——— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur V . von. k Eduard Ottmann in Gießen, 3 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1 Ceih und Jeſebedingungen. 3 1 ¹ 5 3 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Müdänbe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3— 3 laution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme Buches, eine dem Werth deſſelben entſprchende Summe een, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet ement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 2 Bücher: a Bücher: 6 Bücher: —— ⁰———— 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Nr.— lorene oder der Leſer z 7. Aus eſe beſonders r B. Die beiden Sträflinge von — 2—— 8— 3 4“— — 6 8 4 5———* Pi 4— beiden Sträflinge. Auſtraliſcher Koman von Friedrich Gerſtäcker. Zweiter Band. Der Verfaſſer behält ſich die Ueberſetzung dieſes Werkes vor. — 5O ð Leipzig, Hermann Coſtenoble. 1857. Inhultsverzeichniss zum zweiten Bande. Seite Gap. 1. Der Gefangene......... 1 2 2. Toby............ 15 2 3. Kakurru........ 38 ⸗ 4. Der ſchwarze Krüppel....... 62 ⸗ 5. Die Buſchſchenke........ 86 ⸗ 6. Die Deutſche Anſiedelung...... 126 ⸗ 7. Gotihelf Liſchke......... 153 2 8. Der Fremde.......... 182 ⸗ 9. Dr. Spiegel......... 2212 * 10. Das Saaldorf⸗Hotel....... 249 ⸗ 11. Die„arme Wittiwe.“...... 276 1. Capitel. Der gefangene. Staunen und Verwirrung brachte die Gefangen⸗ nahme Mac Donald's in den heiteren, ahnungs⸗ loſen Kreis der Powell'ſchen Familie. Wäre vor ihren wachenden Augen ein gräßliches Geſpenſt dem Boden entſtiegen, nicht ungläubiger, nicht entſetzter hätten ſie ſein Erſcheinen anſtarren kön⸗ nen, nicht ärger wären ihre Herzen von Angſt und Bangen gelähmt worden, als bei der furcht⸗ baren Entdeckung von dem Weſen des Mannes, der ſchon faſt heimiſch geworden war bei ihnen Allen. Sarah's Ohnmacht wandte allerdings die Auf⸗ merkſamkeit der Familie dieſer zu, und ſelbſt Mac Donald, als er das junge unglückliche Mädchen zu Boden brechen ſah, machte unwillkürlich eine Bewegung, als ob er ihr beiſpringen wolle. Ebenſo Gerſtacker. II. 1 raſch aber beſann er ſich auch wieder, ließ die Arme ſinken, und ſagte leiſe zu Walker: „Führen Sie mich fort!“ Das aber war leichter erbeten als gethan, und Lieutenant Walker, von den letzten Worten Sa⸗ rah’s wie vernichtet, hatte kaum Zeit behalten, ſich zu ſammeln. Was aber mit dem Gefangenen jetzt werden ſolle, wußte er ſelber kaum. Un⸗ ſchlüſſig ſtand er noch da, als Mr. Bale, der ebenfalls ein ſtummer erſchreckter Zeuge der Scene geweſen, auf ihn zutrat, die breite Hand auf ſei⸗ nen Arm legte und ernſt und dringend fragte: „Mr. Walker— ich— ich weiß nicht, ob Sie ein Recht haben, den Mann hier aufzugrei⸗ fen.— Es iſt möglich, ja ſogar wahrſcheinlich, denn Sie würden ſonſt nicht, ohne irgend einen Verhaftsbefehl an einen Engländer, unter dem gaſtlichen Dach eines auſtraliſchen Squatters, Hand legen, aber— aber ich glaube, wir hier ſind doch auch berechtigt zu fragen, was Sie für Beweiſe für Ihre Anklage haben.— Mr. Mac Donald, zum Donnerwetter, ſagen Sie uns doch wenigſtens, ob Sie das wirklich ſind, für was er Sie ausgiebt, und iſt das nicht der Fall, und kann er keine weiteren Beweiſe bringen, als nur einen flüchtigen Verdacht, ſo will ich verdammt ſein, wenn er Sie ſo ohne Weiteres wie einen * — 3—— gemeinen Verbrecher mit ſeinen Schwarzen hier fortführen ſoll. Sie haben ſich neulich benom⸗ men wie ein Mann, und mir ſelbſt vielleicht das Leben gerettet— noch weit mehr als das aber, Sie haben auch hier die junge Dame, für die wir Alle gern mit Vergnügen unſer Leben ließen, aus den Händen der nichtsnutzigen Schwar⸗ zen befreit, und ich denke, das iſt Grund genug, uns auch Ihrer anzunehmen. „Halt, Sir!“ rief da Walker, durch dieſe Worte wieder ganz zu ſich ſelbſt gebracht, indem er dem ehrlichen und derben Stockkeeper, der ihm unerſchrocken ins Auge ſah, ernſt entgegentrat.— „Ich bin im Dienſte Ihrer Majeſtät ausgeſandt, die, das Land gefährdenden Buſchrähndſcher, wo ich ſie finde und ergreifen kann, einzufangen, und habe den Verhaftsbefehl gegen Jack London, jetzt alias Mac Donald allerdings. Mag er leugnen, daß er der iſt, und ich bringe die Beweiſe; Be⸗ weiſe wenigſtens, die mich ermächtigen, ihn fort⸗ zuführen von hier und den Gerichten zu über⸗ geben, die dann entſcheiden mögen, ob er ſchuldig iſt oder nicht, und ob ich meine Befehle über⸗ ſchritten und Strafe verdiene. Denen werde ich mich fügen, aber jedes gewaltſame Einſchreiten gegen die Geſetze dieſes Landes auch mit Ge⸗ walt zurückweiſen. Die Folgen deſſen dann auf das Haupt Jedes, der es wagen ſollte, mich in der Ausübung meiner Pflicht zu hindern.“ Es war, als ob Mac Donald reden wollte, aber kein Laut, obſchon er die Lippen öff⸗ nete, fand die Bahn in's Freie, und nur ſein Blick haftete angſtvoll an den bleichen Zügen der noch immer bewußtloſen Jungfrau. „O, ſprechen Sie, Mac Donald,“ bat da auch Mr. Powell, indem er, von der Tochter ſich ent⸗ fernend, auf den Gefangenen zutrat, und bewegt die gefeſſelten Hände des Unglücklichen ergriff; „reißen Sie uns aus dieſer Angſt und Pein. Sie wiſſen, wie wir Sie lieben—, wiſſen, wie wir Ihnen zu Dank verpflichtet ſind, und nicht glauben können, nicht glauben wollen, daß Sie, für den ich mein Hab' und Gut, für den ich meine Ehre verpfändet haben würde, wirklich ein Ver⸗ brecher ſind, daß Sie wirklich jenen Unglücklichen angehören ſollten, die drin im Buſche mit Raub und Mord ihre Bahn bezeichnen.“ „Mr. Powell,“ rief da Mac Donald, wie überwältigt von der herzlichen Anrede.„Dank— tauſend Dank für dieſen Glauben an mich. Oh, wahren Sie ihn mir— ſeien Sie verſichert, ich bin kein Verbrecher!“ „Das hab ich allenfalls auch gedacht!“ rief — —————— u——— — 5— Bale triumphirend; und nun, mein Herr Polizei⸗ officier, die Beweiſe.“ „Verlangen auch Sie dieſelben, Mr. Powell?“ frug Walker den alten Herrn, und würden Sie ſich weigern, ihn ſonſt auszuliefern?“ „Ich würde ihm wenigſtens die Schmach eines ſolchen Transports erſparen,“ ſagte dieſer, nicht ohne Bitterkeit auf die Eiſen deutend,„indem ich Bürgſchaft für ihn leiſtete, und ihn ſelbſt in die Stadt begleitete. Aber begierig bin ich zu erfahren, woher Sie ſich ſo plötzlich von der Iden⸗ tität jenes Herrn als Buſchrähndſcher überzeugt haben, da Sie doch heute Morgen noch keine Ahnung davon hatten. Sie hätten ſonſt nicht alle Ihre Leute fortgeſchickt.“ „Mit wenigen Worten kann ich Ihnen das er⸗ klären,“ erwiederte, den Gefangenen dabei ſcharf fixirend, Walker.„Ich ſelbſt hatte, Sie haben darin vollkommen recht— heute Morgen noch wirklich keine Ahnung, wer dieſer angebliche Mac Donald ſei. Die Nachricht, daß jener Hütten⸗ wächter, den er früher gekannt haben wollte und von dem er günſtig geſprochen, einer der gefähr⸗ lichſten Buſchrähndſcher ſei, machte mich zuerſt ſtutzig. Nach Hauſe mit der feſten Abſicht zurück⸗ kehrend, mich genau von der Perſönlichkeit zu überzeugen, fand ich—“ er hielt plötzlich inne. — 6— Sarah war zu ſich gekommen und er ſah ihre Augen feſt und ſtier auf ſich geheftet. Er wollte inne halten, aber ungeduldig winkte ſie ihm fortzufahren. „Fanden Sie?“— rief aber auch Mr. Powell. „Fand ich den Grauſchimmel, auf dem Mac Donald auf dieſe Station gekommen.“ „Und wie war's mit dem?“ frug Bale raſch und ſtutzig—„war er geſtohlen?“ 1 „Ja und nein— der Gefangene hat ihn, al⸗ lerdings dem Eigenthümer unbekannt und ohne ſeine Einwilligung, mit fortgenommen, aber den ungefähren Preis dafür am Hauſe zurückgelaſſen. Für einen Buſchrähndſcher allerdings ein ungewöhn⸗ liches Ding. Auch die 15 Pf. Sterlinge ſtimm⸗ ten. Mit dieſem ſchon beſtätigten Verdacht er⸗ kannte ich, in's Haus zurückgekehrt, auch den Ent⸗ flohenen ſelbſt wieder, den ich ſchon früher ein⸗ mal, wenn auch nur flüchtig, geſehen, den aber jetzt der ſtarke Bart faſt unkenntlich machte. Kaum bedurfte es noch der in das Buch geſchoſ⸗ ſenen Kugel, die aus meines Wachtmeiſters Ka⸗ rabiner ſtammt, um mich zu ſtberzeugen.— Gerade ſeine Leidenſchaft für Bücher hat übrigens die Polizei wieder auf ſeine Fährten gebracht, da er ſich, ſolche anzukaufen, mit unbeſchreiblicher Keck⸗ heit ſelbſt nach Melbourne hinein wagte. Be⸗ dürfte es noch weiterer Beweiſe,“ fuhr der Lieu⸗ tenant mit leiſer Stimme fort, da er ſah, daß Sarah das Geſicht in ihren Händen barg und wie zerſchmettert in einander brach—„ſo hätte ich ſie von meinem Schwarzen. Den Scharfſinn der Burſchen fürchtend, hat Mac Donald, ſo lange wir hier ſind, größere Schuhe getragen, als ſein Fuß verlangt. Mein Burſche hat ſich hier im Hauſe die früheren zu verſchaffen gewußt, und ſein Ausſpruch beſtätigt nur die Gewißheit der Klage. Jetzt fragen Sie ihn ſelbſt, und wenn er kann, mag er leugnen, daß er nicht der, unter dem Namen Jack London in Van Die⸗ mens Land bekannte, und ſpäter entflohene Sträfling iſt.“ Regungslos, und ohne mit einem einzigen Worte den Redenden zu unterbrechen, hatte Mac Donald ihm zugehört. Jetzt, als Aller Augen auf ihn gerichtet waren, und Alle mit ſtummem Entſetzen in den Zügen das bleiche, ſchuldbeken⸗ nende Antlitz des Unglücklichen betrachteten, ſagte zer plötzlich mit feſter, ruhiger Stimme: „Ich bin Jack London“— bin es in dem Sinne wenigſtens, wie es Lieutenant Walker meint, wenn auch inein wirklicher Name Mac Do⸗ nald iſt“ „Großer Gott!“ rief Mr. Powell, die Hände — entſetzt zuſammenſchlagend, während der ehrliche Stockkeeper einen Fluch nicht unterdrücken konnte, und ſich dann erſchreckt nach den Damen umſah. „Und doch nicht ſchuldig— doch der Ver⸗ brecher nicht, für den Sie jetzt mich halten,“ rief 4 der Unglückliche. Deportirt und ſchuldlos, ſo fabelhaft, unglaublich das klingen mag; doch iſt es Wahrheit, die ich Ihnen ſage. Das aber,“ ſetzte er plötzlich ſcharf abgebrochen, und mit faſt tonloſer Stimme hinzu,„iſt auch Alles, was ich für jetzt Ihnen ſagen kann. Ich hatte freilich, was meine Gefangennahme betrifft, gehofft, daß Lieutenant Walker wenigſtens den Frieden die⸗ ſes Hauſes heilig halten würde. Das iſt nicht geſchehn; vielleicht kommt aber einmal, wenn auch erſt ſpäter, die Zeit, wo ich ihn zur Rechenſchaft darüber fordern werde.“ „Die Anklage iſt hart, und ich würde der Rechenſchaft mit Freuden Rede ſtehn“, erwiederte finſter der junge Mann,„wenn ſich die eben mit meiner Pflicht vereinigen ließe. Dieſe aber ge rade zwang mich auch, den vom Staat als gefä rlic bezeichneten Verbrecher, ſobald ich ihn als ſolchen erkannt, ſo raſch als irgend möglich in meine Ge⸗ walt zu bekommen. Ihre Abreiſe war, wie ich hörte, auf den morgenden Tag beſtimmt, mein ganzes Piquet entfernt, was Anderes blieb mir ——ÿℳ———— ᷣ da übrig, wenn ich nicht mit Gewalt und Blut⸗ vergießen mein Ziel erreichen wollte, als zur Liſt meine Zufluchkt zu nehmen? Sind Sie wirklich unſchuldig, ſo werden Sie ſich auch den Geſetzen gegenüber reinigen können. Ihnen die Gelegen⸗ heit zu verſchaffen, iſt jetzt mein Amt.“ „So führen Sie mich fort“, ſagte Mae Do⸗ nald finſter,„machen Sie dieſer Scene ein Ende, die peinigend für Alle iſt.“ „Halt!“ rief da Mr. Powell, der augenſchein⸗ lich in den letzten Minuten mit ſich und einem Entſchluß gekämpft hatte:„Mr. Walker— Sie werden mich, wie ich hoffe, für einen loyalen Unterthanen der Krone halten—“ „Ich habe nie im Leben daran gezweifelt, Sir!“ rief der junge Mann raſch—„nie einen Augenblick auch nur daran geglaubt, daß Sie eine Ahnung“—2 „Halt— verſtehen Sie mich nicht falſch,“ unterbrach ihn mit finſter zuſammengezogenen Brauen der alte Herr.„Daß ich keinen wirklichen Buſchrähndſcher wiſſentlich beherbergen würde,. das, denke ich, wird man mir nicht zumuthen, und glaube ich über ſolchen Verdacht erhaben zu ſein, ohne mich deshalb noch entſchuldigen zu müſſen. Was es iſt, weiß ich nicht, aber etwas ſpricht in mir zu Gunſten dieſes unglücklichen Mannes. Er hat ſich mir, ſoweit ich ihn ken⸗ nen lernte, als ein Ehrenmann gezeigt— er hat mir außerdem mein liebes Kind gerettet— wir Alle hier ſind ihm zu Dank verpflichtet, und das Herz dreht ſich mir bei dem Gedanken in der Bruſt herum, ihn als gemeinen Verbrecher, ge⸗ feſſelt von hier ſcheiden zu ſehn, ihn— den ich ſogar in meiner Familie aufzunehmen nicht ge⸗ zögert haben würde.“ Mr. Pewell ſchwieg einen Moment, wie bewältigt von ſeinen Gefühlen, und Alle ſchauten erwartungsvoll zu ihm auf. Endlich fuhr er mit langſamer, aber feſter Stimme fort. „Ich weiß, daß es Ihre Pflicht iſt, den Ge⸗ fangenen, wie die Sachen nun einmal ſtehen, an das nächſte Gericht abzuliefern. Ich weiß nicht, wohin Sie—“ „Ich werde ihn an die nächſte Polizeiſtation, an die Mündung des Darling abliefern,“ erwie⸗ derte Walker. Der dortige Commiſſär mag ſei⸗ nen Transport nach Van Diemens Land oder Sydney, wie er es immer für gut findet, weiter übernehmen.“ „Gut!“ ſagte der alte Herr,„wenn ich Ihnen nun mit irgend einer Summe, die Sie beſtimmen mögen, für die richtige Ankunft des Gefangenen an dem Orte ſeiner vorläufigen Beſtimmung, — 11— Sydney oder Melbourne, hafte? wenn ich Bürg⸗ ſchaft für ihn leiſte, daß er ſich dorthin begiebt, und mir ſein Ehrenwort dafür genügt?“— „Mein guter Vater,“ ſagte Sarah, die bei den letzten Worten des alten Herrn zu ihm ge⸗ treten war, und jetzt ihren Kopf dankend an ſeine Schulter ſchmiegte. Walker biß ſich die Lippen und ſchien ſelber von dem Antrage überraſcht, während Bale innig vergnügt mit dem Kopfe nickte und ſich die Hände rieb. Und wenn’s ein Buſchrähndſcher war, er hatte das Pferd nicht geſtohlen, und ſich hier auf eine Weiſe betragen, die ihm die Herzen dieſer rauhen Söhne des Buſches gewonnen: Er 1 ſelber behauptete dabei, daß er unſchuldig ſei, und wenn er ſich den Gerichten ſtellte, wie konn⸗ ten ſie mehr verlangen? Da begab ſich der Ge⸗ fangene ſelber freiwillig des ihm wenigſtens in Ausſicht geſtellten Vortheils. „Dank, tauſend Dank, edler Mann,“ rief er, und ehe Walker ein Wort darauf erwiedern konnte, bei dem Antrag aus,„aber ich ſelber würde es nicht annehmen können und wollen.“ „Sie ſelber nicht?“ rief Mr. Powell er⸗ ſtaunt. „Weil ich dem guten Willen des— Beamten nichts verdanken will,“ fuhr Mac Donald mit feſt zuſammengebiſſenen Zähnen finſter fort.„Er mag ſein Schlimmſtes thun, den auf meinen Kopf geſetzten Preis auch zu verdienen.“ „Sie hören, Mr. Powell, wie die Sachen ſtehen,“ ſagte der Lieutenant achſelzuckend—„un⸗ ter dieſen Verhältniſſen werden Sie es begreif⸗ lich finden, wenn ich den Herrn nicht außer Au⸗ gen laſſe.“ „Wie hoch iſt das Kopfgeld?“ frug jetzt Bale, indem er den jungen Officier von der Seite anſchaute. Walker erröthete tief. Der Blick, den er dem Aufſeher zuſchleuderte, dem von dieſem aber ziemlich kalt und trotzig begeg⸗ net wurde, verrieth zugleich deutlich genug, daß er der Frage zu anderer Zeit wohl weiter nach⸗ geforſcht hätte. Seine Pflicht band ihn aber an den einen Punkt, und mit ernſter Stimme erwie⸗ derte er: „Gott iſt mein Zeuge, daß ich das Kopfgeld mit Freuden aus meiner eigenen Taſche zahlen würde, wenn ich Ihnen Allen den ſchmerzlichen Abend hätte erſparen können.“ Und mich mußten Sie dazu benutzen, Ihre Pläne auszuführen,“ rief Liesbeth mit Thränen im Auge und zorngerötheten Wangen—„werd' ich den Gedanken denn je wieder loswerden in meinem ganzen Leben?“ „Gebt Frieden,“ ſagte aber jetzt Mr. Powell, indem er ſeines Kindes Arm ergriff.„Mr. Wal⸗ ker hat nicht mehr als ſeine Schuldigkeit gethan. Ob dieſe vielleicht noch auf andere Art und Weiſe⸗ auszuführen geweſen, iſt eine Frage die er ſich ſelber beantworten, mit ſich ſelber ausmachen mag. Wie die Sachen jetzt ſtehen, und da ſich Mac Do⸗ nald weigert, meine Bürgſchaft anzunehmen, bleibt ihm Nichts übrig, als das Begonnene durchzu⸗ führen.“ „Sie geſtatten mir vielleicht für dieſe Nacht, verehrter Herr, eines Ihrer Außenhäuſer,“ bat da Walker, ich möchte Ihr Haus nicht zum Gefängniß machen. Mit der morgenden Dämme⸗ rung hoffe ich aufbrechen zu können.“ „Nach dem, was jetzt geſchehen iſt,“ ſagte der alte Herr ruhig, mögen Sie es auch zum Ge⸗ fängniß machen. Ihr eigenes Zimmer oder das Ihres Gefangenen, welches Ihnen das ſicherſte dünkt, ſteht Ihnen zur Verfügung.“ „Und geſtatten Sie mir einen ſchwarzen Die⸗ ner—“ „Bitte, fragen Sie mich nicht weiter darüber,“ bat Mr. Powell, raſch abbrechend,„handeln Sie, wie Sie glauben, daß Sie handeln müſſen. Ihrer Majeſtät Diener haben volles Recht, unter mei⸗ nem Dache das zu thun, was das Geſetz von ihnen verlangt. Ich nehme hiermit Abſchied von Ihnen, Mr. Walker, da Sie morgen wahrſchein⸗ lich früher mit Ihrem Gefangenen aufbrechen wer⸗ den, als ich mein Bett verlaſſe.“ Der junge Mann fühlte das Bittere, das in den Worten lag, und verbeugte ſich kalt. „Und Sie, Mac Donald,“ wandte ſich der alte Herr an den Gefeſſelten, ohne ihm jedoch die Hand zu reichen; leben Sie wohl, und gebe Gott, daß Sie ſich von dem, auf Ihnen laſtenden Verdacht reinigen können— ſonſt— verzeihe Ihnen Gott das Leid, das Sie über mein Haus gebracht.“ Mac Donald richtete ſich raſch und heftig auf, aber die Eiſen hinderten ſeine Bewegung. Er wollte reden, aber ſein Blick fiel auf Sarah, die ihr Antlitz an des Vaters Schulter barg. Tief aufſeufzend wandte er ſich ab, ſchaute auf Walker, der ſeinen Blick verſtand, und verließ, von dieſem gefolgt, raſch das Zimmer. 2. Capitel. Toby. An demſelben Morgen, an welchem die ſchwarze Polizei plötzlich und unerwartet die Station am Murray beſuchte, ſaß Toby, der neue Hüttenwäch⸗ ter der„trockenen Sumpf⸗Station,“ vor ſeiner Hütte und kaute, in Ermangelung von Tabak, mürriſch an einem Zweige, den er ſich in der Nach⸗ barſchaft abgebrochen hatte. Der Schäfer war eben mit ſeiner Herde fortgetrieben, und der Platz der Wachſamkeit des verdrießlichen Geſellen über⸗ laſſen worden. „Hm“, brummte dieſer endlich, mit einem der⸗ ben Fluch als Bekräftigung vor ſich hin—„da ſitz' ich nun in dem verwünſchten Neſte hier und blaſe Trübſal.— Angeſtellter Hüttenwächter, mit zwanzig Pfund jährlichen Gehalt— jedenfalls gute Intereſſen für die auf den Koßf peſäzten —. 1 6— hundert— ohne ein Krümchen Tabak, und mit der Ausſicht, in dem verdammt trockenen Leben und Land hier einzuſchrumpfen wie ein welker Pilz. Wär's nicht darum zu thun, daß ich die wundgelaufenen Füße erſt einmal wieder aushei⸗ len, und die müden gehetzten Glieder einmal ruhen laſſen wollte, ich würde den Teufel thun und ih⸗ nen die Schafe hüten, und den wilden Hunden den Spaß verderben.—— Wunderliches Land hier— rein verkehrte Welt, wo ſie einen richti⸗ gen, regulären Buſchrähndſcher zum H üttenwächter — den Bock zum Gärtner ſetzen, und dann nicht einmal etwas zurücklaſſen, was er ſtehlen könnte. Gottverfluchtes Land, und Nichts, tauſend Meilen dahin und dorthin. Muß doch machen, daß ich wieder an die Küſte komme und Zuflucht in einer beſſern Gegend finde.— Wenn nur der Lump von einem Stockkeeper erſt käme, daß ich Tabak kriegte— mit Tabak reiſ' ich durch die ganze Welt.—— Und Jack London auch hier— Gentleman wieder wie gewöhnlich, auf einem verdammt guten Pferde. John kann natürlich laufen. Na, die Spürhunde der ſogenannten Gerechtigkeit werden Einen hier doch wenigſtens 9 ungeſchoren laſſen, und mit Gottes oder des Teu⸗ fels Hülfe wird John ja auch wieder einmal ein Pferd unter den Sattel und einen anſtändigen —— Rock auf den Leib bringen. Erſt nur das Pferd — das Andere findet ſich dann ſchon von ſelbſt. Halloh, wer kommt da? unterbrach er ſich raſch, als der Klang nahender Hufe ſein Ohr traf. Wie unwillkürlich ſtand er dabei auf, um ſein Gewehr, das in der Hütte lehnte, raſch im Griff zu haben, falls er es brauchen ſollte. Gleich darauf er⸗ kannte er durch die lichten Gumbüſche die Geſtalt des Aufſehers, und ſeine Hände in die Taſchen ſchiebend ging er dieſem langſam ein Paar Schritte entgegen.“ „Nun, Toby, ſo fleißig?“ frug Bale, der herbei galoppirte und ſein Pferd dicht vor dem Hüttenwächter einzügelte,„die Hürden da drüben müſſen ausgebeſſert werden, und auf das Dach hier, dächt' ich, könntet Ihr auch ein Paar neue Stücken Rinde gebrauchen. Ich glaube, ich habe Euch das ſchon einmal geſagt; oder ſetzt Ihr vielleicht das Geſchäft von Eurem Vorgänger fort?“ „Verdammt will ich ſein,“ entgegnete mürriſch der neue Hüttenwächter, wenn ich einen Streich arbeiten kann, bis ich nicht ein Stück Tabak zwiſchen den Zähnen habe. Die Kehle iſt mir ſo trocken, daß mir ſelbſt das Luftſchnappen ſchwer wird.“ Der Aufſeher lachte. „Nun gut,“ ſagte er, während er in ſeine Gerſtacker. II. Taſche griff und dem danach Langenden ein Packet Tabak zuwarf,„wenn das nur fehlt, das hab' ich mitgebracht.— Aber da nun die Maſchine ge⸗ ſchmiert iſt, wird ſie auch hoffentlich arbeiten.“ „Denke ſo,“ nickte der Mann mit vergnüg⸗ tem Geſicht, indem er das Papier ohne Weiteres abriß und, wie er nur eine Ecke frei hatte, mit voller Gier in das ganze Stück hineinbiß— „ſollt jetzt Eure Freude an mir erleben.— Don⸗ nerwetter, das ſchmeckt. 46 „Wie lange habt Ihr keinen Tabak gehabt?“ „Wie lange?— es muß eine Ewigkeit ſein, und ich habe ſeit der Zeit meine ganze Kalen⸗ derrechnung verloren. Heute geht ein neues Jahr an.“ „Wo iſt Hendricks?“ „Mit den Schafen ſpazieren.“ „Wo hinaus, frag' ich.“ „Wohin?— dort hinüber.— Wo die hohe Kiefer da drüben ſteht, hab' ich ihn zuletzt ge⸗ ſehen.“ Der Aufſeher hatte ſein Pferd ſchon gewandt, um nach der bezeichneten Richtung hinüber zu reiten, als ihm einfiel, dem Hüttenwächter noch etwas zu ſagen. „He, Toby,“ rief er dem Mann zu, der eben in die Hütte trat, um ſich eine Pfeife heraus⸗ zuholen, und den doppelten Genuß von ſeinem lange entbehrten Labſal zu haben. „Miſter?“ ſagte dieſer, indem er nur lang⸗ ſam den Kopf nach ihm undrehte. „Morgen früh wird wahrſcheinlich der Karren herüberkommen— es iſt möglich, daß der Alte noch mehr von den Schafen haben will, wenn er nicht vielleicht drin ein Rind ſchlachtet—“ „Na, Gott ſoll mich holen, die ganze Ladung iſt doch noch nicht verzehrt?“ ſagte der Mann erſtaunt. „Wird nicht lange anhalten.— Wir haben zahlreichen Beſuch bekommen, denn ein ganzer Schwarm ſchwarzer Polizei iſt bei uns einquar⸗ tiert. Daß mir der Burſche dann mit den Och⸗ ſen nicht lange aufgehalten wird.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, drückte er mit den Worten ſeinem Pferd die Sporen in die Flanken, und verſchwand bald darauf in den Büſchen, ſeinen neuen Hüttenwächter übrigens in keineswegs freu⸗ digem Erſtaunen zurücklaſſend. Selbſt die Pfeife vergaß dieſer im erſten Augenblick bei der unwill⸗ kommenen Kunde, und ſah erſt dem davon Reiten⸗ den ſo lange nach, als er ihn ſehen konnte. „Alle Teufel,“ brummte er dann in den Bart, „das iſt eine ſchöne Geſchichte—„die Spür⸗ naſen hier, und meine Beſcherung da drüben im Buſche?— Hm, hm, hm, hm, hm,— den Teufel 2* zu zahlen und kein Pech heiß— wohlbeſtallter Hüttenwächter hier mitten im Buſche mit einem Pfund Tabak Handgeld, und die ſchwarzen Beſtien vielleicht in der nächſten Stunde auf der Fährte. Wird ſich Jack London unmenſchlich darüber ge⸗ freut haben. Johnny, Johnny, das iſt eine verzweifelte Geſchichte, und wenn Du dieſes Mal glücklich aus der Klemme kommſt, werd' ich allen Reſpekt vor Dir haben. Aber bah“— ſetzte er plötzlich, den Kopf zurückwerfend, hinzu—„wer weiß denn, ob ſie je hier in die Gegend kommen. Man darf nicht ſchreien, eh's Einem wehe thut, und kommt Zeit, kommt Rath. Fort darf ich jetzt einmal nicht, ehe ſie mich aufſtöbern, und zwingen Ferſengeld zu geben, denn in dem wei⸗ chen Boden hätt' ich ſie Alle wie an einer Leine hinterher— hier kann ja ein Blinder die Spuren mit einem Stock im Sande fühlen. Aber auf⸗ paſſen wollen wir doch ein wenig ſchärfer— und kommen ſie erſt— hol' ſie der Henker,“ ſetzte er finſter, mit einem gottesläſterlichen Fluche hin⸗ zu—„ſo haben ſie den rothen John nicht um⸗ ſonſt drei Jahre im Buſche herumgehetzt und mit den Schwarzen Brüderſchaft machen laſſen, daß er ihnen nicht wenigſtens einen Theil ihrer Liſt abgelauſcht hätte. Außerdem hab' ich das Schieße eiſen auch nicht um Nichts da, und ſo lange Pulver 3 — 21— und Blei reicht, kann ich ſie mir ſchon vom Leibe halten.“ Er ging mit dieſen Worten in die Hütte, ſchnitt ſich ruhig hinlänglichen Tabak zu einer Pfeife klein, ſtopfte dieſe dann und nahm, wäh⸗ rend er den Dampf mit augenſcheinlichem Beha⸗ gen in die Luft blies, ſein Gewehr vor. Aus dieſem zog er die alten Schüſſe ſorgfältig heraus, reinigte die Läufe, lud ſie friſch, und hing ſich dann das Gewehr über, um die ihm aufgetragene Arbeit an den Hürden vorzunehmen. Kam der Karrenführer morgen früh wieder heraus, ſo er⸗ fuhr er von dieſem jedenfalls, was die Schwarzen machten.— Vielleicht waren ſie auch weiter ge⸗ gangen, und er hatte dann gar Nichts mehr zu fürchten. Mit den Hürden wurde er Nachmittag fertig, und nach Beendigung derſelben ging er dann ebenfalls daran, die ihm aufgegebene Ausbeſſe⸗ rung an dem Dache vorzunehmen. So lange er ſich hier im Dienſte befand, wußte er wohl, daß er ſeine Pfiicht erfüllen müſſe. Hierzu brauchte er übrigens einige große Stücken Rinde, und mit dem kleinen Beil, das er in einem der Haus⸗ pfähle ſtecken fand, ſchlenderte er langſam einer alten, nicht ſehr weit entfernten Lagune zu, an deren Rand mehrere ſtarke Gumbäume ſtanden. —jj— - 22— Das Gewehr nahm er natürlich mit, und lehnte es an einen der Bäume, ein wenig aus Sicht hin⸗ ter einen Baum— wenn der Aufſeher vielleicht dieſen Weg zurückkommen ſollte,— wonach er mit geübter Hand die benöthigten Stücken Rinde aus⸗ hieb und abſchälte. Er war dabei in ſeiner Ar⸗ beit ſo vertieft geweſen, daß er ſeine Umgebung wirklich für den Augenblick darüber vergaß. So eben emſig beſchäftigt, die abgeſchälten Stücken, beſſern Transports wegen, an einer Stelle auf⸗ zuhäufen, hörte er plötzlich, ganz dicht neben ſich, ſeinen Buſch⸗Namen„Rother John“ rufen. Wie von einer Natter geſtochen, fuhr er her⸗ um, und hatte allerdings Urſache zu erſchrecken, denn kaum funfzehn Schritte von ſich entfernt, das Gewehr auf ihn angelegt, ſonſt aber mit freundlich nickendem Geſicht, ſtand ein Schwarzer, in der gefürchteten Tracht der Buſchpolizei vor ihm, und rief lachend, als er die Ueberraſchung in den Zügen des Ueberliſteten las: „Wie geht's, rother John, heh? butſcheri? — jabon butſcheri!— ja wohl— bleiben jetzt zuſammen— wollen jetzt nach dickem Rauch) gehen— Halt! nicht rühren!“ rief aber der Burſche in ſeinem gebrochenen Engliſch mit dro⸗ *) Dicker Rauch bedeutet große Stadt. — ——-—— hender Stimme, als der ſogenannte Toby eine faſt unwillkürliche Bewegung nach der Stelle zu machte, wo ſein Gewehr ſtand—„Kuyunko hat viel Blei drin und viel Pulver— bautz, geht es los und macht Loch in armen rothen John.“ John, alſo ertappt, hätte vor Wuth berſten mögen, daß er, der alte abgefeimte Buſchrähnd⸗ ſcher, ſich alſo von einem Poliziſten hatte über⸗ liſten laſſen. Aber mit Gewalt war für den Augenblick Nichts auszurichten; ſelbſt nur ver⸗ wundet durch einen Schuß wäre er, wie er recht gut wußte, im Buſche verloren geweſen. Außer⸗ dem konnten auch noch Andere in der Nähe ſein, die dann durch den Knall des Gewehres nur ſo viel raſcher herbeigezogen wurden. Nur ein ein⸗ ziger flüchtiger Blick, den er nach dem Baume warf, an dem ſein Gewehr lehnte, überzeugte ihn, daß der Schwarze deſſen Nähe nicht ahnte; er wäre ſonſt von jener Seite an ihn angeſchlichen, ſich deſſen zuerſt zu verſichern. Hier blieb alſo noch eine Hoffnung, und der Menſch klammert ſich ja an ſolche bis zum letzten Augenblick mit allen Kräften an. Nur Liſt mußte er für jetzt der Liſt entgegenſetzen und vollkommen ruhig, wenn auch mit eben keinem freundlichen Blick auf den Schwax zen, brummte er: „Hallo, was iſt nun los? kann der — 24— nicht einmal ruhig im Buſche ſeine Arbeit thun, ohne daß ſo ein ſchwarzer, blaueingeknöpfter Gal⸗ genſtrick hinter ihm herſchleicht und nach ihm zielt? Sind wir hier unter Buſchrähndſchern, oder auf einer friedlichen Station?“ „Alles gut, rother John, ſehr gut,“ lachte der Schwarze, innig vergnügt, daß ihm ſeine Liſt ſo gelungen,„nur nicht fortlaufen, ſonſt puff— Ku⸗ gel noch ſchneller wie Bumerang.“ „O, geh zu Gras!“ knurrte der Weiße— „was willſt Du eigentlich und warum nennſt Du mich rother John, heh?— Ich heiße Toby und bin Hüttenwächter hier.“ „Butſcheri“, lachte der Schwarze wieder— „Alles gut— Miſter Walker wird große Freude haben.“ „Walker— alle Teufel,“ dachte John,„da biſt Du in eine gute Falle gerathen.“ Den Schwarzen ließ er aber nicht merken, wie ihn der Name erſchrecke, und frug im Gegentheil zu⸗ rück: „Wer wird eine Freude haben?— na Don⸗ nerwetter, nimm einmal das Schießeiſen von der Backe; das ſiehſt Du doch, du blinder Maulwurf, daß ich Dir nicht weglaufen kann.“ Dabei ne er, indem er dem Polizeiſoldaten den i zudrehte, langſam auf den kaum fünf Schritte von ihm entfernten Baum zu, an deſſen Wurzel er ſich langſam niederließ. 5 Kuyunko war dieſer Bewegung höchſt miß⸗ trauiſch gefolgt. Daß der Weiße nicht hinkte, wußte er aus der Fährte, der er bis hierher nachgeſpürt, und jedenfalls war das eine Liſt des überdies ſehr gefürchteten Burſchen, ihn zutrau⸗ lich zu machen. Der Schwarze lachte aber ſtill in ſich hinein, daß der weiße Mann ihn für ſo dumm halte, und da der nackte Hügelhang gerade hinter dem Baume wohl an vierzig Schritt ſteil hinauflief, der Buſchrähndſcher alſo auch dort hin⸗ auf gar nicht entkommen konnte, ohne die ganze Strecke im Bereiche der Kugel zu ſein, ließ er ihn ruhig gewähren. Erſt als er ſaß, nahm er die Flinte herunter und ging langſam, aber im⸗ mer noch äußerſt vorſichtig auf ihn zu.— „Wer wird eine Freude haben, heh?“ frug John noch einmal, indem er ſich nach ihm um⸗ drehte. „Nun Miſter Walker, der Lieutenant,“ ſagte der Schwarze. „Der?“ rief aber der rothe John mit ſo treff⸗ lich geheuchelter Freude, daß ſelbſt der ſchlaue Burſche irre wurde,„na, wenn der da iſt, da hab' ich auch Nichts zu fürchten, mein Junge. Der hat mir ja geſchrieben, daß er den vollen — 26— Pardon für mich in der Taſche trägt. Alle Wet⸗ ter, Junge, die Nachricht iſt ein Stück Tabak werth.“ „Tabak?— habt Ihr welchen?“ frug Ku⸗ yunko begierig, ohne ſich jedoch in den Bereich ſeines Gefangenen zu wagen, den er am leichteſten mit der geladenen Waffe in ſeiner Gewalt behielt. „Na, ich ſollte denken,“ lachte der Buſchrähnd⸗ ſcher—„hat mir doch der Aufſeher ein ganzes Pfund herausgebracht— willſt Du ein Stück?“ Der Schwarze zögerte einen Augenblick mit der Antwort. Sein Gewiſſen machte ihm aber keine weiteren Schwierigkeiten. Was er von dem. Gefangenen für ſich ſelber berausbekommen konnte, war reiner, noch unberechneter Gewinn; fort ließ er ihn deshalb doch nicht.“ „Gut,“ ſagte er,„aber dann kommt rother John auch mit Kuyunko zu Lieutenant Walker — guter Mann Lieutenant Walker, thut ihm Nichts zu leid.“ 4 „Ja, ich kenne deſſen Gutmüthigkeit,“ dachte John, ſagte aber laut, indeß er ruhig und an⸗ ſcheinend ganz unbekümmert an ſeinen Taſchen herum nach dem Tabak fühlte: „Ja wohl, mein Junge, mit dem größten Ver⸗ gnügen— freue mich ganz verdammt, Deinen Lieutenant wiederzuſehen— wo hab' ich denn den 27— verwünſchten Tabak— biſt Du allein hierher gekommen?“ „Ganz allein,“ lachte Kuyunko, nicht wenig ſtolz darauf, auf eigene Hand den gefährlichen Weißen überliſtet zu haben—„Andere Alle an Station—“ „Ahem— abh, ich glaube, ich habe den Tabak dort an den Buſch gelegt— gerad' hinter Dir, Kuyunko; Du trittſt darauf.“ Kuyunko ſah ſich, ohne John jedoch den Rücken zuzukehren, vorſichtig nach der bezeichneten Stelle um, und nur als der Buſchrähndſcher, auf ſeinen Ellbogen gelehnt, ganz ruhig liegen blieb, drehte er den Kopf zurück, den bezeichneten Tabak zu ſuchen. Es war allerdings nur ein Moment, er genügte aber für John, ſich in die Höhe zu ſchnellen und, ehe Kuyunko ſein Gewehr an den Backen reißen und zielen konnte, hinter den Baum zu ſpringen. Der Schwarze, der keine Ahnung davon hatte, daß jener dort ſeine Waffe verbor⸗ gen, glaubte, er wolle nur den Baum zwiſch n ſich und ihn bringen, den Hügel hinan, und in den Buſch zu entkommen. Er ſprang deshalb, das Gewehr im Anſchlag, und um ſeine eigene Sicher⸗ heit nicht im mindeſten beſorgt, auf den Baum zu und etwas zur Seite, die Geſtalt des Flüchti⸗ gen wieder in Sicht zu bekommen, als dieſer plötzlich ganz dicht vor ihm emportauchte. Im näͤch⸗ ſten Moment ſchmetterte ein Schuß durch den ſtillen Wald, und Kuyunko, deſſen Händen das Gewehr entfiel, ſtand noch einen Augenblick ſtill und regungslos, ſeinen Mörder anſtarrend, ließ dann die Arme ſinken und ſtürzte todt zu Boden. Der rothe John blieb auf der Stelle, von der aus er geſchoſſen, ſtehen, und lud vor allen Din⸗ gen inſtinctartig ſein Gewehr auf's Neue. „Da haben wir die Beſcherung,“ murmelte er, nach ſeiner Gewohnheit, laut mit ſich ſelbſt zu reden, in den Bart.„Der Schuft hat ſeinen Lohn, aber wie lange wird's dauern, ſo hab' ich die ganze Meute auf den Hacken. Ob die Ca⸗ naille nicht wie eine Katze herangeſchlichen war, — hm, hätte gar nicht gedacht, daß ſie mich auf dieſe Weiſe überliſten könnten. Und was nun thun?— ah bah, der rothe Jahn iſt nicht um⸗ ſonſt drei Jahre lang wie ein wilder Hund gehetzt, jetzt zu verzagen, wo er vielleicht noch gar vier⸗ undzwanzig und mehr Stunden Vorſpruug hat. Wollen doch einmal ſehen, wer klüger iſt, ich oder dieſe ſchwarzen Heiden, die unſer chriſtlicher Gou⸗ verneur auf Menſchen abrichtet, wie ſeine Hunde auf Füchſe. Den rothen John haben ſie noch nicht, und wenn ſie ihre Leute einzeln nach mir ſchicken wollten, rieb ich ihnen nach und nach die — 29— ganze koſtbare Polizei auf; hahaha. So, jetzt an's Werk, und verdammt will ich ſein, wenn ich den Schuften nicht eine Naſe drehe, ſo lang wie ein Gumbaum.“ Vorſichtig horchte er jetzt noch kurze Zeit um⸗ her, ob er nicht irgendwo einen neuen Feind ge⸗ wahren könne; aber Alles blieb ruhig, und der in Verbrechen geſtählte Geſell ging jetzt raſch und ſicher daran, ſeine That nicht etwa zu verbergen, denn das, wußte er, war unmöglich, aber die je⸗ denfalls bald nahenden Verfolger irre zu leiten und ſich ſelber in Sicherheit zu bringen. Erſt ſchoß er vor allen Dingen das Gewehr des Getödteten in die Luft, und warf es dann neben ihn auf die Erde nieder. Hiernach band er ſich ſein Halstuch ab, und ſättigte es vollkommen mit dem Blute des Erſchlagenen. Das Tuch legte er auf ein ziemlich großes Stück Rinde, nahm dieſes auf die Schulter, und ſchritt dann ſo raſch er konnte der Hütte wieder zu, ſich dort vor al⸗ len Dingen mit Lebensmitteln, und was er ſonſt noch etwa brauchen konnte, zu verſehen. Nur manchmal blieb er unterwegs ſtehen und ließ einen Tropfen Blut auf die Erde fallen. In der Hütte hielt er ſich übrigens nicht auf, denn er konnte dort jeden Augenblick durch neue Spione überraſcht werden. Nur Hendricks' Kiſte, die in der einen Ecke ſtand, erbrach er noch vorher, nahm etwas Geld, das dieſer darin hatte, ſo wie ein Taſchen⸗ meſſer und Feuerzeug heraus, drückte den Deckel dann wieder zu, und ſchlug eine gerade Richtung nach dem Fluſſe ein. Seine Flucht nach dem Waſſer zu ſetzte er jetzt im Anfange ſo raſch fort, als es ihm die Füße erlaubten, und vermied dabei alle weichen Stellen im Boden, die ſeine Fährten zu deutlich verrathen hätten. Daß ihm das nicht das Geringſte half, und die Schwarzen denſelben ſo leicht wie auf ei⸗ ner gebahnten Straße folgen würden, wußte er recht gut; aber glauben mußten ſie wenigſtens, daß er ſie hätte irre führen wollen. Das lag mit in ſeinem Plane, zu dem auch das hier und da niedergeworfene Blut gehörte. Er ſpielte, mit einem Worte, die Rolle eines Verwundeten, der im Anfange flüchtete, ſo raſch er eben laufen konnte, D und den die Kräfte nach und nach verließen. Er 8 blieb manchmal ſtehen und ſetzte ſich auch wohl 8 nieder, überall, wenn auch nur leichte Blutſpuren zurücklaſſend, und ging die letzten Paar hundert Schritte vom Fluſſe, als er das mit hohen Gum⸗ bäumen bewächſene Thal gerade mit Sonnenunter⸗ gang erreicht hatte, mit langſam ſchleppenden Schritten dem Ufer zu; legte ſich einmal, wenn auch nur wenige Secunden, unter einen Baum, und ſuchte ſich dann einen paſſenden Fleck aus, um den hier emüic tiefen Fluß zu durch⸗ ſchwimmen. Hierzu wählte er eine Stelle, die an dem dieſſeitigen Ufer ſeicht war, drüben aber den tief⸗ ſten Grund hatte, und benutzte dabei das Stück Rinde, das er zu dieſem Zwecke gleich von allem Anfange mitgenommen, als Nachen, um wenig⸗ ſtens ſein Gewehr, Pulver, Decke und Feuerzeng darauf zu legen und trocken zu halten. Ein ge⸗ übter Schwimmer, erreichte er hierauf leicht das andere Ufer. Hier nun begann ſeine Liſt, die Schwarzen irre zu führen. Mit den Fingern krallte er ſich in den ziemlich ſteilen Lehmboden ein, als ob er verſucht hätte daran hinaußzuklet⸗ tern, brachte das Knie hinauf, rutſchte dann wie⸗ der damit hinunter und zog das blutgetränkte M Tuch ein Paar Mal über den Boden. Auch den *X Eindruck des Gewehrs ließ er in der weichen X Erde zurück. Dann aber puuſch er ſein Rinden⸗ ſtück ſauber im Waſſer ab, packte die ihm nöthigen Sachen darauf, und ſchwamm, ſein kleines Canoe nachziehend, mit der Strömung langſam den Fluß hinunter. Es dämmerte ſchon ſtark, er aber wußte recht gut, daß er für dieſe Nacht von ſeinen Ver⸗ folgern Nichts weiter zu fürchten hatte. Dieſe nur 8 nicht ſobald wieder auf ſeine Spur zu bekommen, blieb ſeine einzige Sorge. Seine Berechnung war auch in ſofern vortreff⸗ lich geweſen, als die Feinde erſt die Rückkehr ihres Kundſchafters abwarten wollten ehe ſie daran gingen ihn einzufangen. Bis ſie deshalb er⸗ fuhren, welches Schickſal den ereilt, und bis Hen⸗ dricks, wüthend über den an ihm verübten Dieb⸗ ſtahl, Klage geführt gegen den flüchtig geworde⸗ nen Hüttenwächter, gewann John faſt vierund⸗ zwanzig Stunden Vorſprung, und damit vollkom⸗ men Zeit, ſeine Fährten auf viele Meilen weit zu unterbrechen. Hendricks wußte übrigens noch Nichts von dem im Buſch erſchoſſenen S chwargen, wenn er auch die Schüſſe ſelbſt gehört hatte. Als die Schwarzen den Leichnam ihres Ka⸗ meraden fanden, folgten ſie allerdings mit Leich⸗ tigkeit der Spur des Entflohenen, lachend dabei auf das Blut zeigend, das, wie ſie meinten, von einer ſchweren Wunde herrühre— war doch Ku⸗ yunko's Gewehr abgeſchoſſen geweſen.— Auch an 5 der andern Seite des Stromes trafen ſie ohne der Wachtmeiſter aber, der ſich der Schaar ange⸗ ſchloſſen, allerdings jede Hoffnung aufgegeben, die ſchon ſicher geglaubte Beute lebendig einzuholen. Zeitverluſt auf die, beſonders für ſie hergeſtellen Blutſpuren, ſo wie anderen Zeichen. Hierauf hatte „Jungen,“ rief er ſeinen Leuten zu,„die Ca⸗ naille hat den Hals voll Waſſer bekommen, und mit unſeren hundert Pfund Sterling iſt's faul, wenn wir nicht noch irgendwo in einem gefälligen Gumwipfel das angeſchwemmte Aas finden. Hier hat er herausgewollt und iſt zweimal wieder zurückgerutſcht— muß geblutet haben wie ein Schwein. Peſt und Tod, ich gäbe meinen kleinen Finger darum, wenn wirden Schuft lebendig hätten!“ Für den Augenblick blieb jetzt auch wirklich Nichts weiter zu thun, als eben den Leichnam des, wie man vermuthete, durch den Schuß ſchwer verwundeten Verbrechers zu ſuchen. Der Wacht⸗ meiſter ſchickte deshalb einen ſeiner Leute, Ma⸗ bong, augenblicklich an den Lieutenant, ihm von dem Stande der Sache Kunde zu geben, und die Schwarzen warfen indeſſen ihre Kleider ab, um unter dem Waſſer nach ihrer Beute zu ſuchen. Wenig wilde Stämme der ganzen Erde ſind ſo geübte Schwimmer, beſonders Taucher, wie die Schwarzen im Flußgebiete des Murray. Von der Natur ſchon zum großen Theil auf den Strom mit ſeinen Fiſchen und Krebſen angewieſen, gehen ſie oft lange Strecken nur mit ihrem dünnen Holz⸗ ſpeer bewaffnet auf dem Grunde hin, und har⸗ puniren Hummer und Fiſche, die ſich gern unter den in den Strom geſtürzten Stämmen aufhalten. Gerſtäcker. II. 3 ℳ — 34— Mehrere Minuten lang bleiben ſie ſolcher Art un⸗ ter dem Waſſer, ſteigen dann auf kurze Zeit an die Oberfläche, thun ein Paar Athemzüge, und verſchwinden wieder unter der, ſich über ihnen ſchließenden Fluth. Beſſere Waſſerſpürer hätte der Wachtmeiſter ſich auch gar nicht augenblicklich wünſchen können. Trotzdem aber, daß auch der Fluß ſelbſt ihre Be⸗ mühungen hier zu lohnen verſprach, indem gerade eine kurze Strecke weiter unterhalb mehrere der weitarmigen Gums in das Flußbett geſtürzt und wie Blei liegen geblieben waren, konnten die Schwarzen in den zackigen ſchleimüberzogenen Zweigen derſelben auch nicht das Geringſte fin⸗ den, und ſuchten vergebens, bis die Nacht ihren weiteren Nachforſchungen ein Ende machte. Bis dahin hatte der Wachtmeiſter ſeinen Lieu⸗ tenant erwartet, und erſt als dieſer mit Dunkel⸗ werden nicht kam, mußten die Leute lagern. Mit der erſten Morgendämmerung brach er dann ſelber mit ihnen auf, um zur Station zurückzukehren und dort Bericht über die halb gelungene, halb verfehlte Expedition abzuſtatten. Nur zwei Schwarze ließ er am Fluſſe zurück, ihre Nachforſchungen noch ferner anzuſtellen. Der Gedanke war ihm zu fatal, die hundert Pfund Belohnung ſo ohne Wei⸗ teres aufzugeben. 3. Capitel. Rakurru. Mit Tagesanbruch war Walker, in Begleitung ſeines Gefangenen und Mabong's, wie es der alte Mr. Powell gewünſcht hatte, aufgebrochen, und Mac Donald ſchien ſich vollkommen ruhig in ſein Schickſal zu finden. Er ritt auch ſein umgetauſchtes Pferd, das ihm der Lieutenant überlaſſen, um raſcher vorwärts zu kommen. Nur ſeine Sat⸗ teltaſche und Holſter hatte Walker dem ſchwarzen Poliziſten übergeben. Seine Hände waren frei⸗ lich noch immer gefeſſelt, und eine ſtarke, im Zü⸗ gel ſeines Pferdes befeſtigte Leine, die um Wal⸗ ker's Sattelknopf das andere Ende ſchlang, regelte den Gang ſeines Thieres und machte jeden Flucht⸗ verſuch von vorn herein unmöglich. Was hätte er auch waffenlos und mit zuſammengeſchmiedeten Händen im trockenen Buſche drinnen für Rettung finden wollen! 39 36 Die Station lag, als ſie den Platz verließen, noch ſtill und ruhig; nur einer der Hüttenwächter brachte aus der kleinen Einfriedigung vier Pferde an den Zügeln herbei, und begann ſie zu ſatteln. — Mae Donald's Grauſchimmel war dabei. Walker hielt neben dem Manne, der neugie⸗ rig und erſtaunt ſtehen geblieben war, um den Gefangenen abführen zu ſehen und ſagte: „Für wen die Pferde, Freund, zu ſo früher Stunde?