2 —-—-—---- — Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für upchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —O;8·——,———- auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Tf.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Mit dem Amen aber ſchien es auch, als ob der Zau⸗ ber gebrochen wäre, der den leichten fröhlichen Sinn der Inſulaner bis dahin ſo merkwürdig und außer⸗ gewöhnlich feſt im Zaum gehalten, und wie denn auch der Eingeborne nie ſo recht tief den Ernſt einer feierlichen Stunde fühlt, ſprang er im Nu zurück in ſein alltäglich Leben. „Hierher Maire, hierher und fort mit uns“ klang der fröhliche Laut—„komm hinunter zum Guiaven⸗ bach; tief verſteckt da in Buſch und Laub unzen wir. Gerſäͤcker s Tahiti. II. 2 Heute ſehens die Mitonares nicht, denn großes Eſſen iſt immer wenn ſie eine Zeitlang gebetet.“ „Aber die anderen ſchwatzen“ ſagte Maire un⸗ ſchlüſſig zur Schweſter aufſehend,„und nachher arme Maire; Vater Au⸗e hat mir ſo ſchon die Hölle ver— ſprochen, und er ſchickte mich g'rad hinein, fänd er mich.“ „Bah— bah— bah“ lachte die Andere und ſchüttelte mit dem Kopf—„da, hier und hier“— auf Mund und Herz zeigend—„das iſt fromm, das hat Religion und das iſt genug— Alles andere aber iſt frei, Maire; und raſch nun Mädchen, denn wir verſäumen den Spaß.“— Und wie ein paar aufgeſcheuchte Rehe flohen die beiden, von vielen An⸗ deren jetzt gefolgt, erſt ſeitwärts in den Orangenhain, um dann hinter den Gärten weg nicht dem Blick mancher„Kirchgänger“ ausgeſetzt zu ſein, die Aerger⸗ niß nehmen und die Fröhlichen verrathen könnten.— Und wie das klang und ſang und ſummte und ſchwirrte unter den Bäumen und Palmen— fröhliches Leben herrſchte in den duftenden Schatten von Orange und Guiava und der Klang der Flöte miſchte ſich in lachende Mädchenſtimmen, die ſich neckten und jagten auf dem Plan, die Predigt nachäfften und die Reden des heutigen Tages und dann wieder plötzlich ein⸗ fielen in die oft ſehr graziöſen aber noch öfter faſt —— 3 unanſtändiger Stellungen ihrer Tänze Upepehe, oris und mamua. Dort drüben der breite, halboffene Platz vor dem lang-ovalen Vogelkäfig ähnlichen Bambusgebäude ſcheint der Mittelpunkt zu ſein des ganzen Viertels; hier wenigſtens herrſcht das regſte ungebundenſte Leben, und die dunklen blumendurchflochtenen Locken, ja oft die glatt geſchorenen, aber mit bunten Kränzen faſt bedeckten Köpfe der eingebornen Mädchen miſchen ſich bunt und geſchäftig durch die bänderflatternden Strohhüte der Seeleute, an deren meiſten die breite ſchwarze Seide mit goldenen Buchſtaben den Namen ihres Schiffes trug, und ſie als Leute von einem Kriegsſchiff bekundete, hätte das nicht ſchon außerdem der breite weiße Hemdkragen mit dem ſchmalen blauen Streifen darum gethan. „Hallo Georg, das iſt ein Hauptplatz hier für einen„Geh zu Ufer Tag,“ rief da ein alter, wetter⸗ gebräunter Seemann einem jungen Burſchen zu, der Eines der Mädchen mit ſeinem linken Arm umſchlungen und eine halbgeleerte Flaſche in der rechten Hand hielt, und das Mädchen lachend zwingen wollte zu trinken—„nütz deine Zeit mein Junge, wer weiß wie bald uns wieder ſo wohl wird.“ „Wettermädchen das!“ rief aber der junge Burſch, 3 14 4 „ſie iſt wie Queckſilber unter den Händen, man kann ſie nicht feſthalten— wirſt Du trinken?“ „Aita, aita!“ ſchrie aber die trotzige Schöne, und wehrte ihn entſchloſſen ab;„pfui über das Gift, das Ihr in Euch hinein ſchüttet, bis Ihr wie das Vieh daliegt und die ſtieren Augen nicht mehr ſchließen könnt— fort mit dem Zeug!“ und ihm die Flaſche aus der Hand reißend, ſchleuderte ſie dieſelbe, ehe er's hindern konnte, mit keckem Wurf weit ab von ſich in ein Dickicht von jungen Pronfruchibäumen und Bananen. „Den Teufel, Mädchen!“ ſchrie der Matroſe, der von den letzten Worten des braunen Kindes keine Sylbe verſtanden hatte und jetzt überraſcht ſeiner Flaſche nachwollte,„der Stoff iſt theuer hier in Pa⸗ petee und nicht einmal ſo leicht zu bekommen.“ „Hahahaha“ lachte aber die Dirne und hielt ihn feſt—„hol ſie wenn Du kannſt, hol ſie.“ „Halt ihn, halt ihn,“ lachten Andere und ſpran⸗ gen hinzu, ſich der Beute zu bemächtigen und den auslaufenden Brandy zu retten, aber zu ſpät, und fluchend hoben ſie die leere Flaſche gegen das Licht. „Damn it!“ ſchrie der Eine, der ſie⸗ erbeutet hatte, und der zuerſt die traurige Entdeckung machte— „auch nicht ein Tropfen übrig geblieben!“ und als ob er nicht einmal ſeinen eigenen Angen bei einer ſo 5 wichtigen Sache traue, hob er die leere Flaſche den⸗ noch an die Lippen, den Zug zu prüfen, ſchleuderte ſie dann aber mit einem richtigen Kernfluch ſo hart er konnte gegen den nächſten Brodfruchtbaum, daß ſie in Scherben ſchmetternd umherſpritzte. Das aber ſollte ihm übel bekommen. „Tam you,“ ſchrie da eine alte, wohlbeleibte In⸗ ſulanerin, die ein brennend rothes Stück Kattun um die Hüften und ein anderes um die Schultern trug und ſchon lange genug mit Matroſen verkehrt haben mochte, ihren Lieblingsausruf oder Fluch zu verſtehen —„tam vou, Ihr ſchmutzigen Weißen— weil Ihr zehnfache Haut unter den Füßen tragt, werft Ihr das Glas umher, daß es wie Dorn und Muſchel⸗ bruch in unſere Sohlen ſchneidet— tam vou, ſag' ich noch einmal, und der Tag ſei verflucht, der Euch zuerſt an dieſe Küſte brachte!“ Die Alte blieb aber hierbei nicht ununterſtützt, denn von allen Seiten kamen die Mädchen herbei, ſchimpften und ſchmähten in ihrer Sprache und be⸗ gannen dabei die gefährlichen Glasſcherben, die ihnen ſchon manche böſe Wunde geſchnitten, vom Boden aufzuſuchen. Vergebens riefen ſie die Matroſen zu⸗ rück und fügten ſich endlich, da Bitten wie Drohun⸗ gen nutzlos blieben, lachend dem Unyermeidlichen, ſelber der muntern, lebendigen Schaar zu helfen und 6 beizuſtehn und das Uebel ſo viel wie möglich zu heben— all die drohenden Spitzen nämlich aufzu⸗ ſuchen oder zu entfernen, und kein Blatt blieb dabei ungewandt, unter dem ſich noch hätte die tückiſche Spitze bergen können. „Hurrah, meine Jungen! wer von Euch hat ſein Priſengeld da im Laub verloren?— halbpart wenn ich's finde,“ ſchrie in dieſem Augenblick eine rauhe Stimme zwiſchen das Lachen und Toben der mun⸗ teren Schaar hinein, und Einer der Seeleute richtete ſich raſch empor, zu ſehen wer der Neuangekommene ſei, und ob nicht vielleicht ein alter Bekannter und Schiffskamerad hier zwiſchen ihnen auftauche. „Hallo Kamerad,“ brummte aber der, als er ein völlig fremdes Geſicht vor ſich ſah, das ihm jedoch trotzdem ganz freundlich entgegennickte, und deſſen Eigenthümer ſich ſo bequem und ohne weitere Ein⸗ ladung zu ihnen in's Gras warf, als ob er zu ihrem „Volke“ gehörte—„where do you hail from?“*) Der Sprecher war der Bootsmann der„Jeanne d'Arc,“ der draußen in der Bai vor ihrem⸗Anker ritt und deſſen Mannſchaft heute Feiertag bekommen hatte, der großen Volksverſammlung wegen. Er 2“) Ein Schiffsausdruck„wo kommt Ihr her— von wo⸗ her ſeid Ihr geſegelt?“ 5½ ſchien ſich auch hier gewiſſermaßen als eine Art Obrigkeit zu betrachten zwiſchen den übrigen Matro⸗ ſen, und überdieß rechtfertigte das ganze Aeußere des Neuangekommenen, unſeres alten Bekannten Jim des Iren, allerdings eine ſolche Frage, denn dem alten Matroſen überkam es, ihm gegenüber, faſt un⸗ willkürlich, als ob er es mit keinem rechten Seemann zu thun habe, und gleichwohl ließ doch auch wieder das Einzelne ſeines Anzugs nichts erkennen, was einen ſolchen Verdacht rechtfertigen mochte. Die blaue Jacke wie die weißleinene Hoſe hatte den rich⸗ tigen Schnitt, der mit Wachsleinwand überzogene Strohhut ſaß ihm hinten auf dem krauſen Haar und ein paar breite Streifen ſchwarzſeiden Band fielen ihm nach richtiger Art vorn über das linke Auge nieder und doch lag ein gewiſſes Etwas in dem gan⸗ zen Betragen des Fremden, das den alten Burſchen, der ſich manch langes, langes Jahr auf der See und aller Länder Schiffe herumgeſchlagen, wie eine Art Inſtinkt überkam, er hätte hier keinen geborenen See⸗ mann vor ſich, und der Burſche ſegele am Ende gar unter falſcher Flagge. Der wirkliche Matroſe— nicht der, der die See einmal zeitweilig zu ſeinem Beruf wählt, ein paar Reiſen macht vielleicht, und dann wieder Jahre lang am feſten Lande bleibt— hat auch etwas in ſeinem 8 ganzen Weſen, das unmöglich iſt ſich anzueignen, wenn es eben nicht natürlich aus dem ganzen Sy— ſtem unſers Körpers herauskommt und mit ihm eins bildet. Die Hauptſache hierbei iſt der faſt ſchlen⸗ kernde und doch auch wieder feſte und elaſtiſche Gang von der ſteten Bewegung des Schiffes her, der er naatürlich fortwährend begegnen muß, und die ihn dann auch zwingt, die Beine etwas weiter, wenn auch faſt unmerklich, aus einander zu ſetzen, als das auf dem feſten Lande nöthig wäre; die Arme hängen dabei, wie durch ihr eigenes Gewicht gezogen, grad am Körper nieder, ohne ihn aber, weder rechts noch links in drei Zoll zu berühren, und die halboffene harte Hand ſieht gerade ſo aus, als ob ſie je⸗ den Augenblick an Segel oder Tau zufaſſen wolle. Der Landmann kann alles Andere nachahmen, dieſes Tragen des Körpers wird ihm nie gelingen, und nur eine jahrelange Uebung iſt im Stande, ihn zuzu⸗ richten, oder, wie die Matroſen ſagen, ihn„shih shape“ zu machen. 4 „Nun Sirrah!“ rief der Irländer endlich lachend, nachdem er den forſchenden Blick des Bootsmanns, wenn auch nicht ohne ein leichtes kaum erkennbares Erröthen, eine ganze Weile ertragen hatte,—„Ihr werdet mich nun wohl kennen wenn Ihr mich wie⸗ derſeht;— wie gefall ich Euch?“ „Ganz und gar nicht, Kamerad,“ ſagte der aber trocken, und während er ſein Primchen Kautabak im Munde aus einer Backe in die andere wechſelte,„ganz und gar nicht, wenn Du die Wahrheit hören willſt.“ „Hahaha,“ lachte aber der Ire, ohne ſich im mindeſten darüber beleidigt zu fühlen,„verdamme mich wenn das nicht ehrlich von der Leber wegge⸗ ſprochen iſt; leid thut mir's nur bei der Sache, daß. ich das nämliche— nicht von Euch auch ſagen kann.“. „Dann werd' ich mein Möglichſtes thun, das für mich ſo unglückliche Vorurtheil bei Euch zu zer⸗ ſtören,“ antwortete der Seemann ruhig. „Donnerwetter Ihr ſeid grob!“ rief aber der Ire, der nun einmal entſchloſſen ſchien jetzt Nichts übel zu nehmen, obgleich der ganze kräftige Bau ſei⸗ nes Körpers wie ein ziemlich entſchloſſener Zug um den Mund, wohl glauben ließ daß er ſonſt eben eine wirkliche Beleidigung nicht ſo leicht einſtecken würde, „aber das ſchadet Nichts, Kamerad, wir werden ſchon noch näher mit einander bekannt werden und ich bin wie der Wein— ich gewinne durchs Liegen. Und nun Ihr da, Ihr Mädchen,“ wandte er ſich zu die⸗ ſen in ihrer eigenen Sprache,„laßt das verdammte Suchen ſein und kommt her— morgen wird ſichs ſchon finden was ihr verloren habt— beim Aus⸗ 10 kehren vielleicht— und wo iſt Amiomio heute? hol der Henker die kleine Wetterhere, ſie geht immer fort und kommt niemals wieder.“ „Naha-hio!“ riefen da einige der Mädchen, die ſich auf den Anruf umgedreht, erſtaunt und unter⸗ einander aus—„O-fa-na-ga wieder hier?— und wo hat Dich Oro's Zorn ſo lange umhergetrieben?“ „O-fa-na-ga“ ſpottete ihnen aber der Ire nach, „bei Jäſus, meine Herzchen, Ihr habt den Namen * noch immer nicht ausſprechen lernen und überſetzt meiner Mutter Sohn auf eine merkwürdige Weiſe ins Tahitiſche. Was würde ould father O'Flannagan ſagen, wenn ſie ihn ſo zu Tiſche gerufen hätten— ha, meine namataruas, Ihr beiden unzertrennlichen Sterne, ſeid Ihr auch hier? und wo iſt ipo Anoë- n0, mein ſchlankes Mädchen von Bola⸗Bola, die tollſte in Eurer tollen Schaar?“ „Anoënoé iſt fromm geworden“ lachte eines der Mädchen, die er namataruas nach einem Zwillings⸗ 4 geſtirn jener Zone genannt—„ſie lacht nicht mehr und trägt keine Blumen mehr im Haar und hinter den Ohren.“. .„Hahahaha“ lachte der Ire,„Anoënoé fromm. geworden das iſt gut, das iſt vortrefflich, das iſt— 4 hahahaha— das iſt beim Teufel zum Todtſchießen 1 komiſch!“ — 11 Der Bootsmann— eine ſchlanke, kräftige, ja ſelbſt edle Geſtalt, mit ächt franzöſiſchen Zügen, krau⸗ ſem dunkelen Barte und dunkelen Augen, jeder Zoll ein Seemann, der engliſchen Sprache übrigens voll⸗ kommen mächtig, hatte den Begrüßungen des Frem⸗ den mit den Mädchen und Frauen des Platzes, die er alle kannte und bei Namen nannte, ſchweigend und etwas erſtaunt mit zugeſehen, aber weiter kein Wort hineingeredet und ſchien nur etwas ungeduldig und mit untergeſchlagenen Armen das Ende dieſer Erkennungsſcene zu erwarten. Er trug, trotz dem warmen Wetter, ſeine blautuchene dicht mit kleinen blanken Knöpfen beſetzte Jacke, mit weißen Strümpfen und ſauber gewichſten Schuhen und ſchneereinen ſe⸗ geltuchenen ſelbſtgemachten weiten Hoſen, die nur dicht über den Hüften feſt anſchloſſen und auflagen; das weiße Hemd hielt ein ſchwarzſeidenes Halstuch mit einem Seemannsknoten locker zuſammen, und der leichte feine Panama Strohhut ſaß ihm feſt und trotzig mehr nach vorn in der Stirn, als ihn ſonſt Matroſen gewöhnlich zu tragen pflegen. Endlich mochte ihm aber die Zeit doch zu lang währen und er unterbrach die weiteren freundſchaft⸗ lichen Erkundigungen des Fremden mit einem nicht eben da einſtimmenden: „I say stranger!— Ihr ſcheint früher ſchon 12 einmal auf Korallenboden geankert zu haben— Euerer Phyſtonomie verdankt Ihr die Vertraulichkeit doch nicht.“ „Der Geſchmack iſt verſchieden, Kamerad!“ lachte der Ire dagegen,„und Einer liebt Bier, der Andere Milchſuppe; aber Ihr habt Recht, ich bin hier zu Hauſe, und wenn ich auch nicht gerade hier wohne, führt mich meine Straße oft genug vorbei— was Wunder da, daß ich Nachbars Töchter kenne.“ „Ei ſo laßt Euer In⸗ge⸗le⸗ſe⸗Schwatzen doch nun endlich einmal!“ rief da eines der Mädchen, zwiſchen die beiden Männer ſpringend und des Iren Arm er⸗ greifend—„Her zu mir 0-fa-na-ga— und dreh deine Taſchen um, denn Du haſt doch den Boden hier nicht wieder betreten, ohne deiner Maire Schmuck und Ringe mitgebracht zu haben; wo iſt der Ring von perü, den Du mir ſo lange verſprochen?“ „Maire!“ rief der Ire erſtaunt ſie betrachtend— das iſt Maire? was zum Wetter iſt denn mit Dir vorgegangen Mädchen, ich kenne Dich ja gar nicht mehr, wo ſind deine Locken?“ „Die hat der Mitonore abgeſchnitten,“ ſagte die Schöne, halb beſchämt, halb unzufrieden. „Der Mitonore?— und was zum Henker hat der Mitonare in deinen Haaren zu ſuchen, Sirrah?“ „Sie ſollte fromm werden und keine tollen Streiche 13 mehr treiben,“ lachte Ate Ate, ihr das Kinn empor⸗ hebend und zum Lichte drehend. „Unſinn!“ rief aber das Mädchen,—„das iſt blos oben, O-fa-na-ga— kehr Dich nicht daran— wo iſt der Ring? her damit!“ „Und mir auch— mir auch!“ riefen Andere, auf ihn eindrängend,„mir hat er Ohrgehänge ver⸗ ſprochen— und mir bunte Federn aus dem Oſten — und mir Kattun zu einem neuen Kleid!“ „Zurück Mädchen, zurück!“ rief aber der Ire lachend, der ſich nur mit Mühe der auf ihn Einſtür⸗ menden erwehren konnte—„Ihr hattet t decht⸗ Ka⸗ merad, die Phyſionomie thuts bei den Dirnen hier allerdings nicht allein, und ſie reißen Einem— Wet⸗ termädchen Ihr, wollt Ihr Ruhe geben— die Lum⸗ pen vom Leibe; würden ſich auch verdammt wenig Gewiſſen daraus machen, einen armen Teufel von Matroſen gleich bei ſeinem erſten Anſprung an Land rein auszuplündern und nachher allein ſitzen zu laſſen und auszulachen. Die braune Haut verſteht ſich ſo gut darauf wie die weiße.“ „Von welchem Schiff ſeid Ihr, Kamerad?“ frug jetzt der Bootsmann,„Ihr ſegelt wohl unter eigener Flagge?“ Der Ire lächelte leiſe vor ſich hin, ſchüttelte aber mit dem Kopf und erwiederte ſchmunzelnd: . 44 „Dießmal habt Ihr vorbeigeſchoſſen, ſo ſchmei⸗ chelhaft die Anſpielung auch ſein mochte; alt Eng— land für immer, ich möchte keine anderen Farben an meiner Gaffel wehen haben,— ſelbſt nicht die rothe;“ ſetzte er mit einem halb ſpöttiſchen, halb ver⸗ ſchmitzten Seitenblick auf den Bootsmann hinzu— „Um Euch übrigens zu beruhigen kann ich Euch ſa⸗ gen daß ich Harpunier an Bord des Engliſchen Wall⸗ fiſchfängers, der Kitty Clover bin, die hier zu ihrer Erholung in Papetee liegt, und auch da wohl noch eine Weile zu ihrer Erholung liegen bleiben wird, wenn ihr die ſehr verehrte Franzöſiſche Regierung nichts in den Weg zu legen für nöthig findet und den Aufenthalt noch länger geſtattet.“ Der Bootsmann unterdrückte nur mit Mühe einen Fluch auf die ironiſche Anſpielung daß ſeine Cor⸗ vette, die früher den Inſulanern imponirt, gegenwär⸗ tig, durch die ihr überlegenen Engländer im Schach gehalten, Nichts mehr zu ſagen und zu befehlen hatte, aber er beſann ſich eines Beſſeren und die Lippen nur zuſammenpreſſend ſagte er finſter: „Ihr thätet wohl Euch mit der Franzöſiſchen Re⸗ gierung auf gutem Fuß zu halten— die guten Leute in Papetee wiſſen heute noch gar nicht was für Far⸗ ben morgen Mode ſein könnten.“ „Jedenfalls die ſchwarze,“ ſchmunzelte der Ire, 15 ſich die Hände reibend—„jedenfalls die ſchwarze. Jetzt beſtimmen die Miſſionaire die Moden und das ſind liebe, liebe Menſchen; haben uns Matroſen auch ſo gern, als ob wir ihre Brüder wären— was wir ja doch auch eigentlich ſind. Es klingt ordent⸗ lich erbaulich„Bruder Jim oder Bruder O'Flanna⸗ gan.“ „Daß ſie uns nicht grün ſind kann ich ihnen nicht verdenken,“ brummte der Bootsmann,„ſie ha⸗ ben alle Urſache dazu, denn unſere beiden Intereſſen laufen einander gerade ſchnurſtracks entgegen. Alſo Ihr gehört zu dem ſchmutzigen Wallfiſchfänger da draußen— habt Ihr Fiſche bekommen?“ „Ja Miſter.“ „Und welchen Port ſeid Ihr zuletzt angelaufen?“ „Genirt's Euch, wenn Ihr's nicht wißt?“ frug der Ire ſpöttiſch. „Geht zum Teufel!“ brummte der Franzoſe zwi⸗ ſchen den Zähnen durch— ärgerlich ſich mit dem Bur⸗ ſchen ſo weit eingelaſſen zu haben und wandte ihm den Rücken. MNrrrrrrrrr!“ dröhnte in dieſem Augenblick ein raſcher Wirbel ſo dicht vor ihren Ohren, daß ſich der Bootsmann überraſcht danach umſah; lachende Mäd⸗ chengeſichter ſchauten ihm aber entgegen, wohin er blickte, und Eine von dieſen hatte eine richtige fran⸗ 16 zöſiſche Trommel umgehängt, und ſchlug darauf jetzt mit fertiger Hand den Takt ihres Inſeltanzes. „Alle Wetter, Ateate!“ rief der vorgebliche Har⸗ punier des Kitty Clover, und ſuchte das Mädchen zu faſſen, das aber raſch zur Seite ſprang und ihn mit den Trommelſchlägeln abwehrte—„Du biſt ja wohl gar gut franzöſiſch geworden, Mädchen, und dienſt gegen deine früheren Geliebten— ein eigen⸗ thümliches Mittel ſich an den Treuloſen zu rächen!“ „Zurück O-fa-na-ga, zurück!“ rief aber dieſe— „ich will die Zahl der Falſchen nicht vermehren, und es wäre ſchon jetzt Wahnſinn gegen ſie in den Kampf zu ziehen— ſie ſind wie die Guiaven im Wald, und drücken alles Andere zu Boden— zurück weißer Mann!— Aber laſſe das Schwatzen hier, wir wol⸗ len tanzen, und Ihr ſtört uns nur mit Euerem Zun⸗ gen klappernden Volk. Da A-da!“ wie ſie den Boots⸗ mann der Jeanne d'Arc nach ſeinem nicht auszu⸗ ſprechenden Schiffe nannte„da ſtell Dich her, und nun paß auf, wir wollen den Tanz verſuchen den Du uns gelehrt und ſieh ob wir's können. Und zurückſpringend begann ſie mit ziemlicher Genauig⸗ keit Lord Howe's hornpipe, den allbekannten Ma⸗ troſentanz auf der Trommel zu ſchlagen, indeß ſie die Melodie dazu mit klarer, ja glockenreiner Stimme ſang, und die Mädchen flogen herbei zum Tanz. Den 8 —.,— — * ei —— Klängen konnten aber auch die Matroſen nicht wi⸗⸗ derſtehen, und gegen ſie antanzend ſtampften ſte nach den raſchen Takten den Raſen und ſchwenkten und warfen die Hüte in jubelnder Luſt. Aber die Europäer ermüden bald; ſo ſchattig der Brodfruchtbaum auch ſeine breitfingerigen Blätter und über ihm die Palme ihre Krone ſtreckt— die Luft iſt zu heiß für ſolche Luſt, und keuchend warfen ſie ſich auf den Boden nieder, indeß ſie die eingeborenen Mädchen lachend umſprangen und mit Blumen und Bananenſchaalen warfen. Aber lauter und wilder tönt die Trommel, in deren Schlagen Ateate Eine der Eingeborenen abge⸗ lößt und zu der ſich noch eine zweite gefunden hat; der Takt wechſelt, lachende Männer und Mädchen⸗ ſtimmen fallen ein in jubelndem Chor, und die er⸗ hitzten Tänzerinnen haben ſchon Hut und Schulter⸗ tuch abgeſtreift der wogenden Bruſt und brennenden Stirn Luft und Kühlung zu geben. Dicht geſchaart drängen die Zuſchauer herbei aus der Nachbarſchaft, und hochgeſchürzte halbnackte Mädchen werfen ſich immer aufs Neue hinein in den wilden Reigen. Hei wie ſie fliegen herüber und hinüber in toller Luſt, mit Armen und Knieen einfallend in den wüthenden Takt, ſchneller und ſchneller, mit funkelnden Augen und wogender Bruſt, wieder und wieder, auf und ab 8 Gerſtäͤcker's Tahiti. II. 2 18 vor der Trommel und dem Jauchzen der bewundern⸗ den Schaar, bis ſie erſchöpft zuſammenbrechen, und andere— wildere ihren Platz ausfüllen auf dem zer⸗ ſtampften mißhandelten Raſen. Bunt ſind die Tänzer, bunter aber faſt die Zu⸗ ſchauer die ſie jetzt umſtehn, und die ſich, durch den Ton des Inſtruments gelockt, eingefunden haben. Neben dem noch bis an die Zähne tättowirten alten Indianer, der mit grimmer Luſt und leuchtenden Au⸗ gen ſchon in ſeinem Geiſt die alte Zeit wieder auf⸗ leben ſieht mit ihren Feſten und Tänzen— die ſchöne fröhliche Zeit, ehe die ſchwarzgekleideten Männer mit den finſtern Geſichtern kamen und ihren ſonnigen Boden betraten, ſteht die würdige Matrone, der jetzt Blume und Blüthe im Haar ſchon ein Gräuel und dem Herrn mißfällig dünkt, und ſieht mit Seufzen und oft und oft zum Himmel geſchlagenen Blick, das Entſetzliche wieder vor ihren Augen geſchehen, dem fol⸗ gend ihre Prieſter Peſtilenz und Krieg und die Rache⸗ blitze ihres Gottes prophezeiht. Aber ſie ſieht doch den Tanz, ſie ſteht und zögert, und während ſie ſeufzt und ſtöhnt, taucht die Erinnerung in ihr auf, an frühere Zeit, wo ſie ſelber im wilden Sprung die Reihen der Mädchen geführk, die Fröhlichſte unter den Fröhlichen, bei denſelben entſetzlichen Klängen, — wo ſie mit fliegender Bruſt und funkelndem Auge 19 die Tapa von Schultern und Hüfte, die Blumen aus den flatternden Locken riß, den Tänzer damit zu wer⸗ fen und— Jehovah ſtehe ihr bei, ſie faltet erſchrocken die Hände und flieht den Platz, denn unter dem bun⸗ ten wehenden Kattun zuckt' es und zittert' es ihr in den Knieen und Füßen, und der Teufel war ſtark, und lockte ſie zu dem Entſetzlichen. Mitten hinein aber zwiſchen die Reihen und Gruppen der außen Stehenden drängen jetzt wieder lachend und ſchwatzend und mit den Tänzerinnen ſcherzend Franzöſiſche Seeleute und Marineſoldaten, ihren Arm um die nächſte geſchlungen, und den Takt des Tanzes mit Geſang oder ſtampfendem Fuß unter⸗ ſtützend, und im Taumel von Luſt und Freude treibt ſich die ſorgloſe Schaar hier mitten zwiſchen dem Volk umher, indeß die Mündungen ſeiner Kanonen ſchon auf die armen Bambushütten gerichtet liegen und ein Zufall den blutigen Kampf entzünden kann. Aber was kümmerts die jungen Burſchen; der Tag iſt noch der ihre, im duftenden Wald, die wilde reizende Mädchenſchaar an ihrer Seite, was ſorgen ſie da um den nächſten.— Und wenn jetzt, in die⸗ ſem Augenblick die Alarmtrommel tönte?— So un⸗ möglich iſt das nicht, denn der Bootsmann horchte einmal ſchon raſch und erſchrocken auf— aber bah, es iſt die neue Aufforderung zum Wiederbeginnen der 2* 20 Luſt, und toller und raſender als je werfen ſich die Unermüdlichen hinein in den Tanz. Der Bootsmann oder contremaitre der Jeanne d'Arc und Jim der Ire hatten ſich zurückgezogen vom Tanz und der Franzoſe ſtand allein, an den Stamm eines Brodfruchtbaums gelehnt und ſchaute mit ver⸗ ſchränkten Armen dem wilden Spiele zu⸗ Jim war in ſeiner Nähe und eben im Begriff auf ihn zuzugehen, aufs Neue ein Geſpräch mit ihm anzuknüpfen, als er ſich am Arme gezupft fühlte und raſch umſchauend einen fremden Matroſen bemerkte, der ihm vorſichtig winkte ihm zu folgen, und dann langſam, und ſcheinbar abſichtslos einem kleinen Guiavendickicht zuſchlenderte, das hier den nicht weit von da vorbeiſtrömenden Bach begrenzte. Jim ſchaute ſich vorſichtig um, ob er von keiner Seite beobachtet würde, blieb wohl noch eine Viertelſtunde ruhig und regungslos in ſeiner Stellung, dem Tanze zuſchauend, und folgte dann, die Hände in den Taſchen und mit den ihm nächſten Mädchen lachend und ſcherzend, dem Vorangegangenen. Etwa zwanzig Schritt im Dickicht hörte er einen leiſen Pfiff, antwortete ebenſo vorſichtig und befand ſich wenige Minuten ſpäter dem fremden Seemann gegenüber, der ihn ohne weiteres am Arm nahm und noch tiefer in den Wald von Mape und Lichtnußbäumen und Guiaven hineinführte. X 21 „Alle Wetter Kamerad,“ ſagte endlich Jim ſtehen bleibend und ſeinen ſchweigſamen Führer betrachtend, „was zum Henker ſchleppt Ihr mich denn hier in den dickſten Buſch, wo man ſich die Augen in den Zacken ausrennen kann. Was wollt Ihr von mir und wer ſeid Ihr ſelber?“ „Wer ich bin, Dick Mulligan“ ſagte aber der Andere,„kann Dir ziemlich egal ſein, wenn nur—“ „Dick Mulligan“ wiederholte Jim und ſo ſehr er ſich auch Mühe gab ſeine Bewegung zu verbergen, war es doch leicht zu ſehn, wie er über den Namen erſchrak,„wen zum Teufel nennt Ihr Dick Mulligan?“ „Pſt Dick, nicht ſo laut,“ ſagte aber der Andere vorſichtig,„Du brauchſt Dich nicht zu geniren, wir Beide kennen einander, denn ſo hab' ich mich doch Gott ſtraf mich nicht verändert, daß Du nicht unter der, vielleicht ein Bischen braun gewordenen Haut deinen alten Gefährten Jack herausfinden ſollteſt.“ „Jack, bei Allem was da ſchwimmt!“ rief Jim, „aber Menſch wo kommſt Du her, und in die Jacke; Matroſe an Bord eines franzöſiſchen Kriegs⸗ ſchiffs“— „Das wäre eine langweilige Geſchichts, Dir das Alles auseinanderzuſetzen, genug daß ich da bin und vielleicht Dir zum Glück,“ entgegnete aber der An⸗ dere—„Menſch Du haſt Dich nicht im Geringſten verändert, ſiehſt noch aus wie vor fünf Jahren und läufſt hier ſo unbekümmert und gottvergnügt mit dem Bart und den Haaren in der Welt herum, als ob Du nicht den Strick um den Hals trügſt, und jeden Augenblick gefaßt und vor Gericht geſchleppt werden könnteſt— und wer Dich einmal geſehen, vergißt Dich im ganzen Leben nicht wieder.“ „Laß die alte Geſchichte,“ knurrte aber der Ire— „kein Menſch hier hat eine Ahnung davon als wir Beide— weshalb das Aufheben!“ „Kein Menſch, ſo?“— ſagte Jack,„und weißt Du, wer auf der Jeanne d'*Arc drüben zweiter Lieute⸗ nant iſt?“ „Wie ſoll ich's wiſſen,“ erwiederte Jim unruhig, „Du kannſt Dir denken daß ich mit den Offizieren irgend einer Majeſtät ſo wenig wie möglich in Be⸗ rührung komme— wer wird's ſein?“ „Niemand Anderes als derſelbe funge Wuſched der uns damals, in der Pomatu Gruppe unſern ſchon ſicher geglaubten Fang, den kleinen Perlencutter ab⸗ jagte und Dich dabei erwiſchte. Du entkamſt ihm nachher noch, aber er hat Dich doch beinah acht Tage feſtgehabt und kennt Dich genau, ich habe ihn wenig⸗ ſtens die Geſchichte ſelber zweimal an Bord erzählen hören und er ſchwört darauf daß er Dich hängen ſehn will, wenn er Dir jemals im Leben wieder begegnet. 23 „Unſinn, was kann er mir thun,“ brummte aber Jim(denn wir wollen den Namen beibehalten), „wir wurden eben von unſerer Beute vertrieben, aber das war doch auch weiter kein Beweis gegen mich.“ „Sie haben die beiden Leichen in dem Pandanus⸗ dickicht gefunden,“ ſagte Jack leiſe. „Den Teufel,“ knirſchte Jim zwiſchen den Zäh⸗ nen durch—„das wäre allerdings fatal— aber er hat keine Zeugen.“ „Mehr wie er braucht,“ entgegnete Jack—„drei von den Jungen die uns damals den Spaß verdar⸗ ben, ſind auf der Jeanne d'Arc— und Du kannſt Dir denken wie mir zwiſchen dem Geſindel zu Muthe ſein muß— ein Glück daß ſie keine Ahnung haben wie nahe wir ſchon einmal„mit einander in Ge⸗ ſchäftsverbindung geſtanden haben.“ „Aber wie zum Henker biſt Du auf das Fran⸗ zöſiſche Kriegsſchiff gekommen?“ frug Jim nochmals erſtaunt und vielleicht ſelbſt mißtrauiſch. „Lieber Gott,“ lachte Jack achſelzuckend,„wie man bald das bald das einmal in der Welt verſucht, ehrlich durchzukommen.— Ich machte in Marſeille, an Bord eines Dampfers eine Speculation in ſilber⸗ nen Löffeln—“ „Pfui!“ ſagte Jim. „Pfui?“ widerholte Jack beleidigt—„das iſt 24 mir nun einmal angeboren, daß ich nicht müßig gehen kann; doch um kurz zu ſein entſtand da ein Mißverſtändniß dem ich, als der Schwächere zum Opfer fiel. Sie ſteckten mich erſt ein und ſchickten mich dann, zu meiner weiteren Ausbildung auf ein Kriegsſchiff.“ „Und jetzt?“ „Und jetzt?— bin ich an Bord und ſehe mich nach einer paſſenden Gelegenheit um meine Situation zu verbeſſern.“ „Warum deſertirſt Du nicht?“ frug ihn Jim. „Das iſt eine böſe Sache,“ ſagte Jack kopfſchüt⸗ telnd, das kann gut, aber auch ſchlecht gehen— ja wenns hier einmal zum Ausbruch käme, ließ ich mir's gefallen; jetzt wird aber Alles ausgeliefert was ſich fremd am Ufer blicken läßt. Du aber kannſt mir am Ende dazu helfen.“ „Ich Dir?“— wie mir's jetzt ſcheint habe ich alle Hände voll zu thun meine eigene Haut in Si⸗ cherheit zu bringen— iſt unſer alter Bekannter an Land?“ 1 „Gewiß, und ſtöbert hier gerade in der Nachbar⸗ ſchaft herum, ich habe Dich deshalb abgerufen daß Du ihm nicht etwa in die Hände läufſt—“ „Nur meinethalben?“ frug Jim den Gefährten mit einem etwas zweifelhaften Blick. 25 „Nur deinethalben?— nein“ ſagte der aufrich⸗ tige Jack—„ich ſehe nicht ein warum ich das Kind nicht beim rechten Namen nennen ſoll; mir war es ſelber nicht ganz einerlei, die alte Geſchichte wieder aufgewärmt zu ſehn, noch dazu da ich ein unfrei⸗ williger Zeuge des Ganzen hätte ſein müſſen. Aber wirklich Jim, wie ich da erſt von unſerem Boots— mann gehört habe, der ſich gerade nicht in Dich ſcheint verliebt zu haben, gehörſt Du zu dem Wall⸗ fiſchfänger, der unten in der Bai liegt— ſind die Leute an Bord gut?“ Jim zögerte einen Augenblick mit der Antwort und ſchielte ſeitwärts nach ſeinem frühern Kamera⸗ den hinüber. „Du überlegſt ob ich Dir da nicht etwa im Wage wäre?“ ſagte dieſer lachend. „Nein, nein,“ erwiederte der Ire raſch und viel⸗ leicht etwas beſchämt ſeine Gedanken ſo ſchnell erra⸗ then und ausgeſprochen zu ſehn— ich wußte nur nicht gleich was Du damit meinteſt— ja, der Ca⸗ pitain iſt gut genug— Mac Rally, Du mußt ihn ja noch von früher her kennen.“ „Mac Rally, Mac Rally?— nein, unter dem Namen nicht; wie hieß er ſonſt— Du kannſt mir trauen alter Junge,“ ſetzte er lachend hinzu, als er ſah das Jim mit der Antwort zögerte—„mir liegt 26 Alles daran ſicher vom Bord der Franzoſen zu kommen und wenn ich ſelbſt—“ „Aber warum ſchwimmſt Du nicht zu dem Eng⸗ länder hinüber, der nähme Dich mit Vergnügen auf,“ ſagte Jim. „Weil ich dafür meine ſehr guten Gründe habe,“ brummte Jack verdrießlich;„ich fühle eine gerade ſo große Abneigung gegen engliſche Offiziere wie Du, und— habe vielleicht eben ſo viel Urſache— alſo Mac Rally—“ „Erinnerſt Du Dich noch auf Bill Kooney?“ frug Jim. Zack pfiff leiſe vor ſich hin und lachte verſchmitzt. „Bill Kooney,“ ſagte er dann nach einer kurzen Pauſe—„Bill Kooney— aber wie zum Teufel iſt der zu dem Wallfiſchfänger gekommen?“ „Das iſt eine naive Frage,“ ſagte Jim,„aber mein Junge, wenn dem ſo iſt daß der Geſell— wie heißt er doch gleich dein Lieutenant?“ „Bertrand.“ „Daß alſo der Monsieur hier herumſchwimmt, da iſt's für mich Zeit aus dem Cours zu gehn— bis ich ihm vielleicht einmal richtig hinein kommen kann; ich muß ſo an Bord.“ „Aber wo treffen wir uns wieder? ich möchte vorher genau wiſſen wann Ihr ſegelt und Bill Koo⸗ —— 27 ney doch auch gern einmal ſehn, mit ihm meinen Plan zu bereden.“ „Ich gehöre gar nicht mehr an Bord,“ ſagte Jim—„daß ich Harpunier wäre hab' ich deinem neugierigen Bootsmann nur aufgebunden.“ „Du gehörſt nicht mehr an Bord?“ frug Jack erſtaunt—„den Teufel auch, da haſt Du wohl dein „Geſchäftsbüreau jetzt an Land?“ „Zu Zeiten,“ ſagte Jim ausweichend. „Und gehn die Geſchäfte gut?— na hab' keine Angſt,“ ſetzte er aber raſch hinzu, als er ſah daß den neugefundenen Kameraden die Frage etwas in Ver⸗ legenheit zu ſetzen ſchien, wenigſtens nicht gleich und unbedingt von ihm beantwortet wurde—„ich komme Dir dabei nicht in's Gehege, bleibe aber, aufrichtig geſagt auch lieber einmal eine Zeitlang auf feſtem Grund und Boden und in der angenehmen Geſell⸗ ſchaft hier, mich von den überſtandenen Strapatzen erſt ein wenig auszuruhn. Donnerwetter, man lebt doch nur einmal auf der Welt, und wozu ſich in einem fort ſchinden und placken, wie ein Hund!“ „Ich weiß gerade nicht ob es Dir hier gefallen würde,“ ſagte Jim. „Daß laß meine Sorge ſein,“ lachte der Matroſe, „wenn ich nur erſt glücklich aufgehoben wäre, eine Deſertion in meinen Verhältniſſen iſt nur zu ver⸗ 28 dammt gefährlich, denn kriegten ſie mich wieder, möcht' ich in jeder anderen, nur nicht in meiner eige⸗ nen Haut ſtecken. Ich könnte Dir vielleicht hier auch in Manchem von Nutzen ſein.“ 3 „Das bezweifle ich nicht im Mindeſten,“ entgeg⸗ nete Jim ruhig,„aber überleg's Dir wohl; wird eine große Belohnung auf den Einfang geſetzt, ſo iſt keinem von den Indianiſchen Schuften zu trauen. Am beſten wär's doch wohl Du ſprächſt einmal mit Mac Rally.“ „Hm— ja— vielleicht— nun ich werde ja ſehen,“ ſagte Jack wie überlegend ſich das Kinn ſtrei⸗ chend und dabei verſtohlen auf Jim hinüber ſchauend. —„Und wenn man Dich einmal hier am Ufer fin⸗ den wollte, wo biſt Du da am beſten zu erfragen?“ „Kennſt Du einen Platz hier auf der Inſel, den ſie„Mütterchen Tot's Hotel nennen?“ „Nein— ich bin noch nie funfzig Schritt vom Strand fortgeweſen.“ 1* „Du wirſt ihn erfragen können— jeder Matroſe kennt ihn.“ „Wohnſt Du dort?“ „Nein, aber es iſt der einzige Platz, den ich re⸗ gelmäßig beſuche.“ „Gut, werd' ihn mir merken, und nun good bye, Dick, unſer Bootsmann könnte mich ſonſt vermiſſen.“ „Nenne mich nur nicht Dick,“ warf der Ire ein, 29 „der Name war mir unbehäglich, und ich möchte nicht gern immer wieder an jene unglückſelige Zeit erinnert werden.“ „Haſt Du Gewiſſensbiſſe?“ lachte Jack. „Bah Gewiſſensbiſſe— Unſinn— aber keine Luſt eine Raanocke zu zieren, alter vergeſſener Ge⸗ ſchichten wegen.“ „Gut, gut; alſo Du, Jim, wenn Dir das ſicherer klingt, könnteſt Dich unter der Zeit doch immer ein⸗ mal nach einem Quartier oder Schlupfwinkel für mich umſehen— wenn's auch nur für den Nothfall wäre; je weiter im Inneren, deſto lieber iſt mir's. So gute Nacht und— hab gut Acht auf deinen Hals!“— Und leiſe vor ſich hinlachend verließ er den Freund und ging zurück, wo er die Trommeln der Inſulaner noch hören konnte, die unermüdlich neue und friſche Tänzer herbeilockte. „Hm,“ ſagte Jim leiſe und nachdenkend vor ſich hin, als der alte Kamerad aus früheren Tagen in den Büſchen verſchwunden war, und ſeine Schritte weiter und weiter im dürren Laub verklangen— „ſchön Dank für die Warnung; ich weiß aber eben noch nicht, ob mir mein Hals in Deiner Geſellſchaft ſicher oder unſicher iſt, mein alter Burſche, und fa⸗ taler Weiſe iſt der Verſuch gerade ſo gefährlich. Nun, jedenfalls bin ich auf meiner Huth und vor Dir 30 ziemlich ſicher daß Du nicht ſelber aus der Schule ſchwatzeſt; Vielleicht kommt mir aber der franzöſiſche Grünſchnabel einmal gelegentlich unter die Finger und dann können wir ja unſere Rechnungen mitſam⸗ men ausgleichen. Jetzt übrigens, ſo lange es noch Tag iſt, werde ich nicht an Bord zurückgehn, ſon⸗ dern meine Geſchäfte hier am Land beſorgen; ich traue den Inſulanern nur nicht viel zu; ſie ſind zu gleichgültig bei Allem was ſie nicht unmittelbar in die Höhe ſchüttelt, und müßten ſich ſehr geändert ha⸗ ben, wenn ſie überhaupt noch einmal zu einem ent⸗ ſcheidenden Schlag zu bringen wären— ſei der nun hingerichtet, wohin er wolle.— Hm— iſt mir aber auch wieder ungemein lieb erfahren zu haben daß der Geſell in einer franzöſiſchen Uniform ſteckt und hier herumläuft— werde doch zuſehn daß er mir zuerſt vorgeſtellt wird, und nicht ich ihm.“— Und mit einem vorſichtigen Blick umher, denn Jack's Warnung hatte ſeine Wirkung keineswegs verfehlt, ſchlug er ſich, mit der Gegend in der er ſich hier be⸗ fand vollkommen gut bekannt, ſeitwärts in das Dickicht, die Stadt auf einem anderen Pfade zu er⸗ reichen und verſchwand bald darauf in den dichten, hinter ihm ſich wieder ſchließenden Guiavenbüſchen. Capitel 2. Sadie und Nené. Ah— die Bruſt hebt ſich ordentlich frei, wie wir dem wilden wüſten Treiben von Haß und Sünde, Leichtſinn und roher Sinnlichkeit den Rücken kehren, dem Wald, dem unentweihten Walde zuzuſtreben. Noch haben wir aber nicht all die bunten wilden Gruppen hinter uns, die zerſtreut bei all den verſchie⸗ denen Hütten, in all den kleinen Hainen ihre Orgien feiern. Horch, von da drüben herüber lauter und munterer Trommelſchlag unter den Palmen vor— lachende Männer und Mädchenſtimmen und jubeln⸗ der Chor; und von dort? töoͤnt der ſcharfe Klang einer kleinen, in den Zweigen eines Orangenbaumes aufgehangenen Glocke, und der monotone Sang 32² frommer Hymnen in Tahitiſcher Sprache, von den Ehrwürdigen Männern ſelbſt an einem Wochentag geſungen, weil heute die Inſeln ja dem rechten, dem „allein ſelig machenden Proteſtantiſchen Glauben“ gerettet wurden. Dahinein aber kreiſcht der laute fröhliche Sang halbtrunkener Matroſen, die am Strand nieder neuen Vergnügungen zuziehen. Hier eine Frauengeſtalt in wehdurchſchauerter Angſt niedergeworfen vor dem zürnenden Gott, den Blick angſtvoll nach oben ge⸗ richtet, als ob ſie fürchte daß der rächende Strahl den Zornesworten folgen müſſe, die der weiße fromme Mann eben niedergedonnert hatte von dem einfach hölzernen Kanzelſtand, auf die Häupter der kleinen „auserwählten Schaar“— dort ein wildes braunes halbnacktes Mädchen, den Arm leichtfertig um die Schulter eines franzöſiſchen Soldaten gelegt, der mit ihr plaudert und koßt, während ſie den lachenden Blick frei und ruhig zu dem blauen freundlichen Him⸗ mel emporhebt, und dabei mit halbem Ohr vielleicht den fernen wohlbekannten Glockentönen lauſcht. Widerſprüche wohin das Auge fällt, und nur die Natur ſelber iſt ſich treu geblieben iu dem tollen wil⸗ den Gewirr— nur die Natur allein, die Gottes Größe und Güte predigt in jeder Zeit, und ihre Ga⸗ ben liebend ausſtreut über die Kinder des Allmäch⸗ tigen, gleichviel welcher Sekte ſie angehören, wel⸗ chen Namen die Lippe flüſtert, wenn das Herz, in ſtiller Anbetung verſunken, emporſtaunt zu ſeinen Wundern, und gleichgültig dabei, ob ſie ihre Stirnen nach Weſten oder Oſten zum Gebet neigen— beten ſie doch Alle zu Ihm. So, je weiter wir das wirre tolle Treiben Pape⸗ tee's hinter uns laßen, verſchwimmen die Diſſonnancen von Hymne und Trommel in dem gewaltigen Don⸗ ner der ewigen Brandung, und dem leiſen flüſternden Rauſchen der Blätter und Palmenkronen, und dort draußen, weit draußen am wunderſchönen Strand, wohinaus kaum der donnernde Schall des Geſchützes drang, das den Aufgang und Niedergang der Sonne kündete, hatte René ſeine Hütte gebaut. Ein wohl nicht großes aber doch geräumiges Haus, dicht in den Schatten von Frucht⸗ und Blüthenbäumen hin⸗ eingeſchmiegt, diente ihm mit ſeiner kleinen Familie, wie dem alten ehrwürdigen Mr. Osborne, von dem ſie ſich nicht hätten trennen mögen, zum Aufenthalt; ja wurde ihm zur Heimath, und ſelbſt Sadie fühlte ſich hier wieder wohl und glücklich, ſo heimiſch ſo freund⸗ lich war der kleine liebe Platz— ſo lieb faſt wie Atiu— nur daß ihn die Erinnerungen fehlten. — Nur daß ihm die Erinnerungen fehl⸗ ten— es iſt ein kleines, unbedeutendes Wort; die Gerſtäcker's Tahiti. II. 3 34 Erinnerung, und ſie umfaßt doch, wenn wir erſt einmal wirklich ins Leben traten, Alles faſt, was das Herz je theuer gehalten und lieb, und deſſen Klängen es mit freudigem Klopfen, o wie gern doch, lauſcht. Was anderes giebt unſerer Heimath jenen unend⸗ lichen Reiz, der uns nicht weilen läßt im fremden Land und uns zurückzieht mit feſten, kaum zerreiß⸗ baren Banden?— was anderes zaubert uns mit einem Schlag alle die lieben, nie vergeſſenen, aber wohl ſo oft und heiß erſehnten Bilder wieder herauf, die unſerem Leben damals Licht und Farbe, unſerem Blut die Wärme, unſerer Bruſt die heitere Ruhe ga⸗ ben? Verleih einem Platz dieſe Erinnerungen, und laß es dann die ärmlichſte dürftigſte Hütte in einer Wildniß ſein, und jede Stütze iſt uns theuer die noch den morſchen Bau zuſammenhält. Wir kennen da jeden Baum, jeden Stein und an jedes, das noch ſo unbedeutendſte, an den ſchmalen Pfad der hinaus⸗ führt zu dem ſtillen, Linden umlaubten Friedhof, an das Gartenpförtchen, an den Apfelbaum neben der Thür, an die Steinbank oder den murmelnden Bach, oder den moosbewachſenen Eimer des Brun⸗ nens, ſelbſt an die lieben Sterne die nur ſo, wie alte liebe Bekannte über der Hütte ſtanden, knüpft ſich eine Liebe, eine ſelige Erinnerung, und je älter wir dabei werden, je weiter uns das Schickſal und 35 je länger es uns fortgetrieben aus dem Heiligthum, deſto theurern Platz wahrt es ſich in unſerm Herzen. Und ohne dieſe Erinnerungen? ja die Welt iſt ſchön, und überall gründet der unſtete Menſch ſeinen Heerd, überall deckt Gottes unendliche Güͤte den Bo⸗ den für ihn mit Speiſe und Trank, und das Ge⸗ ſchlecht treibt und gedeiht— aber es treibt und ge⸗ deiht auch nur eben, und wie in der Fremde beginnt es ſeine Hütte zu bauen, wie in der Fremde ſiedelt es ſich an und— denkt zurück an frühere glücklichere Zeiten, liebere Plätze— an die Stelle wo ſeine Wiege geſtanden. Aber Sadie und René waren glücklich— über ihnen wölbten, wie auf Atiu wehende Cocospalmen ihre Häupter und ſchüttelten den Thau nieder auf die duftenden Blüthen der Orangen, die ihren Fuß umwuchſen; vor ihnen aus breiteten ſich die Corallen⸗ durchzogenen Binnenwaſſer der Riffe, klar und ſilber⸗ rein wie an der Schweſterinſel, und Abends ruderte der junge Mann das Canoe hinaus, und vor ihm ſaß dann die glückliche Mutter mit dem Kind am Herzen, dem Liebesblick ſeines Auges in unendlicher Seligkeit begegnend;— es waren das ſo frohe, ſo glückliche Stunden. Oh daß ſie ſchwinden müſſen, daß Alles nur auf Erden eine Spanne Zeit umfaßt, und während uns 3* die Sonne fröhlich ſcheint, daß da ſchon düſtre Wol⸗ kenſchleier unterm Horizonte lagern müſſen, die lang⸗ ſam aber ſicher höher ſteigen. Es giebt kein unge⸗ trübtes Glück auf dieſer Welt, es kann's nicht geben, denn das Bewußtſein ſchon, wie nah der Wechſel unſerm Leben liegt, wie oft an einer Faſer nur das Alles hängt, was uns in dieſem Augenblick entzückt, wirft einen trüben Schein ſelbſt auf die frohſte Stunde, und das, was uns gerade im Unglück ſtärkt, was den Blick vertrauend, hoffend dem Lichte zukehrt, wie trüb und traurig uns auch im Herzen ſei, und wie die Verzweiflung an ihm nagt und zehrt, die Gewiß⸗ heit irgend des einſtigen Wechſels ſolcher Leidenszeit, die klopft dann ebenfalls als Mahner an des Glückes Thor, mit leiſem Finger, aber ſtill und unverdroſ⸗ ſen fort. Nicht bei René; er war ein Kind im Glück und nahm das Alles mit ſo frohem leichten Herzen an, wie Kinder Spielzeug nehmen, lachen und ſpringen damit und nicht d'ran denken daß es zerbrechen kann, ſich nicht d'rum kümmern. Nach langer ſchwerer Zeit, wo er viel dulden mußte und ertragen, erſchien das Alles hier ihm wie gehörig, wie gerechter Lohn nur für Beſtandenes; Sorge hatte er nie gekannt, der Augenblick war ihm des Lebens Trieb geweſen, dem er folgte, dem Augenblick gehörte er auch an, und wie er ebenſo im Unglück wenig nur gehofft, ſich ſtets vom Schickſal auserſehn gedacht und kecken trotzigen Muthes darin gerade Freude fand ihm zu begegnen, es zu überwinden, ſo dachte er auch im Glück nicht oft hinaus wie's einſt wohl werden ſolle, wenn der Tod vielleicht hier oder da die Stützen wegriß, oder and'res Leid mit kalter ſtarrer Hand ein⸗ greifen könne in ſein junges Glück. Er lebte, liebte, das war ihm genug. Nicht ſo Sadie; auf jener ſtillen Inſel ſtill heran⸗ gewachſen, hatte ſie kaum von einem höheren Lebens⸗ ziel gewußt; der Schweſtern ſorgloſe Freuden ſorglos theilend, war ihr auch nie ein anderer Gedanke ge— kommen, hatte ſie nie einen andern Fall für möglich gehalten, als mit der Palme am Strand zu blühen, zu gedeihen und unter ihrem Schatten einſt in leichter Erde, leicht und hoffend einem neuen, beſſeren Leben entgegen zu träumen. Da kam René— mit ihm erſchloß ſich eine neue Welt für ſie, mit ihm gewann ſie etwas was ſie nie geahnt— ein geiſtiges Le⸗ ben, neben ihrer Palmenwelt, und Alles das was ihr die Bruſt von da mit ſolcher Seligkeit erfüllte, fand in dem einem Herzen nur Urſprung und Ziel— und wenn das eine Herz ihr wieder ſchwand dann— nein, ſie dachte den Gedanken nie aus, und wenn er aufſteigen wollte in ihr, floh ſie vor ſich ſelbſt, und 2 38 das Gefühl gewann erſt wirklich feſten Grund in ihr, bekam erſt Farbe und Geſtalt, als ihr ein anderer Schmerz durchs Leben zog— das erſte ſchwere herbe Leid der jungen Bruſt. Der alte ehrwürdige Mr. Osborne, ein Miſſionair im wahren Sinn des Worts, der Gottes Liebe voll und wahr im Herzen trug, und Tauſenden ſchon damit Troſt gebracht, fand gerade da, wo er Achtung und Anerkennung hätte fordern dürfen, mit ſeinem treuen ehrlichen Herzen, kalten dürren Grund, und wenn nicht offenen Kampf, weit Schlimmeres— heimlicher Bosheit Pfeil, der oft weit tödtlicher trifft als Blei und Stahl. Herüber und hinüber geſchickt auf der Inſel, wo er kaum des einen Stammes Herzen ſich gewonnen, und wohlthätigen Einfluß auf ſie auszu⸗ üben begann, gekränkt und angefeindet, geärgert und betrübt, erkrankte er endlich, und ehe René ſowohl wie Sadie ſich auf den ſchmerzlichen Verluſt der ihnen drohte, vorbereiten konnten, ja ehe ſelbſt nur die Be⸗ fürchtung ſolcher Gefahr in ihnen aufgeſtiegen war, machte ein Nervenſchlag ſeinem Leben ein ſanftes un nur zu raſches Ende.. Der Schmerz traf tief in ihr junges, bis dahin ungetrübtes Glück, und Sadie beſonders hatte viel, un⸗ endlich viel durch ihn verloren. Auch Rens ſchmerzte der Verluſt des alten wackern Mannes, der ihm ein zwei⸗ 39 ter Vater geworden, und ja auch eigentlich viel mit ſeinetwegen ertragen und geduldet. Viele Monate vergingen denn auch, ehe ſich Beide von dem Verluſt erholen, an die Trennung von ihm gewöhnen konnten, und ſelbſt dann noch wollte das Gefühl der Leere nicht ganz weichen— es fehlte ihnen ein Theil ihrer ſelbſt, und der Alles lindernden Zeit mußte es vorbehalten bleiben ſie vollſtändig da⸗ für zu tröſten. Dieſer Todesfall war aber auch für René zum Trieb geworden, ſich irgend nach einer Thätigkeit um⸗ zuſchauen, nach der auch, beſonders jetzt allein auf ſich ſelbſt angewieſen und in der lebendigeren An⸗ ſiedlung mit neuen Bedürfniſſen erwachſend, ſein lebenskräftiger Geiſt ſich ſehnte und drängte. Eine ſolche Beſchäftigung wurde ihm aber auch zuletzt zur Nothwendigkeit, wenn er nicht untergehen ſollte in dem müßigen, dem Inſulaner wohl zuſagenden, dem gebildeten Europäer aber auf die Länge der Zeit nicht genügenden Leben. Kurz vor Mr. Osbornes Tode war ein Theil des Capitals, das René in Frankreich ſtehen hatte, für ihn auf Tahiti eingetroffen, und er beſchloß jetzt daſ⸗ ſelbe in kaufmänniſchen Speculationen anzulegen, und ſich außerdem mit dem Handel und Betrieb dieſer Inſeln bekannt zu machen. Er bedurfte deſſen aller⸗ dings nicht ſeine Lage zu verbeſſern oder ſeine Exiſtenz zu ſichern, denn wenig genügte hier ſeinem einfachen Leben, aber er wollte einen Antrieb haben, der ihn irgend einem geſtellten Ziel entgegen führte, und das zog ihn dann nicht allein nicht von ſeinem häuslichen Leben ab, ſondern mußte dieſem ſogar einen noch höheren Reiz verleihen. Seine kleine freundliche Wohnung lag vielleicht eine halbe Meile unterhalb Papetee, dicht am Meeres⸗ ſtrand, von hohen Wi⸗ und Mapebäumen umgeben, und die freie Ausſicht nach dem reizenden Imeo hin⸗ über gewährend. Dort, ſchon mit mancher Europäi⸗ ſchen Bequemlichkeit ausgeſtattet, hatte er ſich ſein Neſt gebaut, und zog ihn auch über Tag dann und wann theils die Anknüpfung ſeiner Geſchäfte, theils das rege politiſche Treiben dieſer lebendigen Zeit für Tahiti, nach der Stadt, ſo fand ihn der Abend doch ſtets mit raſchen Schritten heimwärts, in die Arme ſeines trauten Weibes eilend, und ſchmiegte ſich dann das liebe holde Kind, dem die Mutterwürde einen faſt noch höheren Reiz verliehen, koſend an ſeine Seite, dann ſegnete er wohl oft, in der Fülle ſeines Glücks, das Schiff, das ihn an dieſe gaſtliche Küſte geführt, und mehr noch den Entſchluß Freiheit und Leben daran geſetzt zu haben den Boden zu betreten, -——. 