066 221 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 3 von.. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. „2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——— Buener auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 M. Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 1 — — ———y= ==a .— — ₰ —½ — 8 2 —‿ acr — 5 8 8 Roman aus der Südſee von Friedrich Gerſtäcker. Vierter Band. Leipzig, Berlin, Hermann Costenoble, Kndolph Gaertner, Verlagsbuchhandlung. Amelang'ſche Sort.⸗Buchhandlung. ———— V 9 8S8 9 Inhalt des vierten Bandes. Die Schlacht von Mahaena Alte Abrechnungen Das Lager der Inſulaner. Die Flucht Lefévre und Aumama Der Angriff auf Papetee. René und Suſanna Schluß. Seite Capitel J. Die Schlacht von Mahaena. „Joranna!“— und die Palmen rauſchten dazu ihre leiſe wehmüthige Weiſe, und wie grollend, zür⸗ nend tönte der dumpfe Donner der Brandung ihm in's Ohr—„Joranna!“— ,Und doch ja auch nur für wenige Tage!“ rief er dann plötzlich ſich abwendend und mit der Hand die Stirne ſtreichend, als ob er da alle die trüben traurigen Ideen fortwiſchen wolle. „Unſinn, ſich das Herz da ſchwer zu machen mit Sorge und Noth und tollen, trüben Ideen; wie raſch verfliegt die Stunde, und Wochen ſchwinden, daß man ſie kaum zählen kann. Nein, nicht muthwillig mag ich mir das Leben ſchwer machen, ein tückiſches Schickſal quält und neckt uns überdies ſchon genug, Gerſtäcker's Tahiti. Iv. 1. wirft Wermuth in den ſüßeſten Becher, oder giebt der Frucht Stacheln nach der unſere Lippe ſich ſehnt. Fort; in der Stadt vergeß ich die Grillen und mein Haus mag heute ſehen wie es allein fertig wird.“ Und den Hut feſt in die Stirn drückend, die Arme über der Bruſt zuſammengeſchlagen und den Kopf geſenkt, ging er mit raſchen Schritten nach der Stadt zurück und betrat, ſeine Grillen wie er ſie nannte, mit einer Flaſche Wein niederzuſchwemmen, das erſt ſeit kurzer Zeit etablirte Haus eines Franzoſen, Vik⸗ tor, ließ ſich eine Flaſche Claret geben, und ſetzte ſich, ein paar Gläſer raſch hintereinander hinunterſtürzend, den Kopf in die Hand geſtützt, allein an einen Tiſch, in die entfernteſte Ecke der Stube— gedankenvoll auf das vor ihm ausbreitende Meer hinausſchauend. Wohl eine Stunde mochte er ſo geſeſſen haben, die Flaſche ſtand geleert vor ihm, und noch immer ſtarrte er düſter vor ſich hin, als eine Hand ihm derb auf die Schulter klopfte und eine fröhliche Stimme ſeinen Namen rief: „René!“ Rens ſchaute langſam auf, ſprang aber im näch⸗ ſten Augenblick von ſeinem Sitz empor und rief, dem Freund beide Arme entgegenſtreckend und ihn an's Herz drückend. — „Adolphe! mein lieber, lieber Freund, wo kommſt Du her? zehntauſendmal willkommen auf Tahiti.“ „Und Dir geht es gut?“ frug Adolphe, die erſten herzlichen Begrüßungen vorüber—„es gefällt Dir hier, und Du bereuſt Dein Weglaufen nicht?“ „Bereuen?“ lächelte René,„ich habe Alles hier, was das Menſchenherz nur fordern oder verlangen könnte und ſollte bereuen?— Doch“— unterbrach er ſich plötzlich, den Freund erſtaunt betrachtend— „ſpielſt Du Maskerade oder iſt es jetzt Sitte hier ge⸗ worden, franzöſiſche Uniformen anzulegen? was thut der Wallfiſchfänger in der Officiersuniform? „Peste!“ lachte Adolphe, ich hatte das Leben ebenfalls ſatt, und da uns gute Kräfte hier fehlen, hielt ich den Zeitpunkt für geeignet, meine alte Car⸗ riere wieder aufzunehmen. Hol der Teufel die Frei⸗ heit am Bord eines Wallfiſchfängers; durch Du Petit Thouars ſelber, von dem ich die Ehre habe ſchon ſeit frühern Zeiten gekannt— vielleicht überſchätzt zu ſein, ſind mir die Epauletten wieder auf die Schul⸗ tern gedrückt, mit denen ich ſeit langer Zeit fertig zu ſein glaubte.. „Und ſeit wann biſt Du hier?“ frug Renẽ er⸗ ſtaunt.. „Seit drei Tagen etwa; aber wie mir geſagt 1* 5 wurde, wärſt Du zurück nach Atiu gegangen, wo wir Dich damals ließen. „Ich habe die Erlaubniß noch nicht erhalten, einer langweiligen Unterſuchung wegen.“ „Ich weiß, ich weiß, wegen einer Franzöſiſchen Schildwache, man hielt das aber für abgemacht— nun deſto beſſer, ſo hab' ich Dich doch hier noch ge⸗ troffen, ich wäre aber ſpäter jedenfalls einmal hin⸗ übergekommen, Dich zu beſuchen. Menſch iſt es möglich— Du hier verheirathet und Familienvater? — nun die Sache klingt gefährlicher, wie ſie iſt.“ „Ich fühle mich glücklich darin,“ ſagte Ren?.— „Und was willſt Du jetzt auf Atiu?“ „Dort bleiben.“ „Bah, Unſinn—“ „Unſinn?— weshalb.“ „Du willſt Dich, mit acht und zwanzig Jahren in einem Cocospalmenwald vergraben und mit der Welt fertig ſein?— Menſch biſt Du denn wahnſin⸗ nig oder haſt Du die Lektionen am Bord des Dela⸗ ware noch nicht vergeſſen? und ein indianiſches Mäd⸗ chen— Rent, Rent, ich fürchte faſt, Du haſt da Dir ſelber einen recht böſen Streich geſpielt, und ich habe Dir am Ende gar keinen ſo beſonderen Dienſt gelei⸗ ſtet, als ich die Bande durchſchnitt die Dich hielten. Das Schlimmſte gereicht uns oft zum Glück, und 5 das gerade, was wir armen kurzſichtigen Sterblichen im Anfang für die Krönung unſerer Wünſche halten, iſt nicht ſelten der Beginn von— gerade dem Ge⸗ gentheil.“ „Du kennſt Sadie nicht,“ lächelte René—„ſie iſt nur Indianerin von Gebutt, ſonſt aber faſt ganz in europäiſchen Sitten und Gebräuchen auferzogen.“ „Deſto ſchlimmer für ſie,“ brummte Adolphe kopf⸗ ſchüttelnd.„Ich habe auch darüber ſchon Manches munkeln hören. Aber was zum Teufel bleibſt Du da nicht wenigſtens in Papetee?— hier haſt Du doch einen Wirkungskreis für irgend eine Thätigkeit; auf Atiu verſauerſt Du ja doch, und zehn Jahre dort, machen Dich untüchtig für irgend einen menſchlichen Beruf. „Verhältniſſe, lieber Adolphe, beſtimmen den Menſchen,“ lächelte der Freund, wenn auch nicht mehr ſo ganz unbefangen.„Sadie fühlte ſich hier nicht glücklich zwiſchen den Europäerinnen und—“ „Aber ich denke ſie hat eine ganz europäiſche Er⸗ ziehung bekommen— wie ſtimmt das?“ „Ich— ich ſelber fühlte auch daß wir dort drü⸗ ben würden viel freier, ungehinderter leben können“ entgegnete René ausweichend. „Ungehinderter? das glaub der Teufel,“ lachte Adolphe,„wer ſollte Euch dort ſtören? wenn da 6 nicht einmal zufällig ein vereinzelter Wallfiſchfänger anlangte— aber apropos Ren?— weißt Du denn, daß Capitain Lewis Tochter hier auf Tahiti und ſo⸗ gar in Papetee iſt?“ René fühlte, daß ihm das Blut in die Schläfe ſtieg und drehte ſich raſch ab, nach einer friſchen Flaſche Wein zu rufen. 1 „Ich weiß es,“ ſagte er gleichgültig—„ich habe ſte hier auf einem Ball kennen lernen, ſte wohnt jetzt bei Belards; aber Adolphe—“ rief er, raſcher ſich dem Freund wieder zudrehend, der ihn aufmerkſam betrachtete—„Du haſt mir ja noch gar nicht erzählt, was Ihr damals mit dem ehrwürdigen Manne ge⸗ macht habt, den Ihr ſtatt meiner an Bord nahmt. Was ſagte er denn, als er wieder zu ſich ſelber kam?“ „Was er ſagte?“ lachte Adolphe in der Erinnerung an jenen Abend laut auf,„er war Feuer und Flamme, und wollte augenblicklich an Land geſetzt ſein. Mein Glück übrigens wars, daß er behauptete Einer der Bootsleute habe ihn zu Boden geſchlagen und ge⸗ bunden und geknebelt, und unſer alter Seehund von Harpunier wußte recht gut, daß ich nicht lange ge⸗ nug oben geweſen war, das möglicher Weiſe zu Stande zu bringen, wenn er mir's auch zutraute, während keiner der Anderen das Boot verlaſſen ha⸗ ben wollte, und auch in der That verlaſſen hatte. So ärgerlich der Alte übrigens auch war, daß wir Dich nicht, trotz aller gemachten Auslagen, wie des Aufenthalts und böſen Beiſpiels wegen, wiederbrach⸗ ten, ſo ſehr freute er ſich doch jedenfalls heimlich, daß es gerade der Schwarzrock geweſen, der darunter lei⸗ den mußte, noch dazu, da er einen Matroſen verrathen, und wir Alle kamen ſo, wenigſtens für den Augen⸗ blick, mit einem blauen Auge davon. Nichtsdeſto⸗ weniger hatten ſie gegründete Urſache auf mich den ſtärkſten Verdacht einer Mitwiſſenſchaft zu werfen, und wenn ich mir auch nicht gerade beſonders viel daraus machte, wurde doch das Leben an Bord für mich dadurch nach und nach ſo fatal, daß ich mich zuletzt in Honolulu, als wir von oben wieder herun⸗ ter kamen, auszahlen ließ und nicht einmal mit dem Schiff zu Hauſe ging. Ich bin übrigens dem geiſt⸗ lichen Herrn eben heute Morgen hier in der Straße begegnet— und ob er mich nicht wieder erkannte? Wie er nur einen Blick auf mich warf, blieb er im erſten Moment überraſcht ſtehen,— er wußte wahr⸗ ſcheinlich nicht gleich wo er mich hinthun ſollte; als ich aber ein, vielleicht etwas malitiöſes Lächeln doch nicht verbeißen konnte, und ihm auch wahrſcheinlich dabei einfiel bei welcher, für ihn ſo fatalen Gelegen⸗ heit wir uns zum letzten Mal geſehen, quoll ihm das Blul wie eine Spri gfluth in's Geſicht und er ging 8 raſch, und ohne mich weiter eines Blicks zu würdigen, an mir vorüber, die Straße hinab.“ „Ja er hat hier ſeine Miſſion“ ſagte René noch in der Erinnerung an heut Morgen, mit zuſammen⸗ gezogenen Brauen,„mir aber iſt er bis heute ausge⸗ wichen wie dem böſen Feind, und wirklich heute Mor⸗ gen zum erſten Mal hat er meine Schwelle, in mei⸗ ner Anweſenheit überſchritten, um Abſchied von mei⸗ ner Frau zu nehmen.“ „Will er fort?“ „Nein, meine Frau hab' ich hinüber nach Atiu, mit einem der anderen, proteſtantiſchen Miſſionaire geſchickt, um ſpäter nachzukommen.“ „So ſo?“ ſagte Adolphe gedehnt,„Du bleibſt jetzt noch allein in Papetee— und wo wirſt Du wohnen?“ „Ich wollte eigentlich gern in meinem Haus draußen bleiben, aber ich fürchte es wird nicht gehen — heute Morgen wenigſtens kreuzten ſchon dumpfe Gerüchte von einem wirklichen Aufſtand, und was ich hier darüber gehört, beſtätigt das nur. Als ein⸗ zelner Franzoſe ſetzte ich mich da draußen doch am Ende Unannehmlichkeiten aus. „Nein Gott bewahre“ rief Adolphe raſch—„dieſe Indianer ſind ſeelensgute Menſchen wenn in Frieden gelaſſen, aber treib' ſie erſtſeinma dazu daß Blut — 4 — 9 fließt, und ſie ſind wie die Tiger, unerſättlich.— Ich fürchte auch wir bekommen hier noch einen ver⸗ wünſcht ſchweren Stand, denn die zwei Schiffe ſol⸗ len, wie ich höre, an allen Inſeln zugleich anklopfen, und wenn ſie da in Papetee nicht eine recht tüchtige Beſatzung zurücklaſſen, ſo weht einmal eines Mor⸗ gens die Tahitiſche Flagge ſtatt der Franzöſiſchen, und für unſere Leben, alle mitſammen, möcht' ich dann keinen Franc geben. Die Miſſionaire thun außerdem was ſie können, die Eingeborenen gegen uns aufzuhetzen.“ „Verdenken kann ich's ihnen nicht“ entgegnete Rene, die geleerten Gläſer wieder vollſchenkend,„ha⸗ ben ſie doch meine Landsleute hier vollſtändig aus dem Sattel gehoben, und jeder wehrt ſich ſeines Bro⸗ des ſo gut er kann.“ „Peſte, René, Du vertheidigſt die Schwarzröcke wohl gar?“ lachte Adlophe.„Wetter mein Burſche, haſt Du Dich geändert. Die Luft hier muß an⸗ ſtecken.“ „Biſt im Irrthum“ Adolphe, nur den Stand ſel⸗ ber vertheidige ich, der hier ein Recht hat zu exiſtiren, ſobald wir nur den Schatten eines ſolchen bean⸗ ſpruchen wollten. Stände ihnen die eigene Bibel nicht dabei im Wege, wären ſie gerade die Leute die ſich zu Herren des Landäg erklären dürften, inſoweit 10 ſie zuerſt hier ihren Wohnſitz, und damit nach dem Rechte der Entdecker, Beſitz von dem Lande nahmen. Doch es fällt mir nicht ein ihre Partei zu ergreifen“ ſetzte er raſch hinzu,„und Gott weiß es, ſie haben mir das Leben hier ſchon manchmal recht verbittert ja— hätten es mir verleiden können.“ „Haben Sie Dich nicht auch bekehren wollen?“ lachte Adolphe. „Nun ja, im Anfang wohl dann und wann, das gaben ſie aber doch bald auf— die Beſſeren unter ihnen ſind auch tüchtige wackere Leute, Menſchen die, wenn auch nicht immer den Kopf, doch jedenfalls das Herz auf der rechten Stelle haben, die Mehrzahl aber, mit ihrem ewigen Beten und Pſalmenſingen, könnte einen Heiligen zu Verzweiflung bringen. Ich glaube wenn ich noch ein Jahr hier in Papetee ge⸗ blieben wäre, hätten ſie mir mein Weib entweder ab⸗ trünnig, oder da das nicht ging, verrückt gemacht.“ „Hat Dir der Ehrwürdige Mr. Rowe noch Nichts weiter in den Weg gelegt?“ frug Adolphe. „Er hat noch nichts Anderes gethan faſt, als ge⸗ ſucht einen Anhaltepunkt zu finden. Es hieß einmal, er ſollte mit einem ſpeciellen Auftrag an die Tafel der Miſſionaire abgeſchickt werden, den hat aber wahr⸗ ſcheinlich Mr. Pritchard mitbekommen, den ſie hier fortſchicken mußten, wenn ſie je hoffen wollten, ſich 11 mit den Eingeborenen wieder anders als mit den Waffen in der Hand zu verſtändigen. Ich wollte übrigens dieſer Rowe wäre fort von hier, mir ver⸗ bittert ſein kaltes ſcheinheiliges Geſicht jedesmal den ganzen Tag, wenn er mir einmal zufällig über den Weg läuft, und ich kann mich des Gedankens kaum erwehren, daß er mir noch irgend einmal feindlich in’s Leben greift. Seine Schuld wird's auch in der That nicht ſein, wenn er eine, ſich ihm vielleicht ein⸗ mal bietende Gelegenheit unbenutzt vorübergehen ließe. Doch fort mit dem Schleicher, wir haben wahrlich Beſſeres zu thun, als an ihn zu denken. Und Du bleibſt jetzt hier auf den Inſeln, Adolphe? „Eine Zeitlang wenigſtens, und ſo lange es etwas zu thun giebt,“ erwiederte der Freund. „Wenn Du nur einmal eine kurze Zeit hier biſt, wird es Dir auch ſchon beſſer gefallen“ lächelte Rene, vielleicht ſogar machſt Du mir's nach, und wir wer⸗ den noch am Ende Nachbarn— Adolphe dieſe Inſeln ſind ein wirkliches Paradies.. Adolphe ſchüttelte mit dem Kopf. „Und doch möchte ich es nicht auf die Länge der Zeit mit Dir theilen“ ſagte er ernſter—„ja, nach einem langen und vielleicht langweiligen Kreuzzug durch die Meere, nach Eis und Schneegeſtöber da oben in jenen unwirthlichen Regionen, nach Entbeh⸗ 12 rungen und Strapatzen, wie ſie der verweichlichte Landbewohner kaum für möglich halten würde— und in der That auch kaum für möglich hält— thut es Einem wohl, wieder einmal eine kurze Zeit unter Palmen auszuruhn,— und die freundlichen Ge⸗ ſichter der Eingeborenen, wenn erſt einmal dieſe un⸗ glücklichen Conflikte vorüber ſind, bilden keine unan⸗ genehme Zugabe ſolcher Raſt—; aber da bleiben, wohnen, heirathen, und ſeine Exiſtenz hier be⸗ ſchließen? nein, ich glaube ich hielte das gar nicht aus, ja ich bin feſt davon überzeugt daß ich nicht einmal den Verſuch machen möchte.“ „Und was könnte das Herz mehr verlangen als es hier findet? rief René—„was bietet Dir Gottes Welt Schöneres, wohin Dich der unſtete Fuß auch trägt, als dieſe Küſten, wenn Du ein Weſen hier findeſt, das dieſes Glück mit Dir theilt? was würde Dir in dieſem Paradieſe fehlen?“ „Der Nerv es zu genießen, es zu ſchätzen“ rief Adolphe raſch,„Thätigkeit— Entbehrungen, Leben mit einem Wort, wie es der alte Herr da oben für uns erſchaffen, und gar erſtaunlich weiſe eingerichtet hat— ich verginge in dem Müßiggang. Nein Renè, nein, und tauſendmal nein, wenn Du Dir ſelber vor⸗ lügen willſt daß Du Dich glücklich darin fühlſt. Ich 13 glaube es nicht, weil ich überhaupt nicht an Unmög⸗ lichkeiten glauben mag, und Dir noch obendrein ſo etwas gar nicht wünſchen wollte. Du mit Deinem leichten lebensfriſchen Herzen, der Abgott Deiner Kreiſe einſt in Paris, der eben nur übermüthig und überſättigt wurde durch das Glück, das überall auf ihn einſtürmte. Du, dem noch bis jetzt kein Welt⸗ theil vermögend war in ſeinen Grenzen zu halten, Du ſollteſt jetzt Deine Heimath in einer Bambushütte gefunden haben und mit Deinen Lebensbedürfniſſen auf einen Brodfruchtbaum und eine Angel angewie⸗ ſen ſein?— Unſinn René!— hahaha komiſch iſt's aber doch, wenn ich mir das ſo denke, und komiſcher noch daß ich ernſtlich dagegen anſtreite. Bah! geh Du einfach wieder nach Atiu hinüber, aber mit dem was Dir jetzt durch Herz und Seele zieht, was Dir ſchon, Du magſt es verleugnen wie Du willſt, in den Augen mit unvertilgbaren Zügen geſchrieben ſteht, lebſt Du noch ein Jahr drüben und ſpringſt nachher wieder ſelbſt an Bord eines Wallfiſchfängers, wenn Du auf keine andere Weiſe fortkommen kannſt, oder — Du biſt elend und unglücklich. „Nein nein Adolphe, Du haſt Unrecht“ rief Rens, aber er war aufgeſprungen, und ging mit raſchen Schritten im Zimmer auf und ab.„Du haſt Unrecht, und ich werde es Dir beweiſen; habe ich Dir doch 14 ſchon früher gezeigt was ich durchſetzen kann, und auch damals hielteſt Du es für unmöglich.“ „Armer René“ ſagte Adolphe—„ſchon mit den Worten geſtehſt Du mir Alles ein, ohne es ſelber vielleicht zu wiſſen; und doch irrſt Du Dich. In tollkühnem Muth, einer Gefahr trotzend, die ſich Dir noch ſo wild und furchtbar entgegenſtellt, ja; im kecken Wurfe biſt Du im Stande und ſetzeſt Dein Le⸗ ben ein und gewinnſt. Ich glaube nicht daß Du Dich durch irgend eine Schwierigkeit oder Gefahr von irgend einem gefaßten Vorſatz, wär er noch ſo wahn⸗ ſinnig, zurückſchrecken ließeſt. Du haſt mir das mehr⸗ fach bewieſen und am ſchlagendſten durch Deinen Ein⸗ wie Austritt an Bord des Wallfiſchfängers; hier aber, wo es darauf ankommt durch zähes geduldiges Ausharren ein Ziel zu erreichen, gäbe es keinen un⸗ paſſenderen Geſellen dazu wie Dich, und zwingſt Du Dich hinein, ſo gehſt Du darüber zu Grunde— denk' an mich.“ Wilder Lärm draußen unterbrach ſie hier; die Leute ſprangen durch einander und verworrene Rufe wurden laut. Die beiden jungen Leute waren der Thür zugeeilt, zu ſehn was es gäbe, als draußen die ſcharfen Schläge einer Trommel ertönten. „Alle Wetter!“ rief Adolphe,„es ſcheint Ernſt zu werden, die Trommel ruft uns auf unſere Sam⸗ melplätze. Und wo ſehen wir uns wieder René?“ „Heute Abend hier.“ „Gut denn, und ade ſo lange!“ und mit herzlichem Kuß und Handdruck trennten ſich die Freunde, Adolphe ſeinem neuen Beruf mit all dem lebendigen Feuereifer obliegend, eben in dem Neuen der Sache den Reiz findend der ihn auch für manche Laſt und Unannehm⸗ lichkeit entſchädigen mußte, während René in der Thür ſtehen blieb und ihm die Straße hinab nach⸗ ſchaute, bis ihn eine Biegung derſelben ſeinen Blicken entzog. Tief aufſeufzend drehte er ſich dann um und wandte ſich, theils in das Haus zurück zu gehen und ſeinen Hut zu holen, theils zu ſehen was es gebe, als er ſeinen Namen gerufen hörte und ſich um⸗ ſchauend Lefévre erkannte, der mit ausgeſtreckter Hand auf ihn zu kam. Der früher ſo muntere und leichtherzige Nachbar ſah aber gar verändert und angegriffen aus. Er trug den linken Arm in der Binde und war bleich und abgemagert, auch der Blick ſeines Auges hatte etwas Feindliches, Stieres gewonnen, das er ſonſt nicht gehabt. „Hallo Lefévre wie ſehn Sie aus?“ rief René er⸗ ſtaunt—„wo wurden Sie denn verwundet, und ſind denn unſere Truppen ſchon mit den Eingebore⸗ nen zuſammengetroffen?“ „Hier noch nicht“ ſagte Lefevre, mit einem eignen Lächeln in den ſcharf ausgeprägten und keineswegs angenehmen Zügen,„wenigſtens bis heute Morgen nicht, aber jetzt gerade gehts los, und ich will mir nur eben meinen Säbel und meine Piſtolen holen, als Freiwilliger den Spaß mit zu machen.“ „Mit dem Arm in der Binde?“ ſagte René kopf⸗ ſchüttelnd.„Sie ſollten froh ſein daß Sie eine Ent⸗ ſchuldigung haben nicht gegen die Eingeborenen fech⸗ ten zu müſſen, weshalb das muthwillig herbeiziehen. Gehören wir Beiden nicht zu ihnen?“ „Zu den rothen Hallunken?“ rief Leferre mit einem wilden Fluch—„hol ſie der Teufel alle, denn nicht Frieden giebts, bis wir die eine Hälfte von ihnen todtgeſchlagen, und die andere in ihre Bergſchluchten hineingejagt haben, dort von Feis und wilden Ziegen ihr Mahl zu halten. Daß die Peſt zwiſchen ſie fahre!“ „Lefévre?“ rief René erſtaunt—„was iſt denn mit Ihnen vorgegangen?— wo iſt Aumama?“ Lefévre lachte höhniſch und rief, den Kopf zurück⸗ werfend: „Zu ihrem Geſindel zurückgekehrt, aus dem ich ein Thor war ſie heraus zu ziehen— nun ich habe —— — ———— —— 17 wenigſtens meinen Spaß mit Ihr gehabt— Sie haben Sadie auch wieder nach Atiu zurückgeſchickt, wie ich höre. Geſcheut, die Dirnen ſind recht gut für eine kurze Zeit, ſo etwas muß aber nicht zu lange dauern, ſonſt wird es langweilig.“ „Ich habe ſie hinübergeſchickt um ſelber nachzu⸗ gehn“ erwiederte René ernſt,„und haben Sie ſich ſo leicht von Ihrer Frau trennen können? „Frau trennen können“ lachte Leferre—„wenn es ihr nicht mehr Thränen gekoſtet hat wie mir, ſind wir alle Beide ungemein leicht davon gekommen. Aber wiſſen Sie daß der Teufel losgegangen iſt? die Burſchen machen Ernſt.“— „Doch nicht hier in Papetee?“ ſagte Rens. „Nicht gerade in der Stadt, aber in Mahaena haben ſie ſich verbarrikadirt und einen Trupp Solda⸗ ten, der ſie von dort vertreiben wollte, mit blutigen Köpfen zurückgejagt. Eben iſt die Nachricht hier her⸗ gekommen, und es ſoll jetzt gleich ein Bataillon dort⸗ hin aufbrechen, den Empörern zu zeigen mit wem ſie eigentlich in ihrer Verblendung den Krieg begonnen. Durch dieſe proteſtantiſchen Miſſionaire aufgehetzt, glauben und hoffen ſie immer noch auf die Unter⸗ ſtützung gar nicht vorhandener engliſcher Schiffe, es wäre ja ſonſt doch nicht möglich, daß ſie nur einen Augenblick daran denken könnten, ernſthaften Wider⸗ Gerſtäcker's Tahiti. VV. 2 18 ſtand zu leiſten. Aber dort rückt ſchon das Militair heran, kommen Sie mit Rene, wir machen uns einen kleinen Spaziergang dahinunter, und helfen die Bur⸗ ſchen mit in die Berge jagen.“ René ſchüttelte mit dem Kopf. „Ich habe Nichts in dem Kampf zu thun“ ſagte er ernſter,„meine Landsleute mögen das unter ſich ausmachen.“ „Bah Sie werden doch nicht zuſehn wollen wie wir uns ſchlagen?“ „Warum nicht?— ſo lange ich kein Intereſſe dabei habe.“ „Und wenn ſie uns hier in der Stadt angreifen?“ „Sie ſchienen ja eben noch nicht einmal zu glau⸗ ben daß ſie einem einzelnen Bataillon Stand halten könnten.“ „Ei, der Teufel traue den Schuften, manchmal ſind ſie zäh und werfen ſich mit ihren nackten Leibern ganz tollkühn und einer beſſeren Sache werth in die Bayonnette, wie bei Tairabu.“ „Sie vertheidigen ihr Vaterland“ ſagte René ernſt—„das iſt die beſte Sache, die ſie vertheidigen können.“ „Meinetwegen“ lachte der Franzoſe,„ich aber habe nun einmal meine ganz beſondere Malice auf ſte— alſo adieu, wenn Sie denn durchaus nicht 49 mitwollen und auf Wiederſehn!“ und raſch ſeinen Säbel umſchnallend, den er indeß aus der Ecke ge⸗ holt, und wobei ihm Einer der hier zur Bedienung gehaltenen indianiſchen Burſchen, da er die linke Hand nicht gebrauchen konnte, helfen mußte, verließ er das Haus mit ſchnellen Schritten ſich dem indeß ſchon voraus marſchirten Trupp anzuſchließen. Die Sonne von Tahiti beſchien, zum erſten Mal wieder, ſeit ihre Feudal- und Religionskriege bei Seite geworfen waren, ein wildes und kriegeriſches Bild. Kaum mehr als etwa zwölf engliſche Meilen von Papetee entfernt, wo die friedlichen leicht gebauten Bambushütten von Mahaena ſtanden, hinter denen ſich die gewaltigen Bergesmaſſen in ſteilen kurzen Hängen erheben, hatten ſich die Bewohner der be⸗ nachbarten Diſtrikte, nach dem Angriff auf Tairabu, zu kurzem Kriegsrath geſammelt, und mit zornig blitzenden Augen und geſchwungenen Speeren Rache verlangt für das vergoſſene Blut der Brüder. Ein Schrei der Entrüſtung zuckte durch das ganze Land, und was an waffenfähiger Mannſchaft in der Nähe war eilte herbei, ſeinen Arm der Sache des Vater⸗ landes anzutragen. 1 2⸗ 20 Die am meiſten fanatiſirten Häuptlinge der Ein⸗ geborenen hatten ſich hier geſammelt., Aonui und Potowai, Taaniri, Kahuahu und ſelbſt Teraitane und Boten wurden an Paofai, Tati, Utami, Hitoti und Paraita abgeſchickt, dieſe ebenfalls der vaterländiſchen Sache zuzuwenden. Einzelne von dieſen aber, wie Paofai und Hitoti hatten ſich direkt geweigert Po⸗ mares Sache zu der ihrigen zu machen, während Paraita, Krankheit vorſchützend, ebenfalls in Papetee blieb und nur Tati und Utami, der eine ſich nach Papara, der andere nach Papeneeo zurückzog, dabei jedenfalls ihren Rücktritt von den franzöſiſchen In⸗ tereſſen erklärend. Nicht müßig aber beriethen nur die Häuptlinge in Mahaena, ſondern zu gleicher Zeit wurden an dem einen paſſenſten Hügelhang, auf den Vorſchlag und unter der Anleitung mehrer engliſcher und iriſcher Matroſen, Befeſtigungen aufgeworfen, einem etwai⸗ gen Angriff auch die Spitze bieten und abwarten zu können, bis die ganze Inſel gemeinſchaftlich gegen die Unterdrücker aufftehn würde. Ueberhaupt hatten ſich eine ganze Zahl Fremder, die ſich früher hier nie⸗ der gelaſſen und den Einfluß der Franzoſen fürchteten, den Eingeborenen gleich von allem Anfang ange⸗ ſchloſſen, von denen ſie, wenigſtens von den meiſten, gar ſehr willkommen geheißen wurden. Es war 21 dieſen ſchon gewiſſermaßen eine Beruhigung Weiße mit ſich gegen Weiße zu wiſſen und in der Führung der Feuerwaffe, die ſie hier zum erſten Mal in die Hände bekamen, brauchten ſie auch noch Leute die ſie mit den Geheimniſſen derſelben betraut machten. Die meiſten dieſer Weißen waren früher entlaufene troſen von Wallfiſchfängern, ja hie und da aber auch ſogar von den franzöſiſchen Kriegsſchiffen ſelber, die ſich in den ſteilen unwirthbaren Bergen nicht halten konnten, und jetzt wohl genöthigt wurden die Waffen aufzugreifen, ihre eigene Freiheit zu vertheidigen. Unter ihnen befand ſich Jack ſowohl, wie Jim O Flannagan, dem der Aufenthalt in Papetee nach ſeinem letzten Zuſammentreffen mit dem Lieutenant der Jeanne d'Ark doch zu heiß geworden war, und der doch auch kein Schiff finden konnte die Inſel jetzt gerade, was er mit Vergnügen gethan haben würde, zu verlaſſen. Auch der Neger war dort, eine herku⸗ liſche Geſtalt, der vor einigen Abenden erſt einen Zank mit mehren franzöſiſchen Soldaten bekommen und vier davon ſo zugerichtet hatte, daß er ſich nur durch die Flucht der blutigen Rache der übrigen ent⸗ zog. Manche Andere waren durch die Franzoſen ſel⸗ ber zu dieſem letzten verzweifelten Schritt getrieben, die unkluger Weiſe in jedem Engländer oder Ameri⸗ kaner einen Verräther ihrer Sache ſahen und dieſe I. 22 auf Schiffe packen wollten, um ſie von Tahiti we⸗ nigſtens zu entfernen, oder auch möglicher Weiſe un⸗ ter Aufſicht zu halten, bis der Conflikt erſt entſchie⸗ den und das tahitiſche Volk ſelber vollſtändig unter⸗ worfen geweſen wäre. Mit dieſer Beihülfe war Mahaena, oder vielmehr das Fort von Mahaena, wie man die rohe Verſchan⸗ zung nannte, gar nicht ſo ſchlecht befeſtigt worden. Ein etwa fünf Fuß hoher und ungemein ſtarker Erd⸗ wall ſollte ſie vor allen Dingen gegen die Kugeln der Kriegsſchiffe ſchützen, die man jedenfalls bei einem Angriff der Franzoſen erwarten mußte, während ſich das Rücktheil der kleinen Veſte an den ſteilen Hügel ſelber lehnte und die Zerriſſenheit der Schluchten nur einen einzelnen den Eingeborenen allein bekannten Pfad dort hinaufließ, den wenige Mann hätten ge⸗ gen eine gewaltige Ueberzahl vertheidigen können. Auf dem Wall aber ſchützte ein ſtarkes Palliſaden⸗ werk, von den ſtarren zackigen Aeſten der Guiaven aufgeſchichtet, das kleine Fort faſt vollſtändig gegen einen Bayonnetangriff und Boten waren indeß ſchon nach allen Richtungen abgeſandt, die Krieger der ver⸗ ſchiedenen Stämme herbei zu ziehen und hier zu ſam⸗ meln und dann einen vereinten Angriff auf Papetee zu wagen. Die Franzoſen wollten ihnen aber da keineswegs ſo lange Zeit gönnen, weil ſie ſchon des böſen Bei⸗ ſpiels wegen ſuchen mußten die Eingeborenen von jedem Fleck wo ſie ſich befeſtigen konnten, zu vertrei⸗ ben, ihnen vor allen Dingen das Vertrauen zu neh⸗ men, daß ſie ſich überhaupt einem ihrer ernſtliche Angriffe mit Erfolg entgegenſtellen könnten. Die Scharte von Tairabu mußte ſobald als möglich wie⸗ der ausgewetzt werden. Am frühen Morgen hatten deshalb auch die bei⸗ den dorthin beorderten Schiffe, die Uranie wie der Dampfer Phaeton ihre Truppen gelandet, aber noch keinen wirklichen Angriff unternommen, weil man erſt die Ankunft der aus der Stadt herbeigezogenen Truppen erwarten wollte, und es war Mittag ge⸗ worden bis dieſe eintrafen; dann aber eröffneten beide Kriegsſchiffe auch ihr Feuer auf das kleine Fort. Der Schlag gegen die Empörer ſollte mit einem Mal ge⸗ führt und alle die Frevler vernichtet oder zerſtreut werden. Oben im Fort ſelber herrſchte indeſſen ein reges Leben. Die Frauen und Kinder hatten ſich ſchon bei Ankunft der Schiffe in die Berge geflüchtet, und nur ein Theil derſelben, meiſt lauter junge kräftige Wei⸗ ber, waren ihren Männern oder Vätern gefolgt, das Pittoreske der Scene dadurch nur noch erhöhend. Ueberall auf dem weiten geräumigen Plateau kauerten 8 24 ſie über den dampfenden Kochgruben, das Mittags⸗ mahl für die Krieger zu bereiten; mit dem ſchmalen Holzſpaten warfen ſie die Erde herab und lüfteten die über ſaftige Ferkel oder Brodfrucht gedeckten Blätter, zu ſehn ob ſie bräunen und gahr werden wollten, und breiteten dann die glatten Blätter der Banane oder des Tutuibaumes auf ebene Stellen aus, als Tiſch dem leckeren Mahle. Indianer und Europäer ſaße en dabei wild durcheinander geſtreut, und wenn irgend Jemand überhaupt bei der Gaſterei ausgezeichnet wurde, bei der nur die Häuptlinge für ſich einen 2 etwas erhöhten Platz gewählt hatten, ſo war es der Neger Pompey, dem die Frauen und Mädchen, viel⸗ leicht ſeiner brillant ſchwarz glänzenden Farbe wegen, die beſten Stücke ausſuchten und zuerſt die Cocosnuß zum Trinken reichten.„Pompey“ ließ ſich das auch ganz ruhig, und wie ein Mann, der an etwas der⸗ artiges gewöhnt iſt, gefallen, und that der Mahlzeit alle Ehre an, während er mit den Männern ſelber lachte und Geſchichten erzählte, und der Ausgelaſſenſte von Allen ſchien. Dann, in einem förmlichen Pa⸗ rorismus von Fröhlichkeit, warf er ſich nicht ſelten hintenüber, zwei Reihen der glänzendſten Zähne da⸗ bei zeigend, und die Eingeborenen ſchrieen und jubel⸗ ten um ihn herum. V Ein gar verſchiedenes Bild hiervon zeigte eine ——- 25 andere Gruppe, an einem der entfernteſten Theile der Verſchanzung, denn dort hatte der ehrwürdige Bru⸗ der Dennis, jeder Gefahr von Außen her trotzend und recht gut wiſſend daß die Franzoſen einen Angriff beabſichtigten, eine kleine Schaar ſeiner Gemeinde um ſich verſammelt, die in den wunderlichſten und oft nicht immer ehrerbietigſten Stellungen der Predigt lauſchten. Die meiſten ſaßen allerdings auf Steinen oder ausgebreiteten Matten, jeder ſeiner eigenen Be⸗ qemlichkeit folgend, ruhig und aufmerkſam vor ihm, andere hatten ſich aber auch, von den Schanzarbeiten ermüdet, der Länge lang ausgeſtreckt, und lauſchten mit halbgeſchloſſenen Augen der Predigt, mit leiſer Stimme die dann und wann geſungenen Hymnen nachbrummend, während noch Andere emſig dabei beſchäftigt waren ihr indeß gahr gewordenes Mittags⸗ brod mit ihren Holzſpaten zu Tag zu fördern, das ſie dann auch augenblicklich an Ort und Stelle, und zu gleicher Zeit der körperlichen wie geiſtigen Nahrung hingegeben, verzehrten. Ueberall aufgeſtellte Waffen, Musketen mit und ohne Bayonnette, Speere, ja hie und da ſogar noch Bogen und Pfeile, Keulen, Wurfſpeere, Caval⸗ lerie- und Infanterieſäbel, Aerte und Beile, gaben dabei dem ganzen Bilde ein kriegeriſches Ausſehn, und wild dazwiſchen herumtanzende Mädchen, ſich weder — 26 um die Predigt noch die Eſſenden kümmernd, vollen⸗ deten die Scene. Unordentlich durch einander ge⸗ würfelt lag und ſtand Alles, Niemand ſchien da, der einen Oberbefehl über das Ganze habe, oder irgend einen Einfluß darauf ausüben könne, und ohne Dach und Fach, nur hie und da mit ein paar raſch und unregelmäßig aufgeſetzten Pandanus oder Bananen⸗ blatt⸗Dächern, machte auch das ganze Lager weit eher den Eindruck einer wandernden bewaffneten Caravane, die ſich hier zur Mittagszeit eine kurze Raſt gegönnt und in der nächſten Stunde wieder aufbrechen würde, als einer wirklichen Befeſtigung, die beſtimmt war einem mächtigen Feinde auf längere Zeit Trotz zu bieten und Widerſtand zu leiſten. Und dieſe Waffen— roſtige Musketen und höl⸗ zerne Speere, Keulen und Beile, die ſich dem furcht⸗ baren Geſchütz der Feinde entgegenſtellen ſollten; wie Spott und grimmer Hohn lehnten die dünnen Lanzen an den Erdwällen und kauerten oder ſtanden die halb⸗ nackten Männer daneben, ihrem Geſchick verfallen wie es ſchien, wenn die geſchloſſenen Colonnen der Feinde anrücken und ihre donnernden Geſchütze die Todesbo⸗ ten in die kleine Veſte ſchmettern würden. Und hat⸗ ten ſie keine Ahnung der furchtbaren Gefahr die ihnen drohe?— noch war es Zeit, noch konnten ſie, durch Guiaven⸗Dickichte verſteckt die ſicheren Berge erreichen, 27 wohin ihnen der ſchwerfälligere Feind nicht zu folgen vermochte. Auch der finſtere Prieſter dort in der Ecke weckte mit donnernder Stimme die Unglücklichen zu Buße und Reue„in der elften Stunde.“ Die offene Bibel im linken Arm, die rechte gegen ſie ausgeſtreckt und das bleiche ausdrucksvolle Geſicht zum blauen Himmel flehend, zitternd emporgewandt, ſtand er da, ein mahnendes Bild dem Sünder, ein Wegweiſer zu dem Thron des Höchſten. Horch— ein leiſer Trommelwirbel vom andern Ende des Lagers— die Betenden wandten den Kopf halb danach um— fürchten ſie den anrückenden Feind? — Noch einmal, lauter als vorher und ein gellender Jubelruf der den Ton begleitet— „Horch!“ ſchrie eine jauchzen ide Mädchenſtimme, fortwerfend was ſie gerade in Händen hielt und in der Erregung des Augenblicks, von dem Feind be⸗ droht, ſelbſt die Nähe des ſonſt ſo ſo gefürchteten Miſſio⸗ nairs nicht achtend. Horch Horch wie der Trommel Schlag Wirbelt der Beandung nach Horch Lauert der Feind auch ſchon, Herzchen ich komme ſchon Horch!“ 28 Es war Maire, trotz dem noch lange nicht wie⸗ der gewachſenen Haar die tollſte der Schaar, die den Zwang erſt einmal abgeſchüttelt dem ſie unwillkürlich das Knie gebeugt, jetzt faſt gar nicht wußte wie ſie die verſäumte Zeit am raſcheſten und wildeſten wieder nachholen könne. „Maire! Maire!“ riefen einzelne Stimmen war⸗ nend, aber die Trommel wirbelte weit verlockender darein und die tolle Dirne war ſchon lange, von fünf oder ſechs andern jetzt gefolgt, zum Nationaltanz an⸗ geſprungen, dem ſie in ſeinen wildeſten Formen und Stellungen folgte. Aonui der fromme Häuptling und Potowai wa⸗ ren aufgeſprungen und ſchauten mit gerunzelten Brauen auf den Unfug, der ſelbſt im Angeſicht des frommen Miſſionairs verübt wurde, und dieſer ſprach einige ernſte drohende Worte zu den Männern. Aber die Männer waren nicht allein Chriſten, ſie waren auch Häuptlinge, und fühlten recht gut wie ſie jetzt gerade, im Begriff einen gefährlichen Kampf zu be⸗ ſtehen, dem jungen Volk nicht den tollen Muth weh⸗ ren durften, der wohl die Grenzen der Schieklichkeit übertritt, dann aber auch wieder im ernſten Kampf, dem ſtärkern Feind gegenüber, ihm die ſtarre und kecke Todesverachtung gab, in dem aufgeregten fröhlichen Blut. „Maire! Maire!“ rief Aonui endlich, aber mehr ermahnend als ſtrafend von ſeinem erhöhten Platze nieder,„wahre Dich Mädchen und denke an Deinen Gott— wer weiß ob Du nicht in der nächſten Stunde ſchon vor ſeinem Richterſtuhl ſtehſt—“ „Ich?“ ſchrie das tolle Mädchen in jubelnder Luſt zurück, während ſie das Oberkleid von den Schultern riß und von ſich ſchleuderte„ich?— Bah! Heut iſt ein Jubeltag Hörſt Du der Trommel Schlag? Da! Hei, wie der Wirbel rollt Betet ſo viel Ihr wollt. Da!⸗ Und jubelnd und jauchzend fiel der Chor ein, Männer und Frauen, denn viele von dieſen freute es, daß ſich dem ſonſt ſo gefürchteten Miſſionair eines der Mädchen keck entgegengeſtellt hatte, und die einzelne Trommel, ein altes engliſches Inſtrument, und in früherer Zeit einmal von irgend einem Kriegs⸗ ſchiff gegen wer weiß was für werthvolle Sachen eingetauſcht, ſchlug raſſelnd ein in den tobenden Chor, den das zürnende Gebet des Miſſionairs nicht über⸗ täuben konnte. Der fromme Aonui kam aber auf einen anderen 30 Ausweg, und mit den um ihn geſchaarten Seinen, denen er raſch ein Zeichen gegeben, begann er jetzt ohne Weiteres eines ihrer gewöhnlichen und von allen gekannten Kirchenlieder, das ſie im Chor ſo gern ſangen und dem ſich auch augenblicklich die Nächſten anſchloſſen. Weiter und weiter drängte die fromme Melodie hinein in die Maſſe, den Tanz und Sang der Einzelnen ſchon halb übertönend, mehr und mehr ſchwollen die Töne im vollen rauſchenden Chor, ein Preis dem Herrn in der Höhe und ein Gebet um ſeinen Schutz, ſeine Hülfe in Drangſal und Noth. Die Tänzer ſtanden ſtill und horchten den Tönen — ſelbſt der Trommler, der im Anfang wie in Scha⸗ denfreude nur ärger auf das geſpannte Fell losge⸗ ſchlagen, ſchwieg mit dem wilden Tanz und folgte leiſe dem Takte der Hymne mit den Schlägeln— wunderliche Begleitung dem frommen Lied: Dein ſei Lob, Ehre, Preis und Ruhm Der Liebe höchſtes Eigenthum— Erbarm Dich unſ'rer Sünden Und laß uns, oh Herr Zebaoth In Leid und Graus in Noth und Tod Vor Dir Herr, Gnade finden. Und wenn das letzte Strafgericht Im Sturm der Erde Veſten bricht Mit Deinen ſtarken Armen, 31 „Der Feind— der Feind!“ dröhnte da plötzlich ein gellender Schrei ſelbſt über das jetzt zum vollen Chor angewachſene Lied hinaus, das die Landbriſe weit weit hin über das Waſſer trug, aber die Sän⸗ ger ſtörte es nicht. Einzelne fluͤſterten das Schreckens⸗ wort nach,„der Feind— der Feind!“ und zwei oder drei ſprangen auf die Brüſtungen nach den erwarte⸗ ten Colonnen auszuſchauen, aber Aonui mit voller kräftiger Stimme, die Arme, wie Hülfe ſuchend zum Himmel aufgeſtreckt, erhob ſeine Stimme nun um ſo lauter, und donnernd überſchallte den Ruf der Schluß des Verſes: „Dann führe uns durch Nacht und Graus Zu Dir hinein, in's Vaterhaus— Erbarmen Herr— Erbarmen!“ „Der Feind! der Feind!“ ſchallte es jetzt aber dringender, gellender als vorher— von unten herauf tönten die ſcharfen ſchmetternden Töne der Trompe⸗ ten, und dumpfer Trommelſchlag wirbelte d'rein, wäh⸗ rend die ausgeſandten Läufer und Wächter athemlos aus dem, die Umſchanzungen begränzenden Holz brachen und die Nachricht brachten, daß der Feind in zwei ſtarken Colonnen anrücke, und ſich, wie es ſchien, zum Sturm rüſte auf das Fort. Oben wirbelte aber auch ſchon die Trommel den. Schlachtenruf, während die Männer nach ihren Waf⸗ — — Schllachtenſchrei, der das Echo in dieſen Thälern ſeit 32 fen ſprangen, und noch drängte und trieb Alles durch⸗ einander, in ungeordneten Haufen dem allerdings ſchon früher durch Teraitane für jeden beſtimmten Platze zuzueilen, als der erſte Gruß von den Schiffen herüber ſchmetterte, und die Uranie wie der Dampfer in voller Flankenſalve ihre Kugeln theils in dem Wall begruben, theils vor oder hinter ihnen die Guiavenſtämme krachend zuſammenſchlugen. 0 Einen Augenblick ſtand die Schaar wie erſchreckt; es war bei faſt allen das erſte Mal, daß ſie die furcht⸗ bare Wirkung einer ſolchen Kugel beobachten konn⸗ ten; Jim O'Flannagan aber, der ſeine Zeit bis dahin benutzt und während die andern getanzt oder geſun⸗ gen, auf eine Matte ausgeſtreckt ein ganz tüchtiges Miteagsſchläfchen gehalten hatte, ſprang bei dem, ihm gut genug bekannten Lauten empor, und den Hut um den Kopf ſchwingend, rief er ein donnerndes dröhnendes Hurrah den feindlichen Kugeln keck und furchtlos entgegen. Die Salve aber, die vollkommen erfolglos gewe⸗ ſen, wie der herausfordernde Ton des Iren, dem ſich Pompey jetzt zugeſellte und ſein zweites Hip hip hip hurra ertönen ließ, fand Anklang in den kecken und muthigen Herzen der Krieger, und der tahitiſche langen Jahren nicht geweckt hatte, brach in wilder jubelnder Luſt von ihren Lippen. Es war ein ſtilles, friedliches Volk, das den Krieg faſt ängſtlich ſo lange vermieden hatte, wie es nur irgend eine Ausſicht auf gütliche Beilegung ſeiner Zwiſtigkeiten ſah, das aber jetzt auch, da es die Frem⸗ den zu arg getrieben, rückſichtslos auf irgend eine größere Macht die noch vielleicht an ihre Küſte ge⸗ worfen werden könnte, die Waffen aufgriff, und nun mit eben dem kecken, vielleicht unbewußten Muth der Gefahr entgegenging, wie es früher in ſeine Kirche oder zu ſeinem Tanz gegangen war. Nur dieſer erſte Augenblick der Erwartung war peinlich— die Ungewißheit von welcher Seite der Angriff zuerſt geſchehen würde, und ob ſie es über⸗ haupt wagen würden die Eingebornen in ihrer feſten Stellung anzugreifen. Von dieſen, mit vielleicht zwanzig oder dreißig Europäern und vierzig oder fünfzig Frauen, waren etwa 1000 Krieger dort ver⸗ ſammelt; die Hälfte aber kaum mit ordentlichem Feuergewehr bewaffnet, führten die Anderen noch ihre alten hölzernen Speere von Oros Zeit, und Viele Schleudern und Wurſſpeere. Hier aber zeigte ſich jetzt ein gewaltiger Nachtheil gegen frühere Zeit, wo eben dieſe unſcheinbaren Waffen ſelbſt in den Händen der nackten Wilden zu furchtbarer Wehr durch die⸗ 3 Gerſtäcker's Tahiti. Iv. 34 Geſchicklichkeit geworden waren, mit der ſie ſich der⸗ ſelben zu bedienen wußten. Die Zeit war vorbei, denn die Miſſionaire hatten ihnen ernſtlich jede Art ſolcher„heidniſcher“ Waffenſpiele unterſagt gehabt, weil dieſe ihre Gedanken nur wieder zu dem alten viel zu ſehr geliebten Kriegsgott Oro zurückführen mußte, und ſie Alles zu vermeiden ſuchten, was die Erinnerung an jene Zeit ihrem Gedächtniß erhalten konnte. Die wenigen Eingeborenen, die ſich noch im Gebrauch der Schleuder— früher eine ihrer gefähr⸗ lichſten Waffen— tüchtig geübt gehalten, hatten ſich nie dem Einfluß der Miſſionaire unterworfen gehabt, oder es heimlich gethan, und Wurfſpeer ſowohl, wie Bogen und Pfeil die Hälfte ihrer Gefahr für die Angreifer verloren. Nichtsdeſtoweniger gab ihnen ihre feſte Stellung dafür wieder andere Vortheile, und mit trotzigem, jetzt faſt ungeduldigem Muth erwarteten ſie den immer noch hinausgezögerten Angriff. Eine Gefahr eriſtirt nur ſo lange ſie droht, und hat gewöhnlich all ihre Furchtbarkeit verloren, ſo bald ſte erſt wirklich einmal in's Leben tritt; das Leben kämpft dann dagegen an, und in dem Ringen gerade liegt die Vergeſſenheit derſelben. Schmetternder Trompetenſchall tönte herauf; von den Schiffen drüben blitzte es wieder in langer zucken⸗ der Reihe, und praſſelnd hagelte auf's Neue ein eiſer⸗ 35 ner Kugelgruß von da herüber gegen die kleine Veſte, von wo ſie mit trotzigem Jubelruf begrüßt und beant⸗ wortet wurde. „Dort kommen ſie, meine Burſchen!“ ſchrie da Pompey, der an der einen Flanke, ſeiner rieſigen Kräfte und vielleicht auch ſeiner ſchwarzen Farbe we⸗ gen, mit einem Anführerpoſten betraut war—„da kommen ſie, nun hurrah und wahrt Euer Feuer, bis ſie aus den Büſchen heraustreten und vollkommen draußen im Freien ſind— keinen Schuß eher, und keinen Speerwurf, wenn Ihr nicht den Mann ſchon faſt mit der Spitze erreichen könnt— verdamme die hölzernen Dinger“ murmelte er dann leiſe vor ſich hin— s'iſt doch nur ſo, als wenn man ſich nach Tiſch mit Zahnſtochern wirft.“ „Für die Bibel! für die Bibel!“ ſchrie Aonui auf der anderen Seite, wirklich ſeine Bibel im linken Arm, die er feſt an die Bruſt gedrückt hielt, indeß er mit der rechten Hand ſeine Muskete ſchwenkte— „für die Bibel Ihr Streiter Gottes, der Herr iſt mit uns und wird die Feinde zerſtreuen, wie Spreu vor dem Winde!“ Jim, der nicht weit von ihm ſtand, brummte etwas in den Bart und ſah nach ſeiner Muskete, während der ehrwürdige Mr. Dennis die meiſten der Frauen um ſich geſammelt hatte und mit ihnen im — 3* 36 brünſtigen Gebet auf den Knieen lag, vom Herrn der Heerſcharen die Abwendung ſo ſchweren Leides zu erflehen,„wenn das noch eben irgend möglich ſei, und mit ſeinen himmliſchen Rathſchlüſſen überein⸗ ſtimme.“ Näher und näher wirbelten die Trommeln, ſchmet⸗ terten die Hörner der Stürmenden; auf einer kleinen Anhöhe, nicht ſehr weit von dem Fort, aber etwas tiefer als dieſes liegend, waren mehre Feldſtücke auf⸗ gepflanzt, die von jetzt ein lebhaftes Feuer auf den Wall begannen, ohne jedoch irgend einen Schaden anzurichten, als hie und da ein paar der aufgeſchich⸗ teten Guiaven⸗Palliſaden einzureißen und einige leichte Verwundungen der nächſt dabei Stehenden zu verur⸗ ſachen, die aber kaum beachtet und mit nur heraus⸗ fordernderem Geſchrei beantwortet wurden. Jetzt aber rückten auch in geſchloſſenen Colonnen die Verſtärkungen von Papetee, eine Compagnie Marine⸗Infanterie mit den Soldaten des Phaeton und der Uranie und den dazu gegebenen Seeleuten, in geſchloſſenen Colonnen gegen die Verſchanzung an, und wo ſich ein Kopf irgendwo darüber blicken ließ, wurden gerathewohl Schüſſe hinübergefeuert, die Ein⸗ geborenen zu ſchrecken und zurückzuhalten, daß die Stürmenden den Wall erſt einmal erreichen und er⸗ ſteigen konnten. Aber weit furchtbarerer Widerſtand erwartete ſie hier als ſie je vermuthet hatten. Pompey, der ſein dunkles Geſicht einem dichten darübergehaltenen Guiavenbuſch anvertraut hatte, un⸗ beläſtigt die Stürmenden vor allen Dingen beobach⸗ ten zu können, gab zuerſt das Zeichen. Er hatte etwa fünfzig mit Musketen bewaffnete Männer unter ſei⸗ nem Befehl, denen er ſchon den ganzen Morgen mit größtem Eifer und vielem Erfolg das raſche Laden beigebracht und ſie den Werth bequemer Patrontaſchen gelehrt hatte, und kaum zeigte ſich die erſte Colonne im Sturmſchritt den ſteilen Hügel erklimmend, in dem Bereich ihrer Kugeln, als er mit gellendem Schrei ſeinen Arm, das verabredete Zeichen, empor⸗ warf, ſeine Büchſe aufgriff, und von ſeinen Leuten redlich dabei unterſtützt, eine wirkungsvolle Salve in die anſtürmenden Feinde gab, die vor ſolch unerwar⸗ tetem Gruß allerdings einen Augenblick ſtutzten und zurückprallten. Aber es war auch wirklich nur ein Augenblick, denn mit einem wilden, zornigen Hurrah, nicht allein jetzt den Feind zu beſiegen, ſondern auch die gefallenen Kameraden zu rächen, warfen ſich die Soldaten, raſch ihre Gewehre abfeuernd, und ohne ſich ſelbſt Zeit zu nehmen wieder zu laden, auf die Schanzen, den Wall mit Sturm zu nehmen und den dahinter verſteckten Gegner zu vertreiben. 38 Gleichen Anprall hatte Aonui abzuhalten, der aber den größten Theil der Europäer in ſeiner Schaar zählte und die Feinde ebenfalls mit wohlgezielten Schüſſen empfing. Aber auch hier, nach kaum ein⸗ mal gewechſelter Salve, flogen die Franzoſen zum Bayonnetangriff und nachdrängend in keckem Muth, warfen ſie ſich tollkühn gegen die Schanzen an. Hier aber zeigte ſich der Vortheil des zu Palliſa⸗ den benutzten Guiavenholzes, das ſtarr und elaſtiſch, die rauhen knorrigen und doch ſchwachen Aeſte überall hinausſtreckte, keinen Halt dem bietend, der ſich daran feſt klammern wollte, und doch auch wieder dem Druck nachgebend ſtatt zu zerbrechen. Wie in einer Falle gehalten ſtaken die erſten der Stürmer zwiſchen dem zähen überall auszweigenden Holz und die Speere der dahinter ſtehenden Wilden ſuchten und fanden mit leichter Mühe förmlich vertheidigungsloſe Opfer. Einzelnes Musketenfeuer praſſelte dazwiſchen— hie und da hatte ein Trupp tollkühner Franzoſen in die Lanzen und Bayonnette der Feinde hinein ſich ſeine Bahn erzwungen, und Poſto gefaßt auf dem Erddamm, von dem ſie vergebens jetzt niederzupreſſen ſuchten, die Einzelnen, in die Schaar der Feinde, einem gewiſſen Heldentod entgegen. Dazu ſuchten die weiter unten aufgeſtellten Feldſtücke alle die Plätze zu beſtreichen, wo kein franzoſiſches Militair im An⸗ griff war, die Feinde an dieſer Stelle wenigſtens von dem Damm zu halten; aber tiefer ſtehend als das Fort ſelber, waren ſie nicht im Stande irgend einen weſentlichen Schaden zu thun, und die Eingeborenen achteten die Kugeln gar nicht, die draußen harmlos in die Erdwälle oder in den Hügel ſelber einſchlugen. Wilder und todtlicher wurde das Handgemenge, beſonders da, wo Aonui an Jim O'„Flannagans Seite mit wahrem Heldenmuthe focht. Der alte Mann hatte aber doch die Bibel, die er bis dahin unver⸗ droſſen im Arm getragen, in der Hitze des Gefechts fallen laſſen, ohne es in der That gewahr zu werden, zweimal ſchon ſein Gewehr mit Erfolg auf den Feind abgefeuert, und eben wieder zum dritten Mal geladen. Jim O Flannagan, der Ire kämpfte neben ihm, und wenn auch nicht mit ſo kecker Todesverachtung wie der Indianer, vielleicht mit dafür deſto günſtigerem Erfolg, denn keineswegs geſonnen ſein Leben irgend einer unnöthigen Gefahr auszuſetzen, hielt er ſich immer etwas mehr im Rückhalt, jeden Platz aber dann um ſo gewandter und auch entſchloſſener ver⸗ theidigend, wo die Franzoſen irgend feſten Fuß zu faſſen drohten. Er wußte genau für was er kämpfe, und hatte überhaupt keine Idee gehabt, daß die„Frem⸗ den“ einen ſolchen ernſten Angriff auf das kleine Fort beabſichtigen könnten. Jetzt aber durfte er den Platz 40 nicht gut mehr verlaſſen, ohne bei den Eingeborenen als feige verſchrieen zu werden und die einzige Vor⸗ ſicht die er nun brauchte, war ſein Geſicht ſo wenig als möglich auf dem Wall zu zeigen, während er doch ſelber dann und wann einmal einen Blick nach unten zu gewinnen ſuchte, ob er nicht ſeinen gefährlichſten Feind und Gegner unter den Stürmenden entdecken und vielleicht unſchädlich machen könne. Die Matroſen der Jeanne d'Arc waren allerdings bei dem Sturm betheiligt, denn Einer von ihnen, der ſich zu keck den Uebrigen vorausgewagt, lag von Jims Kugel getroffen todt in dem inneren Wall, der Strohhut war ihm vom Kopf gefallen und das breite ſchwarze Band darum trug den vollen Namen des „ Schiffes. Vergebens ſuchte er aber nach jenem Of⸗ ficier, die Leute der Jeanne d'Arc ſchienen von Frem⸗ den, ihm wenigſtens Unbekannten angeführt zu wer⸗ den, und zwei von dieſen hatte er ſchon, immer nur ſein Augenmerk auf die eine Schaar gerichtet, den einen gleich auf dem Fleck erſchoſſen, den andern tödt⸗ lich verwundet, daß er fortgetragen werden mußte. Pompey auf ſeiner Seite hatte ebenfalls mit den ihm beigegebenen Leuten, Wunder der Tapferkeit ge⸗ than, und die nackten Burſchen warfen ſich mit kalt⸗ blütiger Todesverachtung immer auf's Neue dem ſchar⸗ fen Stahl der Bayonnette entgegen, hier mit Schleu⸗ 41 der und Wurfſpeer, auf die kürzeſte Entfernung oft in einem förmlichen Kugelregen ihr Opfer ſuchend und findend, und dort, unter den drohenden Waffen der Feinde gefallene oder verwundeke Kameraden herausholend, als ob ſie ſicher im Schatten ihrer Palmen lägen. Teraitane hatte den Oberbefehl des Ganzen, aber weder ſein Befehl noch ſeine Stimme wurde in dem Gewirr von Tonen, dem Schießen und Schreien, Trompeten und Trommeln gehört, während bald darauf, indeß der Wind ſich nach dem Zenith der Sonne wieder legte, der Pulverdampf wie ein dichter Schleier auf dem Hügel lag, und ein Feuern von den Schiffen aus ganz unmöglich machte, indem ſie von dort nicht mehr Freund und Feind unterſcheiden konnten. Und ſelbſt im Einzelkampf war dieſer Pul⸗ verqualm den Eingeborenen günſtig, denn die Fran⸗ zoſen konnten von ihrer Schießwaffe erſt in einer Ent⸗ fernung Gebrauch machen, wo ſelbſt die leichten Wurfſpeere tödtlich wirkten und die ſicher geſchleuder⸗ ten Steine manches Opfer trafen und zu Boden war⸗ fen. Aber auch erbittert durch den unverhofften Wi⸗ derſtand warfen ſich die Matroſen. beſonders, immer auf's Neue gegen den Wall, von ihren Officieren unerſchrocken angeführt, einen Eingang zu erzwingen und den Feind in ſeine Berge zu treiben. 