2 ee — 5 1 292 —⸗-—-———— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und iranzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(Caution. Unbekaunte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——— 1 Nr 50 Sf.— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Nf. 2 Mk.— Pf. 15. Auswärtige Ahonnenten haben für Hin⸗ lund Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, Vieiſſudre verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. VeVn ——— Cahiti. Roman aus der Südſee. F v dn l. Roman aus der Suüdſee von Friedrich Gerſtäcker. Drilter Band. Berlin, Rudolph Gaertner, Amelang'ſche Sort.⸗Buchhandlung. Leipzig, Hermann Costenoble, Verlagsbuchhandlung. 185 ¹. —— 8 5 99 Inhalt des dritten Bandes. Alte Erinnerungen und neue Schmerzen. Pomare und Du Petit Thouars. Die Tahitiſche Flagge. Die Conferenz Suſanna.... Jim O'Flannagan in Thätigkeit Conſul Pritchards Gefangennahme. Pomare's Flucht... Der erſte Kampf..... Der Abſchied. Capitel J. Alte Erinnerungen und neue Schmerzen. Ueber die See ſtrich der Morgenwind leiſe und feucht, kräuſelte die Wogen, die ſpielend, neckend nach ihm auflangten, und glitt dann raſch zwiſchen die Palmen am Ufer und in den fruchtſchweren Wald, in dem er rauſchte und flüſterte und Thau und Blüthen niederſchüttelte aus dem blitzenden Laub. Bleigrau lag noch das Meer, und nur dunkle Schatten flogen über ſeine Fläche, wo der Wind ſie faßte, herüber und hinüber drängend und oft im raſchen Zug darüber hinſtreichend. Nur am Himmel kündete der lichte Streif den nahenden Morgen, und ſandte ſeine zucken⸗ den Strahlen weit aus über den noch ſternfunkelnden Himmelsdom, vor denen die Kinder der Nacht erblichen Gerſtäcker's Tahiti. III. 1 2 und ſcheu und furchtſam zurückwichen, dem Sonnen⸗ gott Raum zu geben. Und heran kam der, auf ſchnaubenden Roſſen, wie vom Sturm getragen, und nicht langſam und zögernd, wie bei uns im kalten Nord— dem erſten Angriff folgend mit ſtarker mächtiger Hand, ſcheuchte er die Nacht vor ſich her, und ſeinem erſten dämmern⸗ den Nahen folgte auch ſchon der Siegeszug, mit dem er den flüchtigen Feind zu Paaren trieb. Dunkel und blau lag das Meerr, als der erſte zündende Strahl darüber zuckte und die kleinen Wellen neugierig die Köpfe hoben, zuerſt dem nahenden Gott in's Auge zu ſchauen; und ein blinkendes Netz warf er über ſie aus, Gold und Purpur ſtrahlend, und wie von einem Zauberſtab berührt, glühte plötzlich das weite wogende Meer, jede Welle den blauen ſchlanken Nacken mit Diamanten überſtreut und von Gold⸗ und Silberadern dicht und leuchtend durchzogen. Und die Berge ſtrahlten den Widerglanz zurück, die thaube⸗ deckten Palmenkronen warfen den ſilbernen Regen nieder in Thal und Schlucht, und wie aufathmend in unendlicher Wonne und Seligkeit, ſtrömte der Duft aus von all den Blüthenhainen, die tief verſteckt im dunklen Laube ruhten, den Seewind rückwärts treibend, mit ſanfter liebender Gewalt. Ueber die Berge aber ſchaute der Sonnengott freundlich in's Thal, und grüßte die friedlichen Dä⸗ cher alle, die tief verſteckt im ſchattigen Laub lagen und ihn fürchteten den Gewaltigen. Nicht täuſchte ſie dabei der leiſe Kuß den er ihnen zuwarf wie er nur den Hain erreicht;— höher ſteigend und wachſend an Macht und Gewalt wäre der Kuß zum giftigen ſengenden Pfeil geworden, der zündet was er erreicht und dorrt und brennt, und die Palmen hatten dann alle Hände voll zu thun, und mit allen Faſern den kühlen Lebensſaft aus dem feuchten Strand herauf⸗ ziehen, das ihnen anvertraute Gut, die Wohnungen der ſtillen Menſchen vor dem glühenden Strahl zu ſchützen und zu ſchirmen. Und wie freundlich er da unten auf dem gelben Laub ſpielte, das hie und da den Boden bedeckte, wie er ſich durch jede Zweigesſpalte durchſtahl und den ſaftigen Blättern ſchmeichelte und mit ihnen koſ'te, ihn nur durchzulaſſen, ein kleines kleines wenig nur durchzulaſſen zu den Blüthen und Früchten unten, denen er Zucker bringen wollte und ein goldenes Kleid, und dann wunderliche Figuren mit ihren Schatten formte, und ihnen Zeichen und Bilder in die Haut grub zum Angedenken. Welch freundliches Leben und Treiben in dem herr⸗ lichen Wald, und daß die Art da kommen ſollte mit gierigem Zahn, und die Palmen niederſchlagen und 1* 4 Bäume, Felder zu bilden mit langen geraden Reihen, viereckige, eingezäunte Felder, dem Sonnenſtrahl preis⸗ gegeben, der dann nicht ſpielend mehr zwiſchen den Zweigen koſt, ſondern verlangend ſich an den Boden ſaugt und ihn hart und trocken zieht in gieriger Luſt. Aber fort mit dem traurigen Bild; noch rauſchen die Bäume, noch flüſtert der Morgenwind, der flatter⸗ hafte Geſelle, den Blüthen allen ſeinen tollen Liebes⸗ unſinn vor, und unter dem Laub, die ſchönſte Zierde des Hains, der Blumen eine die das Land gebar und die zu ihnen gehörte, zu den ſchlanken Palmen und duftenden Blüthen ſaß Sadie, und wie an den wehenden, raſchelnden, wispernden Blättern der Banane, die ihre grünen Fächer ſchützend über ſie breitete, der Thau in großen hellen Tropfen blitzte und funkelnd niederfiel in ihren Schoos, ſo hing an ihren Wimpern ein klares Thränenpaar und ſchwer 3. und langſam ſank es nieder zu dem Thau— anderen, ſchwereren Perlen Raum zu geben. 1 Sie war allein— nur das Kind ſpielte zu ihren Füßen, haſchte nach den wechſelnden Schatten die ein neckiſcher Strahl über ein hin⸗ und herwehendes 2 Blatt warf, oder ſuchte ſich kleine blitzende Muſcheln aus dem Korallenkies, der ſich hier mit dem Boden vermengte— Rens hatte ſeine Heimath— zum erſten Mal ſeit ſie mit ihm vermählt— ſchon vor Tag, und zwar durch Bertrand abgeholt, verlaſſen, in einer Stimmung verlaſſen, die ihr das Herz mit Sorge füllte— ſie wußte ſelber nicht warum, und jetzt ſchnürte ihr eine Angſt, der ſie nicht Worte zu geben wußte, die Bruſt zuſammen und die Thränen, die ihren Wimpern entfielen linderten den Schmerz nicht, der ſie erzeugt, ſondern brannten nur weiter in zün⸗ dender, quälender Lohe. So ſaß ſie da, lange, lange Minuten, in ihrem Gram, die brennenden Augen in der Hand geborgen und die klaren Tropfen preßten ſich gewaltſam Bahn, zwiſchen den zarten, zitternden Fingern durch, hinaus ins Freie. Aber immer ängſtlicher wurde ihr dabei ums Herz, ein merkwürdig ſtechendes Gefühl zog ihr durch Scheitel und Hirn— ſie athmete ſchwer und wie von einer heranpraſſenden Gefahr bedroht, die ſie umgab und wenn auch unſichtbar bedrohte, ſchaute ſie endlich verſtört und bleich empor und ſprang mit einem jähen Schrei auch auf von ihrem Sitz, denn vor ihr ſtand, mit auf der Bruſt gekreuzten Armen, den ernſten aber jetzt nicht ſtrengen Blick feſt und forſchend auf ſie geheftet, der Mann, der einſt mit kalter ſtarrer Hand hineingreifen wollte in ihre Liebe, in ihr Leben, und dem ſie ſich ſeit jenem Tag nicht mehr gegenüber geſehen— der Miſ⸗ ſionair Rowe. gE 6 Und was führte ihn jetzt zu ihr?— Sorge? Theilnahme? hatte ſein ſtarres unduldſames Herz verziehen? oder— wie Fieberfroſt zog es ihr durch Mark und Bein wenn ſie des fernen Gatten dachte und den ſtillen wehmüthig ernſten Blick des finſtern Mannes ſo feſt, ſo entſetzlich feſt auf ſich gerichtet ſah. „Um Gott!— was iſt geſchehen?“ flüſterte ſie endlich in kaum hörbaren, angſtdurchzitterten Tönen— „wo iſt René?— was iſt vorgefallen ehrwürdiger Herr?“ und das Kind, das auf dem Boden neben ihr geſpielt und die ſchmerzlichen Laute der Mutter hörte, ihre Thränen ſah, ſprang auf und klammerte ſich ſchreiend an ihr Knie, ſich nur wieder beruhigend als es den Schutz fühlte, den ihre Nähe gab. Aber der ehrwürdige Mr. Rowe ſchüttelte mit dem Kopf und ſagte ernſt: „Wenn Du eine Unglücksbotſchaft fürchteſt, meine Tochter, ſo beruhige Dich, denn ſie kann nicht von mir ausgehen— ich weiß von keinem fleiſchlichen Leid, das Dich und die Deinen betroffen haben könnte. Aber nicht dem auch ſind Deine Thränen gefloſſen,“ ſetzte er wehmüthiger hinzu—„nicht die Furcht vor Krankheit oder Tod hat dieſe Wangen gebleicht, dieſe Augen geröthet— o Prudentia, ſind das die Früchte unſerer Lehren, das die freudigen Hoffnungen, die 7 wir, Dein Pflegevater und ich auf Dein Wachſen und Aufblühen ſetzten?— iſt das Verſprechen Wahr⸗ heit geworden, das uns Dein kindlich frommer Sinn in früher Jugend gab, und pflegſt Du ſo das Wort Gottes, das Dir, ein heiliger tröſtender Stern hätte vorleuchten ſollen auf der ſchweren Bahn der Prüfung die Du, nach dem Willen des Höchſten betreten, und der Du, ach, nach ſo kurzer, ſo entſetzlich kurzer Zeit ſchon erliegſt?“ Sadie ſchwieg— das Herz war ihr ſchon über⸗ dies voll und ſchwer, und die Worte des Geiſtlichen ſchnitten nur noch tiefer ein in die Wunden. Auch der wehmüthige, faſt liebende Ton den ſie an ihm nie gewöhnt, drang ihr mit ſcharfem Schmerz in die Seele und wie das, was ihr in früher Jugend ge⸗ lehrt und ihr Herz damals in voller ungetheilter Kraft erfüllt hatte, jetzt wieder, vielleicht ſtärker noch durch die Geſtalt des damaligen ſtrengen Lehrers, durch die Stimme ſelber zu Tag gerufen worden, deren Klänge in ihrer Erinnerung nie verwiſcht, nur geſchlummert hatten, ſo ſtieg auch mit den Worten der mahnende finſtere Geiſt auf und hob warnend die Hand und der Gedanke ich habe geſündigt wuchs, ein Furcht⸗ und Schreckensbild, mit rieſenhafter Schnelle vor ihrem inneren Auge empor und gab der Angſt und Qual die ſie an dieſem Morgen ſchon 8 gefühlt einen entſetzlichen und doch ihr unbewußt ſo falſchen Ausdruck. „Ach, ehrwürdiger Herr“ flüſterte ſte leiſe— „nicht aus eigenem Antrieb— Gott weiß es— be⸗ trat ich jenen Ort, und nicht wohl hab' ich mich darin gefühlt, zwiſchen den fremden Menſchen.“ „Aber Du haſt mit ihnen getanzt!“ ſagte traurig der Miſſionair und ſein Auge haftete in ernſter Wehmuth auf den bleichen Zügen der armen jungen Frau—„ihrer wilden zügelloſen Luſt mit der ſie ſich im Kreiſe ſchwingen, fremde Frauen in den Armen fremder Männer, haſt Du beigewohnt, haſt Theil daran genommen und wenn Du da glaubſt, und Dir vorſprichſt vielleicht, Dich vor Dir ſelber zu entſchul⸗ digen, Dein Herz ſei noch frei von böſer Abſicht, böſen Wünſchen— glaube es nicht!— Der Feind hat die Hand nach Dir ausgeſtreckt, die Du ihm, ſtatt ihn mit frommem inbrünſtigem Gebet und fleißigem Leſen in der heiligen Schrift, abzuwehren, willig— ja Prudentia— willig geboten haſt. Der erſte Schritt dazu war, als Du einem Manne folgteſt, der dem wahren Glauben abhold, nie in das ſtille Heiligthum Deines Herzens hätte eindringen dürfen, eindringen können, wäre nicht grobe Sinnlichkeit und fleiſchliche Luſt ſtärker in Dir geweſen als die Liebe zu Gott.“ 9 „Ehrwürdiger Herr“ bat Sadie. „Es ſchmerzt mich“ fuhr der Geiſtliche mit faſt weicher Stimme fort„es ſchmerzt mich tief Dir weh thun zu müſſen, Prudentia, denn ich habe Dich lieb gehabt, ſchon als kleines Kind, und Dein Wachſen und Gedeihen in ſo Gott wohlgefälliger Weiſe mit inniger Freude angeſehen. Ich hielt es damals für meine Pflicht Dir entgegenzutreten als Du den erſten Fehltritt thun wollteſt— der Herr hat es anders ge⸗ lenkt, Sein Name ſei geprieſen.— Aber nur eine Prüfung wollte er Dir auflegen, ob Du, das Kind dieſer Inſeln, die Du die Herrlichkeit Seines Namens von Seinen Dienern ſelber gehört, und ſorgfältig auf⸗ gezogen warſt, Sein Wort weiter zu verbreiten auf dieſen Inſeln, auch beſtehen würdeſt auf dem rauhen Pfad des Lebens, wenn keine treue und ſichere Hand Dich mehr führte und leitete auf Seinen Wegen zu wandeln. Alle, alle dieſe Hoffnungen ſind dahin geſtoben, wie Spreu im Winde— der erſte Lufthauch der Luſt, der Verführung, und Jahrelange Arbeit und Müh ſchwand dahin, als ob es ein Nichts geweſen wäre, ein todtes Blatt im Herbſtſturm, das dem Meere der Vernichtung entgegenweht. Und noch— jetzt noch iſt es Zeit Dich zurückzuhalten, jetzt noch iſt Rettung nicht unmöglich, wenn Du die mahnende Freundesſtimme— die Stimme Gottes hören wollteſt, 3 10 die bittend, flehend zu Dir ſpricht, durch meinen Mund. Noch iſt die elfte Stunde nicht vorüber— noch lacht Dir das Licht der Verheißung und es iſt mehr Freude im Himmel über einen Sünder, der reuig zurückkehrt in die Arme des Allliebenden, als über tauſend Gerechte die da eingehn zur himmliſchen Herrlichkeit.“ „Was kann ich thun?“ klagte die arme Frau und faltete verzweifelnd die Hände auf dem Schooße „mein Gatte, mein Kind fordern mein Leben— ihnen gehört es, ihnen muß ich bleiben und ſagt nicht ſelbſt Gott in ſeinem Wort: Du ſollſt Vater und Mutter verlaſſen, und dem Manne folgen?“ „Dem Manne, aber nicht dem Feind“ rief der Miſſionair zum erſten Mal wieder den alten unver⸗ ſöhnlichen Haß im Blick—„nicht dem Feind, Pru⸗ dentia, der Dich mit ſüßen Liedern und rauſchenden Klängen lockt. Du ſollſt dem Mann, der nun doch einmal Dein Mann geworden, in allem Guten folgen, aber nicht in Sünde und Finſterniß— und das nicht allein, Du ſollſt, Du mußt all Deine Kraft, all Deine Macht über ihn anwenden, ihn ſelber zurückzuhalteu von dem, was ihm Verderben droht.“ „Was würde Vater Osborne ſagen“ fuhr er wieder mit weicherer leiſerer Stimme fort,„wenn er Dich geſtern in ihren Reihen, die Fröhlichſte unter den Fröhlichen noch hätte ſehen können?“ Sadie ſchüttelte traurig mit dem Kopf und ſeufzte tief auf. „Wenn er Zeuge geweſen wäre, wie Du ihre Tänze tanzteſt und in ihren Armen den Abend ver⸗ brachteſt, der in Gebet um Deinen Gatten, um Dein Kind hätte verfließen ſollen. Prudentia— kannſt Du noch beten?“ „Aus voller inniger Seele zu meinem Gott!“ rief aber das arme Weib jetzt, dem bei den Worten eine Laſt von der Seele wälzte—„der Schein mag wider mich ſein, und der Ausſpruch der Menſchen; aber Gott der mein Herz ſieht und kennt, weiß mit wie wehmüthigem Gefühl ich dem Befehl, dem Wunſch meines Gatten gehorchte, Theil zu nehmen an den Luſtbarkeiten der Fremden. Mir war nicht freudig dabei zu Muthe und nicht froh; ich paſſe nicht zwiſchen ſie mit ihren fremden Sitten und Ge⸗ bräuchen— mit ihren fremden Gedanken von recht und gut— mir iſt nur wohl in meiner Heimath, bei meinem Kind und hätt' ich mein freundliches Atiu nicht verlaſſen dürfen, wie froh, wie glücklich, wie Gott dankbar hätte ich leben wollen.“ „Ich komme jetzt von Atiu“ ſagte Mr. Rowe leiſe. 4 12 „Von Atiu?“ rief Sadie raſch und bewegt die Hände faltend—„von— von Atiu;“ ſetzte ſie lang⸗ ſamer und mit kaum hörbarer Stimme hinzu— „von meinem Atiu— und haben ſie meiner freund⸗ lich noch gedacht?“ „Bruder Ezra hat mich begleitet“ ſagte der Miſ⸗ ſionair ohne direkt auf ihre Frage zu erwiedern— „denn der jetzigen inhaltſchweren Verhältniſſe wegen iſt eine Zuſammenkunft von allen ſolchen Männern wenigſtens nöthig geworden, die irgend eine vor⸗ ragende Stellung auf den verſchiedenen Inſeln ein⸗ nehmen, dort etwa auftauchendem Franzöſiſchem Einfluß zu begegnen. Die Mutterkirche in England ſcheint theilnahmlos unſerem Kampfe zuſchauen zu wollen, und wir müſſen ihr jetzt zeigen über welche Kräfte wir zu gebieten haben, und ob nur einige wenige, der chriſtlichen Religion gewonnene Häupt⸗ linge ihren Schutz verlangten, oder ein ſtarkes zahl⸗ reiches Volk, das ein Recht hat, ihre Hülfe zu be⸗ anſpruchen.“ „Mi⸗-to-na-re“ flüſterte die junge Frau, unter Thränen lächelnd leiſe vor ſich hin—„Mi⸗to-na-re.“ „ Ja Prudentia— dort allerdings war eine ſchöne Zeit für Dich“ ſagte der Geiſtliche, mit ernſter Theil⸗ nahme den Faden auffaſſend, der an ihre Erinnerung knüpfte—„und Gottes Hand lag li 13 Heimath, ſeinen Segen ſpendend zu jeder Stunde die mit Glück und heiliger Ruhe Deine Bruſt er⸗ füllte. Keine Reue über eine einzige verfehlte Stunde — keine Furcht vor einem einſtigen Strafgericht er⸗ füllte da Dein Herz der aufkeimenden Sünde wehrten die Männer, die ihre Lieben daheim, ihr Vaterland verlaſſen hatten, Dich und die Deinen einem ewigen Leben einer einſtigen Glückſeligkeit zu gewinnen, indem ſie die heidniſchen Gräuel zerſtörten, die dieſe Wälder und die Herzen ihrer Bewohner füllten, und Gottes Vaterhuld ſpannte ſeinen blauen Himmelsdom liebend über ein glückliches Land. Da kam der Verſucher und Du erlagſt.“ „Ehrwürdiger Vater“ bat Sadie. „Fürchte nicht, mein Kind, daß ich in dieſer Stunde gekommen bin Dir Vorwürfe zu machen über Vergangenes; es iſt geſchehen— ich ſtreckte meine Hand aus Dich zu retten, aber Du ſtießeſt ſie zurück, und wenn ich Dich auch, durch die Verhält⸗ niſſe gezwungen, eine Zeitlang Deinem Schickſal überlaſſen mußte, habe ich Dich doch nicht einen Tag nur aus den Augen verloren Prudentia, und keines⸗ wegs die Hoffnung aufgegeben, Deine Seele ihrem Erlöſer zu retten— ja ich fürchte faſt, wieder zu gewinnen.“ „Aber was kann ich— darf ich thun?“ frug 14 Sadie in peinlicher Angſt—„meinem Gatten gehört mein Leben, mein Glück— ſelbſt unſere Religion gebietet uns ihm zu gehorchen.“ „Willſt Du ſeinen Leib oder ſeine Seele retten?“ frug der Prieſter mit finſterer, faſt tonloſer Stimme. „Seinen Leib?“ rief Sadie— der mit Blitzes⸗ ſchnelle der neue Gedanke an Gefahr des Gatten durch die Seele zuckte—„ſeinen Leib? was droht ihm?— was ſoll ich retten— o ſprecht um des Heilands Willen, was iſt geſchehen?“ „Thörichtes Kind“ ſagte aber der fromme Mann kopfſchüttelnd und ſeufzend auf ſie nieder ſchauend— „thörichtes blindes Kind, das hoffend und träumend, in ſündhafter Sorgloſigkeit in die Welt hineingelebt hat, und die wetterſchwangere Wolke, die droben furchtbar am Himmel droht, nicht ſieht— oder nicht ſehen will. Nicht von dem Einzelnen ſpreche ich, der leichtſinnig die Rache ſeines Gottes herausfordert durch verſtocktes Anhängen am Götzendienſt, mit dem ſich die Frevler hier Bahn gebrochen haben durch der Waffen Gewalt— nicht der Einzelne iſt es, der den ſtrafenden Schlag des Allmächtigen zu fürchten hat— „Ich will meine Pfeile mit Blut trunken machen,“ ſpricht der Herr—„und mein Schwert ſoll Fleiſch freſſen über dem Blut der Erſchlagenen, und über dem Gefängniß und über dem entblößten Haupt des Feindes.— Jauchzet Alle, die Ihr ſein Volk ſeid, denn er wird das Blut ſeiner Knechte rächen und wird ſich an ſeinen Feinden rächen und gnädig ſein dem Lande ſeines Volks— Nun will ich mich auf⸗ machen ſpricht der Herr— nun will ich mich er— heben, nun will ich hoch kommen, denn die Völker werden zu Kalk verbrannt werden, wie man abge⸗ hauene Dornen mit Feuer anſteckt— Und der Herr iſt zornig über alle Heiden, und grimmig über Alles ihr Herr— er wird ſie verbannen und zum Schlachten überantworten und ihre Erſchlagenen werden hinge⸗ worfen werden daß der Geſtank von ihren Leichnamen aufgehen wird, und die Berge mit ihrem Blut fließen.“ „Allerbarmer!“ rief Sadie und barg zuſammen⸗ ſchaudernd ihr Antlitz in den Händen, dem furcht⸗ baren Bilde zu entgehen, das der finſtere Mann vor ihr heraufbeſchworen. „Allerbarmer ja!“ ſagte der Prieſter in langſam und tiefem Ton—„ja, bis zum letzten Faden ſeiner Gnade und Barmherzigkeit— dann aber auch der Rächer und furchtbare Richter, mit dem Schwert ſeines gewaltigen Zornes und dem Eiſen ſeiner All⸗ mächtigkeit. Sein Arm iſt furchtbar und die Welt zittert wenn er den Finger hebt.“ „Aber Gott kann nicht den Untergang Aller 16 wollen“ bat Sadie—„er ſieht die Herzen und weiß die Schuldigen von den Schuldloſen zu trennen— o wäre Vater Osborne hier, daß er ſeinem armen Kinde Troſt ſpendete und Rath in der entſetzlichen Noth.“ „Nur im Gebet liegt Beides“ erwiederte ſtreng und ernſt wie je, der Geiſtliche—„bete Tochter, ver⸗ lorenes Lamm der Heerde— bete. Bete zu dem All⸗ mächtigen daß er Deiner Stimme Kraft verleiht, zu dem Ohr des Gatten zu dringen, daß er Deinem Herzen die Stärke giebt, auszuhalten in dem ſchweren Werk und Seinem Pfad zu folgen, trotz allen Irr⸗ gängen des Verſuchers. Noch iſt der Böſe mächtig in Dir, aber der Herr wird Dich beugen und nieder⸗ werfen in den Staub, wenn Du Dich an ſicherſten glaubteſt vor Seinem Arm— ſo bete, bete daß Er die Faſern Deines Herzens zum Lichte wende und Seine Hand über Dich halte, Dich zu ſchirmen und ſchützen in dem nahen Kampf.“ Und wie von dem Geiſt berührt von dem er ſprach, warf er ſich plötzlich neben der Trauernden, die mechaniſch ſeinem Beiſpiel folgte, auf die Knie nieder, und die Augen ſchließend und die faſt krampf⸗ haft zuſammengefalteten Hände zum Himmel aufhe⸗ bend rief er mit lauter wehdurchſchauerter und das Herz des Weibes wie mit ſcharfer Waffe treffender Stimme in dem Pſalm Aſſaphs: 17 „Herr es ſind Heiden in Dein Erbe gefallen— die haben Deinen heiligen Tempel verunreinigt und aus Jeruſalem Steinhaufen gemacht. „Wir ſind unſeren Nachbarn eine Schmach ge⸗ worden, ein Spott und Hohn denen, die um uns ſind. „Herr wie lange willſt Du ſo gar zürnen, und Deinen Eifer wie Feuer brennen laſſen? „Schütte Deinen Grimm aus auf die Heiden, die Dich nicht kennen, und auf die Königreiche, die Deinen Namen nicht anrufen. „Denn ſie haben Jacob aufgefreſſen und ſeine „Häuſer verwüſtet. „Gedenke nicht unſerer vorigen Miſſethat, er⸗ barme Dich unſerer bald, denn wir ſind faſt dünne geworden; „Hilf uns Gott, unſer Helfer, um Deines Na⸗ mens Ehre willen; errette uns und vergieb uns un⸗ ſere Sünde um Deines Namens willen. „Warum läſſeſt Du die Heiden ſagen„Wo iſt nun ihr Gott? „Laß unter den Heiden vor unſeren Augen kund werden die Rache des Blutes Deiner Knechte, das vergoſſen iſt. „Laß vor Dich kommen das Seufzen der Ge⸗ fangenen; nach Deinem großen Arm behalte die Kinder des Todes, Gerſtäckers Tahiti. III. 2 18 „Und vergilt unſern Nachbarn ſiebenfältig in ihren Buſen ihre Schmach, damit ſie Dich, Herr, geſchmähet haben. „Wir aber, Dein Volk und Schaafe Deiner Weide, danken Dir ewiglich und verkündigen Deinen Ruhm für und für!“ Langſam erhob ſich der Prieſter nach dem Gebet der Rache an den Allerbarmer und ſtand noch viele Minuten lang, mit feſt auf der Bruſt gefal⸗ tenen Händen neben der knieenden Frau; aber Sadie regte ſich nicht— das Antlitz in den Händen über den Stuhl hingebeugt, lag ſie in heißem brünſtigen Gebet und nur das heftige Wogen ihrer Geſtalt, der heiße raſche Athem der ſich ihrer Bruſt entrang, ver⸗ rieth das Leben, das Leiden der Armen. Der ehrwürdige Mr. Rowe ſchaute mit ernſtem faſt wehmüthigem Blick auf die Betende nieder und legte dann ſeine beiden Hände leiſe und wie ſegnend auf ihr Haupt. Sadie fühlte die Berührung und zuckte unter ihr zuſammen, aber ſie blieb regungslos in ihrer Stellung. „Prudentia“ ſagte Bruder Rowe leiſe—„Pru⸗ dentia!“— aber keine Antwort wurde ihm, und nur feſter ſchien die Weinende das Antlitz in ihren Hän⸗ den begraben zu wollen.„So ſei Gott mit Dir!“ ſagte der fromme Mann, ſeinen Hut ergreifend, den 19 er daneben auf den Tiſch geſtellt—„ſo ſende er Dir ſein Licht und ſeine Gnade— er laſſe ſein Angeſicht leuchten über Dir und gebe Dir ſeinen Frieden!“ Sich dann wendend, verließ er mit leiſen Schritten das Haus, ging langſam durch den Garten, an deſſen Thüre ein Inſulaner halb auf der Lauer, halb auf ihn wartend, geſtanden hatte und folgte der Broomroad, die nach Papetee hinunter führte. Seine etwas lange und hagere Geſtalt war aber noch nicht ganz hinter den, dieſen Theil der Hecke bildenden Papayen verſchwunden, als aus der ziem⸗ lich dichten Orangenlaube die nahe zum Hauſe ſtand, eine kleine wohlbeleibte Figur, ganz das Gegentheil des mageren Geiſtlichen, vortauchte, und deſſen Ent⸗ fernung mit augenfälliger Aufmerkſamkeit und faſt wie mißtrauiſch beobachtete. Der hier jedenfalls ver⸗ ſteckt Geweſene ſchien ſich auch gar nicht damit zu beruhigen daß der alſo Bewachte ſeinen Weg die Straße entlang bis außer Sicht fortſetzte, ſondern er verließ ebenfalls den Garten und folgte dem Andern zuerſt eine kurze Strecke auf dem Weg, und dann, als er eine kleine Anhöhe erreichte, von der er einen ziemlichen Ueberblick gewann, noch eine ganze Zeit⸗ lang mit den Augen, bis er wirklich in weiter Ferne hinter einer Biegung der Straße verſchwunden war. Erſt dann ſchien er ſich vollkommen ſicher zu fühlen 2 und eilte jetzt mit raſchen Schritten und Freude ſtrah⸗ lenden Augen zum Haus zurück, deſſen Thüre noch, wie ſie der Geiſtliche verlaſſen, halb geöffnet ſtand. An der Schwelle aber blieb er wie ſcheu und un⸗ ſchlüſſig ſtehen— er hob den Arm und ließ ihn wieder ſinken— er ſetzte den Fuß vor, und zog ihn faſt ängſtlich wieder zurück; endlich aber faßte er ſich ein Herz— die Sonne ſtieg mit jedem Augenblick höher und er durfte die koſtbare Zeit nicht länger verſäumen, und die Hand der Thüre nähernd klopfte er, mit einem jedenfalls gewaltſam geſammelten Ent⸗ ſchluß laut und herzhaft an. Keine Antwort;— drinn im Zimmer rührte und regte ſich Nichts und der Klopfer blieb kopfſchüttelnd und unſchlüſſig in ſeiner lauſchenden Stellung an der Thür. Endlich, und nach augenſcheinlicher Ueber⸗ windung klopfte er zum zweiten Mal, und zwar etwas ſtärker als vorher, und als auch diesmal ſeine Anmeldung ſo unbeantwortet blieb als vorher, ge⸗ wann die Ungeduld bei ihm ſo weit die Oberhand, daß er, vielleicht auch halb mit der Ueberzeugung es ſei Niemand mehr im Haus, den Knöchel ſeines drit⸗ ten Fingers laut und heftig an die Thür anpochte, in demſelben Augenblick aber auch mit einem kaum unterdrückten Schrei zurückſprang, als das leiſe aber doch ſo deutliche und ihm ſo wohlbekannte„hare mai“ 21 einer weiblichen Stimme an ſein Ohr ſchlug. Sei erſtes Gefühl ſchien auch wirklich unbedingte Flucht, aber die Töne hatten zugleich alte und oh ſo liebe Erinnerungen in ihm geweckt, und faſt inſtinktartig und jedenfalls unbewußt nach ſeinen Füßen hinunter⸗ fühlend, ob er die Schuhe auch, wie es ſich gehöre, daran habe, und nicht etwa wieder barfuß als roher Wilder zwiſchen den cultivirten Menſchen herumlaufe in der Welt, ſchob er die Thüre langſam auf und trat hinein. Sadie hatte ſich eben, als ſie das Klopfen gehört, vom Boden erhoben und ſtand der Thüre zugedreht, kaum aber auch die kleine, ſo lang befreundete Geſtalt des Eintretenden erblickt als ſie mit dem Freudenruf „Mitonare— mein guter, lieber Mitonare,“ auf ihn zuſprang und ſeine, nach ihr ausgeſtreckte Hand ergriff. „Pu⸗-de-ni-a!“ ſtammelte der kleine Mann, und riß die Augen weiter und weiter auf, den mehr und mehr füllenden und vorquillenden Thränen, die er nicht zurückpreſſen konnte in ihr Bett, einen Blick ab⸗ zugewinnen auf das Weſen, das ihm das Liebſte ge⸗ weſen war auf der Welt, faſt ſeit dem Tag an, wo er es zuerſt auf ſeinem Arm gewiegt und mit allen Schmeichelnamen genannt hatte die er wußte— „Pu⸗de-ni⸗a— es— es freut mich recht— recht ſehr— Sie— Sie— Dich—“ Er kam nicht 4. 22 weiter— die großen hellen Thränen rollten ihm die Backen hinunter und die nicht widerſtrebende Frau an ſich ziehend, rieb er— den höchſten Ausdruck in⸗ nigſter, herzlichſter Zärtlichkeit den er kannte, ſeine Naſe an der ihrigen, zog ſie dann feſter an ſich, ſtreichelte ihr mit beiden Händen die Schläfe, drehte ihr Köpfchen zu ſich hin, ihr in die Augen zu ſehen und nannte ſie dabei mit allen alten Schmeichel⸗ namen die er kannte und ihr, o wie viel tauſend Mal ſchon, in früheren Jahren liebkoſend gegeben hatte; Sadie aber barg ihr Köpfchen an ſeiner Bruſt und ihre Thränen ſtrömten ungehindert an dem Herzen des treuen ehrlichen Freundes. Bruder Ezra. war auch wirklich der Erſte der ſich wieder ſammelte, und das geliebte Kind auf Armes Länge leiſe von ſich ſchiebend, daß er eben die bleichen, thränenfeuchten Züge erkennen und überblicken konnte, ſagte er flüſternd und mit recht weicher, wehmüthiger Stimme, doch nicht in ſeinem gebrochenen Engliſch, ſondern der ihm geläufigen Mutterſprache: „Aber was iſt das?— iſt Pudenia— meine kleine, liebe Pu de ni a nicht mehr das fröhliche leichtherzige Kind von A-ti-u?— ſind die klaren Augen ſchon ſo trüb geworden in der kurzen Zeit, und die Wangen ſo fahl? und iſt der böſe böſe 23 Wi wi etwa gar ſchlecht geweſen mit meinem Lieb, meinem ſüßen herztröſtenden Lieb?“ Unter ihren Thränen vor lächelte Sadie und ſeine Hand faſſend und ſtreichelnd ſchüttelte ſie leiſe mit dem Kopf und ſagte, mit wieder faſt dem vollen Strahl vorigen Glücks in den ſchönen Zügen: „Nein Mi⸗to-na-re— nein er iſt gut und lieb wie je und mein Herz iſt ſein bis zum Tod, und weit, weit darüber hinaus— zanke mir nicht den Wi-Wi—“ „Dann hat Dir der„ſchwarze Mann“ wieder das Herz ſchwer gemacht mit ſeinen Worten, die Einem wie Meſſer einſchneiden in die Bruſt und nur immer brennen und ſchmerzen“ ſagte Bruder Ezra, und der ſcheue aber zürnende Blick den er aus dem Fenſter die Straße entlang warf, verrieth nur zu deutlich wen er damit gemeint.„Wenn ich eine Zeitlang mit ihm zuſammen bin, und ihn beten und predigen höre, dann komme ich mir immer vor wie der entſetzlichſte furchtbarſte Sünder, der noch ein beſonderes Feuer in der Hölle haben müßte, ſeine Sünden vollſtändig abzubüßen— und wenn ich ſonſt mit Vater Osborne ſprach, war mir's dagegen, als ob mir der eine Laſt von der Bruſt gewälzt und mir Balſam in die friſchen Wunden gegoſſen hätte. Es iſt doch eine ganz erſchreckliche Geſchichte, wenn * * 24 man ſo gar nicht gewiß erfahren kann ob man ein nichtswürdiger Sünder oder ein guter Chriſt iſt, und ich bin bei mir noch nicht im Stande geweſen da⸗ hinter zu kommen.“ „Aber wie ſtehſt Du aus, Mitonare“— rief Sadie, indem ſie lächelnd einen Schritt zurücktrat, ſeine Geſtalt und Kleidung, die ſich allerdings ſeit ſie ihn nicht geſehen um ein Weſentliches verändert hatte, beſſer überſchauen zu können—„ſegne mich, wie Du Dich gekleidet haſt, und wie ſtattlich Du einher gehſt jetzt, und wie ehrwürdig.“ Bruder Ezra ſchüttelte mit dem Kopf, und ſich ſel⸗ ber, mit einem keineswegs ſehr ſelbſtgefälligen Blick von oben bis unten betrachtend, ſagte er leiſe und traurig: „Es iſt Nichts, Pudenia— gar Nichts; die Hoſen machen einen Menſchen höchſtens unbequem aber noch nicht zum Chriſten, und die ſteifen Dinger hier unter den Ohren— der Weiße hatte geſtern recht der mir ſagte wenn ich mich einmal raſch und plötzlich bückte, ſchnitt ich mir die Ohren ab, wie mit dem Raſirmeſſer.“ „Die Kleider machen allerdings den Chriſten nicht, Mi⸗-to-na-re“ lächelte Sadie,„aber das treue Herz in der Bruſt hat Dich dem reinen ſchönen Glauben gewonnen und Dein Herz erfüllt mit Seinem Ehr und Preis.“ 4 8* 25 Der kleine Mitonare ſeufzte recht aus ſchwerem Herzen tief auf, und es war augenſcheinlich daß ihn dort etwas drückte, mit dem er ſich ſcheute an Ta⸗ geslicht zu kommen. Sadie fühlte das mehr als ſie es ſah, denn des Mitonare veränderte Kleidung hatte ihre Aufmerkſamkeit bis jetzt in der That zu ſehr in Anſpruch genommen. Erſt jetzt bemerkte ſie auch eigentlich, ihm voll in's Angeſicht ſchauend, daß nicht Alles ſo mit dem kleinen, ſonſt ſo freundlichen Manne ſtehe als es wohl ſolle, und irgend etwas vorgefallen ſein müſſe, das ihn drücke und quäle, und nicht zu Ruhe kommen laſſe. Mit ſeinen Schwächen und Eigenſchaften aber auch wieder bekannt, lächelte ſie, denn nicht unwahrſcheinlich kam ihr der Gedanke, die neue außergewöhnliche und unbequeme Kleidung die ihm der Miſſionair jedenfalls wenn nicht aufge⸗ nöthigt doch angerathen(bei Mr. Rowe ſo gut wie ein Befehl) drücke ihn und nehme ihm das Freie, das Zutrauliche ſeiner Bewegungen. Mirto-na-re ſah aber auch wirklich verzweifelt aus, denn nicht allein daß er die Weſte feſt und eng zugeknöpft trug über dem ſeit einiger Zeit wieder ge⸗ diehenen Bauch, und die Knöpfe derſelben in wirklich gefährlicher Spannung hielt, nicht allein daß ihm das weiße dicke Tuch dreimal in dichten Falten um den Hals lag und dem Kopf das Anſehen gab, als 1 . ob er mit dem ſteif und ſtarr geſtärkten Hemdkragen oben eben nur hinausgeſchnürt ſei; nicht allein daß ſeine Füße wie früher in den breiten unbequemen Schuhen ſtanden, und er bei jedem Schritt auftrat, als ob er den Fuß irgendwo eingeklemmt hätte, und ihn wieder herauszuziehen wünſche, ſo war ihm auch jetzt das, ſonſt doch wenigſtens bequeme und luftige Lendentuch genommen, und die kleinen dicken Beine ſtaken in ſo engen ſtrammen Hoſen, daß es ein Wunder ſchien wie er überhaupt hineingekommen und den kleinen ſchüchternen Mann veranlaßt hatte einen kurzen Pareu, trotz den Einreden des Geiſt⸗ lichen, noch über dieſem neuen und jedenfalls un⸗ paſſenden Kleidungsſtück zu tragen, das nun einmal durchaus nöthig ſein ſollte auch den letzten heidni⸗ ſchen Anſtrich von ihm zu entfernen. Und ſelbſt das war nicht genug geweſen, denn ſogar der hohe troſt— loſe Europäiſche Hut durfte nicht fehlen ihn elend zu machen, und ſo oft war er ſchon damit in jedem Guiavenbuſch, jeder Banane, in der Thür jeder Hütte, in den Zweigen jedes Baumes hängen geblieben, daß er jetzt unter keiner Palme mehr hinging ohne den ſchmalen Rand ſeines Peinigers zu faſſen und ſich zu bücken.. Solcher Art, und noch mit dem Zuſatz eines dicken und ſchweren Gebetbuchs, das er in die linke 27 und enge Fracktaſche hineingezwängt trug, während es ihm in dem ſchmalen Zipfel fortwährend in die Knie⸗ kehlen ſchlug, war Mitonare aufgeputzt, und es läßt ſich denken daß er ſich, ſelbſt unter den günſtigſten Verhältniſſen, an das freie Leben ſeiner Inſeln ge⸗ wöhnt, nicht hätte leicht und behaglich fühlen können. Aber dem armen kleinen Mann drückten auch noch andere Sorgen. „Die ſchöne Zeit iſt vorbei“ ſagte er traurig, „wo nur die Sterne die Augen Gottes waren, und ich hineinſchauen konnte, durch die funkelnden Lichter bis tief in ſein herrliches Reich. Mitonare iſt un⸗ glücklich, ſein Glaube iſt wankend geworden, und nun hat er den Weg verloren und weiß nicht ob er gerade durch über die Berge und durch die Thäler weg ſteigen und klettern, oder ein Canoe nehmen, und im ſeichten Binnenwaſſer der Riffe langſam hinſteuern ſoll.“ „Armer Mitonare“ lächelte Sadie, die noch im⸗ mer nicht den ernſten Sinn ſeiner Worte begriff— „aber wer hat Dich nur ſo herausgeputzt in der fremden Tracht, die Dir nicht paßt und zuſagt?“ „Wer?“ murmelte Bruder Era finſter vor ſich hin—„wer?— er hat noch andere Sachen gethan. Wir ſind arge Sünder und müſſen jetzt entſetzlich viel beten und Bibelſtellen auswendig lernen, oder wir 28 gehen Alle rettungslos zu Grund— Mitonare kennt das halbe dicke Buch, und die andere Hälfte hat er auch gekannt aber wieder vergeſſen; nun muß er noch einmal von vorn anfangen und— und ſein Vater und Großvater bleibt doch in der— da unten — tief da unten.“ Der kleine, ſonſt ſo freundliche Mann ſchüttelte finſter mit dem Kopf und Sadie, ſeine Hand ergrei⸗ fend ſagte mit leiſer unendlich rührender Stimme: „Es wird ſchon noch Alles gut gehen, Mi—to— na-re— und Gott iſt ja der Allerbarmer, ohne deſſen Willen kein Sperling vom Dache, kein Haar von Deinem Haupte fällt— ſo erzähle mir von Atiu— von meinem Atiu— was ſie dort treiben und thun und— ob ſie meiner noch manchmal freundlich da gedenken. Ach kein Tag vergeht, wo ich die Wolken nicht neide die da hinüberziehn, und mit meinen Ge⸗ danken, meinen Wünſchen ihnen doch noch ſo weit, ſo weit voraus bin.“ „Atiu“ wiederholte der kleine Mann, langſam und freundlich mit dem Kopfe nickend—„mit dem ſtillen luftigen Haus und der kleinen lieben Kirche— wo die nahuitarava ia mere*) Abends gerad über unſerem Dache ſtehn und ihr mildes Licht auf uns *) Nahuitarava ia mere, das Geſtirn des Orion. H 29 heruntergießen; wo— aber es iſt auch manches an⸗ ders geworden auf Atiu“ ſetzte er ſinnend, und faſt wie mit ſich ſelber redend, hinzu—„die Leute wer⸗ den zu klug und zu reich, und dann iſt's mit dem Frieden vorbei und dem Glück.— Wie ſchön war Atiu als es nur ſeine Palmen hatte und ſeine Pan⸗ dangedeckten Hütten.“ „Wie ſchön war Atiu“ wiederholte ſeufzend die junge Frau. „Und vielen Beſuch haben wir drüben gehabt“ ſetzte der kleine Mitonare mit noch faſt ernſterer Stimme hinzu—„lauter Leute die es gut mit uns meinten, wie ſie ſagten, und die gekommen waren unſere Seelen zu retten, und die uns entſetzlich viel verſprachen wenn wir nur gerade da hineinſpringen wollten, wo die Anderen ſagten daß es lichterloh mit Pech und Schwefel brenne.“ „Waren Miſſionaire von Frankreich auf Atiu?“ frug Sadie raſch und faſt erſchreckt. „Ich weiß nicht wo ſie herkamen,“ ſagte der kleine Mann traurig,„aber Wi Wis waren darunter und Andere auch— und— ſie haben uns wenig⸗ ſtens das Herz ſchwer gemacht, mit ihren Verſprech⸗ ungen und drohenden Reden.“ „Und weiß Mr. Rowe daß die Fremden da ge⸗ weſen?“ Mitonare lächelte faſt wieder wie in alter Zeit und ſagte ſchmunzelnd: „Ob er es weiß; und Mord und Blut hat er vom Himmel heruntergebeten für die— die Götzen⸗ diener— und der Himmel blieb blau“ ſetzte er un⸗ heimlich lachend hinzu—„und dann kamen die anderen Männer und ſprachen vom lieben Gott, den ſie ganz genau kennen wollten und der ihr beſter Freund ſein ſollte, und riefen auch wieder einen Feuerregen von Pech und Schwefel nieder auf die Häupter ihrer Gegner— und der Himmel blieb blau!“ So ſcharf und grell ſtieß er dabei das letzte Wort aus, daß die kleine Sadie, die bis jetzt ruhig und unbeachtet am Boden geſpielt, erſchreckt in die Höhe fuhr und einen leiſen Schrei ausſtieß. Bruder Ezra drehte ſich raſch danach um und das Kind kaum am Boden erblickend, warf er, mit Mißachtung jedes Unfalls, den Hut von ſich auf die Erde, fiel neben dem noch immer furchtſam zu ihm emporſchauenden Kinde auf die Knie nieder und rief mit, vor innerer Rührung faſt erſtickter aber auch jubelnder, jauch⸗ zender Stimme:. „lti iti Pudenia, iti iti aiu, potii.“*) *) Kleine kleine Pudenia, kleines, kleines Herzchen, mein kleines Mädchen. 31 Und die Kleine, die ihn erſt ſtaunend betrachtet hatte, ſtreckte die Händchen nach ihm aus und lachte ihm entgegen, und der gute kleine Mitonare griff ſie auf, nahm ſie auf den Arm und ſprang jauchzend mit ihr im Zimmer umher, bis ihn das hinten wie wüthend über ſolches Betragen ſchlenkernde Buch zum Einhalten zwang, ſo ſehr ſie ſich Beide darüber freuten. Jetzt hatte er aber auch, mit dem Kind, Alles vergeſſen, was ihn bis dahin gedrückt oder weh gethan, und das Mädchen nur herzend, das ſich wunderbarer Weiſe Alles von ihm gefallen ließ, was er mit ihr vornehmen mochte, als ob es gewußt hätte daß ihr von dem Manne ſicher nichts Uebeles drohe, plauderte er mit ihr das tollſte wildeſte Zeug, nannte ſie bei allen Schmeichelnamen und fing end⸗ lich ſogar an mit ihr in ſeinem gebrochenen Eng⸗ liſch, von dem er aber in den letzten Jahren noch viel mehr vergeſſen als dazu gelernt hatte, zu ſchwatzen und lachen und Geſchichten zu erzählen aus Bibel und Heidenzeit, von Meer und Land, wie es ihm durch den Sinn zuckte, dem lieben lächelnden Kind gegenüber. Und Sadie ſtand daneben, die linke Hand auf den Tiſch geſtützt und mit der rechten in den Locken des Kindes ſpielend und ſeinen Scheitel ſtreichend, während die kleine Sadie jauchzte und lachte über den neuen wunderlichen Spielgefährten, 32 ihre Aermchen um ſeinen Nacken legte und ihn an den ſteifen Hemdkragen und Halstuchſpitzen zupfte. Und Mitonare ließ ſich das Alles ruhig gefallen, und hatte tauſend und tauſend Fragen und Liebko⸗ ſungen für das Kind. „Und wie lange bleibſt Du auf Tahiti, Mito⸗ nare?“ ſagte da Sadie—„haſt Du auch Atiu ver⸗ laſſen, und willſt nicht wieder zurückkehren nach dem lieben Land?“ Da wurde der kleine Mann plötlich ernſthaft, ſetzte das Kind, das ihn noch gar nicht laſſen wollte nieder auf den Boden und ſagte, recht herzhaft mit dem Kopfe ſchüttelnd und einen ſcheuen Blick nach der Thür werfend: 3 „Wär' es auf mich angekommen, hätt' ich die Inſel nicht verlaſſen mein Lebelang, außer Dich hier, Pudenia, vielleicht einmal wieder aufzuſuchen und— wenn es anging, zurückzuholen zu Deinen alten Lieb⸗ lingsſtellen; aber es iſt jetzt eine ſc=hlimme Zeit— die Leute ſind irre geworden an ihrem Gott und mit Gewalt wollen ſie die Liebe bringen, und mit Blut den Glauben begießen, daß er wachſe uud gedeihe.“ „Aber ich verſtehe Dich nicht“ ſagte Sadie. „Sie haben was vor hier auf Tahiti!“ fuhr der Bruder Ezra leiſe fort, als ob er ſich fürchte irgend ein Geheimniß zu verrathen,„was es iſt, weiß ich 33 noch nicht, aber die Bibelſtellen die Vater Rowe ge⸗ predigt riechen nach Blut. Die Beretanis haben Kriegsſchiffe hier, wie ich ſehe, aber die Wiwis ſind auch nicht müßig, und vorgeſtern waren zwei große Schiffe auf Atiu in Sicht, von denen Raiteo behauptet, daß ſie den Feranis gehörten und viel Kanonen an Bord hätten mit Pulver und ſchweren Kugeln.“ „Und was können unbewaffnete Menſchen da⸗ gegen thun? frug Sadie wehmüthig mit dem Kopfe ſchüttelnd. „Unbewaffnete, Nichts“ erwiederte Bruder Ezra raſch,„aber Bewaffnete deſto mehr; Bibeln waren nicht in den Kiſten, die ſie vom Bord deſſelben Wallfiſchfängers, der jetzt, wenn mich nicht Alles täuſcht, hier im Hafen liegt, in Atiu an Bord und zu ſicheren Verſtecken in die Berge ſchafften.“ „Die Miſſionaire werden nie die Hand reichen zu Gewalt und Blutvergießen“ rief Sadie. „Wenn ich was nicht ſehen mag, dreh' ich den Kopf weg,“ ſagte der Mitonare trocken—„es giebt Leute genug überall, die, einen Dollar zu verdienen, leicht ein ſchlechtes Werk thun, wie viel eher denn nicht ein gutes— ihre Landsleute mit Waffen zu verſehen, daß ſie ſich ſelbſt beſchützen können.“ Gerſtäcker's Tahiti. III. 3 4 1 34 „Du nannteſt erſt Raiteo, Mitonare?“ frug Sadie —„wie geht es ihm und was treibt er jetzt— iſt er ein beſſerer Menſch geworden?“— „Was er in dieſem Augenblicke treibt weiß ich wahrlich nicht“, ſagte der kleine Mann finſter,„aber als ich kam ſtand er draußen auf Poſten, und ging dann mit dem ehrwürdigen Bruder Rowe in die Stadt zurück;— iſt nicht das erſte Mal daß ſie in einem Joche ziehn.“ „Raiteo hier auf Tahiti?“ rief Sadie erſtaunt. „Raiteo Mitonare“ erwiederte Bruder Czra trocken. „Mitonare?— Raiteo? der ſeinen Vater ver⸗ rathen würde um ein Stück Kattun zu verdienen oder ein Stück Geld?“ „Raiteo Mitonare“ beſtätigte aber auf das Be⸗ ſtimmteſte der kleine Mann und ſetzte, langſam dabei mit dem Kopfe nickend hinzu—„Menſchen ſind einmal bös, und dann wieder gut— Raiteo hat ſeine Sünden eingeſehen und iſt frommer Mann ge⸗ worden— aber trägt noch keine Hoſen“ fügte er, trotz aller Unbequemlichkeit, doch mit einem gewiſſen Grad von Eiferſucht hinzu;„hat noch ſein Lenden⸗ tuch und ſeine nackten Beine und bloßen Kopf— und nur am Sabbath in der Kirche einen Frack— kann nicht gut ohne Frack in die Kirche kommen.“ „Raiteo Mitonare“ wiederholte aber wiederum 35 Sadie, die ſich noch immer nicht von ihrem Er⸗ ſtaunen erholen konnte—„und das auf Atiu— wo ſie ihn kennen.“ Bruder Ezra verneinte das aber. Auf Atiu ei⸗ gentlich nicht, der Wahrheit die Ehre zu geben, denn wenn auch ſein frommer chriſtlicher Sinn dort gerade bei ihm zum Durchbruch gekommen, habe doch auch Manches wieder, gerade in der Erinnerung der Be⸗ wohner der Inſel, gegen ihn geſprochen und Bruder Rowe, der ſich von ſeiner wirklichen Sinnesänderung überzeugt, hätte ihn eben nur mitgenommen, um ihn vielleicht mit bei der, in den nächſten Tagen zu hal⸗ tenden Verſammlung von„Kirchenälteſten“ zu wiſſen und dann auf irgend eine der Nachbarinſeln, auf denen er nicht gerade perſönlich bekannt ſei, zu verſetzen. Sadie blickte erſtaunt auf den kleinen Mann, denn eine wunderbare Veränderung war jedenfalls in deſſen ganzem inneren Weſen vorgegangen. Er, er noch vor wenigen Jahren jedem Wort von den Lippen der Miſſionaire in frommer, furchtſamer Scheu gelauſcht, und weit eher an ſeiner eigenen Exiſtenz, als an der Wahrheit ihrer Sätze und Glau⸗ bensformeln gezweifelt hätte, ſprach jetzt, ſelbſt von dem ſtrengſten ihrer Schaar, gleichgültig; ja Sadie konnte ſich über den Ausdruck in ſeinen Zügen und 3⸗ Worten nicht länger täuſchen, faſt ironiſch, und das bittere Lächeln das um ſeine Lippen ſpielte mochte der Furcht noch den Platz gönnen, aber ſtrafte die Ehrfurcht Lügen. Bruder Ezra ſchaute noch eine Zeit lang gerade vor ſich nieder, er fühlte daß Sadiens Blick auf ihm haftete— daß ſie die Veränderung entdeckt die in ihm vorgegangen, und ſcheute ſich auch gerade ihr vielleicht das zu geſtehen, was in ihm arbeitete— was ihm den Schlaf raubte und den Frieden und ihn manchmal wie eine furchtbare Sünde drückte und doch auch wieder mit jedem Tage, in ſeiner nächſten Umgebung ſelbſt, die neue Nahrung fand. Als er aber einmal ſcheu und flüchtig den Blick zu ihr aufſchlug, und die zärtliche, liebende Angſt ſah die aus dieſen treuen Augen leuchtete, da mochte es ihm wohl durch das Herz zucken, daß ſie— ſeine Pu⸗de⸗ni-a, ſein liebes liebes Kind das er gehegt und gepflegt und wie einen Augapfel gewahrt— ja das zu ihm bis jetzt mehr wie zu einem zweiten Vater als einem Freunde aufgeſehen, Schlimmes— Schlimmeres von ihm denken könne als er ertragen mochte, und in der Furcht die Hand bittend gegen ſie ausſtreckend ſagte er leiſe: „Mitonare iſt kein böſer Menſch geworden, Pu⸗ de⸗ni-a; er liebt ſeinen Gott und— thut auch— 37 thut Alles was in der Bibel ſteht aber— andere Männer, Männer die auch ſagten daß ſie der liebe Gott geſchickt— ſind zu ihm gekommen und haben ihm, wo er in Verzweiflung war, Troſt gebracht— wo er weinte, ſeine Thränen getrocknet, wo er un⸗ ſchlüſfig ſtand, einen neuen Pfad gezeigt und— wenn er ſich auch bis jetzt noch nicht getraute den neuen Pfad zu wandeln— hat er doch bis jetzt—“ Er ſtockte, als ob er ſich nicht mehr getraue weiter zu reden, und Sadie fuhr langſam und traurig ſeine Hand ergreifend fort: „Den alten Pfad ſeiner Religion verlaſſen und nur die äußere Form beibehalten, ſeinen Gott damit zu täuſchen.“ „Aita Pudenia, aita“— rief aber der kleine Mann da raſch und ängſtlich vielleicht, weil er die Wahrheit wenigſtens eines Theils des Vorwurfs fühlte—„nein Kind, nicht meinethalben bin ich wankend geworden im rechten Pfad, nein die Mitonare's ſelber tragen die Schuld, die einander anfeinden und ſchimpfen, und Heiden⸗ und Götzen⸗ anbeter nennen, während ſie Alle allein behaupten, den rechten und auch alleinigen Glauben zu haben, deſſen Feinde Gott mit ſeiner Rache heimſuchen und von der Erde vertilgen müſſe. Was mir aber am Herzen nagte, das Schickſal von altem Mann 2 ——-—— 38 Vater— von der Mutter, die noch gar Nichts von einem anderen Glauben gewußt, ja ihn kaum nennen gehört, und die nun doch rettungslos ſollten verloren ſein und verdammt, das that mir weh, und als der andere Prieſter kam und mir die Ausſicht ſtellte, ich könne durch fleißiges Beten und frommen Wandel ihre Seligkeit auch gewinnen, von dem all⸗ barmherzigen Gott, und als Bruder Aue dagegen donnerte mit allen Waffen der heiligen Schrift, da zuckte und zog es mir im Herz, und böſe Gedanken ſtiegen auf in mir, und ließen mich nicht raſten und ruhn, und jetzt weiß ich nicht— hat der Eine recht und ſind ſie unrettbar verdammt zu ewigem Feuer, oder der Andere und ich begehe eine entſetzliche Sünde, wenn ich mein Leben dann nicht ihrer Ret⸗ tung weihe wo ich die Mittel dazu vielleicht in Händen habe. Armer Mitonare“ ſetzte er dann traurig hinzu—„iſt recht bös daran, ſoll anderen Kanakas den Glauben bringen und weiß ſelber nicht — und wenn der alte Mann nun doch am Ende recht hätte.“ „Was für ein alter Mann, Mitonare?“ frug Sadie erſtaunt. Bruder Ezra aber hob raſch und erſchreckt den Finger an die Lippen und ſich ſcheu umſehend, ſagte er langſam und vorſichtig: „Pſt— Pudenia, pſt, das war ein wunderbarer, 39 furchtbarer alter Mann und er kam und ging in einem Sturm.“ „Und was that er bei Euch auf Atiu?“ „Wie er ſagte kam er von den Inſeln zu Lee⸗ wärts, Handel zu treiben und Cocosöl und Perl⸗ mutterſchaalen einzukaufen in ſeinen kleinen Cutter, aber er ſprach furchtbare Sachen und mich ſchauderts wenn ich daran denke— wenn ich darüber nach⸗ ſinne.“ „Aber was ſprach er ſo Entſetzliches?“ drängte die Frau. „Pu-de-ni-a,“ ſagte da Mitonare, der Frage jetzt noch ausweichend, oder ſie durch eine andere beant⸗ wortend—„haſt Du ſchon einmal an einem Ab⸗ grund— am äußerſten Rand einer ſchwindelnden Höhe geſtanden, und iſt Dir da nicht das Gefühl gekommen, als ob Du hinunterſpringen möchteſt in die Tiefe, daß Du den Platz nur ſchnell verlaſſen mußteſt in Furcht und Grauen?“ Sadie nickte, noch in der Erinnerung ſchaudernd. „Siehſt Du, ſo war es mir, wenn ich den Worten des alten weißen Mannes lauſchte,“ flü⸗ ſterte der kleine Indianer und nickte ſtill vor ſich hin. „Er trug einen langen weißen ſpitzen Bart, und die kleinen blitzenden Augen lagen wie zwei glühende Kohlen unter den buſchigen Brauen— Sein ganzes 8* ————ÿõ —————— 40 Geſicht hing dabei in dichten Falten, die kein Alter mehr erkennen ließen auf der Haut, und er mußte ſehr alt ſein, denn er hatte die Welt geſehn von dem Theil wo das Waſſer zu Stein wird in grim⸗ miger Fießſs zu wo die Sonne Abends in ihr Lager ſinkt, und er ſprach von Gott und den Sternen als ob er da oben zu Hauſe gehöre und zwiſchen den Sternen gewandelt hätte wie in einem Garten.“ „Aber er glaubte an Gott?“ frug Sadie leiſe und ſcheu. „Er hatte denſelben Namen dafür wie wir— Jehovah,“ ſagte der kleine Mitonare,„aber er ver⸗ leugnete“— ſetzte er leiſe, faſt flüſternd hinzu— „er verleugnete den Heiland.“ „Gütiger Gott!“ „Er leugnete Jeſus Chriſtus“ beſtätigte da Mi⸗ tonare„und mir lief's wie Fieberfroſt durch die Adern, als ich mit ihm allein in dem ſtillen Haus ſaß und der Weſtſturm um das Dach heulte, daß die flackernden Oelflammen hoch aufſchlugen in rother Gluth, und der magere alte bärtige Mann mir von dem Heiland erzählte der nur ein Menſch geweſen ſei wie wir Alle— aber ein guter Menſch, und von ſeinen Neidern und den reichen Leuten, die fürchteten daß er durch ſeine Reden das Volk gegen ſie auf⸗ 4 wiegeln würde, an das Kreuz geſchlagen wurde, da elendiglich umzukommen.“ „Er verleugnete Gottes Sohn,“ ſagte Sadie ſchaudernd. „Ja, und er trieb Spott über Alles, was ſelbſt die Wiwis für heilig halten“ nickte der Kleine„und doch, doch lauſchte ich ihm gern, denn ſein Gott war ein Gott der Liebe und der Gnade, und alle Menſchen waren ſeine Kinder, alle, alle nahm er auf zu ſich, Kanakas und Weiße, Beretanis und Feranis, wenn ſie gut und redlich lebten und ſeinem Worte folgten; und mein Vater und meine Mutter — ach Pudenia es war wohl recht ſündhaft daß ich ſeinen Worten ſo gerne horchte— aber mein Vater maud meine Mutter waren auch eingegangen zu ſeiner Herrlichkeit, wenn ſie nicht ſonſt recht ſchlechte und böſe Menſchen geweſen. Seit der Zeit nun ſind meine Gedanken nicht mehr mein eigen“ fuhr der kleine Mann trübſelig fort;„ſeit der Zeit härm' ich mich und gräm' ich mich und mache mir Sorge und Kummer, und Nachts kommt der Böſe und lockt mich mit ſeinen Schmeicheltönen, und am Tag ſeh ich, wo ich auch bin, den Alten neben mir, wie er ſich den Bart ſtreicht und mit den ſcharfen abgeſtoßenen Worten mir doch Troſt und Hoffnung in die Seele gießt. Seit dem Tag iſt der kleine Mitonare ein 4 4 1 1 42 anderer verzweifelter Menſch geworden, der mit dem dicken Gebetbuch in der Taſche herumläuft, und nicht den Muth hat hineinzuſeheu, dem das Blut in den Adern gerinnt wenn er an den zornigen Gott denkt, wie ihn die weißen Mitonares lehren, und der dem⸗ ſelben Gott doch immer wieder, und trotz allen Schil⸗ derungen zu Füßen fallen, und ihn Vater, Jehovah nennen möchte, wie ein Kind ſeinen eigenen Vater ruft, den es nicht fürchtet, aber von Herzen, recht von Herzen liebt.