, was die einmal gefundene Spur deutlicher machte. lieben Midehens, die er bis ſeut nur von Clhnda und Sorge entſtellt geſehen hatte, von Freude und Glück belebt ſah, fühlte auch er ſich nicht mehr ſo gedrückt und verlegen ihr gegenüber. Was Van Roeken gegen ſie geſündigt, ließ ſich ja doch viel⸗ leicht ausgleichen, und er brauchte dann nicht län⸗ ger das ſchmerzliche Gefühl mit ſich herumzutragen, wenn auch ſelber unſchuldig, doch Theil daran ge⸗ habt zu haben, ein ſo holdes und liebes Weſen unglücklich und elend zu machen. Was er ſelber durch ſie erlitten, und daß ſe Unter dem Aequator. II. 23 354 eigentlich die Schuld geweſen, daß Marie Van Romelaer ſich ſo kalt und ſchroff von ihm gewandt, und dadurch alle ſeine ſchönen Hoffnungen auf ein ſtilles und liebes Familienglück zerſtört habe, daran dachte er faſt gar nicht. Von Mariens Bild war ſeit jenem Morgen die heftige, häßliche Scene mit ihrer Dienerin unzertrennbar geworden, und verhinderte, daß er Marie anders wie in dieſer Scene ſah; unmöglich aber konnte ihm das eine liebe Erinnerung ſein. Er blieb heute Abend länger beim Thee als er beabſichtigt und Hexen Nitſchke verſprochen hatte, und als er heim kam fand er Beide, Nitſchke wie Toidng, den Einen in dem Lehnſtuhl, den Ande⸗ ren daneben, feſt und ſanft eingeſchlafen. XIX. Wieder war eine Woche vergangen und die monatliche Mail abgeſegelt, ohne jedoch Herrn Horbach mit aus Java fortzunehmen. Trotz Van Roekens Vorſtellungen, wie dringend nöthig ſeine Gegenwart in Deutſchland ſein würde, erklärte aber Horbach, daß er ſich deshalb nicht die ge⸗ ringſten Sorgen mache. Seine eigene Bequem⸗ lichkeit gehe allem Anderen vor, und da er es für un bequem halte, mit einem, von Paſſagieren voll⸗ gepfropften Dampfer zu fahren, ſo werde er mit der Brigitta, einem Holländiſchen Schiff gehn deſſen Capitain er genau kenne, und der in der nächſten Zeit ſegele. Eigenthümlich war indeſſen ſein Verhältniß in Van Roekens Haus, wo er ſich doch, trotz ſei⸗ 23* 356 nem wieder liederlichen und unregelmäßigen Leben gerade ſo zu behaupten wußte, als ob er mit zur Familie gehöre. Mevrouw hatte ihn allerdings im Anfang mit der größten Kälte, ja faſt mit be⸗ leidigender Verachtung behandelt, ohne jedoch Hor⸗ bach im Geringſten außer Faſſung zu bringen. Im Gegentheil benahm er ſich fortwährend höchſt ehrfurchtsvoll, ja faſt demüthig gegen ſie, ließ aber doch immer durch blicken, daß er ſich ihr überle⸗ gen wiſſe. Der Huldigung die er ihr dadurch brachte, konnte die eitle Frau nicht widerſtehn, während ſie auch durch eine gewiſſe, ihr ſelbſt unerklärliche Scheu vermocht wurde, ihn wenigſtens artig zu behandeln. Sie milderte zuletzt ihr Betragen ge⸗ gen ihn; war wenigſtens nicht mehr unfreundlich, und da ſie glauben mußke, daß er ihre Herrſchaft unbedingt anerkenne, überſah ſie manches Andere in ſeinem Benehmen. Viel mochte dazu beitragen, daß er ſich ſtets artig gegen den Mann zeigte, der ſeine Beſuche im Van Roekenſchen Hauſe am Häufigſten wieder⸗ holte, ja dort zuletzt faſt ſelber wie zu Haus zu ſein ſchien— und das war Niemand anders als Herr Heffken.