799— deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. 5 Leihbibliothek Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Seſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.—. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme — eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe 8 hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Monnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt:— 4. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: Jeen 4 Mt. Pf. 4 Mr 50 Pf. 2 Mk. Pf. 8 9 der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 4 1 der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 8———g 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von „ 3„„=.„.„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Piejenigen, welche die⸗ Tahiti. Roman aus der Südſee. Die AUeberſetzung des Werkes wird nach§. 4, b. des Geſetzes vom 11. Juni 1837 vorbehalten. Berlin. Rudolph Gaertner, Amelang'ſche Sortiments⸗Buchhandlung. — 0 4 9 1 82 * Roman Naus der Südſee von Friedrich Gerſtäcker. Erſter Band. Leipzig, Berlin, Hermann Coſtenoble, Rudolph Gaertner, ¹ Verlagsbuchhandlung. Amelang'ſche Sort.⸗Buchhandlung. 1854. — J. G. Cotta'ſchen Buchhandlung die es ihm möglich machte den langgehegten Wunſch einer Reiſe um die Welt auszuführen, bringt dieſe erſte Frucht derſelben in dankbarer Hochachtung der Verfaſſer. — Inhalt des erſten Bandes. Seite 1 Cap. 1. Der Wallſiſchfänger........ 1 ⸗ 2. Die Flucht, und welchen Dollmetſcher René fand...... 19 2ℳ * 3. Das Mädchen von Atiu....... 47 4 1 2* 4. Der Mi to na re....... 69 5 2 5: Das Geſtändniß.......... 124 ⸗ 6. Was der ehrwürdige Mr. Rowe dazu ſagt. 155 ⸗ 7. Der Verrath, und wie ſich beide Theile dabei irrten. 180 8. Tähiti.......... 224 9. Die vier Häuptlinge.......253 10. Die Verſammlung........ 273 Capitel J. Der Wallſiſchfänger. Von einem leichten Oſtpaſſat getrieben, dazu die Oberſegel feſt, ja ſogar noch mit einem Reef im Kreuzſegel, der vor einigen Abenden hineingenom⸗ men, und den man ſich gar nicht die Mühe gegeben hatte wieder auszuſtechen, kam ein ſchwerfälliges, ſchmutzig ausſehendes Schiff langſam bei dem Winde nach Süden herunter und näherte ſich einer, in der Ferne eben ſichtbar werdenden kleinen hohen Inſel der Cooksgruppe. Schon die großen fettigen Stellen in den Segeln, auf denen die Leute, nach dem Thranauskochen, beim Reefen allabendlich gelegen, verriethen den Wallfiſch⸗ fänger, hätten ihn nicht auch die, an beſonderen Krahnen Gerſtäcker's Tahiti. I. 1 zu beiden Borden aufgehangenen und noch auf Quer⸗ ſtützen über Deck beſonders gehaltenen Boote als ſol⸗ chen dargethan. Andere Fahrzeuge beſuchten auch ſelten dieſe Gewäſſer und ſelbſt die Wallfiſchfänger nur in dieſen Monaten Januar und Februar, ehe ſie wieder mit einbrechendem Frühling nach Norden aufgin⸗ gen, die einträglichere, wenigſtens ergiebigere Jagd der „rechten Wallfiſche“ der der Spermacetis vorzuziehen. Es war diesmal aber noch ziemlich früh in der Jahreszeit und der Delaware, wie der Wallfiſchfän⸗ ger getauft worden, hatte im Anfang beabſichtigt gerade zu Tahiti anzulaufen; durch den ſtarken Oſt⸗ paſſat aber und die klein geführten Segel, wie mit der ſtarken Aequatorialſtrömung gegen ſich zu viel nach We⸗ ſten verſetzt, mußte er erſt wieder nach Süden hinunter, etwas mehr in die Region der veränderlichen Winde zu kommen, oder auch vielleicht einen der dann und wann einſetzenden Weſtwinde zu benutzen, und be⸗ ſchloß jetzt nur die erſte in Sicht befindliche Inſel anzulaufen, um einige Erfriſchungen und vielleicht etwas Holz einzunehmen. Das Waſſer zwiſchen dieſen Inſeln iſt übrigens, häufiger Riffe wegen, den Schiffen oft gefährlich, und die mit den Localitäten nicht ſehr gut vertrauten Fahr⸗ zeuge machen, wenn ſie in ſolchen Gruppen nichts zu thun haben, lieber einen ziemlich bedeutenden Umweg, * ———— ₰ 3 ſie zu umgehen, als daß ſie ſich leichtſinniger Weiſe hineinwagen. Mit einem Wallfiſchfänger iſt das aber ganz etwas anderes; er verſäumt, ſobald er ſich erſt einmal auf ſeinem Jagdgrund befindet, keine Zeit mehr, denn wenn er ſegelt, hat er die Möglichkeit eben ſo auf ſeiner Seite, daß er von Fiſchen weg, als ihnen gerade entgegenläuft, und wenn er ſtill liegt, kann er eben ſo gut eine ganze„school“ ver⸗ ſäumen, die vielleicht dort vorübergeht wo er hätte ſein können, als die auf ihn zukommenden gerade wie auf der Lauer abfangen. Das Ganze iſt Glücksſache und dem Pirſchen auf Rothwild in einem fremden Walde nicht unähnlich. Kommen dieſe Wallfiſchfän⸗ ger alſo an ſolche Stellen, ſo ſuchen ſie, ehe es dun⸗ kel wird, hinter irgend eine kleinere Inſel oder Riff⸗ bank zu laufen, wo ſie entweder Ankergrund oder Raum zum Kreuzen haben, und treiben dort die Nacht herum, bis ihnen die aufſteigende Sonne wieder ihre Bahn beleuchtet. Gerade mit Sonnenuntergang war denn auch der Delaware, bis weſtlich von Atiu, einer nicht ganz un⸗ bedeutenden Inſel, gekommen, und der Capitain wäre gern die Nacht vor Anker gegangen, die Stellen aber, die er unterſuchte waren überall, bis faſt dicht an die ſchäumenden Riffbänke, ſo tief, daß er ſich nicht der Gefahr ausſetzen mochte, ſo nahe unter dem bös⸗ 1* er vielleicht einmal von einem der hier oft ſehr raſch eintretenden Weſtſtürme überraſcht zu wer⸗ den. Er ließ alſo die Segel dicht reefen und kreuzte, (eben nicht zum Vergnügen der Mannſchaft, die ſechs bis acht Mal in der Nacht mit dem Schiff herum mußte) in Lee der Inſel auf und nieder. Capitain Lewis kümmerte ſich übrigens den Hen⸗ artigen Uf⸗ ker darum, ob er ſeinen Leuten damit einen Gefallen that oder nicht— er und ſie ſtanden, wie man's am Lande nennen würde—„auf Hofton“ mit einander — d. h. er ſprach, ſeit ſie das letzte Mal auf den Sandwichsinſeln geweſen, wo es zu einigen Auftrit⸗ ten gekommen war, nur höchſt höflich mit ihnen und nannte ſie, wenn er ſie zu einer Arbeit im Einzelnen aufforderte, gewöhnlich Miſter, und if vou please, mit ſtarker Betonung des letzten Wortes, aber mit einem Blick dabei, der deutlich genug ſagte:„Wenn Du nicht ſpringſt, Canaille, zu thun was ich Dir ſage, ſo laß ich Dich bei den Beinen aufhängen.“ Er, zum Dank dafür, hieß bei den Leuten, ſtatt 1 wie ſonſt die Capitaine gewöhnlich„den Alten“(the old man) zu nennen,„the old devil“(der alte Teufel), und wußte das auch recht gut, ja es ſchien ihm ordentlich Spaß zu machen daß er ſo genannt wurde, und er hatte ſeiner Mannſchaft ſchon mehr⸗ 5 mals verſichert, er wolle ſich bemühen, ſeinem Namen keine Schande zu machen; welches Verſprechen er auch bis j jetzt, ſo weit es in ſeinen Kräften ſtand⸗ redlich gehalten. Die Mannſchaft eines Schiffes iſt in ſolchen Fäl⸗ len übel d'ran— widerſetzt ſie ſich, ſo iſt es Meu⸗ terei, und ſie wird darnach beſtraft, mögen die Leute recht gehabt haben oder nicht, und halten ſie, auf der anderen Seite aus bis zum Letzten, und verklagen nachher den Capitain, ſo iſt Zehn gegen Eins zu wetten, daß dieſer dennoch Recht bekommt. In ſehr vielen Fällen hat er's aber auch, und es giebt wohl auf keinen Fahrzeugen der Welt, Kriegsſchiffe viel⸗ leicht ausgenommen, toller zuſammen gewürfeltes Volk, als auf dieſen Wallfiſchfängern. Ein ordent⸗ licher Matroſe geht ſelten oder nie darauf, es iſt meiſt lauter aufgeleſenes Ufervolk, die faul genug ſind ihre . 8 eigene Arbeit bei Seite zu werfen, und Romantik ge⸗ nug im Kopfe haben, ſich von einem„Wallfiſchzug“ ein ganz beſonderes Vergnügen und außerdem einen bedeutenden Nutzen zu verſprechen. Die guten Leute ſehen dann gewöhnlich immer etwas zu ſpät ein, daß ſie ſich in der erſten Erwartung jedesmal, und nur zu häufig auch in der anderen getäuſcht haben, und ſie ſind dann eben einmal und nicht wieder Wall⸗ fiſchfänger geweſen, ſo daß faſt jedes neu ausgehende Schiff, die Offiziere ausgenommen, auch eine durch⸗ aus neue Beſatzung hat. Schuſter und Schneider, beſonders die letzteren, ſteht man ſehr häufig dabei, Tiſchler und Maurer, Schmiede und Böttcher, Gerber und Cigarrenmacher Alles wird Wallfiſchfänger und der Capitain ei⸗ nes ſolchen Fahrzeugs, der von dem Rheder, ſobald er eine volle Beſatzung hat und die Jahreszeit ge⸗ kommen iſt, in See hinaus geſchickt wird, hat dann oft, wie ſich nicht leugnen läßt, eine entſetzliche Zeit dies Volk, von dem er vorher weiß daß es doch nur eine Reiſe bei ihm aushält— ja ſchon an den näch⸗ ſten Plätzen wo er anlegt fortläuft, wenn er ihnen nur Gelegenheit dazu gäbe, ſo weit einzurichten, daß ſie wenigſtens erſt einmal verſtehen lernen was ſie nur überhaupt zu thun haben. Dies ſie nachher wirk⸗ lich thun zu machen hat dann ſchon weniger Schwie⸗ rigkeiten. Kommen nun ordentliche ruhige Menſchen manchmal zwiſchen dieſe hinein— d. h. die Mann⸗ ſchaft, denn die Offiziere, vom Bootſteurer aufwärts, bilden ein ganz beſonderes, abgeſchloſſenes Corps— ſo fühlen ſich dieſe gewöhnlich höchſt unglücklich und verwünſchen den Augenblick, wo ſie ſich von der Ro⸗ mantik der Sache bethören ließen— aber leider zu ſpät, und die viertehalb Jahr, die eine ſolche Fahrt ſehr häufig dauert, werden ihnen zur Hölle. 5 Doch zurück an Bord unſeres Fahrzeugs. Zum Ausſchauen auf der Back vorn ſtand ein junger Mann, deſſen edle, faſt ſchöne Geſichtszüge, wie der ſchlanke ſchmächtig gebaute Körper wohl paſſender für einen Salon als das Vorcaſtle eines Walffiſch⸗ fängers geſchienen hätten. Das volle braune Haar quoll ihm in dichten Maſſen unter der breiten ſchot⸗ tiſchen, dunkelblauen Mütze vor, und ſeine reinliche Kleidung ſelber unterſchied ihn auffällig von der übri⸗ gen, beſonders in dieſem Punkt höchſt nachläſſigen Schaar. Es war ein junger Franzoſe aus ſehr guter Familie, der ſich in Boſton mehr einer tollen Laune oder zielloſen Reiſeluſt zu Liebe, als aus irgend einer andern Urſache hatte verleiten laſſen, an Bord des Delaware eine Reiſe nach der Südſee mitzumachen, und der jetzt ſtill und brütend nach dem nahen Lande hinüberſchaute, das mit dem dunkeln Schatten ſeiner Palmen in träumeriſcher Ruhe vor ihm lag. „Nun Renes, ſo in Gedanken?“ ſagte plötzlich, dicht neben ihm, eine freundliche Stimme und eine Hand berührte leiſe ſeine Schulter—„an was denkſt Du?“ Der Angeredete fuhr erſt wie erſchreckt aus ſeinem Nachdenken empor und ſchaute ſich um, als er aber den Sprechenden erkannte, ſagte er raſch und faſt er⸗ freut: 8 „ECs iſt mir lieb, Adolph, daß du gerade in die⸗ ſem Augenblick zu mir kommſt, ich bin eben mit mei⸗ nem Entſchluß ins Reine gekommen— ich verlaſſe dies Schiff.“ „Thorheit,“ ſagte Adolph kopfſchüttelnd—„Du kennſt die Verhältniſſe hier nicht, René. Kämſt Du wirklich glücklich an Land, ſo brauchte der Capitain nur eine unbedeutende Belohnung auf Deinen Fang zu ſetzen und Du würdeſt rettungslos ausgeliefert. Ich bin ſchon früher hier geweſen und habe den Fall zweimal ausgeführt geſehen. Die Eingebornen ſind ſeelensgut, aber wie die Kinder— ein Spielzeug könnte ſie zu irgend etwas verführen— ſei es nun zum Guten oder zum Böſen.“ „Hab' ich erſt feſten Boden unter den Füßen, ſo könnten ſie mich nur als Leiche wieder zurückſchaffen,“ murmelte René mit düſterem Blick und feſter Ent⸗ ſchloſſenheit zwiſchen den zuſammengebiſſenen Zähnen durch. „Das wäre Thorheit,“ ſagte aber ſein älterer Freund, ein Landsmann von ihm und jetzt dritter Harpunier auf dem Delaware, der mit Renè ſchon in Allgier gefochten und in Canada gejagt, und damals Alles verſucht hatte ihm einen ſo tollen Entſchluß, wenn auch vergebens, auszureden, als gemeiner Matroſe das Leben eines Wallfiſchfängers zu verſuchen.„Du “ 9 biſt noch jung René und das Leben ſteht Dir weit und freudig offen— hier nun einmal in die Klemme gerathen, bring Dich deshalb nicht gleich um Alles, blos weil es Dir in den Sinn kommt die Suppe, die Du Dir ſelber eingebrockt, nicht auseſſen zu wollen. Ein, höͤchſtens zwei Jahr, und Du biſt wieder frei wie der Vogel in der Luft, und ſelbſt dieſe Zeit wird Dir dann, ſo ſchmerzvoll und entſetzlich ſie Dir jetzt auch ſcheint, eine freudige, vielleicht liebere Erinnerung ſein, als manche froh und glücklich verlebte Stunde.“ „Ich halt' es nicht aus, Adolph, ich halt' es bei Gott nicht aus“ ſagte René kopfſchüttelnd—„hier unter dem rohen Volk noch Jahrelang bleiben und an Geiſt und Körper zu Grunde gehen— ich ver⸗ mag es nicht. Du weißt dabei, wie nahe ich zwei⸗ mal ſchon daran war mit dem Capitain ſelber, der faſt ſchlimmer iſt als der Schlimmſte ſeiner Leute, zuſammenzugerathen, und wer ſchützt mich dann viel⸗ leicht ſogar vor ſeinen rohen Mißhandlungen? Das Reſultat bliebe daſſelbe, auch das ertrüge ich nicht, und lieber will ich mein Leben hier wagen, wo mir noch die Möglichkeit eines Entkommens bleibt, als zuletzt gezwungen werden dem Capitain viel⸗ leicht ein Meſſer in den Leib zu rennen und über Bord zu ſpringen. Nein, Adolph, ich bin feſt ent⸗ ſchloſſen“ ſetzte er leiſe aber mit ruhiger und über⸗ 10 zeugter Stimme hinzu—„die erſte Gelegenheit, die ſicch mir bietet an Land zu kommen, und ſollt' ich es ſchwimmend zu ſuchen haben, benutz ich, und die Folgen mögen dann ſein wie ſie wollen— ich weiß und fühle, daß mir nichts Schlimmeres begegnen kann, als was ich jetzt in Seelenqual und innerer Unruhe zu leiden habe. „Hol's der Henker“, ſagte Adolph nach kurzem Sinnen—„wer weiß ob ichs nicht an Deiner Stelle, und mit Deinem jungen Blut in den Adern am Ende auch thäte. Aber wie willſt Du an Land kommen? es iſt noch ganz ungewiß ob der alte Teufel ein Boot abſchickt Erfriſchungen einzunehmen oder nicht, — er traut uns allen mit einander nicht.“ „Doch“ entgegnete ihm René—„ich habe vor⸗ her zufällig gehört, daß unſer Boot mit dem erſten Harpunier morgen mit Tagesanbruch hinüber ſoll, etwas Brodfrucht und Cocosnüſſe abzuholen. Die Gelegenheit will ich jedenfalls benutzen, noch dazu da es uns einen Vorwand giebt, reichliche Kleider mit zu nehmen.— Die Leute haben ja ſonſt nichts, ſich Kleinigkeiten von den Eingebornen einzutauſchen.“ „Und ſowie Du im Wald drin biſt“ ſagte Adolph immer noch kopfſchüttelnd,„hetzt der alte Seehund von Harpunier Dir die ganze Einwohnerſchaar hinterher — wie willſt Du ihnen entgehen?— René, René es 11 iſt wahr, das Land liegt wohl verlockend genug vor uns da, und ſelbſt mir zuckt's in den Knochen, einmal frei darauf herumzuſpatzieren und von dieſem — verdammten Marterkaſten loszukommen, aber— ich weiß doch nicht— haſt du einmal das Schiff verlaufen und wirſt wieder eingefangen, ſo kommſt Du nachher erſt in eine Hölle, wenn Du vorher in keiner geweſen biſt, und wenn ich ganz aufrichtig ſein ſoll, ſo glaub' ich nicht daß Du zwei Tage von uns bleibſt, ehe ſie Dich wieder haben— und die zwei Tage über biſt Du dann mehr wie ein gehetzter Wolf als wie ein Menſch.“ „Und es hilft doch Alles Nichts“ lächelte René trüb;„ich hab's mir nun einmal in den Kopf geſetzt, und ich führ es auch aus, mag daraus entſtehen was da will; ſchlimmer kann's nicht werden als es ſchon iſt.“ „Doch, doch“ ſagte Adolph„es kann noch viel viel ſchlimmer werden, Du haſt es noch nicht geſehen, wenn es an Bord eines Schiffes einmal recht ſchlimm iſt,“ ſetzte er ſchaudernd hinzu—„und ich verlang' es ebenfalls nie, nie wieder zu erleben. Außerdem biſt Du der Sprache gar nicht mächtig— wie willſt Du Dich den Leuten verſtändlich machen? Rene, es geht in der Welt alles nach Eigennutz— biſt Du erſt einmal älter, wirſt Du das auch ſelber erfahren— und die Eingeborenen hier wiſſen recht gut, daß ſie von einem entlaufenen Matroſen nicht viel Gutes und gar keinen Nutzen zu gewärtigen haben, während ihnen der Ca⸗ pitain eine Maſſe Sachen geben kann, die für ſie und ihr einfaches Leben förmliche Schätze ſind.“ „Ich habe Geld bei mir“ ſagte René raſch— „peste, ich brauche des alten Schuftes Blutgeld nicht, mir meine Bahn auch im ſchlimmſten Fall zu er⸗ kaufen, wenn es denn nicht anders ſein kann.“ „Das iſt ſchon ein ſehr ſehr großer Vortheil“ lächelte Adolph,„und es werden wenig Matroſen von Wallffiſchfängern weglaufen, die wirklich einen Franc in der Taſche haben, aber der Capitain bleibt immer im Vortheil.— Aerte, Beile, Kattune und Schmuck und beſonders Spirituoſen ſind ihnen weit lieber als Geld, und über derlei Sachen haſt Du immer nicht zu verfügen.“ „Vernünftiger Weiſe magſt Du Recht haben, Adolph“, lächelte aber der junge Mann, auf alle dieſe Argumente—„und ich glaube ſelbſt daß es eine Art verzweifelter Schritte iſt, auf einer ſo kleinen Inſel, wie dieſe zu ſein ſcheint, zu entlaufen— die Möäglichkeit iſt immer eher da, daß man eingefangen wird.“— „Sag' lieber die Wahrſcheinlichkeit“ unterbrach ihn Adolph. 13 „Und meinethalben auch die Wahrſcheinlichkeit“ murmelte René zwiſchen den zuſammengebiſſenen Zäh⸗ nen durch, ich habe mir aber noch nie etwas ſo feſt vorgenommen gehabt, ohne es durchzuführen, und den Verſuch will ich machen, oder darüber zu Grunde gehen!“ 8„Eh bien“ lachte Adolph,„ſobald Du einmal ſo weit gekommen, iſt es nicht nöthig mehr darüber zu ſprechen. Meine Wünſche für Dein Wohl haſt Du übrigens, und ich wollte nur, daß ich Dir in irgend etwas dabei nützlich ſein könnte; ich ſehe nur noch nicht wie.“ „Wer weiß wie ſich das noch Alles machen kann“ ſagte René— aber auf dem Quaterdeck werfen ſie ſchon wieder die Falle los—„in der Mitternachts⸗ wache möcht' ich Dir noch etwas ſagen.“ „Ship about“ unterbrach ihn hier der eintönige Ruf; die Leute traten ſämmtlich an ihre Poſten und das Schiff wurde über den anderen Bug gelegt, jetzt wieder vom Lande abhaltend. Mit der nächſten Morgendämmerung hatten ſie die Küſte, und zwar eine kleine Art Bai, die von zwei auslaufenden Corallenriffen gebildet wurde, ge⸗ rade vor ſich, und der Ruf des erſten Harpuniers ſammelte die Leute in ſein Boot; mehre dort ſchon aufgeſchichtete Sachen, Handels⸗ und Tauſchartikel 14 für die Eingebornen, wurden hineingelegt— das Boot ſchwang frei und auf das Waſſer nieder, und die Mannſchaft legte ſich in die Ruder. „Was ſind das für Pakete da vorn?“ ſagte der Harpunier, als ſie eben von Bord abgeſtoßen waren, „wer hat die eingeworfen?“ „Ein paar Hemden und andere Kleinigkeiten, Mr. Rowſy“ erwiederte Einer der Leute—„wir wollten uns auch was von Früchten eintauſchen!“ „Und das andere daneben?“ 1 „Daſſelbe“ erwiederte René, den die Frage an⸗ ging. Der Harpunier ſagte nichts weiter und René warf noch einen verſtohlenen Blick nach Bord zurück, wo Adolph ſtand und ihm zunickte. Er war ihm be⸗ hülflich geweſen die Sachen raſch, und ohne daß ſie an Bord ſelber etwas davon zu ſehen bekamen, in's Boot zu ſchaffen, der Capitain hätte es ſonſt unter keiner Bedingung zugelaſſen, obgleich dies etwas ziemlich gewöhnliches an Bord von Wallffichfän⸗ gern iſt. In Canoes kamen übrigens keine Indianer ab und ihnen entgegen, obgleich ſie mehrere Canoes in der Bai liegen ſahen, und nur erſt als ſie die Co⸗ rallen⸗Bank berührten, erſchienen oben zwiſchen den Büſchen eine Anzahl Männer und Frauen mit Kör⸗ ben aus Cocosblättern geflochten, in denen ſie Früchte 15 und Muſcheln trugen, und erſt ein Zeichen der Fremden abzuwarten ſchienen, ehe ſie ſich ihnen näherten. Der Harpunier, der ſich ſeit ſeiner Jugend faſt in dieſen Meeren herumgetrieben, ſprach ihre Sprache ziemlich geläufig, und ein paar freundliche Worte in dieſer hatten faſt eine zauberhafte Wirkung auf die Schaar. Die, die im Anfang die furchtſamſten ge⸗ weſen waren, riefen ſich erſtaunt unter einander zu daß die Fremden Freunde ſeien, und dieſelbe Sprache mit ihnen hätten, und aus allen Büſchen und Dickich⸗ ten brachen ſie jetzt heraus, und miſchten ſich ſo ſorg— los und vertrauend wie Kinder zwiſchen die Leute, befühlten das Zeug ihrer Kleider, lachten über ihre Bärte und Schuhe, und ſprangen und ſangen, als ob ſie ſchon Jahre lang mit ihnen bekannt geweſen wären. Der Tauſchhandel ging indeſſen rüſtig vor ſich; gegen Meſſer und Taback, Kattune und Glasperlen brachten ſie Maſſen der herrlichſten Früchte, beſon⸗ ders vortreffliche Orangen und Brodfrucht und wäh⸗ rend der Harpunier unter einem ſtattlichen Pandanus ſaß, die ihm gebrachten Waaren muſterte, und be⸗ ſtimmte was er dafür geben wolle, miſchten ſich die Leute, nur Einen derſelben bei dem Boot laſſend, ebenfalls unter die Eingebornen, die wenigen Kleinig⸗ 16 keiten die ſie mitgebracht, gegen Früchte und Muſcheln, hauptſächlich aber die erſten, zu vertauſchen. Dieſen Zeitpunkt benutzte Rene, ſchnallte ſein klei⸗ nes Bündel, daß er im Anfang vor den Eingebore⸗ nen ausgebreitet gehabt, wieder zuſammen, und ver⸗ lor ſich damit, ohne daß irgend Jemand auf ihn acht hatte, im Dickicht. Von den Eingeborenen ſahen ihn vielleicht Einige, achteten aber nicht auf ihn, und die Leute vom Schiff waren viel zu ſehr mit ſich ſelber und ihrer Umgebung beſchäftigt, ſich nur im mindeſten darum zu bekümmern, was Einer der ihri⸗ gen that. Zwei Stunden ſpäter etwa, als der Harpunier Alles weggegeben was er mitgebracht, und ſein Boot faſt gefüllt war mit all den Maſſen von Sachen die er dafür eingetauſcht, rief ſein Befehl die Leute wie⸗ der zuſammen, und er ſtieg ſelber ins Boot, an Bord zurückzukehren. „Wo iſt René!“ frug er, als er einen Blick über die Mannſchaft geworfen. „René!“ tönte der Ruf der Matroſen—„oh René!“ Kein René ließ ſich blicken und Niemand wußte was aus ihm geworden, ja ein paar bezweifelten, daß er überhaupt mit an Bord gekommen ſei, ſo wenig hatten ſie ſich, mit dem Land vor ſich, um ——— ——y——— einander bekümmert. Jedenfalls fehlte aber ein Mann, und der Offizier wußte auch, daß er bei der Herüber⸗ fahrt ſeine volle gewöhnliche Beſatzung gehabt. „Damn it“ rief der Harpunier endlich im Boot, in dem er ſeinen Sitz ſchon wieder eingenommen, in die Höhe ſpringend—„he has bolted,*) die Peſt über den Hallunken; aber den wollen wir bald wie⸗ der haben.— Bleibt Ihr hier im Boot bis ich zurück⸗ komme!“ rief er dann ſeinen Leuten zu, und über die Sitze wegſpringend, eilte er wieder an Land und wandte ſich dort an einen der Eingebornen, der eine Art Oberherrſchaft üͤber die Andern auszuüben ſchien. 8„Hallo Freund!“ redete er ihn an,„Einer von meinen Leuten iſt mir weggelaufen, könnt Ihr ihn wieder fangen, und was wollt Ihr dafür haben?“ „Hat er Gewehr mit?“ frug der Alte ziemlich vorſichtig, denn er ſchien danach den Preis des Ein⸗ fangens beſtimmen zu wollen. „Nein, kein Schießgewehr, vielleicht nicht einmal ein Meſſer“ lautete die ermuthigende Antwort. Die Eingebornen fingen jetzt eifrig an unter ein⸗ ander zu verhandeln, und zwar in ſo raſcher und oft eigenthümlicher Sprache, daß der Amerikaner ſelber nicht verſtehen konnte was ſie mitſammen hatten. *) Er iſt ausgeriſſen. Gerſtäcker's Tahiti. I. 2 ., * 18 Aus ihren Bewegungen wurde es ihm jedoch bald deutlich, denn zwei davon gingen nach einem beſon⸗ dern Theil im Buſch und unterſuchten hier die Fähr⸗ ten und ihren Geſticulationen nach ſchien es, als ob der Flüchtige ſich dort hinein gewandt habe. Der alte Indianer zeigte ſich auch bald erbötig ihm den Mann wieder zu verſchaffen; ſeine Forderung dafür war aber ziemlich bedeutend; er wollte Kattun und Meſſer, etwas Taback und in der That ein wenig von Allem haben, und als Jener endlich einwilligte ihm das Alles zu geben, hatte er noch ein Beil und ein Hemd und mehrere andere Kleinigkeiten vergeſſen. Der Harpunier wußte übrigens daß ſich der Ca⸗ pitain nicht lange hier aufhalten wollte, und wü⸗ thend ſein würde über die Flucht des Mannes; er ſagte alſo dem Alten ſeine ſämmtlichen Forderungen zu, vorausgeſetzt daß ſie mit dem Gefangenen am Ufer wären, ſobald ſie mit dem Boot und den verlangten Sachen wieder vom Schiff zurück ſein könnten. Dies abgemacht, ſtieß das Boot augenblicklich vom Lande, die eingetauſchten Früchte mit der fata⸗ len Nachricht an Bord zu bringen und den Fanglohn für den Entflohenen herüber zu holen, während die Eingebornen indeſſen wie Spürhunde den einmal an⸗ genommenen Fährten des Flüchtigen nachliefen. Capitel 2. Die Flucht, und welchen Dollmetſcher Nené fand. Rene war, als er ſich nur einmal außer dem Bereich ſeiner Kameraden ſah, ſo raſch er konnte gerade einem der nächſten Hügel zugeeilt, und das ſelbſt ſchien mit der Laſt die er trug gerade kein klei⸗ nes Unternehmen. Für ein Hemd hatte er ſich näm⸗ lich vorher ein paar grüne Cocosnüſſe und einige Bananen eingetauſcht, damit er nicht genöthigt wäre, gleich in den erſten vierundzwanzig Stunden wegen Nahrungsmitteln einen irgendwo gefundenen Verſteck zu verlaſſen, und dieſe, neben ſeinen Bundel Kleidern tragend, mußte er ſich durch das, manchmal entſetz⸗ lich dicke Gebüſch, fortwährend mit dem fatalen Ge⸗ fühl verfolgt zu werden, Bahn brechen. Er wußte 2⸗ * 20 aber was ihm bevorſtand, wurde er von den Leuten des Delaware wieder eingefangen, und wollte wenig⸗ ſtens Nichts was in ſeinen eigenen Kräften ſtand unverſucht laſſen, ſich ſo weit als möglich jeder ſol⸗ chen Gefahr zu entziehen. In dieſer Abſicht arbeitete er ſich auch dem höheren Theil der Inſel zu, weil er dort erſtens den Lagunen aus dem Weg ging, die hier ſeinen Pfad zu beengen drohten, und dann auch wahrſcheinlich in dichtes Buſchwerk hineinkam, was von den Eingebornen ſelber ſelten betreten wurde. Als er nur erſt einmal hügeligen Boden erreichte, wurde ſeine Flucht dadurch ſehr erleichtert, daß er cultivirtes und eingefenztes, wenn auch durch Unkraut ziemlich arg überwachſenes Land traf. Dort hatte er ſich wenigſtens durch keine verwachſenen Büſche mehr Bahn zu brechen und konnte ſein Terrain ein wenig freier überſehen. Blieb er da in der Nähe, ſo wuchs auch Frucht genug, ihn ein Jahr im Proviant zu halten; überdies war der ganze Wald voll Früchte, denn die Guiaven ſtanden mit Aepfeln, wenn auch noch nicht vollkommen gereift, förmlich bedeckt. Nur die Cocospalmen reichten nicht ſo weit hinauf, doch ſah er hier in den Feldern eine Maſſe Waſſermelonen, die ihn reichlich dafür entſchädigen konnten. Weiter durfte er ſich für jetzt aber nicht beladen, denn er trug ſchon, was er überhaupt tragen konnte, und die Hitze 21 war groß. Die ungewohnte Anſtrengung und Auf⸗ regung thaten natürlich auch das ihrige dabei. Durch die Felder ging das auch ganz gut, über— halb dieſen wurde das Dickicht aber wieder ſo ſchlimm wie es je geweſen, und die Guiavenbüſche ſchienen hier eine förmliche undurchdringliche Hecke zu bilden, durch die er ſich nur gebückt, und ſein Gepäck oft nachſchleppend, hindurchdrängen konnte. Nur erſt, wo dieſe endlich aufhörten, und mit ihnen jede Art von Frucht, begannen hohe dunkle Caſuarinen, die einen weit beſſern Durchgang gewährt haben würden, wären nicht ſo viele trockene und dürre Aeſte von ihnen heruntergefallen geweſen, die ſich ihm oftmals wie förmliche Palliſaden entgegenſtellten. Aber er mußte hindurch, und das war ein tüch⸗ tiges Wort, ihn alle Schwierigkeiten mit leichtem Muth überwinden zu laſſen. Hier wurde der Grund auch ſteinig, und er fand, als er den höchſten Punkt endlich erreichte, zu ſeiner Freude einen kleinen felſigen Platz, den er ſich ſelber hätte nicht ſchöner und paſ⸗ ſender zu einem Caſtell aufbauen können, als es hier die Natur für ihn gethan. Zehn Fuß war er dort oben von allen Seiten frei, und das bröcklige Ge⸗ ſtein, was den ſteil auflaufenden Gipfel bildete, konnte ihm im Anfang eben ſo wohl zum Verbergen, als 22 ſpäter, ſollte er gefunden werden, als Waffe dienen, auf irgend einen andringenden Feind niederzurollen. Mit einem förmlichen Triumphruf nahm er von dieſer kleinen Feſtung Beſitz, und als er oben ſeine Laſt abgeworfen, und ſich die naſſen Haare aus der Stirn geſtrichen hatte, ſagte er lächelnd: „Beim Himmel, mit Adolph hier und zwei guten Gewehren, wollt' ich mir die ganze Beſatzung des Delaware vom Leibe und einem förmlichen Sturm abhalten— ha— le Delaware!“ unterbrach er ſich plötzlich ſelber überraſcht, und faſt unwillkürlich trat er hinter einen der Felsſtücke, denn als er den erſten Blick nach außen warf ſah er, daß er frei über das Meer ſchauen konnte, und dort lag auch ſein altes Schiff ſo klar und nah vor ihm, daß er die einzelnen Leute an deſſen Bord konnte auf⸗ und abgehen ſehen. Mit dem Glas mußten ſie im Stande ſein ihn, ſo⸗ bald er ſich nur frei zeigte, vollkommen gut zu unter⸗ ſcheiden. Er überlegte ſich jedoch bald, daß ſie bis jetzt an Bord noch keine Ahnung von ſeiner Flucht haben konnten, denn eben kam erſt das Boot, dem er entflohen, dorthin zurück, und er konnte ſelbſt er⸗ kennen wie die Leute von unten hinauf an Bord kletterten. Jedenfalls war er alſo ſchon vermißt und er mußte darauf gefaßt ſein daß ihn die Eingeborenen — 23 aufſpüren würden, denn mit ſeiner Ladung hatte er an vielen Stellen eine ziemlich breite und tiefe Fährte zurückgelaſſen. Die kurze Zeit alſo die ihm bis da⸗ hin blieb, wollte er benutzen ſich noch ſo gut als es eben anging zu befeſtigen, nachher dem Schickſal und ſeinem guten Glück das Uebrige zu überlaſſen. Er war jung und ein Franzoſe— alſo weit davon entfernt ſich Sorgen vor der Zeit zu machen, über⸗ dies hatte er Alles was ihm jetzt bevorſtand voraus gewußt und es kam ihm Nichts unerwartet. Schießwaffen hatte er, zwei kleine Terzerole aus⸗ genommen, keine; außer dieſen aber ein langes zwei⸗ ſchneidiges ſchweres Meſſer in lederner Scheide, wo⸗ von er ſich die meiſte Hülfe verſprach, und ein leich⸗ tes trotziges faſt muthwilliges Lächeln überflog ſeine ſchönen Züge, als er die beiden kleinen Piſtolen aus der Taſche nahm, und vor ſich auf die Steine legte. „Es ſind zwar keine Zweiunddreißigpfünder“ ſagte er dabei lachend vor ſich hin,„und ich weiß in der That nicht einmal ob ſie überhaupt losgehen werden, aber ſie haben doch Mündungen, und iſt den Eingebornen hier ſchon überhaupt jemals ein ſolches Inſtrument wie eine Piſtole zu Geſicht gekom⸗ men, ſo müßte ich mich ſehr irren, wenn ich nicht glauben ſollte die ganze Inſel damit von mir ab⸗ halten zu können. Kurze Friſt werden ſie mir aber . 24 doch wohl Ruhe laſſen, und die will ich denn wenig⸗ ſtens benutzen meinen Körper ein wenig zu reſtau⸗ riren und mit Speiſe und Trank zu erquicken.“ Und damit ſchnürte er wohlgemuth ſeinen Bün⸗ del wieder auf, in dem er auch ein kleines Packet mit einem paar Schiffszwiebacken und einem Stück Salz⸗ fleiſch verborgen hatte, und mit einem Theil von dieſem und einigen Bananen, wozu er eine der Co⸗ cosnüſſe anzapfte und etwas davon trank, ſeinen allerdings brennenden Durſt zu löſchen, hielt er eine ſo vortreffliche und ruhige Mahlzeit, als ob er ſich in voller Sicherheit in irgend einem guten Gaſthaus befände, und nicht jeden Augenblick fürchten mußte, umſtellt und gefangen zu werden. Die Feinde waren ihm übrigens weit näher als er je vermuthet, denn kaum hatte er ſein Mahl be⸗ endet, und eben wieder die Cocosnuß an die Lippen gehoben, noch einen letzten Schluck zu thun, als er gar nicht weit von ſich entfernt ein Geräuſch zu hö⸗ ren glaubte. Er hielt horchend ein— da krachten wahrhaftig wieder die Büſche. Nichtsdeſtoweniger trank er erſt in aller Ruhe, denn er wußte recht gut daß er hier oben in ſeiner feſten Stellung nicht ſo plötzlich überraſcht werden konnte, ſtellte dann die Nuß vorſichtig und ein paar Steine darum legend, bei Seite, daß ſie nicht umfiel und ſeinen Waſſervor⸗ rath gleich um die Hälfte verringerte, griff ſeine bei⸗ den Terzerole auf, und ſchaute dann, hinter irgend einen der größten Steine gedrückt, aufmerkſam nach dorthin von woher ſich jetzt vorſichtig irgend Jemand zu nähern ſchien. Es dauerte auch nicht lange, ſo konnte er ſchon die bunten Kattunüberwürfe mehrerer Eingeborener erkennen, die langſam und aufmerkſam den Boden betrachtend, ſeinen hinterlaſſenen Spuren folgten. Wie viele es waren ließ ſich noch nicht erkennen, das blieb ſich aber auch gleich; war er erſt einmal aufgefunden, ſo konnten ſie, ſo ſie überhaupt feind⸗ liche Abſichten hatten, leicht Verſtärkung holen, und er mußte vor allen Dingen ſehen ſich auf eine fried⸗ liche Art mit ihnen zu verſtändigen. Die Terzerole konnten ihm aber dabei nur mehr Schaden als Nutzen bringen, und er ſteckte ſie deshalb vorläufig wieder in die Taſche, die Ankunft der Indianer jetzt auf das ruhigſte und kaltblütigſte erwartend.. 4 Dieſe ließen ihn auch nicht lange mehr über ihre Abſicht im Zweifel. Der Erſte der voranging mochte eine gewiſſe Obergewalt über die Andern haben, denn dicht unter den Steinen, auf denen ſie den Flücht⸗ ling gar nicht zu vermuthen ſchienen, ſandte er zwei rechts und zwei links ab, zu ſehen wohin ſich die Spuren etwa den Berg wieder hinunter zögen, wäh⸗ 26 rend er ſelber gerade auf den Felſen zukam. René wußte recht gut daß er von dieſen fünf Leuten noch weiter keine Gefahr zu fürchten hatte, und doch jeden⸗ falls aufgefunden werden mußte, ſich alſo deshalb aufrichtend, und mit beiden Ellbogen auf einem der vor ihm liegenden Blöcke ſtützend, ſah er erſt eine kurze Weile den Mann unten, der auf dem hier ſtei⸗ nigen Boden nicht recht mit der Spur einig zu ſein ſchien, lächelnd zu, und ſagte dann p lötzlich mit lauter Stimme den ſchon mehrfach zehünlen und behaltenen Gruß: „Joranna-boy!“ Wäre dem Eingebornen, der gebückt und die Au⸗ gen feſt auf den Boden geheftet, faſt gerade unter ihm ſtand, ein grimmer Tauſendfuß über den Nacken gelaufen, er hätte nicht raſcher und mehr erſchreckt in die Höhe und zur Seite ſpringen können, und erſt. das laute Lachen René's, der auf ihn herunterſchaute, als ob Jemand aus dem Fenſter einer höheren Etage ſieht, brachte ihn wieder ein wenig zu ſich. Der erſte Schrei, den er aber in voller Ueberraſchung ausge⸗ ſtoßen war hinreichend geweſen, ſeine Gefährten um ihn zu ſammeln, und die fünf rothen Burſchen, die hier mit ſo feindſeligen Abſichten heraufgekommen waren, wußten eigentlich nicht recht wie ihnen geſchah, als ſie den gerade, von dem ſie die grimmigſte Gegen⸗ 27 wehr erwartet, in der größten Gemüthlichkeit vor ſich und ſo friedlich geſinnt fanden, wie ſie es nimmer hätten erwarten dürfen. Erſt ſahen ſie eine ganze Zeit lang ſchweigend zu ihm empor— es war augenſcheinlich, ſie mißtrauten noch dem äußeren Anſehn der Dinge— dieſe Freund⸗ lichkeit konnte Maske ſein ſie plötzlich zu überrum— peln, und obgleich ſie bewaffnet waren, d. h. zwei führten Tapa⸗Hölzer und die andern drei Einer ein Beil und Zweie Meſſer— und der Weiße unten ihnen die Verſicherung gegeben hatte daß der Flücht⸗ ling nichts derartiges mitgenommen habe, wußten ſie doch nicht welche außerordentlichen Mittel ihm ſonſt vielleicht zu Gebote ſtehen mochten ihnen zu ſchaden. Sie waren allerdings willens die ausgeſetzte Beloh⸗ nung zu verdienen, dachten aber dabei gar nicht daran ihren Leib oder gar ihr Leben irgend einer unnöthigen und zu vermeidenden Gefahr auszuſetzen. René blieb übrigens in ſeiner nichts weniger als feindlichen Stellung, wobei er ſich jedoch wohl gehü⸗ tet hatte ſeine Geſtalt den Fernröhren des Schiffes preis zu geben, und da die ſo erſtaunten und verdutz⸗ ten Geſtalten der Indianer allerdings komiſch genug ausſehen mußten, und er ſich gar keine Mühe gab ſein Lachen zu verbergen, ſo verlor ſich dieſe Furcht denn auch endlich. 28 Der Führer ſah ſeine Begleiter erſt ganz ernſthaft an, und dann verzog ein breites Grinſen oder Feiren ſeine ſonſt gutmüthigen Züge, während ſich dieſe noch eine kleine Weile zu geniren ſchienen,— endlich mochte ihnen das Komiſche ihrer Lage aber auch wohl ein⸗ leuchtend werden. Der Eine ſchnitt auf einmal ein ganz freundliches Geſicht, und war dann urplötzlich. wieder ſo ernſt und finſter als vorher, als er aber den Häuptling anſah und deſſen ausbrechende Fröh⸗ lichkeit bemerkte, glaubte er auch wahrſcheinlich dem Anſtand volle Genüge geleiſtet zu haben, und platzte nun auf einmal ſo raſch und laut heraus, daß ſich die Andern ordentlich erſchreckt nach ihm umſahen. „Joranna, Joranna!“ rief jetzt der Erſte hinauf, dem augenſcheinlich ein Stein vom Herzen gefallen ſchien, da er die Sache ſich ſo friedlich löſen ſah— und es zeigte ſich jetzt daß er auch etwas gebrochen engliſch ſprach, wie man faſt auf allen dieſen Inſeln Einzelne findet, die Worte und Redensarten, im Verkehr mit den Fremden, aufgefangen und behalten haben. „Joranna boy!— wie geht's— wie geht's Freund — komm herunter, komm herunter— weißer Mann, Capitain ſagt, ſoll herunterkommen.“ „ So?“ lachte René in derſelben Sprache,— „weißer Mann Capitain ſagt alſo ich ſoll herunter kommen?“ 29 Der Indianer nickte auf das freundlichſte, daß er ihn ſo gut verſtanden hatte, und verſicherte, ſich zu ſeinen Begleitern wendend, dieſen, daß er die Sache jetzt augenblicklich in Ordnung bringen würde. „Ja, komm herunter, komm herunter— weißer Mann Capitain ſagt“ wiederholte er noch einmal, dieſes Factum vor allen Dingen außer jeden Zweifel zu ſtellen. „Und wenn ich, weißer Mann kein Capitain nun nicht will?“ lachte Rens. „Nicht will?“ rief der Führer der Eingebornen erſtaunt aus, und ſah den Fremden an; dann aber, denn er konnte in deſſen Geſicht immer noch keinen Ernſt entdecken, dies ebenfalls für einen guten Spaß deſſelben haltend, den er zu ihrem eigenen Vergnü⸗ gen gemacht habe, ſchaute er ſich nach den Andern um, lachte laut auf, und erzählte ihnen mit der größ⸗ ten Freundlichkeit was der Weiße da oben eben ſo Luſtiges geſagt habe. Die übrigen Eingebornen, die gleich von allem Anfang gar nichts Anderes erwartet hatten, konnten darin aber nicht den mindeſten Spaß entdecken, und ein paar, zu dieſem Zwecke an den Alten gerichtete Worte machten dieſen ebenfalls wieder ernſthaft und ließen ihn doch an die Moͤglichkeit glauben daß der Fremde am Ende wirklich nicht ſelber herunterkom⸗ 8* 30 men wollte, und ihn da herunter zu holen, war jedenfalls eine mißliche Sache. „Bah, bah“ ſagte der Alte jetzt kopfſchüttelnd und mit einem Geſicht als ob man einem unartigen Kinde irgend eine Thorheit verweiſen wolle—„närriſch Ding, närriſch Ding— weißer Mann Capitain guter Mann, verlangen weiter Nichts wie herunter⸗ kommen.“ „Was bekommt Ihr dafür mich zu holen?“ frug ihn aber René ſo gerade mitten in alle ſeine Berech⸗ nungen hinein, daß er ihn ganz wieder außer Faſ⸗ ſung brachte, und er erſt den Weißen, und dann ſeine Begleiter erſtaunt anſah, augenſcheinlich unſchlüſſig ob er dieſe, etwas indiscrete Frage ſo geradezu und der Wahrheit gemäß beantworten ſolle. Er hielt es am Ende für beſſer es erſt mit den Seinen zu bera⸗ then; da dieſe aber nicht das mindeſte Bedenken darin fanden ſeinem Wunſche zu willfahren, wandte er ſich wieder zu dem jungen Franzoſen und zählte ihm jetzt mit der größten Ernſthaftigkeit alle die Artikel auf die ſie bekommen würden, und zwar mit einem Eifer und einer Genauigkeit, als ob das noch ein beſonde⸗ rer Beweggrund für ihn ſelber ſein müſſe, jetzt augen⸗ blicklich niederzuſteigen und ihnen den Beſitz aller dieſer Herrlichkeiten nicht länger, widerrechtlicher Weiſe, vorzuenthalten. 31 Zu ihrem Erſtaunen ließ ſich aber der Fremde ſelbſt nicht durch die Erwähnung des Handbeils und die fünf Yards rothen Kattun beſtechen, ſondern blieb nur ruhig und unbeweglich in ſeiner Stellung. Angenehm war es ihm aber nicht, dieſe Maſſe ver— ſchiedenartiger Gegenſtände aufzählen zu hören, und er konnte daraus nicht allein ſehen wie viel dem Harpunier daran gelegen geweſen war ihn wieder zu bekommen, als auch wie ſehr ſchon die Habgier dieſer ſonſt einfachen und gutmüthigen Leute erregt worden, den ausgeſetzten Lohn ſo raſch als möglich zu ver⸗ dienen. Ueberredung half hier Nichts, ſo viel ſah er recht gut ein, wäre er ſelbſt ihrer Sprache vollkommen mächtig geweſen, und das einzige was ſich noch mit ihnen im Guten anfangen ließ, war ihnen an Geld und vielleicht Kleidern gleichen Nutzen zu bieten, wo er dann wieder das zu ſeinen Gunſten hatte, daß ſie bei deſſen Annahme ihre Gliedmaßen in keine Gefahr brachten. „So?“ ſagte er alſo, da ſie geendet hatten und nun nichts anderes zu erwarten ſchienen als daß er nach ſolchen dargelegten Gründen, ihren Beweiſen nicht länger werden widerſtehen können—„ſo?— das alſo hat Euch weißer Mann Capitain Alles ge⸗ boten, mich einzig und allein wieder unten abzulie⸗ fern?“ 4 32 „Ja Freund— blos unten abzuliefern“ lautete die Antwort. „Todt oder lebendig?“ frug aber der junge Mann mit größter Kaltblütigkeit zurück, und erſchreckte da⸗ durch den Alten nicht wenig, der jetzt zum erſten Mal an zu begreifen fing, daß der Fremde doch am Ende nicht ſo ganz gutwillig mit ihnen gehen werde. „Todt oder lebendig?“ wiederholte er erſtaunt und verſuchte zu lachen, was ihm aber mißglückte— „todt? wir ſollen doch weißen Mann nicht todt ab⸗ liefern— lebendig verſteht ſich.“ „Und wenn ſich nun weißer Mann zur Wehr ſetzt?“ ſagte Rend. „Zur Wehr ſetzen?“ frug der Alte, der das Wort nicht ſo recht zu verſtehen ſchien—„zur Wehr ſetzen?“ „Nun ich meine, wenn weißer Mann unter keiner Bedingung gutwillig mitgehen will und ſich verthei⸗ digt“ erklärte es ihm der Fremde deutlich genug. „Aber fünf Yards rothen Kattun— ein Hand⸗ beil— zwei Meſſer“ begann der erſtaunte Eingeborne alle die Herrlichkeiten wieder aufzuzählen; René aber, dem Nichts daran lag ſie nur hinzuhalten, was er mit Leichtigkeit für den ganzen Tag hätte thun können da viele dieſer Leute faſt gar keinen Begriff von Zeit oder dem Werth derſelben haben, unterbrach ihn mitten in der ſchon gehörten Liſte und ſagte 33 freundlich, während er eine ganze handvoll Silber⸗ geld aus ſeiner Taſche nahm und ihnen vorzeigte: „Was wollt Ihr denn thun, wenn ich Euch nun ebenſoviel an baarem Gelde gebe, als Euch weißer Mann Capitain für mich verſprochen hat, heh und dann bei Euch bleibe und mit Euch lebe und wohne?“— Das war jedenfalls ein Vorſchlag zur Güte, und die Eingeborenen beriethen lange unter ſich was ſie damit thun ſollten; endlich erkundigte ſich der Alte näher danach wie viel Geld das eigentlich ſei, was er da in der Hand halte. René zählte es über— es waren ſechs Fünf⸗Frankenthaler und vielleicht zehn Franken an kleiner Münze Geld, was ſie hier, in ihrem Verkehr mit Tahiti, recht gut kannten. Für eine ſolche Summe wußten ſie auch gut ge⸗ nug, daß ſie ſelbſt in Papetee ebenſoviel an Waaren bekommen könnten als ihnen geboten worden; erſtlich aber war der Verkehr mit jenem Platz nicht ſehr be⸗ deutend, und dann hatten ſie ja auch die Sachen noch nicht hier, während ſie dieſelben von Bord des Wall⸗ fiſchfängers gleich richtig und ohne weitere Mühe über⸗ liefert bekamen. Die Unterhandlung fiel für den Matroſen un⸗ günſtig aus, und der Alte ſuchte ihn nun, gewiſſer⸗ maßen als Entſchuldigung ſeiner abſchlägigen Ant⸗ 3 Gerſtäcker's Tahiti. I. wort, und als einziges Motiv ihrer Weigerung, aus⸗ einanderzuſetzen, wie ſich auf dieſer Inſel Niemand — ohne Beiſtimmung ihres Fua oder Königs von fremden Völkern aufhalten dürfe und daß ſie alſo, wenn ſie auch ſelber wünſchten ihn bei ſich zu be⸗ halten, ihn darin doch nicht unterſtützen dürften. „Ja,“ ſetzte dann der Alte mit vieler Aufrichtigkeit und auch gewiß Wahrheit hinzu—„wollten wir jetzt ſelbſt Dein Geld nehmen, und Dich zufrieden laſſen, wir könnten Dich doch nicht ſchützen, und der König würde bald Andere ſchicken, die Dich trotzdem abholten.“ Rene ſah dies recht gut ein, und beſchloß alſo deshalb mit Sr. Majeſtät ſelber zu unterhandeln— wie aber das möglich zu machen? ſtieg er hinunter, ſo gab er ſich vollkommen in die Gewalt ſeiner Feinde, und überfielen und banden ihm dieſe nachher, ſo konn⸗ ten ſie ihm mit leichter Mühe abnehmen was er bei ſich hatte, ohne daß er je im Stande geweſen wäre auch nur eine Centime ſeines Geldes wieder zu be⸗ kommen— und Sr. Majeſtät zuzumuthen hier oben heraufzuklettern, mit einem entlaufenen Matroſen we⸗ gen einiger Thaler zu unterhandeln war doch auch ein wenig viel verlangt. Nichtsdeſtoweniger beſchloß er den Verſuch zu machen, denn hinunter wollte er auf keinen Fall eher ſteigen, bis nicht der Delaware 35 die Inſel verlaſſen hätte. Er bat alſo den Alten, der überhaupt der Leiter der Schaar zu ſein ſchien, ihn erſt noch einmal kurze Zeit hier oben zu laſſen, und indeſſen ſelber hinunter zu Sr. Majeſtät zu gehen, oder wenigſtens einen von ſeinen Leuten hinunter zu ſchicken, der dem König Kunde von ſeinem Vorſchlag brächte, ihn um die Erlaubniß längeren Aufenthaltes auf dieſer Inſel und Schutz zu bitten, bis ſich das fremde Schiff entfernt hätte, wofür er denn ſeiner⸗ ſeits Willens ſei, Sr. Majeſtät, falls dieſe ihm ſeine Sicherheit garantire, zwanzig Fünf⸗Frankenthaler— ein Capital für dieſe Menſchen— auszuzahlen. „Ja— ſehr gut das,“ ſagte der Alte nach einer kurzen Pauſe ernſter Ueberlegung—„ſehr gut das, weißer Mann nicht Capitain kann mit fu-a ſprechen, aber muß hinunter gehn— König nicht heraufkom⸗ men hier oben auf Berg— König ſehr faul, nicht viel Berge ſteigen.“ „ Ja, ich kann ihm da aber doch nicht helfen,“ lachte René—„wenn er die zwanzig großen Stücke Silber verdienen will, muß er auch etwas mehr da⸗ für thun, als blos mit dem Scepter winken. Alſo marſch Ihr guten Freunde, bringt Sr. Majeſtät mei⸗ nen freundlichen Gruß und Handſchlag, und meldet ihm, was ich ihm hiemit entbieten laſſe. Er ſoll einen vortrefflichen Vaſallen an mir haben, und kann 3* 3 36 auch, wenn er es nur irgend anzuſtellen weiß, noch weit mehr Nutzen aus mir ziehen; ich bin gelehrig, und wer weiß ob ich mich nicht ſelbſt ganz vortrefflich zu Schwiegerſohn und Nachfolger eignen würde.“ Der Alte verſtand ſicher nicht die Hälfte von alle dem, was ihm der Fremde da in ſeinem leichten fröh⸗ lichen Muth vorplauderte, ſoviel aber begriff er, daß er dem König eine gewiſſe Summe, und zwar eine ziemlich bedeutende bot, ihn frei zu laſſen und nicht die mindeſte Abſicht habe vorher herunter zu kommen. Ging nun der König dieſe Bedingung ein, ſo verlor er ſelber jedenfalls ſeinen Antheil an dem ausgeſetzten Lohne, ging er ſie aber nicht ein, ſo war der ganze Weg doch umſonſt geweſen, und es erſchien ihm alſo weit beſſer gleich das Letztere von vornherein anzu⸗ nehmen, und den jungen Burſchen, der da oben doch ſo freundlich lachte, und ſich gewiß nicht gegen ſie wehren würde, nur vor allen Dingen erſt einmal herunterzuholen und mitzunehmen; das Andere konn⸗ ten ſie ja nachher unten ausmachen. Ein paar mit ſeinen Begleitern raſch gewechſelte Worte ſetzte dieſe von dem gefaßten Entſchluß in Kenntniß, und ſich dann wieder zu dem Matroſen wendend, der ihn auf⸗ merkſam betrachtete ſeine Entſcheidung zu hören, ſagte er mit bedächtiger Stimme, indem er ſich das Lenden⸗ tuch etwas feſter anzog und einſteckte, ungefähr in 37 derſelben Weiſe wie Matroſen gewöhnlich, mehr in eine Art Angewohnheit, ihre um die Hüften dicht an⸗ ſchließenden Segeltuchhoſen in die Höhe ziehen. „Ja weißer Mann, Alles recht gut, weißer Mann Capitain hat aber geſagt müſſen unten ſein, bis Boot mit Kattun und Tabak und Meſſer und Beil und Hacke und andere Sachen wieder zurückkommt; ſo ſteig nur herunter ſolange, wollen unten erſt zu König gehn, und nachher zu weiße Mann Capitain.“ „Ich habe Dir aber ſchon geſagt, Du etwas hart⸗ höriger Burſche Du,“ ſagte Renè, faſt ungeduldig werdend,„daß ich nicht eher hinunter kommen will, bis ich Sr. Majeſtät den König dieſer vielleicht ver— einigten Inſeln geſprochen habe— alſo mache daß Du zu ihm kömmſt, je eher er hier iſt, deſto ſchneller können wir unſern Handel ins Reine bringen.“ Der Alte aber, ob er dies Letzte nicht recht ver⸗ ſtanden, oder für eine Einladung genommen, oder ob er auch vielleicht glaubte es ſei jetzt über die Sache genug geſprochen worden, und müſſe nun einmal ge⸗ handelt werden, kurz er rief ſeinen Begleitern zwei oder drei Worte mit einem entſchiedenen Ton zu, und ſtieg dann mit weit mehr Entſchloſſenheit, als er bis jetzt überhaupt gezeigt hatte, die bröcklichen Felſen hinan dem Orte zu, wo der Fremde ihn ruhig er⸗ wartend ſtand. — 38 Renè hätte ihm mit leichter Mühe einen der ſchwe⸗ ren nur kaum in der Balance liegenden Steine auf den Kopf rollen können, aber er wollte ſelber in ſeinem eigenen Intereſſe Feindſeligkeiten ſolange als mög⸗ lich hinausſchieben, und ſolche nur ein letztes, wirk⸗ lich verzweifeltes Mittel ſein laſſen. Er behinderte deshalb auch den Alten nicht im Mindeſten bei ſei⸗ nem Marſch, und dieſer fand ſich gleich darauf, viel⸗ leicht ſelbſt gegen ſeine eigene Erwartung, oben auf der kleinen Plattform, neben ſeinem vermutheten Opfer, während ſeine vier Begleiter eben bemüht waren ihm langſam zu folgen. „So,“ ſagte der Indianer mit freundlichem Kopf⸗ nicken, als er endlich neben René ſtand und eben die Hand ausſtreckte ihn auf die Schulter zu klopfen, „ſo Freund weißer Mann, nun wollen wir—“ aber er ſprach nichts weiter— nur ein Blick war auf das Terzerol gefallen, das der Weiße ruhig in der Hand hielt, und mit einem Satz der ſelbſt dieſen um ſeine Sicherheit beſorgt machte, ſprang er von der kleinen Steinveſte ab nach der Wurzel eines tiefer liegenden Baumes, und von dieſer wieder auf die Erde hin⸗ unter, wo er nicht eher ſtehen blieb, bis er den ſchü⸗ tenden Stamm einer Caſuarine erreicht hatte, hinter dem vor er jetzt mit den Händen auf das lebhafteſte an zu geſticuliren fing, und dabei ſchrie und tobte, als ob ihm da oben das ſchmählichſte Unrecht ge⸗ ſchehen wäre. Die Anderen warteten natürlich, als ſie des Füh⸗ rers Flucht ſahen, in ihrer, wie ſie glaubten ebenfalls höchſt gefährdeten Stellung, gar nicht ab die Urſache ſo ſchnellen Rückzugs zu erfragen, ſondern folgten nur eben, ſo raſch ſie konnten, dem gegebenen Bei⸗ ſpiel des Alten. Sonderbarer Weiſe richtete ſich aber dieſes Zorn keineswegs auf den jungen Mann, ſondern nur auf den„weißen Mann Capitain“, der ihn hier unter falſcher Vorſpiegelung, mit Ausſetzung eines weit ge⸗ ringeren Lohnes, auf eine Erpedition ausgeſchickt hatte, wo er gegen jede Verabredung Waffen, und ſogar ihm recht gut bekannte Schießwaffen fand. „Das ſind zwei Handbeile,“ rief er heftig,„und zehn Ellen Kattun— zwei fünf,“ indem er die eine Hand mit geſpreitzten Fingern zweimal von ſich drückte,—„und vier Meſſer und zwei zehn Stan⸗ gen Tabak“— er wiederholte, wie mit ſich ſelber redend, die Bewegung der Hand—„und zwei Hacken, und zwei handvoll Nägel und eine hand⸗ voll Knöpfe— weißer Mann Capitain ſagt was nicht wahr iſt— keine Waffen— puh— was iſt das?