“ „Du armer, armer Mitonare“ ſagte da Sadie mit ihrer weichen Stimme, mitleidig des alten kleinen Mannes Hand ergreifend, und ſie leiſe ſtrei⸗ chelnd;„bete Du armes geprüftes Herz, bete recht aus tiefſter Seele zu Deinem Heiland daß er Dich führen und ſchützen möge auf Deiner Bahn, und den rechten Pfad durch Nacht zum Licht— bete daß er Dir die Wahrheit zeige zu Seinem Preis, und Dich eingehn läßt zu Seiner Herrlichkeit. Aber ver⸗ zage nicht, fürchte Dich nicht, denn gerade in der tiefſten Noth iſt er Dir ja auch am nächſten und hört die Stimme Seines Kindes die zu ihm ruft, und die Hand ausſtreckt nach ihm, um Schutz und Hülfe.“ „Was iſt das?“ ſagte da plötzlich der Mitonare, deſſen Blick in tiefem ſchmerzlichem Sinnen hinaus⸗ ſchweifte über die See, und der jetzt das Boot eines 8 43 Kriegsſchiffes, von acht Matroſen gerudert, um die nächſte Landſpitze kommen und gerade auf das Haus zu halten ſah. Hinten am Heck wehte die franzö⸗ ſiſche Flagge. „Ein Boot der Feranis“ ſagte Sadie ruhig, „das wahrſcheinlich nach Papara hinunter will und ſich dicht an der Küſte, des ruhigen Waſſers wegen hält— ſie kommen oft hier vorüber.“ „Dann hätten ſie die Korallenſpitze vermeiden müſſen, die jetzt zwiſchen ihnen und dem Fahrwaſſer der Binnenriffe liegt“ ſagte der Mitonare, der mit einem Blick den Charakter der Bai überſchaut hatte, und jetzt aufmerkſamer als vorher hinüberblickte. „Sie können nur. hierherwollen, wie auch ihr Bug zeigt, oder ſie müßten die ganze Strecke wieder zurück. Hinten neben dem ſteuernden Mann ſitzen zwei Offi⸗ ciere der Wi Wis und neben ihnen—“ „Heiliger Gott— neben ihnen liegt Jemand auf der Bank“ rief aber auch in dieſem Augenblick Sadie in Todesangſt, der die böſe Ahnung, die ihr den ganzen Morgen die Bruſt erfüllt, mit mächtiger Kraft zurück zum Herzen drängte—„René!“ „René?“ rief Bruder Ezra erſchreckt—„was hat der tollköpfige Wi Wi wieder angeſtellt, daß ihn die eigenen Landsleute gefangen haben ſollten?— aber das Boot dreht doch vielleicht ab von hier—“ — — ——, 44 Sadie antwortete ihm nicht— in ſprachloſer Angſt und Erwartung hing ihr Blick an dem raſch näher kommenden Fahrzeug, das von den elaſtiſchen Rudern getrieben rauſchend durch die Wellen ſchäumte — ſchon glaubte ſie die Züge des Officiers zu er⸗ kennen, der hinten lehnte und auch ſie war jetzt von den im Boote Befindlichen erkannt worden. Die auf dem Sitz liegende Geſtalt richtete ſich halb empor und winkte herüber, und mit lautem Aufſchrei flog ſie hinaus an den Strand, flog, ihre Europäiſchen Kleider vergeſſend, hinein in die klare Fluth dem Boot entgegen, denn darin lag, bleich und blutend, wenn er auch freundlich jetzt herüberwinkte— ihr Gatte— lag René. Im nächſten Moment ſchoß das Boot heran, die Matroſen der Backbordſeite warfen ihre Riemen mit einem Schlag empor und Bertrands Hand ſtreckte ſich dem armen Weib entgegen, deſſen ſtierer und ent⸗ ſetzter Blick nur an dem bleichen Antlitz des Ver⸗ wundeten hing. In demſelben Moment faſt berührte das Boot den Strand, und ein Theil der Matroſen ſprang über Bord ihn an Land zu tragen. „Aber Sadie“ flüſterte René halb vorwurfsvoll, halb verlegen der jungen Frau die Hand hinüber⸗ reichend—„was machſt Du für tolle Streiche, wil⸗ des Mädchen?“ -45 „Du biſt verwundet“ war Alles was die Frau in faſt athemloſer Angſt über die Lippen bringen konnte. „Unſinn“ lachte aber dieſer,„eben nur die Haut geritzt, und hergehn hätt' ich können, hätte nicht Bertrand hier in übergroßer Beſorgniß darauf be⸗ ſtanden mich her zu fahren.“ „Die Wunde iſt unbedeutend, Madame“ beſtä— tigte aber auch jetzt der junge Officier, der an Land geſprungen war und eine faſt unwillkürliche Bewe⸗ gung machte die junge Frau hinauf und zum Haus zurückzuführen, wohin jetzt vier kräftige Matroſen auf einer der Boot Doften den Verwundeten trugen. Sadie aber ließ des Gatten Hand nicht los und während ſie ſich ängſtlich an ihn ſchmiegte, fuhr der junge Officier fort:„Ich fürchtete nur eine mögliche Entzündung, wenn er den langen Weg in der Son⸗ nenhitze hätte zu Fuß zurücklegen ſollen; wenige Tage werden ihn wieder hergeſtellt haben.“ „Aber was iſt geſchehn, um des Heilands Willen“ bat Sadie. Bertrand biß ſich auf die Lippen und Reneé ſagte finſter: „Nichts von Bedeutung Kind; ein doppelter Ader⸗ laß einer neckiſchen Göttin zum Opfer gebracht— das Fleiſch heilt bald— aber— wer iſt das da drüben?— * OQ—— ———— —* Mi⸗to-na-re?— bei Allem was da lebte in Hoſen und Strümpfen— Mitonare“ und kem kleinen, auf ihn zueilenden Mann die Hand entgegenreichend ſchüttelte er ſie feſt und herzlich und— wandte den Kopf zur Seite, denn gerade in dieſem Augenblick traf ihn die Erinnerung an Atiu wie ein Stich in's Leben, und trieb ihm das Waſſer hinauf in die Augen, das er den Seeleuten bergen wollte. „Böſer Wi⸗Wi!“ rief aber auch jetzt der kleine Miſſionair wieder in ſeiuem tollſten Engliſchen Kau⸗ derwelſch, das er mit dem Europäer glaubte ſprechen zu müſſen,„aita maitai— macht ole manni viel Sorge— leichtſinniger Kopf der in dicken Bambus fährt und durchwill— läßt kleine Pu-de-nia zu Haus und kommt nachher angefahren, blutig und blaß und jagt ihr den Todesſchreck in die Glieder, daß ſie auch krank wird und ſtirbt.“ „Pu⸗de⸗niea!“ ſagte leiſe René und drückte die Hand des treuen Weibes, die in der ſeinen ruhte, „und Du lieber wackerer Freund,“ wandte er ſich dann pläzlich im reinſten Tahitiſch zu dem, darüber aufs Aeußerſte erſtaunten Mitonare„wo kommſt Du her, was treibſt Du, wie geht es Dir?— und willſt Du bei uns bleiben jetzt auf Tahiti?“ Ehe aber der Mitonare die raſch htaritanbe an ihn gerichteten Fragen beantworten konnte, verbot . 47 der mitgekommene Schiffsarzt jede weitere Aufregung, bis er die, allerdings nicht gefährliche aber in einem heißen Klima doch immer zu beachtende Wunde erſt nochmals unterſucht und wieder verbunden hätte. Vor allen Dingen müſſe der Verwundete in ein kühles Zimmer geſchafft werden, dort die nöthige Pflege zu finden. Sadie beſorgte das Alles mit zitternder Haſt, häufte Matte auf Matte, ihm ein kühles und weiches Lager zu bieten, und wechſelte erſt ihre eigenen, durchnäßten Kleider, als ſie den Gatten mit allem verſorgt, was ihre liebende Hand für ihn bereiten konnte. Die Wunde war allerdings nicht gefährlich, ja nicht einmal bedeutend, und die Kugel ihm eben nur durch den oberen Theil des Armes dicht an der Schulter durchgegangen, ohne den Knochen weiter zu verletzen, Blutverluſt und Ermattung hatten ihn aber doch erſchöpft und als der zweite Verband mit Sadiens Hülfe angelegt war, fiel der Leidende in einen ſanften aber feſten Schlaf, in dem ihn der Arzt nicht geſtört haben wollte, und ſelbſt Sadie bat das Zimmer zu verlaſſen. Nur Mataoti mußte bei ihm zurückbleiben, um zu rufen ſobald er wieder er⸗ wachen würde. Am Strande lag unterdeſſen das Boot ſchon wieder zur Abfahrt gerüſtet, und Bertrand wollte eben Abſchied nehmen on Sadie, an BS zurückzu⸗ kehren, als dieſe ſeinen Arm ergriff und ihn mit leiſer, aber dringender Stimme bat, ihr die Urſache der Verwundung anzugeben, die ſie mit peinlicher Angſt, ſie wiſſe ſelber eigentlich nicht recht, warum? erfülle. Der junge Mann zögerte erſt verlegen mit der Antwort, aber er fühlte auch, wie er ihr dieſelbe eigentlich nicht verweigern durfte, und erzählte ihr jetzt mit ſo kurzen und ſchonenden Worten als mög⸗ lich, wie jener Officier, nach den geſtrigen Vor⸗ gängen, nicht umhin gekonnt habe, Europäiſchen Begriffen von Ehre nach, Rene zu fordern, und wie ſie ſich heut Morgen, unfern der Stadt mit ihren Secundanten getroffen und geſchoſſen hätten. Ro⸗ dolphe, ſein Gegner, habe zuerſt gefehlt und eine leichte Streifwunde bekommen, aber dann hartnäckig darauf beſtanden den zweiten Schuß zu thun. Die Secundanten konnten ihm den nicht weigern und von beiden, ziemlich zugleich gefeuerten Kugeln ſei René in die Schulter, Rodolphe durch die Bruſt getroffen. Der Gegner lebe zwar noch, aber die Wunde ſei ziemlich gefährlich; René habe übrigens für ſeine Sicherheit nicht das Mindeſte zu befürchten, ſetzte er raſch hinzu, denn ſelbſt im unglücklichſten Fall ſtehe er gerechtfertigt da. Er hatte nichts An⸗ deeres gethan als ſich vertheidigt. 49 Sadie wurde todtenbleich— ihr Gatte ver⸗ wundet, vielleicht ein Mörder— ihrethalben, mit dieſer Laſt auf ſeiner Seele, und zugleich der irdi⸗ ſchen Gerechtigkeit für blutige That verfallen, denn mit Entſetzen dachte ſie daran, wie gerade jetzt die engliſchen Schiffe die Obermacht im Hafen hätten und kaum einen Fall vorübergehn laſſen würden, einen aus dem ihnen feindlichen Stamm zu Rechen⸗ ſchaft zu ziehen vor ihr Gericht. Bertrand ſchüttelte aber bei der laut gewordenen Beſorgniß lachend mit dem Kopf. „Die engliſche Herrſchaft iſt vorbei“ rief er, trotzig den Kopf emporwerfend;„Großbritannien erkennt das Franzöſiſche Protectorat an, und zieht ſeine Schiffe zurück— ja noch mehr, in der Nähe einer der Nachbar⸗Inſeln ſind ſchon zwei Franzö⸗ ſiſche Kriegsſchiffe— jedenfalls Du Petit Thouars mit ſeiner Flotte im Aufkreuzen geſehen worden, und die Tricolore herrſcht von jetzt an auf Tahiti.“ „Zwei franzöſiſche Schiffe ſind geſehen worden? — und von wem habt Ihr die Nachricht?“ frug Sadie raſch, und ein Gedanke an Raiteo durchblitzte ihr Hirn. „Kleine Fahrzeuge kreuzen herüber und hinüber“ antwortete der Officier—„wir haben überall unſere Wächter; aber ſehn Sie Madame daß ich recht hatte? Gerſtäcker's Tahiti. III. dort über den Riffen draußen ſegelt der Talbot vor dem Wind, dieſe Küſten zu verlaſſen, und ha— dort kommt auch der Vindictive, ſchwerfällig ſeine weiten Segel entfaltend. Halt meine Burſchen— Ruhe bis wir draußen in See ſind,“ unterbrach er ſich raſch, dem eben ausgebrochenen Jubelruf ſeiner Leute zu wehren—„der Kranke ſchläft und Ihr dürft ihn nicht wecken durch Euer Hurrah. Doch jetzt auch nach Papetee zurück, denn wir werden dort alle Hände voll zu thun bekommen, und heute Abend, wenn es geht, komm' ich einen Sprung herüber, mich nach dem Befinden unſeres lieben Kranken zu erkundigen. So Adieu Madame, auf ein froheres Wiederſehen“, und ſich freundlich gegen ſie neigend ſprang er auf den Rand des hinangezogenen Bootes und hinein, wo der Arzt ſchon ſeinen Sitz wieder eingenommen hatte, die Leute liefen damit hinaus in tieferes Waſſer, folgend, ſobald ſie das ſchwanke, ſcharfgebaute Fahrzeug flott fühlten, und wenige Minuten ſpäter ziſchte und preßte der Bug wieder gegen die cryſtallene Fluth an, ſie in leichten Kräuſel⸗ wellen zur Seite werfend, der nächſten Landſpitze zu, um die es bald darauf verſchwand. „Was ſagte der WiWi von den Schiffen da draußen?“ frug aber jetzt der Mitonare, der dem hm unverſtändlichen Geſpräch beſonders ſo erſtaunt 51 gelauſcht, weil ſeine kleine Pudenia die fremde ihm unbegreifliche Sprache ſo geläufig ſprach, und dem dabei die zwei großen Schiffe die jetzt erſt in Sicht gekommen und augenſcheinlich von der Inſel fort⸗ ſegelten, ebenfalls aufgefallen waren. „Es ſind die Engliſchen Kriegsſchiffe, die den Hafen verlaſſen“ ſagte Sadie. „Den Hafen verlaſſen?“ wiederholte erſtaunt der kleine Nann—„und Bruder Aue hat uns da⸗ von ganz andere Geſchichten erzählt— puh, puh, und die Wi Wis kommen mit großen Schiffen ange⸗ ſegelt— böſe Sachen, böſe Sachen— wo bleibt da unſer Gott?“ Sadie hörte gar nicht was er ſprach— vor ihrem inneren Auge lag der verwundete Gatte, lag ſein blutendes Opfer, und während die hellen Thränen ihr ſtill und ſchwer die Wangen niederträuften, mur⸗ it leiſer, ſchmerzerfüllter Stimme: lor 1— verloren— Glück und Frieden dahin— oh armer armer Vater Osborne, wie gut daß Du ſtill und ruhig in der kühlen Erde liegſt— wenn nicht der frühere Gram— der Tag hätte Dein treues Herz gebrochen.“ „Ja, Vater O0-no-so-no,“ ſeufzte der kleine Mann, ſeinen Hut wieder ergreifend und aufſetzend unter dem das breite, dunkle, gutmüthige Geſig 52 gar ſo komiſch und widernatürlich ausſah—„Vater 0-no-so-no war ein guter Mann, und wären ſie alle ſo geweſen wie er— Aber ich muß in die Stadt hinüber,“ unterbrach er ſich ſelbſt,„denn die Ver⸗ ſammlung ſoll heut' Morgen ſein und Mitonare Ezra und Mitonare Raiteo ſind von Atiu geſchickt und ſollen keine Wi-Wis haben wollen. Gu-bei Pudenia, gu-bei— Nach der Verſammlung kommt Mitonare wieder hierher zurück und bleibt bei tollen Wi⸗-Wi, bis er geſund iſt und bei kleine Pudenia iti iii—4 Damit wandte er ſich und verließ den Garten; das ſchwere Gebetbuch aber in dem langen ſchmalen Frackzipfel fing wieder an zu ſchlenkern, und er nahm den Zipfel bedächtig in den linken Arm und verfolgte langſam ſeinen Weg, ohne ſich weiter um⸗ zuſehen. Und Sadie ſchaute ihm ſchwer aufſeufzend nach, als ſie die kleine komiſche in ſo entſetzliche Kleiderformen gezwängte Geſtalt d We gehen ſah, und daran dachte was für i natürliches Herz unter den mnatürlichen Stoffen ſchlage; aber der Ernſt des Augenblicks wandte ihre Gedanken bald wieder dem ab, und dem Gatten zu, und nur wenige Minuten ſpäter ſaß ſie am Bett des Schlafenden, ihr Kind auf dem Schoos, den Schlummer des Kranken bewachend und von ſeiner 53 fieberheißen Stirn Mosquito und Fliege fern zu halten. Auch nach Aumama hatte ſie hinübergeſchickt, ihr beizuſtehn, wenn ſie irgend einer Hülfe bedürftig ſein ſollte; Aumama war aber früh am Morgen nach Hauſe zurückgekehrt, und hatte ihre Kinder geweckt und mit fortgenommen, Niemand wußte wohin; Lefevre war ebenfalls nirgends zu ſehen und zu finden, und das Nachbarhaus lag wie aus⸗ geſtorben. Capitel 2. Pomare und Du Petit Thouars. Papetee war in furchtbarer Aufregung; ſchon am frühen Morgen liefen dumpfe Gerüchte durch den kleinen Ort, die Engliſchen Kriegsſchiffe machten ſich zum Auslaufen fertig und ganz in der Nähe wäre dafür ſchon La Reine Blanche, mit dem ge⸗ fürchteten Admiral Du Petit Thouars an Bord, ge⸗ ſehen worden, deren Kanonen jetzt aufs Neue das kleine Häufchen Proteſtantiſcher Chriſten preisgegeben ſein würde. Die Kapitaine der beiden Engliſchen Fahrzeuge waren am vergangenen Tag lange Zeit an Land und der Capitain des Talbot ſogar mehrere Stunden mit dem zurückgekehrten Engliſchen Conſul und .— * 55 früheren Miſſionair Pritchard zuſammen geweſen, und dieſer alſo allein konnte wirkliche Aufklärung über das ſonſt unbegreifliche Zurückziehn der Eng⸗ liſchen Streitmacht geben. Zu deſſen Haus ſtrömte nun auch die Maſſe, Erklärung fordernd, wo die britiſche Hülfe, der britiſche Schutz bliebe, der ihnen den Uebergriffen der Franzoſen gegenüber ſo feſt war verſprochen worden— offene Erklärung, was der nach England geſandte Miſſionair dort ausge⸗ richtet, und welchen Beiſtand die Königin von Eng⸗ land der in ihren Rechten gekränkten Pomare zuge⸗ ſichert und zugeſagt habe. Mr. Pritchard tröſtete ſie mit dem Beiſtand Got⸗ tes, der die Seinen nicht zu Schanden werden laſſe, und berief eine Verſammlung der Geiſtlichen von Papetee, die nächſten und nöthigſten Schritte zu be⸗ rathen, falls eine Franzöſiſche Flotte Tahiti wirklich aufs Neue heimſuchen würde. Darüber ſollten ſie aber nicht lange in Zweifel bleiben, nur wenige Tage ſpäter lief allerdings wieder ein kleines Engliſches Kriegsſchiff, eine ſogenannte catch von nur 200 Tons ein, aber nur um die an⸗ deren Schiffe abzulöſen und ſich ruhig und ohne weitere Demonſtration in der Bai vor Anker zu legen(es war der Basilisk) und bald danach wurden von den Höhen Schiffe ſignaliſirt, die auf Tahiti 56 zuhielten. Zwei zuſammen kreuzende Segel erſchienen in Sicht, und die Angſt vor der Reine blanche gab dem größten der Schiffe ſchon lange ihren Namen, ehe nur Takellage und Bau des Fahrzeuges ſo weit erkennbar wurden, den ſchlimmſten Verdacht zu be⸗ beſtätigen. Am anderen Morgen ankerten die Kriegsſchiffe in der Bai von Papetee, von ihrem Heck flatterten die franzöſiſchen Nationalfarben und das Echo der Berge gab den donnernden Eiſengruß der Fremden dumpf und grollend zurück, wie zürnend, die ungebetenen Gäſte auf's Neue in ſeiner Nähe zu wiſſen. Herzlicher gemeint waren aber die Freudenſalven der Jeanne d'Arc, die den in ſo trotziger Stärke ein⸗ laufenden Landsleuten entgegenjubelten.— Ihre Lage, von den Engliſchen Schiffen überwacht, war ihnen ſchon lange eine drückende ja unerträgliche geworden, noch dazu da ein Theil des Volks ſchon bei mancher Gelegenheit— ob dazu aufgereizt oder nicht— die Feranis ſuchte fühlen zu laſſen, daß man weder ihren Gott noch ihre Regierung wolle und ſich unter dem Schutz der Beretanis ſicher genug fühle, ihren Uebergriffen nun etwa trotzen zu können. Der von England zurückkehrende Conſul und Miſſionair hatte dabei in ſeiner zuverſichtlichen Haltung ihren ſchlimmſten Befürchtungen noch eine Art von Be⸗ 1 57 ſtätigung gegeben, und die Mannſchaft der Jeanne d'Arc erſehnte unter ſolchen Umſtänden den Augen⸗ blick, wo ſie den Befehl zum Rückzug erhalten würde, die ſchon halb occupirten Inſeln wieder ihrem frühe⸗ ren Oberherrn, oder vielmehr der Herrſchaft der Miſ⸗ ſionaire zu überlaſſen. Welchen Unterſchied hatten da die letzten wenigen Tage hervorgerufen; die ſtolzen Engliſchen Fregatten, die bis jetzt die Intereſſen der Tahitiſchen Königin überwacht, ließen den Feind derſelben, der ſchon öfter die Hand nach dem ganzen Reiche ausgeſtreckt, und nur immer die vielleicht böſen Folgen zu gierigen Zulangens gefürchtet, jetzt im ruhigen unbeſtrittenen Beſitz der ganzen Inſeln, und während die Miſſionaire in Beſtürzung und Zorn gerade die Schiffe in dem entſcheidenden Moment abſegeln ſahen, deren Feuer⸗ ſchlünde ſie als von England geſandt proklamirt hatten, den wahren Glauben wie ſeine Vertreter zu ſchützen, wagten ſie es noch nicht einmal den Tahi⸗ tiern den ganzen Umfang ihrer Befürchtungen mit⸗ zutheilen, und von ihnen ausgehend lief bald darauf das beruhigende Gerücht durch Papetee: die Eng⸗ länder ſeien blos ausgeſegelt die Marqueſas⸗Inſeln ebenfalls von dem Druck des Franzöſiſchen Joches zu befreien, und wenige Wochen ſpäter würden ſie mit Verſtärkung zurückkehren die Macht der Chriſt⸗ 58 lichen Proteſtantiſchen Kirche, wenn es ſein müßte, mit Gewalt der Waffen aufrecht zu erhalten.— Es war das ihre letzte Hoffnung. Mißtrauiſch beobachtete vor allen Andern Aimata, die Königin dieſer Inſeln, die Bewegungen der Fera⸗ nis, die ſie nun ſchon ſeit einer Reihe von Jahren als ihre Feinde hatte kennen lernen, und das ſtolze Blut der Pomaren ſchoß ihr zornig in die Schläfe, als ſie die Banner Frankreichs wieder ſo keck und trotzig in der Briſe flattern ſah, und den Kanonen⸗ donner hörte, der grüßend dem Feind aus ihrer eigenen Bai entgegenſchallte. Sie ſtand an dem Fenſter ihres, ziemlich in Eu⸗ ropäiſchem Geſchmack eingerichteten und mit einer Maſſe von Putz und Geſchenken ausgeſtatteten oder beſſer überfüllten Hauſes, die heiße Stirne feſt gegen die Glasſcheibe gepreßt und der ehrwürdige Mr. Prit⸗ chard ging mit auf der Bruſt feſt zuſammengeſchla⸗ genen Armen in dem Gemach auf und ab, und blieb nur manchmal an dem zweiten Fenſter ſtehen, die Bewegungen der eben eingekommenen Schiffe zu be⸗ obachten, aber ohne ein Wort zu ſprechen ſein oder der Königin Nachdenken im Mindeſten zu ſtören. Die Fenſter dröhnten dabei von den gewaltigen Sa⸗ luten der bewaffneten Schiffe und die lockeren Scheiben klapperten und klirrten in ihren Rahmen. 59 Auf dem einen Tiſch, entrollt und über einem Globus, einem Kaffeeſervice, mehreren Blumenvaſen und einigen geſchmackvoll eingebundenen engliſchen Bilderbüchern lag die Tahitiſche rothe Flagge mit dem einzelnen weißen Stern, und oben über demſelben mit einer goldenen von Palmzweigen umgebenen Krone friſch hineingeſtickt. „Das ſind nun Euere Verſprechungen!“ ſagte die Königin endlich nach langer Pauſe, ſich halb gegen den Miſſionair der zugleich die Stelle eines Engliſchen Conſuls verſah, herumdrehend— „das iſt Euer Prahlen von dem Schutz der mächtigen Beretanis— des mächtigen Gottes der Weißen— Weit draußen in Lee, ſchwimmen die Schiffe die man mir über und über erzählt daß ſie mich und mein Volk beſchützen ſollten⸗ und mitten in meinem Reich darf mir der ſtolze landgierige Ferani die eigene Flagge trotzig entgegenhiſſen, und unter dem Schutz ſeiner Kanonen vielleicht neue Erpreſſungen fordern— wie kann ich ſie jetzt ihm weigern?“ „Er darf nicht weiter gehn als er bis jetzt ge⸗ gangen iſt“ entgegnete finſter der Miſſionair—„die neue Flagge hier, mit dem Emblem der Majeſtät wird ihm beweiſen, welche Anſprüche Pomares Eng⸗ land unterſtützt, und mit dem ganzen Volk gegen ſich, und dem Bewußtſein daß Engliſche Kriegsſchiffe 60 in dieſer See kreuzen und jeden Tag wieder einlaufen können in die Bai, deren Bewohner ſie durch die Bande der Religion und Freundſchaft verpflichtet ſind zu ſchützen, iſt Du Petit Thouars zu klug einen troſtloſen Feldzug zu eröffnen, der den Zorn und die ſchwere Hand eines mächtigen Volkes auf ihn und den Thron der ihn beſchützen würde, herabziehn könnte.“ „Und wer ſchützt mein armes Volk jetzt vor ihren Kugeln, wenn ich die Flagge hiſſe und ihren Zorn reize?“ frug Pomare. „Du biſt hier Königin“ ſagte der Miſſionair ernſt und feierlich,„wie Englands Königin daheim ihr Banner kann wehen laſſen über dem Schloß das ſie bewohnt, ein Zeichen ihrer königlichen Gegenwart, ſo ſteht daſſelbe Recht Dir zu, in Deinem Reich; der Franke darf es Dir nicht wehren, wenn er auch möchte, und ich müßte mich ſehr täuſchen, wenn er, nach dem Vorhergegangenen, nicht ſogar klug genug wäre ſchon das Aufhiſſen dieſer Flagge mit einer Salve ſeiner Kanonen zu ehren. Die Franzoſen ſind höflich“— ſetzte er trocken hinzu,„wenn man ihnen auch ſonſt gerade nichts Gutes nachſagen kann.“ Pomare ſah ihn forſchend an— ihre Fahne, durch Kanonenſchüſſe der gefürchteten Feranis ge⸗ ehrt— der Gedanke hatte einen unſagbaren Reiz 61 für ſie, und ihre weibliche Eitelkeit griff danach, ſo ſehr ſie auch noch kurze Zeit vorher einem ſo ent⸗ ſchiedenen Schritt entgegen geweſen ſein mochte. „Und Du hiſſeſt zugleich die Engliſche Flagge vor Deinem Haus?“ frug ſie raſch, des Prieſters Arm ergreifend. „Als Gruß der Königlich Tahitiſchen in jedem Fall“ erwiederte der Miſſionair—„ich bin ſogar dem Amt nach, das ich vertrete, dazu verpflichtet.“ „So ſei es— gut!“ rief die Königin und ein eigenes Lächeln belebte ihre ſchonen, ſprechenden Züge und gab dem raſchen ausdrucksvollen Blick einen höheren Glanz. Der Wi Wi ſoll mir die Krone grüßen müſſen, die er nicht berühren darf, und Dein Gott mag mir jetzt beweiſen ob er, wie Ihr uns oft erzählt, mit Wohlgefallen auf dieſe Inſeln nieder⸗ ſchaut, deren Bewohner ihre alten Götter und Ge⸗ ſetze in den Staub geworfen haben, das Kreuz des Heilands aufzurichten, und ſeinen Namen zu ehren, oder ob er gleichgültig die Erfolge betrachtet, die ſein Wort hier auf Erden hat, dem Götzendienſt des anderen Volkes gegenüber. Ruf mir die Häuptlinge die ſchon den ganzen Morgen draußen gewiß unge⸗ duldig meiner Befehle harren— ich will Königin ſein, und eine Königin wie ſie über dem großen Waſſer drüben auf der Inſel Deines Vaterlandes herrſcht, nicht ein Spott nur und Fratzenbild aus einem Spiel der Areois, dem jeder fremde Freibeuter die Krone abnehmen und beſpötteln darf.“ „Und Du wirſt ſehn, Pomare, daß Du Nichts zu fürchten haſt,“ ſagte der Geiſtliche—„in Deinem Reiche darf keine fremde Macht die Hand an Deine Flagge legen, die Zugeſtändniſſe zu denen man Dich zwang ſind ungültig, eben weil ſie erzwungen waren, und Dein Volk iſt ſtark und mächtig in der Begeiſterung des Herrn, ſelbſt einem alſo gewapp⸗ neten Feinde Trotz zu bieten, und ihn auf ſeine Schiffe mit blutigem Kopf zurückzuweiſen. Ich ſchicke Dir die Häuptlinge, Deine Befehle zu erfüllen, und gehe ſelbſt jetzt hinüber in mein Haus, das königliche Signal zu beantworten, ſobald es in der Briſe flattert. Indeſſen aber ſei der Herr mit Dir in dieſer Stunde und gebe Dir ſeinen Segen und Frieden in Jeſu Chriſto.“ Und freundlich ſeine Hände gegen ſie, wie zum Segen ausſtreckend, blieb er einen Moment mit zum Himmel gerichteten Blicken ſtehen, und verließ dann langſam das Gemach. Pomare, die ſich dem Segen erſt leiſe geneigt hatte blieb, als der ernſte Mann ihr Zimmer ver⸗ laſſen, mit feſt in beide Hände gepreßter Stirne ſtehen; ihr Buſen wogte heftig, ihre ganze Geſtalt 63 zitterte vor innerer Aufregung, und ſie bedurfte einer kurzen Zeit, ehe ſie ſich wieder vollſtändig ſammeln konnte. Kaum aber hörte ſie die Schritte der nahen⸗ den Männer, als ſie auch mit der Energie, die ihrem ganzen Weſen und Charakter eigenthümlich war, jede Schwäche von ſich abſchüttelte, und die Lippen feſt aufeinander gebiſſen, wenn auch noch mit klopfenden Schläfen, die Häuptlinge empfing, die raſch und ebenfalls in Aufregung, in ihrer Gegenwart erſchienen. „Joranna Pomaré“ riefen Aonui und Potowai, „Joranna, und ſchütze Dich Gott in dem nahen Kampf.“ „Dem nahen Kampf?“ frug Pomare, erſtaunt zu ihnen aufſehend,„wer ſpricht von einem Kampf?“ „Der fromme Mann der Dich verließ ermahnte uns ſtandhaft auszuhalten ſelbſt gegen die Ueber⸗ macht des Feindes draußen“ ſagte Aonui,„und ſo mit Gott, was brauchen wir da irdiſche Waffen zu ſcheuen oder zu fürchten.“ „Hier iſt von keinem Kampf die Rede“ entgegnete Pomare ernſt—„nur unſere Landesflagge ſollt Ihr aufziehen an meinem Haus— ich will keinem Men⸗ ſchen Böſes, und unſere Religion iſt eine Religion des Friedens und der Liebe— ſagt das den Leuten draußen. Sie ſollen keinen Zank anfangen mit den Feranis, ſondern ſie freundlich behandeln, und ihnen Alles verſchaffen, was ſie an Nahrungsmitteln brau⸗ chen— Pomare hat keinen Zorn gegen ſie und will in Frieden mit ihnen leben.“ „In Frieden mit ihnen leben?“ wiederholte kopf⸗ ſchüttelnd Potowai—„das iſt ein ſchweres Ding. Ein Frieden mit den Feranis iſt wie der durchſichtige Stein den ſie uns gebracht und in unſere Häuſer geſetzt haben, das Licht hineinzulaſſen, Du rührſt ihn an und er bricht und ſplittert und verwundet die Hand, die ſich freundlich, ohne Arges zu denken, nach ihm ausſtreckt— trau dem Ferani. Aber was thuts“— ſetzte er raſch und freudig hinzu, die Fahne aufgreifend und die goldene Krone betrachtend, die von Cocosblättern umgeben gar künſtlich und zierlich von frommen weißen Frauen geſtickt war—„wir haben die Bibel auf unſerer Seite und unſer gutes Recht, und zehntauſend Mal lieber ſeh ich dabei den Tahitiſchen Stern im Winde flattern, als irgend ein anderes Tuch der weiten Welt. So mit Gott, und das Volk wird Dir zeigen, Pomare, wie dankbar es ſein kann für dieſen Beweis Deiner Liebe.“ Und von dem frommen Aonui gefolgt verließ er raſch das Haus, die Fahne an dem nahen Flaggen⸗ pfahl zu befeſtigen, um den ſich indeß ſchon ein zahl⸗ reicher Volkshaufen, mehr aus Neugierde als die Wich⸗ tigkeit der Demonſtration begreifend, verſammelt hatte. —— 65 Ja die meiſten ſahen eben nichts weiter darin, als eine ſehr gewöhnliche Handlung, vielleicht ſogar der Artigkeit gegen die Fremden, die ihre eigenen Flaggen wehen ließen— weshalb konnten ſie nicht daſſelbe mit der ihrigen thun. Noch ein Schiff war indeß in Sicht gekommen, und wie ein Theil der Tahitier es ſchon mit froher Zuverſicht als eines der zurückkehrenden Engliſchen Kriegsſchiffe ausrief, ſchwuren die einzeln zwiſchen den Eingebornen zerſtreuten, meiſt Engliſchen oder Amerikaniſchen Matroſen, das Schiff habe ſo wenig Engliſchen Kiel unter ſich, wie die im Hafen lie⸗ gende Reine blanche oder Danae und trage ſo gut die Tricolore wie ſie alle Beide. Unter der Maſſe bildeten ſich denn auch bald einzelne Gruppen, die das für und gegen eifrig beſprachen, und dabei, we⸗ nigſtens die Eingebornen, mit einer Art von Stolz auf ihre ſtattliche Fahne blickten, die luſtig im Winde hinauswehte, und nach den Schiffen hinüber zu grüßen ſchien. Unſer alter Bekannter, Bob Candy war unter ihnen und ſchien gewiſſermaßen eine Autorität, was die Natur des fremden, eben einſegelnden Schiffes betraf, auszuüben, denn einestheils verſtanden ihn nur wenige in ſeinen gebrochenen Tahitiſchen Aus⸗ drücken, und dann erklärten Andere wieder, die ein Gerſtäcker's Tahiti. III. 5 66 wenig die Engliſche Sprache gelernt hatten, daß er jedes Segel an Bord des Fremden erkenne, und wiſſe warum es da, und wo es gemacht ſei; ſein Sieg war auch vollkommen als die Fregatte endlich ihre Flagge zeigte und an ihrem Heck, wie an den anderen Kriegsfahrzeugen in der Bai, die gefürchteten, jeden⸗ falls gehaßten Franzöſiſchen Nationalfarben ſichtbar wurden. „Segne mich!“ ſagte da aber Teraitane, der Häuptling, der ſich der Gruppe eben zugeſellt hatte, „uns hat der ehrwürdige Bruder Mi⸗ti(Smith) immer geſagt, die Feranis hätten nur ein einziges Kriegsſchiff in ihrem ganzen Reich, und das ſchickten ſie her bald ſo, bald ſo angemalt, und bald mit dem, bald mit jenem Namen, Geld zu erpreſſen, und jetzt liegen drei ſchon im Hafen nnd das vierte ſegelt eben ein, und eines immer größer als das andere— der ehrwürdige Bruder Miti muß geträumt haben.“ „Bruder Miti träumt aber gewöhnlich mit den Augen offen“ bemerkte Bob, trocken;„merkwürdig kluge Erzählungen die ſich die Leute machen, nur daß die Farbe abgeht, wenn ſie naß werden. Die Feranis könnten eine ganze Woche hintereinander jeden Tag vier andere Kriegscanoes herſchicken, und behielten immer noch ſo viel zu Hauſe.“* Während ſich die Eingeborenen, denen ein Anderer oe⸗ das von Bob geſagte überſetzte, um dieſen drängten, der unwillkommenen Mähr von der Macht eines Feindes zu lauſchen, der ihnen bis jetzt eher als un⸗ bedeutend geſchildert war, hatte die Reine blanche mit dem neu einkommenden Fahrzeug raſch Signale gewechſelt, aber die erwartete und von der Königin erhoffte Begrüßung ihrer Flagge, der gegenüber jetzt, von dem Pritchard⸗Haus, die Engliſche wehte, blieb aus, und die Kriegsſchiffe lagen ſtill und ernſt in der Bai— ob Freund ob Feind— erſt die Zukunft follte das entſcheiden. Von der Reine blanche kam jetzt ein Boot ab, mit der wehenden Tricolore am Heck, und hielt, von ſechzehn Riemen pfeilſchnell über die ſpiegelglatte Fluth dahergetrieben, gerade dem Hauſe Pomarens zu, vor dem ſich eine Maſſe Volk jedes Geſchlechts, wie jeder Farbe faſt, verſammelt hatte. Der im Stern des Bootes ſitzende Offizier war aber Du Petit Thouars ſelber und ehe nur Einzelne der Umſtehenden ihn, von ſeinem früheren Beſuch noch in der Erinnerung, erkannt hatten, ſprang er an Land, rief dem ihn begleitenden Offtzier einige Worte zu und ſchritt dann, allein und unangemeldet, raſch dem Hauſe zu, vor deſſen Schwelle die mit der Krone gezierte Flagge der Pomaren ſtolz ausflatterte. Einen Augenblick blieb er daneben ſtehn, und es 5* 68 war faſt, als ob ein ſpöttiſches Lächeln um ſeine Mundwinkel zuckte, als er zu dem flatternden Banner hinaufſchaute, und den Blick von da zu den Eng⸗ liſchen Farben ſchweifen ließ— wenn ſo, ging das aber eben ſo raſch vorüber als es gekommen, und mit flüchtigen Schritten ſprang er die wenigen Stufen zu der Verandah der Königin empor. Die Einanas, im Vorzimmer, wollten ihm freilich den Eintritt weigern, eine aber erkannte ihn wieder und eilte mit dem Schreckensruf zu ihrer Herrin, denn Du ketit Thouars war, ob verdient oder unverdient, der Popanz der Inſeln geworden, mit dem man die Kinder furchtſam machte und die Mädchen.. Pomare erſchrak— was wollte der Befehlshaber der Kriegsſchiffe da draußen von ihr, daß er, ohne angemeldet, ohne um förmliche Audienz einzukommen, wie das üblich geweſen war von jeher, das ihr von den Miſſionairen und Conſuln eingeprägte, und für unumgänglich nöthig geſchilderte Ceremoniell ſoweit außer Augen ſetzte, ſie allein aufzuſuchen. Einen Augenblick ſtand ſie unſchlüſſig und zögernd da; aber ſie hörte ſchon die lachende Stimme des Franzöſiſchen Befehlshabers dicht vor ihrer Thür, wie er ſich, durch die ihm den Weg verſperrenden Mädchen 69 Bahn zu brechen ſuchte mit ſcherzhafter Gewalt, vielleicht nicht einmal böſe über den Widerſtand. „Ruf mir den ehrwürdigen Bruder Pi⸗ri-ta-ti“*) ſagte ſie da ſchnell, und das Mädchen öffnete kaum die Thür, dem Befehl Folge zu leiſten, als der Ad⸗ miral auch, ängſtlich von den Frauen Pomares umſtanden, auf der Schwelle erſchien, und den Hut abziehend mit, Pomaren entgegengeſtreckter Hand ihr ſein freundliches Joranna entgegenrief. „Joranne Peti-Tua“ ſagte die Königin ernſt, ihm die Hand nicht verſagend, aber immer noch in einer eigenen Miſchung von beleidigter Eitelkeit und Verlegenheit zu ihm aufſchauend—„bringſt Du mir Frieden oder Krieg jetzt, in Deinen großen Schif⸗ fen mit denen Du die Bai füllſt, und biſt Du den weiten Weg noch einmal hergekommen, eine arme ſchwache Frau zu kränken, oder hat Dich Dein König geſchickt mit freundlichem Wort, und iſt das Joranna treu gemeint und nicht blos wie ein Hauch von den Lippen?“ „Ich bringe Dir Frieden, Pomare,“ ſagte Du Petit Thouars freundlich, und hielt die Hand die ſie ihm gereicht, immer noch in der ſeinen—„Frieden und Freundſchaft, wenn Du eben nicht ſelber trotzig *) Pritchard. 70 das Alles von Dir weiſt und mich förmlich dazu zwingſt Dir weh zu thun— und das wirſt Du hoffentlich nicht““ „Du willſt wieder Geld von mir haben auf Deine Schiffe zu nehmen?“ ſagte Pomare raſch und miß⸗ trauiſch—„aber ich habe Nichts mehr— das letzte was ich hatte haben die Miſſionaire von mir be⸗ kommen, unglückliche Heiden in Auſtralien und Afrika zu bekehren.“ Der Admiral biß ſich die Unterlippe und ein leichtes, halb verlegenes Lächeln zuckte über ſeine Züge. „Nein“ ſagte er endlich nach kleiner Pauſe,„Du irrſt, Pomare, und ich verzeihe Dir gern Deine Un⸗ erfahrenheit in ſolchen Dingen; ich will auch Nichts von Dir haben, als was Du uns freiwillig ſchon gegeben haſt— nur nichts nehmen möcht' ich mir laſſen, und deshalb komme ich her. Noch aber liegt das Alles zwiſchen uns Beiden, und ich hoffe wir werden es mit wenigen Worten auch leicht und freundlich löſen. Ich meine es gut mit Dir Pomare, und möchte Dich nicht kränken noch betrüben.“ „Das iſt eine lange Vorrede zu einem freundlichen Wort“ ſagte Pomare, den herzlichen Worten des Feranis immer noch mißtrauend. „So will ich denn kurz zur Suche kommen“ 71 ſagte der Admiral und ſeinen Hut auf den Tiſch, zwiſchen den Wirrwarr von wunderlichen ſtaubbe⸗ deckten Sachen, Globen und Servicen, Zeugen und Spielereien legend, warf er ſich ſelber in den nächſten Stuhl und fuhr, das rechte Bein über das linke legend, und die Hände darüber faltend ernſter fort:„Ich brauche Dir nicht erſt die während meiner Abweſen⸗ heit paſſirten Vorgänge ins Gedächtniß zurückzu⸗ rufen— eine Rotte unnützes Volk, wie ich gern glauben will, mit Prieſtern und weggelaufenen Ma⸗ troſen an der Spitze, denen der Henker daran liegt ob Krieg ob Frieden hier auf den Inſeln iſt, und welche Folgen ein ſo unüberlegter thörichter Schritt für Dich und das Land mit ſich führen könnte, haben die Franzöſiſche Flagge beleidigt und die Verträge gebrochen, die Du ſelber mit uns eingegangen biſt. Die Römiſch⸗katholiſchen Prieſter ſind wieder klagbar geworden— bitte laß mich erſt ausreden und höre Alles was ich Dir zu ſagen habe— ſie behaupten wieder in ihren Rechten gekränkt zu ſein und viel Schaden durch das willkürliche und widerrechtliche Benehmen der Proteſtantiſchen Geiſtlichen erlitten zu haben; aber ich will annehmen, Pomare, daß Dir jene Vorgänge ſelber leid thun, und Du ſie nur nicht hindern konnteſt. Ich will Alles vergeſſen und ver⸗ geben, und ich verlange nicht einmal eine Entſchul⸗ * 72 digung von Dir für das Vorgefallene, aber Du mußt mir dann auch beweiſen daß es Dir jetzt wenigſtens Ernſt iſt Se. Majeſtät, den König von Frankreich zum Freund zu behalten und nicht in ſtarrem Trotz die Hand von Dir zu ſchleudern, die Dir den Frie⸗ den bringt.“ „Und was verlangſt Du?“ frug Pomare unge⸗ duldig,„denn etwas willſt Du doch von mir, das fühl' ich klar.“ „Du ſollſt nur den Vertrag halten den Du ein⸗ gegangen“ ſagte der Admiral ernſt,„Du ſollſt, mit einem Wort, das Franzöſiſche Protektorat anerkennen, deſſen Annahme Du ſelber, wie Deine erſten Häupt⸗ linge, unterſchrieben, und dem zu Folge Du den bunten Schmuck auch in der vor Deinem Hauſe wehenden Flagge, die ſelbſtſtändige Krone, weg⸗ nehmen mußt, die Dir nicht gebührt.“ „Wem anders, wenn nicht mir?“ rief Pomare aber jetzt gereizt, und das Blut ſchoß ihr in vollem Strom in Stirn und Schläfe—„wem anders, ſtolzer Ferani, als der eingeborenen Königin dieſes Landes?“ „Bah, bah“ ſagte der Officier kopfſchüttelnd und mit zuſammengezogenen Brauen,„das ſind Redens⸗ arten, die Dich Deine frommen Miſſionaire gelehrt haben, und ſie hätten, beiläufig geſagt, etwas —* 73 geſchocleres thun können. Du verkennſt Deinen Rang, Pomare, denn es iſt bei Gott ein Unterſchied zwiſchen der Pomare wahine einer kleinen Inſel, und der Fürſtin eines mächtigen Reiches, im alten Vater⸗ land; wenn man Dir alſo das nicht früher klar ge⸗ macht hat, geſchah es nur Deine Eitelkeit nicht in einer Sache zu kränken, auf die eigentlich damals nicht viel ankam. Anders wird das jedoch, wenn Du unter dem Schutz eines anderen Staates ſtehſt, deſſen Oberherrſchaft Du ſelber anerkannt; dann ge⸗ bührt Dir die Krone nicht mehr, noch dazu wenn Du Dich in ſolchen falſchen Anſprüchen von einer uns feindlichen Macht unterſtützen läßt, wie das Wehen der Engliſchen Flagge da drüben beweiſt, und ich muß Dich bitten, Deinetwegen bitten, ſie ſelber und in aller Stille wieder nieder und nicht wieder aufzuziehn— es ſoll mir das ein Zeichen ſein, daß Du meinen vernünftigen und ruhig Vorſtellungen Gehör gegeben, und nicht wie frühe mit dem ſtarren Weibestrotz einer Unmöglichkeit die Stirne bieten willſt.“ „Die Königin Viktoria hat ebenfalls ihre Fahne mit der Krone wehn und Niemand darf es ihr ver⸗ wehren,“ rief Pomare, der Argumente ihres Geiſt⸗ lichen gedenkend. „Ach, Kinderſpiel,“ ſagte Du Petit Thouars, 74 ärgerlich den Kopf herüber und hinüber werfend— „was haben wir hier mit der Königin Viktoria zu thun— ſie iſt mächtig genug ſich ſelbſt zu ſchützen, und hat das Recht eine Krone zu führen!— Wer überhaupt hat Dich auf den tollen Einfall gebracht, der Dir nichts nützt und Dich nur wieder in Fatali⸗ täten bringen kann, Dich mit der Königin Viktoria zu vergleichen?“ „Peti Tua“ erwiederte Pomare gereizt—„es ſind auch noch andere Europäer auf der Inſel, die wiſſen was ſich für eine Königin ſchickt— wäreſt Du allein da, müßte ich Dir glauben.“ Wieder preßte der Admiral ſeine Unterlippe zwi⸗ Fluch ziſchte er: „Dacht' ich's mir doch, daß die Schwarzröcke in gehabt“ und er ſprang auf und ging ein paar Mal, mit auf den Rücken gelegten Händen raſch im Zim⸗ mer auf und nieder; dann aber, wie ſich beſinnend, ſtrich er ſich über die Stirn, blieb einen Augenblick, ſtill vor ſich niederſehend ſtehn, und ging dann plötz⸗ lich, mit freundlicherem Ausdruck in den Zügen auf Pomare zu, ergriff mit der Linken ihre Rechte und mit dem Zeigefinger der Rechten ihr Kinn in die Höhe hebend ſagte er lächelnd, ja faſt herzlich: ſchen die Zähne und mit einem leiſe gemurmelten ihrem Uebermuth wieder die Hand dabei im Spiel — 75 „Sei vernünftig, Pomare, und horche dies eine Mal nur auf den Rath eines Mannes der, trotz allem was ſie Dir mögen dagegen geſagt haben, es wirklich gut mit Dir meint. Sieh die Depeſchen ſind ſchon in Frankreich angekommen, nach denen Dein Reich unter dem Protektorate meines Königs ſteht, und ich dürfte dem nicht mehr zuwider handeln, wenn ich wirklich wollte. Traue auch nicht alle dem, was Dir die Engliſchen Prieſter ſagen; Du haſt ſchon oft gefunden, daß ſie ſich irrten. Sie wollen nur Macht hier im Land gewinnen und die Allein⸗ herrſchaft haben, und wir Franzoſen paſſen ja doch wahrhaftig beſſer zu Euch wie die Kopfhänger.“ In dieſem Augenblick öffnete ſich leiſe die Thür, Pomare entzog dem Admiral raſch ihre Hand und trat einen Schritt von ihm zurück, und eine der Eina⸗ nas meldete, den Kopf zur Thür hereinſteckend, den „boda Piritati“ der draußen ſtände und die Königi 18 zu ſprechen wünſche. „Schick ihn fort, wahine“ rief aber Du Petit Thouars ärgerlich—„wir haben hier wichtige, weltliche Dinge zu reden und brauchen den Pfaf⸗ fen nicht— ſchick ihn fort“— „Ich habe ihn rufen laſſen“ entgegnete Pomare, während das Mädchen unſchlüſſig erſt auf den direkten Befehl ihrer Herrin wartete,„auch iſt er nicht allein ein Mitonare, ſondern ebenfalls der Conſul der Beretanis.“ „Ein Zwitterding“ erwiederte der Franzoſe,„ich habe mit ihm weder als das eine noch andere etwas zu ſchaffen; ſchick ihn fort, oder ich gehe, und Du haſt Dir die Folgen dann ſelber zuzuſchreiben.“ „Er wird warten, denn ich muß mit ihm ſpre⸗ chen“ ſagte Pomare,„und weiter haſt Du mir ja doch nichts mehr zu ſagen.“ „Nichts mehr zu ſagen?“ rief der Admiral er⸗ ſtaunt—„Frau das iſt gerade genug, denn es be⸗ trifft Dein ganzes Reich—“ „Du darfſt es mir nicht nehmen,“ rief die Kö⸗ nigin und ihre Augen blitzten—„Piritati hat mir ſelber geſagt, daß mich England beſchützen wird gegen meine Feinde.“ „Gebe Gott daß Du nur Deine Feinde erkennen lernteſt“ warnte ſie, mit gehobenem Finger, der Fran⸗ zoſe,„aber meine Zeit iſt gemeſſen, ſo antworte mir denn, wenn Du dem Freundesrath nicht folgen willſt, einfach auf meine Frage, und ſage mir ob Du Dich dem, was ich jetzt von Dir noch Auge in Auge de ver⸗ lange, fügen willſt oder nicht.“ „Und was iſt das, in klaren einfachen Worten?“ frug Pomare. 77 „Einfach die Anerkennung unſeres Vertrags,“ entgegnete Du Petit Thouars,„und zum Zeichen ziehſt Du die Flagge mit der Krone nieder, und hiſſeſt die Trikolore, die ich im Boot für Dich mit⸗ zeunſhd „Nie im Leben!“ rief Pomare, und ſtampfte mit dem Fuß den Boden. „Du zwingſt mich denn Deine Flagge mit Ge⸗ walt zu ſtreichen und Frankreichs Banner dafür auf⸗ zupflanzen— bedenke Pomare daß von dem Augen⸗ blick, wo das durch meine Hand geſchieht, Du aufgehört haſt zu regieren, denn das Land ſteht dann nicht mehr nur unter Frankreichs Schutz, nein es iſt erobert, und der Sieger verfügt darüber wie es ihm gut dünkt.“ „Ich verſtehe nicht, was Du mit den fremden Worten willſt,“ entgegnete finſter Pomare,„aber Du darfſt mir mein Land nicht nehmen; die Engliſchen Schiffe leiden es nicht.“ 3 „Wer Dir das ſagt iſt Dein Feind“ entgegnete raſch der Admiral—„denke an mich, Pomare, und was ich Dir gerathen; aber meine Zeit iſt auch ver⸗ floſſen und ich fürchte faſt nutzlos, denn der Miſ⸗ ſionair wird Dir das Kreuz wieder vorhalten und mit der Bibel drohen.“ „Ich laſſe mir nicht drohen“ rief die Königin. 78 Ich habe Dich darum gebeten, Pomare“ ſagte, noch einmal zu ihr tretend, mit leiſer gedämpfter Stimme der Admiral,„Deinethalben gebeten, weil ich Dich achte und liebe und Dir Dein kleines ſchönes Reich nicht rauben, Deine Macht hier nicht mit einem Schlage vernichten möchte; zwinge mich nicht dazu, nimm die Fahne mit dem unnützen Schmuck, der Dir nur Verderben bringt, nieder und ziehe meines Landes Farben auf, und Du bleibſt was Du biſt, wenn nicht unbeſchränkt, doch Königin dieſes Landes.“ „Und wenn nicht?“ „Trotzkopf“ murmelte der Franzoſe ärgerlich ſich auf dem Abſatz herumdrehend—„ſo nimm denn die Folgen. Und doch geb' ich Dir noch Zeit zum Nach⸗ denken bis morgen früh,“ ſetzte er nach kurzem Sinnen hinzu—„überleg' es Dir wohl und handle danach, und Gott leite Dich, daß Du den rechten Weg gehſt; wenn aber nach dem Morgenſchuß nicht die Tricolore von Deinem Hauſe weht, dann komm ich nicht mehr zu Dir hinüber, ſondern ſchicke Dir rauheren Beſuch, und Du haſt die Folgen Dir ſelber zuzuſchreiben.“ Und damit raſch das Zimmer verlaſſend, rannte er faſt gegen den Miſſionair, der gerade im Begriff ſchien es zu betreten. Mr. Pritchard grüßte ihn, —,— —— und machte eine Bewegung, als ob er ihn anreden wolle, der Franzöſiſche Admiral war aber keineswegs in einer Stimmung ſich mit ihm einzulaſſen, be⸗ rührte einfach ſeinen Hut, und ging mit raſchen Schritten wieder der Landung zu, wo indeſſen ſeine Leute, von den Indianern umlagert, doch dem ge⸗ meſſenen Befehl nach nicht den mindeſten Verkehr mit dieſen haltend, das Boot weit genug vom Strand abgeſtoßen hatten flott, und außer Verbin⸗ dung mit dem Ufer zu bleiben. Raſch griffen aber die Riemen wieder ins Waſſer, als ſie ihren Vor⸗ geſetzten zurückkehren ſahen— ein kurzer Befehl und einer der Leute ſprang mit einem vorn im Boote liegenden Pakete— der zuſammengerollten Fran⸗ zoͤſiſchen Flagge— die Uferbank hinauf, dem Hauſe Pomares zu, ſie dort für die Königin dem erſten Mädchen gebend das er traf; wenige Minuten ſpäter kam er in raſchem Lauf zurück, das Boot flog herum und ſchnitt wieder, ziſchend und ſchäumend, wie ein verfolgter Fiſch die Oberfläche theilend, der Reine planche entgegen, die in all ihrer dunklen furcht⸗ baren Majeſtät vielleicht eine Kabelslänge davon vor Anker lag. Capitel 3. Die Tahitiſche Flagge. Sadie hatte indeſſen gar trübe, angſterfüllte Tage verlebt; Rens Wunde war allerdings nicht gefähr⸗ lich, ja ſogar viel leichter als ſie im Anfang ge— fürchtet, geweſen und heilte ſo raſch, daß er ſchon am nächſten Tage wieder ſein Lager verlaſſen und mit dem Arm in der Binde ſich ziemlich frei umher⸗ bewegen konnte, aber Renes Gegner war an ſeiner Wunde geſtorben, und ſo ſehr ſich auch Bertrand jetzt Mühe gab, die Kunde dem Ohr der armen jungen Frau noch vorzuenthalten, brachte doch ſchwatzhafter Mund die Trauernachricht auch in ihre Hütte und füllte ihr Herz mit unermeßlichem Weh.— 81 René ein Mörder— ihrethalben, und Alles was ihr der Geiſtliche erſt vor wenigen Tagen von Schmach und Sünde und Gottes Zorn geſagt, traf ihr die Seele jetzt mit hundertfacher Kraft, und ſchrieb ihr den bitteren furchtbaren Vorwurf mit blutigen Zügen tief in das angſtgequälte Herz.— René ein Mörder— Blut an der Hand, die ſie in Glück und Liebe tauſendmal geküßt— Blut an der Hand, in die ſie die ihrige vor Gottes Altar einſt gelegt. Heiliger Vater im Himmel, wie ihr das Nerv und Leben traf, und ihr das Blut faſt ſtarren machte in den Adern— und René? Als ſie zu ihm ſtürzte, ſich an ſeinen Hals warf und ihn tröſten wollte mit einem Herzen, dem jeder Troſt gebrach, als ſie da vor ihm auf die Knie fiel, und ihn nikder ziehn wollte zu ſich, in bruͤnſtigem Gebet Linderung zu finden für das Entſetzliche, und nur Thränen hatte in ihrem erſten furchtbaren Schmerz, nur Thränen die ihr Blut ſchienen wie ſie ihr von den Wimpern niederbrannten— da blieb er kalt. Das Blut hatte wohl ſeine Wangen verlaſſen bei der Nachricht, aber kein weiteres Zeichen, kein Muskel ſeines Angeſichts verrieth daß er fühle was er ge⸗ than, und Sadie blickte in Schreck und Staunen zu ihm auf und ſuchte umſonſt ſein Herz zu ſeinem Gott zu wenden, dort Vergebung, dort Gnade zu Gerſtäcker's Tahiti. III. 6 82 erflehn vor dem Thron des Allliebenden den er ſchwer beleidigt ja mit Brudermord. „Laß das, laß das Kind,“ ſagte er finſter, ſich ihrem Griff entziehend—„das ſind Sachen die Du nicht verſtehſt und deshalb nicht begreifen, nicht be— urtheilen kannſt.“. „Du haſt einen Menſchen mit kaltem Blut ge⸗ tödtet“ weinte Sadie, ohne ſich zu erheben—„haſt Abſchied an dem Morgen von mir genommen und Deinem Kind— hhaſt uns geküßt und geliebkoſt, und biſt mit ruhiger heiterer Stirn hinausgegangen einen Bruder zu ermorden.“ „Sadie“ bat Rent ſie jetzt leiſe und weicher als vorher, als er ſah, welchen furchtbaren Eindruck die That auf ſie machte, die nur in ihrem nackten Erfolg ſtarr und gräßlich vor ihr ſtand, während ſie die Triebfedern ſolcher Handlung in Europäiſchen Be⸗ griffen wurzelnd, in ihrem einfach reinen Sinn ja nicht verſtehen konnte—„thörichtes Kind, habe ich Dir denn nicht oft und oft von ſolchen Sitten aus meinem Vaterland erzählt, wie Mann gegen Mann empfangene Beleidigung nicht anders rächen kann, als mit Piſtole oder Degen? und zwang uns nicht Beide das Geſetz der Ehre zu ſolchem Kampf, ſelbſt wenn wir Beide das Geſchehene ſchon von ganzem Herzen bereut und gern vergeſſen hätten?“ 83 „Ein Geſetz der Ehre erkannteſt Du an,“ klagte Sadie,„und vergaßeſt das Geſetz Gottes— nein, vergaßeſt es nicht, ſondern ſtießeſt es mit Füßen von Dir, Deine blutige, unheilvolle Bahn zu gehn— oh René, René, Du haſt meinen Frieden zerſtört auf ewige Zeiten.“ „Mach mir den Kopf nicht noch wilder mit ſol— chen Reden“ bat ſie da, kurz abbrechend, Rend— „die Prieſter haben Dir all das tolle Zeug in's Hirn geſetzt, und Du weißt recht gut, ich kann's nicht leiden, nicht ertragen.“ „Oh daß Du die Stimme der Prieſter, die Stimme Gottes hören wollteſt“ klagte das arme Weib, die Hände ringend und das Haupt geſenkt, ſtarr und troſtlos vor ſich niederſehend—„daß Dir Gottes Wort zum Herzen ſpräche mit allgewaltigem Klang und Donnerton, Dich aufzuſcheuchen vor Dir ſelber und Dir den Pfad zu zeigen, in all ſeinen Schrecken und ſeiner Finſterniß, dem Du mit ſtarrem trotzigem Sinn entgegeneilen willſt. Oh der ehrwürdige Vater Rowe hatte ja recht als er mich mahnte, mit heißen brünſtigen Worten mahnte, Dich zurückzuhalten von dem was Dir Verderben droht— aber konnte ich es denn?— ward mir armen ſchwachen Weibe denn die Kraft gegeben? ich kann nur beten für Dich, Rene, und den Heiland bitten, Dich vor Dir ſelber 6 84 zu ſchützen und Geduld mit Dir zu haben in ſeiner Allbarmherzigkeit.“ „Rowe?“ ſagte René aufmerkſam werdend und ſah Sadie raſch und ſcharf an—„was weißt Du von dem Schleicher?— ich will doch nicht hoffen, daß er meine Schwelle betreten?“ „Er war hier“ hauchte Sadie, unfähig eine Lüge zu ſagen, aber das Blut ſchoß ihr in Strömen in Stirn und Schläfe. „Hier?— und Du haſt mir das bis jetzt ver— ſchwiegen?