— Heffken ſah allerdings Nichts unlieber bei Van Roekens, als Horbachs ihm ver⸗ haßte Geſtalt, und hatte alles Mögliche verſucht — 357 Van Roeken zu veranlaſſen, ihn wo anders un⸗ ter zu bringen. Die Verbindung aber in der ihre Firma nun einmal mit dem deutſchen Ge⸗ ſchäft ſtand, welches ihm den jungen Mann dringend empfohlen hatte, zwang Van Roeken ſchon ſich auf die kurze Zeit ſolche unangenehme Geſell⸗ ſchaft aufzubürden; er konnte ſich dem wenigſtens nicht entziehn. Horbach benahm ſich dabei, wider alles Erwarten, ſo zurückhaltend gegen den klei⸗ nen Buchhalter, vermied alle Vertraulichkeiten, die er ſich früher ſo oft genommen, weil er wußte, daß er ihn damit ärgerte, und gab in der That durch ſein Betragen nicht die geringſte Veran⸗ laſſung zu irgend einer Störung. Heffken ignorirte ihn im Anfang— er traute ihm nicht— da ſich aber Horbach völlig gleich blieb, und ſogar eine etwas reſervirte Stellung gegen ihn einnahm, wurde er zuletzt auch ſelber artiger,— konnte er doch nicht vermeiden, ihn dort zu treffen, und wenn ihn Horbach zufrieden ließ und nicht verſpottete, wollte er ſich gern dazu verſtehen, die gewöhnliche und ſehr billige geſell⸗ ſchaftliche Höflichkeit gegen ihn zu beobachten. War es ja doch auch nur für kurze Zeit. Horbach hatte in der That im Anfang Alle gegen ſich gehabt, und ſonderbarer Weiſe Van 358 Roeken nur dadurch, daß er ſich höflich und an⸗ ſtändig gegen ſeine Frau betrug. Er war ihm nämlich zu höflich— zu devot gegen Mevrouw und Van Roeken hatte ihn deshalb die erſten Tage in Verdacht, daß er nur ſeinen Spott mit ihr triebe, was ihm natürlich höchſt fatal geweſen wäre. Da ſich Horbach aber darin vollkommen gleich blieb, beruhigte ſich Van Roeken raſch dar⸗ über, und war froh, daß er keine neuen unange⸗ nehmen Auftritte zu, erwarten hatte. Die Zeit mußte ja endlich einmal kommen, wo die Colo⸗ nie von ſeiner Gegenwart befreit wurde. Solche außergewöhnliche Menſchen paßten auch nicht in eine holländiſche Colonie. Dort ging Alles ſeinen geregelten Gang, ſeine beſtimmt vor⸗ gezeichnete Bahn, wie ſich die Sterne über ihnen am Himmel bewegten. Kam nun einmal ſo ein nichtsnutziger Komet dazwiſchen, der keinen feſten⸗ Cours anerkannte, ſondern die Kreuz und Quer zwiſchen den Uebrigen herumſchoß, ſo fühlten ſich Alle unbehaglich, denn Niemand war ſicher, daß der nirgends hingehörige Vagabond in der näch⸗ ſten Stunde gegen ihn ſelber anrannte. Nitſchke dagegen, der wirklich entſchiedene Beſ⸗ ſerung verſprach, und alle Prophezeihungen von Seiten Van Roekens zu Schanden machte, war —— indeſſen ungemein thätig geweſen, den verſchwun⸗ denen Klapa wieder aufzuſpüren, aber freilich ohne den gewünſchten Erfolg. Tojiang verweigerte vom nächſten Morgen an hartnäckig jede weitere Mittheilung, und auf Horbachs Hülfe konnte er ſich eben ſo wenig dabei verlaſſen. Dieſer hatte nämlich, unter einem kürzlich für den Indiſchen Dienſt angekommenen Trupp Recruten wirklich einen alten Bekannten gefunden, und kam aus dem Trinken und Nachtſchwärmen nicht mehr her⸗ aus, ja oft zwei Nächte hinter einander in kein Bett. Er beſaß jetzt wieder Geld vollauf, und ſchien feſt entſchloſſen, die ihm noch hier in Java geſtattete kurze Friſt auch nach