1. Capitel. Die Station am Murray. Reges Leben herrſchte heute auf der, ſonſt ſo ſtill und einſam am Murray gelegenen Station des Squatter Powell— reges, jubelndes Leben, und der Ruf:„die Karren kommen!“ lief von Mund zu Mund. Die Karren kamen allerdings, und irgend ein Fremder würde darin auch nicht das geringſte Außergewöhnliche geſehen haben; derjenige aber, der dort gelebt hat oder die Verhältniſſe näher kennt, weiß, was der Ruf bedeutet und in ſich faßt. Die am Murray, oder überhaupt im Innern von Auſtralien gelegenen Stationen— deren Be⸗ ſitzer Squatter genannt werden— ſtehen nämf 35 lich mit der übrigen Welt faſt nur durch Ochſe karren in Verbindung. Dieſe ſchaffen die Gerſtaäcker. I.* 4 1 dukte derſelben, als da ſind: Wolle, Talg, Rinds⸗ häute und Schaffelle, nach der nächſten Stadt, womöglich nach einem Hafen, und bringen dafür Alles zurück, was„drin im Buſch“ gebraucht wird,— Mehl in vollgeſtampften Säcken, Fäſſer mit Zucker, Kiſten mit Thee, Tabak, Hufeiſen, Nägel, Kleidungsſtücke, Schuhwerk ꝛc., ꝛc., ꝛc. Da das nun jährlich, beſonders bei den entfernteren Stationen, nur ein einziges Mal geſchieht, ſo läßt es ſich denken, mit welcher Sehnſucht dieſe Kar⸗ ren erwartet, mit welchem Jubel, wenn ſie endlich kommen, begrüßt werden. Die kleine Bevölkerung einer ſolchen Station, die wie eine Inſel im weiten Buſchmeere liegt, hat auch noch außerdem Gelegenheit genug, ſich dabei in Geduld zu üben. Ochſenkarren ſind ein entſetzlich langſames Fuhrwerk, Ochſentreiber erſtaunlich ſchläfrige Poſtboten, ſo zuverläſſig ſie ſonſt ſein mögen, und wenn man die Zeit, in der ſie zurückſein können, nach Monaten zäh leh muß, ſo will ſie kein 38 nehmen. 3 Heute Morgen nun, noch vor dem Frühſtück, Vachte ſchon ein Stockkeeper oder Rinderhirt, der ſchnaubendem ſchäumendem Pferde zur Station engt kam, die fröhliche Kunde, daß die Kar⸗ Ar wenige Miles von dort entfernt, die Fluſſe„gelagert“ hätten, undlin weniaan Stunden eintreffen könnten; außerdem aber auch noch ein großes Brief⸗ und Zeitungspacket, das der Haupttreiber ihm anvertraut hatte, um es ſo raſch als möglich in die Hände des Herrn zu bringen. Briefe aus der Heimath!— Wer jemals drau⸗ ßen in der Fremde, Monate, Jahre lang ohne Nachricht von ſeinen Lieben daheim geweſen, nur der kann ſich in das ſelige, wunderbare Gefühl hin⸗ ein verſetzen, das uns beim Eröffnen der ſo lange, ſo heiß erſehnten Nachrichten erfaßt, und uns im Anfang die lieben, ſo lange vermißten Schriftzüge toll und bunt vor den Augen herumtanzen läßt. Briefe aus der Heimath!— Der heimathliche Poſt⸗ ſtempel iſt ſchon eine Erinnerung aus der Jugend⸗ zeit, die Adreſſe, das Siegel— der Name unſerer Vaterſtadt neben dem freilich ſchon gar alten Datum. Und nun die Kunde ſelber— die herzlichen Worte,. die uns das Schreiben bringt, die uns innig bewe⸗ gende Nachricht, daß Alle, die uns theuer, noch wohl und munter ſind, und unſerer mit der alten Liebe gedenken.— Solch ein Tag iſt ein Feſt in dem ſonſt ſo ſtillen, monotonen Leben des Anſiedlers, und die Briefe werden wieder und wieder geleſen, erſt ſti⸗ und allein, dann laut im verſammelten Famil⸗ kreiſe, und man wird nicht müde, die lieben the e. ke ent. 8 Powells machten keine Ausnahme hiervon. Das Frühſtück ward hereingebracht, aber bald auf dem Tiſche kalt, denn Niemand, die Kinder ausge⸗ nommen, dachten ja daran, es zu berühren. Auf⸗ geriſſene Couverts deckten den Boden, geöffnete und erſt flüchtig durchblätterte Briefe, ſowie noch feſt eingeſchnürte Zeitungen den Tiſch nach allen Sei⸗ ten, und die Familie ſaß theils an dieſem, theils in den Ecken zerſtreut, um im Stillen zu leſen. John Powell war einer der angeſehenſten Squatter am Murray, mit weit verbreiteten Her⸗ den und einer ziemlich wohnlich eingerichteten Sta⸗ tion— das heißt wohnlich für den Buſch, denn in einer civiliſirten Gegend hätte ſie dennoch wohl kaum den Anſprüchen genügt, die ein Mann in ſeiner Stellung an das Leben zu machen berech⸗ tigt war.„ Draußen im Buſch“ ſind aber eben dieſe Anſprüche, außerordentlich beſcheiden, und ſelbſt die Fraudalhatten ſich, nach einigen ziemlich ſchwer durchlebten Jahren, endlich hineingefunden, und fühlten ſich wohl— wenigſtens zufrieden— in der, ihren früheren Verhältniſſen und Gewohn⸗ heiten ſonſt kaum entſprechenden Lage. Joohn Powell war verheirathet und hatte fünf Kinder: zwei Tochter, die eine von neunzehn, die ande re von ſiebzehn Jahren, und drei Söhne, von 1 denen der älteſte zwanzig, die beiden anderen aber — e 5— dreizehn und zwölf Jahre zählten, und war jetzt ſeit ſieben Jahren hier an den Murray gezogen, um Raum für ſeine ziemlich ausgedehnten Herden zu gewinnen. Raum bekam er jetzt allerdings, denn ſein nächſter Nachbar wohnte einige dreißig (Engl.) Miles von ihm entfernt, aber er hatte ſeine Familie zugleich auch in eine Wildniß ge⸗ führt, in der ſie nur in ihrem eigenen Beiſam⸗ menſein, nicht einmal durch die monotone Sce⸗ nerie des einförmigen Auſtraliſchen Gumwaldes Entſchädigung finden konnte. War es ein Wun⸗ der, daß ſie da der Zeit entgegenharrten, wo der Vater, wie ſie hofften, ſein Beſitzthum wieder zu Geld machen und nach dem alten Vaterlande— zurückkehren würde?— Die meiſten Coloniſten draußen in der Ferne, ſei es in welchem Welt⸗ theile, es wolle, hegen ja alle denſelben Wunſch, vorzüglich dann, wenn ſie ihre Frauen aus dem Mutterlande mit herübergebrahf haben. Das Herz hängt an der alten Heimath, mag ihnen die neue bieten, ſoviel ſie will; die alten Beziehun⸗ gen, die alten Stätten können ſie nicht vergeſſen. Selbſt weun nicht Familienbande ſie dorthi zurückziehen, die eigene Sehnſucht läßt ihnen keine Ruhe, und nagt und vohrt, bis ſie den Bug res Schiffes wieder dem alten lieben St' 5 entgegenwenden dürfen. Und wie viel ſtärker wird ſie, wenn es mit ſolchen Freundesbriefen mahnend an die Herzen klopft. Luſt und Schmerz miſcht ſich dann in die lächelnde Thräne. Eines ſucht dem Andern zu bergen, was Jedes ſo gern ausſprechen moͤchte, und doch auch wieder nicht wagt. Es fürchtet in der Bruſt des Nachbars ähnliche Gefühle zu erwecken, wie ſie die eigene quälen— und ahnet nicht, daß derſelbe Schmerz die Bruſt des Andern in gleichem Maaß erfüllt. „Gott ſei gedankt— ſie ſind Alle wohl und geſund,“ brach die Mutter endlich das Schweigen, indem ſie ſich raſch und verſtohlen eine Thräne aus dem Auge wiſchte, und die Brille neben ſich noch. Lieber Gott, die alte Frau hat ſelber ge⸗ ſchrieben, wenn ſie auch klagt, daß es mit den Augen gar nicht mehr ſo recht gehen wolle. Du mußt den Brief nachher leſen, John.— Sie ſehnt h' ſie firbt. 4 „Nun wer weiß, wer weiß,“ lächelte der Gatte, elber einen Brief zuſammenfaltend und einen neuen öffnend—„mein Bruder iſt auch glücklich in Bombay angekommen, und es geht ihm gut.“ 8„Und Onkel Ernſt iſt noch in Quebeck?“ frug auf das Fenſterbret legte—„ſelbſt die Mutter ſich ſo ſehr danach, uns noch einmal zu ſehen, 4 c „er hat doch verſprochen, Schreibt er Nichts darüt ater, ihr einen Brief hmüberreichend, 7 ſt— er hat ſeinen Abs ſied genommen, Weihnachten Altengland hinüberzugehen. Von dort iſt 44 dan ſein nächſter Weg zu uns— „ din nächſter Weg?“ wiederholte die Mut⸗ ter m einem leiſen, kaum unterdrückten Seufzer —„du ieber Gott, es ſind Tauſende von Miles.“ Nja, ſo ſehr nahe iſt er gerade nicht,“ ihx Gatte,„aber was heißen in unſerer Ze atſernungen? Man geht eben an Bord ¹ cet ſich dort häuslich ein, und ob die Reiſe Gun Wochen oder vier Monate dauert, bleibt ich a nde gleich. Man iſt eben nur ſo viel nger rwegs.“ „U ze zerſtreut ſind wir in der Welt,“ ſagte i ſie den Brief gedankenvoll mit ih⸗ den Schoos ſinken ließ—„welche vecken liegen zwiſchen ud theuer ſind.“ erwiederte der Vater langſam „und die Meinigen be⸗ Sarah, veſuchen wollte. „Doch, doch,“ ſagte der V da, lies ſelb und denkt zu uA 1 Händ er tzlicht di us K llerde Ko nickend, mit ſonde W Nand unſerer fünf Brüder, und davon bi nu ner noch in Altengland, ich bin 1 Canada, Eduard in Bomb. hier; uſt iſt allen Denen, und der fünfte ſchwimmt jetzt, Gott weiß wo, auf einem von Ihrer Majeſtät Kriegsſchiffen entweder/ im Chineſiſchen oder Stillen Meere umher. Das wäre ein Feſttag, der uns einmal Alle wieder um einen Tiſch verſammelte, aber guter Gott, daran 5 iſt freilich nicht zu denken— wir müßten denn ſämmtlich alt und grau zeworden ſein.“ „Gebe dann nur Gott, daß der Tiſch in 6ng land ſteht,“ ſagte die Mutter lächelnd—„wenn mir ein guter Geiſt das Feſt vorher veernrechen.. könnte, wollte ich ja Alles gern und willig tragen.“ Ihr Gatte ſah zu ihr auf, als oh er reden wollte. Wenn dies aber ſeine Abſicht geweſen, ſo änderte er ſie, noch während er die— öffnete, und vertiefte ſich bald wieder, in den eben erbrochenen und begonnenen Brief. Mit dieſem war er übrigens kaum zu Ende, als das Bellen der Hunde draußen, ſund pas piſto⸗ 1 lenſchußähnliche Knallen der langen Oechſenpeit⸗ ſchen die nahenden Karren verkündete, und de hdn Familie, den älteſten Sohn aus genommen, f ſer draußen im Buſche war, um ein Paar wegge⸗ aufene Pferde wieder aufzuſuchen, or die Thür er Wohnung trat, die Leute zu Begrüßen und ie mitgebrachten Waaren in Empfang zu nehmen. „Nun Cole,“ rief Mr. Poybell dem alten reiber zu, der den vorderen Karxen führte,„wie ſie den„swells“— das heißt allen Denen, die 1 b einen ordentlichen Rock anhaben, undnicht zur Klaſſe der„old hands“ und„bundelmen“ gehören. Die Zufuhren waren jetzt mit Hülfe der übri⸗ gen, gerade in der Nähe des Hauſes beſchäftigten Arrbeiter in das Vorrathshaus geſchafft, aber noch nicht verſchloſſen worden. Georg, der aäͤlteſte von 3 Powell's Söhnen, der eben in vollem Galopp zum Hauſe zurückkehrte, weil er draußen die Ochſen⸗ 4 peitſchen der ankommenden Tr mit dem jüngſten Bruder auch wohl eine Stunde lang vollauf zu thun, den ihn umringenden Arbeitern Tabak abzuwägen und zuzumeſſen oder andere Kleinigkeiten zu verabreichen, auf die ſie ſchon mit Schmerzen Monate lang gewartet hatten. Tabak beſonders, jenes Labſal des Buſches, war ſchon in den letzten Wochen ein vergebens 4 erſehntes Bedürfniß, und die danach lechzende Schaar von Tag zu Tag auf die rückkehrenden Karren vertröſtet worden. Kein Wunder, daß ſie jetzt in ihrer Ungeduld die Zeit nicht erwar⸗ ten konnten, bis ihnen wieder etwas davon zuge⸗ theilt wurde, und kauend und rauchend erfüllten eiber gehört, hatte 1 ſie bald mit ſehr. zufriedenen, ja man könnte faſt . ſagen glücklichen Geſichtern den Hof.— Das 1 Leben dünkte ſie jetzt noch einmal ſo leicht—h 3 en ſie doch wieder einmal Tabak. 14— Endlich waren die Briefe im Hauſe geleſen und wieder geleſen und beſprochen worden, und Georg Powell, der älteſte Sohn, hatte die Zei⸗ tungspackete aufgeſchnitten und begann ſich in de⸗ ren Inhalt zu vertiefen. Darin folgte ihm der Vater bald, denn die Nachrichten kamen nicht al⸗ lein aus der Heimath, und brachten ihm getreue Kunde von den dortigen Zuſtänden; nein, auch von Adelaide und Melbourne waren Journale an⸗ gekommen, und die dortigen Marktberichte, die Ein⸗ und Verkäufe und Auctionen berührten ihr eigenes, wenn auch nur materielles Intereſſe auf das Genaueſte. Selbſt die Nachrichten aus Eng⸗ land wurden im Anfange darüber vernachläſſigt. „Sieh nur, Georg,“ ſagte der Vater, als er die Spalten des einen Melbourneblattes eine Weile durchblättert hatte,„Pferde haben wahrlich auf dem letzten Markt in Melbourne und Adelaide 12 Pfd. Sterling gebracht— wenn wir da eine Partie von den unſeren hätten binunterſchaffen können.“ „Aber Rinder ſcheinen deſto ſchlechter im Preiſe,“ eerwiederte Georg, ſein Blatt dem Vater hinüber⸗ haltend.„Da unten ſteht, daß die Treiber einen ganzen Trupp Kühe mit 1 ½ Pfd. Sterl. per Kopf haben verkaufen müſſen.“ „Mageres Zeug, das ſie hinübertreiben, und halb ausgehungert zu Markte bringen,“ ſagte der ſſaͤhe.“ „Du biſt nun einmal die Stille und Einſam⸗ keit hier gewohnt, liebes Kind,“ ſagte der Vater freundlich. Aber ebenſo würdeſt Du das Geräuſch und Leben und Treiben der Städte gewohnt wer⸗ den, und Dich dort gerade ſo ſicher fühlen, wie hier im Buſch. Als wir vor drei Jahren in Syd⸗ ney waren, hat es Dir doch dort recht gut gefallen, und erinnere Dich nur, wie Ihr Euch im Anfange vor den erwarteten Ueberfällen der Schwarzen ge⸗ Fipßüe habt, und ſind ſie ein einziges Mal ge⸗ kommen?“ Frevle um Gottes Willen nicht, John,“ rief bbittend die Frau.„Man ſoll den Böſen nicht an als wir es vor ſieben Jahren waren?“ „Allerdings,“ lachte ihr Mann,„wir haben nicht allein drei Leute mehr auf der Station, ſon⸗ deern meine Jungen ſind unterdeſſen auch heran⸗ geewachſen, und können ein Pferd bändigen und keein Gewehr führen. Das ſind ſechs Mann mehr är Vertheidigung, und die wiegen einen ganzen Siäed ſolcher feigen N keger auf, wie die hieſigen Eingeborenen. Ich habe jetzt keine Furcht, und wenn ſie in einem Schwarm von ſechzig Mann kämen. Sobald es dunkel iſt, wagen ſie ja außer⸗ Ferſtacker. I. 2 uns einbrächen, oder ſonſt etwas Schreckliches ge⸗ die Wand malen, denn ſind wir heute etwa ſichenr, 8 — 18— dem keinen Ueberfall, weil ſie ſich ſelber vor ihren eigenen böſen Geiſtern fürchten.“ „Wenn die Leute alle zerſtreut im Buſche ſind, überfällt mich doch manchmal ein eigenthümliches, ängſtliches Gefühl,“ ſagte Mrs. Powell,„und wenn ich dann die Briefe hier anſehe und denke, wie ſicher Die dort wohnen, die ſie geſchrieben—“ „Du biſt nur in der letzten Zeit ſo melancho⸗ liſch geworden,“ beruhigte ſie freundlich lächelnd ihr Gatte,„weil wir gerade in den letzten Mo⸗ naten ſo gar einſam gelebt haben. Nicht ein ein⸗ ziger Beſuch, ein Paar wandernde„Bündelträger“ für die Küche ausgenommen, hat bei uns einge⸗ ſprochen, und der Weg ſcheint faſt wie ausge⸗ ſtorben.“ „Wer ſoll die lange einſame Strecke wandern,“ ſagte die Frau kopfſchüttelnd,„manchmal vielleicht ein Paar Viehtreiber, oder ein Stockman, der ſich nach neuem Weidegrund umſieht, und das ſind immer auch nur Leute, die uns für das, was wir entbehren, keinen Erſatz bieten könnten. Im vori⸗ gen Jahre hatten wir doch wenigſtens die Freude, den jungen Mac Donald hier bei uns zu ſehen; ſeitdem der aber ſo plötzlich Abſchied nahm, hat ſich faſt kein anſtändiger Menſch mehr bei uns blicken Laſſen.“ 5 „Es iſt doch eigentlich merkwürdig,“ ſagte der —— damals ging das Gerücht, daß ſich mehrere im die ſiebzehnjährige zweite und überaus heitere Toch⸗ Vater, das Blatt vor ſich auf die Kniee ſinken laſſend,„wie wirklich ſpurlos Mac Donald da⸗ mals vom Erdboden verſchwand, und ich fange jetzt wahrhaftig ſelber an zu glauben, daß er doch am Ende irgend einem verzweifelten Buſchrähnd⸗ ſcher könnte in die Hände gefallen ſein. Auch Buſche umhertrieben, und Mac Donald ſchien nicht der Mann, der ſich gutmüthig vßn ihnen hätte 5 plündern laſſen.“ 3 1 1 „Ich fürchte weit eher, er iſt in einen Hinter⸗ halt der Schwarzen gefallen,“ ſagte Georg, ein ſchlanker, blauäugiger, blondhaariger prächtiger Burſche mit treuen und ehrlichen, aber tüchtig 4 ſonnverbrannten Zügen und kräftigem, wie aus Eiſenholz geſchnittenem Körper.„Wüßt⸗ ich das nur gewiß, die ſchwarze Bande ſollte mir wahr⸗ lich dafür büßen.“ „Die ſind unſchuldig,“ erigepnete ganz be⸗ ſtimmt der Vater.„Du weißt, daß ich ihm da⸗ mals auf den verſchiedenen Stationen nachforſchen ließ, und erſt eigentlich in den beſiedelten Diſtrik⸗ ten ſeine Spur verloren habe. Dort hat er wahr⸗. lich nichts mehr von den Schwarzen zu fürchten gehabt.“ „Er wird ſchon noch kommen,“ lachte Lisbeth, 2* „ — 20— ter Mr. Powell's,„er iſt ja damals eigentlich nur fortgegangen, um einige Bücher für Sarah zu ho⸗ len, die ſie ſich ſo ſehr gewünſcht hatte, und wird, da er dieſelben wahrſcheinlich in Melbourne nicht fand, einmal nach England hinübergefahren ſein. Früher kann er da ja kaum wieder zurück ſein.“ Sarah hatte ſtill und ſchweigend dem Geſpräch gelauſcht; unbewußt ſchweiften ihre Augen dabei über die Spalten der Zeitung hin, die ſie in der Hand hielt, und ſo bleich ſie im Anfange gewor⸗ den, ſo ſchnelles Roth rief die letzte ſcherzende Anſpielung der Schweſter auf ihre Wangen zurück. Sarah war eine wunderliebliche Buſchblume; ſchön wie das Sonnenlicht, wenn es auf das ſaf⸗ tige Grün ihrer Malleyfichten fiel, mit blondem Haar und tief dunkelbraunen, ſeelenvollen Augen. Sie kannte auch kaum eine andere Welt als den Buſch, denn ein Kind noch, hatte ſie England ver⸗ laſſen, mit ihren Eltern einige Jahre in Sydney gelebt, und war dann mit ihnen gleich hierher, an die entfernteſten Grenzen der Auſtraliſchen Ci⸗ viliſation gezogen. Wenig hatte ſie deshalb von Erinnerungen, an die ſich ihr Herz halten konnte, das Wenige aber, das ihr geboten worden, hielt ſie deshalb um ſo feſter, und ſolch einen freund⸗ 4 lichen Punkt in ihrem ſonſt ſo monotonen Leben bot damals wirklich das Erſcheinen eines jungen — 21— Squatters, der von Melbourne heraufgekommen war, etwa vierzehn Tage bei ihnen verweilte und, als er von ihnen ſchied, nie wieder etwas weiter von ſich hören ließ. Lisbeth's Neckerei hatte aller⸗ dings auch einigen Grund, denn ihr Wunſch, mehrere Buücher in ihrer Einſamkeit zu beſitzen, unter denen ſich vorzüglich Thomas Moore's Lallah Rookh und Walter Scott's Lady of the Lake befanden, war die eigentliche Veranlaſſung geweſen, daß Mr. Mac Donald in einer Art ritterlicher Galanterie ſein Pferd beſtieg, und der fernen Stadt zuſprengte. Er verſprach damals allerdings in ſpäteſtens acht Wochen zurück zu ſein, aber ein volles Jahr war jetzt vergangen, und man hatte nie wieder erfah⸗ ren können, was aus ihm geworden. „Scherze darüber nicht, mein Kind,“ erwiederte jetzt die Mutter, die gar wohl einſah, welchen pein⸗ lichen Eindruck die Worte auf Sarah machten. „Wer weiß, was dem armen, unglücklichen jungen Mann zugeſtoßen iſt, und wir wollen nur hoffen, daß Gott ſeine Hand über ihn gehalten. Es würde mich recht freuen, ſein offenes, ehrliches Geſicht hier wieder einmal begrüßen zu können, damit wir nicht glauben müßten, wir ſeien in der That die Urſache geweſen, die ihn irgendwo zu Scha⸗ den gebracht.“ „Solche Gedanken dürfen wir uns nicht ma⸗ — 22— chen,“ beruhigte ſie der Gatte.„In dem weiten Auſtraſten treiben ſich Einzelne oft wunderbar um⸗ her. Bald hier⸗ bald dorthin durch irgend eine Zu⸗ fä lgkeit geworfene Leute, die ich ſchon geſtorben und verdorben glaubte, ſind mir oft wieder ganz unvermuthet unter die Augen gekommen, ſo raſch auf's Neue verſchwindend wie vorher, um eben nur ihren verſchiedenen Geſchäften nachzugehen. Ein angehender Squatter, wie Mac Donald war, hat aber auch außerdem noch alle Urſache, ſeine Wege, wenn er einem guten Weidegrund nachgegangen, geheim zu halten, damit ihm kein Anderer darin zuvorkomme. Wer weiß, auf welchem trefflichen Hütungsgrund er jetzt ſitzt, und Schafe und Rin⸗ der zieht, daß es eine Luſt iſt.“ „Da kommt Mr. Bale, der Stockkeeper, ange⸗ ſprengt,“ ſagte Lisbeth, deren Aufmerkſamkeit auf das Hufgeklapper eines herangaloppirenden Pfer⸗ des gelenkt worden. 1 „Mr. Bale?— das iſt Mr. Bale nicht,“ ſagte Bill, der zweite Sohn Mr. Powell's, der neben der Schweſter ſtand und ebenfalls den Kopf dort⸗ hin gewendet hatte.„Das iſt ja ein Grauſchim⸗ mel und Mr. Bale reitet einen Braunen— wahr⸗ haftig, das iſt ein Fremder. 7 „Ein Fremder?“ rief Mr. Powell, von ſeinem Sitze aufſtehend und zum Fenſter tretend, wohin — 23— 7 ihm bald die ganze Familie folgte—„in der That — und wie es ſcheint ein Gentleman⸗Squatter, denn der lange ſtarke Bart verkündet keinen Städ⸗ ter, das Gewehr, das er trägt, ſogar einen Jäger. Geh hinaus, Georg, begrüße ihn, und lade ihn zu uns ein. Sein Pferd thu’ in die Umzäunung. Es iſt doch wirklich wahr,“ wandte er ſich dann lächelnd an die Seinen,„Unglück oder Glück kommt nie allein. Die lange Zeit haben wir uns nun nach Nachrichten aus der Welt draußen geſehnt, und immer vergebens gewartet, und heute kommen Briefe und Zeitungen zuſammen, und noch ein Fremder obendrein. Er ſoll uns herzlich will⸗ kommen ſein.“ 2. Capitel. Der Beſuch. Nur wenige Minuten vergingen, ehe der Rei⸗ ter, den ſie indeſſen kaum vom Pferde geſtiegen glaubten, an die Thür des Zimmers klopfte, das er, zur großen Verwunderung Georg's, ſo genau zu kennen ſchien, als ob er ein alter Inſaſſe des Hauſes ſei. Kaum wartete er auch das überraſchte Herein des Eigenthümers ab, als ſich die Klinke unter ſeiner Hand bog, und der Fremde, ſeine Satteltaſche über dem linken Arm, mit einem herzlichen„Wie geht es Ihnen Allen“ in's Zim⸗ mer trat. „How are you, Sir?« begrüßte ihn, wenn auch etwas verwundert über die mit ſo zutrau⸗ lichem Tone geſprochene Anrede, Mr. Powell, wäh⸗ rend ihn die Anderen neugierig, Sarah jedoch mit peinlich geſpannter Aufmerkſamkeit betrachtete.— — 4 „Seien Sie uns hier willkommen in unſerer ſtillen Einſamkeit, und machen Sie es ſich bequem. Sie ſind zu Hauſe.“ „Herzlichen Dank, Mr. Powell,“ rief der Fremde, des Angeredeten Hand ergreifend und von Herzen ſchüttelnd—„aber habe ich mich denn wirklich ſo ſehr verändert? entſtellt mich der große Bart ſo gewaltig, daß Sie, daß Mrs. Powell, daß mich die jungen Damen nicht wieder erken⸗ nen?— und wie die Kinder indeß herangeſchoſ⸗ ſen ſind!“ „Heiliger Gott!“ rief Sarah, während die El⸗ tern den Fremden erſtaunt und unſchlüſſig betrach⸗ teten, und die jüngeren Geſchwiſter ſich neugierig hinzudrängten—„iſt das nicht— iſt das nicht Mr. Mac Donald?“ und während ſie den Namen ausſprach, fühlte ſie, wie ſich tiefes Roth ihr über Stirn und Schläfe goß. „Es freut mich doch, daß Sie wenigſtens den Fremden nicht vergeſſen haben,“ ſagte mit herz⸗ lichem Tone Mac Donald, indem er ihr die Hand, in die ſie ſchüchtern die ihre legte, zum Gruß hin⸗ überreichte. „Mac Donald, ſo wahr ich hoffe, ſelig zu werden!“ rief aber auch jetzt Mr. Powell, ſeine linke Hand faſſend und herzlich ſchüttelnd, und 2 * 6 — 26— Alle drängten ſich jetzt um ihn her, den früheren liebgewonnenen Gaſt zu begrüßen. „Und ob wir nicht in dieſem nämlichen Augen⸗ blick von Ihnen geſprochen und uns den Kopf zerbrochen haben, was aus Ihnen geworden ſein könnte,“ rief Mrs. Poywell. „Wenn man den Wolf nennt, kommt er ge⸗ rennt, iſt ein altes gutes Sprüchwort,“ lächelte Mae Donald—„aber hatte ich nicht Miß Sa⸗ rah die Bücher verſprochen, und mußte ich ihr die nicht bringen?“ „Seht Ihr, ich hatte recht!“ rief Lisbeth jetzt lachend aus—„er hat ſie in Melbourne nicht bekommen, und iſt eine Straße weiter gegangen, nach London vielleicht, ſie dort zu holen.“ „Doch nicht ganz ſo weit,“ lautete die freund⸗ liche Antwort des jungen Mannes,„aber— Mühe hat es allerdings gekoſtet. Dies indeß erzähl' ich Ihnen vielleicht ein anderes Mal; hier ſind ſie jedenfalls, und mag Miß Sarah wenigſtens die Freude darin finden, die ſie erwartet.“ Bei dieſen Worten öffnete er ſeine Sattel⸗ taſche und nahm ein halbes Dutzend in Wachs⸗ leinen gut eingepackter und verwahrter Bücher heraus, die er vor dem erröthenden, uber dankend zu ihm aufblickenden Mädchen auf den Tiſch legte. „Ich hoffe, ſie ſind nicht naß geworden,“ ſetzte er dann hinzu,„denn ich mußte den Murray meh⸗ rere Male kreuzen, dreimal ſogar mit dem Pferde ſchwimmen, habe ſie jedoch immer auf das Sorg⸗ fältigſte in Acht genommen.“ „Da iſt ein Loch drin,“ ſagte Ned, der zwölf⸗ jährige Knabe, der neugierig mit zum Tiſch ge⸗ treten war, und die Packete ziemlich ungenirt in die Hand nahm und betrachtete. „Das ſieht gerade ſo aus, als ob eine Kugel hineingeſchlagen wäre,“ rief Georg, der die Stelle in dem Paket ebenfalls beſchaute und ſie dann ſeinem Vater reichte. „Und es ſieht nicht allein ſo aus,“ lachte der Fremde,„ſondern iſt auch wirklich der Fall ge⸗ weſen. Das Buch hat mir, wenn nicht das Le⸗ ben gerettet, doch mich jedenfalls vor einer viel⸗ leicht ebenfalls tödtlichen Schußwunde in das Bein verwahrt. Das Piſtol ging mir im Halfter los, und die Satteltaſche, die ich gerade vor mich auf's Pferd gehoben, einige Proviſionen herauszuneh⸗ men, fing zu meinem Heil den Schuß auf. Hof⸗ fentlich iſt Ihnen das Buch nicht ſehr beſchädigt worden, denn der dicke Einband und das feſtge⸗ preßte Papier haben die Kugel wohl nicht weit hineingelaſſen. Ich hatte noch nicht einmal Zeit dauach zu ſehen.“ „Und Sie waren vielleicht nicht enunal⸗ im — 28 Bereich menſchlicher Hülfe?“ frug die Mutter, be⸗ ſorgt die Hände faltend. „Weite, weite Strecke von irgend einer menſch⸗ lichen Wohnung, von menſchlichem Mitleiden ent⸗ fernt,“ ſagte der junge Mann ernſt;„tief im Buſche drin, ſelbſt ohne Waſſer und von einem Schwarm von Schwarzen bedroht, die der unglück⸗ ſelige Schuß ſogar auf meine Spur brachte. Wäre ich nur einigermaßen ſchwer verwundet worden, ſo hätte ich ihnen unbedingt in die Hände fallen müſſen. Nur Miß Sarah's Bücher haben mich geſchützt.“ „Das getroffene Buch ſoll mir da immer ein liebes Andenken daran ſein,“ ſagte Sarah be⸗ wegt—„aber mußten Sie ſich denn ſolcher Gefahr ausſetzen?“ „Solcher Gefahr?“ lachte der junge Mann, „fragen Sie einmal Ihren Vater, Ihre Brüder, ob ſie nicht ähnlichen Zufällen faſt in jeder Woche ihres Lebens hier im Buſche ausgeſetzt ſind? Ein Pferd kann beim wilden, halsbrechenden Ritt mit ihnen ſtürzen; ein gereizter Stier ſich auf ſie werfen und ſie verſtümmeln oder tödten; ein Schwarm von Schwarzen einmal plötzlich den einzelnen Reiter im Buſche überfallen—“ 3 „Oder ein Buſchrähndſcher uns hinter einem Gum vor eine Kugel durch's Hirn jagen,“ beſtä⸗ — 29— tigte lächelnd Mr. Powell—„vor ſolchen Sa⸗ chen ſind wir allerdings nicht ſicher.“ „Vor Buſchrähndſchern doch wohl,“ meinte lächelnd der Gaſt,„denn ſoviel ich weiß, hat man von ſolchen lange Nichts gehört.“ „Lange Nichts gehört?“ rief Georg— da in der neueſten Zeitung ſteht eine große Geſchichte von Einem, der entwiſcht iſt, und auf deſſen Ein⸗ bringung oder Kopf die Regierung 100 Guineen geſetzt hat.“ „Hundert Guineen?“ wiederholte erſtaunt Mac Donald,„aber wie iſt das möglich? Ich komme jetzt direct von Melbourne, und müßte doch von einem ſolchen ganz außergewöhnlichen Falle eben⸗ falls etwas gehört haben. Hundert Guineen— ich erinnere mich allerdings eines ſolchen Falles, aber— von welchem Datum iſt denn Ihre Zei⸗ tung?“ „Von welchem Datum? ich habe wahrhaftig noch nicht einmal nachgeſehen,“ erwiederte John, die fragliche Nummer dabei wieder unter den übrigen herausſuchend—„doch wohl— nun freilich die Karren ſind eine ganze Weile unter⸗ wegs geweſen.“ „Die Ochſenkarren haben die Neuigkeit mitgebracht?“ lachte Mac Donald,„das iſt nicht übel.“— — 3 0— „Ach, hier iſt das Blatt. Vom 15.— ja freilich das iſt etwas ſpät— vom 15. December vorigen Jahres.“ „Und jetzt haben wir April,“ ſagte der Gaſt —„ja dann kann Ihre Zeitung recht haben. Wie hieß der Burſche?“ „Jack London mit einer Anzahl alias,“ ſagte der Vater. „Ganz recht; das iſt derſelbe. Der wurde aber bald darauf eingefangen, und der Fangpreis iſt auch, ſoviel ich weiß, Denen die ihn einbrach⸗ ten richtig ausgezahlt worden.“ „Vom 15. December?“ rief die Mutter er⸗ ſtaunt,„geht mir mit Euren altbackenen Neuig⸗ keiten. Und damit wird Einem jetzt noch Schrecken eingejagt!“ „Haben Sie den Mann einmal draußen wild 1 im Walde geſehen?“ frug Ned, der Jüngſte, der ſich beſonders für den Buſchrähndſcher intereſſirte. „Wild draußen nicht,“ meinte Mac Donald, „und bin damit auch ganz einverſtanden; in der Stadt aber wohl, wenn auch nur flüchtig, gerade als er gefangen eingebracht wurde.“ „Und wie ſah er aus?“ rief Bill raſch und begierig. „Ja, mein junger Freund,“ ſagte der Gaſt, „das bin ich wirklich nicht im Stande Euch ſo — 31 genau anzugeben. Auf mich macht ſolch ein Schau⸗ ſpiel jedesmal einen entſetzlich unangenehmen, ich kann wohl ſagen, peinlichen Eindruck, und ich gehe ihm lieber ſoviel als möglich aus dem Wege, ſuche es wenigſtens nie freiwillig auf.“ „Und daran thun Sie auch vollkommen wohl,“ ſtimmte ihm die Mutter bei.„Es iſt ſchon au⸗ ßerdem genug Jammer und Elend in der Welt, und ſtößt uns überall auf, wo wir ihm mit dem beſten Willen nicht ausweichen können; man muß ſich nicht noch muthwillig ſolch ſchmerzlichen Ein⸗ drücken preisgeben.“ „Ich ſähe aber für mein Leben gern einmal einen Buſchrähndſcher hängen!“ rief Bill mit leuchtenden Augen. „Bill!“ riefen Mutter und Schweſtern faſt zu gleicher Zeit erſchreckt und tadelnd aus.„Wer um Gottes Willen hat dem Knaben ſolch blut⸗ dürſtige Gedanken in das Herz gelegt?“ ſetzte die Mutter noch ſchaudernd hinzu;—„pfui Kind, ſchäme Dich, ſolchen Wünſchen Worte zu geben; hüte Dich aber noch viel mehr, ſie in Deinem Herzen zu nähren.“ „Aengſtigen Sie ſich deshalb nicht, Mrs. Po⸗ well,“ beruhigte ſie Mac Donald.„Die Knaben wachſen hier im Buſche auf und ſchwatzen nur meiſt nach, was ſie von der eben nicht zarten Ge⸗ — 32— ſellſchaft der Hirten, Schäfer und Ochſentreiber hören. Das Herz kann dabei gut und rein blei⸗ ben; nur der jugendliche Uebermuth ſprudelt her⸗ aus, und wird Bill einmal älter, ſo ſieht er ſchon ſelbſt ein, daß es eben nichts Wünſchenswerthes ſein kann, einen Nebenmenſchen— und wenn es ein Verbrecher wäre— vom Leben zum Tode ge⸗ bracht zu wiſſen.“ „Dann ſind die Schwarzen wohl auch un⸗ ſere Nebenmenſchen?“ fragte Bill, halb trotzig, halb beſchämt. „Allerdings,“ erwiederte Mac Donald freund⸗ lich,„und ſo wild ſie ſich manchmal benehmen, ſo würden wir an ihrer Stelle, und von einer andern Menſchenrace ſo behandelt oder vielmehr mißhandelt, wie wir ſie mißhandeln, uns noch viel ungeberdiger, unfügſamer, vielleicht ſogar grauſamer zeigen als ſie.“ „Das glaub' ich auch,“ ſtimmte ihm Mr. Po⸗ well bei.„Die meiſten Stationshalter betrachten aber wirklich die Schwarzen für wenig beſſer als die wilden Hunde, und vermehren dadurch nur die Feindſchaft, erweitern den Riß, der leider ſchon unausfüllbar groß geworden iſt.“ „Du biſt beſſer mit ihnen, John,“ ſagte die Frau herzlich zu ihrem Manne,„Du haſt nie nach ihnen geſchoſſen, oder ſie mit Hunden gehetzt, und — 38— ich glaube, dem Umſtand allein haben wir es auch zu verdanken, daß ſie uns bisher ſo gänzlich in Ruhe gelaſſen, und nie eine wirkliche Feindſelig⸗ keit verſucht haben.“ „Liebes Kind,“ ſagte der Mann achſelzuckend, „darauf allein dürfen wir nicht bauen, und ich verlaſſe mich dabei doch immer mehr auf die Furcht, die wir ihnen einflößen, als auf jene Dankbarkeit, zu der wir ſie verpflichten, wie Du glaubſt. Bedenke, daß ich, ſo gut wie alle übrigen Stationshalter, ihnen doch trotzdem direct den größten Schaden zufüge, der ihnen nur über⸗ haupt von den Weißen zugefügt werden kann. Daß ich perſönlich freundlich mit ihnen bin, und Rohheiten meiner Leute gegen ſie nicht geſtatte, kann das nicht gut machen. Wir haben ſie mit unſeren Herden von ihren Jagdgründen verdrängt, mit unſeren Hunden ihr Wild, ihre Känguruhs, Emus und Wallobis*) vom Fluſſe weg in die Mal lleybüſche gejagt; ja, noch ſchlimmer, einen Stamm dem anderen, die ſich Alle feindſelig ge⸗ ſinnt ſind, in die Nähe gezwungen, daß das Blut⸗ vergießen zwiſchen ihnen ſeit der Zeit nicht auf⸗ gehört hat. Das vergeſſen uns die ſchwarzen 4 1*) Emu iſt der Auſtraliſche Kaſuar, Wallobi eine kleine Art von Känguruh. Gerſtacker. 1. 3 Burſchen nicht, können ſie nicht vergeſſen, und ihr ganzer Charakter iſt überhaupt nicht ſo ver⸗ ſöhnlicher Art. Wer ſie noch außerdem perſönlich reizt, hat ſich die Folgen ſelber zuzuſchreiben.“ „Das wiſſen Sie doch,“ ſagte Mae Donald, „daß ein ganzer Stamm von ihnen kaum eine halbe Stunde Wegs am Fluſſe lagert?“ „Wirklich?— nein, das wußte ich nicht,“ ſagte Mr. Powell lächelnd,„hätt' es mir aber allenfalls denken können, und heute Abend wer⸗ den wir ihre Feuer hier dicht bei uns haben, und ihren Corroberrys*) zuſehen können. Wenn die Zufuhren kommen, ſind die Schwarzen auch nicht weit, darauf kann man ſich feſt verlaſſen, und wie der Raubvogel oder der wilde Hund ein Aas im Walde wittert, ſo merken die ſchwarzen, eben ſo ſcharf⸗ ſinnigen Burſchen friſche Transporte, bei denen ſie recht gut wiſſen, daß auch etwas für ſie abfällt.“ In dieſem Augenblicke klopfte es an die Thür, und auf das einladende„walk in“ des Haus⸗ herrn erſchien der erſte Stockmann Mr. Bale auf der Schwelle, grüßte die Familie, ſowie den Frem⸗ den, und meldete, daß ein Stamm der Rufus⸗ Schwarzen— dieſelben, die im vorigen Jahr ein⸗ mal ein Paar Tage hier gelagert und bei ihrem *) Tänze der Schwarzen. Abſchied ein halbes Dutzend Schafe mitgenommen. hätten, im Anzug wäre und, wie es ſchien, Luſt habe ſeine Gunyo’'s) hier aufzuſchlagen. „Ah, da ſind ſie alſo ſchon,“ lachte Mr. Mac Donald,„die müſſen mir dann gerade in der Fährte gefolgt ſein.“ „Ja, die ſchwarzen Halunken laſſen nicht lange auf ſich warten, wenn ſie einmal irgendwo Tabak oder Brod riechen,“ meinte der Stockkeeper.„Sol⸗ len wir ſie denn zu der Station laſſen, Sir? ich dächte, wir litten die ſchwarzen Spitzbuben nicht ſo ganz in der Nähe?“ 3 „Wie viele ſind's ihrer wohl?“ frug Mr. Powell. „Nicht ſo ſehr viele,“ lautete die Antwort, „vielleicht zehn Männer und funfzehn oder ſech⸗ zehn Frauen und Kinder. Der alte Krüppel iſt auch wieder dabei, und wandert auf ſeinen Hän⸗ den rüſtig mit. Der Burſche iſt zäh wie rohe Haut.“ „Der arme Menſch,“ ſagte Mrs. Powell, wäh⸗ rend die Söhne hinausgegangen waren, die Schwar⸗ zen ankommen zu ſehen.„Laß ſie nur heran, John. Sie bleiben nicht lange, und es muß ih⸗ nen ja auch wohl thun, einmal menſchliche Woh⸗ *) Gunyo's, die Rindendächer der Auſtraliſchen Wilden. 3 3* nungen zu ſehen und in ihrer Nähe weilen zu können.“ „Glauben Sie das ja nicht, Madame,“ warf hier der Stockmann ein.„Die Canaillen haſſen die Wohnung eines Weißen, wie den Weißen ſelber, und finden ſie draußen im Buſche einmal eine leere Hütte— mag es vom Himmel herun⸗ tergießen, ſoviel es will— gehen ſie nicht etwa hinein, ſondern lagern hartnäckig im Freien. Wenn ſie den innern Raum ja auf eine Viertelſtunde betreten, ſo geſchieht es nur vielleicht, um zu ſehn, ob ſie drinnen Nichts mehr zu ſtehlen finden, denn gebrauchen können ſie Alles.— Hätt' ich mei⸗ nen Willen— aber was thut's— und wie ſoll's gehalten werden, Sir?“ „Laſſen Sie die Burſchen nur heran,“ ſagte 3 Mr. Powell gutmüthig;„wenn ſie uns ja läſtig werden ſollten, können wir ſie bald wieder los⸗ werden.— Hier iſt ein Brief für Sie mitgekom⸗ men, Mr. Bale,“ brach er dann ab, und ging nach dem Tiſche zu—„zwei ſogar, wie ich ſehe, und wenn Sie heut' Abend einige von den Zei⸗ tungen durchblättern wollen, ſtehen ſie Ihnen eben⸗ falls zu Dienſten.“ „Dank Ihnen, Sir,“ ſagte der Mann, indem er die Briefe anſcheinend gleichgültig nahm, und nach einem nur flüchtigen Blick auf die Adreſſe — 37— in die Taſche ſchob. Aber ſeine Augen glänzten, und über das derbe, ſonnverbrannte Geſicht des Mannes, das ein kurz gehaltener, aber voller Bart mehr zierte als verdeckte, zog ſich ein freundli⸗ ches Lächeln.— Briefe aus der Heimath, wer auch hätte dem Zauber widerſtehen können! „Wolle iſt theurer geworden, wie ich höre, Sir?