42 Bertrand führte übrigens wirklich die Seeleute vom Bord der Jeanne d'Arc, wenn ihn Jim O'Flan⸗ nagan auch noch nicht geſehn, und Adolphe focht mit einer kleinen und ſchon tüchtig zuſammengeſchmolze⸗ nen Schaar der Marine⸗Infanterie an ſeiner Seite, ſelber aus mehren Wunden blutend, aber unbeküm⸗ mert darum die Seinen immer zu neuen Anſtrengun⸗ gen treibend. Die Trompeten und Trommeln waren ihnen da⸗ bei mehr zum Schaden als Nutzen geweſen, denn während ſie die Leute, die deſſen kaum noch bedurften, mehr anfeuern ſollten, verriethen ſie den Belagerten immer ſchon im Voraus die genaue Stelle wo der nächſte Angriff geſchehen ſollte, und zogen ſie dorthin, den Stürmenden ihre ganze Macht entgegenzuwerfen. Bertrand ſandte deshalb jetzt auf Adolphes Rath ſeine Trommler ſowohl wie Trompeter, durch die Guiaven und den Nebel gedeckt, am Hang hinunter, von dort aus, wenn ſie das Fort eine kurze Strecke umgangen hatten, einen Scheinangriff zu blaſen, während ſie dann zu gleicher Zeit auf anderer Stelle das Fort ſuchen wollten zu forciren. Glücklich und unbemerkt hatten dieſe auch, von einem jungen Seecadetten ge⸗ führt, die eben bezeichnete Stelle erreicht, und wie ſie dort zum Angriff blieſen und den, von den Einge⸗ borenen jetzt nur zu gut gekannten Sturmmarſch wir⸗ 43 belten, flogen die meiſten der Vertheidiger dort hin, dem erwarteten Angriff zu begegnen. Teraitanes ſcharfes Ohr hatte aber gleich vom erſten Augenblick mistrauiſch den etwas zu ungewöhn⸗ lich lauten und herausfordernden Tönen gelauſcht, und raſch die Blöße entdeckend, die auf der einen Seite der Verſchanzung gegeben wurde, während auf der anderen noch immer kein Schuß fiel, ſprang er vor und rief Aonui mit ſeinen Leuten von dort ab, auf ihrem Poſten zu bleiben und ihre Seite des Walles zu vertheidigen. Er brauchte ihnen aber ſeine Gründe nicht auseinanderzuſetzen, denn in demſelben Augen⸗ blick faſt hörten ſie den raſchen regelmäßigen Schritt einer ſtürmenden Schaar, die lautlos und drohend heranrückte. „Wehrt Euch!“ rief Teraitane„und Feuer! ſo⸗ bald Ihr ſie ſehen könnt!“ und unter dem Knall der Musketen warfen ſich die von Bertrand und Adolphe geführten Seeleute dem kleinen ſchwachen Corps, das dieſe Stelle noch beſetzt hielt, entgegen, erzwangen den Damm und warfen die Guiavenbüſche, während ein Theil der Truppe die Eingeborenen mit dem ge⸗ fällten Bayonnette zurückhielt, hinter ſich hinab, freie Bahn zu bekommen für ſich und die Nachfolger, und drangen dann, während die hinten Stehenden ſo raſch 44 als möglich nachpreßten, gerad' hinein in die ihnen entgegenſtarrenden Speere und Bayonnette. Die Piſtolen der Matroſen thaten hier ſchlimme Wirkung, und trotz dem daß ſich Aonui mit den Sei⸗ nen in voller Todesverachtung den feindlichen Kugeln ausſetzten, und ihnen jeden Zollbreit Raumes mit ſcharfer Waffe ſtreitig machten, faßten die Franzoſen ſchon mehr und mehr feſten Fuß, ſelbſt bis in die Verſchanzung ſelber hinein, wo ſie ſich auch vielleicht, waren ſie in dieſem Augenblick von Außen gehörig unterſtützt, behauptet hätten. Der Nebel der ihr Ein⸗ dringen aber begünſtigte, verhinderte auch die Freunde die errungenen Vortheile zu ſehn, während der gel⸗ lende Schlachtenſchrei Teraitanes die Seinen zu ſich rief, die jetzt in mehren Trupps, dort Gefahr wiſſend, herbeiſtürmten. Auch Pompey, der ſich mit durch den falſchen Alarm der Trompeten und Trommeln hatte täuſchen laſſen und nach dort zu vergebens einen Augenblick hinausgehorcht, den anrückenden Feind in dem Nebel erſcheinen zu ſehn, hörte jetzt den Schlachtenlärm zu ſeiner Rechten, und die ihm nächſten Indianer raſch an ſich rufend, ſprang er mit ihnen der bedrohten Stelle zu. Bertrand kämpfte hier in den vorderſten Reihen, mit unerſchütterlicher Kaltblütigkeit die nach ihm ge⸗ 45 3 richteten Stöße parirend und mit ſcharfer Klinge ſich mehr und mehr Bahn hauend in den Menſchenknäul; da fiel ſein Blick plötzlich auf eine bekannte Geſtalt — er ſah die Mündung eines Gewehrs, faſt dicht vor ſich, auf ſeinen Kopf gerichtet und behielt eben noch Zeit mit dem Säbel unter das auf ihn zeigende und gerad' erreichbare Bayonnett zu ſchlagen, als auch die Kugel ſo dicht über ſeinem Kopf hinpfiff, daß ſie ihm einen Theil der Haut mitnahm! „Hund!“ ſchrie er in demſelben Augenblick und warf ſich auf den erkannten Verbrecher, und während er die nach ihm geſtoßene Waffe noch einmal parirte, führte er mit dem Säbel einen ſo gut gemeinten Hieb nach der Stirn des Iren, daß nur eine raſche Wen⸗ dung von deſſen Kopf dem Streich das tödtliche nahm, während die ſcharfe Waffe an der Seite ſeines Schä⸗ dels nieder fuhr, den oberen Theil des linken Ohres mit nahm und auf dem Schlüſſelbein abprallte. Zu gleicher Zeit ſprang Bertram zu und den Iren mit der Linken faſſend, wollte er ihn eben zurück und nach ſeinen Leuten zu reißen, als Pompey mit der Ver⸗ ſtärkung auf dem Kampfplatz erſchien und mit ſolcher Wucht gegen den Franzoſen anprallte, daß dieſer ſei⸗ nen Gefangenen loslaſſen mußte und alle ſeine Stärke und Gewandtheit gebrauchte, ſich gegen den neuen rieſigen Feind zu vertheidigen. 46 Die Soldaten und Matroſen fanden ſich aber in dieſem Momente auch ſo von allen Seiten bedrängt, daß an ein Vordringen weiter gar nicht mehr gedacht werden konnte, ja Bertrand faſt ſogar der Rückzug abgeſchnitten wäre, hätte ſich nicht Adolphe mit ſeinen regulären Truppen, die eigene Gefahr misachtend, hineingeworfen, ihn heraushauen zu helfen, während von der andern Seite der erſte Lieutenant der Jeanne d'Arc ebenfalls mit einem kleinen Trupp Matroſen einen Scheinangriff machte, die Aufmerkſamkeit der Belagerten von dort in etwas abzulenken und den Kameraden Luft zu gönnen. „Hierher meine Jungen“, rief dieſer ſeinen Leuten zu,„hinein mit Euch, und treibt mir die rothen Schufte da einmal zu Paaren,“ und über einen niedergeſchoſ⸗ ſenen Guiavenſtamm ſpringend wollte er eben über. einen kleinen freien Raum der innern Schanze laufen, von ſeinen Leuten gefolgt den Kameraden Hülfe zu bringen, als eine pulverrauchgeſchwärzte Geſtalt auf ihn zuſprang die er in dem von Blut entſtellten Zü⸗ gen kaum wieder erkannte, und mit heiſerer Stimme ihn anſchrie: „Hallo mein Herzchen, eiſ Du hierhergekommen uns einmal zu beſuchen“ und der Burſche richtete dabei, auf kaum zwei Schritt Entfernung ein weit⸗ mündiges Sattelpiſtol auf den Officier— „Schurke!“ ſchrie dieſer, ſeinen entſprungenen Matroſen in ihm erkennend—„Du meldeſt Dich gerade zur rechten Zeit,„und zum Hiebe ausholend wollte er auf ihn einſpringen, als Jack, der ruhig ſeine Zeit erwartet hatte, ihm das Piſtol ſo nahe vor den Augen abfeuerte, daß der Pulverblitz ſeine Augen⸗ wimper verſengte und die Rehpoſten mit denen es geladen war den Unglücklichen mit zerſchmettertem Hirn zu Boden warf. „Vergeltung— Rache!“ jubelte der Matroſe und ſtieß einen gellenden Freudenſchrei aus, der von der anderen Seite des Forts beantwortet wurde, und von dort her ſtürmte neue Hülfe. Die Seeleute aber, die ſich nicht weiter unterſtützt ſahen und dem neuen An⸗ prall nicht hätten die Stirne bieten können, faßten ihren erſchoſſenen Officier auf, und zogen ſich damit, durch vorgehaltene Bayonnette ihren Rückzug deckend, wieder die Schanze hinauf und jetzt, den Hörnern folgend die von allen Seiten den wirkl lichen Rückzug blieſen, in die Guiaven hinein, dem ſchon wieder eröffneten Feuer nicht länger und nutzlos ausgeſetzt zu ſein. Es wäre unmöglich den Jubel zu beſchreiben, der bei dem Rückzug, ja der Flucht der Feinde, in der kleinen ſo tapfer vertheidigten Veſte ausbrach. Im erſten Augenblick konnten ſie ihren Sieg noch nicht 48 gleich überſehen, denn der Nebel lag zu dicht auf der ganzen Kuppe, als aber jetzt ein Windſtoß von der See herüber die duftigen Schleier faßte und ausein⸗ ander riß, ſie rechts und links in die ſteilen Schluch⸗ ten hineinzudrängen, und der Feind, von dem wilden Anprall der Eingeborenen zurückgeworfen, nirgend mehr zu ſehen war, ja ſeine Todten und Verwunde⸗ ten ſogar hatte zurücklaſſen müſſen, da tönte ein gel⸗ lender, trotziger Jubelſchrei aus den Kehlen der Sie⸗ ger, und der eigenen Wunden nicht achtend ſprangen und rannten ſie, ihre Speere und Waffen ſchwingend wild und toll umher. Während ein Theil aber wieder, raſch um den Miſſionair geſammelk, zu einer Dankeshymne die Stimme erhob, dem Herrn der Heerſchaaren, der ſeine Hand über ihnen gehalten in der ſchweren Stunde, flogen die Mädchen und jungen Leute wieder zum kecken ausgelaſſenen Tanz. Maire vor Allen, auf den blutgetränkten Boden des einen Walles ſpringend, auf dem der Kampf am hartnäckigſten geweſen und wo ſelbſt die Guiavenbüſche von den Stürmenden wie Belagerten zur Seite geriſſen waren, freien Spielraum für ihre Waffen zu haben und Auge in Auge den Gegner zu treffen und zu bekämpfen, war die tollſte; dort ſtand und ſprang jetzt das halbnackte, bildſchöne wilde Mädchen mit blitzenden funkelnden Augen in 49 den wildeſten unanſtändigen Gebärden ihres Tanzes nach den Schiffen hinüber ſpottend und drohend— „Kommt!“ ſang oder ſchrie ſie vielmehr dabei, denn die Adern ihrer Schläfe waren zum Zerſprin⸗ gen angeſpannt, Kommt Ihr Feranis her— Habt Ihr den Muth nicht mehr? Kommt— Hei wie Ihr laufen könnt Hei wir Ihr— 2* Ein wilder, gar nicht dieſer Erde angehören⸗ der Schrei endete das kecke Lied, und die Arme emporwerfend, während von einer benachbarten, kaum zugänglichen Felskuppe der Donner der Geſchütze ganz in der Nähe herüberſchmetterte und die überraſchten Eingeborenen erſchreckt aufſchauen machte nach dem neuen Gegner— flog der von einer Kartätſche zer⸗ riſſene Körper der jungen Tänzerin— ein furcht⸗ barer Anblick— über den inneren Wall herunter in die Verſchanzung. Einzelne Kugeln ſchlugen noch außerdem hie und da ein, und zum erſten Mal erkannten die Belagerten jetzt daß die Feinde, während des Nebels jedenfalls, eine beſſere und höher gelegene Poſition für ihre Ge⸗ ſchütze eingenommen hatten, und wenn ſie auch ſich Gerſtäcker's Tahiti. Iv. 4 50 nicht denken konnten wie die Feranis den faſt unzu⸗ gänglichen ſchmalen Pfad dort hinauf allein gefun⸗ den haben konnten, ließ ſich doch die Thatſache ſelber, die ihnen Kugel nach Kugel herüber ſandte, nicht verleugnen. Die Franzoſen hatten aber auch in der That den Platz durch Verrath genommen, und zwar von einem „Capitain Henry“ wie behauptet wird dem Sohn eines engliſchen Miſſionairs, ſelber geführt, der dem franzöſiſchen Commandant zuerſt den Angriff auf je⸗ nen ſo vortrefflich befeſtigten Punkt ganz abgerathen und jetzt, als der Angriff zurückgeſchlagen worden, den Sieg dadurch auf Seite der Franzoſen zu lenken ſuchte, daß er ihnen den Pfad zeigte, ihre Geſchütze günſtiger placiren und damit zum Theil die innere Verſchanzung der Eingeborenen beherrſchen zu können. Durch den Nebel begünſtigt, als abgeſchickte Boten den wahrſcheinlichen Ausgang des Kampfes gemeldet, wurden die Geſchütze an Ort und Stelle hinaufge⸗ ſchleppt und die erſte Ahnung welche die Eingeborenen von der gefährlichen Nähe bekommen, war eben die, voon dort herübergefeuerte erſte Salve. „Damn it!’ ſchrie Pompey, als er einen mehr zornigen als überraſchten Blick dort hinüber gewor⸗ fen—„wir ſtürmen das Neſt da oben, und werfen 1 3 51 — 1 ihnen nachher ihre Kugeln auf die Schiffe zurück! wer geht mit?“ Ein wildes jubelndes Geſchrei antwortete ihm, und die trotzigen halbnackten Geſtalten griffen ihre Waffen feſter und machten ſich ſchon bereit, nur eben der erſten Andeutung folgend, ihre Leiber todesmuthig der Gefahr entgegenzuwerfen. Teraitane aber, der das Terrain dort beſſer kannte und die Unmöglichkeit einſah, von hier oben die faſt ſteile Wand zu den Kanonen hinaufzulaufen, während ſie noch dazu von der Artillerie vertheidigt werden konnte, wollte ſeine Einwilligung nicht geben und hielt, einen neuen Sturm auf das Fort jetzt, unter dem Schutz jener Kanonen mit Recht erwartend, die Seinen zurück. Auf dieſen ſollten ſie auch gar nicht ſo lange zu warten haben; der erſte Lieuteuant der Uranie, der den Oberbefehl über die Stürmenden führte, konnte von einer kleinen Anhöhe aus den neuen und vor⸗ theilhaften Stand ihrer Geſchütze erkennen, und die Hörner riefen ſeine Leute, die Ueberraſchung des er⸗ ſten Augenblicks zu benutzen, ſchnell wieder zum er⸗ neuten Angriff des Forts herbei. Hier aber fanden ſie trotzdem noch immer den alten, hartnäckigen Widerſtand, und eine halbe Stunde 4* 52 mochte der erbitterte Kampf, Fuß an Fuß von beiden Seiten gedauert haben, wobei den Eingeborenen die höher ſtehenden Kanonen der Feinde allerdings we⸗ ſentlichen Schaden thaten, als Pompey endlich, nach kurzem Kriegsrath mit Teraitane und Aonui einen Rückzug in die Berge beſchloß, theils von einer an⸗- deren Bergſpitze aus die dort ſtationirte Artillerie im Rücken zu faſſen, theils die Franzoſen zu verlocken ihnen in das Dickicht nachzufolgen, und ſie dann, von den Guiaven geſchützt zu umzingeln und abzuſchnei⸗ den, während ihnen die eignen Kanonen im Dickicht keinen Beiſtand mehr leiſten konnten. Teraitane war nicht ganz damit einverſtanden, denn er fürchtete, daß ſich die Franzoſen vielleicht in dem Fort feſt ſetzen möchten, wo ſie dann gezwun⸗ gen geweſen wären den Platz, den ſie jetzt behaupte⸗ ten, wieder zu erſtürmen, Aonui und die Uebrigen aber, die den Verſuch wenigſtens gemacht haben woll⸗ ten die gegen ſie ſpielenden Kanonen wegzunehmen oder zu verjagen, überſtimmten den Führer, und die Frauen voranſchickend, die einen Moment freier Zeit benutzten über den offenen Platz zu fliehen, folgten die Krieger jetzt in kleinen einzelnen Trupps aus dem Fort hinaus bergan, die Verſchanzung für den Augen⸗ blick den Feinden vollkommen überlaſſend. Unten von den Schiffen aus, und während die 53 Soldaten mit Jubelruf von dem verlaſſenen Fort Beſitz ergriffen, ſahen ſie aber kaum die hellgekleideten Geſtalten hinter den Verſchanzungen ſichtbar werden, als ſie, wo das nur irgend anging, ihre Kugeln darauf richteten, und die Eingeborenen fanden ſich plötzlich in einem eiſernen Regen, der rechts nud links Verderben brachte. Furchtbar war die Wir⸗ kung der ſchweren Kugeln in dem dichten Oberholz der Mapes und Wibäume und einzelne Cocospal⸗ men ſplitterten im Stamme von einander, und war⸗ fen die gewaltige ſchwere Krone raſſelnd in die Tiefe, ihre gewichtigen Früchte auf die Flüchtigen nieder⸗ hagelnd. Aber die Franzoſen dachten gar nicht daran dem Feind zu folgen, denn ihre Reihen waren ſelber furcht⸗ bar gelichtet, und nur raſch ihre Todten zuſammen⸗ tragend und mit etwas Sand und Erde leicht über⸗ werfend, griffen ſie die Verwundeten auf und zogen ſich mit ihnen, völlig damit zufrieden den Feind wie ſie glaubten, aus der Schanze geworfen zu haben, raſch zurück auf die Schiffe. Die Artillerie ſchlug indeſſen allerdings den toll⸗ kühnen Angriff der Eingeborenen auf ihre, faſt un⸗ einnehmbare Stellung zurück, hatte aber ebenfalls, da ſie das Fort geräumt ſah, keine weitere Veran⸗ laſſung dort oben zu bleiben und folgte, auf dem 5 1 1 1 54 Rückzug noch von einzelnen Trupps der durch den Wald zerſtreuten Inſulaner arg beläſtigt, der übri⸗ gen Mannſchaft nach den Schiffen. Die Verwun⸗ deten wurden meiſt Alle auf die Fregatte gebracht, und wenige Stunden ſpäter lichteten die beiden Kriegsſchiffe, noch auf Alles unverdroſſen feuernd was ſich am Ufer nur einigermaßen verdächtig zeigte, 1 die Anker und ſegelten nach Papetee zurück. Capitel? Alte Abrechnungen. Noch an demſelben Abend liefen die Schiffe, die günſtige Seebriſe benutzend, wieder in den Hafen ein, wohin ſie aber, wenn auch als Sieger zurückgekehrt, keine freudige N Nachricht brachten. Der unerwartet kräftige Widerſtand den ſie gefunden, die Tapferkeit der Ein⸗ geborenen, die noch dazu weit beſſer bewaffnet waren als man vermuthen konnte, der Verluſt vieler braver Soldaten und ſelbſt von vier Officieren, warf einen düſteren Schatten über den Siegesmarſch, mit dem die Truppen an der Landung aufmarſchirten, und konnte wahrlich nicht durch den langen Trauerzug der Verwundeten, denen man an Land beſſere Pflege zu gewähren hoffte, gemildert werden. 56 Selbſt die kleine Stadt, von der man nicht ein⸗ mal aller Eingebornen ſicher war, ſchien gefährdet, und ausgeſandte Spione meldeten auch allerdings, daß ſich kleine Trupps bewaffneter Inſulaner ganz in der Nähe zeigten und recognoscirten; vielleicht gar mit der Abſicht einen Ueberfall zu wagen und die dort aufgeſpeicherten Vorräthe der Feinde wegzunehmen, wie auch den Feind aus dieſem wichtigſten Anhalte⸗ punkt— dem beſten Hafen der ganzen Inſeln zu verjagen und die Flagge der Pomaren, deren Bedeu⸗ tung ſie erſt jetzt ordentlich anfingen einzuſehn, wie⸗— der an ihrer alten Stelle aufzupflanzen. René hatte noch an demſelben Abend Adolphe aufgeſucht, den Verlauf des Tages zu erfahren; er ſelber war ebenfalls jetzt auf Papetee angewieſen, denn die Eingeborenen ſtreiften überall in kleinen Trupps um die Stadt herum und ſein Haus war, mit dem wenigen was er noch darin gelaſſen, von irgend einer boshaften oder muthwilligen Schaar an⸗ gezündet worden und bis auf den Grund niederge⸗ brannt; ein Inſulaner der dort nicht weit entfernt wohnte und ſeinen Landsleuten ebenfalls als es mit den Feranis haltend, bekannt war, hatte, ihren Zorn fürchtend, die Flucht ergriffen und die Nachricht mit nach Papetee gebracht. Seine Papiere trug er aber bei ſich, und ſeine 57 wichtigſten Effecten waren ſchon glücklicher Weiſe mit Sadie nach Atiu hinüber geſandt worden, der Verluſt des Uebrigen kränkte ihn deshalb wenig. Er ſah übrigens auch daraus wie die Eingeborenen ihm, jedenfalls ſeiner Abſtammung wegen, ſelber geſinnt wären, und ſein baldiger Abſchied von Tahiti ſchmerzte ihn deſto weniger. Die Nacht ſchlief er mit in dem Bambusſchuppen, in dem Adolphe einquartirt lag, und beſchloß am nächſten Morgen, als er hörte daß Gouverneur Bruat ſchon weit früher als man erwartet hatte zurückge⸗ kehrt ſei, dieſem ſeine Aufwartung zu machen, und die Erlaubniß zur Abreiſe einzuholen. Der Gouverneur hatte allerdings, durch den plötz⸗ lich ausgebrochenen Krieg auf Tahiti, vor der Hand ſeine Inſpektionsreiſe nach den Nachbarinſeln aufge⸗ geben. Hier mußte vor allen Dingen der Friede wie⸗ der hergeſtellt, mußten die Eingeborenen unterworfen oder wenigſtens eingeſchüchtert ſein, ehe er ſelber wa⸗ gen durfte ſich von dem Hauptſchauplatz zu ent— fernen. 2 Bertrand, der übrigens ſelber mehrfach, wenn auch nur leicht, in dem geſtrigen Kampf verwundet war, übernahm es ihn anzumelden und ſein Geſuch ſchon gleich von vornherein zu bevorworten. Gou⸗ verneur Bruat empfing ihn auch in der That unge⸗ 58 mein freundlich, und ſeiner Bitte ſtand nicht das Mindeſte mehr im Weg. „Es thut mir leid, lieber Delavigne, daß ich Sie das nicht habe ſchon vor einigen Tagen, wenigſtens vor meiner Abreiſe wiſſen laſſen, noch dazu da es ſie in ihren Familienverhältniſſen derangirt hat, aber Sie müſſen mich wirklich mit dem tollen Treiben un⸗ ſerer Gegenwart entſchuldigen, das meinen armen Kopf ſo entſetzlich in Anſpruch genommen. Man möchte jetzt in einem Augenblick überall ſein, theils zu mäßigen theils zu verhüten und ich weiß wirklich nicht wem man im gegenwärtigen Moment mehr auf die Finger zu ſehen hat, eben den Eingeborenen, oder unſeren Freunden, den Engländern und Amerikanern. „So kann ich alſo Tahiti verlaſſen wann ich will, und bin von dem unwürdigen Verdacht der auf mir, wunderbarer Weiſe ruhte, freigeſprochen?“ frug René. „Lieber Delavigne, ich habe Sie noch keinen Augenblick in Verdacht gehabt“ lachte der Gouverneur, und es würde mir nicht eingefallen ſein die Sache auf eine, für Sie ſo unangenehme Weiſe hinaus zu dehnen, hätten wir nicht, allerdings anonym, eine förmliche Anklage gegen Sie eingeſchickt bekommen, die wir ſchon, um wenigſtens ſpätere Misdeutungen zu vermeiden, nicht ganz ignoriren durften.“ 59 „Eine Anklage gegen mich?“ frug Rent erſtaunt. Monſieur Bruat nickte achſelzuckend mit dem Kopf. „Von einem Landsmann?“ frug der junge Mann weiter. „Wohl ſchwerlich— der Brief war engliſch, die Hand aber jedenfalls verſtellt und hie und da mit orthographiſchen— vielleicht übrigens abſichtlichen Fehlern. Doch dem ſei wie ihm wolle“ brach er raſch ab,„die Sache iſt vorbei und jeder Form ge⸗ nügt; außer dem haben wir auch ſeit einigen Tagen ziemlich gegründete Urſache einen Engländer ſelber der That in Verdacht zu halten, der ſchon eines an— deren Verbrechens angeklagt ſteht, und geſtern auch eben bei den Empörern geſehen iſt. Vielleicht hat auch der den Brief geſchrieben.“ „Das glaub' ich ſchwerlich“ ſagte René kopf⸗ ſchüttelnd,„den Dienſt hat mir vielleicht ein guter Freund geleiſtet. Kennen Sie den Namen des ver⸗ dächtigen Engländers?“ „Jim O Flannagan.“ „Aha, ich kenne den Burſchen zes iſt ein Ire.“ „So?— moͤglich, nun von Tahiti fort kann er nicht, und da hoffe ich denn bald ſeine nähere Be⸗ kanntſchaft zu machen. Aber wie wollen Sie ſelber jjetzt nach Atiu hinüberkommen? haben Sie irgend eine Gelegenheit?“ 60 „Im Augenblick nicht“ entgegnete René,„doch wird ſich die ſchon finden, die Miſſionscutter kreuzen ja immer dann und wann einmal herüber und hinüber.“ „Die Miſſionairt entwickeln überhaupt eine wun⸗ derbare Thätigkeit in dieſer Zeit“ entgegnete finſter der Gouverneur—„und ſie ſollten ſich doch Mr. Pritchards Beiſpiel zu Herzen nehmen. Ich werde ſie ſcharf überwachen laſſen, und dann unnachſichtlich das an ihnen zur Ausführung bringen, was ſie ſel⸗ ber, ohne ſogar Veranlaſſung dazu gehabt zu haben, an unſeren eigenen Prieſtern ausgeübt. Daß dieſe Herren immer das geiſtliche und weltliche Regiment mit einander verwechſeln, und gar ſo gern aus dem einen in das andere hinüberpfuſchen wollen. Doch dem ſei wie ihm wolle, wir werden den Herren zu begegnen wiſſen, und ſie haben es ſich ſelber zuzu⸗ ſchreiben wenn ſie nachher vielleicht etwas rauher be⸗ handelt werden, als ihrer Bequemlichkeit und ihrer Stellung zuſagt.“ „Ich glaube daß hie und da ein freundliches Wort zwiſchen den Eingeborenen und der jetzigen Re⸗ gierung manches Unglück vermeiden könnte“ ſagte René nachdenkend—„den Inſulanern ſind eine Menge falſcher Begriffe beigebracht, und mit unſern Sitten und Gebräuchen nicht bekannt, erſcheint ihnen theils Manches ſchroffer als es im Anfang gemeint war, theils haben wir ſelber Vieles was ſie gethan zu ſtreng und ernſt genommen. Die aufgezogene Flagge vor dem Haus der Königin z. B. hatte mei⸗ ner Meinung nach keineswegs die Bedeutung die ihr der Admiral gab; es muß zu Misverſtändniſſen füh⸗ ren, wenn wir denſelben Maßſtab unſerer Handlun⸗ gen an den der Eingeborenen legen wollen. Ich bin feſt überzeugt daß Pomare in der Krone nichts weiter wie ein glänzendes Spielzeug ſah.“ „Pomare vielleicht“ ſagte der Gouverneur,„aber nicht die ſie ihr gaben— der Inſulanerin gegenüber hätte es vielleicht kaum einer Gegendemonſtration be⸗ durft, das geb ich zu, aber die Miſſionaire wußten recht gut um was es ſich handelte, und deren Aus⸗ legung wäre allein nach England und Frankreich hinüber berichtet worden.“ „Und die arme Pomare verlor darüber ihr Reich.“ Der Gouverneur zuckte mit den Achſeln. „In einer Hinſicht haben Sie übrigens recht“ ſagte er nach einer kleinen Pauſe, in der er einige Mal mit ſchnellen Schritten im Zimmer auf und ab gegangen war;„ich glaube ſelber daß ein Wort der Verſtändigung zu ſeiner Zeit weit mehr wirken würde, als die aufgepflanzten Kanonen und Bayonnette un⸗ ſerer Soldaten. Mir liegt beſonders daran weiteres 42 Blutvergießen zu vermeiden, auch ſind wir hier gar nicht ſo ſtark, viele Siege wie der geſtrige ge— winnen zu können, der uns vier unſerer beſten Offi⸗ ciere und— und ſehr viel gute Soldaten und Leute gekoſtet hat. Um ſo mehr leid thut es mir deshalb jetzt gerade Sie, lieber Delavigne zu verlieren, da eben Sie vor allen Anderen, in Ihrer Stellung zu den Eingeborenen, im Stande wären manches Gute zu wirken, manchen Conflict zu vermeiden. Wir würden Ihnen auch ſehr dankbar ſein, wenn Sie ſich entſchließen könnten uns, wenigſtens einen kleinen Theil Ihrer Zeit zu widmen. Nicht allein daß ſie dadurch den Inſulanern ſelber einen ungemein großen Dienſt erweiſen, denn auf die Länge der Zeit kön⸗ nen ſie ja nun doch einmal unſeren Waffen nicht Stand halten, während ſie von jeder weiteren Hülfe durch unſere Schiffe abgeſchnitten ſind, Sie wür⸗ den auch vielleicht manchen Landsmann dadurch das Leben erhalten.“ „Aber in welcher Art glauben Sie, daß ich das im Stande wäre?“ frug Renèé, zu ihm aufſchauend. „Sie wiſſen daß ſich die Inſulaner, Mahaena nicht für ſo ſicher haltend, an anderen Orten wieder feſtgeſetzt haben, ja noch in dieſem Augenblick in Be⸗ griff ſind zu verſchanzen; die ſteilen Thäler, Schluch⸗ ten könnte man ſie eher nennen, dieſes Landes, bie⸗ 63 ten den Eingeborenen dabei in der Vertheidigung unendliche Vortheile, und ihre Poſitionen werden im⸗ mer nur mit großem Verluſt an Menſchenleben ge⸗ nommen werden können; aber ſie werden doch genom⸗ men und die Erbitterung muß natürlich nach jeder geſchlagenen Schlacht ſoviel höher ſteigen, der Riß ſoviel unheilbarer werden. Ietzt iſt dabei vielleicht noch eine Ausſöhnung möglich, Pomare mag zurück⸗ kehren und unter dem franzöſiſchen Protectorat nomi⸗ nell, wenigſtens den Eingeborenen gegenüber, fort⸗ regieren und wir erſparen eine Maſſe gutes Blut der einen wie anderen Parthei.““ „Die Miſſionaire werden aber nie in einen Frie⸗ den willigen“ ſagte René,„der die Gewalt ganz in die Hände ihrer Feinde giebt, und ſie förmlich aus dem Land verjagt.“ „Es denkt ja aber gar Niemand daran das zu thun“ rief der Gouverneur,„als eben ihre eigene ſtarre Unduldſamkeit, die nun einmal keine andere Religion neben ſich dulden will und mag. Nur gleiche Berechtigung verlangen wir für unſere Reli⸗ gion, wozu wir ein Recht hätten, ſelbſt wenn es uns unſere Kanonen hier nicht ſicherten, und wenn ſie von der Vortrefflichkeit ihres Glaubens ſo vollkommen überzeugt ſind, wie ſie vorgeben, weshalb f ürchten 64 ſte denn unter gleichen Verhältniffen mit ihm in die Schranken zu treten? „Und glauben Sie, Herr Gouverneur, daß ich im Stande wäre bei einem derartigen Verſuch etwas Gutes zu wirken?“ frug René—„darf ich den In⸗ ſulanern wirklich die Verſicherungen Ihrer friedlichen Geſinnung bringen und daß Pomare nach Tahiti zu⸗ rückkehren mag, zwiſchen ihnen zu leben— ihnen ihre Königin, wie daß ferner keinem in der Ausübung ſeiner Religion die mindeſte Schwierigkeit in den Weg gelegt werden ſoll?“ „Das Alles, auf mein Ehrenwort,“ erwiederte der Gouverneur—„noch mehr— es ſoll Alles ver— geſſen und vergeben ſein zwiſchen beiden Theilen, was bis jetzt geſchehn— den einen Burſchen natürlich ausgenommen, der noch alte Rechnung hat— es liegt mir ja nicht daran die Inſulaner zu unterwer⸗ fen und ſie zur Anerkennung unſerer Macht zu zwin⸗ gen— zum Henker nein, wir wollen friedlich und freundlich zwiſchen ihnen leben, und nicht immer der Gefahr neuer Ausbrüche und Revolutionen ausgeſetzt ſein. Es iſt auch wahrhaftig nicht einmal Ehre mit einem ſolchen Sieg zu gewinnen, wo uns die ganze civiliſirte Welt nachher anſchreit, wir hätten einen Haufen nackter Wilden mit hölzernen Speeren und 1 Schwertern durch unſere Kanonen zuſe ammengeſchoſſen, 65 während die Burſchen in der That ganz verſtändig ſelber ſchießen können, und viel mehr Gewehre und Munition haben, wie ich eine Ahnung hatte?“ „Gebe Gott daß ich dann einen günſtigen Erfolg bringe“ ſagte raſch René—„gern will ich mich dem Auftrag unterziehn, und wie ich die Eingeborenen kenne, werden ſie gern und willig zu ihren Hütten zurückkehren, dort in Frieden zu leben. Sie ſind gut und friedlich von Natur, wie Ihnen ihr ganzes Be⸗ tragen auch ſchon, ſelbſt nach der Beſitzergreifung, bewieſen haben muß, und wären ſie nicht gar ſo arg gereizt, ſie würden ſelbſt jetzt nicht daran gedacht ha⸗ ben die Waffen aufzugreifen.“ „Die Waffen waren einmal da“ ſagte der Gou⸗ verneur finſter„und mußten gebraucht werden. Es iſt auch möglich daß das Einführen derſelben eine kaufmänniſche Speculation geweſen, es ſollte mir wenigſtens lieb ſein das zu glauben; faſt aber fürchte ich, daß da auch noch eine andere Hand mit im Spiel geweſen, und war das wirklich, ſo dürfen wir auch nicht zu viel von einem freundlichen Wort hoffen. Nichtsdeſtoweniger will ich jedenfalls, mir ſelber ſpäter keine Vorwürfe machen zu können, die Sache verſucht haben— ich weiß auch daß ich dadurch im Sinn meiner Regierung handele, die um Alles einen aus⸗ gedehnteren Kampf um dieſe Beſitzung zu vermeiden Gerſtäcker's Tahiti. V. 5 66 * wünſcht. Sind ſie alſo im Stande ein derartiges Uebereinkommen, einen Vertrag oder wie Sie es nen⸗ nen wollen in Wirklichkeit zu ermöglichen, ſo rechnen Sie dabei ganz auf meine Unterſtützung ſowohl, wie wärmſte Dankbarkeit.“ „Und wann wünſchen Sie daß ich da aufbrechen ſoll?“ frug Rend. „Sobald Sie wollen; am Beſten gleich morgen früh, denn jeder neue Tag führt dem Feind auch neue Hülfstruppen über die Berge zu, und macht ihn immer nur noch ſtarrköpfiger auf der einmal eingeſchlagenen Bahn beharren. Jetzt haben wir auch noch eine An⸗ zahl Kriegsſchiffe in der Bai, unter deren Kanonen ſich ein Friedensabſchluß weit anders ausnimmt, als wenn wir nur hier auf die geringe Zahl unſerer Landtruppen, und vielleicht überall vom Feind um⸗ geben, in die Stadt eingeſchloſſen ſind. Sobald Sie zurückkehren ſtatten Sie mir gleich Bericht ab. Ge⸗ denken Sie allein zu gehn, oder ſoll ich Ihnen eine Flagge und Bedeckung mitgeben?“ „Ich glaube ich gehe beſſer ohne das Alles“ ſagte René,„die franzöſiſche Flagge iſt in dieſem Augenblick nicht beliebt genug eine Empfehlung zu ſein, denn die Erinnerung an die erlittene, und jetzt erſt eigentlich begriffene Demüthigung liegt noch zu friſch in ihrem Gedächtniß. Allein hab' ich weniger 67 zu fürchten, da mich Manche von ihnen kennen, ja mit mir befreundet ſind.“ „Wie Sie denken“ erwiederte Mr. Bruat ſich die Lippe beißend,„und dann noch eins.— Sind Sie einmal oben, können Sie vielleicht auch etwas über den Schuft Jim O'Flannagan erfahren; Monſieur Bertrand, der ſich eben ſo warm für Sie verwandt, und, wenn ich nicht irre ein Jugendfreund von Ihnen iſt, hat mit dieſem Burſchen ein ganz beſonderes Ca⸗ pitel abzumachen, und will ihn geſtern über die Stirn gehauen haben, ſo daß er ſogar leicht an ſeiner Wunde zu erkennen wäre. Außerdem habe ich einen nicht unbedeutenden Preis auf ſeinen Fang geſetzt; vielleicht ſind Sie im Stand, in den Bergen etwas Näheres über ihn zu hören.“ „Ich ſpreche Bertrand jedenfalls noch heute Abend“ erwiederte René,„auch hat er mir ſchon ſelber von dem Iren und ſeinem früheren Leben erzählt; er ſcheint eine Art von Land- und Seepirat geweſen zu ſein, und ſoll ſich hier beſonders mit dem Schmuggeln verbotener Spirituoſen befaſſen.“ „Ein gefährlicher Charakter, beſonders in jetziger Zeit“ ſagte Mr. Bruat—„aber wer kommt da un⸗ ten? was iſt das für ein wunderlicher Kauz— ken⸗ nen Sie den Burſchen, Delavigne?“ 5* 68 René war raſch an's Fenſter getreten, dem aus⸗ geſtrecken Arme des Gouverneurs mit den Augen folgend, warf aber kaum einen Blick auf die Geſtalt, als er auch lächelnd wieder zurück trat und ſagte: „Das iſt Einer unſerer originellſten Charaktere in Papetee, und trotzdem dies das erſte Mal, daß ich ihn wirklich in der Stadt erblicke. Er iſt Schuſter und wohnt draußen in den Guiaven in einer ge⸗ wöhnlichen Bambushütte mit einer alten iriſchen oder engliſchen Hexe, die ſie„Mütterchen Tot“ nennen, und ihre beiderſeitige Hauptbeſchäftigung ſoll ſein— wenn das Gerücht nicht lügt— Spirituoſen an die Eingeborenen auszuſchenken.“ „Und hat man das bis jetzt geduldet?“ frug der Gouverneur raſch. „Noch hat ihnen Nichts bewieſen werden können“ lachte René,„denn die Alte iſt zu ſchlau ſich leicht erwiſchen zu laſſen. Die Sache muß aber auch noch einen anderen Zuſammenhang haben, denn ſelbſt die Miſſionaire dulden ſie dort im Buſch, trotz dem ziem⸗ lich allgemein ausgeſprochenen Betrieb. Aber der Schuhmacher kommt wahrlich hier in's Haus; das muß denn etwas ungemein Wichtiges ſein, was ihn hierher führt. So viel ich weiß haßt er uns Fran⸗ zoſen wie die Sünde, und ſoll faſt den ganzen aus⸗ geſchlagenen Tag in der Bibel leſen.“ 69 „Sie empfehlen mir den Mann immer mehr“ lachte der Gouverneur—„er ſcheint mir übrigens mehr Carricatur als Original, und es ſollte mich gar nicht wundern, wenn er ſich nicht vielleicht bei den franzöſiſchen Behörden über ſeine engliſche Gat⸗ tin beklagen und ſich mit unter das Protectorat ſtel⸗ len wollte— hahaha, da hätten wir gleich einen praktiſchen Nutzen für Engliſche Bürger, die doch im Anfang ſolches Geſchrei darüber erhoben. Aber wahr⸗ haftig ich glaube er will zu mir.“ Eine Ordonanz trat in dieſem Augenblick in's Zimmer und meldete daß ein verdächtig ausſehendes Individuum, das halb engliſch halb inſulaniſch ſpräche, vorgelaſſen zu werden verlange und in größter Eile zu ſein behaupte, auch etwas ſehr Wichtiges mitzu⸗ theilen habe. „Dann Herr Gouverneur“ ſagte René,„erlauben Sie vielleicht daß ich mich entferne.“ „Nein, das erlaube ich nicht“ lachte dieſer,„dann brauche ich Sie zum Dollmetſcher; für ein Gemiſch von Engliſch und Indianiſch halte ich mich nicht ſattelfeſt genug. Oder haben Sie irgend etwas an⸗ deres, beſonderes vor?“ „Nicht das entfernteſte“ entgegnete der junge Mann,„es wird mir das größte Vergnügen machen Ihnen dienen zu können.“ * 70 „Ich wollte ich dürfte Sie vollſtändig beim Wort nehmen, Delavigne“ ſagte Mr. Bruat, der Ordonanz dazwiſchen ein einfaches„er ſoll herein kommen“ zu⸗ rufend. Wir brauchen jetzt Leute, tüchtige Leute, und für ſolche iſt gerade auch wieder der jetzige Zeit⸗ punkt vortrefflich, ihr Glück zu machen. Was haben Sie drüben in Atiu? das läuft Ihnen nicht weg, und der jetzige Moment kehrt vielleicht im Leben nicht wieder.— Aber ich will Ihnen nicht zureden“ un⸗ terbrach er ſich raſch,„Sie mögen ſich das noch mit ſich ſelber überlegen; da kommt auch eben unſer drin⸗ gender Beſuch— wie heißt der Burſche?“ „Murphy, wenn ich nicht irre.“ „Ein ächt iriſcher Name, dem das Geſicht keine Schande macht. Sehn Sie nur was für tückiſch blitzende Augen der Burſche im Kopfe trägt; etwas Gutes hat den nicht zu mir geführt, ſoviel iſt ſicher. Und was wollt Ihr?— ach ich vergaß, bitte Dela⸗ vigne fragen Sie einmal den Feuerbrand was er von mir will— Peſte, wie er ausſieht. Murphy hatte ſich indeſſen langſam und ſcheu zur Thür herein geſchoben, und ſtand da, wie eine Fledermaus am Tage, die beiden Männer, die fran⸗ zöſiſch mit einander ſprachen, mistrauiſch betrachtend. Ein finſter drohender Ausdruck legte ſich aber in ſeine Züge und ſchien ſich dort in die Falten und 71 Pockennarben ordentlich feſtzuhängen, als beide Män⸗ ner, nicht im Stande beim Anblick der Geſtalt ernſt⸗ haft zu bleiben, erſt an zu lächeln fingen, und dann endlich in ein laut ſchallendes und anhaltendes Lachen ausbrachen. Murphy hatte übrigens dazu gar gegründete Urſache gegeben. Zuerſt trug er wieder, als die einzig mögliche Zeit, und vielleicht auch andere Mängel zu verdecken, den erbsgelben Rock, bis an— den Hals zugeknöpft, mit den Schößen unten an ſeine nackten Waden, oder wenigſtens an einen Klum⸗ pen von Sehnen und Muskeln ſchlagend, der hinter dem Wadenbeine irgendwie befeſtigt ſchien. Die Beine ſtaken in ſehr defekten, unten wenigſtens aus⸗ gefranzten Hoſen; ſeine Ertremitäten vom Hals ab, Kopf Hände und Füße waren bloß, die letzteren dem eigenen Handwerk zum Trotz, und nur um den lin⸗ ken Fuß, mit dem er vielleicht in eine Glasſcherbe oder ſonſt etwas getreten, hatte er ſich ein Stück gelb⸗ brauner Tapa geſchlagen und mit Baſt befeſtigt. Nahm man nun noch das wunderlich zuſammenge⸗ zogene, halb boshafte halb komiſche, von Blatternar⸗ ben zerriſſene Geſicht des kleinen Iren dazu, mit dem brennend rothen ſtruppigen Haar und den kleinen hellgrauen ſtechenden Augen, ſo war die Fröhlichkeit der beiden Männer zu entſchuldigen, die durch den 72 verlegenen Ausdruck des Mannes eher noch erhöht als vermindert wurde. Murphy ſchien aber nicht in der Stimmung vie⸗ len Spaß mit ſich machen zu laſſen, und mit einem mürriſchen Seitenblick auf die vor ihm Stehenden und einem halblaut gemurmelten„damned fools ye“*) wollte er ſich eben wieder umdrehn und das Zimmer ohne weitres verlaſſen, als ihn René in Engliſch anrief und ihn frug was er vom Gouver⸗ neur Bruat wünſche. Bei der Engliſchen Anrede ſtutzte der Ire, und ſah erſt René dann den Gouverneur ein paar Secunden mit ſeinen ſtechenden Augen forſchend an, dann aber, wie ſich beſinnend um was er eigentlich hier herge— kommen, ſagte er im breiteſten iriſchen Dialekte: „Seid Ihr der Miſther Gouverneur?“ „Nicht ich— dieſer Herr da.“ „Und kann der nicht für ſich ſelber ſprechen?“ „Ich werde dollmetſchen Murphy“ erwiederte Renè lächelnd—„was führt Euch her?“ „Murphy?“ wiederholte der Ire erſtaunt ſeinen Namen,„wo bei Jäſus, habt Ihr den Namen her, Sirrah?— aber s'iiſt einerlei“ fuhr er dann raſcher fort.„Ihr Franzoſen ſpionirt ja doch überall herum *) Verdammte Narren Ihr. 73 — aber Ihr habt eine Belohnung auf das Einfangen von einem weggelaufenen Mann geſetzt— wollt Ihr die zahlen?“ „Ha— wer iſt das?“ rief der Gouverneur raſch, der den ungefähren Sinn der letzten Worte verſtan⸗ den hatte. „Jäſus mein Herzchen— ob er nicht blos ſo thut als ob er keine Ohren hätte“ ſagte Murphy mit einem breiten Grinſen,„aber was ſagt er jetzt?“ Renè wechſelte raſch einige Worte mit dem Gou⸗ verneur und wandte ſich dann wieder an den Iren. „Und wer iſt's den Du zu vergeben haſt, mein Burſche?— wenns der rechte iſt kannſt Du einen ſchönen Thaler Geld verdienen— wie heißt er?“ „Jim O'Flannagan— damn his eyes*) und Jack irgend noch ſonſt was.“ „Alle Beide?“ „Sitzen jetzt in der Falle?“ „Und wo iſt das?“ Wieder verzog ſich das Geſicht des Mannes zu einem breiten halb pfiffigen halb höhniſchen Grinſen und er knurrte. „Soll Euch Murphy das Neſt nennen eh' er das Silber hat?“ *) Verdamm ſeine Augen. 74 „Das Neſt wird Mütterchen Tots Hotel ſein“ ſagte Renk gleichgültig während der Mann einen überraſchten tückiſchen Blick auf ihn warf—„doch hab' keine Furcht, wenn Du die beiden Burſchen in des Gouverneurs Hände lieferſt, wird Dir Dein Lohn nicht entgehn. Aber— wie iſt mir denn?“ frug er ſich beſinnend und gegen den Gouverneur gewandt— „der eine von ihnen hat doch nur ein Verbrechen ver⸗ übt, nicht wahr?“ „Der andere iſt ein entſprungener Matroſe“ ſagte Mr. Bruat. „Hm“ murmelte René vor ſich hin—„doch es liegt Ihnen daran nur den einen zu faſſen?“ „Nein, nein alle Beide— ſind Sie alle Beide im Haus?— bitte fragen Sie den Burſchen ein⸗ mal.“ „Habt Ihr ſie alle Beide im Haus— auf den einen ſind fünfhundert auf den andern nur zwei geſetzt!“ „Alle Beide“ beſtätigte Murphy,„aber raſch müſſen Sie machen, wenn Sie die Vögel noch er⸗ wiſchen wollen— die Sonne iſt nicht weit mehr vom Untergehn und jetzt iſt die Zeit— ſpäter ſteh ich für Nichts, denn fort wollen ſie auch.“ „Fort?— wohin?“ 75 „Wohin?— weiß ich's?“ ſagte der Kleine mür⸗ riſch— nur ihre Bündel haben ſie bei ſich, und ihre Waffen, und ein Canoe iſt nicht ſchwer zu finden am Strande, wer Luſt dazu hat! „Nicht unwahrſcheinlich“ ſagte, mit dem Kopf nickend, der Gouverneur, der aufmerkſam dem Ge— ſpräch gefolgt war, und jedenfalls ſo viel Engliſch verſtand, den ungefähren Sinn zu begreifen.„Dann haben wir keine Zeit zu verlieren, und Sie können den Spaß mit anſehn Delavigne. Er klingelte und ſagte, als die Ordonanz gleich darauf in militäriſcher Stellung eintrat. „Lieutnant Bertrand von der Jeanne d'Arc laſſe ich erſuchen augenblicklich zu mir zu kommen— er iſt an Land, Du wirſt ihn drüben im Cafeé bei Victor finden— es iſt eilig.“ Der Soldat verſchwand blitzesſchnell wieder durch die Thür und vielleicht zehn Minuten ſpäter, wäh⸗ rend der Gouverneur mit auf dem Rücken zuſammen⸗ gelegten Händen im Zimmer auf und ab ging, Murphy ungeduldig von einem Fuß auf den andern ſchaukelte und bald nach der Thür bald nach dem Fenſter ſah, hörten ſie die raſchen Schritte des jungen Officiers über die hölzerne Verandah kommen; we⸗ nige Secunden ſpäter betrat er das Zimmer, das Nöthigſte jetzt über die raſch auszuführende Expedi⸗ 76 tion zu berathen, das Berathene eben ſo raſch aus⸗ zuführen. Die Bambushütte in der Mrs. Tot ihren Wohn⸗ ſitz aufgeſchlagen, lag, wie ſich der Leſer erinnern wird, einige hundert Schritt von der äußerſten und jetzt von Gräben und Wällen eingeſchloſſenen Grenze der eigentlichen Stadt Papetee entfernt, tief in den Guiaven und Fruchtbäumen verſteckt, und jetzt alſo von jedem Verkehr mit ihren europäiſchen Gäſten, den Matroſen der Engliſchen oder Franzöſiſchen Schiffe, vollkommen abgeſchnitten. Franzöſiſche Matroſen hatten ſich überhaupt bei ihr ſehr ſelten, und nur dann und wann einmal voncn Mädchen ſelber dort⸗ hin gezogen, ſehen laſſen, deshalb auch ihre Sympa⸗ thieen nicht, und ein kleiner Transport ächten hol⸗ ländiſchen Genevres, eine Parthie verſetzten Kartof⸗ felbranntweins, den ſie ſich in Jims Abweſenheit von einem anderen ungeſchickteren Bekannten wollte be⸗ ſorgen laſſen, war ihr noch außerdem erſt an dem geſtrigen Tage von einer franzöſiſchen Patrouille ent⸗ deckt und confiscirt worden, und damit dem Faſſe ihrer Geduld der Boden ausgeſtoßen. Die Hütte ſelber lag auch in den letzten Tagen wie leer und verlaſſen, denn wenn auch gerade jetzt 7 dem verbotenen und ſo vortheilhaften Einzelverkauf der Spirituoſen Nichts im Wege ſtand, da die Fran⸗ zoſen in ihren Schanzen gewiſſermaßen eingeſchloſſen lagen, wenigſtens nicht daran dachten nur um dem Schmuggeln zu ſteuern kleine Patrouillen in das Dickicht hinauszuſchicken, die von den Eingeborenen leicht überraſcht und aufgehoben werden konnten, ſo lag doch auch der Platz wieder für dieſe zu weit von ihrem jetzt eingenommenen Lager entfernt, und ſprachen ja einmal Einzelne dann und wann vor, ſo geſchah das meiſt nur auf Kundſchaft, vielleicht irgend wen ihrer abtrünnigen und den Feranis ergebene Lands⸗ leute, die ſie jetzt faſt mehr haßten als die Feranis ſelber, zu überraſchen und außuheben. Murphy konnte faſt den ganzen Myeſchlagenen Tag ungeſtört in ſeiner Bibel leſen, und M kütterchen Tot ſaß in einem Winkel ihrer Hütte, in einer Stimmung, die nur eine Urſache ſuchte, Gift und Galle gegen den erſten ihr in den Weg Laufenden auszuſpritzen. Es war ſpät am Nachmittag als die Stille faſt zum erſten Mal durch die Schritte dreier Männer unterbrochen wurde, die den ſchmalen aus den Ber— gen niederführenden Pfad herunter kamen und ſich der Hütte näherten. Es waren zwei Weiße und ein Inſulaner— drei alte Bekannte von uns, Jim O Flannagan, Jack und Raiteo, der Dollmetſcher von 78 Atiu, der mit dem ehrwürdigen Mr. Rowe von dort herübergekommen, und die Verhältniſſe hier viel zu intereſſant und verſprechend gefunden zu haben ſchien, Tahiti ſo bald wieder mit der ſtillen Heimathsinſel zu vertauſchen. Der Indianer wurde voran in die Hütte geſchickt, zu ſehen ob die Luft rein und keine Gefahr zu fürchten ſei. „Nun was giebt's?“ knurrte die Alte, als der Inſulaner den Kopf in die Thür ſteckte und, Nieman⸗ den weiter darin erblickend wie die beiden Beſttzer, eben ſo raſch faſt wieder verſchwand—„die Peſt auf Deinen Kopf, Du rother Hallunke, kommſt Du zum Spioniren hierher und weiter Nichts? daß Dich ein Hai packe das erſte Mal wo Du den Fuß wieder in Salzwaſſer ſetzeſt, und DusPift in dem erſten Glaſe Brandy ſäufft. Ha?— wer kommt da?— auf mit Dir Du fauler ſchuftiger Tagedieb dort, oder ich ſtehe auf und ſchlage Dir das vermaledeite Buch um die Ohren herum, das ich Dir tauſendmal ſchon hätte verbren⸗ nen ſollen, wenn meine verfluchte alberne Gutmüthig⸗ keit nicht wäre. Auf mit Dir ſag' ich und ſieh nach — daß ich Dir Beine mache“ knurrte ſie dann leiſer hinterher, als Murphy, innerlich Verwünſchungen ausſtoßend, denen er ſich nur ſcheute Worte zu geben, aber doch dem Ruf gleichſam inſtinktartig gehorſam, aufſtand, und durch die Stäbe der Bambuswand ſchaute. 79 Sie ſollten jedoch uͤber den Beſuch nicht lange in Zweifel gelaſſen werden, denn ſchon wenige Secun⸗ den ſpäter riß Jim O'Flannagan ſelber die Thür auf und betrat, immer aber noch einen mistrauiſchen Blick umherwerfend, und von Jack und Raiteo ge⸗ folgt, das Haus, wo ihn Mrs. Tot mit einem halb erſtaunten halb mürriſchen Geſicht empfing. „Segne meine Seele Mann, wie ſeht Ihr aus“ kreiſchte ſie aber, als ſie einen vollen Blick auf die Geſtalt des Iren geworfen, die ſie jetzt erſt wieder er⸗ kannte.„Menſch haben Euch die Feranis oder die Teufel in den Krallen gehabt, daß ſie Euch nicht einen Zollbreit geſundes Fleiſch im Geſicht gelaſſen? — wenn's nicht an Eueren Haaren und Euerer gan⸗ zen Geſtalt wäre, an Eurer liebenswürdigen Phyſio⸗ nomie hätte ich Euch im Leben nicht wieder erkannt. Wo kommt Ihr her und was führt Euch zu mir?“ „Verdammt gaſtliche Frage“ knurrte der Ire, ohne weitres zu ihrem Bett gehend und ſich dort, todesmatt und erſchöpft, nieder werfend—„hol mir vor allen Dingen eine Cocosnuß, Murphy,— heh— hörſt Du Schuft, da in der Ecke, und laß das ver⸗ dammte Buch liegen— eine Cocosnuß will ich ha⸗ ben zum Trinken.“ „Und iſt es meiner Mutter Sohn zu dem Ihr Schuft ſagt?“ knurrte der kleine Schuhmacher mit 80 einem giftigen Blick nach dem ſo gefürchteten wie ge⸗ haßten Manne—„holt ſie Euch ſelber.“ Jim wollte ſich, mit einem wild ausgeſtoßenen Fluch wieder von ſeinem Lager emporrichten, den Iren zu zwingen ſeinem Befehl Folge zu leiſten, Mrs. Tot aber, weniger vielleicht dem Gaſt zu Gefallen als indignirt daß Mr. Murphy überhaupt Jemandem wagen konnte zu widerſprechen, hinkte auf den klei⸗ nen, in ſeinen warmen Rock eingeknöpften Mann zu, riß dem, trotzig ſeinen Platz Behauptenden das Buch, das er auf den Knieen hielt, aus der Hand und es hinter ſich ſchleudernd fuhr ſie mit einer ſolchen Fluth von Schimpfwörtern über ihn her, denen die immer heftiger werdenden Bewegungen noch etwas viel Schlimmeres beizugeben drohten, daß ſich Murphy endlich, wie ein biſſiger Hund der gefürchteten Peit⸗ ſche gegenüber, langſam und rückwärts von ſeinem Stuhl hinunter und der Thüre zu zog, durch die er gleich darauf, dem Befehl Folge zu leiſten, ver ſchwand. G „Hol die unnütze tagdiebiſche Beſtie der Henker“ geiferte die Alte aber noch hinter ihm her—„ſitzt da den lieben ausgeſchlagenen Tag auf ſeinen faulen Knochen und—“ „Na laß das Knurren Alte!“ rief ſie aber der Ire jetzt ungeduldig an,„ich bin gerade nicht in einer 81 Stimmung Dein Geſchwätz anzuhören— Du mein Burſche da ſpringſt indeſſen nach dem Waſſer hinun⸗ ter, und ſiehſt ob unſer Canoe in Ordnung iſt, daß wir mit Dunkelwerden hier fortkommen, denn nach dem Abendſchuß patrouilliren die Boote in der Bai, und Du Miütterchen ſchaffſt uns ſchnell etwas zu eſſen herbei, ich bin faſt verhungert und brauche Stärke.“ „Menſch wie ſeht Ihr aus und wo wollt Ihr hin?“ rief aber die Alte dagegen, ſich vor ihn hin⸗ ſtellend und ihn aufmerkſam betrachtend,„Ihr habt eher Pflaſter in Euer Geſicht wie in den Magen nöthig; wer hat Euch denn ſo zugerichtet.“ „Ein Schuft, dem ich's vielleicht ſpäter noch ein⸗ mal gedenken kann“ fluchte der Ire,„jetzt aber wird mir der Platz hier zu warm, und ich muß machen daß ich fortkomme. Das lumpige Indianervolk kann ſich doch nicht auf die Länge der Zeit gegen die Fran⸗ zoſen halten, und nachher, wenn ſie Alle leer aus⸗ gehn, moͤchte die Geſchichte auf mir hängen bleiben. Ich habe überdies mein Theil ab, und könnte auch doch nicht mehr mit ſchlagen und da oben in den feuchten Bergen ſitzen zu bleiben und Feis*) zu freſ⸗ *) Wilde Bananen. Gerſtäcker's Tahiti. IV. 6 5 82² ſen, dazu gebricht mir die Luſt. Ich will wieder in See?“ „In See? an Bord eines Kriegsſchiffs?“ frug die Alte erſtaunt. „Nein, hinüber nach— übrigens wird's wohl einerlei ſein ob Ihr's wißt oder nicht— Schwatzen hat ſchon Manchen gereut, Schweigen ſelten. Wo der blatternarbige Schuft nur bleibt mit der Cocos⸗ nuß— gieb mir einen Schluck Brandy indeſſen Alte, den Aerger hinunter zu ſpülen.“ Mit den Wunden auf Euch?“ rief Mrs. Tot 77 kopfſchüttelnd,„wenn Ihr jetzt Brandy tränkt, trock⸗ nete Euch das Fieber die Adern aus, und ſchnürte. Euch das Herz zuſammen.“ „Herz— pah— nur nicht den Hals, Mütter⸗ chen, nur nicht den Hals— weiß der Teufel, ſeit mich geſtern der Schuft am Kragen hatte und mich mit fortſchleifen wollte, bin ich auf einmal ſo furcht— bar beſorgt um meine Luftröhre geworden— siiſt auch eine nichtswürdige Erfindung einen Menſchen daran aufhängen zu wollen— Brandy, Alte, Brandy; zum Teufel was geht Dich mein Fieber an.“ „Schrei doch nicht ſo“ ſagte Jack jetzt, während Mrs. Tot kopfſchüttelnd und innerlich murrend und ſchimpfend dem Befehle Folge leiſtete—„Du wirſt uns noch einen Beſuch auf den Hals ziehn, ehe wir 83 wieder Salzwaſſer unter dem Kiel haben. Wetter noch einmal, mir wird's auch unheimlich an Land jetzt, und das zerſchoſſene Geſicht von dem Officier will mir nicht aus dem Sinn; nun ich hatt's ihm lange zugeſchworen und er hat's tauſendmal an mir verdient.“ „Ich wollte Du hätteſt den— Anderen ſo ge— troffen, das wär für uns Beide beſſer.“ „Seh ich nicht ein“ brummte Jack,— für Dich vielleicht— aber bis es für uns Beide gut würde, könnten wir noch manche Ladung Pulver gebrauchen. Nein, fort, ich habe das Leben ſatt, und gäbe jetzt Gott weiß was darum, wenn mich der Teufel nicht geplagt hätte, gerade auf dieſer vermaledeiten Inſel zu entwiſchen, wo ſie uns beinah gefangen hätten wie die Ratte in der Falle.— Entwiſchen, als ob ich überhaupt ſchon entwiſcht wäre; wer konnte j ſich aber auch denken daß die Eingeborenen ſolchen Skan⸗ dal anfingen.“ „Hah, das thut gut“ ſagte Jim, ſich den Mund wiſchend, nachdem er das ihm gereichte Glas Brandy auf einen Zug geleert und jetzt ein paar Biſſen der hinzugelegten Brodfrüchte förm lich ver⸗ ſchlang, von der er ſich auch zugleich einen Theil in die Taſche ſteckte—„das gießt ordentlich wieder 6* IE 14 Feuer durch die Adern und giebt den Gliedern neue Stärke.“ „Weißer Mann!“ ſagte in dieſem Augenblick die vorſichtig gedämpfte Stimme des Indianers, der den Kopf zur Thür herein ſteckte—„iſt Alles in Ord⸗ nung— Canoe flott und dunkel wird's auch bald— in kleiner Zeit können wir auf Waſſer ſein— kein Boot in Sicht.“ „Gut— komme gleich“ ſagte Jim, der ſich das Glas noch einmal voll geſchenkt hatte, aufſtehend und es wieder leerend—„bleib draußen am Weg wo ich Dir gezeigt habe, und wenn Jemand kommt weißt Du das Zeichen.“ „Alles fertig“ ſagte Raiteo erſtaunt—„weshalb warten?“ 2 „Weiß ſchon— weiß ſchon komme gleich— mach ſchnell“ erwiederte aber der Ire ungeduldig und der Indianer zog ſich zurück.“ Jack war indeſſen zu Jim hinangetreten, und ein paar Worte mit ihm wechſelnd, griff er ſeine Waffe auf und ging zur Thür, während Jim, den Mütter⸗ chen Tot indeß etwas mistrauiſch beobachtet hatte, ſich zu dieſer wandte und mit freundlicher Stimme— wenn in den rauhen Laut überhaupt ein freundlicher Ton gelegt werden konnte— ſagte: „Höoͤr, Mütterchen— ich habe noch eine rechte 85⁵. Bitte an Dich, ehe wir gehn— wirſt Du ſie er⸗ füllen?“ „Bitte?— Bitte?“ knurrte aber die Alte—„was hab' ich mit Bitten zu thun— hab noch in meinem Leben Nichts von einem anderen Menſchen erbeten— Alles bezahlt. Wo nur der Schuft von Schuſter jetzt bleibt bis ſpät in die Nacht hinein— na komm Du mir zu Hauſe— und meinen Rock hat er auch mit — heh Murphy— Mur⸗phy!