— kleine blanke Ding da— puff! macht Loch in armen Kanaka.“ 40 „Habe keine Angſt wackerer Krieger,“ rief ihm Rens jetzt lachend hinunter, der im Anfang wirklich zu befürchten ſchien, der Alte müſſe bei dem tollen Sprung wenigſtens ein paar Beine gebrochen haben — ſich übrigens nicht wenig über den Eindruck freute, den ſeine kleinen Terzerole gemacht hatten—„ich will Euch nicht das mindeſte zu Leide thun— ja im Gegentheil, Euer König ſoll ſogar eine von dieſen Handkanonen bekommen, falls er auf meine Bedin⸗ gungen eingeht, und wir werden gewiß nachher in Fried' und Freundſchaft zuſammen leben, ja uns mög⸗ licher Weiſe noch einige benachbarte Inſelgruppen zu⸗ ſammen unterwerfen; aber nun mache auch daß Du Sr. Majeſtät von meinen Vorſchlägen in Kenntniß ſetzſt, würdiger Greis, denn ich ſehe ſchon daß vom Schiff aus wieder ein Boot abgeht, und möchte vor⸗ her noch Deine troſtbringenden Nachrichten haben.“ Der Alte ſah jetzt allerdings ſelber ein daß hier, mit ſeinen wenigen Mann und mit Gewalt, Nichts auszurichten war; dann genügte ihm auch der auf das Einfangen des Entlaufenen geſetzte Preis nicht mehr; dieſer hatte Schießwaffen und er glaubte von dem„weißen Mann Capitain“, wie er den Har⸗ punierer nannte, vorher erſt noch leicht die doppelte Ration herausdingen zu können, noch dazu da er das erſt Geforderte ſo leicht und ſchnell bewilligt hatte. 41 Da der Weiße übrigens, wie es ſchien, nicht die ge⸗ ringſten feindlichen Abſichten zeigte, und wieder ganz in ſeine frühere friedliche Stellung zurückgefallen war, kam er auch hinter ſeinem, in der erſten Geſchwindig⸗ keit angenommenen Baume vor, und ſich erſt kurze Zeit mit ſeinen Leuten beſprechend, wandte er ſich dann plötzlich wieder zu dem Flüchtling und ſagte: „Gut, gut— Raiteo will gehn, will mit fu-a ſprechen— weißer Mann nicht Capitain bleibt hier ſo lange— Raiteo kommt wieder— Sonne dort“ — und er zeigte dabei mit der Hand die Himmels⸗ gegend an, an welcher ſich die Sonne befinden würde, wenn er wieder zurückkäme. Damit zog er ſich, und ohne weiter eine Antwort abzuwarten, in die Büſche zurück, und wie es ſchien folgten ihm alle ſeine Leute; außer Sicht ließ er aber ſeine ſämmtliche Mannſchaft auf Wacht und vertheilte ſie ſo, daß ſie die Bergkuppe nach allen vier Seiten umgaben, nicht etwa eine Flucht des Weißen von dort zu verhindern, denn das wußte er recht gut, konnten ſie nicht, ſondern nur genau zu ſehen wo er bliebe, falls er den Ort aus freiem Stuͤ⸗ cken verlaſſen ſollte, damit ihnen die neue Arbeit ei⸗ nes Nachſpürens erſpart würde. Raiteo, wie er ſich ſelbſt genannt, dachte übri⸗ gens gar nicht daran Sr. Majeſtät dem König den ganzen Nutzen dieſes Fanges allein zu laſſen, und 8 beſchloß vor allen Dingen einmal zu ſehen, wie viel mehr Belohnung er, dieſer neuen Entdeckung nach, aus dem fremden Schiff herauslocken könne. Dem⸗ zufolge, und da er fetzt ſelbſt durch eine lichte Stelle in den Guiavenbüſchen das auf's Neue heranrudernde Boot erkennen konnte, eilte er ſo raſch er vermochte dem Strand wieder zu, und traf dort mit dem eben auf dem weißen Corallenſand auflaufenden Boot faſt in ein und derſelben Minute ein. Der Harpunier fluchte übrigens nicht wenig, als er hörte daß die Eingeborenen den Entlaufenen aller⸗ dings gefunden, aber noch nicht zum Strand gebracht hätten, und nun erſt noch eine neue erhöhte Forde⸗ rung ſtellten; er hätte ihnen jetzt gern das ſechsfache gegeben, wäre der entlaufene Matroſe damit in ſei⸗ nen Händen geweſen, denn der Capitain des Dela⸗ ware wüthete ordentlich als er die Flucht des Manns und ſeinen dadurch erzwungenen Aufenthalt vernahm, und gab ihm jede Vollmacht den Burſchen, den er exemplariſch zu beſtrafen gedachte, wieder in ſeine Gewalt zu bekommen. 8 Raiteo ſollte aber die Sache nicht mehr allein auszufechten haben, ſondern Sr. Majeſtät, die von dem reichen, für den Flüchtling verſprochenen Lohn gehört hatte, miſchte ſich jetzt ſelber in das Geſchäft, 43 und ſchien Raiteo mehr als Führer wie Leitenden be⸗ trachten zu wollen. Der Harpunier hatte nun zwar ſelber ſchon Rai⸗ teo eine Belohnung geboten, wenn er ihn nur zu dem Platz hinbringen wolle wo der Flüchtling ſei; Jener ſchien das aber einestheils nicht gern thun zu mögen, und anderer Seits zeigte dies wieder eine neue Schwie⸗ rigkeit. Der Harpunier hätte ſeine Leute entweder zurücklaſſen oder mitnehmen müſſen, und in beiden Fällen konnte es am Ende gar noch einem Andern einfallen, ſein Glück ebenfalls in den Wäldern zu verſuchen. Nach kurzem Ueberlegen ſuchte er deshalb die Indianer zu bewegen ſo raſch als möglich zurück⸗ zugehn und den Weißen zu holen, und die Verſpre⸗ chungen die er ihnen dafür machte, ja mehr noch die mitgebrachten Sachen die er ihnen zeigte, und von denen er einiges dem Koͤnig ſchon gab, ſeine Habgier zu reizen, ſchienen ihm allerdings das günſtigſte Re⸗ ſultat zu verſprechen. Die Leute waren diesmal in ſehr bedeutender An⸗ zahl, ſogar mit einer Menge neugieriger Frauen, auf⸗ gebrochen den Gefangenen, der ſolcher Maſſe nicht hätte widerſtehen können, zum Strand zu holen, und jetzt etwa lange genug abweſend daß der Harpunier ſchon dann und wann nach ſeiner Uhr ſah, und die Zeit zu berechnen anfing, in der ſie würden wieder 44 zurück ſein können, als Mr. Rowſey plötzlich, ſehr zu ſeinem Erſtaunen, ein Zeichen von ſeinem Schiff er⸗ hielt, ſo raſch er könne an Bord zurückzukommen. „Was zum Teufel kann nur los ſein?“ brummte er, als ihn Einer der Leute auf die eben aufſteigende Flagge aufmerkſam machte—„Fiſche bei Gott!“ rief er aber, als dieſe, zum verabredeten Signal, dreimal auf und niedergezogen wurde—„die hätten auch noch ein paar Stunden warten können. An Bord boys, an Bord— raſch an Eure Riemen“— rief er dann ſeinen Leuten zu, die ſchnell dem Befehl gehorchten. Er ſelber blieb noch ein paar Momente wie un⸗ ſchlüſſig am Ufer ſtehen, während ſich die zurückge⸗ bliebenen Eingeborenen neugierig um ihn ſammelten, theils zu erfahren was die Flagge am Schiff bedeu⸗ ten ſolle— denn ſoviel hatten ſie ſchon mit Schiffen verkehrt, zu wiſſen daß dies etwas Beſonderes mel⸗ den wolle— theils was die Weißen jetzt zu thun beabſichtigten. Der Harpunier wußte das in der That im An⸗ fang ſelber nicht— mußten ſie jetzt hinter Fiſchen her, wie es allen Anſchein hatte, ſo konnten ein paar Tage vergehen, ehe ſie hierher wieder zurück kamen, und ſollte er indeſſen die für das Einfangen des Mannes beſtimmten Güter in den Händen des Königs laſſen? That er es nicht, ſo war es die Frage ob ſich die 45 Eingebornen, ſobald ſie das Schiff abſegeln ſahen, weiter um den Weißen bekümmern würden, und ließ er die Sachen da, ſo hieß das ein wenig viel der Ehrlichkeit dieſer Leute vertraut, von der er, nach ziemlich langer Erfahrung, in ſolcher Hinſicht gerade keinen beſonderen Begriff zu haben ſchien. Er entſchloß ſich aber doch zuletzt dazu, denn eines Theils lag in den mitgebrachten Sachen kein wirklicher Werth, und andern Theils durfte er dann auch darauf rechnen daß die Leute— wenn ſie eben nicht mit dem Ganzen durch⸗ brannten— ihr Beſtes thun würden ſein Vertrauen zu rechtfertigen. Sich alſo zu dem König wendend ſagte er ihm mit kurzen Worten, er müſſe jetzt an ſein Schiff gehn, er wolle aber den Lohn für das Ein⸗ fangen des Entlaufenen bei ihm niederlegen, und er verlange dafür von ihm, daß ſie den Mann, wenn ſie ihn einbrächten— ſollte das Schiff noch dort liegen, wo ſie es jetzt ſähen— augenblicklich in ein Canoe nähmen und an Bord brächten, ſollte es aber unter Segel ſein, ſo lange gut verwahrten, bis er ſelber zurückkäme.. Se. Majeſtät verſprach ihm dafür die Sachen in ſein eigenes Haus zu legen, und verſicherte den Har⸗ punier es würde Nichts davon kommen, denn ſie ſeien alle Chriſten und zwei„Mitonares“ hier auf der Inſel. 1 46 Der alte Harpunier ſchien ihm etwas darauf er— wiedern zu wollen, und ſah ihn einen Augenblick wie zweifelnd an, endlich aber brummte er nur leiſe ein paar Worte in den Bart, ſprang in ſein Boot und ſchoß gleich darauf, ſo raſch ihn die mit äußerſter Kraft der Leute geführten Riemen*) bringen konnten, dem, etwa zwei engliſche Meilen entfernten Schiffe zu, von deſſen Gaffel die Flagge noch immer wehte, und dann und wann gezogen wurde— ein Zeichen größter Eile. *) Riemen, das nautiſche Wort für die langen Ruder der See⸗ und Wallfiſchboote.. Capitel 3. Das Mädchen von Atiu. Renè ſaß indeſſen, nachdem ihn die Eingeborenen verlaſſen, eine ganze Weile ſinnend auf den Steinen ſeines kleinen Fort's, und überlegte was er am Beſten thäte— hier auf dieſer Stelle bleiben und die Rück⸗ kunft der Männer zu erwarten, oder ſich vielleicht, mit mehr Vorſicht ein neues Verſteck zu ſuchen, wo er wenigſtens bis Dunkelwerden unentdeckt bleiben konnte und dann die ganze Nacht vor ſich hatte eine Stelle zu finden ſeinen Verfolgern zu entgehn oder ſie hinzuzögern; er wußte recht gut daß der Capi⸗ tain des Delaware bald ungeduldig werden würde, weenn er ihn nicht raſch wieder zurückbekäme. Es war überdies auch möglich daß er ſelber in der Nacht 48 ein Canoe fand mit dem er getroſt in See gehen konnte; im Nord⸗Weſten lagen noch mehre Inſeln, und ſelbſt die Gefahr der er ſich dabei ausſetzte, ſchien ihm nicht halb ſo groß als die, in der er ſich jetzt wirklich befand wieder gefangen genommen und an Bord des Delaware zurückgeſchafft zu werden. Er entſchloß ſich alſo endlich von dieſer Kuppe wieder einer andern Hügelſpitze zuzugehn, die er von hier aus gut erkennen konnte; jedenfalls nahm es dann ſeinen Feinden einige Zeit bis ſie ihn wieder fanden, und die Nacht verbarg dann ſeine Spuren den Ver⸗ folgern. Dieſen Verſuch mußte er aber bald aufgeben, denn kaum hatte er etwa hundert Schritt den Berg hin⸗ unter gethan, ſo entdeckte ſein ſcharf umherſpähendes Auge die Geſtalt des dort ſtationirten Inſulaners, der ſich allerdings, als er ihn kommen hörte, in das dichte üppige Kraut, was überall den Boden bedeckte, niederdrückte. Er war alſo umſtellt, und es half ihm Nichts ſeinen Schlupfwinkel zu verändern, denn dieſe Wachen würden ihm natürlich auf den Ferſen gefolgt ſein; ja die Möglichkeit lag vor, daß ſich ſeine Feinde, vielleicht zahlreicher als er ſelber eine Ahnung hatte, hier in den Hinterhalt gelegt, nur eben auf ſein Nie⸗ derſteigen wartend, um ihn dann, in dem dichten Ge⸗ ſtrüpp ſoviel leichter überfallen und binden zu können, 49 und ſcheu, hinter jedem Stamm einen verſteckten, zum Anſprung bereiten Feind vermuthend, das geſpannte Terzerol in der Hand, zog er ſich raſch aber un⸗ beläſtigt, wieder zu dem kaum verlaffenen Verſteck zurück. „Gut,“ murmelte er dabei zwiſchen den feſt zu⸗ ſammengebiſſenen Zähnen durch, als er zu ſeiner klei⸗ nen Veſte zum zweiten Mal aufſtieg—„laß ſie dann die Folgen nehmen, wenn ſie mich mit Gewalt zum Aeußerſten treiben wollen; aber lebendig bringen ſie mich beim ewigen Gott nicht von dieſen Steinen hinunter.“ Er unterſuchte jetzt auf das ſorgfältigſte ſeine kleinen Terzerole, ſchraubte die Piſtons los und that friſches Pulver wie nachher friſche Kupferhütchen auf, und als er ſich wenigſtens dieſer Hülfe verſichert und ſein Meſſer gefühlt hatte, ob es ihm locker und zum Griff bequem an der Seite hing, wußte er daß er für den Augenblick nichts weiter thun konnte und warf ſich, der Dinge die er doch nicht zu ändern ver⸗ mochte wartend, auf die Steine nieder, ſeine Kräfte wenigſtens nicht durch unnöthige Anſtrengungen vor deerr Zeit zu erſchöpfen. Er mochte etwa eine halbe Stunde ſo gelegen haben, als der Lärm der jetzt zu ihm heraufſteigenden Schaar an ſein Ohr drang— er horchte einen Au⸗ Gerſtäcker's Tahiti. I. 4 50 genblick auf und als er die lauten Stimmen einer großen Zahl Menſchen deutlich unterſchied, blieb er ruhig in ſeiner Stellung. Er wußte daß ſie, mit olchem Geräuſch ankommend, ihn nicht überraſchen wollten, und daß ſich jetzt der entſcheidende Augenblick nahe. Er hatte das Boot wieder zurückkommen ſehen und erwartete kaum anders, als daß ſich der Harpu⸗ nier ſelber mit ſeinen Leuten der Schaar angeſchloſſen habe. Dieſe kam jetzt ſo raſch und mit ſolchem Geplap⸗ per und Lachen und Schreien näher, daß er ſich end⸗ lich aufrichten mußte; ein Blick überzeugte ihn aber er habe es nur mit Inſulanern und keinem ſeiner früheren Kameraden zu thun, und mit der Ueberzeu⸗ gung zog ihm auch wieder neue Hoffnung durch die Seele. Er lehnte ſich jetzt in ſeine frühere Stellung auf den Stein, und als er ſich Männer und Frauen in bunter Maſſe um ſich ſammeln ſah, konnte er ſelbſt ein Lächeln nicht zurückhalten. „Was für eine herrliche Situation wäre dies jetzt für einen der frommen Miſſionaire,“ murmelte er leiſe vor ſich hin,„für die„Prediger in der Wüſte“ wie ſie ſich ſelber nennen— Kanzel und Auditorium fir und fertig, und welch zahlreiche, bunte Verſamm⸗ lung— wahrhaftig auch Frauen— die lieben Din⸗ ger müſſen doch überall dabei ſein, ſelbſt wenn es gilt 51 einen armen Teufel von Matroſen wieder an ſeine Henker auszuliefern. Aber, prenez-garde mes dames, noch habt Ihr ihn nicht, und billig ſind die zehn Ellen rother Kattun ꝛc. ꝛc. wahrhaftig nicht verdient, wenn Ihr ihn bekommt.“ Die Schaar ſammelte ſich indeſſen um den Felſen herum und obgleich dießmal eine höhere Perſon als Raiteo, nämlich der Sohn des Königs ſelber, mitge⸗ kommen war, behielt doch jener bei den nachfolgen⸗ den Unterhandlungen als Dollmetſcher das Wort, und forderte jetzt, augenſcheinlich verdrießlich durch die Hartnäckigkeit des Burſchen um den, ihm von Gott und Rechts wegen zuſtehenden Lohn gebracht zu ſein, ihn einfach auf herunter zu kommen und mit ihnen zu gehn, weil ſie ſonſt Gewalt brauchen müßten, und ihm nicht gern ein Leides thun wollten. Ihr König erlaube ihm nicht länger hier auf der Inſel zu blei⸗ ben, alſo helfe ihm weiter kein Widerſtand. Rene hatte ſich hoch aufgerichtet, die jetzt friſch von der See herüberwehende Briſe ſchlug ihm das dunkle lange Haar wild um die Schläfe, und ſein Geſicht war von der inneren Aufregung vollkommen bleich geworden, aber ſeine Augen funkelten und ein trotziges Lächeln kräuste ihm ſelbſt die Lippe, als er mit lauter herausfordernder Stimme hinunter rief: „So kommt denn, wenn Ihr den Muth habt 4* 5 5² mich zu holen— kommt und ſeht weſſen Blut dieſe Steine zuerſt färben ſoll— kommt und überliefert einen Mann, der Euch nie ein Leides gethan, ſeinen Feinden, Ihr ſeid ja am Ende gar Chriſten und wollt nach Gottes Geboten handeln— kommt, aber ehe ich jenes Schiff wieder lebendig betrete—“ er ſchwieg plötzlich denn ſein Auge hatte in dieſem Moment faſt unwillkürlich das ferne Fahrzeug geſucht, und er ſah jetzt zum erſten Mal das von der Gaffel flatternde Zeichen, wie das zu dem Schiff zurückkehrende Boot, ja ein zweiter Blick überzeugte ihn ſogar daß nach Weſten hin die drei anderen Boote ebenfalls voll unter Segel waren, und die Wahrheit des Ganzen durchzuckte ihn im Nu. Als die unten Stehenden ſahen daß er plötzlich ſeine Blicke ſo aufmerkſam nach der Richtung hin ſandte, wo das Schiff lag, ſuchten ſie ebenfalls dort⸗ hin Ausſicht zu gewinnen, und zwei junge Leute die raſch eine der Caſuarinen erſtiegen hatten, riefen bald etwas in ihrer Sprache hinunter. Von den Männern vertheilten ſich jetzt mehre nach lichteren Punkten hin, wo ſie die See nach dieſer Richtung hin beſſer überſchauen konnten, und es zeigte ſich gar bald daß etwas Beſonderes dort an Bord vorgehen müſſe, was für den Augenblick, da es ja auch mit ihren Verhandlungen hier in naher Beziehung ſtehen 53 mußte, ihre Aufmerkſamkeit vollkommen von dem jungen Matroſen ablenkte. Rene ſelber dachte kaum mehr an die Eingebore⸗ nen— er ſah wie das Boot, das ihn hatte abholen ſollen, an Bord des Delaware zurückkehrte, der augen⸗ blicklich ſeine Ragaen umbraßte und mit geblähten Segeln den vorangeeilten Booten nach Weſten folgte. Jedenfalls hatten ſie dort eine große Zahl Fiſche bemerkt, die ihm ſicherlich ſehr zu gelegener Zeit auf⸗ gekommen waren, und hielt die Jagd nur bis Abend an, daß das Schiff dadurch eine tüchtige Strecke nach Weſten verſetzt wurde, ſo war die Frage ob der Ca⸗ pitain ſeinetwegen hier wieder gegen den Paſſat an⸗ kreuzen würde; jedenfalls behielt er einen, vielleicht mehre Tage Zeit auf Flucht von der Inſel zu denken und die Gefahr war wenigſtens für den Augenblick von ihm genommen. Daß er die Inſulaner jetzt leicht von ſich abhalten konnte, daran zweifelte er kei⸗ nen Augenblick. Der Erfolg zeigte denn auch daß er darin voll⸗ kommen recht gehabt. Die Inſulaner, als ſie das Schiff unter vollen Segeln die Inſel verlaſſen ſahen, wußten nicht recht woran ſie waren, und mußten erſt wieder einen Boten nach unten ſchicken, neue Verhal⸗ tungsbefehle einzuholen. Allerdings begegnete dieſem ſchon ein Anderer, der ihnen die Ordre brachte den 3 54 jungen Fremden nur einſtweilen einzufangen und mit herunterzunehmen. Das war aber weit eher geſagt als gethan, und kam das Fahrzeug am Ende nachher gar nicht zurück, ſo mußten ſie ihn doch wieder los laſſen; da war es alſo weit vernünftiger ihn jetzt gar nicht zu ſtören, bis das Schiff wirklich wieder da ſei, nachher ſei es noch Zeit genug. 2 Als die Frauen und Mädchen, die dem Zug aus Neugierde gefolgt waren und ſich im Anfang, da man noch nicht wußte ob es zu Feindſeligkeiten kom⸗ men würde, ſcheu zurück gehalten hatten, nun, wie die Sachen jetzt ſtanden, und daß nicht die mindeſte Gefahr zu fürchten ſei, ſahen, ſo kamen ſie weiter vor, und ſuchten Plätze zu bekommen, von denen ſie den jungen Fremden genau beobachten konnten. Nur ein junges Mädchen allein war ſchon früher ſo weit vor⸗ gedrungen, daß ſie ſich dem Umſtellten, auf einer an⸗ deren kleinen Erderhöhung faſt gegenüber befand, und hatte die ganze Zeit keinen Blick von ihm verwandt. Es war ein junges bildſchönes Kind von vielleicht funfzehn oder ſechzehn Jahren, ſchlank gewachſen wie die Palme ihrer Wälder, aber mit vollem runden Gliederbau; die rabenſchwarzen mit wohlriechendem Cocosöl getränkten Locken wild um die braune Stirn flatternd, und die ſchönen großen dunklen Augen halb ängſtlich halb mitleidig auf den jungen Mann gehef⸗ &☛ 55⁵5 tet, deſſen Leben wenn er ſich zum äußerſten wider⸗ ſetzte, wie ſie recht gut wußte, in großer Gefahr ſchwebte. Sie war nach Art der übrigen Mädchen ge⸗ kleidet; ein Lendentuch von farbigem Kattun, das ihr bis auf die feingeformten Knie niederging, ſchloß ſich ihr dicht um die Hüften und ein anderes Tuch war nur loſe über die linke Schulter gehangen, und auf der rechten mit einem Knoten locker zuſammengehal⸗ ten, daß es den rechten Arm vollkommen nackt und ihm freie Bewegung ließ. In den vollen Locken trug ſie einen dünnen Kranz weißer und rother Blüthen, mit den Faſern des Cocosblattes feſt zuſammengebun⸗ den, in den Ohren aber zwei der großen weißen duf⸗ tenden Sternblumen, und wie ſie dort ſtand auf dem bröcklichen Geſtein, um das ſich dicht hinter ihr die vollen dunklen Büſche ſchmiegten, den linken Arm um die dünne Caſuarine geſchlungen, die ſie da oben auf ihrer etwas gefährlichen Stelle ſtützte, glich ſie eher einer lauſchend aus dem Dickicht gebrochenen Wald⸗ nymphe, als einem einfachen ſchlichten Kind dieſer Inſeln. 1 René war im Anfang natürlich zu ſehr mit der Gefahr ſeiner eigenen Lage beſchäftigt geweſen, ein⸗ zelne Geſtalten der ihn umgebenden Inſulaner beach⸗ ten zu können, und vorzüglich hatte er die Männer und ihre Bewegungen im Auge behalten, da er ja auch gar nicht wiſſen konnte, ob ſie nicht einen plötz⸗ lichen Angriff auf ihn beabſichtigten; jetzt aber, als ſein leichter Sinn ihn raſch über die geringere Ge⸗ fahr, die ihm von den Inſulanern ſelber drohte, hin⸗ wegſetzte, fühlte er mehr das eigenthümliche, ja in⸗ tereſſante ſeiner Lage, und während das Blut in ſeine Wangen zurückkehrte und ein leichtes Lächeln über ſeine ſchönen Züge flog, ſchaute er ſich um nach den einzelnen Gruppen, und ſein Blick begegnete zum erſten Mal dem dunklen, brennenden Auge des Mäd⸗ chens. Das holde Kind ſchlug aber, als ſie ſah daß er ſie bemerkt hatte, verſchämt den Blick zu Boden, und ſo zart war die lichtbraune Haut, daß Rent deutlich darauf das dunkle Erröthen, das ihre Schläfe und Wangen färbte, erkennen konnte; gerade jetzt wurde aber ſeine Aufmerkſamkeit wieder auf die Schaar der Männer gelenkt, die ſich ihm näherten und ihn noch einmal frugen, ob er gutwillig zu ihnen hinunterſtei⸗ gen wolle oder nicht. „Gewiß!“ rief Rens jetzt freudig, und war es früher ſchon ſeine Abſicht geweſen, ſo hatte ſie jetzt die Geſtalt des holden ihm gegenüber ſtehenden Kin⸗ des nur noch beſtärkt—„gewiß will ich hinunter kommen und bei Euch bleiben, aber Ihr müßt mir verſprechen daß Ihr mich nicht feſthalten oder binden 57 wollt— freiwillig komme ich in Euere Mitte, und freiwillig werde ich darin bleiben, denn das Schiff, was mich zurück forderte, hat die Inſel verlaſſen nicht wieder zurückzukehren. Wollt Ihr mir alſo feſt und aufrichtig Sicherheit für meine Perſon verſpre⸗ chen, ſo ſteige ich augenblicklich zu Euch nieder, und ich hoffe wir ſollen recht gute Freunde zuſammen werden. Seid Ihr das zufrieden?“ Die Inſulaner, denen Raiteo die Worte des jun⸗ gen Mannes verdollmetſcht hatte, beſprachen ſich kurze Zeit in lauter, lärmender Stimme miteinander, und dieſer wandte ſich dann wieder zu ihm und ſagte, freundlich dabei mit der Hand winkend: „Gut, weißer Mann,— a haere mai— ſei willkommen und bleib bei uns bis dein Schiff wieder zurück kommt, oder ſo lange Du willſt!“ „Eh bien!“ rief der junge Franzoſe lachend— „das iſt ein Vorſchlag zur Güte und die Sache löſt ſich freundlicher als ich erwarten durfte.“ Und damit ſchob er ſeine Terzerole in die Taſche, drückte ſich die Mütze wieder in die Stirn, und wollte ſich eben über die Steine, die ſeine Feſtungswerke bildeten, hinüber⸗ ſchwingen, als ihn ein Ruf in gutem Engliſch plötz⸗ lich nicht allein daran verhinderte, ſondern auch er⸗ ſtaunt und überraſcht aufſchauen machte. Es war das junge holde Mädchen, das, den 58 ihn ausgeſtreckt, laut und faſt rechten Arm gegen ängſtlich im reinſten Engliſch rief: „Halt, Fremder— halt— ſie ſind falſch— ſie wollen Dich binden und halten, und dem Schiff, das ihnen das Löſegeld zurückgelaſſen hat, wieder auslie⸗ fern— traue ihnen nicht, und bleibe wo Du biſt, bis Dich der König ſelber ſeines Schutzes verſichert hat.“ Dann aber ſich gegen die unten Stehenden wendend, unter denen Raiteo die hervorragendſte und jedenfalls beſtürzteſte Perſ önlichkeit bildete, da er allein zu ſeinem Schrecken verſtanden hatte, wie das junge Maͤdchen ihre eigenen Landsleute an den Fremden, ſeiner Meinung nach, verrieth, rief ſie mit zürnender faſt drohender Stimme in der ſchönen klangvollen melodiſchen Sprache ihres Stammes: „Schäme Dich, ahina*)— ſchämt Euch Ihr alle, den armen hutupanutai**) verrätheriſch unter Euch locken und überfallen zu wollen.— Wo ſind ſeine Verwandte— wo ſeine Eltern— wo ſeine Ge⸗ ſchwiſter?— weit weit von hier, und um ſchnöden Lohn drängt es Euch, ihn ſeinen Feinden zu über⸗ *) Verächtlicher Name für einen alten Mann. **) hutupanutai, die an den Strand geſpühlte hutu-Nuß — oder auch, in der bildreichen Sprache des Stammes, der an ihre Küſten geworfene Fremde ohne Verwandte und Freunde. —y—— liefern, und Ihr nennt Euch Chriſten? Ihr prahlt damit in den öffentlichen Verſammlungen daß Ihr Euern Nächſten lieben wollt wie Euch ſelbſt, und Anderen nicht das zufügen möchtet, was Euch nicht ſelbſt geſchehen ſolle; ſchämt Euch in Euere Seele hinein daß Euch ein armes junges Mädchen zurecht⸗ weiſen und Euere Ehre retten muß vor dem Fremden!“ Kaum aber hatte ſie dieſe Worte geſprochen, und ſah wie Aller Blicke auf ſie gerichtet waren, als auch die natürliche mädchenhafte Scheu wieder jedes andere Gefühl verdrängte; das Blut ſchoß ihr in Strömen nach den Schläfen, und die Blicke nieder⸗ ſchlagend, als ob ſie ſelber jetzt gerade eine unrechte Handlung gethan, und nicht im Gegentheil Andere von einer ſolchen zurückgehalten hatte, glitt ſie in die ſie dicht umſchließenden Büſche zurück, und war auch im nächſten Moment hinter dem Felſenhang ver⸗ ſchwunden. Rene, der dieſer ſo zeitgemäßen Warnung der Jung⸗ frau nach, raſch ſeine alte Stellung wieder eingenom⸗ men hatte, und jetzt mit gezogenen Waffen und fin⸗ ſterem Blick die etwas verlegen unter ihm ſtehende Schaar betrachtete, konnte an deren ganzem Betragen leicht und deutlich ſehen, wie viel Grund zu jener Anſchuldigung, die er ſpäter mehr in den Blicken des Mädchens geleſen als aus ihren Worten verſtanden 60 hatte, vorhanden geweſen. Raiteo beſonders, der bei den allſonntäglichen religiöſen„meelings“ eine Hauptrolle ſpielte, ſchien ſich über den, ihn am tief— ſten verletzenden Vorwurf, ſchlimm zu ärgern. Die Mädchen und Frauen flüſterten aber lebhaft unter⸗ einander, und aus den freundlichen ihm zugeworfenen Blicken durfte René wohl urtheilen daß er den ſchö⸗ nen Theil ſeiner Feinde nicht mehr zu ſeinen Fein⸗ den zählen durfte, und daß dieſer vollkommen mit dem Betragen Einer ihrer Schweſtern einverſtan⸗ den ſei. 4 3 Die Männer beriethen ſich indeſſen eine ganze Zeitlang miteinander, ſahen dann wieder nach dem Schiff aus, das mehr und mehr in der Ferne, und zwar nach Weſten hin verſchwand, und ſchienen total rathlos zu ſein, was ſie eigentlich thun ſollten. Einen wirklichen Angriff zu machen, dazu fehlte ihnen in dieſem Augenblick, wenn auch nicht der Muth, doch jedenfalls, durch das Abſegeln des Schiffs, die drin⸗ gende Urſache, und friedlich nach dem eben ſtattge⸗ habten Vorfall wieder mit ihm anzuknüpfen, war auch eine ſchwierige Sache— wer konnte von ihm verlangen daß er nach dem letzten Beiſpiel ihnen jetzt noch einmal trauen ſollte. So verging der Nachmittag, René beſchloß übri⸗ gens jetzt weiter Nichts zu unternehmen; war das 61 Schiff erſt einmal gänzlich aus Sicht, ſo ließ ſich eher hoffen die Leute zur Vernunft zu bringen, zeig⸗ ten ſie ſich aber dann morgen noch eben ſo hartnäckig, dann wollte er verſuchen ein Canoe zu bekommen, und von der Inſel zu fliehen, denn er konnte ſich nicht verhehlen daß der Delaware, da er, wie ihm das junge Mädchen geſagt, den für ſein Einfangen beſtimmten Lohn hier zurückgelaſſen, doch jedenfalls die Abſicht haben mußte die Inſel, wenn ihm das irgend möglich war, wieder anzulaufen. Das hing indeſſen noch Alles theils von dem Weg ab den die Fiſche nahmen, theils ob er an einem oder mehreren feſtkam, denn ſo lange er den Fiſch langſeits hatte, konnte er nicht ſegeln und trieb immer weiter nach Weſten ab. Indeſſen ſtellte ſich aber auch bei ihm wieder Hunger und Durſt ein, und theils dieſen zu befriedi⸗ gen, theils den Inſulanern unten zu zeigen daß er nicht die mindeſte Furcht und noch ganz guten Ap⸗ petit habe, ſetzte er ſich oben auf ſeine Befeſtigungs⸗ werke und begann ſeine etwas hinausgeſchobene Mahl⸗ zeit nach Kräften zu halten. Erſt als es Abend wurde verließen ihn die Inſu⸗ laner, und zwar ohne weiter mit ihm zu unterhan⸗ deln, bis auf den letzten Mann, und ſeine einzige Sorge war jetzt daß ſie ihn in der Nacht, wenn er 62 eingeſchlafen wäre, überrumpeln möchten. Dieſem zu begegnen, und da der Feind wahrſcheinlich einen ſol⸗ chen Verſuch erſt ſpät machen und nicht glauben würde daß er ſich gleich nach Dunkelwerden nieder⸗ legen werde, beſchloß er, trotz der ihn umgebenden Gefahr, gerade jetzt ein paar Stunden zu ſchlafen um nachher deſto munterer zu ſein, denn ohne alle Raſt wußte er recht gut daß er es nicht aushalten könne. Ueberdieß fürchtete er mehr als alles Andere, ſeinem Körper gleich im Anfang zu viel zuzumuthen, da er ja nicht wiſſen konnte welche Strapatzen und Gefahren er überhaupt noch zu beſtehen hatte. Dieß Alles ſtimmte übrigens ſo vollkommen mit ſeiner eigenen Neigung überein, denn er war durch die gehabte Aufregung jetzt, da gewiſſermaßen ein Ruheſtand eingetreten, förmlich erſchöpft und ſo müde geworden, daß er es auch augenblicklich auszuführen beſchloß, ſein Bündel auf der einen Seite als Kopf⸗ kiſſen hinlegte— nur die Vorſicht gebrauchend an dem am leichteſten zu erſteigenden Platz einen Stein ſo locker zu placiren, daß er bei der leiſeſten Berüh⸗ rung niederfallen mußte— und ſich dann mit ſorg⸗ loſer Ruhe auf den harten Boden und dem Schlaf in die Arme warf. Um den armen René möchte es aber ſchlecht ge⸗ ſtanden haben, hätten die Inſulaner wirklich beabſich⸗ 63 tigt in der Nacht etwas gegen ihn zu unternehmen, denn lange nach Mitternacht berührte eine leichte Hand ſeine Schulter, ohne daß er erwacht wäre. „Fremder,“ ſagte da eine ſanfte, weiche Stimme, und das junge ſchöne Mädchen, das neben ihm ſtand, legte ihre kalten Finger an ſeine, vom feſten Schlaf erhitzte Stirn. „Ja,“ ſagte René, die Augen öffnend und um⸗ ſchauend—„ja— ſchon acht Glaſen?“*)— die kalte Nachtluft ſtrich über ihn hin— um ihn rauſchte das Laub des Waldes und die hellen funkelnden Sterne blickten klar auf ihn nieder. In dem Mo⸗ ment ſchoß ihm auch die ganze Gefahr ſeiner Lage durch die Seele, und raſch emporſpringend, das Ter⸗ zerol wie inſtinktartig im Griff, ſchien er den Angriff zu erwarten. „Ihr ſeid eine vortreffliche Schildwache,“ lachte aber das junge Mädchen, das ruhig auf ihrem Platz ſtehen geblieben war—„wenn Ihr nicht beſſer über anderer Leute Gut wacht, als Cuere eigene Sicher⸗ heit, möchte ich Euch wahrlich nicht einer Banane Werth vertrauen.“ *) Glaſen, ein Schiffsausdruck, vom Stundenglas ent⸗ ſtanden, und jetzt die verſchiedenen Schläge der Wachtuhr be⸗ deutend, die alle vier Stunden mit eins beginnt und jede halbe Stunde einen Schlag hinzufügt. 64 Rene faßte ſich an die Stirn— er wußte im erſten Augenblick wahrhaftig nicht ob er wache oder träume, das ganze Fremdartige ſeiner Umgebung, das ſchöne lachende Mädchen dicht vor ihm, ein dunkles Bewußtſein drohender Gefahr die über ihm ſchwebe, und ſeine Sinne noch halb von dem kaum erſt abge⸗ ſchüttelten tiefen Schlaf befangen, verlangte Alles daß er ſich erſt ſammle, und es verging wohl eine Minute, ehe er ſeine wirkliche Lage wieder vollſtän⸗ dig begriff. Das junge Mädchen ſtand indeß, mit unterge⸗ ſchlagenen Armen, die zarten Lippen feſt zuſammen⸗ gepreßt, und den Kopf ſchüttelnd vor ihm, und ſagte endlich halb lachend halb erſtaunt: „Biſt Du nicht ein wunderlicher Mann, Frem⸗ der— ſchläfſt hier mitten zwiſchen Deinen Feinden, als ob Du daheim im ſichern Hauſe, von den Dei⸗ nen bewacht lägeſt, und nicht ein Preis auf dein Einbringen geſetzt ſei, das habgierige Menſchen zu deinem Verderben reizen muß.“ „Und durft ich nicht ſchlafen, wenn ein ſolcher Schutzgeiſt über mich wachte, Du holdes Kind!“ ſagte Rene herzlich, die Hand nach der ihren aus⸗ ſtreckend— ſie trat aber vor der Berührung einen Schritt zurück, und erwiederte, mit ernſtem Blick nach oben deutend: —— 65 „Allerdings hatteſt Du einen Schutzgeiſt der über Dich wachte, aber es iſt das Auge Gottes, das jedes Haar Deines Hauptes gezählt hat, und ohne deſſen Willen keins zur Erde fällt— ihm danke für Deine bisherige Sicherheit, nicht mir. Aber komm Frem⸗ der,“ ſetzte ſie dann freundlicher hinzu—„nimm Dein Bett und wandere und folge mir, ich will Dich vor Tag, und ehe böſe Menſchen im Thale neue An⸗ ſchläge ſchmieden könnten, an die andere Seite der Inſel bringen, dort ſteht das Haus eines frommen Mannes, das Dich ſchützen wird, bis Dein Schiff dieſe Gegend verlaſſen hat, und dann kannſt Du ſpä⸗ ter nach Tahiti, wo viele Deiner Landsleute leben, hinübergehn und dort in Sicherheit wohnen.“ „Mein Bett mitzunehmen, möchte hier ſchwer werden,“ lachte aber René, deſſen leichter Sinn ihn in der Nähe des ſchönen Mädchens das ſo freund⸗ lich um ihn beſorgt war, ſchon über alles Andere weggeſetzt hatte,„das wollen wir lieber liegen laſſen; mit dem Kopfkiſſen möchte es eher gehn— und wie iſts mit den Proviſionen— ſoll ich die Cocosnuß und Bananen?—“ „Wir finden genug auf unſerem Weg“— unter⸗ brach ihn aber das Mädchen—„iß und trink wenn Du jetzt Hunger haſt, und ſorge nicht weiter.“ „Dann mag es ſich mein Dollmetſcher morgen Gerſtäcker's Tahiti. I. 5 66 als ſchwachen Beweis meiner Erkenntlichkeit mit hin⸗ unter nehmen,“ lachte René,„der alte Burſche wird ſchön ſchauen, wenn er das Neſt leer und den Vogel ausgeflogen findet.“ „O ſprich nicht mit ſo leichtem Muth über eine Gefahr, der Du noch keineswegs entgangen biſt,“ bat aber das Mädchen,„ich ſelber kann nichts für Deine Sicherheit thun, als Dich zu einem Andern führen und dieſen bitten Dir zu helfen— er iſt ſelber ein Weißer und ein Diener des Herrn, und wird ge⸗ wiß Alles für Dich thun was in ſeinen Kräften ſteht — er iſt aber doch auch nur ein Menſch, und ver⸗ mag Dir keinen anderen, als eben nur menſchlichen Schutz zu gewähren.“ „Ein Weißer?— und ein Diener des Herrn?“ ſagte aber René raſch und nachdenkend—„ein Miſ⸗ ſionair alſo?“ „Gewiß, ein Miſſionair,“ beſtätigte die Jung⸗ frau—„er hat mich von früheſter Jugend auferzogen und ſeine Sprache und Religion gelehrt— er iſt ein ſtiller, friedlicher und guter Mann.“ Rene blieb nachdenkend eine kleine Weile ſtehn, und es ging ihm im Kopf herum was er Alles, viel⸗ leicht in ſeinem katholiſchen Vaterland noch übertrie⸗ ben, über die proteſtantiſchen Miſſionaire dieſer In⸗ ſeln gehört und geleſen, bei denen er eigentlich ſchon 67 aus zwei Gründen keine freundliche Aufnahme erwar⸗ ten durfte, erſtlich als entlaufener Matroſe und dann als Katholik; er war aber nicht der Mann ſich vor der Zeit vielleicht unnöthige Sorgen zu machen, that er's doch nicht wenn er ſelbſt Urſache dazu hatte. „Eh bien!“ rief er fröhlich und entſchloſſen— „ſei es wohin es wolle, wohin Du mich führſt Du holdes Kind, geh ich gern, und wäre es in den Tod. Hier kann ich doch nicht bleiben,“ ſetzte er lä⸗ chelnd hinzu als er einen halb komiſchen halb ver⸗ legnen Blick umherwarf—„der Bequemlichkeiten ſind nicht beſonders viel, und vor Tag ſtöberte mich doch am Ende der alte Burſche von Dollmetſcher wieder auf— alſo vorwärts, vorwärts Du liebes Mädchen — aber welchen Namen haſt Du? wie kann ich Dich nennen?“ „Meine Landsleute nannten mich Sadie,“ ſagte das ſchöne Mädchen leiſe—„Sadie nach einem je⸗ ner freundlichen Sterne dort oben, aber mein Pflege⸗ vater verwarf den Namen als heidniſch, und ich heiße jetzt Prudentia— nur die Inſulaner können das noch nicht gut ausſprechen und nennen mich lieber mit dem alten Namen.“ „Oh ſo laß mich Dich auch Sadie nennen, Du holdes Kind,“ bat da René—„biſt Du mir nicht auch ein freundlicher Stern geworden, der mich hier 5* 68 aus meiner Trübſal hinausführen ſoll?— und wie gern folg ich ihm— Prudentia, lieber Gott, der Name mag für des würdigen Mannes Mutter oder Gattin recht gut klingen, aber Deinen Namen hinein ver⸗ wandeln, Sadie, heißt die Saiten einer Harfe zer⸗ reißen und Bindfaden darüberſpannen— nein Sadie, leuchte mir voran, und jener Stern ſoll nicht genauer ſeine Bahn halten, als ich der Deinen folge.“ Das junge Mädchen die wohl den alten liebge⸗ wonnenen Namen auch lieber hörte als das fremde, ſelbſt für ihre Zunge ſchwere Wort, erwiederte nichts weiter, und wie eine Gemſe von dem ziemlich ſteilen Hang hinunterkletternd, und den Arm vermeidend den Renè nach ihr ausſtreckte ſie dabei zu unterſtützen, glitt ſie auf den Boden nieder, daß René kaum ihren Schritten zu folgen vermochte. Capitel à Der Mi⸗to⸗na⸗re. Es war ein ziemlich langer Marſch durch eine wilde Gegend und oft durch Dickichte, durch die er allein nie ſeinen Weg gefunden; an den Sternen ſah er dabei wie ſie viele Umwege machten, entweder voll⸗ kommen undurchdringliche Stellen zu umgehen, oder auch vielleicht mögliche Verfolger irre zu führen. End⸗ lich erreichten ſie wieder eingezäunte Gartenplätze mit Bananen, Brodfrucht, Orangen, Waſſermelonen und ſüßen Kartoffeln bepflanzt, und als die Sonne eben über dem, wieder vor ihnen liegenden Meeresſpiegel emporſtieg, betraten ſie eine freundliche Anſiedlung wohnlicher Bambushütten, ſogar mit einigen weiß⸗ übertünchten Häuſern dazwiſchen, dicht in dem Schat⸗ 70 ten hoher Cocospalmen und breitäſtiger Brodfrucht⸗ bäume hineingeſchmiegt, und von einer hohen feſten Umzäunung rings umſchloſſen. René zögerte im erſten Augenblick den Ort zu be⸗ treten— er blieb ſtehen und betrachtete forſchend den kleinen freundlichen Platz, der wie ein in ſich abge⸗ ſchloſſenes Paradies ſtillen Friedens vor ihm lag. Sadie ſchaute nach ihm um und frug ihn lächelnd ob er ſich fürchte näher zu kommen. „Fürchten?“ ſagte der junge Mann leiſe mit dem Kopf ſchüttelnd,„wenn ich überhaupt etwas fürchtete auf der weiten Welt— hätte ich da je dieſe Inſel betreten?“ „Fürchteſt Du Nichts?“ ſagte das Mädchen raſch und erſtaunt, und ſchaute zu ihm auf—„fürch⸗ teſt Du nicht Gott?“— Der junge Mann fühlte daß er hier ein Feld be— rührte das er vermeiden müſſe— ſo wenig er ſich ſelber aus irgend einem Religionsbekenntniß machte, hatte er doch zu viel geſunden Sinn für Recht es in Anderm zu achten, und er hätte beſonders dem holden Kind nicht durch eine rauhe Antwort weh thun mögen— er ſagte deshalb ausweichend: „Ich ſprach nicht von Gott, Sadie— ich ſprach von den Menſchen— alſo hier wohnt der weiße Miſſtonair?“ 71 „Hier wohnt er, wenn er auf der Inſel iſt,“— erwiederte das Mädchen, durch ſeine Antwort voll⸗ kommen wieder beruhigt—„gerade jetzt aber beſucht er mehre andere Inſeln in Miſſionsgeſchäften, aber ſchon ſeit drei Tagen erwarten wir ihn zurück, und jede Stunde kann er wieder eintreffen.“ „Alſo in dieſem Augenblick wohnt kein Miſſionair auf dieſer Inſel?“— frug der junge Mann raſch, und wie es faſt ſchien, erfreut.— „Kein weißer Miſſionair wenigſtens,“ ſagte die Jungfrau,„aber Du ſcheinſt Dich darüber eher zu freuen, und ich hatte geglaubt es würde Dich beru⸗ higen wenn Du einen Landsmann in der Nähe wüßteſt.“ „So habt Ihr auch eingeborene Miſſionaire hier?“ umging der junge Mann die halbgeſtellte Frage durch eine andere—„und ſind die auf allen Inſeln?“ „Nicht auf allen, doch auf vielen— hier aber,“ fuhr ſie auf das Haus deutend fort—„wirſt Du jedenfalls Schutz finden bis Dein Schiff zurückkehrt, denn von den Bewohnern dieſer Inſel wird es Keiner wagen Hand an Dich zu legen, ſo lange Du Dich in den Mauern dieſes kleinen Wohnortes befindeſt— was Deine eigenen Landsleute aber thun wenn ſie zurückkommen, weiß ich nicht, doch ich fürchte ſie wer⸗ den kaum die Heiligkeit dieſes Ortes anerkennen, ob⸗ 72. gleich ſie Alle dem Namen nach Chriſten ſind. Mein Pflegevater hat mir oft erzählt, daß auf den Schiffen viel böſe gottloſe Menſchen hauſen, und wir Inſu⸗ laner hier manchmal viel beſſere Chriſten ſind als jene— aber nicht wahr, Du gehörſt nicht zu denen?“ „O da mag Dein Pflegevater wohl vollkommen recht haben,“ lächelte René,„denn viel Chriſten⸗ thum darf man gewöhnlich auf den Wallfiſchfängern nicht ſuchen— darum ſind aber doch auch viel gute brave Menſchen zwiſchen ihnen, liebe Sadie, und ich mag leichtſinnig ſein,“ ſetzte er gutmüthig hinzu— „aber ſchlecht bin ich doch wohl nicht. Du mußt mir das freilich auf mein ehrlich Geſicht hin glauben, denn andere Bürgen habe ich weiter nicht dafür.“ Das Mädchen lächelte, vollkommen zufrieden ge⸗ ſtellt, vor ſich hin, und jetzt zum erſten Mal ſeine Hand ergreifend, führte ſie ihn durch die, ihrem Druck nachgebende kleine Gartenpforte, durch den breiten gutgehaltenen Gang des Gartens, und eine dichte Allee regelmäßig gepflanzter Bananen oder Piſang dem Hauſe zu, unter deren Schutzdach René die kleine, etwas wohlbeleibte Geſtalt eines wie es ſchien halbceiviliſirten Inſulaners erkannte. René konnte ein leiſes Lächeln kaum verbergen als er die Geſtalt mit flüchtigem aber forſchendem Blick überflog, und faſt unwillkürlich drängte ſich ihm 2 73 der wunderliche Gedanke auf daß der Mann, wenn ihm der Geiſt und die Civiliſation wirklich von oben gekommen ſei, jedenfalls noch mit den Beinen im Heidenthum ſtecke. Der kleine gelbbraune Miſſionair ſah auch in ſei⸗ ner halb frommen halb wilden Tracht wirklich eigen⸗ thümlich genug aus. Er ging in bloßem Kopf, aber die ſonſt langen ſchwarzen Haare waren kurz und gottesfürchtig abgeſchnitten und zugeſtutzt— ferner trug er ein weißes baumwollenes Hemd und eine weiße leinene Halsbinde, mit hellgelber mit blanken Knöpfen beſetzter Weſte, und über dieſem Allen ei⸗ nen, dem Klima keineswegs zuſagenden— ſchwarzen Frack. Bis ſoweit alſo war der Geiſt gekommen, darunter aber fing der Heide wieder an— der Mann konnte ſich an die chriſtliche Religion aber nicht an Hoſen gewöhnen, und während er um die Lenden ein langes Stück roth und gelben Kattun, der höchſt freundlich gegen den ſchwarzen Frack abſtach, mehr⸗ fach geſchlagen hatte, trug er die Beine vollkommen nackt, und unter dem Kattun vor ſchauten noch die alten heidniſchen Tättowirungen früherer Zeiten, wie ſcheu, von dem chriſtlichen Kleidungsſtück bedroht, hervor. Der kleine Mann ſchien übrigens ungemein er⸗ ſtaunt über den Beſuch und auch vielleicht gerade nicht 74 beſonders erfreut, als ihm Sadie in ſeiner Sprache mit kurzen Worten das, auf der andern Seite der Inſel Vorgefallene erzählte, und ihm um ſeinen Schutz für den Verfolgten anſprach. Er hatte auch erſt, wie es René vorkam, eine Menge Einwendungen dagegen zu machen, und das Wort Mitonare kam ſehr häufig dabei vor, Sadie oder Pu-de-ni-a wie ſie der kleine Miſſionair in ſeinem wunderlichen Kauderwelſch ſtatt prudentia nannte, wußte dieſem allen aber zu be⸗ gegnen, und da er ſonſt ſelber wohl gutmüthig und gaſtfrei war, hatte er endlich nichts länger dawider, ſtreckte dem jungen Mann mit einem halb freund⸗ lichen halb ſalbungsvollen— wahrſcheinlich abge— ſehenen Blick die dicke fette Hand entgegen, deren Finger auch noch frühere Tättowirungen zeigten, und ſagte in einer Sprache die jedenfalls engliſch ſein ſollte, aber meiſt immer wieder auf tahitiſch auslief: „Gu— day bodder— gu day— a haere mai — gu fend here— choa ino— very gu fend—“ und dann folgte noch eine längere Auseinanderſetzung, jetzt auf einmal in reinem Tahitiſch als ob er glaubte daß der Fremde, durch die vorigen einleitenden Worte in ſeiner eigenen Sprache nun auch vollkommen vor⸗ bereitet für jede weitere Anrede in gutem Inſulaniſch ſein müſſe. Sceadie, die übrigens mit halbverſtohlenem Lächeln 75 ſah, wie der junge Fremde verlegen vor ihm ſtand, und nicht recht zu wiſſen ſchien was er aus dem Ganzen machen ſolle, überſetzte ihm ſchnell was der kleine Mann geſagt hatte, und bat ihn in das Haus zu treten, ſich mit Speiſe und Trank zu ſtärken und von den überſtandenen Strapatzen auszuruhn. „Aber wie kann ich jetzt erfahren,“ frug René das junge Mädchen—„was aus dem Schiff geworden iſt, das ſchon vielleicht in dieſem Augenblick die Inſel wieder, von anderer Seite, anſegelt?“ „Auch daran hab' ich gedacht“ lächelte das Mäd⸗ chen—„kümmere Dich nicht deßhalb; der Knabe der uns eben verließ, geht nach der nächſten Bergſpitze hinauf, von wo er das Meer rings überſchauen kann, und bringt uns Nachricht ob das fremde Segel noch in der Nähe iſt.— Und nun in's Haus, denn wie ich Dir ſchoͤn geſagt habe, bis das Schiff zurückkehrt — denn nur gegen Deine eigenen Landsleute können wir Dich nicht ſchützen— biſt Du ſicher— und ſelbſt dann finden ſich vielleicht Mittel Dich zu verbergen“ ſetzte ſie freundlich hinzu. Der kleine Mitonare, denn als ſolchen hatte er ſich René— mi mitonare— mi mitonare ſchon ſelber vorgeſtellt— ging ihnen jetzt geſchäftig voran in's Haus, und obgleich heute wirklich ihr Sonntag fiel*) brachte er nichtsdeſtoweniger eigenhändig, erſt ſcheinlich nur wenig benutzt, tief in einer Schrank⸗ ecke zu ruhen ſchienen, und dann kaltes Fleiſch, Früchte und Cocosnußmilch herbei, und lud nun den jungen Mann auf das freundlichſte ein ſich niederzuſetzen und nach Herzensluſt zuzulangen. Rent ſah Sadie an und dann die Speiſen— er ſchämte ſich ſie zu bitten mit ihm niederzuſitzen, und doch hätt' er es gar ſo gern gethan. Das ſchöne Mädchen mochte aber errathen was er wünſche, denn ſie ſchüttelte lächelnd mit dem Kopf und war im nächſten Augenblick ſchon durch die offene Thür verſchwunden. Der kleine Miſſionair begann nun eine Unter⸗ haltung die René zu jeder andern Zeit ungemein amü⸗ ſirt haben würde, in dieſem Augenblick hatte er aber wirklich einen höchſt bedeutenden Hunger, und die ſteten Fragen des Kleinen, die an und für ſich ſchon *) Dieſe Inſeln außer Tahiti und Imeo oder Eimeo feiern den Sonnabend ſtatt Sonntag, da die erſten hier einge⸗ troffenen Miſſionaire, die um das Cap der guten Hoff⸗ nung gekommen waren, den Tag den ſie auf 180° Weſt und Oſt Länge gewonnen, nicht dazu zählten, wie ſie es eigentlich thun mußten, und nun ihre eigene unter⸗ wegs gehaltene Zeitrechnung, die ſie um einen Tag zu kurz ſein ließ, beibehielten. Auf Tahiti und Imeo haben es die Franzoſen jetzt abgeändert. Teller und Meſſer und Gabel, die ſonſt wahr⸗ 4 1 77 des wunderlichen Kauderwelſch wegen eben ſo viele „Räthſel waren, forderten eine Theilung ſeiner Auf— merkſamkeit, die er jetzt weit lieber ungetheilt dem de⸗ licaten kalten Schweinebraten und den ſaftigen Früch⸗ ten zugewandt hätte. Der Kleine ließ aber nicht nach und frug vor allen Dingen wie er ſelber hieße — der Name war einfach genug, und er konnte ihn ziemlich gut nachſprechen— dann wie das Schiff hieße auf dem er gekommen ſei, und von wo es ge⸗ ſegelt wäre. Er intereſſirte ſich beſonders, da er in den letzten Jahren mit Hülfe des weißen Miſſtonairs etwas Geographie getrieben, für die Hafenplätze der Engliſchen und Amerikaniſchen Küſte, und ſchien ſich ungemein zu freuen als er einen ihm bekannten Na⸗ men, Boſton— das er übrigens hartnäckig bo-son ausſprach— erwähnen hörte. Eine Hauptfrage des kleinen unermüdlichen Man⸗ nes war aber zuletzt nach des Fremden Religion und Vaterland, und Rene hätte ſich ſelber keinen ſchlim⸗ mern Namen machen können, als daß er ſich ohne weiteres für einen Franzoſen ausgab. „Wi— wi?“ ſagte der kleine Mann etwas er⸗ ſtaunt, zog die Augenbrauen in die Höh, und ſpitzte den Mund—„Wi— wi?*)— hm—“ *) Wi-wi, ein Spottname dieſer Inſeln für die Franzoſen, nach deren oui, oui. 78 „ „Wi- wi?“ ſagte Rens, der dieſen Ausdruck noch nicht kannte, erſtaunt—„was Wi—wi?— nicht Wi— wi— frenchman— français— ferani—“ denn dieſen Ausdruck hatte ihn ſchon Adolph gelehrt. „Es— es“ nickte der Kleine ſchmunzelnd—„Fe ra— ni— Wi—wi“—“ „Was zum Henker will er denn mit dem Wi— wi?“— dachte René—„das muß ein beſonderer Dialekt für den Namen ſein.“ „Viel— viel Wi— wi's in Tahiti— ſagte der kleine Miſſionair wieder— keine Chriſten, Wi—wi's!“ „Keine Chriſten?“ rief René lachend—„nun ich weiß doch nicht— einige ſind ſicher darunter, die ſich wenigſtens ſo nennen—“ „Es, Chriſten“ nickte der unverwüſtliche Kleine— „aber keine guten— aita maitai—“ Jetzt begriff Rent erſt, worauf der kleine Pro⸗ teſtantiſche Miſſionair oder Prediger eigentlich abziele, denn dieſer mußte nätürlich glauben, was ihm die pro⸗ teſtantiſchen Geiſtlichen über die Religion der andern Weißen, die ſich ebenfalls Chriſten nannten, und doch in ihren äußeren Gebräuchen beſonders ſo bedeutend von dieſen abwichen, geſagt hatte. Er hütete ſich aber wohl auf irgend einen religiöſen Streit einzu⸗ gehen und beſchränkte ſich nur darauf ihm zu erklären, er wiſſe nicht was es in Tahiti für Chriſten gäbe, er —9„ ſei noch nie dort geweſen, in ſeinem eigenen Vater⸗ land— was er in aller Unſchuld jetzt ſelber Wi—wi und zwar ſehr zum Ergötzen des kleinen Mannes nannte— gäbe es aber ſehr gute, fromme Chriſten. Renè hätte vielleicht noch eine Maſſe, ihm gerade nicht gelegene Fragen beantworten müſſen, wäre in dieſem Augenblick nicht draußen vor der Thür eine kleine Glocke geläutet worden und zu gleicher Zeit Sadie in der Thür des Gemaches erſchienen. René ſprang faſt mit einem Freudenruf empor. 8 Das junge Mädchen ſah aber auch wunderlieb⸗ lich aus in ihrer neuen Tracht, die ſie der Sonn⸗ tagsfeier zu Ehren angelegt hatte. Dieſe beſtand in einem langen faltigen Gewand, das ihr oben von den 1 Schultern bis auf die Knöchel niederfiel, im Gürtel aber von einer leichten rothſeidenen Schärpe zuſam⸗ mengehalten wurde; die Haare hatte ſie wieder friſch mit wohlriechendem Oel getränkt, und die langen 1 vollen Locken glatt nieder gekämmt, daß ſie ihr bis auf die Schultern herabfielen— aber keine Blume ſchmückte ſie jetzt, wo ſie zu Gottes Altar treten wollte, nur eine dünne Schnur, aus den Erhöhungen der reifen Ananas geſchnitten, zog ſich ihr um das Haar und die Stirn, den wilden Lockenſchatz in etwas zu bändigen. In der Hand hielt ſie ein kleines Buch mit goldenem Schnitt— ein engliſches neues Teſta⸗ „. ment, und das erſt ſo wilde muthige Kind ſah jetzt ſo mädchenhaft fromm und ſchüchtern aus, das dunkle Auge ruhte mit einem ſo milden ſanften Blick auf ihm, daß er ſie kaum wieder erkannt hätte, und doch war ſie jetzt faſt noch ſchöner als damals wie ſie, den nackten Arm um den Baum geſchlungen, von dem Felſen herab auf die verrätheriſchen Landsleute nieder⸗ zürnte. „Wie ſchön Du biſt, Sadie!“ rief René faſt un⸗ willkürlich aus, und ſtreckte ihr ſeine Hand entgegen. „Nicht Sadie jetzt“ ſagte aber das junge Mäd⸗ chen und ſchüttelte leiſe mit dem Kopf—„Prudentia heiß ich, denn ich gehe jetzt zu meinem Gott, durch deſſen heiliges Waſſer ich den Namen bekommen habe. Aber hier mein Freund“ ſetzte ſie mit bittendem Ton hinzu indem ſie die ihr gebotene Hand ergriff und dabei dem jungen Mann zugleich das kleine Buch entgegenhielt—„nimm das hier und lies darin, wäh⸗ rend wir in der Kirche für Dich und Dein Wohl beten wollen— es iſt ein gutes Buch und wird Dich tröſten.“ Es lag etwas ſo rührend Herzliches in dem Ton mit dem das holde Kind dieſe Worte ſprach, daß René das Buch nahm, ihr leiſe die gereichte Hand drückte und ſagte— „Ich danke Dir, Sadie— Du mußt mir nun 81 ſchon erlauben Dich ſo zu nennen— das andere Wort will mir gar nicht über die Lippen— aber Du bleibſt doch nicht lange?