“ ſagte er dann, als er ſich zum Fortgehen anſchickte,„und Pferde ſollen auch einen guten Preis bringen. Wie wär's denn, wenn wir ein⸗ mal einen Trupp von ihnen, ſobald das Gras ein Bischen mehr herauskommt, hinunterjagten? Was andere Leute können, können wir auch, und unſer Pferdefleiſch darf ſich ſchon auf dem Ade⸗ laide⸗Markt ſehen laſſen.“ „Ich habe auch ſchon daran gedacht, Mr. Bale, 4 8 erwiederte Mr. Powell,„zu riskiren haben wir. kaum etwas dabei. Wiſſen Sie vielleicht, Mr.. Mac Donald, wie die Preiſe ſtanden, als Sie Melbourne verließen? Meine Berichte hier find etwas ſehr alt.“ „Gut— vortrefflich ſogar, ſoviel ich weiß,“ erwiederte der junge Mann,„wenigſtens für Die,“ ſetzte er lächelnd hinzu,„die Pferde zu verkau⸗ fen hatten.— Die Käufer mußten, r was ſe brauch⸗ ten, hoch bezahlen. 4 „Vortrefflicher Grauſchimmel der, den Sie rei⸗ ten, Sir“, ſagte der Stockkeeper zu dem Fremden gewandt“; darf ich fragen, was er gekoſtet hat? — Bitt' um Entſchuldigung,“ ſetzte er aber raſch hinzu, als er ſah, daß der Gaſt leicht erröthete. —„Was er gekoſtet, brauch' ich nicht zu wiſ⸗ fen, nur was er etwa in den Anſiedelungen jetzt werth iſt.“ „Sie können auch erfahren, was er mich ge⸗ koſtet hat,“ lachte Mac Donald, dem Zartgefühl des Mannes begegnend. Im Buſche drin, wie überhaupt in den Colonieen, ſind den Eigenthümern die Pferde gewöhnlich immer feil, vorausgeſetzt daß ſie einen guten Preis dafür bekommeu. Was ſie ſelbſt dafür gegeben haben, iſt indeß eine de⸗ likate Frage, die auch wohl in den wenigſten Fäl⸗ len, beſonders dann, wenn ein Wiederverkauf be⸗ abſichtigt wurde, wahr beantwortet wird. Ich bin kein Pferdehändler und habe deshalb auch kein Geheimniß aus dem Preiſe zu machen. Der Graue koſtet mich mit Sattel und Zaum, wie er da ſteht, gerade 15 Pfd. Sterling. „Vielleicht nicht zu viel für ein ſo gutes Pferd,“ ſagte der Stockkeeper mit den Achſeln zuckend,„im Durchſchnitt darf man aber wohl kaum auf mehr als acht Pfd. Sterling rechnen. War das der geforderte Preis?“ — 39—, „Gebotener, und der Verkäufer ließ es gelten.“ „Glaub' ich— iſt auch annehmbar, aber doch nicht zu viel. Springt er gut?“— „Wie ein Reh, und braucht faſt kein Waſſer den ganzen Tag.“ „Treffliches Buſchpferd— wenn ich meine eigene Station hätte, möcht' ich's ſchon haben.“ „Nun, wenn das einmal geſchieht, Mr. Bale, werden wir vielleicht Handels einig,“ lächelte Mae Donald. „Je eher dann, deſto beſſer,“ ſagte der Mann und verließ wieder artig grüßend das Zimmer. Er hatte kein Wort mit den Damen geyechſelt, und ihnen nur beim Eintreten und Abſchied ſeine ſtumme Verbeugung gemacht. Nur im Spiegel ſuchte ſein Blick manchmal und flüchtig die ſchlan⸗ ken Geſtalten, und es war dann, als ob er ſelbſt ſolcher Kühnheit wegen erröthe. Als Bale das Zimmer verlaſſen hatte, drehte ſich das Geſpräch noch kurze Zeit um Pferde, Rinder und Wollpreiſe, jene, den dafür ſich nicht Intereſſirenden oft zur Verzweiflung treibende Auüſtraliſche Buſch⸗Unterhaltung, bis ſich die Da⸗ men endlich derſelben bemächtigten, und Sarah beſonders die Bücher ausgepackt hatte, die einen ihrer Lieblingswünſche erfüllten. Das Buch, das die Kugel getroffen, ohne ihm 40— jedoch weſentlichen Schaden zu thun, war Lalla Rookh. Nur durch Einband und Titel und die erſten Blätter des„verſchleierten Propheten“ war ſie gefahren, und das jetzt harmloſe Blei ſtack noch feſt in der Umhüllung. Maec Donald nahm die Kugel lächelnd in die Hand, betrachtete ſie einen Augenblick und wollte ſie dann in die eigene Taſche ſchieben, als Sarah ihre Hand auf ſeinen Arm legte, und ihn mit freundlichem Blick erſuchte, ihr dieſelbe zu über⸗ laſſen. „Sie gehört mit zum Buche,“ ſagte ſie bittend; „es würde etwas darin fehlen, wenn ich ſie nicht behalten dürfte.“ Mac Donald ſah ihr lange und feſt in's Auge, bis ſie ihren Blick vor dem ſeinen zu Boden ſchlug. Faſt ſchien es, als ob es ihm Ueberwin⸗ dung koſte, die werthloſe Kugel herzugeben. End⸗ lich aber ſtreckte er langſam den Arm aus, reichte ihr das Stück Blei, und ſagte freundlich, laber mit einem faſt wehmüthigen Zug um die Lippen: „Nehmen Sie die Kugel, Miß Powell.— Es iſt auch vielleicht beſſer, ich gebe ſie weg, damit ſie mir nicht zum zweiten Male gefährlich werde.“ „Sind Sie abergläubiſch?“ frug Sarah, die, während ſie die Kugel nahm, wieder lächelnd zu ihm aufſchaute. — = 41 „Ein wenig“, erwiederte Mac Donald— nich bin ein leidenſchaftlicher Jäger und ein halber Seemann, und Seeleute wie Jäger ſind, wie be⸗ kannt, alle ein wenig abergläubiſch, mögen ſie es leugnen, ſoviel ſie wollen. Das Geſchäft bringt das ſchon mit ſich.“ . „Nun aber erzählen Sie uns auch,“ bat Mrs. Powell,„wo in aller Welt Sie ſo lange geſteckt haben, und warum Sie gar Nichts von ſich hören ließen. Glauben Sie mir, wir ängſtigten uns Ihrethalben, und fürchteten wirklich ſchon, es könnte Ihnen unterwegs von Buſchrähndſchern oder Schwarzen etwas zugeſtoßen ſein „Wo ich geweſen bin?“ ſagte Mac Donald achſelzuckend,„wo eigentlich nicht. Mein Plan war damals, wie Sie wiſſen, mich irgendwo als Squatter niederzulaſſen, eine eigene Heimath zu begründen. Zufällig hörte ich da auf dem Wege nach Melbourne von einer neu entdeckten pracht⸗ vollen Gegend für Viehzüchter, von einem Para⸗ dies für Schafe und Rinder— Gerüchte, wie ſie im Auſtraliſchen Buſche ebenſo von reich bewäſ⸗ ſerten Weidediſtricten in Umlaufe ſind, wie in den Städten von eben aufgefundenen Kohlenminen, die ſich nachher als nichts Anderes ausweiſen wie Phantaſieen, im Hirn eines Schwärmers oder Be⸗ trügers entſprungen. Trotzdem, trotz all⸗ meinen 8 . 412— ähnlichen Erfahrungen aus früherer Zeit, ließ ich mich verleiten, der falſchen Fährte nachzugehen, und verbrachte mit ein Paar Leidensgefährten eine lange troſtloſe Zeit drin im trocknen Malleybuſch. Bald ſpürten uns auch die Schwarzen aus, und nur mit Mühe und Noth entgingen wir endlich der doppelten Gefahr des Verſchmachtens und ihrer hölzernen Speere, von denen Einer meiner Gefährten ziemlich arg, wenn auch nicht lebens⸗ gefährlich, verwundet wurde.“ „In welcher Gegend war das?“ fragte Po⸗ well, der ſich beſonders für dieſen Bericht über einen neuen Weidegrund intereſſirte; iſt es doch das im Buſchleben, was dem Squatter vorzüg⸗ lich und zunächſt am Herzen liegt. „Zwiſchen dem Hindmarſch und dem Curon⸗ See,“ erwiederte Mae Donald. „Ich habe immer gedacht, daß dort noch ein⸗ mal eine gute Stelle aufgefunden würde,“ rief Mr. Powell, von ſeinem Stuhl aufſpringend— „und Sie fanden gar Nichts?“. „Schwarze genug, aber keinen Tropfen Waſſer für uns und für die Thiere, außer wenn wir zum Hindmarſch⸗See zurückkehrten, um dort unſere Ge⸗ fäße wieder zu füllen und unſeren Pferden Ruhe zu gönnen.“ „Dann ſind Sie auch nicht weit genug im — 43— Innern geweſen; ich bin feſt überzeugt, daß inner⸗ halb jener beiden See'n irgendwo ein alter Waſ⸗ ſercours und noch feuchtes Land liegen muß. Wäre ich nur bei Ihnen geweſen!“ „Danken Sie Gott, daß Sie es nicht wa⸗ ren,“ erwiederte Mac Donald ernſt;„ich möchte die Zeit nicht noch einmal durchleben.“ „Und haben Sie es jetzt aufgegeben, einen paſ⸗ ſenden Weideplatz zu finden?“ frug die Mutter den jungen Mann mit vieler Theilnahme,„oder führt Sie gerade deshalb Ihr Weg hierher zurück?“ „Das iſt eine noch viel indiseretere Frage,“ rief lachend ihr Gatte,„als die des Mr. Bale, was das Pferd gekoſtet habe? Du weißt, liebes Kind, daß ein angehender Squatter Nichts auf der Welt ſo geheim hält, als welche Richtung er nehmen will, um einen Weidegrund zu finden.“ „Jedem andern Sqatter gegenüber, ja,“ erwiederte Mac Donald, dem alten Herrn die Hand hinüberreichend, welche dieſer nahm und herz⸗ lich drückte.„Ihnen kann ich ganz offen geſtehen, daß es allerdings mein Plan iſt, hier irgendwo am Murray noch einen Weidegrund außzufinden, obgleich die beſten oder eigentlich brauchbaren Stellen ſchon lange undfeſt in Beſitz genommen ſind.“ 1„⸗ und ich geſtehe Ihnen, daß ich Niemanden lieber zum Nachbar hätte als gerade Sie,“ er⸗ wiederte ihm eben ſo herzlich Mr. Powell.„Nur zu oft geſchieht es, daß wir unter den Squattern eine Menſchenklaſſe in die Nähe bekommen, die nicht allein an Bildung, nein, auch an gutem Be⸗ tragen ſo weit unter uns ſtehen, daß wir bei dem beſten Willen mit ihnen keinen Umgang pflegen können, wenn wir auch nicht im Stande ſind jeden Verkehr mit ihnen zu vermeiden. Was könnte uns da Lieberes geſchehen, als uns auf ſolche Weiſe zu verbeſſern? Für unſere Herden haben wir doch noch Raum genug; das Land iſt groß, und bis dahin, daß ſie ſich ſo vermehrt haben, um uns zu zwingen einen andern Platz zu ſuchen, wird auch ſchon Rath werden. Zer⸗ ſtreuen ſich die Kinder doch meiſt, wenn ſie einmal das richtige Alter erreicht haben, und flügge geworden ſind! So wollen wir denn hier auf fröhliche und gute Nachbarſchaft anſtoßen, Mr. Mac Donald!“ ſetzte er hinzu, als Sarah, die ſich einen Augenblick auf einen Wink der Mutter entfernt hatte, mit einer Flaſche Sherr) und einigen Gläſern zurückkam, indem er dieſe füllte und das ſeinige dem Gaſt entgegenhielt. „Das gebe Gott!“ erwiederte, ſein Glas dem gebotenen entgegenbringend, mit einem recht aus tiefſter Bruſt geholten Seufzer der junge Mann, und leerte es auf einen haſtigen Zug. Ein lautes„Ku— ih!“ von draußen, der gewöhnliche Zuruf der Schwarzen unter einander, den ſich übrigens auch die Weißen im Innern des Landes angeeignet haben, tönte in dieſem Augenblicke herüber. „Aha, da ſind unſere ſchwarzen Gäſte ſchon,“ lachte Mr. Powell,„das ließ ſich denken, daß die nicht viel Zeit verſäumen würden, von der er⸗ haltenen Erlaubniß Gebrauch zu machen. Uebri⸗ gens thun ſie höchſtens beim Abziehen einigen Schaden, denn ſo lange ſie an der Station la⸗ gern, hüten ſie ſich gar ſehr von irgend fremdem Eigenthum etwas anzurühren. „Wenn ſie das aber beim Abſchiede doch thun, ſo ſetzen ſie ſich doch ſtets, ſollten ſie den Platz ein⸗ mal ſpäter wieder beſuchen, einem rauhen und unfreundlichen Empfang aus,“ meinte Mac Donald. „Daran denken ſie nicht,“ erwiederte Powell. Die Burſchen haben doch unter einander irgend eine Art von moraliſchem Geſetzbuch, nach ſo luftigen Grnndſätzen dieſes auch entworfen ſein mag— und irgend welche Beſtimmungen und Ordnungen unter ſich. Wir Weißen kennen über⸗ haupt bis jetzt nur die alleräußerſte Schale ihres politiſchen wie geiſtigen Lebens, und geben uns, aufrichtig geſagt, auch entſetzlich wenig Mühe, eine beſſere Kenntniß von ihnen zu erlangen. Nach dem aber, was ich bis jetzt in meinen langjähri⸗ gen Erfahrungen von ihnen geſehen und erlebt habe, ſcheint es mir, daß ſie hinſichtlich ſolcher und ſelbſt anderer ſchwererer Vergehungen eine Art Verjährungsrecht unter einander haben, vermöge deſſen, nach einer gewiſſen Zahl von Monaten von irgend einer unangenehmen Sache nicht mehr geſprochen werden darf. So ſind mir mehrere Fälle vorgekommen, daß Schwarze, nach⸗ dem ſie einen Weißen erſchlagen, plötzlich ſpurlos aus der Gegend verſchwanden, und von keinem nach dhnen Buchenden wieder aufgefunden werden konnten, bis ſie plötzlich, gewöhnlich nach ſechs Monaten, ganz ungenirt und von ſelbſt wieder zum Vorſchein kamen, und ſo unbefangen mitten in die Polizei hineinliefen, als ob ſie mit der ganzen frühern Sache von Mord und Blut auch nicht das Mindeſte zu thun gehabt hätten. Einige von ihnen haben ſich auf dieſe Weiſe auch wirk⸗ lich dem beleidigten Geſetz freiwillig oder viel⸗ mehr unbewußt in die Hände geliefert, und ſchienen bei dem erſten Verhör ſehr entrüſtet dar⸗ über zu ſein, daß man jetzt noch einmal eine Ge⸗ ſchichte aufrühre, die ſchon„ſechs Monde“ alt wäre.“ Das allerdings gäbe auch mir den Schlüſſel zu manchen von ihren Handlungen,“ ſagte Mac Donald—„aber wollen wir nicht einmal lieber zu ihnen hingusgeben? Aufrichtig geſagt, kam mir heute, als ich an dem Stamm vorbeiritt, der Ge⸗ danke, ob ich nicht einen oder zwei von dieſen Burſchen bewegen könnte, mit mir in den Buſch zu gehen und nach irgend einem Weidegrunde zu ſuchen.“ 9 „Ich würde Ihnen doch nicht rathen, ſich m it ihnen einzulaſſen,“ ſagte Mr. Powell. „Trauen Sie ihnen um Gottes Willen nicht,“ warnte ihn auch Mrs. Powell—„ſie ſind alle falſch, ſelbſt die beſten unter ihnen, und ſollten Sie ſich einen der ſchwarzen Menſchen noch ſo ſehr zu Dankbarkeit verpflichtet haben, ſo dürfen Sie es doch nicht wagen, ihm, wenn Sie mit ihm allein ſind, den Rücken zuzukehren. Hat er ſeine Keule in der Hand, ſo kann er der Verſuchung nicht widerſtehen, Sie zu Boden zu ſchlagen.“ „Darin liegt allerdings viel Wahres,“ ver⸗ ſicherte Mr. Powell.„Im Sydney⸗Diſtrict, in dem ich doch eigentlich meine Schafzucht begann, hatte ich in der damals noch ziemlich wilden Ge⸗ gend einen Nachbar— einen Schotten— der ſich der Schwarzen ungemein annahm, und einen jungen Burſchen von ſechzehn Jahren, dem er als Kind ein⸗ mal das Leben gerettet, ſtets mit ſich herumführte. Der junge Burſche war ihm auch wirklich ergebener, als ich es je von einem Schwarzen geſehen hatte. Einmal aber ſind ſie zuſammen draußen im Walde, um einen Baum umzuhauen. Auf einmal kommt der Schwarze, mit einer blutigen Axt allein, und heulend und ſchreiend zur Station gelaufen, und klagt ſich mit den aufrichtigſten Zeichen der Reuen und des Schmerzes ſelber an, ſeinen Herrn er⸗ mordet zu haben. Seiner eigenen Ausſage nach hatte er, mit der Axt in der Hand, neben ihm geſtanden, und der Verſuchung, als er ihm ein⸗ mal den Rücken zukehrte nicht widerſtehen kön⸗ nen, nach ihm zu ſchlagen. Der Schlag hatte den Tod Unglücklichen zur Folge, und der Schwarze war im Anfange außer ſich, ſeinen Wohl⸗ thäter getödtet zu haben. Als ſie ihn aber dieſer That wegen einſperren wollten, fand er Gelegen⸗ heit zu entſpringen, und hat ſich nie wieder in der dortigen Gegend ſehen laſſen.“ „Das ſind einzelne Fälle“, ſagte Mac Do⸗ nald,„ich kenne dagegen andere Beiſpiele, nach denen ſich Schwarze treu und ehrlich bewieſen haben. Allerdings immer nur während eines ſehr kurzen Zeitraumes, denn daß ihnen auf die Länge zu trauen wäre, möchte ich ſelbſt nicht behaupten. Aber ſorgen Sie ſich nicht um mich. Wenn ich wirk⸗ lich einen Schwarzen mit mir in den Buſch nehme, wähle ich mir auch meinen Mann heraus, und bin dann vorſichtig genug, mich mit ihm auf ſolch — 49— einen Fuß zu ſtellen, daß er nur dann ſeinen Vor⸗ theil findet, ſobald er ſich mir eben treu zeigt, in keinem andern Fall aber einen Nutzen von mir hat.“ „Sobald Sie das können, ſind Sie geborgen,“ lachte Mr. Powell, indem er ſeinen Strohhut auf⸗ ſetzte,„und nun w en wir, wenn es Ihnen recht iſt, einmal inh den Schwarzen gehen, die dort ſchon, wenn ich nicht ſehr irre, ihre Gu⸗ nyo's herſtellen un ihre Feuer anzünden.— Zum uiee ſind nen. Den Arm ſeines es n nend, der ſich den Damen freundlich empfahl, ſchritt er gleich darauf mit dieſem über den Vorplatz, der vor dem Stationsgebäude lag, hinweg, und dem nächſten, ſich den Häuſern anſchließenden Dickicht zu, von welcher Richtung her das Hacken der Tomahawks und aufſteigender Rauch wie wildes Hundegekläff die Nähe der Schwarzen verkündeten. Gerſtäcker. I. . 3. Capitel.— das heißt, einzelne ſtarke Gumbäume ſtanden dort parkähnlich zerſtreut auf einer ziemlich zer⸗ ſtampften, wenigſtens nicht mehr mit Gras be⸗ deckten Uferfläche des Murray, während ein nie⸗ deres Unterholz von ſtarren, Gott weiß weshalb ſo genannten Theebüſchen und beſenartigem Ge⸗ ſträuch hier und da in kleinen Gruppen oder Dickichten zuſammenwuchs. Die Höhe der Bäume zeigte aber hier die Nähe des Fluſſes an, hätte auch wirklich nicht der merkwürdige kleine Glocken⸗ vogel, der zuverläſſigſte Waſſeranzeiger Auſtraliens, hier und dort in den Zweigen ſein luſtiges, faſt metalliſch klingendes ting-ting hören laſſen. Dicht von dem hier ziemlich ſchmalen Wald⸗ — 51— ſtreifen und vom Fluſſe ab, den Malleyhügeln zu⸗ gekehrt, lief ein kleiner ſandiger, faſt kahler Hügelrücken hinauf, der zugleich die weſtliche Grenze der Station bildete, und dicht unter die⸗ ſem, noch im Schutze der Gumbäume, war der oben beſchriebene Stamm eifrig beſchäftigt, die dickſtämmigen Gums abzuſchälen, und ein leicht errichtetes Lager mit der Rinde derſelben für ſich herzuſtellen. Wohl hatten die beiden Männer noch ein Dritttheil des Wegs zurückzulegen, als ihnen aus dem Gebüſche heraus mit wüthendem Gebell eine ganze Meute lebendiger Hundeſtelekee entgegen⸗ ſtürzte, und den Wald mit ihrem wolfsähnlichen Geheul erfüllte. Es waren die Hunde der Schwar⸗ zen, und eine buntere Miſchung nichtswürdiger, eben nur noch in den Knochen hängender räudiger und halb verhungerter Köter war wohl noch nie in einem andern Theile der Welt verſammelt ge⸗ weſen. Und wovon lebten ſie überhaupt?— Die Schwarzen fanden kaum für ſich ſelber Nahrung genug, um im Walde ihr Leben, ſo wie das der Ihrigen zu friſten. Känguruhs fingen ebenfalls ſchon an, in dieſem Theile des Buſches zu einer ſehr ſeltenen Jagdbeute zu werden, und wenn die ganze Meute nicht dann und wann vielleicht einmal einen Dingo oder wilden Hund überraſchte 4 1 4 und mit Haut und Haar auffraß, blieb ihr wahr⸗ lich Nichts weiter übrig, als was ihre Herren eben⸗ falls in Zeit der Noth mit ihnen thaten, nämlich einen unter ihrer eigenen Meute herauszuſuchen, niederzuwürgen und zu verſchlingen. Die Hunde ſind den Schwarzen in ſofern nütz⸗ lich, als ſte ihnen beſonders das Opoſſum, das Wal⸗ lobi und manchmal auch ein Känguruh jagen hel⸗ fen, von denen ſie dann vielleicht die Einge⸗ weide zu freſſen bekommen. Sonſt müſſen ſie ſich oft genug ihr Futter ebenſo wie ihre Herren in Würmern ind Engerlingen aus der Erde graben, oder— teben von der Luft. Die beiden Männer blieben ſtehen, einen et⸗ waigen Augriff der Beſtien mit einem raſch auf⸗ gegriffenen Holz abzuwehren, und Mr. Powell ſah ſich nach ſeinen eigenen Hunden um. Dieſe hatte aber Georg, der noch einmal den Fluß hinab⸗ geſprengt war, mit fortgenommen. Die Schwar⸗ zen ſelber bemerkten indeſſen raſch die nahenden Weißen; den Eigenthüͤmer der Station kannten ſe überdies, und wie dem Boden entwachſen, ſtan⸗ 7 den plötzlich fünf oder ſechs junge Burſchen mit⸗ ten zwiſchen den Hunden, und warfen mit ſolchem Erfolg ihre Bumerangs oder aufgegriffene Stücke Holz zwiſchen die heulende Schaar hinein, daß dieſe winſelnd und mit eingezogenen Schwänzen muß der Eingeborene, was ihm der Wald an Früch⸗ ten verſagt, in der Inſektenwelt ſuchen, und Lar⸗ ven und Käfer, Maden, Engerlinge und Raupen ſind vor ſeinem Hunger niemals ſicher. Eine Aka⸗ zienart liefert ihnen außerdem noch ein nahrhaftes Harz, das beſonders die Frauen ſammeln und in Netzen mit ſich tragen, und eine Art Eisgewächs mit kleinen dreieckigen fleiſchigen Blättern, faſt wie eine kurze dreieckige Feile, die ſelbſt in der dürrſten Jahreszeit ihr ſaftiges Fleiſch bewahrt, dient ihnen daneben zur Hauptnahrung. Hier und da wachſen auch an ſumpfigen Stellen im Walde einzelne Kräuter und kohlartige Pflanzen, die von ihnen mit großer Sorgfalt geſammelt und ver⸗ zehrt werden. Sie eſſen überhaupt Alles, was ihnen nur irgend vorkommt und genießbar ſcheint, und die Gumbäume würden noch viel leerer und troſtloſer im Walde umherſtehen, wenn ſich ihre Blätter nicht gleich von vornherein durch einen ſcharfen öligen Geſchmack dagegen verwahrt hät⸗ ten, weder von Vieh noch Menſchen verzehrt zu werden. Dieſe Gunyo's oder Rindenzelte waren, dem Anſchein nach, unregelmäßig unter den Bäumen umhergeſtreut, alle nur das Schutzdach gerade der ſdichtung zukehrend, von welcher der Wind her⸗ 8 9 ſehte. Sorgfältiger als die übrigen ſchien au “ 3 nur ein einziges Lager hergerichtet, denn der Rin⸗ denſchutz war zwar niedriger als bei den anderen, zog ſich aber faſt ringsum, und ließ nur vorn eine kleine ſchmale Stelle offen, vor der der Beſitzer deſſelben ſich an dem ſchon angezündeten Feuer wärmen konnte. Dieſe Gunyo lag etwas abge⸗ ſondert von den übrigen, und beſonderen Reſpekt ſchienen die Hunde davor zu haben, die einen wei⸗ ten Bogen machten, ſie zu umgehen. Dort hauſte eines der merkwürdigſten Weſen, das die ſchwarzen Stämme wohl unter ſich auf⸗ zuweiſen hatten. Es war ein Krüppel und zwar durch jene wunderbare, dem Auſtraliſchen Conti⸗ nent eigenthümliche Krankheit, in der das Fleiſch der Arme und Beine, gewöhnlich eines Beines oder eines Armes, unter der Haut wegſchwindet, und den auf dieſe Weiſe angegriffenen Theil wie ein mit Gummi elaſticum überzogenes Skelett er⸗ ſcheinen läßt. Man könnte die Krankheit eine negative Elephantiaſis nennen, ſe ganz in ihrer Wirkung iſt ſie verſchieden, und ſo ganz ähnliche Urſache ſchreibt man ihr hier, wie auf den Nach⸗ barinſeln in der Südſee jener zu: nämlich das Liegen auf dem feuchten Boden. Sonderbar aber iſt es, daß ſich das in zwei gar nicht ſo weit von einander gelegenen, jedenfalls von einem Mee. beſpülten Ländern auf ſo gerade entgegenge — 57— Weiſe äußern ſollte: in dem einen durch ein un⸗ natürliches Aufſchwellen der Beine, wodurch die Haut faſt in Leibesdicke wie ein Trommelfell an⸗ geſpannt wird, und in dem andern durch gänz⸗ liches Schwinden des Fleiſches, bei dem die Nus⸗ keln und Sehnen zuſammentrocknen, und die zu⸗ ſammengeſchrumpfte Haut ſich dicht und feſt um die Knochen legÄt. Die Schwarzen ſchreiben das allerdings über⸗ natürlichen Kräften und böſen Geiſtern zu, die heimlich und bei Nacht, wenn die Feuer zufällig ausgegangen waren, herbeiſchlichen und mit gie⸗ rigen Lippen an den Gliedern ſolcher Unglücklichen ſogen. Betrifft es auch nur eines der Glieder, einen Arm, oder ein Bein, wie das gewöhnlich der Fall iſt, ſo laufen ſolche dem Geiſt verfallen Geweſene noch immer ruhig mit durch's Leben, und ſcheinen ſich aus dem Unfalle wenig mehr zu machen, als ihre Nachbarn in der Südſee aus ihren zum Zerſpringen angeſchwollenen Beinen. Der ſchwarze Burſche nur, der zu dieſem Stamme gehörte, war ſchlimmer als die Uebrigen heimgeſucht, und durch den böſen Geiſt des Ge⸗— brauches beider Beine beraubt worden. Er hatte die Kraft und Fähigkeit verloren darauf zu ſte⸗ hen, und wenn auch der Oberkörper bis zu den Hüftknochen hinab völlig geſund, ja ſogar ſtark — 58— und kräftig ſchien, mit breiter, gewölbter Bruſt und muskulöſen Armen, ſo waren die Beine da⸗ gegen zum Skelett zuſammengeſchrumpft. Dadurch wurde er gezwungen, ſich mit den Händen fortzu⸗ bewegen, auf denen er, während er die Beine kreuz⸗ weiſe zuſammenlegte, ordentlich und ohne anſchei⸗ nend ſehr große Beſchwerde ging. Bei längeren Märſchen erleichterte es ihm der Stamm übrigens dadurch, daß man ihn da, wo der Boden es erlaubte, auf ein Stück Rinde ſetzte. Dieſes, von den Frauen gezogen, unterſtützte ihn bei ſeinem Fortbewegen wenigſtens in etwas. Verkrüppelte, beſ onders Blinde, werden von den Schwarzen keineswegs beſonders geachtet. Schon ihr ganzes politiſches Leben zeigt das an, in Folge deſſen die älteſten und ſtärkſten Männer die Häuptlinge und Regierer ſind, die anderen aber ihnen unbedingt Folge zu leiſten haben. Hier bei dieſem Unglücklichen jedoch, der ſelbſt der Fä higkeit beraubt ſchien, ſich zu ernähren, mußten andere Umſtände obwalten, denn der Stamm be⸗ wies ihm nicht allein die größte Achtung und Auf⸗ merkſamkeit, ſondern betrachtete ihn faſt als ein höheres, jedenfalls mit den Geiſtern in genauer Verbindung ſtehendes Weſen. Beſondere Fähigkeiten beſaß er jedenfalls, und obgleich der Stamm nur ſelten mit den Weißen verkehrte, ſo hatte ſich dieſer Unglückliche doch ſo viel von der Sprache des fremden Volkes an⸗ geeignet, daß er ſich recht gut, ja faſt geläufig, mit ihnen verſtändlich machen konnte. War es deshalb, oder vielleicht wegen ſeines Verkehrs mit den Geiſtern der Nacht, mit denen er, wie die Eingeborenen glaubten, ſtete Verbindung un⸗ terhielt, und zwiſchen denen und ſeinem Stamm er vermittelte, aber er hatte den Namen Nguyul⸗ loman, der Dolmetſcher erhalten mit dem Ehren⸗ titel Burka, der alte Mann. Keine Beute wurde auch in das Lager gebracht, kein feiſtes Kängu⸗ ruh, kein rundes Opoſſum, kein Ballen Wattelharz oder Netz voll ſchneeweißer Engerlinge, von denen er nicht ſein Theil als ſchuldigen und ehrerbie⸗ tigen Tribut bekommen hätte. Nguyolloman nahm das auch an, als eine Sache, die ſich von ſelbſt verſtand, und forderte ſogar die Ehrfurcht von den Seinen, die ſich nicht regen durften, wenn er manchmal Nachts unter ſeinem einſamen Rindendache mit tiefer, hohltönender Stimme ſeine Beſchwörungen in den dunklen Wald hinein ſang. Nur die Hunde heulten dazu, denn ſie fürchteten den verkrüppelten Mann, der m nie fehlender Sicherheit Steine und Holzſtiͤů nach ihnen ſchleuderte, ſo oft ſie nur in die ſeiner Hütte kamen, und gar ſchauerlich kla dann die Beſchwörungsformeln, wenn ſich der angſtvoll thieriſche Laut mit ihnen miſchte. Der ganze Stamm lauſchte dann auch in peinlicher Spannung dem Schluſſe des Liedes; kein Kind wagte zu ſchreien, und nur ſchüchtern und vor⸗ ſichtig kroch hier und da eine Frau zum Feuer, um mehr Holz hineinzuſchieben, damit die Flamme nicht verlöſche. Der furchtbare Nokunno, der in der Nacht umherſchleicht und die Unglücklichen überfällt, deren Feuer verlöſcht ſind, hätte ja ſonſt Macht und Gewalt über ſie gewonnen. Nguyullomgy ſaß vor ſeinem Rindendach auf einem, für ihn ausgebreiteten Mantel von Opoſ⸗ ſumfellen, und ſchaute aufmerkſam einer Anzahl kleiner ſchwarzer Burſchen zu, die trockenes Holz für ihn, wo ſie es finden konnten, herbeiſchlepp⸗ ten und in den Bereich ſeines Armes ſchoben, da⸗ mit er es ſelber auf ſein Feuer werfen konnte. Abends nach Dunkelwerden durfte Niemand, den er nicht herbeirief, zu ſeiner Hütte kommen. Die beiden Weißen ſchritten auf dieſen Platz— um den ſich einige der Burka’'s oder alten Män⸗ ner ſchon verſammelt hatten, wie ſie die Annähe⸗ ng derſelben von weitem bemerkten— zu, und ten hier auch Nichts mehr von den Hunden zu ten. Nun, Nguyulloman,“ ſagte Mr. Powell, der den Krüppel ſchon von früher kannte, und ihm manches Gute erwieſen hatte,„auch wieder einmal hier? Wie iſt es gegangen die Zeit über?“ „Gut, Maſter,“ ſagte der Wilde, mit einer merkwürdig reinen Ausſprache der Worte, wie ſich die Auſtraliſchen Schwarzen überhaupt darin aus⸗ zeichnen, ein ungemein empfäugliches Ohr für fremde Klänge zu haben. Dem Afrikaniſchen Ne⸗ ger ganz entgegengeſetzt, ſprechen ſie das, was ſie von den fremden Worten behalten, auch ſo rein und deutlich aus, als ob ſie von Jugend auf in dem Lande, dem die Sprache eigenthümlich iſt, erzo⸗ gen worden wären;„tauſend gut— aber Stamm iſt arm— hat kein Känguruh mehr und kein Emu— weiße Männer haben Alles fortgejagt— und viel Krieg mit Darling⸗Schwarzen— böſe Schwarze— haben viel Butter*) genommen. Arme Rufus⸗Schwarze ſind übel dran.“ *) Butter iſt die Bezeichnung für Alles, was fett iſt. Beſonders wird das Nierenfett der Menſchen— wie auch hier— darunter verſtanden, welches die Schwarzen aller Stämme, einem gemeinſamen, höchſt gefährlichen Aberglauben zufolge, dem überwundenen Feinde ausreißen und ſich damit beſtreichen, indem ſie dabei deſſen Stärke auf ſich zu übertragen vermeinen. Aehnlich wie die Nord⸗ amerikaniſchen Wilden bei der Abnahme des Scalps— der jedoch reine Siegstrophäe iſt— kehren ſie ſich auch wenig daran, ob der beſiegte Feind noch lebt oder nicht, wenn ſie 81 * — 62— „Aber im Malleybuſche ſind noch viele Kän⸗ guruhs, Nguyunlloman, und im Murray viele Fiſche und Hummern. Opoſſums giebt's überall, und an wilden Hunden, die Ihr ja ſo gern eßt, fehlt es leider Gottes auch nicht.“ „Wo ſind ſie?“ ſagte der Krüppel achſelzuckend. „Eure großen Känguruhhunde jagen ſie weit hin⸗ weg in den Buſch. Schwarze Mann kann ſie nicht mehr finden. Lebt von Pigsface*) und Wür⸗ mern, und leidet Hunger— tauſend Hunger.“ „Nun,“ ſagte Mr. Powell freundlich,„Nguyul⸗ loman ſoll heute wenigſtens keinen Hunger lei⸗ den. Ich habe Euch erlaubt, hier auf meiner Station zu lagern, und ich hoffe, daß Ihr Euch die kurze Zeit, die Ihr hier bleibt, gut aufführen werdet. Ich weiß, Nguyulloman kann ſeinen Stamm zwingen es zu thun, denn er hat Macht über ihn.“ Ein flüchtiges, kaum bemerkbares Lächeln ſtahl ſich über die dunklen Züge des Schwarzen, als er zwiſchen den buſchigen Augenbrauen hindurch, ohne den Kopf zu heben, zu dem Weißen auf⸗ ſah. Endlich erwiederte er langſam: nur das, ihrer Meinung nach ſo werthvolle Fett erbeuten können. *) Jene vorher beſchriebene ſaftige Pflanzenart. — 63— „Nguynlloman ſoll keinen Hunger leiden?“ „Nein— denn mein Stockkeeper mag dafür ſorgen, daß Euch heute drei Hammel und eben ſo viele Damper*) gegeben werden.“ „Butſcheri!“ ſagte Nguyulloman mit augen⸗ ſcheinlicher Befriedigung und blitzenden Augen, indem er einige Mal langſam mit dem Kopfe nickte—„butſcheri! Kein Speer wird von uns auf Euer Vieh geworfen werden. Meine jungen Männer werden weder Deine Rinder noch Pferde eſſen. Nguyulloman wartet auf die Damper!“ Mac Donald lachte. „Der alte Burſche ſpricht ſehr decidirt,“ ſagte er,„und ſcheint ſein eigenes Wohlbehagen vor allen Dingen zu Rathe zu ziehen. Es iſt doch ein ſchrecklicher Anblick, dieſes Halbſkelett.— Oben ein Mann in ſeiner Kraft und vollen Stärke, ein *) Damper, ein echt Auſtraliſches Gebäck, das im Buſche die Stelle des Brodes vertritt. Es beſteht aus Nichts als Weizenmehl und Waſſer mit etwas Salz. Das angefeuchtete Mehl wird zu einem feſten Teige geknetet, flach geklatſcht und auf den, von der Aſche befreiten Herd⸗ ſtein, oder, wenn kein Stein da iſt, auf den harten Boden, auf dem das Feuer gebrannt hat, ausgelegt und mit hei⸗ ßer Aſche überdeckt, bis es gahr iſt. Das es ſchwer im Magen liegt, läßt ſich denken, aber die Leute eſſen es doch, und die Schwarzen ſind beſonders leidenſchaftlich dafür eingenommen. — 64— halber Rieſe dem Anſchein nach, und unten ein mit Haut überzogenes, ſcheußliches Gerippe. Sieht er nicht aus wie ein Menſch, der aus ſeinem ei⸗ genen Grabe herausſchaut?“ „Bruſt und Arme ſind bei ihm beſonders ſo kräftig ausgebildet,“ erwiederte Mr. Powell,„weil er mit dieſen nun ſchon ſeit vielen Jahren ſeinen ganzen Körper fortbewegt. Alle ſeine Säfte ha⸗ ben ſich deshalb auch auf die oberen⸗ Theile ge⸗ worfen. Ich habe wirklich nie einen kräftigern, ſchöner gebauten Oberkörper eines Mannes geſehn.“ „Wetter, wen haben wir da?“ rief Mac Do⸗ nald erſtaunt, als ſein Blick über die übrigen Schwarzen ſchweifte und dort der Geſtalt eines vollkommen nackten Indianers begegnete, der, viel⸗ leicht zehn Schritte von ihnen entfernt, auf ſei⸗ nen langen höͤlzernen Speer gelehnt ſtand, und einer aus dunklem Marmor gehauenen Statue glich. Der Körper des etwa dreißigjährigen Man⸗ nes war tadellos ſchön; ſein Gliederbau eben ſo kräftig als proportionirt, Hand und Fuß ſogar klein und zierlich, während die Augen wie ein⸗ Paar dunkle Kohlen unter dem ſeidenartigen locki⸗ gen rabenſchwarzen Haar hervorfunkelten. Aber das Merkwürdigſte an ihm war der Bart, der ihm nicht allein vorn bis auf die Bruſt herabfiel, ſondern ihm auch den Hals, die Schultern und — 65— den obern Theil des Rückens vollſtändig bedeckte. Wie ſich der Epheu dicht um ein Gemäuer legt, ſo ſchien dieſer krauſe Bart ſich um ſeine Schul⸗ tern ausgedehnt zu haben, auf denen er wie ein glänzender Pelz auflag. Solche Bärte ſind, wenn auch gerade keine Seltenheit unter den Auſtrali⸗ ſchen Indianern, doch auch eben nicht ſo häufig, wenigſtens nicht in ſolcher Vollkommenheit. Sie decken den ganzen Nacken und die Schultern wirk⸗ lich wie ein ordentlicher übergelegter Pelz, und geben dem Träger ein eigenthümlich wildes, aber auch maleriſch ſchönes Anſehn. War es nun, daß der Bärtige den Eindruck fühlte, den er machte, kurzum, er heftete ſein dunkles Auge feſt auf das Antlitz des fremden Weißen, der ihn auch ſeinerſeits mit Erſtaunen betrachtete. „Ein vortreffliches Exemplar eines Auſtrali⸗ ſchen Negers,“ ſagte Powell, der dem Blick ſowie dem ausgeſtreckten Arm ſeines Gaſtes mit den Augen gefolgt war,„und dieſe beiden Männer, der eine in ſeiner Vollkommenheit, der andere in ſeinem dieſem Boden heimiſchen Elend, könnten als treffliche Repräſentanten der Stämme gelten. Nur noch ein Paar von jenen ſchwarzen Eva's müßten wir dazu nehmen, um die Gruppe voll⸗ ſtändig zu machen.“ 3 Gerſtäcker. I. / „ 66— „Kakurru!“ rief aber Mae Donald jetzt in der Sprache der Eingeborenen.„Wie kommſt Du hier zwiſchen die Rufus⸗ Schwarzen? Haſt Du die wilden Sümpfe der Encounterbai verlaſſen, und Frieden mit Deinen alten Feinden geſchloſſen?“ „Kakurru hat die Augen des weißen Mannes geſehen und ſeine Stimme gehört,“ erwiederte der Schwarze,„aber das Geſicht iſt ihm fremd geworden. Es hat gewechſelt wie der Mond.“ „Hallo, Mr. Mac Donald!“ rief jetzt ſein Gaſtfreund erſtaunt aus—„wo in aller Welt haben Sie die Sprache der ſchwarzen Burſchen ſo vortrefflich gelernt? Sie ſprechen ja dieſelbe ſo geläufig wie ein Eingeborener.“ „Langer Aufenthalt zwiſchen ihnen eines Theils, und ein wohl angeborenes Talent, fremde Spra⸗ chen leicht zu erlernen, möchten als Urſache gel⸗ ten,“ ſagte Mac Donald lächelnd.„Uebrigens iſt ihre Sprache nicht ſchwer, und mit einiger Aufmerkſamkeit kann man es leicht dahin bringen, ſich mit dem Nothwendigſten verſtändlich zu ma⸗ chen. Leider geben ſich meine Landsleute faſt gar keine Mühe, ſich ſolche Kenntniſſe zu verſchaffen, und das Reſultat iſt, daß dieſe ſchwarzen, an⸗ geblich in geiſtigen Fähigkeiten weit unter uns ſtehenden Burſchen uns faſt immer beſchämen, und 1 ein Licht“ ſehen; 4 mehr von un der ihrigen.“ „Allerdings haben Sie recht wir mit dem Kauderwelſch zen muß mehr daran liegen, uns zu verſtehen, als uns, mit ihrer Sprache vertraut zu ſein; alſo mögen ſie ſich auch die Mühe geben. Je⸗ denfalls können ſie mehr von uns lernen, als wir von ihnen. Aber kennen Sie den Burſchen?“ „Ja; ich habe ihn einſt an der Encounterbai getroffen und ihm auch, wie ich wenigſtens glaube, damals einen Dienſt geleiſtet. Er ſcheint mich aber ebenfalls nicht mehr zu kennen, denn ich trug damals keinen Bart.“ Kakurru hatte indeß ſein Auge auch nicht auf einen Moment von der Geſtalt des Fremden ge⸗ wendet, der ihn in ſeiner eigenen Sprache ange⸗ redet, und auch die übrigen Schwarzen blickten ſtaunend zu ihm empor. Es war der erſte Weiße, den ſie geläufig die Sprache eines ihrer Staͤmme reden hörten. „Mach' ein Licht, amper*)!“ aber was ſollen arme Lubra— ngarang ſagte da eine Stimme neben ihnen, ₰ D *) In der, von Weißen und Eingeborenen verunſtal⸗ teten Zwiſchenſprache, deren ſich beide Theile bedienen, um ſich unter einander verſtändlich zu machen, heißt„mach' ſerer Sprache lernen, als wir von anfangen? Den Schwar⸗ lubra iſt das Auſtraliſche Wort für 5* —, 68 und an ihrer Seite erkannten ſie, raſch dorthin niederſchauend, eines der entſetzlichſten Weſen die⸗ ſer Stämme, das ſich die menſchliche Einbildungs⸗ kraft nur möglicher Weiſe als Uebermaß von Scheußlichkeit und Häßlichkeit denken könnte. Es war eine alte Frau; von welchem Alter, ließ ſich aber nicht erkennen, denn Schmutz und Runzeln entſtellten und bedeckten ihre Züge. Nicht das geringſte Kleidungsſtück verhüllte dabei ihre Blöße, das Haar hing ihr wirr um die knöcher⸗ nen Schultern, und aus den triefenden Augen ſprach faſt ſo viel Ingrimm und Haß, dem weißen Stamm gegenüber, als Bitte um Mitleid. „Das wäre noch ein Exemplar für Ihre Au⸗ ſtraliſche Menagerie,“ ſagte Mac Donald, ſich mit Ekel von der Alten abwendend.