Kräften zu benutzen. So ſehr nun Nitſchke ſchon daran verzweifelte, in dieſer ihm am Herzen liegenden Sache gegen Heffken, irgend welche Fortſchritte zu machen, ſo fand er doch darin an einer Stelle einen Bun⸗ desgenoſſen, wo er ihn gar nicht vermuthet. Der alte Herr Lockhaart nämlich, der nicht allein ſehr großen Einfluß in der Colonie beſaß, ſondern mit deren Verhältniſſen und den einzel⸗ nen Perſönlichkeiten auch auf das Genaueſte be⸗ kannt war, hatte, wenn auch ganz in der Stille, und ohne mit einem anderen Menſchen darüber zu ſprechen, die Sache in die Hand genommen. 360 An und für ſich war es ſchon immer ein ver⸗ dächtiger Umſtand, daß ein Eingeborener eine ſpaniſche Doublone beſaß. Ihr Lohn wurde ihnen ſtets in Kupfer, höchſtens in Papiergulden aus⸗ gezahlt. Daß Heffken nun noch, nach Horbachs Zeugniß, mit jenem Javanen in geheimer Ver⸗ bindung ſtand, warf ein um ſo ſchlimmeres Licht auf ihn, und Lockhaart, der feſt überzeugt von ſeiner Schuld war, beſchloß dieſe zu Tage zu bringen, es möge ihm koſten was es wolle. Durch Wagner erfuhr et übrigens bald, daß deſſen engliſcher Correspondent ebenfalls die feſte Ueberzeugung von Heffkens Schuld theile, und Nitſchke wurde eines Tages durch eine Einladung zu dem alten Herrn überraſcht, wobei ſich dieſer alle die Einzelnheiten, die ſeinen Verdacht be⸗ gründeten, auf das Genaueſte mittheilen ließ. Er ſprach dabei ſelber faſt kein Wort, ſondern hörte nur immer ſtill und aufmerkſam zu, und entließ endlich Herrn Nitſchke wieder, ohne ihm auch nur durch eine Sylbe mitzutheilen, was er ſelber von der Sache halte. Dadurch brachte er den armen Teufel aber in die größte Verlegen⸗ heit, denn Nitſchke fing nämlich an zu glauben, daß dieſer alte Herr mit Heffken unter einer Decke ſtecke, und ihn nur zu ſich gerufen habe zu er⸗ 361 fahren, was für ein Verdacht gegen ihn vorliege. Er ärgerte ſich auch ſehr über ſich ſelbſt, daß er ſich hatte, ſeiner Meinung nach, ſo über⸗ tölpeln laſſen,— aber das Unglück war einmal geſchehen, und wenn man dem Buchhalter mit keinem directen Beweis zu Leibe konnte, ſchadete es am Ende gar Nichts, daß er wenigſtens erfuhr was man von ihm denke. Wagner war die letzten Tage— vielleicht vor übergroßer Anſtrengung bei Abgang der Mail— etwas leidend geweſen. Er hatte damals mit Nitſchke mehrere Nächte durchgearbeitet, und dann, als Alles beendet war, einen vollen Tag das Bett hüten müſſen.— Jetzt fühlte er ſich aller⸗ dings noch etwas ſchwach, aber doch ſonſt wieder wohl, und konnte recht gut die laufenden Ge⸗ ſchäfte mit verſehen... Um jenen Javanen bekümmerte er ſich na⸗ türlich gar nicht mehr, denn ſo gern er die Hand würde geboten haben, irgend ein Verbrechen an den Tag zu bringen, ſo lag ihm doch Heffken viel zu fern, ſich beſonders ängſtlich mit ihm, und dem was er gethan zu befaſſen. Er war froh, wenn er mit dem ihm unangenehmen Men⸗ ſchen Nichts weiter zu thun hatte. Aus dem nämlichen Grund ging er aber auch faſt gar nicht 362 mehr zu Van Roekens, weil Heffken dort faſt zu den täglichen Beſuchern gehörte, und Van Roeken ſelber die Abende oft in der Harmonie zubrachte, nur dem ihm nichts weniger als lieben Menſchen aus dem Weg zu gehn. In den nächſten Tagen wollte die Firma Wagner und Van Roeken gerade wieder ein Schiff nach Deutſchland ſenden, das aber vorher erſt einen Hafen in Sumatra, und ſpäter einen an⸗ deren an der engliſch⸗oſtindiſchen Küſte anlaufen mußte. Wagner hatte die letzten dazu nöthigen Papiere unterzeichnet und wollte jetzt nach Haus fahren, als der alte Herr Lockhaart in ihr Ge⸗ ſchäft trat. „Nun Mynheer Wagenaar!