“ „Vielleicht nur zu kurze Zeit für ſo ſchwere Sün⸗ der als wir ſind“ ſagte das Mädchen ernſt und ſaſt traurig—„aber lebe wohl und fürchte Nichts für Deine Sicherheit; von der andern Seite der In⸗ ſel ſind eben Männer zur Kirche herübergekommen, und ſie berichten, daß Dein Schiff nirgend mehr zu ſehen ſei— es iſt weit nach Weſten gegangen und müßte lange Zeit brauchen wollte es gegen den Wind wieder nach uns aufkreuzen.— Bleibe aber hier im Hauſe und zeige dich nicht den Leuten draußen; doch darum ſprechen wir nachher, jetzt darf ich nicht an weltliche Sachen denken— ich dachte aber auch nur Deinetwegen daran“— ſetzte ſte leiſer hinzu und eine tiefe Röthe breitete ſich über ihre ſchönen ſo engelſanften Züge. Auf den kleinen Mitonare hatte der Ton der Glocke aber ebenfalls eine faſt zauberhafte Wirkung ausge⸗ übt.— Noch im Lachen über den Fremden hörte er den erſten Ton derſelben und, wie ein in ſeiner Luſt von dem ſtrengen Blick des Lehrers ertappter Schul⸗ knabe, zog ſich ſein Geſicht nicht, nein zuckte es förmlich in die alten ehrbaren Falten hinein, die ihm dabei faſt noch komiſcher ſtanden, als das Lachen vorher. Gerſtäcker's Tahiti. I. 6 8² Er erhob ſich aber jetzt haſtig, ergriff ſeine Bücher— alle in der Tahitiſchen Sprache durch die Miſſionaire überſetzt,— und Sadie einige Worte ſagend verließ er mit dieſer langſamen Schrittes das Haus. Rene blieb allein zurück; Sadie hatte ihn heute abſichtlich nicht aufgefordert ſie in die Kirche zu be⸗ gleiten, was ſie ſonſt gewiß nicht verſäumt haben würde; es waren aber viele Inſulaner von der andern Seite, die geſtern Theil an den Vorfällen gehabt, her⸗ übergekommen, und ſie wollte beide Partheien nicht jetzt ſchon wieder zuſammenbringen. Der Aufenthalt des Fremden konnte übrigens, wie ſie recht gut wuß⸗ ten, nicht lange geheim bleiben, wenn er das über⸗ haupt nur bis jetzt noch geblieben war; den Frieden des Miſſionsgebäudes ſtörten aber, ſelbſt die Verhär⸗ tetſten ihres Stammes nicht ſo leicht, und ſie glaubte den armen, von allen Uebrigen verlaſſenen Fremden wenigſtens hier ſicher. René warf ſich auf eine der überall in dem hohen luftigen Gebäude ausgebreiteten Matten, und lag lange in tiefem Brüten über die letzten für ihn ſo ver⸗ hängnißvoll geweſenen Stunden. Er war einer ſehr dringenden Gefahr für den Augenblick entgangen, aber kam das Schiff zurück— und er zweifelte kaum daran, daß der Capitain deſſelben ihn nun und nimmer ſo leicht aufgeben würde, ohne wenigſtens noch einen Verſuch zu machen ihn wiederzubekommen— wüͤrde er den Händen der Feinde auch dann entgehen können, und dann nicht vielleicht ſelbſt der, bis dahin jeden⸗ falls zurückgekehrte Miſſionair ihm ſeinen Schutz verſagen? Es war doch wohl das beſte, daß er we⸗ der Schiff noch Miſſionair abwartete, und ſo raſch als möglich die Inſel zu verlaſſen ſuchte.— Aber Sadie?— würde ſie ihn begleiten?— Er erſchrak ordentlich vor dem Gedanken ſie zurückzulaſſen, und mochte ſich ſelber kaum geſtehen, wie gewaltig dieß holde Kind des Waldes ſein Herz ſchon gefeſſelt habe und halte.. „Das iſt Thorheit“ murmelte er vor ſich hin— Wahnſinn, jetzt an Liebe zu denken wo Du ſelber noch nicht einmal eine Stätte haſt Dein Haupt hinzulegen. Sei vernünftig René— hier an die Inſeln gewor⸗ fen hat das erſte hübſche Geſicht was Dir in den Weg kam Dein, überhaupt etwas leicht entzündliches Herz in lichterlohe Flammen geſetzt— das iſt ein Strohfeuer und brennt in der erſten Wache aus.“ Er ſtützte den Kopf in die Hand und ſchlug das Buch auf, das noch immer vor ihm lag; aber die Buchſtaben tanzten ihm vor den Augen; zwiſchen jeder Zeile lachten die holden ſchelmiſchen, und doch ſo ſanften Züge des lieben Kindes heraus, und weder St. Lukas noch die Corinther vermochten den Zauber 4 6* zu löſen der ſeine Seele mit der wilden Gluth ploͤtz⸗ licher aber gewaltig erwachter Liebe entzündet hatte. Der Tag verging ihm langſam— Sadie kehrte mit dem kleinen Miſſionair wohl um die Mittags⸗ zeit zurück, aber es war Sonntag— kein Lächeln ſtahl ſich über ihre Züge— ſelten oder nie begeg⸗ nete ihr Blick dem ſeinen, und die Stunden floſſen ihm träge unter Gebeten und Hymnenſängen dahin. Schon vor Tag am nächſten Morgen war er auf, badete in dem criſtallhellen Waſſer der Corallenbänke, und harrte dann mit wirklicher Sehnſucht des ſchönen Kindes, das aber heute lange, lange ausblieb und ſich ihm gar nicht wieder zeigen wollte. Vergebens erfrug er ſie bei dem Mitonare. „Pu-de-ni-a?“ ſagte diefer kopfſchüttelnd und mit ſeinem räthſelhaften engliſch—„der Herr weiß wo man das Mädchen ſuchen ſoll, wenn man ſie haben will— Pu-de-ni-a ataetai— wie kleine Eidechſe, hier im Laub und da im Laub— kann ſie nicht faſſen — iſt weg unter den Augen.“ Der Kleine ſchien heute übrigens beſonders auf⸗ gelegt zu einer Unterhaltung, lehnte ſich auf ſeine Matte zurück, faltete die kurzen dicken Finger auf dem runden Magen und begann wieder auf das herab⸗ laſſenſte eine ganze Reihe von Fragen an den jungen Mann zu ſtellen, die ibm oft kaum Zeit ließen nur 5 8⁵ den Sinn zu verſtehen ehe ſie wieder, ohne die Be⸗ antwortung der erſten abzuwarten, von andern ver⸗ drängt wurden. Er trug aber heute weder den ſchwar⸗ zen Frack, noch die hellgelbe Weſte mit den blanken Knöpfen; ſelbſt das weiße Halstuch lag, ſorgfältig in ein Stück gelbes engliſches Stück Packpapier ein⸗ gewickelt auf einem kleinen Bücherbret, neben ſeinem geiſtlichen Schatz. Seine Bewegungen waren aber dadurch auch freier geworden, und er ſchien mit dem Frack auch den ganzen Mitonare ausgezogen zu haben. Er war, wie er jetzt ſelber René aus freien Stücken erzählte, noch vor zehn Jahren ein entſetzlicher Heide geweſen, der glaubte daß das hoͤchſte Weſen Taaroa und nicht Gott hieß, der ſogar ſeinen Götzen Früchte und Schweinefleiſch zum Opfer brachte, und Gefallen an den ſündhaften Tänzen der eingebornen Mäͤdchen fand. Mitonare O-no-so-no, Gott weiß wie der Mann in wirklichem Engliſch hieß, hatte ihn jedoch ge⸗ rettet, ſein Vater aber und ſein Großvater, und ſeinem Großvater ſein Großvater waren alle in der Hölle— konnten aber nichts dafür— waren aus Verſehen hin⸗ unter gekommen.— Er hatte ſich ſogar tättowiren laſſen, und als er ſah daß René, wahrſcheinlich unbewußt, ein erſtauntes Geſicht dabei machte, was er vielleicht fuür Unglauben nahm, lüftete er mit einer 86 halben Wendung den Cattun, fiel aber erſchrocken wieder in ſeine alte Stellung zurück, und ſah ſich nach allen Seiten um, als Rene der ſich nicht helfen konnte, bei der Bewegung plötzlich in ein ſchallendes Geläch⸗ ter ausbrach. Das hätte der kleine Mann aber bald übel ge⸗ nommen, Rene wußte ihn jedoch wieder zu beruhigen und er begnügte ſich von da an ihm ſeine Lebensge⸗ ſchichte ohne Illuſtrationen zu geben. Das Mitonare ſein war ſeiner Meinung nach ein ſehr ſchweres Geſchäft— weniger des Predigens, als des Frackes wegen— und der viele Aerger mit den Mädchen— ſoviel junges leichtſinniges Volk— denken immer können in den Himmel kommen wenn ſie luſtig ſind— bah— wiſſens nicht beſſer— Da in dem Buch ſteht Alles d'rin— ſehr gutes Buch — ein Bischen dick— aber ſehr gutes Buch, und viele fchwere Worte d'rin. Jetzt kam aber bald eine böſe Zeit— weiße Mitonares— vier, fünf, ſechs kamen hier herüber— ſahen zu ob Mitonare rother Mann viel weiß, und kleine Kanakas iti— iti gut un⸗ terrichtet hat— viele ſchwere Worte auswendig ler⸗ nen und viel Aerger mit iti— iti.— Pu- de- ni— a gutes Kind“ ſetzte er dann hinzu—„aber ein Bis⸗ chen wild— ein Bischen ſehr wild für waihini— Mitonare 0— no— so— no Tochter— aber nicht 87 Tochter— nur ſo Tochter—“ und er bemühte ſich dann in langer Rede und mit großer Anſtrengung dem jungen Mann begreiflich zu machen daß Pu— de— ni-— a O— no— so— no's Pflegetochter ſei. Das war etwa der Inhalt ſeiner Unterhaltung, bei der er ziemlich allein das Wort führte, und René allerdings nur nothdürftig den Sinn des Ganzen ver⸗ ſtand, indem der Alte oft mehr Tahitiſche als engliſche Worte gebrauchte, und dieſe wenigen dann ſelbſt noch auf wahrhaft grauſame Art verſtümmelte. Rene konnte es zuletzt nicht länger aushalten— die Sehnſucht die ihn auf der einen Seite quälte, Sadie wieder zu ſehn, und die peinlich ſcharfe Auf⸗ merkſamkeit die er auf der andern genöthigt war dem Kauderwelſch des Kleinen zu ſchenken, wenn er nur überhaupt den ungefähren Sinn der Rede faſſen wollte, machten ihm die Unterhaltung zu einer wahren Folter, und er benutzte die erſte nur einigermaßen paſſende Gelegenheit aufzuſtehn, und in den Garten zu gehn. — Aber Sadie war nirgends, weder zu hören noch zu ſehen. Die Sonne ſtieg indeſſen ſchon ziemlich hoch, und er warf ſich endlich, als er die Gänge unzählige Male auf- und abgelaufen, ermüdet in dem Schatten eines Orangen⸗ und Citronendickichts nieder, von wo aus er, da der Platz etwas erhöht lag, das ruhige Binnen⸗ * 88 waſſer, das die Inſel umgab uud die weiter draußen von der Brandung hoch beſchäumten Riffe, deutlich überſehen konnte. Dicht hinter dem kleinen Orangen⸗ hain lief die Einfriedigung des Gartens hin, und gleich von dieſem ab begannen ziemlich ſteil die näch⸗ ſten, dicht mit Guiaven⸗ und Citronenbüſchen bedeckten Hügel emporzuſteigen. Wohl eine halbe Stunde hatte er ſo gelegen, und wilde wunderliche Luftſchlöſſer gebaut mit träumenden Gedanken.— O wie reizend lag ſeine künftige Heimath unter den wehenden Palmen und duftigen Orangen⸗ blüthen dieſer Wälder— wie ſchaukelte ſein Canoe ſo ſtill und friedlich auf der klaren herrlichen Fluth, wenn er Abends vom Fiſchfang heimkehrte— und welch' holdes Bild ſtand in der niedern Thür der Bambushütte, und winkte ihm mit dem wehenden Tuch das fröhliche, herzliche Joranna entgegen— halt!— das waren Schritte— dicht hinter den Orangenbäumen den Hügel herab— ein leichter Sprung über den Zaun— er fuhr empor, und an ihm vorüber ſchoß mit flüchtigen Schritten die holde Wirklichkeit ſeiner ſchönſten Träume. „Sadie!“ rief er leiſe— „Ha!“ ſagte das Mädchen und warf halb ſcheu halb erſchreckt den Kopf zurück, den die vollen dunklen Locken heut' wild umflatterten; als ſte aber ihren ..—r— „ 2 Arnn Mr 1 89 Schützling erblickte färbte wieder jenes dunkle Roth, das ihrem Antlitz einen ſo unendlichen Zauber ver⸗ lieh, die lieblichen Züge der Maid, und raſch auf ihn zutretend, reichte ſie ihm freundlich und zutraulich die Hand, die er feſt in der ſeinen hielt, während ſeine Blicke mit inniger Luſt an den ihrigen hingen. Es war aber heute ganz wieder das wilde Kind wie an jenem Tage, wo ſie wie ein zürnender Geiſt zwiſchen Verfolger und Verfolgten getreten. Das lange Gewand von geſtern hatte ſie abgeworfen, und das Schultertuch verrieth mehr von den üppigen For⸗ men des wunderſchönen Mädchens, als es verdeckte; auch durch die Locken wand ſich wieder ein dichter Kranz duftender Blumen mit einem hochgefärbten Fern durchflochten, während zwei große weiße Stern⸗ blumen in ihren Ohrläppchen ſtaken, und die feine Bronzefarbe der Haut nur noch mehr und reizender hervorhoben. „Wo biſt Du aber nur ſo lange geblieben Sa⸗ die!“ ſagte jetzt René mit leiſem faſt zärtlichem Vor⸗ wurf. „Lange geblieben?“ lachte aber das wilde Kind— „lange geblieben? hab' ich denn überhaupt kommen wollen?— wunderlicher Mann, wie weißt Du nur wo ich überall heute Morgen ſchon geweſen bin— und Deinetwegen noch dazu“— ſetzte ſie mit leichtem 90 Erröthen und halb abgewandtem Geſicht hinzu— „doch komm,“ fuhr ſie raſch fort als ſie mehr fühlte als ſah daß er etwas darauf erwiedern wolle—„komm ich habe gute Nachrichten für Dich, und wir wollen indeſſen ein wenig zu meinem Lieblingsplätzchen auf jenen Hügel gehn.“ „Aber ich habe meine Waffen im Haus gelaſſen,“ ſagte der junge Mann—„ich kann ſie raſch holen.“ „Du brauchſt ſie nicht mehr, wenigſtens für den Augenblick nicht,“ hielt ihn das Mädchen zurück— „unſer Häuptling ſelber hat mir ſein Wort gegeben, daß Du unbeläſtigt auf der Inſel bleiben ſollſt, bis das Schiff wieder kommt und Dich noch einmal zu⸗ rückfordert— und ſelbſt dann wird er nicht ſtreng mit Dir ſein,— wenn ſie ihn nicht dazu treiben; er iſt ein guter Mann, und nur erſt ſeit Ihr Weißen uns ſo viel Sachen herübergebracht habt, ohne die wir nun einmal nicht mehr glauben leben zu können, iſt ſeine Habgier geweckt, und er thut Manches, was er ſonſt nicht gethan haben würde.“ „Und biſt Du meinetwegen heute Morgen ſchon drüben an der andern Seite der Inſel gewe⸗ ſen?“ rief Rens erſtaunt, faſt erſchreckt aus—„Mäd⸗ chen da mußt Du ja vor Mitternacht aufgebrochen und die ganze Zeit gewandert ſein, durch Dorn und Wildniß, mit den zarten Gliedern.“ 91 „Bah!“ lachte das wilde Kind und warf ſich mit raſcher Kopfbewegung die Locken um die Schläfe, daß die losgeſchüttelten Blüthen auf ihre Schultern nie⸗ derfielen—„iſt das der Rede werth?— ſchon als kleines Mädchen von vier Jahren hab' ich den Weg allein gemacht, und jetzt bin ich fünfzehn.— Aber geſtern durft ich ja doch nicht gehn,“ ſetzte ſie ernſter hinzu,— geſtern war Sabbath und— ich wollte doch auch nicht daß Du wie ein Gefangener im Hauſe ſitzen bleiben ſollteſt.— Doch wir wollen ja hier nicht ſtehn bleiben, ich bin müde und will mich ſetzen— komm,“ ſagte ſie, und zog ihn nach ſich, der Garten— pforte zu, durch die ſie gingen und links davon einen kleinen Hügel emporſtiegen, wohinauf ein ordentlicher Pfad ausgehauen und geebnet war. Es ließ ſich kaum ein lieblicheres Plätzchen auf der weiten Gotteswelt denken als das, wohin das ſchöne Mädchen jetzt den jungen Mann führte.— Drei niedere Palmen, in ihren Kronen faſt gleich, über⸗ hingen die kleine Stelle, und zwar ſo, daß die ſchat⸗ tigen Blätter, weit nach vorn überneigend, die Sonne auffingen, wenn ſie nur wenige Stunden hoch am Himmel ſtand— der Boden war mit einem feinen wohlriechenden Fern bedeckt, der duftende anei, wie reich mit Blüthen geſchmückte Büſche bildeten die Rück⸗ wand, und mehre mit Blüthen überſtreute und zu gleicher Zeit von goldenen Früchten faſt niedergebeugte Orangenbüſche die Seitenwände, während ein breiter niederer Sitz, mit feingeflochtenen Matten doppelt und dreifach weich überlegt, mit Bambus gezogener Rück⸗ lehne, die weite freie Ausſicht auf das blaue Meer und die ſchäumende Brandung der Riffe gewährte. René ſtand lange in ſchweigender Bewunderung der reizenden Scene, mit dem ſchönen Mädchen, das ihn lächelnd betrachtete, an ſeiner Seite. „Nicht wahr, das iſt ein lieblicher Platz hier auf der kleinen freundlichen Inſel?“— ſagte ſie endlich leiſe, als ob ſie fürchte das was ſein Herz in dieſem Augenblick fühlte, zu unterbrechen. „O wunder— wunderſchön!“ rief Rene begei⸗ ſtert ihre Hand ergreifend—„ein Paradies, dem ſelbſt die Engel nicht fehlen.“ „Pfui Fremder“— ſagte aber das Mädchen ernſt und faſt traurig—„Du mußt nicht läſtern, während der liebe Gott das Licht ſeiner Sonne auf Dich nie⸗ dergießt und die Wunder ſeiner Welt um Dich her ausgebreitet hat— und Du thuſt mir auch weh da⸗ mit, und ich habe Dir doch Nichts zu leide gethan.“ „Sadie“— bat der junge Mann, tief ergriffen von der einfachen, rührenden Natürlichkeit des holden Kindes. „Laß nur gut ſein,“ ſagte ſie aber wieder etwas freundlicher,„und ſetze Dich hierher— nein, nicht ſo nah zu mir— da in die Ecke— ſo, und nun ſollſt Du mir eine Frage beantworten.“ Sie ſah ihm dabei treuherzig in die Augen, und wenn ſie auch nicht duldete daß er den Arm um ſie legte, ließ ſie doch ihre Hand in der ſeinen ruhen. „Und was willſt Du fragen Du holdes Lieb?“— „Zuerſt heiß ich Prudentia, höchſtens Sadie— aber nicht anders— aber ja— wie heißt Du denn eigentlich?“ „René!“ „Renè das iſt ein hübſcher kurzer Name, und klingt nicht ſo ſchwerfällig wie die anderen engliſchen Worte — Rene das könnte auch der Mitonare im Haus be⸗ halten,“ ſetzte ſte leiſe hinzu und ein ſchelmiſches Lä⸗ cheln blitzte ihr durch die Augen; es war aber auch im Moment wieder verſchwunden. „Und was wollteſt Du mich fragen, Sadie?“ Das junge Mädchen wurde in dem Augenblick recht ſtill und ernſthaft, und ſah ihm erſt eine ganze Weile forſchend, ſchweigend in die Augen, als ob ſie dort leſen wolle, wie es ſelbſt in ſeinem innerſten Herz beſchaffen ſei. Dann aber ſchüttelte ſie mit dem Kopf; hatte ſie nicht gefunden was ſie ſuchte oder war ſie über ſich ſelbſt böſe, und ſagte jetzt, aber noch immer keinen Blick dabei von ihm verwendend: 94 „Iſt es wahr, René daß Du ein Ferani biſt?“ „Wenn Du, wie ich glaube, Franzoſe darunter verſtehſt— ja,“ erwiederte René offen aber auch halb erſtaunt über den tiefen Ernſt dieſer doch gewiß höchſt gleichgültigen Frage.— „Und biſt Du ein Chriſt?“ frug das Mädchen ängſtlich. René konnte ein Lächeln kaum verbergen, er erin⸗ nerte ſich aber auch zugleich der Fragen des kleinen Mitonares und ſagte kopfſchüttelnd: „Liebes Kind wer hat Euch ſolch tolle Grillen hier in den Kopf geſetzt, daß die Franzoſen keine Chri⸗ ſten wären?— gewiß ſind wir Chriſten, wenn Dich das beruhigen kann.“ „Aber habt Ihr nicht heidniſche Gebräuche bei Euerer Religion?“ frug ihn das Mädchen jetzt drin— gender.. „Aber Du gutes Kind,“ bat ſie René, ſage mir nur—“ „O bitte, bitte beantworte mir meine Frage treu und wahr,“ unterbrach ihn aber, in faſt ängſtlicher Haſt das ſchöne Mädchen—„ich will Dir dann auch mit Freuden jeder Frage Rede ſtehen.“ „Nun gut denn Sadie, Dich zu beruhigen will ich Dir jeden Aufſchluß geben, der nur in meinen Kräften ſteht. Der größte Theil der Franzoſen, Ita⸗ 95 liener, Spanier, Portugieſen, des ſüdlichen Deutſch⸗ lands, wie überhaupt faſt aller ſüdlich gelegener Völ⸗ ker des Welttheils von dem wir Weißen abſtammen, und von woher wir meiſt herüberkommen, ſind ka⸗ tholiſche— die nördlicher gelegenen Völker, aber auch wieder mit gewaltigen Ausnahmen, und noch bei Weitem die geringere Zahl— proteſtantiſche Chri⸗ ſten. Wir haben jedoch einen Gott und einen Hei⸗ land, Jeſus Chriſtus; nur in den gleichgültigeren Gebräuchen unterſcheiden wir uns von einander— die proteſtantiſchen Prieſter halten zum Beiſpiel die ſchwarze Farbe für unumgänglich nothwendig zu ihrem Ornat— die katholiſchen nehmen andere. Wir haben auch— und ich glaube es iſt beſonders das, was Dir am Herzen liegt— in den Tempeln unſeres Gottes die Bilder frommer Männer und Frauen auf⸗ geſtellt, die in alten Zeiten gelebt haben und für ih⸗ ren Glauben, wie der Heiland ſelber, geſtorben ſind — nicht aber als Götter, ſondern nur als heilige Menſchen, deren Vorbild uns anfeuern ſoll ihnen nachzuahmen. Wir glauben daß dieſe, durch ihren frommen Wandel zu Gottes Herrlichkeit eingegangen ſind, und wenn die Katholiken zu ihnen beten, ſo ge⸗ ſchieht es nicht etwa weil ſie glaubten es ſeien dies ſelber göttliche Weſen, ſondern nur um ſie um ihre Fürſprache am Throne des Hochſten zu bitten.— „Ich bin der Herr Dein Gott, Du ſollſt nicht andre Götter haben neben mir“ iſt ein Geſetz, das für uns Katholiken ſo gut Gültigkeit hat, als für die Pro⸗ teſtanten.“ „Aber Ihr theilt kleine Götzenbilder aus und brennt vor Eueren Bildern Weihrauch und Kerzen,“ ſagte das Mädchen und René ſah wie ſie mit faſt peinlicher Spannung der Antwort auf dieſe Frage harrte. 7 „Die Prieſter, mein holdes Kind,“ ſagte René lächelnd,„theilen unter ihre Beichtkinder, wie ſie ſolche nennen die unter ihrer geiſtlichen Fürſorge ſtehn— kleine Bilder der Jungfrau Maria, des Gekreuzigten oder ſelbſt jener guten, ſpäter heilig geſprochenen Men⸗ ſchen aus, damit dieſe die Aufmerkſamkeit ihrer Pfleg⸗ befohlenen von weltlichen Dingen ablenken und auf das Heil ihrer eigenen Seelen richten ſollen— nicht um ſie anzubeten.“ „Und der Weihrauch?— die Kerzen?“ frug das Mädchen immer noch beſorgt. „Selbſt das findet wohl eine ſehr natürliche Aus⸗ legung,“ erwiederte Rene gutmüthig—„jeder ver⸗ nünftige Menſch weiß, daß ſolche Sachen gerade nicht nöthig ſind zu ſeinem Gott zu beten, aber gar Viele wollen auch durch etwas Aeußeres daran gemahnt ſein, daß ſie in dem Hauſe des Herrn, in der Nähe —=— — 97 ihres Schöpfers ſtehn, ihre Gedanken ganz von jedem andern fremden, weltlichen Gegenſtand abzulenken.“ „Und die Proceſſionen die Ihr haltet— den Ab⸗ laß den Ihr um Geld für Euere Sünden bekommt?“ ſagte das Mädchen wieder und verwandte keinen Blick von ſeinen Augen. René kam in Verlegenheit; er hatte in ſeinem ganzen Leben— wenigſtens ſeit er die Schule ver⸗ laſſen— noch nicht ſoviel über die Gebräuche und den Geiſt ſeiner eignen Religion nachgedacht, als heute morgen. Er hing dabei viel zu wenig ſelber an die⸗ ſen Gebräuchen, ſich zu einer warmen Vertheidigung derſelben berufen zu fühlen, ſah aber auch recht gur ein, daß die Proteſtantiſchen Miſſionaire ſeine Reli⸗ gion, die ſich von Tahiti aus zu verbreiten drohte, oder die auf den Inſeln einzuführen von ſeinen Lands⸗ leuten wenigſtens ſchon der Verſuch gemacht war, mit den ſchwärzeſten Farben geſchildert hätten. „Und die Proceſſionen die Ihr haltet— den Ab⸗ laß den Ihr um Geld für Eure Sünden bekommt?“ wiederholte dringend das holde Mädchen, und legte ihre Hand auf ſeinen Arm. Rene ſchüttelte lächelnd mit dem Kopf. „Sie haben ſich große Mühe gegeben Sadie,“ ſagte er endlich,„Dir den Glauben ſo vieler Tauſende in ihrem eignen Vaterlande von der ſchlimmſten Seite Gerſtäcker's Ta hiti. 1. 7 98 zu ſchildern— und ſchon das allein wäre nicht chriſt⸗ lich, denn mir iſt es faſt, als ob ſie vergeſſen hätten auch der guten Seiten zu erwähnen, die doch gewiß eine jede Sache hat, alſo auch wohl eine Religion, in deren Glauben Millionen Menſchen glücklich ge⸗ lebt haben— und noch leben. Die Proceſſionen ſind Dir gewiß als etwas ſehr Entſetliches beſchrieben, und es iſt doch gewiß eine harmloſe Sache, die übri⸗ gens, wie ich gar nicht läugnen will, und meiner Mei⸗ nung nach auch vielleicht wegfallen dürfte. Sie ſind aber von den Prieſtern eingeſetzt, und gehſt Du Al⸗ lem nach, mein Lieb, was die Prieſter einſetzen oder anordnen, ſo wirſt Du wohl Manches finden, wor⸗ über Du Dir auch keine Rechenſchaft geben kannſt— ſeien es nun proteſtantiſche oder katholiſche— oder glaubſt Du daß Alles, was die Prieſter thun, von Gott ſelber anbefohlen iſt?“— „Ach Gott, ich weiß das ja nicht,“ ſagte das junge Mädchen mit recht trauriger bewegter Stimme. „Und was den Ablaß betrifft, mein Herz,“ fuhr Rene fort, ihre Hand wieder ergreifend,„ſo hat der wohl Manches gegen, aber auch Vieles für ſich. Gott wird uns als ein allbarmherziges Weſen geſchildert — als den allliebenden Vater denken wir uns ihn ja— ſollen wir da glauben daß er dem ſchwachen Menſchenkinde das da ſündigt, auf immer zürnt, und 99 iſt es nicht beſſer wir können, wenn wir über einen begangenen Fehler Reue fühlen, glauben daß uns Gott verziehen hat, in ſeiner unendlichen väterlichen Huld, und wir nun wieder, mit frohem, leichtem Her⸗ zen ein neues Leben beginnen dürfen, als daß wir uns Gott als einen ewig zürnenden Richter denken, der ſogar ungerecht bis hinab in's dritte, vierte, ja zehnte Glied ſtraft und richtet?— Nein Sadie— dieſer Glaube mag oft durch böswillige oder eigen⸗ nützige Geiſtliche gemißbraucht ſein, ich will das nicht leugnen, aber es iſt immer kein Götzendienſt, und wer Dir das geſagt hat, mag es vielleicht recht gut gemeint haben, aber er übertrieb die Sache.— War es Dein Pflegevater, Sadie?“ „Nein,“ ſagte das junge Mädchen, leiſe und nach⸗ denklich mit dem Kopf ſchüttelnd—„mein Pflege⸗ vater iſt nicht ſo ſtreng und ernſt, und er hat mir oft geſagt, daß unter den Franzoſen auch gewiß recht viel brave und gute Menſchen wären, vielleicht ebenſoviel wie unter den Engländern, nur daß ihre Religion nichtedie rechte ſei, und das ſie noch viele Mißbräuche duldeten.“. „Und wer hat Dir denn all die ſchrecklichen Ge⸗ ſchichten von uns erzählt, mein Lieb,“ lächelte René —„in Deinem eigenen Köpfchen ſind ſie doch wahr⸗ lich nicht entſprungen.“ 7* 100 „Nein,“ ſagte das Mädchen treuherzig g—„aber auf Tahiti wohnt ein frommer, ernſter, ſtrenger Mann — der kommt des Jahres wohl ein⸗ oder zweimal auf unſere Inſel herüber und predigt hier— wir fürchten uns aber alle vor ihm, denn wir dürfen dann keine Blumen in den Haaren tragen, und nicht lachen und fröhlich ſein, und er macht uns das Herz dabei auch ſo ſchwer, daß wir wenn er ſchon ſelbſt Wochen lang fort iſt, immer noch an die entſetzlichen Strafen denken müſſen die uns, ſelbſt nach leichtem Vergehen, in der Ewigkeit erwarten.— Oh er iſt gar ſo finſter, aber auch ſehr fromm und er beſonders hat uns vor Deiner Religion gewarnt, und uns mit ewiger Ver⸗ dammniß gedroht, ſo Eines der falſchen Lehre lau⸗ ſchen würde— und Du biſt auch Katholik; René?“ „Ich gehöre allerdings zu jenen Entſetzlichen,“ ſagte Rene faſt ſcherzend, als er aber den ſchmerzlichen Zug um des lieben Kindes Mund gewahrte ſetzte er raſch hinzu—„aber fürchte nicht für mich, Du treues Herz— ich ſelber hänge nicht an jenen Gebräuchen, obgleich ſie unſere Kirche verlangt, wenn ich ſie auch nicht für ſo gefährlich halte, als Deine Prieſter Dich gelehrt haben.“ „Ach das beruhigt mich recht, René,“ ſagte die Maid, und preßte die Hand auf das Herz, als ob ſte da alles niederdrücken wolle, was ihr jetzt Gram 101 und Kummer machen wolle—„und Vater Osborne ſagt ja auch daß Gott ſo gut— ſo unendlich gut ſei und die Menſchen Alle wie ſeine Kinder liebe— würde er dann da ſo hart und grauſam ſtrafen können?— lieber Gott,“ ſetzte ſie mit recht treuherziger bewegter Stimme hinzu—„ich möchte ja nicht einmal ein fremdes armes Kind für ein wenig Muthwillen hart ſtrafen— vielweniger denn mein eigenes.“ „Und glaubſt Du, Sadie, daß Euch Gott ein Paradies zum Aufenthalt gegeben und Euere Woh⸗ nungen weit weit von dem Verkehr habgieriger ſchlech⸗ ter Menſchen gelegt hätte, wo ſie Jahrhunderte lang die Einfachheit ihrer Sitten und ihr Glück bewahrten, zürnte er auf Euch und wolle Euch ſtrafen für den falſchen Glauben?— Sieh mein Mädchen,“ fuhr er bewegter fort, als er ſah wie ſie ihm ſtill und auf⸗ merkſam in's Auge ſchaute—„weit über die Welt zerſtreut liegen noch viele viele Länder, die viel hun⸗ dert Mal größer ſind als alle dieſe Inſeln— und auf ihnen wohnen Menſchen, verſchieden an Farbe, an Körperbau, an Sprache und an Religion— Mil⸗ lionen ſind Chriſten, Millionen Muhamedaner, Mil⸗ lionen was wir Heiden nennen, das heißt ſie haben ſich ihre Götter ſelber gebildet und feiern Gebräuche die wir nicht verſtehen oder nicht anerkennen, aber ſie leben alle glücklich— gleich von Gottes Sonne 102 beſchienen und ſeiner Hand gehalten, glücklich in ihren Familien und ihrem bürgerlichen Treiben;— haben ſie dann und wann Kriege untereinander ſo können ſie kaum je ſoviel Blut vergießen, als die Chriſten ſchon unter ſich des Glaubens wegen vergoſſen haben, und tauſende von Jahren haben ſie ſo, rund um die Grenzen chriſtlicher Völker gelebt, und Gott zürnt ihnen nicht. Gott, meine Sadie, beurtheilt und ſtraft oder belohnt die Menſchen nach ihren Handlungen, nicht nach ihrem Glauben,— ihm iſt der Gegenſtand gleich, zu dem ſich das Herz wandte, wenn das Herz ſelber treu und rein und ſeiner Liebe voll war. Da haſt Du meine Religion— ich glaube jede böſe Handlung trägt auch zugleich ihre Strafe in ſich ſelbſt— unſer Gewiſſen iſt der ſtrengſte, unerbitt⸗ lichſte Richter, mit dem wir am allerſchwerſten fertig werden können, und wirft uns das nichts Böſes vor, dann können wir auch getroſt dem blauen Himmel da droben in's Auge ſchauen. Aber herziges Kind, laß uns mit den trüben ernſten Geſprächen aufhören, ich bin ja kein Miſſionair, der über ſolche Sachen Stun⸗ den lang reden kann, und möchte es wahrhaftig am wenigſten unternehmen, weder die katholiſche noch proteſtantiſche Religion zu vertheidigen, und Alles was darin an Gebräuchen iſt, zu rechtfertigen.— Mit Allem was die Natur an Reichthum und Herrlichkeit 103 bieten kann hier ausgeſtattet, was ſollen uns da ſolche traurige Gedanken quälen.“ „O Sadie, ich bin in meinem Leben noch nicht ſo glücklich geweſen, als in dieſem Augenblick— mir i*ſt es, als ob erſt jetzt, an Deiner Seite, der dunkle Schleier gehoben wäre, der bis dahin vor meinem künftigen Leben in düſterer Nacht gelegen. Raſtlos, und von einem innern Drang getrieben, dem ich kei⸗ nen Namen zu geben wußte, jagte es mich in der Welt umher— die Afrikaniſchen Wüſten und Cana⸗ diſchen Wälder konnten die. Sehnſucht nicht befriedi⸗ gen die mich weiter und weiter drängte; als Soldat zog ich in die Raubſtaaten der Algierer— umſonſt — als Jäger in die Felſengebirge Amerikas— um⸗ ſonſt— ſelbſt die See verſuchte ich, und in den Eis⸗ meeren des Nordens glaubt' ich vielleicht den Punkt zu finden, der mir nicht Raſt noch Ruhe ließ. Aber wie Spott klang es mir überall entgegen, und das rohe widerliche Weſen meiner letzten Umgebung zwang nich endlich auch zu dem letzten entſcheidenden Schritt, die mir unerträglich gewordenen Feſſeln abzuſchütteln — oder darüber zu Grunde zu gehen. Da fand ich Dich, Sadie— und ich fühle nun— o mit jubeln⸗ der Stimme hallt es in meinem Herzen wieder, daß Du bis jetzt, Sadie das nur geahnte, aber ſo heiß er⸗ ſehnte Ziel geweſen, dem meine Seele entgegenſtrebte. 104 Werde mein Weib— laß uns auf dieſer freundlichen Inſel, fern von den Sorgen, dem gefühlloſen Trei⸗ ben der Welt, unſre Heimath gründen.— Tief im Laub dieſer Palmen verſteckt, von dieſem lachenden Himmel überſpannt, von dieſen blauen Wogen um⸗ ſpült, an Deiner Seite, Sadie, und die Welt, die mir bis jetzt nur eine kalte freudloſe Straße geweſen, meinen Wanderſtab darauf zu ſetzen, würde mir zum Himmel.“. Er hatte ihre rechte Hand, die ſie ihm willenlos überließ, leidenſchaftlich in ſeine beiden Hände gefaßt, und ſchaute mit leuchtenden Blicken und hochgeröthe⸗ ten Wangen dem jungen ſchönen Mädchen bittend in's Angeſicht. Sadie ſaß mit klopfendem Herzen und niederge⸗ ſchlagenen Augen neben ihm—— ſie war recht ernſt, ja faſt traurig geworden, und ſchaute lange ſinnend vor ſich nieder— endlich blickte ſie wieder zu ihm auf, ſah ihn mit den treuen, in einer Thräne ſchwim⸗ menden Augen an, und ſagte mit leiſer, kaum hör⸗ barer, wie furchtſamer Stimme: „Und wenn Du wieder fortgingſt von mir?“ „Nie— nie— Sadie!“ rief Rens leidenſchaftlich und preßte, ſie an ſich ziehend, einen heißen, glühen⸗ den Kuß auf ihre Lippen. Sie duldete den Kuß, — 105 ohne ihn zu erwiedern, dann aber ſich langſam ſeinem Arm entziehend ſagte ſie leiſe.“ „Willſt Du mir etwas verſprechen, René?“ „Alles, Sadie, was in meinen Kräften ſteht,“ rief René die Hand nicht laſſend, die er noch in der ſeinen hielt. „Dann verfprich mir,“ flüſterte das ſchöne, jetzt tief erröthende Mädchen,„daß Du davon nicht wie⸗ der mit mir reden willſt, bis mein Vater, der Miſ⸗ ſtonair zurückgekehrt iſt, und“— ihre Stimme war ſo leiſe geworden, daß er die Worte kaum verſtehen konnte—„mich auch bis dahin nicht wieder küſſen willſt.“ „Sadie!“— „Verſprich mir das— nicht wahr Du ſagſt es mir zu?“ bat ſie dann und ſchaute ihm dabei ſo lieb und unſchuldsvoll in die Augen, daß er ein Heiligen⸗ bild zu erblicken glaubte. „Wie könnte ich Dir die erſte Bitte abſchlagen Sadie“— ſagte er mit tiefen Gefühl. Da floh der faſt traurige Ernſt von den Zügen des Mädchens, wie die Sonne aus trüben Wolken plötzlich über grüne wogende Saatfelder bricht, ſo überflog ein frohes Lächeln die engelſchönen Züge. „Das iſt gut von Dir,“ ſagte ſte mit inniger Herzlichkeit—„das iſt recht gut von Dir, nun können wir ja auch zuſammen durch unſere Berge wandeln, und Abends auf dem ſtillen blauen Waſſer fahren, wo unten die tauſend kleinen bunten Fiſchchen zwi⸗ ſchen den Corallenbüſchen ſpielen und ſich haſchen— ſonſt hätte ich mich ja vor Dir verſtecken müſſen“— ſetzte ſie treuherzig hinzu.„Und nun komm mein Freund— Mitonare ſteht ſchon da unten vor ſeiner Thür und ſchaut ſich überall nach uns um, er hat Dein Mahl bereitet was Du nicht im Stich laſſen darfſt, und gegen Abend komm ich und hole Dich ab.“ „Und jetzt willſt Du mich verlaſſen Sadie?“ bat Renẽ. „Du mußt Dich jetzt ſchon ein Bischen mit Mi⸗ tonare unterhalten,“ lächelte das junge Mädchen neckiſch,„ich kann Dir nicht helfen— wir ſind aber dann den ganzen Abend zuſammen,“ ſetzte ſie tröſtend hinzu und als ob ſie trotz dem Verſprechen einen viel⸗ leicht zu zärtlichen Abſchied fürchte, glitt ſie wie ein Reh durch die Seitenbüſche dieſer natürlichen Laube, und war im nächſten Moment im Dickicht ver⸗ ſchwunden. René, das Herz voll und überglücklich, ſaß noch eine lange Zeit an dieſem wunderlieblichen Platz, der ihm durch das neue und ſo gewaltig in ſeinem Her⸗ zen aufgekeimte Gefühl förmlich heilig geworden war — er hatte ganz darän vergeſſen daß der kleine Miſ⸗ 107 ſionair mit dem Eſſen auf ihn warte. Deſtomehr dachte dieſer aber daran, und als der fremde Wi—wi, wie er ihn jetzt immer ſchmunzelnd nannte, gar nicht kommen wollte, ſchickte er ſeine ganze Schule nach allen Richtungen auf Kundſchaft aus, und René fand ſich bald von drei oder vier jungen nackten Burſchen aufgetrieben, die ihm lachend und ſchreiend eine Maſſe Zeug vorplauderten von dem er keine Sylbe verſtand. Nur das dann und wann wiederkehrende Wort Mi- tonare rief ihn ſeinen kleinen freundlichen Wirth in's Gedächtniß zurück, und er folgte der munteren Schaar, die, raſch zutraulich geworden, ihn umſprang und um⸗ jubelte.* Dem kleinen Mitonare ſchien übrigens ein Stein vom Herzen zu fallen, als er ſeinen ſo heiß erſehnten Gaſt erblickte, und er verſicherte ihm, er habe ſchon eine volle Stunde mit Schmerzen auf ihm gewartet, indeß das Eſſen wahrſcheinlich kalt geworden und verdor⸗ ben wäre. Mitonare war aber viel zu gutmüthig böſe zu werden, und als René nur tüchtig zulangte, und erſt mit ihm ſcherzte und lachte, hatte er an ihm ſeinen Mann gefunden; er nannte René den beſten Wi—wi den er je geſehn habe, und das wolle viel ſagen, denn er ſei ſchon einmal auf Tahiti geweſen, wo ſie wild herumliefen, und erzählte ihm nun die tollſten Ge⸗ 108 ſchichten aus der alten fröhlichen Heidenzeit— wie ſte's hier gehalten und getrieben hätten— natürlich damals, wie er nie vergaß hinzuzuſetzen, als wir noch entſetzliche Sünder waren.— Auch auf reli⸗ giöſe Gegenſtände kam er ein paar Mal wieder zu ſprechen, obgleich die René, ſo gut das eben gehen wollte, abzulenken ſuchte. Am meiſten ſchmerzte es ihn daß ſein Vater in der Hölle ſein mußte, denn der war, obgleich ihm die Miſſionaire damals ſehr zugeſetzt, ein hartnäckiger Heide geblieben; aus ſei⸗ nem Großvater ſchien er ſich weniger zu machen. René gewann übrigens bald ſein ganzes Ver⸗ trauen, er zeigte ihm ſeine Schreibbücher und Rechen⸗ exempel, ja ſogar ſein allerheiligſtes, das wichtigſte Dokument ſeines Lebens— ein Diplom was ihm von der Miſſionsgeſellſchaft in O-no— wahrſchein⸗ lich London— ausgeſtellt war, und ihn hier als wirklichen„Prediger in der Wüſte“ anerkannte. Dicht neben dem Diplom lag, in der kleinen Schieblade zu der er René geführt hatte, auch ein ſchmales, nicht ſehr langes aber zierlich gearbeitetes Käſtchen aus Sandelholz, das er aber, als René's Auge darauf fiel, raſch bei Seite zu ſchieben und mit daneben liegenden Papieren zu bedeckten ſuchte. Da⸗ durch wurde aber des jungen Franzoſen Neugierde rege gemacht, der es ſonſt vielleicht gar nicht beachtet 109 hätte, und er drang nun darauf daß er ihm zeige was ſo Geheimnißvolles darin verborgen ſei. Mitonare wollte erſt gar nicht mit der Sprache heraus, endlich aber nahm er das Käſtchen vor, hielt es noch eine ganze Zeit lang in der Hand während ſein Auge faſt mit einem Ausdruck von Anhänglichkeit darauf ruhte— und dann kam die ganze Geſchichte heraus. Mitonare war in früherer Zeit— als er noch im blinden entſetzlichen Heidenthum gelebt— ein vor⸗ trefflicher und in der That der Haupttättowirer der Inſel geweſen, und dies Käſtchen enthielt ſeine da⸗ maligen Werkzeuge die er jetzt allerdings nicht mehr gebrauchte— denn„bodder Au-e“ von Tahiti hatte ihm die Augen geöffnet zu was dieſe abgöttiſchen heidniſchen Gebräuche führten— aber doch gewiſſer⸗ maßen noch als eine Art Reliquie, von der er ſich ge⸗ wiß ſehr ſchwer hätte trennen mögen, aufbewahrte.— Trotz dem freilich, daß der kleine Mann Alles aufbot ſeinen Gaſt zu unterhalten, wäre dieſem doch wohl die Zeit zuletzt gar lang geworden, denn er ſehnte ſich nach weit lieberer Geſellſchaft; Sadie ließ ihn aber auch nicht ſo lange warten, und die Sonne war noch mehre Stunden hoch, als ſie zu ihnen in die Thür trat.— Doch es war nicht dieſelbe Sadie von heute Morgen, als ſie leicht geſchürzt, das Schul⸗ 8 110 tertuch um den nackten Oberkörper flatternd, mit wild tanzenden Locken, hochgerötheten Wangen und blitzen⸗ den Augen aus dem Dickicht ſprang. Das leichte Schultertuch hatte ſie mit dem langen, mehr Euro⸗ päiſchen Sonntagsgewand vertauſcht, und wenn auch ihren Zügen daſſelbe liebe Lächeln geblieben war, ſchien ſie doch in den wenigen Stunden ernſter, ge⸗ ſetzter, ja älter geworden zu ſein. Faſt ſchüchtern reichte ſie dem jungen Mann die Hand, und ſie gingen, als ſie bald darauf das Haus verließen, wohl eine ganze Weile ſchweigend neben einander her. Das verlor ſich aber bald, René's leich⸗ ter Sinn ließ ihn nur ſein Glück, die Seligkeit des jetzigen Augenblicks fühlen und Sadie, als ſie ſah daß er ſein Verſprechen von heute Morgen hielt, ver⸗ lor bald gleichfalls jede Scheu, jedes ängſtliche, ſie beengende Gefühl, und war, als ſie kaum den dunk⸗ len Schatten des Waldes betreten hatten, ganz wie⸗ der das fröhliche Kind wie früher.— Sie ſcherzte und lachte, erzählte dem Freunde tauſend drollige Geſchich⸗ ten, beſchrieb ihm ihre früheren Tänze und Gebräuche, auch das ſchöne Tahiti drüben, wo ihre Eltern ge⸗ wohnt, und wo jetzt fremde Menſchen Haß und Feind⸗ ſchaft geſäet um Gottes Willen, und führte ihn da⸗ bei einen ſchmalen Pfad entlang, unter überhängen⸗ den Cocospalmen hin, und durch fruchtbedeckte Guia⸗ ven, Orangen und Brodfruchtbäumen nach einem an⸗ deren kleinen Grundſtück, das zu einer Art Gemüſe⸗ garten eingerichtet ſchien, aber auch mit einer Maſſe Fruchtbäumen, wie tappotappos, Kaffee, Zuckerrohr, Bananen und anderen bepflanzt war. Mit der unbedeutenſten Arbeit gab die Erde hier das Hundertfache des ihr anvertrauten Samens zu⸗ rück, und Renè glaubte in ſeinem Leben kein ſchöne⸗ res, herrlicheres Land geſehn zu haben, als dieſe kleine Inſel. O wie gern hätte er jetzt zu dem Mädchen von ihrer künftigen Heimath geſprochen, aber als ob ſie fühlte daß ſolche Gedanken in ihm aufſteigen möch⸗ ten lenkte ſie ihn raſch und geſchickt wieder davon ab, zeigte ihm und pflückte für ihn die verſchiedenen ſaftigen Früchte und führte ihn zuletzt an den Strand hin⸗ unter, wo in einer natürlichen kleinen Bai ein ſchma⸗ les langes Canoe lag. Dies beſtiegen ſie und fuhren hinaus in das ſpiegelglatte und criſtallhelle Binnen⸗ waſſer, das durch die außenherumlaufenden Riffe vor jeder eindringenden See geſchützt wird, und ſo ſtill und friedlich in nie geſtörter Ruhe liegt, als dieſe ſchönen Inſeln bis jetzt ſelber im weiten Ocean lagen. René hatte früher noch nie die Bildung dieſer Corallenbäume, tief unter dem klaren Waſſer, geſehn, und er traute ſeinen Augen kaum als ſich an mehren Stellen, zu denen ihn Sadie jetzt ſelber hinruderte, 112 in Farbenſpiel und Form eine ganz neue nie geahnte Welt vor ihm eröffnete. Er konnte ſich nicht ſatt ſehn an den, mit Zauberſchnelle wechſelnden Grup⸗ pen und Bildern und Sadie hatte eine ordentlich kindiſche Freude darüber, daß es ihm ſo gefiel hier draußen an den Stellen, die auch ihr Lieblingsauf⸗ enthalt waren. „Nun Dir das ſo gefällt,“ ſagte ſie endlich lä⸗ chelnd, will ich Dich auch zu meinem Corallengarten bringen, und Dir meine kleinen Gold⸗ und Silber⸗ fiſchchen zeigen; die darfft Du mir aber nicht ſcheu machen mit der Hand oder dem Ruder, denn es ſind gar furchtſame kleine Dinger.“ Und während ſie noch ſprach lenkte ſie das Conoe weiter den Riffen zu, über die tiefe, dunkelblau daliegende Seitenfahrt, in der ſelbſt große Boote die ganze Inſel umſegeln konnten, wieder in flacheres Waſſer hinein, wo dunkelbraune und röthlich graue Corallenbäume an vielen Stellen ſelbſt bis zur Oberfläche des Waſſers emporragten, und dann wieder, von dünnen, feineren Zweigen und Armen durchwachſen, verhältnißmäßig tiefere Stellen zwiſchen ſich ließen, oder umgaben. Ueberall wimmelte es hier von kleinen blauen, gelben, weißen, rothen, geſtreiften und gefleckten Fiſch⸗ chen; in Schaaren und einzeln ſchwammen ſie herum, oft als ob ein Blitz zwiſchen ſie eingeſchlagen hätte, * —— auseinanderſchießend, wenn ſie irgendwo nur Gefahr zu entdecken glaubten, aber dann auch gleich wieder, wie über ihre ungegründete Furcht beſchämt, ſich ſam⸗ melnd und die erſt unterbrochenen Spiele auf's Neue beginnend.. René wollte hier mit dem Canoe kurze Zeit ſtill liegen, dem wunderlichen Treiben da unten zuzu⸗ ſchauen, aber Sadie ließ ihn nicht—„nur noch kurze Strecke,“ bat ſie,„dann ſollſt Du Dich ſatt ſehn, an all den Herrlichkeiten der Tiefe.“ Und das Ruder ſtärker einſetzend, trieb ſie das leichte Fahrzeug raſch durch die, vorn am Bug leicht aufkräußende Fluth einer Stelle zu, wo ein ſtarker Corallenzweig eben über die Oberfläche des Waſſers vorragte. Hier hielt ſie plötzlich gegen und den Zweig erfaſſend, rief ſie René zu, den Stein der vorn, an einem Baſtſeil befeſtigt, im Bug liege hier hinaus und oben auf die Coralle zu werfen. René that dies, und ſie brachten dadurch das Canoe förmlich vor Anker, das nun mit der ſchwachen Strömung, ſoweit es das Baſtſeil geſtattete, ſtill lie⸗ gen blieb. Eine kleine Weile konnte René aber noch Nichts unter ſich erkennen; das Waſſer war noch nicht ruhig genug, und die kleine Fiſchwelt da unten, durch das plötzliche Erſcheinen des Bootes geſtört worden. Sadie legte aber den Finger auf die Lippen und ſie ſahen wohl eine halbe Minute ſchweigend nieder. Gerſtäcker's Tahiti. I. 8 Die Corallenbäume ſchienen hier einen förmlichen, vollkommen dichten Kranz zu bilden, der von unten aufſteigend, erſt nach außen ein wenig abneigte und gerade in die Höhe, an manchen Stellen bis ſelbſt zur Oberfläche des Waſſers emporreichte. Der innere Raum mochte vielleicht zwanzig Fuß im Durchmeſſer. haben, und das Ganze glich faſt einer aufgebrochenen Rieſenblume, die aus ihrem innerſten Kelch bunte zackige Faſern aufſchickte. Aber die Blume lebte— hier und da, tief unten aus dem Kelch heraus, kamen ein paar kleine Fiſch⸗ chen aufgeſchoſſen als, wenn ſie recognosciren wollten ob die Gefahr vorüber ſei— das dunkle Canoe das mit ſeinem Schatten auf dem Waſſer lag, machte ſie vielleicht noch mistrauiſch— aber nicht lange mehr — ſie verſchwanden wieder, und gleich darauf quoll es aus allen Winkelchen und Spalten herauf in Schaa⸗ ren und Maſſen— alle Farben wild und bunt durch⸗ einander, auf und nieder fahrend, herüber und Pinüber ſchießend. „Eita, eita!“ rief da Sadie—„iti iti iti“— und zu gleicher Zeit warf ſie kleine Krumen indeſſen zerbröckelter Brodfrucht auf die Oberfläche des Waſ⸗ ſers. Im Nu lebte dies, von allen Seiten ſchoſſen ſie herauf, fünf ſechs manchmal eine etwas größere Krume faſſend und damit niedertauchend, andere an 115 einem etwas zu großen Stück herumſtoßend, ohne im Stande zu ſein es zu bewältigen, und wieder andere ſich mit dem kleinſten begnügend und wohl dabei fahrend. Mit der wiederkehrenden Ruhe waren aber auch, . und zugleich mit den kleinen wunderniedlichen Be⸗ wohnern dieſes eigenthümlichen Aufenthalts, deſſen Feinde zurückgekehrt.— Zwei große dunkelbraune Fiſche, mit breiten Mäulern und tückiſch blitzenden Augen, wohl ganze zwölf Zoll lang, für die kaum zierlichen Dinger aber natürlich entſetzliche Ungeheuer, kamen an den äußeren Rand der Blume, deren Spal⸗ ten zu ſchmal waren ſie durchzulaſſen, obgleich ſie den ſchlankeren Inwohnern freien Aus⸗ und Einlaß ge⸗ nügend gewährten, und ſchauten mit ſehnſüchtigen Blicken nach den dichtgedrängten Schaaren ſolch deli⸗ kater Leckerbiſſen hinüber. Die kleinen Dinger ſchie⸗ nen aber recht gut zu wiſſen daß ihnen der Feind hier im Innern nichts anhaben könne, ausgenommen er kam von oben herein, und dann waren ſie auch wie der Blitz in ihren Schlupfwinkeln. Manchmal wagte ſich auch, ſelbſt dicht unter oder über den Feinden, ein leichtſinniges Fiſchchen hinaus in's Freie, gerade als ob es das Ungeheuer verhöh⸗ nen wolle, ehe dieſes aber nur im Stande war ſich nach ihm umzuwenden, obgleich das oft raſch genug 3 116 ging, war jenes ſchon wieder zwiſchen den zackigen Palliſaden hineingeſchlüpft, und erzählte nun wahr⸗ ſcheinlich den anderen da drinnen ſeine Heldenthaten. So trieben ſie hier draußen, in den Wundern dieſer für René jedenfalls neuen, faſt zauberhaften Welt, bis die Sonne groß und glühend in das Meer tauchte und Stern nach Stern am reinem Himmel auffunkelte, und Sadie erzählte dem ihr gegen— überſitzenden Freund von dem ſtillen Frieden dieſes Landes und dem glücklichen Leben das die Bewohner deſſelben führen könnten— wären nicht oft böſe Men⸗ ſchen da, die ſie ſtörten und kränkten, und Leiden⸗ ſchaften in ihnen weckten, die ihnen in früheren Zei⸗ ten fremd geweſen. 1 Rene hätte die Nacht hindurch dieſen lieben wei⸗ chen Tönen lauſchen mögen, aber das Mädchen lenkte endlich, trotz ſeinen Bitten noch nicht heimzukehren, das Canoe zum Lande zurück, und jetzt zwar gerade der Wohnung des kleinen Mitonare zu, der ſie ſchon am Ufer empfing und ſie etwas ungeduldig erwartet zu haben ſchien. Er that auch an Sadie mehre Fra⸗ gen in ihrer Sprache, die das Blut in ihre Wangen trieben, aber ſie antwortete ihm endlich lächelnd darauf und verſchwand wieder wie geſtern mit einem freund⸗ lichen Kopfnicken gegen René. Dem kleinen Mitonare ſchien aber heute Abend 117 eine Menge im Kopf herumzugehen.— Beim Abend⸗ brod, das ſie ſehr frugal aus etwas Brodfrucht und Cocosmilch und einigen Bananen hielten, war er ein⸗ ſylbig und ſah René immer, wenn er ſich unbeobach⸗ tet glaubte, von der Seite an; nach dem Eſſen aber, und als gerade der Mond draußen über die das Haus umgebenden Palmen aufſtieg, faßte er den jungen Nann bei dem Arm, führte ihn hinaus an den Strand unter einen ſtattlichen Tuituinuß⸗Baum und nahm ihn hier, durch ein wenig Aufregung im noch mehr gemißhandelten Engliſch als gewöhnlich, in's Gebet. René mußte tüchtig aufpaſſen daß er den Zuſammen⸗ hang verſtand, denn ſich an einzelne Worte zu hal⸗ ten hatte er lange aufgegeben, der Name Pu-de-ni-a der aber mehrfach vorkam, ließ ihn wohl ahnen was der kleine Mann eigentlich meinte, und, er wollte ihm jetzt, über das ganze Verhältniß zu dem Mädchen klaren und offenen Aufſchluß geben; er hatte ja Nichts weshalb er ſich zu ſchämen brauchte, hätte ihn eben der kleine Mitonare nur zu Worte kommen laſſen. Sowie er aber nur den Mund aufthat rief dieſer ihm ſein verhinderndes aita aita dazwiſchen und redete dann nur noch lauter und heftiger, und er mußte ihn jetzt wohl ſchon gewähren laſſen, bis er es von ſelber nüde werden würde. „Weißer Mann,“ ſagte indeſſen der kleine Mito⸗ 118 nare, aber wenigſtens die Hälfte ſeiner Rede im Ta⸗ hitiſchen oder doch ſolchen Worten die recht gut tahi⸗ tiſch ſein konnten—„weißer Mann kommt her und findet Brodfrucht und Fleiſch und Bananen und Co⸗ cosnüſſe, Nam und Kartoffeln, und Mitonare iſt freundlich mit ihm; zeigt ihm Diplom und andere Sachen, und thut gar nicht als ob Fremder Ferani- wäre und an keinen Gott glaubte— und weißer Mann hat Schutz hier vor anderen weißen Männern. Tane tane Atiu ſind freundlicher gegen ihn als Leute von ſeiner eigenen Farbe, und was thut Ferani?— geht hin und macht kleines Mädchen von Mitonare un⸗ glücklich— ſchwatzt ihr allerlei tolles Zeug vor— aber Pu-de-ni-a iſt nicht wie viele andere Mädchen auf der Inſel und auf Tahiti.— Ferani kann Mäd⸗ chen genug bekommen— puh— ſo viel, aber nicht pu-de-ni-a. Ferani geht nachher weg und Pu-de- ni-a ſitzt— gutes Kind und weint und iſt nicht mehr glücklich und alte Mann Mitonare O-no-so-no weint weil er Pu-de-ni-a weinen ſieht. Ferani ſollte ſich etwas ſchämen und wenn Ferani auch kein Chriſt wäre, könnte er doch darum immer thun was recht wäre— ſie wären auch früher keine Chriſten, nein, ſchreckliche Heiden geweſen, die ſich tattowirt und nach einer Trommel, und nach dem Rauſchen der Brandung ge— tanzt hätten, ja ſie hätten ſogar ganzen kleinen, winzig Y 119 kleinen Gott angebetet— aber darum hätten ſie doch thun können was recht wäre— und es auch gethan, wenn ſein Vater auch jetzt in der Hölle dafür wäre.