———— * u—. 8 E, ae Paa 2K. 290 5343 — Leihbibliothet dentſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur won. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 7 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ †f fangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens Uhr bis Abends 8 Uhr offen. „Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 2 Stu. den angenommen.— 33.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Ent⸗ egennahme nes Buches, eine dem Werthe deſſelben 1 1 Werthe de entſprechende Summe ſ een, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird 4 3 2) 4— 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden eträgt; für mchen ich 2 Bücher: àA Bücher: 8—————— 3 4 der.— Pf. 1 Wer. 50 Pf. 2 3 8„—„ 3 7„=„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten baben fuͤr Hi und Zuruckſendung der Bücher auf ihre eig enen Koſten und Ge ahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. ür beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ † lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des wanfen verpflichtet.— 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, m 3 daß das Weiterverleihen 4 der Bücher nicht ſtattfinden dar ſelben von mir geliehen, a f, indem Diejenigen, welche die⸗ afür zu ſtehen haben Die beiden Sträflinge beiden Sträflinge. Auſtraliſcher Roman von Friedrich Gerſtäcker. Dritter Band. Der Verfaſſer behält ſich die Ueberſetzung dieſes Werkes vor. ceipzig/ Hermann Coſtenoble. 1857. Cap. zum dritten Bande. Ein Auſtraliſcher Abenteurer Der Sträfling Der Verführer Dr. Spiegel's Soirée. Unvermuthetes Zuſammentreffen Der Verrath Der Verlobungs⸗Abend Die Entführung. Verfolger und Verfolgter. Nguyulloman. Schluß. Inhaltsverseichniss 120 147 173 201 238 2⁵⁵ 288 — 2 „. . 4 e. M.d A ke h.. 1. Capitel. Ein Auſtraliſcher Abenteurer. In Adelaide, unmit telbar an dem kleinen Flüß⸗ chen Torrens, und nur von dieſem durch den brei⸗ ten Fuhrweg und einen ſchmalen Streifen Wie⸗ ſenland getrennt, auf dem noch ein Paar verein⸗ zelte Gumbäume ſtanden, lag die kleine freundliche Wohnung des Tiſchlers Chriſtian Helling— un⸗ ſeres alten Bekannten. Das Häuschen war nur klein, aber prak⸗ tiſch angelegt, und ein ſehr gut, und mit beſonde⸗ rem Fleiß gehaltener Garten— etwas ziemlich Seltenes in der Stadt ſelber— gab ihm einen gar wohnlichen gemüthlichen Anſtrich, und zeich⸗ nete es durch ſeine von Paſſions⸗ und Weinran⸗ ken überzogenen grünen Wände ſehr zum Vortheil gegen die weiß angeſtrichenen kahlen Nachbarhäu⸗ ſer aus.— Gerſtäcker. III. 1 3 d 4 * als tauſend Andere, wenn er auch nur wenig von — 2— Der Eigenthümer deſſelben, Chriſtian Helling, war eines jener Beiſpiele deutſchen Fleißes und deutſcher Ausdauer und Genügſamkeit, welche die Vereinigten Staaten großentheils mit zu Dem gemacht haben, was ſie wirklich ſind; die in ſämmt⸗ lichen Auſtraliſchen Colonieen faſt den ganzen Ackerbau in Händen haben, und ſelbſt in ihrem eigenen Vaterlande, trotz enormer Taxen und Steuern, trotz des Druckes, in dem ſie unter ei⸗ nem Beamten⸗ und Prieſterheere ſtehen, doch eben mit dieſem Fleiße, mit dieſer Mäßigkeit allen Schwierigkeiten entgegeng ten und ſich— wenn ſie auch nicht im Stande ſind, gegen die ſtarke Strömung Fortgang zu machen, doch wenigſtens hartnäckig auf ihrer Stelle halten. Wie Tauſende ſeiner Art war Chriſtian aber auch leider vollkommen gleichgültig dabei gegen eeiin geiſtiges Leben. Fromm und gottesfürchtig erzogen, konnte er nothdürftig in der Bibel leſen, wußte ſeinen Katechismus noch ſo gut auswendig wie damals, als er in die Schule ging, und ſang Sonntags nicht allein regelmäßig ſeine beſtimmte Anzahl von Geſangbuchsverſen ab, ſondern ſchlief auch ziemlich regelmäßig während der Predigt— wie tauſend Andere auch. Deshalb aber ver⸗ ſäumte er doch keinen Gottesdienſt. Indeß mehr der Predigt ſelber hörte— folgte er doch den frommen und guten Lehren, die ihm von der Kan⸗ zel gegeben wurden, und einen ehrlicheren, braveren Burſchen als ihn gab es nicht in den Colonieen. Um etwas Anderes bekümmerte er ſich freilich nicht. Die Politik, die ihm von je fern gelegen, ging ihn ſeiner Meinung nach Nichts an, und daß er jetzt unter einer andern freiern Regierung lebte, wo der einzelne Bürger nicht allein das Recht, ſondern ſogar die Pflicht hatte, für ſich zu denken, konnte ihn eben ſo wenig berühren. Gerade wie der alte Liſchke, der ihm darin in erwünſchtem Beiſpiel voranging, überließ er das, wie er ſich ausdrückte,„den Müſſiggängern, die doch weiter nichts Anderes zu thun hätten.“ Zei⸗ tungen las er nie, oder nur höchſtens hinten die Annoncen, hielt auch natürlich keine, und ſeine ganze Bibliothek beſchränkte ſich auf eine Bibel, ein Geſangbuch, einen Katechismus und ein Paar Engliſche und Deutſche Traktätchen, die er von ſeinem Geiſtlichen erhalten. Zufällig hatte ſich zu dieſen Büchern noch ein altes Exemplar des illuſtrirten Pfennigmagazins gefunden, das er einmal mit für eine ſchlechte Schuld angenom⸗ men, und dann und wann konnte es geſchehen, daß er wohl Abends eine Stunde die wieder und wieder geleſenen alten Geſchichten durchblät⸗ 1⸗ — terte und die alten Holzſchnitte betrachtete. Ge⸗ wöhnlich aber ſchlief er dabei ein. Wunderbarer Weiſe hatte ſich zu ihm gerade das Gegentheil ſeines Charakters gefunden— wie wir denn das im Leben draußen gar nicht etwa ſo ſehr ſelten ſehen, daß ſich die, ſcheinbar mit ihren Charakteren am wenigſten zu einander paſſenden Menſchen am allerbeſten mit einander vertragen. Chriſtian's Haus war klein, aber doch nicht ſo klein, daß er nicht noch Raum gefunden hätte, die obere Etage zu vermiethen; mußte er ſich da⸗ durch auch oft ſelber mehr einſchränken, als ihm manchmal lieb war. Für ſeine Werkſtätte machte er ſich aber unten im Garten einen kleinen An⸗ bau, ſeinen Holzvorrath häufte er auf dem Wie⸗ ſenplan vor dem Hauſe, auf Regierungsland auf, und die erſte Etage ſeiner kleinen freundlichen Wohnung hatte, gegen einen mäßigen Zins, Oskar von Pick inne, für den Chriſtian auch Morgens mit den Caffee kochte und das Weißbrod von dem nahe wohnenden Bäcker holte. Oskar von Pick war, wie wenigſtens das Ge⸗ rücht in Adelaide ging, früher Cavallerielieutenant geweſen. Er verſtand jedenfalls ein Pferd zu reiten, und konnte, wenn er einen Gleichgeſinnten traf, ſich ganze Abende bis ſpät in die Nacht 4 3 1 —, 5 2— hinein über Pferde unterhalten. Was ihn aber nun auch aus dem alten Vaterland vertrieben haben mochte— und die Gerüchte darüber waren wieder ganz wunderlicher und eigener Art— hier in Auſtralien konnte er natürlich ſein früheres Geſchäft nicht fortſetzen, und mußte auf irgend einen Broderwerb denken, um zu exiſtiren. Broderwerbe gab es nun freilich in dem jun⸗ gen aufkeimenden Lande gerade genug und nach allen Seiten hin, und wer tüchtig zugreifen wollte und mäßig lebte, brauchte nicht zu fürchten, auch nur für einen einzigen Tag Noth zu leiden. Das Zugreifen war aber das Schlimmſte dabei; Ar⸗ beit wurde gefordert, und das war Etwas, wozu ſich Herr von Pick nun und nimmer entſchließen konnte und wollte. Leider giebt es von dieſer Menſchenklaſſe in allen Colonieen— mögen ſie liegen, in welchem Welttheile ſie wollen— eine ſehr große Anzahl von Individuen, die meiſt der ſogenannten„gebil⸗ deten Klaſſe“ angehören, und ihrer Erziehung oder Neigung nach ſich nicht mit dem Gedanken vertraut machen können, ihre geiſtigen Fähigkeiten ſo weit herabzuwürdigen, den Händen ihren Le⸗ bensunterhalt zu verdanken. Ich ſage der ſoge⸗ nannten gebildeten Klaſſe, denn Tauſende von ihnen haben wenig mehr als nur die oberfläch⸗ lichſte Schulbildung genoſſen, und ſelbſt von die⸗ ſer nur ſo viel profitirt, als ſie eben nicht ver⸗ meiden konnten, in ſpäterer Zeit aber nie wieder daran gedacht, ihrem Geiſte auch nur den hun⸗ dertſten Theil der Pflege angedeihen zu laſſen, die ſie ihrem Körper widmeten. Aber in den bevorzugten Ständen geboren, waren ſie von Ju⸗ gend auf daran gewöhnt, auf die arbeitende, als eine vollkommen untergeordnete Klaſſe herab zu ſchauen, und ſelbſt bei einer ſpätern Auswan⸗ derung halten ſie ſich den Gedanken ſo lange als irgend möglich fern, durch dieſen Schritt in eine Bahn hineingeworfen zu ſein, in der ſie mit die⸗ ſem bisher verachteten Stande einen vollkommen gleichen start oder Auslaufspunkt baben. Erſt wenn, im fremden Lande angekommen, das Ren⸗ nen wirklich beginnt, finden ſie gewöhnlich zu ihrem Erſtaunen, daß ſie keineswegs mehr bloße Zuſchauer dieſes Lebens ſind, die in einer beque⸗ men Kaleſche nebenher fahren können, ſondern daß ſie thätigen Antheil nehmen ſollen und müſ⸗ ſen, wenn ſie nicht von ihren gewöhnlichſten Mit⸗ bewerbern weit zurückgelaſſen werden wollen. Manche nehmen dann wohl ihre Kräfte tüch⸗ tig zuſammen und ſuchen mit dem nun doch nicht mehr zu ändernden Geſchick auch gleichen Schritt zu halten, die Meiſten aber bleiben gleich beim erſten Anlauf weit zurück, warten und zögern, bis ihre letzten Mittel erſchöpft ſind, bis ſogar ihr Credit untergraben iſt, und verſuchen daun mit Kreuz⸗ und Querſprüngen und allen möglichen Manövern und Experimenten das Verſäumte auf irgend einem andern Wege nachzuholen. Daß ſie ein ſolcher dann nicht zum Ziele führt, ſehen ſie gewöhnlich erſt zu ſpät ein— und was nicht ſchwimmen kann, muß endlich ſinken. In dieſe Klaſſe gehören die meiſten Adeligen, Advokaten, junge unbemittelte Kaufleute, Künſt⸗ ler, Schriftſteller ꝛc., ꝛc., und ein ungeregeltes, abenteuerliches Leben, das ſie eine Zeit lang füh⸗ ren, dient gewöhnlich nur dazu, ihnen eine Gal⸗ genfriſt zu geſtatten, und ſie eine kurze Weile länger über Waſſer zu halten. Herr Oskar von Pick war Einer von dieſen, und zwar Einer der Wenigen, die ihre Nachbar⸗ ſchaft länger über ſich und ihre Verhältniſſe zu täuſchen wußten, als das den Meiſten im gewöhn⸗ lichen Lauf der Dinge gelang. Mit einem ge⸗ wiſſen vornehmen, ungenirten Weſen, und einem, wenn auch ſehr unbedeutenden Capital, hatte er ſeine Laufbahn in. Süd⸗Auſtralien begonnen, und durch einige gewonnene Wetten und ſonſtige, ziem⸗ lich geheim gehaltene glückliche, wenn auch unbe⸗ deutende Speculationen ſeine Landsleute wie auch Engliſche Nachbarn in ſofern zu täuſchen gewußt, daß ſie glaubten, er habe in der alten Heimath ihm offen ſtehende Hülfsquellen. Wenn er weiter Nichts damit bezweckte, erhielt er ſich doch damit immer einen gewiſſen beſchränkten Credit, und dieſen nach allen Richtungen hin auszubeuten, war in den letzten Jahren ſein Hauptbeſtreben geweſen. Den Glauben dabei, daß für ihn doch einmal irgendwo ein beſonderer Glücksfall auf⸗ tauchen müſſe, theilte er mit Allen ſeines Gleichen, da er recht gut wußte, daß er von einem geregel⸗ ten Gange der Dinge Nichts für ſich erwarten durfte, und darauf hin lebte er denn auch ziemlich ſorglos und unbekümmert in den Tag hinein. Da er ein ziemlich guter Beurtheiler von Pfer⸗ den war, und eine Menge von Schlichen und Be⸗ trügereien kannte, wie ſie ſich die Roßkämme in ziemlich allen Ländern der Welt erlauben, und das eine„unſchuldige Liſt“ nennen, was doch eigentlich nichts weiter iſt als eine ganz gewöhn⸗ liche und gemeine Betrügerei, ſo wußte er dadurch manchen Verluſt beim Ankauf von Pferden zu vermeiden, und manches mittelmäßige Thier zu guten Preiſen an den Mann zu bringen. Der Pferdehandel lieferte ihm denn auch von Zeit zu Zeit das Geld zu ſeinen allernöthigſten Ausga⸗ ben; nebenbei betrieb er aber auch noch, nach — ꝗ—— dort zahlreich herumlaufenden Beiſpielen, Mäkler⸗ geſchäfte, bei denen er ſich beſonders im Korn⸗ handel bedeutenden Verdienſt verſprach. Capital hatte er allerdings nicht, um Getreide baar zu bezahlen, aber als„Herr von Pick,“ mit einem ſehr anſtändigem Rock und einem vornehmen We⸗ ſen, gelang es ihm doch, manchem ſeiner ſchlich⸗ ten Landsleute zu imponiren. Noch vom alten Vaterlande her waren viele von dieſen daran ge⸗ wöhnt, ſich einem beſſeren Rock, und beſonders einem adligen Namen mit größter Bereitwilligkeit zu fügen, ja ſich durch eine derartige Geſchäfts⸗ verbindung ſogar noch geehrt zu ſehn, und Pick war es deshalb auch in der letzten Zeit beſonders gelungen, eine nicht unbedeutende Partie Mehl und Getreide— einfach auf ſeine Wechſel— auf⸗ zukaufen. Man hatte gerade mit ziemlicher Sicher⸗ heit ein Steigen der Preiſe erwartet, und ein Paar hundert Pfund Sterling wären dann im Handumdrehen verdient geweſen. Mit ſolchen Speculationen iſt es aber eine mißliche Sache— der Erfolg liegt ſelten in der Hand des Menſchen, und hängt meiſt immer von unvorherzuſehenden Umſtänden ab. Das Ganze bleibt auch gewöhnlich mehr oder weniger ein Hazardſpiel. Wer freilich größere Capitalien hat, mag mit ziemlicher Ruhe einen Theil derſelben in ſolcher ungewiſſen Ausſicht wagen. Nach ver⸗ ſchiedenen Richtungen hin behält er doch immer die Ausſicht, daß ihm, wenn die eine mißglückt, eine andere gelingt, und dadurch den auf einer Seite erlittenen Verluſt deckt. Wer aber Alles nur auf die eine Karte ſetzen muß, ſpielt immer ein gewagtes Spiel. Der Gewinn bringt ihn nur einen Schritt weiter— der Verluſt wirft ihn mit einem Schlage von der ganzen Bahn hinunter. Herr von Pick hatte nichts deſto weniger auf eine ſolche Art in der letzten Zeit geſpielt. Sachen waren mit ihm überhaupt zu einer Kriſis gediehen, in der er das Glück entweder zwingen mußte, ihm dienſtbar zu ſein, oder an dem Punkt an⸗ langen, den er ſchon ſeit einiger Zeit vor Augen geſehen. Es war das gänzlicher Ruin, oder eigentlich beſſer geſagt: Verluſt auch des letzten Credits— denn an wirklichen Lebensgütern hatte er ſchon ſeit geraumer Zeit nichts mehr zu ver⸗ lieren gehabt. Das Glück iſt aber eine wunderliche Göttin und läßt ſich nicht gern zwingen, und Herr von Pick ſollte an dieſem Morgen erfahren, daß es ihm einen böſen dunklen Strich durch die lichte, ſchon mit großen, ſtattlichen Zahlen geſchmückte Rechnung gemacht. — 11— Er war alleiu in ſeinem ziemlich geſchmackvoll eingerichteten Zimmer, an das freilich der Tape⸗ zirer noch erhebliche Anſprüche hatte. Der Caffee ſtand auf dem Tiſche, und Herr von Pick ging, eine Cigarre rauchend, in dem kleinen Gemache mit ziemlich raſchen Schritten auf und ab. In der Mitte der Stube aber lag ein zuſammenge⸗ knitterter Brief, und neben ihm in friedlicher Ein⸗ tracht eine ſehr zierlich geſtickte und mit langer goldener Troddel verzierte Morgenmütze— ein heimliches Geſchenk Suſannens. „Da haben wir's jetzt,“ ſtöhnte der junge Mann plötzlich, indem er ſich wie erſchöpft in die eine Sophaecke, das rechte Bein über das linke warf, und mit ſeiner rechten Hand die wild und ordnungslos ihm um Stirn und Schläfe liegen⸗ den Locken durchwühlte—„da haben wir's— die Mine iſt explodirt, das Schiff iſt geſunken, und ich ſitze jetzt hier in dieſem vermaledeiten Lande ſo feſt und ruhig auf dem trockenen Sande, als ob ich in meinem ganzen Leben gar nicht flott geweſen wäre. Schöne Geſchichten das,“ rief er endlich nach kurzer Pauſe, indem er ſich nach dem vor ihm am Boden liegenden Briefe bückte, ihn aufhob, auseinander ſchlug und die Zeilen, welche die Unglücksbotſchaft enthielten, noch einmal mit finſter zuſammengezogenen Brauen und feſt auf einander gebiſſenen Zähnen überflog.—„Peſt und Gift, daß der Böſe auch gerade jetzt die Schiffe in den Hafen führt. Natürlich— ſeit drei Monaten faſt Oſtwind, Oſtwind, Oſtwind, Nichts als dieſen nichtswürdigen, vermaladeiten Oſtwind, da hätte man ſich's eigentlich an den Fingern abzählen können, daß der Henker uns eine ſolche Zufuhr endlich über den Hals ſchicken würde. Aber nein, es iſt ordentlich, als ob man manchmal mit Blindheit geſchlagen wäre— und der alte Eſel, der Liſchke, hat richtig ſein ganzes Getreide noch in den letzten Tagen zu ziemlich hohen Preiſen angebracht— ein Heidenglück, daß er mir nicht borgen wollte— ich hätte den Bet⸗ tel jetzt auch über dem Halſe.“ Er knitterte den Brief wieder zuſammen, ſchleuderte ihn in die entfernteſte Stubenecke, und zog dann mit ſolcher Kraft und Wuth an der Cigarre, daß ſich der dicke Qualm bald in einer förmlichen Wolke um ihn lagerte, und ihn ganz verhüllte. Während er noch ſo da ſaß, und nur mit dem übergeworfenen Bein den Takt zu einer unbe⸗ wußten Melodie ſchlug, klopfte es leiſe an die Thür.— Das erſte Mal hörte es von Pick auch gar nicht, ſo war er in ſeinen eigenen, unange⸗ nehmen Gedanken vertieft; ein ſtärkeres Pochen lich geſchrieben, und da— da wollt' ich Sie bitten, ob Sie den nicht einmal für mich leſen möchten.“ „Mit dem größten Vergnügen,“ ſagte von Pick raſch und bereitwillig. „Ja,“ fuhr Chriſtian, dadurch noch immer um Nichts gebeſſert, fort,„aber— ich muß Ihnen doch erſt ſagen, von wem er iſt.“ „Nun, das werde ich ja wohl aus dem Briefe ſelber ſehen,“ lächelte ſein Miethsmann, der jetzt ſeine ganze Ruhe wiedergewonnen hatte. „Ja— ſehr wahrſcheinlich,“ ſagte Chriſtian;. —„der Name— der Name ſteht darunter, aber—“ „Aber?“ „Lieber Herr von Pick,“ ſagte Chriſtian ent⸗ ſchloſſen und treuherzig— ich muß Ihnen vorher etwas darüber ſagen, denn ich mache Sie dadurch gewiſſermaßen zu meinem Vertrauten.“ „Sehr viel Ehre!“ erwiderte der Miethsmann mit einem etwas zweideutigen Lächeln, das aber für Chriſtian verloren ging. Dieſer fuhr auch, einmal in der Bahn, ruhig fort: „Ich will heirathen.— Wenn man ein Geſchäft hat, thut ſich's s nicht mehr, daß man allein bleibt, und ich habe deshalb bei Vater Liſchke um die Gerſtäcker. III. 2 1s Hand ſeiner Tochter angehalten. Sie kennen ja wohl Suſanne Liſchke?“ „Allerdings,“ ſagte von Pick, doch etwas ver⸗ legen—„es iſt ein ſehr hübſches Mädchen!“ „Noch mehr— es iſt ein braves, liebes Kind,“ ſagte Chriſtian treuherzig,„und heute— heute hab' ich von ihr die Antwort auf meinen Antrag erhalten“— „Und können ſie nun nicht leſen,“ bemerkte von Pick etwas boshaft. „Heute thut mir's zum erſten Mal leid,“ ſagte Chriſtian, tief erröthend,„daß meine Eltern nicht im Stande waren, mir eine ordentliche Er⸗ ziehu u geben— aber,“ ſetzte er dann ent⸗ ziehung zu g. ſchloſſen hinzu,„das hat Nichts zu ſagen; noch iſt es nicht zu ſpät, und mit Fleiß und Ausdauer kann ich doch vielleicht noch Manches nachholen.“ „Und der Brief?“ „Daß Sie mir den einmal ordentlich vor⸗ läſen,“ ſagte Chriſtian,„darum wollte ich Sie bitten. Ungefähr krieg' ich ſchon heraus, was drinnen ſteht, aber ich möchte es doch gern ganz genau wiſſen, und Sie verſprechen mir dabei, nicht wahr?— daß Sie keinem Menſchen weiter ein Wort über den Inhalt ſagen?“ „Lieber Helling,“ ſagte von Pick lächelnd— „ich dächte, darin kennten Sie mich! Das iſt — 19— eine Sache, die Niemanden weiter etwas angeht, 3 und wennm wir Beiden das wiſſen, iſt es z ſchon völlig genug— alſo der Brief? 2 ¹ Cßriſtian ſagte kein Wort weiter, ſondern nahm! nur den Brief aus der Bruſttaſche ſeiner Jackk, und gab ihn in Pick's Hände. Er war erblkochen und nur wieder zuſammengefaltet— Chfriſtian mochte wohl ſchon eine Weile allein d/rüber ſtudirt haben. Von Pick entfaltete ihn Kaſch und überflog die Zeilen vorher flüchtig mit den Blicken. Der Brief lautete: „Lieber Chriſtian! „Ich habe Dir neulich Antwort verſprochen und will jetzt mein Wort halten.— Heute Abend bin ich zu Dr. Spiegel eingeladen, aber morgen bin ich mit den Eltern zu Hauſe. Um acht Uhr eſſen wir. Vater läßt Dich bitten zu kommen. „Es grüßt Dich freundlich Suſanne.“ „„Nun?“ ſagte Chriſtian geſpannt, während 3 er mit den Blicken an ſeines Miethsmanns Lip⸗ pen hing. „Ich gratulire,“ erwiederte von Pick lächelnd, und las ihm die Zeilen laut und langſam vor. „Verlangen Sie noch mehr?— Eine Einladung in den Schwiegereltern.“ Chriſtian's Geſicht war wie verklärt. Er 2* 4 * —. 20 nahm den Brief wieder an ſich, betra Schriftzüge, die er nicht Stande gewech. zu entziffern, noch einmal mi leuchtenden faltete den Brief dann wieder zuſamme ſagte, Pick die Hand reichend und h drückend: „Ich danke Ihnen tauſendmal. Sie h mir heute eine große Freude gemacht und— wiſſen Sie was— ich— ich möchte heute Nich mehr arbeiten und den Tag ordentlich feiern— wie einen Sonntag— iſt es doch der wichtigſte meines Lebens. Machen Sie mir deshalb die Freude und eſſen Sie heute Mittag mit mir.“ „Aber, lieber Helling,“ ſagte von Pick, wirk⸗ lich verlegen. „Ich möchte gern heute eine Flaſche Wein trinken,“ fuhr der junge Handwerker, wärmer werdend, fort— recht guten Wein— oder auch zwei— ich muß mir überdies auf morgen Abend Courage trinken,“ ſetzte er gutmüthig lä⸗ chelnd hinzu—„und allein ſchmeckt ſo was nicht. Ich muß Jemanden dabei haben, gegen den ich mich ausſprechen kann, und der dabei zu⸗ gleich begreift, weshalb ich ſo glücklich bin— wollen Sie heut' Mittag mein Gaſt ſein?“ „Und warum nicht?“ lächelte von Pick, der ſich grundſätzlich nie eine Gelegenheit entgehen — 21— ließ, ein gutes Glas Wein zu trinken, indem er in die gegen ihn ausgeſtreckte Hand einſchlug. „Brav!“ ſagte Chriſtian vergnügt—„und jetzt geh' ich hinunter, und ſehe danach, daß das Nothwendigſte beſorgt werde. Um zwölf Uhr aber hol' ich Sie ab. Iſt Ihnen das recht?“ Als ſein Miethsmann ihm zunickte, drehte er ſich vergnügt auf dem Abſatze herum, ſchob den indeß wieder zuſammengefalteten Brief in ſeine Bruſttaſche zurück, und verließ, Glück und Selig⸗ keit im Herzen, mit raſchen Schritten das Zimmer. Nicht ſo zufrieden und ruhig ließ er ſeinen Miethsmann zurück, der, als ſein Schritt ſchon lange auf der ſchmalen knarrenden Treppe ver⸗ hallt war, noch immer, wie er ihn verlaſſen, und mit verſchränkten Armen in der Mitte der Stube ſtehen geblieben war. Auch das freundliche Lä⸗ cheln, das ſeine Lippen in Gegenwart ſeines Wirths umſpielt, hatte ſich verloren und einem faſt finſtern unheimlichen Ernſt Platz gemacht— waren es doch auch wilde, häßliche Gedanken, die ihm das Hirn durchzuckten— tolle Pläne und Ideen, die ſich herüber und hinüber kreuzten. „ Das iſt eine ſchöne Geſchichte,“ brummte er endlich halblaut und finſter vor ſich hin—„eine ſaubere Beſcherung, in die ich hineingerathen bin. — 22.= Das gerade hat noch gefehlt, meinem Unglück die Krone aufzuſetzen— Johnſon fort— durch⸗ gegangen mit den letzten Pfunden, die ich mein eigen nannte— und was ſoll nun werden?— Die Sache bei Liſchke's ſcheint dabei raſend ſchnell vorwärts zu gehen, und ich fürchte faſt, ich bin ſelber mit meiner Eile ſchuld daran. Daß ſie den Burſchen ſchon auf Morgen einladen, iſt jedenfalls ein böſes Zeichen.— Suſanne hält allerdings ihr Wort— verteufelte Dirne, wie ſie den Laffen da bei der Naſe herumführt— was aber wird die ſagen, wenn ſie erfährt, daß auch mit mir nicht Alles ſo iſt, wie es eigentlich ſein ſollte, und wie ſie es erwartet.— Und erfahren muß ſie es ja doch einmal— jetzt oder ſpäter. Das aber iſt die letzte Hoffnung,“ ſetzte er plötzlich raſch entſchloſſen hinzu—„der alte Liſchke hat Geld— viel Geld, und bin ich erſt einmal ſein Schwiegerſohn, ei zum Henker, dann muß er auch mit dem Metall herausrücken— er mag wollen oder nicht.— Was der alte Halunke übrigens mit den Steinkohlen für eine feine Naſe hatte— und dieſer Schuft, dieſer Johnſon— man kann doch wahrhaftig ſeinem eigenen Bruder nicht einmal mehr trauen!“ Herr von Pick ging, mit dieſer moraliſchen Entrüſtung auf den Lippen, und auf den Rücken — 23— gelegten Armen in raſchen Schritten noch eine ganze Weile im Zimmer auf und ab. Seine Verhältniſſe erforderten allerdings, wie es gerade mit ihm ſtand, einiges Nachdenken. Auch die Sache mit Suſanne, ſo erwünſcht ſie ihm in einer Hinſicht ſein mochte, hatte doch auch gerade in dieſem Augenblicke wieder einen nicht unbedenk⸗ lichen Haken, wenn es ihm nänlich nicht gelang, auf einer Seite Geld zu den nothwendigſten Ausgaben zu erheben— aber wo?— Bei Dr. Spiegel hatte er ſich das Spiel verdorben; der Doctor war allerdings leichgläubig genug, aber ſelbſt Pick zweifelte daran, daß er ſich auf die wie es ſchien verunglückte Kohlenentdeckung hin einer neuen Steuer unterziehen würde. Die Kaufleute in Adelaide, mit denen er in Verbin⸗ dung ſtand, wußten Alle, daß er Getreide aufge⸗ kauft— den meiſten war er ſogar ſelber Geld ſchuldig— der neuangekommene Dr. Schreiber vielleicht?— mit dem war er doch noch zu wenig bekannt; auch hatte der Mann etwas Ernſtes, Zurückhaltendes, das ihm nicht gefiel. Chri⸗ ſtian endlich?— hier war noch eine Möglich⸗ keit.— Heute nach Tiſche, wenn der junge Burſche von Glück und Wein aufgeregt ſeine gute Laune hatte, ließ ſich vielleicht mit dem auf eine oder die andere Weiſe ein Verſuch machen und dann— Herr — 24— von Pick lachte leiſe vor ſich hin— lag auch etwas höchſt Komiſches darin, den vermeintlichen Bräutigam ſogar die Hochzeitsſpeſen mit ſeiner eigenen Braut bezahlen zu laſſen. Herr von Pick rieb ſich vergnügt die Hände, und ſtand auf, Toilette zu machen, wie noch einige nothwendige Gänge in der Stadt zu beſorgen. Da ſiel ſein Blick auf den zuſammengeknitterten Brief in der Stubenecke, der heute Morgen all ſeine blühenden Hoffnungen mit einem Schlage über den Haufen geworfen hatte. Seine gute Laune war wieder hin, und leiſe Flüche vor ſich in den Bart murmelnd, ſchloß er den Brief in ſein Pult, zog ſich an, und verließ das Haus. 2. Capitel. Der Sträfling. Herr von Pick verfehlte nicht, trotz ſeiner ver⸗ zweifelten Stimmung, die Stunde der Einladung ſeines Wirthes genau einzuhalten— hatte er doch auch noch, außer einer Flaſche guten Weines, ſein ganz beſonderes Ziel dabei im Auge. Wir müſſen die beiden Leute aber ſich ſelber überlaſſen, um indeſſen die ärmliche Wohnung Hohburg's wieder aufzuſuchen, in welcher der zurückgekehrte Gatte jetzt zwei Tage in wildem Fieber zuge⸗ bracht. Das übermäßige Trinken der letzten Zeit, mit der ihm folgenden furchtbaren Aufregung, mit Scham, Reue und Zerknirſchung war zu viel für den ohnehin geſchwächten und aufgeriebenen Kör⸗ per des Mannes geweſen, und das Delirium tremens oder der Säuferwahnſinn hielt ihn mit * 8 —, 26=— ſeinen furchtbaren Banden auf ſeinem Lager feſt. Mit wahrer Engelsgeduld pflegte ihn dabei ſein Weib, beſchwichtigte das Kind, das ſich vor dem Vater zu fürchten begann, und kühlte die bren⸗ nenden Schläfe, die zitternden trockenen Lippen des Kranken. Nur wenn er in ſeinen wilden Phantaſieen nach Branntwein— immer nur nach Branntwein rief, um ſeinen ſengenden Durſt zu 5 löſchen, brach ſie oft ſchaudernd an ſeinem Bette in die Kniee, und Gebet und Thränen waren dann nur im Stande, dem armen gemißhandelten Herzen Luft zu geben— Linderung zu ſchaffen. Erſt am Abend des zweiten Tages kam er wieder zu voller Beſinnung, ſchlief die Nacht ſanft und ruhig und fühlte ſich am anderen Tage wie neugeſtärkt und von ſeiner Qual erlöſt. Die eigentliche, nur durch den übermäßigen Trunk der letzten Zeit hervorgerufene Krankheit war dadurch allerdings abgeſchüttelt, aber ſie auf immer zu bannen, dazu gehörte freilich mehr als kurze Ruhe; dazu gehörte ein feſter, energiſcher Wille, dem Trunk auf immer zu entſagen. Nur Mäßig⸗ keit, und ein regelmäßiges nüchternes Leben wa⸗ ren im Stande, dieſes furchtbare Uebel gänzlich zu heben, und zu verhindern, daß es den gemiß⸗ handelten Körper endlich zerſtöre. Wenn er ſich übrigens jetzt ſelber auch wieder — — 27— vollkommen wohl zu fühlen ſchien, und der armen Frau mit Thränen in den Augen für ihre Liebe und Sanftmuth dankte, hatten ſeine Fieberphan⸗ taſieen doch in deren Seele einen ſcharfen, ſchmer⸗ zenden Stachel zurückgelaſſen. Dunkle Worte waren es geweſen, die den Lippen des Bewußt⸗ loſen im wilden Traume entflohen, und eines Verbrechens hatten ſie den Kranken angeklagt. Freilich konnte die arme, in Angſt und Sorge an ſeinem Bett wachende Frau den Sinn der wilden Anklage nicht näher verſtehen, aber ihr Herz füllte es doch mit neuer Noth, und von dem zur Be⸗ ſinnung Zurückgekehrten verlangte ſie jetzt Rechen⸗ ſchaft über das, was ihm die Seele bedrücke, und ſeinen Träumen jene furchtbare, entſetzliche Fär⸗ bung gegeben. Mit niedergeſchlagenen Augen und bleichen Wangen horchte der Mann der Anklage; aber der ſcheu abgewandte Blick, ſo viel er auch in ſich ſelber bekennen mochte, weigerte ſich der Frage Rede zu ſtehen. „Ich weiß nicht, was Du willſt,“ flüſterte er mit leiſer Stimme;„was ich im Fieber geſchwatzt, war Unſinn— tolles Zeug— ſoll ich mich jetzt noch darauf beſinnen können?“ „Es war mehr als das, Eduard,“ ſagte die Frau, die mit gefalteten Händen vor ihm ſtand — 28— „es war mehr als das.— Wieder und wieder kamen Deine Gedanken auf den einen Punkt zurück, auf Blut— auf vergoſſenes Blut! Hei⸗ land der Welt, wenn auch das auf Deiner Seele haftete, und Du drin im Buſch, in dem wilden rauhen Leben nicht allein zum Wüſtling— nein auch zum Verbrecher geworden wäreſt!“ „Mach' Dir das Herz nicht unnöthig ſchwerer, als es ſchon iſt,“ ſagte finſter der Mann.„Wenn Du wüßteſt, was ich eben in dem Buſche gelitten, wie mich Qual und Reue gepackt und mich nicht raſten und nicht ruhen ließ, würdeſt Du meine Fieberphantaſieen erklärlich finden. Daß all die Scenen, die ich dort erlebt, mir dann im Traume zuſammenſchmolzen, iſt wohl natürlich genug. Aber glaubſt Du dem ſchlafenden, kranken Men⸗ ſchen mehr, als dem wachenden, geſunden?“ „Es iſt gut,“ ſagte die Frau mit leiſer re⸗ ſignirter Stimme—„wenn ich auch ein Recht hätte zu fordern, daß ich Dir tragen helfe, was Deine Bruſt bedrückt— ich kann Dich nicht zwingen, mich zu Deiner Vertrauten zu machen — ich will nicht weiter in Dich dringen; ja, ich will Dir mit freudigem Herzen glauben, daß meine Angſt eben eine unbegründete geweſen. Gebe Gott, daß Du das alte Leben abgeworfen haſt, wie die Krankheit, die Dir Geiſt und Glieder —.— — 29— lähmte, daß Du ein neues jetzt mit dieſem Tage beginnſt. Aber Eins kann ich von Dir fordern, Eduard, eine Frage mußt Du mir beantworten, denn ſie betrifft nicht allein Dich— ſie betrifft auch Dein Kind, ſie betrifft mich— unſer aller Schickſal, und die Frage iſt: Was ſoll jetzt mit Dir werden— welchen Plan haſt Du Dir ſelbſt gemacht— was willſt Du jetzt beginnen, um Dich zu erhalten?“ „Louiſe!“ ſtammelte der Mann. „Ich frage nicht meinethalben,“ ſetzte die Frau, ehe er weiter etwas darauf erwiedern konnte, raſch hinzu—„mich und das Kind habe ich die langen Jahre allein erhalten— ich kann es auch ferner thun— und werde es, ſo lange mir Gott meine Geſundheit läßt— ich frage Deinet⸗ halben. Um Dir ſelbſt gerecht zu werden, mußt Du zu irgend einer Beſchäftigung greifen, die Dich, wenn ſie Dir weiter Nichts bietet, we⸗ nigſtens ernährt. Auſtralien bietet Dir darin nach allen Richtungen hin die Gelegenheit,“ fuhr ſie wärmer werdend fort,„und ich wäre die Letzte, die Dich auffordern würde, gleich mit einer ſchweren Arbeit zu beginnen. Dein geſchwäch⸗ ter Körper hielte das nicht aus, und er bedarf wenigſtens in etwas der Ruhe, ſich zuerſt wieder vollſtändig zu erholen. Du ſollſt auch nicht gleich — 30— . 5 2* damit anfangen,“ ſagte ſie herzlich,„laß nur einige Tage vergehen, und mache Dich in dieſen mit dem Gedanken vertraut, wieder bei den Dei⸗ nen, wieder in Deiner Heimath zu ſein. Aber halte zum Wenigſten den Gedanken feſt, daß Du ſo, wir Du bisher gelebt haſt, nicht fortleben kaunſt, daß Du nicht allein auf Dich, daß Du auch auf Dein Kind denken mußt, deſſen Lage zu⸗ erbeſſern— es dem Elend, in dem wir ge⸗ lebt haben, zu entziehen.“ 4 Der Mann barg erſchüttert ſein Antlitz in den Händen, und die Frau, die ihn mit ſchmerzlichem Kopfnicken wenige Momente ſtill beobachtete, fuhr endlich langſam und traurig fort: 3 „Dem Elend, Eduard— ich kann Dir das Wort nicht erſparen, ſo ſehr es mir auch das Herz zerreißt, dem bittern Elend, denn Du kennſt nicht den tauſendſten Theil des Leides, das Du damals durch Deine Entfernung, ja ich möchte faſt ſagen Flucht, über mich und Dein Kind ge⸗ bracht. Ich war lange krank, und wären die Nach⸗ barn nicht geweſen, die aber auch erſt ſpät er⸗ fuhren, daß wir wirklich Mangel litten, wir wä⸗ ren verhungert in der Wildniß hier.— Doch das iſt jetzt vorbei,“ ſetzte ſie raſch hinzu, als ſie ſah, wie furchtbar der Unglückliche von den Wor⸗ ten ergriffen war—„es iſt vorüber und über⸗ ——— 4 — 31— ſtanden— aber wiſſen mußteſt Du's, und möge Dir das Wort eine, wenn auch bittere Arznei ſein, damit Dein Geiſt in ſeinem jetzigen neuen Streben daran zurückdenken könne. Der Ge⸗ danke an uns— an Dein Kind, wird Dich dann am leichteſten vor einem Rückfalle bewahren.“ „Aber was kann ich beginnen,“ ſagte Hoh⸗ burg mit thränenerſtickter Stimme—„wozu rei⸗ chen meine Kräfte aus, und wer wird mich in dieſem Zuſtande in Arbeit nehmen?— Meine Kleider ſind im Buſche abgenutzt und zerriſſen, und mir ſelber wird am Ende nichts Anderes übrig bleiben, als, ſo ſchrecklich das Leben auch dorten iſt, in den Buſch zurückzukehren.“ „Nein— das ſollſt Du nicht,“ ſagte die Frau mit ruhiger, entſchloſſener Stimme—„noch giebt es hier in der Anſiedelung Mittel und Wege ge⸗ nug, Dem, der ernſtlich arbeiten will, auch durch⸗ zuhelfen. Ich will deshalb morgen ſelber mit Herrn Liſchke ſprechen. Das iſt ein durchans recht⸗ ſchaffener, aber auch praktiſcher Mann, der die Sachen allerdings beim rechten Namen nennt, aber auch beim rechten Ende angreift, und ſchon Vie⸗ len, bei denen er Ernſt und guten Willen ſah, hier in Auſtralien geholfen hat. Er iſt nicht ſäu⸗ mig weder mit Rath noch That, wo er weiß, daß Hülfe noth thut und auch nützen kann, und ich 7 2 — 32— glaube, daß er etwas auf mich hält. Wenn ich ihn ernſtlich darum bitte, wird er uns wenigſtens ſeinen guten Rath— vielleicht auch Beiſtand, nicht verſagen, und erſt einmal nur in Gang ge⸗ bracht, wirſt Du Dir ſchon ſelber helfen können. Jetzt aber vor allen Dingen thut Dir Noth, daß Du Dir neue Kleider ſchaffſt,“— ſetzte ſie freund⸗ licher hinzu.„Du haſt Recht, in dem Anzuge kannſt Du Niemanden um Arbeit oder Beſchäfti⸗ gung anſprechen; Du mußt anſtändig ausſehen, damit die Leute auch wieder Vertrauen zu Dir gewinnen.“ „Aber ich habe,“— ſtammelte tief erröthend der Mann— „Ich weiß es ſchon,“ ſagte abwehrend die Frau—„ſo viel iſt aber mir ſelber noch geblie⸗ ben, Dir zu helfen. Einen Nothpfennig für mich und das Kind hatte ich zurückgelegt, um in einem möglichen Krankheitsfalle nicht ähnlicher Gefahr ausgeſetzt zu ſein als früher. Da, nimm das!“ ſetzte ſie freundlich hinzu, während ſie an ihren Koffer ging und aus einem kleinen, auf dem Bo⸗ den verſteckten Säckchen etwa zwanzig Schillinge in Silber nahm—„es wird genügen, Dir das Nothwendigſte an einfachen Kleidern zu verſchaffen — Staat ſind wir Beide nicht berechtigt zu machen.“ 2 — „Aber wie ſoll ich nur ſelbſt in dieſen Lumpen in die Stadt gehen, ſagte Hohburg, indem er mit einem dankenden Blick und Thränen in den Augen ihre Hand drückte.— „Du haſt das nicht nöthig,“ erwiederte ihm die Frau—„kaum eine halbe Stunde von hier, wenn Du gleich links dem breiten Weg folgſt und Dich zwiſchen den Fenzen hältſt, kommſt Du zu einem kleinen Laden, wo billige Kleidungs⸗ ſtücke feilgehalten werden.— Du mußt auch von dem Gelde noch genug übrig behalten, uns ein Brod mitzubringen, denn ich habe nicht einmal ein Stück mehr für das Kind im Hauſe, zum Abendeſſen. Aber ſo viel bleibt Dir ſchon, denn ſolche Kleider ſind erſtaunlich billig hier im Lande. — Doch wirſt Du auch gehen können?“ unter⸗ brach ſie ſich plötzlich, ihn beſorgt anſehend— Du ſcheinſt noch ſchwach und erſchöpft. Lieber bleibt es bis morgen; Du ruhſt Dich heute noch aus, und ich gehe ſelber nach dem Brode.“ „Nein, mein Kind,“ ſagte Hohburg, ſeinen Hut von dem Koffer nehmend, auf dem er lag, „ich bin ſtark genug, und die friſche Luft draußen wird mir überdies wohl thun und mich kräftigen. Ach, Louiſe, wenn ich nur wüßte, wie ich das wieder gut machen ſollte, was Du jetzt für mich Gerſtacker. III. 3. — 34— thuſt— aber ich ſehe kein Ende dieſes Elends vor Augen.“ „Sobald Du an Dir ſelber verzweifelteſt, wäre es freilich ſchlimm,“ ſagte ernſt die Frau, aber ſo weit geſunken ſind wir Gott ſei Dank noch nicht, und unſer eigener Fleiß, unſere Sparſam⸗ keit und Ausdauer können uns wieder heben. Mein einziger Wunſch iſt, ein kleines Capital, und wären es nur dreißig oder vierzig Pfund Sterling, zu erübrigen, um damit in der Stadt ein Putzgeſchäft zu beginnen. So viel brauch' ich, dann aber weiß ich auch, daß ich raſcher vorwärts käme, und Geld damit verdienen könnte. In die Stadt müſſen wir ja doch in einigen Jahren ziehen, ſobald Lieschen groß genug wird, die Schule zu beſuchen. Allein wäre es mir nun freilich ſehr ſauer geworden, ſo viel zu erſparen, und lange, lange Zeit hätte ich dazu gebraucht, aber wenn Du mir hilfſt und Dich ordentlich und tüchtig zu⸗ ſammennimmſt, wird es ſchon raſcher gehen. Siehſt Du, Eduard, ich habe weit mehr Hoffnung auf Dich, und traue Dir viel mehr zu, als Du Dir ſelber, und Du gerade ſollteſt mir jetzt Muth ein⸗ ſprechen.“. 4 „Dreißig Pfund,“ ſagte Hohburg mit leiſer, ſchmerzgedrückter Stimme vor ſich hin, denn un⸗ willkürlich mußte er an die faſt gleich hohe Summe — 35 denken, die er jetzt im Buſche ſo leichtſinnig hin⸗ ausgeſchleudert und ordentlich von ſich geworfen in wildem Schlemmen, während ſeine Frau hier dieſelbe als das höchſte Ziel ihres Strebens be⸗ trachtete. Dreißig Pfund— wie wenig hier im Lande, und doch wie lange Zeit gehört dazu, ſie zu verdienen!“ „Wenn nur der Anfang zum Sparen erſt ein⸗ mal gemacht iſt,“— ging die Frau leicht darüber hin, dem Armen nicht noch weher zu thun,„ſo findet ſich das Uebrige bald nach. Wer weiß, ob Du nicht hier eine Stellung findeſt, in der Du es in einem Jahre verdienen und zurücklegen kannſt. Du ſchreibſt eine ſehr ſchöne Hand, biſt mehrerer Sprachen mächtig, ſolche Leoute finden ſich nicht überall und werden oftmals ſehr geſucht. Wäh⸗ rend Du fort warſt, hat ſich der alte Mr. Gill⸗ more wohl ein halb Jahr lang die größte Mühe gegeben, zu ſolcher Arbeit einen paſſenden Mann zu bekommen, und wer weiß, ob es ſelbſt jetzt zu ſpät iſt, bei ihm Beſchäftigung zu erhalten. Jeden⸗ falls kann eine Anfrage bei ihm Nichts ſchaden, denn er hat ausgedehnte Beſitzungen und beſchäf⸗ tigt viele Menſchen. Aber nun fort, Eduard— es wird ſonſt zu ſpät, ehe Du zurückkehrſt, und wenn Lieschen aufwacht und zu eſſen verlangt, kann ich ihr nicht einmal etwas geben.“ 2 3 —; 36— „Adieu, Louiſe,“ ſagte Hohburg mit freund⸗ licher Stimme, indem er ihr zum erſten Mal voll in's Auge ſah und ihr freundlich die Hand drückte; —„hoffentlich ſiehſt Du mich als neuen Men⸗ ſchen wieder!“ „Das gebe Gott,“ ſagte die Frau, mit einem recht aus tiefſter Bruſt heraufgeholten Seufzer, und lange noch ſtand ſie in der Thür und ſah der die Straße hinaufwandernden Geſtalt des Gatten nach— bis ihn eine Biegung derſelben ihren Blicken entzog. Eine volle Stunde verging ſo. Lieschen war munter geworden und frug nach dem Vater, und die Mutter hatte ihr geſagt, daß er fortgegangen ſei, Brod für ſie zu holen. Des Kindes Augen leuchteten bei den Worten. „Siehſt Du, Mama,“ rief ſie, zur Mutter ſprin⸗ gend und ihre kleinen Aermchen um deren Nacken legend—„ſiehſt Du, da iſt der Vater doch brav und hat Wort gehalten, was er uns verſprochen, als er fortaing— er wollte Brod für uns zurück⸗ bringen⸗* „Ja, mein Kind,“ ſagte die Mutter, aber ein eigenes, faſt unerklärliches Weh zog ihr dabei das Herz zuſammen. That ihr die Täuſchung weh, in der das Kind den Vater für beſſer hielt, als er wirklich war? . — „Da kommt Papa zurück,“ rief die Kleine plötzlich, die vor die Thür geſprungen war, nach dem Vater auszuſchauen. Raſch war ihr die Mutter gefolgt, aber ein einziger Blick, den ſie die Straße hinabwarf, zeigte ihr, daß es nicht der Erwartete, ſondern ein Fremder ſei. „Noch nicht, Lieschen,“ ſagte ſie freundlich,„er könnte jetzt auch noch nicht wieder zurück ſein, denn der Weg iſt weit, und der arme Papa iſt noch ſchwach und krank vom langen Marſchiren.“ „Und darf ich ihm entgegengehen, und tragen, was er uns bringt?“ frug die Kleine. „Warte noch, mein Kind,“ beruhigte ſie die Mutter,„wenn wir ihn kommen ſehen, wollen wir ihm Beide entgegengehen.“ Die Frau zog ſich dabei, als der Wanderer näher kam, in das Haus zurück, um ihn vorbei⸗ zulaſſen. Dieſer aber blieb, unfern der Thür, mitten auf der Straße ſtehen, und es war faſt, als ob er hier in der Gegend irgend etwas ſuche. Wieder und wieder fielen ſeine Blicke dabei auf das kleine Haus, bis er endlich zu einem feſten Entſchluß zu kommen ſchien, und mit raſchen Schritten auf die nur angelehnte Hausthür zuging. Die Frau, die jedenfalls im Anfang glaubte, daß es irgend ein Fremder ſei, der ſeinen Weg zwiſchen den zahlreichen Fenzen und Büſchen ver⸗ 4 ſehen habe, und die wahre Richtung erfragen wolle, trat ihm bis zur Thür entgegen, erröthete aber leicht, als ſie den Herrn erkannte, den ſie an jenem Tage bei Liſchke's geſehen und der ihr mit ſeiner Frage nach ihrem Namen gar wieder ſo viele trübe Bilder wach gerufen in der Seele. „So bin ich doch recht gegangen,“ ſagte aber der Fremde, den ſie nur unter dem Namen Dr. Schreiber kannte.„Ich glaubte ſchon, ich hätte mich verirrt. Sein Sie mir herzlich ge⸗ grüßt, Frau Hohburg!“ „Und haben Sie mich geſucht?“ frug die Frau, indem ein höheres Roth ihre Schläfe färbte, und ganz vergeſſend, die Begrüßung zu erwiedern. „Ja,“ ſagte Mae Donald, indem er ihr offen und frei in's Auge ſchaute.„Theilweiſe aller⸗ dings in meines freundlichen Wirthes Auftrag, der faſt fürchtete, es könne Ihnen etwas zuge⸗ ſtoßen ſein, weil Sie die vielen Tage Nichts von ſich hören ließen— dann aber auch— warum ſoll ich's leugnen— auf meinen eigenen Antrieb. Sie werden mir nicht zürnen, wenn ich Sie ver⸗ ſichere, daß nicht etwa Neugierde, ſondern ein edleres Gefühl die Urſache iſt.— Und trotzdem nahe ich mit einer Frage, die Ihnen vielleicht zudringlich erſcheinen könnte.