„Furchtbar bleibt es immerhin, wie tief der Menſch ſinken kann, und was würden unſere Philoſophen und Ortho⸗ doxen ſagen, wenn ſie dieſes Scheuſal mit in die„Herren der Schöpfung“ einreihen ſollten!“ „Kommen Sie fort von hier, Mac Donald,“ ſagte jetzt plötzlich Mr. Powell, ſeinen Arm er⸗ greifend,„mir wird ganz übel, wenn ich dieſes Frau; ngarang klein— butſcheri iſt gut—„Mehlſack“ weiß—„aufſpringen“ kommen, erſcheinen—„nie⸗ derfſitzen“ irgend wo ſich befinden—„yanneway“ weg⸗ gegangen u. ſ. w. — 69— Schreckbild hier länger betrachten ſoll. Himmel! ſollte man denn glauben, daß menſchliche Weſen zu ſolchen furchtbaren Geſchöpfen herabſinken könn⸗ ten wie dieſe Frau hier!“ „Ihr werdet bekommen,“ wendete ſich Mac Donald beſchwichtigend an die Frau, und dann noch einen Blick auf den bärtigen Indianer zurück⸗ werfend, der regungslos in ſeiner Stellung ver⸗ harrt war, ſein Auge aber nicht von dem Weißen weggewendet hatte, ſchritt er mit Mr. Powell nach dem Hauſe zurück. Kaum hatten übrigens die beiden Männer ein Paar Schritte gethan, als Kakurru ſich langſam aufrichtete und, den Speer in der Rechten hal⸗ tend, vorſichtig hinter ihnen herging. Nur die im trockenen Lehm und Sandboden zurückgelaſſene Spur des jungen Weißen behielt er dabei im Auge, bis er zu einer Stelle kam, an der die Fährten klar und rein abgedrückt waren. Hier blieb er ſtehen, bog ſich einige Minuten aufmerk⸗ ſam darüber hin, maß ſie dann mit ſeiner Hand, indem er auf eine eigenthümliche Weiſe die Knö⸗ chel darüber drückte, und ſprang dann plötllich, während ein eigenes triumphirendes Lächeln über ſeine Züge flog, empor und hinter den Weißen her, die er in wenigen Sätzen eingeholt hatte. Mac Donald hörte die Schritte hinter ſich, 70 und drehte ſich raſch darnach um. Als er Ka⸗ kurru erkannte, blieb er ſtehen: „Nun Kamerad, was willſt Du?“ frug er, ihn lächelnd betrachtend.. „Jack!“ ſagte aber dieſer, und ſtreckte ihm die linke Hand entgegen—„Jack— gewiß!“ „Alle Wetter!“ rief der junge Mann, indem er leicht dabei erröthete—„ſo hat der Bart Dir mein Geſicht doch nicht genug verſteckt gehalten?“ „Bart gewiß, aber die Füße nicht,“ lachte der Schwarze, auf die Fährten niederzeigend—„Ka⸗ kurru kennt ſie, wenn er ſie ein einziges Mal geeſehen.“ 3„Was ſagt er?“ frug Mr. Powell erſtaunt. „Er hat mich nach meinen Fußſtapfen wieder⸗ erkannt,“ erklärte ihm Mac Donald,„man ſollte es kaum für möglich halten.“ „Doch, doch,“ erwiederte Powell.„Es iſt er⸗ ſtaunlich, was die ſchwarzen Burſchen darin lei⸗ ſten, und die Fährte eines Menſchen merken ſie ſich auch faſt raſcher als ſein Geſicht. In ihren ewigen Kriegen mit einander iſt das auch unum⸗ gänglich nöthig, beim Auffinden von Spuren Feind und Freund von einander unterſcheiden zu können. Der Burſche ſcheint Ihnen aber noch etwas ſagen zu wollen.“ „Ich komme nachher wieder zu Dir, Kakurru,“ nickte ihm ohne weitere Erwiederung Mac Donald zu, und ſchritt dann mit Mr. Powell, ohne fer⸗ nere Notiz von dem Schwarzen zu nehmen, zum Hauſe zurück. Wie lebendig das jetzt aber in dem Lager der Schwarzen zuging! Die Frauen ſchleppten Holz herbei, als ob ſie ſich gegen den Angriff eines feindlichen Stammes verſchanzen wollten, und die Männer lagen ſchon lange, mit ausgeſtellten Vor⸗ poſten bei ihren verſchiedenen Lagerplätzen auf dem Rücken, der Dinge harrend, die da kommen ſollten. Die Schafe waren ihnen einmal verſpro⸗ chen worden, und mußten nun auch kommen.— Und ſie kamen auch, aber nicht ſo bequem, wie es die Schwarzen erwartet hatten. Eine halbe Stunde etwa dauerte es, als Mr. Bale, der Stockkeeper, auf ſeinem Braunen an das Lager ſprengte, und von den Eingeborenen in einem furchtbaren Kauderwelſch von Engliſchen, Auſtraliſchen und überhaupt gar keiner Sprache angehörenden Worten ein halbes Dutzend Män⸗ ner aufforderte, oben nach dem Stationshauſe zu gehen und die für ſie beſtimmten Geſchenke in Empfang zu nehmen. Ein Theil der Schwarzen ſchien nicht übel Luſt zu haben, die Frauen hin⸗ aufzuſchicken, da ſie es unter ihrer Würde hielten, * — 72— ſich damit ſelber zu befaſſen. Nguyulloman ent⸗ ſchied das aber durch einen Machtſpruch— er war jedenfalls hungrig geworden und fürchtete, daß die Frauen zu lange zögern möchten, indem er dreien von ſeinen jungen Leuten befahl, mit vier von den Frauen der Aufforderung Folge zu lei⸗ ſten, und die verſprochenen Lebensmittel ſo ſchnell als möglich zum Lager zu ſchaffen. Das geſchah auch verhältnißmäßig ſehr raſch. Die drei jungen Burſchen kamen kaum zehn Mi⸗ nuten ſpäter, Jeder ein Schaf auf den Schultern, in wilden jubelnden Sprüngen angeſetzt, und wäh⸗ rend die Frauen etwas langſamer mit den Dam⸗ pern folgten, ging der ganze Stamm an das Ausſchlachten der erhaltenen Thiere, bei dem ſie eine außerordentliche Geſchicklichkeit zeigten. Sämmtliche Nieren bekam einmal vor allen Dingen Nguyulloman, der ſie auch ohne Weite⸗ tes auf die Kohlen warf und mit ziemlich einemn halben Damper verzehrt hatte, ehe die Uebrigen nur mit dem Ausſchlachten und Abſtreifen der Thiere fertig waren, wonach er noch eine doppelt ſo große Quantität Fleiſch verſchlang. Es iſt ganz erſtaunlich, welche Maſſen von Lebensmitteln dieſe Schwarzen auf einem Sitz in ſich hineinſchlagen können, und ihre Bäuche ſchwel⸗ len danach wie wohlgefüllte Säcke auf. Ebenſo — 73— lange können ſie aber auch hernach faſten, und das Hanf⸗ oder Baſtſeil, das ſie häufig als Gür⸗ tel um den nackten Körper tragen, dient ihnen dann, feſt angezogen, zum Hungerriemen, um den rebelliſchen Magen im Zaume zu halten. Das Fleiſch, wie überhaupt ſämmtliche Le⸗ bensmittel, wurden jetzt von den Burkas oder alten Männern, die zugleich die Häuptlinge jedes Stammes ſind, eingetheilt, um den verſchiedenen Altersklaſſen und Geſchlechtern zugewieſen zu wer⸗ den. In keinem Lande der Welt werden nämlich in dieſer Hinſicht ſo viele und ſtrenge Geſetze ’ aufrecht erhalten, als gerade bei den Auſtraliſchen Wilden, und dies gilt von dem ganzen Auſtrali⸗ ſchen Continent. Gewiſſe Speiſen, gewiſſe Theile der verſchie⸗ denen erlegten Thiere oder gefangenen Fiſche wer⸗ den nur von einem Theile gegeſſen, und ſind ei⸗ nem andern verboten, wofür man die verſchieden⸗ ſten Urſachen angiebt. Theils ſollen ſie die, welche ſich des Vergehens ſchuldig machen und ſie dennoch genießen, vor der Zeit altern und ſchwächen, theils ihre Muskeln und Sehnen erſchlaf⸗ fen, theils ihnen todtliche Krankheiten zuziehen. Gewiſſe Altersgrade bilden am häufigſten die Scheidewand, indeß doch nicht immer. Nur die burkas dürfen Alles eſſen, wie es auch bezeich⸗ — 1.4 nend iſt, daß dieſe, von denen jene Geſetze aus⸗ gehen, die beſten Stücken ſich ſelber, als am zu⸗ träglichſten, verordnet haben. Dieſe Geſetze wer⸗ den übrigens ſehr ſtreng und meiſtentheils durch abergläubiſche Drohungen aufrecht erhalten. Wie nun Alles beſtimmt und zur Zubereitung fertig war, gaben ſich dieſe ſorgloſen Kinder der Wildniß dem Genuß des Mahls auch mit einer ſolchen Gierde hin, als ob ihnen eine gleiche Lie⸗ ferung wie die heutige, für jeden der folgenden Tage verſprochen wäre, und ſie dieſe für die nächſte ſchon aufräumen müßten. Ob ihnen für den morgenden Tag noch etwas blieb, kümmerte ſie entſetzlich wenig— der mochte für ſich ſelber ſorgen. Nach dem Eſſen, bei dem die Hunde ebenfalls ein volles Mahl erhielten— vielleicht das erſte ſeit langer Zeit— warfen ſie ſich dann auf den Rücken neben ihre Feuer nieder. Nguyulloman war ihnen darin ſchon mit gutem Beiſpiele vor⸗ angegangen, und gegen Abend blieben nur noch die dunklen Geſtalten der Frauen ſichtbar, die mehr Holz zu den Gunyo's ſchafften, um das Feuer auch in der Nacht zu unterhalten. „Wir haben noch Zeit, Mr. Mac Donald,“ ſagte Mr. Powell, als das Mittagsmahl vorüber war,„vor Abend einen kleinen Ritt zu machen. Ich wollte auf unſere nächſte Schafſtation reiten 4 A 9 und Einiges dort beſtellen. Haben Sie Luſt, ſo nehmen wir die Hunde mit und jagen auf dem Heimwege vielleicht einen Dingo auf.“ „Von Herzen gern, aber mein Pferd wird heute etwas müde ſein.“ „Oh, das muß raſten, das verſteht ſich von ſelbſt. Pferde ſind genug im Paddock, und wir nehmen ein Paar von mir. Sie ſehen auch dabei gleich ein wenig mehr von unſerem Buſch, und ein Paar tüchtige Herden Schafe kann ich Ihnen ebenfalls zeigen.“ „Und wann brechen wir auf?“ „Gleich! Ihrer Zuſage ziemlich ſicher habe ich die Pferde vorher beſtellt; dort drüben wartet mein Burſche mit ihnen ſchon auf uns.“ Die beiden Männer ſchritten auf die Pferde zu, die ſchon ungeduldig in die Gebiſſe ſchäum⸗ ten, und ſprangen in die Sättel. Mr. Powell rief mit einem gellenden Pfiff auf der Peitſche ſeine Hunde herbei, und wenige Minuten ſpäter galop⸗ pirten ſie mit verhängten Zügeln und von den Hunden kläffend und heulend gefolgt, in den pfad⸗ loſen weiten Buſch hinein. 4. Capitel. Im Buſch. In den Vereinigten Staaten von Nordamerika neckt den Neuangekommenen oft das Wort„der ferne Weſten,“ den er vergebens, immer der Sonne nach, mit Eiſenbahn, Dampfboot und im Sattel zu erreichen ſtrebt. Je weiter er weſtlich kommt, deſto weiter ſcheint der„ferne Weſten“ vor ihm zurückzuweichen, und ſelbſt in den end⸗ loſen Wäldern, die weſtlich vom Miſſiſſippi lie⸗ gen; in den Sümpfen, denen nur der Jäger und das Wild ihre Fährten eindrücken, ſpricht der erſtere noch davon, daß er„nach dem Weſten ziehen wolle, weil die Bären dünner würden, und ein Büffel ſchon zu den Naturmerkwürdigkeiten gehöre.“ Aehnlich nun geht es dem Neuangekommenen in Auſtralien mit dem Buſch, wenn er hier auch — 77— nicht ſo weit danach zu ſuchen hat. Die Be⸗ wohner von Sydney oder einer der übrigen Hafen⸗ ſtädte ſind nicht ſelten geneigt, den Buſch ſchon von der Grenze ihres Weichbildes an zu rechnen. Auf der Wanderung erfährt der Reiſende aber bald, daß er noch weiter zurückliegt, und ſelbſt die Stationen im wildeſten Innern laſſen den Buſch noch nicht gelten, ſo weit ihre Fenzen rei⸗ chen, und ihre gebahnten, d. h. befahrenen Straßen gehen. Von dort aus können ſie ihn aber nicht mehr verleugnen, dort beginnt er gleich in ſeiner wildeſten Oede, mit Sand und Malleybüſchen, mit Stachelſchweingras und Salzbuſch und wie die Monſtroſitäten der Auſtraliſchen Vegetation alle heißen. Weite, entſetzlich weite endloſe Strecken dehnen ſich da aus in Hügel und Ebene, aber ohne den freundlichen und beſtimmten Charakter, den ſonſt eine Hügelſcenerie dem Lande giebt. Kein Tro⸗ pfen Waſſer fließt in dieſen Strecken, kein klarer Bach rieſelt durch die Thäler und bietet dem Wanderer oder Jäger einen feſten oder beſtimm⸗ ten Lauf, dem er folgen könnte, die Einöde wie⸗ der zu verlaſſen. Wie die, durch ein Wort der Allmacht feſtgebannten Wogen der See mit ihren Höhen und Tiefen gleichförmig eingeſchnitten nach allen Richtungen hin ſich verbreiten würden, ſo gerade iſt es für Hunderte von Meilen mit dem Malleybuſch, der ſich nur an ſeiner Grenze in eine öde, ſalzige Fläche verliert, die ſogar der eingeborene Schwarze nicht mehr zu betreten wagt. Hitze und feiner ſalziger Sandſtaub be⸗ drohen dort ſelbſt ſein Augenlicht, und kein Tro⸗ pfen Waſſer, das er noch hier und da in den wunderbar ſaftigen Wurzeln einiger Malleyarten zu finden weiß, würde den erſchöpften, aufgerie⸗ benen Körper vor dem Tode des Verſchmachtens ſchützen können. Mit Kameelen wäre es viel⸗ 3 leicht möglich, in dieſe Wüſte eine Strecke vor⸗ zudringen, aber ſelbſt der Verſuch würde zwecklos ſein, und hat ſchon viele Menſchenleben gekoſtet. Möge da drinnen noch irgend eine bewohnbare Oaſe liegen oder nicht, wir Menſchen würden ſie ſchwerlich beuutzen können— wären wir auch wirklich im Stande, ſie zu erreichen. Zum Anbau wäre ſie jedenfalls verloren, denn wo ſchon der heiße Wind, der aus der inneren Wüſte weht, die entfernteſt gelegenen Colonieen mit ſeinem dörrenden Athem überſtreicht, und alle Vegetation verſengt, da würde er dort drinnen, trotz allem Fleiß, trotz aller Aufopferung ein Pflanzenleben nimmer aufkommen laſſen. Und dann das Waſ⸗ ſer! Selbſt in den bewaldeten und bergigen Die ſtrieten Auſtraliens, in den blauen Bergen un 79 dem anderen trefflichen Waldlande iſt Waſſer eine Seltenheit; die meiſten gegrabenen Brunnen haben einen mehr oder weniger ſalzigen Geſchmack. Vergebens iſt da die Hoffnung, daß es im In⸗ nern jener Sand⸗ und Salzwüſte beſſer ſein ſollte, denn nicht einmal ein Flußbett zeigt, daß je eine Quelle von daher dem Meere zugefloſſen ſei. In den Malleybuſch nun hinein, den Murray in der Nähe behaltend, um wenigſtens von hier aus gegen Waſſermangel geſchützt zu ſein, legen die Auſtraliſchen Squatter ihre Stationen, und trei⸗ ben ihre Herden in die Malleybüſche, um das dort ſpärlich aber ſüß wachſende Gras, den wils den Hafer und beſonders den dem Schafe ſo be⸗ ſonders zuſagenden und auf den Ebenen wachſen⸗ den Salzbuſch aufzuſuchen 4). *) Der Malleybuſch im Einzelnen iſt jedenfalls ein viel zu wichtiges Gewächs der Auſtraliſchen Wildniß, um ihn nicht einer kurzen Beſchreibung zu würdigen, noch dazu, da er in den Hügeln den eigentlichen Charakter der Wildniß und Scenerie beſtimmt. Er gehört dem Euca⸗ lyptus⸗Geſchlechte, mit dem er Form, Härte und Oelge⸗ halt des Laubes vollkommen theilt. Dagegen wächſt er nie als Baum, wie die rieſigen Gumbäume von derſelben Gattung, ſondern immer nur als wirklicher Buſch, der ſeine einzelnen Schößlinge von einer gemeinſchaftlichen, urzel, unten ziemlich weit dicht zuſammengedrängten W — 80— Mitten im Buſch drin, an einem kleinen trocke⸗ nen Creekbett, in dem ſich in der Regenzeit viel⸗ leicht auf wenige Tage Waſſer ſammeln mochte, das aber jetzt leer und mit trocknem und auf⸗ geriſſenem Lehmboden lag, ſtand die Hütte der Schäfer. Es war ein einfaches, aus jungen Fich⸗ tenſtämmen aufgerichtetes Geſtell mit breiten Stücken Gumrinde zu Wänden und Dach benutzt, und mit kaum mehr Beguenlichkeiten verſehen, als ſie ein Gunyo der Schwarzen bot. Der ein⸗ zige Unterſchied zwiſchen dieſen ſchien auch faſt nur ausragend, dann aber in geraden ſchlanken Stangen empor⸗ ſchießt. Die Farbe der Zweige iſt dabei weit lebendiger als die des Gums, und ſpielt oben in das Röthliche, wie auch das Laub eine viel ſaftigere, friſchere Farbe hat, und ſich oben dachähnlich ausbreitet, während ſeine Stützen glatt und kahl emporſtreben. Die Schwarzen ſchnitzen ſie zu ihren langen Lanzen und Speeren. Das Merkwürdigſte aber daran iſt die Wurzel. Einige Arten des Malley nämlich, und ſolche gerade, die in dem ſandigſten und waſſerärmſten trockenſten Diſtrieten wachſen, haben eine ſo wunderbar ſaftige Wurzel, daß ſie die Schwarzen aus⸗ graben, in Stücken brechen und das herausträufelnde klare Waſſer in Stücken Rinde ſammeln. Einzelne dieſer Stämme, die ſogenannten Malley⸗Schwarzen, die fern vom Strome wohnen, ſind im Sommer hinſichtlich des Bedarfs ihres Trinkwaſſers einzig und allein auf dieſe„Hülfsquelle“ angewieſen.— e 31— der im Innern ausgewühlte Feuerplatz, der den Rauch zur Decke, oder wo er ſonſt Abzug fand, hinauswirbelte, während in der Ecke ein einzelnes Lager von Schaffellen, mit einem Opoſſummantel überworfen, hergerichtet ſtand. Ein Paar Blechbecher und ein einzelner eiſer⸗ ner Topf bildeten das ganze Kochgeſchirr, und nur einige Kleidungsſtücke, die an in die Pfoſten ein⸗ getriebenen Pflöcken hingen, wie ein, ebenfalls an dieſen aufgehangenes Gewehr verriethen, daß hier Weiße hauſten. Vor der Hütte, im Schatten einer zierlichen Malleyfichte, die man vielleicht zu eben dieſem Zwecke hier hatte ſtehen laſſen, lag ein Mann— der ſogenannte Hutkeeper, eine ſelbſt dem Schäfer untergeordnete Perſönlichkeit, dem die Bewachung der Schafe über Nacht in den Hürden anvertraut iſt, während er den Tag über nur für ſich ſelbſt zu ſorgen, und Morgens und Abends die einfache Mahlzeit zu kochen hat. Der Burſche ſchien übrigens eines der ſchlechteſten Eremplare dieſer untergeordnetſten Menſchenklaſſe der Weißen in Auſtralien zu ſein. Er ſah ſchmutzig und zer⸗ lumpt aus; der alte Kohlpalmen⸗Hut, der ihm wie oft wohl ſchon als Kopfkiſſen gedient, ſaß 5 ihm zerknittert und in Fetzen halb über die Stirn hinüber, und Hände und Geſicht verriet Gerſtäcker. I. 1 9 zu deutlich den Waſſermangel dieſer Gegend, in die Alles, was man ſelbſt zum Trinken brauchte, in Fäſſern von der Hauptſtation herübergeſchafft werden mußte. Natürlich durfte da auf Wa⸗ ſchen Nichts verſchwendet werden. Aber er las wenigſtens in einem kleinen, abgegriffenen Buche, das vor ihm— während er den Kopf auf die linke Hand ſtützte— aufgeſchlagen lag. So vertieft ſchien er dabei in den Inhalt, daß er die heranſprengenden Pferde erſt hörte, als ſein eben ſo fauler, neben ihm in der Sonne ausgeſtreckter Hund langſam den Kopf hob, und leiſe zu knur⸗ ren anfing. In demſelben Augenblicke faſt ſprengten die beiden Männer, Powell und Mac Donald, auf den kleinen freien Platz, ſprangen dort aus den Sätteln und warfen die Zäume um die ſchwanken Stangen eines Malleybuſches. Der Hutkeeper war, als er ſeinen Herrn er⸗ kannte, raſch aufgeſprungen, und ſein Hund, eine nichtswürdige Art von halb Spitz, halb Straßen⸗ köter, drückte ſich, als ihn die mächtigen ſtark⸗ tnochigen Känguruhhunde mit aufgeſträubten Haa⸗ ren majeſtätiſch umſchritten, ängſtlich und win⸗ ſelnd zwiſchen die Füße deſſen, von dem er allein Schutz hoffen durfte. „Nun Miller, wie geht es?“ rief Mr. Powell, indem er langſam auf ihn zuſchritt—„wo iſt Hendricks mit den Schafen?“ „Drüben über dem Fichtenereek, Sir, am trockenen Sumpfe,— er meinte, das Gras wäre beſſer dorten.“ „Dann ſind wir bei ihm vorbeigeritten und finden ihn auf dem Rückwege. Doch Nichts vor⸗ gefallen hier? keine Schafe verloren?“ „Nein, Sir.“ „Noch keine Lämmer?“ „Sie fangen eben an; aber es ſieht bös mit dem Gras aus.— Wenn's nur einmal regnen wollte!“ Mae Donald war indeſſen langſam zu der Stelle hingeſchritten, wo der Burſche gelegen hatte, und hob das Buch auf. Es intereſſirte ihn zu ſehn, was ein Menſch in dem Zuſtande wohl zu ſeiner Lectüre wählen würde. Kaum hatte er übrigens einen Blick hineingeworfen, als er laut und überraſcht ausrief—„Homer— bei Allem, was da lebt— und in der Urſprache.“ „Lieſt der Homer? ſo?“ ſagte Mr. Powell lächelnd—„als göttlicher Schafhirt wohl?“ Miller's Geſicht färbte ſich bei der Entdeckung mit tiefem dunklen Roth— er konnte ſich des Buches nicht ſchämen, es mußte des Zuſtands wegen ſein, in dem er ſich ſelbſt befand und 6* — 84— der durch die entdeckte Lectüre erſt recht hervor⸗ gehoben wurde. „Die lange Weile plagt Einen im Buſch,“ ſtotterte er verlegen, und biß gleichwohl wieder zugleich die Zähne auf die Lippen, daß er ſich überhaupt entſchuldigt hatte. Mac Donald aber konnte nicht umhin, ihn nur um ſo ſchärfer zu betrachten, und erkannte bald, trotz Schmutz und Lumpen, die ihn deckten, daß jene Züge einſt eine beſſere Zeit geſehen, und dieſe Hände andere Arbeit verrichtet haben mochten, als jetzt dem Schäfer zu kochen, und den Schafen die Hürden aufzuſtellen. Stak doch ſogar ein Ring an dem einen Finger der linken Hand, und das blitzende Gold hatte nicht einmal von dem darauf lagern⸗ den Schmutz und Staub ganz verdunkelt werden können. Mr. Powell war indeſſen nach den einige hundert Schritt entfernten Hürden gegangen, ſie zu beſichtigen, und nachzuſehen, ob ſie noch in Ordnung wären, und Mac Donald konnte indeß den Blick nicht abwenden von der vor ihm ſtehen⸗ den, in einander gedrückten ſcheuen Geſtalt des Mannes. War es ihm doch faſt, als ob er dieſen grauen matten Augen ſchon einmal begegnet ſei im Leben— die Stimme ſchon einmal gehört habe— aber wo?— Sein wechſelndes Leben 3 —— hatte ihn bald da, bald dort hin geführt durch den Buſch, und ihn mit dem und jenem in Be⸗ rührung gebracht— konnte er die Züge alle im Gedächtniß behalten? Auch ſo verwildert ſah der Burſche vor ihm aus; die Schale, in der er ſtak, war ſo rauh geworden, daß er ihn recht gut ein⸗ mal früher in anderen beſſeren Verhältniſſen ge⸗ funden haben konnte, und ihn doch jetzt nicht wieder kannte trotz alle dem. Er fühlte aber daß ſein Anſtarren dem Manne, der ſcheu und wie ärgerlich den Blick zur Seite wandte, unangenehm wurde— fürchtete es wenigſtens und ſagte freundlich: „Was für ein Landsmann ſind Sie?“ „Ein Deutſcher,“ lautete die Antwort. „Ich dachte es wohl— und Ihr Name?“ „Miller,“ ſagte der Mann zögernd. „Aus welcher Gegend?“ frug Mac Donald weiter, jetzt aber in deſſen eigener Sprache, die er geläufig redete. „Aus Württemberg,“ erwiederte der Gefragte, ohne von der Deutſchen Anrede aus des Fremden Munde weiter Notiz zu nehmen. „Aus Württemberg?— dort aber folgten Sie einem andern Geſchäft als nur der Schafzucht?“ Ein wildes, faſt höhniſches Lächeln ſtahl ſich über die Züge des Gefragten, und es war faſt, —— —e. 86— als ob er eine raſche unwillige Antwort darauf geben wolle. War das der Fall geweſen, ſo be⸗ ſann er ſich jetzt, und erwiederte nach kurzem Be⸗ ſinnen nur ein langſam zögerndes„Nein.“ „Kommen Sie, lieber Freund,“ unterbrach aber der zurückkehrende Powell hier das Geſpräch, „wir dürfen uns nicht ſo lange aufhalten. Wenn wir an dem„trockenen Sumpf“ vorbei wollen, haben wir keinen Augenblick mehr zu verlieren, und ich möchte doch gern den Schäfer heut' Abend noch ſelber ſprechen.— Hab' nur gut Acht, Mil⸗ ler,“ wandte er ſich dann, während er wieder auf ſein Pferd zuſchritt, an den Deutſchen,„ein ſchwarzer Stamm lagert an der Station, und da ſind gewöhnlich noch mehr von den Burſchen in der Nähe. Habt Ihr weiter keine Hunde als den Köter da?“ „Hendricks hat ſeinen Pollo.“ „Nun, der iſt beſſer— guten Tag!“ Mac Donald nickte, ebenfalls ſchon im Sat⸗ tel, dem Deutſchen noch einen Gruß zu, und gleich darauf ſchloß ſich der Buſch wieder hinter den davon ſprengenden Reitern, die, als ſie die Schäferhütte verlaſſen, wieder in kurzem Galopp durch den ziemlich offenen Wald der bezeichneten Richtung folgten. „Was für ein merkwürdiger Menſch iſt das, —— den Sie dort in der Hütte zum Wächter liegen haben,“ ſagte da Mac Donald, als es das Terrain erlaubte, daß er ſich für eine kurze Strecke neben ſei⸗ nem Begleiter hielt.„Vernachläſſigt und herunter⸗ gekommen bis zum Aeußerſten, lieſt der Burſch' in all ſeinem Elend den Homer. Sollte man nicht glauben, daß der, dem noch ein ſolch edles Be⸗ dürfniß geblieben, auch etwas thun müſſe, wenig⸗ ſtens ſein Aeußeres menſchlich zu halten?“ „Lieber Freund,“ erwiederte Powell, ſorgfältig dabei die ſtarren ſpitzigen Büſchel des hier ziem⸗ lich zahlreich wachſenden Stachelſchweingraſes ver⸗ meidend;„kein Ort der Welt zeigt vielleicht in dieſer Hinſicht ſolch merkwürdige Erſcheinungen menſchlicher Entartungen und alles Ueberſtürzens menſchlicher Verhältniſſe, als gerade der Auſtra⸗ liſche Buſch, und mir kommt es manchmal wahr⸗ lich vor, als ob der liebe Gott uns damit recht klar und deutlich beweiſen wollte, daß nicht allein die Natur in Auſtralien ſich im Paradoxen ge⸗ falle, ſondern daß ſelbſt der Menſch von dieſer Luft einer oft verkehrten Welt angeſteckt werde. Amerika ſoll allerdings ähnliche Erſcheinungen bieten, aber lange nicht in dem Maße wie Auſtra⸗ lien, denn es fehlt den Leuten dort die Gelegen⸗ heit, zu der tiefſten Stellung der menſchlichen Geſellſchaft herabzuſinken, und der Hüttenwäch⸗ —ͤö — 88— ter eines faulen Schäfers zu werden. Es iſt das hier der letzte Zufluchtsort aller jener Un⸗ glücklichen, die in der alten Heimath Auſtralien für das Land hielten, in dem ſie, wenn ſie ſich nur ein halb Dutzend Schafe kauften, im Stande wären, in nur wenigen Jahren reiche Leute zu werden, und jeder Stand, jede Facultät, jeder Rang aus Europa, möchte ich ſagen, hat in den Rindenhütten im Buſche ſeine unglücklichen Ver⸗ treter.“ 3 „Es muß ein fürchterliches Leben ſein,“ ſeufzte Mac Donald,„und doch—“ „Viele derſelben verlangen es nach einiger Zeit nicht beſſer,“ unterbrach ihn Powell.„So dieſer Deutſche, der, wenn das Gerücht nicht lügt, hier noch irgendwo in Auſtralien ſogar eine unglücklich gemachte Familie ſitzen hat. Er war früher auf einer andern Station Buchhalter, und hatte ſich wohl ein hundert Pfd. Sterling nach und nach verdient, mit denen er, wie er ſagte, in ſeine Heimath wollte. Der unglückſelige Trunk aber, dem er, wenn er nur irgend Gelegenheit dazu findet, ergeben iſt, ließ ihn nicht dahin kom⸗ men. Er verthat, was er hatte, ſank tiefer als das Vieh, und ich habe ihn endlich, mehr aus Mitleid als weil ich ihn brauchen konnte, hier als Hüttenwächter angeſtellt. Er iſt außerdem —— — — 89— faul und unaufmerkſam, ſelbſt in dieſem Beruf, und ich will froh ſein, wenn ich ihn wieder los bin. Als er zu mir kam, ſah er auch noch ordent⸗ lich und anſtändig aus, jetzt aber iſt er in Schmutz und Liederlichkeit verkommen. Die Haare hängen ihm in's Geſicht, der Bart wächſt ihm verwildert, ſo lang er Luſt hat, und ich habe ihn heute kaum ſelber wieder erkannt.“ „Die Deutſchen ſollen aber ſonſt ſo gute Schä⸗ fer ſein.“ „Das iſt möglich; in ihrer Heimath vielleicht, und wenn ſie in dieſem Berufe erzogen ſind— aber nicht hier in Auſtralien, wohin wir ja über⸗ haupt die verlaufenſten Subjecte aus allen Welt⸗ theilen bekommen. Sonderbarer Weiſe geben ſich auch die Deutſchen am allerwenigſten mit der Vieh⸗ und Schafzucht bei uns ab, und halten nur die kürzeſte Zeit— wenn ſie nicht müſſen— im Buſche aus.“ Raſch und plötzlich zügelte er ſein Pferd ein, das dem geringſten Druck des Zaumes parirte, warf es herum, und ritt an die Stelle zurück, an der ihm eben irgend etwas Außergewöhnliches aufgefallen ſein mußte. „Es ſind Schwarze hier im Buſche geweſen, ſagte Mac Donald, der ſein Pferd ebenfalls - —— — 90— herumwarf—„ich habe die Fährten ſchon vor⸗ hin bemerkt.“ „Die verwünſchten Burſchen kriechen mir hier um die Schafe herum,“ ſagte Mr. Powell,„und ſehen, was ſie heimlicher Weiſe erwiſchen können.“ „Glauben Sie, daß Sie etwas von ihnen zu fürchten haben, ſo lange der Stamm bei Ihrer Station lagert?“ frug Mae Donald. „Das hält ſie nicht im Mindeſten ab,“ lau⸗ tete die Antwort des Stationshalters, der mit finſter zuſammengezogenen Brauen die untrüglichen Zeichen, tief im Sand eingedrückte Fährten eines nackten Fußes, betrachtete.„Die allerdings, die ich füttere, ſtehlen Nichts— ſo lange das we⸗ nigſtens dauert— ein Theil der Bande kriecht aber indeſſen in der Nähe herum, und es ſollte mich gar nicht wundern, wenn ſie von ihren Freun⸗ den am Fluſſe Boten abgeſchickt bekämen, wohin ſie ſich am beſten wenden könnten. Ich werde morgen früh den Buſch hier einmal unterſuchen laſſen. Aber da drüben hör' ich die Glocken der Schafe, und hier haben wir auch ſchon den Mann gefunden, den ich ſuche.— Sehen Sie, Mac Do⸗ nald, einen ächt Auſtraliſchen Schäfer— einen in den Colonieen herumzieht, und hier in behag⸗ lichem Nichtsthun das Ziel endlich gefunden hat, —yͤͤͤͤͤͤ— 4— 5————n Sträfling, der mit einem Frei⸗ oder Urlaubsſchein — — —— — 91 dem er eine ganze Lebenszeit zuſtrebte. Hendricks iſt ein wahres Muſterexemplar der ganzen Klaſſe.“ Von der Stelle aus, auf der ſie hielten, ge⸗ rade auf dem Gipfel eines kleinen, ziemlich dünn bewaldeten Sandhügels, konnten ſie in etwa zwei⸗ hundert Schritten von ſich entfernt unter einer der einzelnen kleinen grünen Fichten einen Mann ausgeſtreckt liegen ſehen, der, als er die nahenden Hufe hörte, kaum den Kopf zur Seite drehte und ſelbſt, als er ſeinen Herrn erkannte, ruhig in ſei⸗ ner Beſchäftigung fortfuhr. Dieſe beſtand übri⸗ gens in nichts Geringerem, als eine alte roſtige Maultrommel zu ſpielen, während der Hund, ein ſchwarzer trefflicher Rüde, wachſam auf einem nahen ſpitzen Sandhügel ſaß, von wo aus er die ganze weidende Herde überſchauen konnte. „Nun, Hendricks,“ ſagte Mr. Poyell, als ſie auf ihn zugeritten waren, und er lächelnd eine Weile neben ihm halten geblieben war und ihn be⸗ trachtet hatte—„Ihr nehmt die Sache ziemlich kaltblütig.“ „Beſte in der Welt, Sir,“ erwiederte der Mann, indem er das Inſtrument jetzt erſt aus dem Mund nahm, ausblies, abwiſchte und in die Taſche ſteckte—„wohl dem, der's kann.“ „Die Karren ſind angekommen, Hendricks.“ „Alle Teufel!“ rief der Burſche, plötz ——— bendig werdend und in die Höhe ſpringend,— „friſcher Tabak.“ „Iſt allerdings dabei; aber wie ſteht's mit den Schafen?— noch Nichts geſpürt von der 0 Krankheit?“ 1 „Nichts— alle ſo geſund wie Butter“— „So?— und die Lämmer?“— „Iſt noch zu früh mit denen; die wenigen, welche kommen, gehen auch gewöhnlich drauf. Kommt der Rationsbringer morgen?“ „Morgen früh— und nehmt Euch in Acht „— wir haben Schmarze hier ganz in der Nähe geſpürt.— Auch an der Station lagert ein klei⸗ ner Trupp—“ „Hol' ſie der Böſe!“ knurrte Hendricks. „Und ſeht mir Euerem Hüttenwächter ein we⸗ nig auf den Dienſt. Ich glaube, der Burſche 8 ſchläft in der Nacht ſo gut wie am Tage.“ 2„Das glaub' ich auch,“ lachte der Schäfer, „aber das iſt ſeine Sache. Wenn ich am Tage alle Hände voll zu thun habe, werd' ich ihm nicht auch noch ſollen in der Nacht wachen helfen.“ Mac Donald lachte, und Mr. Powell ſagte, indem er ſein Pferd wieder wendete: „Dem Rationsbringer gebt mörgen früh zwölf von Euren beſten Hammeln mit, und wie ſich nur eine Spur von der Krankheit zeigt, ſchickt mir — —-— augenblicklich Miller mit der Meldung auf die Station. Verſtanden?“ „Ay, ay, Sir,“ erwiederte der Schäfer mürriſch —„vergeßt nur nicht, mir Tabak mitzuſchicken. Verdammt will ich ſein, wenn ich nicht ſchon alle meine Taſchen ausgekaut und nicht einmal einen Platz mehr habe, wohin ich ihn ſtecken kann.“ „Ich werde daran denken— aber laßt auch, wenn ich bitten darf, wenigſtens das läſterliche Fluchen.“ „Ay, ay, Sir— aber was ich noch fragen wollte— ſind friſche Maultrommeln angekommen?“ „Beſtellt hab' ich ſie,“ lachte Mr. Powell,„aber noch nicht nachgeſehen, ob ſie dabei ſind. Jeden⸗ falls, denk' ich aber, ſind ſie dabei.“ „Dann komm' ich morgen Abend ſelber hin⸗ über und ſuche mir ein Paar neue aus,“ ſagte der Mann, ſelbſtzufrieden und entſchloſſen vor ſich hinnickend.. „Nun, ich denke, die Euere ſpielt noch recht gut,“ warf hier Mac Donald ein. „Ich kann Euch auch morgen früh ein Paar mit herüberſenden,“ ſagte Mr. Poywell. „Nein, ich danke,“ brummte Hendricks,—„ich muß ſie ſelber viſitiren— ich möchte gern ein Paar neue haben, welche andere Lieder ſpielen. Die hier kenn“ ich alle ſchon.“ — 94— „Ach ſo!“ lachte ſein Herr,„ja dann müßt Ihr freilich ſelber kommen. Ich fürchte aber, Ihr wer⸗ det wohl keine darunter finden.“ „Wäre ver— wäre fatal,“ brummte der Schäfer. „Und nun good bye. Habt nur ein Auge auf die Schwarzen und auf Miller, und ſeht mir gut nach den Schafen!“ und mit den Worten ſtieß er ſeinem Pferde wieder die Sporen in die Seite und ſprengte, von Mae Donald gefolgt, der eigenen Heimath zu. „Augen überall, heh?“ knurrte Hendricks, der den beiden Männern mürriſch nachgeſchaut hatte —„für 25 Pfd. Sterling jährlich und keinen Tabak. Wer nur der neue cove geweſen ſein mochte— etwa ein friſcher Aufpaſſer?— könnten wir hier gebrauchen. Aber was kümmert's mich,“ ſetzte er nach kurzer Pauſe hinzu, indem er ſeinen alten Strohhut feſter auf den Kopf drückte und ſeinen Mantel von der Erde aufnahm.„Morgen giebt's Tabak, und heute treiben wir Heim. Die vermale⸗ deiten Beſtien werden ſich doch den Wanſt voll⸗ geſchlagen haben, oder bis morgen früh nicht ver⸗ hungern. Hier Pollo!— nach Hauſe!“ Der Ruf galt dem Hunde, und das kluge Thier wußte genau, was es zu thun hatte. Mit lautem Bellen trieb er die Schafe aus den ver⸗ ſchiedenen Büſchen heraus, der nächſten offenen — d —j— —— —„ Stelle zu, bis er die ganze Herde beiſammen⸗ hatte, und dann, an ſeinem Herrn vorüber, der Richtung nach den Hürden zu. Hendricks blieb ſtehen, bis ſie an ihm vorbeipaſſirt waren, und wollte dann langſam folgen, als er ein einzelnes Mutterſchaf bemerkte, das in der letzten Stunde gelammt hatte, und bei dem Jungen zurückblieb. Das Kleine war noch nicht im Stande, der übri⸗ gen Herde ſo raſch zu folgen. „Heh— Pollo dort!“ rief er dem Hunde zu, mit ſeinem Stock auf das arme Thier deutend, weiß die Beſtie nicht, was ſich ſchickt??“ Der Hund ſprang auf das Schaf zu und bellte es ein Paar Mal an. So ſcharf er aber auf die übrigen einbiß, wenn es ihnen etwa einmal in den Kopf kam, die Herde zu verlaſſen, ſo rück⸗ 3 ſichtsvoll benahm er ſich jetzt, und ſah bald auf das kleine, noch kaum auf den Füßen feſte Lamm, bald auf ſeinen Herrn, als ob er hätte ſagen wollen: „Du wirſt hier wohl ein wenig Geduld haben müſſen; ich kann doch die Mutter nicht vom Kinde verjagen.“ Hendricks ſchien aber anderer Anſicht.— Die Herde wanderte indeß ſchon langſam weiter, und wenn er ſich hier aufhielt, kam er vielleicht eine halbe Stunde ſpäter heim. So, einen gottesläſter⸗ lichen Fluch ausſtoßend, und Schaf und Hund und — 96— ſeine eigenen Augen verdammend, ging er auf das arme, ängſtlich zu ihm aufſchauende Thier, das ſich wie Böſes ahnend zwiſchen ihn und das Lamm drängte, zu, ſtieß es bei Seite und vernichtete mit einem Fußtritt, den eine neue Gottesläſterung beglei⸗ tete, das junge Leben. Blökend ſprang die arme Mutter zu— es war aber zu ſpät, das kleine Lamm zuckte am Boden und lag dann ſtill, und während die Mutter um das gemordete jammerte, hetzte Hendricks den Hund auf's Neue gegen ſie an. Pollo that es vielleicht nicht gern, denn von den Beiden hatte er jedenfalls mehr Gefühl als ſein Herr, aber das Lamm war nun doch einmal todt, der Schäfer ſchlug auch mit ſeinem Stock auf das blökende Schaf los, und ſo trieben es die Beiden der indeß ein Stück vorangegangenen Herde nach und dem Hauſe zu. Hätte Mr. Powell das mit anſehen können, Hendricks wäre jedenfalls auf der Stelle fortge⸗ jagt worden. Entdeckung war aber hier nicht zu fürchten, denn ehe eine Stunde verging, hatten die, immer in der Nähe von Schafherden umher⸗ ſchleichenden wilden Hunde jedenfalls ſchon das Lamm aufgefunden und verzehrt. War es denn auch der Mühe werth, ſich eines einzelnen Lammes wegen eine halbe Stunde länger im Buſche auf⸗ zuhalten? f 1 Der Deutſche war, als ihn die beiden Reiter verließen, allein an der Hütte zurückgeblieben. Bis der letzte Schall der Hufſchläge verhallt war, ſtarrte er auch den Pferden nach, dann warf er ſich wieder auf ſein Lager nieder, barg das Ge⸗ ſicht in den Händen und lag wohl eine halbe Stunde ſtill und regungslos. Nicht ein Zucken ſeines Körpers verrieth, daß er lebe. „Hallo hier— todt?“ ſagte da plötzlich eine rauhe fremde Stimme, und die Spitze eines brei⸗ ten, nägelbeſchlagenen Buſchſchuhes berührte die Seite des Liegenden, der raſch den Kopf hob, und dann erſtaunt empor und auf die Füße ſprang. „Oho, da iſt ja noch Leben genug,“ lachte der eben Gekommene,„einer halben Schöpſenkeule und drei oder vier Quart Thee gefährlich zu werden.— Wie geht's, old cove!