“ „Für Maſter Sir,“ erwiederte der Mann, den Mund noch halb offen,„Maſter und Maſter Ge⸗ orge und Maſter Ned wollen mit Mr. Bale hin⸗ ausreiten und Pferde eintreiben für den Adelaide⸗ Markt.“ „Ah ſo—— apropos, mein Burſche— wenn einige von meinen Leuten vielleicht durch den Buſch hierherkommen ſollten, ſo ſag' ihnen, daß ſie mich an der nächſten Biegung des Fluſſes oben treffen. Verſtanden!“ „Ay, ay, Sir— aber— aber nach Adelaide geht's da hinunter.“ „Ich will auch nicht nach Adelaide— vergiß nicht— an der nächſten Biegung!“ „Soll richtig beſorgt werden.“ Mac Donald warf noch einen Blick nach dem kleinen freundlichen Wohnhauſe zurück. Es war — 37— ihm faſt, als ob er die eine der verhangenen Gardi⸗ nen ſich bewegen ſähe;— er hatte ſich doch wohl nur getäuſcht, und tief aufſeufzend wandte er den Kopf und drückte, ganz ſeine Feſſeln vergeſſend, dem eigenen Thier die Flanken, daß es mit raſchem Sprunge vorwärts fliegen wollte. Aber die Leine verhinderte es, und nur ungern dem Zwang ge⸗ horchend, tanzte es mit ſeinem Reiter, und ſchäumte in ſein doppelt gehaltenes Gebiß. „Nicht ſo raſch, Sir,“ ſagte Walker ruhig— „wir müſſen unſere Thiere an gleichen Schritt ge⸗ wöhnen. Sind wir erſt eine Strecke draußen, ſo können wir ſie auch ein wenig ausgreifen laſſen.“ „Sie haben zu befehlen,“ erwiederte finſter der Gefangene, und ritt ſchweigend neben ſeinem Wär⸗ ter die hier ziemlich breite und ſandige Straße entlang. Mabong folgte, nach der Ordre ſeines Lieutenants, dicht hinter ihnen, und hatte ſtrengen Befehl, den Gefangenen bei dem geringſten Flucht⸗ verſuche vom Pferde zu ſchießen. Walker hatte Mac Donald, als ſie aufbrachen, davon in Kennt⸗ niß geſetzt. Als ſie die äußerſte Grenze der Station und den Rand des hier beginnenden Buſches erreich⸗ ten, hielt Walker die Pferde an, wandte das ſei⸗ nige, und ſchaute wohl eine Minute ſtill und ſchwei⸗ gend auf die kleine Häuſergruppe zurück, die fried⸗ lich im Lichte der eben aufgehenden Sonne lag. Kein menſchliches Weſen war noch darin zu ſehen, den Pferdeknecht ausgenommen, der die Thiere ſattelte. Nur auf dem nackten Sandhügel hinter den Ge⸗ bäuden ſaß Nguyulloman vor ſeiner niedern Rin⸗ denhütte und ſchürte ſein Feuer, aus dem ein dicker ſchwarzer Qualm in einzelner Säule kerzen⸗ gerad in die reine Morgenluft hineinſtieg. „Vorwärts,“ ſagte da Walker plötzlich, indem er ſein Pferd herumwarf, und Mac Donald dem Befehl gehorchte—„es wäre für uns Beide beſſer, wenn wir den Platz im Leben nicht ge⸗ ſehen hätten!“. Mac Donald ſah raſche und fragend zu ihm hinüber, allein der junge Mann hatte den Kopf geſenkt, und ſtarrte finſter vor ſich. Sein Pferd brachte er dabei in einen ſchar⸗ fen Trab, dem ſich das des Gefangenen anſchloß, bis ſie ſich ſchon faſt der, dem Pferdeknecht be⸗ zeichneten Biegung näherten. Da kamen ihnen von dort Reiter entgegen, und bald darauf ſprengte der Wachtmeiſter mit ſechs oder acht von ſeinen Leuten herbei, ſeinen Lieutenant aufzuſuchen, den er jetzt, als er ihn herankommen ſah, mitten in der Straße erwartete. „Herr Oberlieutenant,“— ſagte der alte Sol⸗ dat, indem er die Hand militairiſch grüßend an — 39— die Mütze legte—„ich habe zu melden, daß— alle Teufel“— unterbrach er ſich plötzlich, Dienſt und Disciplin in dem Erſtaunen über den gefeſ⸗ ſelten Fremden vergeſſend—„Mr. Mac Donald mit Handmanſchetten Ihrer Majeſtät?“ Der Lieutenant ſchwieg einen Augenblick, aber ein leichtes triumphirendes Lächeln, das über ſein Geſicht zuckte, brach ſich doch die Bahn, und auf den Gefangenen deutend ſagte er mit ironiſcher Höflichkeit zu ſeinem Wachtmeiſter: „Kulloch, ich habe. das Vergnügen, Euch hier Herrn Jack London vorzuſtellen.“ „Alle Wetter!“ rief der Wachtmeiſter, wäh⸗ rend die Schwarzen noch zu weit zurückſtanden, die Worte ebenfalls hören zu können, erſtaunt aber unter einander flüſterten, als ſie den Frem⸗ den von der Station in Handeiſen erkannten.— „Da hat der Ritt doch der Mühe gelohnt, und wir haben die beiden Hauptvögel erwiſcht und un⸗ ſchädlich gemacht.“ „Wollen Sie mich nicht Ihren übrigen Leuten ebenfalls vorführen?“ frug Mac Donald mit vor Zorn bebender Stimme. „Es iſt für jetzt nicht nöthig,“ erwiederte ruhig Walker,„da ich in eigener Perſon Ihren Transport bis zur nächſten Polizeiſtation über⸗ — 40— nehmen werde. Uebrigens hat ſich dem ſchon Mabong unterzogen.“ Mabong war in der That zu den Kameraden geritten, ſie von der Bedeutſamkeit ihres Fanges in Kenntniß zu ſetzen, und die ſchwarzen Burſchen, ihre großen weißen Augen im Geſichte rollend, drängten ſich neugierig herbei, um den kecken Weißen, der ſich ſo muthig mitten zwiſchen ſie hineingewagt und ihrer Wachſamkeit entgangen war, mehr in der Nähe zu ſehen. „Zurück mit Euch!“ rief ihnen aber der Ofſicier finſter zu.„Wachtmeiſter, haltet Eure Schaar in Ordnung; die Kerle wiſſen ſo wenig von Dis⸗ ciplin wie eine Herde Schafe.“ „Deſto beſſer ſind ſie auf einer Fährte,“ lachte dieſer,„und Sie hätten ſehen ſollen, wie ſie den Spuren des flüchtigen rothen John folgten. Der eine voran, die Naſe dem Boden zugekehrt, wie ein Brake hinter einem Fuchs her, und die an⸗ deren blitzesſchnell dahinter her. Daß ſie die Neugierde treibt, ſich den Herrn hier in der Nähe anzuſehen, kann ich ihnen nicht verdenken, und— wer weiß, ob es nicht für ſpätere Zeiten nützlich iſt, denn er ſieht mir eben nicht aus, als ob er 6 ſo leicht feſtzuhalten wäre. Mae Donald biß ſich die Unterlippe, erwie⸗ derte aber kein Wort, und Walker, der das Ge⸗ - 41— 8 ſpräch abgebrochen wünſchte, drückte ſeinem Pferde die Sporen ein und gab dadurch das Zeichen zum Aufbruch. Der Wachtmeiſter blieb, während Mac Donald zur Linken ritt, an ſeiner rechten Seite, und die Schwarzen folgten in einer Entfernung von etwa zwanzig Schritten. Der Wachtmeiſter ſtattete jetzt kurzen Bericht über den Erfolg lihrer„Suche“ ab, und ſprach ſeine feſte Ueberzeugung aus,„daß der verwun⸗ dete Buſchrähndſcher im Murray das Ende ſei⸗ ner verbrecheriſchen Laufbahn gefunden habe, und jetzt irgendwo in einem Baumwipfel der dort zahlreichen Gumbäume feſtgeſchwemmt ſitze. Die Schwarzen ſeien allerdings noch anderer Meinung, weil ſie auf dem Grund des Stromes auch nicht die mindeſte Spur gefunden. Eine ſolche habe aber jedenfalls die ſtarke Strömung wieder ver⸗ wiſcht, und ihre weiteren Nachforſchungen würden wahrſcheinlich ohne Erfolg bleiben. Außerdem müſſe es weiter oben am Strome ſtark geregnet haben, denn der Fluß ſei in der letzten Nacht drei Zoll geſtiegen, und wenn er in dieſer Jahreszeit zu wachſen anfange, ſo dauere es oft gar nicht lange, daß er die Ufer überfluthe.“ „Deſto mehr Grund haben wir dann, unſere Nachforſchungen ſo raſch als möglich zu be⸗ enden,“ erwiederte ihm der Officier, während „* 8 3 4 42= r er vom Pfade ab nach dem hier kaum zwanzig Schritt mehr entfernten Fluß zu hielt—„wie mir ſcheint, fängt das Waſſer ſogar an trübe zu werden. Benutzt alſo noch den heutigen Tag da⸗ zu, durchſucht das andere Ufer beſonders bis zur Station hinunter, und erſt wenn ſich Nichts er⸗ giebt, folgt mir heute Abend mit den Leuten. Mabong mag mit Euch gehen; er iſt Einer der ſchlaueſten Schwarzen, und ich ſelber nehme einen der anderen Leute zur Bedeckung mit. Auf der nächſten Station erwarte ich näheren Bericht, und bleibe dort, bis Ihr mir ſelber Kunde von Euexrem Erfolge bringt. Steigt das Waſſer ernſtlich, ſo müſſen wir dann überdies eilen, die Polizeiſtation, und mit ihr höheres Land zu erreichen.“ Dem Wachtmeiſter ſchien nicht viel daran ge⸗ legen, die jedenfalls erfolgloſe Nachſuche fortzu⸗ ſetzen, aber der Befehl war einmal gegeben und mußte ausgeführt werden. Vier oder fünf engliſche Meilen blieb er allerdings noch in Begleitung ſeines Officiers, um die Stelle wieder zu erreichen, wo der rothe John den Strom durchſchwommen hatte. Dann bog er mit ſeinen Leuten rechts ab, in den Buſch hinein und in das niedere Sumpf⸗ land, das eine Biegung des Stromes hier nach Süden bildete, während der Lieutenant mit ſei⸗ nem Gefangenen, von einem anderen der Polizei⸗ — — — 43— ſoldaten begleitet, dem Lauf der Malleyhügel fol⸗ gend an dem Fuße derſelben hingaloppirte. Der Boden beſtand hier aus hartem rothem Sande, ſpärlich mit jung aufkeimendem wildem Hafer und Gras bedeckt, und die Pferde konnten einen ziem⸗ lich raſchen Fortgang machen. Eine Stunde mochten ſie etwa ſo ſchweigend, und jeder mit ſeinen eigenen Gedanken beſchäftigt, neben einander hingeritten ſein, als die Geſtalt eines Schwarzen vor ihnen über den Weg glitt, und in einem dichten Geſtrüpp von Theebüſchen eben ſo raſch und ſpurlos wieder verſchwand. Walker griff faſt unwillkürlich ſeinem Pferde in die Zügel, und der hinter ihm reitende Schwarze richtete ſich hoch in den Bügeln auf, um der dunk⸗ len Geſtalt ſoweit als möglich mit den Augen zu folgen. Nur Mac Donald gab es einen eigen thümlichen Stich durch's Herz. Es war ihm faſt, als ob er in dem breiten haarigen Oberkörper des, wie eine Erſcheinung vorübergleitenden Wil⸗ den die Geſtalt Kakurru's erkannt hätte. Als ſie die Stelle erreichten, wo der Wilde die Straße mit einem Satze überſprungen hatte, hielt Walker die Pferde an, und ſein ſchwarzer Begleiter ſprang aus dem Sattel und betrachtete mit faſt zu Boden gedrücktem Kopf die Fährte. „Das hilft Dir Nichts, mein Junge,“ lachte — 44— aber der Officier;„jedenfalls haben wir den Burſchen, der zu einem der nächſten Stämme ge⸗ hört, überraſcht, und er macht jetzt, daß er uns aus dem Wege kommt. Der Art Geſellen haben meiſt Alle ein ſchlechtes Gewiſſen, und geben Fer⸗ ſengeld, ſobald ſie eine Uniform ſehen.“ Der Schwarze verſtand augenſcheinlich keine zwei Worte von dem, was ſein Lieutenant mit ihm ſprach, betrachtete aber lange und aufmerkſam die Spur, und folgte erſt dem wiederholten Be⸗ fehl ſeines Officiers, ſeinen Weg fortzuſetzen und ſich um den Eingeborenen nicht weiter zu beküm⸗ mern. Als er den Lieutenant wieder eingeholt hatte, wollte dieſer von ihm wiſſen, was er ent⸗ deckt; der arme Teufel verſtand aber kein Wort Engliſch, und plapperte in ſeinem eigenen Dia⸗ lekt nur eine lange Erzählung her, von der wie⸗ derum Walker keine Sylbe verſtand. 3 „Das iſt eine ſchöne Geſchichte,“ brummte die⸗ ſer vor ſich hin.„Jetzt hat mir der Wachtmeiſter einen Burſchen aufgehangen, dem ich mich nicht einmal verſtändlich machen kann.“ „Es iſt Nichts von Bedeutung,“ ſagte da Mac Donald, der höchſt aufmerkſam den Porten des ſchwarzen Berichterſtatters gelauſcht. 8,Gr kenn nur die Fährte nicht, und glaubt, daß der Eing borene vielleicht einem andern Stamme angehöre 8 — — 45— „Sie ſprechen die Sprache dieſer Leute?“ rief Walker raſch und etwas erſtaunt. „Ich verſtehe wenigſtens das Meiſte davon.“ „Gut,“ lachte Walker,„dann ſeien Sie wenig⸗ ſtens ſo gut und ſagen ihm, er möge bei der näch⸗ ſten Flußbiegung, die wir erreichen, ein Feuer anzünden, damit wir uns einen Becher Thee ma⸗ chen können. Uns Allen fehlt heute Morgen noch das Frühſtück.“ Mac Donald überſetzte dem Manne die Worte. Dieſer aber ſah erſt ſeinen Officier fragend an, als ob er den Befehl von dieſem beſtätigt zu hö⸗ ren wünſche, und nur als der ihm zunickte, ſprengte er voraus, den Auftrag auszuführen. Die beiden Reiter folgten indeſſen langſam in der ungewiſſen, kaum ſichtbaren Spur, die vor längerer Zeit ein⸗ mal ein Ochſenkarren hier am Fuße der Malley⸗ hügel in den Sand gegraben; Walker ſtill und in ſich verſunken, wenig auf das, was um ihn her vorging, achtend, Mac Donald aber in ge⸗ ſpannter Aufmerkſamkeit und in faſt athemloſer Erwartung. Etwa hundert Schritte vor ihnen hatte er denſelben dunklen Schatten wieder dicht am Wege geſehen, und es war augenſcheinlich, daß ſie von irgend einem ſchwarzen Stamme beobach⸗ tet und verfolgt wurden. Was dieſer dann auch gegen ſie unternehmen mochte, ihm konnte es nur . — 46— zum Nutzen werden. Selbſt der Tod wäre ihm ja erwünſcht geweſen gegen die Ausſicht, in neue, noch entſetzlichere Gefangenſchaft zu kommen als bisher. Hatte er aber recht geſehen, und war Kakurru unter den Verfolgern, ſo brauchte er für ſeine Sicherheit Nichts zu fürchten, denn ihm ſelber war Jener zu Dank verpflichtet, und die ſchwarze Polizei haßte er wie den Tod. Faſt krampfhaft und unwillkürlich arbeitete er dabei mit ſeinen Händen, und dieſe Bewegung erſt lenkte die Aufmerkſamkeit des Officiers raſch auf ſich. „Drücken Sie die Schellen?“ frug er mit mehr Theilnahme im Tone, als Mac Donald erwartet haben mochte, denn er ſah ſich erſtaunt nach ſei⸗ nem Gefangenwärter um. Dieſer aber wie auf ihr beiderſeitiges Verhältniß ſich beſinnend, ſetzte raſch und weit rauher, als die erſten Worte geklungen hatten, hinzu:—„ja, es iſt eine unbequeme Tracht, dieſe Darbies, aber erſparen kann ich ſie Ihnen nicht!“ Mac Donald erwiederte Nichts, und nur die gefeſſelten Hände auf den Sattelknopf legend, ſchaute er ſtill und finſter vor ſich nieder; als er plötzlich fühlte, daß der Officier ſein Pferd ein⸗ zügelte. Langſam drehte er den Kopf nach ihm um und ſah, etwas überraſcht, deſſen Augen feſt und forſchend auf ſich geheftet. — 417— „Beantworten Sie mir eine einzige Frage, Mac Donald,“ ſagte da Walker,„und zwar eine Frage, die ich nicht als Polizeilieutenant, ſondern die ich als Mann dem Manne gegenüber an Sie richte.“ „Und die wäre?—“ erwiederte Mac Donald, indem ein leichtes bitteres Lächeln ſeine Lippen überflog. „Einfach die— hatten Sie wirklich die Ab⸗ ſicht, ſich hier, wenn Sie nicht entdeckt wurden, eine Station— eine Heimath zu gründen? Wollten Sie—“. Mac Donald achtete nicht mehr auf ihn— ſeine Augen hefteten ſich erſtaunt und überraſcht auf eine dunkle Geſtalt, auf die Geſtalt Kakurru's, die dicht hinter dem Pferde des Officiers aus einem wildverwachſenen Salzbuſch emportauchte, und eine der kleinen Auſtraliſchen Keulen, den ſo⸗ genannten Waddy, in der Luft ſchwang. Walker folgte raſch dem Blick, hatte aber kaum den Kopf gewandt, als der Waddy, weit ausholend im Buſche verſchwand, und im nächſten Moment ſchon ſchwir⸗ rend des jungen Officiers Stirn traf, daß dieſer, ohne einen Laut auszuſtoßen, bewußtlos und wie von einer Kugel getroffen zu Boden ſank. Raſch wie ein Känguruh ſchnellte ſich der Wilde hinter⸗ her, die zur Seite getriebene Waffe wiederzuholen, und ehe noch Mac Donald das ſcheu unter ih — 1418 tanzende und ſchnaubende Pferd beruhigt hatte, war er ſchon wieder zurück, bog ſich über den Körper des Ohnmächtigen, und hob triumphirend den Schlüſſel empor, der die Handſchellen des Ge⸗ fangenen ſchloß. „Kakurru, das kam zur rechten Zeit!“ rief jubelnd Mac Donald, aber der Schwarze warnte mit der Hand.— Noch war er nicht gerettet, und der vorausgeſandte Soldat konnte jeden Augen⸗ blick zurückkehren. Das Pferd ſchnaubte und ſcheute ſich auch vor der dunklen Geſtalt des Wil⸗ den. Mac Donald aber, ſeine gefeſſelten Hände auf den Sattelknopf bringend, ſchwang ſich im Nu aus dem Sattel, und hielt die vor wilder Aufregung zitternden Arme dem Eingeborenen ent⸗ gegen. Drei Secunden ſpäter war er frei. „So“ lachte Kakurru ſtill vor ſich hin, indem er ſich über den betäubten Officier bog und den Waddy feſter packte—„beſſer, wir machen jetzt mit dieſem ein Ende!“ „Halt!“ rief da Mac Donald, indem er da⸗ zwiſchentrat und den Schwarzen abwehrte— „kein Blut wollen wir vergießen, wenn uns die Noth nicht dazu zwingt— gieb mir die Eiſen.“ Ueber das Geſicht des Eingeborenen zuckte ein wildes Lachen. „Auch gut,“ ſagte er, raſch die Abſicht des V Glück nur ſchräg getroffen, die Augen wieder au — 49— Befreiten ergreifend,„drehen die Sache herum. Ha, ha, ha! wird ſchöne Augen machen, wenn er zu ſich kommt. Gut! der Weiße mag leben, das iſt Euere Sache, Jacky, mit ihm fertig zu werden — aber der Andere iſt mein.“ „Was willſt Du thun?“ rief Mac Donald raſch, als Kakurru an das amit dem Leitſeil im Buſch verwickelte Pferd des Officiers ſchritt und den Carabiner von deſſen Sattel löſte. „Was ich thun will?“ rief plötzlich der Wilde mit funkelnden Augen;„den ſchwarzen Spion tödten. Fluch über die Hunde, die zu Verräthern an ihrem eigenen Stamme werden, ihre Fährten aufſpüren und ſie unter die Meſſer der Weißen liefern. Könnte ſie Kakurru mit einer Kugel nur vernichten! Ihr macht 8 da feſt— den Andern beſorg' ich!“ und eh Mac Donald ein Wort darauf erwiedern konnte, war er bereits im Dickicht verſchwunden. Mac Donald blieb aber auch wirklich kaum Zeit, die Hände des Officiers zuſammenzulegen, und eben knickte er die Eiſen in ihr Schloß, als der Betäubte, deſſen Stirn der Wurf zum ſchlug und erſchreckt emporfahren wollte. „Was iſt das?“ rief er, als er ſeine Aerm Gerſtäcker. II. 4 ¹ gefeſſelt fühlte;—„Teufel zu Hülfe! Mabong! zu Hülfe!“ „Lieutenant Walker!“ ſagte Mac Donald, der unter der Zeit aus deſſen Holſtern die Pi⸗ ſtolen genommen hatte und damit auf den wü⸗ thend emporfahrenden jungen Mann zuſchritt: „Sie ſehen, daß ſich das Kriegsglück gewandt hat. Wir haben die Rollen getauſcht und Sie ſind in meiner Macht. Sowenig ich daran denke, Ihnen ein Leid zuzufügen, ſo zwingen Sie mich doch, bei dem erſten Schrei, den Sie wieder ausſtoßen, Ihnen eine Kugel durch's Hirn zu jagen, oder noch ſchlimmer, Sie gebunden und geknebelt im Buſche zurück zu laſſen. Fügen Sie ſich alſo der Nothwendigkeit das Schickſal und die Hülfe eines treuen Schwarzen hat mich frei gemacht, und ich bin utſchloſſen, meine Freiheit dieſes Mal beſſer zu wahren, als bisher.“ „Verrath!“ knirſchte der Officier in voller Wuth zwiſchen den Zähnen durch—„bedenken Sie, was Sie wagen, Hand an einen königlichen Beamten zu legen.“ „Es iſt allerdings ein entſetzliches Verbrechen,“ lächelte Mac Donald,„aber neben Allem, was ich ſchon überdies zu tragen habe, denk' ich, werd' h wohl noch damit fertig werden!“ Walker erwiderte Nichts, aber der ängſtlich ——C—C—C—— hoffende Blick, den er nach der Richtung zuwarf, nach der ſein ſchwarzer Polizeiſoldat vorausge⸗ ſprengt war, zeigte deutlich genug, daß er von dort noch Hülfe erwarte. Da plötzlich fiel in jener Richtung ein Schuß, und Mac Donald, der einen Moment hinüberhorchte, trat raſch wieder vor des Lieutenants Pferd, ſteckte das linke Piſtol in ſein Holſter zurück und ſchwang ſich, das an⸗ dere noch in der Hand haltend, in den Sattel. Er löſte zugleich die Leine, an der das zweite Pferd befeſtigt hing. „Ihre Flucht iſt hoffnungslos,“ rief Walker triumphirend aus—„Ihr ſchwarzer Helfershelfer liegt in ſeinem Blute, und mit meinen Leuten in Ihren Fährten koͤnnen Sie uns nicht ent⸗ kommen.“ Mac Donald Numu Nn ihm nicht, ſondern blickte nur ſcharf und forſchend nach der Richtung, in welcher der Schuß gefallen war. Seine Zähne waren dabei feſt auf einander gebiſſen, ſeine Wan⸗ gen todtenbleich und er rang augenſcheinlich mit einem wilden, verzweifelten Entſchluß. Da tauchte plötzlich eine dunkle Geſtalt empor, Hufſchläge wurden laut, und mit dem Schall derſelben auch ſchon faſt zugleich ſprengte Kakurru wild und jauchzend, die kurze Büchſe um den Kopf ſchwin⸗ gend und mit dem Waddy in der Linken, zugleich 4* —2 52— ſein Pferd zu einem raſenden Galopp antreibend, herbei, und riß erſt, dicht bei den beiden Männern angekommen, ſein Pferd herum, daß es ſchnaubend und keuchend dem raſenden Reiter gehorchte. Furcht⸗ bar aber war der Anblick, den er bot. Die ſchwarze vollkommen nackte Geſtalt des Wilden glänzte von friſch eingeriebenem Fett, in das ſich nur hier und da ſchmale Blutſtreifen miſchten; ſelbſt Hand und Bart trieften faſt von der obigen Subſtanz, und ſeine Augen funkelten in Siegesluſt. Walker barg entſetzt ſein Antlitz in den Hän⸗ den, und ſelbſt Mac Donald wandte ſich ſchau⸗ dernd ab, denn Beide kannten viel zu gut die Sitten dieſer Stämme, um nicht bei dem erſten Anblick des fettglänzenden Schwarzen zu wiſſen, daß er ſeinen Gegner erſchlagen und ſich mit dem warmen Nierenfett des Ueberwundenen ein⸗ gerieben habe. Glauben dieſe Unglücklichen doch dadurch die Stärke des beſiegten Feindes auf ſich übertragen zu können, und gilt ja zugleich das eingeriebene Fett als das böchſte Ehrenzeichen ihres Sieges. „Das iſt die Folge,“ ſagte Mac Donald end⸗ lich nach ſtummer Pauſe,„Ihres unſeligen Sy⸗ ſtems, Schwarze gegen Schwarze zu verwenden. Der Haß dieſer unglücklichen Stämme wird da⸗ durch nur mehr und mehr genährt, ihre Blutgier — 53— und Rache angeſtachelt, ihre Wuth gereizt, und ſö nützlich ſie Ihnen dann und wann ſein mögen, die goolgen haben Sie ſich ſelber zuzuſchreiben.“ „Und was gedenken Sie jetzt mit mir zu thun?“ ſagte Walker finſter— ich bin in Ihrer Gewalt — was haben Sie beſchloſſen?“ „Sie ſind frei,“ ſagte Mac Donald raſch, ſo⸗ bald Sie mir ihr Ehrenwort geben, daß Sie mir achtundvierzig Stunden Vorſprung laſſen. Nach⸗ her folgen Sie mir, wie und wo Sie wollen.“ „Nie,“ rief der Offieier entſchloſſen aus.„Von dem Augenblick an, wo ich meine Glieder wieder gebrauchen, meine Leute um mich ſammeln kann, bin ich auf Ihrer Fährte. Mein Leben ſetz' ich ein, Sie wieder in meine Gewalt zu bekommen.“ „Dann bleibt mir Nichts übrig, als Sie eine Strecke mit mir fortzunehmen, um Sie wenigſtens aus dem nächſten Bereich Ihrer Leute zu bringen,“ ſagte Mae Donald achſelzuckend. „Und wenn ich Ihnen nicht gutwillig folge!“ frug trotzig der Officier. „Zwingen Sie mich nicht zu einer Gewalthat!“ entgegnete jetzt ernſt Mac Donald.„Zum Aeußer⸗ ſten überhaupt getrieben, liegt nur noch eine kaum erkennbare Grenze zwiſchen mir und dem Verbrechen. Ich wollte ein ſtilles, zurückgezoge⸗ nes, ehrliches Leben führen, im Schweiß meines Angeſichtes mir mein Brod erwerben und mit der Welt, die mich mißhandelt hat, ein neues Daſein beginnen— ſelbſt die Erinnerung des Alten ſollte begraben ſein. Das Schickſal will es nicht, und ich bin feſt entſchloſſen, ihm die Stirn zu bieten. uUnſchuldig, durch eine Verkettung von gegen mich zeugenden Umſtänden verdammt, deportirt, von rohen Aufſehern mißhandelt und faſt wahnſinnig gemacht, floh ich in den Buſch. Gehetzt nun wie ein wildes Thier, will ich denn auch die Fänge zeigen. Sie haben deshalb nur eine Wahl, ent⸗ weder Sie folgen mir gutwillig, ein Paar Tage ihrer Freiheit beraubt zu werden, wie ich Ihnen folgte, um mich abermals zur Marterbank führen zu laſſen, oder Ihr Tod birgt mir für Ihr Schwei⸗ gen. Uebrigens,“ ſetzte er raſch und ruhiger hin⸗ zu,„ſind Sie im Stande, unſer beiderſeitiges Ver⸗ hältniß viel zu genau zu durchſchauen, als daß ich Ihnen auch nurein Wort weiter zu ſagen brauchte. Sie wiſſen recht gut gut, daß ich ſelber, will ich nicht im Augenblick wieder in die Hände der Ihri⸗ gen fallen, gar nicht anders handeln kann; alſo entheben Sie mich der bittern Nothwendigkeit, eine Gewaltthat zu begehn.“ 4 Er wandte ſich mit dieſen Worten von dem ge⸗ fangenen Officier ab, deſſen eigenem Nachdenken das Weitere uͤberlaſſend, und ſchritt raſch auf ſein eige⸗ 3 —xx— ——— ———ʒ—y——— nes Pferd zu, deſſen Zaum und Sattelzeug in Ord⸗ nung zu bringen. Seine eigene Satteltaſche, die auf Kakurru's Pferde hing, mit ſeinen Piſtolen⸗ holſtern nahm er auf das eigene Thier, ebenſo einige Lebensmittel, ſowie das Gewehr, welches der Schwarze dem Erſchlagenen abgenommen, warf dann die Leine, gerade wie er ſelber bis jetzt ge⸗ führt worden, um den Hals des Officierpferdes, und ſprang, mit einem einladenden Zeichen für den Gefangenen, ſeinem Beiſpiel zu folgen, in den Sattel. Walker ſtand auf, um dem Befehl zu gehor⸗ chen. „Ich folge nur dem Zwange, ſagte er finſter, „und gebe Ihnen mein Wort, daß mein Leben nur der Rache und der Genugthuung dieſes Schim⸗ pfes geweiht ſein ſoll.“ „Daß Sie dieſes Leben jetzt in meiner Hand wiſſen, und doch wagen mir das zu ſagen, zeigt mehr Vertrauen zu einem Buſchrähndſcher, als die Polizei ihm ſonſt zu beweiſen geneigt iſt,“ lächelte Mac Donald.„Aber wie dem auch ſei, ich erwarte von Ihnen nichts Anderes, als daß Sie Ihr Schlimmf hun mögen— ſobald ich nur mich ſelber aus dem Bereich Ihrer Macht gebracht. Jetzt alſo in den dattel, Mr. Walker, vor allen Dingen den beut⸗ zurückgelegten Weg ungeſchehen — 56— zu machen und der Möglichkeit ausꝛuweichen, Ih⸗ ren Leuten wieder zufällig zu begegnen.— Ka⸗ kurru, gehſt Du mit?“ Der fettglänzende Schwarze hatte indeß mit grimmer Freude den gefangenen Polizeilieutenant betrachtet und ſich dabei nur manchmal wohlge⸗ fällig mit der flachen Hand über die geölten Glieder geſtrichen. Bei der Frage erſt hob er den Kopf. „Wohin Jackey?“ „Zurück und an der Station vorbei,“ antwor⸗ tete ihm Mac Donald in ſeiner Sprache,„und dann hinüber nach Sonneuntergang.“ „Gewiß,“ lachte der Schwarze mit funkelnden Augen,„wenigſtens bis zu den Häuſern der Weißen.— Viel Thee heute dort und Brod und Zucker und Tabak.“ „Heute?— dort?“ frug erſtaunt Mac Do⸗ nald—„was meinſt Du damit?“ „Werden ſchon ſehn,“ antwortete kurz der Wilde, und folgte dabei dem Wink Mac Donald's, des Lieutenants Satteltaſche auf ſein eigenes Pferd zu nehmen. Walker war indeſſen ebenfe tel geſtiegen, und der Befreite let etwas von der Straße ab, i wobei er jedoch die Richtun der Station zurück, beibehielt. en Buſch hinein, s Weges, nach Erſt aber die = 57— Salzbüſche und Malleyhugel gewonnen, ſetzte er ſeinem Thier die Sporen ein und ſprengte, weit raſcher, als ſie heute Morgen geritten waren, die Bahn entlang. Kakurru hielt ſich ſo viel als möglich an ſeiner Seite, die Richtung dabei andeutend, die ſie zu nehmen hatten, und ſchlug, als ſie ſich mehr und mehr der Station näherten, eine alte Schafſpur ein, die in die Malleyhügel führte. Hinter dieſen konnten ſie gedeckt und von dort unbemerkt die Station umreiten. Uebrigens ließ Kakurru die beiden Weißen ihren Weg oft allein verfolgen, indem er mehrmals, wo das der Buſch erlaubte, auf den links liegenden Hügelrücken hinaufſprengte, einen freieren Ueberblick über das Thal zu Irwine nen. ſtation führte, als ihnen Kakurru von einer flachen Anhöhe, auf die er wieder hinausgeritten, zuwinkte, dorthin zu kommen. Mae Donald wie Walker hatten zu gleicher Zeit ſchon einen leichten Rauch⸗ geruch geſpürt, und ſahen jetzt, wie ſich eine dunkle Wolke von Qualm dort herüberzog. Wenige Se⸗ cunden ſpäter waren Beide an der Seite des Schwar⸗ zen und konnten einen Ausruf des Staunens und Schreckens nicht unterdrücken, als ſie von den Ge⸗ So hatten ſie ſchon den Weg gekreuzt, der von der Station ab nach der trockenen Sumpf⸗ Schaf⸗* — 58E— bäuden herüber, deren Richtung Beide in den Bü⸗ ſchen kannten, dichten dunklen Rauch herausſteigen ſahen. „Heiliger Gott, was iſt das?“ rief Mac Do⸗ nald entſetzt,„die Station brennt.“ „Ha, ha, ha, ha!“ lachte aber Kakurru— „glaubt Ihr, daß die ſchwarzen Männer umſonſt und ungerächt ihr Blut vergießen, und ihre jungen Leute niederſchießen laſſen, wie die Dingo's? Habt Ihr auch Feuergewehre und lange Meſſer, der ſchwarze Mann hat dafür den Speer und Brand und weiß ſie zu gebrauchen. Nguyulloman hat das Zeichen gegeben, daß die Weißen die Station verlaſſen haben, und jetzt iſt die Zeit, Tabak und Mehl und Zucker in die Berge zu tragen— ganze Däcke voll. Folgt nur der Richtung jetzt, die Ihr eingeſchlagen, Jackey. Kakurru will ſich ſein Theil da drüben holen und kommt dann nach. „Was, um Gottes Willen, geht da vor!“ rief Walker, der kein Wort von dem in der Sprache der Eingeborenen erzählten Bericht verſtanden. „Das Gräßlichſte!“ rief aber Mac Donald in furchtbarer Angſt und Aufregung.„Die Männer haben die Station verlaſſen, der verrätheriſche ſchwarze Krüppel, als Spion dort hingeſetzt, hät das Zeichen gegeben, und die Wilden ſengen und — 59— plündern und morden vielleicht dort drüben, was lebend in ihre Hände fällt.“ „Und ich gefangen!“ knirſchte Walker in wil⸗ der, ohnmächtiger Wuth durch die Zähne— „Menſch— Teufel— können Sie ruhig mit an⸗ ſehen, wie—“ „Halt!“ unterbrach ihn raſch und finſter Mac Donald—„hier gilt mein eigenes Leben, meine eigene Sicherheit Nichts mehr. Thun Sie mit mir nachher Ihr Schlimmſtes— thun Sie, was Sie können, aber Sie ſind frei, und. Keelleicht iſt es uns noch möglich, das Schrecklichf ſte von jenen Un⸗ glücklichen abzuwehren.„Hier,“ rief er, indem er mit vor Haſt und Aufregung zitternden Händen den Schlüſſel zu den Handſchellen des Officiers in der Taſche ſuchte und ſein Pferd dieſem zulenkte —„um Gottes Willen, raſch, denn jeder Augen⸗ blick, den wir hier verſäumen, kann Tod und Elend auf die Häupter uns lieber Menſchen brin⸗ gen.“ „Was wollt Ihr thun, Jacky?“ rief aber, dazwiſchenſprengend, Kakurru, indem ſein Auge in Wuth und Ingrimm blitzte und die ſchwarze, mit Fett und Blut beſchmierte Geſtalt einem der Hölle entſtiegenen Dämon glich—„den Weißen wollt Ihr helfen?— gegen die Schwarzen kämpfen? Hab' ich Euch deshalb befreit?“ — 60— „Zurück, Kakurru,“ ſchrie da Mac Donald in wilder Aufregung,„Du haſt Dich geirrt, wenn Du glaubteſt, daß ich Dir meinen Arm zu Mord: und Brandſtiften leihen ſollte— Zurück, oder beim ewigen Gott—“ „Weißer Hund!“ brüllte da, in ungezähmter Wuth, der Schwarze, indem er ſeine kurze ſchwere Wurfkeule um den Kopf ſchwang, und mit Blitzes⸗ ſchnelle nach der Stirn des Weißen hieb. Mit ſolcher Gewalt und in ſolcher Nähe war dabei die Waffe geführt, daß ſie den Schädel des auser⸗ ſehenen Opfers, wenn ſie ihn ordentlich traf, zer⸗ ſchmettern mußte, aber Mac Donald's linker Arm fuhr zur rechten Zeit empor, der niederziſchenden Waffe zu begegnen. Seine eiſernen Finger ergriffen das Handgelenk des Feindes und ſchleuderten den Arm zur Seite, während die rechte das eine Piſtol aus dem Holſter riß und auf die Bruſt des An⸗ greifers richtete. Kakurru's Arm zuckte noch einmal wie zum Wurf zurück, aber die gefürchtete Mündung der Schußwaffe ſchreckte ihn. Er warf ſein Pferd herum und drohend den Arm noch gegen die Weißen ſchwingend, verſchwand er gleich darauf den ſteilen Hügelhang hinab. Mac Donald ſchaute ihm nicht einmal nach. Sobald der unmittelbare Angriff des Wüthenden — — r — 61 abgewehrt war, hatte er nur Auge und Sinn für die Rettung der Bedrohten. Mit dem kleinen Schlüſ⸗ ſel öffnete er die Eiſen, die er aufgriff und weit von ſich in den Buſch ſchleuderte, und dem Offi⸗ cier deſſen Piſtolenholſtern hinüberreichend, rief er mit heiſerer, angſtbeklemmter Stimme: „Jetzt vorwärts, Sir— vorwärts, wenn Ihr ſelig zu werden hofft!“ Zugleich durchſchnitt er die Leine, die Walker's Pferd noch mit dem ſeinen zuſammenhielt, und ſei⸗ nem Thier die Sporen eindrückend, flog er, von jenem gefolgt, in wilden Sätzen den Hang hin⸗ unter, der Salzbuſchebene zu und darüber hin, von wo der Rauch ihm nur zu furchtbar deutlich die Stelle zeigte, auf der die Hülfe nöthig war. 4. Kapitel. Der ſchwarze Rrüppel. Still und öde lag die ſonſt ſo lebendige Sta⸗ tion an dieſem Morgen, an dem der alte Herr, die trüben Gedanken zu verſcheuchen, mit denen die Scenen des letzten Abends ſein Herz erfüllt, ſel⸗ ber ſein Pferd beſtiegen hatte, in Begleitung ſeiner Söhne wie ſeiner Stockkeeper, in den Buſch zu reiten, um eine Herde Pferde aufzutreiben. Nur Bill war dieſes Mal mit einem Hüttenwächter und den Frauen zurückgeblieben, da der andere hut-Kee- per auf die Station hatte geſchickt werden müſſen, den, durch die Flucht Toby's leergewordenen Platz auszufüllen. An Gefahr dachte Niemand, da die ſchwarze Polizei ja noch jedenfalls ganz in der Nähe war, und die Eingeborenen gewöhnlich die „ Gegend, in der ſich die Gefürchteten aufhielten, gänzlich mieden. Der ſchwarze Krüppel aber, den * ſie noch dazu in den letzten Tagen mit Wohltha⸗ ten überhäuft, konnte ihnen kein Leid zufügen. Dieſer ſchien ſich übrigens an dieſem Morgen auch um Niemanden zu kümmern, ſondern nur mit ſeinem Feuer beſchäftigt zu ſein, an dem er ſchürte und fachte. Der kleine Burſche, der noch immer bei ihm aushielt, mußte Holz und Rinde beim Armvoll herbeiſchaffen. Kaum aber hatten die Weißen den Platz verlaſſen und waren mit ihren Pferden in den Malleyhügeln verſchwunden, als er ſein Feuer in drei, vielleicht ſechs Fuß von einander getrennte Abtheilungen ſchied und, als ſie hoch aufloderten, mit faulem Holz und feuchter Rinde ſo lange nährte, bis von jedem ein ſchwarzer dünner Rauchfaden in die dunklere Luft emporſtieg. In der Station ſelber achtete Niemand auf ihn. Nur der Hättenwächter hatte ſeinem Trei⸗ ben erſtaunt zugeſehen, und große Luſt einmal zu ihm hinaufzugehen und ihn zu fragen, ob er denn heute ſeinen ganzen Holzvorrath auf einmal ver⸗ brennen wolle. Ihn intereſſirte das Holz näm⸗ lich in ſofern, als er für den Küchen⸗ und Haus⸗ bedarf die Feuerung herbeiſchaffen mußte, wobei ihm die holzverwüſtenden Schwarzen, die alles Brennbare aus der Nähe zuſammenſchleppten, ſchon lange ein Dorn im Auge geweſen waren. Um ihn aber zu fragen, hätte er den Sandhügel hin⸗ 4 64 aufſteigen müſſen, und da er ſich heute von jeder Aufſicht befreit ſah, war ihm das zu unbequem. So, behaglich vor ſeiner Hütte ausgeſtreckt, ſchaute er dem wunderlichen Wirthſchaften des Krüppels eine ganze Weile zu, bis ihm ſelber die Augen⸗ lider ſchwer wurden.. Wie lange er ſo gelegen wußte er ſelber nicht, als er plötzlich durch laute, lärmende Stimmen geweckt wurde. Erſchrocken fuhr er auf, denn er glaubte, ſein Herr ſei vielleicht zurückgekehrt. Da ſah er, wie von dem Sandhügel, auf dem Nguyulloman noch immer zwiſchen ſeinen Feuern ſaß, eine Schaar mit Speeren und Bumerangs vbewaffneter Schwarzer niederſtieg, und gerade auf ihn zukam. 1 2 „Hat der Henker die dunkelhäutigen Schufte richtig wieder zurückgeführt,“ brummte der Mann halblaut vor ſich hin;„das Schöpſenfleiſch mag Xihnen geſchmeckt haben— kann ich mir allenfalls denken; aber ich will verdammt ſein, wenn ſie von mir auch nur einen Knochen herausbekommen. Will der Herr die ſchwarzen Hunde mäſten, mag er es meinethalben thun, ich helfe aber nicht dabei.“ Die Schwarzen— acht Männer— und Einige davon mit Weiß und Roth bemalt, kamen indeſſen ziemlich ungenirt dicht heran, und der Eine ging ohne — 65— Weiteres auf den Hüttenwächter zu und ſagte in ſeinem ſchauerlich gebrochenen Engliſch: „Komm— gieb Tabak und Mehl— ſchnell — Ich Mehlſack— Geld— viel— mach' raſch.“ „Du weißes Geld?“ ſagte der Wächter, ein alter ſauertöpfiſcher Burſche, der ebenfalls auf einen Urlaubſchein ſeiner Haft als Sträfling ſchon vor längeren Jahren entlaſſen worden;„Du ſähſt mir gerade ſo aus, als ob du weißes Geld in der Backentaſche herumtrügſt. Hier wird nichts ver⸗ kauft,— Maſter iſt nicht da.— Wenn er wieder⸗ kommt, kannſt du kaufen.“ „Du, mach' raſch!“ ſagte aber der Schwarze und ſtieß den Hüttenwächter an die Schulter— „geſchwind— hörſt Du?““ „Gott verdamme mich!“ rief dieſer wüthend aus—„rühr' mich noch einmal an, und ich ſchieße Deine ganze Bande über den Haufen.“— Es blieb ihm keine Zeit mehr zu ſagen. Ei⸗ ner der Schwarzen ſchlug ihn mit einem Waddy auf den Kopf, daß er bewußtlos zuſammenbrach, und alle übrigen ſtießen ihre Speere mit wildem Jubelſchrei in ſeinen Körper. Das war das Zei⸗ chen zum allgemeinen Angriff, und von drei, vier verſchiedenen Seiten tauchten jetzt noch andere bewaffnete Trupps auf, von denen die Mehrzahll gegen das ihnen gut genug bekannte Vorraths⸗ Gerſtäcker. II. 5 — 66— haus ſprang, und deſſen Thür erbrach, während etwa acht oder neun nach dem Wohnhauſe zu⸗ liefen. Sarah hatte an dem Fenſter geſtanden und ſtill und traurig auf den Strom hinausgeſchaut, als der erſte Lärm ihre Aufmerkſamkeit dorthin lenkte. Mit eiſiger Kälte ſchoß ihr aber da der Gedanke an die vor ihr auftauchende furchtbare Gefahr in's Herz, denn ſchon die Möglichkeit eines Ueberfalls dieſer wilden Schaaren hatte beſonders die Frauen bis dahin ſtets geängſtigt und ihnen manche ſonſt frohe Stunde verbittert und getrübt. Und jetzt— ſollte das Furchtbare Wahrheit wer⸗ den. Bill's Stimme brachte ſie da erſt wieder zu ſich ſelber.. Der Knabe hatte die Schwarzen von dem Hü⸗ gel herniederkommen ſehen, und war eben im Be⸗ griff geweſen, in ſeiner kecken Weiſe vor das Haus zu treten, um den Hüttenwächter zu unterſtützen, als der Mord des Unglücklichen ihn erſt die Ge⸗ fahr ahnen ließ, in der ſie Alle bei einem Angriff der blutgierigen Wilden ſchwebten. Raſch ent⸗ ſchloſſen indeß, und weit über ſeine Jahre ſchon hinaus gereift und gekräftigt, warf er die Thür in's Schloß, ſchob den Riegel vor, und rief jetzt ßen, während er ſelber mit dem aufgegriffenen die Schweſtern herbei, die unteren Läden zu ſchlie — — 652— ⸗ Gewehr die Treppe hinaufſprang, um den erſten Angriff von dort zurückzuweiſen. Es war das auch die höchſte Zeit geweſen, denn ſchon umſprangen die Vorläufer der Horde die kleine Wohnung, irgend einen Eingang zu finden, während die Uebrigen die Vorräthe zu plündern anfingen, als Bill mit der doppelläufigen Flinte oben an das Fenſter trat und, ohne auch nur einen Augen⸗ blick zu zögern, einen der wildeſten und wüthend⸗ ſten der Bande über den Haufen ſchoß. Der Schuß war zur rechten Zeit gefeuert wor⸗ den. Vor Gewehren haben dieſe Wilden noch einen ganz beſondern Reſpect, und Alle ſuchten im erſten Augenblick ſo raſch als möglich aus dem Bereich des tödtlichen Rohres zu kommen. Da⸗ durch gewannen die vor Schrecken und Angſt halbtodten Frauen Zeit, die unteren Läden zu ſchließen, durch die ſich die Schwarzen ſonſt mit Leichtigkeit einen. Weg gebahnt hätten, und Sa⸗ rah trug dem Bruder jetzt die anderen Gewehre hinauf, die immer geladen in einer der unteren Stuben hingen.“ „Der Schuß hat die Canaillen zurückgetrie⸗ ben,“ jubelte da Bill,„und unſere Freunde drau⸗ ßen werden es hören. Wenn wir uns nur eine „halbe Stunde halten, muß Hülfe kommen.“ „Wir ſind verloren,“ ſtöhnte jetzt Sarah, ent⸗ 85*— 638=— ſetzt auf einen Stuhl niederſinkend—„großer Gott, und jede Hülfe fern— die ganze Station wie ausgeſtorben. Alle— Alle fort.“ „Hätt' ich nur Georg und Mr. Bale oder Mac Donald hier,“ murmelte Bill vor ſich hin, „das ſollte eine Freude werden, wie wir die ſchwar⸗ zen Canaillen pfeffern wollten. Da guckt ſchon wieder Einer vor— zeig' nur Dein ſchwarzes Fell nooch einen Zoll breiter, mein Burſche, und ich will es Dir ſalzen.“— „Oh, ſchieße nicht, wenn Du nicht mußt,“ bat Sarah, Du reizeſt ſie ja ſonſt noch immer mehr.“ „Reizen?“ rief aber Bill zurück—„ſie haben Blut gerochen und thun jetzt doch einmal ihr Schlimmſtes. Aber nimm die eine Flinte, Sarah, und ſchieße ſie nur aus dem anderen Fenſter ab.“ „Ich kann nicht morden,“ ſtöhnte das junge Mädchen.. „Ah bah!“ rief der Knabe unwillig—„heut' haben wir keine Zeit zu Gewiſſensſerupeln— unſer Blut oder ihres. Aber ſchieß' ſelbſt nur in die Luft oder nach dem Vorrathshaus hinüber. — Wenn ſie es von zwei Seiten knallen hören, halten ſie uns für ſtärker, als wir ſind, und drau⸗ ßen hören es die Unſeren doch vielleicht.“ ————— — 69— Sarah that, wie ihr geheißen. Mit Gewehren hatte ſie ſchon ſeit den vielen Jahren im Buſche umgehen gelernt. Die Schwarzen ſchienen aber den Angriff gegen das Haus aufgegeben zu ha⸗ ben, und ſich mit der Plünderung des Vorrathsla⸗ gers zu begnügen, die Bill natürlich nicht verhin⸗ dern konnte. Den alten Männern des Stammes lag aber nicht allein an dem Raub, der ihnen hier mit leichter Mühe reiche Beute öffnete; auch Rache für das vergoſſene Blut der Ihren wollten ſie, und während die Hälfte der Schaar den Raub in Sicherheit brachte, trugen jetzt Andere Brände herbei, die ſie in die dicht an das Haus gren⸗ zende Küche ſchleppten und dieſe in Brand ſteck⸗ ten. Von dem Dach der Küche geſchützt dran⸗ gen ſie indeſſen gegen die in das Haus führende Thür vor und ſuchten dieſe zu ſprengen, bis Bill hinuntereilte und ſein Gewehr durch die Thür abſchoß. Unglücklicher Weiſe hatten die Schwarzen aber unterdeſſen wohl gemerkt, wie ſchwach die Be⸗ ſatzung des Hauſes war, und obgleich Bill aus den verſchiedenen Fenſtern des oberen Stocks ſämmtliche Gewehre auf jede ſich nur zeigende Ge⸗ ſtalt abfeuerte, kamen hier und da ſchon einzelne der ſchwarzen Feinde, von dem Rauch gedeckt, dem Haus in die Flanken, und ſuchten mit den Stielen — 70— ihrer kurzen Waddies die Fenſterläden aufzu⸗ brechen. Feuer war ebenfalls in die Wohnungen der beiden Stockkeeper geworfen, aus deren Dach die Flamme ſchon lichterloh emporloderte, während auch aus der Küche heraus die züngelnde Gluth an den dürren Balken des Hauſes leckte. Bill erkannte die Gefahr, in der ſie ſich be⸗ fanden, und wußte recht gut, daß ſie von der blutgierigen Horde kein Erbarmen zu hoffen hat⸗ ten. Das Bewußtſein aber, der einzige Schutz ſeiner Mutter und Schweſtern zu ſein, gab dem Knaben faſt übernatürliche Kräfte, und füllte ſein junges Herz mit wunderbarer Ruhe und Begei⸗ ſterung. Kaltblütig wie ein im Kampf ergrauter Veteran lud er die Flinten wieder, und befahl den Schweſtern, die ſeinem Wort wie dem eines reifen Mannes gehorchten, die Mutter in das vom Feuer entfernteſte unterd. Eckzimmer zu ſchaffen, von wo aus ſie im ſchlimmſten Falle wenigſtens den Hof erreichen konnten. Mit den geladenen Gewehren blieb ihm dann nichts Anderes übrig, als ſich im Freien zu vertheidigen und die Feinde unr ſo weit entfernt zu halten, daß ihre Speere ihnen nichts anhaben konnten. Hülfe mußte ihnen ja doch endlich werden. 1 Da krachte und praſſelte der eine Fenſterladen, durch den ſich zwei der verwegenſten Schwarzen — M71— Bahn gebrochen, und als er dort hinübereilen wollte, ſchallte der gellende Jubelſchrei anderer Feinde aus dem Hintergebäude her. Zwei Speere — er ſah nicht einmal von wem geſchleudert/ durchbohrten zugleich, der eine ſeinen Rock; der, andere ſeinen linken Arm, und von zwei Seiten ſtürmten im nächſten Augenblicke fünf Schwarze herein, und warfen ſich jubelnd auf die Frauen. Mitten zwiſchen ſie hinein drückte Bill ſein Ge⸗ wehr ab— da fiel auch draußen vor dem Hauſe ein Schuß. „Hülfe!“ ſchallte Eliſob leth's gellender Ruf durch den Lärm, als Einer der hwarzen ſie um⸗ faßte, und der geſprengten Thict uſchleifen wollte. 5 Swal, rang mit einem Anßern, und die Mut⸗ ter lag, ohnmächtig auf dey em Boden. Noch ein Schuß ſſchmetterte uu ſben Frauſen Lärm und Bill glaubte in dem Walker's und Mac Donald's zu erkennen, die ſich auf die Schwarzen warfen. Aber ein Bu⸗ merang traf ihn in dieſem Augenblicke an die Stirn und warf ihn bewußtlos⸗zu Boden. „Hurrah zur Hülfe!“ domnerte da Mac Do⸗ nald's volle Stimme durch das⸗ Geheul der Schwar⸗ zen, die in paniſchem Schrecken die ſchon ſicher ge⸗ glaubte Beute im Stiche„ließen und bei der un⸗ erwarteten Verſtärkung uach allen Seiten hin die ulcerdampf die Geſtalten 2* — 72— Flucht ergriffen— hatten ſie doch die ihnen furchtbare Uniform des Chefs der ſchwarzen Po⸗ lizei erkannt, und glaubten ſich nun ſchon um⸗ zingelt und gefangen. „Hinaus in's Freie!