“ „Ich begreife nicht“— ſtammelte die Frau. „Je mehr ich Sie anſehe,“ unterbrach ſie aber Mac Donald, deſſen Blick indeſſen, wenn auch achtungsvoll, doch mit Aufmerkſamkeit auf den Zügen der vor ihm Stehenden geruht—„deſto mehr zwingt ſich mir die Ueberzeugung auf, daß ein wunderliches Geſchick hier in dem fernen Welt⸗ theil zwei Menſchen zuſammengeführt hat, deren Lebensfäden im alten Vaterlande einmal beſtimmt ſchienen, friedlich und freundlich mit einander durch's Leben zu wandeln. Sie ſtammen nicht aus Thüringen.“ Alles Blut verließ die Wangen der Frau, aber ſie erwiederte kein Wort, und Mac Donald fuhr nach kurzer Pauſe freundlich fort: „Erlauben Sie mir, daß ich mich hier vor dem Hauſe eine kurze Zeit zu Ihnen ſetzen darf? — die Bank hier bietet Schatten genug, und ich bin vielleicht im Stande, Ihnen mit wenigen Worten aus meiner eigenen Lebensgeſchichte Auf⸗ ſchluß über meine jetzige anſcheinende Zudring⸗ lichkeit zu geben. Wollen Sie mich hören?“ „Reden Sie,“ ſagte die Frau mit kaum hör⸗ barer, zitternder Stimme, indem ſie ihr Kind an ſich zog, und ſich mit ihm auf der Bank nieder⸗ ließ, auf deren anderem Ende Mac Donald Platz nahm. Dieſer ſah ihr wohl eine Minute lang ſtill — 40— und ernſt in's Auge; dann aber ſagte er plötzlich und beſtimmt: „Nein— ich irre mich nicht— ich kann mich nicht irren— Sie ſind Eduard Hohburg's Frau— mein eigener Name aber iſt Mac Do⸗ nald!“ „Großer Gott!“ rief die Frau, und fuhr er⸗ ſchreckt von ihrem Sitze empor, aber nicht der Bewegung des Fremden bedurfte es, ſie zurückzu⸗ halten. Wie von Schreck gelähmt, ſank ſie wieder auf ihren Platz, und barg das Antlitz an dem Haupte des Kindes. „Ich hatte mich nicht geirrt,“ ſagte Mac Do⸗ nald da leiſe.„Der Name weckt nur zu wohl alte Erinnerungen in Ihnen; Erinnerungen vielleicht, die ſich mit Abſcheu an den Mann knüpfen, der jetzt an Ihrer Seite ſitzt und ſich doch, trotzdem daß die Welt ihren Stab über ihn gebrochen, keiner böſen— keiner ſchlechten That bewußt iſt. Mehr aber noch drängt es mich jetzt, mein Herz gegen Sie auszuſchütten. Sie ahnen nicht, was das heißt: keinen Menſchen zu haben, dem man ſein Leid klagen, von dem man verſtanden werden kann.— Sie wiſſen nicht, wie dem Unglücklichen zu Muthe iſt, der allein und freundlos hinaus⸗ geſtoßen in Jammer und Elend, Schmach und Schande auf ſein Haupt gehäuft ſieht, und keine — 241 Bruſt hat, die ſeinen Kummer theilt, kein Wort des Troſtes von freundlichen Lippen erwarten kann, um ihn aufzurichten— ihn zu halten.“ „Weiß ich das nicht?“ ſtöhnte die Frau mit leiſer, kaum hörbarer Stimme. Mac. Donald ſah überraſcht zu ihr auf. „So wäre es wahr,“ ſagte er mit langſamer, mitleidiger Stimme,„was mir Liſchke von Ihrem Mann erzählte— und Ihre ganze Umgebung hier— die Arbeit, zu der Sie gezwungen ſind—“ „Fahren Sie fort,“ bat aber die Frau, indem ſie raſch und abwehrend die Hand gegen ihn aus⸗ ſtreckte;—„die Worte, die Sie vielleicht von mir gehört, enthalten keine Klage.“ Es lag ein ſo tiefer Schmerz, aber auch ein ſo ſtrenges Zurückweiſen in dem Ausdrucke, mit dem ſie die wenigen Sylben ſprach, daß Mac Do⸗ nald beſtürzt ſchwieg, denn er fühlte, daß er ſie verletzt hatte, fühlte aber auch, daß eine Entſchul⸗ digung die berührte Wunde nur noch tiefer auf⸗ reißen müſſe, und fuhr nach kurzem Zögern fort: „Mein Name muß für jetzt noch zwiſchen uns Beiden ein Geheimniß bleiben; denn von den Eng⸗ liſchen Geſetzen verurtheilt, bin ich als Sträf⸗ ling nach Auſtralien deportirt worden und— entflohen. „Sie ſind“— „Ein Buſchrähndſcher,“ ſagte der Unglückliche, bitter vor ſich hinlächelnd—„wie es die Be⸗ hörden hier wenigſtens nennen— ein Flüchtling, auf deſſen Kopf ein Preis geſetzt iſt, und wenn ich mich Ihnen entdecke, treibt mich dazu ein Et⸗ was, dem ich keine Worte geben kann.— Es ſind nun faſt neun⸗ Jahre verfloſſen,“ fuhr er nach kurzer Pauſe mit ruhigerer Stimme fort,„daß in Edinburgh eine Deutſche Familie Hohburg wohnte, in deren Haus ich meine zweite Heimath, in de⸗ ren engerem Kreiſe mein Herz das Ziel ſeiner Wünſche gefunden hatte. Ich darf vorausſetzen, daß Ihnen jene Verhältniſſe bekannt ſind, wenn ich ſelber auch nur ein einziges Mal, kurz vor jenem unglücklichen Abend mit Ihnen, die Sie erſt kürzlich aus Deutſchland herübergekommen wa⸗ ren, dort zuſammentraf. Ich liebte Marien und wußte meine Neigung erwiedert. Eduard Hoh⸗ burg, obgleich unſere Charaktere ſich nicht im Min⸗ deſten ähnelten, wurde mein Freund. Eduard war ſeelensgut, aber von ruhigem— wohl auch ſchwan⸗ kendem Charakter; Manches ergriff er in dem ihm fremden Lande und gab es wieder auf; weil er ſich nicht mit den Sitten und Gewohnheiten ſei⸗ ner Bewohner befreunden konnte. Ich ſuchte ihn in die richtige Bahn zu lenken und da er fühlte, wie gut ich es mit ihm meinte, wenn ich ihn vor — 43— ſeinen eigenen Fehlern warnte, ſchloß er ſich feſter und inniger an mich an. Ich glaubte glücklich zu ſein. In dieſer Zeit beſuchte ein junger Ire, mit dem Eduard durch meine Vermittelung in Ge⸗ ſchäftsverbindung getreten war, die Hohburg'ſche Familie. Mit ſeinem erſten Erſcheinen wich der Frieden des Hauſes von der Schwelle. Er war jung, ſchön und reich, und es zeigte ſich bald, daß ihn Mariens Reize nicht gleichgültig gelaſſen hat⸗ ten. Trotzdem daß er dabei erfuhr, wie nahe ich ſelber der Familie ſtand— wie viel näher ich ihr in kürzeſter Zeit zu ſtehen hoffte, hielt er um ihre Hand an und— wurde abgewieſen. Eduard hatte es ihm vorhergeſagt, und Alles gethan, was in ſeinen Kräften ſtand, um ihn von einem ſol⸗ chen Antrage abzuhalten. Jetzt ſuchte er ihn zu tröſten und war häufiger als je in ſeiner Geſell⸗ ſchaft. Tage vergingen darüber und O'Rourke, wie der Ire hieß, ſchien keinen Groll mehr wegen des Vergangenen zu hegen. Eduard lud uns mit mehreren anderen Freunden eines Abends ein. Es ſollte ein Verſöhnungsfeſt ſein.— Es wurde viel getrunken— wir waren Alle erhitzt und auf⸗ geregt, aber mit O'Rourke beſonders ging Wirkung des hitzigen Trankes eine böſe, volle Veränderung vor. Trotz Allem, thun konnten, ihn daran zu verhindenz — 44— wieder und wieder das Geſpräch auf Marie, und Worte fielen dabei von ſeinen Lippen, die endlich weder Eduard noch ich länger ertragen konnten und wollten. Eduard beſonders, der ſonſt faſt durch Nichts aus ſeiner Ruhe und Faſſung ge⸗ bracht werden konnte, zitterte vor verhaltener Wuth und fiel auch noch in Folge davon in derſelben Nacht in ein hitziges Fieber, das ihn, ſoviel ich ſpäter davon erfuhr, auf viele Monate an ſein Lager feſſelte. Ich verlangte endlich eine Erklä⸗ rung von dem Iren— ſtatt deſſen häufte er Be⸗ leidigung auf Beleidigung, und meiner Sinne ſelber nicht mehr mächtig, ſchleuderte ich ihm das vor mir ſtehende Glas in's Angeſicht. Natürlich mußte er mich hierauf fordern, und der nächſte Morgen ſollte unſeren Zwiſt entſcheiden.“ „Nach dieſer Scene hatte ich augenblicklich den Saal verlaſſen, wie ſich denn überhaupt die ganze Geſellſchaft raſch zerſtreute. Ich war in den Gar⸗ ten gegangen, um mein Blut abzukühlen, und wollte eben nach Hauſe zurückkehren, die für den morgenden Tag vielleicht nöthigen Anordnungen treffen. Da fällt plötzlich— gar nicht weit mir entfernt, ein Schuß, und als ich, von anwillkürlichen Gefühle getrieben, der Stelle d mich in den Büſchen verwirre und kann, ſehe ich mich plötzlich umringt und gefaßt und eines Verbrechens angeklagt.— Niiccht weit davon entfernt lag O'Rourke in ſei⸗ nem Blute— ein abgeſchoſſenes Piſtol, das man am nächſten Morgen fand, nahe der Stelle, und zwiſchen ihm und dem Platz, auf dem man mich getroffen, und Meuchelmord hieß die Schuld, der man mich zieh.“ „Schrecklich!“ ſtöhnte die Frau. „Was half es, daß ich mich vertheidigte?“ fuhr Mac Donald nach kurzer Pauſe, während er die feucht gewordene Stirn mit ſeinem Tuche ab⸗ trocknete, fort—„was half mir die Betheuerung meiner Unſchuld! Ich ſollte im Saale vorher wilde Drohungen gegen den Todten ausgeſtoßen haben.— Nichts war wahrſcheinlicher, als daß wir uns im Garten trafen, und wenn auch die Möglichkeit noch blieb, daß O'Rourke ſelber Hand an ſich gelegt, und das Piſtol nach dem Schuſſe — die Kugel war dicht neben dem Herzen durch⸗ gegangen— von ſich geſchleudert habe, hatte doch gerade dieſes Letztere zu viel Unwahrſcheinliches. Auch daß der Schuß in der Seite, unter dem Arme ſaß, wies den Gedanken an Selbſtmord zu⸗ rück, und die Geſchworenen— ſprachen ihr ſchuldig über mich. Nur daß die vermuthete That, der man mich zieh, noch halb im Rauſche geſchehen, milderte meine Strafe in etwas, und ſtatt dem Tod — 46— durch Henkershand, lautete mein Urtheil auf vier⸗ zehn Jahre Deportation.“ „Das Uebrige wiſſen Sie,“ ſetzte Mac Do⸗ nald mit leiſer, faſt tonloſer Stimme hinzu;— Marie ſtarb an gebrochenem Herzen, noch ehe ich eingeſchifft wurde— dieſe Kunde war der Ab⸗ ſchiedsgruß, mit dem mich die Heimath in die Fremde, in Kerker und Elend ſtieß. Braut, Freunde, Vaterland, Vermögen, Freiheit— Alles verlor ich mit dem einen Schlage, und verließ die Heimath, gebrandmarkt als Verbrecher⸗“ „ Und Sie waren unſchuldig?“ rief die Frau, die mit gefalteten Händen und bleichem, entſetz⸗ tem Antlitz zu ihm aufſchaute. „So wahr dort jene Sonne im Weſten ſinkt — ſo wahr ein Gott über uns lebt und mein Herz ſieht, ob es Wahrheit oder Falſchheit redet.“ Die Frau erwiederte kein Wort, aber wie ein Fröſteln zog es durch ihre Glieder, und in ſich zuſammenſchaudernd, barg ſie das Antlitz in den Händen. „Jahre lang,“ fuhr jetzt Mac Donald mit unheimlich leuchtendem Blicke fort,„ertrug ich die furchtbare Haft. Jahre lang arbeitete ich an der Seite von Verbrechern, die, in Sünde und Schande groß gezogen, nur Spott und Hohn für den Unglücklichen hatten, der ſich nicht ihren rohen, 2 ——— . — 47— wüſten Sitten fügen wollte. Noch ließ mich die Hoffnung nicht ſinken, daß in der Heimath meine Unſchuld ja endlich zu Tage kommen müſſe, daß Gott nicht wollen könne, dem Schuldloſen ſo furcht⸗ bare unverdiente Strafe aufzubürden. Jahr nach Jahr verging, und wie endlich der rohe Ueber⸗ muth brutaler Gefängnißwärter und Wächter mit jedem Tage ſtieg, und die Verzweiflung ſich mehr und mehr meines Herzens bemächtigte, beſchloß ich ſolches Elend nicht länger zu ertragen, und dem Beiſpiel Anderer folgend, in den Buſch zu fliehen. Wie ich entkam, bleibt ſich hier gleich. Unerkannt lebte ich eine Zeit lang in einem kleinen Deutſchen Städtchen dieſes Diſtricts als Arzt und verdiente mehr, als ich brauchte, bis mich der Uebermuth— oder nennen Sie es mein Geſchick, wieder ſelber in die Hände meiner Feinde trieb. Glücklicher Weiſe hatte ich mein Geld vorher ver⸗ borgen, und zum zweiten Male bin ich jetzt ihren Fängen entgangen, aber— ſie ſind ſchon wieder nach mir ausgeſtreckt— ja, ſie glaubten mich ſchon einmal auf's Neue feſt zu haben. Gehetzt wie ein wildes Thier des Waldes habe ich wieder hier zwiſchen Deutſchen Schutz geſucht, wie das ge⸗ jagte Wild ſich zwiſchen friedliche Herden miſcht, die Spur der Bluthunde von ſeiner Fährte ab⸗ zubringen. Von hier vertrieben, meinem letzten 498— Zufluchtsort, bliebe mir Nichts übrig, als mein Leben nur eben ſo theuer als möglich zu verkau⸗ fen, denn lebendig liefere ich mich nicht wie⸗ der aus.“ „Und haben Sie von hier aus keine Schritte gethan, Ihre Unſchuld zu betheuern?“ ſagte zit⸗ ternd die Frau—„haben denn in England die Gerichte nicht endlich den wahren Thäter entdeckt, und müſſen ſie da nicht den Schuldloſen frei⸗ ſprechen nach ſo langem Leid?“ „Es war Alles vergebens,“ ſagte Mac Donald, traurig mit dem Kopfe ſchüttelnd.„Mein Bru⸗ der, der mir noch in London lebt, hat Alles an⸗ gewandt, das Dunkel, das über dieſer That liegt, zu lichten— umſonſt. Nach wie vor ruht der einzige und alleinige Verdacht auf mir— muß auf mir bleiben nach Allem, wie es ein unglück⸗ ſeliger Zufall in jener Nacht gefügt. Auch mei⸗ nen Richtern meſſe ich keine Schuld bei— die Geſchworenen konnten ihren Spruch, nach Allem was ihnen vorlag, kaum anders geben, als ſie gethan— und doch lautete er falſch, doch iſt keine andere Möglichkeit, als daß O'Rourke, in einem Anfall von Reue und Gewiſſensbiſſen, wie ihn der Streit und die kalte Nachtluft nüchtern gemacht, ſein Leben gewaltſam ſelber endete. Aber die Lip⸗ pen, die mich allein freiſprechen konnten, ſind kalt 49— — und das Blut.— Aber fort mit den nutzloſen Klagen,“ brach er plötzlich und gewaltſam ab. „Nicht deshalb kam ich her, mein Geſchick zu be⸗ jammern— ich bin gewohnt, es zu ertragen, und ihm die Stirn zu bieten. Nein, der Name, den ich bei jenen Deutſchen hörte, weckte wieder die Erinnerungen jener glücklichen Zeit zu Licht und Leben.— Ihre Züge riefen die Bilder jener Tage wieder in mir wach, und ich beſchloß, mir erſt Gewißheit zu verſchaffen, daß ich mich in Ihnen nicht geirrt, und mich dann wenigſtens vor Ihnen von dem Verdacht zu reinigen, ein feiger, nichts⸗ würdiger Mörder zu ſein. Mein Zweck iſt hof⸗ fentlich erreicht, und ſchlägt jetzt meine Stunde— fall' ich den Feinden wieder in die Hände, und muß ich mir meine endliche Freiheit wirklich mit dem doch werthloſen Leben erkaufen, dann reini⸗ gen Sie daheim, wenn ſie nach dem glücklichen England zurückkehren ſollten, meinen Namen von dem Schimpfe, der auf ihm laſtet. Dem Todten wird man vielleicht glauben, was der Lebende umſonſt betheuerte.“ „Und weiß mein Mann— weiß Eduard, daß Sie hier ſind?“ frug die Frau. „Ihr Mann?— Eduard?“ rief Mac Donald raſch und erſtaunt—„iſt er nicht fort?— ver⸗ ſchollen drin im Buſche?— oder todt?—“ Gerſtäcker. III. 4 „Er iſt zurück“— hauchte die Frau—„hier, ſeit wenigen Tagen, und ſeine Krankheit bannte mich an das Haus.“ „Wo?— hier?“ lautete die haſtige Frage des Flüchtlings. „Nicht jetzt— nicht heute,“ bat aber die Frau, während ihr Blick ängſtlich die Straße hinabflog, und ſie legte dabei ihre bleiche, faſt durchſichtige Hand auf ſeinen Arm. Er iſt fort⸗ gegangen, etwas zu holen, und ich erwarte ihn in jeder Minute zurück, aber— erfüllen Sie mir die Bitte— ſprechen Sie ihn nicht heute— laſſen Sie mich ihn erſt vorbereiten auf Ihr Be⸗ gegnen.— Er iſt noch krank und erſchöpft,“ ſetzte ſie langſamer und leiſer hinzu—„die plötzliche Ueberraſchung könnte ihn wieder auf's Lager werfen.“ 5 Mace Donald nickte langſam mit dem Kopfe. „In früherer Zeit war das anders,“ ſagte er bitter dabei vor ſich hin lächelnd,„und doch kann ich ihn auch wieder nicht tadeln. Muß er mich ja doch, wenn auch nur für den mittelbaren Mörder ſeiner Schweſter halten, an der er mit faſt abgöttiſcher Liebe hing, und ſein Schweigen damals, als ich unter der furchtbaren Anklage meinen Richtern gegenüber ſtand, hat mir nur zu gut bewieſen, daß er mich der That für fähig — vielleicht für ſchuldig hielt.“ „Er wird ſicher Alles thun, was in ſeinen Kräften ſteht“— ſagte die Frau. „Er kann Nichts thun,“ unterbrach ſie raſch Mac Donald—„ich will keine Gna de für mich. Wenn nicht gerechtfertigt, als begnadigter Verbrecher mag ich nicht leben. Nur ſein Herz möcht' ich überzeugen— der Gedanke beſonders war mir furchtbar, daß Marie mit dem Glauben an meine Schuld geſtorben ſein könnte— daß mich Mariens Bruder für einen feigen Mörder hält. Ich fühle, ich könnte meinem ferneren Ge⸗ ſchick mit leichtem Herzen entgegengehn, wüßte ich dieſe Laſt von ihm gewälzt.— Doch nicht allein dies“— ſetzte er nach einer kurzen Pauſe hinzu— „auch noch eine Bitte habe ich an Sie, verehrte Frau, deren Erfüllung mir große Beruhigung ge⸗ währen würde. Soll ich aufrichtig ſein, war gerade ſie mit die Haupttriebfeder, die mich dazu drängte, mich Ihnen zu entdecken— wenn ich auch von Ihren Lippen keinen Verrath fürchtete.“ „Wenn die Erfüllung in meinen Kräften ſteht.“ „Es iſt Nichts als die Beförderung eines Briefes, der Familiengeheimniſſe betrifft und nur im Fall meiner Wiedergefangennahme— oder mei⸗ nes Todes an ſeine Adreſſe befördert werden ſoll. 4* Bei dieſem Geſchick würde ihn aber das Gericht, wär' er bei mir gefunden worden, eröffnet haben — Ihren Händen allein kann ich ihn vertrauen. — Es iſt Nichts darin,“ fuhr er wehmüthig lä⸗ chelnd fort, als er ſah, daß ſie den Brief, den er ihr mit den Worten reichte, nur zögernd nahm— „was Sie, oder irgend jemand Anderes gefährden könnte; nur eine teſtamentariſche Beſtimmung, und Dinge, die Niemanden weiter betreffen als meinen Bruder— aber gerade des Bruders we⸗ gen nicht für ein fremdes Auge beſtimmt ſind. Verſprechen Sie mir die ſichere Beſorgung, falls Sie hören, daß mein unglückliches Leben hier ein gewaltſames Ende genommen?“ „Ich verſpreche es Ihnen,“ ſagte die Frau feierlich. „Ich danke Ihnen herzlich dafür,“ rief Mac Donald, während zum erſten Male ein freudiges Lächeln ſeine Züge überflog—„und gehe jetzt der Zukunft— was ſie mir auch bringen möge, mit Ruhe entgegen.“ „Aber was gedenken Sie zu thun,“— frug die Frau beſorgt,„wenn die Polizei Ihre Spur hier fände?“ „Mir bleibt Nichts übrig, als hier auszuhal⸗ ten,“ erwiederte Mae Donald achzelzuckend.„Ich bin der Deutſchen Sprache, durch meinen langen Aufenthalt in Deutſchland, durch meiuen ſteten Umgang ſelbſt mit Deutſchen in Schottland, ſo vollkommen mächtig, daß ich recht gut für einen Deutſchen gelten kann. Mein Aeußeres hab' ich dabei ſo viel als möglich entſtellt, und wenn ich nur wenige Monate unentdeckt hier leben kann, ſo gelingt es mir vielleicht, nach Europa zu ent⸗ kommen. Für jetzt iſt das kaum möglich; ich müßte denn im Stande ſein, die Wachſamkeit meiner Verfolger im Hafen ſelbſt zu täuſchen— den Verſuch werde ich jedenfalls wagen. Hier gelt' ich jetzt als Dr. Schreiber, und habe ſogar ſchon Praxis in der Nachbarſchaft bekommen.“ „Aber wird nicht ſelbſt Liſchke Sie verrathen?“ frug die Frau,„er iſt ein ehrlicher, braver, aber auch ſtreng geſetzlicher Mann, und nur die Ahnung, daß die Polizei—“ „Ich kenne meine Deutſchen,“ lächelte Mac Donald,„und werde ihn nicht in Verſuchung füh⸗ ren. Er darf nicht einmal ahnen, wen er beher⸗ bergt hat. Uebrigens habe ich mir ſchon ein klei⸗ nes Privatlogis gemiethet, in das ich in den nächſten Tagen einziehen kann. Ich bin dort un⸗ geſtörter— ſicherer. Aber— ich ſehe, daß Sie meine Gegenwart hier beunruhigt,“ brach er kurz ab— leben Sie wohl, und wenn Sie es für gut finden, ſetzen Sie Eduard davon in Kenntniß, wer in ſeiner Nähe weilt.“ „Und welchen Weg ſchlagen Sie ein?“ frug die Frau, deren Blicke ſeit der letzten Viertelſtunde ſchon raſtlos die Straße hinauf geſchweift waren, hoffend und fürchtend doch zugleich, daß ihr Mann gerade jetzt zurückkehren würde. Durfte denn der Fremde, der ihn in beſſeren Zeiten gekannt, ihn in dieſem Zuſtande wiederfinden?— Aber noch blieb die Straße leer— nur ein Deutſcher Holz⸗ bauer kam, ſeine kurze Pfeife rauchend, langſam mit dem leeren Geſchirr von Adelaide zurückge⸗ fahren. Er rückte mit einem freundlichen„Gott grüß Euch“ die Mütze, als er vorüberklapperte, und ſein wunderliches Geſpann— eine Kuh und ein Pferd— vergebens zu einem etwas raſchern Schritte zu bringen ſuchte. „Nach Saaldorf zu,“ lautete die Antwort Mac Donald's—„ich habe dem Doctor Spiegel ver⸗ ſprochen, ihn heut' Abend zu beſuchen, und möchte. nur vorher bei Liſchke's vorübergehn, und deſſen Tochter eben dorthin zu begleiten.“ „Dann gehen Sie am Beſten hier gerade aus,“ ſagte die Frau, die ein Begegnen der beiden Maänner auf der Straße zu verhindern wünſchte —„der dritte Weg, der links abführt, bringt Sie gerade zu Liſchke's Haus.“ Nichts deſto weniger mochte er nicht muthwillig ein — 55 „Ich danke Ihnen— und der Brief?“ „Ich gab Ihnen mein Wort, und werde Ih⸗ ren Auftrag treu erfüllen.“ Es war, als ob Mac Donald ihr noch etwas ſagen wollte— er öffnete die Lippen und ſtreckte den Arm nach ihr aus— aber er ließ ihn wie⸗ der ſinken, verbeugte ſich ſtumm vor der Frau, und ſchritt langſam die bezeichnete Straße nieder. Eben hatte er das Ende der Section erreicht, wo zwiſchen zwei neuen Feldabtheilungen ein brei⸗ ter Fahrweg die Straße kreuzte, als er vor ſich im ſcharfen Trab zwei Reiter ankommen ſah. Sein ſcharfes Auge täuſchte ihn keinen Augen⸗ blick über die Geſtalten, die, wie er auf den er⸗ ſten Blick erkannte, der berittenen ſchwarzen Po⸗ lizei angehörten, und um ihnen nicht zu begegnen, bog er links ab, und ſchritt langſam die Seiten⸗ ſtraße nieder. Wohl hatte er nicht zu fürchten in ſeiner jetzigen Verkleidung von ihnen erkannt zu werden, denn ſeine ganze Tracht, ſein kurzge⸗ ſchnittenes Haar, der fehlende Bart, die hellblaue Brille machten ihn beſonders in der ſchon einbre⸗ chenden Dämmerung unkenntlich. Auch die feinen Stiefeln, die er jetzt trug, hinterließen eine ganz andere Spur als die groben Buſchſchuhe draußen. Begegnen herbeiführen, wo er es eben, ohne Ver⸗ dacht zu erregen, vermeiden konnte. Noch hatte er kaum mehr als hundert Schritte in der links abführenden Straße zurückgelegt, als die beiden ſchwarzen Burſchen den Kreuzweg er⸗ reichten, ihre Pferde einzügelten und hinter dem Fußgänger herſahen. Er war aber zu ſehr wie ein Städter gekleidet, mit Stock und hohem Hut, wie ſie ihnen hier überall in den Straßen begeg⸗ neten, um weitere Notiz von ihm zu nehmen. Nach ein Paar kurzen, mit einander gewechſelten Worten wandten ſie ihre Pferde wieder, ritten langſam, mit vorgebeugten Körpern, um die von dem Fußgänger hinterlaſſenen Spuren beſſer ſehen zu können, den Weg weiter, den jener gekommen, und gaben dann, als ſie ſich darüber beruhigt hat⸗ ten, ihren Thieren wieder die Sporen. F Mac Donald hatte gehört, wie ſie anhielten, aber er wandte den Kopf nicht nach ihnen um, und verfolgte langſam ſeinen Weg. — 3. Capitel. Der Verführer. Hohburg war mit dem Gelde, das ihm ſeine Frau gegeben, ſich einen, wenn auch groben, doch wenigſtens neuen Anzug zu kaufen, langſam in der bezeichneten Richtung fortgeſchritten, und ſah den kleinen Laden, der die äußerſte Grenze von Saaldorf nach dieſer Richtung her bildete, ſchon vor ſich liegen. Wenig dabei auf das achtend, was um ihn her vorging, und nur mit ſeinen eigenen trüben Gedanken beſchäftigt, hatte er auch gar nicht geſehen, daß dicht am Wege, an den ſich hier ein kleines Dickicht von Bankſien und Aka⸗ zien anſchloß, ein Mann auf einem umgeſtürzten Gumbaume ſaß und ihn aufmerkſam betrachtete. Er war auch ſchon faſt an ihm vorüber, als deſ⸗ ſen Ruf ihn plötzlich an die Stelle bannte. und erſtaunt umſehen machte. —. 58— „Hallo, Mate,“ rief die Stimme, während ein wilder Fluch dem überraſchten Ausruf folgte— „biſt Du's, oder biſt Du's nicht, Kamerad, und hätten ſich Mr. Powell's beide Hüttenwächter hier in der That wieder in aller Gemüthlichkeit zu⸗ ſammengefunden?“ „Toby!“ rief Hohburg, wirklich überraſcht, den Mann ſchon wieder hier und neben ſich zu ſehen, der am Murray erſt vor doch verhältniß⸗ mäßig kurzer Zeit ſeine eigene Stelle eingenom⸗ men hatte. Er mochte es ſich nicht dabei geſtehn, aber doch war es das Gefühl einer gewiſſen Ge⸗ nugthuung, das ihn dabei durchzuckte, daß der, den man an ſeiner Statt angenommen, ebenfalls nicht im Stande geweſen war die Stelle auszu⸗ füllen. Er wußte dabei recht gut, daß ſich ſein Verdienſt durch ſolchen Fall nicht erhöhte, aber ein Anderer war doch wenigſtens nicht beſſer ge⸗ weſen als er— ſo weit hatte ſich ſein Ehrgefühl herabgeſtimmt, daß ihn ſelbſt das befriedigte. Unter jedem andern Verhältniſſe würde er ſich auch wahrſcheinlich, wenn nicht in Ekel von dem rohen wilden Geſellen abgewandt, doch das Ge⸗ ſpräch mit ihm ſobald als irgend möglich abge⸗ brochen haben; jetzt aber drängte es ihn, etwas Näheres über die Station, auf der er ſelber ſo lange im Dienſte geſtanden, zu hören. Hier war — 59— auch Jemand, zu dem er nicht aufzuſchauen brauchte— die Gegenwart der edlen unglücklichen Frau hatte ihn beſchämt und zu Boden gedrückt, der wüſte Geſell an ſeiner Seite hob ihn wieder in ſeiner eigenen Achtung— er brauchte ſich nicht zu ſcheuen, deſſen Blick zu begegnen. „Und wie ging es draußen, als Ihr den Platz wieder verließet, Mate?“ ſagte er, indem er vor ihm ſtehen blieb und ihn aufmerkſam von Kopf bis zu den Füßen betrachtete,—„Ihr habt den Dienſt verwünſcht raſch wieder ſatt bekommen, wie es ſcheint. Kamen etwa die Schwarzen zurück und holten ſich eine neue Ladung?“ Toby ſchien ſich unter dem forſchenden Blick des Mannes unbehaglich zu fühlen. Deſſen Frage aber gab ihm auch zugleich die beſte und einfachſte Antwort in den Mund, und da er ſich recht gut denken konnte, daß der Deutſche Nichts von dem, nach ſeinem Abmarſch Vorgefallenen wußte, war es ihm ein Leichtes, ein glaubhaftes Märchen raſch zu erfinden. „Na, ich denk's, Mate,“ ſagte er lachend,„daß die ſchwarzen Halunken nicht lange wieder auf ſich warten ließen. Die eine Mahlzeit von der Henker weiß wie vielen Nieren hatte ihnen zu gut geſchmeckt, um nicht nach mehr zu verlangen, und drei Tage ſpäter brachen ſie Nachts wieder — 60— ein, riſſen die Hürden nieder und jagten hinaus, was Beine hatte. Daß der Alte damit nicht einverſtanden war, Kamerad, kannſt Du Dir wohl leicht denken; ich ließ mir aber auch Nichts ge⸗ fallen, ſo gab ein Wort das andere und Toby— konnte gehn. Glücklicher Weiſe hatte ich meine Bezahlung für die kurze Zeit ſchon in Tabak voraus, ſonſt würde ich wohl ſchwerlich etwas für meine„Bemühungen,“ wie die Advokaten ſagen, beſehen haben. Dir ſind doch auch wohl die fehlenden Schafe alle abgezogen worden?“ „Nicht ein Stück,“ ſagte Hohburg ernſt— „der alte Herr Powell iſt ein Ehrenmann.“ „Alle Teufel?— keins abgezogen?“ rief Toby erſtaunt,„na, das laß ich gelten. Aber dann biſt Du auch wohl gut bei Kaſſe, Mate, wie?— oder haben's die Schenkhäuſer ſchon gefreſſen, wie gewöhnlich? Doch das geht mich Nichts an,“ unterbrach er ſich raſch, als er ſah, daß er den Mann damit in Verlegenheit brachte.—„So viel wirſt Du jedenfalls noch übrig behalten haben, einem alten Kameraden einen Schluck Branntwein und ein Stück Tabak zu kaufen, heh?— Eine Hand wäſcht die andere, und wer weiß, wie ich Dir einmal wieder nützlich werden kann.“ Wie ein Stich ging die Bitte durch Hohburg's Herz, denn das Geld, das er bei ſich trug, war —,— nicht ſein, und ihm zu anderem Zweck gegeben. Aber die Kleinigkeit konnte und durfte er auch einem alten Kameraden, der mit ihm im Buſche unter einem Dache geſchlafen, nicht abſchlagen. So viel blieb ſchon übrig von dem Gelde, ſo viel mußte übrig bleiben. „Du biſt wohl knapp an Geld, Mate?“ ſagte er, ſich zu dem Burſchen wendend. „Vollſtändige Ebbe,“ lachte dieſer mit einem gottesläſterlichen Fluche zur Bekräftigung— „wenn ich nicht bald einmal wieder in Klee komme, darf ich mich nur nach einem bequemen Platz zum Verhungern umſehen. Du haſt wohl ſchon wieder eine Stelle?— ja, Glück muß der Menſch haben, nachher macht ſich die ganze Sache von ſelber.“ „Ich?— nein,“ ſagte Hohburg zerſtreut, „ſehe mich aber auch gerade nach einem Platz um. Bei den Deutſchen iſt nur nicht viel zu ver⸗ dienen.“ „Da haſt Du recht,“ lachte der Ire—„die ſind ſelber Alle herübergekommen, ſo viel Geld als möglich zuſammenzuſcharren, und zäh wie der Teufel. Werde mich wohl nur kurze Zeit hier zwiſchen ihnen aufhalten. Aber komm, wir wollen dahinüber gehn. In dem Hauſe da drüben ſind allerhand Sachen zu verkaufen— ich weiß nicht, ob man nicht— wenn man's klug anfinge— einen Theil dort recht billig bekommen könnte!“ — ſetzte er mit einem Blinzeln des Auges und einem forſchenden Blick auf ſeinen Begleiter hinzu. „Billig?“ ſagte dieſer, der die Bedeutung der Frage nicht verſtand,„die Leute hier ſind Alle nicht billig. Sie verlangen meiſt immer gut Geld für ſchlechte Waare.“ „Ahem,“ ſagte Toby, zu vorſichtig, dem An⸗ deren auf mehr als halbem Wege entgegenzu⸗ kommen. „Aber wo haſt Du Dein Gewehr gelaſſen?“ frug der Deutſche plötzlich, der ſich der guten Doppelflinte erinnerte, die jener im Buſche mit⸗ geführt—„auch ſchon verkauft?“ „Noth kennt kein Gebot,“ brummte der Ire ausweichend, während er neben ſeinem wiederge⸗ fundenen Kameraden dem Kaufladen zuſchritt,„und leben will der Menſch.— Hier in den Anſiede⸗ lungen braucht man's ja auch nicht, denn die Wege ſind ſicher, und Schwarze und Buſchrähndſcher halten ſich hier nicht auf.“ „Die Polizei ſoll ja da oben ein Paar abge⸗ faßt haben, wie ſie in einer von den Stationen am Murray erzählten,“ meinte der Deutſche. „Ja— es trieben ſich dort ein Paar herum,“ ſagte Toby gleichgültig— der fremde Swell— der zum Beſuche zu Powell's kam, war Einer davon.“. „Der Fremde, der mit Herrn Powell auf die Station hinauskam?“ rief Hohburg, erſtaunt ſtehend bleibend, und ſeinen Begleiter anſehend. „Ja wohl,“ lachte dieſer ſtill vor ſich hin, ohne jedoch ſeinen Schritt zu unterbrechen— „war der berüchtigte Jack London— iſt ihnen aber auch wieder, ſo viel ich weiß, durch die Lap⸗ pen gegangen.“ „Alle Wetter— wer hätte das gedacht?— Und wie ich ſpäter hörte, ſollen ſie ſogar einen todtgeſchoſſen haben.“ „Der liegt im Murray,“ lachte Toby ſtill vor ſich hin—„aber da iſt das Haus,“ ſetzte er. hinzu, indem er ſtehen blieb und das kleine Ge⸗ bäude wie unſchlüſſig betrachtete—„wie wär's, Mate, wenn Du hineingingeſt und die Sachen herausholteſt— Bin ſo lange jetzt in dem blu⸗ tigen Buſch geweſen, daß ich einen ordentlichen Widerwillen gegen Dächer habe.“ „Unſinn,“ ſagte Hohburg—„Du wirſt Dich doch nicht fürchten in einen Laden zu gehen?“ „Fürchten?“ wiederholte Toby, indem er einen vorſichtigen Blick die Straße auf⸗ und abwarf— „weshalb?— Aber Du haſt recht“— ſetzte er hinzu, indem er ein kleines Fläſchchen aus ſeiner Rocktaſche nahm—„kann mich auch gleich da drinnen einmal nach Arbeit erkundigen. Vielleicht iſt die Stelle als Ausſchenker frei, und der Po⸗ ſten ſagte mir vor allen anderen zu. Donner⸗ wetter, Junge! ſo den ganzen Tag am vollen Faſſe zu ſtehen und ein Glas unter dem Hahne zu haben, muß doch ein verdammt hübſches Leben ſein. Wundert mich eigentlich, daß ich nicht ſchon lange auf den Gedanken gekommen bin.“ „Kannſt Du ſchreiben?“ „Schreiben?— hm— nicht beſonders— meinen Namen ein Bischen,“— lautete die la⸗ chende Antwort des Burſchen—„und es iſt ſo lange her, ſeit ich ſelbſt den zum letzten Male gekritzelt habe, daß ich wahrhaftig glaube, ich weiß gar nicht mehr, wie man die Feder hält. Werden mich doch am Ende nicht dazu gebrauchen können. Nun was thut’s— ich hielt's auch überdies in den vier engen Wänden nicht lange aus.“ „Wie geht es Ihnen, Gentlemen,“ begrüßte ſie in dieſem Augenblicke der in die Thür tretende Beſitzer des Ladens, an dem etwas abgeriſſenen Ausſehen der beiden erwarteten Kunden keinen weitern Anſtoß nehmend. Die aus dem Buſche kommenden Arbeiter ſahen meiſt alle nicht beſſer aus, und hatten trotzdem oft viel Geld in den Taſchen. 8 „Hm,“ ſagte Toby, der ſich den Mann auf⸗ merkſam betrachtete—„das Geſicht ſollt' ich auch kennen, wenn ich mich nicht ſehr irre, und ich dächte ſogar, ich hätte einmal eine Seer eiſe mit ihm zuſammengemacht.“ „Johnny,“ bei allen Gumbäumen Auſtra⸗ liens,“ rief der Krämer, indem er ihm die Hand entgegenſtreckte—„Junge, wo kommſt Du her, und wie iſt es Dir gegangen?“ „Johnny iſt's nun freilich nicht,“ rief lachend der Erkannte, indem er einen raſchen, aber für den Andern vollkommen genügenden Seitenblick auf ſeinen Begleiter warf.„Damals hieß ich Toby, und habe bis jetzt auch noch keine Urſach gehabt, den Namen zu ändern.“ „Iſt ja wahr, altes Haus,“ berichtigte ſich raſch der Händler—„hol's der Teufel, es laufen Einem hier ſo eine Menge Menſchen der Quere herum, daß man in den Johns und Bills und Jacks ganz irre wird. Aber wo kommſt Du auf einmal her, und wo willſt Du hin?“ „Eine von den beiden Fragen iſt leicht zu beantworten,“ meinte Toby trocken—„aus dem Buſche— die andere hängt von Umſtänden ab.“ „Aha, Gentlemen⸗Schäfer, die ihre Gelder in Gerſtäcker. III. 5 4 — 66 die Anſiedelung tragen,“ lachte der Händler, „nun, womit kann ich Ihnen dienen?“ fuhr er dann fort, indem er, als eine Sache, die ſich von ſelbſt verſtand, erſt einmal vor allen Dingen hin⸗ ter den Ladentiſch ging und zwei Gläſer mit einer Flaſche Brandy herausſetzte—„bitte, ſchenken Sie ſich ſelber ein,“ ſagte er dabei— „Jeder kennt am Beſten ſein eigen Maß und Gewicht— nun Toby, keinen Brandy?“ „Mir iſt Wachholder lieber,“ ſagte der Ange⸗ redete, indem er das kleine Fläſchchen dazu auf den Tiſch legte und ſich aus der verlangten Flaſche ein Glas halbvoll ſchenkte.—„Alſo hier iſt Glück, Mate.“ Hohburg hatte, halb zögernd, halb verlangend, die Flaſche betrachtet. Das Gute, das noch in ihm ſchlummerte, trieb ihn, den verführeriſchen Trank ſelbſt in dem einzelte brennende Verlangen nach ſpirituöſen Getränken, das zuletzt ſogar zu einer wilden krankhaften Gier ausartete, ließ ihn nicht ruhen. Wäre er allein in den Laden gekommen, hätte er ſich viel⸗ leicht bezwungen; hier der Verführung, die ihm aus der gefüllten Flaſche entgegenfunkelte, ver⸗ mochte er nicht zu widerſtehen.„Es iſt ja doch auch nur das eine Mal,“ dachte er dabei, indem i Glaſe zu meiden, aber die Folgen ſeiner frühern Trunkſucht, das — 67— er mit zitternder Hand das Glas füllte,„mein ohnehin geſchwächter Körper bedarf einer ſolchen Stärkung und— es ſoll die letzte ſein.“ „Ihr habt auch heute Euer Bitteres noch nicht gehabt,“ lachte der Krämer, der ihn beob⸗ achtete—„Eure Hand ſchüttelt noch tüchtig. Na, der hier hilft, das iſt ächte und reine Waare, gerad' von der Kuh weg, und man könnte Kin⸗ der damit aufziehen.“ „Habt Ihr Tabak, Mate?“ Frn Toby jetzt den Wirth. „Werd' ich keinen Tabak haben,“ lachte dieſer, „die Buſchjungen ſteckten mir das Haus über dem Kopfe an. Da— erſte Qualität— ſchmilzt auf der Zunge und ſo ſüß wie Zucker— und womit kann ich Euch dienen? Ihr wollt Kleider haben, heh?“ wandte er ſich an Hohburg, der indeſſen die dort ausgehängten Kleidungſtücke betrachtete. „Da ſucht Euch nur einmal was aus— der Buſch nimmt die„Garderobe,“ wie die Swells ſagen, hölliſch mit. Famoſer Stoff das, was Ihr gerade in der Hand habt— hält wie Leder und iſt ſo weich wie Seide— die Preiſe ſtehen gleich auf dem Zettelchen oben dran.“ „Wie ſteht's hier in der Gegend?“ frug Toby jetzt, als ſich Hohburg mit den Kleidern beſchäf⸗ 5* — 68— tigte, den Krämer mit leiſer Stimme.„Alles ſicher?“ „Sicher?— den Teufel auch,“ flüſterte die⸗ ſer zurück,„die ſchwarze Polizei ſchwärmt ſeit heute Morgen hier wie toll in der Gegend herum — haſt Du noch Nichts von ihr geſehen?“ „Die ſchwarze Polizei?“ rief der Buſchrähnd⸗ ſcher erſtaunt und erſchreckt;„habt Ihr die Ca⸗ naillen denn auch hier in Süd⸗Auſtralien?“ „Fällt uns nicht ein,“ brummte der Krämer, „ſie ſind direct vom Murray gekommen, wo ſie einen gewiſſen— ich will keinen Namen nennen — in den Fluß gejagt haben, und einem andern hart auf den Ferſen ſind. Johnny! Johnny! Deine unſterbliche Seele koſtet mich ſchon drei Meſſen, und jetzt läuft der Burſche noch geſund und munter in der Welt herum. Das iſt nicht recht, alte Freunde ſo zum Narren zu haben.“ „Da kann ich nur machen, daß ich hier aus dem Wind komme,“ ſagte der Buſchrähndſcher, ohne auf den Scherz einzugehen, und einen flüch⸗ tigen Blick nach der Thür werfend.„Die Ca⸗ naillen kennen meine Spur, als wenn ſie es Schwarz auf Weiß in einem Buche hätten, und wär' mir nicht ein tüchtiger Regenſchauer und das Steigen des Fluſſes damals gerade zur rech⸗ — — 69— 7 4 ten Zeit zu Hülfe geſßuten, bätke ich ſie auch dort nicht abgeſchüttelt, trotz aller Liſt.“ „Da— hier haſt Du gleich ein Pröbchen von Deinen ſchwarzen Freunden,“ lachte der Pein an die Thür genageltes deutete. Wirth, indem er a beſchriebenes Pa „Haben Sie ch darauf?“ frug der Buſch⸗ rähndſcher erſchreckt, indem er einen ſcheuen Blick nach dem Placate warf. Dich nicht, aber einen von Deinen Kame⸗ raden. Jack London oder wie er ſonſt heißt. Bis zwiſchen die Anſiedelungen ſind ſie ihm auf der Fährte geblieben, und dort hat er ſich, wie es im Anfange ſchien, nach der Burra⸗Burra⸗Mine hinauf⸗ gewandt. Zwiſchen den Deutſchen hier, die Alle auf ihren einzelnen Sectionen kleben, und nach allen Richtungen Wege und Beipfade hindurch haben, ſind ſie aber von ſeiner Spur abgekom⸗ men, und jetzt dabei, ſämmtliche Ortſchaften zu revidiren. Iſt denn der ein ſo gefährlicher Geſell?“ „Bah,“ ſagte John verächtlich—„ein Prahl⸗ hans, der das Maul vollnimmt, und mit ſeiner Großmuth dick thun will. Miſcht ſich immer zwiſchen die Swells und will mit dem Hand⸗ werk eigentlich nie etwas zu thun haben.“ „Ahem, Einer von der Art,“ ſagte der Händ⸗ —. 70— ler, ſtill dabei vor ſich hinlachend.„Derartige Burſche kennen wir ſchon. Daß ſie ihm aber da ſo ſcharf auf den Hacken ſind!“ „Alte Geſchichte,“ brummte John,—„eben ſo unheimlich, wie es uns zu Muthe iſt, wenn wir Einen der ſpionirenden Polizeinaſen in der Nähe wiſſen, ſo iſt es auch den Herrn von zweierlei Tuch, die ſich nie wöh fühlen, ſo lange noch ein entſprungener Sträfling draußen im Buſche ſteckt. Nicht etwa, daß ſie ihn fürchten — den Jack London zum Beiſpiel könnten ſie ruhig draußen herumlaufen laſſen, ich glaube nicht, daß er einem Schafe etwas zu Leide thäte; aber das Beiſpiel iſt ihnen verhaßt, das ſich Andere daran nehmen könnten. Was der kann, glauben die Uebrigen am Ende auch zu können, und ſie müſſen ſie wieder einfangen oder todt⸗ ſchießen, oder es bliebe ihnen zuletzt kein Menſch mehr zwiſchen den Palliſaden ſitzen. Aber— was ich gleich ſagen wollte— lies mir doch ein⸗ mal die Geſchichte, die da geſchrieben ſteht! Es iſt immer intereſſant zu wiſſen, wie ſich die Herren über unſer Einen ausſprechen, wenn man auch eben nicht ſelber damit gemeint iſt.“ Auch Hohburg war in dieſem Augenblicke auf den an die Thür genagelten Zettel aufmerkſam geworden, und hatte ihn flüchtig angeſehen. Die 2 Notizen über entſprungene Verbrecher waren aber in jenen Zeiten noch etwas zu Häufiges, als daß er mehr wie die erſten Zeilen davon las, und ſich dann, als er ſah, was es betraf, wieder den Klei⸗ dern zuwandte.— Nur die hundert Pfd. Sterl. Belohnung hatten ſeinen Blick für einen Moment angezogen. „Kein übler Preis,“ lächelte Toby, als er vor dem Blatt mit ſeinem Erklärer ſtehen blieb —„iſt doch eine runde Summe.“ „Das ſollt' ich meinen,“ erwiederte dieſer. „Volle hundert Pfund, und für einen ticket of leave man noch außerdem vollen Pardon. Die Behörden und Andere werden dabei aufgefordert, den ſeinen Wächtern zum zweiten Male entſprun⸗ genen Jack London, alias Murphy— alias und ſo weiter— der Burſche hat eine ganze Reihe von Namen— wieder gegen obige Belohnung an die Polizei lebendig oder todt auszuliefern, oder ihr wenigſtens ſolche Nachricht zu geben, daß er feſtgenommen werden kann.— Hier kommt nun noch eine genaue Beſchreibung ſeiner Perſon, wie er zum letzten Male geſehen worden iſt, und die nachher natürlich nie mehr auf derlei Burſchen paßt, und die Nachricht, daß er ſich aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach in Süd⸗Auſtralien aufhielte und auch wohl verſuchen würde, vom Adelaide⸗Hafen oder von einem andern Theile der Küſte aus zu entwiſchen.“ „Hm, hm, hm, hm,“ ſagte Toby, dem der Gedanke an die ſchwarze Polizei dabei höchſt un⸗ behaglich wurde. Hätte er nämlich gewußt, daß dieſe Burſchen in der Nähe wären, ſo würde es ihm gar nicht eingefallen ſein, dem Deutſchen wieder in den Weg zu treten, der ihn in ſeiner Einfalt recht gut einmal verrathen konnte. Seine eigene Sicherheit war dadurch ungemein gefährdet— ja erfuhren ſeine Verfolger nur einmal, daß er noch lebe, konnte er ſich auch feſt darauf verlaſſen, daß ſie kein Haus ununterſucht, kein Gebüſch im gan⸗ zen Walde undurchſtöbert ließen, bis ſie ſeine Fährte wieder aufgefunden. Daß ihn der Krämer nicht verrieth, wußte er. Der war ſelber ein ſo⸗ genannter ticket of leave man, und hatte ſeine beſte Kundſchaft unter den früheren Sträflingen, deren Rache er in ſolchem Falle mehr zu fürchten hatte, als ihm die Polizei je vergüten konnte. Das Beſte, was für ihn vielleicht zu thun blieb, war doch am Ende, dem Deutſchen gewiſſermaßen zum Vertrauten ſeiner zukünftigen Pläne zu ma⸗ chen und ihm eine falſche Richtung anzugeben, wohin er ſich wenden wollte. Dadurch gewann er jedenfalls einen tüchtigen Vorſprung, wenn ja das Unglück über ihn käme, daß er verrathen werden ſollte, und je eher er dann die hieſige Nachbarſchaft verließ, deſto beſſer war es für ihn. Noch ſtand er, über dieſen Plänen brütend, unſchlüſſig am Fenſter, als ein Mann die Straße herauf und auf das Haus zukam. Er war ſtädtiſch gekleidet und trug eine Brille, und Toby trat unwillkürlich von dem kleinen Fenſter zurück. Je weniger Menſchen ihn ſelber ſahen, deſto beſ⸗ ſer war es. Nichts deſto weniger fiel ihm das Aeußere des Mannes auf und kam ihm bekannt vor, und er hielt den Blick, als er näher kam, forſchend auf ihn geheftet. „Wer zum Teufel iſt das, Mate?“ frug er dabei den Händler;—„die ganze Geſtalt hab' ich ſchon einmal geſehen, und doch kann ich mich nicht erinnern, jemals mit einem Brillenträger zuſammengeweſen zu ſein— den kleinen Joſy ausgenommen, den durchgebrannten Advokaten, dem der lange Sergeant nachher eine Kugel durch den Kopf ſchoß.“— „Oh, das iſt ein Dr. Schreiber, ein Arzt,“ ſagte der Krämer nach einem flüchtigen Blick durch's Fenſter,„der hier ſeit ein Paar Tagen bei dem Klempner Liſchke wohnt. Er war auch ſchon bei mir und hat ſich Pulver und Schrot gekauft— er will Vögel ausſtopfen und in's alte Land ſchicken.“ „Dr. Schreiber,“ wiederholte Toby leiſe vor ſich, während er unwillkürlich wieder näher an das Fenſter trat. Der Fremde hielt die Mitte der Straße, und beabſichtigte keinenfalls das Haus ſelber zu betreten. In dieſem Augenblickes aber nahm er die Brille ab, wiſchte ſich die Augen mit dem Taſchentuche und drehte ſich gerade nach dem Laden herum, die Straße zurückzuſehen. Nur. im Vorüberſtreifen begegnete er Toby's Blick, wandte ſich ab, ſetzte die Brille wieder auf und verfolgte den früher eingeſchlagenen Weg. Der Blick aber hatte auch für den, an derartige Ver⸗ kleidungen gewöhnten Gauner vollkommen genügt, in dem vermeintlichen deutſchen Dr. Schreiber ſeinen frühern Kameraden Jack London zu er⸗ kennen. So erſtaunt er übrigens darüber war, hütete er ſich doch auch, nur eine Sylbe davon gegen den Krämer zu äußern.