*) und wer waren die bei⸗ den Männer, die vorhin hier vorüberritten?“ ——— *) Old cove die gewöhnliche freundliche Anrede der Art Leute, bei denen ſich das Wort cove noch aus der Sträflingszeit und der Gaunerſprache herübergepflanzt hat. Es kann, wie unſer Deutſches Wort Kerl, Gutes und Böſes bedeuten, wird aber gewöhnlich von Denen und auf Die angewandt, die der jetzigen und der früheren Depor⸗ tirtenklaſſe angehören. Da fünf Sechſtel der Schäfer und Hüttenwächter im Innern zu dieſen gerechnet werden kön⸗ men, kommt es auch gewöhnlich an den rechten Mann. Gerſtäcker. I. 1 „Wer ſeid Ihr denn eigentlich, wenn man fragen darf?“ erwiederte ihm jetzt, ſtatt aller Ant⸗ wort, der Deutſche, indem er die vor ihm ſtehende Geſtalt mit mißtrauiſchen Blicken betrachtete. Dazu batte er übrigens auch alle Urſache, denn wenn⸗ gleich im Buſche, was die äußere Erſcheinung der verſchiedenen Individuen betrifft, entſetzlich we⸗ nig Anſprüche gemacht werden, ſo ſchien dieſer Ge⸗ ſell doch nicht einmal einem gewöhnlichen bundle- man zu gleichen. Er ſah im Gegentheil weit eher aus wie ein entſprungener Räuber, als ein, ehrliche Beſchäftigung ſuchender Arbeiter, der ge⸗ wöhnlich zu ſolchem Zwecke von Station zu Sta⸗ tion zieht. Auf dem Kopfe trug er nicht einmal einen Hut, und die wirren langen rothbraunen Haare. hatte er ſich mit einem Streifen Baſt, faſt wie die Indianer, zuſammengebunden; der gleichfar⸗ bige Bart war in Monaten nicht geſchoren. Den Oberkörper deckte dabei ein zerriſſenes Opoſſum⸗ fell, während er eine anſcheinend noch neue Opoſ⸗ ſumdecke zuſammengeſchnürt auf dem Rücken trug. Die Beine ſtaken in, durch Dornen und langen Gebrauch unten ausgefranſten Baumwollen⸗Hoſen, 4. undnur die bloßen Füße in neuen derben Schuhen. Außerdem hing ihm ein Netz, wie es die Frauen der Schwarzen brauchen, um das gefundene Harz —ü— -— 99— und andere Delicateſſen umherzuſchleppen, über die linke Schulter, und in dieſem war eine Feld⸗ flaſche, ein kupfernes Pulverhorn, ein lederner Beutel, und ein zuſammengewickeltes kleines Packet ſichtbar. Nichtsdeſtoweniger hielt er dabei in der rechten Hand eine ſehr elegant gearbeitete doppel⸗ läufige Schrotflinte, die allerdings zu dem gan⸗ zen übrigen abgenutzten Aeußern des Mannes ebenſo wenig paßte, wie ein Paar Epauletten auf die Schultern eines Bettlers. „Wo ich herkomme, Kamerad!“ lachte der Mann, ſtieß den Kolben ſeines Gewehrs auf den Boden und ſtemmte ſeinen linken Arm auf den Lauf,„nun, wie Du ſiehſt, aus dem Buſche, und möchte die nächſte Hauptſtation aufſuchen, um Ar⸗ beit zu bekommen. Ausſicht dazu hier herum?“ „Kann ich nicht ſagen“, erwiederte Miller trocken. „Wer aber waren die beiden„swells“, die da hinüberritten?“ frug der Fremde auf's Neue, in⸗ dem ſein Blick wie unwillkürlich an den Hufſpu⸗ ren haftete, die hier von den Pferden der beiden Reiter dem weichen Boden eingedrückt worden. „Der Stationsherr der Eine— der Andere ein Fremder, den ich ſelber nicht kannte!“ „Hm— von oben oder unten?“ „Ihr meint den Fluß?“ 4 nf2, — 100— „Ahem.“ „Weiß ich nicht— kümmere mich auch wenig drum.“ „Ihr ſeid kein Engländer?“ „Nein, ein Deutſcher.“ „Und— noch nicht ſo ſehr lange im Lande?“ „Etwas über ſechs Jahre.“ „Hm— und wo ſteckt der Schäfer?“ „Draußen— wird aber wohl bald mit ſeinen Schafen kommen. Ihr habt ein gut Gewehr.“ „So ziemlich— ja. Schießt ausgezeichnet, und wenn man ſo allein durch den Buſch geht, kann man’s brauchen. Irgend ein ſchwarzer Stamm in der Nähe?“ „An der Station ſind heute, wie Mr. Powell ſagte, Schwarze angekommen.“ „Sind aber Fährten hier überall im Buſch. Noch nichts geſpürt?“ „Bis jetzt noch Nichts. Aber legt Euer Ge⸗ päck ab. Ihr werdet doch heut' Abend nicht mehr weiter wollen.“ „Danke— nein. Möchte den ſchwarzen Ca⸗ naillen nicht in der Dämmerung in die Hände* fallen.“ Der fremde Burſche warf ſein Opoſſumfell von der Schulter, ſtellte ſeine Flinte in die Ecke des Hauſes, dicht neben die Stelle, auf der der Deutſche —)))ddddddſZ“.„.— 3— 101— bis jetzt gelegen hatte, und während dieſer in die Hütte ging, um einen Topf mit Thee an's Feuer zu rücken, und dem Gaſt einen Imbiß zu bieten, warf ſich dieſer, ſchon vollkommen heimiſch, auf deſſen eben verlaſſenes Lager. Dort fiel ſein Auge allerdings auf das Buch, das er aufgriff und hin⸗ einſchaute. Er warf es aber ebenſo raſch wieder verächtlich fort, dehnte und ſtreckte ſich behaglich aus, und ſchien ſich ſo wohl und heimiſch zu füh⸗ len, als ob er ſchon Monate lang an dieſer Stelle zugebracht. Daß er als Gaſt willkommen ſein mußte, wußte er, und um das Andere ſchien er ſich nicht zu kümmern. Nirgends in der Welt findet man auch wohl eine ſo unbegrenzte Gaſtfreiheit, als im Auſtra⸗ liſchen Buſch. Wenigſtens war das vor der Ent⸗ deckung des Goldes der Fall, das mit dem erhöhten Preiſe der Lebensmittel den Meiſten die Möglich⸗ keit genommen haben wird, es fortzuſetzen. In den Rationen der Leute waren ſogar ſchon feſte Quantitäten von Lebensmitteln für dieſen Zweck ausgeſetzt, und der Wanderer, ob nun zu Fuße oder zu Pferde, der gegen Abend irgend eine menſchliche Wohnung erreichen konnte, brauchte wahrlich nicht zu fragen, ob ihm da Herberge werden würde. Es verſtand ſich von ſelbſt. Wo dieſe Schäfer oder Hüttenwächter, mochten ſie auch — oj —⸗ 102— der niedrigſten Stufe der menſchlichen Geſellſchaft angehören, und die gotteslächerlichſten Flüche auf ihren Lippen heimiſch ſein, nur einen Fremden von Weitem kommen ſahen, warfen ſie auch ſchon den Thee in den blechernen Quarttopf und rück⸗ ten ihn an’'s Feuer, nahmen den Damper von dem Brete herunter, auf dem er lag, und ſchnitten Fleiſch ab, um es raſch für ihn zu röſten, und keine größere Beleidigung hätte man ihnen an⸗ thun können, als beim Abſchiede Bezahlung da⸗ für zu bieten. Der Fremde wußte dies jedenfalls, denn er blieb eine ziemlich lange Weile mit dem Ausdruck jenes angenehmen Gefühls in den Zügen liegen, das nach einer gehabten Anſtrengung Ruhe und Erquickung bereit ſieht. Seinem Gaſtfreund da⸗ drinnen bei der Zubereitung der einfachen Speiſe zu helfen, fiel ihm gar nicht ein; das war deſſen Sache, er hatte Nichts weiter dabei zu thun, als es zu verzehren. Als der Thee gekocht hatte und das Fleiſch geröſtet war, rief Miller den Gaſt hinein, der ſich denn auch nicht zweimal nöthigen ließ. Ueber der Mahlzeit, während der der Deutſche auf dem Bett des Schäfers ſaß und jenen eigentlich mit etwas neugierigen Blicken betrachtete, ſprach der auch wenig. Nur als der erſte Hunger geſtillt war— η—̃ —ͤöoöoͤoſ und der Mann aß, als oh er in einer Woche Nichts gegeſſen hätte— begann er einzelne Fra⸗ gen an ſeinen Wirth zu richten, die ſich faſt alle auf die geographiſche Lage des Platzes und die Entfernungen der verſchiedenen Stationen bezogen. Als er darüber Beſcheid hatte und wußte, was er wiſ⸗ ſen wollte, erkundigte er ſich nach den Verhältniſſen des Stationshalters, nach den verſchiedenen Leu⸗ ten, die er beſchäftigte— nach ſeinem häuslichen Leben. Dazwiſchen ſchien ihn die Buſchpolizei aber doch auch zu intereſſiren, denn ſelbſt am Murray hin ſind in, freilich großen Zwiſchenräu⸗ men, Polizeiſtationen angelegt, und die damals erſt kürzlich organiſirte berittene ſchwarze Po⸗ lizei hatte ihre treffliche Wirkſamkeit ſchon durch manchen überraſchenden Fang, durch die Ent⸗ deckung manches heimlich verübten Mordes und Diebſtahls bethätigt. Er erkundigte ſich wenig⸗ ſtens auf das Angelegenſte nach dieſer, gab aber ſeine Verſuche, etwas Beſtimmtes darüber zu er⸗ fahren, endlich auf, da er ſehr bald merkte, daß der, den er darüber befragte, nicht die rechte Quelle für ſolche Forſchung ſei. Nach der beendeten Mahlzeit ſtreckte er ſich nun wieder behaglich vor der Hütte aus, die Rück⸗ kunft des Schäfers zu erwarten, und regte ſich nicht von ſeinem Platze, bis die nahenden Glocken — 104— und das Gebell eines Hundes die ankommende Herde verriethen. Von hier ab begann Miller's Beſchäftigung, der von dem Gaſte jetzt weiter keine Notiz nahm, und der Herde entgegenging, um dieſe in die be⸗ reits geöffneten Hürden hineintreiben zu helfen. Neben dieſen hatte er in der Nacht ſein Lager in einem kleinen niederen Rindenſchuppen, und war bis zum Morgen für die Sicherheit der Schafe verantwortlich. Was in der Nacht durch ſeine Schuld abhanden kam, wurde ihm an ſeinem Lohn — 20 Pfund Sterling jährlich— abgezogen. Was der Schäfer am Tage durch ſeine Nachläſſigkeit verlor, mußte dieſer bezahlen. Der Schäfer ſchlenderte indeß, als er ſeine dem Hüttenwächter zugezählte Herde in die Hür⸗ den ſicher untergebracht wußte, langſam ſeiner Wohnung zu, und blieb hier neben dem, ihm ſchon von dem Kameraden angekündigten Gaſte ſtehn, indem er ihn aufmerkſam und forſchend betrach⸗ tete. Auch ſein Hund unterſtützte ihn dabei. Dieſer ſchlich ſich langſam an den noch immer be⸗ quem Daliegenden heran, ſchob die Naſe ſchnoppernd vor, und ſtieß dann, indem er den Schwanz ein⸗ zog und die Haare ſich auf ſeinem Rücken rauh und ſtruppig in die Höhe borſteten, ein kurzes klagendes Geheul aus. —ͤͤͤͤ - 105— „Hallo!“ rief der Fremde und richtete ſich, mit einem eben nicht freundlichen Blick auf den Hund, raſch in die Höhe—„was hat die gottverfluchte Beſtie zu heulen— heh?“ „Guten Abend, Kamerad,“ ſagte der Schäfer, ohne auf die Frage direct zu antworten, mit kun⸗ digem Blick aber dabei das ganze Aeußere ſeines Gaſtes, bis zu der neben ihm lehnenden Flinte hin, überfliegend—„ausgeſchlafen??* „Guten Abend!“ erwiederte der Angeredete, das Geſicht des Schäfers ſcharf und aufmerkſam betrachtend—„Teufel, mein alter Burſche— ich dächte, wir zwei Beide hätten einander ſchon einmal geſehen.“ „Iſt möglich, old cove,“ lachte der Schäfer, eine wetterbraune harte Geſtalt, mit einer breiten Narbe über der Stirn und einem ſchielenden Auge —„unſer einer kommt ſeiner Zeit ſchon ein Stück im Lande herum, und da ich die verdammte Marke über der Phyſiognomie trage, bin ich auch am Aushängeſchilde leicht wieder zu erkennen.“ „Unbequem das, nicht wahr?“ frug der Fremde zutraulich.. „Manchmal, ja— geb' es zu— wenigſtens früher,“ ſagte der Schäfer—„hat aber auch wie⸗ der ſein Gutes.— Der Riß durch die Haut hat —= 106— 8 mir vielleicht ſchon ein Paar Ellen Hanfſeil er⸗ ſpart.“ „Als moraliſcher Zwang, heh?“ lachte der Gaſt, raſch auf die Anſpielung eingehend—„aber kennt Ihr den— rothen John nicht mehr?“ „Alle Teufel!“ rief der Schäfer mit halb un⸗ terdrückter Stimme, indem er wie unwillkürlich einen Blick nach der Richtung hin warf, in der er ſeinen Deutſchen Kameraden wußte.„Peſt und Gift, Menſch, wo kommt Ihr her? Hat Euch denn der Henker ſo lange Urlaub gegeben?“ „So lange, bis er mich wieder in die Schlinge bekommen kann,“ lachte der Andere ſtill vor ſich hin.—„Aber wie ſteht's hier— bin ich ſicher? und iſt vielleicht gar etwas zu machen?“ „Zu machen Nichts, ſicher aber ja— wenig⸗ ſtens für heute und morgen. Der Alte war eben da und ſagte mir, daß die Karren von Adelaide angekommen wären. Da wird morgen wahrſchein⸗ lich der Rationstreiber herauskommen. Dem aber könnt Ihr Euch leicht aus dem Wege halten.“ „Was iſt denn das für ein Holzkopf, den Ihr da bei Euch habt?“— frug der Fremde jetzt, mit dem Daumen über ſeine Schulter hin nach dem eben zum Hauſe zurückkehrenden Deutſchen zeigend,„doch keiner vom alten Schlag?“ . — „Bewahre,“ erwiederte kopfſchüttelnd der Schä⸗ fer—„haben aber Nichts von dem zu fürchten. Der ſieht nicht über ſeine Naſenſpitze hinaus. Uebrigens— der Hund heulte Euch vorher ſo verdächtig an. Zum letzten Mal hat er das ge⸗ than, als er den Schwarzen ſtellte, der den wei⸗ ßen Arbeiter hinterrücks am Murray erſchlagen, und die Blutſpuren noch an ſich trug. Ich will doch nicht etwa hoffen—“ „Unſinn,“ ſagte der Mann—„wer weiß, was die Beſtie hat.“ „Und das Gewehr hier?“ „Iſt ein Geſchenk von einem Stationshalter, aus Dankbarkeit, daß ich ihm das Leben gerettet hatte.“ „Weil Ihr ihn nicht durch's Fenſter über den Haufen ſchoßt, heh?“ ſagte der Schäfer lachend. „Man kann den Leuten auf verſchiedene Art gefällig ſein,“ brummte der Andere.„Aber laß die albernen Fragen. Wie ſteht Ihr hier mit der Polizei?“ „Gut,“ lautete die beruhigende und durch ei⸗ nen rohen Fluch bekräftigte Antwort.„Seit drei Jahren habe ich keinen Poliziſten zu ſehen bekom⸗ nen, und hoffe, daß noch ebenfo viele darüber jingehn, ehe ich das Vergnügen wieder genießen verde— wenn ſie nicht,“ ſetzte er langſam und — 108— bedächtiger hinzu—„etwa gar auf einer friſchen Fährte vielleicht in dieſe Gegend kämen.“ „Dann müßte irgend ein Holzkopf hier vor⸗ beipaſſiren, der Fährten zurückließe,“ lachte der Gaſt ingrimmig in ſich hinein.„Aber apropos — wer war der Fremde, der mit Eurem Herrn die Station heute beſucht hat?“ „Weiß ich nicht,“ lautete die Antwort.„Al⸗ lerdings hatte der„swell⸗ mir ein bekanntes Geſicht, aber ich habe mich vergebens beſonnen, wo ich ihn hinthun ſoll. Iſt übrigens auch gar nicht nöthig,“ ſetzte er lachend hinzu,„denn wenn Leute erſt einmal eine ſo ausgebreitete Bekannt⸗ ſchaft haben wie wir Beide, iſt es viel beſſer, man friſcht die alten nicht alle wieder auf.“ „Doch nicht etwa Polizei?“ 8 „Bewahre; der ſieht er nicht ähnlich, obgleich man heut' zu Tage nie mehr weiß, in was für einen Rock ſich die Halunken ſtecken. Aber was zum Teufel geht Dich denn eigentlich die Polizei an?— Sind ſie Dir am Ende auf den Hacken?“ „Mir?— denken nicht d'ran; aber Du weißt, daß ich von jeher einen angeborenen Widerwillen gegen derartige officielle Raubvögel gehabt hab! Ich würde mich nicht behaglich fühlen, wenn in ſie ſo ganz in der Nähe wüßte. Außerdem hab! ſie jetzt eine ganz neue nichtswürdige Einrichtu n — 109— mit den verdammten ſchwarzen Halunken ge⸗ troffen, vor denen ein ehrlicher Kerl überhaupt keinen Augenblick ſeines Lebens ſicher iſt. Schwarze gegen Weiße zu hetzen— das Parlament ſollte dagegen einſchreiten, wenn es noch einen Tropfen Ehrgefühl im Leibe hätte!“ Der Schäfer lachte; da aber Miller in dieſem Augenblicke zum Haus zurückkam, für Alle das Abendbrod zu bereiten, brachen die beiden alten Kameraden das Geſpräch über die Polizei ab, das ſich von jetzt an um gleichgültige, den Buſch mehr angehende Dinge drehte. 5. Capitel. Die Dingo⸗Jagd. Wir haben die beiden Reiter verlaſſen, als ſie von der Herde fort wieder in den Buſch hinein⸗ galoppirten, und eine Zeitlang erforderte hier theils der ſandige Boden, theils das ſtarre Gras, das ſeinen Namen von den Stachelſchweinbor⸗ ſten ähnlichen Halmen mit dem vollkommenſten Rechte erhalten, theils das ſehr dicht ſtehende Gebüſch ihre volle Aufmerkſamkeit. Sowie ſie aber die Grenze deſſelben erreichten, öffnete ſich eine weite Salzbuſch⸗Ebene vor ihnen, deren nie⸗ deres Geſträuch den Pferden nicht das geringſte Hinderniß mehr in den Weg legte, während der feſte graulehmige Boden ſogar einen raſcheren Ritt verſtattete. Dieſer ſogenannte Salzbuſch, die größte Wohl⸗ that für den Schafzüchter, tritt übrigens in den verſchiedenſten Formen auf: bald ziemlich hoch mit länglichen, bald mit runden, bald mit eckigen Blättern, die hier dem Majoran, dort überzucker⸗ tem Anis gleichen. Immer aber ſind ſie äußerſt fleiſchig und ſaftig von bald ſchwachem, bald ſehr ſtarkem Salzgeſchmack, und ſtets ein Lieblingsfut⸗ ter der Schafe, die mit dem ſogenannten pigs- face daneben in dieſen Büſchen ſelbſt das Waſſer auf lange Zeit entbehren können. Von hier aus bot auch das Thal den beiden Reitern einen freien, durch Nichts gehemmten Ueberblick über die ächt Auſtraliſche Scenerie des inneren Landes. Nach rechts und links, dem Lauf des Fluſſes in der Richtung folgend, dehn⸗ ten ſich die niederen, rothſandigen Malleyhügel aus, ſpärlich nur mit dünnem Gras bewachſen. Vollſtändig von dem Malleybuſche gedeckt, ragten aus dieſem nur hier und da die ſchlanken, ſilber⸗ grauen Stämme der Malleyfichte mit ihren regel⸗ mäßigen Aeſten und friſchen, ſaftgrünen Nadeln hervor, während die graue, ziemlich öd ausſehende Salzbuſch⸗Ebene ſich wie ein weiter Teppich davor ausſtreckte, und dicht an ihren Fuß ſchmiegte. Nur den Hintergrund bildete zum Theil jener breite Gürtel hoher grauer— und wie ſie paſſend genannt werden„nimmergrüner“ Gumbäume, die doas eigentliche Murraythal beſtanden, und dicht — 112— am Strome oft zu enormer Größe wuchſen. Aber das Auge fand keinen Fleck, auf dem es hätte mit Wohlgefallen ruhen können.— Nur wie ein Regenhimmel, Grau in Grau, ſo monoton zeigte ſich ihm hier überall die Vegetation, der ſtarre, wirklich nur zur Schaf⸗ und Rinderzucht geeignete Boden. Die Hunde hatten indeſſen höchſt aufmerkſam rechts und links von den beiden dahinſprengenden Pferden umhergeſucht, und der Eifer, mit dem ſie herüber und hinüber fuhren, verrieth deutlich, daß ſie dort vielleicht ſich kreuzende Fährten ge⸗ funden. Powell munterte ſie zugleich fortwährend auf, als plötzlich aus einem dichten Salzbuſch heraus, und kaum zwanzig Schritte von den Pfer⸗ den entfernt, zwei braunſchwarze wilde Hunde, ſogenannte Dingo's*) herausfuhren und nach zwei verſchiedenen Seiten hin durch das Geſträuch ſetzten. „Tallyho!“ ſchrie der alte Herr, ſich in vollem Jagdeifer in ſeinen Bügeln aufrichtend. Weit hin über die Fläche ſchallte dabei der jubelnde Ruf, die Hunde, die nicht gleich wußten, nach welcher Richtung ſie folgen ſollten, faſt raſend machend. *) Der Dingo iſt ein Mittelding zwiſchen Fuchs und Wolf. Meiſt gelblich, manchmal aber auch rothbraun, von der Größe eines ſtarken Schäferhundes, und mit langer buſchiger Lunte. 4 —yyyü — 113— Das dauerte aber nur wenige Secunden, denn rechts und links kamen zwei der Meute faſt in gleichem Moment auf die beiden verſchiedenen Fährten, denen zwei hierher und die anderen drei dorthin folgten. „Bleiben Sie hinter den Ihrigen, Mac Do⸗ nald,“ rief dieſem Powell, alles Andere in der Luſt der Jagd vergeſſend, zu—„dort drüben liegt die Station!“ und dem eigenen Thiere die Sporen in die Seite drückend, daß es mit ihm über den nächſten Buſch hinüberſetzte, folgte er, die Augen auf die Hunde geheftet, der Jagd. Mac Donald war ſelber zu viel Engländer, um ruhig bei einem ſo trefflichen„start⸗ zu blei⸗ ben. Mit dem Charakter des„Buſches“ über⸗ haupt ſeit langen Jahren vertraut, wußte er recht gut, daß er nicht zu fürchten brauchte, ſich zu ver⸗ irren, und ließ deshalb ſeinem Pferde, das ſchon genau zu wiſſen ſchien, um was es ſich hier han⸗ dele, den Zügel. Der Dingo zeigte im Anfange Luſt, den wil⸗ den Buſch anzunehmen; die flüchtigen Hunde wa⸗ ren ihm aber zu raſch auf den Ferſen und ſchnit⸗ ten ihm die Richtung ab, bis er, nach mehrma⸗ ligem Hakenſchlagen, wie ein Haſe, wodurch er ſie nur vergebens irre zu führen ſuchte, endlich eine faſt gerade Richtung dorthin einzuſchlagen Gerſtäcker. I. 8 — 114— begann, wo die Station liegen mußte. Vielleicht hatte er die Abſicht, dort den Fluß zu durchſchwim⸗ men, vielleicht hoffte er in dem dichteren Unter⸗ holz in der Nähe des Stromes ſeinen gefährliche⸗ ren Verfolgern leichter entgehen zu können. Das Pferd, das Mac Donald ritt, war vor⸗ trefflich; trotzdem aber hatten die jetzt plötzlich laut gehenden Hunde doch ſchon einen tüchtigen⸗ Vorſprung gewonnen, und da der zum Aeußerſten getriebene Dingo eben wieder einen Bogen ſchlug, und nach rechts hinüberzubrechen ſchien, lenkte Mac Donald ſein Thier dorthin. Er dachte da⸗ durch der Hetze, wenn irgend möglich, den Weg abzuſchneiden und die Hunde wieder zu überholen — wenigſtens in Sicht zu bekommen. Hierbei begünſtigte ihn im Anfange eine kleine faſt ganz buſchfreie Ebene, über die er ſein Thier tüchtig ausgreifen laſſen konnte, ein ſchmaler Malleyhü⸗ gel lag ihm indeß am Ende derſelben wieder im Wege, und er mußte ſich zu deſſen Gipfel müh⸗ ſam die Bahn brechen. Oben endlich angelangt, wo der Wald oder Buſch wieder lichter wurde, horchte er auf’s Neue dem Gebell der Hunde, nach welcher Richtung hin er ſich jetzt wenden müſſe, als er nicht weit von ſich entfernt menſchliche Stimmen zu hören glaubte. Sein erſter Griff war nach den Holſtern, — 115— die vorſichtiger Weiſe dem Sattel beigegeben wor⸗ den, und einige Beruhigung gewährte es ihm, die Piſtolen darin zu fühlen. Er nahm die rechte heraus— ſie war geladen und das Zündhütchen ſaß auf dem Piſton, und jetzt den Kopf ſeines Pferdes, da er die Hunde doch nirgends mehr hören konnte, der Richtung zulenkend, von woher die Stimmen wie im ärgerlichen Tone noch immer herüberſchallten, ritt er auf dem ſandigen Boden faſt geräuſchlos hin, und fand bald, daß ihn nur noch ein kleines Dickicht von den Redenden trennte. Wieder horchte er, und glaubte jetzt die ärgerlich rauhen Laute von eingeborenen Schwarzen zu erkennen. Hier mitten im dichten Buſche einem Trupp dieſer Burſchen in die Hände zu laufen, hielt er eben nicht für rathſam. Allerdings konnte er ſeiner Berechnung nach gar nicht mehr ſo weit von der Station entfernt ſein, und der nächſte Streifen hoher dunkler Gumbäume mußte jeden⸗ falls im Thale, unmittelbar am Murray ſtehn. Trotzdem wußte er doch nicht genau, wie weit er ſich gerade von den Häuſern befand, und wollte eben ſein Pferd langſam ſeitab, die ſandige Schlucht entlang führen, um einem Begegnen mit den Schwarzen womöglich auszuweichen, als er plötzlich den Schrei einer weiblichen Stimme 8* hörte, der ihm das Blut in den Adern erſtarren machte. Faſt unwillkürlich fiel er ſeinem Pferd in die Zügel; im nächſten Moment fühlte das aber den ſcharfen eingeſtoßenen Sporn, als ſich der ängſt⸗ liche Schrei wiederholte. Wenige Secunden ſpäter ſetzte der wackere Renner durch einen lichten Mal⸗ leybuſch hin, und faſt mitten in einen Trupp von etwa acht Schwarzen hinein, die mit einem lau⸗ ten Aufſchrei zur Seite fuhren. Vor ihm aber, die Hände Hülfe ſuchend nach ihm ausgeſtreckt, ſtand Sarah, während zwei neben ihr ſtehende rieſige Schwarze die zu Boden geworfenen Speere raſch aufgriffen, dem vermeintlichen Anfall zu be⸗ gegnen. „Sie ſendet mir der liebe Gott,“ rief das junge Mädchen in Todesangſt—„oh, Mr. Mac Donald, führen Sie mich nach Hauſe.“ „Haben Sie keine Furcht, Miß Sarah,“ rief ihr der junge Mann mit freundlicher, beruhigen⸗ der Stimme zu—„mein eigenes Leben bürgt für Ihre Sicherheit. Sind Sie zu Fuße hierher⸗ gekommen?“. „Mein Pferd hat ſich losgeriſſen und weidet dort im Buſche. „He, alter Burſche,“ wandte ſich da der kecke Reiter, der leicht überſah, daß er hier eben zur rechten und hoͤchſten Zeit gekommen ſei, das arme Mädchen aus ihrer mißlichen Lage zu befreien, vielleicht vor Gewaltthätigkeiten zu bewahren, an einen der Größten und am grimmigſten Ausſehen⸗ den der Schaar.„Hol' das Pferd da drüben und bring' es her. Raſch! verſtehſt Du mich?“ Der Schwarze ſah ſtaunend und verblüfft zu dem weißen Mann auf, von dem er nicht erwar⸗ tet hatte in der eigenen Sprache angeredet zu werden, rührte aber kein Glied, und faßte den Speer, den er in der Hand hielt, nur noch feſter. „ꝛDu, weißer Mann,“ ſagte er dabei—„was thuſt Du hier?— wir haben Dich nicht gerufen. Geh fort, Du gehörſt nicht hierher.“ Mac Donald wäre gern von ſeinem eigenen Pferde geſprungen, um Sarah hinaufzuhelfen, und ſie ſo raſch als möglich der Gefahr zu enkrücken. Es war ihm aber recht wohl bekannt, daß er ſich da⸗ durch eines großen Vortheils über die Schwarzen begeben hätte, die dann recht gut ihre Speere auf ihn und die Jungfrau ungeſtraft ſchleudern und raſch in die Büſche entkommen konnten. Der Widerſtand eines der Rädelsführer verrieth eben⸗ falls nur zu deutlich, daß die Schwarzen noch Unterſtützung in der Nähe wußten, und vieleicht einen ſtarken Stamm oder Trupp gar nicht weit entfernt im Buſche lagern hatten, denn zu den — 118— Stations⸗Schwarzen gehörten dieſe nicht. Ohne deshalb weiter ein Wort im Guten an ſie zu verlieren, nahm er die rechte Sattelpiſtole aus dem Holſter, ſpannte den Hahn und richtete den Lauf gerad' auf die Bruſt des Schwarzen, der allerdings im Anfange eine Bewegung machte, als ob er zurückweichen wolle, trotzdem aber doch der gefürchteten Waffe Stand hielt. „Jetzt höre!“ ſagte ruhig der junge Fremde. „Du weißt, was ich in der Hand halte. Ein Druck meines Fingers, und ich ſchicke Dir den „kurzen Speere mitten durch die„Butter“ daß die murrang Redlu(wilden Hunde) Deine Knochen nagen ſollen. Und dies hier,“ fuhr er fort, in⸗ dem er die zweite Piſtole halb heraushob und- wieder zurückfallen ließ,„iſt für den nächſten Schurken, der nur einen Speer zum Werfen hebt. Find' ich, wenn ich zurückkomme, das Pferd nicht auf der alten Stelle, ſo hetzen wir Eueren ganzen Stamm in den Murray, und füttern die Fiſche damit.— Und jetzt rührt Euch, wenn Ihr es wagt— ſchwarze feige Canaillen, die Ihr ſeid, ein einzelnes hülfloſes Weib zu über⸗ fallen.“ Die Schwarzen ſtanden noch rathlos, was ſie thun ſollten, als Mac Donald der Jungfrau zu⸗ rief, keinen Augenblick Zeit zu, verſäumen, ſondern = 119— ſeinen Steigbügelriemen anzufaſſen, und neben dem Pferde herzugehen. Sarah that, wie ihr befohlen, und Mac Donald führte mit leichtem Schenkeldruck ſein Thier langſam der nächſten klei⸗ nen Ebene zu. Die geſpannte Piſtole dabei in der Hand, beobachtete er zu gleicher Zeit auf das Sorgfältigſte die Bewegungen der zurückbleiben⸗ den Feinde, bis er dieſe zuſammentreten, eifrig ihre Speere ſchwingen und haſtig mit einander reden ſah. Sie hatten indeſſen etwa hundert Schritt Vorſprung vor ihnen gewonnen. Mac Donald wußte aber nur zu gut, daß bei einem wirklich entſchloſſenen Angriff der Schwarzen das junge Mädchen der größten Gefahr ausgeſetzt ſein mußte. „Sie werden uns folgen,“ flüſterte er ihr da raſch zu,„aber die ſchwarzen Schufte haben den günſtigen Augenblick verſäumt. Geben Sie mir Ihre Hand, Miß Sarah, und ſetzen Sie den rech⸗ ten Fuß auf den meinen— hier, von der Wur⸗ zel aus können Sie leicht herauf.— Ha, ha, ſie merken, was wir wollen— raſch, um Gottes Willen, oder es wird zu ſpät.“ Sarah war ein ächtes Kind der Wildniß, und im Sattel faſt zu Hauſe. Ohne Säumen befolgte ſie auch den Rath, ſprang auf die Wurzel, die ſte jetzt erreicht, ſetzte ihren Fuß auf den des — 120— Reiters und ſchwang ſich vor ihn in den Sattel. Mit wildem Geſchrei ſprangen in dieſem Augen⸗ blicke die Schwarzen, die durch die beabſichtigte Flucht neuen Muth bekamen, heran; das wackere Thier aber fühlte kaum den Sporn, als es den Sand weit auswarf und mit ſeiner Laſt im flüch⸗ tigen Laufe dahin ſauſte. Einige nachgeſchleu⸗ derte Speere fielen viel zu kurz, und Mac Donald wußte ſich mit ſeiner ſchönen Bürde bald in Sicherheit. Sarah gab ihm dabei den kürzeſten Weg an, den er zu reiten hatte, und erzählte ihm nun unterwegs in flüchtigen Worten, daß ſie, aller⸗ dings etwas leichtſinniger Weiſe, aber keine Ge⸗ fahr fürchtend, da der ſchwarze Stamm gerade an ihrer Station lagerte, hinausgeritten ſei, dem Vater entgegen— wie ſie das ſchon ſo oft ge⸗ than. Weiter in den Buſch hinein habe ſie ſich nicht getraut, und ſei dort auf jener Stelle ab⸗ geſtiegen, wo ſie die ganze Ebene überſchauen konnte, als ſie ſich plötzlich von den Schwarzen umringt geſehen, die immer dreiſter geworden wären, bis er, gerade zur rechten Zeit, zu ihrer Huͤlfe erſchienen. Mac Donald erwiederte kein Wort. Er wollte ſie bitten, ſich ſolcher Gefahr nicht wieder auszu⸗ ſetzen, er wollte dem Geſchick danken, das ihn 3 — 121— ihrer Rettung herbeigeführt, aber er vermochte es nicht. Schweigend hielt er das junge Mädchen mit dem rechten Arm umfaßt, ſie auf ihrem Sitze zu wahren, bis ſie außer jeder Gefahr, von den Wilden wieder eingeholt zu werden, ſchon von weitem die Umzäunung der Station erkennen konnte. Dann hielt er ſein Pferd an, ſchwang ſich aus dem Sattel, den er der Dame allein überließ, machte ihr den Steigbügel für den lin⸗ ken Fuß zurecht, und ſchritt, das Pferd am Zügel nehmend, den übrigen Weg ebenſo lautlos und langſam neben ihr her, bis ſie das nicht mehr ferne Haus erreichten. „Hallo, Mac Donald, wo haben Sie Ihre Lunte?“ rief Mr. Powell, der ſchon kurze Zeit vor den beiden jungen Leuten von einer andern Richtung her eingetroffen war, dem Gaſte lachend zu, während er ihm die, dem erlegten Dingo abgenommene Siegstrophäe jubelnd entgegenhielt —„und— alle Wetter— wie kommt denn Sarah auf Ihr Pferd?“ „Vater,“ nahm aber da Sarah ſeine Verthei⸗ digung auf,„wenn Mr. Mae Donald ſeine Jagd verſäumt hat, trägt nicht er, ſondern ich die Schuld. Er traf mich gerade zur rechten Zeit, zum mir eine, vielleicht zu harte Strafe meines Leichtſinns zu erſparen.“. -e 122= „Ich traf Fräulein Sarah in der Nähe von Schwarzen,“ ſagte Mac Donald, mit einem bit⸗ tenden Blick auf die Jungfrau, als ob er die Er⸗ wähnung des Abenteuers vermieden wünſche,„und bot ihr meine gegleitung an.“ „Schwarze?— alle Wetter,“ rief Mr. Powell, „ſo ſcheinen die ſchwarzen Halunken doch in der Nähe herumzuſtreifen!“ „In der Nähe von Schwarzen?“ wiederholte aber auch Sarah erſtaunt—„aus ihren Hän⸗ den hat er mich gerettet.“ „Iſt es möglich?“ rief der Vater, erſchreckt und überraſcht auffahrend—„da ſoll ihnen doch der Böſe das Licht halten, wenn ſie ſich unter⸗ ſtehen—“ „Sorgen Sie ſich nicht deshalb,“ ſagte freund⸗ lich Mac Donald.„Ein Paar übermüthige Bur⸗ ſchen von irgend einem umherſtreifenden Stamme haben allerdings gewagt, das Fräulein aufzuhal⸗ ten und warfen, als wir weit genug waren, um nicht mehr von ihnen erreicht zu werden, ein Paar Speere hinter uns her. Das Pferd ſoll aber noch heut' Abend, oder ſpäteſtens morgen früh wieder in Ihren Händen ſein. Ich werde augenblicklich einen der hier lagernden Burſchen danach ausſchicken, und bin feſt überzeugt, daß ey es ohne Weiteres zurückbringt.“ 4 . ⸗ Ohne eine Antwort darauf abzuwarten, ver⸗ ließ er die Beiden, und ſchritt raſch dem Lager der Schwarzen zu. Mr. Powell ließ ſich aber unterdeſſelt den ganzen Vorfall ausführlich von der Tochter erzählen, und ſchien gicht übel Luſt zu haben, ſeine Leute noch heute Abend aufzu⸗ bieten und die etwas gar zu frechen Geſellen für ihren Uebermuth auf friſcher That zu züchtigen. Der Abend war jedoch ſo weit vorgerückt, daß ſich das bald als unausführbar erwies. Für den nächſten Morgen wurde indeß jedenfalls eine Re⸗ cognoscirung beſchloſſen, die auchein ſofern ſchon nöthig oder wenigſtens zweckmäßig war, um den, 8* vielleicht allzu kecken und übermüthigen Einge⸗ borenen zu beweiſen, daß hier Weiße genug ver⸗ ſammelt wären, ihren etwaigen Gelüſten einen feſten Damm entgegenzuſetzen. Madame Poynell erſchrak über die Nachricht, und fürchtete ſchon aus einem, vielleicht rauhen Zuſammentreffen mit den rachſüchtigen Einge⸗ borenen Gefahr für ihre Familie, ſowie für das Leben ihrer Kinder. Um ſo viel mehr fühlte ſte ſich aber auch dem jungen Fremden zu Dank ver pflichtet, und konnte die Zeit kaum erwarten, bis er nach Hauſe zurückkehren würde. 4 Darin ſollte ſie ſich indeß, heute Abend we⸗ “ 7 gſtens, getäuſcht ſehen, denn als die Fami ie — 124— wohl ſchon eine Viertelſtunde mit dem Abendbrod auf ihn gewartet hatte, ließ er ſich plötzlich durch den Stockkeeper entſchuldigen. Er war ſelbſt, wie der Bericht lautete, mit einem der Schwarzen, und zwar zu Fuße, wieder in den Buſch gegan⸗ gen, um nicht allein das Pferd wieder aufzufin⸗ den, ſondern auch das Feuer der lagernden Ein⸗ geborenen aufzuſuchen, zu erfahren, wie ſtark dieſe etwa ſeien, und ob wirklich Gefahr von ihnen zu fürchten wäre. Mr. Bale ſchüttelte allerdings den Kopf über den etwas tollkühnen Marſch bei Nacht, mit Einem der„nichtsnutzigen verräthe⸗ riſchen Bande;“ meinte aber, Mac Donald ſehe gerade nicht ſo aus, als ob er leicht zu Schaden käme, und der morgende Tag würde ihn wohl geſund und munter wieder zurückbringen.— Außerdem werde er morgen ſelber ſein Müthchen an ihnen kühlen, und ſie lehren, was es heiße, eine weiße Frau zu beleidigen.— Mr. Powell war ebenfalls nicht mit dieſem allzu kecken Recognosciren des Gaſtes, der den Wald nicht einmal genau kannte, und ſich faſt ganz auf ſeinen ſchwarzen Führer verlaſſen mußte, zufrieden; ſprach ſich aber nicht darüber aus, da ſich die Frauen ſchon außerdem genug zu äng⸗ ſtigen ſchienen, und beorderte nur Mr. Bale, am nächſten Morgen, wenn der Rationsfuhrmann 8 nach der Schafhütte abginge, die Leute bewaff⸗ net bereit zu halten, und den nächſten Buſch wenigſtens zu durchſtöbern und zu ſäubern. Mit Tagesanbruch begannen auch die Vorbe⸗ reitungen hierzu, und Sarah war am Morgen noch allein im Frühſtückszimmer beſchäftigt, um den Tiſch zu decken und das einfache Mahl zu ordnen, als die Thür plötzlich aufging und Mac Donald ihr grüßend entgegentrat. Er ſah bleich und ernſt aus, und auf die freundlichen Worte, die ſie zu ihm ſprach, antwortete er faſt nur mit einem leiſen, wie wehmüthigen Lächeln, daß es das Herz der Jungfrau, wußte ſie doch ſelber nicht, weshalb, wie Ahnung eines ihr drohenden Unheils zuſammenpreßte. „Und wiſſen Sie, daß Sie uns geſtern Abend durch Ihren tollkühnen Streifzug noch rechte Sorge bereitet haben?“ ſagte ſie endlich mit freundlichem Vorwurf. „Das thäte mir unendlich leid,“ erwiederte Mac Donald,„denn gerade das Gegentheil hatte ich dadurch bezweckt. Ich wollte Sie einer Sorge überheben, und mir zugleich Gewißheit verſchaffen, wie zahlreich der hier lagernde Stamm etwa ſein möchte. Ich kann Ihnen jetzt auch die beruhigende Verſicherung geben, daß Sie für Ihre Sicherheit — 126— wohl Nichts zu fürchten haben.— Ihr Pferd iſt wieder da.“ „Sie ſind mit den Schwarzen zuſammenge⸗ troffen?“ frug Sarah erſchreckt. „Ich war dicht an ihrem Lager und habe ihre Feuer gezählt,“ lächelte Mac Donald.„In ſo dunkler Nacht konnte das auch vollkommen ge⸗ fahrlos geſchehen, denn die abergläubiſchen Bur⸗ ſchen wagen ſich nicht aus dem Lichtſchein derſel⸗ ben heraus.“ „Erſtaunt war ich geſtern,“ ſagte erröthend Sarah,„über Ihre genaue Bekanntſchaft ihrer Sprache— ſo erſtaunt und auch wohl erſchreckt über das Ganze, daß ich— daß ich Ihnen noch nicht einmal ſo herzlich für Ihre freundliche Hülfe gedankt habe, wie ich es gern gewollt.“ „Miß Sarah,“ erwiederte mit tiefer Bewegung der junge Mann,„die Erinnerung an den kleinen Dienſt, den ich glücklich genug war Ihnen leiſten zu können, wird ſtets ein Lichtblick in meinem, an Freuden eben nicht reichen Leben ſein. Laſſen Sie mich das wenigſtens mit mir hinausnehmen in die kalte, freundloſe Welt, und bewahren auch Sie mir ein, wenn auch noch ſo kleines Plätzchen in Ihrem Herzen, von dem Gott Schmerz und Leid fern halten möge für alle Zeiten.“ „Sie wollen uns wieder verlaſſen?“ rief Sarah. erſchreckt. „Heute Morgen noch,“ ſagte Mac Donald beſtimmt.—„Ich darf nicht bleiben— fürchte ſogar“— ſetzte er leiſer hinzu—„daß ich ſchon zu lange geblieben bin, und— muß fort.“ „Und was treibt Sie?“ bat Sarah, und mußte ſich Mühe geben, bei der Frage ruhig zu bleiben.„Mein Vater hat Sie gern— er wird Alles aufbieten, Sie in unſerer Nachbarſchaft zu halten, und— iſt es recht, ſeine Freunde aufzu⸗ ſuchen, ſie zu ewigem Dank zu verpflichten, und ſie dann alsbald und plötzlich wieder zu verlaſſen, als ob man ſich fortſehnte aus ihrer Nähe? Wenn ich Sie nun recht ſchön bitte, daß Sie— nur noch auf kurze Zeit— in unſerer Nähe blieben.