41 zu dem es ihn, wie mit einer höheren inneren Stimme unaufhaltſam getrieben. Wie es dabei oft jungen Leuten geht, denen das Schickſal, und wie häufig ihnen zum Heil, in ihrer erſten Liebe, bei ihren erſten ehrgeizigen Plänen, den ſchon zum Genuß gehobenen Becher von den Lippen reißt, und die dann plötzlich ihre Rechnung mit der Welt abgeſchloſſen, ihre Anſprüche an das Leben und ſein Glück vernichtet glauben und gar nicht einſehen wollen, daß ihnen die Welt erſt jetzt ſo voll und weit die Arme öffnet, fand er Alles, Alles gerade in dem Augenblick erfüllt, wo er ſich ſchon an Abgrunds Rande wähnte, und den Schritt für unvermeidlich, für unabwendbar hielt, der ihn zerſchmettert in die Tiefe ſenden mußte. Und wenn er dann wieder im Anfang, von einem Extrem zum andern überſpringend, jeder Gefahr ent⸗ riſſen, mit jedem Wunſch erfüllt, in einem förmlichen Taumel von Wonne und Seligkeit der neu gefunde— nen Rettungsbahn, die ihn nun durch blumige Auen führte, wie im Traume folgte, verlor ſich doch end⸗ lich dieſes Gefühl, das ihn auch wirklich ſein Glück nur halb empfinden ließ, und mit dem vollen Be⸗ wußtſein deſſen was er ſich hier, in dieſer wunder⸗ herrlichen Welt gewonnen, kehrte auch unendliche Ruhe und Seligkeit ein in ſein Herz— eine Ruhe 4² die ſein Weib unſagbar glücklich machte und ihrer Bruſt letzte, durch die anderen Proteſtantiſchen Geiſt⸗ lichen wachgerufenen Zweifel und Beſürchtungen be⸗ ſchwichtigte und widerlegte, daß ſich der unſtete Geiſt des jungen Mannes ſo leicht und vollſtändig dem doch ganz neuen ungewohnten, und gewiſſermaßen abgeſchloſſenen Leben dieſer Inſeln fügen werde. Wie aber der Wirkungskreis ein weiterer war, den er hier fand, ſo zeigte ſich auch bald das Leben ein ganz anderes, als in dem ſtillen, abgeſchloſſenen Atiu. Tahiti, und auf ihm Papetee ſchien der Mit⸗ telpunkt des Handels und Verkehrs für die ſüdlich vom Aequator gelegenen Inſelgruppen werden zu wollen, und gerade in letzter Zeit hatten ſich mehre Amerikaniſche wie Franzöſiſche Familien hier nieder⸗ gelaſſen, die den geſellſchaftlichen Verhältniſſen dieſes kleinen Inſelſtaates einen neuen, bis dahin noch nicht gekannten Aufſchwung zu geben verſprachen. René deſſen liebenswürdiges Benehmen ihm leicht die Her⸗ zen derer gewann, mit denen er in Berührung kam, trat bald darauf mit einem der Amerikaner ſowohl wie den Franzoſen in Geſchäftsverbindung, und fand ſich auf das Herzlichſte bei ihnen eingeführt. Den Frauen beſonders lag daran einen geſelligen Verkehr auf dieſem abgelegenen Punkt zu eröffnen und zu er⸗ halten, und ſie hörten kaum daß Rens verheirathet . — 43 ſei, als ſie auch feſt entſchloſſen waren ihn aufzuſu⸗ chen und mehr an ſich und ihr Haus zu feſſeln. René, der recht wohl fühlte daß er ſich mit der ſtärkeren Bevölkerung der Inſel, wenn ſich beſonders noch mehr Europäer herüber zogen, einem mehr ge⸗ ſelligen Leben nicht ganz würde verſchließen können, ja verſchließen mochte, hatte ſchon ſeit einiger Zeit angefangen Sadie darauf vorzubereiten, und zum erſten Mal ſtörte ihn hierin ihre ungezwungene Tracht, die dem Klima wie der freien Bewegung des Kör⸗ pers doch ſo angemeſſen war. In den Kreiſen in denen er ſich aber in einem mehr geſelligen Leben be⸗ wegen mußte, wäre dieſelbe jedenfalls, wenn nicht geradezu ein Hinderniß, doch oft ein Stein des An⸗ ſtoßes geworden. Allerdings fürchtete er im Anfang dieſen Punkt bei Sadie zu berühren— es konnte ſie kränken wenn ſie glauben möchte ſie gefiele ihm weniger jetzt in dem bunten flatternden Tuch, als früher in der erſten Liebe Zeit; aber Sadie war viel zu vernünftig nicht einzuſehen, wie ſie mit dem Gat⸗ ten in einen anderen Wirkungskreis getreten wäre und ſich dem anzuſchmiegen hätte. Die liebe kleine Frau ſchüttelte wohl anfangs darüber lächelnd den Kopf, aber die neuen Kleider ſtanden ihr vortrefflich, und mit dem, ihren Landsleuten eigenen Scharfblick fügte ſie ſich ſo leicht nicht allein in die Tracht, ſon⸗ dern auch in das ganze Neue und Fremde, das die⸗ ſelbe mit ſich brachte, als ob ſie von Kindheit an darin aufgezogen geweſen wäre, und nicht erſt hätte Alles abwerfen müſſen was uns durch Gewohnheit und Sitte aus unſerer Jugend noch faſt zur andern Natur geworden, und mit unſerm inneren Selbſt ver⸗ wachſen iſt. Störend allein griffen manchmal, wenn auch ſel— ten, die kirchlichen und dadurch wieder politiſchen Verhältniſſe der Inſeln in das Leben der Glücklichen ein, denen ſich René ſelber am lieſten ganz entzogen hätte, wenn ihn eben die Geiſtlichen in Frieden ge⸗ laſſen. Die Proteſtantiſchen Miſſionaire hielten es aber für ihre Pflicht(ein entſetzliches Wort ſolcher Herren) die junge, im rechten Glauben erzo⸗ gene und unglücklicherweiſe in die Hände eines Un⸗ gläubigen gerathene junge Frau, unaufhörlich vor dem Abgrund zu warnen an dem ſie ſtehe, und ihr alle die Schreckniſſe vor zu halten die ſie erwarteten, wenn ſie dem von ihrem Gatten betretenen Pfade folge. Auch das Kind mußte ja dem rechten Glau⸗ ben erhalten werden, und ſo bereitwillig ſich René,“ um nur Ruhe von Außen und Frieden im Hauſe zu haben, allen verlangten Ceremonien fügte, die für unumgänglich nöthig gehalten wurden dem kleinen unſchuldigen Erdenbürger eine einſtige Seligkeit zu 45 ſichern, ſo mußte er doch zuletzt entſchieden gegen einen Theil dieſer Menſchen auftreten, die in ſeinem Haus anfingen wie in einem Taubenſchlag aus und ein zu fliegen, und auf dem beſten Weg waren der armen Frau den Kopf zu verdrehen, und ſie melan⸗ choliſch und unglücklich zu machen. Von den Geiſtlichen war nur Einer, mit dem er ſich gewiſſermaßen befreundete, und zwar eigenthüm⸗ licher Weiſe gerade Einer der eifrigſten und entſchie⸗ denſten der ganzen Geſellſchaft. Bruder Nelſon lebte und webte nur in ſeiner Miſſion und behandelte ſei⸗ nen Beruf mit einer Aufopferung, die ihn ſtets zuletzt an ſich denken ließ, und Belohnung nur wieder allein in dem Erfolg ſuchte und fand, den er dem alleinigen Gott, ſeiner Meinung und Ueberzeugung nach, errang. Ruhig und feſt arbeitete er aber auch ohne Uebertrei⸗ bung, ohne jenen blinden Eifer an der Beſſerung und Bekehrung ſeiner Mitmenſchen, und gehörte vor allen Dingen nicht zu jener tollen Schaar die mit dem Wahlſpruch„ein Tröpfchen Glaube ſei beſſer wie ein ganzes Meer voll Wiſſen“ das Volk nur für ihre Worte und Formeln fanatiſiren wollen, und Sinn und Verſtand dabei, mit einem verklärten Blick nach oben, unter die Füße treten. Renè unterhielt ſich gern und oft mit ihm, ſelbſt über religiöſe Punkte und noch mehr und gewaltigern * 46 Stoff zur Unterhaltung, aber auch zugleich dabei zu einer neuen Beſorgniß, die ſeinen Eifer ihr zu begeg⸗ nen nur noch mehr anſtachelte, erhielt der ehrwürdige Mr. Nelſon in einem neuen Gaſt des Hauſes, der anfangs nur ſelten kam, ſich aber bald dort wohler fühlte und häufiger da geſehen wurde als den übrigen Miſſionairen, die ſchon das Schlimmſte fürchteten, lieb ſein mochte. Es war dies Einer der Katholiſchen Prieſter, de⸗ nen natürlich daran gelegen ſein mußte vor allen Dingen unter ihren Landsleuten feſten Fuß zu faſſen, von denen aus ſie ihre Lehre verbreiten und den Ketzern den ſchon faſt ſicher geglaubten Sieg entreißen konnten. Vater Conet hatte den jungen Franzoſen und Landsmann aufgeſucht, und trotzdem daß er von dieſem, der nicht mit Unrecht dadurch den religiöſen Kampf über ſeine eigene Schwelle zu ziehen fürchtete, im Anfang etwas kalt empfangen und aufgenommen wurde, ſich ſo liebenswürdig betragen, und ſich ſo fern auch ſelbſt von jedem Schein eines Bekehrungs⸗ verſuches gehalten, daß René bald in ihm nur den lieben, ihm herzlich willkommenen Landsmann ſah. Selbſt Bruder Nelſon, der mit ihm einige Male da zuſammentraf und es zuletzt unmöglich fand im Ge⸗ ſpräch das was ihnen beiden ſo nahe lag, die Reli⸗ gion ganz zu vermeiden, lernte ihn mit jedem Tage 47 mehr als einen durchaus gebildeten, anſtändigen Mann kennen, daß er nicht allein Nichts mehr gegen ſeine Beſuche des Hauſes einzuwenden hatte, ſondern ſie im Gegentheil anfing gern zu ſehn und abſichtlich ein jund dieſelbe Stunde mit dem katholiſchen Prie⸗ ſter wählte, ihn dort zu treffen. Unter den übrigen Geiſtlichen hatte aber, nichts⸗ deſtoweniger daß Bruder Nelſon das Haus beſuchte, der überhaupt lange nicht als entſchieden und ortho⸗ dox genug unter ihnen galt, mehr und mehr der Ver⸗ dacht Wurzel geſchlagen, daß der katholiſche Prieſter wirklich die heimliche Abſicht habe, die junge Frau ſchon aus den Armen der rechtgläubigen Kirche her⸗ auszureißen und der ſeinigen zuzuführen, und der Ehrwürdige Bruder Dennis, der fanatiſcheſte unter den Fanatikern, fühlte ſich vor allen anderen dazu be⸗ rufen, für die junge Chriſtin wie ihr Kind als Käm⸗ pfer aufzutreten. Mehrmals trafen ſich hierauf die beiden Geiſt⸗ lichen, Bruder Dennis und Conet in René's Woh⸗ nung, ſelbſt während deſſen Abweſenheit; Bruder Co⸗ net fand aber bald welch ein anderer Geiſt dieſen Mann beherrſche wie den ehrwürdigen Nelſon, und vermied ſorgfältig auch nur die mindeſte Begegnung mit ihm auf geiſtlichen Gebiet unter dem, ihm be⸗ freundeten Dach. Artig aber entſchieden wieß er den wieder und wieder gebotenen Kampf zurück. Rene erfuhr das auch, und gewann ihn dadurch um ſo lieber; vergebens bat er aber den frommen Mr. Den⸗ nis dagegen, von ſolchen Verſuchen bei ihm abzu⸗ ſtehn, da erſtens nicht einmal die geringſte Gefahr irgend eines Glaubenswechſels für Sadie vorhanden ſei, ja die Frau ſogar viel ſchwärmeriſche Ideen be⸗ kam, als ihm ſchon lieb war, und er auch nicht gern ſein häusliches Glück dem Zwieſpalt opfern wollte, der die ganze Nation zu verſchlingen drohte. Der fromme Geiſtliche hatte höhere Pflichten als gegen die Menſchen und ihr häusliches Glück— er hatte Pflichten gegen Gott und denen mußte er folgen, gleichviel wohinaus ſein Weg ihn führte. Der All⸗ mächtige hatte ihn und ſeine Brüder jenem glorreichen Beruf erwählt, Sein Wort, Seine Lehre, den Heiland der Welt und den Heiligen Geiſt den Heiden dieſer Seeen zu bringen und jubelnd in dem Gefühl— ju— belnd in der Seligkeit der Ueberbringer ſo froher Botſchaſt für die Verlorenen zu ſein, ſchritt er vor⸗ wärts, das Kreuz in der gehobenen Rechten. Wohl lauerte der Feind jetzt mit einem trügeriſchen Schat⸗ ten deſſelben Kreuzes die ſchon faſt Geretteten von der richtigen Bahn wieder abzulenken; ſchon ſtreckte er die gierige Teufelsfauſt aus, und Gefahr drohte der kleinen Schaar der Rechtgläubigen von allen Seiten; * 49 aber feſt und unerſchrocken wandelten ſie, die von Gott Beauftragten, ihre Bahn. Ihr Loos war ein ſchwe⸗ res, ihr Ausgang ein zweifelhafter, aber ſie zögerten nicht in dem begonnenen guten Werk, und Gott, der die Herzen der Menſchen ſah und ihre innerſten Tha⸗ ten, würde ſie einſt richten, ob ſie recht gehandelt hätten vor Seinem Angeſicht. Bruder Nelſon fühlte und achtete den Grund, der den franzöſiſchen Prieſter bewog mit dem fanatiſchen Geiſtlichen keinen religiöſen Kampf zu beginnen, was nur in offene Feindſeligkeit enden konnte, ja dieſen Weg ſchon mehremal, ſelbſt ohne Entgegnung, durch des frommen Mannes Heftigkeit zu nehmen gedroht hatte. Er machte auch ſeinem Collegen darüber mehr⸗ mals freundliche Vorſtellungen, die dieſer aber nur heftig erwiederte, und in René's Wohnung war es ſolcher Art ſchon mehrmals zwiſchen den beiden be— freundeten Geiſtlichen ſelbſt, was der Katholik ſtets vermieden hatte, zu, wenn nicht feindlichen, doch ſehr lebhaften und jedenfalls für die Zuhörer unangeneh⸗ men Auftritten gekommen. René hätte ſich Sorgen machen können, des auf⸗ ſteigenden Wetters wegen, aber ſein leichter fröhlicher Sinn ließ das auch leicht an ſich vorübergehn, und zog's ihm auch manchmal die Stirne kraus, ein Blick auf ſein trautes Weib, glättete ſie raſch wieder, und Gerſtäcker's Tahiti. II. 4 ein Lächeln ihres Mundes trieb ihm wie fröhlicher Sonnenſchein durch's Herz. Die ehrwürdigen Herren Nelſon und Dennis hatten denn auch, nur wenige Tage nach der Ver⸗ ſammlung, wieder einmal in René's Wohnung eine ſehr ernſte Debatte gehabt, in der der letztere, wie ge⸗ wöhnlich, Sieger geblieben, das heißt das letzte Wort behalten, und Sadie war zum erſten Mal traurig geworden daß René über Beide lachte, und überhaupt die Sache, die doch auch ſeinen Gott betraf, ſo ent⸗ ſetzlich leicht nehmen wollte. Die Geiſtlichen hatten lange das Haus verlaſſen, der, ſchon vorher beſchrie⸗ benen Verſammlung beizuwohnen, und René und Sadie ſaßen jetzt, Hand in Hand, die junge Frau das wirklich Sorgenſchwere Haupt an des Gatten Schulter gelehnt, vor ihrem Haus, während die kleine Sadie in dem Schooß der Mutter lachte und ſtram⸗ pelte, und des Himmels Blau in ihren klaren großen Augen wiederſpiegelte. „Und biſt Du noch bös auf mich, Sadie?“ flü⸗ ſterte René nach einer langen langen Pauſe, in der er ſeine Lippen an ihre Stirn gepreßt gehalten. „Bös, auf Dich, René?“ ſagte die Frau, und ſchüttelte wehmüthig lächelnd mit dem Kopf—„ich glaube nicht daß ich bös auf Dich werden könnte.— Das iſt auch ein gar trauriges ſchmerzliches Wort; nur ein wenig— nur ein ganz klein wenig weh haſt Du mir gethan— aber es gereut mich ſchon daß ich Dir Vorwürfe darüber gemacht. Du hatteſt es ſicher nicht ſo gemeint, wie ich thörichtes Kind es aufge⸗ nommen;— ich muß Dir auch geſtehen—“ „Und was, meine Sadie?“ „Schilt mich eine Thörin,“ ſagte Sadie,„ich hab' es verdient, aber— mir war es immer als ob Du auf Seiten der fremden Prieſter ſtändeſt, wie Du lachteſt, und das, das gerade gab mir einen ordent⸗ lichen Stich durch das Herz, und das— das glaub' ich auch, war, was mir eigentlich weh dabei gethan.“ „Das ſollte es wahrlich nicht, Du treues Herz,“ ſagte René gutmüthig,„aber komiſch iſt es doch wahrlich manchmal, daß Menſchen, ſonſt ganz ver⸗ nünftige mit ihren fünf Sinnen begabte Menſchen wie unſer Freund Dennis zum Beiſpiel, in mir unbegreif⸗ licher Verblendung nicht allein behaupten können, nein auch feſt davon überzeugt ſind, daß nur ſie allein den„ſchmalen dornenvollen Pfad“ gefunden haben und wandeln, der direkt zu Gottes Seligkeit führt.“ „Und wenn ſie recht hätten?“ „Liebes Herz!“ „Nein Rene, nein!“ ſagte Sadie raſch, ſich feſter an ihn ſchmiegend,„ich will nicht ſtreiten mit Dir über den Weg des Heils, aber Du mußt auch nach⸗ . 4* 52 ſichtig mit mir ſein, denn wenn ich mich ängſtige und ſorge iſt es ja doch nur Deines, des Kindes wegen.“. „Sieh nun, Sadie,“ ſagte Renè nach einer klei⸗ nen Pauſe, in der er ſie feſt in ſeinen Arm geſchloſ⸗ ſen,„Ihr zürnt den fremden Prieſtern meiner, oder vielmehr der Römiſch katholiſchen Religion, daß ſie den Streit und Unfrieden auf Euere Inſel gebracht hätten, und zum Theil haſt Du recht; aber wäre es möglich geweſen die katholiſche Religion ganz fern von dieſen Gruppen zu halten, wo mehr und mehr Fremde ſich anſtedelten, deren Religion allein doch kein Grund ſein konnte ſie zurückzuweiſen? ja hatten die Proteſtantiſchen Miſſionaire vor Gott ein Recht ihr Sektenthum allein als das wahre und richtige hinzuſtellen?“ „Vor Gott und den Menſchen, ja!“ ſagte raſch und eifrig Sadie,„denn ihr Leben haben ſie daran geſetzt dieſen Inſeln die wahre Religion zu bringen, und würden ſie das gethan haben, wenn ſie gerade ihre Religion nicht für die wahre, allein wahre hiel⸗ ten, ja wenn ſie nicht feſt überzeugt geweſen wä⸗ ren daß ſie es ſei?— Welchen beſſern Beweis konn⸗ ten jene Männer geben, als daß ſie Gut und Blut für ihren Glauben einſetzten?“ „Gut und Blut,“ ſagte Renè achſelzuckend,„das 53 klingt wie viel und iſt wenig, daſſelbe thut der/ ge⸗ wöhnlichſte Matroſe auf jeder Reiſe— wir wollen Alle leben. Aber wir haben darüber ſchon geſprochen meine Sadie, und gerathen da auf ein gefährliches, viel viel lieber zu vermeidendes Feld. Der Ein⸗ zelne kann mir auch lieb und werth ſein, ohne daß ich gerade das Princip des Ganzen anerkenne, wie Du ja ſelber auch den würdigen Vater Conet ſeines achtungswerthen Betragens, wie ſeiner geſellſchaft⸗ lichen Tugenden wegen lieb gewonnen haſt, während Du doch ſonſt gewiß in jeder Hinſicht ſeine Geg— nerin biſt.“ 8 7 „Ich begreife das überhaupt nicht,“ ſagte Sadie leiſe—„er iſt auch gar nicht wie ein katholiſcher Prieſter—“ „Weil Du Dir dieſe Klaſſe Menſchen eben gedacht haſt wie ſie Dir von Bruder Rowe und Conſorten geſchildert wurde. Bei vielen trifft deren Bild, ich habe Nichts dagegen, aber nicht bei Allen, nicht bei der Mehrzahl, und— wir ſollen nie von einem Men⸗ ſchen das Schlechteſte denken, Sadie. Doch guter Gott, wohin verirren wir uns?— iſt das ein Ge⸗ ſpräch für Mann und Weib mit dieſer Welt um uns her, und dem herzigen ſüßen Weſen da zwiſchen uns, daß Dich zupft und ruft und die Mutter ſchon lange ablenken will von den düſteren Gedanken, die ihr ſo nutzlos die Seele umlagern und— ſo nutzlos hineingepflanzt ſind in den reinen treuen Boden? Wetter noch einmal Sadie, Bruder Dennis iſt mir ein lieber ſeelensguter Mann, ein Mann den ich achte und verehre, weil ich fühle wie eben Alles bei ihm feſte innige Ueberzeugung iſt, was er ſpricht— ſelbſt wenn er Unſinn— nein mein Lieb, ich meine es ja nicht ſo ſchlimm, er ſoll mir Dir nur nicht ſolche Grillen und Gedanken in's Herz preſſen, und zwingt er Dir noch einmal die Thräne in's Auge, dann— dann—“ „Und dann?“ frug Sadie, und unter Thränen vor ſchaute ihr Blick lächelnd zu ihm empor—„und dann?“ „Wettermädchen, Du machſt mit mir doch was Du willſt!“ rief Rent, ſie an ſich ziehend und küſ⸗ ſend—„ich verlange ja auch Nichts mehr auf der weiten Gottes Welt, als daß ſie uns unſern Frieden laſſen, ungeſtört und heilig, wie wir ihn—“ „Hahahahaha,“ klang in dieſem Augenblick eine ſilberreine Stimme zu ihnen herüber, und als ſie überraſcht aufſchauten, ſprang eines der eingeborenen Mädchen, das ſie hier auf Tahiti kennen gelernt, und trotz ihres wilden Weſens, in dem ein treues Herz verborgen lag, lieb gewonnen, über die niedere Um⸗ 1 4 1 zäunung, die den Nachbargarten von ihnen trennte, und kam auf ſie zu. Es war ein junges Ding von ſiebzehn Jahren vielleicht, und ganz in die dünne luftige Tracht jener Mädchen gekleidet, mit kurzem pareu oder Lenden⸗ tuch, und leichtem Kattun⸗Ueberwurf über die Schul⸗ tern, gerade wie René Sadien zum erſten Mal ge⸗ ſehen.— Aber die dunklen, mit wohlriechendem Oel reich getränkten Locken ſchmückte ein künſtlich gefloch⸗ tener Kranz von rothen Blüthen, mit den ſchneeigen Faſern der Arrowroot durchwebt, und der Blick mit dem ſie das junge Paar begrüßte ruhte keck, ja faſt höhniſch auf der liebenden Gruppe. Aia war ſchön, ſchön wie die Palme ihrer Wäl⸗ der, die lichtbronzene Haut in ihrer Färbung eher eine Zierde zu nennen, und die Geſtalt voll und üp⸗ pig, und doch ſchlank und elaſtiſch; aber die weiche ſchwärmeriſche Gluth fehlte ihr, die den Zügen ihrer Landsmänninnen einen ſo eigenthümlichen Reiz ver⸗ leiht, und auch das Mädchenhafte, ohne die der Schmelz abgeſtreift iſt von jeder weiblichen Schön⸗ heit. Keck und zuverſichtlich blitzte ihr Auge umher, den begegnenden Blick ertragend und beſtegend, und ein eigenes bitteres, faſt verächtliches Lächeln, das ihre Lippen dabei umſpielte, diente nicht dazu deſſen Ausdruck zu mildern. 56 „Joranna Sadie— Joranna Reneé,“ lachte ſie, mit verſchränkten Armen vor der Gruppe ſtehen blei⸗ bend und ſie betrachtend—„Joranna Ihr Beiden— hahahaha— ſitzt Ihr nicht da, als ob Dir Rene erſt vor kaum einer Stunde ſeine tollen Liebeslügen in's Ohr geflüſtert, und Ihr nun alle Beide die Ueberzeugung hättet, Ihr könntet nicht leben ohne einander?— bah, bah, wie lange wird's noch dauern? — Aber wundern ſoll's mich doch, und hätt' ich früher daran gedacht, Sadie, hätteſt Du mir auch von dem Pulver geben müſſen, das Du ihm in die Cocosmilch geſchüttet— vielleicht löge mir jener falſche Wi⸗wi jetzt auch noch vor, daß ich die Schönſte ſei auf den weiten Inſeln, und er ſterben müſſe, wenn ich ihn nicht mehr lieben wolle. Hahahahaha, s'iſt wahrhaftig zum toll werden wenn man an ſolche Zeit zurückdenkt, und ſich das Alles dann immer und immer wieder vor den eigenen Augen erneuen ſieht; ja und immer und immer wieder Thörinnen findet, denen der Hochmuthsteufel tief genug im Her⸗ zen ſteckt ſich allein für unverlaßbar zu halten.— Aber Joranna; Ihr ſeid unverbeſſerlich, und wenn er erſt fort iſt, Sadie, will ich Dich auslachen, wie Du es verdienſt.“ Sie warf die Locken von den Schläͤfen zurück, und wollte nach dem Strand hinunter eilen, als René's Entgegnung ſie zurückhielt. „Du haſt unrecht, Aia,“ rief er ihr nach,„dop⸗ pelt Unrecht, hier gerade in beiden Nachbarhäuſern. Sieh Lefevre an und Aumama, länger noch als wir ſind ſie verheirathet mitſammen, haben zwei liebe Kinder und denken gar nicht daran ſich zu trennen.“ „Denken nicht daran ſich zu trennen?“ rief Aia, die bei den erſten Lauten ſchon ſtehen geblieben war, und den Kopf mit einem ſpöttiſchen, faſt feindlichen Lächeln dem Redner zugewandt hatte—„denken nicht daran ſich zu trennen? ja Du haſt recht— wer weiß ob Du nicht noch früher dein Canoe wieder aus den Riffen ſteuerſt als er— aber Le⸗fe⸗ve hat ſich ſchon blind geſehen in ein paar andere Augen. Schüttle nicht mit dem Kopf, Wi⸗wi wenn Du mir nicht widerſprechen kannſt; reiß ihm das Kleid auf und lege dein Ohr an ſein Herz— für wen ſchlägt's? — bah— ſo viel für Euch!“ und ſie ſchlug trotzig mit der flachen Hand ihre Lende. „Aia— komm her zu mir und ſetze Dich zu mir,“ ſagte Sadie jetzt mit leiſer, bittender Stimme.„Sei nicht ſo bös und ärgerlich, wir haben Dich lieb hier, und Du meinſt es doch nicht ſo arg, wie Du es ſprichſt.“ „Mein ich nicht?“ ſagte das Mädchen noch im⸗ 58 mer halb trotzig und abgewandt, aber doch ſchon mit viel leiſerer, milderer Stimme, als die ſanften, bitten⸗ den Laute ihr Ohr trafen—„mein ich nicht? und woher weißt Du's, Sadie?— ich haſſe Euch Alle miteinander, und wohl, oh entſetzlich wohl ſoll mir's thun, wenn Ihr Alle— Alle ſo unglücklich werdet — ſo— wie—“" ſie wandte raſch den Kopf ab von Sadie, aber es war nur ein Moment— „Aia!“ rief Sadie, ſo bittend, ſo herzlich— Aia ſtand zögernd, Trotz und Zorn und Schaam hiel⸗ ten noch die Oberhand in ihrem Herzen, aber nicht im Stand ſich zu verſtellen, gewann das beſſere Ge⸗ V fühl, mit dem einmal aufgerüttelten Schmerz die Oberhand, und mit wenigen Schritten an ihrer Seite, kauerte ſie neben ihr nieder, barg das Antlitz an ihrem Schooß und flüſterte leiſe unter ausbrechenden Thränen: „Du biſt gut, Sadie, gut wie— wie— ich habe keinen Vergleich mehr, denn unſere Götter haben ſie V uns auch genommen und die ihrigen ſind falſch— I falſch wie ſie ſelber. Aber ich bin viel zu ſchlecht für Dich, viel zu ſchlecht; Aia darf Dir nicht mehr in's Auge ſehen— und doch hatten Deine Lippen noch nie einen Vorwurf für ſie.“ „Armes Mädchen,“ ſagte die junge Frau leiſe und theilnehmend, und ſuchte ihr Haupt zu ſich auf⸗ 59 zuheben, aber die Weinende wehrte ſie ab, und ſchlang den Arm nur feſter um ihren Leib, ſich ihre Stellung zu wahren. René hatte ſte mitleidig eine Zeitlang betrachtet, dann legte er ſeine Hand auf ihre Schulter und ſagte leiſe: „Bleibe bei uns, Aia, gehe nicht wieder nach Papetee, ſondern bleibe bei Sadie. Wir haben Brod⸗ frucht und Fiſch für Dich, und eine Matte darauf zu ſchlafen, und Dein Kleid ſoll nicht ſchlechter ſein, als Du es bis jetzt getragen— Sadie braucht eine Hülfe“ fuhr er freundlich fort, als er ſah wie dieſe den Kopf der vor ihr Knieenden ſtreichelte, und ſie liebkoſend an ſich zog,„und Du wirfſt recht, recht willkommen ſein, hier im Haus.“ „Rens hat recht,„unterſtützte die Bitte ſein Weib⸗ „geh nicht wieder nach Papetee— deine Mutter iſt todt und dein Vater weit auf den Inſeln zu Leewärts drüben; meide die Stadt, die Dir nur Unheil bringt und Fluch und Leid, und bleibe bei mir. Es wird Dich nicht gereuen und Du wirſt wieder froh und glücklich werden unter uns.“ „Und die Mi⸗to⸗na⸗res?“ ſagte das Mädchen leiſe. „Werden die Reuige gern und liebend in ihren Schutz nnd Schirm nehmen und ihr die Sünden 60 vergeben, wie Gott einſt gnädig auf uns niederſchauen möge,“ ſagte Sadie raſch und freudig, denn in der Frage ſchon lag eine Zuſage ihrer Bitte. Aia lag noch lange an der Geſpielin Schooß und ihre Thrä⸗ nen ſchienen raſcher zu fließen, als ein laute Män⸗ nerſtimme fröhlichen Gruß durch die Hecke blühender Akazien rief, die den Garten von der Straße trennte. „Ah Lefevre,“ antwortete René,„wie geht es Euch, Nachbar, und kommt Ihr nicht herüber?“ „Gleich, gleich,“ lautete die Antwort, und ſie hörten wie der junge Franzoſe draußen noch mit Je⸗ manden ſprach und ihm Aufträge gab. Aber auch Aia hatte ſich raſch und wie erſchreckt emporgerichtet, und die Locken aus der Stirn, die Thränen aus dem Auge werfend wandte ſie ſich, als ob ſie den Platz fliehen wollte; Sadie aber ergriff raſch ihre Hand und ſagte leiſe und bittend: „Gehe nicht fort von hier, Aia, bleibe bei uns.“ „Nein nein,“ rief aber das Mädchen und Sadie konnte ſehen welchen Seelenkampf es ihr koſtete die Bitte auszuſchlagen, den ſtillen Frieden ihrer Woh⸗ nung zu verſchmähn und allein und freundlos in dem wilden Leben fortzuſtürmen,„nein ich kann— ich darf nicht bei Dir bleiben— ich verdiene es nicht— ich bin bös und ſchlecht geworden, und deines Gottes Fluch würde mich von der Schwelle treiben, auf der 61 jetzt noch Dein Glück und Frieden weilt— aber“ ſetzte ſie wilder hinzu, und ihr Auge blitzte in un— heimlicher Gluth nach René hinüber,„wenn ſie Dich Alle verlaſſen haben, und Du allein und freundlos in der Welt ſtehſt— wie ich jetzt— dann wird Aia an deiner Seite ſein, und Dir für das freundliche Wort danken, das Du heute zu ihr geſprochen. Dann wollen wir lachen und tanzen und zuſammen in's Leben ſtürmen, aber nicht mehr klagen und weinen.— Den fai über die Thränen— ſie waſchen den Schaum von der Seele des Menſchen, daß man hinunter ſehen kann bis auf den Grund— und der Fiſcher lacht doch nur, der darüber hinfährt.“ „Du haſt vielleicht Urſache Einem von uns zu zürnen, Aia,“ ſagte aber René, der wohl ſah welchen ſchmerzlichen, ja peinlichen Eindruck die Worte auf ſeiner Sadie Seele machten,„und ſchmähſt jetzt un⸗ gerecht das ganze Geſchlecht. Du wirſt uns in ſpä— teren Jahren Abbitte thun. „Werd' ich— ha? und Le⸗fe⸗ve auch, wie?“— lachte das Mädchen zornig und deutete mit dem aus⸗ geſtreckten Arm nach dem, eben den Garten betreten⸗ den Franzoſen. „Hallo Aia!“ rief ihr dieſer zu,„ſummt die wilde Hummel auch wieder ihr Lied auf unſerer Flur?— ha, Du haſt Thränen im Auge Mädchen?— geh, Du biſt ein ſchwarzer Vogel und prophezeihſt nur Unheil.“ „Es bedarf keines Propheten,“ ſagte aber das Mädchen zürnend, indem ſie ſich abwandte und das Schultertuch feſter um ſich zog—„Jeder von uns kann leicht vorherſagen daß die Sonne morgen früh wieder über die Berge kommt, wenn ſie am Abend hinter Morea*) in die See geſunken.— Fort mit Euch, Ihr habt ſüße Worte auf der Zunge, und Gift, tödtliches Gift im Herzen— fort, Aia kennt Euch— fort!“— und ohne Gruß noch Blick zu⸗ rückzuwerfen, ſchritt ſie den ſchmalen Pfad hinab, der nach dem unteren Pförtchen führte und war bald in der ſogenannten broomroad, dem gebahnten Weg nach Papetee, verſchwunden. Sadie ſah ihr ſeufzend nach und auch René konnte ſich eines unheimlichen Gefühls nicht ganz erwehren. „Joranna Rent,— ah hon jour Madame,“ rief aber Leferve, der wohl den peinlichen Eindruck zu ver⸗ wiſchen wünſchte, den die Worte des wunderlichen Mädchens unverkennbar beſonders auf Sadie ge⸗ macht,„hat Ihnen Aia den ſchönen Abend verderben wollen?— es iſt ein albernes Ding, und darf mir gar nicht mehr über die Schwelle, denn Aumama *) Die Indianer nennen die Inſel Imeo meiſt Morea. weint jedes Mal, wenn ſie nur den Fuß unter das Dach geſetzt.“ „Sie iſt arm und unglücklich,“ ſagte Sadie. „Ach— ſie verſtellt ſich,“ entgegnete mürriſch Le⸗ fevre—„und trägt wahrſcheinlich ſelber mit die größte Schuld ihres Leid's. Wir armen Teufel ſollen's dann immer allein verbrochen haben, nicht wahr René?— Doch, was ich gleich ſagen wollte; gehen Sie mit nach Papetee?— die ehrwürdigen Prote⸗ ſtantiſchen Herren haben da wieder eine Zuſammen⸗ kunft, heut Nachmittag, und wie das Gerücht geht beabſichtigen ſie den Beſchluß ernſter Maßregeln, je⸗ den Franzöſiſchen Einfluß, und mit ihm vielleicht auch gleich wieder die Franzöſiſchen Prieſter, die ihnen ein Dorn im Auge ſind, von ſich abzuſchütteln.“ „Die Miſſionaire“— ſagte René raſch, fuhr aber gleich darauf langſamer fort,„ſind wackere und brave, aber kurzſichtige Männer, ſie glauben das Heft jetzt in Händen zu haben und ſpielen ſo lange damit bis es ihnen unter den Fingern wegſchlüpft— ſie ſollten ſich nicht in die Politik miſchen.“ „Was ſagt Mr. Nelſon dazu?“ frug Lefevre. „Er hält die Ankunft der Katholiken auch für ein Unglück für die Inſeln, iſt aber mit den Gewalts⸗ maßregeln unzufrieden die man dagegen ergreifen 64 will; doch was kann der Einzelne gegen die ganze Schaar ausrichten.“ „Und gehen Sie mit nach Papetee?“ „Was ſollen wir dort?— herbe Reden hören, die uns vielleicht ärgern und zu Gegenreden treiben? — ich habe keine Freude an der Sache, und ſehe das Leid und Elend ſchon vor Augen das daraus ent⸗ ſpringen wird und muß.“ „Aber wir mögen vielleicht noch Manches mil⸗ dern was geſchehen könnte. Mörenhout iſt ein ver⸗ nünftiger Mann, und wird nicht zu weit gehn.“ „Was kann Mörenhout thun?“ ſagte René achſelzuckend—„ſo wie die Miſſionaire unter dem Schutz eines Engliſchen Kriegsſchiffes ſtehn, und ſo lange das im Hafen ligt, daß ſie ſich ſicher fühlen, haben ſie das Wort, und wir kennen ſie doch dahin gut genug, zu wiſſen, wie ſie das gebrauchen.— Aber ich gehe mit, wir haben dann wenigſtens unſere Pflicht gethan, und uns ſelber nichts vorzuwerfen. Ich komme bald wieder zurück, Sadie,“ ſagte er ſich niederbeugend und ihre Stirn küſſend.. „Bleibe nicht ſo gar lange aus heut',“ bat die junge Frau ihn, leiſe flüſternd, und die Kleine noch auf dem Knie haltend, die erſt die Aermchen um den von ihr Abſchied nehmenden Vater geſchlungen, ſah ſie den Männern lange und ſchweigend nach. 65 Aber Aia's Worte hatten doch trübe und ſchmerz⸗ liche Gedanken in ihrer Seele wach gerufen. Nicht für das eigene Glück ſürchtete ſie dabei; ſo keck und leicht René auch immer in das Leben ſtürmte, ſo treu war er ſich geblieben, was ſie betraf, von erſter Stunde an wo er ſie geſehen, und das Kind, das er mit unendlicher Zärtlichkeit liebte, ſchlang die Bande des Herzens ja noch ſeſter um ſie. Aber das wilde Leben der Inſel ſelber; die ihr feindlich dünkende Re⸗ ligion, die weiter und weiter um ſich zu greifen drohte, und viel, ſo entſetzlich viel von dem verwarf, was ihr bis dahin der Seele Heiligſtes gegolten; der Unfrieden dabei zwiſchen den eigenen Lehrern, die Vorwürfe, die von den Miſſionairen ihrem alten Va⸗ ter o ſo ungerecht gemacht wurden, der Römiſchen Kirche mehr als mit ſeiner Stellung verträglich zuge⸗ than zu ſein, wie er denn auch ſelbſt das einzige We⸗ ſen das ihm näher ſtand, einem Katholiken zur Frau gegeben; ja ſelbſt Rene's Gleichgültigkeit gegen einen Kampf, der doch die heiligſten Intereſſen ihrer einſti⸗ gen Seligkeit betraf, das Alles zog ihr in trüben ängſtigenden Bildern an der Seele vorüber.— Und dabei hatte ja die arme Aia recht mit ſo vielen An⸗ deren; wohin ſie dachte ſchrak ſie vor dem wilden Treiben zurück, das lockere Bande ſchlang um Euro⸗ päer und Inſulanerinenn, und ſie losließ, wie es dem Gerſtäcker's Tahiti. II. 5 Augenblick gefiel. Ob das Herz darüber brach, oder die Verlaſſene in Schmerz und Trotz Entſchädigung, Vergeſſen ſuchte in wilder laſterhafter Luſt; die Welle des flüchtigen Tages ſchlug über ihr zuſammen, und die nächſte Sonne hatte vergeſſen was ſie geſtern be⸗ ſchien in Lieb und Treue. „Mein ſchönes Atin,“ ſeufzte ſte da leiſe vor ſich hin—„Du lieber, lieber Platz an dem freundlichen Strand— Deine Palmen ſo grün, Deine Früchte ſo ſüß— Atiu. Und der alte kleine Mi⸗to⸗na⸗re da am Haus, der ſo oft hier herüberdenkt an ſeine kleine Pu⸗de⸗ni⸗a, die jetzt— aber nein, nein, nein, Renẽ fühlt ſich wohl hier und glücklich in der, ſeine Thä⸗ tigkeit fordernden Welt, und einſt kommt denn doch wohl die Zeit, wo er ſich wieder zurückſehnt nach jenem ſtillen Ort unſeres erſten, ſeligſten Glücks— nach Atiu.— Und die Zeit wird wieder kommen,“ ſetzte ſie nach einer kleinen Pauſe zuverſichtlich hinzu, „noch hab' ich nicht für immer Abſchied genommen von all den liebgewonnenen Stellen, von den guten Menſchen— ich weiß nur nicht ob ich mich ſo recht herzlich darauf freuen ſoll— oder davor fürchten. Ach es iſt ein recht recht böſes Ding um das arme Menſchenherz!“* Capitel 3. Der Beſuch— Aumama. Sadie ſaß noch lange träumend da, und ihrem regen Geiſt tauchten bunte und oft wunderliche Bil⸗ der auf, wie ſie das Herz ſich wohl ausmalt in mü⸗ ßigen Stunden, ſinnend und grübelnd ihre Farben ſchaut, und ſich vorſpricht daß ſie leben und ſind— bis ſie in Dunſt zerfließen, anderen, bunteren viel⸗ leicht, Raum zu geben. Aber die Kleine ſcheuchte ihr bald die Wolken von der Stirn— wenn es wirklich Wolken geweſen, die ihrem ſonſt ſo heiteren Antlitz jenen ernſten Schatten gegeben— und mit dem Kinde koſend und ſpielend kehrte das Lächeln auf ihre Lip⸗ pen zurück, und ſie war bald wieder das heitere frohe Kind des Waldes, dem Gott in ſeiner unendlichen 5 68 Vaterhuld alle Wünſche erfüllt, alle Tage geſegnet hatte, und das ſich nun auch des heiteren Sonnen⸗ lichts freute, in Glück und Dankbarkeit. „Hat mir das böſe arme Mädchen doch ſelber faſt das Herz ſchwer gemacht eine ganze Stunde lang,“ ſagte ſte lachend, und das Kind dabei herzend,— „hat uns Steine in den klaren See geworfen, meine Sadie, und das Waſſer getrübt, bis an den Rand hinauf. Aber nun wollen wir auch wieder lachen und ſingen und fröhlich ſein, bis Papa zurückkommt und ſich freut mit mir, an meinem kleinen lieben Töchterchen. Horch, was iſt das?— hoͤrſt Du mein Kindchen, wie das trappelt und trappelt da draußen? — das buaa a fai tatatu*) klappert vorbei und Sa⸗ die— aber was iſt das?“ unterbrach ſie ſich raſch und faſt erſchreckt, als näher und näher gekommenes Pferdegetrappel plötzlich an ihrer Pforte hielt, und ſie Stimmen vernahm—„Fremde hier draußen bei uns?— Was für ein wildes reges Leben dieſe frem⸗ den Männer doch auf unſere ſtillen Inſeln gebracht haben,“ ſetzte ſie dann langſamer und kopfſchüttelnd hinzu,„und lärmend und lachend ſprengen ſie Wo⸗ chentag wie Sabbath die Straßen entlang, ſich nicht *)„Das Schwein das Menſchen trägt“ wie die Inſulaner zuerſt das Pferd nannten, für das ſie keinen Namen hatten. 69 mehr um den heiligen Tag ihres eigenen Gottes kümmernd, als ob das Glockengeläute dem Oro oder Taua gälte. Auf Atiu war es doch ſtiller und fried⸗ licher, und wenn wir dort— ha, ich glaube wahr⸗ haftig die Leute wollen hier herein.“ „Dieß muß der Ort ſein,“ ſagte jetzt plötzlich eine Frauenſtimme draußen auf der Straße, in Fran⸗ zöſiſcher Sprache, die Sadie hatte, ſelbſt in der kur⸗ zen Zeit, vollkommen gut und fließend von René ſpre⸗ chen lernen—„wären Sie meinem Rath vorhin ge⸗ folgt, Monsieur Belard, ſo hätten wir nicht ein paar Miles ins Blaue hinein zu galoppiren brauchen— ſteigen wir ab?“ „Jedenfalls, wenn es den Damen gefällig iſt,“ erwiederte eine Männerſtimme,„er kann kaum irgend wo anders wohnen.“ Sadie die, ihr Kind auf dem Arm, auf einen klei— nen Ausbau getreten war, von dem aus ſie, durch einen dichten Buſch des Cap⸗Jasmins verdeckt, die Straße vor der Thür gerade überſchauen konnte, er⸗ kannte drei Damen und zwei Herren, alle zu Pferde, die an der Pforte hielten, jetzt abſtiegen und den klei⸗ nen Hofraum, der zwiſchen der blühenden Akazien⸗ hecke und dem Hauſe lag, betraten. Die Fremden ſuchten jedenfalls René, und Aus⸗ kunft zu geben trat ſie ihnen, das Kind nach dortiger 70 Sitte auf ihrer linken Hüfte reitend, mit freundlichem Joranna entgegen. „Ah, da iſt ein Mädchen,“ rief die eine Dame, die, das lange Reitkleid emporhaltend, nahe am Hauſe ſtehen geblieben war, und ſich nach irgend einem le⸗ benden Weſen, das ihr Rede zu ſtehen vermochte, ſchien umgeſehen zu haben,„aber lieber Gott, Lucie, es iſt eine Eingeborene, und mit meinem Tahitiſch ſieht es noch windig aus— ich kann noch weiter Nichts als Joranna und aita.“ „Ich ſpreche franzöſiſch, meine Damen,“ unterbrach ſie die junge Frau, leicht erröthend und die Kleine, die ſich ängſtlich an ſie klammerte, der fremden Ge⸗ ſichter wegen, mit ein paar freundlichen Worten auf den Boden niederſetzend. „Ah, Du ſprichſt in der That Franzöſiſch, Kind?“ ſagte die andere Dame, die von der erſten Lucie ge⸗ nannt war, erſtaunt—„und noch dazu mit vortreff⸗ licher Ausſprache; ſehr ſchön, dann kannſt Du uns auch ſagen ob Monſieur René Delavigne hier wohnt und Madame Delavigne zu ſprechen iſt.“ Sadie lächelte, denn ſie fühlte recht gut wie ſie die Fremden in ihrem einfachen Gewand für irgend ein Mädchen des Hauſes hielten, und ſagte mit einer leiſen Neigung des Kopfes, während aber ein höheres 71 Roth ihre Wangen und Schläfe bis auf den Nacken färbte und das liebe Antlitz noch reizender machte: „Monſieur Delavigne wohnt hier allerdings, und Madamo, oder Sadie Delavigne—“ „Ah, dann iſt dieß wohl ſeine Tochter?— ein reizendes Kind!“ unterbrach ſie Madame Belard und kniete bei der Kleinen nieder. „Und Madame Delavigne?“ frug Mad. Brouard. „Bin ich ſelber,“ flüſterte Sadie mehr als ſie ſprach. „Ah— mon Dieu— est il possible?— bless me!“ waren die erſten erſtaunten Ausrufe der Da⸗ men und Herren, denn ſo unerwartet kam ihnen die Entdeckung, daß René eine Eingeborene„zur Frau hielt,“ ſelbſt jeden ſchuldigen Anſtand in dieſen Aus⸗ rufungen zu vergeſſen, und Sadie fühlte das mehr, als ſie es verſtand, denn das Blut drohte ihr in die⸗ ſem Augenblick die Adern der Schläfe zu zerſprengen, und ſie bog ſich zu dem Kind mieder ihre Verlegen⸗ heit— wenigſtens ihr Erröthen zu verbergen. Die beiden Franzöſinnen faßten ſich aber raſch wieder, und wohl einſehend welchen Verſtoß gegen jede gute Sitte ſie hier, allerdings nur in der erſten Ueberraſchung, gemacht, traten ſie auf Sadie zu, und begrüßten ſie, ihr die Hände entgegenſtreckend, in faſt herzlicher Weiſe. „Ah, da hat uns Freund Delavigne eine Ueber⸗ 72 raſchung aufgeſpart,“ rief die erſte Sprecherin, Ma⸗ dame Belard, lachend—„wir haben natürlich nicht vermuthen können, daß er ſchon ſo heimiſch auf den Inſeln geworden wäre.— So ſein Sie uns herzlich gegrüßt, Madame und verſichert dabei, daß wir trotz⸗ dem keine Unbekannte in Ihnen aufſuchten. Ihr Herr Gemahl hat uns ſchon ſo viel Liebes und Gutes von Ihnen erzählt— nur Ihrer Abſtammung erwähnte er nicht, wahrſcheinlich nur uns Ihre Liebenswürdig⸗ keit ſo viel lebhafter empfinden zu laſſen.“ Sadie athmete leichter auf; die freundlichen Worte, wenn ſie ihren Sinn auch nicht gleich vollkommen faßte, thaten ihr wohl. Sie hatte ſich vor einem erſten Zuſammenkommen mit jenen fremden Frauen, von denen ihr Reneé ſchon erzählt, und in deren Haus ſie einzuführen er gewünſcht hatte, ſchon lange ge⸗ fürchtet; deren erſtes Betragen hatte dann ebenfalls nicht dazu gedient ſie zu beruhigen, und um ſo wohl⸗ thuender kam ihr jetzt die herzliche Anrede. Ihr ein⸗ fach treues Herz kannte auch weder Falſch noch Ver⸗ ſtellung, und die Worte nehmend wie ſie ihr geboten wurden ſagte ſie, den Frauen beide Hände entgegen⸗ ſtreckend, und ihnen offen und freundlich dabei in's Auge ſchauend: „Reneé wird es recht recht leid thun daß Sie ihn nicht hier gefunden haben, aber ſein Sie mir herz⸗ lich willkommen und ruhen Sie ſich ein wenig aus bei mir, von Ihrem Ritt. Ich will die Kleine nur indeſſen unter Aufſicht geben, und bin dann raſch wieder bei Ihnen.“ Die Damen wollten erſt höfliche Einreden machen, und ſprachen von„ſtören“ und„beunruhigen“, Sadie führte ſie aber lächelnd zu dem freundlichen Sitz am Strand, und bat ſie dort niederzuſitzen, während ſie raſch mit dem Kind in das Haus eilte. „Ein reizendes Frauchen,“ ſagte Monſieur Be⸗ lard ſchmunzelnd, als ſie in der Thür verſchwunden war, und die Damen einiges zuſammen flüſterten; Delavigne hat wahrhaftig keinen ſchlechten Geſchmack; und ſpricht vortrefflich Franzöſiſch— vortrefflich.“ „Mr. Delavigne hätte uns aber doch auch wohl vorher einen Wink über ſeine Familienverhältniſſe geben können,“ meinte Mrs. Noughton, eine Ame⸗ rikanerin, die bis jetzt noch kein Wort mit Sadie ge⸗ ſprochen hatte—„er würde dadurch beiden Theilen eine Verlegenheit erſpart haben.“ „Lieber Gott, Verehrteſte,“ vertheidigte dieſen die lebendige Madame Belard,„die Verhältniſſe auf den Inſeln hier ſind von den unſrigen ſo ſehr verſchieden, daß man ſchon wirklich bei Manchem ein Auge zu— drücken muß, und nicht gar ſo entſetzlich ſtreng ſein darf. Es beſtehen übrigens auch wirkliche Verbin⸗ dungen zwiſchen Europäern und Inſulanerinnen, und Monſieur Delavigne hat nur von ſeiner Frau ge⸗ ſprochen.“ „Lieben Kinder, was zerbrecht Ihr Euch darüber den Kopf,“ fiel ihnen hier der andere, ältere Herr, ein Monſieur Brouard und der Gemahl der viel jün⸗ geren Lucie Brouard, in die Rede,„wenn Ihr in Rom ſeid müßt Ihr leben wie die Römer,“ ſagt ein altes gutes Sprichwort. Madame Delavigne iſt ein reizendes junges Frauchen, und wohl im Stande einen Mann zu feſſeln.“— „Und auf wie lange?“ unterbrach ihn, mit einem faſt boshaften Lächeln, Madame Belard. „Auf wie lange, Madame?“ wiederholte mit einem etwas frivolen Achſelzucken der Gefragte— „ich bin kein Prophet oder Sterndeuter; aber das ſind Familienverhältniſſe, und mancher Indianer hätte vielleicht eben ſo gut ein Recht dieſelbe Frage an uns Europäer zu richten— auf wie lange? mon Dieu, wir ſollten dieſen wichtigen Punkt überhaupt etwas genauer in unſerem Trauungs⸗Ceremoniell berückſich⸗ tigen; auf wie lange?— wir müſſen uns damit begnügen zu wiſſen, daß wir ſind, und eine Frage was wir einſt werden, geſchieht wohl immer nur in's Blaue hinein.“ „Es iſt aber doch nur eine Indianerin,“ bemerkt, 75 mit einem keineswegs zufrieden geſtellten Blick, Mrs. Noughton, die aus den Vereinigten Staaten von Nord⸗Amerika ein nicht leicht zu beſiegendes Vorur⸗ theil gegen jede farbige Race, ſie mochte einen Namen oder Stamm haben welchen ſie wollte, mitgebracht hatte, und ſich immer des Gedankens nicht erwehren konnte, daß ſolche Leute am Ende gar ſchwarzes Blut in ihren Adern haben könnten, oder mit ande⸗ ren Worten in zweiter oder dritter Generation von Negern abſtammten, mit denen natürlich jeder ver⸗ trauliche, ſelbſt freundſchaftliche Verkehr außer Frage geweſen wäre—„und hätte ich das früher gewußt, würde ich ihr wenigſtens nicht zuerſt meine Viſite gemacht haben.“ „Sie müſſen aber bedenken, Mrs. Noughton,“ ſagte etwas eifrig Madame Belard dagegen,„daß uns Monſieur Delavigne gar nicht zu ſich eingela⸗ den, alſo auch keine Schuld hat an dem Beſuch. Wir ſind aus freien Stücken hergekommen, und wenn ich auch geſtehen muß daß ein derartiges Verhältniß im⸗ mer ſein Unangenehmes, Störendes hat und uns bei größeren Geſellſchaften vielleicht auch dann und wann in Verlegenheit bringen könnte, ſo—“ „Attention meine Damen,“ unterbrach ſie hier Mr. Brouard, mit etwas gedämpfter Stimme, denn Sadie erſchien in dieſem Augenblick wieder auf der 76 Schwelle des Hauſes, und hinter ihr ein Knabe, der einen großen Präſentirteller mit Wein und Früch⸗ ten trug. „So Mataoti,“ rief ſie dieſem in ſeiner Sprache zu,„bediene die Frauen und ſei ein flinker Burſch,“ ſich dann aber zu ihren Gäſten wendend fügte ſie herzlich hinzu:„aber Sie haben ſich ja noch nicht einmal geſetzt, in der ganzen langen Zeit— bitte geben Sie mir Ihre Hüte und machen Sie es ſich bequem, René dürfen Sie doch nicht ſo bald zurück erwarten, denn er und Monſieur Lefevre ſind der po⸗ litiſchen Verhältniſſe wegen nach Papetee gegangen, dort noch Manches vielleicht mit ihren Freunden zu beſprechen.“ „Hahaha, das iſt vortrefflich!“ lachte Mr. Be⸗ lard,„und denen zu entgehen ſind wir gerade aus⸗ geritten; es wird förmlich Comödie geſpielt heute in der Reſidenz, und da die Miſſionaire Hauptrollen dabei haben, fürchteten wir die Sache möchte doch am Ende zu langweilig werden.“ „So eſſen und trinken Sie nur wenigſtens,“ bat Sadie, die nicht ohne Grund fürchtete das Geſpräch könnte ſich hier auf religiöſe Bahn lenken und das unter jeder Bedingung zu vermeiden wünſchte— „René würde ſich herzlich freuen wenn er hörte, daß es Ihnen bei uns gefallen hat.“ 4 K 77 Die Damen zögerten noch unſchlüſſig was zu thun— ſie ſchienen ſich eine vor der andern zu geni⸗ ren; Sadie bewegte ſich aber mit ſolcher Leichtigkeit in dem, ihr doch fremden Kreis, und ihre Bitte kam ſo friſch und unverſtellt aus dem Herzen, daß ſie in ihrer Natürlichkeit jede leere Höflichkeitsformel ſchon von vornherein unmöglich machte, und ſelbſt Mrs. Noughton mußte ſich zuletzt geſtehen, daß dieſe In⸗ ſulanerin ein ungewöhnlich liebenswürdiges Weſen ſei, dem man wohl gewogen ſein könne— wenn ſie eben nicht die fatale broncefarbene Haut gehabt hätte. Die Frauen hatten ſich denn auch bald um den runden, mit einem reinlichen Tuch bedeckten Tiſch ge⸗ ſetzt, Monſieur Belard wurde hinaus nach den Pfer⸗ den geſchickt, zu ſehen ob dieſe ruhig ſtünden und Mataoti von jetzt beordert bei ihnen zu bleiben, und wenige Minuten ſpäter ſaß die Geſellſchaft ganz trau⸗ lich beſſammen, und Madame Belard und Brouard hatten— ſie wußten gar nicht wie ſie dazu gekom⸗ men, der kleinen Inſulanerin, die mit ihrem reinen Franzöſiſch die Eingeborene vollkommen vergeſſen machte, ſo viel vorzuplaudern und zu erzählen, als ob ſie ſich ſchon ſeit langen Monaten gekannt, und nicht eben erſt heute, vor Minuten faſt, zuſammenge⸗ kommen wären. Die Männer blieben darin natürlich nicht zurück, beſonders Mr. Brouard, der ſeinen Sitz * 78 neben Sadie genommen, thaute ordentlich auf, und war von einer Aufmerkſamkeit gegen die kleine Inſu⸗ lanerin, daß er ſeine Nachbarin zur Linken, Mrs. Noughton, total darüber vernachläſſigte, die denn auch der ganzen Unterhaltung— der Franzöſiſchen Sprache ohnedieß nur oberflächlich mächtig— mehr beobachtend als theilnehmend, und ziemlich kalt und ernſthaft folgte.. Eine volle Stunde hatten ſie ſo geſeſſen und ge⸗ plaudert, und Früchte gegeſſen und Franzöſiſchen Claret dazu getrunken, und Mataoti war draußen bei den Pferden ſchon ganz ungeduldig geworden, als Madame Brouard, die zuletzt ebenfalls ſtiller und einſylbiger wurde, und die Unterhaltung ihrer Freun⸗ din und den Herren faſt allein überließ, endlich zum Aufbruch mahnte. Monſieur Brouard wollte noch gar nicht fort, ſo vortrefflich hatte er ſich amüſirt, und die Damen begannen jetzt Abſchied zu nehmen von ihrer neuen Bekanntſchaft. Sadie ſagte ihnen mit einfachen Worten wie es ſie freue daß es ihnen bei ihr gefallen hätte, und wie glücklich es René machen würde, wenn er höre daß ſie hier geweſen und gegeſſen und getrunken hätten— „wir können recht gute Nachbarſchaft halten, hier auf Tahiti,“ ſetzte ſie hinzu, und mit freundlichem Hände⸗ druck und Joranna, von Madame Belard und Brouard 79 ebenfalls eingeladen ſie wieder zu beſuchen, verließ die kleine Geſellſchaft den Garten, beſtieg draußen die ſcharrenden tanzenden Pferde wieder, und galop⸗ pirte wenige Minuten ſpäter mit klappernden Hufen die Straße entlang nach Papetee nieder. „Sadie!