— Möglich blieb es ja immer, daß er mit dem jetzt gehetzten frühern Kameraden wieder zuſammen zu Buſch gehen konnte, und je weniger Menſchen darum wußten, deſto beſſer war es. Der Krämer wurde in die⸗ ſem Augenblick auch durch den Deutſchen in An⸗ ſpruch genommen, der ſich einige Kleidungsſtücke ausgeſucht hatte, und darüber zu handeln begann. Dieſe Zeit konnnte er benutzen, den alten Kame⸗ raden wenigſtens einmal anzureden. Durfte er ſich doch nicht, wie die Sachen ſtanden, weiter in die Anſiedelung hineingetrauen, ihn ſpäter auf⸗ zuſuchen. „Wart' einen Augenblick hier auf mich, Mate,“ ſagte er zu Hohburg gewandt, indem er ſeine Hände in die Taſchen ſchob, und der Thür zu⸗ ging—„ich bin gleich wieder zurück. Wenn das ein Doctor iſt, möcht' ich ihn einmal über etwas fragen— ich hab' einen alten Schaden, worüber er mir vielleicht einen guten Rath geben kann.“ Und ohne weiter eine Antwort abzuwarten, ver⸗ ließ er das Haus, und ſchritt raſch hinter dem angeblichen Dr. Schreiber her. Mae Donald hörte die Schritte hinter ſich, ſah ſich aber nicht eher danach um, bis der ihm „Folgende dicht hinter ihm war, und mit einem „So eilig Kamerad?“ ſeinen Gang hemmte. Anſcheinend überraſcht drehte er ſich nach ihm um, ein einziger Blick aber auf den ſcheu und doch verſchmitzt um ſich ſchauenden Iren ſagte ihm bald, daß er erkannt, und weitere Verſtellung un⸗ nütz ſei. „Hallo, Jäck,“ lachte dieſer, als er ſich über⸗ zeugt hatte, daß Niemand weiter in Sicht war; denn ſelbſt zwiſchen dem Hauſe und ihnen ſtan⸗ den einige dort angepflanzte Pfirſichbäume.— „Ihr habt Euch ja hölliſch herausgeputzt und ſo hinter den blauen Gläſern verſteckt, daß Euch ein alter Kamerad und Freund kaum wieder erkannt hätte. Wie geht's, mein Burſche; den Schwarzen noch immer ein Schnippchen geſchlagen, heh?— Mich hielten ſie für Fiſchfutter, und ich habe eine Weile Ruhe vor ihnen gehabt, aber der Platz hier wird mir auch ſchon wieder zu heiß, und ich muß mich doch nach einem anderen umſehen.— Wie wär's, wenn wir die Reiſe zuſammenmachten? — Einer allein im Buſche iſt eine verdammt un⸗ bequeme Sache, denn wenn man den ganzen blu⸗ tigen Tag auf der Lauer liegt, und ſoll dann auch noch Nachts wachen, reibt Einen das zuletzt doch auf. Ueberdies arbeitet ſich's verdammt viel beſſer in Geſellſchaft.— Na?“— ſetzte er mür⸗ riſch hinzu, als er ſich unter dem feſt und for⸗ ſchend auf ihn gehefteten Blick des Andern un⸗ behaglich zu fühlen begann—„was gefällt Euch denn an mir ſo beſonders, daß Ihr mich betrach⸗ tet, als ob Ihr mich mit den blauen Gläſern durch und durch ſehen wolltet, und die Hand laßt Ihr mich auch hier halten, bis mir der Arm ſteif wird. Was iſt nun im Wind?“ Mac Donald hatte ihn mit keiner Sylbe unterbrochen, aber auch die gegen ihn ausgeſtreckte Hand nicht angenommen. Ihn ſchauderte vor der Berührung des Mörders, und ſein Blick haftete finſter auf der vor ihm ſtehenden und doch vor eben dieſem Blick faſt unwillkürlich ſcheu in ſich zurückweichenden Geſtalt des Verbrechers. Die ihn verſtellende Brille nahm er dabei ab, und ſagte endlich, als der Ire ſcheu und trotzig ſchwieg, mit ruhiger ernſter Stimme: „Du weißt recht gut, mein Burſche, denk' ich mir, weshalb ich keine Gemeinſchaft mit Dir haben mag und kann.“ „Keine Gemeinſchaft mit mir, heh?“— höhnte der Sträfling—„ſeid wohl auf einmal vornehm geworden in dem ſchwarzen Rock, Jack, und glaubt am Ende gar, daß die ſchwarzen Blaujacken vor der blauen Brille Reſpect haben ſollen? Daß ich kein Geld in der Taſche trage, mir gute Kleider zu kaufen, macht mich das ſchlechter?“ „Nein, mein Burſche,“ ſagte Mac Donald ruhig,„aber das Blut, das an Deinen Händen klebt.— Fort mit Dir!— gute Rathſchläge ſind für Dich verloren, und der Scharfrichter hat Dich nur an einem langen Strick noch im Buſche herumlaufen, dem Du doch einmal nicht entgehen wirſt. Ich hatte gehofft, als ich Dich bei fried⸗ licher Beſchäftigung im Buſche fand, daß Du dem wilden verbrecheriſchen Leben entſagen, daß Du ein anderer Menſch werder würdeſt— ich wußte damals nicht, daß Du nur dorthin geflüchtet, um 78— den Folgen einer neuen Blutſchuld zu entgehen. Wie Du Deinen Verfolgern entgangen biſt, weiß ich nicht— will es nicht wiſſen, aber mich rede nimmer wieder an. Ich werde Dich nicht ver⸗ rathen, und ich glaube, daß ich vor Dir eben ſo ſicher bin; aber ich will keine Gemeinſchaft ferner mit Dir haben.“ „Alle Teufel,“ rief John oder Toby mit einem höhniſchen Lachen;„Ihr predigt ja wie der beſte Pfaffe in den Anſiedelungen— und iſt das die ganze Freundſchaft für einen alten Kameraden?— Aber gut— meinethalben, ſitzt Ihr nur in der Wolle und laßt einen alten Buſchgefährten im Elend verkümmen, daß ihn die Noth wieder und wieder zu Verbrechen treibt. Was liegt mir auch daran, wenn ſie mich jetzt fangen; ſolch ein Leben iſt doch ſchlimmer als das eines Dingo's draußen im Walde. Geld hab' ich keins mehr, fort kann ich nicht mehr von hier, und wenn ich denn einmal hängen ſoll, will ich doch wenigſtens Ge⸗ ſellſchaft haben.“ „Deine Drohung fürcht' ich nicht mein Burſche,“ ſagte Mac Donald finſter,„denn ſo lange Du Dich der Polizei fern halten kannſt, thuſt Du's doch. Biſt Du aber wirklich in Noth, ſo will ich Dir noch einmal helfen, aber beim ewigen Gott da oben, es iſt das letzte Mal. ———— e 79= Hier,“ fuhr er fort, während er dem gierig die Hand danach Ausſtreckenden zwei Goldſtücke gab — kauf' Dir andere Kleider, und ſieh, daß Du nach dem Norden zu entkommſt. In den Kupfer⸗ minen werdem jetzt Arbeiter nothwendig geſucht, und es frägt Dich dort Niemand, woher Du kommſt— Zeit iſt ja doch nur das Einzige, was Du gewinnen willſt.“ „Und wißt Ihr, daß Euch die ſchwarze Po⸗ lizei auch auf dem Nacken ſitzt?“ frug Toby mit lauerndem Blick den Gefährten, indem er das Gold dabei faſt unwillkürlich in der Hand wog und in ſeine Taſche ſchob. „Ich weiß es,“ ſagte Mac Donald, ſich von ihm wendend—„laß das meine Sorge ſein!“ „Dank Euch,“ ſagte der Mann mit einem rauhen heiſern Lachen,„da werden wir alſo Beide unſere Haut„privatim“ in Sicherheit zu bringen haben, wie der kleine Advokat immer ſagte. Habt Ihr— aber was geht's mich an,“ brach er kurz und verdroſſen ab, als Mac Donald, ohne ihn weiter eines Blickes zu würdigen, lang⸗ ſam die Straße wieder hinabſchritt, und ihn allein mitten im Wege zurückließ.—„Verdammt will ich ſein, wenn der's nicht kaltblütig nimmt, und ſpreitzt ſich da die Straße hin, als ob er der Gouverneur von Auſtralien wäre! Alſo ſo ſtehen — 80— wir Beide mit einander, mein Burſche, und mit den zwei Füchſen glaubſt Du am Ende, daß Du Dich losgekauft haſt von meiner Freundſchaft, heh?— Fehlgeſchoſſen, mein Junge— fehlge⸗ ſchoſſen— einen Fuß am Ziele vorbei. Wärſt Du nicht ſo trotzig geweſen, ſo hätt' ich Dir ſagen können, daß Dein Steckbrief da drinnen ange⸗ nagelt iſt, wenn Du's aber nicht wiſſen willſt, kann's mir auch recht ſein; habe Nichts da⸗ wider.“ „Was aber jetzt thun?“ ſetzte er ſtill vor ſich hinbrütend hinzu, indem er langſam zu dem kaum verlaſſenen Laden zurückſchritt.—„Hundert Pfund Sterling wären nicht ſo übel, und leicht genug verdient, wenn ich mich nur ſelber vor dem Ge⸗ ſindel ſehen laſſen dürfte! Der freie„Pardon“ iſt auch nur für die ticket of leave men. Mein ticket of leave hab' ich mir aber ſelber geſchrie⸗ ben, werde mich alſo hauptſächlich an die hundert Pfund zu halten haben. Hm— wie das aber anfangen? mit dem Krämer iſt in der Art Nichts zu machen; der darf's mit keinem von ihnen ver⸗ derben, oder er wär' ſeines Lebens nicht mehr ſicher— und der andere Burſch— der Miller?— muß ihn mir erſt noch einmal genau betrachten.— Und jetzt iſt die Kaſſe wieder flott,“ ſetzte er mit einem trotzigen Lachen hinzu, indem er auf ———— die Taſche ſchlug, in der die beiden Goldſtücke klimperten—„geht doch Nichts über ein Talent zum Geldeinnehmen, und wie aus den Wolken geſchneit fällt es mir immer in die Taſche. Bah, ſo viel für die Zukunft;“ ſetzte er mit den Fin⸗ gern ſchnalzend hinzu—„fang' ich doch faſt an zu glauben, daß ich hieb⸗ und ſtichfeſt bin für die ganze Bande. Der Flachs iſt noch nicht geſäet, aus dem ein Strick für den rothen John gedreht werden könnte, das Blei noch nicht gegraben zu einer Kugel, und wenn ich's jetzt ſchlau anfange, krieg' ich am Ende noch funfzig Pfund baar Geld in den Kauf, und kann ein Gentleman werden ſo gut wie Jack London. So?— alſo mich hat der Scharfrichter an einem langen Stricke, mein Burſche, und läßt mich nur noch eine Weile auf Galgenfriſt im Buſche herumlaufen, heh?— wollen ſehen, Kamerad, wen er ſich zuerſt zum Frühſtück holt, und daß ich's nicht bin, dafür laß mich Sorge tragen.“ „Hallo, Mate,“ unterbrach er plötzlich ſein nur halblaut geführtes Selbſtgeſpräch, als er in der Thür des Ladens dem Deutſchen begegnete, der mit einem Bündel Kleider unter dem einem, und einem Brod unter dem andern Arme gerade das Haus verlaſſen wollte—„ſchon fort?— nein, Gerſtäcker. III. 6 — 82— Kamerad, das geht nicht, erſt müſſen wir noch ein Glas zum Abſchied mitſammen trinken!“ „Ich habe keinen Penny Geld mehr,“ ſagte Hohburg jetzt ausweichend—„Dein Tabak und Dein Branntwein ſind übrigens bezahlt— es war das Letzte.“ „Dann hab' ich noch welches,“ rief, auf ſeine Taſche ſchlagend, der Buſchrähndſcher lachend aus —„wollte Dich nur auf die Probe ſtellen, Mate, ob Du einen alten Kamerad im Stiche und ohne Branntwein und Tabak ſitzen ließeſt, und freue mich jetzt, daß ich einen ſo ehrlichen Kerl in Dir gefunden. Hier, Jack, gieb uns einmal eine Flaſche Genevre, aber von Deinem beſten, und heiß Waſſer und Zucker dazu— hab' lange ſchon einen Durſt auf ſolch' Gebräu gehabt.— Und dann noch Eins— Haſt Du nicht hier irgendwo ein kleines Stübchen, wo man einmal eine halbe Stunde ungeſtört ſitzen und plaudern könnte, heh? — ich habe mit dem Mate hier etwas Wichtiges zu reden.“ „Kann ſich machen,“ lachte der Händler, der den Wunſch des Andern, ungeſtört zu ſein, wohl ſehr begreiflich fand,—„kommt nur hier mit her. Hinten am Hauſe iſt ein kleiner Anbau,— mit einer Thür nach dem Buſche zu,“ flüſterte er dabei ——V———— ———.—, — 3 dem Buſchrähndſcher heimlich in's Ohr;„das Ge⸗ tränk bring' ich Euch im Augenblick.“ „Und auch etwas zu eſſen, Brod und Fleiſch, oder was Du ſonſt haſt.“— „Soll Alles beſorgt werden.“ „Ich dank' Euch herzlich, Mate,“ warf aber jetzt Hohburg ein, während der Händler den klei⸗ nen Laden verließ, das Verlangte draußen zu be⸗ ſtellen.„Aber ich muß fort— ich habe keinen Augenblick Zeit mehr zu verlieren.“ „Thorheit, Mann,“ lachte aber der Buſch⸗ rähndſcher—„ſolch einen guten Wachholder wie hier findeſt Du in dem ganzen blutigen Adelaide nicht, und dann—“ ſetzte er, indem er ſich zu ihm hinüberbog, mit leiſer Stimme hinzu—„willſt Du in einem halben Tage funfzig Pfund Ster⸗ ling verdienen?“ „Funfzig Pfund Sterling?“ rief Hohburg raſch und erſtaunt— „Bſt— nicht ſo laut,“ ſagte Toby aber, ſich ſcheu nach der Thür umſehend, durch die der Wirth verſchwunden war und jeden Moment wieder zu⸗ rückkommen konnte—„der da braucht Nichts da⸗ von zu wiſſen, könnte uns ſonſt den Handel ver⸗ derben.“ „Aber auf welche Art?“ frug Hohburg, der plötzlich die Möglichkeit vor ſich auftauchen ſah, 6* das vergeudete Geld mit einem Schlage zu er⸗ ſetzen, und den Wunſch ſeiner Frau zu erfüllen— denn jahrelanger Arbeit hätte das ſonſt bedurft, ſo viel zu erſparen—„doch nicht im Unrechten, will ich hoffen,“ ſetzte er gleich darauf mißtrauiſch hinzu, und ein Blick auf den, der das Anerbieten gemacht, rechtfertigte wohl einen ſolchen Verdacht. „Hab' keine Furcht, Kamerad,“ lachte aber die⸗ ſer;„das zarteſte Gewiſſen würde ſich über die Rechtlichkeit des Verdienſtes beruhigen können. Die Polizei ſelber ſoll Dir das Geld auszahlen.“ „Die Polizei?“ „Haſt Du den Anſchlag da geleſen?“ frug John, indem er mit dem Daumen über die Schul⸗ ter hin nach der Thür deutete. „Ja— wenigſtens angeſehen— es iſt die aus⸗ geſetzte Belohnung auf den Fang eines berüchtig⸗ ten Buſchrähndſchers.“ „Auf's Haar getroffen,“ lachte John— uand ich weiß, wo er ſteckt.“ „Du weißt es?“ rief Hohburg überraſcht. „Bſt— ſchrei' nicht ſo, zum Donnerwetter. Muß denn die ganze Nachbarſchaft gleich erfahren, was wir Beide mit einander haben? Ich höre Jack ſchon wieder mit dem Wachholder— willſt Du mir das Geld verdienen helfen, ſo komm.“ „Aber es wird ſchon dunkel, und ich muß nach Hauſe zurück.“ „Wenn Du dort mehr verdienen kannſt,“ ſagte John gleichgültig,„mir iſt's recht. Ich wußte nicht, daß Du ſo gute Geſchäfte machſt—“ „Funfzig Pfund Sterling—“ „Sind kein Spaß, ſollt' ich denken— aber trink' erſt ein Glas mit mir, und nachher kannſt Du noch immer thun, was Du villſt.“ „Hier, Mate's, iſt der Stoff,“ rief der in die⸗ ſem Augenblick zurückkehrende Wirth—„leg' Deine Sachen nur ſo lange da in die Ecke, Kamerad, ich werde ſchon Acht darauf geben.“ „Funfzig Pfund,“ murmelte Hohburg, wie in in einem Traume vor ſich hin, und faſt willenlos ließ er es geſchehen, daß ihm der Wirth die Klei⸗ der und das Brod wieder abnahm— faſt willen⸗ los folgte er dem voranſchreitenden Verführer in den kleinen, abgeſchloſſenen Raum, in dem das dampfende lockende Getränk ſchon ihrer harrte. Mit immer ſchwererem Herzen wartete indeß die arme Frau daheim auf die Rückkehr des Gat⸗ ten. Die Sonne ſank, und Nacht lagerte ſich auf den ſtillen Buſch— und er kam nicht. Die Sterne funkelten am Himmel droben— der Mond ging — 36— auf und ſandte ſein friedliches Licht über den rau⸗ ſchenden Wald— und er kehrte nicht zurück. Wie⸗ der und wieder eilte ſie an die Thür, wenn draußen das Geräuſch eines vorbeifahrenden Holz⸗ oder Getreidewagens die Stille unterbrach, oder eine Stimme auf der Straße laut wurde— immer wieder vergebens— Es war nicht der Erwartete, und das Herz ſchlug ihr ängſtlich in der Bruſt, wenn ſie daran dachte, was ihn zurückhalten könne. Die Kleine verlangte indeſſen ihr Abendbrod — ſie war hungrig geworden, und die Mutter beſchwichtigte ſie damit, daß der Vater gewiß gleich zurückkommen und ihr Brod bringen würde— aber er kam nicht.— Es wurde acht— es wurde neun Uhr, und mehrere Male ſchon hatte ſie Tuch und Hut ergriffen, ſelber die Straße hinabzugehen und zu ſehen, ob dem vielleicht immer noch Kran⸗ ken etwas zugeſtoßen wäre. Endlich konnte ſie ihre Angſt nicht länger bezwingen; es war ſchon ſpät geworden und der Thau fiel ſtark, aber ſie nahm ihr Kind, das ſie nicht allein in dem öden Hauſe zurücklaſſen mochte, an die Hand, und ſchritt raſch mit ihm die Straße hinab, dem kleinen La⸗ den zu. Dort mußte ſie ja hören, was aus dem Mann geworden war, und wann er den Platz an dem Nachmittage wieder verlaſſen hatte. ——õ—ÿ——ʒ—ʒ—ęOZBXC·—— Im Laden war noch Licht— vor der Thür hielt ein Rüſtwagen, und der Fuhrmann, ein Deut⸗ ſcher Bauer, ſtand drinnen und handelte in ge⸗ brochenem Engliſch um ein Viertelpfund Tabak. Außer ihm und dem Krämer war Niemand in dem kleinen Raum. Die Frau trat hinein und warf den Blick ſcheu umher; ehe ſie aber nur eine Frage an den Kaufmann richten konnte, traf es ſie wie mit einem Stich durch's Herz, denn hei⸗ ſeres Lachen ſchallte aus dem Zimmer dicht dabei herüber, und ſie glaubte die Stimme des Gatten zu erkennen? „Kaufſt Du hier Brod, Mama?² frug mit leiſer ſchüchterner Stimme das Kind. „Ja, mein Lieschen,“ beruhigte ſie die Kleine und trat zum Ladentiſch, auf den ſie den letzten noch zurückbehaltenen Schilling legte. Der Krä⸗ mer gab ihr das verlangte Brod dafür. „Noch was, Miſſus?“ frug er, beide Arme auf den Ladentiſch ſtemmend und ſie freundlich an⸗ ſehend. Wieder tönte das Lachen aus dem anderen Raume— das Wort erſtarb ihr auf den Lippen, die Kniee zitterten ihr, und mit einem leiſen„Nein, ich danke,“ verließ ſie raſch mit ihrem Kinde das Haus. Aber ihr Fuß zögerte— ſollte ſie heim⸗ kehren, ohne Gewißheit zu haben, und ſei es über das Schrecklichſte?— Der Bauer kam her⸗ aus— er hatte ſeine Pfeife angezündet, ging an ihr mit einem„guten Abend“ vorbei, und trieb langſam die Straße nieder. „Gehen wir bald wieder nach Hauſe, Mama?“ frug die Kleine wieder,„und wird der Vater jetzt dort ſein?“ „Gleich, mein Kind, gleich,“ antwortete die Mutter mit angſtgepreßter Stimme, denn durch das Fenſter ſah ſie in dieſem Augenblick, daß ſich die Thür öffnete und Hohburg— Eduard— eine leere Flaſche in der Hand, mit ſtarren Zügen und gläſernen Augen dem Ladentiſche zu taumelte, hinter dem der Wirth ihn kopfſchüttelnd betrach⸗ tend ſtand. „Noch eine Flaſche, Mate,“ ſtammelte der Trunkene, während ein Schlucken ſeine Worte un⸗ terbrach und kaum verſtändlich machte— hick— alter Junge— noch eine Flaſche von dem— hick — von dem famoſen Stoff— to night we will merry merry be— hick— and to morrow wi'll be sober“— ſang er dabei, indem er mit der Fauſt auf den Tiſch ſchlug. In der Thür hinter ihm erſchien das lachende boshafte Geſicht des rothen John. „Ja, das iſt Alles recht gut, mein Burſche,“ ſagte der Krämer ruhig, indem er die Flaſche — 89— nahm,„aber ich habe Dir auf die Kleider ſchon wieder vier Schilling geborgt, und das machte jetzt ſieben.“ „Hol's der Henker, Mann, hab' ich Euch nicht erſt vor einer Stunde oder ſo ſiebzehn dafür be⸗ zahlt?“ ſtammelte der Trunkene,„und ſind ſie da nicht— hick— ſind ſie da nicht wenigſtens ſieben werth, heh?“— „Ja, mein Burſche, aber ich verkaufe ſelber Kleider, und kann keinen Profit machen, wenn ich ſie für daſſelbe Geld wiedernehme.“ „Oh, geht zu Gras—“ fluchte der Deutſche —„morgen hab' ich einen, hick— hab' ich einen Sack voll Gold— und morgen.“ „Na, komm, Jack, gieb ihm noch die Flaſche,“ miſchte ſich jetzt der Andere in das Geſpräch;— „wir ſitzen gerade einmal ſo fidel beiſammen, und Du haſt heute genug an uns verdient.“ „Genug verdient“— brummte der Händler— „na meinetwegen, das hier iſt aber die letzte, die Ihr heute Abend bekommt. Und macht nicht einen 4 ſolchen Lärm da drinnen. Die ganze Nachbar⸗ 1 ſchaft braucht eben nicht zu wiſſen, daß Ihr Eueren Geburtstag feiert.“ „Was haſt Du denn, Mama 2— warum weinſt Du denn auf einmal ſo?“ ſagte Lieschen und faßte der Mutter Arm, die ihr Geſicht in den — 90= Händen barg—„hat Dir Jemand etwas zu Leid gethan?“ „Ja, mein Kind— ja,“ ſtöhnte die Frau— „aber komm,“ ſetzte ſie, ſich gewaltſam ſammelnd, hinzu,—„wir wollen nach Hauſe gehen.“ „Und iſt der Vater dort?“ Die Frau hob ihr Kind vom Boden auf, drückte es faſt krampfhaft an ſich und küßte es, ſetzte es dann wieder nieder und ſchritt raſch und ſchwei⸗ gend mit ihm der eigenen, einſamen Wohnung zu. —————— 4. Capitel. Dr. Spiegel's Soirée. Mac Donald ſetzte, als er den frühern Kame⸗ raden in der Straße ſtehen ließ, ſeinen Weg lang⸗ ſam und anſcheinend ruhig fort; er durfte den Burſchen, vor allen Anderen, nicht merken laſſen, wie unangenehm ihm das Begegnen geweſen. Trotz der Gewalt aber, die er über ſich ſelbſt hatte, ſchlug ihm das Herz doch ängſtlich und un⸗ heimlich in der Bruſt, wenn er des ſchnellen Ueber⸗ blickes gedachte, mit dem ihn der Buſchrähndſcher erkannt und ſeine Verkleidung durchſchaut hatte. Durfte er ſich jetzt ſicher fühlen, wenn er einem ſeiner ſchwarzen, doch wenigſtens eben ſo ſcharf⸗ ſinnigen Verfolger begegnete, und war er nicht demnach jeden Augenblick der Gefahr ausgeſetzt, wieder erkannt und gefangen, oder auf's Neue in den Buſch hineingetrieben zu werden? — 92— Daß die ſchwarze Polizei bis hier in die Nähe ihre Vorpoſten hergeſchoben, davon waren ihm die beiden Reiter, die er heute geſehen, Beweis genug, und ſein einziger Schutz blieb für jetzt nur noch der, daß Keiner von Jenen, ſelbſt Lieutnant Walker nicht, eine Ahnung haben konnte, wie er der Deut⸗ ſchen Sprache mächtig genug ſei, als Deutſcher hier in der Anſiedelung ſelber zu leben. Fiel aber nur erſt einmal der geringſte Verdacht auf ihn, ſo war er auch verloren. Von jenem John fürchtete er allerdings nicht verrathen zu werden. Wen hatte dieſer hier, dem er ſich anvertrauen konnte, und er ſelber durfte doch nie wagen, ſich den Gerichten zu ſtellen. Zu furchtbarer Verbrechen hatte er ſich ſchuldig gemacht, um je hoffen zu dürfen, durch den Verrath eines andern Sträflings frei auszugehen; wäre er doch gehangen worden, ſobald ſie ſeiner habhaft wurden. Nichtsdeſtoweniger mußte er jetzt mehr als je auf ſeiner Hut ſein, und, ohne bei ſeiner Umge⸗ bung Verdacht zu erwecken, jedem unnöthigen Be⸗ gegnen mit Fremden ausweichen. Zeit dabei ge⸗ wonnen, war Alles gewonnen, und hatten ſich ſeine Verfolger dann nur erſt einmal wieder hier aus der Gegend entfernt, konnte es ihm nicht ſchwer fallen, von Dr. Spiegel legitimirt, Paſſage auf irgend einem Schiffe zu bekommen. Nur im äußerſten Nothfalle wollte er zu dem verzweifelten und letzten Mittel greifen, in einem kleinen Boote das Land zu verlaſſen, und draußen in offener See an Bord eines Schiffes zu entkommen. Störend war es ihm dabei gerade heute und in ſeiner jetzigen Stimmung, Dr. Spiegel den Beſuch für dieſen Abend zugeſagt zu haben. Dem konnte er aber nicht mehr ausweichen, da er ſelber verſprochen hatte, Fräulein Liſchke zu begleiten. Außerdem war er ziemlich ſicher, den Deutſchen Capitain dort wieder zu treffen, und wurde er mit dieſem näher bekannt, ſo ließ ſich doch am Ende ein Weg finden, auf ſeinem Schiffe dieſem Lande zu entweichen. Ebenſo konnte ihm Nie⸗ mand beſſer als Spiegel ſelber Auskunft über die Bewegungen der Polizei geben, und dieſe mußte er kennen, um ſeine Maßregeln danach zu treffen. Nur die Ungewißheit iſt peinlich. Sobald wir erſt einmal mit uns ſelber zu einem feſten und beſtimmten Entſchluſſe gekommen ſind, gehen wir der Zukunft, und erſcheine ſie uns auch noch ſo trübe, immer mit viel größerer Ruhe und Sicher⸗ heit entgegen. Wir haben uns dann gewöhnlich auf das Schlimmſte gefaßt gemacht, und bieten dem Schickſal wenigſtens die Stirn— ſehen der Gefahr Auge in Auge. Der Weg bis zu Liſchke's Haus hatte denn — 94— auch Mac Donald genügend Zeit gegeben ſich zu ſammeln, und mit ſich einig zu werden. Selbſt mit freundlichem Lächeln erwiederte er den vergnügten Gruß der alten Frau Liſchke, die ſtets mit einem gewiſſen Stolz ihre Tochter an den ſtädtiſchen Ge⸗ ſellſchaften der„Honoratioren“ Theil nehmen ſah, wenn ſie auch nur ſehr ſelten bewogen werden konnte, ſie zu begleiten— noch ſeltener dazu ein⸗ geladen wurde. S Suſanna war ſchon in vollem Staate, und der alte Liſchke ſaß ſchmunzelnd auf ſeinem Schemel am Fenſter, und betrachtete ſein geputztes Kind, an dem er, ſeit es ſich ſo raſch dem ausgeſproche⸗ nen väterlichen Willen gefügt, ſeine ganz abſon⸗ derliche Freude hatte. Mit den ſogenannten„Ge⸗ ſellſchaften“ war er ſonſt gerade nicht einverſtanden, und es fiel ihm gar nicht ein, Theil daran zu nehmen. Es gehörte, wie er meinte, ein eigener Geſchmack dazu, einen ganzen Abend lang dünnen Thee zu trinken und langweilige Geſchichten vor⸗ leſen zu hören, und der Doctor veranſtaltete der⸗ artige Geſellſchaften doch nur— wie er etwas boshafter Weiſe meinte— ſeine ſelbſtgeſchriebenen Erzählungen auf die eine oder die andere Weiſe an den Mann zu bringen. Nur daß auch muſicirt wurde, und Suſanna— auf deren Talente er doch ein wenig ſtolz war— ſich ebenfalls konnte hören laſſen, ſöhnte ihn ein klein Wenig mit dem Gan⸗- zen aus. Uebrigens hatte er keine Ahnung, daß Herr von Pick in dem Hauſe bekannt war, keine Ueberredungskunſt würde ihn ſonſt vermocht ha⸗ ben, ſeine Tochter wieder„mit dem Musje“, wie er ihn gewöhnlich nannte, zuſammenzubringen. Dem Doctor Schreiber hingegen konnte er ſein Kind ſchon heute noch einmal anvertrauen; das war ein ruhiger, geſetzter Mann und ein tüchtiger Arzt, wie er ihm ſchon abgemerkt. Morgen fand dann, wie das heute beſtimmt worden, die Verlo⸗ bung mit Chriſtian Helling ſtatt, und wer nach⸗ her ſeine Tochter in Geſellſchaft haben wollte, mochte ihren Bräutigam ebenfalls mit einladen. Es war indeſſen, bis ſie von Hauſe wegkamen, ſchon dämmerig geworden, der Weg aber zu Dr. Spiegel auch nicht ſo weit, und fortwährend zwiſchen Fenzen und Häuſern hinlaufend. Mac Donald und Suſanne ſchritten auch, mit einander plaudernd, ziemlich raſch die Straße entlang. Fand doch Suſanne Gefallen an den oft abenteuerlichen Erzählungen des ernſten Mannes, der ſchon viel von und in der Welt geſehen, während ſich dieſer in dem Geſpräch gerad' zerſtreute, und ſeinen Geiſt von allen unangenehmen Dingen, die ihn ſonſt vielleicht beſchäftigt haben konnten, abwandte. Noch hatten ſie nicht die Hälfte Weges zu⸗ — 96— rückgelegt, und eben eine Stelle erreicht, wo an einer Fenzecke ein kleines Gebüſch von Wattel⸗ und Gumbäumen ſtehen geblieben war, als Mac Donald die Geſtalt eines Mannes bemerkte, der, als er die Schritte hörte, aus dem Schatten vortrat, aber auch gleich wieder dahinter ver⸗ ſchwand. Der Mond war allerdings gerade im Aufgehen, warf aber noch ein zu ungewiſſes Licht über die von Schatten durchzogene Straße, um genau erkennen zu können, wer es geweſen ſei. Mac Donald hatte Suſannens Arm genom⸗ men, um ſie ſicherer zu führen, und fühlte, wie ſie bei dem plötzlichen Auftauchen des Fremden zuſammenſchrak; aber ſie ſagte kein Wort, und drängte ihren Begleiter nur wie unwillkürlich etwas mehr der anderen Seite der Straße zu. 4 „Fürchten Sie Nichts,“ lächelte aber dieſer, der nichtsdeſtoweniger den dunklen Buſch ſcharf im Auge behielt, und den Arm mit ſeiner Dame wechſelte, daß er zwiſchen ſie und das Gebüſch kam;„es iſt wahrſcheinlich Jemand, der dort zum Hauſe gehört.“ Suſanne warf einen ſcheuen Blick hinüber und beſchleunigte ihren Schritt, erwiederte aber keine Sylbe, und bald hatten ſie den Ort hinter ſich, und kamen in einen breiten, nur von Fenzen ein⸗ gezäunten und jetzt vom Monde hell beſchienenen Weg, der ſie bald darauf in die wirkliche mit Häuſern dicht beſetzte Straße der Stadt führte. Bald darauf erreichten ſie Dr. Spiegel's Haus, deſſen hell erleuchtete Fenſter ihnen ſchon von weitem freundlich entgegenſchimmerten. Hier empfing ſie aber auch der Doctor, ſtrahlend vor Vergnügen, und führte ſeinen Gaſt, während ſeine Frau ſich der jungen Dame annahm, und ihr Hut und Tuch ablegen half, in das untere Zimmer, in dem ſchon ein großer Theil der ziemlich zahl⸗ reich vertretenen Gäſte beiſammen. war. In ſolchen kleinen Städten der Colonieen iſt die Zahl Derer,, die ſich gleichgeſinnt zu ſolchen Geſellſchaften zuſammenfinden können, gewöhnlich ſehr beſchränkt, und Mancher kann nicht gut über⸗ gangen werden, der im alten Vaterlande ſeinen Kreis in einer ganz anderen Sphäre geſucht und gefunden haben würde. Hat doch das Schickſal auch die verſchiedenen Schichten der Geſellſchaft gerade in den Colonieen wild und bunt durch ein⸗ ander gewürfelt, und entſetzlich ſchwierig iſt es dann, ja manchmal ganz unmöglich, eine durchaus paſſende Wahl in ſeinem Umgange zu treffen. Tdrrotzdem wird dieſe Wahl getroffen. Es klingt das wohl im gewöhnlichen Leben recht human und natürlich: Wir Menſchen ſind Alle gleich— ſind Alle Brüder, und vom rein Gerſtäcker. III. 7 menſchlichen Standpunkte aus muß es vollkommen wahr ſein. Im geſellſchaftlichen Leben aber, und ſelbſt da, wo ſich aus der Wildniß nur die erſten Spuren der Civiliſation und Cultur heranbilden, fangen ſich ſchon ganz von ſelber an die verſchie⸗ denen Schichten, wie ſie zu einander gehören, ab⸗ zuſondern, und der Gebildete ſucht unwillkürlich wieder den Gebildeten auf, um mit ihm haupt⸗ ſächlich zu verkehren und umzugehen. Im Leben ſelber iſt ebenſowenig eine Güter⸗ wie Geiſtes⸗ gemeinſchaft möglich und ausführbar, und nur, was ſeinen Fähigkeiten nach zuſammengehört, kann ſich auch auf die Länge der Zeit wohl zuſammen⸗ fühlen. * Solcher Art hatte ſich denn auch Dr. Spiegel Die aus der Bevölkerung von Saaldorf ſorgfältig zuſammengeſucht, die ihm in ſeinen kleinen Kreis hineinpaßten— ob ſie ſich untereinander ver⸗ trugen, war ihm einerlei. So hatten ſich ſchon unſere beiden Bekannten, der junge Doctor Ana⸗ ſtaſtus Fiedel und der Apotheker Schelling— entgegengeſetzte Ecken des Zimmers behauptend— eingefunden; Capitain Helger lehnte neben der alten Frau Spiegel, mit der er ſich ſehr gemüth⸗ lich unterhielt, nnd dabei höchſt ſorgfältig ſeinen etwas dünnen Thee in einen„ſteifen Grog“ ver⸗ wandelte, und ſelbſt Breyfeld, der Ornithologe, — 99— ſaß, heute in einem dunklen Rocke, ſchüchtern auf einer Stuhlecke, und hielt ſeine Taſſe in der einen und ein langgeſchnittenes Stück Theekuchen in der andern Hand. Außer Denen, welche wir ſchon früher getroffen haben, war erſtlich noch ein Herr Tegel, Mitar⸗ beiter an der Adelaide⸗Zeitung, und dann ein Engländer, ein Mr. Smith, mit ſeiner Frau an⸗ weſend. Smith, ein Client— und wie Apotheker Schelling zu Zeiten etwas boshaft behauptete, der Client Dr. Spiegel's— hatte nicht gut über⸗ gangen werden können, ſchien ſich aber entſetzlich zu langweilen, da die ganze Unterhaltung Deutſch geführt wurde. Er ſaß auch neben ſeiner Frau ziemlich ſteif in der einen Ecke, bis ihm zum Troſt eine andere Familie— zu Capitain Hel⸗ ger's unbegränztem Erſtaunen ein anderer Doc⸗ tor, mit ſeiner Frau und Tochter, das Zimmer betrat. Es war dies ein Deutſcher Miſſionair und ein ſehr tüchtiger Mann, der Doctor und Paſtor Meier, der ſich ſeit einer langen Reihe von Jahren ſchon mit der höchſt troſtloſen Arbeit beſchäftigte, die ſchwarzen Stämme dem Chriſten⸗ thum und der Civiliſation zu gewinnen. Er ſprach übrigens vortrefflich Engliſch, und das Smith'ſche Ehepaar klammerte ſich an dieſen an in Todes⸗ noth. 7* — 100— Suſannens Erſcheinen brachte neues Leben in den kleinen Kreis. Ihr lebendiges munteres We⸗ ſen, wie ihre muſikaliſchen Talente, hatten ihr die Herzen ſchon lange gewonnen, und Dr. Spiegel trotzdem daß er mit dem alten Liſchke fortwährend in Hader lebte, betrachtete ſie als eine Zierde ſei⸗ ner Geſellſchaft. Sie ſchloß ſich übrigens augen⸗ blicklich an Marie Meier, die Tochter des Miſſio⸗ nairs, an, während ſich Mac Donald nach den erſten Begrüßungen zu Capitain Helger in die eine Ecke des Zimmers zurückzog. Der Anfang ſolcher Geſellſchaften, ob ſie nun in Auſtralien oder im alten Vaterlande gehalten werden, iſt immer höchſt peinlich. Die Leute ſind noch nicht warm geworden, zum großen Theil auch oft noch nicht einmal recht ordentlich mit einander bekannt. Beim flüchtigen Vorſtellen verſteht man gewöhnlich nicht einmal den Namen, oder vergißt ihn wenigſtens gleich wieder, und der herumge⸗ reichte Thee mit Kuchen ſtört eher eine Unter⸗ haltung, als daß er ſie befördert. Das ganze Geſpräch beſteht großentheils aus Pauſen. Auch Spiegel ſelber hatte noch zu viel mit den ver⸗ ſchiedenen Anordnungen zu thun, als ſich um ſeine Gäſte bekümmern zu können, und Bertha kam gar nicht aus der Küche heraus, in der ſie heute eine ſogenannte„Hülfe“, ein junges Mädchen aus der Nachbarſchaft genommen hatte, um ſie zu unterſtützen, und nun eigentlich doch Alles ſelber thun mußte. Herr von Pick kam da wie gerufen. So wie er übrigens das Zimmer betrat, nahm ihn Dr. Spiegel, der ihn ſchon mit Schmerzen erwartet hatte, unter den Arm, führte ihn in das andere Zimmer und ſagte leiſe: „Hören Sie einmal, mein guter Herr von Pick, „was um Gottes Willen iſt denn das für eine Geſchichte mit dem Johnſon. Ein dunkles Ge⸗ rücht läuft durch die Stadt, daß es mit ſeiner Kohlengeſchichte Schwindel geweſen ſei, und er ſelber ſich aus dem Staube gemacht habe.“ Pick war es höchſt fatal, daß Spiegel ſchon davon gehört, den heutigen Abend durfte er ſich aber keinesfalls ſtören laſſen, und überhaupt hatte er ſich ſchon ſeit vielen Jahren ſo daran gewöhnt, alles ihn Bedrohende nür immer ſo weit als möglich hinauszuſchieben— nur Zeit zu gewinnen, daß er auch jetzt an weiter Nichts als ein Ausweichen für den Augenblick dachte. Was ſpäter kommen mußte, kam doch— aber es kam eben ſpäter. „Unſinn,“ beſter Doctor,“ lachte er deshalb; „Kriegsliſt— verſtehen Sie denn nicht? Eine Menge Aufpaſſer haben ihn die letzten Tage um⸗ lagert, und er hat ſich unterdeſſen auch nur aus — 102— dem Grunde heinlich gedrückt, damit ihm Nie⸗ mand folgen ſolle. Ein Platz, wo wir uns fin⸗ den, iſt ſchon beſtimmt.“ „Sie nehmen mir eine Centnerlaſt vom Her⸗ zen,“ ſagte Spiegel—„aber ich hab' es mir auch gleich gedacht. Das iſt ganz geſcheidt, daß er ſich heimlich fortgemacht hat, und daß die Anderen jetzt glauben, das Ganze wäre Nichts als Schwin⸗ del, kommt uns noch viel beſſer zu ſtatten. Aber nun, mein lieber Herr von Pick,“ ſetzte er laut hinzu, indem er ihn wieder zurück zur Geſellſchaft führte,„ſorgen Sie auch etwas für Muſik.— Sie ſind mit wahrer Sehnſucht erwartet worden.“ Von Pick ſpielte mit ziemlicher Fertigkeit Cla⸗ vier, hatte auch eine recht hübſche Stimme, und unterzog ſich gern und willig dem Auftrage, das Arrangement zu übernehmen. Dazu bedurfte es auch nicht langer Zeit; das Clavier war in gutem Stande, mit nur einer oder zwei etwas verſtimmten Taſten, und Herr von Pick hatte bald Fräulein Liſchke vermocht, eines ihrer kleinen Lieder, die ſie allerliebſt ſang, und die er ihr accompagnirte, vorzutragen. Mit den erſten Accorden kam ein anderes Le⸗ ben in die Geſellſchaft. Es iſt etwas ganz Eige⸗ nes um Muſik, und ſelbſt im alten Vaterlande, wo wir fortwährend Gelegenheit haben, gute —* — 103— Muſik zu hören, dringt ſie mit ihren ſchmeichelnden Tönen an unſer Herz und glättet wie linderndes Oel die Oberfläche der noch ſo ſtürmiſch bewegten Seele. Wie viel mehr iſt dies aber in den Co⸗ lonien der Fall, wo gute Muſik immer noch zu den Seltenheiten gehört, und die Leute das ganze Jahr über, in ihrem ewigen Drängen nach Geld und Gewinnſt in einem unaufhörlichen Geſchäftstreiben hin und her geworfen und durch die lieben Klänge oftmals erſt wieder wie aus einem wüſten Traum zu ſich ſelber gebracht werden. Nicht mehr allein die Melodie iſt es da, nicht mehr nur die koſen⸗ den bekannten Weiſen ſind es, die an unſer Herz mit freundlichem Finger pochen, und das Ohr den lieben Klängen unwillkürlich und gewaltſam lauſchen machen, nein, auch die Erinnerung an frühere, ſchönere Zeit taucht plötzlich mit und in den Tönen auf. Die weichen Klänge tragen uns mit Gedankenſchnelle zur Heimath zurück, und ſo ſüß das Gefühl iſt, das uns die Bruſt hebt und bewegt, ſo wehmüthig iſt es auch gewöhnlich — ſo ernſt ſtimmt es uns und drängt uns oft, wir mögen uns dagegen ſträuben, wie wir wollen, die verrätheriſche Thräne in's Auge. Einen ganz andern, mehr praktiſchen Eindruck macht die Muſik aber noch außerdem auf eine ge⸗ wöhnliche Theegeſellſchaft, und die erſten Töne zeigen meiſt immer ſchon den Zauber, den ſie aus⸗ zuüben im Stande iſt. Die, die bis jetzt ſteif und hölzern neben einander geſeſſen und ſich kaum ge⸗ rührt haben, werden auf einmal gelenkig und ihre Zungen fühlen ſich gelöſt,. —— „Hören Sie gern Muſik?“ frug die Frau Apotheker Schelling die Frau Dr. Meier, neben der ſie ſaß. „Oh für mein Leben gern!“ „Ach Gott ich auch,“ ſagte die Frau Apo⸗ thekerin—„nein, hören Sie, da wohnte ein junger Menſch in unſerm Hauſe, der konnte doch die Flöte ſpielen— es war gleich zum Wegſchmelzen, und mein Sidonchen, das arme Kind, das uns nach⸗ her am Nervenfieber ſtarb, war auch ganz außer ſich darüber— ſie löſte ſich förmlich auf.“ „In der That?“ ſagte die Frau Dr. Meier — der es unangenehm war, während dem Muſi⸗ eiren ein derartiges, ziemlich lautes Geſpräch zu unterhalten,„aber hören Sie nur, mit welcher Ferkigkeit Herr von Pick die Einleitung ſpielt.“ „Ja, es iſt erſtaunlich,“ ſagte Frau Schelling, die kein ſolches Bedenken hatte,„die Finger müſ⸗ ſen ihm ganz loſe in den Gelenken ſitzen. Das geht ordentlich holter di polter über die Taſten herauf und herunter, als ob Einer mit einem Stock an einem Staket hinraſſelt, was die Jungen jetzt — 5 2 — recht in der Mode haben. Na, ich kann Ihnen gar nicht ſagen, Frau Paſtorin, wie ich mich doch manchmal darüber ärgere. Gerade vor meinem Fenſter iſt ein ſolches Stacket, und es iſt ordent⸗ lich, als ob es die Brut darauf abgeſehen hätte, mich zu chikaniren.“ Frau Schelling hatte vorher den Mund nicht aufgethan, außer höchſtens zu einer verabreichten Taſſe Thee, oder einem Stück Kuchen„Danke ſchönſtens“ zu ſagen, jetzt aber, ſeit die Muſik begonnen, ſchien ſie ihre Sprachwerkzeuge wieder⸗ gefunden zu haben, und gebrauchte ſie nach Kräften. Dem ſchloß ſich denn die alte Frau Spiegel, die ſich jetzt zu Frau Schelling geſetzt hatte, redlich an, während der Apotheker ſelber mit Breyfeld eine höchſt lebhafte Converſation über die in Neu⸗Seeland gefundenen vorfündfluthlichen Ueberreſte eines Rieſenvogels begonnen hatte und durchführte. Dem jungen Doctor Fiedel, der die Muſik ebenfalls nur als Ausfüllſel der Geſellſchaft be⸗ trachtete, blieb nichts Anderes übrig, als mit Mr. Smith in äußerſt ſchlechtem Engliſch eine Converſation zu beginnen, und ihm einige ſeiner bedeutendſten Curen, Knochenbrüche und ſonſtige Operationen auseinander zu ſetzen. Da er der Sprache nicht genug mächtig war, ſeine Anſichten 106— nur mit Worten auszudrücken, bedurfte er noth⸗ wendiger Weiſe einer Menge oft höchſt lebendiger Geſticulationen, und weil er die Theetaſſe zugleich in der Hand behielt, ſchwebte Frau Dr. Spiegel in ſteter Angſt, daß er die gute Obertaſſe her⸗ unterwerfen und zerbrechen würde— etwas, was er gegen den Schluß des zweiten Liedes auch wirklich möglich machte. Die arme Frau war or⸗ dentlich nervös dadurch geworden, und hörte nicht einen Ton von beiden Liedern. Nur Mac Donald und der Capitain ſaßen ſtill und aufmerkſam neben einander, und horchten den lange nicht vernommenen, und von Beiden ſicherlich freudig begrüßten Klängen. Merkwürdig iſt es mit der Muſtik, daß ſie der Laie eigentlich nicht entbehrt, ſich wenigſtens in der Fremde, wenn ihm der Genuß verſagt iſt, ſelten des Gedankens klar bewußt wird, ſelten den Wunſch in ſich ausgeſprochen fühlt: Du möch⸗ teſt jetzt Muſik hören. Wird ſie uns aber plötz⸗ lich geboten— dringt ſie mit ihren ſanften Klän⸗ gen an unſer Ohr, dann plötzlich iſt es uns, als ob in unſerm Innern eine Stimme riefe: End⸗ lich, endlich wieder einmal die lieben Töne, und wir verſtehen jetzt erſt, was in der ganzen langen Zeit eine ſolche Leere in uns gelaſſen— was uns gefehlt hat die vielen Monde lang. Der größte Theil der Geſellſchaft ſchien ſich allerdings nicht in dieſer Lage zu befinden; das verhinderte ſie aber nicht am Schluſſe jedes Lie⸗ des, von dem die Meiſten nur eine dunkle Idee hatten, daß überhaupt muſtcirt ſei, auf das Le⸗ bendigſte zu applaudiren, und ihren Beifall durch „bravo! vortrefflich! wirklich ausgezeichnet!“ zu er⸗ kennen zu geben. Dr. Spiegel hatte aber noch etwas Anderes für ſeine Gäſte in Vorrath, und nach dem Geſange, den er für eine würdige Vorbereitung hielt, von dieſem zu der ernſten Unterhaltung des Vorleſens überzugehen, brachte er plötzlich einen kleinen Tiſch herbei, den er in die Mitte der Stube rückte, ſchob einen Stuhl dazu, und ſetzte zwei, bis jetzt noch unangezündete Lichter darauf. Vorleſen! Der Menſch iſt doch eigentlich das boshafteſte, grauſamſte Geſchöpf der Welt. Hat je ein Tiger, dem ſonſt dieſe Prädicate ge⸗ wöhnlich gegeben werden, ſeine Beute Jahre lang in einſame Zellen eingeſperrt, und ſich an ihrer Qual geweidet?— hat er ihnen, manchmal eines Verbrechens, oft nur einer Meinungsverſchieden⸗ heit wegen, ſchon das ganze Leben abgeſtohlen, ihre Familien elend gemacht und Schrecken auf Schrecken in ihren Kerker gehäuft? Oder hat er ſchon unter der Maske der Freundſchaft ganze ——— 8 — 108— Schaaren in ſeine Höhlen gelockt und ihnen dort Stunden— halbe Abende lang, die langweiligſten, Zeit tödtendſten Dinge vorgeleſen? So etwas kann nur der Menſch, und mißbraucht dadurch auf das Gewmaltſamſte, Willküdlichſte den Ver⸗ ſtand, den ihm Gott der Herr zu ganz anderen, heilſameren Zwecken gegeben. Der Perpendikel der Uhr geht ruhig aber un⸗ aufhaltſam hin und her, mit jeder Schwingung eine vollendete Secunde unſeres Lebens zeichnend, uns dem Grabe näher rückend, und doch giebt es Menſchen— glücklicher Weiſe nur bei civiliſirten Völkern— die trotz ſolcher Mahnung, und Ange⸗ ſichts dem warnenden Stundenglas, ſich nicht ent⸗ blöden, ihre Mitmenſchen vermittelſt einer Taſſe Thee zuſammenzulocken, und ihnen das Gräßlichſte anzuthun, was ein Menſch dem andern, ohne grade der Polizei in die Hände zu fallen, thun kann— ihn zu langweilen. 5 Wie heißt die Macht, die ihnen ein ſolches Recht über uns giebt? was verhindert uns dabei, entrüſtet aufzuſtehen und Thee und Butterbrod im Stiche zu laſſen, ſolchem peinlichen Zwang gegen⸗ über?— Die Convenienz— der geſellſchaftliche Ton— der Anſtand, und wie die Ungeheuer alle heißen, die uns auch in unbequeme Kleider preſſen, — 109— und uns zu lächeln zwingen, wenn wir in grim⸗ mem Zorn lieber das Weite ſuchen möchten. Weit davon entfernt bin ich, die Vorleſungen zu verdammen, die uns belehren und unſeren Geiſt bilden, aber ſolche ſuchen wir auch gleich mit an⸗ deren Anſprüchen auf, und die Stunde, die wir dort zubringen, iſt nicht verloren, ſondern ein Ge⸗ winn für uns. In der Welt laufen aber leider eine Anzahl fader Geſellen herum, die ſich, mit weißen Halsbinden und Glacéhandſchuhen, ein Ge⸗ ſchäft daraus machen, die Strafe einer Theege⸗ ſellſchaft noch zu verſchärfen, und die mit unheim⸗ lichen Manuſcripten in der Taſche, oder reichlich markirten Büchern, von Theewaſſer, Butterbrod und Gähnen zu leben ſcheinen. Es ſind die Vam⸗ pyre des geſelligen Lebens. Dr. Spiegel war ein ſeelensguter Mann, der abſichtlich oder bewußt keinem Menſchen etwas Uebles zugefügt hätte, aber er las eben unbe⸗ wußt, und wurde deshalb nur ſo gefährlicher. 