“ ſchrie da Walker's Stimme den Frauen zu, während er, ohne den Gefällten auch nur eines Blicks zu würdigen, den Schwar⸗ zen, der Eliſabeth gefaßt hielt, mit dem meſſin⸗ genen Kolben ſeines abgeſchoſſenen Piſtols zu Bo⸗ den ſchlug—„das Haus brennt lichterloh— ret⸗ ten Sie ſich!“ und mit ſtarken Armen hob er die alte Dame auf und floh mit ihr hinaus vor die Thür. Ihm nach ſprang Mac Donald mit dem Knaben. Kaum hatten ſie aber, von den Mäd⸗ chen gefolgt, das Freie erreicht, als ſie einen gan⸗ zen Trupp der Schwarzen, von Kakurru ange⸗ führt, gegen ſich heranſtürmen ſahen. Das wilde Geheul der wüthenden Schaar füllte dabei die Luft, und Speere, in blinder Wuth zum Glücke nur ſchlecht gezielt, ziſchten um ſie her. 4 „Jetzt gilt's, Mae Donald!“ rief da jubelnd Walker, der dem wilden Kampfe mit voller Luſt begegnete.„Zwei gegen zwanzig, das iſt ein ehr⸗ licher Kampf mit dieſen ſchwarzen Hunden— Hurrah, alt England für immer!“— Er ſchleuderte dabei das abgeſchoſſene Piſtol mitten zwiſchen die Schaar hinein, und den Sä⸗ — 73— bel aus der Scheide reißend warf er ſich jauch⸗ zend dem Feinde entgegen. Mac Donald, in der linken Hand eine noch geladene Piſtole, in der rechten ein ſchweres langes Meſſer, hielt ſich dicht an ſeiner Seite, und ſein Schuß traf einen der alten Schwarzen mitten in die Bruſt, daß er laut⸗ los zuſammenbrach. Kakurru warf ſich in dem⸗ ſelben Augenblicke auf Walker, als dieſer mit ei⸗ nem einzigen Hiebe ſeines Säbels ihm den Schä⸗ del ſpaltete. Aber die anderen Schwarzen dräng⸗ ten wild aufſchreiend heran. Sie wußten die Uebermacht auf ihrer Seite, ſahen den Sieg ge⸗ wiß und waren durch das vergoſſene Blut ſchon zu wilder Wuth und Verzweiflung getrieben. Ihr Schlachtſchrei gellte durch die Luft, ihre Speere und Bumerangs flogen, und Walker tau⸗ melte, von einer der letzteren am Kopfe geſtreift. „Hurrah!“ donnerte da ein wilder jubelnder Ruf mitten in den Lärm und das Toben des Kampfs hinein— hierher, meine Jungen— hin⸗ ein in die Burſchen!“ und über die Fenz weg mit einem mächtigen Satze, ſein Piſtol mitten in den Haufen feuernd, und mit dem Pallaſch rechts und links wie Gottes Zorn vom Pferde herunter mä⸗ hend, ſprengte der Wachtmeiſter, von vier oder fünf ſeiner Leute gefolgt, und wie Spreu vor — 74— dem Winde zerſtäubten nach allen Seiten hin die ſchwarzen Feinde. „Huſſah!“ jauchzte der alte Soldat, indem er ſeinem ſchnaubenden Thiere die Sporen eintrieb, und jeder Schlag der ſcharfen Waffe einen der flüchtigen nackten Feinde zu Boden warf— huſſah Tallyhoh!— drauf und dran! drauf und dran! Heiſah, Canaillen, das hieß in der Falle gefan⸗ gen! huih!“ Die Flucht der Schwarzen war allgemein. Der größte Theil der Schaar hatte ſich ſchon vorher mit dem Raube davon gemacht, die Vernichtung der wenigen Weißen einem kleinen Theile der jun⸗ gen Leute überlaſſend, und die, welche ſich vor dem unerwarteten Angriffe des alten Wachtmeiſters und der wie Geiſter hinter ihm drein folgenden ſchwarzen Polizeiſoldaten retten konnten, flohen theils in die Malleybüſche, theils nach dem Strome zu, in dem ſie untertauchten, und unter dem Waſſer aus dem Bereich der Gefahr zu kom⸗ men ſuchten. Walker, der ſich gar nicht die Zeit nahm, ſich nach ſeinem Pferde umzuſehen, folgte mit geſchwungenem Säbel dem flüchtigen Feind zu Fuß, Mac Donald aber, der kaum die Frauen gerettet und jetzt außer Gefahr ſah, ſchritt raſch zu ſeinem, an der Fenz zurückgelaſſenen Thiere, warf die abgeſchoſſenen Piſtolen in die Holſter und ſprang in den Sattel. Einen Blick warf er dabei auf den noch to⸗ benden Kampf, und lenkte dann mit raſchem Schen⸗ keldruck das folgſame Thier den Frauen zu. Als Sarah die Hufſchläge hinter ſich hörte, wandte ſie den Kopf dorthin. „Mac Donald!“ rief ſie, als ſie den Reiter erkannte. „Gott ſchütze Sie und die Ihren,“ ſagte der junge Mann, indem er ſich freundlich gegen ſie neigte. Im nächſten Moment aber ſchon flog ſein wackeres Thier mit ihm gegen die nächſte, dem Buſch zuführende Fenz an, hob ſich auf die Hinterbeine, und ſetzte mit kühnem Sprunge hin⸗ aus in's Freie. „Teufel noch einmal!“ rief der Wachtmeiſter, der in dieſem Augenblicke gerade ſein Pferd herum⸗ geworfen hatte und neben ſeinem Offccier hielt, —„da geht unſer Buſchrähndſcher in voller Flucht zum Buſche hinein.— Ihm nach, meine Jungen, den haben wir wieder, ehe er den nächſten Malley⸗ rücken hinter den eigenen bringt.“ „Halt!“ rief da Walker mit ernſter, ruhiger Stimme—„die Schwarzen ſind dort hinüber, ihnen laßt einen Theil der Leute folgen, während die Anderen hier retten, was noch aus den Flam⸗ — 76— men zu retten iſt. Zugleich aber verſichert Euch des ſchwarzen Krüppels, der dort von dem Sand⸗ hügel gerade hinab dem Fluſſe zukriecht. Er iſt der Kundſchaſter der Bande und hat den Platz ver⸗ rathen!“ Der Wachtmeiſter ſah, allerdings etwas über⸗ raſcht, ſeinen Lieutenant an. Ueberhaupt begriff er noch gar nicht, wie dieſe Beiden, der Officier wie der Gefangene, die er meilenweit von hier entfernt geglaubt, ſo plötzlich wieder an der Station ange⸗ langt ſein konnten, und was ſie ſo zur rechten Zeit zurückgeführt. Auch war der Fang des Buſch⸗ rähndſchers, ſeiner Meinung nach, jedenfalls viel wichtiger, als die Züchtigung von zwanzig aufrüh⸗ reriſchen Schwarzen; dem Befehl des Officiers mußte aber Folge geleiſtet werden. Raſch bekamen einige Soldaten ihre Ordres, den flüchtigen Feind in den Buſch hinein zu verfolgen, und wo möglich Ein⸗ zelne von ihnen gefangen einzubringen, während der Wachtmeiſter mit einem ſeiner Leute— denn wozu brauchte er mehr, den Krüppel feſtzuhalten— dem Sandhügel zugaloppirte. Nguyulloman, der indeſſen ein ſehr aufmerk ſamer und jedenfalls außerordentlich intereſſirter Zuſchauer der ganzen Vorfälle dieſes Morgens ge⸗ weſen war, hatte mit immer ſteigender Unruhe die nach und nach eintreffende Hülfe der Weißen und 77 — — die Flucht ſeiner Kameraden wie ihre Niederlage bemerkt. Nichtsdeſtoweniger mußte er aber auf ſei⸗ ner Stelle aushalten. Niemand konnte, wie er glaubte, wiſſen, welchen Hauptantheil er an dem ganzen unglücklichen Vorfalle trug, und verhielt er ſich jetzt vollkommen ruhig, wie Jemand, der mit der ganzen Sache auch nicht das Mindeſte zu thun hatte, ſo würden die Weißen ihn ſchon nicht be⸗ läſtigen. Nach einigen Tagen, oder mit Dunkel⸗ werden, war es ihm dann ein Leichtes, ſich zurück⸗ zuziehen.. Hierbei beunruhigte ihn übrigens das Umher⸗ ſchwärmen der berittenen Schwarzen, von denen immer mehr eintrafen, bis endlich, mit Ausnahme einiger weniger, der ganze Trupp wieder an der Station verſammelt war. Eben ſo wenig gefiel ihm die auf ihn gerichtete Aufmerkſamkeit des Officiers, den er beſonders im Auge behielt, und faſt unwill⸗ kürlich kroch er ſchwerfällig auf den Händen den Sandberg ein Stück hinunter und dem Fluſſe zu, als der Wachtmeiſter ihm dorthin den Weg abſchnitt. „Hallo, meine alte Kreuzſpinne,“ rief ihm der rauhe Soldat imgrimmig entgegen,„auf dem Rück⸗ nüarſch nach irgend einem Uferloch, heh? Da unten läſſen ſich aber nicht ſo gut Signale geben. arte, mein Herzchen, wir wollen Dir einen recht * — 78— hohen luftigen Platz an einem Baume ausſuchen, da kannſt Du nachher mit Armen und Beinen Deinen Freunden Zeichen geben nach Herzensluſt. Halt da, ſag' ich, oder ich zeichne Dir das ſchwarze Fell mit rothen Kreuz⸗ und Querſchnit⸗ ten— hörſt Du mich?“ Nguyulloman verſtand nur zu gut jedes Wort, das ihm der Wachtmeiſter entgegendonnerte, und fand zu ſeinem Entſetzen, daß er entweder ver⸗ rathen worden, oder die Weißen jedenfal lls die Rolle ahnten, die er geſpielt— Beides für ihn ein gleich gefährlich Ding. Wie er aber auch heimlich die Zähne knirſchte und den Sand zwiſchen ſeinen Fingern zuſammenkrallte, gegen die Feinde konnte er ſich nicht wehren, nicht einmal zu flie⸗ hen verſuchen— ein Kind hätte ihn in dem wei⸗ chen, nachgebenden Sande eingeholt, und vor dem Soldaten zuſammenkriechend wie ein Wurm, rief er mit winſelnder, flehender Stimme, und in, wenn auch gebrochenem, doch vollkommen verſtänd⸗ lichem Engliſch: „Thut einem armen Krüppel Nichts zu Leide — was wollt Ihr von mir, kann ich unglückliches Menſchenkind Jemandem Arges zufügen?— Alle haben mich verlaſſen, auch mein Junge, der mir bis jetzt Holz und Waſſer geholt, und vor Durft — —.,— verſchmachtend wollte ich eben ſelber nach dem Ufer kriechen.“ „Was für ein miſerabeles Menſchenbild das iſt,“ brummte der Wachtmeiſter, den Elenden be⸗ trachtend, in den Bart,„und ſo eine Giftkröte dabei. Aber wart', mein Burſche, den Kitzel wol⸗ len wir Dir vertreiben.“ „Waſſer!“ ſtöhnte der Unglückliche und ſtreckte und reckte dabei die fleiſchloſen, gerippeartigen Beine wie in Schmerz und Angſt von ſich aus. „Alle Wetter!“ rief der Wachtmeiſter, ſich in Ekel von der ſcheußlichen Geſtalt abwendend— „hol' ihm Waſſer, Kaieko. Es wird einem ordent⸗ lich übel, die Spinnenbeine anzuſehen.“ „Waſſer!“ ſtöhnte der Unglückliche, und wand ſich mühſam und langſam hinter dem Soldaten her, der ein Stück Rinde von dem nächſten ein⸗ geſtürzten Gunyo abbrach, um damit zu dem kaum noch zwanzig Schritt entfernten Fluſſe zu laufen und das Verlangte herbeizuholen. Wie eine ge⸗ lähmte Kröte wand ſich indeß der Krüppel durch den Sand dem Waſſer zu und die weit geöffneten Lippen ſchienen dem Labſal ſchon gierig entgegen zu dürſten. Kaieko mußte übrigens, um zu einer Stelle zu gelangen, wo er Waſſer ſchöpfen konnte, etwa funfzig Schritt weiter am Ufer hinunterlau⸗ fen, da die nächſte Bank unterwaſchen und ſteil — 80,— eingebrochen war. Dorthin aber arbeitete ſich Nguyulloman, als ob ihm ſelbſt der Anblick des Waſſers Erleichterung verſchaffen könnte, und der Wachtmeiſter betrachtete indeß mit Schaudern und Neugier die unheimlich zuckenden Bewegungen des Krüppels. Er ſtieß dabei ſeinen Säbel in die Scheide zurück und ſtieg, als Kaieko mit dem ge⸗ füllten Rindenſtück zurückkehrte, vom Pferd, dem er den Zügel über den Nacken warf. Nguyulloman hatte noch etwa zehn Schritte jetzt zum ſteilen Uferrande und ſchaute ſich, wie Hülfe ſuchend nach dem Weißen um. Wieder ſtreckte er die langen, fleiſchloſen Beine wie krampf⸗ haft aus und ſein Geſicht verzerrte ſich— ſeine Augen wurden ſtier. „ Ich will ein Schwarzer werden, wenn das nicht das Schauerlichſte iſt, was ich in meinem Leben geſehen habe,“ ſagte der alte Soldat, ſich halb von der Ekel erregenden Geſtalt wegwendend, als ſich dieſe plötzlich wie in krampfhaften Zuckun⸗ gen in die Höhe und wohl zwei Schritte weiter dem Fluß zuſchnellte. „Nimm Dich in Acht, oder Du fällſt in den Strom,“ rief der Wachtmeiſter beſorgt— heda, — hallo, was iſt das— alle Teufel— Beſtie!l: Er hatte Urſache, erſtaunt zu ſein, denn plötz⸗ lich, wie eine rieſige Spinne die dürren Beine — 31— auswerfend und ſchleifend, die ausgeſpreitzten Hände auf den hier härter werdenden Sand ſtem⸗ mend, wälzte ſich die dunkle, nackte Geſtalt des Krüppels mit unheimlicher Geſchwindigkeit über den Boden hin, dem ſteilen Flußufer zu. „Halt da!“ ſchrie der Soldat und wollte ſich ihm in den Weg werfen; aber wie ſich ein Gum⸗ miball vom Boden ſchnellt, fuhr der dunkle, jetzt in ſich zuſammengekrümmte Körper die wenigen Schritte über den Sand hin, und ehe der Wacht⸗ meiſter den ſchwarzen Klumpen, der auf einmal ſolch raſche Bewegung gewonnen, faſſen, ja ehe er nur zu einem rechten Entſchluß kommen konnte, wes zu thun, bröckelte ſchon die Erde von dem ſchroffen und weichen Uferrand los, und mit derſel⸗ ben rollte der Schwarze in die ſchäumend über ihm zuſammenſchlagende Fluth. Kaieko, der nach dem Waſſer geſchickte Schwarze, hatte, dem alten Burſchen überdies nicht trauend, gleich die erſte verdächtige Bewegung bemerkt. Raſcher als vorher kam er zurück, und als ſich die ſchwarze Geſtalt anfing über den Boden zu ſchnellen, warf er das Waſſer fort, und riß ohne Weiteres ſeinen Carabiner von der Schulter. In dem Mo⸗ ment aber rollte auch ſchon der zuſammengeballte Körper die Uferbank hinab, und als der ſchwarze Gerſtacker II. 6 ameee — 82 Polizeiſoldat an den Rand ſprang, rief ihm der Wachtmeiſter abwehrend zu: „Laß ihn gehn, Kaieko; der füttert die Fiſche, und es bleibt ſich ziemlich gleich, ob er gehangen wird oder erſäuft.“ „Nguyulloman erſaufen?“ rief aber Kaieko, in⸗ dem er mit blitzenden Augen und das Gewehr im Anſchlag die Fluth beobachtete, um den wieder emporkommenden Körper mit dem heißen Bleigruß zu empfangen—„ebenſo leicht erſaufen die Fiſche und Hummern im Murray, wie der ſchwarze Zau⸗ berer, der mir meinen Bruder und meinen Vater verhexte. Wenn er nur ein Haar—“ Er brach kurz ab und riß die Flinte an dan Backen, denn oben gegen die Strömung, wo er den Flüchtigen gar nicht vermuthet hatte, war der dunkle Kopf mit den glühenden Augen emporge⸗ taucht, mit dem Blitz und Knall des Gewehrs aber auch ſchon wieder verſchwunden, ein Paar Schritte ſeitwärts gleich wieder zum Vorſchein zu kommen. Wie ein rieſiger Froſch griff er dabei zwei- oder dreimal mit dem langen Arm gegen die Strömung an, während die Beine, lang hinten aus⸗ geſtreckt, vollkommen auf der Oberfläche ſchwammen. Aber der ſcheu zurückgedrehte Kopf beobachtete jede Bewegung ſeiner Feinde, und kaum riß der Wachtmeiſter eine ſeiner Piſtolen aus den Holſtern, — 83=— als er auch, gleich einer Taucherente, auf’'s Neue im Strome verſchwand. Noch ſchaute der Weiße aufmerkſam dort hin⸗ auf, das Wiederauftauchen des Schwarzen zu er⸗ warten, als der Soldat an ſeiner Seite ſeinen Arm ergriff und den Strom wohl hundert Schritt hinab deutete. Nguyulloman's wilde Züge ſchwam⸗ men dort wieder auf dem Strome, um gleich dar⸗ auf auf's Neue zu verſinken. Vergebens warte⸗ ten ſie jetzt, ihn noch einmal auftauchen zu ſehn, — er blieb verſchwunden. Unter dem Aſte eines in die Fluth geſtürzten Baumes aber, von dem Holz vollkommen gedeckt, nur mit Mund und Naſe über der Oberfläche lag der Wilde im Verſteck und trieb erſt, als er vollauf Athem geholt und ſeiner Lunge Luft gegeben, von den Feinden nicht mehr bemerkt, langſam mit der Strömung nieder. Die ſchwarze Polizei hatte indeß unter Walker's Leitung dem Feuer ſo viel als möglich Einhalt zu thun geſucht, und von Sachen gerettet, was noch der Gluth entriſſen werden konnte, als mit ver⸗ hängten Zügeln auf ſchweißtriefenden Pferden der alte Mr. Powell mit ſeinen Söhnen und den beiden Stockkeepern heranſprengte. „Dort kommt Ihr Vater,“ rief da Walker, ſich zum erſten Male wieder der Gruppe der Frauen nähernd, die eben mit dem wieder zu ſich kom⸗ 6* — 84— menden Bruder beſchäftigt waren.„Sie haben jetzt Nichts mehr zu fürchten. Uebrigens mögen ſechs von meinen Leuten zu Ihrem Beiſtand zu⸗ rückbleiben, und ich ſelbſt werde die Gegend nicht eher verlaſſen, als bis ich den verrätheriſchen Stamm weit aus Ihrer Nähe hinweggeſcheucht und für die That geſtraft habe.— Sie können ruhig ſchlafen.“ Er trat zu ſeinem Pferd, das ihm einer der Soldaten brachte und ſchwang ſich in den Sattel. Sie wollen fort?“ rief da Mrs. Powell, die Hand nach ihm ausſtreckend;„oh, entziehen Sie ſich nicht ſo raſch unſerem Dank.“ „Wir wären ohne Sie verloren geweſen,“ ſagte auch mit thränenden Augen Lisbeth. „Den Dank würde ich immer noch mit einem Andern zu theilen haben,“ ſagte Walker finſter, indem ſein Auge es vermied, dem forſchend auf ihm haftenden Blicke Sarah's zu begegnen;— „doch“ ſetzte er raſcher und mit beſonderer Betonung hinzu, mir liegen jetzt andere Pflich⸗ ten ob. Die gefährlichſten Räuber muß ich zuerſt verfolgen, ihnen den„Raub abja⸗ gen, und die Gegend hier von den Schwar⸗ zen reinigen.— Wenn Sie indeſſen manchmal meiner gedenken, laſſen Sie es nicht allein in Haß ſein.“ „Mr. Walker,“ bat Sarah. Walker winkte ihnen mit der Hand vom Pferde herab, und als der Beſitzer der Station von der N einen Seite in die Umzäunung ſprengte, verließ 1 er, ohne auf den Zuruf des alten Herrn zu hören, auf der andern den Platz, ſammelte draußen einen kleinen Theil ſeiner Leute, und jagte mit ihnen in den Buſch hinein. * / 6 S 1 † 8* 3 5. Capitel. Die Buſchſchenke. Unterhalb dem Nord⸗Weſt⸗Bend des Murray, jener wunderbaren Schwenkung, mit welcher der bis dahin ziemlich genau gen Weſten fluthende Strom in einer Strecke von wenigen hundert Schritten ſeine Bahn direct nach Süden ändert und ſie von dort bis zu ſeiner Mündung beibe⸗ hält, ſtand auf einem Diſtrict, den die Eingebore⸗ nen Kullangang nannten, ein kleines unanſehn⸗ liches Rindenhaus, deſſen Beſitzer ein Mittelding zwiſchen Squatter und Landmann zu ſein ſchien. Squatter konnte er in ſofern genannt werden, als er von der Regierung einen eben nicht großen Diſtrict Weideland gepachtet hatte, und ſich darauf ein Paar tauſend Schafe wie einige fünfzig Rin⸗ der mit zehn oder zwölf Pferden hielt— Landmann, in ſofern er vier bis fünf Acker Landes, dicht am Strome und einem ziemlich guten Landungs⸗ platze gekauft, und den allerdings kaum ernſt⸗ lichen Verſuch gemacht hatte, Gemüſe und eini⸗ ges Getreide darauf zu erbauen. & Die Ufer des Murray ſind nämlich hier ganz eigenthümlicher Art, und trugen einen total ver⸗ 1 ſchiedenen Charakter ſchon von unterhalb dem Bo⸗ nin⸗See an ſich. So flach und lehmig ſie nämlich dort oben ſind, ſo ſteil und ſchroff werden ſie hier, und hohe ſteile Kalkſteinwände, nicht ſelten mit den merkwürdigſten Muſchelverſteinerungen durch⸗ wachſen, ſteigen oft mehre hundert Fuß ſchroff aus dem Bette des Stromes empor, und ſchließen durch⸗ gängig ein ſchmales, von vier⸗ bis zwölfhundert Schritten breites Thal ein, in deſſen Boden von grauem Lehm ſich der oft bis zweihundert Schritte breite Strom herüber und hinüber ſchlän⸗ gelt. Dieſer Thalboder iſt allerdings außerordentlich fruchtbar, und könnte die herrlichſten Ernten tragen, wäre das gute Land nicht durchgängig, nur mit Ausnahme außerordentlich kleiner Strecken, den Ue⸗ berſchwemmungen des Fluſſes ausgeſetzt. Der Mur⸗ ray überfluthet aber, und zwar gerade in der Ernte⸗ zeit, faſt alle Jahre dieſe Ufer, und benimmt dem Ackerbauer jede Möglichkeit, ſeine Frucht in Sicher⸗ heit zu bringen. Nur ſehr wenige günſtig gelegene Stellen ſind hiervon ausgenommen, und an einer ſol⸗ ——— chen hatte Mae Pherſon, auf vielleicht vier oder fünf Acker Landes mehr einen Garten, als ein Feld angelegt, auf dem er ſich allerdings etwas Weizen und Kartoffeln, aber hauptſächlich einige Gemüſe zog. Sein Hauptgeſchäft blieb indeß der Grog⸗ oder Branntweinverkauf, den er, ob erlaubt oder nicht, auf das Eifrigſte betrieb und dazu die Arbeiter des ganzen Murraythales, je nachdem ſie ſein Haus paſſirten, zu Kunden hatte. Wochen lang, das iſt wahr, verkaufte er manchmal nicht eines Schillings Werth; dafür brachte ihm aber auch der nächſte Trupp Bündelleute, die ihren Jahres⸗ lohn in der Taſche trugen, reichlichen und hundert⸗ fältigen Erſatz. Die Pfunde regneten in ſolcher Zeit ſo raſch aus ihren Taſchen in die ſeinige, wie er nur ſeine kleinen, überall im Hauſe umher⸗ geſtauten Fäßchen in Flaſchen und Gläſer füllen konnte, und die ſonſt ſo ſtil delte ſich dann plötzlich i ein wildes wüſtes Ge⸗ lage von Trunk und Lärm und Kampf, mit allen Leidenſchaften, die Spiel und Branntwein härvur⸗ zurufen im Stande ſind. Wunderbar iſt überhaupt das Leben dieſer Buſchleute, und ſo abenteuerlich und außergewohn⸗ lich wie das ganze Land mit einem großen wei ſeiner Naturerzeugniſſe ſelber. Ein und funßzig Wochen im Sahre kann man rechnen, daß ſie mit Buſchhütte verwan⸗ — 8* — — 89 ⸗ ſo wenigen Bedürfniſſen faſt wie ein Indianer in Arbeit oder wenigſtens Beſchäftigung als Schä⸗ fer oder Hüttenwächter, oder auch als Ochſentrei⸗ ber und Stockkeeper ihr mühſames, freudeloſes Daſein hinquälen. Geld bekommen ſie in der Zeit gar nicht zu ſehen, Spirituoſen nur in äußerſt ſeltenen Fällen zu koſten, bis ſie endlich, nach Ablauf ihrer zwölf Monate, ihren vollen Jahreslohn ausgezahlt erhalten, und nun mit ordentlich ängſtlicher Haſt der nächſten beſten Kneipe zueilen, um dort nicht etwa das ſo müh⸗ ſam Verdiente nach beſten Kräften zu genießen, nein, in nur möglichſt kurzer Zeit und, im wah⸗ ren Sinne des Wortes,„durch die Gurgel zu jagen.“ Sie wiederholen hier auf feſtem Lande dieſelbe Erſcheinung, die wir in den Hafenſtädten an den Matroſen ſehen, und doch hat der Matroſe da noch weit eher eine Entſchuldigung auf ſeiner Seite. Einem gefährlichen Leben ausgeſetzt, wo ihn auf der See jeden Augenblick der Tod ereilen kann und er nie weiß, ob er den ſicheren Hafen wieder ſieht,„verjubelt“ er, wie er es nennt, was er an der letzten Fahrt verdient. Für wen ſollte er ſparen— was ſoll er auf der See mit baarem Gelde thun? und die Zeit der Ruhe iſt ihm da⸗ bei ebenfalls ſo karg zugemeſſen, daß er die ſchwer — 90— genug verdienten Geldſtücke ſo raſch vergendet, wie er's eben kann. Der Auſtraliſche Buſchmann hat keine ſolche Entſchuldigung— im Gegentheil würde ihn die Erſparniß nur weniger Jahre leicht in den Stand ſetzen, ein ſelbſtſtändiges Leben zu beginnen und zu einem kleinen Eigenthum zu kommen, um ſo ſein eigener Herr zu werden. Er weiß, daß er ſein Geld ſicher anlegen könnte; weiß, daß es ihm Zinſen tragen würde, während er als bloßer Arbeiter doch immer nur ein elendes, abhängiges Leben fortführen muß. Aber trotz alle dem ſucht er ſich mit faſt ängſt⸗ licher Haſt gerade von dem zu befreien, was ihm allein helfen könnte— mit baarem Gelde. So mühſam er ſeinen Lohn verdiente, ſo raſch ſchleu⸗ dert er ihn wieder von ſich, ohne auch nur einen einzigen Genuß dafür einzutauſchen, es müßte denn der ſein, auf ein Paar Tage als„Swell“ mit Goldſtücken um ſich werfen zu können, und den Körper mit Maſſen von geiſtigen und meiſt noch verfälſchten Getränken zu überladen. Dann folgen einige Tage elender Exiſtenz, in denen ſich Magen und Kopf erſt wieder von ſolcher Mißhandlung erholen müſſen, bis ſie auch dies überſtanden haben. Ohne einen Penny Geld in der Taſche, ja viel⸗ leicht ohne eine Taſche, es hinein zu thun, wenn —-—-yy—————— **ε er es hätte(da dieſe Burſchen im Trunk nicht ſelten die Jacke vom Leibe verkaufen, um ihren halbbewußten Zuſtand ein Paar Stunden verlän⸗ gern zu können) ſchleicht er nun zurück in den Buſch, um ſich mit neuer Arbeit eines ganzen Jahres eine dem ähnliche Woche erkaufen zu können. Mae Pherſon hielt eine ſolche„Buſchſchenke,“ und nicht allein mit gewöhnlichem ſchlechten Bran⸗ dy oder Genevre, ſondern auch mit allen mögli⸗ chen, wenigſtens verſchieden etikettirten Weinen, ſogar nachgemachtem Champagner verſehen. Der Geſchmack dieſer wilden Burſchen iſt manchmal ſehr eigenthümlicher und extravaganter Art, und der Wirth wußte ſeine Waare zu vortrefflichen Preiſen an den Mann zu bringen. Hatte er nun auch in den letzten drei Wochen nur wenige„Gäſte“ in ſeinem Hauſe geſehen, ſo ſchien ſich das Geſchäft an dem heutigen Tage deſto günſtiger für ihn geſtalten zu wollen. Sieben oder acht Buſchleute, ihren Jahreslohn theils in Geld, theils in geldwerthen Anweiſun⸗ gen in der Taſche, hatten ſich an dem Morgen in aller Frühe bei ihm eingefunden und einquartiert, und ihre„Freiheit“ damit begonnen, ſich in aller Gemüthlichkeit, um eine Flaſche Brandy geſchaart, unter einen Baum zu legen. Ihr Ziel war ——————y — 92— Adelaide, und der Platz hier von ihnen nur eigent⸗ lich zu einem Ruhepunkte beſtimmt. Sie wollten heute einen Raſttag halten— ſich alſo auch nicht etwa betrinken— und dann morgen mit dem Früheſten nach der noch allerdings ſehr weit ent⸗ fernten Hauptſtadt des Diſtricts aufbrechen, um dort erſt ihr wirkliches Gelage zu beginnen. Mac Pherſon war indeß darüber ganz anderer Mei⸗ nung. Die Burſchen ſelber gehörten der rauhſten und wildeſten Menſchenklaſſe dieſer Art Leute an, wie ſie nur auf dieſem Punkte der Erde das frühere Engliſche Deportations⸗Syſtem verſammelt haben konnte. Phyſiognomien, dem Galgen und Zucht⸗ haus abgeſtohlen, mit einem Leben voll Verbrechen und Elend hinter ſich; ohne irgend eine Zukunft, nur dem Augenblick Berechtigung geſtattend; ihre ganze Sprache ein langgedehnter Fluch, eine per⸗ manente Blasphemie, und doch auch wieder mit einem Zug des derb ehrlichen Engliſchen Charak⸗ ters, der eine eigene wunderliche Miſchung drol⸗ ligen Humors, bewußter, wenigſtens augenblickli⸗ cher Selbſtſtändigkeit und einen gewiſſen Gott und der Welt trotzenden Ausdruck an ſich trug. Daß dieſe Geſichter durchgängig, vielleicht nur mit Ausnahme eines Einzigen, alten Sträflingen — oder wie ſie ſich ſelber nannten„old hands“ —õ‧ angehörten, bedurfte wohl kaum einer weiteren Verſicherung. Untereinander waren ſie auch vollſtändig einig darüber und würden es für eine höchſt lächerliche Anmaßung gehalten haben, hätte es Einer von ihnen leugnen wollen. Kokettirte doch Mac Pherſon ſelber mit ſeinen„olden times“ oder alten Zeiten“ und wußte, als er ſich zu ihnen ſetzte, Maſſen von Anekdoten von dem und jenem „magistrate,“ von dem und jenem„old cove“ zu erzählen, die alle in eine Zeit zurückdatirten, wo freie Einwanderer in Auſtralien noch zu den Auſtraliſchen Naturmerkwürdigkeiten gehörten. Von der früheren Zeit, wo Mißhandlung der Sträflinge, wie die einzelnen Streiche, die ſie, um ſich zu rächen, den Gerichtsperſonen ſpielten, das Hauptthema bildeten, kam das Geſpräch aber in ſehr natürlicher Weiſe auf die jetzige, und die Kunde, daß die ſchwarze Polizei von Neu⸗Süd⸗ Wales ſich jetzt an der Grenze des Adelaide⸗Di⸗ ſtricktes aufhalte, lenkte ihre Aufmerkſamkeit ganz beſonders auf ſich. „Hol' die ſchwarzen Hunde der Teufel,“ ſagte Bob, ein Ochſentreiber und eine der vorragendſten Perſönlichkeiten der Schaar, mit einer hinzugefüg⸗ ten gottesläſterlichen Verwünſchung,„und iſt das etwa eine Manier, die ſchwarzen blutigen Heiden zu Spürhunden zu brauchen, arme ausgeriſſene — 94— Kerle wiedereinzufangen oder im Buſche drin wie wilde Hunde abzuſchlachten?“ „Das ſind Alles ſo neumodiſche Erfindungen,“ verſicherte Dick, ein Schäfer,„die von den „Swells“ in den Städten ausgeheckt werden, und womit ſie glauben, daß ſie dem Lande einen Ge⸗ fallen thun. Uns haben ſie auch einen Prieſter auf die Station geſchickt.“ Die Anderen lachten. „Das paßt auch für Euch— verdamm Eure Augen,“ rief Mac, ein Stockkeeper vom Nord⸗ Weſt⸗Bend—„ein Mann, der zeitlebens hinter Schafſchwänzen herkriecht, muß es ſich auch ge⸗ fallen laſſen, daß ſie ihm einen Schwarzrock in den Pelz ſetzen.“ „Schafſchwänzen herkriechen,“ brummte Dich är⸗ gerlich,„Kuh⸗ oder Schafſchwänze— bleibt ſich verdammt gleich, und wenn ich Pferdefleiſch unter dem Leibe hätte, wollten wir einmal ſehen, wer von uns die häßlichſten Fenzen und Gräben am beſten annähme, Ihr Stockkeeper Ihr, die Ihr Euch immer für was Beſſeres haltet, oder wir Schäfer.“ „Unſinn,“ ſagte Jack, ein anderer Schäfer, und mit Dick von einer Station gekommen,„laßt die alten Neckereien, wo wir hier um eine Flaſche ¹ Brandy ſitzen.“— —W b b — 95— „Und ob das nicht auch eine blutige Schande iſt,“ rief Mac Pherſon lachend dazwiſchen,„daß es eben nur eine iſt—“ „Nun ſo macht Ihr, daß es zwei werden,“ rief Bob herausfordernd,„wir brauchen unſer Geld nöthiger, als es hier mitten im Buſche zu laſſen. Donnerwetter, Jungens, diesmal wollen wir den Swells in Adelaide einmal auf den Pelz rücken, und ihnen zeigen, daß die Murray⸗Jungen auch nicht eben nur im Buſche zu Hauſe ſind.“ „Bah, Euer Geld,“ rief Mac Pherſon ver⸗ ächtlich und mit einem Fluche, der ſelbſt den Och⸗ ſentreibern keine Schande gemacht hätte,„wer hat denn von Euerem Gelde geſprochen? Wenn ich Euch zu etwas einlade, ſo werde ich doch auch nicht von Euch verlangen, daß Ihr es bezahlen follt. Aber Jungens, ich habe einen ganz ver⸗ dammt guten Pfirſich⸗Brandy bekommen, mild wie Butter und feurig wie— wie—“. „Na zum Henker mit Euren Vergleichen,“ rief Bob ungeduldig,„ſchafft den blukigen Stoff her, das iſt die Hauptſache, die Vergleiche wollen wir uns dann ſchon ſelber machen— was koſtet der Brandy hier?“ „Das hat Zeit,“ ſagte Mae Pherſon, indem er raſch nach dem Hauſe zuſchritt—„erſt verſucht nur einmal den andern.“ — ga. „Haſt Du denn die ſchwarze Polizei geſehen, Mac?“ nahm Bob, als der Wirth fort war, das Geſpräch von vorhin wieder auf,„verdamm die Kerle, hier ſind ſie doch nicht durchgekom⸗ men.“ „Oh, bewahre, durch den Buſch haben ſie ſich hinaufgedrückt,“ erwiederte der Angeredete, wäh⸗ rend ihm die Anderen aufmerkſam zuhörten.— „Waren, wie ich glaube, auf der Fährte von ein Paar„old coves,“ die ſich dort herum irgendwo „gepflanzt“ hatten. Zum Nord⸗Weſt⸗Bend kam Einer von ihnen herüber, und ſchickte ſo einen andern Heiducken ab, der die Grenzpolizei von Süd⸗ Auſtralien auch dort hinauf rufen ſollte.“ „Na, die könnten wir hier oben noch brau⸗ chen!“ rief Dick, indem er, einen Fluch ausſtoßend, mit der Fauſt vor ſich auf den Boden ſchlug— „das blutige Geſindel hat uns hier gefehlt, die Gegend unſicher zu machen. In jede Hütte krie⸗ chen ſie hinein, von jedem ehrlichen Menſchen ver⸗ langen ſie den Paß, und es thäte am Ende noch Noth, daß man ihnen erzählte, von wem man den Rock hätte, den man auf dem Leibe trägt. Hol' ſie der Böſe!“ „Der rothe John ſteckt da oben auch irgendwo im Buſche,“ flüſterte plötzlich Mac ſeinen Gefährten — 97 ⸗— leiſe zu, als ob er fürchtete, daß ſie der Wirth höre. „Alle Wetter,“ rief Dick,„wahrhaftig!— iſt ein tüchtiger Burſch. Wenn er aber die Schwar⸗ zen hinter ſeinen Schuhen her hat, wird er nicht lange draußen Damper kauen.“ „Da laß Du den ſorgen,“ lachte Bob—„das iſt ein Teufelskerl. Aber Du brauchſt nicht ſo leiſe zu ſprechen, Mac Pherſon verräth Nichts.“ „Der Henker traue den Wirthen, verdamme ſie,“ brummte Mac—„ſie verrathen oder ver⸗ rathen nicht, gerade wie es ihnen in ihren Kram paßt. Wenn der rothe John hierher käme und die Taſche voll Geld hätte, ließe ſich Mae Pher⸗ ſon todtſchlagen, ehe er ihn herausgäbe, und verſteckte ihn lieber in ſein eigenes Bett. Hätt⸗ er aber weiter Nichts wie den Preis, der auf ſeinen Kopf geſetzt iſt, ließe er ſich gar nicht lange bitten, und ſpannte ihm ſelber die Darbies um die Handknöchel.“ „S' iſt doch was Hübſches um ſo einen Preis,“ lachte Meik, ein Rationsführer von einer der Nachbarſtationen,—„da erfährt doch ein ordent⸗ licher Kerl erſt, was er eigentlich werth iſt. Sonſt kümmert ſich kein Menſch um ihn; ſobald er aber den Herren vom Gericht— mit Reſpect zu melden— bewieſen hat, daß er ſie gar nicht brauche, Gerſtäcker. II. ſich ſeinen grub*) zu verſchaffen, und auch ſchon allein im Buſche fertig werden kann, wupp! wer⸗ den ſie eiferfüchtig, und bekommen ihn auf ein⸗ mal ſo lieb, daß ſie eine Taſche voll Gold dafür geben, ihn nur wieder zu ſehen und verſorgen zu können.“ Der Sechſte der Schaar, Ralph mit Namen, war ein noch junger Burſche, von nicht ganz ſo rauhem Ausſehn als die Uebrigen, wenn ihn das Leben im Buſche auch eben genug verwildert hatte, um recht gut in die Geſellſchaft hineinzu⸗ paſſen, in der er ſich einmal befand. Möglich blieb es auch, daß er nicht einmal zu den Depor⸗ tirten, ſondern zu den freien Einwanderern ge⸗ hörte und ein ehrliches Leben hinter ſich hatte. War das aber wirklich der Fall, ſo wußte er es vortrefflich zu verheimlichen, und hütete ſich wohl gegen die älteren Gefährten, vor deren Erfahrun⸗ gen er einen gewaltigen Reſpect hatte, etwas Der⸗ artiges laut werden zu laſſen. Nur die hier ge⸗. thane Aeußerung Meik's wollte ihm nicht recht/ einleuchten, und ſo ſchüchtern er ſich bis jetzt zu⸗ rückgehalten hatte, ſagte er doch jetzt: „Es muß aber doch wirklich ein ſchrecklich ängſtliches Gefühl ſein, zu wiſſen, daß man in ) Lebensmittel. — 99 den Zeitungen ſteht, und jeder Menſch das Recht hat, Einen zu faſſen und den Gerichten zu über⸗ liefern.“ „Gott verdamm mich!“ lachte Meik, mit ſei⸗ ner breiten rechten Fauſt in die linke flache Hand ſchlagend,„iſt der grün. Innge, ſeit wann biſt denn Du eigentlich in Auſtralien? Ich glaube wahrhaftig, der Töffel hat Ueberfahrt bezahlt.“ „Bah,“ rief Ralph, erröthend, etwa in den Verdacht freier Einwanderung zu kommen,„mei⸗ ner Mutter Sohn iſt geſcheuter als Paſſage zu zahlen, wo er die Fahrt auf Ihrer Majeſtät Schiffen umſonſt bekommen kann.“ „Gott ſegne Ihre Majeſtät!“ rief in dieſem Augenblicke Mae Pherſon, der etwas von der letz⸗ ten Rede verſtanden hatte und mit einer vollen Flaſche zurückkam, indem er dieſe in der Luft ſchwenkte.„Na, thut mir Keiner Beſcheid?“ „Wir haben Alle Nichts gegen die Königin,“ brummte Bob;„hat ſie uns doch freie Paſſage gegeben. Schafft uns etwas her, was der Mühe lohnt, und wir thun Euch auch Beſcheid.“ „Na groß Urſach dankbar zu ſein, hätten wir eben auch nicht,“ brummte Meik. „Du allerdings nicht, Mate*)“ lachte Dick, *) Mate, die gewöhnliche Anrede im Buſche, und etwa gleichbedeutend mit„Kamerad.“ 3„ — 100— „denn Dir hat ſie blos das Leben geſchenkt, und das war wohl das Schlechteſte, was ſie hatte.“ „So?“ ſagte Meik, ſich raſch nach dem Spre⸗ cher umdrehend, indem er mit einer Hand die ihm gebotene Brandyflaſche ergriff—„wenn ich näch⸗ ſtens erſt dem Mäßigkeitsverein beigetreten bin, werden die Breitkrämpen den Meik noch einmal als einen Menſchen hinſtellen, zu dem man auf⸗ ſchauen muß“— „Als abſchreckendes Beiſpiel?“ lachte Dick. „Nein; er meint, wenn er den Strick ſtraff zieht,“ rief Bob, während die Uebrigen in ein wieherndes Gelächter ausbrachen. Meik ſah die Anderen im Kreiſe mit einem verächtlichen, faſt mitleidigen Lächeln an; dann füllte er ſich ein Glas aus der Flaſche, roch daran, leerte es auf einen Zug, und bedachte ſich mit einem zweiten. „Hallo— Meik— halt da!“ ſchrien aber jetzt die Anderen, die bei einer ſolchen Verthei⸗ lung nicht mit Unrecht fürchteten, zu kurz zu kom⸗ men—„das iſt falſches Spiel!“ „So lange Ihr Euch da ſo gut unterhaltet, möchte ich Euch nicht ſtören,“ ſagte Meik ruhig, an dem zweiten Glaſe nippend. „Erlaubt mir einmal,“ unterbrach ihn jetzt Mae Pherſon, indem er ihm die Flaſche aus der Hand nahm und den Uebrigen einſchenkte.„So, Gentlemen, nun haben Sie die Güte und koſten Sie einmal dieſen Stoff und ſagen Sie mir dann—“ „Gentlemen?“ rief Bob, ingrimmig mit ſeiner Fauſt auf den neben ihm liegenden Hut ſchlagend—„ich bin mein Lebtag kein Gent⸗ leman geweſen, und will verdammt ſein, wenn ich hier im Buſche damit anfange. Gentlemen— hätte bald was geſagt.“ „Mae Pherſon hat irgend Etwas auf dem Korne,“ ſagte Dick„oder er käme nicht ſo ſanft von hinten herum.“ „Na, Mate'’s, nehmt's nur nicht übel,“ lachte Mae Pherſon,—„es war ja nicht ſo bös ge⸗ meint, und ſollte nicht geſchimpft ſein. Uebrigens ſeh' ich nicht ein, weshalb Jemand darüber böſe werden könnte.“ „Ich auch nicht,“ brummte Meik—„der Es⸗ quire klänge hinter meinem Namen ebenſo gut, wie hinter dem von Squire Fox und Squirrel, und Mister Meik Esquire, Rationsträger, müßte auf einem Briefe mit 500 Pfd. Sterling Einlage ganz verdammt gut ausſehen.“ „Alle Teufel, der Brandy iſt gut,“ unterbra⸗ chen Andere jetzt die Betrachtung—„famoſer Stoff; wo habt Ihr den her, Mate?“ — 102— „Woher?— direct von Frankreich,“ ſchmun⸗ zelte der Wirth,—„habe nicht umſonſt meine Freunde am Hafen, manchmal eine Bootladung von einem Bischen was Naſſem ohne beſonders große Umſtände an Land zu bringen. Habe vor⸗ geſtern gerade eine ganze Sendung von drei bis vier verſchiedenen Arten Brandy, etwas Beſon⸗ derem von Cognac, ein Fäßchen Scotch Whis- key, drei oder vier Sorten Wein, Port, Cherry, Porter, und einem halben Dutzend Körbe von dem richtigen„Swells tipple⸗*) erhalten. Knallt wie eine Kanone, und wirft Blaſen und Schaum wie ein tauſend Ton Dampfer.“ „Hallo, Mac, da wären wir ja am Ende gar zur rechten Zeit hier eingefallen,“ lachte Dick— „hol' mich der Böſe, wenn ich von hier fort gehe, ehe ich nicht wenigſtens ein Bischen von Allem gekoſtet. Nach Adelaide kommen wir noch immer zeitig genug, und wir laufen ſonſt am Ende hier am guten Stoff vorbei, nachher drin zu ſaufen, was ſie eben für gut finden uns vorzuſetzen.“ „Das kenn' ich,“ ſagte Jack kopfſchüttelnd— „wenn wir hier einmal anfangen, kommen wir nachher auch nicht mehr weiter, und kriegen die Berge nicht einmal zu ſehen. Thut meinetwegen *) Buſchname für Champagner. 8 — 103— was Ihr wollt, ich muß aber hinüber in die An⸗ ſiedelungen, ob Ihr nun mitgeht oder nicht, und ich wenigſtens will mir mein Bischen Verſtand noch ſcharf und beiſammen halten. Ihr Anderen habt Eueren freien Willen.“ „Danke, mein Junge,“ ſagte Meik,„biſt doch verdammt gütig, daß Du uns die Erlaubniß giebſt.— Na, aber was hat denn Mae Pherſon? der ſchneid’t ja ein Geſicht, als ob er irgendwo ein Paar neue Handſchellen, oder ein vorzügliches Gefängniß mit Beſſerungsſyſtem erfunden hätte! — Nun, was giebt's, mein Bock?— Irgendwo vielleicht eine Schraube los?“ „Wißt Ihr's ſchon?“ flüſterte der Wirth jetzt dem ihm zunächſt ſitzenden Bob zu— „Nun was?— Daß ſie Euch nächſtens den heim⸗ lichen Verkauf pon Branntwein legen werden, heh? — Dazu braucht man kein Prophet zu ſein, das zu wiſſen.“ „Malt den Teufel nicht an die Wand, Jun⸗ gens, und— ſchreit das ganz beſonders nicht zu laut in die Welt hinein,“ erwiederte Mac Pher⸗ ſon, ſich dabei unruhig umſchauend, als ob er ſelbſt hier, mitten in der Wildniß, gehört zu wer⸗ den fürchtete.„Aber wißt Ihr ſchon, wer hier oben irgendwo im Buſche ſteckt— heh?“ „Nun, alte Eule, wer wird'’s ſein?“ lachte —— 104— Bob,„Se. Excellenz der Gouverneur von Gottes Gnaden?“ „Unſinn,“ rief der Wirth ärgerlich—„Jack London!“ „Nun?“ ſagte Bob ruhig. „Nun?“ wiederholte erſtaunt Mac Pherſon, „Jack London, der berühmte Buſchrähndſcher.“ „Berühmt?“ ſagte Bob mit einem verächt⸗ lichen Naſenrümpfen,„wer hat den denn zu ei⸗ ner Berühmtheit gemacht?“ „Wer?— Der Gouverneur— ſind nicht 100 Pfd. Sterling auf ſeinen Kopf geſetzt?“ „Das war der Mühe werth,“ ſagte der Ochſen⸗ treiber, mit den Schultern zuckend,„ich hab's von Leuten, die es am allerbeſten wiſſen können, daß Jack London gerade ſo gut zum Buſchrähnd⸗ ſcher paßt wie Ralph da, und der Wär' keins fünf Pfd. werth.“ Die Anderen lachten, Mac Pherſon aber, der ſich die Wichtigkeit ſeiner Nachricht nicht wollte ſchmälern laſſen, rief ärgerlich: „Na, Ihr verdet's wohl am Ende beſſer wiſſen wollen, als die Polizei, und wenn die einmal ſo viel Geld dran wendet, könnt Ihr Euch auch feſt darauf verlaſſen, daß ſie weiß, was ſie thut.“ „Die Polizei, mit Reſpect zu melden,“ ſagte — —e 105— Meik ernſthaft,„ſoll zu Graſe gehn.— Der rothe John war ſeit ſeiner Geburt ein beſſerer Buſch⸗ rähndſcher am linken Ohrläppchen, als Euer Jack London über den ganzen Leib. Waſch' mir den Buckel und mach' mich nicht naß, iſt ſein Wahl⸗ ſpruch— will unter den Wölfen leben und nicht mit ihnen heulen— ſtiehlt ein Pferd wie ein Mann, und bezahlt's nachher wie eine Nacht⸗ mütze— Bah, ſo viel für ihn. Und hat er etwa damals bei der Poſtgeſchichte auch nur eine Hand angelegt und nicht nachher den dicken Pad ſogar über den Haufen geſchoſſen, weil er mit dem hübſchen Mädchen in der Kutſche ein Bischen näher bekannt werden wollte? Hol' der Teufel einen ſolchen zweiſchultrigen Halunken, und wenn ſie ihn fingen und aufhingen, wollt' ich eine Flaſche auf die Geſundheit des Sheriffs, mit Re⸗ ſpect zu melden, trinken.— Verdammt, wenn ich's nicht thue. Da iſt der rothe John ein an⸗ derer Kerl, und fünftauſend Pfund werth, wenn ſie auf den Jack London hundert ſetzen.“ „Hallo, Mate, Ihr redet ja gerade, als ob Ihr dabei geweſen wäret,“ lachte Mac Pherſon. „Bah!“ brummte Bob kopfſchüttelnd—„die Zeiten ſind vorbei—„Der Buſch iſt zu trocken, und nichtsnutzige Spione ſitzen auf„jeder Ecke. S'iſt keine Freude mehr am Handwerk, und ſo — 106——* was paßt auch eher für junge Kerle. Wenn man erſt einmal in das Alter kommt, thut's Ei⸗ nem wohl, ſo und ſo viel pr. Jahr ſicher zu ha⸗ ben, und nicht mehr abgehetzt zu werden wie ein Dingo draußen. Seit ich meinen Freipaß habe, prügele ich Ochſen ſtatt Polizeidiener, und will von der ganzen Geſchichte Nichts mehr hören.“ „Und dabei trinkt er in Gedanken die ganze Flaſche aus,“ rief Mac.„Verdamm Eure Augen, Mate, aber das heißt nicht ehrlich getheilt.“ „Jungens, ich dächte, wir tränken überhaupt noch eine von dem Stoff!“ ſagte da Ralph— auf meine Koſten.“ „Bravo, Mate— Donnerwetter, der Bengel hat Anlage,“ lachte Dick—„aus dem kann noch einmal etwas werden.“ „Das iſt dann aber hier die letzte Flaſche,“ rief Jack dazwiſchen.„Den andern trinken wir drüben in Adelaide, oder kehren erſt noch einmal unterwegs ein.“ „Aha, ich glaubte ſchon, Du wollteſt in einem Strich bis in die Stadt laufen,“ lachte Ralph— „aber da kommt Mac Pherſon ſchon wieder. Der muß die Flaſche hinter der Thür gehabt haben.“ „Das iſt ein alter Gauner,“ knurrte Bob, „aber ich denke, dieſes Mal 35 er ſich doch geinn 3 haben.“— -— 107— Mae Pherſon hatte ſich aber nicht geirrt, und kannte ſeine Leute beſſer, als ſie ſich vielleicht ſelber. Nach und nach ſuchte er ſie zum Trinken zu reizen, traktirte ſie noch mit einem kleinen Fäßchen Sardellen, die er gleich fertig ſervirt mit geröſtetem Damper herausbrachte, und wußte ſie endlich mitſammen dahin zu bringen, daß ſie wenigſtens heute nicht mehr von ſeinem Hauſe aufbrachen. Mehr verlangte er nicht; denn daß ſie nachher nicht fortkamen, ſo lange ihr Geld wenigſtens ausreichte, wußte er recht gut.. Das Trinken begann jetzt in wilder Art und Luſt! zugleich mußte die Frau im Hauſe kochen und braten, und auftragen, was die Küche im Stande war zu liefern. Ein junges Mädchen— eine entfernte Verwandte des Alten, wie er ſagte, bediente dabei die Gäſte, denen es ein eigenthüm⸗ lich behäbiges Gefühl war, überhaupt Frauen wie⸗ der einmal um ſich und mit ſich beſchäftigt zu ſehen. Sie trieben es ſo, immer jedoch noch ziemlich mäßig, bis zum Nachmittag, wo Mac endlich den von Mae Pherſon ſchon lange erhofften Vorſchlag machte, ein Spielchen zu verſuchen, um die Zeit „ raſcher in den Buſch zu jagen.“ Die Uebrigen wollten allerdings noch Nichts davon wiſſen; nur Meik betheiligte ſich dabei und Mae Pherſon ſetzte keinmal eine Kleinigkeit und verlor. Das dauerte — 108—= aber nicht lange. Erſt trat Bob, dann Dick mit zum Tiſch, Flaſche nach Flaſche wurde herbeigeſchafft, dabei geſungen und gejubelt, und die Schaar war eben im beſten Lärm und Toben, als ein neuer Gaſt, wenigſtens ein fremder Bündelmann, die Hütte erreichte und ſeinen Pack zu Boden warf, um dort ein wenig zu raſten. Er grüßte die Schaar, ohne ſich jedoch an ſie anzuſchließen, und bat Mac Pherſon, der raſch zu ihm trat, ihm ein Stück Fleiſch und Damper zu geben. „Hallo, Mate, woher des Wegs?