“— rief Rene, ſeinen erwachenden Aerger, überdies ſchon gereizt, nur mit Mühe bändigend— „zum Teufel mit dem Burſchen! was wollte er, was trieb ihn her?“ „Die Sorge um mich“ ſagte leiſe Sadie—„er war mein Lehrer in der Kindheit, und nimmt auch jetzt noch Theil an mir; und hat er nicht ein Recht dazu, ſeit Vater Osborne geſtorben und deſſen Sorge um meiner Seele Wohl auf ihn allein ja eigentlich doch überging?“ Rens biß ſich auf die Lippen— es drängte ihn, ſeinem Zorn über den Mann den er alle Urſache hatte zu haſſen, und deſſen Charakter er nicht ganz ohne Grund bezweifelte, freien Lauf zu laſſen, aber er fühlte auch wie weh er der armen Frau dadurch thun würde, und nur die Stirn heftig mit der rechten 8⁵ Hand reibend, ging er einige Mal raſch im Zimmer auf und ab. Endlich aber blieb er neben Sadie, die noch immer in ihrer knieenden Stellung verharrte und das ſorgenſchwere Haupt an der Stuhllehne in den vorgehaltenen Arm ſtützte, ſtehn, und ſeine Hand auf ihre Stirn legend flüſterte er mit freundlicher liebender Stimme: „Beruhige Dich, mein Herz; nicht ſo ſchwer laſtet das Blut auf meiner Seele, daß ich Deinem Gott nicht noch frei und offen in's Auge ſchauen könnte. Ich bin mir nichts Böſes bewußt, denn dieſe That fällt nicht mir, ſie fällt der Geſellſchaft zur Laſt die ſie billigt, ja fordert— Nichts hilft es dabei dem Einzelnen ſich dagegen zu ſträuben. Komm, ſchau wieder zu mir auf, mein herziges Lieb und laß die Grillen— geſchehene Dinge ſind nicht mehr zu ändern, und Du brauchſt die Hand nicht zu fürchten, die nur mein eigenes Leben vor dem Gegner ſchützte.“ Sadie ſchauderte und ihr Antlitz in den Händen bergend flüſterte ſie: „Bete— René— bete zu Gott daß er Dir die That vergeben möge und ich will mit Dir meine Stimme erheben zu dem Höchſten—“ „Sadie“ „Neige Dein Ohr Allmächtiger“ flehte die Frau, 86 inbrünſtig ſeine Hand faſſend und die Augen zur Decke erhebend,„verwirf mich nicht von Deinem An⸗ geſicht, und nimm Deinen heiligen Geiſt nicht von mir.— Tröſte mich wieder mit Deiner Hülfe und der freudige Geiſt enthalte mich— denn ich will die Uebertreter Deine Wege lehren, daß ſich die Sünder zu Dir bekehren. Errette mich von den Blutſchulden Gott, der Du mein Gott und Heiland biſt, daß meine Zunge Deine Gerechtigkeit rühme.“ „Komm, komm Sadie“ ſagte aber Renè ihr leiſe doch entſchloſſen ſeine Hand entziehend,„das iſt genug und ich bin des Lamentirens überdrüſſig. Komm wieder zu Dir, daß man ein vernünftig Wort mit Dir reden kann, ich will dann ſuchen Dich zu überzeugen; bis dahin aber erlaube mir daß ich die friſche Luft ſuche, einmal wieder frei aufzuathmen, denn mir iſt ſchwül und heiß geworden bei Deinen Reden.“ Und den Hut aufgreifend verließ er, ohne ſelbſt weitern Abſchied von ihr oder dem Kinde zu nehmen, raſch das Haus und ſchritt die Straße nach Papetee hinunter. Sadie verharrte noch eine lange Zeit in ihrer Stellung und betete heiß und brünſtig für den ge⸗ liebten Mann; immer noch hoffte ſie dabei daß René zurück— reuig zurückkehren würde, ſich mit ihr am 87 Thron des Höchſten niederzuwerfen, und Vergebung zu erflehn für das Verbrechen; aber er kam nicht, und die Angſt um ihn trieb ſie zuletzt empor und ließ ihr nicht Ruhe und Raſt im Haus als ſie von Mataoti erfuhr daß er den Weg nach Papetee ein⸗ geſchlagen und dort ja, wenn man etwas gegen ihn beabſichtige, dem nach ihm ausgeſtreckten Arm der Gerechtigkeit gerade entgegen eile. Der Leichtſinnige kannte, achtete ja keine Gefahr, aber er hatte auch kein treueres Herz auf der Welt als ſein Weib, über ihn zu wachen, und ihr Kind aufgreifend, das ihr lächelnd und den Schmerz nicht ahnend der ihre Bruſt durchtobte, die Aermchen entgegenſtreckte, eilte ſte, die heute merkwürdig belebte Straße vermeidend, zum Strand hinunter, machte mit Hülfe Mataotis das Canoe flott und glitt bald darauf, ihr Kind zu ihren Füßen, den ſchlanken Kahn mit kräftigen Ruderſchlägen über die ſpiegelglatte Fluth treibend, dem nicht ſo fernen Hafen zu. Die Menſchen aber, die heute die Broomroad ent⸗ lang der Reſidenz ihrer Königin zudrängten, thaten das nicht blos aus Neugierde, die vielen fremden eingekommenen Schiffe anzuſtaunen, obgleich Neu⸗ gierde ſie doch größtentheils auf die Beine gebracht, nein ſie wußten auch, daß ſich in Papetee irgend eine Kataſtrophe ihrer Inſel vorbereite, und wollten 88 deſſen Zeuge— ja wie die Sache auslief, auch vielleicht Theilnehmer und Mitwirkende ſein. Durch Mr. Pritchard nämlich, oder Pomare ſelber, vielleicht auch durch die Einanas die wohl draußen an der Thür gehorcht, war der Inhalt der zwiſchen Pomare und Du betit Thouars ſtattgehabten Unterredung bald, wenigſtens in ſeinen Hauptbeſtand⸗ theilen, in Papetee und der Umgegend bekannt ge⸗ worden; man wußte daß der Ferani verlangt hatte, die Königin ſolle die Landesflagge niederziehn und die Fahne des Feindes dafür hiſſen, ja man behaup⸗ tete jetzt ſogar ſchon, er habe im Weigerungsfalle gedroht die Stadt zu beſchießen, was Einzelne der Furchtſamſten ſogar bewog nach Dunkelwerden ihr bewegliches Eigenthum in den Wald und die Berge zu ſchaffen, den franzöſiſchen Kugeln außer Bereich zu kommen.. Nichtsdeſtoweniger hatte ſich an dem, als zur Entſcheidung beſtimmten Morgen, ſchon mit Tages⸗ anbruch eine Unmaſſe Volk gerade am Strand ver⸗ ſammelt, während Neuankommende noch immer von den anderen Theilen der Inſel herzuſtrömten, und mit einer Art von ſcheuer Freude ſahen die Tahitier ihre Landesflagge noch ſtolz und trotzig auf der alten Stelle wehn, und harrten jetzt erwartungsvoll des Reſultats. Auch die Decks der fremden Kriegsſchiffe, —— 89 der Franzöſiſchen wie der Engliſchen Catch Basilisk die hier natürlich nur eine vollkommen beobachtende Stellung einnehmen konnte, waren von den Offi⸗ cieren wie der Mannſchaft beſetzt, die mit und ohne Telescope, von Quarterdeck und Back, von Wanten und Marſen aus die Augen feſt auf die hier, als ent⸗ ſcheidendes Zeichen bekannte Tahitiſche Flagge ge⸗ richtet hielten. Aber der Morgenſchuß war vom Bord des Franzöſiſchen Admiralſchiffs gefeuert wor⸗ den, ohne daß irgend ein feindlicher Schritt gegen die Autorität des Landes, oder die Flagge geſchehen wäre, denn der Admiral Du Petit Thouars hatte während der Nacht noch Gegenbefehl gegeben, und die Friſt für Pomare bis zum Nachmittag verlängert. Er wollte der trotzköpfigen Inſulanerin jede nur mögliche Zeit laſſen ihm einen Schritt zu erſparen, den er außerdem nach allem Vorhergegangenen wohl nicht mehr gut vermeiden konnte, zu dem er ſich aber auch im Herzen nicht ſo ganz gerechtfertigt fühlen mochte; wußte er doch nicht einmal, wie er in Frank⸗ reich ſelber aufgenommen werden würde. Die Königin hatte den Tag über mehre Bera⸗ thungen mit dem Engliſchen Conſul ſowohl, wie den anderen Miſſiongiren. Mr. Pritchard fuhr eben⸗ falls an Bord des kleinen Engliſchen Kriegsſchiffes, ſehr wahrſcheinlich den Capitain deſſelben zu einer 90 Erklärung für ihre Sache zu bewegen. Die Flaggen blieben aber wehen, die Tahitiſche ſowohl wie die Engliſche, trotzig der Tricolore entgegen, und Du Petit Thouars durfte zuletzt nicht länger zweifeln, daß es Pomare zum Aeußerſten treiben wolle der Franzö⸗ ſiſchen Macht zu trotzen, und den früheren Vertrag, als ihr in unwürdiger Weiſe abgezwungen, zu ver⸗ leugnen. Bis um vier Uhr Nachmittags war dieſer letzte Termin ausgedehnt worden, und ein Theil des Volks hatte ſich ſogar ſchon wieder in der Zwiſchenzeit zerſtreut, ſeine Mahlzeit einzunehmen oder ſeine Sieſta zu halten, bis die entſcheidende Stunde ſchlage. Kein Boot landete indeſſen von den Schif⸗ fen, kein Canoe verließ das Ufer, zu ihnen mit Früchten oder anderen Handelsartikeln hinauszu⸗ fahren, wie das die Eingeborenen bis jetzt immer ſehr unbefangen, mochte das Schiff ſtammen woher und beabſichtigen was es wolle, gethan. Die Leute fühlten daß jetzt keine Zeit zum Feilſchen ſei, wo die Matroſen vielleicht mit brennenden Lunten bei ihren Geſchützen ſtänden. Die Sonne mochte den Zenith wohl ſchon zwei Stunden überſchritten haben, als René die Stadt erreichte und im Anfang wirklich erſtaunt über die Aufregung der Leute war, die ſonſt wahrlich nicht ſo 91 leicht veranlaßt werden konnten, ſich in der Hitze des Tages am offenen Strand herumzutreiben, wo die Palmen⸗ und Guigpenhaine rings umher ſo treff⸗ lichen Schatten boten; er hatte Du Petit Thouars ſowohl wie Pomare ſchon faſt vergeſſen. Die we⸗ hende Flagge der letzteren mahnte ihn aber wieder an das Drama, das ſich hier entwickeln ſollte, und die geſchäftig hin und hergehenden Miſſionaire, die theils mit den verſchiedenen Gruppen verkehrten, theils zwiſchen den Häuſern Pomares wie einzelner Häupt⸗ linge, oder auch den eigenen Wohnungen herüber und hinüberwechſelten, charakteriſirten das Ganze deutlich genug. Die ſchwarzgekleideten bleichen Männer, mit den gezwungen milden und doch heute ſo eilfertigen Zü⸗ gen konnten nicht dazu dienen Renes überdies ge⸗ reizte Stimmung zu beſſern, oder freundlicher zu geſtalten, und finſter und ſchweigend erwiederte er ihren Gruß, wenn ſie an ihm vorüberſchritten, oder gar ein Geſpräch mit ihm anknüpfen wollten in ihrer Art. Gedanken- und ziellos ſchlenderte er ſo am Strande hin, die Arme auf der Bruſt ineinander⸗ geſchlagen, und den Hut feſt und verdroſſen in die Stirn gezogen, als er plötzlich von klarer wohlbe⸗ kannter Stimme ſeinen Namen rufen hörte, und auf⸗ 92 ſchauend ſich gerade vor Mr. Belards Hauſe fand, deſſen Fenſter eines breiten Hintergebäudes dieſen ganzen Theil des Strandes üherſchauten, und von der Familie eingenommen waren, Zeugen der er⸗ warteten Vorfälle zu ſein. Madame Belard ſelber hatte ihn gerufen aber er ſchrak förmlich zuſammen, und fühlte wie ihm das aufſchießende Blut die Stirnadern zu ſprengen drohte, als er dicht neben dem freundlichen Geſicht der jungen hübſchen Frau, die engelſchönen lächeln⸗ den Züge Suſannens erkannte, die ebenfalls zu ihm niedergrüßte. „Es freut uns herzlich, Monſieur Delavigne wieder ſo friſch und wohl zu ſehen,“ rief Madame Belard jetzt, als er in aller Ueberraſchung und Ver⸗ legenheit nur eben flüchtig grüßte und vorüberſtürzen wollte—„aber hat er nicht einmal ſo viel Zeit einen Augenblick herauf zu kommen, und zu ſehn wie es alten Freunden geht? Wenn Sie nicht andere Geſchäfte fortrufen, haben wir hier ein prächtiges Plätzchen für Sie das Schauſpiel, einer friedlichen Inſel Eroberung, mit anzuſehn und Sie mögen unſer Begleiter ſein, wenn ſich die Erde hier in Franzöſiſchen Grund und Boden verwandelt.“ „Und darf ich?“ frug René, und die Frage galt diesmal dem jungen Mädchen, das bis dahin nur 93 lächelnd zu ihm niedergeſchaut und jetzt fröhlich ausrief: „Wenn Sie ſich nicht vor der Tochter Ihres früheren Capitains fuͤrchten— ich wüßte keinen an⸗ deren Grund weshalb nicht“— und wenige Minuten ſpäter ſtand René in dem kleinen Gemach an Su⸗ ſannens Seite, die Frauen zu begrüßen. „Großer Gott, wie bleich ſehn Sie aus“ rief aber hier das junge Mädchen, als er ihr die Hand ge⸗ reicht und das Blut, die erſte unnatürliche Aufregung vorüber, wieder in ſeinen alten Canal zurückdrängte —„Ihre Wunde iſt noch nicht geheilt, und Sie haben ſich zu ſehr angeſtrengt— guter Gott, Ihr Tollkopf wird Sie noch unter die Erde bringen.“ „Und würden Sie mich betrauern?“ frug René, ihr forſchend ins Auge ſchauend. Suſanne erröthete, aber Madame Belard enthob ſte einer Antwort, denn den jungen Mann dem Lichte zukehrend ſtimmte ſie Suſannen bei und erklärte, Monſieur Delavigne gleiche eher einem herumwan⸗ delnden Todten, als einem Lebenden, und je eher er ſich ſetze und ein Glas Madeira trinke, deſto beſſer ſei es für ihn— zu früh könne es aber gar nicht mehr geſchehen, und ihre Schlüſſel aufgreifend, von denen ſie den Kellerſchlüſſel ihrer Indianiſchen Die⸗ nerſchaft nicht anvertrauen durfte, verließ ſie raſch 94 das Zimmer, die eben verordnete Arznei auch gleich ſelber zu holen und einzugeben, wie ein guter, ſorg⸗ ſamer Arzt.. Suſanne und René waren allein, und der Letztere wollte ſich eben mit ſeiner Wunde für ſein, vielleicht unfreundlich ſcheinendes Betragen von vorhin ent⸗ ſchuldigen, als dieſe für ihn ſelber ſprach; die unge⸗ wohnte Anſtrengung, da es das erſte Mal geweſen war nach ſeiner Verwundung daß er einen ſolchen Marſch unternommen, die Aufregung zu Hauſe— jetzt, und beide ach wie ſo verſchiedener Art, wirkten zu heftig auf ihn— er mußte von dem raſch zu⸗ ſpringenden Mädchen unterſtützt, zu einem Stuhl taumeln und mit einer Ohnmacht kämpfend, deren Schleier er aber glücklich bezwang, ſtützte er das todtenbleiche Antlitz in die Hand, ſich wieder zu ſammeln, zu erholen. „Sie böſer, böſer Mann“ flüſterte das ſchöne Mädchen, ihr weiches Tuch raſch in kalt Waſſer tauchend und um ſeine Stirn legend—„was laufen Sie auch toll und wild in die Welt hinein, wenn Sie krank und elend ſind— weshalb hat Sie Ihre Sadie nur hinausgelaſſen?“ Sadie— Rensè athmete tief und ſchwer und ſeine Stirn faſſend traf er der Jungfrau Hand, die dort das Tuch hielt und ſie nicht wegziehn durfte wenn 95 es nicht fallen ſollte. Sie blieben wenige Secunden in dieſer Stellung und Suſanne fuhr wie beſtürzt zurück, als ſich die Thür raſch öffnete in der Madame Belard mit Flaſche und Glas im Arm wieder er⸗ ſchien, und etwas erſtaunt, ja erſchreckt, das bleiche Antlitz ihres Gaſtes bemerkte. „Hallo, was iſt hier vorgefallen,“ rief ſie halb lachend halb beſtürzt,„werden die Herren ohnmächtig und müſſen ihnen die Damen beiſtehn?— ſchöne verkehrte Welt das, aber meine Medicin iſt da um ſo mehr am Platz. Hier Monſieur“ fuhr ſie fort, ihm ein volles Glas einſchenkend, aber zugleich einen flüchtigen Blick nach Suſannen hinüberwerfend ſetzte ſie neckend hinzu:„und die Dame da ſcheint mir auch ein Glas vertragen zu können, Ihr habt Euch Beide alterirt— Wie ſteht es mit Ihrer Wunde, Delavigne?“ „Beſſer— gut“ ſagte er raſch. „Sie haben von Ihrem Gegner gehört?“ frug Suſanne leiſe. „Ja“ hauchte René. „Er hat es nicht anders haben wollen“ beruhigte ihn aber die Franzöſin—„wäre er mit der erſten Lektion zufrieden geweſen, ſo war die Sache abge⸗ macht und Niemandem ein Schade geſchehn— es ſoll das ſiebente Duell geweſen ſein, das er gehabt. 96 Aber reden wir von etwas Angenehmerem“ ſetzte ſie raſch hinzu,„wiſſen Sie daß unſere junge Freundin Briefe von zu Haus, und noch zwei bis drei Monat Urlaub bekommen hat, auf Tähiti zu bleiben?— der alte Seewolf muß doch gar kein ſo übler Mann ſein.“ „Und iſt der Delaware glücklich zu Hauſe ange⸗ kommen?“ frug Renè lächelnd zu Suſanne gewandt. „Oh ſchon lange“ erwiederte Suſanne,„und hat eine ausgezeichnete Reiſe gemacht“ ſetzte ſie dann mit komiſchem Ernſt hinzu—„Sie haben ſich ſehr im Lichte geſtanden, Monſieur Delavigne, nicht an Bord geblieben zu ſein. Sie könnten jetzt ihren Thran zu höchſt annehmbaren Preiſen— Papa hat mir einen Preis⸗Courant mitgeſchickt, als ob ich für ihn Geſchäfte machen ſollte— an die Firma Born- holm Watts& Comp. verkaufen und hätten noch immer Zeit genug übrig behalten ſich zu einer neuen ſo romantiſchen Fahrt auf den Wallfiſchfang auszu⸗ ruhen und zu rüſten. Sie werden mir zugeben daß Einem auf einer ſolchen Fahrt höchſt intereſſante Sachen begegnen können.“ „Sie werden mir zugeben Mademoiſelle, daß Sie grauſam ſind“ ſagte René—„Sie wiſſen nicht wie weh Sie mir gerade jetzt mit ſolchen Wor⸗ ten thun.“ 85 97. „Gerade jetzt?“ frug Suſanne erſtaunt, aber ſie wurden hier durch einen Lärm von der Straße unterbrochen, der ſie alle drei raſch an das Fenſter rief. Das Rufen und Schreien kam von der, nicht fernen Kirche her, wohin Bruder Dennis einen Theil ſeiner Gemeinde gezogen und in ſtürmiſcher Predigt ihren Patriotismus, ja vielleicht ihren Fanatismus für die heilige Sache der Religion und des Vater⸗ lands erregt haben mochte. „Gott wie die Menſchen ſchreien“ ſagte Madame Belard ängſtlich—„wenn ſie nur Vernunft an⸗ nehmen und nicht gegen eine Macht gerade zu einer Zeit antrotzen wollten, wo dieſe den Zügel und die Wehr feſt in Händen hält; ſie werden noch das größte Unglück über ſich hereinrufen.“ „Und von der Fahne da drüben ſoll es abhängen, ob Krieg ob Frieden“ ſagte Suſanne, nur das In⸗ tereſſante des Augenblicks in dem Bewußtſein füh⸗ lend, Zeuge der ganzen Verhandlung zu werden— „was für eine wunderhübſche Flagge das iſt, und wie Jammerſchade, daß ſie ſoll niedergeholt werden. Seit wann führt denn Pomare die goldene Krone im Wappen, mit dem Cocoszweig?“ „Seit thörichte Prieſter ihre Eitelkeit anſtachelten und ihrem Stolz ſchmeicheln wollten“ ſagte René finſter. Gerſtäcker's Tahiti. III. ₰ 98 „Denen ſtecken die Ehrenſtellen und einträglichen Aemter im Kopf“ rief Madame Belard,„die auf den Sandwichsinſeln in dem jetzt ganz nach Europäiſchem Maßſtab eingerichteten Hof Einzelne der Miſſionaire für ſich gewonnen haben; große Titel nnd Gehalte mit allen möglichen Auszeichnungen. Wenn Pomare eine bloße Inſulanerin blieb, eine Pomare wahine, konnte keiner von ihnen Miniſter werden und das Conſulamt bringt neben dem Bischen Ehre, nur Aerger und Verdruß; Miniſter des Auswärtigen oder der inneren Angelegenheiten klingt beſſer.“ „Ach Unſinn“ lachte Suſanne„es ſind vernünftige Männer etwas derartig Närriſches erſtreben. Miniſter Ihrer Tahitiſchen Majeſtät hahahaha—“ „Klingt nicht weniger gut als Sr. Hawaiiſchen“*) ſagte René ernſt,„und dort iſt es geſchehen. Leider Gottes haben Titel und Orden ſchon manchen ehr⸗ lichen Mann— zu Fall gebracht— nicht einen ſchlimmeren Ausdruck dafür zu gebrauchen, und der Klang irgend eines langen unbehülflichen Worts, das 2 —+X *) Seit einigen Jahren iſt z. B. am Hawaiiſchen Hof zu Honolulu auf Oahu„nach reiflicher Ueberlegung beſchloſſen worden, das, beim Wiener Congreß befolgte Ceremoniell be⸗ hufs des gegenſeitigen Ranges fremder Conſuln zum Grund zu legen.“ 1 99 Blitzen eines farbigen Bandes oder Metallſtücks im Knopfloch hat Grundſätze umgeworfen, die dem Schickſal bis dahin feſt und gewaltig Trotz geboten. Schade daß ſie dies ſchöne Land jetzt zum Schauplatz ihres unſinnigen Treibens gemacht— es können ſchwere Zeiten kommen für dies Volk.“ „Glauben Sie das nicht Delavigne“ ſagte Ma⸗ dame Belard kopfſchüttelnd,„der Tahitier, ſo weit ich ihn kenne, iſt ſorglos und leichtſinnig, und ſelbſt gleichgültig gegen das Höchſte was wir im Leben anerkennen— er hätte ſeine Religion nicht ſonſt ſo leicht, und auf manchen Inſeln wirklich aus reiner Gefälligkeit verändert. Der Franzöſiſche leichte Sinn ſagt ihm auch weit mehr zu, als der ſtarre Presby⸗ terianiſche Ernſt.— Nur dieſen einen Tag, den erſten Umſturz überſtanden, und der Eingeborene wird ſich leicht in das Geſchehene fügen, ja viel⸗ leicht es ſogar liebgewinnen, wenn er findet daß es ihm manche Erleichterungen manche Freiheiten bietet, die ihm der ſtarre Methodismus nicht zugeſtehen wollte.“ Renè ſchüttelte den Kopf. „Wenn ſich ſelber überlaſſen, ja“ ſagte er ernſt, „aber der Fanatismus wird ſeine Brandfackel in ihre Herzen ſchleudern; der heilige Geiſt wird wieder die Trommel rühren, und die„Lämmer Gottes“ zum 78 74 100 Kampfe treiben und der Name Gottes wird auf's Neue zum Schlachtſchrei gebraucht werden, Ehrgeiz und Habſucht zu verdecken und beleidigte Eitelkeit zu rächen. Ich glaube an keine friedliche Unterwerfung.“ „Sie werden ſich natürlich zu den Eingebornen ſchlagen?“ ſagte halb neckend halb lauernd Suſanne, und ließ ihren Blick feſt und forſchend auf dem jun⸗ gen Franzoſen ruhn. „Wir würden dann unter einer Fahne kämpfen“ lachte René der Frage ausweichend. „Wer ich?“ rief Suſanne ſchnell—„da haben Sie weit am Ziel vorbeigeſchoſſen, Monſieur; wenn auch in Nordamerika und von einem Proteſtantiſchen Vater geboren, bin ich doch in Louiſiana im rechten Glauben erzogen, und meine Sympathie iſt ganz auf Seiten des Gekreuzigten— ich haſſe die Methodiſten.“ „Gott weiß es, ich auch“ ſagte René und der tiefe Seufzer mit dem er es ſprach bürgte für die Aufrichtigkeit.„Der beſte von ihnen iſt geſtorben“ fuhr er dann, wie mit ſich ſelber redend fort, ſeine Wörte wenigſtens an keine der Frauen richtend— „der alte Osborne war ein braver wackerer Mann, und ſie haben ihm das Herz gebrochen, mit ihren Intriguen und Anfeindungen. Wenn auch jetzt Ein⸗ zelne zwiſchen ihnen ſein mögen, die wirklich in wahrem Glaubenseifer der einmal betretenen Bahn 101 folgen— die meiſten ſind Heuchler, hängen den Namen Gottes vor ihr eigenes Bild, und ſtreuen nur Haß und Unfrieden in Familienkreiſe, wo ſie Liebe und Eintracht ſäen und die Herzen aneinander feſti⸗ gen ſollten ſtatt ſie auseinander zu reißen. Gift über ſte, mir thäte es in der Seele wohl ihre Macht hier gebrochen, ihr Reich zertrümmert zu ſehn— und doch fürchte ich, kann es nicht ohne Blutvergießen geſchehn, denn gutwillig geben dieſe Leute die Waffen nicht aus ihren Händen.“ „Ha der Schuß!“ rief Suſanna die den Blick ge⸗ rade auf das Franzöſiſche Admiralſchiff geheftet hielt, und den blendenden Strahl bemerkte, der plötzlich da⸗ raus hervorſchoß, und mit dem Worte faſt ſchlug der Donner des Geſchützes an ihr Ohr und machte das Blut von Tauſenden raſcher durch die Adern jagen. „Da kommen auch die Boote!“ rief René,„nun wird ſich das Schickſal des Tages bald entſcheiden.“ „Und glauben Sie daß die Eingebornen jetzt einen Kampf mit uns wagen werden?“ fiug Ma— dame Belard raſch und ängſtlich. „Fürchten Sie Nichts“ lachte aber René—„was können die Unbewaffneten jetzt gegen die Schieß⸗ gewehre der Soldaten, mit den Kanonen der Fre⸗ gatten auf ſich gerichtet, beginnen, es wäre Wahnſinn, und ein ſolcher Kampf müßte ſo raſch enden, wie er begonnen hätte.“ Die Boote ſtießen wirklich von den verſchiedenen Kriegsſchiffen ab; Schaluppen vollgedrängt von Be⸗ waffneten, die von den regelmäßigen Riemenſchlägen der Matroſen getrieben, raſch wie der Seefalke auf ſeine Beute, dem Lande zuſchoſſen. Das Ufer ſtand gedrängt voll Menſchen, aber man ſah keinen be⸗ waffneten Inſulaner; die Lenden und Schultern mit ihren Tüchern umhüllt, die Bruſt und das Haupt mit Blumen und gelben Bananenblättern geſchmückt, lachend und ſchwatzend ſtanden ſie da, die Boote er⸗ wartend, als ob deren Kommen eine für ſie ſehr gleichgültige, vielleicht ſogar erwünſchte Handlung wäre, und nicht wirklich den Umſturz alles Beſtehen⸗ den, in Politik, Religion, Regierung und Geſetzen drohte und bedingte. Kaum Raum gaben ſie dabei den landenden Truppen, und wenn dieſe auch anfänglich mißtrauiſch den zahlreichen Schwarm betrachteten, der ſchon in ſeiner Maſſe ihnen hätte eine Art Widerſtand bieten können, ſahen ſie doch bald daß ſie hier weder An⸗ griff noch Schwierigkeiten zu erwarten hätten, und der Menſchenknäul, faſt aus eben ſo viel Frauen und Mädchen als Männern beſtehend, drängte ſich langſam —.— 103 auseinander, dem landenden Feinde Raum zu geben, ſeine Truppen aufzuſtellen. Es waren etwa zweihundert Artilleriſten und Marineſoldaten und drei bis vierhundert Matroſen, mit Cutlaß, Piſtolen und Musketen bewaffnet; die Bayonnette aufgeſteckt, und ziemlich gut einerercirt formirten ſie ſich auf das Commando in einzelne ſtarke Rotten, und zogen mit feſtem dröhnendem Schritt, von dem Corvetten⸗Capitain Monſ. D'Aubigny angeführt, der ſogar zum zeitweiligen Regierungsrath der Inſel von dem Admiral Du betit Thouars er-⸗ nannt worden, zum Hauſe Pomares hinauf, von dem noch immer, feſt und trotzig die Landesfahne mit der ſtolzen Krone ihren Feinden furchtlos ent⸗ gegenwehte. Im Hauſe aber lag Alles todtenſtill—— die Vor⸗ hänge waren niedergezogen, die Thüren verſchloſſen, kein Menſch auf der Verandah oder an irgend einem Fenſter zu ſehn, denn die Furcht ſchien doch ſtärker in den Herzen der Einanas, als die Neugier, und lautlos rückte die Schaar in geſchloſſenen Colonnen bis dicht vor das Haus, ſchwenkte, machte Front und die Gewehre raſſelten auf das Kommandowort auf den hartgetretenen Boden nieder. „Und was werden ſie jetzt thun, wo ſich Niemand ihnen widerſetzt?“ frug Suſanna, und faſt unwill⸗ ¹ 104 kürlich wandte ſich ihr Herz dem Schwächeren, An⸗ gegriffenen zu, den ſie widerſtandlos dem mächtigen Feinde übergeben ſah. „Sie werden die Flagge herunternehmen“ ſagte René,„die Tricolore dafür aufpflanzen und das Land in den Beſitz des Königs von Frankreich er⸗ klären, ſo wenigſtens lautete die Drohung des Ad⸗ mirals.“ „Und was geſchieht mit der Tahitiſchen Flagge?“ frug Suſanna raſch und blickte dem jungen Mann feſt in's Auge. „Ich weiß nicht“ lächelte dieſer,„irgend einer der Officiere wird ſie wohl mit ſich auf's Schiff zu⸗ rücknehmen.“ „Ob wohl ein ſpecieller Befehl da iſt, was mit ihr geſchehen ſoll?“ „Ich glaube kaum“ meinte René—„was liegt an dem Tuch.“ „Ich weiß nicht was ich darum gäbe, die Fahne mein eigen zu nennen“ rief Suſanna da plötzlich, und Stirn und Wangen bis tief in Nacken und Buſen nieder waren wie von Gluth übergoſſen. „Die Tahitiſche Fahne?“ frug Rens erſtaunt. „Sie könnte mich glücklich machen“ ſagte Su⸗ ſanna, und hielt die leuchtenden Blicke feſt auf das, in der Abendſonne hell blitzende Tuch geheftet, das 105 jetzt das Leichentuch der Tahitiſchen Freiheit werden ſollte. Rene, von einem plötzlichen Gedanken durchzuckt, griff ſeinen Strohhut auf, der neben ihm auf einem Tiſche lag, und wollte das Zimmer verlaſſen. „Wo wollen Sie hin?“ rief Madame Belard beſtürzt—„ſind Sie rein vom Böſen beſeſſen?“ „Ich bin gleich wieder bei Ihnen!“ rief René und warf die Thüre hinter ſich ins Schloß. „Monſieur Delavigne“ rief auch Suſanna und blickte beſtürzt ihm nach, aber er hörte ſchon nicht mehr die Worte, oder achtete ihrer nicht, und eilte flüchtigen Schrittes, ſeiner Schwäche förmlich trotzend, die Treppe hinab, ſchritt durch den Garten deſſen benachbartes Grundſtück eine offne Thür nach dem Strand zu hatte, und befand ſich wenige Minuten ſpäter mitten in dem Gewirr von Eingebornen und Franzöſiſchen Soldaten, nnd dem Flaggenſtock gerade gegenüber, an den in dieſem Augenblick ein Franzö⸗ ſiſcher Offizier, Bertrand, hinantrat, die Königliche Flagge niederzuziehn. Dicht gedrängt um ihn ſtanden die unter ſeinem Befehl ſtehenden Matroſen der Jeanne d'Arc theils, theils der Danae, und René drängte ſich leiſe aber ſo entſchloſſen vor und zwiſchen ſie hinein daß die Seeleute, die ihn bald für einen Landsmann erkannten, glaubten, er habe jedenfalls A 106 ein Recht, vielleicht ſogar eine Pflicht dazu, zu er⸗ ſcheinen, und ihn ruhig gewähren ließen. Ein Trommelwirbel erſchütterte jetzt die Luft, und Bertrand zog während deſſelben und unter einem Todtenſchweigen der verſammelten Tauſende, die Flagge an dem Flaggenfall nieder— kein Schrei des Zorns oder der Entrüſtung von Seiten der Einge⸗ bornen, kein Hurrahruf der Sieger begleitete den Akt— es war wie eine Execution, und Bertrand mochte das fühlen, denn halb abgewendet ſchob er die gedemüthigte Flagge von ſich und abſichtlich einem der Leute zu, ſie von dem Fall zu löſen, er⸗ ſtaunt aber drehte er ſich gegen René um als er einen Fremden erblickte, der, ein kleines blitzendes Meſſer in der Hand, das Flaggenfall unten mit einem raſchen Schnitt trennte und das Meſſer in die Taſche zurück⸗ ſchiebend, die Fahne ruhig und gleichmüthig zuſam⸗ menrollte.. „René,“ rief der Seemann erſtaunt und mit halb unterdrückter Stimme aus, als er ihn erkannte— „Menſch, was thuſt Du hier?“ Rensè winkte ihm mit den Augen, aber dicht neben ſich hörte er die halblauten und nichts weniger als freundlichen Worte: „Das iſt der Burſche der unſern Lieutenant erſchoſſen hat— was beim Teufel will der hier zwiſchen uns?“ 107 Das Blut ſchoß ihm im Zorn in die Schläfe, aber er wußte auch daß er ſich hier nur eingeſchmug⸗ gelt und nicht an ſeinem Platz befinde, und ruhig die Flagge zuſammenrollend ſchob er ſie ſich unter den Arm, und ſuchte jetzt den Rückweg anzutreten. An Bord der Franzöſiſchen Schiffe hatte man auch in der That ſo feſt geglaubt die Tahitier würden ihre Flagge ſelber ſtreichen, daß gar keine Verfügung, ſie ſelbſt betreffend, erlaſſen war. Das Intereſſe des Augen⸗ blicks band ſich auch überdies nicht an ſolche Neben⸗ ſache, denn der, noch an demſelben Abend zum zeitweiligen Gouverneur von Tahiti ernannte Mr. d'Aubigny brach jetzt in die allerdings merkwürdigen Worte aus: „Officiere, Soldaten und Matroſen, und Ihr Bewohner dieſer Inſeln, denen wir Gerechtigkeit und Frieden bringen,— im Namen des Königs, unſeres gnädigen Herrn, nehme ich Beſitz von dieſem Land— wir Alle werden mit Freuden in der Ver⸗ theidigung der glorreichen dreifarbigen Fahne ſterben. Hißt die Flagge!“*) Bertrand hatte indeſſen die Tricolore ſtatt der Tahitiſchen an dem Flaggenfall befeſtigt, die ihm nächſtſtehenden Seeleute ſprangen hinzu ſie aufzuhiſſen, *) Wörtlich und unter dem fröhlichen Wirbel der Trommeln und dem donnernden Vive le roi der Soldaten und Ma⸗ troſen, drängte ſich René wieder den Gärten zu und gewann das Freie; d'Aubigny aber mit ſeinem blan⸗ ken Degen Ruhe winkend rief mit lauter klangvoller Stimme, wie er nur erſt einmal hoffen durfte den Lärm zu durchdringen: „Die Königin Pomare hat aufgehört zu regieren und wir ſtehen jetzt auf Franzöſi⸗ ſchem Grund und Boden!“ Unmöglich wär' es den Jubel zu beſchreiben, der bei dieſen Worten die Franzöſiſchen Kehlen zu zer⸗ ſprengen drohte; es war ein förmlicher Aufſchrei von Triumph und toller Freude und wunderbar ſtach da⸗ gegen die Ruhe und der Ernſt der umſtehenden Ta⸗ hitier ab, die den Sinn des Satzes gar nicht ver⸗ ſtanden hatten, und kopfſchüttelnd dem Lärm horchten, den die tollen Wi Wis hier mitten auf der Straße, dicht vor dem Hauſe ihrer Königin, vollführten. Das Verſchwiuden ihrer eigenen Fahne aber, und das Wehen der verhaßten Tricolore ließ die Abſicht der Fremden doch ziemlich deutlich herauserkennen. Trotzdem erſchien es ihnen immer noch als keine ſo entſcheidende Handlung, wie es von den Europäern angeſehen werden mußte, denn die Inſulaner kannten die Bedeutſamkeit der Flaggen nicht zu dem Maße. 109 Ob da oben ein weißes oder dreifarbiges Tuch flat⸗ terte, blieb ſich am Ende gleich und nur das dumpfe Gerücht das ſich anfing Bahn zu brechen— die Wi Wis hätten ihre Königin abgeſetzt und wollten ſelber regieren, brachte etwas mehr Leben in die Schaar und trieb Einzelne dem Hauſe des Engliſchen Con⸗ ſuls zu. Dort aber war indeſſen die Engliſche Flagge von Mr. Pritchards eigener Hand in dem Augenblick niedergeholt worden, als die Tricolore emporſtieg, die Demonſtration auch auf den Franzöſiſchen Schif⸗ fen wohl bemerkt, aber nicht beachtet worden, und der frühere Miſſionair fand ſich bald darauf von zahlreichen Trupps Eingeborenen umgeben, die eine Erklärung der ſtattgehabten Vorfälle haben wollten und hier zu ihrer, eben nicht angenehmen Ueber⸗ raſchung erfuhren, daß die Franzoſen wirklich Beſitz von der Inſel genommen hätten und dieſe von nun an behaupten wollten. „Bah“ lachten aber Andere wieder,„ein paar Tage haben ſie hier das große Wort, und wenn ſie fortſegeln werfen wir ihren” bunten Lappen wieder herunter, wie ſchon früher einmal.“ Eifrig beſtritt Pritchard dieſe Meinung und ſuchte die Eingebornen von der Gefahr zu überzeugen, in der in dieſem Augenblick ihre Unabhängigkeit nicht 110 allein, nein auch die Religion ſchwebe, die ſie als die beſſere erkannt und angenommen; theils Gleich⸗ gültigkeit gegen äußere Formen die ihnen unbedeutend ſchienen, theils ihre angeborne Gutmüthigkeit, die ſelbſt nicht dem Feind gleich das Schlechteſte zutraun wollte, ließ ſie dem Allem nur mit halbem Ohre lauſchen. Vergebens ereiferte ſich der fromme Mann und bürdete ihnen die Folgen auf, die alle aus dieſer fabelhaften Theilnahmloſigkeit ihrer heiligſten Ver⸗ hältniſſe entſpringen könnten; ſie ſchüttelten lachend mit dem Kopf und ſchlenderten dann wieder langſam zu der Königin Haus zurück, vor dem und unter ihrer eigenen jetzt dort wehenden Flagge die fremden Soldaten und Matroſen noch immer aufmarſchirt ſtanden, und ſelber erſtaunt darüber ſchienen, daß die ſonſt doch gar nicht feigen Inſulaner die größte Be⸗ leidigung die einem Lande bildlich geſchehen kann, ſo ruhig und ſelbſt heiter und vergnügt hinnahmen. In der That begriffen die Tahitier aber noch wirklich nicht, was mit dem eben Geſehenen gemeint ſei, denn das bloße Flaggenwechſeln hatten ſie ja eben⸗ falls vor einiger Zeit auch zu ihrem Vergnügen ge⸗ than, ohne irgend etwas Böſes dabei zu denken; die Franzoſen hatten es ihnen nachgemacht und bis ſie wieder fort waren mochte die dreifarbige Fahne da oben auf dem Stocke ruhig ausflattern. N 111 Reneè indeſſen, dem der wirklich unerwartet glück⸗ liche Erfolg ſeiner kecken That, ganz wieder den alten fröhlichen Muth, vielleicht auch Leichtſinn, zurückge⸗ geben, ſah ſchon von weitem wie ſich Suſanna, ängſt⸗ lich nach ihm ausſchauend, aus dem Fenſter bog, und wie er mit der Hand hinüber winkte und den Hut ſchwenkte zum Zeichen fröhlichen Gelingens, wehte ihr weißes Tuch grüßend ihm entgegen. Er ſah weder nach rechts noch links, das eine Ziel im Auge, und vor Eifer faſt zitternd mit ſeiner Beute, die ihm aber Niemand auch nur dachte ſtreitig zu machen, den ſicheren Garten wieder zu erreichen, und doch ſchritt er kaum auf fünf Fuß Entfernung an ſeinem eigenen Weib, die das ſchlafende Kind auf dem Arm trug, und zufällig und mit blutendem Herzen ein unfreiwilliger Zeuge des ganzen Vorfalls geweſen, vorüber, und ließ Sadie in ſprachloſem Staunen ſtarr und kaum ihren Sinnen trauend, zurück. Dem Gatten war ſie gefolgt, theils für ſeine Sicherheit fürchtend nach einer That die ſie für ein Verbrechen hielt, theils auch weil ſie ſich Vorwürfe machte, ihn wohl zu ſchroff und hart von ſich geſtoßen und ihn der Verzweiflung preisgegeben zu haben in der ihr liebendes treues Herz ſich ſchon wilde entſetzliche Bil⸗ der heraufbeſchwor, und jetzt?— ſtrahlend von Glück und Seligkeit, mit leuchtenden Augen und glühenden 112 Wangen floh er an ihr, ohne ſie zu ſehen, vorüber und dort am Fenſter— ein ſtechender jäher Schmerz zuckte ihr durch Herz und Nerven als ſie die wunder— ſchöne Europäerin erkannte, mit der René ſchon an jenem furchtbaren Abend ſo viel geſprochen und ge⸗ tanzt, und deren kaltem faſt verächtlichem Blick ſie dann mehr als einmal mit einem unbeſchreiblichen Gefühl von ahnungsvoller Angſt begegnet war. Noch ſtand ſie ſtill und regungslos auf derſelben Stelle auf der ihr René wie eine Erſcheinung ent⸗ ſchwunden war, und ſie wußte im erſten Augenblick nicht einmal ob ſie ihm folgen, ſeinen Namen rufen oder zurückgehn ſolle, ſtill und allein in ihre Heimath die Rückkunft des jetzt ihrer Sorge wahrlich nicht mehr bedürfenden Gatten geduldig zu erwarten, als eine leichte Hand nur leiſe ihre Schulter berührte, und eine weiche bekannte Stimme ihren Namen flüſterte: „Sadie!“ „Aumama!“ rief Sadie, ſich raſch nach ihr um⸗ drehend, und hatte in dieſem Augenblick faſt den Gatten vergeſſen in dem Schreck über das wildver⸗ ſtörte, fahle und doch ſo trotzige Ausſehn der Freun⸗ din, deren räthſelhaftes Verſchwinden ihr ſchon Sorge und Kummer genug gemacht.„Aumama, wo um Gottes Willen kommſt Du her?— wo warſt Du die ganze Zeit und wie ſiehſt Du aus?“ 8* 113 „Wie ich ausſehe, Herz? hahaha,“ lachte das ſchöne Mädchen in unheimlicher Luſtigkeit,„der Thau in den Bergen gräbt Spuren in die Haut und— aber das iſt es nicht was ich Dir ſagen wollte; ich zeige Dir etwas, komm; glaubſt Du an Geiſter?“— „An Geiſter?— wie verſtehſt Du das?“— was ſoll's?“ frug Sadie erſchreckt—„was haſt Du Aumama, Du machſt mich fürchten.“— „Fürchten?— bah, thörichtes Kind— wovor? vor dem eigenen Mann?— der thut Nichts— ſieh nur wie freundlich und lieb er da drüben mit dem ganz fremden Mädchen iſt, würde er dem eigenen Weibe da etwas zu Leide thun?— hahaha Schatz, ich glaube wir Beide können uns bald luſtige Ge⸗ ſchichten erzählen“— und die Widerſtandloſe über den breiten Weg mit ſich hinüberziehend, wo ein Haufen aufgeſchichteter und zu Canoes beſtimmter Blöcke lag, auf die ſie leicht wie die wilde Geis ihrer Berge hinaufſprang, deutete ſie mit dem ausgeſtreckten Arm und jetzt Zornfunkelnden Augen nach den offenen Fenſtern des Belardſchen Hauſes hinüber, die René gerade in dieſem Augenblick mit ſeiner eroberten Flagge betrat und wo er mit Jubel von den Frauen begrüßt wurde. „Pomarens Flagge, die ſie in den Staub gezogen, bringt er dem Feind— bringt er ſeiner neuen Liebe“ Gerſtäcker's Tahiti. III. 8 114 flüſterte Aumama mit leiſer, vor innerer Bewegung zitternder Stimme—„ſieh nur, ſieh wie ſie ſich zu ihm überbeugt— hahaha— ich glaube das war ein Kuß— nein“ lachte ſie dann höhniſch,„ſie werden die Naſen aneinander gerieben haben nach Inſelart. Aber komm— komm Sadie ich habe Dir viel viel zu erzählen, und wenn das Pärchen da drin wieder zur Beſinnung kömmt, könnten ſie uns hier draußen bemerken— den Triumph ſollen ſie nicht haben— komm.“— Sadie ließ ſich willenlos fortführen von der Frau, und nur ihr Kind feſter an ſich drückend folgte ſie der Führerin, gleichgültig welchen Weg ſie einſchlage, durch einen ſchmalen Gartenpfad erſt dem wilden Gedräng des Strandes außer Bereich, und dann, auf weniger begangenen, jetzt faſt menſchenleeren Wegen die Broomroad wieder hinauf, ihrer eigenen Heimath zu. Sie ſah die hundertmal begangene Strecke, aber ſie erkannte ſie nicht wieder, und blickte erſtaunt endlich umher, als ſie vor ihrer eigenen Thüre ſtand, denn das Bild des Gatten mit dem ſchönen fremden Weib zuckte ihr vor ihren Blicken herüber und hinüber und wie eine entſetzliche Er⸗ klärung dazu lautete Aumamas Bericht von dem eigenen Schmerz, der eigenen Schmach. Bei dem letzten unglückſeligen Europäiſchen Tanz 4 . 115 hatte Lefévre zum erſten Mal ihre eigene Schweſter ge⸗ ſehen und ſich toll und blind in ſie verliebt. Nahuihua — der blitzende Stern im Norden— liebte aber ſeine Schweſter zu ſehr, ihr den Gatten abtrünnig zu machen und floh, und Lefévre verließ Weib und Kind und folgte ihrer Spur über die ganze Inſel. Nur mit Gewalt konnten ſich die Häuptlinge von Taiarabu, wo er ſie endlich wieder aufgefunden, ſeiner tollen Leidenſchaft entgegenſtellen, und zornig abgewieſen war er erſt heute nach Papetee, aber nicht in ſeine Heimath zurückge⸗ kehrt, ſelbſt nach ſeinen Kindern zu fragen. — Und René?— „Hahahaha“ lachte Aumama mit wildem Feuer im Blick—„Aia hatte recht— ſie ſind ſich alle, alle gleich— Alle, Teufel mit ihren glatten Zun⸗ gen und freundlichen Augen, und wenn ſie die Blume gepflückt die ihnen im Wege ſtand, und ſich an ihrem Duft einen Augenblick gefreut— werfen ſie ſie fort— ſie geben ihr nicht einmal zum Welken Zeit“ ſetzte ſie mit weicherer wehzerſchnittener Stimme hinzu,„und im Weg, von den Vorübergehenden getreten muß ſie ihr junges hingemordetes Leben laſſen. Aber Rache will ich haben, Rache beim ewigen Gott!“ rief ſie plötzlich ſich hoch und ſtolz emporrichtend—„meine Kinder hab' ich ſchon in die Berge geſchafft, in gute Pflege, daß ſie mich nicht an meinem Ziel beirren, . 84 116 und der treuloſe Mann ſoll ſehen, wie ſich ein Ta⸗ hitiſches Mädchen zu rächen weiß.“ Aumama war in furchtbarer Aufregung, und Sadie ſchrak zurück vor der entſetzlichen Gluth und Wildheit die in ihren Zügen lag, und der ſie das ſonſt ſo ſanfte fröhliche Weſen nie für fähig gehalten hatte; ſie wollte ſie beruhigen, aber das gereizte Weib ſtieß ſie zornig zurück, und der Schmerz löſte ſich erſt in milden Thränen, als die Erinnerung an vergan⸗ genes, nie wiederkehrendes Glück ſich Bahn brach durch Leidenſchaft und Trotz. Und Sadie ſaß noch lange, das frohe ſpielende ſorgloſe Kind zu ihren Füßen, das Haupt der Freun⸗ din an ihre Bruſt gelehnt, Troſt gebend wo ſie ſelber o des Troſtes ſo viel bedurfte, entſchuldigend wo ihr ſelber das Herz brechen wollte in Angſt und furcht⸗ barer Qual. Und René?— Saß lachend und plaudernd neben Madame Be⸗ lard, der ſchönen Suſanna gerade gegenüber; ſie ſprachen von der Welt draußen, von Paris, von ſei⸗ nem Vaterland, ſie lachten und ſcherzten, und als ſich Suſanna endlich an das Pianoforte ſetzte und mit fertiger Hand dem ſchönen Inſtrument ſo liebe be⸗ kannte Weiſen entlockte, als ihm das Herz immer höher und höher ſchlug und das Blut heiß durch die 8 117 Adern jagte, da— er mußte ſich gewaltſam zurück⸗ halten der ſchönen Spielenden nicht in zu glühenden Worten zu ſagen wie glücklich ſie ihn heute Abend gemacht, und mit wie ſchwerem Herzen er doch heute gerade nach Papetee gekommen— da fühlte er viel⸗ leicht zum erſten Mal den Abſtand ſeines jetzigen Lebens mit der früheren Welt, die feſt und abge⸗ ſchloſſen hinter ihm lag, die Brücke abgebrochen die hinüberführte— Zum erſten Mal brach ſich der Ge⸗ danke in ihm Bahn an das was er gethan, und das Bild des alten Osborne, wie er im Lehnſtuhl auf Atiu vor ihm ſaß, ſo ehrwürdig mit dem weißen Haar, ſo mild und ernſt mit den freundlichen ſtillen Zügen, tauchte in ängſtlicher Wahrheit vor ihm auf und blickte, wehmüthig mit dem Kopfe nickend und mahnend zu ihm herüber. „Spiel' etwas Heiteres, Suſanna“ rief da Ma⸗ dame Belard,„unſer junger Freund wird ſchon wieder ganz bleich und melancholiſch— die Mar⸗ ſeillaiſe iſt heut beſſer hier am Platz, und nicht all das ſüße und weiche Gekoſe.“ Suſanna ging raſch in die herausfordernden Töne des begeiſternden Liedes über, und Reneè fühlte wie ihn die Melodie hob und ſich ſelber wiedergab— Großer Gott, wohin war er gerathen— was hatte 4 er gethan? und mit dem Bewußtſein faßte ihn die Angſt— die Reue. Nur fort von hier jetzt, fort, war der einzige Gedanke der in ihm lebte, und auf⸗ ſpringend griff er nach ſeinem Hut. „Wohin?“ frug Madame Belard erſtaunt. „Zu Hauſe—“ „Jetzt?— Sie werden doch erſt Thee mit uns trinken— nicht einmal das Lied will der grobe Menſch aushören“ rief die junge Frau erſtaunt. „Fehlt Ihnen etwas?“ frug Suſanna, mitten in der Melodie vom Inſtrument aufſpringend, „Nein— ja—“ ſtammelte René—„ſchon zu lange bin ich hier geweſen— die beängſtigende Luft — die ſpäte Stunde— ich muß fort— Sadie auch ängſtigt ſich um mich.“ „Ach was, Sadie mag beten, bis wir Thee ge⸗ trunken haben,“ ſagte mit komiſchem Aerger Madame Belard—„ich hatte nun ſo feſt auf Sie heute Abend gerechnet.“ Der unzarte Scherz that ihm weh, aber beſtärkte ihn nur mehr darin aufzubrechen—„Ich muß fort“ ſagte er beſtimmt. „Sie haben recht“ unterſtützte ihn aber auch jetzt darin Suſanna,„Sadie muß ſich ängſtigen, wenn Sie noch länger auf ſich warten laſſen; aber dürfen 8 8 1410 wir Ihnen auch erlauben allein zu gehn?— wenn Sie nun wieder einen Anfall jener Schwäche—“ René dankte ihr der Sorge wegen, die ſie um ihn trug, wies aber jede Angſt um ſich, lächelnd ab. Er fühlte ſich, ſeiner Ausſage nach, wieder vollkom⸗ men wohl, nur nicht länger zögern wollte er, und mit kurzem, faſt verſtörtem Gruß verließ er die Frauen, das Haus, und ſchritt hinaus in die dunkle, kühle, ſterndurchſchimmerte Nacht. Aber das zurückgedrängte, mächtige Gefühl brach ſich hier die Bahn—„Sadie— mein armes, armes Weib“ flüſterten ſeine Lippen, während die Hände feſt ſich preßten auf das Herz—„armes, verrathenes Kind— Nein, nein,“ rief er aber raſch und heftig aus—„noch iſt es nicht zu ſpät, noch bin ich Dein — noch hab' ich die Kraft in mir das fremde Bild aus meiner Bruſt zu reißen, in die es, Gott nur weiß wie, die Bahn gefunden, und Dein will ich auch bleiben in treuer, wahrer, inniger Liebe. Sie haben Dir weh gethan von allen Seiten, Du haſt keine Klage gehabt für mich, nur ſtille leiſe Thränen, und jede von den Thränen die ich verſchuldet, brennt mir jetzt wie Feuer auf der Seele. Sadie mein trautes liebes Weib— Sadie!“— Und mit der Sehnſucht im Herzen nach dem treuen Lieb, die ſeine Schritte beflügelte und ihn 120 heimwärts drängte, wurde ihm auch wieder, mit der freien Luft, friſch und frei um das reugequälte Herz, und als er ſeine Sinne der Außenwelt wieder zu⸗ wandte, und das Rauſchen hörte der wehenden Pal⸗ men, das Flüſtern des dunkeln Laubes und das dumpfe Donnern der Brandung, wie vor alter Zeit, da war es ihm faſt als ob ein böſer, entſetzlicher Zauber von ihm genommen ſei, mit dem Ton, und des trauten Weibes Bild, wie es ſorgend und liebend daheim ſaß mit dem Kind, ſeiner kleinen, herzigen Sadie, tauchte mit neuer, kraftiger Gewalt in ſeiner Seele auf. Mit flüchtigen Schritten, die ſeiner Ungeduld noch lange nicht folgen konnten, und faſt keine Schwäche mehr fühlend, eilte er der ſtillen Heimath zu, und als ihn dort ſein holdes Weib empfing, als ſie ihr Köpfchen, ſelig in dem Bewußtſein daß er zu ihr zurückgekehrt— ſie noch liebe und nicht verlaſſen habe, an ſeine Bruſt legte, und kein Vorwurf über ihre Lippen kam, der Blick den ſie aufhob zu ihm nur voll von reiner heiliger Liebe glühte, da zog er ſie an ſein Herz, bedeckte ihre Stirn und Lippen mit ſeinen heißen Küſſen und nun erſt weinend, aber in einem Uebermaß von Glück, ſchlang Sadie ihren Arm um ihn, als er ſie ſein Weib, ſeine kleine ſüße Pu⸗de-ni-a nannte und ſie bat guten fröhlichen 121 Muthes zu ſein, denn in den nächſten Tagen, in acht, ſechs, vier, ja vielleicht morgen ſchon, wollten ſie Tahiti ja wieder verlaſſen und hinüberziehn nach dem Land ihrer Sehnſucht, nach der Wiege ihrer Liebe, ihres Glücks— zurück nach Atiu. „Nach Atiu“ war Alles was Sadie erwiedern konnte, und in jauchzender Luſt lag ſie an des Gatten Bruſt und weinte laut. Capitel 4. Die Conferenz. So gleichgültig die Inſulaner, wenigſtens ſchein⸗ bar, die im letzten Capitel beſchriebenen Vorgänge aufgenommen hatten, und ſo theilnahmlos ſie der Entehrung ihrer Flagge, als etwas höchſt Unweſent⸗ lichem zugeſehn, ſo viel gewaltigere Aufregung rief es im Lager der Miſſionaire hervor, die einen ent⸗ ſcheidenden Schritt Frankreichs wohl ſchon lange ge⸗ fürchtet, aber doch nicht ſo ſchroff auftretend erwartet haben mochten. Das Zurückziehn der Engliſchen Fregatten war zu gleicher Zeit eine ihnen wohl ver⸗ ſtändliche, und für ſie höchſt unglückſelige Demon⸗ ſtration, denn es bewies etwas, das in geradem Widerſpruch mit den freundlichen und ermuthigenden * 123 Verſprechungen des Engliſchen Miniſteriums ſtand, und wovon die Franzöſiſchen Fregatten ſchon jeden⸗ falls Kenntniß haben mußten: daß nämlich England keineswegs gewillt ſei dieſes kleinen Inſelreichs wegen einen Krieg mit Frankreich zu beginnen, ſondern Ta⸗ hiti und ſeine Königin dem Protektorat— man konnte ihm nicht mehr gut den Namen einer Ent⸗ deckung geben und wünſchte doch derſelben Erfolg — des Nachbarſtaates überließ. Das aber hieß dem Proteſtantismus den Boden unter den Füßen fortnehmen, denn die Franzoſen brauchten jetzt nur Gleiches mit Gleichem zu vergel⸗ ten, ſo packten ſie die evangeliſchen Geiſtlichen auf ihre oder andere Schiffe und ſchickten ſie, gleichviel: wohin, nur fort von ihren Beſitzungen. Aber das nicht allein; ſchon der Gleichberechtigung der anderen Confeſſion hatten ſie von frühſter Zeit an mit allen Kräften entgegengearbeitet. Die katholiſche Religion ſprach weit mehr zu den Sinnen, als das kalte pro⸗-⸗ teſtantiſche Weſen der Geiſtlichkeit, jene erregte die Phantaſie, dieſe ertödtete Alles mit ihrer nackten Unerquicklichkeit, nur in ſtarrer Strenge den Glauben fordernd für das Unbegreifliche. Auch mehr Freiheit ließen die Katholiken den fröhlichen Kindern dieſer glücklichen Jone, die nun einmal das unglückſelige Vorurtheil hatten, daß Gott ihnen dieſe wunderſchöne 124 Welt auch zum Genuß geboten, die nicht begreifen konnten oder wollten daß der Palmenhain ihnen nicht zum Tanzen und Lachen, ſondern zum Büßen und Beten ſo prachtvoll aufgerichtet ſei, und das Herz frevle, das auf andere Weiſe zu ſeinem Gott bete, als ſie es lehrten. Der Erfolg den die Katholiken dabei ſchon auf den Sandwichsinſeln gehabt hatte ſie lange vorſichtig gemacht, und mußte ihnen jetzt die ſchwerſten und be⸗ gründetſten Befürchtungen aufdringen. Mit dem „Dublin“ waren deshalb auch ſchon die dringendſten Aufrufe und Nothſchreie an die Miſſionsgeſellſchaften in England erlaſſen, zuerſt beim Miniſterium, dann aber auch bei dem Engliſchen Volk Hülfe für die „Prediger in der Wüſte“ und ihre Gemeinden zu fordern, während bei der jetzigen entſchieden feind⸗ lichen Handlung der Papiſten allerdings die Hoff⸗ nung da war, daß das ſchwankende Miniſterium eine entſchiedenere Handlung den Uebergriffen Fran⸗ zöſiſcher Seeleute gegenüber, einnehmen würde. Hinhalten mußten ſie deshalb hier vor allen Dingen die Entſcheidung, die unbedingte Unterwerfung der Inſulaner, aber das nicht allein, ſie mußten auch Beweiſe, ſprechende ſchlagende Beweiſe bringen, daß die Eingeborenen der Südſee das Franzöſiſche Joch ſo ſehr verabſcheuten, wie ſie ſich nach der Engliſchen — 125 Mutterkirche ſehnten, und daß ſie bereit und ent⸗ ſchloſſen wären, wenn England die ihnen durch die Miſſionaire im Vertrauen auf das Engliſche Volk verſprochene Hülfe nicht ſenden ſollte, ihr Gut und Blut und Leben einzuſetzen, die Unabhängigkeit ihrer Nation ſowohl wie ihrer Seelen, zu erhalten. Beides ließ ſich zu gleicher Zeit durch augen⸗ blicklichen Widerſtand— nicht allein mit machtloſen Proteſtationen eines Conſuls, ſondern durch Waffen⸗ gewalt, erreichen, und war das Volk nur im Stand dem Feind ſo lange die Stirn zu bieten, bis die Be⸗ richte ſeiner Religions kämpfe nach England ge⸗ langen konnten, ſo zweifelten wenige der frommen Männer daran, daß England, gerührt durch ſolche Anhänglichkeit an den chriſtlichen Glauben, auch ein Machtwort ſprechen und ſchon dadurch die Feinde ihrer Flagge wie Spreu vor dem Winde zerſtieben würde. Hierbei hatten ſie jedoch mit zwei nicht unbedeu⸗ tenden Hinderniſſen zu kämpfen; zuerſt mit der ent⸗ ſetzlichen Gleichgültigkeit der Indianer in allem was nicht zum täglichen Leben gehörte, und ſie etwa ge⸗ zwungen hätte irgend eine harte Arbeit zu thun, der ſich ihre Theilnahmloſigkeit für die chriſtliche Kirche paarte, und dann mit dem Mangel an Waffen, dem allerdings ſchon unter der Hand bedeutend abgeholfen 126 war, aber doch jetzt nicht ſo ganz und auf einmal begegnet werden konnte. Das erſte mochte irgend eine glückliche Gelegen⸗ heit von ſelber heben; der Uebermuth der Franzoſen, die nirgend Widerſtand fanden, und das ſchöne Land ſchon faſt in Händen zu haben glaubten, gab leicht die Gelegenheit dazu, aber dem zweiten Uebelſtand mußte durch andere Mittel abgeholfen werden, und dieſe durfte man unter keiner Bedingung länger als nöthig hinausſchieben. Der nächſte Ort Waffen zu bekommen war Val⸗ paraiſo, nach ihm Sydney, und nach beiden Häfen hatten umſichtige Amerikaner ſchon vor längerer Zeit Fahrzeuge abgeſandt, dort aufzukaufen was ſie be⸗ kommen könnten, und ſo raſch als möglich damit zurückzukehren. Die Schiffe aber durfte man ſelbſt mit dem günſtigſten Winde noch nicht zurückerwarten, und es blieb dann noch immer die Frage, wie die Ladung unter den jetzigen Verhältniſſen würde an Land zu bringen ſein, wo die Franzoſen ſicherlich Alles thaten ſolche, und ihnen die gefährlichſte, Zu⸗ fuhr zu verhindern. Mr. Noughton, der Amerikaniſche Kaufmann, hatte aber auch noch andere Verbindungen, und wenn der ſich auch nicht gerade übergern mit ſolchen Sachen einließ, doch zu viel kaufmänniſchen und ſpeculativen 127 Geiſt ſich ein gutes Geſchäft durch die Finger ſchlüp⸗ fen zu laſſen, wenn er es eben dazwiſchen halten konnte. Er ſelber ſtand mit den Proteſtantiſchen Geiſtlichen auf ſehr vertrautem Fuß, und durch dieſe auch mit den Proteſtantiſchen Häuptlingen, wie ihm denn überhaupt nichts mehr verhaßt war, als das Franzöſiſche und dadurch Katholiſche Regiment. Daß er mit den einzelnen dort angeſiedelten Franzoſen auf freundſchaftlichem, wenigſtens geſellſchaftlichem Fuße ſtand, war die Schuld der Handelsintereſſen, die er nie aus den Augen ließ— ſelbſt nicht in der Kirche. Mr. Noughton war in ſeinem Zimmer mit dem Conſul Pritchard, und der letztere ging, mit auf dem Rücken gelegten Armen, raſch und finſter auf und ab, und ſchien ein eben gehabtes, keinenfalls angenehmes Geſpräch, zu überdenken. „Und ich habe doch recht, Mr. Noughton,“ ſagte er endlich, vor dem Kaufmann ſtehn bleibend und ihm feſt in's Auge ſehend,„England kann und darf uns nicht in dieſer Verlegenheit ſtecken laſſen, denn nicht allein ſeine Intereſſen, nein ſeine Ehre ſteht hierbei auf dem Spiel und ich habe von dem Earl von Aberdeen das feſte Verſprechen ſchleuniger und entſchiedener Hülfe, wenn ein gegen die beſtehenden Verträge gerichteter Gewaltſchritt der Franzoſen ihnen —õ——m 128 nur die entfernteſte Rechtfertigung vor den übrigen Staaten geben würde.