“ Sie betonte die letzte Sylbe des Wortes mit ihrer ſcharfen kreiſchen⸗ den Stimme, und der Laut drang gellend durch den Wald. „Alle Wetter, Mutterchen, was Du noch für eine helle Stimme haſt“ ſagte Jim, unruhig nach Jack zu⸗ rück ſchauend,„aber laß das Schreien einmal ſein jetzt und beantworte mir eine Frage— ich werde Dich ſobald nicht wieder incommodiren.“ „Und was giebt's?— was wollt Ihr von mir?“ rief die Alte mürriſch— Eueren Brandy habt Ihr auch noch nicht bezahlt.“ „So? nun wir machen das dann zuſammen ab“ ſagte Jim, während ein ſpöttiſches Lächeln um ſeine Lippen zuckte;„aber um wieder auf meine Bitte zu kommen, Mütterchen, ſo bin ich wahrhaftig für den Augenblick in Geldverlegenheit, und Du mußt mir auf ein paar Monat zweihundert Dollar borgen?“ 86 „Zweihundert Dollar?— mußt?“ rief aber die Alte, mehr erzürnt faſt als erſchreckt über die For⸗ derung—„iſt das etwa Euere Bitte, heh?— mußt zweihundert Dollar borgen“ als ob ich die hundert Dollars nur ſo unter den Matten herumlie⸗ gen hätte, und ſie vorzuholen brauchte, wenn es irgend einem Vagabunden einfiele zu mir zu kommen und danach zu fragen. Mußt mir zweihundert Dol⸗ lar borgen— heh Murphy ob ich den Schuft nicht bei den Beinen aufhänge, wenn er wieder zurück⸗ komut, die feige, nichtsnutzige faule Canaille, die ſich in den Wald und unter einen Buſch draußen drückt, wenn ſie zu irgend einer Arbeit aufgerufen wird— Murphy!“ „Mütterchen Du mußt ſie mir borgen“ ſagte aber Jim jetzt, ihr näher tretend mit unterdrückter Stimme, der man es jedoch wohl anhörte, wie er ſich nur gewaltſam Mühe gab den in ihm auflodernden Zorn noch zu dämpfen.„Ich habe Alles Geld was ich bei mir führte bei unſerem letzten Kampf verloren, und nicht einen Franc mehr im Vermögen, und an der Stelle, wo ich ein kleines Capital früher einmal vergraben, haben mir die verfluchten Franzoſen ge⸗ rade ein Fort darauf gebaut daß ich jetzt auch nicht dazu kann. Ich muß ſpäter wieder hierher zurück, das zu heben, und Dein Geld iſt Dir ſicher.“ 87. „Aber ich habe kein Geld zum Verborgen“ ſchrie die Alte, vielleicht abſichtlich mit lauter Stimme und mehr von ſeiner Annäherung zurückweichend—„was Ihr für mich gearbeitet, hab' ich Euch baar bezahlt, höher bezahlt wie ich es eigentlich vor Gott und mei⸗ nem Gewiſſen verantworten konnte, und das Bischen Nutzen was ich durch den Verkauf der Sachen hätte haben können, lief in Euere Taſchen, eh' ich den Spunt geöffnet. „Wenn Du nicht aufhörſt zu ſchreien“ zürnte ſie der Ire jetzt mit tödtlich blitzenden Augen an,„ſo ſag' ich Dir, wo Du Dein Geld haſt— hörſt Du mich?— wirſt Du jetzt Vernunft annehmen und ſchweigen?“ „Sagt Ihr mir wo ich mein Geld habe?“ rief aber die Alte, die todtenbleich wurde und ſich erſchreckt umſchaute—„was wollt Ihr von mir, Menſch? von einer alten ſchwachen Frau, die kaum ihr Leben noch friſten kann in Noth und Dürftigkeit, bei dieſen entſetzlichen Zeiten?“ „Ihr werdet da herum trödeln bis die Alte uns die ganze Nachbarſchaft über den Hals geſchrieen hat“ knurrte aber jetzt Jack von der Thür aus—„es wird dunkel Jim, wir müſſen wahrhaftig machen daß wir fortkommen.“ „Was habt Ihr— was wollt Ihr?“ rief aber 88 jetzt die Alte, der zum erſten Mal die wirkliche Ab⸗ ſicht der beiden Buben klar zu werden ſchien—„ich habe nicht einen Franc im Hauſe, ſo wahr ich ſelig zu werden hoffe— Murphy— Murphy!“ „Schreiſt Du jetzt noch einmal nach dem ver⸗ dammten Schuft“ ziſchte ihr Jim aber da, ihren Arm ergreifend, den ſie ihm vergebens wieder zu ent⸗ reißen ſuchte, in's Ohr—„ſo thu ich etwas, das mich nachher gereuen könnte; und nun genug Firle⸗ fanz um eine ſo einfache Sache. Ich muß 200 Dol⸗ lar haben, und wenn Du die ſo raſch und willig als möglich herausgiebſt, ſo ſchwör ich Dir hier, daß wir Dir nichts thun, Dir nichts weiter anrühren werden, und das Geld ſollſt Du, ſobald ich es irgend wieder erſchwingen kann, oder im Stande bin das hier auf der Inſel vergrabene auszuheben, wiederbe⸗ kommen.“ „Ich habe kein Geld— nicht einen Penny.“ „Daß Dich die Lüge erſticke, Beſtie“ ſchrie aber Jim jetzt, ſelber die Geduld verlierend—„ſoll ich die Calabaſſe unter der Lampe dort aufgraben, und Dir die vier oder fünf andern Stellen zeigen an denen Du noch Geld eingeſcharrt? heh?— oder willſt Du ſel⸗ ber Rath ſchaffen? Schnell jetzt denn wir haben nicht fünf Minuten Zeit mehr und ſchon viel zu lange ge⸗ trödelt.“ 89 „Die Calabaſſe unter der Lampe?“ ſchrie aber die Alte jetzt in Schreck und Entſetzen laut auf—„ha Teufel die Ihr ſeid— Hülfe! Mörder!“— Die eiſerne Fauſt des Iren lag an ihrer Kehle und erſtickte jeden weiteren Laut. „Hier Jack“ ſagte der Räuber dann ruhig zu dem herbeiſpringenden Genoſſen—„nimm mir einmal die Alte ab, halt ſie aber ruhig, indeß ich das Geld heraufhole.“— „Na das hätten wir vor einer Viertelſtunde ſchon eben ſo bequem haben können“ fluchte der Matroſe, den Mund der Alten, die ſich in des Iren Griff wand, mit einem Tuch bedeckend und verſchließend— „ſo Madame, nur für ein klein Weilchen, wenn der Herr Gemahl zurück kommt, kannſt Du ihm dann die ganze Geſchichte weitläufig auseinander ſetzen— wird ſich unmenſchlich freuen wenn er es hört. Haſt Du's, Jim?“ „Noch nicht“ ſagte ſein Kamerad, der die Lampe ohne weiteres bei Seite geworfen hatte und die darun⸗ ter befindliche lockere Erde mit ſeinem großen Meſſer aufſtach und mit den Händen hinauswarf—„Teufel noch einmal, das Ding ſteckt tiefer wie ich glaubte.“ „Weißt Du aber auch gewiß daß das der Platz iſt?“ Jim lachte ohne darauf zu erwiedern und grub eifrig weiter, die Frau aber, die ſich jetzt wieder zu 8⁵ erholen anfing, verdoppelte ihre Anſtrengungen los zu kommen, und Jack hatte wirklich Mühe ſie unter zu halten. „Hol der Teufel die Alte“ brummte er dabei— „ſte wird es ſich ſelber zuzuſchreiben haben, wenn ſie zu Schaden kommt.“ „Da iſt er“ rief aber auch in dieſem Augen⸗ blick Jim, die aufgeſtochene Erde raſch und freudig auswerfend—„ich hab' ihn ſchon mit dem Meſſer gefühlt; ſo jetzt wird unſere Reiſecaſſe gleich in Ord⸗ nung ſein.“ „Mach ſchnell Jim, ich kann die Alte wahrhaftig nicht länger halten“ rief aber auch Jack,„ich muß ihr ſonſt die Kehle allen Ernſtes zuſchnüren— was auch eben kein großer Verluſt wäre.“ „Nein— halt!“ rief aber Jim, ohne jedoch ſeine Arbeit zu unterbrechen—„thu' ihr Nichts zu Leide, Jack, Mütterchen Tot und ich ſind viel zu gute alte Bekannte, als daß ich die Urſache ihres Todes ſein möchte— kannſt Du ihr nicht die Arme und Füße binden?“ „Ich habe alle beide Hände voll zu thun, ihr nur eben den Mund zuzuhalten“ knurrte Jack. „Hier iſt der Beutel!“ rief Jim und das Klirren des Geldes, das auch wahrſcheinlich an das Ohr der Eigenthümerin drang, trieb dieſe zu neuen raſenden, aber doch vergebenen Anſtrengungen. „So komm wenigſtens her daß Du mir ſie binden hilfſt“ rief Jack jetzt zwiſchen den, feſt aufeinander ge⸗ biſſenen Zähnen durch—„allein bring' ich's nicht zu Stande.“ „Kann nicht einmal ein altes Weib bändigen“ lachte der Ire, dem Rufe jedoch nichtsdeſtoweniger Folge leiſtend. Jack hatte, wie faſt jeder Matroſe, die Taſchen voll dünner Seilen und kurzen Enden Tau und die Alte lag bald, unfähig ſich weiter zu bewegen, gebunden und geknebelt auf ihrer Matratze und dem im Kampf heruntergeriſſenen Mosquitonetz. „So, nun aber fort“ rief Iim,„denn Murphy kann jeden Augenblick wieder zurück kommen und beſſer iſt beſſer. Da Jack, vergiß Dein Gewehr nicht und nimm unſere beiden Bündel, ich trage das Geld — wir haben genug!“ und mit heiſerem Lachen ſprang er, von dem Kameraden gefolgt, aus der Thür, den ſchmalen Pfad entlang der nach dem Waſſer führte, und ſich eben noch in dem dunklen Schatten erkennen ließ. Kaum aber hatten ſie die Hütte zehn Schritt hinter ſich, als das gellende Angſt⸗ geſchrei der Alten, die ſich gewußt hatte von ihrem Knebel zu befreien, an ihr Ohr ſchlug, und beide er⸗ ſchreckt halten machte. 92 „Der alte Drachen wird den ganzen Wald rebel⸗ liſch machen“ rief Jim mit dem Fuße ſtampfend— „weißt Du denn noch nicht einmal einen Knebel ein⸗ zudrehn?“ „Ach laß ſie ſchreien“ brummte Jack,„in zehn Minuten ſind wir auf dem Waſſer und in der Dun⸗ kelheit finden ſie doch unſere Spur nicht.“ „Nein, nein“ rief aber Jim ängſtlich,„wir kön⸗ nen nicht gerade im See halten und müſſen erſt lange Strecke an den Riffen hin— wenn der Alarm ge⸗ geben wird, kommen uns doch am Ende die Boote in den Weg. Spring zurück und drück ihr den Knebel wieder ein, aber mach raſch, ich bringe indeß das Geld in Sicherheit— Du kennſt ja mein Zeichen.“ „Wart lieber hier, ich könnte mich verirren“ rief aber der, mit dem Walde gar nicht vertraute Jack, „hol der Teufel die Bäume, einer ſieht wie der an⸗ dere aus.“ „So mach raſch“ rief Jim—„Raiteo wird auf uns warten.“ Jack ſprang in das Haus zurück und Jim horchte einen Augenblick, bis der Kamerad hinter den Guia⸗ ven verſchwunden war, ſprang aber dann mit flüch⸗ tigen Sätzen dem Strande zu, Raiteo zu treffen. Dieſer befand ſich jedoch keineswegs auf der bezeich⸗ neten Stelle, ſondern war ein ſowohl ſehr überraſch⸗ 93 ter, als erſtaunter Zeuge der letzten Scene geweſen. Stutzig gemacht nämlich, durch den barſchen Befehl das Haus zu verlaſſen, und mistrauiſch gegen die bei⸗ den Männer, fiel ihm auch zugleich wieder das unter den Inſulanern beſtehende Gerücht ein, Mütterchen Tot ſei ſteinreich und habe ihre ganze Hütte mit Silberſtücken gepflaſtert, über die nur eben wieder dünne Erde geſtreut wäre. Vor der Habgier der Eingeborenen ſchützte ſie freilich auch der Ruf ihres Einverſtändniſſes mit böſen Geiſtern(Murphy las deshalb auch nur immer in der Bibel, dieſe von ſich abzuhalten), aber mit den Weißen war das etwas anderes und er fand denn auch, wie er ſich nur vor⸗ ſichtig hinter die Bambusſtäbe gedrückt, ſeinen ſchlimm⸗ ſten Verdacht gar bald beſtätigt. Als Jack nach dem Hauſe zurückſprang, lag der Inſulaner, nicht fünf Schritt von den beiden verſteckt, in dem dichten Unterbuſch, unſchlüſſig was zu thun, und erſt als er den einen, mit dem geraubten Gelde dem Strande zu fliehen ſah, folgte er dieſem— ſein Vortheil lag da, wo er das Geld wußte. Einen Augenblick hielt aber ſelbſt Jim in ſeinem Lauf ein als ein gellender wilder Angſtſchrei von der Hütte her an ſein Ohr ſchlug. Dann war Alles ruhig— todtenſtill, und nur einen Fluch in den Bart murmelnd, ſetzte er ſeinen Weg fort und hatte eben ” b 94 den Rand des kleinen Fluſſes und damit eine ſchmale offene Lichtung erreicht, wo gerade Raiteo ſeiner harren ſollte; als er es rechts und links in den Büſchen raſcheln hörte und beſtürzt ſtehen blieb, des Geräu⸗ ſches ſicher zu ſein, ehe er ſich dem offenen Platz an⸗ vertraute. „Raiteo!“ rief er dabei mit leiſer, vorſichtig ge⸗ dämpfter Stimme, und gab das verabredete Signal aber kein Raiteo antwortete, denn dieſer, obgleich dicht hinter ihm, hatte ebenfalls etwas vernommen das da nicht hingehörte, und wollte jedenfalls erſt wiſſen was es ſei, ehe er ſelber durch irgend eine Antwort ſeine Gegenwart verriethe. Alles war todtenſtill, als plötzlich ein wilder, wirrer Lärm von der Richtung wo er hergekommen zu ihnen herübertönte, und gleich darauf ein Schuß fiel. „Tod und Teufel, das war Zeit“ lachte Jim in ſich hinein—„ſollte mich gar nicht wundern wenn Jack in einen warmen Platz gerathen iſt; jetzt aber auch fort—“ und mit ein paar Sätzen die Lichtung überfliegend, begrüßte er mit einem Freudenruf das dort verſteckt gehaltene Canoe.— Noch aber hatte ſein Fuß es nicht berührt als es wieder an beiden Seiten in dem Dickicht raſchelte und brach, und zwei dunkle Geſtalten plötzlich daraus vorſprangen. „Hell and damnation!“ ſchrie der Verbrecher, der kaum Zeit behielt das geraubte Geld in einen Buſch hinein fallen zu laſſen und ſein Gewehr auf⸗ zugreifen, als ſich auch der Eine der Männer gegen ihn anwarf, deſſen Geſicht er nur zu wohl erkannte. „Haben wir Dich, Kamerad!“ rief der Boots⸗ mann der Jeanne d'Arc, als er, den kurzen Cutlaß*) in der Fauſt, unerſchrocken gegen die vorgehaltene Waffe des Iren anſprang—„ergieb Dich, denn Du biſt mein Gefangener.“ „Noch nicht“ ziſchte aber der zur Verzweiflung getriebene zwiſchen den Zähnen durch, und die abge⸗ feuerte Kugel riß dem Feind die linke Backe in dem⸗ ſelben Moment auf, als ſein Cutlaß das Bayonnett zur Seite ſchlug. Im nächſten Moment war aber auch der andere Matroſe an ſeiner Seite, und ſich auf den Iren werfend, umfaßte er dieſen mit ſeinen ſeh⸗ nigen Armen und riß ihn mit ſich zu Boden. Jim O Flannagan lag, wenige Minuten ſpäter, über⸗ wunden und gebunden in der Gewalt ſeiner Feinde. „So— das war abgemacht“ ſagte der Boots⸗ mann ruhig, der ſich jetzt die verwundete Backe hielt, und das Blut zu ſtillen ſucht.—„Peſte, wie mich der Schuft jetzt zugerichtet hat, und es war gut ge⸗ meint— aber den Andern werden ſie wohl auch er⸗ *) Kurze Degen an Bord von Schiffen gebräuchlich. wiſcht haben. Der kleine rothhaarige Schuft hatte doch recht, daß er uns hier herum zu Waſſer ſchickte, und wie ich nur das Canoe ſah wußt ich daß wir ihn abfangen würden. Aber hallo was iſt das?“ „Indianer bei Gott!“ ſagte der andere Matroſe, nachdem ſie eine kurze Weile einem neu beginnenden Lärm und Schreien gelauſcht, dem gleich darauf das Knattern eines förmlichen Kleingewehrfeuers folgte. Jim horchte hoch auf— da war Hülfe moͤglich — wenn ihn die Infulaner hier entdeckten hätten ſie ihn jedenfalls befreit, und er ſtieß jetzt plötzlich mit lauter gellender Stimme den oft gehörten Schlacht⸗ ſchrei derſelben aus! „Brav gemacht mein Junge“ lachte aber der Bootsmann, mit dem Kopfe nickend—„recht brav für Dein Alter, ſchade nur, daß Du deine Lunge ſo ganz umſonſt anſtrengſt“— und dann ſeine Pfeife an die Lippen bringend, that er einen kurzen ſcharfen Pfiff, dem gleich darauf durch die regelmäßigen Ru⸗ derſchläge eines heranſchäumenden Bootes geant⸗ wortet wurde. „Hier den Burſchen in's Boot und vier mit ihm zurück, ſo raſch Ihr könnt nach Papetee— Ihr An⸗ deren mit Eueren Waffen her zu mir.“ Dem Befehl ward augenblicklich Folge geleiſtet, der ſich aus allen Kräften ſträubende Verbrecher in's 97 Boot geworfen, und wie der größte Theil der Mann⸗ ſchaft an Land geſprungen war, glitt das ſcharfge⸗s baute Fahrzeug geräuſchlos wieder zurück in die Fluth und verſchwand gleich darauf unter dem dichten Schatten der überhängenden Uferbäume; die Ma⸗ troſen aber folgten ſtill und ſchweigend dem ihnen raſch voranſchreitenden Bootsmann dem Schauplatz des Kampfes zu, der jetzt wieder heißer zu entbren⸗ nen ſchien. Ueber den Platz aber, als ihn Alle verlaſſen, glitt die dunkle Geſtalt des Inſulaners, des ſchlauen Raiteo, der in ſeinem Verſteck ein ſtiller Zeuge des Ganzen geweſen. Das Boot mit ſeinem Gefangenen, übrigens wie der forteilende Trupp der Seeleute ſchien ihn wenig zu intereſſtren— er horchte nur aufmerkſam einen Augenblick nach beiden Seiten hin, ob auch wirklich Alle den Platz verlaſſen und keiner von ihnen zurückkehrte, ihn zu ſtören, und als er ſich davon überzeugt, ſchlich er ſich geräuſchlos zu der Stelle hin wo das Canoe angehangen lag, und Jim O Flannagan von den vorſpringenden Seeleuten überraſcht war. Die ſchon ſtark eingebrochene Däm⸗ merung ließ ihn gerade noch erkennen was er ſuchte, den dort eingeworfenen Sack mit Geld, und während ſich ein höchſt ſelbſtzufriednes vergnügtes Lächeln über ſeine Züge ſtahl, verſchwand er mit ſeinem Gerſtäcker's Tahiti. UV. 7 98 ſo ohne alle Anſtrengung erbeuteten Schatz in der Dickung. Jack hatte indeſſen ſeinen Auftrag raſch und voll⸗ ſtändig ausgeführt, als er aber die Hütte wieder ver⸗ ließ ſah er todtenbleich aus und ſein ſtierer Blick ſtarrte wild und mistrauiſch umher. „Jim!“ rief er, als er mit flüchtigen Sätzen den Pfad hinabſpringend den Kameraden nicht auf der alten Stelle fand.„Jim— wo zum Teufel ſteckſt Du— iſt das auch der rechte Weg?“ rief er dann ſich beſtürzt und unſicher umſchauend—„hier der Baum lag doch vorher hier nicht— na das fehlte mir jetzt“ und mit ausbrechender Angſt floh er die wenigen Schritte zum Haus zurück, dort zu ſehn ob noch irgend ein anderer Pfad nach dem Waſſer hin auszweige. „Hier iſt er— halt ihn— ſteh Schurke!“ rief es in dem Moment von drei vier Seiten— Jack, mit einem Angſtſchrei zuſammenfahrend, griff ſein Gewehr auf, aber der Finger berührte zu früh den Drücker und der Schuß ging in die Luft, während ſich von drei oder vier Seiten die Soldaten auf ihn warfen, ihn entwaffneten und ſeine Hände banden. „So mein Burſch'“ ſagte Bertrand, der an ihn hinangetreten war und ihn erkannt hatte—„haben wir Dich wieder?— wo iſt Dein Kamerad?“ „Schenkt mir das Leben ich will Euch Alles ge⸗ ſtehn!“ ſchrie der Unglückliche in Verzweiflung in die Knie brechend. „Unterſucht das Haus erſt ob Ihr nicht den An⸗ dern darin findet— der größte Hallunke fehlt noch immer“ rief aber der Lieutenant ohne auf das Ge⸗ wimmer des Mannes zu achten.„Tod und Teufel wenn er uns wieder entgangen ſein ſollte. Ha, was iſt das da?“ Er hatte Urſache zu fragen, denn vier oder fünf Schüſſe fielen in dieſem Augenblick aus dem T Dickicht, und wilde Zurufe utworteten ſich herüber und hinüber. „Die Inſulaner!“ rief René, das Gewehr auf⸗ greifend, daß der Gefangene hatte fallen laſſen— „alle Wetter, Bertrand, wenn wir einen Trupp der Burſchen über uns bekommen, können wir uns gratuliren.“ „Bleib Du bei den Gefangenen René“— rief ihm der Freund zu—„wir haben das Haus oben umzingelt und dürfen den Iren nicht aufgeben, wenn er drinnen ſtect. Du magſt zwei Mann noch bei Dir behalten. Wir werfen die Inſulaner zurück und ziehen uns dann von hier nach dem nicht ſo fernen 7* 7 3 100 breiten Weg hinunter; ſobald es dunkel wird können ſie auch nichts machen.“ Der Officier rief ſeine Leute zuſammen und rückte raſch zum Entſatz nach der Hütte hinauf, während Rene mit den beiden Seeleuten als Wache zurückblieb; aber es war ihm ein unbehagliches Gefühl, einen wieder eingefangenen Matroſen zu bewachen— ſein eignes Bild ſtieg ihm vor der Seele auf, und er hätte Gott weiß was darum gegeben, den Mann befreien zu dürfen. „Was haſt Du verbrochen mein Burſche?“ frug er, zu ihm hinantretend,„daß Du das Weite ſuchen mußteſt?“ „Nichts, Ew. Gnaden, auf der weiten Gottes⸗ welt, als Schiffs müde“— ſtöhnte der Mann, von dem freundlichen Tone getroffen—„und ein armer Rücken wird's jetzt ſein, der für die Beine bezahlen muß— oh armer Jack, armer Jack.“ Rene hatte ſich die Patrontaſche umgehangen, die man dem Gefangenen abgenommen und fing an ſein Gewehr zu laden— er hatte dem Gebundenen den Rücken zugedreht, und hörte wie die Leute heimlich mit ihm flüſterten. „Wenn ſie klug ſind“ dachte er bei ſich ſelber, „werden ſie wiſſen was ſie zu thun haben— ich ſollte nicht an ihrer Stelle ſein.“ 4 101 . Die regelmäßigen raſchen Schritte von Europäern kamen vom Waſſer herauf— es war der Bootsmann mit ſeinen Leuten der das Schießen gehört. Kaum hatten dieſe aber die kleine Gruppe erreicht, als dicht vor ihnen auch wieder ein anderer Trupp Indianer hereinbrach und wahrſcheinlich geglaubt hatte, den am Haus befindlichen Franzoſen den Rückzug abzu⸗ ſchneiden. Dieſe wurden aber warm von der Boots⸗ mannſchaft empfangen, und noch im Kampf ſah Renè wie ſich der Gefangene vom Boden aufrichtete. „Lauf“ dachte er bei ſich ſelber,„wenn Du wei— ter nichts verbrochen haſt“ und nicht unmittelbarer Zeuge zu ſein, trat er ein paar Schritte in das Dickicht, das jetzt geladene Gewehr in der Hand, hinein, als er ſich plötzlich gefaßt und zu Boden ge⸗ worfen fühlte und gleich darauf gellte ein wilder Jubelruf an ſein Ohr. Rings um ihn her brachen und rauſchten die Büſche— Schüſſe fielen und wilde halbnackte Geſtalten ſprangen über und neben ihm hin. Aber nicht halten konnten ſie ſich gegen die Uebermacht— von dem Haus zurück ſtürmte jetzt Bertrand mit den Seinen, dem Kampfplatz zu, und René hörte wie die Inſulaner ſich ebenfalls zur Ver⸗ theidigung ſammelten. Er wollte um Hülfe rufen, aber ſeine Stimme wurde von dem, ihn umtobenden Lärm übertäubt— er wollte ſich aufrichten, aber vier 102 kräftige Arme umſchlangen ihn, und während er die Kugeln der Freunde konnte um ſich her einſchlagen hören, trugen ihn die Sieger weiter in das Dickicht hinein, wohin ihnen die Europäer jetzt gar nicht mehr wagen durften zu folgen. Weiter und weiter ent⸗ fernte ſich der Lärm der Kämpfenden denn die Inſu⸗ laner folgten den ſich jetzt nach Papetee zurück ziehen⸗ den Franzoſen auf dem Fuß, ſie wenigſtens noch ſo viel als möglich zu beläſtigen, und verhallte endlich in der Ferne. Erſt dann ließen ihn die Eingeborenen wieder auf den Boden nieder, und er wurde jetzt mit ziemlich barſcher Stimme bedeutet, ihnen in die Berge zu folgen. Canitel 3. Das Lager der Inſulaner. Rend befand ſich in der keineswegs angenehmen Lage, mit auf den Rücken gebundenen Händen durch ein Dickicht in völliger Dunkelheit zu marſchiren, wo man am hellen Tage ſeine Bahn kaum finden konnte. Die Guiaven wurden hier auch wirklich ſo dicht, daß die Inſulaner ſelber nicht mehr darin fortkamen, we⸗ nigſtens ihren Gefangenen nicht weiter bringen konn⸗ ten, und deshalb beſchloſſen da, wo ſie ſich gerade be⸗ fanden zu lagern; erſt am nächſten Morgen mit Ta⸗ gesanbruch ihr Lager in den Bergen zu erreichen. Sie ſchienen auch keineswegs zu befürchten hier von Feinden überraſcht zu werden, denn ſie rieben ſich Feuer an, räumten bei deſſen Schein einen kleinen Platz in dem Dickicht frei, wo ſie ſich ordentlich aus⸗ ſtrecken konnten, und während Einzelne zum Fouragi⸗ ren abgeſchickt waren, und etwas ſpäter mit allen möglichen Früchten und ſogar einem Ferkel zurückka⸗ men das ſie, Gott weiß wie, im Dickicht überraſcht hatten, wurden Steine glühend gemacht und Einer ihrer gewöhnlichen Bratofen gegraben, um den ſie ſich bald, rings von kleinen Qualmfeuern umgeben die Mosquitos abzuhalten, ſammelten, und nun an zu lachen und zu erzählen fingen, als ob ſie ſich mitten im Frieden und nicht auf einem Streifzug befänden, der ihnen jeden Augenblick wieder Speer oder Mus⸗ keten die Hand drücken konnte. René hatte Anfangs gehofft er werde unter der Schaar wenigſtens einen oder den anderen Bekannten finden, es ſchienen aber lauter Eingeborene von der anderen Seite der Inſel, ja vielleicht gar von Imeo, von wo ſchon einzelne Canoes mit Kriegern heim⸗ licher Weiſe gelandet waren, den Brüdern auf Ta⸗ hiti im Kampf gegen ihre Feinde beizuſtehn, was auf keiner Inſel ſo wirkſam ausgeführt werden konnte, wie gerade hier. Mit lauter fremden Geſichtern um ſich her, machte er dann auch gar keinen Verſuch die Leute zu über⸗ zeugen, wie er gerade mit der ganzen Sache am we⸗ nigſten zu thun gehabt, ſuchte ſich einen warmen 105 Platz an einem der Feuer, wo er ſich unter den Rauch legen konnte, und bat dann Einen der Eingeborenen ihm die Hände los zu binden da er ſchlafen wolle, und das auf dieſe Weiſe nicht möglich machen könne. Der Inſulaner ſah ihn erſt erſtaunt an; er hatte wahrſcheinlich gar nicht geahnt, daß der Wi Wi ſo fertig ihre Sprache ſpräche, willfahrte ihm dann aber, da keine Gefahr war daß er ſich ihnen durch die Flucht entziehen könne, und nachdem René noch geſehen, wie Wachen in verſchiedenen Richtungen ausgeſtellt wurden, einem wenn auch nicht wahrſcheinlichen, doch möglichen Ueberfall zu begegnen, ſchob er ſich einen daliegenden Stein unter den Kopf, warf ſich auf die rechte Seite und war bald, unbekümmekt um das Lachen und Lärmen um ihn her und die Gefahr in der er ſich vielleicht ſelber befand, ſanft und ſüß eingeſchlafen. Am nächſten Morgen weckte ihn in der That erſt der Morgenſchuß der Fregatte, der voll und dröhnend zu ihnen herüberbrach, und ſein ſchmetterndes Echo in den Bergen fand. Eine Dämmerung criſtirt in die⸗ ſen Breiten gar nicht, der Tag beginnt faktiſch erſt mit der Sonne, und Phöbus überraſcht die Nacht, wenn er mit ſeinem leuchtenden Geſpann dem Meer entſteigt.. Die Inſulaner hatten ſich indeß ſchon zum Auf⸗ 106 bruch gerüſtet, man gab ihm ein Stück kalte geröſtete Brodfrucht und ein paar Bananen, und der kleine Trupp ſetzte ſich dann, den Gefangenen in die Mitte nehmend, wieder in Bewegung, bald darauf das Thal erreichend in dem das Lager ſich befand, und wo ſie einen ſchmalen Fußpfad trafen, dem ſie mit geringerer Anſtrengung folgen konnten. Seine Hände hatte man ihm übrigens nicht wieder gebunden— er hätte auch den flüchtigen Söhnen dieſer Wälder im Leben nicht hier entſpringen können. Nach ſtündigem Marſch etwa, bei dem ſie ſich übrigens langſam fortbewegten, erreichten ſie die er⸗ ſten ausgeſtellten Vorpoſten der Eingeborenen, mit Musketen und Seitengewehren bewaffnet, die ſich eifrig nach den Vorgängen des verfloſſenen Abends, von denen ſie ſchon gehört zu haben ſchienen, erkun⸗ digten. Sie hielten ſich aber nicht bei ihnen auf, ſondern ſtiegen jetzt mit ſchnelleren Schritten das ſchmale Thal hinan, hie und da von einzelnen, rings an den ſteilen Wänden und hinter Felsſtücken wohl verdeckten Poſten angerufen, die auch durch Zeichen und einen eigenthümlich ausgeſtoßenen Schrei ihre Ankunft weiter meldeten. Endlich öffnete ſich das Thal etwas, die Berg⸗ wand lief hier weniger ſteil zum Waſſer nieder und bildete eine Art Keſſel, in dem Renè einfach aufge⸗ 107 worfene Schanzen zu finden erwartete, ſich aber hier zu ſeinem Erſtaunen plötzlich in einer förmlichen klei⸗ nen Colonie ſah, in der Hütten ringsum errichtet, die Guiaven und anderen Sträucher niedergehauen und mit ihrem Holz zwar nicht ſehr hohe, aber ſicherlich ſehr feſte und ſchwer zu überwindende Bar⸗ rieren errichtet waren. Kanonen hatten ſie hier nicht zu fürchten, für die zuerſt eine vollſtändige Straße hätte ausgehauen werden müſſen, und einem Angriff von kleinem Gewehrfeuer, gegen das ſie auch noch überdies ein im Inneren aufgeworfener niederer Erd⸗ damm ſchützte, konnten ſie hoffen mit Erfolg zu begegnen. Was aber René vor allem Anderen überraſchte war die vollkommene Ruhe die in dem kleinen Lager herrſchte— man hörte weder Singen noch Schreien, ſah weder tanzende noch lachende Gruppen, und nur hie und da ſtanden einzelne kleine Trupps zuſammen, ſich leiſe mit einander unterhaltend. Das Rauſchen der mächtigen Baumwipfel unterbrach kaum die feier— liche Stille. Es war Sabbath— der Sabbath der Eingebo⸗ renen wenigſtens, und ſelber der Gefangene wäre nicht weiter beachtet worden, hätte nicht René Viele der hier Verſammelten gekannt und auf ſie zugehend ſie begrüßt. Die aber, die ihm ſonſt freundlich die 108 Hand geſchüttelt und ihm das herzliche Joranna ent⸗ gegengerufen, wandten ſich theils ab, ihn nicht zu ſehen, theils nickten ſie einfach mit dem Kopf und drückten ſich dann langſam aus ſeiner Nähe, nicht weiter mit ihm in Berührung zu kommen. Es war augenſcheinlich daß ſie ihn vermeiden wollten, und Renè fühlte das kaum, als ihm das Blut auch ſchon in Zorn und Unmuth in die Schläfe ſtieg und er ſich finſter, die Arme auf der Bruſt verſchränkt, an einen mächtigen Mapebaum lehnte, das Reſultat ſeiner Ge⸗ fangennahme ruhig abzuwarten. Er hatte noch nicht lange ſo geſtanden, als eine kleine Glocke läutete und die Inſulaner, die wie Rens zu ſeinem Erſtaunen jetzt ſah, gar keine Waf⸗ fen zu haben ſchienen, alle dem entfernteren Ende des Lagers zuzogen, wo roh von Steinen gebaut eine Art Rednerſtand aufgerichtet und ein ſchlanker da⸗ nebenſtehender ſchwacher Baum abgekappt und mit einem Bret darauf befeſtigt war, gewiſſermaßen zur Kanzel zu dienen. „Auch eine Predigt?“ murmelte Rensé erſtaunt vor ſich hin—„Wetter nocheinmal, die Burſchen haben ſich hier ſo häͤuslich eingerichtet, als ob ſie gar nicht wieder zum Waſſer hinunter zu ziehn gedächten, und kein Gewehr zu ſehn, kein Degen, kein Speer, wo⸗ mit, zum Henker, wollen ſie ſich denn vertheidigen, 109 3 wenn ſie hier angegriffen werden?— Ha Mr. Rowe“ unterbrach er ſich aber wirklich überraſcht, als der finſtere Mann aus einer kleinen, gar nicht ſo weit von ihm entfernten Hütte trat, und faſt dicht an ihm vorüber, ohne den Blick aber nur ein einziges Mal zu ihm aufzuheben, der wunderlichen Kanzel zuſchritt. Die Inſulaner hatten ſich indeſſen Alle um ihn verſammelt, nur vier ausgenommen, die dem jungen Franzoſen augenſcheinlich als Wache beigegeben wa⸗ ren. Es dauerte auch nur wenige Minuten länger, ſo begann der religiöſe Geſang, irgend eine von den Miſſionairen in's Tahitiſche überſetzte Hymne nach der Melodie eines alten Engliſchen Volksliedes, deren ſie ſich wunderbarer Weiſe am meiſten bedienten*) und Vers nach Vers zog ſich monoton und bleiern durch eine volle Stunde tödtend hin. „Das wird langweilig meine Burſchen“ ſagte René endlich, der jetzt wohl einſah daß ihm nichts anderes übrig blieb, als den Gottesdienſt ruhig und geduldig auszuhalten, und der ſich indeſſen die Zeit ²) Die Miſſionaire, von denen wohl wenige muſikaliſch ſein mochten, hatten in früheren Jahren den Indianern zu ihren Hymnen keine anderen Melodieen bringen können, als die, die ihnen noch vom alten Vaterland im Gedächtniß wa⸗ ren, meiſt Volkslieder, denen ſie den frommen Tert dann anpaſſen mußten. 110 durch ein Geſpräch mit ſeinen Wächtern zu kürzen hoffte,„treibt Ihr's hier alle Tage ſo, oder blos am Sabbath?“ „Bſt!“ ſagte aber der älteſte der Eingeborenen mit einem verdrießlichen Kopfſchütteln—„bſt— nicht ſprechen, Ferani; heute iſt Sabbath, heute darf Nichts gethan werden wie beten. Du mußt ſtill ſein.“ „Das hat mir noch gefehlt“ brummte René mit einem tief aufgeholten Seufzer—„Hunger und Beten— heut' werd ich ein richtiger Büßer und kann einen Theil meiner Sünden los werden.“ Wohl wiſſend aber daß mit den Wilden in dieſer Hinſicht nichts anzufangen war, und auch nicht geſonnen ſich hier oben, nun doch einmal in ihrer Gewalt, viel⸗ leicht noch mehr Feinde zu machen, wenn er ihre Andacht auf eine oder die andere Art ſtörte, warf er ſich unter den Baum, drehte der frommen Verſamm⸗ lung den Rücken zu, und verſuchte zu ſchlafen. „Könnte Dir auch nichts ſchaden wenn Du ein Bischen zuhörteſt und was lernteſt“ ſagte der Eine wieder leiſe zu ihm—„Miti Aue iſt ein tüchtiger Mann und weiß Alles ganz genau was einmal ge⸗ ſchehen wird.“ „Ich wollte er könnte mir dann ſagen wo ich morgen um dieſe Zeit bin“ lachte René. 8 „Bſt“ ſagte der Eingeborene wieder raſch und 111 erſchreckt—„nicht ſo laut— wenn Du auch kein Chriſt biſt, kannſt Du doch Frieden halten.“ Renè biß ſich auf die Lippen, aber er erwiederte Nichts weiter und lehnte ſich zurück zum Schlafen. Der Geſang hatte jetzt aufgehört und die Predigt be⸗ gonnen, und der junge Mann hörte in einer Art Halbtraum die ſcharfe gellende Stimme des ehrwür⸗ digen Mr. Rowe, die in klappernder monotoner Weiſe, die einzelnen Sätze ſchroff von einander ge⸗ riſſen, dieſen Kindern des Südens die ſtarren Dog⸗ men der chriſtlichen Religion erklärte, und ſie vor dem Antichriſt warnte, der mit ſcharfen Krallen vor ihrer Thüre läge und ſie drohe zu verſchlingen, wie ſie die Schwelle überträten. „Chriſten nannten ſie ſich, jene Menſchen, die das Volk verführten, ihre Religion und ihren Sab⸗ bath mit Füßen traten, ihre Regierung ſtürzten, ihre Männer erſchlugen, ihre Frauen entehrten, und von den ſicheren Schiffen aus die tödtlichen Kugeln in friedliche Wohnungen und Hütten ſchleuderten. Chri⸗ ſten nannten ſie ſich, aber ſie verleugneten den Herrn, ſie verleugneten ſein Wort und ihre Prieſter; anſtatt im Sack und in der Aſche Buße zu thun, gingen in Gold und Silber blitzenden Gewändern einher, ein Greuel dem Herrn und jedem frommen Chriſten. Aber Gottes Donner ſchlief nicht, ſeiner Nache Blitz lag gerichtet ſchon in der gehobenen Hand, und ſeine unendliche Langmuth nur verzögerte noch den Wurf, der Verderben niederſchleudern ſollte und mußte auf die Verräther und Feinde dieſes Inſellands. Wehe den Strafbaren, wehe den Meineidigen— wehe den Mördern— wehe den Gottesläſtern und Bibelſchändern— wehe allen die ſich ſchuldig wuß⸗ ten in der letzten Stunde des Gerichts, denn des Herren Rache würde ſie treffen in das ſiebente und zehnte Glied, und ihren Saamen vertilgen von der Erde!“ Wilder und drohender hallte die Predigt von des geifernden Mannes Lippen, ſeine Rede war eine Rede des Zorns und der Rache; ſie machte das Blut kochen in den Adern, bei Freund und Feind, und die Hand ſuchte unwillkürlich eine Waffe dem zornigen ingrimmigen Wort die That folgen zu laſſen zu Haß und Blut. Renè konnte es zuletzt nicht mehr ertragen; er ſprang auf von ſeinem Lager und ging mit raſchen Schritten und feſt über die Bruſt geſchränkten Armen auf dem kleinen Raume hin und wieder, von ſeinen Wächtern mistrauiſch dabei mit den Augen verfolgt. Aber er dachte nicht an Flucht, und nur die Scheu den Gottesdienſt dieſes Volkes als Katholik zu ſtören, und dem Miſſionair noch mehr Urſache zu geben 113 wider ihn und ſeine Landsleute zu eifern, hielt ihn ab, nicht mitten in die feindliche Predigt hinein zu ſpringen und dem fanatiſchen Prieſter den Lug und Trug ſeiner Rede in's Geſicht zu ſchleudern. Die Predigt hatte ſich endlich mühſam und krampf⸗ haft dem Schluß zugewandt; das letzte Gebet folgte, die Eingeborenen wandten ſich, der Sitte der Metho⸗ diſten nach, ab von dem Geiſtlichen, ihr Gebet zu verrichten, und ein ſtiller heiliger Friede ſchien, mit dem Verhallen der rauhen feindlichen Worte, über den Betenden zu ruhen. Ein Schuß! Wie durch Zauberei änderte ſich das Bild— die Schaar der Frommen, auf die Knie niedergeworfen in brünſtigem Gebet— keine Waffe zu ſehn, die den feindlichen Charakter dieſes Lagers in der Wildniß hätte verrathen können, kein Laut zu hören wie das dumpfe Murmeln der zu ihrem Gott erhobenen Stim⸗ men. Da hinein brach der Knall des in geringer Entfernung abgefeuerten Gewehrs, die Männer ſchnell⸗ ten im Nu empor, und nach allen Seiten auseinander ſtiebend enthüllte jeder Stein faſt, und jeder Buſch, jede wie nachläſſig hingeworfene Matte, jeder Strei⸗ fen zuſammengereihter Pandanusblätter, der zum Be⸗ dachen irgend einer neuen Hütte verwandt werden ſollte als der Sabbath die Arbeit unterbrach, einen Gerſtäcker's Tahiti. IV. 8 114 Haufen Gewehre oder Lanzen, Speere, Patrontaſchen, Säbel, Meſſer und Beile, und die wirbelnde Trom⸗ mel rief die verſchiedenen Trupps zu ihren, ſchon vorher beſtimmten Sammelplätzen, den Feind zurück zu weiſen, der es wagen ſollte, ſie in dieſer feſten Stellung anzugreifen. René war mit ſtaunender Bewunderung Zeuge der fabelhaften Schnelle geweſen, mit der ſich die Kirche hier vor ſeinen Augen, und wie nach der Be⸗ rührung eines Zauberſtabes, in ein trotziges Kriegs⸗ lager verwandelte, und der ehrwürdige Mr. Rowe allein ſchien regungslos bei dieſer plötzlichen Me⸗ tamorphoſe ſeine Stelle behauptet zu haben. Nur mit erhobenen Händen und Augen ſtand er da, Ver⸗ gebung niederflehend von dem Herrn der Heerſchaa⸗ ren für das Häufchen der Gläubigen, die durch den rückſichtsloſen Feind gezwungen wurden doppelte Sünde zu begehen, den Sabbath zu brechen und viel⸗ leicht noch gar Bruderblut zu vergießen, und die Frauen und Mädchen ſchaarten ſich in aͤngſtlicher Er⸗ wartung um ihn her, mit jeder Secunde das jetzt gekannte und gefürchtete Pfeifen der Kugeln und das Praſſeln des Kleingewehrfeuers zu erwarten, das wieder Viele der ihrigen, vielleicht Väter, Brüder und Gatten niederſchmettern ſollte in ihr frühes, freudloſes Grab. Aber es kam nicht— Alles blieb ruhig, und wohl zehn Minuten ſtanden die Krieger in geſpannter, peinlicher Erwartung. Ein einzelner Indianer wurde zuletzt von den Wachen angezeigt, der langſam den Pfad herauf kam und mit ſeinem Tuche winkte. Die Poſten kannten ihn, René aber konnte einen Ausruf des Staunens nicht unterdrücken, als er in dem Bo⸗ ten, denn als ſolcher wies er ſich aus, ſeinen alten Freund oder Feind, wie die Sache gerade ſtand, von Atiu, als er Raiteo in ihm erkannte. Raiteo hatte auch ihn jedenfalls geſehn und er⸗ kannt, denn ein eignes zweideutiges Lächeln zuckte um ſeine Lippen, aber er drehte weder den Kopf nach ihm um, noch kümmerte er ſich im mindeſten um ihn, ſondern ſchritt gerade hindurch durch die ihm bereit⸗ willig Platz machenden Krieger, direkt auf den Miſ⸗ ſionair zu, der ſein Gebet jetzt ebenfalls beendet zu haben ſchien und ihn mit fragenden finſteren Blicken erwartete. „Wer hat geſchoſſen?— wer hat den Frieden unſers Sabbaths geſtört?“— frug der Geiſtliche ſtreng, als ihm der Indianer gegenüber ſtand, und eine derartige Anrede erſt wirklich erwartet zu haben ſchien—„ſind unſere Geſetze, die Geſetze Gottes nicht ſtreng genug ſolchen Frevel zu verhüten oder, wenn geſchehen, zu beſtrafen?— wo kommſt Du her 8* 116 jetzt, Bruder Raiteo und was bringſt Du?— ant⸗ worte wenn ich Dich frage, denn meine Zeit iſt koſt⸗ bar, und jede Minute wird dem Heiligſten, Höchſten dieſer ſündhaften Erde abgezogen und iſt unwieder⸗ bringlich verloren.“ „Wer geſchoſſen hat weiß ich nicht,“ entgegnete Raiteo vollkommen ruhig, und wenig bekümmert wie es ſchien um die harten Worte ſeines Vorgeſetzten— „es wird wahrſcheinlich einer von den Schildwachen geweſen ſein, die das Signal gaben, als ſie die Franzoſen den Berg herauf kommen ſahen.“ „Die Wi Wis?“ riefen die ihm nächſt ſtehenden Indianer raſch—„wo ſind ſie— wie viel— haben ſie Kanonen mit.“ „Sie bringen eine Botſchaft von Papetee“ fuhr Raiteo aber, gegen den Geiſtlichen gewandt, fort. „Was wollen ſie von uns?“ frug dieſer finſter— „heute iſt kein Tag mit ihnen zu verhandeln— der Sabbath iſt heilig und darf nicht ihretwegen ge⸗ brochen werden.“ „Wenn Du eine Botſchaft von den Feranis bringſt, Burſche, ſo haſt Du Dich damit an mich zu wenden und an Niemand anders!“ unterbrach in dieſem Augenblick eine ernſte tiefe Stimme das Geſpräch der beiden, und der alte wackere Häuptling Utami, einen Tapamantel um ſeine Schulter geſchla⸗ 117 gen, der nur den rechten mit einem langen Europäi⸗ ſchen Pallaſch bewehrten Arm frei und nackt ließ, trat aus einer Gruppe von Eingeborenen vor und dem Boten gegenüber. „Bruder Utami“ ſagte Mr. Rowe mit etwas ſcharfer zurechtweiſender Stimme,„ich verkündete in dieſem Augenblick das Wort des Herrn an heiliger Stätte, und es war richtig glaub ich, meiner ſchwachen Meinung nach, daß ſich der Bote, noch dazu ein junger Diener des Höchſten durch unſern ſchwachen Beiſtand, an mich wandte, die Entweihung des Sabbaths zu entſchuldigen.“ „Bringſt Du Botſchaft über irgend etwas das mit Gottes Wort in Verbindung ſteht?“ frug der Häuptling finſter, ohne auf den Einwurf weiter zu achten. „Botſchaft von den Feranis unten, Utami.“ „Dann haſt Du das Wort auch an mich zu richten, als den Häuptling und an niemand Anders“ lautete die barſche Antwort, die das Blut in die Wangen des Prieſters jagte, aber er wagte doch nicht dem ernſten Mann entgegen zu treten, und die Finger falteten ſich wieder wie unwillkürlich in einander und die Augen ſuchten den Himmel— es war ein Blick der Verſöhnung, der aber an Utami leider total ver⸗ loren ging. 1 1 118 „Wer feuerte den Schuß?“ frug jetzt der Häupt⸗ ling wieder und ſah den Inſulaner forſchend an. „FEiner der Poſten glaub ich, als ſie die Wi Wis den Berg heraufkommen ſahen, und wahrſcheinlich glaubten es kämen mehr hinterdrein.“ „Wie viele ſind es ihrer?“ „Drei blos, als Abgeſchickte.“ „Und was wollen ſie von uns?“ „Daß Du den geſtern gefangengenommenen Wi⸗ Wi frei gebeſt und mit ihnen zurückgehen laſſeſt in's Lager. Er gehörte nicht mit zu den Soldaten und wäre ganz aus Verſehn geſtern gefangen genommen.“ „Und iſt das ein Grund unſere Sabbathfeier zu unterbrechen?“ rief aber jetzt Bruder Rowe die Hände in Staunen und Entrüſtung zum Himmel gehoben —„ſollen wir, eines gefangenen Katholiken wegen, der gaſtlich an dieſer Küſte aufgenommen, ſein Weib von ſich geſtoßen und die Hand gegen die Kinder dieſes Bodens, ein zweiter Kain aufgehoben hat, den Gottesdienſt ſo vieler frommer Chriſten unterbrechen, denen vielleicht nur der heutige Tag noch gegeben iſt ihre Sünden zu bereuen und zu Gott umzukehren, während ſie vielleicht morgen ſchon vor ihrem Rich⸗ ter ſtehen?“ „Singe Du weiter, Mi⸗ to· na⸗re“ ſagte der Häupt⸗ ling ernſt—„wir Führer dieſer Schaar wollen 119 berathen was zu thun— Raiteo Du magſt hier meiner Antwort harren“— und mit langſamen Schritten, den ihm nächſten Häuptlingen winkend ihm zu folgen, ſchritt er der am entfernteſten Theil des Lagers errichteten Berathungshütte zu, wo er ſich, bald von den andern umgeben, auf einer der dort überall ausgebreiteten Matten niederließ. Die Hauptführer der Eingeborenen waren aber leider nicht Alle hier verſammelt; Tati, der mächtigſte derſelben fehlte, mit ihm Paofai und Paraita— die letzteren beiden lebten ſogar in Papetee, unter fran⸗ zöſiſchem Einfluß und wie es hieß, von ihm gewon⸗ nen, während ſich Tati, den Miſſionairen und ihrer Parthei wie den Feranis in ihrem Uebermuth zürnend, nach Papara zurückgezogen hatte Nur Utami— von denen die den Vertrag unterſchrieben der Einzige, der edel und kühn genug war den begangenen Fehler einzuſehn und dem Volk mit dem Schwert in der Fauſt bewies, daß er nie daran gedacht es zu verra⸗ then und ſich geirrt als er nach dem Feind des Va⸗ terlands die Hand um Hülfe ausſtreckte— hatte ſich mit den Seinen in die Berge zurückgezogen, feſt ent⸗ ſchloſſen ihre Unabhängigkeit und Freiheit zu wahren, ſo lange ihnen Gott die Kräfte dazu laſſen würde. Außerdem waren hier oben verſammelt Aonui, der rechte Arm der Miſſionaire, und Potowai, Te⸗ * 120 raitane, Kahauha und Taaniri, die von den Fran⸗ zoſen als Rebellen erklärten Führer der Eingeborenen, mit vielen Anderen vom ſüdlichen Theil der Inſel, und dem öſtlichen, und auch Fanue wurde mit ſeinen Streitern von Tairabu erwartet, von wo aus er herüberkommen und ſich dem Hauptſtamme anſchließen ſollte, wenn es Noth that einen gemeinſchaftlichen, und Hauptſchlag gegen die in Papetee jetzt ziemlich zuſammengedrängten Feranis zu unternehmen, und dem Krieg dadurch vielleicht ein Ende zu machen. Die Berathung der Häuptlige dauerte nicht lange, ſchien aber gegen Utamis Willen entſchieden zu ha⸗ ben— der alte Häuptling ſprach ſinſter und heftig gegen die Mehrzahl der Uebrigen und ſeine Stimme drang manchmal, wie das dumpfe drohende Rollen der Brandung zu der Verſammlung herüber. Dieſe wurde indeß durch den Geiſtlichen in ununterbroche⸗ nem aber ſchwerlich andächtigem Gebet gehalten, zu dem jetzt die Waffen nicht mehr paſſen wollten, und das ſie ſtören mußten, hätte nicht das eigene Intereſſe an den Verhandlungen ſchon ohnehin ihren Geiſt dort hin, und von dem Inhalt ihrer Andacht abgelenkt. Utami blieb, als die Uebrigen aufſtanden, in düſterem Brüten auf ſeiner Matte zurück, während Aonui, mit einem heiteren und milden Ausdruck in den Zügen, einem Theil der Uebrigen voran, von 8* 12¹ denen ſich die meiſten gleich wieder unter die Beten⸗ den miſchten, zu Bruder Rowe halb, halb zu Raiteo gewandt ſagte: „Wir wollen fortfahren unſere Augen zu Gott zu erheben, Bruder Aue— Raiteo Du magſt den Feranis melden daß ſie uns morgen früh mit Son⸗ nenaufgang bei der Berathung ihrer Frage und der Unterſuchung des Gefangenen finden ſollen. Heute iſt der dem Herrn geweihte Tag und nichts Irdiſches, vielweniger die Privatverhältniſſe eines Papiſten, ſollen uns abhalten von unſerer Pflicht, die wir zuerſt dem Höchſten, dann erſt unſeren eigenen Zu⸗ ſtänden ſchulden. „Und die Feranis ſollen wieder nach Papetee zu⸗ rückgehn?“ frug Raiteo, halb mit einem Anflug von Schadenfreude in den Worten. „Ich habe es geſagt“ erwiederte Bruder Aonui. „Und der Wi Wi ſoll hier oben bleiben?“ ſetzte Raiteo mit demſelben Blick hinzu. „Störe uns nicht weiter durch Deine nutzloſen Fragen, Bruder Raiteo“ ſagte der Geiſtliche da mit freundlicher doch zurechtweiſender Stimme,„Du haſt Deine Antwort, melde ſie den Feranis, obgleich ich nicht recht weiß wie Du dazu kommſt ihr Bote zu ſein.“ „Ich war geſtern—“ ¹ 122 „Ruhig— ich will heute keine Erzählung irdiſcher Dinge mit anhören, wir haben genug unſerer koſtba⸗ ren Zeit auf leichtſinnige Weiſe vergeudet— weshalb gehſt Du nicht?“ „Ich?“ ſagte Raiteo— und es war faſt unmög⸗ lich bei den Worten einen beſtimmten Ausdruck für ſeine Züge zu finden, in denen es zuckte und zog als er ſich dazu zwang ernſt und ehrbar auszuſehn— „ich?— was hab ich weiter mit den Wi Wis zu thun— ich habe ſie den Berg heraufgebracht weil ich mußte— unten, wo ſie nicht weiter dürfen, ſtehn ſie — Jemand Anders kann ſie hinunter bringen. „Moͤge ſie Gott erleuchten“ ſagte Bruder Rowe mit einem flehenden Blick nach oben, und in die ſchril⸗ len Töne eines Pſalms einbiegend, dem der Chor gleich darauf mit lauter lebendiger Stimme folgte, wurde jede Verhandlung über den Gegenſtand voll⸗ kommen abgeſchnitten und aus dem Bereich weiterer Beſprechung gebracht. Raiteo aber kauerte ſich, gleich wo er ſtand, auf den Boden nieder und erhob ſeine Stimme vor dem Herrn, lauter und andächtiger, wenn man ſeinem äußeren Menſchen glauben wollte, als irgend eines der übrigen Mitglieder der Ge⸗ meinde. Teraitane allein, der keineswegs beabſichtigte die Feranis auf ſolche Weiſe zu behandeln, und nur noch 123. mehr und unnützer Weiſe zu reizen, verließ das La⸗ ger und ſtieg den Pfad hinab, ihnen die Meldung ſelber zu bringen, daß die Häuptlinge beſchloſſen hätten heute, als an einem Sabbath, ſich in keine weltlichen Dinge zu miſchen, und das Verhör und die Unterſuchung des Gefangenen auf morgen früh verſchieben wollten. Lieutnant Bertrand, der von Gouverneur Bruat ſelber abgeſchickt war den Gefangenen zurückzufordern, wollte ſich jedoch ſo noch nicht abweiſen laſſen, und drohte mit der Rache der Franzoſen, wenn dem jun⸗ gen Manne auch nur ein Haar gekrümmt würde; hierauf aber hatte der alte Häuptling nur einen fin⸗ ſtern Blick und ein keoßiges Lachen. „Holt ihn Euch wenn Ihr nicht warten könnt“ ſagte er finſter,„oder wenn Ihr r glaubt daß Ihr die Macht habt Euere Drohungen wahr zu machen. Teraitane freut ſich darauf Euch mit blutigen Köpfen wieder heim zu ſchicken.“) „Du ſtehſt mir für ſein Leben!“ rief da Bertrand raſch zuſpringend, in der Abſicht den Häuptling als Geiſel für den Freund, unter dem Lager der Inſula⸗ ner fort zu führen; Teraitane aber glitt ihm unter den Händen hin, und wie aus dem Boden gewachſen tauchten rechts und links von ihm bewaffnete und finſtere Geſtalten auf, Speere und die drohenden * 124 Läufe der Musketen feſt und zürnend auf ihn gerich⸗ tet. Bertrand eriß unerſchrocken den Degen aus der Scheide, und ſeine Begleiter fällten die Gewehre, einem jetzt ſicher erwarteten Angriff zu begegnen, der Häupt⸗ ling aber winkte ihnen mit der Hand und ſagte ernſt: „Ruhe heute am Sabbath!— ich könnte Dich jetzt gefangen nehmen oder tödten, Du tollköpfiger Ferani, aber ich will es nicht thun— weniger viel⸗ leicht Deinetwegen, als die fromme Gemeinde droben nicht noch einmal in ihrer Sabbathfeier zu ſtören. Gehe zurück— Du ſiehſt Du biſt nicht im Stande Deinen böſen Vorſatz auszuführen, gehe zurück und ſchicke morgen wieder herauf, zu hören was die Häuptlinge über den Gefangenen beſchließen werden.“ Und ſich ruhig und furchtlos von dem Feind ab⸗ wendend, der aber noch aufmerkſam und mistrauiſch von den übrigen Eingeborenen bewacht wurde, ſchritt er langſam wieder den Pfad hinauf den er gekommen, während ſich Bertrand, unmuthig und unzufrieden mit ſich ſelber, aber auch recht gut einſehend daß er durch weiteres Vordringen Rene und ſich nur ſchaden aber gar nichts nützen könne, ebenfalls wieder zurück, in's Thal nieder, wandte. Rensé hatte indeſſen in peinlicher Spannung die wie er ſich recht gut denken konnte ſeinetwegen ge⸗ 1 125 4 pflogenen Unterhandlungen von weitem beobachtet, wobei ihn Raiteos Erſcheinen beſonders in Erſtaunen ſetzte. Daß ihn übrigens der Burſche keines Blickes würdigte, als er an ihm vorüber ging, beruhigte ihn wenigſtens über deſſen Geſinnung gegen ſich ſelber. Er kannte den ſchlauen Geſellen gut genug der, wenn ihm der Gefangene gleichgültig geweſen wäre, jeden⸗ falls ein paar Worte mit ihm gewechſelt hätte, und wenn es auch nur deshalb geweſen wäre, vor den Eingeborenen von Tahiti mit ſeinem Engliſch zu prahlen; das aber hätte, meinte er es wirklich gut mit ihm, auch leicht zu einer Vermuthung gegenſei⸗ tigen Verſtändniſſes führen und ſie mistrauiſch machen können, während er dagegen, durch ein völliges Ig⸗ noriren des Fremden, Raum zu keinem derartigen Verdacht geben konnte. Daß der Gouverneur ſeine Auslieferung verlangt hatte, konnte er ſich denken, und weshalb wurde die verweigert? was wollten ſie mit ihm?— was konn⸗ ten ſie von ihm verlangen? und woher auf einmal dies kalte feindliche Benehmen ſogar ſolcher der Ein⸗ geborenen gegen ihn, mit denen er ſonſt auf einem ganz friedlichen Fuß geſtanden? Alle die Fragen gin⸗ gen ihm wirr und in unbeſtimmten Bildern durch das Hirn, und das ewig lange gleichgültige Abſingen der Pſalmen dazwiſchen, klang ihm wie Spott in ſei⸗ 126 nem Unmuth und machte ihn die Zähne feſt auf einander beißen, bittere Zornesworte zurück zu halten. Der Gottesdienſt nahm indeſſen ſeinen ungeſtör⸗ ten Fortgang; dem Singen folgten wieder Gebete und dem Gebete wieder geiſtliche Lieder, und als die feierliche Handlung endlich mit einem langen Segen geſchloſſen wurde, ſchieden ſich die Zuhörer in ihre verſchiedenen Gruppen oder Familien, an kalten Spei⸗ ſen, da heute Nichts gebraten werden durfte, ihre Mahlzeit zu halten, und ſich für neue Bet⸗Uebungen auf den Nachmittag vorzubereiten. Auch die Frauen, von denen er viele kannte, hiel⸗ ten ſich fern von ihm— ſogar Aumama, die er un⸗ ter ihnen entdeckte, kam ihm nicht nah, und ſaß nur ernſt und ſchweigend auf ihrer Matte, am Fuß eines breitäſtigen ſtehengelaſſenen Orangenbuſches, und ließ den Blick oft lange und ernſt auf ihm haften; als er aber ſelber ſeine Stelle verlaſſen wollte zu ihr hinzu- gehn, bedeuteten ihn ſeine Wächter daß er das nicht dürfe— er ſei hier gefangen, und wenn ſie ihm nicht Hände und Füße gebunden, wäre das eine bloße Gefälligkeit. Was hätte ihm Widerſtand gegen die Uebermacht geholfen— der konnte ſeine Lage nur verſchlimmern. Als letztes Aushülfsmittel verlangte er den Häupt⸗ ling Utami zu ſprechen, den er geſehen hatte und mit 8 dem er früher ſchon manches freundliche Wort ge⸗ wechſelt; er habe ihm, wie er ſeinen Wächtern ſagte, Wichtiges mitzutheilen. Deren Antwort lautete da⸗ gegen ein- wie allemal:„es ſei Sabbath heute, und weder Utami noch irgend ein anderer Häuptling werde ſich mit ihm oder irgend etwas Anderem als eben der ſonntäglichen Feier befaſſen— er müſſe bis morgen warten.“ „Bis morgen warten— Tod und Teufel!“ die Ungeduld hätte ihn verzehren mögen, aber wieder be⸗ gannen, nach dem kurzen frugalen Mahl der Uebri⸗ gen, die Bet⸗ und Singübungen, und die einzige Notiz die man von ihm nahm, war, daß ihm etwas kalte geröſtete Brodfrucht und eine Cocosnuß ge⸗ bracht wurde, ſeinen Hunger und Durſt zu ſtillen, und die Minuten ſchlichen wie Stunden an ſeiner Seele vorüber. So wurde es Nacht— das ſüdliche Kreuz über ihm drehte ſich ſo langſam, als ob es Monate lang Zeit habe um ſeine eigne Axe zu kommen, und die kühle feuchte Bergluft, mit der inneren Aufregung vielleicht, ſchüttelte ihm die Glieder in Fieberfroſt. Endlich brach der Morgen an— im Oſten zeigte ſich ein heller Schein der raſch und mächtig wuchs, und der Morgenſchuß der Uranie, der ſelbſt bis hierher deutlich drang, kündete die dem Meer entſtiegene Sonne. Die Eingeborenen waren aber ſchon vorher auf 128 und thätig geweſen; ihre Feuer, Steine glühend zu machen, loderten nach allen Seiten hin, und ein reges Leben und Treiben herrſchte in dem kleinen Lager. „Utami will Dich haben“ kündete da endlich ein junger Burſch dem Gefangenen den Willen des Häuptlings—„komm mit mir!