“ rief er dieſem zu,„wie iſt es— machen Sie eine kleine Fahrt nach Buitenzorg mit? Die ganze Familie iſt von der Parthie, ſelbſt das confuſeſte Menſchenſtück das je javaniſchen Boden betreten: die alte Ka⸗ thrine, meine frühere Reiſegefährtin.“ „Nach Buitenzorg?“ rief Wagner, denn ſo lebendig und ſelbſt heiter hatte er den alten Herrn noch gar nie geſehen. „Nach Buitenzorg und weiter, ſelbſt bis nach Bandong!“ rief aber dieſer.„Wir haben uns Alle Ferien genommen, und wollen einmal wieder 363 die freie Bergluft athmen, die Ihnen beſonders wohl thun würde. Uebrigens,“ ſetzte er leiſe hinzu, indem er ſich zu Wagner überbog,„hab' ich auch noch einen anderen Zweck dabei, und jetzt ganz ſichere Nachricht, daß jener Klapa, mit dem Heffken früher in genauer Verbindung ge⸗ ſtanden— ja vielleicht noch ſteht— irgendwo oben in den Bergen ſteckt. Möglich, daß wir ihn da antreffen.“ „Aber beſter Herr,“ ſagte Wagner„das iſt eine ſehr unſichere Sache, um deshalb den weiten Weg zu machen.“— „Deshalb ja nicht allein Mynheer— un⸗ ſerer ſelbſt wegen. Im Geſchäft iſt es augen⸗ blicklich ebenfalls ſtill, und ich weiß daß Ihr Com⸗ pagnon, was jetzt zu thun iſt, recht gut einmal eine Weile allein beſorgen kann— alſo fahren Sie mit?“ „Und wann der Aufbruch?“ „Morgen früh um ſechs Uhr.“ —„Die Zeit iſt kurz, aber es ſei, ich bin mit von der Parthie.“ „Vortrefflich! Pferde ſind ſchon beſtellt, unſer ſämmtliches Gepäck, das Nothwendigſte ausge⸗ nommen, iſt auch ſchon vorausgeſchickt, und wir fahren dann in zwei Wagen hinauf. Alſo auf Wiederſehen morgen— kommen Sie nicht zu ſpät!“ und der alte Herr verließ mit raſchen Schritten das Comptoir, ohne Van Roeken, der dicht daneben arbeitete, auch nur mit einer Sylbe zu begrüßen.— „Wie kommſt Du denn dazu auf ſo freund⸗ lichem Fuß mit dem alten Eiſenfreſſer zu ſtehn?“ ſagte dieſer, als der Alte das Zimmer verlaſſen⸗ hatte. „Gott weiß es,“ lachte Wagner,„aber er ſcheint, mich in ſein Herz geſchloſſen zu haben. Uebrigens mag ich ihn wohl leiden, denn er iſt offen und ehrlich.“— „Das weiß Gott!“ rief Van Roeken;„der gröbſte Geſell in der ganzen Colonie, der mit Allem herausfährt, was er gerade denkt, wer auch immer in der Nähe iſt. Wir waren vorgeſtern bei Sandfoords zuſammen und meine Fran, der unſere— unſer Fräulein noch immer keine Ruhe läßt, wollte ſich an ihn machen, etwas Näheres über ſie zu erfahren. Der alte ungeſellige Menſch aber, dem man es indeſſen kaum übelnehmen kann, denn er verſteht es wirklich nicht beſſer, hat ihr ein paar ſolche Antworten gegeben, daß ſie mir beinah ohnmächtig wurde und augenblick⸗ lich die Geſellſchaft verließ.“ „Was hat er ihr denn geſagt?