“ Der proteſtantiſche Geiſtliche und jetzige Engliſche Conſul war ein hochgewachſener, ſtattlicher Mann, mit freier offener Stirn und ein paar klaren, klugen grauen Augen, aus denen jetzt ein lebendiges, reges Feuer ſprühte— ſein volles Kinn war glatt raſirt und er trug nur einen halben aber ſtarken, krauſen Backenbart, und ging in Civil gekleidet, mit etwas langem, noch nach dem Geiſtlichen ſchmeckenden Rock und weißer Halsbinde und Weſte. „Bah, bah, bah“ ſagte der Amerikaner, eine lange hagere Geſtalt, an der nur die Augen Feuer zu haben ſchienen, kopfſchüttelnd—„wir kennen ſolche Redens⸗ arten— der Earl von Aberdeen ſteht überhaupt in dem Ruf als ob er ein etwas Indianiſches Tempe⸗ rament habe, das nur heute Ruhe verlangt, und dem Morgen ſich ſelber überläßt. Das ſind Redens⸗ arten, mit denen wir hier nicht vom Fleck kommen, und Sie müſſen bedenken daß zwiſchen jedem Brief von hier nach England, herüber und hinüber, immer zehn Monat Zeit liegen— ein unberechenbares Capital für den, der den Augenblick zu benützen ver⸗ ſteht. Die Franzoſen hier werden handeln und die Engländer werden proteſtiren, denn beide Theile wiſſen recht gut, daß zwei große Nationen, mit den 129 Gefahren eines Europäiſchen Umſturzes vor ſich, nicht eines ſolchen Fleckchens Erde wegen einen Krieg anfangen können; ſo lange ſie nur im Stande ſind den Anſtand nach Außen zu bewahren, können Sie ſich darauf verlaſſen daß nichts Ernſtliches zu ihrem Vortheil hier geſchieht.“ „England muß!“ rief Mr. Pritchard. „Ach was, England muß nie, wenn es nicht ſelber will, und wenn es überhaupt wollte, hätte es die Sache ſchon gar nicht ſo weit brauchen kom— men zu laſſen. Wenn Ihnen Ihr Earl Aberdeen, ſtatt Privatverſprechungen eine Depeſche für den Talbot, oder irgend ein anderes Kriegsſchiff Ihrer Majeſtät mitgab, und das dem Franzöſtſchen Cabinet zu wiſſen that, ſo müßte ich mich ſehr irren, oder Du Petit Thouars kreuzte jetzt. noch an der Chile⸗ niſchen Küſte herum, oder läge hhig im Hafen von Valparaiſo, höchſtens bei daß Mäyßeuefaz⸗ iſeln vor Anker. Da das nicht geſchehn iſtwollen die Leute auch ſo wenig von der Sache hören als angeht, und das Einzige was uns in dem Fall zu thun übrig bleibt, iſt ſo viel Spektakel als möglich zu machen und ſie nicht ruhen und raſten zu laſſen— vielleicht bekommen ſie's dann mit der Zeit ſatt und ſchlagen zu, nur um des Friedens, um der Ruhe willen.“ „Aber was können wir thun?“ rief in Unmuth Gerſtäcker's Tahiti.. 9 / 130 der Conſul—„wenn ich nicht Conſul und— Geiſt⸗ licher wäre, beim Himmel, ich griffe ſelber zu den Waffen und ſtellte mich an die Spitze der Inſulaner, ihnen ihr Vaterland vertheidigen zu helfen. Nie, ſo lange die Welt ſteht, ſo lange wir eine Geſchichte haben, iſt ein feigerer Einfall unter einem matteren Vorwand, auf ein friedliches, harmloſes Volk ge⸗ ſchehen und— geduldet worden.“ „Glauben Sie daß das Volk überhaupt kämpfen würde, wenn es Waffen hätte?“ frug Mr. Noughton. „Ich bin überzeugt davon“ erwiederte der Conſul, „übrigens ſind Waffen auf der Inſel, beſonders haben die uns ergebenen Häuptlinge— einen ſolchen Fall gerade nicht für unmöglich haltend— eine ziemliche Quantität Munition, Pulver und Blei irgendwo in ihren Verſtecken, in den verſchiedenen Anſiedelungen— die anderen Inſeln ſind ſogar reichlich damit verſehen.“ „S—o—o“ ſagte Mr. Noughton, ſich das Kinn ſtreichend und die Lippen vorn etwas mehr als ge⸗ wöhnlich zuſammenziehend—„in den Kiſten waren wohl nicht lauter Bibeln?“ Mr. Pritchard ſetzte ſeinen Weg durch das Zim⸗ er wieder fort und entgegnete gleichgültig: „ Ich weiß nicht wann und auf welche Art ſie hier gelandet ſind— es iſt, wie ich höre, während meiner Abweſenheit geſchehen, aber verdenken kann ich's den Leuten nicht, daß ſie ſich mit den Mitteln verſehen, ihr Haus, ihren Glauben vertheidigen, wenn Beides widerrechtlicher, ja widernatürlicher Weiſe nicht allein mehr bedroht, nein wirklich ange⸗ griffen und ihnen entriſſeu werden ſoll. Der ſchwache Vogel ſelbſt vertheidigt ſein Neſt gegen Schlange und Marder, und wenn uns die chriſtliche Religion gebietet Blutvergießen zu vermeiden und lieber ein geringes Unrecht geduldig zu ertragen, ſo verlangt ſie nicht von uns, daß wir uns feige dem Schlimm⸗ ſten unterwerfen ſollen.„Und der Herr ſprach zu Joſua: Fürchte Dich nicht und zage nicht, nimm mit Dir alles Kriegsvolk und mache Dich auf und ziehe hinauf gen Ai— und die Bewohner von Ai fielen Alle durch die Schärfe des Schwertes, bis daß ſie Alle umkamen.“ „Ja das iſt Alles recht ſchön und gut“ ſagte Mr. Noughton, den Zeigefinger an der Naſe und nachdenkend vor ſich niederſchauend;„ich habe auch nicht den mindeſten Zweifel daß uns der liebe Gott eine Oppoſition gegen den großprahleriſchen Franz⸗ mann mit dem größten Vergnügen vergeben wird— aber ich weiß nur noch nicht ob wir die Inſulaner 2 eben zum Zuſchlagen bringen und— wer bezahlt nachher die Waffen?“ 9* 132 Mr. Pritchard biß ſeine Lippe und ſagte nach kleiner Pauſe: „So viel ich weiß ſind die an Land befindlichen ſchon bezahlt, ich wüßte wenigſtens nicht wie ſie ſonſt in den Beſitz der Häuptlinge kommen ſollten, und weiter ſind noch keine anderen da— warten wir bis ſie kommen, das Uebrige findet ſich.“ „Aber ich habe eine ziemliche Quantität aufge⸗ trieben und gewiſſermaßen auch ſchon gekauft“ er⸗ wiederte Mr. Noughton,„es fragt ſich nur jetzt ob Sie dieſelben übernehmen und weiter darüber ver⸗ fügen wollen, denn aufrichtig geſagt möchte ich mit den Häuptlingen ſelber, die gar keine Idee von Geld und Geldeswerth haben, nicht gern ein ſolches Ge⸗ ſchäft abſchließen, da man überdies auch gar nicht weiß wie die ganze Sache abläuft und ob die guten Leute nachher noch überhaupt eine Cocosnuß übrig behalten, womit ſie bezahlen könnten, ſelbſt wenn ſie ehrlich genug wären zu wollen.“ „Ich kann und will, ja darf mich mit der ganzen Sache nicht einlaſſen“ ſagte Mr. Pritchard nach kurzem Beſinnen kopfſchüttelnd,„aber es intereſſirt mich natürlich die Quelle zu kennen, aus der Sie hier zu ſchöpfen hoffen. Iſt es ein Engliſches Schiff?“ „Die Kitty Clover—“ „Ah der Wallfiſchfänger— dieſe Kitty hat auch 133 Spirituoſen an Land geſchafft, aber ohne daß wir im Stande waren ihr auf die Finger zu klopfen, und wie ich höre waren alle Vorkehrungen dagegen ge⸗ troffen; Sie müſſen ſchlaue und mit der Küſte hier ſehr vertraute Leute an Bord haben.“ „Der eigentliche Unterhändler lebt hier an Land“ entgegnete Mr. Noughton,„aber das iſt Alles Neben⸗ ſache, wenn ich nur erſt die Gewißheit hätte, daß es hier zu einem wirklichen Kampf käme, und die In⸗ ſulaner nicht ihren Regierungswechſel eben ſo ruhig und gleichgültig mit anſehen werden, als geſtern den Flaggen wechſel, der ſie, zu meinem Erſtaunen, entſetzlich kalt ließ.“ „Wenn die Franzoſen Ernſt mit ihrer Drohung machen“ entgegnete Mr. Pritchard raſch,„und nicht eben nach dieſer einfachen Demonſtration wieder in See gehn, Pomare wie ihre Häuptlinge in ſonſt ungeſtörtem Beſitz der Inſel zu laſſen, ſo läuft auch die förmliche Beſitzergreifung, wo ſie dann ja die Zügel der Regierung in die Hand nehmen und das Pabſtthum proklamiren werden, nicht unblutig ab, und ein Leben genommen und die ganze Inſel greift mit einem Schlag zu den Waffen.“ „Sie glauben alſo wirklich—“ „Ich bin feſt überzeugt davon.“— „Nun dann kommt da unten Freund Mac Rally, 134 der Maſter des Wallfiſchfängers draußen, gerad' apropos die Straße nieder— he Sir!“— und an's Fenſter klopfend winkte er dem Schotten, der überdies ſchon die Richtung gerade nach dem Hauſe zu hatte, und deſſen raſcher Schritt bald auf der hölzernen Treppe gehört wurde. Wenige Secunden ſpäter be⸗ trat Mac Rally das Gemach und wollte ſich eben nach kurzem Gruß an den Kaufmann wenden, als er die dritte Perſon im Zimmer ſah, ſtill ſchwieg und ſich mit einem fragenden Blick nach dem Amerikaner umſchaute. „Es iſt ein Freund von mir, ein Geiſttlicher“ ſagte Mr. Noughton und winkte Mac Rally Platz zu nehmen. „Ein Miſſionair, ſo?“ ſagte der Seemann, Mr. Pritchard etwas mißtrauiſch betrachtend, bei ſeinem Branntweinſchmuggeln hatte er die Leute nicht eben als Freunde kennen gelernt, und er wußte nicht wie weit der anweſende gerade mit ſeiner nicht unbedeu⸗ tenden Thätigkeit in dieſem Geſchäftszweig bekannt ſein mochte; außerdem haßte er Miſſionaire. Hier galt es übrigens eine Geſchäftsſache, in der er wußte daß ihm der geiſtliche Mann nicht entgegen ſein würde, und er ſagte raſch: „Mit unſerem Handel wird es wohl Nichts wer⸗ den, Mr. Noughton— es iſt zu ſpät.“ „Wie ſo?“ frug der Kaufmann raſch und er⸗ ſchrect—„Sie dürfen jetzt kein höheres Gebot mehr machen, denn ich habe die Beſtellung feſt ge⸗ macht, wie Sie recht gut wiſſen— die Waffen ſind mein.“ „Und ſollen die Ihrigen bleiben, mit dem größten Vergnügen,“ lachte der Seemann, wenn Sie nur wiſſen ſie an Land zu ſchaffen.“ „Und geht das nicht mehr auf dem gewöhnlichen Weg?“ „Was für Einer iſt das?“ frug Mr. Pritchard — der Seemann glaubte aber nicht eine Antwort darauf ſchuldig zu ſein, ſondern ſagte achſelzuckend: „Die Franzoſen haben in der That Beſitz von Tahiti genommen; Poſten ſind ausgeſtellt an allen Plätzen wo es nur einigermaßen möglich iſt zu lan⸗ den, und eben wird eine Proclamation in Tahitiſcher, Franzöſiſcher und Engliſcher Sprache angeklebt, nach der, unter anderem, Boote nicht einmal mehr nach Dunkelwerden in der Bai fahren, viel weniger an Land kommen dürfen.“ „Den Teufel auch“ ſagte Mr. Noughton,„und das müſſen Sie ſich hier von einem Anderen er⸗ zählen laſſen?“ Mr. Pritchard zuckte mit den Achſeln und ſagte leiſe: 136 „Gegen rohe Gewalt hab' ich keine Macht und keine Aufträge anzuſtürmen; das muß der Zeit über⸗ laſſen bleiben.“ „Zeit“ brummte der Seemann ungeduldig— „die wird Einem dabei auch nicht gerade im Ueber⸗ maß zugemeſſen— morgen muß ich in See ſein.“ „Und was haben Sie ſo zu eilen?“ ſagte Mr. Noughton.— „Das fragen Sie den Franzöſiſchen Admiral“ brummte der Engländer—„ob ſie mich hier in Ver⸗ dacht haben, oder ob ihnen irgend etwas verrathen i*ſt, ich weiß es nicht, aber ſo viel iſt gewiß, daß ich den Befehl bekommen habe was ich an Waſſer und Proviſionen brauche heute in Ordnung zu bringen, und morgen mit dem Landwind alſo etwa um neun Uhr, in See zu gehn. Das iſt„kurz und ſüß“ wie ſte bei uns ſagen.“ „Die Franzoſen thun wirklich, als ob ſie hier ſchon die Herren wären“ ſagte Mr. Pritchard. „Thun ſo, Sirrah?“ rief Mac Rally—„und verdammt gute Urſache dazu, denn ſie ſind's, ſo lange Sie nicht die Indianer dazu bringen können mit Macht über ſie hereinzubrechen— und damit ſieht's windig aus. Hätten Sie die Leute ein Bischen weniger beten und ein Bischen mehr ihre geſunden Glieder brauchen und ihre Waffenübungen nicht ganz 137 vernachläſſigen laſſen, ſo wären die heidniſchen Spiele dem lieben Gott jetzt ſelber zu Hülfe gekommen; jetzt können ſie weiter Nichts wie mit Bibeln drein werfen, und daran ſtirbt Keiner— die Langeweile müßte ſie denn wieder forttreiben.“ Mr. Pritchard legte den Kopf zurück und drehte ihn zur Seite, aber er erwiederte kein Wort; Mr. Noughton„ging mit ineinandergeſchlagenen Armen im. Zimmer auf und ab, und murmelte leiſe etwas vor ſich hin, endlich blieb er vor Mac Rally ſtehn, und frug, ihn finſter dabei anſehend: „Und was ſagt Jim dazu?“ „Jim iſt ein Tollkopf“ brummte der Engländer— „ein richtiger Ire, dem nicht wohl iſt wenn ihm nicht Jemand den Schädel zerſchlägt, oder wenn er nicht denſelben Liebesdienſt Jemand Anderem erweiſen kann.“ „Alſo er meint es ſei wirklich möglich ſie heute Abend an Land zu ſchaffen?“ frug Mr. Noughton ſchnell. e4 „Der ſagt zu Allem ja“ knurrte Mac Rally. „Nun alſo, was haben wir denn da noch außer⸗ dem für Hinderniſſe?“ „Er verlangt daß ich ihm die Gewehre und was dazu gehört, in waſſerdichten Fäſſern an eine gewiſſe Stelle in Matawai Bai liefere und das ginge allen⸗ 4 138 falls; aber dorthin haben die verdammten Franzoſen wahrhaftig auch heute Morgen eine Schildwacht ge⸗ ſtellt, wie überhaupt an jeden Corallengang durch den mehr als ein Canoe einfahren könnte, und ich kann meine Leute nicht dazu riskiren. Wenn ſie entdeckt werden, und das iſt kaum anders möglich, ſo wird jedenfalls auf ſie geſchoſſen, oder doch der Alarm gegeben, und ſie ſtecken mir nicht allein die. Leute ein, und der ganze Transport iſt verloren ſon⸗ dern ſie— viſitiren mir auch am Ende noch das Schiff und— das wäre mir unangenehm.“ „Poſten ſchon überall ausgeſtellt?“ rief Noughton erſtaunt,„ei dann zeigen ſich die Monſieurs ſchon allerdings als Herrn der Inſel und es hat keine Gefahr mehr, daß mir die Gewehre auf dem Lager blieben— Mac Rally Sie müſſen wahrhaftig Rath ſchaffen; mit einer einzelnen Schildwache lühn ſich am Ende auch noch ſprechen.“ „Sprechen, ja, aber nichts durchbringen“ brummte der Wallfiſchfänger—„Sie haben auch Nichts dabei zu riskiren, ich aber deſto mehr, und nehme da lieber die paar hundert Stück Gewehre wieder mit in See; in Huaheina oder Bola Bola find' ich, wenn auch nicht ſo gute Preiſe doch mehr Sicherheit.“ 9 „Wo müßten ſie denn gelandet werden?“ frug der Geiſlliche. 139 „Der einzig mögliche Platz wäre Matawai Bai und zwar in der Einfahrt, in der früher ein alter Miſſionair wohnte, der leider Gottes geſtorben iſt— jetzt ſitzt ein Franzoſe drin— ja zwei eigentlich, denn dicht daneben wohnt noch Einer, und außerdem hat ſich der Poſten gerade überhalb der beiden Häuſer in eine alte, nicht mehr benutzte Hütte placirt, der, wie ich gehört habe, alle zwei Stunden von Papetee aus abgelöſt werden ſoll, während die weiter unten befindlichen mit einem anderen, dorthin gelegten De⸗ tachement in Verbindung ſtehn.“ „Und könnten wir nicht unter oder über der Vorpoſten⸗Grenze landen?“ frug Mr. Noughton. „Nein“ ſagte der Seemann, kopfſchüttelnd,„erſt⸗ lich nimmt das zu lange Zeit weg, und ſelbſt das nicht einmal gerechnet, müßte ein Boot auf dem Binnenwaſſer und dicht am Strande hin völlig Spießruthen bei den Poſten laufen, und es wäre rein unmöglich es unentdeckt an den Ort ſeiner Be⸗ ſtimmung zu bringen, während dorthin gerade die Ladung im Schatten der Riffe und ſpäter der Palmen die größte Wahrſcheinlichkeit ſicherer Landung für ſich hat.“ „Das iſt das Haus wo Monſteur Delavigne wohnt“ ſagte Mr. Noughton—„und ſein Nachbar heißt Lefévre.“ 140 „Ich glaube das ſind die Namen“ brummte der Alte,„kommt aber nicht d'rauf an wie, ſondern wo ſie getauft ſind.“ „Hm, hm, hm“ ſagte der Amerikaner, nachdenkend im Zimmer auf- und abgehend—„ich glaube— laſſen Sie mich einmal ſehn— ich glaube Bruder Rowe hat Zutritt da im Haus—“ „Wird ihm wenig helfen“ meinte Mac Rally. „Kann ich einmal mit Jim ſprechen?“ frug Noughton, vor dem Seemann ſtehen bleibend. „Ich wollte ſelber ich könnte ſeiner habhaft werden“ erwiederte dieſer,„aber wie mir Bob, mein Zimmer⸗ mann ſagt, hat er alle Urſache ſich nicht bei Sonnen⸗ ſchein zwiſchen den Franzoſen blicken zu laſſen— es müſſen alte Geſchichten ſein. In den Guiaven drin ſteht aber ein Haus, wo er zu finden ſein ſoll.“ „Bei der alten Iriſchen Here?“ frug der Ame⸗ rikaner. „Nein, da kommt er ſeit jenem Abend, wo ſie ihn beinah einmal abfaßten nicht mehr hin—“ iſt nicht ſo weit draußen und ich kenne die Stelle— und was ſagen Sie dazu, Mr. Pritchard?“ Bei Nennung des Namens drehte ſich der Wall⸗ fiſchfänger raſch nach dieſem um, der Conſul aber ſagte achſelzuckend: „Ich kann in meiner Stellung Nichts dabei thun, ———— 141 Mr. Noughton, obgleich ich den Inſulanern jeden Erfolg gegen ihre Feinde wünſche.“ „Sie ſind Conſul hier in Papetee?“ ſagte Mac Rally.; Mr. Pritchard machte eine bejahende Bewegung mit dem Kopf. „Dann werd' ich Sie bitten mir heute Nachmittag meine Papiere in Ordnung zu bringen“ bat der Engländer—„s iſt jedenfalls beſſer ich habe die regulirt. „Kommen Sie nachher zu mir, ich werde es Ihnen beſorgen.“ „Mac Rally,“ ſagte Mr. Noughton,„thun Sie mir einmal den Gefallen, zu Mr. Rowe zu gehn und ihn zu bitten, mich heute Morgen, ſobald er möglicher Weiſe kann, auf einen Augenblick zu be⸗ ſuchen; ich hätte etwas ſehr Wichtiges mit ihm zu beſprechen; wollen Sie?“ „Ich will gleich von hier zu ihm gehn— und unſer Geſchäft?“ „Sein Sie nachher um elf Uhr hier wieder im Haus. Sie können mich zu dem Haus führen, wo wir Jim O'Flannagan treffen mögen?“ „Gewiß kann ich“ brummte dieſer,„aber es wird dann die höchſte Zeit daß etwas geſchieht, wenn wir's überhaupt noch ausführen wollen.“ 142 „Haben Sie Alles gepackt und in Ordnung?“ „Schon ſeit heute Morgen um ſechs Uhr.“ „Gut— überlaſſen Sie dann das andere mir— und Mr. Rowe?“. „Schicke ich Ihnen unter Addreſſe und Frachtbrief augenblicklich ins Haus— guten Morgen Gentle⸗ men,“ und ſich langſam auf ſeinen Hacken um⸗ drehend, drückte er die Thür hinter ſich ins Schloß, und ließ die beiden Männer allein, die ſich bald darauf in eine ſehr lebhafte aber mit leiſer Stimme geführte Unterhaltung vertieften, in der ſie erſt wieder geſtört wurden, als ſich der ehrwürdige Mr. Rowe unten anmelden ließ. * Capitel 5. Suſanna. Der Admiral Du Petit Thouars hatte allerdings die Inſeln der Königin Pomare, worunter er damals die beiden Gruppen der Geſellſchafts⸗ und Georgen⸗ Inſeln verſtand, im wahren Sinn des Worts in Beſitz genommen, und dachte, allem Anſchein nach, gar nicht daran, ſie, wie das vorige Mal, als es bei einer Protectoratserklärung geblieben, wieder voll⸗ kommen zu verlaſſen, wenigſtens von Militair zu entblößen. Der Admiral ſuchte ſich einzureden daß Pomare in ihrem Widerſtand gegen ihn zu weit ge⸗ gangen ſei, und dem zu begegnen fiel er in denſelben Fehler, der ihm freilich für den Augenblick nicht ſoviel Schaden bringen konnte, da er gerade der Stärkere war. * Recht gut wußte er dabei daß die Inſulaner, wenn nicht unnöthiger Weiſe gereizt, eben durch ihre Eiferſucht unter ſich, und bei dem Haß, den ein Theil derſelben gegen die ſtrenge Herrſchaft der Miſſionaire hegte, nicht leicht perſönlichen Widerſtand leiſten würden, außer, durch die Fremden, beſonders die Miſſionaire ſelber angereizt und dem vorzuar⸗ beiten, ehe ein förmlicher Bruch herbeigeführt werden konnte, that er natürlich Alles was in ſeinen Kräften ſtand. Die proteſtantiſchen Geiſtlichen wurden ſchon an und für ſich gleich gewarnt, das Volk nicht gegen die jetzige rechtmäßige Regierung aufzureizen, und außerdem noch eine Proclamation erlaſſen worin jeder Fremde, der gegen die Franzöſiſche Oberherr⸗ ſchaft ſprechen(man ſagte nicht predigen) würde, augenblicklich von der Inſel, überhaupt aus den Gruppen zu verweiſen ſei; es war das ein Para⸗ graph der die Miſſionaire am ſchwerſten traf, und auch, beſonders in England, von ihnen am meiſten angegriffen und verdammt wurde. Ebenſo vorſichtig mußten ſich die Franzoſen da⸗ gegen zu wahren ſuchen daß Waffen und Munition den Inſulanern durch ihre Freunde zugeführt wurden, und eins der eben eingelaufenen Schiffe erhielt augen⸗ blicklich die Ordre die Inſel zu umſchiffen und ver⸗ dächtige Fahrzeuge abzuweiſen, während die hier 145 liegenden Engländer, von denen man aber nur das kleine Kriegsſchiff in Verdacht haben konnte, eben⸗ falls ſcharf bewacht wurden. Auch Spirituoſen ſuchte man den Inſulanern fern zu halten, ſie nicht auf⸗ zureizen und zu Exceſſen zu treiben, die unter den jetzigen Verhältniſſen leicht einen ernſten Charakter annehmen konnten, und es war deshalb auch daß die Kitty Clover, von der man ziemlich genau wußte daß ſie unter der Hand Spirituoſen an die Inſulaner verkaufe und auch noch eine ziemliche Quantität der⸗ ſelben an Bord habe, Befehl erhielt die Bai am nächſten Morgen zu verlaſſen. Niemand vermuthete daß ſie auch noch weit gefährlichere Waffen zum ge⸗ legentlichen Handel bei ſich führe, die Mac Rally übrigens auch wohlweislich einer ziemlich genauen Viſitation ſeines Schiffes, ſollte dieſelbe ja ſtattge⸗ funden haben, aus dem Weg geſteckt hatte. Außerdem aber waren die Franzöſiſchen Soldaten ſtreng beordert die Eingeborenen freundlich zu be⸗ handeln, und ihnen ſtrenge Strafen angedroht, wenn ſie dieſelben durch Erpreſſungen, Mißhandlungen oder ſonſtigen Uebermuth reizen und dadurch Anlaß zu Streitigkeiten geben würden. Den Fremden war ebenfalls ihr Eigenthum voll⸗ ſtändig geſichert, nur ſollten ſie ſich, wie ſchon erwähnt, Gerſtäcker's Tahiti. III. 10 146 jeder böswilligen Einwirkung auf die Inſulaner ent⸗ halten, oder der Folgen dafür gewärtig ſein. Auch eine Regierung hatte der jetzt allmächtige Admiral ernannt, einen Regierungsrath wenigſtens aus drei Perſonen beſtehend, Mr. Aubigny, Capitain der Corvette Ambuſcade, Lieutenant Clou und Mr. Moerenhout, und die Wahl des Letzteren beſonders kränkte Pomare tief, da ſie wußte wie er von jeher ihr geſinnt geweſen, während die Miſſionaire in dem ihnen gerade feindlich geſinnten Mann einen voll⸗ ſtändigen Beweis ſahen, was ſie für ſich von der neuen Ordnung der Dinge zn erwarten hätten. Viel Zeit durften ſie aber auch nicht verlieren, denn noch an demſelben Abend lief der Franzöſiſche Kriegsdampfer, der Cormorant ein, und ein dumpfes Gerücht durch die Stadt daß der ganze übrige Theil der, bis jetzt noch an den Marqueſas⸗Inſeln ſtatio⸗ nirten Flotte, ebenfalls hier eintreffen würde, den Eingeborenen zu imponiren, und ihnen zu be⸗ weiſen wie fruchtlos jeder Verſuch des Widerſtands gegen eine ſo gewaltige Macht unter jeder Bedingung für ſie ausfallen müßte. Die Eingeborenen fingen jetzt erſt an wirklich ſtutzig zu werden, denn das ganze Benehmen der Fremden hatte diesmal einen weit anderen Charakter wie früher. Die ausgeſtellten Poſten, das gelandete 147 und ohne weiteres in einem der Pomare gehörigen Häuſer untergebrachte Militair— die Beſitznahme der kleinen in der Mündung der Bai liegenden Inſel Motuuta, von jeher der Königsſitz und in der That Lieblingsaufenthalt der Pomaren, wo die Königin ſogar ihren Knaben geboren, und wohin jetzt ohne weiteres mächtige Kanonen geſchafft wurden, die gar nicht ausſahen als ob ſie blos für die kurze Dauer des Aufenthalts der Schiffe da liegen bleiben ſollten; vor allen andern Dingen aber das jetzt plötzlich ſo ſcheue und zurückhaltende Weſen ihrer Miſſionaire, das ſie an ihnen wahrlich nicht gewohnt waren, machte ſie ſtutzen, und flößte ihnen zum erſten Mal die ernſtliche Beſorgniß ein, daß doch wohl nicht Alles ſo geſchwind wieder vorüber gehn würde und auch nicht genau ſo ſei, wie ihnen die frommen Lehrer bis jetzt erzählt haben mochten. Mr. Pritchard allein blieb ſich, auf ſeine Stellung als Engliſcher Conſul fußend, ja vielleicht trotzend, treu in dieſer Zeit. So unbekümmert die Franzoſen irgend etwas gegen die Religion eines fremden Staates und deren Vertreter unternahmen, und auch vielleicht unternehmen konnten, ſo vorſichtig mußten ſie jedenfalls zu Werke gehn, wo ſie es mit der Diplomatie und dadurch auch mit den Rechten des⸗ ſelben zu thun bekamen, und als Conſul ſtand er, 10* 148 wie er recht gut wußte, unter dem direkten und un⸗ mittelbaren Schutz ſeines Vaterlandes. Die Einge⸗ borenen verſtanden aber dieſen Charakter gar nicht; ihnen war Mr. Pritchard noch immer der Mitonare und Lehrer von früher her, nur mit mehr Autorität vielleicht als fruͤher, da er die anderen Geiſtlichen oft in ſeinem Hauſe verſammelte, mit ihrer Königin in ſtetem Verkehr ſtand, und dann auch durch die neue Reiſe noch gewaltig in ihrer Achtung gewonnen hatte. Jedenfalls kam er jetzt gerade von dem Land der Beretanis, mußte alſo am beſten wiſſen was ſie von dort zu hoffen hätten, und ob die Engländer Schiffe ſenden würden ſie und ihre Religion zu un⸗ terſtützen, oder ob ſie auf ſich ſelber verlaſſen bleiben ſollten, den zahlreichen Feuerſchlünden des mächtigen Feindes gegenüber. Die anderen Miſſionaire hatten, durch die Dro⸗ hung des Admirals eingeſchüchtert, nicht gewagt, eine beſtimmte Antwort zu geben, und die Gläubigen auf die Bibel und den lieben Gott vertröſtet, der die Seinen ſchützen und ſchirmen würde in ſchwerer Noth und Angſt. Mr. Pritchard dagegen ſprach zu ihren Herzen, und ſein Ruf an ſie muthig zu ſein und nicht zu verzagen war mehr ein Aufruf zu den Waffen, als ein Troſt. „Widerrechtlich hatten die Feranis die Flagge 149 Pomares niedergezogen, widerrechtlich ſetzten ſie eine Regierung ein, dem direkt ausgeſprochenen Willen Englands gegenüber, daß das Land ſich frei und unbeläſtigt des Friedens Segen und der chriſtlichen Religion erfreuen könne. Mit Kanonen und Bayon⸗ netten überwältigten ſie ein ſtilles harmloſes Volk und die„Baals-Prieſter“ zogen im Lande umher, dem Feinde Seelen zu gewinnen. Er proteſtirte von Anfang an feierlich gegen jede Franzöſiſche Autorität auf der Inſel, die er unter keiner Bedingung aner⸗ kennen würde, und wahrte ſich das Recht zu dem Volke zu reden und ihm zu rathen, wie es ihm gut dünke, und wie er es in ſeinem Amt als Engliſcher Conſul ſowohl wie Miſſionair vor ſeinem Gewiſſen und ſeiner Regierung, aber nicht vor dem Franzö⸗ ſiſchen Admiral zu verantworten habe.“ Die Inſulaner hielten ſein Haus förmlich be⸗ lagert, denn der Mann, wie ſie erſt einmal die wahre Abſicht der Fremden verſtanden, ſprach ihnen aus der Seele, aber noch mehr— er verſprach ihnen auch Engliſche Hülfe von der zuerſt einkommenden Eng⸗ liſchen Fregatte, während mit dem Dublin ſchon die Klagen und Beſchwerden ſämmtlicher Miſſionaire nach England abgegangen waren. Es läßt ſich denken daß die Franzöſiſchen Auto⸗ ritäten, den Proteſtantiſchen Geiſtlichen überdies nicht 150 gewogen, die Aufreizungen dieſes Mannes mit Aerger und Verdruß anſahen und nur durch ſeine officielle Stellung noch zurückgehalten wurden, etwas Ernſt⸗ liches und Entſchiedenes gegen ihn zu unternehmen. Dazu brauchten ſie aber irgend eine gegen ihn ſpre⸗ chende Thatſache als Vorlage, und eine ſolche mußte jedenfalls erſt abgewartet werden. Spione umgaben ihn dabei genug, aus ſeinen Reden an das Volk irgend eine, direkt zur Empörung aufreizende Aeußerung zu finden, Mr. Pritchard war aber klug genug ſich keine ſolche Blöße zu geben, und der Zorn der Franzöſiſchen Officiere gegen ihn ſtieg von Stunde zu Stunde. Renè beſchloß indeſſen ſich von jeder Betheiligung an den politiſchen Ereigniſſen vollkommen entfernt zu halten; er mochte natürlich nicht gegen ſeine Landsleute kämpfen, ſo ſehr er auch fühlte daß den Eingeborenen hier unrecht geſchah, und natürlich noch viel weniger dieſen feindlich entgegentreten, mit denen er durch ſein Weib in ſo nahe und freundliche Beziehung gekommen war. Je mehr er aber über ſein künftiges Leben auf den Inſeln nachdachte, deſto mehr fühlte er ſich da⸗ von überzeugt, wie er ſolcher Art, und gewiſſermaßen zwiſchen zwei Feuern, in Papetee jedenfalls eine höchſt unangenehme, ja gefährliche Stellung für die — Zukunft einnehmen müſſe, denn von beiden Partheien wäre er, wenn er es mit keiner offen hielt, auch ret⸗ tungslos verdächtigt worden.— Er wollte Papetee— Tahiti verlaſſen und drüben in Atiu, in der ſtillen Zurückgezogenheit ſeines häuslichen Glücks konnte er bald die Welt um ſich her vergeſſen— verachten. Sorge um ſeinen Lebensunterhalt brauchte er nicht zu haben, Gott hatte den Tiſch der Eingeborenen dort mit ſeinen reichſten Gaben überdeckt— ein fröhliches, gutmüthiges Volk bewohnte die Inſel, und mit Sadie an ſeiner Seite— Und Suſanna?— Fort mit dem Gedanken an ſie— an Alles was ſte umgab, gerade hier lag die Gefahr für ihn, für ſein häusliches Glück, und er fühlte recht gut ſelber wie er zu ſchwach, viel zu ſchwach ſei, den immer aufs Neue auf ihn eindrängenden Verführungen lange widerſtehn zu können. Er liebte Sadie aus tiefſter innerſter Seele, und dennoch hatte er den Zauber, die Gewalt die dieſe Liebe über ihn ausüben ſollte, überſchätzt— dennoch fühlte er, wie er jetzt flüchten müſſe mit ihr, ſich ſelber zu entgehn und ſeiner Leidenſchaft; flüchten, einer Gefahr auszuweichen, die drohend über ihrem Glücke hing, und in dem Gefühl lag das Bewußtſein ſeiner Schwäche; gewaltiger noch daß er nicht wagte 152 es ſich ſelber zu geſtehn, gefährlicher für ihn, daß er je geglaubt hatte es beſiegen zu können, ja ſelbſt jetzt noch ſich ſelber damit täuſchen wolle daß er nach freiem Willen handle. Schon an dieſem Tag begann er ſeine, jedoch eben nicht ſo bedeutenden Vorbereitungen, Tahiti zu verlaſſen, und Sadie ſah den Eifer mit dem er es betrieb und dankte ihm in ihrem Herzen dafür. Glücklicher faſt als der Gedanke ihr liebes, freund⸗ liches Atiu nun bald wieder zu ſehn, es nie mehr zu verlaſſen, machte ſie das Bewußtſein des Gatten Liebe noch zu beſitzen und ſich in jener furchtbaren Stunde— ſo entſetzlich ihr ſelbſt jetzt noch die Erin⸗ nerung daran war— getäuſcht zu haben. Er konnte jenes fremde ſchöne Mädchen nicht lieben, hätte er ſonſt ſo geeilt aus ihrer Nähe zu kommen? und daß es ihn gerade zurück nach Atiu zog, war ihr ja der Bürge für ihr ſchönſtes Glück— für den Frieden ihrer Seele. Wie weh that es ihr jetzt daß Aumama nicht bei ihr geblieben war, Zeuge ihres Glücks zu ſein; das wilde Mädchen hatte ſich aber nicht länger halten laſſen und war noch lange vor Abend ſchon in ihrem Canoe allein nach Taiarabu aufgebrochen, dort bei der Schweſter zu bleiben; ja vielleicht— ſie hatte ihr zornig klopfendes Herz feſt feſthalten müſſen, als ſie der Freundin die Worte zuflüſterte in denen 153 ihr ganzes Elend lag— dort, dort noch einmal dem treuloſen Gatten zu begegnen, und Rechenſchaft von ihm zu fordern, für ein mißhandeltes, zertretenes Leben. Arme Aumama. René hatte ſich von der Miſſion einen kleinen Cutter zu verſchaffen gewußt, ſeine Sachen und was er ſich an Bequemlichkeiten auf der Inſel angekauft, gleich mit einem Mal nach ihrem alten Wohnplatz hinübertransportiren zu können, und derſelbe wurde ſchon an dem nämlichen Nachmittag, ein Beweis wie es ihm Ernſt war um ſeinen Vorſatz, von Pa⸗ petee herüber und an ſeine Landung geſchafft, wo er ruhig und vollkommen vor Wind und Wetter ge⸗ ſchützt, vor Anker liegen konnte, bis er im Stande war ſeine Geſchäfte hier ſo weit als möglich zu re⸗ guliren und ſich einzuſchiffen. Niemand freute ſich mehr darüber als der Mito⸗ nare Ezra, der ſich augenblicklich zum Paſſagier an⸗ bot, und nebenbei noch verſprach die Mannſchaft vollſtändig aufzutreiben. Mehr wie drei Leute ge⸗ brauchten ſie ohnedies nicht, da René ja ſelber See⸗ mann genug war das wenige an Bord ſolch kleinen Fahrzeugs, wenn ja einmal Noth an Mann ſein ſollte mit verrichten und beſſer verrichten zu können, wie die Inſulaner ſelber. 154 Mitonare erhielt da die erſte Botſchaft, nach der Stadt, zu dem ehrwürdigen Mr. Rowe zu kommen, und Renè bekam ebenfalls eine Einladung von dem jetzt Befehlenden auf Papetee, Gouverneur Bruat, ihn zu beſuchen, da er ſich nach Manchem bei ihm zu er⸗ kundigen wünſche. 1 Die Botſchaft beunruhigte ihn im Anfang— ſollte etwa wegen der Flagge Nachforſchung gehalten ſein?— aber lieber Gott, da hätten ſie ihm dieſelbe, wenn er wirklich verrathen wäre, einfach wieder ab⸗ fordern laſſen; das Tuch hatte weiter keine Bedeu⸗ tung, ſobald es einmal von der Stange herunter war. Oder das Duell?— es war nicht wahrſcheinlich daß ſolche Sache in ſolcher Zeit zur Unterſuchung kommen ſollte; und überdies hatten beide Theile darin gehan⸗ delt wie es den nun einmal beſtehenden Geſetzen der Ehre entſprach, denen ſie ſich fügen mußten. Es half ihm Nichts daß er ſich den Kopf darüber zerbrach, und gegen Abend— er war auf vier Uhr Nachmittag nach Papetee beordert worden— folgte er der Aufforderung des Gouverneurs. Es handelte ſich dabei übrigens weder um Flagge noch Duell; im Gegentheil war Mr. Bruat ungemein freundlich mit dem jungen Mann, deſſen Schickſale er ſich, wie er ihm verſicherte, habe erzählen laſſen, und um ihm zu beweiſen wie er ſich für ihn intereſſire, 155 wünſche er ihn an ſich und Papetee zu feſſeln, und bot ihm, da er ja ſchon überdies früher in der Fran⸗ zöſiſchen Armee als Officier gedient, eine gleiche Stellung in Papetee, unabhängig von den Schiffen und mit geſichertem Aufenthalt auf den Inſeln. Renè begriff recht gut, daß er dies Anerbieten weniger ſeinen Verdienſten als der vermutheten Ver⸗ bindung verdanke, in der er, durch ſeinen längeren Aufenthalt hier wie ſeine Heirath, mit den Einge⸗ borenen ſtand. Das Abenteuer mit dem Miſſionair war ebenfalls, wenn auch nicht laut ausgeſprochen, doch ruchbar geworden, und es fehlte den Franzoſen gerade in dieſem Augenblick beſonders an Leuten, die ihren Intereſſen ſo ergeben, als denen der Miſſtonaire entgegen wären, und doch dabei eine etwas freund⸗ lichere Vermittlung zwiſchen den beiden ſo ſchroff ab⸗ ſtoßenden Elementen, den Eingeborenen der Inſel und den Eroberern derſelben, bieten könnten. Das wäre aber auch jedenfalls der Weg geweſen ſich den In⸗ ſulanern vollkommen zu entfremden, und er lehnte die ihm gebotene Stellung auf das artigſte und mit der Verſicherung größter Dankbarkeit für das ihm be⸗ wieſene Zutrauen, aber auch entſchieden ab. Monſieur Bruat ſchien etwas pikirt darüber; er hatte wohl keinenfalls eine ſo ganz definitive Wei⸗ gerung erwartet, René beharrte aber feſt darauf 156 und wurde endlich mit einer zwar artigen aber ſehr kalten Verbeugung entlaſſen. In Monſ. Belards Hauſe, in dem kleinen trau⸗ lichen Stübchen der Madame Belard, ſaß dieſe an ihrer Arbeit, hinter den niedergelaſſenen Jalouſien, die eine angenehme Kühle in dem freundlichen Ge⸗ mach verbreiteten, während Suſanna vor dem In⸗ ſtrument in leiſen, wehmüthigen Akkorden und mit halbgeſchloſſenen Augen ihrer Phantaſie, ihren Ge⸗ danken freien und ungeſtörten Lauf ließ. „Lieber Gott, Suſanna,“ ſagte Madame Belard endlich, ihre Nadel ruhen laſſend und zu der Freundin aufſchauend—„Du biſt entſetzlich langweilig heute, und ſpielſt Melodieen daß man immer glaubt es ſollte Jemand zum Richtplatz geführt werden. Was um Gottes Willen ſteckt Dir im Kopf, was haſt Du, was fehlt Dir?— heraus mit der Sprache, Mäd⸗ chen, aber quäle mir die Molbäle wict auf ſolch grauſame, unbarmherzige Art.“ 2 „Ich?— Nichts— was ſoll mir fehlen?“ ſagte Suſanna. „Ja das frag' ich Dich— etwas iſt mit Dir, denn Du biſt wie ausgewechſelt gegen ſonſt.“ „Unſinn“ lachte Suſanna, die vollen Locken aus 157 —* der Stirn werfend, und zu einer lebendigern Weiſe übergehend— es war die Marſellaiſe. „Ach damit haſt Du geſtern Abend Monſieur Delavigne vertrieben“ lachte Madame Belard— „wie raſch er aufſprang und fortſtürzte. Wir hätten uns heute doch einmal ſollen nach ihm erkundigen laſſen, wie ihm die Aufregung geſtern bekommen und ob er ſein Haus glücklich erreicht hat.“ Suſanna erwiederte Nichts darauf, hatte aber die Marſeillaiſe ſchon wieder fallen laſſen, und praelu⸗ dirte eines ihrer kleinen melancholiſchen Creolenlieder aus Louiſiana, als Schritte auf dem Vorſaal gehört wurden und Monſ. Belard gleich darauf die Thür öffnete und hereinſchaute. „Iſt Delavigne hier geweſen?“ frug er die Damen. „Monſieur Delavigne? nein,“ rief ſeine Frau und Suſanna hörte auf zu ſpielen und ſah ſich nach ihm um—„iſt er wieder in der Stadt?“ „Hat er Euch denn noch Nichts geſagt?“ frug der Gatte aber jetzt, ſie etwas erſtaunt anſehend und ganz ins Zimmer tretend,„wißt Ihr noch Nichts?“ „Wir?— was iſt denn?“ rief Madame Belard erſchreckt,„um Gottes Willen— aber wenn er ſelber in der Stadt war— iſt ihm denn zu Hauſe etwas paſſirt— ſeinem Weib?“ „Ah Papperlapapp, ¹ ſagte Monſ. Belard lachend, 158 und ging zu einem kleinen Eckſchrank den er dort zu ſeinem eigenen Gebrauch ſtehen hatte, ſich ein Glas Brandy und Waſſer einzuſchenken,„da ſoll bei Euch immer gleich was paſſirt ſein; der Frau wird auch was zuſtoßen, die Indianerinnen haben eine zähe Natur und ſind nicht gleich immer umgeworfen wie andere Leute. Wenn ich noch einmal zu heirathen hätte, ich wüßte auch was ich thäte.“ „Bitte, Monſieur, geniren Sie ſich nicht“ bat Madame Belard etwas beleidigt und mit kalter Höf⸗ lichkeit—„ich möchte Ihrem weiteren Glück nicht gern im Wege ſtehn.“ „Aber was iſt vorgefallen?“ frug auch jetzt Su⸗ ſanna, mit größerem Intereſſe als ſie bis jetzt gezeigt, „bringen Sie uns eine angenehme oder unangenehme Neuigkeit?“ „Nun ich weiß gerade nicht“ ſagte Monſ. Belard die Miſchung von Waſſer und Brandy erſt einen Augenblick gegen das Lictehaumn und dann, wie mit der Farbe zufrieden, auf einem Zug leerend— „angenehm iſt ſie gerade nicht— wenigſtens nicht für Sie Beide, und mir ſelber thut es auch leid, ob⸗ gleich ſich die Sache nun einmal nicht ändern läßt und des Menſchen Wille ſein Himmelreich iſt. Wenn's im nicht länger bei uns gefällt, kann ihn natürlich keine Seele halten.“ 159 „Monſ. Delavigne will fort von hier?— aber wohin?“ riefen die beiden Damen, wie faſt aus einem Munde. „Soviel ich verſtanden habe, nach Atiu zurück, wo er hergekommen“ lautete die Antwort. „So wird er dorthin wohl ſein Geſchäft verlegen wollen.“ „Nein das iſt ja eben der Unſinn“ rief der Kauf⸗ mann ärgerlich,„das dacht' ich mir auch im Anfang, denn darin wäre ein Sinn, aber wie mir jetzt ſcheint, läuft die ganze Geſchichte auf irgend einen roman⸗ tiſchen Schwindel hinaus, und wenn das wirklich der Fall wäre, ſollt' er mir leid thun, denn keine zwei Monat hält er' drüben mit ſeiner Paradies⸗ Comödie aus. Er will ſein ganzes Geſchäft förmlich mit der Wurzel herausreißen und wegwerfen, und ſich drüben hinſetzen und Brodfrucht und Tarowurzel eſſen mit Madame Sadie. Das klingt wohl recht ſchön, iſt aber nur leider unausführbar— er müßte denn eben kein Franzoſe— kein civiliſirter Menſch ſein, deſſen ganze Exiſtenz, er mag ſich darüber äußer⸗ lich vorlügen ſoviel er will, doch mit all ſeinen tau— ſend Seelenfaſern an dem alten gewohnten Leben hängt und nicht losgeriſſen werden kann.“ „Aber iſt denn vielleicht hier irgend etwas vor⸗ gefallen?“ ſagte Madame Belard—„hat er hier 160 Unannehmlichkeiten gehabt, die ihn vielleicht dazu treiben?“ Doch nicht etwa mit der Regierung?“ frug Su⸗ ſanna raſch, die unwillkürlich und mit leiſer Angſt der ſo keck eroberten Flagge gedachte. „Nicht daß ich wüßte“ brummte Monſ. Belard— „im Gegentheil ſcheint ihm der Gouverneur wohl ge⸗ wogen geweſen zu ſein, denn wie mir Delavigne ſelber ſagt hat er ein Anerbieten von dorther gehabt— ein Anerbieten einer feſten geſicherten Stellung, wenn er es allenfalls nun überdrüſſig geweſen wäre Handel zu treiben; aber auch das hat er von der Hand gewieſen. Er iſt rein toll— oder blind.“ „Und wann will er fort?“ ſagte Mad. Belard. „Morgen ſchon, ſoviel ich weiß, wenn er alle ſeine Siebenſachen packen und zu Schiff bringen kann— er hat einen kleinen Kutter gemiethet, der ſchon bei ſeinem Hauſe liegt. Nein die Sache iſt Ernſt und nicht nur eine flüchtige Idee; ein Schlag aus reinem Himmel, denn geſtern, wo ihn Brouard auf der Straße traf, wußte er noch kein Wort davon. Aber ich muß wieder fort— er kommt jedenfalls noch zu Euch hierher heute, Adieu zu ſagen, und wenn ich nicht da ſein ſollte, bitte gieb ihm dies Papier hier, Marie; ich habe ihm verſprochen, es hierher für ihn zu legen, vielleicht komm ich nachher 161 noch einmal herüber.“ Und mit kurzem Gruß verließ er das Zimmer wieder. Die Frauen ſaßen noch ſchweigend, und in tiefem Nachdenken, als Monſ. Belard ſchon lange das Zimmer verlaſſen hatte, und Suſanna berührte wie⸗ der leiſe die Taſten in weichen, kaum hörbaren Akkorden. „Merkwürdig“ brach Madame Belard endlich das Schweigen—„etwas muß da vorgefallen ſein, was ihn kann zu dieſem wunderbar raſchen Ent⸗ ſchluß getrieben haben— geſtern Abend ſchon ſein eigenthümliches Betragen.“ „Du ſprichſt von Monſ. Delavigne?“ ſagte Su⸗ ſanna, ohne die Freundin anzuſehn. Madame Belard ſchaute raſch nach ihr um, ließ ihr Auge einen Moment auf ihr ruhen und ſagte dann leiſe— Sa.⸗ „Die Männer ſind wunderliches Volk“ ſagte die Schöne—„er wird ſich mit ſeiner Sadie wieder in einen Palmenhain zurückziehn, und von der Welt— in ihren Armen träumen.“ Madame Belard ſchüttelte traurig mit dem Kopf und ſagte ernſt: „Das iſt nicht Alles wie es ſein ſollte— hätte er den Entſchluß langſam und mit reiflicher Ueber⸗ Gerſtäcker's Tahiti. III. 11 legung gefaßt, ſo würde es mich recht von Herzen, in tiefſter Seele gefreut haben.“ „Wie ſo?“ frug Suſanna raſch. „Weil mich Sadie, das arme liebe Mädchen, in einer Welt hier in die ſie nicht gehört, in die ſie nicht paßt, recht von Herzen dauert. Es iſt ein liebes engelgutes Kind, und verdiente glücklich zu ſein— und wird es nie werden“ ſetzte ſie recht tief aufſeuf⸗ zend hinzu. „Warum nicht glücklich?“ ſagte Suſanna gleich⸗ gültig, der Stimme wenigſtens den Ausdruck gebend, „ſo viel ich von dem Leben dieſer Inſulanerinnen geſehen habe, verlangen ſie es, wiſſen ſie es gar nicht beſſer, als daß ſich ein Europäer, Franzoſe oder Eng⸗ länder iſt ihnen ziemlich gleich, um ſie bewirbt und — die Dauer ſeines Aufenthalts vielleicht— bei ihnen bleibt; kehrt er in ſeine Heimath zurück fällt es ihm natürlich nicht ein eine farbige Frau mit⸗ zunehmen.“ „In der Regel, ja—“ ſagte Madame Belard— „leider Gottes handeln die Männer hier leichtſinnig genug in dieſer Hinſicht, und haben ſchon manches arme Herz gebrochen, ſelbhſt unter den ungebildetſten der Inſulaner— das Herz kehrt ſich ja nun doch einmal nicht an Sitte und Gebrauch.“ „Sie ſehn mir nicht aus, als ob ihre Herzen ſo leicht brechen könnten“ entgegnete Suſanna etwas kalt. „Doch, doch“ ſagte leiſe Madame Belard,„und Sadie iſt gar nicht wie ein Kind dieſer Inſeln er— zogen— nur die Farbe, das Ausſehn, und das Freie, Natürliche ihrer Bewegungen verkünden ſie als ein Kind des Korallenbodens; der alte Mr. Osborne, der hier auf Tahiti ſtarb, hat ſie wie eine Tochter ge⸗ halten, unterrichtet und ihr damit Gutes thun wollen, aber ich fürchte faſt, ſtatt deſſen einen ſchlimmen Dienſt erwieſen. Nicht Indianerin, nicht Europäerin muß ſie für das Leben ihres Vaterlandes verloren ſein, nie wenigſtens würde ſie ſich, wozu ſie doch Gott bei ihrer Geburt beſtimmte, an der Seite eines gewöhnlichen ungebildeten faulen Indianers glücklich fühlen können— und ich fürchte ich fürchte, ſie wird nicht im Stande ſein, den jetzt geliebten Mann auf immer an ſich zu feſſeln.“ „Und verlangſt Du von Delavigne daß er ſein Leben auf jenem Atiu verträumen— dieſe monotonen Inſeln mit ihren ewigen Palmen und Brodfrucht⸗ bäumen nie wieder verlaſſen ſoll?“ rief Suſanna in ihrem Spiel aufhörend und ſich raſch und faſt heftig nach der Freundin umdrehend. „Verlangen?“ ſagte dieſe achſelzuckend—„ich verlange von einem Mann vor allen Dingen daß er 11* 164 ſeine Schwüre hält, es iſt das wenigſte was man verlangen kann, und doch unendlich viel, und thut das Delavigne, ſo kann er die Inſeln nur verlaſſen, wenn er die Indianerin als ſein Weib mit hin⸗ über in das alte Vaterland nimmt.“ „Um dort der Kinder Spott zu werden“ rief Suſanna raſch. „Er hat das Alles voraus gewußt,“ ſagte Marie Belard,„Sadie iſt übrigens ein wunderhübſches Weibchen.“ „Und wie lauge wird das dauern?“ frug Su⸗ ſanna,„in ſechs Jahren, in fünf vielleicht ſchon, iſt die Blüthenzeit dieſer Kinder der Tropen vorüber und die Zeit muß ihm vorſchweben, wenn er an ein ſpäteres Leben in den civiliſirten Städten der alten oder neuen Welt zurückdenkt. Ja in der neuen könnte er nicht einmal jetzt mit ihr exiſtiren, wo ſich jede an⸗ ſtändige Familie in New⸗York ſowohl wie New⸗ Orleans von ihm zurückziehn würde, um nur nicht in den Verdacht zu kommen mit ſchwarzem Blute Umgang zu haben.“ „Aber Suſanna, in Virginien rühmen ſich die älteſten Geſchlechter von der Königstochter Pokahontas abzuſtammen“ ſagte Madame Belard. Suſanna zuckte die Achſeln. „Ja, ſie zum Ahn zu haben laſſen ſie gelten“ ſagte ſie,„aber frag einmal eine der dortigen Fami⸗ lien, ob ſie jetzt einem ihrer Söhne geſtatten würden die Ehre ihrer Geſchlechter durch Indianiſches Blut zu beflecken. Das Vorurtheil, wenn es überhaupt ein Vorurtheil genannt werden kann, wo es ſich um etwas unſeren Naturen total widerſtrebendes handelt, beſteht nun einmal und wir Einzelne können es nicht ändern— Uebrigens ſind die hier geſchloſſenen Ehen“ fügte ſie mit weit leiſerer Stimme etwas zögernd hinzu,„wie man überall hört, ja keineswegs ſo bin⸗ dend, und ſollen ſogar ſchon in ihrer Formel eine Art Vorbehalt auf ziemlich willkürliche Scheidung wieder enthalten.“ 4 „Die meiſten, ja, leider Gottes“ ſagte Madame Belard—„die leichtſinnigen Mädchen der Inſeln würden ſelbſt die Formel nicht verlangen, hielten die Miſſionaire nicht darauf, bei etwas, das ſie doch nun einmal nicht verhindern können, wenigſtens ſo viel als möglich den Anſtand zu wahren. Bei den meiſten iſt auch wirklich nichts weiter geſchehn; manche aber vollziehen wirkliche Ehen, ſo vollſtändig in ihrer Ceremonie als bei uns und— ich ſollte denken— auch ebenſo bindend. Wahrſcheinlich iſt daſſelbe auch mit Sadie und Delavigne der Fall; Sadie iſt die Pflegetochter eines Geiſtlichen, und von ihm erzogen und getraut; der würdige Mann wird nicht daran —O.— 166 gedacht haben eine andere als vollgültige Ehe zwi⸗ ſchen den Beiden zu ſchließen. Ueberdies bliebe ſich das auch gleich, das todte Wort was dabei geſprochen wird kann nur geſetzlich binden, und zwar an Stellen wo das Geſetz die Kraft und Ausdehnung hat, hier wo jedes Canoe den Mann aus dem Bereich des⸗ ſelben bringen kann, iſt das eigene Wort, das eigene Herz das einzige worauf man wirklich trauen kann, und ich will zu Sadies Beſtem hoffen, daß Delavigne dem feſt und treu zu eigen bleibt.“ „Und glaubſt Du wirklich daß er ſein Leben ſol⸗ cher Art hier beſchließen wird?“ frug Suſanna— „Marie denke Dir er iſt vielleicht fünf oder ſechs und zwanzig Jahr alt, und ſoll jetzt aufhören zu leben — iſt das wahrſcheinlich?“ „Aufhören zu leben— mit der Frau die er liebt an ſeiner Seite, mit ſeinem Kind?“ frug Madame Belard dagegen,„er kann das nicht gut„aufhören zu leben“ nennen, was, wie er mich oft verſichert, das höchſte und ſchönſte Ziel ſeines Lebens geweſen; — es wäre zu traurig für die arme Sadie; und doch fürchte ich faſt das wilde ungeſtüme Weſen des Mannes wird ſich nicht in die engen feſten Banden eines ſolchen Lebens, auf die Länge der Zeit wenig⸗ ſtens, einſchnüren laſſen. Ihr Beiden hätter beſſer zuſammen gepaßt.“ 167 Suſanna lachte, aber ſie wandte raſch den Kopf und begann wieder, und zwar mit raſchen kräftigen Griffen die Marſeillaiſe zu ſpielen, während Mad. Belard an das Fenſter trat und hinausſchaute. Die Thür öffnete ſich leiſe und René erſchien auf der Schwelle— keine der Frauen hatte ihn in den rauſchenden Tönen des kriegeriſchen Liedes kommen hören, und mehre Minuten lang ſtand er ſchweigend die. Blicke faſt wehmüthig auf die holde Jungfrau am Inſtrument geheftet die, den Lauſcher nicht ahnend das Lied ſchloß und wieder über zu den weicheren ſeelenvollen Melodieen kleiner, ſpaniſcher, Lieder ging, wie ſie dieſelben daheim an den Ufern des Miſſiſſippi oft und oft gehört. Eine Weile ſpielte ſie ſo fort und dann endlich, wie den Gedanken des* Liedes folgend das ſie begonnen, fiel ſie mit ihrer weichen klangvollen Stimme leiſe ein. Die Halme wehn gedankenſchwer Auf jener Wieſe drüben, Sie ſagen wohl einander nur Daß ſie ſich innig lieben; Ich aber liege einſam hier Und ſchaue in die Höhe— Ach daß mich Niemand lieben will Iſt ja mein einzig Wehe. 168 „Ein trauriges Lied“ ſeufzte Madame Belard und drehte ſich nach der Freundin um, ſtieß aber un⸗ willkürlich einen leiſen Schrei aus, als ſie den, mit dem ſie ſich eben in wirklich traurigen Bildern be⸗ ſchäftigt, bleich und ernſt vor ſich ſtehen ſah. Suſanna ſchaute raſch auf den Ruf um, und während ihr das Blut in die Wangen ſchoß, ſtand ſte auf und verließ das Inſtrument. „Sie haben uns belauſcht“ ſagte ſie und ihr Auge haftete ſo feſt auf dem ſeinen, als ob ſie die Gedanken leſen wollte, ehe ihnen die Lippen Worte geliehn. „Den Dichter wenigſtens“ entgegnete René, ihrem Blick begegnend—„den armen Dichter, dem als er das Lied ſchrieb, wohl recht weich und weh muß um's Herz geweſen ſein. Sie ſollten freundlichere Lieder ſingen, Miß Lewis, vor Ihnen liegt das Leben noch frei und offen in all ſeiner Pracht und Herr⸗ lichkeit— es wäre Sünde wenn Sie gerade, vor tauſend Anderen, ſolchen traurigen Lamentationen Raum geben wollten. Doch— ſein Sie mir nicht böſe daß ich Sie geſtört habe— ich will ihre Zeit nicht lange in Anſpruch nehmen— ich komme Ihnen Adieu zu ſagen.“ „Sie wollen fort?