“ und voranſchrei⸗ tend führte er ihn, durch die Lagerplätze der Inſula⸗ ner hin, deren keiner Wort oder Gruß für ihn hatte. Sie Alle blickten finſter auf ihn und René, ärgerlich über den Hochmuth der„rothhäutigen Schufte“ wie er ſie jetzt vor ſich hinbrummend nannte, ſchritt mit verſchränkten Armen ſtolz und raſch zwiſchen ihnen hin— hie und da einen auf ihn gerichteten Blick mit keckem und herausforderndem Ausdruck begeg— nend. Die Burſchen ſollten wenigſtens nicht glau⸗ ben daß ſie ihn einſchüchtern konnten. Der alte Häuptling ſaß auf einer Matte auf der Erde, um ihn alle die übrigen Häupter und Aelteſten des Lagers, während ſich die Eingeborenen, obgleich in Gehörweite, doch in anſtändiger und ehrerbietiger Ferne von den Richtern hielten, die über den Frem⸗ den jetzt ihr Urtheil ſprechen ſollten. René ſchlug das Herz lauter in der Bruſt, als er alle dieſe feierlichen Vorbereitungen ſah, aber ſein leichter Sinn trug ihn raſch über den Ernſt des Augenblicks hin, und die vor ihnen kauernde Schaar, — 129 hinter der ſich die Frauen und Mädchen in dicht ge— drängter Maſſe neugierig hielten, mit einem flüchtigen Blick überfliegend ſagte er lächelnd: „Nun was giebt's Ihr Männer, daß Ihr hier zu Gericht ſitzt wie über einen Miſſethäter? was wollt Ihr von mir, und warum habt Ihr mich geſtern den ganzen Tag und die Nacht ohne Matte ſelbſt auf dem Boden liegen laſſen?— Iſt das Euere ge⸗ rühmte Gaſtlichkeit?— Ich wäre heute ſelber, im Auftrag des Gouverneurs von Tahiti zu Euch ge⸗ kommen, Euch ſeine Vorſchläge zu bringen, als mich ein Trupp Euerer Leute vorgeſtern Abend überfiel und wie einen Mörder durch Dickicht und Buſch in die Berge ſchleppte. Was hab ich verbrochen?“ Ein leiſes Murmeln des Erſtaunens über die kecke Rede lief durch die Verſammlung, und die mei⸗ ſten der Häuptlinge, beſonders Aonui, Potowai und andere ſchüttelten misbilligend mit den Köpfen und flüſterten mit einander, aber Utami entgegnete ihm ernſt, doch ohne Strenge oder Haß im Ton. „Nicht zu fragen, Ferani, ſondern zu antworten biſt Du hierher beſchieden— ſei aufrichtig es iſt das Beſte für Dich.“ „Nun ſo fragt, nachher werdet Ihr ja wohl auch mir die Rede geſtatten“ entgegnete Rene kurz. „Was brachte Euch Feranis vorgeſtern Abend Gerſtäcker's Tahiti. IV. 9 130 aus der widerrechtlich in Beſitz genommenen Stadt bewaffnet hervor, und weshalb grifft Ihr unſere Männer an und erſchluget zwei und führtet Andere gefangen fort?“ „Zuerſt“ erwiederte René,„gehörte ich gar nicht mit zu der Patrouille, der ich mich nur anſchloß halb müßiger Zeit wegen, halb der Habhaftwerdung eines Verbrechers beizuwohnen, deſſen Nähe dem Gouver⸗ neur gemeldet worden, und den er zu fangen und unſchädlich zu machen wünſchte. Die Patrouille hatte keinen anderen Zweck und die Inſulaner überfielen ſie zuerſt, die Gefangenen wieder zu befreien.“ „So hatten unſere Kundſchafter doch recht und O Fa⸗na-ga iſt gefangen“ ſagte der Häuptling,„aber was hatte er gethan?“ „Gemordet und geraubt in früherer Zeit“ entgeg⸗ nete René;„er iſt ein böſer Menſch, und Einer der Officiere hatte ihn erkannt.“ „Ihr bringt da Anſchuldigungen von denen wir nichts wiſſen“ ſagte aber Utami—„oft hätten wir können Einzelne von Euch gefangen nehmen, aber wir haben es nicht gethan, wir führten keinen Krieg mit Einzelnen und wir erwarteten daſſelbe von Euch. O'Fanaga kämpfte in unſeren Reihen und ſtand un- ter unſerem Schutz.“ „Dann hätte er darunter bleiben ſollen“ lachte 13¹ René,„jetzt wird ihm ſchwerlich viel Zeit mehr ge⸗ geben werden den zu beanſpruchen.“ 8 „Dann ſchlimm für Dich!“ rief Aonui hier, zor⸗ nig den Arm gegen ihn ausſtreckend—„daſſelbe Schickſal des O'Fa-na-ga unten von Deinen Lands⸗ leuten trifft, Ferani, erwartet auch Dich.“ „Möcht ich mir nicht wünſchen“ lachte René, noch immer feſt entſchloſſen den Inſulanern gegenüber auch keinen Schein von Furcht zu zeigen—„haben ſie ihn gefangen ſo erwartet ihn der Strick— wenn er nicht ſchon hängt.“ „Dann hängſt auch Du!“ ſchrie Potowai!“ den Arm wild gegen ihn ausſtreckend—„O'Fa-na-ga war mein Freund.“ „Schlechte Empfehlung für Dich“ ſagte der uner⸗ ſchütterliche Franzoſe. „Ruhe— Frieden!“ gebot aber Utami—„und Du Ferani thuſt nicht wohl daran die Männer noch zu reizen, die über Dich zu Gericht ſitzen ſollen.“ „Dazu habt Ihr kein Recht!“ rief aber, ſich hoch emporrichtend der junge Mann—„und wehe Euch wenn Ihr es wagen ſolltet Hand an mich zu legen.“ „Kein Recht?— und wer ſonſt?“ ſagte Utami ruhig zu ihm aufſchauend—„wer anders als wir, iſt der rechtmäßige Eigenthümer dieſes Bodens, ſeit Pomare feige den Schutz bei dem Fremden ſuchte? 9⸗ ‿ 1 32 Glaubſt Du daß Ihr das Recht erworben habt auf dieſer Inſel zu herrſchen, weil die Kanonen Euerer Schiffe ihre Kugeln in die friedlichen am Ufer ſtehen⸗ den Fiſcherhütten ſchleudern können? Deine Lands⸗ leute haben den Krieg in dieſes ſtille harmloſe Land gebracht, den Namen Gottes haben ſie zur Decke ge⸗ braucht, unter der ſie ihre böſen Abſichten und Pläne verbargen; ihre Landsleute, dieſelben die mit ihnen einen Gott anbeten, gaben ſie vor wollten ſie ſchützen, weil ſie noch ein Stück von einem Gewiſſen hatten, und ſich ſchämten mit ihren eigennützigen, verbrecheri⸗ ſchen Abſichten ſo frei zu Tag zu kommen, und hät⸗ ten wir ihnen den Schutz eingeräumt, ſo breiteten ſie ihre Macht aus über das Land, und ſchon während ſie ihrer Ausſage nach für ihren Gott arbeiteten, füll⸗ ten ſie ſich die eigenen Schiffe und legten ihre Arme über das Eigenthum eines andern fremden Volkes. Nun wir aber ihren Prieſtern die Erlaubniß gegeben hatten hier ungehindert zu predigen und gleiche Rechte mit den unſrigen zu haben, aber nur den Schutz zurückweiſen den ſie uns angedeihen laſſen wollen, und der in Euerer Sprache etwas ganz anderes be⸗ deuten muß als in der unſeren, denn in der unſeren heißt das, was Ihr darunter zu verſtehen ſcheint, Diebſtahl, nun kommt Ihr mit Eueren wahren Abſichten zu Tag. Wie in einem Spiel der Areois habt Ihr eine Maske vor Euerem wahren Geſicht gehabt, die Ihr jetzt abwerft, da ſie Euch nicht mehr verbirgt— ſtützt Euch auf Verträge, die Ihr anders auslegtet und benutztet als ſie gemeint waren, ſendet Euere Spione und Prieſter in unſer Land unſer Volk zu verderben und abtrünnig zu machen, und dringt zuletzt mit gewaffneter Hand in unſere Heimath, zer⸗ ſtört unſere Häuſer, verwüſtet unſere Felder, zer⸗ ſchmettert mit Eueren Kanonenkugeln unſere Cocos⸗ palmen und Brodfruchtbäume, die Stämme die uns und unſeren Kindern Nahrung geben und dringt mit gewaffneter Hand in die Berge und Haine ein, unſere Männer zu erſchlagen, unſere Weiber mit fortzuſchleppen oder zu entehren. „Und was hab ich mit alle dem zu thun?“ ent⸗ gegnete Rene ausweichend einer allerdings nur zu wohl begründeten Anklage gegenüber—„gehörte ich zu den Eroberern?— gehöre ich jetzt dazu? kam ich nicht, ein Fremder, auf Euere Inſeln und wurde heimiſch darauf aus freiem Willen und mit der Zu⸗ ſtimmung eines Euerer Häuptlinge?— nahm ich mir nicht ein Weib aus Euerem Stamme?“ „Und wo iſt die jetzt?“ unterbrach ihn ruhig Utami. „Jetzt?— in unſerer früheren Heimath hoffent⸗ lich, zu der ſie mit Einem Euerer Priaſter binüber⸗ ging, mich zu erwarten.“ ——— 134 „Dich zu erwarten“— wiederholte leiſe und ernſt mit dem Kopf nickend der Häuptling—„willſt Du das ein Anrecht auf unſern Schutz machen, daß Du die Frau wieder von Dir ſchickſt, die an Deiner Seite bleiben ſollte, bis zu ihrem Tode?—“ Rene wollte heftig darauf antworten, aber er be⸗ ſann ſich, biß die Unterlippe und ſagte finſter: „Was meine Familienverhältniſſe betrifft bin ich, denk ich, nur mir ſelber die Rechenſchaft ſchuldig.“ „Haß und Elend ſäet Ihr“ ſagte Utami ernſt, faſt traurig,„und verlangt Freundſchaft, verlangt Liebe dafür.“. „Nicht ich Utami“ rief René aber, von dem wei⸗ chen Tone getroffen, raſch—„nicht ich, bei unſerem Gott, und auch mir hat all das Leid was dieſe In⸗ ſeln jetzt durch meine Landsleute, es iſt wahr, getrof⸗ fen, das Herz zerſchnitten. Nicht ich billige ihr Ver— fahren, und hätte meine Stimme ein Gewicht, noch heute lichteten jene ſtolzen Schiffe ihre Anker und kehrten den Bug heimwärts, nie nie wieder den Frie⸗ den dieſes ſtillen Inſelreichs zu ſtören. Aber zu ſpät kommt ſolch ein frommer Wunſch“ ſetzte er ruhiger hinzu—„die Gier der Fremden, wie Euer eigener Unfriede— der Stolz Euerer Prieſter, vielleicht die von ihnen erſt aufgeſtachelte oder geweckte fanatiſche Wuth des Volks, ſind Hand in Hand gegangen, dem Fremden das Recht, das ſcheinbare Recht wenigſtens zu geben, auf das er jetzt ſich ſtützt und das er mit dem Uebergewicht ſeiner Waffen aufrecht erhält. Nur Blutvergießen kann noch verhindert werden— nur die Möglichkeit iſt noch da weitere Kämpfe zu ver⸗ meiden, die hunderten von Unſchuldigen das Leben koſten und Jammer und Elend über Euere Familien bringen müſſen, und das zu vermitteln wäre ich geſtern, oder wenn Ihr es da, als an einem Sab⸗ bath, nicht annahmt, heute dann im Auftrag des Gouverneurs ſelber zu Euch heraufgekommen, Euch den Frieden zu bieten von ſeiner Hand.“ „Was braucht er Frieden zu bieten“ rief Terai⸗ tane finſter—„er ſoll unſere Bai verlaſſen mit ſei⸗ nen Schiffen und wir haben Frieden; ſind wir es die den Krieg begonnen haben, die ihn fortführen?“ „Und ob Ihr Recht habt, hilft Euch das doch Nichts“ ſagte René ruhig—„der Fremde hat die Macht, die Gewalt in Händen; Frankreich hat Beſitz von den Inſeln ergriffen, und nur jene lügneriſchen Verſprechungen, die Euch von dem Schutz und der Hülfe Englands gemacht wurden, konnten Euch zu dem verzweifeltſten aller Entſchlüſſe treiben, Euch dem Mächtigeren zu widerſetzen. So nehmt Vernunft an — bleibt thatſächlich im Beſitz Eures Landes, des Haupt ja nur den anderen Namen bekommen, und glaubt dann nicht daß unſere Prieſter mit gleichem Haß gegen die Eueren kämpfen werden, als dieſe es gethan. Euere Religion, Euer Glaube bleibt Euch geſchützt, wenn Ihr für den die Waffen aufgegriffen.“ „Wir kämpfen nicht für unſeren Glauben!“ rief jetzt Utami zornig und die Hand geballt—„wir kämpfen für unſer Land, für unſere Heimath. Der Glaube liegt in des Menſchen eigner Bruſt, und wenn wir verhindert würden dem einen Tempel zu bauen, wählte er ſich das eigene Herz. Wir wol⸗ len für uns keine ſolche Mauer, uns dahinter zu ver⸗ ſtecken, wir wollen ſie Euch aber auch nicht laſſen. Offen und frei heraus ſollt Ihr ſagen„wir wollen Euer Land— Euere Brodfruchtbäume, Euere Pal⸗ men, Euere Taro⸗ und Patatenfelder, Euere Baien und die Fiſche darin, Euere Häuſer, Euere Frauen — CEuere Männer ſollen für uns arbeiten und wir wollen ihre Herren ſein. Was Glauben— wenn Euer Gott die Macht beſäße uns den zu nehmen, hätte er nicht geduldet daß andere Prieſter zuerſt ge⸗ kommen wären uns ihren Glauben zu bringen. Friedlich unterwerfen ſollen wir uns, das iſt was Ihr wollt, aber das iſt zu ſpät. Macht die wieder lebendig die Euere Kugeln und Bayonnette getroffen — ruft die wieder in's Leben zurück die kalt und bleich in der Erde jetzt liegen, todt und blutig weil ſie eben 137 4 an ihrem Gott und Fürſten hingen, und dann wollen wir von Fried und Freundſchaft reden, die Erneuerung ſolchen Unheils zu verhindern; jetzt nicht.“ „Die Antwort ſoll der Häuptling der Feranis auch bekommen denn ſein Frieden heißt Knechtſchaft, ſeine Freundſchaft Schmach, Du aber bleibſt gefangen, bis uns die Männer zurückgeliefert ſind, die mit hal⸗ fen unſere Berge gegen den Uebermuth Deiner Lands⸗ leute zu vertheidigen, und geſchieht ihnen ein Leides, ſo ſtirbſt auch Du.“ „Der Eine von ihnen iſt ein ſchwerer Verbrecher!“ rief René unwillig—„er hat Menſchen ermordet und beraubt— wollt Ihr mich mit einem ſolchen gleich ſtellen?“ „Deine Landsleute haben auch Menſchen gemor⸗ det“ rief Aonui heftig—„und ſind im Begriff uns Alles zu nehmen was wir haben— ſelbſt unſere Bibel— das Heil unſerer Seelen. „Auge um Auge, Zahn um Zahn!“ ſagte auch Teraitane—„jeden Gefangenen tauſchen wir ein, Mann um Mann— für jeden Bruder den ſie uns erſchlagen verlangen wir volle Bezahlung in Blut zurück— und ehe wir die nicht bekommen, kein Friede bis wir die Feranis bezwungen oder ſie uns.“ „Peſte!“ rief jetzt der junge Mann, ungeduldig werdend und mit dem Fuße ſtampfend F„was hab 138 ich mit dem Allen zu ſchaffen? Wenn Ihr meinen Landsleuten nicht gutwillig Euer Land— ich könnte faſt ſagen das unſrige, überlaſſen wollt— und verdenken mag ich's Euch nicht, was kümmert das mich? Ich gehöre nach Papetee, oder jetzt vielmehr, meine Heimath wieder verändernd, nach Atiu, nicht zu den Schiffen die hierher gekommen ſind Euch zu bekriegen, und dort der Prieſter ſelber, ſo finſter er nach mir herüber blickt, muß mir bezeugen, daß ich mein Weib nur vorangeſchickt, weil mich eben meine eigenen Landsleute im Verdacht hatten, mit Euch gegen ſie mich verſchworen zu haben, und mich nicht fort laſſen wollten. Der ehrwürdige Herr da iſt mein Freund gerade nicht, aber er wird eine Thatſache für mich beſtätigen müſſen.“ Mr. Rowe war ſchon ſeit einiger Zeit den ver⸗ ſammelten Häuptlingen näher getreten, ohne jedoch ein Wort hinein zu reden; Manche von ihnen waren ihm keineswegs ſo untergeben wie er es, in Chriſt⸗ licher Demuth, für nützlich und nothwendig hielt, und er wollte ſich keiner neuen Zurückweiſung aus⸗ ſetzen. Direkt aber jetzt von dem Gefangenen ange⸗ redet, ja gewiſſermaßen zum Zeugen für ihn angeru⸗ fen, hatte er ein volles, und wahrſcheinlich längſt er⸗ wünſchtes Recht zum Reden bekommen und ſagte raſch, aber mit einem tiefgeholten, wie ſchmerzlichen Seufzer: 139 „Der Ferani hätte wohl Jemanden in dieſem Lager gefunden, der günſtiger für ihn ſprechen könnte als ich.“ „Sie können nicht leugnen daß Sie bei unſerem Abſchied zugegen waren“ rief René mit blitzenden Augen. „Mein Herz hängt nicht an weltlichen Dingen, mein Auge ſieht nicht auf irdiſche Handlungen, wo das Wohl und Wehe der Seele an einem dünnen Faden über dem Abgrund des Verderbens hängt“— ſagte der Geiſtliche ausweichend.„Ich weiß nicht, ob der Ferani beabſichtigt auf dieſen Inſeln ſein Le⸗ ben zu beſchließen— Gott allein prüfet das Herz und die Nieren— aber ich weiß daß er ſie nie hätte betreten ſollen und daß die Frauen und Mädchen dieſer Inſeln nur Fluch und Thränen bis jetzt geerndtet haben nach kurzer Luſt, und oft ewige Reue und Verdammniß.“ „Sie wiſſen daß ich in Atiu als Bürger des Landes aufgenommen wurde!“ rief Renk. „Ich weiß Nichts“ ſagte Mr. Rowe finſter mit dem Kopf ſchüttelnd,„als daß die Verbindung mit einer Tochter des Landes zwiſchen einem Papiſten und einem Mitglied unſerer heiligen Kirche gegen die Geſetze dieſes Landes, gegen die Geſetze Gottes und meine deutlich danach ausgeſprochenen Worte 140 waren. Ich will nichts weiter wiſſen— ich habe all das Unrecht das mir ſelbſt darob geſchehen, ver⸗ geſſen und vergeben, wie es einem Chriſten geziemt — ich begreife nur nicht wie ein Bürger des Lan⸗ des dann in die Geſellſchaft der Feranis kam, die einen Trupp ſeiner„Landsleute“ wenn er ein Bür⸗ ger des Landes war, überfiel, zwei tödtete und zwei Andere, Freunde derſelben in Gefangenſchaft ſchleppte — ich ſage ich weiß das nicht“ ſetzte er raſch hinzu, als er ſah daß ihm René darauf entgegnen wollte, „kümmere mich auch nicht um die weltliche Gerech⸗ tigkeit, die ihren Gang haben muß durch die Häupt⸗ linge und Richter des Landes.“ Und langſam ſich abwendend ſchritt er der kleinen, für ihn beſonders errichteten Rohrhütte zu, hinter deren Thürmatte er verſchwand. Renè wollte in der That anfänglich, und in hef⸗ tigen Worten darauf erwiedern, aber er beſann ſich eines Beſſeren und nur die Unterlippe einbeißend, daß das Blut daraus zurückwich, ſah er dem from⸗ men Mann mit einem finſtern verächtlichen Lächeln nach und ſchien jetzt kein Wort weiter zu ſeiner Ver⸗ theidigung verlieren zu wollen. 3 Die Häuptlinge beriethen indeſſen eifrig und mit leiſer Stimme mit einander, waren aber noch zu kei⸗ nem Beſchluß gekommen, als ein Läufer von draußen * 141 die Ankunft mehrerer Feranis meldete, die den an⸗ führenden Häuptling dieſes Poſtens zu ſprechen ver⸗ langten. Andere ausgeſandte Spione meldeten zu gleicher Zeit daß mehre Abtheilungen Franzöſiſcher Soldaten wieder im Anzug wären, und jedenfalls einen Sturm auf ihr Lager beabſichtigten. Da die Inſulaner ihre Vertheidigungsmittel nicht zu verrathen wünſchten, beſchloß man die Fremden nicht heraufzulaſſen, ſondern ihnen Utami entgegen⸗ zuſchicken, der ihre Abſicht von ihnen erfahren und ihnen gleich Antwort darauf ertheilen konnte. Den Gefangenen war man feſt entſchloſſen nur gegen die beiden Engländer wieder einzutauſchen, von deren beabſichtigten Flucht ſie natürlich Nichts wußten, und von denen ſie O'Flannagans Hülfe und Waffen, wie ſeinen Unterricht nicht ſo leicht erſetzen konnten. War denen aber ein Leid geſchehn, dann ſollten die Feranis ſehen, daß ſie Gleiches mit Gleichem vergel⸗ ten konnten und die Rache der Fremden, doch einmal zum Aeußerſten entſchloſſen, nicht fürchteten. Capitel N. Die Flucht. Rene befand ſich übrigens durch ſolchen Entſchluß der Inſulaner in einer höchſt gefährlichen Lage, denn wenn auch Jack durch ſeine Hülfe entſprungen war, und jetzt vielleicht an der Küſte auf eine Gelegenheit zu entkommen paßte, hatte Jim OFlannagan, wenn wirklich gefangen, nur geringe Hoffnung der gerech⸗ ten Strafe zu entgehn, und Gouverneur Bruat würde nie daran gedacht haben ihn wieder auszuliefern. Konnten ſich dann die, von dem Miſſionair vielleicht noch gar darin beſtärkten Inſulaner nicht doch am Ende hinreißen laſſen ihre Drohung wahr zu machen? — von Mr. Rowe hatte er das Schlimmſte zu fürch⸗ ten, ſo viel wußte er recht gut, und er verdachte es —14* dem würdigen Manne nicht einmal, wenn er die endlich gebotene und gewiß lang genug erwartete Gelegenheit auch ergriffen hätte. Flucht wäre das einzige Mittel geweſen und die war unausführbar, denn den einzigen gangbaren und ſo ſchmalen Pfad hielten die Inſulaner an verſchie⸗ denen Stellen beſetzt, während andere Schleichwege durch den Wald nur eben ihnen bekannt waren. Wer in den zerriſſenen Schluchten nicht jeden Stein kannte wurde überall durch Abgründe oder Felswände auf⸗ gehalten, die es ihm Tage gekoſtet hätte zu umgehn, und wie leicht war er da von den flüchtigen und der Berge kundigen Inſulanern wieder eingeholt. Seine einzige Hoffnung blieb jetzt noch auf die neuerdings abgeſchickten Geſandten— von dem er⸗ warteten Angriff wußte er noch Nichts— ſchlug de⸗ ren Botſchaft fehl dann— doch beim Teufel, was lag ihm am Leben?— Ob ſie ihn nur einſchüchtern wollten mit ihrer Drohung, oder ob es ihnen Ernſt war mit ſeinem Tod, wenn dem gefangeneu Iren ein Leid geſchehen, was lag daran?— ſie ſollten ihn weder weich noch ängſtlich finden, und mußte es ſein, ſo wollte er dem Tod ſo keck und leicht in's Auge ſehen als je— Als je?— ein eigenes, wunderbares Gefühl durchzuckte ihm das Herz;— als je? In verzweifelter —ÿ — 144 Angſt hatte ſeine Seele mit ihren feinſten Faſern und Gedanken am Leben feſt geklammert als der Tod, doder ſo Schlimmes, als die Gefangenſchaft auf ſei⸗ nem Schiff, ihn wieder ſeinem kaum gewonnenen Glück auf Atiu entreißen wollte. Das Leben war ihm ſo lieb— ſo theuer da geweſen und entmannt faſt hatte ihn die Furcht es da zu verlieren, wo ihm eben erſt das Heiligthum gezeigt war das er betreten konnte, und von deſſen Schwelle ſelbſt ein tückiſches Geſchick ihn ſchleudern wollte. Alles, Alles hatte er nachher erreicht, was er erhofft in ſeinen ſchönſten, kühnſten Träumen— den Gipfel ſeiner Wünſche er⸗ ſtiegen und eine Heimath gefunden in dem Paradies, das ihn umgab— und jetzt?— Was war es, das ihn jetzt gleichgültig machte gegen den Tod? was war geſchehn— verloren daß er ſich der tödtlichen Gefahr ſo kalt und keck entgegenſtellen mochte?— und Sadie?— Er barg das Antlitz in den Händen und preßte die fieberglühende Stirn, die Gedanken hinauszuſcheuchen, die wirren, quälenden Gedanken, denen er nicht Raum gönnen wollte da oben. Nicht jetzt— nicht jetzt ſollten ſie nahen dieſe Schatten, die er nicht kennen nicht fühlen mochte und die ihm doch die Seele peinigten mit unſichtbarem aber deſto gewaltigerem Pfeil— Sadie— wie ein Traum lag die Zeit, die ſchöne Zeit hinter ihm, und der Tod 145 ſollte ihn jetzt davon trennen. Der Tod?— ſollte ihn davon treunen?— Nein, nein fort mit dem ver⸗ führeriſchen Bild das ſich ihm jetzt, jetzt nicht entge⸗ genſtellen durfte— er war nicht ſchuldig— rein und treu konnte ſie ſein Angedenken wahren in ihrer Bruſt, und dem Kinde des Vaters Namen nennen im Gebet.— Hinweg mit allem Schmerz, hinweg mit der Thräne, die ſich ihm leiſe in's Auge ſtehlen wollte— er war nicht ſchuldig— und weshalb wünſchte er ſich da den Tod? Schüſſe knallten und Trompeten ſchmetterten— hoch empor aus ſeinen Träumen zuckte er, und ſo hinein hatte er ſich wieder in die Gedanken der Ver⸗ gangenheit gelebt, daß er erſchrak als er auf ſah und die bewaffneten Wächter neben ſich erkannte. Auf ihn zu ſchritt da Aonui, der finſtere fanatiſche Häuptling, und grimmigſte Feind den die Feranis unter den Führern der Eingeborenen auf den Inſeln hatten, und das tückiſche Blitzen ſeines Auges verrieth was in ihm glühte und hinausdrängen wollte in's Freie. Dicht hinter ihm, mit einem ernſten, aber ziemlich gleichgültigen Geſicht, hielt ſich Raiteo, der vorher ſchon eine lange und eifrige Unterhaltung mit ihm gehabt, und ſchien dazu beſtimmt die Befehle ſei⸗ nes Oberen auszuführen. Aonui galt als die rechte Hand des ehrwürdigen Mr. Rowe, und die Einge⸗ Gerſtäcker's Tahiti. UV. 3 10 — ——————O—O—OOOO:O—O—O—VVVV— 146 borenen hielten ihn in hohen Ehren und fürchteten ihn, denn er war gerecht aber ſtreng, und ſein fana⸗ tiſcher Eifer, durch irgend einen Bibelſpruch in irgend eine Bahn gelenkt, riß ihn oft mit ſich fort zu Gu⸗ tem oder Böſem. „Deine Gehülfen kommen Dich zu befreien“ ſagte er finſter,„aber ſte werden zu ſpät den Hügel errei⸗ chen— wir hatten ihnen die Möglichkeit Deiner Auslieferung geſtellt— ſie haben ſie verworfen und wollen uns jetzt mit frechen Drohungen einſchüchtern — wende Deine Seele noch zu Gott, denn Dir ſind die Minuten zugezählt.“ Renés Auge blitzte in Trotz und Zorn zu ihm empor und eine feindliche Entgegnung lag auf ſeinen Lippen, da traf ihn Raiteos Blick und der ſchlaue warnende Ausdruck darin machte ihn ſtutzen. Des Burſchen ganzes Benehmen deutete auf irgend einen Plan, und ſein verſtohlenes raſches Blinken ſchien ihn ängſtlich aufzufordern dem Verlangen zu folgen und nicht durch Eigenſinn den ruhigen Gang der Ereigniſſe vielleicht zu ſtören. Aonui ſah daß ſein Blick auf irgend einem Gegenſtand hinter ihm haf⸗ tete und ſchaute ſich um, ſein Auge traf aber nur das ruhige gleichgültig kalte Antlitz ſeines Begleiters und Rens jetzt feſt überzeugt daß er des Atiuers Beiſtand 147 auf ſeiner Seite habe, ſagte finſter doch leiden⸗ ſchaftslos: „Thut was Ihr wollt und was Ihr verantwor⸗ ten könnt, aber bedenkt daß Euch meine Landsleute zu furchtbarer Rechenſchaft ziehen werden. Nicht mehr der freundloſe Seemann, der entblößt von Allem auf eine fremde Inſel ſprang ſtehe ich jetzt zwiſchen Euch— die Regiernng eines mächtigen Staates hält ihre Hand ſchützend über mich, und wehe, Euch, wenn Ihr die mächtige erſt zur Rache reizt. Bis jetzt ſchütztet und vertheidigtet Ihr nur Euer Land— Ihr hattet recht— entweiht die gute Sache nicht durch Mord!“ „Nicht Dich zu hören bin ich gekommen, ſondern Dich zu richten“ ſagte der Häuptling finſter und mürriſch, und horchte einen Moment dem jetzt wieder beginnenden Schießen das, der Richtung nach, den aufgeſtellten und an verſchiedenen Plätzen ſtationirten Vorpoſten galt, auch näher und näher kam.„Bete zu Deinem Gott“ ſagte er dann, ſich wieder zu dem Gefangenen wendend,„denn Du haſt nur noch eine Viertelſtunde zu leben.“ „Beten— rief René— unwillig mit dem Fuße ſtampfend—„beten— Nichts als beten;— den Na⸗ men Gottes kaut Ihr den ganzen Tag und denkt da⸗ bei an Haß und Mord— beten!“ 10* „Du willſt nicht beten?“ ſagte Aonui raſch. Renè ſah das unwillige Zucken in Raiteos Geſicht und frug ausweichend: „Wie lange Zeit iſt mir noch gewährt?“ „Der Schatten dieſes Baumes darf keine Hand⸗ breit mehr zur Seite weichen“ erwiederte der fanatiſche Häuptling—„die Schläge Deines Herzens ſind gezählt.“ „Es iſt gut“ erwiederte René aber ſeine Hände waren frei, und nicht geſonnen als ein geduldiges Opfer zu fallen, ſuchten ſeine Augen nach einer Waffe, deren er ſich zu geeigneter Zeit bemächtigen könnte. „Soll ich ihn in das Haus zum Beten führen?“ ſagte jetzt Raiteo leiſe zu dem Häuptling gewandt— „die Feranis beten nie im Freien.“ Aonui nickte bejahend mit dem Kopf und Raiteo, des jungen Mannes Arm ergreifend ſagte laut: „Komm Wi Wi— Du ſollſt nicht ſagen daß wir Dich gezwungen haben Deinen Gott in anderer Art zu verehren als Du es gewohnt biſt— komm“ flüſterte er dabei leiſe und führte ihn der Hütte zu, während ſeine Wächter, die von Aonui jetzt einen neuen und wie es ſchien unerwarteten Befehl beka⸗ men, ihm zögernd, und raſch und leiſe mit einander redend, folgten, dann aber vor dem Eingang des kleinen mit Matten verhangenen Platzes, die Bayon⸗ nette gefällt, ihren Poſten wieder einnahmen. Wilder Lärm tobte indeſſen im Lager— die Fran⸗ zoſen hatten die Vorpoſten zurückgeworfen und ihre Kugeln trafen ſchon, über den Damm hin, in die Wipfel der Bäume, ohne freilich bis jetzt noch einen der Eingeborenen verwundet zu haben. Dieſe ſtan⸗ den aber, an ihren verſchiedenen Poſten in der Ver⸗ ſchanzung vertheilt, den jetzt von allen Seiten faſt ſchmetternden Trompeten, die überall den Feind ver⸗ muthen ließen, auch nach jeder Richtung hin die Stirn zu bieten. Die Franzoſen nämlich, den alten Plan verfolgend, hatten, um den Feind irre zu füh⸗ ren, kleine Detachements mit Signaliſten nach rechts und links abgeſchickt, das Lager in einer Entfernung zu umzingeln und dann von allen Seiten vorzu⸗ dringen und zu feuern. Dadurch beunruhigten ſie nicht allein die Beſatzung und ſchüchterten ſie ein, da ſie den Feind viel ſtärker vermuthen mußten als er wirklich war, ſondern ſie hatte auch auf dem Punkte, wo ſie den Hauptangriff machten, nicht den Wider⸗ ſtand der jetzt überall hin vertheilten Beſatzung zu befürchten, und konnten cher dadurch hoffen den vor⸗ trefflich bewaffneten und von dem Terrain ſo ſehr begünſtigten Feind aus ſeiner feſten Stellung hinaus⸗ zuwerfen. Wenn damit dann auch kein Hauptſchlag 150 geſchah, denn den Rückzug in die dicht bewaldeten Berge waren ſie nicht im Stande ihnen abzuſchneiden, wurden ſie doch aus der zu großen Nähe von Pape⸗ tee, auf das ſie von hier aus immer leicht Streifzüge und Ueberfälle unternehmen konnten, vertrieben, und das Wichtigſte von Allem, ihr Vertrauen zu ſich ſelbſt, das nach der Schlacht von Mahaena nur noch mehr geſtiegen, in etwas wieder nieder gedrückt. Außerdem feuerte auch Renés Gefangennahme den Gouverneur an, Alles zu thun die Inſulaner für etwas zu züchtigen, deſſen Recht er ihnen unter keiner Bedingung zugeſtehen wollte. Einen ſeiner Nation nämlich zu halten oder gar zu richten. Be⸗ dingungen durfte er ſich daher auch, von ſolchem Grundſatz ausgehend, keine vorſchreiben laſſen, und die Waffen mußten den Kampf entſcheiden. Um Rene wäre es aber freilich ſchlecht geſtanden, wenn er von daher auf Hülfe hätte rechnen ſollen, und Utami ſelber konnte oder wollte ihn nicht ſchützen. Der Franzoſe der freundlich und gaſtlich von ihnen ſelbſt in ihre Familien aufgenommen worden, und dann ſich doch gegen ſie wandte— wie er nicht an⸗ ders glauben konnte— verdiente härtere Strafe als der, der gleich mit den Waffen in der Hand und in offener Feindſchaft an ihr Ufer ſprang. Der letztere 151 trat nur ihre Rechte mit Füßen, der andere auch ihre Herzen. Anders dachte Raiteo, und von dem Proteſtanti⸗ ſchen Miſſtonair mit herüber nach Tahiti genommen, hatte er in einer ſtarken Hinneigung zum Chriſten⸗ thum ſich eine Menge Vortheile erwachſen ſehn, die er als einfacher Inſulaner einer abgelegenen Inſel nie im Leben erreicht haben würde. Raiteo war ehr⸗ geizig, und der ſchon in früheren Jahren von dem Wallfiſchfänger erhaltene und ſo ſchlecht verdiente Lohn hatte, mit dem Beginn eines Vermögens, auch das Streben und Verlangen nach mehr und größerem in ihm erweckt. Als Mitonare öffneten ſich ihm dazu, wie er recht gut wußte, zahlreiche Quellen, und er wäre jedenfalls nicht ſäumig dabei geweſen ſie zu be— nutzen, ſobald ſich nur die Gelegenheit dazu geboten. Als er aber die Verhältniſſe in Tahiti näher kennen lernte und die Macht, die von den Feranis entwickelt wurde, wie daneben die Gleichgiltigkeit der Engliſchen Schiffe ſah, ſtiegen Zweifel in ihm auf der Ausführ⸗ barkeit ſeiner Berechnungen wegen, und er fing an die Vortheile zu überſchlagen die der Segen der Ka⸗ tholiſchen Religion vielleicht auf ſein geiſtiges wie körperliches Wohl haben könne. Die in die Berge gedrängte Lage der Eingeborenen gefiel ihm auch nicht, und mit der Ueberzeugung war ihm auch der 152 Entſchluß gekommen einen entſcheidenden Schritt zu thun und— ein anderer Menſch zu werden. Die erſte Gelegenheit hierzu bot die Flucht der beiden Seeleute, die er begünſtigte und die, ſo ſchlecht für den andern Theil, ſo vortrefflich für ihn ſelber ausgeſchlagen war. Nur die Feranis wollten ihm nicht gleich auf ſein ehrlich Geſicht glauben, daß er es treu und ehrlich mit ihnen und ihrer Sache meine, und ſchickten ihn deshalb, ſeine Nutzbarkeit auf die Probe zu ſtellen, mit dem zum erſten Mal abgeſand⸗ ten Officier als Führer und Unterhändler. Der un⸗ günſtige Erfolg dieſer Sendung machte ihn aber be⸗ ſorgt ſeine Sicherheit gleich hinterher den Franzoſen wieder anzuvertrauen, und da er ſein Geld gut ver⸗ wahrt wußte, beſchloß er lieber eine beſſere Gelegen⸗ heit abzuwarten, ſich ſeinen neuen Göͤnnern nicht allein wirklich zu empfehlen, ſondern auch vielleicht einen neuen Nutzen daraus zu ziehn. Dieſe bot ſich ihm jetzt. Der junge Franzoſe war, wie er ſich vorher zu erkundigen gewußt, reich, und ihm, wie er ſich feſt überzeugt fühlte, auch noch von früherher verpflich⸗ tet; die Eingeborenen von Tahiti konnten auf die Länge der Zeit nicht ſiegen— als Bewohner von Atiu fühlte er auch eben kein beſonderes Intereſſe für ſie— und wer weiß was dann aus den Proteſtantiſchen 153 Miſſionairen wurde— deshalb ſchien es ihm weit zweckmäßiger das Gewiſſe für das Ungewiſſe zu neh⸗ men— und danach handelte er. Kaum fiel deshalb die Matte hinter ihnen, die ſie den Blicken der Außenſtehenden und Wartenden entzog, als Raiteo vorſprang, ein Geflecht von Pan⸗ danusblättern aufhob und damit zwei blanke Caval⸗ lerieſäbel den Blicken des jungen Mannes enthüllte. Renè that keine Frage, aber er mußte an ſich halten einen Jubelruf zu unterdrücken, und raſch die eine Waffe aufgreifend, während ſein Führer die andere nahm, ſah er nur noch eben wie dieſer die Blätter der Rückwand von einander ſchob und hindurch ſchlüpfte und folgte ihm, ohne nur eine Frage über das wie und wohin zu thun. Die Hütte ſtand dicht an der Verſchanzung, nach rechts und links von kleinen Trupps der Eingebore⸗ nen bewacht, dicht hinter ihr war aber ein Raum von vielleicht zwanzig oder dreißig Schritt Breite, da eine Felswand gerade dahinter ziemlich ſteil nie— derdachte, freigelaſſen, und dieſe Stelle hatte ſich der ſchlaue Burſche zu ihrer Flucht auserſehn. Wohl wurden ſie augenblicklich entdeckt, ſowie ſie nur auf die Schanze ſprangen, und eine Eidechſe hätte kaum ungeſehn darüber kommen können, ehe aber die mit Schießwaffen wenig vertrauten Inſulaner zum Schuß 154 fertig waren, oder ſich überhaupt von dem Erſtaunen über den kecken Fluchtverſuch erholen konnten, hatte Raiteo des jungen Mannes Hand ergriffen und ihn nach vorn reißend glitten ſie ſchon im nächſten Augen⸗ blick mit Blitzesſchnelle den ſteilen ſchlüpfrigen Hang hinunter in ein Dickicht niederen Graſes, von hoch⸗ ſtämmigen Guiaven, die hier gar gedeihlichen Boden gefunden, überwachſen. Keineswegs aber waren ſie hier ſchon jeder Ge⸗ fahr enthohgg, denn nicht allein wurden ihnen von oben mehrezaff nachgefeuert, und ſie hörten die Kugeln rings um ſich einſchlagen, ſondern fünf oder ſechs Indianer, und unter ihnen die von Aonui an⸗ gefeuerten Wächter, folgten ihnen ohne weiteres Säu⸗ men mit wirklich kecker Entſchloſſenheit, und durch das Dickicht aufgehalten wäre Rene gar nicht im Stande geweſen ihnen ſo raſch zu entgehn. Sein Leben wenigſtens ſo theuer als möglich zu verkaufen wandte er ſich deshalb auch ſchon, die blanke Waffe in der Fauſt, gegen ſie um, als dicht hinter ihm die befreundeten Signalhörner tönten, und die Eingebo⸗ renen im erſten Schreck an Stamm und Buſch klam⸗ merten, dem hier gar nicht vermutheten Feind nicht in die Hände zu fallen. Den Moment benutzten die Flüchtigen der Rich⸗ tung zuzuſpringen, in der ſie die Hörner gehört, und den Verfolgern blieb Nichts weiter übrig als ihnen ihre Kugeln nachzuſenden und ſich ſo raſch als mög⸗ lich wieder zurückzuziehn, nicht vielleicht gar von den möglicher Weiſe nachdrängenden Feinden abgeſchnit⸗ ten zu werden. Die Kugeln blieben übrigens erfolg⸗ los, eine ausgenommen, die Raiteos Oberſchenkel traf und durch das dicke Fleiſch deſſelben fuhr, ihn aber keineswegs in ſeiner Flucht aufhielt ſondern die⸗ ſelben eher noch, wenn das überhaupt möglich gewe⸗ ſen wäre, beſchleunigte. Das Feuern ſowohl, wie der Lärm den ſie in den Büſchen machten, hatte aber ſchon das kleine Piquet, das aus einem Dutzend Matroſen von der Uranie und dem Signaliſten, von einem Seecadet angeführt, beſtand, ihnen in den Weg gebracht, und Rens, auf ſie zuſpringend, wollte ſich ihnen jetzt, in Zorn und Unmuth über die erlittene Behandlung und der eben kaum entgangenen Todesgefahr, augenblicklich wieder anſchließen, das Lager mit gewaffneter Hand erſtür⸗ men zu helfen; Raiteo aber merkte das kaum, als er erklärte mit der erhaltenen Wunde nicht allein weiter gehn zu können, und den jungen Franzoſen ernſtlich aufforderte, ihn, der ihm eben erſt das Leben gerettet und ſeinetwegen gerade den Schuß erhalten, jetzt nicht hülflos im Walde liegen zu laſſen, daß er viel⸗ leicht gar wieder in die Hände der Tahitier fiele. - 5 4 156 René konnte und wollte das allerdings nicht und wünſchte den Verwundeten von einem der Matroſen geleiten zu laſſen; der Seecadet hatte aber dazu keine Ordre, und Raiteo ſelber weigerte ſich mit einem Fremden zu gehn, der erſtlich ſeine Sprache nicht ver⸗ ſtünde, dann keine Verbindlichkeit gegen ihn hätte, und ihn möglicher Weiſe hinter dem nächſten Dickicht ſitzen ließ. René durfte ihn nicht verlaſſen und nur deshalb dem Seecadet ſeinen Namen nennend, wobei er ihn bat, es ſobald als möglich dem kommandiren⸗ den Officier wiſſen zu laſſen, daß er der Gefangen⸗ ſchaft glücklich entkommen ſei, führte er den jetzt im⸗ mer erſchöpfter werdenden Inſulaner bergab in's Thal nieder, dem gar nicht ſo ſehr entfernten Pa⸗ petee zu, feſt entſchloſſen ſo raſch er könne zurück zu kehren und an dem Kampfe noch womöglich Theil zu nehmen. Das aber lag keineswegs in Raiteos Plan, deſſen Wunde ihn wenig genug genirt haben würde, wenn er eben allein haͤtte gehen wollen; erſtlich aber mußte er in Papetee einen Zeugen für ſich haben, wenn er auf einen günſtigen Empfang rechnen wollte, und dann war ihm der junge Franzoſe jetzt zu großem Dank verpflichtet. Lief der aber gleich wieder zurück, und wurde vielleicht vor den Kopf geſchoſſen, ſo war für ihn jeder von ſeiner That erhoffte Nutzen verlo⸗ ren, und er hatte nicht allein Nichts verdient, ſon⸗ dern die Eingeborenen wie beſonders ſeinen Miſſio⸗ nair, ohne den geringſten Vortheil davon für ſich ſelber zu haben, auf das grimmigſte erbittert, und gegen ſich aufgebracht. Das zu verhindern war jetzt ſeine Aufgabe, und er ſtöhnte und ächzte ſo lang⸗ ſam den Berg nieder und mußte ſich ſo oft ſetzen und ausruhen, daß ſie eben den Wall von Papetee er⸗ reichten, als das Schießen oben aufhörte, und kurze Zeit darauf die ſchmetternden Hörner der rückkehren⸗ den Franzoſen dieſe als Sieger kündete. In der That hatten ſie auch mit dem Bayonnett die Einge⸗ borenen aus ihren Schanzen hinausgetrieben und in die Berge geiagt, und erſt als ſie ſich dort nach allen Richtungen wieder ſammelten, und aus dem Dickicht heraus einen Angriff drohten, bei dem die nicht mit dem Wald vertrauten Fremden vielleicht übel gefah⸗ ren wären, zogen ſie ſich zurück, mit dem Erfolg ihrer Expedition vollkommen befriedigt, und auch nicht ge⸗ rade mit zu viel Verluſt.. René brachte nun, in Papetee wieder glücklich angelangt, vor allen Dingen Raiteo, der ihm aller⸗ dings diesmal einen wichtigen Dienſt erwieſen, in gute Pflege, damit er ſich raſch von ſeiner Wunde erholen könne, die auch bald darauf Einer der dorti⸗ gen Militärärzte unterſuchte und als ziemlich unbe⸗ 4 deutend, jedenfalls völlig gefahrlos erklärte. Das beendet aber ſuchte er auch ungeſäumt den Gouver⸗ neur auf, ihm Bericht zu erſtatten über ſein Aben⸗ teuer ſowohl, wie über den ſehr ungewiſſen Erfolg den er von gütiger Ausgleichung zu hoffen habe. Den Gouverneur fand er gerade mit dem Verhör des Mannes beſchäftigt, der faſt die Urſache ſeines eigenen Todes geweſen wäre, mit Jim O'Flannagan und ließ ſich nur anmelden, um ſeine glückliche Rück⸗ kunft anzuzeigen und zu paſſenderer Zeit wiederzu⸗ kehren, wurde aber augenblicklich hinein beſchieden und ohne Weiteres vorgelaſſen. „Sie kommen mir wie gerufen, Delavigne!“ rief ihm der Gouverneur ſchon von weitem entgegen— „Ihre erlebten Abenteuer ſollen Sie mir nachher er⸗ zählen, aber wir haben hier einen Burſchen, der Alles verſpricht was man von ihm fordert, ſeinen Hals nur aus der Schlinge zu retten in der er ſich feſtge⸗ fahren, und dem ich durch Jemand mit dem Land Vertrauten möchte einmal auf den Zahn fühlen laſſen.“ Jim OFlannagan befand ſich in der unange⸗ nehmſten Lage von der Welt: mit auf dem Rücken gebundenen Händen zwiſchen zwei Marine⸗Soldaten mit gezogenen Säbeln und eines Verbrechens über⸗ führt, das ihm die Raanocke vollkommen ſicher in Ausſicht ſtellte. Er ſchien auch ſeine Situation voll⸗ —— 459 kommen zu begreifen, denn er ſah todtenbleich aus und die Augen lagen ihm tief und düſter in den Höhlen; aber um den Mund zuckte doch noch immer der alte Trotz, und die Stirn gerunzelt, blickte er finſter und mistrauiſch auf den neuen Ankömmling, gleich aus ſeinem erſten Erſcheinen zu errathen ob er ihm nützen oder ſchaden könne. 8 „Hier der Burſche“ fuhr der Gouverneur dann fort, als er dem jungen Mann herzlich die Hand ge⸗ drückt,„thut Alles in ſeinen Kräften ſtehende, das muß man ihm laſſen, ſein allerdings den Geſetzen verfallenes verbrechenreiches Leben zu retten. In ihm ganz würdiger Weiſe hat er uns auch ſchon geſtern ſeinen eigenen Kameraden wieder in die Hände geliefert. „Den entſprungenen Matroſen?“ rief René raſch und erſtaunt. „Ja er war mehr als das,“ lachte der Gouver⸗ neur,„er war auch der Helfershelfer des Geſellen da in früherer Zeit, und Theilnehmer ſelbſt des Mordes wegen dem wir dieſen eigentlich zum Tod verurtheilt haben, wobei noch der ſtärkſte Verdacht vorliegt, daß er eine alte Frau erſchlagen hat, die man an jenem Abend mit dem Zeichen gewaltſamen Mordes an ſich und ſogar gebunden in ihrer Hütte gefunden. Sie hätten übrigens dabei ſein ſollen wie wir den Bur⸗ ſchen fingen; es war wie mit einem Lockvogel. Doch das konnte noch nicht genügend ſein dieſes werthloſe Leben wirklich zu guarantiren, und er will jetzt mehr thun, er verſpricht uns die Anführer der Indianer— jene Häuptlinge die in dieſem Augenblick den meiſten Einfluß auf die Eingebokenen ausüben, zu über⸗ antworten, und das wäre allerdings ſeinen Hals werth, denn es würde Ströme Blutes erſparen und manchem braven Mann das Leben retten, ſowohl von unſerer wie feindlicher Seite. Nun möchte ich von Ihnen wiſſen, Delavigne, ob ſein Plan, den er mir vorher mitgetheilt, einen Schein von Wahrſcheinlich⸗ keit hat, oder ob es nur eben eine bloße Finte iſt ein paar Tage länger athmen zu können, was ich aller⸗ dings vermuthe.“ „Und wie glaubt er das möglich zu machen?“ frug René. „Die Ausführung beruht auf einer, morgen früh ſtattfindenden Zuſammenkunft, von der er unterrichtet ſein will, und ſoll in den Eigenthümlichkeiten des Termins begründet ſein. Sind Sie mit den Bergen hier, oberhalb der Stadt, genau bekannt.“ „So ziemlich, aber doch wohl nicht hinreichend; aber ein anderer hier anſäſſiger und jetzt wieder in Franzöſiſchen Dienſten ſtehender Landsmann, Lefévre, der lange Jahre auf Tahiti lebt, kennt dagegen, wie 161 ich glaube, jeden Baum um Papetee und in den nächſten Bergen. Vielleicht wäre es zeitſparend ihn ebenfalls rufen zu laſſen, ſeine Meinung mit zu hören.“ 1 Der Gouvernenr klingelte, und die Ordonnanz wurde beſchieden Herrn Lefevre zu erſuchen augen⸗ blicklich ſich hier einzufinden. Rens ſtattete indeſſen mit leiſer Stimme dem Gouverneur Bericht ab, über ſeine Abenteuer ſowohl, als den Erfolg den ein Frie⸗ densvorſchlag auf die Häuptlinge gehabt, und wie er in der That ſelber glaube, daß alle freundlichen Vorſtellungen bei den Eingeborenen auf vollkommen unfruchtbaren Boden fallen würden. Danach erſchien es alſo ebenfalls nur noch wünſchenswerther die ein⸗ flußreichſten Häuptlinge, da ſie keinem gütlichen Ver⸗ gleich lauſchen wollten, womöglich gefangen zu nehmen, und ihnen den Frieden dann ſelber diktiren zu können. Lefevre kam endlich, und als er das Zimmer be⸗ trat flog ſein Blick raſch und wie ſcheu von Einem der Männer zum Andern, als ob er im Voraus zu errathen wünſche was man von ihm wolle. Die freundliche Anrede des Gouverneurs ſetzte ihn aber darüber bald außer Zweifel und nach den nöthig⸗ ſten Vorbemerkungen begann der Eramen des Ge⸗ fangenen. Gerſtäcker's Tahiti. IV. 11 162 „Woher weißt Du, Geſell überhaupt, daß die Häuptlinge an dem Tag und zu der Stunde eine Zuſammenkunft halten wollen, was hatteſt Du mit ihnen zu thun?“ frug der Gouverneur. „Ein weißer Mann, der mit einem Gewehr um⸗ zugehen verſteht, iſt ihnen in jetziger Zeit ſoviel als ein Häuptling“ erwiederte mürriſch der Ire, dem die vielen Zeugen nicht gerade angenehm zu ſein ſchienen, „ich bin zu allen ihren Berathungen gezogen.“ „Hm, das klingt wahrſcheinlich— aber weshalb wurde dieſe Berathung auf ſo viele Tage hinaus⸗ geſchoben— weshalb findet ſie gerade morgen ſtatt?“ „Am Freitag faßte man den Beſchluß“ erwiederte Sim,„am Sonnabend, als an dem Sabbath, konnten und durften, ihren jetzigen Geſetzen nach, keine Boten abgeſchickt werden. Heute ſind die erſt nach dem Süden der Inſel hinübergegangen und vor heut Abend, ja vor heut Nacht, können die aufgeforder⸗ ten Häuptlinge den Platz der Zuſammenkunft nicht erreicht haben.“ „Und weshalb findet die Berathung nicht in dem Lager ſelber ſtatt?“ „Sie wollen dem Einfluß der Miſſionaire ent⸗ gehn“ erwiederte der Ire—„ich ſelber habe den Antrag geſtellt, weil ich die Schwarzröcke haſſe und ſte den Eingeborenen, wo ſie nur ihre Naſe in deren 163 4 innere Angelegenheiten ſtecken, noch nichts wie Un⸗ heil gebracht. Utami, Teraitane und manche Andere, gehen ihnen ebenfalls aus dem Weg wo ſie können, und Aonui wie Potowai ſind nur ihre Poſaunen.“ „Und wo iſt der Sammelplatz?“ „Hier im oberen Thal, etwa eine engliſche Meile von Papetee dicht unter dem Felſenhang auf dem oben die drei Cocospalmen ſtehen.“ „Kennen Sie den Platz?“ wandte ſich der Gou⸗ verneur jetzt zu den beiden jungen Leuten, und Beide beſtätigten es. „Aber in welcher Schlucht?“ frug Lefevre jetzt— „es kommen da drei von oben herunter.“ „In der mittleren“ lautete die Antwort. „Das iſt die einzige die einen Ausgang hat, die andern beiden ſind von ſteilen Hängen abgeſchloſſen; und wo da?“ „Kennt Ihr den Platz wo die einzelne, jetzt von Utami bewohnte Hütte ſteht?“ frug der Ire den Franzoſen. „Allerdings; der Ort wäre nicht übel gewählt— und wie viel Häuptlinge ſollen dort zuſammen kommen?“ „Utami, Teraitane und Aonui von hier und Fanue und noch ein Anderer, deſſen Namen ich ver⸗ 11⸗ 164 geſſen habe, von Tairabu der Eine, und vom ſüd⸗ lichen Theil der Inſel der Andere, auch wurde davon geſprochen daß von dorther ein Abgeſandter von Huaheine und Bola Bola erwartet werde, und man vermuthete daß ſie zuſammen eintreffen würden.“ „Ha, das wäre nicht übel“ rief der Gouverneur, „aber auf welche Art wären ſie da zu fangen?“ „An dem Platz leichter als irgend wo anders“ beſtätigte jedoch Lefevre die Angabe des Gefangenen —„auf dem Rückweg ließe ſich leicht ein Vorpoſten hinſchieben dem die Umſtellten weder rechts noch links auszuweichen vermöchten, wenn ſie eben nicht fliegen können, und der Eingang des ſchmalen Thales iſt mit zwölf Mann vollſtändig zu ſchließen. Wenn ſich das Alles ſo verhält, wie es der Burſche angiebt und das Ganze raſch und richtig angelegt und ausgeführt, würde, ließe ſich ein günſtiger Erfolg da ſchon hof— fen. Keinenfalls hätte man viel zu riskiren, da man ſich raſch wieder auf die Stadt zurückziehen könnte und es nicht anzunehmen iſt daß die Eingeborenen, nach der heutigen Niederlage, morgen ſchon ſich ſo nahe heranwagen ſollten. Im Gegentheil hab' ich noch kurz vorher ehe ich hierher kam, von einem der uns ergebenen Indianer gehört, daß die feindlichen Krieger eine weiter zurückgelegene feſte Stellung im Hautauethal einnehmen würden, ſich dort ſicher ver⸗ 165 ſchanzt zu halten und die von England verſprochene Hülfe zu erwarten.“ „Das Sicherſte wird dann jedenfalls ſein“ ent⸗ gegnete der Gouverneur,„ein ſtarkes Detachement im Rücken aufßzuſtellen, und dadurch ſelbſt jeder mög⸗ lichen Ueberraſchung zuvorzukommen. Fragen Sie einmal den Burſchen was er dazu ſagt?“ Iim ſchüttelte aber dazu mit dem Kopf. „Dann wirds Nichts“ brummte er ſinſter— „ſobald hier nur zwanzig Soldaten auf einmal aus der Stadt marſchiren, wiſſen ſte's auch oben ſchon in den Bergen und rüſten ſich auf einen Angriff; kleine Patrouillen ſind aber bis jetzt täglich ausgezogen und ſelten beläſtigt worden, weil eben die Eingeborenen keinen Angriffskrieg führen wollen. Dieſe auch allein dürfen hoffen einen wirklichen Ueberfall auszuführen, eine größere Abtheilung Militair nie.“ „Und wer bürgt uns für die Sicherheit ſolcher ſchwachen Patrouillen?“ frug der Gouverneur. „Bin ich nicht ſelber in Euerer Gewalt und geh ich nicht mit?“ ſagte Jim. „Schlechte Guarantie das“ meinte René kopf⸗ ſchüttelnd,„der Burſche hat nicht einmal mehr ein Leben zu riskiren und aufrichtig geſagt, möchte ich nicht einem einzigen Menſchen an ſeine Verſicherun⸗ gen wagen; das Ganze ſcheint mir wenigſtens, ein abenteuerliches Märchen, ſeinen Hals noch eine Zeit⸗ lang aus der Schlinge zu halten, oder gar in den Bergen in Sicherheit zu bringen; ich würde ungemein vorſichtig zu Werke gehen.“. Ddie Franzoſen unterhielten ſich untereinander na⸗ türlich in ihrer eigenen Sprache, und der Gefangene ſchaute dabei mistrauiſch von Einem zum Anderen, in dem Ausdruck ihrer Züge vielleicht die unverſtan⸗ denen Worte zu leſen. Lefevre übrigens war für den Plan; mit jenem Theil des Berges genau bekannt, ſchien ihm ein ſol⸗ cher Ueberfall ziemlich leicht auszuführen, dann aber lag ihm vor allen Dingen daran als wirklicher Offi⸗ cier in die Armee eintreten zu dürfen, was ihm bis jetzt immer noch aus verſchiedenen Urſachen verwei⸗ gert worden, ihm aber vann, wenn er ſich bei einer ſolchen Expedition auszeichnete, kaum entgehen konnte. Außerdem war, Jim's Ausſage nach, der alte Häupt⸗ ling Fanue ebenfalls gegenwärtig, den er noch von Tairabu her aus ganzem Herzen haßte. Hier bot ſich ihm alſo nicht allein die Möglichkeit einer vor⸗ theilhafteren Stellung, nein auch zugleich die Aus⸗ ſicht ſich an einem Feind zu rächen, und er war feſt entſchloſſen die Gelegenheit nicht ungenützt ent⸗ ſchlüpfen zu laſſen. Jim ſollte übrigens heute Abend nichts Beſtimm⸗ teres weiter über Annahme oder Nichtannahme ſeines Planes erfahren; auf einen Wink des Gouverneurs wurde er, als er all die nöthig ſcheinende Auskunft gegeben, wieder abgeführt, und Lefevre erklärte ſich jetzt bereit die Führung einer Patrouille zu überneh⸗ men, die, wie der Gefangene allerdings recht habe, nur ſchwach ſein dürfe, wenn ſie nicht die Aufmerk⸗ ſamkeit der wachſamen Eingeborenen erregen wolle, aber keineswegs möchte er ſich auch ganz allein mit wenigen Mann in den Wald hinein wagen, wo es doch immer ungewiß wäre ob ſie nicht auf eine ſtär⸗ kere Abtheilung der Feinde ſtoßen könnten. Deshalb ſollten mehre kleine Trupps nach einander und nach verſchiedenen Richtungen hin, wie eben zum Recog⸗ nosciren, die Stadt verlaſſen, und ſich nach jenem Thal hinüber ziehn. Die zuerſt gefeuerten Schüſſe mochten ſie dann herbeirufen, denn nachdem geſchoſ⸗ ſen war, blieb es doch unmöglich ihren Plan länger geheim zu halten und dann brauchten ſie Hülfe, ſich wieder zur Stadt zurück durchſchlagen zu können. Als er den Gouverneur damit einverſtanden fand, beurlaubte er ſich, die noch nöthigen Vorbereitungen zu treffen, wie ſich auch ſeine, ihm paſſenſten Leute ſelber zur Begleitung auszuſuchen, und nur noch be⸗ ſchloſſen wurde daß Jim, natürlich gut verwahrt und bewacht, den Trupp führen ſolle, dem nicht un⸗ 168 mittelbar der Angriff galt, und der nur hinten die etwaige Flucht der Häuptlinge abzuſchneiden hatte. „Und wollen Sie den Zug begleiten, Delavigne?“ frug der Gouverneur, als Lefevre das Zimmer ver⸗ laſſen und er ebenfalls im Begriff war ſich zu empfehlen. Der junge Mann ſchüttelte mit dem Kopf. „Ich will auf den Inſeln leben“ ſagte er, und es war faſt, als ob er ſich Gewalt anthun müſſe für dieſe Antwort—„und— möchte Alles vermeiden in zu feindſelige Berührung mit den Bewohnern zu kommen— wenn auch nicht meinet, doch meiner Frau wegen.“ „Aber Lefevre lebt auch hier“ lachte der Gouver⸗ neur,„und genirt ſich nicht, wie Sie ſehn— er nahm die Sache mit einem ordentlichen Feuereifer auf, und ich bin feſt überzeugt, er wird ſein Mög⸗ lichſtes thun ſeinen Zweck zu erreichen.“ „Wir Menſchen haben verſchiedene Charaktere“ erwiederte René ausweichend—„Lefevre denkt darin wahrſcheinlich, wie in manchem Anderen auch anders wie ich. Außerdem verſpreche ich mir nicht den ge⸗ ringſten Erfolg von dieſer Miſſion— ich fürchte die Inſulaner ſitzen uns näher als wir glauben.“ „Bah“ lachte der Gouverneur,„die Burſchen wagen ſich nicht wieder in den Bereich unſerer Ka⸗ 169 nonen, und werden ſich jedenfalls mit Plänkeleien begnügen, bis ſie's ſatt bekommen, oder wir im Stande ſind ihnen die Rädelsführer wegzufangen; der Indianer ſelber iſt viel zu indolent einen Krieg aus Grundſatz zu führen. Doch dem ſei wie ihm wolle“ brach er plötzlich kurz ab,„ich möchte Ihnen nicht zureden, wünſche es aber Ihrer ſelbſt wegen, daß Sie noch von dem unglückſeligen Gedanken zu⸗ rückkommen, auf einer wüſten Inſel Ihr Leben zu beſchließen.