“ „Ach, thun Sie das nicht, Miß Sarah,“ bat Mae Donald faſt in ängſtlicher Haſt—„ich könnte der Bitte vielleicht nicht widerſtehen.“ „Dann richt' ich ſie in vollem Ernſt an Sie,“ rief aber Sarah, während das verrätheriſche Blut ihr Wangen und Stirn noch höher färbte—„und Vater und Mutter wird ſie unterſtützen.“ „Was, mein Kind?“ rief der Vater, der in dieſem Augenblicke die Thür öffnete und mit ſeiner — 128— Frau eintrat—„was habt Ihr Beiden zu⸗ ſammen?“ Mr. Mac Donald wollte uns heute wieder verlaſſen, und in der Bitte noch länger bei uns zu bleiben, ſolltet Ihr mich unterſtützen.“ „Und das von Herzen gern,“ rief Mr. Powell; —„lieber, beſter Freund, Sie dürfen unter keiner Bedingung daran denken, unſere Station ſo raſch wieder zu verlaſſen. Wollten Sie ſich denn nicht hier in der Nähe einen Weidegrund ſuchen?“ „Und unſerem Dank für die Rettung des lieben Kindes weichen Sie faſt gefliſſentlich aus,“ rief Mrs. Powell, des Fremden Hand ergreifend und herzlich drückend.„Liegt Ihnen denn ſo gar Nichts daran, eine ganze Familie vor ſo ſchwerem, ſo entſetzlich ſchwerem Leid bewahrt zu haben?“ „Ich bleibe,“ rief da Mac Donald plötzlich, aber mit einem Ausdruck in den Zügen, als ob er ſein eigenes Todesurtheil ſpräche.„Bleibe wenigſtens noch für einige Zeit, um Ihnen zu beweiſen, wie gern, wie ſehr gern ich Ihre Gaſt⸗ freundſchaft in Anſpruch nehme.“ „Aber ich will nicht hoffen, daß Sie uns da⸗ durch ein Opfer bringen,“ rief Mr. Powell raſch, denn es entging ihm nicht, daß ſich der ihm ſouſt ſo liebe Gaſt in einer beſondern Art von Auf⸗ regung befand.—„Sie dürfen Ihre eigenen Ge⸗ 4 ſchäfte nicht dabei verſäumen, und müſſen beden⸗ ken, daß wir armen Buſchmenſchen hier uns mit aller Zähigkeit an Jeden anklammern, den wir lieb gewinnen und in unſere Nähe bannen können. Sie mögen ſich nach Wochen und Monaten des⸗ halb auch auf denſelben Widerſtand gefaßt ma⸗ chen, Sie fortzulaſſen, wie wir ihn heute, Alle mit einander, gezeigt haben.“ „Daß Sie es nie bereuen mögen, iſt mein innigſter Wunſch,“ ſagte Mac Donald, die ge⸗ botene Hand nehmend und herzlich ſchüttelnd. „Und nun zum Frühſtück, Kinder,“ bat die Mutter—„wo bleibt denn nur Lisbeth und 8 Bill und Ned und John— herein mit Euch, der Thee wird kalt und das Fett gerinnt auf der Schüſſel.“ 4 3 b 4 Garſtacker. I. 8 1 6. Capitel. Der Rampf mit den Schwarzen. Indeß die Herrſchaft drin im„Hauſe“ früh⸗ ſtückte, ging es lebendig auf der Station zu, denn Mr. Powell hatte ſeine beiden Stockkeeper, die ſich gerade zufällig eingefunden, zu einem Aus⸗ flug in den Buſch aufgeboten, auch ſeine Ochſen⸗ treiber bewaffnet, ſo wie die beiden Hüttenwächter, die ſich auf der Station ſelbſt befanden, eben⸗ falls dem Trupp beigegeben, um eine ſo anſehn⸗ liche Schaar als nur immer möglich den Schwarzen entgegen zu führen, und ſie von weiteren Angrif⸗ fen gleich von vorn herein abzuſchrecken. Von den Schwarzen am Hauſe wußte er übri⸗ gens recht gut, daß er RNichts zu fürchten hatte, denn ſo lange ſich ein ſolcher Trupp an einer Station aufhält, erlauben ſich die Männer ſelten oder nie eine Unverſchämtheit gegen die Weißen, ſondern bieten im Gegentheil Alles auf, um ihnen zu zeigen, wie freundlich ſie gegen ſie geſinnt ſind — mag das nun aufrichtig, oder nur geheuchelt ſein. Mr. Bale muſterte indeſſen ſeinen kleinen Trupp, unterſuchte die Gewehre, ob ſie alle in Ordnung wären, und gab einige ſeiner Erfahrungen mit Kämpfen im Buſche zum Beſten, wonach ſich die Leute beſonders davor zu hüten hätten, ſich nicht zu weit vom Haupttrupp zu entfernen, und vor allem Andern den Rücken gedeckt zu halten. „Hol' ſie der Teufel, die ſchwarzen Halunken,“ fügte er mit einem noch viel kräftigeren Fluche hinzu,„wo ſie einen Mann im Rücken faſſen kön⸗ nen, ſind ſie den Augenblick bei der Hand, und die hölzernen, vermaledeiten Wurfſpieße ſind ſicherer Tod, wenn ſie Einem dort hineinfahren. Habt Ihr ſte aber von vorn, dann können ſie ſich nicht ſo lange Zeit zum Zielen nehmen, und das Auge des Feindes jagt ihnen ebenfalls Furcht ein. Feig ſind die Canaillen ja doch und laufen, wenn ſie nicht in vollem Trupp fechten, oder einen Mann von hinten überfallen können, wie die wilden Hunde. Die Vorbereitungen, da es ſich eigentlich nur um einen Morgenritt in den Buſch handelte, wa⸗ ren auch bald getroffen, und die Schaar, die ſchon— gefrühſtückt hatte und weitere Lebensmittel fia gat — 132— etwaiges Auslagern im Buſche über Mittag bei ſich trug, erwartete ſchon ungeduldig das Erſchei⸗ nen ihres Herrn und den Aufbruch. Der kam endlich, von Mac Donald und ſei⸗ nen Söhnen begleitet, und dieſe, Georg und Bill wenigſtens, die beiden älteren, ſprangen raſch nach ihren Pferden, um das Ausrücken durch ihre Schuld nicht aufzuhalten. Nur Ned, der Jüngſte, ſchritt unbewaffnet und mit ziemlich verdrießlichem Ge⸗ ſichte neben dem Vater her, da er von ihm den Befehl erhalten, den Zug nicht zu begleiten, ſon⸗ dern bei ihm, zum Schutz des Hauſes und der Familie zurückzubleiben. Ganz trauen durfte man den ſchwarzen Nachbarn doch nimmermehr. „Und haben Sie den Leuten geſagt, wie ich wünſche, daß das Ganze betrieben werden ſoll, Mr. Bale?“ frug der alte Herr mit freundlicher Miene ſeinen oberſten Stockkeeper.„Sie müſſen beſonders darauf achten, daß keine Unordnung vorfällt.“ „Alles beſorgt, Sir,“ antwortete der Yorkſhire⸗ Mann— wir wollen den ſchwarzen Halunken eine ſolche Lection geben, daß ſie beim Himmel nicht zum zweiten Mal daran denken ſollen, eine weiße Dame— und noch dazu Miß Sarah, zu beläſtigen.“ Ich fürchte, daß Sie mich mißverſtanden haben, X — 133— Mr. Bale;“ ſagte aber Mr. Powell mit ernſter Miene—„ich verbiete Ihnen ausdrücklich jede Gewaltthat gegen dieſe unglücklichen Menſchen, und Sie haben von Ihren Waffen nur im äußer⸗ ſten Nothfalle— nur zur Selbſtvertheidigung Ge⸗ brauch zu machen.“ „Selbſtvertheidigung?“ ſagte der Stockkeeper erſtaunt. „Allerdings, nur zur Selbſtvertheidigung,“ lau⸗ tete die beſtimmte und entſchiedene Antwort.„Ich will nicht die Schuld tragen, daß durch zu große Strenge und vielleicht den Uebermuth der losgelaſ⸗ ſenen Arbeiter, unnöthig Blut vergoſſen, und da⸗ durch der Grimm der Eingeborenen nur noch mehr geweckt und ſie zur Rache an vielleicht Unſchul⸗ digen getrieben werden. Die meiſten auf den Stationen verübten Morde ſchreiben ſich aus einer ſolchen Urſache her; wir thun ihnen durch die gewaltſame Beſitznahme ihrer Jagdgründe ſchon Schaden genug, und wollen nicht auch noch den Tod in ihre Reihen werfen. Was ein Paar über⸗ müthige Burſchen von ihnen geſtern gefrevelt, ver⸗ dient allerdings eine Zurechtweiſung. Wir müſſen ihnen beweiſen, daß wir die Mittel und Kräfte haben, ſie zu ſtrafen, und daß es uns nur noch an dem Willen fehle. Deshalb habe ich dieſen Zug auch angeordnet. Sie ſind leicht eingeſchüch⸗ — 134— tert und werden es ſich dann für die Zukunft eine Warnung ſein laſſen. Sie haben mich doch voll⸗ kommen verſtanden, Mr. Bale?“ „Vollkommen, Sir,“ erwiederte der Stockkeeper mürriſch.„Ich möchte Ihnen aber zu bedenken geben, daß wir ſie durch zu große Nachſicht eher übermüthig machen als einſchüchtern.“ „Fürchten Sie das nicht— und noch Eins. Daß mir Niemand von den Leuten— wie die Burſchen das ſo gern thun, wenn ſie einmal ein geladenes Gewehr in die Hände bekommen— ſeine Flinte in die Luft abſchießt. Das erſt macht die Schwarzen dreiſt, denn ſie glauben gewöhnlich, man hat auf ſie geſchoſſen, und gefehlt. Nur im alleräußerſten Nothfalle und ſo wenig als mög⸗ lich darf geſchoſſen werden, dann aber auch ſo, daß der Schuß ſicher trifft, und wo möglich tödt⸗ lich iſt. Sie ſehen, ich bin nicht, wie Sie zu glauben ſcheinen, nur für halbe Maßregeln, allein ich will kein unnützes Blut vergoſſen haben. Was meinen Sie, Mac Donald, ſollten wir wohl einen von den Burſchen da drüben, die dort ſo faul um ihre Lagerfeuer herumliegen, bewegen können, den Trupp zu führen?“ „Ich glaube kaum,“ ſagte dieſer—„übrigens können wir den Verſuch machen. Zehn gegen heeins iſt jedoch zu wetten, daß die beiden Trupps V näher mit einander befreundet ſind, als ſie eben beide eingeſtehen mögen, und wenn wirklich Einer mitginge, bleibt es immer die Frage, ob er die Leute gerade dahin führte, wohin ſie gehen wollen.“ „Wir können es wenigſtens verſuchen,“ ſagte Mr. Powell.„Sie ſprechen ja ihre Sprache voll⸗ kommen, und der, der in letzter Nacht mit ihnen fortwanderte und Sie richtig führte, übernähme auch heute vielleicht wieder die Leitung.“ Er ſchritt, noch während er ſprach, dem Lager der Schwarzen, von Mac Donald begleitet, zu, und ließ Mr. Bale in einer nichts weniger als freundlichen und zufriedenen Stimmung zurück. „Na ja, waſch' mir den Buckel und mach' mich nicht naß— immer wieder die alte Geſchichte;“ brummte dieſer mürriſch vor ſich hin.—„Hetzen hinter den Canaillen her, nur um ihnen„gu⸗ ten Morgen“ zu ſagen, und dann wieder umzu⸗ kehren.“ „Laſſen Sie uns nur erſt draußen ſein, Mr. Bale,“ ſagte da Georg, der eben mit dem Pferde zurückgekommen war und die halb laut gebrumm⸗ ten Worte verſtanden hatte.„Vater iſt immer geben wir ihnen S3s. Sie ſollen Sruah nicht umſouſt ſo geängſtigt haben.“ — 136— „Ja, und nachher krieg' ich's,“ ſagte der Stock⸗ keeper—„mit dem Alten i*ſt in der Hinſicht nicht zu ſpaßen.“ „Ach was, Ernſt müſſen wir ihnen zeigen,“ rief der junge Mann, dem es in den Gliedern zuckte, ſeine Kraft an den Schwarzen zu erproben; hielt er ſie doch, wie leider die meiſten der im Buſch aufgewachſenen Europäer, für wenig beſſer als die wilden Hunde ihrer Malleydickichte, und würde ſich wenig mehr Gewiſſen daraus gemacht haben, Einen von ihnen niederzuſchießen, wie eben auch einen ſolchen Dingo. 4 Die beiden Männer hatten indeſſen das Lager der Schwarzen erreicht, die ſie aber trotz der ganz in ihrer Nachbarſchaft betriebenen kriegeriſchen Vor⸗ bereitungen in voller Ruhe und behaglicher Sicher⸗ heit fanden. Ihr Frühſtücksmahl, an dem ſie das Letzte der geſtern erhaltenen drei Hammel auch bis auf die kleinſten Ueberreſte verzehrt, war be⸗ endet, und die Frauen kauerten gebückt zuſammen neben den Feuern, während die Männer lang aus⸗ geſtreckt auf dem Rücken lagen, dem Magen Raum zu einer beſſern Verdauung zu gönnen. Nur die Hunde arbeiteten noch mit wilder Gier an den Knochen herum, die ihnen von ihren Herren zu⸗ geworfen worden, den einen benagend, während ſie zu gleicher Zeit auf zwei andere die Pfoten — 137— hielten, damit ihnen kein anderer die koſtbare und ſeltene Beute nehmen möge. Nur ein einzelner Eingeborener hatte ſich vom Lager abgeſchieden, und zwar Nguyulloman, deſſen Rindenhütte heute etwa funfzig oder ſechzig Schritt weiter davon entfernt auf einem kleinen ſpitzen und iſolirteu Sandhügel ſtand. Er unterhielt dort auch ein tüchtiges Feuer, und ſchien allein noch von allen Uebrigen Lebensmittel übrig be⸗ halten zu haben, mit deren Zubereitung er indeß auf eigene Art wirthſchaftete. Bald deckte er ein großes Stück Rinde über die Kohlen, um auf kurze Zeit das Feuer zu dämpfen; bald ließ er wieder die Luft hinzu, daß der dicke Qualm em⸗ porſtieg, bis die Flamme auf's Neue hervorbrach. Dazwiſchen kaute er an ſeinem röſtenden Fleiſch, und ſchien ſich um den übrigen Stamm gar nicht weiter mehr zu bekümmern. „Sieht es nicht aus,“ ſagte Mr. Powell, der ſtehen geblieben war und lachend nach dem Krüppel hindeutete,„als ob der ſchwarze Burſche da bis an die Hüften im Sande watete, und ſich nur deshalb ſo ſchwerfällig umherbewegte? Es iſt doch ein armes unglückſeliges Menſchenkind und, wenn ihn ſein Stamm verläßt, dem Hungertode preis⸗ gegeben.— „Ich weiß doch nicht,“ erwiederte Mae Do⸗ — 138— nald, der ſich die wunderliche, verkrüppelte Geſtalt kopfſchüttelnd betrachtet hatte,„ich halte den Krüppel keineswegs für ſo ganz harmlos, und der Bumerang, den er an einer Schnur um den Hals trägt, beweiſt auch wohl ziemlich deutlich, daß er die Waffe noch immer im Stande iſt recht gut zu fuͤhren. Ich bin auch feſt überzeugt, der ſchleicht ſich beſſer und geſchickter an irgend ein Känguruh an, als irgend ein anderer junger und geſunder Burſche ſeines Stammes, und auf was er einmal die Wurfwaffe richtet, das iſt ihm ſicher ver⸗ fallen. Mit welcher fabelhaften G ſhicklichkeit ſchleudert er zum Beiſpiel nach den Hünden, die ihm in die Nähe kommen, Knochen und Stücken Holz— er fehlt nie.“ „Die dürren Beſtien haben auch allen mög⸗ lichen Reſpect vor ihm,“ lachte Mr. Powell,„doch wir wollen zu den burkas gehen, und ſehen, was wir aus den Burſchen herausbekommen können.“ Mac Donald redete die Schwarzen, die ſich bei der Annäherung des Beſuchs halb aus ihrer lliegenden Stellung emporrichteten, an, und for⸗ derte beſonders Kakurru auf, ihnen heute Morgen noch einmal zum Führer zu dienen. Ein anderer Schwarzer aber, ein dickköpfiger weißhaariger Burſche, der faſt ſo viele Runzeln im Geſichte wie eingeſchnittene Hautriſſe auf Schultern und Rücken — 139— trug, nahm die Antwort für den Angeredeten, und zwar nicht in ihrer Sprache, ſondern in einem ſchauderhaften Engliſch auf. „Schwarze Stämme da draußen,“ war etwa der Sinn ſeiner Rede—„böſe Burſchen— nehmen viel Butter und können zaubern— machen den Regen und Wind, und trocknen die Waſſerlöcher aus.— Weiße Männer haben ihnen ſelber Fleiſch gegeben— gut— tauſend gut— ſie ſind aber auch ehrliche Schwarze— ſtehlen kein Pferd und kein Schaf, und leben mit Nachbarn in Frieden. Ziehn ſie mit aus, kommen die ſchwarzen Männer in der Nacht, ſaugen ihnen die Butter aus, machen ſie blind, und ſpeeren Weiber und Kinder.“ Auch Kakurru ſchien nicht geneigt, der Auf⸗ forderung Folge zu leiſten, und lehnte ſich wieder zurück, ſchob die Hände unter den Kopf und ſchloß die Augen. „Gut, wenn Ihr keine Luſt habt, bleibt hier,“ ſagte da Mr. Powell, der ſeine Leute zu kennen glaubte;„wenn aber Einer von Euch mitgegangen wäre und uns geführt hätte, würde ich ihm wieder ein fettes Schaf zur Belohnung gegeben haben.“ Kakurru öffnete die Augen, regte aber ſonſt weiter kein Glied. „Ein Schaf?“ ſagte der alte Mann mit den weißen Haaren. — 140— „Vielleicht auch zwei, wenn er ſeine Sache gut macht,“ lächelte Mr. Powell, ſeines Sieges gewiß.— Die älteren Schwarzen unterhielten ſich jetzt eine Zeit lang flüſternd mit einander, daß ſelbſt Mac Donald nicht verſtehen konnte, was ſie rede⸗ ten. Unerwarteter Weiſe fiel das Reſultat aber verneinend aus. Kakurru regte ſich gar nicht, und die Uebrigen entſchieden, daß ſie mit der Sache nichts zu thun haben wollten. „Zwei Schafe ſind gut,“ ſagte der alte Burſche mit dem weißen Kopfe,„aber ſchwarzer Stamm iſt ſehr bös— mögen ihm nicht zu nahe kommen.“ Mr. Powell ſchien nicht übel Luſt zu haben, noch ein höheres Gebot zu thun, Mac Donald verhinderte ihn aber daran und ſagte raſch: „Laſſen Sie um Gottes Willen die Eingebore⸗ nen jetzt ihrem eigenen Willeu folgen. Sie könn⸗ ten ſie höchſtens veranlaſſen, daß ſie das höhere Gebot annähmen, und uns dann irgend wohin in den Buſch, aber gewiß nicht nach der Stelle führten, wo der andere Stamm ſich aufhält. Sie mögen mit der Sache nichts zu thun haben, und — ich kann es ihnen auch eigentlich nicht verdenken. Laſſen Sie uns die Gegend durchſuchen, und fin⸗ den wir keine Schwarze mehr in der Nähe, deſto beſſer. Finden wir ſie aber, nun ſo zeigen wir 3 ihnen wenigſtens, daß wir ihnen überlegen ſind, und erreichen dadurch vollkommen unſern Zweck.“ „Gut— ich bin auch damit einverſtanden. Was aber der ſchwarze Burſche da oben nur vor⸗ hat, möcht' ich wiſſen; ich glaube, er iſt einge⸗ ſchlafen.“ Nguyulloman ſchien wirklich nach ſeiner Früh⸗ ſtücksarbeit der Ruhe pflegen zu wollen, denn er lag neben ſeinem Feuer ſtill und regungslos da. Einzelne der Hunde, die ihren Antheil ſchon ver⸗ zehrt hatten und dort umhergeſtreute Beute wit⸗ terten, ſchlichen dabei vorſichtig dem Hügel zu, die Augen jedoch ſtets auf den Gefürchteten ge⸗ richtet, und wer von ihnen einen kleinen Biſſen oder Knochen erwiſchte, ſchnappte ihn raſch auf, kniff den Schwanz zwiſchen die Beine, und floh wieder zurück, um die gemachte Beute in ſicherer Entfernung zu verzehren. Dadurch aber bekamen die anderen mehr Muth, und zwei der keckſten hatten ſich eben bis zu etwa funfzehn Schritte von dem Lager des Krüppels gewagt, den abge⸗ nagten Kopf eines der verzehrten Schafe in Beſitz zu nehmen, als ſich die dunkle unheimliche Ge⸗ ſtalt plötzlich mit Blitzesſchnelle emporrichtete, und mit beiden Händen zugleich zwei jedenfalls ſchon bereit gehaltene ſcharfe Knochen ſo kräftig und geſchickt nach den erſchreckt zurückfahrenden Hunden — 142— ſchleuderte, daß dieſe vor Schmerz laut aufheulend und winſelnd das Weite ſuchten. Von da an kam ihm keiner von ihnen mehr nahe. Die Gewandtheit, mit welcher der ſonſt ſchein⸗ bar ſo unbehülfliche Krüppel mit beiden Armen zugleich die Knochen warf, war wirklich außeror⸗ dentlich. Er ſelber aber ſchien nichts Beſonderes darin zu finden, ſondern wirthſchaftete wieder, nur einen flüchtigen Blick auf die jetzt zu ihm herauf⸗ ſteigenden Weißen werfend, wie vorher an ſeinem Feuer herum. Hatte übrigens Mr. Powell die Abſicht gehabt, ſich mit ihm in ein Geſpräch einzulaſſen, ſo wurde dies durch eine Entdeckung geſtört, welche er machte, ſobald er den Gipfel des Hügels erreicht hatte. Aus dem Gumbuſch, den er von dort überſehen konnte, ſtieg, etwa zwei engliſche Meilen von da ent⸗ fernt, ein dünner Rauch hoch und gerade in die Luft empor, und ſein Ruf:„dort lagern die Schwarzen!“ lenkte auch Mac Donald's Aufmerk⸗ ſamkeit nach jener Stelle. „Wenn das wirklich der Fall iſt,“ ſagte Mac Donald, ſo haben ſie ſich dieſen Morgen erſt dort hinübergezogen, denn geſtern Abend befanden ſie ſich in jener Richtung, und in der Dunkelheit ſind ſie ſicher nicht umgezogen.“ 3 „Möglich, daß ſie die Gegend verlaſſen wollen,“ — 143— ſagte Mr. Powell.„Dann iſt es aber um ſo nöthiger, ihnen noch vorher zu beweiſen, daß wir ebenfalls für ſie gerüſtet ſind; ſonſt haben wir ſie in wenigen Tagen noch viel übermüthiger zu⸗ rück. Alſo bitte, Mr. Mac Donald, führen Sie den Zug mit Mr. Bale dort hinüber, und Ihnen binde ich nochmals auf die Seele, kein Blut, wenn irgend möglich, zu vergießen. Nicht wahr, jener Rauch gehört dem Stamm, der geſtern dort drüben ſich aufhielt?“ wandte er ſich noch einmal, ehe er den Sandhügel wieder hinunterſtieg, an Nguyulloman. „Weiß ich nicht,“ erwiederte dieſer aber mür⸗ riſch.„Wenn ſchwarzer Mann die Nacht ſchläft, macht er ein Feuer an; wenn er Morgens fort⸗ geht, läßt er es brennen.“ Es war Nichts weiter aus dem Schwarzen herauszubekommen. Ungeduldig hatte indeß der kleine Trupp der Leute, mit den beiden Söhnen Powell's an der Spitze, dieſen erwartet, und als er endlich mit Mac Donald zu ihnen zurückkehrte, ſprangen Alle in die Sättel. „Und nun fort!“ rief Mr. Bale,„wir geben den ſchwarzen Beſtien ſonſt einen zu großen Vor⸗ ſprung, und ſie glauben am Ende gar, wir fürch⸗ ten uns vor ihnen.“ - 144— „Sie ſind nicht weit, Mr. Bale,“ ſagte Mr. Powell—„von dort oben haben wir eben nach jener Richtung hin ihre Lagerfeuer geſehen.“ „Dorthin?“ ſagte der Aufſeher erſtaunt— „ich glaubte, da hinüber.“ „Rauch iſt jeden auch Mac Donald. „Deſto beſſer,“ lachte der Stockman vor ſich hin—„nach dorthin liegt Nichts als die Salz⸗ uſchebene zwiſchen uns und ihnen, und wir kön⸗ nen den Weg im Galopp zurücklegen. Noch etwas ſonſt zu bemerken, Mr. Powell?“ „Nichts weiter, als was ich Ihnen bereits geſagt.“ „Vorwärts dann!“ falls dort drüben,“ beſtätigte rief der Mann, warf ſein Pferd herum und flog mit einem Satz über die vielleicht vier und einen halben Fuß hohe Bar⸗ riére mit ſeinem Pferde hinüber; die beiden jnngen Powell's folgten ihm ohne Weiteres, ebenſo Mac Donald, der wieder ſeinen Grau⸗ ſchimmel ritt, wie die ande Die heute beritten gemachten Schäfer und Hütten⸗ wächter aber gingen vorſichtiger zu Werke, ließen ſich erſt die Stangen von einem der Zurückblei⸗ benden, trotz des höhniſchen Lachens der im Sat⸗ tel geübteren Rinderhirten niederlegen, und folgten 6 dann ziemlich bedächtig den Uebrigen, die indeß ſchon einen weiten Vorſprung gewonnen hatten. Mr. Bale, der an der Spitze des Zuges ritt, hatte auch bald ſelber im Freien draußen den Rauch entdeckt, und wollte eben ſeinen kleinen Trupp zu noch ſchärferem Ritt antreiben, um die Stelle bald zu erreichen und von dort den Fähr⸗ ten der Schwarzen, wenn ſie das Lager ſchon ver⸗ laſſen haben ſollten, zu folgen, als Mac Donald rechts im Buſche auf einer etwas höher und offen liegenden Stelle eine menſchliche Geſtalt erkannte, die augenſcheinlich nach ihnen hinüber winkte. Auf ſeinen Ruf hielt der Zug, und mit dem klei⸗ nen Taſchenteleſkop, das er bei ſich trug, erkannte er bald einen Weißen, der auf der Spitze des Malleyhügels ſtand und, wegen Mangel eines Tuches wahrſcheinlich, ſeine Jacke um den Kopf ſchwenkte. „Das iſt der Hüttenwächter von der Station, der Miller!“ rief jetzt Mr. Bale, der ſich das Glas geben ließ, und kaum einen Blick hin⸗ durch geworfen hatte—„dort iſt etwas vorge⸗ fallen, denn ſonſt hätte der faule Burſche ſich wahrlich nicht ſo früh von ſeiner Station aufge⸗ macht. Wir müſſen jedenfalls hinüber.“ Ohne weitere Antwort abzuwarten, lenkte er auch ſein Pferd dorthin, und der Winkende er⸗ Gerſtäcker. 1. 10 1 * — 146— kannte kaum die veränderte Richtung, welche die Reiter nahmen, als er ihnen auf halbem Wege entgegenkam. Es war in der That Miller, der deutſche Hüttenwächter, der erſchöpft, athemlos und bleich vom raſchen Laufe kaum Luft übrig behalten hatte zu erzählen, was ihn von der Station hier⸗ her getrieben. „Die Schwarzen!“ ſtöhnte er, als er nur in Rufs Nähe von den herangaloppirenden Pferden gekommen war—„die Schwarzen— haben— die Station überfallen— haben die Schafe fort⸗ getrieben— fort, alle fort.“ „Den Teufel auch!“ rief Bale,„die ganze Herde?“— „Zerſtreut und fort,“ lautete die klägliche Antwort. „Heut' Morgen erſt?“ frug Georg, der raſch herbeiſprengte. „Ja— das heißt— eigentlich— eigentlich noch vor Tage.“ „Da hat der faule Schlingel wieder geſchla⸗ fen,“ rief Bale, einen grimmigen Blick auf den armen Teufel ſchleudernd. Miller wollte ſich freilich dagegen verantwor⸗ ten, der Aufſeher ließ ihn aber gar nicht zu Worte kommen. —2 147— „Du, Browus, und Du, Borlett, Ihr Beiden reitet hinüber, wo wir den Rauch geſehen. Wir müſſen wiſſen, ob dort ein Trupp hinüber iſt, oder ob es nur eine Liſt der ſchwarzen Schufte war, uns auf eine falſche Fährte zu locken. Findet Ihr Nichts, was ich faſt glaube, dann kommt Ihr durch den trockenen Creek, der ſich von da hinüber⸗ zieht, oben hin nach den Salzteichen. Ihr kennt den Platz. Damit ſchneidet Ihr ein tüchtig Stück Weg ab, und haben die ſchwarzen Diebe das ge⸗ ſtohlene Vieh dort hinübergetrieben, ſo kommen wix da zuſammen. Jedenfalls laſſe ich Jemanden dort, der auf Euch wartet. Kommt Ihr früher hin, ſo wartet Ihr. Sind ſie aber wirklich dort hinaus, was übrigens nicht wahrſcheinlich iſt, ſo ſchickt Ihr mir einen Boten, und Einer von Euch bleibt indeß auf der Fährte. Und jetzt nach der Station wir Uebrigen. Mit den Schafen können ſie nicht ſo raſch vorwärts, und wir müſſen ſie wieder einholen.“ Im Nu war der Befehl ausgeführt; die beiden Stockmen ſchwenkten links ab und Miller ſah ſich wenige Minuten ſpäter, von Allen verlaſſen, wie⸗ der allein im Buſch, um langſamer als er ge⸗ kommen, und ziemlich niedergeſchlagen über den Verluſt der Schafe den Rückweg anzutreten. Wa⸗ ren ſie doch in der Nacht während ſeiner Wacht 10* — 148— abhanden gekommen, und er ſelber, wenn ſie nicht wieder gefunden wurden, für den Verluſt verant⸗ wortlich. Nach einer Stunde Ritt etwa erreichte der kleine Trupp die Station, auf der Hendricks eben, in Schweiß gebadet und mit einer langen Schrot⸗ flinte bewaffnet, von der andern Seite ankam. Er war den Fährten gefolgt, die ſich ſämmtlich nach Norden in den dickſten Buſch hineinwandten, und bat jetzt die Männer, die er gar nicht ſo raſch erwartet zu haben ſchien, nur ohne Weiteres den vollkommen deutlichen Spuren zu folgen. Sie könnten nicht fehlgehen und müßten, beritten wie ſie wären, die Schwarzen jedenfalls bald ein⸗ holen. „Um wie viel Uhr ſind ſie fort von hier?“ fragte Bale, um die Entfernung zu überrechnen, die ſie in der abgelaufenen Zeit zurückgelegt ha⸗ ben könnten. „Ja, wer das wüßte“, brummte Hendricks, „die Schlafmütze von Hüttenwächter hat ſammt dem faulen Köter von Hund geſchlafen, und wie ich heute Morgen mit Tagesanbruch aufſtand und die ganze Hürde leer fand, mußte ich ſie alle Beide noch wecken.“. 4 „Und haben ſie die ganze Herde mitgenommen?“ „Davor würden ſie ſich wohl gehütet haben,“ ſagte der Schäfer.„Sechzig oder achtzig hab' ich bereits wieder eingetrieben, und im Buſche zer⸗ ſtreut laufen noch eine Menge herum. Die Dingo’s waren aber auch ſchon zwiſchen ihnen. Ich denke immer, daß ſie etwa ſo an achtzig oder hundert Stück mitgeführt haben; die laſſen ſich ziemlich raſch treiben. Im Anfange war der Trupp na⸗ türlich größer, wie ich nach den Fährten ſehen konnte; aber was langſam lief, haben ſie meiſt zurückgelaſſen, und nur die ſchnellſten behalten. „Wer iſt denn da in der Hütte?“ ſagte der Aufſeher plötzlich, indem er den Schäfer anſah. „In der Hütte?— wie ſo?“ frug dieſer verdutzt. „Das eine Rindenſtück bewegte ſich eben da drin— iſt ein Fremder hier?“ „Hm, ja— ein armer Teufel von Bündel⸗ mann, der Arbeit ſuchend geſtern Abend ankam. Er hat ſich den Fuß vertreten und kann nicht laufen, und es war ihm überdies ſchlecht und rrank zu Muthe. Er liegt auf meinem Bette.“ Bale ſtieg vom Pferde, gab es einem der Leute zu halten und ging in die Hütte hinein. Er hatte 3 gegen die geübte Gaſtfreundſchaft natürlich Nichts 8 einzuwenden, wollte aber doch auch wiſſen, wie der Mann da drinnen ausſähe. — Als er die Hütte betrat, ſchaute er augen⸗ 8 — 150— blicklich nach der Stelle, wo er ſich die Rinde hatte bewegen ſehen; der Platz war aber leer, und an der gegenüber befindlichen Seite der Wand lag, den Rücken dem Eingang zugedreht, der Fremde auf den Schaffellen ausgeſtreckt. „Hallo, Freund— wo kommt Ihr her?“ 8 ſagte er laut. „Hallo, Sir!“ antwortete der Mann„ſich nach ihm umdrehend,„iſt mir hundeſchlecht zu Muthe, und war verdammt froh, geſtern Abend das Dach hier erreicht zu haben.“ „Woher des Wegs?“ „Vom Nord⸗Weſt⸗Bend.“ „Seid Ihr Schäfer?“ „Verſtehe das Geſchäft wenigſtens.“ „Könnt ſcheeren?“ „Denke ſo.“ „Gut, vielleicht giebt es hier Platz für Euch,“ ſagte Bale, dem das wilde Aeußere des Mannes eben nicht beſonders auffiel, denn die Leute, die auf ſolche Art durch den Buſch ſtreifen, gleichen alle eher entlaufenen Strauchdieben, als ordent⸗ lichen Arbeitern.„Bleibt hier bis wir zurück⸗ kommen, ich will mit Mr. Powell darüber ſprechen. Den Deutſchen, den wir hier zum Hüttenwächter haben, jagt er doch jedenfalls zum Teufel, denn das iſt ſchon das dritte Mal, daß er ſeine Pflicht verſäumt hat. Aber nun fort!“ ſetzte er hinzu, als er wieder hinaus vor die Thür trat und in den Sattel ſprang.„Mr. Mac Donald, wenn es Ihnen recht iſt, wollen wir jetzt einen ſcharfen Ritt hinter den ſchwarzen Halunken her thun, und ich denke, Mr. Powell wird wohl Nichts da⸗ gegen haben, wenn wir ſie heute etwas ſchärfer in's Gebet nehmen. Wenn wir ihnen das unge⸗ ſtraft hingehen laſſen, ſtecken ſie uns nächſtens die Häuſer über dem Kopfe an. Bringt Ihr uns nur auf die Fährte, Hendricks und bleibt dann hier, um ſo viel als möglich von den im Buſch zerſtreuten Thieren wieder zuſammenzubringen.“ „Ay, ay, Sir!“ erwiederte der Mann, jetzt merkwürdig bereitwillig voranſpringend. Weit zu gehen hatte er aber nicht nöthig, denn gleich hin⸗ ter den Hürden zeigte ſich die ziemlich breite und leicht erkennbare Spur, wo hinaus die Herde zu⸗ erſt von den Schwarzen getrieben worden war, während weiter im Buſche drin die Fährten in dem ſandigen Boden nicht mehr zu verkennen waren. Sobald die Reiter dieſe erreicht hatten, gab der Stockman ſeinem Pferde die Sporen und ſprengte in vollem Galopp darauf hin. Erſt am ſogenannten Salzteiche, einer merkwürdigen Stelle im offenen Buſche, wurde Halt gemacht, um die 8 nach dem Rauche ausgeſandten Männer zu er⸗ warten. Der„Salzteich“ lag in einer flachen dürren, rings von rothſandigen Malleyhügeln eingefaßten Durchmeſſer ſah nämlich, trotz der ſchon drückend Die Schwarzen waren mit den geraubten Scha⸗ fen hier vorübergezogen, und den beiden jungen Powell's brannte der Boden unter den Füßen, den Dieben nachzuſetzen. Bale hielt ſie aber zu⸗ rück, denn den Fährten im Sande nach war der Trupp der Schwarzen zahlreicher, als ſie im An⸗ fange vermuthet hatten. Vielleicht hatten ſich ſo⸗ gar zwei von ihnen vereinigt, und dieſen durften ſie nicht mit geſchwächten Kräften entgegentreten. Lange brauchten ſie übrigens nicht zu warten, und nach kaum einer Viertelſtunde erſchienen die beiden ſehnlichſt erwarteten Reiter und meldeten, daß der Rauch von einem kleinen Feuer ohne Gunyo hergerührt habe, auch nur die Fährten eines einzigen Schwarzen zu erkennen geweſen wä⸗ ren, dem ſie in dem wirren Dickicht dort nicht hat⸗ ten weiter nachſpüren können und mögen. Jeden⸗ falls ſei der Rauch nur ein Signal für die übri⸗ gen, im Buſche zerſtreuten Eingeborenen geweſen. Ihrer Verfolgung der Diebe lag jetzt Nichts weiter im Wege, und mit dem Stockkeeper und Mac Donald an der Spitze, von denen der Eine rechts, der Andere links die Fährten hielt, galop⸗ pirten ſie, ſo raſch es ihnen das Terrain erlaubte, vorwärts.— Sehr zu Statten kam ihnen dabei, daß die Schwarzen der Schafe wegen ebenfalls die offenſten Stellen hatten ausſuchen müſſen, um raſch vorwärts zu kommen. Siezweifelten auch ſchon gar nicht mehr daran, ſie in kürzeſter Zeit mit der ſie beläſtigenden Herde einzuholen, als ſie plötzlich ſechs von den Thieren mitten im Buſche todt, und zwar mit aufgeſchnittenen Bäuchen fanden. — 154— „Da haben wir's!“ rief der Aufſeher, indem er bei einem der geſchlachteten Thiere hielt und vom Pferde ſprang.„Aber was ſoll das heißen? die Canaillen können doch noch nicht wiſſen, daß wir ihnen auf den Fährten ſind?“ „Sie werden ihr gewöhnliches Spiel geſpielt haben“, brummte einer der anderen Stockkeeper mit einem derben Fluche.„Sehen Sie nur einmal nach, Sir, ob die Thiere noch ihre Nieren haben?“ „Die ſind richtig fort!“ rief Mr. Bale,„nun ſeh' Einer dieſe nichtswürdigen Leckermäuler an. In ähnlicher Weiſe werden wir wohl die ganze Herde wiederfinden.“ „Je länger wir hier zögern, deſto mehr ſchlach⸗ ten ſie ab“, ſagte Mac Donald. „Wir haben keinen Augenblick mehr zu verlieren. Vorwärts!“ rief auch Bale, und wieder aufſtei⸗ gend ſtieß er ſeinem Pferde die Sporen in die Seite, daß es mit ihm in voller Flucht dem Zuge voranflog. Nach den Fährten brauchten ſie auch hier gar nicht mehr zu ſehen, denn gleich darauf fanden ſie wieder zwei erſchlagene Schafe, und dann noch drei und ſo fort, denen ſämmtlich nur die Nieren ausgeſchnitten waren. Dadurch hatten ſich aber die Schwarzen auch länger aufgehalten, und von der Spitze des nächſten Hügels aus entdeckten ſſie jetzt den ganzen Stamm, der eben den Rand eines dichten häßlichen Malleybuſches erreicht und dort Halt gemacht hatte. Die Eingeborenen wußten recht gut, daß ihnen die Reiter dahinein nicht gut folgen konnten, und von den Fußgängern, wenn ſie von den Pferden ſtiegen, hatten ſie nicht viel zu fürchten. Dort übrigens war ein Trupp von ihnen ebenfalls wieder beſchäftigt, einen Theil der Herde abzuſchlachten, und wahrſcheinlich auch nur der ihnen delicat ſchmeckenden Nieren zu berauben, während Andere den kleinen Reſt, vielleicht zwölf oder vierzehn Stück, eben in das Dickicht trieben, in dem ſie gleich darauf mit ihnen verſchwanden. Weitere Befehle waren nicht mehr nöthig. Jeder der Schaar ſah das Ziel deutlich vor ſich, und den günſtigſten Platz den Hügel abwärts für ihre Pferde ſuchend, ſprengten die Reiter mit verhäng⸗ ten Zügeln der Stelle zu, auf der die Schwarzen noch emſig mit ihrer Arbeit beſchäftigt waren. Jedenfalls mußten dieſe auch die Verfolger be⸗ merkt haben, und im Buſche verſteckte Kundſchafter hatten ſie vielleicht ſchon viel früher von ihrer Nähe unterrichtet. Trotzdem ließen ſie ſich aber in ihrer Arbeit nicht ſtören, und die Reiter konn⸗ ten kaum noch zweihundert Schritte von ihnen ent⸗ fernt ſein, ehe ſie die erſchlagenen Thiere verließen und mit der leicht transportabeln Beute und blu⸗ tigen Händen ebenfalls in das Dickicht tauchten. — 156— Wenige Minuten ſpäter hielten die ſchäumen⸗ den und ſchnaubenden Pferde an der Grenze der ſeinen kleinen Trupp in zwei Abtheilungen. Die Bale hatte ſich nicht geirrt und kam, indem er den kürzern Weg gewählt, gerade zur rechten Zeit auf eine kleine Salzbuſch⸗Ebene, den Haupttrupp der Eingeborenen noch zu treffen, die aus dem Dickicht heraus in gerader Richtung der gegenüber⸗ liegenden Wildniß zuflohen. Dort wären ſie voll⸗ „Wir haben ſie!“ ſchrie da der wetterbraune Buſchmann in jubelnder Luſt, während er ſich in ſeinen Steigbügeln aufrichtete und ſeine Flinte hoch um den Kopf ſchwang—„wir haben die ganze Bande,“ und dem Pferde die Sporen wieder eindrückend, daß es mit einem Satze über die 159— geheul antworteten. Aber auch ſein Pferd bäumte ſich erſchreckt vor dem Knalle, und zeigte kaum Bauch und Bruſt über den Büſchen, als es drei Speere zu gleicher Zeit und faſt auf einer Stelle tödtlich trafen. Die Schwarzen ſtießen ein Freudengeſchrei aus, und warfen ſich gegen das wie raſend um ſich ſchlagende Pferd, auf dem Bale, nachdem er das Gewehr von ſich geworfen, alle mögliche Mühe hatte, ſich nur feſt und im Sattel zu halten. Ihm zu Hülfe eilte aber jetzt Mac Donald, deſſen Grau⸗ ſchimmel den ſchmalſten Theil der Ravine über⸗ ſprungen hatte, und vor den andonnernden Hufen des neuen Feindes zogen ſich die Angreifer ſcheu zurück. Zu gleicher Zeit wurde aber auch der an⸗ dere Trupp der Stockmen von drüben her ſichtbar, und Georg und William, die indeß die Schlucht umjagt, um die verlorene Zeit wieder gut zu machen, flogen auf ſchäumenden Rennern herbei. Georg war von dieſen der erſte, und ſein Pferd herumreißend und mit dinem Schwunge ſich faſt mehr aus dem Sattel werfend, als daß er zu Boden geſprungen wäre, legte er ſein Gewehr an en Backen und drückte den mit einer Kugel ge⸗ enen Lauf ziemlich auf's Gerathewohl nach der tung hin ab, wo die letzten Schwarzen eben 4 Buſch hineinſchlüpfen wollten. a Rich in der Dickicht waren ihnen ſen, und die E warf ſich William's Pferd ckte vorn jung aber, p und gewandt und Fälle im By ſchon gewöhnt, — 161— „Nieder mit den ſchwarzen Beſtien!“ ſchrie er dabei, legte ſein Gewehr an den Backen und drückte es auf die über den Leichnam gebeugte Geſtalt, die angſtvoll den Blick zu ihm emporhob, ab. Mae Donald war ihm aber nahe genug, den Mord zu verhindern, und den ſich in demſelben Augenblick entladenden Lauf mit der Hand empor⸗ werfend, rief er in edler Entrüſtung: „Pfui, ſchämen Sie ſich, junger Mann, auf ein Weib zu ſchießen!