“ flüſterte da eine leiſe Stimme, als der Schall der Hufe auf der harten Straße noch nicht verklungen war, und die junge Frau, die noch lau⸗ ſchend ſtand, und in tiefem Nachdenken den mehr und mehr verſchwimmenden Tönen zu horchen ſchien, wandte ſich raſch, und faſt wie erſchreckt dem Rufe zu, der von der Nachbarhecke kam. „Aumama?— und warum kommſt Du nicht herüber?“ 8 „Iſt die Luft rein?“ frug eine klare, lachende Stimme. „Meinſt Du die Fremden?— ſie ſind fort; aber ich glaubte Du wäreſt mit Lefevre nach Papetee ge⸗ gangen?“ Die junge Frau an der Hecke ſchüttelte mit dem Kopf und ſagte lachend: „Ich wollte erſt, wie aber René mitging blieb ich daheim; denen ſchließen ſich dann mehr und mehr Männer an und— das Treiben in ihrer Geſellſchaft gefällt mir nicht; auch mit der Sprache kann ich nicht ſo gut fertig werden wie Du. Aber ich komme hin⸗ 80 uber—“ und ein kleines Pförtchen öffnend, das zwi⸗ ſchen einer blühenden und Frucht tragenden Orangen⸗ hecke hindurchführte, trat Aumama, Sadiens freund⸗ liche Nachbarin, in den Garten und küßte ſie, ihren Arm um ſie ſchlagend auf die Lippen. Sie war in die einfache indianiſche Tracht geklei⸗ det, mit dem langen loſen, bis auf die Knöchel nie— derfallenden Oberrock, der nur vorn am Handgelenk zugeknöpft wird, ohne Schuh und Strümpfe, den Kopf mit einem leichten Panama Männerſtrohhut bedeckt, unter dem nur ein paar große tiefdunkelrothe Blüthen der rosa sinensis hervorſchauten, und von dem vollen, mit wohlriechendem Oel getränkten ra⸗ benſchwarzen Lockenhaar faſt wieder verſteckt wurden. Ihre Geſtalt war ſchlank und üppig, aber mit dem, den dortigen Inſulanern eigenen Bau breiter Schultern, auch die ſonſt kleinen und zierlichen Füße nach unſeren Begriffen von Schönheit ein wenig zu ſehr einwärts gebogen; die Form des Geſichts je⸗ doch dabei voll und edel und die Augen mit einem eigenen Feuer unter den feingeſchnittenen Brauen her⸗ vorglühend. Aumama war überhaupt der vollkom⸗ mene Typus eines Tahitiſchen Weibes, dem trotz den lebendigen Augen ſelbſt das ſinnlich Weiche in den Zügen nicht fehlte, und als die beiden jungen Frauen ſo freundlich umſchlungen, und von den wehenden dn 81 Palmen überragt und beſchattet, zwiſchen den Blü⸗ thenbüſchen ſtanden, hätte man ſich kaum etwas Lieb⸗ licheres denken können auf der Welt. „Du haſt vornehmen Beſuch gehabt,“ ſagte Au⸗ mama endlich lächelnd, nachdem die erſte Begrüßung vorüber war. „Ja,“ erwiederte Sadie, leicht erröthend,„und zwar unerwarteten; aber warum kamſt Du nicht herüber?“ Aumama ſchüttelte, etwas ernſteren Ausdruck in den Zügen mit dem Kopf. „Nein,“ ſagte ſie,„ich paſſe nicht zu den Leuten — wir überhaupt nicht— und ſie nicht zu uns— es iſt beſſer wir bleiben aus einander.“ „Aber Du närriſches Kind,“ rief Sadie,„haſt Du Dich denn nicht, ſo wie ich gerade, mit Einem von ihnen für das ganze Leben verbunden, und willſt Du denn auch von ihm ſagen, daß Ihr nicht zu ein⸗ ander paßt?“ Aumama ſeußzte tief auf, und wandte das Köpf⸗ chen leicht zur Seite; ſie war jetzt recht ernſt gewor⸗ den, und der ganze frühere Frohſinn ſchien ver⸗ ſchwunden. „Ich hoffe daß wir zu einander paſſen— für das ganze Leben;“ ſagte ſie endlich leiſe,„es wäre wenigſtens recht traurig, wenn wir es je anders Gerſtäcker's Tahiti. II. 6 finden ſollten. Aber“ ſetzte ſie raſcher, und wieder in den leichteren Ton übergehend hinzu,„in unſeren Familien iſt das auch etwas anderes; mit dem Mann den wir lieben, ſtehn wir in einem Rang; er verſteht uns, wir verſtehen ihn und in unſerem Vaterland ſchmiegt er ſich leichter unſeren Sitten an, oder lehrt uns allmählich die ſeinen, beider Eigenthümlichkeiten in einander verſchmelzend. Mit den Geſellſchaften jedoch iſt das etwas anderes, beſonders mit fremden 3 Frauen, und glaube mir, Sadie— ich habe darin Erfahrung. Die Weißen“ fügte ſie leiſer hinzu,„hal⸗ ten uns für einen untergeordneten Stamm, weil wir früher zu Götzen gebetet haben vielleicht—“ 3 „ Aber das haben ſie auch gethan, ihre Vorväter wenigſtens,“ unterbrach ſie Sadie raſch,„Vater Os⸗ borne hat mir das ſelbſt erzählt.“ „Haben ſie?“ ſagte Aumama erſtaunt,„das iſt das erſte Mal, daß ich davon höre; aber auch viel⸗ leicht noch weil wir nicht ſo klug ſind wie ſie, und ſo geſchickt im Leſen und Schreiben. Auch unſere dunkle Hautfarbe kommt ihnen nicht ſo ſchön vor— den Frauen wenigſtens, und Eiferſucht mag oft gleichfalls, und gar nicht ſelten, die Urſache ſein, daß ſie uns zurückſetzen und— kränken. Ausnahmen mag es dabei unter uns geben; ſo glaub' ich, Sadie, daß Du Dich vielleicht wohl unter ihnen fühlen wirſt, * „ 83 weil ich einſehe, daß Du uns eingeborenen und wild auſgewachſenen Mädchen in vielen vielen Stücken überlegen und den weißen Frauen faſt gleichſtehend biſt; aber für mich paßt es nicht— mir ſchnürt es die Bruſt zuſammen, wenn ich bei ihnen bin, und die kalten vornehmen Blicke ſehen muß, die ſie auf mich werfen, als ob es blos eine Gnade von ihnen wäre, daß ſie mich zwiſchen ſich dulden. Da iſt es mir weit weit wohler bei meinen Kindern am freundlichen Strand, im Rauſchen meiner Bäume, und vor mir die weite, herrliche See— ich halte es auch für gar kein Glück für uns, etwa“ ſetzte ſie langſam und wie in recht ernſtem Sinnen hinzu,„daß die weißen Frauen in den letzten Monaten zu uns gekommen ſind. Das Leben auf Tahiti iſt ſeitdem ein anderes geworden, und ich ſelbſt fühle mich nicht ſo wohl mehr in der neuen Umgebung— habe mich auch ſelber vielleicht geändert, oder— Andere haben.“ „Aia hat Dich traurig und ernſt gemacht,“ ſagte Sadie, freundlich ihre Hand ergreifend,„ſie war auch hier bei mir, und ich—“ „Aia!“ unterbrach ſie raſch und heftig Aumama, aber mit weicherer Stimme fuhr ſie fort,„Aia iſt ein armes, armes Mädchen und ſie kann mich nicht böſe machen, aber“— und ihre Augen funkelten in einem eigenen wilden, faſt unheimlichen Feuer—„nicht 6* 84 ertrüg ich es auch wie ſie, und was ſie ertragen hat. Bei jenem weißen Gott, der Oro's Bilder zertrüm⸗ merte und unſere Tempel niederbrach, bei jenen Tem⸗ peln ſelbſt—“ Aumama ſchwieg, aber die Hand noch, wie zum Schwur emporgereckt, die Locken, von denen der Strohhut abgefallen war, wild ihre Stirn um⸗ flatternd, das Auge glühend in einem eigenen Licht, ſtand ſie wohl eine halbe Minute ſchweigend da, ſel⸗ ber ein Bild der zürnenden Gottheit ihres Landes. Da, wie unwillig mit ſich ſelber, ſchüttelte ſie plötz⸗ lich den Kopf, ſtrich ſich die Locken aus der Stirn und ſagte, jeden unmuthigen Gedanken gewaltſam bannend.„Ich bin ein Kind, Sadie, ein launiſches Kind, und ſeit einigen Wochen komme ich mir ſelber manchmal wie umgetauſcht vor, ſo tolle Träume und Bilder zwing' ich mir ordentlich ſelbſt herauf, mich zu quälen und— ärgern auch.— Aber fort fort mit ihnen, fröhlich wollen wir ſein und uns des Lebens freuen, denn der Himmel lacht noch rein und blau über uns und die Götter, die in früheren Zeiten den Tiſch unſerer Väter mit ihren Speiſen deckten, haben uns auch jetzt noch ihre Gaben nicht entzogen.“ „Aumama,“ ſagte da Sadie, mehr herzlich als vorwurfsvoll,„Du ſprichſt noch immer von den Göttern, und biſt doch lange, lange ſchon eine Chriſtin, ja wie ich hoffen will eine gute Chriſtin ge⸗ — 8⁵ worden. Sündige nicht, denn der Gott der Gnade iſt auch ein Gott der Rache und der Strafe, und Vater Osborne würde es unendlich weh gethan ha⸗ ben, wenn er Dich hätte je ſo reden hören.“ „Und nicht um Alles in der Welt hätte ich ihn kränken mögen,“ rief Aumama raſch,„er war der Einzige auch, der mich an Gott gehalten, der Ein⸗ zige, der mich die Möglichkeit eines ſolchen Weſens ahnen und begreifen ließ, an das uns ja ſonſt die Uneinigkeit und der Haß der anderen Prieſter zwin⸗ gen mußte zu verzweifeln. Er war ein guter Mann und die Feranis hatten ihn auch lieb, trotzdem daß er auf andere Weiſe zu ſeinem Gott betete, als ſie es thun; aber— Sadie“— fuhr ſie langſam und wie zögernd fort,„biſt Du dennoch ſo— ſo feſt über⸗ zeugt— daß er recht hatte?“ „Aumama?“ rief Sadie erſchreckt, und ſah ſtau⸗ nend die Freundin an. „Haſt Du von dem alten Mann gehört?“ ſagte aber dieſe mit leiſer Stimme ſich zu ihr überbeugend, und den Blick fragend auf ſie geheftet,„der drüben auf Bola Bola lebt, lange lange Jahre ſchon, und der ſo wunderliche Sachen von dem Gott der Chri⸗ ſten erzählt?“ „Von dem Gott der Chriſten?— iſt er denn nicht ſelbſt ein Chriſt?“ „Nein,“ ſagte Aumama raſch—„nein— er ſelber hat es verſichert— er iſt von dem Stamm die den Chriſtengott gekreuzigt haben, und ſoll behaupten Jener ſei gar nicht der Meſſias geweſen.“ „Das waren die Juden,“ rief Sadie überraſcht, „aber ich wußte gar nicht, daß von jenem Stamm noch Leute lebten?“ „Viele, viele ſollen noch davon in dem fernen Lande der Weißen ſein und der alte Mann behauptet jener Gekreuzigte ſei nicht Gottes Sohn geweſen, und habe nicht die rechte Lehre gebracht, denn die Chriſten unter einander wüßten es nicht einmal und ſtritten und kämpften deshalb gegen einander, und hätten ſchon viele viele Tauſend unter ſich erſchlagen, zu beweiſen wer recht und den rechten Gott und Erlöſer habe.“ „Und wenn der Mann nun nicht die Wahrheit ſagt?“ „Nicht die Wahrheit?— es ſoll ein alter alter Mann ſein, und graue Haare und grauen Bart ha⸗ ben; und ſtreiten ſie ſich hier nicht etwa auch um ihren Gott?— Wer hat recht? und wie jener Mann von Bola Bola ſagt giebt es in ſeinem Vaterland unter den Chriſten noch viele andere Sekten, die alle einander haſſen und gegen einander predigen. Iſt das ihre Religion des Friedens?“ 87 „Aumama, Du ſprichſt entſetzlich,“ ſagte Sadie ſchaudernd,„wer um des Himmels Willen hat Dein Herz mit ſolchem Trug erfüllt?“ „Trug?“ wiederholte die Indianerin, und ihr Blick haftete feſt auf Sadie—„gebe Gott daß es Trug wäre und Lüge, aber wer giebt uns Wahrheit?“ „Gott ſelber,“ ſagte da Sadie mit jenem kind⸗ lichen Vertrauen, das in dem Schöpfer wirklich ſei⸗ nen Vater ſieht, und in reiner, ungeheuchelter Fröm⸗ migkeit am Throne des Höchſten ſein Gebet, ſeinen Dank niederlegt—„Gott ſelber, Aumama; er hat uns die Wahrheit in das Herz gelegt, und ſeine Bo⸗ ten ſchon vor langen Jahren geſandt, ſie uns hier zu lehren. Bete, bete mit voller Inbrunſt und das Herz wird Dir aufgehen, wenn Du Dich zu Gott wendeſt.“ „Aber Le⸗fe⸗ve betet gar nicht,“ warf das Mäd⸗ chen wieder ein, dem Gedanken. folgend daß die Eu⸗ ropäer ſelber, in verſchiedene Religionen getrennt, kein Vertrauen auf den Gott hätten, den ſie den Inſeln gebracht—„er iſt ein guter Mann, aber er lacht, wenn man ihn an ſeine Pflicht als Chriſt will mah⸗ nen; thut das René nicht auch?“ „Nein,“ rief Sadie ſchnell, aber doch nicht im Stand eine gewiſſe Verlegenheit zu verbergen—„er lacht mich niemals aus.“ 88 „Aber er betet auch nicht.“ „Gott wird ihn ſchon erleuchten,“ ſagte die junge Frau, und barg ihre Stirn einen Augenblick in den Händen,„ach es iſt wahr,“ fuhr ſie dann leiſer fort, „und hat mir ſchon manche bittere Stunde, manche ſchlafloſe Nacht gemacht, wie wenig er an ſeinen Gott denkt, und wie viel gerade Gott für ihn doch eigentlich gethan.“ „Und Mr. Osborne? hat er Dir nie an's Herz gelegt ihn deiner Kirche zuzuführen?— mir iſt das oft und oft zur Pflicht gemacht, aber— wie bald hab' ich den Verſuch aufgegeben.“ „René geht ſeinen eigenen Weg,“ ſeufzte Sadie, „und Vater Osborne ſah das wohl und fühlte es, aber er hat mir nie ein Wort davon geſagt, ja er warnte mich ſogar vor religiöſen Streitigkeiten mit dem Gatten. Auf Atiu war auch Alles gut, aber hier in Tahiti, wo die Prieſter ſelber einander feind⸗ lich gegenüber ſtehen, und ſeit Vater Osbornes Tod hat ſich René ganz von jeder Andacht abgewandt.“ „Weißt Du wie Du jetzt ausſiehſt, Sadie?“ rief da Aumama plötzlich, den Ton wechſelnd, und der Freundin Hand ergreifend. Sadie ſchaute überraſcht empor, Aumama aber fuhr lächelnd fort—„ſcheuche die trüben Gedanken fort von der Stirn, ſie paſſen nicht füj uns. Was 89 kümmern uns die Streitigkeiten jener Prieſter, noch iſt die Banane ſo ſüß, die Cocosnuß ſo ſaftig als je und der Himmel lacht blau und heiter auf uns nie⸗ der und unſer ſchönes Land. Sieh da kommt deine Sadie,“ unterbrach ſie ſich plötzlich als das Kind, von einem jungen vierzehnjährigen Mädchen getragen, in der Thür erſchien—„her zu mir Herz, her zu mir mein ſüßes Kind, und Du ſollſt mir helfen der Mama Züge wieder aufzuheitern. Und nun ſollen auch Scha⸗lie und Ro⸗ſy herüber und mit Dir ſpielen, mein Herz, und froh und munter wollen wir ſein, und tanzen und ſpringen. Die Kleine aufgreifend, die ihr ſchon von Wei⸗ tem lachend die Aermchen entgegenſtreckte, ſprang ſie mit ihr, wieder ganz das fröhliche ausgelaſſene Kind dieſer Inſeln, ſingend und trällernd am Strand um⸗ her, und rief die eigenen Kinder herüber mit ihr zu ſpielen und zu tollen. Und ſelbſt Sadie, wenn auch nicht im Stande ſo raſch die quälenden Gedanken abzuſchütteln vom Herzen, vergaß doch ebenfalls bald bei dem Lachen und Jauchzen der Kleinen Alles, was ſie noch vorher mit Angſt vielleicht und Sorge erfüllte, und das Herz ging ihr wieder auf voll Luſt und Glück in dem einen reinen und ſeligen Gefühl der Mutter Luſt. —— * Capitel 1 Ddie Miſſionaire. Ueber die See brauſte es daher, wild und ſtür⸗ miſch in furchtbar entſetzlicher Wuth; an den Riffen ſchäumte und kochte die Brandung in milchweißem Giſcht, und warf ihre Wogen ſelbſt in die ſonſt ſtillen Binnenwaſſer, weiter und weiter wallend, bis zu dem weißen Corallenſand des Strandes und den freige⸗ ſpühlten Wurzeln der Cocospalmen, die ihre Wipfel über dem Meere ſchaukelten und jetzt, wie entſetzt über die Entweihung, die weiten, armartigen Blätter em⸗ porwarfen und ſich zurückbogen vor der anſtürmen⸗ den Bö. Hei wie der Sturmvogel ſo ſcharf und gel⸗ lend pfeift wenn er über die aufgewühlte See ſtreicht, und ſeine langen elaſtiſchen Flügelſpitzen auf die glatte 7 91 Woge preßt, von der die Windsbraut ſchon den ſchäu⸗ menden Kamm geraubt und als Perlen hinausgeſtreut hat weit weit über das Meer; hei wie die Brandung da kracht und tobt, und ſich bäumt und reckt und mit den weißen Armen hinüberlangt über den Korallen⸗ damm, und doch wieder und immer wieder zurückge⸗ worfen wird von dem gewaltigen Bollwerk, das Jahr⸗ tauſende gebaut. Und der Sturm, der machtlos ſeine Kraft brechen ſteht an dieſem Damm, und ſeine Wellen, die er ſich aufgerüttelt hat, nicht hinüber bringen kann, ſo viel er auch hebt und drängt, und die Schulter ſtemmt gegen die gewaltigen, wirft ſich endlich ſelbſt mit dem flatternden Bart an das grüne Land, und die Palmen faſſend in tollem Spiel biegt und ſchau⸗ kelt er ſie, wie er das Spiel ſonſt vielleicht mit Halm oder Blüthe getrieben, im weit und ſtraff geſpannten Bogen nieder, nieder bis ihre Kronen das Laubdach berühren das ſie ſtützt und hemmt und mit wildem eifrigen Raſcheln die auszweigenden Arme feſt feſt zuſammenſtreckt und ſich hält und gegenſeitig hilft gegen den wilden ungeſtümen Feind. Gewaltig und furchtbar iſt ein Sturm auf offener See, wo er die Wogen aufwühlt und gräbt, und die bergwichtigen Maſſen wie ſpielend und in entſetzlicher Schnelle vor ſich her jagt; aber frei und ungehindert raſt er dort ſich aus, keine Grenze hemmt ihn und ——mꝛmQÜVeee 9² ſelbſt das ſchwanke Schiff das er trifft auf ſeiner Bahn wirft er herum, taucht es und ſchleudert es empor, reißt und ſplittert was er daran gerade faſſen und halten kann und— jagt vorüber, müde ſolch unwür⸗ digen Spiels. Anders aber und grauenhaft furcht⸗ barer iſt er dort wo die bergige Küſte den Anprall hemmt, und dem Raſenden die Stirn bietet in kräf⸗ tigem Trotz. Nicht nur den neuen Grimm hat der Wüthende da auszulaſſen an der ſtarren hartnäckigen Wand, die ſich ihm eiſern entgegenſtellt, nein auch alte Un⸗ bill zu rächen, ſeit Jahrhunderten her, und ſeit man⸗ chem furchtbaren Strauß, bei dem er ſich wieder und wieder vergebens in die Schluchten wühlte und bohrte, und die Grundfeſten ſeines Feindes zu untergraben ſuchte. Von der See führt er die Wogen heran zum gemeinſamen Kampf, und ſich ſelber wirft er wild und toll gegen die Bruſtwehr von Baum und Ge⸗ büſch, das ſich ihm zäh und unverdrofſen entgegen⸗ legt; was hilft es ihm daß er die ſtarren hartnäckigen Stämme faßt und bricht und die ſchweren Kronen zu Boden ſchmettert, oder als Widder braucht, gegen andere anzuſtürmen— die elaſtiſche Palme biegt und legt ſich der Uebermacht, folgt aber dem Feind auf dem Fuß bei jedem Zollbreit Weichen, und ſchüttelt ihm die Federkronen zornig in's Angeſicht. Wild 8 — 93 heult und brauſt ſie da auf, die tobende tolle Winds⸗ braut; bis hoch in die Lüfte hinauf pfeift es und zieht's und dröhnt's, und wieder und wieder praſſelt's an gegen Halde und Hang, wieder und wieder reißt es und bricht und ſchmettert und ſtöhnt, ein Opfer ſuchend in unſagbarem Grimm, bis die Kraft auf's Neue erſchöpft iſt wie ſeit Jahrhunderten, und der Or⸗ kan jetzt weichend, ſeine Wuth mit neuer Hoffnung beſchwichtigen muß für den nächſten Tanz, ſich den⸗ noch immer auf's Neue getäuſcht zu ſehn. Grollend und innerlich gährend und kochend zieht er ſich dann zurück, weit weit über die See, in der Ferne dröhnt es und brauſt es noch, wie ſchwer athmend aus der Tiefe auf— bläulich ſchwarz liegt die See, einzelne Sturzwellen in ſich ſelbſt zuſammenbrechend und weiße weite Flächen, förmliche Thäler bildend von milchi⸗ gem Schaum, der ziſchend zerfließt, neu aufquellender Woge zum Mantel zu dienen mit dem ſie ſich ſchmückt und tanzt und ihn abwirft, der Schweſter zu. Hu, wie das hohl geht da unten und brauſt und murmelt — aber die Sturmmöve zieht jetzt mit klappendem Flügelſchlag, nicht mehr regungslos kreiſend, über das ſtillere Waſſer, das im wilden Unmuth noch nicht einmal den Strahl der vorbrechenden Sonne wieder⸗ geben mag, und faden matten Bleiglanz über ſeine Fläche deckt. Auf dem Land aber, dem natürlichen Feind des Orkans, der ihm ſo ſtarr die Fauſt entgegenſtreckt, wie die Fluth ihm jeder Zeit willige Hülfe bietet und mit ihm tobt und raſt, entfaltet der ſiegende Sonnen⸗ ſchein ſchon wieder ſein Panier, während die grollende See noch gegen die Riffe pocht, und jeder niederge⸗ ſchleuderte Tropfen wird zur Perle, die blitzend und jubelnd im Lichte funkelt. Noch erzürnt, aber doch ſchon wieder den warmen Strahl auf den Wangen fühlend, ſchütteln die Bäume ihr Laub, und rauſchen und raſcheln, Blatt und Zweiglein wieder in die alte Form zu bringen, aus der ſie der ungeſtüme Stören⸗ fried herausgeriſſen, und der warme Duft der aus den Thälern ſteigt wird zum Nebelſchleier, den ſich der Berg wie Silberfäden durch die Krone flicht, und dem das ſinkende Tagsgeſtirn noch ſeinen ſchönſten herrlichſten Farbenſchmelz verleiht. Es war zur Zeit ſolcher Stürme, die ſich beſon⸗ ders im Herbſt und Frühjahr zeigen unter dieſer Breite, und der Orkan brauſte noch in all ſeiner furchtbaren Kraft über die Waſſer, und ſchien die Riffe hinein drängen zu wollen gegen das Land, ſolche berghohe Wogen thürmte er auf, und ſchleuderte ſie von Weſten herbei, der Paſſat Strömung gerad in die Zähne. Nur der fluthende Regen hatte nachge⸗ laſſen und der Wind fegte nur noch das Firmament — —ꝙ „— rein, von widerſpenſtiſchen Wolken und Schwaden, die wieder und wieder, jetzt aber machtlos und zu ſpät, zum neuen Kampfe herbei wollten. In der Hauptſtraße von Papetee, auf dem breiten Strand der die erſte Häuſer- und Gartenreihe vom Meere trennte, und von den lebensluſtigen Tahitiern beſonders Abends zum Sammelplatz benutzt wurde, blieben jetzt Einzelne ſtehen und ſchauten auf das Meer hinaus, denen bald Andere folgten; die Thu⸗ ren der nächſten Häuſer wurden geöffnet, die Eigen⸗ thümer ſtanden darin mit Telescopen und um dieſe wogte und preßte bald das Volk in mächtiger Schaar, bald die Gläſer, bald das weite Meer betrachtend, und dem Wort der Ausſchauenden wie einem Orakel lauſchend. Der Gegenſtand aber um den es ſich hier han⸗ delte war ein Schiff— ein großes Schiff das von Point Venus aus ſchon vor einer halben Stunde etwa und noch im vollen Sturm, der Königin gemel⸗ det worden, wo es, weit draußen in Sicht, verſucht hatte beizulegen und von den Inſeln abzukommen, der Wind war aber zu heftig geweſen ſolches Ma⸗ neuver zu geſtatten. Die Fregatte— denn daß jenes fremde Segel ein großes Kriegsſchiff ſei unterlag ſchon gar keinem Zweifel mehr— mußte vor dem Wind abfallen, und kam jetzt unter dicht gereeftem 96 Vormars⸗ und Vorſtengenſtagſegel um die Spitze herum jedenfalls beſtimmt nach Papetee einzulaufen, was aber jetzt, bei dem gewaltigen Seegang und der ſchma⸗ len Einfahrt durch die ſchäumenden Riffe nicht mög⸗ lich war, und nur bemüht nun, ſo wenig Fortgang als möglich zu machen um erſt einmal von den näch⸗ ſten Riffen frei, wieder aufzubraſſen und das Beruhi⸗ gen der Waſſer abwartend, gegen den Wind an⸗ zukreuzen. Es war eine Fregatte, aber von welchem Land? Dieſe Frage beſchäftigte jetzt Alle in ängſtlicher Span⸗ nung, und wie die meiſten der Eingeborenen gerade jetzt, nach ihrer vorhergegangenen Demonſtration das Erſcheinen des ihnen nur zu gut bekannten Du Petit Thouars mit ſeinem Fahrzeug fürchteten, ſo ängſtlich waren ſie, ſich zu früh der freudigen Hoffnung hin⸗ zugeben daß es noch ein Engliſches Kriegsſchiff ſein könne, ihre erſtrebte Unabhängigkeit zu beſtätigen. Die Meinungen über das Ausſehen des Schiffes waren dabei getheilt, während es Einzelne der Euro⸗ päer nach dem Bau der Maſten, denn von den Segeln war gar Nichts zu erkennen, für einen Franzoſen hielten, behaupteten Andere den Amerikaniſchen Zu⸗ ſchnitt daran zu erkennen und nur ein kleiner Theil beharrte auf ſeinem Ausſpruch England ſei nicht zu 97 verkennen und die Engliſche Flagge würde ſich zeigen, ſo bald die Fregatte den Eingang paſſire. Selbſt die gerade in Papetee anweſenden, und ge⸗ rade heute zu einer vertraulichen Sitzung berufenen Miſſionaire ſtanden auf der Verandah des, in Papetee anſäſſigen Bruder Dennis verſammelt, und blickten mit etwas ängſtlicher Spannung der Entfaltung der Flagge entgegen, die beſonders auf ihre Wirkſamkeit einen entſchiedenen Einfluß ausüben mußte. Noch vor dem Sturm hatte ihre Sitzung begon⸗ nen, und während die Windsbraut heulend an den Pfoſten des Hauſes rüttelte, die Palmen wie Wei⸗ denruthen niederbog, und die reifen Früchte von den Bäumen riß, den Boden zu ſtreuen mit Orange und Brodfrucht, die ſaftigen Stiele der Banane umknickte und duftige Blüthen weit und hoch hinaus in die Berge führte, lagen die ſchwarz gekleideten Männer in dem langen luftigen Gebäude auf den Knieen; und miſchten ihre Hymnen und Sänge mit dem Gebrüll des Orkans, ein Preislied dem Herrn der Stärke und Barmherzigkeit. Es waren die Bruüder Rowe, Dennis und Nel⸗ ſon, Me. Kean, Smith und Brower, zuſammenge⸗ kommen zu vertraulicher Berathung in ſo ſchwerer Zeit, und die eigentlichen Vertreter auch, wenigſtens die wichtigſten, die ſich gegenwärtig in der Südſee Gerſtäcker's Tahiti. II. 7 befanden, der Evangeliſchen Lehre nicht mehr nur Bahn zu brechen unter den Heiden, obgleich auch jetzt noch ganze Gruppen von Inſeln ihren Göttern treu geblieben waren und den neuen Glauben mistrauiſch von ſich wieſen, ſondern ſich zu wahren und ſchützen gegen den Katholicismus, der ihren Fußfapfen ge⸗ folgt war und die Flügel jetzt ausbreitete, ihr eigenes Licht zu verdunkeln. Bruder Dennis war unter dieſen, und beſonders in ſeinem Charakter als Miſſionair, jedenfalls der bedeutenſte, und wenn auch nicht einer der älteſten, doch jedenfalls der eifrigſten Lehrer der Inſeln, wo es nur galt dem einen heiligen Ziel entgegenzuſtre⸗ ben, den Heiland zu verkünden und ſeiner Wun⸗ den Blut zu predigen in der Wüſte. Er auch war Einer der Wenigen, die mit Hintanſetzung jedes Ge⸗ dankens an ſich ſelbſt in die Fremde zogen, die Bibel im Arm, das gehobene Kreuz, ja das Schwert in der rechten, wenn gereizt ſeinen Schatz zu vertheidigen, und rückſichtslos weiter ſchreitend dabei, welchen Glauben, welche Familienverhältniſſe er unter die Füße trat, wenn er nur die Seelen der Verdammten rettete, und ihnen das Heil kündete, das ihnen Gott geboten, und das den Weg um die ganze Erde ge⸗ nommen, zu ihnen zu gelangen. Eigennutz, Ehrgeiz war ihm fremd keine Familien⸗ 99 bande feſſelten ihn, nicht Freundſchaft, nicht Liebe hatten ſein Herz auch nur für eine Stunde dem einen hohen Zweck ſeines Lebens abwendig machen können, und er hielt den Tag für verloren, an dem er nicht wenigſtens einen, ſeinem Verderben entgegengehenden Sünder wach gerüttelt, und ihm den Abgrund ge⸗ zeigt an dem er wandele, oder geduldet und gelitten hatte in der Verbreitung jenes Glaubens, der ihm Licht und Seligkeit und Luft und Liebe war. Von ſchmächtigem aber nicht ſchwächlichem Kör⸗ perbau, zäh bis zum äußerſten und an Entbehrungen und Strapatzen gewohnt, die er eher aufſuchte als vermied, hatte er ſchon den größten Theil der Inſeln durchſtreift, den feindlichſten Stämmen dort mit nchriſtlicher Demuth“, wie er's nannte, getrotzt, und ihren Hohen Prieſtern in den Bart die Machtloſigkeit und Nichtigkeit ihrer Götzen verkündet. Die Indianer achten den Muthigen, wo ſie ihn auch finden, und muthig wahrlich mußte der ſein, der allein und un⸗ bewaffnet in einem feindlichen Gebiet wahrhaft toll⸗ kühn das angriff, was der Gegner am theuerſten hielt, und wofür er ſein Leben eingeſetzt hätte es zu bewahren; ja unter den Opferkeulen ſelbſt hatte ihn ſchon dieſer ſtarre fanatiſche Trotz gerettet, und ihm die Achtung ſeiner bisherigen Feinde, ja oft den ſpä⸗ teren Sieg über ſie, geſichert. 2 7* 7 100 Hier nun ſchon den Sieg in Händen, läßt es ſich denken, mit welchem Schmerz und Zorn der„Die⸗ ner des Herren“ fremd Prieſter eindringen ſah in ſein Heiligthum, und den Bau untergraben, an dem ſeine Kirche ſchon Jahrzehende gebaut, und der ein Tempel Zions zu werden verſprach in Pracht und Herrlichkeit. Mit zagender Hoffnung wohl, aber auch mit Furcht und Mißtrauen ſah er deshalb dem Ent⸗ falten jener Flagge entgegen, die ihnen entweder die frohe Hülfe vom Mutterlande brachte, nach der ſie ſogar ſchon einen der Ihrigen, den ehrwürdigen Mr. Pritchard, zugleich Conſul Ihrer Britanniſchen Ma⸗ jeſtät abgeſandt hatten, oder neue Schwierigkeiten und Verlegenheiten bereiten konnte, den gierigen Forde⸗ rungen Franzöſiſcher Capitaine gegenüber. Die Brüder Rowe und Nelſon in ihrem ſo ver⸗ ſchiedenartigen Charakter kennen wir ſchon. Zwei Andere, Mc. Kean und Brower waren ein⸗ fache Leute, Menſchen, die ihre Lebenszeit in der Bi⸗ bel gegraben, das edle Metall mit dem tauben Ge⸗ ſtein mühſam und unverdroſſen heraufgeſchafft, ohne im Stande zu ſein es zu ſchmelzen und zu ſcheiden, und es nun Bergehoch um ſich aufgeſchichtet hatten, eine treffliche Wehr wenigſtens, nach Jedem zu ſchleudern, der ihnen nahe kommen und ihre Stellung ihnen ſtreitig machen oder bekritiſiren wollte.— Bruder Smith zeigte ſich als eine von dieſen ganz verſchiedene Perſönlichkeit; klein und geſchmeidig hatte er ſich dem Miſſionsweſen gewidmet, wie er ſich ir⸗ gend einem andern Stand oder Geſchäft gewidmet haben würde. Von Enthuſiasmus war bei ihm keine Rede, von Schwärmerei noch weniger. Er betrachtete das ganze innere Sein der Miſſion auf eine ächt irdiſche und praktiſche Art als ein Geſchäft, das ihm durch die Miſſionsgeſellſchaft vom lieben Gott übertragen worden, und auf dieſem entlegenen Winkel ſchien er nun vollkommen bereit alle ſolche Pflichten, die ihm vorgeſchriebener Weiſe oblagen, auch getreu⸗ lich zu erfüllen, vorausgeſetzt jedoch, daß ihm dann der liebe Gott, neben anderen Kleinigkeiten, auch noch die Bitte des täglichen Brodes mit ſeinen verſchiede⸗ nen Variationen erfülle. Ein ausgezeichneter Ge⸗ ſchäftsmann außerdem, war eine ſeiner Hauptbeſchäf⸗ tigungen die, von England zur Unterſtützung der Miſſion eingegangenen Waaren, die natürlich einen größeren Werth hatten als Geld ſelber, gegen Roh⸗ Produkte oder Fabrikate der Indianer, ſoweit ſie de⸗ ren herſtellten, ja gegen Arbeitskraft ſelbſt und gelei⸗ ſtete Dienſte anzubringen, und einen beſſeren Mann hierzu hätte ſich die Geſellſchaft nicht wählen können. Schicklicher wäre es jedenfalls geweſen hierzu einen beſonderen Mann engagirt zu haben, der dann weiter 10² Nichts mit dem geiſtlichen Theil des„Geſchäfts“ hätte zu thun haben dürfen; das Lehrergeſchäft leidet, wo der Lehrer zu gleicher Zeit neben ſeinen geiſtigen Aus⸗ gaben ſeine weltlichen Einnahmen berechnen muß. Bruder Smith wußte aber Beides auf ſo geſchickte Art zu vereinigen, und die Waare mit ſolcher Sal⸗ bung, die Lehre mit ſolcher berechnenden Klugheit auszugeben, daß die Inſulaner zuletzt nicht ſelten bei⸗ des Empfangene gar nicht mehr von einander zu un⸗ terſcheiden vermochten und in Zweifel waren, für was von den beiden Sachen ſie ihr Cocosnußöl und ihre Perlen und Muſchelſchalen eigentlich zu Markt ge⸗ bracht, und ob ſie ein gutes oder ſchlechtes Geſchäft dabei gemacht. Bruder Smith hatte auch lange nicht das Schroffe, Abſtoßende des finſteren Rowe, ja ſelbſt des ſchwär⸗ meriſchen Dennis. Bei dem Gebet ſtand beſonders der Letztere wie ein zürnender Geiſt, bereit Gottes Zorn auf Jeden niederzudonnern, der anders dachte oder ſprach als er, während Bruder Smith mit ruhi⸗ ger Ueberlegung die praktiſche Seite des Chriſtlichen Glaubens nicht allein nicht verſäumte, ſondern ſogar nach außen drehte. Der Eine gewann, der Zweite erhielt die Heiden dem Chriſtenthum. Brower und Mc. Kean waren ein Mittelding der Beiden, mehr an der Form wie dem Sinne des Gan⸗ zen hängend; Smith wand ſich zwiſchen Allen durch. Mit einem anerkennungswerthen Scharfblick der Cha⸗ raktere, zwiſchen denen er ſich befand, war er Schwär⸗ mer oder Enthuſiaſt, Mann der Form oder des ein⸗ fachen Glaubens, der in dem Glauben gerade den Formen blindlings folgt, aber dieſe nur eben vom Glauben abhängig macht, nicht dieſen ihnen unter⸗ wirft. Nie jedoch verlor er den Nutzen irgend einer Stunde aus dem Auge und unermüdlich im Sam⸗ meln für ſeinen heiligen Zweck, wuchſen ihm die Be⸗ dürfniſſe aus dem Boden, und wurden zu Bäumen, die ihre Früchte im reichen vollen Maaß auf ihn zu⸗ rück und nieder ſchüttelten. Auch er war der gedrohten Oberherrſchaft Frank⸗ reichs in innerſter Seele abgeneigt, aber nicht ganz allein mit jener geiſtigen Ueberzeugung, mit der Bru⸗ der Dennis den Untergang der Gerechten vorher kün⸗ dete, wenn ſie ſich durch die Irrlehren verführen lie⸗ ßen vom rechten Pfade abzuweichen, ſondern mehr faſt im nerkantiliſchen Intereſſe. Die Franzoſen hat⸗ ten nämlich unter dem Schutz ihrer Kanonen ange⸗ fangen, ene Quantität der verſchiedenſten, bis jetzt von ihm mit Vortheil abgeſetzten Waaren, auf die Inſel gewerfen, deren Preiſe er früher allein beſtim⸗ men konnte, während ſich ihm jetzt dadurch eine in der That nicht unbedeutende Concurrenz eröffnete. Bunt und ordinär gedruckte Kattune, für die er bis jetzt mit Leichtigkeit einen halben Dollar per Yard erhal⸗ ten, verſchleuderten leichtſinnig junge Franzoſen um die Hälfte, und das Volk hätte von einem Heiden gekauft, wenn es die Waare billiger bekommen, wie viel mehr nicht von den„neuen Chriſten“. Die Ein⸗ dringlinge bezahlten außerdem für die Produkte der Indianer weit mehr, als ſie vernünftiger Weiſe hätten zahlen ſollen, wenn ſie ſich nicht den Markt für ſpätere Zeiten verderben wollten. Es war keine Ordnung in der Sache, und der Kaufmann ging mit dem Chriſten Hand in Hand, der Evangeliſchen Kirche den Sieg zu erflehen über die„Baalsprieſter“ wie ſie gewöhnlich von den Kanzeln genannt wurden. Doch zurück zu unſerem Schiff, das die Aufmerk⸗ ſamkeit der am Strand Stehenden auf das Peinlichſte ſpannte, und immer noch mit den kahlen Maſten ge⸗ ſonnen ſchien vorbei zu ſtreichen, ohne auch nur ein⸗ mal die Farbe ſeiner Flagge zu zeigen. „Segne meine Seele!“ rief ein dicht an Strand ſtehender Neger, der früher einmal von einem Wall⸗ fiſchfänger auf irgend einer Inſel entſprungen war und ſeinen Weg nach Tahiti gefunden hatte, wo er jetzt bei den Eingeborenen, theils ſeiner außerordent⸗ lich glänzenden ſchwarzen Farbe, theils ſeiner Wohl⸗ beleibtheit wegen als eine Art Autörität in Seemän⸗ 105 niſchen Fällen galt—„ſegne meine Seele, wenn ich nicht glaube der Burſche will einlaufen. Wenn er das bei der See verſucht kann er ſich darauf verlaſſen daß er heute in Davys locker(Secausdruck für Unterwelt) zu Nacht ſpeiſt, denn kein Dampſſchiff könnte ſich frei von den Leeriffen halten.“ „Und was für ein Segel glaubſt Du daß es iſt, Pompey?“ frug ihn Tati, der Häuptling, der unfern von ihm ſtand und das Fahrzeug mit finſterem Blick betrachtet hatte. „Engliſch, by God Maſſa,“ rief der Neger raſch, der den Häuptling kannte—„engliſch, jeder Zoll von ihr*)— und ein Dorn wahrſcheinlich in Maſſa Gumbo's**) Augen da drüben, der jetzt zwiſchen zwei Feuer kommt, wenn er den Schwarz⸗Röcken ein⸗ heizen und Land pachten will von Königin Pomare, haw, haw, haw. Nun ſollte noch ein Franzmann dazu kommen, dann giebt's Spaß; aber dies Kind ging in die Berge, Maſſa, denn wenn ſie hier mit *) Die Engländer und Amerikaner nennen alle Arten von Fahrzeugen weiblich und wie der Matroſe behauptet aus einem allerdings nicht gerade ſchmeichelhaften Grund für das ſchöne Geſchlecht: weil die Takelage, Segel zc. mehr koſte als alles Uebrige. **) Gumbo's, der Spottname der Franzoſen in Louiſiana, nach einem dort bereiteten Lieblingsgericht derſelben. 106 den eiſernen Bällen an zu ſpielen fingen, würd' es Manchem zu warm in ſeinem Rocke werden.“ „Die Reine blanche iſt's,“ lautete aber eine an⸗ dere Meinung, die bald wie ein Lauffeuer durch die Menſchenmaſſe lief, denn der gefürchtete Admiral Du Petit Thouars war ſchon lange wieder im Hafen er⸗ wartet worden, und trotz den zuverſichtlichen Behaup⸗ tungen der Miſſionaire daß England ihnen jedenfalls Schutz und Hülfe ſenden werde, gegen den Römiſchen Feind, traute man doch den Kanonen des Letzteren nicht, der die Stadt jetzt ſchon zwei Mal mit ſeinen eifernen Flanken bedroht und ſie gezwungen hatte, ſeine Bedingungen anzunehmen. Der Franzöſiſche Conſul hatte gegen die letzte Verhandlung proteſtirt und war zornig fortgegangen; welchen Bericht würde er dem Franzöſiſchen Admiral machen?— und die Königin mußte es dann wieder entgelten, wie ſchon früher.. „Da— dort geht die Flagge vom Talbot!“ rief da Pompey plötzlich—„und da die Privatſignale— er wird den Andern vorm Einlaufen warnen wollen.“ „Dort kommt was Buntes an Bord draußen!“ ſchrie ein Eingeborener, der trotz dem noch heftigen Wehen und Schaukeln des Baumes auf eine Palme geklettert war, einen beſſern Ueberblick zu gewinnen— „gleich wird's heraus ſein!“— 107 „Da kommt die Flagge— alt England für im⸗ mer!“ jubelte ein junger Burſch, ein Seecadet des Talbot der auf Urlaub an Land geweſen war, wie der Sturm begonnen—„dort weht der Union Jack und Monſiehr Crapo hat ſich zu früh gefreut wenn er glaubte es käme ein Landsmann.“ „Engliſche Flagge— Engliſche Fregatte!“ ſchrie und wogte es aber auch jetzt am Land durcheinander, die Miſſionaire auf der Verandah drückten einander die Hand, und ein großer Theil der Inſulaner jubelte aller⸗ dings dem fremden Schiffe entgegen, Manche aber auch von Tati's Anhang ſchauten gar zornig drein, und ſahen die Parthei ſchon wieder Sieger, die ihnen bis dahin immer ſtörend und hemmend im Weg geſtanden. Die beiden Engliſchen Kriegsſchiffe hatten indeſſen raſch verſchiedene, nur ihnen bekannte Signale ge⸗ wechſelt, und die fremde Fregatte hielt noch fortwäh⸗ rend auf die Mündung des Hafens zu, als ob ſie die Einfahrt, trotz Wind, Wogen und Coralle, erzwingen wolle; wenn aber auch der wirkliche Sturm nachge⸗ laſſen hatte, wehte der Weſtwind doch noch viel zu ſtark das Einlaufen in den Hafen, wären ſelbſt die furchtbaren Brandungswellen nicht geweſen, wagen zu dürfen und die Fregatte, die auch vielleicht nur dieſe Stellung angenommen ihre Signale ordentlich und deutlich auswehen zu laſſen, fiel wieder vor dem 108 Winde ab, braßte ihre Marsſegel vierkant und flog, faſt vor Top und Takel nur, aus dem Bereich der gefährlichen Klippen, draußen vielleicht wieder beizu⸗ drehen und das Rückwechſeln des Windes in den ge⸗ wöhnlichen Paſſat, der gar nicht lange mehr ausblei⸗ ben konnte, abzuwarten. So lange die Signale noch dauerten, hatten ſich die Eingeborenen ziemlich ruhig gehalten; nur einige der der Königin und den Miſſionairen ergebenen Häuptlinge, beſonders Aonui und Potowai waren hinauf in das Haus gegangen, wo ſie die frommen Männer verſammelt ſahen, deren Meinung über das Engliſche Kriegsſchiff, das jedenfalls einzukommen beabſichtigte, zu hören. Die Miſſionaire hatten nur eine Stimme darüber; ſie hofften daß es ihnen gün⸗ ſtig lautende Nachrichten von England bringen würde, ja daß vielleicht Bruder Pritchard ſelber an Bord ſei, die Rechte der Inſulaner zu beſtätigen und mit der geſandten Macht zu beſchützen. Das war genug, wie ein Lauffeuer zog ſich die frohe Botſchaft durch die einzeln am Strand zerſtreu⸗ ten Gruppen:„Das Kriegsſchiff i*ſt für uns gekom⸗ men; die Franzoſen haben Nichts mehr auf den In⸗ ſeln zu befehlen— der Vertrag den ſie abgeſchloſſen haben, und der nur dahin berechnet war uns zu ihren Sclaven zu machen und das Götzenthum wieder ein⸗ zuführen, iſt vernichtet und keine Flagge ſoll hier mehr wehen als die Tahitiſche und Engliſche!“ Aonui war der Wildeſte zwiſchen ihnen. „Brüder, der Tag der Vergeltung iſt erſchienen!“ ſchrie er, auf einen Haufen dort aufgefahrenen und zum Ausarbeiten von Canoes beſtimmten Holzes ſpringend, von dem aus er die unter ihm Stehenden leicht überſehen konnte,„die Beretanis kommen— die uns die Bibel gebracht haben, bringen uns jetzt auch Kanonen unſere Bibel zu vertheidigen— die Beretanis ſind gut— wir wollen Nichts weiter— wir haben die Bibel und die Feranis können gehen, wir halten ſie nicht— wir wollen ihnen Freude wünſchen— aber nicht hier, irgend wo anders.— Wir haben die Feranis lieb— ſehr lieb— es ſind auch unſere Brüder— aber nicht ſo Brüder wie die Beretanis; andere Art. Die Beretanis haben uns die Bibel gebracht, die Feranis wollen ſie wieder neh⸗ men.— Feranis haben viel Platz wo anders— wir wollen ihnen Freude wünſchen.“ Das etwa war der Sinn der Rede, die der Häupt⸗ ling, die einzelnen Sätze immer auf's Neue wieder⸗ holend, ſeinen Landsleuten vorſchrie, denn der um ihn wogende Tumult dauerte indeſſen fort und er konnte ihn mit ſeiner Stimme nicht beſchwichtigen, er mußte ihn ſelbſt übertönen; aber den Sinn ver⸗ ſtanden ſie doch, den ungefähren Sinn des Ganzen wenigſtens, und von Mund zu Mund lief der Ruf: „Fort mit den Feranis, fort mit der Flagge, wieder an Bord mit den Prieſtern die uns die neuen Götzen auf die Berge geſtellt haben, den alten zum Trotz, und uns unſeren Glauben nehmen wollen und unſer Land und die Bibel. Wir haben die Bibel wir ver⸗ langen nicht mehr!“ „Bin nur neugierig“ ſagte Pompey, der Neger, zu einem zufällig neben ihm ſtehenden Seemann, un⸗ ſerm alten Bekannten, dem Iren Jim—„was ſie heute wieder für Dummheiten anrichten werden, Mi⸗ ſter— ſeht nur einmal wie die ſchwarz gekleideten Gentlemen da hinten ſo eifrig gegen einander die Hände und Arme werfen, und ſtreiten— ſie hacken Alle auf den Einen ein mit den weißen Haaren, der wird wohl der einzige Vernünftige unter ihnen ſein.“ „Und wie ſo, mein Burſche?“ frug Jim O'Fla⸗ nagan, der mit den Augen der Richtung gefolgt war, die ihm der Neger angab, und den Blick jetzt forſchend auf den allerdings ſehr heftig mit einander geſticuli⸗ renden Miſſionairen weilen ließ—„es geht ja Alles ſo hübſch und trefflich wie es nur gehen kann.“ 1 „Hübſch und trefflich?— hm, ja,— Manchem gefällt's ſo,“ ſagte der Neger und betrachtete ſich den Fremden etwas genauer, ohne daß Jim etwa darauf geachtet hätte—„aber hallo Miſter,“ ſetzte er plöͤtz⸗ lich hinzu,„haben wir nicht einander ſchon einmal da drüben bei Mütterchen Tot getroffen?“ Der Ire lachte. 3 „Ich bin überall zu finden wo es gute Geſell⸗ ſchaft giebt,“ ſagte er mit einem etwas zweideutigen Blick auf ſeinen ſchwarzen Gefährten,„aber Freund, habt Ihr eine Idee wo die Geſchichte hier hinaus will?— wie mir ſcheint wollen die guten Leute alle Franzoſen ohne weitere Säumniß auſpacken, und an Bord der Jeanne d'Arc ſchicken?“ „Toll genug wären ſie dazu,“ brummte der Schwarze,„und das hier wär' auch nicht der erſte derartige dumme Streich, den ſie machten; wenn's Jemand gut mit ihnen meinte, ſollt' er's verhindern.“ „Wen geht's denn was an?“ lachte der Ire, „dafür haben ſie auch ihre Seelſorger ihnen den rich⸗ tigen Weg zu zeigen— hallo, kennt Ihr die Beiden da, die ſcheinen's eilig zu haben.“ „Das ſind die beiden erſten Häuptlinge der In⸗ ſel, Tati und Utami,“ ſagte der Neger ſchnell,„wenn die ihren Weg hätten, wüßt' ich wen ſie vor allen Dingen auf das erſte beſte Schiff packten und nach Leewärts ſchickten.“ „Kann mir's denken,“ ſagte der Ire trocken, „'s kommt nur darauf an jetzt, wer zuerſt ein Schiff 112 frei hat, Engländer oder Franzoſe, und dem lieben Gott bleibt jetzt die Wahl vollkommen offen, wen er hier behalten will, Katholiken oder Proteſtanten.“ „Wenn ſie den Feranis hier was zu Leid thun, ſchießt ihnen der Franzoſe den ganzen Bettel zuſam⸗ men— und ich habe da drüben auch ein kleines Häus⸗ chen ſtehn,“ meinte der Neger. „Wenn's hinter dem Berge läge könnt' er aber anfangen wann er wollte?“ frug Jim, mit einem Seitenblick auf den Neger, den dieſer mit einem brei⸗ ten Grinſen, das zwei Reihen prachtvoller Zähne aufdeckte, beantwortete. Die Aufmerkſamkeit der Beiden wurde aber bald für das Haus in Anſpruch genommen, in dem ſich die Miſſionaire befanden, denn dorthin drängte das Volk und ſchien von dieſen eine beſtimmte Leitung ihres Unmuths, dem ſie ſelber eigentlich noch nicht recht Ausdruck zu geben wußten, zu verlangen. „Nieder mit der Flagge der Feranis!“ tönte der Schrei—„fort mit den Prieſtern— England hat ſeine Schiffe zu uns geſchickt uns zu beſchützen, wir wollen nichts weiter mit den Wi⸗Wis zu thun haben 1 — fort mit ihnen— fort!“ „Das thut kein Gut,“ ſagte da, in der Sprache der Inſel, ein ſchlanker Mann mit ſtarkem Backen⸗ und Schnurrbart, der an dem Iren und Neger mit 413 den, ſchon vorher von ihnen bemerkten Häuptlingen raſch vorbeiſchritt—„das thut wahrlich kein gut, und ſie werden ſich die Folgen ihres thörichten Han⸗ delns ſpäter ſelber zuzuſchreiben haben.“ „Die Miſſionaire treiben's zum Aeußerſten in ihrem ſtolzen Wahn,“ ſagte Tati. „Und ihre kurzſichtige Politik wird ihnen das geiſtliche wie ihrer armen Königin das weltliche Re⸗ giment rauben,“ ſagte der erſte Sprecher;„die ein⸗ zige Rettung die dem Lande noch blieb, war eine ver⸗ nünftige Mäßigung, die Miſſionair wie Franzoſe zu⸗ gleich im Zaum gehalten hätte.“ „Sagt das den Prieſtern, Conſul Mörenhout, und ſie zucken die Achſeln und bedauern bei der Sache nichts thun zu können, da ſie ſich nie in die Politik dieſes Landes miſchten.“ „Heuchler!“ ziſchte der Conſul zwiſchen den Zäh⸗ nen durch und ſchritt jetzt, die Häuptlinge verlaſſend, raſch der Verandah zu, an deren Treppe er eben den beiden Miſſionairen Dennis und Rowe begegnete, die, von Nelſon und Smith gefolgt, gerade niederſtiegen. Als Mr. Rowe den Franzöſiſchen Conſul auf ſich zukommen ſah, blieb er ſtehen und ſagte, noch ein paar Stufen höher als dieſer, mit unendlicher Milde und Freundlichkeit auf ihn niederblickend: Gerſtäcker's Tahiti. II. 8 114 „Und was führt unſeren ſehr ehrenwerthen Freund in ſolcher Aufregung zu uns?“ „Mr. Rowe,“ erwiederte aber der Conſul, ohne auf Ton oder Bemerkung der Frage einzugehen, und raſch die Stufen, ſelbſt an dem Geiſtlichen vorbei, hinaufſteigend—„ich möchte ein paar Worte mit Ihnen und den übrigen Herren ſprechen; aber augen⸗ blicklich ſprechen“— ſetzte er raſch und ungeduldig hinzu, als er ſah wie die geiſtlichen Herren noch un⸗ ſchlüſſig zögerten.„Es gilt auch jetzt nicht die Pri⸗ vat⸗Intereſſen eines Proteſtantiſchen oder Katholiſchen Prieſters,“ fuhr er gereizt und heftig fort,„es gilt die Intereſſen, das Wohl dieſes Landes, deſſen Ent⸗ ſcheidung Sie nun einmal— mit welchem Rechte ſoll hier unerörtert bleiben— in die Hand genommen. Ihnen allein iſt es jetzt überlaſſen Alles noch friedlich zu Ende zu führen, oder auch einen Krieg heraufzu⸗ beſchwören, der die traurigſten furchtbarſten Folgen haben müßte.“ Die Miſſionaire blieben erſt ſtehn und drehten dann mit dem aufgeregten und gereizten Mann um, blieben aber oben auf der Verandah, wo ſich die übri— gen bald um Mr. Rowe und den Franzöſiſchen Con⸗ ſul ſammelten, und der Erſtere ſagte freundlich: „Sie ſcheinen ſich in der Perſon zu irren, ver⸗ ehrter Herr; wir Alle ſind Männer des Friedens, denen es wahrlich nicht einfallen wird muthwillig, wie Sie meinen, einen Krieg heraufzubeſchwören. Greift das Volk zu den Waffen, ein ihm unerträg— lich werdendes Joch abzuſchütteln, oder ſelbſt erſt der Gefahr auszuweichen, ſeinen Nacken darunter gebeugt zu bekommen, was können wir, einzelne und unbe⸗ waffnete Männer dafür oder dawider thun? ja dürf⸗ ten wir das Volk zurückhalten, ſelbſt wenn wir könnten, wo wir es auf der einen Seite von einer Religion bedroht ſehen, die unſerer ſchwachen Mei— nung nach zu ihrem jetzigen und ſpäteren Verderben führen müßte, während wir es in Händen haben, ſie wenigſtens auf ein einſtiges Heil vorzubereiten.“ Der Conſul ſchritt raſch und ärgerlich auf der Verandah auf und ab, erwiederte aber kein Wort— er fühlte daß ihm bei der erſten Sylbe die er laut ſpräche, die Galle überlaufen m üſſe, und wollte jetzt in dieſem, vielleicht für ſpätere Zeiten höchſt wichtigen Augenblick Alles vermeiden, was ihm ſpäter vielleicht als Uebereilung oder Hitze hätte können zur Laſt ge⸗ legt werden. „Und weigern Sie ſich wirklich?“ ſagte er end⸗ lich nach einer längeren Pauſe, und in der That erſt, als der Ehrwürdige Mr. Rowe ſchon wieder Miene machte die Verandah zu verlaſſen—„das blinde, mit allen Europäiſchen Verhältniſſen unbekannte 8* Volk von einem übereilten Schritt, wie das Nieder⸗ reißen der Franzöſiſchen Flagge zurückzuhalten?— bedenken Sie nicht, daß ſich dieſelben traurigen Sce⸗ nen der Franzöſtſchen Fregatte in Monaten vielleicht ſchon wiederholen, und Sie ſelbſt dann in die miß⸗ lichſte Lage der Welt bringen können?