“ „Wüſten Inſel“ ſagte René, lächelnd den Kopf ſchüttelnd. „Wüſt für uns, und wenn es ein Paradies an Scenerie wäre— wo wohnen Sie jetz,, Delavigne?“ „Nirgend“ lachte der junge Mann,„mein Haus draußen haben ſie mir abgebrannt, ſo hab' ich mich derweil bei Vater Conet einquartirt, der mir ein Zimmer freundlich zur Verfügung ſtellte.“ „Ah, dort ſind Sie gut aufgehoben, ſonſt hätt' ich ſelber. Rath ſür Sie geſchafft; unſer Krieg hat Sie geſchädigt und es wird an uns ſein, Ihnen das ſpäter wieder zu vergüten. So jetzt guten Abend, und ich hoffe Sie morgen wieder zu ſehn.“ Capitel 5. Lefévre und Aumama. Mit Tagesanbruch am nächſten Morgen durch⸗ zogen mehre Patrouillen langſamen abgemeſſenen Schrittes die Stadt; die den Franzoſen freundlich geſinnten, oder dort auch nur geduldeten Eingebore⸗ nen waren aber viel zu ſehr daran gewöhnt, darin Außerordentliches vermuthen zu können. Die ver⸗ ſchiedenen Poſten wurden gewöhnlich durch ſolche Patrouillen abgelöſt oder auch nur revidirt, und außerdem ſandte der Gouverneur ſogar nicht ſelten kleine Trupps über die Verſchanzungen hinaus, zu unterſuchen ob ſich nicht feindliche Schwärme der Stadt näherten kleine Ueberfälle zu verſuchen, in denen ſie es dann ſelten gegen die Feranis ſelber, — 171 ſondern faſt uur gegen die ihrer Landsleute abgeſehn hatten, die es mit den Feinden des Vaterlandes hielten. Wehe denen, wenn ſie in ihre Hände fielen, und der Feuerbrand wurde in manche ſolche Hütte geſchleudert, trotz den rings aufgeſtellten Poſten und Pikets der ſie ſchützenden Soldaten. Eine dieſer Patrouillen war noch vor Tag, wo kein Eingeborener ſich durfte in den Straßen der Stadt ſehen laſſen, an den oberen Theil der Stadt marſchirt, hatte den kleinen dort aus den Bergen kommenden Bach oder Fluß, über den die Brücke: abgebrochen war, gekreuzt, und auf dem ziemlich breiten Weg eine Strecke fortmarſchirend ſich rechts in das Dickicht geſchlagen, wo ſie Halt machte, den Tag abzuwarten. In ihrer Mitte aber führte ſie den Iren, Jim O'Flannagan, mit auf den Rücken ge⸗ bundenen Händen, während Lefévre den Trupp an⸗ führte der, außer drei von ihm ſelber ausgeſuchten Leuten, noch aus dem Bootsmann und zwei Matro⸗ ſen des Jeanne d Arc beſtand, welchen letzteren beſon⸗ ders die Bewachung des Gefangenen anvertraut wor⸗ den. Ein anderer, ihm beigegebener Officier, Adolphe, ſollte die zweite Patrouille erwarten, ihre Führung zu übernehmen. Jim ging mürriſch zwiſchen ihnen, und ſchien mit der Rolle die er dabei zu ſpielen hatte nicht recht 2* einverſtanden zu ſein, nichtsdeſtoweniger war ihm ſein Leben geſichert worden, wenn er die Häupter der Rebellen, todt oder lebendig in die Hände der Fran— zoſen lieferte. Erſt nach Tagesanbruch folgte die zweite Pa⸗ trouille der erſten; Marineſoldaten, wie ſie zum ge⸗ wöhnlichen Dienſt gebraucht wurden, und um jeden Verdacht zu vermeiden von einem jungen Fähndrich angeführt. Auf einer beſprochenen Stelle vereinigten ſich die beiden und wurden jetzt ſo vertheilt, daß Adolphe den Iren und ſeine Wache bekam, der ihn hinter die Schlucht und dorthin führen ſollte, wo ſie den umſtellten Häuptlingen den Weg in die Berge abſchneiden konnten, und dafür die Hälfte der zwei⸗ ten Patrouille, ſechzeahn Mann mit dem Fähndrich, zu Lefevres Unterſtützung zurückließ. Dieſer mußte übrigens Adolphe mit ſeinen Leu⸗ ten größeren Vorſprung laſſen, da ſte einen weit längeren Weg zurückzulegen hatten, und Jim ver⸗ langte jetzt von ſeinen Wächtern ſie ſollten ihn los⸗ binden, oder ihm doch wenigſtens die Hände ſo weit frei machen, daß er ſeine Arme zum Schutz gegen die überall vorſtehenden Zweige gebrauchen könne. Adolphe wollte ihm darin auch gern willfahren, der Bootsmann traute aber dem Burſchen nicht recht, und erſt nach einigem Hin⸗ und Herreden, und beſon⸗ ——Oꝑ— 173 ders dadurch beſtimmt, daß Jim behauptete ſie wür⸗ den den bezeichneten Platz zu ſpät erreichen und Alles damit verſäumen, wenn er ſelber nicht ein klein we⸗ nig raſcher aus der Stelle rücken könne, wurden ihm die Hände gelöſt; um den oberen Theil ſeiner Arme aber blieb das Tau befeſtigt, und der Seemann ſel⸗ ber hielt das wie eine Art Zügel in ſeiner linken Hand. So rückten ſie zwar langſam, aber vollkommen geräuſchlos durch einen Theil des Dickichts, der von den Eingeborenen, die hier in der Nähe der Stadt ihre Hütten faſt ſämmtlich verlaſſen hatten, nur höchſt ſelten betreten wurde, und ſie alſo auch nicht ſo leicht Entdeckung zu fürchten brauchten. Jim ſchien übri⸗ gens hier mit dem Wald vollkommen vertraut, denn er bog bald hier bald da, rechts oder links ab, kleine offene Lichtungen oder freiere Pfade zu erreichen, de⸗ nen ſie einmal eine Strecke folgen konnten, und warnte ſie immer auf das ſorgſamſte, wenn ſie in die Nähe irgend einer Anſiedlung kamen, die oft wie eine Oaſe in der Sandwüſte, ſo hier in dem dicht⸗ verſchlungenen Guiavendickicht lag. Da endlich weit genug vorgerückt, ſchlugen ſie jetzt wieder eine mehr Südweſtliche Richtung ein, den Hang des Berges zu, der hier in faſt abgerundeter Spitze nach dem Meer hin abdachte, und betraten jetzt zum erſten Mal einen ziemlich begangenen und auch offenen Weg, dem ſie nun ſo weit raſcher folgen konnten. „Wo führt der Pfad hin, Kamerad?“ frug der Bootsmann da leiſe, als ſie ihn eine Zeitlang ſchweigend und bergauf verfolgt hatten. „Pſt“ war aber die einzige etwas mürriſche Ant⸗ wort die er erhielt, und da der Ausdruck in des Ge⸗ fangenen Zügen ebenfalls die höchſte Aufmerkſamkeit und Spannung verrieth, als ob er mit jedem Schritt irgend etwas Außerordentliches zu finden oder hören erwarte, begnügte ſich der Seemann auch für jetzt damit, und ſpannte ſeine Sinne nur ſelber ſchärfer an, einer irgendwoher drohenden Gefahr auch raſcher begegnen zu können. 5 Der Weg war indeſſen ſo ſteil geworden, daß der Bootsmann, auf den ungeduldigen Blick des Gefangenen hin, das Tau verlängern mußte das er in der Hand hielt, um dieſen im Fortſchreiten nicht zu ſehr aufzuhalten. Wenn Jim übrigens dadurch geglaubt einen Vortheil zu erreichen, hatte er ſich geirrt, denn der Seemann trug es feſt und doppelt um die Hand geſchlungen, wie man einen Spürhund etwa an langer Leine auf der Schweißfährte hin⸗ ziehen läßt, willens ihm jeden Raum eben zu laſſen das Wild zu verfolgen— aber nicht mehr. Die Uebrigen folgten in langer, und manchmal eben nicht 175 ganz geräuſchloſer Linie, Adolphe dicht hinter dem Bootsmann und die beiden Matroſen dicht hinter ihm, von den Soldaten gefolgt. Die Seeleute zeig⸗ ten ſich auch ziemlich behend, beſonders im Vermei⸗ den des ſo häufigen trockenen Geſtrüpps und über⸗ geworfener Aeſte, das nach allen Richtungen hin ihren Pfad kreuzte, die Soldaten dagegen waren viel unbeholfener, traten auf und knackten manchen dürren Aſt, und machten den Führer oft mit finſterem war⸗ nenden Blick auf ſie zurückſchauen. In der That be⸗ nutzte Jim auch ſolche Gelegenheit nur zu gern, ſich von dem Stand und Verhalten ſeiner Begleiter zu überzeugen. Der Bootsmann, als das beſte und einfachſte Mittel ihm anzuzeigen daß er mit ihm zu reden wünſche, zupfte den Iren jetzt, durch ein leiſes Zucken der Hand, am Tau, und dieſer drehte raſch den Kopf zurück. „Halt!“ kommandirte flüſternd der Seemann. „Was giebts“ frug jener eben ſo zurück. „Hier mein Officier wünſcht zu wiſſen wie weit wir noch etwa haben, damit er ſeine Leute danach rüſten kann.— „Er ſoll ihnen ſagen daß ſie nicht einen ſolchen Heidenlärm machen“ brummte dieſer—„das iſt alle Rüſtung die ſie jetzt brauchen; ſonſt noch was?“ 16 „Und wie weit haben wir noch?“ „Weit genug den Platz nie zu erreichen, wenn wir jetzt gerade gehört würden, und nahe genug in kaum zehn Minuten vielleicht ſchon in Sicht des Feindes, oder doch in Rufes Nähe zu ſein.“ Der Matroſe nickte zufrieden und Iim ſetzte ſei— nen Weg wieder fort, war aber noch nicht zehn Schritt höher geklettert, als er ſeinem Führer winkte in dem Laube noch vorſichtiger zu ſein, und ſich jetzt links gerade in das Dickicht hinein hielt. Der Boots⸗ mann wollte ihn erſt daran verhindern und in dem offenen Pfade ſelber halten, es war ihm aber faſt, als ob er das Geräuſch von Stimmen höre, und die ängſtliche Vorſicht ſehend, mit der der Ire hier ſelber weiter ſchritt, ließ er ihn gewähren. Adolphe ſelber war mit dieſer Art des Fortrückens am wenigſten einverſtanden; der Dritte in der Reihe konnte er faſt Nichts hören oder ſehn, und wurden ſte gerade an einer ſolchen buſchigen Stelle von einem Feind überraſcht, ſo waren ſie, in der Vertheidigung vereinzelt, der größten Gefahr ausgeſetzt aufgerieben zu werden, und weit genug hatten ſie ſich in die Berge hineingewagt, die Begegnung eines Feindes wohl erwarten zu dürfen. Es ließ ſich aber Nichts dagegen thun, und weit konnten ſie von der beſtimm⸗ „ ten Stelle ebenfalls nicht mehr ſein, ſo fügte er ſich dann, Flüche leiſe in den Bart murmelnd, in das Unabwendbare, nur jetzt bemüht ſeine Leute, die jeden Augenblick faſt mit den Fußſpitzen in dürren Aeſten hängen blieben, oder an Steinen, auf denen ſie nicht feſten Halt genug genommen, ausrutſchten, in Ord⸗ nung und ruhig zu halten. Da endlich erreichten ſie eine ſcheinbar offene Stelle im Wald, wo die Sonne wenigſtens licht und voll durch die ſonſt faſt für ſie undurchdringlichen Guiaven fiel, und der Seemann fand, daß ſie ſich einer ſteilen oder wenigſtens ſehr abſchüſſigen— er konnte das von da wo er ſtand noch nicht recht er⸗ kennen— Bergwand genähert hatten, von der aus ſie jedenfalls einen Ueberblick in das vor ihnen lie⸗ gende Thal bekommen mußten. Iim hatte ſich da⸗ hinaus auch ſchon vollkommen orientirt, und den Bootsmann und Officier vorſichtig zu ſich heran⸗ winkend, zeigte er durch einen kleinen Buſch, der fie nach unten zu verdeckte, in das Thal nieder, wo Beide zu ihrem, keineswegs freudigen Erſtaunen, und auf einer Stelle wo ſie Niemand erwartet hatten, einen Trupp von etwa zwanzig oder fünfundzwanzig bewaffneten Eingeborenen lagern fanden. Die ganze Entfernung von dieſen betrug kaum zweihundert und funfzig Schritt, und das laute Knacken eines düͤrren Gerſtäcker's Tahiti. VV. 12 178 Aſtes hätte faſt dort gehört werden müſſen— ein lautes Wort konnte ſie verrathen. „Peſt und Tod!“ ziſchte aber Adolphe zwiſchen den Zähnen durch, als er mit einem Blick die Gefahr überſehen hatte, in der ſie ſich befanden—„Hund verdammter, Du haſt uns auf die falſche Fährte und abſichtlich von dem Wege ab, hierher geführt. Iſt das hier die Stelle eine kleine Zahl Indianer durch einen Hohlweg oder auf einem ſchmalen Damme ab⸗ zuſchneiden, wo eine ganze Armee rechts und links von uns durchpaſſiren koönnte ohne daß wir etwas von ihr zu hören oder zu ſehn bekämen?“ „Bſt!“ ſagte Jim mit unzerſtörbarem Gleichmuth aber das Geſicht jetzt von Todtenbläſſe, doch mit einem Ausdruck feſter tödtlicher Entſchloſſenheit darin, überzogen—„bſt Mounſier, nicht ſo laut, denn die Burſchen da unten könnten uns hören und uns zu Gaſte bitten, wogegen ich nun allerdings nicht das mindeſte einzuwenden hätte, was für die angenehme Geſellſchaft hier aber nichts weniger als wünſchens⸗ werth wäre.“ „Wo iſt die Stelle zu der Du uns zu führen verſprochen?“ frug Adolphe raſch und finſter, aber mit vorſichtig unterdrückter Stimme. 8 Jim lachte leiſe vor ſich hin, und es lag etwas Teufliſches in dem Lächeln das Adolphe faſt unwill⸗ 179’ kürlich nach dem Griff ſeiner Piſtolen ſuchen machte; aber der Ire ſagte jetzt, noch immer mit leiſer, aber feſter beſtimmter und wie es ſchien zum Aeußerſten entſchloſſener Stimme. „Wenn Ihr nicht ſchon lange gemerkt habt, daß ich meinen Weg verfehlt, iſt das nicht meine Schuld— laßt Euere Piſtolen im Gürtel, Kamerad, mit denen könnt Ihr keinen Menſchen ſchrecken der den Strick um den Hals trägt; aber hört mich jetzt an und entſchließt Euch dann raſch, denn meine wie Euere Zeit iſt koſtbar. Mein gutes Glück hat uns in Rufs Nähe einer Schaar von Eingeborenen ge⸗ bracht— 4 „Dein gutes Glück, Schuft?“ knirſchte der Boots⸗ mann mit den Zähnen,„wage es einen Laut auszu⸗ ſtoßen und ſoll mich Gott ſtrafen, wenn ich Dir nicht beide Hackenſehnen durchſchneide, oder Dich an den nächſten Aſt hänge, ehe die Schufte da unten ſelbſt in Schußnähe ſein könnten.“ „Dazu haſt Du Deinen eignen Hals zu lieb, Kamerad“ lachte der Gefangene,„ich ſelber aber hätte nichts Beſſeres verdient, wenn ich eine ſo koſt⸗ bare und nie im Leben wiederkehrende Gelegenheit jetzt unbenutzt vorübergehen ließe. Noch bin ich in Euerer Gewalt und Ihr könnt mich, ehe meine Be⸗ ſchützer herankommen, tödten, ſoll das aber Jemand 12* fürchten, der jetzt die Wahl hat zwiſchen einem raſchen Tod und dem Galgen?— bah, ſoviel für Euere Macht—“ und er ſchnalzte mit dem Finger.„Doch Dienſt gegen Dienſt“ fuhr er dann fort, als er ſah daß der Bootsmann das Tau das ihn hielt nur raſcher und entſchloſſener packte—„Ihr ſeht daß Ihr, wenn entdeckt, dieſem hier vor uus lagernden Trupp nicht entgehen könnt, während ein einziger Schuß, hier abgefeuert, neue Feinde vielleicht noch von jeder anderen Seite herbeiruft, die Euch den Weg nach Papetee zurück mit leichter Mühe ab⸗ ſchneiden und Euch ohne große Gefahr für ſich ſel⸗ ber, aus dem Dickicht heraus einzeln wegſchießen könnten.“ „Und wenn ſie mir die Glieder ſtückweis vom Leibe riſſen“ knirſchte der Bootsmann zwiſchen den zuſammengebiſſenen Zähnen durch—„erſt ſeh ich Dich hängen Beſtie, und dann mögen ſie machen mit mir was ſie wollen.“ „Noch habt Ihr einen Ausweg“ ſagte Jim ohne ſich im Mindeſten aus ſeiner Faſſung bringen zu laſſen—„Dienſt um Dienſt; laßt mich frei, und ich verſpreche Euch, daß ich hier ſtill und regungslos liegen bleiben will, bis Ihr außer jeder Gefahr die Wälle von Papetee ſicher und unbeläſtigt wieder ge⸗ wonnen haben könnt.“ „Daß ſie nachher in Papetee mit Fingern auf uns wieſen“ ziſchte Adolphe mit feſt zuſammengezo⸗ genen Brauen—„thue Dein Schlimmſtes Schuft, aber beim ewigen Gott, ehe ich Dich lebendig aus meinen Händen ließ, hing ich Dich ſelber an die nächſte Guiave hier. Und nun zurück von da oben, wir haben ohnedies ſchon Zeit genug verſäumt, und hältſt Du Dich ruhig, will ich Dir verſprechen mein Möglichſtes in Papetee zu verſuchen Deinen Hals frei zu bekommen; aber kein Wort weiter und jetzt marſch.“ „Das Anerbieten iſt freundlich genug“ ſagte Jim, „aber da weiß ich ein Beſſeres—“ und che der Bootsmann, der das Tau noch feſt in der Hand hielt, nur eine Ahnung davon hatte, warf ſich der Gefangene, das ganze Gewicht ſeines Körpers in den Sprung legend, durch den Buſch hindurch, den ſtei⸗ len Abhang, an deſſen Rand er ſtand, hinunter. Er würde auch jedenfalls ſeinen Zweck und den Boden unten erreicht haben, wo er höchſtens von den kaum ſehr gefährlichen und ihm ſicher gleichgültigen Ku⸗ geln auf kurze Zeit bedroht blieb, denn der Seemann, der einen Sprung dort hinunter für ganz unmöglich gehalten, ſtand keineswegs feſt genug ſich dagegen zu ſtemmen und wurde im Nu von dem Gewicht des ſchweren Mannes zu Boden geriſſen; aber das Tau 182 das er um die Hand trug hakte glücklicher Weiſe in eine der dort gerade vorragenden ſtarren und zähen Guiavenwurzeln, und der Ire fand ſich im nächſten Augenblick, an den Armen aufgehangen, ſchwebend an der Klippe. „Hülfe— Hülfe!“ gellte dabei, jetzt zum Aeußer⸗ ſten getrieben, ſein wilder Schrei durch den Wald, und die dort gelagerten Eingeborenen ſprangen, ihre Waffen aufgreifend, raſch in die Höh' und heran— „Hülfe! Hülfe!“ „Teufel verdammter!“ ſchrie aber Adolphe, ſein Piſtol aus dem Gürtel reißend und an den Rand der Schlucht ſpringend, während der Bootsmann, der durch das Gewicht des Gefangenen niedergeworfen war, das Tau aber immer noch feſt um die linke Hand hielt, es mit der rechten jetzt ebenfalls zu er⸗ reichen ſuchte, dem faſt ausgerenkten Arm Erleich⸗ terung zu verſchaffen. Dieſer ſah aber kaum die Abſicht ſeines Officiers als er, unbekümmert um ſich ſelber ausrief: „Nein, nein Monſieur— halt— hier Jean, hier Petit— faßt das hier— weiter vorn— ſo— haltet feſt— ſackrrr, ob mir der Hallunke nicht bald den Arm mit der Wurzel herausgeriſſen hat, und nun herauf mit ihm, daß ich ſeinen Hals bekom⸗ men kann.“ 4 183 „Dort ſtürmen die Eingeborenen ſchon herbei!“ rief Adolphe. „Siiſt nun doch einmal einerlei“ rief der Boots⸗ mann trotzig,„ob ſie uns hier oder funßzig Schritt weiter unten einholen, ja im Gegentheil, hier können wir ihnen erſt eine Salve geben; aber ich gehe nicht eher vom Fleck bis ich den Schuft nicht gehangen habe.“ „Hülfe— Hülfe— Hülfe“ gellte der Schrei des Gefangenen, der vielleicht kaum ſechs Schritt von der Erde entfernt, ſeine Kräfte in wilder Ver⸗ zweiflung anſtrengte dem Tau zu entgehn, oder die oben Stehenden mit ſich nieder zu reißen. War es ihm aber mit dem erſten Wurf nicht gelungen, ſo blieb es nachher für ihn ganz unmöglich, denn die beiden Matroſen hatten, unbekümmert um den rohen Feind und nur dem Befehl ihres Bootsmanns ge⸗ horchend, raſch die Gewehre nieder geworfen und das Tau gefaßt, an dem ſie den ſich mächtig aber umſonſt dagegen Sträubenden mit einem lauten und trotzigen„Ahoyho— ahoy⸗y emporzogen— es war eine neue faſt fingerſtarke Hanfleine und hätte zwei ſolche Burſchen getragen. „Top!— avaſt da!“ rief der Bootsmann jetzt, als er den Kragen des Iren erreichen konnte, indem er ganz kaltblütig aus dem anderen Ende des Taues 184 das er in der Hand hielt, eine Schlinge machte— „haltet einen Augenblick, und Einer von Euch ſchnüre ihm einmal wieder die Hände auf den Rücken— oh hol der Teufel die Kugel, kehr Dich nicht daran Jean, ſo—“ „Hüͤlfe— Hülfe!“ tobte der Gefangene indeſſen in Todesangſt, der jetzt eine Ahnung von dem be⸗ kommen mochte, was ſeine Henker mit ihm beabſich⸗ tigten,„Hülfe— Hülfe!“ „Strample nur Beſtie— wirſt gleich fertig ſein“ brummte der Bootsmann zwiſchen den Zähnen durch, zwiſchen denen er jetzt ſein Meſſer hielt. Wilde Ausrufe tönten nun von rechts und links herüber, und die erſten der Inſulaner erkannten kaum die Geſtalten von Europäern auf dem Abhang als ſie auch ſchon,— unbekümmert ob Freund ob Feind dadurch getroffen würde, ihre Gewehre dorthin ab⸗ feuerten. Eine der Kugeln ſchlug an den Fels an, an dem der Gefangene ſich ſträubend hing, eine an⸗ dere ziſchte dicht an des Bootsmanns Kopf vorbei; vollkommen ruhig aber legte der Seemann die fer⸗ tige Schleife um den Hals des jetzt laut aufkreiſchen⸗ den Iren, und einen Theil des Taues dann mit ſei⸗ nem Meſſer trennend, das Ende mit der Schlinge gleich darauf mit einem Seeknoten um den nächſten Guiavenſtamm zu ſchlagen, rief er, indem er das Meſſer in die Scheide zurückſtieß: „Jetzt bete Schuft, Deine Zeit iſt abgelaufen, bis ich zwölf zähle biſt Du eine Leiche.“ „Laßt mich los— nein zieht mich hinauf!“ ſchrie der Unglückliche in Todesangſt—„ich will Euch zurückführen— ſicher nach Papetee— ich weiß Schleichwege dorthin— ich muß— ich muß dort — gehangen ſein.“ „Bete während ich zähle!“ rief der Seemann— „eins, zwei, drei, vier, fünf.“ „Ich will Alles geſtehen— ich habe noch einen Mord verübt den ich bekennen muß! um Gottes⸗ willen.“ „Sechs, ſieben, acht, neun, zehn.“ „Hülfe— Hülfe!“ kreiſchte mit gellender Stimme der Mann und der Angſtſchweiß troff ihm in ſchwe⸗ ren Tropfen von der Stirn nieder.— Wieder wur⸗ den dabei zwei Schüſſe auf ſie abgefeuert, und die eine Kugel traf ſogar den Stamm, der beſtimmt war den Verurtheilten zu tragen. „Elf, zwölf!—“ zählte aber der Bootsmann, unbekümmert um Alles was um ihn her vorging, weiter—„ſo mein Burſche, die Zeit war vorüber, und was Deine Morde betrifft, die du auf dem Ge⸗ wiſſen haſt, ſo zweifle ich gar nicht daran, daß Du 186 Dir mit dem Erzählen derſelben eine ganze Woche Friſt gewinnen könnteſt— aber das iſt zu ſpät jetzt — ſo nieder mit ihm, meine Jungen, und dann vielleicht eine Salve über ſein Grab auf die rothen Schufte da unten, wenns Ihnen recht iſt, Monſieur. — Laßt los!“ Ein gellender Aufſchrei folgte dem Befehl, aber der Todeskampf des Verbrechers machte dem raſch ein Ende, und während die Matroſen ihre Gewehre wieder aufgriffen, kommandirte Adolphe, der ſich ſchaudernd von der Erecution abgewandt hatte, ſie aber auch nicht verhindern wollte, Feuer. Einzelne der Eingeborenen hatten ſich indeſſen ſchon ziemlich nahe herangewagt, zu ſehen was es eigentlich hier mitten im Dickicht gebe, und was die tollkühnen Wi Wis ſo keck und zuverſichtlich ſowohl in den Wald geführt, als auch was der furchtbare Hülferuf Eins der ihren bedeute; die ziemlich ſicher gezielten Kugeln trieben ſie aber raſch wieder zurück, ihre Schaar zu ſammeln und zu einem ernſtlichen Angriff auf die Feinde zu ordnen. Für den kleinen Trupp war es jedoch eben⸗ falls die höchſte Zeit ſich zurückzuziehn, und den Kamm des Abhangs raſch zwiſchen ſich und die Feinde bringend, wenigſtens für jetzt vor ihren Ku⸗ geln geſchützt zu ſein, machte der Bootsmann den 187 Vorſchlag, den vor kurzer Zeit erſt verlaſſenen Pfad zu verfolgen, und dann vielleicht mit der anderen Patrouille wieder zuſammenzuſtoßen und ſich zu ver⸗ ſtärken. Adolphe aber, von ſeinen früheren Jagden her gewohnt die Richtung zu beachten, der er im Walde folgte, wollte davon Nichts hören; ſie kamen auf dem Pfad nur immer weiter vom Strand ab und in die Berge hinein, und durch das Schießen aufmerkſam gemacht, durften ſie jetzt wohl erwarten noch mehr Verfolger auf ihre Verſen zu bekommen, ehe ſie Papetee wieder erreichten, als ihnen lieb war. So die kleine Schaar um ſich ſammelnd, ließ er ſie wieder gegen den Abhang vorrücken, die Gegner wenigſtens auf kurze Zeit vielleicht damit zu täu⸗ ſchen, daß ſie dieſe Poſition behaupten wollten; es war aber keiner von den Eingeborenen mehr zu ſehen. Während ſich der Bootsmann jetzt noch einmal zu dem Gerichteten nieder bog, zu unterſuchen ob der Burſche da unten todt ſei, rief das Kommandowort des Officiers die Soldaten in Reih und Glied, und als ſich der Seemann wieder, völlig befriedigt, empor⸗ richtete, marſchirte der kleine Trupp, zu dem die Ma⸗ troſen den Nachtrab bildeten, über den ſchmalen offenen Raum der Richtung zu, nach der ſie den Pfad wußten, brach ſich dort durch die Büſche Bahn, und folgte dem gefundenen offenen Weg endlich in à einem kurzen Trab, aus der Nähe der Feinde zu kommen. Dieſe waren indeſſen aber auch nicht müßig ge⸗ weſen, und mit dem Wald vertraut, den gehaßten Fremden ſchon weit genug vorgeeilt ſie zu belä⸗ ſtigen und in ihrem Marſch aufzuhalten. Einzelne Schüſſe fielen aus dem Dickicht, von denen eine Kugel ſogat Adolphe in der Seite ſtreifte, und einige Mal brach und raſchelte es in den Büſchen nach allen Richtungen, daß der Officier ſchon, einen allgemeinen Angriff gewärtigend, die Seinen halten und ſich ſammeln ließ. Augenſcheinlich wollte der Feind da⸗ bei nur Zeit gewinnen, denn Boten waren ſicher ſchon nach Verſtärkung abgeſandt, den kleinen Trupp der Fremden förmlich aufzuheben, und erſt als ſte ſahen daß dieſe ſich eben nicht aufhalten ließen und näher und näher wieder der Stadt zurückten, tönte plötzlich von allen Seiten ihr gellendes Kampfgeſchrei und wie ein Rudel Wölfe fielen ſie, dem Tod trotzend über die ſie ruhig erwartenden Europäer her. Wohlgezielte Schüſſe empfingen ſie aber hier, und die kleine Schaar wies den Angriff ſo muthig zurück, daß der Feind, ſeine Todten und Verwundeten auf- greifend, wieder im Dickicht verſchwand und die Fe⸗ ranis eine Strecke lang ihre Bahn ruhig verfolgen ließ. Dieſe aber hatten auch einen ſchwer Verwun⸗ .189 deten, der eine Matroſe war durch den Leib getroffen und mußte jetzt von zweien getragen werden; doch die Leute wechſelten unverdroſſen mit einander ab, ſich zur Vertheidigung ſtellend ſo wie ſie die Feinde kommen hörten und ihre Flucht fortſetzend, ſobald ihnen ein Augenblick Zeit gelaſſen wurde, bis ihnen, gar nicht weit entfernt, und auch ſchon ziemlich in der Nähe der Stadt, ein franzöſiſches Signalhorn neue Hoffnung brachte. Ihr Signal antwortete dem, und vielleicht zehn Minuten ſpäter rückte eine ſtarke Colonne Marineſoldaten, zur Hülfe nachgeſandt als ausgeſchickte Spione die Kunde von dem gehörten Schießen nach Papetee gebracht, auf der Straße heran. Von der, unter Lefévre abgegangenen Schaar hatte man ebenfalls Schießen gehört und eine andere Compagnie war ihr zur Hülfe nachgeſandt, der Er⸗ folg jedoch natürlich noch nicht bekannt. Lefévre hatte indeſſen, mit dem Wald und allen Schleichpfaden um die Stadt herum vollkommen gut vertraut, auch ziemlich ſicher daß ſie gerade nach der geſtrigen Niederlage der Eingeborenen nicht gleich wieder einen Angriff von ihnen befürchten durften, 4190. ſeinen Weg ſehr raſch, aber auch etwas unvorſichtig verfolgt. Ein jahrelanger Aufenthalt auf den In⸗ ſeln mußte ihn allerdings mit dem ganzen Leben und Weſen der Eingeborenen vollkommen vertraut gemacht haben, und er hielt ſich ihnen an Schlauheit im Walde noch für überlegen; er hatte die Eingeborenen aber nie kennen lernen wie ſie ſich jetzt zeigten— gereizt und tapfer, dem eroberungsſüchtigen Feind gegenüber, und vertraute dabei vielleicht zu viel auf das Uebergewicht, was ihm die beſſere Führung der Schießwaffe jedenfalls geben ſollte. Wenig ſich deshalb an das Geräuſch kehrend, das ſie etwa machten, rückten ſie vorerſt, ſo ſchnell ihnen das Dickicht den Fortgang erlaubte, durch die ſchon mehrfach erwähnte Guiavenniederung, in der ſte ſich jedoch mehr rechts hielten als Adolphe mit ſeinem Trupp, bis ſie mit dem Fuß der Berge auch die Grenze der Guiaven oder dieſe doch hier ſo ver⸗ einzelt fanden, ihnen weiter kein Hinderniß mehr in den Weg legen zu können. Hochſtämmige Mape⸗ und Wibäume, Aitos, die Tiairis, mit einzelnen Brodfruchtbäumen, den prächtigen Tamanu oder Ati, der immergrünen callophyllum inophyllum und der Beringtonia Specioſa bildeten hier den herrlich⸗ ſten Hochwald, den nur hie und da kleine Dickichte von Guiaven oder Citronen und Orangen füllten, 191 während da und dort einzelne wehende Palmen mit ihren weit und zierlich gezackten Kronen ſelbſt über die höchſten Wipfel dieſer mächtigen Stämme hinaus⸗ ragten— die Könige der Wälder. Hier hielten ſie einen Augenblick; Lefévre ſelber, ehe ſie das Thal betraten, wollte erſt recognosciren ob ſich vielleicht in dem, darin niederführenden und ſonſt ſehr betretenen Pfad friſche Spuren erkennen ließen und wohin ſie gingen; es war aber Nichts zu ſehn und nach dem, in letzter Nacht gefallenen Schauerregen noch kein Fuß wieder bergab gekommen — ihre Bahn lag frei. So wieder zurück zu den Seinen gehend, ermahnte er ſie jetzt, da ſie doch ge⸗ wiſſermaßen feindliches Gebiet beträten, zu Vorſicht, beſonders nicht mehr Geräuſch im Gehn zu machen, als unumgänglich nöthig war, und ſetzte ſich dann mit dem kleinen Zug wieder in Bewegung, das Thal hinauf und dem Lauf des kleinen Stromes, der hier klar und rauſchend aus den Bergen nieder kam, folgend. Eine Viertelſtunde men ſie ſo langſam in dem ſchmalen Thale fortgeſchritten ſein, dann und wann den Bergbach, der ſich herüber und hinüber warf in ſeinem Bett, kreuzend, weil ſchroffe Felswand oder ſchlüpfriger ſteiler Hang ein Fortrücken an ein und demſelben Ufer unmöglich machte, als der Seecadet, ein junger Burſch von vielleicht dreizehn Jahren, der hinter dem Zuge eine kleine Strecke zurück geblieben war, weil er mit dem An- und Ausziehen ſeiner Stiefeln beim Waſſerdurchwaten nicht ſo raſch fertig werden konnte, eilig, und jetzt an kein Ausziehn mehr denkend, nachkam, an der kleinen Schaar vor⸗ beiglitt und dem Führer mit etwas ängſtlicher und erſchreckter Miene meldete, daß er eben ziemlich feſt überzeugt zu ſein glaube, die Geſtalt eines Eingebo⸗ renen in dem von den hohen Laubbäumen dicht über⸗ ſchatteten Thalgrund geſehn zu haben. „Ein Geſpenſt haben Sie geſehn“ lachte aber Lefévre,„Sie ſehen ja todtenbleich aus, mein junger Herr— und die Hoſen und Stiefel bis hoch hinauf naß— die Geſtalt hat Ihnen wohl Beine gemacht?“ „Ich gebe Ihnen mein Wort daß es ein India⸗ ner war— Mann oder Frau konnte ich natürlich nicht erkennen, denn ſie gehen Beide ziemlich gleich gekleidet“ erwiederte aber der junge Burſch jetzt mit feſter und etwas beleidigter Stimme— er war nicht feige und die halbe Anſchuldigung ſolcher Schwach⸗ heit machte ihn hoch erröthen. „Und was that er dort, mon enfant?“ lächelte der Führer. „Das weiß ich nicht, Monſieur; als ich ihn zuerſt ſah, ſtand er aufrecht an einem Baume, im nächſten Augenblick aber, ob er nun bemerkt haben mochte daß er entdeckt ſei oder aus ſonſt einem Grund, ſchien es mir als ob er ſich auf den Boden nieder⸗ drücke, oder ſich bücke, aber er blieb verſchwunden, und ich ſtand etwa fünf Minuten vergebens da, ſein Emporrichten wieder zu erwarten.“ „Er wird Lichtnüſſe geſammelt haben“ lachte Lefévre,„die liegen dort in Maſſe im Wald herum; oder er hat ſich zum Schlafen niedergekauert. Und ſind Sie hingegangen um zuzuſehn was aus ihm geworden?“ „Nein, Monſteur,“ ſagte der junge Mann,„ich wollte nicht ohne Ordre den Pfad verlaſſen, und Ihnen vor allen Dingen die Meldung machen.“ „Es iſt gut— haltet hier einen Augenblick— ich will ſelber mit zurückgehn und ſehn was es war — wir ſind gleich wieder da“ und dem Cadetten einen Wink gebend, der ihm raſch voranſchritt, ſuchte er mit ihm die vielleicht zweihundert Schritt entfernte Stelle wieder auf, wo der junge Mann behauptete den Inſulaner geſehn zu haben. Dieſer fand auch die Stelle ohne Schwierigkeit wieder, bezeichnete dem Führer ihrer kleinen Schaar den Platz, und kroch dann ſelbſt voran durch die Büſche dem Stamm zu, an dem die Geſtalt geſtanden haben ſollte. Lefévre folgte ihm, vorſichtig dabei rings umhorchend, ob ſie nicht Gerſtäcker's Tahiti. lv. 13 194 doch vielleicht den ſchlauen Feind in der Nähe hätten, und auf dem Boden zugleich nach friſch eingedrück⸗ ten Spuren ſuchend. Der Grund war hier weich und dicht mit Laub und Moos bedeckt, und an man⸗ chen Stellen von den ſilbergrauen Tutuinüſſen*), der Frucht welche die Eingeborenen als Lichter bren⸗ nen, wie überſtreut. Hier ließen ſich auch in der That die Eindrücke eines Fußes erkennen, ein Ver⸗ folgen derſelben war aber, noch dazu in dem düſteren Schatten des Hochwaldes, wenn nicht unmöglich, doch ſehr ſchwierig, und würde ihnen hier nutzlos viel Zeit gekoſtet haben; davon glaubte aber Lefévre überzeugt zu ſein, daß die Fährten gerade dorthin zurückliefen, von wo ſie herkamen und es blieb des⸗ halb viel wahrſcheinlicher daß der einzelne Wilde, den ſie hier vielleicht überraſcht hatten, ſcheu und er⸗ ſchreckt Bewaffneten zu begegnen, ſein Heil in der Flucht geſucht und ihnen dann ſchwerlich mehr läſtig fallen würde, als daß es ein ihnen auflauernder Spion geweſen. Keinenfalls ließ ſich jetzt etwas an ihrem einmal gefaßten Plan ändern, und der Zwiſchen⸗ fall hatte wenigſtens das Gute, Lefévre aufmerkſam *) Der Kern der Tutui⸗ oder Tuituinuß hat große Aehn⸗ lichkeit mit unſerer Wallnuß, iſt aber eher noch öliger und brennt; ebenſo wie auch der Kern unſerer Wallnüſſe ein ziem⸗ lich helles Licht verbreitet. 195 auf die doch möglichen Gefahten gemacht zu haben, die ihrer noch hier warteten. Raſch holten ſie jetzt den kleinen Trupp wieder ein, der ſich indeſſen in dem kühlen Schatten eines mächtigen Mapebaumes gelagert, und aufſprang, als die Officiere zurückkehrten. Die Entfernung zu der be⸗ zeichneten Schlucht war aber nun auch gar nicht mehr ſo weit, und die zur Landmark dienendeu Palmen konnten ſie ſchon deutlich auf dem Felſenkamm er⸗ kennen. S Hier lag das Thal noch ziemlich breit; über los⸗ geriſſene und ſchon wild genug umhergedorfene und oft rund und glatt gearbeitete und gewaſchene Fels⸗ ſtücken hin kam der Waldbach wohl funfzehn bis achtzehn Schritt breit, toll und ſprudelnd hernieder geſetzt in gewaltigen Sprüngen, den weißen Schaum aufwühlend aus criſtallenem Grund, und nach dem Moos aufſpritzend und daran zerrend, das ſich der felſige Uferdamm wohl ſeit langen langen Jahren aufgeſetzt, und die Schulter jetzt gegenſtemmt gegen den muthwilligen, ſeinen Hauptſchmuck zu wahren. Hier an einer ſteilen, ſchroffen Wand niederwaſchend, von deren verwitterten Seiten bunte Farn⸗ und Schling⸗ pflanzen niederhingen und ihre Spitzen in der Fluth Lühlten und tränkten, brach er ſich wieder, als ob des Spieles müde, durch den felſigen Thalboden freien 13* 196 Weg zu dem anderen Hügelhang, hier ſich eine mächtige Wurzel losſpühlend und hin⸗ und her⸗ reißend in ſeinem Strom, dorten ſich ſelber einen Stein in das Bett rollend, den kecken Sprung hin⸗ über zu thun, von dem ſich die kleinen Wellen dann plätſchernd und lachend erzählten, wenn ſie die wie⸗ der frei gewordene Bahn blitzesſchnell und das Son⸗ nenlicht mit ihren Armen fangend, niederglitten, bis drüben ein anderer Fels ihrem Anſprung die breite Stirn bot und ſie auf's Neue dem finſteren Nachbar hinüberſchickte. Und Blumen und Früchte aus einem kälteren Klima nieder, weit oben aus den ſtarren wild zerriſſenen Schluchten trugen ſie in's ſon⸗ nige Thal, und ſpühlten ſie leiſe an die mooſige Uferbank; ſeltſam geformte, mit faſerigem Netz über⸗ zogene Nüſſe, phantaſtiſch gezeichnete und gezackte Blätter und Blumen, von wunderbarem Farben⸗ ſchmelz und Duft, ſonderbar gewundene farbige Schlinggewächſe, wie ſie das wärmere Thal nicht erzeugte, und das badende Mädchen unten am Mee⸗ resſtrand fing ſie auf, ſchmückte ſich damit, und dankte heimlich, aber ganz heimlich daß es um Gott die finſteren Mi⸗to-na-res nicht erfuhren, den freundlichen Geiſtern dafür, die ihm die Blumen oben von unwegſamer Klippe gepflückt und nieder⸗ geſandt, in dem murmelnden Strom. 197 Und hoch und gewaltig thürmten ſich die Berg⸗ maſſen an beiden Seiten in ſteilen, von einander ge⸗ riſſenen Wänden*) empor, als ob ein Gott den Berg gefaßt und zerſplittert mit Rieſenfauſt, und dann ſeinen grünenden wehenden, blüthendurchwebten Man⸗ tel darüber geworfen hätte. Rankige Lianen flochten ſich da von Klippe zu Klippe hin, in ſchwingenden Feſtons die Brücke bildend zwiſchen Baum und *) In keinem Lande, auf keiner Inſel der Welt, iſt es ſo augenſcheinlich wie hier, daß furchtbare Erderſchütterungen die Berge in früheren Zeiten auseinandergeriſſen, und da⸗ durch jene tiefen ſchroffen Thäler gebildet haben, die ſich, Abgründen gleich, Meilen weit ausdehnen und deren Hänge in den meiſten Ländern durch Zeit und Stürme abgerundet⸗ und zu ſelbſtſtändigen verſchiedenen Theilen wurden. Hier aber liegt noch die Kluft, wie ſie jene geheimnißvolle Kraft der Tiefe mit furchtbarer Gewalt auseinander geſprengt, und wenn auch der üppig vorquellende Pflanzenwuchs ſolch frucht⸗ bar vulkaniſchen Boden nicht mochte lange unbenutzt liegen laſſen und die ſchroffen Hänge und Felſen ſelbſt, bis in die höchſten und ungangbarſten Wände hinein, mit Buſch⸗ und Schlinggewächs mit Farrenkraut und Waldung ſelbſt überzog, hat die Natur doch noch nicht Zeit genug bekommen jene ſcharf abgeriſſenen, durch den gewaltſamen Auswurf enaten Conturen wieder auszugleichen, und die Umriſſe der Wände, trotz der tiefen eingebrochenen Schlucht dazwiſchen, zeigen deutlich und unverkennbar, wie ſie früher ein Ganzes ge⸗ bildet, in Bruch und Einſchnitt die Rieſenkraft verrathend die hier thätig geweſen. 198 Wand und buſchige Blumentrauben nieder ſchaukelnd in Moos und Farrenkraut. Palmen gediehen hier oben faſt gar nicht mehr, oder ſtanden nur ſpärlich und zerſtreut; hoch aber auf der einen Wand, die ſich viel hundert Fuß ein einziger ſchroffer aber dicht mit Moos und Kraut überzogener Fels gen Himmel ſtreckte, ſtanden am äußerſten Rand, ſchüchtern in die ſchwindelnde Tiefe ſchauend, über der ihre Wipfel hingen, drei einzelne ſchlanke Palmen, an deren zähen Stämmen ſchon mancher wilde Sturm ſeine Kraft verſucht, aber die mächtigen Bäume, je toller er an ihnen gerüttelt, nur um ſo tiefer und feſter in den Boden gewurzelt hatte. Grad' an ihnen vorüber aber, und ſelbſt aus ihrer Mitte heraus, ſprang mit einem kecken Satz, ſein mooſiges Bett hinter ſich laſſend, wie der Wanderburſch die ſtille freundliche Heimath, ein wilder funkelnder ſchäumender Berg⸗ quell, mitten hinein in das helle roſige Licht, das ihn mit ſeinen bunteſten ſchimmernſten Farben über⸗ goß, während die Luft ihn in ihren Armen fing und den tobenden wilden Geſell in tauſend und tauſend blitzenden Perlen faßte und ein funkelnder Negen in das Thal hernieder ſprühte. Es war ein wunderherrlicher Morgen und der Thau, der noch im kühlen ſchattigen Thal in glitzern⸗ den Perlen auf der dichten Moosdecke lag, ſpiegelte — — 199 in einzelnen zuckenden ſchillernden Lichtern den Son⸗ nenſtrahl wieder, der ſich mühſam ſeinen Weg durch dichtbelaubte, eng in einander gereckte Zweige ge⸗ brochen, und wunderliche Schatten über das gelbe feuchte Laub am Boden warf. Und die kleine blaue Eidechſe mit den klaren klugen Augen ſchaukelte ſich auf dem ſchwanken Halm herüber und hinüber, und hei wie raſch ſie ſich in das raſchelnde Laub hinunter fallen ließ und mit blitzſchnellen Füßen über das weiche thauige Moos hinſchoß, als ſie die Menſchen in ihrer Nähe gewahrte, eine ſchmale dunkelgrüne Spur auf die, mit ſchimmernden Tropfen beſetzte Moosdecke ziehend. Hoch oben aber in den Lüften, ſtill und wie feſt gebannt in der klaren ätherreinen Luft mit den ſcharf und kühn geſchnittenen Flügeln ſtand einer jener ſchlanken prächtigen Fiſchadler, den die Seeleute den man of wars bird, oder den Kriegs⸗ ſchiffoogel mit wirklich bezeichnendem Ausdruck nen⸗ nen, als ob er verlangend in das ſonnige Thal hernieder ſähe und doch nicht wage, ſo keck und zu⸗ verſichtlich er auch da oben durch die Lüfte ſtrich und ſich ſeine Beute mit kühnem Stoß ſelbſt aus der klaren Fluth heraus holte, in das ihm fremde Element von Buſch und Baum und Felsgeſtein einzutauchen. Lefévre hatte ſeinen kleinen Trupp hier wieder halten laſſen; er ſchien noch nicht ganz feſt davon 200 überzeugt zu ſein, daß die andere Patrouille auch den Rückwechſel erreicht habe, und die ganze Expedition hätte in dem Fall ja ſcheitern können. Nach einer Viertelſtunde endlich, ſelber ungeduldig ſein Ziel zu gewinnen, brachen ſie wieder auf, ohne auch nur dem mindeſten Verdächtigen zu begegnen, und erreichten ſo den Eingang des von Jim bezeichneten ſchmalen Thales, das hier gewiſſermaßen die Abzweigung des Gebirgs in einer engen Schlucht durchbrach, und auf dieſer wie jener Seite ausmündete. Oben darin, und gegen den hier durch ziehenden Paſſat durch einen breiten Felsvorſprung, wie ein vollkommen verwach⸗ ſenes und kaum durchdringbares Orangendickicht ge⸗ ſchützt, ſtand eine kleine Hütte und es hieß daß ſie ſich in letzterer Zeit, ſeit er Papetee und die Franzö⸗ ſiſche Sache verlaſſen, Utami zu ſeinem Aufenthalt gewählt habe, um von hier aus gewiſſermaßen die Operationen in beiden Khalem überwachen und lei⸗ ten zu können. Hier, als ſie den Bergſtrom wieder durchſchritten, ließ Lefévre ſeine Leute auf den rollenden Felsmaſſen hin, die keine Spur bewahrten, einen Theil noch wei⸗ ter aufwärts rücken den Eingang zum Thal vollkom⸗ men zu beherrſchen und, falls ja ein einzelner India⸗ ner oder ein Trupp hier vorüber ziehen ſollte, ſie irre zu leiten, und befahl ihnen dann, ſich abſeits vom 201 Pfad ſo lange ſtill und verborgen zu halten, bis er entweder ſelber wieder zurückkehre oder ihnen das Zeichen zum raſchen Vordringen durch einen abge⸗ feuerten Piſtolenſchuß gebe. Die größte Vorſicht, denn ſie hatten es mit einem ſchlauen Feind zu thun, machte er ihnen dabei zur Pflicht, und er ſelber ſchlich ſich dann, dem Fähndrich indeſſen das Com⸗ mando überlaſſend, auf ihm vollkommen gut bekann⸗ ten Pfaden, am Berge aufwärts, oben das Orangen⸗ dickicht zu erreichen und von dort aus den verrathenen und umzingelten Feind zu beobachten. Seine Maß⸗ regeln konnte er dann leichter und ſicherer danach nehmen. Den ſteilen Hang der die Thäler von einander trennte, kletterte er ſo, mit dem geſpannten Piſtol in der Fauſt, einem etwa gelegten Hinterhalt nicht allein gerüſtet entgegentreten zu können, ſondern auch zugleich das Zeichen zum Herbeiſtürmen der Seinen zu geben, langſam und vorſichtig hinan; aber nicht das Mindeſte ließ ſich hören— der Omaomao flötete hier im Blüthenbuſch ſo ruhig und ungeſtört, als ob noch nie der Fuß des Fremden ſeinen Frieden geſtört, das Heiligthum ſeines ſtillen Waldes ent⸗ weiht habe, und die ſchnelle raſchelnde Eidechſe im Laub, mit dem Summen der Grillen oder eines ein⸗ zelnen ſchimmernden Käfers, war der einzige Laut, 202 der ſein Ohr traf, ſein Auge aber immer raſch und vorſichtig der Richtung zulenkte. So hatte er endlich den erſten Abhang, der wie eine Art Terraſſe an dem jetzt ſteil und unerſteigbaren Felſen hinlief, erreicht, und ein hartbetretener, mit bröckliger Lavamaſſe ge⸗ füllter Pfad ſchlängelte ſich hier entlang, der die Verbindung des Hauptthals mit dem Oſten der Inſel unterhielt. Raſch folgte er dieſem, von keinem hindernden Dickicht mehr beläſtigt, um den Rand des vielleicht noch dreihundert Schritt entfernten Orangenhains zu erreichen, als ein kaum unterdrückter Schrei ſeine Lippen trennte, denn dicht vor ihm, bis dahin aber von einem vorragenden Felſen, an dem ſie gelehnt, ge⸗ deckt, ſtand die Geſtalt einer Frau— ſtand Aumama — ſein Weib und auch ſie preßte erſchreckt und todten⸗ bleich beide Hände auf das, oh wohl ſo ängſtlich pochende Herz als ſie den Mann erkannte, der ihr das größte, ſchwerſte Leid gethan. „Aumama“ flüſterte Lefévre beſtürzt, und das Blut ſchoß ihm in vollen Strömen in Stirn und Wangen,„was, zum Henker, treibſt Du hier, Mäd⸗ chen, daß Du im Wald Verſteckens ſpielſt?— wo kommſt Du her und was thuſt Du hier allein? oder iſt noch Jemand bei Dir?“ ſetzte er raſch, einen forſchenden Blick dabei ringsum werfend, hinzu. 203 „Alſo Du— Du biſt es“ ſeufzte aber die Frau aus tiefſter Bruſt, und wehmüthig dabei mit dem Kopf nickend, ohne eine ſeiner Fragen zu beantwor⸗ ten, ja ohne ſie vielleicht gehört zu haben,„Du, der ſich mit der Waffe in der Mörderfauſt in unſere Berge ſchleicht, neues Unheil zu bringen dem armen, ſchon überdies mishandelten Lande?— Oh was ha⸗ ben wir Dir denn gethan?“ ſetzte ſie raſcher und be⸗ wegter hinzu,„daß Du uns ſo unabläſſig verfolgſt— iſt es nicht genug daß Du die Ueberzeugung mit Dir nimmſt ein Weſen elend gemacht zu haben auf der Welt?“— „unſinn, Unſinn Aumama“ ſagte Lefevre kopf⸗ ſchüttelnd,„was fehlt Dir heute Mädchen, daß Du ſo tolles Zeug ſchwatzeſt, Du wirſt Dich ohne mich ſo wohl befinden, wie Du es vielleicht nie mit mir gethan haſt; aber ſprich nicht ſo laut, mein Herz, denn ich bin hier allein im Wald und möchte nicht gern einem Schwarm Deiner Landsleute begegnen; ſind deren in der Nähe?“ „Was ſuchſt Du hier?— was willſt Du bei uns?—“ frug aber jetzt das Weib, ſich mit feſter Hand die Locken aus der Stirn werfend und den dunklen, thränenſchweren Blick forſchend auf ihn geheftet—„was trieb Dich mit der geſpannten Feuerwaffe in der Hand hier her, wo ich, ein 204 ſchwaches unbewehrtes Weib ungehindert und furcht⸗ los gehe?— war es das böſe Gewiſſen das Dich hinaus jagte aus den ſicheren Wällen Deiner Freunde? — ha dem entgehſt Du nicht, und die Kugel, die ſich tückiſch und unheilvoll in dem kleinen Rohr verbirgt — ſchützt und rettet Dich nicht vor dem.“ „Ich habe mich verirrt, Aumama“ ſagte Lefevre, das Piſtol dabei in Ruhe ſetzend und in ſeinen Gür⸗ tel zurückſchiebend—„ich bin vom Wege abge⸗ kommen.“ „Du Dich verirrt? verirrt an einer Stelle“ ſagte die Frau ungläubig, ja faſt zornig mit dem Kopf ſchüttelnd,„wo wir hundert Mal zuſammen den Berg erſtiegen und in das wundervolle Thal hinab, auf die weite ſonnenblitzende See hinausgeſchaut?— Es iſt aber doch möglich daß Du den Weg vergeſſen“ ſetzte ſie dann mit leiſerer weicher Stimme und faſt wie traurig hinzu— vergaßeſt Du doch alles Andere was Du damals geſprochen.“ „Und wohnt jetzt wirklich Utami in der alten Hütte oben, Aumama?“ frug Lefévre, der nicht allein jene Erinnerungen zu vermeiden wünſchte, ſondern dem auch daran lag, jetzt zu erfahren was er wiſſen mußte, wollte er nicht die Zeit hier leichtſinnig und nutzlos verſtreichen laſſen. „Was haſt Du mit dem alten Haus?“ ſagte 205 Aumama aber finſter—„was kümmerts Dich, ob es bewohnt iſt oder leer ſteht. Nein, kehre zurück Mann in Deine Stadt— kehre zurück zu den Dei⸗ nen— ich und die Kinder haben Dir verziehn— Gott hat es ſo gewollt, doch laß uns unſeren Frie⸗ den. Ich wollte mich rächen einſt an Dir— die Zeit iſt jetzt vorbei, und während ich gerade dachte daß an ſolcher Stelle, die der Erinnerungen ſo viele und— ſo wehe für mich hat— der Zorn und Haß die Ueberhand gewinnen müſſe, ſtimmt es mich weich und weibiſch— gehe fort.“ „Utami wohnt jetzt in dem Haus— ich weiß es — iſt er allein?— ich möchte ihn ſprechen wenn es irgend geht—“ ſagte Lefévre, der dem Weibe wohl anſah daß ſie mehr wußte als ſie eigentlich ſagen wollte. „Du möchteſt ihn ſprechen? und weshalb?“ „Vielleicht bring ich ihm Frieden.“ „Oh wer Dir trauen dürfte“ ſagte die Frau, tief aufſeufzend—„aber“— ſetzte ſie dann raſcher hinzu —„willſt Du allein zu ihm gehen?“ 3 „Ich habe nur noch einen Knaben bei mir, den ich zurückließ und erſt dann holen will.“ „Nur einen Knaben?“ frug die Frau und ihre Augen hafteten ſcharf und forſchend auf dem ſcheu ſie meidenden Blick des Feranis. Nur einen Knaben? 206 und weshalb ließeſt Du den zurück? hattet Ihr nicht Beide Platz im Pfad?“ „Iſt Utami allein?“ „Nein, noch ein anderer Häuptling iſt bei ihm.“ „Kennſt Du ſeinen Namen?“ „Fanue!“ „Von Tairabu“— rief Lefévre ſchnell,„und hat ihn Niemand hierher begleitet?“ „Wen wollteſt Du noch?“ frug Aumama lauernd, und die Augen blitzten Haß und Eiferſucht auf den Verräther. Wäre Lefévres Auge nicht dem Blick des Weibes ausgewichen, er hätte ſich die Frage erſparen können, ſo aber ſagte er mit erzwungener Gleichgültigkeit, und dabei mit dem Heft ſeines Piſtols ſpielend. „Ich meinte nur ob Nahuihua, das ſpröde wilde Ding von Tairabu vielleicht mit herüber gekommen wäre Dich zu beſuchen.“ „Ja— ſie iſt da“ hauchte Aumama, und die Unterlippe leicht zwiſchen die beiden Reihen ihrer perlenreinen Zähne gepreßt, die Augen feſt und forſchend auf den Fragenden geheftet, ſtand ſie da, halb abgewandt von ihm, als ob ſie fliehen wolle und doch nicht von der Stelle könne— dürfe. „Sie iſt da?“ rief aber Lefévre raſch und unbe⸗ dachtſam mit freudeſtrahlenden Blicken, und unwill⸗ 207 kürlich faſt machte er eine Bewegung nach vorwärts, aber ſich beſinnend ſetzte er hinzu—„doch einerlei— ich darf auch meinen Begleiter nicht im Stich laſſen und muß den holen— leb wohl Aumama— doch vielleicht ſehe ich Dich nachher noch wieder und— und Mädchen, wenn Du etwas brauchen ſollteſt— wenn Dir irgend etwas fehlte, was ich Dir ſchaffen kann— laß mich's wiſſen in Papetee, und wenn's in meinen Kräften ſteht, ſollſt Du's haben.“ Aumama erwiederte Nichts, und ſah ihn lange ſchweigend an; wie er ihr aber freundlich zunickte und ſich wandte, den Pfad wieder zurück zu gehn, rief ſie ihm nach und ſagte leiſe: „Bleib hier, Lefévre— gehe nicht wieder hinun— ter in's Thal. Willſt Du wirklich mit Utami ſprechen und will Dein Mund Frieden bringen und Freundſchaft, ſo komm mit mir— allein, wie Du da ſtehſt und gehſt. Ich gebe Dir mein Wort, ſicher ſollſt Du die Hütte betreten, ſicher Papetee wieder erreichen— mit meinem eigenen Blute hafte ich Dir für das Deine.— Komm und ich will Dich führen, wie in früherer Zeit, und kein Groll ſoll in meinem Herzen Raum haben für Dich, kein Schlag deſſelben ſoll gegen Dich gerichtet ſein.“ „Ich danke Dir Aumama, wenn ich auch Deinen Vorſchlag jetzt nicht annehmen kann; ich weiß Du 208 biſt immer gut und freundlich geweſen“ ſagte Lefévre, „und es freut mich jetzt daß Du ruhig geworden und vernünftig. Sieh wir haben das ja auf den Inſeln auch in hundert anderen Beiſpielen und Fällen, daß ein Mann ſeine erſte Frau verlaſſen und die jüngere Schweſter derſelben zum Weib genommen hat. Wenn Du ihr nicht mehr abredeſt, wird ſie ſich auch nicht länger ſträuben, und vernünftig ſein.“ „Wer?“ ſagte Aumama, aber ſo leiſe, daß Le⸗ févre wirklich nur an der Bewegung ihrer Lippen er⸗ rieth daß und was ſie geſprochen. „Nahuihua, närriſches Kind“ lachte er, leiſe ihre Wange ſtreichelnd, aber ſie fuhr von der Berührung zurück, als ob er ein Meſſer auf ſie gezückt hätte— „willſt Du ihr zureden?“ „Ja“ hauchte die Frau. „Und es ſoll auch Dein Schade nicht ſein, Aumama“ flüſterte der Mann—„nun, nun, hab' keine Angſt vor mir— fürchteteſt Dich doch ſonſt nicht wenn ich Dir nahe kam. Aber ich muß fort“ — ſetzte er raſcher hinzu,„und meinen Kameraden holen— ſage indeſſen nicht daß Du mich geſehen haſt— ich will ſie überraſchen.“ Und mit flüchtigen Sätzen, innerlich jubelnd über den leichten Doppel⸗ ſieg dem er entgegenging, ſprang er den Pfad zurück, den er gekommen, die Bewohner der Hütte noch nicht 209 durch einen Schuß zu alarmiren, ſondern ſeine kleine Schaar ſelber heraufzuholen, und dann vielleicht jeden Widerſtand gleich von vorn herein unmöglich zu machen. Es war viel beſſer wenn das Ganze friedlich und ohne Blutvergießen beendet werden konnte, denn die Inſulaner kämpften manchmal, be⸗ ſonders wenn zum äußerſten getrieben, wie Raſende. Aumama blieb allein zurück, und als ſeine Schritte hinter der nächſten Felswand, um die ſich der Pfad zog, verklungen waren, barg ſie ihr Antlitz in den Händen und ſchien den Schmerz, der ihr in wilder Qual die Bruſt zu zerreißen drohte, zurückbannen zu wollen mit aller Kraft in ſeine alte Veſte. Aber es ging nicht— zu viel— zu viel war dem armen Herzen angethan und zugemuthet, zu viel, die Thrä⸗ nen mußten ſich Bahn brechen endlich, hinaus in's Freie, und zwiſchen den zarten Fingern quollen ſie hell und perlend vor und tropften heiß und brennend nie⸗ der auf das kühle Moos, das ſie gierig auftrank, die Gramesboten. Aber fort— fort mit den Gedanken— mit einem Wurf ihres Hauptes ſchleuderte ſie die Locken aus der Stirn, die Thränen von den Wimpern, und ſich hoch und ſtolz emporrichtend blickte ſte wild und zor⸗ nig umher. Er war fort— fort die Genoſſen zu holen in feiger Hinterliſt, wie ſchon die ausgeſandten Gerſtäcket's Tahiti. IV. 14 210 Boten lang vorher gemeldet, und mit flüchtigem Fuß floh ſie den Pfad hinauf, der Hütte zu, von der aus jetzt rechts und links bewaffnete Krieger hinaus⸗ ſchlüpften— hier an dem Hang hin, hinter nieder⸗ geſtürzten Stämmen oder dichten Büſchen ſich ber⸗ gend, dort den Orangenhain füllend mit ihrer Schaar, und einzelne mit ſcharf geladener Waffe in die Felſen vertheilt und Klippen der Bergeswand— regungslos wie ſelber aus Stein gehauen, und nur in den Augen das wilde trotzige Leben verrathend, das in ihnen kochte und trieb. Jetzt krachten die Zweige unten, als die Schaar der Feinde leichtfüßig und raſch den weichen Berg⸗ hang emporſprang, ſicherem Sieg entgegen, und auf der Bergesſpitze wieder wie vorher ſtand Aumama, die Hände feſt und krampfhaft auf der Bruſt gekreuzt, das Auge ſtier und thränen⸗, die Wangen von Blute leer— und jetzt?— die Feranis ſtutzten und horch⸗ ten dem fremden Laut. „Uupa— uupa!