4 Glücklicher Weiſe hatte er an dieſem Abend ſein Manuſcript verlegt, und ſeine Gäſte gewan⸗ nen dadurch wenigſtens in etwas Zeit, ihr Bei⸗ ſammenſein zu benutzen und ſelbſtſtändig ſich mit einander unterhalten zu können. Von Pick hatte indeſſen ſchon lange geſucht, ein Paar Worte ungeſtört mit Suſannen ſprechen — 110— zu können. Dieſe war aber von den Damen jetzt vollſtändig in Beſchlag genommen, die ſie mit Schmeicheleien über ihre reizende Stimme und ihren„wunderbaren Vortrag“ überhäuften. Dieſe Gelegenheit verſäumte indeſſen der junge Dr. Fiedel nicht, ſich Herrn von Pick, vor dem er ſonderbarer Weiſe einen ganz außerordentlichen davon in Anſpruch genommen wurde, eine gün⸗ ſtige Gelegenheit mit Suſannen abzupaſſen. Dr. Fiedel fand aber, wenn auch unbewußter Weiſe, einen Stoff, ihn zu intereſſiren. Ihm ſelber war nämlich ſchon ſeit einigen Tagen der neue Arzt, von dem es jetzt vollſtän⸗ dig beſtimmt ſchien, daß er ſich hier in der An⸗ ſiedelung niederlaſſen wolle, ein wahrer Dorn im Fleiſche geworden. Natürlich ſchrieb er deſſen Hierherkunft nur der heimlichen Bosheit und In⸗ trigue des Apotheker Schelling, ſeines grimmigſten Feindes, zu, und ſich darüber Gewißheit zu ver⸗ ſchaffen, glaubte er keinen beſſern Gewährsmann wählen zu können, als eben Herrn von Pick. „Sagen Sie einmal, mein beſter Baron,“ wandte er ſich alſo an dieſen:„wer iſt denn eigentlich dieſer Fremde, dieſer Dr. Schreiber — 111— mit der ſo gewiſſen abgebiſſenen Deutſchen Aus⸗ ſprache? Iſt das denn ein Deutſcher und wo kommt er auf einmal her?“ „Ja, beſter Doctor,“ meinte von Pick etwas zerſtreut—„das kann ich Ihnen wahrhaftig ſel⸗ ber nicht ſagen. Doch wohl aus Deutſchland— aus dem Elſaß vielleicht, oder ſonſt woher.“ „Hm— er ſcheint Fräulein Liſchke ungemein die Cour zu machen,“ fuhr Fiedel fort, indem er ſich etwas mehr zu Herrn von Pick hinaufbog. „So?— meinen Sie wirklich?“ ſagte dieſer raſch, ſetzte aber dann langſamer hinzu—„ſoviel ich mich erinnere, haben ſie übrigens den ganzen Abend noch kein Wort mit einander gewechſelt.“ „Nun das wäre kein Beweis,“ lächelte Dr. Fiedel, mit einem bezeichnenden Blinzeln des lin⸗ ken Auges—„in der Geſellſchaft kennt man ſich bei ſolchen Verhältniſſen gewöhnlich nicht.“— „Meinen Sie?“ „Er hat die junge Dame vorhin im Dunkeln hierher begleitet, und ſich überhaupt ſehr ungenirt gleich bei dem Vater einquartiert. Das heiß⸗ ich allerdings mit verhängten Zügeln vorwärts rücken. Wer hat ihn nur hierher gebracht— ich möchte meinen Fuchs darauf verwetten, der Herr Pharmakotrips Schelling. Wahrſcheinlich irgend ein Verwandter von ihm, der hier auf — 112— Koſten der Bevölkerung mit guter Manier unter⸗ gebracht werden ſoll.“ Von Pick war klug genug ſehr bald zu mer⸗ ken, worauf des jugendlichen Doctor Fiedel Ver⸗ muthungen und Bemerkungen hinausliefen. Trotz⸗ dem hatte ihn doch die ſo offen ausgeſprochene Vermuthung dieſes jungen Burſchen ſtutzig ge⸗ macht, und ſein eigener Blick ſchweifte mißtrauiſch nach Mac Donald hinüber. Dieſer nahm übrigens wirklich nicht die mindeſte Notiz von der, gar nicht fern von ihm ſtehenden Suſanne, und unter⸗ hielt ſich ausſchließlich mit Capitain Helger, mit dem er in ein ſehr lebendiges Geſpräch verwickelt ſchien. „Ich weiß wahrlich nicht, woher er ſtammt,“ erwiederte er endlich dem jungen brodneidigen Arzt; —„ich würde ihn auch kaum für einen Deutſchen halten, wenn er nicht das Deutſche eben ſo ganz vollkommen, nur mit ein klein wenig fremdartigem Accent ſpräche. Uebrigens ſoll er, ſo viel ich gehört habe, zu Land von Melbourne herüberge⸗ kommen ſein— ob nun vom Apotheker Schelling wirklich gerufen, weiß ich freilich nicht.“ „Und die blaue Brille, die er trägt,“ fuhr Doctor Fiedel fort—„wie ſoll nun ein Patient zu einem Arzt Vertrauen faſſen, wenn er ihm 4 nicht einmal in's Auge ſehen kann?“ V — 113— Von Pick antwortete ihm nicht mehr, denn in dieſem Moment traf ihn ein Blick Suſannens, dem er ſo raſch Folge leiſtete, daß ihm der junge Doctor ganz erſtaunt nachſah. „Hier iſt es!“ rief aber in dieſem Augenblick Spiegel mit triumphirender Stimme, indem er das ſo ſchmerzlich überall geſuchte Manuſcript, ſehr zu Breyfeld's Entſetzen, auf deſſen Stuhl ent⸗ deckte. Den armen Teufel hatte es auch die ganze Zeit auf ſeinem Sitz genirt; zu ſchüchtern aber irgend etwas zu ſagen oder ſeinen Stuhl zu unter⸗ ſuchen, war er ruhig und in ziemlich unbequemer Stellung ſitzen geblieben, bis Spiegel, mit einem Licht in der Hand, alle Winkel und Ecken durch⸗ ſtöbernd, auch zu ihm kam und das Vermißte entdeckte. Jetzt konnte ihn aber auch Nichts mehr ab⸗ halten, ſeine ſchon lange vorbereitete Drohung aus⸗ zuführen. Die Lichter auf dem kleinen Tiſch wur⸗ den entzündet, ein Glas Waſſer ſtand ſchon be⸗ reit, und Dr. Spiegel, die erſte Seite des etwa zwei Daumen ſtarken Manuſcripts vor ſich, begann vor allen Dingen— nicht etwa ſchon zu leſen— ſondern erſt die Auseinanderſetzung deſſen, was ihn dazu getrieben, einen Roman zu ſchreiben, welches Ziel er ſich dabei geſtellt, und wie er in der Ausführung ſchon fortgeſchritten ſei. Gerſtäcker. III. 8 — Es wäre mehr als grauſam, dem Leſer ſelbſt auch nur ein Weniges des Vorgeleſenen mitzu⸗ theilen. Nur ſo viel muß er wiſſen, daß der erſte Abſchnitt etwa drei Viertel Stunden dauerte, während dem auch nicht eine Sylbe im Zimmer geflüſtert, mit keinem Löffel geklappert, mit keinem Stuhle gerückt wurde, und der arme, überdies ſchon ſo ſchüchterne Breyfeld wahrhaft in Ver⸗ zweiflung gerieth, als er, gerade bei einem der ſpannendſten Momente, auf einmal plötzlich nie⸗ ſen, und nachher ſehr heftig zwei⸗ oder dreimal huſten mußte. Durch den Zwang, den er ſich dabei anthat, bekam er auch noch ſogar den Schlucken, und es blieb ihm zuletzt nichts Anderes übrig, als ſo leiſe und ſchnell als möglich das Zimmer zu verlaſſen. Schelling hatte ihn allerdings in Verdacht, ſolchen Vorwand abſichtlich geſucht zu haben, um wenigſtens einem Theil der Vorleſung dadurch zu entgehen. Breyfeld's Seele dachte aber gar nicht an ſolche Täuſchung, und hätte in dem Augenblick wirklich lieber ſeinen ſeltenſten Vogelbalg von den Motten angefreſſen geſehen, ehe er das ſchreckliche Bewußtſein mit hinaus vor die Thür nahm, die ganze verehrte Geſellſchaft geſtört zu haben. Spiegel betrug ſich übrigens muſterhaft bei dieſer Störung. Nach dem erſten, ſehr ſtarken 2 — 115— Nieſen ſah er ſich allerdings um. Von dem Huſten aber nahm er nicht die mindeſte Notiz, ebenſowenig davon, daß Breyfeld noch im Hin⸗ ausgehn mit dem einen Fuße an einem Stuhl hängen blieb und beinahe gefallen wäre. Breyfeld kam auch nicht wieder in's Zimmer, und blieb bis zur erſten Pauſe unverdroſſen auf der überdies etwas zugigen Treppe ſitzen. Er hätte um's Leben die Geſellſchaft nicht noch ein⸗ mal unterbrechen mögen. Spiegel machte jetzt eine Pauſe— weniger deshalb, ſeinen Zuhörern eine kurze Ruhe zu gönnen, als vielmehr ihnen nur den bis jetzt vor⸗ getragenen Plan— über den er keineswegs ſchon ſelber im Klaren war— aus einander zu ſetzen, und ihre Meinung zu hören. Hierbei wandte er ſich hauptſächlich an Tegel, vor deſſen ſcharfer Kritik er einige Furcht zu haben ſchien, ohne daß dieſer ihn bis jetzt auch nur mit einem Wort unterbrochen hätte. Dadurch aber gewann Herr von Pick die ſchon lange ſehnlichſt herbeigewünſchte Gelegenheit, ſich für kurze Zeit ungeſtört mit Su⸗ ſanne unterhalten zu können.. Beide jungen Leute hatten ſich dazu in ein Fenſter zurückgezogen, wo ſie durch Mr. Smith und den ſich eifrig mit ihm über die Zuſtände 8* ———— —õ õõõõõ —— — — 116— der Schwarzen unterhaltenden Paſtor Meier ge⸗ deckt waren. „Mein liebes Herz,“ flüſterte hier von Pick der Geliebten zu,„Du haſt mich geſtern durch Deinen Brief unendlich glücklich gemacht— Du glaubſt gar nicht“— „Und ich habe ſchon tauſendmal bereut, ihn je geſchrieben zu haben,“ ſeufzte Suſanne—„und — werde jetzt dafür büßen müſſen.“ „Büßen? wie ſo?“ „Mein Vater hat natürlich den Brief geleſen,“ ſagte Suſanne,„war, da er den verſteckten Sinn nicht herausfand, ganz damit einverſtanden, und hat jetzt beſchloſſen, daß morgen Abend, wenn Helling zu uns kommt, nicht allein gleich unſere Verlobung gefeiert, ſondern auch übermorgen in der Adelaide⸗Zeitung bekannt gemacht werden ſoll.“ „Alle Teufel!“ murmelte von Pick etwas ver⸗ legen vor ſich hin. 1 „Chriſtian ſelbſt,“ fuhr Suſanne fort,„hat meinen Vater, kurz zuvor, ehe ich vom Hauſe fortging, im Felde aufgeſucht. Er ſoll ganz un⸗ gewöhnlich erregt und— höchſt glücklich geweſen ſein, und hat mir durch den Vater für den Brief danken laſſen.“ „Er hat Wein getrunken und Courage be⸗ kommen,“ ſagte von Pick verdrießlich. „Der Vater iſt ſelber heute vortrefflicher Laune geweſen, und die Mutter, der ich nicht ge⸗ wagt habe, etwas von unſerem Verſtändniß zu ſagen, weint und iſt unglücklich. Ich ſelber ſehe jetzt auch keine Rettung mehr,“ ſetzte das Mäd⸗ chen, mit einem aus tiefſter Bruſt geholten Seuf⸗ zer hinzu,„ich bin zu weit gegangen, und ſelbſt der heutige Abend trägt dazu bei, mein Schickſal zu beſchleunigen.“ „Der heutige Abend?“ „Ich hatte den Vater wenigſtens noch um kurzen Aufſchub gebeten, aber er meinte, es ſei — wie die Sachen einmal ſtänden, hohe Zeit, daß ich unter einen beſtimmten männlichen Schutz käme. Das viele in Geſellſchaft Laufen ohne meinen Bräutigam gefiele ihm ganz beſonders nicht, und deshalb ſolle auch der Sache ein Ende gemacht werden. Weshalb eine Woche, weshalb einen Tag aufſchieben, womit alle Theile einver⸗ ſtanden wären. Vergebens ſuchte ich ihn jetzt davon zu überzeugen, daß ich noch gar nicht mit der Heirath einverſtanden ſei, daß ich nur Chri⸗ ſtian nicht hätte kränken— nur Zeit gewinnen wollen. Da kam ich ſchön an; er wurde ernſtlich * böſe und ich ſchwieg— um ihn nicht noch mehr zu reizen.“ „Und morgen?“— „Soll unwiderruflich die Verlobung ſein.“ „Nein— nein und tauſendmal nein,“ rief aber von Pick jetzt, durch den nahen Verluſt ſeiner letzten Hoffnung zur Verzweiflung getrieben, indem er jedoch vorſichtiger Weiſe ſeine Stimme ſo weit dämpfte, von dem unfern davon ſtehenden Paſtor Meier nicht verſtanden zu werden.„Wenn uns denn Dein Vater zum Aeußerſten zwingt, mag er ſich auch ſelber die Folgen zuzuſchreiben haben.“ „Aber was können wir thun?“ „Nachher, Suſanne,“ flüſterte von Pick raſch; —„Dr. Spiegel beginnt ſeinen Vortrag wieder, und dieſer verwünſchte Doctor Fiedel hat mich im Auge.— Vor Tiſche muß ich Dich noch einen Augenblick allein ſehen.— Und Du verſprichſt mir zu folgen?“ „Ich kann dieſen Chriſtian nicht heirathen,“ ſtöhnte das Mädchen. „Das ſollſt Du auch nicht; folge nur mir und es wird noch Alles gut werden.“ Dr. Spiegel hatte in der That in dieſem Augenblicke ſeine Auseinanderſetzung vollendet, und Suſanne und von Pick wurden durch eine — 119— neue Auflage von Thee in ihrer Unterhaltung geſtört. Wieder begann die Vorleſung— die Zuhörer hatten ihre Plätze eingenommen, und eine volle Stunde lang dauerte die neue Qual, die jedoch diesmal nicht von Allen ſo geduldig ertragen wurde. Allerdings war unter ſolchen Verhält⸗ niſſen nur ein paſſiver Widerſtand möglich. Die⸗ ſen leiſteten aber Smith und Frau, die noch außer⸗ dem keine Sylbe von dem Ganzen verſtanden, wie eben ſo die Frau Paſtor Meier, die ſämmtlich ſchon nach der erſten Viertelſtunde einzunicken be⸗ gannen. Auch Dr. Fiedel, der in einer höchſt intereſſanten Beſchreibung einer Lungenentzündung geſtört worden, die er dem, von Frau Dr. Spie⸗ gel wieder hereingeholten, und geduldig zuhören⸗ den Breyfeld beigebracht, konnte ſich des Schlafes nur mit äußerſter Anſtrengung erwehren, und hielt die Augen eine Zeit lang weiter, als eigent⸗ lich nöthig geweſen wäre, offen. Tegel allein, ſich ſeines Amts als Kritiker bewußt, folgte mit der geſpannteſten Aufmerkſam⸗ keit der etwas dunklen Entwickelung, ſich ſpäter deſto ausführlicher und ſchärfer über das Ganze vernehmen zu laſſen. 5. Capitel. Anverhofftes Zuſammentreffen. Die einzige angenehme Störung in dieſer Quälerei war das Klappern der Teller, Meſſer und Gabeln in dem benachbarten, nur durch eine dünne Bret⸗ und Tapetenwand getrennten Zim⸗ mer, das Frau Dr. Spiegel dort unausgeſetzt beſchäftigt hielt. Die„Hülfe“ warf auf zweimal — einmal einen Teller, und dann eine Schüſſel — in der Küche herunter, was die alte Frau Spiegel jedesmal veranlaßte, raſch hinauszufahren, und die Schläfer dadurch zu einem unbeſtimmten Bewußtſein ihrer Lage brachte. Sonſt wurde Nichts gehört, als der eifrige Vortrag des Leſenden. Vergebens machte zugleich Caiptain Helger verſchiedene Male einen langen Hals, nach dem abnehmenden Mannſcript die mögliche Läng ** 2 — 121— des„Genuſſes“ zu berechnen. Dr. Spiegel ſchlug boshafter Weiſe die geleſenen Seiten jedesmal wieder unter, und vereitelte dadurch ſelbſt eine ſolche Erleichterung. Aber Alles nimmt ja ein Ende auf der Welt. Das Manuſecript war zwar noch nicht zu einem ſolchen gebracht, aber das Eſſen fertig, und es mußte nothgedrungen wieder ein Abſchnitt gemacht werden. Dr. Spiegel hielt zwar noch hartnäckig auf ſeinem Sitze aus, unter dem Vorgeben, jeden⸗ falls das Ende des zweiten Bandes vermitteln zu müſſen, die Frau flüſterte ihm aber immer drin⸗ gender ihre Bitten in's Ohr, und er ſchloß end⸗ lich, faſt etwas unwillig, das Heft, ihrem Wunſche Folge zu leiſten. „Gott ſei Dank!“ murmelte Schelling, faſt etwas zu hörbar, und Mr. Smith ſagte gar Nichts, holte aber ebenfalls recht tief Athem, als ob ihm ein unbeſtimmtes Gewicht von der Bruſt gewälzt wäre. 4 Stühle wurden jetzt gerückt und in's andere Zimmer getragen, und von Pick ſuchte dieſen Augenblick allgemeiner Erholung ebenfalls wieder zu benutzen, ſich Suſannen zu nähern. Daran verhinderte ihn aber diesmal Dr. Fiedel, der in ungemeiner Selbſtgefälligkeit Fräulein Liſchke auf⸗ geſucht und mit ihr ein Geſprüch angeknüpft. 5—— hatte. Urſache glaubte er dazu in dem etwas er⸗ regten Ausſehen der jungen Dame gefunden zu haben— jedenfalls hatte ſie die ſpannende Vor⸗ leſung zu ſehr angegriffen— für ſchwache und zarte Nerven war ſo etwas, ſeiner Erfahrung nach, durchaus Nichts. Suſanne ſtand dabei wie auf Kohlen. Sie ſah, daß der Geliebte auf die Gelegenheit mit Schmerzen wartete, ihr noch etwas zu ſagen, und gab ſo einſylbige Antworten als möglich, die ihr fatale Unterredung abzubrechen. Dr. Fiedel war aber nicht ſo leicht abgeſchüttelt, und ein „höchſt intereſſanter Krankheitsfall,“ den er kürz⸗ lich bei einer jungen Deutſchen Frau curirt hatte, gab ihm Gelegenheit, ſich weitläufiger über ſeine Curen im Allgemeinen, und dieſen Fall im Be⸗ ſonderen auszuſprechen. Jetzt wurden die Herren aufgefordert, die Damen zur Tafel zu führen, Herr Dr. Fiedel bot Fräulein Liſchke den Arm, und Herr von Pick, in Aerger und Unmuth, behielt eben noch Zeit, Frau Paſtor Meier den ſeinigen zu bieten, und ſich möglicher Weiſe den andern Platz neben Suſannen zu ſichern. Aber ſelbſt das mißlang ihm, da ihn Dr. Spiegel, ſo wie er das nächſte Zimmer betrat, auf das Freundlichſte einlud, mit ſeiner Dame an die andere Seite der Tafel zu — 123— kommen. Jede mögliche Auseinanderſetzung war deshalb bis nach Tiſche rettungslos abgeſchnitten. Capitain Helger, der an ſeinem neuen Be⸗ kannten, Dr. Schreiber, indeß Gefallen gefunden, hatte ſich ſeinen Platz neben dieſem gewählt, und Breyfeld ebenfalls geſucht an ſeine Seite zu kom⸗ men. Dr. Schreiber intereſſirte ſich für die Auſtra⸗ liſche Fauna, beſonders für die Vögel, und er ſchätzte ihn ſchon deshalb ſehr, ſah auch bei ihm die einzig mögliche Gelegenheit, irgend ein Ge— ſpräch anzuknüpfen. Herr Dr. Spiegel placirte ihn aber, ſoviel als möglich das Geſetz der„bunten Reihe“ durchzuführen, zwiſchen ſeine Mutter und Mrs. Smith, und er bekam dadurch wenigſtens Gelegenheit, während der ganzen Mahlzeit die von der aufmerkſamen Frau Spiegel bezeichneten Schüſſeln und Teller unaufhörlich auf und ab zu befördern. „Sie erkundigten ſich neulich angelegentlich nach einem Gutsbeſitzer Hohburg, lieber Capitain,“ ſagte Mac Donald, als das Eſſen begonnen, und die verſchiedenen Paare ihre Geſpräche angeknüpft hatten,„dürfte ich wohl fragen, in wiefern Sie ſich für dieſe Familie intereſſiren?“ „Du lieber Gott ja,“ ſagte der Capitain, mit einem großen Stück Kalbsbraten eifrig beſchäftigt, —„das iſt kein Geheimniß. Ich kannte den Hoh⸗ burg in Deutſchland ſehr genau— wir ſind eigent⸗ lich aus einer Stadt gebürtig und Schulkameraden. Am meiſten lag mir aber daran, zu erfahren, wie es ſeiner Frau gehe. Ihre Verwandten in Deutſch⸗ land ſind mit meiner Familie ſehr befreundet, und eigentlich in Sorge um ſie, da ſie ſo ſehr lange Nichts hat von ſich hören laſſen. Ich habe ihnen damals, wie es beſtimmt war, daß mein Schiff nach Auſtralien Fracht einnehmen ſollte, feſt ver⸗ ſprechen müſſen, hier genau nach Allem zu ſon⸗ diren, und ihnen wo möglich Briefe mitzubringen. Es ſcheint aber, als ob ich nicht herausbekommen ſoll, was aus ihnen geworden iſt, denn hier weiß mir kein Menſch von ihnen Nachricht zu geben, und eben ſo vergeblich bin ich ſchon nach Tanunda und Mount Barker hinaufgefahren. Auch jener See⸗ fiſch in Adelaide weiß Nichts von ihnen. Das Wahrſcheinlichſte iſt, daß ſich Hohburg nach Syd⸗ ney gewandt und dort vielleicht angekauft hat. Ich habe deshalb ſchon vor einigen Tagen dorthin geſchrieben und hoffe noch Antwort zu bekommen, ehe ich Adelaide verlaſſe. Trifft der Brief aber nicht mehr zur rechten Zeit ein, ſo habe ich Dr. Spiegel, an den er adreſſirt wird, erſucht, ihn nach Deutſchland zu ſenden.“. „Die Familie der Frau Hohburg lebt wohl * — 125— in Deutſchland in guten Umſtänden?“ frug Mac Donald.. „Das will ich meinen,“ ſagte der Capitain— „ihre Brüder ſind ſteinreiche Kaufleute und haben Schiffe und Fabriken— die Eltern ſind todt. Sie waren auch eigentlich der Heirath mit dem etwas leichtſinnigen Hohburg entgegen, aber lieber Gott, wenn ſich einmal ein Paar junge Leute gern ha⸗ ben, fragen ſie den Henker um die Verwandtſchaft, und ſie ließen ſich eben von dem Paſtor zuſam⸗ menſpließen.“ „Ich glaube, ich kann Ihnen auf die Spur helfen,“ ſagte Mac Donald. „Das wäre!“ rief der Capitain erſtaunt, und legte Meſſer und Gabel nieder. „Aber machen Sie ſich darauf gefaßt, die, die Sie im Wohlſtand anzutreffen glauben, im tief⸗ ſten Leid und Elend zu finden.“ „So wäre dieſe Frau Hohburg—“ „Bitte, reden Sie nicht ſo laut. Der Mann ſcheint bis zum Letzten heruntergekommen und die Frau arbeitet bei fremden Leuten, um ſich und ihr Kind am Leben zu erhalten.“ „Doctor, wiſſen Sie das gewiß?“ „Ich fürchte, ja— aber wenn hier geholfen werden kann, muß es auf ſehr zarte Weiſe ge⸗ ſchehen. Ich habe die Frau geſprochen.“ „Sie kennen Hohburg's?“ rief der Capitain raſch und erſtaunt. „Ich habe ſie jetzt hier zufällig gefunden,“ ſagte Mac Donald ausweichend,„und glaube ziemlich gewiß zu ſein, daß es dieſelben ſind, die Sie ſuchen. Den Mann habe ich nicht geſehen.“ „Aber er iſt hier?“ „Ich hörte ſo von ſeiner Frau.“ „Und wo wohnen ſie?“ „Von Adelaide aus müſſen Sie doch bei Liſchke's vorbei; das Haus liegt nicht weit von da entfernt, und Sie können es dort oder in der Nachbarſchaft wohl von Jedem erfragen. Nur nach der Frau Hohburg müſſen Sie ſich erkundigen. Soviel ich weiß, iſt der Mann erſt ſeit ganz kurzer Zeit zu⸗ rückgekehrt.“ „Lieber Doctor,“ ſagte der Capitain herzlich, „Sie wiſſen wirklich nicht, welchen Gefallen Sie mir durch Ihre Mittheilung erzeigt haben. Ich bin Ihnen unendlich dankbar dafür und will nun auch“— ſetzte er mit etwas leiſerer Stimme hinzu, „die Vorleſung heute Abend mit dem größten Ver⸗ gnügen ertragen haben. Es iſt doch eine eigene Unterhaltung, die ſich die Leute am Ufer machen, und das nennen ſie„die Zeit verkürzen.“ Eine Partie Whiſt wäre mir lieber geweſen.“ Die Unterhaltung am andern Ende des Tiſches — 127— war indeſſen lebendiger geworden, da Herr Tegel, jener Mitarbeiter der Adelaide⸗Zeitung, der den ganzen Abend auch noch nicht zwei Worte ge⸗ ſprochen, und nur ununterbrochen Thee getrunken hatte, dem Dr. Spiegel jetzt einen Einwurf wegen der Durchführung eines ſeiner Charaktere machte, und dieſen dadurch zur heftigſten Widerrede an⸗ ſtachelte. Die Gäſte ſprachen dabei auf das Eifrigſte dem Auſtraliſchen Weine zu, der, ziemlich feurig, die Gemüther mehr und mehr erhitzte. Auch Herr von Pick nahm lebhaften Antheil an dem Streit, und zwar auf Seite des Dr. Spiegel, während Schelling nur darauf zu warten ſchien, zu welcher Partei ſich Dr. Fiedel ſchlagen würde, um ſeine Fahne augenblicklich für die entgegengeſetzte Seite aufzupflanzen. Auch Mac Donald und der Ca⸗ pitain wurden hineingezogen, und Dr. Spiegel er⸗ klärte ſogar manchmal mitten in der hitzigſten Debatte dem darüber auf's Aeußerſte erſtaunten Mr. Smith einige ihm vollkommen unverſtänd⸗ liche Sätze in höchſt mittelmäßigem Engliſch. Nur an Breyfeld ging der Sturm ſpurlos vor⸗ über. Mit einer Flaſche Wein neben ſich, der er fleißig, aber ſehr mäßig zuſprach, und der unzer⸗ ſtörbarſten Ruhe ſaß er laut⸗ und regungslos am Tiſche und horchte den verſchiedenen Aeußerungen, mit denen er ſämmtlich einverſtanden ſchien, denn er nickte einer jeden, gleich unparteiiſch Bei⸗ fall zu. Ganz außer ſeinem Element war dagegen Dr. Fiedel, der mit ſeiner ſchönen Nachbarin jeden nur erdenklichen Verſuch gemacht hatte, ein Geſpräch über Kinderkrankheiten anzuknüpfen. Suſanna war feſt entſchloſſen, ſich hier nicht noch einmal lang⸗ weilen zu laſſen, und lehnte jede Mittheilung darüber, ſo lehrreich ſie auch ſonſt hätte ſein mögen, auf das Entſchiedenſte ab. Endlich, als jeder andere Verſuch einer Unterhaltung fehlſchlug, griff er in ſeiner Noth zu dem ungeſchickteſten Thema, das er mäglicher Weiſe hätte wählen können. Er frug ſeine ſchöne Nachbarin nämlich ziemlich naiv um ihre Meinung, ob ſie nicht glaube, daß er, als junger Arzt mehr Vertrauen, beſonders bei dem weiblichen Theil der Bevölke⸗ rung finden würde, wenn er heirathete.„Dem Hausweſen,“ bemerkte er dabei,„ſteht doch weit beſſer und würdiger eine Frau vor?“ Suſanna ſah ihn erſt raſch von der Seite an, denn ſie glaubte wirklich, er wolle ſich über ſie luſtig machen. Sein ganz gewöhnliches, nur jetzt doch etwas verlegenes Geſicht belehrte ſie aber bald eines Beſſern, und ſie ſagte lächelnd: „Der Herr Doctor ſind aber noch ſo jung, 129— daß eine Frau wohl kaum nöthig wäre, und eine Wirthſchafterin das im Haus Nothwendige leicht genügend beſorgen könnte.“ 8 „Ausgezeichnet!“ rief der 9 gerade ge⸗ genüber ſitzende Schelling, und rie ſich vor Ver⸗ gnügen die Hände, ſah aber gar nicht herüber und that, als ihm Fiedel einen wüthenden Blick zuwarf, als ob er ſich einzig und allein über eine Aeußerung des Dr. Spiegel gefreut habe. Fiedel war aber dadurch ſo außer Faſſung gekommen, daß er auf ſeine erſte Frage gar nicht zurückzu⸗ kommen wagte. In allem Grimm über das ver⸗ haßte vis-Aà-vis— den„ewigen Apotheker,“ wie er ihn nannte, füllte er ſich auch ſein Glas bis zum Rand und leerte es gerade in demſelben Augen⸗ blick auf einen Zug, als er darüber hin den— Pharmacenten— erkennen konnte, der mit der freundlichſten Miene ſeiner Nachbarin zutrank. In dieſem Augenblick kam die„Hülfe“ herein und winkte der Frau Dr. Spiegel, die erſchreckt aufſprang und hinauslief, weil ſie nach dem ängſt⸗ lichen Geſicht des Mädchens irgend ein Unglück in der Küche vermuthete. „Erſchrecken Sie nicht, Madamchen,“ ſagte das Mädchen,„es iſt nur“— „Um Gottes Willen, was iſt vorgefallen?— die Kinder.“ 4 Gerſtäcker. III. 9 — 130— „Herr Jeſes, wie Sie nu gleich wieder ſind,“ ſagte aber das Mädchen,„es is Sie ja nur ein Herre draußen, der nach den Herrn Doctor frägt.“ „Aber 1e Himmels Willen, Lisbeth, wie haben Sie mich erſchreckt!“ „Aber ich ſagte Sie's ja gleich, Sie ſollten nicht,“ vertheidigte ſich das Mädchen. „Wer iſt denn der Herr?“ „Ja ich weeß nich— es ſcheint ſo eine Art von Officier zu ſein.“ „Beſte Frau Doctorin,“ ſagte in dieſem Augen⸗ blick eine Stimme in Engliſcher Sprache.„Sie müſſen mich entſchuldigen, wenn ich Sie, oder vielmehr Ihren Herrn Gemahl, nur auf einen Augenblick, ſtöre; aber ich ritt hier vorbei und ſah gerade Licht.“ „Ah, Herr Lieutenant Walker,“ rief die Frau Doctorin, die ihm mit dem Lichte entgegengegan⸗ gen war, und ihn jetzt erſt erkannte.„Bitte, wollen Sie nicht näher treten?“ „Ich danke Ihnen, ich bin in größter Eile und möchte mit Ihrem Herrn Gemahl nur ein 3 Paar Worte ſprechen.“ „Aber mein Mann wird Sie nicht wieder fort⸗ laſſen— wir haben gerade ein Paar gute Freunde zum Beſuch—“ „Und ich werde die ganze Geſellſchaft ſtören.“ „Nicht im Mindeſten— ach bitte, treten Sie doch näher!“. Lieutenant Walker, ſolcher Art freundlich ge⸗ zwungen, konnte nicht gut länger ausweichen, und folgte der Dame von dem Vorſaal aus durch das Beſuchszimmer in das benachbarte Gemach, wo die Gäſte noch um den gedeckten Tiſch in eifriger Debatte ſaßen, während Frau Dr. Spiegel in⸗ deſſen nur ihrem Mann winkte und dann wieder hinausging, den ſchon begonnenen Punſch zu vollenden. Breyfeld hatte es indeſſen auch gerade möglich gemacht, da ſchon einige der Gäſte von ihren Sitzen aufgeſtanden waren, und das Geſpräch le⸗ bendiger, lauter wurde, ſeinen Weg zu Mac Do⸗ nald zu finden, hinter deſſen Stuhl er ſich einen Seſſel rückte und den Fremden jetzt frug, ob er nicht Luſt habe, eine kleine Excurſion mit ihm an den Murray in der Nähe des Victoria⸗Sees der Mündung zu zu machen, wo ſie eine Menge intereſſante Vögel, ferner den Platibus und ziem⸗ lich zahlreich Känguruhs antreffen würden. „Ach, mein beſter Lieutenant Walker!“ rief in dieſem Augenblick Dr. Spiegel, der den Fremden in der Thür erkannte, in Engliſcher Sprache und mit lauter Stimme dem Eintretenden entgegen. „Das iſt ja eine ganz unerrwatete, aber deſto E. 9* 4 132— willkommenere Freude, die Sie uns heute Abend machen.— Oh bitte, kommen Sie näher.“ „Es ſollte mir unendlich leid thun, wenn ich die Geſellſchaft ſtörte.“ Aber ich bitte Sie um Gottes Willen, nur keine Entſchuldigungen. Wir ſind hier ganz unter uns. Herr Oberlieutenant Walker, meine Herr⸗ ſchaften, den ich Ihnen hier das Vergnügen habe, vorzuſtellen, Commandirender in dieſen Regionen der reitenden ſchwarzen Polizei, des Schreckens der Buſchrähndſcher und Eingeborenen.— Hier meine Frau und meine Mutter kennen Sie, lieber Lieute⸗ nant— dort habe ich das Vergnügen Ihnen Fräulein Suſanna Liſchke vorzuſtellen; hier Herrn Dr. Fie⸗ del, unſern berühmten Aesculap, hier Herrn Ca⸗ pitain Helger von der Albertine, hier Herrn Dr. Schreiber, einen andern Aesculap, da Herrn Brey⸗ feld, den berühmten Auſtraliſchen Ornithologen, dort Herrn Apotheker Schelling, Mrs. Smith, Herrn Paſtor Meier, meine Mutter kennen Sie, Herrn Baron von Pick— Frau Paſtor Meier— Herrn Tegel, einen unſerer tüchtigſten Mitarbeiter der Adelaide⸗Zeitung, Fräulein Meier; hier neben mir Frau Apotheker Schelling, und da Mr. Smith, von Saaldorf. So, jetzt kennen Sie die ganze Geſellſchaft,“ ſetzte er hinzu, indem er ſeinen Stuhl zurück und einen andern daneben rückte,„und nun, — — 133— mein lieber Lieutenant— und hoffentlich bald Capitain, wenn Sie Ihre glorreiche Expedition beendet haben—, ſeien Sie mir herzlich willlommen, ſetzen Sie ſich hier neben mich, und trinken Sie vor allen Dingen ein Glas Wein, den Straßen⸗ ſtaub hinunter zu ſpülen.“ Walker wandte ſich gegen Jeden der ihm Vor⸗ geſtellten, aber das Ganze ging ſo raſch, und aus der dunklen Straße eben erſt hereingekommen, blen⸗ deten ihn auch die Lichter noch ſo ſehr, daß ihm die Geſtalten vor den Blicken zu einer wirren, unerkennbaren Maſſe zuſammenſchmolzen. Die Namen ſelber hörte er kaum. Es war ein Glück für Mac Donald, daß er gerade mit Breyfeld ein Geſpräch begonnen hatte, und nach der erſten förmlichen Verbeugung, bei der er ſich zum erſten Male wieder ſeinem ge⸗ fährlichſten Feind gegenüberſah, mit jenem weiter verkehren konnte. Er ſah augenblicklich, daß ihn Walker, in der modiſchen ſteifen Tracht mit der blauen Brille, den kurzen Haaren und dem ge⸗ ſchorenen Barte nicht erkannt, ihn in dieſer Ge⸗ ſellſchaft auch nicht vermuthen konnte, und über⸗ ließ ruhig das Weitere dem Gewirr der Ver⸗ ſammlung, ſowie der eifrigen Geſchäftigkeit ſeines Wirthes. Dennoch verließ das Blut ſeine Wan⸗ gen, als er den Namen zum erſten Male nennen 5 ——=nnſnmmſ—n — 134— hörte, und nur der günſtige Umſtand, daß ſich Alle dem neuen Beſuch zuwandten, verhinderte, daß es Jemand bemerkte. Im nächſten Moment hatte er ſeine ganze Ruhe und Selbſtbeherrſchung ſchon wieder gewonnen. Ein Theil der Gäſte war übrigens jetzt auf⸗ geſtanden, ſich der Gruppe anzuſchließen, die ſich um den neuen Beſuch bildete. Man wußte, daß der Lieutenant von Neu⸗Süd⸗Wales mit einem Theil ſeines ſchwarzen Corps herübergekommen war, einigen gefährlichen Buſchrähndſchern nachzuſpüren, die ſich in den Adelaide⸗Diſtrict geflüchtet hatten, und hoffte Intereſſantes von ihm zu hören. Dieſe Gelegenheit ließ denn auch von Pick nicht ungenützt verſtreichen, ſich wieder Suſannen zu nähern. Suſanne war ebenfalls aufgeſtanden, und hatte in dem offenſtehenden Nebenzimmer ein Heft Kupferſtiche aufgeſchlagen, das auf dem Piano⸗ forte lag. Von Pick trat zu ihr, und wie er ſich unbelauſcht wußte, flüſterte er raſch und dringend: „Suſanne, ich habe mir Alles, was uns zu thun übrig bleibt, hin und her überlegt. Es iſt uns nur ein einziger Ausweg geblieben, Deinen Vater zu zwingen, uns ſeine Einwilligung zu geben. Willſt Du mir darin beiſtehen, oder über⸗ morgen die erklärte und für mich verlorene Braut — — in wenigen Tagen vielleicht die Frau— die Magd Chriſtian Helling's ſein?“ „Ich kann ihn nicht heirathen, hab' ich Dir ſchon geſagt,“ ſtöhnte Suſanne,„beſchließe was Du willſt, nur rette mich vor dem mir gräßlichen Gedanken.“ „Gut, mein ſüßes Herz, dann bau' auf mich — dann aber bleibt uns auch Nichts zu thun übrig als— wir müſſen fliehen.“ „Fliehen?— die Eltern verlaſſen?“ rief Su⸗ ſanne erſchrocken. „Nur auf wenige Tage,“ beruhigte ſie raſch der Verführer.„Einen Geiſtlichen, der uns traut, finden wir mit Leichtigkeit in Tanunda. Es ſind dort Secten genug, wenn es Einer verweigern ſollte, und als Mann und Frau zurückgekehrt, wird Dein Vater uns wohl für einige Tage zür⸗ nen, aber die Mutter uns auch beiſtehen. So hartherzig iſt Dein Vater nicht— kann er nicht ſein, daß er das einzige Kind verſtoßen würde, weil es eben ſeinem Herzen folgte. Steht denn nicht ſelbſt in der Bibel:„Du ſollſt Vater und Mutter verlaſſen und dem Manne folgen?“ Suſanne erwiederte Nichts— ihre Hand ſtützte ſich auf das Buch, ihre Augen hafteten ſtumm und unbewußt an dem vor ihr aufgeſchlagenen Bilde — aber ſie erwiederte kein Wort. — 136— „Morgen bring' ich Dich in Sicherheit,“ flüſterte von Pick mit dringender, zärtlicher Stimme —„keine Angſt ſoll mein ſüßes Bräutchen mehr trüben, kein Schreckgeſpenſt eines unbeholfenen, dummen Bauerlümmels, der frech genug iſt, die rauhe Hand nach der ſchönſten Blume unſeres Landes auszuſtrecken.“ „Morgen ſchon?“ hauchte Suſanne. „Wir dürfen nicht abwarten, bis die Verlo⸗ bung wirklich ſtattgefunden hat,“ vertheidigte von Pick ſeinen Wunſch.„Morgen Abend um acht Uhr, wenn es vollkommen dunkel iſt, denn der Mond wird erſt etwa um halb elf oder elf Uhr aufgehen, hält ein Wagen dieſſeit Deiner Wohnung an dem Paddock Deines Vaters, dicht vor der auf die Straße führenden Gartenthür. Ich ſelber komme dann vor das Haus, und mein„Ku— ih!“ wie es die hier herumſtreifenden Schwarzen manchmal ausſtoßen, ruft Dich zu mir heraus. Der Laut fällt am wenigſten auf, denn man hört ihn hier allerorten, und ehe Dich nur Jemand vermiſſen kann, tragensuns ein Paar flüchtige Pferde der Freiheit und der Liebe entgegen.“ „Guter— guter Gott!“ ſtöhnte Suſanne. „In Tanunda,“ fuhr aber von Pick fort,„laſ⸗ ſen wir uns morgen trauen, und übermorgen früh ſind wir hier zurück. Bedenke, Herz, daß nur — 137— wenige Tage in Angſt und Kummer verbracht, dann unſer ganzes Leben ſichern— uns für immer vereinigen ſollen.“ „Wenn ich es nur meiner Mutter ſagen dürfte“— „Dann wären wir verloren,“ fiel Pick ihr raſch und ängſtlich in's Wort;„ſie fürchtet Deinen Vater viel zu ſehr, als daß ſie es wagen würde, ſeine Pläne ſo entſchieden zu kreuzen. Nein; ſie wird uns ſchon durch ihre Bitten bei ihm unter⸗ ſtützen, wenn wir zurückkommen, aber uns nie in der Ausführung behülflich ſein.“ „Aber wie kann ich fort?“ „Mantel und Hut magſt Du Dir ſchon vor⸗ her irgendwo im Vorſaal oder an der Gartenthür bereit legen. Kannſt Du ſonſt noch etwas mit⸗ nehmen, was im Stande wäre, unſere Reiſe zu erleichtern“— ſetzte er vorſichtig hinzu—„deſto beſſer. Man weiß nie, was Einem unterwegs zu⸗ ſtoßen kann.“ „Ich vergehe vor Angſt, wenn ich daran denke,“ flüſterte Suſanne.. „Nicht ein Glas Punſch gefällig, Herr von Pick?“ frug in dieſem Augenblick Frau Dr. Spiegel, die mit dem Präſentirteller zu den beiden jungen Leuten trat—„aber wollen Sie ſich denn nicht das iſt zu intereſſant.— Lieber Schreiber, rücken wieder mit an den Tiſch ſetzen? Der Herr Lieu⸗ tenant erzählen gerade von ſeinem letzten Zuge. Kommen Sie, liebes Suſannchen, ein Tröpfchen hiervon kann Ihnen auch Nichts ſchaden; der in dem blauen Glas iſt Damenpunſch, und ganz ſchwach und ſüß.“ „Es wird ſpät und ich möchte nach Hauſe gehen,“ ſagte Suſanne, die aber das Glas nahm und davon nippte, um nur ihre Verlegenheit zu verbergen. „Wenn mir Fränulein Liſchke erlauben wollte,“ ſagte von Pick,„ſo würde ich Ihnen mit Vergnü⸗ gen meine Begleitung anbieten.“ „Sie ſind ſehr freundlich,“ ſagte Suſanne zö⸗ gernd—„aber— ich bin mit Herrn Dr. Schreiber hierher gekommen.“ „Ach, Sie dürfen noch nicht fort, liebes Kind!“ unterbrach ſie Frau Dr. Spiegel gutmüthig— „Sie müſſen uns noch erſt eines von Ihren aller⸗ liebſten Liedchen ſingen. Ich kann Ihnen gar nicht ſagen, wie gern ich ſie höre, und der Genuß wird uns doch hier ſo ſelten zu Theil.“ „Oh, Herr von Pick— bitte, kommen Sie her⸗ ein,“ rief ihn in dieſem Augenblick auch Dr. Spie⸗ gel an.„Lieutenant Walker will uns ſein letztes Abenteuer mit den Buſchrähndſchern erzählen— 5 — — 139— Sie etwas näher hierher, Sie dürfen kein Wort davon verlieren.“ „Mein lieber Doctor,“ lächelte, alſo gegrüßt, der Lieutenant,„ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich gar nicht ſo viel Zeit habe, Ihnen hier, ſo gern ich zur Unterhaltung der Geſellſchaft beitragen möchte, eine lange Geſchichte zu erzählen. Drau⸗ ßen vor der Thür halten ſechs Mann von meinen Leuten, die auf mich warten, und die muß ich expediren.— Ich war nur hereingekommen, Sie um ein Paar Worte im Vertrauen zu bitten.“ „Von Herzen gern, beſter Lieutenant,“ rief der Doctor, indem er auf ihn zuging, ſeinen Arm nahm und ihn in das andere Zimmer führte,„aber dann müſſen Sie uns auch unſere Bitte erfüllen. Womit kann ich Ihnen alſo dienen?— aber erſt ein Glas Punſch.— Hier, liebe Bertha, bitte, gieb uns eins von Deinen Gläſern.“ „Ich danke Ihnen herzlich, Madame.“ „Und was ſteht jetzt zu Ihren Befehlen?“ „Nur eine Bitte, beſter Doctor,“ erwiederte der Lieutenant,„oder eigentlich nur Ihren guten Rath ſuche ich. Einer meiner ſchwarzen Burſchen— ein außerordentlich ſcharfſichtiger und ſchlimmer Geſelle— behauptet nämlich ſteif und feſt, in der von einer Maſſe von Spuren zertretenen und zer⸗ fahrenen Straße die Spur eines der gefährlichſten — 140— Buſchrähndſcher gefunden zu haben,— den wir eigentlich alle Urſache hätten im Murray, von einem unſerer Leute angeſchoſſen, ertrunken zu glauben. Leider hat er nun dieſe Spur heut, Abend etwas zu ſpät gefunden, um ihr noch weiter nachzugehn, denn an der Stelle dort liefen über⸗ haupt eine Maſſe Fährten zuſammen, morgen mit Tagesanbruch aber will er ſie wieder aufnehmen und ſehen, ob er ſich geirrt habe, oder nicht, und zu dieſem Zweck möcht' ich Leute dort bei der Hand haben.“ „Das iſt jener Jack London, den Sie ſuchen?“ ſagte Dr. Spiegel. „Der, von dem er die Fährten gefunden haben will, iſt der ſogenannte„rothe John,“ ein Schuft, der ſchon unzählige Morde auf dem Geywiſſen hat, und vor der ärgſten Gräuelthat nicht zurück⸗ beben würde, wenn ſie gerade ſeinen Zwecken diente.“. „Alle Wetter, das iſt eine freundliche Nach⸗ barſchaft,“ rief Dr. Spiegel, eben nicht angenehm überraſcht,„und den Jack London haben wir dabei als Zugabe.“ 4 „Haben Sie etwas von ihm geſehen?“ rief Walker raſch. „Ich?— nein!“ erwiederte Spiegel,„aber — 141— Ihren letzten Andeutungen nach ſchien es mir, als ob er ſich hierher gewandt.“ „Wir hatten nur hier ſeine Spur verloren,“ erwiederte Walker. „Und haben Nichts wieder von ihm ent⸗ deckt? „Nicht das Mindeſte— er iſt rein wie in den Boden hineingeſchwunden und das Wahr⸗ ſcheinlichſte, daß er in irgend einem kleinen Boot in See gegangen, mit dem tollkühnen Verſuch, draußen ein Schiff anzutreffen und zu entkommen. Zuzutrauen wäre es ihm. Doch auch dagegen ſind wenigſtens alle möglichen Maßregeln getrof⸗ fen. Jetzt aber ſind mir von der Regierung hier, mit dem Wunſch mich zu unterſtützen, zwei weiße Conſtabler zugetheilt worden, die mich indeß in Wirklichkeit mehr hemmen, als ſie mir nützen. Nichtsdeſtoweniger konnte ich ihre Annahme nicht verweigern, und habe ſie einſtweilen, den einen im Saaldorf⸗Hotel, den andern im Deutſchen Haus untergebracht, dort ein wenig die eintreffen⸗ den Fremden zu überwachen. Hier in Saaldorf haben Sie übrigens noch keine Polizeiſtation, ob⸗ gleich ich höre, daß davon die Rede iſt, eine hier⸗ her zu verlegen, und meine Bitte an Sie geht jetzt dahin, die Leute, die ſich bei Ihnen legiti⸗ miren werden, falls es nöthig ſein ſollte, mit Rath und That zu unterſtützen. Sie ſind beſonders unter den Deutſchen hier ſehr bekannt und können am leichteſten von überall her, wo ſich bei dieſen etwa ein verdächtiges Individuum zeigen ſollte, Kunde bekommen. Wollen Sie ſo freundlich ſein?“ „Mein lieber, beſter Lieutenant, mit dem größt⸗ möglichſten Vergnügen,“ rief Spiegel.—„Ich ſtehe ganz zu Ihren Dienſten, und es würde mir die größte Genugthuung gewähren, dem Staat, und beſonders Ihnen, von irgend einem erheb⸗ lichen Nutzen zu ſein.“ „Das wäre alſo abgemacht!“ ſagte Walker— „ſonſt haben Sie in dieſem Augenblick keine Fremden hier im Ort?“ „Keine, daß ich wüßte— außer was etwa in den beiden Gaſthöfen angekommen iſt. Von Mel⸗ bourne nur haben wir hier den Dr. Schreiber, den ich vorher das Vergnügen hatte, Ihnen vor⸗ zuſtellen, und der ſich bei uns als Arzt nieder⸗ laſſen will.“ „Ein Landsmann von Ihnen?“ „Ja, ein Deutſcher— er wohnt beim alten Liſchke draußen.“ „Die Deutſchen, lieber Doctor, intereſſiren mich für den Augenblick nicht beſonders,“ ſagte — — 143— der Lieutenant—„Sie dürfen mir das nicht übelnehmen“— fügte er lachend hinzu. „Sie haben Andere im Kopfe,“ lachte Spiegel —„aber nicht wahr, nun widmen Sie ſich auch ein halb Stündchen unſerer Geſellſchaft? Sie glauben gar nicht, welch Vergnügen Sie uns da⸗ durch machen. Unſere Neugierde haben Sie über⸗ dies ſo durch einige Andeutungen geſpannt.— Ihr letztes Abenteuer mit dem Buſchrähndſcher“— „Gereicht mir gar nicht zum Ruhme,“ lachte Walker, an ſeinem Arme in das andere Zim⸗ mer zurückkehrend,„denn ich habe dabei bös den Kürzern gezogen.“ „Aber auf welche Art?— oh, Fräulein Liſchke, Sie machen doch nicht ſchon Anſtalt zum Aufbruch? Sie dürfen uns wirklich noch nicht verlaſſen.“ „Ich muß nach Hauſe, beſter Doctor,“ ſagte Suſanne, die ſchon ihr Tuch umgenommen hatte. „Suſannchen will ſich unter keiner Bedingung halten laſſen,“ klagte ſeine Frau—„ich habe ſchon alles Mögliche verſucht.“ „Und Sie auch, beſter Doctor?— ja ſo, Sie begleiten die junge Dame— wenn Sie nur noch ein klein Wenig wiederkommen könnten. Es iſt freilich ſo entſetzlich weit.“— „Das iſt wirklich nicht möglich, beſter Herr,“ ſagte Mae Donald in Deutſcher Sprache,„es wird überdies ſpät.“ Walker drehte ſich bei dem Klang der Stimme nach dem Sprechenden um, dieſer aber verneigte ſich gegen die Geſellſchaft, drückte dem Doctor und deſſen Frau und dann auch dem Capitain herzlich die Hand, und verließ, während ſich die junge Dame ebenfalls gegen die Geſellſchaft ver⸗ neigte, und von Frau Doctorin Spiegel und ihrer Mutter hinausbegleitet wurde, mit ihr das Zimmer.. „Wer war der Herr?“ ſagte Walker, als ſich die Thür hinter ihnen ſchloß. „Dr. Schreiber, mein lieber Lieutenant, von dem ich Ihnen vorhin ſagte, ein ſehr tüchtiger Arzt, den wir bewogen haben, ſich bei uns nie⸗ derzulaſſen. Kennen Sie ihn vielleicht?“ „Nein; wie ich ihn erſt von der Seite ſah, kam er mir bekannt vor, aber ſein Geſicht iſt mir fremd. Erwähnten Sie nicht vorher, daß der Herr bei jenem Herrn— wie hieß er gleich?“— „Liſchke— ja dort wohnt er. Die junge Dame war des alten Liſchke Tochter— eine famoſe Stimme. Jammerſchade, daß ſie uns ſchon verlaſſen hat.“ 2 — 145— Mac Donald athmete tief auf, als er das Zimmer verließ. Die Gefahr war wieder, ſo drohend als je, durch des Mannes Nähe über ihn hereingebrochen, und noch ſah er keinen Aus⸗ weg, ihr zu entgehen. Blieb er, ſo war er jeden Augenblick der Entdeckung ausgeſetzt— floh er, ſo weckte er gleich von vornherein Verdacht, und wohin ſollte er von hier aus entkommen? Doch für den Augenblick wenigſtens hatte er wieder freie Bahn gewonnen, und an Gefahren nur zu gut gewöhnt, half ihm ſein kecker Muth, dem drohenden Ungewitter mit freier kühner Stirn entgegenzugehen. Was der morgende Tag brachte, mochte er auch entſcheiden. Während ihm dieſe Gedanken raſch das Hirn durchzuckten, waren die Damen endlich mit Ab⸗ ſchiednehmen fertig geworden. Das Mädchen leuchtete ihnen durch die Hausflur und öffnete die Thür, fuhr aber mit einem lauten Schrei zu⸗ rück, denn vor ihr ſtanden zwei dunkle drohende Geſtalten, und aus den ſchwarzen Geſichtern fun⸗ kelten ihnen die weißen rollenden Augen entgegen. Mac Donald ſtand keinen halben Schritt von Mabong, dem Schlaueſten der Schaar entfernt, und Auge in Auge— aber das Licht war hin⸗ ter ihm, und fiel nun voll auf das Geſicht ſeiner Feinde, die, als ſie einen Herrn und eine Dam Gerſtäcker. III. 10 3 — 146— vor ſich ſahen, raſch und freundlich grüßend zu⸗ rücktraten. „Was, um Gottes Willen iſt das?