“ ſagte Suſanna leiſe. „Hoffentlich Morgen“ erwiederte René mit einem 169 Lächeln wenigſtens, wenn es auch ein gezwun⸗ genes war. „Der Entſchluß muß Ihnen über Nacht ge⸗ kommen ſein“ rief Madame Belard—„geſtern Abend wußten Sie noch kein Wort davon.“ „Ich habe mich allerdings erſt geſtern dazu ent⸗ ſchloſſen.“ „Mein Mann hat uns ſchon auf die ſchmerzliche Nachricht vorbereitet, lieber Delavigne— auch hier ein Papier für Sie hergelegt, falls er Sie wirklich nicht noch— einmal ſehn ſollte— es thut uns recht, recht leid Sie von hier verlieren zu müſſen.“ „Madame Belard“ ſagte René und ſeine Stimme zitterte. „Aber warum haben Sie Ihre Frau nicht mit herübergebracht, ſoll ich ſie nicht wiederſehn?“ „Sie werden ſie entſchuldigen müſſen“ ſagte René das Papier mit einer dankenden Verbeugung an ſich nehmend, das ihm die junge Frau reichte— „Sadie hat jetzt ſo viel mit Packen zu thun und— es iſt beſſer ſo vielleicht— ich ſelber wollte brieflich von Ihnen Abſchied nehmen“ ſetzte er dann nach einer kurzen Pauſe hinzu, aber meine Geſchäfte zwangen mich die Stadt noch einmal aufzuſuchen und— da konnte ich es doch nicht übers Herz bringen, ſo ganz vorbei zu gehn.“ — —— 170 „Wir hätten Ihnen das im Leben nicht ver⸗ ziehen“ rief Madame Belard ſchnell—„aber kom⸗ men Sie, bleiben Sie nicht mit der Klinke in der Hand da ſtehn und ſetzen Sie ſich zu uns— es iſt ja das letzte Mal vielleicht für eine lange Zeit. Nehmen Sie den Stuhl da, neben Suſannen. Sie haben auch recht eigentlich, daß Sie den politiſchen Wirren aus dem Wege gehn; beſonders in ihren Verhältniſſen hätten Sie es doch am Ende manchmal nicht vermeiden können, mit einer oder der anderen Partei in Colliſion zu kommen, und hat ſich erſt Alles wieder regulirt, ſind Sie ja noch immer Ihr freier Herr.“ „Die politiſchen Verhältniſſe kümmern mich we⸗ nig“ ſagte René—„ich kann den Gewaltſtreich meiner Landsleute, den ſie jetzt durch ſpitzfindige Rechtsclauſeln zu beſchönigen ſuchen, einem ſchwachen harmloſen Volke gegenüber nicht billigen, und habe mich ſchon auf der anderen Seite auch zu ſehr über das Treiben und Weſen der fanatiſchen Miſſtonaire geärgert, dieſen wieder das Wort zu reden; ich würde mich alſo weder der einen noch der anderen Partei angeſchloſſen haben. Wahr iſt übrigens daß man bei ſolcher Gelegenheit nicht immer ſeine Neutralität, ſelbſt bei den beſten Vorſätzen, vollſtändig behaupten kann, und in ſofern wäre es allerdings gut ſelbſt 171 der Möglichkeit einer Colliſton entrückt zu ſein. Den Eingeborenen iſt übrigens jede Hoffnung genommen, ſich gegen die Uebermacht vertheidigen zu können, denn eben iſt noch ein neuer Franzöſiſcher Kriegs⸗ Dampfer, wenn iche nicht irre der Salamander, ſigna⸗ liſirt worden.“ „Der Salamander lag nach den letzten Nach⸗ richten in Havre,“ rief Madame Belard raſch, „dann kommt er auch direkt von Frankreich und bringt uns Briefe aus der Heimath.“ „Aus der Heimath“ ſagte René leiſe—„es iſt doch ein wunderbares Wort— ich hätte nie geglaubt daß ſolch ein Zauber darin liegen könnte— aber— ich habe Sie wieder in Ihrem Spiel geſtört, Miß Lewis— Sie werden wahrlich erſt ungeſtört ſpielen können, wenn ich fort bin.“* „Wir haben mitſammen geplaudert, und nur in Gedanken ſetzte ich mich an's Clavier,“ ſagte Su⸗ ſanna, in einem Buche blätternd das neben ihr lag, den Kopf von René abgewandt. „Und was hört man draußen im Land über un⸗ ſere Zuſtände hier?“ frug Madame Belard—„Sie wohnen doch außer der Stadt, glauben Sie daß ſich die Eingeborenen ohne Weiteres den Franzöſiſchen Befehlen fügen werden?“ „Gott weiß was ſie thun“ ſagte René—„ſoviel 172² iſt gewiß, daß die Regierung jetzt mehr den Einfluß der Miſſtonaire, beſonders des Engliſchen Conſuls, als irgend etwas anderes zu fürchten ſcheint, und nur wohl auf einen wirklichen Grund wartet, ernſt⸗ lich gegen ihn einzuſchreiten.“ „Dieſer Mr. Pritchard hat etwas recht rſän⸗ diges nobles in ſeinem ganzen Weſen“ ſagte die junge Frau—„ich hätte ihn gar nicht für einen Miſſionait gehalten.“ „Er iſt es auch wohl nur noch in dem Einfluß, den er uſat Eingeborenen ausübt— ich bin übri⸗ gens kein Freund dieſer Herren, und froh beſonders meine Frau aus ihrem Bereich entfernen zu können. Dieſe tollen Schwärmereien immer mit anzuhören iſt zum Verzweifeln, und wenn irgend etwas auf der Welt, das wahrhaftig könnte mich raſend genug machen, lieber wieder an Bord eines Wallfiſchfängers zu ſpringen, ehe ich einem ſchleichenden, tödtenden Bekehrungsverſuch entgegenginge.“ Suſanna lächelte und ſagte mit leiſem Kopf⸗ ſchütteln: „Der Rückfall iſt bei Ihnen nicht zu fürchten— ſeit Sie den Frack wieder getragen, und die Glace⸗ handſchuh haben Sie ſich den Geſchmack an dem romantiſchen Leben der Wallſtſchfahrt jedenfalls verdorben.“ 173 „Sie können mir den Frack noch immer nicht vergeſſen,“ lachte René, raſch und willig in den lebendigeren Ton des Mädchens eingehend. „Es war das erſte was mir, mit dem Bewußtſein Ihrer Geſchichte, an Ihnen in die Augen ſprang“ ſagte ſchelmiſch das Mädchen,„und ich malte mir Ihr Doppelbild da gar lebendig aus. Der Eindruck hat ſich bei mir auch nicht wieder verwiſchen laſſen.“ „Das alſo war der erſte Eindruck den meine Er⸗ ſcheinung auf Sie hervorgebracht,“ lachte Renè, „Frack und Glacehandſchuh— wieder ein Beweis für eine Beobachtung die ich von je gemacht, daß Frauen ſelten im Stande ſind ein richtiges unbefan⸗ genes Urtheil über eine, ihnen zum erſten Mal auf⸗ ſtoßende Phyſionomie oder Perſönlichkeit zu fällen.“ „Ei Sie grober Menſch“ rief Madame Belard raſch,„wie können Sie etwas derartiges in Gegen⸗ wart von zwei Damen behaupten, noch dazu da Sie auf alle Beide vielleicht einen günſtigen Eindruck gemacht haben. Der erſte Eindruck iſt gerade bei mir der wichtigſte und entſcheidenſte, denn das Auge iſt dabei kein Diener des Verſtandes ſondern des Herzens. Viele Leute wollen behaupten daß der Kopf, der kalte Verſtand für das Herz denken und handeln müſſe, und dabei alle Hände voll zu thun habe, aber hierbei findet gerade das Gegentheil ſtatt. Wie oft z. B. 174 geſchieht es, daß wir fremde Menſchen mit dem erſten Blick ſchon lieb gewinnen und uns von anderen eben ſo abgeſtoßen fühlen. Die Einen haben uns noch Nichts zu Lieb, die Anderen noch Nichts zu Leid ge⸗ than, aber das Herz ſtreckt ſeine Fühlfäden aus, und was der nüchterne Verſtand in Monaten vielleicht nicht herausbekommen, und ſich dann am Ende doch noch getäuſcht hätte, das ſagt uns das Herz mit einem Schlag, und wie ſelten iſt es daß es ſich irrt.“ „Sie hätten recht,“ erwiederte René,„wenn Ihr erſter Blick eben ein unpartheiiſcher wäre, der gleich die Züge des fremden, zum erſten Mal begeg— neten Menſchen trifft, aber der erſte Blick gehört bei Ihnen ſtets den Kleidern des oder der Fremden, der zweite hat dann ſchon aufgehört unbefangen zu ſein— eine falſch gewählte Farbe, eine veraltete Mode ſprach das Urtheil vorher.“ „Und ich will Ihnen beweiſen daß ſie unrecht haben“ rief Suſanna wärmer werdend—„ſchon nach dem erſten Blick auf einen Menſchen ſag' ich Ihnen was er für Augen, was für Zähne hat.“ „Augen und Zähne“ erwiederte René achſel⸗ zuckend—„das Geſicht alſo abermals wieder nur als Kleidungsſtück betrachtet.“ „Etwas ſpricht für Ihre Behauptung“ ſagte Madame Belard etwas pikirt—„daß wir armen Frauen ſo oft von Euch Männern betrogen werden— vielleicht haben Sie doch recht, und dieſer Kleider⸗ blick iſt unſer Fluch. Ich habe nicht geglaubt daß Sie ſo boshaft ſein könnten.“ „Herr Delavigne will uns die Trennung leichter machen“ ſagte Suſanna, wirklich faſt böſe über die etwas herbe Bemerkung. „Gott verhüte daß ich Sie kränken ſollte“ fiel ihr René raſch ins Wort—„zürnen Sie mir nicht, mir iſt der Kopf wirr und toll ſeit heute Morgen, und der Gedanke Tahiti— ſo viele liebe Freunde zu verlaſſen, noch zu neu, zu fremd— zu ungewohnt. Aber ich muß auch fort; es dunkelt ſchon und ich habe noch Einiges in der Stadt zu beſorgen, was vor dem Abendſchuß abgethan ſein muß.“ „Alſo wirklich fort?“ ſagte Madame Belard. „Ich kann nicht anders“ ſeufzte René und fuhr dann leiſer und ihre Hand ergreifend fort,„ich laſſe viele liebe Freunde hier zurück— werden auch Sie manchmal meiner gedenken?“ „Wir wollen keinen großen Abſchied von ein⸗ ander nehmen, Delavigne“ ſagte die kleine Frau bewegt, mit Willen und Anſtrengung aber die Be⸗ wegung niederkämpfend—„Sie gehn nicht aus der Welt, und werden manchmal hier herüber kommen; es iſt ja das Schönſte was wir haben auf der Welt, 176 liebe, uns theuere Freunde wieder zu ſehn, deren Bild, auf dem dunklen Hintergrund der Trennung nur ſo viel ſchärfer und reiner in unſerer Seele bleibt. Gehn Sie mit Gott, grüßen Sie mir Ihr Weibchen und— mögen Sie das finden was Sie ſuchen.“ Ihm raſch ihre Hand entziehend, denn ſie hatte den jungen Mann durch ſein offenes herzliches Weſen wirklich lieb gewonnen, und er ſollte die Thränen nicht ſehn die ihr ins Auge ſtiegen— verließ ſie raſch das Zimmrr. Suſanna machte eine Bewegung als ob ſie ihr folgen wollte, beſann ſich aber und blieb an dem Inſtrument ſtehen, auf das ſie ſich mit der linken Hand ſtützte. „Miß Lewis“ ſagte René leiſe—„ich glaube nicht daß wir uns wiederſehn werden—“ „Ich habe Sie ja noch eigentlich gar nicht ent— laſſen,“ unterbrach ihn die Jungfrau, gewaltſam gegen ein Gefühl ankämpfend, dem ſie nicht Worte geben mochte und konnte; aber, ohne daß ſie eigentlich wußte warum, einen ernſten Abſchied fürchtend, fuhr ſie, in den leichten Ton übergehend, freilich in ge⸗ zwungener Fröhlichkeit fort—„Sie haben ſich mir auf Gnade und Ungnade ergeben und müßten mich jedenfalls erſt um Urlaub bitten. Wiſſen Sie wohl daß mir der Preis bekannt iſt, den mein Vater auf Ihr Wiedereinbringen geſetzt hatte, und ſoll ich Sie jetzt ſo ohne Weiteres entlaſſen?“ „Ueben Sie Gnade vor Recht Mademoiſelle“ bat aber René leiſe und ernſt— nicht im Stande in dieſem Augenblick auf den leichten, ſcherzenden Ton einzugehn—„üben Sie Gnade meinet⸗— Gnade eines anderen Weſens wegen.“ „Ich verſtehe Sie nicht“ ſagte Suſanna raſch, „aber ich ſehe wohl ein, mir armen ſchwachen Mäd⸗ chen wird das nicht gelingen, was der Delaware mit ſeiner ganzen Mannſchaft umſonſt verſuchte— Sie zu halten.— Und was ſoll ich meinem Vater ſagen?“ „Sagen Sie ihm,“ rief René jetzt, kaum im Stande das gewaltſam zu Tag brechende Gefühl nieder zu kämpfen—„ſagen Sie ihm— daß ihn die Tochter hart und ſchwer gerächt. Und nun— leben Sie wohl, recht wohl und— glücklich.“ Ihre Hand dabei ergreifend preßte er ſie feſt an ſeine Lippen und ſprang dann mit flüchtigen Sätzen die Treppe hinunter und aus dem Haus. „René!“ wollte Suſanna rufen, aber die Zunge verſagte ihr den Dienſt— die Worte erſtarben ihr auf den Lippen, und die Hand feſt und krampfhaft auf ihr Herz gepreßt, floh ſie auf ihr Zimmer, und ſchloß hinter ſich die Thür mit dem Riegel. Gerſtäcker's Tahiti. III. 12 Capitel 6. Jim OFlannagan in Thätigkeit. Die Sonne war am Untergehn, die einbrechende und hier dem Verſchwinden des Taggeſtirns faſt augenblicklich folgende und eben ſo raſch in wirkliche Nacht übergehende Dämmerung verkündete es we⸗ nigſtens, denn dichte Wolkenſchleier lagen über dem Horizont, und breiteten, reckten ſich höher und höher, eine ſtürmiſche Nacht verſprechend in dem ſich wieder erhebenden Weſtwind, der jedesmal faſt ſeine Gewalt mißbraucht, wenn er den ruhigen und vernünftigen Oſtpaſſat einmal zu verdrängen gewußt hat, auf kurze Zeit. Sadie war in ihrem Haus allein mit dem Kind, und ſelbſt der Mitonare Ezra, der ihr feſt verſprochen 8 hatte recht früh zurückzukehren und ihr noch mit manchem zu helfen in Packen und Zurechtſtellen, nicht gekommen. Auch René blieb heute ſo entſetzlich lange aus— aber er hatte noch viel zu thun in der Stadt. Lieber Gott der Entſchluß war ja ſo plötzlich, ſo überraſchend ſchnell gefaßt worden, ſie konnte ſich leicht denken wie ſchwer es da ſein mußte Alles zu ordnen was er zurückließ, und daß er das nicht in ein oder zwei Stunden vollbringen könne. Bald, ach bald war ja das nun Alles überſtanden; nach Atiu— o wie ſie der Gedanke mit Glück und Se⸗ ligkeit erfüllte— nach Atiu, nach ihrem lieben lieben Atiu— und wie ihr die Palmen da entgegenwinken würden und die ſtillen Blumen die ſie gepflegt und gehegt; und das Lieblingsplätzchen am freundlichen Strand, von den Lüften gegrüßt, von den Riffen umbrauſt, der ſtille theuere Ort, mit der Erinnerung ihrer Jugend— ihrer Liebe— o es war als ob ihr das Herz ſpringen müſſe vor lauter Seligkeit, wenn ſie der frohen Rückkehr gedachte nach ihrem Atiu. Aber wo blieben die Männer?— auch Mata⸗oti war draußen und kehrte, trotz mehrmaligem Rufen nicht wieder; das Wetter zog dabei höher und höher herauf— und gerade heute ließ man ſie ſo allein. Doch draußen— das waren Schritte— die Garten⸗ thür hatte geknarrt, und gleich darauf betrat mit 12* 180 etwas eiligem Joranna der kleine Bruder Ezra das Zimmer; ſie konnte ihn in der jetzt vollkommen ein⸗ gebrochenen Dämmerung, ja Nacht, kaum noch er⸗ kennen. „Joranna Sadie, Joranna,“ ſagte er und trock⸗ nete ſich den Schweiß von der Stirn die er, aus den engen Frackärmeln heraus, mit den kurzen dicken ein⸗ gezwängten Armen kaum erreichen konnte—„Renẽ iſt noch nicht zurück?“ „Nein, Mitonare, aber er muß bald kommen, und es freut mich nur daß wenigſtens Einer von Euch da iſt— es iſt gar ſo unheimlich hier ſo ganz allein zu ſein, mit dem leeren und öden Haus Le⸗ févres dicht daneben— ich weiß nicht jene leeren Räume haben etwas Todtes Unheimliches für mich.“ „Iſt Bruder Aue hier geweſen?“ frug Mitonare leiſe. „Mr. Rowe? wie kommſt Du auf den?“ rief Sadie erſtaunt,„nein.“ „Pſt“ ſagte Bruder Ezra und ſah ſich ſcheu um und dann ſetzte er ſich auf einen Stuhl, ſtützte die Ellbogen auf die Lehnen, faltete die Hände und jagte, ſtarr vor ſich niederſehend, die Daumen umein⸗ ander herum. Sadie wurde es unbehaglich in dem dunklen Zimmer und ſie zündete die Lampe an die auf dem Tiſch ſtand. 7 181 Es war indeß vollkommen dunkel geworden, und der Wind hob ſich heftiger und ſchleuderte die Bran⸗ dung an die gegenüberliegenden Riffbänke mit immer dumpferem Brauſen. „Aber was haſt Du nur, Mitonare?“ rief Sadie endlich, vor ihn tretend und ihn beſtürzt anſehend— „Du ſiehſt aus, als ob irgend etwas vorgefallen. Iſt ein Unglück geſchehn?— Heiliger Gott, René— wo iſt René—“ „Pſt— pſt“ ſagte aber der Mitonare eifrig mit der Hand winkend, und ſchloß die Augen dabei, ſchob die beiden außerdem ſchon etwas dicken Lippen vor, und ſchüttelte aus Leibeskräften mit dem Kopf —„pft, pſt Pu deni⸗a— nicht ſolchen Spektakel machen— haben Schildwache dicht bei—“. „Aber René—“. „ Unſinn, Unſinn, der Wi Wi läuft, ſo viel ich von ihm weiß ganz geſund und munter in der Stadt herum und trinkt ſeinen Freunden den Wein aus, zum Abſchied— Mitonare hat ihn in drei Häuſern geſehn, auf die Art“ ſagte Bruder Ezra, ergriff Sa⸗ diens Hand und ſtreichelte ſie, die arme Frau zu be⸗ ruhigen—„Tolle Gedanken die ſich Pudenia macht, um den Wi Wi— bah— iſt wie Guiave, nicht auszurotten; ſtecke heute einzigen Apfel in die Erde habe im anderen Jahr ganzen Wald.“ 3 , 182 „Aber weshalb fragſt Du nach Mr. Rowe— der Mann erſcheint mir nur immer vor Sorge und Trübſal und großer Noth— was ſoll er hier, heute noch hier wollen? und wenn ihn Rene hier fände, gäb' es vielleicht harte Worte zwiſchen den Männern. Gott wolle es verhüten.“ „Aber ich begegnete ihm doch draußen am Thor — er verließ den Garten, wie ich kam— war er nicht hier im Haus?“. Sadie faltete die Hände und ſah erſchreckt zu dem Mitonare auf. „Er kam aus unſerem Garten?“ frug ſie leiſe —„doch ich bin ein thörichtes Kind,“ ſetzte ſie raſcher hinzu,„mir da Sorge und Kummer zu machen, vielleicht um Nichts. Es hat heut den ganzen Nachmittag faſt ein fremdes Canoe an un⸗ ſerer Landung gelegen und zwei Männer, die darin gekommen, waren an Land. Vielleicht daß ihm das gehörte und er danach ſehen wollte vor dem ein⸗ brechenden Sturm.“ „Und iſt das Canoe wieder fort?“ frug Bru⸗ der Ezra. „Oh wohl vor einer Stunde, aber ein Einzelner hat es nur zurückgerudert.“ Mitonare ſtand auf, trat in die Thür und ſchaute einige Minutenſtill und ſchweigend hinaus in die Nacht. — 183 3 „Haben die Wi Wis mehr Soldaten als den einen da unten unter dem Pandanusdach, wo das Feuer iſt?“ frug er endlich, ſich wieder umdrehend, als er eine ganze Zeitlang nach der Richtung hinaus⸗ geſehen hatte. „Es waren drei oder vier da, heute Nachmittag“ ſagte Sadie,„aber ſie trieben ſich meiſt oben an der Straße herum, wo Tanui der alte Lootſe mit ſeinen Töchtern wohnt.“) „Ahem, ahem“ nickte der kleine Mann, und ſtrich ſich das Kinn mit Daumen und Zeigefinger der rechten Hand; langſam aber auf- und abgehend im Zimmer murmelte er dann leiſe vor ſich hin—„es iſt doch eine böſe Geſchichte, böſe, böſe Geſchichte.“ Sadie, die von den Worten nichts verſtehen konnte, ſah ihm, immer noch nicht vollkommen be⸗ ruhigt zu, und horchte ängſtlich dabei hinaus, denn ihr ſcharfes Ohr hatte einen Laut entdeckt der vom Waſſer herüber zu dringen ſchien. Es war indeß ſo dunkel geworden, daß man die Hand kaum vor Augen erkennen konnte. „Was war das?“ ſagte ſie leiſe—„war das nicht als ob ein Canoe dort unten landete— ich dächte ich hätte eine Stimme gehört. René wird doch nicht in dem Wetter zu Waſſer kommen?“ „Unſinn“ ſagte Bruder Gzra, raſch mit dem 184 Kopf ſchüttelnd und die Thür zumachend—„wahr⸗ ſcheinlich iſt es der Mann in ſeinem Cutter— Cutter liegt ja da gleich vor Anker. Wird nachſehn ob Alles in Richtigkeit iſt, wenn das Wetter vielleicht noch ordentlich losbricht.“ „Dort draußen geht Jemand“ rief aber Sadie, die nichtsdeſtoweniger ihre Sinne zum Aeußerſten angeſtrengt hatte, den geringſten Laut zu erlauſchen —„das iſt Rent.“ „Poſſen,“ ſagte der kleine Mann und ſuchte ſie von der Thüre fortzuziehn, aber deutlich hörten ſie in dieſem Augenblick ſchwere Tritte dicht unter ihrem Fenſter hingehn, und es war als ob Jemand da unten flüſtere. „Heiliger Gott, was geht da vor?“ ſagte aber Sadie, ſich entſchloſſen von der Hand des kleinen Mitonare befreiend—„was haſt Du, Mitonare— Du glühſt und zitterſt ſelber; welch Geheimniß birgt die Nacht da dräußen?“ „Pu-de-ni-a— es iſt Nichts— iſt nicht viel“ ſagte der kleine braune Miſſionair und fing an ſich vor lauter Verlegenheit bald an ſeinem Frack, bald an ſeinen unteren Kleidern zu zupfen— gute Freunde von— keine guten Freunde von Wi Wis— aber nicht von unſerem Wi Wi“ ſetzte er raſch hinzu— „wollen ſich— wollen ſich was in die Berge tragen, 185 daß ihnen der Wi Wi die Berge nicht auch weg⸗ nehmen kann.“ „Was in die Berge tragen?— wie verſteh' ich das?“ frug die Frau erſtaunt—„geſchieht da etwas gegen die Geſetze?“ „Nicht gegen das dicke Buch!“ rief Mitonare ſchnell—„im Gegentheil, das ſteht Alles darin; wir haben heute die ganze Geſchichte abgeleſen— iſt Alles vorgeſchrieben drinn.“ „Wer hat es abgeleſen?“ flüſterte Sadie leiſe. „Bruder Aue und noch viele andere Männer.“ Die Frau ſchauderte in ſich zuſammen, ſie wußte ſelber kaum warum, aber die Angſt um das was da draußen vorgehe, ließ ihr auch keine Ruhe im Haus drinn, und ſie ſchritt der Thüre zu, dieſe wieder zu öffnen. Mitonare verhinderte ſie daran. „‚Nein, nein Pu⸗de⸗-ni-a“ ſagte er raſch—„nicht hinausſehn jetzt— brauchen gar nichts mit zu thun zu haben und was davon zu wiſſen wenn Wi Wi fragen. Sind im Haus geweſen und haben Nichts geſehen, wie ſie Gewehre in die Berge tragen.“ „Gewehre?“ frug Sadie raſch und erſchreckt— „Waffen für die Eingebornen?“ Mitonare ſchüttelte erſt wieder raſch mit dem Kopf, dann aber ſich doch beſinnend daß er nicht gerade zu, als beſonders abgeſchickter Mitonare, eine 186 auffällige Lüge ſagen könne und dürfe, hielt er mit Schütteln plötzlich ein, ſah Sadie einen Augenblick an und nickte dann eben ſo kräftig, und mit den Augen dazu verſchmitzt blinzelnd, mit dem Kopf. „Und weiß René davon?“ frug die Frau. „Der Wi Wi?“ lachte aber Mitonare ſchon über einen ſolchen Gedanken gerad hinaus—„der Wi Wi ſoll was davon wiſſen? aber Pu-de-ni-a— Nein das iſt gerad das Komiſche— nehmen es durch ſein eigen Haus und er weiß nicht!“ „Aber wenn er jetzt dazu käme und den Alarm ggäbe?“ frug die Frau, ängſtlich die Möglichkeit be⸗ denkend daß René die Hand nicht dazu bieten würde, ſeine eigenen Landsleute zu bekriegen. „Bah, bah“ lachte aber der Mitonare ſtill in ſich hinein—„der Wi Wi kommt jetzt nicht, gute Freunde haben dafür geſorgt— haben ihn eingeladen bis zehn Uhr— nachher Alles vorbei— kann nachher kommen und ſehn wie ſie durch den Garten gelaufen find. Sollen wir die Leute in den Bergen ohne Ge⸗ wehre laſſen?“ ſetzte er dann entſchieden hinzu, als er ſah wie die Frau unſchlüſſig ihm gegenüber ſtand und dem Geräuſch draußen horchte—„ſollen ſie Nichts haben womit ſie die Bibel, ei womit ſie ihren eigenen Brodfruchtbaum vertheidigen können, wenn fremde unverſchämte Männer über das Waſſer kommen ——— 187 und Brodfrucht mit Baum und Garten und Um⸗ „gegend gleich dazu nehmen?— Bah— ſoviel für die Wi Wis— ſind ein paar gute darunter ja— aber nicht viel; Kanaka muß was in der Hand haben womit er ſich wehren kann, ſonſt ziehen ſie ihm die Matten unter dem Rücken fort.“ Und er hatte recht. Sadie ſelber, ſo ſehr ſie das auch vor dem Gatten zu verbergen ſuchte, fühlte tief im Herzen die ihrem Vaterland widerfahrene Schmach, ja begriff vielleicht mehr als irgend Einer ihrer Lands⸗ leute, wie gedemüthigt ihr Volk in den Augen aller anderen Nationen daſtehen müſſe, wenn es keinen. Arm hebe, die erhaltene Beſchimpfung zu rächen, und gleichgültig und feige ſeine Flagge in den Staub treten laſſe. Seine Flagge? ein eignes, unſagbar ſchmerzliches Gefühl durchzuckte ſie, als ſie der Ta⸗ hitiſchen Flagge, als ſie jener Stunde gedachte, und nicht den Muth hatte ſie gehabt, René danach zu fragen. Aber der Augenblick nahm ihre Aufmerk⸗ ſamkeit zu ſehr in Anſpruch, jetzt gerade vergangener Zeit gedenken zu können, und mit der Angſt um René, was er thun, was er ſagen würde wenn er erführe was hier geſchehn, miſchte ſich auch wieder ein eignes ſtolzes, ja frohes Gefühl, daß die Tahi⸗ tiſchen Männer nicht feige die Speere fortwerfen und in die Berge fliehen, ſondern dem Feind, der ihr 188 theuerſtes Beſitzthum angriff, herzhaft die Stirne bieten wollten. Und der Erfolg?— ſie ſeufzte wenn ſte daran dachte, aber die Berge waren ſteil, die Schluchten der Inſel eng, das Uferland im Verhält⸗ niß ſchmal und dicht zum Strand gedrängt; ein Haufen entſchloſſener Männer, nur einigermaßen gut bewaffnet, konnte da ſchon einem weit zahlreicheren Feinde die Spitze bieten.— Aber Blut— Blut ſollte in dieſen Thälern fließen, in denen der Friede Gottes ſeit langen, langen Jahren ungeſtört geherrſcht, und ſo im Recht die Ihren waren, ihr Vaterland zu ver⸗ theidigen, und wenn es das Leben Tauſender koſte, ſo weh und unheimlich war ihr das Gefühl dabei, jetzt ſelber an der Schwelle zu ſtehn, von der Blut und Verderben ausgehen mußte für ſo Viele. Und der Mitonare, der ſtille friedliche kleine Mi⸗ tonare, der ſonſt in ſeiner Bibel ſtudirt, die Welt weiter nicht kannte, ihr Nichts bot, von ihr Nichts verlangte, als das Verſprechen einſtiger Seligkeit, und die ſelber fürchtete, wenn er ſich Männer wie Bruder Aue und manche Andere dabei als leitende herrſchende Weſen dachte— den kleinen friedlichen Mann jetzt dabei betheiligt zu ſehn Mordgewehre in ſtiller Nacht in die Berge zu ſchaffen, dem Aufruhr gegen offene Gewalt die Hand zu bieten— ſie konnte es nicht faſſen, nicht begreifen. „Aber Mitonare“ ſagte ſie tief aufſeufzend, denn ein eigenthümliches ängſtliches Gefühl beklemmte ihr die Bruſt—„wenn die Männer zu den Waffen greifen, haben ſie recht— die jungen Leute eines Stammes haben ihr Vaterland zu vertheidigen, denn Gott hat es ihnen gegeben als einen Platz ihn an⸗ zubeten und Gutes darauf zu thun, und wird es ihnen entriſſen, ſo können ſie die ihnen auferlegten Pflichten nicht mehr ſo vollſtändig erfüllen. Anders iſt es jedoch mit den Lehrern eines Volks, mit denen, die Gottes Wort, das Wort des Friedens und der Liebe ſelber verkündigt haben, und noch verkündigen wollen; dürfen dieſe das Schwert auffaſſen und in den Kampf ziehn oder ſelbſt die Waffen dem Bruder in die Hand drücken und ſagen: Da, gehe hin und erſchlage die, die Dich angegriffen haben?— ach Mitonare, ich bin vielleicht nur eine thörichte Frau, die ſich mit unnützen, falſchen Scrupeln und Be⸗ fürchtungen quält, aber mir iſt doch ſo gar weh zu Muth, und ich weiß nicht ob Du recht thuſt, auch nur um etwas derartiges zu wiſſen. Vater Osborne hätte das nie gethan, und Chriſtus hat nicht gewollt daß wir unſere Religion mit der Schärfe des Schwertes vertheidigen ſollten.“ „Zu Chriſtus ſind auch keine Wi Wis gekommen und haben ihm das Land weggenommen,“ rief der Mitonare ſchnell—„Religion— ja das iſt Alles recht ſchön und gut— Religion iſt ein ſehr gutes Ding, wenn man aber keinen Platz hat wo man ſich hinſetzen und beten kann, hilft Einem auch die Re⸗ ligion Nichts.“ Sadie blickte erſtaunt, erſchreckt ihn an— ſprach das der kleine gottesfürchtige Mitonare aus früherer Zeit, und waren nur wenige Jahre im Stande ge⸗ weſen, eine ſo merkwürdige gewaltige Veränderung mit ſeinem ganzen Weſen und Charakter vorzu⸗ nehmen? „Mi⸗-to-na-re!“ rief ſie bittend. „Ja Pu⸗de⸗ni-a, gutes Kind“ ſagte der kleine Mann gerührt, denn in dem einen Wort lag die ganze alte Liebe und Zärtlichkeit früherer Zeit— „Pudenia iſt ſehr gutes Kind, Mitonare iſt aber anders geworden. Der alte Mann auf Atiu, mit dem weißen Bart ſagte freilich man würde nicht an⸗ ders, man würde nur klug, wenn man das Alles einſähe, und das iſt auch wohl vielleicht recht hübſch und nothwendig— aber glücklich wird man nun einmal nicht dabei.“ „Und wir waren glücklich auf Atiu“ ſagte Sadie, in ſtiller Wehmuth ſeine Hand ergreifend. „Ja“ flüſterte der kleine Mann plötzlich und ein anderer Geiſt kam wieder über ihn—„recht glücklich 191 waren wir— bis die Wi Wis kamen— nicht der Eine, Pu-de-ni-a aber die Anderen— bis die an⸗ deren Prieſter kamen und uns ſagten daß wir unſere alten Götter umſonſt verworfen und uns dem neuen Gotte zugewendet hätten, bis ſie uns ſagten daß wir auch ohne das hätten ſelig werden können, und nun nur beten müßten, recht viel beten, unſere Eltern aus dem heißen Platz, aus dem Fegefeuer, herauszuholen. Da wurden wir irr zuletzt, da wußte man nicht mehr welcher Pfad der rechte ſei, und wenn uns alte Ge⸗ wohnheit auch wieder in alten Weg zuruͤckgeführt hatte— es iſt doch nicht mehr ſo wie früher, wir ſind älter geworden und— ha— was war das?— Jemand iſt an der Thüre.“ „Das wird René ſein“ rief Sadie. Die Klinke draußen wurde verſucht. „Sadie— öffne ſchnell! ich bin es,“ rief in dem Augenblick der junge Franzoſe vor der Pforte, die Mitonares vorſichtige Hand verriegelt hatte. „Segne mich“ ſagte aber Bruder Ezra erſchreckt, während Sadie raſch hinzuſprang dem Gatten zu öffnen—„warum kommt er nicht oben herein von der Straße— er muß ſie geſehn haben.“ „Was geht hier vor?“ rief aber in dieſem Augenblick René, ſein Weib und den Mitonare, die Beide beſtürzt vor ihm ſtanden, erſtaunt anſehend. „Was ſind das für Leute hier im Garten und was tragen ſie?“ „Was für Leute?“ frug Mitonare, in einer noch unbeſtimmten Abſicht dem Wi Wi die ganze Geſchichte geradezu wegzuleugnen. „Was für Leute?“ wiederholte René erſtaunt— „habt Ihr denn Nichts gehört und dicht unter dem Fenſter hier huſchten die Geſtalten vorbei?— wo iſt mein Gewehr? ich muß ſehn was hier vorgeht; die Wache von nebenan wird auch gleich hier ſein.“ „Die Wache?“ rief Bruder Czra erſchreckt— „was weiß ſie von hier?“ „Einer der Soldaten kam mit herüber und ſprang raſch zurück als wir die verdächtigen Geſtalten be⸗ merkten, den Alarm zu geben.“ „Alle Wetter!“ rief aber der Mitonare, und in die Thür ſpringend hielt er die hohlen Hände an den Mund, und ſteß einen zwar nicht ſehr lauten, aber doch weithin ſchallenden und ganz eigenthümlichen Schrei aus. „Was zum Teufel, Mitonare!“ ſchrie aber Renẽ auf ihn zuſpringend und ihn zurückziehend—„was ſoll das heißen?“ Der kleine Bruder Ezra leiſtete jedoch nicht den mindeſten Widerſtand; er ſchien Alles ausgeführt zu haben was er wollte, und ſetzte ſich jetzt nur dicht zum Fenſter auf einen dort ſtehenden nt 193 niederen Schemel— mit den hohen Stühlen konnte er ſich nie befreunden und horchte, das Ohr an das Fenſter gedrückt, ſtill und aufmerkſam nach außen, als ob er irgend einen Erfolg hier ruhig abzuwarten gedenke. René hatte Belards Haus in einer Stimmung verlaſſen, die ihn gleichgültig gegen die Bahn machte die er einſchlug, und eine halbe Stunde wohl ſchritt er mit feſt verſchränkten Armen in der dunklen und jetzt faſt menſchenleeren Broomroad, die mitten durch die Stadt führte, auf und ab. Die kühle Nachtlunft, die mit dem friſch einſetzenden Weſtwind herüber⸗ wehte, ſcheuchte das Fieber endlich von ſeiner Stirn und machte ihn freier, ruhiger athmen. Er fühlte ſich von einer Laſt befreit die ihn bis dahin gequält und zu erdrücken gedroht hatte, und mit dem Be⸗ wußtſein Alles gethan zu haben was in ſeinen Kräften ſtand, kehrte auch Ruhe und Frieden in ſein Herz zurück. Das höher und höher ſteigende Wetter machte ihn endlich darauf aufmerkſam, daß er die eigene Heimath ſuchen müſſe, wenn er nicht von dem Sturm, den meiſt ein tüchtiger Regen begleitete, überraſcht werden woollte. Auch Sadie hatte noch ſo Manches heut' Gerſtäcker's Tahiti. III. 13 Abend zu thun, und ſorgte und ängſtigte ſich gewiß, wenn er länger ausblieb. Raſch, mit dem Gedanken, wandte er ſich und trat den Heimweg an; es war dicht vor dem Abend⸗ ſchuß, und als er die Brücke erreichte, die ſchon eine ziemliche Strecke außerhalb der Stadt, unterhalb Papetee über einen breiten jetzt aber ſeichten Berg⸗ ſtrom führte, hörte er wie eine Gruppe von Einge⸗ borenen im eifrigen Geſpräch dort zuſammenſtand und jedenfalls etwas höchſt Wichtiges oder doch we⸗ nigſtens Intereſſantes mitſammen verhandelte, denn ſie ſtritten laut und heftig aufeinander ein, und Renẽ konnte ſchon von Weitem hören daß ihre Debatte dem Betragen einzelner ihrer Häuptlinge, vorzüglich Paofai und Hitoti gelte, die wie es ſchien eine, den Inſulaniſchen Intereſſen ganz entgegengeſetzte Rich⸗ tung eingeſchlagen, und ſich der Franzöſiſchen Parthei zugewandt hatten. Das Für und Wider wurde hier beſonders debattirt und ganz vorzüglich ob es die Männer aus Eigennutz oder, wie Andre behaupteten, dem Einfluß der Mitonare's entgegenzuarbeiten, ge⸗ than haben möchten. Alle waren aber einig darüber daß es eine Schande für T Tahiti ſei und die frommen Mitonareé' ſehr kränken würde, die ſich mit ſolcher Aufopferung um ihr Seelenheil bemüht. Dann kamen Zornesreden auf die Wi Wis— Andeutungen 195 über ſie herzufallen, wenn der heutige Streich gelänge, und noch manche andere dunkle Worte die Rens, als er am Beginn der Brücke ſtehn geblieben war den Stimmen zu lauſchen, nicht genau verſtand— in der That auch nicht verſtehen wollte. Ihm lag jetzt mehr als je daran, den für ihn ſo fatalen Wirren in deren Mitte er gerade ſtand, zu entgehn, und die Brücke betretend, ſchritt er raſch darüber hin ſein Haus zu erreichen. Wie ſein Fuß aber auf das Holz der Brücke trat, denn auf dem weichen Grasboden vorher hatte man ſeine Schritte nicht ſo leicht hören können, war die Unterhandlung drüben zwiſchen den Eingeborenen wie mit einem Schlage abgeſchnitten; kein Laut ließ ſich mehr vernehmen, und ſo überraſchend ſchnell kam das Schweigen, daß René wirklich einen Augenblick zaudernd ſtehen blieb und hinüber horchte. „An meinem beſohlten Schritt auf den Planken haben ſie gehört daß ich ein Europäer bin“ dachte er aber auch zu gleicher Zeit—„ſie werden fürchten, behorcht zu ſein und ſich in das Dickicht gedrückt haben. Meinetwegen, ich wäre der Letzte der ſie ver⸗ rathen möchte,“ und ohne ſelbſt weiter an die Leute zu denken, noch ſich nach ihnen umzuſchauen, ſchritt er raſch über die ziemlich roh aufgeführte und ſehr ſchmale, mehr ſtegartige Brücke hinüber, und erreichte 3* 9 eben die andere Seite der Uferbank, als er etwas neben ſich regen ſah, und ſich auch in demſelben Augenblick von vier kräftigen Männern gefaßt und umſpannt fühlte. Widerſtand war, wie er gleich fühlte, unmöglich, denn er vermochte keinen Arm zu rühren, ſein erſter Gedanke aber auch, daß hier ein Verſehen ſtatt gefunden habe und er für einen anderen der Franzö⸗ ſiſchen Officiere vielleicht gehalten wäre. An dem verwundeten Arm aber, an dem ſie ihn ſo unſanft gepackt, thaten ſie ihm weh und er ſagte deshalb, vollkommen ruhig, und zu dem gewandt der ihn dort hielt, auf Tahitiſch: „Hab Acht Freund, Du drückſt mich an der Schulter und ich habe dort eine noch nicht ganz ver⸗ narbte Wunde— laß mich los, wir können ruhig mit einander reden.“ „Aber nicht ganz los“ ſagte der Eine, die Stimme war Rene jedoch fremd. „Und warum nicht?“ frug er dagegen, während der, der ihn an der verwundeten Schulter gehalten, dieſe frei gab und ſeinen Arm nur noch unten leiſe hielt—„was habt Ihr gegen mich?— es iſt doch wohl nur ein Verſehen, daß Ihr mich gerade an⸗ gefallen habt.“ „Verſehen?— vielleicht“ ſagte der Eine vor⸗ 197 ſichtig—„nicht viel zu ſehen hier überhaupt— wie heißt Du?“ „René Delavigne, und wohne ſchon über Jahr und Tag hier in Mativai Bai unten am Strand in dem kleinen Häuschen, das Vater O-no-ſo-no früher bewohnte.“ „Iſt Alles in Ordnung“ ſagte ein Anderer der Leute.. „Nun dann laßt mich wenigſtens los, was wollt Ihr von mir?“ „Müſſen Dich erſt noch ſprechen— komm herein in das Haus hier— thun Dir Nichts“ ſagte der Erſte wieder. „Ich fürchte Euch nicht,“ entgegnete trotzig der junge Franzoſe,„habe aber keine Luſt mich von Euch hinſchleppen zu laſſen, wohin es Euch beliebt.“ „Biſt Du ein Freund von Kanaka?“ frug ein Dritter jetzt, der bis dahin noch nicht geſprochen. „Wenn ich' nicht wäre hätte ich ſchon um Hülfe gerufen, und Euch den Franzöſiſchen Poſten auf den Leib gezogen, der kaum zweihundert Schritt von hier entfernt auf der Straße liegt“ entgegnete mürriſch Renc. „Hm, wenn das lauter Beweis iſt“ lautete die etwas mißachtende Antwort—„Schreien kann man einem Menſchen wehren. Nein, komm mit uns hier 198 zum nächſten Haus— gleich am Waſſer dran— wollen was mit Dir ſprechen.“ „Heut' Abend nicht, Freunde, ich habe Geſchäfte die mich eilig nach Hauſe rufen“ ſagte René aus⸗ weichend. „Deshalb gerade“ lachte der erſte Sprecher— „komm Freund, Du mußt— weißt Du, dann kann man nicht anders.“ „Da haſt Du recht, Kamerad“ erwiederte Rene, jetzt auch lächelnd über den praktiſchen Humor des Eingeborenen. Er ſah auch wohl daß ihn keine Gefahr bedrohe, denn hätte man ihm etwas zu Leide thun wollen, wäre hier ein eben ſo guter Platz dazu geweſen, als irgendwo anders— aber was wollte man von ihm?—„Gut“ ſagte er nach kurzem Ueberlegen—„ich will Euch folgen, aber dann müßt Ihr mir auch verſprechen, daß Ihr mich unge⸗ hindert wieder gehen laßt; ich habe mein Weib allein zu Hauſe und muß zu ihr.“ „Maitai, maitai“ riefen die Eingeborenen raſch und freudig, da ſie ſahen daß der Gefangene ihnen die Sache ſo leicht und bequem machte—„ſoll Dir Nichts geſchehn, Freund— blos warten ein Bischen blos warten“— und ihn führend, ohne aber für jetzt ſeine Arme noch frei zu geben, gingen ſie mit ihm über die Straße hinüber und am Bach hinauf, 199 wo etwa, zweihundert Schritt von der Brücke ent⸗ fernt, ein kleines Dorf tief verſteckt zwiſchen Frucht⸗ bäumen und Palmen lag. Renè folgte vollkommen geduldig, aus dem ein⸗ zigen Grund aber nur, weil er eins ſeiner Terzerole, gut geladen, in der Bruſttaſche trug, und ſich das Spiel nicht ſelber durch unzeitige Widerſſetzlichkeit verderben wollte. So, anſcheinend als gute Freunde, konnte er ſeine Zeit abwarten, und bekam er erſt ein⸗ mal den rechten Arm nur auf wenige Secunden frei, daß er zu ſeiner Waffe gelangen konnte, dann ließ ſich eher mit den Leuten ſprechen. Eine Abſicht hatten ſie jedenfalls ihn hier aufzuhalten, und eine ihm günſtige konnte es ackth nicht ſein, alſo je eher er ſich wieder frei machte, deſto beſſer. Raſch vorwärts ſchreitend hatten ſie jetzt das erſte Haus erreicht, und die Thür öffnend, trat der Erſte der Eingeborenen zurück, ließ Renê's Arm los und bat ihn hinein zu gehn— er habe Nichts für ſich zu fürchten.. „Ich fürchte auch Nichts, Kamerad“ ſagte der junge Mann, ſeinen rechten Arm ausſtreckend, den Sehnen wieder freies Spiel zu geben und die Hand dann, wie nachläſſig in den vorn halb zugeknöpften Rock ſchiebend,„aber ich möchte Dich auch bitten mich jetzt wieder frei zu laſſen, und da etwas aus dem Weg zu gehn, ſonſt—“ und er riß das Terzerol, das er in demſelben Augenblick ſpannte, aus der Taſche und hielt es dem Eingeborenen entgegen— möcht' ich genöthigt ſein, Gewalt mit Gewalt zu vertreiben.“. „Ah?“ ſagte der Inſulaner ruhig, während ſich die Andern etwas ſcheu hinter ihn zurückzogen, er ſelber aber, ohne eine Miene zu verziehen, in der Thür ſtehen blieb und auf das Terzerol ſah—„haſt Du ſo was auch in der Taſche?— hätten eigentlich nachſehen ſollen, denken aber immer nicht an die kleinen Dinger; aber ſchadet Nichts— ſchießt Du mich, ſind drei andere da, ſch in Dir Hals ab und werfen Dich in's Waſſer.“ „Du nimmſt' kaltblütig“ lachte René mit einem Blick den inneren Raum der Hütte überfliegend. Am andern Ende derſelben ſaßen fünf oder ſechs Frauen und Mädchen um eine hellflackernde Cocosölflamme, dort aber konnte er keine Thür weiter erkennen, nur eine einzige ſtarke Bambuswand umzog das Haus, und er ſah recht gut ein daß hier nur ein raſches entſchiedenes Auftreten ihn retten oder ſein Schickſal entſcheiden konnte. 4 „Du haſt recht Kamerad— es könnte mir nicht viel helfen, wenn ich Dir eine Kugel durch den Kopf jagte— drei Andere wären noch da mich aufzu⸗ 2 48 201 halten— aber Dir eben auch nicht. Ihr habt mich in aller Stille hier aufgehoben und hierhergebracht, jedes auffällige Geräuſch zu vermeiden; ich aber ver⸗ lange jetzt augenblicklich von Euch daß Ihr mir ſagt was Ihr von mir wollt oder— ich gebrauche doch hier dieſe Waffe, die mit donnerndem Mund durch die Nacht ſpricht und jedenfalls Hülfe herbeiholt von meinen Landsleuten. Alſo was ſoll ich hier? und weshalb habt Ihr mich hierher gebracht?“ Die Inſulaner, die keck vielleicht der Gefahr der Waffe getrotzt, hatten in der That nicht an den Spektakel gedacht, den das kleine Ding machen würde, und den ſie h dazu mit von weit größerem Geſchütz herrührend derwechſelten; jedenfalls mußte ihnen dieſe Drohung wichtiger als die erſte dünken, denn ſie unterhielten ſich raſch und eifrig miteinander, ohne dabei jedoch ihren Gefangenen aus den Augen zu laſſen. „Du willſt nicht bei uns bleiben?“ frug der Eine ihn jetzt. „Gutwillig nicht— Ihr ſagt mir denn ſonſt weshalb.“ Wieder ſteckten ſie die Köpfe zuſammen und die leiſe und flüſternd geführte Berathung war eigentlich von größerer Wichtigkeit für Rene, als er ihr vielleicht zutrauen mochte, denn es handelte ſich dabei in der That um nichts Geringeres, als ſein Leben. Die angeborene Gutmüthigkeit der Stämme aber— viel⸗ leicht auch die Vorſicht die ſie bis jetzt auffällig mit den Franzoſen beobachtet hatten und die ſie ſcheu einen direkten Beginn der Feindſeligkeiten vermeiden ließ, weil ſie wohl fühlten wie ſie auf einem Punkt ſtanden, wo der erſte Schlag, der erſte vergoſſene Blutstropfen das Signal zu einem Kampf werden mußte auf Leben und Tod, ſchien hier zu René's Gunſten zu ſprechen. „Wir wollen Dir kein Leides thun“ ſagte der eine Inſulaner, der Einzige der im Licht ſtand, deſſen Züge ihm aber gar nicht bekannt waren, und der von einem anderen Theil der Inſel hergekommen ſein mußte—„unſer Zweck war nur Dich eine kurze Zeit bei uns zu behalten, wenn Du das nicht willſt magſt Du gehn. Vorher mußt Du aber zuerſt mit uns zu Nacht eſſen— Du ſollſt nicht ſagen können daß wir Dich in eine unſerer Wohnungen geführt, und Dich hungrig wieder hinausgelaſſen haben.“ Renè lachte laut auf über die unverhoffte und wunderliche Einladung, und doch lag aber auch wieder ſo viel Gutmüthiges darin daß er es, vielleicht auch beſorgt dabei keine Furcht ſehen zu laſſen, ihnen nicht abſchlagen mochte und konnte; das Terzerol aber noch immer geſpannt in der Hand forderte er dann 203 von ſeinem freundlichen Wirth das Verſprechen, ihn augenblicklich nach eingenommenem Abendbrod unge— hindert ziehn zu laſſen. „Ich verſpreche Dir das“ ſagte der Eingeborene, „und zum Beweis daß ich Dir traue, wie Du mir trauen kannſt, iſt hier die Thür offen— wir halten Dich nicht mehr— aber“ ſetzte er dann etwas leiſer und mit einem eigenen Ausdruck in der Stimme hinzu—„wenn Du Freund von Kanaka biſt, wirſt Du's beweiſen können heut'.“ 1 „Gut denn“ lachte Reneé, ſein Terzerol ſorglos in Ruh ſetzend und in die Taſche zurückſchiebend— „ſo kommt, meine Burſchen, und Ihr ſollt ſehn daß ich Eurem Fiſch und Poe oder was Ihr ſonſt haben mögt, Ehre mache.“”“ Die Frauen, die ſich beim erſten Eintreten der Männer und den feindlichen da gewechſelten Worten und Drohungen ſcheu zurückgezogen hatten in den entfernteſten Theil der Hütte, hörten jetzt kaum die friedliche Wendung die Alles zu nehmen ſchien, als ſie, freilich immer noch ſchüchtern, hervorkamen, und nur erſt Leben gewannen, als ihnen die Männer zu⸗ riefen„den Tiſch zu decken.“ Schon bereit gehaltene Blätter wurden augenblicklich auf die Erde ausge— breitet, wo ſchon Matten lagen für die Neugekom⸗ menen und von zwei hellen Cocosölflammen beleuchtet 204 ſaßen die, die ſich noch vor wenigen Minuten auf Leben und Tod entgegengeſtanden und deren Leben an dem Gedanken des Einen oder Andern gehangen, ſich friedlich plaudernd gegenüber, nur emſig eben be⸗ müht die aufgetragenen Speiſen zu beſeitigen. Und René war der Fröhlichſte unter ihnen; ſo wild und weh ihm noch kurz vorher ums Herz ge— weſen, ſo vollkommen hatte das eben beſtandene kleine Abenteuer, wie das unvorbereitete romantiſche ſeiner ganzen Lage und Umgebung, jeden trüben Gedanken abgeſtreift von ſeinem Geiſt; das leichte fröhliche Blut, das ſeinem ganzen Körper jene unendliche und nicht zu ertödtende Spannkraft verlieh, hatte wieder geſiegt und nur dem Augenblick gab er ſich hin in ſorgloſem Muth, der dem Morgen, was er auch bringen mochte, keck und unbekümmert ins Auge ſah. Nichtsdeſtoweniger zögerte er nicht länger, als er nothwendig brauchte ſein Abendbrod zu verzehren; an einem der noch aufgehäuften reinen Hibiscus⸗ blätter trocknete er ſich Mund und Finger, und er⸗ klärte jetzt, aufſtehend, den Heimweg antreten zu wollen. Faſt wider ſein Erwarten, denn er war nicht immer gewohnt bei den civiliſirten Indianern Treu und Glauben zu finden, hinderte ihn Niemand daran, ſein Wirth felber öffnete ihm freundlich und lächelnd die Thür, und nach herzlichem Abſchied, als 205 ob er hier alte Freunde geſucht und gefunden, und nicht als Gefangener vor kaum einer halben Stunde dieſe Schwelle betreten hätte, verließ er das Bambus⸗ haus— kopfſchüttelnd dabei, was das räthſelhafte Betragen der Eingebornen, ihm gegenüber, zu be⸗ deuten gehabt. Kaum aber fühlte er den gebahnten Weg wieder unter ſich, zu dem er ſich, am Ufer des Baches nie— der, hatte hinunterfühlen müſſen, als er ſo raſch den Heimweg antrat, als ihn ſeine Füße tragen wollten. Weshalb hatten ihn die Inſulaner aufgehalten? und ſtand das am Ende gar in irgend einer Verbindung mit der eigenen Heimath? Es war ihm ein unheim⸗ liches fatales Gefühl, und das geſpannte Terzerol in der Hand, einem etwaigen neuen Angriff nicht wieder ſo blind zum Opfer zu fallen, lief er mehr als er ging, den, zwar ſehr betretenen, aber doch ſchmalen und dunklen Pfad entlang, der ihn zuerſt durch einen ſtattlichen Palmenhain und dann durch den noch düſterern Grund eines mit Wi⸗ und Mapebäumen beſetzten Thales führte. Mit dieſem Thal näherte er ſich aber mehr und mehr dem eigenen Haus, deſſen Licht er nun ſchon bald hoffte durch die Büſche ſchimmern zu ſehn, als er plötzlich durch ein et⸗ was barſches und gar nicht weit entferntes„Oui vive!“ faſt erſchreckt und in ſeiner Bahn gehemmt wurde. — 206 „Hallo Kamerad“ ſagte er aber lachend, ſobald er die Antwort gegeben und durch den hier ſo dicht bei ſeinem Haus aufgeſtellten Poſten auch jetzt ſo weit beruhigt war, daß dort nichts Außerordentliches konnte vorgefallen ſein—„Ihr liegt ja hier förmlich im Hinterhalt und könntet nervöſen Perſonen den Tod einjagen vor Schreck, wenn ſie ſo plötzlich an⸗ geſchrien würden; aber lieb iſt mir's daß ich Euch hier finde.“ „Habt Ihr irgend etwas geſehn?“ frug der Soldat raſch. „Geſehn?— nein“ ſagte René nach kurzem Be— denken, er wollte nicht als Ankläger gegen die ſich auch doch nur ihrer Haut wehrenden Eingebornen auftreten,„aber paßt gut auf, Kamerad— Ihr habt es mit liſtigen und der Waldwege gewohnten Bur⸗ ſchen zu thun, wenn ſie ja etwas unternehmen ſollten in ſpäterer Zeit.“ „Hat Nichts zu ſagen“ lachte der junge Soldat, „meine Augen ſind friſch, Kamerad, und mein Ge⸗ hör ſo ſcharf wie das ihre wohl, ſo leicht entgeht mir Nichts— aber, Kamerad, Ihr könntet uns hier auf der Wacht einen gewaltigen Freundſchaftsdienſt erweiſen, wenn Ihr's nämlich bei Euch führt.“ „Und das wäre? von Herzen gein wenn ich's kann.“ „Wir ſind hier vier Mann im Haus, ohne den einen, der hinunter an den Strand poſtirt iſt, ſein Auge auf dem Waſſer zu halten, und haben nicht eine Pfeife voll Taback zwiſchen uns— alle fünf— wenn Ihr nur die geringſte Quantität—“ „Nicht die Idee, Kamerad, in der Taſche gerade,“ ſagte René freundlich,„aber ein ganzes Pfund dicht daneben in dem Haus da, wo ich wohne. Wollt Ihr die paar Schritt mit mir hinübergehn, ſteht er Euch gern zu Dienſten.“ „Ich ſelber darf nicht vom Poſten“ rief der Soldat fröhlich,„aber ich geb' Euch einen meiner Kameraden mit; Gott ſei Dank, da iſt doch Ausſicht auf eine Pfeife“— und raſch der vielleicht zwanzig Schritt vom Weg abliegenden Bambushütte zueilend rief er von dort einen der da drin auf der Matte ſchon faul ausgeſtreckten Soldaten heraus, den Lands⸗ mann zu begleiten und die freundliche Gabe in Em⸗ pfang zu nehmen. René war der Schildwacht bis zum Haus gefolgt, denn von dort ſchnitt ein ihm wohlbekannter, etwas näherer ſchmaler Fußpfad durch ein weites unbe⸗ bautes und mit hohen Cocospalmen bewachſenes Grundſtück nach ſeinem eigenen Garten hinüber, der von hier kaum mehr wie fünf⸗ oder ſechshundert Schritt entfernt lag, und wohin ihn jetzt der junge Franzöſiſche Soldat, ohne es ſelbſt der Mühe werth zu halten ſein Gewehr mitzunehmen, begleitete. Die Inſulaner hatten ſich bis jetzt nicht allein ſo friedlich, nein wirklich freundlich gegen ſie gezeigt, daß keiner der Soldaten an einen Zuſammenſtoß mit ihnen auch nur dachte. All' dieſe Vorſichtsmaßregeln, beſon⸗ ders die am Strand hin aufgeſtellten einzelnen Poſten galten auch keineswegs den Eingebornen, ſondern ſollten einzig und allein dazu dienen die Mannſchaft der im Hafen liegenden fremden Schiffe zu verhindern an heimlichen Stellen zu landen und die Eingebo⸗ renen, was man beſonders von den Engländern fürchtete, nicht allein gegen die neuen Herren des Landes aufzuhetzen, ſondern ihnen auch Waffen und den faſt für den Frieden der Küſte ebenſo gefährlichen Branntwein zuzuführen. Raſch und ſchweigend, Renk voran, waren ſie den Pfad entlang geſchritten, der hier zu ſchmal zwi⸗ ſchen dem dicht aufwuchernden Unkraut hinlief, zweien neben einander Raum zu geben, und René hatte eben die Einfriedigung erreicht die ihn von ſeinem Garten trennte, und die Hand darauf gelegt hinüber zu ſteigen, als er ſich etwas darin regen ſah, und gleich darauf eine Geſtalt zu erkennen glaubte, die mit irgend einer ſchweren Laſt, raſch aber geräuſchlos vom Strande aufwärts, dicht unter den Fenſtern * 209 ſeines eigenen Hauſes hin, der Straße zuſchritt. Nun lag allerdings der kleine Cutter unten vor Anker, in dem er ſich morgen einzuſchiffen gedachte, aber er hatte noch Nichts von ſeinen Sachen eingeladen, alſo auch dort keine Diebe zu fürchten; überdies ſchlief einer der Eingebornen als Wächter darin. Was aber wollten die Leute da?— was trugen ſie? „Was iſt da?“ flüſterte jetzt der Soldat hinter ihm, der noch Nichts ſehen konnte, aber ein Geräuſch zu hören glaubte,„irgend etwas Verdächtiges?“ „Verdächtiges?— ja“ flüſterte René zurück— „ich kann nur noch nicht recht daraus klug werden— bſt—“ ſagte er plötzlich, den Arm des Soldaten faſſend,„da kommt noch Einer.“ Dieſer glitt etwas weiter nach vorn, und deutlich konnten ſie erkennen, daß hier im Dunkel der Nacht irgend etwas ausge⸗ führt wurde, das das Licht zu ſcheuen hatte. Bei ihm im Hauſe brannte die Lampe, aber ſein Weib ſchien keine Ahnung von dem zu haben was unter ihrem Fenſter vorging, und wenn auch René nicht glaubte daß gerade irgend etwas Feindliches gegen ihn ſelber beabſichtigt wäre, ſah das Ganze doch viel zu unheimlich aus, ihm hier draußen Ruhe zu laſſen. Dem Soldaten alſo zuflüſternd daß er hinüberſpringen wolle ſein Gewehr zu holen, um nachher bewaffnet Gerſtäcker's Tahiti. III. 14 . 210 Augenblick, wo der letzte Träger hinter dem Haus verſchwunden war, ſtieg leiſe über die Fenz, und glitt raſch und geräuſchlos ſeiner Hausthür zu, während der Soldat noch eine Minute etwa auf der Lauer blieb und ſich erſt dann, als er wieder Schritte vom Waſſer herauf hörte, ſo ſtill wie er konnte zurückzog, die Mannſchaft der kleinen Wache, die unbegreiflicher Weiſe noch nicht von dem doch zu dieſem Zweck unten aufgeſtellten Poſten alarmirt worden war, herbei zu holen. An Bord der Kitty Clover hatte an dieſem Tag, wenn auch nur unter Deck, eine beſondere Thätigkeit geherrſcht mit Klopfen und Hämmern, obgleich, wer das alte ſchmutzige Fahrzeug von außen ſah, das kaum hätte vermutheu dürfen. An Deck trieben ſich ein paar Matroſen ſchläfrig herum, oder ſtiegen langſam in das Takelwerk hinauf, hie und da ein Tau nachzuſehn oder eine zerſprengte Weveling*) auszubeſſern, höchſt aufmerkſam jedoch ſtets ſignali⸗ ſtrend, wenn ein Canoe oder Boot dem Schiff zu nah kam, wo dann jedesmal das Klopfen und Häm⸗ mern in ſeinem Bauch ſchwieg, und Mac Rally *) Die Querſeile an den Wanten, die zu Strickleitern dienen. 