“ klang es leiſe von Kluft zu Kluft. „Ha, die Turteltauben rufen, ein gutes Zeichen“ lachte Leféore den Degen aus der Scheide reißend, „und dort auch ſteht Aumama, ihres Wortes getreu — ich bringe Beſuch mein Schatz.“ „Er iſt willkommen“ entgegnete das Weib mit eiſiger Kälte, aber ihre Stimme drang kaum zu dem Ohr des Führers, als es ein anderer, herberer Laut begrüßte. Ein gellender Schrei brach aus Waldes⸗ ſchlucht und Berg— das ganze Thal ſchien einzu⸗ ſtimmen in den furchtbaren Ton und mit ſcharfem tödtlichen Krach praſſelte eine unregelmäßige Salve Kleingewehrfeuer drein. „Verrath!“ ſchrie Lefévre und ſprang, die blanke Waffe in der Fauſt, auf Aumama zu; aber eine wilde Geſtalt flog ihm in den Weg, ſein Degen ſplitterte an einem vorgehaltenen, ſeinen Hieb pariren⸗ den Büchſenlauf, und im nächſten Augenblick traf ihn ſelbſt das ſchwere Eiſen an die Stirn, daß er mit dumpfem Todesſchrei zuſammenbrach. Ha wie ſie flohn— den Berg hinab durch Buſch und Strauch, ihre Waffen laſſend, wenn ſie ein Buſch faßte und hielt, blind und taub in den Strom hinein, deſſen ſchlüpfriger Grund ihnen die Füße fortriß und ſie gegen die ſchleimigen glatten Fels⸗ blöcke warf, bis ſie ſich halten konnten— halten um den jubelnden halbnackten Wilden am Ufer ſtehn zu ſehn, wie er den Speer mit gellendem Lachen in der Fauſt ſchwang und ſchüttelte, und zum Todes⸗ wurf ausholend erbarmungslos in ihr Herz ſandte, der Fluth die Leiche überlaſſend. Nach rechts und links ſtoben die wenigen Menſchen, wie ein Volk 14* 212 aufgeſcheuchte Hühner auseinander— in Verzweiflung ſuchten ſie an der ſteilen Wand emporzuklimmen, die ſte zurückwarf in die Arme der Rächer, oder den Pfad entlang mit flüchtigen Sohlen dem flüchtigeren Feinde zu entgehn— umſonſt; Speer oder Kugel traf ſie ehe ſie den dichteren Buſch erreicht, oder wild tättowirte Geſtalten tauchten auch wohl, wie dicht vor ihnen aus dem Boden auf, und ſchlangen mit gellendem Jubelruf ihre Arme um ſie, die Entſetzten niederreißend mit ſich, bis des Verfolgers Waffe das zuckende Leben hinaustrieb mit ſcharfer Wehr. Nur Einer, von all den Anderen floh nicht und ſtand, den Säbel in der ſchwachen Fauſt, die Linke drohend ein Piſtol geſpannt, den Rücken gegen einen Fels gepreßt, noch ernſt und trotzig da, dem Schlach⸗ ten, das er nicht verhindern konnte, keck die Stirne bietend. Es war jener Knabe, den Lefevre erſt vor⸗ her gehöhnt, und zwar mit Zügen, aus denen jeder Tropfen Bluts gewichen war, aber keck und entſchloſ⸗ ſen blitzenden Augen, die nur zu deutlich eher den Tod als Schande ſuchten. 1 Drei der Eingeborenen ſprangen jetzt gegen ihn an, ihm die Wehr zu entreißen und ſeine noch feine klare aber feſte Stimme warf ihnen ein trotziges „zurück“ entgegen. „Schont ihn!“ bat Aumama, die auf ihn zu eilte, ihn zu ſchützen—„es iſt nur ein Kind!“ „Aber ein ausgewachſenes!“ ſchrie der eine Wilde, der ſchon Blut gekoſtet—„ergieb Dich!“ und mit jähem Schwung hob er den gewichtigen Kolben zum jedenfalls verderblichen Schlag— da blitzte aus der aufgeworfenen Hand des jungen Burſchen ein ſchar⸗ fer Strahl, dem der dumpfe Knall der Feuerwaffe folgte, und mit dem Blitz faſt knickte die rieſige Ge⸗ ſtalt vor ihm zuſammen, die Waffe ſtürzte praſſelnd auf den ſteinigen Boden nieder und der Körper tau⸗ melte ſchwerfällig— eine Leiche— den ſteilen Hang hinunter. Aber zu viel der Feinde waren für die junge Hand; wohl ſchleuderte er dem nächſten mit glücklichem Wurf das Piſtol gerade in's Geſicht, ſich deſſen auf kurze Friſt erwehrend, wohl hieb die ſcharfe Klinge mit ſicherer Hand geführt, tiefe Wunden in den nackten Leib des Anderen, und hätten ſie Alle gefochten wie das Kind, manch Indianiſche Mutter würde an dem Abend ihre Wehklagen haben ſingen müſſen über den Körpern der Erſchlagenen; doch die Kräfte gaben aus, und wie Aumama vorſprang und der Waffen nicht achtend mit ihrem eigenen Körper den Knaben decken wollte, traf ein Speer, von ſiche— rer und gewaltiger Hand geführt, die Bruſt des Un⸗ glücklichen, der todt zuſammenbrach, und nicht Einer 214 von dem ganzen Trupp kehrte zurück, die Schrecken jener Stunde zu erzählen. „A hi a nul“ ein wilder Siegesſchrei gellte durch die Berge und die dunkle Schaar ſammelte ſich unten im Thal; von allen Seiten rannten ſie nieder, die Waffen in der Fauſt, und hohe trootzige Geſtalten führten ſie an zum neuen Kampf.„Nach Papetee“ jubelte ihr Kriegeslied in einer der alten heidniſchen Weiſen— nach Papetee, den Feind jetzt zu treffen mit ſcharfer Waffe— nach Papetee!“ und die Er⸗ ſchlagenen zurücklaſſend wo ſie ihr Geſchick erreicht, zog die Schaar, anwachſend aus jeder Schlucht, wo andere Trupps in Verſteck gelegen, das Thal hinab, dem einſtmaligen Sitz der Pomaren zu, den Feind. hinaus zu treiben oder zu vernichten. 4 Und bei den Todten allein blieb Aumama, das arme junge Weib; mit leiſem ſcheuen Gang ſchritt ſie zwiſchen den Erſchlagenen hin— ſchaudernd wenn das warme Blut ihre Sohle netzte, und die Augen mit der Hand bergend vor dem entſetzlichen Anblick— zu der Stelle zurück, wo der Mann lag der ihr einſt Treue geſchworen, und deren Bruch mit ſeinem Tod gezahlt.. Todt— allmächtiger Gott wie lag das Haupt jetzt zerſchmettert, das ſie auf ihrem Schoos ſo oft ge⸗ wiegt— und dieſe Lippen, die ſie tauſend und tau⸗ ſend Mal geküßt, ſo blutig— ſo kalt und blutig. Arme, arme Aumama, mit dem Tod des Mannes war auch der Haß, die Rache hingeſtorben, und bitter klagend ſaß ſie bei der Leiche— ſich ſelbſt beweinend und die armen, verlaſſenen Kinder. Mit der gebrochenen Waffe des Geliebten grub ſie dann ein Grab; ſie ſtach die lockere Erde auf und warf ſie, mühſam und beharrlich mit den Hän⸗ den hinaus— Stunde nach Stunde, und ohne Klagelaut. Von duftigem Fern pflückte ſie dann ein Lager, weich und reinlich, und breitete es aus in der ſchmalen Gruft, und ihre Thränen floſſen heiß darauf, und wie die letzte Ruheſtätte ihm, der ſie ſo unſagbar elend gemacht, bereitet war, trug ſie, die letzten Kräfte anſpannend, allein die Leiche hinein in ihr einſam Bett, deckte das blutige entſtellte Antlitz mit ihrem Schultertuch und breitete Blumen Uind Blüthen über den Entſchlafenen. Unten vom Strand aus donnerten die Feuer⸗ ſchlünde der Feranis, und der Schall brach ſich dröh nend ſein Echo aus den ſteilen Schluchten, aber ſie hörte 1 es nicht; an dem offenen Grab ſaß ſie, in Schmerz verſunken und dachte der ſchönen Zeit zurück, die ſie mit dem Gerichteten verlebt— was er gefehlt, —— 2* 216... . was er verbrochen— ſein Tod hatte das Alles ge⸗ ſühnt; mit dem Blut war die Schuld fortgewaſchen von ſeiner Seele und nur der Geliebte lag ihr noch da, der Hingeſchiedene— der Vater ihrer Kinder, das Ein, das Alles des armen Weibes. Oh wie hatte ſie ihn ſo glühend gehaßt als er ſie verließ der eigenen Schweſter wegen, wie hatte ihr Herz ſo heiß und wild nach Rache gedürſtet, an dem Verräther— und jetzt? der Haß war hingeſchmolzen wie der Bran⸗ dung Welle am ſtarren Riff, hoch drohend und Verderben ſprühend in ihrem Anprall, und das Ziel erreicht— zerfließend wieder in klare ruhige Fluth mit gtauſend blitzenden Thränenperlen nur auf der glat⸗ ten Fläche. Arme, arme Aumama— und wie ſie ſich über das Grab hinüberbog ſang ſie mit leiſer Stimme die Todtenweiſe ihres Stammes, das letzte Joranna dem Hingeſchiedenen. „Die Sonne blitzt auf Dich herab, Und Du biſt todt. Sie ſcheint Dir in das offne Grab Und Du biſt todt. Die Vögel ſingen rings im Laub— 1 — Du hörſt ſie nicht— Dein Ohr iſt taub Joranna, Lieb, Joranna. 217 Ich ruhte einſt in dieſem Arm Und Du biſt todt. Ich lag an dieſem Herzen warm Und Du biſt todt. Du haſt mich ſchwer, ach ſchwer betrübt Doch heißer hab ich Dich geliebt Joranna, Lieb, Joranna. Canitel 6. Der Angriff auf Papetee. Durch das Abſegeln zweier Kriegsſchiffe nach den Marqueſas⸗Inſeln war die franzöſiſche Macht in Papetee ſehr geſchwächt worden, und in der That fingen auch an Proviſionen zu fehlen, da die feindlich geſinnten Eingeborenen nicht allein keine Produkte mehr einbrachten, ſondern auch die den Feranis freundlich geſinnten daran verhinderten, und nicht ſelten Einfälle ſelbſt in die Stadt machten, ihre Häu⸗ ſer zu zerſtören und ihre Fruchtbäume nieder zu ſchla⸗ gen oder zu tödten. Die Befeſtigung von Papetee ſelber war ziemlich gut und ſtark, aber zu ausgedehnt für die jetzt ſchwache Beſatzung; die verſchiedenen Baſtionen konnten nicht alle gleich ſtark vertheidigt 219 werden und es war hier wirklich mehr die Furcht die der Eingeborene vor den Kanonen der Feranis hatte, auf die ſich der kecke Leichtſinn, ja die Tollkühnheit derſelben verließ, mit wenigen hundert Mann, nicht einmal aller Bewohner in Papetee ſicher, dem An⸗ griff der ganzen Inſel begegnen und ihren keineswegs ſo unbedeutenden Waffen Trotz bieten zu wollen. Ein Handſtreich war möglich, und zwar durch die Gefangennahme der Häuptlinge, denn in dem Volke ſelber lag kein rechter Trieb zum Widerſtand; — wie ſie gleichgültig die fremde Religion angenom⸗ men, würden ſie es auch mit der Regierung gethan haben, wären die Eroberer in den einzelnen Stellen nicht eben zu ſchroff aufgetreten, und hätte die zu⸗ gleich bedrohte Religion nicht durch ihre Prieſter ſtacheln helfen, dem ſich der Häuptlingsſtolz dann beigeſellte. Eine wirkliche Schlacht, wo ſie nicht un⸗ bedingt nöthig war, mußten die Franzoſen aber jetzt ſorgfältig vermeiden, denn jeder Mann den ſie verlo⸗ ren ſchwächte ihre kleine Garniſon um einen wichtigen Theil, und gab den Feinden größeren Muth und Selbſtgefühl; ja der Gouverneur bereute ſchon faſt die Erpedition hinaus geſandt zu haben, ſelbſt ſolchen Zweckes wegen, und ſandte in einer Zeit, wo er glau⸗ ben konnte daß ſie ihr Ziel erreicht haben mußten, und die Aufmerkſamkeit der Inſulaner vielleicht noch mehr 220 dadurch von ihnen abgelenkt wurde, zwei ſtärkere Trupps nach, die Patrouillen in ihren Bewegungen zu unterſtützen, oder ihren Rückzug wenigſtens zu decken. Die erſte, ſo ausgeſandte Colonne traf, wie ſchon erzählt, auf die retirirenden Landsleute und zog ſich mit dieſen, nicht weiter als durch einzelne harmloſe Schüſſe behindert, auf Papetee zurück, die andere aber kam wenig über die nächſte Umgebung der Stadt hinaus, denn ein dort im Hinterhalt liegender Schwarm von Eingeborenen, der jedenfalls ſchon von ihren Bewegungen vorher Kunde gehabt, griff ſie in wilder ungebändigter Wuth an und zwang ſie, von dem Terrain und ſeiner Ortskenntniß begünſtigt, ſich mit dem Verluſt einzelner ihrer Leute, die ſie nicht einmal im Stande waren mit fortzunehmen, auf die Stadt zurück zu ziehen. Die kleine Garniſon wurde natürlich durch dieſen halben Angriff vollſtändig alarmirt. Die Wälle wa⸗ ren beſetzt, die Kanonen geladen und gerichtet, und marſchfertige Patrouillen zogen hin und wieder, die verſchiedenen Punkte zu revidiren und Hülfe zu bringen wo ſie Noth thun ſollte. In dem Caffeehaus des Franzoſen Victor waren eine Anzahl Officiere verſammelt, die von den ver⸗ ſchiedenen Punkten eben Nachricht eingeholt und ihr 221 frugales Mittagbrod mit einem, ſchon ſelten gewor⸗ denen Glaſe Claret würzen wollten. Auch René hatte ſich hier eingefunden, ſaß aber ſtill und allein, die Arme auf der Bruſt verſchränkt, das kaum be⸗ rührte Glas vor ſich, und ſchien nur halb der lebendigen Beſchreibung Adolphes zu lauſchen, der ſeine Abenteuer an dem Tage, das Ende des Piraten und den von den Feinden ſo oft und hartnäckig beſtrittenen Rück⸗ zug erzählte. „Diable!“ rief da Einer der älteren Officiere, „die Burſchen machen bei Gott Ernſt, und wir mö⸗ gen nur immer unſeren Wein austrinken, denn wer weiß ob uns nicht in der nächſten Minute die Lärm⸗ trompete ſchon wieder an unſern Poſten ruft. Die Soldaten werden knapp, aber mit den Ofſicieren gehts noch knapper, und wenn ſie noch ein paar von uns wegputzen, können wir uns nur Unterofficiere zu dem Geſchäft abrichten.“ „Wißt Ihr ſchon daß die Jeanne d'Arc in dieſen Tagen, wenigſtens in nächſter Zeit, ebenfalls ſegeln wird?“ frug Bertrand. „Das fehlt auch noch“ riefen Andere,„dann doch ſicher nicht, bis ſie uns andere Schiffe zum Erſatz geſchickt; wenn man nicht hier ſich wenigſtens den Rücken frei wüßte, möchte der Teufel einer gan⸗ zen Inſel voll gut bewaffneter Indianer die Stirn 222 bieten. Springen ſie uns einmal über die Wälle und wir haben kein Schiff hier das ein paar Kugeln herüber werfen und uns im ſchlimmſten Fall an Bord nehmen kann, ſo ſind wir alle zuſammen verloren.“ „Wein her, Victor, Wein! aber raſch— es wird uns nicht mehr viel Zeit bleiben der Ruhe zu pflegen“ rief ein junger Artillerie⸗Officier, der eben das Zim⸗ mer betrat, ſeine Mütze auf den Tiſch und ſich ſelber in einen Stuhl warf,„Tod und Teufel, ich glaube die Burſchen machen Ernſt.“ „Was giebt's Luçon?“ frugen fünf, ſechs Stim⸗ men auf einmal—„neue Nachrichten?— iſt Lefevre zurück?“ „Nichts zu hören von ihm und zu ſehen, moͤchte nicht in ſeiner Haut ſtecken“ rief der Neugekommene, ſich ein Waſſerglas raſch voll Wein ſchenkend, daß es über und auf den Tiſch ſpritzte—„aber einen Ge⸗ fangenen haben ſie eben eingebracht, der hier in Pa⸗ petee herum ſpionirte und von Rüſtungen ſpricht, die an Point Venus wie an der öſtlichen Seite von hier ſtatt finden ſollen. Wir ſelber haben jetzt Spione nach beiden Richtungen abgeſchickt und ſobald die zu⸗ rückkommen und das Ausgeſagte beſtätigen giebt's jedenfalls Arbeit.“ „Was fehlt Dir nur heute René?“ ſagte 223 Adolphe, der ſich jetzt zu ihm geſetzt hatte und ſeine Hand ergriff—„Donnerwetter Kamerad reiß Dich heraus aus den Grillen und ſei endlich einmal wie⸗ der ein Mann, denn ſeit ich Dir heute von Belards erzählt, kommſt Du mir wahrhaftig vor wie ein liebe⸗ ſieches Mädchen. Warum haſt Du überhaupt das Haus gemieden?— ſie ſcheinen Dich dort lieb zu haben und es würde Dich zerſtreuen.“ „Es iſt vergebene Mühe, Kamerad“ lachte Ber⸗ trand jetzt, der zu ihnen an den Tiſch trat, und wahrſcheinlich glaubte Adolphe habe ihm wieder zu⸗ geredet franzöſiſche Dienſte zu nehmen—„er hat den Geſchmack am Handwerk verloren, das wenigſte zu ſagen, und wird hier ruhig ſitzen und zuſehn, während wir uns draußen mit dem Feind herum⸗ ſchlagen müſſen, nur unſer Leben und das Dach zu vertheidigen unter dem wir ſchlafen.“ „So weit wird's nicht kommen“ lächelte René— froh dem Geſpräch eine andere Wendung geben zu können—„die Eingeborenen ſind gutmüthiger Na⸗ tur, und wenn Ihr ihnen nur ſelber Raum zum Athmen geſtattet, laſſen ſie Euch gern in Frieden.“ „Ja das haſt Du wohl auch gemerkt?“ lachte Bertrand—„die Eingeborenen ſind gut genug, da⸗ gegen hab' ich Nichts, wenn wir eben nur allein mit denen auch zu thun hätten; die aber die hinter ihnen 224 ſtecken, die ihnen fortwährend in die Ohren ſchreien daß der liebe Gott in Gefahr wäre von den ver⸗ dammten Baptiſten geſchändet zu werden, und ihnen ſchreckliche Geſchichten vorerzählen von den Gräueln, denen ihre Seelen entgegen gingen, wenn ſie dem Feind das„Feld des Glaubens“ überließen, das ſind die Hetzer, das die Feuerbrände, die die Gluth immer und immer wieder auf's Neue ſchüren. Und wenn es Männer wären, denen man mit dem Schwert entgegengehen könnte, ſollte es gehn, aber es ſind Weiber in langen Nöcken, ſtraf mich Gott, die mit den ſalbungsvollen langweiligen Geſichtern und den weißen Läppchen unter dem Kinn herum⸗ laufen, und ihr fades nüchternes Gewäſch wie eine Sündfluth um ſich her ausgießen, daß Einem ordent⸗ lichen Kerle ſchwach und weh wird. Demüthig und erbärmlich thun ſie dabei, verdrehen die Augen und falten die Hände, und ſehen ſo weich und ſchwam⸗ mig aus, als ob ihnen Butter nicht im Mund zer⸗ ginge, aber gieb ihnen einmal die Gewalt, laß ſie ſich nur oben ſchwimmend glauben mit einer„gläu⸗ bigen Schaafheerde“ unter ſich, und ſieh wie ihnen der Kamm wächſt.„Chriſtliches Bewußtſein“ nennen ſie's dann und noch anders, und Geſetze ſchreiben ſie vor und Befehle; keine Kirche iſt prächtig, keine Pfründe reich genug, keine weltliche Herrſchaft ſoll 225 über ſie gebieten können, und keine weltliche Herr⸗ ſchaft giebt es dabei in die ſie nicht hinein reden möchten in all ihrer chriſtlichen Demuth.— Giftkrö⸗ ten!“ rief er mit einem leiſe gemurmelten Fluch, und leerte das gefüllte Glas auf einen Zug. „Hahahaha!“ lachte ein Anderer,„Bertrand hat ſich in die frommen Männer ordentlich verliebt— Dir haben ſie's angethan mit ihrer unverbeſſerlichen Liebenswürdigkeit.“ Bertrand murmelte eine Antwort zwiſchen den Zähnen, indeß er ſich ſein Glas wieder füllte, und ging dann mit raſchen ärgerlichen Schritten im Zim⸗ mer auf und ab. 3 „Sie ſind es auch, die die Eingeborenen immer in böſe Händel verwickeln“ rief Adolphe,„und haſt Du mir nicht ſelber erzählt René, daß ohne Deines wunderlichen Atiuer Freundes Hülfe, von dem ich immer noch nicht herausbekommen kann, ob er ein Schuft oder ein ehrlicher Kerl iſt— der Häuptling Aonui Dein Blut vergoſſen hätte?— wie man aber hier überall hört, iſt gerade jener Aonui ein reines Werkzeug der Miſſionaire, den weit milderen und vernünftigeren Rathſchlägen Utamis gerade entge⸗ genarbeitend.“ „Zum Teufel, ja!“ ſagte René, die Stirne run⸗ zelnd in der Erinnerung an die, ſo knapp gemiedene Gerſtäcker's Tahiti. lV. 15. 226 Gefahr,„des Schuftes Aonui Schuld war's wahr⸗ lich nicht, daß ich jetzt hier noch bei einem kühlen Glas Claret ſitze, und ich glaube er war wüthend genug über meine Flucht. Wenn eins mir auch den Degen noch einmal in die Hand drücken könnte ge⸗ gen die Indianer, wär' es die Hoffnung dem ſchlei⸗ chenden Hallunken zu begegnen, und ihm die Todes⸗ angſt zurück zu zahlen. „Wer weiß, Delavigne, ob wir nicht Ihre Hülfe noch früher in Anſpruch nehmen“ ſagte der junge Artillerielieutnant—„wir ſind ſo ſchwach an Mann⸗ ſchaft, daß wir bei einem allgemeinen Sturm der Eingeborenen die Wälle gar nicht ordentlich beſetzen, die Geſchütze nicht gehörig bemannen können, und Sie werden ſich wahrlich nicht ruhig in's Kaffeehaus ſetzen und ihren Wein trinken wollen, während wir draußen nicht Arme und Köpfe genug finden können die Stadt und die Weiber und Kinder vor dem Ein⸗ bruch der wilden, und dann auch gewiß blutdürſtigen Horden zu ſichern. Selbſt die Herren Belard und Brouard haben heute Morgen, von unſerem prekären Stand und der Gefahr in der wir ſchweben in Kenntniß geſetzt, dem Gouverneur ihre Hülfe anbie⸗ ten und ihn bitten laſſen, über ſie ganz zu disponi⸗ ren, wie er es für gut finden würde. Sie werden ſich nicht wollen von Monſieur Brouard ausſtechen laſſen. „Iſt es denn wirklich ſo arg?“ rief René—„ich habe nur immer geglaubt, Bertrand und Adolphe re⸗ deten mir ſo zu mich wieder zum Dienſt zu bringen. Es verſteht ſich von ſelbſt daß ich mich der Verthei⸗ digung der Stadt nicht entziehe, wenn ich einmal darin bin, ſelbſt wenn es nicht gälte meine eignen Landsleute mit vertheidigen zu helfen. Wird es da nöthig ſein mich erſt beim Gouverneur zu melden?“ „Gewiß“ ſagte der Artillerielieutnant,„aber wenn Sie das wollen kommen Sie mit mir, ich gehe in dieſem Augenblick zu ihm, und weiß daß wir ihm Freude damit machen.“ „Dann laß Dich nur mit zu mir einrangiren!“ rief Adolphe,„und wär' es nur der alten Zeiten wegen.“ „Und Atiu?“ flüſterte Rens leiſe. „Läuft Dir nicht fort“ lachte der Freund, der die Worte gehört—„Menſch danke Gott daß er Dir die Gelegenheit förmlich in den Schoos wirft Dich auszuzeichnen, und Dir eine Stellung hier auf den Inſeln, wenn Du denn nun einmal Dein Leben darauf beſchließen willſt, zu erringen. Frankreich braucht ſolche Männer wie Dich zu ſeinen Colonieen, aber ſuche den Zweck Deines Lebens dann auch nicht blos in einer Bambushütte und in den Armen einer hübſchen Dirne— ich bin auch kein Koſtverächter, 15* aber ich will ein Ziel haben zu dem ich aufſchauen muß, eines das mir die Nerven und Adern mit Stolz und Freude füllt, dann freut mich auch ein häuslich Glück daheim, und wahrlich nur in ſolchen Verhält⸗ niſſen kann ich es mir denken.“ „Ich kenne René gar nicht mehr“ ſagte Bertrand, „und glaube doch am Ende die Miſſionaire haben's ihm angethan.“ „Hahahaha“ lachten Andere,„das wäre kein übler Spaß, wenn Delavigne Mitonare auf einer der Inſeln drüben würde, und die Heidenkinder mit dem heiligen Waſſer wüſche.“ „Gar nichts ſo Unmögliches“ ſagte Bertrand, „da ſind ſchlimmere und wunderbarere Sachen vor⸗ gekommen in der Welt, und wenn er ſo fortliefe im alten Gleis, ſtänd ich ihm bei Gott für Nichts.“ „Er wird Euch zeigen ob er noch fechten kann“ rief aber Rens jetzt, dem das Blut in Schaam und Aerger in die Schläfe ſtieg—„daß ich nicht muth⸗ willig gegen die Eingeborenen fechten wollte, dafür hat ich den guten und mir ſelber genügenden Grund, ich bin in anderen Verhältniſſen an dieſe Küſten ge⸗ worfen als Ihr; aber treiben ſie mich dazu, wies mir jetzt faſt ſcheint, denn ihrer Güte verdank ich's nicht daß ich noch athme, ei, dann bin ich auch mei⸗ ner Verbindlichkeiten quitt und ledig, gegen die Herren 22* von Tahiti, und ſo lange ich hier noch auf der Inſel wohnen bleibe, will ich ſie mir wenigſtens mit helfen vom Leibe halten. Ob ich mich dabei wie ein Mi⸗ tonare oder wie ein Franzoſe benehmen werde, mögen die Herren mir nachher bezeugen.“ „Bravo Delavigne— bravo!“ rief es von allen Seiten und die meiſten der jungen Officiere ſprangen auf ihn zu und ſchüttelten ihm die Hand; in dem Augenblick aber tönte draußen ein Horn— das Alarmſignal, das die beurlaubten Officiere zuruck auf ihre Poſten rief, und Mützen und Waffen aufgreifend, wurden die Gläſer noch raſch voll geſchenkt und ge⸗ leert, und fort ſtürmten ſie Alle mit flüchtigem Gruß neuen Kämpfen neuen Gefahren aber ſo ſorglos ent⸗ gegen, als ob ſie zu irgend einem fröhlichen Feſte den luſtigen Reihen, und nicht ſchon arg zuſammenge⸗ ſchmolzene Schaaren dem unermüdlichen und ihnen an Zahl ſo weit überlegenen Feind entgegenführen ſollten. Der Aufſtand der Eingeborenen war aber in der That nicht bloßes Gerücht geweſen, und René be⸗ hielt kaum Zeit dem Gouverneur, der ihn freudig begrüßte, als Freiwilliger vorgeſtellt und beſtätigt zu werden, als von Point Venus her die neue Bot⸗ ſchaft kam, daß ſich die Inſulaner dort in einer Ver⸗ ſchanzung feſtgeſegt und von da hereinbrechend ein⸗ 230 zelne Häuſer der den Franzoſen freundlich geſinnten Indianer niedergeriſſen, und die ſich ihnen entgegen⸗ ſtellende Patrouille zurückgeworfen hätten. Selbſt auf die Gefahr hin Papetee für den Augen⸗ blick zu ſehr von Truppen zu entblößen, mußten die Feinde aus dieſer Stellung, die ſie in der unmittel⸗ baren Nähe der Stadt hielt, vertrieben werden, und mit wirbelndem Trommelſchlag und ſchmetternden Trompeten ſammelten ſich die Franzoſen in der Nähe des Miſſionsgebäudes, und rückten dann in dichten Colonnen dem Feind entgegen. Der Platz wo ſich die Eingeborenen diesmal feſt⸗ geſetzt hieß Harpape und es ſchien faſt, als ob ſie durch dieſe Stellung die verhaßten Feranis nur eben aus ihren feſten Verſchanzungen herauslocken wollten, um ſie deſto wirkſamer auf ihrem eigenen Terrain bekämpfen zu können. So hatten die Franzoſen ge⸗ rade die Miſſionsſtation von Harpape erreicht und paſſirt, und die erſten Colonnen waren eben in dem dicht dahinter liegenden Orangenhain auf ihrem Weg, dem Fort der Eingeborenen zu, verſchwunden, als überall aus dem Dickicht heraus das Feuern der Eingeborenen begann, deren Abſicht jedenfalls ge⸗ weſen war, die Feinde hier zu trennen und zu zer— ſtreuen, und dann gemeinſam zu überfallen und zu vernichten. Das aber gelang ihnen allerdings nicht; 231 3 ein ſcharfes Feuer wurde auf den Bu ſch gerichtet, der den ſchlauen Feind verbarg, und von See aus warf ebenfalls ein kleiner Franzöſiſcher Dampfer, der dort auf und nieder fuhr die Bewegungen des Militairs zu unterſtützen, Kugeln in alle Dickichte die ihm der Sammelplatz der Eingeborenen ſchienen. Wild fuh⸗ ren dieſe dann manchmal auseinander, wenn ganz unerwartet, von einem ungeſehenen, ungeahnten Feind geſchleudert, eine Kugel hinein ſchmetterte, mitten zwiſchen ſie, oder wie das nicht ſelten geſchah, den Stamm einer gewaltigen Palme traf und ſplitterte, und der fruchtſchwere rieſige Wipfel dann praſſelnd und krachend niederbrach über die Entſetzten. Das Miſſionsgebäude lag hier mitten im Feuer, und war beſonders den Kugeln des Dampfers aus⸗ geſetzt; zwei der Miſſionaire deshalb, die ſich zu die⸗ fer Zeit gerade im Inneren deſſelben befanden, die Brüder Brower und Mac Kean traten auf die Ve⸗ randah hinaus, um die Leute an Bord wenigſtens wiſſen zu laſſen wer ſich hier aufhalte. Der Dampfer reſpektirte auch das Haus der Miſſionaire und glitt 3 geräuſchl os vorbei, erſt auf der anderen Seite wieder ſein Feuer eröffnend. Gefährlicher ſchien für die beiden Männer, die in einer merkwürdigen Verblendung, ob aus Neugierde, ob aus Furcht, oder in der That weil ſie hofften „, 232 dadurch die Kugeln am ſicherſten von ſich abzulenken, nicht allein in dem gefährdeten Haus, ſondern auch auf der Verandah deſſelben blieben, das Kleingewehr⸗ feuer der Truppen zu werden, die ſich zuerſt vor den Gebäuden geſammelt hatten und nun zu einem förm⸗ lichen Angriff rüſteten. Kaum hatten ſie aber den Orangenhain wieder betreten, als auch von dort aufs Neue ein ſcharfes Feuer auf ſie eröffnet wurde, und ein Theil der Truppen ſprang in die Umzäunung der Kapelle oder des Bethauſes, aus dieſer, die aus auf⸗ gerichteten Cocosplanken beſtand, eine zeitweilige Bruſtwehr zu bilden und den erwarteten Sturm der Eingeborenen beſſer und nachdrücklicher abweiſen zu können. Dieſe kamen aber nicht, ſondern begnügten ſich nur mit der Vertheidigung des Dickichts, dem Feinde nicht die Vortheile des freien Feldes zu gön⸗ nen, und die Franzoſen, des Plänkelns müde, bei dem ſie nur Leute einbüßten und dem Feind auch nicht den geringſten, wenigſtens ſichtbaren Schaden zufügten, ſammelten ſich wieder in kleinen Colonnen, die verſteckten Inſulaner jetzt ernſtlich aus ihren grü⸗ nen Bollwerken heraus zu treiben, und auf ihr Hauptlager in Harpape zurückzuwerfen. Gouverneur Bruat ſelber, der indeſſen am Miſ⸗ ſionshaus ſtillgehalten, hatte die beiden Miſſionaire gewarnt ſich dem Zufall einer ſchlechtgezielten Kugel ſolcher Art auszuſetzen, und ſie zogen ſich demnach in die Hinterzimmer des Gebäudes zurück; Rufen und Schreien praußen und das ſchärfere Schießen lockte ſie aber auf's Neue vor, und erſt als mehre Kugeln in das Dach und die Fenſter des Gebäudes ſelber ſchlugen, wollten ſie ſich wieder zurückziehn— aber zu ſpät. Mr. Mac Kean hatte ſich eben zum Gehn gewandt, da traf ihn eine von den Inſulanern ſelber abgefeuerte Kugel in den Hinterkopf, und als ihn Mr. Brower taumeln und ſinken ſah und zuſpringen wollte ihn zu halten, ſtürzten Beide auf den Boden der Verandah nieder. Mr. Brower zog ihn aller⸗ dings nun in das Gemach hinein und verſuchte Alles ihn wieder in's Leben zurückzurufen, aber die Kugel war tödtlich geweſen— er athmete noch ein paar Mal leiſe und— war nicht mehr. Die Soldaten indeſſen, ſich wenig darum küm⸗ mernd was in der Verandah des Miſſionsgebäudes vorging, warfen ſich in kalter Entſchloſſenheit auf den verſteckten Feind, trieben ihn aus dem Schutz der Büſche hinaus und ſtürmten ſeine Schanzen, daß er, ſeine Todten und Verwundeten aufraffend, in wilder Flucht ſein Heil ſuchen mußte. Gern hätte der Gou⸗ verneur ſie nun auch weiter verfolgt, wären ihnen nicht zu gleicher Zeit die von Papetee herüber don⸗ nernden Kanonenſchläge eine ernſte Mahnung gewe⸗ 234 ſen dorthin zurück zu kehren. Aus dem Hautauethal nieder hatten nämlich die Eingeborenen, nachdem ſie Lefévre mit ſeiner kleinen Schaar erſchlagen, von dem leichten Siege trunken, einen tollen Angriff gewagt, und als das Commando von Point Venus zurück⸗ kehrte, kam es eben nur noch zur rechten Zeit, die ſchon zum Aeußerſten erſchöpfte Beſatzung von den immer und immer wiederkehrenden wüthenden An⸗ griffen der Inſulaner zu befreien, die nur zurückge⸗ ſchlagen ſchienen, um mit doppelter Wuth und unge⸗ ſchwächten Kräften ihre Ueberfälle zu erneuern. Selbſt der Untergang der Sonne ſetzte dem erbit⸗ terten Kampfe noch kein Ziel, und die Indianer ſuchten beſonders unter dem Schutz der Dunkelheit einige der am ſchwächſten beſetzten Punkte zu über⸗ rumpeln, bis ein paar zwiſchen ſie abgefeuerte Rake⸗ ten und über ſie geworfene Leuchtkugeln ſie erſchreckt zurücktrieb in ihren ſicheren Wald. Rene hatte ſich mehrfach an dieſem Tag ausge⸗ zeichnet, auch ein paar leichte Streifwunden bekom⸗ men, aber ungeſchwächt dadurch dem Kampfe Stand gehalten. Das herzliche Betragen ſeiner neuen Ka⸗ meraden dabei that ihm wohl; es erweckte wieder die alten fröhlichen Erinnerungen aus früheren Ta⸗ gen, früheren Zeiten, und mit dem Bewußtſein dazu, wie er den Kampf nicht muthwillig geſucht, und 235 eben ſein eigenes Leben nur mit vertheidigen helfe, das ihm noch gefährdet ſein mußte, wäre er wieder in die Gewalt Aonuis oder jener fanatiſchen Parthei gefallen, kam wieder all der fröhliche Jugendüber⸗ muth in ſeine Seele, und er horchte mit blitzenden Augen den Plaudereien der Erzählenden, von Kampf und Sieg, Avancement und Orden— Orden in blutiger Schlacht mit dem Säbel in der Fauſt ge⸗ wonnen, und nicht im Frieden behaglich einge⸗ knöpft. Die ſtrengſten Patrouillen mußten aber die ganze Nacht hindurch die Außenwerke begehn; die Poſten wurden unaufhörlich revidirt, und die Truppen war⸗ fen ſich in ihren Kleidern, die blanke Waffe zum raſchen Dienſt bereit, auf ihre Matten, der Nacht ein paar Stunden Schlaf abzuſtehlen, und zum friſchen Kampf am nächſten Morgen, an deſſen Beginn keiner von Allen zweifelte, wieder bereit zu ſein. Sie hatten ſich auch nicht geirrt; mit dem däm⸗ mernden Morgen ſchmetterten die Alarmhörner und wirbelten die Trommeln, das Kleingewehrfeuer von dem, den Schanzen gegenüberliegenden Dickichten be⸗ gann ſchon wieder, und der Donner des ſchweren Geſchützes von den Wällen brach praſſelnd hinein in Guiavenbuſch und Orangenhain, und trieb den Rauch 236 in ſchwerfälligen Maſſen in der Niederung hin, ſie mit dichten Schwaden füllend. Die Franzoſen hatten die Wälle ſo gleich⸗ mäßig als möglich beſetzt, und der kleine Dampfer unterſtützte ſie dabei nach beſten Kräften von der Seeſeite. Nichtsdeſtoweniger gelang es mehrmals den ver⸗ ſchiedenen Trupps bis in das Innere der Verſchan⸗ zungen zu brechen, wo ſie manche der den Franzoſen ergebenen Häuptlinge und andere Inſulaner erſchlu⸗ gen, und das Franzöſiſche Miſſionshaus zu ſtürmen ſuchten. In wildem unerſchrockenem Trupp, das Feuer der Geſchütze wie die in ihren Reihen ange⸗ richtete Verwüſtung nicht achtend, warfen ſie ſich dem, ihnen an Kriegskunſt und Waffen weit überlegenen Feind trotzig entgegen, und die Alarmſignale der Fran⸗ zöſiſchen Truppen mußten in ſolchen Fällen Hülfe herbeirufen nach den am meiſten bedrohten Punkte. Glücklicher Weiſe für die Beſatzung verſäumte der Feind ſolche Angriffe, obgleich zehnmal zurückgewor⸗ fen, weil ſie faſt die ganze Macht der Gegner im Widerſtand fanden, an mehren Punkten zugleich zu unternehmen, Papetee wäre ſonſt unrettbar verloren geweſen; hartnäckig nur blieben die Eingeborenen bei ihrer alten Art des Angriffs und— Pnien ihr Ziel nicht erreichen. 8 Aber auch hierdurch wurde die kleine Beſatzung mehr und mehr entkräftet; die ewigen Stürme bald hier bald da, immer mit gleicher Wuth geführt, wäh⸗ rend die Inſulaner, Tod und Wunden nicht ſcheuend immer nur danach zu trachten ſchienen den Feind zu treffen und zu ſchwächen, rieben ſie nicht allein auf, ſondern verminderten auch ſchon merklich ihre ver⸗ theidigungsfähige Mannſchaft, und hie und da war ſchon der Wunſch unter den zum Tod erſchöpften Leuten, den die Officiere Mühe genug hatten zu un⸗ terdrücken, aufgetaucht, daß ſie den Dampfer heran⸗ rufen und an ſeinen Bord wenigſtens ihr Leben ſichern ſollten, bis franzöſiſche Schiffe mit Mannſchaft und Proviſionen ankämen und ſo nöthige Hülfe brächten. Lauter wurde der Wunſch, je wilder der unermüdliche Feind ihre Wälle ſtürmte, und mancher Blick der armen verwundeten und zum Tod erſchöpften Trup⸗ pen ſuchten den fernen Horizont nach ſo heiß erſehn⸗ ter nöthiger Hülfe. „Ein Segel!“ wie ein elektriſcher Schlag ging der Ruf durch das ganze Lager—„ein Segel am Horizont— ein Kriegsſchiff das uns Hülfe— das Verſtärkung bringt— ein Kriegsſchiff das ſchon mit dem Namen den kecken und übermüthigen Feind ein⸗ ſchüchtert und zurück in ſeine Berge jagt, der bis jetzt zu glauben ſchien die wenigen Truppen ſeien allein 238 zurückgelaſſen, die Inſel im Beſitz zu halten, und wenn ſie die wieder vertrieben oder erſchlügen wären ſie auf's Neue die Herren ihres Landes. Die Euro⸗ päer mochten ihnen in der That etwas derartiges vorerzählt haben, als aber das fremde Schiff am Horizont auftauchte, oder vielmehr, um die öſtliche Landſpitze her, ſchon in gar nicht mehr ſo großer Entfernung ſichtbar wurde, hielten die Eingeborenen es ebenfalls für ein ihnen günſtiges Omen, denn wenn die Franzoſen hier wirklich allein zurückgelaſſen waren, konnte das neueinkommende Fahrzeug kein anderes als ein engliſches ſein, und einen Wetteifer galt es jetzt, die Feinde zu werfen und zu Heilreiben, ehe fremde Hülfe ſelber gekommen ſei. Die beiden wichtigſten Anführer der Infulaner an dieſem Tag waren aber der wilde Häuptling Fanue, und Pompey der Afrikaner, dem ſeine präch⸗ tige Hautfarbe wie rieſige Kraft dieſe Auszeichnung verſchafft hatte. Pompey beſonders, während der Indianer mehr eine ſtille, mehr hartnäckige Tapferkeit entfaltete, rief die ihm blind folgenden Krieger immer mit einem wahren Jubelſchrei zu neuem Angriff, und zehnmal zurückgeſchlagen und aus vielen Wunden blutend, ſchien ihm das Alles nur ein leichtes fröh⸗ liches Spiel, dem er mit Singen und Lachen wieder entgegenflog. 4 239 Im Oſten von Papetee hatte die ſchon zum Tod erſchöpfte Mannſchaft eben einen ſolchen Angriff zu⸗ rückgeſchlagen, bei dem in der That nur ein glücklicher Kartätſchenſchuß den Ausſchlag gegeben, der den dickſten Haufen der Feinde traf, und furchtbare Ver⸗ wüſtung zwiſchen ihnen anrichtete. So vollſtändig waren ſie dadurch überraſcht worden, daß ſie ſelbſt ihre Todten auf dem Platze ließen, ſo ſchnell als möglich die Büſche wieder zu erreichen. René und Apdolphe hatten hier zuſammengekämpft, und der er⸗ ſtere beſonders ſich mit ſo kalter Todesverachtung dem Feind entgegengeworfen, und mit ſo unübertroffener Tapferkeit gefochten, daß ihm Gouverneur Bruat, der von einem Platz zum anderen galoppirte die Ver⸗ theidiger anzufeuern und etwa nöthige Anordnungen zu treffen, ſelber das Kreuz der Ehrenlegion auf die Bruſt heftete und ihn zum Capitain, an die Stelle ſeines gefallenen Vorgeſetzten, avancirte. „Du biſt nun einmal ein Glückskind, René“ lachte Adolphe, ihm auf die Schulter klopfend,„und Fortuna ſcheint Dich beſonders auserſehen zu haben.“ „Fortuna iſt ein Weib, Adolphe, und unbeſtän⸗ dig, wer kann ſagen wie mich die nächſte Stunde findet und— ich weiß wahrhaftig nicht ob ich mich über mein unverhofftes, ungeſuchtes Avancement freuen oder— oder ärgern ſoll.“ 240 3 „Aergern?“ lachte Adolphe—„Gott ſei Dank, das wär' eine Urſache vom Zaun gebrochen. Aber Du haſt's auch verdient, denn ich ſchlage mein Leben auch nicht gerade ſo übermäßig hoch an, doch mich ſolcher Art mitten zwiſchen die tollſten Haufen der Feinde und in Bayonnet und Speer gerade hinein zu werfen, fiele mir nicht ein— und ich bin nicht verheirathet.“ Am anderen Ende der Stadt begann in dieſem Augenblick, und ehe René etwas erwiedern konnte, ein ſcharfes unregelmäßiges Schießen, dem die Fran⸗ zöſiſchen Signalhörner antworteten.— Der Gouver⸗ neur ſelber kam in dieſem Augenblick zurückgeſprengt, und den Platz erreichend wo die beiden Freunde ſtanden, rief er ſchon von weitem: „Herr Hauptmann Delavigne, mit ihrem Trupp vor ſo raſch Sie können; unſer Miſſionshaus iſt ſchon genommen und es gilt jetzt, den Feind wieder zuruͤckzuwerfen, oder Papetee iſt verloren!“— und an den Schanzen hinunter ſprengte er, Hülfscorps noch abzuziehn, wo ſie ſich irgend entbehren ließen, den bedrängten Platz zu entſetzen, während René im Sturmſchritt, die wirbelnde Trommel voran, dem bezeichneten Kampfplatz zueilte. Und es war die höchſte Zeit, denn ein wilder Schwarm, den alten Fanue an der Spitze, hatte die Schanzen ſchon ge⸗ 241 nommen, die Umzäunung des erſt kürzlich errichteten Katholiſchen Miſſionshauſes niedergeriſſen und dieſes geſtürmt und in Brand geſteckt. Bertrand, der nach dem Tod des erſten Lieute⸗ nants der Jeanne d'Arc zu deſſen Stelle avancirt war, kommandirte hier, war aber durch die wirkliche Todesverachtung der Maſſe, jeden Fußbreit Boden mit Schwert und Bayonnet vertheidigend, zurückge⸗ drängt worden, denn die ganze Macht der Inſulaner ſchien ſie wieder auf dieſen einen Punkt zuſammen⸗ gerafft zu haben, während der größte Theil der Fran⸗ zoͤſiſchen Beſatzung noch von dem letzten Angriff her an der Oſtſeite Papetees ſtand. Hoch auf loderte die Flamme aus dem, aus leich⸗ tem Fachwerk gebauten Miſſionshaus in die ſtille Luft, und leckte und nagte an den, wie ängſtlich die langen Blattarme zurückwerfenden Palmen, deren Kronen ſie dörrte; und hinein in das Praſſeln des Holzes und das Wirbeln der Trommeln, hinein in das Knallen des Kleingewehrfeuers und Schmettern der Signalhörner, miſchte ſich das Jubelgeſchrei der Eingeborenen, die hier von Pompey auf der rechten, von Fanue auf der linken Flanke geführt, während Utami ſelber das Centrum befehligte, in wildem Siegestaumel die Feinde aus einer Hecke der Gärten in die andere trieben, und wie es ſchien, ſich zu dem Gerſtäcker's Tahiti. IV. 16 242 Platz durchſchlagen wollten, wo die Feranis eine Art Arſenal angelegt, und einen ziemlichen Vorrath von Munition und Waffen aufgeſtellt hatten. Dicht vor dem Arſenal, in dem Grundſtück eines der eingeborenen Richter, der ſich auf Seiten der Feranis erklärt, hinter einem feſten Zaun von ge⸗ ſpaltenem Holz, der ihnen als Bruſtwehr diente, hiel⸗ ten die Franzoſen wieder Stand und vertheidigten ſich mit verzweifelter Tapferkeit gegen die Uebermacht. Viele der Eingeborenen, ie Ule der Richter ſelber, fochten in ihren Neihen, denn ſie wußten recht gut daß gerade ſie zuerſt verloren geweſen wären, wenn die Inſulaner die Feranis ſchlugen. Da brach Fanue von der Rechten zuerſt durch den Zaun; von zwei Bayonnetten getroffen ſchlug er die Feinde trotzdem zu Boden, und auf Ule zuſpringend, während die Seinen nachpreßten und die Aufmerkſamkeit der Sol⸗ daten von ihm ablenkten, faßte er, ſeine Waffe fallen laſſend, den verrätheriſchen Richter um den Leib, und trug den jetzt laut um Hülfe rufenden mit einem Triumphgeſchrei in ſeinen Trupp hinein. Seine Ab⸗ ſicht war dabei wohl geweſen ihn als Gefangenen mit in die Berge zu führen, aber die Wuth der Sei⸗ nen dachte nicht an Aufſchub ihrer Rache und ſein Flehen nicht achtend warfen ſie ſich, ſelbſt trotz der Einſprache des Häuptlings, in gellendem Jubelruf auf 243 den Geſtürzten, ordentlich wetteifernd, wer Beil oder Speer, Degen oder Bayonnet zuerſt in ſeiner Bruſt begraben ſolle. Dadurch war aber ihre Aufmerkſamkeit zu ſehr von dem Angriff ſelber abgelenkt worden; die Fran⸗ zoſen hatten ſich wieder geſammelt und mit Bertrand an der Spitze räumten ſie noch einmal die Umzäu⸗ nung. Neue Maſſen preßten jedoch heran, und die wenige Mannſchaft hätte den Platz nicht länger be⸗ haupten können, wäre nicht in dieſem Augenblick René mit ſeiner kleinen Schaar dem ſchon ſiegestrun⸗ kenen Feind muthig in die Flanke gefallen. Das neue Angriffsſignal von einer anderen Seite machte ſie ſtutzen und ſie wichen dem jetzt erneuten Angriff Bertrands, nicht vielleicht im Rücken von einer ſtärkeren Macht umzingelt und abgeſchnitten zu werden.— Der rechte, von Pompey geführte Flügel ſam⸗ melte ſich aber raſch, und der Neger erkannte kaum den Führer des kleinen Corps, als er ſich ihm auch ſelber entgegenwarf, mit deſſen Vernichtung dem Trupp das Haupt zu nehmen. „Hierher, Kanakas!“ ſchrie er mit ſeinem kecken gellenden Lachen, die ſchwarzen nackten muskulöſen Arme emporwerfend—„hierher und der Sieg iſt 16* 244 unſer!“ und der gleich darauf gegen den jungen Franzoſen mit einem rieſigen Pallaſch geführte Streich hätte dieſem jedenfalls verderblich werden müſſen, wenn Rene nicht mit einem raſchen Seitenſprung dem furchtbaren Hieb entgangen wäre. Ehe ſich der Coloß aber zu einem neuen Schlage zuſammenraffen konnte; und wie er eben den Arm dazu hob, fuhr ihm die ſcharfe Klinge des geübten Fechters durch die Achſel⸗ höhle in die Bruſt, und nachſpringend faßte René in demſelben Augenblick, die eigene Klinge fahren laſſend, die Hand des tödtlich Verwundeten und entwand ihr den Pallaſch, ihn jetzt blitzesſchnell auf die Häupter der ihm nächſten Feinde richtend. So raſch und gewandt war die That ausgeführt, daß die ihm nächſten Eingeborenen ihren Verluſt erſt begriffen, als der rieſige ſchwarze Körper vor ihnen zuſammenbrach, und das kleine Häufchen der Fran⸗ zoſen mit einem donnernden Hurrah und gefälltem Bayonnet wüthend auf ſie einpreßte. Der rechte Flügel wich, und fröhliches Jubelge⸗ ſchrei der Franzoſen füllte zugleich die Luft, denn aus der Bai herüber donnerte ein Kanonenſchuß, die ſchwere mächtige Kugel ſchwirrte über ihre Köpfe und traf einen ſtarken Brodfruchtbaum dicht unter den Wipfel, ſeine breiten gewichtigen Aeſte auseinander⸗ reißend, während zugleich der Ruf L'Uranie, L'Ura- nie! neue Hoffnung den Bedrohten brachte. Das fremde Schiff war in die Bai eingelaufen und von ſeinem Heck flatterte friſch und frei in der Briſe die dreifarbige Fahne. Nichtsdeſtoweniger konnte die Hülfe von dort noch immer zu ſpät kommen, denn wenn auch der rechte Flügel, durch den Tod des Führers beſtürzt gemacht, dem muthigen Angriff des Feindes wich, hielt Utami noch wacker Stand und drängte ſogar mit Fanue zu gleicher Zeit auf's Neue vor, jetzt Alles daran ſetzend, das Arſenal zu erreichen und ebenfalls anzuzünden. Bertrand kam hierbei zwiſchen die beiden Colonnen, und der alte tapfere Utami, ſeinen ſchweren Säbel faſt eben ſo viel als Keule wie als ſcharfe Waffe brauchend, arbeitete ſich, von dem Kern der Seinen und fünf oder ſechs gut bewaffneten Europäern da⸗ bei unterſtützt, mehr und mehr nach dem Führer der Feranis durch, dem Kampf durch deſſen Niederlage mit einem Schlag ein Ende zu machen. Kleine Trupps der Franzoſen langten indeſſen zu gleicher Zeit auf dem Kampfplatz an, aber einzelne zerſtreute Trupps der Eingeborenen empfingen ſie auch überall, ihr Vorrücken aufzuhalten und der Hauptmacht Zeit zu gönnen das beabſichtigte Ziel zu erreichen; René nur, jedes Hinderniß beſtegend, hatte ſich endlich bis zu dem arg bedrohten Franzöſiſchen Picket Bahn ge⸗ 246 hauen, und entdeckte hier kaum den alten Häuptling, deſſen Einfluß auf die Inſulaner er gut genug kannte, als er das Aeußerſte daran zu ſetzen beſchloß, ihn gefangen zu nehmen. Kein wirkſameres Mittel gab es dann, den Frieden von den Eingeborenen zu erzwingen. Bertrand gewahrte ebenfalls den alten greiſen Indianer, der den Seinen voran, todesmuthig ſeinen Weg ſich freiſchlug, und in ihm jedenfalls eine vor⸗ ragende Perſönlichkeit vermuthend, preßte er ihm entgegen und war im Begriff einen Stoß nach ihm zu führen, als ein vor ihm liegender, geſtürzter In⸗ dianer ſein Bein ergriff und ihn mit ſich in dem⸗ ſelben Augenblick zu Boden riß, in dem der greiſe Utami vorſprang und den ſchweren Pallaſch in der Luft ſchwingend einen Hieb nach ihm führen wollte. René ſah die Gefahr des Freundes, und noch während er einen der Inſulaner, der ſich ihm in den Weg ſtellen wollte, zu Boden ſchlug, ſchrie er in Todesangſt: „Halt Utami— hierher Deinen Schlag— hier der Feind!“ und dem nach Bertrands Haupt ge⸗ führten Hieb in demſelben Moment parirend, warf er ſich mit voller Gewalt gegen den Häuptling und K. 247 ſchlang, ſeinen rechten Arm mit der Waffe empor⸗ drängend, den linken um ſeinen Körper. Ein jäher Schmerz durchzuckte ihn in dem Augen⸗ blick— er hörte dicht neben ſich den Knall eines Piſtols— er fühlte wie der Gefangene ſeinem Arm entglitt, ſah, ſchon halb bewußtlos, die ſchützend über ihn gehaltenen Bayonnette der Seinen, und brach dann beſinnungslos zuſammen. Nené und Suſanna. Als René wieder zum Bewußtſein kam und die Augen aufſchlug, lag er unter einem hohen Mos⸗ quitonetz in einem halbdunklen Zimmer auf einem weichen Bett und hörte,— aber auch nur noch wie in einem Traum— daß ſich Zwei in dem Gemach leiſe flüſternd mitſammen unterhielten. Er fühlte ſich dabei merkwürdig ſchwach und wollte, wenig⸗ ſtens zu ſehn wo er ſich eigentlich befand, raſch den rechten Arm heben, das Mosquitonetz bei Seite zu ſchieben, als ihn ein furchtbar ſtechender Schmerz durchzuckte, daß er mit einem halblauten Schrei faſt beſinnungslos wieder auf ſein Lager zurückfank.. 4 * Das Netz wurde jetzt zurückgeſchoben, Jemand nahm ſeine Hand, fühlte ſeinen Puls und ſagte nach kleiner Pauſe:. b „Der Puls geht regelmäßiger, Mademoiſelle; ich hoffe das Beſte für unſeren Freund.“ „Iſt er erwacht?“ ſagte in dieſem Augenblick eine Stimme, die dem Kranken das Blut in Fieberſchnelle durch die Adern jagte, daß der Arzt, der noch die Hand in der ſeinen hielt, bedenklich mit dem Kopf ſchüttelte, und das Netz weiter zurück ſchob, die Ge⸗ ſichtszüge des Verwundeten erkennen zu können. „Hallo“ rief er aber, als er hier in die Augen des forſchend zu ihm Aufſchauenden blickte—„unſer Patient hat wirklich ausgeſchlafen, und ſieht ſich friſch und munter wieder in der Welt um. Wie geht es, Monſieur Delavigne— wie iſt Ihnen jetzt? haben Sie Schmerzen?“ „Schmerzen?— nein— ja— hier in der Schulter— aber mir iſt ſo wunderbar zu Muthe— wer iſt noch im Zimmer?“ „Ihre Pflegerin, Monſieur, der Sie zu großem Dank verpflichtet ſind, denn Sie haben uns die letz⸗ ten elf Tage viele Sorge gemacht.“ „Letzten elf Tage?“ wiederholte Rene erſtaunt, naber wer iſt hier?“ 250 „Halten Sie ſich ruhig, Herr Delavigne“ ſagtg da eine leiſe, oh ihm nur zu gut bekannte Stimme und wieder ſchoß ihm das Blut zum Herzen zurück und ein Stich, den es ihm durch die Schulter gab, machte ihn die Zähne feſt aufeinander beißen. „Suſanna“ flüſterte er mit kaum hörbarer Stimme vor ſich hin, und ein glückliches Lächeln legte ſich über die bleichen Züge. Aber die Erregung war auch zu ſtark geweſen für den geſchwächten Körper, und mit geſchloſſenen Augen brauchte er viele Minuten Zeit ſeine Kräfte wieder zu ſammeln, ſeine Sinne, die noch in traumhaften Bildern herüber und hinüber zuckten, der Gegenwart feſt zu halten. Als er die Augen wieder aufſchlug war er allein im Zimmer mit dem Arzt, und dieſer hob warnend den Finger, als er die auf ihn gerichteten Blicke be⸗ merkte und ſagte freundlich: „Sie müſſen ſich, wenigſtens heute, noch Alles Redens enthalten, Monſiteur Delavigne; Sie ſind viel zu ſchwach und angegriffen und können ſich durch jede Aufregung den größten Schaden thun— „Aber lieber Doktor— 4 „Ruhe“ lächelte dieſer—„ich kann mir etwa denken was Sie fragen wollen, und werde Ihnen deshalb, um Ihre wohl verzeihliche Neugierde zu be⸗ friedigen, einen kurzen Umriß alles deſſen geben, was 251 während den letzten elf Tagen, die Sie nun da ein⸗ geſchachtelt liegen“ 4 „Elf Tagen?“ „Ja wohl, heut' iſt der elfte Tag—, was alſo in dieſer Zeit vorgegangen iſt, und Sie werden manches Neue zu hören bekommen. Vor allen Din⸗ gen, und um Sie darüber zu beruhigen, iſt unſere Poſition hier vollkommen geſichert und befeſtigt wor⸗ den; noch an demſelben Morgen, an dem Sie ver— wundet wurden, worauf Sie ſich auch wohl noch beſinnen können, kam die Uranie ein und ſchickte ihre Boote an Land, mit deren Hülfe wir den Feind bald wieder zurück in die Berge trieben. Am nächſten Tag liefen noch zwei andere Kriegsſchiffe, eins von den Marqueſas, eins von Valparaiſo kommend, ein und brachte Verſtärkung, wie die ſo nöthigen Proviſionen. Die Inſulaner wurden dann aber auch ohne weiteres angegriffen und in die Berge, oder doch wenigſtens aus der Nähe von Papetee gejagt, und ſie haben ſich jetzt in mehren entfernteren Orten wie Papeneeo und beſonders im Hautauethale verſchanzt, bis wir ein⸗ mal Zeit bekommen Sie auch von dort zu verjagen. „Und iſt Utami gefangen?“ frug Rene. „Utami?— der Anführer der Rebellen? ah das iſt wohl derſelbe den Sie gefaßt hatten, als ſie den Schuß bekamen?— nein Gott bewahre, der hat ſich 252 tüchtig herausgehauen und Ihrem Freund Bertrand. ebenfalls noch ein Andenken über den Schädel hin⸗ terlaſſen, an dem er wohl noch ein paar Monat mit verbundenem Kopf tragen wird. Schlimmer iſt Le⸗ févre weggekommen— von ſeinem kleinen T Trupp iſt nicht ein Mann zurückgekehrt, und ihre Leichen lagen oben zerſtreut in den Bergen; nur von Lefévres Leiche war nicht die Spur zu finden, er müßte denn in einem friſch aufgeworfenen und mit Blumen ge⸗ ſchmückten Grab liegen, das wir mitten auf dem Kampfplatz, wo die kleine Schaar überfallen worden, entdeckten, wenn man auch nicht recht begreift, wer ſich die Mühe gegeben haben ſollte, ihn gerade ſo ſorgfältig zu beſtatten, während die Uebrigen liegen geblieben waren, wie ſie gefallen.“ „Aumama“ flüſterte René und ein tiefer ſchmerz⸗ licher Seufzer hob ſeine Bruſt. „Für heute haben Sie aber Aufregung genug gehabt“ ſagte der Arzt, ſeinen Hut aufgreifend— „jetzt ſchlafen Sie ein paar Stunden, ſich wieder zu erholen und ich werde gegen Abend zurück kommen und den Verband erneuen.“ „Aber wo bin ich verwundet?“ frug René mit ſchwacher Stimme. „Fragen Sie wo Sie nicht verwundet ſind“ lachte der Arzt,„Schrammen und Beulen haben Sie am 253 ganzen Körper, nur die Hauptſache iſt der letzte Schuß in die Schulter; doch er hat Nichts zu ſagen“ fügte er lächelnd hinzu,„halten Sie ſich nur ruhig und beſonders fern von jeder geiſtigen Aufregung— denn körperlich bewegen können Sie ſich ohnedies nicht— und wir werden Sie bald genug wieder zu⸗ ſammen flicken.“ Er verließ nach kurzem Gruß das Zimmer, wäh⸗ rend René in einen leichten unruhigen Schlaf fiel und die freundliche Hand nicht ſah, die an ſeinem Lager ihm Kühlung zufächelte und ſeinen Schlummer bewachte. Als er die Augen wieder aufſchlug war es Nacht — ein mattes Licht brannte im Zimmer, und neben ſeinem Bett hörte er die ſchweren regelmäßigen Athem⸗ züge eines ſchlafenden Wärters. Ihn dürſtete aber ſehr und er ſtreckte ſeinen linken geſunden Arm aus den Schlummernden zu wecken. „Hallo!“ rief dieſer von dem Lehnſtuhl in dem er geſeſſen, emporſpringend, als ihn die Hand kaum berührte,„René, biſt Du munter— wie iſt Dir, mein wackerer Burſch?“ „Adolphe!“ rief der Kranke,„das iſt freundlich von Dir bei mir zu wachen.“ „Wie mir ſcheint hab ich geſchlafen“ lachte der Freund—„aber bedarfſt Du etwas?“ 254 „Ich bin durſtig.“ „Hier iſt Dein Trank— friſche Cocosmilch und Himbeerwaſſer, das wird Dir gut thun; und wie fühlſt Du Dich jetzt?“— „Gut, ſehr gut“ lächelte René,„und es freut mich herzlich Dich bei mir zu ſehn. 35 „Alle Deine Kameraden, haben abwechſelnd bei Dir gewacht“ erwiederte Adolphe,„ſie haben Dich alle lieb, und die Dich noch nicht kannten, deren Herzen gewannſt Du Dir durch Deinen tollkühnen Muth. Menſch, Du haſt ein Glück das in's Aſch⸗ graue geht, und ich glaube Du könnteſt von einem Kirchthurm herunter ſpuingen und kämſt geſund auf Deine Füße.