“ Das ungefähr war der Sinn der Rede des klei⸗ nen Mitonares, obgleich dieſe ſelber wohl über eine Stunde dauerte; wenn aber auch René im Anfang manchmal gern über die oft wunderlich genug klin⸗ genden Worte des Eifernden gelacht hätte, ſah er doch aus dem Ganzen wie lieb der kleine Mann das Mäd⸗ chen ſelber haben mußte, und wie viel er von ihr halte, und daß nur Beſorgniß um ſie ihn ſo ängſtlich und eifrig gemacht habe, und er faßte endlich ſeine Hand, die ihm der Mitonare im Anfang aber gar nicht laſſen wollte, und ſagte ihm nun Alles, wie es ihm auf dem Herzen lag. Er liebte Sadie und wollte ſie heirathen, und hier auf der Inſel bei ihnen bleiben und Nams und Kar⸗ toffeln bauen, und Cocospalmen pflanzen— er wollte nie nie wieder fort von ihnen gehn und weder ihn noch Prudentia verlaſſen. Er erzählte ihm aber dann auch wie er das heute Morgen Sadie ſelber geſagt, und welches Verſprechen ſie ihm dafür abgenommen, und daß er ſich feſt darauf verlaſſen könne er würde es halten und Sadie, bis der alte Miſſionair zurück⸗ komme, als ſeine Schweſter anſehen, der kein Leid ge⸗ ſchehen ſolle, ſo lange er es hindern könne. * 10 Der kleine alte Mann war freundlicher und freund⸗ licher geworden, je nachdem er mehr und mehr begriff was der Fremde mit ſeinen Worten meine, und was er beabſichtigte, als er aber erſt verſtand welches Ver⸗ ſprechen er dem Mädchen gegeben hatte, und wie er verſicherte es treu halten zu wollen, da überkam die Freude jedes andere Gefühl, er fiel dem jungen Mann um den Hals und rieb ſogar— ſehr zu deſſen Er⸗ ſtaunen der gar nicht wußte was er aus ſolcher Cere⸗ monie machen ſollte— Naſen mit ihm, die größte innigſte Freundſchaftsverſicherung die er ihm über⸗ haupt geben konnte. Der kleine Burſche wurde aber ganz wie ausge⸗ laſſen— er erklärte René— deſſen Namen er jetzt ebenfalls behalten hatte und ganz gegen ſeine ſonſtige Gewohnheit richtig ausſprach, für den beſten Wi—wi der je einen Götzen angebet habe; und meinte, wenn er bei ihnen auf der Inſel bliebe, dann wolle er und der andere Mitonare und Pu-de-ni-a doch einmal ſehn, ob ſie nicht aus dieſem Wi—wi auch einen Chriſten machen könnten, wenn das auch vielleicht ſchwieriger halten würde, als einen verheiratheten Mann aus ihm zu machen. Er wußte in der That gar nicht, was er vor lauter Luſt und Vergnügen angeben ſollte, und es fehlte nicht viel ſo hätte er wirklich ein paar mal bald an zu tanzen gefangen, nur daß er ſich noch immer zur rechten Zeit dabei er⸗ wiſchte— das hätte ſich im Leben nicht für einen mi-to-na-re geſchickt. So vergingen René die nächſten drei Wochen in einem Glück, von dem er früher nicht geglaubt hätte daß es eine Menſchenbruſt im Stande wäre zu faſſen; aber nicht allein Sadie und Mitonare gewannen ihn in dieſer Zeit weit lieber, je näher ſie mit ihm bekannt wurden, nein, auch die Eingeborenen der Inſel, denn das leichte fröhliche Temperament des jungen Fran⸗ zoſen ſagte auch ihren Neigungen gerade zu; ſie ſahen ihn gern, lernten ihn lieb gewinnen und der alte Kö⸗ nig, außer dem hochklingenden Titel eine ſehr un⸗ ſchuldige Perſönlichkeit, die jedoch trotzdem viel Ein⸗ fluß auf die übrigen ausübte, wurde ſein beſter Freund. Allerdings hatte ihm René mehrmals Geldgeſchenke gemacht, was ihm des Mannes Herz zuerſt öffnete, als er aber ſpäter mehrmals mit Sadie hinüberkam, und der alte Mann erfuhr in welchem Verhältniß die Beiden ſtanden, und daß Renè ſogar beabſichtige Ei⸗ ner ſeiner Unterthanen zu werden, da verſicherte er ihn denn auch, daß er ihn, falls ſein Schiff wirklich wieder zurückkommen ſolle, nicht mehr ausliefern werde und daß der weiße Mann Capitain— wie Raiteo als Dollmetſcher überſetzte— ſchon ſehen ſolle wie ſie ihm eine Naſe drehen wollten. Er dachte nämlich 122 keineswegs daran den einmal erhaltenen, und auch in der That ſchon theils benutzten, theils vertheilten Fanglohn wieder herauszugeben. Am komiſchten betrug ſich Raiteo;— trotzdem daß er früher ſich die größte Mühe gegeben hatte, des Flüchtlings habhaft zu werden, ja ſich damals ſogar nicht ſcheute Verrath zu gebrauchen, um ſeinen Zweck zu erreichen and den ausgeſetzten Lohn zu verdienen, ſo that dieſer ſoch jetzt, als wenn er gleich von dem erſten Augenblich an des jungen Mannes Hauptfreund und Beſchützer geweſen wäre. Er erklärte ihn auch bald für ſeinen innigſten tajo und trug wohl Sorge dabei daß er René beſonders darauf aufmerkſam machte, wie uneigennützig er damals den Dollmetſcher zwiſchen ihm und den Uebrigen abgegeben habe, und wie einige kleine Stücken Geld, ſelbſt jetzt noch dafür ausgelegt, keineswegs zu ſpät kämen. René war klug genug ſich auch dieſen Burſchen, den er übrigens leicht genug durchſchaute, zum Freund zu halten, und ein paar Thaler thaten dies denn auch, wenn Verſicherungen nur irgend einen Maßſtab für Raiteo's Gefühle ge⸗ ben konnten, auf das vollſtändigſte. Renè ſchrieb übrigens auch in dieſer Zeit nach Frankreich, den Brief für die erſte ſich bietende Gele⸗ genheit nach Tahiti bereit zu halten, ihm einen Theil ſeiner noch dort ſtehenden Gelder unter ſeiner Adreſſe an den Franzöſiſchen Conſul Tahiti's zu überſenden, wie ihm ebenſowohl Einführungsbriefe auf die Haupt⸗ inſel dieſer Gruppen zu verſchaffen. Wenn er ihrer auch jetzt noch nicht bedurfte, wußte er doch nicht wie ſich ſeine Verhältniſſe in ſpätern Zeiten geſtalten wür⸗ den, und er wollte jetzt wenigſtens nihis verſäumen, dem vorzuarbeiten. Das Herz des kleinen Mitonares gewann er ſich übrigens noch auf ganz beſondere Wene durch den regelmäßigen Beſuch ſeiner Kirche, in d ier allerdings nichts von der Predigt verſtand, aber doch die Melo⸗ dien der Hymnen mit ſummte, und den Mitonare nur in dem Glauben befeſtigte, daß doch noch am Ende ein Chriſt aus ihm zu machen ſei. Der gute kleine Mann war viel zu unſchuldig, auf den Gedanken zu kommen, daß Renè einzig und allein Sadie'ens wegen das Gotteshaus beſuche. Capitel 5. Das Geſtändniß. Das Einzige übrigens was jetzt manchmal Sadie ſowohl als auch den kleinen Mitonare beunruhigte, war das ſo außergewöhnlich lange Ausbleiben des Mr. Osborne, obgleich es bei den Miſſionairen, wenn ſie auch ihre beſtimmte und feſte Wohnung haben, doch wohl manchmal vorfiel daß ſie auch kleine Ab⸗ ſtecher nach anderen Inſeln machten wo keine feſten Prediger wohnten, und dann widriger Winde wegen oft länger aufgehalten wurden, als ſie im Anfang ſelber beabſichtigt. So ſtanden die Sachen als eines Morgens, in den letzten Tagen des Februar, ein Burſche über die Berge herüberkam und meldete, der Miſſionscutter— 125 ein kleines Fahrzeug das ſie alle gut genug auf der Inſel kannten— ſei in Sicht und halte gerade nach hierher zu. Gegen Mittag umſegelte es auch die ſüd⸗ lichſte Spitze der Inſel, und von Sadie's Lieblings⸗ plätzchen aus konnten ſie ſein Näherkommen deutlich beobachten. Sadie und Rene ſtanden dort ſchweigend Hand in Hand— war ihnen Beiden aber auch wohl das Herz übervoll, denn dort in dem kleinen Fahrzeug kam der Mann, der ihr Schickſal entſcheiden ſollte— mochte ihnen doch Keins Worte geben. Als aber der Cutter ſich immer mehr und mehr näherte, jetzt ſogar in die natürliche Einfahrt der Corallenriffe, von einer günſtigen Brieſe getrieben, einbog, und in dem ruhi⸗ gen Waſſer pfeilſchnell auf ſeinen gewöhnlichen Anker⸗ platz zuglitt— als die Segel fielen, der Anker nie⸗ derſchlug und das kleine Fahrzeug herumſchwingend, kaum mehr als hundert Schritt vom feſten Land der Inſel ab einbog, da ſagte Renè leiſe, Sadie zu ſich herüberziehend: „Willſt Du zuerſt mit Deinem Vater allein reden, Sadie, oder wollen wir ihm Beide zuſammen ent⸗ gegengehn?— wie iſt es Dir am liebſten?“— „Ich weiß es nicht René,“— ſagte das Mäd— chen leiſe und ſchüchtern—„ich weiß es nicht— o mir iſt auf einmal ſo bang und weh um's Herz, als 126 ob ich irgend ein großes Unrecht gethan hätte— und ich bin mir doch nichts Böſes auf der weiten Gottes⸗ welt bewußt— ich glaube ich fürchte mich meinem Vater entgegenzutreten— und er iſt doch ſo gut— ſo unendlich gut.“.. „Dann laß mich zuerſt mit ihm ſprechen, Sadie,“ bat René—„laß mich zu ihm gehn— ich habe Pa⸗ piere die ihn über meine Abkunft und Verhältniſſe beruhigen können— ich bin kein gewöhnlicher Ma⸗ troſe wie ſie hier über dieſe Inſeln hier und da zer⸗ ſtreut ſein ſollen; das allein iſt auch die Urſache daß ich nicht im Stande war an Bord jenes Wallfiſch⸗ fängers zwiſchen dem rohen wüſten Volke auszuhal⸗ ten;— wenn er hört wie innig wir uns lieben, kann er ja Nichts gegen eine Vereinigung mit Dir einzu⸗ wenden haben. Aber was haſt Du?— was erſchreckt Dich ſo ſehr, Du ſüßes Lieb?“ Der Ausdruck in Sadie's Zügen ließ ſich nicht verkennen— irgend etwas mußte ſie beunruhigt ha⸗ ben, aber ſie ſchüttelte erſt ſcweigend mit dem Kopf und blickte nur ſcharf nach den Cutter hinüber, an deſſen Seite jetzt ein kleines Boot niedergelaſſen war, den zurückkehrenden Miſſionair an Land zu rudern. Rens hatte auf das Fahrzeug, mit der Geliebten be⸗ ſchäftigt, gar nicht mehr geachtet, als er aber jetzt der Richtung ihrer aufgehobenen Hand folgte, ſah er wie vom Bord des Schooners zwei dunkelgekleidete Män⸗ ner in die Jölle niederſtiegen, ſtatt einem. „Kennſt Du den Mann, der dort mit Deinem Pflegevater kommt?“ frug er das Mädchen. Sadie nickte langſam und ſchweigend mit dem Kopf und ſagte endlich leiſe: „Das iſt der einzige Mann, das einzige Weſen auf dieſer Inſel, das ich fürchte— und ich weiß nicht weßhalb— Er hat noch Niemandem Böſes, und Vielen ſchon Gutes gethan, aber er iſt ſo ernſt und ſtreng und ich weiß nicht, aber wenn ich mir ſeinen Gott als einſtigen Richter denke, ſo überläuft mich's mit Fieberfroſt. Feſte Formeln und Gebräuche hat er dabei, von denen er nicht weicht, ja von deren Beob⸗ achtung er unſer Seelenheil abhängig macht, und nur wenn ich dann meinen Pflegevater dagegen reden höre, iſt es mir wie Troſt und Linderung für das kalte Wort des finſtern Mannes.“ „Das iſt der Mann denn, von dem Du mir ſchon geſprochen, Sadie,“ ſagte René—„aber wo wohnt er?— was thut und treibt er?“ „Er iſt Miſſionair wie mein Vater, aber der ärgſte Feind den Deine Landsleute auf den Inſeln haben können— ſein Name iſt Rowe und obgleich er auf Tahiti ſeinen feſten Wohnſitz hat, beſucht er doch, als eine Art geiſtlicher Oberhirt, zu Zeiten die einzelnen Inſeln, ihren Zuſtand zu unterſuchen und an dem Sonntag wo er ſich dort aufhält, zu predi⸗ gen. Aber ſo lange er auf der Inſel iſt hörſt Du kein Lachen und Singen fröhlicher Menſchen, ſiehſt keine Blume in den Haaren der Mädchen— ſelbſt die Kinder fürchten den Mann.“ „Und was kann er uns ſchaden, Du holdes Lieb,“ ſagte Rend—„Dein Pflegevater allein hat Deine Hand zu vergeben, und wenn es ſelber dann Dein Wille iſt, was kümmert uns da der ſtolze Prieſter?“ „Aber er wird meinem Pflegevater heftig zureden uns ſeine Einwilligung zu verſagen,“ flüſterte ängſt⸗ lich das Mädchen. „Dann“— René biß die Lippen zuſammen, zwi⸗ ſchen denen ſich ihm ein heftiges Wort herauszupreſſen drohte, aber er wollte dem lieben Kinde auch nicht weh thun und ſagte, raſch abbrechend:„Hab guten Muth Sadie; es wird noch Alles gut gehen und das Beſte ſein, daß wir die beiden Herren erſt eine Weile landen, laſſen; der kleine Mitonare mag mich gern leiden und wenn Dein Vater nach Dir frägt wird er ſchon einen günſtigen Vorbericht für uns ablegen. Nachher gehen wir dann grade und offen zu ihm und ſagen ihm wie lieb wir uns haben und wie wir hier bei ihm auf der Inſel bleiben und wohnen wollen 129 und er wird uns ſeine Einwilligung gewiß nicht ver⸗ ſagen.“ „Mache es wie Du willſt, Rene,“ ſagte das arme Mädchen leiſe und ſchüchtern—„aber ich fürchte mich recht ſehr, und ich wollte zu Gott der ehrwürdige Mr. Rowe wäre nur diesmal nicht mitgekommen.“ Das Boot war indeſſen an Land gerudert, der kleine Mitonare aber, in aller ſeiner Unſchuld niemand Anderen als ſeinen Miſſtonair, den alten ehrwürdi⸗ gen Mr. Osborne erwartend, an den Landungsplatz gegangen ihn zu begrüßen. Er trug ſein gewöhn⸗ liches weißes Hemd, und das rothe Lendentuch feſt um den runden ſtattlichen Leichnam geſchlagen, außer⸗ dem aber noch, da er als Mitonare nicht gut im bloßen Kopf in der Sonne herumlaufen konnte, einen breiträndrigen Strohhut mit ſchwarzem breiten Bande, und ſtand ſchon ſchmünzelnd am Ufer ſeinen alten Freund die Hand mit einem herzlichen Joranna ent⸗ gegenzuſtrecken, als er plötzlich die zweite Geſtalt im Boßt zuerſt überraſcht bemerkte, und dann erſchreckt erkannte— denn Mitonare hatte einen noch viel größeren Reſpekt vor dem finſteren geiſtlichen Mann, der ihm diesmal ſo unverhofft über den Hals kam, als ſelbſt alle Kinder der Inſel zuſammengenommen, nur daß er nicht ausreißen durfte, wenn ihm der fromme Mann in den Weg kam. Umdrehn aber Gerſtäcker's Tahiti. I. 9 130 und in das Haus, und dort angekommen in den ſchwarzen Frack und die gelbe Weſte fahren, war das Werk eines Augenblicks. In beide Kleidungsſtücken kam er zuerſt in das verkehrte Aermelloch, aber wie eine gehetzte Ratte fand er zuletzt das rechte, und griff nun in wahrer Verzweiflung das eingewickelte Hals⸗ tuch von dem Bücherbrett herunter, wo es friedlich bis zum nächſten Sabbath hatte ruhen ſollen, riß es aus dem Papier, fuhr dann mit dem Halstuch in die Ta⸗ ſche ſtatt dem letzteren, ehe er ſeinen Irrthum gewahrte, bekam es aber zuletzt doch noch glücklich um, und hätte nun faſt, als er wieder mit einem Satze aus der Thür hinaus wollte, das Verſäumte gut zu machen, die beiden geiſtlichen Herren umgerannt, die, the reverend Mr. Rowe voran, indeß gelandet waren und auf die freundliche Wohnung Mitonares zuſchritten. Mr. Rowe, der übrigens wohl erkannte wes⸗ halb der kleine Mann ſo in Haſt geweſen, denn die— ſer hatte in aller Eile den Hemdkragen gar nicht mit in das Halstuch hineingebunden, begrüßte ihn mit einem gütigen väterlichen Blick und Handdruck, wo⸗ bei Mitonare ein Geſicht machte, als ob er ſeine Hand in einem Schraubſtock hätte. „Nun, Bruder Ezra,“ ſagte Mr. Osborne freund⸗ lich, als dieſer zu ihm hinantrat, und ſeine Hand auf das herzlichſte ſchüttelte, was Mitonare mit unge⸗ —— 131 mein gutem Willen erwiederte—„wie iſt es Euch die Zeit meiner Abweſenheit ergangen?— immer wohl und geſund geweſen, und in keiner Weiſe zu Schaden gekommen? nicht wahr ich bin weit länger entfernt geblieben als ich im Anfang beabſichtigte?“ Ich muß hier jedoch bemerken daß die Geiſtlichen mit dem kleinen Mann nur in ſeiner eignen Sprache redeten, blos wenn ſich Mr. Osborne mit Bruder Ezra— wie der kleine Mitonare bei der Taufe ge⸗ nannt worden— allein befand, und gerade nichts Wichtiges zu verhandeln hatte, ſprach er engliſch mit ihm, um ihm dieſe Sprache geläufiger zu machen, und ſeinen etwas ſchweren Mund an die fremden Worte beſſer zu gewöhnen. Bruder Ezrg antwortete auf das Befriedigenſte, als aber die drel Männer in das Haus traten, ſah ſich Mr. Osborne erſtaunt und vergebens nach ſeiner Pflegetochter um, die ihn ſonſt ſtets faſt die erſte be— grüßt hatte, und er frug raſch, faſt ängſtlich nach dem Mädchen. Mitonare hätte in dieſem Augenblick eben ſo gern ſeinen ganzen Catechismus aufgeſagt— ihm ſonſt die ſchrecklichſte aller Religionsübungen— als vor Bruder Rowe zu erzählen was mit Pu-de-ni-a vor⸗ gegangen ſei, und welcher Gaſt ſich indeſſen auf der Inſel eingefunden habe. Er wußte ja am beſten in 9* 2 1 132 welcher Achtung die Feranis bei dem frommen finſte⸗ ren Manne ſtanden, und ſollte er jetzt erzählen was hier unter ſeinen eigenen Augen vorgegangen war, und was er ſelber geduldet hatte? denn jetzt kam es ihn auf einmal wunderbarer Weiſe vor, als ob das ein entſetzliches Verbrechen geweſen wäre. Durch ſein Schweigen wurde der alte Mann aber nur noch beſorgter; er glaubte jetzt wirklich es ſei dem Mädchen, das er faſt wie ſein eignes Kind liebte, etwas widerfahren, und als nun auch Bruder Rowe dazutrat und Mitonare zum Sprechen aufforderte, konnte er natürlich nicht mehr zurückhalten. Der Angſt⸗ ſchweiß ſtand ihm auf der Stirn, aber die ganze Sache kam nach und nach zu Tage, und erſt als er mit ſämmtlichen Factas geendet hatte, fing er an den jungen Ferani zu loben, der ein wahres Muſter von einem Menſchen ſei und ſogar als Ferani in ſeine Kirche gekommen wäre— und ſo andächtig zugehört hätte, als ob er jedes Wort davon verſtände. Er er⸗ wähnte auch des Verſprechens das ihm Pu-de-ni-a abgenommen, was er ja auch als Hauptentſchuldi⸗ gung für ſich aufſtellte, und Mr. Osborne der den Charakter des Mädchens kannte, athmete leichter als er dies hörte. Bruder Rowe's Züge hatten ſich aber indeſſen mehr und mehr verfinſtert— ſchon als er hörte daß ein, von einem Wallfiſchfänger entſprungener Matroſe auf der Inſel geblieben und nicht wieder von ſeinem eige⸗ nen Schiff mit fortgenommen ſei, horchte er hoch auf, und als es nun gar herauskam daß es ein Franzoſe ſei, der ſchon in aller Geſchwindigkeit ein Liebesver⸗ hältniß mit der Adoptivtochter des Geiſtlichen ange⸗ ſponnen habe, ſah man es ihm ordentlich an daß er ſich Mühe geben mußte ſeinen Groll und Zorn zu bemeiſtern. Vergebens waren jetzt Bruder Ezra's Pſal⸗ men, die er dem jungen Franzoſen ſang, vergebens ſelbſt Mr. Osbornes Einwurf, daß man jedenfalls erſt einmal den jungen Mann ſehen und ſprechen wolle— er war Matroſe eines Wallfiſchfängers und Franzoſe— alſo Katholik, und ein richtiger Miſſio⸗ nair der Südſee Inſeln haßt nichts auf der Welt— ſelbſt den Teufel wohl kaum ausgenommen uler⸗ licherkkals dieſe beiden Individuen. Sein Urtheilsſpruch war auch ohne weiteres ge⸗ fällt—„ehe das Uebel tiefer griff, mußten ſchnelle Maßregeln dagegen ergriffen werden, und er wollte jetzt ſelbſt ohne weiteres zu dem Häuptling hinüber⸗ gehn und mit dieſem das Nöthige dazu beſprechen. Der Häuptling oder König brauche ihm nur zu ge⸗ bieten die Inſel zu verlaſſen, ſo müſſe er dem Befehl Folge leiſten, und Gelegenheit habe er jetzt gerade am 9* beſten in dem kleinen Schooner, der in einigen Tagen 134 wieder mit ihm nach Tahiti zurück ſollte. Weigerte er ſich aber dem Befehl Folge zu leiſten, ſo war nichts einfacher als ihn als Gefangenen mit fortzunehmen, und an den franzöſiſchen Conſul in Papetee auszu⸗ liefern.— Dieſe Inſeln ſtanden unter engliſchem Schutz, und es war ihnen von der engliſchen Regie⸗ rung verſprochen ſie gegen jede Aufdringlichkeit, be⸗ ſonders von franzöſiſcher Seite, zu ſchützen, wo man überdies nicht einmal wiſſen könne, ob da nicht am Ende gar irgend ein heimlich gehaltenes Miſſions⸗ weſen der Verbreiter„papiſtiſcher Gräuel“ dahinter ſtäke. Andererſeits würde aber auch die franzöſiſche Regierung, die gerade erſt ganz kürzlich ihr etwas ge⸗ waltſames Protectorat angetreten, Alles vermeiden, mit anderen Mächten, noch dazu eines entſprungenen Matroſen wegen, in Colliſion zu kommen. Für ſie hier war es aber gerade in dieſer Zeit von höchſter Wichtigkeit jenen papiſtiſchen Propaganden, die ſich über ſämmtliche Inſeln zu verbreiten ſuchten, entgegen zu arbeiten. Das Volk dieſer Inſeln ſei viel zu em⸗ pfänglich für äußeres Gepränge, nicht der Gefahr ausgeſetzt zu ſein von dem Flitterſtaat der katholiſchen Religion beſtochen zu werden, und nicht allein Jahre lange Anſtrengungen und Arbeiten, nein auch die Seelen der Unglücklichen wären dann verloren für immer.“ „Aber nicht allein in religiöſer, nein auch in mo⸗ raliſcher Beziehung ſei es Pflicht der Geiſtlichen da⸗ hin zu wirken dieſe ſchlimmſten aller Vagabunden, flüchtige Seeleute, von ſich entfernt zu halten. Auch Bruder Osborne wiſſe recht gut, wie gerade dieſe Menſchen dem wohlthätigen Wirken der Miſſionaire ſtets feindlich entgegengetreten wären, ſelbſt wenn ſie denſelben Glauben mit ihnen hatten; wie viel ſchlim⸗ mer war es jetzt, wo ſolche Menſchen auch ſogar noch in ihrem Glauben eine, ihrer Meinung nach vielleicht vollkommen genügende Urſache fänden, Unfrieden zwi⸗ ſchen dem Geiſtlichen und ſeiner kleinen Gemeinde zu ſäen?“ „Für den Vater ſeies außerdem beſonders drin⸗ gende Pflicht, ſein angenommenes Kind vor Verfüh⸗ rung zu ſchützen und ihr Herz zu wahren vor den Eindrücken, die bei einer ſolchen unnatürlichen Ver⸗ bindung unvermeidlich wären.— Das war ſeine Meinung über die Sache, und er hoffte Bruder Os⸗ borne würde mit ihm hierin vollkommen harmoniren. Es ſei nöthig daß ſie zuſammenſtänden, in dieſer jetzi⸗ gen Zeit des Trübſals, um des Glaubens willen.“ „Er hatte zuerſt die Abſicht gehabt den König morgen zu beſuchen, aber im Dienſte Gottes gäbe es keine Ruhe noch läſſiges Verſchieben, und er wolle deshalb gleich dorthin aufbrechen, ihn mit ſich herüber 136 zu bringen.“ Daß er die Einwilligung deſſelben, oder vielmehr den Befehl für den Flüchtling erhalten würde, mit erſter Gelegenheit die Inſel wieder zu verlaſſen, verſtand ſich von ſelbſt, und er zweifelte daran nicht im mindeſten. 1 Mr. Osborne erſuchte ihn jetzt noch einmal, den Fremden wenigſtens erſt einmal rufen zu laſſen und mit ihm zu ſprechen, daß ſie mit eigenen Augen ſähen zu welcher Klaſſe von Menſchen er gehöre.— Bruder Rowe's Entſchluß war gefaßt, und da er, durch ſei⸗ nen langen Aufenthalt zwiſchen dieſen Inſeln als Miſſionair, ſich daran gewöhnt hatte unbedingt zu be⸗ fehlen, indem ſeine Stimme für das Wort und den Willen des Herrn galt— ja da er die feſte Ueber⸗ zeugung hatte daß alle dieſe Tauſende von Inſulanern nur durch ihn und die wenigen andern Geiſtlichen einer ewigen Qual entriſſen, und der Seligkeit zuge⸗ führt ſeien, ihm alſo mehr als ihr Leben, ihr ganzes einſtiges Heil danken mußten, ſo verſtand es ſich wohl von ſelbſt daß er auch die weit geringere Leitung ihrer weltlichen Angelegenheiten wenn auch nicht gerade führen, doch in die Bahn leiten konnte und durfte, die er als die richtige beſtimmte. Er beorderte jetzt ohne weiteres— denn ihre Mahl⸗ zeit hatten ſie ſchon an Bord eingenommen— zwei Eingeborene, ihn in einem kleinen Boot, das er ſchon mehrfach dazu benutzt hatte, um die Inſel hinum zu rudern, denn es fiel ihm nicht ein den langen Weg zu Fuß zu gehn.— In dieſem wurde ein ſchmales Sonnendach aufgeſpannt, und eine Viertelſtunde ſpä⸗ ter ſchoß das kleine ſcharfgebaute Fahrzeug, von den kräftigen Armen der Inſulaner getrieben, pfeilſchnell über das ſpiegelglatte Binnenwaſſer, von der Strö⸗ mung jetzt noch überdies begünſtigt hin, und war in kurzer Zeit um die nächſte vorragende Landſpitze ver⸗ ſchwunden. René und Sadie hatten indeſſen mit freudigem Staunen die raſche Abreiſe des finſtern Mannes ge⸗ ſehen, die ſie irgend einer Urſache in ſeinem geiſtlichen Wirken zuſchrieben, und ſie beſchloſſen nun auch ohne weiteres hinunter zu Mr. Osborne zu gehn, ihm Al⸗ les zu erzählen und ihn um ſeinen Segen zu bitten. Mitonare war übrigens indeſſen, nur erſt einmal der beengenden Gegenwart des hodder Au-e entho⸗ ben, nicht müßig geweſen Mr. Osborne den jungen Fremden von der beſten Seite zu ſchildern. Natür⸗ lich lag in dieſem Lobe ein großer Theil Eigennutz verborgen, denn es mußte ja auch einzig und allein ſeine Entſchuldigung ſein, daß er Prudentia's Um⸗ gang mit ihm überhaupt geduldet hatte. Solcher Art war er denn noch emſig damit beſchäftigt, und Mr. Osborne ſaß gar ernſt und ſinnend vor ihm in ſeinem 138 Lehnſtuhl, den rechten Ellbogen auf die Lehne und das graue Haupt in die rechte Hand geſtützt. Es ſchien ihm recht weh und trüb um's Herz zu ſein. Da traten die beiden jungen Leute in die Thür, und Sadie blieb erſt einen Augenblick ſchüchtern in der Ferne ſtehen; als er aber den Blick zu ihr aufhob, und ſie in das liebe ehrwürdige, jetzt ſo kummerſchwere Antlitz ſchaute, da flog ſte, wie in alter Zeit auf ihn zu, barg ihr Geſicht an ſeinem Herzen und rief: „Mein lieber, lieber Vater!“ „Mein liebes, liebes Kind!“ ſagte der alte Mann und küßte das feſt an ihn angeſchmiegte Haupt des ſchönen Mädchens—„was habt Ihr denn hier, un⸗ ter der Zeit meiner Abweſenheit für böſe, böſe Streiche getrieben?“ Es lag eine ſo innige Zärtlichkeit in dem Ton mit dem er dieſe Worte ſprach, und nur ein ſo leiſer — von jedem Verdacht freier Vorwurf, daß ſich Sa⸗ die nur feſter gegen ſeine Bruſt preßte, aber ihre Hand zurück nach René ausſtreckte, dieſen herbeizurufen und zu ihrem Vater zu bringen. Der alte Mann, der wohl auf den erſten Blick ſah, daß er keinen gewöhnlichen Matroſen vor ſich habe, grüßte den, ſich ihm jetzt offen und vertrauens⸗ voll nähernden jungen Mann freundlich, winkte ihm einen Stuhl zu nehmen, den Mitonare indeſſen mit — großer Bereitwilligkeit herbeigebracht hatte, und bat dann René, was er ihm zu ſagen habe, ihm ohne jeden Umſchweif, mit jedem Vertrauen zu eröffnen— er habe Prudentia als ſein Kind angenommen, und von klein auferzogen als ihre Eltern geſtorben waren und die kleine Waiſe allein zurückgelaſſen hatten, und hege dieſelben Gefühle noch jetzt für das erwachſene Mädchen, als ob ſie ſeine eigene leibliche Tochter ſei. Er wolle auch nur ihr Glück, möchte das aber ge⸗ ſichert wiſſen da es keins der gewöhnlichen Mädchen der Eingeborenen ſei, ſondern eine faſt Europäiſche Erziehung genoſſen habe und dabei auch vielleicht jetzt tiefer fühle, beſonders andere Anſichten über die Che habe, als ſie in dieſen Gruppen bei ihren Lands⸗ männinnen wohl meiſt gefunden würden. Renè verlangte Nichts mehr; er erzählte zuerſt dem alten Mann, ſo gedrängt als möglich, ſeine ganze Lebensgeſchichte, ſchilderte ihm, ſo treu er es ſelber vermochte, ſeinen ganzen Charakter, was ihn in die Welt, was ihn zuletzt an Bord eines Wallfiſchfängers getrieben habe, von deſſen ganzen Weſen und Treiben er früher keinen Begriff gehabt, und wie er auf dieſer Inſel ſich jener Eriſtenz zu entziehen geſucht und hier Sadie'en gefunden und lieben gelernt habe. Er zeigte ihm dann die Papiere die er mit ſich führte— und Mr. Osborne verſtand nicht allein das Franzöſtſche 140 ſondern ſprach es auch ſehr geläufig— erklärte ihm daß es ſein feſter Wille ſei ſich hier auf einer dieſer Inſeln, am liebſten auf dieſer, niederzulaſſen, und bat den alten Mann ihm Sadie, die er in der kurzen Zeit ſeines Aufenthalts recht von Herzen lieb gewonnen habe, zum Weib zu geben. Er wollte ſich dann bei ihnen ſeine Heimath gründen, und Mr. Osborne ſolle einen guten Sohn und Nachbar an ihm finden. „Sie ſind Katholik?“ frug ihn der alte Mann, als Renè ſchon eine ganze Zeit lang geſchwiegen und er ihn indeſſen mehr ſinnend als forſchend betrachtet hatte. Des jungen Mannes Antlitz röthete ſich ein we— nig, als er erwiederte: „Lieber Herr, Sie haben gewiß genug von der Welt geſehn, zu wiſſen wie es mit der Religion unter jungen Leuten meiſtens ſteht.— Ich bin allerdings als Katholik erzogen, und die Meinigen waren ſämmt⸗ lich, einige ſogar ſehr ſtrenge Katholiken, ich ſelber muß Ihnen aber aufrichtig geſtehn, habe mich nie ſtreng an die Gebräuche weder meiner noch einer an⸗ dern Sekte gehalten, und Sie können überzeugt ſein, daß ich nie daran denken würde Jemanden zu mei⸗ nem Glauben überreden zu wollen. Sadie iſt in dem ihren aufgewachſen und ein ſo liebes, braves Mäd⸗ chen geworden, ſie wird ihm auch treu bleiben, und —— 141 ich wäre der Letzte ſie darin zu ſtören. Was mich ſelber betrifft, ſo ſuche ich recht zu thun, und hoffe dann mit meinem Gott ſchon fertig zu werden— er allein weiß ja auch nur, wer den rechten Glauben hat. Sie werden aber auch nie finden, daß ich über den Glauben eines Andern ſpotte— ein Jeder hat ein Recht zu ſeiner Meinung.“ Der Miſſionair hatte nun allerdings gar ſehr verſchiedene Anſichten über Religion, aber René ge⸗ wann ſich doch durch dieſe Offenheit ſein Herz, denn keineswegs gehörte er zu jener ſtolzen Prieſterſekte die, ihr Religionspanier in der gehobenen Rechten, das Volk vor ſich auf die Knie werfen und ſo lange da⸗ mit fortſchreiten bis ſie zuletzt ganz zu vergeſſen ſchei⸗ nen daß das Volk eigentlich vor dem Panier und nicht vor ihnen kniet. Aber der alte Mann hatte doch noch andere und recht ernſte Bedenken, und je mehr er den jungen lebensfriſchen Mann da vor ſich ſtehen ſah, ſo viel ſchwerer ward ihm das Herz; aber er wollte das Alles nicht vor der Tochter ausſprechen, und bat alſo das Mädchen auf kurze Zeit das Haus zu verlaſſen, er habe mit dem jungen Mann etwas allein zu reden. Sadie war ein viel zu folgſames Kind auch nur mit einem Blick zu zögern— ſie küßte des alten ehr⸗ würdigen Mannes Hand und verließ dann raſch das Zimmer. Der alte Mann ſaß, ſchon als die leichte Bam⸗ busthür lange hinter ihr zugefallen war, noch viele Minuten ſchweigend da, als ob er ſelber nicht rechte Worte für das finden könne was er ſagen wolle. „Lieber junger Freund,“ begann er endlich,„Sie ſind frei und aufrichtig gegen mich geweſen, und ich will Ihnen Gleiches mit Gleichem vergelten; Sie wer⸗ den mir deshalb auch Nichts übel nehmen, was ich zu Ihnen ſage, denn Gott weiß es, es geſchieht ſo⸗ wohl zu Prudentia's als Ihrem eigenen Wohl. Sie ſind, wie ich aus Ihren Papieren geſehn habe, von guter Herkunft, in dem gebildeten, geſelligen Leben Europas erzogen, an Europäiſche Sitten, an ein Le⸗ ben gewöͤhnt, das Ihnen mehr bietet als nur ein⸗ fach Eſſen und Trinken und ein einzelnes Weſen dem Sie ſich anſchließen können— mögen Sie dies noch ſo ſehr lieben. Die Beweiſe haben Sie ſelber in ih⸗ rem unſteten Leben; weder in Afrika noch Amerika fanden Sie was Sie ſuchten, d. h. das was das Be⸗ dürfniß Ihres Herzens und Geiſtes befriedigen konnte — die rohe Geſellſchaft des Wallfiſchfängers trieb Sie ſogar zu einem verzweifelten Schritt, bei dem Sie lie⸗ ber Ihr Leben einſetzen, als in jenes Verhältniß zu⸗ rückkehren wollten. Sie fanden hier, gerade in Ihrer 143 größten Gefahr, auf höchſt romantiſche Weiſe ein junges reizendes Mädchen, deſſen liebe regelmäßige Züge, deſſen Geſtalt zuerſt ihre Leidenſchaft weckte, und deſſen Unſchuld und Liebreiz, als Sie daſſelbe näher kennen lernten, Ihr Herz gewannen. Scenerie und Umgebung, ſelbſt ſogar die verſchiedene Farbe und Abſtammung des Mädchens trug dazu bei, den Reiz in Ihrem eigenen jugendlichen Herzen zu erhöhen. Unſer herrliches Klima, die tropiſche Vegetation, das ſtille blaue Meer, ja das ganze Stillleben unſeres lauſchigen Plätzchens hier beſtach Ihre Sinne mehr und mehr, und Sie glauben jetzt— ja Sie ſind feſt überzeugt davon, daß Sie in dem Mädchen und dieſer Inſel das Ideal Ihres Lebens gefunden, das Ziel Ihres ganzen Strebens und Drängens erreicht haben. — Wenn Sie ſich aber nun irren?— Ich weiß was Sie ſagen wollen— Sie folgen dem Drange Ihres Herzens und fürchten nicht daß Sie dieſes irre führt, aber hören Sie mich ruhig darüber an. Sie ſind jung, das Leben liegt noch offen vor Ihnen— ich bin alt, meine Bahn iſt bald durchwandelt,— Sie haben die Hoffnung, ich die Erfahrung, und drei und zwanzig Jahre meines Lebens hab' ich auf dieſen ſchönen Inſeln zugebracht. In dieſer Zeit habe ich aber auch viele viele Leute kommen und gehen, habe Hoffnungen und Träume aufblühen und verwelken 144 ſehn und weiß was ein Mann in Ihren Verhält⸗ niſſen hier zu finden glaubt— und was er findet.“ „Jetzt iſt Ihnen noch Alles neu— die Palmen ſelber, die ganze tropiſche Vegetation übt einen Reiz auf den Neuankommenden aus, dem er ſelten, wenig⸗ ſtens in ſeinem erſten Andrang, widerſtehen kann; nur wenige Jahre führen aber darin eine gewaltige Aenderung herbei, denn das Herz, beſonders das junge Herz bedarf einer Veränderung, bedarf eines Reizes für ſeine Thätigkeit, wenn es nicht erſchlaffen oder in neuem, dann aber recht ſchlimmen Schmerz vergehn ſoll. Viele, ſehr viele Europäer haben ſich beſonders in den letzteren Jahren hierher gezogen, die aber von ihnen, die wirklich hier geblieben ſind, waren ſchon ältere Leute und brachten auch meiſtens ihre Familien, die ihnen an Stand und Erziehung gleich waren, mit ſich.— Faſt alle dieſe kamen hierher, ein Geſchäft zu treiben und ſich ein Vermögen zu erwerben, und ſie werden meiſt Alle wieder, wenn ihre Kinder erwach⸗ ſen ſind, nach Europa zurückkehren. Dorthin paſſen ſie auch— ihre Frauen ſtammen ſelbſt von dort, und ſehnen ſich nach dort zurück, und ſie laſſen dann Nichts hier zurück, als eine freundliche Erinnerung; die Fa⸗ ſern ihres Herzens haben nicht zwiſchen den Palmen und Bananen Wurzel geſchlagen.“ „Sehr viele von ihnen haben auch Indianiſche Mädchen geheirathet— die erſten und hübſcheſten die ihnen begegneten— auf allen Inſeln zerſtreut finden Sie ſolche Beiſpiele; aber es ſind das faſt nur einzig und allein rohe Matroſen, denen das müßige Leben zuſagt, die ſich auch in ihrem Vaterlande in keinen anderen Zirkeln bewegt haben, als wo das materielle Wohl ihr Hauptziel und Streben war, und ſelbſt dieſe verlaſſen gewöhnlich, nach einer längeren Reihe von Jahren, ihr leicht genug angetrautes Weib und die mit ihr gezeugten Kinder— ſelbſt dieſen ge⸗ nügt zuletzt nicht mehr dieſe tropiſche Ruhe, und ſie ſehnen ſich nach Abwechſelung, nach einer Verände⸗ rung ihrer Verhältniſſe, ſollten ſie dieſe auch wieder mit harter Arbeit ja ſogar dem früheren Leben er⸗ kaufen müſſen.“ „Auf Tahiti haben Sie einige wenige Beiſpiele unter Ihren Landsleuten, die ſich mit Tahitiſchen Mädchen wirklich verheirathet haben; jetzt ſind dieſe Frauen jung und ſchön, ſie könnten ſie nach Europa zurückführen und vielleicht ſtolz darauf ſein— wenn Sie das Gefühl einer etwas wunderlichen und bizar⸗ ren Citelkeit ſo nennen wollen— werden ſie aber alt — und weibliche Körper blühen und verblühen in unſerem tropiſchen Klima ſo raſch wie unſere üppige Pflanzenwelt— dann iſt das vorbei. Sie können keine alte Indianiſche Frau nach Europa bringen, Gerſtäcker's Tahiti. 1. 10 * ſie dort in Ihre Kreiſe einzuführen.— Sie möchten das auch nicht, denn Sie wüßten recht gut, wie Sie hinter Ihrem Rücken dem Geſpötte der Menge, die die näheren Beweggründe nicht kennt und nicht achtet, verfallen würden. Und wollen Sie das Weſen, das ſich an Sie angeſchloſſen hat und mit Herz und Seele an Ihnen hängt nicht unglücklich und elend machen, ſo müſſen Sie bei ihm und hier auf den Inſeln blei⸗ ben, und Unmuth und Sehnſucht nach einem andern Leben zehrt dann an Ihnen weit ſchlimmer und ge⸗ waltiger, als es an dem jungen Herzen gethan. Dem lag die Welt noch frei— es konnte noch dem erſten Drange folgen, ob ihn der auch gleich manch⸗ mal irre führte, jetzt aber iſt das vorbei— die Mög⸗ lichkeit frei zu handeln iſt genommen, und nur der Drang ſelber geblieben, der dann wie ein ewiger Wurm an Ihrem Herzen nagt.“ „Ich ſpreche nach mehren Beiſpielen, die ich ſelber kenne, junger Mann, und die innige Liebe auch, die ich für Prudentia fühle, macht mich beſorgt, ihr ein ſolches Schickſal erſparen zu wollen. Prudentia iſt, wie ich Ihnen ſchon geſagt habe, und wie Sie auch ſelber, nach einem Zuſammenſein mit ihr von mehren Wochen gewiß finden mußten, keins der gewöhn⸗ lichen ſinnlichen Mädchen dieſer Inſeln, die ſich dem Erſten Beſten, ohne Arges dabei zu denken, hingeben, 5 147 und gar nichts anderes erwarten, als daß er ſie, ſo⸗ bald er ihrer müde iſt, wieder verläßt. Ich fürchte im Gegentheil, Sie haben Prudentia's Herz ſchon zu ſehr gewonnen; jetzt wäre aber doch noch vielleicht eine Trennung möglich.— Sie würden Beide an dieſe Zeit wie an einem ſchönen Traum zurückdenken, von dem es das Herz nur eine kurze Zeit ſchmerzt— daß es eben nichts weiter als ein Traum war; aber Sie können Beide auch dadurch vielleicht einem verfehlten Lebensziele entweichen, das dann ſpäter nicht mehr zu ändern wäre, und leider für Beide auch verderb⸗ lich werden müßte.“ „Ich bin feſt davon überzeugt, daß Sie in dieſem. Augenblick Prudentia mit aller Leidenſchaft einer in⸗ nigen, vielleicht gar erſten Neigung lieben— aber wird der alte Hang eines unſtäten Lebens, das in dem Herzen nur erſt eingewurzelt, gar ſo leicht ver⸗ derblich werden kann, dieſem Herzen in dem Still⸗ leben unſerer Inſeln Ruhe und Frieden laſſen?— Unſere Palmen ſind grüͤn und herrlich— aber ſo wie ſie dort ſtehn, ſtehn ſie das ganze Jahr— kein gil⸗ bendes fallendes Blatt, keine Schneedecke, keine aus⸗ keimenden wachſenden Knospen geben ihnen im näch⸗ ſten Frühjahr immer wieder denſelben Reiz.— Unſere Bäume ſind mit Früchten bedeckt— aber die Blüthen⸗ zeit fehlt uns— wie brauchen die Frucht nie zu er⸗ 3 6 10** 5 4 148 warten— zu erhoffen— ſie hängt voll und reif am Baume, während heimlich, von uns kaum bemerkt, andere indeſſen nachblühen und nachwachſen, die feh⸗ lenden immer wieder zu erſetzen und die Plätze der niederfallenden auszufüllen. Wir kennen auch hier nicht die Sorgen und Mühen des Lebens— das Salz jedes geſellſchaftlichen Verkehrs, durch das eine erworbene Eriſtenz erſt ihren ganzen uns beglücken⸗ den Reiz gewinnt— wir ſtehen Morgens auf und eſſen und trinken und legen uns Abends wieder ſchla⸗ fen. Nachrichten von der äußeren Welt dringen nur ſelten zu uns, und wie ſie kommen wäre es faſt beſſer ſie blieben ganz aus, denn anſtatt zu befriedigen laſſen ſie, ſelbſt in dem Herzen der Aelteſten von uns, eine Leere zurück, die wir vergebens auszufüllen ſuchen.“ „Wollen Sie nun, mit Ihrem jungen thatkräf⸗ tigen Herzen in dieſes felſenumgürtete Thal, aus dem es keine Rückkehr für Sie giebt, hinabſpringen?— ſchauen Sie um ſich her, junger Freund— noch ſtehn Sie oben— noch liegt die ganze übrige Welt aus⸗ gebreitet vor Ihren Blicken— haben Sie nichts nichts mehr darin was auch nur den geringſten An⸗ haltepunkt an Ihr Herz hätte?— bedenken Sie, bei einem ſinkenden Schiff kann das kleinſte, unbedeu⸗ tenſte vergeſſene Tau das Boot, auf dem ſich der Schiffbrüchige ſonſt vielleicht ſicher den Wellen an— 149 vertrauen könnte, rettungslos mit in den Abgrund ziehen.“ Der alte Mann ſchwieg, und eine Thräne zitterte in ſeinem Auge; ernſt und forſchend ſchaute er dabei den jungen Mann an, und es war, als ob er ſeine innerſten Gefühle ergründen wollte, ehe ſie auf die Lippen kämen— ja wahrer als ſie der Mund viel⸗ leicht auszuſprechen vermöchte. René begegnete aber, zwar gerührt, doch feſt entſchloſſen dem Blick, und er⸗ wiederte endlich mit weicher Stimme: „Sie verſtehn es, alter Herr Einem Herz und Seele zu faſſen, mit Ihren Worten, aber ich ſpringe getroſt hinab in das Thal, denn da oben blüht für mich kein Glück, keine Freude mehr. Die Meinen ſind todt oder ſchlimmer als ſo— ich ſtehe eine Waiſe in der Welt, weder Bruder noch Schweſter leben, die Anſprüche auf meine Nähe machen dürften; Alles was mein Herz ſonſt hätte binden können, iſt für mich ver⸗ loren, und ſtießen Sie mich jetzt wieder kalt und er⸗ barmungslos in die Welt zurück, ich müßte rettungs⸗ los untergehn— und wäre recht recht elend. Auch Sadie hängt mit inniger Liebe an mir, und ihr Herz i*ſt nicht geſchaffen einmal zu lieben und ſo leicht wie⸗ der vergeſſen zu können— wollten Sie auch aus ih⸗ rem Herzen dieſe erſte Neigung reißen?— Sie haben Sadie zu lieb dazu wenn ich ſelber Ihnen auch gleich⸗ gültig ſein müßte. Aber— ich kann mich auch irren,“ brach er dann plötzlich ab—„ich täuſche mich viel⸗ leicht ſelber in Sadie's Herzen, und ihre Neigung wäre eines Rückſchrittes fähig.— Sprechen Sie ſelbſt mit Ihr, werther Herr— fragen Sie das Mädchen ſelber, und halten Sie unſere Vereinigung für gefahr⸗ bringend für ſie, und glaubt Sadie daß ſie mir jetzt noch ohne großen Schmerz entſagen könne— dann beim ewigen Gott will ich nicht in den Frieden dieſes ſtillen Thales getreten ſein, Thränen und Kummer zu ſäen, dann ſollen Sie finden daß ich auch im Stande bin zu entſagen, und wenn mir das Herz darüber bräche; kein Wort des Unmuths— keine Klage ſoll über meine Lippen kommen, das erſte beſte Canoe mich zu einer anderen Inſel— aus ihrer Nähe führen.“ Er war aufgeſprungen und ſeine Mütze ergreifend wollte er das Zimmer verlaſſen, der alte Miſſionair ſtreckte ihm aber die Hand entgegen und ſagte mit herzlichem, bewegtem Tone: „Das iſt recht brav und ehrlich von Ihnen ge⸗ handelt, junger Mann, und ich gebe Ihnen mein Wort, ich habe auch, ſeit dem erſten Augenblick wo ich Sie ſah, noch nicht einen Augenblick daran ge⸗ zweifelt daß Sie Alles ſo auch fühlten, wie Sie es dem Mädchen vorgeſprochen. Ich kenne übrigens Pru⸗ dentia, oder wenn Sie denn lieber wollen, Sadie, —— viel zu gut um bei ihr langer Rede zu bedürfen, in wenigen Minuten haben Sie meine Antwort, treten Sie indeſſen hier in das nächſte Haus— das Fenſter iſt faſt ſo niedrig wie eine Thür— aber glauben Sie nicht, junger Freund, daß ich Ihnen das Wort reden werde,“ ſetzte er ernſter hinzu,„Sie müſſen es mei⸗ nem Gewiſſen überlaſſen mit Sadie zu handeln, wie ich es vor dem verantworten kann.“ „Handeln Sie, als wenn Sie ihr Vater wären,“ ſagte René herzlich—„ich will Sadie'ens Glück, nicht das meine,“ und er verließ mit ſchnellen Schrit⸗ ten das Zimmer. Auf des alten Mannes Ruf betrat das Mädchen ſchüchtern und mit niedergeſchlagenen Blicken das Ge⸗ mach— ſie ſchaute nicht auf, aber ſie fühlte das Renè nicht mehr im Zimmer ſei, und ihr Herz klopfte faſt hörbar in der Bruſt.— Ihr Vater hatte ihn ab⸗ gewieſen und der ſchöne Traum ihres Glücks war in Nacht und Thränen zerfloſſen. „ Prudentia,“ ſagte der alte Mann, und zog das zitternde Mädchen ſanft zu ſich—„ich habe den jungen Fremden fortgeſchickt von hier— er hat Dich jetzt wohl lieb, aber wenn er eine Zeit lang von ſei⸗ ner Heimath entfernt iſt, ſehnt er ſich wieder nach ihr zurück, und läßt mein armes Mädchen hier allein, und dann wärſt Du wohl recht recht unglücklich ge⸗ 152 worden und elend. Jetzt iſt der Eindruck den er auf Dein Herz gemacht, noch flüchtig, noch leicht wieder zu verwiſchen— Du wirſt einen oder zwei Tage wei⸗ nen, ihn nachher vergeſſen, und nicht wahr mein Kind, ich habe darin recht und gut gehandelt— ich wollte ja nur Dein Wohl.“ „Ich will Alles thun was Du mir ſagſt mein Vater,“ flüſterte das Mädchen, dicht an ſeine Bruſt geſchmiegt, ſo leiſe, daß er kaum ihre Worte verſtehen konnte. „Das iſt mein gutes Kind,“ ſagte der Greis, aber die Stimme zitterte ihm; er fühlte nur zu gut was in dem Herzen des armen Mädchens vorging, und wie die Liebe für den Fremden ſchon viel zu tief Wur⸗ zel geſchlagen habe, je wieder, ohne das Gefäß ſelber zu zerbrechen, herausgeriſſen zu werden. Er mußte ſich aber ſelber einen Augenblick ſammeln ehe er fort⸗ fahren konnte, und mit lebhafter Stimme wie ermu⸗ thigend ſetzte er hinzu: „Und, nicht wahr mein Kind— dann wirſt Du auch wieder glücklich und froh ſein, wie bisher?— wirſt wieder lachen und ſingen und nicht das Köpf⸗ chen ſo trübe hängen laſſen.“ „Ich will mir rechte rechte Mühe geben lieber Vater,“ flüſterte das Mädchen und barg ihr Haupt feſter an dem Herzen des alten Mannes. V b 153 „Und willſt Du auch den Fremden vergeſſen meine Tochter?— willſt Du mir das recht feſt und auf— richtig verſprechen, mein braves Mädchen?“ frug ſie jetzt leiſe der Greis. Das aber war zu viel für das arme gequälte Herz — einen Augenblick ſchien es, als ob ſie ſich von ſei⸗ ner Bruſt emporheben wolle, ihm in die Augen zu ſchauen— aber ſie ſunt wieder zurück und klagte nur leiſe: „Ach das weiß ich nicht— das weiß ich wahr⸗ haftig nicht, lieber, lieber Vater“— damit war aber auch ihre Kraft gebrochen, und laut und heftig ſchluch⸗ zend, als ob ihr das Herz vergehen wolle in unend— lichem Weh, hing ſie in ſeinen Armen. Und ſie ſchluchzte nicht allein, denn aus der Ecke des Zimmers vor tönte es noch weit lauter und heftiger, und der kleine Mitonare ſaß da auf einem der niedern Bambusſchemel, ganz allein und vergeſſen und weinte, in Thränen förmlich zerfließend, wie ein kleines Kind. Da vermochte ſich aber der alte Miſſionair auch nicht länger zu halten, und der Tochter thränenüber⸗ ſtrömtes Antlitz zu ſich erhebend und küſſend und wie⸗ der küſſend rief er: „Nein, nein Prudentia, ich bin ja kein Tyrann daß ich mein Kind ſo elend und unglücklich machen mögte, nur weil die Möglichkeit eriſtir daß es ſpäter noch einmal ſo kommen könne— neßzz wenn Gott Dir eine ſo gewaltige und innige Ließz für ihn in's Herz gelegt hat, dann nimm ihn, nizn ihn— der Herr ſegne Euch, und Er wird Allt lenken. Aber ſei auch wieder mein g fröhliches Mädchen, lach wieder, ſing wieder um mache das Herz Deines alten Vaters froh durch Hein heitres glückliches Angeſicht. „Vater— lieber Vater!“ rief das Mitchen in jubeln der, kaum gefaßter Luſt.— Mitonare hatte aßer kaum gehört was die Sache, die ihm ſelber das Herz abzuſtoßen drohte, für eine Wendung nahm, als er, wie aus einer Piſtole geſchoſſen, zur Thür hinaus⸗ fuhr, und ah kaum zwei Minuten mit dem„ver⸗ zweifelten Wi—wi“— wie er ihn nannte, in's Zim⸗ mer geſchleppt ram René lag mit an dem Herzen des alten Mannes — er wußte ſelber kaum wie, und der Greis flüſterte einen leiſen Segen über den Häuptern der Glücklichen. zum Beſten Capitel 6. Was der ehrwürdige Mr. Nowe dazu ſagt. Der Abend verging den beiden Liebenden wie ein Augenblick— ſie hatten ſich ſo tauſenderlei zu ſagen, ſo tauſenderlei zu beſprechen, daß ſie den Flug der Stunden gar nicht bemerkten, und der alte gute Mann ſaß lächelnd dabei, und wohl auch ihm ſtiegen in der Erinnerung alte liebe, o ſo lang jetzt vergangene Bil⸗ der auf, und führten ſeine träumenden Gedanken zu⸗ rück zur Jugendzeit. Aber auch die Gegenwart erheiſchte ſeine Umſicht, denn manchmal gedachte er ebenfalls ſeines, in ziem⸗ licher Aufregung fortgegangenen Collegen und der Schritte die dieſer jetzt zu thun ſuchte, das Glück, was er ſelber heute Abend hier geſchaffen, wieder zu zer⸗ 156 ſtören. Er hielt es auch für ſeine Pflicht dieſes dem jungen Mann mitzutheilen und ihn wenigſtens darauf vorzubereiten, daß ſeine Bahn von jetzt an noch im⸗ mer keine ganz ebene ſein könne. Hätte er dem von ſeinem Glück förmlich Trunkenen aber auch eine wirk⸗ liche Gefahr genannt, er würde ihr mit leichtem Her— zen begegnet ſein, vielweniger denn, wo es nur den böſen Willen oder Zorn eines fremden Geiſtlichen be⸗ traf, den weder Sadie's Schickſal noch das ſeine küm⸗ mern durfte. Des Königs ſelber glaubte er dabei ziemlich gewiß zu ſein, noch dazu da dieſe geiſtlichen Herren ſelten oder nie Geſchenke verſchwenden, und nur den Willen Gottes vielmehr als Gebot aufſtellen. Hier war alſo nicht einmal etwas zu gewinnen, im Gegentheil nur zu verlieren, denn die Inſulaner wuß⸗ ten recht gut daß bei dem Aufenthalt eines Weißen zwiſchen ihnen, der förmlich Einer der ihrigen wurde, ſtets hie und da etwas für ſie abfiele. Mr. Osborne ſelber, wenn er auch einen Conflikt mit Bruder Rowe gern vermieden hätte, ſtand doch keineswegs in einer ſo abhängigen Stellung von ihm, ſeinen Zorn fürchten zu müſſen. Nur Sadie ver⸗ ſicherte René ſie habe eine entſetzliche Angſt vor dem finſtern Mann, und wollte vieles darum geben, wäre er gar nicht mit ihrem Pflegevater herübergekommen. Seinem feindlichen Wirken aber in etwas zu be⸗ 457 gegnen, wurde noch an demſelben Abend ein junger Mann mit einer Privat-Botſchaft an den König ge⸗ ſchickt, daß der alte Mr. Osborne, den ſie Alle auf der Inſel wie ihrem Vater liebten, ſeine Pflegetochter dem jungen Fremden zum Weibe verſprochen habe, und daß dieſer hinführo mit ihnen auf der Inſel zu leben wünſche, wozu ſie des Königs Erlaubniß er⸗ bitten ließen. Am nächſten Tag kehrte Bruder Rowe, und in einer nichts weniger als freundlichen Stimmung zu⸗ rück. Er hatte den König, von dem er ohne weiteres verlangt zu haben ſchien den Fremden, einen ent⸗ ſprungenen Matroſen und Katholik, in Güte oder mit Gewalt von der Inſel zu entfernen, in einer keines⸗ wegs günſtigen Laune dafür getroffen, und ſchon die Ausflüchte die dieſer machte, wenn er ſich auch dem finſteren Miſſionair gegenüber keine direkte Weigerung erlaubte, verriethen ihm daß er, wo er blinden Ge⸗ horſam erwartete und veülangie⸗ auf Schwierigkeiten ſtoßen könne. Alles was er von dem Könige als feſtes Ver⸗ ſprechen erreichen konnte war, ſich mit ihrem eigenen Miſſionair darüber zu berathen, und wenn dieſer es ebenfalls wünſche, dann wolle er gern den Befehl geben, daß der junge Fremde die Inſel, auf der er ſich übrigens bis jetzt ſehr ordentlich betragen habe, 158 verlaſſen ſolle. Wie er aber glaube gehört zu haben, wolle der Weiße eines ihrer Mädchen heirathen und ſolchen Leuten, wenn ſie ſich wacker aufführten, hät⸗ ten ſie noch nie den Aufenthalt verweigert. So raſch als möglich ſollte jetzt Bruder Osborne dem König ſeinen Willen oder vielmehr Wunſch be⸗ kannt machen, wie er ebenfalls die Entfernung des Fremden verlange. Bruder Rowe kehrte zu dieſem Zweck ohne weiteren Aufenthalt, als daß er die Nacht an der anderen Seite ſchlief, zu den Miſſionsgebäuden zurück, und es läßt ſich denken mit welchen Gefühlen er hier des alten ehrwürdigen Mannes Entſchluß vernahm, dem Fremden die Tochter zu geben und ihn als Sohn anzuerkennen. Vergebens waren alle ſeine Einwendungen, vergebens blieb ſelbſt ſein Zürnen dagegen. „Ich habe dem Mädchen,“ ſagte der Greis,„die Erziehung eines weißen Kindes gegeben, und viel⸗ leicht, wie ich jetzt zu ſpät ſehe, Unrecht daran gethan; ich habe ſie unfähig gemacht, ſich in den gewöhnlichen Verhältniſſen ihrer Landsleute wieder glücklich zu füh⸗ len; dieſe können ihrem Herzen, ihrem Geiſte nicht mehr genügen— bei der Verbindung mit jedem Weißen iſt ſie aber derſelben Gefahr ausgeſetzt, der iie jetzt vielleicht entgegengeht— daß ſie nicht auf die Lange der Zeit im Stande wäre ſein Herz auszufüllen, 159 aber auch das iſt nur noch Vermuthung— es iſt eine Möglichkeit die wir befürchten, aber nicht voraus wiſſen mögen, und ich kann mich nicht dazu verſtehn, ihr Herz jetzt gewiß zu brechen, weil es vielleicht ſpäter einmal gebrochen werden dürfte.“ „Aber fürchtet Ihr nicht die Sünde— Bruder Osborne?“ rief da der Miſſionair, als alle andere Beweisgründe fehlgeſchlagen hatten—„wollt' Ihr es vor der Tafel der Geſellſchaft in England verant⸗ worten, Euer im rechten Glauben erzogenes Kind ſelber in die Hände eines Anhängers des Pabſtes zu liefern? Ich würde gezwungen ſein, ſo leid es mir auch ſelber thun möchte, dieſen Fall nach Hauſe zu berichten, denn die Folgen ſind gar nicht abzu— ſehen, und können auf das verderblichſte für unſere kleine Gemeinde wirken. Und wie ſteht Ihr dann vor jenen ehrwürdigen Männern wenn Ihr ſelber, Einer jener Auserwählten die unter die Heiden geſchickt wur⸗ den den Saamen unſerer Religion in ihre unwiſſen⸗ den verſtockten Herzen zu pflanzen— wenn Ihr ſel⸗ ber dann Unkraut zwiſchen den Weizen geſäet habt, mit Euren eigenen Händen, ja und ich möochte faſt ſagen auch mit den Mitteln, die Euch von der Ta⸗ fel der Miſſionsgeſellſchaft anveptraut waren in ihrem Sinne, nicht in Eurem eigenen damit zu⸗ handeln?“ 4 —— 4160 Der alte Mann blieb aber auch feſt, ſelbſt gegen dieſe halbe Beſchuldigung eines Mißbrauchs am Ver⸗ trauen, wenn ihn ſolche Anſpielung auch wohl recht ſchwer und tief kränken mußte. „Ich habe dreiundzwanzig Jahre,“ ſagte er ruhig, „mein Leben der Sache geweiht, die ich für eine gute hielt und noch halte; ich habe mir in der ganzen lan⸗ gen Zeit keinen einzigen Vorwurf, meiner Handlungs⸗ weiſe wegen zu machen— wir ſind Alle Sünder und ich bin nicht reiner davon als der Geringſte unter uns, aber ich kann frei das Auge zu Gott emporheben und ſagen:„Herr richte über mich!“— ich bin mir nichts Böſes bewußt. Auch in dieſem Fall aber, Bruder Rowe, handele ich nach beſtem Wiſſen und Willen, ich glaube nicht anders handeln zu können, und was ich da thue werde ich auch verantworten— Euere Berichte, Bruder, werde ich Euch freilich ſelber über⸗ laſſen müſſen.“ Mr. Rowe ging mit raſchen ungeduldigen Schrit⸗ ten im Zimmer auf und ab— am wenigſten wollte es dem fanatiſchen Prieſter in den Kopf, daß der Fremde mehr ſei, als ein gewöhnlicher weggelaufener Ma⸗ troſe.