“ Der Ehrwürdige Mr. Rowe warf den Kopf ſtolz empor, und ſagte mit vielleicht abſichtlich ſehr lauter Stimme: „Weder Ihre Ueberredung Herr Conſul, noch Ihre Drohungen können uns zu einem Schritt be⸗ wegen, den wir für unverträglich mit unſerem Amte halten. Nicht die Politik, ſondern die Religion dieſes Landes brachté uns an dieſe Küſte, und Frankreich hatte vielleicht einmal die Abſicht den Proteſtantis⸗ mus, da es ihm nicht durch die Lehre ſeiner Prieſter gelang, mit Feuer und Schwert auszurotten; aber die Zeit iſt Gott ſei Dank vorbei. Der Engliſche Conſul iſt, wie Sie wiſſen ſchon vor längerer Zeit nach Groß⸗ britannien gegangen, dort den Schutz unſerer Con⸗ feſſton, die Erhaltung unſerer ſchwer erworbenen und verdienten Rechte zu ſichern, und Sie ſehen da drau- ßen in See in jenem hellblinkenden Segel die Ant⸗ wort unſerer Nation. Monsieur⸗Du bPetit Thouars wird ſich einen andern Wirkungskreis für ſeine Hel⸗ denthaten ſuchen müſſen, denn nicht mehr blos mit 117 wehrloſen Indianern und ihren friedlichen Lehrern und Fürſten hat er es von jetzt an hier zu thun.“ Mörenhout biß ſich auf die Lippen, blieb einen Augenblick, wie noch etwas überdenkend, ſtehen, und wollte dann, ohne weiteres Wort, die Treppe wieder niederſteigen, als der alte ehrwürdige Mr. Nelſon ſei⸗ nen Arm ergriff und freundlich ſagte: „Gehen Sie noch nicht, Conſul Mörenhout; ein gutes Werk darf nicht ſo leicht aufgegeben werden, und ich halte die Abſicht dafür, in der Sie hergekommen.“ „Mr. Nelſon ſpricht als ob dieſes ſogenannte „gute Werk“ in unſeren Händen läge,“ ſagte Mr. Rowe gereizt. 4 „Und das iſt wahr!“ rief aber der alte Mann in edlem Eifer erglühend, und die Hand ausſtreckend gegen die unten tobende Schaar.„Sündlich wäre es von uns behaupten zu wollen, daß wir die Macht nicht haben das Volk zum Guten zu leiten und in den Schranken der Mäßigung zu halten; ebenſo wie es, in der jetzt überdieß gereizten Stimmung, einem leichtſinnigen unglückſeligen Schritt entgegen zu trei⸗ ben. Wir als die Lehrer des Volkes dürfen nicht entſcheiden ob Engliſche ob Franzöſiſche Flagge das Recht habe hier zu wehen— unſer Ziel iſt: die Ein⸗ geborenen zu Ghriſten, nicht zu Engländern oder Fran⸗ zoſen zu machen, und ihren Häuptlingen, von unſeren 118 Conſuln aber nicht von unſeren Kanzeln unterſtützt, bleibt es dann überlaſſen, ſich die Unabbhängigkeit ihres Landes zu wahren.“ „Es giebt Verhältniſſe,“ fiel ihm hier Bruder Rowe in's Wort, der den aufſteigenden Grimm nicht: länger bemeiſtern konnte,„bei denen ein ſolches Zau⸗ dern in der guten Sache, das die Eingeborenen ihrem böſen Geſchick und den Gräueln des Pabſtthums überließe, Verrath genannt werden könnte.“ „Wir haben den fremden Prieſtern vorgeworfen“ entgegnete Nelſon ruhig,„daß ſie uns geſchimpft und unſere Religion geſchmäht haben; machen wir es beſſer, wenn wir von Gräueln des Pabſtthums re⸗ den? Ich bedauere das Eindringen jener fremden Lehre, die unſere Beichtkinder irre machen, und Zwei⸗ fel bei vhnan erwecken muß, aber ich möchte ſie nicht mit dem Schwert bekämpft, möchte das Schwert nicht in unſerer eigenen Mitte geſchliffen ſehen.“ „Daß Bruder Nelſon die neue Lehre nicht mit dem Schwert bekämpft ſehen möchte, hat er allerdings ſchon bewieſen,“ ſagte Mr. Rowe. „In dem was ich gethan, ſteh' ich vor meinem Gott gerechtfertigt,“ erwiederte Nelſon, ohne ein Zei⸗ chen von Bitterkeit,„der Menſchen Urtheil muß ich mich unterwerfen.“ „Wehe über Israel!“ ſeufzte da der ehrwürdige 119 Mr. Brower und ſchüttelte trauernd mit dem Kopf, „das iſt die kalte Gluth, die fremde Herzen erwärmen will, und nicht einmal im Stande iſt, das eigene Feuer hell und lohend anzufachen. Wehe über die Säumigen, die da zögern und die Stunden zählen zum Tag, und nicht wirken wollen ſo lang es noch Nacht iſt; wehe über die Zaghaften am Tage des Gerichts, und wie Gottes Donner noch mahnend an der Erde Veſten rüttelt, wird er ihnen ein Zornesruf in den Ohren ſein!“ Mr. Mörenhout der das Geſpräch, oder vielmehr den Streit der Geiſtlichen mit kaum zu zähmender Ungeduld bis jetzt angehört, und ſich gewaltſam hatte zurückhalten müſſen, ſeinem Unwillen nicht Luft zu machen, dabei aber noch immer hoffte eine vernünf⸗ tigere Ueberlegung doch Raum gewinnen zu ſehen, mußte nach den letzten Worten des fanatiſchen Prie⸗ ſters jeden ſolchen Glauben ſchwinden laſſen, und nur noch einen letzten Verſuch zu machen ſagte er mit ge— zwungener Ruhe, der man aber das Gewaltſame wohl anmerken konnte: „Und ſo weigern Sie ſich denn, meine Herren, den Frieden mit Frankreich aufrecht zu erhalten?— weigern ſich dem Volk das Gefährliche, ja das Wahn⸗ ſinnige ſolcher Handlung vorzuſtellen?“ „Weigern, Herr Conſul,“ unterbrach ihn Rowe entrüſtet,„wir haben Nichts mit der Politik dieſes Landes zu thun— mit jedem derartigen Antrag muß ich Sie an die Königin ſelber weiſen.“ Mörenhout wollte noch etwas erwiedern— er öffnete ſchon den Mund und that einen Schritt auf den Miſſionair zu, der ſich dem gereizten Blick des Mannes mißtrauiſch aber doch muthig entgegenſtellte; dann aber, wie ſich eines Beſſeren beſinnend, drehte er ſich ſcharf auf ſeinem Abſatz herum, blieb einen Moment, den vorn ausdehnenden Platz mit den Bli⸗ cken überfliegend ſtehen, winkte nach einer Stelle hin⸗ über, wo Tati und Utami mit dem jetzt zu ihnen ge⸗ kommenen Paofai ſtanden, und ſchritt dann, während ſich ihm die drei Häuptlinge anſchloſſen, raſch und heftig mit ihnen geſticulirend, am Strand hinauf. 3 4 — Capitel 5. Die Königin Pömare. Der Sturm hatte nachgelaſſen, aber noch ſchleu⸗ derte der Weſt den Wellenſchaum gegen das Leeufer*) der Inſel, und die ſchweren Palmenwipfel, die den Palaſt Aimatas, der vierten der Pomaren, umgaben, ſchwankten herüber und hinüber und ſchüttelten die ſchweren Tropfen aus der Fruchtgeſchmückten Krone. Der Palaſt der Pomaren— ein Zauber lag ſonſt auf dem Heiligthum, das ein frohes gutmü⸗ thiges und deshalb auch leichtgläubiges Volk mit *) Das weſtliche Ufer dieſer Inſeln wird ſtets das Leeufer genannt, da der Wind, mit nur ſeltenen Ausnahmen, immer von Oſten kommt. 122 allem ausgeſchmücke, was ſeine Phantaſie nur Gro⸗ ßes und Erhabenes zu erfinden vermochte. Was lag daran ob nur Bambusſtäbe das leichte Dach von Pandanusblättern ſtützten, nur feingefloch⸗ tene Matten und ſelbſtgewebte Tapa den inneren Raum zierten und verhingen— was lag daran ob die Häuptlinge aus einfachen Calebaſſen ihren Brod⸗ fruchtpoe verzehrten und den Saft der Cocosnuß dazu tranken, ſie waren die von Oro beſchützten Fürſten, und der Grund ſchon heilig, den ihr Fuß betrat. Und jetzt?— Der Verkehr mit den Europäern hatte die alten einfachen Sitten der Inſulaner ver⸗ drängt— die Miſſionaire, anſtatt ſich ihrem einfachen Leben anzupaſſen, lenkten die Gier dieſer ſonſt ſo an— ſpruchsloſen beſcheidenen Weſen auf die fremden Sa⸗ chen die ſie in Maſſe mitgebracht; der Schutz der Kö⸗ nige ſelber ward durch Geſchenke— tolles Zeug das nur bunt drein ſchaute und zu weiter Nichts diente als den Platz ungemüthlich, unheimlich zu machen auf dem es ſtand— zu erhalten geſucht, und wie ſich die Fürſten mehr den Fremden hingaben, deren eigenthümliche Geſchenke ſie gewannen, wie ſie von ihrer Höhe niederſtiegen und ihre Götter ſelbſt zuletzt gegen Glasperlen und andere bunte Sachen eintauſch⸗ ten, einen anderen Gott anzuerkennen, den ihnen jene ſchwarzen finſteren Männer brachten, da war die königliche Macht dahin, wenn auch der äußerliche Prunk noch blieb, ja für den Augenblick, wie das letzte Aufflackern einer Lampe, vielleicht noch auf kurze Zeit erhöht und verſtärkt wurde. Was die Königliche Majeſtät auf den Sandwichs Inſeln, wo Republikaniſche Miſſionaire zuerſt Gottes Wort hinüberbrachten, erhob, daß nämlich die Glie⸗ der der Königlichen Familie, beſonders die Frauen*) der Chriſtlichen Religion anhingen, und ſie mit dieſer Macht auch das Volk dahin brachten ſich zuletzt, we⸗ nigſtens äußerlich, dem neuen Cultus zu unterwerfen, das hatte auf den Geſellſchaftsinſeln, wo die Prieſter einer Monarchie zuerſt mit dem Kreuz und der Bibel landeten, die entgegengeſetzte Wirkung in dem ſtarren Trotz den die Pomaren, in ihren Herzen wenigſtens, von je der Chriſtlichen Religion entgegenſetzten, bis in ſpäteren Jahren, und auch eigentlich erſt durch Krankheit geknickt und in der Hoffnung mit Hülfe der Weißen die Zügel ſeiner Regierung wieder feſter in die Hand nehmen zu können, der zweite Pomare zur chriſtlichen Religion übertrat, ſonſt aber ſeine Sitten, *) Miſſionair Bingham ſpricht mit beſonderer Ehrfurcht von dem würdigen„Matriarchen“ Kaahumanu, der Gattin Kamehamea des Erſten— eine Frau von beinah dreihundert Pfund Gewicht. 124 und ſehr wahrſcheinlich auch im Inneren ſeinen alten Glauben, ziemlich beibehielt. Die Fürſten, die man bis dahin für übernatür⸗ liche Weſen gehalten, wurden Menſchen, die Göt⸗ ter, die bis dahin die Schickſale der Völker regiert und die Hand gehalten hatten über Land und See, wurden zu Stücken Cocosholz,— der Glaube, die Furcht, ja das Schlimmſte von Allem, die Liebe, des Volkes war ein Wahn, ein ſchöner Traum gewe⸗ ſen, und daß eben das Volk dann zu Extremen über— ſprang, läßt ſich denken. Das ſchlichte Bambushaus, zu dem der Tahitier ſonſt als dem Herrſcherſitz ſeiner Könige mit ſcheuer Ehrfurcht aber auch mit Liebe aufgeblickte, war ver⸗ ſchwunden, und an deſſen Statt ſtand ein Europäi⸗ ſches Gebäude mit Schindeln gedeckt, mit Verandah und Treppe, mit Thüren und Glasfenſtern da, die Wände dicht und der kühlen Seebriſe undurchdring⸗ lich, das Dach fremd und unnatürlich in die ſchlanken Palmen hineinſtarrend— das Innere dabei wild und geſchmacklos mit bunt und toll durch einander geworfenen Geſchenken verſchiedener Schiffe und Län⸗ der ausgeſchmückt oder eher verſtellt, mit Porcellan und Glas, mit Bronze und Meſſing, verſilberten Leuchtern, vergoldetem Schmuck, mit Servicen und 125 Geſchirren, ſo geſchmacklos als verwirrt geordnet oder beſſer geſagt aus dem Weg geſtellt. Die natürliche Majeſtät des Ganzen war gewichen und eine gezwungen gekünſtelte jetzt nicht mehr im Stande ſelbſt in den Augen des Eingeborenen zu im⸗ poniren. Die Ehrfurcht deshalb, die er dem ſchlich⸗ ten Bambus und der einfachen Tapa gezollt, und die ſich ſelbſt auf die Pandanus-Matte erſtreckte die der Fuß berührte, weigerte er dem koſtbaren Teppich und all jenen tauſend und tauſend„Koſtbarkeiten,“ die er ſtaunend anſtarrte, an denen er aber kalt, ja nicht ſelten mit einem Lächeln auf den Lippen, vorüberging. Er kannte die Quelle aus der es floß, Pomare ging nicht mehr mit Oro Hand in Hand und vor dem neuen Gott, wie ihnen die fremden Lehrer oft und oft geſagt, waren ja alle Menſchen gleich— das Bischen Staat dabei hatten die Fremden mitge⸗ bracht, als Geſchenke feſten Fuß auf den Inſeln zu faſſen, es war Nichts darunter, vor dem man hätte Ehrfurcht haben können. Und rückſichtslos wie der Menſchen Hand an dem Hermelin der Majeſtät geriſſen, und nach der Krone ſchon die Fauſt ausgeſtreckt, die Aimatas Stirn umzog, ſo hatte der Sturm in ſeiner tobenden Luſt auch ſeinen Muth an dem geweihten Platz gekühlt und hineingegriffen in das Heiligthum. Wo eine Anzaͤhl dichter herrlicher Palmen auf etwas offener Stelle wachſend, früher das Bambus⸗ haus der Königin überſchattet, und einander dabei zugleich Schutz und Schirm bieten konnten gegen die tollen Windgeiſter, die zu Zeiten über die Berge raſten, da hatten die meiſten dieſer ſtattlichen Bäume, dem größeren Gebäude Raum zu geben, weggeſchlagen werden müſſen, und die einzelnen, zurückgebliebenen, waren nicht mehr im Stande dem wilden Weſt zu trotzen, wenn er den raſenden Anſprung nahm gegen ſie, die wehenden Blätter ihrer Krone faßte und die Wipfel niederbog, ſcharf und gewaltig, bis faſt zum Boden hin. Hei wie ſie da oft zurückſchnellten, in Grimm und Unmuth, dem tobenden Sturm gerad' in die Zähne, und die wehende Krone ſchüttelnd in zor⸗ nigem Trotz; vergebens— wieder und wieder ſauſte die Windsbraut heran, faßte die mächtigen Bäume und drückte ſie in ihrem tollen Spiel zur Erde nieder bis ſie die herrlichſte geknickt und mit ſchwerem Fall zu Boden geſchmettert, weit und zerſtörend hinein in Banane und Brodfruchtgarten. Und dann, wie ein unartig Kind, das ſein Spielzeug zerbrochen und bei dem Fall ſchon die Strafe fürchtet, brauſte der Sturm und tobte dahin, über die mächtigen Waldes⸗ wipfel, daß ſein Rauſchen und Donnern weit hinein drang in Berges Schlucht und Hang; aber am Bo⸗ 127 den lag die Palme zerknickt und todt, der ſtarre auf⸗ geſpaltene Stamm kahl und vorwurfsvoll zum Him⸗ mel deutend, und der Wipfel ſelbſt ein traurig Bild zertrümmerter, königlicher Kraft— ſo viel ſprechender hier, an der Schwelle der Pomaren. Und wie der Sturm ſchwieg, wogte und drängte draußen das Volk in wilderem unaufhaltſamerem Schwarm, zum erſten Mal wieder eine Macht füh⸗ lend, die ihm bis jetzt genommen, zum erſten Mal wieder von denen aufgeforderrt ſelbſtſtändig zu handeln, die bis jetzt mit ängſtlicher Sorgfalt jeden ihrer Schritte überwacht, und die Bibel drohend ent⸗ gegengehalten jedem freieren, kraftbewußten Wort. Das Volk ſprach, und der Palaſt lag verö⸗ det; die Thüren ſtanden offen, oder ſchlugen im Zug hin und wieder, die im Inneren angebrachten Euro⸗ päiſchen Vorhänge und Gardinen flatterten und weh⸗ ten unordentlich aus, und die Einanas Pomares, die Dienſtthuenden Hoff fräulein der Fürſtin ſelber hatten ſich in Furcht und Neugierde theils mit hinaus an den Strand gedrängt, das fremde Schiff und das erregte Volk zu ſehen, theils ſtanden ſie mit flattern⸗ den Locken und Gewändern über die Verandah zer⸗ ſtreut, ihrer Pflichten nicht weiter achtend, ſich ihre Hoffnungen und Befürchtungen mitzutheilen. Pomare war in ihrem Gemach allein und die 128 * Königin ſtand, an ein Fenſter gelehnt, die linke Hand auf eine geöffnete Bibel, die neben ihr auf einem klei⸗ nen Tiſchchen lag, die Stirn ſinnend in die rechte Hand geſtützt, regungslos und ſchaute in tiefem Brü⸗ ten hinaus über die zerſchüttelten Baumwipfel, die ihre Zweige noch nicht wieder zurechtgefunden aus dem kaum vorübergebrauſten Sturm, und wie ängſt⸗ lich die weiten grünen Arme ineinander rankten, einem noch immer mißtrauiſch behechtear neuen Anprall zu begegnen. Es war eine ſchlanke edle Geſtalt, mit nicht gerade ſchönen aber doch wohlthuenden Zügen, und beſon⸗ ders feurigem lebendigem Auge, deſſen Brauen ſich nur jetzt, in Sinnen und Unmuth vielleicht, feſter und härter zuſammengezogen wie es ſich ſonſt mit den voll und freundlich geſchnittenen Lippen vertrug. Sie ging ganz in die Landestracht gekleidet, nur daß koſt⸗ barere Stoffe ihre Geſtalt umſchloſſen,— der pareu war von feinem gelb und roth geſtreiften und mit kleinen Silberblumen durchzogenem Gewebe, und der obere, erſt nach der Bekanntſchaft mit den Europäern angenommene weite und vorn bis zum Gürtel offene Rock, der nur am Handgelenk durch zwei Perlmutter⸗ knöpfe zuſammengehalten wurde, war von ſchwerer blaßrother Seide, um die Hüften durch eine goldene emaillirte Spange zuſammengehalten. Die Haare 129 trug ſie in natürlichen Locken, durch die aber, vielleicht ein wenig kokett auf die Krone anſpielend, ein ſchma⸗ ler goldener Reif gezogen war, vortrefflich gegen die rabenſchwarze Fülle der Locken abſtechend, die ihre Stirn umſpielten. An den Fingern blitzten zwei etwas ſtarke, goldene Ringe, der den Eingeborenen über⸗ haupt liebſte und ehrenvollſte Schmuck; ihre Füße aber waren nackt. Viele Minuten lang blieb ſie in der beſchriebenen Stellung, ſtarr und regungslos und nur manchmal war es, als ob ſie ungeduldig hinaushorche nach dem dunſpf ſelbſt bis zu ihr herüberwogenden Lärm, indeß die Finger der linken Hand bewußtlos in dem heili⸗ gen Buche blätterten. „Sie kommen, Pomare, ſie kommen,“ rief da plötzlich Eines der Mädchen, den Kopf eben nur zur Thür hereinſteckeud und dann wieder, gerad ſo raſch verſchwindend. „KAramai, Eina!“ rief aber die Königin, ſich zor⸗ nig nach der Thür herumdrehend, in der jetzt, etwas beſchämt, das junge ſchöne Mädchen wieder erſchien und ſchüchtern ſtehen blieb— niſt das jetzt Sitte hier bei mir geworden, daß Ihr draußen herumlauft, Ihr Tollen, und eben zu mir hereinſtürmt und mir Euere Botſchaft unter das Dach ruft, als ob ich herüber⸗ geweht wäre von den Inſeln zu windwärts?— wer Gerſtäcker's Tahiti. II. 9 kommt? waihine und wo ſind Deine Gefähr⸗ tinnen?“ „Tati, der Häuptling, Pomare, mit dem weißen böſen Ferani,“ ſagte das Mädchen etwas ängſtlich— „und noch viele viele andere Tanatas.“ „Und die Einanas?“ „Stehen draußen und ſehen hinaus.“ „Was will Tati von mir?“ frug die Königin— finſter, mehr mit ſich ſelbſt redend als zu dem Mäd⸗ chen gewandt. „Böſe Ferani iſt bei Mitonares geweſen,“ ſagte da das Mädchen leiſe und ſchnell—„hat ſich gezankt mit Mitonares und kommt jetzt zornig und bös zu Pomare.“ Ein verächtliches Lächeln zuckte um Pomares Lip⸗ pen, daß die Einana den Ferani fürchtete, aber die Botſchaft ſelber beunruhigte ſie doch. Der Franzö⸗ ſiſche Conſul verkehrte nie mit den Proteſtantiſchen Geiſtlichen, die ihn, wie er recht gut wußte, haßten und verabſcheuten— was hatte er dort zu thun, wenn nicht jene etwas gegen ihn, gegen ſeine Nation unternommen, und warum wußte ſie noch Nichts davon? „Die Mitonares haßen das Engliſche Schiff ge⸗ ſehen und glauben ſich nun Herren dieſes Landes,“ murmelte ſie leiſe vor ſich hin—„aber noch nicht— 5 3 8 4 8 3 1* noch nicht— und das Alles ſagt die Bibel, Alles, Alles was ſie wollen.“ Lautes Sprechen auf der Verandah drang von dort herein, und die Einanas, die bis jetzt draußen herum geſtanden, ſchlichen leiſe in's Zimmer, wäh⸗ rend Eine von ihnen die Ankunft des„Ferani Me- re-hu“ mit Tati dem Häuptling meldete. Noch ehe aber Pomare nur die Erlaubniß ſeiner Einführung geben konnte, wurde die Thür wieder, mehr aufgeriſ⸗ ſen als geöffnet, und der Conſul betrat raſch von Tati langſam und wie ſcheu gefolgt, das Gemach. „Habt Ihr die Sitte verlernt, Conſul Merehu!“ rief ihm aber Pomare gereizt entgegen, noch ehe er den Mund öffnen konnte zu ſeiner Vertheidigung, „daß Ihr zu einer Frau— daß Ihr zu Pomaren in das Haus dringt, als ob Ihr daheim wäret in Eurer eigenen Hütte?— noch haben Euere Kriegsſchiffe meinen armen Thron nicht umgeworfen, und Euere Soldaten mein Volk erſchlagen, oder Euere Prieſter es bethört— geht fort von hier, Ihr ſeid ein un— ruhiger böſer Mann— und was will Tati von ſei⸗ ner Königin, daß er mit dem Fremden über ihre Schwelle bricht, wie ein Dieb bei Nacht?“ „Nicht meinetwegen komme ich, kommt Tati hier zu Dir, Pomare!“ unterbrach ſie hier Mörenhout, ohne Tati Zeit zu geben, ſich ſelber zu vertheidigen— 9⸗ 132² „Deinet⸗, Deines Reiches wegen ſind wir hier, das Deine tollen Prieſter im Begriff ſind zu verderben.“ „Conſul Me⸗re⸗hu!“ rief Pomare entrüſtet. „Ja Pomare!“ fuhr aber der Franzoſe in zorni⸗ gem Eifer fort,„und wiederholen muß ich's Dir, daß Deine Prieſter in dieſem Augenblick ſelbſt daran ar⸗ beiten den Bruch unheilbar zu machen, den ſie zwi⸗ ſchen dieſem Land und Frankreich reißen. Auf die Bibel geſtützt, der ſie in blindem Eifer, nicht rechts nicht links ſehend, anhängen, predigen und ſchreien ſie daß ſie dieſer folgen, während es im Grund nur ihre eigene ſtarrköpfige Meinung iſt, der ſie das Ban⸗ ner vorantragen. Gottes Zorn wollen ſie dabei in ihrer Macht haben, während in ihrem eigenen Lager Unfriede, Streit und Feindſchaft, Neid und Habſucht herrſchen.“ „Und ſeid Ihr nur hier hergekommen meine Pre⸗ diger und Gottes Wort zu läſtern, Conſul?“ frug die Königin kalt. „Hierher gekommen Dich zu bitten ihrem Ueber⸗ muth zu ſteuern!“ rief Mörenhout,„Dich zu war⸗ nen ihrem Einfluß, der der Franzöſiſchen Nation ein durchaus feindlicher iſt, gerade jetzt, wo ſie in kurz⸗ ſichtigem Triumph den Sieg in Händen zu haben glauben, nicht zu viel Raum zu geben.“ „Warnen,“ wiederholte Pomare verächtlich, und 133 drehte dem Conſul halb den Rücken—„und was ſagt Tati? hat der erſte Häͤuptling Tahitis dem Frem⸗ den das Wort überlaſſen,“ fuhr ſie aber raſcher fort als ſie dieſen mit verſchränkten Armen und finſterem Blick ſtill zur Seite ſtehen ſah. „So lang er das rechte ſpricht, warum nicht?“ ſagte der Häuptling ernſt—„es iſt daſſelbe um das ich Pomare bitten wollte— er hat es Dir kund ge⸗ than.“ „Und was wollt Ihr von mir?“ rief die Kö⸗ nigin, jetzt wirklich beunruhigt durch das ernſte Aus⸗ ſehen der Männer,„was iſt zeſchehen⸗ was haben die Mi⸗to⸗na⸗res gethan?“ „Die Mi⸗to⸗na⸗res thun nie dawas, ſagte der Conſul, aber jetzt weit ruhiger als vorher,„ſie ſtecken ſich nur hinter die Maſſe, reizen mit ihren Reden das Volk auf, und ſind dann unſchuldig wie die Kinder, wenn der Saame aufgeht, den ſie erſt ſelbſt gepflanzt.“ Die Königin machte eine ungeduldige Bewegung und Tati, der wohl ſah daß der Conſul, in ſeinem Zorn über die Miſſionaire gar nicht zum Hauptpunkt kam, fiel da ein: „Sie ſind unklug genug das Volk dazu zu treiben, daß es die Franzöſiſche Flagge niederreißt.“ „Und welches Recht hat ſie, hier zu wehen?“ frug Pomare raſch. * 134 „Dem mit Dir ſelbſt geſchloſſenen Vertrage nach!“ rief der Conſul. Tati biß ſich auf die Lippen und entgegnete nur trocken: „Das Recht des Stärkeren, ich weiß von keinem anderen.“ „Von keinem anderen?“ frug der Conſul erſtaunt, und drehte ſich raſch nach dem Häuptling um— „habt Ihr nicht ſelber mit den Warlung unterſchrieben, der ihm es ſichert?“ „Eben weil Ihr die Stärkeren ſeid habt Ihr das Recht,“ ſagte der Häuptling finſter,„denn der Ver⸗ trag war in anderem Sinne, als Ihr ihn auszubeu⸗ ten wünſcht, und wäret Ihr ein kleines Reich wie wir, würde die Frage gar nicht ſein um ja und nein, die Kriegskeule möchte dann entſcheiden welches Lan⸗ des Flagge in der Briſe flattern dürfte. So aber, und weil mir ahnt was Ihr begehrt, nicht etwa weil ich ein Freund des Königs der Feranis bin, komme ich hierher und verlange von Dir, Pomare, das Volk zurückzuhalten, daß es nicht muthwillig wieder frem⸗ den Schiffen die willkommene Gelegenheit bietet die Hand nach dieſem Reiche auszuſtrecken. Die Prieſter tanzen um ihr Heiligthum und ſehen in die Flamme — bis ſie eben nichts weiter ſehen und für alles An⸗ dere, was außer ihnen vorgeht, blind ſind; was küm⸗ mert ſie Pomare oder Tahiti, wenn ſie Leute finden die in ihrem großen Buch leſen und ihnen Früchte und Cocosöl bringen. Kaufleute von dem Lande der Feranis ſind gekommen und ſie haben Nichts geſagt — Prieſter kommen jetzt von dort, und ſie ſchreien daß Gott das Land mit Feuer und Schwefel ausrot⸗ ten würde; warum? weil die anderen Prieſter auch Ferkel haben wollen zum Backen, und Brodfrucht zum Röſten— weil ſie auch Worte eintauſchen wollen gegen Körbe voll Früchte und Hühner und Schweine.“ „Aber wie kann ich's hindern?“ ſagte Pomare unſchlüſſig—„Ihr wilden Männer ſelber habt mich in ihre Hände gegeben, mit Euerem Zorn und Ehr⸗ geiz, und ich will mich dem Ferani nicht beugen.“ „Und wer ſagt daß Du es ſollſt?“ rief Tati ſchnell—„aber eben ſo wenig der Flagge der Be⸗ retanier.“ „Die frommen Männer künden das Wort Got⸗ tes, nicht Beretaniens,“ entgegnete Pomare. „Ei beim Donner, laß ſie das denen ſagen die es glauben!“ trotzte der Häuptling—„ihr eigener Bauch iſt ihr Gott, und die Bibel halten ſie vor, ihn zu verſtecken. Waren die Häuptlinge in alten Zeiten den Göttern oder den Prieſtern unterthan? und wäre der neue Gott ſo wenig mächtig, daß wir vor ſei⸗ 136 nen Dienern nur allein die Furcht und Ehrfurcht ha⸗ ben ſollten?“ Die Königin wollte reden, aber das Wort gebrach ihr in dem Augenblick, dem zu erwiedern, und der Häuptling fuhr mit ruhiger, ja faſt bewegter Stimme fort: „Ich weiß daß ſie alle Deine guten Eigenſchaften, aber auch all Deine Schwächen in das Feld gerufen haben, ihnen zu dienen; Dein gutes Herz gewann Dich ihrem Gott, Dein Stolz, das Erbtheil Deines Stammes unterſtützte ſie in dem Kampf mit Deinen Feinden.— Sieh mich nicht ſo an, Pomare, ich ge⸗ hörte nie dazu, und wenn auch das Blut meiner Väter, der alten und rechtmäßigen Fürſten dieſer Inſeln in meinen Adern rollt, und mich Deinem Stamm ge⸗ genüberſtellte, hab ich Dich ſelber ſtets geachtet und— verehrt; aber weh, tief im Herzen weh thut es mir den Häuptlingsſtab aus unſerer Fauſt geriſſen zu ſehen, nicht eine andere würdige Hand zu ſchmücken, ſondern einer Schaar Fremder zum Stock zu dienen, mit dem ſie ihre Heerde zuſammentreiben. Mit Zorn und Schmerz füllt mich der Gedanke jene finſteren Prieſter in unſerem ſchönen Lande herrſchen zu ſehen, weil wir ſelber nicht einmal den Muth hatten, uns nur einander die Hand zu reichen.“ „Aber ihre Religion iſt die des Friedens,“ ſagte Pomare. „Und ihre Worte, ihre Lehre die des Kriegs!“ rief der Häuptling mit wieder zuſammengezogenen Brauen—„was auch ſtehen ſie zwiſchen uns, wer gab ihnen das Recht zu entſcheiden und zu richten in dieſem Land?— die Bibel?— wir haben ſie jetzt ſelber, nicht ihr Verdienſt iſt es daß ſie hier herge⸗ kommen, wenn ſie ſelber überhaupt Wahrheit iſt, denn die Prieſter beweiſen aus ihr, daß ſie Gott ſelbſt ge⸗ ſandt. So nimm die Zügel wieder in die Hand, Pomare, wähle die, ſo es gut und redlich mit dem Lande meinen, die aber auch an dieſer Küſte geboren ſind, zu ſeinen Richtern, und hier mein Wort, meine Hand, daß Tati nie ein Korn von Eiferſucht mehr in ſeinem Herzen nähren und Dir treu und ehrlich zur Seite ſtehen wird mit beſten Kräften.“ „Sag es ihm zu, Pomare, er meint es gut mit Dir,“ beſtätigte hier der Franzoſe des Häuptlings Worte, die Königin aber, die ſchon halb unſchlüſſig geſtanden, und den Blick, wie im inneren Kampf an den Boden geheftet hielt, ſah plötzlich zu dem Frem⸗ den auf und ſagte finſter: „Dein Rath, Me⸗re⸗hu, hat noch nie dieſem Lande gut gethan; Du ſprichſt nicht mit Tati, indem Du für ihn ſprichſt.“ 138 „Ich verſtehe Euere Wortſpiele nicht,“ ſagte der Conſul unwillig, dem die Zurückweiſung der India⸗ nerin verdroſſen—„aber ich weiß daß es Tati gut mit Dir meint, und daß ich ſelber in dieſem Augen⸗ blick weniger im Intereſſe Frankreichs als dem Dei⸗ nigen ſpreche— willſt Du Nichts wiſſen davon, ſo thue meinetwegen was Du nicht laſſen kannſt, ſchreib Dir dann aber auch ſelber die Folgen zu.“ „Ich habe bei dem was ich je beſchloß noch nie die Folgen gefürchtet,“ ſagte Pomare ruhig—„aber was wollt Ihr daß ich thue, was ich verhindern ſoll? — Ihr ſprecht Beide wild auf mich ein und macht mich irre, anſtatt mich aufzuklären.“ „Verhindern ſollſt Du,“ rief der Conſul da,„daß Deine Leute, in Deinem Namen die Flagge Frank⸗ reichs niederreißen und die Deinige dafür wehen laſſen.“ „Und weſſen Flagge hat das meiſte Recht dazu?“ frug Pomare, dem Franzöſiſchen Conſul feſt in's Auge ſehend. „Das meiſte Recht die Deine, allerdings,“ fiel aber hier Tati ein, ehe Mörenhout etwas darauf erwiedern konnte,„aber nicht die meiſte Gewalt, Po⸗ mare, und nicht muthwillig ſollſt Du Dir einen Feind ſchaffen, wo Du Dir keinen Freund dafür gewinnſt, Dir beizuſtehen.“ 8 139 „Habt Ihr das Engliſche Schiff geſehen?“ frug Pomare raſch und mit triumphirendem Lächeln— „habt Ihr geſehen, wie es hier einlaufen wollte und nur durch den Weſtwind und die Brandung daran verhindert wurde?— wißt Ihr was es bringt?“ „Nein, ſo wenig wie die Mitonares,“ ſagte Tati unwirſch,„die Schwarzröcke behaupten freilich es brächte mit ſeinen Kanonen Frieden für dieſe Inſeln, aber ihre Köpfe reichen auch nicht höher als die un— ſeren, und ſie können nicht ſehen was im Bauch des Schiffes liegt, ob Frieden, ob Krieg, oder wahrſchein⸗ licher noch volle Gleichgültigkeit wie wir es treiben hier auf den Inſeln. Was wiſſen die Capitaine ſol⸗ cher Schiffe von der Politik unſeres oder ihres Lan⸗ des, wenn ſie nicht ganz beſonders abgeſchickt werden? ſo wenig wie unſere Fiſchercanoes wiſſen, was Po⸗ mare denkt oder thut.“ „Aber wenn die Mitonares nun doch recht hät⸗ ten?“ ſagte Pomare, mit einem halb triumphirenden Seitenblick auf den Franzöſiſchen Conſul. „Du zögerſt hier mit ſolchen Vermuthungen,“ rief aber dieſer jetzt ungeduldig,„bis draußen ge⸗ ſchehen iſt, was wir hier verhindern wollen; hörſt Du den Lärm, das Toben Deiner frommen chriſt⸗ lichen Unterthanen?— wenn die franzöſiſchen Kugeln ier herüberſchmettern, wirſt Du zu ſpät bereuen un⸗ ier herüberſchmett irſt Du zu ſpät b ſere Bitten nicht erhört zu haben.“ „Nennt Ihr das bitten, wenn Ihr mit Kanonen droht?“ rief unwillig Pomare. „Und weiſeſt Du uns ab?“ frug Tati leiſe. „Nein Tati, nein,“ ſagte Pomare ſchnell, ſich zu ihm wendend und ſeine Hand ergreifend,„gehe Du nicht fort im Unmuth von hier, denn ich fühle wie ſchwer es Dir geworden zu mir zu kommen. Ach wenn wir ſelber unter einander einig wären, wenn nicht Neid, Haß und Eiferſucht uns entzweite, wir könnten ein feſtes Reich bilden, ſelbſt gegen den ſtärk⸗ ſten Feind. Unſere Berge ſind hoch, unſere Schluch⸗ ten ſteil, und daß unſere jungen Leute kämpfen kön⸗ nen haben ſie in früheren Schlachten bewieſen; aber wie die Religion unſere Familien entzweite, und den Bruder gegen den Bruder in den Kampf rief, ſo hat ein Mißverſtändniß jetzt vielleicht auch die Stämme ſelber einander entfremdet, und Pomare wird nimmer die Hand zurückſtoßen, die ſich ihr freundlich ent⸗ gegenſtreckt— nur der Drohung kann ich nicht wei⸗ chen, vielleicht weil ich eine Frau bin, und mache Du. mir denn Vorſchläge, wie wir am Beſten einig und friedlich zuſammen ſtehen, ohne aber auch dem Ferani einen Rang zu gönnen der ihm nicht gebührt, den ich 8⁴ 141 nicht von ihm gefordert habe— unſer Beſchützer zu ſein.“ „Der da oben im Himmel wohnt, wie auch ſein Name ſein mag,“ ſagte Tati ernſt,„weiß daß ich dem Ferani nicht ſeiner ſelbſt wegen die Hand geboten, die ſtolzen Mitonares trieben mich dazu; aber willſt Du mit Deinem Volk Hand in Hand gehen, ſo laß jetzt kein eigenmächtig tolles Handeln den Fremden belei⸗ digen, bis wir uns friedlich mit ihm verſtanden. Was unſere Eiferſucht hier gefehlt, kann jetzt noch die Eifer⸗ ſucht der beiden fremden Nationen, der Beretanis und Feranis, wieder ausgleichen, wir haben beider Gierde gleich zu fürchten.“ „Die Beretanis haben uns noch nie gedroht,“ fagte Pomare. „Ich will nicht urtheilen über ſie— ich kenne ſie nicht,“ ſagte der Häuptling finſter, aber je mächtiger ſie ſind, deſto mehr entfernt haben wir uns von ihnen zu halten— der Hai theilt keine Beute mit dem Delphin.“ „Ich habe nicht befohlen der Fremden Flagge niederzureißen,“ ſagte Pomare nach kurzem Sinnen— „ſprich mit den Mitonares, Tati, ſie werden es nicht dulden.“ „Die Mitonares,“ ſagte der Häuptling höhniſch, und zu ihnen ſchickſt Du mich, Dein Reich zu regieren, 142 vielleicht bei ihnen anzufragen, was ſie für gut finden zu thun, ob Pomare herrſchen ſoll oder ein Prieſter auf Tahiti? eher möge die Zunge hier verdorren.“ Wilder tobender Lärm und lautes Jauchzen ſcholl in dieſem Augenblick zu ihnen herein, und ein Läufer der Königin, der oben über Papetee poſtirt geweſen, den Lauf des fremden Schiffes zu bewachen, kam, unterwegs ſchon die frohe Nachricht verbreitend, jetzt zurück, Pomaren zu melden daß das fremde Kriegs⸗ ſchiff, von den Riffen frei, gewendet habe, und nun Segel ſetze den Hafen, ſo wie der Weſtwind nachlaſſe, zu erreichen. Zugleich aber wurden auch draußen Stimmen laut und der ehrwürdige Mr. Rowe, von dem Bruder Brower gefolgt, öffnete, ohne vorher eine Meldung für nöhig zu halten, raſch die Thür, auf deren Schwelle er jedoch überraſcht ſtehen blieb als er die beiden, ſeinen Intereſſen ſo feindlichen Männer hier erblickte. „Pomare mag der freudigen Botſchaft verzeihen,“ ſagte raſch gefaßt und mit einem freundlich demüthi⸗ gen Ausdruck in den Zügen, trotzdem aber auch mit einem raſch vorübergehenden, aber doch ſcharfen und etwas boshaften Seitenblick auf den Conſul Frank⸗ reichs, der ehrwürdige Mr. Rowe, indem er nach den vorn hinausführenden und jetzt verhangenen Fenſtern zeigte,„da draußen wogt und drängt ein fröhliches, 84 143 glückliches Volk, ein Volk dem heute ſein bedrängter Glaube wiedergegeben.“ „Was giebts, was iſt es?“ frug die Königin ſchnell. „Einzelne wollen auf dem Engliſchen Kriegsſchiff das wieder gewendet hat und hier her zu ſteht,“ fiel Bruder Brower in die Rede,„neben der Engliſchen die Tahitiſche Flagge erkannt haben.“ Der Königin Augen glänzten in befriedigter Eitel⸗ keit, und ihr Blick flog raſch von Tati auf den Con⸗ ſul Frankreichs hinüber, der aber nur den Miſſionair ſcharf beobachtete und aus deſſen Zügen die Wahr⸗ heit oder verſteckte Liſt herauszuleſen ſuchte— es war ihm unwahrſcheinlich daß ein Engliſches Kriegsſchiff, noch Meilen weit vom Hafen entfernt, die Landes⸗ flagge eines ſo kleinen Inſelſtaates neben der eigenen Flagge hiſſen ſollte,— und was dann war der Zweck einer ſolchen Erfindung?“ „Einzelne?“ wiederholte er fragend, das Wort ſcharf betont,„und darüber erheben die Kanakas drau⸗ ßen einen ſolchen Lärm, daß Einzelne irgend ein Privatſignal des Kriegsſchiffes für die Tahitiſche Flagge genommen haben?“ „Das Volk begrüßt den Freund und Beſchützer ſeines Glaubens,“ erwiederte der Geiſtliche, halb abge— wendet von dem Conſul, dem eigentlich die Erwiede⸗ 144 rung galt—„es weiß ſich jetzt frei von jeder Angſt und Beſorgniß, und hat keinen Feind weiter zu fürchten.“ „Gott ſchütze es vor ſeinen Freunden!“ ſagte Mörenhout finſter. „Wir können gehen, Me⸗re⸗hu!“ ſagte Tati, der indeſſen an die verhangenen Fenſter getreten war, und den Vorhang zurückgeſchoben hatte, während er nach außen deutete,„da ſeht.“ Alle wandten ſich dorthin, wo am Strand ein bunter Zug von Männern und Mädchen, hie unddna mit engliſchen Matroſen gemiſcht, niederwogte, voran dem Zuge aber ſprang ein halbnackter Burſche, ju⸗ belnd und jauchzend die zerriſſene Franzöſtſche Flagge tragend, die er um den Kopf ſchwenkte und mit wil⸗ den Geſticulationen, denen das Beifallsgetobe der Menge nicht fehlte, eine ihrer gewöhnlichen Hymnen, die natürlich zu Volksmelodieen geworden waren, ſang, und ſich nur dazu ſeine eigenen Worte ertemporirte. 3 „Ich glaube faſt daß die Leute Herrn Mörenhout ſuchen,“ ſagte der ehrwürdige Bruder Rowe mit einem nichts weniger als ehrwürdigen Lächeln,„ihm die 1 Reſte ſeines Reiches zuzuſtellen.“ „Alles Blut das dieſer Handlung folgt komme über Sie und Ihre Genoſſen!“ rief aber der Conſul mit zornblitzenden Augen, und verließ raſch das Gemach. 145 Tati zögerte noch, er ſah nach der Königin hin⸗ über, aber Pomare hielt, in Schaam und Unmuth, den Blick an den Boden geheftet, und ſah nicht zu ihm auf: da ſeufzte der Häuptling tief tief auf, und verließ, ohne den Prieſter auch nur eines Blickes zu würdigen, langſam das Haus. Der Prediger aber faltete die Hände, und die Augen zur Decke erhebend begann er, ohne die Gegenwart Pomares weiter zu beachten, mit lauter und brünſtiger Stimme ein Dank⸗ gebet, des Inhalts, daß Gott die Götzenbilder nun zerſtöret hätte mit mächtiger Hand, den Feind ausge⸗ trieben, der ſeinen Namen verleugnet, und Hülfe ge⸗ ſandt habe ſeinem Volke in der Noth, es zu erlöſen von der Gefahr und frei und glücklich zu machen in Seinem Glauben. Pomare unterbrach ihn mit keiner Sylbe, und während ſich die mit den Miſſionairen hereingekom⸗ menen Einanas leiſe und geräuſchlos der Thür zu⸗ ſchoben und durch dieſelbe verſchwanden, den lärmen⸗ den Zug draußen mit anzuſehen, der ihnen intereſſan⸗ ter war, als das Gebet des finſteren Mannes, ſtand Pomare ſtill und regungslos und nur ihr Blick hob ſich endlich langſam und ſcheu zu dem Antlitz des fanatiſchen trotzigen Prieſters, der hier Demuth gegen Gott heuchelte, deſſen eigene Gebote der Liebe und des Friedens er eben mit Füßen getreten. Gerſtäcker's Tahiti. II. 10 146 „Wer gab den Befehl, die fremde Flagge nieder⸗ zureißen?“ ſagte ſie endlich mit leiſer, vor innerer Bewegung zitternder Stimme, als der Betende ſchwieg und die Blicke nur noch wie in Verzückung an der Decke haften ließ. „Der Herr,“ antwortete der Geiſtliche mit ver⸗ trauungsvoller Stimme, ohne den Blick zu der Fra⸗ genden niederzuſenken—„Deine Feinde ſind gewor⸗ fen, Pomare, denn der Herr iſt mit Dir!“ Pomare biß ſich auf die Lippen, ſie rang mit ſich dem Prieſter gegenüber als Königin aufzutreten, den Fremden fühlen zu laſſen daß er mit der Fürſtin die⸗ ſes Landes ſpräche, in deren Zimmer er ſich gedrängt und deren Reich er nicht der Bibel, nein ſich ſelber und ſeinen Genoſſen unterworfen hatte; aber die alte Scheu vor dem Uebernatürlichen, als deſſen Vertreter ſie die finſteren Fremden ſah, war auch ſelbſt jetzt zu ſtark, und ſich abwendend ſagte ſie nur mit zitternder, tief erregter Stimme:. „Gott gebe es; aber ich fürchte Ihr habt nicht gut gethan. Mein Volk iſt entzweit, mein Reich be⸗ droht, und was bin ich ſelber ſchon, wenn erſt fremde Kriegsſchiffe ſich um die Oberherrſchaft dieſer Inſel ſtreiten?— Nein, nein,“ rief ſie raſch, als der Geiſt⸗ liche ſchon die Hand zu neuer Rede hob,„ſprich mir nicht jetzt wieder all Deine ſchon ſo oft gehörten 147 Klagen und Drohungen— ſage mir jetzt nicht die Verſe Deines Buchs, das Du bis auf den letzten Buch⸗ ſtaben auswendig kannſt; ich begreife Dich doch nicht und mein Herz iſt jetzt recht voll und ſchwer— ich fürchte mir iſt heute ein großes Leid geſchehen, und hätteſt Du mich mit Tati verſöhnen laſſen, es wäre beſſer für Tahiti geweſen. Geh jetzt, da draußen ſeh' ich Deine Brüder— ich glaube ſie wollen zu mir, aber ich will ſie jetzt nicht ſprechen, die Zeit muß ent⸗ ſcheiden ob Ihr bös gethan habt oder übel, aber mir iſt recht traurig zu Sinn.— Geh' jetzt, ſag' ich,“ rief ſie entſchiedener, als der geiſtliche Herr ſich noch immer nicht abweiſen laſſen wollte, und ihr Fuß ſtampfte zornig den Boden— das Blut der Poma⸗ ren gewann die Oberhand. 1 „So möge Dich der Herr erleuchten,“ ſagte der romme Mann,„möge Dir ſeinen Frieden geben und Seine Sanftmuth und Dich erkennen laſſen was er an Dir gethan in Seiner Liebe und Herrlichkeit— ⸗ Amen.“ Und mit gefalteten Händen und vorwärts geneigtem Haupt verließ er langſam das Gemach. Pomare aber ſchloß die Thür, ſtützte die Stirn in ihren Arm und weinte bitterlich. Draußen indeſſen hatte ein wilderes Spiel ſtattge⸗ funden, als ſelbſt Mörenhout vermuthet; von den 10 148 Miſſionairen war nämlich der ehrwürdige Bruder Smith mit nach der über Papetee ausſtreckenden Land⸗ zunge gegangen, dort die Bewegungen des fremden Kriegsſchiffes raſcher und deutlicher überſehen zu kön⸗ nen. Mit einem guten Glas bewaffnet erkannte er denn auch bald daß das Schiff plötzlich wieder bei⸗ drehte und trotz des noch hohen Seegangs, und nur erſt einmal von den Klippen frei, wieder Segel auf Segel ſetzte, nicht einen Fußbreit mehr aufzugeben, als es gezwungen war. Jedenfalls ſchien es nach Papetee beſtimmt, dem es auch wieder zuhielt, und neben der noch wehenden Flagge ſtiegen jetzt mehre Signale auf, von denen eines allerdings der Tahiti⸗ ſchen Flagge glich, auf die Entfernung hier aber kaum genau beſtimmt werden konnte. Die Miſſionaire ſind von je her nicht ihrer na tiſchen Kenntniſſe wegen berühmt geweſen, wie ſt denn auch, um das Kap der guten Hoffnung die Ir ſeln erreichend, den Tag nicht zählten den ſie auf dem 180ſten Grad von Greenwich aus gen Oſten ſegelnd, gewannen, und den Inſulanern den Sonnabend für den Sabbath brachten, wodurch ſpäter eine heilloſe Confuſion entſtand. Ob nun Bruder Smith auch hier die Tahitiſche Flagge wirklich zu erkennen glaubte, oder ob er ſeine ſonſtigen Abſichten dabei hatte den ihn umſtehenden Inſulanern eine, wie er ſich wohl 149 denken konnte, freudige Nachricht mitzutheilen, kurz voon ihm zuerſt ging das Gerücht aus, das Engliſche Kriegsſchiff das wieder auf den Hafen zu halte, zeige die Tahitiſchen Farben, und das genügte natürlich, dem jauchzenden Volk die frohe Kunde zu bringen daß die Schiffe der Beretanier ihnen beiſtehen würden gegen den jetzt gebrochenen Uebermuth der Wi⸗Wis — wie ſie nun wieder trotzig und lachend genannt wurden. Von Mund zu Mund lief die Mähr, und wie das mmit allen derartigen Gerüchten iſt, wurde bald über⸗ 8 trieben in's Unmögliche. Nicht mehr blos ihre Flagge, ihre Religion zu ſchützen gegen die Uebergriffe der Papiſten, nein auch frühere Unbilden ſollte ſie rächen. Die Wi⸗wis mußten jetzt das Geld wieder heraus⸗ geben, daß ſie erpreßt, und Pomare bekam von den Beretanis, als Schadenerſatz, das Franzöſiſche Kriegs⸗ ſchiff, die Jeanne d'Arc geſchenkt, die gerade im Ha⸗ fen vor Anker lag. Wie Kinder lachten und ſchwatz⸗ ten die Inſulaner durcheinander, träumten ſich ihre Lieblingsbilder herauf, am hellen Tag und bauten ſich Schlöſſer ſo bunt und Farbenreich in die Luft, daß ſie die Zukunft darüber vergaßen und Vergangen⸗ heit und, überhaupt nur gewohnt den Augenblick zu benutzen, dem nach auch handelten. Während ein Theil anfing eine alte Tahitiſche Hymne nach dem Takte eines weit älteren Engliſchen Liedes„old hundred“ abzuſingen, ſprang eine ande Gruppe, in ihrer Herzensfreude ſelbſt die Gefahr nicht achtend von den Miiſſionairen dabei überraſcht z— werden, zu ihrem Nationaltanz an, und der Klang der Trommel miſchte ſich em frommen Lied der Singenden in wunderlicher, eigenthümlicher Anders aber und wilder geſtaltete ſich d. ſammlung am unteren Theil von Papetee; etwa zwei⸗ hundert Schritt von da entfernt, wo die Franzöſiſche Flagge, vor dem Hauſe des Conſul Mören zwiſchen einer kleinen Gruppe hochſtämmiger C palmen und über ein Dickicht dunkelgrüner Brod⸗ fruchtbäume auswehte, hatten ſich Einzelne der Miſ⸗ ſionaire, unter ihnen Dennis und Brower, geſam⸗ melt, und ſprachen auf dem offenen Platz in lautem Gebet ihren Jubel aus über den Sieg der Bibel ge⸗ gen das Pabſtthum. Viele der angeſehenſten Häupt⸗ linge ſtanden in ihrer Nähe, unter ihnen Aonui und Teraitane, wie der noch immer halb wilde und trotzige Fanue, und wenn Einzelne auch gern in ihren Jubel mit einſtimmten, fraß es Andere wieder am Herzen daß eben fremde Schiffe bei ihnen den Ausſchlag geben ſollten, und nicht mit Unrecht ſahen ſte die Prieſter als die gerade an, die fremden Einfluß her⸗ beigezogen hatten ihre Privatangelegenheiten zu regeln, 151 ihre Geſetze zu beſtimmen, und mit einem Wort, ihr Land zu regieren. „Auf's Neue!“ rief da der ehrwürdige Bruder Dennis in ſeinem glühenden Eifer für das Wohl ſeiner Kirche,„aufs Neue hat der Herr der Heerſchaa⸗ ren ſeine Hand ausgeſtreckt über die Häupter der Gläubigen, und er wird die zum zweiten Mal in die⸗ ſen Bergen aufgerichteten Götzen zu Boden ſchleu⸗ dern, wie er ſie das erſte Mal ſeine Macht und All⸗ gewalt hat fühlen laſſen. Noch weht da drüben die dreifarbige Fahne der Papiſten, noch flattern die feindlichen Farben in der ſcharfen Briſe, aber wie der ſtürmiſche Weſt in kurzen Stunden dem ſtillen herrſchenden Paſſat weichen wird und muß, ſo wird auch jenes Schiff da, deſſen weiße Segel unſerer gaſtlichen Küſte jetzt entgegenblähen, unſer Land von dem Schimpf reinigen, einer anderen Macht zu ge⸗ horchen als der Bibel, einer andern Gewalt unter⸗ than zu ſein, als dem Lamm Gottes und deſſen un⸗ endlicher Huld.“ „Wenn denn das Wehen jener Flagge Euch ſo entſetzlich härmt,“ rief da Fanue, der jetzt bis dicht hinan zu dem Betenden getreten war und mit unter⸗ geſchlagenen Armen und feſt auf einander gebiſſenen Zähnen den Geſticulationen des frommen begeiſterten 152 Redners zugeſchaut hatte,„ei zum Wetter, warum faßt Ihr ſie nicht und werft ſie zu Boden?“ „Das iſt unſere Pflicht!“ rief aber da, dazwi⸗ ſcchentretend, der den Miſſionairen ganz ergebene Ao⸗ nui—„nur eine Pflicht der Dankbarkeit war es, an die uns die Rede des würdigen Mannes mahnt, England nicht durch das ſtolze Wehen jener Flagge länger beſchimpft zu ſehen.“ „England?“ rief Fanue laut und trotzig, den Häuptling mit zürnendem Staunen betrachtend. „Ja England!“ wiederholte aber dieſer, unbe— kümmert um den Zorn ſeines Landsmannes,„Eng⸗ land, das uns zu Menſchen gemacht, das unſere Seelen ewiger Qual entriß, und uns die Bibel ſandte, die heilige Schrift, das Buch Gottes, Freunde, das Wort von Seinem eigenen Mund diktirt. Wir haben Alles damit erlangt was wir brauchen, und in uns ſelber zurückgezogen, kann die feindliche Macht unſere Körper tödten, aber unſere Seelen ſind unſterb⸗ lich, und liegen außer ihrem Bereich. Deshalb aber ſchon wäre es ſchlecht, wäre es undankbar von uns, das Land, was uns ſo reich, ſo glorreich beſchenkt, auf unſerem Grund und Boden, vor unſerer Thüre beleidigt zu ſehen, und im Vertraͤuen auf Jehovas Schutz bin ich bereit, die ſtolze Flagge, die über Baals Götzendienſte weht in den Staub zu werfen.“ 3 1 8 153 „Halt Aonui!“ fiel ihm hier, ſeinen Arm ergrei⸗ fend, der ſchon dem Worte die That wollte folgen laſſen, der bedächtigere Teraitane in die Rede,„das wäre voreilig und— unvorſichtig gehandelt. Ich ſchütze den Freund, wenn er abweſend iſt und ſich nicht ſelber ſchützen kann, weshalb jetzt?— England hat ſeinen Vertreter hier— eine eigene Flagge und zwei große Schiffe, und wenn es ſich beleidigt glaubt, mag es ſelbſt die fremde Flagge niederwerfen.“ „Und ſeine eigene dafür aufpflanzen, nicht wahr?“ rief raſch Fanue. „Die Engliſche Flagge iſt noch ſtets eine Flagge der Liebe und des Friedens geweſen,“ fiel hier freund⸗ lich, den Streit der Inſulaner zu beſchwichtigen, der ruhigere Miſſionair Brower in die Rede. „Aber dieß iſt Tahitiſcher Grund und Boden,“ zürnte Fanue,„was würde die Königin der Bereta⸗ nis ſagen, wenn wir hinüberkommen wollten in ihr Land, und Pomares Flagge aufpflanzen, auf ihren Wällen?— Sie würde ſagen: was wollen die frem⸗ den Männer hier in meinem Land? ſchickt ſie fort denn ich habe ſelber eine Flagge.“ „England hat uns die Bibel gebracht,“ ſagte aber auch Potowai, ein anderer Häuptling, der hinzutrat, und wenn ich je ein anderes Land als über uns 154 ſtehend anerkennen werde, ſo kann und ſoll das im⸗ mer nur England ſein.“ „Aber Brüder, lieben Brüder,“ rief da Dennis in frommer Begeiſterung,„wohin verirren wir uns?— und glaubt Ihr daß wir, Euere Lehrer, etwas ande⸗ res wollen können als Euer Wohl?— Handelt es ſich denn hier darum, der Engliſchen Flagge Euch unterthan zu machen, oder Euere eigene von Schmach und Knechtſchaft zu vetten?— wollen wir Euch denn England unterwerfe it, und keinen machen, im Geiſt und i der Wah Zwang dulden, we uf Euerer Seele, noch auf Eueren Körpern, als den, den Euch Gottes Liebe ſelber auferlegt,„denn mein Joch iſt leicht, ſagt der Herr. Mit der Einführung aber der fremden Baals⸗ diener, mit ihren Rauchpfannen und ihrem Bilder⸗ dienſt, der ſich nicht halten konnte hier auf den In⸗ ſeln, zwiſchen den frommen Bewohnern, die ihren Gott erſt einmal erkannt, iſt jene feindliche Flagge aufgerichtet, und nur erſt wieder mit ihrer Wegnahme können wir, Erens gehter, je wieder hoffen Eueren Geiſt all jenen feindlichen Eindrücken fern zu halten, der ſich jetzt in ſo gewaltiger Kraft geltend macht.“ „Nun dann werft ſie ſelber nieder!“ brummte Fanue trotzig—„weshalb uns dazu brauchen wollen?“ — — 155 „Das iſt kein Amt der Diener Gottes!“ ſagte da Bruder Brower ſchnell—„wir haben es ſtets ver⸗ mieden uns in die politiſchen Verhältniſſe dieſes Rei⸗ ches einzumiſchen, und werden jetzt nicht—“ „Das lügſt Du ſtolzer Prieſter,“ ſchrie ihm aber da der Häuptling entgegen, mit glühenden Augen den trotzig emporfahrenden Miſſionair meſſend, während ſeine Freunde auf einer, die dem Geiſtlichen anhän— genden Eingeborenen auf der aitderen Seite dazwiſchen traten, Frieden zu halten unter den beiden Streitenden. Der beleidigte Miſſionair wollte im Anfang, und vielleicht auch mit gereizter Rede etwas darauf erwie⸗ dern, Dennis aber ergriff ſei ten Arm und flüſterte ihm leiſe einige Worte zu, und ſelbſt wohl das Un⸗ ſchickliche heftiger Worte einſehend, ſagte er gleich darauf ruhig und mit milder Stimme: „Herr vergieb ihm, denn er weiß nicht was er thut!