“ redete ihn da Bob, vom Spieltiſch herüber an,„abwärts?“ „Ja; vom Rufus!“ erwiederte Miller, unſer alter Bekannter von der Schafſtation des trockenen Sumpfs.“ „Hallo“ rief Mac, ſich raſch gegen ihn um⸗ drehend,„da könnt Ihr uns auch vielleicht erzäh⸗ len, was da oben vorgeht. Der Teufel ſoll da drüben los ſein, heh?— Mac Pherſon, Donner⸗ wetter, gebt dem armen Mate doch einmal einen Tropfen zu trinken und laßt ihn nicht unter Eue⸗ rem Dache verdurſten!“ „Ich danke“, ſagte Miller, indem er einen halb verlangenden, halb ſcheuen Blick nach der ihm zu⸗ gereichten Flaſche warf—„ich trinke keinen Brannt⸗ wein.“ „Hurrah— hier haben wir einen Mann aus — 109 ⸗= dem Mäßigkeitsvereine!“ ſchrie da plötzlich Meik mit ſeiner tiefen und dröhnenden Stimme— „kommt her, mein Junge, laßt Euch einmal bei Licht betrachten, denn ich habe mir ſchon lange gewünſcht, einen ſolchen Paradiesvogel einmal im Buſche zu ſehen. Habt richtig den Schwur ge⸗ leiſtet? „Nein,“ ſagte Miller erröthend—„aber ich will es thun.“ „Na, dann iſt's jetzt noch gerade die rechte Zeit, und juſt vor Thorſchluß, mein Männchen,“ rief Mac Pherſon, indem er ihm ein Glas des ſchon von den Uebrigen bezahlten Pfirſichbrandys bis zum Rande vollfüllte und hinreichte.„Sucht Ihr Arbeit, oder kommt Ihr daher?“ 4, Komme daher,“ erwiederte Miller, immer noch zögernd, das Glas zu nehmen.“ „Aber ſo trinkt doch, Mate, in's drei Teufels Namen“, rief freundlich ermunternd jetzt auch Jack, der ſchon gar keine ſolche Eile mehr zu haben ſchien, nach Adelaide aufzubrechen.„Nachher, wenn Ihr Euch die Gurgel ausgeſpült haben werdet, könnt Ihr uns auch erzählen, wie's am Rufus ausſieht, und was das für eine Geſchichte mit der ſchwarzen Polizei iſt, die da oben herum⸗ ſtöbert. Staub und Hitze freſſen Einem jetzt ja überdies die Lunge entzwei.“ — 110— „Ja, das iſt wahr,“ ſagte Miller, indem er, immer noch zögernd, das Glas nahm.„Nun denn, Mate's, auf Euere Geſundheit und— frohe Heimkehr,“ ſetzte er mit leiſerer Stimme, wie mit ſich ſelber redend, hinzu, indem er das ihm ge⸗ botene Glas erſt wie zum Koſten an die Lippen brachte, und dann auf einen Zug leerte.— „Heh?— das ſchmeckt,“ lachte Mae Pherſon —„Wetter, Mann, Ihr habt einen vortrefflichen Zug, und an Euch machen die Mäßigkeitler einen guten Fang. Bei Euch lohnt's.— Schäfer?“ „Hüttenwächter,“ erwiederte der Gefragte be⸗ ſcheiden, indem er ſich den Mund mit dem Rock⸗ ärmel wiſchte.“—. „Und abgelohnt?“ frug Mae.— „Habt's errathen,“ erwiederte Miller, mit einem unbeſtimmten Gefühl, daß er ſich durch aufrichtige Erzählung ſeines Unfalls die Theilnahme der Bur⸗ ſchen, mit denen er doch nun einmal zuſammen war, am raſcheſten gewinnen würde.“ „Doch nicht etwa Polizeigeſchichten?“ frug Mac Pherſon vorſichtig. „Oh, hol' Euch der Teufel,“ unterbrach ihn augenblicklich Bob ärgerlich,„geht Euch das was an, was ſie in Neu⸗Süd⸗Wales treiben, heh?— oder habt Ihr hier Leute auszuholen, wenn ſie — 111— den blutigen ſchwarzen Blaujacken aus dem Wege gehen?“ „Nichts mit der Polizei“, erwiederte ruhig Miller, während die Spieler ihr Spiel auf kurze Zeit unterbrachen, um von dem, was ſie alle ganz beſonders intereſſirte, etwas Näheres zu hören— „die ſind, ſoviel ich weiß, hinter anderem Wilde her, und wenn das wahr iſt, was ſie ſich geſtern Abend im Nord⸗Weſt⸗Bend erzählen, ſo haben ſie auch zwei von den Schlimmſten ſchon eingefangen oder todtgeſchoſſen.“ „Alle Wetter!“ rief Meik, mit der Fauſt auf den Tiſch ſchlagend; und habt Ihr etwas von ihnen geſehen, Mate?“ „Geſehen? wenig genug,“ ſagte Miller, während er ſich den Tiſch zurecht rückte, auf den ihm Mrs. Mae Pherſon eben ein raſch bereitetes und ſehr einfaches Mahl auftrug—„wenn nicht der Bur⸗ ſche, der meine Stelle bekommen hat, und wild und verzweifelt genug drein ſchaute, dazu ge⸗ hörte.“ „Wie ſah er aus?“ rief Meik, der ſich beſon⸗ ders dafür zu intereſſiren ſchien. „Nun, eben wie Jemand ausſieht,“ lautete die Antwort,„der ſich Gott weiß wie lange im Buſche herumgetrieben, und gar nicht mehr weiß, was Seife und ein Spiegel iſt. Rothe Haare und Gerſt — 112— Bart dabei, blaue Augen mit viel Sommerſproſſen und einen Ohrring im linken Ohr.— Hatte auch eine Doppelflinte bei ſich— ein gutes Gewehr, und ſchien ſich eben nicht viel draus zu machen, daß ſie der oberſte Stockkeeper in die Augen kriegte.“ „Hm,“ murmelte Meik, der heimlich unter dem Tiſche Bob angeſtoßen hatte—„und den haben Sie feſtgenommen?“ „Ja, das weiß ich nicht“, erwiederte mürriſch der Gefragte— indem er die vor ihn geſetzten Lebensmittel verarbeitete.—„In der Nacht bra⸗ chen die Schwarzen in die Hürden und trieben die Schafe aus, und da ſchickten ſie mich fort und nahmen den Andern an.“ „Und zogen Euch das Geld für die verlorenen Beſtien ab; heh, Mate?“ frug Ralph, der an dieſem Gegenſtand einen beſondern Antheil nahm. „Nein, das nicht. Ich bekam mein Geld bei Heller und Pfennig ausgezahlt.“ „Den Teufel auch!“ riefen die Meiſten er⸗ ſtaunt,„und wie hieß das alte Poſſum, das ſo ſplendid mit dem Stoff herausrückte?“ „Powell— ein guter alter Herr.“ „Und da jagten ſie Dich zum Teufel!“ „Hierher wenigſtens,“ Blichelt Miller, der ſeine Leute kannte. — 113— „Bravo, mein Junge!“ rief jetzt Jack, dem die Antwort gefiel—„Verdamm mich, wenn das nicht noch ein Glas werth iſt— hier Mac Pherſon — warſt Du ſchon lange drüben?“ „Ziemlich ein Jahr—“ „Deſto beſſer, ſo paſſen wir auch zu einander. — Hier ſind faſt lauter Jahrfreie zuſammen, und wir haben uns hier„gepflanzt“, um nach einem zwölfmonatlichen Hundeleben auch einmal einen.2. freien Tag zu haben— beſcheidener kann der Menſch doch nicht gut ſein!“ „Wäre gern auch einmal wieder einen Tag fidel,“ murmelte Miller finſter in ſich hinein, „aber— es geht nicht— muß nach Hauſe.“ „Heda, nach Haus?“ frug Meik lachend, „brummteſt da vorher ſchon was von„glücklicher Heimkehr“— biſt doch nicht gar etwa„glücklicher Gatte und Vater,“ wie ſie drüben in den Anſiede⸗ delungen ſagen?“ Die Anderen lachten bei dem Gedanken, daß ein Hüttenwächter, der allein im Buſche herum⸗ zog, verheirathet ſein ſollte; Miller ſchüttelte aber mürriſch mit dem Kopfe und rief: „Ach was, zum Teufel— verheirathet— Eine Frau könnte man hier brauchen zwiſchen den Salzbüſchen und Schafen— hol' der Henter die Gerſtacker. II. — 114— ganze Wirthſchaft— am Ende wird's auch— ich weiß bei Gott ſelber nicht—“ „Na nu wird's Tag!“ lachte aber Jack— „was ſchwatzteſt Du denn da zuſammen, Mate?— Da trink' noch einmal, das wäſcht Dir den Kopf rein und die Augen klar, und Du ſiehſt jedenfalls nachher was Dir gut iſt. Schmeckt's?“ Miller hatte das Glas ergriffen, leerte es wieder auf einen Zug wie vorher, und beſtellte dann ſelber bei dem Wirth eine Flaſche, um ſich bei den Anderen zu revangiren. Das Gelage begann jetzt von Neuem. Der Deutſche, denn als einen ſolchen hatten ſie ihn ſeinem Dialekt nach bald erkannt, mußte alle Ein⸗ zelheiten, die er von ſeinem letzten Aufenthalt am Rufus wußte, erzählen. Dabei tranken ihm die Uebrigen wacker zu, und ſo ſcheu er ſich dieſem ſo lang entbehrten Genuſſe im Anfange hin⸗ gab, ſo perlor ſich doch jedes ſolche Gefühl mehr und mehr mit jeder neuen Flaſche, die der geſchäf⸗ tige Mac Pherſon nur zu willig entkorkte. Wein wurde jetzt herbeigeſchafft, da der Brannt⸗ wein zu raſch in den Kopf ſtieg. Maec Pherſon machte ſelber den Vorſchlag, und brachte verſchie⸗ dene Probeflaſchen— nur zum Anſehn, wie er ſich ausdrückte. Kaum hingeſetzt, wurden ſie aber auch eben ſo raſch ausgetrunken, und die ganze — 115— Schaar war zu einem ſolchen Grad von wilder und trunkener Luſtigkeit gediehen, daß ſie den Spieltiſch bei Seite ſchoben und unter einander an zu tanzen fingen.— War doch ſchon gleich im Anfange ausgemacht worden, daß der beim Spiel Gewinnende das Geld wieder für Getränke her⸗ geben müſſe. Die Sonne neigte ſich dem Untergange, da ſchlug Bob mit ſeiner derben Fauſt auf den Tiſch — er mußte, wenn ihm die Stiere fehlten, irgend etwas haben, auf das er loshämmern konnte— und rief mit einem läſterlichen Fluche: „Hallo, Mate's, ſo jung kommen wir doch nicht wieder zuſammen, und mit dem ordinairen Zeug von Brandy und Wein hab' ich's jetzt ſatt. Ver⸗ damm mich, wiy ſind gerade ſo gut wie die blu⸗ tigen Swells mit ihren weißledernen Handfutte⸗ ralen und gewichſten Stiefeln, und was die kön⸗ nen, können wir ſchon lange auch. Wer macht mit, wenn wir einmal eine Reihe von den blitzenden „Swells tipple“ da abſchlachten, heh?— Wollen einmal Buſchrähndſcher mit Champagnerflaſchen ſpielen!“. „Hurrah für den Swells tipple!“ jauchzte auch Ralph, dem die ſchweren Getränke ſchon lange in den Kopf geſtiegen waren;„her mit den Bleihälſen, daß wir ſie umdrehen können!* 8*. 116— „Das iſt recht, Jungens,“ lachte Mae Pherſon mit dem ganzen Geſichte, denn nun hatte er ſeine Leute dahin, wohin er ſie haben wollte.„Dem kann abgeholfen werden! Hier iſt die Batterie und Polly wird uns Gläſer bringen.“ „Und dieſes Kind wird die erſte lüften,“ jauchzte Jack, indem er ſein Meſſer aus der Taſche nahm, woran ſich ein Korkzieher befand, und die eine der Flaſchen ergriff.—„Jetzt wollen wir ein⸗ mal ſehen, was die im Bauche haben. Alle Teufel, der Stöpſel muß'nein geleimt ſein, der ſitzt ja wie Eiſen drin.“ „Ha, ha, ha!“ lachte aber Miller, indem er, ſich jetzt ganz dem wüſten Gelage hingebend, eine der anderen Flaſchen ergriff und Blei und Draht davon abbog—„der will einen Champagnerkork mit dem Korkzieher heben.— Hier, Jack, wahr' Dich!“ rief er, als er mit der Flaſche auf ihn zielte, den Bindfaden durchſchnitt und am Stöpſel drückte.„Kopf weg ſag' ich—“ „Paff!“ ſchlug der Kork mit einem Knall ab, und gerade gegen Jack's Kopf, der nicht wenig erſtaunt zurücktaumelte. Der Jubel wurde aber allgemein, als der ſprudelnde Trank in die von dem Mädchen herbeigebrachten langen Gläſer ſchäumte, und ebenſo raſch in die Kehlen der * — 112— ewig Durſtigen hinabfloß. In die Gläſer ging aber zu wenig hinein. „Die Peſt über die langleibigen dummen Dinger!“ ſchrie jetzt Bob, als er das ſeinige gegen das Haus ſchleuderte, daß es in zahlloſe Scherben ſprang.„Becher her, daß wir auch ſchmecken können, was wir trinken— oder, noch beſſer, einen Eimer, Mac— hol's der Teufel, einen Eimer her, da gießen wir den ganzen Schwamm hinein.“ „Das iſt die rechte Art, Jungens, wie man Champagner trinkt,“ jubelte Mae Pherſon, der mit Freuden auf die Laune des tollen Geſellen ein⸗ ging, indem er einen neben dem Hauſe ſtehenden Eimer ergriff und zwiſchen ſie ſtellte— das kön⸗ nen die„Swells“ nicht einmal.“ „Verdamme die„Swells“, rief Bob, indem er einer der Champagnerflaſchen am nächſten Baume den Hals abſchlug und die herausſchießende Fluth lachend in den Eimer lenkte. „Halt, das geht nicht,“ rief Mac Pherſon, als er ſah, daß Andere dieſem Beiſpiele folgen wollten.„Donnerwetter, Jungens, die Flaſchen ſind hier nicht ſo leicht in den Buſch geſchafft, daß wir ſie an den Bäumen zerſchlagen können. Eins von den Gläſern habt Ihr mir auch ſchon zerbrochen. Jede Flaſche muß knallen, das iſt das 5 8* 4 ⁸△ 8— 8—....——— 8 2 — 118— Zeichen, daß ſie gut iſt— der Stoff koſtet mich ſo genug Geld.“ „O, geht zu Gras“ fluchte Ralph—„was koſtet die Flaſche?“ „Unter zehn Schilling bin ich nicht im Stande ſie zu laſſen,“ ſagte der Wirth achſelzuckend, in⸗ dem er ſo raſch als möglich andere vom Drahte befreite.— Die Gentlemen, die zu mir kommen, müſſen zwölf bezahlen.“ „Verdamme die Gentlemen, gebt uns ein Dutzend her, und nun piff, paff in die Bäume hinein und nicht wieder anderen Menſchen an den Kopf,“ lachte Jack. Die Flaſchen waren ſchon bei der Hand, wur⸗ den entkorkt und mitſammen in den kaum ausge⸗ ſpülten Eimer geſchüttet, wos die Burſchen jetzt jubelnd mit Blechbechern hineinlangten und aus der gelbſchäumenden Fluth den Trank heraus⸗ ſchöpften, der ihnen an den Bärten niederrieſelte. „Hol' der Teufel das Geſöff!“ rief da Meik zwiſchen den Jubel hinein—„es iſt ſauer und ſchneidet Einem die Eingeweide von einander. Wenn die Swells das ſaufen wollen, mögen ſie's thun, aber mir reißt’s den Magen ent⸗ zwei.“ „Schmecken thut mir's auch nicht,“ ſagte Dick, - 119 ⸗—= „aber zum Henker, wenn's ſoviel Geld koſtet, muß es doch auch gut ſein.“ „Ich weiß ſchon, wie wir's genießbar kriegen,“ rief da Bob dazwiſchen.„Mac, gebt einmal ein Paar Becher gelben Zucker und zwei oder drei Flaſchen Porter her— die gießen wir dazwiſchen und das nimmt auch dem verdammten ſüß⸗ſauern Stoff die Schärfe.“ Mac Pherſon war mit Allem zufrieden, wenn nur ſeine Getränke in Anſpruch genommen wur⸗ den. Der Porter kam und ward hineingeſchüttet, der Zucker darin umgerührt, und die Schaar, der das Getränk jetzt beſſer mundete, ſchrie und jubelte gerade in den ſcheidenden Tag hinein, als ein Reiter von Oſten her die Straße niedergeſprengt kam, und eben, wie es ſchien, auf das Haus zu. einlenken wollte. Da trug ihm der Luftzug das gellende Jubelgeſchrei der übertrunkenen Schaar zu, denn er zügelte ſein Pferd plötzlich ein, und lauſchte wohl mehrere Minuten den wilden ba⸗ chantiſchen Tönen. Einmal ſchien es ſogar, als ob er nicht übel Luſt habe, den Platz zu umreiten. Er verſuchte auch ſogar ſchon den Kopf ſeines Thieres vom Wege ab⸗ und dem Buſche wieder zuzulenken; dieſes aber, ſo gehorſam es auch ſonſt wohl ſein mochte, und ſo feſt und ſicher es der Reiter im Zügel hielt, ſpitzte die Ohren der gewit⸗ 120— terten Fütterung entgegen, und wieherte leiſe und lüſtern. „Armes Thier,“ ſagte da der Fremde, indem er den Hals ſeines Pferdes freundlich klopfte, und ſich zu ihm niederbog.„Haſt mich gar wacker hierhergetragen, und ich glaub' dir's, daß du end⸗ lich etwas mehr Nahrung verlangſt als die Paar dürftigen Halme, die du im Buſche dir pflücken konnteſt. Komm, mein alter Brauner— wir kehren dort drüben alle Beide ein, und wenn— doch einerlei. Erſt werden ſie uns ja doch wohl Zeit geben, daß wir uns wieder ein wenig erholen können.“ „ und den fröhlich aufwiehernden Pferde den Zügel laſſend, ſprengte er raſch und gerade auf das Haus zu, vor dem er die Gruppe zechender Geſtalten ſchon von weitem ſcharf und aufmerkſam gemuſtert hatte. Nur als er näher kam, ſchien er ſie nicht weiter zu beachten, als daß er die, die zufällig zu ihm aufſchauten, flüchtig grüßte. Dann lenkte er ſein Pferd hinter das Haus, wo ein Rack zum Befeſtigen der Zügel angebracht ſtand, und hielt noch immer im Sattel, um zuerſt die Begrüßung des Wirths zu erwarten, und von dieſem zu erfragen, welche Bequemlichkeit er für ſich und ſein Pferd erhoffen könne. Mac Pherſon ließ übrigens ziemlich lange — 121— auf ſich warten, und die Zechenden, die raſch auf den Reiter aufmerkſam geworden waren, ergingen ſich indeſſen in einer Reihe von Vermuthungen, wer der Fremde ſein könne, was er hier wolle und wohin er gehe. „Paß einmal auf, Meik,“ ſagte Bob,„das iſt ſo ein blutiger Spion von der Polizei, der hier herumkriecht und die Nachbarſchaft rege machen will. Sollte mich gar nicht wundern, wenn er uns hier auf den Kaſten ſtiege und die Flaſchen zählte, die wir getrunken haben.“ Mac Pherſon ſchien eine ganz ähnliche Befürch⸗ tung zu hegen, denn er ſchaffte, als der Reiſende hinter dem Hauſe verſchwunden und auf der un⸗ teren Straße nicht wieder zum Vorſchein gekom⸗ mmen war, alſo noch dort hielt, Alles, was er nur von leeren Flaſchen in der Geſchwindigkeit errei⸗ chen konnte, raſch und geſchickt in das Haus, wo es die Frauen ſchnell bei Seite brachten. Ebenſo ſchien er ſich auch in aller Eile auf eine Ent⸗ ſchuldigung für das alſo überraſchte Gelage zu beſinnen, denn er hatte in der That keine Be⸗. rechtigung, Branntwein hier im Buſche auszu⸗ ſchenken, und eine Nachſuche wäre ihm gerade heute entſetzlich unbequem geweſen. Von ſeinem ſpäten Beſuche hatte er aber, wie er bald merkte, nicht das Mindeſte zu fürchten. Deſſen Nachfrage galt — 122— nur einem guten Futter für ſein Pferd und einem Imbiß mit einer Flaſche Wein für ſich ſelber, wobei er den Wirth bat, ihm indeſſen ein ſtilles Plätzchen, in ſeinem Hauſe vielleicht, oder doch wenigſtens von den Betrunkenen entfernt, einzu⸗ räumen. Mac Pherſon, in ſeiner Freude einer nicht un⸗ beträchtlichen Angſt enthoben zu ſein, verſprach Alles. Das Pferd beſonders bekam in einem aus⸗ gehauenen Baumſtamme ein reichliches Mahl Ha⸗ fer geſtreut. Waſſer trug ihm Mac Pherſon ſelbſt hinzu, und die Frauen bereiteten indeſſen den Tiſch für den Fremden, der freilich mit dem vor⸗ lieb nehmen mußte, was die laute lärmende Schaar da draußen übrig gelaſſen hatte. Ungeſtört blieb er dort allerdings, aber die Arbeiter nahmen das auch entſetzlich übel, daß er ſich von ihnen abſonderte, und aller Wahrſchein⸗ lichkeit nach zu ſtolz ſei, mit ihnen an einem Tiſche zu eſſen und zu trinken. 8„Hol' der Teufel den verdammten aufgeblaſe⸗ nen Swell,“ ſagte Jack, den Blechbecher, mit dem er ſich eben wieder einen tüchtigen Trunk aus dem Stalleimer geholt, vor ſich auf den Tiſch ſtoßend:„iſt das nun eine Manier, in eine Buſch⸗ hütte zu kommen, und nicht einmal mit den ſchon anſäſſigen Gäſten zu verkehren?— daß ihm das 4 4 — 123— Fleiſch im Halſe ſtecken möge und der Brandy zu Gift werde!“ „O, laß ihn laufen!“ brummte Meik—„mit ſolchen Swells iſt doch kein Verkehr, und ſie haben Nichts weiter zu thun als herumzukriechen und von einer Station zur andern die Neuigkeiten zu tragen. Hurrah, Jungens, uns gehört der Buſch hier— verdamm Euere Augen, und all' das lott⸗ rige Geſchmeiß, und zur Hölle ſoll fahren, wer einen ganzen Rock auf dem Leibe hat!“ „Halt, Meik,“ ſtammelte Ralph,„dann muß ich den meinigen ausziehen, denn den hab' ich mir heut' Morgen erſt von unſerem— von unſe⸗ rem fidelen Wirth gekauft— hol' ihn— hol' ihn der Böſe, hat mich auch— hat mich auch tüchtig dabei angeſchmiert.“ „Behalt' ihn nur ruhig an,“ knurrte Meik, der trotz den enormen Quantitäten ſpirituöſer Ge⸗ tränke, die er in ſich hineingeſchüttet, doch faſt noch vollkommen nüchtern, wenigſtens bei voll⸗ ſtändiger Beſinnung war.„Du kommſt doch nicht in den Verdacht eines Gentleman, mein Junge; und jetzt heb' einmal Deinen Nachbar da unter dem Tiſche auf und ſetz' ihn wieder auf die Stümpfe. Der hat mit angegeben, daß wir das ſaure Zeug hier eingegoſſen, und verdammt will ich ſein, wenn er's jetzt nicht auch mit ausſaufen ſoll!“ Miller, an ſolches Leben nicht gewöhnt, war ſchon halb beſinnungslos zuſammengeſunken; unter Lachen und Geſchrei wurde er aber wieder ge⸗ weckt, und mußte von Neuem mitbeginnen. End⸗ lich konnte er aber das Trinken nicht mehr ver⸗ tragen, und taumelte abſeits, ſich irgendwo hinter einen Buſch zu drücken und ungeſtört eine Stunde ſchlafen zu können. Die Uebrigen hatten gerade nicht mehr auf ihn geachtet, und er erreichte eben, nur von Mac Pherſon nicht unbemerkt, einen ſtillen Platz, als ihn Pferdegetrappel wenigſtens ſoweit zu ſich ſelber brachte, daß er aufſchauen konnte. Vor ihm hielt ein Reiter und blickte ihn kopf⸗ ſchüttelnd einige Secunden an. „Hallo, Miſter,“ ſtammelte der Trunkene, indem er nur mit großer Mühe unter den immer wieder niederfallenden Lidern zu ihm aufblinzte:„wollen Sie— hick— wollen Sie ſchon fort?— Haben hier— hick— verdammt feine Geſellſchaft, lau⸗ ter— hick— Gentlemen⸗Schäfer und Hütten⸗ wächter, aber— hick— hick— verflucht ſaueren Champagner, ich will verdammt ſein—“ er tau⸗ melte unter den Buſch, ſah ſich noch einmal mit ſeinen glanzloſen Augen um, als ob er Jeman⸗ den ſuche, und fiel dann zurück, um einen Theil ſeines Rauſches wenigſtens auszuſchlafen. — 125— Der Reiter— es war Mac Donald, der mit neuen Kräften und geſättigtem Pferd ſeine Flucht fortſetzte, ſchaute den vor ihm liegenden Trunkenen eine Zeitlang ſinnend und kopfſchüttelnd an; dann preßte er die Flanken ſeines treuen Thieres und verſchwand bald in dem Dämmerlicht des ſinkenden Abends. 6. Capitel. Die deutſche Anſiedelung. Dicht an Adelaide, die Hauptſtadt Süd⸗Au⸗ ſtraliens grenzend, daß ſich die Außenhäuſer faſt berührten, wenigſtens in Sicht von einander wa⸗ ren, lag ein kleines, beinahe nur von Deutſchen bewohntes Städtchen, Saaldorf genannt. Der äußere Charakter deſſelben war allerdings engliſch, und die beſſeren Häuſer glichen kleinen freund⸗ lichen Engliſchen Cottages hinſichtlich ihres ſau⸗ bern und netten Ausſehens, während andere frei⸗ lich auch wieder, mit ihren geſchmacklos bunten Farben, an die alte Heimath erinnerten. Ord⸗ nung herrſchte aber überall; die Zäune und Stackete waren auf muſterhafte Weiſe hergerichtet, die Straßen reinlich, die Fenſter in den meiſten blank. Nuz kleine Gruppen dickbackiger, geſundausſehen⸗ — 127— der Kinder, die ſich draußen herumbalgten oder ſpielten, ſahen ſchmutziger aus, als es die Ge⸗ bäude erwarten ließen, und der Grundtypus der Deutſchen Bauernjugend, mit ihren runden verdutz⸗ ten Geſichtern, ließ ſich unläugbar in der Mehrzahl erkennen. Der kleine Ort beſtand vielleicht aus dreißig bis fünfunddreißig Häuſern, mit zwei Kirchen und eben ſo vielen Gaſthöfen oder„Hotels“; un⸗ terſchied ſich aber darin weſentlich von den eng⸗ liſchen Städten Auſtraliens, daß er kein Ge⸗ fängniß enthielt, was beſonders bei allen Ort⸗ ſchaften in Neu⸗Süd⸗Wales den Mittelpunkt bil⸗ det. Das benachbarte Land war auch wirklich faſt durchgängig nur von Deutſchen beſiedelt, und das Behürfniß, in ihrer Mitte alle ſolche Ge⸗ ſchäfts⸗ und Handwerksleute zu ſammeln, die ihnen zuführten, was ſie brauchten, oder ihre verſchiede⸗ denen Arbeiten verrichteten, hatte zuerſt einen Schmied hierhergelockt, der ſich unter den Land⸗ leuten niederließ. Dann folgte ein Rad⸗ oder Wagenmacher, dann ein Sattler; dann kamen zwei Schneider und ein Schuhmacher. Gleich hinter⸗ her geſellte ſich ein Apotheker zu ihnen, und ein Geiſtlicher nahm die kleine Herde unter ſeinen Schutz. Alsbald fand ſich auch ein Arzt bewogen, den Apotheker zu unterſtützen, und Tiſchler, Metz⸗ — 128— ger, Blechſchmiede ꝛc. ꝛc. folgten, bis ſämmtliche Handwerker vertreten waren. Später kamen noch einige Geiſtliche von ver⸗ ſchiedenen Sekten und Anſichten, welche Samm⸗ lungen anſtellten, um eben ſo viele verſchiedene Kir⸗ chen zu bauen, und den Schluß bildete in aller⸗ letzter Zeit ſogar ein Advokat— Herr Doctor Spiegel. So war dort ein ordentlich Deutſches Städtchen mitten in einer ſonſt Engliſch und Deutſch gemiſchten Umgebung entſtanden, denn in den darangrenzenden einzelnen Abtheilungen Lan⸗ des, wo ſo ziemlich in jeder ein kleiner abgeſchie⸗ dener Bauernhof ſtand, wohnten meiſt Deutſche, aber auch einige Iriſche und Engliſche Bauern, und zogen Weizen, Gerſte, Kartoffeln und andere Früchte. G In dem Charakter dieſer Anſiedelungen unterſcheidet ſich Auſtralien ſchon aus dem Grunde außerordentlich von ähnlichen Stellen in den Ver⸗ einigten Staaten von Amerika, daß die Parzellen in dem erſteren Lande bei weitem theurer ſind als in Amerika, und daß die weniger bemittelten Einwanderer mithin auch nur einen weit geringern Theil anzukaufen im Stande ſind. Gewöhnlich pachten ſie ſogar erſt den Boden mit Vorkaufsrecht von einem Engliſchen Eigenthümer, machen ihn dadurch werthvoller und zahlen nachher 4—6 Pfd. Geſchmack und — 129— Sterling für den Acker. In den Deutſchen An⸗ ſiedelungen Auſtraliens ſieht man deshalb das Land meiſt immer in, viereckige Sectionen ein⸗ getheilt, die, wohl, eingefenzt, gewöhnlich 10 bis 20 Acker enthalten. Auf jeder ſolcher Sektion baut ſich der Deutſſche ſein Haus und was er ſonſt braucht, nach eigener Bequemlichkeit, nach eigenem aſt immer nach heimiſchen Mo⸗ dellen. Der Dautſche Dorfcharakter ſolcher Nieder⸗ laſſungen gehft aber dadurch, wie ſich das leicht denken läßt,/ vollſtändig verloren. Jeder wohnt eben auf ſeſnem Lande, und nur in den kleinen Städten, ſwo die Bewohner noch andere Inter⸗ eſſen, als ur die des Ackerbaues im Auge haben, ſammeln ſſie ſich auf einem Punkte. In Kaaldorf nun, wie der kleine jetzt beſchrie⸗ bene Ort Vhieß, wohnte unter Anderen, mit denen wir ſpäter naſch näher bekannt werden, der Blechſchmied Liſchke der mit ſeiner Abtheilung Landes ſchon ſo weisktt vorgerückt war, daß ſie dicht an die Stadh grenzte, und der dadurch mit Leichtigkeit einem doppffelten Berufe, dem eines Landmanns wie dem ſeinges Handwerks, folgen konnte. So oft es ihm ſein ziemlich lebendiges Geſchäft erlaubte, beſtellte er einen Acker auch ſelber, oder ſah wenigſtens danßgach, daß ſeine beiden Knechte die nöthigen Ar⸗ beien ordentlich verrichteten. Die weiblichen Ge⸗ Ghalerſtäcker. II. 9 — 130— ſchäfte beſorgten ſeine Frau Katharine und ſeine achtzehnjährige Tochter Suſanna. Liſchke, ein höchſt einfacher, aber außerordent⸗ lich thätiger Mann, war vor etwa zehn Jahren als blutarmer Einwanderer nach Auſtralien ge⸗ kommen und mußte ſogar die Frſten Jahre noch ſeine ihm vom Rheder geborgte Paſſſage abarbeiten. Durch Fleiß und Spa rſamkeit aber und unermüd⸗ lich bei ſeiner Arbeit, hatte er es nicht allein da⸗ hin gebracht, nach Ablauf der erſten dréi Jahre ein Stück Landes ſelber mit Vorkaufsrecht z ſondern es gelang ihm auch, vor einigeèm Jahren von dieſem Rechte Gebrauch zu machen, und ſo be⸗ fand er ſich auf dieſe Weiſe in dem Ruſſe eines wohlhabenden Mannes. Jedenfalls verdidute er ſich recht hübſches Geld, und er wie ſeine Frau hielten das Ihrige wacker zu Rathe. Daß erf Alles durch ſich ſelber erworben, war dabei ſein Stolz, und die Menſchen, die Gleiches von ſich ſſagen konnten, ſtanden bei ihm in ganz beſonderer Alch⸗ tung. Von allen Anderen hielt er wenig, unnd ſein Lieblingsausſpruch, wenn er von Jemandenu hörte, der viel Geld geerbt, oder auf eine ſon ſehr leichte, unerwartete Art gewonnen hatte, war „plenty*) Schwindel— wie gewonnen, ſo zer *) ſehr viel. pachten, — ronnen— die treiben's nicht lange und nachher wiſſen ſie gar nicht mehr, was ſie mit ſich an⸗ fangen ſollen.“. Liſchke war heute Morgen auf ſeinem Felde ge⸗ weſen, kam eben auf dem breiten, zwiſchen den hohen Fenzen hinlaufenden Wege, die Hände in den Taſchen, die kurze Pfeife im Munde, zurück, und ſah außerordentlich vergnügt aus. Seine dies⸗ jährige vortreffliche Ernte hatte er glücklich ein⸗ gebracht, ſeine Felder waren in gutem Zuſtande, und die Berechnung, die er ſich unterwegs über den Ertrag gemacht, ſiel über ſein Erwarten günſtig aus. Wie er noch ſo langſam und ſelbſtzufrieden dahin ſchlenderte, hörte er ein Pferd hinter ſich, und bald darauf überholte ihn ein junger Burſche, der ebenfalls den Deutſchen auf keine Weiſe hätte verleugnen können. „Ei, ſieh mal an, Chriſchan,“ ſagte Liſchke mit freundlichem Kopfnicken, den Gruß des jungen Mannes, der vom Pferde ſprang und ſein Thier am Zügel nahm, erwiedernd,„wie geht's— woher den Nachmittag?“ „Oben von Mühlheims, Herr Liſchke, ich habe mir'was an Maſerholz beſtellt, um eine Arbeit fertig zu machen.“ „So— und wo ſoll jetzt die Reiſe hingehn? — über den Torrens hinüber?“ 9* — 132— Der junge Burſche ſchwieg einen Augenblick, und es war faſt, als ob er roth würde— endlich ſagte er halb entſchloſſen, halb verſchämt: „Eigentlich zu Euch, Vater Liſchke— ich— ich hätte ein Anliegen“— „An mich?“ ſchmunzelte der Blechſchmied,— „das wird wieder was Erhebliches ſein. Wahr⸗ ſcheinlich wie neulich, wo Ihr auch ganz erhitzt und mit einem dicken rothen Kopfe in aller Ver⸗ legenheit zu mir hereinkamt und ein großes An⸗ liegen vorſchobt und wie's nachher herauskam, was Ihr haben wolltet, war's die Blechſcheere, um ein Paar Charniere abzuſchneiden— ha, ha, ha, ha!“. Chriſtian Helling wurde wo möglich noch röther, ging ein Paar Schritte ſchweigend neben dem Alten her, und ſagte endlich mit halb flüſternder, wie durch Angſt beklommener Stimme: „Damals wollte ich Euch daſſelbe ſagen, um was ich Euch heute aufzuſuchen kam— brachte aber das Wort nicht über die Zunge— und heute ſteckt mir's wieder in der Kehle.“ „Drückt's heraus, Mann,“ lachte der Alte— „oder halt,“ ſagte er, indem er ihn faſt etwas miß⸗ trauiſch von der Seite anſah—„ich— ich glaube, ich hab's errathen.— Ihr wollt Geld borgen, und die ehrlichen Leute bringen das gewöhnlich — lich gewalſamen Anſtrengung— ſich — 133— nicht ordentlich über die Lippen, während es den Lumpen wie Waſſer abläuft.— Hab' ich's ge⸗ troffen?“ „Nein, Vater Liſchke,“ ſagte der junge Burſche, und wurde jetzt auf einmal ſchneeweiß im Ge⸗ ſichte—„es iſt— es iſt eigentlich noch viel, viel mehr.“ „Noch mehr als Geld borgen?“ rief der Alte, und blieh ganz erſtaunt auf der Straße ſtehn. „Ja,“ ſagte jetzt Chriſtian mitz tiner ordent⸗ Euch um Euere Tochter bitten!“—, rief er dann, ehe der Vater nur ein Wort darauf erwiedern konnte—„jetzt iſt's heraus, und mir ſelber zu Muthe, als ob mir ein Berg von der Seele gefallen wäre.“ „Meine Tochter— hm?“ ſagte da Liſchke, ſich doch etwas überraſcht das Kinn ſtreichend—„wei⸗ ter Nichts?— Je nun, ſeht einmal, Chriſchan, die Sache ließe ſich allenfalls bereden. Ihr ſeid ein ganz tüchtiger Kerl, ſeid von klein auf in der Welt geweſen, aber— abropoh— habt Ihr denn das Mädel ſchon um ſeine Meinung gefragt, heh?— Eigentlich hat die doch auch ein Wort in der Sache mitzureden.“ „Noch nicht,“ ſagte der junge Burſche halb verlegen—„ich wollte— wollte doch eigentlich — 134— erſt wiſſen, woran ich mit Euch wäre, Vater, und ob Ihr und die Mutter Nichts dagegen hättet.“ „Das iſt aller Ehren werth,“ rief Liſchke, des jungen Mannes Hand ergreifend und derb ſchüttelnd —„ſeht Ihr, Chriſchan, das gefällt mir. Ihr ſeid ein ordentlicher Kerl, und mit Euch kann man was anfangen. Euer Brod habt Ihr auch, die Tiſchlerei geht vortrefflich, und die Mutter hiß Nichts dagegen haben, wenn ihr das in afang auch noch einigermaßen in der — thſchaft fehlen ſollte.— Und Suſanna iſt 4 Euch gut?“. „Ich hoff' es, Meiſter Liſchke,“ ſagte Chriſtian freundlich und mit einem aus tiefſter Bruſt her⸗ aufgeholten Seufzer.„Wir ſind ja zuſammen über See gekommen, und wenn wir Beide auch damals gar jung waren, ſo hatten wir uns doch immer gern— wie Geſchwiſter. Seit drei Jahren liegt mir die Sache aber im Kopfe und ich habe gearbeitet wie ein Pferd, um es endlich einmal zu etwas Ordentlichem zu bringen.“ „Drei Jahre ſchon,“ ſchmunzelte Liſchke,„das habt Ihr dann aber hölliſch geheim gehalten, denn ich habe nicht die Spur davon gemerkt.“ „Wenn's nur Suſanne gemerkt hat,“ lächelte Chriſtian halb verlegen, halb vergnügt vor ſich — 135— hin—„auf Euch war's auch eigentlich nicht abgeſehen.“ „Na— ich will Euch was ſagen, Chriſchan,“ meinte Liſchke gutmüthig—„ich für mein Theil habe Nichts gegen Euch, will ſogar mit der Mutter ſprechen und Euer Part nehmen, in der Sache—“ „Guter Vater!“ „Na, laßt nur gut ſein!— Ihr ſeid ein braver Menſch, habt Euch von unten wacker heraufgear⸗ beitet und jetzt Euer gutes Auskommen, das mag ich wohl leiden. Meine Alte will freilich immer mit ihrer Suſanne hoch hinaus und ſchwafelt von großen Kaufleuten und ſonſt was, aber— mir gefällt die Geſchichte nicht— plenty Schwindel, Chriſchan, plenty Schwindel. Ihr ſeid ein ehr⸗ licher Kerl, und nicht allein ein guter Tiſchler, ſondern verſteht auch was vom Ackerbau. Alſo wenn Ihr das Mädel wollt und ſie Euch auch mag— verſteht ſich— ich habe Nichts da⸗ wider.“ „Dank, tauſend Dank, Meiſter Liſchke,“ rief Chriſtian in voller Freude aus,„und ſeid ver⸗ ſichert, daß ich Euch das freundliche Wort nie im Leben vergeſſen werde.“ „Und da Ihr denn doch einmal im Zuge ſeid,“ 6 Liſchke, als ſie gerade ſeinen Garten erreicht 8 — 136— hatten, und er durch deſſen Stacket die Tochter bemerkte,„ſo könnt Ihr gleich Euer Wort an der rechten Schmiede anbringen. Da drin ſitzt die Suſe und hält die Hände im Schooſe— Zeit hat ſie Euch anzuhören— das Uebrige macht unter Euch Beiden aus;“— und dem künftigen Schwiegerſohne freundlich zunickend, und die Hand, die jener noch immer gefaßt hielt, aus der ſeini⸗ gen ziehend, ſchritt er raſcher, als er vorher gegan⸗ gen war, der eigenen Hausthür zu. Hier warf er noch einen Blick auf den zurückgelaſſenen Eidam und verſchwand dann, ſich vor innerlichem Lachen ſchüttelnd, in ſeinem Hauſe. Chriſtian blieb auch wirklich, wie Liſchke ihn verlaſſen, noch eine ganze Weile, ſein Pferd am Zügel, mitten in der Straße ſtehn, und war ſeelens⸗ froh von einem dichten Geraniumsbuſche jetzt ſo vpeerſteckt zu werden, daß ihn Suſanna von innen eraus nicht ſehen konnte. Endlich faßte er ſich aober doch ein Herz; der Anſprung war ja einmal gethan, zurück konnte er ſo nicht wieder, und was er jetzt auf dem Herzen hatte, mußte heraus— mochte es biegen oder brechen. So das Pferd in den nächſten Gumzweig hängend— und einer dieſer alten Buſchrieſen ſtand noch ziemlich mitten im Wege— ſchritt er auf die Gartenthür zu, drückte das Schloß auf und ging den ſchmalen Pfad ent⸗ - 137— lang, der auf die kleine, im Inneren angebrachte Laube zuführte. . Suſanna war aufgeſprungen, als ſie die Thür in’'s Schloß fallen hörte; wie ſie aber Chriſtian erkannte, ſetzte ſie ſich wieder, und ihn ruhig er⸗ wartend, ſtreckte ſie ihm freundlich die Hand zum Gruße entgegen. „Nun, wie geht's Chriſtian?“ frug ſie, als er ihr, wider Willen hoch erröthend, einen guten Tag bot,„was? heute am Werkeltage in Sonntags⸗ kleidern? Da muß ja wohl etwas ganz Beſon⸗ deres vorgefallen ſein! Haben die Engländer einen Feiertag?“ „Nein, Suſanna“, ſagte Chriſtian, doch jetzt wieder verlegen, wie er beginnen ſollte— es war, als ob ihm das Herz in die Kehle hinaufquoll, und er mußte aus voller Bruſt Athem holen. „Nun?“ lachte Suſanna— biſt Du ſo ſcharf gelaufen?“ 1 „Nein— ich bin geritten.“ „Aber was iſt Dir nur heute?— Du biſt ſo ſonderbar.“ „Suſanna,“ ſagte da Chriſtian, indem er wie⸗ der ihre Hand ergriff und feſthielt—„ich hätte ein kleines Anliegen an Dich.“ „Etwa wie vorgeſtern?“ lachte das Mädchen, — 138— wo Du wiſſen wollteſt, wie Zwetſchenbaum geſchrieben wird?“ „Unſinn,“ ſagte Chriſtian, den Kopf ſchüttelnd —„Du ſollſt Nichts ſchreiben— Du ſollſt mir nur etwas ſagen und zwar blos ein kleines kurzes Wörtchen—“ „Und das wäre?“ rief Suſanna, faſt erſchreckt von ihrem Sitze aufſtehend, als ob ihr das Kom⸗ mende ahne. „Biſt Du mir gut?“ frug Chriſtian, ihr treu⸗ herzig in's Auge ſehend— „Gewiß,“ lachte Suſanna, aber das Lachen war gezwungen und ihr Auge haftete fragend an dem ſeinen—„das iſt eine ſehr alte Geſchichte und ich habe noch nie Urſache gehabt, über Dich böſe zu ſein.“ „So mein' ich's nicht, Suſanna!“ bat aber der junge Burſche, ſich jetzt zu dem letzten, verzweifelten Schritt ein derz faſſend—„ich möchte wiſſen, ob Du— ob Du meine Frau werden möchteſt?“ „Ha, ha, ha, ha!“ rief Suſanna, ihre Hand aus der ſeinigen ziehend,„ob ich Deine Frau werden möchte? Der Wunſch iſt allerdings noch nicht in mir rege geworden. Aber— ſag' ein⸗ mal, Chriſtian, haſt Du vielleicht einen von den hübſchen Liebesromanen geleſen, und willſt jetzt die Sache ſelber einmal verſuchen? Du haſt mich wohl zum Beſten?“ „Nein, Suſanna,“ ſagte Chriſtian treuherzig, indem er ihr jetzt feſt und ehrbar in die Augen ſah.„Wir kennen uns ſchon ſeit unſerer Kinder⸗ zeit, ſind mitſammen und auf einem Schiffe hier in die fremde Welt gekommen, und ich weiß Nie⸗ manden, den ich lieber hätte auf der ganzen Erde. Willſt Du mich haben, ſo ſchlag' ein, und ſag' mir ein ehrliches Ja.— Ich weiß wohl“— ſetzte er etwas leiſer hinzu, als ſie ihm zögernd und faſt wie ſpöttiſch in's Auge ſah—„Du haſt mehr ge⸗ lernt als ich— kannſt gut ſchreiben und leſen, und weißt von Allem zu erzählen, was in der Welt vorgeht. Ich ſelber habe mein ganzes Leben und von früh auf hart arbeiten müſſen, und meine Eltern waren ſo arm, daß ſie mich knapp ein Paar Jahre in die Dorfſchule ſchicken konnten.— Es könnte auch ſein, daß Du— vielleicht— einen— vornehmern Bräutigam fändeſt— aber ein treueres Herz wahrhaftig nicht, Suſanna, und ich denke, Du dürfteſt es nie bereuen, wenn Du — wenn Du mich zum Manne nähmeſt.“ Chriſtian athmete tief auf. Es wurde ihm unheimlich zu Muthe, daß Suſanna gar Nichts darauf erwiederte, und ihm nur immer ſo ſtill und feſt in die Augen ſah, als ob ſie ihm bis in's — 140— Herz hinein ſchauen wollte. Suſanna wußte aber auch wirklich nicht, was ſie ihm gleich erwiedern ſollte. Das einzige Kind ihrer Eltern, und ein wun⸗ derhübſches Mädchen, von regem, lebendigem Geiſt, war ſie von ihnen, beſonders von der Mutter, verzogen worden. Madame Liſchke, ſonſt eine gute vortreffliche Frau, die, neben dem Bedürf⸗ niß, ſich mitzutheilen, nur allein von den ganz außergewöhnlichen vortrefflichen Eigenſchaften ihrer Tochter vollſtändig erfüllt war, hatte nie eine Ge⸗ legenheit vorübergehen laſſen, ihr das zu ſagen, und Suſanna, ein viel zu gutes Gedächtniß und zu große Achtung vor ihrer Mutter und ſich ſelbſt, um ſolches nicht allein zu behalten, ſondern auch zu glauben. Chriſtian dagegen, den ſie ſo im Umgang recht lieb gehabt, da er ihr beſonders in jeder Hinſicht gefällig und nützlich geweſen, war als ein ganz einfacher Bauerjunge an Bord ge⸗ kommen und machte, neben ſeinem ehrlichen Her⸗ zen und eiſernem Fleiß, auf keine weitere Bildung Anſpruch, als ihm ein Dorfſchulmeiſter in Deutſch⸗ land während weniger Jahre im Stande geweſen war einzubläunen. Selbſt jene Schule hatte er nur bis zum elften Jahre beſucht, wo ſein Onkel auswanderte und ihn mitnahm, und als dieſer gleich nach ſeiner Ankunft in Auſtralien ſtarb, war der arme Burſche ganz allein auf ſich ſelber an⸗ gewieſen, wobei ihm allerdings nicht viel Zeit zum Lernen blieb. Suſanna war deshalb bis jetzt auch immer gewohnt geweſen, ihn als einen, ihr voll⸗ kommen untergeordneten Gehülfen zu betrachten, ob er gleich drei Jahre älter war als ſie. Hatte er ihr ja doch auch in Allem auf das Wort ge⸗ folgt, was ſie nur je von ihm verlangt. In dieſe neue und ſo ganz verſchiedene beiderſeitige Lebens⸗ ſtellung, die er ihr vorſchlug, konnte ſie ſich nicht hineindenken, und in der That gingen ihre An⸗ ſprüche an das Leben auch höher hinaus, als eine „Tiſchlersfrau“ zu werden. Ihrer Eitelkeit war aber durch den Antrag jedenfalls geſchmeichelt, und das vielleicht unbewußte Lächeln, das ſich da⸗ bei über ihre Züge ſtahl, nahm der ehrliche Chri⸗ ſtian für ein gutes Zeichen. „Und willſt Du mein werden, Suſanna?“ ſagte er leiſe, indem er ihre Hand zu nehmen verſuchte, die ſie ihm aber entzog.. „Und haſt Du Dir auch ſchon Alles recht or⸗ dentlich überlegt, was zu einer eigenen Wirth⸗ ſchaft gehört?“ ſagte Suſanna. „Gewiß; wie ſollt' ich nicht? Hab' ich denn an etwas Anderes die letzten drei Jahre nur ge⸗ dacht?“ „Und wenn ich nun nein ſage?“ — 142— Chriſtian ſah ihr eine Weile gar ſo treuher⸗ zig in die Augen und ſagte dann traurig: „Dir, Suſanna, würde das vielleicht nicht ſchwer werden, mir aber— bräch' es das Herz. Wenn ich Dich nicht bekäme, für wen hätt' ich denn da gearbeitet in der weiten Welt? Meine Mutter iſt todt, ich ſteh' allein auf dieſer Erde, und für mich ſelber wär' es wahrlich nicht der Mühe werth.— Aber Du ſagſt auch nicht nein — nicht wahr, Suſanna?“ „Ich will mir die Sache noch überlegen,“ er⸗ wiederte das Mädchen, indem ſie ihm dabei ernſt und forſchend in's Auge ſah.—„Aufrichtig ge⸗ ſagt, Chriſtian, glaube ich nicht, daß wir Beide recht gut zu einander paſſen. Ich bin ein wil⸗ des Ding und kann mich noch nicht recht mit dem Gedanken vertraut machen, einem Mann— — zu gehorchen.“ „Suſanna!“— „Laß nur gut ſein, mein Junge— ich weiß Alles, was Du ſagen willſt, und es iſt doch am Ende beſſer, auch Du überlegteſt Dir einmal, ob es nicht in oder um Adelaide noch ein anderes Mädchen gäbe, die Dir beſſer zuſa gte.“— „Suſanna!“ rief der arme Teufel mit bit⸗ tender Stimme. „Nun, ich meine nur, Du ſollſt es Dir über⸗ — 143— legen,“ lachte die Schöne. Jedenfalls ſind wir noch Beide jung, und brauchen uns nicht zu übereilen. Laß mir wenigſtens Zeit zum Nach⸗ denken!“ „Und wann willſt Du mir Antwort ſagen?“ frug Chriſtian, aber recht kleinlaut und zögernd. „Ich weiß es noch nicht,“ antwortete ſinnend Suſanna—„morgen vielleicht— oder übermor⸗ gen— oder am Montag— ich will Dir meine Antwort ſchreiben, Chriſtian, oder ich laſſe Dich bitten, uns wieder zu beſuchen— aber— komme nicht früher— willſt Du mir das verſprechen?“ — Sie ſtreckte ihm die Hand entgegen, die er nahm und feſthielt.— „Ich verſpreche es Dir, Suſy,“ ſagte er treu⸗ herzig,„abex bitte,— laß mich nicht gar ſo lange auf Antwort warten. Die Zeit, bis ich ſie be⸗ komme, wird ohnedies kein Ende für mich neh⸗ doch Nichts fertig werden.“ „Nun Adieu, Chriſtian, bis dahin—“ „Und nicht wahr, Suſy, Du biſt nicht bös men. Wenn ich auch verſuche zu arbeiten, Muh auf mich, daß ich Dir den Antrag gemacht?— ich habe Dich gar ſo lieb—“ „Närriſcher Junge,“ lachte das Mädchen,„wie ſollte ich denn deshalb böſe auf Dich ſein? e 4——— ͤſͤſͤſſſſſ — — 144— müßte ich Dir für das Vertrauen danken, das Du in mich ſetzeſt!“ Ach, ich wollte, Du ſagteſt ja, Suſy— und nicht wahr— nein ſagſt Du doch gewiß nicht!“ Suſanna lachte. „Du biſt ein wunderlicher Kauz— wenn ich nicht nein ſagte, müßte ich doch jedenfalls ja ſagen. Alſo ich ſende Dir Antwort— Adieu, Chriſtian.“ „Leb' wohl, Suſy— ſieh, ich möchte jetzt gar ſo gern—“ Er ſchwieg verlegen ſtill und ſah ihr verlangend in die blauen klaren und ſcharf auf ihn gerichteten Augen; aber er getraute ſich auch nicht noch etwas weiter zu ſagen. Er drückte ihr noch einmal die Hand, drehte ſich um, verließ den Garten, ſtieg draußen auf ſein Pferd und ritt, ohne ſich auch nur ein einziges Mal nach ihr umzuſehen, langſam die Straße hinunter, die nach Adelaide führte. Suſanna blieb im Garten, vor einer dichten Gruppe von Olivenbäumen, die ſie von dem Hauſe trennte, ſtehen, und ſah, den Kopf ſinnend in die Hand geſtützt, dem davonreitenden jungen Mann nach. Langſam ſchüttelte ſie dabei den Kopf, und während ein Seufßzer ihre Bruſt hob, ſagte ſie leiſe und mit ſich ſelber redend: 3 „Nein, mein Junge, wir Beide paſſen nicht u einander. Biſt ein ganz guter, ehrlicher Burſche, — 145— aber— damit ſind wir auch fertig. Darum habe ich nicht ſo viel gelernt und geſorgt und gegrü⸗ „belt, zuletzt eines Bauerjungen ehrſame Frau zu werden, dem Tiſchlerlehrjungen helfen Leim zu kochen, und von Morgens bis Abends in der Küche zu ſtehn und zu fegen, zu waſchen und zu ſcheuern. Ich bin doch wohl noch zu etwas Beſ⸗ ſerem geboren,“ murmelte ſie mit ſtillem Flüſtern vor ſich hin, während die weißen Zähne den Zeige⸗ finger der linken Hand preßten, und der kleine zierliche Fuß unbewußt Figuren im Sande zog. „Wenn der Vater auch brummt und tobt und wet⸗ tert, die Mutter läßt mich nicht im Stich, und wird mir— hah!