“ rief Su⸗ ſanna. „Schwarze Polizei,“ lächelte Mac Donald, indem er ihren Arm in den ſeinigen zog.„Fürch⸗ ten Sie Nichts— wir ſind vollkommen ſicher.“ Im nächſten Augenblick waren ſie draußen in der dunklen Straße.— Die Schwarzen ſahen ihnen nach, behaupteten aber den Platz an der Thür, ihren Anführer dort zu erwarten, und Mac Donald und Suſanne ſchritten ſchweigend die ſtille finſtere Straße nieder, der fernen Woh⸗ nung ihrer Eltern zu. 6. Capitel. Der Verrath. Die nächſte Sonne brachte einen ganz außer⸗ gewöhnlichen unruhigen Tag für das ſonſt ſo ſtille und abgeſchloſſene kleine Städtchen Saal⸗ dorf. Hier und da hatte ſich die ſchwarze Polizei gezeigt, die dunklen wilden Geſtalten auf ſchäu⸗ menden Pferden durch die Straßen galoppirend, und dumpfe Gerüchte von Buſchrähndſchern durch⸗ liefen mit Blitzesſchnelle den kleinen Ort. Noch aber war es nicht Mittag, als man ſich ſchon die fabelhafteſten Geſchichten in die Ohren flüſterte — ganze Banden von Buſchrähndſchern ſollten draußen im Walde liegen und einen Ueberfall beabſichtigen— Militair wäre ſchon im Anzuge, die Stadt zu ſchützen, und Generalmarſch würde gleich geſchlagen werden, die Bürger zu den Waf⸗ fen zu rufen. Ebenſo hieß es, daß ſich die 10* — 148— Schwarzen mit den Strauchdieben vereinigt hät⸗ ten, und daß dieſe ſämmtlich die Stadt verlaſſen, mochte nicht wenig dazu beitragen, dieſes Gerücht zu verſtärken. Nur Dr. Behr war in Saaldorf zurückgeblie⸗ ben und ſchlenderte ſo unbekümmert als je im Hemd und bloßen Kopf durch die ſonnigen Straßen. Was kümmerte ihn die ſchwarze Polizei! Lieutenant Walker hatte ſein Hauptqüartier im Saaldorf-Hotel, und den ganzen Morgen waren Boten gekommen und gegangen, ſo daß ſich ein ganzer Schwarm Saaldorfer Jugend auf der gegenüberliegenden Seite der Straße geſammelt hatte, und mit innigem Vergnügen und lauten Acclamationen dem Treiben zuſah.— „Sie haben einen— ſie haben einen!“ ging da plötzlich der Ruf durch die Stadt— überall ſprangen die Leute in dier Thüren und an die Fenſter, und die Straßenjugend beſonders, die ſich außerordentlich für den Fall intereſſirte, ſam⸗ melte ſich bald um Einen der ſchwarzen Polizei und einen zerlumpten Burſchen mit wirrem Bart und bleichen, verſtörten Zügen, die zuſammen die Straße heraufkamen. „Das iſt Jack London— ſie haben Jack Lon⸗ don erwiſcht!“ ſchrieen und tobten die Jungen dazwiſchen.—„Hurrah, jetzt wird er an der 8 ☛‿— — 149— Laterne aufgehangen!“ und ſcheu wichen die ihnen Begegnenden dem wilden Paare aus, und blieben ſtehen und ſchauten ihnen nach. Die zwei Leute, die ſolcher Art die Straße heraufkamen, waren ein Paar alte Bekannte von uns, und zwar der eine Mabong, von der ſchwarzen Polizei, auf ſeinem ſchon ziemlich abgejagten Pferde, das er aber jetzt feſt im Zügel hielt und zu langſamem Schritt zurückzwang, während neben ihm, mit einem Antlitz, aus dem auch der letzte Blutstropfen gewichen war, mit wild die Schläfe umklebenden Haaren, mit un⸗ ſicheren Schritten, die er nur dadurch ſtützte, daß ſich ſeine Linke an dem Steigbügelriemen des Reiters aufrecht hielt, und mit ſcheu zu Boden geſchlagenen Blicken Hohburg einherſchwankte. Ein Paar Mal war es, als ob er ſtehen bleiben oder dem Lärm, der ihn immer mehr umtoſte, entfliehen wolle, aber das Pferd ſchritt ruhig weiter und er ſchien zu fühlen, daß er der Stütze bedürfe— daß er nicht loslaſſen könne. So erreichten ſie endlich das Saaldorf⸗Hotel, um das die Jugend des Ortes augenblicklich hinandrängte, aber immer ſcheu zurückwich, ſowie Einer der Schwarzen heraustrat, Raum zu halten. Hier ſchien Hohburg zu zögern, ob er das Haus betreten ſolle, die halblaut um ihn her — 150— geflüſterten Ausrufungen, die überall neugierig auf ihn gerichteten Blicke der Menge ließen es ihn aber zuletzt ſelbſt als Zufluchtsort ſuchen. Mabong, der den Mann indeſſen der Wach⸗ ſamkeit von zweien ſeiner Kameraden empfohlen hatte, trat zu ſeinem Officier in's Zimmer, und meldete ihm, daß er draußen in der Nähe einer kleinen Schenkwirthſchaft einen ſehr verdächtig ausſehenden Burſchen aufgefunden habe, der aber dringend verlangt hätte, ihn ſelber zu ſprechen, da er ihm etwas Wichtiges mitzutheilen habe. „Bring' ihn herein, Mabong,“ ſagte der Offi⸗ cier—„wenn die Bande unter einander uneins wird, oder ihren Nutzen dabei ſieht, verräth ſie den eigenen Bruder. Ich denke, wir werden jetzt Nachricht vom rothen John bekommen— wenn Du Dich nicht mit den Fährten draußen geirrt haſt.“ Der Schwarze erwiederte Nichts, kehrte aber wenige Minuten ſpäter mit Hohburg zurück, der, ſeinen Hut in der Hand, ſcheu an der Thuͤr ſtehen! blieb, und den Officier betrachtete. 4 Hallo,“ rief dieſer,„wen haben wir hier? — ich dächte doch, das Geſicht ſollt' ich kennen. Wo haben wir uns das letzte Mal geſehen, mein Burſche?“ „Am Murray,“ antwortete der Gefragte mit leiſer Stimme—„ich verließ Mr. Powell's Sta⸗ tion, als Sie dort einrückten.“ „Ach ja— jetzt erinnere ich mich.— Jener ſogenannte Toby bekam damals Eure Stelle, nicht wahr?“ „Ja. 1 8 „Und von dem wollt Ihr mir jetzt etwas er⸗ zählen, wie?“ frug Walker, ihn forſchend be⸗ trachtend. Hohburg blickte den Officier etwas überraſcht an, Toby hatte ihm aber auf die Seele gebun⸗ den, ſeinen Namen nicht zu erwähnen— ja ihm ſogar einen Schwur abgenommen, nicht zu ver⸗ rathen, daß er ihn überhaupt geſehen, da er ſel⸗ ber, wie er meinte,„mit der Polizei nicht auf beſonders gutem Fuß lebe.“ Nur die Anzeige über Jack London ſollte er machen, das Geld dafür in Empfang nehmen, und die Hälfte bei dem Händler, wo ſie ſich getroffen— wenn Toby ſelber nicht mehr da wäre— niederlegen. „Nein,“ ſagte er deshalb nach kurzer Pauſe— „was weiß ich von Toby? Soviel ich geleſen, ſucht Ihr einen Andern.“ „Jack London?“ rief Walker raſch und er⸗ ſtaunt. „Der, der Euch deſſen Aufenthaltsort anzeigt, bekommt hundert Pfund Sterling— iſt dem nicht — 152=— ſo?“ frug Hohburg wieder, ſich vorſichtig erſt mit der Belohnung ſicher ſtellend. „Allerdings,“ ſagte Walker, und ſein Blick haftetete finſter auf der vor ihm ſtehenden Jam⸗ mergeſtalt des Mannes—„und Ihr wißt, wo er ſich aufhält?“ „J eiß es.“ Walker ſtand von ſeinem Stuhle auf, auf dem er bis jetzt geſeſſen, und ging einige Male mit verſchränkten Armen und raſchen Schritten im Zimmer auf und ab. Endlich blieb er vor dem Manne ſtehen, ſah ihm feſt in's Auge und ſagte: „Und wer ſeid Ihr eigentlich, wenn man gen darf? Seht einmal dort in den Spiegel! — Ich glaube nicht, daß der Buſch einen wildern, wüſter ausſehenden Geſellen birgt, Buſchrähnd⸗ ſcher oder nicht. Ich möchte doch wiſſen, wem ich die werthvolle Nachricht verdanken ſoll.“ „Ich war Hüttenwächter bei Mr. Powell,“ er⸗ wiederte Hohburg mit niedergeſchlagenem Blick— „ließ mich unterwegs verleiten, das verdiente Geld zu vertrinke nd— brauche jetzt anderes, um Frau und Kind zu ernähren.“ „Ihr ſeid verheirathet?“ rief Walker er⸗ ſtaunt aus. „Ja.“ „Hier in der Nähe?“ — 153— „Meine Hütte liegt etwa eine halbe Stunde von hier am Wege.“ „Und Euer Name?“ „Hohburg.“ „Ihr nanntet mir früher, wenn ich nicht irre, einen andern?“— „Ich hatte mich im Buſch Miller genannt.“ „Ganz recht,“ ſagte der Officier, indem er jetzt langſam zu dem Tiſch, an dem er geſeſſen, zurückging, wenige Secunden den Kopf in die Hand ſtützte, und dann eine Feder aufgriff. Er rang jedenfalls mit einem Entſchluß. Endlich ſagte er mit leiſer, faſt bewegter, aber doch feſter Simme:„Alſo ſprecht— dieſer Jack London iſt wo?“ „Hier!“ „In Saaldorf?“ „Ja— und wohnt bei einem Manne Namens Liſchke.“ „Liſchke?“ rief der Officier, mit Blitzesſchnelle zu dem Mann aufſchauend. „ unter dem Namen Dr. Schreiber,“ fuhr die⸗ ſer langſam fort. „Teufel!“ rief Walker, die Feder auf den Tiſch werfend, und wieder in die Höhe ſpringend —„Kam mir die Geſtalt doch ſo bekannt vor. Aber Dr. Schreiber iſt ein Deutſcher.“ — 154— „Der Fremde, der auf Mr. Powell's Farm war, ſpricht Deutſch— faſt ſo gut wie ich.“— „Und iſt dieſer— Dr. Schreiber noch in jenem Hauſe?“— „Geſtern Nachmittag hab' ich ihn noch geſehn — er trägt eine blaue Brille und kürzeres Haar, als er auf der Station trug.“ „Gut denn— das Uebrige überlaßt mir,“ ſetzte der Officier hinzu, und es war faſt, als ob er einen Seufzer unterdrücke.„Beſtätigt ſich das, was Ihr mir eben mitgetheilt, ſo müßt Ihr mor⸗ gen früh hier wieder vorſprechen und die Anwei⸗ ſung auf das— Geld in Empfang nehmen.“ Hohburg blieb, noch mit dem Hut⸗ in der Hand, eine Weile vor dem Officier ſtehen, der ihn mit einem finſtern, faſt verächtlichen Blicke maß. Es war, als ob er noch etwas hätte ſagen wollen, aber wenn er auch die Lippen bewegte, wurde doch kein Wort laut. Er drehte ſich endlich ab, murmelte einen leiſen Gruß und verließ langſam das Zimmer. Erſt unten, als er an der Schenk⸗ ſtube vorüberging, blieb er noch einmal ſtehen, und warf einen verlangenden Blick durch die offene Thür nach den darin ſichtbaren Gläſern und Flaſchen, und wie unwillkürlich griff die Hand dabei nach den Taſchen der zerriſſenen Jacke. Sie waren leer, und die Zähne feſt auf einander ge⸗ biſſen, wandte er ſich, das Haus zu verlaſſen. Hier aber fand er die ganze Jugend noch ver⸗ ſammelt, die mit Fingern auf ihn deutete und unter einander flüſterte und rief:„Da iſt er— da kommt der Buſchrähndſcher— paßt auf.“ Er zögerte dort hinauszutreten, da winkte ihm Einer der Schwarzen und führte ihn auf den Hof hinaus, wo er ihm eine andere Thür zeigte. durch die er unbehindert die Straße erreichen konnte. Hohburg folgte ihm willenlos, ſchritt durch die bezeichnete Pforte und ſchwankte mehr, als er ging, die Straße hinab der eigenen Woh⸗ nung zu. Reges Leben kam indeſſen in die ſchwarze Po⸗ lizei. Der Wachtmeiſter war augenblicklich zu ſeinem Officier gerufen worden, und hielt mit ihm eine lange Conferenz in ſeinem Zimmer. Dann wurde Mabong herein beordert, und wenige Minuten ſpäter rief ein Signal die ganze ſchwarze Schaar vor dem Hauſe zuſammen. Raſche Be⸗ fehle wurden hier ertheilt, und die wilden Bur⸗ ſchen ſprengten bald darauf nach verſchiedenen Richtungen hin die Straße hinauf und hinab. Langſamer folgte ihnen der Wachtmeiſter nach einer Seite und der Ofſicier mit Mabong nach der andern. Mehr und mehr Leute hatten ſich — 156— indeſſen vor und in dem Hotel verſammelt, von der plötzlichen Bewegung Näheres zu erfahren, aber Niemand ſtand ihnen Rede. Wie ſie gekom⸗ men, waren die Schwarzen auch plötzlich verſchwun⸗ en, und die Neugierigen verliefen ſich nach und nach, oder blieben auch noch zum Theil drinnen in der Gaſtſtube ſitzen, den doch einmal verſäumten Tag nun auch drinnen beim Bier zu Ende zu ringen. Der Wirth machte vortreffliche Geſchäfte. Eine traurige, entſetzliche Nacht hatte indeſſen die arme Frau verbracht. Kein Schlaf kam in ihre Augen, und neben dem ſchlummernden Kinde ſaß ſie die langen Stunden auf dem Bette mit ihrem troſtloſen Gram und Herzeleid allein. Eduard kam nicht— Stunde nach Stunde verging, der Morgen dämmerte, die Sonne ſtieg höher und höher, und die Angſt trieb ſie zuletzt wieder hinaus, dem uUnglücklichen nachzuforſchen. Wieder ging ſie mit dem Kinde an der Hand den langen Weg, bis zu dem Laden des Krämers, und zwang ſich hier mit Gewalt nach dem Ver⸗ mißten— nach dem Manne zu fragen, der geſtern Abend hier Kleider gekauft habe. „Ja ſo der?“ ſagte der Händler, der ſie eine Weile mißtrauiſch betrachtete. Er hatte wohl — 157— heute morgen die ſchwarze Polizei um ſein Haus ſchleichen ſehen, und glaubte im Anfange, die Frau ſei hierher geſchickt zum Spioniren—„Weiß ich nicht, was aus ihm geworden iſt— mit ſolchen Geſellen ſind ſchlechte Geſchäfte zu machen. Erſt that er, als ob er die Taſchen voll Geld hätte, und kaufte ſich anſtändige Kleider— er hatte ſie nöthig und ich ließ ſie ihm um den Einkaufspreis— und nachher, wie er einmal trinken wollte, fehlte es ihm am beſten, und ich mußte den Plunder wie⸗ der annehmen. Dabei ſoll Einer reich werden!“ „Aber wo iſt er hingegangen, ſeit der Zeit?“ „Weiß ich nicht— geht mich auch Nichts an — ſeid Ihr ſeine Frau?“ Die Frau zögerte mit der Antwort, endlich hauchte ſie ein leiſes„Ja.“ „Ahem,“ brummte der Mann—„konnt' ich mir etwa denken. Na, wenn er wieder herkommt, will ich ihn nach Hauſe ſchicken—“ und damit drehte er ſich ab und ging in den Laden zurück. Wie in einem Traum wanderte die arme Frau ihrer Heimath wieder zu. Das Kind ſprach zu ihr, aber ſie hörte die Worte kaum— antwortete ihm nicht, und ſchritt ſchweigend, mit zitternden Gliedern den Weg entlang. Mittag war vorüber; ſie gab der Kleinen etwas Milch und Brod, ſie ſelber aß keinen Biſſen. Die Sonne neigte ſich — 158— ihrem Untergang, noch immer ſaß die Frau in ihrer Hütte und ſtarrte ſtill und ſchweigend vor ſich nieder. Da wurden Schritte draußen laut— ſie näher⸗ ten ſich der Thür und hielten— die Frau hob lauſchend den Kopf und horchte. „Da kommt der Vater endlich und bringt uns Brod,“ ſagte die Kleine, indem ſie zur Mutter lief, und ſich ſchmeichelnd an ihre Knie lehnte— Louiſe heftete den Blick in peinlicher Spannung auf die Thür— eine Hand lag draußen auf der Klinke, aber Nichts regte ſich weiter. Endlich öff⸗ nete ſich langſam die ſchmale niedere Pforte, und Hohburg, bleich und mit Staub bedeckt, zitternd, und vor dem ſtier auf ihm haftenden Blick der Frau die Augen niederſchlagend, ſtand auf der Schwelle.. Wohl eine halbe Minute blieb er regungslos in der Stellung, und ſtaunend ſah das Kind in⸗ deß von Vater zu Mutter, daß keines ſprach, daß keines ſich bewegte. Endlich aber vermochte Hoh⸗ burg das Peinliche dieſer Lage nicht länger zu ertragen. Ordentlich gewaltſam raffte er ſich zu⸗ ſammen, drückte die Thür hinter ſich in's Schloß, und ging zu dem Tiſch, an dem er ſtehen blieb und ſich auf ihn ſtützte.„ „Guten Tag, Louiſe!“ ſagte er dabei mit leiſer, — 159— ſchüchterner Stimme—„Guten Tag, Lieschen!— hat keines von Euch ein Wort, einen Gruß mehr für den Vater?“ „Wo warſt Du, Eduard?“ frug aber mit ern⸗ ſter, tonloſer Stimme ſtatt aller Antwort die Frau —„wo iſt das Geld, das ich Dir mitgegeben?— wo ſind die Kleider, die Du Dir kaufen wollteſt? — wo iſt das Brod für mich— für Dein Kind? — Sage mir Nichts,“ unterbrach ſie ihn raſch, als er langſam den Arm gegen ſie hob und die Lippen öffnete—„vertheidige— entſchuldige Dich nicht— ich weiß Alles. Ich bin Dir geſtern gefolgt— habe geſehen, wie Du den letzten Schilling verpraßteſt, den Dein Weib, den Dein Kind zum Leben brauchte. Du biſt verloren, Eduard— und wir ſind es mit Dir.“ „Höre mich, Louiſe!“ ſagte da Hohburg, als ſie das Antlitz in den Händen barg, mit dringen⸗ der, aber von Aufregung heiſerer, faſt erſtickter. Stimme.„Mit dem geſtrigen Tage ſei ein ver⸗ gangenes— ein entſetzliches Leben abgeſchloſſen. Ich habe den Abgrund erkannt, an dem ich ſtand — an den ich Euch mit mir geriſſen— ich habe ihn verlaſſen. Von heute an beginnt für mich — für uns Alle eine neue Exiſtenz— ich will — ich muß ein anderer Menſch werden, ſollen wir nicht Alle— Du haſt recht— zu Grunde 8 — 160— gehen. Aber Worte allein, das fühle ich, genügen Dir nicht mehr, ich muß Dir auch beweiſen, daß es mir Ernſt mit dem iſt, was ich ſage.“ „Es iſt zu ſpät!“ erwiederte ernſt und tonlos die Frau—„Was Deine jungen Kräfte, was Dein friſcher Geiſt nicht mehr vermochte, zwingſt Du jetzt nicht mehr mit guten Vorſätzen, die der Wind verweht, wie ſie den Lippen ent⸗ flohen. Dein Körper iſt geſchwächt, Dein Geiſt gebrochen— Du biſt rettungslos verloren.“ „Noch nicht, Louiſe— beim ewigen Gott noch nicht,“ rief der Mann.,„Mein Geiſt war ge⸗ brochen, aber nicht der unſelige Trunk, wie Du vielleicht geglaubt, hat mich niedergebeugt und zu jeder Arbeit, zu jeder ruhigen Beſchäftigung un⸗ tauglich gemacht— ein Geheimniß laſtet auf meiner Seele, eine dunkle Stunde meines Lebens, die wie ein Schleier ſeit langen langen Jahren zwiſchen uns lag und meine Kräfte gelähmt, meine Sinne faſt zum Wahnſinn getrieben hat.— Den 8 Schleier will ich lüften— Wahrheit ſoll zwiſchen uns ſein, ich will die Laſt von meiner Seele wäl⸗ zen, und Dir mit dem Geſtändniß dann nicht allein den Beweis geben, daß es mir Ernſt iſt, mich zu beſſern, und ich die Kraft dazu in mir ſelber fühle, nein auch zugleich die Mittel, ein anderes Leben zu beginnen.“ 8 8 4* — 161— „Die Mittel?“ ſagte die Frau, die der er⸗ regten Rede des Mannes mit Angſt und Erſtau⸗ nen gelauſcht, indem ſie ungläubig mit dem Kopfe ſchüttelte.—„Es war das Letzte, was Du geſtern hinausgeworfen.“ „Und haſt Du Dir nicht dreißig Pfund ge⸗ wünſcht, in Adelaide, allen Nahrungsſorgen ent⸗ hoben, ein Geſchäft zu begründen?— Ich habe ſie verdient—“ „Du?— womit?“ rief die Frau erſchreckt, denn mit furchtbarer Angſt durchzuckte ſie plötzlich der Gedanke, daß der Mann geſtern, von dem ſtarken Getränk betäubt, ein Verbrechen verübt haben könne des Geldes wegen. „Fürchte Nichts,“ ſagte aber Hohburg, der ihre Gedanken errathen mochte, ruhig.„Wenn auch nicht mit Arbeit, denn mein Körper iſt zerrüttet, mein Geiſt aufgerieben, iſt das Geld doch ehrlich und geſetzlich verdient. Der geſtrige Abend aber hat mir nicht allein jenes Glück in den Schoos geworfen, ſondern mir auch die Augen über mich ſelbſt geöffnet. Ich weiß, wie ich bis jetzt gelebt — weiß, daß Du mich verachtet, vielleicht gehaßt, und nur das Kind Dich noch an mich gehalten. Wie ich Dir aber hier ſchwöre, daß von heute an kein Tropfen Branntwein oder Wein mehr über meine Lippen kommen ſoll, ſo will ich auch mit Gerſtäcker. III. 11 — 162— dem Elend, in dem wir bis jetzt geſchmachtet, mir durch ein offenes Geſtändniß die Schuld von meiner Seele wälzen, den Wurm aus meinem Herzen reißen, der dort die Jahre über ſich feſtgeſogen und ge⸗ bohrt— genagt—“ „Ich verſtehe Dich nicht,“ rief die Frau er⸗ ſchreckt—„was haſt Du?— Du biſt außer Dir—“ Hohburg hatte wie krampfhaft den Tiſch, auf den er ſich ſtützte, gefaßt; ſeine Glieder zitterten, ſeine Kniee ſchwankten; ſein Antlitz war todten⸗ bleich geworden, und wie glühende Kohlen funkel⸗ ten die tief in ihren Höhlen liegenden Augen dar⸗ aus vor. Der Schweiß ſtand ihm in großen Tropfen auf der Stirn, und die langen Haare klebten ihm wirr und unordentlich um die feuchten Schläfe. „Schicke das Kind hinaus!“ ſagte der Mann, indem er ſich mit der flachen Hand über die Stirn und die Haare aus dem Geſicht ſtrich— „Schicke Lieschen einen Augenblick vor die Thür — ſie mag Blumen von der Hecke für Dich pflücken — es iſt nicht für ihr Ohr, was ich Dir hier erzählen möchte.“ 4 „ ‚Darf ich nicht bei Dir bleiben, Mama? ugte ängſtlich die Kleine, die ſich vor dem heftigen Weſen des Vaters zu fürchten begann.. — 163— „Du darfſt gleich wieder hereinkommen, mein Lieschen,“ ſagte die Mutter, ihr liebkoſend die Stirn küſſend—„geh' jetzt auf kurze Zeit hin⸗ aus, und hol' mir von den ſchönen rothen Blu⸗ men, die drüben an der Hecke blühen— aber recht viel, mein Lieschen, daß ich Dir einen Kranz davon flechten kann.“ „Ich will Dir die ſchönſten bringen, die ich finden kann, Mama,“ ſagte die Kleine und wandte ſich zum Gehen, blieb aber noch einmal ſtehn und ſagte ſchüchtern:„aber der Vater zankt nicht mit Dir, Mama, nicht wahr?“ „Nein, mein Kind— gewiß nicht— geh' jetzt nur— ich warte auf die Blumen.“ Die Kleine verließ raſch das Zimmer. „Und nun,“ ſagte die Frau, während ſie dem Gatten erwartungsvoll entgegentrat,„rede von dem, was Dich bedrückt— theile mir mit, was Dich quält, denn dieſe Ungewißheit iſt ſchlimmer faſt als das Schrecklichſte, was Du mir ſagen kannſt.“ Der Mann ſchwieg und ſah ihr ſtarr in's Auge— ſein Blick hatte etwas Geiſterhaftes be⸗ kommen und ſchweifte jetzt von ihr ab der ent⸗ fernteſten Zimmerecke zu, am Leeren haftend. „Du haſt immer wiſſen wollen,“ flüſterte er endlich mit dumpfer Stimme,„was mich von 11* — 164— Europa fort nach Auſtralien getrieben— was mir in ſtillen Nächten den Schlaf von den Lidern ſcheuchte und meine Träume mit wirren Bildern füllte.— Es war daſſelbe Geſpenſt, das mich zur Flaſche trieb, in augenblicklichem Rauſche den Dä⸗ mon, der in mir nagte und wühlte, zu betäuben — Du ſollſt es hören, aber— ſchaudere nicht vor mir zurück. Da droben wohnt ein allbarm⸗ herziger Gott, und Lüge iſt, daß er ſeine Kinder ſtrafe bis in's fünfte und ſechſte Glied— er wird verzeihen— er muß verzeihen, wo der Schuldige ſo furchtbar— ſo entſetzlich ſchon gebüßt wie ich. 4 Die Frau ſtand mit gefalteten Händen, ein Bild der peinlichſten, ängſtlichſten Erwartung vor ihm, aber kein Wort unterbrach das Bekenntniß des Gatten, nur die Augen hafteten in fieberhafter Spannung an ſeinen Lippen, das Entſetzliche zu hören. „Du weißt,“ fuhr Hohburg mit zitternder Stimme fort,„welch ein trübes Verhängniß un⸗ ſeren Familienkreis in Edinburgh ſtörte und ver⸗ nichtete— Du kennſt die Urſache des Todes meiner Schweſter—“ 4 „Eduard!“ hauchte die Frau und ſtreckte die Arme wie abwehrend gegen ihn aus. „O'Rourke,“ fuhr Hohburg, ohne die Bewegung — 165— zu achten fort,—„O'Rourke wurde in jenem Garten erſchoſſen gefunden— den Thäter ver⸗ muthete man in dem Verlobten Mariens—“ „Eduard!“ ſchrie die Frau—„um des Hei⸗ lands Willen—“ „Ich muß— ich muß,“— ſtöhnte der Mann und deckte die Augen mit der Hand—„der Bube hatte meine Schyeſter tödtlich beleidigt— ich traf ihn nach jener Scene im Garten— mein Blut war in Wallung— ich kannte mich ſelber nicht mehr— er fiel—“ Die Frau erfaßte den Tiſch, an dem ſie ſich anklammerte, und Hohburg fuhr leiſe und tonlos fort:„er fiel— durch meine Hand. Wie ich in mein Bett kam—“ fuhr der Unglückliche fort, ohne zu wagen den Blick zu der Gattin zu er⸗ heben—„weiß ich ſelber nicht mehr— ein Fieber bannte mich an mein Lager Monden lang. Wirre Gerüchte drangen dabei zu meinen Ohren, daß man den Mörder erfaßt, und der gerechten Strafe überliefert habe— ich war nahe daran wahnſinnig zu werden und wußte ſelber kaum mehr, wer den Mord verübt. Meine Schyeſter erkrankte in der⸗ ſelben Zeit und ſtarb, und wie ich nur das Bett verlaſſen konnte, und ehe ich in die geringſte Be⸗ rührung mit der Außenwelt kam, zogen wir nach London— das Uebrige weißt Du— dort ließ — 166— es mir keine Ruhe— ich mußte England verlaſſen, mußte das Meer zwiſchen mich und mein Ver⸗ brechen bringen. Wir zogen nach Auſtralien, aber der Fluch laſtete auf mir und Allem, was ich un⸗ ternahm— das Geld ſchwand mir unter der Hand — ich war elend— unſagbar elend und verloren — perloren aber nur, bis ich mich ſelber wieder fand—“ rief er plötzlich, während er ſich hoch emporrichtete.„Jetzt— in dieſem Augenblick iſt mir wohl und leicht— in Deine Bruſt, Louiſe, hab' ich mein Geheimniß ausgeſchüttet, und ein neues Leben beginnen wir von nun an. Sei es auch an Arbeit reich, hab' ich die Qual doch ab⸗ geſchüttelt, die mich zu Boden drückte und mit Dir, Louiſe— großer Gott,“ unterbrach er ſich aber plötzlich, als er die Augen zu der Gattin aufſchlagend die Unglückliche, das Geſicht mit Todtenbläſſe bedeckt, die Augen ſtier, und entſetzt auf ihn geheftet, vor ſich ſtehen ſah—„was iſt Dir, Louiſe?— Du— Du ſtirbſt.“ „Laß mich,“ ſagte ſie aber ruhig, als er die Arme nach ihr ausſtreckte, ſie zu unterſtützen, in⸗ dem ſie ſich gewaltſam ſammelte—„es geht vor⸗ bei— es war nur— war nur die Ueberraſchung des— des Entſetzlichen.“ „Du kannſt Dir denken, Louiſe,“ ſetzte Hoh⸗ burg ſchaudernd hinzu,„was ich mit dieſer Laſt * — 167— auf meiner Seele gelitten die langen, langen Jahre durch.“. „Daß Du's ertragen, begreif' ich nicht,“ ſagte die Frau, indem ihr Blick mit eiſiger Kälte auf dem Gatten haftete;„und haſt Du nie dabei mit einer Sylbe Deines Opfers gedacht? Haſt Du nie gefragt, was aus dem Unglückſeligen— dem Verlobten Deiner Schweſter, geworden, den das Gericht ſtatt Deiner in den Kerker warf?“ Hohburg ſchwieg, und ſenkte den Blick ſcheu und beſchämt zu Boden. 3. „Und mit dem Gedanken,“ fuhr Louiſe ſchau⸗ dernd fort—„mit dieſer ungeſühnten Schuld auf Deiner Seele, willſt Du ein neues, frohes Leben beginnen?— willſt dem blauen Himmel da droben frei in's Auge ſchauen, und glaubſt, daß Gott Dir Deine Frevelthat verziehn?“ „Louiſe!“ bat der Unglückliche. „Genug— genug— nur Eins noch mocht' ich wiſſen.— Du ſprachſt von Geld, das Du Dir geſtern auf ehrliche— geſetzliche Art verdient. Sag' mir, womit?“ „Der Staat,“ erwiederte Hohburg, wagte aber nicht dabei den Blick zu der vor ihm ſtehenden zürnenden Geſtalt zu erheben—„hat eine Be⸗ lohnung auf den Fang eines entſprungenen Ver⸗ brechers geſetzt. Den hatte ich zufällig im Buſche 2 geſehen und traf ihn wieder hier, wo er ſich unter einem falſchen Namen als Deutſcher einge⸗ ſchlichen.“ „Als Doctor Schreiber,“ hauchte die Frau, und ihr Auge bohrte ſich in den Blick des Gatten. „Du wußteſt?“ rief dieſer, erſtaunt den Blick zu ihr aufſchlagend. Ein gellendes, markdurchſchneidendes Lachen war die einzige Antwort, die er bekam. „Louiſe— was um Gottes Willen iſt Dir?— was haſt Du?“ 4— „Hahahahahaha!“ rief die Frau, und preßte dabei mit beiden Händen ihre Schläfe,„Gottes Gericht— Gottes Gericht!“ „Du biſt außer Dir!“ rief Hohburg erſchreckt —„Was haſt Du?— ein Verbrecher iſt's— ein gefährlicher Buſchrähndſcher, der das Land—“ „Weißt Du?“ rief jetzt die Frau, ihrer Sinne kaum mächtig, indem ſie mit ihrer bleichen, faſt durchſichtigen Hand die Schulter des vor ihr ſtehenden Mannes krampfhaft faßte—„weißt Du, wie jener Unglückliche heißt?— Weißt Du, wen Du verrathen?“ G „Jack London,“ ſtammelte Hohburg, während ein eigenes Entſetzen— er wußte ſelber kaum — 169— weshalb— die Haare ſeines Hauptes ſträubte.— Zum erſten Mal fiel ihm der Name wieder ein, den er von des Lieutenants Lippen gehört. „Mae Donald!“ kreiſchte Louiſe in ſein Ohr —„Mac Donald, der Bräutigam Mariens— der unſchuldig Deportirte— der unglücklichſte Mann der Erde und Dein Opfer, Menſch— das Opfer Deines Mordes!“ Sie ließ ihn los und ſtieß ihn von ſich. Hoh⸗ burg ſtand ſtarr und regungslos und ſtarrte ſie an. Die Augen traten ihm aus den Höhlen— ſein Geſicht nahm eine faſt bläuliche Färbung an, und während er ſich halb von ihr abwandte, warf er plötzlich die Arme empor, und ſank bewußtlos zu Boden nieder. „Was um Gottes Willen geht hier vor?“ rief da plötzlich eine Stimme von der Thür her, durch die ſich auch in dieſem Augenblick Lieschen mit einem ganzen Arm voll rother und weißer Blüthen drängte und erſchreckt zur Mutter lief, an deren Knie ſie flüchtete.—„Was iſt geſchehen? Frau Hohburg— muß ich ſo Sie wiederfinden?“ Die Frau ſtarrte den Sprechenden mehrere Secunden ſtarr und ſtaunend in das gutmüthige bekümmerte Geſicht; dann aber, als ihr plötzlich die Erinnerung aus früherer Zeit dämmerte, als — 170— ihr die bekannten Züge Form und Geſtalt gewon⸗ nen, rief ſie, den Arm nach ihm ausſtreckend: „Capitain Helger— Sie ſendet mir Gott in meiner höchſten Noth— er ſtirbt— er darf nicht ſterben, er muß noch leben, um wenigſtens das Bekenntniß ſeiner Schuld in Ihrem Beiſein abzulegen.“ „Was iſt hier vorgefallen?— und das hier Hohburg? dieſe Jammergeſtalt? Großer Gott! das der Mann, den ich in Europa in Glanz und Glück und Reichthum verließ— was iſt geſchehn? — reden Sie— vertrauen Sie mir!“ „Das Schrecklichſte, was auf der Welt ge⸗ ſchehen kann—“ ſtöhnte die Frau—„aber nicht ich, er muß reden, noch iſt es vielleicht Zeit, den Fluch abzuwenden, den dieſe Hand geſäet.“ „Ja, da wollen wir uns aber auch nicht bei der Vorrede aufhalten,“ rief der praktiſche See⸗ mann, indem er ſeinen Hut, den er noch in der Hand hielt, abwarf, und den Bewußtloſen aufgriff und auf das Bett trug. Dann nahm er ein Hand⸗ tuch vom Nagel und goß reichlich Waſſer aus einem dort ſtehenden Kruge darauf, die Schläfe zu netzen. „Wäre mir der verwünſchte Doctor Schreiber 25 gefolgt, und hätte er mich begleitet,“.. „ſo hätten wir jetzt einen Arzt bei der Hand und — 171— die Sache wäre im Handumdrehen fertig; der Art Leute ſind aber nie da, wenn ſie wirklich gebraucht werden.“ „Doctor Schreiber?“— rief die Frau, bei dem Namen erſchreckt aufhorchend,„wo iſt er jetzt? — was wiſſen Sie von ihm?“ „Wo er iſt? was weiß ich, ſchwimmt wahr⸗ ſcheinlich irgendwo in der Stadt herum, denn zu Hauſe war er nicht, als ich dort vorbeikam. Hallo — er lebt!“ unterbrach er ſich plötzlich, als der Ohnmächtige die Augen aufſchlug, aber auch gleich wieder mit einem Seufzer ſchloß.—„Wenn wir nur jetzt ſo ein Ding, ſo eine Lanzette hätten, ihm eine Portion Blut abzuzapfen. Na, es wird ſchon ohne das auch gehen— ſieht überhaupt aus, als ob er keinen Tropfen Blut mehr im Rumpfe ſitzen hätte!— Schönes Wrack von einem Menſchen!“ Die Frau war, als ſie den Capitain mit dem Ohnmächtigen beſchäftigt ſah, auf den am Tiſch ſtehenden Stuhl niedergeſunken und barg das Antlitz in den Händen, und Helger warf ihr wohl ein Paar Mal einen forſchenden, theilnehmenden Blick zu, redete ſie aber nicht weiter an, und be⸗ mühte ſich ur den noch immer Bewußtloſen in's Leben zurückzurufen. 24 „ — 172— Lieschen ſtand zu Füßen des Bettes, auf dem der Vater lag. Sie hatte die Blumen zum Theil auf das Lager fallen laſſen, und weinte, ihn mit gefalteten Händchen und ängſtlichen Blicken be⸗ trachtend, ſtill vor ſich hin. 7. Capitel. Der Verlobungs⸗Abend. Die Sonne neigte ſich ſchon ziemlich ſtark gegen den Horizont, und alle Anzeigen im Liſchke'⸗ ſchen Hauſe verriethen, daß heute Abend dort ein ganz außergewöhnliches Feſt gefeiert werden ſolle. In der beſten Stube war wenigſtens der Tiſch für ſieben Perſonen gedeckt, und die alte Frau Liſchke hatte entſetzlich viel in der Küche zu ar⸗ beiten und herzurichten. Aber eine feſtliche Stim⸗ mung war nicht in dem Hauſe, und ſämmtliche Glieder der Liſchke'ſchen Familie gingen herum, als ob ihnen etwas Unangenehmes und höchſt Fatales begegnet ſei und viel eher ein Unglück als irgend ein frohe Feierlichkeit bevorſtehe. Suſanne war mit ihrem Vater allein im Zim⸗ mer— ſ batt geweint und ſaß in dem Lehn⸗ ſtuhl der Mutter am Fenſter, den linken Ellbogen — 174— auf das Fenſterbret geſtützt, während ihr Vater mit raſchen heftigen Schritten in dem niederen Raum auf⸗ und abging, und den Dampf aus ſeiner kleinen kurzen Pfeife in ganzen Wolken zur Decke blies. „Warten— warten!“ brummte er dabei, in⸗ dem er einen zornigen Blick nach der Tochter hinüberwarf—„immer nur warten!— Warten willſt Du wohl, biſt Du eine alte Jungfer biſt, oder ein Graf oder ein König kommt, der um Dich anhält, heh?— Daran iſt aber nur der verfluchte Baron ſchuld, den das Unglück unter mein Dach gebracht hat, und wenn ihm das Alles geſchieht, was ich ihm wünſche, hängen ſie ihn noch in der nächſten Woche.— Was haſt Du an Chriſtian Helling auszuſetzen, heh?“ „Nichts, Vater,“ ſagte Suſanne mit halb ſchüchterner, halb entſchloſſener Stimme—„es iſt ein braver, fleißiger, redlicher Menſch, und ich glaube, daß er es gut und ehrlich mit mir meint — aber—0 „Aber?— wenn Du das Alles weißt, was willſt Du noch r?— was haſt Du noch für ein aber dabei?“ 8 „Ich kann ihn mir nicht als Mann denken,“ ſagte Suſanne leiſe. 4* „Nicht als Mann denken?“ rief der Alte, in —— — 175— zornigem Erſtaunen vor ihr ſtehen bleibend.— „Hat nun Jemand ſchon in der weiten Welt ſol⸗ chen baaren blanken Unſinn gehört?— nicht als Mann denken? Welches Mädchen braucht ſich vor der Hochzeit ihren Bräutigam als Mann zu denken, heh?— aber den luftigen Herrn von Pick— den Kornſchwindler— den Steinkohlen⸗ fabrikanten, den könnteſt Du Dir als Mann denken, nicht wahr?— der paßte Dir und Deiner hoffärtigen Mutter in den Kram— Frau Baronin werden, Frau von Pick zu Pickshauſen, ohne was zu picken und zu beißen, das wäre Dir recht, das klänge ſchön und vornehm, und da könnten wir in der Welt die große Dame ſpie⸗ len— nicht?— Komm mir mit dem Hunger⸗ leider, der jetzt nicht einmal weiß, wovon er le⸗ ben, viel weniger ſeine Schulden bezahlen ſoll, und ſei froh, daß ein ordentlicher braver Kerl in Ehren um Dich angehalten hat, und Dich zu ſeiner bra⸗ ven Hausfrau machen will.“ „Aber ich bin noch jung, Vater— ich kann noch Jahre lang warten, bis ich an den Schritt denke.“— „Jung!“ knurrte der Alte, indem er wieder eine Wolke Tabak von ſich blies—„Jung?— Alberne Redensart— wenn Du eine alte Jungfer biſt, nimmt Dich Niemand mehr. Und kurz und — 176— ut, ich will den Dummheiten einmal ein Ende gemacht haben, die doch nicht eher aufhören, bis Dich ein ordentlicher Kerl unter ſeinem Dache hat. Wenn Du weiter Nichts gegen ihn einzuwenden haſt, als daß Du mit achtzehn Jahren noch zu jung biſt, ſo iſt das reiner Schnack, und eine Sache, die Dein Vater beſſer verſtehen muß als Du.“ „Und wenn ich ihn nun nicht lieb e?“ rief die Jungfrau dem Vater feſt und ernſt in's Auge ſehend.— „Papperlapapp ¹“ ſagte dieſer, ohne ſich da⸗ durch irgend außer Faſſung bringen zu laſſen —„Lieben! Das ſind Redensarten und Ideen, die Du in Deinen Geſellſchaften und Briefen aufgeſchnappt. Lieben!— Als ich Deine Mutter heirathete, haben wir uns auch nicht geliebt, wie Du's nennſt, ja kaum ein⸗ oder zweimal vorher geſehen, und haben uns doch nachher ganz vortrefflich vertragen und wohl mit einander be⸗ funden.— Lieben, das mag bei den vornehmen Leuten Sitte ſein, aber beim Bauer kommt's darauf nicht an. Bei dem gehört dazu, daß die Leute, die Mann und Frau werden ſollen, zu ein⸗ ander paſſen, und da das die Eltern gewöhn⸗ lich am Beſten wiſſen, ſo beſtimmen es die auch gewöhnlich— verſtanden?— und wenn Dein b —— — 1—.I Vater, der alte Gotthelf Liſchke, mit Deinem künftigen Mann zufrieden iſt, ſo denk' ich, kannſt Du's auch ſein, und wirſt ihm nachher noch danken, Dein Lebelang.“ „Ich kann den Chriſtian nicht heirathen, Vater,“ rief aber Suſanne plötzlich von ihrem Stuhle aufſpringend und mit gefalteten Händen dem überraſcht zu ihr aufſchauenden Mann ent⸗ gegentretend.—„Ich würde an ſeiner Seite das unglücklichſte Geſchöpf der Welt, und wenn Sie mich zwingen wollen, haben Sie ſich ſelber die Folgen zuzuſchreiben.“. 8 „Und die will ich abwarten,“ ſagte der alte Mann, indem er die Pfeife aus dem Munde nahm und damit gegen die Tochter nickte—„dies wollen wir riskiren, mein Püppchen. Kann ihn nicht heirathen!— Schnack, als ob das ein Kunſt⸗ ſtück wäre, wozu man fünf Jahre Lehrzeit brauchte zu lernen.— Unglücklichſte Geſchöpf der Welt— na nu halt mir mal den Buckel ſteif. Daß Du gerade nicht unglücklich wirſt— deshalb ſollſt Du ihn heirathen. Und haſt Du ihm denn nicht zum Henker ſelber den Brief geſchrieben, worin Du ihm geſagt, daß Du Dein Wort halten woll⸗ teſt, und ihn eingeladen haſt, heh?— Iſt der Chriſtian Helling ein Windbeutel, den man zum Narren haben kann und rufen und fortſchicken, Gerſtäcker. III. 12 — 178— wie man gerade will und Luſt und Laune hat? — Mädchen, mach' mich nicht wild, das rath' ich Dir, denn hinter die Alte haſt Du Dich auch ſchon geſteckt und ihr den Kopf verdreht, und der Hochmuthsteufel brennt ihr lichterloh zum Dache heraus.— Damit iſt’s aber aus, das ſag' ich Euch jetzt. Eine erfahrene Hausfrau ſollſt Du mir werden, dafür haben wir Dich erzogen, und wenn Du—“ „Dafür habt Ihr mich nicht erzogen,“ rief aber Suſanne, die nur zu gut fühlte, wie ſich der Vater mehr und mehr in ſeinen Zorn hineinſprach, und keine Hoffnung dann ihr blieb, ihn noch günſtig zu ſtimmen. Einmal zu dieſem Punkt gelangt, und der alte Starrkopf wäre gebrochen, ehe er ſich hätte biegen laſſen.— Sie wußte jetzt, es war Alles verloren, und es blieb ihr Nichts übrig ſich zu retten, als den letzten ver⸗ zweifelten Schritt zu thun. Aber der Vater ſollte nicht ſagen dürfen, daß ſie ſich ſtillſchweigend ſei⸗ nem Willen gefügt, daß ſie nicht bis zum letzten Augenblick noch angeſtrebt gegen den Mißbrauch der väterlichen Gewalt. Zu verderben war hier doch Nichts mehr und ihrem Herzen wollte ſie wenigſtens Luft machen.—„Dafür nicht, Vater,“ wiederholte ſie, als ſich der Alte jetzt wirklich überraſcht nach ihr umdrehte,„wozu hätte ich V — 179— ſonſt brauchen das Alles zu lernen, Sticken, Zeich⸗ nen und Muſik— nur um die Frau eines Tiſch⸗ lers zu werden, der nicht einmal leſen und ſchrei⸗ ben kann?“ „Daran war Deine Mutter ſchuld,“ rief der Alte—„ich bin von je dagegen geweſen.“ „Aber Sie haben es zugegeben und jetzt, wo ich in mir fühle, daß ich eigentlich zu etwas Beſ⸗ ſerem beſtimmt bin, ſoll ich“— ſie ſchwieg plötz⸗ lich, barg ihr Geſicht in den Händen und konnte die Thränen nicht mehr zurückhalten, die ihr aus den Augen ſtürzten. Wenn den Alten aber irgend etwas in der Welt aufbringen konnte, ſo war es gerade das Weinen der Frauen. „So?“ rief er und ſtemmte beide Arme in die Seite,„zu was Beſſerem wärſt Du be⸗ ſtimmt als für einen Tiſchler und Bauer, heh?— und was iſt denn Dein Vater etwa, Du alberne hirntolle Dirne, heh? Bin ich was Beſſeres als ein Handwerker oder Bauersmann, und läuft in Deinen Adern weniger ehrliches Blut, weil wir Deine Eltern ſind? Da kommt es endlich heraus, wo der Hochmuthsteufel ſteckt— der Apfel iſt ſchon angefreſſen bis in das Herz hinein, und es wird hohe Zeit, daß wir die böſe Stelle heraus⸗ ſchneiden, mit Stumpf und Stiel, ehe die ganze 12* Frucht darüber verloren geht. Und nun marſch mit Dir in die Küche und hilf der Mutter draußen, daß ſie fertig wird— danke aber Gott, daß Du einen Vater haſt, der für Dich ſorgt, und — laß mich nicht wieder ſolch ein Wort hören wie das letzte. Jemine, wird Dein Mann an Dir arbeiten müſſen, bis er Dir die Mucken aus dem Kopfe bringt, die Deine Mutter und— noch wer anders Dir hineingeſetzt.“ 3 Suſanne hatte das Zimmer ſchon verlaſſen, ehe er den Satz nur halb vollendet, und der alte Mann ging jetzt in allem Grimm noch eine Weile in der Stube auf und ab, die ärg ichen Gedan⸗ ken durch eine raſchere Bewegung ſeines Körpers beſſer zu verſcheuchen. Die einzigen beiden außer Chriſtian einge⸗ ladenen Gäſte, Paſtor Meier mit ſeiner Frau, da deren Tochter durch Unwohlſein verhindert worden ſie zu begleiten, trafen in dieſem Augenblick glück⸗ licher Weiſe ein, und verhinderten ſo, daß die böſe Laune bei dem alten Liſchke überhand nahm. Den Paſtor, der ihm als aufgeklärter wackerer Mann bekannt war, hatte er gern, und deſſen Frau ſeiner eigenen, ſehr zu deren Aerger, oft als Muſter aufgeſtellt. Trotzdem hielt er ſonſt wenig Umgang mit ihnen, ſeinem alten Sprüchwort' „nur gleich und gleich geſellt ſich gern“ treu 8. — 181— bleibend. Heute aber, der Verlobung ſeiner Toch⸗ ter mehr Feierlichkeit zu geben, hatte er es doch für gut befunden, das würdige Ehepaar zu ſich einzuladen, und wenn er es auch nicht gerade eingeſtand, war er doch innerlich ſtolz darauf, daß ſie der Einladung gefolgt. Der alte Liſchke wunderte ſich indeſſen, wo Chriſtian blieb— er wußte nicht, daß der arme Burſche wohl ſchon drei Viertelſtunden draußen im Garten auf der Bank ſaß, wo er zum erſten Mal Suſannen ſeine Liebe geſtanden, und die ganze Zeit geduldig ausharrte, weil es ihm immer ſo zu Muthe war, als müſſe Suſanne ebenfalls ſich zu dieſer Stelle hingezogen fühlen, und dort binauskommen, ihn zuerſt unter vier Augen zu begrüßen.— Aber Suſanne kam nicht; dachte ſie doch gar nicht an den für ſie beſtimmten Bräu⸗ tigam, der draußen in der feuchten Abendluft vergebens ihrer harrte, und Chriſtian mußte zuletzt die Hoffnung aufgeben, der Geliebten dort zu be⸗ gegnen. Der alte Herr Liſchke wartete gewiß ſchon auf ihn drinnen im Haus, und der war in allen Stücken viel zu pünktlich, als daß er ihm gerade heute eine Verſäumniß verziehen hätte. „Nun Chriſtian!“ ſagte Liſchke, als jener endlich, nachdem er ſich auch im Vorſaal vergeblich nach Suſannen umgeſehn, das Zimmer betrat und ihn und ſeine beiden Gäſte freundlich grüßte;— „biſt ſchon ein Bischen ſpät, mein Junge, aber haſt recht. Es iſt heute Werkeltag, und da geht die Arbeit allem Andern vor, was es auch immer ſei. Haſt Du Suſannen ſchon geſehn?“ „Nein, Vater,“ ſagte der junge Mann nach kurzem herzlichen Gruße;„ich habe ſie noch nicht finden können. Im Flur war Alles ſo ſtill drau⸗ ßen— es kam mir ordentlich unheimlich vor, und und ich glaubte faſt ſchon, es ſei Jemand hier im Hauſe krank geworden.“ „Papperlapapp!“ lachte der Alte wieder, jetzt feſt entſchloſſen, ſich auf heute Abend ſeine gute Laune nicht wieder verderben zu laſſen—„Wer ſoll krank ſein? Die Frauen ſind draußen in der Küche und kochen und braten, was das Zeug hal⸗ ten will, Suſy ſoll aber gleich hereinkommen. Die hat heut' ihren Ehrentag, und darf die Küchen⸗ ſchürze wohl einmal der Mutter überlaſſen. Apro⸗ pos von Krankſein,“ unterbrach er ſich aber plötz⸗ lich, ſchon auf ſeinem Weg nach der Thür, indem er ſich wieder um und gegen den Paſtor Meier wandte—„haben Sie denn die letzten Tage Nichts von der Frau Hohburg geſehen und gehört? — Dr. Schreiber iſt einmal drüben geweſen, und behauptete, ihr Mann ſei wieder zurückgekommen, und Einer meiner Leute will den liederlichen Strick — 183— geſtern in Jimmy's Laden drüben betrunken ge⸗ ſehen haben.“ „Daſſelbe habe ich auch gehört,“ erwiederte der Paſtor,„und hatte mir vorgenommen, die arme Frau morgen früh einmal zu beſuchen. Mir wurde geſagt, ſie ſei krank.“ „Nein,“ meinte Liſchke,„Dr. Schreiber ver⸗ ſicherte mich, ſie ſei auf und wohl, und hätte ge⸗ ſagt, ſte wollte heute herüberkommen. Da ſie aber nicht gekommen iſt, müſſen wir uns wirk⸗ lich wieder nach ihr umſehen. Es iſt eine ſo brave ordentliche Frau, daß wir ſie doch nicht ohne Hülfe laſſen dürfen.“ „Wo iſt der Herr Doctor Schreiber jetzt?