“ „Ein Weib?“ rief William überraſcht—„aber wenn auch— die ganze Race muß doch von der Erde vertilgt werden, ehe wir Ruhe vor ihnen haben.“ Noch während er ſprach begegnete er, mit eben nicht freundlichem Blick, dem ernſt und faſt drohend auf ihn gerichteten Auge Mac Donald's, und wandte ſich halb beſchämt, halb ärgerlich ab, um ſein Pferd, das ſich indeſſen wieder aufgerafft hatte, einzufangen und zu beſteigen. Die Schwarze aber, denn es war wirklich ein junges Mädchen, die ſich hier in wilder, angſtvoller Verzweiflung über den Leichnam eines der Ihren geworfen hatte, ſchien zu fühlen, daß ſie ſicher ſei, oder achtete auch die eigene Gefahr in dem eben erlittenen Verluſte und Schmerze nicht weiter. Nur in ſtum⸗ mem bitterem Leid barg ſie ihr Antlitz an der Bruſt Gerſtäcker. I. 11 kalt;„der ſtiehlt kei ters oder Bruders be um wenigſtens die Schafe iſt Mr. Bale?“ mit tonloſer Sti Trauernden zu wenden. fielen in dem anderen Di aus tiefer Bruſt herausge — 162— des Ermordeten, und ihre Glieder zitterten vor Angſt und Jammer. Auch Georg war indeſſen in raſchen Sprüngen herangekommen, ſein Opfer zu ſehen. Als er ſich ihm aber näherte und die ſtumme traurige Gruppe erkannte, da ſchien es doch, als ob ſein Herz ein anderes Gefühl als das eines freudigen Triumphes beſchliche, und mit leiſer, faſt flüſternder Stimme frug er, auf den Leichnam deutend: „Iſt er todt?“ „Sie haben gut 2 getroffen,“ ſagte Mac Donald ne Schafe mehr.“ „Aber zwei?— frug Georg ſchüchtern— „habe ich zwei getroffen?“ „Ich glaube ja— wenn auch wohl nicht mit der einen Kugel— das unglückliche Weſen hier iſt ein junges Nädchen, das den Tod ihres Va⸗ t.— Aber wir wollen die Anderen unterſtützen, zurückzubekommen. Wo wein zu den Pferden zurück und 7 antwortete Georg mme und ohne den Blick von der In dieſem Augenblicke ckicht noch zwei Schüſſe. ſagte Mac Donald mit einem, holten Seufzer.„Immer „Dort drüben kommt er,“ „Mehr Blut!“ zwiſchen Schwarzen und Weißen— und können wir’s ihnen denn verdenken, wenn ſie wieder blu⸗ tige Rache nehmen?“ Der andere Trupp hatte die vordere Dickung halb umzingelt, in der ſich noch ein Theil der Schwarzen mit den Schafen befand. Dort hinein konnten ſie aber nicht mit den Pferden dringen, und die Büſche umreitend, warfen die Schwarzen einzelne Speere nach ihnen, von denen der eine den zweiten Stockkeeper leicht am Schenkel ver⸗ wundete. Dadurch aber erreichten ſie ihren Zweck, die gereizten Weißen an einer Stelle zu ſammeln, und plötzlich ſprangen an der obern Spitze des Dickichts, wo ſie kaum mehr als hundert Schritte von der Hauptdickung entfernt waren, die übrigen Schwarzen mit den Schafen heraus und trieben die geängſtigten Thiere mit wildem Geſchrei ihrem Verſtecke zu. Einige von dieſen brachen allerdings nach rechts und links aus und mußten von den Räubern im Stiche gelaſſen werden; einen Theil in Sicherheit zu bringen gelang ihnen indeß doch, und als die Schäfer und Stockkeeper in wilder Wuth dort hinſprengten, vermochten ſie keines⸗ wegs etwas Weiteres zu thun, als ihre Gewehre auf die Flüchtigen abzuſchießen. Ein einzelner Schwarzer hatte ſich von den anderen getrennt, oder 11441 mehr, daß der Riß nur weiter und weiter werde — 164— ſeine Zeit verſehen. Der zweite Stockkeeper ſchnitt dieſem den Weg ab, ſuchte ihn niederzureiten und ſprang, als ihm dies mißlang, vom Pferde. Ehe er ſein Gewehr an den Backen anlegen konnte, hob der Schwarze ſeinen Speer und ſchleu⸗ nug für den Weißen— die Schnalle einer kleinen Ledertaſche, die dieſer um die Schulter trug, und prallte harmlos ab, während der Stockkeeper hin⸗ ter dem jetzt davonſpringenden Schwarzen Feuer gab und ihm die ganze Ladung grober Poſten auf etwa zwanzig Schritte in den Rücken ſchoß. Er lief noch etwa vier oder fünf Schritte und ſchlug dann mit emporgeworfenen Armen in den Sand nißder, in dem er ſein Geſicht begrub. * 7. Capitel. Der Heimritt. Der Kampf ſammt ſeiner Aufregung und Wuth war vorüber. Die Wilden hatten ſich in ein Dickicht geflüchtet, in das ihnen die Weißen viel⸗ leicht hätten folgen, ſie aber nie dort wiederfinden können und ein weiteres Nachſetzen auch als voll⸗ kommen nutzlos aufgeben mußten. Die Leute wa⸗ zien jetzt nur damit beſchäftigt, die noch einzeln imherſtreifenden Schafe aufzuſuchen und zuſammen⸗ zubringen, was ſich freilich als eine nicht leichte Arbeit auswies, da die durch die Schwarzen ein⸗ geſchüchterten Thiere wild und ſcheu geworden waren und ſich gar nicht treiben laſſen wollten. Endlich gelang es aber den damit vertrauten Leu⸗ ten, ſie wieder in einem Trupp zu vereinigen, der anter der Aufſicht von einem Schäfer und Hütten⸗ hächter zurück nach der Station geführt werden — 166— ſollte, während die Uebrigen auf ihrem Rückwege die erſchlagenen Schafe, ſoviel ſie deren nämlich auf ihre Pferde packen konnten, mitzunehmen be⸗ abſichtigten. „Und was ſoll mit der Leiche werden?“ frug Georg, der ſich um alles Andere nicht weiter beküm⸗ merte, Mac Donald. Er hatte bis jetzt nicht einmal gewagt, ſich der Stelle zu nähern, wo dieſe lag. 2— „Wir werden ſie dem Mädchen überlaſſen müſſen,“ ſagte dieſer—„ſonſt würde ich rathen, ſie zu beerdigen.“ „Beerdigen?“ rief Bale, der mit ſeinem Sattel auf dem Rücken eben in keineswegs freundlicher Laune von ſeinem verendeten Pferde herüberkam. „Das fehlte auch noch, daß wir uns mit dem ſchwarzen Aas abquälten!— Hol' ſie der Teufel, die Halunken! Die Dingos, ihre guten Freurt und Kameraden, werden ſchon wiſſen, was ſie ihnen anfangen.“. 1 „Nein— nein—“ rief da ſchnell Georg „ich will nicht, daß die Leiber— wenigſtens dieſer hier“— ſetzte er leiſer und wie ſcheu h zu—„den Raubthieren überlaſſen bleiben. Men Lebelang würde ich den Gedanken nicht loswerden konnen. Die Unglücklichen haben gebüßt und— es ſind doch nun einmal Menſchen.“ 75, — 167— „Menſchen?— Gehangen will ich werden, wenn ich ſie dazu zähle,“ fluchte der Aufſeher. „Machen Sie übrigens damit, was Sie wollen; ich für meine Perſon rühre keine Hand dabei an. Wenn ich ſie alle mit einem Schlage von der Erde vertilgen könnte, ich thät's,— ſelbſt auf die Gefahr hin, daß ſie für ein Paar Monate die Luft verpeſteten, und würde noch glauben, ein gutes Werk verrichtet zu haben. Teufel noch ein⸗ mal!“ rief er dann plötzlich, warf ſeinen Sattel zu Boden und hob krampfhaft ſeine Flinte in die Höhe—„die eine Beſtie lebt ja noch.“ „Halt!“ rief Mac Donald, dazwiſchen ſprin⸗ gend,„es iſt ein Weib, das über den Erſchoſſenen klagt.“ „Die Noth wollen wir ihr erſparen,“ lachte der Mann, durch den Verluſt ſeines guten Pferdes zur Wuth gereizt. „Die Unglückliche ſteht unter meinem Schutz!“ rief aber Mac Donald, dem blutdürſtigen Mann entſchieden, ja faſt drohend entgegentretend.„Es iſt genug Blut heut' gefloſſen, und Mr. Powell will nicht, daß in ſeinem Dienſte gemordet werde.“ Bale wurde vor nur mühſam unterdrücktem i blutroth im Geſichte, und die krampfhaft te Waffe ſenkte ſich faſt unwillkürlich gegen — 168— den, der ihm in ſeiner Autorität hier entgegen⸗ treten wollte. Die Erinnerung der letzten Stunde indeß brachte ihn raſch wieder zu ſich ſelbſt. Mac Donald gerade hatte ihm durch ſein zeitgemäßes Einſpringen vielleicht das Leben gerettet, und er ihm das wahrlich nicht vergeſſen. Bale war auch, trotz ſeiner ſäußern Rauhheit, nicht allein ein braver und rechtlicher, ſondern auch ein ſeelensguter Menſch, der nie daran gedacht haben würde, einem Andern auch nur das geringſte Unrecht zuzufügen. Nur die Schwarzen haßte er, haßte ſie wie ein wildes Thier, und hegte und pflegte einen Grimm gegen dieſe unglücklichen Stämme, als ob ſie ihm und den Seinen das größte Unheil zugefügt, und nicht ſelber von ſeinem Stamme erſt verfolgt, ge⸗ reizt und gemißhandelt und oft ſogar zum Außer⸗ ſten gezwungen geweſen wären. Gleiche Erſcheinungen finden wir in allen Welttheilen, wo die Indianer noch um ihre letzte Exiſtenz mit den Grenzanſiedelungen ringen, und nicht auffälliger in Nordamerika, als in dieſen Auſtraliſchen Colonieen. Keine ärgeren Feinde hat in allen dieſen Ländern der arme Eingeborene, als gerade ſeine nächſten Nachbarn. Das Unrecht, das den wilden Stämmen deren Vorväter zugeßilt haben, das Unrecht, das ihm noch jeden Tag ſchieht, indem er weiter und weiter von den — 169— bern ſeiner Vorfahren zurückgedrängt und aus ſeinen Jagdgründen vertrieben, mit dem Verluſt des Wildes ſogar ſeiner ganzen Exiſtenz beraubt wird, achten ſie nicht, aber das geringſte Wiedervergel⸗ tungsrecht, das er an dem Eindringling ausübt, wird ihm als Verbrechen angerechnet und fordert Strafe und Rache gegen den ganzen Stamm. In Amerika, wie in allen übrigen„entdeckten“ Ländern, hielt man dabei für angemeſſen, die den Eingeborenen gehörigen Ländereien wenigſtens durch einen Scheinkauf, durch kleine dafür verab⸗ reichte Geſchenke oder gewiſſe unbedeutende Sum⸗ men Geldes an ſich zu bringen. In Auſtralien dagegen hat man das nicht einmal für nöthig be⸗ funden. Mit wenigen Ausnahmen iſt, wo eine derartige Ceremonie ſtatt fand, das ganze Land eben von den jetzigen Eigenthümern nur einfach in Beſitz genommen worden. Die Neuangekommenen ließen ſich an der Küſte, wo ſie Waſſer und gutes Land fanden, nieder, ohne viel zu fragen, welchem der ſchwarzen Stämme der Boden gehöre, ge⸗ nügte es doch, daß ihn die Weißen brauchten, und wozu waren da große Umſtände nöthig? So wie ſich die Herden dann vergrößerten, gingen die Squatter— und gehen ſie noch bis auf den heutigen Tag— auf Entdeckung aus, um neue Weidegründe außzufinden, die ſchon — 170— lange unter dem Namen von„wilden Kronlände⸗ reien“ beanſprucht ſind. Haben ſie dann gefun⸗ den, was ſie ſuchen, ziehen ſie dorthin, zahlen der⸗ Regierung einen gewiſſen Pacht, die dann gezwun⸗ gen iſt, ſie in ihrem„Eigenthum“ zu ſchützen, ziehen Herden, ſchießen an Känguruhs und Emus, was ſie nur zum Schuß bekommen können, ver⸗ treiben das Andere, und ſtrafen den Schwarzen unnachſichtlich mit Pulver und Blei, der etwa dem wahnſinnigen Gedanken Raum gäbe, daß er zu den auf ſ einem Grund und Boden herumlaufen⸗ den Schafen daſſelbe Anrecht hätte, wie die Wei⸗ ßen zu ſeinen§ änguruhs und Wallobis. Doch das iſt eine e, bei der die Natio⸗ nalökonomie,— d. h. d ldbeutel— gewöhn⸗ lich die Civiliſation un wieder ihrerſeits das Chriſtenthum vorſchie ud wer dabei zu kurz kommt, ſind die Heiden, wer dabei gewinnt — die Chriſten. 3 Solche Serupel kannte aber Bale, der recht gut als Repräſentant der ganzen Auſtraliſchen Stock⸗ keeper und Viehzüchterrace dienen konnte, wahr⸗ lich nicht. Civiliſation wie Chriſtenthum mit Nationalökonomie in den Kauf, kümmerte ihn Eines ſo wenig, wie das Andere, die einfache Thatſache war: Dingos und Schwarze thaten den Herden Schaden und ärgerten die Squatter, und — 171— deshalb mußten ſie ausgerottet werden. Daß Mr. Powell ſelber dieſen Grundſätzen entgegen war, wußte er recht gut, aber lieber Gott, der verſtand es eben nicht beſſer, und brauchte ſich nicht ſelber draußen mit den„ſchwarzen Canaillen“ herumzu⸗ ärgern und zu hetzen. Was er aus ſeinen Büchern herausſtudirte, wollte nicht viel heißen. Hier nun ärgerte ihn ganz beſonders, daß er die„Schufte,“ die ihm ſein Pferd geſpeert, nicht ſelber hatte abſtrafen können, und daß er dafür irgend einen Anderen des Stammes, und wenn es ein Weib geweſen wäre, niedergeſchoſſen hätte, ſchien ihm nichts Außerordentliches zu ſein. Auch das entſchiedene Auftreten des Fremden gegen ihn war ihm nicht recht. Wo kam der überhaupt her und was war er? Zu jeder anderen Zeit hätte das den trotzigen Muth des Mannes auch noch mehr zu Widerſtand geweckt. Dem Retter der Miß Sarah aber, der er in ſeiner rauhen Weiſe zwar, aber mit vollem Herzen zugethan war, konnte er nicht feindlich gegenübertreten— wenig⸗ ſtens nicht einer unbedeutenden Schwarzen wegen, und den in ihm aufſteigenden Grimm erſtickte er deshalb mit Gewalt. So begegnete er denn wohl einen Moment dem kalten finſtern Blick des Fremden trotzig genug, dann aber, ſich eines Beſſern beſinnend, ſtieß er ſein Gewehr mit dem Kolben auf den Boden nieder und rief: „Meinetwegen, laſſen Sie ſie laufen, wenn es Ihnen gut dünkt. Ihrem Einſpringen verdank' ich überhaupt heute, daß ich die Knochen noch regen kann. Ginge es aber nach mir, ſo wüßt' ich, was ich thäte.“ „Wer hilft mir den Körper beerdigen?“ frug Mac Donald jetzt. „Ich helfe,“ ſagte Georg, leiſe und entſchloſ⸗ ſen—„kommen Sie, Mr. Mac Donald— wir wollen den armen Teufel unter den Sand bringen.“ „Das wäre der Mühe werth,“ lachte der Auf⸗ ſeher, indem er ſeinen Sat l zu William's Pferd trug, und ihn hinter deſſen Sattel feſtſchnallte „aber des Menſchen Wille iſt ſein Himmel⸗ reich.“ Die beiden Weißen näherten ſich der Leiche, und Mac Donald berührte leicht mit ſeiner Hand die Schulter des Mädchens. „ Komm, Kind!“ ſagte er freundlich—„ſteh' auf und folge den Deinen, Du haſt Nichts zu fürchten. Ueberlaß den Körper uns, daß wir ihn mit Sand und Büſchen bedecken, um die Dingos und Aasgeier fern zu halten.“ 4 Das Mädchen richtete ſich langſam auf und — 173— ſchaute mit wilden, entſetzlichen Blicken von einem der Männer zum andern. Auch daß der Fremde ihre Sprache ſo geläufig redete, erſchreckte ſie. Aber raſch auch erkannte ſie den Mann in ihm, der zweimal ſchützend zwiſchen ſte und die weißen Feinde getreten war. Böſes konnte er nicht gegen ſie im Sinne haben und mit freundlich bittender Stimme, die Hände gegen ihn erhoben, ſagte ſie: „Oh, laß ihn mir— nimm ihn nicht fort. Sein graues Haupt iſt roth von Blut, und ſein Glieder ſind ſtarr. Laß Pelyurko ihm die Ehre erweiſen, die ſeinem Alter, die ſeinem Rang ge⸗ bührt.“ „Was ſagt ſie?“ frug Georg mit heiſerer, von innerer Bewegung faſt erſtickter Stimme—„klagt ſie mich des Mordes an?“ „Nein,“ erwiederte kopfſchüttelnd Mac Donald, „ſie verlangt Nichts von uns, als ſie mit der Leiche in Frieden zu laſſen. Ich denke, wir er⸗ füllen ihre Bitte.“ „Kommen Sie, Sir— kommen Sie,“ bat ihn da Georg, in faſt fieberhafter Haſt.„Laſſen Sie die Unglückliche allein.— Mir— mir brennt der Boden hier doch unter den Füßen.“ „Nun?“ frug Bale lachend, als er die beiden Männet unverrichteter Sache zurückkommen ſah —„dſis Begräbniß ſchon vorüber?— der Pfarrer — 174— kann gerade keine lange Leichenrede gehalten haben.“ Georg erwiederte Nichts, nahm den Zügel ſeines Thieres auf, warf ihm denſelben über den Nacken, ſprang in den Sattel, und ſprengte im nächſten Augenblicke, ſo raſch ihn das Pferd tra⸗ gen konnte, quer durch den Buſch der eigenen Heimath zu. Bale ſah ihm kopfſchüttelnd nach, als ſich Mac Donald freundlich zu dieſem wandte. „Mir ſcheint, daß Sie hinken, Sir.— Wahr⸗ ſcheinlich haben Sie ſich bei Ihrem Sturz weh⸗ gethan. Iſt es Ihnen recht, ſo nehmen Sie mein Pferd— ich bin gut zu Fuß und kann die Paar Meilen recht gut gehen.“ „Danke— Mfs h r. zlich,“ ſagte der Mann, würdigen wußte.„Sie ſind zu gütig, aber es iſt nicht nöthig. Maſter William habe ich ſchon Auftrag gegeben, einen der faulen Schäfer von einem Pferde herunterzuwerfen— ich glaube, dort kommt er ſchon damit zurück. Die Schafknechte wiſſen doch nicht, wie ſie auf einem Pferde ſitzen ſollen, und können ihre Geſchäfte verdammt viel heſſer zu Fuße beſorgen.“ Der ganze Zug vereinigte ſich jetzt wieder, umging das erſte Dickicht, lud von getödteten Schafen auf, was die Pferde der Schäfer und — 175— unteren Stockkeeper tragen konnten, und ſetzte ſich dann langſam in Bewegung, um zum Murray zurückzukehren. 1 Still und regungslos ſaß indeſſen Pelyurko, das ſchwarze Mädchen, bei der Leiche ihres Vaters; ohne Klage, ohne Thränen folgte der ſtiere Blick den weißen Mördern, ſo lange ſie dieſen mit den Augen folgen konnte, und haftete, als ſie in Buſch und Ferne verſchwunden waren, glanzlos und trübe an der Leere. Aber noch andere Augen, als die des trauern⸗ den Kindes hatten die abziehenden Weißen auf⸗ merkſam verfolgt. Hier und da aus dem Dickicht und zwiſchen den Büſcheln des ſcharfen, ſtachlichen Graſes vor, glitten dunkle, fettglänzende Geſtalten bis zu der Stelle, wo die Leiche lag, und bückten ſich nieder, um ſie vom Boden aufzuheben. Pe⸗ lyurko ließ es ruhig geſchehn, waren es doch die jungen Männer ihres Stammes, und langſam, mit geſenktem Haupte, folgte ſie den Trägern. Auch weiter oben wurden Eingeborene ſichtbar, die deMMiten Erſchlagenen in das Dickicht hin⸗ einſchafften, und eine volle Stunde lang herrſchte dann wohl eine durch Nichts unterbrochene Stille in der öden, vor Kurzem noch ſo furchtbar beleb⸗ ten Wildniß. Da ſtieg plötzlich aus dem Dickicht heraus 8 — 176— ein hohler, langgezogener Weheruf, einzeln und allein und das Mark durchſchneidend, und als er langſam verhallt war, ſchien es faſt, als ob der Buſch noch viel öder, die Wüſte noch viel ſtiller und troſtloſer geworden wäre, als vorher, bis plötzlich ein wilder Chor von Frauenſtimmen in klangloſen, zitternden Tönen die Todtenklage um die Erſchlagenen erhob, und bald höher ſteigend, bald tiefer fallend, den weiten Wald mit ſeinem Jammergeſchrei erfüllte. Der Wind hörte auf zu rauſchen, das Laub auf zu flüſtern, die ſchwatzhaften Vögel im Buſche verſtummten— ein Dingo, der, von dem warmen Blutgeruch angelockt, den Saum des Dickichts entlang herangeſchlichen war, ſtutzte und glitt ſcheu zurück in den Schutz der Sträucher, und nur der Weheruf zitterte über der Oede— die Todten⸗ klage um die erſchlagenen mißhandelten Kinder dieſes Bodens. 5 A * 84 1 4 W Luſtig trieben indeſſen die Stoc ihre Thiere der heimiſchen Station entgegen; war doch den ſchwarzen Dieben der größte Theil ihres Raubes wieder abgejagt, und die Bande ſelber für die Uebergriffe, die ſie ſich erlaubt, gezüchtigt worden. Nur Georg ritt ſchweigend an Mac Do⸗ 3 — 177— nald's Seite einher, und Bale, der das ſtörriſche Pferd eines der Stockkeeper ritt, und den Verluſt ſeines eigenen wackeren Braunen zu beklagen hatte, fluchte und wetterte die ganze Zeit, mißhandelte das arme Thier, das er ritt, mit Peitſche und Sporn, und war überhaupt in einer verzweifelten Laune. Die Leute hatten übrigens noch bis zur ſinken⸗ den Nacht vollauf Arbeit, die überall im Buſche zerſtreuten Schafe aufzuſuchen und zuſammenzu⸗ bringen, damit die Dingos ſie nicht noch mehr auseinander trieben. Der Proviſions⸗ und Ra⸗ tionskarren nahm dann am Abend die von den Schwarzen geſchlachteten, nierenloſen Schafe mit zurück auf die Hauptſtation. Hendricks, der Schäfe, hatte heute in ganz außergewöhnlicher und ihm keineswegs gelegenen Thätigkeit noch nicht einmal Zeit bekommen, ſeine Maultrommel ſpielen zu können— ein Fall, deſſen er ſich ſeit Jahren nicht erinnerte.— Es war ihm aber auch in der That gelungen, ſeine Herde zum größten Theil zuſammenzubringen, und als die Stockkeeper das Eingefangene noch dazu brach⸗ ten, fehlten vielleicht im Ganzen nur noch einige und ſechzig Stück. Die Reiter hielten an der Außenſtation und Bale ſprang vom Pferde, um die Hürden hier in Gerſtäcker. I. 12 Augenſchein zu nehmen und vor allen Dingen ſeinen Aerger ein wenig an dem nachläſſigen Hüttenwächter auszulaſſen. War ihm doch heute Morgen nicht einmal Zeit dazu geblieben. Miller übrigens, auf etwas Derartiges ſchon vorbereitet, hatte es für gut befunden, die Hütte heute den Tag über ſich ſelber oder vielmehr der Obhut ihres Gaſtes zu überlaſſen, angeblich, nur mit dem Aufſuchen der zerſtreuten Schafe beſchäf⸗ tigt. In der That aber lag er, aus Furcht, ſich allein im Buſche zu verirren, gar nicht ſo weit von der Hütte entfernt in einem kleinen Dickicht, um ſo lange zu warten, bis der Aufſeher mit ſeinen Leuten wieder nach Hauſe zurückgekehrt ſein würde. Als Bale die Hütte vetrat, in der feſten Hoff⸗ nung, den faulen Hüttenwächter wie gewöhnlich ſchlafend darin zu treffen, und dann doppelte Ur⸗ ſache zu haben, über ihn herzufahren, fand er den Fremden an ſeiner Statt, und zwar ziemlich be⸗ haglich auf die Schaffelle ausgeſtreckt und aus einer kurzen, ſchwarzgebrannten Thonpfeife in Er⸗ mangelung von Tabak dürre Blätter rauchend. Er hatte die Pferde allerdings kommen hören, aber nicht für nöthig gefunden, ſein bequemes Lager deshalb zu verlaſſen. „Nun, mein alter Burſche?“ redete ihn der — 179— Stockman an, als er den kleinen dunkeln Raum betreten und ſich nach einem flüchtig umherge⸗ worfenen Blicke überzeugt hatte, daß der, den er eigentlich ſuche, nicht im Innern ſich befinde;„es ſcheint mir, als ob Ihr ſchon in aller Ruhe die Euch zugedachte Stellung angetreten hättet. Hat Euch Hendricks davon geſagt?“ „Er hat etwas davon fallen laſſen,“ erwie⸗ derte der Mann, den dicken, nichtswürdig riechen⸗ den Qualm von ſich blaſend.„Wollt den An⸗ dern fortjagen, heh?“ „Fortjagen? gewiß— der Kerl iſt zu faul und nichtsnutzig, auf ſich ſelber Acht zu haben, ge⸗ ſchweige denn auf anderer Leute Schafe. Am Tag über im Hauſe und des Nachts bei den Hürden zu ſchlafen, dafür braucht man einem Menſchen nicht ☚ Sterling zu zahlen.“ „Zwanzig Pfund gebt Ihr?“ „Ja— wenn wir zufrieden ſind— grünen Burſchen aber gewöhnlich achtzehn. Ich glaube, Ihr gehört nicht mehr zu denen.“ „Zu den Grünen? Denke nicht,“ ſagte der Mann, mit einem eigenthümlichen Zug um den Mund. „Woher?“ 6 „Von Adelaide.“ „Wißt, was dazu gehört?“ „Denke.“ — 180— „Könnt ſcheeren?“ „Scheeren, Pferde einbrechen, und bin auch ſo eine Art von halbem Schafdoctor.“ „Das wär' ſchön,“ ſagte Bale.„Das meiſte Geſindel, das ſich im Buſche herumtreibt und ſich zu Schäfern und Hüttenwächtern anbietet, weiß kaum mehr von einem Schafe, als daß es Wolle trägt und verſpeiſt werden kann. Habt Ihr ſchon irgendwo am Murray in Arbeit geſtanden?“ „Ja— in Miranda— auf der andern Seite.“ „Gut.— Ihr mögt da bleiben— und ich laſſe Euch morgen früh Antwort vom Alten her⸗ ausſagen, der Euch die Beſtätigung ſchicken ſoll. Braucht Ihr ſonſt etwas?“ „ Na, ich denke doch,“ brummte der Fremde, wie verwundert zu ihm aufſchau M.— laubt Ihr, ein Mann laufe im Buſch mit der Taſche voll Tabak herum?— Das hier iſt die letzte Pfeife, und hier im Neſte ſcheint er auch verdammt rar zu ſein. Hendricks hat ſchon meine Taſche ausgekaut, weil er mit dem ſeinen fertig iſt.“ Bale lachte.—„Nun gut— ich ſchick Euch ein Pfund Tabak als Handgeld, und den Miller, wenn er heut' Abend zurückkommt, beordert Ihr mir gleich auf die Station.“ — 181— „Heut' Abend noch?“ „Nun bis morgen früh hat's Zeit. Ich werde Hendricks auch noch den Auftrag geben.— An den Hürden draußen muß mir aber auch etwas geän⸗ dert werden. Steht einmal ein wenig auf, wenn's gefällig iſt, daß ich es Euch zeigen kann.“ „Geht noch nicht gut mit dem Fuß, Sir,“ ſagte der Mann, ſich aber doch, dem Befehl zu⸗ folge, langſam aufrichtend. „Ach ja ſo, Ihr habt Euch den Fuß vertre⸗ ten.— Nun, geht's?“ „Ih nun— es macht ſich heute beſſer— muß mich nur noch ein wenig in Acht nehmen.“ Er war aufgeſtanden und probirte den an⸗ geblich kranken Fuß auf dem Boden. Des Auf⸗ ſehers ſcharfes Auge hatte indeſſen etwas zwiſchen den Schaffellen entdeckt, das ſeine Aufmerkſamkeit dorthin lenkte. Durch das Verſchieben derſelben war nämlich ein Theil der dort untergelegten Flinte ſichtbar geworden, und ohne viel Umſtände zu machen, ging er darauf zu, ſtieß die Felle mit dem Fuße bei Seite, und hob das Gewehr vom Boden auf. „Hm— verdammt feines Gewehr! Gehört Euch?“ und das„Euch“ wurde mit einem ſtark betonten und nicht verhehlten Erſtaunen aus⸗ geſprochen. 8 „Bin der glückliche Beſitzer,“ ſagte der Mann, dem es augenſcheinlich nicht recht war, daß der Aufſeher das Gewehr gefunden. Uebrigens that er, als ob ihm die Sache entſetzlich gleichgültig wäre. „Apropos— wie iſt denn eigentlich Euer Name?“ frug da Bale plötzlich—„damit ich weiß, wie ich Euch melden und rufen ſoll.“ „Mein Name?— hm,“ lachte der Fremde, der in dieſem Augenblicke gerade daran dachte, was er von dem Gewehr erzählen ſollte, und dem die Zwiſchenfrage deshalb unerwartet kam— „zu Haus nannten ſie mich Toby.“ „Und wo anders?“ „Wo anders?“ ſagte Toby, raſch zu dem Fra⸗ genden aufſchauend. „Nun, ich meine, weil Ihr ſagt zu Haus, hättet Ihr draußen noch vielleicht einen Lieblings⸗ oder ſogenannten Schiffsnamen?“ Toby lachte und ſagte kopfſchüttelnd: „Damit laß ich mich nicht gern ein. Toby iſt gut genug, und hat mir ſo lang gehalten, daß ich auch wohl noch länger damit auszukommen gedenke. Mein Vater heißt Brown.“ „Alſo Tobias Brown, Esquire.“ „Der Esquire klänge hinter meinem Namen gerade ſo gut wie hinter dem manches anderen —— — 183— Brown und Smith,“ brummte Toby;„hier aber überlaſſen wir dieſen den Swells und ſolchen Leu⸗ ten, die Briefe kriegen und ſchreiben. So lange ich im Dienſte ſtehe, bin ich„Toby,“ und werd' ich einmal mein eigener Herr, und habe meine eigenen Herden, ſetz' ich natürlich den„Ma⸗ ſter“ vor.“ „Dank Euch,“ lachte Bale, der durch den drol⸗ ligen Humor des Burſchen wieder etwas in gute Laune verſetzt worden war—„und woher habt Ihr die Flinte, wenn ich fragen darf?“ „Hm— Euer Schäfer hat auch ſchon ſo ſon⸗ derbar gefragt,“ knurrte Toby, und zog die Au⸗ genbrauen finſter zuſammen,„als ob unſereiner nicht eben ſo gut ein ordentliches Gewehr bezah⸗ len könnte wie Einer von den Swells. Statt mein Jahrlohn in den gottverfluchten Buſchknei⸗ pen zu verſaufen, hab' ich mir das Schießeiſen ange⸗ ſchafft, damit Einem die Schwarzen im Buſche, wenn's ihnen einmal gerade einfallen ſollte, nicht eben Alles abnehmen, was man bei ſich hat. Ich kann meine Decke, mein Meſſer und meinen Tabak ge⸗ rade ſo gut brauchen, wie die ſchwarzen Halunken, die nicht einmal eine Taſche haben, um es hinein⸗ zuſtecken, und es um den Hals hängen müſſen.“ „Gut— geht mich auch Nichts an. Alſo es bleibt bei der Abrede, und wenn Miller nach Hauſe kommt, hen ſollte, ſo ſagt Ihr ihm, daß er morgen früh ſpäteſtens auf die Station hinunterkomme. Ver⸗ ſtanden?“ „Schon recht— vergeßt nur nicht den Tabak!“ Bale hatte indeſſen die Flinte an die Wand geſtellt und war wieder vor die Thür getreten, wohin ihm Toby folgte, als Mac Donald eben⸗ falls heranritt und neben ihnen hielt. „Alle Wetter,“ rief Toby, der in dieſem Au⸗ genblicke ganz ſein krankes Bein vergaß, indem er erſtaunt einen Schritt zurücktrat—„ich dächte — ich dächte, das wäre ein alter Bekannter.“ „So? Ihr kennt Mr. Mac Donald wohl von Miranda her?“ frug Bale. „Mr. Mac Donald?— ja wohl— er wird doch gewiß auch den alten Toby nicht vergeſſen haben,“ ſagte dieſer und ſchaute, mit ſcharfer Be⸗ tonung des Namens, fragend zu Mac Donald auf. „Dächte nicht,“ lächelte der junge Mann,„wo kommt Ihr her, Toby?“ „Von unten herauf, Sir— ſuche Arbeit und habe ſie hier, Dank den ſchwarzen Spitzbuben, glücklich gefunden.“ Ein eigenes Lächeln ſpielte dabei um ſeine Lippen, als ob er ſich über ſich ſelber luſtig mache, wich aber augenblicklich wieder dem früheren Ernſt. falls ich Hendricks nicht mehr ſe⸗ — 185— „Darf man übrigens fragen, ſeit wann Sie den unteren Murray verlaſſen haben, Sir?“ „Seit kurzer Zeit erſt, und befinde mich auf der Durchreiſe nach dem Oſten,“ lautete Mac Donald's Antwort.„Es iſt möglich, daß ich morgen früh ſchon wieder aufbreche.“ „Alle wohl zu Hauſe, Sir?“ „Danke,“ ſagte Mac Donald—„unſer Schick⸗ ſal in Auſtralien, zerſtreut nach allen Richtungen. Die Station wurde, wie Ihr wißt, aufgegeben, und nur fünf haben feſte Beſchäftigung bekom— men. Die Anderen ſuchen nach Arbeit.“ „Und Sie ſelber 2. „Ich gehe damit um, irgendwo in der Gegend hier einen paſſenden Weidegrund zu finden.“ „Guter Paatz hier, glaub' ich.“ „Ich hoffe ſo, und will Euch wünſchen, daß Ihr ausharrt und Euch wohl dabei befindet. Ich kann Euch ſagen, Toby, es freut mich auf⸗ richtig, Euch hier zu ſehen.“ „Das ruhige Blut fehlt nur,“ meinte Toby —„ich hab's ſchon an mancher Stelle gut gehabt und habe doch immer nach einer beſſern geſucht. Wenn man aber älter wird, giebt ſich das auch, und mit den Jahren ſoll ja, wie die Leute ſa⸗ gen, der Verſtand ebenfalls kommen, und da hab' — 186— ich immer noch Hoffnung. Kann ich Ihnen viel⸗ leicht in irgend etwas behülflich ſein?“ „Nein— ich dank' Euch,“ erwiederte Mac Donald und wandte ſich von ihm ab—„aber,“ ſetzte er dann lächelnd hinzu—„kann ich Euch vielleicht dienen— wie ſteht's mit Geld?“ „Anweiſung auf zwanzig Pfund heut' über's Jahr zu erheben,“ lachte der Mann,„ſonſt, wie immer, die Taſchen leer.“ „Dann kauft Euch wenigſtens einige Kleinig⸗ keiten, die Ihr hier in Euerem neuen Wirkungs⸗ kreiſe braucht,“ ſagte Mac Donald, und warf ihm ein Goldſtück zu, und ohne den Dank des Man⸗ nes abzuwarten, der ſich damit aber auch nicht beeilte, ritt er langſam zu den übrigen Stockkee⸗ pern hin, die ſich ſchon geſammelt hatten, um den Rückweg anzutreten. „Das iſt gerade ſo gut, als ob Ihr das Gold⸗ ſtück in einen Brunnen geworfen hättet,“ ſagte Bale, der ſich wieder zu Mac Donald hielt und dazwiſchen den Leuten noch einige Befehle er⸗ theilte.„Der Art Volk iſt Geld gerade ſo viel nütze, wie Kindern ein geladenes Gewehr— ſie gefährden dadurch ſich und Andere.“ „Er wird dafür ſorgen, daß er nicht lange der Gefahr ausgeſetzt bleibt,“ lachte Mac Donald, „und hier im Buſche kann er doch eigentlich weiter Nichts bekommen als Tabak, und vielieicht üge 3 Kleinigkeit von Rum.“ „Das iſt ſchon wahr. Alſo, Sie kennen den Burſchen von früher— iſt er zuverläſſig?“ „Ich möchte für keinen von allen dieſen Buſch⸗ leuten gut ſagen,“ erwiederte Mac Donald aus⸗ weichend.„Die meiſten von ihnen ſind frühere Sträflinge— Toby wird keine Ausnahme ma⸗ chen, iſt auch mit der Geſchichte ſeiner früheren Jahre ſehr zurückhaltend— und ob ſie ſich ge⸗ beſſert haben oder nicht, kann man ihnen eben nicht von der Stirn ableſen.“ „Wenn das wäre, liefe Mancher nicht frei im Buſche herum,“ ſagte Bale. „Ich denke eben, Toby iſt nicht ſchlimmer als die Anderen, und je weniger man den Leuten an⸗ zuvertrauen braucht, deſto beſſer iſt's.“ Ihr Geſpräch wurde hier durch die übrigen Leute unterbrochen. Bale gab dem eben herbei⸗ kommenden Hendricks noch einige Aufträge, und bald ſprengte ein Theil des kleinen Trupps der Hauptſtation wieder zu, während die Anderen nach ihren verſchiedenen Außenplätzen abritten. 8. Capitel. Die ſchwarze Poſizei An dem Abend ging es gar ſtill in Mr. Po⸗ well's Wohnung zu. Der Streifzug gegen die Schwarzen war allerdings geglückt, Mr. Powell aber keineswegs mit dem Reſultate zufrieden. Ge⸗ org kam gar nicht zu Tiſche; Mr. Bale, der heute mit im Hauſe aß, ſchien noch verdrießlich über den Verluſt ſeines Pferdes, und William hatte dem Fremden die Demüthigung nicht vergeſſen, die er heute von ihm erfahren, und die ihn merk⸗ würdiger Weiſe um ſo mehr ärgerte, als er ſich jetzt ſelber geſtehen mußte, daß er ſie verdient hatte. Geht uns denn das nicht oft ſo in der Welt!— Auch die Frauen waren einſylbig— das ver⸗ goſſene Blut warf ſeinen düſteren Schatten über ihren heiteren Kreis, und früher als gewhnlich ) 4 1 — 189— brachen Alle auf. Daß übrigens der nachläſſige Hüttenwächter, der eigentlich die ganze Schuld des Unfalls oder wenigſtens einen großen Theil der⸗ ſelben trug, wie Bale dem Herrn vorſchlug, au⸗ genblicklich ſeines Dienſtes entlaſſen werden ſollte, fand dieſer in ſeiner überdies gereizten Stimmung ganz in der Ordnung, und dankte dem Aufſeher, daß er gleich einen andern paſſenden Mann an ſeiner Statt engagirt hatte. Miller ſollte morgen früh abgelohnt werden und jener Toby an ſeiner Statt eintreten. Was die bei der Station lagernden Schwar⸗ zen betraf, ſo hatten ſie ſich an dieſem Tage voll⸗ kommen ruhig betragen, und meiſt mit dem Fiſch⸗ fang beſchäftigt. Nur ein Paar der jungen Leute waren, wie Mr. Powell glaubte, abgeſchickt wor⸗ den zu recognosciren, was mit dem anderen Stamm geſchehe. Gegen Abend ſchien es jedoch, als ob einer dieſer Kundſchafter eine wichtige Nach⸗ richt bringe, denn die Burkas hatten ſich verſam⸗ melt und eine lange eifrige Unterredung mit einander gehalten, zu der auch Nguyulloman von ſeinem Sandhügel herabgekommen war. Natür⸗ lich glaubte Mr. Powell, daß es die Niederlage des anderen Stammes betraf, mit dem dieſe Schwarzen, mochten ſie ſich auch noch ſo unſchul⸗ dig ſtellen, doch wohl in näherer Verbindung ſtan⸗ 190— —4 den, als ſie wohl eingeſtehen mochten. Keines⸗ weges hatten ſie aber Theil an dem Schafdiebſtahle gehabt, und Mr. Poyell dachte nicht daran, ſie zu beläſtigen, ja gab ſogar Abends noch Auftrag, ihnen für einige Fiſche, die ſie am Nachmittag in’s Haus gebracht, am nächſten Morgen zwei von den getödteten Schafen zuzuſtellen. Um ſo größer war am nächſten Morgen das Erſtaunen der ganzen Station, das Lager der Schwarzen vollſtändig geräumt und verlaſſen zu finden. Die Feuer glühten noch, aber ſchon mit der frühſten Dämmerung mußte der ganze Stamm aufgebrochen ſein, und zwar über den Fluß hin⸗ über, zu deſſen Ufer die Spuren führten, während an der andern Seite noch fünf oder ſechs der ge⸗ wöhnlichen einfachen Rindencanoes, mit denen ſie ihre Ueberfahrt bewerkſtelligt hatten, lagen. Nur ein einziges Feuer brannte, eine einzige Gunyo ſtand noch, und zwar die Nguyulloman's auf dem Sandhügel, und der unglückliche, von ſei⸗ nem Stamme verlaſſene Krüppel ſaß da oben al⸗ lein bei ſeinem Feuer. Hatten die armen Teufel gefürchtet, daß die Weißen, deren Schüſſe ſie viel⸗ leicht im Buſche gehört, heute gegen ſie vorneh⸗ men würden, was ſie geſtern gegen einen andern Stamm ausgeführt?— Wie grundlos wäre ſolche Angſt geweſen! Auch ſchien die ganz entgegenge⸗ — 191 ſetzte Richtung, die ſie genommen, ſchon zu be⸗ weiſen, daß ſie keineswegs zu den Räubern gehör⸗ ten, mit denen ſie ſich ſonſt jedenfalls vereinigt haben würden. Und wie eilig mußte ſelbſt ihre Flucht geweſen ſein, daß ſie den Unglücklichen al⸗ lein zurück und der Gnade der Weißen überlaſſen 3 hatten! u Von dieſen hatte er aber, wie er auch vielleicht recht gut wußte, Nichts zu fürchten, und die Frauen beſonders nahmen Theil an ihm und ſeinem Schick⸗ ſal. Konnten ſie doch möglicherweiſe an dem ei⸗ nen Unglücklichen das Leid in etwas wieder gut machen, das ſeinen Landsleuten geſtern war zu⸗ gefügt worden. Mrs. Powell ſelber bat ihren Gatten, daß er ihr erlaube, ihn zu beſuchen und ihn zu verſichern, daß ſie ihn hier keine Noth wür⸗ den leiden laſſen. Um ihn übrigens in Stand zu ſetzen, Damen zu empfangen, ſchickte ihm Mr. Powell vor allen Dingen eines der gewöhnlichen blau und weiß ge⸗ ſtreiften Arbeiterhemden hinauf, das er auch mit— großem Behagen, obgleich verkehrt, anzog, bis ihn— der Hüttenwächter bei ſeiner Toilette unterſtützte und es in Ordnung brachte. ARguyulloman empfing die Damen, die von Nr. Powell und Mac Donald begleitet hinaufka⸗ 9 men, übrigens ziemlich kalt und einſylbig. Er — 192— ſchien ſelber niedergeſchlagen über die Flucht ſei⸗ nes Stammes, und noch nicht recht zu wiſſen, wie es die Weißen aufnehmen würden. Als dieſe ihm aber verſicherten, daß er jeden Tag, bis ſeine Leute zurückkehrten, ihn abzuholen, ſeine Ration Fleiſch bekommen ſolle, und Mr. Powell noch hin⸗ zuſetzte: er würde dafür ſorgen, daß er Holz zu ſeinem Feuer bekäme, thaute er merklich auf und wurde geſprächiger. Die letzte Zuſage erwies ſich übrigens als unnöthig, da bald darauf ein kleiner Burſche von acht oder zehn Jahren aus dem Buſche mit trockenem Holze zurückkehrte, und die Ein⸗ geborenen doch alſo wenigſtens in ſoweit für ihn geſorgt hatten, daß ſie ihm das nöthige Brenn⸗ ₰ material verſchafften. Ueber die Flucht des Stammes behauptete er † aber nicht mehr zu wiſſen, als die Weißen auch. Die Burkas hätten die Sache bis zu ihrem Auf⸗ bruche geheim gehalten. Getrennt von ihrem La⸗ ger konnte er ja überhaupt nicht hören, was ſie . miteinander verabredeten.