“ ſtieß ſie plötzlich einen halb⸗ lauten, kaum unterdrückten Schrei aus, als ſich eine Hand um ihre Taille legte, und eine ſchmei⸗ chelnde Stimme faſt zärtlich frug: „So in Gedanken, mein ſchönes Suschen— und ſo erſchreckt? An was dachten Sie eben, wenn man fragen darf?“ „Das darf man eben nicht fragen, Herr von Pick,“ ſagte Suſanna, indem ſie verſuchte ſich aus dem ſie feſter umſpannenden Arm zu befreien, „aber wo ikommen Sie auf einmal her? ich habe Sie nicht gehört und bin wilrklich ſehr er⸗ ſchrocken.“ „Dort hinter der Geraniumshecke habe ich ge⸗ Gerſtäcker. II. 3 10 — 146— ſtanden,“ lachte der junge Mann„und Ihrer ſehr angelegentlichen und ernſten Unterhaltung mit unſerem biederen deutſchen Bauerknaben, meinem freundlichen Wirthe— wenn auch nicht zuge⸗ hört, doch zugeſehen. Das muß etwas höchſt Intereſſantes geweſen ſein, was Sie da verhan⸗ delt haben— vielleicht ein neuer Kleiderſchrank, denn er guckte immer herauf und hinunter, als ob er Maß an den Bäumen nähme.“ „Er hat um meine Hand angehalten, Herr von Pick,“ ſagte ruhig Suſanna. „Alle Teufel!“ rief da erſchreckt der junge Herr aus—„für ſo geſcheidt hätt' ich den Töl⸗ pel nicht einmal gehalten.“ „Es iſt ein braver Junge, der es ehrlich meint“ — erwiederte ernſt das Mädchen. „Aber Sie haben ihn doch hoffentlich abge⸗ wieſen, Suſanna?“ frug, faſt etwas ängſtlich, der junge Mann, indem er der Schönen beſorgt in's Auge ſah. „Abgewieſen?— weshalb?“ „Meinethalben, Suſanna,“ bat jetzt drin⸗ gend der neue Werber, indem er die kaum losge⸗ laſſene Geſtalt des jungen Mädchens auf' 8 Neue zu umfaſſen ſuchte. „Ihrethalben?“ 4 „Oh, Sie wiſſen ja doch, wie ich Sie liebe — 147— — müſſen es wiſſen, daß all mein Dichten und Trachten, ſo lange ich in dieſem unglückſeligen Adelaide lebe, nur einzig und allein darauf ge⸗ richtet war, Ihren Vater für mich zu gewinnen. Ihre Mutter will mir wohl— Sie ſelber ſind⸗ mir gut—“ „Woher wiſſen Sie das?“ frug Suſanna mit ſcharfem Tone. „Die Liebe iſt blind, mein Herzchen, aber die Liebhaber ſind es nicht,“ lachte von Pick, „und Sie ſelber doch beim Himmel für etwas Beſſeres beſtimmt, als die Frau eines Bauerjun⸗ gen oder Tiſchlers zu werden. Heiland der Welt, wollen Sie denn in Ihren Jahren allen Anſprü⸗ chen an das Leben, das Ihnen dieſes ſchuldet, ſchon entſagen, und das Loos der Deutſchen Frauen theilen, das ſie hier in zahlloſen Beiſpielen vor Augen ſehen? Wollen Sie die vor den Pflug ge⸗ ſpannten Kühe ganze Tage lang im geackerten Felde auf⸗ und abführen, und dabei kochen, ſcheu⸗ ern, waſchen, Kinder warten, Kleider flicken und Abends zufrieden ſein, wenn Sie eine Suppe da⸗ für finden? Suſanna, um Gottes Willen, täu⸗ ſchen Sie ſich nicht ſelber über Ihren eigenen Charakter. Sie wären nach den erſten acht Ta⸗ gen ſchon das unglücklichſte Weſen unter der Sonne, und hätten Ihr Leid— was noch das 10* — 148— Schlimmſte iſt— keinem anderen Menſchen zu⸗ zuſchreiben als ſich ſelber.“ „Herr von Pick,“ ſagte Suſanna, indem ſie ihm ernſt und forſchend ins Auge ſah— der junge Mann unterbrach ſie aber bittend: „Oh, nennen Sie mich nicht ſo— nicht den kalten, hohltönenden Namen Herr von— unter uns. Sie wiſſen, wie ſüß mir der Name Os⸗ kar von Ihren Lippen klingt.“ „Herr von Pick,“ wiederholte Suſanna ruhig und mit feſter Betonung,„Sie malen mir da ein Bild aus, in dem ich nur theilweiſe meine Zu⸗ kunft ſehe. Was aber anders hat ein armes Mäd⸗ chen wie ich, vor ſich? Die Beſtimmung der Frau iſt, ſich an einen Mann anzuſchließen, und ihr Leben in ſeine Hände zu legen. Wohl ihr, wenn ſie da ein Herz findet, das es tieu und ehrlich, wenn auch nur in ſeiner Art meint, und darf ich, in meiner Stellung, höhere Anſprüche machen?“ „Gewiß dürfen Sie, müſſen Sie das,“ rief der junge Mann, indem ſich ſeine Wangen höher färbten.—„Wollen Sie meine Frau werden, Suschen— wie?— ſagen Sie ja,“ flüſterte er ihr leiſe in's Ohr, indem er ſie an ſich preßte.—„Auſtralien iſt ein Land, wo alle un⸗ ternehmenden Leute ihr Glück machen, und in ein — 149— anderes Leben hoffe ich Sie doch einzuführen, als der ungeſchickte Bauerjunge.“— Suſanna war blutroth geworden, und ſchaute ſchweigend vor ſich nieder, endlich ſagte ſie leiſe, ohne ſich ſeiner halben Umarmung zu entziehen: „Wer Ihren Worten glauben dürfte— wer nur wüßte, ob Sie es eben ſo ehrlich meinen, als jener Bauerjunge, der mich gewiß von Her⸗ zen lieb hat, und Alles für mich thun würde, was in ſeinen Kräften ſteht.“ „Liebes— liebes Rädchen,“ flüſterte der junge Mann auf die kaum widerſtrebenden Lip⸗ pen einen heißen Kuß drückend—„zweifelſt Du daran, daß ich Dich heiß und innig liebe?— Heute noch ſprech' ich mit Deinem Vater— ich bin überdies hergekommen, um ihn zur Theil⸗ nahme an einer wichtigen Sache aufzufordern, die allein ſchon mein Glück begründen und mich und ihn zu einem ſteinreichen Manne machen kann.— Darf ich ihm ſagen, daß Du mir gut biſt und mein Weib werden willſt?“ „Der Vater wird nicht einwilligen,“ flüſterte Suſanna, einen ſcheuen Blick dabei nach dem Hauſe hinüberwerfend, das indeß die dichte Oliven⸗ pflanzung ganz verſteckt—„weit eher gäbe er ſeine Einwilligung zu einer Heirath mit Chriſtian.“ „Aber Du und die Mutter werdet ihn über⸗ — 4 — 8 * — 150— reden,“ drängte Pick—„Deine Mutter iſt mir gewogen, und daß ich Dir gut bin, hat ſie lange gemerkt.“ 3 „Ich habe Todesangſt, wenn ich daran denke, was der Vater dazu ſagen würde.“ „Dafür laß Du mich ſorgen, mein ſüßes Herz⸗ chen,“ flüſterte Pick, den Kuß wiederholend,„und ſagſt Du ja?— willſt Du dem Bauerburſchen den Laufpaß geben, und dafür mein kleines gutes Frauchen werden?— wie?“— Langſam näherte er dabei ſeine Lippen wieder den ihrigen. Suſanne ſah ihm einen Moment mit verſchwimmendem Blick in’s Auge und begeg⸗ nete dem Kuß, riß ſich aber auch in der nächſten Secunde aus ſeinen Armen, und eilte mit raſchen Schritten den Pfad entlang und dem väterlichen Hauſe zu. Oskar von Pick blieb allein zurück. Er ſahr ihr erſt, ſo lange er ihr mit den Augen folgen konnte, nach; dann aber ſetzte er ſich auf die dicht daneben angebrachte Bank, ſchlug ein Bein über das andere, ſtützte den rechten Ellbogen auf ſein Knie, ſein Kinn in die Hand, pfiff leiſe und in tiefen Gedanken ein kleines Lied vor ſich hin, wobei er den emporgehaltenen Fuß auf- und ab⸗ ſchnellte, und ſagte endlich mit halblauter über⸗ legender Stimme: — 151— „Hm— ſo weit wären wir, mein alter Junge — verdammt nettes Mädchen, drall und rund und friſch von Geiſt und Körper— und der Alte hat Geld.— Aber wovon heirathen?— Wenn die Kohlenſpeculation richtig einſchlüge und das Mehl jetzt auf einmal recht tüchtig im Preiſe ſtiege, wär's keine Noth— habe in dieſer Zeit verſchiedene Eiſen im Feuer. Donnerwetter, ein ſpeculativer Kopf kann auch ohne Capital ſeine Renten aus dieſem tollen Gewirr von Au⸗ ſtraliſchem Leben ziehn, wenn er's nur gerade ge⸗ ſcheidt, und im richtigen Moment anzufaſſen weiß, aber eine mißliche Sache bleibt die Geſchichte doch! — Iſt mir ein klein wenig zu früh über den Hals gekommen— hm— hm— hm— Und der Alte iſt grad' einer von den richtigen dickköpfigen deutſchen Bauern, die ſich hier nun gar in Auſtra⸗ lien Wunder was denken und einbilden, weil ſie ſich mit ihren Fäuſten die harten Thaler aus dem Lande herausgeſchlagen haben. Hätten eigentlich Alle Stiere werden ſollen, denn andere Arbeit erkennen ſie nicht an. Der Dickkopf wird zäh wie Leder ſein, ich kenne ſchon ſeine Art und Weiſe.— Mit der Frau wäre ſchon beſſer fertig zu werden— dumme gute Trine.— Und wenn er nur wirklich ja ſagte und nachher Nichts her⸗ ausrückte?— Bah,“ unterbrach er ſeine eben — 152— nicht angenehmen Betrachtungen,„die Kohlenge⸗ ſchichte wird mir da helfen— kam genau zur xechten Zeit. Da kommen wir zuſammen,“ ſetzte er mit einer Bewegung des Geldzählens hinzu, „und wo der Bauer Gewinn wittert, läßt er ſich um den Finger wickeln. Aber jetzt kann es Nichts mehr helfen, A hab' ich einmal geſagt, und nun kommt B, und mit dem Alten, ei zum Henker, mit dem muß ja doch auch wohl fertig zu werden ſein!“ Er drückte ſich den Hut feſt in die Stirn, legte die linke Hand auf den Rücken, ſchob die rechte vorn in ſeinen Rock und ging erſt noch eine ganze Weile, wie um ſeine Gedanken zu ſammeln, hinter der Olivenecke auf und ab, bis er endlich mit ſich im Reinen, Suſannen folgte und den Weg nach dem, nur durch den Hof von dem Gar⸗ ten getrennten Hauſe einſchlug.— 7. Capitel. gotthelf Liſchlee. Gotthelf Liſchke war ein Mann, der ſich wohl in der Welt befand, und wenn die Nachbarn be⸗ haupteten, er habe ſich„einen hübſchen Thaler Geld“ geſpart, ſo war das eine Sache, auf die er nie etwas erwiederte, und nur vielleicht ſtill und ſelbſtvergnügt dabei vor ſich hinlächelte— wußte er doch genau, daß ſie recht hatten. Ge⸗ ſtalteten ſich aber auch ſeine Vermögensumſtände beſſer mit den Jahren, ſo ließ er ſich das in ſei⸗ ner übrigen Einrichtung gewiß nicht merken. So oft ſeine Frau auch an ihm arbeitete und bohrte, ſich doch ein klein wenig mehr auszubreiten und den Leuten wenigſtens zu zeigen, daß ſie gerade nicht nöthig hätten, ſo zu arbeiten, wie es eben geſchah, ſo ſchüttelte er immer nur lachend mit dem Kopfe und ſagte:„Laß Du die nur ſchnacken, Kathrine.— Wenn wir Nichts hätten, die gäben uns auch Nichts, und da kann es uns auch ganz Einerlei ſein, was ſie von uns reden.“ Wer damit nicht einverſtanden ſchien, war freilich nun Frau Kathrine Liſchke und ſie fing dann immer wieder von vorn an:„ſie hätten's aber nun doch einmal, und was Andere könnten, könnten ſie deshalb auch.“ „Eben weil wir's könnten und nicht thun,“ ſagte er dann wohl,„rücken wir ununter⸗ brochen vorwärts, und ſchneller als die Ande⸗ ren, und weil ſie das merken, ärgern ſie ſich und reden ſie darüber. Nur wenn ſie von„ihrem Stande“ anfing— (was übrigens ſehr ſelten und nur dann geſchah, wenn ihr die Galle ein wenig überlief), wurde er böſe.„Deinen Stand?“ vief er dann wohl, und ſtemmte die Arme in die Seite,„was haſt Du denn für einen Stand, heh?— eine Bauers⸗ frau biſt Du, die Frau des Blechſchmiedes Gott⸗ helf Liſchke und damit Punktum, verſtanden?“— und damit hatte die Sache dann auch gewöhnlich ein Ende, denn Kathrine wußte aus Erfahrung, daß ihr Mann in dem Thema, ſo gut er ſonſt auch ſein mochte, ganz entſetzlich grob werden konnte. Frau Liſchke hatte freilich einen ganz anderen Charakter als ihr Mann. Fleißig und arbeitſam zum Aeußerſten, gerade wie er, ließ ſie es in Allem, was ſie zu beſorgen hatte, gewiß an Nichts fehlen, und ihrer Sparſamkeit und Aus⸗ dauer verdankte Liſchke gewiß auch ſehr viel mit, daß er eben ſo raſch in Auſtralien vorwärts ge⸗ kommen war. Das wußte er auch recht gut, und ließ ihr deshalb manches Andere eben hin⸗ gehn. Sonſt aber konnte ſie ſich gar nicht mit der bis zur Spitze getriebenen Einfachheit ihres Mannes befreunden, und hörte ſich am Liebſten — was ihr jedoch nur in ſehr ſeltenen Fällen wiederfuhr— Madame tituliren. Trotz ihrer ſonſtigen unendlichen Gutmüthigkeit und Herzens⸗ güte ſtak ihr der Hochmuthsteufel doch ein wenig im Kopfe, und ihr ganzer Stolz concentrirte des⸗ halb, da ſie ihn an ſich leider nicht auslaſſen durfte, auf ihrem einzigen Kinde, ihrer Tochter Suſanna. Suſanne war, wie ihr Niemand mehr zu ſagen brauchte, ein ſehr hübſches Mädchen, in dem ſie— wie ſie nur zu häufig bemerkte— ihre ganze Jugend wieder aufblühen ſah. Jeder Un⸗ terricht, den ſie nur in dieſer etwas abgelegenen Gegend erhalten konnte, war ihr deshalb auch geworden, und da der alte Liſchke hiergegen nie etwas eingewandt, ſondern zu ſolchem Zwecke ſein — 156— Geld mit Freuden hingegeben, hatte ſie eine aller⸗ dings über ihren Stand reichende Bildung ge⸗ noſſen, deren Folgen der Alte, jetzt freilich etwas zu ſpät, abzuwenden ſuchte. Die Mutter dagegen baute eben auf dieſes Selbſtbewußtſein der Toch⸗ ter die ganze Hoffnung für eine ſpätere glücklichere Zukunft, und es läßt ſich denken, welchen Einfluß ſie mit dieſen Geſinnungen auf das Herz der Jungfrau ausübte. Der Vater verlor dabei, ohne daß er es eigentlich recht merkte, immer mehr Fahrwaſſer, und die Frauen waren ihm, trotzdem daß er der Herr des Hauſes zu ſein glaubte, in dieſer Hinſicht doch ſchon weit über den Kopf ge⸗ wachſen. Das Innere von Liſchke's Wohnung entſprach ſeinem ganzen übrigen Charakter. So einfach und altherkömmlich er in ſeinem ganzen Weſen war, ſo hatte er auch ſeine Wohnung eingerichtet, die ſich in gar Nichts von einer der gewöhnlichen kleinen Bauernhäuſer unterſchied. Nur das Stroh⸗ dach war erſt im vorigen Jahre einem neuen von Ziegeln gewichen, ſonſt hatte er Alles in der ein⸗ fachſten Weiſe gebaut und eingerichtet. Die Mö⸗ beln im Innern waren von ſchlichtem, braunlackir⸗ tem Holz, der Fußboden blank geſcheuert und mit Sand beſtreut, die Fenſter zum Leidweſen Frau Liſchke's, ohne Gardinen, und der einzige — 157— Luxusgegenſtand in der ganzen Stube eigentlich nur ein von Chriſtian vortrefflich gearbeiteter ge⸗ polſterter und mit Leder beſchlagener Lehnſtuhl für Frau Liſchke, denn Gotthelf ſaß Morgens wie Abends entweder auf der Bank oder auf ſei⸗ nem hölzernen Schemel. Auch das Geſchirr im Hauſe gehörte, nach dem Machtſpruch Gotthelf's, noch ganz der alten Zeit an, und beſtand aus Zinn— daß es wie Silber glänzte, war nur Frau Liſchke's Schuld. Die gewöhnlichen Schüſſeln hatte übrigens ein Deut⸗ ſcher Töpfer in Saaldorf gemacht, und die etwas phantaſtiſchen Blumen und Vögel darauf, mit unorthographiſch und höchſt mittelmäßigen ge⸗ ſchriebenen Bibelverſen und Denkſprüchen ſchmückten auch dieſes Geſchirr, gerade wie in einem Deutſchen Bauernhauſe, mit ihrer bunten Pracht. Mit einem Worte, es fehlte Nichts in dem kleinen Raume nach der alten heimiſchen Sitte, ſelbſt nicht der große, mit Thonplatten belegte Ofen, obgleich der in dem Auſtraliſchen Klima wenig gebraucht worden wäre, ſäßen die Deutſchen Bauern nicht überhaupt ſo entſetzlich gern warm. Auch ein grünbemalter Papagey von Gyps war noch mit aus Deutſch⸗ land herübergekommen, und an den Wänden hin⸗ gen vier oder fünf Lithographieen. Die eine von dieſen ſtellte Doctor Martin Luther vor, eine — 158— andere das Gebet der drei Monarchen nach der Schlacht bei Leipzig, und die übrigen ein Paar altlutheriſche Prediger, die aber unmöglich ſo aus⸗ geſehen haben konnten. Dicht an dieſes Familienzimmer ſtieß die Werk⸗ ſtatt, eine allerdings nicht angenehme Zugabe, aus der das Klopfen und Hämmern von zwei Geſellen und einem Lehrling ununterbrochen, ſelbſt durch die geſchloſſene Thür heraustönte. Die Frauen hatten ſich aber daran gewöhnt, und Liſchke ſelber behauptete, daß man es gar nicht hören könne. Außer der Frau, die in ihrem Lehnſtuhle ſaß und ſpann, war noch ein anderes weibliches Weſen im Zimmer— eine Nähterin, die ihren Sitz am Fenſter hatte, und dort emſig mit ihrer Arbeit beſchäftigt blieb. Ein kleines Mädchen von vier oder fünf Jahren— ihr Kind— kauerte neben ihr am Boden, und ſpielte mit einer ziem⸗ lich roh zuſammengewickelten Puppe, die ſie im Arme hielt und wiegte. Die Frau mußte einmal von blendender Schönheit geweſen ſein, denn noch jetzt ließen die edlen, wenn auch eingefallenen Züge, das dunkle Auge und das volle kaſtanienbraune Haar, ſowie der zarte Teint das recht wohl erkennen. Aber Gram oder Krankheit hatte dieſe Wangen ge⸗ bleicht, dieſen Augen das Feuer genommen, und — 159— ein tiefer ſchmerzlicher Zug um den Mund ſchien ſich dort feſt eingegraben zu haben und nicht mehr weichen zu wollen. Es war eine arme Deutſche, die allein mit ihrem Kinde in einem, vielleicht eine halbe Stunde von Liſchke's entfernten, halb⸗ zerfallenen Häuschen wohnte, und ſich bei einigen Familien in Saaldorf ihr kümmerliches Brod mit Nähen verdiente— ihr Name war Louiſe Hohburg. Liſchke ſchien, eben erſt in das Zimmer getre⸗ ten, da er gleich nach ſeiner Rückkunft noch in der Werkſtätte nach der Arbeit zu ſehen hatte, heute beſonders guter Laune zu ſein, und ging mit auf den Rücken gelegten Händen und raſchen Schritten in dem kleinen Zimmer auf und ab. „Nun Gottfried,“ ſagte die Frau— haſt Du Dein Getreide heut' gut verkauft?— Du biſt ja ſo munter.“ „Munter?“ ih nu ja,“ ſagte Liſchke, die Arme vornehmend und ſich vergnügt die Hände reibend—„bin ich auch, und warum auch nicht — Getreide paſſirte heute— nine Pund ten— geht an, iſt wieder billiger geworden aber— gut für die armen Leute. „Dann haſt Du ſonſt etwas Angenehmes er⸗ fahren,“ ſagte die Frau, die, ein wenig neugie⸗ riger Art, gern wiſſen wollte, was den ſonſt ziemlich ernſten Mann heute bei ſo guter Laune * — 160— erhalten. In dem Augenblick ging die Thür auf, und Suſanne, noch erhitzt von der letzten Auf⸗ regung und mit gerötheten Wangen, trat herein, und ging, als ſie den Vater bemerkte, gleich der Thür zu, die in ihr, unten im Hauſe gelegenes Schlafzimmer führte. „Hallo, Suſy—“ redete ſie aber der Vater an, ohne die Frau weiter zu beachten,„wohin ſo eilig, mein Kind?— heh?— komm einmal her und ſag' Deinem Vater guten Tag.“ „Guten Tag, lieber Vater,“ ſagte Suſanne, jetzt vollkommen gefaßt, indem ie ihn zuging und ihm freundlich die Hand reichten „Guten Tag, Kind— heh?— ſtchſt ja heute ſo roth aus,“ ſchmunzelte der Alte— nun?— darf ich's nicht wiſſen?— heiho Dir ſchlagen ja beinahe die Flammen zu den Backen heraus und man könnte d'ran löthen. „Ich bin ſo ſchnell aus dem Garten hereinge⸗ laufen,“ ſagte Suſanne,„und habe mich wahrſchein⸗ lich erhitzt. Es iſt heute entſetzlich warm.“ „So?“ ſagte der Vater— hat er Dir warm gemacht, heh?“ „Wer, Vater?“ rief die Tochter raſch und er⸗ ſtaunt. 3 1 „Wer?“ lachte der alte Liſchke—„ih nun, der Sonnenſchein; natürlich— wer denn ſonſt?“ — 163— gung, und ſchüttelte Gotthelf Liſchke herzlich die Hand. „Ah, guten Tag, Herr von Pick, ſagte dieſer, ſeine Mütze abnehmend, und neben ſich auf den Tiſch le⸗ gend—„was verſchafft denn uns heute die Ehre?“ „Allerlei, mein lieber Herr Liſchke,“ lautete die freundliche Antwort des jungen Mannes, „und hoffentlich etwas Gutes, wie es ſich nun eben wenden wird. Wenn Sie gerade Zeit hätten, möchte ich wohl mit Ihnen ein Viertelſtündchen unter vier Augen ſprechen.“ „Unter vier Augen, eh?“ „Geſchäftsſachen.“ „Oh, wenn's weiter Nichts iſt,“ ſagte Liſchke, „da können Sie hier nur ruhig loslegen. Meine Alte iſt an Derlei ſchon gewöhnt, und Frau Hoh⸗ burg da gehört eigentlich auch ſo halb und ha mit zur Familie.“ „Und doch nicht lauter Geſchäftsſacke,“ ſagte Pick, den Hut faſt wie verlegen in der Hand drehend, und mit einem Seinblick nach der Näh⸗ terin. Zufällig begeaete dieſe, die aus den ein⸗ leitenden Wortenſchon herausgefühlt hatte, daß ſie im Wege 5, dem nach ihr hinüberſchweifenden Auge des /remden. Ohne deshalb ein Wort zu ſagen, gri ſie ihre Arbeit auf, nahm ihr Kind an die Hid und verließ das Zimmer. 14* — 164— „Ich weiß nicht,“ ſagte Frau Liſchke, indem ſie ebenfalls von ihrem Stuhle aufſtand,„ob der Herr Baron vielleicht ein Geheimniß mit meinem Manne“— „Oh, gewiß nicht für Sie,“ bat jetzt von Pick raſch und freuudlich, indem er ſie wieder zu⸗ rück auf ihren Sitz nöthigte.„Nur in Gegen⸗ wart der Fremden hätte ich nicht gern davon geſprochen.“ „So?“ ſagte Liſchke, langſam und gedehnt, indem er den jungen Mann mit etwas erſtauntem Geſicht betrachtete—„doch nicht etwa eine Fa⸗ milienangelegenheit?“— „Lieber Herr Liſchke,“ ſagte von Pick, indem er auf ihn zutrat und ihm freundlich die Hand auf die Schulter legte,„es iſt Zweierlei, das ich mit Ihnen, eine Sache auch mit Ihrer lieben wu beſprechen möchte, und ich bitte Sie, daß ſie mich eduldig anhören. Haben Sie Luſt und Zeit?“—. „Wenn's'w⸗e. Wichtiges iſt,“ meinte Liſchke achſelzuckend,„muß diezeit werden und wird nach der Luſt nicht gefragt. Abervitte, ſetzen Sie ſich doch, Herr von Pick. Alſo wa⸗war's?“ „Hm, ja mein lieber Herr Liſcy,“ ſagte von Pick, der nicht recht wußte, mit welchem Ggenſtande er zuerſt beginnen ſollte, zuletzt aber di zu der 165— Ueberzeugung kam, daß das weniger Wichtige den Uebergang zum Andern bilden müſſe—„ich habe Ihnen, natürlich unter dem Siegel der größten Verſchwiegenheit, etwas ſehr Bedeutendes mitzu⸗ theilen.“ „Na, da wäre ich neugierig— haben doch Niemanden todtgeſchlagen?“ „Ich? nein. Hier iſt auch von keinem Ver⸗ brechen die Rede, ſondern von einer Fundgrube für Gewinn und Reichthum.“ „Eh?“ ſagte Liſchke, den jungen Mann, dem er etwas Derartiges gar nicht zutraute, erſtaunt betrachtend—„Gewinn und Reichthum, ih ſehen Sie einmal an, Herr von Pick, da wollten Sie mich wohl gern zum reichen Mann machen?“ „Scherzen Sie nicht, Herr Liſchke, die Sache iſt in der That von höchſter Wichtigkeit, und kann nicht allein für uns, ſondern faſt mehr noch für die Colonie von der größten Bedeutung werden. Ich habe ein Steinkohlenlager entdeckt.“ „Steinkohlen?“ rief Liſchke, die wichtige Nachricht mit erſtaunlicher Gleichgültigkeit auf⸗ nehmend;—„mein guter Herr von Pick, wenn das wirklich wahr wäre, ſo könnten Sie in einem Jahre ein Millionair ſein, denn Steinkohlen brau⸗ chen wir hier im Lande gerade ſo gut faſt wie das liebe Brod, aber— Sie nehmen mir's nicht — 166— übel— das haben ſchon Viele geglaubt, ſie hätten ſo was entdeckt, und nachher war die Geſchichte immer faul.— Plenty Schwindel, mein guter Herr von Pick, plenty Schwindel!“ „Die meiſten Menſchen glauben nicht eher etwas,“ lächelte von Pick,„bis ſie ſich durch den Augenſchein überzeugen, bis ſie es mit ihren Händen fühlen können. Was iſt alſo das hier, mein lieber Herr Liſchke?“ Er hatte bei den letzten Worten einen in Papier gewickelten Gegenſtand aus der Taſche genommen, und hielt ihn jetzt noch immer in dem nur geöffneten Pa⸗ pier, um ſich die Hände nicht zu beſchmutzen, dem Blechſchmied entgegen.— Wie nennen Sie das hier, wenn ich fragen darf?“ „Liſchke, ohne ſolche Rückſicht für ſeine Ninger⸗ nahm das Stück Kohle, das ihm aus dem Papier ent⸗ gegenblinkte, in die Hand, betrachtete es neugierig und aufmerkſam, rieb daran und leckte es prüfend mit der Zunge. Auch Frau Liſchke war herbeigetreten und ſchlug jetzt vor Erſtaunen die Hände zuſammen. „Ja Du meine Güte,“ rief ſie in voller Ver⸗ wunderung aus,„das iſt ja wahr und wahrhaftig ſo gute Steinkohle, wie ſie nur je in einem Ofen gebrannt hat.— Aber das Glück, Herr Baron! Ei, da wünſch' ich Ihnen, daß Sie nur einen recht reichen Segen herausnehmen mögen, und langes — 167— Leben und Geſundheit, um es recht, recht lange genießen zu können, und“— „Papperlapapp“ ſagte Liſchke, indem er das Stück Kohle von einander brach und inwendig be⸗ trachtete—„und wo haben Sie das gefunden?— doch wohl auf irgend einem Fahrwege, wie?“ „Nein, mein lieber Herr,“ lächelte der junge Mann,„nicht auf einem Fahrwege, ſondern weit in den Bergen drin iſt die Kohle, allerdings auch nicht von mir, ſondern von einem dummen Teufel von Engländer gefunden worden, dem ich vorläufig fünf Pfd. Sterling für ſeine Entdeckung gegeben habe, während wir das Geſchäft in Compagnie zuſammen betreiben werden. Natürlich bleibt das Ganze noch Geheimniß, wo der Platz eigentlich liegt, bis wir das Land von der Regierung gekauft haben und unſere Arbeiten dann ungeſcheut be⸗ ginnen können.“ „Und weshalb ſind Sie damit zu mir gekom⸗ men?“ frug Liſchke. „Weil wir einen dritten Compagnon haben müſſen, um das Land, ohne Verdacht zu erwecken, zu kaufen,“ lautete die Antwort.—„Daß die Kohle gefunden iſt, weiß in dieſem Augenblicke ſchon der Gouverneur, aber nicht, wo. Ginge ich, oder mein engliſcher Freund alſo jetzt auf die Land⸗ füce, um den Grund und Boden zu erwerben, — 168— ſo wüßten die Leute ja augenblicklich, woran ſie ſind. Die Regierung behielt das Land dann einfach für ſich, und wir würden mit ein Paar tauſend Pfd. Sterling abgeſpeiſt.“ „Ein Paar tauſend Pfund,“ brummte Liſchke leiſe vor ſich hin. „Kaufen Sie dagegen das Land, fuhr von Pick fort,„ſo hat Niemand auf Sie den mindeſten Ver⸗. dacht. Mit dem Capital, das Sie außerdem be⸗ ſitzen, iſt es Ihnen ein Geringes, die Arbeiten leicht mit beginnen zu können, und das Erſte, womit wir die Bewohner von Adelaide in Er⸗ ſtaunen ſetzen, iſt ein Wagen voll Steinkohlen, mit dem wir in Proceſſion durch die Stadt fahren. Der Wagen wird mit Blumen bekränzt; ein Muſik⸗ chor zieht voraus, und wir Drei reiten, von dem Volk umjubelt, hinterdrein.“ „Aber das wird ein Leben geben!“ rief Frau Liſchke, die Hände zuſammenſchlagend—„ei, da wünſch' ich Ihnen nur— „Na, hör' einmal jetzt mit Deinen Wünſchen auf, Alte,“ unterbrach ſie aber ziemlich rauh Liſchke —„oder fang' lieber noch gar nicht damit an. Ein Engländer hat die Kohlen entdeckt, rſagen Sie, Herr von Pick?“ „Allerdings.“ „Wie weit von hier?“ — 169— „Etwa ſiebzig Meilen von Tanunda.“ „Sie wiſſen den Platz noch nicht genau?“ „Wir wollen in dieſen Tagen dorthin auf⸗ brechen.“ 4„ „Und was alſo verlangen Sie von mir bei der ganzen Geſchichte?“ „Vor allen Dingen würde uns an Ihrer Be⸗ gleitung gelegen ſein,“ ſagte von Pick,„wenn wir dadurch nicht Ihre Mitwiſſenſchaft an der Entdeckung verriethen und die Moglichkeit ver⸗ nichteten, daß Sie den Grund und Boden für uns kaufen könnten.“ „Ahem— und was alſo ſonſt?“ ſagte Liſchke, der mit einem gewiſſen Inſtinct ſchon lange her⸗ ausgefühlt hatte, um was es ſich hier eigentlich hauptſächlich handelte.“ „Dann iſt die Frage, mein lieber Herr Liſchke,“ fuhr von Pick fort,„ob Sie ſich vorläufig mit einem kleinen Capital, zu Procenten, die Sie ſelber beſtimmen mögen, wenn Sie nicht als wirklicher Theilnehmer eintreten möchten, bei der Sache be⸗ theiligen wollten?“ „Na ja, das dacht' ich mir ungefähr,“ ſagte Liſchke, langſam mit dem Kopfe dazu nickend. „Welchen enormen Nutzen wir im Stande wären, aus einer Steinkohlengrube zu ziehen, brauche ich Ihnen wohl nicht erſt zu ſagen.“ — 170— „Nein, gewiß nicht— wennn Sie ſie nur erſt gefunden hätten?“ meinte Liſchke trocken. „Aber beſter Herr Liſchke—“ „Hören Sie, mein guter Herr von Pick, ich will Ihnen einmal etwas ſagen,“ fiel ihm plöͤtzlich Liſchke in die Rede.„So lange ich nur hier in Auſtralien bin, und das iſt ſchon eine hübſche Reihe von Jahren, ſo lange heißt es faſt alle ſechs Monate einmal:„es hat der oder jener Stein⸗ kohlen gefunden.“ Eine Anzahl von Menſchen läuft dann wie im Taumel umher, ſchwatzt von Aktien und 77 Procent, will Committees und Gott weiß was ſonſt noch gründen, und zuletzt, mein guter Herr von Pick?— Plenty Schwindel — die ganze Geſchichte. Nach vier Wochen ſpricht kein Menſch mehr davon, bis ſie ſich von einer andern Stelle wieder dieſelbe Fabel erzählen.“ „Aber beſter Herr Liſchke—“ „Ja das hilft mir Alles Nichts. Eben weil uns Kohlen ſo entſetzlich fehlen, und weil das der größte Segen für das Land ſein würde, viel mehr als Euere ganzen Edelſteingruben mit ein⸗ ander, wo ſie die Ammetiſten und Zefire und Brilljanten fuderweiſe auffinden wollten— ſind die Leute wie rein vernarrt darauf, bis es ein⸗ mal zuletzt wirklich von einem Glückspilze aufge⸗ funden wird.“ 3 „Aber Sie ſprechen wahrhaftig, als ob wir uns nur eben auch einbildeten, die Kohlen gefunden zu haben, und andere Leute damit zum Beſten haben wollten!“ ſagte von Pick halb lachend, halb gekränkt. „Ne, mein guter Herr von Pick,“ meinte Liſchke trocken,„das glaub' ich nicht, daß Sie Je⸗ manden zum Beſten halten wollen, wenn Sie aber dem Engländer für das Stückchen Kohle wirklich fünf Pfund gegeben haben, dann hat er Sie zum Beſten gehabt, das iſt meine Meinung von der Sache, ſonſt Nichts.“ „Aber wenn ich nun die feſte Ueberzeugung—“ „Das iſt Ihre Sache,“ unterbrach ihn Liſchke, „das geht mich Nichts an. Es koſtet Sie Ihr Geld und Ihre Zeit, mich aber laſſen Sie aus dem Spiel. Ich verzichte auf die gewöhnlichen 77 Procent und mag mit einem Worte mit der ganzen Geſchichte Nichts zu thun haben.“ „Aber Liſchke, um Gottes Willen,“ ſagte ſeine Frau und ſchüttelte den Kopf herüber und hin⸗ über. Liſchke kehrte ſich aber nicht an den Einwand, und griff, wie in Gedanken, nach der Mütze, die noch auf dem Tiſche lag, als ob er fortwolle, be⸗ ſann ſich aber wieder und ließ ſie liegen. „Mein guter Herr Liſchke,“ ſagte da von Pick, — 172— „ich kann Ihnen Ihr Mißtrauen eigentlich nicht verdenken, obgleich es dieſes Mal am unrechten Platze iſt. Sie ſind durch frühere Erfahrungen vorſichtig, vielleicht ängſtlich geworden, und wenn Sie kein Vertrauen zu der Sache haben, wäre ich der Letzte, der Sie dazu überreden möchte. Der ſpäteren Ueberzeugung werden Sie ſich dann aber nicht verſchließen, und es wird mir unend⸗ liches Vergnügen machen, Ihnen in einiger Zeit die Beweiſe unſeres Fundes zu bringen, wonach Ihnen der Beitritt, wie heute, noch immer frei⸗ ſtehen ſoll.“ „Nein, wie gütig der Herr Baron ſind,“ ſagte da die Frau, die ſich nicht länger halten konnte, durch einige freundliche Worte wenigſtens in etwas die Ungezogenheit ihres Mannes wieder gut zu machen.„Es iſt nur ein Glück, daß es noch ſolche brave gutmüthige Seelen in der Welt giebt, und nicht lauter ſolche hartnäckige Dick⸗ köpfe wie Du einer biſt, Gotthelf.“ Gotthelf Liſchke kratzte ſich, ſtill vor ſich hin⸗ lächelnd, den beſagten Dickkopf, und ſagte trocken: „Ich bin Ihnen für Ihr Vertrauen ſehr dank⸗ bar,“ mein guter Herr von Pick, und will Ihnen, wie meine Frau immer ſagt, von Herzen wünſchen, daß Sie der Engländer nicht angeführt hat.— Und was war es ſonſt noch, womit ich Ihnen — 173— dienen könnte?— Sie ſagten ja doch wohl, es wäre Zweierlei.— Wiſſen Sie, die Frau Hoh⸗ burg ſitzt draußen mit ihrer Arbeit in der Sonne, und ich möchte gern, daß die wieder hereinkäme.“ „Herr Liſchke,“ ſagte da von Pick, und es war ihm doch in dieſem Augenblicke, als ob ihm der Athem ein wenig ausginge und der Zeitpunkt ebenfalls gerade nicht der richtige wäre, damit zu beginnen. Aber er hatte einmal angefangen und konnte nicht mehr zurück—„die zweite Sache iſt— iſt ungleich wichtiger als die erſte.“ „Noch wichtiger— hm, da bin ich doch ge⸗ ſpannt.“ „Sie betrifft mein ganzes künftiges Lebens⸗ glück.“ „Alle Wetter!“ „Wie das eines andern, mir theuoren Weſens,“ fuhr von Pick mit leiſer, kaum hörbarer Stimme fort.—„Es betrifft— Ihre Tochter.“ „Meine Tochter?— Suschen?“ riefen beide Gatten erſtaunt, und Madame Liſchke faltete ihre Hände im Schooße zuſammen. „Mit einem Wort, Herr Liſchke,“ ſprang aber der Brautwerber gleich mit beiden Füßen in die Sache hinein—„ich bin gekommen, Sie um die Hand Ihrer Tochter zu bitten.“ „Ach Du lieber Himmel, der Herr Baron ſind 1 1 4 6 — 174— gar zu gütig!“ rief die Frau, Liſchke aber warf ihr einen finſtern Blick zu und ſagte dann: „Rechnen Sie ihr die Dummheit nicht an, Herr von Pick, ſie weiß es eben nicht beſſer.“ „Aber Liſchke“— „Und was Ihren Antrag betrifft,“ fuhr dieſer fort, ohne ſich weiter irre machen zu laſſen,„ſo freue ich mich, daß Sie ſo offen und ehrlich und kurz mit der Sache herauskommen. Ich will Ihnen eben ſo kurz und bündig darauf ant⸗ worten.“ „Lieber Herr Liſchke.“— „Meine Tochter paßt nicht für Sie.“ „Aber Mann“— „Und Sie paſſen nicht für meine Tochter,“ fuhr der unverwüſtliche Mann ruhig fort. „Aber Herr Liſchke—“ „ Außerdem hat das Mädchen einen Anderen im Kopfe, der, wenn ich nicht ſehr irre, heute Morgen mit ihr geſprochen, und ſchon vorher bei mir um ihre Hand angehalten hat.“ „Und davon haſt Du mir noch keine Sterbens⸗ ſylbe geſagt?“ rief die Frau entrüſtet. „Weil ich es erſt ſelber kurz vorher erfahren,“ entſchuldigte ſich Gotthelf,„denn Du mußt aller⸗ dings darum wiſſen.“ „Aber wenn mich nun Ihre Tochter liebt ſtatt — 175— Jenen?“ rief Herr von Pick, dem es doch ein höchſt fatales Gefühl war, von einem Klempner⸗ meiſter einen ſo ungenirten Korb zu bekommen. „Suſanne Sie liebt?“ ſagte Liſchke, ihn von der Seite anſehend,„haben Sie das Mädchen ſchon darum befragt?“ „Ich glaube ihrer Liebe gewiß zu ſein,“ ver⸗ ſicherte der junge Mann. „S— o?“ ſagte Liſchke gedehnt, und ſah dem Sprechenden dabei ſcharf in's Auge—„und haben wahrſcheinlich dem dummen Ding allerlei tolles wahnſinniges Zeug vorgeſchwatzt, heh?— für den Alten eine Kohlen⸗ und für die Tochter eine Pulvermine— wäre mir aber lieb.“ „Herr Liſche, ich kann Sie verſichern.“ „Hören Sie, ich will Ihnen etwas ſagen,“ unterbrach ihn jetzt raſch und eben nicht gerade freundlich der Blechſchmied.„Gegen Ihre Wer⸗ bung hab' ich gar Nichts; Jedermann hat ein Recht, bei den Eltern eines Mädchens um deren Hand anzuhalten. Ob die ſie ihm dann geben, iſt eine andere Sache. Aber dem Mädchen vor⸗ her den Kopf zu verwirren, das gehört ſich nicht. Hoffentlich wird der Schaden noch zu repariren ſein,“ ſetzte er etwas ruhiger hinzu, „ſo viel möchte ich Ihnen aber doch gleich bemer⸗ — 176— ken, daß aus einer ſolchen Heirath nun und nim⸗ mer etwas werden kann.“ „Aber Gotthelf, ich bitte Dich um Gottes Willen!“ „Ihre Tochter zählt achtzehn Jahre, Herr Liſchke, und hat doch auch wohl ein Wort in die⸗ ſer wichtigen Sache mitzureden.“ Papperlapapp!“ rief der Alte,„ſolche junge unerfahrene Dinger kennen und wiſſen noch Nichts vom Leben, und müſſen ſich auf das verlaſſen, was ihre Eltern für ſie beſchließen.“ „Aber was haben Sie an mir auszuſetzen?“ rief von Pick gereizt. „An Ihnen?— gar Nichts,“ ſagte Liſchke, „nur meine Tochter möchte ich Ihnen nicht zur Frau geben.“ „Und hab' ich nicht mein Brod?“ „Weiß ich nicht,“ ſagte der Blechſchmied hart⸗ näckig,„wenn's aber auch jetzt gerade da wär', blieb's immer eine ungewiſſe Geſchichte. Sie ſind Agent in der Stadt oder wie Sie's ſonſt nennen, und ſpeculiren bald hier, bald da, auf Alles, was vorkommt, ſelbſt auf's liebe Brod. Das geht einmal gut, einmal aber auch ſchlecht, und ſolchem ungewiſſen Kram mag ich mein Kind nicht an⸗ vertraun.“ 31 „Aber meine Familie zu Hauſe— 8. — 177— „Gerade Ihre Familie iſt mit die Hauptur⸗ ſache, daß ich nein ſage,“ fiel ihm Liſchke in's Wort.—„Wenn es Ihnen je einmal wieder einfiele, nach Deutſchland zurückzugehen, und Sie kämen dann mit einer Klempnerstochter in die hochadelige Sippſchaft hinein, dann möcht' ich nachher das Naſenrümpfen von all den alten Schachteln und Klatſchſchweſtern ſehn, und dazu halt’ ich doch mein Kind zu gut. Am Ende ſchämten Sie ſich ſelbſt, keine vornehmere Frau aus Auſtralien mitgebracht zu haben. Nun ja, ich weiß ſchon, an Betheuerungen fehlt es den jungen Leuten bei ſolchen Gelegenheiten gewöhn⸗ lich nicht. Damit laſſen Sie die Sache aber nun zu Ende ſein! Sie haben meinen Beſcheid. Aus der Heirath kann nun und auf ewige Zeiten im Leben Nichts werden, alſo thun Sie mir auch wohl den Gefallen, Herr von Pick, und beſuchen uns— wie die Sachen doch nun einmal ſtehn — nicht wieder.“ „Herr Liſchke, Sie behandeln mich auf eine Art und Weiſe—“ 3 A „Nichts für ungut, Herr von Pick. Ihr An⸗ trag iſt allen Dankes werth, aber, wie geſagt, wir paſſen nicht zu einander, und das werden Sie dann wohl von ſelber einſehen, daß fernere Be⸗: Gerſtäcker. II. 12* 6 — 178— ſuche nur dazu dienen könnten, uns zu geniren und mein Kind unglücklich zu machen.“ „Nein aber, was zu toll iſt, iſt zu toll,“ rief jetzt die Frau aus, die ſich nicht länger halten konnte.—„Schämſt Du Dich denn nicht, Mann, mit dem Herrn Baron auf ſolch ſchändliche, nichts⸗ würdige Art und Weiſe zu ſprechen?“ „Kathrine!“ ſagte Liſchke. „Ach was, Kathrine hin, Kathrine her; ich bin auch Mutter und muß für das Wohl und Glück meines Kindes einſtehen,“ rief die Frau, und wenn Du das geradezu mit Füßen von Dir ſtoßen willſt—“ Von Pick fühlte, daß jetzt eine eheliche Reaction zu ſeinen Gunſten eintrat, die er jedoch am Vor⸗ theilhafteſten in der Ferne abzuwarten gedachte. Ueberdies fing er an ſich hier nicht mehr wohl zu fühlen und hielt den jetzigen Moment für einen höchſt paſſenden, ſich zu entfernen. Ohne deshalb Frau Liſchke ihre Argumente beenden zu laſſen, griff er ſeinen Hut auf und ſagte, mit einem freundlichen Gruß gegen die Beiden: „Ich verlaſſe Sie jetzt,— und zwar noch immer nicht ohne alle Hoffnung. Ueberlegen Sie ſich meinen Antrag noch einmal reiflich, verehrter Herr, ſprechen Sie mit Ihrer Tochter darüber und laſſen Sie mich dann, und wenn es auch — 179— erſt in einigen Tagen wäre, Ihren Entſchluß darüber wiſſen. „Meinen Entſchluß haben Sie,“ ſagte Liſchke. „Ich will ihn als noch nicht ausgeſprochen betrachten,“ wehrte von Pick ab.„Bedenken Sie, daß es ſich hierbei, wie Madame ſehr richtig be⸗ merkt, um das ganze künftige Glück Ihres ein⸗ zigen Kindes handelt, und das verlangt doch zum wenigſten Ueberlegung. Leben Sie wohl bis da⸗ hin, und ſeien Sie verſichert, daß ich Ihnen keines der hier geſprochenen Worte, obgleich ſie für mich ein wenig rauh geklungen haben, übel nehmen oder nachtragen werde. Einer ſpäteren Zeit iſt es vielleicht vorbehalten, Ihnen eine beſſere Mei⸗ nung von mir zu geben.“ Er verbeugte ſich gegen die beiden Eheleute und verließ, während ihm Liſchke in allem Aerger kaum den Gruß erwiederte, raſch das Zimmer. Drinnen aber begann jetzt zwiſchen Gotthelf und Kathrine eine Scene, die ſonſt in ihrem häus⸗ lichen Leben zu den Seltenheiten gehörte, da ſich die Frau faſt in allen Dingen dem ſtets ſehr entſchieden ausgeſprochenen Willen ihres Gat⸗ ten fügte. Hier aber hielt ſie es für ihre Schul⸗ digkeit, der eheherrlichen Autorität auf das Ent⸗ ſchiedenſte entgegen zu treten, und ihr Zorn mäßigte ſich keineswegs, als ſie den Namen des 12* — 180— für Suſanne beabſichtigten Eidams erfuhr. Chri⸗ ſtian Helling war ihr immer ein ſehr lieber guter Menſch geweſen, den ſie ſeines Fleißes und ſeiner Rechtlichkeit wegen hoch achtete und ſchätzte, aber hier war die Ausſicht, daß ihr Augapfel, ihre Suſanne, eine Frau Baronin werden ſollte, und das konnte das Mutterherz nicht überwinden. Endlich wurde ſogar Suſanne herbeigerufen, die, ſo gut ſie es verſtand, mit ihrer Mutter um⸗ zugehn, den Vater und ſeinen ſtarren unbeugſamen Willen doch fürchtete, und Liſchke, ſonſt ein ſee⸗ lensguter Mann, der gar nicht daran gedacht hätte, ſein Kind zu irgend einer Verbindung zu zwingen, arbeitete ſich durch den Widerſpruch der Frrau zuletzt in einen ſolchen Grimm hinein, daß er erklärte, Suſanne müſſe— nur um den Be⸗ werbungen dieſes luftigen Patrons, des Herrn von Pick, zu entgehen,— den Tiſchler Chriſtian heirathen. „Das fehlte mir noch,“ hatte er als letzten Trumpf hinzugeſetzt,„ſo einen adligen Lieutenant von Nichts und Borgen in unſerer Familie, daß die ſauer erſparten Schillinge wieder bei Pfunden zum Fenſter hinausflögen. O ja— den Frau⸗ ensleuten ſteckt der Baron im Kopfe— Frau Baronin werden— oh, daß Dich der helle Teu⸗ fel mit Deiner Eitelkeit hole, Weib. Kommt hier⸗ ——’:—— her und will mich erſt anborgen auf ſeinen Stein⸗ kohlenſchwindel, und nachher, wie er ſieht, daß das nicht geht, verlangt er die Tochter. Komm Du mir nur wieder, Du— Du Windhund Du, Dir will ich die Thür weiſen nach ächter Klemp⸗ nerart.“ Das Reſultat blieb, wie gewöhnlich, daß Mei⸗ ſter Liſchke ſeinen Willen durchſetzte, der Tochter die bitterſten Vorwürfe machte, dem Laffen auch nur eine Idee von Hoffnung gegeben zu haben, und die Mutter ſo kurz abfertigte, daß dieſe ſich in ihren Lehnſtuhl ſetzte und zu ihrer letzten, heute aber ebenfalls erfolgloſen Hülfe, zu Thränen ihre Zu⸗ flucht nahm. Liſchke rief dann die Frau Hohburg wieder herein, der ihm fatal werdenden Familien⸗ ſcene ein Ende zu machen, und ſetzte ſich in der Werkſtätte an ſeinen Amboß, auf dem er aus Leibeskräften an zu hämmern fing. 8. Capitel. Der Fremde. Frau Hohburg hatte wieder ihren Sitz am Fenſter eingenommen, aber das Kind erſt beruhi⸗ gen müſſen, das ſich, erſchreckt durch den unge⸗ wohnten Lärm im Hauſe, an ſie geſchmiegt und bitterlich weinte. Endlich müde geworden, legte es ſein Köpfchen auf der Mutter Schoos und ſchlief da ein, und die Frau bettete es zu ihren Füßen auf den harten Boden, indem ſie ihm nur das eigene dürftige Umſchlagetuch als Kopfkiſſen unter⸗ legte. Das Kind ſchlief da ſo ſanft wie in ſei⸗ nem Bettchen. Sonſt hätte das freilich Frau Liſchke, die das kleine liebe Ding von Herzen gern hatte, nicht zugegeben. Heute gingen ihr aber andere Dinge im Kopfe herum, und ſie ließ zuletzt ſogar ihr Spinnrad im Stiche, um in ihre Kammer zu gehn. Sie wollte den Mann, der — 183— ihr und ihrer Tochter heute, ihrer Meinung nach, ſolch ſchweres Herzeleid angethan, gar nicht mehr ſehen.— Suſanna hatte ebenfalls das Zimmer verlaſſen. Eine Stunde etwa mochte ſo vergangen ſein. Liſchke pochte noch drinnen auf das Blech los, das die Funken davon flogen, und Geſellen und Lehrling arbeiteten ebenfalls, ſo lange ihnen der Meiſter mit ſolchem Beiſpiele voranging, mit eiſernem Fleiß, als ein Fremder an dem Hauſe vorüberging, ſtehen blieb, die kleine Wohnung be⸗ trachtete, und dann auf das Fenſter zukam, an dem die Frau mit ihrem Nähzeug beſchäftigt war. Es ſchien, als ob er dieſe erſt hätte anreden wol⸗ len, aber er beſann ſich anders und ſchritt gerade auf die Werkſtätte zu, die er öffnete und den in⸗ neren Raum betrat. Der Lehrling hatte durch das eine Fenſter den Fremden kommen ſehen und meldete es dem Mei⸗ ſter, der aufſtand, ihn zu begrüßen und zu fra⸗ gen, was er wünſche. Es war ihm gerade recht, daß Jemand kam, mit dem er vielleicht ein hal⸗ bes Stündchen verplaudern konnte; wurde er doch dadurch wenigſtens die fatalen Gedanken los. Möglicherweiſe hatte der Fremde ein Geſchäft mit ihm, aber wenn auch nicht, ſo wird Gaſt⸗ freundſchaft doch in Auſtralien ſo allgemein und — 184— unbedingt geübt, daß jeder Fremde— die grö⸗ ßeren Städte vielleicht ausgenommen,— getroſt irgend ein Haus betreten und feſt verſichert ſein kann, freundlich aufgenommen zu werden. Der Fremde übrigens, der hier an Liſchke’s Thür klopfte, war ein alter Bekannter von uns, der ſeinen Weg durch Buſch und Wildniß glück⸗ lich in dieſen dicht beſtedelten Theil von Süd⸗ Auſtralien gefunden— Mac Donald— und doch hätten ihn wohl kaum, wie er jetzt das Haus betrat, ſelbſt ſeine alten Bekannten und Freunde auf Powell's Farm wieder erkannt. Der Squatter hatte ſich in einen Städ⸗ ter verwandelt, mit dunklen anſtändigen Tuch⸗ kleidern und leichten gefirnißten Stiefeln. Der ſtarke Bart war verſchwunden, bis auf einen klei⸗ nen kurz geſchnittenen Backenbart, das Haar eben⸗ falls beſchnitten, und eine lichtblaue Brille, welche die Augen verdeckte, machte das Geſicht faſt ganz. unkenntlich. Nur die Buſchmütze trug er noch — einen Hut hatte er natürlich in der Sattel⸗ taſche nicht fortbringen können, und dieſe letztere, die ziemlich leer und leicht geworden war, hing über ſeinen linken Arm. „Womit kann ich Ihnen dienen?