“ frug die Frau Paſtorin.—„Ich glaubte, er wohnte noch bei Ihnen, oder iſt er ſchon in ſein neues Logis eingezogen?“ „Nein, noch nicht,“ meinte Liſchke.„Er iſt aber heut' morgen ausgegangen und noch nicht zurück— hat jedoch feſt verſprochen, ſpäteſtens bis neun Uhr da zu ſein.— Jetzt will ich⸗übri⸗ gens die Frauen herein holen; Chriſtian ſitzt da ſo traurig allein in der Ecke und guckt immer nach der Thür. Sobald die ein Stück Fleiſch in der Röhre haben, denken ſie immer, es wird nicht wahr, wenn ſie nicht alle Beide dabei ſtehen.“ Chriſtian blieb, als der Alte das Zimmer ver⸗ — 184— laſſen, ruhig auf ſeinem Stuhle ſitzen. Es war ihm gar ſo wunderlich zu Muthe— er wußte ſelber nicht weshalb, und hatte ſich den Bräuti⸗ gamsſtand doch eigentlich ganz anders— viel freundlicher gedacht. Der Alte kam ihm dabei ſo ſonderbar vor,— die Stille im Hauſe, das noch halb dunkle Zimmer, das die beiden einzelnen Lichter nicht vollſtändig erhellen konnten, und wenn die beiden blank geſcheuerten Leuchter noch ſo funkel⸗ ten. Die Gäſte dabei, deren Gegenwart ihn noch mehr beengte, und daß ſich Suſy gar nicht blicken ließ.— Er hätte ihr ſo viel, ſo unendlich viel zu ſagen gehabt— er hatte ſich ſo unſagbar glück⸗ lich gefühlt, als er den Weg hier herausgeſchrit⸗ ten, und jetzt war es ihm faſt, als ob er in ein fremdes Haus gekommen wäre, in das er nicht gehöre— in dem er nur eben auf kurze Zeit ge⸗ duldet ſei. Suſannens Erſcheinen verſcheuchte dieſes Ge⸗ fühl nicht ganz. Sie war freundlich mit ihm, und reichte ihm ihre Hand, die er feſthielt und herzlich drückte— aber ſie erwiederte den Druck nicht. Die Hand lag kalt und ruhig in der ſei⸗ nen, der ſie ſich langſam wieder entzog, die an⸗ deren beiden Gäſte zu begrüßen.— Das war der ganze Willkommen ſeiner Braut. „So Mädchen,“ ſagte da der Alte, dem es — — 185— vielleicht eben ſo vorkommen mochte, als ob ſich Alle nicht recht behaglich fühlten, ſich aber doch nichts Derartiges merken laſſen wollte—„nun mach' den Tiſch zurecht und zünd' noch ein Paar Lichter an, daß wir einander bier beſſer ſehen können, und richte Alles her, damit wir nachher hier ungeſtört und traulich beiſammenſitzen kön⸗ nen. Sind wir doch eine Familie hier heut' Abend, denn den Herrn Paſtor zähl' ich mit dazu, und wollen uns nicht die Zeit mit Complimenten verderben, wie ſie's vielleicht draußen in ihren Geſellſchaften machen. Nun Chriſtian, wie ſteht's?“ ſetzte er hinzu, als ob er fühle, daß es an ihm ſei, das Geſpräch in Gang zu bringen, und die Leute erſt warm werden zu laſſen—„Haſt Du Dein Korn verkauft, oder willſt Du's noch abwarten?“ „Ich hab's verkauft, Vater,“ erwiederte dieſer, mit leichterem Herzen auf ein gleichgültiges Thema eingehend, denn mit einer unbeſtimmten Angſt, von der er ſich keine Rechenſchaft zu geben wußte, hatte er ſchon gefürchtet, daß der Alte gleich mit dem Wichtigſten beginnen würde. Jetzt gewannen ſie Alle Zeit, ſich dazu zu ſammeln.„Ich traue den hohen Preiſen nicht.“ „Daran haben Sie ſehr recht gethan,“ ſagte Waſtor Meier,„den Briefen nach, die ich veute bekommen, iſt das Mehl plötzlich um zwei 3 — — ————— — 186— Pfund Sterling die Tonne gefallen und wird aller Wahrſcheinlichkeit noch mehr heruntergehn. Es ſind in den letzten Tagen in Sydney vier mit Getreide beladene Schiffe von Valparaiſo kom⸗ mend eingelaufen, und haben noch mehrere an⸗ dere, die bald hinter ihnen den dortigen Hafen verlaſſen ſollten, aviſirt.“ „Da haben wir's!“ ſagte der alte Liſchke, ſich vergnügt die Hände reibend.„Nicht daß ich mein eigenes Korn zur rechten Zeit verkauft und mich außerdem für die armen Leute freue, wenn ſie das Brod billiger bekommen, aber den Korn⸗ wucherern, den Getreideſpeculanten, den Blutſau⸗ gern gönn' ich's, wenn ſie eine ſolche Schlappe kriegen. Das geſchieht ihnen recht, und macht ſte für ein anderes Mal ſchüchtern, ſich in die Getreideſäcke hinein zu freſſen. Arbeiten will keiner von den Lumpen, aber vom Schweiß des „armen Arbeiters wollen ſie in Bequemlichkeit und Ueberfluß leben, und haben ſie das Heft einmal in Händen, dann drücken und druckſen ſie, und blaſen ſich auf wie Fröſche im Regen. Dann ſind es auch die weiſen Männer, die das Gras können wachſen hören und ganz genau vorher wiſ⸗ ſen, wie hoch das Korn im Preiſe ſteigen müßte. Wenn ihnen aber einmal ein ſolcher Wind Rr Quere geht, dann laufen ſie duckmäuschenſtill wiee die begoſſenen Pudel umher, und ſagen kein Wort. Nur hier und da thut wohl einmal Einer der Geſcheidteſten ſich und der übrigen Welt den Ge⸗ fallen und hängt ſich an irgend einen Baum als abſchreckendes Beiſpiel auf.“ „Das thut mir aber leid um meinen Mieths⸗ mann,“ ſagte Chriſtian treuherzig—„der hat wirklich Unglück, denn ſo viel ich weiß, ſoll er ſehr viel Getreide und zu ziemlich hohen Preiſen noch aufgekauft haben— und dann die Kohlen⸗ geſchichte.“ „Dacht' ich mir,“ ſagte Liſchke mit einem verſteckten Blick nach der Tochter hinüber,„thut ihm aber weniger Schaden als den Leuten, die eben dumm genug waren, ihm zu borgen. Was iſt denn das mit den Kohlen?“ 4 „Ih nun der Engländer, der Mr. Johnſon, der die Kohlen gefunden haben wollte, iſt plötz— lich mit dem Gelde, das er ſich zu verſchaffen ge⸗ wußt, in See und fortgegangen, und die ganze Kohlengeſchichte war weiter Nichts als eine Er⸗ findung.“ „Na ja, da haben wir's!“ lachte Liſchke;— „das hätte ein Blinder von Anfang an ſehen können.— Plenty Schwindel die ganze Beſche⸗ rung, plenty Schwindel.— Und mich wollte der Herr von Pick auch damit leimen.“ — 188— „Ja aber Herr von Pick konnte Nichts dafür,“ ſagte Chriſtian,„der iſt ſelber, wie ich faſt glaube, von dem Andern betrogen worden.“ „Soviel wir davon wiſſen,“ brummte Liſchke. „Eine Krähe hackt der andern die Augen nicht aus, und von der Art Leuten erfährt man nie genau, woran man mit ihnen iſt. Uebrigens kann Dein Herr von Pick Nichts dabei verloren haben, denn er hatte ſelber Nichts, und kam erſt zu mir und wollte auf den erſten Wagen voll Kohlen, der mit Blumen aufgeputzt hereingefahren werden ſollte, borgen.“ „Ich habe aber heute als ganz gewiß erfahren, daß er Johnſon Geld darauf gegeben,“ ſagte Chriſtian. „Dann hat er Jemand Anderen damit ange⸗ führt,“ lachte der Alte—„möchte nur wiſſen, wer ſo einfältig geweſen wäre, ihm baares Geld in die Hand zu geben!“ Chriſtian ſchwieg verlegen ſtill, denn geſtern Nachmittag hatte er etwas ganz Aehnliches aller⸗ dings ſelber gethan und ſcheute ſich doch jetzt das dem alten Mann, der ihn darüber gewiß gehörig abgekanzelt hätte, einzugeſtehen. Uebrigens hatte ja von Pick, wie er ſelber verſichert, eine ſo ſteinreiche Familie, und das Geld war ihm gewiß genug. Sonderbarer Weiſe fiel es ihm übrigens 1 1 1 1 — 189— gerade in dieſem Augenblick zum erſten Male auf, daß ihm ſein Miethsmann noch in dem ganzen letzten Jahre die allerdings geringe Miethe nicht bezahlt hatte. Suſanne hatte indeſſen mit einem unendlich peinlichen Gefühle dem Geſpräch gelauſcht. Sie wußte, es war Verleumdung, was ihr Vater über den Geliebten ſagte, und er that es nur, um ſei⸗ nem Groll über ihn Luft zu machen— um ſie zu kränken. Und Chriſtian hatte ihn vertheidigt. — Einen Stich gab es ihr dabei durch's Herz, und ſie hätte Gott weiß was darum gegeben, jetzt gerade auf ihre Stube gehen zu dürfen, und ſich dort recht herzlich auszuweinen. Draußen ſchlug plötzlich der Hund an, und wollte ſich nicht wieder beruhigen, und der alte Liſchke ging endlich hinaus, zu ſehen, was es gäbe. Chriſtian war indeſſen in ein Geſpräch mit Paſtor Meier über Ernte und Getreidepreiſe verwickelt worden, und warf nur manchmal einen ſcheuen Blick nach Suſannen hinüber, die ſich jetzt, mit ihren Anordnungen zu Stande, zur Frau Paſtorin geſetzt hatte, und ſie nach ihrer Wirthſchaft, nach ihren Kindern frug. Sie that doch gar nicht, als ob er in der Stube wäre. „Das weiß der Henker, was heute da draußen los iſt,“ ſagte der Alte, der eben wieder zurück 8 — 190— in die Stube kam und ſein Käppchen auf dem Scheitel hin und her ſchob.„Sonſt rührt ſich hier draußen Abends keine Seele, ausgenommen an Holztagen, wenn die Bauern mit ihrem Ge⸗ ſchirr vorüberkommen, und heute iſt der Hund alle Augenblicke bei der Hand und bellt und knurrt in Einem fort.“ „Ich dächte, ich hätte Jemanden draußen gehen hören,“ ſagte Chriſtian. 4 „Ja,“ erwiederte der Alte,„es war ein Herr draußen, der nach Dr. Schreiber frug— es iſt glaub' ich Jemand krank geworden. Warten mochte er nicht; er will ſpäter wiederkommen.“ „Unten an der Ecke der Straße,“ ſagte Paſtor Meier,„ſah ich, als wir hierher zu Ihnen kamen, zwei Mann von der berittenen ſchwarzen Polizei, die, wie ich glaubte, Saaldorf heute plötzlich ver⸗ laſſen hätte, vorüber reiten. Einzelne müſſen doch wohl noch zurückgeblieben ſein, und der Hund wittert die vielleicht. Den Geruch von Schwar⸗ zen können die Thiere am wenigſten vertragen.“ „Kann ich ihnen auch nicht verdenken,“ lachte der alte Liſchke;„das ſchwarze Volk ſeh' ich auch lieber gehen wie kommen, und wenn ſie zur Po⸗ lizei gehören— das Stehlen laſſen ſie doch alle mit einander nicht. Was die aber nur hier her⸗ um zu ſchnüffeln haben, möcht' ich wiſſen.“ — 191— „Was ich darüber geſtern Abend aus Lieute⸗ nant Walker's eigenem Munde gehört,“ ſagte Paſtor Meier,„ſo ſind ſie einem oder gar zwei Buſchrähnd⸗ ſchern auf der Spur, die ſich, vom Murray vertrie⸗ ben, hier in die Anſiedelungen gezogen haben ſollen.“ „Na ja, die könnten wir hier noch gebrauchen,““ ſagte Liſchke,„als ob wir nicht ſchon genug ſoge⸗ nannte anſtändige Buſchrähndſcher hier unter uns zu füttern hätten! Na, hoffentlich kriegen ſie die Kerle beim Kragen, ehe ſie Unheil anrich⸗ ten, und dann will ich mir die ſchwarzen Halun⸗ ken auch ſo lange hier gefallen laſſen— aber da kommt die Alte— na, das iſt recht, Mutter, daß Du Dich auch einmal bei uns ſehen läßt. Was nun noch zu thun draußen iſt, mag die Magd be⸗ ſorgen; die Frau Paſtorin hat ſchon mit Schmer⸗ zen auf Dich gewartet, und der Chriſtian möchte auch der Mutter guten Abend ſagen.“ „Die Frau Paſtorin ſind gar zu gütig,“ ſagte die Frau, indem ſie die erſt draußen ſauber ge⸗ waſchene Hand noch einmal an der ſchneeweißen Schürze abwiſchte und ſie dann mit einem höflichen Knix ihrem Beſuch reichte.—„Seien Sie uns recht herzlich willkommen in unſerem Hauſe, und ich wünſche uns Allen, daß der heutige Abend uns Heil und Segen bringen möchte,“— ſetzte ſie, nicht ohne einen Seitenblick auf ihren Mann, hinzu. — 192— An dem prallte das aber, wenn es ein Stich ſein ſollte, vollkommen ab, und lächelnd mit dem Kopfe nickend, ſagte er gutmüthig: „Das iſt ſo ihre Art— ſie meint's gut, aber wünſchen muß ſie Jemandem etwas, und wenn ſich's ſelber wäre, ſonſt iſt ſie nicht zufrieden.“ „Und ich denke, das bringt Niemandem Scha⸗ den, wenn man ihm etwas Gutes wünſcht,“ er⸗ wiederte in einem faſt gereizten Tone die ſonſt ſo ſtille gutmüthige Frau;—„wir haben's Alle nöthig, daß uns der liebe Gott in ſeinen Schutz nimmt, und uns ſeine Hülfe angedeihen läßt— und Hochmuth, Gotthelf— Hochmuth kommt vor dem Fall.“ „Ja wenn Du Dir das nur,“— rief der alte Liſchke, beſann ſich aber raſch und ſagte, der Frau die Hand hinüber reichend—„aber wir wollen uns ja heute Abend nicht zanken, Kathrine— ich weiß wohl, Du meinſt es mit allen Menſchen gut, und es war nur ein Scherz. Wie weit biſt Du denn mit dem Eſſen?“ „Wenn ich nur wüßte, wann der Herr Doctor käme,“ ſagte die alte Dame, die bei der Frage alles Andere vergaß;„aber ſo hat er es ſo unge⸗ wiß gelaſſen, und ich möchte doch auch nicht, daß er nacheſſen ſollte. Jedenfalls iſt er irgendwo —e 193— bei einem Kranken feſtgehalten worden.— Er hat geſagt, wir ſollten nicht auf ihn warten.“ „Nun, eine Weile haben wir auch noch Zeit,“ ſagte Liſchke, nach der alten Schwarzwälder Uhr ſehend, die zwiſchen der Thür und dem Ofen hing, nund bis halb neun Uhr warten wir jedenfalls auf ihn, wenn Dir Dein Braten auch ein Bischen braun wird, Alte. Das iſt ein tüchtiger Mann, vor dem man Reſpect haben muß, und ſo ſtill und freundlich und ſo beſcheiden dabei. Der wird dem jungen Laffen, dem Doctor Stiefel oder Fie⸗ del wie er heißt, bald den Reſt hier in Saaldorf geben. Gelbſchnabel der, ſchnüffelt überall herum und quetſchte ſich auch hier herein und ſcharwen⸗ zelte und nahm das Maul voll, als ob er die Weisheit allein gefreſſen!— Hallo, was war das?“ unterbrach er ſich plötzlich ſelber, und horchte nach dem Fenſter hinüber.. „Hörten Sie etwas?“ frug der Paſtor. „Es war mir beinahe ſo, als ob ein Schwar⸗ zer ku— ihte,“ ſagte der Alte, und Suſannen ſtockte bei den Worten das Herzblut. Die Pulſe hörten ihr auf zu ſchlagen, und ſie fühlte, wie ſie todtenbleich wurde. Glücklicher Weiſe ſah Niemand auf ſie— ſie wandten ſich Alle dem Fenſter zu, und ſie gewann Zeit ſich zu ſammeln. Draußen übrigens blieb es todtenſtill— ſie konn⸗ Gerſtäcker. III. 43 3 — 194— ten den Hund knurren hören, aber dann regte ſich Nichts weiter. „Es iſt vielleicht Einer jener ſchwarzen Schaar geweſen,“ ſagte Paſtor Meier endlich, indem er vom Fenſter zurücktrat.„Sehr wahrſcheinlich pa⸗ trouilliren die Burſchen heute durch die Straßen, und das iſt ja ihr gewöhnlicher Zuruf. Wenn ſie nicht da ſind, laſſen ſich unſere eigenen Schwar⸗ zen hier in Saaldorf ſehr häufig in ſolcher Art vernehmen. Nur ſeit die Polizei hier eingerückt, ſind ſie plötzlich wie in den Boden hinein ver⸗ ſchwunden. Selbſt meine Schwarzen draußen auf der Miſſion haben die ganze Zeit ihr Lager nicht verlaſſen, und halten ſich vollkommen ſtill und zurückgezogen. Sie haſſen dieſe„civiliſirten“ Schwarzen, die ſie für Verräther an ihrem Volke zu halten ſcheinen, und mögen Nichts mit ihnen zu thun haben.“ „Es war Nichts,“ ſagte auch Liſchke—„geht uns auch eigentlich Nichts an, was ſie draußen treiben, denn wir haben hier drinnen mit uns ſelber genug zu thun. Sie ſelber, mein guter Herr Paſtor und Ihre liebe Frau habe ich näm⸗ lich heute Abend zu mir eingeladen, Zeuge eines kleinen Familienfeſtes zu ſein, das wir mitſammen feiern wollen.“ Die Mutter hatte, während der Vater ſprach, — 195— ihren Blick ängſtlich auf die Tochter geheftet, und ihrem ſorgenden Auge entging keineswegs, welche Veränderung plötzlich in den Zügen des Kindes vorgegangen war. Sie winkte auch verſtohlen dem Alten, noch eine Weile mit der Eröffnung einzuhalten— daß er ſich von ſeinem Starrkopf nun einmal nicht abbringen ließ, wußte ſie ja außerdem.— Aber Liſchke, wenn er die Bewe⸗ gung ja bemerkte, achtete nicht im Mindeſten darauf, warf nur einen Blick um ſich, um ſich zu überzeugen, daß Beide, Chriſtian wie Su⸗ ſanne, im Zimmer wären, und fuhr dann freund⸗ lich, aber auch entſchloſſen fort:. „Hier der junge Burſch, Chriſtian Helling, den Sie Alle kennen, der mit uns über See ge⸗ kommen, und ſich die ganzen Jahre nicht allein als ein wackerer, fleißiger Mann gezeigt, ſondern ſich auch eben durch ſeinen Fleiß und ſeine Spar⸗ ſamkeit ſo viel erübrigt hat, mit gutem Muth einen Hausſtand beginnen zu können, hat bei mir und der Mutter um Suſannens Hand angehalten, und wir ſind Beide geſonnen, ſie ihm zu geben.“ „Daß ich mein Leben daran ſetzen werde, ſie glücklich zu machen, Vater,“ rief jetzt Chriſtian, indem er aufſtand und des Alten Hand ergriff, „darauf können Sie ſich verlaſſen;— wenn Su⸗ ſanne mir ihr Schickſal anvertrauen will, ſoll ſie, 13* 5 — 196— wie ich zu Gott hoffe, den wichtigſten Schritt ihres Lebens nie bereuen.“ „Das bin ich überzeugt, mein Junge, das bin ich überzeugt,“ ſagte der Alte gerührt.—„Dein Herz iſt ſo gut und geſund und kräftig wie Dein Körper, und Du virſt ſie ni th leiden laſ⸗ ſen, ſo lange es auf Dich ankommt. Dafür, denk' ich, helfen wir aber auch ein Bischen mitſorgen, und der alte Liſchke hat nicht umſonſt hier die langen Jahre in Auſtralien geſchafft und gewirth⸗ ſchaftet, um nicht auch etwas mehr hinter ſich zu bringen, als er eben brauchte. Daß Ihr einen ordentlichen Anfang zum Leben bekommt, dafür dürft Ihr ſchon den Alten ſorgen laſſen— nur für das Uebrige müßt Ihr weiter ſehn.“ „Chriſtian iſt ein guter Menſch,“ ſagte jetzt auch die Mutter i einem verzweifelten Ent⸗ ſchluß, um der Tochter noch einmal zu Hülfe zu kommen—„er würde gewiß ſein Möglichſtes thun, unſer Kind glücklich zu machen, aber—* „Er wird ſich auch in Reſpect zu ſetzen wiſſen,“ fiel ihr hier der Alte mit einem bezeichnenden Blick in die Rede,„denn die Frau ſoll dem Manne treu ſein und ihm gehorchen, ſo lehrt es uns ſel⸗ ber die heilige Schrift.“ „Lieber Herr Liſchke,“ nahm hier Paſtor Meier das Wort,„ich kann mich nur aufrichtig freuen — 197— über Ihre Wahl. Herr Helling iſt uns Allen hier als ein wackerer, redlicher Mann bekannt und all⸗ gemein geachtet. Suſanne ſelber iſt ein liebes, braves Mädchen, und Gott wird ein ſolches Band gewißlich ſegnen. Ich kann dem jungen, für einander beſtimmten Paar nur alles Gute und Heil und Segen wünſchen.“ „Und das auch ich, und recht aus vollem Her⸗ zen,“ ſagte die Frau Paſtorin, indem ſie auf Su⸗ ſannen zuging, und ſie recht herzlich küßte. „Ku— ih!“ tönte in dem Augenblick klar und deutlich der Indianiſche Ruf herüber, und klang genau ſo, als ob er aus dem gegenüberliegenden Weidegrunde käme. Suſanne ſchrak zuſammen und ihre Glieder zitterten. „Vater!“ ſagte ſie, während ſie ſich von der alten Dame frei machte und auf dieſen zutrat. „Du biſt ein gutes Kind,“ ſagte dieſer, der nur einen Augenblick nach dem Ton hinausge⸗ horcht hatte, ihn aber in dieſem Augenblick nicht wieder beachtete. Er nickte dabei der Tochter freundlich, aber auch mit einem ganz entſchloſſe⸗ nen Blick, der keinen Widerſpruch geſtattete, zu, und ſagte dann, ſich nach dem zuküuftigen Schwie⸗ gerſohne umſehend—„komm' her, mein Junge, — 198— gieb mir Deine Hand, und Du Suſanne— aber was hat das Mädchen?“ „Mutter!“ rief dieſes, fiel der alten Frau um den Hals und küßte ſie.—„Mutter!“ „Na komm mein Kind,“ bat dieſe, ſelber mit zitternder ängſtlicher Stimme—„aber ſo über⸗ eile doch auch die Sache nicht ſo, Liſchke, Du quälſt und ängſtigſt ja das arme Mädchen.“ „Ach papperlapapp,“ brummte aber der Alte, „was helfen denn die Zierereien?— na?“ ſetzte er erſtaunt hinzu, als Suſanne plötzlich, nachdem ſie die Mutter noch einmal geküßt, das Zimmer raſch verließ und die Thür hinter ſich in's Schloß warf—„na, das fehlte mir auch noch“— und mit den Worten wollte er ihr nach. Hier aber trat ihm Chriſtian in den Weg und ſagte freundlich: „Bitte, Vater, laſſen Sie ihr einen Augenblick Zeit ſich zu ſammeln. Sie haben das arme Mäd⸗ chen ohnedies erſchreckt— es kam Alles ſo raſch und haſtig. Nach einer Weile wird die Mutter zu ihr gehen, und Suſanna dann gefaßt und ruhig ſein.“ 3 „Aber ich kann ſolche Angeſtellerei nicht lei⸗ den,“ ſagte der Alte ärgerlich.—„Sie iſt eines Bauern Tochter, und ſie thut gerade, als ob ſie von Marzipan wäre.“ 4 „Sie dürfen Ihr Kind nicht übereilen,“ ſagte — — 199— auch der Paſtor Meier freundlich zu dem alten Mann;—„laſſen Sie ihr nur Zeit; ein ſo wichtiger Schritt darf nicht mit ungeſtümer Haſt betrieben werden.“ „Nun meinetwegen,“ brummte der Alte,„ich ſehe aber nicht recht ein weshalb“— „Was iſt das?“ rief Chriſtian plötzlich, der indeſſen mit ſich gekämpft hatte, ob er Suſannen folgen ſolle oder nicht.—„Lärmen und Geſchrei?“ Die im Zimmer horchten den lauten Tönen und Ausrufungen, die von draußen zu ihnen her⸗ einſchallten und ganz in der Nähe zu ſein ſchienen. Gellende Stimmen wie von Wilden wurden dazwi⸗ ſchen laut, und während der Wachthund mit tol⸗ lem Gebell draußen an ſeiner Kette riß— ſchnitt ein ſcharfer Pfiff, faſt dicht unter dem Fenſter, durch den Lärm. „Ja, da müſſen wir aber doch einmal nach⸗ ſehen, was da vorgeht,“ ſagte der alte Liſchke, indem er an die Wand ging und ſeine dort hän⸗ gende Doppelflinte vom Nagel nahm. Er ſchoß manchmal nach den weißen Kakadus, die ihm in Feld und Garten kamen, und ſie blieb immer ge⸗ laden.„Da, Chriſtian, nimm Du dort den Sä⸗ bel, der gleich hinter der Thür am Bette ſteht, man kann ja doch nicht wiſſen, was da los iſt, und die Scheune liegt dicht an der Straße.“ — 200 ⸗— „Ach, Vater, bleib Du lieber hier,“ bat jetzt die Frau, indem ſie den Arm ihres Mannes er⸗ griff,„wenn am Ende die Schwarzen“ „Ach papperlapapp,“ brummte der Alte, in⸗ dem er ſich von ihr freimachte,„ſchnack Du und ein Anderer. Wir haben hier Polizei heute ge⸗ nug herum, uns nicht zu fürchten. Aber wer weiß denn, was ſie Einem draußen an Fenzen oder Garten anrichten, und nachzuſehen gehört ſich da. Komm, Chriſtian.“ So ohne ſich weiter zurück oder aufhalten zu laſſen, ſchritt der alte Liſchke mit ſeinem Gewehr im Arm und von Chriſtian begleitet und von dem Paſtor gefolgt, da ſich dieſer ebenfalls dem Zuge anſchloß, hinaus vor die Thür, wo ſie augenblick⸗ lich hörten, daß der Lärm ein kleines Stück den Weg herniedertönte. Es mußten dort eine An⸗ zahl Menſchen verſammelt ſein. So, ohne ſich lange zu beſinnen, gingen ſie raſch darauf zu. * 8. Capitel. Die Entführung. Wir haben den„rothen John“ im Hauſe jenes Händlers verlaſſen, wo er durch Hohburg's Hülfe und den Verrath ſeines frühern Kameraden mit einem Schlage ein hinreichendes Capital zu haben gedachte, ſich auf die eine oder die andere Art dadurch fortzuhelfen. Nur Geld— Geld mußte er haben— wie, blieb ſich gleich, und der Er⸗ folg in dieſem Falle war ja ſo gut wie ſicher. Ehe nur Jack London von irgend Jemandem ge⸗ warnt werden konnte, hatten ihn die Schwarzen umſtellt und gefangen— oder todtgeſchoſſen.— John hatte übrigens die Verhältniſſe des Lan⸗ des, in dem er unfreiwillig ſchon die langen Jahre lebte, viel zu genau kennen lernen, um ſich nicht der Gefahren, denen er fortwährend dabei ausgeſetzt blieb, vollkommen klar bewußt zu ſein. — 202— In dem Hauſe durfte er nicht bleiben. Der Deutſche konnte ihn einmal„in ſeiner Dumm⸗ heit,“ wie er ſich ausdrückte, verrathen— und das wäre das Schlimmſte geweſen, was ihm hätte paſſiren können; dann konnte aber auch eben ſo gut Einer der ſchwarzen, Poliziſten zufällig auf ſeine ihnen nur zu gut bekannte Fährte kommen, und in dem Falle wären ſie ebenfalls nicht lang⸗ ſam hinter ihm drein geweſen. Außerdem war ein Schenkhaus der ſchlechteſte Zufluchtsort für einen flüchtigen Buſchrähndſcher, noch dazu wenn es einen ſtets unter Aufſicht gehaltenen ticket of leave⸗Mann gehörte, und wie nur John ſeinen neugefundenen Kameraden dahin gebracht hatte, wohin er ihn haben wollte, zog er ſich ſelber vor⸗ ſichtig in den Buſch zurück, ſein Nachtquartier lieber in irgend einem Dickicht aufzuſchlagen. Mit dem Verrath des Kameraden ſpielte er allerdings, wie er recht gut wußte, ein gewagtes Spiel, denn er gab ſich ſelber dabei theilweiſe in Miller's Hände. Da er das aber wußte, traf er danach auch ſeine Vorbereitungen, und hatte vorſichtiger Weiſe mit Miller ausgemacht, ſei⸗ nen Antheil dem Wirth des Kramladens auszu⸗ liefern, wo er ihn dann ſchon„gelegentlich ab⸗ holen würde.“ Spielte der Burſche ein falſches Spiel mit ihm, ſo erfuhr er das bei Zeiten durch 1 — 203— ein mit dem Wirth abgeredetes Signal, und verlor dann allerdings das Geld, brachte ſich aber ſelber in nicht viel größere Gefahr, als er jetzt ſeinen Weg doch überall bedrohen ſah. Der Wirth ſelber durfte nicht wagen, ihn um das Geld zu betrügen, wenn er auch ſeine Pro⸗ cente natürlich davon forderte— den Deutſchen hatte er durch Drohungen eingeſchüchtert, weiter konnte er in der Sache Nichts thun. Miß⸗ glückte es, ſo war es ja nur ein Verſuch geweſen, und er ſelber auf nichts Schlimmeres angewieſen, als eben jetzt auch— auf Raub und Mord— auf Flucht und Verfolgung. Von der ſchwarzen Polizei hatte er allerdings noch Niemanden geſehen, trug aber auch nicht das geringſte Verlangen danach; lagerte deshalb, wie ſchon erwähnt, die Nacht im Buſch, der ſchon dicht hinter dem Hauſe begann, und hielt ſich dort auch am nächſten Morgen auf. Nur zu bald ſollte er übrigens erfahren, wie nöthig dieſe Vorſicht geweſen, denn kaum hatte er ſein Frühſtück in dem kleinen Hinterſtübchen des Gebäudes, in das er ſich am Morgen hinein⸗ geſchlichen, verzehrt, und ſich dann wieder in ſein Verſteck in ein kleines Bankfſia⸗Dickicht zurückgezo⸗ gen, als ein Detachement der ſchwarzen Polizei dort vorbeikam, am Hauſe hielt, und es von oben bis — 205— faſt zog er ſich langſam und nach und nach weiter in den Buſch zurück. Damit verging der Tag; wie aber die Sonne ſank, und im Walde drin die Schatten ſchon düſterer wurden, glaubte er auch etwas von ſeiner Vorſicht nachlaſſen zu können. Das wäre ihm jedoch beinahe ſchlecht bekom⸗ men. Eben hatte er den Rand einer kleinen Lichtung erreicht, und wollte ſich gerade aus dem Buſche, hinter dem er noch verſteckt lag, empor⸗ heben, als er ſich dort etwas bewegen ſah, und wenige Secunden ſpäter einen der ſchwarzen Schaar erkannte, der vorſichtig aus dem gegen⸗ überliegenden Buſche herüberhorchte, eine Weile in der Stellung blieb, und dann ſich wieder in daſſelbe Dickicht zurückzog, aus dem er herausge⸗ kommen. „Da haben wir's,“ brummte John leiſe vor ſich hin, als die Gefahr für den Augenblick vor⸗ über war—„noch einen Schritt weiter, und ich wäre der ſchwarzen Beſtie gerade in den Rachen gelaufen. Schöne Geſchäfte das; und wo der Halunke jetzt herumkriecht, liegt gerade mein Ge⸗ wehr verſteckt. Finden wird er's freilich nicht, aber ich kann auch nicht dazu, und ſitze jetzt hier in einer ganz vermaledeiten Lage. So viel aber iſt gewiß, der Buſch hier iſt richtig eingeſtallt— — 204— unten durchſuchte. Fährten waren freilich in dem überall zertretenen und hartgeſtampften Boden nicht zu erkennen, und die Burſchen mußten un⸗ verrichteter Sache wieder abziehen. Obgleich ſie das aber ſcheinbar thaten, blieben doch ein Paar, wie dem auf der Lauer Liegenden nicht entging, in der Nähe zurück. Außerdem erregte noch ein Weißer ſeinen Verdacht, der mehrmals über Tag den Laden be⸗ ſuchte— angeblich etwas zu kaufen— ſich aber immer länger dort aufhielt, als eigentlich nöthig geweſen wäre. Der Mann ging allerdings ganz gewöhnlich in Civil gekleidet; John hatte aber für dergleichen Leute ein viel zu gutes Auge, und auf den erſten Blick den verkappten Conſtabel in ihm erkannt. Hier war er alſo nicht mehr ſicher; irgend etwas hatten die Burſchen von ihm geſpürt, ihr Verdacht war auf irgend eine Art geweckt worden, und John beſchloß deshalb dieſen gefährdeten Platz zu verlaſſen, und ſich ein anderes Verſteck aufzuſuchen. Dabei ging er äußerſt vorſichtig zu Werke, denn er wußte recht gut, daß der ſich Be⸗ wegende von einem irgendwo Verſteckten oder auf der Lauer Liegenden nur zu leicht geſehen werden kann. Auch Fährten zu hinterlaſſen mußte er ſoviel als möglich vermeiden, und Zoll für Zoll — 206— was die Halunken für Naſen haben!— und wenn ich mich weiter hinaus wage, laufe ich einem der Lumpe jedenfalls in die Fänge— wenn ich nur mein Gewehr wenigſtens hätte!“ Er blieb wieder eine ganze Weile ſtill und regungslos liegen und horchte nach allen Seiten hin, aber Nichts bewegte ſich weiter. Der Buſch war todtenſtill; aus weiter Ferne tönte das wilde Kreiſchen eines Schwarmes weißer Kakadu's her⸗ über, und nur einmal erſchreckte ihn das gellende lachähnliche Geſchrei eines elſterartigen Vogels, des ſogenannten„lachenden Eſels,“ das plötzlich aus demſelben Baume heraus, unter dem er lag, zu ihm niedertönte. Mit einem unterdrückten, aber deshalb nicht weniger herzlich gemeinten Fluch ſah er vorſichtig zu dem Vogel empor, der jetzt über ihm von Zweig zu Zweig flatterte, durfte aber nicht wagen, ſich weiter zu regen, denn aus eigener Erfahrung wußte er recht gut, daß das Geſchrei des verſch euchten Vogels irgend einen dort auf der Lauer liegenden Schwarzen augen⸗ blicklich auf die Stelle aufmerkſam gemacht hätte. Der Vogel ſuchte ſich endlich aus freiem Antriebe einen andern Platz, und John dachte nun auch ernſtlich auf ſeinen Rückzug. Hier hinaus durfte er nicht weiter, ſo viel ſtand feſt, und nach dem Hauſe des Händlers zu wäre — 207— es wahrſcheinlich noch gefährlicher geweſen zu ent⸗ kommen. Das Beſte war, er blieb ein Paar Tage in einem der eingefenzten Felder verſteckt. Provi⸗ ſionen für die Zeit wie eine große Quartflaſche mit Rum hatte er bei ſich und Waſſer— ei zum Henker, wenn er Rum hatte, brauchte er kein Waſſer, ohne das er ſich überdies ſchon manchen Tag im Buſche beholfen. Sobald ſeine Feinde dann Nichts mehr von ihm hier ſpürten und Jack London abgefaßt hatten, zogen ſie ſich ſchon von ſelber aus der Gegend. Hatte ihn„Miller“ freilich verrathen, ſo blieb ihm Nichts weiter übrig, als auf ſeine Flucht zu denken, und über⸗ dies blieb es das Beſte für ihn— wenn irgend möglich, dieſe von den Schwarzen unſicher ge⸗ machte Gegend jetzt auf eine Zeitlang zu verlaſ⸗ ſen. Lieferte Miller das Geld aber ab, ſo war es für ihn nicht verloren, und er konnte dann immer ſpäter zurückkommen. Nur die Schwarzen mußten erſt fort ſein. Mit dieſem Entſchluß wartete er nur die ein⸗ brechende Dämmerung ab, unter deren Schutz er ſeinen Rückzug beſſer bewerkſtelligen konnte, und verfolgte dann immer noch langſam und ſcheu umherhorchend ſeinen Weg. Die Vorſicht ge⸗ brauchte er übrigens noch außerdem, ſeine Schuhe auszuziehen und den einwärts gehenden Schritt — 208— der Schwarzen ſo viel als möglich nachzuahmen. Kamen ſie dann auch auf die Fährte, ſo konnten ſie ihn nicht daraus erkennen. Es war ſchon ziemlich dunkel geworden, als er endlich die Straße und mit dieſer auch wieder eine Fenzecke erreichte, und er zögerte hier, ob er den breiten Weg betreten ſolle oder nicht. Seine Spuren verſchwanden dort allerdings mehr, aber er blieb da auch größerer Gefahr ausgeſetzt, in den Fenzen, zwiſchen denen er nicht überall ausweichen konnte, überraſcht zu werden. Außerdem erkannte er den Platz, wo er ſich befand. Es war das letzte Gebüſch der Stadt zu, gar nicht ſo weit vom Hauſe des alten Liſchke entfernt, und eben wollte er über die nächſte Fenz klettern, um in das Feld zu kommen, als er einen leichten Wagen ganz langſam nahen hörte. Er drückte ſich in den Buſch, dieſen erſt vor⸗ über zu laſſen, und es war eben noch hell genug zu erkennen, daß Niemand darin ſaß. Nur der Kutſcher lehnte läſſig auf ſeinem Bock, hielt dann und wann einmal eine kurze Zeit, ſah ſich vor⸗ ſichtig nach allen Seiten um, und ließ die Pferde nachher wieder langſam ein Paar Schritt weiter gehen. Das Benehmen deſſelben fiel John auf. Eine Kutſche oder ein Cabriolet war überdies auf dieſem 1 — 209— Wege etwas höchſt Ungewöhnliches, und was hatte der Burſche ſich dabei immer ſo ſcheu umzuſehn, und an der Seite der Straße, ſo dicht am Buſche wie möglich zu halten? Jedenfalls war hier nicht Alles, wie es ſein ſollte— hatte Jack London vielleicht den Wagen für ſich beſtellt?— dann wären ihm am Ende die funfzig Pfund entgangen. — Oder ſollte Miller am Ende gar zu furchtſam geweſen ſein, die Anzeige überhaupt zu machen? — Er mußte jedenfalls darüber Gewißheit haben, und brauchte ſich auch gerade nicht zu ſcheuen, von dem Kutſcher auf der Straße geſehen zu werden. Fußgänger buffrig ja den Weg zu allen Zeiten. Das Beſte blieb je enfalls, ein Geſpräch mit ihm anzuknüpfen, und die Gelegenheit dazu bot ſich vortrefflich.. Dicht neben ihm, ohne daß ihn der Mann auf dem Bocke, unter dem ſchattigen Baum, unter dem er ſtand, geſehen hätte, hielt der Wagen wieder, und der Kutſcher brummte, während er die Pferde einzügelte, einen leiſen aber herzhaften Fluch in den Bart. 3 „Hallo, Mate,“ ſagte da John plötzlich, ohne jedoch ſeinen Platz zu verlaſſen,„wo wollt Ihr noch ſo ſpät Abends mit Euerer Staatskutſche hin? Ihr ſcheint hölliſch in Eile zu ſein. Schade, Gerſtäcker. III. 14 — 210— daß wir nicht einen Weg haben, ſonſt könnt' ich eine Strecke in dem Kaſten Paſſage nehmen.“ „Hallo, Mate?“ ſagte auch der Kutſcher jetzt, ſich raſch und erſtaunt nach der Stelle um⸗ ſehend, von der die Stimme kam;„wer ſeid Ihr eigentlich, und was macht Ihr hier?“ „Ich komme von Adelaide,“ erwiederte ruhig John,„und habe mich eben hier ein wenig aus⸗ geruht. Bin heute mit dem Fuß in einen Dorn getreten, und kann jetzt nicht raſch marſchiren. „Hm— ſo— ſeid Ihr hier in der Gegend bekannt?“ „Ein wenig— nicht gerade beſonders. Bin ſchon ein Paar Mal die Straße auf⸗ und abge⸗ gangen.“ „Könnt Ihr mir denn ſagen, wo hier ein alter Deutſcher Blechſchmied Namens Liske oder Biſchke oder ſo ein verwünſchter Name wohnt?“ „Hatt' ich doch am Ende recht!“ dachte John bei ſich und ſagte: 1 „Ja wohl, Mate— gar nicht ſo ſehr weit von hier. Will der alte Blechſchmied heut' Abend noch ſpazieren fahren?“ „Hm— vielleicht,“ brummte der Kutſcher, 1 der Antwort ausweichend;„wenn's ihm Spaß macht. Aber noch Eins, Mate— iſt hier in der Naäͤhe kein Schenkhaus, wo man einen Schluck — 211— Rum bekommen könnte? Hol's der Teufel, ich muß meine Flaſche aus der Taſche verloren, oder zu Hauſe vergeſſen haben, und ſitze jetzt hier wie ein Fiſch auf dem Trocknen. Wenn's nicht weit iſt, hätt’' ich noch Zeit hinzufahren, denn über Nacht verdurſt' ich ſonſt.“ „So?“ lachte John, dem das„über Nacht“ keineswegs entging und ſeinen Verdacht nur be⸗ ſtätigte.—„Ein Wirthshaus iſt allerdings weiter unten, aber es iſt doch noch eine gute Strecke hin. Uebrigens kann ich Euch vielleicht aushelfen, Mate. In der Noth darf man einen Kameraden nicht verlaſſen, und ich habe mehr Rum bei mir, als ich heute trinken kann. Weiter unten find' ich überdies andern.“ „Das war ein Wort,“ rief der Kutſcher, der auf einmal auf ſeinem Bock lebendig wurde— „dank' Euch, Mate— wollte, ich könnte Euch wieder einmal gefällig ſein.“ „Lieber Gott, wer weiß,“ ſagte John, indem er ihm die Flaſche reichte;„eine Hand wäſcht die andere, und auf der Welt fügt ſich das manch⸗ mal ſonderbar. Aber wenn Ihr nicht ſo in Eile ſeid, ſo ſteigt ein Bischen ab. Wollt Ihr denn noch weit heut Abend?“ „Ein tüchtiges Stück,“ ſagte der Mann, in⸗ dem er anſetzte und einen langen Zug aus der 4 . 14* 7 — 212— Flaſche that.„Donnerwetter, der Rum iſt gut! — aber wie ſpät iſt's wohl?“ „Nach dem Licht muß es etwa ſieben vorbei ſein.“. „Noch nicht ſpäter?“ brummte der Kutſcher, indem er nur zögernd die Flaſche zurückgab,„da hätt' ich mich bös in der Zeit verſehen.“ „Ihr ſeid noch zu früh?“ frug John vor⸗ ſichtig. „Hm, ja— ein Bischen— wie weit hab' ich wohl bis zu dem Haus von hier zu fahren 24* „Vielleicht zehn Minuten, denk' ich, wenn Ihr Eure Pferde laufen laßt— vielleicht nicht ſo weit.— Scheinen ein Paar muntere Thiere zu ſein.“ „Laufen wie der helle Teufel,“ verſicherte der Kutſcher, in dem angenehmen Gefühl, ſeine Pferde loben zu können.„Sollen aber auch noch eine tüchtige Strecke heut' Abend ausgreifen.“ „Na, dann laßt ſie noch einen Augenblick ruhen, wenn Ihr Zeit habt,“ meinte John, der ſich hier ziemlich ſicher fühlte, denn in der jetzt einbrechen⸗ den Dunkelheit und mit dem Buſch neben ſich hatte, er Nichts zu fürchten.„Wenn Ihr die ganze Nacht fahren wollt, wird Euch ein tüchtiger Schluck Rum im Magen gewiß Nichts ſchaden.“ „Nein, wahrhaftig nicht!“ rief der Kutſcher, — 213— „und Ihr meint, es wäre noch nicht weiter als ſieben Uhr?“ „Höchſtens ein Viertel auf acht. An der Kirche in Saaldorf ſchlug's drei Viertel, als ich dort vorbeiging, und das kann höchſtens eine halbe Stunde ſein.“ „Dann hab' ich auch noch eine gute halbe Stunde Zeit,“ rief der Mann, indem er ſeine Zügel zuſammennahm und dicht neben John vom Bocke ſprang;„hol's der Henker, ſolch einen Rum krieg' ich doch nicht wieder, bis ich nach Gapler⸗ town komme— und ſelbſt dann ſind vielleicht die Buden alle zu.“ „Nach Gaplertown? hm, eine hübſche Strecke; da werden die Pferde warm werden— aber der Weg iſt gut.— Wollt' übernachten in Gapler⸗ town?“ „Bſt, Mate,“ ſagte der Mann, nachdem er noch einen herzhaften Schluck aus der ihm wieder dargereichten Flaſche gethan—„darf nicht aus der Schule ſchwatzen.“ „Haha, ich verſtehe,“ lachte John—„„hat Jemand hier Schulden und will heimlich durch⸗ brennen. Na, mich geht's Nichts an, von mir hat er Nichts zu fordern, und ich verrath' ihn nicht. Uebrigens werd' ich wohl ſchwerlich wieder — 214— in die Gegend kommen, und kenne auch Nieman⸗ den hier.“. 8 „Schulden ſind's nicht!“ lachte aber der Kutſcher, indem er ſeinen neugewonnenen Freund, durch den Rum geſprächig gemacht, zutraulich in die Seite ſtieß—„Liebesgeſchichte— verſtanden?— Die zahlen auch am Beſten, denn mit Einem, der wegen Schulden durchbrennt, kann unſer Einer keine Geſchäfte machen. Die Art iſt froh, wenn ſie zu Fuße laufen kann.“ „Liebesgeſchichte, ſo?“ ſagte John, wie ver⸗ ächtlich mit dem Kopfe ſchüttelnd;„hätte gar nicht gedacht, daß Jemand hier in Auſtralien deshalb durchbrennen müßte. Der Mädchen laufen doch gerade genug in der Welt herum.“ „Aber nicht lauter Goldfüchſe,“ lachte der Kutſcher, der die Flaſche noch immer nicht los⸗ ließ, und einen neuen Angriff darauf beabſichtigte. „Der alte Niſchke oder Piſchke, wie der Kerl heißt, ſoll ſteinreich ſein, und ich denke mir, die Tochter wird ſich wohl einen Sack voll Goldſtücke mit auf die Fahrt nehmen.“ „Phew—“ pfiff John leiſe zwiſchen den Zäh⸗ nen durch, denn im Nu fuhr ihm ein neuer Ge⸗ danke durch's Hirn, der ihm ſelber, dem abge⸗ härteten Verbrecher, das Herz raſcher ſchlagen machte—„Das glaub' ich, da wird das Glücks⸗ — 215— kind, das ſich eine ſolche Frau ſtiehlt, auch nicht ſchlecht zahlen.“ „Ich verdiene ſechs Pfund, wenn ich ſie bis b morgen früh glücklich nach Tanunda bringe.“ „Iſt immer noch wenig!“ brummte John, „wenn er vielleicht fünfhundert damit verdient.“ „Oder noch mehr,“ ſagte der Kutſcher, indem er die Flaſche wieder anſetzte;„na, ein Trinkgeld muß er noch außerdem herausrücken. Aber hier habt Ihr Euere Flaſche wieder,“ ſetzte er plötzlich hinzu, indem er John die ſtark benutzte und um Vieles leichter gewordene zurückgab.„Jetzt wird's doch am Ende Zeit, daß ich aufbreche— habt auch ſchönen Dank, der Rum hat mir gut gethan.“ „Ihr ſollt wohl um acht Uhr am Hauſe ſein?“ frug John. „Ja, oben am Garten; aber es wird wohl ſchon Jemand dort auf mich warten, der mir den Platz zeigt.“ Er wandte ſich bei den Worten um, nahm die bis jetzt um den Arm geſchlagenen Zügel der Pferde wieder zuſammen, und legte die linke Hand auf das Geländer ſeines Bocks, hinaußzuſteigen, als ihn plötzlich ein mit voller Kraft und nur zu ſicher geführter Fauſtſchlag des Buſchrähndſchers an den rechten Schlaf traf und ohne einen Laut bewußtlos zu Boden ſchmetterte. — 216— John indeß, ohne ſich um den Gefallenen für den Augenblick weiter zu bekümmern, griff vor allen Dingen die Zügel der zuſammenſchreckenden Pferde auf, beruhigte dieſe mit ein Paar leiſen Worten, und band die Zügel dann in das Vor⸗ derrad. Darin geſichert wandte er ſich erſt zu ſeinem Opfer, knüpfte dieſem das Halstuch ab und drehte es mit geübter Hand zu einem ſicheren Knebel, den er dem Betäubten in den Mund ſchob, und machte ſich dann daran, ihm vor allen Dingen den Rock auszuziehen. Das war bald geſchehen. Dann band er ihm mit kurzen Seilen, die er ſtets bei ſich führte, die Hände auf den Rücken und die Füße zuſammen, und ſchleppte ohne weitere Umſtände den noch immer Betäubten etwas tiefer in den Buſch hinein und von der Straße ab. Dort überließ er ihn ziemlich unbe⸗ kümmert ſeinem Schickſal. „So,“ brummte er dann, indem er, auf den Platz zurückgekehrt, die zu Boden gefallene Flaſche wieder ſuchte und in die Taſche des Kutſchers ſchob—„nun dieſen alten Kittel ab, und den etwas reſpectableren meines guten Freundes dafür angezogen, und dann aus der Gegend hier mit Poſtpferden fort. Den Burſchen hat mir mein gutes Glück geſandt, und auf dem Bock da oben vermuthen mich die ſchwarzen Canaillen wahrlich — 217— nicht, wenn ſie mir auch ja in der Straße be⸗ gegnen ſollten. Und der im Buſche da drinnen? — hm, bis morgen früh liegt er ſicher genug, dann mögen ſie ihn meinetwegen finden und wie⸗ der Blut— es iſt am Ende beſſer ſo, obgleich es nachher auf eine Rechnung käme, und ſicher iſt immer ſicher.“ Er zögerte noch einen Augenblick, ſchüttelte aber dann, ſich eines Beſſern beſinnend, mit dem Kopfe, vertauſchte raſch die Röcke und ſetzte den ſchwarzen Hut des Kutſchers auf, zog ſeine Schuhe wieder an, warf ſeine alte Jacke mit Hut in den Buſch hinein, griff die Peitſche auf, band die Zügel los, ſtieg auf den Bock und fuhr wenige Secunden ſpäter langſam die Straße hinauf, dem bezeichneten Platze zu. Es war indeſſen ſo dunkel geworden, daß er die Gegenſtände um ſich her kaum noch erkennen konnte. Menſchen begegnete er dabei gar nicht, einen leeren Leiterwagen ausgenommen, der aus der Stadt kam. Einmal war es ihm allerdings, als ob er eine dunkle Geſtalt an einer der Fenzen, zwiſchen denen er jetzt hinfuhr, hätte ſtehn ſehn, als er aber den Kopf dorthin wandte, konnte er Nichts mehr erkennen, und achtete auch in der That nicht weiter darauf. Still in ſich hinein lachte er aber, wenn er des Glücks gedachte, das — 218— ihm der Zufall hier ſo zur rechten Zeit und wirk⸗ lich in der höchſten Noth in den Weg geworfen. Freie und ſichere Paſſage, mit der er eine tüchtige Strecke zwiſchen ſich und ſeine Verfolger bringen konnte, ohne eine Spur zu hinterlaſſen, und ein Sack mit Gold, von dem er die beiden jungen Leute, wie ſich ſelber von ihnen, ſchon bald zu befreien gedachte. Was durfte er mehr verlangen? War er erſt einmal draußen aus dem Bereich menſchlicher Wohnungen, ſo wollte er mit dem Mann ſchon fertig werden; ging es gar nicht anders, warf er den Wagen um, und galoppirte dann mit einem Pferde und dem Golde in die Berge hinauf. Aber wo war er jetzt hingerathen? Dort drüben ſtand ein Haus, er konnte aber ſchon nicht einmal mehr erkennen, ob es das rechte ſei. „Bſt!“ rief ihn da von der Fenz aus eine leiſe Stimme an. „Hallo?