“ Eben dieſe Ruhe aber reizte den alten greiſen Häuptling, und Aonui und Potowai, die ihn zu be⸗ ſänftigen ſuchten, von ſich werfend, rief er laut und trotzig: „Rolle nur Deine Augen, und wirf Dich in den Staub vor Deinem Gott; mache das Volk Mbis glauben daß Du vom Geiſt erleuchtet, und Dein Mund ein Orakel ſeines Willens ſei— ſpiele Dein 156 Spiel, wie es Dich freut, aber wolle nicht MNänner kirren mit falſchem Trug. Dein Gott hat gedonnert und geblitzt, wie es unſere Götter thaten vor ihm, aber er ſchleuderte ſeine Donnerkeile zwiſchen die feis in den Bergen, und die Du ſeine Feinde nennſt, blie⸗ ben unberührt— ſollen wir unſer Blut daran ſetzen, wo er ſelber ſeine Waffen nur im Scherze braucht? — wenn wir die Streitart aufgreifen, die begraben ſein müßte für immer, wenigſtens zwiſchen Euch, wäre Euere ganze Religion nicht eine Lüge, ſo ge— ſchieht es für unſer Land, nicht für Eueren Glau⸗ ben, und Gottes Zorn, ich mag über dem weder die Flagge Beretanis noch der Feranis wehen ſehen! Ihr aber“— ſich jetzt zu ſeinen Landsleuten wendend, von denen Einige im ſtummen Entſetzen und mit em⸗ porgehobenen Händen ſtanden, zürnte er laut—„ruft mich, wenn Ihr mich braucht, nur nicht zum Singen und Beten, ſondern wenn es gilt, das Vaterland wieder rein zu fegen, von Allem was fremd und feind⸗ lich iſt, und Fanue iſt Euer Mann; aber hierher taugt er nicht!“ und mit den Worten, den Tapa⸗ mantel feſter um ſich ziehend, verließ er raſch und zornigen Schrittes den Trupp „Ein wilder Geiſt, ein unbändiger Geiſt, den der Herr erleuchten, und auf ihn das Licht Seiner Gnade recht bald ausgießen möge,“ ſagte Brower mit einem frommen Blick nach oben,„ich will recht warm und brünſtig für ihn beten.“ „So Dich Dein Auge ärgert, reiß es aus!“ zürnte aber Dennis, mit dem linken Arm die Bibel, die er damit hielt, feſter an ſich ziehend, die Rechte dorthin geſtreckt, wo der zornige Indianer eben ver⸗ ſchwunden war, und die Zurückgebliebenen noch ſtan⸗ den ihm nachzuſchauen,„und wie der dürre Feigen⸗ baum aus dem Boden gehoben, und in's Feuer ge⸗ worfen werden muß, ſo ſollen die Glieder dieſer Kirche gerichtet werden, die abtrünnig und dürr am Stamm ſtehen.“ „Und glaubt Ihr, Brüder, daß wir Anderen eben ſo denken wie Fanue?“ ſchrie Aonui jetzt in wilder Begeiſterung—„glaubt Ihr, daß wir nicht ſterben könnten für den Glauben, für den Jeſus Chriſtus vor uns geſtorben iſt?— Jene Flagge da weht feindlich auf uns herüber, feindlich auf die Bibel, die wir als Gottes Wort erkennen, und an uns iſt cs, nicht an den Beretanis, das zu entfernen, das uns ſtörend hier in den Weg tritt. Wer nicht mit mir iſt, der iſt wider mich! ſagt Chriſtus— Aonui fürchtet keinen Gegner, ſo lange er für den Herrn ſtreitet. So wer die Bibel liebt, der folge mir!“ und mit den zuletzt wild gejübelten Worten durchbrach er die Menge, die ihm willig Raum gab, und ſich ihm auch 158 zum großen Theil anſchloß, und eilte raſchen Schrit⸗ tes dem Hauſe des Franzöſiſchen Conſuls zu, in deſſen Garten, auf einer dort aufgerichteten Stange die drei⸗ farbige Fahne luſtig in de e Tcharfen 4* ſlatterte und ſchlug. Der Conſul war nicht im Haus, aber zwct Män⸗ ner hatten kurz vorher den Platz von einer anderen Seite betreten, Mr. Mörenhout aufzuſuchen— René Delavigne und der Häuptling Paofai, und ſtanden noch an der verſchloſſenen Thür unweit des Flaggen⸗ ſtocks, als ſie den heranioſenden Lir der Maſſe hörten. „Hallo Paofai,“ ſagte René zu dem Häuptling, „der Specktakel kommt näher, und es ſollte mich am Ende gar nicht wundern, wenn ſie unſerem Freund Mörenhout einen, vielleicht nichts weniger als freund⸗ ſchaftlichen Beſuch abſtatten wollten.“ „Sie ſind zu Allem fähig,“ ſagte der Häuptling verächtlich;„ihre Bibel tragen ſie voraus, wie wir Oro früher in die Schlacht trugen, und dann rennen ſie blind und toll hinterdrein, und ſingen und beten und treiben, wer weiß was ſonſt noch für Unſin— wenn Tahiti nicht mein Vaterland wäre, ich ſetzte mich noch heute in mein Canoe, und ließ mich nach leewärts treiben ſoweit es dem Wind gefiele— bin 159 es faſt müde hier das Spielwerk bald der Miſſionaire, bald der Franzoſen oder Engländer zu ſein.“ „Sie kommen wahrhaftig hierher zu!“ rief René jetzt, der die Worte ſeines Gefährten wenig beachtet und nur dem raſch näher kommenden Lärm gelauſcht hatte;„was können ſie wollen?“ „Alles was toll und unklug iſt,“ ſagte Paofai achſelzuckend—„ſie werden das Haus ſtürmen wol⸗ len und die Flagge niederreißen.“ „Die Franzöſiſche Flagge?“ rief René, mit raſch aufblitzendem Zorn,„das ſollen ſie beim Teufel laſſen, ſo lange ich's hindern kann.“ „Wirſt's eben nicht lange hindern können, Freund,“ lachte der Inſulaner—„aber— gern leid' ich's auch nicht.“ „Nieder mit der Flagge! nieder mit den drei Far⸗ ben!“ tobte jetzt der Haufen heran,„ſie gehört auch mit zu den Götzenbildern und muß fallen!“ „Das wird Ernſt,“ rief Rens,„herbei Paofai!“ und ohne weiter abzuwarten ob ihm der Häupling folge, warf er ſich mit dem ihm eigenen tollkühnen Muth allein und unbewaffnet dem jetzt gegen den Flaggenſtock anſtürmenden Haufen entgegen. Paofai zögerte dabei noch einen Augenblick— er ſah das Hoffnungsloſe einer Vertheidigung, ſolcher Uebermacht 160 gegenüber, und wenn er auch mit zu der Parthei ſeiner Landsleute gehörte, von der ein Theil jenen Vertrag mit den Franzoſen unterſchrieben, betrachtete er die Feranis eben nur als Mittel zum Zweck, ſeinen eigenen Rang wieder auf den Inſeln zu erlangen, den er durch die Macht der Pomaren theilweis ver⸗ loren, und nicht etwa dem Fremden Rechte einzuräu⸗ men, die ſeinem Stolz gerad' entgegenliefen. Das merte, trieb ihn auch, dem Einzelnen gegen die Maſſe beizuſtehen, und langſamer zwar, als ihm der junge Franzoſe vorangegangen, und dabei lachend mit dem Kopf ſchüttelnd, als ob er wiſſe daß er jetzt einen unüberlegten Streich begehe, folgte er dem Fremden zur Fahnenſtange, wo er eben zeitig genug ankam Zeuge zu ſein wie René, ohne ein Wort weiter zu ver⸗ lieren, den voranſtürmenden Aonui aufgriff und mit ſolcher Kraft gegen den ihm nächſt Folgenden warf, das Beide zurücktaumelten, und die Bibel des from⸗ men Häuptlings Hand entfiel. 1„Zurück!“ donnerte des jungen Mannes Stimme zu gleicher Zeit—„das hier iſt fremdes Eigenthum, und keinem von Euch iſt das Recht gegeben es an⸗ zutaſten!“ 4 „Nieder mit dem Wi⸗Wi!“ ſchrieen dagegen von hinten vor Andere, während ſich Aonui, der hier kei⸗ 8 edle Gefühl aber, das noch in ſeiner Bruſt ſchlum⸗ 161 neswegs Widerſtand zu finden erwartet, erſchreckt vom Boden aufraffte, und ſeinem Gegner in's Auge ſah. Er hatte gar nicht daran gedacht mit irgend einem Menſchen hier in Berührung kommen zu können, und nur durch fanatiſchen Eifer dahin getrieben eine Holz⸗ ſtange umzuwerfen, und ein Stück Zeug herunterzu⸗ holen, wußte er noch gar nicht, ob er ſeinen eige⸗ nen Leib in eine vielleicht thörichte Gefahr dabei bringen ſolle oder nicht.— Wo kam der Wi⸗Wi auf einmal her? Aber auch Paofai trat jetzt hinzu, und die Näch⸗ ſten mit dem Arm langſam von der Stange zurück⸗ ſchiebend, ſagte er mit ſeiner weichen melodiſchen und zugleich ſo klangvollen Stimme: „Wißt Ihr was Ihr thun wollt, Ihr Männer von Tahiti?— Ihr wollt eine Nation beleidigen, mit der Ihr in dieſem Augenblick auf freundſchaft⸗ lichen Fuße ſteht; Ihr wollt Euch einen Feind ma⸗ chen, der mit ſeinen eiſernen Kugeln Euere Hütten und Palmen und Brodfruchtbäume niederwerfen und Euch verderben kann. Seid Ihr von einem böſen Geiſt beſeſſen daß Ihr ſo tobt?“— „Er hat meine Bibel niedergeworfen!“ rief in dieſem Augenblick Aonui mit zornfunkelnden Augen, erſt jetzt das Entſetzliche bemerkend—„der Wi⸗Wi hat die Bibel in den Schmutz geworfen.“ Gerſtäcker's Ta hiti. II. 11 162 „Nieder mit dem Wi⸗Wi, nieder mit der Flagge!“ ſchrie und brüllte da die Schaar wild durcheinander —„ſie haben die Bibel geſchändet— nieder mit den Feranis und ihren Götzen— wir wollen keinen Ver⸗ trag, wir wollen keine Freundſchaft mit ihnen!“ „Auch gut,“ brummte René vor ſich hin, und ein Stück Holz aufgreifend das dort zufällig lag, ſchlug er den Erſten der Hand an das Seil legen wollte die Flagge niederzuziehen, ohne weiter einen Ruf zu thun, damit zu Boden. Andere aber drängten nach und obgleich er, ohne Rückſicht auf ſich ſelbſt zu neh⸗ men, blind und wild um ſich herſchlug, fand er ſich doch bald von der Maſſe überwältigt, zu Boden ge⸗ worfen, und aus dem Weg geſchleppt, während Pao⸗ fai ſelber, der ſonſt ſo geachtete und gefürchtete Häupt⸗ ling, kaum glimpflicher behandelt wurde. B „Fort mit Dir Paofail“ ſchrie eine Stimme aus der Menge, und Hände ſtreckten ſich drohend nach ihm aus—„Du biſt ein Freund der Wi⸗Wis— Du biſt auch Einer von denen die uns an ſie verra⸗ then wollen— fort mit Dir. Dein Platz wäre neben der Bibel und nicht neben dem Hauſe von Me⸗re⸗hu, dem Feinde Tahitis— fort mit Dir!“ „Aonui— Du hafteſt mir für die Sicherheit dieſer Flagge!“ rief da Paofai, den Arm des Häupt⸗ .. * 163 — lings ergreifend, als er fühlte wie er ebenfalls durch den andrängenden Schwarm unwiderſtehlich zurückgepreßt wurde und dem Volk den Platz räu⸗ men mußte— von Dir wird ſie Frankreich wieder fordern.“ „Frankreich ſoll zu Graſe gehen,“ brummte da eine Stimme in breitem Iriſch, dicht neben dem Häuptling, und die Flaggenlinie faſſend zog unſer alter Bekannter, Jim, die wehende Flagge unter dem Jubelruf und Jauchzen der Maſſe, von denen gleich zehn hinzuſprangen ihm zu helfen, nieder, und im Triumph wurde die erbeutete jetzt durch die Stadt getragen. Kaum ſenkte ſich die Flagge, als ein Boot von der Jeanne d'Arc abſtieß, an Land ruderte, die Ur⸗ ſache zu erfahren, und dort drohte die Corvette würde die Stadt beſchießen, wenn die Flagge nicht augen⸗ blicklich wieder gehißt und mit der üblichen Ehren⸗ ſalve von Tahitiſcher Seite begrüßt werde. Der Ca⸗ pitain des Talbot aber, dem die Drohung hinterbracht wurde, erklärte, in dem Augenblick wo der erſte Schuß aus dem Franzöſiſchen Kriegsſchiff auf die Stadt fiel, ſeinerſeits ſein Feuer auf die Corvette zu eröffnen, und der Jubel Papetees bei dieſer Erklärung über⸗ ſtieg alle Grenzen. 11* 3 bot zum Gefecht trommelte, und Alles an Deck klar 164 Die Miſſionaire ſagten gleich, während der Tal⸗ machte, Kirche an, die Indianer tanzten, ein kleiner Theil ausgenommen, dem dieſe Wendung der Dinge nicht behagte, und die Prophezeihungen der Miſſio⸗ naire, was Englands Beiſtand betraf, ſchienen aller⸗ dings Wahrheit werden zu wollen; Pomare ſtand nicht mehr allein, eine arme verlaſſene Frau, und die Geiſtlichen ſelber, als die jedenfalls indirekte, ja viel⸗ leicht ſogar direkte Urſache dieſer ſo zeitgemäßen Hülfe, ſtiegen bei dem Volk, das ſich dem Mächtigen am liebſten unterwirft, bedeutend an Achtung. Die angeborene Gutmüuthigkeit der Inſulaner ließ ſie aber auch ihren Sieg nicht weiter treiben, und René wie Paofai blieben, nur erſt aus dem Weg ge⸗ ſchafft, vollkommen unbeläſtigt. Am anderen Mor⸗ gen jedoch, mit dem wieder eingetroffenen Paſſatwind lief, unter dem Donner der Tahitiſchen, etwas mittel⸗ mäßigen Geſchützſtücke, und den Begrüßungsſchüſſen des Talbot, die Engliſche Fregatte der Windictive ein, und der Jubel erreichte hier ſeinen höchſten Grad, als die freudige Botſchaft von Mund zu Mund lief, der erwartete Geiſtliche Pi⸗ri⸗ta⸗ti(Pritchard) ſei wieder mit zurückgekehrt, der ja nur deshalb nach England gegangen war, der Königin der Beretanis ihren Streit mit den Feranis vorzulegen und Hülfe . 165 „von dort zu bringen. Und hatte er das nicht jetzt gethan? Mit einem wahren Triumphgeſchrei wurde er empfangen, und unter dem Jauchzen und Jubeln, ja unter den Segensrufen Tauſender an Land geführt, ſo daß der Ehrwürdige Mann dadurch wirklich in nicht geringe Verlegenheit gerieth. Weder er noch das Kriegsſchiff brachte nämlich direkt ausgeſprochene Hülfe von England, ſondern nur, als Geſchenk, einen Wagen für die Königin Pomare, und Zeug zu einer rothen Uniform für ihren Gemahl, den jetzt eine Zeit⸗ lang auf Imeo geweſenen jungen Häuptling. Graf Aberdeen hatte ſich damit begnügt dem jun⸗ gen Staat ſeine freundlichen Geſinnungen zu bekun⸗ den, und die Häuptlinge erſchraken allerdings als ihnen dieß endlich begreiflich gemacht wurde. Po⸗ mare ſchloß ſich einen ganzen Tag in ihr Haus ein, denn eine neue Beſitzergreifung Tahitis durch die Franzoſen war nun allerdings nicht unmöglich, und ihre Sicherheit ihnen keineswegs gewährleiſtet wor⸗ den. Was aber kümmerte das das Volk, die fröh⸗ lichen, gutmüͤthigen Kinder dieſer Inſeln? Für den Augenblick waren ſie jeder weiteren Unannehnlichkeit überhoben, für den Augenblick lagen die Engliſchen Kriegsſchiffe drohend und ihnen Schutz gewährend in ihrer Bai, und ihre Königin konnte in dem wunder⸗ * 166 lichſten Ding ſpatzieren fahren, das ihre kühnſte Phan⸗ taſie ſich je gedacht— das Uebrige brachte die Zeit — weshalb ſich vorher grämen? und die Predigten ihrer Geiſtlichen beſtärkten ſie bald in der frohen Hoffnung daß kein Franzoſe es je wieder wagen würde ihre Rechte anzutaſten, ihre Religion ihnen zu nehmen, oder ſie mit ſeinen Kanonen zu zwingen ſei⸗ nem Willen Folge zu leiſten; was wollten ſie. mehr. Capitel 6. Ein Ball in Papetee. Es läßt ſich denken, in welche Aufregung die kleine Colonie durch die erſt beſchriebenen Vorfälle gebracht wurde, denn während die Inſulaner, viel zu ſehr dem Frieden geneigt, bei weitem in der Majo⸗ rität den Engländern zuhielten, und eine neue Reli⸗ gion wie ein neues Regiment ſchon deshalb fürchte⸗ ten, als es wieder auf's Neue eine Umwälzung in ihren kaum regulirten Sitten und Gebräuchen her⸗ vorrufen mußte, beſtand der größte Theil der in Pa⸗ petee ſelber angeſtedelten Fremden aus Franzoſen, und deren heißes Blut revoltirte in Feuer und Flamme gegen einen Zwang, der ihnen plötzlich aufgelegt werden ſollte, und um ſo drückender war, da ſie die Hoffnung nicht einen Augenblick aufgaben, durch das nächſt einkommende Kriegsſchiff— und die von den Inſulanern ſo gefürchtete Reine blanche kreuzte in dieſen Gewäſſern— das ganze, durch die Miſſionaire jetzt nur künſtlich aufgebaute Syſtem wieder umge⸗ worfen zu ſehen. Es verſteht ſich übrigens von ſelbſt, daß während dieſer Zeit der von Du Petit Thouars allerdings nicht ganz auf rechtlichem Wege hergeſtellte und von den Häuptlingen gezeichnete Vertrag, zu deſſen Unter⸗ ſchrift man ſelbſt Pomare zwang, nicht allein nicht mehr beachtet, ſondern vollſtändig anullirt wurde. Frei und offen predigten die Proteſtanten gegen das Pabſtthum und die beabſichtigte Occupation der Fran⸗ zoſen, und die Römiſchen Prieſter, die ihre Kapelle auf einem kleinen reizenden Hügel in Mativaibai er⸗ richtet hatten, konnten ſich in dieſer Zeit nur auf einen ſehr kleinen Kreis ihnen ergebener oder doch wenig⸗ ſtens nicht feindlich geſinnter Inſulaner verlaſſen. Im Allgemeinen fürchteten die Indianer den Platz, der in ſeinen Ceremonieen etwas Geheimnißvolles für ſie hatte, und ihnen von ihren Geiſtlichen in ſolchen Far⸗ ben geſchildert war, daß ſie ſich ſcheuten ihn nach Dunkelwerden zu paſſiren. Ja ſie würden ihn zer⸗ ſtört und jene Prieſter wieder gewaltſam von dort vertrieben hatten, hätten nicht Mr. Nelſon vorzüglich —,— 169 wie auch die Brüder Smith, Brower und Mc. Kean ihr Möglichſtes gethan ſie von einem ſo unüberlegten und böſen Schritt zurückzuhalten, zu dem ſie der Feuer⸗ eifer des frommen Dennis, wie der unerſättliche Ehr⸗ geiz Rowes unaufhaltſam trieben. Der Franzöſiſche Theil der Bewohner hielt ſich indeſſen vollkommen ruhig, und wenn auch Conſul Mörenhout, in dem Gefühl ſeiner beleidigten Würde, im Anfang René antreiben wollte der Gewaltthätig⸗ keit wegen Klage auf Schadenerſatz einzureichen, die er, bei Vertheidigung der Franzöſiſchen Flagge gelit⸗ ten, weigerte ſich dieſer auf das Beſtimmteſte dagegen. „Ich bin von den Indianern freundlich aufge⸗ nommen,“ ſagte er,„und wäre der Letzte einer ein⸗ fachen Schlägerei wegen, bei der ich eben ſo viel, vielleicht mehr, ausgetheilt habe als bekommen, neuen Grund zu Streitigkeiten und Urſache zu ſpäteren For⸗ derungen meiner Landsleute zu geben. Ich hätte ge⸗ ſcheuter ſein ſollen als mich in Sachen zu mengen die mich Nichts angehen.“ 3 Die Franzoſen in Papetee waren damit nicht ganz einverſtanden— ſie wollten vor allen Dingen wieder neue Haltpunkte für unter Engliſchem Einfluß aus⸗ geübte Uebergriffe, und auch die Eingeborenen ſchie⸗ nen mißtrauiſch gegen den Fremden geworden zu ſein, den ſie, als den Gatten einer ihrer eingeborenen 170 Mädchen, und in dem früheren Hauſe des alten Mr. Osborne wohnend, ſchon gewiſſermaßen als einen der ihrigen, gar nicht mehr als einen Wi⸗Wi betrachtet hatten, und der doch jetzt feindlich und gewaltthätig gegen ſie aufgetreten war. Das ſo ſehr freundliche Verhältniß, in dem er bis dahin mit ihnen geſtan⸗ den, ſchien jedenfalls gelockert, wenn auch nicht ganz gelöſt. Renè hatte aber viel zu guten und leichten Muth, ſich etwas derartiges groß zu Herzen zu nehmen; wie er auf der einen Seite feſt gegen ſeine Landsleute blieb, und ſich auf der anderen nichts Böſes gegen die Inſulaner bewußt war, verkehrte er nach wie vor mit beiden Theilen, und wußte ſie beide wieder für ſich zu gewinnen. Solche kleine Neckereien und Miß⸗ verſtändniſſe dienten aber keineswegs dazu, ihn man⸗ ches Andere was ihm ſtörend in den Weg trat, über⸗ ſehen zu laſſen, und nur die Heimath, ſeine Sadie, ſein kleines herziges Mädchen konnten ihm manchmal ganz jenen frohen faſt wilden Uebermuth wiederge⸗ ben, mit dem er ſich einem drückenden Verhältniß damals entzogen, und einem neuen Leben förmlich in die Arme geworfen hatte. Nichts deſtoweniger blieb das geſellſchaftliche Le⸗ ben der Inſeln unter den verſchiedenen und ſo weni⸗ gen Franzoſen, ein höchſt freundſchaftliches; eigene —,.— 171 Intereſſen, ja eigene Gefahr verband die Leute auch ſchon feſter mit einander, als es irgend etwas anderes im Stande geweſen wäre zu thun, und das leichte franzöſiſche Blut ſchwamm überhaupt oben auf. Beſonders viel trug hierzu die Belardſche Familie bei, die ſich wirklich unendliche und anerkennenswerthe Mühe gab in Papetee einen freundſchaftlichen Ton zu erhalten, ja eigentlich erſt zu ſchaffen, wo ſchon die Miſchung der verſchiedenen Racen etwas derar⸗ tiges unendlich ſchwierig machte. Die Europäer hat⸗ ten meiſtens all ihre alten Gewohnheiten, aber auch ihre Vorurtheile herübergebracht in eine ganz neue Welt, in die weder die einen, noch die anderen paſſen wollten, und konnten nur durch unermüdliche Aus⸗ dauer Einzelner, die ſich der letzteren wenigſtens ent⸗ ledigt hatten, dazu gebracht werden ſich gemeinſchaft⸗ lich zu amüſiren— man wollte weiter Nichts von ihnen.“ Ein wirkliches Hinderniß aber für größere Ge⸗ ſellſchaften blieb der Mangel an Europäiſchen oder vielmehr weißen Damen, von denen ſich nur ſehr wenige auf der Inſel befanden, und zu einem wirk— lich geſellſchaftlichen Leben doch unumgänglich nöthig, ja unentbehrlich waren. Mit den eingeborenen und mit Europäern faſt durchſchnittlich nur„oberflächlich getrauten“ Frauen konnte man auch in ſolcher Art nicht gut verkehren; die Indianerinnen waren hübſch und lebendig, auch gutmüthig und liebenswürdig, paßten aber nirgends weniger hin als in Geſellſchaft gebildeter Frauen, während mit der Proteſtantiſchen Bevölkerung, die in dieſer Hinſicht faſt nur aus den Familien der Miſſionaire beſtand, ein näherer Ver⸗ kehr ganz außer Frage blieb. Selbſt den feindlichen Stand abgerechnet, den dieſe beiden Theile der Ge— ſellſchaft gegenwärtig einnahmen, hätten ſie ſich nie in dieſer Beziehung vereinigen können, da die ſtrengen orthodoren Geiſtlichen jede Art von Spiel und Tanz ſchon als eine Sünde des Fleiſches gegen den Geiſt anſahen, nur in ihrer zurückgezogen ernſt gehaltenen Lebensart den Pfad zum Himmel zu finden glaubten, und von den, darin viel zuverſichtlicheren Franzoſen häufig verſpottet, aber gewiß nie aufgeſucht wurden. Nun lag dieſen aber auch daran den Eingebore⸗ nen ſowohl, wie vorzüglich den Miſſionairen zu be⸗ weiſen, daß ſie keineswegs durch die im Engliſchen Intereſſe geſchehenen Schritte eingeſchüchtert, ſondern im Gegentheil noch voll friſchen Muthes wären, und noch mochten kaum vierzehn Tage nach den vorher⸗ beſchriebenen Vorfällen vergangen ſein, als Mrs. Belard, von ihren Landsleuten dabei unterſtützt, feſt darauf beſtand, allen politiſchen wie geſellſchaftlichen Hinderniſſen zum Trotz, einen Ball zu geben, und — —, —,— 173 allerdings blieb ihr dabei Nichts übrig, als ſich über das, wogegen ſie ſich lange geſträubt, wegzuſetzen und eingeborene Frauen, von denen man ſich ja die ge— achtetſten ausſuchen konnte, wirklich mit dazu zu ziehen; wenn auch der Ball dadurch einen etwas wilden Charakter bekam. Aber die Miſſionaire traten ihnen ſelbſt hierbei ſtörend in den Weg, denn dieſe hatten zu großen Ein⸗ fluß auf den wirklich anſtändigen Theil der weibli⸗ chen Bevölkerung Tahitis, auf die Frauen und Töch⸗ ter der erſten Häuptlinge, denen der Tanz als etwas rein ſündliches, von ihren finſteren Lehrern ſtreng ver⸗ boten und mit ſtrengeren Strafen, wo ſie im Stande waren die in Kraft treten zu laſſen, belegt war. Selbſt Sadie fürchtete nicht allein den Unwillen der Geiſt⸗ lichen zu erregen, ſondern ihr religiöſer Sinn, viel— leicht mit einer Art Scheu vor den fremden Menſchen verbunden, hielt ſie zurück ſelbſt von dem Gedanken an ſolche Vergnügungen. René wollte ſich aber daran nicht binden, doch erſt als Sadie ſah und fühlte, daß ſie ihm mit einer längeren Weigerung weh thun, ja vielleicht auch Un— frieden im Hauſe anſtiften würde, fügte ſie ſich end⸗ lich ſeinem Wunſch; aber das Herz ſchlug ihr dabei, als ſie ihm ihre Einwilligung gab, und es war, als ob ſie eine unrechte Handlung begehen ſolle. Aengſt⸗ lich ſuchte ſie dabei nach Entſchuldigungen für ihre Zuſage, und ihr gutes Herz ließ ſie deren bald genug finden. René war ja doch nun einmal Europäer und er mußte gewiß gern bei ſeinen Landsleuten ſein— wußte Sadie doch ſelber wie glücklich es ſie machte, manchmal einen Bewohner von Atiu bei ſich zu ſehen, und das lag doch nur ſolch kleine kleine Strecke von Tahiti entfernt, und die Feranis wohnten ſo ent⸗ ſetzlich weit, ſollte ſie da die Urſache ſein, die ihn zurückhielt? b Bei Brouards war ſie deshalb auch ſchon, und bei Belards einmal mit René geweſen; nur noch nicht bei Mrs. Noughton, der Amerikanerin, deren kalt abſtoßendes Benehmen ihrem ganzen Weſen weh that; auch René fühlte kein Bedürfniß die Leute auf⸗ zuſuchen, wenn ihn nicht gerade eine Geſchäftsſache in ihr Haus führte. Trotz allen ihnen in den Weg gelegten Hinder⸗ niſſen wußten Belards jedoch jede Schwierigkeit zu überwinden— die Franzoſen wollten tanzen, und es bedurfte ſtärkerer Sachen als der Predigt eines Miſ⸗ ſionairs, ſie daran zu verhindern. Mr. Belard gab deshalb einen Ball, und alle Franzoſen Papetees wie die Officiere der noch im Hafen liegenden Jeanne d' Arc waren eingeladen. Sadie fürchtete ſich vor dem Abend, ſie wußte 175 ſelbſt nicht warum, aber ſie durfte ſich nicht weigern zu gehen, denn erſtlich hatte ſelbſt Mr. Nelſon ſeine Einwilligung gegeben, daß ſie wenigſtens Theil an der Geſellſchaft nehmen dürfe, und dann war ſogar Lefevre mit Aumama eingeladen— Monſieur Belard mußte Damen zum Tanzen haben— ſie konnte ſich da nicht ausſchließen, durfte René nicht ſo kränken. Der Vorbereitungen bedurfte es dabei nicht viele — ihre Tracht, wenn auch nach Europäiſchem Schnitt, war ſo ſchlicht und einfach wie nur möglich, und friſche Blumen im Haar ſchmückten das liebreizende Antlitz der jungen Frau ſchöner als es Diamanten und Perlen vermocht hätten— vielleicht wußte ſie das auch. Monſtieur Belard wohnte in einem reizenden klei⸗ nen Gartenhaus in der Broomroad, der nächſten Querſtraße vom Strand ab, tief verſteckt zwiſchen breitblättrigen Brodfrucht und Papayas, von Pal⸗ men das Dach überrauſcht, und den Vorhof dicht bepflanzt mit Orangen und Bananen, des Schattens wegen. Das Haus ſelber war leicht und luftig ge⸗ baut, hatte aber doch ſchon Glasfenſter und grüne Jalouſieen, mit breiter hoher Verandah und einen ziemlich großen bequemen Saal, der zu dem heutigen Feſte mit Blumen und Palmzweigen ganz einfach, 176 aber höchſt geſchmackvoll decorirt war. Wunderlich ſtachen dagegen freilich einzelne Stücken aus einer civiliſirten Welt ab, die ihren Weg nach der Südſee gefunden, und zu den einfach hölzernen Wänden und der tropiſchen Vegetation nicht ſo recht paſſen woll⸗ ten. Auch die Meublen waren zuſammengewürfelt, wie Glück und Zufall einzelne Stücke nach dieſem entlegenen Theil der Welt herübergeführt, oder auch ſchon des Tiſchlers Hand in neuerer Zeit ſie aus einheimiſchem Holze gefertigt hatte. So ſtand auf einer gelbgebeitzten Kommode ein Alabaſteruhr zwi⸗ ſchen Manila Perlmuttermuſcheln und blank polirten Zähnen der Spermacctifiſche— einen kleinen Maha⸗ goni⸗Eckſchrank ſchmückten ein paar allerliebſte fran⸗ zoͤſiſche Porcellanvaſen voll duftender Orangenblü⸗ then, und längs der einen Wand ſtanden zwei vor⸗ trefflich gepolſterte und mit Damaſt überzogene So⸗ phas, mit denen wieder ein ſchmaler und langer, von Tannenholz aufgeſchlagener Tiſch nicht harmoniren wollte, der die eine Ecke füllte, aber mit dem koſtbar⸗ ſten Produkten dieſes an Früchten erfüllten Landes bedeckt war. Doch wunderlicher und bunter als die Geräth⸗ ſchaften war die Geſellſchaft ſelbſt gemiſcht. Der wirklich gebildete Kreis von Bekannten reichte nämlich zu einem ſolchen Feſt nicht aus, die Linie 177 mußte weiter gezogen werden und in ſo engen Raum beſchränkt auf der kleinen Inſel, war man nicht ein⸗ mal im Stande noch unter den Wenigen die ſich hier befanden, auszuſcheiden— es müßten denn ſehr triftige Gründe dazu vorgelegen haben. Alles des⸗ halb, was nur einigermaßen auf Bildung Anſpruch machte und aus dem Mutterland oder überhaupt der civiliſirten Welt ſtammte, die proteſtantiſche Geiſtlich⸗ keit ausgenommen, war eingeladen, und die kleine Villa verſammelte in den eigenthümlichſten Trachten dabei, ein ſo wunderlich gemiſchtes Völkchen wie ſich wohl noch je, ſeit Papetee ſtand, auf einem ſo klei⸗ nen Raum zuſammengefunden hatte.. Als René mit Sadie den Saal betrat, wo ſie Mad. Belard in ihrer lebendigen aber doch herzlichen Weiſe empfing, waren eben die Officiere der Jeanne d Arc eingetroffen. Das Vorſtellen ging raſch und ungezwungen genug vorüber; Rens hatte ſchon einige von dieſen vorher kennen gelernt und wurde auf das freundlichſte von ihnen begrüßt. Madame Brouard war noch nicht erſchienen, und da Mad. Belard anderweitig und in der That überall in Anſpruch genommen wurde, und René viel mit den Officieren zu ſprechen hatte, blieb Sadie allein, und ſah ſich eben etwas verlegen, nach irgend einem Be⸗ kannten um, nicht ſo ganz verlaſſen in dem fremden Gerſtäcker's Tahiti. II. 12 Zimmer zu ſtehen, als Mr. und Mrs. Noughton den Saal betraten, und nach der üblichen Einführung an Sadie vorüber gehen wollten. Mrs. Noughton wandte den Kopf nach der an⸗ dern Seite und ſah Sadie nicht, und die arme kleine Frau ſtand einen Augenblick ſchüchtern und unſchlüſſig da, ob ſie die, ſtets etwas kalt gegen ſie geweſene Fremde anreden ſolle oder nicht; aber René ging ge⸗ rade mit zweien der Officiere den Saal hinunter und ließ ſie da ganz allein. „Madame Noughton,“ ſagte ſie leiſe, und berührte mit ihrer Fingerſpitze den Arm der jetzt dicht an ihr Vorbeigehenden.“ Mrs. Noughton drehte langſam den Kopf nach ihr um und ſah ſie an. „Ich freue mich Sie auch hier zu treffen,“ ſagte Sadie. Mrs. Noughton neigte höflich das Haupt gegen ſie, Mr. Noughton machte eine etwas ſteife Verbeu⸗ gung, und die beiden Gatten gingen, ohne weiter ein Wort mit ihr zu wechſeln, vorbei, dem andern Ende des Saales zu. Sadie ſtand wie in den Boden gewurzelt, und das Herz ſchlug ihr ängſtlich und verlaſſen in der Bruſt.. „Sie haben Dich gar nicht erkannt in den frem⸗ — den Kleidern,“ murmelte ſie endlich leiſe und halb lächelnd vor ſich hin—„ſie haben geglaubt es wäre Jemand ganz Anderes, Fremdes— oder—“ das Blut ſtieg ihr in vollem Strome in die Schläfe und von da zum Herzen zurück, und ſie hätte in dieſem Augenblick Gott weiß was darum gegeben zu Hauſe, bei ihrer kleinen Sadie ſein und die fremde kalte Ge— ſellſchaft verlaſſen zu können. Aber das ging nicht, und als ſie ſich, wieder etwas mehr gefaßt, nun im Saale umſchaute, ſah ſie wie Mr. und Mrs. Nough⸗ ton ganz allein und ſteif auf zwei Stühlen ſaßen und Jedes ſtarr vor ſich niederſahen. In dieſem Augen⸗ blick begann das in dem Nebenzimmer aufgeſtellte und von der Jeanne d'Arc mit herübergebrachte Muſikcorps ſeine fröhlichen Weiſen zu ſpielen; mehr und mehr Gäſte traten zugleich in den Saal, unter ihnen mehre bekannte Geſichter— eine Hand legte ſich ihr plötzlich auf die Schulter— es war Aumama, die ihr lachend in's Auge ſchaute, und der trübe Schatten der ſich eben angefangen über Sadies Seele zu legen, wich dem erſten freundlichen Eindruck der ihr entgegen trat. „Was ſitzen die Beiden da drüben ſo ganz allein und ſteif?“ flüſterte dabei Aumama, die bemerkt hatte daß Sadie nach ihnen hinüberſchaute.„Segne mich, wie ſtill und ehrbar ſie ſind, als ob ſie in 12* der Kirche wären— Mr. Aue könnte nicht ſtreifer ſitzen.“ Sadie lächelte, aber ſie wandte den Kopf ab von der Gruppe— es war ihr als ob ſich die beiden Leute nur ſo ſteif und abgeſchloſſen dort hinten hin— geſetzt hätten, nicht mit ihr zu ſprechen— und was hatte ſie ihnen gethan?—„Und Aumama, Du biſt auch hierhergekommen zu den Fremden?“ ſagte ſie endlich leiſe—„ich glaubte Du fühlteſt Dich nicht wohl zwiſchen ihnen?“— „Nein, das thu' ich auch nicht⸗ erwiederte raſch und flüſternd die junge Frau—„ich habe zu Hauſe geweint und gezankt— ich wollte fort bleiben, aber Lefevre—“ ſte wandte den Kopf ab und ſchwieg, und ſetzte endlich langſam hinzu—„es ging nicht anders.“ „Ich wäre auch lieber daheim geblieben,“ ſagte Sadie treuherzig. „Und ich weiß nicht,“ fubr Aumama, auf ſich ſelber niederſehend fort:„mir iſt meine Tracht bis jetzt noch nie aufgefallen, ja im Gegentheil hab' ich das lange weite Oberkleid oft weit eher für über⸗ flüſſig gehalten, nur heute—“ und ſie ſchaute halb verlegen umher—„komme ich mir hier ſo ſonderbar ſo fremd ſelber und unbedeutend vor, als ob ich nicht hergehöre zwiſchen die geputzten Leute— ſie mit allem um ſich hergehangen was nur die fremden Kaufleute 181 in ihren Läden haben, ich barfuß und nicht einmal ihre Sprache redend. Ob ihnen denn auch wohl ſo zu Muth geweſen iſt, als ſie zuerſt unſer Land betra⸗ ten. Bei Dir iſt es wohl anders— Du haſt Dich ſchon ganz ihrer Tracht angepaßt. „Wohl iſt mir's auch nicht darin,“ ſagte Sadie kopfſchüttelnd,„aber ich fühle daß es nun einmal nicht anders geht; vielleicht fügſt Du Dich auch hinein.“ „Nein,“ erwiederte Aumama raſch—„nie im Leben; je mehr ich mit den Fremden in Berührung komme, deſto mehr fühl' ich daß wir nicht für ein⸗ ander gemacht ſind. Sie ſind ſtolz dabei, und worauf? — ſie tragen Schuhe, weil ſie nicht mit ihren unbe— hülflichen dünnen Sohlen unſere Korallen betreten kön⸗ nen— ich hab' es neulich geſehen, wie ſich die Frauen badeten und nicht einen Schritt auf dem ſcharfen Bo⸗ den zu thun vermochten. Alſo deshalb ſtecken ſie die Füße in ſolche Hülſen, und ſoll ich dann mich ſchä⸗ men daß ich ſie nicht trage, weil ich da eben gehen kann, wo ſie es nicht im Stande ſind?“ „Und doch thuſt Du es,“ ſagte Sadie lächelnd. „Weil wir eben Thörinnen ſind, und das Fremde höher achten wie unſere eigenen heimiſchen Sitten.— Aber ſieh was für goldblitzende Kleider die Feranis von dem Schiff draußen tragen,“ unterbrach ſie ſich jetzt ſelber, als ihr die blitzenden Uniformen der Of⸗ ficiere des Kriegsſchiffs in's Auge fielen.„Und das ſind doch nun auch Chriſten, Sadie, und gute Men⸗ ſchen vielleicht und tragen ſo bunten Staat, und uns verbieten die Mitonares jeden Schmuck. „Wir wiſſen auch nicht ob es nicht ſündhaft iſt ſo eitel Gold und Putz zu tragen,“ ſagte leiſe Sadie —„wenigſtens nicht wenn wir zu Gottes Altar gehn — die Männer dort beten vielleicht nie, da können ſie dann freilich tragen was ſie wollen. Aber ſie drehen wieder hierher um, und dort kommt auch Mad. Belard— ſie iſt die freundlichſte von allen fremden Frauen.“ Das Geſpräch der beiden Frauen wurde hier un⸗ terbrochen, und in der That betraten auch jetzt raſch nach einander mehre andere Gäſte den Saal, von denen Einige, ebenfalls mit eingeborenen Frauen, die beiden Freundinnen herzlich begrüßten, und jedes wei⸗ tere Geſpräch zwiſchen ihnen unterbrachen. Und was für bunte Geſellſchaft war da verſammelt. Die Officiere der Corvette erſchienen natürlich in ihrer Uniform, und Mr. Noughton, Mr. Belard und Brouard wie René und einige Andere waren in ſchwarzem Frack, wie überhaupt in dem Europäiſchen Ballcoſtüm gekommen. Das beſonders kam übrigens den inländiſchen Frauen und Mädchen wunderlich 183 vor, und ſobald es nur heimlicher Weiſe geſchehen konnte, kicherten und flüſterten ſie nicht wenig darüber. Ein großer Theil der anderen Gäſte ging jedoch in die leichte und bequeme Tracht gekleidet, die das Klima eigentlich bedingt und fordert; helle Sommer⸗ ſtoffe, weit und luftig gearbeitet und den Gliedern vor allen Dingen Freiheit der Bewegung laſſend. Strenge Etikette konnte überhaupt an einem Ort nicht ſtattfinden, wo dieſe ſchon zwei Dritttheile des ſchö⸗ nen Geſchlechts unrettbar ausgeſchloſſen hätte, und mehr als zwei Dritttheile gehörten der eingeborenen Race an, die nur zum Theil hatte bewogen werden können Schuhe und Strümpfe anzuziehen, ſonſt aber nur über dem pareu das weite looſe Obergewand, und darunter die nackten Füße trug. Aumama bildete den Typus dieſer, aus den ſchön⸗ ſten Mädchen jenes wunderſchönen Stammes ausge⸗ wählten Schaar. Der Pareu den ſie trug beſtand aus einem halbſeidenen mattgrünen mit tiefrothen Fäden durchzogenen und gemuſterten Stoff, in der That nur ein einfaches Stück Zeug, das um die Len⸗ den geſchlagen und an der linken Seite eingeſteckt wurde; über dieſes aber trug ſie das, erſt durch die Europäer und wahrſcheinlich durch die Miſſionaire eingeführte Obergewand, das vorn offen, und mit langen Aermeln an den Handgelenken geknöpft, bis 184 etwas über die Knie herunterfiel, und aus feinem franzöſiſchem Stoff beſtand, der durch einen rothſeide⸗ nen dünnen Chineſiſchen Shawl im Gürtel zuſam⸗ mengehalten wurde, und die Formen des Körpers mehr verrieth als verhüllte. Durch das ſchwarze lockige und ſeidenweiche, mit wohlriechendem Cocosnußöl getränkte Haar wand ſich ihr, von Orangenblüthen durchflochten, das Gewebe eines reizenden grünen und rothen Schlinggewächſes, und die goldenen Ohrringe waren faſt von den darüber niederhängenden Knos⸗ pen des cape Jasmin überdeckt. Aumama, die Be⸗ hende, wie ſie in der Bilderreichen Sprache ihres Landes hieß, war eine der ſchönſten Frauen der In⸗ ſel, und wie bei den meiſten ihres Alters, ſtand ihr die etwas dunklere Hautfarbe nur zu ihrem Vortheil, während die großen lichtklaren und doch ſo tiefſchwar⸗ zen Augen Diamanten gleich, rein und feurig über den von zartem Roth angehauchten, lichtbronzenen Wangen glühten. Mehre andere Indianerinnen waren ähnlich wie Aumama gekleidet, wenigſtens mit demſelben Schnitt des Gewandes und ähnlichen Stoffen, die Capitaine von Wallfiſchfängern in letzterer Zeit auf Specula⸗ tion, theils von Frankreich, Deutſchland oder Eng⸗ land mitgebracht. Zwei der Frauen nur hatten ſich ſo weit civiliſirt, Strümpfe und Schuhe zu tragen; 185 aber die neue Tracht ſaß ihnen nicht bequem, ſie ſcharrten beim Gehen fortwährend mit den Füßen; ſie waren noch nicht gewohnt dieſe hoch genug zu heben die Sohlen auch frei vom Boden zu bringen, und die Strumpfbänder mochten ſie auch wohl drü— cken, denn wie ſie ſich nur unbemerkt glaubten, faßten ſie da hinunter den, ſolchen Zwanges ungewohnten Blutgefäßen Luft zu geben. Sadie vielleicht allein von allen übrigen einge⸗ borenen Mädchen ſchien ſich in die fremde Tracht vollkommen gut gefunden zu haben, und bewegte ſich mit ſolcher Leichtigkeit darin, als ob ſie von Jugend auf daran gewöhnt geweſen wäre. Nichts deſto we⸗ niger ging ſie faſt ſo einfach gekleidet als ihre frühe⸗ ren Geſpielinnen, in einem ſchlichten Oberkleid von ungebleichter Seide, die rothe Schärpe ebenſo geknüpft wie Aumama, nur anders den Schnitt des Kleides ſelbſt, das bis auf die Knöchel hinunterging und die niedlichen in weißen Strümpfen und feinen dünnen Lederſchuhen ſteckenden Füße eben ſichtbar werden ließ. In den Haaren trug ſie einen zierlich gefloch⸗ tenen Kranz von Mandelblüthen, und um den Hals eine einfache Schnur rother Korallen. Von den Officieren der Jeanne d'Arc waren bis jetzt nur der Capitain mit dem erſten Lieutenant und einigen Seecadetten anweſend; der zweite Lieutenant, den Geſchäfte länger an Bord hielten, wie mehre an⸗ dere Marine⸗Officiere wurden aber auch noch erwar⸗ tet, und René ging eben mit dem Capitain der Cor⸗ vette, mit dem er ſchon vor einiger Zeit bekannt und gewiſſermaßen befreundet geworden, im Saal auf und ab, als Monſieur Bertrand, der Name des Se⸗ conde⸗Lieutenats, erſchien und augenblicklich auf den Capitain zuging, ihm irgend eine Meldung zu machen. Rens trat ein paar Schritte abſeits, den Rapport, der vielleicht geheim war, nicht zu überhören, aber ſein Auge haftete unwillkürlich auf dem jungen Mann, deſſen Züge ihm ſo bekannt vorkamen, und deſſen er ſich doch, trotz alle dem nicht deutlicher erinnern konnte. In dieſem Augenblick drehten ſich die Officiere nach ihm um, und der Capitain war eben im Begriff die jungen Leute einander vorzuſtellen, als Beide auch faſt zu gleicher Zeit,„Delavigne“,„Bertrand“ riefen und einander feſt umſchlangen und küßten. Schulkameraden waren es aus frühſter Jugend— zeit, und es läßt ſich denken, mit welchem Jubel ſie Beide hier, faſt bei den Antipoden, die Erinnerung an die Heimath, an das Vaterland, nach ſo vieljäh⸗ riger Abweſenheit begrüßten. Wir mögen uns losgeriſſen haben von Allem was uns einſt lieb und theuer geweſen, zerriſſen mag 1* 187 das Band ſein, daß uns an die verlaſſene Küſte, wo unſere Wiege geſtanden, feſſelten; gleichgültig horen wir wohl von fremden Menſchen darüber ſprechen, hören ſelbſt ungerührt den Ort nennen der unſerer Kinderſpiele Zeuge war, Zeuge der heranwachſenden Kraft. Im Herzen zittert's und zuckt's dann vielleicht nur ein wenig; lang verklungene Saiten wurden be— rührt, und ſie wollten rauſchen in der alten Weiſe, als ſich noch eben zeitig genug die Hand des Men— ſchen ſtark und kräftig darauf legte, und ſie verſtum⸗ men machte mit dem feſten Willen. Unſere Nerven mögen von Eiſen ſein, und das Unglaubliche ertra— gen, aber laß ein Bild ſelber auftauchen aus jener Zeit, laß uns die Züge wieder vor uns ſehen, mit denen wir Freud und Leid getheilt, denen wir unſere Luſt und Seligkeit entgegenjubelten, denen wir den erſten Schmerz klagten und uns ausweinten an ſei⸗ ner Bruſt, und die Hülle ſpringt, die unſere Bruſt umſchloß, die erſtarrte Thräne ſchmilzt und das Heimweh rüttelt zum erſten Mal an den Stäben un— ſerer Herzenskammer, und ſtreckt die ſcharfe entſetz⸗ liche Kralle aus nach dem Heiligthum, das wir von da an wahren müſſen wie unſeren Augapfel, wenn ſie nicht Halt gewinnen ſoll daran, zu unſerem Leid. Die beiden jungen Leute ſchienen auch in der That Alles um ſich her vergeſſen zu haben, in dem einen 188 ſeligen Gefühl des Wiederfindens, nach ſo langer, langer Zeit, hätte ſie nicht des Capitains Stimme wieder zu ſich ſelbſt und dem Bewußtſein des Platzes gebracht, an dem ſie ſich befanden. „Hallo,“ lachte dieſer,„wie mir ſcheint mag ich da die Introduction ſparen, denn die Herren ſind je⸗ denfalls genauer mit einander bekannt, wie ich ver⸗ muthen durfte. „Das in der That,“ ſagte Bertrand, der ſich überhaupt auch zuerſt von den Beiden wieder ſam⸗ melte, indem er des Freundes Hand ergriff und feſt in der ſeinen hielt—„nicht hoffen konnt' ich, hier an der fremden Küſte einen ſo alten lieben Jugend⸗ gefährten, ja Spielkameraden aus der Knabenzeit zu treffen, und die Ueberraſchung iſt um ſo größer, je größer die Freude iſt.“ 8 „Eh bien, Bertrand, dann unterhalten ſie auch Ihren Freund ein wenig, ſagte der Capitain,„aber vergeſſen Sie nicht um 11 Uhr— bekommen Sie vorher Nachricht wenn er etwa noch bis dahin einge⸗ fangen ſein ſollte?“ „Ich erwarte den Führer der Patrouille ſelber hier, ſobald er zurückkehrt.“ „Um ſo viel beſſer— aber da drüben ſehe ich ein paar Damen eintreten, denen ich guten Abend ſagen muß— ich werde Sie nachher bitten mir das — Nähere dieſes freudigen Wiederſehens mitzutheilen“ — und mit einer leichten und freundlichen Verbeu⸗ gung verließ er die jungen Leute, die jetzt Arm in Arm, kaum noch ihrer Umgebung bewußt, an eines der Fenſter traten, dort erſt dem erſten glücklichen Gefühl des Wiederſehens auch Worte zu leihen. „Und ſo halt ich Dich denn wieder, René, nach ſo langer Trennung, Dich den Flüchtigen eigentlich, der uns unter den Augen fort entſchwand, und kei— nem Freundesruf achten wollte der ihn zurückhalten ſollte mit ſeinem wilden ungeſtümen Sinn. Und wo haſt Du Dich nun ſo lange herumgetrieben? Menſch Du biſt braun geworden wie ein Indianer.“ „Ich weiß nicht wo ich da anfangen ſoll zu er⸗ zählen,“ ſagte René, dem Blick in herzlicher Liebe begegnend, den jener feſt auf ihn geheftet hielt,„und wahrlich, ich hatte es ſchon faſt aufgegeben je im Leben einen Freund von über dem Waſſer drüben wieder zu finden in der fremden Welt. Die Zeit die ich hier verlebt, duͤnkt mich in dieſem Augenblick ſo entſetzlich lang, und iſt mir doch auch wieder ſo raſch ſo unglaublich raſch verflogen. Oh Bertrand, Du mußt mir viel, viel von daheim erzählen; wie Ihr dort gelebt, wie Ihr— oder nein— nein, auch lie⸗ ber nicht; die Heimath liegt hinter mir, auf nimmer Wiederſehn, und es iſt vielleicht beſſer ich löſe die 190 Schlöſſer nicht muthwillig, die mir das alte Bilder⸗ buch meiner Jugend ſo freundlich und feſt verſchloſſen halten. Ich bin fertig mit Frankreich; aber von Dir möcht ich hören, wie es Dir geht, was Du treibſt, was Du hoffſt, denn nach der Hoffnung eines Menſchen beurtheilt ſich der Menſch ſelber meiſt am beſten und leichteſten.“ „Und weshalb auf nimmer Wiederſehn?“ ſagte Bertrand erſtaunt,„unſere Schiffe haben ſich jetzt die Bahn gebrochen nach dieſem fernen Punkt, und we— nige Monden können uns wieder in der Schallweite unſerer alten Kirchenglocken landen. Es mag ein Paradies ſein das uns hier umgiebt, kann es uns aber je der Heimath Reiz erſetzen? Du biſt unſtät, ein Flüchtling auf fremdem Boden ſo lange Du Dich gewaltſam fern von ihm hältſt, und wie das Vater⸗ haus dem wegemüden Wanderer als theures Ziel den langen ſchweren Pfad wohl vorgeſchwebt, ſo öff⸗ net Dir die Heimath die Arme, und grüßt Dich, ja hält Dich, mit all ihrem unendlichen Zauber, ſobald Du nur erſt einmal wieder das ſchöne Land betreten. Sieh ich bin Seemann, René, und das Meer ſollte meine Heimath ſein; ich weiß auch ich gehöre eigent⸗ lich nicht auf's feſte Land, und die Zeit die ich dort zubringe, iſt meiner Pflicht meiſt abgeſtohlen, und dennoch hängt das Herz mit allen Faſern an jenem 191 Fleck der mir das Leben gab, und wenn ich auch, doch einmal draußen, vernünftig genug bin ſolchen Gedanken keinen Raum zu gönnen, iſt es, als ob mir das Herz aus der Bruſt herausſpringen wolle, ſobald wir den Bug unſeres Schiffes einmal heim⸗ wärts kehren. Ich habe das im Anfang für eine Krankheit gehalten und unſeren Doktor gefragt, und der hat mir eine Maſſe unſinniges Zeug dagegen verſchrieben, aber es half Nichts; das Uebel ſaß tief im Herzen und war im Nu gehoben ſobald ich an Land ſprang.“ „Und doch hab' ich recht, Bertrand,“ ſagte Renè, der mit einem leiſen, faſt wehmüthigen Lächeln den Worten des Freundes gelauſcht hatte.„So lange Du noch frei und unſtät in der Welt umherſtreifſt zeigt der Compaß Deines Herzens dem einen heiligen Magnet, dem Vaterlande zu, mag Dir dort Leid ge⸗ blüht haben, oder Luſt, aber— es giebt einen Fall, wo der Menſch ſelbſt die Heimath vergeſſen kann und — glücklich ſein.“ „Nie, nie!“ rief Bertrand raſch. „Ich bin verheirathet!“ ſagte Rens leiſe. „Du?— verheirathet?“ ſagte der Freund er⸗ ſtaunt— und mit wem?— wo?— wann?“ „Zuerſt zeig ich Dir meine kleine Frau,“ lächelte Rene,„ich brauche vielleicht nur des einen Beweiſes, 192 Dich zu überzeugen daß Du Unrecht haſt; dann er⸗ zähle ich Dir meinen— Lebenslauf kann ich wohl kaum ſagen, eher meine Abenteuer, denn das Schick⸗ ſal hat mich im tollen Spiel einem entzogen mich muthwillig einem anderen in die Arme zu werfen, bis mein ſchwanker Kahn den Hafen fand, der ihm Glück und Ruhe brachte, und den verlaß ich nicht wieder. Ich kenne die Stürme die draußen toben und bin es müde geworden ihnen wieder und wieder die Stirn zu bieten.“ „Und Deine Frau?“ frug Bertrand,„warum will ſie nicht mit. Dir zurück?“ Die Trompeten ſchmetterten in dieſem Augenblick den Beginn des Tanzes, und Renè ſchaute umher nach Sadie. Schon wirbelten die Paare vorüber und die junge Frau ſtand an der anderen Seite des Saales, noch neben Aumama, an ihrer Seite aber jetzt Mon⸗ ſieur Brouard, ſeinen rechten Arm, von dem ſie ſich leiſe zu befreien ſuchte, um ihre Taille gelegt, und augenſcheinlich bemüht ſie zum Tanz zu nöthigen, den ſie ihm weigerte. Wie ein Stich zuckte es durch Renés Herz— er wußte ſelbſt nicht weshalb, und das Blut ſchoß ihm in die Schläfe; Bertrand aber, der ſeinem Blick ge⸗ folgt war, ſchaute überraſcht, und wie von einem plötzlichen Gedanken erfaßt, zu ihm auf. 193- „Und Deine Frau?“ wiederholte er leiſe. „Siehſt Du ſie nicht da drüben, wie ſie ſich ziert,“ lachte Rene jetzt, die Hand auf des Freundes Achſel legend. 3 „Die Inſulanerin?“ rief der Officier faſt wie er⸗ ſchreckt, und ſo laut, daß die ihm nächſten Paare nach ihm umſchauten, und ſelbſt Sadie ängſtlich nach René herüber blickte. „Die Miſſionaire ſtecken ihr noch etwas in den Füßen,“ fuhr René, wie entſchuldigend gegen den Freund gewendet fort,„aber— gefällt ſie Dir nicht?“ „Es iſt ein liebes, holdes Kind,“ ſagte der junge Mann, plötzlich ganz ſtill und ernſt werdend—„ſo hold und ſchön wie der ſonnige Himmel ihres Hei⸗ mathslandes.“ „Und weshalb ſeufzeſt Du da ſo ſchwer?“ lachte Rensé. „Aber weshalb befreiſt Du ſte nicht von dem al⸗ ten Gecken, der ſie da quält und peinigt?“ ſagte Bertrand raſch—„ſie hat ihm ſchon zehnmal den Tanz abgeſchlagen, und er läßt immer nicht nach— er würde ſich das bei einer weißen Dame nicht unterſtehen.“ „Du haſt recht,“ ſagte René ſchnell, und that einen Schritt nach vorn, ſetzte aber plötzlich langſa⸗ mer und lächelnd hinzu:„es iſt Einer meiner Freunde Gerſtäcker's Tahiti. II. 13 194 und kennt Sadie, wie den etwas puritaniſchen Geiſt, der ſie manchmal noch von unſern Sitten und Ge⸗ bräuchen als etwas, ihrer eigenen Religion wider⸗ ſtrebendem, zurückſchrecken läßt. Doch komm Bertrand, wir dürfen uns der Geſellſchaft nicht ſo lange ent⸗ ziehen, Madame Belard da drüben— ha wer iſt jene junge Dame die dort mit Deinem Capitain jetzt tanzt?