— — Ueber die wahrſcheinliche Urſache derſelben ſoll⸗* ten die Weißen indeſſen nicht lange in Zweifel bleiben, denn noch ſtanden ſie oben bei dem ein⸗ ſamen Gunyo, von dem aus ſie einen ziemlich weiten Ueberblick über das niedere Flußthal hat⸗ ten, als in der Ferne eine Staubwolke aufwirbelte, — 193— und gleich darauf ein nahender Reitertrupp ſicht⸗ bar wurde. „Was iſt das?“ rief Mac Donald, der das Nahen der Fremden zuerſt bemerkt hatte, erſtaunt aus;—„Viehtreiber, die bei dieſem wenigen Fut⸗ ter ihre Herden zu Markte treiben wollen?“ „Das iſt nicht möglich,“ ſagte Mr. Powell, —„es müßte denn ein neuer Squatter ſein, der, ſich irgendwo am Fluſſe niederlaſſen wollte— aber* ich kann bis jetzt nur Pferde erkennen.— Haſt— Du beſſere Augen, Nguyulloman?“ Nguyulloman hatte die Nahenden ſchon lange bemerkt, ja hätten ſie ihn näher beobachtet, ſo. würden ſie leicht entdeckt haben, daß er jene Schaar ſchon den ganzen Morgen erwartet, denn er ſaß mit dem Geſichte nach der Richtung hin, H 8 und ſeine Blicke waren, ſelbſt während er mit den Weißen ſprach, nur ſelten von jener Gegend ab⸗ geſchweift. „Sind nur Pferde,“ erwiederte der Wilde, ſein Feuer dabei ſchürend und abwechſelnd auf die Kommenden und ſeine Gäſte ſehend. „Und Treiber dabei?“ „Sitzt auf jedem ein Mann.“ „Lauter Reiter?— das iſt ja kaum möglich Woo kämen die her und wo wollten ſie hin?“ „Sind Schwarze,“ erwiederte der Wilde, mit Gerſtäcker. I. 3 13 einem bezeichnenden Blick nach jener Richtung, aber auch mit einer nur halbunterdrückten Verwünſchung in der eigenen Sprache.„Schwarze, die ſich ha⸗ ben abrichten laſſen von den Weißen, ihre Brüder zu hetzen.“ „Die ſchwarze Polizei?“ rief Powell erſtaunt.* —„Ei, von der hab' ich ſchon gehört, ſie aber noch nicht hier am Murray geſehen und noch viel weniger erwartet.— Wären ſie einen Tag früher gekommen,“ ſetzte er dann mit einem aus tiefſter Bruſt geholten Seufzer hinzu,„ſo hätten ſie uns manche trübe Erinnerung erſpart. Uebri⸗ gens möchte ich wiſſen, was ſie in dieſe Gegend führt, wenn ſie nicht vielleicht nur auf einer Art Patrouille begriffen ſind, den Uferſtrich am Mur⸗ ray zu revidiren, und den Schwarzen zu zeigen, daß ſie im Nothfalle bei der Hand ſeien.“ „Gott ſei Dank, daß ſie da ſind!“ ſagte auch Sarah,—„hoffentlich beugen ſie weiteren Uebergriffen der Schwarzen vor und verhindern, daß ſie für den geſtrigen Tag Rache nehmen.“ „Liebes Kind,“ ſagte, ſie beruhigend, Mr. Po⸗ well,„das hätten wir auch ohne ſie nicht zu fürch⸗ ten. Wir ſind hier vollkommen ſtark genug, ſelbſt dem größten Schwarm der Wilden, wenn ſie je etwas Derartiges verſuchen ſollten, die Spitze zu bieten. Uebrigens denken ſie gar nicht an einen — 195— ſolchen Angriff, und wir haben in dieſer Hinſicht nicht das Mindeſte zu fürchten.“ „Ich weiß nicht,“ ſagte die Jungfrau,„mir; lag ſeit geſtern ein ſo eigenthümlich beklemmendes Gefühl auf der Bruſt— ich wollte Euch nicht damit ängſtigen und gab ihm keine Worte; aber es war mir immer, als ob uns ein großes Un⸗ glück drohe. Mit ſolcher Hülfe in der Nähe habe ich aber wieder Muth, und hoffe, es wird Alles an uns vorübergehn. Nicht wahr, Mr. Mac Donald?“ XN△ „Ja, mein Fräulein— ja— ich hoffe,“ ſagte der junge Mann wie zerſtreut. „So haben Sie etwas Aehnliches gefürchtet?“ rief Sarah raſch und erſchreckt-—— ⸗— „Gefürchtet? Nein,“ erwiederte Mac Do⸗ nald, der erſt jetzt ſeinen Blick von den raſch nä⸗ her kommenden Reitern abwendete,—„aber die Burſchen werden jedenfalls hier Halt machen. Wollen wir nicht hinuntergehn, Mr. Powell, ſie uns anzuſehen?“ „Ich denke, ja.— Alſo, Nguyulloman, ſchick' Deinen Knaben nachher in's Haus hinab— er mag für Euch Beide das Fleiſch holen, obgleich ich jetzt kaum glaube, daß die Furcht vor uns unſere ſchwarzen Nachbarn vertrieben hat,“ ſetzte er lächelnd, ſich zu den Seinen wendend, hinzu. . 43„z6 — 196— „Dieſe Art Geſellen haben Alle ein ſchlechtes Ge⸗ wiſſen, und die ſchwarze Polizei ſoll bei ihnen in ganz beſonderem Reſpect ſtehn.“— Er ſchickte 1 ſich dabei an zu gehen und ſchritt, von den Uebri⸗ gen gefolgt, den Hügel hinab. „Weißt Du, Väterchen,“ ſagte jetzt Lisbeth, ſich lachend an des Vaters Arm hängend—„Du hätteſt Dir bei dem ſchwarzen verkrüppelten Men⸗ 6 ſchen da oben nicht ſollen merken laſſen, daß Du von der ſchwarzen Polizei Nichts wußteſt, denn——— dann erſt würden ſie vor Dir einen gewaltigen Reſpect bekommen und geglaubt haben, daß Dir, ſobald Du Hülfe brauchteſt, eine ſolche ſogleich von allen Seiten würde.“ „Wenn Du ſooklug warſt, mein Kind,“ lächelte der Vater,„warum haſt Du mir da nicht früher einen Wink gegeben? Das wäre allerdings das Geſcheideſte geweſen.“ „Ich habe eben nicht früher daran gedacht,“ ſagte Lisbeth. „Ja, das war gerade bei mir auch der Fall,:—,— lachte Mr. Poywell. „Sie ſind ſo ernſt geworden, Herr Mac Do⸗ nald“, ſagte im Hinunterſteigen Sarah zu dem Gaſte, der ſchweigend an ihrer Seite hinſchritt, während Mrs. Powell ſich beeilte, etwas früher zum Hauſe zu gelangen, und Rationen für die — 197— unerwarteten Schwarzen, die ſie doch jedenfalls hier beköſtigen mußten, herauszugeben. „Ernſt?— und haben Sie mich je anders geſehen, mein Fräulein?—— „Oh doch, ja,“ ſagte Sarah, leicht erröthend— „als Sie das erſte Mal zu uns kamen, waren Sie ganz anders— voller Luſt und Laune, ja faſt übermüthig.“ „Wir werden älter, und der Ernſt kommt mit den Jahren.“ „Noch nicht in dieſen Jahren hoffentlich,“ lächelte die Jungfrau,„das wäre zu früh, und wir wollen das Alter nicht vor der Zeit heraufbeſchwö⸗ ren; kommt es doch noch immer früh genug von ſelbſt.— Aber was haben Sie mit Ihrem Fuße? Sie hinken ja. Sie ſind doch nicht geſtern eben⸗ falls verwundet worden?“ ſetzte ſie raſch und faſt ängſtlich hinzu. „Nein— nein,“ lächelte der junge Mann, mit einem dankenden Blick die ſorgliche Frage lohnend. „Es iſt Nichts als eine Kleinigkeit. Ich habe mir den Fuß geſtern im ſcharfen Ritt an einem um⸗ geſtürzten Baume etwas wund geſcheuert, und der Sttiefel drückt mich jetzt daran. So viel ich weiß, iſt ein Vorrath von Schuhen hier auf der Station, und mit etwas weiteren bin ich raſch wieder her⸗ geſtellt.“ will Ihnen auch ſagen, weshalb ich Sie dar „Apropos, Mac Donald,“ wandte ſich jetzt plötzlich Mr. Powell, indem er ſtehen blieb und zurückſah, an den jungen Mann,„ich habe eine Bitte an Sie— oder vielmehr eine Anfrage, denn wenn Sie es nicht gern thun, möcht' ich Sie nicht dazu überreden.“ „Worin ich Ihnen dienen kann“— „Verſprechen Sie Nichts vor der Hand. Ich wollte Sie nur fragen, ob Sie Ihren Grauſchim⸗ mel verkaufen würden.“ „Meinen Grauſchimmel!“ „Ich weiß, es iſt ein gutes Pferd, aber Pferde wechſeln aus einer Hand in die andere, und iich rum frage. Ich ſelber habe Pferde genug, aber. Mr. Bale hat geſtern das ſeinige verloren, und ich bin überzeugt, daß ich ihm mit dem Graufſchimmel eine große Freude mache. Sagen rSie mir alſo, wenn es Ihnen überhaupt feil iſt, Ihren Preis, und ich denke, wir werden wähl Handels einig darüber werden.“ „Ich denke auch,“ rwiederte lächelnd Mac Do⸗ nald.„Der Grauſchimmel iſt ein gutes Pferd, ebenſo gut gefällt mir aber der Braune, den ich vorgeſtern Abend ritt, und wenn Sie damit ein⸗ verſtanden ſind, tauſchen wir. „Dabei kommen Sie zu kurz.“ — 199= „Ich glaube nicht— er ſyringt vortrefflich und iſt ein ganz paſſendes Pferd für den Buſch. Ich bin mit dem Tauſche vollkommen zufrieden.“ „Gut, wenn Sie es ſind, ich bin es auch,“ rief Mr. Powell,„und Ihnen noch außerdem ſehr dankbar für Ihre Bereitwilligkeit. Der Braune iſt alſo der Ihre und der Grauſchimmel gehört mir.“ „Und die Sache iſt abgemacht,“ beſtätigte mit einer leichten Verbeugung Mac Donald. „Das nenn' ich raſch ein Geſchäft abſchließen,“ ſagte Sarah freundlich,„und Mr. Bale wird eine große Freude darüber haben.“ „Er geht wohl heute ſchon auf ſeine Station ab?“ frug Mac Donald. 1 „Auf ſeine Station?— nein,“ ſagte Mr. Po⸗ well,„er ſoll ausreiten, um eine Herde Rinder aufzuſuchen, die uns ſchon lange fehlt und die einer der Stockkeeper kürzlich in der Nähe geſpürt haben will. Er kann ſie raſch finden, wenn er Glück hat, kann aber auch möglicher Weiſe eine ganze Woche damit zubringen. Abſichtlich habe ich ihn deshalb nur ſo lange zurückgehalten, damit er mit Ihnen vorher über das Pferd Rückſprache nehme. Möglich iſt's, daß Sie dann Ihren Grau⸗ ſchimmel nicht ſobald wieder zu ſehen bekommen.“ „Ich hoffe, der Braune wird mich für tröſten.“ — 200— Das Geſpräch unterbrachen hier, gerade als die Männer den Platz vor dem Hauſe erreicht hatten, die donnernden Hufſchläge der heranſprengenden Reiter, die in demſelben Augenblicke um die Ecke der Umzäunung ſchwenkten, als Miller, der bis⸗ herige Hüttenwächter Powell's, von der andern Seite die Station betrat und ſich mit etwas ver⸗ legenem und halb trotzigem Blicke ſeinem Herrn näherte. Er wußte recht gut, daß er nach den beſtehenden Geſetzen, ſowie nach dem geſchloſſenen Contract keinen Penny mehr von dieſem zu for⸗ dern hatte, da ihm die durch ſeine Schuld verlo⸗ renen Schafe angerechnet werden konnten, und er ſchon überdies ihm Manches ſchuldig war. Ob ihm Mr. Powell gutwillig etwas zahlte, hing von deſſen Großmuth ab; er ſelbſt war entſchloſſen, ihn nicht darum zu bitten. Für den Augenblick nahm aber des Stations⸗ halters Aufmerkſamkeit die ſchwarze Reiterei viel zu ſehr in Anſpruch, als ſich mit dem Hütten⸗ wächter, der in beſcheidener Entfernung wartete, zu befaſſen, und dieſe verdienten ſolche auch. Es war ein wildes Corps, das hier auf ſchäumenden aber tüchtigen Pferden heranſprengte, und daß ſie der Schrecken aller Buſchrähndſcher und aller feind⸗ licher Schwarzen geworden, wußten ſie dabei recht gut und ware ſtolz darauf. — 201— Vorn ritt ein weißer Wachtmeiſter in einer 4 Art blauer leichter Dragoner⸗Uniform, mit kurzer blauer Jacke, blauen Hoſen und rothen Streifen an der Seite herunter, mit leichter Mütze, einem Pallaſch an der Seite, Piſtolen vorn in den Hol⸗ ſtern, und außerdem noch den Carabiner an die rechte Seite geſchnallt. Ihm folgte, nicht etwa in Reih' und Glied, ſondern in unordentlichen Schwarme ſeine ſchwarze Escadron, ſechzehn Mann ſtark und ebenfalls in ſolchen blauen Jacken und Hoſen. Die wenigſten von ihnen ſchienen ſich aber ſchon ſo weit civiliſirt zu haben, Mützen ver⸗ tragen zu können, und Alle ſtanden barfuß in ihren Steigbügeln, während ihnen das ſchwarze lange Haar wild um die Schultern flatterte, und die großen ſchwarzen funkelnden Augen ſcharf und aufmerkſam nach Allem umherſpähten, was ſich ihnen zeigte. Einige hatten Sporen an die nackten Füße geſchnallt, Andere brauchten eine kurze derbe Peitſche, die ihnen mit einem Lederriemen um das Handgelenk hing. Auch in ihren Waffen waren ſie nicht gleich, und wahrſcheinlich führten nur ſolche von ihnen Feuergewehre, die damit umzugehen wußten. Piſtolenholſter trugen aber die meiſten, den Sä⸗ bel alle, und beſonders forſchend waren die Blicke der ſchwarzen Schaar, als ſie dort vorbeijagten, — 202— auf das verlaſſene Lager ihrer Landsleute und die deutlich erkennbare Geſtalt der einzelnen zurück⸗ gelaſſenen Eingeborenen geheftet. Trefflich ſaßen ſie dabei auf den Pferden, was wenigſtens Sicher⸗ heit und Schluß betraf, aber den Oberkörper hiel⸗ ten ſie nicht einen Augenblick ruhig, und hierher und dorthin herumfahrend, und mit einander la⸗ chend und ſchwatzend, ihre Thiere jedoch feſt im Zuügel, ſchien es wahrlich, als ob ſie im Sattel von Jugend auf ihre Heimath gehabt und nicht erſt, Manche allerdings ſeit Jahren, Viele aber auch nur erſt ſeit Monaten, dazu angelernt wären. Der Wachtmeiſter ſchwenkte, als er mit leichter Mühe den Beſitzer der Station bei ſeiner Geſell⸗ ſchaft erkannte, raſch auf dieſen zu, ſeiner Schaar nur dabei ein Zeichen mit dem Arme gebend, zu⸗ rückzubleiben, grüßte militairiſch und ſprang, in etwa zwanzig Schritten von den Damen ange⸗ kommen, vom Pferde, dem er den Zügel über den Kopf warf, und es an dieſem führte. „Hab' ich die Ehre, Herrn Powell zu be⸗ grüßen?“ frug er, die Hand an ſeiner Mütze. „So iſt mein Name. Seien Sie mir freund⸗ lich willkommen mit Ihren Leuten,“ lautete die gaſtliche Antwort des alten Herrn.„Ich hoffe wenigſtens nicht, daß Sie in ſo ſtrengem oder eili⸗ V V mmeiſter.„Er zeichnete ſich ſpäter bei einer Af⸗ — 203— gem Dienſte ſind, meine Station gleich wieder verlaſſen zu müſſen.“ „Danke Ihnen, Sir, nein— habe ſogar Ordre, hier in der Nähe zu lagern, bis mein Lieutenant, der noch zurückgeblieben iſt, mich hier einholt, ſei⸗ nen weiteren Befehlen dann zu folgen.“ „Deſto beſſer, Ihren Leuten ſoll verabreicht werden, was ſie brauchen, und Sie ſelber werden es wohl mit Ihrer Dienſtpflicht vereinigen kön⸗ nen, ſich bei mir einquartieren zu laſſen.“ Der Wachtmeiſter dankte durch eine leichte Verbeugung. 8 „Wie heißt Ihr Vorgeſetzter?“ „Oberlieutenant Walker.“ „Ah, ein alter Bekannter, wenn ich nicht ſehr irre. Erinnerſt Du Dich noch auf Lieutenant Walker in Sydney,“ ſagte er zu ſeiner Tochter, „der uns einmal auf unſerer Tour nach Para⸗ matta begleitete?“ „Ich glaube, ja,“ erwiederte das ſchöne Mäd⸗ chen, und ein leichtes Erröthen färbte für einen Moment ihre Wangen. Aber es ſchwand eben ſo bald wieder, als es gekommen.„So viel ich mich erinnere, war er damals erſt kürzlich in das Corps eingetreten.“ „Allerdings, Miß!“ beſtätigte der Wacht⸗ — 204— 2 faire mit einem Trupp verzweifelter Buſchrähnd⸗ ſcher ſo aus, daß er die Medaille erhielt, und zum Oberlieutenant avancirte.“ „Wir werden uns freuen, ihn wieder begrü⸗ ßen zu können,“ ſagte Mr. Powell.„Aber bitte, richten Sie jetzt vor allen Dingen Ihre Leute ein. Sie ſcheinen einen weiten Ritt gemacht zu haben, denn die Pferde ſehen müde aus. Ueber das Weitere können wir dann ſpäter mitſammen ſprechen. Haben Sie irgend ein beſtimmtes Ziel, wenn man fragen darf?“ „Kein Geheimniß,“ erwiederte der Wacht⸗ meiſter.„In den Hindmarchſümpfen hatte ſich eine kleine Bande von Buſchrähndſchern unter ei⸗ nem ſehr unternehmenden Führer ſchon ſeit län⸗ gerer Zeit aufgehalten und dort ihr Unweſen ge⸗ trieben. Die haben wir zerſprengt und den größ⸗ ten Theil gefangen, andere in den Buſch getrie⸗ ben, wo ſie von der berittenen weißen Polizei um⸗ zingelt und wahrſcheinlich jetzt ſchon ebenfalls un⸗ ſchädlich gemacht ſind. Hoffentlich iſt dort der Anführer dabei. Einzelne, beſonders ein Paar aaus der Hefe der Sträflinge, die wegen der ſcheuß⸗ lichſten Verbrechen lebenslänglich deportirt waren, ſind aber nordwärts in den Buſch geflüchtet, und es iſt, wenn auch nicht wahrſcheinlich, doch möge lich, daß ſie den Murray durch die Wildniß hin erreichen. Zu dem Zwecke iſt eine Recognoscirung des Murray befohlen worden, um die Stations⸗ halter zu benachrichtigen daß ſie ſich vorſehen mögen, wenn dieſe Burſchen wirklich im Laufe der Zeit eintreffen ſollten. Jetzt ſtecken ſie noch drin im Malleybuſch, wenn uns die Schwarzen nicht den Gefallen erwieſen haben, die Colonieen von dieſen Peſtbeulen der menſchlichen Geſellſchaft zu befreien. Irgend etwas hier vorgefallen, Sir?“ „Wir hatten geſtern ein kleines Scharmützel mit einem Trupp Schwarzer, die uns in die Hür⸗ den gebrochen waren; doch das erfahren Sie ſpä⸗ ter. Jetzt, bitt' ich, denken Sie lichkeit Ihrer Leute, die vielleicht gleich das von einem Stamme er heut' Morgen verlaſſene La⸗ ger benutzen können. Die Gunyo's ſtehen we⸗ nigſtens noch dort drüben; ich glaube, gerade das Nahen Ihres Trupps hat ſie verſcheucht.“ „Wohl möglich,“ lachte der Wachtmeiſter,— „vor meinen ſchwarzen Burſchen haben ſie einen heilloſen Reſpect und ziehen ſich meiſt immer in den Buſch zurück, ſobald wir in die Nähe kom⸗ men. Ich werde alſo von Ihrer Güte Gebrauch n.“ „Und einer von meinen Söhnen wird Ihnen nöthigen Proviſionen anweiſen. Die Schwarzen * — 206— geſtern haben dafür geſorgt, daß wir vollauf Fleiſch für Sie bei der Hand haben.“ „Deſto beſſer; ſo ſind ſie doch für etwas gut,“ lachte der Soldat, ſalutirte wieder ſehr artig, erſt Herrn Powell und dann der übrigen Geſellſchaft, und ſchwenkte mit ſeinem Pferde zurück zu ſeiner Schaar, dieſe vor allen Dingen unterzubringen. Georg, der ebenfalls herbeigekommen war, die neu Eingetroffenen zu ſehen, ſchloß ſich ihm gleich hernach, auf einen Wink ſeines Vaters, an, die Pferde für die Nacht in eine ſogenannte Paddock oder eingefenzte Weide unterzubringen. —— ſobald ſie ihre Thiere verſorgt ſahen, gingen nun raſch daran, ihr Lager herzu⸗ richten. Allerdings ließen ſie ſich dabei die von ihren Stammgenoſſen geſchlagenen Rindenſtücken geefallen, aber der alte Lagerplatz derſelben behagte ihnen nicht. Wie ſich der Wolfshund nicht daſſelbe Lager wählen würde, in dem ſein Vor⸗ fahre, der Wolf, geſeſſen hat, ſo verſchmähten dieſe kaum halb civiliſirten, aber entarteten Kin⸗ der der Wildniß den Schlafplatz ihrer Landsleute, ja wandten ſich ſogar von den dort gefundenen Ueberreſten mit Ekel ab. Die Rinde truch auch an einen, von dem vorigen Lager gagd fernten Platz, den ſie jedoch auch, des 2 wegen, dicht am Fluſſe ausſuchten. — 207— Merkwürdiger Weiſe hatten die ſchwarzen wilden Stämme auch wirklich keine erbitterteren und gefährlicheren Feinde auf dem ganzen Auſtra⸗ liſchen Continent, als gerade die ſchwarze Polizei, und dieſe machte darin keineswegs eine Ausnahme von einem, durch die Natur im Ganzen und unter den verſchiedenartigſten Verhältniſſen befolgten Geſetz, von dem nämlich, daß die Miſchlings⸗Ab⸗ ſtammung ſtets zum Feind und Verfolger des einen und zwar des unterdrückten Theils der Vor⸗ fahren macht. Der Neger wird von keinem Stamme ſo gehaßt und, wo ſich die Gelegenheit bietet, ſo ſchwer verfolgt, als vom Mulatten, in deſſen Adern ſein eigenes Blut fließt; die von Juden abſtammenden Chriſten ſind meiſt immer deren ärgſte Feinde; bei den heidniſchen Völkern wüthet Niemand ſo ſchlimm und unmenſchlich gegen ſie, als die Bekehrten ihres eigenen Stam⸗ mes, und ſelbſt im Thierreiche haben wir Aehn⸗ liches, wo z. B. der Wolf keinen furchtbarern Feind hat, als ſeinen Baſtardſohn, den Wolfshund. Weshalb das ſo iſt,— wer kann's ergründen?— aber die Thatſache beſteht. So auch die Schwar⸗ zen hier, die meiſt nur dieſer Polizei beigetreten waren, um Waffen, ein Pferd und reichlich zu eſſen zu bekommen, waren nie glücklicher und zufriede⸗ ner, als wenn ſie gegen einen der heimiſchen 2 8 0 — 208— Stämme einmal losgelaſſen wurden, und wenige Weiße hätten ſich ſolche Grauſamkeiten gegen ſie zerlaubt, als dieſe Eingeborenen ſelber verübten, wenn ſie nicht von den Weißen feſt und ſtreng im Zaume gehalten wurden. Jetzt übrigens, auf einer gewiſſermaßen fried⸗ lichen Miſſion, da ein ſolcher Recognoscirungs⸗ zug mehr einem Spazierritt durch den Wald glich, überließen ſie ſich auch ganz dem, einem Eingeborenen höchſten Gefühl der Behaglich⸗ keit: genug zu eſſen und Nichts zu thun zu haben, und wie nur ihr Lager hergeſtellt und ge⸗ nug Feuerholz für die Nacht herbeigeſchafft war, ſetzte ſich ein Theil lachend und ſchwatzend zu den Feuern, während ein anderer auf der Station umher und auch endlich zu Nguyulloman hinauf⸗ ſchlenderte, um dem wunderlichen Burſchen, den Einige von ihnen vielleicht ſchon von früher kann⸗ ten, einen Beſuch abzuſtatten. Eigenthümlich war dabei, wie aufmerkſam ſie Alles betrachteten, was ihnen in den Weg kam. Kein Pferd, kein Stück Vieh entging ihrem Blick, an denen ſie vor allem Andern den„brand“ oder das Zeichen betrachteten, mit dem es verſehen war, und ſich hier und da, es im Geiſt mit anderen vergleichend, vor ſich in den Sand zeichneten. Drei oder vier kauerten dann wohl zuſammen, — 209— um eine ſolche Skizze und ſchwatzten und geſticu⸗ lirten auf das Lebendigſte mitſammen, bis wieder irgend etwas Anderes ihre Aufmerkſamkeit auf ſich lenkte. Beſonders richteten ſie dieſe, ſchon aus alter Gewohnheit, auf die verſchiedenen, ſich überall kreuzenden Fährten und Fußſpuren, obgleich von ihnen nur wenige deutlich zu erkennen waren, maßen einzelne mit den Fingern und Knöcheln, und freuten ſich beſonders über die kleinen zier⸗ lichen Eindrücke der Spuren, die von den Sohlen der Damen zurückgelaſſen waren. Nguyulloman empfing den Beſuch in der gan⸗ zen Würde als einziger Repräſentant ſeines Stam⸗ mes— was ihn übrigens nicht verhinderte, die ihm nächſten ohne Weiteres um ein Stück Tabak auzubetteln. Auf ihre Fragen gab er nur ſehr ein⸗ ſylbige, ausweichende Antworten, und beklagte ſich endlich, als ſie durchaus von ihm wiſſen wollten, wohin ſich ſeine Leute gewandt, bitter darüber, daß ſie ihn hier der Großmuth der Weißen ohne ſelbſt ein Stück Harz oder irgend ſonſt etwas Ge⸗ nießbares zurückgelaſſen hätten. Wohin ſie gingen, würden ſie wahrſcheinlich ſelber nicht ge⸗ wußt haben— jedenfalls Wallobis zu jagen, und er dächte doch, daß ſie morgen oder am andern Morgen wieder zurückkommen müßten. Einer forderte ihn auf, mit ihnen zum Lager Gerſtäcker. I. 14 — 210— hinunterzukommen; er lehnte es aber im Anfange ab, und ließ ſich nur mühſam bewegen, der Ein⸗ ladung zu folgen. Dorthin bewegte er ſich dabei mit augenſcheinlicher Anſtrengung, und außerordent⸗ lich langſam, nach jeder kleinen Strecke wieder ausruhend und ſtöhnend, bis ſie ihn ſich ſelber überließen, allein und nach ſeiner Bequemlichkeit nachzukommen. Alle dieſe Schwarzen trugen, ſo lange ſie im Dienſte waren, den Säbel. Vielen mochte aber dieſer eine noch ſehr ungewohnte, vielleicht auch unbequeme Waffe ſein, obgleich es ihrer Eitelkeit ſchmeichelte, ihn neben ſich herklappern zu hören. Ein großer Theil von ihnen führte auch noch zu ſeinem Privatgebrauch den ſchon ſo oft beſchrie⸗ benen und doch immer noch nicht erklärten Bu⸗ merang*) mit ſich, um ihn als Angriffswaffe ſo⸗ wohl im Kampfe mit„aufrühreriſchen“ Schwarzen, als auch im Buſche und auf der Jagd für Wallobis und Oppoſſums zu verwenden, denen dieſe ſchwarze Polizei faſt ebenſo viel nachſtellte, wie entflohenen Verbrechern oder gefährlichen Eingeborenen. Auch jetzt machten ſich fünf oder ſechs von *) Der Bumerang iſt jenes gebogene flache Stück Holz, das nach dem Wurf zu der Stelle zuruͤckkehrt, von dem aus es geſchleudert wurde. — 211— ihnen auf, in der Nähe vielleicht derartige Beute zu finden, während andere an den Fluß gingen, dort zu fiſchen, und einen eigenen Anblick gewährten dieſe dunklen Geſtalten in ihren blauen Jacken und Hoſen, mit bloßem Kopf und nackten Füßen, wie ſie ſo ſtill und ſchweigend am Ufer des Stromes ſtanden oder durch den Wald ſchli⸗ chen, die Rinde der Bäume nach Opoſſumzeichen, am Boden nach Wallobisfährten, zu unter⸗ ſuchen. Der Wachtmeiſter ließ indeſſen ſeine Leute ruhig gewähren. Ihrer Folgſamkeit gewiß, wie er ſie vom disciplinirteſten Soldaten hätte fordern können, brauchte er ihnen nur Zeit und Ort zu beſtimmen, wann und wo ſie ſich wieder einzufin⸗ den hatten, und er wußte dann recht gut, daß das nicht allein pünktlich geſchah, ſondern daß ſie auch die ihnen gelaſſene Gelegenheit vortrefflich und aus eigenem Antrieb benutzten, Alles, was dort in der Gegend geſchah, auf das Vollkommenſte auszukundſchaften. Wie ebenſo viele gut dreſſirte Schweißhunde ſtöberten ſie nach allen Richtungen— umher, und keine fremde Fußſpur, kein anders gezeichnetes Stück Vieh entging dem raſtlos um⸗ herſchweifenden Auge. —Q— ☛ 9. Capitel. Aöſchied und Ankunft. Während ſich dieſe neuangekommenen ſchwarzen Grenzwächter in ſolcher Art beſchäftigten, blieben die erſten Stunden nur wenige bei dem Lager zurück, ihre Waffen zu bewachen. Dieſe bemühten ſich dabei freilich vergeblich, aus Nguyulloman irgend etwas für ſie Intereſſantes herauszubekom⸗ men; der Krüppel wußte entweder wirklich Nichts von der Richtung, welche die Seinen genommen, oder er war ſchlau genug, es zu verbergen. In⸗ deſſen hatte ſich Miller dem Stationshalter ge⸗ meldet, um von ihm die ihm ſchon angekündigte Entlaſſung zu erhalten. „Ach— Ihr ſeid der Hüttenwächter vom trockenen Sumpf, nicht wahr?“ ſagte dieſer, viel zu gutmüthig, den nachläſſigen Menſchen auch noch hart anzulaſſen. Bereute er doch ſchon faſt, daß · — 213— er ſeine Einwilligung gegeben hatte, ihn fortzu⸗ ſchicken. „Ich war es,“ erwiederte Miller ruhig,„und es thut mir leid, Mr. Powell, Ihnen vielleicht durch meine Schuld einen Verluſt bereitet zu haben.“ „Vielleicht?“ „Hätt' ich auch gewacht,“ ſagte Miller achſel⸗ zuckend,„dem ganzen Schwarm von Schwarzen würd' ich doch nicht haben wehren können, und ſie hätten mir auch außerdem vielleicht einen Speer durch den Leib gejagt. Uebrigens hab' ich gefehlt und will nur wünſchen, daß Sie mit dem neuen Wächter zufriedener ſind, als mit mir.“ „Geht zu meinem Sohn,“ ſagte Mr. Powell, der das Geſpräch abzubrechen wünſchte,„und laßt Euch Eueren verdienten Gehalt auszahlen. Ihr ſeid wohl jetzt zehn oder zwölf Monate bei mir.“ „Wenn Sie mir die verlorenen Schafe ab⸗ ziehen, wird wohl nicht viel übrig bleiben.“ „Das iſt noch nicht meine Abſicht geweſen,“ lautete die freundliche Antwort.„Laßt Euch in Gottes Namen Euer Geld auszahlen, Euch dies aber auch für ſpätere Fälle zur Warnung dienen, und werdet in Euerem nächſten Dienſte aufmerk⸗ ſamer, als Ihr bei mir geweſen ſeid. Wohin ge⸗ denkt Ihr Euch von hier aus zu wenden?“ „Nach dem Adelaide⸗Diſtrict.“ „Habt Ihr Freunde dort?“ „Freunde?— nein,“ ſagte der Mann mit leiſer Stimme—„aber Familie.“ „Familie?“ rief Mr. Powell erſtaunt—„Ihr ſeid wirklich verheirathet?“ „Ich habe Frau und Kind,“ erwiederte der Mann. Mr. Powell ſchüttelte den Kopf.. „Und ſo lange ſitzt Ihr da hier im Buſche und habt ihnen, ſoviel ich wenigſtens weiß, noch nicht ein einziges Mal Nachricht gegeben, noch keinen Brief von ihnen erhalten? Das begreife ich nicht.“ „Früher hätt' ich's vielleicht auch nicht be⸗ griffen“, ſagte der Deutſche finſter vor ſich hin, „hier im Buſche iſt's aber ordentlich, als ob man gegen alles Andere abſtumpfte und todt würde, und an Nichts weiter mehr dächte als— eben an den Buſch. Vielleicht“— ſetzte er nur halb laut und wie für ſich hinzu—„kann ich doch nooch ein anderer Menſch werden!“ Ss lag ein ſo eigener wilder Schmerz auf dem Antlitz des Mannes, daß es dem Engländer auffiel. Bis dahin hatte er ſeinen Hüttenwächter, — 215— mit dem er nur ſelten auf Momente zuſammen⸗ kam, auch noch wenig oder gar nicht beachtet, jetzt kam es ihm faſt vor, als ob in dieſer rauhen Hülle doch am Ende ein anderer Kern, jedenfalls eine beſſere Bergangenheit ſtecke, als die eines Schafknechtes. „Was habt Ihr eigentlich früher getrieben, ehe Ihr nach Auſtralien kamt?“ frug er ihn, „denn ſoviel ich weiß, ſeid Ihr doch noch gar nicht ſo viele Jahre in den Colonieen.“ Miller lachte bitter vor ſich hin, und ſchwieg⸗ Endlich ſagte er kopfſchüttelnd: „Ein Thor war ich, daß ich nicht wußte, wenn es mir gut ging, und von dem Leben mehr forderte, als es bieten kann. Ich habe dafür ge⸗ büßt, ich und— doch das ſind alte Geſchichten, und Mancher, der jetzt mit zerriſſener Jacke im Buſche drin ſteckt, könnte Euch ähnliche erzählen.“ Es iſt in Auſtralien eine ſehr mißliche Sache, irgend Jemanden, den man nicht ganz genau kennt, nach ſeiner Vergangenheit zu fragen, denn da der größte Theil der arbeitenden Klaſſe, wenigſtens noch vor einigen Jahren, aus lauter theils begna⸗ digten, theils auf„Urlaub“ befindlichen Sträf⸗ lingen beſtand, war man ſtets in Gefahr, bei einer ſolchen Frage ein höchſt unglückſeliges und eigentlich dort verpöntes Thema zu berühren. — 216— Nur wo ſich die einzelnen Individuen als Aus⸗ länder, Deutſche oder Franzoſen, ausweiſen konn⸗ ten, war die Gefahr allerdings nicht vorhanden, da ſolche nur in ſehr ſeltenen Fällen von England aus nach den Sträflingscolonieen geſchickt werden. Nichtsdeſtoweniger fühlte Mr. Powell, daß er in der Bruſt des Mannes eine unangenehme Saite berührt habe, und mit dem ihm überhaupt eige⸗ nen Zartgefühl, das auch ſelbſt der lange Auf⸗ enthalt zwiſchen ſo wilden rohen Naturen nicht 4 hatte abſtumpfen können, ſagte er raſch und freund⸗ „Wir Alle ſind meiſt leichtſinnig in der Ju⸗ gend. Wohl uns jedoch, wenn wir es uns zur War⸗ nung dienen laſſen. Ich will auch nicht hart mit Euch ſein, noch weniger Euch über das Geſchehene Vorwürfe machen. Es iſt einmal⸗ geſchehn und zwiſchen uns abgemacht. Wollt Ihr allein nach Adelaide gehen?“ 9 „Es bleibt mir keine andere Wahl,“ erwiederte Milller. „Ich glaube allerdings,“ meinte Mr. Powell, „daß gerade jetzt, wo die ſchwarze Polizei am Fluſſe hier eingetroffen, keine Gefahr ſelbſt für den einzelnen Unbewaffneten iſt, von einem über⸗ müthigen Stamme angehalten und vielleicht ge⸗ plündert zu werden, aber wenn Ihr irgend fürchtet, — 21 7— den Weg zu gehen, ſo will ich nicht die Urſache ſein, Euch hinauszuſchicken. Wartet hier auf der Station, bis ſich ſonſt Begleitung für Euch findet, oder ein Theil der ſchwarzen Polizei vielleicht dort hinübergeht. Ihr ſeid ſo lange mein Gaſt, und einer meiner Schäfer mag Euch in ſeine Hütte nehmen.“ „Mr. Powell,“ ſagte der Deutſche, kaum im Stande, eines Gefühls Meiſter zu werden, das aus Rührung und Scham geniſcht ſchien,„ich danke Ihnen herzlich für dieſes freundliche An⸗ erbieten, aber— ich darf Ihre Güte nicht miß⸗ brauchen.— Die anderen Leute würden mich als Müſſiggänger betrachten— der Aufſeher haßt mich ohnedies. Nehmen Sie aber auch 8 meinen innigſten Dank für Ihre Y ſeien Sie verſichert, ich fühle Ihr gütiges Be⸗ nehmen gegen den Fremden jetzt mehr, als Sie vielleicht glauben mögen. Ich werde Ihnen das nie vergeſſen.“ Er machte eine Bewegung, als ob er des Herrn Hand ergreifen wolle, beſann ſich aber wieder, grüßte ihn achtungsvoll, und ging dem Hauſe zu, dort den eigentlich verſcherzten Lohn in Empfang zu nehmen. Der wurde ihm auch von Georg Powell unverkürzt ausgezahlt, und er trat dann noch in den Laden, um ſich etwas Tabak — 218— und ein Paar neue Schuhe, die er nothwendig brauchte, auf den Marſch zu kaufen. Im Laden ſtand Mac Donald, der ſich auch ein Paar Schuhe hatte geben laſſen, und ſie gerade anprobirte. „Die ſind Ihnen aber viel zu weit,“ ſagte der jüngſte Powell, Ned, der gewöhnlich die Laden⸗ geſchäfte beſorgte und mit ſeinem Vater zuſammen die Bücher führte. „Ich denke nicht,“ erwiederte der Fremde, „Schuhwerk hab' ich gern bequem, und dieſe ſitzen gut.“ „Sie werden ſcheuern, nehmen Sie lieber eine kleinere Nummer.“ ngu. verſuchen;— ah, Miller, Sie wollen die Station verlaſſen?“ „Ich bin auf dem Wege. Bitte, Mr. Powell, haben Sie doch die Güte, mir ein Pfund Tabak abzuwiegen— und dann möcht' ich auch ein Paar ſolcher Buſchſchuhe haben.“ „SDa, ſucht Euch gleich aus, was Ihr braucht — hier iſt ein Pfund Tabak.“ „Und der Preis?“ „Dort ſtehen die Preiſe ſämmtlicher Artikel an der Tafel. Könnt' Ihr leſen?“ „Ein wenig,“ erwiederte Miller, und trat zu — 219— der Tafel, auf der die Waaren alle mit ihren Preiſen angegeben ſtanden.“ „Iſt der Rationskarren ſchon hinausgefahren?“ frug Mac Donald jetzt, während Miller ſeitwärts an die Preisliſte trat, den jungen Verkäufer. „Er wird erſt gegen Mittag abgehen,“ ſagte Ned,„aber wenn Sie etwas zu beſtellen haben, Mr. Bale reitet dort vorbei und ſattelt, wenn ich nicht irre, gerade ſein Pferd.“ „Reitet er über die Schafſtation?“ „Ja, er hat ſich eben ein Pfund Tabak für den neuen Hüttenwächter abwiegen laſſen, um es mit hinauszunehmen.“ „Ah— nein, es war blos Neugierde von mir— aber ich will ihn doch fortreiten ſehn. Möchte gern wiſſen, wie ihm der Grauſchimmel behagt.“ „Gehen Sie nur gerade hier durch, und an den beiden Blockhäuſern vorüber. Gleich dahinter iſt der Stall. Sie werden ſich aber beeilen müſſen, denn er kommt wohl kaum noch einmal zum Hauſe her. Die Schuhe ſind Ihnen wahr⸗ haftig zu weit.“ „Gott bewahre. Sie ſitzen mir bequem und reiben nicht im Mindeſten. Ich danke, ich werde ihn aufſuchen.“ Miller legte indeſſen das Geld für Schuhe und — 220— Tabak auf den Ladentiſch, und wollte mit einem Gruße den Raum verlaſſen. „Ihr geht jetzt ſtromab?“ frug Ned den Hüttenwächter. „Ich denke ſo,“ erwiederte dieſer—„leben Sie wohl.“. „Halt— trinkt erſt noch einmal, eh' Ihr geht.— Ihr werdet eine lange Strecke weit Nichts wieder bekommen.“ Er nahm dabei eine Flaſche und ein Glas vom Geſims nnd ſchenkte es dem Mann halb voll Cognac. „Ich danke, ich trinke keinen Branntwein,“ er⸗ wiederte dieſer, nichtsdeſtoweniger warf er einen verlangenden Blick auf das Glas, das ihm gar ſo verführeriſch mit ſeiner dunkelbraunen blitzen⸗ den Flüſſigkeit entgegenfunkelte. „Nun, der Schluck wird Euch Nichts ſchaden; der Weg iſt weit,“ ſagte der junge Burſche gut⸗ müthig.„Vater hat Euch doch Euer Geld aus⸗ gezahlt?“ „Bis auf den letzten Pfennig.— Es iſt ein Ehrenmann.“ „Gut, dann trinkt das auf ſein Wohl und be⸗ hüt’ Euch Gott!“ Miller ging zum Tiſch, nahm das Glas, be⸗ trachtete es einen Augenblick gegen das Licht, und — 221— tief aufſeufzend, ehe er es an die Lippen ſetzte, leerte er es auf einen Zug. Ned war es faſt, als ob ihm die Augen feucht wurden, aber er hielt ſich nicht mehr lange auf, drückte dem jungen Burſchen herzlich die Hand, und verließ dann mit raſchen Schritten das Haus und die Station. Draußen an der letzten Fenz, wo der Buſch begann, blieb er noch einmal ſtehn, ſah zurück, und wandte ſich dann, um ſeinen wei⸗ ten einſamen Marſch anzutreten. Kaum hatte ſich der Buſch hinter ihm geſchloſſen, als einer der ſchwarzen Polizeiſoldaten aus einem kleinen Dickicht, in dem er jedenfalls verſteckt gelegen, herausglitt, hinter dem Manne herſchaute und dann ſehr genau deſſen Fährten maß. Damit ſchien er ſich aber auch vollkommen zu beruhigen, denn ohne weiter einen Blick zurückzuwerfen, ſchlug er den breiten Weg ein, der nach der Station hineinführte. Miller hatte ihn gar nicht geſehen und würde ihn auch, wenn das wirklich der Fall geweſen, wenig beachtet haben. Mit ſeinen eigenen, wohl kaum freudigen Gedanken beſchäftigt, wanderte er ruhig fort, bis er eine ziemliche Strecke von der Station zurückgelegt und eine ſchmale den Fluß überſchauende Waldblöße erreichte. Dort warf er ſein kleines Bündel, das er trug, und das einige — — 222— nothwendige Wäſche und Kleider enthielt, wie ſeine wollene Decke zu Boden, ſetzte ſich ſelbſt unter einen Gumbaum und ſtarrte, die Hände um ſein rechtes Knie gefaltet, eine ganze Zeitlang ſtier und ſchweigend vor ſich nieder. „Das geht nicht länger ſo,“ murmelte er end⸗ lich leiſe vor ſich hin—„das Leben muß ein Ende nehmen für Dich und Dein Weib, für Dein Kind. Du— Du fortgejagter Hütten⸗ wächter, der ſeinen Gehalt nur der Großmuth und Barmherzigkeit eines Fremden verdankt, und Dein Weib— in Glanz und Wohlleben erzogen, indeſſen vielleicht Noth und Mangel leidend, in Elend und Jammer ihr Leben friſtend in dem fremden Lande? Großer Gott, was iſt aus mir geworden!