— Bruder Osborne hatte, wie er meinte, ſo lange und zurückgezogen von der Welt gelebt, daß er ſich durch die ſchönen Redensarten und Verſprechungen eines jungen leichtſinnigen Menſchen vielleicht eben⸗ 161 falls täuſchen ließe. Er wollte deshalb ſelber einmal mit ihm reden und dann bald ausfinden wes Geiſtes Kind er ſei. Es war ſeine letzte Hoffnung. Mr. Osborne ſelber wünſchte dies, weil er da⸗ durch eine beſſere Meinung für den Fremden bei dem ſtrengen Geiſtlichen zu erreichen hoffte, und ließ Renè, der mit Sadie— jetzt aber freilich ſeines Verſprechens enthoben— nach ihrem Lieblingsplätzchen gegangen war, zu ſich bitten. Mr. Rowe hatte den Lehnſtuhl des alten Man⸗ nes eingenommen, und ſaß, das. rechte Bein über das linke geſchlagen, den Kopf auf den linken Arm ge⸗ ſtützt, ernſt und ſchweigend wie zu Gericht, den Frem⸗ den, der bald darauf das Zimmer raſch und fröhlich betrat, zu erwarten.— Schon deſſen ſchnelles, nichts weniger als ceremo⸗ nielles Eintreten rief die Falten auf ſeine Stirn zu⸗ ſammen und die beiden Ellbogen auf die Lehnen des Stuhles ruhen laſſend, die Finger der beiden Hände aber vorn gefaltet, ſah er ihn mit etwas vorgebeugtem Oberkörper unter den dunklen buſchigen Brauen fin⸗ ſter an und ſagte, ohne den Gruß des Franzoſen an⸗ ders als mit einem leiſen kaum bemerklichen Kopf⸗ nicken zu erwiedern, und ohne zu warten bis der Gaſt einen Stuhl genommen habe, viel weniger ihm ſelber einen ſolchen anzubieten:. Gerſtäcker's Tahiti. I. 11 162 „Mit welchem Schiff ſind Sie hier gelandet, Sir?“ 1 Rens fah erſt den Frager, dann Sadie'ens Vater erſtaunt an, als ob er hätte ſagen wollen— was bedeutet das?— bin ich hier vor Gericht gerufen?— Mr. Osborne der aber die Unſchicklichkeit eines ſol⸗ chen Betragens fühlte, nöthigte ihn freundlich Platz zu nehmen und bemerkte dann, faſt wie entſchuldigend, mit einem Blick auf ſeinen Collegen. „Mein wüüin Freund, hier, lieber René, wünſcht ſich mit I hnen kurze Zeit zu unterhalten. Er iſt, wie ich, ſchon lange Jahre auf dieſen Inſeln, und eine unſerer Hauptſtützen des Chriſtenthums, ſelbſt in den Zeiten geweſen, wo unſere Ausſichten hier trüb und traurig waren, und wir ſchon faſt die Hoffnung auf⸗ gegeben hatten Chriſti Lehre den Sieg über blindes Heidenthum zu verſchaffen.“ René verbeugte ſich ſtatt aller Antwort noch ein⸗ mal, wie anerkennend, gegen den Geiſtlichen, der je⸗ doch keine Miene dabei verzog und ſeinen Blick feſt und forſchend auf ihn geheftet hielt und ſagte, die frühere Frage jetzt ohne Weiteres beantwortend: „Mit dem Delaware— einem Amerieaniſchen Wallfiſchfänger.“ „Und weshalb verließen Sie Ihr Schiff?— hat⸗ ten Sie nicht einen feſten Contrakt für die ganze Reiſe gemacht?“ lautete die zweite, faſt noch ſchärfere Frage. * „Sehr werther Herr,“ erwiederte ihm jetzt Rene vollkommen ruhig und freundlich—„wollten Sie wohl vorher die Gefälligkeit haben und mir ſagen ob dieſe Fragen im Laufe der Unterhaltung an mich gericht etwerden, oder ob es doch gewiſſermaßen ein Eramen ſein ſoll, zu dem ich berufen bin?“ Bruder Rowe wollte eben, wahrſcheinlich keine gerade freundliche Antwort darauf geben, als Mr. Osborne, der jedes böſe Wort zwiſchen den Beiden um alles in der Welt zu vermeiden wünſchte, raſch einfiel und gegen René gewandt ſagte: „Bruder Rowe nimmt innigen Antheil an Pru⸗ dentia's Schickſal, da das Mädchen eigentlich ſo zwi⸗ ſchen uns groß geworden, und es iſt beſonders des⸗ halb daß er näheres Intereſſe für Ihr früheres Leben fühlt.“ „Ich habe Ihnen, lieber Herr Osborne,“ ſagte da der junge Mann,„jeden nur möglichen Aufſchluß gegeben, der in meinen Kräften ſtand, und ich will das auch mit Freuden dieſem Herrn thun, wenn ihn das über Sadie'ens künftiges Glück zu beruhigen vermag.“. „Sadie?“ unterbrach ihn hier der Miſſionair ſtreng—„ſoviel ich weiß heißt das Mädchen Pru⸗ dentia— wobei ich wünſche daß ſie ihren Namen ein wenig mehr Ehre gemacht hätte— und ich will nicht 11* 1 164 hoffen daß man ſogar in dem Hauſe eines Dieners der Kirche beabſichtigt die alten heidniſchen Namen, die wir nur mit Mühe und Schwierigkeit unterdrücken konnten, wieder aufleben zu laſſen.“ „Es iſt nicht des Heidenthums wegen lieber Herr,“ lächelte René,„nur des Wohlklangs— Prudentia mag recht hübſch für eine alte würdige Matrone klin⸗ gen, aber meinem fröhlichen heitern Mädchen paßt der Name gerade ſo, als wenn Sie ihn der Gazelle der Wüſte geben wollten.“ „Und das ſind die Anſichten die man hier mit in dieſe fromme chriſtliche Gemeinde bringt?“ rief der nut,e Geiſtliche, der nur mit Mühe ſeinen Zorn über den 3 leichten fröhlichen Ton des jungen Franzoſen be⸗ zwang,„das ſoll der Saamen ſein, der ein Baum des Unglaubens ſeine Zweige ausbreiten und mit ſei⸗ nem Schatten die Frucht vergiften würde?“ Rene ſah ihn ſtaunend an, der kleine Mitonare kauerte aber mit vor Schreck und Entſetzen offenem Munde hinten in der Ecke wieder auf ſeinem kleinen Stühlchen, und ſchien nichts Geringeres zu erwarten, als daß der ſchwarze Mann mit dem finſtern Geſicht ſich jetzt oben aus ſeinem Himmel einen kleinen Blitz herunterholen und den ruhig und unbefangen vor ihm ſttzenden kecken Wi—wi zu Pulver brennen würde. 165 „Sehr ehrwürdiger Herr,“ ſagte aber René voll⸗ kommen ruhig, denn er wollte den Mann nicht böſer machen, da er wohl ſah wie unangenehm das für ſeinen alten wackern Freund ſein müſſe—„ich hoffe nicht daß Sie etwas Sündhaftes in einem, dem Ohr wohlklingenden Namen finden werden.“ Bruder Rowe ſchien aber darauf nicht weiter ein⸗ gehen zu wollen und fuhr fort: „Und Sie gedenken ſich hier auf dieſer Inſel nie⸗ derzulaſſen?“ „Mit des Häuptlings und meines väterlichen Freundes Erlaubniß hier— ja!“ „Aber Sie gehören der katholiſchen Religion an.“— „Ich bin ein Chriſt,“ ſagte René ernſt—„was verlangen Sie mehr?“— Der Miſſionair biß ſich auf die Lippen und Bru⸗ der Ezra ſah nach oben, denn der Blitz konnte jetzt nicht länger ausbleiben. „Und Ihre Kinder?— ſollen das auch Chri⸗ ſten werden?“ frug der Geiſtliche mit einer faſt höh— niſchen Zweideutigkeit im Tone. René aber ſtreckte den Arm nach ſeinem alten Freund aus, und dieſes Hand ergreifend ſagte er herzlich: „Die ſoll dieſer würdige Mann⸗hiein der Lehre — 1 — 9. ‿ DNN 166 erziehen die er für die richtige hält— ich weiß er wird gute Menſchen aus ihnen machen— der Glaube iſt mir gleich.“ „Der Glaube iſt Ihnen gleich?“ rief aber jetzt der Fanatiker, wie ordentlich froh einen Anhaltepunkt gefunden zu haben an der Schwäche des Gegners— „und wiſſen Sie daß Sie mit ſolchen Grundſätzen hier nur Unheil und Elend ſäen werden? ein Chriſt nennen Sie ſich, und dem Antichriſt dienen Sie— Ihrer Pflicht— ihrer Verbindlichkeiten im geſellſchaft⸗ lichen Leben ſind Sie entlaufen, und jetzt wollen Sie ſich einem Volke aufdringen, das ſie nur zwiſchen ſich duldet, weil es ſeinem Geiſtlichen glaubt gefällig zu ſein, in der That aber, ihm einen gar ſchlimmen Dienſt damit leiſtet?“ Renè war ſchon nach den erſten heftigen Worten des Mannes von ſeinem Stuhl aufgeſprungen. „Monſieur,“ unterbrach er ihn jetzt feſt aber ruhig —„Ihr Stand, wie der Ort an dem wir uns be⸗ finden ſchützt Sie vor jeder Antwort auf dieſe Unver⸗ ſchämtheit— bon soir“— und mit einem ſtolzen Gruß gegen den Prieſter, mit einem freundlichen Kopf⸗ nicken aber gegen den Greis, verließ er raſch das Zimmer. U Der ne N. Rowe hatte ſich in einen 5 —y— — 167 höchſt unehrwürdigen Zorn hineingearbeitet, und er war ebenfalls aufgeſprungen und ging jetzt in dem geräumigen Gemach mit ſchnellen Schritten, die Hände auf dem Rücken, die Augen feſt auf den Boden ge⸗ heftet, auf und ab. Der alte Mr. Osborne aber war erſtaunt und empört zugleich über ein ſo rückſichts⸗ loſes, förmlich unſchickliches Betragen, und jetzt nur um ſo feſter entſchloſſen dem Mann, der ſich weit mehr Autorität über ihn anzumaßen ſuchte als er be⸗ anſpruchen durfte, wiſſen zu laſſen wo ſeine Grenze ſei. Bruder Rowe mochte aber wohl fühlen daß er ein wenig zu weit gegangen ſei, oder doch mit zorni— gen Reden an der Sache ſelber nichts mehr ändern könne, denn er ſchwieg von jetzt darüber, und erklärte nur ſeinem Collegen, daß er dieſes Mal nicht hier predigen, ſondern morgen früh, da noch dazu eine leichte weſtliche Briſe eingeſetzt hatte, zurück nach Ta⸗ hiti aufbrechen wolle. Mr. Osborne dachte gar nicht daran ihn zurückzuhalten. Am nächſten Morgen hatte er auch, ohne viel mit den Anderen zu verkehren, ſeine Vorbereitungen zur Abreiſe getroffen, während indeſſen Mr. Osborne den dringenden Bitten Reneé's nachgab, und die Trauung des jungen Paares auf den nächſten Tag, als an ei⸗ nem Sonntag, gleich nach dem Gottesdienſt feſtſetzte. Sie fanden es natürlich nicht für nöthig Bruder 8— 168 Rowe davon in Kenntniß zu ſetzen, und erwarteten jetzt wirklich den Augenblick mit Sehnſucht, wo der kleine Cutter wieder ſeine Anker lichten würde. So mochte es etwa zehn Uhr Morgens geworden ſein, als plötzlich ein Knabe, der oben über die Hü⸗ gel gekommen war, die Nachricht brachte, es nähere ſich ein großes Schiff, von Süd⸗Oſten her, der Inſel. René war an dieſem Tage viel zu ſehr mit ſeinem Glück beſchäftigt geweſen auch nur einen Blick auf den Horizont zu werfen, jetzt aber, als er auf dieſe Nachricht hier raſch nach Sadie'ens Lieblingsplätzchen eilte, von wo man eine freie Ueberſicht über den gan⸗ zen ſüdlichen Horizont hatte, genügte ein Blick dort⸗ hin ihn zu überzeugen daß ein, allem Anſchein nach volles Schiff ohne Oberbramſtengen, alſo jedenfalls ein Wallfiſchfänger, dicht am Winde liegend, von Süd⸗Oſten gegen die erſt ſeit geſtern eingeſetzte Weſt⸗ briſe aufkreuzend, herankam, und unverkennbar die Inſel anlaufen wollte. Mehr ließ ſich für den Au⸗ genblick noch nicht erkennen, aber dies war auch hin⸗ reichend ihn zu beunruhigen, und mit klopfendem Her⸗ zen ſtand er da, die Augen feſt und unverwandt auf das näher und näher kommende Fahrzeug geheftet. Er hörte gar nicht wie ſich ein leiſer, leichter Schritt ihm näherte, und erſt als Sadie ihre Hand auf ſeine Schulter legte und ſeinen Namen flüſterte, ſchaute — 169 er raſch und faſt erſchreckt empor, legte dann ſeinen Arm um ſie und zog ſie feſt und innig an ſich. Das arme Kind war aber ſelber zu Furcht erfüllt im Anfang reden zu können; ſie ſah nur das bleiche Antlitz des Geliebten und glaubte ſchon ihre ſchlimm⸗ ſten Beſorgniſſe eingetroffen. „Iſt es Dein Schiff?“ frug ſie endlich mit kaum hörbarer Stimme und wagte ihm dabei nicht einmal in’s Auge zu ſchauen. „Das iſt noch nicht möglich zu beſtimmen Du liebes Herz,“ ſuchte ſie aber René, wenigſtens für den Augenblick zu beruhigen—„ich kann das Holz des Schiffes noch nicht einmal ordentlich erkennen, und es ſchwimmen hier zu viele Wallfiſchfänger aller Na⸗ tionen herum, wenn ich auch nicht geglaubt hätte daß ſie ſich noch ſo ſpät in der Jahreszeit hier auf⸗ halten würden“— ſetzte er leiſer, und faſt wie mit ſich ſelber redend, hinzu. Keins ſprach von jetzt ab ein Wort mehr, ihre Blicke hingen aber an den hellen Segeln des Fahr⸗ zeugs, das raſch näher und näher kam, und bald für das Auge des jungen Mannes keinen Zweifel. mehr ließ, die Inſel ſelber ſei ſein nächſtes Ziel. Nur zu bald erhielt er aber ſogar völlige Gewißheit, denn das Schiff war jetzt ſchon ſo nahe gekommen, daß er in dem Außenelüver deſſelben einen ziemlich großen Theer⸗ 170 fleck erkennen konnte, den er ſelbſt einſt mit ungeſchick⸗ ter Hand, als das Segel zum Ausbeſſern an Deck lag, hineingegoſſen hatte. Es war der Delaware und gerade in dem Augenblick, wo er ſich ſeines Glücks gewiß geglaubt, warf ihm das tückiſche Schickſal noch einmal jenes unglückſelige Fahrzeug in die Bahn und drohte Alles Alles wieder mit einem furchtbaren Schlage zu vernichten. Als er damals von Bord entflohen war und ſich von ſeinen Feinden bedrängt ſah, trat er der Gefahr, ja dem Tod wenn es ſein mußte, mit ruhigem uner⸗ ſchüttertem Herzen entgegen; er hatte Nichts zu ver⸗ lieren auf der weiten Gotteswelt als ſein Leben, und achtete das kaum eines ernſten Gedankens werth. Jetzt aber ſtand er nicht mehr allein, hier auf dieſem klei⸗ nen Eiland, rings von blauen Wogen umſpült, war ihm Alles Alles geworden was das Herz des Men⸗ ſchen an dieſe Erde feſſeln kann, und an der Schwelle dieſes Glücks wieder ſolcher Art allein freudlos in die kalte Nacht geſtoßen zu werden, oh das wäre zu grauſam— zu entſetzlich grauſam geweſen. Sadie frug ihn nicht weiter, ſie las in ſeinen Blicken die Beſtätigung ihrer ſchlimmſten Furcht; ihr Herz aber, das ſich in mädchenhafter Scheu an den Geliebten geſchmiegt, ſchlug ihr wieder in dem alten entſchloſſenen Muth, mit dem ſie ihn damals ſchon 171 ſeinen Feinden entzogen, und plötzlich ſeine Hand er⸗ greifend, ſagte ſie raſch und faſt freudig: „Sie ſollen Dich nicht wieder mit fortnehmen, Rene, fürchte ſie nicht— ich kenne alle Schlupfwin⸗ kel dieſer Wälder und weiß Stellen wo die weißen Fremden wochenlang ſuchen und in Verzweiflung zu⸗ letzt es aufgeben müßten je hindurchzudringen. Wir Beide flüchten in den Wald, bis das Fahrzeug die Inſel wieder verlaſſen hat, und wenn es ſein muß trägt uns mein Canoe nach einer andern Inſel, viele Meilen weit entfernt von hier— lieber mit Dir in den Wogen zu Grunde gehn, als allein hier ohne Dich leben René.“ Und in wilder Leidenſchaft warf ſie ſich an ſeine Bruſt, als ob ſie ſchon jetzt gekommen wären, ihn aus ihren Armen zu reißen.„ „Sieh wie die See da draußen über den Riffen ſo hoch geht, Du herziges Lieb,“ ſagte aber leiſe und traurig der junge Mann—„ein Canoe könnte jetzt nicht leben in dieſer Dünung, und ich trüge Dich dem gewiſſen Untergang entgegen. Ueberdies könnten wir nicht vor Nacht entfliehen und bis dahin wird wohl der auf meinen Fang geſetzte Preis Verräther genug gedungen haben mich einzubringen. Nein ich kann meinem Schickſal nicht mehr entgehen, und der ein⸗ zige Troſt iſt, daß ſie mich nicht lebendig mit ſich führen ſollen— oh Sadie, ich glaubte ſo glücklich zu ſein und laſſe Dich jetzt nun allein und trauernd hier zurück.“ „Nein nein, habe guten Muth,“ bat aber das Mädchen—„glaube auch nicht daß die Bewohner dieſer Inſel ſo falſch und treulos wären. Damals, als ſie Dich noch nicht kannten, war es eine andere Sache; von fremden Seeleuten haben ſie bis jetzt faſt meiſt nur Noth und Aerger gehabt, und es hätte vielleicht kaum des gebotenen Preiſes bedurft Dich auf Dein Schiff zurückzuliefern. Jetzt gehörſt Du je⸗ doch zu uns— die Männer wiſſen daß Dich mein Pflegevater gern hat, und ihn lieben ſie wie ihren eigenen Vater. Ja es giebt auch wohl Schlechte un⸗ ter ihnen, die Dich vielleicht verriethen wenn ſie es heimlich thun können, aber ſie würden es jetzt nicht um den größten Lohn wagen dürfen, ſie wären ſonſt ausgeſtoßen für immer. Doch komm zurück zum Haus 3 3 — ſieh das Schiff umſegelt die Inſel und wird wahr⸗ ſcheinlich auf derſelben Stelle ſein Boot wieder an's Ufer ſchicken, wo es Dich damals landete— wir wollen indeß mit meinem Vater bereden was am Beſten für Dich zu thun ſei, und dann raſch und entſchloſſen handeln— es iſt ja nicht das erſte Mal daß Sadie Dich führt,“ ſetzte ſie mit einem wehmü⸗ thigen und gar ſo innigen Lächeln hinzu,„Du biſt ————— ihr das erſte Mal gefolgt, da Du mich noch gar nicht kannteſt— wollteſt Du jetzt zurückbleiben?“ René preßte die Geliebte feſter an ſich, und hielt ſie in einem langen Kuß an ſeinem Herzen, aber ſie wand ſich endlich aus ſeinen Armen und ſeine Hand wieder, wie in früherer Zeit ergreifend, wollte ſie eben mit ihm hinunter zum Hauſe gehn, als ihnen von dort der alte Miſſionair mit einem anſcheinend ziem⸗ lich ſchweren Korb entgegenkam, und mit ihnen zurück zu der kleinen Terraſſe ging. Rens ſetzte hier den Korb, den er ihm abgenommen, auf die Erde nieder und der Greis ſagte, nachdem er nur einen flüchtigen Blick auf ſeine Kinder geworfen, ohne weitere Umſchweife: „Ich hab' es mir gedacht, daß es das unglück— ſelige Schiff ſei, als ich nur hörte daß es dicht bei dem Wind die Inſel anlaufe, und den prachtvollen Weſtwind verſäume nach Nord⸗Oſten außzuhalten. Doch wir müſſen jetzt handeln Kinder, nicht lamen⸗ tiren und traurig ſein. Ich war erſt Eurer Verbin⸗ dung entgegen, nun aber, da die Sache doch einmal ſo weit gediehen iſt, will ich Euch auch nicht Beide unglucklich wiſſen, ſo lange ich es noch verhindern kann— aber Zeit dürfen wir auch nicht mehr ver⸗ lieren. Ich habe in dieſer Sache einige Erfahrung, und ſchon viel in meinem Leben, gerade hier auf den Inſeln mit Wallfiſchfängern verkehrt, denen Matroſen entlaufen waren. Die Capitaine ſparen nicht mit den Belohnungen die ſie auf den Einfang ſetzen, denn die Leute müſſen das ja nachher ſelber von ihrem ver⸗ dienten Gelde abbezahlen— ſie bieten oft enorme Summen, hinreichend einen armen Inſulaner, ſo gut und brav er auch ſonſt ſein möchte, zu verführen— ſte haben aber auch keine lange Zeit ſich aufzuhalten, beſonders wenn es erſt einmal ſo ſpät in der Jahres⸗ zeit iſt wie jetzt, wo ſie nachher noch die Sandwichs⸗ inſeln anlaufen müſſen Erfriſchungen einzunehmen und ſich auf ihren Sommerzug in das Eismeer vor⸗ bereiten. Dies Schiff kann aber kaum dort noch zu guter Zeit eintreffen, wenn es nicht eine ſehr ſchnelle Reiſe nach Oweyhy oder Woahu hat und es läßt ſich denken daß der Capitain hier nicht wochenlang, eines einzelnen Mannes, und noch dazu eines ge⸗ wöhnlichen Matroſen wegen, herumliegen wird. Vor allen Dingen iſt es alſo nöthig Sie aus dem Weg zu bringen, damit Sie nachher Niemand verrathen kann, wenn ihm auch Gelegenheit dazu geboten würde, das iſt jedenfalls das Sicherſte, und dazu habe ich mir einen paſſenden Platz auserſehn.“ „Ich führe ihn in die Berge, Vater,“ ſagte Sa⸗ die—„oben in den niedern Hügeln ſtehn einzelne Palmenhaine, und in der breiten Krone einer dieſer Palmen kann er tagelang verſteckt liegen. Ich weiß —— 175 eine von ihnen die mein Bruder und ich in's beſon⸗ ders hergerichtet und ausgeſchlagen haben— den Platz kennt Niemand als ich ſelber, denn der Bruder iſt ja todt und kein Pfad führt dorthin, kein Weg oder Steg und doch will ich die Stelle im Dunkeln finden.“ „Der Platz wäre zu einer anderen Jahreszeit, und wenn wir keinen beſſeren hätten, vielleicht recht gut,“ lächelte der Greis,„jetzt aber, wo es faſt jede Nacht in ſchweren Schauern niederfällt, möchte der Wipfel einer Palme, beſonders wenn es ſich nicht um Stun⸗ den ſondern um Tage handelt, doch ein fataler Auf— enthaltsort ſein. Nein, Du kennſt das Ihiamoea Prudentia— jenes letzte Ueberbleibſel aus der alten Heidenzeit. Es iſt das ein kleines Gebäude, früher dem Gott Oro geweiht, das jedenfalls auch mit allen übrigen derartigen Heiligthümern jener Zeit vernich⸗ tet wäre, beſtände nicht auch zugleich in der Familie des jetzigen Oberhauptes der Inſulaner eine alte Sage, daß der König ſterben müſſe ſobald das Gebäude zu⸗ ſammenfiele. Sämmtliche Vorſtellungen der Miſſio⸗ raire ſind bis jetzt erfolglos geweſen ſie von der Thor⸗ heit ſolchen Glaubens zu überzeugen, ja Einer unſerer Brüder hätte beinah einſt ſein eigenes Leben einge⸗ büßt, als er in vielleicht etwas übertriebenem Dienſt⸗ eifer ſelber Hand daran legen wollte. Nur zwei Per⸗ ſonen ſind auf der Inſel die es jährlich einmal be⸗ 176 ſuchen, der fua oder König, Jeremias Aitaua(der Rächer), wie ihn Bruder Rowe getauft hat, und deſſen Sohn; beide nur, um ein friſches Dach aufzulegen oder das alte, wenn es noch gut iſt, nachzuſehen. Das iſt wenigſtens die Entſchuldigung, denn ich fürchte faſt, daß ſie dort doch noch, trotz ihrem angenomme⸗ nen Chriſtenthum, heimlich einige ihrer heidniſchen Ceremonien feiern; da ſie es aber allein thun, können wir Nichts dagegen machen, und die kleine von Stein dauerhaft aufgerichtete Hütte wird dar⸗ um, ſo gut unterhalten, wohl noch mancher Regen— zeit trotzen. Dorthin magſt Du Rene führen.— Keiner der Eingeborenen getraut ſich den Platz zu be⸗ treten und die Weißen könnten wochenlang ihre Zeit vergeuden, ehe ſie ihn auffänden. Hier dieſer Korb mit Proviſionen wird ausreichen, wo nicht, findet ſich ſchon wieder einmal Gelegenheit neue Zufuhr hinauf— zuſchaffen, obgleich ich feſt überzeugt bin daß ſich das Schiff keine vierundzwanzig Stunden an der Inſel aufhält.“ „So will ich zum Haus gehn und meine Waffen holen,“ ſagte René. „Sie ſind in dieſem Korb,“ erwiederte ihm aber der Greis.—„es iſt auch weit beſſer daß Sie ſich gar nicht wieder am Hauſe blicken laſſen, denn neu⸗ gierige Augen folgten Ihnen doch, und wenn ich auch — 177 nicht glaube daß Einer der hieſigen Leute zum Ver⸗ räther werden würde, ſo iſt es doch, wie geſagt, beſſer ihnen auch ſelbſt die Möglichkeit zu nehmen verführt zu werden. Gehn Sie gleich von hier ab, und Pru⸗ dentia kennt die Richtung gut genug, ſo weiß kein Menſch wo Sie geblieben ſind. Aber Prudentia muß auch, ſo ſchnell als nur irgend möglich wieder zurück⸗ kehren, und ich hoffe daß dieſer Kelch glücklich an uns vorübergehen wird.“ „Lieber, väterlicher Freund—“ ſagte der junge Mann gerührt, und ſtreckte dem Greis die Hand ent⸗ gegen. Dieſer aber wollte auch die jungen Leute nicht ſehen laſſen wie weh und ängſtlich ihm ſelber, trotz ſeiner angenommenen Zuverſicht, zu Muthe war, und ſagte mit einem wohl etwas erzwungenen Lächeln: „Keinen Abſchied, René— das Ihiamoea liegt nicht am andern Ende der Welt, daß wir—“ „Ich muß Sie hier wohl aufſuchen, Bruder Os⸗ borne!“ ſagte in dieſem Augenblick, dicht hinter ihnen die Stimme des Bruder Rowe mit zwar ruhigem aber doch etwas ſcharfem Ton—„wenn ich überhaupt Ab⸗ ſchied von Ihnen nehmen will— Sie ſcheinen ganz vergeſſen zu haben daß ich im Begriff bin aufzu⸗ brechen.“ Die drei Menſchen ſchauten ſich um als ob ſie auf einem Verbrechen ertappt wären, und das kalte, Gerſtacker's Tahiti. I. 12 178 theilnahmloſe Geſicht des Prieſters war ebenfalls nicht geeignet jedes unangenehme Gefühl ſolcher Ueber⸗ raſchung zu mildern. Der Geiſtliche ſchien dies aber gar nicht zu bemerken, oder wenn er es bemerkte, zu beachten; gegen Sadie die Hand ausſtreckend legte er dem Mädchen, das ſeine Rechte ergriff und küßte, wie ſegnend die Linke auf das Haupt, neigte dann ſeinen Kopf gegen Rene, der dieſe kalte Höflichkeit ebenſo formell erwiederte, und ging, Mr. Osborne's Arm nehmend, mit dieſem nach der Landung hin⸗ unter. „Und nun komm,“ flüſterte Sadie, als das dichte Guiavengebüſch die Männer ihren Blicken entzogen— „nun komm René und gebe Gott daß ich Dir recht recht bald die frohe Botſchaft Deiner Erlöſung brin⸗ gen kann.“ Wenige Secunden ſpäter ſchloß ſich der Wald hin⸗ ter ihnen, und der kleine freundliche Platz lag ſtill und einſam im Schatten ſeiner rauſchenden Palmen. Der Miſſionscutter war indeß zur Abfahrt ge⸗ rüſtet, Bruder Rowe traf noch einige Anordnungen zu dem nächſt zu haltenden Oſterfeſt zwiſchen den Inſu⸗ lanern und verließ dann, mit einem frommen„Der Herr ſegne und behüte Euch“— die Inſel. Mr. Osborne hatte kein Wort gegen ihn erwähnt, daß das Schiff was die Inſel paſſirt war, daſſelbe — 179 Fahrzeug ſei, von dem René entſprungen war— er hielt es für beſſer die Sache mit keiner Sylbe weiter zu berühren. Auch Bruder Rowe kam nicht wieder auf die Verheirathung der beiden jungen Leute zurück; er mochte auch wohl einſehen, daß jede weitere Vor⸗ ſtellung oder Einſprache unnütz ſein würde. Der Cutter war zuerſt nach Mitiaro beſtimmt, der ehrwürdige Mann hatte aber vorher die Indianer die ihn führten noch beordert in dem Binnenwaſſer der Inſel am Ufer hinaufzuhalten, da er zuerſt noch einmal den König an der andern Seite zu beſuchen, und Rückſprache mit ihm über eine Betverſammlung zu nehmen habe. Capitel 7. Der Verrath, und wie ſich beide Theile dabei irrten. Am nördlichen Ufer der Inſel war indeſſen Alles in Aufregung, denn das Wiedererſcheinen des Schif⸗ fes, an das keiner der Inſulaner faſt mehr gedacht hatte, bot Urſache genug das ſonſtige Stillleben zu unterbrechen, hätten Manche von ihnen auch gerade nicht Grund gehabt zu wünſchen, daß es ſeinen Weg nicht wieder hierher gefunden habe. Der König dachte natürlich mit einiger Beunruhi⸗ gung an die Geſchenke, die er unter der Bedingung überliefert bekommen hatte, den Flüchtling einzufangen und wo waren dieſe Sachen jetzt alle geblieben?— wo war der Flüchtling?— Wer aber konnte auch wiſſen daß das Schiff nach ſo langer Zeit zurückkehren 481 würde, und eine Ausrede war bald gefunden. Als der erſte Harpunier wieder wie früher an Land kam und nach dem Mann frug, erwiederte ihm der raſch herbeigeholte Raiteo— denn der König ſchämte ſich vielleicht vor ſeinem eigenen Volk, dem weißen Mann etwas vorzulügen— mit keineswegs chriſtlicher Un⸗ verſchämtheit, ſie hätten den Flüchtling damals ein⸗ gefangen und drei volle Wochen auch eingeſperrt ge— halten und gefüttert, wie aber das Schiff gar nichts mehr habe von ſich hören oder ſehen laſſen, da ſeien ſie endlich genöthigt geweſen ihn wieder frei zu laſſen. Seit der Zeit ſei er aber ebenfalls verſchwunden und ſie glaubten er wäre mit einem kleinen Schooner, der neulich einmal die Inſel anlief, nach Tahiti oder ei⸗ ner der dortigen Inſeln gezogen. Das Ganze ſchien wahrſcheinlich genug, dennoch war der alte Seemann zu bekannt mit dieſem Volk um ihnen ſogleich, auf die erſte Beſtätigung hin, die erſte beſte Geſchichte auch zu glauben. Sie hatten einmal den Fanglohn weg, den der fa-u jetzt, wie Raiteo mit vieler Geiſtesgegenwart weiter log, für die ſo lange Unterhaltung des Gefangenen beanſpruchte, und er ſah wohl ein, daß er auf's Neue einen Preis ausſetzen mußte. Auch hierin ſchien er wieder Schwie⸗ rigkeiten zu finden, aber aus den langen Unterhand⸗ lungen die nach den neuen Verſprechungen gehalten . 182² wurden, merkte der alte Harpunier deutlich genug daß der Matroſe noch jedenfalls auf der Inſel ſein mußte, und der Sache ein Ende zu machen, denn die Sonne neigte ſich ſchon ihrem Untergang, bot er dem König funfzig ſpaniſche Thaler— ein wahrer Reichthum für ſeine Verhältniſſe— wie noch andere Güter die er mit im Boot führte, wenn er den Entſprungenen noch dieſen Abend, oder wenigſtens dieſe Nacht in ſeine Hände liefere. Raiteo ließ ſich die Summe zweimal wiederholen und ſogar, ganz ſicher zu ſein, an den Fingern vor⸗ zählen, denn er traute ſeinen eigenen Ohren kaum eine ſo ungeheuere Quantität baaren Geldes— ohne alle die übrigen Herrlichkeiten— in den Bereich ihres Arms zu bringen. Trotzdem ſchüttelte aber der fa-u mit dem Kopf— er wollte mit der Sache, der ſich ſein alter Freund der Miſſtonair angenommen hatte, nichts mehr zu thun haben, und ſagte Raiteo er möge die Fremden bedeuten den Mann ſelber zu ſuchen, wenn ſie glaubten daß er noch hier auf der Inſel ſei. Der Harpunier nahm jetzt den Burſchen, dem er wohl anſah zu was er mit Geld gebracht werden konnte, in Engliſch vor, und bot ihm die Summe allein, wenn er ihm den Flüchtling dieſe Nacht aus⸗ liefern wolle. Hiergegen erklärte ihm aber Raiteo ganz offen der Mann ſei allerdings noch da, ſo geſchwind — A. ließe ſich das aber unter keiner Bedingung anſtellen. Er habe die Zeit über, am andern Ende der Inſel, auf der Miſſion gewohnt, das Schiff als es von dort heraufkam aber auch jedenfalls ſehen können, und ſei jetzt wieder irgendwo im Wald verſteckt, wo er allein morgen wenigſtens den ganzen Tag brauchen würde ihn nur aufzuſpüren, und ſelbſt dann ſei es eine ſchwierige Sache, da der König nichts damit zu thun haben wolle, und er ſelber nachher, vielleicht ſeines Le⸗ bens auf der Inſel nicht wieder froh würde. Er verdiene gewiß gern den hohen Preis, wenn ſich aber weißer Mann Capitain nicht dazu entſchließen wollte zwei drei Tage auf der Inſel zu bleiben und auch womög⸗ lich noch mehr Leute herüberzubringen, ſo ſehe er keine Möglichkeit ſeinen Zweck zu erreichen. Das ging nicht an, das Schiff hatte ſich über⸗ dies ſchon, durch einige Spermfiſche gerade damals aufgehalten als ſie wieder nach Norden auf kreuzen wollten, in der Jahreszeit verſpätet, und der Capitain erſt nicht einmal, trotzdem daß ſie die Inſel paſſirten, wieder anlaufen wollen, aber jedenfalls nur bis näch⸗ ſten Morgen mit Tagesanbruch den äußerſten Termin geſetzt— war es bis dahin nicht möglich den Mann wieder zu bekommen, ſo mußten ſie es aufgeben, und der alte Seebär wollte ſich eben, mit einem zwiſchen den Zähnen durchgebrummten Kraftfluch hineingeben 184 und an Bord zurückkehren, als der kleine Miſſions⸗ cutter in Sicht kam und das hinten angehängte Boot gleich darauf den ehrwürdigen Mr. Rowe an Land brachte. Der Miſſionair hatte noch einiges mit dem ſa-u zu bereden und der Harpunier zögerte einen Augen⸗ blick am Ufer— er konnte die Schwarzröcke nicht gut vertragen, aber eine Frage that auch keinen Schaden, und der Mann kam gerade von dort her, wo ſich der Flüchtling aufgehalten. 1 Bruder Rowe fühlte vielleicht eine gleiche Sym⸗ pathie für dieſe Art Leute, er war aber nichts deſto⸗ weniger freundlich gegen den Seemann, und beant⸗ wortete ſeine Fragen auf das leutſeligſte aber aus⸗ weichend.— Raiteo der mit offenem Munde dabei⸗ ſtand, kam es vor, als ob er mit der Sache nichts zu thun haben wolle, denn darum wiſſen mußte er. „Sehn Sie, Mr.— wie mag Ihre Name ſein?“— „NRowe.“— „Ah— Mr. Rowe,“ ſagte der alte in ſeinem Ge⸗ ſchäfte ſchon ergraute Seemann— indem er faſt un⸗ willkürlich neben dem langſam längs dem Strande hergehenden Prieſter herſchritt, wodurch ſie ſich von Raiteo, der ihnen ja nicht folgen durfte, entfernten. „Es iſt nicht wegen dem einen Burſchen daß wir uns ſolche Mühe geben ihn wieder zu bekommen— was 185 das belangt, ſo könnten wir eher noch zwei dazu entbehren, ehe wir gerade jetzt einen einzigen Tag hier verſäumten, aber es iſt wegen dem böſem Beiſpiel— ſehn die Canaillen daß ſie fortkommen können, dann läuft uns auf den Sandwichsinſeln nachher am Ende der ganze Schwarm davon. Kriegen wir aber ſo ei⸗ nen Burſchen wieder, und auch ſchon während wir uns Mühe danach geben, ſo ſehen doch die Andern daß es ihnen nicht ſo ganz leicht gemacht wird und hingeht, und beſinnen ſich zweimal, eh' ſie die Beine in die Hand nehmen. Auf den Preis kommts uns dabei nicht an, denn kriegen wir ſie nicht, ſo bezahlen wir ja auch Nichts, als vielleicht ein Bischen Lum⸗ perei an Spielkram, und kriegen wir ſie, nun dann müſſen ſie's ſelber von ihrem Theil abtragen.“ „Haben Sie einen hier von den Inſulanern, dem Sie glauben vertrauen zu können?“ frug ihn der Miſ⸗ ſionair jetzt, und drehte ſich, wie im Geſpräch, halb nach ihn um, zu ſehn ob ihnen Niemand folge.— „Könnten Sie einen der Leute hier bewegen Sie zu führen?“ 1 „Führen?— gewiß,“ brummte der Harpunier— „wenn ich nur wüßte wohin.“ „Ich kann mich, meiner Stellung wegen, nicht mit ſolchen Sachen befaſſen,“ erwiederte ihm indirekt hierauf der Geiſtliche—„Sie werden aber auch wohl 186 als vernünftiger Mann einſehn, daß es mir nicht gleichgültig ſein kann dabei, meiſt gewiſſenloſe Men⸗ ſchen zwiſchen die, kaum einem etwas civiliſirten und religiöſen Leben gewonnenen Inſulaner geworfen zu ſehen.“ „Nein gewiß nicht— kann ich mir denken— iſt ganz natürlich“— brummte der Harpunier dabei zwi⸗ ſchen den Zähnen durch, und warf nur manchmal ei⸗ nen Seitenblick auf den Geiſtlichen, als ob er hätte ſagen wollen:„nun was ſteckt dahinter?— wo will der hinaus?“ „Mir liegt alſo,“ fuhr Bruder Rowe hier wieder fort—„gewiſſermaßen ebenſoviel daran den ent⸗ ſprungenen Matroſen wieder von hier zu entfernen als Ihnen daran gelegen iſt ihn wieder zu bekommen.“ „Ja ſagen Sie mir nur wie!“ platzte der Alte, dem die Vorrede zu lange dauerte, heraus. „Unter der Bedingung daß Sie meinen Namen nicht dabei nennen, und auf eine Entſchuldigung oder vielmehr Ausrede, dem Eingeborenen gegenüber, den Sie zu Ihrem Führer nehmen, denken wollen, kann ich Ihnen den Platz ſo genau angeben wo er verſteckt iſt, daß Sie nicht die mindeſte Schwierigkeit haben werden ihn zu finden— ja noch mehr, der Ort liegt ſo vortrefflich ihn zu umſtellen, daß Sie, wenn Sie 1 1 ———— 187 Ihre Maßregeln gut treffen, ihn ſicher in Ihre Ge⸗ walt bekommen müſſen.“ „Aber was ſoll ich dem alten Fuchs dem Raiteo weiß machen,“ ſagte der Harpunier ſinnend,„er hat geſehn wie wir jetzt hier miteinander ſprechen und ich kann es ja nicht gut von irgend einem Andern gehört haben.“ Der Miſſionair blieb einen Augenblick ſtehn— dann ſagte er bedächtig: „Machen Sie ſich nachher mit einem meiner Boot⸗ leute etwas zu ſchaffen und ſprechen Sie mit ihm über irgend einen Gegenſtand.— Sie können Raiteo dann ſagen daß Sie es von dem erfahren haben; ich bin ziemlich feſt überzeugt daß ihn Raiteo nicht wieder danach fragen wird.“ „Und wo iſt der Platz?“ frug der Harpunier. „Erkundigen Sie ſich bei Raiteo,“ ſagte der Geiſt⸗ liche leiſe—„ob er ein Haus Namens Ihiamoea auf der Inſel kennt.— I-hi-a-mo-e-a— können Sie den Namen behalten?“ „Er iſt verdammt lang,“ brummte der Harpunier — FJhi-ma-nu. „hi-a-mo-e-a,“ wiederholte der Miſſionair. Der Harpunier repetirte das Wort ein paar Mal leiſe vor ſich hin und ſagte dann: 188 „Ich denke ſo wird's gehn, und da ſteckt er alſo — aber kennt Raiteo den Ort.“ „Genau genug,“ lautete die Antwort.„Sie wer— den ihm aber einen gute Lohn verſprechen müſſen, denn die Inſulaner haben eine gewiſſe Scheu vor je⸗ ner Gegend.“ „Er ſoll die ganzen funfzig Dollars haben wenn er uns heute Abend noch hinführt!“ rief der See— mann raſch—„und Gott ſtraf mich— noch Alles in Sachen dazu, was im Boot liegt— wenn wir den Kerl nur kriegen. Ich habe noch außerdem mein beſonderes Gift auf ihn.“ „Gut, dann verlieren Sie keine Zeit mehr,“ ſagte der Miſſionair, wieder nach den Gebäuden, wo noch die übrigen ſtanden, zurückkehrend.„Können Sie ſich aber auch auf Ihre andern Leute verlaſſen, daß Sie am Ende nicht, anſtatt Einen zu fangen, das Uebel noch verſchlimmern und mehre dabei einbüßen?“ „Wir ſind diesmal geſcheuter geweſen, als das erſte Mal,“ erwiederte der Harpunier—„und haben gar keine Matroſen, ſondern nur Officiere im Boot zum Rudern mitgenommen— die Leute ſind ſämmt⸗ lich Harpunier oder Bootſteurer, die laufen ſchon ſel⸗ tener weg, weil ſie weit höhern Antheil bekommen und auch überhaupt eine Carriere zu machen haben — es ſind nur die verwünſchten Matroſen die durch⸗ . —— —— „— A— 189 brennen, weil ſie ſichs gewöhnlich ein Bischen zu hübſch auf einem Wallſiſchfänger gedacht haben.“ Sie waren indeſſen wieder zu des Königs Hauſe gekommen, welches der Miſſionair jetzt betrat das Wetter abzuwarten, das gerade im Oſten heraufzog und ſchon mit drohenden Wolken über dem Horizont hing. Der Harpunier wechſelte indeſſen mit ſeinen Leuten einige Worte, und ging dann nach den beiden mit dem Cutter gekommenen Inſulanern zu, die un⸗ fern ihres eigenen Bootes auf den Corallen ſaßen und ſich eine kleine Cigarre aus ihrem inländiſchen Tabak und Bananenblättern drehten. Er blieb einige Zeit bei dieſen ſtehn, und ging dann, als er Raiteo gerade über ſich am Rande des Gehölzes bemerkte, raſch auf dieſen zu. „Raiteo,“ ſagte er hier dem aufmerkſam Zuhor⸗ chenden—„willſt Du in dieſer Nacht Dein Glück machen und ein reicher Mann werden? Du kannſt funfzig Dollar und den ganzen Plunder verdienen der da im Boot liegt.“ „In dieſer Nacht?“ erwiederte Raiteo kopfſchüt⸗ telnd—„habe weißen Mann Capitain ſchon geſagt daß es ſo ſchnell nicht geht— und iſt immer ein bös Stück Arbeit— kann nicht.“ „Aber Du kannſt“— ſagte der Harpunier— „kennſt Du ein kleines Haus hier irgend wo auf der . 190 Inſel, das ſie Lhi warte einmal— verdammt— L-hi-mano—“ „Ihiamoea?“ ſagte Raiteo raſch und leiſe und ſah den Fremden erſtaunt an—„und iſt der weiße Mann im Ihiamoea?“ „Verdamme mich, wenn Du den Namen nicht wie am Schnürchen haſt,“ lachte der Wallfiſchfänger —„lhiamoea kannſt Du uns dorthin noch heute Abend führen?“ „Und wer hat Euch den Platz angegeben?“ frug der Inſulaner, und ſeine Augen ſuchten faſt unwill⸗ kürlich die Stelle wo der Miſſionair noch vor dem Hauſe des fa-u ſtand. „Einer der Burſchen dort im Boot,“ erwiederte ihm der Seemann—„ſie wollens aber nicht gern wiſſen laſſen, daß die Nachricht von ihnen kommt— ich hab' ihnen fünf Dollar dafür gegeben.“ „Hm“— brummte Raiteo und ſchaute nach den Bootsleuten hin, die ruhig und abwechſelnd ihre kleine dütenförmige Cigarre rauchten, und wieder nach dem Miſſionair hinüber; dann aber, den Kopf zurückwer⸗ fend als ob er hätte ſagen wollen„was gehts mich an“ gab er dem Harpunier ein Zeichen ihm etwas weiter in den Wald hinein zu folgen, und hatte nun mit dieſem in wenigen Minuten das Nöthige beſpro⸗ chen. Das Ihiamoea war ein kleines niederes Ge⸗ 191 bäude mit einem Gemach und zwei Ausgängen, das oben auf einem der Hügel, im wildeſten Dickicht und dichteſten Walde lag; aber auf einem etwa funfzig Schritt breiten, vollkommen freien Raum ſtand, und alſo mit größter Leichtigkeit umzingelt und beſetzt wer⸗ den konnte. In etwa anderthalb Stunden konnten ſie es von hier aus erreichen und das aufſteigende Wetter begünſtigte jedenfalls ein ſolches Unternehmen. Raiteo aber, ſo gierig er war das Geld zu verdienen, ſcheute ſich eben ſo ſehr ſeinen Namen dabei genannt zu wiſſen, als der Miſſionair. Er zeigte ihm des⸗ halb jetzt den Pfad, auf dem ſie ſich gerade befanden, und der durch eine dichte Pandanus⸗Niederung hin⸗ führte— dieſen ſollte der Harpunier mit ſeinen Leu⸗ ten, ſobald es dunkelte, etwa 300 Schritt weit folgen, und dann pfeifen, und Raiteo würde ihn von da bis zu dem Haus führen und ihm angeben wie er es um⸗ ſtellen könne— in das Haus aber bedung er ſich gleich von vorn herein aus, ging er nicht hinein;„die alten hier unten vertriebenen Götter ſaßen noch dort oben darin, und wenn ſie auch einem weißen Mann wohl nichts anhaben konnten, ſo liefe doch ein Ein⸗ geborener die tödtlichſte Gefahr an Leib und Seele.“ Ueber die Ausbezahlung wurden ſie ebenfalls einig, Raiteo bekam fünf Dollar im voraus, was ihn ſoviel gieriger auf das übrige machte, und der Reſt ſollte ihm ausbezahlt werden, wenn ſie den Entſprungenen gebunden in ihrer Gewalt hätten. Der Abend ſetzte ein, wie es das Wetter klar ge⸗ nug angedeutet; einzelne Windſtöße und Regen was vom Himmel herunter wollte. Der Wallfiſchfänger war indeß näher herangekommen, wo er durch das hohe Land gegen die Böen ziemlich geſchützt lag und ſich nicht in der mindeſten Gefahr befand auf die Klippen getrieben zu werden, von denen ihn Wind und Strömung zugleich abſetzten; in kurzen Gängen war es nur eben Alles was er thun konnte, daß er ſich auf ſeiner Stelle hielt. Der Miſſionair hatte die Inſel ebenfalls nicht ver⸗ laſſen, obgleich er lieber der durch ihn gewiſſermaßen herbeigeführten Kataſtrophe aus dem Wege gegangen wäre; auf See aber etwas ängſtlich füͤrchtete er das Wetter möchte noch ſchlimmer werden und wollte ſich da nicht in ſeiner Nußſchaale von einem Fahrzeug den Wogen anvertrauen. Das Zeichen für den Harpunier an Bord zu kom⸗ men, wenn etwa in der Nacht möglicher Weiſe etwas vorfiele, ſollten zwei Kanonenſchüſſe ſein. René war indeſſen durch ſeine liebe Führerin glück⸗ lich an den Ort ſeiner Beſtimmung gebracht und ſchon 193 der Weg dahin überzeugte ihn, daß Europäer den Platz nimmer in wenigen Tagen auffinden könnten, hätten ſie ſelbſt gewußt daß ein ſolcher Schlupfwinkel hier eriſtire, und von den Inſulanern konnte ja auch keiner glauben daß ihm dieſe Stelle bekannt ſei. Eben⸗ ſo hatte er das aufſteigende Wetter bemerkt, und nicht ohne Grund durfte er hoffen daß es den Wallfiſch⸗ fänger zwingen konnte, die Inſel vielleicht ſogar eher zu verlaſſen, als er im Anfang beabſichtigt. Daß aber auch Sadie nicht von dem Wetter überraſcht werde, trieb er dieſe ſelber mit zärtlicher Beſorgniß zum ſchleunigen Heimweg an, und das ſchöne Mäd⸗ chen flog mehr als ſie ging den Pfad zurück, denn ſie wußte ja daß ſie, je eher ſie wieder am Hauſe ſei, deſto ſicherer auch den geringſten Verdacht niederſchla⸗ gen müſſe, der Fremde habe einen ſo weitentlegenen Platz als das Ihiamoea zu ſeinem Zufluchtsort ge⸗ wählt.— An den Miſſionair dachte Niemand. Der Platz ſelber war für ſo kurzen Aufenthalt wohnlich genug; gegen Wind und Regen vollſtändig durch ein gutes Dach und faſt fußdicke vielleicht ſechs Fuß hohe Steinmauern geſchützt, lag ſelbſt eine breite aus dem dortigen Schilfgras geflochtene Matte in der Mitte der Hütte— ein Beweis mehr daß der alte Miſſionair recht hatte wenn er glaubte, der chriſtlichſte König dieſer Inſel hänge noch etwas an dem alten Gerſtäcker's Tahiti. I. 13 194 Heidenthum. Doch wie dem auch ſei, es fan Renẽ hier vortrefflich zu ſtatten.* Vor allen Dingen ſah er jedoch nach ſeinen Waß⸗ fen, ſteckte ſein Meſſer in den Gürtel, den er immer trug und unterſuchte die Terzerole— aber der alte Mann hatte in der Eile das Pulverhorn vergeſſen, und wenn auch das Pulver noch ziemlich trocken aus⸗ ſah, war ihm doch nicht viel zu trauen. „Nun ich werde ſie hoffentlich nicht brauchen,“ murmelte er leiſe für ſich hin—„beſſer wär's aber doch ich wüßte ſie ſicher— es giebt Einem immer mehr Zutrauen eine gute Waffe in der Hand zu ha⸗ ben.“ Bei den Waffen lagen aber auch eine Maſſe Lebensmittel und mit doch weiter keiner anderen Be⸗ ſchäftigung machte er ſich über den Korb her, die Le⸗ ckerbiſſen vorzunehmen, die ihm der gute alte Mann, mit einem paar Flaſchen Wein und Cocosnußmilch zuſammengemiſcht, eingepackt hatte. So vergingen ihm die Stunden raſch— ein paar Mal trat er in die vordere Thür der Hütte, vielleicht einen Blick in's Freie zu gewinnen, aber der Wald umgab das kleine Heiligthum einer früheren Zeit hier zu hoch und dicht, auch nur einen Blick über deſſen äußerſte Grenzen zu geſtatten, und er warf ſich zu⸗ letzt, ermüdet vom Umhergehn in ſo engem Raume, auf die Matte, und ſchaute träumend auf die kahlen 195 Steinwände, die in früherer Zeit wohl Zeuge mancher wildromantiſchen Scene, vielleicht manchen furcht⸗ baren Opfers geweſen waren. „Und wo ſeid Ihr jetzt— Ihr ſtolzen Herrſcher dieſer Haine— Oro, Du kriegeriſcher Gott, Hiro, Du ſchlauer Beſchützer der Diebe, Teroro, Du Sturmer⸗ wecker, Tane, Du Herrlicher und Ihr Alle, Alle, die Ihr früher in dem Rauſchen der Palmen, in dem Donnern der ewigen Brandung zu Euern Kindern ſpracht?— Sie haben ſich losgeſagt von Euch, um⸗ geworfen Euere Altäre, in den Wind verweht ſelbſt Eure Namen, und das Kreuz, von einzelnen Fremden aufgepflanzt, hat wie mit einem Schlage Euer Jahr⸗ hunderte beſtandenes Reich vernichtet. Aber ſolltet Ihr auch dieſe Haine, die einſt Eure Macht ſahen, ſo ſchnell und leicht haben verlaſſen können? wan⸗ delt Ihr vielleicht nicht ſelbſt jetzt noch in den dunk⸗ len Schatten der Fruchtbäume, um die Stellen wo früher Euere Altäre geſtanden, und ſchauet mit fin⸗ ſterem Groll auf die Tempel eines neuen Gottes, vor dem Euere abtrünnigen Kinder jetzt ihre Kniee beu⸗ gen? Umſchwebſt nicht Du ſelbſt, furchtbarer Oro dieſe Dir einſt, ja vielleicht ſelbſt jetzt noch geweihte Stätte, und blickſt zürnend auf den Fremden nieder, der ſich, ein ungeladener Gaſt über Deine Schwelle gedrängt hat?— Zürne mir nicht, hätte nur ich, von 13* — 196 all den weißen Fremden dieſe Ufer betreten, Du herrſchteſt noch hier, in all Deiner Herrlichkeit, ich hätte Deinem Volke ſeine Götter und ſeinen Frieden gelaſſen, und wer weiß ob ſie nicht glücklicher— beſſer geblieben wären.“ Lange noch lag er ſinnend und träumend auf der Matte, bis die einbrechende Nacht ihre Schatten nie⸗ derſandte, und mit dieſen der Regen laut und ſchallend auf das ſchilfige Dach der Hütte niederſchlug. War er hier aber auch vor dieſem geſchützt, ſo fand er doch eine andere Plage— eine wahre Unzahl von Mos⸗ quitos ſtellten ſich ſchon mit der Dämmerung ein, und umſchwärmten ihn jetzt als ſicher unverhoffte und gute Beute zu Tauſenden. Im Anfang ſuchte er ſich ihrer zu erwehren, zu⸗ letzt aber gab er das auf und ſtreckte ſich, nur ſein Taſchentuch über das Geſicht breitend, auf die Matte aus, der Nacht ſo viel Schlaf als möglich abzuſteh⸗ len. Er fühlte ſich vollkommen ſicher daß der Wall⸗ fiſchfänger, wenn er überhaupt noch an der Inſel ſei, dieſe Nacht gewiß Nichts unternehmen werde ihn wieder zu bekommen, und ärgerte ſich faſt, die bis⸗ herige Wohnung und Sadie'ens Nähe verlaſſen zu haben. Eine Stunde hatte er etwa ſo gelegen, aber er war nicht im Stande einzuſchlafen, die Mosquitos 197 trieben es zu arg, und ſchienen fortwährend in neuen unerſättlichen Schaaren heranzuſtrömen. „Das iſt ein ſchöner Polterabend,“ brummte er leiſe vor ſich hin—„und mein armes Mädchen ſitzt indeß allein daheim und ängſtigt ſich um den fernen Freund— ha!—“ Er fuhr in die Höh' und horchte, ſchüttelte aber dann lächelnd mit dem Kopf und murmelte: „Das war wie in alter Zeit, als ich noch mit Adolphe in Canadas Wäldern jagte— das klang genau wie ſein Jagdruf— der ſchrille Ton einer kleinen, an der franzöſiſchen Küſte heimiſchen Möve.“ „Aber Wetter noch einmal!“ rief er plötzlich in einiger Unruhe aufſpringend—„und wenn das nun doch am Ende Adolphe ſelber— aber es iſt ja nicht möglich— wie hätte er dieſen Ort auffinden können.“ Nichtsdeſtoweniger tappte er nach ſeinen Waffen herum, die neben ihm auf der Matte lagen, und ſteckte ſie zu ſich. Der Regen hatte jetzt für kurze Zeit nach⸗ gelaſſen, und nur die ſchweren Tropfen fielen draußen noch von den Zweigen nieder. Schlafen konnte er doch nicht, alſo ſtand er auf und ging an die Thür die, halbangelehnt, ihm einen Blick auf den kleinen freien, jetzt von dem auf wenige Momente vorbre⸗ chenden Mond erhellten Platz gewährte; ha dort drüͤben bewegte ſich beim ewigen Gott eine Geſtalt— 198 Wild konnte es nicht ſein, das gab es ja nicht auf dieſen Inſeln. Eine dunkle Wolke legte ſich wieder über den Mond und hüllte Alles in tiefe Nacht, als aber René, das geſpannte Terzerol krampfhaft feſt in der Fauſt mit ſpähendem Blick und lauſchend vorge⸗ beugtem Oberkörper da ſtand, erkannte er deutlich zwei dunkle Geſtalten die über den Plan, grade auf ihn zu glitten.— „Verrath!“ murmelte er leiſe zwiſchen den Zäh⸗ nen durch, und mit Blitzesſchnelle in das Haus zu⸗ rückſpringend, gewann er die andere Thüre. Aber in demſelben Moment fühlte er ſich von drei eiſernen Armen zu gleicher Zeit gepackt und es war ein Glück für wenigſtens einen der Fänger, daß das Terzerol verſagte, denn gerade gegen das Ohr des Harpuniers gepreßt hatte es René abgedrückt. „Teufel!“ ſchrie er, als er es von ſich werfend ſein Meſſer zu ziehen ſuchte— umſonſt, die Ueber⸗ macht war zu groß, und wenige Minuten ſpäter lag er, an Händen und Füßen gebunden, in der Gewalt ſeiner Feinde am Boden. „Damn it mein Bürſchchen,“ lachte der alte Har punier in aller Freude über den gelungenen Fang, ich hatte heute Abend, als ich auf den Regen fluchte, nicht geglaubt daß er mir mit Deinem Pulver zu gleicher Zeit einen ſo guten Dienſt erweiſen würde— —— 199 das war jedenfalls gut gemeint, ich rechne Dir's aber nicht an— hätte daſſelbe an Deiner Stelle gethan; nun ſei aber auch vernünftig und wehr Dich nicht nutzlos mehr— wir ſind hier unſerer ſieben gegen einen, und Du wirſt begreifen daß da doch jeder Wi⸗ derſtand nutzlos iſt. „Mordet mich!“ ſchrie aber René mit aller Kraft der Verzweiflung gegen ſeine Banden und die Arme die ihn niederhielten, ankämpfend—„mordet mich, wie Ihr mein Glück zerſtört habt, aber beim ewigen Gott, Ihr ſollt mich nicht lebendig von dieſer Inſel nehmen.“ „Das käme auf einen Verſuch an,“ ſagte der Har⸗ punier kaltblütig—„willſt Du denn gar keine raison annehmen, ſo haben wir uns ſchon ſo viel Mühe um Dich gegeben, daß wir Dich nun auch wohl das kleine Stückchen Wegs noch tragen können. Nehmt ihn auf Leute— nehmt ihn auf— oh wenn er gar ſo ſehr ſtrampelt— hier iſt noch Leine genug zwanzig ſolche Bürſchchen förmlich damit einzuwickeln — ſo das thuts— noch eins um die Füße, und nun nehmt ihn auf und fort damit— da kommt ſchon wieder ein neuer Regenſchauer; daß die Peſt ein ſol⸗ ches Land hole.“ „Ja wohinaus gehts aber jetzt?“ ſagte Einer der Leute, nachdem ſie den ſich wüthend Sträubenden aufgehoben hatten—„ich weiß den Weg nicht mehr.“ Der alte Harpunier ſah ſich einen Augenblick ſel⸗ ber verdutzt in der Dunkelheit um.— „Damn it,“ brummte der Alte,„jetzt bin ich auch confus geworden— welchen Cours ſind wir denn eigentlich heraufgeſteuert. Wo iſt denn die verdammte Beſtie von Inſulaner— he Raiteo, Canaille ver⸗ wünſchte— wo ſteckt der Satan?“ „Verrathen und verkauft,“ knirrſchte Renẽè zwi⸗ ſchen den zuſammengebiſſenen Zähnen hindurch, als er von der verzweifelten Anſtrengung zum Tod er⸗ ſchöpft zurückſank und ſich jetzt willenlos forttragen ließ.— Nicht weit von ihm ab antwortete aber ein leiſer Pfiff. Es war der Inſulaner, der dort auf die Seeleute, außer dem Bereich des Ihiamoea, wartete, und ſchweigend führte er den Zug den ſteilen ſchlüpf⸗ rigen Pfad wieder zurück nach dem Landungsplatz. Der Regen goß jetzt förmlich in Strömen nieder, wenn auch der Wind für den Augenblick etwas nach⸗ gelaſſen hatte, als ſie aber oben die Pandanus⸗Nie⸗ derung erreichten, und nun auf ebener Bahn, auf dem ſcharfen Corallenſand, dicht am Ufer einer der kleinen zahlreichen Lagunen oder Binnenſeeen hin⸗ ſchritten, dröhnten laut und mahnend die beiden Ka⸗ nonenſchüſſe von Bord des Delaware zu ihnen her⸗ — über.— Faſt unwillkürlich hielten die Leute einen Moment, der Harpunier aber rief: „Vorwärts, meine Jungen, vorwärts, wir kom⸗ men gerade zur rechten Zeit— Wetter noch einmal, das war abgepaßt, eine Stunde ſpäter und wir hät⸗ ten die ganze Geſchichte aufgeben müſſen.“ „Was mögen ſie an Bord haben?“ frug Einer der anderen Harpunier. „Wahkſcheinlich wird dem Alten der Wind zu bunt,“ lachte der Harpunier,„und jetzt iſts gerade eine hübſche ruhige Zwiſchenzeit an Bord zu fahren — raſch Ihr Leute, da vorn ſeh' ich ſchon die Hüt⸗ tenfeuer.“ Ein neuer Hoffnungsſtrahl blitzte vor René's Seele auf— wenn ihn auch Einer der Inſulaner verrathen hatte, waren ihm doch faſt alle Anderen gewogen und wer weiß ob ſie ihn, wenn er ſie an⸗ riefe, ſo vor ihren eigenen Augen wegſchleppen ließen. Soviel hatte er, während ſeines Aufenthalts auf der Inſel auch ſchon von der Tahitiſchen Sprache gelernt, und als er die erſten Stimmen an den nicht mehr fernen Häuſern hörte, damit die Leute Zeit bekämen ſich zu ſammeln ehe die Weißen das Boot gewinnen konnten, ſchrie er plötzlich mit lauter donnernder Stimme um Hülfe. 