— ich habe ſie noch nicht auf Tahiti geſehen.“ „Sie kommt von der Südſeite der Inſel, wie ich heute gehört,“ erwiederte Bertrand,„wo ſie in der Familie eines dort angeſiedelten Franzoſen gelebt.— Aber Deine Frau winkt Dir da drüben.“ „Monſieur Brouard wird zudringlich, wie mir ſcheint,“ entgegnete René mit einem halb ſpöttiſchen Lächeln die Unterlippe beißend—„komm mit mir Bertrand, und ich zeige Dir mein Weib,“ und den Arm des Freundes faſſend, ging er mit ihm, die Tän⸗ zer vermeidend, zu der anderen Seite des Saales hin⸗ über, wo ihm Sadie, ſich jetzt ernſtlich von dem alten Herrn losmachend, raſch entgegen kam. „Ihre kleine Frau iſt entſetzlich ſpröde,“ rief ihm hier Monſieur Brouard mit einem etwas verlegenen Lächeln entgegen—„ſie will unter keiner Bedingung mit mir den erſten Walzer tanzen.“ Sadie ſah bittend zu dem Gatten auf, und Rene, ihren Arm lächelnd in den ſeinen ziehend, ſagte mit einer leichten etwas kalten Verbeugung zu Herrn Brouard. „Ich habe Sie bis jetzt für unwiderſtehlich ge— halten, Monſieur, verzeihen Sie dem noch rohen Ge⸗ ſchmack der Inſulanerin, die ſelbſt Ihren un ausge⸗ ſetzten Bemühungen gegenüber ihr Recht zu wah⸗ ren ſuchte. Ich hatte ſchon den erſten Tanz vorher engagirt.“ „Ah, dann bitte ich tauſendmal um Vergebung,“ ſagte der Kaufmann, ſich verlegen, aber auch jedenfalls pikirt über die etwas kurze Abfertigung zurückziehend, während René, ohne ſich weiter um Herrn Brouard zu kümmern, Sadiens Hand ergriff und ſie mit herz⸗ lichen Worten dem Jugendfreund als ſein liebes, braves Weib, als ſeine Sadie jetzt vorſtellte. „Euch Beiden erzähl' ich nachher von einander,“ ſetzte er dann lachend hinzu,„und nun Sadie, darfſt Du es mir nicht machen, wie Brouard— nicht wahr ich bekomme keinen Korb, wenn ich Dich jetzt um den Walzer bitte?“ „Aber René“ ſagte, leiſe ſich zu ihm biegend, und hoch erröthend die junge Frau,„was wird Mr. Nel⸗ ſon, was Mr. Dennis ſagen, wenn ſie erfahren daß ich hier getanzt— ich thue doch wohl nicht recht damit, und möchte Dir aber auch noch viel weniger weh thun, mit einer Weigerung.“ 13* 196 „Thorheit, Sadie, haben wir nicht zuſammen die Tänze meines Vaterlands vor Mr. Osbornes Augen getanzt auf Atiu?“ frug Rene, mit einem leiſen Vor⸗ wurf in dem Klang der Stimme. „Auf Atiu,“ wiederholte Sadie leiſe und das Wort rief liebe liebe Bilder wach in ihrer Seele— „auf Atiu!“ „Der alte Mann hatte ſeine Freude daran, wenn wir fröhlich waren.“ „Aber Mr. Dennis,“ ſagte Sadie ſchüchtern. René zog die Brauen zuſammen und ſah einen Augenblick finſter vor ſich nieder; aber Sadie legte ihre Hand auf ſeinen Arm und ſchaute ihm mit ihrem bittenden herzlichen Blick ins Auge. Er ſah auf zu ihr, ſah das halbe Lächeln in ihren Zügen, und raſch ſeinen Arm um ſie ſchlingend, flog er mit ihr den früher oft und gern geübten Tanz dahin in den Reihen der fröhlichen ſchwingenden Paare. Sadie tanzte mit unendlicher Grazie und Leichtig⸗ keit, aber ihr Herz war nicht bei dem Feſt; in ihrer Bruſt wogte und ſtach es mit vorwurfsvoller Stimme und quälte das arme unſchuldsvolle Herz mit trüben, ängſtlichen Bildern.„Du ſündigſt jetzt“ ſagte ſie ſich leiſe und immer und immer wieder vor, und des ehr⸗ würdigen Bruder Dennis Stimme klang dabei fort⸗ während in ihrem Ohr—„Du haſt Dich dem wil⸗ 197 den ſündhaften Tanz ergeben, und der böſe Feind greift ſchon nach dem Arm, wo ihm der Finger kaum geboten in Luſt und Leichtſinn.“ 3 „An was denkſt Du Sadie?“ flüſterte ihr René⸗ zu, wie er mit ihr wirbelnd und ſie feſt in ſeinem Arm dahin flog, während die eingeborenen Frauen beſonders, Sadiens leichtem Tanze bewundernd mit den Augen folgten. Sadie ſchüttelte leicht und erröthend mit dem Kopf, und zwang ſich fröhlich zu ſein, aber die mahnende Stimme in ihr wurde ſtärker und ſtärker, und wie ſchwindelnd lehnte ſie ſich endlich an Renés Schulter und bat ihn ſie zu einem Stuhl zu führen. „Du kannſt das raſche Drehen noch nicht vertra⸗ gen,“ lachte der junge Mann, ſie dort hin geleitend wo Bertrand mit untergeſchlagenen Armen ſtand und keinen Blick bis jetzt verwandt hatte von dem Paar— „nur erſt ein paar Tänze aber Dich munter im Kreis gedreht, und der Schwindel verliert ſich ſchon von ſelber. Es iſt eine Art Seekrankheit die wohl die meiſten Menſchen überſtehen müſſen. „Ah Monſieur Delavigne— hierher, wenn ich bitten darf, für einen Moment nur,“ rief in dieſem Augenblick die fröhliche Stimme der Mad. Belard, die ihm freundlich und dringend winkte zu ihr hin 198 zu kommen. Sadie deshalb dem Freunde übergebend, folgte er dem Ruf. „Monſieur,“ rief ihm aber die lebendige kleine Frau ſchon von weitem entgegen,„ich habe Ihnen eine ſehr angenehme Nachricht mitzutheilen; dort drüben, und ich werde indeſſen die Sorge für Ihre kleine Frau übernehmen, iſt eine junge Dame die den Augenblick nicht erwarten kann Ihre Bekanntſchaft zu machen, und ſich ſchon nach allen Ihren Verhält⸗ niſſen auf das Genaueſte und Peinlichſte erkundigt hat. Soviel rath' ich Ihnen, wahren Sie Ihr Herz.“ „Sie ſind zu gütig, Madame,“ lachte René,„wenn dem wirklich ſo iſt, ſcheint die Sache in der That ge⸗ fährlich zu werden.“ „Spotten Sie nicht vor der Zeit,“ warnte Ma⸗ dame Belard—„Sie bekommen es mit keinem ge⸗ wöhnlichen Mädchen zu thun, und werden einem Paar Augen Stand halten müſſen, denen ſchon ſtär⸗ kere Herzen erlegen ſind als ein junger leichtſinniger Franzoſe wahrſcheinlich in ſeiner Bruſt mit herum trägt.“ „Und die Dame?“ „Warten Sie, dort drüben ſpricht ſte noch mit Madame Choupin, der Stiefmutter von Brouards Frau, der möchte ich nicht gerne in die Hände laufen.“ 199 „Die junge Dame dort?“ rief René raſch, ah ich habe ſie ſchon vorher bemerkt: ſte kommt von Pa⸗ para, wenn ich nicht irre.“ „Das Alles wird ſie Ihnen gleich ſelber mitthei⸗ len, Monſieur; aber aufrichtig geſagt,“ ſetzte ſie ſchel— miſch hinzu,„bin ich ſelber neugierig welch Intereſſe ſie in ſo auffallender Weiſe an Ihnen nehmen kann. Sie müſſen ihr doch fremd ſein.“ „Sympathie,“ lachte René,„lieb iſt mir's aber dabei daß gerade ein ſo reizendes Weſen ſich für mich intereſſirt.“ „Sie müßte denn im Auftrag von Madame Chou⸗ pin“— ſagte Mad. Belard, Renés Arm ergreifend und mit einer komiſchen Miſchung von Beſorgniß und Schadenfreude zu ihm aufſchauend. „Um der heiligen Jungfrau Willen, Madame,“ ſagte aber René raſch und mit komiſcher Angſt,„ſchon der Gedanke iſt grauſam— oder— gönnen Sie mir mein Glück nicht?“ „Gönnen? was wollen Sie damit ſagen, Mon⸗ ſteur,— oder woher wiſſen Sie überhaupt daß Ihnen ein Glück bevorſteht? eitles Männervolk; Ihr Her⸗ ren der Schöpfung werdet aber hier auf den Inſeln viel zu ſehr verwöhnt, und hätte ich früher gewußt was ich jetzt weiß, nie im Leben würde ich meine Ein⸗ willigung zu einem Umzug nach Tahiti gegeben haben.“ 200 „Da kommt Mad. Choupin,“ ſagte Rens leiſe, und Madame Belard erſchrak und wandte ſich raſch ab, den Platz zu verlaſſen, als ſie das boshafte Lä⸗ cheln auf Renes Lippen bemerkte, und ſich nun um⸗ drehend ſah wie Mad. Choupin die andere Richtung eingeſchlagen, und die junge Dame im Geſpräch mit Mad. Brouard zurückgelaſſen hatte. Madame Belard drohte ihm lächelnd mit dem Finger und ſagte leiſe: „Wenn Sie jenen alten Drachen näher kennten, würden Sie mir vollkommen recht geben, und ihn fürchten wie ich, aber— die Luft iſt rein, ſo kommen Sie, denn ich muß mich auch noch um meine anderen Gäſte bekümmern, und habe nicht Zeit hier Stunden⸗ lang mit Ihnen zu plaudern.“— Und ſeine Hand ergreifend führte ſie ihn der Stelle zu, wo die junge Fremde mit Madame Brouard, anſcheinend in tiefem Geſpräche ſtand, behielt aber kaum Zeit für die erſten Worte,„Monſieur Delavigne, Mademoiſelle Suſanne Louis,“ als die Inſtrumente auf's Neue begannen und ſich die Paare zur Francaiſe anſtellten. „Deſto beſſer, unter dem Tanz werden Sie noch ſchneller mit einander bekannt,“ rief die kleine mun⸗ tere Frau, von dem Paar zurücktretend;„dort aber kommt auch mein Tänzer, Monsieur le capitain, 3 und ich muß Sie für jetzt Ihrem Schickſal überlaſſen. 4 doch— unſere Verabredung Monſieur, um die Auf⸗ 201 löſung dieſes Räthſels wünſch' ich nicht zu kommen.“ Und ohne weiter den beiden jungen Leuten eine Ant⸗ wort zu geſtatten, trat ſie mit dem ihr jetzt den Arm reichenden Capitain zum Tanze an, und Delavigne konnte ebenfalls nichts anderes thun, als der ſchönen Fremden den Arm bieten, den ſie auch mit einer freund⸗ lichen Verneigung und einem eigenen ſchelmiſchen Lächeln dabei, annahm.. Die erſten Minuten gingen ſo mit der Anord⸗ nung des Tanzes vorüber, ohne daß er im Stand geweſen wäre ein Wort weiter mit ſeiner ſchönen Un⸗ bekannten zu wechſeln, die erſte Gelegenheit aber die ſich ihm bot ergreifend, ſagte er leiſe: „Madame Belard hatte mich durch einige freund⸗ liche, aber jedenfalls nur in Neckerei und Spott hin⸗ geworfene Worte ermuthigt zu glauben, daß Sie, mein Fräulein, wünſchten mich kennen zu lernen; da ich aber gar nicht weiß womit ich ſolch ein Glück verdient hätte—“ „Sie wiſſen noch nicht ob das ein Glück für Sie werden wird, Monſteur,“ lachte aber die Schöne ſchelmiſch, und René ſah wirklich etwas überraſcht zu ihr auf, denn die nämlichen Worte hatte Madame Belard kurz vor ihr gebraucht, und konnten die bei⸗ den Damen mit einander im Einverſtändniß ſein?— aber weshalb?— 20² „Es iſt jedenfalls ſchon ein Glück in dieſe ſchö⸗ nen Augen ſchauen zu dürfen,“ ſagte er jedoch, ſich raſch ſammelnd—„und Böſes kann da wahrlich nicht geſchehen.“ „Haben Sie ein gutes Gewiſſen?“ frug die junge Dame. Renè lachte—„Ja und nein, wenn Sie wollen; nicht ſchwerer zu tragen, wie wir Sterblichen über⸗ haupt und durchſchnittlich, und auch nicht leicht ge⸗ nug um zu befürchten, daß mir das Herz davonflöge über Nacht.“ „Sie ſind ein weggelaufener Matroſe,“ ſagte die junge Dame jetzt lachend und ſah neckend zu ihm auf. Renè erröthete; da aber ſeine Geſchichte, wie er dieſe Inſeln betreten, auf Tahiti gar kein Geheimniß war, ſagte er ruhig: „Hat man ſchon verſucht, mich Ihnen von der ſchlimmſten Seite vorzuführen?“ 8 „Ob man verſucht hat?“ lachte die Schöne, „Sie mögen ſſelber urtheilen. Uebrigens bin ich bei der Sache näher intereſſirt, als Sie vielleicht glauben — Sie ſind mein Gefangener.“ „Auf Gnade und Ungnade,“ lachte René, gern in den leichten Ton des wirklich wunderſchönen Mäd⸗ chens eingehend, deſſen Reize erſt jetzt wie es ſchien, nach und nach ſeinem Auge ſichtbar wurden.„Aber 203 tauſend ſolche Gefangene haben Sie wohl ſchon ſol⸗ cher Art gemacht, und werden uns deshalb auch wohl auf unſer Ehrenwort entlaſſen müſſen, Ihrem Triumph⸗ wagen ſcheinbar frei zu folgen. „Auf Ehrenwort?— geben Sie kein leichtſinni⸗ ges Verſprechen, ehe Sie wiſſen wem?“ „Wem?“ ſagte Rens erſtaunt, aber ihr Geſpräch wurde hier durch den Tanz unterbrochen, der die Paare vor rief und trennte, und es bot ſich von jetzt an keine Gelegenheit wieder auch nur ein Wort wei⸗ ter zu wechſeln, bis die Frangçaiſe beendet war. René nahm jetzt ſeiner Tänzerin Arm, und ſie den Saal niederführend ſagte er fragend: „Und nun, mein Fräulein, löſen Sie mir das Räthſel— Sie tragen eine Maske, legen die Hand daran ſie zu lüften, und ziehen ſie neckiſch wieder zurück. Ihr Spiegel ſagt Ihnen ſchon, daß der All⸗ mächtige Ihnen einen gewaltigen Zauber in's Auge gelegt über uns arme Sterbliche; mißbrauchen Sie die Macht nicht die Ihnen alſo gegeben— Sie be— dürfen deſſen nicht.“ „Ein Wallfiſchfänger iſt doch wahrlich nicht der Ort Schmeicheleien zu lernen,“ lachte die Schöne laut auf,„und dennoch ſcheint es faſt als ob Sie ſelbſt dort einen weſentlichen Theil Ihrer Zeit dazu benutzt hätten, nicht außer Uebung zu kommen. Oder —— 204 haben Sie das Alles ſchon wieder hier auf den In⸗ ſeln profitirt?“ „Mein Fräulein,“ bat der junge Mann. „Sie haben recht,“ ſagte die junge Dame da plötz⸗ lich ernſter werdend,„es wird Zeit daß wir unſere beiderſeitigen Stellungen einnehmen, die uns gebüh⸗ ren; alſo nochmals Monſteur, Sie ſind mein Ge⸗ fangener, René Delavigne!“ „Von Herzen gern.“ „Halt— nicht für mich etwa, Monſieur, ſondern für meinen Vater, Jonathan Lewis, Capitain des dreimaſtigen Wallfiſchfängers„the Delaware,“ gut gekupfertes Schiff erſter Klaſſe A, und derzeit—“ „Miß Lewis?— aber wie iſt das möglich?“ unterbrach ſie René in vollem, unbegrenzten Erſtaunen. „Derzeit“ fuhr aber das ſchöne muthwillige Mäd⸗ chen ernſthaft fort,„wahrſcheinlich und mit Gottes Hülfe ſchon zu Hauſe, in Bedford, von ſeinem Kreuz⸗ zug heimgekehrt.“ „Aber Sie, eine Franzöſin, des alten durch und durch Jankee Capitains Tochter?“ rief René, immer noch ungläubig.. „Weigern Sie ſich mir zu gehorchen, weil mir der ſchriftliche Verhaftsbefehl gebricht?“ frug Miß Suſanne. 205 „Sie ſind grauſam, Miß.“ „Nun denn, ſo will ich Ihnen mit zwei Worten das ſcheinbar unerklärliche Räthſel löſen. Erſtlich bin ich keine Franzöſin, ſondern im New⸗York Staat in Nord⸗Amerika geboren, früh aber meiner Mutter durch den Tod beraubt ſchickte mich der Vater— wie Sie mir bezeugen werden, ein etwas rauher See⸗ mann— nach Louiſtana hinunter, wo ſeine Schwe⸗ ſter an einen franzöſiſchen Pflanzer verheirathet war. Iſt Ihnen das nun klar?“ „Ja, aber jetzt?“ 8 „Aber jetzt? ah, wie ich hierher gerade komme?“ lachte die Jungfrau—„Sie verlangen alſo in der That meine Legitimation? Iſt das auch etwas un⸗ galant, will ich es doch den außerordentlichen Um⸗ ſtänden zu Gute halten. Schwächlich von Geſund⸗ heit, und von den Sümpfen Louiſianas mit wirk⸗ licher Gefahr für mein Leben bedroht, ſchien es, als ob mir der rauhe Nord dafür keine Linderung bieten ſollte, denn dort hinauf zurückgekehrt, verſchlimmerte ſich mein Uebel eher, als daß es ſich gehoben hätte. Die Aerzte dort verordneten mir daher eine Luftver⸗ änderung nach irgend einem milderen aber auch ge⸗ ſunden tropiſchen Klima, und mein Vater, damals gerade im Begriff ein Schiff zum Wallfiſchfang aus⸗ zurüſten, ſandte mich mit einem Jugendfreund von 206 ſich voraus nach Tahiti, mich hier dann ſpäter zu beſuchen und vielleicht wieder abzuholen.“ „Und war der Delaware hier?“ „Nicht wahr das intereſſirt Sie?“ lachte Su⸗ ſanne. „Der Delaware intereſſirt mich allerdings,“ lä⸗ chelte René,„und Sie werden mir den Grund nicht ſtreitig machen.“ „Nicht ich, Monſieur— Sie haben volle Urſache, aber ich gebe Ihnen auch mein Wort, daß ſich der Delaware damals für Sie intereſſirte,“ fuhr Suſanne fort,„denn mein Vater landete gerade auf Tahiti, als Sie von ihm entſprungen waren, und eilte des⸗ halb wieder beſonders von hier fort den„entſprunge⸗ nen Matroſen“, wie er mir erzählte, auf jener Inſel wieder„abzuholen“. Wer mir damals geſagt hätte daß ich ſo glücklich ſein ſollte ihn wieder einzu⸗ fangen.“ „Warum waren Sie nicht früher an Bord,“ ſagte René,„ich wäre nie davongelaufen.“ „Trau' Jemand Euch Männern,“ rief Suſanne abwehrend—„kaum auf feſtem Land, und mit kei— ner Sylbe mehr all jener heiligen Bande gedenkend die den Flüchtigen jedenfalls noch im alten Vater⸗ land feſſelten, hat er nichts Eiligeres zu thun als dem Beiſpiel ſeiner Landsleute zu folgen, und ſich ein —— 2Q„Q„— 207 armes Mädchen zu beſchwatzen, das ihm die Dauer ſeines Aufenthaltes hier die Zeit vertreibt.“ „Sie thun mir Unrecht, Mademoiſelle.“ „Oh?— Ihnen ſind die gemachten Contrakte wohl ſtets heilig?“ Rens biß ſich auf die Lippen und ſagte nach klei⸗ ner Pauſe: „Alſo tadeln ſie mich, daß ich mich dem Leben an Bord eines Wallfiſchfängers, dem ich nicht anders hätte für Jahre vielleicht entgehen können, durch die Flucht entzogen habe.“ „Nein,“ ſagte Suſanne lachend, und das große ſchwarze ſeelenvolle Auge zu ihm aufhebend begegnete ſie einen Moment ſeinem Blick, und glitt dann wie muſternd und mit kaum unterdrücktem Muthwillen an ſeinem Anzug nieder—„ich begreife nur nicht,“ fuhr ſie dabei fort,„wie Sie je den unglückſeligen Gedanken gefaßt haben konnten an Bord zu gehen. Hahaha, wenn ich Sie jetzt ſo vor mir ſehe, und Sie dann mir als gewöhnlicher Matroſe, in all dem Schmutz und entſetzlichen Leben eines„Whalers“ unter dem wüſten rohen Volk denke— die Glack⸗ handſchuh trugen Sie damals noch nicht, wie?— und auch wohl nicht den Frack?— Und wenn Sie nun damals wieder eingefangen wären? aber die Ein⸗ 208 zelheiten müſſen Sie mir nächſtens einmal erzählen, verſprechen Sie mir das?“ „Mit Vergnügen.“ „Und aufrichtig?“ „Wie meinem Beichtvater.“ „Hm, ich weiß nicht ob ich mich damit gerade begnügen möchte— doch wir werden ja ſehen. Und Ihre— Frau?“ „Steht dort drüben mit jenem Franzöͤſiſchen Of⸗ ficier— darf ich Sie zu ihr führen.“ „Ich danke,“ ſagte die junge Dame mit etwas kalter Höflichkeit—„ich komme aus Louiſiana— und Sie dürfen mir nicht verargen, daß ich gerade kein günſtiges Vorurtheil habe für— braune Haut. „Renè ſah erſtaunt, ja beleidigt zu ihr auf, und Suſanne begegnete feſt dem Blick, der in ſeiner inner⸗ ſten Seele zu wurzeln ſchien, dort die geheimſten Ge⸗ danken errathen zu wollen. Es war ein wunderſchönes Mädchen wie ſie da vor ihm ſtand; die volle üppige Geſtalt doch ſo zart und ſchlank in dem elaſtiſchen Reiz der Jugend; das edle Antlitz mit jenem weichen Zauber blühender Friſche übergoſſen, der unſere Sinne auf den erſten Blick gefangen nimmt; die Augen voll Gluth und Feuer, und doch wieder eines ſo ſanften Ausdrucks fähig daß ſie den ernſten Schatten Lügen ſtraften, wenn er ſtreng und zürnend daraus hervorblitzen wollte, aber einen Himmel öffnend wenn ihr Glanz in milder Ruhe ſtrahlte. Reneé ſchaute in dieſe Sterne voll Gluth und Le⸗ ben, bis er faſt vergaß weshalb er zu ihr aufgeblickt, und wie bittere Worte die ſüßen vollen Lippen erſt geſprochen; denn wie ein leiſes Lächeln über die ern⸗ ſten Züge glitt, war es wie ſpielendes Sonnenlicht auf der murmelnden Quelle im Waldesdunkel, mit tauſend blitzenden funkelnden Lichtern tief hinableuch⸗ tend bis auf den reinen Grund. „Sie ſind beleidigt,“ ſagte ſie endlich leiſe— „Sie hätten lieber gehabt, daß ich eine Unwahrheit geſagt, der Gegenwart zu ſchmeicheln.“ „Sie bringen ein Vorurtheil mit aus einer fernen Welt,“ erwiederte René,„und doch verzeih' ich Ihnen gern; Sie kennen Sadie noch nicht.“ „Sadie— ein ſchöner, klangvoller Name— ich wollte ich hieße Sadie,“ ſagte Suſanne—„wir in Nord⸗Amerika wählen unſere Namen faſt nur aus der Bibel.“ „Ah, ſchon wieder einen alten Bekannten getrof⸗ fen?“ unterbrach in dieſem Augenblick die Stimme des Capitains der Jeanne d'Arc, das Geſpräch, und zwar gerade zu einer Zeit wo Suſanna, mit feiner Hand eben wieder eingelenkt hatte in ein milderes Gerſtäcker's Tahiti. II. 14 6 Gleis.„Sie haben Glück, Monſieur Delavigne— aber für jetzt möchte ich die Dame wenigſtens um den mir verſprochenen Tanz bitten.“ Miß Lewis nahm, mit einer leiſen dankenden Neigung des Kopfes ſeinen Arm, und René freund⸗ lich zunickend ſagte ſie: „Ich muß ſie nachher noch einmal ſprechen— werden Sie kommen?“ Renè verbeugte ſich, aber Sadieens Bild ſtand in dieſem Augenblick vor ſeiner Seele, und er erwiederte das Lächeln nicht. Als er zurückſchritt, ſein Weib aufzuſuchen, war Sadie eben mit Bertrand, der mit der Hand nach ihm hinübergrüßte, zum Tanze angetreten, und an dem nächſten Fenſter bleibend, lehnte er dort mit un⸗ tergeſchlagenen Armen, dem Tanze, an dem er dieß⸗ mal keinen Theil nehmen wollte, zuzuſchauen. Im Anfang ſchwammen ihm aber die Gruppen vor den Augen, ohne daß er im Stande geweſen wäre ein einziges Bild aufzufaſſen und zu halten. Vor ſeiner inneren Seele zog wieder und wieder die ſchöne Fremde — zogen die kalten Worte, die ſie geſprochen, vor⸗ über, und ein eigenes Weh, ein Gefühl dem er nicht Worte, nicht Ausdruck zu geben vermochte, zuckte ihm durch das Herz. Weshalb hatte ſie ihn aufgeſucht, weshalb ſich ihm ſo freundlich zugewandt; um ihn 8 —᷑—᷑—᷑—᷑—ꝛ—ꝛO:,õ— 211 nur wieder zurückzuſtoßen?— war das Ganze eine gewöhnliche Koketterie geweſen, ihn nur die Macht fühlen zu laſſen, die ſie über Männerherzen auszu⸗ üben gewohnt ſei, und ihm dann lachend die Kluft zu zeigen die zwiſchen ihnen liege? Bah—“ um ſeine Lippen zuckte ein verächtliches Lächeln, als ihm der Gedanke aufſtieg daß ſie ſich ihn zum Spiel ihrer Laune erſehen haben könnte— und was ſonſt war ihr Zweck?„Thörichtes Mädchen“, murmelte er leiſe vor ſich hin,„Deine Schönheit vermag wohl das Auge zu blenden für kurze Zeit, aber den Mangel an Herz kann ſie nicht erſetzen; geh und ſuche Dir ein anderes Spiel, bei mir haſt Du Deine Zeit verloren.“ Und wieder wechſelten die Bilder in Zauberſchnelle vor ſeinem inneren Auge— die liebliche Geſtalt in dem prächtigen Ballſtaat— die vorüberſchwirrenden Paare, deren einzelne Umriſſe er ſchon nicht mehr ſah; dazu die Muſtk, alte bekannte, lange lange nicht mehr gehörte Töne aus der Heimath— Weiſen nach denen er ſelbſt in ſchönerer Zeit— heiliger Gott die Erinnerung—— Er barg die Augen mit der linken Hand, aber nur wilder und unermüdlicher ſtürmten die Gedanken auf ihn ein, und nicht mehr entgehen konnte er den unabweisbaren. Mehre Minuten mußte er ſo geſtanden haben, 14* 212 als eine leichte Hand ſeinen Arm berührte, und faſt erſchreckt blickte er empor. „Biſt Du krank?“ ſagte eine leiſe, liebe Stimme, und Sadies treue ſeelenvolle Augen ſchauten bang und ſorgend zu ihm empor; aber er bedurfte Secun⸗ den ſich zu ſammeln, ſich zurückzurufen aus den Sce⸗ nen in denen er jetzt— zum erſten Mal wieder nach langen Jahren— geweilt, und die er bis da⸗ hin mit feſter Willenskraft zurückgeſchleudert hatte wohin ſie gehörten— in die Vergangenheit. Heute zum erſten Mal wieder, geweckt durch den Jugend⸗ geſpielen vielleicht— vielleicht durch jenes ſchöne, kalte Bild, das ihn anzog und abſtieß zugleich in wunderbarer Kraft, waren ſie in altem Grimm und Schmerz erwacht, und es bedurfte wahrlich eines an⸗ deren, kaum minder ſtarken Zaubers ihre Gewalt zu brechen, oder doch zu mildern. Sadie— wie ein Sonnenſtrahl der Wolken Nacht durchbricht, und Licht und Leben über die noch vor wenig Augenblicken nur mit Nebelſchatten gedeck⸗ ten Fluren wirft, ſo tauchte plötzlich das holde Bild in all ſeiner Milde und Lieblichkeit vor ihm auf, und Harfentönen gleich, die mit den weichen vollen quel— lenden Tönen nicht mehr allein durch das Ohr, nein durch alle Poren unſeres Körpers in die Seele dringen und die Nerven nachklingen machen ihre Harmonie, 213 in dem Vibriren ihrer feinſten Faſern, ſo ſah er nicht allein das holde Kind in all feiner Lieblichkeit vor ſich ſtehen, nein ſo fühlte er auch das Wohlthuende ihrer Nähe, das den böſen Geiſt zurückdrängte der ihn beſchlich, und leiſe ihre Hand ergreifend, die in der ſeinen zitterte flüſterte er das Zauberwort, das ſich ihm ſelber retten ſollte—„Sadie!“ „Du biſt krank, René,“ ſagte aber die junge Frau, ihn zum Fenſter drehend—„Du ſiehſt bleich und angegriffen aus— laß uns zu Hauſe gehen“— ſetzte ſie dann raſch und leiſer hinzu—„Dir wird wohler dort, viel wohler, und— mir auch.“ „Mir fehlt Nichts, Du holdes Kind,“ erwiederte René lächelnd— ein eigenes Gefühl trieb ihn ſeine jetzige Bewegung wie deren Urſache vor dem Weibe zu verbergen, aber es lag etwas Gezwungenes in den Worten, und das Auge der Liebe täuſchte es nicht. Renè fühlte das auch wohl, und jeden weiteren Ver⸗ dacht zu beſchwichtigen, vielleicht weiteren Fragen zu entgehen, die er fürchtete, ſetzte er mit lauter fröhlicher Stimme hinzu:„nein Kind, mir iſt ſogar heut' Abend recht froh und leicht zu Sinn, und ich will noch recht viel tanzen. Verſchmähte Freude kehrt nimmermehr zurück und es wär Sünde ſie von der Thür zu weiſen.“ „Ich weiß nicht von wem Sie ſprechen,“ ſagte in dieſem Augenblick eine lachende Stimme an ſeiner 214 Seite, und die muntere Madame Belard trat zu ihnen hinan—„aber nicht mehr wie ſchuldige Artigkeit wär' es, ſollt ich denken, die Wirthin, wenigſtens zu einem einzigen Tanz zu engagiren, daß ſie nicht den ganzen Abend auch nur zuſehen muß, wie ſich ihre Gäſte amüſiren.“ Rens hätte in dieſem Augenblick keine erwünſch⸗ tere Entſchuldigung finden können, einer ihm jeden⸗ falls peinlichen Beſorgniß, ja mehr noch, weiteren Fragen auszuweichen, und Sadie freundlich zunickend, bot er der Frau Belard den Arm. Dieſe aber, die ihm noch ſcherzend den Tert las über ſeine für ſie keines⸗ wegs ſchmeichelhafte Unhöflichkeit, bat er jetzt mit all jenem liebenswürdigen Leichtſinn, der ihm ſo gut ſtand vielleicht weil er ihm ſo ganz natürlich war, um Ver⸗ zeihung, des begangenen Fehlers wegen, den er ſchon wieder gut machen wolle, wenn ſie nur eben freund⸗ lich genug ſein würde ihm Gelegenheit dazu zu gönnen. „Hallo Sadie,“ ſagte in dieſem Augenblick Au⸗ mama, die an ihre Seite trat,„Du machſt ja ein merkwürdig ernſtes Geſicht— biſt Du ſchon müde?“ Sadie ſchüttelte lächelnd mit dem Kopf. „So leicht nicht, Aumama,“ ſagte ſie leiſe, ihren Arm um der Freundin Schulter legend,„und mir gefällt das Tanzen wundergut, wenn ich nur wüßte“ 215 ſetzte ſie wieder ernſter werdend und leiſer hinzu— „ob wir auch recht thun mit ſolcher Luſt, und viel⸗ leicht nicht gar eine Sünde begehen, von der wir uns ſelber vorlügen, daß das Ganze ja doch nur eine un⸗ ſchuldige Freude ſei.“ „Und was iſt's ſonſt?“ lachte Aumama,„nimm mir den Tanz, und ich geb' Dir mein Leben in den Kauf.— Nur die Geſellſchaft— und die Art hier wie ſie's treiben gefällt mir nicht.— Das Umfaſſen hemmt die freie fröhliche Bewegung der Glieder, das Drehen treibt mich ſchwindlich, daß ſich die Stube mit mir im Kreiſe wirbelt. Auch die Wände, der Boden hier machen mich irr und unbehaglich; mir wird als ob ich draußen im Canoe in offener See triebe und die Wellen mich auf und nieder würfen. Nein, gieb mir den freien uhan Plan, die blühenden Zweige und blinkenden Sterne über uns, die luſtige Trom⸗ mel zum Einſchlag in Tritt und Sprung, und ich bin Dein mit Leib und Seele, wie Du mich willſſt. Hei wie die Tapa im Winde flattert und die Locke Dir um die Schläfe jagt, wie das Blut da durch die Adern ſchießt, und zu flüſſigem Feuer wird, eh' es zum Herzen zurückkehrt. Bah, hier der Tanz iſt kalt — kalt wie das Land aus dem er kommt, und es kann mir das Herz nicht erwärmen, ob ſie auch bla⸗ ſen und Specktakel machen mit ihren wunderlichen 216 Inſtrumenten, aus Leibeskräften. Nicht einmal eine Trommel haben ſie dabei, und das nennen ſie Muſik.“ „Du biſt ein wunderliches Mädchen,“ lächelte Sa⸗ die—„fremde Völker haben doch auch fremde Sitten.“ „Eben deshalb ſollen ſie uns die unſeren laſſen,“ trotzte Aumama—„aber, was ich Dich fragen wollte,“ ſetzte ſie ernſter hinzu—„wer iſt das weiße Mädchen das mit Renè ſo lange tanzte, und ſo viel mit ihm zu ſprechen hatte?“ „Ich weiß es nicht,“ ſagte Sadie—„eine Fremde, glaub' ich, die von Papara oder deſſen Nachbarſchaft kommt, und wohl hier wohnen bleiben wird;— warum?“ 3 „Mir gefiele das nicht, wär' ich wie Du,“ ſagte die Freundin mit dem Kopfe di ehi=—„ſie hat ein glattes liſtiges Geſicht und ihr Blick— ich konnte ihre Sprache nicht verſtehen, aber das iſt oft nicht nöthig wenn die Augen ſo deutlich reden wie die Lippen.“ „Und was haben die Dir geſagt?“ frug Sadie. „Nichts was mich freute,“ antwortete Aumama, „aber auch Nichts was ich wieder erzählen möchte; man ſoll keinem Menſchen etwas Uebles nachreden, noch dazu auf den bloßen Verdacht hin.“ „Du biſt ärgerlich auf die fremden Frauen,“ ſagte Sadie lächelnd,„weil Du nicht mit ihnen umgehen kannſt wie wir es gewohnt ſind unter einander; es iſt wohl möglich daß Du ihnen dabei unrecht thuſt. Aber René hat ſeitdem gar nicht wieder mit ihr ge⸗ ſprochen.“ „Aber auch mit Niemand Anderem,“ ſagte Au⸗ mama ſchnell—„er ſtand da am Fenſter und ſtützte den Kopf in die Hand, bis Du zu ihm kamſt.“ Sadie ſchwieg und ſah ſinnend vor ſich nieder; ihr Blick haftete aber nicht lange am Boden, ſondern ſuchte den Gatten, in dem wilden Gewirr des Tanzes, dem ſich René wieder mit vollem Eifer hingegeben. Aber die, nach der ihr Blick dann umherſchweifte, fand ſie nicht; Miß Lewis hatte den Saal verlaſſen und Renè lachte und plauderte noch immer mit ſeiner leben⸗ digen Tänzerin, der Frau Belard. Doch neue Gäſte kamen zum Tanz, in dem jetzt gerade eine kurze Pauſe eintrat, den Tänzern Gele⸗ genheit zu geben ſich an den hie und da angebrachten und mit Früchten, Kuchen und Wein bedeckten Tafeln zu erfriſchen, und kaum ſchwieg die Muſik, als Manche der wilden Mädchen, froh eines läſtigen Zwanges enthoben zu ſein, in die Mitte des Saales ſprangen und ſich dort bald von einem großen Theil der Män⸗ ner umgeben fanden. „Kommt!“ rief Eine der fröhlichen Schaar, ſich jetzt wenig an die geputzten Fremden kehrend, deren unbekannte Weiſen und monotones Drehen im Ring herum ſie ſchon lange geärgert und ermüdet hatte, „Komm! denn der ſcharfe Ton Hat mich gelangweilt ſchon, Komm! Zuckt mir's durch Fuß und Knie, Zuckt mir's im Herzen hie! Komm!“ „Frieden, Wahine— gieb Ruhe— fort mit Dir, Mädchen!“ riefen einzelne lachende Stimmen da⸗ zwiſchen—„hier iſt kein Platz für Fuere wilden Tänze, wo fremde Frauen ſind— auseinander mit Euch!“ „Fort?“ riefen aber Andere dazwiſchen, denen der wilde bekannte Laut die Pulſß ſchon raſcher klop⸗ fen machte— 1 „Fort? laß ſie ſchwatzen da, Herzchen wir kommen ja, Fort— Raſch nur die Trommel her, Stehn wir nicht müßig mehr. Fort!“ und den Takt auf den Lenden ſchlagend mit ihren flachen Händen, und ſingend und lachend begann die muntere Schaar, trotz dem Einſpringen einzelner Männer, die vielleicht nicht mit Unrecht fürchteten daß der Tanz in dem Uebermuth des jubelnden Schwarmes ausarten könnte, den wilden Upepehe, den Lieblings⸗ tanz ihres Stammes. Die neuangekommenen Gäſte, zwei Marine⸗Offi⸗ ciere der Jeanne d'Arc, miſchten ſich gleich lachend unter die jubelnden Dirnen, die ſie faſt Alle kannten, und Mad. Belard beſchwor jetzt René, ſeinen Einfluß aufzubieten das zügelloſe Volk wieder zur Ordnung zurückzubringen, was aber mit nicht wenig Schwie⸗ rigkeiten verbunden war. In der Mitte geſtört, ſtoben ſie nach allen Seiten hinaus, jede auf eigene Hand den begonnenen Tanz auszuführen, und es wurde auch in der That erſt dann möglich ſie wie— der zu vollkommener Ordnung zu bringen, als die Trompeten, auf Renes Zeichen, von Neuem zu einem Tanze einſetzten und dadurch die Mädchen, die denen entgegen nicht ihren eigenen Takt beibehalten konnten, zwangen aufzuhören. Als die Muſik nun aber, nicht wieder durch eine neue Pauſe neue Störung zu verurſachen, in dem begonnenen Stücke blieb, ſahen ſich die letztgekomme⸗ nen Officiere ebenfalls nach Tänzerinnen um. Von weißen Damen ſchien aber nur noch Mrs. Noughton übrig geblieben zu ſein, die trotz allen Aufforderungen auch noch nicht einen Schritt heut' Abend getanzt, ſondern wacker an der Seite ihres eben ſo langwei⸗ ligen Gatten auf dem einen Canape ausgehalten hatte. Madame Belard war mit Monſieur Brouard angetreten, Madame Brouard mit dem Capitain, und Fräulein Suſanne blieb verſchwunden. Mrs. Nough⸗ ton weigerte ſich aber auch dießmal mit einer ſteifen Verbeugung an dem Tanze Theil zu nehmen und Einer der neugekommenen Officiere ſchaute eben, leicht getröſtet, im Saal umher, ſich unter den anweſenden Inſulanerinnen Eine herauszuſuchen, mit der er mög⸗ licher Weiſe im Walzer fortkäme, als er Sadie be— merkte, deren Europäiſche Tracht ihm gerade nicht beſonders auffiel. Raſch auf ſie zu tretend, legte er ſeinen Arm um ihre Taille und ſagte: „Komm Wahine, dann wollen wir einmal ver⸗ ſuchen wie wir herum kommen, nd halt das Köpf⸗ chen ſteif, daß Du mir nicht ſchwindlich wirſt; ich drehe Dich ſchon.“ Rene hatte ſich mit Bertrand wieder zuſammen⸗ gefunden, und ſchritt eben langſam der Stelle zu wo Sadie ſtand, als er ſah wie ſie ſich in dem Arm des Fremden ſträubte und ſich ihm zu entwinden ſuchte; der junge Officier aber, ſchon ſeit Monden langem Aufenthalt auf den Inſeln gewohnt mit den Frauen Tahitis umzugehen, glaubte nur hier eine etwas ſprö⸗ der als gewöhnliche Schöne gefunden zu haben, und rief lachend:. 221 „Zum Teufel, mein Mädchen, ſtemme Dich nur nicht, ich thue Dir Nichts;“ Sadie aber war ſo er⸗ ſchreckt, daß ſie nicht vermochte einen Laut über die Lippen zu bringen und ſich von dem ſtarken Manne ſchon emporgehoben fühlte, als René mit einem Sprung an ihrer Seite war, und ſeine Hand mit einem Eiſengriff in des Soldaten Schulter heftend, mit vor Zorn bebender und kaum hörbarer Stimme ſagte: „Zurück da, Monſieur— das iſt mein Weib.“ „Sollſt ſie behalten, Kamerad,“ lachte der junge, etwas rohe Marine⸗Officier,„aber ein Tänzchen muß ſie erſt mit mir machen, davon hilft ihr kein Gott.“ „Laſſen Sie mich los, Monſieur!“ rief auch in dieſem Augenblick Sadie, die durch Renés Gegenwart ermuthigt, ihre Sprache wieder gewann, und der Officier, durch das flüſſige Franzöſiſch der Inſulane⸗ rin überraſcht, ließ kaum in ſeinem Griff um ihre Taille nach, als er ſich auch ſchon von dem, kaum ſeiner Sinne mehr mächtigen René gefaßt und mehre Schritte zurückgeſchleudert fand. „Teufel!“ ſchrie er, und die Hand fuhr faſt un⸗ willkührlich nach dem leeren Degenkoppel, Bertrand ſprang aber dazwiſchen, und der Officier auch, ſich raſch beſinnend wo er ſich beſand, und daß er hier das Feſt nicht ſtören durfte, biß nur die Zähne auf 222 einander und winkte dem, trotzig zu ihm hinüber⸗ ſchauenden René ihm zu folgen. Aber andere Augen hatten ebenfalls den Wink geſehen und verſtanden, und ehe René im Stande war ſich von Sadie frei zu machen, und dem ſtillen aber wohl begriffenen, ja er⸗ warteten Ruf zu folgen, fühlte er eine Hand auf ſei— ner Schulter, und der Capitain der Jeanne d'Arc, der gerade zufällig mit ſeiner Tänzerin dort ſtehen geblieben, und Zeuge des ganzen blitzesſchnell in ein⸗ andergreifenden Vorfalls geweſen war, bat ihn, nur wenige Minuten auf ſeiner Stelle zu bleiben, bis er ihm Antwort bringe von draußen. Dann ohne wei⸗ teres dem Officier folgend, erreichte er dieſen gerade an der Thür, faßte ſeinen Arm und führte ihn mit ſich hinaus. In dem Saal war indeſſen für den Augenblick Todtenſtille eingetreten; die Muſici, vor denen der Streit ſtattgefunden, hatten auch faſt wie verabredet, aufgehört zu blaſen ſo wie die Tänzer ſtockten. Auch die übrigen Gäſte, wenn auch nur wenige von ihnen die Urſache des ſo plötzlich aufgetauchten Streites kannten, ſahen daß er ſchon zu weit gegangen war, anders als mit Blut wieder geſühnt zu werden, und ſtanden in jener peinlichen Erwartung, dem Aus⸗ gang des Ganzen entgegenzuſehen, die wir uns wohl ſtets bei irgend einer nahenden Gefahr, mag ſie uns 223 oder einen Andern bedrohen, beſchleichen fühlen. Nur die eingeborenen Mädchen, denen nicht entgangen war daß Einer der Betheiligten den Saal verlaſſen hatte, glaubten damit natürlich Alles beigelegt, und zuerſt die feierliche und ſo plötzliche Stille um ſich her einen Augenblick erſtaunt beobachtend, gewann das leichte Element bei ihnen doch nur zu bald wie⸗ der die Oberhand. „Hierher Waihines!“ rief plötzlich die lachende Stimme Nahuihuas, der Schweſter Aumamas, mit der Lefevre ſchon faſt den ganzen Abend getanzt— Schnell! Schnell wie der gier'ge Hai Schneidet die Fluth entzwei, Schnell— „Ruhe Wahine!“ flüſterte es raſch um ſie her, und das Mädchen ſchwieg erſchreckt, mitten in ihrem Geſang, als ſie die ernſten finſtern Geſichter all' er⸗ blickte, die ſich raſch und beſtürzt auf ſie richteten. Madame Belard wußte aber wie dieſer böſe Geiſt zu bannen ſei, und dem Orcheſter ein Zeichen gebend, daß jetzt raſch wieder in den unterbrochenen Tanz einfiel, ergriff ſie den Arm Renés und den halb Wie⸗ derſtrebenden mit ſich fortziehend, flüſterte ſie leiſe und dringend. „Ei, Sie ungezogener Menſch, den eine Dame 224 zum Tanz förmlich mit Gewalt zwingen muß. Sie haben mir meinen Tänzer fortgejagt, und ſind jetzt auch verpflichtet deſſen Stelle zu übernehmen. Ueberdieß fühlen Sie denn nicht daß Alles auf Sie achtet?“ ſetzte ſte leiſer hinzu.„Machen Sie wieder gut was Sie verdorben haben, und zeigen Sie den Leuten daß Sie gar nicht daran denken Skandal anzufangen!“ Renè fühlte mehr wie er verſtand, daß ſie recht hatte; einen Blick nach Sadie zurückwerfend, die er jetzt in Bertrands Schutz ſah, kam ihm auch die Er⸗ innerung an das Vergangene, und ſich zu ſeiner lie⸗ benswürdigen Tänzerin niederbiegend bat er leiſe: „Vergebung, theuerſte Frau, Vergebung für den fatalen Auftritt den ihnen hier meine Hitze bereitet, aber—“ „Ich weiß Alles,“ beruhigte ihn Madame Belard, „ein Mißverſtändniß nur— ruhig Monſieur, Sie ſollen mir nicht wieder hitzig werden und aufbrauſen, ſo lange ich jetzt in Ihrem Schutze bin— ein Miß⸗ verſtändniß war die ganze Urſache, der junge Officier, der Sie gar nicht kannte, kann nicht die Abſicht ge— habt haben Sie oder Sadie wiſſentlich beleidigen zu wollen, und würde vielleicht eben ſo leicht daran denken ſich einen Finger abzuſchneiden, als Streit zu ſuchen hier bei mir.“ „Aber er hat—“ 225 „Ich weiß ja Alles,“ unterbrach ihn wieder Madame Belard, in gutmüthiger Ungeduld mit dem Kopf ſchüttelnd, als ſte zum Ausruhen abgetreten waren und Nichts als eingeborene Frauen um ſich ſahen, die nicht verſtanden was ſie ſprachen.„Er hat Ihre Frau nach unſeren Begriffen von dem was ſich ſchickt und gehört, beleidigt, und wäre das auf einem Europäiſchen Ball vorgefallen, ſo könnte nichts anderes als Degen oder Piſtol den Streit entſcheiden; hab' ich recht?“ „Wäre das?“ wiederholte René erſtaunt— „und iſt das nicht hier, bei meiner Frau genau daſſelbe?“ „Nein, nein und abermals nein!“ ſagte aber Madame Belard ungeduldig;„nach Inſulaniſchen Begriffen von Ehre und Schicklichkeit—“ „Aber meine Frau iſt—“ „Eine Inſulanerin, Sie mögen's drehen und wenden wie Sie wollen; und wenn ſte eine Aus⸗ nahme macht von den übrigen, von denen ſie aller⸗ dings wie Tag und Nacht verſchieden iſt, ſo liegt der doch nicht auf der Haut zu Tage, und das junge fröhliche Stück von einem Officier, das in ſeinem Uebermuth, von den Schiffsbanden auf einen Abend frei zu ſein, nur hier herein ſpringt, ſich, wie es keine weiße Tänzerin bekommen kann, nach dem ſchönſten Gerſtäcker's Tahiti. II. 15 226 Indianiſchen Geſtcht umſchaut und da aus Verſehen gerad' auf Ihre Frau trifft, hätte eben ſo gut ver⸗ muthen können einen Neger in weißer Haut zu finden, als eine Indianerin, die ſich ſo ganz ihrer eigenen Sitten entſchlagen, und Europäiſchen Gebräuchen mit ihrer Sprache und Haltung zugewandt hat.“ „Aber ihre ganze Kleidung mußte ihm das ſchon von vorn herein verrathen.“ „Als ob Ihr Männer überhaupt je ſähet womit ſich eine arme Frau herausgeputzt hat, dieſen Herren der Schöpfung zu gefallen,“ ſpottete die junge Frau halb im Scherz halb im Ernſt;„entweder Ihr mu⸗ ſtert ganz genau und auf das peinlichſte, immer dabei Eueren ſchlechten Geſchmack bewährend, oder Ihr wißt nicht einmal ob wir Seide oder Cattun getragen, wenn wir Stunden lang in Euerer Geſellſchaft gewe⸗ ſen ſind— Gott iſt der Menſch grob,“ ſeufzte ſie dann nach einer kleinen Pauſe, als Renè ſchwieg und vor ſich nieder ſchaute, mit komiſchem Ernſt;„handgreiflich leg' ich's ihm in den Weg, und nicht eine kleine un⸗ bedeutende Schmeichelei ſagt er mir dafür.“ „Liebe Madame Belard,“ bat Rene. „Ich bin ſchon wieder gut,“ lachte die kleine Frau, „aber René,“ ſetzte ſie ernſter, und einen Blick umher⸗ werfend ob ſie Niemand überhöre, hinzu—„ſeien Sie auch vernünftig, ſetzen Sie ſich über eine kleine 227 Vernachläſſigung Ihres ſonſt ſo lieben Weibchens eher einmal hinweg, als Sie es nöthig hätten wenn ſie— eben von— unſerer Farbe wäre. Der Fremde kann nun einmal unſere Privatverhältniſſe nicht ſo leicht durchſchauen, und wird der farbigen Einge⸗ borenen nie eine ſolche Achtung und Aufmerkſam⸗ keit zollen, als ob ſie ihm ebenbürtig wäre.“ „Und iſt ſie das nicht?“ rief René erſtaunt, und Madame Belard biß ſich auf die Lippen; ſie zögerte augenſcheinlich mit einer Antwort, die ſie ſich ſcheute gerade auszuſprechen. „Lieber René,“ ſagte ſie endlich nach einer kleinen Pauſe mit wirklicher Herzlichkeit im Ton, wie ſie bis jetzt noch nie zu ihm geſprochen,„Sadie iſt ein liebes herziges Kind, eine Frau die man lieber gewinnt mit jedem Tag, und ihre ganze Seele liegt in ihrem Blick, aber—“ „Aber? Madame Belard?“ „Sie haben ſich mit ihr die Rückkehr in die Hei⸗ math abgeſchloſſen,“ ſetzte die kleine Frau endlich ent⸗ ſchloſſen hinzu—„Sie haben ſich auf Ihre Bambus⸗ hütte und den Meeresſtrand beſchränkt, und— ich weiß nicht ob Sie daran gut gethan haben.“ „Und paßt Sadie nicht in jede Geſellſchaft?“ „Ja— aber die Geſellſchaft paßt nicht für ſie;“ lautete die raſche Antwort;„wenn ſie von der Geſell⸗ 15* 195 228 ſchaft als das aufgenommen würde was ſie wirklich iſt, in all' ihrer Anmuth und holden Weiblichkeit, keine andere Frau könnte höher ſtehen, aber wir leben nun einmal in einer Welt von Vorurtheilen, und— können nicht durch die Wand mit dem Kopf.“ „Aber ich will von der Welt Nichts mehr— mir genügt das Glück das ich beſitze— ſie ſollen mir das nur unverkümmert laſſen.“ Madame Belard ſchüttelte mit dem Kopf und ſagte ernſt: „Sie kennen ſich ſelber nicht, Delavigne, und ſind hier in Verhältniſſe gekommen, die Sie noch nicht überſehen können; gebe Gott daß ich unrecht habe, aber Sie paſſen ſo wenig zu dem thatenloſen Leben dieſer Inſeln wie— ich, und ich will auch meinen Gott danken, wenn Monſieur Belard einmal ebenſo denken lernt und die Segel wieder heimwärts ſetzt.“ „Und was ſollte mich hindern ebenfalls nach Hauſe zurückzukehren?“ frug René, doch ſein Auge ſuchte dabei den Boden als er ſprach, und nur als Madame Belard gar nicht antwortete ſah er auf, und vor ihm ſtand, mit einem eigenen Lächeln auf den zarten Lippen, Suſanne; aber ohne ihn an⸗ zureden ſchüttelte ſie nur leiſe und wie mißbilligend mit dem Kopf und ſchritt langſam der Stelle zu, auf welcher ſich Herr und Madame Brouard eben zum 229 Fortgehen anſchickten. Ihm blieb jedoch keine Zeit weiter, denn durch die Tänzer ſchritt der Capitain der Jeanne d'Arc, und mit einer entſchuldigenden Ver⸗ beugung gegen Madame Belard René's Arm ergrei⸗ fend, führte er ihn mit hinaus in's Freie, wo die kühle Seeluft ſeine heiße Stirn fächelte, und die Sterne gar freundlich und traut auf ſie herniederſchienen. „Mr. Delavigne,“ begann er hier, freundlich des jungen Mannes Hand faßend und drückend,„es iſt zwiſchen Ihnen und einem meiner Officiere ein mir höchſt fataler, ja ſchmerzlicher Fall vorgekommen.“ „Ich ſtehe dem Herrn mit Vergnügen jeden Au⸗ genblick zu ſeiner Genugthuung bereit,“ erwiederte Renè ruhig. „Ich weiß das, ich weiß das,“ beſeitigte es der Capitain—„aber die Sache iſt, daß Sie Beide recht und Beide unrecht haben.“ „Ich verſtehe Sie nicht,“ ſagte René. „Ich will mich deutlicher erklären,“ fuhr der Ca⸗ pitain fort;„Sie ſind ſelber zu gut mit den hieſtgen Verhältniſſen bekannt, als daß ich nöthig hätte Ihnen den Standpunkt anzugeben, auf dem die Indianiſchen Mädchen den Europäern gegenüber ſtehen; Sie müſ⸗ ſen den geringen moraliſchen Zwang kennen, den ſich beide Theile hier auferlegen, und Monſieur Rodolphe konnte keine Ahnung haben, daß Eine von Tauſen⸗ 230 den eine ſolche Ausnahme ihres Geſchlechts hier machte.“ „Er iſt vollkommen gerechtfertigt Genugthuung zu verlangen,“ erwiederte René, dem es weh that das Geſchlecht der Indianer ſo herabgewürdigt zu ſehen; doppelt weh vielleicht weil er fühlte wie viel Wahr⸗ heit das Geſagte enthalte. „Tollköpfiges Geſchlecht,“ murmelte der Capitain, den Kopf ärgerlich herüber und hinüber werfend, „aber Ihr ſollt Euch nicht ſchießen, Mann, Ihr ſollt Euch mit einander vertragen, und einſehen daß Euch Gott Euere geſunden Glieder gegeben hat, ſie zur Ehre Eueres Vaterlandes einzuſetzen, wenn's Noth thut, aber nicht da in die Schanze zu ſchlagen, wo es nur eines offenen Wortes zwiſchen beiden Theilen bedarf, ſich zu überzeugen daß Beide unrecht hatten.“ „Monſieur Rodolphe wird ſchwerlich, nach dem Vorhergegangenen, das erſte Wort zum Frieden bie⸗ ten,“ ſagte René vor ſich hin. „So thun Sie es, Delavigne,“ rief der Capitain. „Ich?— nie“— ziſchte René zwiſchen den zu⸗ ſammengebiſſenen Zähnen durch—„er hat mein Weib beleidigt und jeder Andere hätte wie ich gehan⸗ delt. Aber trotzdem will ich die Hand zur Verſöh⸗ nung reichen,“ ſetzte er finſter hinzu,„wenn Monſieur Rodolphe mit mir zu Madame Delavigne geht, und die Dame dort, der begangenen Rohheit wegen, um Entſchuldigung bittet. Sie wiſſen ſelber Capitain, daß nach unſeren Begriffen von Ehre keine weitere Wahl mir oder ihm bleibt. „Aber Delavigne, das würde bei— das würde bei— das würde in Europa nöthig ſein, aber hier—“ „Und ſind unſere Geſetze der Ehre hier anderer Art?“ frug René ihm ſcharf dabei in's Auge ſchauend. Capitain Sinclair biß ſich auf die Lippen— er konnte Nichts darauf erwiedern wenn er René nicht kränken und einen zarten, hoͤchſt ſchwierigen Punkt berühren wollte; aber er wußte auch daß ſich Ro⸗ dolphe gerade wieder ſeinen Begriffen von Ehre nach, einer Inſulanerin gegenüber, deren Ehen mit den Weißen als viel zu leicht und zu wenig bindend angenommen wurden, nie dazu verſtehen würde. Es blieb da weiter keine Wahl, und tief aufſeuf⸗ zend und ärgerlich ſich abdrehend ſagte der Capitain, der gern das Nänei vermieden hätte, aber die Un⸗ möglichkeit auch einſa „So macht w Ihr wollt; ſchießt Euch beide ein paar Kugeln durch die Jacken— ſo ſind ein paar Tollköpfe weniger auf der Welt— aber ich will mit der ganzen Sache Nichts weiter zu thun haben— Nichts davon wiſſen— die Folgen über Euch!“ Er kehrte raſchen Schrittes in das Haus zurück, 232 von der anderen Seite aber näherte ſich dem jungen Mann ein Marineofficier und ſagte höflich: „Monſieur Delavigne, wenn ich recht bin?“ „So iſt mein Name.“ „Sie wiſſen, was—“ „Ich ſtehe Ihnen mit Vergnügen zu Dienſten.“ „An wen wünſchen Sie daß ich mich wende?“ „Lieutenant Bertrand wird ſo freundlich ſein—“ „Ah— beſten Dank, Monſieur, und guten Abend.“ Mit höflichem Gruß trennten ſich die beiden Män⸗ ner, und René folgte dem vorangegangenen Capitain, Bertrand in Kenntniß zu ſetzen und um ſeinen Bei⸗ ſtand zu bitten, und ſeine Frau nach Hauſe abzuho⸗ len. Der Abend war ihm verleidet worden gegen weitere Luſt und Freude. Unbemerkt, wenigſtens un⸗ beachtet hatte er dabei gehofft den Saal wieder betre⸗ ten zu können, Madame Belard ſchien ihn aber ſchon in Angſt und Sorge erwartet zu haben, und ſeinen Arm ergreifend führte ſie ihn den Saal entlang. „Was haben Sie gethan?“ flüſterte ſie dabei,„Sie wilder Mann; und die arme Frau ſitzt da drin und weint und ſorgt und grämt ſich, und weiß— ahnt noch nicht einmal das Schlimmſte.“ „Wo iſt Sadie?“ frug Rens leiſe, ſich im ganzen Saal vergebens nach ihr umſchauend. „Auf meinem eigenen Zimmer— ich führe Sie dorthin.“ „Nur einen Augenblick, Madame,“ bat René, „ich habe nur einem Herrn da drüben zwei Worte zu ſagen; entſchuldigen Sie mich nur einen Moment, ich bin gleich wieder bei Ihnen.“ „Und ſo ſoll es doch zum Aeußerſten getrieben werden?“ flüſterte erbleichend Madame Belard. René zuckte die Achſeln— aber Bertrand, eben⸗ falls im Begriff den Saal zu verlaſſen, ſtand nur wenige Schritte von ihm entfernt— wenige Worte leiſe geflüſtert, genügten— ſie drückten einander die Hand, und Rene eilte raſch zu ſeiner ihn ängſtlich erwartenden Führerin zurück. „Was Ihr für entſetzliche Männer ſeid,“ ſagte ſie dabei, als ſie den Saal verlaſſen hatten und die Treppe hinaufſtiegen, der höher gelegenen Wohnung zu— „mit kaltem Blut verabreden ſie da einander zu mor⸗ den oder zu verſtümmeln, und machen ſich weiß dabei daß es nöthig, unumgänglich nöthig wäre. Guter Gott wie wird das jetzt enden.