“ „Ich wollte es auch wiſſen, denn wie darf er meine Frau ſo beleidigen, aber ſie weigert ſich hartnäckig es mir zu ſagen, weil ſie fürchtete, daß ich ihn nachher fordern würde.“ „Ich kann mir nicht denken, daß er ſie wirk⸗ lich beleidigt hat,“ ſagte Wagner,„er hat vielleicht eine Bemerkung gemacht die ihr nicht angenehm war.— Du weißt Mevrouw iſt ſehr leicht ge⸗ reizt, und oft wirklich ungerechtfertigt. So derb Lockhaart aber auch ſein mag, ſo glaub ich doch nicht daß er gegen eine Dame unartig ſein würde. Gegen Fräulein Bernold hat er ſich ſogar ſehr herzlich benommen, und wir ſchulden ihm da gro⸗ ßen Dank.“ „Weißt Du daß es in Batavia heißt, er wür⸗ de ſie heirathen,“ bemerkte Van Roeken, und Wag⸗ ner ſah raſch, ja faſt erſchreckt zu ihm auf,—„ja ja,“ fuhr jener fort,„ſtille Waſſer ſind tief und das junge, hübſche Mädchen mag dem alten Eis⸗ bär wohl gefallen haben. Mir ſelber könnte übri⸗ gens nichts Angenehmeres paſſiren, und meinen beſten Segen hat er dazu aus vollem Herzen.“ „Und haſt Du Fräulein Bernold noch gar nicht einmal geſehen?“ „Doch,“ ſagte Van Roeken und wandte ſich 366 etwas verlegen ab,—„heute ganz zufällig in Lefossères Laden, wohin ſie mit Mevrouw Van Straaten kam, gerade als ich dort war um über unſere nächſte Auction Rückſprache mit Lefossère zu nehmen.“— „Und hat ſie auch Dich geſehen?“ „Nein; glücklicher Weiſe konnte ich noch un⸗ bemerkt in das Comptoir hinein und von dort, als ich ihnen eine Weile zugeſehen, auf die Straße hinaus kommen.“ „Und wie hat Dir Fräulein Bernold ge⸗ fallen?“ „Hm— recht gut;— nichts Beſonderes, aber ſie iſt ein recht hübſches Mädchen und ſcheint ein⸗ fach und beſcheiden.— Ihre gerühmte Bildung konnt' ich natürlich durch das kleine Comptoir⸗ fenſter nicht mit ſehen, doch geb' ich zu, daß ſie Allem entſpricht was man von einer Frau ver⸗ langen könnte;— aber Du weißt auch daß mir das Nichts mehr hilft. Haſt Du denn noch im⸗ mer nicht die Geldangelegenheit arrangirt?“ „Ich wollte es neulich mit Lockhaart in Ord⸗ nung bringen, aber er ſagte, er— würde das ſchon ſelber arrangiren.— Du könnteſt doch am Ende Recht haben; mir war aber bis dahin noch gar kein ſolcher Gedanke gekommen.“ 367 „Gewiß hab' ich Recht,“ lachte Van Roeken, „und wenn er das nur, je eher, je beſſer, thäte, dann wäre ich aller Sorgen, meiner Frau wegen, enthoben.“ „Dann begreif ich nur nicht, weshalb er mich mit zu der Vergnügungsparthie eingeladen hat.“— „Nur um Einen von der Firma dabei zu ha⸗ ben,“ ſagte Van Roeken,„denn ich bin bei ihm, ich weiß nicht durch was, in Ungnade. Vielleicht fällt es ihm dort oben in Bandong oder Tjanjor gleich ein, ſich trauen zu laſſen, und dann iſt ihm ein Zeuge erwünſcht. Wäre das der Fall, ſo ſchick mir nur gleich einen Expreſſen. Uebrigens machte das Mädchen dadurch ein großes Glück, denn der alte Burſche ſoll ſteinreich ſein, und lange leben kann er überdies nicht mehr. Wenn ich nachher auch noch den liederlichen Horbach los werde, ſo bin ich aller meiner Sorgen und Quälereien ledig⸗ und kann anfangen das Leben zu genießen. Daß ich mir nicht wieder eine ſolche Laſt aufbürde, magſt Du mir auf mein Wort glauben.“ „Aber Horbach macht noch immer keine An⸗ ſtalten?