8 „Knebel her!“ ſagte der Harpunier ruhig aber raſch—„wer hat ihn— Du John?“ „Ja hier“— antwortete der Mann dem Harpu⸗ nier den Knebel reichend. „Der Kerl ſchreit uns am Ende doch noch die Inſulaner auf den Hals— wer weiß wen er hier Alles zu Freunden gewonnen hat, und beſſer iſt beſſer.“ An allen Gliedern gebunden und mit dem Knebel im Mund vermochte der Gefangene ſich nicht weiter zu rühren, und gleich darauf erreichten ſie den Strand. Raiteo forderte aber jetzt, ehe ſie zu ſeinen Leuten hinunterkamen, den bedungenen Lohn, denn er wollte ſich nicht mit den Weißen zuſammen blicken laſſen. Ehe ſie abſtießen gedachte er dann mit einem Bruder von ſich, zum Boot zu kommen und die Sachen in Empfang zu nehmen, die dort noch für ihn beſtimmt waren. „Lauft raſch mit dem Burſchen da voran, und legt ihn in's Boot, bis ich den Schuft hier abge— ffertigt habe,“ ſagte da der Harpunier zu ſeinen Leu⸗ ten—„Wort müſſen wir ihm doch halten; und ſeht zu daß Ihr das Boot flott bekommt bis ich unten bin.“ Und während die Leute mit ihrer Laſt raſch dem Strande zueilten, blieb er neben den Inſulaner ſtehen und zahlte ihm das Blutgeld. Als er ſich von — A ihm abwandte ſeinen Leuten zu folgen, glitt Raiteo in die Büſche. „Höll' und Teufel,“ fluchte jedoch der alte Har⸗ punier als er zum Strand kam und ſah wie die Mann⸗ ſchaft mit dem Boot beſchäftigt war, das hoch und trocken auf der Corallenbank und wohl funfzig Schritt vom Waſſer ab ſaß—„ob ich es den verdammten Schuften von Inſulanern nicht geſagt habe das Boot flott zu halten— und ich glaube beim Teufel, ſie ha⸗ ben es noch mehr aufs Trockene gezogen; daß der Böſe ihre Seelen verdamme. Hinein dämit Jungens — greift unter und tragt es in's Waſſer— werft den Plunder hinaus der vorn darin liegt— der Eigen⸗ thümer mag ihn ſich holen— wo iſt René?“ „Hier am Hauſe liegt er,“ ſagte Einer—„Bill und Adolphe ſtehen Wache bei ihm.“ „Ach was Wache, der läuft jetzt nicht fort— hier Bill— hier Adolphe mit angefaßt und tragt das Boot zu Waſſer— hallo meine Jungen alle zuſam⸗ men— there she comes— a hoy-y. Was zum Teufel macht es ſo ſchwer— was liegt da drinne?“, „Es liegt hinten ganz voller Früchte,“ antwortete Bill. „Früchte? hinaus damit, wir haben jetzt keine Zeit uns mit Früchten abzugeben— ſo— Alles hinaus — hier an die Seite damit, was in Körben iſt, kön⸗ 1 8 204 nen wir nachher wieder hineinwerfen, und hallo hier — einmal eine Parthie von den Inſulanern her, die können uns mit helfen, wenn ſie uns wieder los wer⸗ den wollen.“ Von dieſen ließ ſich aber keiner blicken— der Hülferuf des Unglücklichen, den ſie gehört, hatte ih⸗ nen das Schickſal deſſelben verrathen, und wenn ſie auch, wie Rens in letzter Verzweiflung gehofft, kei⸗ neswegs geſonnen waren ihr Leben daran zu ſetzen, um ihn wieder zu befreien, ſo mochten ſie doch auch weiter Nichts mit der Sache zu thun haben, viel— weniger denn den Fremden ſelber in irgend etwas be⸗ hülflich ſein. Dicht am Strand wo die Leute, vielleicht zehn Schritt von dem Boot, den Gebundenen niedergelegt. hatten, ſtand eine kleine Bambushütte, in welcher die Miſſionäre, wenn ſie ſich auf dieſer Seite der Inſel befanden und, vielleicht von einem Wetter überraſcht, nicht mehr zu dem Miſſionsgebäude kommen konn⸗ ten, gewöhnlich übernachteten. Hierher hatte ſich auch, als das Wetter ärger zu werden drohte, der ehrwür⸗ dige Bruder Rowe zurückgezogen, ließ ſich aber natür⸗ lich nicht blicken wie er die Männer mit ihrem Ge⸗ fangenen ankommen hörte, ſondern hielt ſeine Thür, allerdings nur dünnes Bambusgeflecht, geſchloſſen. Durch die überall offenen Stäbe der Wände konnte 205 er aber deutlich erkennen was draußen vorging, und der gebundene und geknebelte René wurde ſolcher Art in nicht zwei Schritten von ſeiner eigenen Thüre nie⸗ dergelegt, während die Leute kaum zehn Schritt wei⸗ ter damit beſchäftigt waren das Boot dem Waſſer zu⸗ zuarbeiten. Bruder Rowe ſtand dicht hinter der Thür und ſchaute ſchweigend und nachdenkend auf den ge⸗ bunden am Boden Liegenden nieder. Außer ihm war aber noch eine andere Geſtalt ganz in der Nähe, und zwar niemand anderes als das indirekte Werkzeug des ehrwürdigen Herren— Raiteo, der vorſichtig um das Haus herumglitt und die Bewegungen der dicht dabei in dem Boot beſchäf⸗ tigten Männer auf das vorſichtigſte beobachtete.— Er hatte ſeinen Bruder oder irgend einen ſeiner Freunde ſchon abgeſchickt die ihm noch zukommenden Waaren zu holen, und ſeine eigenen Gründe ſich nicht ſelber dorthin zu bemühen. „Schuft? ſo?“ murmelte er dabei zwiſchen den Zähnen durch— perſt iſt man gut genug weißer Mann Capitain da hinauf zu führen und nachher iſt man Schuft; gut— gut Raiteo iſt nicht ſo dumm — Raiteo hat Geld— liegt ſicher unterm Baum— Raiteo hat ſeinen Contrakt erfüllt— jetzt kann Rai⸗ teo machen was er will, und jetzt will Raiteo einmal ſehn was er machen will.“ Die Wallfiſchfänger hatten indeſſen Alles was das Boot ſchwerer machen konnte hinausgeworfen, und während der Regen wieder in Strömen niedergoß, faßten die ſteben kräftigen Geſtalten das Boot und ſchoben es langſam aber in ſicherem Fortgang den erſten kleinen Abgang hinunter, wo es wieder durch eine neue Corallenſchicht aufgehalten, aber auch über dieſe endlich weggehoben wurde. „Die verdammten Schurken von Indianern laſſen ſich nicht blicken,“ ſagte der alte Harpunier, keuchend in aller Anſtrengung,„aber hol' ſie der Henker, wir brauchen ſie auch nicht— munter meine Jungen, munter— denn hinten kommts wieder ſo ſchwarz wie Nacht herauf und wir müſſen machen daß wir das Schiff erreichen, wenn uns der Alte hier nicht zurück⸗ laſſen ſoll, und dann hätte er nachher eine ſchöne Mannſchaft an Bord, ohne alle Officiere.“ Der Delaware hatte eine Laterne ausgehangen und ſchien, ſoweit man nach der Bewegung derſelben urtheilen konnte, wieder näher zu kommen. Als ſich die Seeleute mit dem Boot von dem Haus entfernten, glitt Raiteo dahinter vor, und wie eine Schlange dicht an den feſtgebundenen Körper des Ge⸗ fangenen hinan, o er, ohne auch nur einen Laut von ſich zu geben und ohne weitern Zeitverluſt be⸗ gann, die verſchiedenen Seile mit denen der Körper 207 des Unglücklichen förmlich umwunden war, durchzu⸗ ſchneiden. So leiſe und geſchickt war dies Maneuvre auch, von der Nacht begünſtigt, ausgeführt daß der, gewiſſermaßen dicht davorſtehende Miſſionair, der die Augen doch fortwährend auf den Körper geheftet ge⸗ habt, wohl eine Bewegung ſah, aber in der erſten Minute gar nicht unterſcheiden konnte was es eigent⸗ lich ſei. René übrigens, der ſchon jeden Gedanken an Rettung in dumpfer Verzweiflung aufgegeben hatte, und jetzt nur Troſt in dem einzigen Entſchluß fand, ſowie man ihn an Bord ſeiner Feſſeln entledige ſei⸗ nem Leben gewaltſam ein Ende zu machen, fühlte kaum den ſcharfen Schnitt eines Meſſers an den Sei⸗ len, als ihm wilde fröhliche Hoffnung durch Mark und Seele ſchoß. Er begriff zugleich die Nothwendig⸗ keit vollkommen regungslos zu bleiben, die Aufmerk⸗ ſamkeit der nur kurze Strecke von ihm entfernten See⸗ leute nicht auf ſich zu ziehen; aber ſelbſt die Secunden die er hier wieder in furchtbarer Erwartung lag, ob nicht doch noch, ehe er den Gebrauch ſeiner Glieder wieder gewinnen konnte, Jemand von unten herauf⸗ kam und der Verſuch zu ſeiner Rettung entdeckt würde — erfüllten ihn mit wahrer Höllenpein. Naiteo hatte Verſtand genug die Füße erſt frei zu machen, denn ſelbſt mit gebundenen Händen war in dieſem Dunkel die Moͤglichkeit zu entfliehen da. René 208 drängte es aber den Arm frei zu bekommen, wenig⸗ ſtens ſein Meſſer, das er noch an der Seite fühlte, zu erfaſſen; der Knebel verhinderte ihn aber auch nur einen Laut von ſich zu geben, und Raiteo wollte den nicht entfernen bis er mit allem übrigen im Reinen wäre. Mit den Füßen glaubte er jetzt fertig zu ſein und ging an die Arme, ein dünnes Seil, daß er in der Dunkelheit überſehen hatte⸗ hielt jene aber noch zuſammen, und René hob die Knie auf es ihm be— merklich zu machen. „Geh doch einmal Einer hinauf und ſehe nach dem Gefangenen,“ ſagte in dieſem Augenblick die Stimme des Harpuniers, die deutlich zu ihnen her⸗ überdrang. Raſche Schritte wurden gegen ſie zu ge⸗ hört, und Raiteo der keineswegs im Sinne hatte ſeine eigene Perſon irgend einer Gefahr preiszugeben, ließ den noch immer Gebundenen wie er war, und glitt um das Haus hinum. 711, Hierdurch wurde es aber auch jetzt dem Miſſto⸗ nair, der ſchon der Bewegung des Gefangenen nach Verdacht geſchöpft, klar, daß irgend Jemand an der Befreiung deſſelben arbeite. Wer, konnte er natür⸗ lich nicht erkennen, aber es lag keineswegs in ſeinem Plan den Mann hier auf der Inſel zu behalten, nun es doch einmal ſoweit gediehen war. 209 René ſchloß die Augen und ſank zurück in ſtum— mer Verzweiflung. Der Mann von unten ſprang auf den Liegenden zu, und bog ſich zu ihm nieder, wie um nachzuſehen ob ſeine Stricke auch noch in Ordnung ſeien; zu gleicher Zeit aber fühlte René wie ein ſcharfes Meſſer und eine geübte Hand das Tau von einander trennte das ſeine Arme feſt umſpannt hielt, eine Hand glitt an ſeinem Körper hinunter, fühlte das Seil um die Knie und trennt auch dieſes. „Muth!“ flüſterte dabei eine Stimme die René's Ohren wie himmliſche Sphärenmuſik klang—„Muth Rene und jetzt fort,“— und ſich aufrichtend rief er laut: „All right!“ und drehte ſich raſch um, den Platz zu verlaſſen, als er plötzlich einen Arm auf ſeiner Schulter fühlte und erſchrocken ſtehen blieb. René lag noch am Boden, als er ebenfalls die zweite Ge⸗ ſtalt bemerkte, aber ſeine Hand faßte leiſe das Meſſer und zog es aus der Scheide— er wußte er war frei, denn zwei Sätze konnten ihn in den Bereich des Wal⸗ des und aus der Gewalt ſeiner Feinde bringen. Adolphe, denn dieſer war Reneé's Befreier, drehte faſt unwillkürlich den Kopf halb ab, um nicht erkannt zu werden und ſuchte ſchon loszukommen, ſich wie— der unter ſeine Kameraden zu miſchen und dadurch Gerſtäcker's Tahiti. 1. 14 jeden Verdacht von ſich zu entfernen, als er zu ſei⸗ nem Staunen die Stimme des Miſſionairs erkannte, der ihn leiſe etwas von dem vermeintlich Gebundenen fortzog, damit dieſer ihn nicht erkennen möchte, und mit haſtiger aber unterdrückter Stimme ſagte: „Habt Acht auf Eueren Gefangenen Sir— man will ihn befreien— ich habe—“ Er ſagte nichts weiter, denn ein einziger Fauſt⸗ ſchlag des rieſigen Franzoſen, gerad gegen ſeine Slnn ſtreckte ihn beſinnungslos zu Boden. „Bind ihn,“ flüſterte da Adolphe raſch, ſich zu dieſem niederbiegend—„er hat Dich an uns ver⸗ rathen,“ und ſo ſchnell wie er gekommen, ſprang er die Corallenbank wieder hinunter, wo die Leute eben mit Anſtrengung aller ihrer Kräfte das Boot bis zum Waſſerrand gebracht hatten. „Der Gefangene liegt noch am Boden,“ ſagte er, als er ſich hier wieder unter die Uebrigen miſchte. „Aber habt Ihr nicht nachgeſehen ob die Seile noch in Ordnung ſind?“ frug der Harpunier. „Ich kann noch einmal hinaufgehn,“ erbot ſich Adolphe. Da blitzte es vom Waſſer herüber, und gleich darauf dröhnte der dumpfe Schall eines neuen Schuſ⸗ ſes, dem in kaum einer Minute ein zweiter folgte, zu ihnen herüber. 4 211 „Hinein mit dem Boot in's Waſſer!“ ſchrie der Alte, alles Andere in dem Bewußtſein der Nothwen⸗ digkeit vergeſſend, ſo raſch als möglich wieder an Bord zu kommen,„wacker Ihr Leute, wacker und legt Euch dagegen mit Bruſt und Seele!“ Den vereinten Anſtrengungen der Leute gelang es das Boot vorn in die Fluth zu bekommen, das un— ruhige Wogen derſelben half nach, und bald lag es flott. „Jetzt hinein, mit Riemen und Maſten!“ lautete der raſch gegebene Befehl,„und vergeßt Nichts Ihr Jungen— laßt die Früchte liegen wo ſie ſind— vier von Euch nach dem Gefangenen— halt hier— das Boot ſtößt noch auf— noch einmal unter, alle zu⸗ ſammen— a hoy— there she goes— nun die Riemen und unſern mossier her und hinein mit Euch.“ 4 Es war auch Zeit daß ſie von Lande abkamen— der Wind hatte ſich, während einer faſt anderthalb Stunden langen Stille, total herumgedreht, und aus Weſten kann es in dieſen Breiten oft gar bös an zu wehen fangen.— Dort ſtieg auch ſchon eine ſchwere rabenſchwarze Wand auf, und der Delaware mußte jetzt allerdings machen daß er von der Küſte abhielt. Die Leute rannten ſämmtlich, ſo raſch ſie konnten, die Bank hinauf, drei von ihnen die Riemen und den 14* 212 Maſt in's Boot zu nehmen; die andern drei den Ge⸗ fangenen zu holen. Unter dieſen Adolphe. „Auf mit ihm,“ rief dieſer, den Oberkörper des auf der Erde Liegenden ſo packend und mit Leichtig⸗ keit emporhebend, daß er den Kopf unter ſeinen Arm bekam—„auf mit ihm Jungens— und hinunter— da geht ein anderer Kanonenſchuß, bei Gott!“ Die beiden andern Bootsſteuerer faßten, der Eine in der Mitte, der Andere unter die Knie des Gebun⸗ denen, und im vollen Lauf faſt ging es damit die Corallenbank hinunter. „Vorn in's Boot mit ihm,“ ſchrie der Harpu⸗ nier—„haut ihm eins über den Schädel wenn er ſich nicht fügen will— an Eure Riemen für Euer Leben, dort kommts herauf— hinein in's Boot mit ihm ſag' ich— werft ihn hinein, zum Donnerwetter, wenn er nicht gehn will, darf's ihm auch nicht auf eine Beule ankommen.“ „Wetter noch einmal,“ brummte Bill, als die im Boot Stehenden den Körper anfaßten, hineinzogen und vorn in den Bug mehr warfen als legten,„René i*ſt hier ordentlich ſtolz geworden; der hat jetz Schnal⸗ len an den Schuhen!t“ Es war aber in dieſem Augenblick weder Zeit viel Bemerkungen zu machen, noch ſie anzuhören oder gar zu beachten. Die Leute ſprangen an ihre Plätze, 4 4 4 213 warfen die Riemen in die Dollen, der alte Harpunier hatte den ſeinigen durch das Rudereiſen gezogen, und durch die elaſtiſchen Riemen vorwärts getrieben flog das leichte Boot ordentlich durch die ſchon unruhige See dem glücklicher Weiſe nicht ſehr fernen Schiff, das jetzt auch noch eine zweite Laterne aufgezogen hatte, entgegen. René war in dem Augenblick als ihn Adolphe verließ, in die Höhe geſprungen, und wußte in der That, in dem erſten Gefühl jubelnder Freiheit, nicht was er thun, ob er dem Rathe Adolphes folgen, oder den Prieſter ungebunden liegen laſſen ſollte, wo ſeine Flucht dann allerdings gleich bemerkt werden mußte, ſobald ſie ihn nur auffaßten. Eine zweite Perſon entſchied aber ſeinen Zweifel, und zwar niemand An⸗ deres als Raiteo. Raiteo war nämlich ein höchſt aufmerkſamer und ſelbſt überraſchter Zeuge ſämmtlicher letzter, ſo ſchnell auf einander folgender Vorfälle geweſen. Klug genug aber einzuſehn daß es für ihn jetzt beſonders Zeit ſei ſich bei der Befreiung noch etwas zu betheiligen, wenn er überhaupt ſpäter Ehre und vielleicht auch noch Nutzen daraus ziehen wollte, hatte er auch noch einen andern Grund zu wünſchen, die Weißen möchten die Inſel mit dem Glauben verlaſſen, daß Alles in Ord⸗ nung ſei, weil ſie ſonſt am Ende noch Einſprache wegen den übrigen, zum Theil noch nicht einmal ge⸗ borgenen Waaren thun, oder doch Lärm ſchlagen konnten, und dann den Antheil auf der Inſel bekannt machen mußten, den er ſelber bei dem Fang des Eu⸗ ropäers gehabt, und deſſen er ſich, ſo verſtockt er ſonſt ſein mochte, doch einigermaßen ſchämte. Kaum hatte er deshalb den Miſſionair, von dem er im erſten Au⸗ genblick gar nicht wußte woher er auf einmal kam, fallen geſehn und die Worte Adolphes gehört die die⸗ ſer dem Freunde auf engliſch zurief—„bind ihn“ als ihm auch das ganze Nützliche einer ſolchen Maß⸗ regel einleuchtete und er, aus ſeinem Verſtecke vor⸗ gleitend, ohne weiteres Hand an den geiſtlichen Her⸗ ren legte, und ihn raſch an Händen und Füßen band. René der wußte daß er von dieſer Seite keinen Angriff zu fürchten, ja nur Hülfe zu hoffen hatte, er⸗ kannte im erſten Augenblick den Burſchen gar nicht, bis Raiteo ſein Geſicht gegen ihn aufhob und mit leiſer Stimme und bedeutungsvollen Zeichen ſagte: „Knebel— ſchnell!“ „Schurke verdammter, wo kommſt Du her?“ rief Renè faſt unwillkürlich.. „Pſt,“ ſagte aber Raiteo, diesmal nicht im min⸗ deſten beleidigt—„Knebel.“ 215 Zeit war aber auch in der That nicht zu verlieren, und kaum hatte der Inſulaner den Knebel auf das geſchickteſte in den Mund des am Boden Liegenden gebracht, von dem er ſich jedoch vorher wohl über⸗ zeugt hatte daß er bewußtlos war, als ſte auch ſchon die Leute die Corallenbank heraufſpringen hörten, und nun raſch um das Haus herum und in das Dickicht ſchlüpften. Mit klopfendem Herzen hörte René wie ſie den Körper ſeines Stellvertreters auffaßten und zum Boot hinunter trugen— dann aber, als die Riemen in das Waſſer einfielen und die regelmäßigen— o ſo wohlbekannten Ruderſchläge an ſein Ohr tönten und weiter und weiter in der Ferne verhallten, da war es ihm als ob eine Centnerlaſt von ſeiner Bruſt gewälzt wäre, und mit der dringenſten Gefahr auch jeder trübe Gedanke aus ſeiner Seele verſchwunden— ſein leichter Sinn ſchwamm wieder in der alten fröhlichen Luſt oben. „Du biſt doch der abgefeimteſte durchtriebenſte Erzſchurke, Raiteo, der ſich denken läßt,“ wandte er ſich lachend an dieſen, der im Anfang nicht recht zu wiſſen ſchien auf welchem Fuß er nun, mit dem eben Befreiten wieder ſtehen würde, ſchon nach dem Klang der Stimme aber vollkommen begriff wie der„weiße Mann nicht Capitain“ die Sache aufnahm, ihn aber das natürlich nicht merken laſſen wollte, und nur mit kläglichem Ton jetzt verſicherte und betheuerte, der „Bodder Aue“ habe ſeinen Schlupfwinkel an weißen Mann Capitain verrathen, und weißer Mann Capi⸗ tain ihn mit vorgehaltener Piſtole und gebundenen Händen gezwungen ſie nach dem von dem Miſſionair bezeichneten Platz hinzuführen. Das erſte war, wie René aus Adolphes eigenem Munde erfahren, in der That ſo, das zweite jedoch kaum wahrſcheinlich, doch nahm der junge Franzöſe den Burſchen eben wie er war, und fühlte ſich auch in ſeiner neugewonnenen Freiheit nicht im min⸗ deſten geneigt auf irgend Jemanden in der weiten Welt zu zürnen; überdies hatte Raiteo doch auch ei⸗ nen Theil ſeiner Schuld wieder gut gemacht, und da⸗ durch jedenfalls Reue über etwa begangene Miſſethat gezeigt. René war übrigens noch zu ſehr mit dem Schiff ſelber beſchäftigt. Die neuen Kanonenſchüſſe verrie⸗ then des Capitains Eile in der er ſchien hier fortzu⸗ kommen— etwas wofür ihn der Befreite in ſeinem Herzen ſegnete, und bald zeigten auch die niederge⸗ holten Lichter daß das Boot an Bord ſei. Noch konnte er die Compaßlampe durch die Nacht erken⸗ nen, aber bald erloſch dieſer ſchwache Punkt eben⸗ falls, und mit dem jetzt aus vollen Backen einſetzen⸗ 217 den Weſt war in kaum einer halben Stunde jede Spur von dem ſo gefürchteten und auch ſo furchtbar geweſenen Schiff verſchwunden. Nichtsdeſtoweniger, und trotz dem Wetter, blieb René die Nacht auf dem erſten Hügel, auf den ihn Raiteo noch hinaufführen mußte, mit dieſem auf Wache, und erſt, als er ſich mit dämmerndem Tage überzeugte daß der Delaware nirgends mehr am Ho⸗ rizont zu erkennen war, flog er mehr als er ging die ſteilen ſchlüpfrigen Hänge hinunter, dem Miſſions⸗ gebäude zu, wo Sadie ſchon in peinlicher Angſt den ausgeſchickten Boten erwartete, der ihr melden ſolle ob das Schiff die Inſel verlaſſen habe. Wie erſchrak das arme Mädchen, als ſie die furcht⸗ bare Gefahr des Geliebten erfuhr, aber den Glück⸗ lichen konnten trübe Erinnerungen oder vergange⸗ nes Leid, die jetzigen frohen Stunden nicht verbittern, und Sadie wie René waren glücklich. Renè hütete ſich übrigens wohl, zu erwähnen was aus dem geiſtlichen Mann geworden ſei, obgleich er natürlich nicht verheimlichen konnte und wollte, daß er durch deſſen freundliche Fürſorge verrathen wor⸗ den, und Raiteo beobachtete ebenfalls in dieſer Hin⸗ ſicht eine höchſt lobenswerthe Discretion. 218 Was war aber aus ihm geworden? Als das Boot nur eben nahe genug zum Schiff gekommen war, daß ſie dort die regelmäßigen Ruder⸗ ſchläge unterſcheiden konnten— ſchrie der Capitain ſchon mit Donnerſtimme hinüber: „Boot ahoy!“ „Ship ahoy!“ lautete die raſche Antwort des Har⸗ puniers—„all right!“ „Scharf meine Jungen, ſchauf— macht daß Ihr an Bord kommt,“ ſchrie die Stimme wieder—„ſteht bei hier mit den Taljen— alles klar?“ „Alles klar Sir,“ lautete die Antwort zweier Ma⸗ troſen, die an den Krahnen ſtanden zu welchen das Boot gehörte, die Taljen niederzulaſſen. „Nieder mit Eueren Blöcken,“ rief's ſchon in dem Augenblick von unten herauf, als daß Boot an die Seite ſchoß und die Ruder, wie mit einem Schlag in die Höhe geworfen, längs hineinfielen—„hier— hakt raſch ein— hinauf mit Euch— all right!“— brüllte der Harpunier wieder durch das Schreien der Leute und das Raſſeln der Ragen oben, die ebenfalls zu gleicher Zeit herumflogen. Seine Leute kletterten raſch an Bord hinauf, nur zwei zurücklaſſend, die an beiden Enden ſtanden und die eingehakten Taljen wahrten, und eine halbe Minute ſpäter ſchwebte das A. Boot nach oben und unter ſeine Krahne, mit dem Deck gleich, während die im Boot Zurückgebliebenen den Gebundenen vorholten und nach Bord hinein⸗ reichten. „Der hat die letzten zehn Minuten geſtrampelt, als ob er ſich die Seele aus dem Leibe treten wollte,“ brummte Bill, als ſie ihn oben über die Schanzklei⸗ dung holten— aber zum Donnerwetter—“ „Zwei Reefen in Vor⸗ und große Marsſegel— fort mit Euch da hinauf!“ ſchrie der Capitain in die⸗ ſem Augenblick; die Leute mußten den Gebundenen, der ſich am Boden wand wie ein Wurm, liegen laſ⸗ ſen und das Niederraſſeln der Raaen, das Heulen der Leute an den Meeftaljen üͤbertäubte für den Au⸗ genblick ſelbſt das, jetzt mit Macht aufkommende Wet⸗ ter. Die nächſte Viertelſtunde nahm das Reefen ſel⸗ ber in Anſpruch, und Niemand kümmerte ſich indeſſen um den unglückſeligen Prieſter. Erſt als die Mann⸗ ſchaft mit dem gewöhnlichen tönenden„Oh— jolly men— hoy die Marsragen wieder aufzog, trat der zweite Harpunier, der nicht mit am Lande geweſen war und ſchon die letzten fünf Minuten die an Deck liegende Geſtalt forſchend und etwas mistrauiſch be⸗ trachtet hatte, auf dieſe zu und ſich zu ihr nieder— biegend rief er erſtaunt: „Why— damn it— das iſt René nicht!“ 220 „Renè nicht?“ antwortete der Capitain, der dicht neben ihm ſtand, mit der Linken eine der Braſſen ge⸗ faßt hatte, und die Blicke auf die aufſteigenden Raaen gerichtet hielt—„wer ſoll's denn ſein?— belay that—— große Marsraae— was liegt an jetzt?“ „Norden halb Weſten,“ tönte die monotone Stimme vom Steuerrad herüber. „Steady then— halt den Cours— wer ſoll's denn ſein Mr. Browning.“ „Weiß nicht Sir,“ ſagte dieſer der, indeß der Capitain die obigen Befehle gegeben, dem Steward zugerufen hatte eine der noch im Spintge ſtehenden Lampe— die vorige Signallaterne— herauszubrin⸗ gen, und mit dieſer vor dem Gebundenen trat— „hallo wen haben wir hier?“ „Hallo Mr. Rowſey,“ rief aber in dieſem Augen⸗ blick der Capitain, der ebenfalls hinangetreten war und jetzt mit in das ihm vollkommen fremde, wilde verſtörte Geſicht des Bruder Rowe ſchaute—„wen zum Henker haben Sie uns da vom Lande mitge⸗ bracht?— haben Ihnen die Indianer die Jammer⸗ geſtalt hier als René verkauft?“ Der alte Harpunier drückte ſich raſch durch die, den Gebundenen umdrängenden Officiere und ſtand, während aller Augen halb erſtaunt halb lachend auf 4 221 ihn gerichtet waren, wohl eine halbe Minute ver⸗ dutzt vor dem, was ihn im erſten Augenblick kaum weniger als eine Erſcheinung deuchte; endlich aber platzte er heraus. „Why— Gott ſtraf mich, das i*ſt ja der Pfaffe.— Den?— Himmeldonnerwetter— den haben wir doch nicht etwa im Boote mitgebracht?“ „So bindet ihn wenigſtens los,“ ſagte der Ca⸗ pitain ruhig, und nur mit Mühe ſein Lachen ver⸗ beißend. Während aber zwei daran gingen die Ban— den aufzuſchneiden und den Gefangenen beſonders von ſeinem Knebel zu befreien, fluchte und wetterte der alte Hardunier auf Deck herum, und ſchien gar nicht übel Luſt zu haben jetzt ſelber über den Miſſionair herzufallen, als ob der arme Mann die Schuld dieſer für ihn ſo traurigen Verwechſelung trage. Bruder Rowe bekam aber kaum ſeinen eigenen Mund frei, als er auch augenblicklich ſeine eigene Meinung von der Sache hatte, über Mord und Ge⸗ walt ſchrie, und verlangte ohne Säumen wieder an Land geſetzt zu werden. Mit Mühe nur bekam man von ihm heraus, daß ſeiner Meinung nach einer der Leute aus dem Boot ihm einen Schlag verſetzt, der ihn bewußtlos niedergeſtreckt und ihn dann wahr⸗ ſcheinlich gebunden und geknebelt hatte. Hiergegen proteſtirte aber der Harpunier als eine Unmöglichkeit, denn ſo lang ſei gar keiner von ſeinen Leuten von ihm entfernt geweſen, das zu bewerkſtelligen. Nichts⸗ deſtoweniger wurden die Leute alle vorgerufen und der Prieſter ſollte jetzt den nennen, den er für den Thäter halte— war das aber nicht im Stande. Der Harpunier erinnerte ſich übrigens einmal Einen die Bank hinaufgeſchickt zu haben nach dem Gebundenen zu ſehn, der war jedoch augenblicklich zurückgekehrt und Adolphe meldete ſich, gleich auf die erſte Frage, ohne weiteres, hatte aber, wie er ruhig bemerkte, nur die Geſtalt am Boden liegen geſehn und ſich um wei⸗ ter Nichts bekümmert. Adolphe war nun allerdings René's Landsmann, und wenn auch bei Manchem, ſelbſt bei dem Capi⸗ tain ein leiſer Verdacht aufſteigen mochte, daß damit nicht Alles richtig hergegangen ſei, ließ ſich auch nicht das mindeſte mit einer Anklage machen, bei der der Kläger ſelber nicht einmal den Thäter erkannte, viel⸗ weniger auf ihn zu ſchwören vermochte. Dazu kam noch der alte Groll, den Wallfiſchfänger gewöhnlich gegen die Miſſionaire, ſehr häufig allerdings unge⸗ gründet, manchmal aber auch mit Urſache haben, und in dem Aerger über das Entkommen des Matroſen miſchte ſich jedenfalls eine gewiſſe Parthie Schaden⸗ freude, daß gerade der Prieſter, der den Seemann ver⸗ 223 rathen hatte, in dieſelbe Grube gefallen war die er dem Andern gegraben, und der Capitain zuckte zuletzt nur mit den Schultern, als der geiſtliche Herr in vollem Zorn verſicherte, er werde ſich an ſeine Re— gierung wenden und volle Genugthuung für dieſe ſchmählige, nichtswürdige Behandlung fordern. Jetzt aber verlangte er vor allen Dingen augen⸗ blicklich und ohne weiteres Säumen wieder an Land geſetzt zu werden. „An Land!“ rief dagegen der Capitain—„jetzt bei dem Wetter? und wenn Sie mir tauſend Dollar Paſſage bis zu der verdammten Inſel zahlten, die ich wollte ich hätte ſie im Leben nicht geſehen, möchte ich keins von meinen Booten und vielweniger mein ganzes Schiff noch einmal zwiſchen die Riffe hinein⸗ wagen.“ Bruder Rowe war außer ſich— aber Drohungen wie Verſprechungen blieben gleich fruchtlos, und das einzige womit ihn der Capitain tröſtete, war, daß er eine der nördlich gelegenen Inſeln wolle anzulaufen ſuchen, von da kö ine er dann ſehen wie er wieder nach Tahiti oder hierher zurückkomme. Zwei Tage ſpäter lief er Bola⸗Bola an, wo er den Rev. Mr. Rowe abſetzte und vierzehn Tage ver⸗ gingen ehe er von dort aus im Stande war ſeinem 224 Schoner wiſſen zu laſſen wo er ſich befand, deſſen Leute unter der Zeit übrigens in vollkommener Ge⸗ müthsruhe, und ohne auch nur einmal nachzufragen weshalb der weiße Mitonare ſie ſo über Nacht ver⸗ laſſen habe, geblieben waren wo ſie ſich gerade be⸗ fanden, ſie hatten ja genug Brodfrucht und Cocos⸗ nüſſe dort, und der Schoner lag ſicher vor Anker, was wollten ſie mehr?— ſie hätten auf die Art noch eben⸗ ſoviele Monate wie Wochen gewartet. *“ 4 Tahiti. Wie nach dem wilden furchtbaren Schlag eines Wetters, der uns das Blut ſtocken machte in den Adern, faſt immer Ruhe eintritt in der Natur, der nur leiſe grollende Donner mehr und mehr verhallt 6 in weiter Ferne, und die Welt, von Sonnenſchein N beglüht, friſch aufathmend und neu belebt im reinen 1 blitzenden Lichte liegt, ſo ſchien ſich alles Leid, das der Himmel für die Liebenden in ſeinen dunklen Wol⸗ 8 V ken geborgen, an dieſem letzten furchtbaren Tage ent⸗ laden— aber auch erſchöpft zu haben. 1 Mit dem, faſt noch während dem Sturm ſcharf 1 und heftig einſetzenden Oſt⸗Paſſat, hätte der Dela⸗ ware jedenfalls eine lange Zeit gebraucht wieder Gerſtäcker's Tahiti. l. 15 4 226 gegen die Inſel aufzukreuzen, wenn er ja noch im Sinn gehabt mit beiſpielloſer Zähigkeit ſein Ziel zu verfolgen. Das aber war, beſonders nach den letzten Erfahrungen, nicht mehr zu fürchten, und wenn auch Mr. Osborne durch das eigenthümliche Verſchwinden ſeines Collegen, deſſen Schooner, wie ihm der fua gleich am andern Morgen meldete, ſeiner harrend in dem kleinen Boothafen lag, beunruhigt wurde, ver⸗ hinderte ihn dies doch nicht die heilige Handlung an den, ihm jetzt nur noch lieber gewordenen jungen Leu⸗ ten zu vollziehen und ſein Kind, ſein liebes, liebes Kind dem Schutz des Fremden anzuvertrauen, den ein wunderliches Geſchick an dieſe Küſte geworfen. Von da an gehörte René zu den Söhnen des Landes, und ſelbſt Raiteo würde nicht mehr gewagt haben verrätheriſch an ihm zu handeln— wenigſtens nicht unter gewöhnlichen Umſtänden. Am meiſten erſtaunt waren aber die Inſulaner über das Verſchwinden des finſteren Mitönare, und Mr. Osborne wollte ſchon 8 betrübende Nachricht ſeines Todes nach Tahiti ſenden, als ſich René doch genöthigt ſah ihm ſeine„Vermuthung“ über den ei⸗ genthümlichen Fall mitzutheilen. Bald darauf kam aber die Nachricht von Bola⸗Bola, daß er dort glück⸗ lich gelandet, und einige Tage ſpäter Mr. Rowe ſelber. Aber er verließ die Inſel wieder, ohne auch 1 — — nur eine Sylbe über ſeine Fahrt zu äußern oder ſelbſt Mr. Osborne aufzuſuchen, in deſſen Hauſe er natürlich den, im vollen Beſitz ſeines erſtrebten Glückes gefunden hätte, der die Urſache ſeiner Schmach geweſen, und gegen den er jetzt einen, wenn auch heimlichen, doch ſo gewaltigeren Haß im Herzen trug. Ihm lag alſo nicht daran gerade jetzt mit ihm zu⸗ ſammenzutreffen. Aber was ſchadete der Haß des finſteren Man⸗ nes den Liebenden?— In ihrem neuen Glück dachten ſie kaum der Außenwelt, und René beſonders, bei dem der Uebergang von wildeſter Verzweiflung zu höchſter Seligkeit in dem Umfange weniger Stunden lag, ſchien ſich im Anfang kaum faſſen zu können in jubelnder, jauchzender Luſt. Der alte Mr. Osborne hatte ſogar alle Hände voll zu thun ihn ſelbſt nur während der kirchlichen Feier im Zaum zu halten, und Mi⸗to⸗na⸗re Ezra trippelte fortwährend um ihn herum, und ſchien ihn um's Leben gern bald an ei⸗ nem Arm, bald an e Beine faſſen zu wollen, nur um den raſtloſen beweglichen Wi— Wi ein ein⸗ ziges Mal feſt und ruhig zu halten, wie es einem anſtändigen Chriſten, der er ja doch einmal werden wolle, gezieme. In einem gleichen Taumel vergingen ihm ſelbſt die nächſten Monate. Des Miſſionairs Rowe Rück⸗ 15* 228 kehr von ſeinem unfreiwilligen Kreuzzug lockte ihm kaum ein Lächeln auf die Lippen, ſo gleichgültig war ihm der Mann geworden, und mit dem Bau für ſeine eigene kleine Heimath beſchäftigt, den er mit vollem fröhlichen Eifer betrieb, fühlte er, daß er jetzt ein neuer Menſch geworden, und die Brücke hinter ſich abgebrochen habe, die ihn bis dahin noch mit der Außenwelt, zu der er nicht mehr gehörte, verbunden. So verging faſt ein volles Jahr und Mr. Os⸗ borne ſelber fing an zu glauben daß Bruder Rowe.— der aber ſeit jenem Tag Atiu nicht wieder betreten, ſondern ſtets einen anderen Geiſtlichen zur Reviſion geſandt hatte, ſeinen Groll gegen die ihm verhaßte Verbindung der jungen Leute— zu der er die Hand geboten— in dem regen ja unruhigen politiſchen Treiben der Hauptinſel, wie in den gefährdeten In⸗ tereſſen ſeines Standes vergeſſen, oder wenigſtens ver⸗ geben habe, wie es dem Verbreiter chriſtlichen Glau⸗ bens und Duldens auch geziame, als ihn eines Tages ein großes verſiegeltes Schreiben des„board of Mis- sionaries“ von England, aus ſeinem Traun nnd Glauben riß. Es war ſeine Abberufung von Atiu und Ver⸗ ſetzung nach Tahiti, gewiſſermaßen unter die Aufſicht der dort die obere Leitung der geiſtlichen ja auch po⸗ litiſchen Angelegenheiten führenden Miſſionaire, unter 229 denen Bruder Rowe eine ſehr vorragende Stellung einnahm— und wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf ihn die Botſchaft. Aber nicht ihn allein; es war die erſte Trauer— botſchaft für die ganze Inſel, und wenn es Sadieens Herz mit Kummer und Sorge füllte, ſetzte ſich der kleine Mi⸗to⸗na⸗re geradezu in ſeine Lieblingsecke im Haus auf den niederen Schemel, und fing an von Herzen weg zu weinen, daß er jetzt ſeinen alten Freund und Gönner, Bodder O-no-so-no verlieren und einen Anderen— vielleicht gar— es übkrlief ihn ordentlich wie mit Fieberfroſt— vielleicht gar den„Bodder Aue“ dafür herüber bekommen ſollte. Sadie hatte kurz vorher dem Gatten ein Mädchen geboren, und wenn es möglich geweſen wäre René's Glück zu erhöhen, ſo hätte es dies neue Gefühl der Vaterfreude thun müſſen. René war auch der Einzige vielleicht, der in einer Ueberſtedelung nach Tahiti nicht das Schmerzliche ſah wie Sadie und Mr. Osborne, denn daß ſie den alten Mann nicht wollten allein nach der fernen Inſel zie⸗ hen laſſen verſtand ſich von ſelbſt. Der Platz hier war ihm lieb und theuer geworden, und nur mit ſchwerem Herzen trennte er ſich davon, aber mit ſei⸗ ner Sadie und ſeinem Kind wußte er auch, daß er ſich die Nachbarinſel ebenſo gut zum Paradieſe ſchaffen konnte, und wenn er auch ungern von ihrem Lieb⸗ lingsplätzchen am ſtillen Strande fchied, das der Er⸗ innerungen ſo viele und theuere für ihn hatte, ent⸗ ſchädigte ihn der Wechſel ſeines Aufenthalts— wenn er ſich darüber auch nicht gerne laut Recht ge⸗ ben mochte— doch in etwas für die liebgewonnenen Stellen. Anders war es mit Sadie;— ihr ganzes Herz hing an dieſer heimathlichen Küſte, die ihr das Leben, die Liebe gegeben, und jedes Blatt, jede Blume die ſie zurücklaſſen ſollte that ihr weh. Auch eine heim⸗ liche, ihr faſt unerklärliche Angſt hatte ſie vor Tahiti; ſie war nur ein einziges Mal mit ihrem Pflegevater dort drüben geweſen, und zwar etwa ein Jahr vor⸗ her, ehe der Delaware an ihrer Inſel landete; aber das Leben und Treiben der fremden bewaffneten Män⸗ ner dort, das kecke Auftreten ihrer eigenen Lands⸗ männinnen, die ewigen Streitigkeiten dort zwiſchen einzelnen ihres Stammes und den Miſſionairen ſel⸗ ber, mit den Uebergriffen die ſich die Franzoſen, von den Kanonen ihrer Kriegsſchiffe beſchützt, in die Rechte ihrer Landsleute erlaubt, hatten das einfache Kind des Waldes tief verletzt, und ſie war damals recht froh geweſen, als der kleine Miſſionscutter endlich wieder die Anker lichtete und dem heimiſchen Strand ent⸗ gegenſtrebte. — — 231 Das Land ſollte jetzt ihre künftige Heimath wer⸗ den, und wie nahender Schmerz lag der Gedanke auf ihrer Seele; ſte konnte ſich nicht daran gewöhnen, und mußte ſich endlich gewaltſam losreißen von dem theueren Ort. Ein gar trauriger Abſchied war es aber beſonders von ihrem Lieblingsplätzchen am Seeſtrand; ſie ſtand lange, lange dort, das Kind am Herzen und das kleine, zum erſten Mal ſorgenſchwere Haupt an die Bruſt des Gatten gelehnt, der ſie feſt und liebend umſchlun⸗ gen hielt. Was für ſüße ſelige Erinnerungen knüpf⸗ ten ſich an dieſen engen Raum, und ihr Herz blutete, wenn ſie daran dachte ihn auf immer verlaſſen zu ſollen. Sie war ſo glücklich hier geweſen— war es noch, und was mehr konnte ihr die ferne Inſel bieten?—. Ach es war ein recht ſchmerzlicher Tag auch für den alten Miſſionair, und als der kleine Miſſions⸗ cutter endlich unter Segel ging, ſtanden die Inſu⸗ laner in weiten Schaaren am Strand, und winkten mit ihren Tüchern, und riefen den Scheidenden ihr Joranna, Joranna nach, über das blaue Waſſer. Und Sadie ſaß an Deck, ihr Kind auf dem Schooß und ſah die Wipfel ihrer Palmen langſam in das Meer tauchen und die Hügel ſich ſenken, und in dem feuchten Abendhauch der über die Waſſer ſtrich, ver⸗ 232 ſchwimmen— und wie die Nacht einbrach ſaß ſie noch, den thränenvollen Blick feſt dorthin geheftet, wo ein Theil ihres Herzens zurückblieb in bitterem Schmerz, ſie mochte ſich ſelber Vorwürfe darüber machen ſoviel ſie wollte. René aber ſtörte ſie nicht in ihrem Gram, und quälte ſie nicht noch mehr mit nutzloſem Troſt; nur ſtill und ſchweigend ſetzte er ſich neben ſie und ruhte ihr Haupt an ſeiner Bruſt, daß ſie ſich dort ſtill und ungehindert ausweinen, aber dann auch wieder neue Kraft finden konnte, an dem Herzen des geliebten Mannes. Die Reiſe war kurz und glücklich, und Mr. Os⸗ borne ſchon in ſeinem neuen Wirkungskreis gekannt, und von den Inſulanern geliebt, zu deren Herzen ſein väterliches mildes Weſen weit eher ſprach, als der ſtarre finſtere Ernſt faſt aller anderen Geiſtlichen. Auch von der Königin Aimata, mit dem Zunamen Pomare, wurde ihm ein freundliches Plätzchen mit Haus und Garten zu ſeinem künftigen Aufenthalts⸗ ort angewieſen, ſo daß er ſich dort wohl hätte wie⸗ der recht wohl und glücklich fühlen können, wäre ihm nicht der unmittelbare Einfluß ſeines jetzigen und hier viel geltenden Gegners in ſeinem ganzen Wirkungs⸗ kreis zu ſichtbar und dadurch ſchmerzlich geworden. Faſt nur auf die Stadt Papetee ſelber dabei be⸗ ſchränkt, wo franzöſiſcher Einfluß und der ſich dem 233 geiſtlichen Joch entringende Sinn der Eingeborenen' die Bevölkerung, wenn auch noch nicht dem anderen Glauben gewonnen, doch ſchon dem ihren ſehr ent⸗ fremdet hatte, waren ihm all jene lieben Pflichten ſeines Berufs— mit den Eingeborenen in ihrer Ein⸗ h fachheit zu verkehren und ſie in der beſſeren Lehre zu feſtigen— genommen worden, und er fand nur zu bald, daß er es hier mit einem ganz anderen Men⸗ ſchenſchlag zu thun habe als auf Atiu. Nicht mehr allein die gutmüthigen Inſulaner die, faſt unberührt von der Außenwelt, ſorglos in den Tag hinein lebten und, wenn ſich Jemand die Mühe dazu gab, auch leicht einer etwas edleren Richtung gewonnen werden konnten, der ſie ihre angeborene Gutmüthigkeit ſchon von ſelbſt entgegentrieb, war es auf Tahiti ein Volk, das nicht mit den Sitten, ſondern faſt nur allein mit den Unſitten der fremden Eindringlinge bekannt ge⸗ v worden, und bei dem— während ihm die Möglich⸗ keit genommen war allein und kräftig auf ſie einzu⸗ wirken— Leichtſinn und Verführung weit ſtärker und mächtiger und mit viel gewaltigeren Waffen arbeitete, ſie aus guten einfachen Menſchen zu allein Möglichen zu machen was ſchlecht und traurig war. Den Glauben an ihre alten Götter hatten die letzten Jahrzehnde, wenn auch noch nicht ganz zer⸗ ſtört, doch ſo erſchüttert und untergraben, daß dieſe 234 frühere Religion jeden Einfluß auf ſie verloren, und während ſie ſich dem chriſtlichen Cultus hingaben und ſich in ſeinen Lehren zu feſtigen ſuchten, ja während die Geiſtlichen noch eifrig bemüht waren ſie den„ein⸗ zig wahren“ Gott kennen zu lehren und ſie beſonders unkluger Weiſe in die Geheimniſſe unſerer Dogmen einzuweihen, kamen plötzlich andere, ebenfalls weiße Männer— Abkömmlinge deſſelben Stammes, mit einem anderen Gott, wenigſtens mit einem anderen Namen deſſelben, aber unter Jehovas Panier, Jeſus Chriſtus als den Heiland erkennend, ſtraften die erſt⸗ gekommenen mit ihren Lehren Lügen, und verlangten von den Inſulanern ſie ſollten zum zweiten Mal den Glauben ändern und jetzt den einzig und„wirklich wahren“ Gott erkennen lernen. Und hatten dieſe recht? ihre alten Miſſionaire donnerten Anathemas von den Kanzeln nieder, gegen ſie, vertrieben die„neuen“ Prieſter aus dem Land, ſolange ſie noch Macht darüber hatten, und ſtellten ſie ihren Gemeinden als Götzenanbeter und Ungläu⸗ bige hin, bis die vertriebenen Prieſter mit einem fran⸗ zöſiſchen Kriegsſchiff zurückgebracht, und unter den Mündungen der Kanonen ihnen das Recht erzwungen worden zu bleiben und den neuen Glauben zu leh⸗ ren— und welchen Eindruck mußte das auf die Kinder dieſer Inſeln machen. 235 Die Maſſe nahm es leicht— ihr Glaube war bei den Meiſten noch nicht ſo ernſter Art geweſen, ihnen das Herz ſchwer zu machen, als ihnen andere Prieſter jetzt bewieſen daß die weißen Miſſionaire, die ſie bis dahin nur mit Scheu und Ehrfurcht be⸗ trachtet, von einer anderen Sekte angefeindet und des Irrthums ja der Lüge beſchuldigt wurden. Viele freuten ſich ſogar eines Zwanges wieder ledig zu wer⸗ den, der anfing ihnen läſtig zu ſein. Andere aber auch, die ſich dem Chriſtlichen Glauben mit voller ungetheilter Kraft und Liebe hingegeben, hörten mit Entſetzen die neue Lehre, nach der ſie ja nur eines anderen Unglaubens wegen ihre alten Götter ver⸗ rathen. Und war der jetzige Glauben der rechte?— Hatte der erſte gelogen, wer ſtand ihnen dann dafür, daß nicht vielleicht in Jahresfriſt ein neues Schiff auch neue Prieſter bringen konnte, die wieder verwar⸗ fen was die jetzigen lehrten?— und wie dann wur⸗ den jene Verſprechungen wahr, die ihnen von einem ewigen Leben gemacht, und derentwegen ſie ihre eige⸗ nen Götter verlaſſen und verſtoßen?— heiliger Gott, war das Alles ein Märchen geweſen, nur von dem weißen Mann erfunden, ſich einzuniſten in ihrem Land, und die Herrſchaft an ſich zu reißen, wie er es gethan? Manche Thräne iſt da im Stillen geweint, man⸗ 236 ches Auge hat da verzweifelnd aufgeblickt, zu den freundlichen Sternen, in deren freundlichen Blinken ſie ſonſt nur Glück und Freude ſahen, denn einer zür⸗ nenden Gottheit Hand lag auf ihrem Land und ſie wußten nicht wohin ſie ſich wenden ſollten, den Strahl abzulenken der ihr Haupt bedrohte. Vor den alten Göttern durften ſie ja nicht wagen ſich wieder nieder⸗ zuwerfen; deren Bilder lagen entehrt— zerſtreut um⸗ her— von den Kindern derer geſchändet, die einſt anbetend vor ihnen den Staub geküßt— und der neue Gott?— Zweifel waren in ihnen wach gerüt⸗ telt dem zu dienen, und in ſtarrem Jammer ſahen ſie die einſt ſo ſonnige Welt ſie öde und troſtlos um⸗ lagern; oder ſie warfen ſich auch im tollen Uebermuth, Gott wie die Götter von ſich ſtoßend, jenem chaoti⸗ ſchen Nichts und mit ihm dem Taumel wilder, zer⸗ ſtörender Vergnügungen in die Arme, der ihnen von den Fremden im reichen vollen Maaß geboten wurde. Solchen Boden mußte der alte Mann mit ſeinem ſtillen traulichen Atiu vertauſchen, und nicht einmal in den ihm nächſten Amtsbrüdern fand er dabei die nöthige Unterſtützung und Hülfe, während ſein klarer Verſtand, wie ſein gutes Herz zu gleicher Zeit auch nur zu deutlich fühlten, wie gerade deren ſtarrer und unduldſamer Fanatismus das Uebel das ſie bekäm⸗ pfen wollten— einer neuen für irrthümlich gehalte⸗ 237 nen Lehre den Eingang zu verweigern— unterſtützte, und dem Feind von den eigenen Truppen ganze 8 Schaaren in's Lager jagte. Der ehrwürdige Bruder Rowe machte ihm beſon⸗ ders das Leben ſchwer, und ſo ſehr er das fühlte und den ihm feindlich geſinnten Mann zu einer offenen Erklärung zwingen wollte, ſo vorſichtig und geſchmei⸗ dig wich dieſer jeder Zeit ihm aus, und ſelbſt der di⸗ rekten Frage hielt er nicht Stand: Jene Zeit war vor⸗ bei, lange vorbei, wie er ſagte, und geſchehene Dinge, wenn man ſie vielleicht auch wieder ungeſchehen ma⸗ chen möchte, nicht mehr zu ändern— in ſeinem Herzen lebte kein Gefühl der Rache oder des Zornes — weshalb auch Rache? weshalb Zorn?— wenn ſich Mr. Osborne Vorwürfe über irgend etwas Ge⸗ ſchehenes zu machen hätte, ſo bedauere er das, aber er ſelber thue es nicht— Mr. Osborne müſſe das mit ſich ſelber ausmachen. Mr. Osborne vertheidigte ſich freilich mit Eifer auch ſelbſt gegen eine ſolche Vermuthung, und ſprach ſich rein von jeder wiſſentlichen Sünde, aber Bruder Rowe antwortete ihm ſtets nur durch ein frommes Ver⸗ drehen der Augen und Achſelzucken, und war freund⸗ licher als je gegen ihm; aber nichtsdeſtoweniger ſchickte er im Geheimen Pfeil auf Pfeil ab gegen den alten Mann, und verkümmerte und trübte dieſem das Leben 238 dermaßen, daß er keiner einzigen Stunde mehr froh und ſein Beruf, der ihm bis dahin eine Luſt und Freude geweſen, ihm zur ſchweren traurigen Laſt wurde. Und dennoch gab er ſich demſelben jetzt mit um ſo größeren Eifer hin; er fühlte daß die gute Sache gerade jetzt am nöthigſten einer Hand bedürfe, die es wirklich gut mit ihr meine, und der es nicht blos um Sieg und Herrſchaft der Einzelnen, ſondern wirklich um das Glück der Eingeborenen zu thun wäre, Fleiß und Zeit daran zu opfern. Die Art aber, wie er dabei ſeiner Ueberzengung folgte, mußte ihm mehr und mehr Gegner unter den Miſſionairen in's Leben rufen, deren ganze Ener⸗ gie, mit nur wenigen Ausnahmen, einem anderen Syſteme zuſtrebte. Dieſe wütheten formlich gegen die „papiſtiſchen Gräuel“ wie ſie es nannten, und die „heidniſche Wirthſchaft“ die plötzlich den Sieg auf dieſen Inſeln errungen, während ſie ſelbſt ſchon ſeit Jahren dagegen gepredigt und alle ihre Macht, wenn auch vergebens, aufgeboten hatten, die fremden Prie⸗ ſter einer anderen Religion fern zu halten. Von den Kanzeln nieder donnerten ſie mit allen nur möglichen und unmöͤglichen Bibelcitaten gegen d die „Unterdrücker des Körpers und der Seele“ die Fran⸗ zoſen an, die ihnen mit ihren Kriegsſchiffen die fremde Sekte aufgezwungen; warnten vor dem Antichriſt, der 239 jetzt unter ihnen herumgehe wie ein brüllender Löwe, zu ſuchen welchen er verſchlinge, und prophezeihten die Wiedereinführung der Götzen und Schlachtopfer, der Kindesmorde und Glaubenskriege. Starrer als je beharrten ſie dabei auf ihren Dogmen und Ar⸗ tikeln; auch die kleinſten Vergehen gegen ihre einge⸗ führten Gebräuche und Ceremonien ihrer Kirche, ja ſelbſt die als heidniſch ausgeſchrienen oft ſelbſt un⸗ ſchuldigen Vergnügungen der Inſulaner, wurden zum Verbrechen, und mit eiſerner Hand wollten ſie die Schaar der Gläubigen, die ihnen noch unverführt und treu anhing, von dem Abgrund zurückhalten, der gierig ihre Seelen zu verſchlingen drohte. Der alte ehrwürdige Mr. Osborne glaubte dem Ziel auf eine andere Art und Weiſe entgegenarbeiten zu müſſen, und ſein gutes Herz zwang ihn ſchon dazu. Er konnte, trotz allen Bemühungen ja Drohungen ſeiner Collegen, nicht dahin gebracht werden die an⸗ dere Lehre zu verdammen, denn mit Recht behaup⸗ tete er, daß gerade dadurch den Inſulanern auch jede Möglichkeit benommen worden ſei zwiſchen den bei⸗ den zu prüfen, wenn von beiden Seiten zu gleicher Zeit Fluch und Verdammung gegen ſie ausgeſprochen wurde. Er zeigte ihnen auch nicht den ſtrengen ern⸗ ſten und unverſöhnlichen Gott, mit deſſen Zorn und Strafgericht die Anderen drohten, ſondern den milden, 240 liebenden Vater, der auch dem irrenden Kinde gern und willig die Hand reiche und den Pfad zeige, mit gutem frommen Herzen darauf zu wandeln, und wa⸗ ren ſie fröhlich dabei, ſangen und tanzten ſie und ſchmückten ſie ihre Haare mit Blumen, ſo warnte er N ſie wohl vor dem Misbrauch ſolcher Freude, aber er ſchrie nicht gleich ſein Anathema über ſie, und ſie hat⸗ ten ihn deshalb lieb und glaubten ſeinen Worten, weil ihr Sinn einen Anklang in ihren Herzen fand. Freilich konnte er aber, trotz alledem, dem tollen und unſittlichen Treiben nicht wehren, das die In⸗ ſeln, und vor allen anderen Tahiti, erfaßt hatte. Durch die jetzt fortwährend hier anlegenden Kriegsſchiffe und Wallfiſchfänger hatte ſich die weibliche Bevölkerung, mit einer nur ſehr geringen Ausnahme, dem Laſter rückſichtslos in die Arme geworfen, und welchen ver⸗ derblichen Einfluß mußte das nicht auf die ganze Be⸗ völkerung der Inſel ausüben. Nur die unendliche Gutmüthigkeit und Harmloſigkeit dieſer Stämme hielt ſte dabei vor einem zügelloſen Ausbruch aller Lei⸗ denſchaften zurück, wie es, unter gleichen Umſtänden, in jedem anderen Land der Welt nicht hätte ausblei⸗ ben können, und es läßt ſich denken welche wunder⸗ liche und unnatürliche Stellung die Miſſionaire in ſolcher Umgebung oft einnehmen mußten. Hierzu kam noch der, zu jener Zeit gerade ſo ver⸗ 241 wickelte politiſche Zuſtand der Inſeln, der eben durch den übergroßen Eifer der Miſſionaire herbeige⸗ führt worden, und mit dem ich den Leſer, ehe ich meine Erzählung wieder aufnehme, jedenfalls erſt vertrauter machen muß. Innere Kämpfe, vorzüglich durch die Ankunft Europäiſcher Schiffe hervorgerufen und genährt, und mit den neu eingeführten Feuerwaffen tödtlich gemacht, hatten die Inſeln ſchon vor der Einführung des Chri⸗ ſtenthums oder der Ankunft chriſtlicher Miſſionaire erſchüttert, und einen Partheienhaß in's Leben geru⸗ fen, der Jahrzehnde wohl unter der Aſche glimmend lag, aber nur einen Anlaß ſuchte wieder hervorzu⸗ brechen und mit erneuter Kraft das wunderſchöne Land zu verwüſten.— Otu der aus einer wunderlichen Urſache den Na⸗ men Pomare*) annahm, wußte ſich, nachdem der *) Der König ſchlug einſt ſein Lager zwiſchen den Bergen auf, und der Platz wo er lag war gerade dem Thau und einer ſcharfen Zugluft ausgeſetzt. In der Nacht erkältete er ſich und bekam einen Huſten, wonach Einer ſeiner Höflinge dieſe Nacht eine Huſten⸗Nacht(von po Nacht und mare Huſten) nannte. Dem König geſiel der Klang des Worts vielleicht, vielleicht hatte er eine andere Urſache, kurz er be⸗ ſchloß ſich von der Zeit an Po-mare zu nennen, und der Titel iſt jetzt, als erblich, auf ſeine Nachkommen überge⸗ gangen. Gerſtäcker's Tahiti. I. 16 242 rechtmäßige Königsſtamm vertrieben worden, zum oberſten Häuptling, ja zum Arii rahi oder König der Inſeln emporzuſchwingen, und es gelang ihm auch, beſonders durch die gerade damals landenden Europäiſchen Schiffe unterſtützt, ſich zu halten und ſeinem Geſchlechte Rang und Würde erblich zu ma⸗ chen. Nichtsdeſtoweniger lebten aber noch Häupt⸗ linge des anderen Stammes, und nicht mit Unrecht glaubte beſonders der Sohn Otus, Pomare II. eine kräftige Stütze ſeiner Macht in den fremden weißen Männern zu erhalten, deren Religion er auch an⸗ nahm, ohne ſich jedoch in ſeinen Sitten viel nach ihnen zu richten— wie er denn auch in Folge ſei⸗ ner Ausſchweifungen hauptſächlich ſtarb.