— Aber da gehen Sie hinein, und gehen Sie zu Haus mit ihr, ſo raſch Sie können— ſie ſehnt ſich zu ihrem Kind, und ich möchte mich ſelber hinſetzen und weinen, wenn ich daran denke wie das arme ſüße Weſen, das hier Kummer und Sorge trägt unverſchuldet, von mir 1 234 eingeladen war ſich zu amüſiren, und jetzt zu Hauſe geht, das Herz voll zum Ueberlaufen von Wehmuth und Leid. Sie dürfen mit ihr hier auf Papetee nicht mehr unter weiße Männer gehen, Reneé, oder Sie können der armen Frau noch ſelber das Grab hier graben auf der fremden Inſel.“ Und damit, ohne weiter eine Antwort von ihm abzuwarten, öffnete ſie die Thür ihres Zimmers, ließ Rene eintreten und kehrte dann ſelbſt zu ihren Gäſten zurück, dort keinen Verdacht zu erwecken daß irgend etwas Außerordentliches vorgefallen ſei, was den Frohſinn hätte ſtören dürfen. 8 Cagitel 7. Unterwegs. Renè betrat raſch das kleine ſonſt ſo freundliche jetzt aber nur von einer einzigen düſter brennenden Lampe kaum erleuchtete Gemach— eine eigene Angſt, über die er ſich eigentlich keine Rechenſchaft zu geben wußte, preßte ihm das Herz zuſammen, und nur zum Theil beruhigte es ihn, als ihm Sadie entgegen kam und beide Hände für ihn ausſtreckte. Er zog ſie leiſe an ſich, und ſie ſchmiegte ihr Köpfchen feſt, feſt an ſeine Schulter, ohne ein einziges Wort zu ſagen, ohne einen Laut auszuſtoßen. „Arme Sadie,“ flüſterte er leiſe, und küßte ſie auf die heiße glühende Stirn— feſter drückte ſie ſich an ihn, aber ſie athmete kaum, und Reneè fühlte wie ſie in ſeinem Arm zitterte. 236 „Wir wollen zu Hauſe gehen, mein ſüßes Lieb,“ ſagte er flüſternd zu ihr niedergebeugt, und ſie nickte heftig an ſeiner Bruſt, aber ohne zu reden— das Herz war ihr ſo voll— ſo voll und ſo weh. Schwei⸗ gend nahm er ſeinen Hut, den Madame Belard ſchon für ihn zurechtgeſtellt, und ſeinen Arm um ihre Schul⸗ ter legend, ſie zu ſtützen zugleich und zu führen, ver⸗ ließ er mit ihr das erleuchtete, Luſt und Leben ath⸗ mende Haus, durch eine Hinterthür das Freie ſuchend, da vorn, den hellen Fenſtern gegenüber, hundert von Eingeborenen ſtanden und lagen, den Tönen der In⸗ ſtrumente, den wunderlichen Melodien lauſchend, bis hie und da eine Aehnlichkeit im Takt dukch die Glie⸗ der Einzelner zuckte, und ſie zum Tanz antrieb aus freier Hand, mitten auf der Straße draußen. Durch den Garten, unter den thauigen Bananen und Orangen ſchritten ſie hin, langſam und ſchwei⸗ gend den ſchmalen Pfad entlang, auf den der Mond nur mühſam durch Palmenkrone und Brodfrucht⸗ wipfel einzelne ſeiner Strahlen konnte niederwerfen. Eine ſchmale Pforte führte auf die äußere Straße, und dieſer folgend erreichten ſie bald den düſteren Palmenhain, der vom Fuß der Hügel ab bis dicht an den Strand reichte und von deſſen Wellen ſelbſt ſeine Wurzeln beſpühlen ließ.. „Du ſollteſt Dich freuen an unſeren Sitten und 3 237 Vergnügungen,“ ſagte endlich Rend leiſe, als ſie ſchon lange ſchweigend neben einander hingeſchritten und Renè nur ängſtlich bemüht geweſen war, die dicht an ihn angeſchmiegte Geſtalt des jungen Weibes vor allen Unebenheiten des Weges zu bewahren.„Du ſollteſt tanzen und fröhlich ſein, und haſt nur Schmerz dort gefunden und Herzeleid.“ Sadie wollte ſprechen; René fühlte wie ſie ſich von ſeinem Herzen halb emporrichtete, aber es war auch als ob ihr die Kraft oder das Wort dazu fehle. „Biſt Du mir böſe, Sadie?“ ſagte Rens endlich nach langer Pauſe, und ſuchte dabei ihr Antlitz zu ſich emporzülheben. „Nein Rene, flüſterte die Frau leiſe und ſchüttelte langſam den Kopf—„nein, nicht böſe— aber— aber eine Bitte hätte ich an Dich.“ „Und nenne ſie mein Herz.“ „Du warſt ſo glücklich in Atiu“— fuhr Sadie nach kurzem Zögern fort,—„kein Schmerz, kein Weh drohte unſeren Frieden zu ſtören. Dort— wa⸗ ren keine weißen Männer und Frauen weiter,“ fuhr ſie mehr Muth gewinnend, aber doch immer noch ſchüchtern fort,„dort warſt Du Einer der Unſeren geworden, Alle hatten Dich lieb, und ich ſelbſt— war ein Kind des Bodens und fand dort meine Hei⸗ math. Hier ſind wir fremd, und der Charakter des 238 Landes iſt, durch Deine Landsleute, wie auch durch die Engländer ein anderer geworden. Die weißen Menſchen dünken ſich beſſer in ihrer Farbe,“ fuhr ſie wieder leiſer fort,„als wir, denen die Sonne dunk⸗ lere Haut gegeben. Sage mir Nichts dagegen, René, ich weiß es, und ſo weh es mir thut, ich wollte es gern ertragen um Deinetwillen— wenn ich nicht eben Deinetwillen Dich bitten müßte wieder mit mir fort von hier zu ziehen. „Meincetwillen, Sadie?“ ſagte René, aber es war ihm nicht Ernſt mit der Frage und Sadie wußte es. „Wenn Du es nicht ſelber fühlſt, René,“ ſagte ſie traurig,„mit Worten kann ich es Dir nicht be⸗ ſchreiben; ich kann Dich auch nur verſichern daß ich die Ueberzeugung habe wie wir Beide recht, recht un⸗ glücklich werden würden, wenn wir hier blieben.“ „Aber mein Geſchäft,“ ſagte René. „Trägt nicht die Cocospalme Milch im Ueber⸗ fluß,“ bat Sadie, ſich feſter an ihn ſchmiegend,„hängt nicht die Brodfrucht voll und reif am Zweig, und die Orange bietet Dir die Frucht, indem ſie ihre duften⸗ den Blüthen auf Dich niederſchüttelt; haſt Du nicht mich— Dein Kind?— liegt nicht der Frieden Got⸗ tes auf jenem ſtillen kleinen Inſelreich, das Seine Huld mit Allem ausgeſtattet was lieb und ſchön und gut und fruchtbar iſt? Sieh René,“ ſetzte ſie lauter, „ 239 feſter hinzu,„ich habe Alles gethan was Du von mir verlangt; ich habe mir Deine Sitten angeeignet, ſo weit es in meiner Macht ſtand, ich trage Euere Kleidung, ich ſpreche Euere Sprache, ich habe mein Herz Dir gegeben, Dir, nur Dir allein— und mei⸗ nem Kind. Nur— nur die Farbe konnt' ich nicht ändern, die Gott meiner Haut gegeben— ich bin ein Kind dieſer Inſeln, und als ſolches haſt Du mich lieben gelernt, und zu Deinem Weib genommen. Aber meine Schweſtern hier auf Tahiti ſind anderer Art— nicht mit ſo treuer Sorgfalt erzogen wie ich, leben ſie meiſt wüſt und wild in den Tag hinein— und Deine Landsleute tragen viel die Schuld. Du haſt heute erfahren in welcher Achtung die Inſulanerin bei ihnen ſteht— willſt Du noch länger Zeuge ſein wie ſie mich kränken und niederdrücken?— und doch haſt Du nicht den zehnten Theil von dem geſehen was mir wie Meſſer in die Seele ſchnitt, nicht die kalten verächtlichen Blicke einzelner Frauen— nicht die leichtfertigen Worte gehört, die mir, heimlich oft, oft ohne Furcht und Scheu in die Ohren geflüſtert wurden, und das Blut in die Wangen jagten. Ich gehöre nicht unter jene Menſchen, ich paſſe auch nicht für ſie, ſie nicht für mich, und willſt Du hier bleiben auf Tahiti, magſt Du Dich nicht trennen von dem jetzt vielleicht lieb gewonnenen Leben, ſo laß mich 240 4— daheim bei meinem Kind, Rene, dorthin gehör' ich, den Platz füll' ich aus, und unſere Hütte mag Dir ſelber eine Heimath werden— aber Atiu wird es uns doch nie erſetzen.— O zögeſt Du zurück, René.“ René erwiederte Nichts; ſchweigend ſchritten ſie neben einander hin, und tolle Bilder zuckten ihm durch Sinn und Hirn, denen er nicht Form, nicht Deutung zu geben vermochte. Das geſchäftige, wenn nicht ge⸗ ſellige Leben Papetees war ihm ſchon theilweis zum Bedürfniß geworden, dem er nicht gern entſagen, das er ſich aber noch weit weniger geſtehen mochte, und doch auch wieder fühlte er in unbeſtimmter Ahnung die Gefahr, die ſeiner häuslichen Glückſeligkeit hier drohen könne. Er ſah ſich in Kampf und Streit mit Europäern, von den Indianern angefeindet ſeiner Re⸗ ligion und Abſtammung, von den Europäern ver⸗ achtet ſeiner Heirath wegen, und durch das Alles, wie ein blendender neckiſcher Strahl, zuckte das weiße, wunderſchöne Antlitz des fremden Mädchens, das kalt und höhniſch auf ihn niederſah und ſeiner Angſt und Qual da unten nur zu ſpotten ſchien. Jetzt gerade ſollte er Papetee verlaſſen, wo ſie hier erſchie⸗ nen war, daß ſie wohl gar nachher ſich rühmte, er ſei vor ihr geflohen?— bah— was war ſie ihm?— ihre Schönheit konnte ihn nicht locken, Sadie war ſchöner— und ihr Geiſt?— ihr fehlte die milde 3 Weiblichkeit die der Geliebten jenen unendlichen Reiz verlieh.— Und ihre Farbe— blindes thörichtes Men⸗ ſchenvolk, den Werth eines Herzens nach der Schaale oder Farbe zu ſchätzen, und die ſüße Frucht gar des⸗ halb zu verachten, weil ſie von der Sonne etwas mehr gebräunt. Und doch war gerade das jetzt dem jungen ehrgeizigen Mann ein bitteres ſchmerzliches Gefühl, daß ſie mit jenem kalten Lächeln auf ihn nieder⸗ ſehen konnte; der Gedanke wurde ihm zur Qual, und ein Seufzer hob ſeine Bruſt. Es war zum erſten Mal der Wunſch daß die Geliebte ſeiner Farbe wäre, und Sadie hörte und verſtand den Seufzer, denn ſie ſenkte das Köpfchen ſchritt lautlos neben ihm hin. So erreichten ſie den ſtillen freundlichen Platz der ihre Heimath war, das matte gedämpfte Licht das aus dem einen verhangenen Fenſter quoll, beleuchtete den Schlaf ihres Kindes, die Palme die ihren brei⸗ ten Wipfel darüber hing, rauſchte leiſe und feierlich, und es war als ob ſie dem Schlaf des Lieblings lauſche und ihm bunte freundliche Träume zuflüſtere über ſein kleines Bett. Faſt unwillkürlich blieben die beiden Gatten ſtehen, und wie ihr Blick auf dem friedlichen Dache ruhte, das ihnen das Theuerſte umſchloß, als René der tauſend glücklichen, ſeligen Stunden gedachte, die er ſchon dort mit ſeinem trauten Weib verlebt, und nun Gerſtäcker's Tahiti. II. 16 242 auch die frühere Zeit— die erſte Zeit ſeiner Liebe, ſeiner Hoffnungen, des errungenen, ſo ſchwer errunge⸗ nen Glücks in vollen lebendigen Farben emporſtieg vor ſeinem inneren Geiſt, wie er damals den Augen⸗ blick geſegnet in dem er dieſes Paradies zuerſt betrat, da überkam ihn ein recht weiches, reuiges Gefühl, und ſein Weib, ſein treues braves Weib feſt an ſich ziehend, preßte er ſeine Lippen an ihre glühende Stirn, und das Liebeswort„Sadie“ erſtarb in dem langen, heißen Kuß. „Komm,“ flüſterte ſie endlich, und entzog ſich leiſe ſeiner Umarmung—„komm!“ und ſeine Hand er⸗ greifend, führte ſie den Gatig an das Bett. des Kindes. Oh wie ſo ſüß der kleine Liebling ruhte; die Lampe, von einem breiten Bananenblatt verdeckt, warf nur den matten grünen Schein über den ſchlum⸗ mernden Engel hin; die langen ſeidenen Wimpern lagen voll und dicht auf den von Schlaf gerötheten blühenden Wangen, und ein liebes herziges Lächeln ſpielte um die fein und zart geſchnittenen Lippen. Engel flüſtern mit dem Kind, wenn es im Schlafe lächelt, und das Mutterherz ſieht des Schutzgeiſtes Fittiche ausgebreitet über dem Liebling. Komm lieber Leſer, komm— ſiehſt Du die Gruppe dort, das Herz des Weibes an des Mannes Bruſt, 243 Mutter⸗ und Vaterliebe dem Schlaf der Unſchuld lauſchend und Gottes Segen niederflehend auf das Haupt des ſchlummernden Kindes?— Und darüber die rauſchende Palme, das Bild des Friedens? um ſie her aber den ſtillen rauſchenden Wald, und der Sterne blitzende Schaar die Zeugen des erneuten Bundes?— komm, leiſe, leiſe daß Du es mir nicht ſtörſt, das freundliche Bild.— Wohin?— nach dem Strand führ' ich Dich— hörſt Du die Brandung rauſchen über die Riffe hin?— ſie donnert ihre alte ewige Weiſe unverdroſſen fort, aber doch heimlicher, ruhiger heut' Nacht, als ob ſie ſelber ſich ſcheue den heiligen Frieden zu ſhee der auf der wunderſchönen Inſel ruht, und wie des Mondes Scheibe dort oben über den Gebirgshang herüberſteigt und ſein Licht über die See gießt, blitzt ihm die Brandungswelle im weiten ſilbernen Streif den Strahl zurück. Komm, dort unten liegt mein Canoe, und jenes freundliche Licht leuchtet uns auf unſerer Bahn. So, ſteig nur ein und fürchte ſein Schwanken nicht, der Luvbaum ſchützt es vollkommen vor jedem Umſchlagen, jeder weiteren Gefahr, und durch die Corallenriffe hin ſteuere ich Dich in dem ſcharfgebauten Kahn über das Mond beleuchtete Waſſer anderen, wenn auch nicht ſo fried⸗ lichen Scenen zu. Klares Waſſer unter uns— tief, tief liegt es 16* 244 dort unten in„purpurner Finſterniß“ und lichte glühende Punkte ziehen und blitzen durch die geheim⸗ nißvolle, dem Menſchenauge noch unerſchloſſene Welt. Dort unten baut der Korallenbaum nach rechts und links hinüber ſeine Wälle und Dämme, gegen die Jahrtauſende die wilde Brandung ſchlägt, und im Innern dort hat er ſich ſein ſtilles Haus gebaut und ſein criſtallenes Dach gewölbt, und jetzt bei Nacht entzündet er die grünen Lichter alle, und wie ein Feeen⸗ dom blitzt es und ſtrahlt's zu Dir hinauf. „Die Sterne, wenn ſie alt werden und ſterben, fallen ſie in's Meer,“ ſagt Dir der Indianer,„und dort feiern ſie ihre Wiedegehde unn tanzen und wer⸗ den wieder jung“— aber glaub's ihm nicht; tief unten in dem Corallenwald, deſſen eng und dicht ver⸗ ſchlungene Zweige neidiſch das ihnen anvertraute Geheimniß wahren wollen, tanzt das fröhliche Nixen⸗ volk, das eigene Haar von blitzendem Licht durchfloch⸗ ten, den frohen Reigen, huſcht unter den Bäumen hin, herüber und hinüber, und fährt hinauf und hin⸗ unter oft wie ein zündender leuchtender Strahl. Und der träumende Fiſcher oben, der in ſeinem Canoe liegt und ſtaunend niederſchaut in die ihm fremde wun⸗ derbare Welt, ſieht die Lichter und folgt ihrem Zucken und Schießen mit den Augen, und glaubt auch manch⸗ mal daß er unter, neben ſich— doch nein, hätt' er 245 die Geiſter wirklich je belauſcht, er wuͤrde nie zum Strande wiederkehren; nur an der Schwelle darf er ſtehen, wie die Natur uns Alle auf der Schwelle läßt, und keinen Blick erlaubt in ihr geheimes wun⸗ derbares Wirken. Weiter— ſchau nicht zu lang hinab, Dich ſchwin⸗ delt; und ſiehſt Du den lichten Streif da drüben, der ſchon zweimal herüber und hinüberſchoß, und dort zu Hauſe ſcheint, wo der Corallenhang die weiten Arme aufwärts wirft— das iſt ein Hai, der unſerem Kahne lauernd folgt— ein Wächter ſeinen Gebietern da unten. Sieh, am Bug kräuſelt und ziſcht die Fluth und aus dem ſilberglühenden Schaum blitzt ſie Diaman⸗ ten gleich funkelnde kniſternde Lichter aus über das ruhige Waſſer, auf dem ſie eine Weile raſten und dann zerfließen. Mehr und mehr ſchwindet das Ufer zurück, und wir ſehen den Schatten der Palme nicht mehr in der klaren Fluth, wie ſie den Wipfel weit weit hinüberreicht ſich zu ſpiegeln, und Morgens die Thautropfen niederzuwerfen in ihr eigenes Bild. Der Berg mit ſeinen gewaltigen Umriſſen tritt maſſenhaft hervor, und links von uns donnert und ſchäumt die Brandung und ſpringt höher empor, und rollt lauter und heftiger, als ob ſie ſich unſerem Nahen wider⸗ ſetzen und uns zurückſcheuchen wolle aus ihrer Nähe. 246 Dicht an der Corallenbank hin gleiten wir— ſo dicht, daß wir mit dem Ruder die hochaufzackenden ſtarren Zweige berühren und Seeigel und Stachelei in ihren ſchimmernden ſtrahligen Betten im matten Phosphorſchein können ligen ſehen— ſchärfer kräu⸗ ſelt das Waſſer am Bug und einen Gluthſtreifen zieht hinter dem Canoe die aufgerührte Welle. Weiter— von düſterer Nacht gedeckt, auf dem der Mond wie ein Silberſchleier liegt, und nur den eigenen Strahl zurückzublitzen ſcheint, dehnt ſich das waldbewachſene Ufer aus an unſerer Rechten, mit ſeinen dunklen Orangen⸗ und Guiavenſchatten, ſeinen fächerblätteri⸗ gen Pandanus und wehenden Palmen.. Weiter— die aufgeſcheuchte Möve, die im raſchen Kreisſchwung über die Fluth ſtreicht ſtößt nieder nach dem dunklen Schatten des Canoes, faattert zurück, kehrt wieder, und abſchweifend in weitem gewaltigen Bogen verſchwindet ſie in dem dämmernden Zwitter⸗ licht, und nur der ſcharfe Schrei tönt noch aus dunk⸗ ler Ferne zu uns her, die Bahn verrathend der ſie jetzt folgt... Sieh wie düſter das Vorgebirge ſich da hinaus⸗ lagert in See, einem rieſigen Ungeheuer gleich das vom Gebirge niedergeſtiegen und ſich hier hineinge⸗ worfen in die klare Fluth, die heißen Flanken zu küh⸗ len und den lechzenden Schlund— und das Brauſen 82 des Waſſers— iſt es doch faſt als ob das ſchwere Athmen des Koloſſes herübertöne in langen gewal⸗ tigen Pauſen. Daran hin gleitet der Kahn; ſo dicht— durch die Palmen am Ufer kannſt Du das ſüdliche Kreuz erkennen, wie es ſich um des Südpols Axe dreht— und dort drüben die Lichter? dort liegt die Grenze unſerer Poeſie— die Compaßlichter ſind's der im Hafen ankernden Schiffe, und in den offenen Luken liegen eherne Feuerſchlünde, wie ſchlafend jetzt im Bau, jeden Augenblick aber bereit die eiſernen Todes⸗ boten hinüberzuſenden an dieſe ſtillen Ufer. Unter jenem ſtolzen Schiff fahren wir hin— der Talbot iſt's— und der Mann dort, der das Kinn auf den Arm geſtützt, träumend nach uns herüber⸗ ſchaut der wachthabende Matroſe, der ſchon lange das nahende Boot beobachtet hat, und heimlich den Kopf ſchüttelt was die ſtillen Ruderer hier draußen in der Bai thun ſo ſpät in der Nacht. Wie ſtolz und ſymmetriſch die Maſten, mit ihrem ſpinneweb⸗ artigen Gewirr von Tauen und Stagen ſcharf und klar abzeichnen gegen das hellere Firmament, und wie leicht und elaſtiſch der ſtattliche Bau auf dem Waſſer ruht, der Möve gleich die ſchlummernd die weiche Woge geſucht, ſich in Schlaf zu ſchaukeln durch die ſtille Nacht. 248 Und da drüben?— der ſchlanke Wespenartige Bau kündet ein anderes Kriegsſchiff, die Jeanne d'Arc, bedroht wie es faſt ſcheint von dem Talhot hier und dem Vindictive da drüben, jenem gewaltigen Koloß, der die Mündungen ſeiner Kanonen auch hier herüber gerichtet hält; aber die Zähne gerade ſo weiſend wie der ſtärkere Feind und mit entſchloſſenem Trotz liegt die Corvette ſtill und ruhig in ſo gefährlicher Nach⸗ barſchaft, und mit der Morgenſonne grüßt nicht raſcher der erſte Strahl die ſtolzen Flaggen Albions, als ihre drei Farben luſtig im Winde flattern. Welch ein eigenes wunderliches Bild in der Fluth da unten, wie die Schatten der dunklen Raaen herüber und hinüberziehen, und die Sterne ihr Bild daneben ſuchen in dem unheimlich düſteren Waſſerſpiegel. Horch auf dem Kriegsſchiff tönen die Schläge einer Glocke,„ſechs Glaſen“ ſchlägts, es iſt elf Uhr, und kaum hat die Glocke der Ankerwinde, vorn auf dem Vorcaſtle des Vindictive dem Compaßſchlag geantwortet, als in raſcher Reihenfolge, die Jeanne d'Are mit dem Talbot zu gleicher Zeit, und nach ihnen alle Schiffe in der Bai die Stunde ſchlagen. Alles i*ſt wieder ſtill und ruhig wie vorher, ſo lautlos liegt die Nacht auf dem kaum athmenden Meer, daß man den Schritt der einzelnen Wache auf dem nächſten Deck des franzoſiſchen Kriegsſchiffs deutlich hört, und 249 das leichte Summen einer heimiſchen Melodie tönt leiſe, mit dem regelmäßigen Gang, zum Takt über das Waſſer. Da beginnt noch ein Schiff die verſäumte Zeit langſam nachzuſchlagen— die franzöſiſche Schild⸗ wacht lacht, und zählt, mit Singen einhaltend, die ſchläfrigen rauhen Schläge einer geſprungenen Glocke. Von dort her kommen ſie, von dem Wallfiſch⸗ fänger der gerade in unſerer Bahn liegt, und der Mann der die Wacht hatte ſchlief ſo ſanft in Lee vom Boot und träumte ſo ſüß, als das Schlagen der Glo⸗ cken wieder und immer wieder zu ihm herübertönte. Eins, zwei, drei, vier, fünf, ſechs— erſt fein und dann tief— er zählte ſie von allen Schiffen, und als wieder Alles ſtill und ruhig geworden, und er in ſeinem Halbſchlaf lange gewartet hatte daß die klap⸗ pernden Töne ſeines eigenen faulen Schiffes, der einſt ſo rüſtigen Kitty Clover, wie immer den Nachtrab aufbringen ſollte, da erſt fiel es ihm ein daß er ſel— ber heute das Amt habe die alte lebensmüde Glocke ſprechen zu machen, und mit einem leiſe gemurmelten Fluch ſuchte er ſich zuſammen, ſtand auf und den Klöppel anziehend daß er im Mißton ſechsmal gegen die geborſtene Seite dröhnte, brummte er bei jedem traurigen Schlag: „Verdamme Dich— altes— geborſtenes— klap⸗ perndes— ſchnarrendes— Lärmeiſen Du! Siiſt ein Skandal für die ganze Nachbarſchaft,“ ſetzte er dann knurrend hinzu, als er den Lagerplatz wieder ſuchte unter dem Boot, den Mondſtrahlen wenigſtens aus dem Weg zu gehen, und nicht aufzuwachen am an⸗ dern Morgen mit geſchwollener Phyſionomie. Der Mond fällt jetzt voll und licht gegen die Flanke des ſchmutzigen, von Rauch und Theer ge⸗ ſchwärzten, thranigen Fahrzeugs der Kitty Clover — die Segel die geſtern zum Trocknen gelöſt worden, hängen halbaufgegeit, die breiten Theerſtreifen der Reefer zeigend“*) an den Raaen; die kurzen Maſten mit dem breiten Sitz für den Ausguck darauf, die Boote aufgezogen und mit Cocosblattmatten dicht bedeckt, die heiße Sonne über Tag davon abzuhalten, das zerfetzte Kupfer am Bug, das Zeichen einer lan⸗ gen Reiſe, Alles kündet das Geſchäft des Wallfiſch⸗ fängers, und doch liegt er hier träge und faul, mitten faſt in der guten Jahreszeit, zu ruhen und träumen, ſtatt im Norden oben den Fiſchen aufzulauern und ſeinen Rumpf zu füllen. *) Die Wallfiſchfänger, um Nachts nicht zu viel Fortgang mit ihren Schiffen zu machen, und Fiſchen vielleicht vorbei⸗ zulaufen, reefen meiſt Abends ihre Segel, und da die Leute den Tag über Thran auskochen und voll Fett ſind, ſo machen ſie auch Fettflecke in die Segel, auf denen ſie zum Einbin⸗ den liegen. 251 Dicht unter ſeinen Krahnen gleiten wir hin, und freier dehnt ſich die Bai hier vor uns aus.— Siehſt Du da drüben die kleine Palmen bewachſene Inſel, links der Einfahrt zu?— Motuuta iſt's, der Königs⸗ ſitz der Pomaren, der ſtille Zeuge ihrer früheren Macht und häuslichen Glückſeligkeit.— Vorbei; ſo iſt die Zeit der Pomaren, vorbei; ihre Macht iſt zum Spott geworden zwiſchen Engländern und Franzoſen; zum Spiel, um das beide Nationen vielleicht mit Kano⸗ nenkugeln würfeln, oder es auch dem einen Gegner, als nicht der Mühe werth des Streits, frewillig überlaſſen. Weiter— aus den dunklen Schiffen heraus, de⸗ ren düſtere Rumpfe lange Schatten werfen, und das weiche Mondlicht um ſich her einzuſaugen ſcheinen, gleiten wir vor. Funken ſpruͤhend ordentlich in der elektriſchen Fluth, ſchießen wir dahin, das leichte Ru⸗ der den ſcharfgebauten Kahn faſt über die Welle hebend die ihn trägt. Da drüben liegt der Strand— weit und ſilbern dehnt ſich der Mondbeſchienene Muſchel⸗ kies und blitzt und funkelt, und die Woge quillt auf dagegen und ſaugt und breitet darüber hin, zurück⸗ weichend nur den funkelnden Schaum ihm laſſend, der in Atome auseinanderfließt. Erreicht haben wir jetzt das lange niedere, Pal⸗ menbewachſene Land, den rechten Arm der Bai, die 252 ihn ſchützend vorhält gegen den Paſſat, und kleine hochgebaute Gerüſte laufen ein Stück hier in See hinaus, von dem ſandigen Strand ab, Seebooten auch bei niederem Waſſerſtand die Anfahrt zu geſtatten. Aber was braucht das Canoe ſolcher Hülfe, das ſchattige Ufer zu erreichen?— riſch hin, mehr über wie durch das Waſſer ſchießt's auf der klaren Fluth, und das Ruder das es vorwärts treibt, hebt es und zwingt es, ſelbſt über Coralle und Sandbank fort, dem weißen Muſchelkies entgegen. Bambusſtäbe ſind hier überall dem Grund eingeſtoßen, ein Zeichen für Fiſcher und Boote von tieferem Waſſer; mitten zwi— ſchen ihnen durch ſpringt das Canoe, und wie die aufgebogene Spitze in vier Zoll Waſſer den Sand berührt, hebt ſich das ſchlanke Boot und ſitzt feſt.— Nur hinaus, ob uns das warme ſalzige Naß den Fuß auch netzt, am Cocosbaſttau ziehen wir den Kahn hoch hinauf auf's trockene Land, daß ihn die rückkeh⸗ rende Fluth nicht hebt und fortführt, und durch der Gärten ſchattiges Grün, durch die der Mondenſtrahl nicht einmal zur Erde dringt, führe ich Dich einen Schleichweg hinauf zu heimlichem Platz. Reich' mir die Hand hier, denn der Pfad iſt ſchmal, und dort gleich hinter der Bananen letzte Reihe, denen der Brodfruchtbaum noch Schatten giebt, beginnt das Dickicht der Guiaven, und über dem Pfad 253 reichen die niederen Büſche ſich die Zweige traulich herüber und ſchlingen die Arme feſt in einander, tiefer und tiefer niederdrückend in den Weg, bis des Men⸗ ſchen Hand, mit ſcharfem Stahl bewehrt, wieder eine neue Bahn abzwingt den zudringlichen. Weiter— halte Dich feſt an mich und hebe den Fuß, denn alte niedergebrochene Cocosnüſſe und Hülſen decken den Boden und— was Du zertratſt, und was unter Deinem Fuße wich?— reife Guiaven ſind's, die den Boden hier decken, kehre Dich nicht an ſie, über und neben Dir wachſen mehr, und jetzt— ſiehſt Du das Licht dort durch die Zweige blitzen? hörſt Du die gel⸗ lenden Töne keifender Menſchenſtimmen?— wir ſind am Ziel und ich führe Dich jetzt ein bei Müt⸗ terchen Tot. Capitel 8 Mütterchen Tot's Hotel. Tief in den Guiaven verſteckt, und etwa nur vier⸗ oder fünfhundert Schritte von den äußerſten Häuſern von Papetee entfernt, lag eine der gewöhnlichen lang⸗ ovalen niederen Bambushütten dieſer Inſeln, mit Pandanusblättern gedeckt, und wenig mehr anderem Hausgeräth, als ein paar eiſernen Keſſeln und einem Dutzend oder mehr niederer, halb ausgehöhlter Sche⸗ mel, die den Eingeborenen über Tag zum Sis⸗ und über Nacht zum Kopfkiſſen dienen. Die Wände waren übrigens, ſtatt dem Luftzug freien Raum zu gönnen wie in den gewöhnlichen Indianiſchen Häuſern, mit dünnen Baſtmatten faſt überall verhangen, und der Wärme wegen konnte 255 das nicht gut geſchehen ſein, denn gerade die⸗ ſer Platz hätte einer friſchen Zugluft eher bedurft, wo das Guiavendickicht wie eine Mauer faſt den engen, darin ausgehauenen Hof und Hausraum um⸗ ſchloß; aber der Beſitzerin dieſes Platzes lag mehr daran ungeſtört und von neugierigen unberufenen Augen nicht beläſtigt zu ſein, als friſche Luft zu ha⸗ ben— obgleich ſie deren Wohlthat wohl auch zu ſchätzen verſtand. Die Wände, wenn man das mit Baſt überhan⸗ gene Gatterwerk überhaupt ſo nennen darf, waren auch weiter durch Nichts beläſtigt was etwa einen beſonderen Reichthum der Inwohner hätte anzeigen können; an der einen Seite hingen nur ein paar alte Kattun⸗Ueberwürfe, abgenutzt und geſchwärzt durch die Jahre ſowohl wie auch vielleicht den Rauch der Hütte, neben dieſen aber und unter einer langen Reihe ausgeſchliffener Cocoßnußſchalen, die die Stelle von Trinkbechern verſahen, paradierte ein alter, einſt weiß geweſener, aber jetzt in jede mögliche, wie un⸗ mögliche Form hineingedrückter Filzhut, der in beſſe⸗ ren Tagen vielleicht einmal den pomadiſirten Kopf eines Dandy im luſtigen alten England geziert, jetzt aber verdammt war, ſeine Tage in Cocosnußölqualm und Guiavenholzrauch in einer Tahitiſchen Hütte zu verträumen. So kahl übrigens die Wände dreinſchauten, ſo toll und wild ſtand alles mögliche Geſchirr und Ge⸗ räth in den Ecken herum. Kalebaſſen, die auf dieſen Inſeln den Bewohnern gewöhnlich zu Kommoden, Koffern, Hutſchachteln, Arbeitskörben, Speiſekammern, Toiletten und Gott weiß was ſonſt noch dienten, waren in Maſſe vorhanden, und hie und da eine über die andere geſchichtet; dabei lehnte, zwiſchen ein paar Beſen, einer Harpune und einem Ruder, eine alte roſtige Flinte mit Feuerſchloß, und darüber, aber ſo verſteckt hinter den Matten, daß es nur von einzel⸗ nen Theilen der Hütte aus geſehen werden konnte, war ein ſchmales kleines Bret befeſtigt, auf dem ein paar Bücher, und oben auf eine dickleibige abgegrif⸗ fene Bibel lagen. Intereſſanter und mannichfaltiger envieſen ſich aber jedenfalls die Bewohner wie gegenwärtigen In⸗ ſaſſen dieſes abgelegenen Platzes, den viele der India⸗ ner ſogar in abergläubiſcher Furcht mieden, weil ſie „Mütterchen Tot“, wie die Eigenthümerin von den Matroſen gewöhnlich nur ſchlichtweg genannt wurde, in dem Beſitz übernatürlicher Kräfte glaubten, und allerdings rechtfertigte ihr Anſehen eine ſolche Ver⸗ muthung, wenn überhaupt auf irgend ein menſch⸗ liches Weſen anzuwenden, vollkommen. „Mütterchen Tot“ war ein Charakter, und Nie⸗ 257 mand betrat ihr Heiligthum zum erſten Mal, ohne eine gewiſſe Scheu und Ehrfurcht zu empfinden, die ſelbſt den Rohſten beſchlich— aber ihr ehrwürdiges Ausſehen trug wahrlich nicht die Schuld dabei. Mütterchen Tot war übrigens— ehe ich den Leſer mit ihrem äußerlichen Menſchen, dem Anzug, bekannt mache— in Europa und zwar in dem Reiche ihrer Großbritanniſchen Majeſtät vor langen, langen Jahren geboren, Niemand aber konnte mehr an ihrem Dialekt erkennen ob in dem bevorzugten England ſelber, dem„bonnie“ Schottland oder der„grünen Inſel“, wie Irland von ſeinen poetiſchen Kindern genannt wird. Sie miſchte Alles durcheinander und ihre Sprache hatte dabei, durch den langen Aufent⸗ halt auf den Inſeln, faſt eben ſo viel Worte von die⸗ ſen angenommen, daß, wer nicht Tahitiſch oder we⸗ nigſtens eine der Polyneſiſchen Sprachen verſtand, den Schlüſſel zu all' den wunderlichen Ausdrücken zu haben, kaum im Stande geweſen wäre Sinn oder Verſtand in ihre Rede zu bringen. Die Indianer und Fremden kamen noch am leichteſten darüber hin, die erſteren glaubten ſie ſpräche Engliſch, die anderen hielten es für Indianiſch. 3 In ihrer Jugend nun aus ihrem Vaterland, wie die böſe Welt behaupten wollte, nach Sydney depor⸗ tirt, war ſie von dort auf einem Engliſchen Wall⸗ Gerſtäcker's Tahiti. II. 17 fiſchfänger entwichen, oder eigentlich von dem Capi⸗ tain deſſelben, den ihre Reize beſtrickt haben mochten, (denn Leute die Jahrelang draußen in See herum⸗ fahren ſind nicht immer wähleriſch) entführt worden. Der Capitain riskirte damals Zuchthaus, aber was riskirt die Liebe nicht, und ſetzte ſpäter die junge Dame, als er heimwärts fuhr und in ſolcher Beglei⸗ tung doch nicht in einen Engliſchen Hafen wieder einzulaufen wünſchte, auf den Sandwichs-⸗Inſeln ab, dort ihr Fortkommen, was ihr auch vollkommen ge⸗ lang, weiter zu ſuchen. Mütterchen Tots Memoiren würden jedenfalls höchſt intereſſante Daten liefern, könnte ſie nur eben veranlaßt werden näher auf ſie einzugehn; ſie ſprach aber nie über ihre Vergangenheit, und das einzige Individuum, das vielleicht noch darüber, wenigſtens über einen Theil derſelben, Auskunft hätte geben kön⸗ nen, und auf das ich gleich nachher zantommen werde, durfte nicht. Soviel iſt gewiß, in der Gruppe der Sandwichs⸗ Inſeln hatte ſie ſich lange Zeit aufgehalten, und bald auf Oahu bald auf Hawai, gehauſt, war dann mit einem Sandelholzfahrzeug nach den Freundlichen und Navigators⸗Inſeln gegangen, und hatte dort zuerſt angefangen eine kleine Wirthſchaft zu gründen, in der ſie beſonders Matroſen beherbergte, und ihnen berau⸗ 259 ſchende Getränke verkaufte, um die ſie, wie um man⸗ ches Andere, bei ihr würfeln konnten. Von dort ſtreifte ſie nach Neu⸗Seeland hinüber, wo ſie wieder lange Jahre blieb, ſich aber von hier eine„Stütze ihres Alters“, wie ſie einen kleinen einäugigen Iri⸗ ſchen Schuhflicker nannte, der von jetzt ab bei ihr blieb, mitbrachte. In Neuſeeland hatten ſie die Miſſionaire vertrie⸗ ben und auf ein Schiff gepackt, das ſie Beide in der Samoagruppe landete, und hier bewogen die Miſſio⸗ naire ebenfalls wieder einen Capitain das, ihnen kei⸗ neswegs freundlich geſinnte Weſen an Bord zu neh⸗ men und dießmal, aus ihrem Bereich ganz und gar hinaus, den Gambiers⸗Inſeln zuzuführen, wo ſich die Katholiken ſchon ſeit längeren Jahren feſtgeſetzt hat⸗ ten. Ein Typhoon aber, der das Schiff faßte und entmaſtete, ſtrandete es an Raivavai, und Mütterchen Tot fand wieder mit ihrem getreuen Begleiter den Weg nach Tahiti, das ihr, als Mittelpunkt aller Curopäer faſt in der Südſee, die beſten Geſchäfte und durch den Zwieſpalt der Proteſtantiſchen Miſſionaire mit den Katholiken, auch jedenfalls eher eine ſichere Ruheſtätte wie irgend eine andere Inſel verſprach, wo nur eine oder die andere Sekte allein gehauſt, und dann auch geherrſcht hätte. Dem kleinen Iriſchen Schuſter war das Alles 4 260 gleichgültig; auch er hatte übrigens eine Vergangen⸗ heit, die in Sydney ihren Culminationspunkt, den Felſen gefunden, zu dem hingetrieben das Bächlein ſeines Lebens wild und toll genug geſprudelt hatte, bis es mit dem gewaltigen Sturz in die Tiefe, die erſten Convulſionen nur einmal vorüber, wieder ſeine völlige Ruhe, wenn auch nicht Klarheit erlangt hatte. Murphy— er wußte ſelber nicht ob er je noch einen anderen Namen gehabt— war ebenfalls Einer jener wahren Patrioten die„had left their country for their country's good“(zum Beſten der Heimath, die Heimath gemieden). Wie er damals ſeine Frei⸗ heit wieder erlangt blieb ſein Geheimniß, ſoviel aber iſt gewiß, daß er in dieſer Zeit gerade aufhörte ein Katholik zu ſein, und das Studium der Bibel mit einem Eifer begann, der ihm die Bewunderung der Proteſtantiſchen Geiſtlichen, in deren Wirkungskreis er kam, hätte ſichern müſſen, hätten dieſe nur eben zu ihm gelangen können, Zeuge ſeiner wirklich ange⸗ ſtrengten Thätigkeit zu ſein. Wunderbarer Weiſe be⸗ nahm er ſich aber bei dieſem Studium fortwährend als ob er irgend ein entſetzliches Verbrechen beginge, und in ſteter Furcht und Todesangſt lebe dabei er⸗ tappt zu werden. Witterte er einen Geiſtlichen in ſeiner Nähe(und die frommen Männer machten ſich manchmal die Freude ihn und ſeine Gefährtin auf; 4 261 zuſuchen, obgleich ſte Beide lieber gehen als kommen ſahen, denn ſie verzehrten nicht allein Nichts, ſondern ſuchten nur umher, Grund zur Anklage zu finden) ſo konnte Mütterchen Tot nicht raſcher bei der Hand ſein eine vereinzelte Branntweinflaſche zu verbergen, die ſich vielleicht in zu unerlaubter Nähe bei einem Eingeborenen befand, als Murphy auch mit ſei⸗ ner Bibel in die nächſte Kalebaſſe hineinfuhr, und Alles darüber deckte, was ihm gerade unter die Hände kam. Wenn er dabei die ganze Woche nicht an Arbeit gedacht, faßte er jetzt gewiß den erſten beſten Schuh auf, der ihm unter die Hände kam, und fing an daran herum zu ſchneiden und zu ſtechen und zu nähen, als ob ſein Leben an ſeiner Eile hinge. Mütterchen Tot behandelte ihn dabei auf das Herabwürdigenſte, und kein Schimpfwort gab es auf Engliſch, Iriſch, Gäliſch oder Schottiſch, wie in irgend einer der bekannten Polyneſiſchen Sprachen und Dia⸗ lekte, das ſie nicht ſchon an ihm abgeſtumpft, kein Geräth in ihrem ganzen Haus, das ſie nicht ſchon, bei irgend einer feierlichen oder unfeierlichen Gelegen⸗ heit, nach ſeinem Kopf geſchleudert hätte. Vor allen andern aber war es die heilige Schrift ſelber auf die ſie es in ihrem ſchlimmſten und gefährlichſten Zorn abgeſehen, und die ſte dann im Fall eines Streites mit ihrem höchſt ſanftmüthigen Gatten(wenn ich 262 dieſen ungerechtfertigten Namen überhaupt gebrauchen darf) häufig aus der Hand riß und an den Kopf warf. Ja ſie hatte ſchon mehrmals gedroht das ganze heilige Buch bei der nächſten paſſenden Gelegenheit — und die Gelegenheit war eigentlich immer paſſend — zu verbrennen; wunderbarer Weiſe hielt ſie aber immer eine eigene Scheu, die ſie ſich aber nie ſel⸗ ber eingeſtehen mochte, und jedenfalls mehr in einer abergläͤubiſchen Furcht wie irgend einem religiöſen Sinn wurzelte, davon ab ihre Drohung auszuführen, während Murphy, der ihr doch nicht ſo recht trauen mochte, ſeinerſeits Alles that ihr das Buch, wenn er ja einmal die Hütte verließ, aus den Augen zu brin⸗ gen, und Kalebaſſen und Ecken unaufhörlich damit wechſelte. Nur bei vollkommenem Waffenſtillſtand lag es, wenn nicht gebraucht, auf dem kleinen Bücher⸗ bret auf einem Haufen verſchiedener Traktätchen von Maäßigkeits⸗ und Bibelverbreitungsvereinen in Tahi⸗ tiſcher Sprache, und Murphy hatte ſeinen Sitz ſo geſtellt, daß er das Buch fortwährend dabei im Auge behielt. Ich ſagte vorhin daß Mütterchen Tots Aeußeres gerade nicht dazu dienen konnte beſondere Ehrfurcht einzuflößen, und allerdings war ſie, was ihre äußere Erſcheinung betraf, nichts weniger als eitel. Zwiſchen 50 und 70 Jahren, denn wunderbarer Weiſe hielten Schmutz und Runzeln ihre Züge mit einem ſolchen Schleier überzogen, daß man ſie bald dem einen, bald dem andern näher glaubte, hatte ſie einen ge⸗ woöhnlichen pareu von einſt grellrothem aber jetzt ver⸗ blichenen Kattun, mit breiten hochgelben Streifen, um die Hüften geſchlagen, und am Tag trug ſie ein dem ähnliches Obergewand, das ihre dürre Geſtalt in weiten Falten umhing; Abends aber, wenn die kühle Seebriſe über die Küſte ſtrich, obgleich ſie die, von den Guiaven förmlich eingeſchloſſene Hütte doch nicht erreichen konnte, wurde es dem ein heißes Klima ge⸗ wöhnten Mütterchen zu kühl, und ſie zog einen alten erbsgelben ſchmutzigen Männer⸗Oberrock, der früher einmal lange Haare gehabt haben mochte, über ihr Kattunkleid, und knüpfte die zwei Knöpfe, die ihm noch geblieben, feſt zu bis unter den Hals. Der Rock ging ihr dabei bis tief über die Knie nieder, und da ſeine Taſchen ebenfalls tief ſaßen, in deren einer ſie den einzigen Genuß aufbewahrte, den ſie ſich außer dem Brandy gönnte, ihre Schnupftabaksdoſe, ſo hatte ſie nur mit dieſer Unannehmlichkeit zu kämpfen, daß ſie ſo tief nach der ihr unter den Händen fortweichen⸗ den Taſche niedertauchen mußte, und ſich gewöhnlich endlich gezwungen ſah, ihre andere Hand auch noch mit zu Hülfe zu nehmen, das ſcheue Taſchenfutter zurückzuhalten. 264 Den Hals trug ſte blos, und auf dem Kopf einen alten Strohhut, wie er in ihrer Jugend wahrſchein⸗ lich einmal das Ziel ihrer Wünſche geweſen— das Alter hatte ſich daran feſtgeklammert, und unter den breiten, wunderlich geformten und mit ein paar künſt⸗ lichen, aber ſelbſt in der Kunſt verblichenen und zer⸗ drückten Blumen geſchmückten Seitenwänden deſſelben hingen die grauen langen Haare wirr hervor. Der Hut diente ihr gegen Sonnenbrand und Zug⸗ luft, am Tag wie Abends, bis ſie ihr Mattenlager in einem Winkel der Hütte ſuchte, über das ſie jedoch ein weites und gut in Stand gehaltenes Mosquito⸗ netz geſpannt ließ; der Rock jedoch war unſtreitig nicht ihr Eigenthum, oder wenn doch, jedenfalls nur getheiltes, und Murphy, der wahrſcheinlich frühere Beſitzer ſchien ſeine Anſprüche daran keineswegs auf⸗ gegeben zu haben. Abends oder in Zeit der Kühle, bei Regenwetter oder ſonſtigen Witterungsfällen, wo überhaupt das Tragen eines ſolchen Rocks unter die⸗ ſer Breite eine Entſchuldigung fand, und nur den ge⸗ ringſten Grad von Befriedigung gewähren konnte, hatte ſich freilich Mütterchen Tot darin eingeknöpft, und wollte Murphy dem Rechte des Beſitzes nicht ganz entſagen, ſo mußte er den Sonnenſchein benutzen — und das that er auch.— Jeden Tag wenigſtens einmal, machte er den verzweifelten Verſuch in den 265 Rock einzufahren, und darin auszuhalten, und blieb darin zum Erſtaunen aller, etwa in der Zeit eintref⸗ fenden Gäſte, bis ihm das Waſſer am ganzen Körper herunter lief, und er das nutzloſe Kleidungsſtück von den Schultern riß, aufpackte, zuſammenrollte und ver⸗ ſuchte in eine Kalebaſſe zu zwingen, was er nach einer Weile ebenfalls wieder aufgab, und ſich dann ſeufzend an ſeine Bibel ſetzte— und der Rock blieb in der Ecke ſo lange liegen bis es Abends kühl wurde und ihn Mütterchen Tot wieder brauchte. Außerdem trug Murphy ein paar ſehr abgenutzte Sommerhoſen, von irgend einem farbloſen dünnen Stoff, ein baumwollenes Hemd, eine gelbgeſtreifte Weſte, ſtatt der fehlenden Knöpfe an den betreffen⸗ den Stellen mit Baſt zugebunden, und eine durch den Jahrelangen Gebrauch ſchon total ſchwarz gebrannte Thonpfeife, die aber gewiſſermaßen mit zu ſeinem Anzug gehörte, und ohne die er eben ſo leicht erſchie⸗ nen wäre, wie ohne die Hoſen oder die Weſte. Nur der alte Filzhut ſchien zum Staat an der Bambus⸗ wand zu hängen, und obgleich er ihn regelmäßig abwiſchte, den Staub davon zu entfernen, erinnerte ſich noch Niemand ihn je darunter geſehen zu haben. Bei Murphy waren die Kleidungsſtücke alle in der Mitte, an Kopf und Beinen ging er barfuß. 4 Murphy war Schuhmacher, aber Fäkürlich nur „ 5 6 r M Au man⸗ 4+ 4¹ 4 266 für Europäer, denen er altes Schuhwerk ausbeſſerte oder, wenn ſie ihm das Leder dazu lieferten, auch Neues fertigte, und wenn die Miſſionaire ihn und ſeine Begleiterin ſchon gewiß lange, des unerlaubten Verkaufs ſpirituoſer Getränke wegen, weiter geſchickt, es wenigſtens nicht ſo unter ihren Augen geduldet hätten, ſo erwies ſich der kleine einäugige Irländer doch auch wieder ſo nützlich, ja manchmal ſogar un⸗ entbehrlich in dieſer Hinſicht, daß ſie das andere Auge zudrückten und ihn lieber duldeten als ſich in den Fall geſetzt ſehen wollten ihre Kundſchaft einem dort kürzlich hingezogenen katholiſchen Schuh⸗ macher zuzuwenden. Murphy fühlte auch eine gewiſſe Verehrung für dieſe Männer, die ihm, weniger viel⸗ leicht durch ihr ſonſtiges Weſen und ihre Predigten, als durch ihre fabelhafte Kenntniß der Bibel impo⸗ nirten, und bediente ſie ſtets auf das das prompteſte. Da aber geſchah es— wie überhaupt bei vielen anderen Gelegenheiten— wo er mit Mütterchen Tot auf das bösartigſte zuſammenkam, denn wenn ſie irgend etwas haßte auf der Welt, ſo war es, ihren eigenen Wor⸗ ten nach, ein„ſchwarzröckiger Miſſionair“. Oeffent⸗ lich durfte ſte aber freilich Nichts gegen ſie unterneh⸗ men, als höͤchſtens ſchimpfen wenn ſie ſich unter ihren Freunden befand, aber heimlich ließ ſie auch dafür keine Gelegenheit verſtreichen ihnen irgend einen 267 Schabernak zu ſpielen, und die zerbrochenen Brandy⸗ flaſchen welche die frommen Männer nicht ſelten Morgens in ihrem Garten fanden, waren Kleinig⸗ keit gegen die ſcharfen Zwecken die ſie ihnen ſicher irgendwo in die Sohlen trieb, wenn Murphy nur die Augen von einem fertigen Schuh verwandte. Nur der alleinige Mangel an Concurrenz war im Stande geweſen, dem kleinen Iren die Kundſchaft bis jetzt zu erhalten. Mütterchen Tots Hauptgeſchäft war eigentlich der verbotene Brandyverkauf an die Indianer, den ſie, trotz Conſuln und Miſſionairen, trotz Spioniren und Wachen der„Kirchenvorſtände“ in vollem ununter⸗ brochenen Gang zu halten wußte, und dabei eine Menge Geld verdiente, von dem kein Menſch wußte. wohin es kam, und deſſen Verſteck aufzufinden ſelbſt Murphys Scharfſinn bis jetzt entgangen war. Von den Indianern bekam ſie nur theilweiſe baar Geld, das jene von den Europäern für Produkte gelöſt, aber ſie nahm auch alles Andere, Cocosnüſſe und Früchte, ſüße Kartoffeln, Hühner, Ferkel, Matten, Tapa, Co⸗ cosöl, Perlmutterſchaalen, Perlen; was ihr gebracht wurde, es war einerlei, und ſie wußte es wieder zu den höchſten Preiſen an die Schiffe, von denen ſie ihre Spirituoſen bezog, abzuſetzen. Auch zu dem Schmuggeln derſelben hatte ſie wieder ihre beſonderen 268 Leute, großentheils unter den Europäern, und dieſe gerade waren wiederum mit ihre beſte Kundſchaft. Doch wir finden noch eine hübſche Geſellſchaft in „Mütterchen Tot's Hotel“, wie die Bambushütte von ihren Gäſten ſowohl wie ganz Papetee genannt wurde, verſammelt, und die alte Dame ſelber in beſter Laune, denn gerade heute war ihr wieder ein guter Wurf gelungen, und eine ganze Parthie neu eingeführten Rum und Brandys glücklich in ihrem„Verſteck“ ge⸗ borgen worden, was ſie auch wohl mit der klug be⸗ nutzten politiſchen Aufregung zu danken hatte, die beide Partheien zu viel beſchäftigte ihre Aufmerkſam⸗ keit ſo vollkommen dem ſonſt ſcharf genug bewachten Strande zuzuwenden. In der Mitte des Hauſes ſtand auf einem leich⸗ ten Bambusgeſtell eine ziemlich tiefe kleine eiſerne Pfanne in der, aus dem flüſſigen Cocosnußöl her⸗ aus, ein rieſiger Docht flammte; auf dem nackten Boden aber umher waren verſchiedene kleine Feuer angemacht und mit faulem Holz oder feuchtem Laub beworfen, nur um Qualm zu erzeugen und die Abends ziemlich läſtigen Mosquitos fern zu halten. In die⸗ ſem Rauch, und bei dem ungewiſſen Licht des flackern⸗ den Dochts ſaßen, oder kauerten vielmehr auf den niederen Seſſeln, zehn oder zwölf Männer, Weiße und Indianer, mit drei oder vier Indianiſchen Mäd⸗ * 269 chen zwiſchen ſich, in buntem Gemiſch zuſammen, während im Kreis zwiſchen ihnen eine noch halb volle Flaſche herumging, aus der ſich Jeder, wenn er Be⸗ darf fühlte, die vor ihm ſtehende Cocosſchale füllte und die Flaſche dann weiter ſchickte. Mrs. Tot ſaß unfern davon, wieder in Murphys weißen Rock ein⸗ geknöpft, auf einem ordentlichen Rohrſtuhl, der ſie den ganzen Kreis bequem überſchauen ließ, und Mur⸗ phy ſelber lehnte in ſeinem gewöhnlichen Winkel, wo er ein beſonderes Licht in einer Cocosnußſchaale bren⸗ nen hatte, drückte den Kopf an die Wand und ſchlief — in wiefern das Schlaf genannt werden konnte, wenn ſich Jemand mit geſchloſſenen Augen, nur blind⸗ lings, aber ununterbrochen, der auf ihn einſtürmenden Mosquitos zu erwehren ſuchte. Die Unterhaltung war indeſſen lebendig genug geführt worden, hatte aber meiſt gleichgültigen Ge⸗ genſtänden gegolten, in die die Mädchen hinein lach⸗ ten und tollten, den Männern die Flaſche wegnah⸗ men und ſie perſteckten, und ſogar Murphy in ſeiner Ecke mit einer Feder unter der Naſe kitzelten, was ihn zwang entſetzliche Geſichter zu ſchneiden und mit den Händen, zu ihrem unbeſchreiblichen Ergötzen, raſch und heftig nach dem angegriffenen Theil zu fahren. Sie blieben dabei immer„zu windwärts von ihm“, wie ſie's in ihrer Sprache nannten, d. h. an . 270 ſeiner blinden Seite, an der ſie am wenigſten eine raſche Entdeckung zu fürchten hatten, und trieben es ſo arg mit ihm, bis er zuletzt, ohne jedoch ſeine liſti⸗ gen wie boshaften Quälerinnen zu entdecken, munter wurde, ſich die Augen(ſelbſt das blinde dieſer Ope⸗ ration unterwerfend) ausrieb, und mit einem halb⸗ laut gemurmelten Fluch auf die Mosquitos ſeine Lampe wieder ein wenig auffriſchte, daß ſie heller brannte. „Und Ihr, O'Flannagan, mein Juwel,“ miſchte ſich jetzt die Alte hinein, die auf dem Stuhl zuſam- mengekauert, die Füße halb heraufgezogen und die zuſammengeſchlagenen Arme gegen die Knie gelehnt, dem Geſpräch theils behaglich zugehört, theils das Kreiſen der Flaſche beobachtet, auch wohl einmal auf⸗ merkſam über den Lärm hinübergehorcht hatte, ob ſie draußen kein verdächtiges Geräuſch vernehme—„Ihr wollt jetzt wieder eine Zeitlang auf der ſüßen Inſel bleiben?— ſegne Euere Augen Kind, Ihr hättet zu keiner gelegneren Zeit herüber kommen können, im ganzen gebenedeiten Kalenderjahr— laßt mir jetzt den Narren da drüben zufrieden, Ihr Dirnen, oder ich hetze ihn über Euch, g'rad wenn er aufwacht— Wespenzeug.“ „Hallo Mutter Tot iſt heute Abend böſer Laune,“ rief Eine der Mädchen trotzig—„ſollen wohl ruhig 271 hier ſitzen im qualmigen Neſt— ehrbar wie in der Predigt? Kommt Waihines, draußen im Freien iſt's beſſer, laßt ſich die Schildkröte am Feuer räuchern.“ Und lachend, die Melodie ihres Tanzes trällernd, zu dem ſie mit den Füßen den Takt ſchlug, ſprang ſie, von den übrigen begleitet, denen der größte Theil der Matroſen ebenfalls, theils fluchend theils lachend folgte, hinaus in's Freie. „Das glaub' ich, Mütterchen;“ brummte indeß unſer alter Bekannter vom Strande, ohne ſich weiter um den Lärm der Fortſpringenden zu kehren, nnatür⸗ lich, um gleich wieder die paar kaum verdienten Schil linge, und wer weiß was ſonſt noch, zu riskiren, Dir Deinen Wintervorrath an„Bergthau“ einzulegen?“ „Bah, Mann, es war keine Kunſt den Brannt⸗ wein an Land zu ſchaffen,“ brummte aber die Alte kopſſchüttelnd, nund das Geld dießmal mit Sünden verdient— kein Menſch ſchaute danach, und ich hätte ihn ſelber wollen im Canoe an Land und hier herauf bringen, wenn der Narr von einem Schuſter da in der Ecke nur für irgend was anderes noch, als aus⸗ einandergegangenes Leder zu flicken, gut wäͤre.