211 vielleicht ſelber ſeine ſteile Cajütstreppe aufkletterte, nachzuſehn was die Störung oben verurſacht hätte. Mit Sonnenuntergang kam etwas regeres Leben an Deck— die Leute beſchäftigten ſich mit einem der zur Vorſorge mitgenommenen und über dem Hinterdeck auf einem beſonders dazu hergerichteten Geſtell gehaltenen Boote, und nahmen es mehr nach vorn, etwa midſchips, um es nachzuſehn. Hoch poſtirt aber und längs der Schanzkleidung hin an Backbordſeit, diente es zugleich dazu den weiter in der Bai liegenden Schiffen die Ausſicht auf ſein Deck, die überdies in der raſch einbrechenden Dunkel⸗ heit unſicher wurde, vollkommen zu verſperren; auch nach Land zu war ein Ueberblick an Deck durch dort, wie zufällig, aufgehangene Matroſenwäſche theils, theils durch ein altes Segel, verſperrt, und vier Fäſſer waren unter dieſer Schutz an Deck geſchafft worden und mit Tauen umwunden, um, ſobald die Nacht vollſtändig eingebrochen ſei, über Bord gelaſſen zu werden. Eine günſtigere Nacht hätte ſich Mac Rally aber auch gar nicht zu ſeinem von O'Flannagan angege⸗ benen Unternehmen wunſchen können, das in nichts Geringerem beſtand als zweihundert Stück Gewehre mit der nöthigen Munition, wie eben ſo viele Säbel, an den durch den Iren ſelber beſtimmten Ort zu ſchaffen. 14* 212 Da man aber wußte daß die Küſte an dieſem Abend ſchon ſcharf bewacht wurde, und ein hoch aus dem Waſſer gehendes Boot kaum unbemerkt hätte durch— kommen können, waren die Waffen in gewöhnliche Thranfäſſer mit hölzernen Reifen förmlich verſpuntet worden, und die Fäſſer ſelber mit ihrer Fracht eben nur ſo weit belaſtet, daß ſie im Waſſer, kaum drei oder vier Zoll über die Oberfläche vorragend, ſchwam⸗ men. Mit der Ebbe war dabei nichts weiter nöthig als ſie zu ſteuern, wozu ihnen vier, ſchon an Bord befindliche Indianer mitgegeben waren, die ſie eben⸗ falls ſchwimmend begleiten mußten. Mit einbrechen⸗ der Nacht konnte dies wunderliche Floß, das ſich in der That nur durch einen ganz ſchmalen ſchwarzen Streifen von der es umgebenden Waſſerfläche unter⸗ ſchied, unmöglich vom Ufer aus, von dem es ſchon durch die Korallen auf etwa hundert und funfzig Schritt abgehalten wurde, erkannt werden. Mit der Lokalität genau bekannt, war auch keine Gefahr da, daß die Landenden vorher bemerkt wurden, wenn nur Jemand an Land die Aufmerkſamkeit der dicht bei der eigentlichen Landung ſtationirten Schildwacht ablenken wollte, und der dort wohnende Franzoſe, durch deſſen Garten die Fracht geſchafft werden mußte, entfernt oder für ihr Unternehmen gewonnen werden konnte. Das erſtere hatte O'Flannagan ſelber, —— — das zweite Mr. Noughton— wie er ſagte„durch ſeine Freunde“— übernommen. Es war gerade mit Sonnenuntergang, der in dieſen Breiten ziemlich regelmäßig um ſechs Uhr das ganze Jahr hindurch einfällt, und der am Straud eben abgelöſte Poſten ſchritt, ſein Gewehr im Arm, langſam auf der harten ſandigen Fläche auf und ab. Mißtrauiſch wohl manchmal nach Weſten hinüber⸗ ſchauend, wo über den ſcharfzackigen Kuppen von Imoe ſchwarze düſtere Wolkenſchleier aufſtiegen, hinter denen die Sonne ſchon eine ganze Weile ver⸗ ſchwunden war, feſſelte das ihn umgebende pracht⸗ volle Schauſpiel der Riffe doch weit mehr ſeine Aufmerkſamkeit, und nicht ſatt ſehen konnte er ſich an den weißen ſchäumenden Maſſen, die in dumpfem Brauſen, wenn auch zurückgeſchlagen, immer auf's Neue mit ungeſchwächtem Muth zum Kampfe eilten und ihre blitzenden ſchneeigen Kronen dem Feind in's Antlitz ſchleuderten. Dazu die wehenden Palmen über ſich, der herrliche Duft der aus den etwas rauh geſchüttelten Blüthen der Orangen und Wi's zu ihm herüberwehte, das leiſe Plätſchern des kaum erregten Binnenwaſſers auf dem harten Sand, wie die Fluth fiel und das Waſſer weiter und weiter nach See zurückwich— es war ihm froh und leicht um's Herz, und faſt vergeſſend daß er hier eigentlich her poſtirt 214 war in dies Paradies, als ein fremder dahinein gar nicht gehörender, feindlicher Körper, ſummte er ſich doch ein munteres Lied und athmete die kühle würzige Luft ein— der Bruſt ein herrliches Gefühl nach dem ſchwülen dumpfigen Tag. In jenen Ländern kennt man die Dämmerung kaum; der letzte Gluthenſtreif der Sonne iſt eben hinter dem Horizont verſchwunden, und im Oſten treten ſchon die Sterne ſichtbar vor; heller nnd heller blitzen ſie uns, wie es ſcheint faſt die Nachbarlichter an dem eigenen Strahl entzündend, weiter und weiter der Sonne nach, und mehr und mehr Kraft gewinnend wie ſie oben ſtehn;— ſo nicht fünfzehn Minuten ſpäter hüllt wirkliche Nacht die Erde ein, während noch der hellere Streif im Weſten die Stelle kündet wo die Sonne kaum verſchwunden. In der kurzen Dämmerung die dem ſcheidenden Tage folgte, war es, als ein Seemann, wenigſtens der Kleidung nach, mit einem kleinen, in ein roth⸗ ſeidenes Tuch eingeknüpften Bündel am Strande ſuchend heraufkam, und ſeine Aufmerkſamkeit ganz auf das Waſſer gerichtet hielt, als ob er von dort her irgend Jemand erwarte. Die Schildwacht hatte ihn zuerſt bemerkt als er über den benachbarten Gartenzaun ſprang, aber wenig weiter auf ihn geachtet. Die Matroſen der verſchiedenen Schiffe, 215 beſonders der Engliſchen, ſtreiften in der ganzen Nachbarſchaft umher und mußten doch alle mit dem um acht Uhr gefeuerten Abendſchuß Papetee wieder verlaſſen haben, an Bord ihrer verſchiedenen Schiffe zurückgekehrt zu ſein; es war Zeit daß der Mann dorthin aufbrach, er verpaßte ſonſt die Stunde, und konnte vielleicht die Nacht, ſtatt in ſeiner bequemen Hängematte, in dem Franzöſiſchen Wachthaus zu⸗ bringen— eine Abkühlung für die Freuden des Tages. Der Matroſe ſchien aber gar nicht direkt nach Papetee zurückzuwollen, denn langſam am Ufer hin⸗ ſchlendernd, wobei er ſich der Schildwacht mehr und mehr näherte, blieb er manchmal ſtehn und erwartete jedenfalls ein Boot von See her, das vielleicht ver⸗ ſprochen hatte ihn hier abzuholen. So wenigſtens erklärte ſich die Schildwacht die Bewegungen des Mannes. 2³ Endlich mußte dieſer— und es war faſt dunkel indeſſen geworden— zu einem andern Entſchluß ge⸗ kommen ſein; er ſtampfte erſt ein paar Mal, wie är⸗ gerlich und ungeduldig mit dem Fuß, und ſchritt dann, dabei alle möglichen Engliſchen Flüche in den Bart murmelnd, gerade auf den Franzoſen zu, der jetzt, da ihm die Fernſicht doch durch die einbrechende 216 Dunkelheit genommen war, ſich gegen ihn wandte, zu ſehen was der Burſche vonk ihm wolle. „Hallo Mate“*) redete er den Soldaten in breitem Iriſch an, als er in Sprachnähe etwa heran⸗ gekommen—„kein Boot geſehen hier, ſeit Du da ſtehſt und die Muskete ſpazieren trägſt?“ „Je ne comprends pas, camarade“ lachte der Franzoſe, mit dem Kopf ſchüttelnd. „Wer iſt todt?“ frug der Ire, mit komiſchem Ernſt den Franzoſen erſtaunt anſehend. „Je ne comprends pas— rien du tout— notting!“ erwiederte aber die Wacht halb mürriſch über die wiederholte Frage, und das einzige Engliſche Wort verunſtaltend, das ſie vielleicht konnte—„geh hinunter nach Papetee— bis Du hinunter kommen kannſt wird der Abendſchuß gefeuert, und nachher ſitzeſt Du da.“ „Ahem“ nickte der Ire, der nicht eine Sylbe von dem Allen verſtand—„er wird's wohl nicht haben ändern können. Aber verdammt, das iſt langweilige Arbeit, wenn der Burſche auch kein Wort Engliſch verſteht— wie mach' ich ihm da begreiflich was ich will— iſt doch horndummes Volk die Wi Wis.“ „Prenez garde!“ rief der Poſten drohend, der *) Kamerad. 217 „ die letzten nur zu gut gekannten Sylben wohl ver⸗ ſtanden hatte, und ſich denken konnte daß der Fremde ärgerlich darüber ſei ſich nicht ausdrücken zu können und für ſich ſchimpfe—„wahr' Dich wie Du das Wort hier brauchſt Kamerad.“ „Dann verſteht Ihr vielleicht die Landesſprache“ rief Jim O'Flannagan, denn er war es, jetzt raſch —,auf Tahitiſch wär' es wenigſtens eine Aushülfe.“ „Tahitiſch nicht gerade“ antwortete der Franzoſe ihm in einem anderen, aber doch verſtändlichen Dia⸗ lekt—„ich bin faſt ein Jahr auf den Marqueſas⸗ Inſeln geweſen, und es hat Aehnlichkeit— aber was wollt Ihr?“ „Mein Boot, Mate“ brummte der Ire,„mein Kamerad hat verſprochen mich hier abzuholen, und jetzt läßt er mich ſitzen.“ „Nebenan iſt heute ein Canoe angefahren“ ſagte der Franzoſe. „Hol' die Canoe's der Teufel“ knurrte Jim— „wenn man anm feſteſten ſitzt, klappen ſie um manch⸗ mal, wie die Taſchenmeſſer— nein eine ordentliche reguläre Schiffsjölle mit rothem Segel— nichts ge⸗ ſehn, Kamerad?“ „Nicht die Probe.“ „Verflucht“ brummte der Ire,„aber kommen muß er noch, denn er darf nicht ohne mich an 218 Bord zurück— Wollt Ihr mir einen Gefallen thun,„ Kamerad?“ „Und der wäre?“ „Wollt Ihr mir erlauben mein klein Bündel hier einen Augenblick herzulegen? ich traue dem rothen Geſindel nicht recht, ich habe Geld d'rin.“ „Warum nimmſt Dus nicht lieber mit?“ frug der Poſten.. „Ich muß doch hierher wieder zurück, wenigſtens noch einmal nachzuſehn ob das Boot nicht kommt— nachher geh' ich die Straße hinunter in die Stadt.“ „Und kommſt zu ſpät zum Abfahren.“ „Bin bekannt dort“ lachte der Andere—„im ſchlimmſten Fall find' ich Nachtquartier— ich bin gleich wieder unten,“ und ohne eine halbe Einwen⸗ dung des Franzoſen dagegen weiter zu hören, legte er ſein Bündel gleich neben den Stamm einer dicht am Strand ſtehenden Palme, deren faſerige Wurzeln von dem Wellenſchlag vollkommen bloß geſpült waren, und ſchritt in das Gebüſch hinein, das dort allerdings der Straße zuführte. „Diable“ brummte aber auch ſeinerſeits der Poſten,„giebt einem da Aufträge ohne weitere Umſtände— werde mich aber verwünſcht wenig um ſein Tuch kümmern. Boot?— ein Boot darf mir jetzt gar nicht mehr landen nach Dunkelwerden; . 219 verdammt unverſchämtes Volk dieſe Engliſchen Ma⸗ troſen.“ Und wie den Aerger zu verjagen ſetzte er pfeifend wieder ſeine Wandrung am Strande auf und nieder fort. Jim war aber nicht nach der Straße hinauf⸗ gegangen, ſondern mit jedem Fußbreit Boden, den er den Tag über genau recognoscirt, vollkommen ver⸗ traut, in den Büſchen, zwiſchen dem Poſten und der oben aufgeſtellten Wache durchgeſchlichen, und einer etwas weiter oben auslaufenden Korallenſpitze zuge⸗ eilt, wo man allerdings, der faſt bis an die Ober⸗ fläche reichenden Korallen wegen mit einem Boote nicht landen, die ſchmale Durchfahrt aber innerhalb der Riffe, deſto beſſer überſehen konnte. Dort lag er, bis er vom Waſſer aus das verabredete Zeichen der vorbeitreibenden Fäſſer erhielt, deren dunkle Umriſſe er von hier aus kaum im Stande war zu unter⸗ ſcheiden. Unten, wo der Poſten ſtand, trieben ſie ſo viel weiter vorüber, und eine Entdeckung war deshalb kaum zu fürchten, ſobald nur das Ausladen geräuſch⸗ los genug betrieben wurde. Vollkommen befriedigt über das was er geſehn, lag er noch einige Minuten ſtill, das eigenthümliche Floß mit ſeinen dunklen Geleitern erſt etwa in einer Höhe mit der Schildwacht zu laſſen, kroch dann den Weg den er gekommen zurück, und ging nun, in den 220 Büſchen wieder angelangt, und durch dieſe mit einigen halblauten, für das Ohr des Poſten be— ſtimmten Flüchen durchbrechend, gerade wieder auf die Palme zu wo ſein Bündel lag. „Kein Boot gekommen?“ frug er hier, dicht bei dein Franzöſiſchen Soldaten ſtehn bleibend, nahm dabei eine Cigarre aus der Taſche, ſchlug mit Stein und Stahl Feuer und zündete ſie an. „Nein“ ſagte der Soldat, dem der Tabacksqualm gut roch, der aber den Engländer nicht deshalb an⸗ reden mochte—„jetzt wär's auch zu ſpät, ich dürft' es gar nicht mehr an's Ufer laſſen.“ „So hol's der Böſe, ich komme auch ohne es an Bord— eine Cigarre Kamerad?“ Er hielt ihm die Cigarren hin und horchte dabei nach dem Waſſer hinüber; ſein ſcharfes Ohr hatte von dorther ein Geräuſch entdeckt. „Danke“ ſagte der Franzoſe, die Cigarre nehmend und an der des Iren entzündend—„Taback— ſchmeckt— prächtig— wenn— man—“ „Hat ſie keine Luft?“ „Danke— geht ſchon— wenn man ihn lange nicht gehabt hat— ſo, danke.“ „Hm“ ſagte der Ire, ſein Bündel wieder auf⸗ nehmend, er that dabei langſam ein paar Schritte an der Wache vorbei und blieb dann wieder ſtehn. 221 „Gute Nacht Kamerad“ ſagte der Franzoſe. „Gute Nacht— hm, ja— gute Nacht Mate“ entgegnete Jim— das Floß hätte jetzt ſchon gut an Ort und Stelle ſein können, und doch war's ihm immer, als ob er ein verdächtiges Geräuſch gerade gegenüber auf dem Waſſer höre; hinaushorchen durfte er aber auch nicht, ſonſt wäre der Poſten ebenfalls darauf aufmerkſam geworden. Er mußte noch einen Augenblick zögern, und drückte ſein Cigarrenfeuer zwi⸗ ſchen den Fingern aus, that dann ein paar Schritte, blieb ſtehn, zog wieder, und wollte eben zurückgehn den Mann wieder um Feuer zu bitten, als dieſer ſagte: „Da draußen wird Euer Boot kommen— mir war als ob ich etwas auf dem Waſſer hörte.“ „Das wäre der Teufel“ brummte Jim in Eng⸗ liſch, ſetzte dann aber ſogleich auf Tahitiſch hinzu: „würden jetzt ſchwerlich glauben daß ich noch hier bin— wird wohl ein Fiſch geweſen ſein.“ Der Soldat horchte. „Dürft' ich Euch jetzt noch einmal um Feuer bitten“ ſagte Jim wieder zu ihm tretend. „Gern— wahrhaftig da war wieder etwas.“ „Es ſind hier viel Purpoiſen im Waſſer und machen dann immer einen merkwürdigen Spektakel.“ „Das war kaum ein Fiſch“ ſagte der Soldat, 222 jetzt vollſtändig alarmirt und ſich niederkauernd, beſſer über die Fläche ſehn zu können, ob er nicht doch viel⸗ leicht durch die Dunkelheit irgend etwas entdecke— „müßte mich ſehr irren, wenn das nicht wie eine Menſchenſtimme klang.“ „Vielleicht Fiſcher die noch draußen ſind“ ſagte der Ire, ſich jetzt ebenfalls niederkauernd, dem was man hörte Form abzugewinnen, in der That aber dem Soldaten, falls dieſer wirklich laut werden wollte, ſo nah als möglich zu ſein. „Ruft doch einmal Euer Boot an“ ſagte jetzt der Soldat zu Jim,„da werden wir gleich ſehen wer draußen iſt.“ Das war allerdings richtig, aber daran lag dem Iren Nichts hier Lärm, und die Soldaten an der Straße nur ebenfalls aufmerkſam zu machen. „Es kann das Boot nicht mehr ſein“ brummte er kopfſchüttelnd. „Diable“ murmelte der Franzoſe,„ich glaube wahrhaftig ich ſehe dort etwas auf dem Waſſer— ruf Kamerad, ich muß wiſſen was da draußen iſt.“ Jim konnte ſich nicht länger weigern und die Hände trichterförmig an den Mund haltend, daß der Schall ſo wenig wie möglich rückwärts ginge, rief er mit keineswegs lauter, dumpf klingender Stimme: „Boot ahoy!“ 223 Keine Antwort erfolgte. „Lauter!“ ſagte der Soldat. „Boot ahoy“ rief Jim noch einmal, ohne daß ſich von draußen irgend etwas als Antwort hören ließ; ja es ſchien eher als ob der Laut das da drüben, was es nun auch geweſen, zurückgeſcheucht habe in die Tiefe, aus der es vielleicht gekommen. „Du rufſt gerade als wenn man in einen Topf ſpricht“ brummte der Soldat—„das kann man ja nicht auf fünf Schritt hören.“ „Ich bin heiſer“ ſagte Jim—„aber es war auch jedenfalls ein Fiſch— jetzt iſt Alles wieder todtenſtill.“ „Vielleicht— vielleicht auch nicht,— da iſt's wieder! qui vive!“ rief er dann mit lautem, kurz abgeſtoßenem Ton über das Waſſer hinüber,„Teufel wenn Du mir da drüben nicht antworteſt, ſchick' ich Dir eine Kugel hinüber.“ Jim hatte die rechte Hand in ſeiner Taſche und ſtand lautlos nicht zwei Schritt von dem Franzoſen, er ſah ſich ſcheu und raſch um, und die linke Hand faßte wie krampfhaft das Bündel das ſie trug. „Wenn Ihr denn da drüben nicht antworten wollt, ſo tragt auch die Folgen“ brummte der Soldat vor ſich hin und ſpannte den Hahn— Iim ſtand dicht hinter ihm, ſeine rechte Hand hob ſich und 224 als er ſie ſenkte raſſelte das Gewehr auf den Sand nieder, und der Körper des unglücklichen Franzoſen brach lautlos zuſammen. „Haſt's nicht anders haben wollen“ ſagte der Mörder dumpf vor ſich hin und beugte ſich zu ſeinem Opfer nieder. Unwillkürlich hatte er dabei in ſeiner Taſche nach etwas geſucht— er zog aber die Hand wieder zurück und lächelte unheimlich:„er braucht keinen Knebel mehr;'s giebt doch nichts beſſeres auf der Welt als ſolche Schlingenkugel für derlei Arbeit — was für einen ſanften Tod der Schuft geſtorben iſt. Aber nun Kamerad, Dein Gewehr und Patron⸗ taſche— das Seitengewehr hilft Dir auch nichts mehr, und hier oben können wir's vielleicht brauchen.“ Raſch hatte er dem Ermordeten die Waffen ab⸗ genommen, dann noch einen Augenblick nach dem Waſſer hinüberhorchend zog er die Leiche unter einen Buſch, wo ſie wenigſtens nicht vor Tag entdeckt werden konnte, griff ſein Tuch und die erbeuteten Waffen auf, und glitt am Strande hin der Stelle zu wo der kleine Cutter vor Anker lag und das Floß mit den Waffen ebenfalls anlegen ſollte. Den Boden ſtampfte er aber vor Wuth, als noch keine Spur von den verſprochenen Fäſſern ſichtbar war, und die koſt⸗ bare Zeit verfloß indeß in unverantwortlichem Warten. Schon wollte er wieder zurück am Strande, ob er 225 weiter oben Nichts erkennen könne, als ein leiſer leiſer Pfiff, mehr wie das Ziſchen eines Seevogels, vom Waſſer herübertönte. „Endlich“ knurrte der Seemann, die Zähne feſt zuſammenbeißend und wie er den Ruf kaum, eben ſo vorſichtig, beantwortet, kam auch ſchon im Fahrwaſſer das lange Floß mit den Schwimmern heran.„Wo zum Teufel habt Ihr ſo ewig lang geſteckt?“ fluchte hier Jim ihnen entgegen,„glaubt Ihr daß ſie uns die ganze Nacht Raum zu unſerer Arbeit geben werden?“ „Wir ſaßen da drüben auf einer Koralle und konnten nicht wieder loskommen“ ſagte Einer der Eingebornen. „Und habt einen Skandal gemacht, daß man's hätte in Papetee hören können“ zürnte der Ire. „Hat die Schildwacht was gemerkt?“ „Euere Schuld wär' nicht, wenn ſie's hätte— aber jetzt fort, heran hier mit dem Faß, und nicht länger geſchwatzt— habt Ihr die Säge mit?— ſo hier, nun ſägt die Reifen vorſichtig durch— halt ich will das ſelber thun— herauf mit dem Faß hier, und Du mein Burſche läufſt über den Weg hinauf und holſt die Leute herunter die dort verſteckt liegen — Naſch mit Dir, ſie ſollen Alle kommen, wir müſſen die Fracht in Zeit von einer Stunde wenigſtens im Gerſtäcker's Tahiti. II. 15 226 Buſch drinn haben; dort bleibt uns dann die ganze übrige Nacht, ſie aus dem Weg zu ſchaffen.“ Der Inſulaner ſchlich ſich raſch am Haus hinauf und kehrte bald darauf mit einer Anzahl ſeiner Lands⸗ leute zurück, die ſchon ungeduldig genug darauf ge⸗ wartet hatten abgerufen zu werden, Jim aber ſägte indeſſen mit einer feinen ſcharfen, beſonders dazu hergerichteten Säge die hölzernen Reifen der Fäſſer durch, dieſe zu öffnen, und reichte die ſchon in trag⸗ bare Pakete eingeſchnürten Gewehre, wie die kleinen Fäßchen Pulver raſch hinter einander hinaus. Blei befand ſich ſchon genug an Land, was früher zu anderen Zwecken beſtimmt geweſen. Vier Fäſſer waren ſolcher Art in unglaublich kurzer Zeit aufs Trockene gewälzt, geöffnet und geleert worden, und ſelbſt von dem fünften hatte Jim ſchon die Reifen herunter, die Dauben mit Hülfe von ein paar Inſu⸗ lanern ſorgfältig auseinander genommen, und ange⸗ fangen die Pakete Herauszureichen, mit denen zwei augenblicklich nach oben liefen, als ſie den zurück⸗ kehrenden René über den freien Platz gleiten und in das Haus verſchwinden ſahen. Einer der Indianer ſprang raſch zurück, dem Iren die unwillkommene Ankunft zu melden, dieſer aber ließ ſich nicht irre machen und betrieb das Ausladen nur um ſo ſchärfer. 227 „Fort mit Euch— fort!“ flüſterte er raſch und leiſe—„in zehn Minuten können wir mit unſerer ganzen Sache in Sicherheit ſein und dann mögen ſie kommen und ſpioniren; in die Guiaven folgt uns doch ſo leicht Keiner hinein. Hier meine Jungen, auf mit Euch und davon— was ſteht Ihr da?— die Thür?— fort mit Euch— ſo lange das Zeichen nicht— ha Teufel!“ unterbrach er ſich raſch, als da Mitonares langgezogener Warnungsruf zu ihm nie⸗ derſchallte,„da iſt wirklich Noth an Mann.“ „Sollen wir noch gerad hinauf?“ frug ihn Einer der Leute, der ſeine Laſt ſchon auf den Schultern trug. „Nein, hier rechts hinein“ rief Jim raſch,„in des Franzoſen Haus da neben an iſt auch Niemand daheim, und die Fenz hier unten am Waſſer hab' ich ſchon niedergebrochen. Dort hinuͤber und dann gerade hinauf in die Guiaven. Hier noch ein Pack. Peſt, wenn nur noch zwei Leute unten wären; fort— macht daß Ihr fortkommt— um Euer Leben!“ Und die Warnung kam nicht zu ſpät, denn Jim O Flannagans ſcharfes Ohr hatte ſchon die herbei⸗ eilenden Soldaten entdeckt, die raſch und ziemlich laut durch die Büſche traten, während zu gleicher Zeit René in ſeiner Thür erſchien. Nur noch zwei Pakete Waffen waren dabei übrig geblieben, davon ſchob er das eine jetzt raſch auf das Deck des kleinen w 228 Cutters, vielleicht vor anbrechendem Morgen noch einmal Gelegenheit zu bekommen es von dort wieder durch irgend einen der Eingeborenen zu entfernen, während er ſelber das andere auffaßte und damit, ſo raſch ihn ſeine Füße trugen, den letztgegangenen In⸗ dianern folgte. „Halt ſteh da!“ ſchrieen ihm einzelne Stimmen nach, denn ſeine dunkle Geſtalt war von oben herab gegen den helleren Waſſerſpiegel ſowohl als den weißen, durch die Ebbe bloßgelegten Sand des Strandes entdeckt worden, und drei Kugeln ſchwirr⸗ ten zu gleicher Zeit nach ihm hinüber. Eine davon traf das Paket das er trug, und warf ihn faſt durch den ſcharfen Druck zu Boden, die anderen beiden fehlten, und ſeine Laſt mit dem linken Arm nur feſter um⸗ ſpannend, während er das dem ermordeten Poſten abgenommene Gewehr in der rechten Hand trug, ſprang er mit wenigen Sätzen durch den Garten, brach die kleine und ziemlich ſchwache Bambusthür nieder und erreichte eben die Guiaven⸗Dickung, als ſeine Verfolger dicht unter dem Weg erſchienen und den Hang hinanſtürmten ihn auch dort nicht aufzu⸗ geben. Jim aber feuerte hier, theils um ſie zu ſchrecken, theils ſich vielleicht Eines der Verfolger zu entledigen, das geladene Gewehr das er trug, ohne lang zu zielen, auf ſie ab, und die Kugel ſchlug —* 229 mitten zwiſchen ihnen durch in einen jungen Baum. Das aber zeigte ihnen auch welcher Gefahr ſie ſich hier, ohne die mindeſte Ausſicht auf Erfolg ausſetzten, denn bei Nacht war in einem ſolchen Dickicht gar nicht daran zu denken die, noch dazu mit dem Terrain vertrauten Indianer einzuholen, und die weitere Ver⸗ folgung wurde auf morgen früh mit Tageslicht feſt⸗ geſetzt, bis wohin auch Verſtärkung von Papetee herbeigeholt, wie die vermißte Schildwacht aufge⸗ funden werden konnte, wenn ſie nicht, wie man ſie jetzt ſtark in Verdacht hatte, gemeinſame Sache mit den Eingeborenen gemacht, und mit ihnen auch in die Berge geflohen ſei. Canitel 7. Conſul Pritchards Gefangennahme. Trommeln wirbelten und Patrouillen zogen in kleinen finſteren Trupps mit raſchen Schritten durch die von der Morgenſonne freundlich beſchienene Stadt. Die Inſulaner ſtanden in kleinen Gruppen beſtürzt beieinander, und die Mädchen liefen neugierig herüͤber und hinüber, zu ſehn und horchen was ge⸗ ſchehn, was vorgefallen ſei, eine ſo plötzliche auf⸗ fallende Veränderung in dem Benehmen der Fremden zu rechtfertigen. Keiner ſprach, Keiner lachte mehr mit ihnen; barſch zuruͤckgewieſen wurden ſie, ſobald ſie ſich ihnen nur näherten, und von den ver⸗ ſchiedenen Schiffen landete Boot nach Boot, vollge⸗ drängt von Bewaffneten, die verſchiedene am Strand gelegene und der Königin gehörige Bambushäuſer in Beſitz nahmen, Wachen, ja Feſtungen daraus zu bilden. Dumpfe Gerüchte verbreiteten ſich indeß auch unter den Bewohnern von Papetee, die keine Ahnung irgend einer begonnenen Feindſeligkeit haben konnten. Eine Parthie Waffen war geſtern Nacht in Mativai Bai auf ſchlaue Weiſe an Land geſchmuggelt; man hatte nicht allein einzelne Stücken, ein Bayonnet und mehre andere Kleinigkeiten an der Straße, ſondern auch ein ganzes Paket mit Engliſchen Musketen in einem kleinen Cutter der dort vor Anker lag, ge⸗ funden, und gegen Morgen noch, wo man mit Fak⸗ keln nachgeſucht, war der Leichnam der überfallenen und ermordeten Franzöſiſchen Schildwache, ebenfalls ihrer Waffen beraubt, entdeckt worden. Viele Per⸗ ſonen waren deshalb ſchon verhaftet, auf anderen lag ſchwerer Verdacht, und die herbeigezogene Trup⸗ penmaſſe ſchon allein genügte, die ſorgloſe Stimmung der Eingebornen zu zerſtören, und ihnen einigermaßen das Verhältniß in ſeinem wahren und grellen Licht zu zeigen, in dem ſie zu den fremden Eindringlingen ſtanden, und welche Stellung dieſe, ihnen gegenuber einzunehmen gedachten. Was ſollte geſchehen, was wollten dieſe von ihnen, und weshalb eine Armee in ihre Hütten 232 werfen, die ihnen noch keinen Widerſtand geboten, und jetzt überall durch die fremden unwillkommenen Gäſte unwohnlich und beſchränkt wurden. Die Häuptlinge traten zuſammen und ſchickten Boten an die Miſſionaire ab, dieſe um Verhaltungsmaßregeln zu erſuchen; die geiſtlichen Herren fühlten aber daß ihr Regiment, für den Augenblick wenigſtens, hier ausgeſpielt ſei, und der einzige von ihnen, Mr. Prit⸗ chard, der ſich durch die Flagge ſeiner Nation ge⸗ ſchützt glaubte, zürnte offen und frei wie vor gegen die förmliche und muthwillige Eroberung, nein nicht einmal Eroberung, ſondern einfache Beſitznahme eines vollkommen friedlichen Landes an, deſſen Fürſtin ſich jetzt nur gezwungen einer ſolchen Gewalt füge und wiſſen werde ſich ihr Recht zu wahren, wenn die Zeit dazu gekommen ſei. Die Franzoſen kehrten ſich aber wenig an Herrn Pritchard; ihre Flagge wehte ſchon von fünf oder ſechs occupirten Gebäuden, ihre Soldaten durchzogen die Stadt nicht allein, ſondern ſetzten ſich an dem obern wie untern Theil derſelben feſt, und Maſſen von ihnen, die Flinte und Seitengewehr ſo lange ablegten und zu Spitzhacke und Schaufel griffen, fingen nicht allein an auf der kleinen reizenden Inſel Motuuta Verſchanzungen aufzuwerfen, ſondern auch, zum unbegrenzten Erſtaunen der Bewohner von Papetee, Gräben zu ziehn und Erdwälle aufzubauen um die Stadt ſelbſt herum, als ob ſie ſich gegen die Berge und das benachbarte Land vor einem Angriff ſichern wollten, an den in der That noch wenige der Inſulaner gedacht, und der ihnen dadurch erſt vor die Augen gerückt und als möglich und aus⸗ führbar geſtellt wurde. Die Franzöſiſche Regierung aber, oder vielmehr das Franzöſiſche Regiment, das recht. gut fühlte wie es bei einem wirklichen Angriff gut bewaffneter Inſulaner, hier dicht von den Bergen überall einge⸗ ſchloſſen, mancher Gefahr ausgeſetzt ſein könne, ſuchte gleich im Anfang mit durchgreifenden Maß⸗ regeln allen ſolchen Verſuchen entgegen zu arbeiten, und eine etwaige Empörung im Keim zu erſticken. Strenge ſchien hierbei vor allen Dingen nöthig und den Befehlshabern war deshalb beſonders daran ge⸗ legen die Mörder des Franzoſen heraus zu bekommen, oder wenigſtens ihre Spur zu finden, von der es ſchon ziemlich beſtimmt im Franzöſiſchen Lager hieß daß ſie in das Haus eines der Proteſtantiſchen Miſ⸗ ſionaire, vielleicht gar des Engliſchen Conſuls führen würde. Mr. Pritchard mit ſeiner offnen und unge⸗ ſcheuten Predigt gegen ihre Macht war ihnen über⸗ haupt ein Dorn im Auge. Zu den erſten Maßregeln des Franzöſiſchen 234 Kommandanten gehörte es aber auch an dieſem Morgen René Delavigne verhaften zu laſſen, auf deſſen Grundſtück— ob mit ſeinem Vorwiſſen oder nicht mußte die Unterſuchung erſt ergeben— die Waffen ausgeladen waren und auf deſſen, durch ihn hingeführten und dort gehaltenen Cutter man noch ein friſch eingenähtes Paket Waffen gefunden, das jedenfalls von Bord irgend eines der im Hafen lie⸗ genden Engliſchen Schiffe hinüberbefördert und dann während der Entdeckung und dem Angriff der Fran⸗ zöſiſchen Wache, dort zurückgelaſſen war. Sein ſpätes Außenſein und ſeine doch ſichere Bekanntſchaft mit der dortigen Oertlichkeit wurde ſogar mit der er⸗ ſchlagenen Wache in Verbindung gebracht, wobei ihm das nicht einmal zur Rechtfertigung dienen konnte, den Franzöſiſchen Soldaten ſelber dorthin geführt zu haben, wo ſie die Schmuggler entdeckten — jedenfalls waren die Vorräthe zu der Zeit ſchon in Sicherheit geweſen und die Möglichkeit lag unter jeder Bedingung vor, daß ein ſolcher Schritt, ſpäter gerechtfertigt dazuſtehn, ausführbar, ja ſogar klug geweſen wäre. Den Cutter, an deſſen Bord man die Waffen ge⸗ funden, nahm die Regierung ebenfalls in Beſchlag, ja er wurde ſogar, nicht einmal blos vor der Hand in Unterſuchung gelegt, ſondern gleich ohne Weiteres 235 confiscirt und zum Franzöſiſchen Küſtendienſt requi⸗ rirt— an Wiederherausgeben war gar kein Ge⸗ danke mehr. Sadie erſchrak, als an dem Morgen, an dem ſie gehofft hatte dem wilden ſtürmiſchen Tahiti den Rücken zu kehren und hinüber zu flüchten in ihr friedliches, freundliches Atiu, Bewaffnete kamen ihren Gatten fortzuführen; aber raſch gefaßt, und dem Un⸗ vermeidlichen ſich fügend, überſah ſie auch bald daß Rene, vollkommen unſchuldig an den Vorgängen des letzten Abends, auch bald gerechtfertigt wieder daſtehn und natürlich freigegeben werden würde. Ernſtlichere Folgen ſah ſie nicht und konnte ſie nicht eine in einer ſolchen Maßregel ſehn. Aber ſie bezwang ſich auch, dem Gatten gegenüber, noch weit gewaltiger, als ihr eigentlich zu Sinn war; ſie wollte ihn nicht mit ſchwerem Herzen fortgehn laſſen, wo er ja gerade Alles gethan hatte ſie wieder froh und glücklich zu machen, und wenn das nun für den Augenblick noch nicht ging, ſo war das ja nicht ſeine Schuld ſondern — das Herz ſchlug ihr doch laut und ängſtlich wenn ſie in dieſem Augenblick daran dachte wer die Hand zu dem Ganzen geboten, und nur das Be⸗ wußtſein vermochte ſie dabei vollſtändig zu tröſten, daß Alles ja nur geſchehn wäre ihr Vaterland von den Unterdrückern deſſelben zu befreien, und den 236 Schwachen, Niedergeworfenen, gegen den ſtarken und übermüthigen Feind zu ſchützen. Nicht allein René wurde aber an dem Morgen verhaftet, ſondern auch der kleine Mi⸗to-na-re, der allerdings ſchon mit Sonnenaufgang einen Verſuch gemacht hatte das, die ganze Nacht umſtellte Haus zu verlaſſen, von den Wachen aber verhindert war und nun mit nach Papetee abgeführt wurde. „Armer Mitonare“ ſagte Sadie traurig, als er, aufgefordert der Patrouille zu folgen, an jenem Mor⸗ gen ſein Gebetbuch wieder in die linke Rocktaſche hineinzwängte, und unverkennbar niedergeſchlagen ſich bereit machte dem eben nicht freundlich gegebenen Befehl zu gehorſamen—„armer Mitonare iſt von ſeinem freundlichen Atiu hier herüber gerufen um Sorge und Noth zu haben, um des Glaubens Willen.“ Bruder Ezra ſchüttelte aber mit dem Kopf und ſagte, keineswegs zufrieden mit der ganzen Be⸗ gebenheit: „Glauben?— der Glauben hat wenig genug damit zu thun— wir ſollen glauben, Pudenia, und die Wi Wi' wiſſen Alles gewiß. Glauben— ja, iſt ein ſchönes Ding, aber ein bequemes Haus dabei, und viel Brodfrucht— nicht ſo in der Welt herumlaufen und das ſchwere Buch hinten in der 237 Taſche mitſchleppen. Warum ſtecken ſie Bodder Aue nicht ein?“ „Wer iſt das?“ ſagte Einer der dabeiſtehenden Franzöſiſchen Soldaten, der eben genug von dem Tahitiſchen Dialekt verſtand, den Sinn zu begreifen, „wo iſt der, den Du eben genannt haſt?“ „Bodder Aue?“ ſagte Mitonare, und der ihm eigene Zug drollen Humors, der ihn auch in dieſem Augenblick nicht verließ, ſpielte ihm um die Lippen —„Bodder Aue iſt ſehr guter Freund von mir auf Atiu— aber nicht hier— wenn wir ihn haben wollen können wir einen Brief ſchreiben; gehe wieder hinüber, ſobald die Feranis keine Brodfrucht mehr für mich haben.“ „Fort denn, mein Burſche“ ſagte der Soldat ärgerlich,„wir haben lange genug hier getrödelt,“ und während man Rend noch Zeit ließ, ein paar Briefe an Bertrand und Herrn Belard zu ſchreiben, die er augenblicklich abgegeben zu haben wünſchte, wurde der kleine braune Miſſionair, unter den Spott⸗ reden und Witzen der Franzöſiſchen Soldaten, die ſich über ſeine unſinnige eingezwängte und unpaſſende Kleidung nicht wenig amüſirten, nach Papetee zu abmarſchirt. Mitonare nahm aber die Sache unge⸗ mein kaltblütig— klemmte ſeinen linken Rockſchoß wieder unter den Arm, ſetzte ſeinen hohen Hut auf 238 und ſchritt ſo ehrbar und ernſt zwiſchen den bärtigen Kindern eines andern Landes hin, und grüßte ſo würdevoll die ihn begegnenden Inſulaner, von denen ihn Viele kannten und lieb hatten, daß ſich der Spott der Soldaten endlich auch abſtumpfte, und ſie ihn ungefährdet weiter in das Hauptquartier lieferten. René blieb übrigens, wie er auch Sadie zu ihrer Beruhigung vorhergeſagt, nur wenige Stunden in Haft; leicht war es ihm durch ſeine Freunde zu be⸗ weiſen, wie er wirklich den ganzen vorigen Nach⸗ mittag in Papetee zugebracht, und erſt lange nach Dunkelwerden nach Hauſe aufgebrochen ſei. Dort ſelber hatte er den Franzöſiſchen Soldaten mitnehmen wollen, als ſie die Schmuggler trafen; an eine Mitwiſſenſchaft war nicht zu denken. Schwieriger wurde es ihm zu beweiſen, daß der kleine Cutter die Waffen nicht an Bord gehabt, als er ihn dort bei ſich vor Anker legte, und daß er der Miſſion ſelber gehöre machte die ganze Sache nur noch ver⸗ wickelter. Es ließ ſich kaum denken daß der junge, mit den Officieren auf ſo freundlichem Fuß ſtehende Franzoſe etwas Derartiges gegen ſeine Landsleute unternehmen, oder auch nur unterſtützen würde, und dennoch mochten die Franzöſiſchen Behörden eine ſolche Gelegenheit, die Miſſton ſelber in eine Unterſuchung hineinzuziehen, nicht unbenutzt wieder entſchlüpfen laſſen— wer wußte ob nicht dann, wenn auch ſelbſt nicht über dieſen Fall, doch manches Andere an den Tag kam. Gern wurde des⸗ halb auch die Bürgſchaft der Herrn Belard und Brouard angenommen, René Delavigne augenblicklich wieder auf freien Fuß zu laſſen, mit der Bedingung nur, Tahiti nicht zu verlaſſen, bis eben die Sache ſtreng und vollkommen unterſucht ſei, wozu man ſowohl ſeiner Gegenwart wie ſeines Zeugniffe es glaubte benöthigt zu ſein. Nicht ſo leicht ſollte dagegen Bruder Ezra davon⸗ kommen, und trotz dem Proteſt der Miſſionaire, die es als einen Eingriff in ihre Religion betrachtet haben wollten einen fungirenden Miſſtonair auf nur flüchtigen Verdacht hin ſeinem Amt zu entziehn, trotz der eben ſo ernſten Reclamation des Engliſchen Conſuls, der in dem Indianer, als aktivem Mitglied einer Engliſchen Miſſionsgeſellſchaft, auch einen Engliſchen Bürger zu ſehen glaubte oder zu ſehen behauptete, behielt man ihn im Verwahrſam, und die Antwort die dem Engliſchen Conſul wurde, war: ſich ſelber in Acht zu nehmen und von gefährlichen Demonſtrationen fern zu halten, wenn er nicht gleiches Schickſal— vielleicht noch Schlimmeres, gewärtigen wollte. Solcher Art ſtanden die Sachen mehrere Tage, 240 die Franzöſtſchen Kriegsſchiffe fuhren ab und zu, umſegelten die Inſel Tahiti einige Male, kreuzten nach Imeo hinüber, und Einzelne davon wurden ſogar auf eine regelmäßige Expedition beordert, die Franzöſiſche Flagge nämlich auf der Nachbargruppe der Geſellſchafts⸗Inſeln, auf Huaheine, Bola Bola, Raiatea und den anderen aufzupflanzen, ja man ſprach ſogar ſchon davon auch die, gerade unter dem Wind liegenden„Cooks⸗Inſeln“ zu denen Atiu ge⸗ hörte, in Beſitz zu nehmen und hie und da Garni⸗ ſonen zu laſſen. Doch hatten die Schiffe für jetzt eben mit der Geſellſchaftsgruppe alle Hände voll zu thun, und ließen die übrigen Inſeln für eine ſpätere und günſtigere Zeit. Indeſſen waren die Franzoſen unendlich thätig in Papetee und der Umgegend; feſte Blockhäuſer zu Kaſernen und Gefängniſſen wurden mit einer Maſſe von Leuten in unglaublich kurzer Zeit gebaut, Laufgräben um die eigentliche Stadt gezogen, ein tüchtiger Damm als Bruſtwehr aufgeworfen, und Geſchütze von den Schiffen an Land gebracht, dieſe, ſobald ſie nöthig werden ſollten gegen den Feind verwenden zu können. Auch die kleine Inſel im Eingang des Hafens, welche die Haupteinfahrt allerdings vollkommen überwacht, wurde mit ſchwe⸗ rem Geſchütz verſehn, irgend einem doch vielleicht 241 gefürchteten Angriff der Engländer zu begegnen, und das gerade war es was den Infulanern, durch die Europäer darauf aufmerkſam gemacht, wieder neuen Muth gab, ihre Sache noch nicht verzweifelt zu glauben. Beſchäftigten ihre Freunde die Beretani's — die übrigens auch hätten etwas früher kommen können— nur die Schiffe, ſo wollten ſie dann ſchon mit den am Lande befindlichen Wi Wis— mochten das auch noch ſo viel ſein, fertig werden. Die Stimmung gegenſeitig wurde ebenfalls eine feindlichere von Tag zu Tag. Die Eingebornen mußten eine Maſſe Proviſionen und Früchte in die Stadt liefern, die man ihnen allerdings vollkommen gut bezahlte; aber dies zwang ſie zu einer ihnen fremden und unbequemen Thätigkeit, einer Thätigkeit die ſie nicht einmal gern für ſich ſelber, viel weniger für die erklärten Feinde ihres Glaubens und Landes anwenden wollten, und ſie erkundigten ſich vor allen Dingen bei ihren Miſſionairen, ob ſie dazu ver⸗ pflichtet wären den Franzöſiſchen Soldaten Brodfrucht und Fleiſch und Früchte und Fiſche zu Markt zu bringen. Welche Antwort ſie dort erhielten iſt nicht be⸗ kannt, aber ſie weigerten ſich von da an die ver⸗ langten Proviſionen einzuliefern, und eine Proclama⸗ tion des Gouverneurs erklärte ſie für Rebellen. Gerſtäcker's Tahiti. III. 16 p — 242 „Rebellen?“ bah, das war Unſinn— das Wort das ſie für Rebellion hatten, bezog ſich auf eine Em⸗ pörung gegen ihren Landesherrn und Gebieter, nicht gegen einen fremden Wi Wi, der mit großen Schiffen kam und ihnen das Land wegnahm; denn ſelbſt daß Einzelne ihrer Hänptlinge die Franzoſen erſucht hatten ſie zu beſchützen konnte ihrer Meinung nach die Fremden nicht berechtigen ihre Königin abzuſetzen, gegen die ſie ja gar keinen Schutz verlangt hatten, und ihnen Fremde zu Richtern und Diſtriktsober⸗ häuptern zu geben. Daß die Wörter„Protektorat“ und„Beſitznahme“ dem Franzöſiſchen Admiral ähn⸗ lich genug klangen ſie zu verwechſeln, konnten ſie nicht wiſſen. Neue Forderungen des Kommandanten um Pro⸗ viſion gingen indeß mit der ſcharfen Drohung ein, die ernſteſten Maßregeln ergreifen zu wollen, wenn dem Befehl nicht Folge geleiſtet würde, und be⸗ ſonders ſollten die Häuptlinge, als die Einzigen an die man ſich möglicher Weiſe direkt halten konnte, für das Betragen des Volks in dieſem Fall verant⸗ wortlich gemacht werden. Auch den Miſſionairen wurde nochmals die, in nicht ſanften Ausdrücken abgefaßte Warnung gegeben, ſich nicht im Mindeſten um die politiſchen Verhält⸗ niſſe der Inſel zu bekümmern, wenn ſie ſich nicht, 243 im entgegengeſetzten Fall, den unangenehmſten Folgen ſelber ausſetzen wollten; ja es wurde ihnen ſogar die auch bald darauf in einer Proclamation veröffentlichte Drohung verſchärft in's Gedächtniß zurückgerufen, daß jeder Fremde, der gegen die jetzt beſtehende Re⸗ gierung ſprechen würde, augenblicklich, und ohne Einſpruch von irgend einer andern Seite zu geſtatten, von der Inſel verbannt werden würde. Mehre der Mifſionaire, vielleicht ängſtlicher als die Anderen, oder ſich auch moͤglicher Weiſe irgend einer Aeußerung bewußt die ihnen das Mißfallen der jetzt mächtigen Franzoſen zuziehen konnte, verließen Papetee und gingen theils nach Imeo theils nach Bola⸗Bola oder Huaheina hinüber; die meiſten blieben aber auf ihrem Poſten, feſt entſchloſſen dem fremden Einfluß unverdroſſen, und ſo viel nur irgend in ihren Kräften ſtand, entgegenzuarbeiten, mochten die Folgen dann ausfallen wie ſie wollten. Der neue Aufruf an die Häuptlinge veranlaßte dieſe wieder ſich an die Königin zu wenden, und von ihr Verhaltungsmaßregeln einzuholen, was ſie thun, wie ſte handeln ſollten. Pomare aber, obgleich keines⸗ wegs gewillt ſich zu unterwerfen, war doch auch wieder durch die Flucht ſo vieler Miſſionaire und die Warnungen der Uebrigen nicht zu weit zu gehn, ehe. ſich England nicht entſchieden hätte, zu ſehr einge⸗ 16* 244 ſchüchtert worden, und gab ausweichende Antworten, ja verwies die an ſie abgeſandten Häuptlinge ſogar an den Conſul Pritchard, und da dieſer erklärte in ſeiner Stellung— was auch ſeine Privatmeinung ſein möge— der Königin nicht officiell beitreten zu können, bis er Verhaltungsbefehle von London habe, an den Miſſionair Rowe. Dieſen aber weigerten ſich die Häuptlinge(we⸗ nigſtens die Mehrzahl derſelben, denn Einzelne, mit Aonui an der Spitze, verlangten keinen beſſern Weg⸗ weiſer für ihr Verhalten) als Führer anzunehmen; Fanue vor allen Andern ſchwor, ſie hätten lange genug unter dem Regiment der Prieſter geſtanden, und das gerade ſei ihr Fluch geweſen von je her. Er deshalb verlangte auch eine Zuſammenkunft der Erſten des Volks, wo ſie die Befehle ihrer Königin einholen und das Beſte des Landes, das jetzt gerade ihr Zuſammenſtehn am Meiſten fordere, berathen konnten. Dieſe, den Intereſſen der Franzoſen geradezu entgegenlaufende Maßregel wurde vom Conſul Prit⸗ chard auf das lebendigſte unterſtützt; er behauptete das Volk habe ein Recht über ſein eigenes Wohl zu ſprechen, das eine fremde Nation, ſie möge es ſo gut mit ihm meinen wie ſie wolle, gar nicht verſtehen könne, viel weniger die Franzöſiſche und er redete 245 der Königin zu darein zu willigen, ja ſuchte ſogar den Capitain des kürzlich eingelaufenen Dampfers Cormorant dafür zu gewinnen, den Häuptlingen den Schutz ſeines Dampfers zu einer freien Beſprechung zu geſtatten, damit ſie am Land nicht vielleicht durch überall umherſtreifende Truppen geſtört, oder gar aufgehoben wurden. Die Franzöſiſchen Officiere bekamen noch an dem nämlichen Abend Kenntniß von dieſer Abſicht, und trafen ihre Maßregeln den Feind, der ihnen vielleicht gefährlich, jedenfalls aber höchſt unbequem war, ſo raſch als möglich unſchädlich zu machen. Am andern Morgen war ein Placat an den Ecken angeklebt, worin die Eingebornen gewarnt wurden ſich durch irgend Eines Rede gegen die einmal be— ſtehende Obrigkeit aufzulehnen, während man Alle mit den härteſten Strafen bedrohte, die etwas Der⸗ artiges in, den Franzoſen feindlichem Intereſſe, unter⸗ nehmen ſollten. Namen waren nicht dabei genannt, aber das Ganze ſo entſchieden gehalten, daß ſelbſt Bruder Rowe fühlte ſie ſeien, für jetzt wenigſtens, an einer Grenze ihrer Thätigkeit angelangt, und würden wohl thun ſich entweder für eine Zeitlang von dem Schauplatz Franzöſtſcher Herrſchaft zu ent— fernen, oder doch wenigſtens die Sache, die ſie nicht 246 mehr aufhalten konnten, ihren ungehinderten Gang gehn zu laſſen, damit ſie nicht zu Schaden kämen. Das Nähere darüber mit dem Conſul Pritchard zu beſprechen, ſuchte er dieſen auf, und fand ihn ſchon vollſtändig angezogen, mit auf dem Rücken gekreuzten Armen mit großen Schritten in ſeinem Zimmer auf⸗- und abgehend; eine Einleitung wurde ihm übrigens ſchon durch deſſen Anrede erſpart. „Sie kommen mir zu erzählen, daß die Franzoſen freundlich unſerer an den Straßenecken gedacht haben?“ ſagte er, mit einem eigenthümlichen Lächeln um die feingeſchnittenen Lippen vor ihm ſtehen bleibend. „Allerdings Bruder Pritchard“ erwiederte Mr. Rowe mit in die Höhe gezogenen Augenbrauen und gefalteten Händen,„die Sache wird bedenklich, und dieſen tollen Papiſten gegenüber, die nun einmal keine andere Autorität auf und über der Erde aner⸗ kennen, als ihre Waffen, wäre es allerdings an der Zeit auf einen anſtändigen Rückzug zu denken. Ich fürchte beſonders daß gerade Sie dabei gefährdet ſind.“ 54 „Bah, bah“ ſagte der frühere Geiſtliche, den die Miſſionaire noch gerne„Bruder“ nannten, verächt⸗ lich—„was können, was dürfen ſie mir thun?— ich habe keinen offenen Aufruhr gepredigt, ich habe nur das geſagt was ich, nicht allein als Conſul— 5 8 . 247 ihrer Britanniſchen Majeſtät, nein auch als Menſch verantworten konnte, und ſie mögen ſich ärgern dar⸗ über, aber ſie dürfen nicht wirklich etwas anderes gegen mich unternehmen, als vielleicht— was wahr⸗ ſcheinlich geſchehen wird— von meiner Regierung verlangen daß ſie mich abberuft; ſtatt dem Befehle kommt dann vielleicht eine Flotte.“ Mr. Rowe ſchüttelte bedenklich mit dem Kopf. „Ich habe mich ſelber“ ſagte er,„früher ſolchen phantaſtiſchen Träumen hingegeben, und auch mein Möglichſtes, ſelbſt bis noch auf die neueſte Zeit ge⸗ than, dieſen Glauben bei den Inſulanern aufrecht zu erhalten, muß aber doch geſtehn daß ich jetzt anfange mißtrauiſch gegen meine eigenen Prophezeihungen zu werden, die unſere Regierung keineswegs, nicht ein⸗ mal mehr durch eine einfache Demonſtration zu unter⸗ ſtützen ſcheint. Seit der würdige Capitain des Talbot dieſe Ufer verlaſſen hat thun dieſe nichtswürdigen Feranis vollkommen ungehindert was ihnen eben gut dünkt, und einzelne Kriegsſchiffe unſerer Nation, von denen wir immer geſprochen, kommen, ſehen ſich die Sache an, hören auch, geduldig oder ungeduldig was wir ihnen zu klagen haben und— ſegeln ein⸗ fach wieder aus der Bai, ohne ſelbſt einmal Joranna zu ſagen. Ich kann wohl geſtehn daß die Bibel von Alt⸗England hier zum erſten Mal auf eine höchſt 8 e- 83 * 248 befremdende Weiſe im Stich gelaſſen wird, während es uns ſelber in die größte Verlegenheit bringt, eines⸗ theils die zu unſerer eigenen Erhaltung nöthigen Schritte zu thun, und andrerſeits auch wieder un⸗ ſerem Grundſatz treu zu bleiben, und uns nicht in die politiſchen Verhältniſſe des Staates in dem wir freundlich aufgenommen wurden, zu miſchen.“ „Da kommen wir auf den faulen Fleck“ ſagte der Conſul finſter, ſeine Hände ineinander reibend und ſeinen Spaziergang im Zimmer wieder begin⸗ nend, in dem er nur manchmal bei der Beſtärkung irgend eines Satzes, vor dem Miſſionair ſtehen blieb und ihn auch wohl leiſe bei einem Knopf faßte— „es iſt das alte Sprichwort:„waſch mich und mach' mich nicht naß“— wir haben ſtets etwas darin ge⸗ ſucht mit etwas zu prahlen, das an und für ſich ein Unding iſt, und Sie werden mir bezeugen können wie ich ſelber mich von je dagegen aufgelehnt. Als Miſſionair bei einem vollkommen unciviliſirten Volke muß ich mich auch mit den politiſchen Verhältniſſen deſſelben beſchäftigen, ich muß ſie ordnen und ſichten, ich muß die beſtehenden Geſetze, ſo weit ſie mit dem Chriſtenthum vereinbar ſind, dieſem anpaſſen; ich muß die Strafen in dem Verhältniß beſtimmen, wie es uns von der Heiligen Schrift angegeben wurde, und das iſt die Stelle wo die Religion in die Politik 8 249 eines Landes, in dem ich eine Gleichſtellung vor dem Geſetz fordere, hineingreift und hineingreifen muß, wenn unſere ganze Arbeit nicht eben eine vergebene ſoll geweſen ſein. Dabei iſt es hier nicht wie in einem civiliſirten Staat, wo die Geſetze nur brauchen ge⸗ geben zu werden um in Kraft zu treten durch die be⸗ ſtimmten Executoren derſelben, wir müſſen ſie hier auch in Kraft halten, und das können wir nur wenn der Einfluß nicht nachläßt, den wir, durch unſere Stellung gerade als Lehrer und Geſetzgeber, auf die Häuptlinge ausüben. Wir ſind nun einmal ihnen an Geiſt überlegene Geſchöpfe, denen die Re⸗ gierung zuſteht, ob wir hier auf dieſein Boden ge⸗ boren ſind und ihre Farbe haben oder nicht.“ „Damit kommen wir aber nicht durch“ ſagte Mr. Rowe kopfſchüttelnd—„ſobald wir das offen bekennen ſchreien ſie Zeter über uns, und nennen es einen Mißbrauch den wir mit der Heiligen Schrift, irdiſchen Ehrgeizes und Gewinns wegen trieben. Selbſt andere Nationen würden ſich dann in das Miſſionsweſen miſchen, und gleich von vornherein proteſtiren oder gar ſtörend dazwiſchen treten, wo fromme Männer das Kreuz hintrugen und das Ge⸗ ſetzbuch aufſchlugen.“ Fremde Nationen miſchen ſich doch hinein“ ſagte der Conſul,„wie wir den Beweis hier haben, 250 und wer weiß ob Frankreich je ſo entſchieden gegen dieſe Indianiſche Königin auftreten dürfte, hätten wir die Sache gleich von vornherein in die Hand genommen als Geſetzgeber und Richter. Von uns konnten ſie wenigſtens einen Schadenerſatz für die papiſtiſchen Prieſter nie erpreſſen, und das Land wäre dann nicht verantwortlich dafür geweſen. Doch ſei dem wie ihm ſei,“ fuhr er raſcher fort,„das iſt vorbei, und jetzt bleibt uns Nichts weiter zu thun übrig, als die Sache auch ernſt und männlich durch⸗ zuführen.“ „Wie aber, wo wir nicht die Gewalt in Händen haben?“ frug Mr. Rowe,„der Cormorant liegt wieder da draußen, als ob er blos hergeſchickt wäre eine Ladung Perlmutterſchaalen und Cocosnußöl ab⸗ zuholen, keineswegs aber, als ob hier die Intereſſen Engliſcher Bürger und die Rechte der Heiligen Schrift unter die Füße getreten würden, und uns ſelber ſind die Hände total gebunden.“ „Ich hoffe viel von der möglichen Einigkeit der Häuptlinge“ ſagte der Conſul,„wenn zu keinem anderen Zweck, imponirt es den Franzoſen und wir gewinnen Zeit. Graf Aberdeen hat mir für einen ſolchen Gewaltſchritt des Feindes feſt zugeſagt und verſprochen— er wird un uns nicht im Stich laſſen.“ 4 251 „Und willigt der Capitain des Cormorant ein, die Verſammlung der Häuprlinge an ſeinem Bord zu halten?“ „Ich habe ſchon die halbe Zuſ ſage, und will eben hinüberfahren die Zeit genau zu beſprechen. „Nehmen Sie ſich in Acht, Bruder Pritchard“ ſagte aber der Miſſionair ernſt,„daß Ihnen der Franzoſe nicht doch noch, trotz aller Autorität, einen Stein in den Weg legt; das Anheften der Plakate hat auf mich einen höchſt ungünſtigen, niederſtim⸗ menden Eindruck gemacht; ich kann mich irren, aber es kam mir vor wie eine Vorausentſchuldigung gegen einen Akt der Gewalt; die Leute ſind wirklich zu Allem fähig.“ „Aber klug genug zu wiſſen wie weit ſie gehn dürfen, England gegenüber.“ „Wie weit?“ ſagte Bruder Rowe achſelzuckend, „das iſt eine ſehr unbeſtimmte Größe, auf die ich mich, für meine eigene Perſon, gerade nicht verlaſſen michles aber Sie ſind gewarnt, und werden am Beſten wiſſen was Sie zu thun haben. Apropos, haben Sie Nichts von Bruder Ezra gehört und was ü ihn beſchloſſen iſt? Ich habe mir die größte gegeben, zu ihm zu gelangen, bin aber immer äckig abgewieſen.“ „Mir iſt auf meine förmliche Proteſtation gar keine Antwort gegeben“ erwiederte der Conſul,„es ſcheint übrigens daß Bruder Ezra klug genug ge⸗ weſen iſt, trotz ſeiner Bibel in der Taſche hartnäckig zu leugnen, und wenn ich recht unterrichtet bin, hält man ihn jetzt nur noch zurück, um ihn mit dem nächſten nach Atiu ſegelnden Kriegsſchiff dort hin⸗ über aus dem Weg zu ſchicken.“ „Sie möchten uns Alle lieber gern auf ein Kriegsſchiff packen und nach irgend einer entlegenen Inſel ſchicken“ ſagte Bruder Rowe;„die Katholiſchen Prieſter würden dann wenigſtens für ihre unaus⸗ geſetzten Bemühungen doch auch aui eigenen Erfolg rechnen können.“ „Wir werden ſehr umſichtig jetzt zu wachen haben, daß der in, von Bayonnetten aufgewühlten Boden geſtreute Unglaube, nicht um ſich greift und bleibende Wurzel ſchlägt,“ ſagte der Conſul. „Wir ſind allerdings da in nicht unbedeutender Gefahr“ erwiederte Mr. Rowe ſeufzend,„und eine Familie hier beſonders iſt es, die mir große Sorge macht, und gerade in dieſem Augenblick meine ganze Thätigkeit in Anſpruch nimmt;— aber Sie wollen ausgehn, wie ich ſehe?