“ „Nennſt Du den Schuß ein Glück?“ frug Nene kopfſchüttelnd. „Wenn ich dadurch das ſchönſte Mädchen das je mein Auge geſehn zur Krankenwärterin bekäme, ließ ich mich hinſchießen wohin Du willſt“ lachte Adolphe, „und die kleine niedliche Madame Belard iſt auch mehr in Deinem Zimmer hier, wie in ihrem eignen geweſen.“ „So lieg' ich hier bei Belards?“ „Nun verſteht ſich, die Dich aufgenommen und gepflegt haben, als ob Du ein Kind vom Hauſe wäreſt. Monſteur Belard hat übrigens ſelber mit 2⁵5⁵ gefochten“ fuhr Adolphe mit mehr unterdrückter Stimme und heimlichem Lachen fort—„oh da ſind koſtbare Sachen vorgefallen, doch das Alles erzähle ich Dir einmal ſpaͤter, wenn Du Dich wieder herzlich auslachen und ſchütteln darfſt; jetzt möcht es Dir weh thun. Schmerzt Dich Deine Wunde?“ „Nicht ſehr, aber ich kann den Arm nicht regen — er iſt doch nicht gebrochen?“ 2 „Nein, darüber kannſt Du Dich beruhigen; doch war's ein böſer Schuß und hätte nicht dürfen einen Zoll tiefer kommen.“ 8 „Wer weiß“ ſeufzte René leiſe und ſchloß die Augen wieder. Adolphe glaubte er wolle ſchlafen, ſchattete das Licht und ſetzte ſich leiſe wieder auf den Stuhl nieder, als René ſeinen Namen rief.. „Biſt Du fort, Adolphe?“ „Nein, ſicher nicht— willſt Du etwas?“ „Haſt Du mit dem Arzt über meine Wunde ge⸗ ſprochen?“ frug der junge Mann mit leiſer Stimme. „Allerdings; ich kann Dich feſt verſichern daß ſie, wenn auch vielleicht ein wenig langwierig, keines⸗ wegs lebensgefähtlich iſt.“ Renè lag wieder eine ganze Weile ruhig, ohne zu antworten und frug dann langſam: 256 „Und wann glaubt er daß ich werde nach Atiu hinüber geſchafft werden können?“ „Nach Atiu?“ wiederholte Adolphe verwundert— „Menſch haſt Du ein Fieber daß Du jetzt an Atiu denkſt, wo Dir der Arzt noch kaum vom Lager darf? Wenn Dir die Fahrt auch dorthin nichts ſchadete, vorausgeſetzt daß ruhiges Wetter bliebe, wie woll⸗ teſt Du Dich dort ohne ärztliche Hülfe wieder erho⸗ len?— Atiu— ich begreife Dich nicht.“ „Aber Sadie wird ſich um mich ängſtigen“ ſagte Rent. „Ich habe daran gedacht“ erwiederte ihm Adol⸗ phe,„und wollte ein paar Zeilen hinüber ſchreiben, es iſt aber noch keine Gelegenheit dazu geweſen, die ganze Zeit, und erſt in acht Tagen, glaub' ich, ſoll der Miſſionscutter wieder hinüber gehn.“ „ ch danke Dir, Adolphe“ nickte ihm der Freund zu—„und nun will ich ſchlafen— ich bin doch recht matt und angegriffen, und der Kopf ſchwindelt mir von all dem Denken.“ Die Sonne ſtand ſchon hoch am nächſten Morgen, als er erwachte, und einen inländiſchen Knaben an ſeinem Bett fand, ihm das Frühſtück zu reichen. Der Arzt war, wie ihm der junge Burſch' ſagte, ſchon dageweſen, hatte ihn aber nicht ſtören wollen und verſprochen, in einer Stunde etwa wieder zu kommen. Renè fühlte ſich heute viel wohler und friſcher als geſtern; der Schlaf hatte ihn geſtärkt, und auch die Schulter ſchmerzte ihn nicht ſo ſehr wie geſtern Abend. „Darf man herein?“ rief da eine fröhliche klare Stimme, als er ſchon etwa eine halbe Stunde in dem wohlthuenden Gefühle ſchmerzloſer Ruhe gelegen und die durch die offenen Fenſter ſtrömende kühle balſamiſche Morgenluft eingeathmet hatte. „Madame Belard“ rief René freudig, und die kleine muntere Frau kam mit leichten, immer noch vorſichtigen Schritten in's Zimmer und zum Bett des Kranken, der ihr mit einem freundlichen, dank⸗ baren Lächeln die Hand entgegenſtreckte. „Meine gute Madame Belard—“ „Ja, gute Madame Belard“ lachte die kleine Frau halb beſorgt halb zürnend, und doch auch wie⸗ der mit ihrem herzlichſten Ausdruck im Ton—„das i*ſt eine Wirthſchaft die Einen freuen könnte. Zuerſt nimmt der junge Herr Abſchied, als ob es für's Le⸗ ben wäre, und wenn man da ein paar Tage nachher nooch ganz angegriffen und alterirt iſt, läuft er ſo lange munter und vergnügt in der Stadt herum, Gerſtäcker's Tahiti. IV. 17 3 258 ohne den Fuß noch einmal über die Schwelle zu ſetzen, bis er das Bischen Beſinnung, was ihm eigentlich hätte ſagen ſollen wo ſeine beſten Freunde wohnen, verliert, und leblos und zerhauen und zer⸗ ſchoſſen in's Haus getragen wird.“ „Sie haben recht, vollkommen recht, beſte Frau“ ſeufzte René—„und doch— wie gern wär' ich zu Ihnen gekommen— aber“ „Ja, doch und aber das ſind Ihre Entſchuldi⸗ gungen— Sie ſind übrigens jetzt in keinem Zuſtand ordentlich ausgezankt zu werden, das verſpar' ich mir, bis wir Sie wieder vollkommen wohl haben, denn geſchenkt iſt es Ihnen nicht.— Aber was Sie uns wieder in dieſer Zeit für Sorge und Noth gemacht haben kann ich Ihnen gar nicht ſagen; ich möchte nur wiſſen, was Sie noch einmal für ein Ende nehmen.“ „Liebe Madame Belard—* „Und Suſanna hat glühende Kohlen indeſſen auf Ihr Haupt geſammelt; dem Vater laufen Sie davon, und die Tochter wacht Tag und Nacht faſt an Ihrem Bett.“ Ein ſtechender Schmerz zuckte durch Renés Schul⸗ ter— er biß die Unterlippe zwiſchen die Zähne, und wurde leichenblaß. „Um Gott, fehlt Ihnen etwas?— Sie haben 259 wieder Schmerzen?“ rief Madame Belard raſch, das Mosquitonetz mehr zurückwerfend, ſein Geſicht deut⸗ licher ſehn zu können. „Es iſt Nichts— es geht gleich vorüber“ ſagte René, die Augen ſchließend und den Kopf halb ab⸗ gewandt—„es zuckt mir nur manchmal in der Wunde; vielleicht liegt der Verband nicht ordentlich — der Doktor kommt ja nachher.“ Madame Belard nickte tief aufſeufzend mit dem Kopf, erwiederte aber Nichts und der Kranke lag mehre Minuten ſchweigend auf ſeinem Lager. End⸗ lich ſagte er leiſe: „Ich habe Fräulein Lewis eigentlich noch gar nicht geſehn, nur gehört geſtern, wie ich zu mir kam. Sie iſt doch nicht krank?—“ „Krank?— nein, aber verreiſt./- „Verreiſt?“ frug Renẽ raſch, den Kopf nach der Redenden umwendend,„verreiſt? wohin?“ „Sie hat ſchon lange einmal wieder nach Imeo hinüber gehen wollen, wohin ihre Freunde von Pa⸗ para, der dort ausgebrochenen Unruhen wegen, zeit⸗ weilig übergeſiedelt find; aber ſie mochte Sie auch nicht allein hier liegen laſſen, ſo lange wir noch Nichts Gewiſſes über Ihren Zuſtand wußten, und darüber beruhigt, und da ſich heute Morgen gerade eine Gelegenheit mit einem Franzöſiſchen Dampfer 17* bot, benutzte ſie dieſelbe, und hat mir jetzt nur viel herzliche Grüße für Sie aufgetragen.“ Renè erwiederte kein Wort und Madame Belard fuhr nach längerer Pauſe mit lebendigerem Tone fort: „Mein Mann hat auch mit gefochten, Monſieur, Sie hätten ihn nur ſehn ſollen, Delavigne, mit dem langen Schleppſäbel und der doppelläufigen Jagd⸗ flinte; er war aber wahrhaftig Feuer und Flamme und ſoll ſich ſogar bei derſelben Affaire, wo Sie die Wunde bekamen, ebenfalls ausgezeichnet haben. Selbſt Monſieur Brouard hatte ſich bewaffnet und wie ich jetzt höre, ſind wir allerdings nur mit genauer Noth, und Dank Ihrer aller Tapferkeit, dem trauri⸗ gen Schickſal entgangen, von den Inſulanern beſiegt und dann auch jedenfalls gemordet zu werden, denn an jenem Tage hätten ſie ſicherlich keine Gnade geübt. Es iſt eine ſeelensgute Nation, ſo lange man ſie in Frieden läßt und in Freundſchaft mit ihr lebt, aber furchtbar wenn gereizt, und blutdürſtig glaub' ich, wie noch in den alten heidniſchen Zeiten.“ „Und wird ſie lange bleiben?“ frug René, noch immer den Kopf der Wand zugedreht. „Wer?— die Nation?— ah Sie meinen Su⸗ ſanna?“ fuhr Madame Belard, den Blick feſt auf ihn geheftet, fort, als er ſchwieg und das Blut wie⸗ der in ſeine Wangen zurück kehrte;—„nein, ich 261 glaube nicht. Sie darf ſogar nicht ſehr lange weg⸗ bleiben, denn ſie hat noch manches vor ihrer Abreiſe zu beſorgen.“ „Sie kehrt nach Europa zurück?“ ſagte Rene, aber ſo leiſe, daß ſie die Worte kaum verſtehen konnte. „Mit dem erſten Franzöſiſchen Kriegsſchiff— Herr Brouard wird mit ſeiner Frau ebenfalls Tahiti verlaſſen und Suſanna will ſich ihnen anſchließen; der Admiral hat ihnen ſchon früher die Erlaubniß dazu ertheilt— ich wollte ich koͤnnte mit.“ „Und geht das ſo bald?“ „Das iſt noch unbeſtimmt; es hieß zuerſt die Uranie würde ſegeln, jetzt glaubt man übrigens daß die Jeanne d Arc als ein ſchnelleres Fahrzeug den Vorzug bekommen ſoll; aber es kann noch immer einige Wochen dauern. Doch fehlt Ihnen etwas Delavigne? Sie ſprechen ſo gedrückt?— haben Sie wieder Schmerzen? vielleicht kann ich Ihnen den Verband lindern. Laſſen Sie das gut ſein“ fuhr ſie lächelnd fort, als er langſam mit dem Kopf ſchüttelte, „ich bin gar kein ſo ungeſchickter Chirurg, wie Sie bald finden ſollten.“ „Ach beſte Madame Belard“ ſagte René da ſeuf⸗ zend—„wie tief bin ich nicht auch außerdem ſchon in Ihrer Schuld, und wie ſoll ich Ihnen das je 262 danken können?— Sie haben mich hier aufgenom⸗ men und gepflegt—“ „Bſt— bſt— bſt“ rief aber Madame Belard erröthend und ihre kleine Hand auf ſeinen Mund legend—„erſtlich ſollen Sie eigentlich gar Nichts reden, und dann noch viel weniger ſolchen Unſinn. Sie ſind mir in Nichts verpflichtet, denn es verſteht ſich von ſelbſt, ſogar in der Heimath, daß der Bürger in Kriegszeiten Einquartirung bekommt, wie viel mehr alſo in einem ſo wilden Land wie hier. Halten Sie ſich nur recht ruhig, daß Sie uns bald wieder geſund werden, oder doch wenigſtens aus dem Bett können, denn Ihren Arm werden Sie wohl in den erſten Monaten noch nicht wieder brauchen können.“ „Wenn ich nur— wenn ich nur nach Atiu ſchrei⸗ ben könnte“ ſagte René endlich zögernd, und mit einem kaum unterdrückten Seufzer. „Hinüber dürfen Sie nicht, Delavigne“ ſagte Madame Belard ernſt,„daran brauchen Sie nicht zu denken; ich habe auch ſchon mit Lieutnant Adolphe darüber geſprochen, denn wenn ſich auch Ihre Wunde bis jetzt ziemlich gut angelaſſen hat, verlangt ſie noch immer, wie mir der Doktor geſagt, die ſorg⸗ fältigſte ärztliche Pflege, und ſo gut Sie Sadie, und vielleicht beſſer als wir hier, pflegen würde, ſo wenig 2* 263 iſt ſie im Stande dem zu genügen. Außerdem iſt gar nicht mit dem Schuß zu ſpaßen, und wer weiß ob nicht ſelber ſchon der Transport die ſchlimmſten Folgen haben könnte.“ „Wenn es nur anginge“ ſagte René ſchüchtern und ſchwieg wieder, als ob er ſich ſcheue auszure⸗ den, Madame Belard aber, die leicht ſeine Gedanken errieth, ſagte freundlich:—„Sadie hier herüber zu bekommen? nicht wahr das meinen Sie?“ „Aber nicht weil ich etwa glaube daß ich in Ihren Händen weniger gut aufgehoben wäre“ rief der Ver⸗ wundete ſchnell,„halten Sie mich nicht auch noch für undankbar, Madame Belard.“ „Nein, nein, lieber Delavigne“ ſagte die kleine Frau gerührt,„ich denke gar nicht daran, und Sie haben vollkommen recht; Sadie ſoll herüber kommen, ſo bald wir ſie nur herüber bekommen können, und ich will heute noch an ſie ſchreiben, daß der Brief bei erſter Gelegenheit fertig iſt. Wo aber kann man ſich nach einer ſolchen erkundigen?“ „Im Hauptquartier und im Miſſionsgebäude“ ſagte René,„ich glaube aber faſt daß in dem letzteren die erſte Gelegenheit ſein wird, denn die Miſſionaire unterhalten eine ziemlich regelmäßige Verbindung mit jener Gruppe.“ 264 „Mein Mann ſoll noch heute Morgen die genau⸗ ſten Erkundigungen einziehn— ſind Sie nun be⸗ ruhigt?“ René ſtreckte der kleinen freundlichen Frau mit einem dankenden Lächeln die Hand entgegen, die ſie nahm und herzlich drückte, dann aber ſagte ſie, ſich gewaltſam bezwingend, denn ein eigenes Weh dem ſie nicht Worte geben konnte und wollte, ſchnürte ihr die Bruſt zuſammen,„nachher ſchick ich Ihnen mei⸗ nen Mann ein wenig, Delavigne, der mag Ihnen von dem Kampfe erzählen— er hat auch in der That von weiter noch Nichts geſprochen die ganze Zeit— das wird Sie unterhalten und zerſtreuen und— regt Sie auch eben nicht ſo beſonders auf. Aber da ſeh ich den Doktor kommen— nun erhalten Sie friſchen Verband, und ich werde heute Suſannas Stelle bei Ihnen vertreten.“ Der Doktor öffnete gleich darauf die Thür und grüßte Madame Belard freundlich. „Ah Madame, ſehr erfreut Sie hier zu ſehn— und wie geht es unſerem Kranken?— nun Mon⸗ ſteur?— guten Morgen, wie haben Sie geſchlafen, und wie geht es unſerem rechten Flügelknochen. Aber ha— rief er etwas beſtürzt aus, als er das Geſicht des jungen Mannes erblickte— Sie ſehn echauffirt aus, und haben ſich jedenfalls, gegen meinen ſehr 4 265 ſtrengen Befehl dahin, durch irgend etwas aufgeregt. Haben Sie Schmerzen?“ „Ja— ein Stechen in der Wunde— ich fühle den Pulsſchlag ſo deutlich—“ „Da haben wir', das Blut in Wallung; nun laſſen Sie uns einmal unterſuchen wie die Sache heute Morgen ausſieht— hoffentlich nicht ſchlechter als geſtern— wir dürfen nun nicht wieder zurück gehn, wir müſſen machen daß wir vorwärts kommen. Und während er noch ſprach den Verband vorſichtig ablöſend, hatte er kaum einen Blick auf die Wunde geworfen, als er auch ſchon ſehr bedenklich mit dem Kopf ſchüttelte, und endlich ſeinem Unmuth in Wor⸗ ten Luft machte. „Das iſt nicht wiees ſein ſollte, die Entzündung iſt eher ſchlimmer wie beſſer geworden, und wir müſ⸗ ſen uns ungeheuer hüten daß wir keinen Rückfall bekommen. Ruhe iſt aber dazu das Haupterforder⸗ niß, unbedingte, durch Nichts geſtörte Ruhe, und wenn Sie Ihren Patienten bald wieder auf den Beinen ſehn wollen, Madame, ſo müſſen Sie mir dafür beſonders mit Sorge tragen helfen. Ruhe iſt ihm jetzt die beſte Kur, und je vollſtändiger er die genießen kann, deſto eher wird ſich ſeine jugendliche, kräftige Natur ſchon ſelber wieder Bahn brechen.“ Er gab dann noch mehre Verordnungen, bat Madame Belard keinen ſeiner Freunde, ohne Aus⸗ nahme welchen, wenn ſie nicht unmittelbar bei der Verpflegung beſchäftigt wären, zu ihm zu laſſen, und verſprach Nachmittag noch einmal vorzukommen und zu ſehn ob ſich nicht vielleicht beſſere Symptome eingeſtellt hätten. Es vergingen übrigens volle acht Tage, ehe wirk⸗ lich eine weſentliche Beſſerung in dem Stand der Wunde eintrat; der Kranke hatte ſich in der ganzen Zeit muſterhaft gehalten und Monſieur und Madame Belard waren faſt die Einzigen geweſen die Zutritt zu ihm gehabt, während ſich indeß der Gouverneur ſowohl wie alle übrigen Ofſiciere täglich nach ihm entweder ſelber erkundigten oder erkundigen ließen. 1 Nach Atiu war noch immer keine Gelegenheit ge⸗ weſen, doch ſollte jetzt in etwa drei Tagen der Miſ⸗ ſtonscutter hinüber gehn, und Madame Belard war⸗ tete nur auf die Ankunft des Geiſtlichen, der ſich ſeit längerer Zeit in dem Lager der Eingeborenen im Hautauethale aufgehalten, dieſem den Brief ſelber zu übergeben und ſeiner Sorgfalt zu empfehlen. Sie hatte René darüber beruhigt und ihm verſichert, daß er ſeine Frau dann bald hier erwarten dürfe. Ein Zimmer für ſie war ſchon hergerichtet worden. Am andern Morgen kam Madame Belard früher als ſonſt zu dem Kranken, ſeinen Verband zu wechſeln, 267 was ſie jetzt immer ſelbſt beſorgt, und ſagte freund⸗ lich, aber mit einer gewiſſen ängſtlichen Beſorgniß im Blick: „Delavigne, ich bringe Ihnen heute lieben Be— ſuch— werden Sie ſich kräftig genug fühlen ihn zu empfangen.“ „Fräulein Lewis?“ ſagte René mit leiſer fragen⸗ der Stimme, und er fühlte wie ihm das Blut in die Wangen ſtieg. „Suſanna iſt ſchon ſeit geſtern wieder zurück— die Jeanne d'Arc ſollte übermorgen ſegeln, hat aber heute wieder Gegenordre bekommen und ſoll bis zur Ankunft der Reine blanche, die wir täglich von den Marqueſas⸗Inſeln her erwarten, liegen bleiben, wahr⸗ ſcheinlich Depeſchen des Admirals mit nach Europa zu nehmen. Du betit Thouars ſcheint zu Hauſe gern den Sieg über die Eingeborenen zugleich anzei⸗ gen zu wollen, und das hartnäckige Volk will ſich noch immer nicht beſiegen laſſen, und hält ſich un⸗ verdroſſen in den Bergen in einer faſt uneinnehmba⸗ ren Poſition.“ „Und Fräulein Lewis?“ 1 „Kann doch unmöglich ſo lange hier im Haus bleiben“ fuhr Madame Belard mit einem freundlichen Lächeln fort,„ohne ſich ſelber von Ihrer Beſſerung zu überzeugen— wollen Sie ihr erlauben?“ — 268 „Madame, wie können Sie ſo grauſamen Spott mit mir treiben“ rief René,„erlauben— drängt es mich denn nicht ihr ſelber für ihre Theilnahme danken zu können?“ „Gut, ich ſchicke ſie Ihnen, ich muß überdieß ein⸗ mal hinüber zu Brouats, die jetzt in einem prächtigen Zuſtand leben; Alles gepackt und jeden Augenblick erwartend an Bord gerufen zu werden, eriſtiren ſie jetzt faſt auf Indianiſche Weiſe, und ich habe ihnen nur indeſſen wenigſtens das Nothdürftigſte geborgt, damit ſie noch eſſen, trinken und ſchlafen können.“ „Und Suſanna?“ „Wird gleich erſcheinen, aber— halten Sie ſich hübſch ruhig— ſprechen Sie ſo wenig wie möglich, und laſſen Sie die junge Dame lieber erzählen; das wird Ihnen die Zeit vertreiben. Außerdem, wenn Sie etwas nach Europa zu ſchreiben haben, können Sie ihr diktiren— es wird jedenfalls die nächſte Gelegenheit ſein. Ich habe meine Briefe auch ſchon fertig. Doch nun ade, in einer Stunde, denk ich, bin ich wieder bei Ihnen.“ Sie verließ raſch das Zimmer und René lag mit klopfendem Herzen und ängſtlich ſchlagenden Pulſen, die Ankunſt des Mädchens zu erwarten, das, er konnte es ſich nicht mehr verhehlen, einen ſo gewal⸗ tigen Eindruck auf ihn gemacht. Mit jedem Tage hatte er dabei ihre Rückkehr ſehnlicher, heißer erhofft, je mehr er alle dieſe Gefühle in ſeinem Inneren ver⸗ ſchließen mußte, ja faſt gefürchtet, indem er ſich nach und nach alles deſſen bewußt wurde, was Pflicht und— Ehre— er wagte kaum noch die Liebe zu nennen— ihm entgegenſtellten. Sadie— oh hätte er nie Tahiti betreten, nie in dieſe Augen geſchaut, die jetzt den vergifteten Pfeil in ſeiner Bruſt zurücklaſſen mußten, ob ſie ſich ſelber gleich von ihm abwandten auf ewig. Sadie — er barg das bleiche Antlitz feſt in der linken Hand und bitterer Vorwurf füllte ihm mit unendlichem Weh das Herz. Und dennoch, dennoch kämpfte das zauberſchöne Bild dagegen an, und rang ſich dort Bahn das Heiligſte zu ſtürzen, das er ſo ſorgſam, ſo freudig in tiefſter Bruſt einſt gepffegt. Sadie— arme Sadie;— aber noch war Rettung möglich; noch wenige Wochen, Tage vielleicht und das Schick— ſal ſelbſt, das ihn— die eigne Bruſt hatte da keinen Vorwurf— dem machtlos in die Bahn ge⸗ ſchleudert, was er gefürchtet, was er meiden wollte— trennte ihn wieder von jenem kalten, ſchönen Bild und hob den Zauber— gab ihn wieder frei. Er kehrte dann zurück nach Atiu, abgeſchloſſen lag hin⸗ ter ihm die Welt, und in dem Bewußtſein erfüllter Pflicht, wollte er vergeſſen daß er ein Leben wegge⸗ worfen an einen Traum— ſo ſchön der auch gewe⸗ ſen. Und die Erinnerung?— doch was ſich nutzlos quälen mit zukünftiger Zeit— die Erinnerung dann war Gegenwart jetzt, und wenn— ha ein leichter Schritt auf der Verandah draußen— das klopfende Herz drohte ihm die Bruſt zu zerſprengen, der Thür⸗ griff drehte ſich leiſe im Schloß— aber noch öffnete ſich die Thür nicht und die Secunden wurden zu Minuten. Er wollte rufen, aber er vermochte es nicht; die Zunge klebte ihm am Gaumen, und als er die Augen ſchloß, und bleich. und erſchöpft auf ſein Kiſſen zurückſank, fühlte er mehr als er hörte daß Jemand das Zimmer betrat, und ſich faſt geräuſchlos ſeinem Bette näherte. 8 Es war Suſanna— ſchüchtern und ängſtlich nahte ſie dem Lager, und ihr Blick haftete in Schmerz und Mitleid auf den weh durchzuckten Zuͤgen des Leidenden. „Er ſchläft“ flüſterte ſie vor ſich hin, und wollte ſich, ſo geräuſchlos wie ſie jetzt gekommen, wieder zurückziehn als er die Augen öffnete, und ſein leiſes „Suſanna“ ſie an die Stelle bannte auf der ſie * ſtand. „Monſteur Delavigne.“ Der junge Mann ſtreckte ſchweigend die Hand nach ihr aus, und ſie reichte ihm die ihrige. 271 „Und haben Sie ſich ſo lange meinem Dank entzogen?“ ſagte er endlich, mit ſanftem Vorwurf im Ton und mühſam den Seufzer zurückpreſſend, der ihm die Bruſt heben wollte,„war das recht von Ihnen?“ „Wie iſt Ihnen jetzt, fühlen Sie ſich leichter, wohler?“ frug die Jungfrau ausweichend—„Sie ſehen noch recht bleich und angegriffen aus!“ „Mir iſt wohl jetzt, unendlich wohl“ rief der Kranke—„und doch auch wieder recht weh“ ſetzte er dann mit leiſerer Stimme hinzu—„die Wunde ſitzt zu tief.“ „Die Zeit wird ſie heilen, René“ hauchte Su⸗ ſanna, und wandte das Antlitz halb ab von ihm, die eigene Bewegung zu verbergen; aber ihre Hand zit⸗ terte in der ſeinen. Rensé ſchüttelte langſam mit dem Kopf— er wollte reden, aber er fürchtete dem Ge⸗ fühl Worte, Ausdruck zu geben. Noch hielt ein ſchwacher Damm die mächtig in ihm glühende Lei⸗ denſchaft zurück, noch ſchlummerte das gefährliche Geheimniß, ob auch von Beiden gekannt, doch un⸗ ausgeſprochen in ihren Herzen— den Damm einmal durchbrochen und die Folgen waren nicht mehr zu berechnen, die Fluth dann nicht mehr zurück zu drängen. Suſanna fühlte das ebenfalls, und wenn ſie auch früher in faſt muthwilliger Luſt der Bande geſpottet * 272 hatte, die den jungen Mann, für den ſie kaum ein flüchtiges Intereſſe fühlte, an ein Weſen feſſelte das ſchon, ihren angewurzelten Begriffen nach, in ſeiner Abſtammung ſo tief unter ihnen Beiden ſtand, ſo ſchien es als ob jetzt ein reineres, beſſeres Gefühl die Oberhand gewinnen ſollte. Sie bui geſiegt— vollſtändiger als ſie es je ne des ſich je bewußt geweſen zu erſtreben, aber auf das ergene Herz da⸗ bei vergeſſen, der eigenen 11 e9s viel vertraut, und mit dem Wunſch dem Freunde Schmerz zu ſpa⸗ ren, miſchte ſich jetzt die Furcht der eigenen Schwäche. „Sie ſind Capitain geworden“ lächelte das Mäd⸗ chen endlich, das zuerſt die Faſſung wieder gewann, mit einer eigenen Miſchung von Stolz und Schmerz, und feſt entſchloſſen dem Geſpräch jetzt eine andere, gleichgültigere Richtung zu geben.—„Sie müſſen aber auch wirklich mit einer ordentlich raſenden Tapferkeit gefochten haben. Monſieur Bertrand konnte uns nicht genug davon erzählen.“ „Bertrand iſt mein Freund“ lächelte René, dem ſich mit der Wendung des Geſprächs eine Centnerlaſt von der Bruſt wälzte—„es hat ihm ſelber Freude gemacht etwas Günſtiges über mich zu ſagen, und da mag er wohl übertrieben haben. Ich that nicht mehr als alle Kameraden.“ „Dem iſt doch wohl nicht ſo; man behauptet 273 ſogar, nur Ihrem ungeſtümen Angriff ſei es zu danken, daß man im Stande geweſen wäre die Wilden von der Erſtürmung des Arſenals abzuhalten, deſſen Reſultat dann furchtbar hätte ſein müſſen, da die Eingeborenen, mit keiner Idee von der entſetzlichen Wirkung und Macht des Pulvers, jedenfalls auf das aus trockenem Bambus beſtehende Gebäude ge⸗ feuert hätten. „Toll genugswären Sie dazu geweſen“ lächelte René—„aber hat man keine weitere Nachricht von ihnen? ich habe doch heute Morgen wieder ſchießen hören— was bedeutet das?“ „Ihre Landsleute beabſichtigten heute einen neuen Angriff auf ihre Befeſtigungen“ erwiederte Suſanna, „aber man verzweifelt hier ſelber an dem Erfolg, denn durch die früheren Verluſte gewitzigt, haben die Inſulaner jetzt eine Stellung eingenommen die faſt unnehmbar ſcheint, und ſicherlich noch viele Leben koſten wird, wenn nicht ein günſtiger Zufall vielleicht, oder Verrath, die Schlüſſel dazu in ihre Hände ſpielt. Sie ſehen aber recht angegriffen aus, Delavigne, Sie brauchen Ruhe und ich fürchte ich habe Sie durch— mein Schwatzen nur mehr aufgeregt. Ich laſſe Sie jetzt allein, aber ſo lange ich noch hier bin — und bis nicht liebere Hände kommen mir das Amt abzunehmen“— ſetzte ſie leiſer hinzu—„ge⸗ Gerſtäcker's Tahiti. IV. 18 274 ſtatten Sie mir wohl wieder daß ich Ihre Pflege übernehmen darf. Es iſt ja doch nur noch ſo kurze Zeit die wir zuſammen ſind, und ich möchte wenig⸗ ſtens mit der Beruhigung von hier ſcheiden, daß Sie Ihrer Geneſung raſch entgegen gehn.“ „Die Fleiſchwunde wird heilen“ ſagte René düſter. „Und mit der erſtarkt auch der Geiſt“ fiel raſch Suſanna ein;„glauben Sie mir Rens, ſo lange der Körper nicht geſund iſt, ſcheint uns die Sonne ſelbſt matt und trüb, und das Leben oftmals eine Laſt; doch mit dem geſunderen Blut kehrt Muth und Freu⸗ digkeit in unſer Herz zurück. So ſchlafen Sie wohl jetzt, und mögen freundliche Träume ihrem Geiſt die Stimmung geben die er braucht— wenn Sie ſich. geſtärkt haben, kehr ich zu Ihnen zurück— gute Nacht!“ und mit freundlichem Kopfnicken die Hand ihm entziehend, die ſich leiſe wieder der ſeinen gefügt, glitt ſie aus dem Zimmer, den Kranken ſich ſelber und ſeinen Gedanken, ſeinen Träumen überlaſſend. Suſanna übernahm jetzt wieder das Amt als Renés Wärterin, jede Stunde faſt die Ankunft der Reine⸗Blanche erwartend, die dann in kurzer Zeit die vollſtändig zum Auslaufen bereite Jeanne dArc ent⸗ ſenden konnte; aber ſie vermied von da an allein mit dem Kranken zu ſein, und was ſie zuſammen reden konnten betraf nur gleichgültige Gegenſtände. Auch 275 d einen Brief hatte René mit Adolphes Hülfe, dem er ihn diktirte, nach Atiu geſchrieben, Sadie von ſeinem Unfall in Kenntniß geſetzt, und ſie gebeten den rück⸗ kehrenden Miſſionscutter zu benutzen und mit dem Kind zurück nach Papetee zu kommen, wenn ſie ſich ſeinetwegen ängſtige; aber es gehe beſſer mit ihm und er hoffe ſelber doch, wie ihm der Arzt geſagt, ſpäte⸗ ſtens in drei bis vier Wochen deſſen Sorge entbehren und hinüber zu können, wo ihn der Gattin Pflege bald wieder herſtellen und geſund machen würde. Er entſchuldigte ſich dann auch, trotz Adolphe's Kopf⸗ ſchütteln, bei Sadie, daß er ſelber die Waffen auf⸗ gegriffen gegen ihre Landsleute; aber ſie hatten ihn dazu gezwungen, es war in Selbſtvertheidigung ge⸗ weſen, und er blieb nicht Soldat, ſondern kehrte nach Atiu zurück.“ Mit dem Brief wurde ein junger Burſch in das Miſſionshaus geſchickt, einen der Ehrwürdigen Her⸗ ren dort, der gerade nach Atiu hinüberging, zu bit⸗ ten ihn richtig zu beſorgen, und womöglich die junge Frau ſelber, jedenfalls aber eine Antwort zurück zu bringen. Mr. Rowe, der ſein früheres Amt wieder aufge⸗ nommen, und eben im Begriff ſtand ſich nach Atiu einzuſchiffen, erhielt Brief und Botſchaft. „An Madame Sadie Delavigne“ ſagte er, mit 18* 276 zuſammengezogenen Brauen die Adreſſe des Schrei⸗ bens leſend—„und der Brief wurde Dir für mich von Herrn Delavigne gegeben?“ „Für den Mitonare der nach Atiu ging“ ſagte der Burſch etwas beſtürzt;„wenn es nicht recht iſt nehm ich ihn wieder mit.“ „Es iſt recht“ ſagte der Geiſtliche ruhig nach⸗ kleiner Pauſe,„der Brief iſt in guten Häͤnden— und iſt der Verwundete bald wieder hergeſtellt?“ „Ai ta vau i ite, mi to na re“ antwortete der Inſulaner achſelzuckend—„er liegt noch im Bett— böſe Wunde.“ Der Geiſtliche nickte nur mit dem Kopf und der Eingeborene, der ſchon deshalb eine gewaltige Furcht. vor dem Proteſtantiſchen Miſſionair hatte, weil er ſelber in einem katholiſchen Hauſe lebte, und ſich ſei⸗ nen Landsleuten in den Bergen nicht angeſchloſſen, ließ ſich den Abſchied nicht zweimal geſagt ſein, und ſchoß wie der Blitz zur Thür wieder hinaus und in's Freie. Zwei Wochen waren ſolcher Art vergangen; Re⸗ nés Wunde hatte ſich ſo weit gebeſſert, ihm das Auf⸗ ſein wieder zu geſtatten, aber die ſtattgehabte Ent⸗ zündung ſeinen Arm ſo gelähmt, daß er noch nicht im Stande war ihn wieder zu gebrauchen. Die Kugel war ihm durch den, gerade zum Hieb ausho⸗ lenden rechten Oberarm in die Schulter gedrungen, und dabei, wenn auch das Schultergelenk nicht ver⸗ letzend, doch, ehe ſte um den Oberarm herum ging, dieſen ſo ſtark berührt, daß ſie neben der gefähr⸗ lichen Wunde noch eine Gehirnerſchütterung hervor⸗ rief, die ihn ſo lange bewußtlos auf's Lager warf, und ſeine Heilung dann ſo ſehr erſchwerte. Er trug deshalb auch den Arm noch in der Binde und der Arzt, dem der Verlauf der Wunde gar nicht recht zu gefallen ſchien, hatte ihn ſchon einige Male verſichert er bedauere Nichts mehr, als daß der junge Mann nicht jetzt die vaterländiſchen Bäder beſuchen könne, die ihm gewiß von großem Nutzen ſein würden. Er hoffe allerdings auf eine vollſtändige Herſtellung, aber er könne allerdings nicht dafür einſtehn, und müſſe ihm von vornherein und ganz aufrichtig erklä⸗ ren, daß ſich die Sache, im allergünſtigſten Fall, als ſehr langwierig herausſtellen würde. Zu gleicher Zeit war der Miſſionscutter von Atiu zuruͤckgekehrt, hatte aber nur einen der Eingeborenen Mitonares von einer anderen Inſel der Cooksgruppe und ſonſt nicht einmal einen Brief von Sadie mit⸗ gebracht, deren Schweigen ſich Renè nicht zu erklären 278 vermochte, und das ihn beunruhigt haben würde, wenn er nicht ſelber beabſichtigt hätte jetzt bald ſelber dorthin zurück zu kehren. Ihm blieb keine andere Wahl und er fing ſchon an die Zeit herbei zu ſehnen, die ihn endlich der jetzigen Qual entheben und Ruhe — o ſo heiß erſehnte Ruhe bringen ſolle. In dieſen Tagen wurde ein Dampfer, von Oſten kommend, ſignaliſirt— noch an dem nämlichen Abend lief er in dem Hafen ein und brachte die Poſt von Frankreich— Briefe aus der Heimath. Briefe aus der Heimath— oh wie der Klang dem Herzen des fremden, wegemüden Wanderers ſo wohl thut; Briefe aus der Heimath.— Die lieben, ſo lang entbehrten, und doch ſo oft herbeigewünſch⸗ ten Züge theuerer Hand— die herzlichen Worte derer, von denen wir ſo lange geſchieden, und die noch mit ſo inniger Liebe unſerer gedenken— die wieder und wieder ausgeſprochene Bitte heimzukehren — heim in offene Arme, an treue Herzen. Und dann die heimiſchen bekannten Namen, die wie der Klang von Kirchenglocken uns ernſt und feierlich die Bruſt durchziehn— ach es iſt ein frohes, ein ſeliges Ge⸗ fühl, und ſelbſt die fremde Welt die uns gerade umgiebt, nimmt in dem Augenblick der Heimath Farben an, und glüht und lacht, als ob daheim die Sonne, ein Frühlingsgruß dem Heimgekehrten, auf vaterländiſche Matten ihre milden Strahlen werfe. Wie freudig blitzten an dem Tage die Augen aller der Glücklichen denen ein Brief geworden; wieder und wieder wurde er geleſen, geküßt und wie⸗ der geleſen, und der Inhalt dann ausgcianſcht mit Anderer Reichthum. Nur Einer, von alle dieſen ſaß ſtill und in ſich gekehrt, unzufrieden und ſchwermüthig auf ſeiner Stube, den Kopf ſorgenvoll in die Hand geſtützt, das Auge ſtarr und bewußtlos auf die wehende Palme geheftet, die vor dem Fenſter ſtand, und unbeachtet ihr ſilbern melodiſches Rauſchen in das ſtille Ge⸗ mach flüſterte. ch auf dem Schooß, und mit ernſten, finſteren Gedanken das Herz erfüllt, Gedanken denen ſelbſt der Heimath Gruß das Bittere nicht rauben konnte. „Daß die verdammte Kugel nicht einen Zollbreit tiefer traf, wie Adolphe ſagt“ murmelte er dabei leiſe vor ſich hin—„jetzt wär's vorbei— drunten im kühlen Grund läg ich ſtill und friedlich, einer an⸗ deren Welt entgegen zu träumen und Sadie— be⸗ weinte mich, wie man den Hingeſchiedenen beweint und lebte glücklich unter ihren Palmen fort. Arme Sadie— der alte wackre Osborne hatte recht, nur 1h 8 0& uress Gedu. daß die Warnung damals zu ſpät für uns Beide kam. Da ſteh ich denn jetzt am Ziel von Allem, was ich in früherer Zeit erſtrebt, und bin ich glück⸗ lich?— elend bin ich, elend. Wie das edle Renn⸗ pferd an haferſtrotzender Krippe mit zerſchnittenen Flechſen liegt, das fröhliche Wiehern der vorbeiſtür⸗ menden Kameraden hört, und kein⸗Ziel mehr hat dem es entgegenſtreben darf, ſo lieg ich hier. Vorbei die Zeit, wo es die breite ſtarke Bruſt dem Strom ent⸗ gegenwarf, vorbei die frohe Zeit, wo's mit dem Wind wetteifernd, donnernden Hufs entlang die Steppe flog— vorbei; ein warmer Stall, eine weiche Streu, das ſüße Futter im Trog und— die Flechſen zer⸗ ſchnitten— nicht einmal ſterben kanns.“ „Hallo René“ ſo trüb und traurig hier allein?“ rief eine fröhliche Stimme und Adolphe ſtand vor ihm—„böſe Nachrichten im Brief? Du machſt ja bei Gott gerade wieder ein ſolch Geſicht, als wir zu⸗ ſammen vorn auf der Back des Delavare ſranden: willſt wieder deſertiren?“ René wandte den Kopf halb ab von dem Freund und reichte ihm die linke Hand— die Erinnerung an jene Zeit gab ihm, er wußte ſelbſt nicht recht warum, einen Stich durch's Herz. Der Brief ſelber aber bot ihm Gelegenheit das Geſpräch nach anderer Richtung hin zu wenden. 281 „Unangenehme Geldangelegenheiten, Adolphe“ ſagte er endlich, ihm den offenen Brief hinüber rei⸗ chend,„da lies ſelbſt.“ Adolphe nahm den Brief, durchflog ihn und ſagte achſelzuckend: „Das läßt ſich denken; die treiben jetzt daheim mit Deinem Geld was ihnen gutdünkt. Wär ich wie Du, ich ging auf's nächſte Schiff und regulirte dann zu Haus die Sache ſelbſt. Selbſt iſt der Mann, Du magſt hier ſchreiben und ſchreiben ſo viel Du willſt, eine einzige Woche an Ort und Stelle richtet mehr aus, als eine Jahre lange Correſpondenz. Ueberdies iſt die Sache gar nicht unbeträchtlich und ſchon eine ſolche Reiſe werth; und das nicht allein, Du ſchlägſt zwei Fliegen gleich mit einem Schlag, denn Renè verhehle Dir nicht ſelber wie es mit Dei⸗ ner Wunde ſteht; ohne die größte Vorſicht und Pflege kannſt Du möglicher Weiſe einen ſteifen Arm Dein ganzes Leben hindurch behalten, und jetzt noch iſt es vielleicht Zeit, durch die Dir empfohlenen warmen Bäder dem vorzubeugen. Du hätteſt dabei jetzt ge⸗ rade die beſte Gelegenheit, mit demſelben Fahrzeug zu gehn, auf dem Brouards ſich einſchiffen. René ſprang, von dem Gedanken getroffen, von ſeinem Sitze auf, und ging ein paar Mal mit raſchen 282 Schritten im Zimmer auf und ab.„Zurück nach Frankreich?— er ſelber?— mit—“ „Nein, nein“ rief er plötzlich in ängſtlicher Haſt, als ob er ſelber fürchte der Verſuchung nicht wider⸗ ſtehen zu können, die ihm ſo entſetzlich lockend vor die Seele trat;„zurück nach Frankreich? nein, nein, das ging nicht an— und wenn nur zum Beſuch? Sadie— Sadie“ murmelte er leiſe und wie beſchwö⸗ rend vor ſich hin. „Und was würde Dich hindern Deine Frau mit⸗ zunehmen?“ ſagte Adolphe, dem das leiſe geflüſterte Wort nicht entgangen, nach kurzer Pauſe—„es wäre zugleich eine Art Probierſtein für Dich für ſp⸗ tere Zeiten.“ „Nein Adolphe, nein“ ſagte aber René nach kur⸗ zem Sinnen, ſeinen Platz am Fenſter wieder einneh⸗ mend, denn der Arm fing ihn an zu ſchmerzen vom vielen hin- und hergehn—„nie im Leben würde ſich Sadie dort glücklich fühlen— noch ich mit ihr. Wie eine Treibhauspflanze, ihrem heimiſchen Boden entriſſen, müßte ſie verkümmern und— ſo lebens⸗ friſch ſie hier im Schatten ihrer Palmen blüht, unter⸗ gehn. Und dann zugleich mit— Brouards.“ „Es wäre eine ſo ſchöne Gelegenheit, wie Du ſie Dir nur wünſchen könnteſt.“ „Ja— Du haſt recht und doch— es geht nicht; 283 auch gäbe Sadie nie ihre Einwilligung dazu— und die Reiſe mit dem Kind.“ „Bah, bah, das ſind Kleinigkeiten wenn man ſonſt nur will“ lachte Adolphe,„doch das mache mit Dir ſelber aus; wichtig genug iſt es aber jedenfalls es Dir genau zu überlegen, und Dir bleibt dabei nicht einmal viel Zeit, denn heute Morgen ſchon wurde ein Schiff ſignaliſirt das, wie man allgemein glaubt, die Reine blanche iſt.“ „Die Reine blanche?— ſchon jetzt?“ rief Renẽ raſch und Adolphe ſagte lachend: „Nun das iſt nicht übel— ſeit drei oder vier Wochen wird ſie ſtündlich faſt erwartet und dumpfe Gerüchte gingen ſchon, daß ſie irgendwo vielleicht gar in einem Typhoon zu Schaden gekommen, und Du ſagſt„ſchon jetzt?“ Dir muß die Zeit ungeheuer raſch verflogen ſein. Doch ich muß fort René“ brach er, nach der Uhr ſehend ab,„der Gouverneur hat mich rufen laſſen; gegen Abend ſeh ich Dich wieder und— überleg Dir's.“ René ſchüttelte langſam und ernſt den Kopf, während Adolphe mit freundlichem Gruß das Zim⸗ mer verließ, und gleich unten an der Thür Lieutnant Bertrand traf, der langſam mit ihm die Straße hinabſchlenderte. Das ſignaliſirte Schiff war in der That die 284 Reine blanche, die zwei Stunden ſpäter etwa, unter dem grüßenden Donner der Kanonen, in den Hafen einlief. Der Admiral kam aber an dieſem Tag gar nicht an Land, ſondern empfing nur die von Frank⸗ reich für ihn eingegangenen Depeſchen und ſchrieb bis ſpät in die Nacht hinein. Am anderen Morgen hatte er eine lange Conferenz mit dem Gouverneur, und die Jeanne d'Arc bekam Ordre ſich auf den nächſten Tag ſegelfertig zu halten. Zu ſeinem Er⸗ ſtaunen aber bekam René eine Einladung an Bord des Admiralſchiffs zu kommen, wo Du Petit Thouars ihn in einer wichtigen Angelegenheit zu ſprechen wünſchte. Er ging um die beſtimmte Zeit und fand dort, außer dem Gouverneur Bruat, Monſieur Be⸗ lard und Brouard, und mehre franzöͤſiſche Officiere; unter ihnen Adolphe und Bertrand. „Lieber Capitain Delavigne“ redete ihn der Ad⸗ miral gleich nach ſeinem Eintreten freundlich an— „ich habe einen Auftrag für Sie— einen wichtigen Auftrag, an deſſen geſchickter und ehrlicher Ausführung mir viel liegt, und zu dem ich mir hier in Tahiti einen paſſenden Mann ſuchen wollte. Dieſe Herren hier haben mir Alle einſtimmig Sie vorgeſchlagen, und auf ſo gute und ehrenvolle Empfehlung hin glaub' ich in Sie denn auch mein volles Vertrauen ſetzen zu können. Was ſagen Sie dazu?“ 285 „Ich erwarte Ihre Befehle zu hören“ ſagte Renè, wirklich jetzt neugierig, auf was das Alles hinaus⸗ laufen ſollte. „Ich habe Sie zu meinem Geſandten nach Paris auserſehn“ ſagte der Admiral lächelnd—„wollen Sie gehn?“ „Herr Admiral!“ rief René überraſcht, faſt er⸗ ſchreckt. „Ich will ganz aufrichtig mit Ihnen ſein“ fuhr aber Du Petit Thouars, ohne ihn weiter zu Wort kommen zu laſſen, fort,„denn ich habe mich ſchon ſelber gegen die Herren hier ausgeſprochen. Nach den hier auf Tahiti ſtattgehabten Vorfällen läßt es ſich denken, daß nicht allein die Proteſtanten in Eu⸗ ropa, ſondern auch manche Leute, die mir gerade nicht freundlich geſinnt ſind, die Sache ſo weit zu unſerem Nachtheil ausbeuten werden, wie nur irgend möglich. Wir werden den friedlichen Naturkindern gegenüber als Barbaren und Gott weiß was ſonſt noch hingeſtellt werden, und beſonders zweifle ich nicht daran, daß die uns feindlich geſinnten Miſſio⸗ naire das ihrige nach beſten Kräften thun werden, unſere Thaten recht ſchwarz und entſetzlich anzu⸗ ſtreichen. Dem zu begegnen brauche ich einen Mann, der Zeuge des Ganzen geweſen und die Verhältniſſe hier kennt, der aber auch, wie Sie, unabhängig und 286 unbetheiligt, bis Ihnen die Nothwendigkeit und Selbſt⸗ erhaltung die Waffen in die Hand zwang, dem Kampfe zugeſehn, und ich verlange nichts weiter von Ihnen, als daß Sie der franzöſiſchen Regierung meine Depeſchen überbringen, und dort Alles ſo, der Wahrheit treu ſchildern, wie Sie es hier gefunden.“ 1¼„Dieſer ſo ehrenvolle Auftrag—“ ſtammelte „ 4„Nent, und der Admiral fiel ihm in's Wort. 2.„Bietet Ihnen zugleich die Gelegenheit ſich von 2 he Wunde, die, wie ich gehört habe, keineswegs ſſo ganz harmloſer Natur iſt, wieder vollſtändig zu , erholen; Sie bleiben unter der Behandlung Ihres — bisherigen Arztes, der natürlich mit ſeinem Schiffe ge geht und haben, glaub' ich, wenn ich recht unter⸗ richtet bin, ganz angenehme Geſellſchaft unterwegs, eine Seereiſe von vier Monat etwa, ſchon erträglich zu machen.“ „Lieber Delavigne“ nahm jetzt Monſteur Belard das Wort—„es wird Ihnen hier eine Auszeich⸗ nung geboten, die ſogar mit den vortheilhafteſten Umſtänden für Ihre eigene Geſundheit zuſammen⸗ trifft, und manchen Anderen unendlich glücklich machen würde— ich glaube Ihnen gratuliren zu dürfen.“ „Aber meine Frau“ rief Renè,„ſo ehrenvoll Ihr Vertrauen für mich iſt, Herr Admiral, und mit ſo großem innigen Dank ich verſuchen würde ihm zu 287 entſprechen, ſo hab' ich doch Pflichten hier zu erfül⸗ len, die ich nicht vernachläſſigen darf, wenn ich nicht in Ihrer eigenen Achtung ſinken wollte.“ „Ich weiß, Sie haben ein Indianiſches Mädchen zur Frau genommen“ lächelte der Admiral—„ſie iſt auf einer der Nachbarinſeln? machen Sie ſich keine Sorge deshalb, die zehn oder zwölf Monate die Sie abweſend zu ſein brauchen, wenn Sie wirklich ſo raſch wieder zurück kommeu wollen, ſoll ſie unter unſerem Schutze ſtehn.“ „Aber ſie weiß kaum daß ich verwundet bin— erwartet mich wahrſcheinlich mit jedem Tag, und ich dürfte nicht eine ſolche Reiſe unternehmen, ohne ſie vorher nicht wenigſtens noch einmal geſehn, ge⸗ ſprochen zu habeu.“ „Auch das ließe ſich vereinigen“ erwiederte der Admiral, dem daran gelegen ſchien, gerade den jun— gen Mann für ſeine Miſſion zu gewinnen—„ſag⸗ ten Sie nicht Atiu hieß die Inſel, Monſieur Belard?“ „Atiu iſt der Name.“ „Gut; bei einer Reiſe von ſo viel Monaten kommt es nicht auf einen einzelnen Tag und ein paar Seemeilen an; die Jeanne dArc mag Atiu an⸗ laufen und kann dort vielleicht gleich noch eine Par⸗ thie füße Kartoffeln und Brodfrucht mit an Bord 288 nehmen, die doch hier jetzt nicht ſo leicht zu bekom⸗ men ſind. Iſt der Wind nur einigermaßen günſtig, ſo behalten Sie da jedenfalls ein paar Stunden Zeit Ihrer Frau Adieu zu ſagen. Hat das Ihre letzten Zweiſel beſeitigt?“ „Ihre Güte Herr Admiral.“ „Schön, ſchön— ich will Sie auch nicht drän⸗ gen; die Sache iſt allerdings wichtig für Sie, und ich gebe Ihnen, ohne jetzt irgend ein Verſprechen von Ihnen zu verlangen, zwei Stunden Friſt; bis dann muß ich aber eine entſcheidende Antwort haben. In zwei Stunden alſo—“ er nahm ſeine Uhr heraus und ſah nach der Zeit,„etwa drei Viertel auf zwei Uhr— wir wollen zwei Uhr ſagen, erwarte ich Sie. wieder hier und dann können Sie gleich mein Gaſt zu Tiſch ſein; alſo auf Wiederſehn bis dahin;“ und dem jungen Mann wie den Uebrigen freundlich mit der Hand winkend, nahm er Capitain Sinclairs Arm und zog ſich mit ihm in ſeine Privatcajüte zurück. „Triumph!“ rief Adolphe, als er mit René und Bertrand wieder im Boote ſaß, und raſch dem Lande zuruderte,„Triumph René— Menſch, wenn Du Dir Alles beim lieben Gott beſtellt hätteſt, konnte es nicht beſſer ausgefallen ſein— die zwei Stunden Bedenkzeit ſind eine wahre Ironie.“ „Was ſoll ich thun?“ ſagte, tief aufſeufzend, René.— „Was Du thun ſollſt?“ wiederholte Bertrand er⸗ ſtaunt—„zugreifen mit Luſt und Wonne, und Gott auf den Knieen dafür danken. Mir füllt es die Bruſt mit unbeſchreiblicher Seligkeit, daß wir die Fahrt jetzt wieder heimwärts lenken, und Du ſtehſt noch da und ſinnſt und überlegſt. René, René, wenn Du Dir dieſe Gelegenheit entſchlüpfen läßt, bereuſt Dus ſicherlich— die kehrt nicht wieder.“ „Ich weiß auch gar nicht, ob ich's mit meinem Arm wagen darf eine ſo lange Reiſe zu unterneh⸗ men“ ſagte Rens jetzt ſinnend.„Ich muß doch jeden⸗ falls erſt den Arzt darüber fragen?“ „Gehſt Du jetzt zu Hauſe?“ frug Adolphe. „Bald wenigſtens.“ „Gut, dann ſchick ich ihn Dir in einer halben Stunde etwa; ich weiß wo er ſich in dieſem Augen⸗ blick aufhält, und komme ſelber ſpäter vielleicht Dich wieder abzuholen, höre jedenfalls Deinen Entſchluß und kann Dir dann vielleicht noch mit dem oder jenem helfen. So ade und erleuchte Dich Gott, Du kannſt's brauchen“ lachte der Freund, und ſeinen Arm in den Bertrands ſchiebend, gingen die beiden jungen Offi⸗ ciere, lebhaft das eben Geſchehene beſprechend, die Straße nieder. 2 Gerſtäcker's Tahiti. Iv. 19 290 Monſteur Belard war indeſſen mit ſeinem eigenen Canoe an Land gerudert und ſchon zu Haus als René, der noch eine Zeit lang in peinlicher Unent⸗ ſchloſſenheit die Straße auf und ab gelaufen war, langſam die Treppe hinaufſtieg. Er hörte dabei daß ſich die beiden Eheleute eifrig und laut mitſammen unterhielten und wollte ſich, ohne ſie zu ſtören, auf ſein Zimmer ſchleichen, denn der Kopf ſchwindelte ihm von all den wild auf ihn einſtürmenden Gedan⸗ ken und Plänen, aber Monſtieur Belard hatte ihn kommen ſehn, und ließ ihm keine Zeit zu ruhigem Ueberlegen. „ und Sie wollen uns jetzt wirklich deſertiren, Delavigne?“ rief ihm die kleine Frau ſchon auf der Schwelle, traurig mit dem Kopf ſchüttelnd, entgegen, „und Suſanna auch zu gleicher Zeit, und Brouards/ — Himmel das wird eine förmliche Einöde werden,/ hier in Papetee. Aber bis wann denken Sie zurück, zu ſein?“- „Ich weiß noch wahrlich nicht einmal ob ich übey⸗ haupt gehe— ob ich gehen darf“ ſagte tief aufſeuf⸗ zend der junge Mann—„noch habe ich zwei Stun⸗ den Zeit zur Entſcheidung.“ „Die arme Sadie wäre freilich übel d'ran“ ſagte traurig die junge Frau—„das würde ihr einen 291 rechten Schnitt durch's Leben geben— o Ihr Män⸗ ner ſeid doch grauſame rückſichtsloſe Menſchen.“ „Aber lieber Gott“ entſchuldigte ihn hier Belard —„er bleibt ja doch keine Ewigkeit fort, und Ge⸗ ſchäftsreiſen gehen nun einmal dem häuslichen Leben vor, weil dieſes nur eben wieder durch das Geſchäft beſtehen kann. Wenn René nicht ſelber nach Frank⸗ reich geht, ſo bin ich feſt überzeugt daß er nach dem Brief, von dem mir Lieutnant Adolphe geſagt, das dort ſtehende Geld entweder ganz verliert, oder doch wenigſtens bedeutend in Gefahr bringt, bis er am Ende doch noch hinüber muß. Dann aber kann er ſchweres Geld für die Reiſe bezahlen, während er ſie jetzt im Gegentheil honorirt bekommt, und die ange⸗ nehmſte Geſellſchaft von der Welt dabei hat. Su⸗ ſanna war ſchon ganz glücklich wie ſie es hörte. Außerdem aber iſt es auch nicht ganz einerlei, den ich, ob der junge Herr, wenn er hier bleibt, lebens⸗ länglich mit einem ſteifen Arm herumläuft, oder ſich jetzt in einem Bad zu Hauſe ordentlich auscuriren kann.“ „Iſt wirklich die Gefahr vorhanden?“ frug Ma⸗ dame Belard beſorgt. Rens zuckte mit den Achſeln. „Gott nur weiß es“ ſagte er, tief Athem holend, als ob er ſich ein Gewicht von der Bruſt wälzen wolle —„nir aber ſchnürt es das Herz zuſammen in 19* 292 Angſt und Sorge— ich kann nicht gehn. Mag mir der Arm gelähmt bleiben für Lebenszeit— mag ich das Geld verlieren daheim— Beelzebub geſegn' es ihnen; ſie haben mich genug ſchon geärgert und gequält damit, aber ich darf Sadie, darf mein Kind ſo nicht verlaſſen. Wenn ihnen nun etwas geſchähe während ich fort bin, könnte ich je wieder des Lebens froh werden, je wieder dem Himmel da droben klar in's Auge ſchauen?“ „Sie haben recht“ ſeufzte Madame Belard, Mon⸗ ſieur Belard aber ſagte: „Unſinn— jagen Sie ſich die Grillen aus dem Kopf; erſtlich legt Ihr Schiff da an, und dann werde ich ſelber im nächſten Monat nach den Geſell⸗ ſchaftsinſeln und der Cooksgruppe hinüber gehn, meine Einkäufe zu machen— dann verſpreche ich Ihnen daß ich dort vorfahren will, und hat Sadie Luſt, ei ſo bring ich ſie mit zu uns herüber, und ſie mag bei uns bleiben bis Sie zurückkehren. Meine Frau wird ſich doch für jetzt einſam genug fühlen, wenn Sie Alle fort ſind.“ „Sie kommt nicht her zu uns“ ſagte die kleine Frau, mit dem Kopf ſchüttelnd—„ihr iſt nicht wohl bei fremden Leuten und ich wäre die Letzte, die De⸗ lavigne zureden würde einen ſolchen Schritt zu thun; 293 der muß es ſelbſt am beſten wiſſen— und ſo ganz ohne Abſchied.“ „Papperlapapp— mach Du ihm nun auch noch das Herz ſchwer“ rief aber Mr. Belard dazwiſchen —„ich will ihm auch nicht zureden, aber er ſoll ſich die Sache ſelber und ruhig überlegen.“ „RNuhig überlegen“ ſagte René tief aufſeufzend— „ruhig überlegen, wo mir das Herz zerriſſen iſt— ich kann, ich darf nicht fort— doch ich ſtöre Sie hier“ ſetzte er raſch, ſeinen Hut wieder aufgreifend, hinzu—„ich will hinüber in mein Zimmer gehn— wenn der Arzt kommen ſollte, bitte— ſchicken Sie ihn wieder fort— ich werde ihn heute Abend ſelber aufſuchen.“ Und raſch ſich abdrehend, ſeine Bewegung zu verbergen, ſuchte er ſein eignes kleines freundliches Gemach, und warf ſich hier den Kopf geſenkt in einen Stuhl, indeß die Augen trüb und ſorgenſchwer den Boden ſuchten. Wohl eine Stunde hatte er ſo geſeſſen, die ihm gegebene Friſt war bald abgelaufen und noch kämpfte ſein Herz unentſchloſſen an gegen alles das, was ihm verführeriſch lockend vorgehalten wurde, als ein leich⸗ ter Schritt ſelbſt in ſeinem Zimmer ihn raſch auf⸗ ſchauen machte, und er mit freudigem Schreck jenes wunderherrliche Mädchenbild erkannte, das ſeine 294 Träume gefüllt und Tage lang ihm das Herz mit nagender Reue gefoltert hatte. „Suſanna!“ rief er, halb flehend, halb abweh⸗ rend, und er mußte gewaltſam an ſich halten, das Gefühl jetzt zu bergen, das in ihm tobte. Er hatte ſie noch nie ſo ſchön geſehn; das volle, kaſtanienbraune Haar konnte kaum in ſeinen reichen üppigen Maſſen von einem lichtblauen ſeidenen Netz gehalten werden, und quoll und drängte aus jeder Maſche hinaus in's Freie; den ſchlanken Körper um⸗ ſchloß ein einfach dunkles Seidenkleid, das dem ma⸗ kelloſen Teint nur noch höhern Reiz verlieh, und in den dunklen Augen lag heute ein ſo eigener, wunder⸗ barer Schmelz, ihn ſchwindelte hinein zu ſehn in dieſer Sterne Tiefe. „Ich hatte mich ſo gefreut“ ſagte ſie endlich mit leiſer, aber ſonderbar bewegter Stimme, einer Mi⸗ ſchung von Unmuth und Schmerz, von getäuſchter Hoffnung ſowohl, wie gekränkter Eitelkeit, dem ſo⸗ gar das Bittere im Ton nicht fehlte—„daß wir Reiſegefährten auf ſo langer, ſonſt ſo langweiliger Fahrt werden ſollten— aber wie mir Marie jetzt ſagt haben Sie ſich anders beſonnen, und können ſich nicht auf die paar Monat trennen von Atiu.“ „Oh Suſanna“ rief René bittend—„ſein Sie nicht grauſam— haben Sie Mitleid, wenn nicht mit mir, doch mit Sadie.“ „Mitleid?“ ſagte das junge ſchöne Mädchen kalt —„Sie ſcherzen wohl, Herr Delavigne, in welcher Art ſollte ich Mitleid mit der— Indianerin haben? Mitleid“ wiederholte ſie mit ſonderbar bewegter Stimme—„das iſt das falſche Wort— wer hat Mitleid mit— doch was ſteh' ich da und ſchwatze;“ brach ſie raſch, faſt ängſtlich ab, während ein leichtes flüchtiges, wie krankhaftes Roth ihre Wangen für einen Moment färbte, und dann eben ſo raſch verſchwand —„ich habe noch ſo viel zu thun— will aber auch nicht böſe auf Sie ſein“ ſetzte ſie freundlicher hinzu —„ich habe Ihnen ſchon früher verſprochen Ihre Briefe für Sie nach Frankreich zu ſchreiben— Sie ſollen mir dieſelben heute Abend, wenn Marie zu Hauſe kamn⸗ die jetzt Nadame Brouard packen hilft, diktiren. Wie geht es heute Ihrem Arm?“ „Gut— ſehr gut“ hauchte Rene. „Sie werden mich doch wohl in den erſten Tagen manchmal vermiſſen“ ſagte das ſchöne Mädchen, halb von ihm abgewandt—„und das iſt einigermaßen eine Genugthuung mir das zu denken— ich bin nicht im Stande Sie anders zu ſtrafen.“ „Suſanna.“ „Schon gut— es iſt Alles vorbei— heute Abend erwarte ich Sie drüben zu unſerer Correſpon⸗ denz— ich muß jetzt fort.“. „Suſanna.“ „A revoir, monsieur Delavigne“ ſie winkte ihm leicht mit der Hand und verließ, ſich raſch abwen⸗ dend, das Gemach. Rene blieb, die Augen feſt und krampfhaft mit der Hand bedeckt, viele Minuten lang im Zimmer ſtehn; ſeine Pulſe ſchlugen— ſeine Stirn glühte, ſeine Glieder zitterten in Fieberfroſt, und wie bewußt⸗ los endlich griff er ſeinen Hut auf und ſtürmte in's Freie— an den Strand hinunter— dort lag ein Boot. „Gerade zur rechten Zeit, Monſieur!“ rief der Bootsmann der Jeanne d Arc, deſſen raſch aufgewor⸗ fene Hand die eben rinenauchten Riemen ſeiner Leute zurückhielt. „Mr. Bertrand befahl mir, Sie hier bis zwei Uhr zu erwarten— es iſt zwei vorbei und ich wollte eben hinüber fahren an Bord des Admiralſchiffs, weitere Befehle einzuholen.“ René erwiederte kein Wort— er ſprang in das Boot und wurde an Bord gerudert. „Nun Delavigne!“ rief ihm Bertrand, der mit dem Lieutnant der Reine Blanche auf dem Quarter⸗ deck auf und ab ging—„das iſt brav, daß Du kommſt— der Admiral hat Dich ſchon mit Schmer⸗ zen erwartet. Und Du biſt der unſere?