“ frug Liſchke, als der Fremde durch ſeine Werkſtätte das Haus betrat, indem er ihn freundlich, aber doch nicht *₰ ohne ihn ſcharf von oben bis unten zu betrach⸗ ten, grüßte. Gegen alle modiſch gekleideten Leute hatte er meiſt immer von vornherein eine Art Mißtrauen, bis er erſt wußte, woran er mit ihnen war. 8 „Sie ſind ein Deutſcher— nicht wahr?“ lau⸗ tete die Gegenfrage in ziemlich reinem Deutſch, dem nur ein etwas fremdartiger Dialekt beige⸗ miſcht ſchien.“ „Ja— allerdings—“ meinte dieſer etwas überraſcht, denn er hatte bis dahin geglaubt, ſeine Landsleute immer auf den erſten Blick erkennen zu können—„aber Sie doch nicht — wie?“ 5 „Doch— allerdings,“ lächelte der Fremde, —„aber ein Jahrelanger Aufenthalt in England und Frankreich hat meiner Ausſprache vielleicht etwas beigemiſcht, das ſie Ihnen undeutſch er⸗ ſcheinen läßt. Erlauben Sie mir nichtsdeſtowe⸗ niger, Sie als Landsmann begrüßen zu dürfen, und geſtatten Sie mixgeals Fremder hier im Orte Sie um manches Platz ſelber Betreffendes zu fragen.“ rzen gern,“ rief Liſchke, ihm die Hand zund ſie ſchüttelnd,„dann ſeien Sie aber auch ſo gut und kommen Sie mit in mein Zim⸗ mer, denn hier hört man vor dem Klopfen ſein — 186— eigenes Wort nicht“— und ohne eine Antwort abzuwarten, band er ſeine grüne Zeugſchürze los, wiſchte ſich die Hände etwas daran ab, und lud dann ſeinen Gaſt noch einmal freundlich ein, ihm in das Zimmer zu folgen. Mac Donald folgte ihm und betrat mit ihm gleich darauf das ſtillere Gemach, in dem er nur an dem einen Fenſter die dort arbeitende Frau Hohburg bemerkte, die er achtungsvoll grüßte. „Und woher des Wegs?“ fragte Liſchke, ſei⸗ nem Gaſt einen Stuhl hinſchiebend; und ſich ſel⸗ ber einen anderen herbeirückend—„bitte, machen Sie es ſich bequem, und legen ſie die alte Taſche ab. Es iſt warm heut' draußen, und das Reiſen greift an. Ich wenigſtens will lieber einen gan⸗ zen Tag am Amboße als eine Stunde im Sattel ſitzen.“ „Ich komme zu Fuß,“ ſagte Mac Donald— „und zwar eine ziemliche Strecke Wegs.“ „Zu Fuß? das iſt noch ſchlimmer— aber doch wohl nur von Adelaide.“ „Von anderer Richtung, beſter Herr,“ erwie⸗ derte Mac Donald,—„von Melbourne.“ „Von Melbourne zu Fuß?“ rie r alte Liſchke erſtaunt, und warf dabei einen etibas miß⸗ trauiſchen Blick auf die allerdings beſtäubten, aber doch ganzen und feinen Stiefeln des Fremden. — 187— „Nein,“ lachte dieſer,„das wäre des Guten etwas zu viel— nur etwa zehn oder zwölf Mi⸗ les. Bis dahin bin ich geritten; hatte aber das Unglück, daß mein Pferd von einer„ſchwarzen Schlange“ gebiſſen wurde und trotz aller ange⸗ wandten Gegenmittel ſtürzte.“ „Alle Wetter, das kann Einen freuen,“ ſagte Liſchke, ſich hinter dem Ohr kratzend,—„und da ſind Sie zu Fuß gegangen?“ „Was wollt' ich machen? Sehen die Leute, daß man ein Pferd haben muß, ſo richten ſie auch gewiß ihren Preis darnach ein, und hier werd' ich mit der Zeit ſchon wieder eins zu kau⸗ fen bekommen.“ „Da haben Sie vollkommen recht,“ beſtätigte ihm Liſchke,„aber nach ſolchem Marſch werden Sie auch hungrig ſein“— „Hungrig nicht,“ wehrte ihm Mac Donald, als er vom Stuhle aufſtehen wollte—„wenn ich Sie nur vielleicht um ein Glas Milch bitten dürfte.“— „Ja wohl— mit dem größten Vergnügen— aber jetzt ſind die Frauen alle Beide nicht da. Ach, Frau Hohburg, wären Sie wohl ſo gut und holten ein Glas Milch herein?“ Die Frau ſtand auf und verließ das Zimmer, dem Wunſche Folge zu leiſten. Bei Nennung — 188— * des Namens hatte der Fremde raſch emporgeſehen, und ſein Blick haftete einen Moment forſchend auf der ſchlanken, kränklichen Geſtalt. „Hohburg nannten Sie den Namen?“ fiug er ſeinen Wirth—„wer iſt die Dame?“ „Dame? Du lieber Gott!“ ſagte Liſchke, „eine arme Frau, die hier in der Nachbarſchaft wohnt, und ſich mit Arbeiten bei fremden Leuten ihren kümmerlichen Unterhalt verdient. Sie war verheirathet, ihr Mann aber, ein liederlicher Ha⸗ lunke, der auf einmal, kein Menſch wußte wohin, durchbrannte und, wie man glaubt, mit einem Schiff nach Kaltafornien oder ſonſt in ein weites Land gegangen iſt. Jetzt ſitzt ſie hier allein und bläſt Trübſal, beträgt ſich aber ſo brav und wacker, daß wir ſie Alle gern unterſtützen, wo das irgend angeht. Almoſen nimmt ſie aber nicht, und da geben wir ihr nun hier und da Arbeit, daß ſie doch wenigſtens zu leben hat.“ „Arme Frau!“ „Ja, lieber Herr, das iſt hier in Auſtralien eine ſchlimme Sache,“ ſagte Liſchke, der in der letzten häuslichen Scene reichlichen Stoff für dieſe Betrachtung fand.„Eine Frau, die hier einen liederlichen, nichtsnutzigen Mann hat, iſt rein ver⸗ loren, und könnte nur eben ſo gut gleich in's Waſſer gehn. Ob's in der Luft liegt, oder in .— 189— was ſonſt, aber die Menſchen fangen hier an zu ſaufen, und wo da nur erſt einmal der Anfang gemacht iſt, da geht es mit Poſtillons⸗Schritten in’s Elend hinein. Und was ſie daran haben, möcht' ich nur wiſſen. Bei uns zu Hauſe, nun ja, da trinken ſie ſich auch wohl einmal einen Rauſch an, und gehen dann zu Bett und ſchlafen aus, und wenn ſie die Geſchichte am anderen Morgen betrachten, ſo hat ſie ihnen ein Paar Thaler gekoſtet, und damit iſt's fertig. Hier aber, und Gott weiß, wie ſie's möglich bringen, flie⸗ gen die Pfunde nur ſo zum Fenſter hinaus, und für elenden, erbärmlichen Schnaps, den ich mir nicht einnal in den Rockärmel gießen möchte, werfen ſie das ganze Vermögen hin. Den Mann hat auch nur der Trunk ruinirt, und ſonſt war es doch eigentlich ein ganz reputirlicher Menſch und konnte merkwürdig gelehrt ſchwatzen. Hände hatte er wie ein Frauenzimmer ſo weiß, aber ſaufen that er wie zwei Dragoner. Ja, ja, wer hier eine Tochter hat, ſoll wohl zuſehen, daß er einen ordentlichen und braven Mann für ſie fin⸗ det, ſonſt iſt die Sache faul, und der Teufel baut ſich ſein Neſt in die Wirthſchaft.“) „Sie ſind verheirathet, nicht wahr?“ „Ich? ja das will ich meinen,“ lachte Liſchke —„und wie! Ein Bauer ohne Frau ſollte ein — 190— elendes Leben führen— iſt es ſo manchmal wie ſo. Sie ſind ledig?“ „Allerdings.“ „Und kommen von Melbourne durch den Buſch?“ wiederholte, noch immer erſtauntz, Liſchke vor ſich hin,„alle Hagel, das muß ein weiter, langweili⸗ ger Weg ſein! Wie iſt mir denn, es hieß ja neu⸗ lich einmal, daß ſie drüben in Neu⸗Süd⸗Wales wieder ein Paar Hetzen mit Buſchrähndſchern und Schwarzen gehabt hätten. Nichts davon gehört?“ „Gehört allerdings,“ erwiederte der Fremde, „aber lieber Gott, ſolche Sachen werden gewöhn⸗ lich entſetzlich übertrieben. Aus einer Maus wird immer gleich ein Elephant gemacht.“ „Ja, da haben Sie recht,“ lachte Liſchke, der an Herrn von Pick dachte,„an Aufſchneidern fehlt's uns hier zu Lande nicht, die wachſen ge⸗ rade ſo dick und hoch wie die Gumbäume.— Aber da kommt Ihre Milch; ach, bitte, Frau Hohburg, ſetzen Sie doch auch ein wenig Butter und Brod mit auf den Tiſch— die kalte Milch iſt allein am Ende nicht einmal was nütz.“ „Es thut mir leid, daß ich Ihnen ſo viele Mühe mache.“ „Papperlapapp,“ rief aber Liſchke—„man wird doch einem Gaſt wohl noch Milch und Brod vorſetzen dürfen. Das iſt wahrhaftig das We⸗ — 191— nigſte, was man— ihn thun kann. So, Frau Hohburg, ſeien S Nur ſo gut und ſtellen es dort auf den Tiſch; Se langen nachher ſchon ſelber zu. Nöthigen thu' ich nicht; da ſteht's, und nun laſſen Sie ſich's ſchmecken und wohl bekomm's!“ Wieder hatte der Fremde, bei Nennung des Namens, die ahm jetzt zugekehrten Züge der Frau forſchend—achtet, aber dieſe wandte ſich von ihm ab, azu ihrer Arbeit zurück, und begann auf's Neuc emſig zu nähen. „Wie iſt denn wohl Ihr Name?“ ſagte Liſchke endlich, der mit ſtillem Behagen dem von dem Gaſte entwickelten Appetit eine Weile zugeſehen. —„Ich heiße Lſchke und bin Klempnermeiſter und Bauer.“ „Mein Na⸗ Donald. „Erſt hie ch Sie für einen Squatter aus dem Lande,“ meinte der Deutſche—„weil Sie mii gur ſo eengliſch ausſahen— das ſind Sie aber wohl nicht?“ „Nein— allerdings hatte ich früher die Ab⸗ ſicht, mich irgendwo anzuſiedeln, und wenn ich einen paſſenden Fleck finde, thu' ich's viel⸗ leicht noch.“ „Das Beſte, was ein Menſch thun kann in der Welt,“ ſagte Liſchke.„Das Land iſt hier herum ſtSchreiber,“ erwiederte Mac * 81 — 192— eben nicht das allerfrucht doch recht gute Ernten, un findet dabei ſein ſicheres pachten?“ „Sie ſelber haben hier gep wahr?“ 842 „Früher ja, jetzt aber, Gore eigen. Das Pachten laß ich gelten, man eben nicht anders kann, und ſi kaufsrecht mit einem gleich von v ſtimmten Landpreiſe bekommt.* der Henker drin ſitzen. Die Landeigenthümer nehmen uns mit Kußhand; wir ſind ihnen u wir düngen und arbeiten. de gehört, und wenn wir ihn e⸗ Händen gehabt haben, iſt er von vorher. Das wiſſen di gut, und Viele, wie zum Beit gas, wollen nur Deutſche auf haben.“ „Und vertragen Sie ſich gut mit ſolchen eng⸗ liſchen Landeigenthümern?“ „Warum nicht?“— Sie haben ihren Nutzen dabei und wir auch, und wo das der Fall iſt, verträgt man ſich immer gut. Manche ſchimpfen freilich auch auf ſie und hätten auch alle Urſache, . .193 nigſte, was man ag ſelber daran Schuld wären. Hohburg, ſeien S ha reiche Ludley z. B. ein Paar auf den Tiſch; Sie die in Deutſchland bei ihrem zu. Nöthigen thu ſiit für die ganze Schiffsgeſell⸗ laſſen Sie ſich's der gut geſagt hatten. Die Aus⸗ Wieder hatte in drüben machen den armen Namens, die ie bei einer Menge Contracten, be⸗ forſchend* Miie ſich verpflichten, hier ihre Paſſage ihm ab, feit abzuverdienen, allerlei Geſchichten auf s Neue Fa ſie nachher unterſchreiben, daß ſie „Wie iſt gut ſagen wollen. Gefällt ihnen endlich, der mit K's gewöhnlich: aber das kommt Gaſte entwickelten uut, denn wenn Ihr nicht be⸗ —„Ich heiße 8. ten die Anderen für Euch ein⸗ und Bauer.“ ten die dummen Teufel dann „Mein Nameiſt Kamen drunter, nur um fortzu⸗ Donald. G 1 annn nachher hier von ihnen ge⸗ „Erſt 94 elber unterſchrieben haben, ſo Auler auf und ſchreien über Un⸗ mirr 4¹ Mſt ihnen geſchehen— was dumm iſt, mue. zelt werden. Unterſchreibt Nichts, von dem Ihr nicht wißt, was daraus werden kann. Die ehrlichen Menſchen kommen dabei über⸗ haupt immer am Schlimmſten weg, denn die be. zahlen ohnedies, und die Lumpe drücken ſich ur ihre Contracte herum und denken:— die Anderen werden's ſchon abmachen. D Dazu kommt dann noch, 3 Gerſtäcker. II. 13 4 — 194— * daß wir hier in Auſtralien auch Menſchen haben, die den Auswandereragenten für ein Paar Schil⸗ linge in die Hände arbeiten; verrinete Briefe hin⸗ überſchreiben, was Auſtralien für ein Paradies iſt, und wie die Deutſchen hier von den Engländern auf den Händen getragen werden und ſo weiter. Die dummen Bauertölpel daheim denke was ſie ſchwarz auf weiß ſehen, m ſein, machen ſich eine wundergroße. dem Lande, und wenn's ihnen gut gehee ſie's beſſer— g'rad aus reinem Ueber nuth.“ 3 Liſchke hatte ſich warm dabei geſprochen, und der Fremde ihn ruhig reden laſſen. ſeine Mahl⸗ zeit zu beenden. Es war augenſeinlich, daß er ſich ſehr wenig für dieſe deutſé en Verhältniſſe intereſſirte; deſto mehr Raum korn er ſeinen ei⸗ genen Gedanken dabei geben. Hieſe trugen ihn zu anderen Scenen, und die Frage, mit der er ſeinen redſeligen Wirth unterbrach, wenig er auf die vorige Rede geacht „Sie wiſſen wohl nicht, ob jetzt im Hafen von Adelaide liegen, und vielleicht zur Abfahrt angezeigt ſind?“ „Schiffe?“ ſagte Liſchke, dem dieſe Querfrage zu raſch kam, um ſie gleich beantworten zu kön⸗ nen—„hm, das weiß ich wirklich nicht. Davon erfahren wir hier nur wenig. Wenn nicht manch⸗ Schiffe 2 2 — 195— mal ein Deutſches Schiff eintrifft, das friſche Ein⸗ wanderer und Briefe aus der Heimath bringt, be⸗ kümmern wir uns gar nicht darum.“ „Aber Sie verſchiffen doch Ihre Producte!“ „Das thun die Kaufleute, wenn ja etwas verſchifft wird. Wir Deutſchen verkaufen faſt Al⸗ les an Zwiſchenhändler, das iſt bequemer. Die holen nachher, was wir haben, hier an Ort und Stelle ab, und wir brauchen uns nicht weiter drum zu kümmern.“ „Kann man das hier wohl nicht in der Nach⸗ barſchaft erfahren?“ „Wegen Schiffen? o ja,— der Herr Doc⸗ tor Spiegel hält die Engliſche Zeitung; da ſtehen alle Schiffe drin, die kommen und gehen, und wenn ſie abfahren und was ſie geladen haben.“ „Und wo wohnt der?“ „Keine Pfeife Tabak von hier. Wenn Sie aber nach Adelaide hineingehn, erfahren Sie's ja um ſo viel beſſer. Da liegen die Zeitungen in allen Schenkhäuſern aus.“ „Und halten Sie ſich hier gar keine Zeitun⸗ gen, nicht einmal eine Deutſche?“ frug der Fremde. „So viel ich weiß, erſcheinen doch eine oder zwei Deutſche Zeitungen in Adelaide.“ „Ja, ſie drucken da wohl ſo was,“ meinte Liſchke, indem er ein Bein über das andere hob, 13* — 196— und ſich behaglich im Stuhle zurücklegte,„aber was lieſt man dran? Geſcheidtes ſteht doch Nichts drin, und Politik und derartige Geſchichten, da⸗ rum bekümmere ich mich ſchon lange nicht.“ „Nun, man braucht ſich nicht gerade viel darum zu bekümmern,“ meinte Mae Donald,„muß doch aber auch ein klein wenig davon verſtehen, wenn's auch nur wäre zu wiſſen, wen man zur Geſetzgebung mitwählen ſoll.“ „ Ah bah,“ ſagte der Deutſche— nich wähle gar nicht mit— die Engliſchen thun ſo, was ſie wol⸗ len. Ich zahle meine Taxen und damit Punktum, mit allem Anderen ſollen ſie mich in Frieden laſſen. Wählen? ja, da bummeln ſie einen ganzen Tag herum und ſaufen und ſchreien, und tragen Fahnen herum und andern Unſinn. Wenn ſie zu Hauſe blieben und ihre Arbeit machten, wär's geſcheidter.“ „Aber das muß doch auch ſein,“ lächelte der Gaſt, der unwillkürlich die früheren Zeiten und die Aufregung zur Wahlzeit, mit der jetzigen un⸗ erſchütterlichen Ruhe des biederen Deutſchen ver⸗ glich;—„wer ſoll es thun, wenn ſich die Leute deren eigene Intereſſen es betrifft, nicht darum bekümmern?“. „Die Regierung,“ rief Liſchke mit einem Blick, als ob durch das eine Wort das ganze Problem der Staatskunſt und innern Verwaltung gelöſt ſei—„wofür iſt ſie denn da?— wofür zahlen wir denn unſere Taxen? Das fehlte, daß man ſich auch noch damit befaſſen müßte, und darum bin ich wahrhaftig nicht nach Auſtralien gekom⸗ men. Hier will ich meine Ruhe haben, und bei den Geſchichten, mein lieber Herr, haben wir auch ſchon in Deutſchland ein Haar gefunden. Zettel bekommen und ſeinen Namen drunter ſchreiben, nicht wahr?— und nachher weiß man nicht, was darauf ſteht. Kriegen Sie Liſchke bei ſo was, mir kommt Keiner damit— Einmal die Finger dabei verbrannt und nicht wieder. Aber weshalb erkundigen Sie ſich denn nach Schiffen? Wollen Sie Auſtralien wieder verlaſſen?“ „Nein,“ ſagte Mac Donald, der nicht für gut fand, eine ſolche Abſicht hier kundzugeben, und raſch eine Nothlüge erdachte, um die Antwort, ohne Verdacht zu erwecken, zu umgehen.„Ich habe unterwegs von einem Engländer eine ganze Kiſte mit Auſtraliſchen Vogelbälgen gekauft, die er nun in dieſen Tagen mit ſeinem Karren nach Adelaide ſchicken wird, und möchte dieſelbe gern ſobald als möglich nach Deutſchland verſchiffen, ehe ſie von den Inſekten angegriffen und beſchä⸗ digt werden.“ „Ah— Sie ſind wohl ſelber ſo eine Art von — Naturforſcher, nennen ſie's, glaub' ich“— meinte — 198— Liſchke,„die ganze Säcke voll Steine und Unkraut und todte Vogelfelle zuſammenpacken und in Käſt⸗ chen aufheben. Hier in Saaldorf haben wir auch ſo ein Exemplar, der alle Vögel todtſchießt, die er kriegen kann, und nachher Leute ſucht, die ſie ihm abkaufen.“ „Nein,“ lächelte Mac Donald—„obgleich mich die Auſtraliſche Thierwelt von jeher intereſſirt hat, iſt das doch nur immer Nebenbeſchäftigung bei mir geblieben. Ich bin meinem Berufe na 9 Arzt.“ „Arzt?— Do ctor?“ rief Liſchke und ſprang von ſeinem Stuhle auf—„ja, da dürfen Sie gar nicht wieder fort von hier; der fehlt uns ja hier in Saaldorf wie das liebe Brod. Himmelelement, das wär' recht, wenn wir hier einen ordentlichen Doctor in den Ort kriegten— und Sie ſehen mir aus, als ob Sie Ihre Sache verſtänden.“ „Haben Sie gar keinen Arzt hier in Saal⸗ dorf?“ frug Mac Donald, der ſich hier plötzlich eine Ausſicht eröffnen ſah, die ihn, wenn auch nicht eine bleibende Stätte, doch den günſtig ab⸗ zuwartenden Zeitpunkt finden ließ, um aus Auſtra⸗ lien entfliehen zu können. „Schlimmer als gar keinen,“ rief Liſchke —„einen jungen Laffen haben wir hier— einen richtigen Kiek in die Welt, ſo einen Studenten — — 199— mit einer bunten Mütze und großen Sporen, der das Maul immer voll nimmt und von weiter Nichts wie ſeinen„Curen“ ſpricht.— Ich ärgere mich nur, wenn ich ihn ſehe, und habe ſchon Todes⸗ angſt gehabt, was werden ſoll, wenn einmal Eins von uns krank würde.“ „Haben Sie denn eine Apotheke hier?“ „Das wollt' ich meinen, und eine richtig gute, aber eben Niemanden, der was draus verſchreiben kann, als den Hans Guck in die Luft.— Nein, beſter Doctor, wenn Sie nur halbwege die Idee haben, hier bei uns in Süd⸗Auſtralien zu bleiben, dann ſiedeln Sie ſich um Gottes Willen hier in Saal⸗ dorf an, und Sie ſollen einmal ſehen, es wird Sie nicht gereuen. Wir haben hier gar ordentliche wackere Leute— meiſt Angeſiedelte, und Geld iſt auch im Orte, darauf können Sie ſich verlaſſen. Außerdem finden Sie eine Geſellſchaft von repu⸗ tirlichen Menſchen, wie Sie ſich nur wünſchen können.“ „Sie malen mir da ſehr verlockende Ausſich⸗ ten vor, mein beſter Herr Liſchke,“ ſagte Mac Donald. 1 „Aber nicht beſſer, als ich es verantworten kann“, verſicherte der Klempnermeiſter.„Wenn Ihnen der alte Liſchke etwas ſagt, ſo können Sie ſich auch — 200 feſt darauf verlaſſen. Ich gehöre nicht zu Denen, die Alles plümerantblau und roſenfarben ſehen.“ „Ich glaube es Ihnen gern,“ ſagte Mac Do⸗ nald,„ein Arzt hat aber, wenn er ſich an einem fremden Orte niederlaſſen will, einen ſchwierigern Stand als jeder Andere. Ein Handwerker mag ſich durch Geſchicklichkeit feſtſetzen, ein Kaufmann durch gute Waaren, bei dem Arzte aber iſt Ver⸗ trauen die Hauptſache, und ſobald er ſich das nicht erwerben kann, wird es ihm nie glücken, und wenn er der geſchickteſte wäre.“ „Da haben Sie vollkommen recht, das aber iſt es ja gerade, was bei dem andern Mosje fehlt, und Ihnen hier nicht fehlen wird und kann.“ „Ich müßte mich jedenfalls erſt einmal im Orte umſehen,“ ſagte Mac Donald—„den Apotheker kennen lernen und von ihm Näheres erfahren.“ „Hören Sie— ich will Ihnen etwas ſagen,“ rief da Liſchke, mit der Hand auf den Tiſch ſchla⸗ gend,„ich habe einen Einfall, und wenn Sie ja ſagen, thun Sie mir noch dazu einen Gefallen. Bleiben Sie ein Paar Tage bei mir im Hauſe— wir haben ein Fremdenſtübchen und Sie ſtören uns nicht im Mindeſten— beſehen Sie ſich hier in der Zeit einmal die Naturgeſchichte, und ich weiß gewiß, es wird Ihnen gefallen.“ „Die Einladung, mein verehrter Herr,“ ſagte —— — 201— Mac Donald lächelnd,„war etwas leichtſinnig gegeben. Wenn ich Sie nun beim Worte nähme?“ „Und eingeſchlagen,“ rief Liſchke, ihm die Hand entgegenhaltend. „Topp denn— ich nehme Ihre Gaſtfreund⸗ ſchaft für einige Tage in Anſpruch,“ ſagte Mac Donald nach kurzem Zögern,„und zweifle ſelber nicht daran, daß ich mich mit meiner neuen Um⸗ gebung befreunden werde.“ „Das iſt geſcheidt,“ rief Liſchke, ſich vergnügt die Hände reibend,„und nun werden wir auch hoffentlich dem Laffen, jenem Doctor Dingskirchen oder wie er gleich heißt— den Daumen auf's Auge ſetzen können.“ Liſchke war innig vergnügt. Stets äußerſt gaſt⸗ frei gegen jeden Fremden, beſonders gegen Lands⸗ leute, kam ihm noch außerdem heute der Beſuch außer⸗ ordentlich gelegen. So genau er nämlich wußte, daß in ſeinem Hauſe ſeinem einmal ausgeſproche⸗ nen Willen auch gehorcht werden mußte, und ſo wenig er fürchtete, daß dem zuwider gehandelt werden könnte, ſo kam es ihm doch jetzt gerade ſehr paſſend, einen Fremden um ſich zu haben, in deſſen Gegenwart ſeine Frau den unangenehmen und, wie er glaubte, einmal abgemachten Gegenſtand nicht mehr berühren durfte. Waren dann ein — 202— Paar Tage darüber hingegangen, und hatte ſie ſich Alles genau überlegt, ſo räumten ſſich die Schwierigkeiten von ſelber weg. „Apropos— wie lange iſt es her, daß Sie Deutſchland verlaſſen haben?“ frug er plötzlich, und eben im Begriff, vom Stuhle aufzuſtehen. „Nur wenige Jahre erſt.“ „Deſto beſſer, ich habe überdies lange Nie⸗ manden gehabt, mit dem man einmal ein ver⸗ nünftiges Wort reden könnte— dann ſollen Sie mir viel von Deutſchland erzählen. Machen Sie es ſich nur bequem, und nachher—“ „Aber lieb wär' es mir,“ unterbrach ihn Mac Donald,„wenn ich mich vorher doch nach den Schiffen erkundigen könnte, daß ich, wenn die Sachen eintreffen, die Abfahrtszeit nicht verſäume. Ich möchte mir auch eine Schiffsrheder⸗Adreſſe auf⸗ ſchreiben, der ich ſie anweiſen kann.“ „Ja ſo, wegen Ihren Vogelfellen,“ meinte Liſchke.„Nun gut, da will ich Ihnen etwas ſagen. Da gehen Sie lieber jetzt gleich zu Dr. Spiegel hinunter und machen mit dem ab, was Sie abzumachen haben. Es iſt ein freundlicher, gefälliger Mann, wenn er auch ſonſt ein Bischen verrückte Ideen im Kopfe hat. Mein Mädel ſoll Ihnen indeſſen Ihr Stübchen zurecht machen, und — aber Gott's Blitz,“ unterbrach er ſich plötzlich, —— 8 — 203— wo ſteckt denn die Dirne eigentlich?— Haben Sie Suſanne nicht geſehn, Frau Hohburg?“ „Sie ging vorhin in den Garten,“ erwiederte die Frau. „In den Garten?— ich will doch nicht—“ Er verließ raſch das Zimmer und ließ den Frem⸗ den mit der Frau allein. „Der Name Hohburg,“ ſagte da der Gaſt nach kurzem Schweigen,„weckt alte, liebe und ſchmerzliche Erinnerungen in mir. Aus welcher Gegend von Deutſchland ſtammen Sie wohl, wenn ich fragen darf?“ „Ich?“ ſagte die Frau, indem ihr Antlitz eine hohe Röthe färbte, ohne jedoch von ihrer Arbeit aufzuſchauen—„aus— Thüringen.“ „Dann hab' ich mich geirrt; die Gegend iſt mir fremd. Nur der Name fiel mir auf. Es iſt wunderbar, wie manchmal ein einziges Wort, ein Klang, Scenen aus unſerer Jugendzeit heraufbe⸗ ſchwört, und alte, längſt verträumte Bilder im Nu ihre ganze Farbenfriſche, all den alten Glanz und Schimmer wiederfinden in unſeren Herzen. Wohl dem, dem ſie den ſpäteren Lebensweg erleuchten können, und nicht nur dazu dienen, ihre düſteren Schatten hinüber zu werfen.“ „Wohl dem,“ ſagte die Frau mit leiſer, kaum hörbarer Stimme. — 204— Der Fremde hatte den Kopf in die Hand geſtützt, und ſah ſtill und träumend vor ſich nieder, dann und wann aber doch das Auge forſchend auf die Frau geheftet, bis Liſchke wieder in’s Zimmer trat, und ihm nun den Weg beſchrieb, den er nach der Wohnung des Doctor Spiegel einzuſchla⸗ gen habe. Er trieb ihn dabei zum Aufbruch an, damit er wenigſtens mit Dunkelwerden zurück ſein könne, und ging dann ſelber wieder, ſehr zufrieden mit ſich und dem was er gethan, an ſeine Arbeit, War er doch feſt überzeugt, recht gehandelt zu haben, als er dem unwillkommenen Eidam die Thür wies. Chriſtian dagegen war der paſſende Mann für ſein Mädchen, und daß er jetzt auch noch einen Blitzableiter gefunden, für etwaige häusliche und unangenehme Scenen, ſtimmte ihn noch ganz beſonders froh. Anders dachte Suſanne über von Pick, und wie ſie ſich bis jetzt der Autorität des oft ſehr ſtrengen Vaters unbedingt gefügt, hielt ſie nun, wo er ihr ganzes Lebensglück eigenmächtig ent⸗ ſcheiden wollte, die Zeit für gekommen, in der ſie ſelbſtſtändig auftreten und handeln müſſe. Den Plan dafür zu überlegen, bei dem ſie die Mutter ſicher auf ihrer Seite wußte, war ſie nach der heftigen Seene mit ihrem Vater auf's Aeußerſte gereizt in den Garten gegangen, und hatte ſich dort kaum auf die Bank hinter der Olivenhecke geworfen, wo Oskar heute um ihre Hand ange⸗ halten, als ſie Schritte neben ſich hörte und der Geliebte ſelber vor ihr ſtand. „Um Gottes Willen, was thun Sie noch hier?“ war ihr erſter ängſtlicher Ausruf,„wenn Sie mein Vater in ſeiner jetzigen Stimmung fände, ſetzten Sie ſich dem Aeußerſten aus. Sie kennen ihn nicht; er kann wüthend werden wie ein Wilder.“ 1 „Fürchte Nichts für mich,“ bat der junge Mann, die kaum noch Widerſtrebende in ſeine Arme ziehend,„welche Schrecken könnte er noch nach dieſem letzten furchtbaren Schlage, mit dem er alle Hoffnungen zerſtörte, für mich aufgeſpart haben!“ „Sie können Alles verderben,“ flehte Suſanne, ſich von ihm befreiend—„oh, laſſen Sie mich los, mir iſt das Herz zerriſſen, und ich weiß nicht, was ich thun— was ich denken ſoll.“ „Und willſt Du Dich dem Gewaltſpruch des grauſamen Vaters fügen?— Darf er Dich zu einer Heirath zwingen, gegen die Dein Herz ſich ſträubt?“ „Nein— nein— nein,“ rief Suſanne in furcht⸗ — 206— barer Aufregung und in Thränen ausbrechend: „Ich haſſe dieſen Chriſtian— haſſe ihn wie die Sünde, und ehe ich ſein Weib würde, ſpräng' ich in das Waſſer, wo es am tiefſten iſt.“ „Damit hat es keine Noth, mein Herzchen,“ beruhigte ſie von Pick, der, durch die rauhe Be⸗ handlung des alten Blechſchmiedes gereizt, jetzt feſt entſchloſſen war, ihm gerade zum Trotz die Toch⸗ ter zu heirathen.„Unſeren Geſetzen nach kann und darf er Dich nicht zwingen und Deine letzte Hülfe bleib' ich Dir. Warte noch kurze Zeit; in den nächſten Monaten, ja vielleicht Wochen— es kann in Tagen ſein— werd' ich mich ſo ge⸗ ſtellt ſehen, daß ich Dir eine ſorgenfreie, glückliche Zukunft bieten kann. Läßt es Dein Vater dann zum Aeußerſten kommen, mein Herz, dann darf er ſich auch nicht beklagen, wenn er Dich— wenn er mich dazu treibt. Ich kann nicht ohne Dich leben, ſchon der Gedanke allein bringt mich zum Wahn⸗ ſinn, und wir wollen nicht Beide unſer ganzes Lebensglück der Laune eines alten ſtarrköpfigen Mannes geopfert ſehen.“ „Aber was können wir thun?“ „Ich entführe Dich,“ rief von Pick entſchloſſen⸗ „Einen Geiſtlichen, der uns traut, finden wir überall. Hat des Prieſters Wort dann erſt ein mal unſere Hände in einander gelegt, ſo kann uns — — .-—— — 207— all ſein zorniges Wüthen nicht trennen, und wenn er Dich glücklich ſieht, wird er ſich auch beruhi⸗ gen.“ „Ich verginge vor Angſt, wenn ich ihm ſo unter die Augen treten müßte,“ ſtöhnte Suſanna —„es iſt ja doch mein Vater.“*. „Handelt er aber väterlich an Dir?“ drängte von Pick.„Doch es iſt ja noch gar nicht ſo weit — noch geſtaltet ſich vielleicht Alles zum Guten und nur Zeit— Zeit müſſen wir gewinnen.“ „Ich muß in's Haus, der Vater wird mich ſuchen,“ rief Suſanne, einen ſcheuen Blick nach der Hecke werfend—„wenn er mich jetzt bei Ihnen fände, wäre ich verloren.“ „Dann nenne einen Platz, wo wir uns treffen können,“ bat der Geliebte.—„Wir müſſen uns ſprechen, unſer Beider Glück hängt davon ab.— Nur eine Stunde Ruhe, Alles zu überlegen.“ „Mir ſchwindelt der Kopf, und ich kann keinen Gedanken faſſen,“ klagte Suſanne. „So laß mich für Dich denken, Suſanne. Kannſt Du mir nicht morgen auf irgend eine Weiſe brieflich Nachricht geben, wo wir uns treffen wollen?“ „Das geht nicht— das erführe der Vater gleich. Durch wen ſollte ich den Brief auch ſchicken?— Aber an Chriſtian ſoll ich morgen — 208— ſchreiben und ihn zu uns einladen, die Verbin⸗ dung in Ordnung zu bringen. Eher ſterbe ich.“ „Das trifft ſich herrlich,“ rief von Pick— „wenn nur Chriſtian nicht zugleich erfährt, daß ich ſein Nebenbuhler bin.“ 3 „Mein Vater hat es der Mutter ſtreng anbe⸗ fohlen, Ihre Werbung vor ihm geheim zu halten.“ „Vortrefflich,“ lachte der junge Mann, ſich vergnügt die Hände reibend— „Aber ich begreife nicht—“ „Die Sache iſt unendlich einfach,“ lachte von Pick.„Chriſtian und ich wohnen, wie Du weißt, in Adelaide in einem Hauſe— das heißt ich wohne bei ihm zur Miethe. Chriſtian aber, Töf⸗ fel der er iſt, kann kaum Geſchriebenes nothdürf⸗ tig buchſtabiren, und hat vom Schreiben ſelber wenig mehr Begriff als eine Kuh. Ich beſorge ſeine ganze Correſpondenz, und ſobald er einen Brief bekommt— was übrigens das ganze Jahr nicht dreimal vorfällt— oder irgend einen ge⸗ ſchriebenen Auftrag zu leſen hat, kommt er jedes⸗ mal zu mir, damit ich es ihm entziffere.“ „Aber was hilft das mir, wenn ich an ihn ſchreiben muß?“ „Den Brief bekomme ich doch jedenfalls in die Hände, Schatz, und Du haſt weiter gar Nichts — 209— zu thun, als mir darin den nöthigen Wink zu geben. Vielleicht läßt es ſich durch einen harm⸗ los eingeſchalteten Satz machen, den Du mir nur durch einen vorhergehenden Gedankenſtrich bezeich⸗ neſt.— Geht das aber nicht, ſo richte es ſo ein, daß die erſten Worte der Zeilen für mich ſind. Du biſt mit der Feder ſo gewandt, daß Dir das nur eine Kleinigkeit iſt. Schreibe ihm dann, was Dein Vater befiehlt, Alles, was Du willſt, verſprich meinetwegen ihn zu heirathen, nur ge⸗ winne Zeit.“ „Und wenn er mich beim Worte nimmt?“ „Habe keine Furcht. Bis dahin hat ſich dann Alles geändert, und wir ſchlagen zwei Fliegen mit. einer Klatſche. Wir überliſten Deinen Vater, der ſich in ſeinem Uebermuthe eine Autorität über ſein Kind anmaßt, die er nicht mehr hat, und züchtigen zugleich dieſen unverſchämten Bauer⸗ burſchen, der ſich für gut genug hält, Dich, mein Täubchen, zur Frau zu begehren.“ Suſannens Augen leuchteten. Sie begriff voll⸗ kommen, was der Geliebte von ihr verlangte, und das Abenteuerliche dieſer ganzen, vielleicht nicht einmal nöthigen Liſt hatte ſo unendlich viel Ro⸗ mantiſches, daß ſie ſchon von vornherein für den Vorſchlag eingenommen war. Aber Chriſtian, der arme Burſche liebte ſie doch vielleicht von ganzem Gerſtäcker. II. 14 — 210— Herzen, und ſollte ſie jetzt auf ſo eigenthümlich grauſame Art ihr Spiel mit ihm treiben? „Wenn aber Chriſtian nachher erfährt,“ ſagte ſie leiſe,„daß ich nur meinen Spott mit ihm getrieben, ſo nimmt er ſich's vielleicht zu Herzen.“ „Ja,“ lachte von Pick;—„betrinkt ſich im nächſten Wirthshauſe und ſchläft mit dem Rauſche nachher Liebe und Gram aus. Beſtes Kind, der⸗ gleichen rohes und ungebildetes Volk hat ja gar keinen Begriff von wirklicher Liebe, zu deren feinſten Empfindungen ein gevwiſſer Grad von Bildung immer unerläßlich nöthig iſt. Was der⸗ artige Leute Liebe nennen, beſchränkt ſich immer nur mehr oder weniger auf ihr materielles Wohl, auf eine gewiſſe perſönliche Zuneigung. Gelingt's, i*ſt es gut, gelingt es nicht, nun ſo verſuchen ſie's an einer andern Stelle. Die Mitgift ſpielt bei einer ſolchen Heirath auch faſt immer die Haupt⸗ rolle, und wo die ihnen in der einen Familie nicht genügt, gehen ſie zu einer andern. Alſo Du ſchreibſt, Herzchen, und Chriſtian's Antwort will ich ſchon ſo einrichten, daß Du in den erſten Worten der Zeilen, was ich Dir zu ſagen habe, ebenfalls herausfinden kannſt. Nur ſorge dafür, daß wir vor allen Dingen irgendwo einen Platz und Zeit finden, unſern weitern Plan ſo raſch als möglich zu bereden.“ — 211— „Mir zittern die Glieder, wenn ich an die Folgen denke,“ flüſterte Suſanne—„oh, thun Sie es lieber nicht.“ „Lachen werden wir, wenn wir einſt daran zurückdenken— es iſt der Kampf der Klugheit mit der Stupidität.— Aber noch eine Bitte habe ich an Dich, Herz— nenne mich nicht mehr mit dem kalten Sie. Sollen wir uns, die wir für das ganze Leben einander angehören wollen, nicht einmal Du nennen? Nicht wahr, Du nennſt mich Oskar?“ „Suſanne!“ rief in dieſem Augenblick des Vaters Stimme aus dem Hauſe, und die beiden jungen Leute hörten, wie eine Thür zugeſchlagen wurde. Herr von Pick hielt es deshalb für die höchſte Zeit, ſich zu entfernen, denn er hätte ge⸗ rade jetzt dem alten Meiſter Liſchke nicht begeg⸗ nen mögen. Nur noch einen raſchen Kuß drückte er auf des Mädchens Lippen und glitt wie eine Schlange in die Büſche hinein, und durch die ſchützende Geraniumshecke hin, hinter der ſein Kopf nicht wieder zum Vorſchein kam. 14* 9. Capitel. Doctor S8piegel. „Eine Pfeife Tabak“ von Liſchke's Haus, wie dieſer würdige Mann die Entfernung angegeben, wohnte an der Straße nach Adelaide Doctor Emil Spiegel, der erſt vor mehreren Jahren aus Deutſchland mit Frau und Mutter herübergekom⸗ men war. Etwas hatte er freilich außerdem noch mitgebracht, was er weit beſſer drüben gelaſſen, und das waren ſeine, ein wenig zu poetiſchen Anſichten von dem fremden Lande. Der deutſche Schöngeiſt ſtak ihm noch zu ſehr im Kopfe, und da er im alten Vaterlande nicht im Stande ge⸗ weſen war, ſeine ſämmtlichen Phantaſieen zwiſchen lauter Undankbaren zu verwirklichen und zu ver⸗ werthen, ſuchte er ſich einen andern Wirkungskreis, den er in dem noch jungen blühenden Auſtralien zu finden hoffte. Es wandern alljährlich eine = 2413.— nicht geringe Anzahl ſolcher Schwärmer aus ganz Europa, vorzüglich aber aus Deutſchland aus, und das Schickſal früherer Leidensgefährten kann ſchon aus dem Grunde nie maßgebend für ſie ſein, da ſie ihre Ideen nur für die allein richtigen halten, und allen anderen das Recht und die Möglichkeit der Exiſtenz natürlich von vorn⸗ herein abſprechen. Außerdem gehörte allerdings unſer Dr. Spie⸗ gel zu den Beſſeren, ja vielleicht den Beſten ſeiner Klaſſe, denn er war, ſeine Schwärmereien abgerechnet, ein höchſt achtungswerther, braver Mann, guter Gatte und Sohn, und ſonſt auch ein ganz tüchtiger Menſch, und wenn er dabei ge⸗ blieben wäre, ſeine Theorieen blos aufzuſchreiben und drucken zu laſſen, wären ſeine Schwächen viel⸗ leicht nie ſo offenkundig zu Tage gekommen. Nur daß er ſie ſelber praktiſch ausführen wollte, war ſein Fehler, denn das können überhaupt die we⸗ nigſten Theorieen vertragen. So hatte Dr. Emil Spiegel hier in Auſtra⸗ lien damit begonnen, einen großen, ja den größten Theil ſeines von Hauſe mitgebrachten Capitals in Ackerland und Schafe zu ſtecken, und die un⸗ verhehlte und ausgeſprochene Abſicht dabei, den Auſtraliſchen Squattern zu zeigen, wie man eigentlich Schafe ziehen müſſe. Er richtete ſich — 214— dabei genau nach dem ſehr umfaſſenden Werke, das er ſelber über Ackerbau und Schafzucht ge⸗ ſchrieben, und wie die Sache nachher kam und woran es eigentlich lag, iſt nie recht herausge⸗ kommen, aber die Schafe fielen in Maſſe, der Acker trug Nichts, wenigſtens kaum die Hälfte deſſen, was die Nachbarn erbauten, und Spiegel beſchloß endlich— was er gleich vom Anfange an hätte thun ſollen— das Land und die kleine Herde an einen tüchtigen Oekonomen zu verpach⸗ ten und ſelber mit ſeiner Familie in die Stadt zu ziehen.. Leider ſetzte er ſich dabei wieder in den Kopf, unter einem„tüchtigen Oekonomen“ einen ſolchen Mann zu verſtehen, der ſeine Ideen doch noch verwirklichen und ſeine Bücher zu Ehren bringen ſollte. Darüber ging der letzte Reſt der armen Schafherde zu Grunde, und das Land ſelber be⸗ fand ſich dabei in einem ſo ſchlechten Zuſtande, daß der Pachter nicht allein ſeinen Pacht nicht bezahlte, ſondern bei ihm auch noch Geld dazu borgte. Hoffnung läßt nicht zu Schanden werden, und Dr. Spiegel baute von Jahr zu Jahr noch auf die Verbeſſerung ſeiner Finanzen; ſeine Vermö⸗ gensumſtände verſchlechterten ſich aber dabei un⸗ rettbar, und wenn er für ſich ſelber auch noch „ — 215— immer eine raſche Wendung ſeines Schickſals prophezeihte, wollte der erſehnte Augenblick doch immer nicht erſcheinen. Seine Frau und deren Mutter hatte er mit einem, damals nur wenige Monate alten Kinde, aus Deutſchland mit herübergebracht, zwei andere waren hier geboren worden. Aus den angenehm⸗ ſten Verhältniſſen in Deutſchland herausgeriſſen, war Bertha ihrem Manne nur aus Liebe gefolgt, und wenn ſie auch, ſelber mit viel geiſtigem Scharf⸗ ſinn begabt, recht gut fühlte, daß ihres Gatten Pläne nicht alle ausführbar ſeien, hatte ſie doch von der Zeit und ſeinen Erfahrungen beſſern Er⸗ folg gehofft, als ſich jetzt herauszuſtellen ſchien. Sie theilte dabei den Enthuſiasmus des Gatten nicht, und ihrem ruhigen Verſtande war endlich klar geworden, was das Ende all dieſer nutzloſen Verſuche ſein mußte. Sie ſah, was ihr Mann nicht ſehen wollte oder nicht einſehen mochte, daß ſie jetzt mit langſamen Schritten einer recht düſtern Zukunft entgegengingen, und grämte ſich deshalb heimlich ab. War es ein Wunder, daß ſie unter ſolchen Umſtänden das Heimweh bekam, und ſich zurückſehnte nach dem ſtillern, ſicherern Leben im alten Vaterlande? Ganz das Gegentheil von ihr war ihre Schwie⸗ germutter, die, in abgöttiſcher Liebe an dem Sohne — 216— hängend, mit wahrhaft blindem Vertrauen ſeinen wachenden Träumen folgte. Die Welt mußte ja doch endlich einmal Vernunft annehmen und ge⸗ ſcheidt werden, und wer dann den Gewinn und die Ehre davon hatte, war eben ihr Emil. Allen Befürchtungen der Schwiegertochter trat ſie des⸗ halb auch mit ihrer lächelnden Zuverſicht entge⸗ gen, und Bertha war viel zu guten Herzens, ſie gewaltſam über das aufklären zu wollen, was an ihrem eigenen Leben nagte. Bertha's Geſundheit litt aber unter dieſer fortwährenden Aufregung. Ueberdies von ſchwächlichem Körper, und ſchen jetzt gezwungen, Entbehrungen zu ertragen, die ſie früher nicht gekannt hatte, nahmen ihre Kräfte mehr und mehr ab, und nur gewaltſam mußte ſie ſich oft zwingen, all den Arbeiten, die im Haus⸗ weſen auf ihr laſteten, noch ordentlich vorzuſtehn. Waren ſie doch ſelbſt in der letzten Zeit ſchon genöthigt worden, ihr Dienſtmädchen abzuſchaffen. Mit Spiegel's Advokatur ging es ebenfalls ſehr dürftig. Er war ſelber der Engliſchen Sprache noch keineswegs ſo weit mächtig, um vor Gericht damit durchzudringen, und die Sache ſeiner Clien⸗ ten ſo zu führen, wie er es vielleicht in der Mut⸗ terſprache gekonnt hätte, oder wenigſtens wünſchte. Er verlor einen Proceß nach dem andern, bis ſeine Landsleute ſich endlich an Engländer wandten, und nicht mehr überredet werden konnten, daß es eine Schande ſei, ihre Deutſchen Angelegenhei⸗ ten in Engliſcher Sprache vertreten zu laſſen. Ueberhaupt war damit nicht mehr viel Geld zu verdienen, wenn auch Spiegel der Sache ſeine ganze Thätigkeit zugewendet hätte; ſeine Hauptbeſchäftigung war aber in der letzten Zeit Belletriſtik geworden. Er behauptete nämlich, und ſeine Mutter ſtimmte ihm darin vollkommen bei — daß der Geiſt des Menſchen zu Grunde ge⸗ hen müſſe, wenn er ſich einzig,und allein mit dem Materiellen befaſſe. Auch der Geiſt wolle Nah⸗ rung haben, und da ihm Gott einmal„das Pfund“ gegeben, wolle er auch damit wuchern. Demzufolge begann er einen Roman, in dem ſei⸗ nen Theorieen ihr volles Recht widerfahren ſollte, und wenn ihm auch der künſtleriſche Stoff, über den er nicht recht mit ſich ſelber einig werden konnte, viel zu ſchaffen machte, ſo ſchmeichelte er ſich doch, ein günſtiges Reſultat dadurch zu erzielen. Dieſen Mann hatte ſich, als der praktiſche Liſchke Nichts mit ihm zu ſchaffen haben wollte, Herr von Pick auserſehn, und dabei für ſeine Pläne allerdings keine ſchlechte Wahl getroffen. Hier war auch Pick's Beredtſamkeit an ihrem Platz; er durfte ſeiner Phantaſie freien Spielraum laſſen und überzeugt ſein verſtanden zu werden. — 218— Ohne Weiteres hatte er ſich denn auch, gleich nach dem Abſchiede von Suſannen, zu Dr. Spiegel auf den Weg gemacht und dieſen in ei⸗ ner kurzen aber geheimen Unterredung von dem ganzen Stand ſeiner Ausſichten und Pläne in Kenntniß geſetzt. Davon, daß er bei Liſchke ab⸗ gewieſen, ſagte er natürlich kein Wort; Spiegel dachte aber auch gar nicht daran, die Möglichkeit der Entdeckung zu bezweifeln. Steinkohlen— hier war eine Ausſicht auf plötzlichen Erwerb— eine romantiſche Entdeckung, der er bereits ſelber früher, wenn auch immer er⸗ folglos, mit Hammer und Taſche in den Bergen nachgeſpürt. Daß dieſes an Mineralien ſo reiche Land, das ſchon im Norden ſo ergiebige Kohlen⸗ minen gezeigt, deren auch hier im Süden beſitzen müſſe, war die feſte Ueberzeugung faſt aller Ein⸗ wohner Süd⸗Auſtraliens. Dabei war außerdem die Entdeckung nach drei Seiten hin auszubeuten. Erſtlich— und die Hauptſache— ließ ſich mit einer ſehr geringen Auslage— von Pick hatte nur vorläufig zehn Pf. Sterling gefordert— ein ſehr bedeutender Gewinn erzielen;— dann traf die Ehre der Entdeckung als Mitunternehmer auch ihn, während er in ſeinem letzten Artikel über Auſtralien die Thatſache ſchon theoretiſch bewieſen hatte; und zuletzt lieferte das ganze Geheimniß⸗ — 219— volle des Unternehmens ihm prachtvollen und höchſt erwünſchten Stoff zu ſeinem Roman. Was ließ ſich mehr davon verlangen? Weniger einverſtanden war von Pick damit, daß Spiegel darauf beſtand, ſeine Frau und Mut⸗ ter ſchon jetzt von der gemachten Entdeckung in Kenntniß zu ſetzen. Pick ging von der Anſicht aus, daß um ein Geheimniß ſo wenig Menſchen als möglich wiſſen dürften. Spiegel hatte aber ſeine guten Gründe, darauf zu beſtehen. Einmal wollte er ſeiner Frau, die in der letzten Zeit be⸗ ſonders kränklich und niedergeſchlagen geweſen, die frohe Ausſicht nicht vorenthalten, und dann— hatte ſie auch das Geld in Verwahrung, das von Pick zu den erſten nöthigen Ausgaben von ihm verlangt hatte. Von Pick galt übrigens in der ganzen Anſie⸗ delung für einen wohlhabenden Mann, der, wenn er auch in Auſtralien eben nicht viel Geld ver⸗ diene, doch Zuſchüſſe von ſeiner Familie zu Hauſe erhielt. Sein Vater oder Onkel ſollte eine der erſten Stellen in— bekleiden und ſteinreich ſein — von Pick hatte ſelber daraus kein Geheimniß gemacht. Augenblicklich nur war er, wie er ge⸗ ſtand, ohne baares Geld, da ſein Wechſel erſt in vier Wochen fällig würde. Die ganze Sache aber 1 ſo lange außzuſchieben, ſei nicht räthlich, und von — 220— der Entdeckung eigentlich ſchon mehr als gut ge⸗ ſprochen. Ein Anderer konnte ja leicht dadurch auf die Fährte kommen, und ihnen Ehre und Lohn des Fundes vor dem Munde wegſchnappen. Spiegel ſah das auch vollkommen ein— nicht ſo ſeine Frau. Er war zu ihr in das Zimmer gegangen, ſie von ſeinen Plänen und Ausſichten in Kenntniß zu ſetzen, und Bertha überkam es mit einem eigenen Gefühl der Angſt, als er ihr von der Verbindung mit dem„Lieutenant von Pick“ ſagte. „um Gottes Willen, Emil, laß Dich nicht mit dem Manne ein,“ bat ſie ihn;—„Du weißt was für Gerüchte ſchon hier und da die Stadt über ihn durchlaufen, und wenn die Men⸗ ſchen dem Nachbar auch oft mehr Böſes nacherzäh⸗ len, als ſie verantworten können, iſt doch gewöhn⸗ lich immer etwas Wahres dran.“ Liebes Kind,“ ſagte der Doctor ſehr be⸗ 7 ſtimmt,„Lieutenant oder Herr von Pick iſt ein höchſt genialer Menſch, und dem iſt das pro⸗ ſaiſche Volk faſt immer aufſäſſig. Ich weiß recht gut, was ſie auch von mir reden; darauf können wir Nichts geben. Hier iſt aber die Ausſicht mit ein Paar lumpigen Pfunden Auslage ein Ver⸗ mögen zu verdienen, und möchteſt Du die Ge⸗ — 221— legenheit verſäumen? Hätten wir nicht ſpäter uns ewige Vorwürfe darüber zu machen?