“ „Oh ja,“ ſagte Van Roeken,„das Schiff iſt ſchon beſtimmt, aber es war leider noch eine Re⸗ paratur nöthig, die jetzt beſorgt wird. Die Fracht 368 hat es ſchon faſt vollkommen ein und ſegelt dann gleich. Uebrigens denk ich, wird ſich Horbach die letzten Tage auch noch ordentlich halten, denn der neue Bekannte den er gefunden,— ein gemeiner Soldat,— iſt vorgeſtern in's Innere comman⸗ dirt und er weiß jetzt Niemanden mehr, mit dem er trinken kann.— Nitſchke hält ſich beſſer wie ich ſelber geglaubt.“ „Nicht wahr? aber es wird auch Zeit daß Hor⸗ bach aufhört.— Alſo Leopold, Du wirſt mich die mächſten Tage entſchuldigen?“ „Geh nur geh, Alterchen,“ lachte Van Roeken freundlich, indem er ſich die Hände rieb,„und ſende mir bald gute Nachricht, daß die Hochzeit gefeiert iſt. Du weißt ja, daß wir hier in den nächſten Tagen wenig oder gar Nichts zu thun haben, und das werd' ich mit unſeren Leuten ſchon fertig bringen. Alſo viel Vergnügen und— bring' mir gute Nachricht mit.“ Wagner packte ſeine Papiere zuſammen und ſtieg wie in einem Traum die Treppe hinab und in ſein Bendi hinein, zu Hauſe die noch etwa nö⸗ thigen Vorbereitungen zu treffen. Immer glaub⸗ würdiger kam ihm dabei vor, was ihm Van Roe⸗ ken geſagt, und hätte er nicht eigentlich ſelber rrecht von Herzen froh darüber ſein müſſen, denn — — konnte das Schickſal jenes armen Mädchens auf beſſere Art verſöhnt und zum Guten gelenkt wer⸗ den?— Er wollte ſich das ſelber vorreden, aber es ging nicht; denn ein ſo junges, friſches Blut konnte nicht an der Seite eines ſo alten Mannes das Ziel ihres Lebens erblicken, und wenn ſie ſich nachher erſt recht elend, erſt recht unglücklich, trotz allem Reichthum fühlte, wer trug dann die Schuld wie er ſelber?— Er? nein— ſich konnte er keine Schuld beimeſſen; er mochte die Sache drehen und wenden wie er wollte. Er hatte ge⸗ than was in ſeinen Kräften ſtand, den einmal begangenen Fehler wieder gut zu machen,— mehr konnte kein Menſch von ihm verlangen, und er brauchte ſich ſelber keine Vorwürfe zu machen. Eins konnte er vielleicht noch thun; er konnte Hedwig vor einer zu voreiligen Verbindung mit dem alten Mann warnen. Junge Mädchen ſind da oft leichtſinnig, denken nur im Anfang auf eine Verſorgung für ihr ſpätes Alter, und bereuen ihr unbedachtes Handeln zu ſpät, wenn ſie das junge Leben an das Krankenbett eines mürriſchen Greiſes gefeſſelt ſehen.— Vielleicht verlangte ſie aber ſeinen Rath gar nicht; ſtand er ihr denn auch nah genug, in ſo wichtiger Sache eine entſcheidende Stimme zu be⸗ Unter dem Aequator. II. 1 24 370 anſpruchen?— aber ſie war neulich Abends ſo herzlich mit ihm geweſen,— hatte ſich ſo gefreut wie ſie ihn ſah, und ihm das ſelber geſagt; ſie würde deshalb gewiß nicht darüber zürnen, wenn er ihr, zu ihrem eigenen Beſten, einen Rath er⸗ theilte. Sie konnte ja dann noch immer das thun, was ſie für das Beſte hielt. Soweit mit ſich im Reinei fühlte er ſich zu⸗ friedener und ruhiger, wenn zer auch immer noch nicht ganz einig mit ſich ſchikn. Es daen as noch nicht ſo recht wie es ſein ſollte, und das Schlimmſte dabei, daß er ſelber nicht recht wußte was. — Ende des zweiten Bandes. Druck von G. Pätz in Naumburg. uenuanunruunnnRnuu 14 15 16 17