“ „Ich bin's“ ſagte Rensé leiſe und des Freundes Jubelruf nicht beantwortend und ihm nur die gebo⸗ tene Hand feſt und leidenſchaftlich drückend— ver⸗ ſchwand er die Cajütstreppe hinab in den inneren Raum. Ueber die See heulte der Sturm; vor dicht ge⸗ reeften Segeln peitſchte die Jeanne d'Arc gegen die bäumenden zürnenden Wogen an, bis in den Kiel erzitternd vor den gewaltigen Stößen, mit denen ſich die See ſeinem Bug entgegenwarf. Alle Luken wa⸗ ren feſt verſchloſſen, und die von Papetee mitgenom⸗ menen Paſſagiere lagen, mit Ausnahme eines ein⸗ zigen, halbtodt an Seekrankheit in ihren Coyen. Den linken geſunden Arm um eine der Beſahn⸗ wanten geſchlagen, ſtand an der Luvſeite des Quar⸗ terdecks, den ſtieren glanzloſen Blick feſt auf die zackigen Kuppen einer aus der Ferne eben ſichtbar vorſchimmernden Inſel geheftet, René Delavigne— neben ihm, das Telescop in der Hand, und den linken Arm, ſich zu ſichern, um eine der Pardunen gelegt, Capitain Sinclair. 298 „Sie ſehn, Delavigne“ ſagte er endlich, nachdem er lange und aufmerkſam durch das Glas geſchaut, und dieſes wieder von den Augen nahm,„der Sturm will nicht nachlaſſen, und ich bin nicht im Stande, ſo leid es mir ſelber thut, die Inſel anzulaufen. Ja thät ich es ſelbſt, in dieſer See, was ich Ihnen gar nicht zu ſagen brauche, könnte nicht einmal ein Boot leben. Außerdem bin ich hier in einem, mir voll⸗ kommen fremden und von verborgenen Klippen be⸗ drohten Fahrwaſſer. Sie wiſſen wie wir geſtern faſt nur durch ein Wunder dem Korallenriff entgingen, und wir wären Alle verloren geweſen wenn wir das trafen.“ „Sie haben ſchon weit mehr gethan, Capitain. Sinclair“ ſagte Renè mit ruhiger, aber faſt tonloſer Stimme,„als ich je gewagt hätte von Ihnen zu er⸗ bitten— mehr faſt als ſie verantworten können. Ich ſehe ein daß es unmöglich iſt Atiu zu erreichen, ja daß wir ſelber hier mit einbrechender Nacht vielleicht gefährdet würden länger zu kreuzen. Ich bitte Sie, thun Sie Ihre Pflicht.“ „Lieber Delavigne“ ſagte der Capitain gerührt, „ich fühle ganz das Bittere Ihrer Lage, aber tröſten Sie ſich auch wieder mit einer baldigen Rückkehr. Was ſind die paar tauſend Seemeilen herüber und hinüber, wie bald trägt uns das gute Schiff an die 299 heimiſche Küſte.— Gingen Sie aber jetzt nicht lieber hinunter?— wenn ich das Schiff vor dem Wind abfallen laſſe, können wir wohl ein paar Seeen hin⸗ ten über bekommen, ehe die Segel ordentlich gefaßt haben; die See geht gerade nicht ſo ungeheuer hoch eine Gefahr zu befürchten, aber es iſt doch unan⸗ genehm.“ „Ich danke Ihnen“ ſagte der junge Mann leiſe —„wenn ich Ihnen hier nicht im Wege bin, möchte ich oben bleiben, bis wir— den anderen Cours lie⸗ gen— es iſt ſo bald Abend.“ Wie Sie wollen, Delavigne— bleiben Sie „ g nur da ſtehn wo Sie ſind.— Monſteur Roland“ wandte er ſich dann zu dem zweiten Lieutnant, der auf der Leeſeite des Quarterdecks indeſſen auf und ab gegangen war—„wir wollen die Marsſegel löſen — laſſen Sie dann Süd Süd Oſt anliegen.“ „Zu Befehl, Monſieur.“ Der ſchrille Pfiff des Bootsmann gellte über Deck; wie die Katzen liefen die Leute an den Wanten hin⸗ auf auf die Marsraaen, die Reefknoten zu löſen und die Segel auszuſchütteln, und gleich darauf ſtiegen die Raaen unter dem Chor der ſingenden Matroſen, die ſich nach dem Tackt mit dem ganzen Gewicht ihres Körpers in das Tau legten, empor. Der Bug des Schiffes fiel vor dem Winde ab, die Raaen wur⸗ 300 den faſt vierkant gebraßt und der ſtolze Bau, der bis jetzt mühſam gegen die ſchweren Wogenmaſſen ange⸗ kämpft, flog, von den nachpreſſenden noch gedrängt und geſchoben, pfeilgeſchwind über die rauſchenden, ziſchenden, ſchäumenden, ſtürzenden Wogen hin, die Inſel, der er den ganzen Tag vergebens zugeſtrebt, gerade hinter ſich laſſend. Düſterer wurde es jetzt auf dem Waſſer, die Sonne neigte ſich dem Horizont und dichte Wolken⸗ ſchatten ſammelten ſich mit der einbrechenden Nacht. Renè ſtand noch immer, jetzt an dem Heck des ſtatt⸗ lichen Schiffes, hinter dem die ſpritzenden ſchäumen⸗ den Wogen dreinſtürmten, die Augen feſt und unver⸗ wandt auf das mehr und mehr in düſterer Ferne verſchwimmende Land geheftet, das Alles barg, was ihm einſt dieſe Erde zum Paradies geſchaffen— Alles— Alles, und das, ein Punkt, am Horizont verſchwand. „Arme Sadie“ hauchte er leiſe, und mit der Ge⸗ wißheit des Verluſtes empfand er erſt— zum erſten Mal vielleicht ſeit langer Zeit, nicht was er verlor, nein was er muthwillig fort von ſich geworfen, und wie er das Bild ſich ausmalte, ſeines armen verlaſ⸗ ſenen Weibes, wie ſie geduldig ſeiner harrend mit dem Kind— dem ſüßen, lieben herzigen Kind auf jener, oh ſo wohlbekannten Stelle ſtand, da Tag 301 nach Tag, und Woche nach Woche verſtreichen ſah in ſtets vergebenem Harren und nur der ſtille Seufzer, keine Klage, kein Vorwurf über ihre Lippen kam, da brach ihm faſt das Herz, und da zum erſten Mal auch füllten Thränen, heiße brennende Thränen der Reue ſeine Augen. Und drüben am Horizonte verſchwand indeß das Land— noch ein dünner Streifen jetzt, wie ein blauer ſchmaler, kaum erkennbarer Wolkenſaum, wie der dunkle Schattenrand des dämmernden Meeres ſelber— und jetzt— das Auge fand ihn nicht mehr — Joranna— Joranna hauchten die Lippen und der ſtarke trotzige Mann barg weinend das kummer⸗ ſchwere Haupt in ſeiner Hand. Capitel 8 Schluß. Auf Tahiti vertheidigten ſich indeſſen die Inſula⸗ ner mit unerſchütterter, ungebrochener Tapferkeit ge⸗ gen den täglich wachſenden, ihre Inſel mit einer Kette von Bollwerken umziehenden Feind. Nicht Monate mehr, Jahre lang hielten ſie ſich in den, in den Bergen errichteten und befeſtigten Lagern und wieſen jeden Sturm und Angriff kaltblütig und un⸗ erſchrocken zurück. Neue Schiffe kamen aber, mehr und mehr Truppen wurden auf den Kampfplatz ge⸗ worfen, der den Indianern ſelber keinen Entſatz zu bringen vermochte, und das Reſultat konnte zuletzt nicht zweifelhaft bleiben. Dennoch wäre es vielleicht noch ſo viel Jahre länger unentſchieden geblieben, 303 hätte ihnen nicht Verrath die Schluchten der Berge geöffnet. Durch die Miſſionaire fortwährend in der thörich⸗ ten Hoffnung gehalten, daß ihnen England doch noch, und zwar in kürzeſter Friſt Hülfe ſchicken würde, zerſtörte dieſen Wahn zuerſt der wackere Capitain des Engliſchen Dampfers Salamander, Capitain Ham⸗ mond, der ihnen unumwunden und aufrichtig er⸗ klärte, ſo viel er wiſſe beabſichtige die Engliſche Re⸗ gierung nicht ſich in ihren Streit zu miſchen, er ſelber habe wenigſtens nicht den geringſten, dahin lauten⸗ den Auftrag bekommen, und ſie möchten ſich deshalb nicht falſchen, betrügeriſchen Hoffnungen hingeben, die ſie nur über ihre eigenen Vertheidigungsmittel irre führen, und zu unüberlegten, ihre Stellung ver⸗ ſchlimmernden Schritten treiben müßten. Pomare blieb an Bord der Baſilisk, bis eine Engliſche Fregatte, der Carysford, von Lord William Paulet befehligt, am 17. Juli 1844 in Papetee ein⸗ traf, und nach vorhergegangener Beſprechung mit Gouverneur Bruat, die Königin nach Barbara auf Imeo, wo Tabara, ihr erſter Gemahl wohnte, hin⸗ überbrachte, dort die Entſcheidung der Mächte ruhig abzuwarten. England hatte indeß die Behandlung ſeines Con⸗ ſuls nicht ſo ganz ungeahndet können hingehn laſſen, 304 während die Franzöſiſchen Klagen gegen ihn auch wohl durch zu viel Beweiſe bekräftigt wurden, ſie ganz zu verwerfen. Die Franzöſiſche und Engliſche Regierung deshalb, nicht einer ſo troſtloſen Sache wegen einen Europäiſchen Krieg zu beginnen, ver⸗ einigte ſich dahin, daß die erſtere den Admiral Du Petit Thouars, der bei ſeiner Rückkehr in Toulon von dem jungen Volk enthuſtaſtiſch empfangen und mit einem Ehrenſäbel beſchenkt wurde, trotz ſeiner Vertheidigung das Kommando entzog; die Engliſche Regierung dagegen verſprach Mr. Pritchard, der ſich den Franzöſiſchen Intereſſen zu feindlich gezeigt, nie wieder nach Tahiti oder einer von den Franzoſen in Beſitz genommenen Inſeln zu ſenden. Am 19. Juni 1847 erließen die beiden Groß⸗ mächte England und Frankreich ebenfalls eine De⸗ klaration, in welcher ſie die Unabhängigkeit der In⸗ ſeln von Huaheine, Raiatea, Bola Bola ꝛc.— erklärten, wie zugleich unter§. 3 beſtimmten, daß „kein Häuptling von Tahiti zu ein und derſelben Zeit über jene Inſeln regieren könne.“ Nicht allein daß die Macht der Pomaren auf Tahiti und Imeo gebrochen war, ſondern die ihnen bis jetzt wenigſtens tributpflichtigen Stämme wur⸗ den, um die Franzoſen fern zu halten, ihrer Ober⸗ herrſchaft jetzt ebenfalls entzogen, und der Königs⸗ ——⏑—ꝛ—ꝛꝛꝛ:On— 305 ſtamm der Pomaren ſah ſeinen Stern untergehn auf ewig. Ueber den Schluß des Krieges, den die Eingebo⸗ renen mit ſo wackerem Muth und fabelhafter Aus⸗ dauer gegen die, ihnen an Waffen und Kriegskunſt ſo weit überlegenen Fremden führten, ſagt ein Miſ⸗ ſionsbericht vom Januar 1847 das folgende: „Etwa Anfang December des vorigen Jahres entdeckte ein Eingeborener von Atiu über dem Hau⸗ taualager(deſſen Thal unmittelbar hinter Papetee liegt und eine Paſſage durch das Innere zu den bei⸗ den anderen Lagern eröffnete) einen gangbaren Pfad eine Klippe hinauf, wo die Feinde, eine Poſition nehmen konnten, das unter ihnen liegende Lager zu beherrſchen. Er war von den Eingeborenen deſertirt, und erbot ſich in Papetee die Feinde für eine beſon⸗ ders beſtimmte Belohnung— ich glaube 200 Dollar — dort hinauf zu führen. Nicht lange nachher mar⸗ ſchirten faſt ſämmtliche Truppen das Thal hinauf, die Hauptmaſſe formirte ſich in Schlachtordnung auf der gewöhnlichen Paſſage, wie im Begriff einen neuen, ſchon ſo oft abgeſchlagenen Sturm zu ver⸗ ſuchen, und der Zweck wurde auch dadurch vollkom⸗ men erreicht, denn die Eingeborenen, von denen eine ſtarke Abtheilung ſogar fouragiren geſchickt war, rich⸗ teten ihre ganze Aufmerkſamkeit auf die Vertheidigung 20 Gerſtäcker's Tahiti. VV. „ des einen Paſſes. Unter der Zeit ſchlich der Atiuer mit etwa dreißig den Franzoſen ergebenen Eingebo⸗ renen und vierzig Soldaten, zu dem ihm wohlbekann⸗ ten Pfad, und ließ von dort ein mitgenommenes Seil nieder, an dieſem eine feſte und ſchon zu dem Zweck bereit gehaltene Strickleiter aufzuziehn. Auf dieſer folgten nun nach und nach die übrigen Soldaten, bis ſie Alle die Klippe, und ſpäter den etwa 1000 Fuß hohen Abhang erreicht hatten, wo ſie die Eingebo⸗ renen unmittelbar über ihrem Lager bedrohten, und furchtbare Verwüſtung hätten unter ihnen anrich⸗ ten können. Die Inſulaner ſahen auch bald daß weiterer Widerſtand vergeblich war, ſtreckten die Waffen und wurden als Kriegsgefangene in die Stadt gebracht.“ „Die Einnahme dieſes Lagers öffnete den Fran⸗ zoſen jetzt den Weg zu den beiden anderen befeſtigten Plätzen; ihnen lag aber keineswegs daran die Inſulaner zu bekämpfen, ſie wollten ſie ſich nur unterwerfen, und entließen ihre Gefangenen augen⸗ blicklich wieder, ſobald ſie das Franzöſiſche Protekto⸗ rat anerkannt. Einer der entlaſſenen Häuptlinge wurde dann nach Buaania, der ſchwächſten Befeſti⸗ gung als Parlamentair abgeſandt ſie zur Uebergabe aufzufordern, oder mit einem Angriff zu drohn. Dieſe ebenfalls, als ſie hörten wie die Sachen doch nun 307 einmal ſtanden, unterwarfen ſich, und ſtreckten dort allein 250 Gewehre.“ „Das Lager von Papeeneo ergab ſich zuletzt; die Vertheidiger zögerten mehrere Tage, endlich aber füg⸗ ten auch ſie ſich der Uebermacht und marſchirten, ge⸗ rade am Neujahrstag, in die Stadt, wo ſie ihre Waffen nieder legten. Sie kamen in langer Pro⸗ ceſſion— die Häuptlinge voran, dann die Krieger, und die Frauen und Kinder zuletzt. Noch etwa hun⸗ dert Schritt von den Franzöſiſchen Truppen entfernt machten ſie Halt, knieten nieder und beteten, dann er⸗ hoben ſie ſich zuſammen und marſchirten in die Stadt. Indeſſen waren von den Franzoſen ſchon ihre einge⸗ borenen Richter ernannt worden, dieſe empfingen ſie mit freundlichem Gruß, bewillkommten ſie als Bru⸗ der und führten ſie nach dem Gouvernementshaus, wo ſie ihre Waffen förmlich niederlegten und das Protektorat anerkannten. Eine allgemeine Amneſtie (ohne Ausnahme) wurde dann verkündigt, alle Fehl⸗ tritte wurden als vergeſſen betrachtet, und den Leuten angedeutet ſich ruhig und unbeſorgt wieder in ihre Heimath zu verfügen.“ Die geflüchtete Königin kehrte erſt im Februar nach Tahiti zurück, wo ſie von Gouverneur Bruat empfangen und von ihm, als dem Repräſentanten Frankreichs, in alle ihre Rechte und Privilegien als 20 Königin von Tahiti und Morea, unter Franzöſi⸗ ſchem Protektorat anerkannt wurde. Ein aufge⸗ ſtelltes Muſikchor ſpielte ein Franzöſiſches National⸗ lied, und ein Salut von ein und zwanzig Schüſſen donnerte ſeinen Segen dazu. Ihre Majeſtät bekam von da an einen förmlichen Gehalt von der Franzöſiſchen Regierung; etwa in derſelben Art wie die abgeſetzten Indiſchen Fürſten auf Java von den Holländern erhalten und bezahlt werden, als Mittelsperſonen gewiſſermaßen zwiſchen den Eingeborenen, für die ſie zu haften haben, und der fremden Regierung. Pomare erhält jährlich 5000 Dollar, und außerdem noch eine nicht unbe⸗ trächtliche Summe als Landzins, für Beamtenſtel⸗ len ꝛc.— ſo daß die ganze Summe faſt 8000 Dol⸗ lar betragen mag. Jeden Verkehr Ihrer Majeſtät aber mit Fremden, die auf Tahiti wohnten oder es beſuchten, behielt ſich das Protektorat vor, und eine gewünſchte Audienz mußte vier und zwanzig Stun⸗ den vorher angezeigt und der Grund der gewünſchten Zuſammenkunft gegeben werden— wahrſcheinlich um weiteren Aufreizungen zuvor zu kommen und ſie von vorn herein unmöglich zu machen. So war der Titel den Pomaren erhalten, aber ſie hatten aufgehört zu regieren. Die katholiſche Religion breitete ſich dabei eben⸗ 309 falls mehr und mehr aus; ein Biſchof war von Frankreich herüber gekommen, und ein großer Theil der Indianer wandte ſich der neuen Religion zu. Andere verharrten in ihrem Glauben, und ſehr Viele „überlegten ſich“ die Sache; ſie waren ſtutzig gewor⸗ den auf dem eingeſchlagenen Weg— ihr einfacher Verſtand begriff die Spitzfindigkeiten der verſchiedenen Sekten nicht, und bald dieſer bald jener ſich neigend, leben ſie gleichgültig in den Tag hinein; ein geringer gebotener Vortheil kann ſie der einen oder anderen Religion leicht gewinnen. Es war Frieden in Tahiti; die Partheien hatten ſich vereinigt, Paofai und Utami, Tati, Hitoti und Paraita waren Richter des Volks geworden, und die Sonne lachte ſo freundlich auf die blitzenden Uni⸗ formen der Franzöſiſchen Soldaten nieder, die beim Parademarſch alle jungen Leute der Umgegend um fich ſammelten zu heiterer Luſt, als ſie auf die Tapa⸗ tücher von deren Voreltern nieder geſchienen. Die zer⸗ ſchoſſenen Brodfruchtbäume und Palmen waren ent⸗ fernt, und andere ſchon wieder an ihrer Stelle gewachſen, große ſteinerne Gebäude aufgeführt, breite Straßen angelegt, Brücken gebaut und— Straßen⸗ laternen ſtanden auf behauenen Corallblöcken am Strand des Hafens von Papetec. Im November des letzten Jahres kam ein Schiff durch die Straße von Tahiti und Imeo eingeſegelt und wurde da von Windſtille befallen. Während es noch mit ſchwerfällig gegen den Maſt ſchlagenden Segeln, mit der Gegenſtrömung eher wieder ſeinen — Cours zurückgehend, dort lag, lief ein kleines, von 8 zwei Eingeborenen gerudertes Boot von Morea herüber an ihnen vorbei, und wurde von Deck aus angerufen. Ein Paſſagier wünſchte mit an Land zu fahren, und da er ihre Sprache vollkommen gut verſtand, einigten ſie ſich bald darüber. Das Boot legte ſich an die Seite des Schiffs, die Fallreepstreppe wurde über Bord gehangen, und der Fremde ſtieg raſch hinab, wo er ohne Weiteres ſeinen Sitz im Heck des Bootes und der Steuerruder nahm. „Gerad' da hinüber wohin Ihr den Bug jetzt ge⸗ dreht habt liegt die Einfahrt der Bai“ ſagte der eine Indianer, als ſie das Schiff verließen und raſch über das vollkommen ruhige Waſſer dahin glitten. „Ich weiß es“ erwiederte der Europäer, ohne die Augen jetzt von dem, vor ihnen ausbreitenden Ufer fort zu nehmen, und die Indianer ruderten ſchwei⸗ gend weiter. Durch die Einfahrt glitten ſie, von der Fluth begünſtigt, raſch hinein und am Ufer hinauf, vermieden die hie und da verborgenen Corallenriffe, 311 deren Lage der fremde Mann zu dem unbegrenzten Erſtaunen der beiden Inſulaner vollkommen gut kannte, und landeten endlich in Matavaibai an dem Fuß eines ziemlich gut gehaltenen Gartens, in den oben eine der gewöhnlichen großen Bambushütten, wie ſie die wohlhabenderen Eingeborenen bewohnen, ſtand. Woher kannte der Fremde den Platz ſo genau? und doch erinnerte ſich keiner der Beiden, die hier ſeit ihrer Kindheit wohnten, ihn je geſehn zu haben. Es war ein ſchlanker kräftig gebauter Mann, und ſeine Bewegungen hätten faſt jugendlich genannt werden können, nur daß dem das ſchon ſtark ergraute Haar und die tiefen Furchen ſeines Angeſichts wi⸗ derſprachen. 4 Neun Jahre hatten René Delavigne zum Se gemacht, ſo daß ſelbſt zwei ſeiner alten Nachbarn i on nicht wieder erkannten. Er ſprang an Land, und als er den feſten Grund betrat, denſelben Platz wo einſt ſeine eigene Heimath geſtanden und er vor neun Jahren Abſchied von— Er durfte den Gedanken nicht ausdenken, denn er wollte den Inſulanern die Aufregung nicht verra⸗ then in der er ſich befand; aber er brauchte in der That mehre Minuten, ehe er ſich ſo weit geſammelt hatte ſie wieder anzureden, und frug endlich ruhig, wem das Haus hier gehöre und wer es bewohne.“ 312 „Dies hier? Mitonare“— ſagte der Eine von ihnen. „Ws für ein Mitonare?— ein Ferani oder Kanaka?“ „Kanaka— gewiß“ erwiederte der Eingeborene lachend,„Kanaka Raiteo— da ſitzt er“ fügte er dann mit leiſerer Stimme hinzu, als er mit dem Fremden den ſchmalen Weg hinauf und am Haus vorbei der Straße zu ging, und René erkannte die Geſtalt ſeines alten Feindes oder Freundes, wie es ſein Nutzen eben nur erheiſchte, der, ſein be⸗ wegtes Leben mit einem gottſeligen vertauſcht, ausruhend vor ſeiner Thür unter einem ſchattigen Orangenbuſch ſaß und, die aufgeſchlagene Bibel. en ſich auf einem Tiſch, die Hände über einem anſehnlichen Bauch gefaltet, mit unbeſchreiblicher Behaglichkeit die Laſt ſeiner Exiſtenz zu tragen ſchien. Er war in Frack, Weſte und Halstuch, ſo unbequem als möglich gekleidet, aber darunter nur in den Pareu, denn ſeine Landeskrankheit, die unter den älteren Eingeborenen ungemein häufige Elephan⸗ tiaſis, erlaubte ihm nicht, der anſehnlich geſchwollenen Beine wegen, in Hoſen zu fahren. Die Unbequem⸗ lichkeit abgerechnet hat dieſe wunderbare Krankheit aber weiter gar keine üblen Folgen, ſondern verleiht im Gegentheil dem Träger eher noch ein würdiges 313 achtbares Anſehn, wenigſtens in den Augen ſeiner Landsleute, und die damit Behafteten werden alt und grau. Als Raiteo den Fremden erblickte rief er ihm ſein gaſtliches Haremai, haremai entgegen, und lud ihn durch Winken mit der Hand ein näher zu treten. „Wollen wir nicht hin gehn?— Mitonare winkt“ ſagte der eine Inſulaner, der ihn noch bis zu da, wo oben ſeine Hütte ſtand, begleitete— Rent zögerte auch faſt unwillkürlich, aber er wandte ſich wieder ab, grüßte mit der Hand nach dem würdigen Mann hinüber, und ſchritt raſch vorbei. Langſam und allein verfolgte er, als ihn der Eingeborene verlaſſen hatte, ſeinen Weg, die jetzt breite und bequem ausgegrabene Straße entlang nach Papetec. Sein Blick flog dabei unwillkürlich von einer der gemachten Verbeſſerungen und Neuerungen zur anderen, ohne aber lange darauf zu haften; er ſchritt theilnahmlos an den Kaſernen und Kapellen, an den Gouvernementsgebäuden und Befeſtigungen vorüber, bis er die kleine, wohlbekannte Gartenpforte erreichte, die zu Monſieur Belards Hauſe führte. Seine zitternde Hand legte ſich auf den Drücker, als ſein Blick auf eine kleine Porcellaintafel fiel, die einen fremden Namen trug. Durch den Garten kam, die Hände in den Taſchen 314 ſeiner weiten Nankinghoſen, und ein fröhliches Lied pfeifend, ein behäbig ausſehend alter Herr von un⸗ verkennbar Engliſchem Ausdruck. „Verzeihen Sie mein Herr“ redete ihn René in dieſer Sprache an—„bewohnte nicht dieſes Haus in früherer Zeit ein— Monſieur Belard?“ „In früherer Zeit allerdings“ erwiederte jener— „ich habe es von ihm gekauft.“ „Und Monſieur Belard?“ frug Rens raſch. „Iſt vor zwei Jahren etwa zurück nach Frank⸗ reich gegangen.“ „Zurück nach Frankreich?— allein?“ „Mit ſeiner Frau.“ „Und er nahm— er nahm ſonſt keine Diener⸗ ſchaft— keine Begleitung mit?“ „Niemand, ſo viel ich weiß; wir waren bis zur letzten Stunde noch zuſammen.“ „Ich muß Ihre Zeit noch einen Augenblick in Anſpruch nehmen“ fuhr René nach kurzer Pauſe fort —„können Sie mir vielleicht Auskunft geben, ob Schiffe oder Fahrzeuge manchmal von hier nach den leewärts gelegenen Inſeln gehn?“ „Selten, die Miſſionsfahrzeuge ausgenommen; aber wenn Sie Fracht dorthin haben ſollten, ſo liegt gleich da unten ein kleiner Cutter, kaum größer wie eine Schiffsbarkaſſe, deſſen Eigenthümer ihn mir erſt heute Morgen zu irgend einer Fahrt offerirte; den könnten Sie jeden Augenblick miethen. Sie ſind wohl erſt ganz kürzlich von Frankreich herüberge⸗ kommen?“ „Nein Sir; ich habe Frankreich ſchon mehre Jahre verlaſſen.“ „Aber Sie ſind Franzoſe?“ „Allerdings.“ „Das dacht ich mir— doch wir ſtehn hier ſo in der Thüre, wollen Sie nicht näher treten?“ „Ich danke Ihnen herzlich“ ſagte René, dem es ein unheimliches Gefühl war die Schwelle gerade bei fremden Menſchen wieder zu überſchreiten—„ich habe dann keine Zeit zu verlieren und erkundige mich lieber gleich nach den Bedingungen. Wiſſen Sie viel⸗ leicht zufällig wo ich den Eigenthümer finden kann?“ „Er iſt ein Landsmann von ihnen und wenn Sie ihn nicht an Bord finden, können Sie ihn jedenfalls bei Viktor erfragen— er fährt aber nicht ſelber, ſon⸗ dern ſchickt ſeine Indianer. Sie gehn dazu die erſte Querſtraße hier hinauf in die ſogenannte Broomroad, und dann rechts hinunter bis Sie—“ „Ich danke Ihnen, ich kenne den Platz.“ „Ah, deſto beſſer“ und mit freundlicher Verbeu⸗ gung trennten ſich die Männer. 316 Der friſche Oſtpaſſat blähte die Segel, das wackere kleine Schiff warf ſchäumend die ſchimmernden Wel⸗ len zurück, die hinter ihnen her tanzten und ſprangen, und in wilder Luſt ihre Häupter ſchüttelten, daß die klaren blitzenden Perlen davon abſprühten, und der Himmel ſpannte ſich klar und rein über das tiefblaue, wie mit einem durchſichtig goldenen Netz überzo⸗ gene Meer. Gerade vor dem Bug des Cutters, dem er mit ſchwellender Leinwand entgegen ſtrebte, zeigte ſich Land— über den Horizont auf ſtiegen die wunder⸗ lich gezackten blauen Kuppen einer kleinen Inſel, und hoben ſich höher und höher, jetzt die einzelnen Con⸗ turen der Schluchten und Berghänge klarer abzeich⸗ nend, jetzt den zackigen Baumwuchs ſelbſt, auf dem oberen Kamm der Hügel deutlich unterſcheidend, wäh⸗ rend rechts und links ſchon ein ſchmaler, dünner, blauer Streifen— das niedere Palmenland, das die Hügel umgab, ablief, und der Fluth gleichſam ent⸗ quoll, als ſich das ſcharfgebaute flüchtige Boot mehr und mehr dem Ufer näherte. „Mein Atiu!“ flüſterte René, als er vorn auf der Back des kleinen Fahrzeugs ſtand, wo die am Bug aufſpritzenden Wogen unter ſeinen Füßen ſchäum⸗ ten,„mein liebes Atiu— und dort der Hügelhang, der unvergeſſene mit ſeinen rauſchenden flüſternden 317 Palmen, den ſtillen Zeugen meines ſchönſten Glücks— da drüben das ſchmale ſchattige Thal mit den duf⸗ tenden Blumen, dort oben die runde Kuppe, die das Ihiamoea trägt— dorthin das Joch, das ſich hin⸗ über ſpannt nach jenem Berg, über den mich Sadie führte in jener Nacht; und da unten— ha dort kommt ſchon das helle friedliche Dach des Mitonares mit ſeinem Orangenhain und Bananengarten, ſeinem lauſchigen Platz unter dem breitäſtigen Hibiscus und dem murmelnden Quell am Haus, über dem die Palme liegt. Es iſt noch Alles ſo wie ich es ver⸗ ließ“ ſetzte er tief aufſeufzend hinzu, als das kleine ſchmale Fahrzeug der Einfahrt in die Riffe zu ſtrebte, und wieder nach langen Jahren die ſtille ſo wohl bekannte Bai die waldigen Arme ausſtreckte ihn zu begrüßen—„Alles, nur in der eigenen Bruſt iſt es todt, und am Herzen nagt es und wühlt in Schmerz und Reue.“. Das Segel fiel— der kleine Eutter hatte den ſeichten Corallengrund erreicht, und drei von den vier Eingeborenen, die ſeine Beſatzung bildeten, kamen nach vorn, den leichten Anker über Bord zu werfen. Wie er ſank und den Grund faßte, ſchwang das leichte Fahrzeug vor der Fluth herum, und die kleinen Fluthwellen kräußten in dem ſonſt hier vollkommen ſtillen Waſſer an ſeinem Ankertau und Bug. ————— 2 318 Sie lagen kaum dreißig Schritt vom Land ent⸗ fernt, konnten aber, der hier überall aufzweigenden Corallen wegen, nicht näher hinan kommen und mußten von dort ein Canoe oder Boot herbei rufen. Am Ufer hatten ſich indeſſen eine Menge Mädchen und Frauen und Männer geſammelt, den ungewohn⸗ ten Beſuch zu empfangen und zu beſprechen, und René harrte mit ängſtlich klopfendem Herzen des Augenblicks, der ihn an Land— der ihn unter jene Gruppen wieder bringen ſollte, dort zu erfahren was er nicht den Muth gehabt, in eines Menſchen Auge hinein auf Tahiti zu erkunden. Wer hätte auch dort ihm Nachricht geben ſollen von der fernen Inſel. Jetzt ſtieß ein Canoe vom Strand— zwei alte Inſulaner ſaßen darin, und das leichte ſchlanke Fahrzeug glitt pfeilſchnell zwiſchen den hier überall aufragenden Corallenblöcken hin auf ſie zu und legte ſich langſeits. 4 „Joranna, Joranna!“ riefen die fröhlichen Men⸗ ſchen,„Joranna bo-y— komm an Land Fremder, komm an Land— wir haben Cocosnüſſe für Dich und Brodfrucht— komm an Land!“ Wie das Joranna dem fremdgewordenen Mann durch die Seele ſchnitt— er kannte die beiden Män⸗ ner, die manche Nacht in ſeiner Hütte geſchlafen und von ſeiner Brodfrucht gegeſſen— und ihn kannte keiner. Und hatte er ſich denn gar ſo ſehr verändert, und Zeit und Gram ſein Antlitz ſo entſtellt, daß ihn ſelbſt alte Freunde und Nachbarn nicht mehr kann⸗ ten? es war das ein wehes, ſchmerzliches Gefühl. Aber männlich kämpfte er jetzt gegen jede ſolche Re⸗ gung an; er wollte ſich nicht verrathen, ehe er nicht gewiſſe Kunde von dem erhalten, was wie die Ahnung nahenden Verderbens auf ſeiner Seele laſtete. Das freundliche Joranna leiſe erwiedernd, ſtieg er in's Boot hinüber, die Ruder fielen ein und we⸗ nige Minuten ſpäter raſchelten die Korallen unter ſeinen Füßen. „Und Sadie?“— der Name lag auf ſeinen Lippen, aber der Mund wagte nicht ihn auszuſprechen, und unwillkürlich ſuchte der ſcheue Blick unter den lachenden munteren Gruppen die theuren bekannten, und jetzt doch faſt gefürchteten Züge der Geliebten. „Sadie“ oh wie das Wort ihm durch die Seele klang, und die Erinnerung in tauſend und tauſend lieben nie vergeſſenen Bildern alle die ſeligen Stunden wieder auf beſchwor, deren Schauplatz der Boden hier geweſen. „Er verſteht unſere Sprache nicht“ ſagten die Inſulaner dabei unter einander—„er weiß nicht wohin er gehen ſoll, wir wollen den Mitonare rufen.“ Und ein paar ſprangen dem Hauſe zu, während — 320 Andere ſeine Hände ergriffen, und ihm durch Zeichen jetzt, und mit einzelnen abgebrochenen Worten, be⸗ greiflich zu machen ſuchten, daß in dem Haus da drüben ein Europäer wohne, der ſich freuen wuͤrde ihn zu ſehn. Mitonare— was für freundliche Scenen das eine Wort in ſeine Seele rief, und unwillkürlich faſt ſuchte ſein Auge die Geſtalt des kleinen würdigen Mannes in der offenen Thür. Dort aber trat ihm in der That ein weißer Mann entgegen, und René erkannte mit freudigem Staunen den alten trefflichen Mr. Nelſon, der, den Fremden erblickend, freundlich auf ihn zu kam und ihn frug, womit er ihm dienen könne. Auch dieſer ahnte in dem ergrauten Fremden mit tiefgefurchten Zügen den jungen lebenskräftigen Mann nicht mehr, der damals in ſtrotzender Jugend⸗ kraft wild und trotzig hinein in's Leben ſtürmte. „Nur einer Frage wegen komm ich her, ehrwür⸗ diger Herr“ ſagte René mit leiſer Stimme, als ob er ſchon fürchte ſich nur im Klang der Worte zu ver⸗ rathen—„lebt hier noch— wohnt noch auf Atiu— 2 — Wieder ſtockte er— er brachte den Namen nicht über ſeine Lippen. „Wen meinen Sie?“ ſagte der Geftüche, ihm ſtill uumd freundlich in's Auge ſehend. „Sonſt wohnte Bruder Ezra hier im Haus“ d— 321 ſtammelte Rend endlich, der fühlte, daß er wenigſtens eine Antwort geben müßte. „Bruder Ezra“ wiederholte der Geiſtliche, leiſe und nachdenkend dabei mit dem Kopfe nickend— „Bruder Ezra, ja ja, das war in früherer Zeit— jetzt eriſtirt der freilich nicht mehr.“ „Iſt er todt?“ rief Renè ſchnell und erſchreckt. „Nein, nein“ lächelte Mr. Nelſon,„das gerade nicht; im Gegentheil erfreut er ſich eines ganz beſon⸗ ders geſegneten Wohlſeins; aber er hat nur den „Bruder Ezra“ und den„Mi⸗to-na-re“ abgeworfen und iſt, wenn auch nicht gerade anerkannt zum alten Heidenthum, doch von unſerer chriſtlichen Gemein⸗ ſchaft zurückgetreten. Der arme kleine Mann konnte die vielen, in ihm von ſo verſchiedenen Seiten wach⸗ gerufenen Zweifel, nicht länger bekämpfen, und über⸗ ſprang ſein Ziel. Anſtatt zu prüfen und das Beſte zu behalten verwarf er Alles, und lebt nun ziemlich gleichgültig, aber anſcheinend ganz zufrieden in den Tag hinein.“ „Und wo iſt ſeine Wohnung?“ „Nicht ſehr weit von hier; gleich über jenem nie⸗ dern Hügelhang. Wenn Sie den Pfad wüßten—“ „Ich will Dich führen, Wi Win“ ſagte da eine leiſe Stimme an ſeiner Seite und als ſich René raſch dorthin wandte, ſah er ſich iner ſchlanken, ziemlich Gerſtäcker's Tahiti. IV. 91 322 abgemagerten Frau gegenüber, die ihre Augen feſt und forſchend auf ihn gerichtet hielt. „Aia!“ riefe er überraſcht aus, aber die Frau ergriff ſeine Hand und ihn mit ſich fortführend ſagte ſie: „Komm— ich weiß wohin Du willſt, und kenne den Weg faſt ſo gut wie Du.“ „Herr Delavigne!“ rief aber auch jetzt der Geiſt⸗ liche, der ihn ebenfalls erſtaunt erkannte—„mein Gott wie haben Sie ſich verändert.“ „Nicht wahr?“ ſagte René mit dumpfer düſterer Stimme,„ich bin nicht jünger geworden in den neun Jahren.“ „Komm, komm!“ rief aber die Frau, ungeduldig ihn mit ſich fortziehend—„wir Alle nicht— unſer Fleiſch iſt weich geworden, unſer Haar grau— nur die Erinnerung iſt noch friſch und jung;“ und den, ihr jetzt willenlos folgenden durch den Garten, den lieben bekannten Pfad hinführend, ſchritt ſie mit ihm durch einen Wald von Guiaven, der hier erſt ſpäter entſtanden zu jenem Hügelkamm hinauf, auf dem Sadiens Lieblingsplätzchen lag.“ „Du haſt Wort gehalten“ ſagte ſie dabei, ſtill und unheimlich in ſich hinein lachend—„Du biſt uns gefolgt— Du biſt gekommen— Sadie hat es immer behauptet.“ — — — 323 „Sadie—* „Bſt— bſt— jetzt noch nicht“ flüſterte die Frau —„Du haſt wirklich Atiu nicht ganz vergeſſen, und biſt wiedergekommen— nur ein wenig ſpät— ein wenig zu ſpät; und Dein Haar iſt ſo dünn und grau geworden, Wi Wi, in der kurzen Zeit“ fuhr ſie, plötz⸗ lich ſtehn bleibend und einen Schritt von ihm zurück⸗ tretend fort,„und was für Furchen Dir das böſe Gewiſſen in Stirn und Wangen gegraben.— Hm, hm, hm“ ſetzte ſie kopfſchüttelnd hinzu—„das war doch eine trübe Zeit für Alle— und hab ich es Euch nicht vorher geſagt?“ „Zu ſpät, Aia?“ rief René mit zitternder Stimme —„ſagteſt Du zu ſpät?“ „Bſt, bſt“ wiederholte aber die Frau, und ſchritt auf's Neue raſch voran—„kannſt es jetzt auf ein⸗ mal nicht erwarten, und haſt Dich die langen Jahre nicht um ſie bekümmert? Du kommſt zeitig genug dorthin, Wi Wi.“ Sie ſprach von jetzt an kein Wort mehr, und den Hügelhang hinan ſprang ſie mit flüchtigen Sätzen, daß ihr René kaum zu folgen vermochte, bis ſie plötz⸗ lich oben ſich wandte, und den Ferani erwartend zur Seite trat. Aber Renè folgte ihr nur langſam nach; — jeder Schritt, jeder Fußbreit hier, traf ihn wie ſcharfer Meſſerſtich in's Herz, denn ſo gepflegt, als 21*. * * 324 ob ſie nie den Platz verlaſſen und ſorgſam die kleinſte Pflanze gewahrt, lag der Pfad hier, wo der Hügel⸗ hang ſelbſt begann und die ſorgende Hand verrieth, die ihn gehalten. Und war das ſeinet willen etwa geſchehn?— Jetzt ſah er ſchon die Wipfel ſeiner Palmen, die freilich höher geworden waren in der 3 langen Zeit, jetzt erreichte er das kleine Orangen⸗ dickicht, das den lauſchigen Platz ſo treulich abſchloß gegen der Menſchen Blick von unten her, und jetzt— heiliger Gott— Sadie— ein jäher Schlag traf ihn durch Herz und Mark und wie vor einer Erſcheinung, zuſammengeſchmettert von dem furchtbaren Augen⸗ blick, ſank er in die Knie und blickte zweifelnd, ſtau⸗ nend, ſeinen eigenen Sinnen nicht trauend, auf das was ſich ihm bot. Dort ſtand ſein Weib— dort ſtand Sadie ſo ſchön und wunderhold, ſo wild, ſo jugendfriſch als je; die dunklen flatternden Blumen durchflochtenen Locken, die freie offene Stirn, das dünne Schultertuch den nackten Leib umfliegend, den Arm ausgeſtreckt gegen ihn und die zarten Lippen halb und eben weit genug geöffnet, die Perlenzähne da⸗ hinter zu verrathen.— „Sadie!“ rief er und barg die Augen in der Hand, um ſich dort auf kurze Zeit wenigſtens das holde Bild zu wahren, das, wie er nicht anders zu glauben wagte, vor ſeinem äußeren Blick doch gleich * -—,— ——’ÿ— —* 325 zuſammenſchwinden mußte—„Sadie, Du arme— verrathene Sadie!— und was der Schmerz jetzt in jahrelanger nagender Qual faſt nicht vermocht, gegen was er angekämpft mit all ſeinem hartnäckig männ⸗ lichen Trotz, das brach der eine Augenblick— das ſchmolz ihm die Rinde von dem ſtarren Herz. Wie der wild erregte Strom an ſeinem Damme wühlt und leckt und wäſcht, und unermüdlich arbeitet Tag und Nacht, bis er ſich endlich die freie Bahn geriſſen und nun unaufhaltſam hindurch drängt, und in ſeinem Sturz die Schranken alle vor ſich niederwirft, die ihn bis dahin immer noch gehalten, den furchtbaren, ſo drängte ſich jetzt ſeiner Thränen ſo lang und krampfhaft gedämmter, nun aber entfeſſelter Quell hinaus in's Freie, hinaus aus den brennenden Augen⸗ höhlen—„Sadie“ und die Stirn in den kühlen duftenden Fern preſſend, der den Boden deckte, ſchluchzte er laut: „Was fehlt dem fremden Mann?— iſt er krank? und woher kennt er meinen Namen?“ frug eine ſanfte oh ſo wohl bekannte Stimme, und ſeinen Sinnen ſelbſt mistrauend zuckte der Unglückliche empor und ſchaute, in krampfhafter Haſt ſich die wirren Haare aus der Stirn ſtreichend, auf das liebliche holde Kind, das immer noch ruhig und freundlich vor ihm ſtand. Aber auch Aia's Zorn war gewichen, als ſie den 326 Reuigen zerknirſcht, vernichtet am Boden liegen ſah, und während auch über ihre abgehärmten Züge die klaren ſchweren Thränen nieder tropften, ſagte ſie leiſe und mit unendlicher Weiche im Ton: „Die Du rufſt, falſcher, treuloſer Wi Wi— die liegt unter Dir in dem kühlen Grab, das wir, ihrer Bitte nach, ihr hier gegraben auf ihrer Lieblings⸗ ſtelle. Der kleine flache blumengeſchmückte Hügel vor Dir deckt das arme Herz, das hier zuletzt den Frieden fand den Du geraubt, und kalt und rück⸗ ſichtslos unter die Füße getreten. Es hat Dich mehr geliebt als Du verdienſt, mehr als Du je geahnt, und noch im Tode Dir vergeben und Gottes Segen auf Dein Haupt herabgefleht.— Kennſt Du Dein Kind nicht mehr?“ „Mein Kind?— Sadie?“ rief René, vom Bo⸗ den aufſpringend und die Arme nach der ſcheu zu ihm aufblickenden Jungfrau ausſtreckend— Saßie— mein armes, armes Kind.“ „Iſt das mein Vater, Aia?“ frug da mit ſchüch⸗ terner Stimme das holde Kind—„der Vater, um den die Mutter hier ſo oft geweint, und für den ich jeden Abend beten mußte, wenn dort die Sonne hin⸗ ter der Hügelſpitze ſank?“ Aia konnte nicht ſprechen, das Herz war ihr ſel⸗ ber zu voll, aber ſie nickte langſam mit dem Haupt ——y 327 und Sadie, auf den Vater zutretend und ihr Köpfchen vertrauungsvoll an ſeine Bruſt ſchmiegend, während er ſie mit leidenſchaftlicher Heftigkeit umſchlang und an ſich preßte und ihre Stirn mit heißen Küſſen be⸗ deckte, ſagte leiſe: „Wir haben Dich ſo lang erwartet, Vater, Du biſt recht lang geblieben, und Mutter hatte Dich ſo lieb.“ 1. „Mein Kind, Du brichſt mir ja das Herz“ flehte der ſonſt ſo ſtarke Mann, den der Schmerz jetzt zu bewältigen drohte—„mein liebes— liebes Kind.“ „Komm— fort von hier!“ rief aber jetzt Aia, die es nicht länger ertragen konnte, ſeinen Arm er⸗ greifend—„komm, Ihr quält Euch und mich und die Schlafende da unten unter den Blumen. Komm mit hinunter, Wi Wi, zu Ahiahi, den Du ſonſt Bru⸗ der Eztn nannteſt, daß wir uns Alle faſſen und ver⸗ nünftig werden— mir hat's die Adern bald aus der Stirn gebrannt.“ Und ſeine Hand nicht laſſend, während das junge Mädchen, von dem Arm des Vaters umſchlungen ihr Haupt an ſeine Bruſt gelehnt hielt, ſchritten ſie lang⸗ ſam den Hügelhang an der anderen Seite hinab, wo hin ein neuer bequemer Pfad gebahnt war. Er führte zu der jetzigen Wohnung des Mitonares— wie ihn 328 die Inſulaner doch noch immer, trotz ſeinem dagegen ankämpfen nannten— nieder. Mitonare ſaß vor ſeiner Thür, noch behäbiger und runder ausſehend vielleicht wie vor neun Jahren 3 ganz auch wieder in ſeiner zwar heidniſchen, aber jedenfalls bequemen und natürlichen Tracht, hatte er nur den weiten luftigen Pareu um die breiten Hüf⸗ ten geſchlagen, und mit einem breitrundigen Strohhut auf dem Kopf— dem einzigen, das er von der frem— den Mode beibehalten— trug er den Oberkörper nackt, auf dem die blauen zierlichen Linien der früheren Tattowirungen ſcharf und deutlich hervortraten. Ziem⸗ lich gleichgültig hatte er auch wohl bis jetzt die Schritte der Nahenden gehört, als ſein Blick auf die ihm verhaßte Europäiſche Tracht des Fremden fiel, und er ſchon ſtaunend und überraſcht aufſchaute über ſolch ungewohnten und auch wohl unwillkommenen Beſuch. Wie er aber die Gruppe erkannte, ſein Pflegekind im Arm des fremden Mannes, da durch⸗ blitzte ihn auch im Nu die Wahrheit des Ganzen. „Der Wi Wil“ rief er, von ſeinem Stuhle auf⸗ ſpringend und dem Fremden faſt wie unwillkürlich die Arme entgegenſtreckend, dann aber, als ob er ſich plötzlich beſann, ließ er ſie wieder ſinken, fiel auf ſei⸗ nen Stuhl zurück und ſtarrte, die Hände auf ſei⸗ nen Knieen gefaltet, mit erſtaunten Blicken auf den A 329 einſtigen Freund, der jetzt ſo ganz verändert, ein alter Mann geworden, vor ihm ſtand. „Mitonare— Joranna— Joranna!“ rief aber Rent, dicht vor ihm ſtehn bleibend und ihm die linke Hand zum Gruß entgegenſtreckend—„hab ich mich ſo verändert, daß ſelbſt Du, mein alter Freund, mich nicht mehr erkennſt? dann muß es freilich arg ſein, und ich darf es den Anderen nicht verdenken.“ Mitonare veränderte aber ſeine Stellung nicht, noch nahm er die gebotene Hand; nur in die ſchmerz⸗ durchzuckten gefurchten Züge des Zurückgekehrten auf⸗ ſchauend ſagte er leiſe, und faſt mehr mit ſich ſelber als zu dem Fremden redend. „Das war die Strafe für begangene Sünde von dem da oben, wie er auch eben heißt— das war das einzige Gute was noch in dem falſchen und leichtſinnigen Wi Wi ſtak, das Gewiſſen. Das bohrte und ſtach und mahnte und ließ nicht nach, ließ nicht Ruhe und trieb den Wi Wi wieder herüber über das große Waſſer, die Stelle noch einmal zu ſehn, wo er ſeinen erſten Meineid geſchworen gegen den Allmächtigen.“ „Mitonare“ flehte René, dem die Worte das Heerrz zerriſſen. Der kleine Mann ſchüttelte mit dem Kopf. 330 „Bah, bah“ ſagte er,„Mitonare ſteckt da drinn in den Kalebaſſen— da Frack, da Halstuch und Weſte— da dicke Buch und, da Schuh und Hemd— Ahiahi iſt ausgezogen, hat Bruder Ezra und Mito⸗ nare in den engen Nähten gelaſſen und der heißen ſchwarzen Tapa, und iſt jetzt wieder ein Mann ge⸗ worden, der ſich nicht mehr fürchtet, und die Sache abwarten will wie es einmal wird. Ahiahi hat Zeit, und kommt dann mit Vater und Großvater zu⸗ ſammen— einerlei wo.“—. „Ahiahi iſt böſe auf Dich weil Du die Mutter verlaſſen haſt“ ſagte da Sadie, traurig zu dem Va⸗ ter aufſchauend,„er hat ſie ſo lieb gehabt.“ MNiitonare hatte wahrſcheinlich recht ernſt und böſe bleiben wollen, die Töne aber ſchnitten ihm in's Herz, und des Mädchens Hand ergreifend, winkte er ihr und Aia fortzugehn. Aia ſah daß er mit dem Wi Wi allein bleiben wollte, ſchlang deshalb ihren Arm um deren Schulter und zog ſie leiſe von dem Vater fort in den Wald hinein, der die Hütte rings umgab. „Da biſt Du nun wieder auf Atiu, René“ ſagte der Mitonare endlich mit leiſer, ſchmerzbewegter Stimme, das peinlich werdende Schweigen brechend —„da biſt Du nun wieder, und wie i*ſt Dir jetzt zu Muthe?— bös, bös— recht bös und weh— und wie weh erſt haſt Du allen denen gethan die Dich ſo lieb gehabt.“ Renè barg ſein Antlitz in den Händen aber er⸗ wiederte kein Wort, und der Mitonare fuhr leiſe fort: „Die erſte Zeit war die Schlimmſte— wie wir ſo Monat nach Monat ſaßen und Deiner harrten, und Fahrzeug nach Fahrzeug ankam von Tahiti, ohne auch nur einen Gruß zu bringen an die arme Frau, da hat Sadie viel geweint, und Tage und Nächte lang da oben geſeſſen, wo ſie jetzt ausruht von ihrem Schmerz, um hinauszuſchauen nach nahen⸗ dem Segel— immer, immer wieder vergebens.“ Rene hatte raſch und erſchreckt aufgeſehen, und ſagte jetzt mit vor innerer Angſt und Aufregung faſt erſtickter Stimme. „Und hat ſie meinen Brief von Tahiti nicht be⸗ kommen, wie ich ſo ſchwer dort verwundet lag?— den Brief den der Miſſionscutter ſelber mit herüber gebracht und den der Miſſionair— ich weiß nicht welcher— verſprochen hatte in ihre Hand zu geben und ſie ſelber, und wenn nicht das, doch wenigſtens Antwort mit zurück zu bringen?“ „Einen Brief?— der Mitonare?“ ſagte der kleine Mann kopfſchüttelnd—„und wann war das?“ „ Nur wenige Wochen nachdem ſie mich verlaſſen“ erwiederte Rene ſchnell. “ 332 „Da war Bruder Rowe ſelber hier“ ſagte der Kleine kopfſchüttelnd,„und wußte von Nichts— hat kein Wort geſagt, keinen Brief— keine Nach⸗ richt gehabt für uns—“ „Und auch von Frankreich kam kein Brief hier an?“ frug René in immer wachſender Angſt. Der Mitonare ſchüttelt aber traurig mit dem Kopf und ſagte: „Keiner— kein Brief, keine Nachricht— bis— bis der Mitonare zum letzten Mal zu Sadie kam— da hat er viel geſagt, und dann—“ ſetzte er mit tief bewegter, kaum hörbarer Stimme hinzu—„d war's vorbei.“ „Allmächtiger Gott, ſo ſind meine Briefe verlo⸗ ren oder unterſchlagen“ rief René zerknirſcht,„und Sadie hat glauben müſſen ich hätte nie wieder ihrer gedacht.“ „Nie wieder ihrer gedacht?“ ſagte der Mitonare finſter,„bah, bah, was hätte der Brief geholfen, wenn der Wi Wi ſelber fortblieb, und den hat doch Niemand vergeſſen können als er ſelber.“ „Arme, arme Sadie“ ſtöhnte Rend. „Ja wohl arme Sadie“ ſagte der Mitonare traurig—„und wie der finſtere Mann erſt einmal eine lange lange Zeit weggeblieben, und drüben geweſen war über dem großen Waſſer, und wie er —& zurück kam und von dem Wi Wi erzählen konnte, daß er ihn drüben geſehn—“ René wurde aufmerkſam und ſchien dem kleinen Mann die furchtbaren Worte von den Lippen rauben zu wollen, ſo feſt hafteten ſeine Augen daran. „Als er von dem großen Haus ſagte in dem er dorten wohnte—“ fuhr Mitonare immer heimlicher fort, wie jetzt ſelber ſchüchtern, als ob die Verſtorbene noch einmal die Kunde hören könne, die ihr damals den Todesſtoß gegeben—„und daß er— daß er ſich wieder eine andere Frau genommen— das ſchöne weiße Mädchen das drüben auf Papetee geweſen, und mit dem er fortgefahren ſei in einem Schiff,— da — da war's aus. Da brach ihr das Herz und— ſie lebte wohl noch eine ganze Woche lang, und küßte ihr Kind viel und betete mit ihm, aber— aber das Gift hatte gewirkt, und am nächſten Sabbath“— der kleine Mann konnte nicht mehr. Bis hierher hatte er ſich, ſeinen Schmerz in der Gegenwart des Mannes der der Urheber all dieſes Leids geweſen verbeißend, ruhig gehalten und wenn auch oft mit zitternder Stimme, doch ſelbſt ohne Thräne im Auge forterzählt, die Erinnerung an das herbe Leid aber das ihn betroffen, in ſolcher Art wach gerüttelt, nahm auch ihm den letzten Halt, die letzte Feſtigkeit, und den Kopf auf die Knie niederbeugend, daß der Wi Wi die Thränen nicht ſehen ſollte, die er nicht mehr zurückhalten konnte, ſtützte er den Kopf in die Hände und ſchluchzte laut. René wagte nicht das Schweigen zu unterbrechen — er ſtand da, erſchüttert und vernichtet, und die gefalteten Hände vor ſich nieder ſtreckend, das Kinn auf die Bruſt gebeugt, ſtarrte er mit todtbleichen Zü⸗ gen und thränenloſen Augen vor ſich nieder, bis der Mitonare ſich endlich gewaltſam bezwang, die Thrä⸗ nen aus den Augen wiſchte und mit lebendigerer Stimme fortfuhr. „Nachher kam Bruder Rowe wieder zu uns; die Mutter war fertig— wollte nun an der Tochter anfangen— kam wieder mit„Bruder Ezra“ und„Mi⸗ tonare“, Oros Zorn über ihn; kam mit dickem Buch und dem ſtachlichen Stock da hinten— aber Ahi-ahi iſt nicht ſo ſchwach— Bruder Rowe kommt nicht wieder über den Hügel— da hinaus flog er, glaubte er hätte Arm und Bein gebrochen.— Jetzt iſt Alles wieder gut,“ ſetzte er dann mit ruhiger Stimme hinzu,„Ahiahi lebt zufrieden und glücklich — lernt keine Bibelverſe mehr und kein kleines dün⸗ nes Buch, braucht Nichts mehr herzuſagen und ſich nicht mehr mit iti iti kanaka zu ärgern. Aber—“ ſetzte er plötzlich raſch und erſchreckt hinzu, als Sadie mit Aia zurückkehrten zum Haus, und ein neuer Ge⸗ 335 danke ſein Hirn durchzuckte—„was willſt Du jetzt wieder hier auf Atiu— Wi Wi— biſt Du gekom⸗ men die Mutter zu ſuchen oder— oder willſt du— Dein Kind mit Dir nehmen in die fremde kalte Welt hinaus?“ Renés Blick haftete mit unendlicher Wehmuth auf den lieben Zügen des holden Mädchens, das die letzten Worte gehört und ſich ſchüchtern zu ihrem Pflegevater wandte. „Fort von Dir, Vater?“ ſagte ſie dabei—„fort von Aia— von Mutters Grab?— ich darf nicht— ich habe ihr verſprochen ihr Lieblingsplätzchen da oben zu halten wie es iſt.“ „Ja“ ſetzte der kleine Mann finſter, und doch mit angſtgepreßter Stimme hinzu—„ja— Du kannſt ſte jetzt fortnehmen mit Dir— Du haſt vielleicht das Recht dazu, und— ſie iſt auch jetzt faſt ſo alt wie ihre Mutter damals war— gerade alt genug um auch draußen die Sprache der Wi Wis und der Beretanis zu lernen, und fremde Kleider zu tragen und ſich elend zu fühlen— wie ihre Mutter. Hier hat ſie freilich Nichts anderes getrieben als Tapa machen und ſingen und tanzen und fröhlich ſein, und beten Abends wenn ſie dem Grab der Mutter gute Nacht ſagte; ſie weiß Nichts weiter, als was wohl einen der jungen Burſchen hier auf der Inſel glücklich 336 machen könnte— und ſie dann vielleicht auch.— Aber nimm ſie nur mit, bis ſie ihr draußen auch das Herz gebrochen haben, wie ihrer Mutter, dann ſchick ſie mir wieder, und Ahiahi wird ihr dann das Bett machen neben— neben der Anderen.“ „Nein, nein!“ rief aber René, dem der nur zu gerechte Vorwurf tief in die Seele ſchnitt—„nein Mitonare, ich habe ſchwer genug geſündigt an Euch hier;— nicht mehr— nicht mehr. Behalt Sadie, und wahre ſie vor dem Fluch der ihrer Mutter Glück zertrümmerte— halte ihr Herz rein und gut, laß ſie nie hinaus über das Rauſchen ihrer Palmen, über das Donnern ihrer Brandung, und mir den Troſt wenig⸗ ſtens zu glauben daß ſie, mein Kind, hier glück— lich lebt.“ Der Mitonare ſtand eine ganze Weile vor ihm, bald ihn, bald das Kind betrachtend, endlich ergriff er langſam des Mannes Hand und ſagte leiſe und mit tief bewegter Stimme: „Armer Wi Wi— armer René— Du biſt recht alt geworden in den wenigen Jahren— und gewiß nicht glücklich, wie Du vielleicht geglaubt.“ René ſchüttelte heftig und abwehrend mit dem Kopf und der kleine Mann fuhr, ſich abwendend fort—„die Menſchen wiſſen's gewöhnlich nie wenn ſie's ſind— wollen Andere glücklich machen und machen ſte, und manchmal auch ſich ſelber elend. Dein Volk hat unſerem Lande viel Schmerz gebracht.— Aber wie willſt Du's haben?“ ſetzte er dann ruhiger, freundlicher hinzu, dem Vorwurf vielleicht ein Wort des Troſtes beizumiſchen—„ich weiß nicht, ob Du das Kind mir laſſen willſt, oder ob ihr vielleicht der weiße Mitonare, der ſie ſchon oft hat haben wollen, die Sachen lehren ſoll, die ſie bei mir nicht lernen kann?“ „Nein Mitonare, nein!“ rief aber René raſch und bewegt—„kein Segen wäre das hier für ſie, auf der ſtillen Inſel, und Du ſelber haſt Dir das größte Recht auf ſie erworben. In lieblicher Unſchuld iſt das Mädchen aufgeblüht— wahre Du ſie fortan, wie Du's bis jetzt gethan. Doch ich bin reich; ich will Dir Geld zurücklaſſen, daß Du—“ „Geld?“ unterbrach ihn aber der Mitonare raſch und zornig—„Geld? willſt Du ſelber den Fluch wieder ſäen auf Atiu, der unſer Volk ſchlecht ge⸗ macht hat und geizig? Geld— fort damit, fort— es iſt Gift darin und Haß und Neid, und ſie wachſen mit den häßlichen runden Stücken. Siehſt Du die reife Frucht da am Brodfruchtbaum? ſiehſt Du das klare Waſſer hier?— brauchen wir mehr?— Wir nicht, aber wer anders braucht davon;— die ſchwar⸗ zen Mitonares wollen Geld— immer nur Geld— Gerſtäcker's Tahiti. lV. 22 338 denen gieb es wenn Du ſo viel haſt; Ahiahi gönnt es ihnen— nicht uns hier; haſt uns weh genug gethan; aber Du meinſt es nicht ſo ſchlimm“ ſetzte er ruhiger hinzu—„wußteſt es nur nicht beſſer. Doch es iſt Zeit für Dich, Sadie— die Sonne ſinkt; komm Aia— laß die Beiden zuſammen gehn— das Gebet dort oben am Hügel wird ihnen wohl thun. Gehſt Du mit ihr René?“ René barg ſein Angeſicht in den Händen und ſtand ſtill und ſprachlos, viele Secunden lang; end⸗ lich ermannte er ſich. Als er die Hände fort nahm, war ſein Antlitz faſt todtenbleich, und er ging lang⸗ ſam auf den Mitonare zu, ergriff und ſchüttelte ſeine Hand, und küßte den darüber etwas verlegenen klei⸗ nen Mann auf den Mund; auch Aias Hand, die ſie ihm willig überließ, nahm er und drückte ſie, und ſein Kind dann an ſich ziehend, ſchritt er mit ihm langſam den kleinen Hang hinauf, dem Grab der Gattin zu. Lange ſchon war die Sonne im Meer geſunken und tiefe Dunkelheit deckte das Land und den Occan, noch immer aber ſaß der kleine Mitonare vor ſeiner Hütte, Vater und Tochter zu erwarten, und fing ————— —— ſchon an unruhig zu werden über das gar ſo lange Ausbleiben der Beden. Endlich erhob er ſich, und wollte ſich eben aufmachen ihnen entgegen zu gehn, als er leichte Schritte im Laub hörte, und gleich darauf Sadie— allein— vor ihm ſtand. „Und wo haſt Du den Wi Wi?“ frug der Mi⸗ tonare raſch und eine dunkle Ahnung zuckte ihm durch's Herz; Sadie aber ſchmiegte ſich an ſeine Bruſt, und während er fühlte wie die heißen Thrä⸗ nen ihren Augen entquollen flüſterte ſie: „Er iſt fort, Vater— fort, und wird nie wie⸗ der kehren.“ „Fort?“ rief der Mitonare erſchreckt—„mitten in der Nacht?— wohin?—“ „Fort mit ſeinem Boot“ ſagte die Jungfrau, das liebe Antlitz mit den Händen deckend— „Durch die Corallenriffe bei Nacht?“— „Wir haben lange auf Mutters Grab gebetet, und er mit mir, wie's Mutter mich gelehrt; alle die alten Gebete hab' ich ihm geſagt, und— oh er hat geweint, als ob ihm das Herz brechen müßte an der theueren Stätte. Dann hat er mich an ſich gezogen und mich geküßt, und wieder geküßt, und ſeine Sa⸗ die, ſein liebes armes Kind genannt, und dann geſagt, er ſei nicht werth zu leben, wo er uns Alle un⸗ glücklich gemacht. Da bat ich ihn bei uns zu bleiben 22* 340 und ſchlang meine Arme um ihn, aber er riß ſich los von mir, und floh den Hang ſinab, und als ich trauernd zurückblieb und ihm nach ſchaute, konnte ich das kleine Schiff erkennen, wie es den Anker hob, das Segel ſetzte— und mit der friſchen Briſe die heut Abend weht, glitt der dunkle Schatten des Fahrzeugs von ſicherer Hand geſteuert durch die Riffe hin, der Einfahrt zu, durch die es bald verſchwand.“ Der Mitonare erwiederte kein Wort; er küßte das Mädchen und ging hinein in ſein Haus und blieb dort allein, den ganzen Abend. Als ſich die Sonne am anderen Morgen aus dem Meere hob, blickten die Inſulaner vergebens nach dem kleinen Cutter aus— kein Segel war am ganzen Horizont zu ſehn. Druck von Ferber F Seydel in Leipzig.