“ „Mit ein Paar„lumpigen Pfunden,“ Emil?“ ſagte die Frau mit leiſer, faſt ſchüchterner Stimme —„weißt Du, daß unſer ganzes Vermögen auf wenig mehr als dieſe wenigen Pfunde zu⸗ ſammengeſchrumpft iſt?“ „Unſer ganzes Vermögen? Kind, Du träumſt. Hab' ich nicht noch mein Land und unſer Haus?“ „Die zwanzig Acker Land haſt Du allerdings,“ ſagte ſein Weib,„wenn wir aber in der Art fort⸗ leben, wie wir bisher gelebt haben, und immer nur vom Capital zehren, wie lange ſoll, wie lange kann es dauern?“ 49 „Aber die Kohlenmine, liebes Herz.“ A 64. „Guter Gott, Emil, wann wirſt Du denn ein⸗ mal aufhören, ſolchen Chimären nachzujagen?“ klagte Bertha—„willſt Du aber den Verſuch machen; glaubſt Du daran, was Dir dieſer Herr von Pick geſagt, gut, ſo reiſe mit ihm hinauf, das wird ſo entſetzlich viel nicht koſten, und über⸗ zeuge Dich ſelber von dem Stand der Dinge, aber gieb ihm kein Geld in die Hände. Er iſt wei⸗ ter Nichts als ein Agent, ein Mäkler, der von Kaufmann zu Kaufmann läuft und hinüber und herüber kauft für andere Leute.— Jedes Geſchäft — 222— iſt ihm recht, das ſich ihm bietet, und ich fürchte auch— faſt jedes Mittel.“ „Du thuſt ihm da ſehr unrecht,“ ſagte Spie⸗ gel,„und das gerade zu einer Zeit, wo wir im Begriff ſind, durch ihn vielleicht zu bleibendem Wohlſtand zu gelangen. Doch wie dem auch ſei, ich habe ihm einmal mein Wort gegeben, und muß das halten.“ „Und wie viel haſt Du ihm verſprochen?“ „Zehn Pf. Sterling.“ „Es iſt die Hälfte von dem, was wir noch baar im Hauſe haben,“ ſagte die Frau, indem ſie an die Commode ging, um das Geld herauszu⸗ nehmen.„Der Pacht für Dein Land iſt ſchon auf drei Jahre fällig und noch nicht gezahlt, und iſt daſſelbe, wie uns Liſchke neulich verſicherte, faſt werthlos geworden. Deine ganze Herde iſt ge⸗ fallen, die Zugſtiere ſind durch die Nachläſſigkeit des Pachters fortgelaufen, ſtehen jetzt in anderen Grundſtücken und können ſchon nicht einmal mehr eingelöſt werden, weil die Leute mehr an Futter⸗ koſten verlangen, als die Thiere überhaupt werth. ſind.“ „Das ſind nun Landsleute,“ rief Spiegel, den die Aufzählung aller ſeiner Fatalitäten un⸗ angenehm zu berühren ſchien—„das ſind Deutſche. Cannibalen handeln freundſchaftlicher — 223— unter einander. Aber wartet; Euch vill ich krie⸗ gen. Namhaft mache ich die Burſchen in mei⸗ nem Roman, die ganze Welt ſoll mit Fingern auf ſie deuten und ſagen: das ſind die und die— die haben ſo und ſo gehandelt.“ Die Frau ſeufzte. Sie hatte noch Manches auf dem Herzen, über das ſie mit ihrem Manne gern geſprochen hätte, aber ſie konnte das viele Reden nicht vertragen; die Bruſt ſchmerzte ſie, und mit einem recht wehmüthigen ſtillen Blick gab ſie ihm das verlangte Geld. „Danke Dir, mein Herz,“ ſagte er, indem er ſie an ſich zog und küßte—„aber mach' nicht ſolch ein trauriges Geſicht. Du giebſt Dich viel zu viel trüben fatalen Gedanken hin, und haſt es doch wahrhaftig nicht nöthig. Thu' ich denn nicht Alles, uns wieder emporzubringen? ſpeculire ich nicht nach allen Seiten hin?— habe ich nicht vier, fünf Eiſen immer auf einmal im Feuer?“ „Ja, lieber Emil,“ ſagte die Frau freundlich und mit leiſer Stimme,„Du biſt thätig— Nie⸗ mand könnte Dir den Vorwurf des Gegentheils machen, ohne ungerecht zu ſein— Alles nur, was ich fürchte, iſt— daß Du nicht die rechten Mittel anwendeſt, vorwärts zu kommen. Du giebſt Dich gar zu ſehr Illuſionen hin, Du— Du bit nicht praktiſch.“ †. — — 224— „Praktiſch— praktiſch,“ ſagte Dr. Spiegel, den Kopf hin und her werfend,„das ewige fa⸗ tale Wort, mit dem Du mich ſchon ſo oft geär⸗ gert haſt, Bertha. Praktiſch— Ihr Menſchen verlangt immer nur einzig und allein die trockene, hausbackene Wirklichkeit, und Du biſt gerade ſo wie die Anderen. Was, ich bitte Dich, ſollte denn zuletzt aus uns werden, wenn wir Alle ſo dächten, wenn nicht einige Wenige auch noch an dem Geiſtigen feſthielten. Wir müßten entweder im Schlamme des alltäglichen Lebens untergehn, oder zu einer Reihe von Maſchinen werden, ein⸗ fach Brod zu backen. Nein, mein Herz, laß Du mich nur meine Bahn gehn; ich bin mir eines höheren Zieles bewußt, und daß ich das Mate⸗ rielle nicht ganz aus den Augen verliere, daß ich ihm doch noch wenigſtens einen Theil meiner Kräfte opfere, mag Dir die jetzige Kohlengeſchichte beweiſen. Steinkohlen ſind, wie Du mir nicht ableugnen wirſt, ein ſehr materieller Gegenſtand. — Aber da kommt Beſuch, mein Herz,“ unterbrach er, die ihm jedenfalls erwünſcht kommende Stö⸗ rung benutzend, das Geſpräch, als er aus dem Fenſter die Geſtalt eines Fremden bemerkte, der auf ſein Haus zuſchritt.—„Vielleicht, ein neuer Client,“ ſetzte er lächelnd hinzu—„Gutes wie Böſes kommt nie allein, ſondern bringt ſich faſt — 225— immer Geſellſchaft mit. Paſſ' einmal auf, ob ich nicht recht habe. Von heute an datirt ſich viel⸗ leicht eine neue glückliche Aera in unſerem jetzigen Leben, und Du wirſt Herrn von Pick ſpäter Deine ungünſtige Meinung über ihn wohl noch abbitten müſſen.“ „Das gebe Gott,“ ſeufzte mit leiſer Stimme die Frau, als ihr Mann das Zimmer verließ, um von Pick das Geld zu bringen, wie auch nach dem Begehren des Fremden zu fragen. Sie ſelber blieb noch in ihrer Kammer zurück, ſetzte ſich in den aus beſſeren Zeiten ſtammenden gepolſterten Lehnſtuhl, ſtützte den Kopf in die Hand und ſah ſtill und ſinnend vor ſich nieder. Sie fühlte wohl kaum, daß ihr die großen, ſchweren Thränen, raſch einander folgend, die bleichen Wangen nieder⸗ liefen. Mac Donald hatte indeſſen Doctor Spiegel's Haus erreicht, und an der Thür, auf dem kleinen Porzellan⸗Schild deſſen Namen geleſen. Unterwegs aber war noch eine kleine Veränderung mit ihm vorgegangen, indem er, als er einen Hutladen auf ſeinem Wege ſah, ſeine Buſchmütze mit einem der gewöhnlichen Cylinderhüte vertauſchte, und ſich in ſeiner Kleidung nun durch gar Nichts mehr Gerſtäcker. II. 15 — 226— von irgend einem andern der Städter unter⸗ ſchied. Auch ſein Schritt war leicht und elaſtiſch ge⸗ worden, denn zum erſten Male ſeit langen Mon⸗ den gab er ſich wieder einem, wenigſtens theil⸗ weiſen Gefühl der Sicherheit hin.— Hier, zwiſchen lauter Deutſchen, als deren Landsmann er der Kenntniß ihrer Sprache nach recht gut gelten konnte, brauchte er kaum mehr zu fürchten, von ſeinen Verfolgern aufgefunden zu werden— wären ſie ſelbſt bis hierher ſeiner Spur gefolgt. Außerdem war er hier in der Nähe des Meeres, und jetzt feſt entſchloſſen, mit einem womöglich Deutſchen Schiffe Auſtralien zu verlaſſen und in Deutſchland ſelber ſeinen künftigen Aufenthalt zu nehmen. Auf völlige Sicherheit durfte er, ſelbſt im entfernteſten Buſch, hier in Auſtralien nicht mehr rechnen. Das letzte Beiſpiel war ihm ein warnendes geweſen, und den feſten Gedanken faſſend, zwar den Schrecken eines Auſtraliſchen Kerkers ſich nicht wieder auszuliefern, und müßte er ſelbſt Hand an ſein eigenes Leben legen, fühlte er doch auch, daß er auf die Länge der Zeit dieſe ewige Aufregung, dieſe ununterbrochene Angſt vor Ent⸗ deckung, die ſtete Gefahr, erkannt und überraſcht zu werden, nicht ertragen könne. So raſch als irgend möglich wollte er einem ſolchen Zuſtand — 227— ein Ende machen, wollte ſich die Freiheit, die er ſich mit Gefahr ſeines Lebens wiedergewonnen, auch erhalten, und nur dann erſt konnte und durfte er ſich vollkommen ſicher fühlen, wenn er draußen auf offener See Auſtralien— für ihn Nichts als ein weiter Kerker— in blauer Ferne am Horizont verſchwinden ſah. Mae Donald trat, der Sitte nach, ohne Wei⸗ teres, und nur nach kurzem Anklopfen in das Haus und die untere Stube ein, wo ſich noch Herr von Pick ſehr angelegentlich mit der alten Madame Spiegel unterhielt und jeden Augenblick ſich mehr in ihrer Gunſt feſtſetzte. Sprach er doch von den eminenten Talenten und geiſtigen Fähigkeiten ihres Emils, von dem energiſchen Charakter, von ſeinem Scharfblick in geſchäftlichen Angelegenheiten. Er bedauerte dabei, wie ſie ſelber — daß die Regierung noch bis jetzt immer ſo blind geweſen, ſeinen vernünftigen und praktiſchen Verbeſſerungen in Ackerban und Viehzucht nicht die gehörige Aufmerkſamkeit zu ſchenken, obgleich er recht gut wiſſe, daß der Gouverneur unter der Hand ſchon an verſchiedenen Stellen den Winken Folge geleiſtet habe. Nur öffentlich ſollte das nicht geſchehn— man wollte nicht anerkennen, daß man ihm etwas verdanke— die Verbeſſe⸗ rungen durften von keinem Deutſchen her⸗ 15* — 228— rühren— das Ganze war in der That Nichts weiter, wie Chikane. Der Mann ſprach aus Madame Spiegel's Seele. Solch ein gediegenes Urtheil, ſolche Menſchenkenntniß. Es war ein Glück für ihren Sohn, daß er mit ſolchen Männern Umgang hielt. Der Beſuch ſtörte ſie in der That. „Ich muß tauſend Mal um Entſchuldigung bitten, Sie zu ſtören,“ ſagte Mac Donald, als er das Zimmer betrat und ſich gegen die An⸗ weſenden leicht verneigte—„und komme noch dazu mit einer Bitte. Habe ich das Vergnügen, Herrn Doctor Spiegel—“ „Mein Sohn wird gleich hier ſein,“ ſagte die Matrone—„dieſer Herr iſt ein Freund meines Sohnes, Herr Baron von Pick— mit wem habe ich das Vergnügen?—“ „Schreiber— mein Name iſt Doctor Schrei⸗ ber, ich bin Arzt—“ „Sie wollen ſich wohl hier bei uns nieder⸗ laſſen, Herr Doctor,“ ſagte die Matrone—„aber bitte, ſetzen Sie ſich doch.“ „Noch hängt das von Umſtänden ab,“ erwie⸗ derte der Fremde—„eigentlich wünſchte ich—“ Die Thür ging in dieſem Augenblicke auf und Doctor Spiegel trat herein.— Ich habe ihn a dem Leſer nicht einmal vorgeſtellt. — 229— Das Auffallendſte an ihm war ein langer Schlaf⸗ oder Hausrock von himmelblauem Sammet⸗ mancheſter mit dunkelblauen und weißen Schnü⸗ ren, die Farben der Burſchenſchaft, der er früher angehört, und die auch noch an den Quaſten ſeiner langen Pfeife prangten. Die Füße ſtaken in rothgeſtickten Pantoffeln; den Kopf trug er 9 blos, und ſeine offenen ehrlichen Züge machten ſtets einen wohlthätigen Eindruck. Auch das blonde krauſe Haar ſtand ihm gut, ſowie der kleine zierliche Schnurrbart. Die Augen waren blau, faſt zu licht, und er trug eine Brille. Den Fremden begrüßte er auf das Freund⸗ lichſte, und Mac Donald, der ſich ihm mit weni⸗ gen Worten als Doctor Schreiber vorſtellte, kam auch ohne weitern Zeitverluſt auf ſein Anliegen zu ſprechen, ſeine Bitte nämlich, die von Herrn Doctor Spiegel gehaltene Engliſche oder Deut⸗ ſche Zeitung durchzuſehen, um die Abfahrt der ver⸗ ſchiedenen in Hafen liegenden Schiffe erfahren zu können. „Mit dem größten Vergnügen, lieber Herr und Freund,“ ſagte dieſer verbindlich, ihn dabei am Arm ergreifend—„bitte, ſetzen Sie ſich nur einen Augenblick, ich ſtehe gleich zu Ihren Dien⸗ ſten.“— Ein neuer Client war es allerdings nicht, wie es ſchien. Die angeborene Herzens⸗ — 230— güte Spiegel's ließ ihn das aber auch nicht für einen Moment entgelten, und ſich nur jetzt an von Pick wendend, mit dem er ein Paar Schritte zur Seite trat, ſagte er, indem er ihm das ver⸗ langte Geld einhändigte: „Hier, lieber Freund, iſt, was Sie wünſchen. Möge es das erſte Samenkorn ſein, das wir aus⸗ ſtreuen, und tauſendfältige Frucht tragen, heh?“ „Das wäre ein theures Korn, beſter Doctor,“ lächelte von Pick, indem er die Banknote, ohne ſie anzuſehen, in die Weſtentaſche ſchob,„und möchte unſere Capitalien doch bedeutend angrei⸗ fen, wenn wir einen ganzen Scheffel davon liefern ſollten.“ „Ich hoffe, Sie werden uns nicht auf eine ſolche Probe ſtellen,“ lachte Spiegel—„aber ohne Scherz— laſſen ſie uns bald das Reſultat ſehen, und zögern Sie vor allen Dingen nicht zu lange mit Ihrer eigenen Abreiſe an Ort und Stelle. Es iſt zu gefährlich, die Sache lange aufzuſchie⸗ ben. Erweiſt ſich dann das Ganze wirklich ſo reich, als wir jetzt glauben, und finden Sie Alles beſtätigt, dann ſchreiben Sie mir augenblicklich oder kommen ſelbſt zurück. Ich verkaufe dann mein Land, wir erſtehen zuſammen den dortigen Strich, und halten unſern feierlichen Einzug in Adelaide mit dem erſten Wagen voll Kohlen. Freund, — 231— ich glaube, ich würde wahnſinnig, wenn ich das erlebte.“ „Für jetzt entſchuldigen Sie mich alſo, lebe Doctor,“ ſagte von Pick,„ich habe noch— „Keine Entſchuldigung zwiſchen uns— bitte Sie um Gotteswillen,“ bat Doctor Spiegel, in⸗ 1 dem er ihn ſelber der Thür zuſchob.„Machen Sie ab, was Sie abzumachen haben, und laſſen Sie mich jedenfalls recht bald das Nähere wiſſen. ³4 „Jedenfalls ſehe ich Sie noch, ehe ich abreiſe,“ ſagte der junge Mann laut, indem er ſeinen Hut aufgriff—„Madame, ich habe die Ehre, mich Ihnen gehorſamſt zu empfehlen— Adieu, lieber Doctor.“ Er machte eine ſtumme Verbeugung gegen den Fremden, und verließ raſch das Haus — vor allen Dingen in das nächſte Gaſthaus zu gehen und die Banknote wechſeln zu laſſen. „Nun, mein Herr, ſtehe ich ganz zu Ihrer Dispoſition— ach, liebe Mutter, wo liegt wohl das letzte South-Australian-Register und unſere Deutſche Zeitung— hier?— ah ja— ſehen Sie, hier ſind die letzten Nummern— bitte, ſetzen Sie ſich nur hierher und ſehen Sie nach, was Sie wollen. Jede ſonſtige Auskunft, die ich Ihnen außerdem geben kann, ſteht mit Vergnügen Ihnen zu Gebote.“ — 232— Mac Donald nahm dankend an dem mitten in der Stube ſtehenden und mit Büchern und Scrip⸗ turen bedeckten Tiſche Platz, durchſah flüchtig die Zeitungen und notirte ſich Einiges, was ihn inter⸗ eſſirte, in ſein Taſchenbuch. 8„Sie kommen vielleicht aus dem Innern,“ ſagte Spiegel, der indeß mit auf den Rücken gelegten Händen in der Stube auf⸗ und abgegangen war, als der Fremde die Blätter zurückſchob, und von ſeinem Sitze aufſtand.„Im Buſch d'rin ſind die Zeitungen gewiß entſetzlich ſpärlich geſäet. Wollen Sie Auſtralien wieder verlaſſen?“ „Das noch nicht,“ ſagte Mac Donald, ſeinem frühern Plane treu bleibend, den Zweck nicht zu nennen, wegen dem er die Schiffsliſten nachgeſehn, „ich bin Arzt und zugleich Naturaliſt und habe an einen Freund in Deutſchland eine Sendung aausgeſtopfter Vogelbälge zu liefern, die ich gern einem ſichern, am liebſten Deutſchen Schiffe übergeben möchte. Wie ich ſehe, ſind zwei an⸗ gezeigt, die in kürzeſter Zeit ſegeln werden.“ „Ja, der Anzeige nach,“ ſagte Spiegel,„darauf kann man ſich aber nie verlaſſen, denn wenn die Abfahrt auf den erſten beſtimmt im Blatte an⸗ gekündigt iſt, liegen ſie manchmal noch den zwan⸗ zigſten im Hafen. Das ſchadet aber Nichts, ſchicken Sie die Sachen nur an Bord der Alber⸗ — 233— tine, ein Hamburger Schiff, das gerade im Hafen liegt. Der Capitain heißt Helger und iſt ein ſehr lieber Freund von mir— ſagen Sie ihm nur, daß Sie von mir an ihn adreſſirt ſind, er wird Ihnen Alles richtig beſorgen. Wünſchen Sie es, ſo kann ich Ihnen ſelber ein Paar Zeilen mitgeben.“ Sie ſind ſehr freundlich,“ ſagte Mac Donald, „das wäre mir allerdings angenehm, denn natür⸗ lich liegt mir ſehr viel daran, daß die Kiſte unter⸗ wegs trocken und gut gehalten wird, damit der ziemlich werthvolle Inhalt nicht verderbe.“ „Apropos,“ ſagte da Spiegel—„da haben wir hier im Orte einen Mann, der Sie, wenn Sie ſich mit ſolchen Sachen beſchäftigen, inter⸗ eſſiren wird und der Ihnen auch vielleicht von Nutzen ſein kann— ein gewiſſer Breyfeld. Der läuft das ganze Jahr nur zu dem Zwecke im Buſche herum, Vögel zu ſchießen und abzubalgen, und bringt immer ziemlich große Sendungen nach Adelaide. Wir können ihn vielleicht nachher ein⸗ mal aufſuchen, da er ſich gerade jetzt zufälliger Weiſe in Saaldorf aufhält. Doch— was ich Sie fragen wollte, aus welcher Gegend kommen Sie jetzt?“ „Von Melbourne her.“ „Oh, das iſt ſchade— ich glaubte, Sie kämen — 234— vielleicht vom obern Murray, und hoffte ein Näheres von Ihnen über die letzte Buſchrähnd⸗ ſcher⸗Geſchichte zu hören, die dort, am Rufus glaub' ich, vorgefallen iſt. „Ich habe eben die Notiz in der Zeitung ge⸗ leſen,“ ſagte Mac Donald ruhig—„demnach ſind ein Paar der Entflohenen von der ſchwarzen Polizei wieder eingefangen und den Behörden aus⸗ geliefert worden.“ „Ja, das iſt gar nicht wahr,“ rief Spiegel raſch.—„Die Nachricht war verfrüht. Gefangen hatten ſie den Hauptmann der Schaar, einen ge⸗ wiſſen Jack London allerdings; während der eine Verbrecher aber, nachdem er einen ſchwarzen Po⸗ lizeiſoldaten erſchoſſen hatte und von dieſem ver⸗ wundet war, im Murray ertrunken iſt, hat der Andere— eben dieſer Jack London, der ein ab⸗ gefeimter Schurke ſein muß— wieder gewußt zu entkommen, und die Polizei iſt ihm jetzt von Neuem ſcharf auf der Fährte.“ „In der That?“ ſagte Mac Donald, den Redner ſcharf firirend—„aber woher wiſſen Sie das ſchon, denn dies hier iſt, wenn ich nicht irre, die neueſte Zeitungsnummer?“ „Allerdings, aber heute Morgen hatte ich das Vergnügen, einen alten Freund von mir noch von Sydney her, den Polizeilieutenant Walker zu — 235— ſprechen, der hier durchkam und mir die Nachricht mittheilte. Er war eben im Begriff, ſo raſch als möglich Adelaide und den Hafen zu erreichen, um dort das mögliche Entweichen des Flüchtlings auf einem der ſegelfertigen Schiffe zu verhindern, und hat mich, da ſich im Orte keine Polizei befindet, ganz beſonders erſucht, ein wachſames Auge auf die Nachbarſchaft zu haben. Ich bin Advokat und Notar, wie Sie wahrſcheinlich wiſſen.“ Mac Donald verbeugte ſich leicht gegen ihn und wünſchte ſich dabei Glück, ſeine Kleidung ge⸗ wechſelt zu haben, ehe er die Anſiedelung betreten. Der ihm eigene Scharfblick ſagte ihm aber auch zugleich, daß er von dieſer Seite kaum eine Gefahr zu fürchten habe. Niemand am Murray, auch Lieutenant Walker nicht, wußte, daß er ſo voll⸗ kommen Deutſch ſpreche. Nur der fortgeſchickte Hüt⸗ tenwächter, der ſich irgendwo im Lande herum⸗ trieb— und daß er dem wieder begegnen und von dieſem gerade verrathen werden könne, war nicht wahrſcheinlich. Nur ein Zuſammentreffen mit dem Lieutenant mußte er vermeiden, der doch am Ende ſeine Verkleidung durchſchaut hätte. Einen eigenen Stich aber gab es ihm durch's Herz, als er erfuhr, daß ihm die Rettung zu Schiff wenigſtens für den Augenblick abgeſchnitten ſei, wenn er nicht noch irgend einen Ausweg fände, 4 — 236— auch das zu überwinden. Jedenfalls war er ge⸗ warnt worden, und konnte jetzt ſeine Maßregeln danach nehmen. „Es iſt wirklich ſchade, daß Sie nichts Nähe⸗ res darüber wiſſen,“ fuhr indeſſen Spiegel wieder fort,„hätte unendlich gern die Einzelnheiten die⸗ ſes Falles gehört, die außerordentlich intereſſant ſein müſſen. Dieſer Jack London ſcheint ja ein furchtbarer Böſewicht zu ſein, und hat, glaub' ich, mehr Schwarze und Weiße erſchoſſen, als ich Rebhühner in meinem Leben. Schon die Geſchichte mit dem Reiſenden, dem er die Schuhe ausge⸗ zogen, iſt haarſträubend.“ „Darin haben Sie recht,“ ſagte Mac Donald, dem es vollkommen gelegen kam, daß Spiegel die beiden Verfolgten miteinander verwechſelte,„gehört habe ich auch ſchon von ihm; es ſoll ein wilder, rothköpfiger wüſter Burſche ſein.“ „Rothköpfig?— nein,“ ſagte Spiegel,„der flüchtigen Beſchreibung nach, die mir der Lieutenant von ihm gegeben, hat er ungefähr ein Haar wie Sie, nur voller, und vielleicht etwas dunkler— ſtarken Bart, dunkle Augen, ſchlanke Geſtalt, aber ein verdammt verwegener Kerl. Der Lieutenant wollte nur nicht mit den Einzelnheiten heraus; ſagte, er hätte keine Zeit, oder mochte auch nicht. Dieſe Herren ſind immer viel zu geheimnißvoll — 287— in ihren Angelegenheiten. Ein wenig mehr Offenheit würde ihnen manchmal von großem Nutzen ſein, noch dazu bei unſer Einem, der doch gewiſſermaßen zum Geſchäft gehört.“ „Oh, laſſen ſie die traurigen Geſchichten ruhn,“ bat Mac Donald,„wir haben auf der Welt des Elends genug, warum ſich muthyillig noch ſolche Schreckensſcenen heraufbeſchwören.“ „Ja, aber ich habe meine beſondern Gründe dazu, mein lieber Herr,“ erwiederte der Doctor, ſich die Hände reibend.„Ich bin nicht allein Advokat, ich bin auch Schriftſteller, und arbeite gerade an einem Auſtraliſchen Roman, zu dem ich noch bedeutenden Stoff brauche, um ihn vollenden zu können. Charaktere hab' ich genug— ich ſage Ihnen, prachtvolle Charaktere; nur Stoff fehlt mir, Verwickelung und Situationen muß ich noch haben, um das Ganze pikant und lebenskräftig zu machen. Ich weiß nicht, ob Sie ſich in Derar⸗ tigem ſchon verſucht haben?“ „Allerdings noch nicht,“ lächelte Mac Donald. „Mein Leben bot bis jetzt wohl manches Inter⸗ eſſante, aber ich habe bis dieſen Augenblick noch keine Zeit gehabt, es auf das Papier zu bannen, auch wohl nicht die Fähigkeit dazu. Das iſt eine Gabe vom lieben Gott, die man ſich nicht — 238— ſelber zueignen kann, die einem angeflogen kom⸗ men muß.“ „Da haben Sie recht,“ miſchte ſich auch jetzt die alte Madame Spiegel in das Geſpräch,„und Sie glauben gar nicht, Herr Doctor, was mein Sohn für eine Phantaſie hat. Die Haut ſchau⸗ dert Einem manchmal, wenn er ſo was vorlieſt. Und ſo lebendig beſchreibt er das, man ſieht’s ordentlich in der Stube vor ſich.“ „Liebe Mutter,“ ſagte gutmüthig lächelnd und leicht erröthend Dr. Spiegel,„Du biſt kein un⸗ parteiiſcher Richter, Du haſt nun einmal ein Vorurtheil zu meinen Gunſten, und läßt Dich zu leicht davon beſtechen.“ „Ich?— ja, da kennſt Du mich aber ſchlecht,“ rief die alte Dame—„gerade heraus ſagte ich es Dir, wenn mir'was in Deinen Sachen nicht gefiele.“ „Nun, wie dem auch ſei,“ lächelte der Sohn, „ich kann Ihnen ſagen, lieber Herr, ich habe einige prachtvolle Figuren in meinem Roman, der rein aus dem Leben gegriffen iſt.— Lauter Leute, wie ſie unter uns herumgehen, daß man gleich auf den erſten Blick ſagen kann: das iſt der und der. Ein Charakter beſonders macht mir viele Freude, wird aber auch entſetzliche Schwierigkeit in der Ausführung zeigen. Ich glaube, daß ich — 239— ihm die Haupthandlung überlaſſe. Es iſt ein Weltmüder von Deutſchland— zerriſſen in ſeinem Gemüth— blaſirt— hält uns alle nur für Epi⸗ gonen eines ruhmwürdigen Geſchlechts— läuft mit einem Fez herum, rother Schlafrock— lange türkiſche Pfeife— verzweifelt an der Menſchheit, jammert, daß der rechte Augenblick entſchwunden ſei, und wir einer traurigen Zukunft entgegen⸗ gingen— zaghaft dabei und unentſchloſſen, eine Art Hamlet, doch natürlich in ganz anderer Art. Am liebſten wäre es mir, wenn er am Schluſſe wahnſinnig würde— ich weiß nur noch nicht recht, wes halb? habe auch eigenlich noch Nichts für ihn zu thun— aber ich ſage Ihnen, das iſt ein prachtvoller Charakter und läßt ſich ganz aus⸗ gezeichnet durchführen.“ „Ich wäre ſehr geſpannt darauf, das zu leſen,“ ſagte Mag Donald, der, nur mit ſeinen eigenen Gedanken beſchäftigt, kaum das zehnte Wort von dem Allem verſtanden hatte.—„Sie werden es doch jedenfalls drucken laſſen?“ „Ei, verſteht ſich,“ rief Dr. Spiegel—„ja, zu meinem eigenen Vergnügen arbeite ich ſolcher Art Nichts. Das muß Alles Zinſen, Alles Früchte tragen. Wenn Sie mich einmal einen Abend be⸗ ſuchen wollten, könnten wir recht gut einzeln ſchon fertige Stellen daraus durchgehn.“ 3 — 240— „Es würde mir in der That große Freude machen, etwas Derartiges zu hören,“ antwortete Mac Donald, in der Meinung, damit auf unbe⸗ ſtimmte Zeit hinaus ein gleichgültiges Verſprechen zu geben. Dr. Spiegel dachte aber anders und nahm ihn gleich beim Wort. „Dann bleiben Sie heute Abend bei uns,“ rief er raſch,„nehmen mit uns vorlieb— Haus⸗ mannskoſt, wie es bei Bürgersleuten Sitte iſt— eine Taſſe Thee und ein Butterbrod, und nachher leſe ich Ihnen ein Paar Capitel aus meinen „Antipoden“— ſo hab' ich den Roman genannt. Famoſer Titel, nicht wahr? Dauert es ein wenig lange, ſo macht das auch Nichts, dann bleiben Sie die Nacht bei uns. Das geht in Auſtralien Alles, und man muß ſich nur einzurichten wiſſen.“ Mac Donald erſchrak, denn einer Vorleſung von mehreren Stunden beizuwohnen, die ſogar in eine Uebernachtung ausarten konnte, dazu hatte er in ſeiner jetzigen Stimmung und Lage wahrlich keine Luſt— das Langyeilige einer ſolchen Quälerei ganz, abgerechnet. Nichtsdeſtoweniger lag ihm daran, den Mann ſich freundlich zu halten, ſo lange er wenigſtens in dieſer Nachbarſchaft blieb. Er entſchuldigte ſich alſo damit, daß er heute un⸗ möglich könne, da er vom alten Liſchke ſchon ſo freundlich eingeladen ſei, und dort jedenfalls er⸗ wartet würde.“. „Ah— das iſt etwas Anderes,“ ſagte Spie⸗ gel,„ja dann müſſen Sie heute Abend jedenfalls nach Hauſe. Liſchke iſt übrigens ein furchtbar langweiliger Patron, der von Nichts zu reden weiß als ſeiner Feldbeſtellung oder ſeinem Hand⸗ werk. Es iſt Einer von Ihren ſogenannten prak⸗ tiſchen Menſchen— Maſchinen von Fleiſch und Bein, mit einer Art Denkvermögen, aber ſo ge⸗ ringer Art, daß es ſpäter recht gut noch einmal ebenfalls durch Dampf erſetzt werden kann, gerade wie ſeiner Fäuſte Arbeit, auf die es einzig und allein angewieſen iſt.“ „Liſchke ſcheint übrigens ein ganz ehrenwerther Mann zu ſein.“ „In ſeiner Art allerdings— das einzige Gute, was er gethan, iſt, daß er ſeiner Tochter eine ver⸗ nünftige Erziehung gegeben. Suſanne iſt ein weit über ihre Verhältniſſe gebildetes Mädchen, und findet ſelbſt Geſchmack an der Literatur, etwas, das man von ihrem Vater, der ſich nur für die Marktberichte intereſſirt, nicht ſagen kann. Sie beſucht uns auch manchmal. Da fällt mir ein, ich hatte ſie gerade Dienſtag Abend einladen wol⸗ len, wo ich noch ein Paar Freunde zu mir zu bitten gedachte— der Alte kommt doch nicht mit, Gerſtäcker. II. 16 — 242— und die Frau geht auch nicht aus. Wir können da ein wenig muſiciren und leſen, und Sie wür⸗ den mir eine große Freude machen, wenn Sie ſich ebenfalls einfänden.“ „ Sie ſind ſehr gütig“— „Und warten Sie,“ fuhr Dr. Spiegel geſchäf⸗ tig fort—„da gebe ich Ihnen gleich eine Karte an Suſannchen mit— ſo— hier“ ſagte er, als er ein Paar Worte auf eine Viſitenkarte geſchrie⸗ ben—„bitte geben Sie das der jungen Dame. Apropos, was haben Sie denn eigentlich für ein Geſchäft?“ „Ich bin Arzt,“ erwiederte Mac Donald. „Arzt? und haben vielleicht die Abſicht, ſich bei uns niederzulaſſen?“ „Wenn ſich irgend Ausſichten für mein Fort⸗ kommen böten—“ „ Das wäre vortrefflich— Ausſichten genug, denn ein guter Arzt thut unſerem kleinen Orte jetzt gerade beſonders noth. Aber dann kommt Ihnen auch unſere kleine Geſellſchaft trefflich zu Statten, denn Sie werden da gleich mit einer An⸗ zahl ſehr achtbarer Leute bekannt werden.“ „Es wird uns ſehr viel Freude machen, Sie bei uns zu ſehn,“ unterſtützte jetzt auch die alte. Madame Spiegel die Einladung, und Mac — 243— Donald konnte nicht anders, als ſie dankend an⸗ zunehmen. „Und jetzt,“ ſagte der Doctor, als der Fremde ſeinen Hut nahm,„begleite ich Sie noch eine kurze Strecke. Halt, da fällt mir ja noch ein, daß ge⸗ rade heute Capitain Helger von der Albertine nach Saaldorf kommen wollte. Iſt das der Fall, ſo finden wir ihn drüben im Hotel, keine zweihun⸗ dert Schritte von hier, und Sie können gleich Alles ſelber mit ihm abmachen. Es iſt überdies ein höchſt liebenswürdiger Mann.“ Mac Donald durfte die Aufforderung, um keinen Verdacht zu erregen, natürlich nicht aus⸗ ſchlagen, wenn ihm auch wenig daran lag, gleich von Anfang an mit mehr Menſchen zuſammenzu⸗ kommen und bekannt zu werden, als unumgäng⸗ lich nothwendig war. Von Dr. Spiegel als Deutſcher Arzt eingeführt, diente das aber auch vielleicht zugleich dazu, jeden möglichen Argwohn von ſich abzulenken, und war er nur im Stande, ſeine Rolle als Deutſcher durchzuführen, hatte er nicht das Geringſte mehr für ſeine weitere Sicher⸗ heit zu beſorgen. Spiegel warf dann auch ohne Weiteres ſeinen himmelblauen Schlafrock ab und über einen Stuhl, fuhr in einen am Haken hin⸗ ter der Thür hängenden Rock, ſetzte ſeinen Hut auf und ſagte: 16* „So, lieber Freund, jetzt ſtehe ich ganz zu Ihren Dienſten.“ .„Aber Du biſt ja noch in Pantoffeln, lieber Schatz,“ ermahnte ihn lächelnd die Mutter— „Ach, Du haſt recht, Mütterchen,“ lachte der Sohn,„ja, lieber Gott, wenn man den Kopf fortwährend ſo voll hat.“ „Es ſollte mir leid thun, Sie bei Ihren Ar⸗ beiten zu ſtören.“ „Bitte— bitte, nicht— im— Geringſten,“ rief Dr. Spiegel, während er ſich in die etwas engen Stiefeln hineinarbeitete—„eine kurze Er⸗ holung— ich wollte doch, daß den Schuhmacher der Teufel holte— iſt mir— ganz nützlich. Man darf den Geiſt auch nicht zu ſehr anſtrengen, und drüben im Saaldorf⸗Hotel haben ſie wirklich ausgezeichnetes Bier. So!“ ſetzte er hinzu, indem er ſich noch in den jetzt glücklich angebrachten Stiefeln feſttrat,„nun können wir gehen. Adien, Mütterchen. Sag Bertha, ich wäre in einer Stunde ſpäteſtens wieder zurück.“ Die beiden Männer verließen zuſammen das Haus, als ihnen vor der Thür deſſelben eine eigene wunderliche Figur entgegentrat. Es war ein Schwarzer, wie ſie ſich einzeln, als auch in kleinen Trupps oder Familien ſehr häu⸗ „ fig zwiſchen den Anſiedelungen der Weißen, oder„ . 4 1 — 245— in deren Städten herumtreiben. In den letztern verbietet ihnen aber ein zu dem Zweck erlaſſenes Geſetz, daß ſie in ihrer gewöhnlichen National⸗ tracht, d. h. völlig nackt erſcheinen. Sie müſſen, Männer wie Frauen, wenigſtens ein Hemd an⸗ haben— die geringſten Anſprüche in der That, die man an irgend eine Toilette machen kann— und dieſem Kleidungsſtück iſt ſogar eine gewiſſe Länge vorgeſchrieben. Merkwürdiger Weiſe fügen ſich aber die Männer weit eher dieſer vorgeſchrie⸗ benen Tracht als die Frauen, welche letzteren ſich faſt immer nur in ihre grauen Opoſſum⸗Mäntel einhüllen. Daß da vorzüglich bei den Erſteren die ſon⸗ derbarſten Anzüge vorkommen, läßt ſich denken. Gewöhnlich beſchränken ſie ſich allerdings nur auf die Zwangstracht, und laufen einfach in ihrem Hemde herum, Leuten nicht unähnlich, die bei Feuersgefahr aus dem Bette geſprungen ſind und Nichts als das nothdürftigſte Kleidungsſtück ge⸗ rettet haben. Manchmal kommt es aber doch auch vor, daß Laune oder Geſchmack, oder auch irgend ein humoriſtiſcher Weißer dieſem Coſtüme noch andere Beigaben machen, wie z. B. irgend einen alten abgetragenen Frack, oder eine Weſte, oder eine Eravatte und dergleichen. Hoſen und Schuh⸗ werk ſind ihnen aber das Fatalſte, weshalb ſie 246= ſich dem auch am allerſchwerſten fügen, obgleich ich einmal einen Schwarzen geſehen habe, der ſich die rothen Streifen einer Uniformshoſe mit Harz oder ſonſt etwas auf die bloße Haut an den nack⸗ ten Beinen herunter aufgeklebt hatte. Auch papierene Vatermörder und Manſchetten kommen vor. Das hier ſtehende Individuum trug nun, außer dem eben nicht übermäßig langen blauge⸗ ſtreiften Matroſenhemde, einen ſchwarzen, aller⸗ dings etwas arg mitgenommenen Seidenhut und ein Paar Hoſenträger, zu deren Feſthaltung er ſich einen gewöhnlichen Baſtſtrick um die Mitte des Körpers gebunden hatte, und blieb, als die beiden Männer aus der Thür traten, ſtarr und aufrecht ſtehen und ſah ſie an. „Ah,“ rief Spiegel, als er ihn bemerkte, lächelnd aus—„hier haben Sie wieder eine Figur meines Romans.— Nun?— wie gefällt Ihnen das Exemplar? Uebrigens“— ſetzte er mit ironiſcher Höflichkeit hinzu, indem er noch immer auf den gerade vor ihnen ſtehenden Schwar⸗ zen deutete—„habe ich das Vergnügen, Ihnen hier Herrn Doctor Behr vorzuſtellen.“ Der Vorgeſtellte, ſich genau den Sitten des Volkes fügend, deſſen Hoſenträger, Hemd, Namen und Hut er trug, nahm mit einer raſchen Be⸗ — 247— wegung den letztern ab und ſchwenkte ihn mit tiefer Verbeugung vor dem Fremden, der dabei ein Lächeln nicht unterdrücken konnte. Der Schwarze dagegen bewahrte vollſtändig ſeinen faſt grimmen Ernſt, und bedeckte ſich wieder, als er ſeine Höflichkeit, wenn auch nicht in dem Maße, erwiedert fand. „Sein Name war früher Tunjumlong,“ er⸗ klärte Spiegel weiter,„ein Deutſcher Arzt aber und ſehr tüchtiger Mann, der Auſtralien jetzt lei⸗ der wieder verlaſſen hat und Behr hieß, tauſchte ſeinen Namen, nach der freundſchaftlichen Sitte der Eingeborenen mit ihm. Tunjumlong iſt in Folge deſſen promovirt worden, und jetzt hier allgemein unter dem neuen Namen bekannt.— Nun lieber College, wie geht es Dir eigentlich?“ wandte er ſich dann an den ihn aufmerkſam an⸗ 4 ſchauenden Schwarzen.„Seit wann biſt Du wie⸗ der nach Saaldorf gekommen und wo haſt Du die ganze Zeit geſteckt?“ „Im Buſche drinnen, Miſter,“ ſagte Dr. Behr, mit ziemlich deutlicher und richtiger Ausſprache des Engliſchen, deſſen ſich auch Spiegel mit ihm be⸗ diente;„aber ſchlecht im Buſche— keine Poſ⸗ ſums mehr— keine Känguruh— keine Emus — Dr. Behr hat Hunger.“ „Die alte Geſchichte,“ lachte Spiegel,— in⸗ — 248— dem er eine kleine Silbermünze aus der Taſche nahm und dem Schwarzen gab—„da— kauf' Dir Brod dafür, aber keinen Branntwein— hörſt Du?“ Der Schwarze warf einen flüchtigen Blick auf die Münze, um ſich vorerſt zu überzeugen, ob es auch wirklich weißes Geld ſei— das ſie von rothem recht gut zu unterſcheiden wiſſen— und machte dann eine zweite, der erſten vollkommen entſprechende Verbeugung. Nach Empfang des Geldes hielt er es aber nicht mehr der Mühe werth, über die Verwendung deſſelben Rede zu ſtehn, ſteckte die Münze in Ermangelung einer Taſche in den Mund, und ſchritt langſam und gravitätiſch die Straße hinunter. 10. Capitel. Das„Saaldorf⸗Hotel.“ Das„Saaldorf⸗Hotel“ lag in der Hauptſtraße des kleinen Ortes, und war ein breites, von Back⸗ ſteinen errichtetes Gebäude, das von außen eigent⸗ lich mehr verſprach, als es im Innern hielt. Nichtsdeſtoweniger befand ſich doch eine ziemlich gemüthliche Gaſtſtube— nach Engliſcher Art mit einem Kamine verſehen— darin, und die Bar oder der Schenkſtand war mit Allem reichlich ver⸗ ſehen, was einen durſtigen Menſchen erfreuen, oder einen Nichtdurſtigen zum Trinken verlocken konnte. Außerdem hielt Jakob Meier, der Wirth, ein vortreffliches, dem Deutſchen Geſchmack beſſer zuſagendes Bier als die ſehr ſchweren Ale und Porter, die ſich für Auſtralien nicht einmal gut eignen. In England ſelber, und in dem feuchten, — 250— neblichten Klima ſind ſolche ſchwere Getränke mit Sherry, Port und Cognac oder Brandy ganz ge⸗ wiß trefflich am Platze, und die allgemeine Ver⸗ breitung dort beweiſt ſchon, daß ſie der Natur der Bewohner zuſagen und ihnen heilſam ſein müſſen. Die außerordentlich trockene Luft Auſtraliens da⸗ gegen verlangt keine ſolchen Reizmittel, und ſelbſt leichtere Spirituoſen werden dort, in Menge ge⸗ noſſen, weit leichter ſchädlich wirken, als im alten Vaterlande. Eigentlich verſammelten ſich die gewöhnlichen Stammgäſte des Hotels erſt mit der Dämmerung, wo ſie dann nach guter— oder beſſer geſagt nicht guter— Deutſcher Sitte bis zehn oder elf Uhr des Abends zuſammenblieben. Und man⸗ ches Glas Bier, manchen heißen Punſch, manchen kleinen hochgelben Kümmel mußte der geſchäftige „Barkeeper“ ſolcher Zeit zwiſchen heiß verfochte⸗ nen Argumenten und höchſt nutzloſen, aber nichts⸗ deſtoweniger um ſo viel heftiger durchgekämpften Verhandlungen über Europäiſche Politik den Dur⸗ ſtigen einſchenken. Das eigentliche Geſellſchaftszimmer war eheute auch noch ziemlich leer; nur an einem Tiſche, nächſt dem Fenſter, ſaßen Drei, und an einem an⸗ dern dicht dabei ein Mann, wie es ſchien aber in gemeinſamer Unterhaltung begriffen, wenn auch — — 251— mit verſchiedenen Getränken vor ſich. Die Drei nämlich hatten zwei leere und eine noch ziemlich volle Rheinweinflaſche mit grünen Gläſern auf ihrem Tiſche ſtehen, der einzelne Gaſt aber trank Bier. „Hallo, Doctor— das iſt geſcheidt, daß Sie kommen!“ rief ihnen Schelling, der Apotheker von Saaldorf, entgegen, während der Zweite der Zechenden etwas verlegen aufſtand, und auf Dr. Spiegel zuging, um ihn zu begrüßen— es war Herr von Pick. Nur der Dritte, Capitain Hel⸗ ger, von der Albertine, mit einem behäbigen, ſonn⸗ verbrannten Geſichte und kleinen ſtechenden Au⸗ gen blieb ruhig ſitzen, nickte dem Ankommenden freundlich zu und ſagte lachend, indem er ihm einen Stuhl mit dem einen Fuße herbeiſchob: „Kommen Sie an Bord, Doctor, wir wollten eben nach Ihnen hinüber ſignaliſiren laſſen. Lie⸗ gen nun ſchon hier wohl über eine Stunde bei, mit allen Segeln back, und treiben nach Lee zu, daß es eine Art hat.“ „Lieber Doctor,“ ſagte von Pick, des Freun⸗ des Hand ergreifend und mit leiſer, nur ihm ver⸗ ſtändlicher Stimme,„ich warte hier noch auf John⸗ ſon— unſern Engländer. Er hat mir verſpro⸗ chen, um fünf Uhr hier zu ſein— es iſt mir lieb, daß ich Sie noch ſehe.“ — 252— Der Doctor drückte ihm blos die Hand, wo⸗ bei er freilich einen flüchtigen Blick nach den Rheinweinflaſchen warf, doch lenkte der Capitain bald ſeine ganze Aufmerkſamkeit auf ſich, indem ja ſein Hauptzweck, weshalb er herübergekommen, der geweſen war, ihn zu finden und ihm den Deut⸗ ſchen vorzuſtellen. „Ach, mein lieber Capitain,“ rief er, auf ihn zugehend und ihm die Hand drückend,„freue mich herzlich, Sie einmal wieder auf vernünftigem Grund und Boden begrüßen zu können!“ „Nun, wie iſt's, Doctor,“— lachte dieſer, „nicht einmal wieder Luſt, ſo eine kleine Fahrt zu machen, heh?“— „Danke tauſendmal, Capitain,“ rief aber der Doetor—„allen Reſpect vor Ihrem Schiff, aber das Salzwaſſer ſoll der Teufel holen!“ „Na, wenn Sie ſo denken, dann wundert's mich, daß Sie hier in Saaldorf ſitzen bleiben,“ lachte der Seemann.„Trinken Sie denn hier et⸗ was Anderes? Ihr Caffee ſchmeckt ſalzig, und Ihr Thee, ſelbſt das Bier, und ein Glas Waſſer iſt man gar nicht im Stande hinunterzubringen, außer vielleicht, wenn es ſein muß, als Cur.“ „Oh, ſo ſchlimm iſt es nun auch nicht,“ rief der Apotheker— ein Bischen brakiſch ſchmeckt’'s — das iſt wahr. „Ja, wenn man ein Glas voll auf dem Ofen verdunſten läßt, hat man am andern Morgen Daumen breit Salz unten drin,“ rief der Capi⸗ tain, während die Anderen lachten. „Capitain,“ ſagte der Doctor Spiegel,„ich habe das Vergnügen, Ihnen hier Herrn Doctor Schreiber aus— ich weiß jetzt wahrhaftig ſelber nicht einmal woher Sie ſtammen.“ „Kommt auf die Flagge nicht an, wenn wir nur den Handgriff zum Menſchen, den Namen haben,“ unterbrach ihn treuherzig der Seemann, —„aber bitte, ſetzen Sie ſich doch, meine Herren, oder ich muß ſonſt auch aufſtehn— ja ſo, wollen erſt noch ringsherum ſalutiren— na, da ſchießen Sie los!“ „Herr Apotheker Schelling von Saaldorf— Herrn von Pick kennen Sie— ah und hier un⸗ ſeren wackern Ornithologen, Herrn Breyfeld, von dem ich Ihnen ſchon vorher erzählt habe.“ „So— wenn Sie nun bald klar ſind,“ ſagte da der Capitain, der indeſſen ungeduldig mit dem Kopfe geſchüttelt hatte,„ſo kommen Sie einmal hier vor Anker, und da— Sie Kellner, noch ein Paar Gläſer für die Herren— unſer Nachbar da drüben will keinen Wein trinken.“ „So, lieber Capitain, nun ſteh' ich ganz zu Ihren Dienſten.“ — 254— „Seid Ihr weitläufiges Volk am Land,“— lachte der Seemann. „War im Augenblick abgemacht, lieber Capi⸗ tain, und nun zu Geſchäftsſachen. Dieſer Herr hier wünſcht gern eine Kiſte mit Vogelbälgen— ſchlägt in Ihr Fach, lieber Breyfeld— nach Deutſchland zu verſchiffen, und da hab' ich ihm Sie und Ihr Schiff empfohlen; Sie wären ge⸗ wiß ſo freundlich—“ „Wollen ihm das beſorgen,“ nickte der See⸗ mann,„brauchen Sie nur mit Adreſſe an Bord zu ſchicken.“ „Aber wiſſen Sie, lieber Capitain, daß die Sachen nicht naß werden— es ſind Vogel⸗ bälge—“ „Und wenn's Puppenbälge wären— laſſen ja doch die Geſchichten nicht am Deck herum ſtehn. Aber nun hören Sie mit dem langweiligen Krame auf— Kellner, geben Sie uns gleich noch eine Flaſche von derſelben Sorte— verſtanden?“ 1 „Wann denken Sie wohl zu ſegeln, Capi⸗ tain?“ frug jetzt auch Mac Donald den Seemann, der eben die leer getrunkenen Gläſer wieder füllte. Dieſer zuckte die Achſeln. „Unbeſtimmt, Beſter— hoffe in acht Tagen klar zu werden, wenn die Fracht prompt an Bord kommt. Sind aber noch Kupfererze von der Burra⸗ 2 255— — Burra⸗Mine unterwegs, und die Wege ſchlecht. Länger wie vierzehn Tage wart' ich aber keinen⸗ falls. Was da nicht an Bord iſt, mag dableiben.“ „Alſo glückliche Fahrt, Capitain!“— rief Dr. Spiegel, ſein Glas hebend.„Ruhig Wetter und keinen Sturm!“ 1 „Hol' Sie der Henker mit Ihrem Wunſche!“ lachte der Seemann, ſein Glas zurückhaltend— „wünſchen mir wohl gar vier Monate Windſtille? Meinetwegen mag's wehen, ſo ſcharf es will, nur aus dem Loche, von woher wir's gerade brau⸗ chen, und wenn wir die ganze Reiſe vor gereeften Segeln laufen müßten. Darauf trink' ich mit.“ Die Gäſte ſtießen mit einander an, als die Thür aufging und ein ſehr junger Mann, der kaum einundzwanzig Jahre zählen konnte, mit einem blonden, kaum ſichtbaren Flaumbärtchen mit Reithoſen und Sporen und Reitpeitſche, die Corpsmütze aus der Studentenzeit mit einem Sturmband feſtgehalten, hereintrat, und ſchon in der Thür ein Glas Bier beſtellte. „Guten Abend, meine Herren!“ ſagte er da⸗ bei, während er Mütze und Reitpeitſche auf ei⸗ nen benachbarten Tiſch und ſich ſelber, wie zum Tod erſchöpft, in einen Stuhl warf. Die An⸗ deren erwiederten den Gruß, nur der Apotheker trank langſam an ſeinem Glaſe und murmelte — 256— einen halblauten Fluch über den perlenden fun⸗ kelnden Wein.. „Guten Abend, Doctor Fiedel!“ ſagte Spie⸗ gel, über die Schulter nach ihm hinüber ſehend. „Auch ein Doctor?“ murmelte der Capitain halblaut dem Apotheker zu.—„Hier wimmelt's ja ordentlich davon.“ „Der iſt ſeiner Mutter weggelaufen,“ brummte Schelling,„könnte eher einen Fallhut wie Spo⸗ ren tragen, und einen Zulp ſtatt der Reitpeitſche. Bier kann er trinken.“ „Noch ein Glas, Kellner,“ ſagte der junge Mann, wie um dieſe Worte zu beſtätigen, indem er das kaum vor ihn hingeſetzte mit einem Zuge leerte.—„Donnerwetter, Dr. Spiegel, heute hät⸗ ten Sie bei mir ſein ſollen, da konnten Sie Stoff für Ihren Roman ſammeln. Abenteuer die Hülle und Fülle!“ „Iſt Ihnen der Buſchrähndſcher begegnet?“ rief Dr. Spiegel, ſich raſch und geſpannt nach ihm umdrehend. „Der Buſchrähndſcher?“ frug lachend der Capitain—„haben Sie hier einen beſtimmten?“ „Schlimmer als das,“ rief aber der junge Doc⸗ tor, den zweitgebrachten Krug zur Hälfte leerend und neben ſich niederſtoßend—„lieber wollt' ich zehn Buſchrähndſchern und Strauchdieben begegnen, — 257— als noch ein einziges Mal durchmachen, was ich heut' erlebt.“ „Und das war?“ frugen Alle geſpannt, blos der Apotheker brummte wieder eine nur halbver⸗ ſtändliche Sottiſe in den Bart. „Denken Sie ſich,“ erzählte Dr. Fiedel in dem Eifer des Berichts von ſeinem Stuhle aufſprin⸗ gend und hinter den des Dr. Spiegel tretend, der ſich erwartungsvoll nach ihm umdrehte.