“ Mr. Pritchard hatte ſeinen Hut anfgegri und ſeine Handſchuh genommen und ſagte: „Ja, nur an Bord des Cormorant, dort das Nähere zu beſprechen.“ „Haben Sie ſchon ein Boot?“ „Es liegt an der Landung und wartet auf mich; wollen Sie mich begleiten?“ „Ich danke herzlich“ erwiederte der Miſſionair, „aber mich rufen gerade in dieſem Augenblick heilige Pflichten, die ich nicht verſäumen darf— ich habe einen höchſt intereſſanten Fall mit einem alten bis jetzt verſtockten Häuptling, deſſen Herz erſt ſeit wenig Tagen von dem Licht unſerer Kirche erleuchtet iſt, und der jetzt zu ſeinem Entſetzen, aber hoffentlich noch nicht zu ſpät, den Abgrund erkannt, der vor ſeinen Füßen gähnt, und auf den ich ihn aufmerkſam gemacht habe. Wie das aber wohl oft in ſolchen Fällen geſchieht, gehen dieſe Unglücklichen da leicht von einem Extrem zum andern über, und ich habe jetzt die größte Mühe ihn an einem Verbrechen zu verhindern, das er begehen will ſeine unſterbliche Seele zu retten; er behauptet nämlich ſein Kopf ſei ſo lange verſtockt geweſen, ſeine Ohren zu hören, ſeine Augen zu ſehen, ſeine Zunge zu ſprechen, daß er ihn ſich abſchneiden müſſe, auf Gottes Altar die Sünde damit zu ſühnen, denn wie er endlich die Strenge und Furchtbarkeit Gottes begriffen hat, gweifelt er an deſſen Liebe und Allbarmherzigkeit.“ „ „Möge ihn der Herr erleuchten“ erwiederte Mr. Pritchard mit einem frommen Blick nach oben, und wandte ſich dabei das Haus zu verlaſſen—„ſo thun Sie Ihre Pflicht, lieber Rowe, ich gehe indeſſen an ein weniger erfreuliches Werk!“ und dem von ihm Ab⸗ ſchied nehmenden Geiſtlichen, der ihn unten an ſeiner Verandah verließ, freundlich mit der Hand winkend, ſchritt er durch den Garten oder vielmehr Hofraum, der von einer Reihe niederer ſtumpfer Palliſaden um⸗ geben wurde, nach der kleinen Ausgangsthür zu, öffnete dieſe und ſchritt dann quer über den, vielleicht achtzig oder hundert Fuß breiten Strand hinüber, einem kleinen in See hinausgebauten Werft zu, dort das für ihn liegende Boot zu beſteigen, und an Bord hinüberzufahren, als er raſche Schritte hinter ſich hörte.— Er wandte den Kopf danach um und ſah zu ſeinem Erſtaunen einen Franzöſiſchen Beamten, der, von einigen Soldaten gefolgt, raſch auf ihn zuſprang. „Halt!“ rief ihm der Erſtere, noch eine Strecke von ihm entfernt, ſchon entgegen—„halt Mon⸗ ſieur!“. „Was wollen Sie?“ ſagte der Conſul, zwar er⸗ ſtaunt aber doch ruhig ſtehen bleibend und den Fran⸗ zoſen mit zuſammengezogenen Brauen erwartend— „was wünſchen Sie von mir?“ „Sie ſind mein Gefangener, im Namen des Königs!“ rief der Polizeibeamte und deutete auf die ihm folgenden Soldaten. „Ich verſtehe Sie nicht“ ſagte der Conſul gleich⸗ gültig, und wollte ſich abdrehen; der Franzoſe aber ergriff ſeinen Arm und den Soldaten winkend, die den Gefangenen an beiden Seiten umgaben, zog er den entrüſteten Mann, der gegen ſolche Willkür einem Engliſchen Conſul gegenüber, proteſtiren wollte, rückſichtslos und ohne Weiteres fort mit ſich, in das Wach⸗ und Polizeilokal, von wo der Conſul, ohne weitere Rückſicht auf ſein Amt oder ſeine Stel⸗ lung zu nehmen, bald darauf nach einem, ſchon allem Anſchein nach für ihn bereit gehaltenen Ge⸗ fängniß abgeführt wurde. Und Papetee blieb ruhig. Die Bedeutung, die der Conſul einer Europäiſchen Macht im Ausland haben ſollte, ja gewiſſermaßen auch ſeine Unverletz⸗ lichkeit, verſtanden die Inſulaner nicht; der Gefangene war ihnen auch immer mehr als Miſſionair wie als Conſul wichtig und lieb geweſen, denn Nutzen hatte er ihnen in letzterer Eigenſchaft doch nicht gebracht, noch ſie gegen die Uebergriffe und Forderungen der Franzoſen ſchützen können. Daß aber die Feranis es wagten einen Mitonare einzuſtecken, überſtieg ihre Begriffe, und jetzt zum erſten Mal fürchteten die Häuptlinge für ihre eigene Sicherheit. Die Miſſionaire ſelber erwarteten, nachdem ſelbſt die Conſulnwürde von den Eroberern nicht geachtet wurde, das Aeußerſte, und wandten ſich nun in ihrer Rathloſigkeit an die arme, ſelbſt unmächtige Königin, wandten ſich an das Volk, ſie zu ſchützen und nicht zu geſtatten daß die Feranis mit ihnen machten was ſie wollten. Aber die Geduld des Volkes war noch lange nicht erſchöpft, oder wenigſtens ſeine Gleichgültigkeit, wie ſein Widerwillen gegen irgend eine außerge⸗ wöhnliche Anſtrengung noch nicht beſiegt, und zu der gehörte jedenfalls ein Krieg, zu dem ſie noch immer keine richtige Veranlaſſung ſahen. Man hatte einen Franzöſiſchen Soldaten ermordet, und darüber waren die Feranis böſe, ſchickten eine Menge Sol⸗ daten an Land, die aber für Alles bezahlten was ſie verzehrten, und ſperrten einen rothen Mitonare, der in Verdacht ſtand an dem Mord betheiligt zu ſein, wie einen weißen, der beſonders auf ſie geſchimpft hatte, ein. Das war vielleicht unrecht in ihren Augen, aber immer noch keine Urſache einen ordent⸗ lichen Krieg anzufangen; ja die Inſulaner beſchloſſen jetzt ernſtlicher als je mit der ganzen Sache nichts weiter zu thun zu haben, und wenn auch einzelne 257 feurige Köpfe, wie beſonders Fanue und ähnliche, einen Angriff auf die„Feinde ihres Vaterlandes“ offen predigten, ſo verhielten ſich doch die einfluß⸗ reicheren, wie Tati und Utami, noch immer ruhig, ja Paofai und Hitoti verkehrten ſogar öffentlich und auf höchſt freundſchaftliche Art mit den Feranis, und beſchloſſen deshalb auch einen günſtigern Zeitpunkt, das heißt eine wirkliche Urſache abzuwarten, die Feindſeligkeiten zu beginnen, und Gewalt mit Gewalt zu vertreiben— bis dahin aber ſich vollkommen ruhig zu verhalten und ebenſowenig die Waffen zu ergreifen, als den Eindringlingen auch noch Proviant zu liefern, ihnen das Leben hier auf der Inſel ſo an⸗ genehm als möͤglich zu machen. Lieutenant Hunt, der Befehlshaber des kleinen Kriegsſchiffes Baſilisk ſowohl, wie der Capitain des Cormorant hatten allerdings augenblicklich gegen die an dem Engliſchen Conſul verübte Gewaltsmaßregel proteſtirt, konnten aber weder ſeine Befreiung erwirken noch etwas an ſeiner Lage beſſern, und Monſieur d'Aubigny erließ ein Plakat, worin Mr. Pritchard, wenigſtens indirekt, der Mord der Schildwache zuge⸗ ſprochen, und er ebenfalls als die Urſache des trotzigen Betragens der Eingeborenen, die er täglich und täg⸗ lich wieder aufgereizt habe, angeſehen wurde. Seine Gefangennahme ſei aus dem Grunde geſchehn und Gerſtäcker's Tahiti. III. 17 1 — —— er ſelber ſolle für alle weiteren Folgen verantwortlich gehalten werden. Mit vieler Mühe gejang es endlich dem Capitain des Cormorant die Freiheit des Gefangenen, aber auch nur unter der Bedingung zu erwirken, daß er ihn an Bord ſeines eigenen Dampfers von Tahiti fortnahm, und ſich dabei verbindlich machte ihn an keiner Inſel dieſer oder der Nachbargruppe wieder an Land zu ſetzen. Die Franzoſen betrachteten dieſen Mann als die einzige Urſache der nicht unbedingten und augenblicklichen Unterwerfung der Indianer, und glaubten und hofften durch ſeine Entfernung jedes weitere Hinderniß ihrer Feſtſetzung und unbeſtrittenen Oberherrſchaft auf den Inſeln, vollſtändig beſeitigt zu haben. Capitel 8. Pomare's Flucht. René's kleiner Haushalt befand ſich indeß in wilder ungemüthlicher Verfaſſung; Alles war gepackt geweſen, und nur gezwungen hatten ſie im Anfang das Nothdürftigſte wieder herausgenommen, immer nooch hoffend daß ſich die unangenehme Sache freund⸗ lich erledigen würde; aber Tag nach Tag verging ohne daß eine Entſcheidung kam, und Rens ſeines Wortes, Tahiti nicht zu verlaſſen, entbunden worden wäre. Er war ſelber mehrmals bei⸗ Monſ. Bruat, dem jetzt ernannten Gouverneur und wurde von ihm artig empfangen; dieſer behauptete aber die Unterſuchung unter keiner Bedingung aufgeben zu können, bis er zu einem Reſultat gekommen ſei, und René ſtände 47* .260 als Eigenthümer des Grundſtücks wo die Waffen geſchmuggelt wären, ja als zeitweiliger Eigenthümer ſogar des Schooners, der Sache zu nah, ſein Zeugniß, falls etwas auftauchen ſollte was Licht darin geben könnte, zu entbehren.„Augenſcheinlich“ ſetzte er dann zwar höflich aber ziemlich beſtimmt hinzu,„wiſſe er auch mehr über die Waffen, als er für gut finde, vielleicht durch ſeine enge Verwandtſchaft mit den Eingebornen dazu veranlaßt, auszuſagen, und wenn es ſeinem bekannten Charakter nach auch nicht wahrſcheinlich wäre, daß er ſelber irgend etwas Feindſeliges gegen ſeine eigenen Landsleute unternehmen, oder auch nur dulden würde, ſo lange er es eben verhindern könnte, ſei die ganze Verhandlung noch keineswegs klar ge⸗ nug, ſo raſch und vollkommen wieder aufgegeben zu werden; das aber müſſe in der That geſchehn, wenn er ihn jetzt ſeines Wortes entbinden wolle.“ Uebri⸗ gens bot auch Gouverneur Bruat, wie vor ihm der Kommandant d'Aubigny dem jungen Mann an in Franzöſiſche Dienſte zu treten, wodurch er ihm beſonders zu beweiſen hoffte, daß gegen ſeine Perſon nicht der mindeſte Verdacht vorliege. Zu gleicher Zeit machte er ihn beſonders darauf aufmerkſam, welch wohl⸗ thätigen vermittelnden Einfluß er da oft werde im Stande ſein auf einzelne Verhältniſſe auszuüben: Rent erklärte aber beſtimmt, hier in. Tahiti nie einen 261 Degen gegen die Eingebornen führen zu wollen, und das ſei am Ende bei einem Ausbruch der In⸗ ſulaner, ſobald er wirklich eingetreten wäre, nicht zu vermeiden, lehnte deshalb auch das Anerbieten zwar dankbar, aber doch beſtimmt ab. Das Belard'ſche Haus hatte er aber noch nicht wieder betreten— ja ſogar auf das Aengſtlichſte ver— mieden nach Papetee zu kommen. Er fühlte welche Gefahr dort für ihn lag, die er jetzt nicht einmal mehr vor ſich ſelber verbergen konnte; ja auch Su⸗ ſanna mußte durch ſeinen Abſchied, und die Worte die er in der furchtbaren Erregung des Augenblicks geſprochen, geſehen haben welchen Eindruck ſie auf ihn gemacht, und wie ihre Nähe den Frieden ſeines Hauſes, ſeines Lebens zu ſtören, zu untergraben drohe, wenn er nicht mit feſter männlicher Kraft da⸗ gegen ankämpfe, und die Leidenſchaft niederhalte, die zwei Weſen zu verderben drohte. Monſieur Belard hatte ihn allerdings ſchon mehrmals auf der Straße getroffen, wo ihn Geſchäfte in das Gouvernements⸗Gebäude riefen, er erklärte aber jeden Augenblick die Erlaubniß zu erwarten Tahiti zu verlaſſen, und wolle den Abſchied von ihm ſo lieb gewordenen Freunden nicht zum zweiten Male durchleben, da er einmal überſtanden. Monſ. Belard lachte dazu, und meinte er ſpreche von einem ſolchen 262 Abſchied als ob er auf's Schaffot ſolle, und nicht nach einer nur wenige Meilen entfernten Inſel überzuſtedeln gedenke, hatte aber immer zu viel Geſchäfte dabei im Kopf, lange auf dem Thema zu verweilen, und kam bald, von Rene raſch dabei unterſtützt, auf irgend etwas Anderes, Gleichgültigeres zu reden. Recht wilde trübe Zeiten waren das für ihn, und mehr und mehr drängte es ihn dann nach Hauſe zurück, wo Sadie, ſein liebes treues Weib mit uner⸗ müdlicher Liebe ſchaffte und ſorgte, ihm wenigſtens daheim das Alles vergeſſen zu machen, was ihm die Menſchen draußen weh gethan. Das, glaubte ſie auch, drücke ihm das Herz, er wäre ja ſonſt nicht immer ſo traurig und verſtimmt zu Haus gekommen und bleich und ſchwermüthig geworden, gar nicht in ſeiner Art, wo ihm ja doch das Liebſte wohnte was er ſein nannte auf dieſer Welt. Aber ſie ſcheuchte auch die Wolken von ſeiner Stirn und rief das Lä⸗ cheln wieder auf ſeine Lippen, wie in alter Zeit; und wenn die Kleine dann auf ſeinem Schoos ſpielte und ſie ſich an ihn ſchmiegte, plauderte ſie ihm von Atiu und den lieben Plätzen die ſie dort wieder beſuchen würden; von dem ſtillen Sitz an dem Palmenhang; von dem Ihiamoea oben im Dickicht, woo er die böſe Nacht verbracht; von der kleinen Veſte auf der Hügelſpitze wo er ſie zuerſt geſehn und 4* 263 ſie ihn fortgeführt hatte in das friedliche Miſſions⸗ haus an der Bai— und von den ſeligen, ſeligen Stunden die ſie da verlebt. René lauſchte, das glückliche Weib an ſeinem Herzen, wie in einem Traum, der all die lieben Bil⸗ der wieder heraufbeſchwor vor ſein inneres Auge; aber immer und immer wieder mußte er ſich zwingen dazu, das Alles keinen Traum zu nennen, wo der Wiedergewinn ja faſt im Bereiche ſeines Armes lag, und doch ein Schatten aufſtieg zwiſchen dem Bild und ſeinem Herz. Und daß er das fühlte, daß er das erkannte machte ihn unglücklich.„Du ſündigſt“ flüſterte es in ſeiner Bruſt mit raſtloſem, nimmer endendem Klang,„Du ſündigſt“ ſprach jeder Liebes⸗ blick aus den Augen ſeiner Sadie,„Du ſündigſt“ drängte ihm vorwurfsvoll das unſchuldliebe Lächeln ſeines Kindes entgegen,„Du ſündigſt“ donnerte die Brandung, die ihn einſt in Schlaf geſungen, in Liebe und Glück. Wie um vor ſich ſelbſt zu flüchten, hatte er den Vater Conet wieder aufgeſucht, der in zarter Rück⸗ ſicht bis dahin ſein Haus lange Zeit nicht betreten, weil er fürchtete daß ſeine Stellung zu den Pro⸗ teſtantiſchen Geiſtlichen Uneinigleit ſäen könne in ſtilles häusliches Glück; er forderte ihn jetzt ſelber auf ſie zu beſuchen, oft zu beſuchen, ſo lange er noch 24 auf Tahiti ſei, und er hoffte Troſt in dem Umgang des freundlichen verſtändigen Mannes zu finden. Aber der Muth gebrach ihm wirklich dem Freunde, der ſogar nach ſeiner Religion berechtigt war eine ſolche Offenheit zu fordern, das zu geſtehen was ihm das Herz erfüllte, was es quäle, und Alles das trug er feſt in ſich verſchloſſen und allein, und kämpfte ſtill und männlich dagegen an. Es war ein Kampf der Verzweiflung Fuß an Fuß, und in der Gefahr nur wuchs ihm erſt die Kraft. Auch Bertrand hatte ihn in der letzten Zeit häu⸗ figer beſucht, aber faſt nur ihm zuzureden der Ein⸗ ladung des Gouverneurs zu folgen, und wieder in eine Stellung im Leben einzutreten, die ſeinem Geiſt und Herzen doch auch mehr bot als eine bloße Exi⸗ ſtenz, die ihm eine Ausſicht auf ſpätere Zeiten bahnte, ehrenvollere Stellung einzunehmen auf dieſer Welt, als eben nur das Bewußtſein zu haben daß man iſt und athmet. Auch Vater Conet ſtimmte darin dem jungen Officier vollkommen bei, Reneé ſei, wie gar keinem Zweifel unterliege, noch viel zu jung, auch nur daran denken zu können ſich von der Welt ganz zurückzu⸗ ziehn, die ebenfalls ihre Forderung an ihn habe und ſich ihr Recht dann doch einmal über kurz oder lang zu wahren wiſſe. Beide beſtritten ebenfalls, daß ihm das Leben der Inſeln auf die Länge der Zeit genügen — worden, etwas mehr aus ihm herauszubringen über 265 würde und könne, und wie ſich alle ſeine Landsleute für ſpäter ſolche Ausſicht offen gelaſſen— eine Ausſicht die bei Allen faſt, mit nur ſehr wenigen Ausnahmen eine Hoffnung wurde— ſo werde auch er einmal den Drang wieder in ſich fühlen nach Frankreich zurückzukehren, an deſſen weit geſelligeres Leben ſich dann auch Sadie, ſchon jetzt mit den Sitten, der Sprache des fremden Volkes bekannt und befreundet, leicht und gern gewoͤhnen würde. Sadie ſchüttelte bei ſolchen Reden recht ernſt und ängſtlich mit dem Kopf; ſie hatte genug von Fran⸗ zöſiſchem Leben hier auf Tahiti geſehn, ſich nicht weiter da hineinzuſehnen, und in einem Lande zu leben wo ſie weiter gar Nichts mehr ſehen ſollte als fremde unbekannte Geſtalten, wo ihr die lieben Pal⸗ men fehlten und das fröhliche Lachen der fröhlichen Kinder ihres ſonnigen Vaterlands?— Nein, nein, dahinein paßte ſie nicht, und ſie würde und müßte vergehen dort, in Sehnſucht und Heimweh. Auch Rene hatte dagegen ſeine heimlichen Be⸗ denken, Gedanken die in ihm laut wurden und Form gewannen, er mochte ſich dagegen ſtemmen und wehren ſo viel er wollte. Mata Oti, der Burſche, war ebenfalls mit Bruder Ezra von den Franzöſiſchen Behörden eingezogen 8* 266 jene Nacht, als ein bloßes aita vau i ite— ich weiß es nicht— und Sadie hatte dafür ein Mädchen zu ſich genommen, die ihr die Dienſte des Knaben erſetzen ſollte. Nai Nai war über die Blüthe der Jahre hin⸗ aus, wenn auch noch gar nicht ſo alt, und obgleich ſie vor ſechs oder acht Jahren noch ein recht hübſches Mädchen geweſen ſein ſollte, doch jetzt abgefallen, mager und ſelbſt häßlich geworden. Eine eigene Wuth die ſie dabei hatte Europäiſche Kleider und beſonders Hüte zu tragen, zeigte ſich nicht im Stande ihre Reize zu erhöhen, und Sadie⸗ lachte darüber, aber auf René machte es einen peinlichen Eindruck, ſo peinlich daß er zuletzt Sadie bat ſie wieder fort⸗ zuſchicken, wenn er ihr auch keinen Grund dafür anzugeben vermochte. Sadie verſagte ihm nie einen Wunſch, wenn es in ihren Kräften ſtand ihn aus⸗ zuführen, und Nai Nai wurde wieder hinüber nach Imeo geſchickt, von wo ſie gekommen, und von einem hübſchen jungen Mädchen erſetzt. Wenige Wochen waren ſolcher Art nach den im vorigen Capitel beſchriebenen Vorgängen verfloſſen, und wenn ſich auch die Inſulaner ſchon ziemlich über den Verluſt ihres Miſſionairs und Conſuls beruhigt hatten, ſollte bald wieder ein Gewaltſtreich der Fremden dieſem ſcheinbaren Frieden ein Ende machen. 1* 267 Die Reine blanche war wieder geſegelt und Monſieur Bruat hatte Alles verſucht die Einge⸗ bornen in Güte dazu zu bringen, ihnen die nöthigen Proviſionen zu liefern, aber umſonſt. Wie die Fran⸗ zoſen behaupteten, von den Miſſionairen aufgereizt, jedenfalls auf den Befehl ihrer eigenen Häuptlinge, hielten ſich die Inſulaner in ihren Wohnungen und brachten nicht eine Brodfrucht mehr zu Markte, ja das Gerücht verbreitete ſich ſogar, ſie ſeien geſonnen Alles was ſie nicht von Früchten und überhaupt Lebensmitteln nothwendig ſelber brauchten, in die Berge und den Feranis aus dem Weg zu ſchaffen. Dem zu begegnen ſchritt der Franzöſiſche Kom⸗ mandant zu einem Gewaltſtreich, lockte vier der ein⸗ flußreichſten Häuptlinge, unter ihnen Terate, Avei und Nane ini an Bord eines Schiffes, wo er ſie ge⸗ fangen hielt, und hätte ſich faſt auch noch eines andern Trupps bemächtigt, wäre dieſem nicht noch zeitige Warnung geworden, daß er in die Berge fliehen konnte. Bald darauf erſchien eine Proclamation vom Gouverneur Bruat unterzeichnet, die im Namen des 4 Königs von Frankreich und als Gouverneur der Franzöſiſchen Beſitzungen, dem Volke von Tahiti er⸗ klärte daß die vier Häuptlinge Taaniri, Raheahu, 4 Potowai und Teraitane, da ſie auf das Wort des 8 268 Friedens nicht hatten hören wollen, für Rebellen erklärt und ihr Eigenthum mit Beſchlag belegt wer⸗ den ſollte. „Acht Tage“ hieß die Proclamation weiter— „ſind ihnen noch gegeben ſich zu unterwerfen. Der Diſtrikt der ihnen Schutz giebt ſoll, nach ſeiner Wichtigkeit, unter eine entſprechende Contribution gelegt werden.— Die dem Frieden und dem Geſetz freundlich geſtimmten Perſonen bleiben ruhig unter dem Protectorat Frankreichs— die Strenge der Geſetze ſoll die Schuldigen treffen. . Bruat.“ Jetzt zum erſten Mal ſchien das Volk zu fühlen daß es wirklich unterjocht werden ſollte, da man ſich nicht allein begnügte die Engliſchen Miſſionaire feindlich zu behandeln, ſondern auch ſogar Hand an ihre eigenen Häuptlige legte, und ein wilder Schrei des Zorns und der Entrüſtung ging durch das ganze Land. Pomare war zu gleicher Zeit von den Miſſto⸗ nairen feſte Hülfe von England verſprochen, und ſelbſt alle dort lebenden Engländer beſtätigten das, da Britanien nie dulden werde, daß Einer ſeiner Conſuln auf ſolche Weiſe behandelt werde; nur ver⸗ zögern mußte ſie einen Ausbruch des Volks, damit der Franzoſe nicht neuen Grund bekam zu neuen 8 269 Uebergriffen, und ſich indeß ihr Recht wahren, als ſouveraine Königin. Dem Sinne folgend ſchrieb ſie einen Brief*) an die Häuptlinge, worin ſie dieſelben zum treuen und geduldigen Ausharren ermahnte, aber ſie auch zu⸗ gleich indirekt darin aufforderte in ihrer Widerſetz⸗ lichkeit gegen die Feranis ſtandhaft zu bleiben, und dieſer Brief wurde, wie es heißt, von Gouverneur Bruat ſo aufgefaßt, als ob er die Eingeborenen in der„Rebellion gegen ihre geſetzmäßige Regierung“ beſtärken und bekräftigen ſolle. Der ehrwürdige Mr. Rowe bekam, wahrſcheinlich ſelbſt von Franzöſiſcher Seite, einen Wink, daß der Königin in Folge dieſes Briefes Gefahr für ihre *) Pomare's Brief lautete wörtlich:„Geſundheit Euch Allen; ich mache Euch bekannt daß unſer Kriegsſchiff uns bald verlaſſen wird; der Admiral verlangt es nach Oahu zurück. Ein kleines Kriegsſchiff liegt hier, über uns zu wa⸗ chen, ein anderes wird kommen. Horcht nicht auf die Männer die Euch entmuthigen wollen mit der Nachricht daß wir nicht unterſtützt würden. Britanien wird uns nicht verlaſſen. Laßt uns uns gut betragen, bis die Depeſchen eintreffen. Dies iſt mein Wort an Euch— laßt unter keiner Be⸗ dingung etwas Unrechtes geſchehen, behandelt ja nicht die Feranis ſchlecht; habt große Geduld. Nehmt mich zum Muſter und folgt mir, und laßt uns Alle brünſtig zu Gott flehen, daß er uns von unſerer Prüfung befreien möge, wie einſt Hezekiah. Frieden ſei mit Euch. Pomare.“ 270 rſönliche Sicherheit drohe, und verlor, durch Mr. 6 Gefangennehmung überdies noch aufge⸗ regt und eingeſchüchtert, dermaßen den Kopf, daß er auf der Stelle zu ihr zu eilen beſchloß, ſie auf das Dringendſte zur Flucht zu mahnen. Pomare war allein, als ihr der Miſſionair ge⸗ meldet wurde, und Bruder Rowe mußte lange draußen warten ehe er vorgelaſſen werden konnte. Selbſt ihre Einanas hatte die Königin von ſich entfernt; die Mädchen ſaßen und lagen draußen auf der Verandah herum und flüſterten leiſe miteinander— ſie wagten nicht laut zu reden. Nur eine von ihnen ging hinein die Gebieterin von der Ankunft des Geiſtlichen zu benachrichtigen, und kam dann zu den Uebrigen zurück, denen ſie mit halblauter Stimme etwas zuflüſterte. „Haſt Du Pomare meinen Namen genannt, Waihine?“ frug der Geiſtliche endlich, dem der Bo⸗ den anfing unter den Füßen zu brennen—„weiß ſie daß ich hier bin und ſie ſprechen muß?“ „Ja, Mitonare!“ lautete die leiſe Antwort. „Und was hat ſie geſagt?“ „Mitonare ſoll warten“— das Geſpräch war wieder abgebrochen. „Mitonare ſoll warten“— und die Zeit verfloß indeß, die ihr vielleicht noch geblieben, und mit der Königin waren auch alle ihre Rathgeber gefährdet— 271 wer weiß was ſie vielleicht in ihrem weibiſchen Tio Alles ausſagte und— geſtand. Der Miſſionair ging mit raſchen ungeduldigen Schritten wieder draußen auf und ab. „Sie muß mich vergeſſen haben“ rief er aber endlich, nicht länger im Stande ſeinen Unmuth zu verbergen, indem er wieder vor der Einana ſtehen blieb—„fort mit Dir, Waihine— ſage noch einmal daß ich da bin, und Pomare ſprechen muß, denn ich hätte ihr Wichtiges— ſehr Wichtiges mitzu⸗ theilen.“ „Pomare hat geſagt Mitonare ſoll warten,“ ſagte aber das Mädchen, und Bruder Rowe ſah ſie erſtaunt und mißtrauiſch an— ſo hatten die Einanas noch nie gewagt mit ihm, oder einem aus ſeiner frommen Schaar zu ſprechen—,und kam dieſe Sin⸗ nesänderung von oben herab?“ Er ſollte aber nicht länger Zeit zum Ueberlegen behalten; die Königin, ob ſie die ungeduldige Stimme des Miſſionairs gehört, oder ſelber es für Zeit fand ihn hereinzulaſſen, rief, ein paar von den Mädchen ſprangen auf, den Beſuch zu geleiten, und Bruder Rowe betrat wenige Minuten ſpäter das kleine Ge⸗ mach, in dem Pomare auf einer ausgebreiteten Matte auf der Erde ſaß. Sie hatte ſich in das einfachſte Zimmer ihres 272 Hauſes zurückgezogen; weder Tiſch noch Stuhl ſtand in dem leeren Raum, vor deſſen Fenſter, das einzige Zeichen des neueingeführten Luxus, weiße gemuſterte Gardinen hingen und in dem Zug der offnen Flügel hin und herwehten. Nur Matten, nebſt einigen mit roher Pflanzenwolle geſtopften Kiſſen lagen im Zim⸗ mer zerſtreut umher, eben ſo viele Sitze bildend, und ein an der Wand befeſtigtes Seitenbret trug drei oder vier Bücher, eine reich vergoldete Obertaſſe mit abgebrochenem Henkel, und eine gewöhnliche Cocos Poe⸗Schale. Der ehrwürdige Mann blickte etwas erſtaunt um⸗ her, denn gerade in der letzten Zeit hatte Pomare weit eher geſucht ſich mit Europäiſchem Glanz zu umgeben, als ſich ſolcher Art in ihre Einſamkeit zu⸗ rückzuziehn; aber die Königin ſelber zog ſeine Auf⸗ merkſamkeit bald auf ſich allein, denn ſie ſah bleich und abgehärmt aus, und die Spuren friſcher Thränen waren noch in ihren Augen. „Was bringſt Du mir?“ ſagte ſie mit halb 9. gewandtem Antlitz, als ob ſie ſich dieſes Zeichens von Schwäche ſchäme—„was wollt Ihr von mir? ich habe Nichts mehr zu befehlen hier auf Tahiti— meine Sonne iſt untergegangen und meine Nacht bricht an— Ihr müßt von jetzt an für Euch ſelber ſorgen— Pomare Waihine hat kaum noch den 273 einzigen Brodfruchtbaum behalten, der vor ihrer Thüre ſteht.“ „Und doch biſt Du noch frei, Pomare,“ ſagte der Miſſtonair mit traurigem, mitleidigem Blick— „haſt noch Dein Volk um Dich und den blauen Himmel über Dir—“ „Und wer kann mir das nehmen?“ rief Pomare ſchnell, und ihr mißtrauiſcher Blick haftete forſchend an dem Auge des Prieſters. „Der Feind hat jetzt die Macht“ entgegnete finſter der Miſſionair,„und ſeine Bosheit iſt groß.“ Pomare erwiederte Nichts und ſah den Unglücks⸗ boten nur ruhig und ſinnend an, dann langſam aufſtehend trat ſie zu ihm, legte ihre Hand auf ſeinen Arm und ſagte leiſe:. „Was iſt vorgefallen, Bruder Rowe?— ſag es mir gleich heraus und leg Dich nicht erſt in den Hinterhalt— Du thuſt mir weh damit.“ „Es iſt auch keine Zeit mehr zu verlieren, Po⸗ mare,“ erwiederte der Prieſter ernſt—„Du weißt was die Feranis mit Piritati gemacht haben.“ „Piritati war ein Beretani“ rief die Königin ſchnell—„er gehörte nicht in dieſes Land— ſie konnten das wagen— ſie duͤrfen nicht Hand an Pomare legen.“ „Dürfen?“ ſagte Mr. Rowe achſelzuckend— Gerſtäcker's Tahiti. III. 18 274 „wir ſind ein friedliches Volk und können uns nicht zur Wehr ſetzen.“ „Und weſſen Schuld iſt das?“ frug die Königin raſch und mit einem Zornesblick im Auge—„wer anders als Ihr, die Ihr uns von England die Re⸗ ligion gebracht habt, die Ihr eine Religion der Liebe nennt, und die jetzt Haß und Tod unter mein Volk bringt, wer anders hat den Bewohnern dieſer Inſeln ihre alten Kriegsſpiele verboten, und die Führung der Waffen für ſündhaft erklärt? wer eiferte früher dagegen, daß meine jungen Leute ihr Cocosöl und ihre Perlmutterſchalen gegen Gewehre und Pulver eintauſchen ſollten wie es mein und ihr Wunſch war, und erklärte es gegen Gottes Gebote, während Ihr Oel und Muſcheln für Eure eigenen Zwecke ſam⸗ meltet und nach Beretani ſchicktet?“ „Es geſchah das um Gottes Wort auch auf andern Inſeln zu verbreiten— auch andern Völkern den Segen der chriſtlichen Religion zu bringen“ ſagte mit milder freundlicher Stimme der Geiſttliche. „Ich habe das gute Buch durchgeleſen von An⸗ fang bis Ende“ erwiederte die Königin finſter— „und nirgends darin gefunden daß Jeſus Chriſtus gefammelt hat für andere Völker.“ „Damals war es noch nicht nöthig, Pomare“ erwiederte Mr. Rowe, etwas verlegen—„und nicht 8 275 wohl iſt es gethan, das Schwert zu nehmen, denn Jeſus ſelber hat geſagt,„wer das Schwert nimmt, der ſoll durch's Schwert umkommen.“ „Geh, geh!“ ſagte aber Pomare traurig mit dem Kopf ſchütterlnd—„Du haſt für Alles einen Vers aus Deinem Buch und die Beretanis, die Du ſagſt daß ſie gute Chriſten wären fahren eben ſo mit Kriegs⸗Canoes auf der See herum wie die Feranis, ſie nehmen das Schwert und ſie kommen nicht um, und ich habe das Schwert nicht genommen und ver⸗ liere mein Reich— Was willſt Du jetzt von mir? — was ſoll ich thun?— gehe zurück zu Deinen Landsleuten und ſage ihnen daß ich Euch hier nicht mehr ſchützen kann. Ich danke ihnen daß ſie mir die Bibel geſandt, aber mein Volk iſt zerſtreut, meine Macht iſt gebrochen— wenn ich wieder Königin bin, will ich Euch wieder in mein Land nehmen.“ „Nicht meinethalben kam ich hierher, Pomare“ ſagte aber der Geiſtliche ernſt,„nicht für mich Schutz oder Hülfe zu erbitten von Dir, Du ſchwergeprüfte Königin, ſondern Dich ſelber wollt' ich warnen, Dich einer Gefahr zu entziehn, die über Deinem Haupte ſchwebt, und Dich in der nächſten Stunde ſchon viel⸗ leicht erreichen kann.“ „So ſprich!“ rief Pomare,„ſchon ſeit Du das Zimmer betreten, ſehe ich Dein Unheilkündendes 18* 276 Geſicht, und mein Herz iſt von Angſt erfüllt— was iſt es?“ „Vor einer Stunde etwa“ nahm der Geiſtliche wieder das Wort, bin ich gewarnt worden, daß die Feranis, böſe über Deinen Brief den Du an die Häuptlinge geſchrieben, Dich ebenſo wollten gefangen nehmen und in Gewahrſam halten, wie Terate und die Andern, damit Du die Eingebornen nicht auf⸗ wiegeln könnteſt gegen ſie. Die wahnſinnigen Men⸗ ſchen behaupten jetzt die rechtmäßigen Eigenthümer Tahitis zu ſein, und erklären uns ſelber für Re⸗ bellen wenn wir gegen ſie reden.“ Ein zorniges Lächeln flog über Pomares Züge, als ſie die Worte hörte und ſie antwortete finſter: „Mich gefangen nehmen? und wo bleiben jetzt Euere Schiffe?“ wo die Kanonen die Ihr mir zu meinem Schutz verſpracht?— Euere Kriegsſchiffe haben, ein kleines Schiff ausgenommen, die Bai verlaſſen, Euer Conſul iſt gefangen, Euere Fahne verſchwunden— wo bleiben Euere Predigten, Euere Worte? Als ich Sandelholz hatte und Cocosöl, da war ich Königin, da kamen die Capitaine und ſpra⸗ chen ſchöne Worte und brachten Geſchenke— jetzt da ich arm und verlaſſen bin, kommt Niemand mich zu unterſtützen. Und wohin ſoll ich fliehen?“ „Es liegt ein Engliſches Kriegsſchiff im Hafen 277 das Dich aufnehmen wird, und unter Engliſcher Flagge biſt Du ſicher“ rief der Miſſionair. „An Bord eines fremden Schiffes?“ nie“— zürnte die Königin,„wär' ich nicht dort Gefangene wie da?“ „Und doch iſt es das Einzige“ ſeufzte der Miſ⸗ ſionair—„dorthin reicht der Arm der Feranis nicht, und wer weiß ob Du heut Abend ſelbſt noch zu dem Schritt Raum und Zeit behältſt.“ „Ich kann mich nicht allein in den Schutz der fremden Männer geben“ ſagte Pomare, doch jetz unruhig werdend über den beſorgten Ernſt des ſonſt ihr ſo freunndlich geſinnten Mannes—„ich kann nicht allein an Bord eines Kriegsſchiffs fliehn.“ „Dein Gatte und zwei Deiner Einanas müſſen Dich begleiten“ ſagte Mr. Rowe,„Pomare Tane*) iſt ja von Imeo zurückgekehrt, und wird ſich nicht weigern Dir an Bord zu folgen.“ „Weigern?“ ſagte die Königin zürnend, und ein verächtliches Lächeln ſpielte um ihre Lippen—„aber meine Kinder?— was würde aus denen?“ „Wohin die Mutter geht, gehn ſie auch, und Capitain Hunt i*ſt ein Gentleman, der ſich glücklich *) Der Gemahl Pomare's geht unter dem Titel„Po⸗ mare’s Mann.“ ſchätzen wird einer armen verrathenen Frau und Königin Schutz mit den ihren zu gewähren.“ Pomare ging, die Hände krampfhaft gefaltet, das Haupt geſenkt, mit raſchen Schritten im Zimmer auf und ab, als draußen Stimmen laut wurden und gleich darauf Eine der Einanas den Häuptling Tati meldete, der Pomare dringend zu ſprechen wünſche. „Tati?“ rief Pomare, erſtaunt vor dem Mädchen ſtehn bleibend—„Tati?“ was will er von mir in jetziger Zeit? oder haben ihn die Feranis geſchickt, ſeine Königin abzuholen ins Gefängniß— ſend' ihn fort, er gehört zum Feind; Pomare will ihn nicht ſprechen.“ „Wenn der Feind Dein Vaterland iſt, Pomare, dann haſt Du recht“ ſprach in dieſem Augenblick die tiefe klangvolle Stimme des Häuptlings, der dem Mädchen auf dem Fuß gefolgt, und auf der Schwelle ſtehn geblieben war, bis ſeine Ankunft gemeldet wor⸗ den—„ſchicke mich nicht noch einmal fort von Dir, denn ich bringe ein Freundeswort.“ „Schickt Dich der Ferani?“ frug die Königin, ihn mit einem finſtern Blick betrachtend—„haben ſte Dir wieder neue Verſprechungen gemacht, oder ſoll ich vielleicht noch einen Vertrag unterzeichnen, der mir auch die Füße bindet, wie der erſte die Hände, und mich hier hält in ihren bewaffneten Häuſern, als Geißel für die Unterwürfigkeit meines armen Volkes?“ 3 Tati zog die Brauen finſter zuſammen und ſein Blick ſuchte den Miſſionair, als ob er dort den Grund ſolcher harten Anklage vermuthe, aber das gute Ele⸗ ment in ihm gewann die Oberhand und mit ruhiger faſt herzlicher Stimme ſagte er: „Du haſt Grund uns zu zürnen, Pomare, denn wenn auch abſichtslos, gaben wir dem Ferani den Halt an dieſes Land, den er jetzt benutzt, es zum Abgrund niederzureißen, aber vielleicht bin ich im Stande Dir heute zu beweiſen daß es Tati redlich mit Tahiti, redlich mit Dir meint, und kleinliche Eifer⸗ ſucht ſeinem Herzen fremd iſt, in der Stunde der Noth. Du biſt in Gefahr und mußt Papetee ver⸗ laſſen.“ „Ich weiß es, ich weiß es“ rief Pomare ſchnell —„der ehrwürdige Mann hier hat mich ſchon ge⸗ warnt, und das Schiff der Beretanis wird mich und die Meinen aufnehmen, ehe ich mich den Feranis gefangen gebe.“ „Das Schiff der Beretanis?“ rief Tati, faſt ebenſo ſehr erſchreckt als erſtaunt—„und was haſt Du bei den Beretanis zu thun? ſind ſie nicht Fremde, ſo gut als Jene? O Pomare, wann wirſt Du auf⸗ hören Dich auf Fremde zu verlaſſen?“ 280 „Der Häuptling Tati ſpricht, als ob unſere Na⸗ tion dem Tahitiſchen Stamme je noch feindlich ge⸗ weſen wäre“ ſagte der Miſſionair,„ich dächte wir hätten bewieſen, daß wir unſere Tahitiſchen Brüder lieben.“ „Genug— genug“ ſagte der Häuptling ab⸗ wehrend—„nicht um mit Worten zu ſtreiten bin ich hierhergekommen; die Zeit zum Handeln iſt ge⸗ kommen, und Du, Pomare, ſollſt jetzt beweiſen, ob Du würdig biſt das Tahitiſche Volk zu regieren, wo dann Tati und alle Andern ſich freudig Deiner Herrſchaft beugen werden.“ „Und ſoll ich mit meiner Flucht ſolchen Beweis beginnen?“ frug die Königin bitter. „Allerdings“ rief Tati raſch,„aber nicht wenn Dich die Bahn nach einem fremden Schiffe führt.“ „Und wohin denn?— wo haſt Du Schutz für mich?“ „Bei Deinem Volk, Pomare!“ rief der Häupt⸗ ling raſch und während die Königin finſter und weh⸗ müthig mit dem Kopfe ſchüttelte, fuhr er von ſeiner Sache begeiſterter, wärmer werdend, fort—„ſchüttle nicht ſo zweifelnd das Haupt, die Führer faſt aller Partheien, die ſich vereinigt haben in der gemein⸗ ſamen Noth des Landes ſeudeu mich, und rufen, ja fordern Dich auf, ihrem Schutze Dich anzuvertrauen und mit ihnen in die Berge zu ziehn. Dort pflanzen wir die eigene Fahne auf, und Tod den Feinden, wenn ſie es wagen ſollten uns dorthin zu folgen, wo wir uns feſt und freudig um Dich geſchaart.“ „Nur bei dem Verſuch in die Berge zu entkom⸗ men“ warf hier kopfſchüttelnd der Geiſtliche ein— „wäre Pomare faſt der gewiſſen Gefahr ausgeſetzt, von den Feranis angehalten und gefangen zu werden. Sie würden es nimmer dulden etwas geſchehn zu laſſen, was ihnen die Eingebornen zu ſo viel ge— fährlicheren Feinden machen müßte.“ „Gefahr und Dulden!“ rief der Häuptling, mit dem Fuße ſtampfend,„ein einzig Zeichen durch die Stadt von mir und faſt drei Viertel der Be⸗ wohner ſchaaren ſich mit einem Jubelſchrei um ihre Königin. Laßt das Volk wiſſen daß Tati und Utami, Hitoti und Paraita mit Pomaren ſind, und kein Arm der noch einen Bogen ſpannen und einen Speer ſchleudern kann, bleibt daheim, das Ende ſchmachvoll abzuwarten. Nein Pomare, nicht Furcht jetzt, nicht Gefahr, darf Dich abhalten davon, Dich an die Spitze Deines Volks zu ſtellen. Die Fremden haben jetzt deutlich genug gezeigt was ihre Abſicht iſt, und uns bleibt keine andere Wahl, als Unterwerfung oder Kampf.“) „Uns bleibt die Wahl Britiſchen Schutz zu ſuchen“ rief der Miſſionair, neben Pomare tretend, „uns bleibt der Schutz der Bibel und wenn auch ſpät, die Hülfe bleibt nicht aus; ſo langſam ſte kommt, ſo ſicher wird ſie kommen.“ Tati wollte heftig gegen den Prieſter auffahren; aber er bezwang ſich, er fühlte die Wichtigkeit dieſer Stunde und ſagte ernſt und ruhig: „Pomare, der Augenblick iſt gekommen, wo Du zu wählen haſt zwiſchen Deinem Volk und den Fremden, zwiſchen Deiner eigenen Herrſchaft oder der, Beretaniſcher oder Feraniſcher Prieſter;— gieb Dich wieder in ihre Hände, und Deine Macht iſt gebrochen für ewige Zeiten— wirf ſie von Dir, und wir erkämpfen Dir die Freiheit oder uns Allen einen ehrenvollen Tod. Sieh, daß die Häuptlinge mich ſenden, mag Dir ein Beweis ſein wie wir denken— jeder Partheiſtreit ſei vergeſſen, jeder kleinliche Ge⸗ danke an Eigennutz zerſtört, das Vaterland iſt in Gefahr und wie der fremde Ferani ſchlau und tückiſch ſeinen Vortheil zog aus dem Zwieſpalt der Partheien, ſo pflanze die eine Macht jetzt ſiegreich ihr Banner auf in den Bergen.“ Die Königin ſtand unſchlüſſig; das Herz ſchlug ihr heftig und ihr Blick flog ängſtlich von den ſchö⸗ nen belebten Zügen des Häuptlings nach dem bleichen Antlitz des Prieſters hinüber. „Und was wird aus Pomare Tane?“ frug ſie leiſe. Tati biß ſich die Lippe— „Er mag mit Dir gehn“ ſagte er endlich leiſe, naber wenn er ein Mann wäre hätte er ſelber ſchon das Schwert aufgegriffen und ſein Volk zu den Waffen gerufen— oh daß Dein Vater lebte, Po⸗ mare.“ „Und was dann, wird aus den Lehrern dieſes Volks, was wird aus uns und unſeren Häuſern?“ rief der ehrwürdige Mr. Rowe.„Vertrauungsvoll ſind wir an Eueren Strand gekommen, Euch den Frieden und die Liebe zu bringen, und ſollen wir jetzt als Geißeln in den Händen der Feinde zurück⸗ bleiben? So lange Du unter Britiſchen Schutz ſtehſt, Pomare, wird ebenſowohl Dein Eigenthum hier geachtet werden, denn die Feranis fürchten unſeren Stamm, mögen ſie jetzt hier ſo trotzig auftreten wie ſie wollen, einmal aber erſt in die Berge geflüchtet, als erklärter Feind und mit den Waffen in der Hand, ſo iſt nach den Geſetzen des Kriegs Alles dem ver⸗ fallen, der das Feld behauptet.“ „Und denkt Ihr an Euch jetzt allein?“ rief Tati zornig,„wo das Schickſal des ganzen Landes am Nande des Abgrunds ſteht?“ „Viel weniger an mich“— exwiederte ruhig der 284 Miſſionair,„als an alle meine Brüder hier auf den Inſeln, ja an das Schickſal der Miſſion ſelber, die damit ihrem gewiſſen Untergang entgegen zöge. So⸗ bald Pomare jetzt offenkundig den Krieg beginnt, liegt die Vergangenheit abgeſchnitten hinter ihr, und die Gewalt der Waffen allein entſcheidet wer künftig und welche Religion herrſchen ſoll. Wird ſie beſiegt, ſo iſt es der Sieger, der die Bedingungen ſchreibt und denen ſie ſich fügen muß, indeß ſie jetzt noch immer Englands Hülfe ſich erhält, ſeine Vermittlung die ſtets nur auf Seiten der Bibel ſein kann?“ „Zum Abgrund mit der Bibel!“ ſchrie aber der im Herzen noch immer den alten Göttern zugethane Häuptling jetzt, bei dem der Zorn über den egoiſti⸗ ſchen Geiſtlichen die Ueberhand gewann—„es gilt hier nicht das dicke Buch, es gilt das ganze Land, es gilt hier für Pomare die Herzen ihres Volks, die jetzt noch mit ihr, doch wer weiß wie lange ſind. Tati läßt auch Alles zurück was er ſein eigen nennt, ebenſo Utami— wir wollen uns ſelber, wollen unſere Ehre, unſer Reich retten, mag der Feind die Brandfackel in unſere Hütten werfen und unſere Brodfruchtbäume niedermähn; die Berge tragen Feis, der Wald Orangen und Guiaven und tauſend andere Früchte, und Gottes Sonne glüht und leuchtet da oben ſo rein und friſch, wie hier im Thal.“ 285 „Ich will auf das Schiff gehn, Tati“ ſagte aber jetzt Pomare, die bis dahin unſchlüſſig und ängſtlich geſtanden—„der Mitonare hat recht; ſo lange ich unter Engliſchem Schutz bin und nicht gegen ſie kämpfe, werden ſie unſer Eigenthum achten und nicht zerſtören, und das fromme Werk der Miſſion, das mir von Gott überantwortet iſt, wird nicht zu Grunde gehn; ich will nicht das Schwert nehmen, ich bin eine Frau und meine Kinder ſollen ihre Krone nicht vergoſſenem Blute zu verdanken haben— wenn Andere Unrecht thun will ich nicht ſelber ſündigen. Und auch Du Tati, ſchaudere vor dem Abgrnnd zu⸗ rück an dem Du ſtehſt, denn Du verachteſt die Bibel und ſie iſt Deine einzige Rettung.“ „Pomare— laß uns nicht in dieſer Stunde um ein Wort, um eine Meinung zanken,“ bat aber der Häuptling—„ſchicke mich nicht fort von Dir mit ſolcher Antwort; noch biſt Du Königin und will Dich England ſchützen, wird es das eher thun, wenn Du Dir Achtung von ihm erzwingſt, durch Kö⸗ nigliches Handeln, als wenn Du feige auf eines ihrer Schiffe flüchteſt, von vorn herein gleich erklärend, ich bin zu ſchwach, ich kann nicht Königin ſein.“ „Da kommt Bruder Brower in großer Eile“ rief Mr. Rowe da, der einen Blick durch das Fenſter ge⸗ worfen—„was wird er bringen?“ „Unheil dieſem Haus“ ſagte Tati düſter, der in den Augen Pomares ſchon ſeine Antwort las, und nicht mit Unrecht befürchtete der zweite Mitonare würde den Ausſchlag geben. Er ſollte darüber nicht lange in Zweifel bleiben; mit ängſtlicher Miene brach der kaum angemeldete Prieſter ins Zimmer, und nur einen mißtrauiſcheu Blick auf den Häuptling werfend, deſſen Parthei den Intereſſen Pomare's bis dahin ſelten freundlich geweſen, rief er aus: „Die Noth iſt groß Pomare, größer aber die Gefahr, denn ſoeben höre ich daß die Franzöſiſche Regierung beſchloſſen hat Dich zu fangen und zu halten, bis zu Abſchluß des Friedens. Glücklicher Weiſe aber war das Boot des Baſilisk hier an Land — ſein Officier iſt von mir in Kenntniß geſetzt und liegt am Ufer, dicht hier vor dem Haus, Dich unter dem Schutz ſeiner Flagge ſicher fortzuführen— aber der Augenblick drängt, Du haſt keine Viertelſtunde mehr zu Deiner Verfügung.“ „Eben ſo raſch entkommſt Du in die Berge, Po⸗ mare“ rief da Tati noch einmal, den letzten Verſuch zu machen, die Königin ihrem Lande zu erhalten— „über die Straße hinüber beginnen die Guiaven, und mein Kopf bürge Dir für Deine Sicherheit.“ Pomare Tane brach in dieſem Augenblick in's Gemach; es war ein junger bildſchöner Mann, wohl ſechs oder acht Jahr jünger als die Königin, aber mit weichen, weibiſchen Zügen, die Oelgetränkten Haare mit Blumen geſchmückt und die Finger mit Ringen beſteckt. Auch ſeine Züge waren jetzt angſt⸗ entſtellt, und die Männer nicht beachtend die im Zimmer ſtanden rief er laut: „Flieh Pomare, flieh— an den Bergen haben die Feranis Soldaten mit geladenen Gewehren ſtehn und das Volk ſchreit, ſie kämen Dich zu fangen und zu binden.“ „Das Boot liegt am Strand, in fünf Minuten biſt Du frei,“ drängte da Mr. Rowe. „Tati, Du wirſt Dich an die Spitze meiner Krieger ſtellen“ bat Pomare—„der Allmächtige wird Dir ſeinen Schutz verleihen und den Sieg in unſere Hände geben.“ „Verdorren ſoll der Finger der ſich für Deine Sache regt wenn Du ihr ſelbſt den Rücken kehrſt;“ — rief aber der Häuptling trotzig und finſter— „Pomare— hah, was iſt mir der Name? dem Va⸗ terlande hätt' ich mein Blut geweiht, und jeden feindlichen Gedanken, jede Idee von Uneinigkeit draus fern zu halten, ſelbſt Deinem Stamm gehorcht. Du biſt aus edlem Blut entſproſſen und das Land hätte, ſo von jedem Partheienhaß befreit, ſeiner Kö⸗ nigin zugejauchzt und ſich für ſie mit Freuden in den 288 Kampf geworfen— das iſt vorbei, die ſchwarzen Männer haben Dich wieder in ihrer Gewalt und Tati iſt für Dich verloren.“ Noch ſtand Pomare zögernd, da ſchallte ein kurzer Trommelwirbel, eine vorbeiziehende Patrouille vielleicht, an ihr Ohr. „Der Feind!“ rief Pomare Tane, riefen die Miſſionaire—„ſie kommen Dich zu holen.“ „Wo ſind meine Kinder“ flehte die arme Königin jetzt ſelber von der Angſt der Uebrigen eingeſchüchtert —„meine Kinder!“ „Hier im Zimmer bei den Einanas“ beruhigte ſte Mr. Brower— ‚ich ließ ſie ſelber hier zuſammen⸗ kommen, jetzt fort— in wenigen Minuten biſt Du an Bord— ſchon im Boot biſt Du ſicher und un⸗ gefährdet“ und ihre Hand ergreifend, die ſie ihm willig überließ, folgte ſte ihm hinaus. „Meine Kinder“ rief die Königin. „Hier, hier* Ihr Mädchen da raſch mit den Kindern in's Boot das am Strande liegt— fort mit Euch.“ „Aber meine Matten, meine Kleider—“ „Alles wird Dir nachgeſchickt Pomare,“ rief Mr. Rowe raſch—„wir ſelber wollen Dein Eigen⸗ thum ſchützen, das der Ferani nicht wagen darf an⸗ zutaſten.“ 289 7 Pomare, durch das erneute Trommeln nur noch mehr außer Faſſung gebracht, folgte faſt willenlos den Führern, und mit den Kindern voran floh der kleine Zug über den ſchmalen Strand dem zum augenblicklichen Abſtoßen bereiten Engliſchen Boote zu. Eine Franzöſiſche Patrouille kam gerade zufällig am Waſſerrand nieder, aber der Offizier, der auch wahrſcheinlich gar keinen Befehl dazu hatte, hinderte das Einſchiffen der recht gut gekannten Königin nicht, ja es iſt leicht möglich, daß die Franzoſen ſehr zu⸗ frieden damit waren einer unangenehmen Ueberwa⸗ chung Pomares ſolcher Art vollkommen überhoben zu ſein. Sie bekamen dadurch viel freiere und un⸗ geſtörtere Hand in der Stadt, und hatten gewiſſer⸗ maßen eine Verantwortlichkeit weniger. Unbeläſtigt erreichte die Königin das Boot, wohin ihr ihr Gemahl mit den Kindern und zweien der Einanas folgte, und während die Brüder Rowe und Brower am Ufer ſtanden und mit einem dankenden Blick nach oben die Rettung Pomares feierten, ſchoß das ſcharfgebaute Boot mit ſeiner koſtbaren Ladung blitzesſchnell dem nahen kleinen Kriegsſchiff*) *) Der„Baſilisk“, nur eine ſogenannte„catch“ von circa 200 Ton's. Gerſtäcker's Tahiti. III. 19 290 zu, wo die ſeltenen Schützlinge von dem Eng⸗ liſchen Capitain auf das Zuvorkommenſte und Freundlichſte empfangen und, ſo gut als der enge Raum des Fahrzeugs es erlaubte, untergebracht wurden. So ruhig ſich aber die Bewohner von Papetee bis jetzt verhalten hatten, und ſo gelaſſen ſie der, vor ihren Augen geſchehenen Occupation zugeſehn, eine Ruhe die nicht einmal durch die Gefangennahme ihres erſten Miſſionairs geſtört werden konnte, ſo heftig erſchütterte dagegen das Gerücht: Pomare hat fliehen müſſen vor den Feranis, jedes Gemüth, und wer nur jetzt irgend glaubte den Zorn der nichts heilig achtenden Fremden auf ein oder die andere Art gereizt zu haben, flüchtete in die Berge, ihrer Rache zu entgehn, und ſich zum Widerſtand zu rüſten. Halb Papetee ſtand einſam und verlaſſen, während die Eroberer, damit gar nicht unzufrieden, Beſitz von den geräumten Häuſern nahmen, und ſie theils zu Kaſernen und Wachen, theils zu eigenen Wohnungen herrichteten, zugleich aber auch mit ver⸗ einten Kräften daran gingen den Wall und Graben um die Stadt zu beenden und mit Kanonen zu be⸗ ſetzen, wie überhaupt Alles zu thun, was ſie im Fall eines wirklichen Angriffs gegen eine Ueberzahl der Feinde ſchützen konnte. 291 Nichtsdeſtoweniger blieb die Stadt ruhig— kein wirklicher Ueberfall geſchah, ja die einzelnen Fran⸗ zoſen die ſich hie und da noch immer ſorglos zwi⸗ ſchen den Eingeborenen herumtrieben, wurden nicht beläſtigt noch beleidigt, wenn ihnen auch die finſteren Blicke der Männer deutlich genug verriethen, wie gern ſie hier geſehn wurden. 