— Ja er ließ ſich ſogar in höchſt unchriſtliche Kriege um ſein Götzenbild Oro ein, in Folge deſſen eine Revolution ausbrach und der König vertrieben, die Miſſion ſel⸗ ber zerſprengt wurde. Der Verluſt ſeiner Macht wurmte aber den König, und vielleicht fühlend daß ihn ſeine anderen Götter nicht genug geſchützt hatten, und von dem neuen Gotte größere Protection erhof⸗ fend, vielleicht niedergebeugt durch manche häusliche Leiden zu gleicher Zeit, denn ſeine Königin war ihm ebenfalls geſtorben, warf er das alte Heidenthum jetzt von ſich, bekehrte ſich öffentlich zum Chriſtenthum und führte dies, mit Hülfe des Oberprieſters Tati, der die 243 ihm bis dahin anvertrauten Götterbilder öffentlich ver⸗ 2 8„* g. brannte, auch auf den übrigen Inſeln ein. Er ſtarb am 30. Nov. 1821 und hinterließ nur einen Sohn von 18 Monaten etwa, den aber die Miſſionaire jetzt in ihrem Sinn und Geiſt zu erziehen hofften, indeß ſie, während ſie ſelber das Staatsruder in Händen führten, die Regentſchaft ſeiner Tante über⸗ trugen. Aber der junge Prinz ſtarb ſchon 1827— die fremde ſtrenge Lebensweiſe in der ihn die Prieſter hielten, konnte ſeine überdies ſchwächliche Natur nicht vertragen, und das Volk rief jetzt, nicht ohne den Ein⸗ fluß ſeiner Lehrer, die die Macht in dieſem Königs⸗ geſchlechte wahren mußten wenn ſie nicht fürchten wollten den kaum befeſtigten Einfluß wieder zu ver⸗ lieren, Aimata die Tochter ihres vorigen Königs und Schweſter des letztverſtorbenen zu ſeiner Herrſcherin aus. 3 Nur gezwungen fügten ſich aber die alten, von dem anderen Königſtamm abzweigenden Häuptlinge, Tati an ihrer Spitze, denn mit des jungen Fürſten Tode bot ſich neue Hoffnung ihren noch nie aufge⸗ gebenen Anſprüchen auf den Thron des Reichs; aber das Chriſtenthum war ſchon zu mächtig geworden 3 im Land, die Miſſionaire beſonders hatten zu großen b Einfluß gewonnen über die Bewohner und ihre Frauen, 16* 244 und jeder andere Anſpruch verſchwand vor der Krone der jungen ſchönen Königin*).* * Die engliſchen Miſſionaire waren jetzt, ſo ſehr ſie ſich auch Mühe gaben jeden politiſchen Einfluß, Europa gegenüber, von ſich zu weiſen, und ſchon X ſeit der Krönung und Salbung des früheren jungen Heerrſchers, die eigentlich regierenden Herren des Lan⸗ des; ſie gaben Geſetze und verwalteten, indem ſie über die Arbeitskräfte des Volkes geboten, die Kaſſen des Landes. In ihren Händen lag dabei der Haupt⸗ Handel der Inſel, denn ihre Unterſtützung vom Mut⸗ terland wurde ihnen natürlich nicht in Geld ſondern in engliſchen Waaren, die ſie zu tüchtigen Preiſen wieder verwertheten, überſandt, und es läßt ſich den⸗ ken daß ſie eiferſüchtig darüber wachten, ſolcher Vor⸗ theile nicht ſo raſch und leicht wieder beraubt zu werden. 17 Eine ſolche Gefahr drohte ihnen aber im Jahr b 1836, wo zwei von den Gambier⸗Inſeln abgeſandte A Katholiſche Prieſter, Laval und Caret ziemlich heim⸗ lich auf Tahiti landeten und dort feſten Fuß zu faſſen *) Aimata oder Pomare IV. iſt etwa 1812 geboren und war zuerſt an einen jungen Häuptling von Tahaa verheira⸗ thet, von dem ſie ſich wieder ſchied und zu ihrem zweiten Gemahl einen anderen jungen Häuptling von Huaheine, einer Nachbar⸗ inſel, nahm. 245 ſuchten. Aber die Proteſtantiſchen Miſſionaire waren auf ihrer Hut und beſchloſſen, der Kraft der von ih⸗ nen gepredigten Lehre und der einfachen Leichtgläubig⸗ keit ihrer Beichtkinder doch nicht ſo recht trauend, die gefährlichen Fremden unter jeder Bedingung und ſo raſch als möglich wieder zu entfernen. Die Prieſter machten indeß der Königin ihre Auf⸗ wartung die ſie in Gegenwart ihrer Miſſionaire em⸗ pfing, und erſuchten ſie ihnen den Aufenthalt zu ge⸗ ſtatten, legten auch, als ſie den Platz wieder ver⸗ ließen, Geſchenke für Pomare nieder, die nach eini⸗ gen Weigern angenommen wurden; nichtsdeſtoweni⸗ ger wurde ihnen in einer nächſten Verſammlung, wo⸗ bei einige der Häuptlinge gegenwärtig waren, und die ſie in Begleitung des Amerikaniſchen Conſuls, Herrn Mörenhaut beſuchten, die Eröffnung gemacht, daß ihnen der Aufenthalt auf dieſen Inſeln nicht geſtattet werden könne. Die Kathollſchen Geiſtlichen proteſtirten dagegen, aber am nächſten Morgen be⸗ kamen ſie die ganz unzweideutige Weiſung der Kö⸗ nigin die Inſel ohne weiteres wieder zu verlaſſen, und als auch hierauf eine direkte Bitte an die Königin, ſte ungehindert hier weilen zu laſſen, Nichts half, ſchloſſen ſie ſich in das ihnen von Mörenhaut gege⸗ bene Haus ein, und wichen nur erſt der förmlichen Gewalt, denn die von den Proteſtantiſchen Miſſio⸗ 84 nairen abgeſchickte Polizei kletterte am Haus hinauf, ſtieg durch das Dach, und trug die Prieſter, die nicht gutwillig gehen wollten, wieder auf ihr Fahr⸗ zeug zurück. Dieſe That ſollte nicht ohne traurige Folgen für die Inſeln bleiben, denn die religiöſe Unduldſamkeit der Miſſionaire öffnete dem ſchon darauf harrenden Feind die Thore, gab Frankreich einen erwünſchten Vorwand ſeinen Handel wie ſeine Religion dort vor allen Dingen zu befeſtigen, und dann die ganze Inſel, als ſeiner Schiffahrt günſtig gelegen, zu beſetzen. Caret reiſte nach Frankreich, dort Genugthuung für die erlittene Behandlung zu erbitten, und dem Admiral Du Petit Thouars wurde es aufgetragen ein ſchwa⸗ ches friedliches Reich zu unterwerfen, das bis dahin noch keinem Fremden Uebles gethan, ſondern Alle, gleichviel von welchem Lande, von welcher Religion in gaſtlicher Herzlichkeit bei ſich aufgenommen hatte, bis jene fremden Prieſter ſelber einander befehdeten und Leid und Unheil über jene ſchönen Küſten brach⸗ ten, die Gottes Vaterhuld mit Allem ausgeſchmückt was groß und herrlich war. Im Auguſt 1838 ankerte die Fregatte Venus auf der Rhede von Papetee, und Du Petit Thouars er⸗ klärte der Königin Pomare in einem Schreiben, daß er gekommen ſei für die unwürdige Behandlung mehrer —— 247 Franzöſiſcher Unterthanen, vorzüglich aber der beiden von hier erilirten Prieſter Caret und Laval Genug⸗ thuung zu fordern, und jetzt vor allen Dingen eine ſchriftliche Entſchuldigung der Königin, die Summe von 2000 Spaniſchen Dollarn als Entſchädigung für die erlittene Unbill der Prieſter, und die Begrüßung der Franzöſiſchen Flagge mit 21 Kanonenſchüſſen ver⸗ lange. Widrigenfalls drohten die Mündungen der Geſchütze Vernichtung über den offen und ſchutzlos daliegenden Strand. Die arme Pomare hatte keine Wahl; ſie ſchrieb den Brief, erbat ſich das Pulver ſelbſt von der Fran⸗ zöͤſiſchen Fregatte zu den verlangten Schüſſen, und die Miſſionaire, deren Eigenthum bei einer Kanonade auch am meiſten bedroht geweſen wären, collectirten das Geld theils unter ſich, theils bei anderen Engländern und Amerikanern der Inſeln, und befriedigten damit den Franzöſiſchen Admiral. Aber Du Petit Thouars ging weiter, und nicht bedenkend daß ein ſchwaches Volk daſſelbe Recht, wenn auch nicht dieſelbe Macht habe, ihm misliebige Per⸗ ſonen von ſich fern zu halten, und vielleicht von ei⸗ nem etwas rachſüchtigen Gefühl gegen die allerdings übermüthigen Proteſtantiſchen Prieſter geleitet, er⸗ zwang er noch außerdem einen Vertrag von den Ein⸗ geborenen, nach dem allen Franzoſen:„was auch 248 immer ihr Gewerbe ſei“(alſo auch den Franzöͤſiſchen Katholiſchen Miſſionairen) das Recht zuſtehen ſollte, ſich niederzulaſſen und Handel zu treiben auf allen Inſeln.. Ein bald nach ihm kommendes Kriegsſchiff, die Artemiſe, Capitain La Place ging noch weiter und verlangte und erhielt— denn wie hätten ſich ihm die Tahitier widerſetzen können— volle Religionsfreiheit für alle Katholiken und einen Bauplatz für eine Ka⸗ tholiſche Kirche.. Wenn aber auch die Proteſtantiſchen Miſſtonaire dieſe Vorgänge mit ſtillem, freilich deshalb nicht min⸗ der heftigem Unmuth dulden mußten, gab es doch eine Parthei auf Tahiti, die mit Freuden einen Wech⸗ ſel in den politiſchen Verhältniſſen hereinbrechen ſah, den ſie bis dahin kaum für möglich gehalten. Es waren dies die von den Pomaren ihrer Macht be⸗ raubten Häuptlinge, die nur mit heimlichem Grimm die Oberherrſchaft der fremden ihnen feindlich geſinn⸗ ten Prieſter gefühlt, und. vergebens geſucht hatten ihnen entgegen zu arbeiten. Nicht mit Unrecht hoff⸗ ten dieſe, daß die neuen, einer anderen Sekte zugehöri⸗ gen Prieſter den Einfluß jener ſtolzen Männer ſchwä⸗ chen müßten, und einmal dieſer Stütze beraubt, und der Thron der Pomaren ſtand auch nicht ſo uner⸗ ſchütterlich mehr. Noch aber hatten die Engliſchen 249 Miſſionaire die Zügel in den Händen, und als das Franzöſiſche Kriegsſchiff die Küſte wieder verlaſſen, donnerten ſie von den Kanzeln mit allem Ingrimm des hartnäckigſten Fanatismus gegen die neue Lehre, deren Symbole ſie mit den früheren heidniſchen Uebun⸗ gen der Inſulaner ſelber verglichen, und deren Lehren dem hölliſchen Abgrund gerade zuführten. Die Katholiſche Religion machte nur geringe Fort⸗ ſchritte, die Proteſtantiſchen Miſſionaire behaupteten ihre Macht, und wenn auch ſchon des Zweifels Saa⸗ men war eingeſtreut worden in die Herzen der armen Inſulaner, die mit Entſetzen Feinde ihres Gl laubens in demſelben Volk erſtehen ſahen, das ihnen den neuen Gott gebracht, dauerte das dem heißen ungeduldigen Blut der unruhigen Häuptlinge zu lang, und mit der ſchon faſt erſtorbenen Hoffnung einſtigen Sieges friſch angefacht, harrten ſie, nicht ſtark genug ihn ſelber zu führen, einem friſchen Schlag wider die Machi ihrer Nebenbuhler ſehnſüchtig entgegen. Einen halben Bundesgenoſſen, Jemanden wenig⸗ ſtens, der der Franzöſiſchen Sache eng ergeben und den Proteſtantiſchen Miſſionairen nicht beſonders geneigt war, hatten ſie in dem früheren Amerikani⸗ ſchen Conſul Mörenhout, der dem Pietiſtiſchen Weſen der Proteſtanten theils abhold, anderſeits auch ſeinen eigenen Nutzen durch die Oberherrſchaft der Franzoſen 250 zu befördern glaubte, unter deren Schutz oder Pro⸗ tectorat er jetzt die Inſeln zu bringen ſuchte. Ob er ſeinen Freunden, den unzufriedenen Häupt⸗ lingen ſeine ganzen Pläne mittheilte, iſt nicht bekannt, aber ſoviel gewiß, daß im September 1842, als die Franzöſiſche Fregatte Reine Blanche unter dem, vor— geſchobener Unbilden wegen neue enorme Forderungen ſtellenden Admiral Du Petit Thouars vor Papetee ankerte, die vier Häuptlinge Tati, Raiata, Utami und Hitoti mit Mörenhout an Bord gingen, und dort einen Vertrag unterzeichneten, in welchem ſie den Ad⸗ miral baten, da ſie nicht im Stande wären ihr Land jetzt ſo zu regieren mit anderen mächtigeren Regie⸗ rungen in Frieden zu leben, ihre Inſeln unter den Schutz ſeines Königs zu nehmen, der ihnen jedoch, neben der Religionsfreiheit, alle übrigen Rechte un⸗ bekümmert ließ und garantirte. 4 Die Einwilligung der Königin, die jeden Augen⸗ blick ihre Entbindung entgegenſah, wurde unter der Drohung des Franzöſtſchen Admirals von 10,000 Dollar Entſchädigungsſumme für allerdings nur ima⸗ ginäre Unbill, oder volle Beſitznahme der Inſeln im Namen Sr. Majeſtät, des Königs von Frankreich er⸗ zwungen und, ſelbſt die Clauſel eingeſchloſſen, die den Proteſtantiſchen Miſſionairen, der neuen Macht gegen⸗ über, völlig die Hände band, daß nämlich„irgend ein 251 Mann, der das Tahitiſche Volk mit Wort oder That gegen die Franzöſiſche Regierung einzunehmen ſuche, verbannt werden ſolle von den Inſeln.“ In dieſer Zeit aber war gerade der Mann abwe⸗ ſend von Tahiti, der bis dahin den meiſten Einfluß als Proteſtantiſcher Geiſtlicher ſowohl wie mehr irdi⸗ ſcher Richter auf die Königin gehabt. Mr. Pritchard war nach England gegangen, die Engliſche Regierung für das kleine Inſel⸗Reich zu intereſſiren und es gegen die wohl vorhergeſehenen und gefürchteten Uebergriffe Katholiſcher Prieſter ſowohl wie Franzöſiſcher Kriegs⸗ ſchiffe zu ſchützen; aber die zurückgebliebenen Miſſto⸗ naire hofften deſtomehr auf dieſe Hülfe, zu der ſie, wie ſie glaubten, die neue Ungerechtigkeit des Fran⸗ zöͤſiſchen Befehls habers jetzt nur noch mehr berechtigte, wenn nicht dem Engliſchen Volk auch der letzte Ein⸗ fluß auf dieſe Inſeln entzogen werden ſollte. Kaum hatte deshalb Du Petit Thouars die In⸗ ſeln wieder verlaſſen als ſie, jedes Vertrags ungeach⸗ tet, an den ſie ſich nicht gebunden erklärten, und die Königin ſelber, da er ihr abgezwungen worden, da— von entbanden, frei und offen in ihren Kirchen das Entſetzliche der Gefahr ſchilderten, in der die Seelen ihrer Beichtkinder ſchwebten, von dem Antichriſt an ſich gezogen und zerſtört zu werden. Der blinde Fa⸗ natismus Einzelner trieb ſchon zum Aeußerſten, keine k 252 Folgen der rückkehrenden Kriegsſchiffe berechnend, hät⸗ ten Andere nicht den wilden Eifer gedämmt, einen günſtigen Zeitpunkt wenigſtens zu erwarten den„pa⸗ piſtiſchen Gräueln“ mit einem gewaltigen Schlag ein Ende zu machen. So ſtanden die Sachen im Herbſt des Jahres 1843, und während die Bewohner Tahitis theils Parthei für ihre Miſſionaire ergriffen, theils in kalter Gleichgültigkeit den Streitigkeiten der„beiden weißen Gotte“ zuſahen und ihren Erfolg abwarteten, arbei⸗ teten die Proteſtanten unverdroſſen ihrem einen Ziel entgegen, und die unruhigen Häuptlinge ſuchten ver⸗ gebens den Conflikt zu ihren Gunſten auszubeuten. Die Franzoſen hatten verſprochen ihre Bundesgenoſſen zu werden, und ſie in ihren gerechten Anſprüchen zu unterſtützen, und jetzt befeſtigten ſie nur die eigene Macht auf den Inſeln und brachen der fremden Lehre Bahn— was kümmerte die trotzigen Herzen ein neuer Name Gottes. Capitel 9. Die vier Häuptlinge. Ein ſonniger Himmel ſpannte ſich über die wild⸗ zerriſſenen aber bis in ihre höchſten Kuppen bewal⸗ deten Berge von Tahiti; aus den tiefen Thälern ſtiegen in feſten, zuſammengedrängten Maſſen die weißen ſchwankenden Schwaden auf, und wollten ſich ausbreiten gegen den mächtigen Feind, aber die ſen⸗ genden Strahlen trieben ſie zurück, hinein wieder in Schlucht und Bergeshang, und hie und da niederge⸗ preßt auf eine Halde, oder hingetrieben von dem necki⸗ ſchen Seewind über den ſaftigen Anwuchs breitblätt⸗ riger Feis*), mußten ſie ſich wohl dicht an den Bo⸗ *) Wilde Piſang. 254 den ſchmiegen, unter Laub und Buſch, dem einſamen Jaäger das wunderliche Schauſpiel einer Schneeland⸗ ſchaft in den Tropen bietend, ſo weiß und weich lagen ſie unter Buſch und Strauch und füllten die Thäler aus, Inſeln bildend aus Kuppe und Kraterhang. Und die Palmen im Thal unten ſchüttelten den Thau aus ihren wehenden Kronen, und rauſchten und flüſterten dem Morgenwind ihren Gruß ent⸗ gegen; aus dem Schatten eines mächtigen Wibaums*) flötete der Omaomao*s), die Tahitiſche Droſſel und der gellende Schrei der Möve, die über dem ſpiegel⸗ glatten, cryſtallhellen Binnenwaſſer der Riffe nach Beute ſtrich, miſchte ſich darein. Von fern herüber aber donnerte klar und gewaltig das Braufen der ewigen Brandung über die Corallenwälle, die in ei⸗ nem weiten, nur an ſehr wenigen Stellen kaum un⸗ terbrochenen Kreis all dieſe Inſeln umgeben, als ob *) Der Wibaum oder die Braſilianiſche Pflaume(spon- dias dulcis) hat mit den ſtärkſten Stamm auf den Inſeln— oft bis 4 und 5 Fuß im Durchmeſſer. Die Rinde iſt grau und glatt und er trägt eine förmliche Maſſe großer pflaumen⸗ artiger ſaftiger Früchte von angenehmen Geſchmack. **) Der Omaomacv, die Tahitiſche Droſſel, und der einzige wirkliche Singvogel, wenigſtens der bedeutendſte, der Inſeln. Er iſt gelb und braun gefleckt, und von der Größe einer Droſſel, mit der ſein Geſang auch etwas Aehnliches hat. Von Geſtalt iſt er etwas ſchlanker. 25⁵5 ſie das freundliche Land ſchützen wollten gegen den wilden ungeſtümen Andrang der Wogen und ihre zerſtörende Macht— die Elemente waren freundlicher gegen dies Paradies als die Menſchen. Weit aus nach allen Seiten breitete dabei das blaue Meer, hie und da über die Fläche blitzte der Schein eines hellen Segels, und aus der Ferne her⸗ über ragten die ſchroffen pittoresken Kuppen Imeos oder Moreas, mit dem Palmengürtel, der den Fuß ihrer Berge umſchloß, eben ſichtbar über dem Meeres⸗ ſpiegel. Maſſen von kleinen ſchlanken Canoes, den Luvbaum*) an der Seite, der das ſchwanke Fahr⸗ zeug vor dem Umſchlagen wahren ſollte, glitten über das blitzende Binnenwaſſer, aus den Corallen herauf, mit Harpune oder Netz ihr Mahl zu holen, und oft untek der ſtürzenden Brandung hin, der kochenden Woge wie im Sprung entgehend, ſchoß der ſchwanke Bau wie ein dunkler Streif durch den ſchneeigen Schaum, und das braune trotzige Geſicht warf ſich den Giſcht aus dem lockigen Haar mit fröhlichem Lachen. *) Ein, an der einen Seite des Canves, durch Queerhölzer etwa drei oder vier Fuß vom Fahrzeug ſelber ausgehaltener Baum, eine Art Kufe von leichtem Holz, die auf dem Waſſer liegt und mitſchwimmt, und nur dazu dient das leichte ſchwanke Fahrzeug vor dem Umſchlagen zu bewahren. 256 Wie lauſchig und verſteckt lagen die Hütten der Eingeborenen in jenen ſchattigen Hainen, die das Ufer mit ihrem ſchwellenden Grün überzogen, und aus dem heraus ſich die prachtvollen Cocospalmen noch weit über den Meeresſpiegel beugten, als ob ſie ihr Bild wiederfinden wollten in dem Cryſtall da unten. Wie dufteten die Orangen und Citronen, die ſchneeigen Sternblumen und die Mangablüthe ſo ſüß; das Bananenblatt zitterte und raſchelte in dem Zephyr, der ſich durch Blum und Blüthe ſtahl, feine Bahn zu ſuchen, den Klüften der Berge zu, und der ſtattliche Brodfruchtbaum drängte ſich mit ſeinen ge⸗ fingerten einzelnen Bläͤttern in das ſtattliche Laub der Mape; die Papaya ſchüttelte ihre Kelche aus auf Ananas und Tappo⸗Tappo⸗), die köſtlichen Früchte dieſer Zone, und tief im ſchattigen Laub verſteckt glühten duftende Blüthen, und hoben ihre Kelche dem ſonnigen Licht entgegen. Es war ein Paradies das Gottes milde Vater⸗ hand erſchaffen, ein Paradies von ſeinem Athem durch⸗ weht, und Seiner Werke Herrlichkeit kündend zu jeder Stunde— ein Paradies das nur die Leidenſchaft *) Mape, Tahitiſche Kaſtanie. Die Papaya eine von Bra⸗ ſtlien herüber gekommene, der Melone ähnliche aber auf ei⸗ nem Baum wachſende Frucht. Der Tappo⸗Tappo der Eng⸗ liſche Cromeapfel. 257 und das trotzige Herz des Menſchen oft, ach wie oft, ſo muth⸗ und böswillig verdarb und zerſtörte und Haß und Schmerz ſäete, ſelbſt zwiſchen dieſe Palmen, und den Frieden verjagte, der auf den ſtillen Matten in heiterer Ruhe lagerte. Ehrgeiz und Fanatismus, Sinnlichkeit, Geldgier und ſorgloſer Leichtſinn reich⸗ ten ſich einander die Hand und der Indianer, der gaſtliche Herr dieſes Aufenthalts in dem Engel hätten ſchwelgen können, ſah in kurzſichtiger Luſt wie die fremden Männer Spiel nach Spiel in ſein Canoe häuften, es ſchmückten und verzierten und beluden— bis es ſank. Sorgloſe Kinder des Augenblicks, denen Palme und Brodfrucht jeden Tag gaben was der Tag be⸗ gehrte, was kümmerte ſie die Zukunft? Der bunte Flittertand freute ſte, jeder goldenen, blitzenden Ma⸗ ſche jubelten ſie entgegen, und ahneten das Netz nicht, das ſich langſam aber ſicher daraus wob, ſie nieder⸗ zuziehen aus ihrem Himmel. Aber nicht Alle theilten dieſe Apathie an den Er⸗ eigniſſen des Tages, denen das Volk kaum das Ohr lieh wenn ſie geſchehen; wie die Proteſtantiſchen Miſ⸗ ſionaire um den erſchütterten Stamm die Wurzeln wieder tiefer ſenkten und gruben, ihm mehr Feſtig⸗ keit zu gehen bei dem nächſten Sturm, ſo nagte der Ehrgeiz, und andere Leidenſchaften vielleicht, an den Gerſtäcker's Tahiti. I. 4 17 4 24 „* * 258 Herzen jener ſtolzen Häuptlinge, die Königsblut in ihren Adern fühlten, und der ſtille Frieden ſelbſt der ſie umgab reizte den ſchlafenden Grimm in ihrer Bruſt, und wandelte ihnen ihr Paradies zu einem Aufent⸗ halt der Qual. In Papara, dem ſüdweſtlichen Theil von Tahiti ſtand, von mächtigen Mapebäumen beſchattet, dicht am Uferrand eines kleinen klaren Bergbachs, der ſpru⸗ delnd und ſilberrein aus den Bergen niederſprang, eine jener breitovalen, aus Bambus errichteten und mit den Blättern der Pandanus dicht gedeckten Hüt⸗ tten, um die ſich der weiche Raſen ſchloß und der Brod⸗ fllichtbäume und wehende Palmen das Dach bildeten, den ſengenden Sonnenſtrahl abzuhalten von dem ſtil⸗ len Platz. Ein lauſchiges Halbdunkel lagerte auf dem nur leiſe rauſchenden, flüſternden Hain, dem die von der Briſe kaum bewegten Waſſer tauſend und tauſend kleine funkelnde Lichter entgegenblitzten. Aber keine fröhliche Kinderſchaar ſpielte und ſprang hier am Muſchelſtrand, oder ſchaukelte ſich an langem, in die Wipfel der Palmen geknüpften Baſtſeil weit und keck hinaus über den korallendrohenden Waſſer⸗ ſpiegel; kein ſchlankes Weib mit blumengeſchmücktem Haar ſammelte die Frucht von dem nahen Baum und breitete das reinliche Hidiscusblatt zum friſchen Mahl. Nur an den Stamm einer Palme gelehnt, 259 die Lenden mit dem pareu, noch aus der auf der Inſel ſelbſt gefertigten Tapa*) umwunden, deren gelbbraune Falten ihm faſt bis zum Knie niederfie⸗ len, während Bein, Schultern und Leib die zierlichen blauen Linien der alten, und durch die Miſſionaire ſonſt faſt überall verpönten Tattowirungen zeiggh, lehnte ein Inſulaner und ſchaute ſtill und ſchweigend, wie in tiefem Nachdenken verſenkt, auf das weite ſon⸗ nige tiefblaue Meer hinaus, das ſeinen Strand be⸗ ſpühlte. Es war eine edle, kräftige Geſtalt wie ſie da ſtand unter der Königin des Waldes, und das weiche ra⸗ benſchwarze lockige Haar fiel ihr, ungleich der from⸗ men von den Proteſtantiſchen Geiſtlichen eingeführ⸗ ten Sitte es kurz abzuſchneiden, voll und lang um die Schläfe, bis auf die Schultern nieder. Aber keine Blume ſtak darin oder hinter dem Ohr, noch glänzte ſonſt ein Schmuck an Arm, Hals oder Handgelenk, und die kühnen Züge und Arabesken des Tattowirers, alte heidniſche Zeichen mit Haifiſchzähnen in unver⸗ gehbaren Punkten der Haut eingegraben, lagen faſt *) Das eigenthümliche Gewebe dieſer Inſeln, das die Frauen aus der Leaopregen Rinde verſchiedener Bäume, die ſie vorher zu feſter Maſſe mneten ſo lange ausſchlagen, bis ein dünnes, diemüſſ dauerhaftes Zeug daraus wird. „ I 260 drohend auf den vollgeſpannten Muskeln und Seh⸗ nen der nervigen Glieder. Da wurden leiſe aber regelmäßige Schritte im Laube laut— näher und näher kamen ſie heran, und eine andere Geſtalt erſchien unter den ſchattigen Blüthe und Frucht bedeckten Orangen; aber der Sinnende hörte die Schritte nicht, ſeinem Träumen willenlos hingegeben, und der Neugekommene ſtand mit ver⸗ ſchränkten Armen wohl mehrere Minuten lang ſchwei⸗ gend neben ihm, indeß ſein Blick in tiefem Ernſt und Sinnen auf ihm haftete. Dem Aeußeren nach aber war es eine andere Geſtalt, als die des ernſten Träumers an der Palme; ſeine Lenden umſchloß, wie bei dem Erſten nur ein etwas bunterer Pareu, der Oberkörper ſtak aber in einem noch bunteren Oberhemd, und unter den, mit wohlriechendem Oel geſalbten Locken vor leuchteten die eben aufgebrochenen Knospen des Cap⸗Jasmin, jener reizenden lilienartigen Gardenia mit dem vollen Narciſſenduft. Die Beine waren nackt, und die alten Tättowirungen auch quf ihnen ſichtbar, aber der Pareu ging tief hinab und verhüllte das meiſte davon, bis auf die zierlich gezeichneten Palmen, deren T Wurzeln auf den Hacken ſaßen während der Stamm am hin⸗ teren Theil des Beines ſchlank und zierlich hinauf lief, ſich über den Waden mit ſeinen breiten, feder⸗ 261 artigen Blattkronen auszubreiten. In der Hand trug er einen ſchlanken langen Bogen und einige buntbe⸗ fiederte Pfeile mit Eiſenſpitzen(keine Waffen in jener Zeit, wo die inneren Kriege aufgehört hatten, und die Inſulaner recht gut die Nichtigkeit ſolcher Wehr gegen Feuerwaffen erkannten, ſondern mehr ein Spielzeug oder beſſer geſagt ein Uebungsſpiel der Vornehmen, das beſonders der Lieblingszeitvertreib des vorigen Königs geweſen) und um den Scheitel zog ſich ihm ein wunderlich geflochtener Kranz von Gardenien mit den ſilberweißen Faſern der Arrowroot und kleinen rothen Blüthen bunt durchwebt. „Joranna Tati!“ rief er endlich lachend, als er wohl glaubte den Sinnenden ſeinen Betrachtungen lange genug überlaſſen zu haben, und während ein leichtes Lächeln ſeine ſchönen Züge überflog—„Jo⸗ ranna Mann, und was hängſt Du den Kopf und ſchauſt ſo ſtill und brütend vor Dich hin, als ob Du“— es zuckte ſpöttiſch um ſeinen Mund—„plötz⸗ lich ein Miſſionair geworden wäreſt? Wollen Dich die frommen Väter vielleicht nath den Gambier⸗Inſeln ſenden, ihren„Brüdern in Chriſto“ dort Gleiches mit Gleichem zu vergelten, und bereiteſt Du Dich vor den Neubekehrten da drüben zu beweiſen, daß man nur des Himmels Seligkeit erndten könne, wenn man die Mundwinkel an beiden Seiten herunterhängen * 262 laſſe, und das Weiße der Augen zeige in brünſtigem Gebet?“— Tati, denn der Häuptling war es, ſchaute raſch und finſter auf bei dem Gruß, und ſeine Züge heiter⸗ ten ſich nicht auf, als er den bunten Schmuck und Tant erkannte, mit dem ſich der Freund behangen. „Du ſiehſt aus als ob Du zum Tanze gingſt mit den Areois*), Paofai,“ ſagte er ernſt, ohne den Gruß zu erwiedern,„ein Richter des Landes ſollte ſich das Schickſal deſſelben zu Herzen nehmen, in ſo ſchwerer Zeit!“ „Das Schickſal?“ lachte Paofai, die Locken ſchüttelnd, daß die Blüthen auf ſeine Schultern nie⸗ derfielen,„das Schickſal liegt in der Hand jedes Ein⸗ zelnen für ſich ſelbſt, und die ihre Nacken dem Joch gutwillig neigen, dürfen nachher nicht klagen wenn es ſie drückt. Wer, beim Oro, heißt die fröhlichen Kinder unſerer ſchönen Inſeln ſich den Fremden beu⸗ gen und die Knie wund reiben vor einem Gott, der uns bis jetzt nur Arbeit und Krankheiten, nur Haß und Feindſchaft geſchickt hat aus fernem Land?— Ich für mein Theil bin es müͤde die helle Schatti⸗ 4 *) Areois, die früheren heidniſchen Jänzer auf den In⸗ ſeln, die eine gewiſſe, ſogar religiöſe aber wüſte Sekte bilde⸗ ten und von Inſel zu Inſel zogen ihre Orgien zu feiern. —— 263 rung einer Haut, und Kenntniſſe die dem Träger hier, wo er ſie nicht gebrauchen kann, nur zur Laſt ſind, höher geſchätzt zu ſehn als das, was unſere Väter ehrten.— Gleisneriſche Worte— Oros Zorn über ſie, daß ſie zu Gift würden in dem Mund ihrer Träger.“— „Und wer iſt Schuld als wir ſelber, daß wir's ſo lange zu tragen haben?“ rief Tati ſich hoch und ſtolz emporrichtend,„ruht nicht der Fluch unſerer Göt⸗ ter auf dieſem Lande, ſeit jene knechtiſchen Pomare's den Scepter führen, ja liegt nicht ſelbſt die junge Königin in der Gewalt dieſer ſchleichenden Prieſter, die ſich nur immer die Diener des Herrn nennen, und dabei den Fuß ſelber auf die Nacken der Arii Rahi's*) dieſes Landes zu ſetzen wagen?“ „Und weißt Du daß ſte das Volk wieder zuſam⸗ menrufen wollen zu neuem Unheil?“ frug Paofai lauernd. „Sie wagen es nicht,“ ſagte Tati verächtlich mit dem Kopfe ſchüttelnd„ſie wagen es nicht, denn ihre Häuſer ſtehn breit und bequem gleich vorn am Strand, und die eiſernen Kugeln des nächſten Fran⸗ zöſiſchen Schiffes mähten ſie nieder.“ *) Die e oherſten, aus fürſtlichem Blut ent⸗ ſproſſenen Häͤupt inge. 264 „Aber ſie hoffen auf Englands Schutz!“ rief Pao⸗ foi,„und Piritati*) iſt dorthin gegangen Hülfe zu holen für ſich und die Seinen.“ „Bah, der Weg iſt lang,“ ſagte Tati verächtlich, nund die Engländer haben einen großen Mund; ſie ſind kalt und ohne Herz wie ihr Gott, und ſo geizig, daß ſie dem nicht einmal opfern laſſen, ſondern Cocosöl und Perlmutterſchalen fortführen auf ihren Schiffen und die Schweine ſelber eſſen— Piritati wird kom⸗ men und Verſprechungen bringen.“ „Aber ſie warten nicht bis er kommt!“ entgegnete Paofai—„der tolle Uebermuth der Prieſter, mit dem ſie ſich ſo lange eine wirkliche Macht vorgelogen ha⸗ ben, bis ſie ſie ſelber glauben, läßt ſie jede Vorſicht vergeſſen, und um den Augenblick als Heilige und Halbgötter vor dem Volk zu ſtehn, wagen ſie ihre Exiſtenz.“ „Sie haͤtten recht— die Feranis werden uns auch nimmer den Segen bringen,“ ſagte Tati finſter— „mich reut ſchon die Hand die ich dabei im Spiel ge⸗ habt, denn der gierige Wi Wi ſcheint Luſt an der Beute zu bekommen, nach der er ſchon zweimal die Krallen ausgeſtreckt. So lange noch ein Fremder auf dieſer Inſel lebt, blüht uns kein Friede und wir *) In ihrer Ausſprache Pritchard. 265 warfen uns ſelbſt hinaus, als wir den Gleisnern einſt den Aufenthalt geſtatteten, und den Bambus ſchlugen zu ihren Hütten— wir hätten ihr Grab graben ſollen.“ „Ha dort kommt Botſchaft von Papetee!“ rief Paofoi plötzlich, und deutete mit dem Arm hinaus in das Binnenwaſſer der Riffe, über das hin ein leichtes Canoe, von zwei Indianern gerudert, mit zwei An⸗ deren im Hintertheil deſſelben, raſch über die klare Fluth herbeiſchoß. Schon von weitem erkannten ſte die beiden Häuptlinge Paraita und Utami und Tati ſagte finſter:. „Deren Eile kündet ſchon vorher des Kommens Grund, und der Feind iſt uns ins Lager gerückt— o daß er die Streitart mit ſich brächte und den Speer, und nicht ewig das todte Wort mit Singen und Beten.“ Die beiden Männer erwarteten jetzt ſchweigend die Ankunft des Canoes, das draußen um eine etwas weit auszweigende Corallenſpitze bog, und dann im geraden Strich auf den Platz zuſchnitt auf dem die beiden Häuptlinge ſtanden, und deſſen helleres Dach ſich ſchon von weiten, als treffliche Landmarke, er⸗ kennen ließ. „Ha ſteh nur Utamis Geſicht!“ rief da Paofai, als beide Führer endlich landeten und an's Ufer 266 ſprangen—„der dunkle Zug über der Stirn deutet bei ihm nichts Gutes— es iſt wie ich geſagt!“ „Gruß Euch und Frieden— Joranna, Joranna bo-y!“ riefen die beiden Männer, als ſie den Schat⸗ tenrand betraten, den die Fruchtbäume und Palmen der ſenkrecht ſtehenden Sonne abgezwungen. „Joranna Utami— Joranna Paraita, und was führt Euch über das Waſſer im Aoatea, wenn die Sonne über Euerem Scheitel brennt?“ frug Paofai, während Tati ihnen die Hand entgegenſtreckte ſte zu begrüßen. „Fröhliche Botſchaft,“ lachte Paraita, aber die feſt zuſammengebiſſenen Zähne und der lauernde Blick mit dem er die Züge ſeiner Freunde beobachtete ſtraf⸗ ten ſein Lachen Lügen—, ein neues Engliſches Kriegs⸗ ſchiff iſt eingelaufen und die Mi⸗to⸗na⸗res ſchwimmen oben auf; der Engliſche Capitain will ihren Gott ſchützen, daß ihn der andere nicht über den Haufen wirft, wie ſie bei uns Taaroa und Oro bei Seite ge⸗ worfen haben, und der morgende Tag ſchon ſoll ihren Triumph beleuchten. Auf Tati, auf Paofai, ich glaube die Richter ſollen vor Gericht, denn wir ſind Alle aufgefodert zu erſcheinen.“ „Und gilt es wirklich dem Vertrag, den wir mit dem Ferani abgeſchloſſen?“ frug Tati finſter. „Kein Zweifel,“ lautete die Antwort—„der 267 Königin Boten fliegen heute durchs ganze Land— geſtern ſchon gingen die Canoes nach Morea hinüber und uns Beiden wurde ſelber aufgetragen Euch mit zur Stelle zu bringen, genügt Euch das?“. „Und wißt Ihr genau was berathen werden ſoll?“ frug Paofai. 1 Paraita lachte. „Es iſt ein öffentliches Geheimniß, und das Volk in Papetee ſpricht von nichts Anderem— ſie wollen unſeren Vertrag verwerfen und das Protectorat Frank⸗ reichs von ſich weiſen.“ „Das Franzöſiſche Schiff im Hafen wird's nicht leiden,“ rief Tati. „Es liegt ein ſtärkeres daneben s'ihm zu weh⸗ ren,“ ſagte achſelzuckend Paraita. „Und was ſpricht Utami?“ frug Tati, deſſen Hand ergreifend,„auf welcher Seite ſiehſt Du den Segen unſeres Landes.“ „Auf keiner,“ entgegnete kopfſchüttelnd der greiſen Richter,„auf keiner von dieſen Beiden.— Ich hatte gehofft durch einen ſolchen Schritt, der gewiſſermaßen nur zum Schein unſere Rechte beſchränkte und mehr ein Freundſchaftsbündniß war mit einer ſtärkeren Macht, jenen ehrgeizigen Prieſtern ein Ziel zu ſtecken, aber die Feranis ſchauen mit gierigem Auge auf dies Land, und wer weiß ob wir nachher bei dem Tauſch △ 4 1 A 268 gewönnen. Jedenfalls liegt das noch Alles in der Zukunft Schooß, und ich habe keine Luſt einen Arm aufzuheben für Franke oder Miſſtonair— laß ſie ſich unter einander ſchlagen.“ „Und Du gehſt?“ „Gewiß— ſie ſollen nicht ſagen können daß Utami ihren Ruf gefürchtet habe.“ „Gefürchtet,“ wiederholte Paofai verächtlich und ſpannte wie im Spiel den Bogen von deſſen Senne der Pfeil ſchwirrend abſchnellte, und etwa vierzig Schritt davon entfernt den ſchlanken Stamm einer Papaya durchbohrte, in deren Holz er zitternd ſtecken blieb—„gefürchtet,“ wiederholte er noch einmal, den Bogen auf die Schulter werfend—„aber es führt uns nicht zum Ziel dieſes Kinderſpiel— dem Volk wird wieder Sand in die Augen geſtreut und ſo lange geſungen und gebetet, bis es ermüdet auseinandergeht, und Alles bleibt beim Alten. Da doch noch lieber dem Franzoſen unterthan, deſſen Sitte und Den⸗ kungsart beſſer zu uns paßt, als den ſchleichenden Frömmlern.“ „Unterthan?— keinem!“ rief da Tati trotzig, der indeß mit verſchränkten Armen und in tiefem Brü⸗ ten dem Geſpräch der Freunde gelauſcht—„aber wie dann, wenn wir den Augenblick benutzten, wo die Bewohner Tahitis das eine Joch abgeſchuttelt und 1 8 269 2 auch das andere von uns würfen?— Was ſagſt Du, Utami, wenn wir die Fremden ſtürzten mit dem einen Schlag und, wie die Miſſionaire jene fremden Prie⸗ ſter, auf das Schiff packten das ſie gebracht und ſie fortſchickten, gleichviel wohin, ſo ſie jetzt dem Eng⸗ länder gäben, ſie heimzuführen in ihre Heimath. Jetzt, jetzt noch iſt es Zeit wieder ein Reich, ein glückliches Neich zu gründen in unſerem Inſelland— jetzt wo das Volk geſehen welchen Fluch ihnen die Fremden gebracht in jeder Art, wird es zu uns ſtehn mit Kraft und Gewalt, und dem einigen Volke können auch ſelbſt die Feuerſchlünde des Feindes nicht mehr fürchterlich ſein.“ Utami ſchüttelte ernſt mit dem Kopf und ſagte finſter: „Zu ſpät— zu ſpät!— ein großer Theil der Unſeren hängt dem neuen Gotte an, und die Miſſto⸗ naire haben dafür geſorgt daß ihr Wohl von der Anbetung jenes nicht getrennt werden konnte— ſie ſtehen zu feſt, während die Engliſchen Schiffe unſere Küſten verwüſten und unſere Fruchtbäume nieder⸗ ſchmettern würden, ihrem Gotte Seelen zu gewinnen, wie ſie dann ſagten.— Ich fürchte wir haben uns ſelber Schaden gethan, als wir dem Ferani die Hand boten und bei ihm Hülfe zu finden hofften gegen den geiſtlichen Stolz.“ „Gewalt thut hier Nichts,“ ſtimmte auch Paraita bei—„wir ſind zu ſchwach etwas derartiges zu un⸗ ternehmen, und wenn wir auch Hand zu Hand mit den geſchorenen Köpfen*) fertig würden, iſt uns die Europäiſche Macht zu ſtark. Wir müßten jedenfalls warten bis ſich ihre Kriegsſchiffe entfernt hätten, ein plötzlicher Schlag dann und es würde den Feinden ſchwer werden das zu rächen, was ſie jetzt mit leich⸗ ter Mühe verhindern können. Aber noch haben wir den Vertreter jener fremden Macht unter uns, die uns Schutz und Freiheit verſprochen für Glauben und Recht; wird der Franzöſiſche Conſul, denn zu ſolchem iſt Mörenhout ernannt als ihn die Ameri⸗ kaner nicht länger anerkannten, wird er es dulden, daß man den doch nun einmal von der Königin un⸗ terzeichneten Contrakt mit Füßen tritt?“ „Wie kann er's hindern?“ ſagte achſelzuckend Pao⸗ fai.—„Mit ein paar Redensarten iſt nichts abge⸗ macht, wenn der Fanatismus erſt einmal in Schuß, bergab gekommen. Die Miſſionaire haben da ihre Leute, Aonui, Potowai, Terate und wie ſie heißen; mit Jehovah auf den Lippen werfen die Narren ſich *) Die eifrigſten der Miſſionaire hatten ihren Gläubigen empfohlen die Haare kurz am Kopfe abzuſchneiden, wahrſchein⸗ lich um nicht den ſündigen Blumenſchmuck darin tragen zu können. 271 blind in's Feuer ſelbſt der Schiffe, und wenn das Volk nur ſchreien und von Freiheit hört, dann brüllt es auch ſeinen Chor hinein, möge die Folge ſein wie ſie wolle. Ich habe große Luſt der Verſammlung gar nicht beizuwohnen; was kanns helfen?“ „Das ſie nachher ſagen wir hätten uns geſcheut ihnen unter die Augen zu treten?“ rief Tati raſch. „Nein, keiner darf fehlen von uns, wenn wir nicht ſelber unſere Sache aufgeben wollen in Schimpf und Spott— keiner, und dort wird ſich uns auch ein Ausweg zeigen das Schwerſte abzuwenden.“— „Dem ſtimme ich bei,“ ſagte Utami ernſt—„un⸗ ſere Aufgabe iſt dem Land die Freiheit zu erhalten, die der Fanatismus der einen wie die Gier der an⸗ deren Seite gleich ſchwer bedroht, und gebe Gott daß uns das gelingt; einer ſpäteren Zeit mag es dann vorbehalten bleiben unſere inneren Einrichtungen zu ordnen, von denen Franzoſen wie Miſſionaire nichts verſtehn. Unſer Glück liegt in unſerer eigenen Hand — wir wollen es aus keiner fremden.— So zögern wir denn nun auch nicht länger, kommt mit zu mei⸗ nem Haus, daß wir uns dort mit Speiß und Trank ſtärken zu der Fahrt, und die morgende Sonne grüße uns die erſten auf dem Kampfplatz.“ „Kampf?“ lachte Paofai, während er ſeinen fort⸗ geſchoſſenen Pfeil wiederholte, den anderen zu folgen— 272 „ein ſchöner Kampf wird es werden, der mit Singen anfängt und mit Beten aufhört.— Ich kenne meine Landsleute nicht mehr, daß ſie aus dem fröhlichen glücklichen Volk ſolche Kriecher und Heuchler gewor⸗ den ſind. Aber zum Henker mit den Grillen— un⸗ ſere Palmen müſſen ſie uns laſſen und das ſtille Waſſer unſerer Riffe, unſere Blumen und Blüthen und unſere Weiber, und den Schwarzröcken zum Trotz will ich das Leben jetzt genießen. Himmel und Hölle? — Die Leute können vortreffliche Geſchichten erzählen und man lacht darüber wenn man ſie hört— tödten ſte doch die Zeit“— und den Pfeil aus dem Holz reißend ſchob er ihn lachend in ſeinen Köcher zurück, und trat, die Locken aus ſeiner Stirn werfend, zu den Uebrigen in das Haus. Capitel 10. Die Verſammlung. Weißer Rauch quoll aus den Schießluken der Engliſchen Fregatte„Talbot“ und der raſch folgende donnernde Schlag des Geſchützes, der das Echo grol⸗ lend weckte in den Bergen, grüßte das goldene Tag⸗ geſtirn, das eben ſeinen rothglühenden Schein über die öſtliche, palmenbedeckte Spitze der Bai warf, und ſeine Strahlen ſandte über das weite Meer. 3 Es war ein reizendes Bild das ſich dem Blick entrollte, und Athem und Leben gewann mit dem erſten Licht; im Hintergrund die wildzerriſſenen Kuppen des Gebirgs mit der dunklen kühn eingeriſſenen Schlucht— auseinandergebrochen als die Grundveſten der Berge einſt in ihrem inneren Mark erbebten, und rechts und Gerſtäcker's Tahiti. 1. 18 274 links das niedere palmenbedeckte Land ausſchießend, als ob es die ſonnige ſpiegelglatte Bai umſpannen wolle mit liebendem Arm, während an dem Ufer hin die weißen niederen Gebäude dicht hineingeſchmiegt ſtanden in Palmen⸗ und Orangenhain, mit hie und da einem alten mächtigen Banianbaum, der die dunkel glänzenden Zweige niederſchüttelte, neue Wurzeln dem Erdreich um ſich her abzugewinnen. Vorn ſchäumte und ſpielte die Fluth an dem hellen Corallenſand, und den vorderen, von Banane und Palme eingeſchloſſenen Rand, in dem die ſtillen Wohnungen der Menſchen ſo dicht verſteckt wie Perlen in einer halbgeöffneten Muſchel lagen, bildete ein dichter Wald von Brod⸗ frucht und Orangen und buntblüthigen Akazien und breitblättrigen Hibiscus Tiliaceus mit den großen malvenähnlichen Blumen. Und nicht öde und weit lag das Meer, dem wun⸗ derſchönen Lande gegenüber; nein, hinter dem licht funkelnden Waſſerſpiegel, den nur hie und da ein ruhig vor ſeinem Anker reitendes Schiff, oder das raſche Canoe mit dem blitzenden Streifen hinter ſich unterbrach, dehnten ſich die weiten ſchäumenden Riffe mit ihren Schneekronen und rollendem Donner, und umſpannten ſelbſt die kleine Königinſel Motuuta, die wie ein Smaragd, von ſilbernem Band umfaßt, in dem herrlichen Rahmen palmenwiegend lag, während hinter ihr, noch neben dem weiten Horizont des Oceans, die zackigen kühn geriſſenen Kuppen und Spi⸗ tzen Imeos, wie Nadeln emporſtarrend oder rieſige Kegel, in blauer Ferne lagen, bei klarer Luft ſelbſt den Palmengürtel zeigend der ſie umſchloß. Still und regungslos lag dabei der Strand, bis zu dem Schuß, mit dem zugleich faſt ſich die Sonne über den Palmenſtreifen hob— nur hie und da zeigte ſich ein einzelner Indianer der, vielleicht nach ſeinem Canoe ſchauend, langſam am Ufer auf⸗ und nieder⸗ ging; aber wie mit einem Zauberſchlag nach dem Schuß, und während das Echo noch in den fernen Schluchten dröhnte und grollte, quoll und drängte es ſich ordentlich aus den Häuſern und Hütten vor, in bunter glänzender Tracht, und fröhliches Leben brach ſich die Bahn in's Freie mit einem Mal. Es war Tag geworden in Papetee, und ein be⸗ deutungsvoller wichtiger Morgen angebrochen für den kleinen Staat; ob zum Heil, ob zum Leid, was kümmerte das das fröhliche Inſelvolk mit ſeinem leich⸗ ten, glücklichen Sinn. Wie die ſonnige Welle ihrer Binnenwaſſer trieben ſie leicht über des Lebens Meer — ein Sturm rüttelte ſie auf, wild und gewaltig, es iſt wahr, aber mit der Urſache die ſie gehoben, mit dem Sturm, legte ſich auch leicht beruhigt das Ele⸗ ment, und ließ in derſelben Stunde faſt ſchon den 18*½ 276 Schiffer niederſchauen in die criſtallreine Tiefe, die offen wie ihr Herz da vor ihm lag. Wie ein Bienenſchwarm zog es und drängt es dort eine Weile am Ufer herum, beide Geſchlechter bunt gemiſcht durcheinander, und oft klang der fröh⸗ liche Laut lachender Mädchenſtimmen ſilberrein über das Waſſer ſelbſt bis zu der Stelle, wo etwas ein⸗ ſam in der Bai, und in der That ſo weit abſeits als er eben ankern durfte, ein großer weitbäuchiger, entſetzlich ſchmutziger und wettermitgenommener Wall⸗ fiſchfänger lag. Auf ſeinem Heck ſtand, etwas ge⸗ ſchmacklos, aber vielleicht nicht ohne Grund, mit grell⸗ rothen Buchſtaben im grünen Felde, der Name deſſel⸗ ben, Kitty Clover, und von der Gaffel ſeines Be⸗ ſahnſegels wehte die Engliſche Flagge. Auf dem Quarterdeck deſſelben ſtanden zwei Män⸗ ner, beide in die gewöhnliche Seemannstracht, in blaue Jacken und weiße Hoſen gekleidet, einen breiträndigen Strohhut mit langem ſchwarzen Band gerad auf den Kopf geſetzt. Der eine von ihnen, der ältere, war der Capitain der Kitty Clover, der ſo wenig den Schot⸗ ten in ſeinem ganzen Weſen und Ausſehn verleugnen konnte, wie der Andere den Iren. Dieſer hatte das faſt unvermeidliche rothe Haar ſeiner Landsleute, aber in merkwürdig kleine feſte Locken mehr geknotet als gedreht, und auch um Kinn 277 und Oberlippe zog ſich ihm ein ungeheuer ſtarker, aber eben ſo feſt verworrener ineinandergedrehter Bart bis hoch unter die kleinen, lichtblauen Augen hinauf, die manchmal, wenn er ſeinen Kopf dem neben ihm Ste⸗ henden zuwandte, mit einem eigenen drollen Humor daraus vorblitzten. Noch acht oder zehn Matroſen etwa waren außer den beiden an Deck, und zwar mit Waſchen deſſelben beſchäftigt, wozu ſie die vollen Eimer aus der klaren Fluth heraufſchwangen, und mit raſchgezieltem Wurf den breiten Strahl unter die oben befeſtigten Fäſſer und langs Deck hin ſandten. Der Capitain oder Maſter des Wallfiſchfängers, Mac Rally, galt für einen vortrefflichen Seemann, aber noch beſſeren Händler, und das hagere ſcharf⸗ geſchnittene Geſicht, die hellblauen unſtäten Augen, die eiſernen Lippen zeigten zugleich Entſchloſſenheit wie Liſt und Ausdauer. Die Kitty Clover war erſt geſtern hierher, angeb⸗ lich vom Wallfiſchfang, eigentlich aber direkt von Valparaiſo kommend, eingelaufen, und hatte den Iren gewiſſermaßen als Paſſagier, der übrigens auch einen ziemlichen Theil ſpirituöſer Getränke als Fracht bei ſich führte, mitgebracht. Theilweiſe gehörte von demſelben Artikel, außer einer Anzahl von Fäſſern, von denen nicht einmal die Matroſen wußten was 278 ſie enthielten, auch eine ziemliche Parthie dem Capi⸗ tain ſelber, und er zog es deshalb vor, den letztver⸗ laſſenen Hafen nicht als direkt von dort gekommen anzugeben, einer vielleicht unangenehmen und zu ängſt⸗ lichen Aufmerkſamkeit der Steuerbehörden zu entgehen. Nichtsdeſtoweniger haben dieſe auf Wallfiſchfänger ebenfalls ein ſehr ſcharfes und wachſames Auge, denn ſie wiſſen recht gut daß ſolche Fahrzeuge, wenn ſie auch gerade kein wirkliches Geſchäft daraus machen, doch ſtets eine oft nicht unbedeutende Quantität ge⸗ ſtatteter oder auch verbotener Waare bei ſich führen, und was ſie eben ſchmuggeln können, nicht gern verſteuern. Die verbotene Landung ſpirituöſer Getränke war übrigens mit ungemeinen Schwierigkeiten ver⸗ bunden, denn auf alle den Inſeln hatten die Miſſio⸗ naire ſchon gegen die Einführung des Branntweins die heilſamſten Geſetze erlaſſen, die ſie mit großer Strenge aufrecht hielten und bewachten; anderſeits waren die Indianiſchen Behörden ſelber mit ſolcher Maßregel ſehr zufrieden, denn die Einführung des böſen Getränks hatte nur Elend und Unfrieden, Zank und Blutvergießen in die Stämme gebracht, ſo daß ſie gern und willig, was nicht immer der Fall war, ihre weißen Lehrer und Geſetzgeber in der Ausführung unterſtützten. 3 279 Die Franzoſen nahmen es noch am leichteſten mit der Einführung von Spirituoſen, aber nur wenn ſie von ihren eigenen Schiffen gelandet wurden, denen ſie dadurch gewiſſermaßen ein Monopol zu ſichern wünſchten, aber auch hartnäckig von den Behörden überwacht wurden und nicht, ohne öffentlich die ein⸗ mal beſtehenden Geſetze umzuſtoßen, dawiderhandeln durften. „Und Ihr ſeid hier bekannt, O'Flannagan,“ ſagte der Capitain endlich, nachdem er wohl eine Viertel⸗ ſtunde lang, ohne ein Wort zu ſprechen, das Ufer durch ſein langes Schiffsglas ſcharf beobachtet hatte, „und glaubt feſt daß Ihr die ganze Ladung nach und nach ſicher und ohne einen Penny Steuer zu zahlen an Land würdet ſchmuggeln können?“ „Von glauben iſt da gar keine Rede, Captain dear,“ lachte der Ire,„meiner Mutter Sohn kennt hier jeden Zollbreit Boden am Ufer, und was mehr iſt, jeden Zollbreits Sohn und Tochter, und die Mäd⸗ chen beſonders, hahaha liebe Dinger, ſind rein auf mich verſeſſen. Die führen nun ſchon einmal in der ganzen Welt das Regiment und die zu Freunden, das andere iſt Alles Kleinigkeit und Kinderſpiel.“ „Aber wenn uns da nur die jetzigen politiſchen Verhältniſſe keinen Strich durch die Rechnung ma⸗ chen,“ ſagte kopfſchüttelnd der Schotte.„Wie uns e. der alte Indianer geſtern Abend erzählte, ſo waren die Engliſchen Miſſionaire wieder die Herren da drü⸗ ben, ſo gut wie früher, und das will mir nicht ſo recht einleuchten.“ Wir wären verloren mit unſerem Geſchäft wenns anders ausſähe;“ lachte Jim,„zum Teufel wenn die Franzoſen das Heft in Händen hätten, dürften wir unſeren Brandy nur getroſt ſelber trinken, denn die— würden eine ſolche Maſſe ihres eigenen Fabrikats hin⸗ 1 über an Land geworfen haben, daß ſie die Stadt da⸗ mit erſäufen könnten. Die Miſſionaire dagegen kön⸗ nen höchſtens die Strafe auf Einfuhr noch erhöhen, die Einfuhr ſelber noch ſchwieriger machen; das Alles muß uns aber die Preiſe nur gerade in die Höhe treiben, und— was wollen wir mehr?“ „Weiter nichts,“ ſchmunzelte der Schotte, das Fernrohr niederlegend und ſich mit einem höchſt ver⸗ gnügten Geſicht die Hände reibend—„weiter nichts, Jimmy— höchſtens noch etwas baar Geld— gutes Silber für unſere flüſſige Waare.“ „Ich fürchte nur Ihr habt mit dem anderen Ar⸗ tikel ein ſchlechtes Geſchäft gemacht,“ ſagte Jim kopf⸗ ſchüttelnd—„ich glaube wirklich nicht, daß es hier je zu einem ſolchen Ausbruch von Feindſeligkeiten kommen kann, die Eingeborenen zu veranlaſſen wirk⸗ 281 lich Geld für einen ſolchen Artikel auszulegen;— ja wenn es Brandy wäre.“ „Nun, ich gehe da ziemlich ſicher,“ ſchmunzelte der Schotte,„denn ein Theil der Waffen iſt feſte Be⸗ ſtellung— von Jemandem aber den ich nicht nennen darf— und verkauf ich das andere nicht hier, ſo weiß ich daß ich auf den Fidſchi- und Navigators⸗Inſeln einen vortrefflichen Markt dafür finde.“ „Ja, aber, das iſt ein kitzliches Geſchäft,“ meinte Jim, ſich mit dem Zeigefinger der rechten Hand durch das Halstuch fahrend—„die Engländer und Fran⸗ zoſen haben über derartigen Handel ihre eigenen An⸗ ſichten, und es geht bei einer ſolchen Geſchichte immer gleich an die Raanocke*). Intereſſant iſt ſo ein Ge⸗ ſchäft wohl ſchon, aber— verdammt gefährlich, und der Nutzen doch eigentlich nicht im Verhältniß zum Riſiko.“ „Nun, das käme auf die Perſon an,“ ſagte, mit einem etwas zweideutigen Seitenblick auf den Iren, der jetzt aufmerkſam durch das Glas nach der Inſel hinüberſchaute, der Capitain. Jim verſtand aber die *) Die Raanocke an Bord eines Schiffes iſt das äußerſte Ende der Raaen genannten Queerhölzer, an welchen die Se⸗ gel befeſtigt ſind. Bei Executionen an Bord werden die zum Strang Verurtheilten an der Raanocke aufgezogen. ———— 282 etwas malitiöſe Anſpielung und ſagte lachend, ohne jedoch aufzuſehen: „Ich bin gerade ſo kitzlich am Halſe wie der beſte Prieſter, Capitain, und jeder paßt auf ſein Bischen Leben ſo gut er kann, ob's nun eben der Mühe werth iſt, oder nicht.“ „Nein, Jimmy, ſo war's gar nicht gemeint,“ rief Mac Rally raſch und etwas verlegen. „Bitte, geniren Sie ſich nicht,“ lachte Jim,„thun Sie als ob Sie zu Hauſe wären, Captain dear— „aber dahinten kommen die Canoes,“ unterbrach er ſich plötzlich, den rechten Arm, ohne das Auge vom Glas zu nehmen, gegen Point Venus hinüberſtreckend. Dorthin wurde auch eben, gerade die Spitze paſſi⸗ rend, eine kleine Flotte Indianiſcher Fahrzeuge ſicht⸗ bar.„Bei Jäſus, Mr. Mac,“ fuhr er aber lebendiger werdend fort, als er ſich den Inhalt der kleinen ſchlan⸗ ken Fahrzeuge etwas genauer betrachtet—„heute geht die Geſchichte los da drüben, heute bekommen wir was zu ſehen, und je eher wir hinüberfahren, denk' ich, deſto beſſer iſt's, denn einen beſſeren Abend unſer Ausſchiffen zu beginnen, werden wir auch nicht ſo leicht finden. Kein Teufel paßt heut' auf die aus⸗ und eingehenden Boote, und ſolche Zeit muß man benutzen.“ Der Capitain hatte das Glas wieder genommen 283 wieder aufrichtend und es zuſammenſchiebend ſagte er, mit einem halbverſteckten Lächeln in den ſelten aus 1 ihrer Lage gebrachten faſt wie ehernen Zügen: „Ihr habt recht Jim, da hinten ſchwimmen die Haupt⸗Schauſpieler der heutigen Komödie— drei und einen Augenblick durchgeſehen, dann aber ſich Canoes voll Schwarzröcke, Gott weiß wo ſie alle her⸗ kommen. Die Feierlichkeit wird nun wohl auch bald ihren Anfang nehmen, und ich glaube je eher wir hin⸗ übergehn, deſto beſſer. Ha, bei Gott,“ unterbrach er ſich plötzlich, als er ſich zufällig nach den Kriegs⸗ ſchiffen hingewandt hatte und deutete mit dem Arm— hinüber—„dort geht die Tahitiſche deana edahe) X ————m Und in der That ſtieg in dieſem Augenblick die rothe Flagge mit dem weißen Stern auf der Engliſchen. Fregatte an der Gaffel des Beſahnſegels auf.„Was X die Leute doch für Streiche machen,“ brummte der Alte N dabei—„aber meiner Mutter Sohn müßte ſich ſehr N irren, wenn ſie nicht heute da drüben Unheil an⸗ richten.