“ brummte er leiſe vor ſich hin, indem er ſeinen Thieren in die Zügel griff—„wen haben wir hier?“ „Biſt Du es, Bill?“ frug die Stimme wieder. „Nun, wer ſoll's ſonſt ſein? Alles in Ord⸗ nung?“ lautete die Gegenantwort. „Aber wo bleibſt Du nur ſo lange— es iſt ſchon lange acht vorbei,“ rief Herr von Pick, der — 219— hier wie auf Kohlen die ganze Zeit auf der Lauer geſtanden hatte. „So?“ ſagte John erſtaunt—„ja da muß meine Uhr was nachgehn.“ „Fahr langſam zu!“ flüſterte der junge Mann jetzt, indem er zu dem Wagen kam und über den Schlag hineinſtieg,„ich werde Dir ſagen, wo Du anfahren und halten ſollſt.“— „Alles in Ordnung,“ brummte der Kutſcher, indem er das Handpferd leiſe mit der Peitſche berührte—„woh, mein Thierchen, nur hübſch langſam, daß wir nicht hier in der Dunkelheit gegen einen alten Baumſtumpf fahren. Sie paſſirten jetzt das Haus, deſſen erleuchtete untere Fenſter hell durch die Nacht ſchimmerten. Wie ſie vorbei waren, flüſterte von Pick: „Jetzt halte Dich etwas rechts, ſo dicht als möglich an der Hecke hin, bis wir zum Garten⸗ thor kommen— nur langſam, wir ſind gleich an Ort und Stelle.— Apropos, haſt Du vorhin ku—ih gerufen?“ „Nein,“ ſagte John raſch—„und haben Sie was gehöͤrt?“. „Es muß drüben an der andern Section ge⸗ weſen ſein. Halt— hier ſind wir an Ort und Stelle— noch mehr rechts, daß wir unter den Schatten von dem Baum kommen— ſo, gleich — 220— hier iſt das Thor— hier halt' nur. Die Dame wird, ſo wie ich gerufen habe, kommen, und ſobald wir eingeſtiegen ſind, fährſt Du im Anfang nicht zu raſch Deinen Weg weiter— Du kennſt doch die Straße?“ „Wie meine Taſche,“ verſicherte John, und er ſagte darin keine Lüge, denn er kannte alle Beide nicht, und wußte nur, daß er nach Norden,— wozu ihm die Sterne leuchteten, hinausfahren müſſe, dorthin zu kommen, wohin er ſelber wollte. „Gut denn— erſt alſo nicht zu raſch, damit der Wagen nicht zu viel Geräuſch mache. Sowie wir aber ein Stück weiter hin ſind, magſt Du die Thiere ausgreifen laſſen. Verſtanden?“ „Vollkommen!“ ſagte John, indem er ſeine Flaſche herauslangte, vorher noch einen tüchtigen Zug zu thun, und das Uebrige dann in aller Ruhe abzuwarten. Inwendig ſchüttelte er ſich aber ordentlich vor Lachen, daß ihm Alles ſo nach Wunſch geglückt und gelungen. Von Pick glitt indeſſen wieder aus dem Wa⸗ gen und an die gegenüberliegende Seite der Fenz, an der er hinſchlich, einen Augenblick horchte, und dann mit trichterförmig an den Mund gelegten Händen das verabredete Zeichen mit einem lauten „Ku— ih“ gab. Das gethan, ſprang er zur Gar⸗ tenpforte zurück, deren Schloß er ſchon vorher er⸗ — 221— brochen hatte, öffnete ſie und horchte in peinlicher Spannung den zum Hauſe führenden Weg hinab, ob er die Geliebte noch nicht kommen höre. Wohl zehn Minuten ſtand er ſo, und die Zeit dünkte ihm ebenſo viele Stunden,— endlich knarrte eine Thür— ein flüchtiger Schritt wurde auf dem Kieswege laut, ein dunkler Schatten ließ ſich erkennen, und im nächſten Augenblick hielt er die zitternde Geſtalt Suſannens in ſeinen Armen. „Mein liebes, liebes Mädchen—“ „Fort— fort!“ ſtoͤhnte dieſe,—„ich folge Dir, wohin Du mich führſt— ich kann— ich will dem Manne meine Hand nicht reichen.“ „Alles iſt bereit, mein ſüßes Herz,“ flüſterte ihr von Pick mit leiſer Stimme zu— indem er ſie raſch durch die Pforte nach dem Wagen führte—„in wenigen Minuten ſind wir aus ihrem Bereich.“ Ohne weiter ein Wort zu ſagen, folgte ſie ihm, glitt hinaus vor den Garten, ſprang von Oskar unterſtützt in den Wagen, und warf ſich dort, ihr Taſchentuch gegen die Augen gepreßt, in die Ecke. „So, und nun fort, mein Burſche!“ rief von Pick dem Kutſcher zu, indem er der Geliebten folgte, und den Schlag hinter ſich in's Schloß drückte—„langſam erſt kurze Strecke, und dann, was die Pferde laufen können.“ ⁸ — 222— „Werde das ſchon beſorgen,“ brummte John leiſe vor ſich hin, und ſchnalzte dabei mit der Zunge, die Pferde anzutreiben. Dicht vor den Thieren, die erſchreckt die Köpfe zurückwarfen, ſchallte plötzlich ein eben nicht lauter, aber ſcharfer, kurz abgeſtoßener Pfiff durch die Nacht. „Was iſt das?“ rief von Pick, erſchreckt die Höhe fahrend. „Weiß der Böſe!“ rief John, mit einem got⸗ tesläſterlichen Fluche, indem er ſeine Peitſche mit voller Wucht über die Thiere hinüberſauſen ließ —„vorwärts, ihr Beſtien!“ Wieder ſchallte der Pfiff, in demſelben Augen⸗ blick aber warfen ſich vorn drei oder vier dunkle Geſtalten den Pferden in die Zügel, und rechſs und links tauchten Andere auf und hielten ſich an beiden Seiten des Wagens. 4 „Hallo, was iſt das?— verdamm Euch!— Was thut Ihr da vorn an den Pferden?“ ſchrie John, mit voller Kraft ſeine Peitſche gebrauchend, ſich doch vielleicht noch Bahn zu brechen. „Im Namen der Königin, halt!“ rief ihm da eine finſtere gebietende Stimme zu.—„Rühr' Dich da oben noch, mein Burſche, und wir holen Dich im Nu von Deinem Bocke herunter!“ „Wer iſt da?— Was wollen Sie von uns?“ — 223— rief von Pick erſchreckt aus dem Wagen heraus; —„das iſt jedenfalls ein Mißverſtändniß.“ „Werden es wohl bald aufklären,“ erwiederte ihm dieſelbe tiefe Stimme, die vorher dem Kutſcher en Befehl zugerufen.„Zündet die Fackeln an, Ir Leute— und zum Teufel, haltet Ruhe! Was micht Ihr denn für einen Heidenlärm!“ Diejenigen der Schaar, die vorn die bäumenden Pfede hielten, hatten dieſe nämlich durch Schreien und Rufen zurückdrängen wollen, die Thiere aber dadurch nur noch ſcheuer gemacht, bis ſie den Wagn in ſeinem Gleis zurück und ſchräg ab gegen die Fenz ſchoben. „Voh— oh— Gott— mich! woh— ver⸗ maledeite Hunde!“ fluchte John zwiſchen den Zäh⸗ di eurch—„woh— oh—“ „Teufel!“ murmelte von Pick leiſe vor ſich hin, ſchob ſein Bein über den Schlag hinaus, und wollte eben in's Freie ſpringen. „Zurück da!“ donnerte ihm aber eine Stimme entgegen, und deutlich hörte er das Knacken eines Hahns. „Oh großer, allmächtiger Gott!“ ſtöhnte Su⸗ ſanne, der das Herzblut bei dem Ueberfall ſtockte, indem ſie ihr Geſicht in den gefalteten Händen barg;„das iſt die Strafe für die Frevelthat.“ „Das iſt jedenfalls ein Mißverſtändniß,“ rief — 224— indeß von Pick noch einmal in der vergeblichen Hoffnung zum Wagen hinaus, die Leute zu ver⸗ anlaſſen, ihn frei zu geben.„Ich habe eine Dame hier bei mir, und weiß nicht, weshalb Sie mich feſthalten.“ „Werden es gleich erfahren,“ brummte de vorherige Stimme ſehr lakoniſch zurück.—„Na, wird's bald mit Eueren Fackeln?— Das daiert ja eine Ewigkeit!“— „Halt— was geht hier vor— wer iſt da?“ riefen in dieſem Augenblick andere Stimmer. „Mein Vater!“ hauchte Suſanne, welde die Stimme erkannt, und Oskar von Pick ſetzt mit einem leiſen Fluch hinzu:„Na, der hat gerade noch gefehlt.“ In dieſem Augenblick ſchlug in der Mito Straße eine kleine dunkelrothe Flamme empit— eine Anzahl von Pechfackeln wurde darüber ge⸗ halten, und wenige Secunden ſpäter flammten ein halbes Dutzend glühende Lichter auf, die ihren unſtet zuckenden Schein über die wilden, wunder⸗ lichen Gruppen in der Straße warfen. „Hallo, wen haben wir da?“ rief der Vacht⸗ meiſter, als er einen flüchtigen Blick nach der Richtung zuwarf, von der die drei Deutſchen her⸗ überkamen—„doch das ſehen wir ſchon nachher. — Steht bei da vorn, und Jeden niedergeſchoſſen, „* — 225— der Miene zum Entfliehen macht. Und nun her mit Eueren Fackeln, daß wir uns unſeren Fang einmal bei Licht beſehen können.“ „Lieber Freund!“ flüſterte von Pick aus dem Wagen heraus dem Wachtmeiſter zu—„ich habe eine Dame hier bei mir, und mir liegt ſehr viel daran, daß die Leute hier im Haus—“ „Nicht erfahren, daß wir Sie abgefaßt haben, heh?“ lachte der Wachtmeiſter—„ja, das will ich wohl glauben.“ „Ich werde mich gern erkenntlich zeigen,“ fuhr von Pick fort, und ſtreckte dabei die Hand aus dem Wagen. „Her mit Eueren Fackeln, zum Teufel noch einmal!“ rief der Wachtmeiſter, der entweder die Bewegung gar nicht ſah, oder ſie nicht ſehen wollte—„Die Stimme klingt mir ſo verdammt fremd—“ Vier Burſchen der ſchwarzen Polizei ſprangen in dieſem Augenblick mit ihren flammenden Fackeln, zwei an die rechte und zwei an die linke Seite des Wagens, deſſen inneren Raum ſie dadurch grell und deutlich beleuchteten. „Alle Teufel!“ rief der alte Soldat, indem er einen erſten, keineswegs zufrieden geſtellten Blick auf den alſo in der Falle gefangenen Herrn von Pick warf—„das iſt doch nicht der ent⸗ Gerſtäcker. III. 15 — 226— laufene Buſchrähndſcher Jack London— und da ſitzt, Gott ſtraf' mich, eine Dame mit dabei. Jungens—“ „Was geht hier vor? was iſt das?“ rief in dieſem Augenblick aber auch der alte Liſchke, der mit ſeinen Begleitern nahe genug herangekommen war, bei dem Schein der hochgehaltenen Fackeln das ſehr bleiche und ſehr beſtürzte Geſicht des Herrn von Pick zu erkennen, obgleich dieſer, wie er die Stimme des Alten hörte, blitzesſchnell wieder ſo weit als möglich in den Wagen zu⸗ rückfuhr. „Nur ein Verſehn,“ brummte der alte Wacht⸗ meiſter verdrießlich vor ſich hin,„das uns jetzt wahrſcheinlich den ganzen Fang verdorben hat— ein Herr und eine Dame—“ „Eine Dame?“ rief der alte Mann, und es war ihm in dem Augenblicke, als ob ihm Jemand mit einer eiskalten Hand das Herz ergriffen und zerdrückt habe—„Eine Dame?— und der Bube dabei?— Licht her— Licht!“— Mit zitternden Händen drückte er, faſt ohne zu wiſſen, was er that, und nur mit der furchtbaren beklemmenden Angſt im Herzen, dem neben ihm ſtehenden Paſtor ſeine Flinte in die Hand und griff nach einer der Fackeln, die ihm der Schwarze, der ſie hielt, willig überließ. In demſelben Moment ſchon fiel der — 227— Schein derſelben in den Wagen, und auf die in ſich zuſammengebrochene Geſtalt der Tochter, die den Blick des Vaters nicht ertragen konnte, und ihr Antlitz mit dem Tuche verhüllte. Der alte Mann ſagte kein Wort— bleich und regungslos ſtand er wohl eine Minute lang, und ſtarrte auf ſein unglückliches verlorenes Kind — er ſah die Jammergeſtalt des Herrn von Pick kaum, die ſich daneben, mit einem höchſt beſchäm⸗ ten Geſicht ſo viel als möglich in die Wagenecke hineindrückte, und in dieſem Augenblick lieber Gott weiß was verſprochen hätte, einer ſolchen höchſt mißlichen und fatalen Situation entnommen zu ſein.— Aber noch ein anderes Herz neben ihm ſtand vernichtet und gebrochen— Chriſtian.— Auch er hatte bei dem hellen Schein der Fackel Suſanne und Herrn von Pick erkannt, und mit keiner Ahnung vorher, daß zwiſchen ſeiner Braut und dem Manne auch nur eine Art von Ver⸗ ſtändniß exiſtirt, traf ihn die Entdeckung jetzt— an dieſem Abend mit ſoviel gewaltigerem Schlage. Suſanne, die er mehr liebte als ſein eigenes Le⸗ ben, die er bis dahin für ſo treu und wahr und lieb und gut gehalten, war falſch— war im Begriff, vor ihm zu fliehen, und ein ganzes zer⸗ ſtörtes Lebensglück lag mit dem einen Blick vor ſeinen Augen. 15* — 228— „Fahr' zu, Kutſcher!“ ſagte da plötzlich der alte Mann, indem er von dem Wagenſchlag zu⸗ rücktrat, mit heiſerer, faſt erſtickter Stimme— „Ich habe kein Kind mehr, und die— Dirne mag hingehn, wohin ſie will.“ „Na, Platz denn da vorn, Ihr ſchwarzen— Herren!“ rief der Kutſcher, der ſich indeſſen da oben höchſt unbehaglich befunden, vom Bocke nie⸗ der—„heh— weg da, da vorn!“ „Halt— halt!“ rief in dieſem Augenblick Suſanne, die ſich gewaltſam emporraffte, das Tuch von ſich warf, und an von Pick, der ihr nicht das geringſte Hinderniß in den Weg legte, vorbei⸗ drängte. Der Wachtmeiſter, der dicht am Schlage ſtand, öffnete dieſen, und Suſanne ſprang heraus. „Vater!“ rief ſie, mit herzzerſchneidendem Weh in der Stimme—„Vater!“ und wollte ſich an ſeine Bruſt werfen. Der alte Mann drehte ſich aber von ihr ab und ſchob, nicht barſch aber entſchieden die ſich an ſeine Schulter ſchmiegende Geſtalt der Tochter von ſich.— „Ich habe kein Kind mehr,“ ſagte er leiſe, gab die Fackel wieder in die Hand eines der neben ihm ſtehenden Schwarzen, und ging mit langſamen feſten Schritten zum Hauſe zurück. 6 — 229— „Kommen Sie, Suſanne,“ ſagte in dieſem Augenblick, als das arme Mädchen verzweifelnd, vernichtet auf der Straße ſtand, der Paſtor Meier, indem er ihren Arm ergriff und in den ſeinen zog;—„kommen Sie zur Mutter“— und führte die ihm willenlos Folgende dem Hauſe wieder zu, wohin ihm Chriſtian Helling zögernd folgte. Ein wunderliches Zpiſchenſpiel trieben indeſ⸗ ſen die übrigen Fackelträger mit dem auf dem Bocke ſitzenden Kutſcher. Der Befehl ihres Lieutenants hatte ſie heute gegen Abend um das Liſchke'ſche Haus poſtirt, alle daſſelbe Verlaſſende anzuhalten, Niemandem aber, der hinein ging, ein Hinderniß in den Weg zu legen. Abends um elf Uhr ſollten dann plötzlich alle Eingänge beſetzt werden, und der Officier hoffte dadurch Mac Donald, der ſich über Tages vom Hauſe entfernt gehalten, in ſeine Gewalt zu bekommen. Der heinlich anlangende Wagen, das gegebene Zeichen, wie die beabſich⸗ tigte Flucht zweier Geſtalten ließen die auf der Lauer liegenden Schwarzen aber natürlich nicht anders glauben, als daß der entflohene Sträfling, der vielleicht erfahren, daß er verrathen ſei, ſich — 230— ihnen ſolcher Art entziehen wolle. Der Wacht⸗ meiſter, dem Lieutenant Walker die ganze Expe⸗ dition übergeben, ſah jetzt allerdings den Fehl⸗ griff, den er gemacht, und konnte ſich aus der Scene mit Vater und Tochter leicht denken, was hier vorgegangen. Vielleicht war übrigens noch nicht Alles verſäumt, und die erwartete Beute— wenn ſich nicht Mac Donald jetzt gerade zufällig in der Nähe befunden— ging ihnen doch am Ende noch in die Falle. Dann war es aber auch nöthig, ſo raſch als möglich Alles zu entfernen, was den Zurückkehrenden hätte aufhalten können, und mit ruhiger Stimme gab er jetzt den Befehl, die Fackeln auszulöſchen. Mabong, der indeſſen eine derſelben hielt, hatte ſich mehr aus alter Gewohnheit, Nichts un⸗ unterſucht und unbeſehn zu laſſen, was ſich ihm eben darbot, als irgend einem beſtimmten Ver⸗ dacht, bis dahin vergebene Mühe gegeben, das Geſicht des Kutſchers, der auf ſeinem Bocke wie auf glühenden Kohlen ſaß, in den Schein ſeines Lichtes zu bringen. Er hielt die flammende Leuchte, ſo hoch er konnte, in die Höhe, deckte ſich die Augen mit der Hand und ſchaute darunter weg. John aber, der ſeine ganz beſondere Ur⸗ ſache hatte, ſo wenig als möglich von ſich ſehen zu laſſen, zog ſeinen Kopf in den hohen aufge⸗ — 231— ſchlagenen Rockkragen zurück, rückte ſich den Hut tief in's Geſicht und ſchielte mit beiden Augen nach ſeiner Naſenſpitze nieder. Sein Geſicht, ohnedies halb im Schatten, gewann dadurch aller⸗ dings einen ganz fremden, aber auch ſo komiſchen Ausdruck, daß ein anderer Schwarzer, der ihm ſeine Fackel jetzt dicht vor die Augen hielt, laut auflachte. „Fort mit Euren Lichtern da!“ rief jetzt der Wachtmeiſter.„Mit dem Herrn da drinnen haben wir Nichts zu ſchaffen.— Thut mir leid, Sir, Ihnen heut' Abend, wie mir ſcheint, der Quere gekommen zu ſein.“ „Sie ſind ſehr gütig,“ ſagte von Pick mit verbiſſenem Ingrimm, indem er aus dem Wagen ſprang, und ſich ſeinen Hut feſter in den Kopf drückte.—„Jetzt erlauben Sie mir wohl, daß ich paſſiren darf— ich ziehe vor, nach Hauſe zu gehn.“ „Nach Belieben, Sir,“ erwiederte der Soldat, indem er ihm Platz machte—„und den Wagen laßt frei da vorn!“ wandte er ſich wieder zu ſeinen Leuten—„Was giebt es, Mabong?“ „Wart' ein Bischen!“ ſagte der Schwarze, dem die augenſcheinliche Scheu des Kutſchers vor der hellen Flamme auffiel. Zugleich beleuchtete er die ganze Geſtalt deſſelben von oben bis unten, Burſchen herunter, wenn er nicht gutwillig kom⸗ — 232— und entdeckte hier etwas, das ſein Mißtrauen nur noch ſteigerte, nämlich die von Dornen zerriſſenen und ausgefranzten Hoſen des vermeintlichen Kut⸗ ſchers, wie die in den groben Schuhen ſteckenden bloßen Füße deſſelben.— Auch der Wacht⸗ meiſter, der nach vorn mit einer anderen Fackel getreten war, betrachtete ſich jetzt aufmerkſam den Burſchen. „Hallo da, Sir!“ rief er ihn jetzt an,„ſeht einmal hier herüber, wenn’s Euch gefällig iſt!— Was der Kerl für ein verzweifeltes Geſicht ſchnei⸗ det, und wie ruppig er um die Beine herum ausſieht.— Komm' einmal herunter von da, mein Burſche und gieb Auskunft über Dich, nachher kannſt Du mit Deinem Kaſten fahren, wohin Du willſt.— Na, wird's bald, oder ſollen wir Dir Beine machen?“ „Weshalb halten Sie mich denn hier eigent⸗ lich auf offener Straße an!“ knurrte der Mann, ohne dem Befehl Folge zu leiſten—„Wenn der Herr da auf krummen Wegen war, was küm⸗ mert das mich? verliere jetzt ſo mein Fahrlohn bei der Geſchichte— hol's der Teufel!— Macht Raum da vorn und laßt Einem die Bahn frei!“ „Haltet die Pferde da vorn— und zwei von Euch ſteigt einmal hinauf und holt mir den — 233— men mag,“ rief der Wachtmeiſter, jetzt ziemlich feſt überzeugt, daß mit dem Mann nicht Alles in Ordnung ſei. „Arnſt da,“ knurrte jetzt der Kutſcher, der faſt vor Wuth ſchäumte, ſich auf ſo alberne Weiſe in Gefahr gebracht zu haben,„wenn Ihr denn keinen ordentlichen Menſchen ungeſchoren laſſen könnt, ſo hab' ich auch Nichts dagegen— paßt aber auf die Pferde da vorn. Wenn ich vom Bock ſpringe, wollen ſie jedesmal fort— Platz da!“ Zwei der Schwarzen traten nach vorn a Pferde, ſie zu halten, und die anderen gj dem Wege, damit der Mann herugg könnte. Auf den Augenblick hattzg net; das war ſeine letzte Ausſ Noch oben hatte er die Pei und wie er unten den Bo er ſich auch wieder in d ſten, der ihm im Weg ren Peitſchenſtiel ge mit einem Satz dunklen, von Gebz⸗ ten hätte er ſe können, und Schwarzen waß überraſcht, daß — 234— erreicht hatte, und ſich mit voller Wucht dagegen warf. Hier aber verließ ihn ſein altes Glück— die Pforte öffnete ſich nach außen, und ein in⸗ wendig vorgetriebener kurzer, aber ſtarker Pfahl hielt den erſten Anprall ab. Im nächſten Mo⸗ ment, und ehe er die Thür aufreißen konnte, hat⸗ ten ſich ſchon zwei der Schwarzen auf ihn gewor⸗ fen, und während ihn Einer mit der ſchweren Fackel über den Schädel hieb, daß die Funken weit umherſpritzten, faßte ihn ein Anderer am ragen und riß ihn zurück. er zur Verzweiflung getriebene Buſchrähnd⸗ aallerdings jetzt ein verborgen gehaltenes trotzdem freie Bahn zu hauen; ehe Lrauchen konnte, war er von allen d lag wenige Secunden ſpäter ültigt am Boden. der Wachtmeiſter, während kotz der Uebermacht mit en wehrte,„hat der uns ſehen, wen nicht Jack Lon⸗ ſem Augenblick der anderen gen war, in — — 235— unbegrenztem Erſtaunen aus.—„Der rothe John!“ „Geht zur Hölle!“ knirſchte der Ertappte zwiſchen den zuſammengebiſſenen Zähnen durch, und ließ ſich jetzt endlich, zum Tod erſchöpft und keines Widerſtandes mehr fähig, von ſeinen Wäch⸗ tern binden. „Alle Wetter, das war ein guter Fang!“ lachte der Wachtmeiſter, ſich vergnügt den Bart ſtreichend.—„Wie der Burſche aber auf den Kutſchbock kommt, und einem verliebten Pärchen zum Durchbrennen helfen wollte, möcht' ich wiſſen. Doch das erfahren wir hoffentlich morgen von ihm ausführlicher. Jetzt fort mit ihm, wir haben ſchon ohnedies zu viel Zeit hier verſäumt. Hat er die Handſchellen an?“ „»Alles in Ordnung, Sir.“ „Gut, dann bindet ihm noch die Füße zuſam⸗ men und werft ihn in den Wagen. Einer ſetzt ſich zu ihm und ein Anderer fährt den Wagen in das Saaldorf⸗Hotel, wo Ihr ihn bewacht, bis ich zurückkomme. Daß Ihr mir ordentlich aufpaßt, brauch' ich Euch nicht erſt zu ſagen.— Halt, wer kommt da?“— unterbrach er ſich plötzlich, und horchte. Raſche Hufſchläge wurden auf der Straße ge⸗ — 236— hört— ein Reiter kam herabgeſprengt und hielt neben der Gruppe. Es war Lieutenant Walker. „Was geht hier vor?“ rief er raſch—„Wen haben Sie da?“ 1 „Den rothen John, Sir, haben wir vom Bock des Wagens da heruntergeholt,“ erwiederte der Wachtmeiſter, die Hand an der Mütze. „Ach!— vortrefflich— ſonſt etwas vorge⸗ fallen?“ „Nein, noch nicht, Sir— haben hier eigent⸗ lich das verkehrte Neſt aufgegriffen— was übrigens immer noch gut ausgeſchlagen iſt, und wollten die Leute jetzt wieder anſtellen. Der Andere geht doch vielleicht noch in die Falle.“ „Es iſt nicht mehr nöthig!“ erwiederte ihm der Lieutenant ruhig—„Zieht Eure Leute zurück und laßt ſie ſich ruhig verhalten.“ „Zu Befehl, Herr Ober⸗Lieutenant!“ „Und hier, Mabongl? „Sir!“ rief der Schwarze, zu ſeinem Officier ſpringend. 8 „Nimm mein Pferd mit Dir— ich werde zu Fuß nachkommen, habt mir nur auf den Gefan⸗ genen gut Acht!“ Er ſtieg ab, überließ dem Schwarzen die Zügel und blieb noch mit untergeſchlagenen Armen dabei — 237— ſtehen, wie die Uebrigen den gebundenen Buſch⸗ rähndſcher in den Wagen warfen. Dann ſetzte ſich der Zug in Bewegung, die Fackelträger vorn und an der Seite, und verſchwand bald hinter den Hecken und Häuſern des kleinen hier beginnenden Städtchens. 9. Capitel. Verfolger und Verfolgter. Der heutige Abend hatte im Liſchke'ſchen Hauſe ein Freudenfeſt werden ſollen, und war zu Jammer und bitterem Herzeleid geworden. Der alte Liſchke ſtand mitten in der Stube, beide Hände auf den gedeckten Tiſch geſtützt, auf dem die Lichter brannten, den Hut noch auf dem Kopfe, wie er in's Zimmer getreten war, und ſtarrte ſtill und ſchweigend vor ſich nieder, und an dem Hals der Mutter ſchluchzend, in Scham und Reue lag die Tochter und barg ihr Antlitz an ihrer Bruſt.— Mehrere Minuten lang herrſchte Todtenſtille im Zimmer— der Lärm von draußen tönte klar und deutlich herein. Niemand wandte auch nur den Kopf danach um. Zu raſch und zu entſetzlich war der Schlag in den Frieden ihres Stilllebens⸗ — — 239— gefahren, um ihnen für etwas Anderes noch Auge und Ohr zu gönnen. Endlich hob ſich der alte Mann empor, drehte ſich langſam um, heftete den Blick lang und feſt auf die Tochter, und ſagte endlich mit kalter, ſchneidender Stimme: „Was will die Frau Baronin hier bei uns?“ „Vater,“ rief die Mutter, den Blick ängſtlich und bittend auf den Gatten geheftet. „Lieber Herr Liſchke,“ bat auch Paſtor Meier —„gehen Sie nicht zu ſtreng in's Gericht. Wir ſind Alle Sünder, und keiner iſt, der ſich nicht ſagen müßte:„Du haſt nicht immer ſo gehandelt, wie Du es vor Deinem Gott verantworten kannſt.“ „Ich weiß, was Sie meinen, Herr Paſtor!“ erwiederte ihm, mit dem Kopfe langſam nickend, der alte Mann—„Ich fühle, daß ich vielleicht zu ſtreng geweſen bin— aber das hab' ich nicht verdient, ſo furchtbar hätte mich Gott an meinem Liebſten nicht gleich ſtrafen müſſen.“ „Verſündigen Sie ſich nicht!“ ſagte ernſt der Geiſtliche;„noch lebt Ihr Kind, und wo wir des Allerbarmers Beiſpiel vor uns haben, wird ſich des Vaters Herz dem Gram der Reue des eigenen Kindes ſicher nicht für alle Zeiten hart und kalt verſchließen wollen. Der Frieden iſt geſtört in dieſem Hauſe, aber mit Gottes 1 — 240— Hülfe nicht zerſtört. Wenn auch die Sonne ſinkt, wir wiſſen doch, daß Gottes Vaterhuld ſie wieder aufgehen läßt zu neuem Licht und Leben.“ Der alte Mann erwiederte Nichts— ſein Blick nur te im Kreiſe umher, und haftete dann theilnehmend auf dem jungen Manne, der mit geſenktem Haupt am Fenſter lehnte. Lang⸗ ſam ging er auf ihn zu, nahm ſeine Hand, preßte ſie und ſagte leiſe: „Armer, armer Chriſtian!— Ich hatte mich ſo darauf gefreut, Dich Sohn nennen zu dürfen.“ „Mein Vater!“ rief der junge Mann gerührt. „Nein— nein, das iſt jetzt vorbei,“ rief der Alte abwehrend!„Ich dürfte Dir die Schmach nicht mehr anthun, Dich ſo zu nennen.“ „Sie ſtirbt mir— mein Kind!“ rief die Mut⸗ ter in Todesangſt die Tochter umklammernd, die an ihr niederglitt und zu Boden gefallen wäre, wenn ſie der neben ihr ſtehende Geiſtliche nicht aufgefangen hätte. Auch deſſen Frau und Chriſtian ſprangen zu; nur der Alte rührte ſich nicht. „Bring' ſie auf ihr Bett!“ ſagte er ruhig, ging dann mit ſchweren Schritten auf den Lehn⸗ ſtuhl zu, nahm ſein Käppchen ab, das er neben ſich auf den Boden fallen ließ, und ſank in den preiten Stuhl, den Kopf auf die rechte Hand en ſtützend, in der er ſein Geſicht verbarg. — 241— Der Geiſtliche und Chriſtian trugen Suſanne jetzt in ihr Zimmer und überließen ſie dort der Sorge der Frauen, und Paſtor Meier kam dann zu dem alten Mann zurück und wollte ihn mit freundlichen Worten tröſten. Dieſer aber winkte ihm abwehrend mit der linken Hand, ohne ſeine Stellung zu verändern und ſagte: „Bitte, Herr Paſtor, laſſen Sie mich heut' Abend das ſelber überdenken. Morgen, mit Got⸗ tes Hülfe, ſprechen wir da weiter. Ich bin krank, mein Kopf ſchmerzt mich und— mein Herz.— Ruhe wird mir vor Allem gut thun.— Aber da klopft Jemand an der Thür— bitte, Chriſtian, ſieh einmal nach. Es wird der Doctor Schreiber ſein, der zu Deinem Verlobungseſſen kommt.“ Der alte Mann lachte bitter vor ſich hin; aber Niemand weiter ſprach ein Wort. Der Paſtor Meier fühlte, daß ihm in der That Ruhe vor allen Dingen nöthig ſei. Der nächſte Morgen brachte dann kälteres Blut und ruhige Ueberle⸗ gung— und damit Linderung des Schmerzes. Chriſtian war zu der Thür gegangen, um zu ſehen, wer käme, und trat wenige Minuten ſpäter mit Lieutenant Walker in das Zimmer. „Entſchuldigen Sie, daß ich Sie ſtöre,“ ſagte der Lieutenant,„ich wünſchte Herrn Dr. Schrei⸗ ber dringend zu ſprechen.“ Gerſtäcker. III. 3 16 5 — 242— Der alte Liſchke hatte bei der fremden Stimme den Kopf erhoben und ſagte jetzt: „Er iſt noch nicht zu Hauſe— kann aber jeden Augenblick kommen. Er hat verſprochen, ſpäteſtens bis neun Uhr hier zu ſein.“ „Erlauben Sie dann vielleicht, daß ich ihn auf ſeinem Zimmer erwarten darf?“ „Bitte, Chriſtian,“ ſagte der Alte, ohne von ſeinem Stuhle aufzuſtehn,„ſage der Magd doch draußen, daß ſie den Herrn auf des Doctors Zimmer hinaufführe und ihm die Lampe anſtecke.“ „Ich danke Ihnen.— Guten Abend, meine Herren!“ erwiederte der Fremde und verließ mit Chriſtian das Zimmer. Der Paſtor ſtand noch einige Secunden til und theilnehmend, die Blicke auf den gebeugten Va⸗ ter heftend, im Zimmer, dann ging er zu ihm, legte die Hand auf ſeine Schulter und ſagte herzlich: „Ich laſſe Sie jetzt mit Ihrem Gott allein. Bedenken Sie aber, daß Sie Vater ſind— daß es Ihre Tochter war, die auf dem Pfade der Tugend geſtrauchelt. Ihre Pflicht iſt es, ihr die Hand zu reichen— daß ſie nicht falle.“— Und mit leiſen Schritten verließ er das Gemach und bald darauf, mit ſeiner Frau und Chriſtian, auch das Haus der Trauer. — — 243— Oben in Mac Donald's Zimmer, in dem Stuhl am Fenſter, die Arme auf der Bruſt ge⸗ kreuzt, ſaß Lieutenant Walker und ſchaute ſtill und ſinnend nach dem ſüdlichen Kreuz hinauf, das leuchtend dort am Firmamente ſtand. Die Zeit verging— wohl über eine Stunde verharrte er in derſelben Stellung, ohne ein Zeichen von Un⸗ geduld zu geben. Unten im Hauſe, wo man im Anfang noch Thüren geöffnet und geſchloſſen hatte, war es ſtill geworden, auch die meiſten Lichter waren ausgelöſcht, die bis dahin noch ihren Schein gegen die Umzäunung geworfen. Nichts regte ſich mehr— das Haus lag todtenſtill, und nur das laute Ticken einer alten, noch aus Europa mit herübergebrachten Schwarzwälder Uhr ſchien mit ſeinen regelmäßigen, ſcharfen Schwingungen die Zeit in kleine kurze Stücke zu ſchneiden und hinter ſich zu werfen. Die Lampe erhellte, von dunklem Schirm be⸗ deckt, nothdürftig das Gemach, und nur oben an der Decke zitterte ein lichter, ſeinen eigenen Schat⸗ ten verzehrender Kreis. Da wurden unten auf der Straße Schritte laut— der Lieutenant horchte auf— ſie kamen näher und hielten am Hauſe. Deutlich konnte er hören, wie der Kommende den Schlüſſel einſchob, die Thür öffnete und hinter ſich wieder ſchloß, 16* — 244 langſam durch die dunkle Hausflur ſchritt und die Treppe hinaufſtieg. Der Lieutenant war aufgeſtanden, aber am Fenſter ſtehen geblieben. Draußen erfaßte eine Hand die Klinke— die Thür öffnete ſich und Mac Donald trat herein. Er ſah bleich und angegriffen, aber vollkommen ruhig aus und ſchritt, den Fremden im Zimmer nicht bemerkend, zur Lampe, deren Schirm er öffnete und den Docht etwas in die Höhe ſchraubte. „Guten Abend, Mac Donald!“ ſagte in die⸗ ſem Augenblick die tiefe, klangvolle Stimme Wal⸗ ker's, und Mr. Donald zuckte bei den Tönen, wie von einer Natter geſtochen, zuſammen. Aber es war nur ein Moment; mit der Linken warf er den Lampenſchirm zurück, daß das Licht derſelben voll auf die ihm gegenüberſtehende Geſtalt ſeines Verfolgers fiel, und mit der Rechten griff er im gleichen Augenblick ein doppelläufiges Piſtol aus ſeiner Taſche, ſpannte den Hahn und ſagte mit ruhiger, aber von innerer Bewegung erſtickter Stimme: „Lieutenant Walker, Sie haben Ihr Ziel er⸗ reicht— aber wahrſcheinlich in anderem Sinne, als Sie glauben. Sie haben ſich in den Griff eines Verzweifelten gewagt, und müſſen jetzt die — 245— Folgen tragen. Ich ſelber habe auch dieſes Le⸗ ben ſatt— gehetzt— verfolgt wie ein wildes Thier mit den Schweißhunden auf der Fährte Tag und Nacht, wer möchte da leben!“ Lieutenant Walker hatte ihm, die Arme noch immer auf der Bruſt gekreuzt, ruhig zugehört, jetzt endlich ſagte er, den Blick feſt auf den zürnend vor ihm Stehenden geheftet: „Und wenn ich nun nicht als Feind käme,— wenn ich Ihnen Ruhe und Frieden brächte, Mac Donald?“ „Im Grabe!“ erwiederte der Unglückliche mit hohler Stimme. „Legen Sie die Wafefe fort, Sir,“ ſagte da Walker plötzlich freundlich⸗ faſt herzlich.—„Ich bin allein— keiner von meinen Leuten iſt in der Nähe, wenn ſie auch noch vor einer oder zwei Stunden etwa hier ſämmtlich um das Haus her auf der Lauer lagen.“ „Alſo doch verrathen!“ lächelte der Verfolgte bitter vor ſich hin. „Sie dürfen ſich darüber nicht beklagen,“ lachte Walker—„Doch ſehen Sie mich nicht ſo finſter an. Wäre mir das Herz in dieſem Augen⸗ blick nicht ſo leicht und froh, und brächte ich Ihnen nur Gefangenſchaft und neue Qualen, ich würde wahrlich nicht lachen. Aber eine beſſere — 246— Sonne geht morgen für Sie auf. Ich bringe Ihnen Freiheit und Leben.“ „Sie?“ rief Mac Donald erſtaunt, und im⸗ mer noch nicht ohne Mißtrauen. „Es mag Ihnen ſonderbar voörkommen,“ lachte Walker,„daß ſich ein Polizeilieutenant mit ſol⸗ cher, ich möchte faſt ſagen negativer Beſchäftigung abgiebt, und doch iſt es ſo. Aber“— ſetzte er plötzlich herzlicher hinzu,„ſeien Sie verſichert, Mac Donald, daß ich ſeit jenem Tage, wo wir Seite an Seite gegen den wilden Trupp der Schwar⸗ zen kämpften, recht gut fühlte, daß Sie ein An⸗ derer wären, als wofür Sie die Welt bis dahin hielt. Nur widerſtrebend erfüllte ich auch von da an meine Pflicht— aber erfüͤl llte ſie, weil es eben meine Pflicht war.“ „Ich begreife Sie nicht,“ rief Mac Donald, ſtaunend über das merfwürdigr Betragen. des Mannes. „Ich will Sie auch nicht länger in Ungewiß⸗ heit laſſen. Doch ſetzen wir uns!“ fügte er hinzu, indem er ſeinen Säbel abſchnallte und in die Ecke ſtellte, ſich einen Stuhl zum Tiſch rückte und an dieſem Platz nahm. Mac Donald, der noch immer die geſpannte Piſtole in der Hand hielt, ſetzte den Hahn langſam in Ruhe, legte die Waffe dann auf die Commode, ſchob aber den . 4 — 247— Riegel ſeiner Thür von innen vor, um nicht über⸗ raſcht zu werden, und rückte ſich ebenfalls einen Stuhl zum Tiſch. „Noch immer Mißtrauen!“ lachte Walker— „Doch— Sie haben recht. Ich that noch Nichts, Ihr Vertrauen zu gewinnen. So hören Sie mich denn ruhig an; der Verfolg meiner kurzen Mit⸗ theilung mag Sie eines Beſſern belehren. „Wir trafen uns geſtern zum zweiten Mal in Geſellſchaft,“ begann der Lieutenant lächelnd ſeinen Bericht,„und ich muß geſtehen, daß mich die blaue Brille und Ihr deutſcher Dialekt voll⸗ kommen täuſchten. Ich hatte keine Ahnung, daß Sie der fremden Sprache ſo mächtig wären, ob⸗ gleich mir einen Moment ſpäter Ihre Geſtalt und Bewegung bekannt ſchienen.— Heute Morgen end⸗ lich kam ein alter Bekannter von uns Beiden und machte mir, von den auf Ihren Fang geſetzten hundert Pfund Sterling verlockt, die Mittheilung, daß jener Dr. Schreiber im Liſchke'ſchen Hauſe der berüchtigte Jack London ſei.“ „Der rothe John!“ rief Mac Donald mit einem verächtlichen Lächeln. „Nicht' direct, obgleich, wie ich jetzt weiß, derſelbe Herr dahinter ſaß— Wir haben ihn heute Abend gefaßt und er geht jetzt ſeinem ſichern Lohn, dem Galgen, entgegen.— Nein, der Verräther — 248— war ein früherer Hutkeeper auf Powell's Station, der ſich dort Miller nannte, aber in Wirklich⸗ keit Hohburg heißt.“ „Hohburg!“ rief Mac Donald, entſetzt von ſeinem Stuhle aufſpringend—„Das jener Miller — und deshalb war mir jenes verwilderte Geſicht ſo bekannt, deshalb ergriff mich, wenn ich in jene Augen ſchaute, jedesmal ein ſo ſonderbares, mir unerklärliches Gefühl!“ „Bleiben Sie ruhig ſitzen!“ ſagte der Lien⸗ tenant,„Sie werden noch wunderbarere Sachen zu hören bekommen. Der Burſche ſah übrigens entſetzlich aus mit wirrem Haar, bleichem Ge⸗ ſicht, tief liegenden ſtieren Augen und zitternden Gliedern, das wahre Bild eines vom Trunk rui⸗ nirten und zerſtörten Körpers. Den Verrath mußte ich benutzen, Mac Donald; aber ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich den Verräther weit lieber zu Boden geſchlagen hätte. Ich gab alſo meine Befehle— ſandte vorher einen verkleideten Conſtable hierher, der ſich nach Ihnen erkundigen mußte, und umſtellte das Haus, das— um dieſe Zeit etwa— von meinen Leuten beſetzt und durch⸗ ſucht werden ſollte. Die Ausführung des Ganzen übergab ich aber meinem Wachtmeiſter— ich wollte Nichts weiter damit zu thun haben.“ „Und jetzt?“ — 249— „Hab' ich die Leute nach Hauſe geſchickt, mit Ihnen die Erlebniſſe dieſes Nachmittags zu be⸗ ſprechen. Hören Sie weiter. Von dem unbehag⸗ lichen Gefühl getrieben, Sie, den ich dem Geſetz verfallen meinte, von dem ich aber auch zu wiſſen glaubte, daß ich ihn nicht zu den gemeinen Ver⸗ brechern rechnen dürfte, Ihrem Geſchick verfallen zu ſehen, ritt ich langſam gegen Abend aus Saal⸗ dorf fort, im nächſten Orte den Friedensrichter zu beſuchen, und morgen früh, wenn Alles vor⸗ über wäre, zurückzukehren. „Etwa eine halbe Stunde von hier paſſirte ich ein kleines Haus, das allein und halb in den Buſch hineingedrückt am Wege ſteht. Ein Jam⸗ merlaut drang von dort zu mir herüber— wilde, herzzerreißende Töne, und unwillkürlich faſt hielt ich mein Pferd an. Im nächſten Augenblick aber ſchon durchzuckte mich der Gedanke, daß meine Leute den rothen John wieder hier in der Ge⸗ gend geſpürt haben wollten— der Schreckensruf da drinnen war vielleicht eine Folge ſeiner Thä⸗ tigkeit, und raſch mein Pferd herumreißend und aus dem Sattel ſpringend, warf ich den Zügel deſſelben um einen Buſch, nahm die Piſtolen aus den Holſtern und ſprang dem Eingang der Hütte zu.— Meine Waffe war dort unnütz— meine Gegenwart aber um ſo glücklicher. — 250— „Mitten in dem ärmlichen, aber äußerſt rein⸗ lich gehaltenen Raume lag auf einer für ihn aus⸗ gebreiteten Matratze ein Mann— lag jener Miller oder Hohburg, wie er in der That heißt, in einem Zuſtande von halber Raſerei, während eine bleiche Frau mit gefalteten Händen und ſtierem Blick auf einem Stuhle in der Ecke des Zimmers ſaß, und ein Mann, der Capitain eines Deutſchen Schiffes im Adelaide⸗Port, an ſeiner Seite kniete. Die Frau beachtete nicht einmal mein plötzliches Ein⸗ treten, mit den Piſtolen in der Hand— ihr Blick ſtreifte theilnahmlos an mir vorüber und haftete wieder am Boden. Deſto willkommener aber ſchien ich dem Capitain, der, ſelber in furchtbarer Auf⸗ regung, meine Hand ergriff und mich zum Lager des Unglücklichen führte. „Mac Donald,“ fuhr Walker nach kurzer Pauſe, in der er ſelber ganz ungewöhnlich bewegt ſchien, fort,„ich will Sie nicht länger auf die Folter ſpannen— Sie ſind in England eines Mordes wegen deportirt, den Sie an einem Iriſchen Gentleman verübt haben ſollen— ſo lautete die Anklage— unterbrechen Sie mich nicht— ich war heute Abend Zeuge, wie der wirkliche Moͤrder ſein Verbrechen geſtand.“ „Hohburg?“ ſchrie Mac Donald entſetzt und erſchüttert—„Großer Gott!“ — 251 „Von Geviſſensbiſſen gepeinigt,“ fuhr Walker mit bewegter Stimme fort—„den Tod fühlend, der ihm am Herzen ſaß, bekannte er in meiner und des Deutſchen Gegenwart ſeine That— Ihre Unſchuld. Dann kam die Angſt— er wollte auf— wollte nach Adelaide und ſich ſelber den Gerichten übergeben, aber ſein zerrütteter Kör⸗ per vermochte nicht mehr.— Er ſank auf das Lager zurück und ſtarb— ſich ſelbſt verfluchend — in den Armen des Capitains.“ „Entſetzlich!“ ſtöhnte Mac Donald, ſein Geſicht in den Händen bergend. „Bedauern Sie das Ungeheuer noch,“ ſagte Walker finſter,„das Verderben und Elend über Sie brachte mit kaltem Blut?“ Der“ Teufel, dem er ſein Leben weihte— der Trunk, hat ihn allerdings vom Galgen gerettet, den er tau⸗ ſendmal eher verdient als ſelbſt jener zehnfache Mörder, der rothe John, aber wenn es eine Ver⸗ geltung dadrüben giebt— und wir haben keinen Grund daran zu zweifeln— ſo muß ihm die im reichen Maße werden.“ „Die arme, arme Frau“— „Mag Gott danken, daß er ſie von den Ban⸗ den befreite, die ſie an ein ſolches Scheuſal kette⸗ ten. Aber auch in jeder andern Hinſicht ſcheint für ſie geſorgt zu ſein. Der wackere Capitain — 252— übernimmt die Sorge für ſie und das Kind. Wie er mir ſagte, iſt er mit ihrer Familie befreundet und wird ſie mit zurück nach Deutſchland nehmen. Er läßt Sie aber durch mich bitten, ſie jetzt nicht aufzuſuchen. Die letzte furchtbare Scene hat ſie ſo angegriffen, daß jede neue Aufregung— die Ihr Anblick doch unfehlbar hervorrufen müßte, gefährlich auf ſie wirken würde. Ueberlaſſen Sie der Zeit und ſeiner Sorge ihre nächſte Zukunft. Uebrigens,“ ſetzte er freundlich hinzu,„dächt' ich doch auch, daß die Wendung Ihres eigenen Schick⸗ ſals Sie ſelber jetzt am meiſten in Anſpruch nähme.“ „Mir iſt es wie ein Traum. Der Kopf ſchwindelt mir, wenn ich daran denke,“ ſagte Mac Donald, ſeine Schläfe mit den Händen preſſend. „So will ich das Denken für Sie überneh⸗ men“— lachte Walker.„Sie müſſen mir vor allen Dingen nach Sydney folgen, wohin ich mit dem nächſten Schiffe, da mein Auftrag hier er⸗ füllt iſt, zurückkehre. Der Wachtmeiſter geht in⸗ deß mit ſeiner Schaar über Melbourne zu Land zuruc 4 „In's Gefängniß!“ ſagte Mac Donald düſter. „Aber in leichte Haft,“ lächelte der Offi⸗ cier.„Capitain Helger, wie, glaub' ich, ſein Name iſt, wird mit ſeinem Schiff ebenfalls Sydney — 253— anlaufen und unſer Aller Zeugniß muß dort genügen, Sie auf Ihr Ehrenwort freizugeben, bis Antwort von England eintreffen kann. Die allerdings dür⸗ fen wir unter zwölf bis vierzehn Monaten nicht erwarten. Daß von dort augenblickliche Frei⸗ ſprechung erfolgt, erfolgen muß, unterliegt gar kei⸗ nem Zweifel. Dann“— fügte er lächelnd hinzu, indem er Mac Donald freundlich, aber feſt in's Auge ſah—„wenn das erfolgt iſt, bin ich auch jeden Augenblick bereit, dem freien Mann Ge⸗ nugthuung für jenen Streich zu geben, den ich ihm am Murray gezwungen zu ſpielen war.“ „Walker!“ rief Mac Donald, von ſeinem Stuhle aufſpringend und des Lieutenants Hand ergreifend—„Sie ſind ein Ehrenmann, und eher ſollte dieſe Hand verdorren, ehe ſie ſich feindlich gegen Sie je wieder höbe.““ „Und Sie, Mac Donald,“ rief Walker, die dargebotene herzlich ſchüttelnd—„ſeien Sie ver⸗ ſichert, daß dieſer Augenblick zu den ſchönſten meines Lebens gehört, und daß ich hoffe, wir werden noch recht gute— treue Freunde werden. — Und jetzt gute Nacht!— Hier in Saaldorf braucht Niemand zu wiſſen, daß Dr. Schreiber nur ein angenommener Name iſt. Tragen Sie ſelbſt,“ fügte er lächelnd hinzu—„Ihre blaue Brille noch die wenigen Tage, die Sie hier zu⸗ — 254— bringen. Morgen früh ſuchen Sie mich um zehn Uhr im Saaldorf⸗Hotel auf. Sie finden dort ebenfalls den Capitain, das Weitere zu beſprechen.“ Die beiden Freunde trennten ſich. Als Mac Donald dem Lieutenant unten die Thür geöffnet und ihn hinausgelaſſen hatte, warf dieſer, die Straße hinunterſchreitend, noch einen Blick auf das Haus zurück. Unten im Zimmer brannte ein düſteres Licht, und am Fenſter, in ſeinem Lehn⸗ ſtuhl, ſaß noch immer der alte Liſchke, den Kopf in die Hand geſtützt, wie er da ſchon vor zwei Stunden geſeſſen hatte. Er regte ſich nicht, als ſich die Hausthür öffnete und wieder ſchloß— er hörte es wohl nicht einmal, und die großen hellen Thränen liefen dem alten Mann zwiſchen den zitternden Fingern durch, und näßten ihm die Knie. .. — 4 — MWV un A 1) 3 8 8 8 8 4 — 8 „* ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, ich hätte Sie nicht wieder erkannt.“. „Bin ich denn gar ſo alt geworden?“ lächelte Mac Donald. „Alt?— Jung ſind Sie geworden. Sie ſehen roth und blühend aus. Aber der volle Bart ent⸗ ſtellt Sie und das längere Haar, und dann— trugen Sie denn nicht früher eine Brille?“ b„Seine Augen haben ſich außerordentlich ge⸗ beſſert,“ rief Walker, Mac Donald auf die Schul⸗ ter klopfend—„ich habe ihm das Mittel ein⸗ gegeben, und es hat vortreffliche Dienſte ge⸗ leiſtet.“ „Ach, beſter Capitain,“ ſagte der Doctor, „da thäten Sie mir einen rechten Gefallen, wenn Sie mir das auch ſagten. Meine alte Mutter leidet in der letzten Zeit entſetzlich an den Augen, und—“ M 4„Ja, lieber Freund,“ lachte Walker,„das war eine Cur, die eine ſchwache Frau nicht aushält. — Aber wie geht es Ihnen hier, Doctor? Was treiben Sie in Saaldorf? Alle munter? Sie ſelber ſehen eigentlich ein wenig blaß und einge⸗ fallen aus.“ „Du lieber Gott!“ ſeufzte Spiegel—„es hat ſich auch Manches verändert, ſeit Sie uns verlaſſen. Sie hätten nicht fortgehn ſollen von Gerſtäcker. III. 17 — 258— uns, Doctor— wir haben dadurch viel eingebüßt — ich beſonders. Meine arme Frau wäre gewiß noch am Leben, wenn ſie gute ärztliche Hülfe gehabt.“ „Ihre Frau iſt geſtorben?“ „Leider ja— vor ſechs Monaten ſchon. Die⸗ ſer Laffe von Doctor, den wir hier hatten— Sie erinnern ſich wohl noch auf jenen Fiedel— curirt, ohne die mindeſte Erfahrung, ins Blaue hinein. Er hat Manchen hier auf dem Gewiſ⸗ ſen und mußte endlich mit Schimpf und Schande von Saaldorf abziehen. Erſt ſeit voriger Woche haben wir einen andern Arzt hier, aber auch nur einen ſogenannten Schiffsdoctor, einen Barbier von Bremen, der um freie Paſſage unterwegs an den Paſſagieren herumcurirt hat. Sie könnten uns Allen keine größere Freude machen, als wenn Sie wieder bei uns blieben.