19* Capitel 9. Der erſte Kampf. Die Kunde von den neuen Gewaltthätigkeiten der Franzoſen lief aber auch, wenn es ſelbſt die Be⸗ wohner von Papetee noch nicht zu einem Ausbruch trieb, mit fabelhafter Schnelle über die ganze Inſel, und das Volk fing jetzt zum erſten Mal an einzuſehn, was die Entfernung ſeiner Flagge eigent⸗ lich bedeutet, was der Ferani beabſichtigte, als er das Bündniß mit den Häuptlingen ſchloß, und ſeine Prieſter ihnen herüberbrachte. Dumpfe Geruüchte folgten dem zu gleicher Zeit, daß die Feinde ſich aller ihrer Häuptlinge bemächtigen wollten, die nach dem Lande der Ferani's geſchafft werden ſollten, und wenn das Volk bis jetzt noch nicht daran gedacht 293 hatte zu rüſten, begann es jetzt. Waffen tauchten überall auf, Munition wurde vorgeſucht, der Ge⸗ brauch der Muskete von den einzeln zwiſchen ihnen zerſtreuten Europäern gelernt und geübt, und ein Eifer zeigte ſich plötzlich in der Bevölkerung, eine Regſamkeit, die einen ernſten Widerſtand, ſelbſt unter den Kanonen des Feindes, keineswegs als eine Un⸗ möglichkeit erſcheinen ließ. Nur an einem wirklich thätigen Grund zum Beginn fehlte es noch, einem erſten Ausſchlagen irgend einer Parthei; das Ge⸗ ſchütz war geladen, es bedurfte nur noch der Lunte es zu entzünden, und wie ſich die Völker jetzt ent⸗ gegenſtanden, konnte das nicht lange auf ſich warten laſſen. Es war an einem Sonnabend(wie bekannt der frühere Sabbath der Bewohner von Tahiti) Nach⸗ mittag— und Bruder Dennis hatte an dieſem Tage Gottesdienſt auf der Halbinſel Tairabu gehalten. Die Bewohner dieſes freundlichen Diſtrikts lebten allerdings zu entfernt von dem Schauplatz wirklicher Feindſeligkeiten, ihr ruhig patriarchaliſches Leben ſchon aufgegeben und zu den Waffen gegriffen zu haben, zu nahe aber auch ſie gleichgültig an ſich haben vor⸗ übergehn zu laſſen, und wenn auch äußerlich noch Nichts den Geiſt verrieth, der in den Bewohnern an⸗ fing ſich zu regen, waren unter der Hand die 294 Rüſtungen mit vielleicht nicht weniger Eifer betrieben worden, als in der unmittelbaren Nähe Papetee's. Schon während der Predigt ſelbſt war an die⸗ ſem Tag ein fremdes Franzöſiſches Kriegsſchiff, die jetzt dort an der Küſte täglich auf⸗ und abkreuzten, in ihren Hafen eingelaufen, und hatte die Sabbath⸗ feier dadurch weſentlich geſtört und die Aufmerkſamkeit der Gemeinde natürlich von dem Geiſtlichen ab, dem viel intereſſanteren Schiffe zugewandt. Harte Worte waren es denn auch geweſen die der fromme Mann gegen die„Papiſten und Sabbathſchänder“ ſprach, die Herzen ſeiner Zuhörer mehr noch mit Zorn und Entrüſtung füllend. Nichtsdeſtoweniger blieben die gelandeten Boots⸗ mannſchaften, die ſich ziemlich ſorglos zwiſchen die. Gruppen am Ufer miſchten, unbeläſtigt, und wenn ihnen die Eingebornen wohl auch oft finſtre Blicke zuwarfen, und die Mädchen beſonders, die ſie nach altgewohnter Weiſe anfaſſen und mit ihnen ſcherzen wollten, zornig den Rücken drehten und mit verächt⸗ lichem Ruf die Lenden ſchlugen, geſchah Nichts was die Freiheit ihrer Bewegungen, ja durch den Wider⸗ ſtand der Schönen zuletzt gereizt, ſelbſt ihrem Ueber⸗ muth, hätte irgend eine Grenze geſteckt. Die Trupps der Soldaten und Matroſen be⸗ gnügten ſich übrigens damit am Ufer, oder in der 295 Nähe deſſelben umherzuſchwärmen; nur ein einzelnes kleines Piquet, von etwa zehn Mann marſchirte, als der Gottesdienſt ſchon lange vorüber war und ſich die einzelnen Familien in ihre Wohnungen zurück⸗ gezogen hatten, einer Patrouille gleich, aber nur theilweis bewaffnet, durch den kleinen Ort durch und an dem nächſten Hügelhang hinauf, wo nur einzelne Häuſer zerſtreut unter vorhängenden Palmen lagen, und der ſchmale Pfad ſich zwiſchen fruchtbaren Gärten und kleinen Guiavendickichten hinaufzog. Vor dem erſten dieſer Häuſer ſaß eine kleine Gruppe ſorgloſer fröhlicher Indianer lachend und ſingend auf einem offenen von hohen Brodfrucht⸗ bäumen und Palmen dicht beſchatteten Platz, die Frauen als am Sabbath mit keiner Arbeit beſchäftigt, hie und da eine ſogar auf ihre Matte ausgeſtreckt und auf den zuſammengefalteten Armen liegend, um in einer großen aufgeſchlagenen Tahitiſchen Bibel zu buchſtabiren, während die Männer untereinander plauderten und erzählten, oder auch wohl zu Vie⸗ ren oder Fünfen kurze Verſe einzelner Hymnen mit vollkommen richtiger Eintheilung der Stimmen ſangen. Ein Zuſchauer hätte hier nie geahnt daß ſich dies muntere, glückliche, ſorgloſe Volk am Vorabend eines Krieges befände, und den Feind unter ſich wußte, der es ſchon geärgert und gereizt, und jeden Augenblick weiter gehn und zum Angriff ſchreiten konnte. Zwiſchen den Frauen waren drei reizende junge Mädchen, zwei von Tairabu, und eine, ein Gaſt in ihrer Mitte von Papetee, und auf feingeflochtene reinliche Matten gelehnt, ihre Hände in denen der beiden Jungfrauen, die ſich lächelnd zu ihr hinüber⸗ neigten, erzählte die Fremde den Freundinnen von der Stadt an der andern Seite der Inſel, von den frechen Wi Wis die ihre Waffen und Kanonen an Land geſchafft, und die Herren ſein wollten der ganzen Inſel, aber mehr noch von ihren komiſchen Sitten und Gebräuchen, von ihren großen Bärten und heißen Kleidern, von der wunderlichen Sprache — wie oft und ſchnell hintereinander ſie das Wi Wi ſprächen, das ihnen den Namen gegeben, und wie ſie — fuhr die Jungfrau leiſe und ſchüchtern fort, den Mädchen nachſtellten und ihnen ſtets von ewiger Liebe ſprächen, und ſie dann wieder verließen wo ſie ein anderes junges Geſicht geſehn. Es war ein liebliches zauberſchönes Bild, dieſe drei jungen Kinder der Inſel mit den blitzenden ſpre⸗ chenden Augen und üppigen Formen, denen die Bronzefarbe der Haut nur womöglich einen noch höheren Reiz verlieh. Und dicht hinter ihnen ſaß ein alter Mann, in ſeinen Tapamantel eingeſchlagen, und an den Stamm an einer hochwüchſigen mit goldgelben Früchten dicht umſchloſſenen Papaya ge⸗ lehnt, finſter vor ſich niederbrütend, und doch dabei dem Schwatzen des holden Mädchens lauſchend. Es war der alte trotzige Häuptling Fanue, dem das heiße Blut die Zornesader an der Stirn hoch auf⸗ ſchwellte, als er den Uebermuth der frechen Fremden von roſigen Lippen lachend beſtätigt hörte, und der die Fauſt feſt unter dem Mantel ballte wenn er daran dachte, wie ſie die Schmach ſchon ſo lange ertragen, und immer und immer noch nicht losgeſchlagen hätten in das Herz des Feindes hinein. Lautes Geräuſch, Rufen und Lachen, fremde Stimmen und Worte tönten zu ihnen von unten herauf, und ein junger Burſch kam geſprungen der die Nachricht brachte, die gelandeten Wi Wis ſtiegen auch jetzt, die Mädchen neckend und die Männer är⸗ gernd, bis zu ihnen herauf. „Die Wi Wis“— die Mädchen drängten ſich neugierig vor, ob ſie nicht irgend wo auf dem freien Pfad eine der feindlichen wunderlichen Geſtalten er⸗ kennen könnten, ſchüchtern aber dabei und bereit zu augenblicklicher Flucht, wenn das wirklich der Fall geweſen wäre. Trommeln wirbelten indeſſen unten im Thal, aber nicht der bekannte fröhliche Laut zum jubelnden Tanz, ſondern in kurz abgebrochenem 29 ſchroffen Takt, und Hörner und Trompeten klangen herauf die von der munteren Soldateska mit herüber genommen waren die Herzen der Hörer zu gewinnen. Feſter Tritt und lautes Lachen ſchallte da näher und deutlicher zu ihnen herüber, und unten am Hang, in den Gärten ſchon wo die Reihen ſorgfältig ge⸗ pflanzter Bananen und ſüßer Kartoffeln ſtanden, wurden die bunten Uniformen der Fremden ſichtbar, die an den Fruchtbäumen, wenig ſich um den Eigen⸗ thümer kümmernd, herumgingen, reife Früchte zu ſuchen und zu pflücken. Die Mädchen welche aufgeſprungen waren und raſch mit einander geflüſtert hatten, wollten fliehen, aber Fanue's finſtres Wort hielt ſte zurück. Was hatten ſie zu fürchten an ſeiner Hütte? glaubten ſie daß der Fremde es wagen dürfe, einen der Seinen ungeſtraft zu beleidigen? Die Mädchen ſchämten ſich ihrer Furcht und nahmen ihren alten Sitz auf der Matte ein, nur die Fremde wollte nicht bei ihnen bleiben, und ſie faßten ſie endlich halb mit Bitten halb mit Gewalt an ihrem Kleid, und zogen ſie wieder zu ſich nieder. Es war ihnen ſelber ſo ſchon nicht recht daß ſie dableiben mußten, und nun wollte das Mädchen von Papetee ſie auch noch dazu allein laſſen— das ging unter keiner Bedingung an. Die Franzoſen, von denen einige mit ihren 299 Seitengewehren bewaffnet waren, drei oder vier ſogar ihre ſchweren Musketen trugen, andere jedoch in die leichte Tracht der Europäer auf den Inſeln, weite Hoſen und Jacken und breiträndigen Strohhut ge⸗ kleidet gingen, kamen indeß näher und näher nnd ſteuerten, als ſie die bunten Kleider der Mädchen vor dem Haus erkannten, gerade auf die kleine hier befindliche Gruppe zu. Die Männer oben hörten dabei auf zu ſingen, und blickten finſter auf die ungebetenen Gäſte, die hier die Heiligkeit des Sabbath ſowohl wie des eigenen Hauſes ſtörten, und die Mädchen rückten enger zuſammen, und flüſterten ängſtlich miteinander, denn die Feranis kamen gerade auf ſie zu, und blieben lachend und plaudernd vor ihnen ſtehen. Sie wagten nicht einmal zu ihnen anfzuſchaun. Nur der alte Fanue verharrte, die Arme feſt auf der Bruſt ge⸗ kreuzt, in ſeiner Stellung, und ſah die Fremden ernſt und fragend an.. „Hallo Waihine's!“ rief da der Eine der Fran⸗ zoſen in ihrer Sprache—„auf mit den Köpfchen, was haltet Ihr das Kinn auf der Bruſt und das Näschen im Schultertuch— aufgeſchaut Dirnen und laßt ein vernünftig Wort mit Euch reden.— Vor Allem ſollt Ihr mir eine Frage beantworten, und ich weiß Ihr könnt, wenn Ihr wollt.“ 300 Die beiden Töchter Fanue's wandten ihr Antlitz trotzig ab, und nur die Fremde ſenkte ihr Köpfchen tiefer und tiefer, und glühendes Roth ſchoß ihr über Wange und Stirn und färbte ihr den Nacken ſelbſt bis unter das Oberkleid. Der alte Fanue aber, die Verlegenheit der Mädchen bemerkend und kaum noch im Stand den Zorn zurückzuzwingen der in ihm kochte und gährte, ſagte finſter, die Feinde ſeines Vaterlandes mit den Augen meſſend: „Und was habt Ihr für Fragen zu ſtellen und zu einem Haus zu kommen, zu dem man Euch nicht das hare mai gerufen hat?— fort mit Euch wohin Ihr gehört auf Euere Schiffe, und mit denen weiter über das blaue Waſſer nach den Lee⸗Inſeln; unſere Augen ſchmerzen von Euerem Anblick.“ „Dir wird bald noch etwas anderes ſchmerzen, alter Burſche, wenn Du ſo unverſchämte Reden führſt!“ rief Einer der Bewaffneten drohend;„übri⸗ gens hat kein Menſch mit Dir geſprochen, ſondern mit den Dirnen hier, ſo warte hübſch bis Du ge⸗ fragt wirſt— hallo hier Waihine, gieb Antwort mein Kind, und vor allen Dingen mir einen Kuß“ und ſich niederbeugend zu ihr, legte er ſeinen rechten Arm um ihren ſchlanken zitternden Körper, während ſie ſich ihm mit lautem ängſtlichem Ruf zu entziehen ſuchte. 301 Der alte Fanue ſprang in grimmer Wuth empor, zu gleicher Zeit hatte aber auch Einer der Franzoſen das Mädchen von Papetee erkannt, und den Arm nach ihr ausſtreckend rief er in freudigem Staunen: „Nahuihua— bei Allem was da lebt— die Perle die ich ſuchte; da biſt Du ja, Mädchen!“ „Zurück— Le⸗-fe-ve“— rief aber die Schöne mit zornfunkelnden Augen—„zurück falſcher Wi-Wi — todtmüde auf der Matte liegt drin im Haus Aumama— und ſie hat den Fluch über Dich ge⸗ ſprochen.“ „Aumama?“ rief Lefévre etwas beſtürzt,„ſie iſt hier?“ jede weitere Unterhandlung wurde aber raſch und plötzlich durch den greiſen Häuptling ſelber ab⸗ geſchnitten, der mit zornfunkelnden Augen zwiſchen die Fremden ſprang und Lefévre, denn dieſer war es wirklich, an der Schulter faßte und zurückſchleuderte von dem Mädchen. Er hatte den Namen gehört und dachte in dem Augenblick nicht an die Folgen.“ „Fort mit Dir!“ ſchrie er und ſein Auge blitzte —„fort mit Dir falſcher Wi ⸗Wi, oder dieſe Hand greift noch einmal nach der Kriegskeule und dem Speer, nach dem es mich lange und lange gejuckt hat; fort mit Dir, meineidiger feiger Huapareva*) *⁵) Das Ei des Vogels Pareva das oft in der See, auf 302 oder Du ſollſt den Tag verfluchen der Dich zu un⸗ ſerem Leid an dieſe Küſte gebracht!“ „Teufel!“ ſchrie aber Lefévre in toller Wuth, der von der kräftigen Hand des Alten ſeitab geſchleudert wirklich Augenblicke brauchte ſich im Gleichgewicht zu halten daß er nicht zu Boden fiel—„Teufel!“ und ſich in wildem Grimm auf ihn werfend, wollte er einen Schlag nach ihm führen, aber der Alte kam ihm zuvor, warf ſeinen Arm zur Seite und traf ihn mit kräftiger Fauſt dermaßen gegen die Stirn, daß er betäubt einen Schritt zurücktaumelte. „Rebellion!“ ſchrie da Einer der Bewaffneten, und den Hahn ſpannend und die Flinte empor⸗ reißend, ſchlug er auf den ihm trotzig gegenüber⸗ ſtehenden Häuptling an und feuerte. Die Kugel wäre dem alten Mann auf die kurze Entfernung auch jedenfalls verderblich geweſen, hätte nicht Na- huihua, während die beiden anderen Mädchen flüch⸗ teten, ſelber den Lauf des Gewehres gerade noch zur rechten Zeit emporgeſchlagen, das tödtliche Blei durch das Dach des Hauſes zu ſenden. Jetzt aber ſprangen auch die andern Männer altem Schilf ſchwimmend gefunden wird, und womit die Inſulaner Perſonen von unbekannter dunkler Herkunft ver⸗ gleichen. 3* 303 empor, an dem beginnenden und in der That nicht mehr zu vermeidenden Kampfe Theil zu nehmen; Lefévre nur, der ſich raſch von dem Schlag erholte, kümmerte ſich nicht weiter um den Alten, auf den ſich ſchon zwei der Soldaten geworfen hatten, ihn nieder zu reißen und als Gefangenen mitzu⸗ nehmen, ſondern ſprang mit einem Satz auf die zuſammenſchreckende Maid, die in Todesangſt der Schweſter Namen rief, faßte ſie mit unwiderſtehlicher Gewalt in ſeine Arme, hob ſie, trotz allem Sträuben und Wehren vom Boden auf, und floh mit ihr den Pfad hinunter, den Strand und mit ihm ſein Boot zu erreichen, und ſeine Beute in Sicherheit zu bringen. Mehre Schüſſe wurden indeſſen oben gefeuert und unter dem Zeterſchrei der Frauen ſtürzten zwei der Inſulaner, der Eine ſchwer verwundet, der Andere todt, zur Erde nieder. Auf der Schwelle der Hütte aber erſchien, gleich nach dem erſten Schuß, eine andere Frau, ein junges ſchönes Weib, die Haare aber wild und ungeordnet um Stirn und Schläfe hängend, das Schultertuch ſelbſt gelöſt und nur von der linken Hand zuſammengehalten, wild und ver⸗ ſtört wie ſie aufgeſprungen aus feſtem Schlaf nach langer Wanderuug und Ermattung. Aber nur einen Blick warf ſie auf die Kämpfenden, ihr Auge ſuchte ein anderes Ziel, und mit der Schweſter Hülfeſchrei erkannte ſie kaum die Geſtalt, in deren Arm ſie ſich ſträubte, als ſie auch, alles Andere um ſich her ver⸗ geſſend, vorſprang ſie zu retten— ſich ſelber zu rächen. Dicht vor ihr rang Einer der Soldaten mit einem Inſulaner, und der Indianer hatte deſſen Ge⸗ wehr gepackt, das er ihm zu entwinden ſuchte, ſein kurzer Degen aber hing in der Scheide, ihrem Griff frei, und mit Gedankenſchnelle die Waffe an ſich reißend, floh ſie den Hang nieder. Das Schultertuch flog ihr von den Achſeln, die Haare flatterten wild hinterdrein, aber was achtete das die Raſende— wie eine zürnende Göttin ihres Waldes, und ſo ſchön wie zornig, flog ſie dahin, die Füße kaum den Boden berührend, und ehe noch der Räuber den Waldrand erreicht war ſie dicht hinter ihm. „Le-fe-ve!“ hauchte ſie, und kaum brachte ſie das Wort über die Lippen, aber der Fliehende hörte es und es traf ihn wie ein Stoß in's Herz— „Le-fe-ve!“ und er wandte den Kopf, ließ aber auch in dem nämlichen Moment die Gefangene frei, die ihm unter den Händen fort und in die Büſche glitt, während das zürnende Weib mit geſchwungener Wehr gegen den erſchreclt Zurück⸗ fahrenden anſprang. 305 „Dieb!“ ſchrie ſie mit heiſerer faſt erſtickter Stimme,„falſcher ſchurkiſcher Dieb!“ und wäre die ſchwache Hand gewohnt geweſen eine Waffe zu führen, der Schlag mit dem ſie nach dem Haupt des Verräthers niederſchmetterte, hätte für dieſen keinen zweiten nöthig gemacht. Selbſt ſo traf er den rechten Arm, den er ſchützend vorgeſtreckt, daß er kraftlos an ſeiner Seite niederfiel, und Lefévre wagte nicht dem zweiten Hieb, wagte nicht länger dem zürnenden Auge der von ihm ſo ſchändlich verrathenen Frau zu trotzen, und floh in feiger Angſt, rückſichtslos wohin die Flucht ihn brachte, in den Wald hinein und den Hang nieder, zum Strand zurück. Von dort aber ſtürmten indeß die Franzoſen gleich nach dem erſten Schuß in wilder Eile bergauf, dem Schauplatz des Kampfes zu, wo ſich indeß die Sachlage weſentlich verändert hatte. „Sind wir Hunde?“ ſchrie der alte Fanue in grimmer Wuth den, ihm zu kurzem, Athem verlan⸗ genden Waffenſtillſtand gegenüberſtehenden Feinden zu—„daß Ihr uns ſo behandelt?— wir waren ein ruhiges Volk, wir wollten Frieden, aber Ihr laßt uns nicht Ruhe, Ihr reizt uns bis in das innerſte Herz hinein, ſo nehmt denn auch die Folgen!“ „Die Beſtie droht noch!“ ſchrie ein Soldat,„ſo, das für Dich, Du rothe Giftkröte!“ und auf ihn Gerſtäcker's Tahiti. III. 20 anſchlagend zielte er ihm auf den Kopf und drückte ab; aber die Kugel ziſchte ihm dicht am Ohr vorbei, das ſie leicht ſtreifte, und ſchlug in den hinter ihm ſtehenden Brodfruchtbaum. In demſelben Augenblick hatte ſich aber auch der alte Häuptling auf ihn ge⸗ worfen, und ein kleines Handbeil hoch geſchwungen in der Hand, traf er damit die Stirn des Unglück⸗ lichen daß er, mit dem Todesröcheln auf den Lippen leblos zuſammenbrach. „Nieder mit den Verräthern!“ ſchrieen die Fran⸗ zoſen,„hierher Kameraden— hierher zu Hülfe!“ und einzelne Schüſſe fielen; aber aus dem benach⸗ barten Orangendickicht, während eine Schaar von franzöſiſchen Soldaten den Pfad heraufſtürmte, brach ein dunkler Haufe von Eingebornen, nicht unbewaff⸗ net, ſondern mit blitzenden bayonnetbewehrten Mus⸗ keten in der Hand, und den Franzoſen gerade gegen⸗ über feuerten ſie mitten hinein in den Schwarm, der ſich alſo überraſcht und beſtürzt in der Flanke ange⸗ griffen ſah. Der gellende Kriegsſchrei tönte zugleich von den Lippen der Inſulaner, und wurde von allen Seiten her beantwortet. Die Franzoſen aber merkten jetzt wohl daß ſie es in kurzer Zeit mit einem, ihnen weit überlegenen Feind würden zu thun bekommen, während ſie ſich hier höchſt leichtſinniger Weiſe zu weit von dem Strand entfernt hatten, und in dem 307 dichten Gebüſch dem ſchlauen Gegner viel eher in die Hand gegeben waren. Feſt deshalb zuſammen⸗ rückend, und jetzt nur auf Vertheidigung bedacht, feuerten ſie ihre Gewehre gegen die Angreifer ab und zogen ſich dann, ihnen die Bayonnette entgegen— geſtreckt und die Unbewaffneten in ihre Mitte neh⸗ mend, den Weg zurück den ſie gekommen. Die Inſulaner aber, voll Grimm und Wuth über das vergoſſene Blut der ihren, und durch den Rückzug des Feindes nur noch mehr ermuthigt, warfen ſich in toller Todesverachtung ihnen entgegen, und manche ſchwere Wunde wurde noch gegeben und empfangen, ehe die Franzoſen den offenen Strand wieder er⸗ reichten. Hier von den ihrigen unterſtützt, wollten ſte einen neuen Angriff machen, theils die Inſulaner zu züch⸗ tigen, theils einzelne ihrer Verwundeten, die ſie hatten nach dem erſten Anprall zurücklaſſen müſſen, zurüͤck zu erobern, und nicht gefangen, wer wußte welchem Schickſal, zu überlaſſen; aber das was ſie fanden war mehr als Widerſtand, es war der endlich losgebrochene Grimm eines mißhandelten Volkes, und mit dem alten Fanue an der Spitze, der ſchon aus vier oder fünf Wunden blutete, warfen ſich die Eingebornen dem viel beſſer bewaffneten Feind mit ſolcher Hartnäckigkeit und Todesverachtung immer 20* 308 auf's Neue entgegen, daß dieſer zuletzt in voller Flucht die Boote ſuchen und nach dem Schiffe zu⸗ rückrudern mußte. Dieſes eröffnete jetzt, da die eigenen Leute den Kugeln nicht mehr im Wege ſtanden, ein unregelmäßiges aber von wenig Erfolg begleitetes Feuer auf die Eingebornen, die ſich dabei wieder in den Wald zurückzogen, und die Corvette, mit keiner Ordre hier einen wirklichen Kampf zu beginnen, der ſogar höchſt unſicher ſchien da die Eingebornen wider alles Erwarten reichlich mit Feuerwaffen verſehen waren, lichtete ihren Anker und ſuchte ſo raſch ſie konnte wieder nach Papetee aufzukreuzen, dorthin die wohl ſchon erwartete, aber jedenfalls höchſt unwillkommene Nachricht von dem Aufſtand der Inſulaner zu bringen. An Todten und Verwundeten hatten ſie bei die⸗ ſem erſten Kampf zwiſchen vierzig und fünfzig ver⸗ loren, von denen ſie nur einen Theil im Stande waren wieder auf ihre Boote in Sicherheit zu brin⸗ gen; faſt alle Todte und viele der Verwundeten blieben in der Gewalt der Feinde. Von Papetee wurde, ſobald die Nachricht dort eintraf, augenblicklich ein Kriegsdampfer, und die Jeanne d'Are mit den nöthigen Marineſoldaten ab⸗ geſchickt, die Inſurgenten zu züchtigen und zu zer⸗ ſtreuen, während die Eingebornen uin Papetee, die 309 noch raſcher durch abgeſchickte Läufer Kunde von dem Beginn der Feindſeligkeiten erhalten, ebenfalls zu den Waffen griffen und ſich in nicht unbeden⸗ tenden Schwärmen in der Nähe der jetzt vollſtändig befeſtigten Stadt, wo man jeden Augenblick einen Angriff erwartete, ſammelten. Die Lage der Fran⸗ zoſen in Papetee wurde dadurch denn auch zu einer keineswegs angenehmen, da die Uranie, wie mehre andere Kriegsſchiffe, den Hafen erſt ganz kürzlich verlaſſen hatte, einen temporären Weſtwind benutzend, die Marqueſas zu erreichen. Die Beſatzung, durch das Auslaufen der übrigen, irgendwo an der Küſte verlangten Fahrzeuge, blieb deshalb faſt allein nur auf ſich ſelber angewieſen, und war ſich der Gefahr in der ſie, einem wirklich ernſten Angriff der Einge⸗ borenen gegenüber, ſchwebte, recht gut bewußt. Cagitel 10. Der Abſchied. Die Lage der Dinge war aber jetzt eine ſo miß⸗ liche geworden, daß Rene ſelber fürchtete außerhalb der Befeſtigungen, und in der That gerade in einem Diſtrikt wohnen zu bleiben, der mitten zwiſchen dem Hauptſitz der Europäer und den Strecken lag, auf denen ſich die Inſulaner ſchon an zu ſammeln und zu verbarrikadiren fingen, und von wo aus ſie auch jedenfalls Streifzüge gegen Papetee ſelber unter⸗ nehmen würden. Welche Parthei nun auch Sieger blieb, die Unannehmlichkeit, ja die Gefahr einer ſolchen Lage blieb dieſelbe. Aber Sadie wollte nicht nach Papetee— Monſieur Belard hatte ihnen ſchon ein kleines Gebäude, das auf ſeinem Grundſtück lag und leer ſtand, anbieten laſſen; der Gedanke aber was ſie dort geſehn, die Angſt ſelber dann vielleicht gezwungen zu ſein länger zwiſchen den Fremden wohnen zu bleiben, und wieder in einen Umgang ge⸗ zogen zu werden, deſſen Gefahren ihr Herz mit einer ihr ſelber unbegreiflichen Furcht erfüllten, trieben ſie zu wirklich entſchloſſener Weigerung, und ſie fand einen Bundesgenoſſen der ſie darin unterſtützte in dem ehrwürdigen Mr. Nelſon. Dieſer war längere Zeit unten in Papara ge⸗ weſen, und ganz kürzlich erſt wieder von da nach Papetee zurückberufen, eine andere noch nicht feſt beſtimmte Station auszufüllen. Sadie hatte dem würdigen Mann ihr ganzes Herz ausgeſchüttet, Alles geklagt was ihr fehle, Alles geſtanden was ſie bei einem längeren Aufenthalt unter den Fremden fürchte, und in dem Geſtändniß, während ſie ſprach, und Worte fand für das, was ihr bis dahin ſtill und ſchwer im Herzen gelegen und ihr ſo weh ge— than, war es auch faſt als ob ſich Manches, was ihr bis dahin ſelber noch nicht klar geweſen und ihr mit finſterer unbegriffener Ahnung die Bruſt erfüllte, von ſelber löſe und zu feſter Form geſtalte. Sie öffnete dem alten ehrwürdigen Mann ihr ganzes Herz, und erfuhr dabei erſt ſelber wie dunkel doch die Welt jetzt um ſie lag, und wie ſie nur in der 312 That noch durch eine Flucht nach Atiu dem Allen wieder entgehen, und glücklich werden könne. Rensé liebte ſte noch wie in früherer Zeit, ſein Herz war gut und brav und edler Regung, Handlung raſch geöffnet,— nur der Verführung mußte er hier ent⸗ zogen ſein— nur erſt wieder vergeſſen was er Alles aufgegeben für ſie, dann wurde auch Alles wieder gut wie in früherer Zeit, und der Himmel wieder blau, der jetzt wohl recht lange trüb geweſen— recht trüb und traurig. Ein erſter Sonnenblick in dieſes Dunkel war die Berufung des alten wackeren Miſſionairs Nelſon nach Atiu, die er, wie er Sadie verſicherte, der freundlichen Verwendung des Mr. Rowe, der über⸗ haupt jetzt Einer der leitenden Miſſionaire geworden war, zu danken hatte. Ein Engliſcher Walffiſch⸗ fänger, der hier vor einigen Tagen erſt eingelaufen Erfriſchungen einzunehmen, hatte ſich dabei, von den Geiſtlichen der Inſeln aufgefordert, erboten, den Miſſionair mit ſeinen Habſeligkeiten an den neuen Ort ſeiner Beſtimmung zu ſchaffen, und Mr. Nelſon kam jetzt Sadie und René den Vorſchlag zu machen, ihre Sachen und Mobilien einzupacken, und Sadie mit dem Kinde ihm anzuvertrauen. Er hatte ſchon die Verſicherung erhalten daß man Bruder Ezra er⸗ lauben würde ihn zu begleiten, und zweifelte ſogar 313 nicht daran, auch vielleicht René ſeines Worts entbunden zu ſehn, der dann gleich Schiffsgelegen⸗ heit wie Alles geordnet hatte, ſeine längſt beſpro⸗ chene Ueberſiedelung auszuführen. Günſtigeren Zeit⸗ punkt dazu gab es nicht für ihn, und verzögerte ſich ſelbſt jetzt noch, durch Franzöſiſche Weitläufigkeit aufgehalten, ſeine Abreiſe, ſo wußte er nicht allein, wenn der Kampf hier wirklich losbrach, Weib und Kind in Sicherheit, ſondern er ſelber war auch durch Nichts mehr behindert, frank und frei nachzukom⸗ men ſobald er ſich nur ſelber dieſer troſtloſen Unter⸗ ſuchung entzogen. Sadie erſchrak anfänglich bei dem Gedanken ſich von René, und wenn auch nur auf kurze Zeit, zu trennen, ſo ſehr ihr auch das Herz freudig pochte in wenigen Tagen vielleicht ihr liebes Atiu dann wieder zu ſehn. Sollte— durfte ſie den Gatten hier allein zurücklaſſen, wo ihm vielleicht noch Gefahr für ſeine Freiheit, und wie ſich der Kampf geſtaltete, für ſein Leben drohte? Und allein nach Atiu zu⸗ rückzukehren?— ſie hatte ſich das ſo ganz anders gedacht— ſo lieb und glücklich ſich das ausgemalt wenn ſie, an die Bruſt des Gatten geſchmiegt, ihr Kind am Herzen, von fern die erſten Kuppen der lieben Inſel wieder erſchauen würde— wenn die Thäler und Hänge dem Meer entſtiegen— rechts 314 und links das niedere Palmenbewachſene Land aus⸗ träte von den Gebirgen, und höher und deutlicher würde, und ſie ſich dann jeden felſigen Vorſprung zeigen konnten, jedes Thal, jede Schlucht und zuletzt — Ach ſie ſeufzte recht ſchwer und ſchmerzlich auf wenn ſie daran dachte, daß ſie das Alles jetzt allein nur ſchauen ſollte, wo die Freude über den Anblick doch das Bewußtſein halb ertödten müßte— er, durch den Dir die Plätze und Thäler ja ſo lieb ge⸗ weſen, er der Dir dies Land ja erſt zum Paradies geſchaffen, iſt nicht bei Dir, und wenn er kommt, muß er das Alles auch allein nur wiederſehn, und hat ſeine Sadie, hat ſein Weib und Kind nicht bei ſich, dem ſeligen Gefühle Wort und Laut zu geben. Ging ſie aber jetzt nach Atiu, ſo bot ihr das auch einen Ausweg nicht hinein in die Stadt, nicht nach Papetee zu ziehn, fort fort zu dürfen aus der Nähe der Menſchen, die ſie nicht verſtanden, die zu ihr niederblickten, mit ihrer Haut und Bildung, die ihr nie das Bedürfniß ſtillen konnten und— mochten, ein Herz zu finden dem ſie ſich anſchlöſſe, eine Bruſt in die ſie ausſchütten konnte was ſie quäle, der ſie zujubeln durfte was ſie freue. Renè ſträubte ſich Anfangs ebenfalls gegen den Gedanken Frau und Kind vorausziehn zu laſſen, ſo lieb es ihm auch ſonſt war, ſie jeder hier auf⸗ ſͤſͤſͤſͤſͤſͤn ſteigenden Gefahr enthoben zu ſehn; er wußte aber auch recht gut, wie ſchwer es in jetziger Zeit ſei eine ſo günſtige Gelegenheit zu finden auf einem großen ſicheren Schiff die Seinen an den Ort ihrer Beſtimmung zu ſchaffen, und nur einen letzten Ver⸗ ſuch wollte er machen, von dem jetzigen Gouverneur die Erlaubniß zu erhalten die Frau begleiten zu dürfen. Trotz einer unausgeſetzten Unterſuchung jenes Falles, bei dem ſich die Franzöſiſchen Behörden ganz beſonders ſolche Mühe gaben, irgend etwas Gravi⸗ rendes gegen die Proteſtantiſchen Geiſtlichen oder die auf der Inſel überhaupt wohnenden Engländer zu finden, hatte ſich nicht das Geringſte herausgeſtellt, was auch nur den Schatten eines Verdachts auf ſeine Betheiligung werfen konnte; ausgenommen vielleicht daß ſein Ueberfall an dem Abend, René wußte ſelber nicht wie, bekannt geworden, und man ihm das gewiſſermaßen zum Vorwurf machte, es gegen die ſeine Unterſuchung leitende Behörde ver⸗ ſchwiegen zu haben. Anderſeits ſprach das aber wieder um ſo mehr für ſeine Unſchuld, von dem be⸗ abſichtigten Verbrechen, verbotene Waffen auf die Inſel zu führen, Nichts gewußt zu haben; was hätte den Inſulanern ſonſt an ſeiner Perſon gelegen. Die Sache ſchien überhaupt keinen Erfolg zu verſprechen und man wurde ihrer müde. Bruder Ezra hatte dabei wirklich die Erlaubniß erhalten nach Atiu zurückzukehren, mit der Bedingung jedoch, gleich aus dem Gefängniß an Bord geſchafft zu werden, und mit weiter Niemandem an Land auch nur den geringſten Verkehr zu haben. René ging denn auch ohne Weiteres zur Woh⸗ nung des Gouverneurs, dieſem die Sache noch ein⸗ mal, wie ſeine ganzen Verhältniſſe vorzutragen, und ihn zu bitten ihn ſeines Worts zu entbinden. Sei denn ſpäter ſeine Gegenwart wirklich noch einmal nöthig, was aber jetzt ſehr zu bezweifeln ſtand, ſo lag ja Atiu auch nicht aus der Welt, und er wäre jeden Augenblick bereit geweſen ſich zu ſtellen. Aber auch hier ſollte er ſich wieder in ſeiner Hoffnung getäuſcht ſehen; Gouverneur Bruat war gar nicht in Papetee, ſondern mit einer Dampf⸗ Fregatte ſelber hinunter nach Tairabu gegangen, von wo der, im Bureau befindliche Secretair glaubte, daß der Oberbefehlshaber der Inſeln wahrſcheinlich eine Rundreiſe nach der benachbarten Gruppe hinüber⸗ machen wollte, da beſonders von Huaheina und Bola Bola ebenfalls bedenkliche Nachrichten über den Zuſtand der dortigen Verhältniſſe eingelaufen waren. Der Secretair konnte natürlich Nichts in der Sache beſchließen, die nur der Gouverneur zu erledigen vermochte, und er bat den jungen Mann nur noch 317 höchſtens zehn oder zwölf im allerlängſten Fall vier⸗ zehn Tage zu warten, wo Monſ. Bruat unter jeder Bedingung zurück ſein müßte, und dann der Ent⸗ bindung von ſeinem Wort auch ſicher nichts weiter im Wege ſtände, da er ihm die Beruhigung aller⸗ dings geben könne, daß ſich der Gouverneur ſelber dahin geäußert habe die Unterſuchung als troſtlos fallen zu laſſen. Nur einen definitiven Beſchluß ver⸗ mochte er ſelber nicht zu geben. Das ſchlug zwar alle ſeine Hoffnungen zu Boden mit dem, ſchon am nächſten Moͤrgen zum Auslaufen beſtimmten Wallfiſchfänger in See gehn zu können, beruhigte ihn doch aber auch ſo weit, daß ſeinem raſchen Nachfolgen nichts mehr im Wege ſtehn würde. Ohne Weiteres beſchloß er nun aber auch in die Abreiſe ſeiner Frau und ſeines Kindes mit dem be⸗ quemen Wallfiſchfänger, deſſen Capitain er gleich ſelber aufſuchte, zu willigen, beſprach mit dieſem das an Bordſchaffen der verſchiedenen Güter, das am nächſten Morgen mit Tagesanbruch durch die vier Wallfiſchboote des Schiffes ſelber geſchehen ſollte, wie denn Mr. Nelſons Effecten ſchon eingenommen waren, und ſchritt nun langſam nach Hauſe zurück, die letzte Nacht unter dem Dache an Mativaibai, wo er ſo manche frohe und glückliche Stunde verlebt, mit ſeiner Sadie zuzubringen. 318 Die letzte Nacht— es liegt ein eigener, weh⸗ müthiger Zauber in dem Wort, wenn wir einen lang bewohnten, wohl gar lieb gewonnenen Platz ver⸗ laſſen ſollen; trifft uns ja doch ſchon die Bedeutung des Worts bei ſelbſt gleichgültigen Stellen, bei einem Ort vielleicht, aus dem wir uns fortgeſehnt haben mit aller Kraft unſerer Seele. Wir drängten und trieben, bis wir das Ziel erreicht, bis wir das Haus, den Platz zuletzt verlaſſen konnten, wo uns der Bo⸗ den vielleicht ſchon Monate lang unter den Füßen gebrannt, und wenn wir fort dürfen, wenn die Welt frei und offen vor uns liegt, und die Schran⸗ ken fielen, die uns bis dahin hielten, dann faßt uns ein eigenes, unerklärbares, unbegreifliches Gefühl voon Weh und Reue faſt die Bruſt— wir ſtehn und zoͤgern, wenden uns zum Gehn, und der Fuß iſt ſchwer geworden, der uns in Gedanken ſchon oft im Fluge weiter trug. Und frägſt Du Dich warum? — zum letzten Male bewohn ich dieſen Platz, ſagſt Du Dir leiſe— zum letzten Mal betret ich ihn viel⸗ leicht— dazwiſchen liegt die Ewigkeit, und der Ge⸗ danke an jenes unbeſtimmte Sein, dem wir mit die⸗ ſem neuen Schritt ſchon wieder ſo viel mehr entgegen gehn, klopft und regt ſich Dir in der Tiefe des Her⸗ zens, und mahnt und warnt, und Dein Zögern iſt nicht mehr die Anhänglichkeit an den vielleicht ver⸗ haßten Platz— es iſt die Furcht, die kaum gefühlte Scheu der Zukunft gegenüber. Und wie viel ſtärker muß das Gefühl da ſein, wo ſich das Herz noch mit allen Faſern an die Erin⸗ nerung lieber Plätze klammert, und nicht loslaſſen will und mag, der erſten Forderung; was uns da fern liegt ſtößt uns noch zurück, und das Gewohnte, dem ſich das Herz ja ſo gern zu eigen giebt, wahrt und behauptet ſeinen alten Raum. In ernſtem Schweigen blieb René ſtehn, als er den freien offenen Platz erreicht, von dem aus er die kleine friedliche Heimath, die er ſeit Jahren nun ſein eigen genannt, überſchauen konnte, und trübe ſchmerz⸗ liche Gedanken waren es, die ihm das Hirn durch⸗ zuckten. Manches Andere geſellte ſich noch dazu— er war gealtert ſeit er ſich einſt hier angebaut, geal⸗ tert an Leib und Seele— und mehr noch an Seele wie an Leib. Und hatte ſich Alles das erfüllt was er hier einſt gehofft?— war das Wahrheit gewor⸗ den, was ihm die Phantaſie in ſeinem leichten Herz da vorgemalt mit bunten blitzenden, ſchimmernden Farben? bot ihm die Zukunft noch, was ſie ihm einſt in ſchöner Zeit verſprochen?— doch fort, fort mit den Gedanken, die ihm die dunklen Zweifel durch die Seele jagten, fort— ſein Leben lag vorgezeichnet mit klarer Schrift— für ihn gab es kein Abweichen von der geraden Bahn; weshalb das Herz da noch mishandeln erſt und quälen. Und als er noch ſo da ſtand und, erſt die düſte⸗ ren Geiſter gebannt, aus dem Schatz ſeiner Erin⸗ nerungen all die lieben ſeligen Bilder herauf beſchwor; das Glück in dem er geſchwelgt, den ſüßen Frieden den er hier gefunden, als ihn die ganze Welt zurück geſtoßen und das Herz verſchmäht das er ihr bot, da ſchoß das Blut ihm wieder auf in Wange und Stirn. Seine Augen belebten ſich, ſeine Bruſt hob ſich höher, freier— ſeine Lippen lächelten und jetzt?— der laute fröhliche Jubelruf des glücklichen ſpielenden Kindes traf ſein Ohr; dort in die Winden umrankte Thür des freundlichen Häuschens trat ſein Weib, das herzige Mädchen auf dem Arm, auszuſchaun nach dem ſo lange bleibenden böſen Vater, und mit einem Satz war er drüben, über der Einfriedigung, hatte ſein treues Weib umfaßt und an ſein Herz ge⸗ drückt, das ſich an ihn ſchmiegende Kind auf dem Arm, und die Stunden verflogen dem Glücklichen wie in alter Zeit. Jetzt erzählte René auch der, darüber faſt wieder traurig werdenden Frau, von der Verabredung die er mit dem Capitain getroffen, und wie der Gouverneur den lächerlichen Proceß wolle fallen laſſen, wegen dem Mord der Schildwacht, bei dem er ja doch —— —— ——— —— 321 wahrlich nicht betheiligt geweſen, ſo daß er nun gleich nachfolgen könne, ſobald Jener zurückgekehrt— und lange durfte er ja gar nicht wegbleiben, wie jetzt die Sachen ſtanden, und jeder Tag den Aufſtand bis dicht nach Papetee zu bringen vermochte. So ſollte denn Sadie morgen endlich zurück keh⸗ ren nach ihrem lieben Atiu, und bis ſie dort Alles mit Mr. Nelſons und des kleinen Mitonare Hülfe in Ordnung gebracht, konnte René auch ſchon wieder eine Gelegenheit gefunden haben nachzukommen— die wenigen Tage oder ſelbſt Wochen gingen raſch vorüber. Und Sadie lachte und jubelte, und war wieder ganz das fröhliche heitere Kind der Palmen⸗ inſel, und die Kleine ſchrie und jauchzte vor lauter Luſt, als ſie die Mutter ſo lachen ſah und fröh⸗ lich ſein. Den Abend plauderten ſie noch bis ſpät in die Nacht hinein und am anderen Morgen, als Sadie traurig werden wollte daß es nun bald an den Ab⸗ ſchied ging, hatte ſie ſo viel zu thun, daß ſie gar nicht Zeit bekam daran zu denken, und die Boote wohl eine halbe Stunde liegen und warten mußten bis Alles zuſammengerollt und eingeſchnürt zum nieder⸗ tragen fertig lag. Nur das Nothdürftigſte behielt Rene zurück, jetzt durch ſo wenig als muglich beläſtigt Gerſtäcker's Tahiti. III. 322 zu bleiben, und das Wenige dann mitzubringen, wenn er ſelber käme. Um zehn Uhr, wenn die Landbriſe ordentlich ein⸗ ſetzte, ſollte das Boot wieder da ſein, und Frau und Kind gleich von hier aus, wenn der Wallfiſchfänger in Sicht käme, hinaus in See und an Bord bringen. Eben waren die Boote mit dem Gepäck abgefah⸗ ren und um die nächſte Landſpitze verſchwunden, und René und Sadie ſtanden noch und ſchauten ihnen nach, denn es war faſt als ob ſie ſich ſcheuten nach dem leeren Haus zurück zu gehn, da hörten ſie Schritte hinter ſich und Sadie ſtieß einen leiſen Angſtſchrei aus, während ſich Renés Brauen finſter und drohend zuſammenzogen, als durch den Garten zu ihnen nieder die lange düſtere Geſtalt des Miſſio⸗ nairs Rowe feierlich und ernſt herunter ſchritt, und unbekümmert um den wohl nicht ganz herzlichen Empfang, die beiden jungen Leute mit einem frommen Blick nach oben und vorgeſtreckten, nach unten ge⸗ drehten Händen, wie ſegnend grüßte. Seine Lippen lispelten dazu ein leiſes Gebet, und der tief aus in⸗ nerſter Bruſt geholte Seufzer, der das kaum hörbar geflüſterte Amen begleitete, verrieth das Mitgefühl, das ſein Herz bewegte bei den Leiden derer, die um ihn her ſündigten und litten. „Und welchem glücklichen Zufall habe ich die 22 Ehre dieſes in der That unerwarteten Beſuchs zu danken?“ ſagte Renèé kalt, als der Geiſtliche noch einige Schritte auf ſie zu kam, und dann dicht vor ihnen ſtehen blieb, ohne jedoch irgend ein Wort als ſonſtigen Gruß oder Anrede zu ſagen;„oder hat Mr. Rowe ſich im Haus geirrt und iſt, das wahr⸗ ſcheinlichere, ein paar Thüren zu weit gegangen, wo er dann freilich mitten hinein iſt gerathen in die „papiſtiſchen Gräuel“ und den„Baalsdienſt“. „René“ bat Sadie, und drückte leiſe und bittend des Gatten Arm, aber das Herz war ihr ſelber faſt wie zugeſchnürt, denn jedem entſcheidenden Schritt ihres Lebens voran, trat ihr der Mann entgegen ſo ernſt und finſter wie er jetzt da vor ihr ſtand; und hatte nicht immer ſein Kommen ihr Leid gebracht, und viele viele Thränen? Wie eine dunkle Ahnung, der ſie nicht Worte geben konnte und wollte, füllte ihr ſein Anblick die Bruſt, das Herz in dieſer Stunde, und ſie mußte ſich zwingen den leiſen Gruß auch freundlich zu erwiedern. Aber der Geiſtliche verlangte weder Gruß noch Freundes Wort; nein, aus ſich ſelber heraus quoll ihm des heiligen Wortes Spruch und Vers mit der ſalbungsvollen Rede, die Troſt und Frieden in ihrem Aeußeren in Wort und Bild wohl brachte, aber das Herz kalt ließ dabei und un⸗ befriedigt. 21* 324 „Nicht Zufall, mein Bruder, oder ein Irrthum gar, hat mich auf Deine Schwelle geführt“ erwie⸗ derte Bruder Rowe jetzt der etwas froſtigen Anrede des Katholiken,„aber Du und die Gattin die Du Dir erwählt, Ihr Beide ſteht an einem Abſchnitt Eures Lebens, an dem Euch das fromme Wort eines Mannes, der es gut und redlich mit Euch meint, nicht fehlen ſollte.“ „Herr Rowe ich dächte daß Sie mir davon den Beweis gegeben“ unterbrach ihn raſch René, der ſich nicht helfen konnte dem Gedächtniß des Geiſtlichen mmit früherer Zeit zu Hülfe zu kommen, ihn vielleicht in Verlegenheit zu bringen; darin aber hatte er ſich bei dem frommen Mann geirrt. „Laſſet die Zeit die hinter uns liegt und hebet Euer Auge zu Gott und Seinen Werken“ ſagte er ernſt und feierlich, aber keineswegs erzürnt über die finſtere Nahnung des jungen Mannes.„Was ich gethan und wie ich gehandelt liegt offen vor Gott; Er nur prüfet die Herzen und Nieren, und ſiehe da, vor Seinem Auge iſt kein Verbergen noch Hehl. Seine Wege ſind aber wunderbar, und Er führet Alles zum Beſten hinaus, und Ihm deshalb ſei Ehre und Preis in der Höhe; unſere Herzen ſollen da nicht hoch⸗ müthig ſelber richten wollen.“ NRene wollte reden, aber der leiſe Druck von 325 Sadieens Hand lag bittend auf ſeinem Arm, und er biß nur die Unterlippe ein und wandte ſich halb ab von dem Geiſtlichen; er wollte ſich die Abſchiedsſtunde nicht verbittern, und dann auch wieder lag eine Art halben Triumphs für ihn darin, wie er jetzt dem, dieſer Verbindung ſo feindlich geſinnt geweſenen Prieſter gegenüber ſtand. Mr. Rowe übrigens, un⸗ bekümmert um Alles was in der Bruſt des Franzoſen, deſſen Geſinnung gegen ihn er vollkommen gut be⸗ griff, vorgehn mochte, ſchritt auf Sadie zu, nahm die Hand der jungen Frau die ſie ihm widerſtandlos und zitternd überließ und mit den Worten—„laſſet uns beten, daß Gott ſein Gedeihen gebe zu dieſer Reiſe und ſeinen Segen Dir ſchenke, meine Tochter, für und für“, führte er die etwas erſtaunte Frau von der Seite ihres Gatten fort in das Haus, dort, wie er ihr ſagte, ungeſtört ihre Augen und Herzen zu Gott erheben zu können. Rene blieb wirklich erſtaunt über dieſe fabelhafte Ruhe— und er hatte noch einen anderen Namen dafür— zurück, und ſah ihnen nach, dann aber mit dem Kopf ſchüttelnd und halb lachend, halb ärgerlich nahm er ſein Kind auf den Arm und ſprang und ſpielte damit am Strand herum, die Rückkunft des frommen Mannes mit ſeinem Weib zu erwarten. „Eine Zuverſichtlichkeit haben die Burſchen“ murmelte er dabei vor ſich hin, indem er zuletzt un⸗ geduldig werdend am Strande auf und ab ging, und durch die raſche Bewegung ſeinen Unmuth zu be⸗ ſchwichtigen ſuchte,„ein Selbſtvertrauen das in's Graue geht; und mit dem frommen Geſicht tritt mir der Menſch da keck und ſalbungsvoll entgegen, und thut wahrhaftig nicht als ob er ſich ſchämen müſſe mir in's Auge zu ſehn, nein, als ob er mir verziehen hätte, Alles was ich ihm gethan und an ihm ver⸗ ſchuldet. Hahahaha, es iſt wahrhaftig zum Todt⸗ ſchießen ſolche Fragezeichen der Schöpfung unter uns herumlaufen und ganz beſcheiden ſich die Krone des Menſchengeſchlechts aufſetzen zu ſehn. Es gehört aber Geduld dazu, und verdenken kann ich's meinen Landsleuten gerade nicht, wenn ſie die in dieſen Ta⸗ gen einmal darüber verlieren und mit Kanonenkugeln hinein donnern in den Kram. Und wer leidet nach⸗ her darunter? ſicher nicht dieſe Schleicher, die ſich wohlweislich einzudrücken verſtehn und mit einem frommen dankbaren Blick nach oben Nachbars Haus darüber zu Grunde gehn ſehn— hol ſie Alle der Henker.— Und wo er nur bleibt?“— ſetzte er dann nach einer Pauſe, mit einem ungeduldigen finſteren Blick nach ſeiner Thür hinzu—„es gehört bei Gott die Geduld eines Heiligen dazu, mit dieſen— Heiligen fertig zu werden.“. 327 Mr. Rowe mochte aber wohl ahnen, ja er wußte das ſogar ganz genau, wie gern ihn der Franzoſe bei ſich ſah, hielt es aber für unumgänglich nothwendig, ſeinen Halt an das Herz und die Religion der Frau nicht ganz aufzugeben, und hatte ſchon lange und unge⸗ duldig eine Gelegenheit geſucht, mit dem ihm, nicht gerade zum Dank verpflichteten Katholiken wieder auf etwas freundſchaftlichere Weiſe anzuknüpfen; jeden⸗ falls aber eine Entſchuldigung zu finden ſein Haus in ſeiner Gegenwart zu beſuchen, um dann weiter zu bauen auf dem gewonnenen Vortheil. Der Zeit⸗ punkt war ein Abſchied von Tahiti, wie er ſich viel⸗ leicht nicht wieder bot, und der Erfolg bewies daß er recht gehabt; misbrauchen durfte er das aber auch nicht, wenn er den errungenen Vortheil nicht wieder werlieren wollte, und deshalb das Gebet vielleicht raſcher beendend, als er es unter anderen Umſtänden gethan haben würde, erhob er ſich wieder, ſtäubte ſich die Knie ab, küßte Sadie inbrünſtig auf die Stirn, legte ſeine Hände einen Augenblick auf ihr Haupt und führte ſie dann wieder mit einem freudigen Blick nach oben dem Gatten zu, der ihnen ſchon an der Thür entgegen kam, Sadiens Arm erfaßte und in den Seinen zog, und dann den Geiſtlichen anſah, als ob er ſeiner Entfernung nicht das mindeſte in den Weg zu legen wünſche. 328 Bruder Rowe war aber auch nicht der Mann, der einen Ort verlaſſen hätte ehe er es ſelber für Zeit hielt, und ohne jedenfalls den Samen des göttlichen Wortes nach Kräften ausgeſtreut zu haben; fiel der dann auf unfruchtbares Land, ſo war das nicht ſeine Schuld, und er hatte ſich ſelber keine Vorwürfe darüber zu machen. In einer ziemlich langen Anrede, die halb Gebet halb Unterhaltung war, wandte er ſich dann noch einmal an den jungen Mann, der nur die Frau nicht kränken mochte und ſonſt dem für ihn höchſt langweiligen Geſpräch wohl bald ein Ende gemacht hätte, ermahnte ihn auf der beſchrittenen Bahn des Guten, die er hier auf Tahiti, als eine ſchätzenswerthe Ausnahme von ſeinen Landsleuten jedenfalls betreten, ruhig fortzuſchreiten, wobei nur Gott ihm in ſeiner Allbarmherzigkeit die eine ſchwe Miſſethat des Mordes verzeihen wolle, und ver⸗- kündigte ihm dann, als er merkte wie René jetzt wirklich ungeduldig wurde und ſchon den Mund öff⸗ nete zum trotzigen Einwurf, daß er dafür geſorgt habe ihre alte früher innegehabte Wohnung in Atiu wieder für ſie herrichten zu laſſen; daß das Dach neu gedeckt, das Haus gereinigt und gelüftet ſei— eine 1 nicht ganz unnöthige Vorſicht des ſonſt ſehr leicht darin niſtenden Ungeziefers der Centipeden wegen — und daß es Sadie nach ihrer Ankunft dort gleich beziehen könne, als ob ſie es nie verlaſſen habe.“ „Das Haus uns hergeſtellt?“ rief Rene allerdings im höchſten unbegrenzten Erſtaunen, da er erſt geſtern Abend ja den Entſchluß gefaßt, und Wochen dazu gehört haben mußten das anzuordnen und auszufüh⸗ ren—„und wer, mein Herr, hat Sie darum gebeten?“ „Aber René“ beſchwor ihn ſeine Frau. 1 „Gebeten?— Niemand—“ erwiederte jedoch in voller Ruhe der Geiſtliche,„aus freiem Antrieb hab' ich das gethan. Seit jener Nacht“ fuhr er dann mit einem wehmuthvollen Blick nach oben fort,„wo jene fatale Sache mit der Franzöſiſchen Schildwacht hier geſchah, wußt ich daß es ſowohl Ihr, wie beſonders Prudentias Wunſch war, ſich wieder zurück nach Atiu zu ziehn.“ Es war das Beſte auch für ſte, ſie konnte dort ungeſtörter ihrem Gotte leben, nicht ab⸗ gelenkt durch ſünd'gen Wandel mehr, und alle Reize der Verführung die hier in Papetee des Satans Macht zu gold'nem Netze auslegt— es war die höchſte Zeit für ſie, zurückzukehren zu dem ſtillen Frieden jener Inſel die ihre Heimath nun doch ein⸗ mal iſt.“ Renes Blut kochte, denn recht gut fühlte er, wie der Geiſtliche zum erſten Mal wieder die Hand 330 ausgeſtreckt, in ſein Familienleben einzugreifen, und wie er jetzt gleich entſchieden auftreten müſſe, ihn von allen derartigen Verſuchen zurückzuſchrecken. Sadie dagegen ſah in dem freundlichem Wort, ihr Herz ja ſelber kein anderes Gefühl bergend, nur Liebe und Verſöhnung, und mit Freude ſtrahlenden Blicken die Hand des Geiſtlichen ergreifend, drückte ſie dieſe in frommer dankbarer Inbrunſt an ihre Lippen, René aber, ihren Arm erfaſſend, zog ſie zurück und ſagte finſter: „Laß das Sadie; der Herr da meint's vielleicht recht gut, und ich will gern Vergangenes auch ver⸗ geſſen, doch damit, hochwürdiger Herr hab' ich auch Alles gethan was ich vermag, und muß Sie ernſtlich bitten ſich nicht um irgend etwas mehr zu kümmern, was mich, Sadie oder mein Haus betrifft.“ „Herr Delavigne“ rief der Geiſtliche auffahrend, und ein Blitz ans ſeinem kleinen lebendig grauen Auge traf den Franzoſen in nichts weniger als chriſt⸗ licher Demuth—„Sie gehn zu weit— Prudentia iſt Proteſtantin, und ihrer Seele Heil fordert der Herr einſtens vielleicht von mir.“ Ein ſpöttiſches Lächeln zuckte um des Franzoſen Lippe als er erwiederke:„Genug und über genug, ich habe keine Luſt mich jetzt noch in religiöſe Spitz⸗ findigkeiten einzulaſſen; Sie wiſſen daß Sadie mich bald verläßt und Manches hat ſie mir wohl noch zu ſagen, Manches ich ihr— ich hoffe doch Sie werden mich verſtehen.“ „Renèé“ bat die Frau mit leiſer flehender Stimme. „Ei beim Teufel“ zürnte aber der junge Mann mit dem Fuß ſtampfend—„der Herr hier weiß wie wir zuſammen ſtehn und ſollte es vermeiden Scenen zu erneun, die nur für beide Theile unangenehm ſein können. Ich bedarf ſeiner Einmiſchung in meine Angelegenheiten nicht— ich verlange ſie nicht und, beim Himmel, ich will ſie nicht dulden.“ „Herr Delavigne— Sie trotzen auf die Macht die Ihre Landsleute in dieſem Augenblick gerade hier beſitzen“ rief der Geiſtliche aber jetzt auch gereizt. „Ich trotze auf die Macht die mir mein Hausrecht giebt“ rief aber der junge Mann. „Ich glaubte Sie mir zum Dank verpflichtet zu ſehn“ ſagte der Miſſionair da, der ſeine ganze Ruhe wieder gewonnen—„und bedaure, mich geirrt zu haben.“ „Er hat es ſo gut gemeint, René“ bat die Frau. „Die Minuten verfliegen“ rief aber der junge Mann,„und wenige nur ſind noch die unſeren— in kurzer Zeit kann das Boot hier ſein, Sadie, das Dich mir entführt.“ „Ich ſehe wie es ſteht“ ſagte der Miſſionair ernſt und faſt traurig—„Gottes Wort wird überflüſſig 332 —— wo der Welt Stolz die Zügel faßt und dem ewigen Verderben mit raſchen flüchtigen Schritten entgegen⸗ eilt. So lebe denn wohl Prudentia— die Stunde ſchlägt die Dich jenem ſtillen freundlichen Inſellande wieder zuführen ſoll— möge es dieſelbe ſein, die Dich auch wieder zu Gottes Vaterhuld znrückführt. So bete zu ihm, daß er Dir gnädig Deine Sünden vergeben möge und behalte und wahre ihn in Deinem Herzen, der das Licht iſt und Heil und die Hoffnung der Gläubigen in aller Ewigkeit— Amen.“ Und mit dieſen Abſchiedsworten hob er das Kind, das Sadie indeſſen wieder an ſich genommen, zu ſich auf, küßte und ſegnete es, gab es der Mutter zurück, neigte noch einmal die Hand gegen ſie, und den finſter dabei ſtehenden, den Gruß kalt erwiedernden Gatten und ſchritt dann langſam durch den Garten, durch deſſen Pforte er bald darauf verſchwand. Sadie aber lehnte ihr Haupt leiſe an des Gatten Bruſt und flüſterte mit weherfüllter Stimme: 4 „Oh René, Du haſt mir weh, recht weh gethan, mit Deinen heftigen, undankbaren Worten— „Undankbar Sadie?“ „Er hatte es ſo gut um uns gemeint, und Du haſt ihn ſo kalt und heftig abgewieſen.“ „Täuſche Dich nicht, mein Lieb,“ ſagte Rent, ſte feſt an ſich preſſend—„der ſtolze Prieſter meint's 333 mit Niemand gut, und wenig Dank werd' ich ihm, vor allen Andern ſchulden. Er weiß das ſelber auch am Beſten und kann nichts Anderes erwartet haben. Ach Sadie, es war mir ein gar ſo wehmüthiges, ja bitteres Gefühl, daß ſich der finſtere Geſell gerad' in der letzten Stunde noch zwiſchen uns ſtellte und die Herzen auseinander hielt. Ich weiß nicht mir ſchnürt's die Bruſt noch jedesmal zuſammen in ſeiner Nähe.“ „Ach mir iſt's auch ein wehes, wunderlich Ge⸗ fühl“ flüſterte Sadie,„und doch wär's Sünde, denn er meint es treu, und wenn er auch mit ſtrengem ſtarren Sinn den Weg verfolgt, den er nun einmal für den einzig wahren hält, ſo dürfen wir ihn doch darum nicht tadeln. Er iſt im Zorn von uns ge⸗ gangen.“ „Laß ihn gehn“ rief aber Rent, hochaufathmend, und den Blick dorthin zurückwerfend, wo der ehr⸗ würdige Herr verſchwunden, als ob er der wirklichen Entfernung deſſelben noch immer nicht traue—„mir iſt ein Stein vom Herzen daß er fort iſt.“ „Iſt er's auch wirklich?“ flüſterte da eine Stimme dicht neben ihnen, und als ſie überraſcht dorthin um⸗ ſchauten glitt Aia, das wilde ſchöne Mädchen hinter einem dichten Orangenbuſch vor, und trat zu den Beiden. „Aia!“ rief Sadie erfreut und doch auch vor⸗ wurfsvoll—„Du böſes, böſes Kind, wo haſt Du ſo lang Dich herumgetrieben in der Welt, daß Du gar nicht mehr an Deine Sadie gedacht?“ „Und ich wollte ich müßte auch jetzt nicht an Dich denken“ ſagte das Mädcher leiſe und ſie kämpfte dabei hart mit ſich, eine aufſteigende, ihr ſonſt faſt fremde Rührung zu verbergen. „Und weshalb, Aia?“ frug Sadie. „NMach ihr das Herz nicht wieder ſchwer, Du wunderliches Kind“ ſagte aber Rene jetzt, ihr leiſe mit dem Finger drohend,„biſt ſolch ein tolles Ding wenn Du da draußen herumtobſt, unter den wilden die wildeſte, und wie ein anderer Geiſt ſcheint es über Dich zu kommen, wenn Du dieſe Schwelle be⸗ trittſt.“ „Du haſt mir und ihr auc noch Vorwürfe zu machen, nicht wahr, Du böſer, nichtsnutziger Wi Wi?“ rief aber das Mädchen, trotzig ſich die Locken aus der Stirn ſchüttelnd und mit zornigem Blick ihn an⸗ blitzend—„Wehe über Dich; aber die Strafe bleibt Dir nicht aus, und dann denk' an mich, dann er⸗ ſchein' ich Dir in Deinen Träumen und quäle und martere Dich, trockne Dir Falten in die Wangen und bleiche Dir das Haar— denk an Aia.“ „Tolles Mädchen was haſt Du?“ lachte aber —————⸗⸗————— d 9 Rene—„kann ich dafür, wenn jene Kriegsſchiffe vielleicht ungerecht dies Volk überfallen und ſich unterwerfen? trag' ich die Schuld des vergoſſenen Blutes und all der darum vergoſſenen Thränen?“ „Nein, Gott ſei Dank nicht das auch noch,“ ſagte Aia,„doch genug, übergenug davon zu reden. Aber ich bin nicht zu Dir gekommen, falſcher Ferani, ſondern zu Deinem Weib— ich will mein Wort löſen, das ich ihr einſt gegeben.“ „Dein Wort Aia?“ „Sagte ich Dir nicht, daß wenn Dich Alle ver⸗ ließen und von Dir gingen, ich zu Dir kommen und bei Dir bleiben würde, und daß wir dann lachen und fingen und tanzen und es toller treiben wollten, wie alle Anderen zuſammen?— und Gott weiß es, ſie treiben's toll genug.“ „Aber wunderliches Mädchen Du“ ſagte Sadie, während dennoch ein eigenes, wehes Gefühl ihr dabei das Herz durchzuckte,„wie fällſt Du auf ſolch traurige Gedanken— wer hat Dir die Grillen in den Kopf geſetzt?“ „Und gehſt Du nicht zurück nach Atiu?“ rief Aia ſchnell und faſt freudig. „Allerdings geh ich dorthin.“ „Und Reneé geht mit Dir?“ „Allerdings.“ „Aber jetzt?— gleich?— auf einem Schiff?“ „Wenn auch nicht jetzt in einem Schiff, Aia“ nahm hier René das Wort, während Aia leiſe und traurig mit dem Kopf nickte,„doch ſobald ich darf— ſie laſſen mich noch nicht hier fort.“ „Wer?— die Wi Wis?— die Kanakas halten Dich doch wahrlich nicht, Ferani,“ rief Aia zornig. „Die Kanakas nein,“ lachte René,„aber meine eigenen Landsleute, eines tollen Streiches der Dei⸗ nigen wegen.“ „Ja ich weiß wohl“ ſagte das Mädchen unheim⸗ lich lachend,„Ihr helft einander wo Ihr nur könnt; ich habe das ſelber erfahren zu meinem Leid— aber fort mit Dir, nicht zu Dir bin ich gekommen, mit Dir zu plaudern— nimmſt Du mich mit, Sadie?“ „Nach Atiu?“ rief Sadie raſch und freudig. „Wohin Du gehſt“ ſagte das wilde Mädchen leiſe und herzlich. „Und willſt Du dem tollen ſchlechten Leben ent⸗ ſagen?“ frug Sadie ihre Hand in tiefer Rührung ergreifend—„willſt Du bei mir bleiben, und mit mir leben von nun an?“ „Wohin Du gehſt“ flüſterte Aia: und ſchaute ihr dabei recht ſtill und wehmüthig in's Auge. „Aber Aia“ ſagte René,„wenn Du mitreiſen willſt, wo haſt Du Deine Sachen, Deine Matte,