„Sie wiſſen, ich habe jetzt furchtbar viel zu thun, und kann kaum, ob ich mich auch zerreißen möchte, meine Patienten alle in einem Tage beſuchen— ja oft in zweien nicht. In voller Flucht alſo von der’ Hochebene hinter Saaldorf niederſprengend, um meine Wohnung raſch zu erreichen und mein Pferd zu wechſeln, vekfehle ich den rechten Pfad, der nach der Brücke zu führt, und ſehe mich plötz⸗ lich am ſteilen Ufer des Stromes.“ „Des Stromes?“ frug Spiegel erſtaunt— „welches Stromes? wir haben ja gar keinen hier außer dem Torrens bei Adelaide, und durch den kann man im Sommer trockenen Fußes gehn.“ „Keinen Strom hier? wie nennen Sie denn das böſe tückiſche Waſſer, das gleich unterhalb Saaldorf in den Torrens mündet— heh?“ „Den Bach, meinen Sie?“ lachte von Pick. „Bach—“ ſagte der junge Arzt verächtlich— Gerſtacker. II. 142 — 258— „gehen Sie nur hinaus und ſehen Sie, wie er von dem letzten Regen angeſchwollen iſt. Mein Pferd bäumte ſich und wollte nicht hinüber, aber ich ſtieß ihm die Sporen in die Flanken, hieb ihm eins mit der Reitgerte über— die Vorderfüße brachen ihm dabei zugleich am Rande der ſchroffen Lehmbank ein, und halb ſtürzend, halb ſpringend erreichten wir die gelbe Fluth, die über uns zu⸗ ſammenſchlug.“ „Na, da ſchlage doch gleich Gott den Deubel todt!“ rief da der Apotheker, der ſeinen Grimm nicht länger verſchlucken konnte;„die ganze Rinne iſt keine vier Zoll tief.“ Der junge Doctor erwiederte Nichts darauf. Er wußte, daß ihn der Apotheker haßte, weil er einmal behauptet hatte, er verſtehe ſeine Recepte nicht zu miſchen, und jetzt ſeine Patienten nach Adelaide ſchickte, um die Medicamente machen zu laſſen— er aber verachtete den Apotheker— „Ueber uns zuſammenſchlug,“ wiederholte er mit einem geringſchätzigen Blick dort hinüber. „Im Nu hatte ich aber mein Pferd wieder empor⸗ gerafft; und von Sporn und Zügel gehoben klomm es die faſt ſenkrecht gelegene Lehmwand hinan.“ „Eine Katze kann hinüberſpringen,“ ſagte der Apotheker, als ob er mit ſich ſelber ſpräche. „Schon glaubt' ich, ich hätte das Schwerſte — 259— überſtanden,“ fuhr aber Fiedel unverdroſſen fort, „denn die Hufe meines wackern Thieres berührten den obern Rand und griffen da ein. Da tauchten plötzlich die wilden Züge eines Schwarzen dicht vor mir auf— gleich neben dem Hals meines Pferdes ſah ich ſeine Augen wie ein Paar Feuer⸗ räder auf mich hereinblitzen, und in der Rechten ſchwang er ſeine kurze Kriegskeule, zum Schlag ausholend, nach meinem Haupte.“. „Ein Schwarzer?“ rief der Apotheker, un⸗ gläubig mit dem Kopfe ſchüttelnd. „Aber das iſt kaum möglich,“ ſagte jetzt Spie⸗ gel—„daß ein Schwarzer es wagen ſollte, hier dicht bei der Anſiedelung einen Weißen anzugrei⸗ fen. Er hat vielleicht in der Nähe geſtanden und Ihnen helfen wollen.“ „Helfen?“ lachte Fiedel höhniſch,„ich danke für ſolche Hülfe. Mit der Linken drängte er den Kopf meines Pferdes wieder die Uferbank hinab und mit der rechten holte er zum tödtlichen Schlage aus. Ich wäre verloren geweſen, hätte mich nicht meine Geiſtesgegenwart gerettet— Kellner, noch einen Krug Bier— aber raſch! So den Oberkörper raſch hinüberwerfend, daß ich den Hals des Pferdes zwiſchen mich und den Angreifer brachte, gewann ich Zeit, unbewaffnet wie ich war, meine Reit⸗ 47* — 260— peitſche in der Hand umzudrehen, und während ich meinem Thier wieder die Sporen in die Seite ſtieß, an deſſen Zaum ſich der Wilde jetzt hing, ſich die ſichere Beute nicht entgehn zu laſſen, traf ich ihn mit ſicherem Schlag über die Schläfe, daß er halb betäubt zurücktaumelte, griff mein Pferd auf, das in dieſem Augenblicke feſten Boden ge⸗ wann, und war im nächſten Moment jeder Gefahr glücklich entronnen.“ „Es iſt wirklich merkwürdig,“ rief auch jetzt von Pick aus, nich bin doch nun ſchon ſo oft und bei Nacht und Nebel hier in der Nachbarſchaft die Kreuz und Quer geritten, und noch nie, weder von Wilden angefallen worden, noch an den Strom mit den ſteilen Uferbänken gekommen.“ „Na, wenn das Euere gerühmte Sicherheit hier iſt,“ ſagte der Capitain,„da dank' ich ſchön, und je eher ich wieder an Bord komme, deſto beſſer.“ „Da ſollte man aber doch eigentlich Anzeige davon machen,“ meinte Breyfeld, der bis jetzt noch keine Sylbe geſprochen, ſondern ſich nur immer den Fremden betrachtet hatte. Die Nachricht, daß er Vogelbälge nach Deutſchland ſchicken wolle, intereſſirte ihn beſonders.„Wenn man die ſchwar⸗ zen Schufte hier thun läßt, was ihnen beliebt, ſo werden ſie am Ende übermüthig. Im Buſche — 261— drinnen iſt ſo kaum noch mit ihnen auszukom⸗ men.“ „Bah, was hilft Ihnen die Polizei?“ rief der junge Doctor mit einem verächtlichen Kopf⸗ ſchütteln.—„Selber iſt der Mann, und die ſchwar⸗ zen Canaillen, die mich angreifen, werden ſich auch die Folgen ſelber zuzuſchreiben haben. Ich werde von jetzt an geladene Piſtolen bei mir füh⸗ ren. Apropos, Doctor, iſt wohl hier im Orte ein Mann, der gute Holſter machen kann?“ „Nun der Sattler doch wohl, aber ich kann mir noch gar nicht denken—“ „Denken?— was hilft mir denken, wenn ich die Beweiſe habe?“ rief der beſpornte Arzt, in⸗ dem er das neugebrachte Bier mehr hinunter⸗ ſchüttete als trank.—„Aber ich muß fort— Kellner, hier für drei Krüge Bier— Donner⸗ wetter, es iſt ſchon ſpät, und ich habe noch fünf oder ſechs Beſuche zu machen— und zwar bis nach Liſchkes hinauf an dem einen und bis nach Dornwebers an dem andern Ende der Stadt.“ „Bei Liſchke's iſt doch Niemand krank, ſoviel ich weiß,“ ſagte von Pick. „Oh, unſer Doctor beſucht auch die Geſun⸗ den,“ lachte Spiegel.—„Suſanna Liſchke nimmt ſeine ganze Aufmerkſamkeit in Anſpruch.“ „Nein, wahrhaftig nicht, Doctor,“ ſagte das — 262— Bürſchchen gleichgültig,„kein Gedanke an die junge Dame, der noch dazu der alte bärbeißige Liſchke immer auf der Hacke ſitzt. Leugnen will ich übrigens nicht, daß ich ernſthaft damit umgehe, mich zu verheirathen. Sie wiſſen ſelber, daß ein Arzt heirathen muß, wenn ſeine Patienten, be⸗ ſonders die weiblichen, Vertrauen zu ihm faſſen ſollen. Aber da— alle Teufel,“ unterbrach er ſich plötzlich, als in dieſem Augenblicke der Kopf eines Schwarzen dicht vor dem Fenſter auftauchte und ſeine Naſe dagegen platt drückte. Wie eine Erſcheinung war er aber auch in demſelben Mo⸗ ment faſt ſchon wieder verſchwunden. „Was war das?“ ſagte der Capitain,„beim Himmel, ich glaube, die ſchwarzen Halunken wol⸗ len uns hier im Zimmer überfallen. Trinken Sie um Gotteswillen aus, daß der Wein nachher beim Handgemenge nicht verſchüttet wird.“ Er hatte übrigens kaum ſein eigenes Glas an die Lippen gebracht, als die Thür aufging, und wie er ſich raſch dorthin umdrehte, ſtand ein Schwarzer darin, im blauen Hemde und einen Seidenhut auf dem Kopfe— mit einem Worte, unſer alter Bekannter, weiland Tunjumlong. „Dr. Behr!“ rief Spiegel uberraſcht und lachend aus. „Na, nu ſetz' mich aber einmal an Land,“ ſagte , — 263— der Capitain,„noch ein Doctor, und noch dazu ein ſchwarzer?— Hier müſſen ja die Doctorhüte wie Pilze aus der Erde wachſen— Heuſchrecken und Mohren!“ Dr. Behr, ohne ſich weiter um die Uebrigen zu kümmern, ging ſchnurſtracks auf den Dr. Fiedel los, und ihm die offene Hand entgegenhaltend, ſagte er freundlich: „Komm, weißer Mann— klein Stück weiß Geld für heute.“ „Weiß Geld?— wofür?“ rief das Bürſchchen erſtaunt, wurde aber zugleich ein wenig roth im Geſichte. „Wofür?“ ſagte Tunjumlong, ohne ſeine Hand zurückzuziehen—„iſt nicht ſchlecht— hat Dr. Behr nicht Pferd aus kleine Bach heute herausge⸗ holt, als weißer Mann heruntergefallen war und ſich nicht zu helfen wußte?“ „Ah, das war der entſetzliche Ueberfall?“ rief der Apotheker triumphirend hinter dem Tiſche vor —„Das war der ſchreckliche Schwarze, und die Kriegskeule trägt er jetzt auf den Kopfe.“ „Lügen— nichts als verdammte Lügen!“ rief jetzt der junge hoffnungsvolle Arzt, ſchleuderte dem Apotheker einen wüthenden Blick zu, und verließ, ohne nur irgend Jemanden zu grüßen, raſch und zornig das Zimmer. — 264— „Kopf ab, daß Blut'raus kommt,“ ſagte der Capitain, ſtill vor ſich hin lachend—„da haben wir die Räubergeſchichte. Dr. Behr hat Alles klar gemacht, und der andere Doctor geht jetzt vor dem Wind vierzehn Knoten die Stunde.“ „Das iſt gottvoll, daß wir den Jungen ſo abgefertigt haben,“ rief augenblicklich der Apothe⸗ ker, dem erſt wieder wohl wurde, als Jener den Rücken gedreht.„So ein Milchſuppengeſicht, das ſich hier Doctor nennt, und ſich wahrſcheinlich vor dem Examen hat relegiren laſſen, kommt nach Auſtralien und will uns ſeine zu Haus an⸗ gebundenen Bären hier als baare Münze auf⸗ tiſchen. Hier, Dr. Behr, das haſt Du heute brav gemacht, da haſt Du Geld—“ und er gab dem ſchmunzelnden Schwarzen einen Schilling in Silber. „Ja, da braß ich auch nicht back,“ ſagte der Capitain, indem er ihm ebenfalls etwas klein Geld gab—„hier, verehrter Doctor— alle Wetter, er hat die Hoſen unter den Trägern weg verloren, und Nichts davon gemerkt. Junge, Junge, wie ſiehſt Du aus— die Beſahn muß auch einen neuen Flicken kriegen.“ Auch Dr. Spiegel und Mac Donald dide ihm etwas, und der Schwarze verließ, vor lauter Vergnügen zwei Reihen prachtvoller Zähne zeigend 2 — 265— und fortwährend mit dem abgenommenen Hute die tiefſten Verbeugungen machend, das Zimmer. Mac Donald, dem hier der Boden unter den Füßen brannte, da in ein öffentliches Gaſthaus jeden Augenblick einer ſeiner Verfolger kommen und ihn erkennen konnte, ſo ſehr er auch ſein Aeußeres verändert, war indeſſen aufgeſtanden und hatte ſeinen Hut genommen, nach Liſchke's zurückzukehren. Der Abend brach überdies an, und es wurde Zeit an den Heimweg zu denken. „Sagen Sie'mal, Herr von Pick,“ frug da der Capitain, indem er die geleerten Gläſer wie⸗ derfüllte—„kennen Sie nicht vielleicht zufällig hier in der Nachbarſchaft, oder in oder bei Ade⸗ laide herum einen Gutsbeſitzer Hohburg?— Hol's der Henker, er ſoll doch hier in Süd⸗ Auſtralien anſäſſig ſein, und ich bin nicht im Stande herauszubekommen, wo. Ich kenne ihn von Deutſchland her, und es wäre mir lieb, wenn ich wenigſtens erfahren könnte, wie es ihm geht.“ „Gutsbeſitzer Hohburg?— nein“ ſagte der Angeredete kopfſchüttelnd.„Der Name iſt mir allerdings bekannt, aber auf einen Hohburg kann ich mich nicht beſinnen.“— „Eine Frau Hohburg wohnt hier irgendwo in der Nähe,“ bemerkte Mac Donald, der bei Nennung des Namens aufmerkſam geworden war, — 266— —„aber ſie iſt Nähterin und— ſo viel ich weiß Wittwe.“ „Ja, das iſt die ſogenannte arme Wittwe,“ ſagte Schelling,„die kenn' ich auch— die kam damals mit ihrem Manne, vom Mount⸗Barker glaub' ich, herüber. Der war aber Handlanger und Schäfer und Gott weiß was ſonſt noch und iſt nachher verſchollen— ein ganz verworfenes Subject der Burſche.“ „Nein, die mein' ich nicht,“ erwiederte der Capitain,„der Hohburg muß hier irgendwo in der Nachbarſchaft eine ſehr bedeutende Beſitzung haben— iſt ein ſteinreicher Kauz und junger hübſcher Kerl— war das früher wenigſtens, wenn er auch jetzt etwas mehr in die Jahre gekom⸗ men iſt.“ „Kenne ich nicht,“ ſagte von Pick—„ſteckt vielleicht irgendwo in einer der anderen Anſiede⸗ lungen, denn Deutſche giebt es hier überall ge⸗ nug.“ „Wiſſen Sie Niemanden, bei dem ich das er⸗ fragen könnte?“ „Hm,“ ſagte Dr. Spiegel,„da iſt der alte Calculator von Dresden, der immer ein Regiſter über die anlandenden Paſſagiere hält und ſich ſorgfältig dabei notirt, was ſpäter aus den Leu⸗ ten wird.— Wenn es irgend Jemand im ganzen — 267— Diſtrict weiß, ſo iſt es der. Seine Wohnung können Sie in Adelaide leicht erfragen.“ „Und wie heißt er?“ „Ja, Wetter noch einmal, wie heißt er denn gleich?— Herr von Pick, Sie kennen ihn ja auch!“ „Allerdings, aber ich kann mich jetzt eben⸗ falls nicht auf den Namen beſinnen.“ „Das kleine dürre Männchen mit den weißen großen Vatermördern?“ frug Schelling. „Derſelbe— Herr Du mein Gott, der Name liegt mir auf der Zunge— er fängt ſich mit einem K. an— es iſt ein Seefiſch.“ „Kabeljau?“ ſagte Helger. „Nein, nein— wie man nur ſo was vergeſſen kann!“ „Krabbe?“ „Nein, nein— jetzt hab' ich's, Koch heißt er.“ „Das iſt ein Seefiſch?“ ſagte Helger, während die Anderen lachten—„na den werd' ich mir merken.“ „Den fragen Sie nur,“ ſagte Spiegel,„wenn der Herr hier irgendwo in Auſtralien exiſtirt oder exiſtirt hat, ſo findet er ſich auch in ſeinen Büchern.“ „Mein beſter Herr Doctor,“ ſagte Breyfeld, der ebenfalls aufgeſtanden war, zu Mac Donald, — 268— „wenn Sie erlauben, begleit' ich Sie ein wenig — wie ich höre, intereſſiren Sie ſich ebenfalls für die Auſtraliſche Vogelwelt, und ich bin da viel⸗ leicht im Stande, Ihnen Auskunft zu geben. Ich beſchäftige mich ſpeciell damit, und habe ebenfalls, wenn Sie vielleicht ſpäter einmal Gebrauch davon machen könnten, eine recht hübſche Auswahl vor⸗ trefflicher Exemplare.“ Mae Donald fühlte, daß er durch ſeine Nothlüge eine, wenn auch nicht unangenehme, doch augen⸗ blicklich läſtige Bekanntſchaft zu machen gezwungen war. Das ließ ſich aber jetzt nicht redreſſiren, ja im Gegentheil diente dies vielleicht gerade dazu, wenn er anſcheinend ernſtlich auf das Geſchäft einging, jeden möglichen Verdacht von ſich abzuwälzen. Ein flüchtiger Buſchrähndſcher beſchäftigt ſich nicht mit ausgeſtopften Vögeln. 5 Breyfeld gehörte in der That zu den originellen Menſchen, die ſich eigentlich in fremden Welt⸗ theilen weit beſſer und wunderbarer entfalten, als in der Heimath. Der Boden iſt dort lockerer, der Raum freier, Sitten und Gebräuche binden ſie nicht ſo feſt an die Stützen, die im alten Vater⸗ lande der Staat für gut findet jedem einzelnen Individuum beizugeben. Ihre Zweige werden nicht beſchnitten und können die barockſten For⸗ men annehmen, und da ſich hier Niemand um — 269— den Andern ſonderlich bekümmert, und jeder un⸗ beachtet, unbehindert ſeinen Weg gehen darf, grünen und blühen ſie luſtig hinaus nach allen nur erdenklichen Fernen und Schnitten. Breyfeld gehörte zu dieſen. Er war früher in Deutſchland irgendwo Amts⸗ oder Gerichts-⸗ ſchreiber geweſen, und hatte ſtets eine beſondere Vorliebe für Vögel gezeigt. Selbſt in ſeine dum⸗ pfige Schreibſtube nahm er ſie, zur großen Aerger⸗ niß ſeiner Vorgeſetzten, mit, und da es ihm end⸗ lich verboten wurde, fing er an den Druck im alten Vaterlande läſtig zu finden. Jeder hat ja ſein beſonderes Fleckchen, an dem er am empfind⸗ lichſten iſt. Eine unbedeutende Erbſchaft, die er bald darauf und unerwarteter Weiſe erhob, kam gerade zu einer, wie er glaubte, günſtigen Zeit, den kleinen Kadis ſeines Diſtrictes zu beweiſen, daß ſich die unteren Beamten eben nicht nach Willkür treten laſſen. Er nahm ſeinen Abſchied und wanderte mit einer wahren Unzahl von Vogelbauern, alle mit den heimiſchen Sängern gefüllt, nach Auſtralien aus. Unterwegs nannten ſie ihn den Papageno; das Geſchäft war jedoch keineswegs ſo ſchlecht ge⸗ weſen, denn er verkaufte, glücklich in Auſtralien angekommen, die Europäiſchen Singvögel zu ſo außerordentlich hohen Preiſen, daß er damit voll⸗ — 270— ſtändig ſeine Paſſage deckte, und es jetzt bei den Antipoden anfing, wo er es bei den Antipoden gelaſſen hatte. Er zog, nachdem er ſein kleines Capital durch ungeſchickte Experimente glücklich verloren, in ein kleines Häuschen in den Buſch, fing Vögel und richtete ſie ab, ſchoß dergleichen und balgte ſie ab oder ſtopfte ſie aus, und ver⸗ kaufte ſie in Sammlungen dann entweder an Schiffscapitaine, die aber wenig dafür zahlten, oder an Kaufleute in Adelaide, die ſie am liebſten geſchenkt genommen hätten. Keinesfalls machte er ein brillantes Geſchäft dabei, lebte zu gleicher Zeit ſo kümmerlich, wie nur ein civiliſirter Menſch im Stande iſt zu leben, entbehrte faſt aller Be⸗ quemlichkeiten, und ſchien wirklich nur in der Be⸗ friedigung dieſer, ſeiner einzigen, Leidenſchaft eini⸗ germaßen Erſatz und Entſchädigung für alles Andere zu finden. Auch in ſeiner Tracht ging er etwas wunder⸗ lich, zeigte wenigſtens einen derartigen Geſchmack. Noch als Amtsſchreiber war nämlich ein grasgrü⸗ ner Frack mit gelben blanken Jagdknöpfen das ge⸗ weſen, nach dem er ſich unaufhörlich geſehnt, wäh⸗ rend ſeine Vorgeſetzten nie davon überzeugt wer⸗ den konnten, daß ſich eine ſolche Kleidung mit den ernſten Geſchäften ſeines Berufs— dem Actenbau— vereinigen laſſe. Sobald er ſich — 271— deshalb unabhängig wußte, und er ſich nicht mehr um die Acten, ſeine Vorgeſetzten nicht mehr um ſein achtbares Aeußere zu kümmern hatten, war es das Erſte, was er ſich anſchaffte, und war er dann ſelber auch in dieſem Kleidungsſtück glücklich nach Auſtralien ausgewandert. Was nun auch ſeine Landsleute über den etwas auffallenden Jadfrack ſagen oder denken mochten, den Schwar⸗ zen gefiel er ungemein, und beſonders für die Knöpfe intereſſirten ſie ſich ſo lebhaft, daß Ein⸗ zelne, die den Träger im Sammeln und Einfan⸗ gen oder Erlegen der Vögel unterſtützten, nur erſt durch das Verſprechen eines ſolchen Knopfes bewogen werden konnten, ein Emu oder einen ſchwer zu erlangenden Vogel herbeizuſchaffen. Breyfeld ſah ſich deshalb in die unangenehme Nothwendig⸗ keit verſetzt, nach und nach einen großen Theil der blanken Knöpfe, die er nicht wieder bekom⸗ men konnte, zu opfern, wobei er die fehlenden mit anderen von Horn erſetzen mußte. Gegen⸗ wärtig waren ſolcher Art nur noch drei der Ur⸗ knöpfe übriggeblieben. Außerdem trug er Kamaſchen und ſehr eng⸗ anliegende ſchwefelgelbe Beinkleider, grobe Buſch⸗ ſchuhe, und eine grüne, ſogenannte Gärtnermütze, die nach allen vier Compaßrichtungen Klappen hatte. Sein Kopf war dabei vollkommen kahl, 7 1.— — 272— und der Apotheker machte darüber, bei jeder nur paſſenden Gelegenheit, den ſtereotypen Witz, daß er die Haare vollſtändig abraſirt habe, nur um ſich Federn ſtehen zu laſſen. Durch ſeinen langjährigen Aufenthalt im Lande kannte Breyfeld übrigens den Buſch genau, und war ſonſt ein einfacher, gutmüthiger Menſch, den Alle, die mit ihm verkehrten, gern hatten. „Apropos, lieber Schelling,“ ſagte da Spiegel, als er ſah, daß ſich Mac Donald zum Aufbruche rüſtete—„erlauben Sie mir erſt einmal, beſter Doctor— ich habe Ihnen die angenehme Nach⸗ richt mitzutheilen, daß mein Freund, Dr. Schrei⸗ ber hier— gar nicht übel Luſt hat, ſich als Arzt bei uns niederzulaſſen, und nur erſt vorher das Terrain ein wenig recognosciren will.“ „Das wär' recht!“ rief Schelling mit vor Vergnügen glänzenden Augen Mac Donald die Hand entgegenreichend—„da hätten wir den jungen Laffen von ſelbſtgemachten Doctor augen⸗ blicklich unter den Schlitten. Sie ſollen einmal ſehn, was Sie hier für eine Praxis bekommen, beſonders jetzt nach dieſem Doctor Fiedel. Sonſt iſt unſer Klima hier eigentlich ein wenig zu ge⸗ ſund, ſowohl für Arzt als Apotheker— das Publikum wird leicht übermüthig, und glaubt am Ende, es brauche beide nicht mehr. Wenn aber — 273— der Doctor noch eine kleine Zeit hier wirthſchaf⸗ tet, ſo kriegen wir Kranke genug, und dann machen Sie eine famoſe Ernte.— Heirathen, um mehr Vertrauen zu gewinnen?— daß Dich die Milz ſticht!— eine Wärterin ſollte man ihm verſchaffen, die ihn hinter den Ohren trocken hielte. So eine Piepkröte— behauptet, ſeine Recepte, die er alle abbrevirt, weil er die Endungen nicht weiß, würden in meiner Apotheke nicht ordentlich ausgeführt— will ſich einen chemiſchen Apparat kommen laſſen, die Arzeneien ſelber zu unterſuchen — ſo ein Maulaffe. Nein, Doctor, das iſt recht— bleiben Sie bei uns, und Sie ſollen einmal ſehen, was für eine Praxis Sie bekommen— wenn die Leute nur eben krank werden wollen. Worin ich Ihnen beiſtehen kann, das ſoll geſchehen, Sie können feſt auf mich rechnen.“ Schelling war ordentlich in Hitze gerathen, und leerte das vor ihm ſtehende Glas Wein auf einen Zug, Mac Donald aber ſagte freundlich: „Ich danke Ihnen für den guten Willen, den Sie mir entgegenbringen. Unter ſolchen Umſtän⸗ den werd' ich dann wirklich ſuchen mir hier eine Stellung zu gründen, und das Vertrauen des Publicums zu gewinnen. Für jetzt, meine Herren, wünſch' ich Ihnen einen vergnügten Abend.“ „Adieu, lieber Doctor!“ ſagte Spiegel⸗ ihm Gerſtäcker. II. 3 + — — 274— die Hand reichend;„alſo auf Wiederſehn!— Ich rechne darauf, daß Sie Ihr Verſprechen für Dien⸗ ſtag Abend nicht vergeſſen.“ „Gewiß nicht,“ ſagte Mac Donald, und ver⸗ ließ mit Breyfeld, der ihn eine Strecke begleitete, das Haus, nach Liſchke's Wohnung, ſeinem vor⸗ läufigen Domicil, zurückzukehren. „Iſt denn das ein Deutſcher?“ ſagte Capitain Helger, als Mac Donald das Zimmer verlaſſen hatte—„Seine Ausſprache klingt doch ſo ſonder⸗ bar, und ſeine ganze Takellage ſieht mir eher nach einem Engländer aus.“ „Er hat lange in England gelebt,“ erklärte Spiegel—„wie er mir unterwegs ſagte, und mag dort allerdings viel von den dortigen Sitten angenommen haben.“ „Scheint übrigens ein ordentlicher Mann,“ meinte Schelling,„und ich bin feſt überzeugt, er wirft den jungen Biertrinker wie Nichts aus dem Sattel.“ „Das wäre nach Dr. Behr's Zeugniß eben kein Kunſtſtück,“ lachte der Capitain—„der Burſche ſah doch famos aus, und den möcht' ich, ſo wie er daſtand, einmal mit nach Hamburg nehmen.“— „unſer Engländer läßt lange auf ſich warten,“ — 275— ſagte Spiegel leiſe zu ſeinem Compagnon.„Sie ſind doch ſicher, daß er kommt, lieber Pick?“ „Der bleibt nicht aus,“ verſicherte der Ange⸗ redete.„Sie ſollten nur ſehen, wie der Feuer und Flamme für unſer Unternehmen iſt!“ „Deſto beſſer,“ lächelte Spiegel, ſich vergnügt die Hände reibend—„aber ich muß jetzt fort,“ ſetzte er laut hinzu.—„Meine Herren— ehe ich mich von Ihnen verabſchiede, möchte ich Sie noch ſämmtlich auf Dienſtag Abend, wenn Sie nichts Beſſeres vorhaben, nur zu einem Butterbrod bei mir einladen. Werde ich das Vergnügen haben, Sie bei mir zu ſehen? Sie auch, lieber Capitain, ich rechne feſt darauf, daß Sie kommen.— Schön! das freut mich herzlich— alſo auf Wie⸗ derſehn!— Guten Abend, lieber Pick!“ „Butterbrod,“ ſagte der Capitain, als ſich die Thür hinter Dr. Spiegel ſchloß—„das iſt der einzige Fall im menſchlichen Leben— wenn man„„nur auf ein Butterbrod““ eingeladen wird — wo die Menſchen gewöhnlich mehr halten, als ſie verſprechen.“ 18* 11. Capitel. Die arme Wittwe. Die Dämmerung brach ſchon an, als Frau Hohburg oder„die arme Wittwe,“ wie ſie die Nachbarn gewöhnlich kurzweg nannten, ihren Heim⸗ weg nach der eigenen ärmlichen Wohnung ein⸗ ſchlug. Sie hatte ihr kleines Mädchen an der Hand und ging ſtill und lautlos die breite ſtau⸗ bige Straße entlang, welche eine Strecke weit zwiſchen hohen Fenzen hin und zuletzt durch einen kleinen, ziemlich offenen Buſch führte. An deſſen anderer Seite ſtand die Hütte und wurde dort wieder von einem großen, wohl umzäunten und einem reichen Engliſchen Landbeſitzer gehörigen Felde begrenzt. „Warum biſt Du nur ſo traurig, heut' Abend,“ ſagte da die Kleine, als ſie ſich dem Hauſe näher⸗ b ten, und ein hier im Buſche weit fühlbarer wer⸗ — 277— dendes Dunkel das Kind wohl mehr beängſtigte, weil die Mutter gar kein Wort dieſen Abend mit ihm ſprach. „Bin ich traurig, mein Lieschen?“ entgegnete Frau Hohburg, freundlich den Kopf der Kleinen ſtreichelnd. „Du redeſt gar nicht— biſt Du böſe auf mich?“ frug ſchüchtern die Kleine. Die Mutter bog ſich nieder und küßte das Kind. „Nein, mein Herzchen, gewiß nicht, Du biſt ſo brav und artig, weshalb ſollte ich da böſe auf Dich ſein!“ „Dann denkſt Du wohl wieder an den Vater, Mama?“ Die Frau antwortete nicht, faßte ihres Kindes Hand und ſchritt raſcher als bisher der kleinen Wohnung zu, deren Thür ſie aufſchloß und den inneren kahlen und traurigen Raum betrat. Darin angekommen zündete ſie ein auf einem ordinairen Blechleuchter ſteckendes Talglicht an, und nahm dann aus ihrer Taſche eine von Liſchke’s mitgebrachte Flaſche Milch, um für ſich und die Tochter das Abendbrod zu bereiten. Das war bald geſchehn; die Milch wurde in zwei Blech⸗ becher ausgegoſſen; aus einem alten Koffer, der in der Ecke ſtand und zum Kleiderſchranke nicht — 278— minder als zur Vorrathskammer diente, nahm ſie ein Brod, ſchnitt davon ab, und verzehrte dann mit der Kleinen das frugale Mahl. Es war eine ärmliche Heimath, in der die Beiden ſaßen, und doch hatte die ſorgende Frau ſelbſt dieſen Aufenthalt ſo wohnlich einzurichten gewußt als irgend möglich. In der einen Ecke ſtand ein aus rohen Holz⸗ platten aufgeſchlagenes Bett mit einer harten, voll Seegras geſtopften Matratze und einer wolle⸗ nen Decke; aber der Ueberzug des Bettes war ſchneeweiß, wenn auch an vielen Stellen ſchon ausgebeſſert. Faſt unheimlich ſtach aber gegen dieſes ärmliche Lager ein reich geſticktes, mit Sammet überzogenes, freilich auch ſchon ſtark be⸗ nutztes Rückenkiſſen ab, das jetzt dem Kind zum Kopfpfühl diente, und erinnerte, mit der feinen Damaſtſerviette, die für das Stück Schwarzbrod und den Blechbecher mit Milch auf dem rauhen wackeligen Tiſche ausgebreitet lag, an beſſere— glücklichere Zeiten. Auch vor dem kleinen Fenſter hing etwas, das in den Raun ſonſt nicht paſſen wollte, eine geſtickte Gardine, aber ſie war ſchon ſo oft gewaſchen worden, daß ſie. an vielen Stel⸗ len nur eben noch dürftig zuſammenhielt. Ueber⸗ haupt herrſchte die größte Reinlichkeit in dem kleinen Gemach— der Boden, obgleich nackt und * - 279— 2 ohne Dielen, war ſauber gefegt und mit duhe ſorgfältig beſtreut; das wenige Blechgeſchirr ſpie⸗ gelblank, und was der Buſch an Blumen lieferte, hatte die Hand der armen Frau gepflückt und damit den einſamen Aufenthalt geſchmückt. Nur die Wände zeigten, daß ein Mann da fehlte, um ſie in Ordnung und Stand zu erhalten. Der Kalk, mit dem die geſpaltenen Stämme beworfen geweſen, war an vielen Stellen heruntergefallen, und die Luft zog kalt durch die dadurch entſtan⸗ denen Lücken. Auch dem Dache fehlte Hülfe, denn bei ſtarkem Regen ſchlug das Waſſer an mancher Stelle durch, und ſammelte ſich im Innern in kleinen Pfützen. Für ein Jägerlager im Walde wäre der kleine, nur halb gegen Wind und Wetter geſchützte Raum allenfalls genügend geweſen, für die Frau mit dem Kinde war es ein trauriger, troſtloſer Auf⸗ enthalt. Als das einfache Abendmahl beendet worden, räumte Frau Hohburg den Tiſch ab, wuſch die Blechbecher draußen am Bache ab und trocknete ſie aus, rückte ſich den einzigen im Zimmer be⸗ findlichen Stuhl zum Tiſche, und das Licht dicht an den Rand deſſelben, um ihre Näharbeit wie⸗ der vorzunehmen. „Biſt Du müde, Rieschen, und willſt Du 4— 280— ſch gehen?“ frug ſie das Kind, das am Tiſche ſtand und ihr aufmerkſam zuſchaute. „Nein, liebe Mama,“ ſagte die Kleine,„ich will mich noch ein wenig zu Dir ſetzen, und Du erzählſt mir dann wieder etwas von Deutſchland und von Großmama, und von den großen ſchönen Schulen, die dort ſind, und den vielen kleinen Mädchen, die da hineingehn und ſo viele und hübſche Dinge lernen dürfen. Nicht wahr, Mama?“ Die Frau ſeufzte recht aus tiefſter Bruſt, ließ ihre Arbeit in den Schoos ſinken, winkte ihr Kind zu ſich heran und küßte, es leiſe an ſich preſſend, deſſen Scheitel.“ „Aber Du mußt nicht weinen, Mama,“ ſagte die Kleine bittend, als ſie eine heiße ſchwere Thräne auf ihre Stirn niedertropfen fühlte.„Der Vater wird ſchon wiederkommen und Dich recht lieb haben. Er ſchlägt Dich gewiß nicht mehr. Du biſt ja ſo brav und arbeiteſt ſo viel— in Einem fort, Tag und Nacht faſt.“ „Sei ruhig, mein Kind— ſei ruhig,“ bat die Mutter, die Kleine feſter an ſich preſſend;„Du brichſt mir,— Du brichſt mir das Herz. Komm — ich will Dir erzählen.— Hol' Dir Dein klei⸗ nes Holzbänkchen vor und ſetze Dich hier neben mich.“ — 281— „Und wann wird der Vater wiederfunmen, Mama?“— „Ich weiß es nicht, mein Lieschen,— wenn er noch lebt, wohl recht bald.“ „Gewiß wird er noch leben,“ rief die Kleine, raſch zur Mutter aufſchauend.„Ich habe ja doch alle Abende für ihn beten müſſen, und Du haſt mir geſagt, daß der liebe Gott das Gebet der Kinder erhöre.“ „Ja, er wird wiederkommen, mein Lieschen,“ rief die Mutter, jetzt nicht mehr im Stande, die vorquellenden Thränen zurückzuhalten—„und wird uns Beide lieb— recht lieb haben. Er iſt ja nur fortgegangen, um Geld für uns zu holen, daß wir wieder zur Großmama kommen können.“ „Und Großmama hat uns recht lieb, nicht wahr, Mama?“ „Ja, ja, mein Kind,“ flüſterte die Frau— „recht, recht lieb. Und dort wird Lieschen dann in eine ſchöne große Schule gehn, mit anderen kleinen Mädchen, und in einem weichen, warmen Bettchen ſchlafen, und warme hübſche Kleider tra⸗ gen, und viel, recht viel lernen.“ „Ach, wie freu' ich mich darauf, Mama— wenn nur der Vater recht bald das Geld brächte. — Und nicht wahr, Mama, dann bekommſt auch Du gute und warme Kleider, und arbeiteſt nicht — 282— meh viel, und wir wohnen nicht mehr ganz allein im Buſche drin wie hier.“— „Geh hinaus, mein Herz,“ ſagte jetzt die Mutter, die einen Augenblick allein zu ſein wünſchte, um ſich zu ſammeln,„und hole mir einen Trunk friſches Waſſer— aber nimm Dich in Acht, daß Du nicht fällſt.“* „Der Mond ſcheint ja, Mama,“ ſagte Lieschen, die, der Bitte raſch gehorchend, einen Blechbecher nahm und der Thür zuſprang,„ich kenne ja doch unſern Waſſerplatz.“ Das Kind lief hinaus, der Mutter den friſchen Trunk zu holen, und dieſe blieb indeß, das ſor⸗ genſchwere Haupt in die Hand, den Ellbogen auf den Tiſch ſtützend, zurück, und ſchaute, während die Arbeit im Schooſe ruhte, ſtill und traurig vor ſich nieder. Aber Lieschen hätte ſchon zurückſein können— war es ihr doch auch faſt, als ob ſie draußen die Stimme von Sprechenden gehört. Sie rich⸗ tete ſich raſch und erſchreckt empor und horchte nach dem verhangenen Fenſter hinüber— draußen ſprach eine Mannsſtimme und das Kind ant⸗ wortete. Als ſie raſch nach der Thür wollts, kam ihr Lieschen hier ſchon entgegen.— „Mit wem ſprachſt Du, Lieüchen— wer war draußen?“ — 288 ⸗ „Ein armer Mann, Mama, der hungrig iſt und mich um ein Stück Brod gebeten hat.“ „Ein armer Mann?“ fragte Frau Hohburg erſtaunt, denn Bettler gab es in der Colonie gar nicht—„und haſt Du ihm nicht geſagt, daß er nach dem Gaſthauſe gehen ſolle?“ „Ja, Mama, aber er meinte, er habe kein Geld— und er frug mich auch, ob der Vater nicht zu Hauſe ſei, und ob er die Nacht hier ſchlafen könne.“ Die Frau ſchüttelte mit dem Kopfe, nahm aber das Brod wieder aus dem Kaſten und ſchnitt ein Stück davon ab. „Bleib' hier, Lieschen, bis ich zurückkomme,“ ſagte ſie, indem ſie damit der Thür zuſchritt— „ſetze den Becher nur dort auf den Tiſch, ich bin gleich wieder bei Dir.“ Sie öffnete die Thür und trat vor die Hütte. Wenige Schritte davon, auf einem dort vor langen Zeiten umgeſchlagenen Gumbaume, ſaß die zu⸗ ſammengebeugte Geſtalt eines Mannes, einen alten Strohhut auf dem Kopfe, die Arme über die Kniee, und den Kopf darauf gelegt. „Hier, Freund, iſt Brod für Euch,“ ſagte die Frau in Engliſcher Sprache zu ihm,„ſeid Ihr krank?“ „Ich glaube— ja,“ antwortete der Mann, — 284— der ſich, als er die Stimme hörte, aufrichtete und dankend das Brod nahm—„wie Blei liegt es mir in den Gliedern und ich kann kaum noch fort. Hättet Ihr nicht eine Stelle hier für mich, wo ich ſchlafen könnte?“ Die Frau ſah ihm in das zu ihr aufgewen⸗ dete bleiche bärtige Geſicht— „Wie heißt Ihr?“ frug ſie mit leiſer, zittern⸗ der Stimme, ohne ſeine Frage zu beantworten. „Miller,“ ſagte der Mann—„ich komme weit aus dem Buſche.“ Die Frau ſtieß einen tiefen Seufzer aus und ſagte dann: „Es thut mir leid, Freund— ich kann Euch nicht hier behalten. Ich wohne hier allein mit meinem Kinde, und habe kaum Bettzeug für mich ſelber. Das Gaſthaus iſt aber wenig mehr als eine Meile entfernt. Wenn Ihr ſcharf zugeht, könnt Ihr's in einer halben Stunde recht gut erreichen. Schon eine Viertelſtunde Wegs von hier findet Ihr andere Häuſer.“ „Ich dank' Euch,“ ſagte der Mann, indem er langſam von dem Holze aufſtand, den Hut ab⸗ nahm und ſich die wirren Haare mit der Hand aus dem Geſichte ſtrich—„aber ſo weit zu gehen bin ich heut' Abend nicht mehr im Stande— da werd' ich mich unter einen Baum legen. — 285— Habe manche lange Nacht ſchon im Buſche ge⸗ ſchlafen.“ Er ſetzte den Hut wieder auf und wandte ſich ab. „Ihr ſeid kein Engländer,“ ſagte da die Frau, und ihre Stimme klang hohl und heiſer. Es war, als ob ſie die Worte nur mühſam über die Lippen brachte. „Nein,“ ſagte der Mann,„aus einem andern Lande.“ „Ihr ſeid ein Deutſcher— Euer Name—“ fuhr ſie heftiger fort—„iſt auch nicht Miller.“ Erſtaunt drehte ſich der Fremde nach ihr um, als ſie auf ihn zutrat, ihn am Handgelenk ergriff und nach der Thür der Hütte zog. „Nicht Miller?“ rief der Angeredete erſtaunt, faſt erſchreckt—„und Ihr?“— aber die Frau antwortete ihm nicht— mit zitternder Hand zog ſie ihn hinein, unter den dunklen Bäumen fort an das Licht, das auf dem Tiſche brannte. Hier drehte ſie ſich raſch nach ihm um, ſchaute ihm wenige Secunden mit ſtierem forſchendem Blick in’s Angeſicht. Plötzlich ließ ſie ſeinen Arm los, barg ihr Geſicht in den Händen und ſank laut ſchluchzend an dem Stuhle in die Kniee. „Louiſe!“ rief da der Fremde und mußte ſich = 286— ſelber an dem Tiſche aufrecht halten;„mein Weib — mein Kind!“ Die Frau antwortete nicht— wie krampfhaft lag ſie über den Stuhl gebeugt, aber ihr ganzer Körper zitterte wie im Fieberfroſte; vor Schluch⸗ zen konnte ſie kein Wort über die Lippen bringen. „Iſt das der Vater, Mama, der uns Geld bringen wollte, um zur Großmama zurückzugehn?“ rief die Kleine, die ſich ſchüchtern in die Ecke und an das Bett gedrängt hatte. Niemand antwortete ihr. Vernichtet, in ſich zuſammengebrochen ſtand Miller— oder Hohburg, wie wir ihn jetzt nennen müſſen— noch zwiſchen der Thür und dem Tiſche, und blickte mit ſtieren glanzloſen Augen auf das Bild des Jammers und herzzerreißenden Leides nieder, das vor ihm am Boden kniete— auf ſein Weib. Thränen hatte er nicht, aber ſein Geſicht war bleich, wie das einer Leiche; die Augen lagen ihm ſtarr und glanzlos in den Höhlen— ſeine Lippen zitterten — ſeine ganze Geſtalt bebte vor innerer Auf⸗ regung, vor Scham, Reue und Zerknirſchung, und er wagte nicht einmal, die Arme nach dem Kinde auszuſtrecken. Viele Minuten dauerte dieſe Stille in dem öden Hauſe, die nur durch das leiſe, krampfhafte Schluchzen der Frau und das ſchwere Athmen — 287— des Mannes unterbrochen wurde. Dieſen aber verließen endlich die Kräfte. Erſchöpfung, Hunger und Aufregung vereinigten ſich bei ihm in ihren Folgen; die Glieder verſagten ihm den Dienſt, der Kopf ſchwindelte ihm, und zu der Wand taumelnd griff er ſich am Fenſter nieder, kauerte dort am Boden, und barg das Antlitz auf ſeinen Knieen. Da endlich ermannte ſich die Frau zuerſt. Sie ſtand auf und heftete ihren Blick wohl eine Mi⸗ nute lang feſt und ernſt auf die zuſammenge⸗ brochene Geſtalt des Gatten, aber ſie ſprach kein Wort. Auch in dem Ausdrucke ihrer Züge war nicht zu erkennen, was ihre Seele jetzt bewegte — nicht Haß, nicht Schmerz, nicht Mitleid, nicht Liebe lag in den thränenfeuchten Augen, auf der weißen Stirn. Dann, wie als ob ein feſter Ent⸗ ſchluß ihre Nerven gegen jeden weitern Schlag geſtählt, wandte ſie ſich nach dem Kinde, ſchritt auf die noch ängſtlich in der Ecke ſtehende Kleine zu, nahm ſie in ihre Arme, küßte ſie und ſagte mit leiſer, aber freundlicher Stimme: 4 „Komm mein Kind— es iſt ſpät geworden, und Du magſt zu Bett und ſchlafen gehn.“ „Iſt das der Vater, Mama?“ flüſterte da die Kleine ihr leiſe und ſchüchtern in das Ohr— — 288— „für den ich zu Gott alle Abende gebetet habe, daß er ihn zu uns zurückführen möge?“ „Ja, mein Kind!“ hauchte die Frau nehr. a als ſie die Worte ſprach. „Iſt er krank, Mama?— Er ſagte mir vor⸗ hin, er ſei hungrig und habe kein Geld, ſich Brod zu kaufen.“ Die Mutter wandte den Kopf zur Seite und holte Athem aus tiefſter, angſtgepreßter Bruſt. Sie wollte antworten, aber ſie konnte es nicht; es ſchnürte ihr die Kehle zuſammen, und keinen Laut brachte ſie über die Lippen. „Und darf ich nicht zu ihm gehn und ihn küſſen, Mama?“ bat da das Kind, indem es ſein Köpfchen an der Mutter Wange legte—„Er iſt ſo traurig und ſo krank— der arme Papa.“ „Geh' zu ihm, mein Lieschen,— geh' zu ihm,“ ſagte da die Mutter, die Kleine auf die Erde niederſetzend, und regungslos blieb ſie ſelber dabei ſtehen und folgte nur dem Kinde mit den Augen. Leiſe und ſchüchtern ſchritt dieſes über den Boden hin dem Vater zu, der in derſelben Stel⸗ lung noch verharrte.— Zweimal blieb es ſtehen und ſchaute ſich nach der Mutter um; dann trat es langſam zu dem Vater hin, legte ſein kleines Händchen auf ſeine Schulter, und ftüͤſterte ſcheu und bittend: — 289— „Papa!“ Der Mann fuhr empor, als ob das leiſe Wort ein Dolchſtich geweſen wäre, der Hut war ihm vom Kopfe gefallen, und mit beiden Händen ſtrich er ſich jetzt die feuchten wirren Haare aus der Stirn. „Mein Kind,“ ſagte er,„mein liebes, liebes Kind!“ 3 „Die Mutter hat geſagt, ich ſoll zu Bette gehen,“ flüſterte jetzt die Kleine—„gute Nacht, Papa— ich will für Dich beten, daß Du wieder geſund und froh wirſt, und nicht mehr zu weinen brauchſt, Mama wird Dir auch etwas zu eſſen geben. Du darfſt nicht hungrig ſein— ſonſt weinte Lieschen die ganze lange Nacht.“ „Mein Kind!“ ſagte der Mann, und Thränen erſtickten ſeine Stimme. Er nahm des Kindes Hand— er wollte es an ſich ziehen, aber er wagte es nicht, und bedeckte die kleinen Händchen mit ſeinen Küſſen. Ruhig ließ es die Kleine ge⸗ ſchehen, dann aber legte ſie die Aermchen um den Hals des Vaters, küßte ſeine Lippen, ſagte noch einmal leiſe:„gute Nacht,“ und blieb ſtill und regungslos in ſeinen Armen, als er ſie an ſich drückte, und feſt, feſt umſchlungen hielt. „Du thuſt mir weh, Vater,“ bat dasKind. Gerſtäcker. II. 19 — 290— „Gute Nacht, mein Lieschen— gute Nacht, mein Kind— ſchlaf' wohl und ſanft, und Gott ſegne und ſchütze Dein liebes Haupt!“ „ Ja, Papa— ſchlaf' recht wohl— die Mut⸗ ter wird ſchon ein Bett für Dich machen.“ Seine zitternden Hände ließen die Kleine los, die zur Mutter zurücklief, von ihr, wie alle Abende „ zu Bett gebracht zu werden. Ueber das Lager hinüber bog ſich dann die Frau, betete mit der Kleinen, und küßte ihr die müden Augenlider zu und ſaß und wachte bei ihr, bis der Schlaf ſie in die Arme nahm. Dann ſtand ſie leiſe auf, putzte das Licht, das auf dem Tiſche ſtand und trübe, mit herunterhängendem Docht flammte und brannte, und deckte auf's Neue den 4. Tiſch. Die weiße Serviette legte ſie auf, ſo⸗ wie ihr Meſſer und ihre Gabel; das Brod trug ſie dann herbei, füllte den Blechbecher mit Milch, und nahm aus dem Koffer einen zinnernen Teller mit kaltem Fleiſch— ihr Mittagsmahl für den morgenden Sonntag.* Als der Tiſch gedeckt war, ſah ſie nach dem Gatten hinüber, der ſich langſam am Fenſter auf⸗ gerichtet hatte, und jeder ihrer Bewegungen mit den Augen folgte. „Komm und iß, Eduard,“ ſagte ſie jetzt mit leisk. heiſerer Stimme, indem ſie nach dem Tiſche — 291— deutete. Sie ſelber ſetzte ſich zugleich auf den Rand des Bettes, in dem die Kleine mit ihr ſchlief, und bog ſich über das ſchlummernde Kind. Erſt als ſie ihr Auge nicht mehr auf ihn geheftet hielt, vermochte der Mann ſich zu bewegen. Er ſchritt langſam zum Tiſche, rückte ſich den Stuhl zurecht und verzehrte mit anſcheinendem Heißhun⸗ ger die für ihn hingeſetzten Lebensmittel bis aufs⸗ die letzte kleinſte Krume Brod. Kein Wort wurde dabei geſprochen; kein Laut unterbrach die Stille, als das Klappern des Meſſers und der Gabel, und das ruhige Athmen des eingeſchlafenen Kindes. Endlich hatte Hohburg ſein Mahl beendet, ſchob Teller und Serviette zurück, und lehnte den Kopf wieder in die hohle Hand. Die Frau ſtand, als ſie das Geräuſch hörte, auf, und räumte den Tiſch ab.— Noch immer war kein Wort weiter zwiſchen den beiden Gatten gewechſelt worden. Da endlich trat Louiſe zu dem Tiſche, auf den ſie beide Arme ſtützte, denn ſie fühlte, wie ihr die Kniee zitterten, und ſagte mit leiſer Stimme, der das Wort faſt nur wie ein Hauch entfloh: „Und ſo biſt Du zurückgekehrt?— ſo hat Gott mein Gebet erhört, daß er Dich— als Bettler mir vor die eigene Hütte ſandte? Eduard, 19** — 292— es iſt furchtbar, und daß mein Herz in dem Au⸗ genblick nicht gebrochen, verdank' ich nur dem jahrelangen Leid, das es geſtählt und abgehärtet hat.“ Der Mann erviederte keine Sylbe.— Vor ſich nieder ſtarrte er eine Weile, dann fiel ſein Arm auf den Tiſch und er lehnte den Kopf dar⸗ auf in Scham und Reue. „Und was ſoll nun werden, Eduard? Dein Köxper iſt erſchöpft und aufgerieben, Dein Geiſt gebrochen, oder Du hätteſt nie ſo die Anſiedelun⸗ gen wieder betreten können.— Was ſoll mit Dir jetzt werden? Mich und das Kind erhalt' ich ſchon mit meiner Hände Arbeit— kümmerlich zwar, aber ehrlich kommen wir durch die Welt. Wie willſt Du ſelbſt Dir helfen?“ Hohburg antwortete nicht— er ſchien nicht mehr zu athmen— ſein Nacken, auf den das flackernde Licht den vollen Schimmer warf, ſah leichenbleich aus, und als die Frau, darüber er⸗ ſchreckt, ſeine Hand faßte, glitt er langſam von dem Stuhle nieder, auf dem er ſaß, und wäre zu Boden geſtürzt, wenn ſie ihn nicht in ihren Armen gehalten hätte. Langſam und vorſichtig ließ ſie ihn auf die Erde nieder, hob dann ihr ſchlafendes Kind vom Bett und zog die Matratze weg, hinter der ſie — + — 293— die ruhig fortſchlummernde Kleine auf das blanke Stroh zurückſinken ließ. Die Matratze trug ſie dann an die Wand neben den Gatten und wollte ihn hinaufheben— aber ihre Kräfte reichten nicht 1 aus. Nur unter den Kopf ſchob ſie ihm die weichere Unterlage, und kühlte ihm Stirn und Schläfe mit friſchem Waſſer, bis er wieder zu ſich kam.. Hohburg öffnete die Augen, als er aber die 1 über ihn gebeugte Geſtalt der Frau erkannte, ſchloß er ſie wieder und ſtöhnte nur leiſe: „Arme— arme Louiſe.“ Die Frau erwiederte kein Wort. Sie half ihm ſich auf das neben ihm bereite Lager heben, ſchob ihm ihr eigenes Kopfkiſſen unter den Kopf, und deckte ihn mit ihrer wollenen Decke zu. Er faßte, als ſie mit ihm beſchäftigt war, ihre Hand, und zog ſie an ſeine Lippen. Sie duldenkh es, während ein Seufzer ihre Bruſt hob. wandte ſie ſich von ihm ab, löſchte das Li und ſuchte das eigene harte Lager. 4 1 3 Die ſchweren regelmäßigen Athemzüge des zum Tode erſchöpften Mannes tönten ſchon lange zu ihr herüber— in ihrem Arme ſchlummerte das Kind, das liebe Haupt an ihre Bruſt gelehnt — aber die Frau wachte— wachte die lange trübe Nacht hindurch— allein mit ihren Thränen, und — 294— erſt, als der Morgen dämmernd durch die Schei⸗ ben brach, und ein kalter Luftzug fröſtelnd durch das Gemach und ihre durch keine Decke geſchütz⸗ ten Glieder zog, fiel ſie in einen leichten, unru⸗ higen Schlummer. . Edelmann. 1 4¹ — 4 8 ** „ 4 4 2 4 4 6 8 9 4 3 4½ 8 . .