“ ¹ „Deſto beſſer, Captain dear,“ rief Jim, ſich ver⸗ gnügt die Hände reibend,„deſto beſſer; s'wär mir ein wahres Gaudium, wenn ich erleben könnte daß ſich die beiden Erbfeinde, Franzoſen und Engländer, wie⸗ der einmal beim Koller kriegten; s'iſt überdies lange genug Frieden geweſen. Aber enges Fahrwaſſer zum 1 Maneuvriren hätten ſie hier, und die Corvette hielts auch mit der Fregatte nicht lange genug aus, den Spaß intereſſant zu machen.“ „So weit treiben ſie's nicht,“ ſagte kopfſchüttend der Capitain—„der Franzoſe iſt zu klug ſich hier mit einer ſolchen Fregatte in einen wahrhaft verzwei⸗ felten Kampf einzulaſſen. Nein, es kommt jetzt Alles darauf an wie das Schiff heißt, das zuerſt in den Hafen einſegelt, und die guten Leute hier ſpielen wirk⸗ lich nur eine Art Paar oder Unpaar, mit ihrem gan⸗ zen Land zum Einſatz. „Bah, der Spaß iſt der,“ lachte der Ire,„daß die, die den Einſatz ſtellen, nicht einmal mitſpielen— die aber die Nichts zu verlieren haben, die Miſſionaire, trumpfen aus.“ —„S'iſt Zeit daß wir hinüberfahren,“ ſagte Mac „ RNally—„he da vorn— damn it Ihr Burſchen, Ihr „ ſchwemmt ja heute das Deck, als ob Ihr die Nägel 4 herausweichen wolltet; mein Boot nieder, und viere von Euch hinein. Und Du Bob,“ wandte er ſich an einen der Leute, den Zimmermann, der eine gewiſſe Autorität an Bord ausübte wenn die Officiere an Land waren,„paſſe mir ein Bischen auf, und wenn es am Ufer Skandal geben und Einer von unſeren bärbeißigen Nachbarn vielleicht geneigt ſein ſollte die Zähne zu zeigen— Du kennſt ja das Zeichen— ſo . 285 auf mit Euerem Anker, und ſeht zu daß Ihr außer Schußlinie kommt, denn wir brauchen unſere Hölzer nothwendiger.— Aber bis dahin bin ich auch auf jeden Fall wieder zurück.“ „Und ſoll die Flagge wehen bleiben, Capitain?“ frug der mit Bob angeredete. Mac Rally ſtand ſchon auf der Schanzkleidung, und war eben im Begriff in das Boot hinabzuſteigen. Er blieb ſtehn, und ſchaute einen Augenblick wie un⸗ ſchlüſſig nach dem bunten, flatternden Tuch hinauf. „S'wär patriotiſcher,“ ſagte er endlich, die Au⸗ genbrauen hoch hinaufgezogen,„aber politiſch iſt's nicht.— Sie können Einem freilich Nichts anhaben— Ach was,“ ſetzte er dann laut hinzu—„der Wind ſchlägt das Tuch doch nur zu Schanden— wenn wir an Land ſind nimm den Lappen herunter!“ und mit dieſer höchſt unehrerbietigen Bemerkung der eigenen Nationalflagge ſprang er, von dem Iren gefolgt, in ſein Boot, das ſie bald mit kräftigen Ruderſchlägen blitzesſchnell über das Waſſer dem gar nicht ſo fer⸗ nen Ufer zuführten. Hier aber wimmelte und ſchwärmte es indeß von Menſchen und den Strand hinunter ſchien der Haupt⸗ zug zu gehn, wo auch wirklich an dem ſogenannten Paré, jenem Theil der Küſte wo der Königin Haus 286 ſtand, der für heute beſtimmte Verſammlungsort des Feſtes lag, wenn hier überhaupt ein Feſt gefeiert wurde. Eine bunte Mädchenſchaar drängte ſich am Ufer hin und an der Kirche vorüber, deren Glocke in einem, oben ausgeſchnittenen ſtämmigen Orangenbuſch hing. Es waren blühende, liebliche Geſtalten, mit tief dunk⸗ len und doch ſo ſchwärmeriſchen Augen, und zartge⸗ ſchnittenen, roſigen Lippen, oft mit kaum gebräuntem Teint, unter dem das feine liebliche Erröthen, wenn es Wangen und Nacken übergoß, ſo klar wie bei der weißen Haut faſt hervortrat, und den üppigen For⸗ men einen unendlichen Reiz verliehen hätte, wäre der nicht eben durch das ſonſt ſo lockige jetzt kurz ab⸗ geſchnittene Haar und das entſetzlichſte Modell eines Frauenhutes, das je die freie Stirn eines ſchönen Kindes mishandelte, entſtellt worden. Es war die fromme Schaar der Tahitierinnen, die ſich zur Pro⸗ teſtantiſchen Kirche bekannten, und mit den alten Vor⸗ urtheilen auch ihr Lockenhaar wegwerfen mußten, als falſch und ſündig. Und weshalb?— es hatte Blu⸗ men getragen einſt im heidniſchen Tanz, und die freundlichen Kinder jenes herrlichen Himmelsſtriches ſchmückten es jetzt ſelbſt noch gern mit den knospen⸗ den Blüthen. Aber fort mit dem irdiſchen Tant! wer Gott dienen wollte, durfte ſein Herz nicht an 5 287 die Erde und ihren Schmuck hängen— fort mit dem Haar das ſündige Eitelkeit erweckte und der Verfüh⸗ 4 rung den Weg nur bahnte zum wankenden Herzen— fort mit dem duftigen Kranz darin und den wehen⸗ den Silberfaſern der Arrowroot— einen anſtändigen chriſtlichen Hut mit chriſtlicher Form auf dem Kopf, und dieſen geſchoren darunter, und das ſündige Herz mußte dann ſchon ſelber dem Schopfe folgen. Wie ſie ſo ehrbar dahin ſchreiten, die ſonſt ſo wil⸗ den Mädchen, das Auge züchtig geſenkt, die ſchwere Bibel im Arm und gegen die volle Bruſt gepreßt, in der das Herz ſo ängſtlich klopfend ſchlägt— der Hut verbirgt die Züge, und das lange faltige Gewand umhüllt faſt vollkommen die zarten Geſtalten, nur den Fuß— nicht das Schönſte an ihnen— frei zur Schau tragend. Waihine— naha— naha Maire!“ rief da eine neckiſche Stimme dicht neben dem Zug, und ein rei⸗ zendes M ädchengeſicht, aber ohne den entſtellenden Hut, und die vollen bl umendurchflochtenen Locken wild um die hohe edle Stirn flatternd, bog ſich halb über, dem ihm nächſten Mädchen unter den ſchrecklichen Hut zu ſehen, und die Züge zu erkennen—„naha Maire.“ Aber die alſo Angeredete, ob ſie es war oder nicht, bog den Kopf nur mehr zur Seite. Sie ſchämte ſich 288 doch nicht ihrer frommen Tracht?—„naha Maire,“ klang wieder und wieder der neckiſche Ruf—„biſt Du's aiu*) oder nicht?— ſieh her Maire, ſieh her und wende Dein Köpfchen.“. „Ah— da nimm das!“ rief da plötzlich die fromme Maid, und den Kopf herumwerfend nach der Quälerin, deren lachende Augen über zwei Reihen prachtvoller Perlzähne blitzten und funkelten, ſchlug ſie mit der linken flachen Hand(in der anderen hielt ſte die Bibel), ein Zeichen gründlicher Verachtung, ihre Lende—„da nimm das Du böſe Ate⸗ate und laß mich zufrieden— bah über die Schwätzerin.“ „Hahahaha!“ klangs aber wie Silberton von den Lippen der Anderen—„hahahaha, Maire, Malre, armes Kind, armes Kind.“ „Laß ſie gehn,“ ſtieß da Maire eine Nachbarin an,„laß ſie gehn es ſind wilde Dinger und taugen nicht zu uns— wenn's der Mitonare ſieht daß wir mit ihnen geſprochen iſt er bös.“ „Maire, Maire, armes Mädchen!“ riefen die Er⸗ ſteren wieder.. „Bah!“ lachte aber die Schöͤne jetzt, den Hut zu⸗ rückwerfend, daß die funkelnden Augen voll die Geg⸗ 4) Mein Herzchen. 289 ner trafen—„albernes Zeug hier, könnt Ihr mich nicht zufrieden laſſen beim Kirchgang oder beim vollen Zug— oder glaubt Ihr daß Ihr's nachher wohl toller treibt als ich?“ „Ah maitai maitai Maire,“ jubelte da Ate⸗ate laut auf—„ſo lebſt Du noch unter dem Hut und Dein Herz liegt nicht bei den Locken daheim im Ba⸗ nanenblatt?“ „Wenn ſie nur ſo ſchnell wieder wüchſen wie man ſie abſchneiden kann,“ zürnte das ſchöne Mäd⸗ chen und warf einen mürriſchen mistrauiſchen Blick nach ihrem Schatten hinunter, aber ſie ſah nur den Hut und ſchüttelte ärgerlich mit dem Kopf. „Wenn mir die Haare wachſen ſchneid' ich ſie nicht wieder ab,“ ſagte ein anderes Mädchen das neben Mairen ging—„ſo lange ſie kurz ſind bin ich fromm, und dann kann einmal eine Andere an die Reihe kommen.“ Drrrrrrrrum— drum, drum, drum klang der Wirbel und Ton; heller fröhlicher Trommelſchlag, das National⸗ und Lieblingsinſtrument der Inſula⸗ ner, im Takt und Schlag ihres wildeſten, aber auch deshalb geliebteſten Tanzes. „Hab' Acht, Maire,“ rief Ate⸗ate an ihrer Seite hintanzend—„der Upepehe: Gerſtäcker's Tahiti. I. 19 — ͦ—— — 290 Horch! Horch wie der Trommel Klang Hell durch die Palmen drang, Horch! Zuckt mir's durch Fuß und Knie, Zuckt mir's im Herzen hie Horch!“ „Horch!“ rief aber Maire und ihre Augen blitz⸗ ten und funkelten in einem wilden, fröhlichen Feuer, — zu dem das dicke Buch unter dem Arm gar nicht ſo recht paſſen wollte. „Horch! Laut wie die Brandung jägt, Gegen die Riffe ſchlägt, Horch! Wirbelt der Trommel Ton Herzchen ich komme ſchon Horch!“. Und in den Chor fiel die übrige fromme Schaar jubelnd ein, und mit den Büchern im Arm, während die großen Hüte den Wind fingen und auf⸗ und nie⸗ derſchlugen, warfen ſich die tollen Mädchen, denen die bekannten und ſo leidenſchaftlich geliebten Töne viel zu verführeriſch in die Ohren geklungen hatten ihnen 291 widerſtehn zu können, von beiden Seiten in den wil⸗ den Upepehe⸗Tanz und ſprangen, von den nicht ſo feierlich geputzten jubelnden Schweſtern redlich dabei unterſtützt, auf und ab in der raſch gebildeten Bahn den üppigſten ihrer Tänze aufzuführen, ſo lange we⸗ nigſtens die verführeriſche Trommel ſchlug. Wie von der Tarantel geſtochen ſchien dabei die Schaar, und ſelbſt die Ernſteſten unter ihnen, die mit finſterem Blick den erſten Uebergriff geſchaut und mit ſcharfen Wort ihn gerügt, ſchwiegen, ſahen ſich um nach rechts und links— zögerten noch und— ſprangen mitten hinein in den jubelnden Chor.. „Mi⸗to⸗na⸗-re!“ Wie dem Schwimmenden das Wort ein Hai mit Bleies Schwere in die Glieder ſchlägt, und ihn oft zu ſeinem Verderben für den erſten Augenblick jeder eigenen Willenskraft beraubt, ſo ſchlug das Wort in die Reihen der Tanzenden. „Mitonare!“ Einen Moment ſtanden ſie wie in Stein gehauen, die fröhlichen jubelnden Gruppen, nur von den Zü⸗ gen hatte der Schreck die Fröhlichkeit verwiſcht, und nicht hinaus ſuchte das Auge wo die Gefahr lag, ſondern nur bei dem Nachbar wollte es Scherz oder Ernſt der Warnung finden; der nächſte Moment aber ſchon entſchied den Sieg gegen die Trommel— 19* ——— 14 292 „Mitonare!“ und aus dem Tanz heraus zuckte die Schaar der Frommen wieder in den früheren ſtillen und ehrbaren Gang hinein, die Hüte fielen nieder— jetzt ein trefflicher Schutz die erregten glühenden Ge⸗ ſichter zu bergen vor irgend einem prüfenden Blick, die verſchobenen Röcke wurden gerad gezupft, und wie⸗ der ernſt und feierlich wanderte die junge Schaar, unſchuldige Heuchler mit dem fröhlichen Muth im Herzen und den unnatürlichen Ernſt ſtarr und kalt draußen herumgelegt, die breite Straße entlang dem Paré zu. Aber nicht nur ein Scherz, den ſich irgend ein neckiſches Mädchenbild vielleicht erdacht die Schwe— ſtern fürchten zu machen, war das Wort geweſen— dort oben vor dem Hauſe des jetzt allerdings ver⸗ reiſten früheren Miſſtonairs und jetzigen Engliſchen Conſuls Pritchard(ein weites Gebäude mit beque⸗ mer luftiger Verandah, Europäiſchen Thüren, Glas⸗ fenſtern und wohnlicher ſelbſt eleganter innerer Ein⸗ richtung) ſtand die fromme Schaar der Miſſionaire verſammelt— ſie Alle, nicht ein einziger fehlte von Tahiti ſelber, wie von Imeo, in ſchwarzen Frack und Hoſen, weißer Halsbinde und Weſte und das un⸗ praktiſchſte Fabrikat das je ein Menſch in kaltem oder heißem Klima, in Sonne oder Schnee, in Staub oder Regen, bei Wind oder Stille, beim Gehen, Reiten 293 oder Fahren getragen, den ſchwarzen Cylinderhut auf dem Kopf. „Er hat uns geſehn!“ flüſterte Eines der Mäd⸗ chen dem anderen zu—„er trägt ein kleines langes Stück Metall, das wie perü*) ausſieht, in der Ta⸗ ſche, damit kann er von einer Inſel nach der anderen hinüberſehn.“.. „Bah' heute ſagt er Nichts,“ flüſterte die Andere zurück—„und zankt er mich aus,“ ſetzte ſie trotzig hinzu—„geh ich zu dem anderen Prieſter mit Kreuz und Licht, dort darf ich mir ſo die Haare wachſen laſſen und Blumen hineinflechten, und komme doch in den Himmel der Weißen.“ „Die breite Pforte bleibt Dir verſchloſſen, wenn Dir die Mitonares nicht den Eingang zeigen,“ warnte die Erſte wieder. „Ei was,“ lachte die Zweite leiſe,„dann biegen mir die anderen Mitonares den Bambus auseinan⸗ der— wenn ich nur hineinkomme.“ Die Mädchen kicherten zuſammen unter ihren vor⸗ gebeugten Hüten, aber ganz leiſe, und der Zug ſchritt langſam vorwärts, denn er wuchs mit jedem Fuß⸗ breit Boden den er gewann, und an dem letzten „Bethaus“ hatten ſich ihm alle„Glieder der Kirche“ *) Die Indianer der Südſee nennen das Gold perü. (Curch members) in feierlicher Proceſſton und von dem Ehrwürdigen Mr. Rowe geführt, angeſchloſſen. Ehrwürdige Geſtalten ſelbſt, mit ihren braunen Geſichtern und weißen Jacken, manche in Hoſen, ein⸗ 3 zelne ſogar im Frack und Lendentuch, mit Weſte und heftig geſtärktem Vorhemd, die Beine tättowirt mit allen möglichen heidniſchen Zeichen, und den Kopf geſchoren in chriſtlicher Demuth. Viele davon, ja die meiſten, trugen Bücher unter dem Arm, und der ſtille Ernſt der in ihren Reihen herrſchte, mit der Schaar von ſchwarzgekleideten Män⸗ nern die jetzt zu ihnen niederſtieg und ihrem Zug voranging, machte einen eigenen wunderlichen Ein⸗ druck auf den Zuſchauer. „Wer wird denn hier eigentlich begraben, Jim?“ ſagte Mac Rally, als ſie am Strande hin, in etwa funfzig Schritt Entfernung vom Ufer, den Zug in ihrem Boot begleiteten—„das geht ja merkwürdig feierlich zu bei den Leuten— wenn ich nicht wüßte daß ich in Tahiti wäre, glaubte ich wahrhaftig, ich ſei aus Verſehen irgendwo in Neu⸗England angelaufen.“ „Hätt' ich die Mädchen mit den ſchauerlichen Hü⸗ ten da eben nicht tanzen ſehn,“ lachte der Ire,„ſo glaubt' ich's auch— ſchwarz genug ſieht der Kopf davorn aus, und dunkel geſprenkelt gehts durch den ganzen Zug; aber ſo ernſthaft werden ſie's wohl nicht 295 meinen, und das Ganze läuft doch am Ende wieder darauf hinaus, daß ſie den Höchſten erſuchen ſich der Sache, die ſie jetzt in die Dinte geritten haben, an⸗ zunehmen, und nachher eine Collekte für Miſſions⸗ zwecke ſammeln.“ Mac Rally ſchüttelte mit dem Kopf. „Und ich glaub's nicht— wäre das Engliſche Kriegsſchiff nicht da, ja, aber der Capitain hält zu ihnen, oder will wenigſtens nicht zu dem Franzmann halten, was ich ihm auch nicht verdenken kann, und da wird ſie der Böſe wohl plagen daß ſie irgend ei⸗ nen geſcheuten Streich aushecken, bei dem ihnen nach⸗ her die Inſulaner die Kaſtanien aus der Aſche holen müſſen. Ich kenne meine Leute.“ „Wetter, jetzt wird's Ernſt!“ rief Jim da, über die Bai hinüberzeigend, nach der er den Kopf zufällig gewandt—„da kommen die Boote Ihrer Majeſtät, mit wehenden Flaggen, die Tahitiſche vorn am Bug, darüber wird ſich unſer Franzöſiſcher Nachbar unend⸗ lich freuen.“ „So back water, Jim, dort hinein in die Bucht,“ rief Mac Rally,„es wird Zeit daß wir landen, und uns den Spaß jetzt vom Ufer aus betrachten.“ „Ich habe ebenfalls Nichts zwiſchen den Booten zu ſuchen, Sirrah,“ brummte der Ire, und dem Be⸗ fehl gehorſam ſchoß das Boot gleich darauf einem — der einfachen ausgebauten Landungsplätze zu, an dem es Einer der Leute befeſtigte, während ſich die beiden Maänner in dem Gedräng von Menſchen verloren, Europäern wie Inſulanern, die Alle dem oberen Theil der Bai, Pare genannt, wo die Königin ein großes Bambushaus ſtehen hatte, zuſtrömte. Die Leute am Ufer konnten aber nur höchſt lang⸗ ſam vorrücken, während die Boote raſch über die glatte Bai dahin ſchoſſen und ihre Bemannung ſchon ihre Plätze eingenommen hatte, ehe der größte Theil der Miſſionaire, der ſich dem vollen Zug bei dem letzten Bethaus angeſchloſſen, mit demſelben eintraf. Die Königin Pomare, oder Pomare Waihine ſaß, von ihren Frauen umſtanden, auf der Verandah ihres Hauſes, ihren königlichen Gemahl zur Seite. Zur Rechten und Linken befanden ſich die Engliſchen Of⸗ ficiere des Talbot mit den verſchiedenen auf Tahiti anweſenden Conſuln Englands, Frankreichs und Ame⸗ rikas und manchen dort anſäſſigen Fremden, ebenſo. die Miſſionaire, und den Hof füllend in weitem Kreis ſtanden die verſchiedenen Häuptlinge des Landes mit der bunten wunderlichen Schaar der Eingeborenen, die ſich von Civiliſation wie Chriſtenthum zum großen Theil gerade ſoviel zugeeignet hatte, als nöthig war ihnen ihre Nationalität zu nehmen, ohne ihnen viel anderes dafür zu bieten. 2 Es iſt wahr, das gute Herz und der treue offene Sinn der Inſulaner hatte Viele den Segnungen un⸗ ſerer ſchönen Religion leicht zugänglich gemacht, und ſie mit Freuden die Irrthuͤmer von ſich werfen laſſen, denen ſie überdies nicht aus Neigung ſondern nur deshalb angehangen, weil es ihnen eben ſo von ihren Vätern überliefert worden; ſo entſagten ſie dem, frü⸗ her zu einem förmlichen Gebrauch gewordenen Kin⸗ desmord*), ehe ſie ſelbſt begriffen was das Chriſten⸗ thum eigentlich ſei, und nahmen dieſes beſonders des⸗ halb an, weil es ihnen als eine Religion der Liebe wie des Friedens geſchildert wurde, und ſie ihrer Kriege und Streitigkeiten ſchon ſelber herzlich ſatt waren. Ja, die Prieſter entſagten ſogar auf manchen *) Das Wort Kindesmord klingt aber hier auch ſchlim⸗ mer wie es in Wirklichkeit war, wenigſtens fand Alles dabei ſtatt, was ſich nur irgend zur Milderung eines ſo entſetzlichen Verbrechens denken läßt. Die Inſeln waren übervölkert(ein Uebelſtand dem die Civiliſation jetzt vollkommen abgeholfen hat) und die Frauen wurden als den Männern in jeder Hinſicht untergeordnete Geſchöpfe betrachtet, hatten alſo auch keine Stimme bei dem Tödten der Kinder. Alle Berichte, ſelbſt die der Miſſionaire ſtimmen übrigens darin überein, daß Kinder nur gleich nach der Geburt, entweder von dem Vater ſelber oder einem Anderen, fortgenommen, in eine ſchon dazu be⸗ reitete Grube geworfen und mit Erde bedeckt wurden, ein nur eine halbe Stunde altes Kind war vollkommen ſicher und wurde nie getödtet. — —— 298 Ignſeln zuerſt dem Heidenthum, wie der hohe Prieſter Tati, der ſelber ſeine Götzen verbrannte, weil er ein⸗ ſah daß die Religion der Bleichgeſichter in ihren Leh⸗ ren eine gute ſei, und das Volk glücklicher machen würde, wenn es ihr folge und ſeinen Misbräuchen, ſeinen Kämpfen entſage. Wären die Miſſionaire dabei ſtehen geblieben, hät⸗ ten ſie dieſen noch unciviliſtrten, aber jedem Guten empfänglichen Stämmen unſer Chriſtenthum gebracht wie es Chriſtus lehrte, ſie wären ein Segen dem Lande geworden und in ihrer Hand lag damals das Glück von Millionen, denn kein Stamm der Erde trug den Saamen des Edlen und Guten mehr und kräftiger in ſich als gerade die Bewohner dieſer ſchö⸗ nen Inſeln, aber ſtatt dem wirklichen Kern unſeres Glaubens brachten ſie ihre Dogmen und Streitigkei⸗ ten, nichtsſagende Formeln und Gebräuche, und die nächſte Zeit ſchon ſollte lehren wie ſehr falſch ſie ge— handelt und wie ihr Ehrgeiz und Stolz der eigenen Gemeinde nur, nicht dem wirklichen Chriſtenthum Anhänger zu gewinnen, das arme Volk das hier zum Opfer auserſehen worden, ehe es nur begreifen konnte um was es ſich überhaupt handele, in die Gräuel eines Religionskrieges verwickelte. Hätten die Evangeliſchen Lehrer ſich eben an den reinen und herrlichen Kern unſerer Lehre gehalten, ſo — 299 konnten ihnen eintreffende Sekten keine Bekehrte mehr abtrünnig machen; ſie brauchten ſie nur auf das Ci⸗ gentliche jedes wahren Glaubens zurückzuführen und der Inſulaner hätte gewußt weshalb er ſeine Götzen verbrannte. So aber machten ſie die Formen zur Hauptſache; ein ſüdliches unſerer nordiſchen Kälte, unſeren ſtarren Fanatismus nicht gewohntes Volk, das ſchon durch Klima wie Boden von Gott ſelber angewieſen worden ganz anders zu leben und zu den⸗ ken, ſollte nicht allein ſeine Religion ändern(das war möglich und die beſſer Geſinnten bewieſen bald wie leicht es ihnen wurde guten Lehren ihr Ohr zu öffnen), nein auch ein anderes Leben beginnen; ſie ſollten voll⸗ kommen andere Menſchen werden, Worte ſingen die ſie nicht verſtanden, Tage lang, ſtatt ihrer Tänze und Spiele, ihr Antlitz in den Staub werfen und beten, und wo ſie bis dahin dem Himmel friſch und fröh⸗ lich in's Auge geblickt, Allem entſagen faſt, was ihnen die Natur in ihrem reichſten Uebermaß geboten; mit einem Wort jenen dunklen Schwärmern und Kopf⸗ hängern gleich werden, die ſelbſt in ihrem nordiſchen Vaterland nur theilweis Anhänger finden konnten, und in Streit und Hader leben mit anderen Sekten. Aber noch waren ſie ſelbſt darin nicht feſt gewor⸗ den, ja in Vielen ſogar ſchon Zweifel aufgeſtiegen, ob ihre alten Götter nicht mit ihnen zürnten, und der 4 m k o 1444. 300 neue keine Macht habe ſie zu fchützen, denn anſteckende Krankheiten wütheten unter ihnen und religiöſe wie politiſche Streitigkeiten hatten Familien und Stämme entzweit, bei denen nur der harmloſe gute Charakter der Inſulaner ſelber oft blutiges Ende verhinderte. Da warfen die Franzoſen ihre Miſſionaire herüber, die einen anderen Gott, einen anderen Glauben brach⸗ ten, und während die Gvangeliſchen Prieſter die Neu⸗ gekommenen als Kinder des Satans und Götzenan⸗ beter ausſchrieen, verdächtigten die Letzteren ihre, ih⸗ nen allerdings nicht geneigten Vorgänger, und warn⸗ ten die armen Eingeborenen, denen der Kopf wir⸗ belte bei den neuen Dogmen und Gebräuchen, auf dem betretenen Wege fortzugehn— denn er führe genau zu dem Platz den ſie bei Wegwerfung ihrer Götzen hätten vermeiden wollen— nämlich zur Hölle. Doch fort mit all ſolchen traurigen Betrachtungen, ſoweit ſie nicht zu nahe mit den Perſonen ſelber ver⸗ knüpft ſind, mit denen wir es hier zu thun haben— ſie thun weh, und man möchte da manchmal mit Keulen drein ſchlagen, die Menſchen doch nur— das wenigſte was man von ihnen verlangen kann— ver⸗ nünftig zu machen. So vor denn, Du bunte Schaar, und grüße die Majeſtät, denn vor dem Hauſe flattert im friſchen Morgenwind das Tahitiſche Banner, der einſame 301 bleiche Stern im rothen Feld, und alle Fremden grüßen mit abgezogenen Hüten des Landes Königin. Auch die Eingeborenen folgten, auf ein Zeichen ihres Miſſionairs, dieſem Gebrauch, die wenigſtens, die Hüte hatten— und begriffen vielleicht dabei heut' zum erſten Mal weshalb ſie die wunderlichen Dinger eigentlich trugen. Pomare erhob ſich, dankte mit freundlichem Nicken und ließ den Blick lange und forſchend über die Men⸗ ſchenwogen gleiten, die ihren einfachen Palaſt umla⸗ gert hielt. Kaum aber zeigte ſie ſich ſo dem Volk, das in Liebe und Ehrfurcht an ihr hing, da rief ein alter Mann, ein Häuptling von Taiarabu, der un⸗ fern der Verandah ſtand: „Pomare! unſere Königin, ia ore na oe!“*) und wie der Schlag des Geſchützes, der das Echo weckte in den Bergen, faßte den Ruf die Menge und laut wie der Brandung Donnerton klang das liebende Wort:„ia ore na oe!“ Pomare wollte reden, ſie hob die Hand und öff⸗ nete den Mund, aber die Stimme verſagte ihr— ſie barg die Stirn in der linken Hand und wandte den Kopf, ihre Bewegung zu verbergen; da fiel ihr Blick auf die Fremden an ihrer Seite, auf die ſchwarzen *) Mögeſt Du gerettet werden. 302 Männer Gottes, auf die buntblitzenden Uniformen der Seeleute, und gewaltſam raffte ſie ſich zuſammen, nicht ſchwach zu ſcheinen vor den Fremden. Ein leiſer Wink ihrer Hand rief Raiata, ihren „Sprecher“ an ihre Seite und wie noch vor wenig Augenblicken ein wildes Meer von Köpfen herüber und hinüberwogend mit ſtürmiſchen Lauten die Luft erfüllt hatte, legte ſich der Lärm im Augenblick und wechſelte in Todtenſtille, daß dumpf und dröhnend der fernen Brandung Rollen hörbar wurde über der Schaar, und wie ein Segen klang zu dem frommen Wort des Volks. „Es iſt der Königin Wunſch,“ klang da die volle klare Stimme Raiatas,„daß die Verhandlungen die⸗ ſes Tages mit Gebet beginnen.“ „Dazu geben wir unſere volle Beiſtimmung,“ nahm da Einer der Miſſionaire raſch das Wort,„und wollen den ehrwürdigen Herren Rowe erſuchen das Gebet zu halten.“ Die Königin neigte ihr Haupt und während einer feierlichen Stille, in der das Athmen der Menge hörbar war, begann der fromme Mann ſein lautes Gebet. „Herr mein Gott, Deine Hand liegt ſchwer auf dieſem Volk, Deines Zornes Wucht traf tief und ſchmerzlich das gebeugte Haupt, und unſer Flehen 303 ſteige jetzt auf zu Dir zu Ruhm und Preis, Jehovah, daß Du Dich erbarmen mögeſt unſerer Noth.“ „Von über dem Meere her drohete dem friedlichen Strand Gefahr, Deiner Kinder frommer Sinn, wie Du ihn gnädig gelegt haſt in unſere Hand, wird ge⸗ fährdet durch der Papiſten Wort und die eiſernen Ge⸗ ſchütze unſerer Feinde, und Deine Hand nur kann uns retten vor Noth und Vernichtung, Jehovah!“ „Unſere Feinde ſind ſtark— ihrer Waffen Macht trägt das Meer, und Nichts haben wir ihnen entge⸗ genzuſetzen als das fromme Wort— als Dein Wort o Herr, wie Du es uns gegeben in der heiligen Schrift— o Jehovah!“— „Hier Herr iſt ein Volk, ein zahlreiches Volk, auf das kein Strahl göttlicher Gerechtigkeit gefallen war in ſeiner Nacht; das ſeinen mühſeligen Weg ſeit ungekannten Generationen, vielleicht ſeit dem Beginn des Götzendienſtes unter Noahs Abkömmlingen in all der Finſterniß, in all dem Grauſen ſchrecklichen Wahns ſeine dunkle Bahn geſucht— eines Wahnis der ſich unter verſchiedenen Verhältniſſen aber ſonſt immer derſelbe zeigte, und einen ſo gewaltigen Theil des menſchlichen Geſchlechts umfaßt, deſſen vorragende Züge aber immer den Stempel des Fluchs getragen, in„Unreinigkeit und Blut.“— O Herr— hier— 304 hier iſt ein Volk, bei dem ſeit frühſter älteſter Zeit menſchliche Opfer gebracht wurden— hier jener fremde Mummenſchanz mit Götzenbild und Trug iſt getrie⸗ ben, Mummenſchanz den die Betenden nicht einmal begriffen und nur gemacht den dunklen Geiſt der Sei⸗ nen zu verwirren, ohne Troſt zu bringen, ohne Ruh, und ohne nur das Herz im Entfernteſten zu reinigen von der Sünde.“— „In dieſer entſetzlichen Zeit ein Schiff, weit weit am Horizont kommt in Sicht— dreitauſend Meilen fuhr es über eine Waſſerwüſte und führt eine ge⸗ wählte Schaar von Paſſagieren an Bord, die einem feſten Ziel entgegenzichen— und was das Ziel?— Die Nachricht von Gottes Vaterhuld zu bringen ei⸗ ner verderbenden Welt, das Heil denen zu bringen, die bereuen und glauben und den mit Blindheit ge⸗ ſchlagenen Heiden den Weg zu zeigen zu Gottes Pa⸗ radies. Die Herolde, die fröhlichen Muthes ausge⸗ gangen dieſe göttliche Proclamation zu verkünden ſind unſere Brüder— von der Thür jenes Heiligthums aus begannen ſie ihren Weg der Gnade. Mit Liebe und Anhänglichkeit an ihr Vaterland, mit Ausſicht auf Erwerb und Achtung daheim, mit Geſund⸗ heit und Freuden und Allem was dies Leben wün⸗ ſchenswerth machen konnte, entſagten ſie ruhig dem Allen, rechneten Alles nur Verluſt, wo ſie des Vor⸗ 305 theils theilhaftig werden konnten den Heiland zu predigen dieſen, dem Untergang geweihten Inſeln.“ „Sie waren auf Gefahr gefaßt, auf Noth und Hunger, auf ſtürmiſche See und blutgierigen Feind, auf Verfolgung der Götzenprieſter und ihren Haß, auf blinden Wahn und alle Schrecken blinderen Aberglaubens; und Alles Alles haben ſie beſiegt, mit der Hülfe des Herren Zebaoth da droben und ſeiner Macht, und Jeſus Chriſtus ſeinem eingeborenen Sohn, und dem heiligen Geiſt in all ſeiner Herrlichkeit und unerſchöpflichen Gnade. Aber— nicht gefaßt waren ſie auf den Feind im Lager unter den eignen Brü⸗ dern— nicht gefaßt darauf daß ein anderes Chriſt⸗ liches Reich ſeine Boten des Haſſes und Aberglaubens ſenden würde in dies Inſelland, das fromme Werk zu ſtören, zu verderben. Aber ſteh, des Herren Hand iſt ſtark auch in dem Schwachen, und wie der Wieder⸗ ſtand den Gegendruck erhöht und ſtärker macht, ſo hat ſich jetzt das ganze Volk erhoben wie ein Mann, zu zeigen daß es Gott verehrt in Seiner Herrlichkeit— aber auch nur in Seinem Wort, und von ſich werfen will, was ſeinem Lande wie ſeinem Geiſte Feſſeln legen möchte zu Schmerz und Schmach.“ Pomare wandte den Kopf nach dem Redner, und das Blut ſchoß ihr in vollen Ströͤmen in Stirn und Schläfe— es war als ob ſie reden wollte, aber nach Gerſtäcker's Tahiti. I. 20 306 wenigen Secunden ſenkte ſie wieder die Augen zu Bo⸗ den und der Ehrwürdige Mann fuhr fort. „Der Antichriſt hat ſich erhoben unter uns— nicht frei und offen aber trat er auf, dem ehrlichen Feind gegenüber der ehrliche Feind; nein ſchlau und heimlich ſchlich er herbei mit gleisneriſchem Wort und Blick, fromme Worte auf den Lippen und Trug im Herzen. Wehe! Wehe über ihn, wehe wehe über Euch wenn Ihr ihm lauſchtet was er Euch vorer⸗ zählt mit der Doppelzunge— der Fluch bliebe nicht aus, und was durch Gottes Hand geſäet in den langen Jahren der Trübſal und des Leides, das mähte des Teufels Hand nieder in einer ſchwarzen Stunde.“ „Das Gebet!“ flüſterte einer ſeiner Amtsbrüder, denn die Königin hob wieder den Kopf und ſeufzte auf, wie von innerer Angſt beklemmt. „Ich bin der Herr Dein Gott, Du ſollſt nicht andere Götter haben neben mir“— fuhr aber der Geiſtliche in vollem Eifer und hingeriſſen von dem Thema fort—„nicht buntes Schnitzwerk, bunten Klei⸗ des Zier, nicht leere Formeln und hohles Wort ſind des Chriſten Schmuck, ein demüthiges Herz nur und einfacher Sinn—“ „Das Gebet,“ mahnte dringender die Stimme, denn unter dem Volke auch wurde jetzt manche Stimme laut, und ſelbſt unter den gegenwärtigen Fremden, von — — 307 denen mehrere der Römiſchen Kirche angehörten, er⸗ hob ſich ein leiſes Murren und nur wohl die Gegen⸗ wart der Königin hielt eine förmliche Einrede zurück. Der ehrwürdige Mr. Rowe hielt einen Augenblick ein und ſchaute mit einem verklärten Blick zum Himmel, dann aber, wie von ſeinen Gefühlen übermannt, ſagte er mit gedämpfter, anfangs kaum verſtändlicher, doch wieder wachſender, anſchwellender Stimme: „Dein ſei der Preis und die Ehre in der Höhe, Jehovah, Dein ſei die Herrlichkeit— ſchütze unſere Brüder in dieſer Inſelwelt, ſchütze das ganze Chri⸗ ſtenthum vor den Verſuchen des Pabſtthums.“ „Gieße Deinen Heiligen Geiſt aus von da droben auf alle Gvangeliſche Kirchen, und vereinige ſie zu Einem lebendigen Glauben.“ „Gieb allen Chriſten, vorzüglich aber den Paſtoren und Gvangeliſten Kraft und Muth Rom zu wider⸗ ſtreben und das glorreiche Reich Jeſus Chriſtus un⸗ ſeres Herren und Gottes außzurichten.“ „Zerſtöre raſch, bei dem Geiſt Deines Mundes (2. Theſſ. 11, 8.) die tödtlichen Irrthümer des Pabſt⸗ thums; brich das Joch, das es auf die Nacken ſo vielen Volkes gedrückt, und führe durch Deinen Rath die Seelen, die es von Chriſtus ſonſt entfernen möchte und die uns werth und theuer ſein müſſen, zur glor⸗ reichen Freiheit ein der Kinder Gottes— aber—“ 20* 308 „Amen!“ fielen in dieſem Augenblick die ihm nächſten Brüder laut und raſch ein— und Amen riefen die Umſtehenden, Amen hallte es, wie dumpfen Donners Ton leiſe und ſcheu von den Lippen der Tauſende, die das kleine Haus umdrängt hielten, und deren Blicke an dem ernſten Mann hingen wie er zu ſeinem Gott ſprach für ein fremdes Volk. Die Fremden aber, denen die fanatiſche Predigt ſchon viel zu lange gedauert, holten tief Athem, räuſperten ſich und flüſterten mit einander— der Geiſtliche konnte nicht weiter beten. Pomare bog ſich jetzt leiſe zu ihrem Sprecher über, und Raiata den Arm ausſtreckend über das Volk, ſagte mit ſeiner lauten, auch zu den Entfernteſten klar und deutlich dringenden Stimme: „Ihr Männer von Tahiti und Imeo, Häuptlinge und Volk, und Ihr Fremden die Ihr gegenwärtig ſeid an dieſem Tag, und Theil nehmt an unſerem Schickſal; die Königin Pomare, Aimata, wird zu Euch ſprechen und mit Euch ſprechen über das Ein⸗ greifen einer fremden Macht in ihre Rechte, das ſie, wenn ſie es duldete, nicht mehr Königin ſein ließ auf dem Thron Otu's.— Erwäget wohl was heute ver⸗ handelt wird, es iſt eine wichtige Sache und kein blinder Eifer dafür oder dagegen ſollte die Entſchei⸗ dung lenken, aber redet auch in Frieden und betet zu — Gott daß wenn heute doch zornige Worte ge⸗ ſprochen werden ſollten, ſie mild und weich werden, wenn ſie in Euer Herz eingehn, und dort nicht Aerger und böſen Geiſt erzeugen.“ „Segne meine Seele Jim, was die da erſt kreuz und queer um den Compaß gehn, ehe ſie den rich⸗ tigen Cours kriegen,“ ſagte unſer alter Bekannter, Mac Rally, zu ſeinem Begleiter, mit dem er ſich ziemlich dicht zur Verandah, an der Seite aber an welcher die Miſſionaire ſtanden, vorgedrängt hatte. Hier befanden ſich die beiden auch faſt hinter, dem ganzen weiblichen Theil der Verſammlung, der ſich ohne frühere Verabredung, und eigentlich nur der er⸗ ſten frommen Abtheilung der Mädchen folgend, da zuſammengefunden und ſeinen Platz behauptet hatte. „Die Sache wird langweilig,“ meinte Jim gäh⸗ nend—„ſetzt werden ſie gleich an zu ſingen fangen, und wenn wir nicht hier die hübſche Nachbarſchaft hätten—“ „Ruhe dal— Still!— gebt Frieden!“ tönte es von mehren Seiten, und Aller Köpfe wandten ſich den beiden Seeleuten zu, die dadurch die Aufmerk⸗ ſamkeit der Menge weit mehr auf ſich gezogen ſahen, als ſie wohl vermuthet. Raiata begann aber in dem⸗ ſelben Augenblick wieder, und jetzt zwar mit Vorleſen einer langen Rede Pomares in Tahitiſcher Sprache, 310 in der er zuerſt ihre Gefühle bei dem jetzigen politi⸗ ſchen Stand der Dinge beſchrieb, bei welchem ſie ſich ſelber als verbannt von ihrem Königreich betrachten müſſe, und das Volk dann aufforderte dieſem Zuſtand durch energiſches, aber auch einiges Handeln ein Ende zu machen.. Dann wurde ein Brief des Engliſchen Admirals verleſen, der die Theilnahme der Königin von Eng⸗ land für die Königin von Tahiti ausdrückte*) und auf das beifällige Murren der Verſammlung wandte ſich Raiata nun zu den verſchiedenen Häuptlingen der nächſten Diſtrikte, ihre Meinung zu hören. „Fanue ſprich Du was Du denkſt von der Ge⸗ ſtaltung der Dinge im Reich.— Der Aelteſte biſt Du, Pomare frägt Dich, willſt Du die Flagge beibehalten wie ſie iſt, oder Dich der neuen Herrſchaft beugen?“ Fanue, ein Greis, tattowirt noch aus der Heiden⸗ zeit und mit einem Tapa⸗Mantel ſtatt des bunten Kattuns, wie ihn faſt alle Anderen trugen, ſtand, auf ſeinen Stab geſtützt, und ſchien die Anrede, als etwas Selbſtverſtändliches ſchon lange erwartet zu haben. Aber der Ton ſeiner Stimme klang rauh, rauh wie * *) Das war im Februar, im März wurde aber erſt die Beſitznahme der Inſeln durch die Franzoſen in England be⸗ kannt. — — ᷓ — das Wort das er ſprach, und das lange weiße Haar, das er nicht abgeſchnitten hatte wie viele der„gläu⸗ bigen Chriſten“, zurückwerfend aus der Stirn ſagte er finſter: „Raiata hätte ſich die Frage ſparen können, er weiß wie Fanue denkt und gedacht hat ſeit ſte Oros Bildniß auf den Inſeln ſtürzten. Der Fremden ſind hier zu viel geweſen von vorn herein, und es iſt nicht wahrſcheinlich daß ich ihnen jetzt das Wort reden ſollte. Was der Ferani dabei für ein Recht hat uns regieren zu wollen?— daſſelbe Recht das ſich der Hai nimnt, wenn er in unſere Binnenriffe kommt— nur daß ſich der Haifiſch ſchämt, wenn er von Men⸗ ſchen dabei erwiſcht wird, und wieder zurückgeht— und der Ferani nicht. Aber es giebt viele Arten von Hai's,“ ſetzte er langſamer hinzu und ſein Blick ſchweifte düſter über alle Weiße—„eine vorſichti⸗ ger— feiger wie die andere. Fanue möchte einen Corallenblock nehmen und die Einfahrt verſtopfen— nachher ließe ſich leicht reine Bahn machen.“ „Aber Du ſtehſt der Frage keine Rede Fanue,“ ſagte Raiata ungeduldig,„willſt Du die Fahne bei⸗ behalten?“ „Ich wußte nicht daß das bunte Spielzeug bei Euch die Hauptſache iſt,“ ſagte der Greis mürriſch— „wenn's denn einmal eine ſein muß, iſt die ſo gut wie jede andere— weshalb wechſeln? aber Otu wußte Nichts von ſolchem Tant.“ „Fanue ſtimmt alſo für Beibehaltung der Engli⸗ ſchen Flagge,“ fiel hier Mr. Dennis, Einer der Miſ⸗ ſtonaire von Imeo in das Wort—„von ſolchem würdigen Mann war das nicht anders zu erwarten.“ „Und Du Aonui?“ fuhr Raiata fort. „Halt ein, Pomare!“ rief aber in dieſem Augen⸗ blick Mr. Mörenhout der Franzöſiſche Conſul, der der Verhandlung bis dahin ſchweigend aber mit krauſer Stirn gelauſcht—„das überſchreitet Euere Macht. Der Vertrag, den Du ſowohl, wie vier Deiner erſten Häuptlinge unterſchrieben, giebt Dir nicht mehr das Recht hier zu entſcheiden, was ſchon entſchieden iſt. Du biſt die Königin dieſer Inſeln und wirſt es blei⸗ ben, kannſt es aber nur unter Frankreichs Schutz, das Dir ein beſſeres Bündniß bot als Deine Prieſter— gieb Dich nicht wieder ganz in ihre Macht, Du wür⸗ deſt es ſicherlich zu ſpät bereuen..“ „Dir ziemt keine Drohung hier, Conſul Mören⸗ hout,“ ſagte aber Pomare ſich von ihrem Sitz erhe⸗ bend—„ich war freundlich gegen Dein Land ge⸗ ſinnt— es iſt ein mächtiges Land und ich ſtreckte dem Könige Deiner Inſel die Hand entgegen, weil ich glaubte daß er mich ſicher führen würde in vielem Wirrſal und Leid, das Gott über mich verhängt hat. 1 —— 313 Aber die Hand die mich führen ſollte faßte mich ſo feſt an, daß ich laut aufſchrie— ſie that mir weh und ich will allein gehn jetzt auf meiner Bahn.“ „Die Koͤnigin hat freie Wahl hier, zu thun und zu laſſen was ihr gefällt,“ nahm jetzt, als der Fran⸗ zöſiſche Conſul erwiedern wollte, der Engliſche Ca⸗ pitain das Wort—„gezwungene Verſprechen bin⸗ den nicht, und ihrer eigenen Ausſage nach iſt ſie dazu gezwungen, und zwar in einem Zuſtand gezwungen worden*), in dem die Frau ſchon ſicher ſein ſollte vor jeder Beläſtigung von außen her. Die Verhand⸗ lung hier übrigens, ſteht unter meinem beſonderen Schutz.“ „In dem Fall,“ entgegnete der Franzöſiſche Con⸗ ſul finſter,„kann ich Nichts thun als gegen Alles feierlich proteſtiren, was die geſchloſſenen Verträge des Landes, das ich hier zu repräſentiren die Ehre habe, verletzt; thun Sie was Sie verantworten können.“ Eine kalte Verbeugung des Engländers antwor⸗ tete ihm, und Raiata, über deſſen Züge ein triumphi⸗ rendes Lächeln flog, wiederholte ſeine Frage an Aonui, einen Häuptling aus Matavai⸗Bai. *) Pomare erwartete gerade in jener Zeit, als ſie Du Petit Thouars um ihre Unterſchrift bedrängte, jede Stunde ihre Entbindung.. — — 314 Aonui war ein frommer Chriſt— den geſchorenen Kopf entblößt, trug er ſeinen Strohhut in den gefal⸗ teten Händen, und hatte ſchon ſeit der erſten An⸗ ſprache, und ohne auch nur den Blick auf einen Mo⸗ ment den Rednern zuzuwenden, zum Himmel aufge⸗ ſchaut, deſſen klare Bläue nur hie und da durch ein⸗ zelne leichte Wolken unterbrochen und kaum geſtört wurde. Er trug weiße Hoſen und eine weiße Jacke, über die erſteren aber nichtsdeſtoweniger den Pareu und ein buntes roth und gelb geſtreiftes Hemd, um den Hals eine feſte ſchwarze Binde und kleine ſteife Stehkragen dort hinein geknüpft— er hatte das bei ſeinen Lehrern geſehn und Freude daran gefunden ſich ebenſo zu tragen. Bei der zweiten Anrede neigte er leiſe den Kopf, dann aber rief er plötzlich mit lau⸗ ter und freudiger Stimme: „Jehovah ſei Preis in der Höhe, ſein die Ehre— aber Pomare iſt unſere Königin ia ore na oe, und die Britiſche Flagge die natürlichür unſeren Herzen, unſerem Glauben.“ „Setz unſeren Intereſſen hinzu Aonui!“ un⸗ terbrach ihn da Tati, der mit Ungeduld die Zeit er⸗ wartet zu haben ſchien, ſelber reden zu dürfen—„ſetz unſeren Intereſſen hinzu, aber laß das Herz fort. Die natürlichſte unſeren Herzen muß und wird die Landesflagge ſein, die rothe Fahne mit dem weißen 315⁵ Stern, oder beſſer noch die weiße Kriegesfahne unſerer Väter!“ „Aonui redet!“ rief aber der Sprecher der Kö⸗ nigin, ſeinen Stab erhebend,„Tati wird reden wenn die Königin befiehlt.“ „Tati wird“— rief der ſtolze Häuptling wild und trotzig emporzuckend, aber er bezwang ſich ſelbſt, ſogar noch ehe Paraitas Hand warnend ſeine Schulter be⸗ rührte, und die Arme feſt auf der Bruſt gekreuzt, die Unterlippe zwiſchen die Zähne gebiſſen, daß das Blut daraus zurückwich, blieb er ſtehn und ſchaute finſter vor ſich nieder. „Friede mein Bruder!“ fuhr aber Aonui freund⸗ lich und mit ruhiger Stimme fort—„Friede ſei zwi⸗ ſchen uns immerdar, aber meiner Meinung bleib ich treu; die Britiſche Flagge muß unſeren Herzen die theuerſte ſein, denn Groß⸗Britannien ſandte uns die Bibel, und damit, glaub' ich, hab ich Alles wohl ge⸗ ſagt.— Die heilige Schrift iſt unter uns, mehr brau⸗ chen wir nicht!“ „Nein, mehr brauchen wir nicht— wir haben unſere eigenen Geſetze und Lehrer und die Bibel— das genügt uns— fort mit der anderen Flagge!“ fielen jetzt viele andere Stimmen ein, und„das ſagt Terate, das ſagt Avei— das ſagt Nane ini!“ rief es von drei verſchiedenen Seiten in den Lärm. 316 Die Miſſionaire ſchwiegen, aber mit aufgehobenen Händen ſtanden ſie da und in Bruder Rowes Augen glänzte eine Thräne. 4 „Gut von Dir Nane ini! gut von Dir Avei und Terate. Ihr habt Eueren frommen chriſtlichen Sinn bewährt!“ rief aber Raiata und nickte da und dort hinüber;„Ihr ſeid Pomares Freunde, und der Sturm wird Euch nur feſter in den Boden wurzeln. Jetzt aber ſpricht die Königin durch mich zu Dir, Tati, Häuptling und Richter von Papara, aber Vaſall Po⸗ mares, der freien Königin von Tahiti und Imeo— und fragt Dich weshalb haſt Du Hülfe geſucht bei den Feranis ohne Wiſſen Deiner Königin, ja ohne ihr zu künden was Du thateſt?“ Tati wollte ſprechen, und ſeine ganze Geſtalt zit⸗ terte vor innerer Aufregung. Er war heute in einen weiten Zeugmantel gehüllt, der in maleriſchen Falten bis über ſeine Knie hinunterhing, in den Haaren aber trug er, wie zum Trotz der anderen Parthei, die alten Häuptlingsfedern ſtolz befeſtigt. „Und Tati bleibt die Antwort ſchuldig?“ frug höhniſch der Sprecher. „Nein, nein, nein und abermals nein!“ ſchrie aber jetzt der ſtolze Häuptling, deſſen Zorn die Ober⸗ hand gewann—„nur nicht ich brauche zu antworten ſolcher Frage— dort die Männer an Deiner Seite, 317 1 die ſchwarzen mit dem frommen Blick mögen Dir Rede ſtehn, wenn Du ſo neugierig biſt.“ 1 „Wir?— wer?— wir?“ frugen die Miſſionaire allerdings erſtaunt, und vielleicht auch beſtürzt über den trotzigen Ton des einflußreichen und immer noch gefährlichen Mannes.. „Ihr— und noch einmal ſag ich's, Ihr!“ rief aber, uneingeſchüchtert der Häuptling, jetzt vortretend und den rechten nackten tattowirten Arm gegen ſie ausſtreckend.„Das unnatürliche Verhältniß,“ fuhr er dann etwas ruhiger, aber immer noch in aufge⸗ regter Stimmung fort,„das dieſes Land in ſeinen Banden hält, trägt jetzt die Schuld unſeres Zwie⸗ ſpaltes, und wird, Gott ſei es geklagt, noch ſpäter ſogar blutige Früchte tragen. Euch verhüllt ein Man⸗ tel unter dem Ihr Euch verſteckt oder vorkommt, wie es Euch paßt, und den Frieden Gottes auf den Lippen könntet Ihr mit Euerer Nichts vernichtenden Ruhe, einem Heiligen die Kriegskeule in die Hand preſſen und den Wurfſpeer. Ihr Prediger allein ſeid es geweſen, die unſer Land regiert ſeit ſie Pomare den Zweiten in ſein kühles Grab gelegt. Ihr habt Ge⸗ ſetze aufgeſchrieben und durch der Häuptlinge Mund wurden ſie That; Ihr habt Strafen aufgeſchrieben, und durch der Häuptlinge Hand wurden ſie Wahr⸗ heit. Ihr waret es, die uns das Buch erklärten, das 318 Ihr die heilige Schrift nennt— wir kannten es nicht, Gott hatte uns im Dunkel gelaſſen über ſein Reich.— Ihr habt viel Gutes gethan, Ihr habt die Väter ver⸗ hindert daß ſie ihre Kinder erſchlugen, Ihr habt man⸗ ches Leben gerettet, denn Oros Prieſter ſind von die⸗ ſen Inſeln verſchwunden, und ſie ſchlachten keine Opfer mehr; aber Ihr habt auch das Vertrauen des Volkes zu ſeinen Fürſten und Häuptlingen untergraben, und nennt die Bibel wenn man Euch fragt warum. Ihr habt unſere Gebräuche und Feſte vernichtet, und die Bibel iſt der Grund auf den Ihr fußt— Euere Ge⸗ ſetze und Strafen, fragt man Euch woher? aus der Bibel—“ „Aber Tati,“ unterbrach ihn hier Aonui mit from⸗ mem Blick—„das iſt ja—“ „Ruhe dort wenn Tati ſpricht!“ donnerte ihm aber der Häuptling entgegen und ſein Fuß ſtampfte den Boden; dann jedoch, nach kurzer Pauſe, in der das Volk athemlos ſeiner klangvollen Stimme lauſchte, fuhr er fort—„Das iſt gut— das Buch der Bücher iſt ein feſter Grund und Ihr verſteht darauf zu bauen, aber laßt es nicht den Wall ſein hinter den Ihr ſpringt Euch zu verbergen. Als jene fremden Prieſter die in unſer Land gekommen waren, durch Euch verbannt wurden von dieſer Inſel—“ „Das iſt falſch,“ unterbrach ihn der Miſſionair 319 Rowe mit einem frommen Blick nach oben und tiefen Seufzer,„das iſt falſch, denn Tahitis Geſetze ſprachen allein ihr Urtheil.“ „Und wer gab die Geſetze, die ſie damals tra⸗ fen?“ lachte mit bitterem Hohn und trotzigem Zornes⸗ blick der Häuptling—„Ihr!— Wer deutete ſie der Königin gegenüber? Ihr! Wagt es und ſagt die Königin iſt frei— es iſt nicht wahr; in Eueren Maſchen liegt ſie, in Euerem Netze liegt das fanati⸗ ſirte Volk, das nur des Aufrufs bedarf und einen Bibelvers, ſich blind dahin zu ſtürzen wohin Ihr es verlangt. Dreht Euere Augen zum Himmel— Got⸗ tes Tod— hier ſteh ich und der Herr da oben mag mich ſtürzen, wenn ich ein einzig falſches Wort nur ſpreche, ein einziges Wort, das mir nicht warm und wahr in der Seele glüht, und meinen Pulſen Fieber⸗ hitze giebt.— Die Geſetze? die Häuptlinge? nicht Ihr?— wagt es und ſagt das Euerer Königin in's Geſicht— ſagt das Fanue, Terate und Avei— nicht Ihr? die Häuptlinge, das Volk führen es aus, Ihr aber, mit der Bibel in der Hand ſteht Ihr dahinter, und Euer Ruf iſt es— heimlich oder laut— der ſte treibt.“ „Nicht als Ankläger, Tati von Papara, ſondern als Vorgerufener ſollſt Du Rede ſtehn Deiner Fürſtin!“ rief aber jetzt Raiata, der mit einem leiſen Anflug von 320 Schadenfreude des Häuptlings Zorn auf Leute hatte ausſtrömen ſehn, die ihm bis dahin viel zu mächtig geſchienen es auch nur für möglich zu halten; aber die Königin winkte und er mußte gehorchen. „Ei wenn Pomare denn mit Willen blind iſt,“ rief der Häuptling trotzig,„mags drum ſein; was kümmerts mich! So nimm denn Deine Antwort: Weil wir die Löſung unſerer Wirren mit den Feranis denen überlaſſen wollten die ſie herbeigeführt— den Miſſionairen; von denen aber im Stich gelaſſen, denn ſie leugneten bei dem Fortſchicken der Römiſchen Prieſter auch nur im mindeſten betheiligt geweſen zu ſein, und von dem Franken bedrängt, ja in ihm ſelber vielleicht einſt eine Stütze ſehend in ſchwererer Zeit gegen ſolche heimliche Feinde, ſchrieb ich meinen Namen unter das Papier— biſt Du zufrieden nun?“ „Und Du Utami?“ „Tati hat den Grund genannt,“ entgegnete der allgemein geliebte Richter, und einzelne Stimmen des Beifalls wurden ſchüchtern laut. Und Paraita? und Hitoti? „Utami und Tati hatten unterſchrieben,“ nahm hier der vorſichtige Paraita das Wort,„wir hielten's nicht der Mühe werth da lang darüber nachzudenken; Utami denkt allein für Viele.“ —— 321 „Und billigt Hitoti ebenfalls dieſen Grund?“ frug noch einmal der Sprecher. „Ich habe nicht nöthig Andere vorzuſchieben,“ brummte der Häuptling—„weil ich es für das Beſte des Landes hielt that ich's, und weil mir das Volk mehr am Herzen liegt als die Kirche— es mag ein Fehler ſein, aber's iſt wahr.“ „Da erhob ſich Pomare ſelber, ihr Antlitz von leiſem Roth überhaucht, der den lieben Zügen einen noch viel höheren Reiz verlieh, und mit der Rechten ſich auf den Stuhl ſtützend auf dem ſie geſeſſen, ſagte ſie leiſe, und doch mit den weichen Tönen bis zu den entfernteſten dringend, die in laut⸗ und athemloſer Spannung ihren Worten horchten. „Und wünſcht Ihr, Häuptlinge meines Landes, die Hülfe, den Schutz der Feranis?“ „Nein, nein, beim ewigen Gott! nein!“ riefen die Häuptlinge, Tati und Hitoti an der Spitze, durch⸗ einander. „Was brauchen wir den Fremden?“ fuhr Tati fort, den weiten Mantel von ſeinem Arm zurückſchleudernd, „unſere Bäume ſind fruchtreich, unſere Quellen ſüß, und kamen wir zu ihm zuerſt, Nahrung zu holen auf der Reiſe, oder er zu uns? Trenne Tatis Hand vom Rumpf wenn ſie ſich je ausſtrecken ſollte einen Frem⸗ Gerſtäcker's Tahiti. I. 21 ——— den um Hülfe anzurufen— ſo lange er ſich im eig⸗ nen Lande helfen darf.“ „Nein, wir wollen keine Hülfe von Fremden“ wiederholte nochmals Hitoti,„aber laß dann auch Deine Prieſter zu dem ſtehn was ſie ſind— die Leh⸗ rer unſerer Kinder, unſeres Volkes. Als Richter aber brauchen wir ſie nicht— ſie kennen unſer Land nicht, nicht unſere Sitten, unſere Bedürfniſſe— ſie kennen nur Gottes Wort— laß ſie das lehren, und wir wollen ihnen folgen und ſie ehren.“ Die junge Königin winkte, leicht dankend mit der Hand, und Raiata, wieder das Wort ergreifend, fuhr fort: „So melde ich Euch denn, Ihr Häuptlinge und Eingeborene der Inſel, Euch Fremden und Geiſtlichen die Ihr Antheil an uns und unſerem Lande nehmt, daß es der Königin Wunſch und Wille iſt mit allen fremden Nationen und Fürſten auf freundſchaftlichem Fuß zu ſtehen und zu bleiben; ſollte ſie aber je die Hülfe irgend einer Nation verlangen müſſen— was Gott verhüten möge— ſo ſei das Land kein anderes als Groß⸗Britannien, und ſtürbe ſie, von dieſem Lande ſollte ihr Erbe und ihres Erben Erbe Schutz erbitten, zur ſpäteſten fernſten Generation hinab. Ihr großer Bundesgenoſſe iſt England; von dort hat ſie ihre Lehrer, ihre Civiliſation, ihre Geſetze und Religion 323 erhalten, und ſie will keinen anderen Bundesgenoſſen als den Briten.“ „England hat uns die Bibel gebracht!“ rief ein Theil der Häuptlinge durcheinander—„es hat uns den Heiland kennen gelehrt.“ „Und Krankheiten, die uns das Fleiſch von den Knochen faulen machen,“ knirrſchte Tati zwiſchen den Zähnen—„meinetwegen verſchreibt Euch dem Teufel.“ „England iſt unſer Heil, unſer Stolz— England iſt unſer Anker in der Noth und im Sturm!“ rief wieder ein Theil der Oberen, und der Engliſche Ca⸗ pitain neigte ſich dankend dem bunten Chor, in An⸗ erkennung dieſer Freundlichkeit; Tati aber nahm Uta⸗ mis Arm und wollte ihn fort aus dem Gedränge ziehen. „Warte noch,“ ſagte Utami,„erſt kommt noch ein Gebet von Einem der frommen Männer,“ und dem ſchon gegebenen Zeichen gehorchend, beruhigte ſich wieder das wachſende Toben der Menge, aber Tati ſchüttelte ärgerlich mit dem Kopf und ſagte, den Freund mit ſich fortziehend: 4 ₰ „So laß ſie beten und ſingen, und meinetwegen— aber ich will mich nicht ärgern über das ſchwarze Volk; fort, fort mit den albernen und quälenden Ge⸗ danken, die mir nicht Ruhe noch Frieden laſſen. Das Volk iſt blind, und in tollem Aberglauben, mit dem, — es ſich jetzt gerade 1 ar die. gerfändlchen Sagen ſtürzt, wie es früher von den Wundern Oros und der anderen Götter träumte, läßt es ſich von Jedem die Hände binden, der im Stande iſt ihm den Schleier über die Augen zu werfen. Fort, wieder hinaus in's Freie; die Komödie iſt aus und die ſchwarzen Areois haben ihre Sache gut gemacht.“ Und ärgerlich den Mantel um ſich her ziehend, ohne den Blick zurückzuwerfen, ſchritt er die Straße entlang die hinein in die Stadt führt. Druck von Ferber& Seydel in Leipzig. —— durlaaataaauazwummumruauuuum ſſſfffffffrnIſfffſſfſſſſſſſssniffſſſſſſſſiſſnnnſſnſſhüiiſin 8 9 10 11 12 14 15 16 17 18 19