“ „Jetzt nicht, beſter Freund!“ nahm Walker für ihn das Wort;„wir ſind jetzt auf geradem Weg nach dem Murray— wer weiß aber, ob er nicht ſpäter zu Ihnen zurückkehrt, und ſich hier ganz bei Ihnen niederläßt. Wir haben ein wich⸗ tiges Geſchäft dort zu beſorgen.“ „Und um an den Murray zu gehen, kommen Sie von Sydney über Adelaide?“ rief Dr. Spie⸗ gel erſtaunt aus. 8 *— 259— „Allerdings iſt der Weg im Ganzen bedeutend weiter, wenn Sie die Seefahrt mitrechnen, aber der Landweg ſo viel kürzer und bequemer für die Pferde, und da gerade ein Engliſches Kriegsſchiff uns bis Adelaide treffliche und freie Paſſage bot, wollten wir uns die günſtige Gelegenheit nicht entgehen laſſen.“ „Aber ſagen Sie mir doch, lieber Doctor, wie geht es bei Liſchke's im Haus? Dort war großes Herzeleid, als ich die armen Leute verließ“— frug Mac Donald. Spiegel zog ein bedenkliches Geſicht und ſchüt⸗ telte den Kopf. „Bös,“ ſagte er, nentſetzlich bös— das war damals eine mordſchlimme Geſchichte, und jener Herr von Pick, der nachher bei Nacht und Nebel von hier fortging, iſt ein nichtswürdiger und ganz gemeiner Lump geweſen. Mein Vertrauen hat er ebenfalls auf das Unglaublichſte mißbraucht, an Liſchke's aber beſonders, und vorzüglich an dem ehrlichen Helling. hat er ſchändlich gehandelt. Der arme Teufel, der Chriſtian, hat ſich die Sache dabei ſo zu Herzen genommen, daß er menſchen⸗ ſcheu und halb wie blödſinnig geworden iſt. Er verkehrt mit Niemandem mehr. Suſanne iſt ſeit⸗ dem auch aus dem elterlichen Hauſe fort und zu entfernten Verwandten nach Hahndorf gezogen, . 17* — 260— und der alte Liſchke um zehn Jahre älter gewor⸗ den. Uebrigens reden die Leute auch immer mehr, als ſie gerade verantworten können. Denken Sie nur, Doctor, wie Sie fort waren, ging über Sie auch das Gerücht, Sie wären ein verkappter Buſchrähndſcher, aber aus einer ſehr hochgeſtellten Familie geweſen, und Lieutenant Walker hätte Sie deshalb ganz unter der Hand wieder zurück, unter ſichern Gewahrſam geliefert.“ Walker ſah, mit einem eigenen drolligen Zug um den Mund, Mac Donald an, und dieſer ſagte lächelnd: „Das Gerücht entbehrte doch wohl nicht ſo alles Grundes. Sie ſehen, daß ich noch unter polizeilicher Aufſicht ſtehe.“ „Ja, ſolche Aufſicht laß ich mir ſchon ge⸗ fallen,“ lachte Spiegel;„ich glaubte übrigens da⸗ mals, Sie wären nach Europa zurückgegangen, und beneidete Sie ſchon darum.“ „Sie? weshalb,“ rief Walker;„geht es Ihnen nicht hier vortrefflich?— Was wollen Sie in dem alten ausgeſogenen Lande?“ „Vortrefflich?“ wiederholte der Mann, die Achſeln zuckend;—„ich will gerade nicht klagen, denn das iſt meine Sache nicht; übrigens habe ich in den fünf Vierteljahren, die wir uns nicht — 261— geſehen, recht trübe und bittere Erfahrungen gemacht.“ „Ihre arme Frau—“ „Das gar nicht gerechnet,“ ſagte der Doctor —„der iſt überhaupt wohl, denn ſie hat ſich in Auſtralien nie glücklich fühlen können, und ein ſtetes, unüberwindliches Heimweh nach Deutſch⸗ land gehabt. Nein, auch mit meinem Lande iſt es mir ſehr unglücklich gegangen, und ich habe die ganze Geſchichte vor Kurzem zu einem Spottpreis — ich mag gar nicht ſagen wie wenig— verkau⸗ fen müſſen, um nur nicht noch in weit unange⸗ nehmere Sachen vervickelt zu werden. Ich bin ſelber Advokat, aber ich möchte hier in Auſtralien keinen Proceß anfangen.“ „Eine ſchöne Empfehlung für Ihre Collegen,“ lachte Walker.„Aber womit beſchäftigen Sie ſich denn jetzt?“ „Ich arbeite außerordentlich fleißig an meinem Roman,“ antwortete Dr. Spiegel, und die Hand zuckte ihm wie unwillkürlich nach der Bruſttaſche, in der er wahrſcheinlich verſtecktes Manuſcript trug. Die jetzige Morgenſtunde mochte er aber ſelber wohl zum Vorleſen nicht für paſſend finden; Fer zog deshalb die Hand wieder zurück und fuhr langſamer fort:—„es iſt das Einzige, was mich noch in dieſem materiellen und ſo entſetzlich prak⸗ — 262— tiſchen Leben aufrecht erhält. Ohne dieſe geiſtige Beſchäftigung wäre ich lange ſchon moraliſch und phyſiſch zu Grunde gegangen.“ „Und Ihr Geſchäft betruiben Sie dabei?“ frug Mac Donald. „Es geht ſchlecht— zaun der Rede werth. Meine einzige Hoffnung iſt jetzt auf den Roman gebaut, von dem ich mir einen enormen Erfolg, ſowohl in England wie in Deutſchland, verſpreche. Aber meine Herren—“ unterbrach er ſich plötzlich ſelber, als die beiden Reiſenden ihre Gläſer aus⸗ tranken und von ihren Plätzen aufſtanden— „Sie wollen doch Saaldorf ſo raſch nicht wieder verlaſſen?— Das dürfen wir hier ja gar nicht zugeben.“ „Diesmal müſſen Sie uns entſchuldigen, guter Doctor,“ ſagte Walker freundlich—„auf dem Rückwege denken wir uns länger hier aufzu⸗ halten. Wir haben die alten Freunde noch nicht vergeſſen, und freuen uns ſchon darauf, wieder einmal ein Stündchen mit ihnen verplau⸗ dern zu können.“ Die Pferde wurden jetzt vorgeführt und die Reiter ſprangen in ihre Sättel. „Apropos!“ rief ihnen Dr. Spiegel noch zu —„das wiſſen Sie doch, daß Capitain Helger die Frau Hohburg und ihr Kind mit nach Europa — — 263— genommen? Hat ſich ganz ausgezeichnet dabei benommen, der Capitain, und iſt ein höchſt achtungswerther Mann.“ „Wir haben davon gehört,“ ſagte Walker, ſich im Sattel feſtſetzend. „Der Hohburg ſelber ſtarb im Säuferwahn⸗ ſinn— ein Glück, daß er fortkam.— Und Sie wollen ſich nicht halten laſſen?“ „Wir haben heute noch eine tüchtige Strecke vor uns, lieber Doctor. So denn für jetzt Ade!“ „Und grüßen Sie mir Liſchke's, wenn Sie die alten Leute ſehen,“ bat noch Mac Donald zurück.„In nicht gar langer Zeit hoff' ich zurück zu ſein, und werde ſie dann ſelber beſuchen.“ „Und dann bleiben Sie bei uns!“ rief Spie⸗ gel den ſchon davon Sprengenden nach. „Vielleicht!“ tönte die Antwort zurück.— Noch einmal winkten die Reiter freundlich mit der Hand, und verſchwanden dann raſch um die nächſte Straßenecke. Bald ließen ſie das Städtchen hiuter ſich und trabten raſch und fröhlich die Straße ontlang, die nordöſtlich über Tanunda und durch„Angas Park“ zum Murray führte. In Tanunda über⸗ nachteten ſie und erreichten am nächſten Abende — 264— Miranda am Murray, von wo an ſie dem Laufe des Stromes aufwärts folgten. Einen ganz andern Charakter nimmt das Land an, ſobald der Reiſende die Adelaide⸗Hügel ver⸗ läßt und das breite Murraythal betritt. Hier beginnt augenblicklich der Malleybuſch, mit dem ſogenannten Theeſtrauch, dem Salzbuſch, dem Stachelſchweingras und Pigsface, und wohl dreißig Miles weit findet ſich nur nach einem Regenguß friſches Waſſer zum Trinken für Menſch und Thier. Selbſt dort gegrabene Brunnen haben nur bra⸗ kiſches, das heißt ſtark ſalzhaltiges Waſſer gegeben. Zahlreiche Känguruhs, die mit ſehr wenig Waſſer auskommen können, beleben übrigens dieſe Strecke, bis das Auge endlich ſchon in ziemlich weiter Ferne die hohen mächtigen Gumbäume er⸗ kennt, die beſonders am Murray üppig gedeihen, und dieſem auf ſeiner ganzen Länge hin in einem breiten Gürtel folgen. Zwiſchen den Malleybüſchen iſt der Voden dabei hart und ſandig, und für die Pferde vor⸗ trefflich geeignet, ſo wie man aber das eigentliche Murraythal und die Gumbäume und damit die Strecken erreicht, die der oft gewaltig anſchwellende Strom überfluthen kann, verwandelt ſich der Boden in einen grauen Lehm, der trocken aufſpringt und ſtäubt, naß aber an den Hufen der Pferde wie „ 1 4 7 6 265— zäher Leim feſtklebt, und den Gang der Thiere und Menſchen außerordentlich erſchwert. Am unteren Murray, den hohe Kalkſteinufer einſchließen, zieht ſich der Weg meiſt immer durch die hochgelegenen ſandigen Malleyſtrecken hin, und wo er ſich ja dem Strom einmal zuwen⸗ den ſollte, kann ſich der Reiter doch leicht bei naſſem Wetter in den Hügeln, und das Strombett dabei immer im Auge halten. So hatten die Reiter auch am fünften Tage, den ſie jetzt von Adelaide aus unterwegs waren, den Weg vermieden, der rechts in das niedere Flußthal hineinlief, und ſich zwiſchen zwei ſandi⸗ gen Malleyhügeln gehalten. Es war am Abend vorher ein tüchtiger Regen. gefallen, von dem der Lehmboden noch nicht wieder Zeit gehabt abzu⸗ trocknen, und ſie behielten da oben nicht allein trockenen leichten Weg für ihre Pferde, ſondern ſchnitten auch zugleich eine Biegung des Murray ab, die der Strom hier nach Süden machte. Mabong ritt hier voraus, den beſten Pfad auszuſuchen, und die beiden Weißen folgten ihm, mit ihren Pferden Schritt haltend, langſam nach. „Walker!“ wandte ſich da Mac Donald, der eine Weile ſinnend vor ſich niedergeſchaut hatte, plötz⸗ lich an ſeinen Begleiter—„eine Frage müſſen Sie mir erlauben, die mich ſchon die ganze Zeit — 266— über gequält, und die ich noch nicht gewagt habe, bis jetzt an Sie zu richten.“ „Und die wäre?“ frug der Officier, ſich lächelnd zu ihm wendend. „Sie haben ſich mir,“ fuhr Mac Donald mit herzlicher Stimme fort,„ſeit jenem Abend, wo wir uns in dem Hauſe jenes Deutſchen trafen, ununterbrochen als ein treuer wackerer Freund gezeigt. Ihnen hauptſächlich, wie ich feſt überzeugt bin, verdanke ich auch die ſo raſch erfolgte Frei⸗ ſprechung von England, ferner die freundliche Be⸗ handlung Derer, die mich bis dahin noch immer als Gefangenen betrachten mußten.“ „Und hatten Sie das nicht Alles der vielen Leiden wegen, die Sie ſo lange unſchuldig ertra⸗ gen, im reichen Maße verdient?“ „Das ändert an der Sache Nichts,“ ſagte Mac Donald;„ich erwähne das auch nur jetzt wieder, um Ihnen zu zeigen, wie ſehr ich mich Ihnen zu Dank verpflichtet fühle— wie ſehr ich ſtrebe, Ihnen das einmal wieder ver⸗ gelten zu können, und wie gern ich Alles von Ihnen fern zu halten wünſchte, was Ihnen ſelbſt in der Erinnerung unangenehm ſein möchte— und jetzt—“ „Reit' ich mit Ihnen der Stelle wieder zu,“ unterbrach ihn lachend Walker, während ſich aber — 267— doch ſeine offenen freundlichen Züge mit einem höheren Roth färbten—„wo ich mir vor nun faſt anderthalb Jahren einen Korb geholt, und in dieſem Augenblick keine größere Ausſicht auf Er⸗ folg habe wie damals. Wollten Sie das nicht ſagen?“ „Nicht mit den Worten, Walker!“ „Bah, das bleibt ſich gleich!“ lachte der Of⸗ ficier—„der Sinn war derſelbe, und einestheils haben Sie recht, aber—“ fügte er hinzu und ſein Geſicht wurde ernſt, ſeine Augen leuchteten höher—„mich trieb ein anderer Grund noch außerdem, als ich mir in Sydney für dieſe Reiſe Urlaub erbat, und ich ſehe nicht ein, weshalb ich ihn verheimlichen ſollte. Jener Abend, Mac Do⸗ nald, an dem ich Sie im Kreiſe der mir lieben Familie gefangen nahm, iſt mir— jetzt kann ich es Ihnen geſtehn— ſeit jener Zeit wie ein Stachel in der Seele zurückgeblieben. Ich wußte recht gut, ich konnte damals nicht anders handeln— ich that nur meine Pflicht, aber ich fürchte— Sarah dachte anders. Nur zu deutlich, zu ſchmerz⸗ lich fühlte ich, wie ſie die That der Eiferſucht gegen den glücklichern Nebenbuhler zuſchrieb, und mich verachtete. Das aber will ich nicht län⸗ ger ertragen. Wenn ich auch jetzt nicht mehr ihre Liebe gewinnen kann, ihre Achtung muß — 268— mir wieder werden. Sie ſehen,“ fuhr der junge Mann lächelnd fort, während ihm Mac Donald die Hand herüberreichte, und ſtumm aber herzlich drückte—„daß nicht allein die Freundſchaft für Sie, nein, daß mich auch der Eigennutz hier wie⸗ der hergetrieben. Die ganze Familie haßte mich, als ich ſie verließ und ihr den entführte, den Alle lieb gewonnen,— iſt es nicht jetzt meine Schuldigkeit, ihnen den zurückzubringen, und mir dafür wenigſtens wieder freundliche Geſichter ein⸗ zutauſchen?“ „Sie thun Powell's unrecht!“ rief Mac Do⸗ nald;—„glauben Sie, daß ſie Ihre letzte Hülfe vergeſſen haben, wo Sie mit eigener Le⸗ bensgefahr Eliſabeth befreiten, und ſich dann mit wahrer Todesverachtung in den dickſten Schwarm der ſchwarzen Teufel hineinwarfen? Im erſten Augenblick will ich zugeben, dachten Powell's viel⸗ leicht weniger freundlich von Ihnen, aber bei ruhigerem Ueberlegen konnten ſie Ihnen ja doch nur recht geben— mußten ſie einſehen, daß Sie, von der Nothwendigkeit gedrängt, nicht mehr als Ihre Pflicht gethan.“ Walker ſchaute wie träumend vor ſich nieder — auch ihm ſchwebte noch ein freundlich danken⸗ der Blick von jenem Morgen vor Augen, wo er, von Schweiß und Blut bedeckt, ſein ſchäumendes — 269— Thier abwandte und in den Buſch hineinſprengte. Aber plötzlich fuhr er ſich mit der Hand über die Stirn, als ob er alle die alten Gedanken weg⸗ wiſchen wollte mit den Falten dort, und ſagte, dem Freund wieder offen und frei in's Auge blickend: „Wir wollen das Beſte hoffen, Mac Donald. Wenn ich auch nicht ſo ſüßem Wiederſehn ent⸗ gegengehe wie Sie, ſo freue ich mich doch von Herzen darauf, die lieben Leute nach ſo langer Zeit und unter freundlicheren Verhältniſſen, als wir ſie verließen, auf's Neue begrüßen zu können, und daß ich Ihr Glück Ihnen nicht neide, das, glaub' ich, beweiſe ich Ihnen am allerbeſten ge⸗ rade durch mein Hierſein.— Aber was hat Ma⸗ bong dort?— Er iſt abgeſtiegen und unterſucht da irgend eine Fährte. Laſſen Sie uns ſehen, was er gefunden!“ Ihren Pferden die Sporen gebend, ſprengten die beiden Reiter raſch in dem ſchmalen Malley⸗ thal hin, und erreichten bald die Stelle, wo Ma⸗ bong jetzt, langſam ſein Pferd am Zügel führend, auf irgend einer gefundenen Fährte, die mit ihnen die gleiche Richtung halten mußte, hinſchritt, und dieſe unausgeſetzt, höchſt aufmerkſam zu betrachten ſchien. „Was giebt es da, Mabong?“ frug ihn Walker, — 270— unter den Hufen des eigenen Pferdes ver⸗ geblich die ſchon von Mabong und ſeinem Thier geſtörten Fährten ſuchend—„etwas Neues, heh?“ „Neues?“ brummte der Schwarze, ſeinen Weg dabei ruhig verfolgend;„alter Bekannter.“ „Ein alter Bekannter?“ rief der Officier er⸗ ſtaunt, und ſprengte mehr nach vorn, neben ſeinen Diener—„ und wie heißt er?“ „Nguyulloman!“ ſagte Mabong, und warf da⸗ bei einen ordentlich ſcheuen Blick umher, als ob er fürchte, daß die Nennung des Namens allein das unheimliche verkrüppelte Weſen heraufbe⸗ ſchwören könne. „Nguyulloman, wahrhaftig,“ rief jetzt auch Walker, der die leicht kennbare Spur im Sande von den Händen des Krüppels ebenfalls deut⸗ lich unterſchied;—„aber was iſt das?— da ſeh' ich ja auch noch die Spuren von Schuhen, die kann doch Nguyulloman nicht getragen haben.“ „Nein— hat er auch nicht,“ ſagte Mabong —„iſt ein weißer Nguyulloman darauf hinge⸗ krochen, wie eine Schlange.“ „Nach ihm?“ „Verſteht ſich.— Weißer iſt im Regen gegan⸗ gen, Nguyulloman nachher—“ „Und haſt Du noch keine Spuren weiter von anderen Schwarzen den Weg kreuzen ſehn?“ — 271— „Keine,“ antwortete Mabong, ohne einen Blick vom Boden zu verwenden. Walker intereſſirte ſich jetzt ſelber zu lebhaft für die entdeckten Spuren, das Geſpräch mit Mac Donald wieder aufzunehmen, während ihnen dieſer, mit ſeinen eigenen viel freundlicheren Gedanken beſchäftigt, langſam folgte. Mabong erklärte da⸗ bei ſeinem Vorgeſetzten, daß der Schwarze jeden⸗ falls eine Abſicht gehabt haben müſſe, ſo genau auf den Fährten zu bleiben, da er ſonſt hier und dort und an verſchiedenen Stellen einen viel be⸗ quemern Weg für ſich ſelber hätte wählen können. Er war aber nicht aus der Spur gewichen, und als ſie ſelber die Malleyhügel endlich verließen und dem hier auflaufenden Fluß entgegenkamen, folgte er denſelben in gerader Richtung dem Waſſer zu. Nur dort, wo die dichten Salzbüſche aufhörten und einen ſchmalen, nicht ſo dicht mit Gebüſch beſetzten Streifen zwiſchen den dort be⸗ ginnenden Gumbäumen ließen, war der Schwarze in einem kleinen Dickicht ſitzen geblieben, und hatte dann ſpäter wohl noch die Richtung der Fährten, aber nicht mehr die Fährten ſelber ge⸗ halten. Dieſen jetzt folgend erreichten ſie, etwa drei oder vier hundert Schritte vom Strome noch ent⸗ fernt, eine Stelle, wo ein Gumbaum umgeſtürzt — 272— war, und eine Maſſe durch den Fall in kleine Stücke gebrochenes Holz den Boden bedeckte. Dieſen Platz ſchien ſich der Weiße zu ſeinem Nacht⸗ lager gewählt zu haben, die Spuren führten we⸗ nigſtens darauf zu, und an der Wurzel des Bau⸗ mes lag noch ein mächtiger Haufen Kohlen, von Aſche leicht bedeckt. Die Kohlen glühten noch, als ſie Mabong mit einem der Holzſtücke auf⸗ ſtörte— ſie waren jedenfalls erſt an dieſem Mor⸗ gen verlaſſen worden. So weit war Alles in Ordnung, wunderbarer Weiſe konnten ſie aber von hier aus keine Spur mehr von Schuhen in dem allerdings etwas här⸗ tern Boden erkennen, während die Fährten von Nguyulloman's Händen und ſeinem nachſchleifen⸗ den Körper deutlich ſichtbar bliehen, und, vom Fluß etwas ab, in die Biegung hineinführten, die er hier machte. Mabong umkreiſte den Platz mehrere Male, und ſchüttelte dazu immer bedenk⸗ licher mit dem Kopfe. Wildes Geſchrei und Peitſchenknallen tönte da plötzlich von Oſten her zu ihnen herüber, und ſie führten ihre Pferde etwas tiefer in den Buſch, die vermuthete Viehherde erſt vorüber zu laſſen, ehe ſie ihren Weg fortſetzten. Bald erkannten ſie aber durch die Zweige, daß es Pferde waren, die dort vorbeigetrieben wurden, und mit dem Intereſſe, — 273— das faſt jeder Auſtralier, und beſonders jeder Engländer für dieſe Thiere hat, zogen ſie ſich wieder etwas weiter hinauf, den Trupp der friſchen ſchönen Race vorbeitreiben zu ſehen. Es war eine Herde von etwa ſechzig bis fünf⸗ undſechzig Stück, friſch von der Weide weg, und mit der vollen Kraft und Rüſtigkeit, und die Trei⸗ ber hatten nicht wenig Mühe, die Uebermüthigen zuſammen und in der rechten Bahn zu halten. Zwei und zwei waren übrigens immer zuſammen⸗ gekoppelt, und wenn ja ein Paar einmal aus⸗ brechen, und den Buſch wieder annehmen wollten, blieben ſie immer bald im Dickicht hängen und konnten leicht wieder zu den übrigen zurückgetrie⸗ ben werden. Mac Donald ritt einen feurigen jungen Hengſt, und dieſer, von der kräftigen Hand ſeines Reiters nur mühſam im Zaume gehalten, wieherte den vorbeitrabenden Kameraden laut und herausfor⸗ dernd entgegen. Andere aus der Herde antwor⸗ teten, und der Treiber, der den linken Flügel be⸗ aufſichtigte, hatte alle Hände voll zu thun, ſeine Thiere daran zu verhindern, daß ſie dort hinunter zu drängten, wo ſie die anderen Pferde hörten. Wie er die eigenen Thiere übrigens erſt zu feſtem Trupp zuſammen und in Ordnung gebracht, ſprengte Gerſtäcker. III. 18 — 274— er der Richtung zu, in der er die Fremden gehört, um zu ſehn, wer dort hielte. Es war eine ſonnverbrannte, bärtige Geſtalt, den arg mitgenommenen Strohhut mit einem Sturmband unter dem Kinn befeſtigt, und die lange gewichtige Peitſche in der rechten Hand. Mac Donald hatte übrigens augenblicklich ſeinen alten frühern Grauſchimmel erkannt, und dem eigenen Thier unwillkürlich die Sporen gebend, ſprengte er raſch auf ihn zu. „Wie geht es, Mr. Bale?“ rief er ihm ſchon von weitem entgegen.—„Lebt der Grauſchimmel noch?“ „Mr. Mac Donald— hol's der Teufel!“ rief der ehrliche Stockkeeper, vor Freuden mit ſeiner Peitſche knallend, daß es wie ein Piſtolenſchuß durch den Wald ſchallte;—„wieder einmal im Buſch und— alle Wetter!“ unterbrach er ſich aber plötzlich, als er dicht neben ihm das gut genug im Gedächtniß behaltene Geſicht des An⸗ führers der ſchwarzen Polizei erkannte—„und Lieutenant Walker.“ „Der ſich herzlich freut, Sie einmal wieder begrüßen zu können!“ rief dieſer, neben Mac Donald zu ihm heranſprengend. „Ja aber— Gentleman—“ ſagte der Stock⸗ keeper, der ſich noch nicht von ſeinem Erſtaunen — 275— erholen konnte—„wie in aller Welt kommen Sie Beide denn hier einmal wieder zuſammen?“ „Das wäre eine lange Geſchichte, ſie jetzt im Sattel zu erzählen,“ lachte Mac Donald.„Nur ſo viel genüge Ihnen, daß ich diesmal die Station nicht mehr als Buſchrähndſcher beſuche—“ „Und Sie ſind noch nie einer geweſen,“ rief der ehrliche Stockkeeper, ihm die Hand hinüber⸗ reichend—„verdamm mich, wenn ich's glaube. Wohl thut mir's aber deſto mehr, Sie Beide hier wieder anzutreffen, und auf der Station— hol's der Teufel, ich habe mich das ganze Jahr darauf gefreut, den Pferdetrupp nach Adelaide treiben zu können, und jetzt gäb' ich Gott weiß was darum, wenn ich mit Ihnen auf die Station zurück⸗ kehren könnte.“ „Sie ſind doch Alle wohl?“ „Geſund wie die Fiſche im Waſſer. Nur Miß Sarah hat das Jahr über ein wenig gekränkelt, wie ich mir aber ſo denke, iſt der rechte Doctor für ſie gerade unterwegs.“ „Aber Sie müſſen uns erzählen—“ „Halt— nur einen Augenblick— ich bin gleich wieder bei Ihnen,“ rief Bale, ſein Pferd herumwerfend.„Muß meinen Leuten nur ſagen, daß ſie mit den Thieren eine kurze Raſt machen, bis ich wieder zu ihnen komme.“— Und ſeinem 18* — 276— Pferd die Sporen einſetzend, flog er in geſtrecktem Galopp durch den Buſch davon, der indeß vor⸗ ausgetrabten Herde nach. Zu gleicher Zeit kam Mabong von der andern Seite, und erklärte mit einem auf's Aeußerſte er⸗ ſtaunten Geſichte:„daß er keine Spur von dem weißen Mann fände, Nguyulloman die Schuhe aber keinenfalls ſelber angehabt haben könne, da dort oben ja beide Fährten eine Strecke ausein⸗ ander gingen.“ Was aber war aus dem Weißen geworden? — Durch die Luft konnte er nicht davongeflogen ſein, auf den benachbarten Bäumen ſaß er auch nicht— wo war er hingekommen? Während ſie noch an dem verlaſſenen Feuer ſtanden und vergebens dort herum die verlorenen Spuren ſuchten, kam Bale zurück. „Hallo,“ rief er ihnen ſchon von weitem zu, als er ſah, wie ſie den Boden ſorgfältig unter⸗ ſuchten—„was verloren da im Laub? oder ſind die Schwarzen dort wieder herumgekrochen?“ „Mabong, mein Burſche hier,“ ſagte Walker, „hat die Spur eines alten Freundes von Ihnen drin in den Malleyhügeln mit den Fährten eines weißen Mannes gefunden, dem er bis zu dieſer Stelle gefolgt iſt, und die eine Fährte verſchwin⸗ det hier auf die räthſelhafteſte Weiſe.“ — 277— „Eines alten Freundes?“ ſagte Bale erſtaunt, „da wär' ich doch neugierig.“ „Nguyulloman's.“ „Tod und Teufel!“ rief der Stockkeeper, ſein Pferd herumreißend und zu Walker hinanſpren⸗ gend—„iſt die Canaille wieder in der Nähe?“ „Hier können Sie ſeine Spur ſehen— er hat ſich dort in den Buſch hineingezogen.“ „Beim Himmel, das iſt der blutige Halunke!“ rief der Stockkeeper;—„der ſchwarze Krüppel hat mehr Morde auf ſeiner Seele, als irgend ein Buſchrähndſcher in ganz Auſtralien. Wiſſen Sie, daß er erſt vor etwa vier Wochen hier einen Bün⸗ delmann angefallen, ſich an ihn angeklammert, und beinahe mit in den Murray hineingezogen hat, wo er ihn jedenfalls erſäufen wollte? Der arme Teufel riß ſich aber noch zum Glück und in der Todesangſt los, und während der Krüppel auf ſeine alte Manier in den Fluß ſprang und dort untertauchte, ließ er ſeine Decke und ſein. Bündel im Stiche, und lief als ob der Böſe hin⸗ ter ihm wäre, bis er faſt zu Tod gehetzt auf unſerer Station ankam. Wir zogen damals Alle aus, den Krüppel einzufangen, der aber war je⸗ denfalls wieder mit der Strömung hinabgegangen, und wir fanden keine Spur mehr von ihm.“ — 278— „Kaimeki!«*) rief in dieſem Augenblick Ma⸗ bong, der zu dem Feuer zurückgekehrt war und die Kohlen bei Seite geworfen hatte, in vollem Erſtaunen und Entſetzen aus—„hier ſind die Fährten!“ „Unter der Aſche?“ rief Bale ungläubig. „NXakkangannai!“*) ſagte Mabong zuſam⸗ menſchaudernd, und deutete mit dem Holz, das er in der Hand hielt, auf die Glieder eines menſch⸗ lichen Körpers, der hier auf das Schlauſte ver⸗ ſcharrt unter dem darüber entzündeten Feuer lag. Es blieb auch jetzt gar keinem Zweifel mehr un⸗ terworfen, daß der Schwarze, der den armen Wanderer jedenfalls die Nacht im Schlafe über⸗ raſcht und getödtet haben mußte, den Körper in das Loch geworfen hatte, das die Wurzel des Stammes aus dem Boden geriſſen. Sand, Erde und Laub war dann mit außerordentlicher Schlau⸗ heit und Vorſicht ſo darüber weggeſcharrt worden, daß es ihn vollſtändig bedeckte, ohne auf dem Boden irgend eine Erhöhung zurückzulaſſen, und die darüber gezogenen Kohlen, von anderem dar⸗ auf geworfenen Holze genährt, verdeckten das Grab des Unglücklichen ſo vollkommen, daß es wohl kaum ſobald wieder aufgefunden worden wäre, *) Ausrufe des Erſtaunens und Entſetzens. — 279— hätte der Schwarze nicht die Spur auf ſo friſcher That entdeckt. Ein kurzer Kriegsrath wurde jetzt von den Maännern gehalten, dem jedoch Mabong bald in ſofern den Ausſchlag gab, als er erklärte, unter jeder Bedingung den Fährten Nguyulloman's fol⸗ gen zu wollen. Fanden ſie ihn im Buſche drin, ſo konnte er ihnen natürlich nicht entgehen, und nur wenn die Spuren zum Waſſer gingen, muß⸗ ten ſie es aufgeben, ihnen zu folgen, denn daß ſie dort dem ſchlauen Krüppel Nichts anhaben konnten, wußten ſie Alle aus Erfahrung. Walker erſuchte jetzt Mae Donald, den linken, und Mr. Bale, den rechten Flügel zu nehmen, und ſich etwa zwei oder drei hundert Schritte von Mabong, den er ſelber begleiten wollte, entfernt zu halten. Das geſchah; Mabong, der Spur beſſer folgen zu können, nahm ſein Pferd am Zügel, und Walker, der dicht hinter ihm ritt, und vom Sattel aus einen beſſern Ueberblick über die niederen Büſche hatte, folgte ihm langſam und auf das Geringſte um ſich her achtend. So zogen ſie wohl eine volle Stunde lautlos durch dem Buſch, Mabong, die Augen feſt auf der Fährte und nicht rechts noch links ſchauend, und Bale und Mac Donald, ihre Pferde feſt im Zü⸗ gel haltend, dem etwa auftauchenden Schwarzen — 280— raſch den Weg abſchneiden zu können. Ihre Jagd ſchien aber erfolglos enden zu ſollen, denn ſchon ſahen ſie auf einige hundert Schritt Entfernung das ſteile Ufer des Stroms vor ſich, und es blieb kaum noch einem Zweifel unterworfen, daß Nguyul⸗ loman dieſen erreicht und angenommen hatte. Bis dahin war auch zwiſchen ihnen verabredet worden, die Suche ſo geräuſchlos als möglich zu halten, und beſonders einander nicht zuzurufen, da der Verbrecher den fremden Lauten jedenfalls nach dem Waſſer zu ausgewichen wäre. Bale aber, der ſich jetzt ſo dicht am Fluſſe ſah, und die fabelhafte, ja ordentlich unheimliche Fertigkeit kannte, mit der ſich der ſchwarze Krüppel im Waſſer bewegte, rief, als ſie eine kleine Blöße erreichten, dem Lieutenaut hinüber: „Es iſt vergebens— die ſchwarze Beſtie hat den Strom angenommen, und wir möchten ebenſo gut verſuchen, einen Fiſch da aufzuſpüren, als den ſpinnbeinigen Halunken. Ich will den trock⸗ nen Billibong einmal davorn durchreiten, jeden⸗ falls finde ich die Fährte.“ Mabong richtete ſich ärgerlich auf, als er die laute Stimme des Stockkeepers hörte. Dieſer aber kümmerte ſich wenig darum, und nur ſeinem eigenen Kopfe folgend, galoppirte er in ein ſan⸗ diges ſchmales Bett hinein, das ſich der Fluß bei — 281— hohem Waſſerſtande, etwa hundert Schritte von ſei⸗ nem eigentlichen Bett entfernt, ſeitabgeriſſen, und einen kleinen Nebencanal dadurch gebildet hatte. Selbſt die Fährte des kleinſten Thieres zeigte ſich deutlich hier im leichten Sande, und Bale erkannte ſchon von weitem die breite deutliche Spur, die der hier hindurchſchleichende Krüppel in den weichen Sand geriſſen. „Hier iſt er durch!“ rief er, ſich im Sattel aufrichtend, nach Mabong hinüber.„Wetter noch einmal, weun wir ihm hier den Weg hätten ab⸗ ſchneiden können!“ „Dort kriecht er! Hinauf mit Euch, Bale!“ ſchrie ihm in dieſem Augenblick Walker zu, indem er dem eigenen Thier die Sporen in die Seite ſtieß. „Wo?— den Teufel auch!“ rief der Stock⸗ keeper, der in der Hohlung, in der er ſich ſelber befand, nicht weit ſehen konnte. Raſch aber riß er ſein Pferd herum, und ſo wie er den oberen Rand erreichte, entdeckte er auch gleich, kaum noch zwanzig Schritte vom Fluſſe entfernt, die unheim⸗ liche Geſtalt des ſchwarzen tückiſchen Feindes, die ſich wie eine rieſige Kröte gerade über eine Blöße im Buſche hinwegſchnellte, dem Ufer zu. „Tallyho!“ ſchrie der Stockkeeper, ſich hoch im Sattel aufrichtend und ſein Pferd dann zum — 282— Sprunge hebend, während er mit einem Satz einen anderen ſchmälern Graben überflog—„tallyhoh!“ und in wenigen Secunden hatte er den Krüppel erreicht. Wie ſich dieſer aber auf dem hellen Bo⸗ den zuſammenkrümmte, ſcheute das Pferd vor der unheimlich tückiſchen Geſtalt am Boden, bäumte und warf ſich auf den Hinterbeinen herum, und der Wilde, ſeinen Vortheil erſehend, glitt dem nächſten Gebüſch zu, welches das Ufer des unter ihm dahinbrauſenden Stromes überhing. Bale aber, während Walker und Mabong ebenfalls in voller Flucht herbeiſprengten, riß ſein Thier her⸗ um, und die gewichtige Peitſche um den Kopf ſchwingend, die in den Händen dieſer Leute wirk⸗ lich eine Waffe genannt werden kann, traf er mit der Schweppe derſelben den linken Arm des Krüp⸗ pels mit ſolcher Kraft und Sicherheit, daß er das Fleiſch deſſelben bis auf den Knochen durchſchnitt. „Haben wir Dich, Beſtie?“ rief er dabei, und parirte ſein Pferd wieder, den Schlag, wenn es nöthig ſein ſollte, zu wiederholen. Nguyulloman war von dem furchtbaren Hiebe der gewichtigen Peitſche, die ihn im Nu ſeines linken Arms beraubte, um und zu Boden geriſſen worden, und lag einen Moment, vor Schmerz heulend, auf der Seite. Wie aber der Weiße wieder an ihn heranritt, richtete er ſich empor, — 283— und Bale ſah wohl die Bewegung, war aber nicht mehr im Stande auszuweichen, denn in demſelben Augenblicke ſchon traf ihn auch ein ſcharfes Stück Kalkſtein, von der nie fehlenden Hand des Krüp⸗ pels geſchleudert, mit ſolcher Wucht an die Stirn, daß er Peitſche und Zügel fallen ließ, und als das Pferd vor der Bewegung einen Seitenſatz machte, ſchwerfällig aus dem Sattel ſtürzte. Wohl verſuchte jetzt Nguyulloman, nach dem gelungenen Wurf ſo raſch als möglich auch ſelbſt mit ſeiner einen Hand das dicht dabei befindliche Ufer zu erreichen, aber ſeine Laufbahn war geen⸗ det. Mabong, der ſich bei dem erſten Ruf Wal⸗ ker's mit Blitzesſchnelle auf ſein Pferd geworfen hatte, flog heran, und den blanken Säbel in der Fauſt, traf er den Unglücklichen mit ſicherem Hiebe, ggerade als dieſer den Uferrand gewann, in den Hals. Einen Blick des tödtlichſten Haſſes warf der Krüppel auf ſeinen Feind zurück, krallte mit der rechten Hand, wie um ſich zu halten, in die Luft 3 hinein, und ſchlug dann, die ſteile Uferbank hin⸗ unter in die über ihm zuſammenziſchende Fluth, die er mit ſeinem Blute färbte. Als Walker in demſelben Augenblicke faſt her⸗ beiſprengte und ſich von ſeinem Pferde warf, ſah er, wie der Körper noch einmal in der letzten — 284— Zuckung nach oben tauchte, aber die raſche Strö⸗ mung riß ihn mit ſich fort, und der dunkle Blut fleck auf der gelbſchäumenden Fluth war das letzte. Zeichen des beſtraften Verbrechers.— Mabong ſchaute dem Untergang des Feindes mit wildem, triumphirendem Blicke nach. Wäh⸗ rend ſich aber Walker und Mac Donald mit dem, glücklicher Weiſe nur betäubten Stockkeeper be⸗ ſchäftigten, fiel ſein Auge auf ein kleines Bündel, das er, von dem Hals des Krüppels, mit ſeinem Hieb heruntergeſchnitten, und das zu ſeinen Füßen im Sande lag. Es war ein blaubaumwollenes, mit den vier Zipfeln feſt zuſammengeſchnürtes Tuch, und der Inhalt ließ ihnen bald nicht den geringſten Zweifel mehr über den, an jenem unglück⸗ Aichen„Bündelmann“ verübten Mord. Enthielt es doch das Wenige, was der ſchwarze Mörder von ſeinem Opfer für des Mitnehmens werth gefun⸗ den hatte: die gelben Meſſingknöpfe, die er an ſeiner Jacke getragen, ein altes Meſſer mit nur noch einer halben Klinge, zwei Stückchen Tabak und drei Schilling Silbergeld. Bale kam bald wieder zu ſich; der Stein hatte ihm nur die Stirn aufgeriſſen, und ſonſt weiter gerade keinen Schaden gethan. Nur der Grau⸗ ſchimmel war den übrigen Pferden nachgaloppirt und mußte erſt von Mabong wieder zurückgeholt werden. Eine traurige Pflicht blieb ihnen indeß noch zu erfüllen, und zwar den Körper des Ermorde⸗ ten zu unterſuchen, ob ſie vielleicht etwas an ihm entdecken könnten, was ihnen ſage, wer er ſei und wohin er gehöre. Die Unterſuchung, die Mabong mit großer Genauigkeit und noch größerer Kalt⸗ blütigkeit ausführte, ergab aber nicht das geringſte Reſultat. Die an der Jacke fehlenden Knöpfe beſeitigten allerdings auch den letzten Zweifel, daß Nguyulloman hier die Hand im Spiele ge⸗ habt und ſeine Strafe nur gerecht erhalten habe; ſonſt führte der Todte Nichts bei ſich, was Licht über ihn gegeben hätte. Selbſt das Geſicht war Bale, der doch manche der Burſchen hier ſchon geſehen, unbekannt. Dieſe Arbeiter, meiſt alte Sträflinge, die entweder ihre Zeit abgedient und ihre Strafe verbüßt, oder Freipäſſe mit der Er⸗ laubniß erhalten hatten, im Lande drin, wie an⸗ dere freie Arbeiter, Dienſt zu ſuchen, ziehen häufig in ſolcher Art von Station zu Station, und da ſich Niemand um ſie bekümmert, wo ſie bleiben und was aus ihnen wird, fallen ſie gar nicht etwa ſo ſelten den tückiſchen Schwarzen zum Opfer. Außer ihrem Haß gegen alle Weißen, können dieſe an ſolchen armen Teufeln ihre Raub⸗ = 286= luſt gewöhnlich am beſten und auch ungeſtrafteſten befriedigen. Die Beute beſchränkt ſich freilich faſt ſtets auf eine wollene Decke, ein Meſſer und im günſtigſten Falle auf ein Stück Tabak, den Schwar⸗ zen aber genügt das auch vollkommen; ſie ver⸗ langen nicht mehr. Den Wunden nach, die der Unglückliche am Kopfe trug, hatte ſich Nguyulloman wahrſchein⸗ lich in der letzten Nacht zu dem Feuer geſchlichen, an dem er lagerte, und ihn mit einem Steine im Schlafe getödtet. Sie legten ihn wieder in die Grube, deckten Sand und Erde darauf, zogen dann eine Anzahl Aeſte und Zweige darüber hin, die wilden Hunde vom Grabe fern zu halten, und ſteckten zu Häup⸗ ten ein roh zuſammengebundenes Kreuz— das traurige Erinnerungszeichen manches armen, fern von den Seinen erſchlagenen Wanderers. Bale, der ſich indeſſen wieder vollkommen er⸗ holt und ſeinem Herzen beſonders durch eine ganze Sammlung der oft wunderlichſten Flüche und Ver⸗ wünſchungen über die Schwarzen im Allgemeinen, wie Nguyulloman im Beſonderen Luft gemacht, konnte ſich aber jetzt nicht länger aufhalten, und mußte ſeinen Pferden folgen. Auch Walker und Mac Donald drängte es, ihr Ziel noch vor Abend zu erreichen. So, nach kurzem, aber herzlichem 287— Abſchied, das wilde Abenteuer, das ſie hier plötz⸗ lich nach langer Trennung wieder einmal zuſam⸗ mengeführt und vereinigt, als etwas zum Buſch Gehöriges nicht ſonderlich weiter beachtend, trenn⸗ ten ſich die Männer, ihren verſchiedenen Zielen raſch entgegenſtrebend. 11. Capitel. Sch(uß. Die Sonne neigte ſich gegen die Wipfel der Malleybüſche, und gab ihren rothſchimmernden Stielen und hellgrünen Blättern, mit den zittern⸗ den Schatten und Lichtern, die ſie darüber warf, einen eigenen, dem Auſtraliſchen Buſch ſonſt nicht immer zugehörigen Reiz. In den hohen Gum⸗ bäumen am Ufer ſammelte ſich ſchon ein faſt un⸗ abſehbarer Schwarm von weißen Kakadus, ſein Nachtlager in den Wipfeln zu ſuchen, und über den Strom, an deſſen unmittelbarem Ufer die Reiter jetzt hingaloppirten, ſtrichen ſchnurrend ganze Züge von wilden Enten auf und ab. Auch zwei ſchwarze Schwäne, die auf dem Fluß ihrer Nahrung nachgegangen, ruderten, als ſie die veranſprengenden Pferde hörten, die ſchlanken Hälſe nach rechts und links herüberdrehend, raſch * gegen die Strömung an, bis ſie ſahen, daß die gefürchteten Menſchen trotzdem näher und näher kamen. Da breiteten ſie die langen Schwingen aus und waren bald, der Biegung des Bettes folgend, hinter der nächſten Uferbank verſchwunden. „Dort liegt die Station!“ rief da Walker, mit dem linken Arm vorausdeutend.—„Das iſt der Sandhügel, von dem in jener Zeit der ſchwarze Krüppel ſein Signal gegeben— gleich dahinter müſſen die Häuſer ſtehen— ich kann den auf⸗ wirbelnden Rauch ſchon über den Büſchen er⸗ kennen.“ „Und dort!“— rief Mac Donald, und ergriff mit der einen Hand ſeines Begleiters Arm, wäh⸗ rend die andere faſt unwillkürlich das eigene Thier einzügelte. „Was?— wo?“ rief Walker, und folgte mit den Augen dem Blick des Freundes— „ha, beim Himmel!“ fuhr er auch gleich dar⸗ auf mit unterdrückter Stimme fort, indem er ſein Pferd ebenfalls zum Stehen brachte—„die beiden jungen Damen— und genau an derſelben Stelle, wo ich Sie damals, Mac Donald, mit Miß Sarah in ſo eifrigem Geſpräche fand. Ma⸗ bong mag die Thiere zum Haus führen, wir ſel⸗ ber wollen die Damen üb Gerſtäcker. III. 8 dem Stamm des G — 290-— doch wenigſtens, daß wir einen freundlichen Will⸗ kommen finden!“ Er ſprang aus dem Sattel, und ſeinen Zügel dem Schwarzen zuwerfend, der auch Mac Donald's Pferd unter ſeine Obhut nahm, ſchritten die bei⸗ den Männer raſch aber geräuſchlos der Stelle zu, wo ſie die lichten Kleider der jungen Mädchen hatten über die Büſche ſchimmern ſehen. Walker hatte recht— die Stelle war die näm⸗ liche, und doch der Platz ſelber wie verändert ſeit der Zeit, als er zum letzten Male ihn betreten. Es war Sarah's Lieblingsplätzchen geworden, und manche liebe, und doch auch wieder in der Er⸗ innerung ſo bittere Stunde hatte ſie hier allein oder in Geſellſchaft der Schweſter ſchon ver⸗ träumt. Von den Brüdern war ihnen dabei der Platz gar freundlich hergerichtet worden. An den mäch⸗ tigen Gumbaum, der dort ſtand, lehnte ſich eine niedere, bequeme Bank, und die in Auſtralien ſo üppig wachſende Paſſionsblume wand ſchon ihre Ranken um für ſie aufgerichtete Geſtelle, und ver⸗ ſprach im nächſten Jahre eine dicht ſchattige, freundlich Laube. Auch heute hatten die beiden Jungfrauen den kühlen Platz geſucht, und während Lisbeth an s lehnte, und auf den raſch —— — 291— vorbeifluthenden angeſchwollenen Strom nieder⸗ ſchaute, blätterte Sarah in einem auf ihrem Schooſe liegenden Buche, ſchloß dieſes endlich, und blickte ſinnend auf die alte Kugelwunde, die der Einband trug.— „Deine Lallah Rookh müßteſt Du aber eigent⸗ lich doch jetzt auswendig können!“ lächelte Lis⸗ 3 beth, ſich zu ihr wendend;„haſt Du doch das ganze Jahr darin ſtudirt, als ob Du jeden Vers behalten wollteſt.— Komm, Sarah!“ ſetzte ſie dann herzlicher hinzu, als ſie mehr fühlte wie ſah, daß die Worte die Schweſter verletzten—„laß die trüben und traurigen Gedanken, die Dir nun ſchon die langen Monde am Herzen nagen. In wenigen Wochen kann Mr. Bale zurück ſein, und wir erfahren dann jedenfalls Gewiſſes auf die Briefe, die Vater geſchrieben. Halte Dich nur immer an die gute, wenn auch mit keiner Unter⸗ ſchrift verſehene Botſchaft, die wir bekamen; jedenfalls hat ſie ein Freund geſandt— der keinen Grund haben kann uns zu täuſchen.“— „Du haſt recht,“ ſagte Sarah—„wir wollen hoffen. Aber heute gerade, ich weiß eigentlich mwun ſelber nicht weshalb, iſt mir ſo wunderbar ä Vuu lich zu Muthe.“ 5 Säsah „Weil wir die Briefe heute abgeſandt,“ 6 Lisbeth—„aber ſieh, da kommen Fren 19 — 292— da drüben auf dem Wege führt ein Diener zwei Pferde.“ „Das iſt ſchwarze Polizei!“ rief Sarah, plötz⸗ lich mit jähem Schreck von ihrem Sitz empor⸗ fahrend. „Wahrhaftig, ich glaube, Du haſt recht,“ ſagte auch Lisbeth, den Blick nicht von den Pfer⸗ den wendend.„Der dunkle ſchwarze Kopf und die blaue Uniform— aber wo ſind die Reiter?“ „Hier, mein Fräulein!“ ſagte in dieſem Augen⸗ blick, kaum zehn Schritte von ihr entfernt, eine lachende Stimme—„und ausnehmend erfreut, Sie ſo wohl und munter zu treffen.“ „Lieutenant Walker!“ rief Lisbeth, und wurde todtenbleich—„Lieutenant Walker und—“ „Capitain Walker, wenn ich bitten darf,“ lächelte der junge Mann mit einer leichten Ver⸗ ugung,„und hier“— ſetzte er hinzu, indem er 7 umwandte und die Hand dem dicht hinter folgenden Maec Donald entgegenſtreckte— alter Freund Ihres Hauſes, den ich mir nur urze Zeit von Ihnen geborgt hatte, und nun, eiſt und Körper gekräftigt, wieder uber⸗ Aber beim Himmel, Maec Donald, haben Sprache verloren, daß Sie mich die ier ganz allein halten laſſen?“ Donald!“ rief Lisbeth erſtaunt und — 293— verwirrt, und ihr Blick flog von dem Wiederge⸗ kehrten zur Schweſter hinüber, die zitternd, keines Wortes mächtig, an dem Gumſtamm lehnte. Mac Donald war mit wenigen Schritten an ihrer Seite.. „Sarah— meine liebe— liebe Sarah!“ flüſterte er ihr zu, indem ſein Arm die zarte, ſchwankende Geſtalt umfaßte und ſtützte. „Sind Sie noch böſe auf mich, Miß Lisbeth?“ frug Walker in dieſem Augenblick das junge Mäd⸗ chen, indem er den Arm der darüber wirklich überraſchten jungen Dame ohne Weiteres ergriff, ein den ſeinigen zog und mit ihr, ohne auch nur die mindeſte Notiz von dem anderen Paar zu nehmen, dem Hauſe zuſchritt. „Ich war recht böſe auf Sie!“ erwiederte Lisbeth, und ſuchte ihren Arm langſam zu be⸗ freien; Walker ließ ſie jedoch nicht los. „Aber Sie ſind es doch jetzt nicht mehr, nicht wahr?“ Lisbeth ſah zu ihm auf— ſein Geſicht war freundlich und doch lagerte wieder ein ſo weh⸗ müthiger Ernſt um den feingeſchnittenen Lippen, daß ſie— weit herzlicher, als es vielleicht ihre Abſicht geweſen— ſagte: „Nein— und wie dürft' ich auch?“ ſetzte ſie leiſer und erröthend hinzu— wnach dem Dienſt, — 294—, .. 4 den Sie uns an jenem doppelt furchtbarxi Mor⸗ 4 gen geleiſtet. Sie befreiten mich von dem Teu⸗ fel, der mich ſchon erfaßt und— retteten meine Mutter!“ „Aber der Abend vorher—“ „Erinnern Sie mich nicht daran!“ ſagte Eli⸗ ſabeth ſchaudernd—„er war furchtbar!“ „Und trotzdem habe ich Ihnen ein lebendiges Andenken daran wieder mit zurückgebracht— bitte, ſorgen Sie ſich nicht um Ihre Schweſter; die iſt in guten Händen.“ „Aber ich begreife nicht— erzählen Sie mir nur—“ „Heute Abend!“ lächelte aber Walker—„Sie lieben ja Buſchrähndſcher⸗Geſchichten.“ „ Aber nicht mit ſolchem Schluß—“. „und trotzdem wird die heutige ganz ähnlich ſchließen, glaub ich,“ ſagte Walker,„nur— daß vielleicht Fräulein Sarah meine Rolle von da⸗ mals übernimmt, und ich— am Ende leer aus⸗ gehe—1 „Da kommt Vater!“ rief Eliſabeth nach vorn deeutend, wo der alte Mr. Powell, der die Pferde G bemerkt, herüberkam, ſich nach den Gäſten umzu⸗ ſehen. „Ein Anblick, der kranken Augen wohl thut!“ rief Walker herzlich, indem er Eliſabeth's Arm — —— * 1 8 1 4. 8** d A K 8 8. 3 “ C