“ Murphy, der munter genug geworden war die letzten Worte wie ihre ſchmerzhafte Anſpielung zu verſtehen, knurrte nur etwas in den Bart, erwiederte aber Nichts, und fing ſich an ſeine Pfeife zu ſtopfen, 1 mit der er von da an langſam aber ſicher der Nähe der Flaſche zu arbeitete, vor allen Dingen einmal in Armes Länge von ihr zu kommen, und das Weitere dann ſeinem guten Glück zu überlaſſen, denn die Alte gönnte ihm keinen Tropfen ihres Getränks, daß ſie als ihre Privatſpeculation betrachtete, wenn er nicht eben ſo gut wie jeder Andere dafür bezahlte. „Haha Mütterchen,“ lachte aber ſein Landsmann, ohne ſich die Mühe zu nehmen nach dem bezeichneten Individuum umzuſchauen—„nun die Arbeit gethan iſt wollt Ihr ſie herunter ſetzen, ich ſage Euch aber daß Ihr Euch bald die Zeit wieder herbeiwünſchen werdet wo ſie Euch aufpaſſen bis unter Euer Mos⸗ quitonetz, denn wenn die Franzoſen hier doch noch die Ueberhand kriegen, wird der Branntwein ſo billig wie der Limonenſaft, und der Kanaka kann ihn am Strand trinken, im offenen Tageslicht“. „Wenn die Wi⸗Wis nur der Henker holen wollte“ Prurrie die Alte, die heimlich dieſe Beſorgniß ſchon lange theilte,„aber die Engliſchen„Eiſenſeiten“ hal⸗ ten ihnen den Daumen auf's Auge, und ich werde ja den Tag noch erleben, wo wir ſie hinaustreiben ſehen aus der Bai, wie eine Schaar räudiger Hunde.“ „Puh,“ lichtt Eünt der ſchon halb angetrunke⸗ nen Indi ine rutſchte, und ſich, den Schem „ 273 bend, lang ausſtreckte und dehnte zwiſchen die Trin⸗ ker—„puh, die Beretanis nehmen den Mund voll — ſie ſind lauter Worte und kein Brandy— morgen früh kein Schießcanoe mehr im Hafen.“ „Unſinn, Du Saufaus,“ ſchimpfte aber die Alte, einen mürriſchen Blick nach ihm hinüberwerfend,„was weißt Du von den Schießcanoes, daß Du Deine Zunge mit hineinhängſt wenn vernünftige Leute reden.“ „Was ich von den Schießcanoes weiß?“ lallte aber der Inſulaner—„bin d'ran vorbeigefahren heut Abend— Toatiti iſt nicht blind.“ „Der Burſche hat am Ende nicht ſo ganz Un⸗ recht,“ meinte O'Flannagan kopfſchüttelnd—„der ehrwürdige Mr. Pritchard muß gar nicht ſo vortreff⸗ liche Nachrichten mitgebracht haben, ſonſt hätten ſeine Kameraden hier, ſchon einen ganz anderen Lärm ge⸗ ſchlag en, und beſtätigt ſich jetzt das, daß die Englän⸗ der ſegeln, dann haben wir auch in acht Tagen die Franzoſen wieder über dem Hals. Ich weiß nur jetzt nicht recht was man ſich wünſchen ſoll.“ „Daß ſie Beide der Teufel hole!“ knurrte die Alte mürriſch in ihrem wunderlichen Dialekt,„Einer iſt ſo ſehr darauf verſeſſen einer armen alten Frau 8 das Bischen Lebensunterhalt zu entziehen, wie der Andere, und wo die Einen Alles verbieten, erlauben die Andern Alles— ſie Viß ſich Ahrnilih. die größte Gerſtäcker's Tahiti. I. 4 5 27d Mühe die Inſeln nur ſo ſchnell wie möglich zu rui⸗ niren. Aber hab' ich die Wahl, will ich doch noch lieber die Franzoſen als Herren wiſſen, denn Handel treiben die Miſſtonaire auch, und wer von ihnen un⸗ geſchoren bleiben will, muß ihnen dann ihre Kat⸗ tune und Bibeln abkaufen für gutes Cocosnußöl und Perlmutterſchaale; anſtatt ſolch Eigenthum hier anſäſſigen Leuten zu gönnen, klappert's in ihren eige⸗ nen Geldſäcken weiter.“ „Oh laßt Euer nichtsnutziges Indianiſches Ge⸗ wäſch, und redet daß es ein anderer ordentlicher Menſch auch verſtehen kann,“ rief aber hier Einer der Engli⸗ ſchen Matroſen, der Zimmermann der Kitty Clover dazwiſchen, der mit der größten Aufmerkſamkeit Müt⸗ terchen Tots Rede gefolgt war, und um's Leben nicht herausbekommen konnte was ſie eigentlich geſpro⸗ chen—„wer iſt todt und wo brennt's?“ ℳ. „Laßt's gut ſein, Mütterchen,“ beſchwichtigtẽ dieſe O'Flannagan, des Engländers Einrede jedoch ſoweit beachtend, daß er in ſeiner Mutterſprache die Unter⸗ haltung weiter führte,„durch ihr Verbot des Brandy wiegen ſie das Alles wieder auf, und Ihr bleibt noch immer in ihrer Schuld.— Wie viel rechnet Ihr etwa, daß Ihr jährlich an heimlichem Grogverkauf verdient?“ „Zählt einer armen Wittwe. Biſſen die ſie 5 1 8 275 in den Mund ſteckt, heh?“ fuhr ihn aber die Alte an—„daß ich zu leben habe an Brodfrucht und Cocoswaſſer iſt's eben genug, gönnt Ihr mir das etwa auch nicht?— Ihr verdient in einer Nacht mehr durch mich, wie ich durch Euch das ganze Jahr.“ „Haha Mitterchen,“ lachte aber der Ire—„Ihr lernt das Prahlen wohl von den Franzoſen, und da⸗ 3 bei riskirt Ihr ohnedieß auch nicht Euere Haut, und* ſitzt wohl und ſicher hier in Euerem behaglichen Haus, während ſie unſereinem, wenn ſie ihn faßten, viel⸗2 leicht kurzen Proceß machten, ſtatt aller Weitan figkeit.“ „Bah, was riskirt Ihr,“ brummte die Alte ver⸗ ächtlich—„daß ſie Euch einſtecken für ein paar Wo⸗ chen, oder von der Inſel verweiſen dann ſchifft Ihr Euch in Papetee ein, und ſteigt in Papara wieder an Land— es iſt ordentlich erſtaunlich, daß Ihr es unter den Umſtänden wirklich wagt, einmal nach Dunkelwerden noch eine halbe Stunde für funfzig ſchwere ſilberne Dollar zu arbeiten.“ „Ihr redet wie Ihr's verſteht,“ brummte Jim finſter in den Bart—„und ich habe auch gerade keine beſondere Luſt Euch das Ganze hier weitläufig aus einander zu ſetzen; ſoviel aber kann ich Euch verſichern, ich wollte lieber zehntauſendmal mit Eueren glattraſtrten Methodiſten zuſammenrennen, wie mit 4 5 18* 276 den großmäaͤuligen Burſchen, den Franzoſen, und— habe dazu meine ganz abſonderlichen Gründe, die eben Niemand weiter etwas angehen, wie mich ſelber. Wenn das übrigens wahr wird, was Taotiti da ver⸗ muthet, und die Engländer hier wieder klar Fahr⸗ waſſer machen, in das die Franzmänner nachher mit fliegenden Fahnen einziehen, dann weiß meiner Mut⸗ ter Sohn was er zu thun hat, und jede andere Inſel iſt dann für mich bequemer wie Tahiti— Ihr könnt mir vielleicht eine Empfehlung nach Neu⸗Seeland mitgeben Mütterchen, wie?“ Murphy verzog bei dieſen Worten das Geſicht zu einem breiten Grinſen, Mütterchen Tot wurde aber böſe, und begann eben mit einer vollen Ladung Schimpf⸗ wörter gegen den heimlichen, aber deſto boshafteren Angriff des Iren, als draußen ein leiſes Pfeifen ge⸗ hört wurde, und Mrs. Tot ſowohl, wie Jim alles Andere in dem einen Gefühl größter Wachſamkeit vergaßen. „Hallo was iſt das,“ ſagte Jim, ſtand auf von ſeinem Sitz, und zog ſich langſam nach einem entle⸗ generen Theil der Hütte hin, während Toatiti die gerade vor ihm ſtehende Flaſche zuſtöpſelte, und unter ſich ſchob, von wo ſie Murphy, der jetzt recht gut den paſſendſten Zeitpunkt wußte, eben ſo raſch wieder — — 277 entfernte, und damit auf ſeinen Platz zurückglitt— „da kommt Jemand.“ „Das war To⸗to's Zeichen,“ flüſterte die Alte, vorſichtig die Hand vor die Flamme haltend, darüber hinwegſchauen und den gleich erkennen zu können der ihre Hütte noch zu dieſer ſpäten Stunde betreten würde—„Toatiti, wahr' Deine Flaſche.“ „Wahr meine Flaſche?“ knurrte der Indianer, auf dem Platz herumfühlend wo er ſie verborgen— „das haben Andere gethan— Oro's Zorn über ſte.“ In dieſem Augenblick öffnete ſich aber die niedere Bambusthür, und von dem auf Wacht draußen po⸗ ſtirten Inſulaner dicht gefolgt, betrat, den Hut tief in die Augen gedrückt, ein Matroſe den inneren Raum, blieb in der Thüre ſtehen, ſich erſt zu orientiren in was für Geſellſchaft er eigentlich kam, und ſchritt dann, wie mit einem Blick um ſich her vollkommen zufriedengeſtellt, zur Flamme. Hier warf er den Hut ab, ſetzte ſich auf einen der leeren Schemel nieder, und fing an ſeine Thonpfeife ſo ruhig zu ſtopfen, als ob er von klein auf hierher gehört hätte, und gar nicht beabſichtigte je wieder einen ſo angenehmen Platz zu verlaſſen. 4 Niemand in der Hütte war übrigens mit größe⸗ rem Erſtaunen dieſen Bewegungen des Beſuchs— der für ihn kein fremder ſchien— gefolgt, als Mr. O'Flannagan, der in dem ſpäten Wanderer mit einer keineswegs freudigen Ueberraſchung ſeinen früheren alten Spießgeſellen, Jack, von der Jeanne d'Arc, erkannte, und ſich dabei recht gut bewußt war, daß er ihn halb und halb ſelber eingeladen, an Land zu kommen. „Well Jim,“ begann dieſer würdige Mann, nach⸗ dem er ſich die Pfeife angebrannt, während die An⸗ deren ihm ſchweigend, und durch ſeine Kaltblütigkeit wirklich überraſcht, zuſchauten—„wie geht's heut' Abend, was ſtehſt Du denn dahinten in der Ecke? — habt Ihr Nichts zu trinken hier?“ „Hol mich dieſer und Jener“ brummte aber Jim, der jetzt langſam vorkam, und ſeinen alten Platz wie⸗ der einnahm,„wenn das nicht Jack iſt von der Jeanne, nun mein Junge, haſt Du den Platz hier wirklich aufgefunden, und wo willſt Du hin?““ „Freundlicher Empfang das, bei Jingo,“ lachte Jack—„hallo Mate da drüben, wenn Du mit der Flaſche fertig biſt, lang' ſie mir einmal herüber.“ Die Anrede galt Murphy, der ſich in dieſem Au⸗ genblick unbeobachtet genug geglaubt, einen heim⸗ lichen Angriff auf die erbeutete Flaſche wagen zu dürfen, und jetzt erſchreckt abſetzte und eine faſt un⸗ willkürliche Bewegung machte das corpus delicti- raſch wieder, und bis zu geeigneterer Zeit zu verbergen, 8 279 Toatiti war aber indeſſen auch aufmerkſam geworden, und in die Höh ſpringend und mit dem Rufe: Hallo, weißer Mann— hat meine Flaſche,“ holtt er ſich ſein Eigenthum wieder, mit dem er jedoch die gefähr⸗ liche Nachbarſchaft des neugekommenen Fremden eben⸗ falls mied, und ſich ſeinen Platz am anderen Ende der Hütte ſuchte. Jim reichte Jack indeſſen eine an⸗ dere Flaſche hinüber. „Und wer ſeid Ihr, wenn man fragen darf, mein feiner Herr?“ ſagte aber jetzt Mütterchen Tot, mit noch immer etwas vorſichtig gedämpfter Stimme, als ob ſie nicht recht traue daß nicht vielleicht noch eine andere Geſellſchaft draußen an der Hütte ſtehen könne —„Ihr kommt hier gerade ſo breitbeinig herein, als ob Ihr mit zum Haus gehörtet, und müßt doch wiſ⸗ ſen daß ich, den ſtreng gehaltenen Geſetzen der Inſel nach, keinen Fremden über Nacht bei mir beherbergen darf, ſelbſt wenn ich ihn kenne, was bei Euch aber nicht einmal der Fall iſt. „Wer ich bin?— hm, Jim da drüben wird Euch das am beſten erzählen können, wenn er ſonſt Luſt dazu hat,“ lachte der Matroſe, zum erſten Mal wie⸗ der abſetzend mit der Flaſche, und ſich das Naß aus dem Bart ſtreichend. „Aber wo kommſt Du noch her ſo ſpät in der Nacht,“ frug jetzt Jim ſelber, und wie in der Welt 280 haſt Du den ſchmalen Pfad durch die Guiaven ver⸗ folgen können?“ „Verdammt wenig hab' ich überhaupt von einem Pfad geſpürt,“ lachte der Seemann,„nein Kamerad, einen nichtswürdigen Kreuzzug habe ich durch das niederträchtige Buſchwerk hier gemacht nach allen Strichen und Himmelsgegenden zu, und bin auf und ab lavirt, bis ich mich eben bereit machte die Nacht unter Gottes freiem Himmel zuzubringen, als ich noch zum guten Glück Euer freundliches Licht durch die Büſche ſchimmern ſah, und nun vor dem Wind Cours halten konnte, bis ich das leiſe Pfeifen des Burſchen da hörte, der mich noch immer ſo verſtört und mißtrauiſch anſieht, als ob ich ihm alle Augen⸗ blicke wieder davon laufen wolle. Hab' keine Angſt, mein Junge, der Brandy iſt vortrefflich, und hier ſucht mich doch kein Teufel, wenigſtens nicht bis es Tag wird, und man ſich nicht mehr in den ſtachlichen Orangengebüſchen die Fetzen vom Leib, ja die Haut von den Knochen reißt.“ „Du biſt derſertirt?“ frug O'Flannagan raſch. „Deſertirt?“ ſchrie die Alte, von ihrem Sitz auf⸗ ſpringend—„und halt' ich ein Verſteck hier, für ent⸗ laufene Matroſen? was wollt Ihr da hier?— wes⸗ halb ſeid Ihr hier hergekommen?“ „Pſt, pſt Alte,“ ſuchte ſie Jack aber wieder zu beruhigen, und die Flaſche vorher noch einmal gegen das Licht haltend, that er einen zweiten Zug, der eben nicht viel für einen dritten übrig ließ— ht ſolchen Lärm einer Kleinigkeit wegen; das haben beſſere Männer vor mir gethan— Wetter noch ein⸗ mal, der Brandy iſt famos, und ich wollte die Flaſche hier hätte eine Schweſter.“ „Aber ſie haben Dich noch nicht vermißt?“ ſagte Jim, ihn über das Licht aufmerkſam betrachtend, „denn ich will doch nicht hoffen daß Du eben, von den Spürhunden gehetzt, hier nur ſo zu Bau ge⸗ krochen biſt.“ „Der Vergleich könnte paſſen,“ ſchmunzelte Jack, wie mit ſich ſelber zufrieden;„erſt mit Dunkelwerden haben ſie meine Spur in den Guiaven verloren, und ich kann's ihnen nicht übel nehmen, denn ich wußte 1 ſelber nicht mehr wo ich war— wie ſollten ſie's.“ „Da haben wir's!“ rief aber die Alte in Zorn und Grimm mit der rechten Fauſt in ihre linke offene Hand ſchlagend;„wegen dem fortgelaufenen Lump ſoll ich mir hier das Dach über dem Kopf niederrei⸗ ßen und mich wieder hinaus in alle Welt jagen laſ⸗ ſen? weiter fehlte mir Nichts— hinaus mit Dir mein Burſche, hinaus ſo ſchnell Du gekommen biſt, oder ich laſſe Dich binden und knebeln und ſelber wieder auf Dein Schiff zurückliefern, wohin Du ge⸗ hörſt, und das Du⸗ cben nicht hätteſt verlaſſen ſollen. errliche Gat undſchaf hier auf der Inſel,“ lachte Jack, ohne a er auch nur die mindeſte Bewe⸗ gung zu machen, als ob er dem Befehl Folge leiſten wolle—„patriarchaliſche Freundſchaft das, hol' mich der Böſe— ſie ſagen's Einem doch erſt ganz höflich, ehe ſie Einen wieder hinauswerfrn. Nun Jim, wie iſt's?— willſt Du mich nicht lieber wieder an Bord zurückſchicken laſſen?— Du weißt, ich könnte nachher gar keine Geſchichte erzählen, Gott bewahre, nicht die mindeſte.“ „Unſinn,“ knurrte der Ire,„es wäre mir ver⸗ dammt egal was Du, einmal erſt wieder an Bord, erzählen oder erfinden könnteſt— na, ich weiß ſchon was Du ſagen willſt; die Alte hat aber in einer Hin⸗ ſicht recht, hier kannſt Du nicht bleiben, und ich auch nicht, wenn ſie Dich wirklich bis an die Guia⸗ ven verfolgt haben, denn dann ſtöbern ſie auch, von ein oder dem andern frommen Indianer geführt, die dabei ein gutes Werk zu thun glauben, dieſe Hütte noch vor Tagesanbruch auf, und könnten uns dabei im beſten Schlaf erwiſchen.“) „Hol ſie der Teufel!“ rief Jack finſter—„ſie mögen thun was ſie nicht laſſen können, aber meiner Mutter Sohn geht heute Nacht nicht wieder allein 283 in die Guiaven hinaus, und wenn ich die ganze Mannſchaft der Jeanne d'Arc hinter mir wüßte.— Wenn Ihr mich aus dem Weg haben wollt, verſteckt mich hier irgendwo, ich bin müde wie ein gehetzter Wolf und will ſchlafen; kommen die Monſteurs nach⸗ her wirklich noch hierher, was ich aber doch ſtark be⸗ zweifeln möchte, ſo kann ſie die alte würdige Dame da, mit dem allerliebſten Hut auf und dem gewiß höchſt modernen Anzug, leicht genug auf eine falſche Fährte bringen— ſo, jetzt wißt Ihr das Kurze und Lange davon.“ Mütterchen Tot, der vielleicht in ihrer ganzen jahrzehnte langen Praris ein ſolches Beiſpiel von keckem Trotz, ihr gegenüber noch nicht vorgekommen war, ſtand im erſten Augenblick wirklich ſtarr vor Ueberraſchung— jedenfalls ſprachlos, dann aber war ſie eben im Begriff wie Gottes Zorn über den Un⸗ verſchämten hereinzubrechen, der ihr hier in ihrer eige⸗ nen Hütte zu trotzen, ja ſie zu verhöhnen wagte, als Jim dazwiſchen trat, und ſie zurückhaltend den Arm des Matroſen faßte und dieſen bei Seite zog. „Was will der Menſch hier?“ kreiſchte jetzt aber das gereizte Weib mit lauter, gellender Stimme, ziem⸗ lich unbekümmert wie es ſchien, wie viel Specktakel ſie mache—„was thut er hier, was ſucht er bei mir, daß er—“ 284 „Halt Mütterchen,“ rief aber Jim raſch und hef⸗ tig ſte unterbrechend, und den Arm drohend gegen ſie aufgehoben—„halt, oder Du ſchreiſt Dich ſelber um den Hals— der hier iſt ein alter Kamerad von mir, und ich werde ihn nicht in der Patſche ſitzen laſſen.“ „Aber hier in meinem Hauſe—“ „Ruhig Mütterchen— hier im Haus ſoll und kann er auch nicht bleiben— Du brauchſt Dir des⸗ halb keine Sorge zu machen; und Du, Jack,“ wandte ſich Jim jetzt gegen dieſen, der ziemlich geduldig das Ende der Unterhaltung zu erwarten ſchien—„Du ſtehſt hier auf gefährlicherem Boden als Du wahr⸗ ſcheinlich vermutheſt, und je eher Du aus dem Schein dieſes Lichts kommſt, deſto beſſer fir Dich— vielleicht für uns alle Beide. „Aber wie zum Teufel kann ich fort?“ rief der Matroſe ärgerlich,„das Dickicht draußen iſt ordent⸗ lich zugewachſen, und mit dem Licht ſchon in Sicht, habe ich meinen Weg noch gewiß eine halbe Stunde förmlich durcharbeiten müſſen, nur den Platz hier zu erreichen.“ „Du ſollſt auch nicht allein n grhen, unterbrach ihn Jim,„denn wir müſſen Dich eine ganze Strecke weit inland bringen, wenn Du es nicht lieber vor⸗ ziehſt in der Nähe vom Strand zu bleiben und mit erſter Gelegenheit in einem Canoe nach irgend einer anderen Inſel überzuſetzen.“ „Nein nein— danke,“ ſagte Jack nach kurzem Ueberlegen—„draußen in See iſt langſames und unſicheres Fortkommen, und der Henker traue den verſchiedenen Fregatten die jetzt im Ein⸗ oder Aus⸗ laufen ſind; ſie könnten Einem jeden Augenblick über den Hals kommen, und— neugierig ſind ſie alle. Nein, ich will's jedenfalls erſt einmal eine kurze Zeit hier in den Bergen verſuchen— auf Salzwaſſer komme ich noch immer zeitig genug.“ „Gut, dann ſoll Dich Toatiti in die Berge brin⸗ gen,“ ſagte Jim nach einigem Nachdenken, und zwar in Tahitiſcher Sprache, mehr zu dem Indianer ſelber, als zu Jack gewandt.“ „Toatiti wird ſich hüten,“ knurrte aber dieſer, ſeine Stellung beibehaltend und ſich nur etwas mehr auf die Seite hinüberdrehend,„Toatiti liegt hier aus⸗ gezeichnet und iſt ſehr durſtig.“ „Schwamm!“ ziſchte der Ire zwiſchen den zu⸗ ſammengebiſſenen Zähnen durch, aber er wußte auch daß mit den Inſulanern, wenn ſie einmal keine Luſt hatten, Nichts zu machen war, weder in Gutem noch Böſen, und deshalb den anderen jungen Burſchen zu ſich winkend, flüſterte er ihm etwas in's Ohr— irgend ein Verſprechen, ſeine Faulheit zu beſchwören, 286 und mußte ihm dabei ſo dringend zugeredet haben, daß er wirklich ſeine Tapa feſter um ſich her zog, die Haare aus dem Geſicht ſchüttelte und ſich bereit zeigte den Weißen„aus dem Weg“ zu führen. Der Inſulaner der Siüddſee iſt eigentlich nicht faul— wir haben wenigſtens kein Recht für ihn, dem die Natur Alles gegeben was er braucht, wenn er nur die Hand danach ausſtreckt, eine eben ſolche Thätigkeit zu verlangen, wie ſie unſer ganzes Klima, unſer Boden, unſer übervölkerter Staat ſchon zur Be⸗ dingung unſerer Eriſtenz gemacht, und uns alſo auch damit jedes Verdienſt genommen hat, ſie uns ange⸗ eignet zu haben— wir können einmal nicht ohne ſie leben, und deshalb auch nicht mit ihr prahlen. Es würde ebenſo wenig Einem unſerer reichen Leute, unſerer Rentiers und Capitaliſten einfallen Holz zu hacken oder Straßen zu bauen mit Schaufel und Spitzhacke—„wir brauchen es nicht“ ſagen ſie achſel⸗ zuckend,„dafür haben wir unſere Leute.“ Daſſelbe ſagt der Inſulaner—„ich brauche es nicht“, oder wenn er's nicht ſagt liegt es in jeder Muskel ſeines Geſichts, in jedem Nerv ſeines Körpers. Der Brod⸗ fruchtbaum ernährt ihn, und tauſend andere Frucht⸗ bäume ſchütteln ihm ſelber das lururiöſeſte Mahl auf den Boden nieder; nur die Kleidung wurde früher von den Frauen und Mädchen aus der Rinde gewiſſer 287 Bäume herausgeſchlagen, und dieſer einzig nöthigen Beſchäftigung widmete wenigſtens der weibliche Theil der Bevölkerung einige Zeit; aber ſelbſt das iſt jetzt, ſehr zum Schaden der Inſulaner, durch die erſt von den Miſſionairen und ſpäter von anderen Europäern eingeführten Cattune unnöthig gemacht und aufge⸗ hoben, und die Miſſionaire ſelber verkauften ihnen die Europäiſchen Stoffe, die ihnen durch ihre bunten Farben gefielen, um einen Tauſchartikel zu haben, für den ſie ihren eigenen Lebensunterhalt, wie anderes was ſie zur Bequemlichkeit ihrer Exiſtenz gebrauchten, bekommen konnten. Den Frauen wurde damit die letzte nützliche Beſchäftigung genommen, und Bibel⸗ leſen, das ihnen dafür Erſatz geben ſollte, konnte ſie natürlich nur ſo lange feſſeln, als es eben den Reiz der Neuheit für ſie hatte. Was kümmerten ſie die Sagen eines Volks von dem ſie nicht einmal einen Begriff hatten wo und wann es eriſtirt, und jetzt ge⸗ rade, wo das Glauben an die Wunder ihrer eigenen Götter durch die fremden Männer erſchüttert, ja über den Haufen geworfen worden, ſollten ſie da gleich gläubig und vertrauungsvoll zu noch viel wunderba⸗ reren Sachen aufſchauen?— Ach was— die Sonne reifte ihre Früchte noch wie je— im Schatten ihrer wundervollen Wälder ruhte ſich's ſo kühl wie ſonſt, und der Zukunft . 288 träumte es ſich viel eher, wenigſtens viel leichter entgegen, als daß ſie die Hand hätten„an den Pflug“ legen ſollen, wie es die Miſſionaire fortwährend von ihnen verlangten. Wer etwas von ihnen haben wollte mußte es gut bezahlen— dann thaten ſie es vielleicht; aber gezwungen wollten ſie noch immer nicht dazu werden. „Und wo führt er mich hin?“ ſagte Jack mit einem leiſen Anflug von Mißtrauen als er ſah, wie ſich der Indianer fertig machte ihn zu begleiten,„hab ich weit zu gehen?“ „u einem Haus in den Bergen,“ erwiederte Jim, ihm die Worte leiſe zuflüſternd—„ſelbſt Müt⸗ terchen Tot braucht den Ort nicht zu wiſſen, obgleich ſie Keinen verrathen würde, von dem ſie nicht ſelber gleichen Liebesdienſt fürchten müßte— der Platz liegt kaum eine halbe Meile von hier entfernt, aber ſicher verſteckt, und iſt wenigſtens nicht, wie der hier, als heimlicher Schlupfwinkel entlaufener Matroſen in ganz Papetee, ja auf der ganzen Inſel, berüchtigt— biſt Du fertig?“ „Brauch' ich etwa andere Vorbereitungen,“ lachte Jack,„als meine Jacke wieder zuzuknöpfen?— aber die Flaſche hier nehme ich mit, es iſt immer noch ein Tropfen darin, und der Nebel liegt dicht auf den Bergen. Und nun ade, Mütterchen, und vergelt' leichte Bambusthür wieder hinter den Beiden ⸗ 289 Dir Gott die freundliche Bewirthung— bis ich's vielleicht einmal im Stande bin. Und Du, Kame⸗ rad?“ wandte er ſich plötzlich noch gegen den Mann von der Kitty Clover, der die ganze Zeit, ſeit Jack die Hütte betreten, keine Sylbe geſprochen, und den fremden Geſellen nur manchmal, wenn das unbemerkt geſchehen konnte, unter ſeinem Hutrand vor beobachtet hatte,„haſt Du nicht vielleicht Luſt einen Abend⸗ ſpatziergang mitzumachen?— s'iſt verdammt lang⸗ weilige Arbeit ſo allein mit einer Rothhaut draußen in den Büſchen herumzukriechen.“ „Danke,“ brummte aber der Matroſe ohne aufzu⸗ ſehen—„befinde mich g'rade hier wohl wo ich bin.“ „Auch gut,“ brummte der Andere finſter—„ beſſer keine Geſellſchaft wie ſchlechte,“ und mit einem kurzen Gruß nach Jim hinüber, winkte er ſeinem Führer und verließ raſch und mürriſch das Haus. Nicht ein Wort wurde geſprochen, als ſich die und die Zurückbleibenden horchten viele Minuten l ng lautlos und aufmerkſam den, bald in der Ferne ver⸗ hallenden Schritten. Der Mann von der Kitty Clo⸗ ver, Bob mit Namen, brach zuerſt das Schweigen wieder, und ſich mit finſter zuſammengezogenen Brauen den Hut aus der Stirn rückend brummte er, mehr mit ſich ſelbſt als zu den Anderen redend, und die Gerſtäcker's Tahiti. II. 19 letzten Worte des wunderlichen Burſchen wiederho⸗ lend, der hier ſo plötzlich zwiſchen ihnen aufgetaucht und verſchwunden war: „Beſſer keine Geſellſchaft wie ſchlechte?— Wetter Kamerad, Du würdeſt weit in der Welt herumſuchen müſſen, wenn Du ſchlechtere finden wollteſt wie Dein eigenes ſüßes Ich.“ „Kennt Ihr ihn?“ frug Iim raſch, ſich zugleich nach dem Sprecher umdrehend. „ Vielleicht nicht ſo gut wie Ihr, lachte dieſer trocken,„aber immer doch gut genug froh zu ſein, daß ihm mein Geſicht nicht gerade alte Scenen in's Gedächtniß zurückrief. Wir waren vor gar nicht ſo langen Jahren Schiffskameraden, ja Vortopgäſte zu⸗ ſammen, und er wurde gepeitſcht und ſpäter in Ket⸗ ten an Land geſchafft, weil er das M. und D. nicht von einander zu unterſcheiden wußte.“ „Das M. und D.?“ ſagte Jim erſtaunt. „Nun das Mein und Dein,“ lachte der Wallfiſch⸗ fänger,„aber noch ſchlimmere Sachen wurden ihm zur Laſt gelegt, und ein halbes Wunder nur rettete ihn damals von der Raanocke— verdient hatte er ſte ſchon zehnmal.“ „Aufgepaßt!“ flüſterte da die Stimme der Alten raſch und vorſichtig dazwiſchen—„aufgepaßt, drau⸗ ßen ſind wieder Schritte die da nicht hingehören— —— und der faule Gauch von einem Schuſter kauert da wahrhaftig wieder hinter ſeiner dickleibigen Bibel und ſchmiert die Seiten voll Cocosöl— hinaus mit Dir, Menſchenkind, wohin Du gehörſt, und daß doch der Böſe mit Dir und dem Buch davonflöge.“ Murphy ſchien allerdings vollſtändig ausgeſchla⸗ fen zu haben, und hatte ſich, da ihm die Flaſche wie⸗ der abhanden gekommen, ſeinen allnächtlichen Tröſter, die Bibel, vom Geſims geholt, über der er bei dem matten Licht der unſteten Flamme brütete. Mütter⸗ chen Tot's Zornrede ſtörte ihn nun allerdings etwas in dieſer löblichen Beſchäftigung, aber theils ärgerlich gemacht durch den Verluſt des Brandy, theils durch die unermüdlichen Angriffe der Mosquiten, derer er ſich heute Abend kaum erwehren konnte, war ein ſonſt an ihm kaum denkbarer Geiſt, der Geiſt des Wider⸗ ſpruchs, in ihn gefahren, und mürriſch über das Buch und das Licht wegſehend rief er mit ſeiner feinen, jetzt rgerlich erregten Stimme: „Ach zum Henker, ich habe draußen Nichts zu ſuchen, und wenn man Einen wie einen Menſchen behandelte, könnte man auch wie ein Menſch exiſti⸗ ren. Laß die aufpaſſen die ſich vor was zu fürchten haben; Murphy hat ein gutes Gewiſſen und ſitzt hier lange gut.“ „Nun das hat mir noch gefehlt!“ ſchrie Müt⸗ 19* 292 terchen Tot, von ihrem Sitz empor und auf den Rebellen zufahrend, der nur eben Zeit genug behielt das Geſtell mit der Lampe zwiſchen ſich und die Me⸗ gäre zu bringen. Mütterchen Tot ſchien aber ſeine Taktik ſchon zu kennen, und mit einem Griff ihrer langen Arme um die Flamme herumgreifend erwiſchte ſie das Buch, hob es mit beiden Armen auf und ſchleuderte es blitzesſchnell und mit einem ingrimmi⸗ gen Fluch nach dem Kopf des kleinen Schuſters, der nur durch raſches Untertauchen dem nicht unbeträcht⸗ lichen Gewicht des Bandes entgehen konnte.„Da,“ ſchrie ſie dabei, kirſchroth vor Wuth—„da Du Lump, da nimm das und ſtudier's, und nun hinaus mit Dir, oder ſo wahr da oben der Mond am Him⸗ mel ſteht, ich gieße Dir das heiße Cocosöl über den Leib, und brühe Dich wie ein unreines Schwein das Du biſt— Du— Du Lederſtecher Du.“ 3 „Zum Teufel noch einmal, Mütterchen,“ rief aber Jim jetzt dazwiſchen, der ſich indeſſen ebenfalls zum Fortgehen bereit gemacht, und ſeine Jacke zugeknöpft, ſeinen Hut aufgeſetzt hatte—„laßt den Lärm hier, Ihr macht ja einen Skandal, daß die Hunde am Strand an zu bellen fangen. Mir wird's unheimlich hier drin, und ich ſuche mir lieber ein ſtilleres Quar⸗ tier. Komm Kamerad, ich will Dich noch in gute Geſellſchaft bringen, heut' Abend, und morgen früh 293 dann— Teufel!“ unterbrach er ſich aber raſch und erſchreckt, denn draußen raſſelten plötzlich, wie auf ein gegebenes Kommando, eine Anzahl Gewehrkolben auf den Boden, dicht an dem Eingang der Hütte nieder, und die Stimme eines Befehlenden in Franzöſiſcher Sprache wurde laut: „Zwei von Euch um das Haus herum, ob es noch einen anderen Eingang hat, und Ihr hier bleibt an der Thür; was mit Gewalt hindurch will den ſtoßt Ihr nieder— Feuer auf jeden Flüchtling.“ „Alle Wetter,“ brummte Bob, jetzt ebenfalls auf⸗ ſpringend, und ſeine Segeltuch⸗Hoſen nach Art der Seeleute in die Höhe zerrend—„Jack iſt ihnen zur rechten Zeit aus den Klauen gerutſcht.“ Es blieb ihm keine Zeit zu weiteren Bemerkungen, denn die Thür wurde in dieſem Augenblick aufgeriſ⸗ ſen, und ſich bückend trat ein Franzöſiſcher See⸗Offi⸗ cier ein, dem eine Anzahl Marineſoldaten mit aufge⸗ pflanztem Bajonett folgten, und ſomit ein Verlaſſen der Hütte, die keine Fenſter hatte, unmöglich machte. Der Officier, deſſen Blick den inneren Raum, ſo⸗ weit das nämlich das ungewiſſe Licht der Cocos⸗ flamme erlaubte, überflog, haftete zuerſt auf Murphy ſelber der, ſich wenig um die Patrouille oder Haus⸗ ſuchung kümmernd, an die er durch eine lange Reihe von Jahren auch wohl ſchon gewöhnt ſein mochte, 294 nur raſch und beſtürzt ſeine Bibel aufgegriffen hatte, und mit dem dicken Buch jetzt gar nicht ſchnell genug in ſeine Hülfskalebaſſe hineinfahren konnte. „Hallo Sir— was habt Ihr da ſo Koſtbares zu verſtecken he?“ rief er in Engliſcher Sprache, und ging langſam auf den kleinen Mann zu, der faſt inſtinktartig das erſt halb hineingezwängte Buch bei Seite und in den Schatten drückte, und nach einem angefangenen Schuh griff, als ob er mitten in der Nacht ſeine mit Dunkelwerden aufgegebene Arbeit wieder beginnen wolle. „Und ſeid Ihr hierhergekommen, Sirrah, unſere Taſchen zu viſitiren?“ knurrte aber unwirſch der kleine Ire, der ſchon einen tückiſchen Seitenblick nach der ihm verhaßten Uniform warf, und ſeinen ganzen trotz⸗ köpfigen Muth oder eher Widerſpruchsgeiſt zurückbe⸗ kommen hatte, als er fand daß der nächtliche Beſuch nur Soldaten und keine Miſſionaire waren,„wenn's mir Vergnügen macht, kann ich meine Kalebaſſen und Taſchen ſo voll ſtopfen wie und mit was ich will— was geht's Euch an?“ „Langſam mein Burſche, langſam,“ lachte der Officier, unſer alter Bekannter Bertrand, durch die mürriſche Antwort keineswegs böſe gemacht—„wenn ich nachher neugierig werden ſollte, wirſt Du mir's doch noch zeigen müſſen, jetzt aber vor allen Dingen wollen wir Deine Wohnung einmal etwas genauer beſehen, ob wir nicht einen alten Freund und Schiffs⸗ kameraden darin entdecken können, der ſich wahrſchein⸗ lich von Bord verlaufen hat, und in der dunklen Nacht nicht wieder dorthin zurückfinden kann. Die Guiaven ſtehen gar zu dicht um Euer Haus— Ihr ſolltet ſte ein wenig lichten.“ „Wie ich merke ſtehen ſie doch noch immer nicht dicht genug;“ brummte Murphy halblaut vor ſich hin, Mütterchen Tot nahm aber für ihn die Unterhaltung auf, und mit ihrer ſchrillen Stimme kreiſchte ſie dem Officier entgegen: „Deine Wohnung, Deine Wohnung? weſſen Wohnung habt Ihr hier anders als meine? und glaubt Ihr daß der ſchmutzige Schuſter da eine Woh⸗ nung für ſich ſelber hat?— Iſt das auch eine Ma⸗ nier einer armen alleinſtehenden Frau bei Nacht und Nebel in's Haus zu fallen, und ſie zu erſchrecken, daß ſie den Tod davon haben könnte? was wollt Ihr? wer ſeid Ihr? wen ſucht Ihr? nun, habt Ihr die Sprache verloren daß Ihr daſteht wie von Gott verlaſſen?“ „Alle Wetter,“ lachte Bertrand, der ſich erſt jetzt von ſeinem Staunen über die wunderbare, vor ihm aufſteigende und von der Flamme phantaſtiſch genug beſchienene Geſtalt erholen konnte—„das iſt eine N f Damez bei Allem was da ſchwimmt, ich hatte keine Ahnung daß ſich das ſchöne Geſchlecht auch in ſolch alte Ueberroͤcke zurückziehen könnte.“ „Ach was ſchöne Geſchlecht— Dame,“ knurrte die Megäre,„was wollt Ihr, wen ſucht Ihr? und ein Bischen raſch, denn es iſt Schlafenszeit, und ich möchte meine Ruhe haben wie ich's verlangen kann.“ Der Officier hörte ſchon kaum mehr auf ſie, ſon- dern näher zum Licht tretend, und ſeine Augen mit der linken ausgeſtreckten Hand dagegen ſchützend ſuchte er vor allen Dingen herauszubekommen, ob außer den, neben der Lampe ſitzenden Individuen noch An⸗ dere vielleicht in der Hütte befindlich, oder gar ver⸗ ſteckt wären, einer eben nur oberflächlichen Unter⸗ ſuchung auf bequeme Art auszuweichen. Jim hatte erſt wirklich, und wie er das erſte Nie⸗ derſtoßen der Gewehrkolben hörte, eine Bewegung gemacht, als ob er ſich in den hinteren und dunkleren Theil der Hütte zurückziehen wolle, als aber ſein ſcharfes Ohr auch dort draußen Schritte hörte, blieb er ruhig ſtehen und ließ ſich dann ſogar, als eben der Officier die Hütte betrat, wieder auf ſeinen alten Platz nieder, wo er, den Kopf in die Hände geſtützt, und den breiträndigen Wachstuchhut nur etwas tiefer in die Augen gezogen, ruhig ſitzen blieb, und das 297 Ganze mit vollkommen gutem Gewiſſen ſchien ab⸗ warten zu wollen. Nur der mißtrauiſche und finſtere Blick, den er heimlich, unter dem Schatten ſeiner Hut⸗ krempe vor, nach dem Officier hinüberſchoß, wie die feſt zuſammengebiſſenen Zähne hätten können ahnen laſſen, daß doch nicht Alles mit ihm ſo gut und rich⸗ tig ſei, und er vielleicht gegenwärtig lieber den von Mosquitos am meiſten heimgeſuchten Guiavenſumpf, als gerade dieſen behaglichen Platz auf dem er ſich befand, inne haben möchte. „Was oder wen ich ſuche, Madame?“ wieder⸗ holte Bertrand langſam und faſt wie mit ſich ſelber redend—„hm, Jack ſcheint ſich richtig aus dem Staub gemacht oder doch einen ſichereren Platz aufgefunden zu haben. Ihr, da, zwei von Euch“ wandte er ſich dann in franzöſiſcher Sprache an die Soldaten,„ſucht einmal an der Wand hin, ob Ihr nicht irgenebo noch Jemand entdeckt, und wenn ſo, bringt ihn her zum Licht; vielleicht können mir indeſſen dieſe beiden Burſchen, die da ſo ſchweigſam ſitzen, etwas nähere Auskunft über den Geſuchten geben. Heda Gentle⸗ men,“ wandte er ſich jetzt an die beiden Leute, von denen Bob nicht als Matroſe zu verkennen war, während ſelbſt Jim einen ziemlich ſeemänniſchen An⸗ ſtrich hatte, und hier auf Tahiti, wo man kaum Leute anderen Berufs vermuthen konnte, recht gut für zu vermuthen wollte.„Er heißt Jack.“ 298 Salzwaſſer gehörig gelten konnte—„ich ſuche einen entſprungenen Mann von der Jeanne d'Arc, der auf den Namen Jack hört, und ſonſt ein ſo durchtriebener nichtsnutziger Schuft iſt, wie nur je Einer Schuh⸗ leder zertreten oder das Deck eines Schiffes gewaſchen hat. Kann mich Einer von Euch auf die Spur bringen?“ „Spur bringen?“ brummte aber Bob dagegen— „wenn's auf See wäre, aber hier an Land bin ich immer froh wenn ich das Ufer ſelber wiederfinde, mich nicht zwiſchen den verdammten Bäumen zu ver⸗ laufen— da müßt Ihr Euch ſchon einen Anderen ſuchen.“ „Aber haſt Du den Burſchen nicht irgendwo ge⸗ ſichtet, Kamerad?“ frug der Officier wieder, der aus dem ganzen Weſen der Alten etwas Aehnliches faſt „So heißen wir ziemlich Alle,“ knurrte der See⸗ mann—„wenn man Eines Namen nicht weiß auf Engliſchen Schiffen, nennt man ihn Jack— jeder Matroſe iſt eigentlich ein geborener Jack, und kriegt den anderen Namen, wie das Frauensvolk bei der Hei⸗ rath, mit dem erſten Salzwaſſer⸗Grog ohne Zucker und Rum, den ſie ihm über den Schädel gießen.“ Bertrand hatte, während Bob ſprach, zuerſt Iim oberflächlich betrachtet, und ſich dann wieder in der 299 Hütte umgeſehen, in ſeiner Erinnerung wurden aber andere Bilder wach, und wieder und wieder kehrte ſein Blick zu den halbbeſchatteten Zügen des Mannes zurück, der am Feuer mit zuſammengezogenen Brauen ſaß und jetzt anſing in ſeiner Taſche nach Tabak zu ſuchen, ſich eine Pfeife zu ſtopfen. 4 „Hallo Kamerad, ſagte er endlich, als die beiden Soldaten zuruͤckgekommen waren und gemeldet hat⸗ ten daß ſich Niemand weiter in der Hütte befinde, „wo haben wir Beide denn ſchon einmal unſer Fahr⸗ waſſer gekreuzt?— Du biſt ein Engländer?“ „Wenigſtens nicht weit davon,“ brummte Jim, ſich noch mehr in ſeine Pfeife vertiefend, und jetzt halb vom Lichte abgewandt—„habe aber nicht die Ehre— Menſchen gleichen ſich wie Blätter und Cier— tragen Alle die Naſe mitten im Geſichte.“ Bertrand barg einen Augenblick die Augen in der Hand, wie um durch keine äußeren Eindrücke ſein Gedächtniß zu beirren— ein thatenreiches Leben flog ihm in wirren Bildern vor dem inneren Geiſt vor⸗ über; aber zu viel der Scenen, zu viel der Geſtalten wechſelten und ſchwammen da durcheinander, als ihm ſo raſch zu geſtatten daß er ſich den einen, ver⸗ langten herausgriffe aus der Maſſe, und nur den Kopf ſchüttelnd, ſchritt er mit verſchränkten Armen ein paar Mal auf und ab in der Hütte, ohne, wie 300 es ſchien, auf die Inwohner viel zu achten, ja faſt vergeſſend, weshalb er eigentlich hierhergekommen. Jim war dabei dieſe höchſt unnöthige Aufmerk⸗ ſamkeit, die der Officier, den er ſelber recht gut wie⸗ dererkannte, auf ihn wandte, nichts weniger als ange⸗ nehm, und er fing an ſich eben nicht mehr ſo ſicher auf ſeinem Platz zu fühlen. Er ſtand langſam auf und zog ſich dem Hintergrund der Hütte zu. Bertrand ſtampfte ungeduldig mit dem Fuß. „Weiß der Teufel,“ murmelte er dabei leiſe vor ſich hin,„wo mir die Galgenphyſionomie ſchon ein⸗ mal vorgekommen, aber nichts Unbedeutendes war's das iſt ſicher— nun vielleicht fällt's mir wieder ein — ha— ſagte er, emporſehend, als er den Seemann nicht mehr auf ſeinem Sitz erblickte— ah, der Herr ſchläft wohl hier, und will ſich ſein Lager zurecht⸗ machen?— habt Ihr Erlaubniß an Lande zu blei⸗ ben, und auf welches Schiff gehört Ihr?“ „Ich gehöre auf gar kein's,“ entgegnete Jim fin⸗ ſter aus dem Halbdunkel der Hütte vor—„die Inſel hier iſt meine Heimath, und ich werde d'rauf ſchlafen können, denk' ich.“ „Und Du, mein Burſche, auf welches Schiff ge⸗ hörſt Du?“ wandte er ſich jetzt zu Bob—„oder rechneſt Du Dich etwa auch zu den Eingeborenen, mit Deiner Furcht vor den Bäumen?“ — 301 „Verdamm es, nein,“ brummte der Seemann, gehöre zur Kitty Clover.“ „Dem Wallfiſchfänger?“ „Jd.9 „Und weshalb biſt Du da nicht an Bord, Sir⸗ rah?“ frug der Officier ſcharf—„die Kitty Clover ſteht überhaupt in dem Verdacht andere Ladung als Thran an Bord zu führen, und wenn ich nicht irre haben die Miſſionaire ſchon Klage eingereicht, daß Ihr den ganzen Ort mit Brandy überſchwemmt.“ „Die Miſſionaire können zu Graſe gehen,“ er⸗ ich — wiederte Bob gleichgültig,„die ſchwatzen viel wenn der Tag lang iſt. Was übrigens die Kitty Clover thut geht mich nichts an— die Kitty Clover iſt ein ganz ſelbſtſtändiges Frauenzimmer.“ Bertrand lachte.„Doch apropos,“ rief er plötz⸗ lich, ſich zu Murphy wendend, der noch immer auf ſeinem niederen Schemel ſaß, und den in der Eile aufgegriffenen Schuh wie mißtrauiſch betrachtete,„was war's denn was der Burſche da vorhin verſteckte? ſeh doch einmal Einer von Euch nach— in der Ka⸗ lebaſſe da drüben muß es ſein, vielleicht daß uns das auf Jacks Spur bringt.“ „Und was habt Ihr Euch um anderer Leute Ka⸗ lebaſſen zu bekümmern?“ rief aber die Frau jetzt, zum erſten Mal des Schuſters Parthei ergreifend, der nur mit finſter trotzigem Blick vor ſein Eigenthum trat, und nicht übel Willens ſchien es zum Aeußerſten zu vertheidigen—„hab ich Euch nicht geſagt daß ich Nichts von Euerem ganzen Geſindel weiß, und mir noch weniger daraus mache, und überhaupt wünſche die gottvergeſſenen Wi⸗Wis in meinem gan⸗ zen Leben nicht geſehen zu haben?— iſt das jetzt Zeit, mitten in der Nacht bei einer armen alten Frau einzubrechen, das Unterſte zu oberſt zu kehren, und unſchuldige Leute mit geladenen Gewehren und Bajo⸗ netten zu erſchrecken? Fort mit Euch wohin Ihr ſelber gehört, was wollt Ihr von uns?— was ſteht Ihr noch da?“ „Komm hier Mütterchen,“ lachte aber der eine Soldat, ein rieſiger Burſche, ſte und Murphy zu glei⸗ cher Zeit aber ſanft bei Seite ſchiebend, während der Andere, unter Murphys Armen fort, die fragliche Kalebaſſe mit dem Bajonnet anſpießte und nach vorn zog, wo das allerdings höchſt unverdächtige Buch zu Lichte rollte. „Cine Bibel,“ lachte der Officier,„und weshalb verſteckſt du die vor mir?— hab' keine Furcht mein frommer Burſche, ich wäre der Letzte der Dich in Deiner Andacht ſtörte— laßt ſie los.“ 4 „Gottes Fluch über Euch!“ ſchrie aber jetzt die Alte, durch das ruhige Verhalten der Leute nur noch mehr in Wuth gebracht.„Peſt und Gift in Euere Knochen, und faulende Krankheit, daß Ihr eine arme Frau mißhandelt und drückt in ihrem eigenen Haus!“ und zufällig vielleicht, oder auch mit Abſicht das heiße Cocosöl über die Eindringlinge auszuſchütten, ſtieß ſie zu gleicher Zeit das hohe und leichte Bambus⸗ geſtell, auf dem Murphys Cocosſchale mit dem darin brennenden Docht ſtand, um, und die Soldaten konn⸗ ten auch wirklich eben nur unter laut ausgeſtoßenen Flüchen zur Seite ſpringen, dem drohenden Oel, das ſich jetzt entzündete, zu entgehen. Auf dem Boden aber ſchlug es in heller Flamme empor, den Platz mit ſeinem Lichte übergießend. „Alle Wetter Madonna,“ rief Bertrand, der lachend zurückſprang,„Du wirſt Dir ſelber das Haus über dem Kopf anzünden, und da hinten—“ ſein Blick fiel in dieſem Moment auf das, ihm faſt un⸗ willkürlich zugewandte Antlitz des Iren, der ſich über⸗ raſcht nach der hellen Flamme umſchaute, und wie ein zündender Blitz ſprang zu gleicher Zeit die Erin⸗ nerung an jene Nacht in ihm auf, die Jack ſchon früher gegen Jim erwähnt, ſeinem Gedächtniß mit Zauberſchnelle das Wo und Wie jener Züge in die Seele rufend. „Sapristi,“ ſchrie er, den Degen mit dem Wort aus der Scheide reißend und gegen den Iren an⸗ 304 ſpringend—„hab' ich Dich, Kamerad— ergieb Dich Schuft! hierher Ihr Leute!“ „Verdammt!“ knirrſchte Jim zwiſchen den Zäh⸗ nen durch,„aber noch habt Ihr mich nicht!“ und einen Seſſel der dort ſtand aufgreifend, und dem Franzoſen vor die Füße ſchleudernd, daß dieſer auf die Seite ſpringen mußte nicht darüber zu fallen, warf er ſich, ehe die Soldaten herbeieilen oder ſelbſt Bertrand ihn erreichen konnte, mit aller Gewalt gegen einen der Bambusſtäbe an, der, jedenfalls ſchon zu einem heimlichen Ausgang, einer Art Nothröhre be⸗ nutzt, ſeinem Gewicht nachgab und ſich nach außen bog. Der Korper des Flüchtigen war im Nu dahinter ver⸗ ſchwunden, und als der Officier vorſpringend mit ſeinem Degen einen Stoß nach dem Entſprungenen führte, traf der zurückſchnellende Bambus die Klinge, und brach ſie in der Mitte, wie Glas entzwei. „Feuer! beim Teufel— Feuer!“ ſchrie Bertrand, wüthend gemacht, und dem Knacken der Häͤhne folgte mit Blitzesſchnelle eine Salve, mit wenig mehr Er⸗ folg aber wohl, als den Bambus an einigen Stellen zu zerſplittern und die Hütte mit Pulverrauch zu füllen. Der einzige Ruhige während der ganzen wilden Scene ſchien Bob, der regungslos auf ſeinem Platz ſitzen geblieben war, und nur nach dem Verſchwinden — 305 Jims und der raſch gefeuerten Salven wie ſpöttiſch mit dem Kopf ſchüttelte.„Hm, möchte wiſſen was da im Winde iſt— verteufelter Kerl, wie fir er durch die Wand war,“ murmelte er vor ſich hin;„ſein Hals kann auch ſeinen Beinen dankbar ſein, mein' ich, denn auf einen bloßen Deſerteur wird doch nicht gleich geſchoſſen— hab's mir aber etwa gedacht, daß der Burſche wohl was erzählen könnte— wenn er nur wollte.“ Ein paar Soldaten wollten jetzt raſch zur Thür hinaus, dem Flüchtigen nachzuſetzen, Bertrand rief ſte aber zurück. „Laßt ihn heute, in dem Unterholz iſt er ſchon lange in Sicherheit,“ ſagte er ſeine Klinge vom Bo⸗ den aufhebend und den Sprung, mit einem leiſe ge⸗ murmelten Fluch wieder zuſammenpaſſend—„wart' aber Canaille; alſo hier nach Tahiti her haſt Du Dich gefunden?— nun hoffentlich war das nicht das letzte Mal daß wir einander begegnet ſind, und das nächſte Mal kenn' ich Dich, darauf kannſt Du Dich verlaſſen. Und Du Mütterchen,“ wandte er ſich plötzlich an die alte Frau, die knurrend und kei⸗ fend neben dem qualmenden brennenden Oele ſtand, und giftige Blicke bald nach der Urſache dieſer Ueberſtürzung ihres Hausſtandes, bald nach dem unglücklichen Schuſter hinüber warf, an dem ſie nur Gerſtäcker's Tahiti. II. 20 306 noch nicht recht wußte, wie ſie einen Halt bekom⸗ men ſollte, ihren Grimm auszulaſſen—„Du kannſt mir vielleicht ſagen wie der Burſche, der da eben durch Deine Wand ſprang, heißt, was er treibt und wo er wohnt.“ Mütterchen Tot war aber keineswegs in der Laune irgend eine Auskunft zu geben, und ihren vollen Grimm gegen den Frager kehrend, überhäufte ſie ihn mit einer wahren Fluth von Schimpfreden und Zor⸗ nesworten, daß er verlange ſie ſolle alles Geſindel kennen, das ſich auf der Inſel herumtriebe, und die Wohnung von Leuten angeben die zu ihr in's Haus kämen einen Dollar zu verzehren, wovon ſie leben müſſe in ihren alten Tagen. Bob wollte ebenfalls von Nichts wiſſen, und Bertrand ſah wohl ein daß er hier nur ſeine, jetzt weit koſtbarere Zeit vergeuden würde, aus den hier Anweſenden durch Drohungen oder Bitten etwas herauszulocken. Vielleicht aber vermochte ihm ihr Eigennutz, dieſer gewaltige Hebel der Menſchheit mehr zu nützen, und ſich an die Alte wendend da der Matroſe wohl ſchwerlich einen Kameraden verrathen würde, ſagte er ruhig: „Frieden Mütterchen, eben weil Ihr eine arme verlaſſene Wittwe ſeid, red' ich zu Euerem Beſten, 307 und wollt Ihr einen Haufen Geld mit einem Schlag veerdienen, ſo habt Ihr weiter Nichts zu thun als Ja zu ſagen.“ „Haufen Geld,“ mumpelte die Alte mürriſch, aber auf einmal merkwürdig beſänftigt, in ihrem zahnloſen Mund—„Haufen Geld, ja mit der Zunge, da verſprecht Ihr Wi⸗Wis das Blaue vom Himmel herunter— Haufen Geld— wie ſoll eine arme ver— laſſene Wittwe einen Haufen Geld verdienen in dieſer ſchweren, drückenden Zeit?— fort mit Euch, ich kenne Euch ſchon von alten Zeiten her.“ „Schon gut, Madonna, alſo Du weißt nicht wo jener Burſche, der da eben durch die Bambuswand ſprang, und mit der Gelegenheit dieſes Hauſes außerordentlich vertraut ſcheint, ſich über Tag aufhält, und wo er wohnt?“ „Nein— Nichts,“ brummte die Alte mürriſch. „Weißt auch nicht wie er heißt?“ Die Alte zögerte und ſah halb unſchlüſſig Bob an, der aber ſog ruhig an ſeiner Pfeife und ſchaute ſtill und heimlich lächelnd vor ſich nieder— ſie ſchüt⸗ telte trotzig mit dem Kopf. „Gut,“ ſagte Bertrand, ſich die Lippen beißend, vielleicht fällt Dir's ſpäter ein; friſcht ſich aber Dein Gedächtniß, ſo kannſt Du 500 Frank— verſtehſt 20* . 308 Du?— 500 Frank verdienen, wenn Du mir Gele⸗ genheit giebſt des Schuftes habhaft zu werden.“ „Fünfhundert Frank?“ ſagte die Alte ungläubig. „Auf der Stelle ausgezahlt, ſobald wir den Bur⸗ ſchen in unſere Gewalt bekommen— und ſelbſt für den Anderen ſollſt Du zweihundert haben, wenn Du uns zu ſeiner Ergreifung behülflich biſt.“ Bob hob jetzt zum erſten Mal den Blick vom Boden auf, und ſah die Alte lauernd an— Mütter⸗ chen Tot ſchien aber in der That in tiefem Nach⸗ denken verloren über den Vorſchlag, und es bedurfte einiger Minuten, ehe ſie die Verſuchung von ſich ab⸗ ſchütteln konnte— wenn ſie ſich nicht etwa gar vor den Zeugen genirte. „Ich will Nichts mit der Sache zu thun haben,“ brummte ſie kopfſchüttelnd—„hat O'Flannagan ſich— „O'Flannagan?“ frug Bertrand raſch. „Ach zum Teufel!“ rief die Alte, jetzt ſelber ärger⸗ lich werdend—„lauert Einem nicht das Wort von den Lippen, eh' es geſprochen iſt— was weiß ich wie Einer heißt der bei mir aus und ein geht, und ſich ſo oder ſo nennen kann— wen kümmerts. Es iſt Nachtſchlafenszeit, und ich will meine Ruhe haben in meinem eigenen Haus— verſteht Ihr das?“ 309 „Ich verſteh' Euch, Mütterchen,“ lachte aber Ber⸗ trand—„danke übrigens für den Wink, und— vergeßt die 500 Frank nicht.— Doch jetzt: Achtung. Ihr Leute rechts umkehrt und vorwärts marſch!“ und den Soldaten vokan ſchreitend, die ihm durch die niedere Thür mit gebückten Köpfen folgten, ver⸗ ließ er raſch das Haus, und bald verklang der letzte Schritt der bewaffneten Männer in der Ferne. Bob war aufgeſtanden und lauſchte dem weiter und weiter verſchwimmenden Geräuſch der ihm genug verhaßten Franzoſen. Dann ſich den Hoſengürtel nach Seemannsart in die Höhe rückend und den Hut etwas weiter aus dem Geſicht ſchiebend, drückte er beide Hände neben den Hüften in den Bund und drehte ſich ab, ohne weiteres Wort oder Gruß das Haus zu verlaſſen. Die Alte ſah ihm finſter und ſchweigend nach, ohne ihn aufzuhalten, in der Thür aber blieb er plötzlich noch einmal ſtehen, drehte ſich um, nahm mit der linken Hand die Pfeife aus dem Munde, und ſagte: „Mein Name iſt Bob Candy,“ und ſich dann auf dem Abſatz herumſchwingend, verſchwand er durch die noch offene Thür. Mütterchen Tot aber löſchte die Lichter aus, ohne auf Murphy oder den jetzt wieder zum Feuer nieder⸗ II. 310 gekauerten Indianer irgend eine Rückſicht zu nehmen, und drückte ſich mürriſch und knurrend auf ihr Lager in der Ecke nieder. Sie hatte den Kopf voll, und ſelbſt der kleine Schuſter konnte ſich heut Abend un⸗ beläſtigt auf ſein Lager werfen, den Mosquitos ein paar Stunden Schlaf abzuringen. —-- ——— 2———