— Wohin hat mich der unſelige Trunk, wohin hat mich mein furchtbarer, entſetzlicher Leichtſinn gebracht?— Aber das muß anders werden, es muß.“ Er barg ſein Geſicht in den Händen und warf ſich auf den Boden, die heiße Stirn im Sande kühlend. So lag er viele Minuten, und als er ſich endlich aufrichtete und die feuchten Haare aus dem von Thränen überſtrömten bleichen Antlitz wiſchte, war es faſt, als ob ein anderer, fried⸗ licherer Geiſt über ihn gekommen. „Ich will mich beſſern,“ ſagte er ſtill und 4 — 223— entſchloſſen vor ſich hin.„Noch iſt es Zeit, noch kann ich vielleicht, wenigſtens zum Theil, gut machen, was ich bis jetzt gefehlt— was ich ge⸗ ſündigt. Mein Weib wird mir verzeihen, und mit dem kleinen Capital, das ich jetzt mein eigen nenne, kann ich, muß ich etwas beginnen. Ich bin geſund und ſtark, ich werde arbeiten, meine geiſtigen, wenn es ſein muß, meine Körperkräfte verwerthen. Fleißige Arbeiter werden in Auſtra⸗ lien ſtets geſucht, und was Andere können, kann ich das nicht auch? Auſtralien iſt ein junges blühendes Land; es wird ſich heben und wir uns mit ihm, und wenn ich mit Fleiß und Ausdauer mich wieder zu dem Range emporgeſchwungen, den ich ſelbſt verſcherzt, bin ich vielleicht im Stande, einſt wieder in die Heimath zurückzukehren.— In die Heimath!“ wiederholte er ſtöhnend, und es war, als ob ihn auf's Neue bei dem Gedan⸗ ken an das Verlaſſene, an das Verlorene ein bitterer, tiefer Schmerz ergriffe. Aber das Alles ſchüttelte er ab. Mit den guten Vorſätzen ſchien es faſt, als ob auch ein neuer, kräftigerer Menſch in ihn gefahren ſei. Er warf die Thränen, die ſich ihm unwillkürlich in den Augen geſammelt hatten, von den Wimpern, und ſeinen Pack ſowie ſeine Decke vom Boden aufhebend— er hatte an ſeinem Eigenthum nicht — 224— ſchwer zu tragen— nahm er ſeinen Weg wieder durch den Wald und ſchritt mit raſchen, rüſtigen Schritten gen Weſten— dem geſteckten Ziele zu. Der Wachtmeiſter, Culloch mit Namen, hatte indeſſen ſeine Zeit in ſofern benutzt, von Mr. Po⸗ well eine genaue Liſte ſeiner engagirten Leute mit Alter und Namen zu bekommen, die ihm übrigens wenig Befriedigendes bot. Die meiſten von die⸗ ſſen waren ſchon drei, vier und mehr Jahre auf der Station, lauter ehrliche, brave Leute; der Einzige, der heute abgegangen, und den Culloch am Hauſe geſehn, ein Deutſcher, der nach dem Adelaide⸗Diſtrict zurückkehrte. Nur eine„neue Hand,“ wie ſie im Buſch ſagen, hatte ſich auf der Station angeworben. Dieſen kannte aber Mr. Powell ſelber nicht, und Bale, der Aufſeher, der allenfalls noch etwas Näheres über ihn hätte berichten können, war gleich nach der Ankunft der Polizei ſeinen Geſchäften auf unbeſtimmte Zeit nachgeritten und wurde vor den nächſten Tagen nicht zurückerwartet. Allerdings erinnerte ſich M Powell, daß ihm Bale geſagt habe, Mr. M Donald kenne den Mann von früher her. V. dem Wachtmeiſter ſelber darüber befragt, konnte dieſer ihm aber nur ebenfalls die Auskunft geben, — 225— daß er den Burſchen, der ſich Toby nenne, vor einiger Zeit auf einer Station am Murray unter ſich gehabt, und damals zufrieden mit ihm ge⸗ weſen wäre. Wegen einer Schlägerei mit einem Schäfer mußte er den Dienſt verlaſſen.“ „Bah,“ ſagte der Wachtmeiſter lachend,„wenn's wegen weiter nichts Anderem war, hat's gute Wege,“ und ſchien damit vollkommen zufrieden geſtellt. Bei weiterer Ueberlegung beſchloß er aber doch, ohne darüber jetzt weiter etwas zu ſagen, einen ſeiner ſchwarzen Burſchen einmal hinüber⸗ zuſchicken, daß er ſich den fremden Geſellen an⸗ ſehen möge. Wenn ſein Lieutenant eintraf, mußte er ihm genauen Bericht abſtatten, und wollte dar⸗ in wenigſtens Nichts verſäumt haben. Waren ſie doch nur überhaupt hier an den Murray gekom⸗ men, um die Bevölkerung zu revidiren. Das Geſpräch wendete ſich von hier ab auf Pferde und Rinder und die verſchiedenen, von den Nachbarn gehaltenen Zeichen, die ſich der Wachtmeiſter alle ſorgfältig in ſein Buch notirte. Das wurde aber Sarah doch zu langweilig, und zu Mac Donald tretend, der mit untergeſchlagenen Aermen am Fenſter lehnte und der Unterhaltung zuhörte, ſagte ſie freundlich lächelnd: „Wenn Sie nicht ein ganz beſonderes Inter⸗ eſſe für all dieſe verſchiedenen, hier vorgenomme⸗ 3 Gerſtäcker. I. 15 — 226— nen Brandzeichen haben, und es Ihnen, wie ich hoffen will, gleichgültig iſt, ob eine oder die an⸗ dere weggelaufene Kuh ein auf⸗ oder abwärts ge⸗ drehtes Horn, oder dieſes oder jenes Pferd einen bald größeren, bald kleineren weißen Stern an der Stirn gehabt hat, ſo begleiten Sie mich ein wenig an den Strom. Ich möchte gern dieſe ſchwarze Polizei, von der ich ſchon ſo viel und Abenteuerliches gehört, perſönlich kennen lernen. Lisbeth geht vielleicht mit uns.“ „Ich kann nicht, Sarah,“ rief die Schweſter; „Du weißt, ich habe die Woche in der Wirthſchaft, und entſetzlich viel herauszugeben und zu be⸗ ſorgen.“ „Gut, dann gehen wir allein,“ lachte Sarah, ihren Arm in den bereitwillig ihr gebotenen Mac Donald's legend;„mit ſolcher Umgebung haben wir doch wahrlich Nichts zu fürchten.“ Leichten Schrittes wanderte das junge ſchöne Mädchen am Arme ihres Begleiters über den freien feſtgeſtampften Platz, der um die Häuſer lag, dem Lagerplatz zu, auf dem ſich ſchon wieder eine Schaar der ſchwarzen Burſchen in ihren blauen Jacken geſammelt hatte, ſowohl die von der Station erhaltenen Lebensmittel zu theilen, als auch die eingebrachte Jagdbeute an den Feuern zu röſten. Einzelne von ihnen waren dabei emſig beſchäftigt, — 227— aus abgeſchnittenen Malleyſchößlingen Lanzen zu ſchneiden, und dieſe über dem Feuer gerade zu biegen; ſie wollten Harpunen zum Fiſchfang dar⸗ aus fertigen. Wußten ſie doch nicht, wie lange der Befehl ihres Officiers ſie hier an dieſe Stelle bannen würde, und müßig mochten ſſie die Zeit nicht verbringen. Wenn ſie keinen Feind verfol⸗ gen oder aufſpüren konnten, verlangten ſie we⸗ nigſtens Jagd. „Was für ein wunderliches Volk das iſt!“ ſagte Sarah lächelnd, als ſie zwiſchen den Rin⸗ denhütten und den ſie freundlich grüßenden Schwar⸗ zen langſam hindurchgingen—„und doch werden ſie Wilde bleiben, ſo lange ſie leben, trotz der Uniform.“ 4 „Ich bewundere überhaupt,“ erwiederte Mac Donald,„daß ſie ſich haben in die engen Kleider einzwängen laſſen. Nach dem, was ich bis jetzt von ihnen geſehen, ſchien mir das immer das größte Hinderniß von allen, ſie einem geregelten Leben zu gewinnen.“ „Auch Vater hat hier öfter und öfter Verſuche mit ihnen angeſtellt, ſie bei guter geregelter Koſt an ein feſtes geordnetes Leben zu feſſeln. Es war ihnen aber nur eine Feſſel, und ſie warfen ſie ab, ſobald der befreundete Ruf der Kameraden ſie zum erſten Male wieder in den Wald lockte. Ein Tel 15* — 228— ziges Mal hat ein Schwarzer bewogen werden können, für etwa drei oder vier Monate Schafe zu hüten, dann gab er aber dieſes Geſchäft auch wieder auf.“ „Und doch ſind am Murray hier und da noch wirklich Schwarze als Schäfer angeſtellt.“ „Große Ausnahmen dann von der allgemei⸗ nen Regel,“ verſicherte Sarah.„Wir haben es ſelbſt zweimal mit jungen Mädchen verſucht. Faſt noch Kinder, als wir ſie in's Haus nahmen, lie⸗ ßen ſie ſich willig kleiden, und verrichteten alle ihnen zugewieſenen Arbeiten mit größter Pünkt⸗ lichkeit. Sobald ſie aber ein gewiſſes Alter er⸗ reichten, waren ſie nicht mehr zu halten, warfen Alles von ſich, was wir ihnen gegeben, und liefen wieder in den Buſch hinein, um nie wieder zurück⸗ zukehren.“ Sie hatten das Lager jetzt hinter ſich, und gingen, um nicht zu lange bei den Leuten ſtehen zu bleiben, noch eine kurze Strecke am Fluſſe hinab. Sarah ſchaute ſich nach den Schwar⸗ zen um. 4 „Sehen Sie nur, wie aufmerkſam ſie unſere hinterlaſſenen Spuren betrachten,“ ſagte ſie lachend; —„die ſcheinen ſie mehr zu intereſſiren, als wir ſelbſt.“ Ern„Wir ſind ihnen auch nur eine Art Wild,“ i —⅛—⅛ * „— 229— erwiederte Mac Donald,„und wenn ſie jetzt ein⸗— mal auf unſere beiden Fährten geſetzt würden, gleichviel weshalb, folgten ſie denen gewiß mit eben dem Eifer und der Sicherheit, wie der dar⸗ auf abgerichtete Bluthund ſeinem einmal geſpür⸗ ten Opfer folgt. Der Menſch iſt jedenfalls das grauſamſte, erbarmungsloſeſte Geſchöpf unter der Sonne, denn das Thier verſchont wenigſtens ſei⸗ nen Herrn, oder tödtet nur, wenn es der Beute bedarf, der Menſch aber verfolgt und tödtet, oft nur aus Luſt am Fang, um eines Kitzels, der Erregung des Augenblicks wegen.“ „Wohl haben Sie recht,“ ſeufzte Sarah,„und“ — ſetzte ſie lächelnd hinzu—„ich möchte des⸗ halb nie einen Jäger heirathen.“ „Wir ſind Alle Jäger,“ erwiederte Mae Do⸗ nald ſinnend,„der Eine auf dies— der Andere auf das— Jäger oder— Gejagte in dieſem Leben, und weiß man doch wahrlich das Eine vom Andern kaum zu unterſcheiden.“ „Auch ſelbſt mit dem, was Sie in anderem Sinne jagen nennen, bin ich nicht einverſtan⸗ den,“ ſagte Sarah.„Beſonders hier in den Co⸗ lonieen drängt und treibt Ihr Männer nur im⸗ mer und unaufhaltſam nach Gewinn. Leben und Geſundheit, was liegt an denen, wenn ſich nur die Herden vermehren, die Beſitzungen ver⸗ 4 ₰ — 230— größern, wenn das Capital, das leidige Geld nur wächſt, und ſich der Säckel und die Käſten füllen. Mit wie Wenigem könnten wir Menſchen glücklich ſein— wie geringe Anſtrengungen wür⸗ den genügen, beſcheidene Anſprüche an das Leben zu befriedigen, und wie dehnen wir dieſe gewöhnlich aus! Wie wird die Jugend übertrie⸗ ben angeſtrengt und gefährdet, nur vielleicht um uns einige mit alle dem ausgerüſtete Tage im Alter zu verſchaffen, was wir nöthig halten für das Leben. Aber das iſt ein ewiges Jagen und Treiben, uns ſelbſt und unſere Mitmenſchen unglücklich zu machen; ein Hetzen in dem miß⸗ verſtandenen Eifer und Drange nach jenem, nur zu oft noch falſchen Glück.— Nur immer eine hö⸗ here Stufe wollen wir erreichen, als die iſt, auf die uns Gott geſtellt; und doch wie unrecht han⸗ deln wir darin!,— Ich z. B. könnte mit ſo We⸗ nigem glücklich ſein! 144 „Und ſind Sie es nicht, Miß Sarah?“ ſagte Mac Donald mit herzlicher Stimme;—„iſt Ihnen nicht in Ihrer lieben Familie Alles geboten, was das Kindesherz bedarf?“ „Ich will nicht ungerecht ſein— nicht in den⸗ ſelben Fehler fallen, den ich erſt ſelbſt getadelt,“ lächelte Sarah—„ja, ich bin jetzt glücklich— würde mich wenigſtens der Sünde ſcheuen zu ſa- — 231— gen, daß mir irgend etwas fehle. Aber es macht mir Sorge, daß Vater hier in eine ſolche Wild⸗ niß gezogen, nur um für ſeine Kinder ein Vermö⸗ gen zu erwerben; es beſorgt mich, daß die Brüder hier nicht das lernen, nicht die Bildung erlangen können die ich ihnen ſo gern gönnte, und für die ſie ihr reger Geiſt ſo empfänglich macht. Es macht mich beſorgt ferner, daß ſie ſich hier täglich faſt irgend einer, bald dieſer, bald jener Gefahr ausſetzen, wo wir mit beſcheidenen Anſprüchen auf irgend einem freundlichen kleinen Gute im alten Vaterlande, in dem ja doch nun einmal un⸗ ſere Herzen wurzeln, ſo ſtill und friedlich leben könnten, und wenn ich wirklich heimlich noch ei⸗ nen Wunſch mit mir herumtrage, ſo iſt es dieſer, ſolchen Traum einſt verwirklicht zu ſehen, und mit den Meinen, fern von allen Stürmen der Zeit, glücklich dort zu leben.“ Sie hatten indeſſen, vielleicht dreihundert Schritte von dem Lager der Schwarzen entfernt, das Flußufer erreicht, wo es den breiten mur⸗ melnden Strom in ziemlich ſchroffer, unterwaſche⸗ ner Wand überhing. Dieſer machte hier eine Biegung, und breitete dadurch eine größere Waſſer⸗ fläche, als er ſonſt wohl zeigte, vor ihnen aus, und eine eigene ſtille Ruhe lag darauf. Der mo⸗ notone Gumwald bildete allerdings den dinter⸗ * — 232— grund, aber immergrünes Unterholz verſchiedener Gewächſe flocht einen lebendigen Kranz um den Waſſerrand, und ſelbſt die in das Bett geſtürz⸗ ten Stämme alter zäher Waldrieſen, die ihre zackigen Arme daraus emporſtreckten, dienten dazu, die Scenerie wildromantiſcher zu machen. Auch an Leben fehlte es dem Bilde nicht, denn wenn auch die Nähe der Schwarzen alles Wild aus der Nähe verſcheucht, und weder ſchwarze Schwäne, die ſich ſonſt hier gern aufhielten, noch wilde En⸗ ten, die nur dann und wann raſch und ſcheu vor⸗ beiſtrichen, ihre langſamen Furchen auf der Fluth. zogen, ſaßen doch hier und da auf den einzelnen dürren Aeſten langhalſige Waſſervögel, das Auf⸗ tauchen eines Fiſches erwartend; in den Zweigen der Gumbäume gurrte und faatterte die allerliebſte Kronentaube mit ihrem buſchigen Federſchmuck auf dem zierlichen Kopfe, und ganze Schwärme wei⸗ ßer Kakadus balgten ſich ſchreiend und lärmend in den grünen Wipfeln des gegenüberliegenden Ufers. „Und doch iſt es auch hier ſchön,“ ſagte Mac Donald, als ſie an dem freundlichen Platze ſtehen geblieben waren, und einige Minuten ſchweigend hinausgeſchaut hatten;„doch könnte ſich auch hier eine Menſchenbruſt wohl und glücklich füh⸗ len in kuhe und Frieden— wenn es dan — 233— vergönnt wäre in der Welt— Ruhe und Frie⸗ den zu finden!“— Er hatte die letzten Worte mit leiſer, kaum hörbarer Stimme geſprochen, und ein tiefer Seuf⸗ zer ſchien dabei dem wie angſtgepreßten Herzen Luft zu machen. Sarah ſah ängſtlich zu ihm auf,— und da er ſelber ſchwieg und ſtill träumend vor— ſich niederſchaute, ſagte ſie endlich freundlich, ina dem ſie ſeinen Arm losließ, um ihm beſſer in's Antlitz ſchauen zu können: ℳ 3 Was fehlt Ihnen, Mr. Mac Donald? Wira ſind uns allerdings fremd— was man eben im dem kalten geſellſchaftlichen Leben fremd nennt,—— 5 aber Sie wiſſen, Sie fühlen gewiß, daß wir Alle— hier den innigſten Antheil an Ihnen nehmen, und iſt etwas, in dem mein Vater— in dem— wir Ihnen helfen können, ſo dürfen Sie überzeugt ſein, daß der Wille dazu in uns recht warm und rege iſt.“ 4 „Ich danke Ihnen—— danke Ihnen herzlich für das freundliche Wort,“ ſagte Mac Donald, als ob ihn das zu raſch ausge⸗ ſprochene Gefühl ſchon reue, indem er ſich gewalt⸗ ſam ſammelte.„Es hat Jeder von uns auf diee ſer wunderlichen Welt ſein Scherflein zu tragen, der Eine mehr, der Andere weniger, und Jeder — 234— glaubt in thörichter Einbildung, daß ſeines das ſchwerſte ſei.“ „Sie ſehen mir nicht aus,“ ſagte Sarah ernſt, faſt ängſtlich,„als ob Sie Ihre Laſt überſchätzen würden.“ „Trauen Sie mir nicht zu viel zu,“ ſagte Mac Donald mit einem Lächeln, das ihre Furcht verſcheuchen ſollte, ſie aber eher noch vermehrte; —„ich bin vielleicht ſchwächer, als Sie glauben.“ „Ich habe kein Recht, mich in Ihr Vertrauen zu drängen,“ ſagte Sarah leiſe,„und doch wüßte ich,“ ſetzte ſie mit tiefem Gefühl hinzu,„Nie⸗ manden, den ich lieber“— ſie brach erröthend ab, und wandte den Kopf einem Schwarm krei⸗ ſchender Kakadus zu, der gerade über ſie weg⸗ und den Fluß hinunterflog. „Würden Sie mir vertrauen?“ ſagte Mac Donald, indem er ihre Hand ergriff, die ſie ihm zitternd überließ—„mir, dem Fremden, Unbe⸗ kannten?— und wenn ich Sie nun ſelbſt davor warnte?“. „Ich würde Ihnen nicht glauben,“ lächelte Sarah durch ein Paar helle Thränen hin, die ihr an den Wimpern hingen;—„ſetzt nicht, ſo we⸗ nig wie vorher.“ „Sie dürfen mir glauben, wenn ich als mein eigener Ankläger auftrete, Sarah,“ ſagte da plötz⸗ lich Mae Donald wie von einer tiefen innern Bewegung ergriffen,„aber glauben Sie ihnen nicht, wenn es Andere thun. Halten Sie von dem Vertrauen, das Sie, vielleicht zu leichtgläu⸗ big, in mich ſetzen, ein klein wenig feſt; laſſen Sie mich das Bewußtſein mit fort von hier neh⸗ men, daß es ein Weſen auf der weiten Welt giebt, das Theil an mir nimmt— das freundlich an mich denkt.“ Ein ſo tiefer Schmerz lagerte bei den Worten, die er mit faſt ängſtlicher Haſt ſprach, in ſeinen Zügen, daß Sarah, vor der unerwar⸗ teten Bewegung erſchrocken, ſchwieg, als raſche Hufſchläge plötzlich durch den Buſch tönten. Beide ſahen ſich nach der Störung um, und Mae Donald ließ unwillkürlich Sarah's gefaßte Hand los. Der heranſprengende Reiter lenkte aber auch auf ſie zu, und kaum eine halbe Minute ſpäter zügelte er, dicht bei den Beiden angekom⸗ men, ſein Pferd ein, warf erſt einen ſcharfen, forſchenden Blick auf Mac Donald, als ob ihn deſſen Anweſenheit hier eben nicht beſonders freue, und ſagte dann, ſich mit freundlichem Lächeln und grüßend gegen Sün neigend: „Ich ſah Ihr lichtes Kleid durch die Büſche ſchimmern, mein Fräulein, und danke meinem guten Stern, der Sie gerade vor allen Andern — 236— — ſo lieb ſie mir auch ſein mögen— mir ent⸗ gegenführt. Mag es mir als gutes Omen gel⸗ ten!“ Bei dieſen Worten ſprang er leicht und ge⸗ wandt aus dem Sattel ſeines ſchäumenden Thieres, deſſen Zügel er einem der raſch herbeieilenden ſchwarzen Polizeiſoldaten, ohne dieſen jedoch wei⸗ ter eines Blickes zu würdigen, überließ, und näherte ſich, ihr die Hand dabei entgegenſtreckend, der jungen Dame. Sarah erwiederte erröthend den Gruß, ohne jedoch eine Sylbe zu antworten, und der eben Gekommene fuhr lachend fort: „Ich weiß nicht einmal, ob Sie mich noch kennen— ſo lange kommt mir die Zeit vor, in der ich Sie zu begrüßen nicht das Glück hatte, und doch ſind kaum mehr als drei Jahre darüber hingegangen.“ „Lieutenant Walker muß mir ein ſehr ſchlech⸗ tes Gedächtniß zutrauen,“ erwiederte freundlich, aber auch zurückhaltend, Sarah,„wenn die Zeit ſchon genügt hätte, ihn ganz aus meiner Er⸗ innerung zu ſcheuchen.“ „Hätte es länger gedaf⸗⁵ ſtänden Sie für Nichts?“ lachte der Officier. „Ich glaube nicht, daß ſich die Herren kennen,“ wich Sarah einer Antwort hierauf aus;—„Herr — 237— Oberlieutenant Walker, und wenn ich nicht irre, Anführer der berittenen ſchwarzen Polizei;—“ der Lieutenant verbeugte ſich kalt aber höflich ge⸗ gen den, dem er vorgeſtellt wurde—„und Mr. Mac Donald— ein Freund unſeres Hauſes, der uns vor einigen Tagen mit ſeinem Beſuche über⸗ raſcht hat.“ Mac Donald erwiederte die Verbeugung, und der junge Officier fuhr, ſich wieder zu Sarah wendend, raſch und lebendig fort: „Sie können nicht glauben, Miß, mit welchem Jubel ich den Befehl erhielt, nach dieſer Richtung hin einen Trupp zu führen, und ich wäre meiner wilden Schaar gewiß vorausgeeilt, anſtatt ihr zu folgen, hätte mich nicht die leidige Pflicht auf der letzten Station Stunden lang zurückgehalten.“ „Mein Vater wird ſich ſicherlich freuen, Sie wiederzuſehn,“ ſagte Sarah,„und wenn es Ihnen recht iſt, führe ich Sie zum Hauſe.“ „Wohin Sie wollen— ich folge Ihnen— und darf ich dabei wagen, Ihnen über den rauhen, Weg hin meinen Arm zu bieten?“ „Ich danke Ihnen,“ lehnte Sarah freundlich die Hülfe ab,„Es kenne hier jede Wurzel— aber da kommt mein Vater ſchon, der Ihre An⸗ kunft jedenfalls erfahren hat. Wenn Sie mir jetzt erlauben, bereite ich ſo manches für Ihren — 238—* Empfang Nöthige vor,“ und mit raſcher Vernei⸗ gung gegen beide Herren eilte ſie dem Hauſe wieder zu. Mr. Powell hatte wirklich die Ankunft ſeines Gaſtes, deſſen Pferd er vorbeiführen ſah, ſchon erfahren, und kam herbei, ihn zu begrüßen. Wäh⸗ rend ſie dem Hauſe zuſchritten, blieb Mac Donald allein am Fluſſe zurück, und ſtarrte mit verſchränk⸗ ten Aermen, die Schulter gegen einen ſchlanken Gum gelehnt, ſtill und ſchweigend auf das Waſſer nieder, das ſchäumend und rauſchend vorüber⸗ quoll.. 10. Capitel. Der Polizeilieutenant. Lieutenant Walker war ein noch junger, ſchlank aber kräftig gebauter Mann von vielleicht ſieben bis achtundzwanzig Jahren, beſaß aber für ſein Alter außerordentlich reiche Erfahrungen. Von armen Eltern geboren und mit wenig Ausſicht, ſein Fortkommen im alten Vaterlande zu finden, war er als Freiwilliger nach Auſtralien gegangen und hatte ſich hier in den damals ſehr bewegten und unruhigen Zeiten ſo ausgezeichnet trefflich und entſchloſſen benommen, daß ſeine Vorgeſetzten aufmerkſam auf ihn wurden. In einem Gefechte mit den Buſchrähndſchern, die ſich in Neu⸗Süd⸗ Wales zu gefährlichen Banden geſammelt hatten, wurde damals der commandirende Officier getödtet, und Walker, der das Commando übernahm, führte den Streifzug, ohne weitere Ordres zu haben, ſo — 240— glücklich durch, daß ihn der Gouverneur zum Un⸗ terlieutenant befördert, und er nun, von Ehrgeiz geſtachelt, und Intereſſe an dem abenteuerlichen Waldleben findend, ſeine ganze Energie auß die Ausübung ſeiner dergeſtalt neu übernommenen Pflicht richtete. An Gelegenheit, ſich auszuzeich⸗ nen, fehlte es ihm dabei nicht, und tollkühn, mit einer trefflichen Ortskenntniß und doch auch wie⸗ der großer Beſonnenheit bei ſeinem Muthe, führte er gegen die flüchtigen Verbrecher einige außer⸗ ordentlich glückliche Züge aus. Bald wurde er ſogar der Schrecken der Buſchrähndſcher, die beim Gerücht ſeiner Ankunft die Nachbarſchaft ge⸗ wöhnlich freiwillig räumten. Ein ſchon früher erwähnter kühner Streich, den er mit wenigen Mann Polizeiſoldaten gegen eine ganze Bande entlaufener und gut bewaffneter Sträflinge ausführte, brachte ihm, mit der Me⸗ daille, den Oberlieutenantsrang, und als die ſchwarze Polizei errichtet wurde, erhielt er den Befehl über einen Trupp dieſer Burſchen, welche beſtimmt waren, die weſtlichen Grenzen der Colonie von einer Bande ziemlich verwegener Buſchrähnd⸗ ſcher zu reinigen, wie auch die Schwarzen, die am Murray anfingen übermüthig zu werden, im Zaume zu halten. Wie ihn das Glück bisher begünſtigt hatte, ſo ſchien es ihm auch bei dieſem — 241— letzten Zage treu geblieben zu ſein, und dem Be⸗ richte nach, den er dem alten Powell gleich nach ſeiner erſten Begrüßung abſtattete, war ſeine Er⸗ pedition in die Hindmarſch⸗Sümpfe mit vollſtän⸗ digem Erfolge gekrönt worden. In Sydney hatte er nun vor einigen Jahren die Familie Powell kennen lernen, und die auf⸗ knospende Buſchroſe Sarah damals einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht. Zu jener Zeit freilich ſtand ihm die junge Dame noch unerreichbar fern, und er ſelbſt erſt im Begriff, ſich eine eigene Carrière zu ſchaffen. Zwiſchen der Zeit aber lagen für ihn drei höchſt erfolgreiche Jahre. Sein Ge⸗ halt hatte ſich um ein Bedeutendes vergrößert, er ſelbſt nahm eine höchſt achtbare Stellung ein und durfte jetzt wohl ſeine Augen zu der Tochter eines ſelbſt wohlhabenden Stationsbeſitzers recht gut erheben. Daß er ihr nicht gleichgültig ſei, glaubte er, in vielleicht doch etwas zu großem Selbſtbewußtſein, ſchon früher in ihren Augen ge⸗ leſen zu haben, und mit der Liebe des Mädchens, der Achtung des Vaters hoffte er ſeinen Weg ſchon richtig zu verfolgen. Keck in allen ſeinen Angriffen, zweifelte er auch hier nicht an einem endlichen Siege, ja er beruhigte ſich vollſtändig mit dem Gedanken, doch wohl am Ende ſchon ſchwierigere Sachen möglich gemacht zu haben, Gerſtäcker. I. 16 — 242— als eben nur ein junges Mädchen zu gewinnen, deſſen Herz ihm eigentlich ſchon gehörte. Aber wer war der Fremde, mit dem er ſie da allein am Flußrande getroffen? Der einzige Umſtand beunruhigte ihn noch. Doch Kundſchaf⸗ ten war ja ſein Geſchäft, und was dieſen Gegen⸗ ſtand betraf, wollte er ſchon raſch genug von dem alten Herrn Kenntniß erhalten.„Ein Freund des Hauſes,“ hatte Sarah geſagt— bah— Hausfreunde ſind ſelten gefährlich, und mit raſchem Angriff konnte er ſein Ziel gewiß erreichen. Viel Zeit blieb ihm freilich nicht dazu, denn ziemlich beſtimmte Befehle ſeiner Oberen wieſen ihm ſeinen Wirkungskreis an, dem er folgen mußte. Ein Paar Tage durfte er ſich allerdings an einem und demſelben Orte, wenn er es für nöthig fand, aufhalten, aber er mußte Rechenſchaft über die Urſache ablegen, und ſeine Zeit war ihm deshalb allerdings nur knapp zugemeſſen. Vor allen Dingen mußte er jetzt wiſſen, wer der Fremde war, und in welcher Beziehung er zu der Familie ſtand, das Andere fand ſich dann Alles leicht von ſelbſt. „Es freut mich herzlich, mein lieber Mr. Walker,“ ſagte der alte Herr, während ſie zu⸗ ſammen zum Hauſe ſchritten,„Sie hier bei mir 243— begrüßen zu können und Sie willkommen zu heißen.“ „Hatte ich Ihnen nicht verſprochen, daß ich Sie am Murray heimſuchen würde?“ „Ja Du lieber Gott,“ ſagte der alte Herr, „ſolcher Verſprechen giebt man viele, und das Herz wünſcht dabei auch vielleicht, ſie erfüllen zu kön⸗ nen, ob es aber die Umſtände immer erlauben, iſt eine andere Sache. Wir Menſchen ſind nun einmal von ſolchen abhängig und koöͤnnen keines⸗ wegs immer unſeren Neigungen folgen. Deſto mehr freut es uns dann aber auch, wenn ſich ſich dieſe mit unſerer Pflicht vereinigen laſſen.“ „Bei dem wilden abenteuerlichen Leben, das wir führen, iſt Alles möglich,“ lachte der Lieute⸗ nant,„und keine Gegend in den Colonieen vor uns ſicher. Heut' ſind wir hier, morgen da, und unſer„„Wild,““ dem wir nun einmal nachzuſetzen haben, ſorgt ſchon dafür, daß wir in Bewegung beiben. Uebrigens habe ich mir Ihre Station bier, nach der erhaltenen Beſchreibung, weit ſtiller und einſamer gedacht.“ lächelte Mr. Powell,„ſonſt iſt es allerdings hier 2₰ ſtill und einſam genug, und meine armen Mäd⸗ en dauern mich wirklich manchmal, daß ſie ſo⸗ 9 16* „Ihre Leute haben Leben hineingebracht,“ 244— mit drin im Buſche faſt alle Jugendfreuden ent⸗ behren müſſen.“ „Aber Sie haben doch wohl oft Beſuch?“ „Sehr ſelten. Die meiſten Fremden, die hier durchkommen, ſind ſolche, mit denen man ſich eben nicht weiter einlaſſen kann, als daß man ihnen Nahrung und für die Nacht ein Dach zum Schlafen giebt— Bündelleute, wie wir Sie hier nennen, die mit ihrem Bündel auf dem Rücken Arbeit ſuchend von Station zu Station ziehen, und der Hefe unſeres Auſtraliſchen Volkes ange⸗ hören.“ „Ich kenne die Burſchen gut genug,“ ſagte Walker.„Neun Zehntheile von ihnen ſind frühere ESträflinge, und der zehnte verdiente es zu ſein. Einen enormen Flächenraum beſtreichen dieſe Burſchen, die ganz frei und ungehindert im Lande umherſtreichen dürfen, wohin es ihnen gerade be⸗ liebt. Die Polizeiſtationen ſollten hier am Mur⸗ ray eigentlich ſchon ihrethalben weit dichter zu⸗ ſammenliegen, als es wirklich der Fall iſt.“ „Und doch hört man verhältnißmäßig chſt ſſelten von einer Veruntreuung, oder gar enem Eiinpbruche. Das Meiſte, was in der Art geß isht, geht gewöhnlich von Schwarzen aus.“. „Sie haben geſtern ein Scharmützel mit ihnen gehabt?“ frug Walker. —2 245 „Leider,“ ſeufzte Mr. Powell—„mir thut es immer in der Seele weh, wenn mit den Un⸗ glücklichen rauh verfahren wird. Wir legen un⸗ ſeren Maßſtab von Recht und Gerechtigkeit an ſie, und die armen Teufel kommen dabei jedes⸗ mal zu kurz.“ „Noch lange nicht ſo, als wenn ich meine Schwarzen hinter ſie ſchicke,“ lachte Walker, indem er ſtehen blieb und nach ſeiner Schaar zurück⸗ ſchaute.—„Aber da wir gerade von Gäſten ſprechen, der eine Herr, den ich mit Fräulein Sarah am Fluſſe fand, ſcheint zurückgeblieben zu ſein— iſt es ein Verwandter von Ihnen?“ „Nein— ein Freund, der uns ſchon vor etwa einem Jahre hier beſuchte und den wir Alle lieb gewannen. Sein Name iſt Mac Donald.“ „Maec Donald? Der Name kommtziemlich häufig im alten Lande vor. Sie wiſſen nicht, aus welchem Theile Englands er ſtammt?“ „Nein— errhat ſeine Familie noch nie erwähnt, und ich ſelber bin nicht ſo zudringlich geweſen, — fragen.“ Aan gewöhnt ſich das hier in den Colonieen Machte Walker,„die Vergangenheit unſerer Jachbarn ſelbſt bei den unverfänglichſten Perſonen unberührt zu laſſen. Er hat wahrſcheinlich eine Station hier im Weſten.“ — 246— „Noch nicht, geht aber eben damit um, einen paſſenden Weidegrund zu finden.“ „Gott ſei Dank,“ dachte Walker, während er mit dem alten Herrn wieder dem Hauſe zuſchritt, bei ſich ſelber—„nur eine oberflächliche Bekannt⸗ ſchaft, die gerade nicht übergefährlich ſein wird.“ Die beiden Männer betraten jetzt zuſammen das Haus, wo Lieutenant Walker auch von Mrs. Powell und Eliſabeth auf das Herzlichſte begrüßt wurden. Knüpfte ſich doch an ſein Erſcheinen manche liebe Erinnerung aus dem regen Leben der Hauptſtadt, und konnte er ihnen ja von ſo Manchen, an denen ſie noch einigen Antheil nah⸗ men, Kunde bringen. Walker, ſeit ſeiner Jugend unter fremden Leuten, und durch ſeinen Beruf ſchon dazu ge⸗ zwungen, mit allen Ständen abwechſelnd in Be⸗ rührung zu treten, fühlte ſich auch raſch dort hei⸗ miſch, und noch vor Abend war er bereits mit Allem ſo bekannt, ja vertraut geworden, als ob er nicht als Fremder erſt vor wenigen Stunden die Station berührt, ſondern ſchon ſeit vi Jahren mit zur Familie gehöre. Erſt gegen Abend entzog ihn eine lange U redung, die er mit ſeinem Wachtmeiſter hatte, der Geſellſchaft des Hauſes, und es betraf dieſe aller⸗ dings die nächſten Pläne für ſeine ſchwarze Schaar, 1* = 247— ſeine Inſtructionen wie eigenen Abſichten, von denen er gegen die Familie kein Wort erwähnt. Der Wachtmeiſter mußte ihm vorerſt Bericht über Alles abſtatten, was er bisher bemerkt und unter⸗ wegs gefunden, und beſonders Nachricht von den Leuten geben, die auf der Station beſchäftigt waren. Das geſchah am leichteſten und ausführlichſten durch eine Liſte, die dieſer vom Buchhalter erbeten und von ihm erhalten hatte. Auf derſelben ſtanden ſämmt⸗ liche Angeſtellte mit Namen und Alter, wie die Zeit, die ſie hier in Dienſten verbracht, aufgeführt. Dem abgelohnten Hüttenwächter war er ſelber auf der Straße begegnet, da er weiter oben den be⸗ fahrenen Weg verlaſſen hatte und durch den Buſch bis unter die Station geritten war. Die einzige nicht bekannte Perſon alſo, die ſich auf allen Beſitzungen Mr. Powell's befand, war der neu an Miller's Statt engagirte Hütten⸗ wächter, und der Wachtmeiſter, um auch über dieſen etwas Näheres zu erfahren, hatte ſchon Einen ſeiner ſchwarzen Truppe dorthin abgeſchickt, Kunde über ihn einzuholen. Wenn auch nicht wahrſcheinlich, war es doch eben möglich, daß er zu der in den Sümpfen zerſprengten Bande ge⸗ hört und ſeinen Weg hier glücklich hergefunden habe. Jedenfalls befand ſich die ſchwarze Polizei einmal zu dieſem Zwecke am Murray, die ganze — 248— Strecke genau zu revidiren, und that nur ihre Pflicht, wenn ſie keinen Fremden unbeachtet ließ. „Gut,“ ſagte Walker, als er den Bericht ver⸗ nommen,„den ausgeſandten Kundſchafter müſſen wir jedenfalls erwarten, ſobald der aber zurück iſt, brechen Sie mit dem Trupp wieder auf, dem Dar⸗ ling zu. Auf halbem Wege zwiſchen hier und dort machen Sie einen Tag Halt, die Gegend auszukundſchaften; am Darling hole ich Sie dann wieder ein. Vier Mann Ihrer Leute bleiben hier zu meiner Dispoſition.“ „Noch Nichts gehört, Herr Lieutenant,“ frug jetzt der Wachtmeiſter,„was aus unſerem beſten 8 Stück Wild geworden iſt— ob ſie ihn eingeholt unnd erwiſcht haben?“ „Ich glaube, ſie haben ihn,“ ſagte Walker—„im letzten Berichte iſt wenigſtens die Vermuthung ausgeſprochen worden. Heute oder morgen muß ich aber noch Näheres darüber erfahren. Ich habe meinen Diener deshalb auf der letzten Station zurück⸗ gelaſſen, damit Euch der Brief ſo raſch als mög⸗ lich erreiche.“ „Thäte mir leid um den hübſchen Preis,“ ſagte der Wachtmeiſter verdrießlich.„Wir habe immer die ſchwerſte Arbeit erſt, und die Nachzügl. ſchöpfen uns dann den Rahm von der Milch Dacht' es mir aber gleich, daß ſie uns den Verdienſt nicht gönnten.“ „Was thut's, wenn ſie ihn nur haben?“ er⸗ wiederte achſelzuckend der Officier.„Uebrigens können wir hier oben jedenfalls noch Priſengeld machen, denn es ſollte mich gar nicht wundern, wenn der Burſche, der da oben auf der Station ſitzt, jener Schuft„der rothe John“ iſt, wie ihn die Buſchrähndſcher nannten, und 100 Pfd. Ster⸗ ling ſtehn auch auf deſſen Kopf. Eine Flinte hat er wenigſtens bei ſich.“ „Alle Teufel,“ rief der Wachtmeiſter erſtaunt —„aber woher wiſſen Sie das?“ „Der Deutſche, den ich traf, als ich die Station umritt, und den er aus ſeinem Dienſt s vertrieben, hat es mir erzählt.“ „Ja, der iſt böſe auf ihn,“ ſagte der Wacht⸗ meiſter achſelzuckend.„Nein, der rothe John iſt es keinenfalls, denn der treibt ſich ſchon lange Jahre im Walde herum, und dieſen Burſchen hier kennt jener Herr im Hauſe, Mac Donald, von einer Station unten am Murray her.“ „Nun, wie dem auch ſei,“ erwiederte Walker —„dieſer rothe 2ee iſt ebenfalls noch auf freien Füßen, und aller Wahrſcheinlichkeit, ja allen auf⸗ gefundenen Spuren nach dem Murray zugeflohen. Kommen wir ihm aber hier auf die Fährte, ſo kann er uns weder rechts noch links in dem waſſer⸗ armen Buſche entgehen. Das Wild iſt jedenfalls umſtellt, und ich denke immer, wo wir den einen Burſchen antreffen, ſind ein Paar von den An⸗ deren auch nicht weit.“ „Deſto beſſer, die können wir gebrauchen,“ lachte der Wachtmeiſter,„meine Schwarzen bren⸗ nen überhaupt darauf, wieder einmal Arbeit zu bekommen.“ „Apropos,“ ſagte der Lieutenant, als er ſich zum Gehen wandte,„wohin iſt der Stamm, der hier geſtern lagerte? Sie haben ja wohl nach⸗ geſchickt, ſie aufzuſpüren.“ „Ja wohl, Herr Oberlieutenant. Sie ſind über den Fluß und drüben ein Stück in den Buſch hinein; nachher aber haben ſie ſich aufwärts ge⸗ halten und ſind weiter oben wirder herüber auf dieſe Seite übergeſetzt, um ſich jedenfalls mit der Bande, die vorgeſtern in die Schafe eingebrochen iſt, zu vereinigen.“ „Das dacht' ich mir; ich habe ihre Fährten etwa vier Miles von hier gefunden, trotzdem daß ſie dort ſämmtlich über den Weg hinüber und auf den graſigen Rand geſprln waren. Aber ſie haben Einen der ihrigen zum Spioniren zu⸗ rückgelaſſen.“ „Zum Spioniren wohl kaum— es iſt ein — 251— 4 armer Teufel von Krüppel, mit ein Paar Beinen wie ein Gerippe, die er nicht gebrauchen kann. Jedenfalls haben ſie zu ſpät Wind von uns ge⸗ kriegt und konnten den nicht ſo raſch mit fort⸗ bringen. Er ſitzt da drüben.“ „Gut. Sobald der Kundſchafter von der Schafſtation zurück iſt, laſſen Sie mich's wiſſen. Wen haben Sie hingeſchickt?“ „Kuyunko! Der kennt überhaupt die meiſten jener Burſchen, weil er zu dem Stamme gehört, zwiſchen dem ſie ſich eine Zeitlang herumgetrie⸗ ben.“ Am nächſten Morgen herrſchte reges Leben im M Lager der ſchwarzen Polizei, die, mit Ausnahme von Vieren, ihre Pferde herbeiholten und ſattel⸗ ten und ſich zum Aufbruche rüſteten. Einer der Schaar, den Walker zurückgelaſſen, war mit Briefen auf ſchäumendem Pferde angekommen, und der Lieutenant ſtand neben dem Wachtmeiſter, ſeine Befehle ertheilend, als Mac Donald zu ihnen trat. „Sie wollen ſchon wieder fort von hier?“ frug er, nach kurzem Gruß den jungen Officier. „Lieber Gott, unſer Leben iſt ein raſtloſes,“ erwiederte dieſer achſelzuckend;„Ruhe giebt es für 8—2 252— uns nicht, und je wohler wir uns auf einer Stelle fühlen, deſto ſicherer können wir darauf rechnen, daß wir ſie bald wieder verlaſſen müſſen.“ „Sie haben Depeſchen bekommen, wie ich ſehe,“ ſagte Mac Donald. „Neue Hetzereien,“ erwiederte ziemlich mürriſch der Officier. „Die doch auch wieder ihr Intereſſe haben müſſen,“ fiel der Fremde ein.„Iſt es doch eine Art von Jagd, auf der Sie ſtets begriffen ſind, und wer da Freude daran findet, wird trotz aller Mühſeligkeiten und Beſchwerden, ja ſelbſt Gefahren nicht müde. Wie monoton iſt dagegen ein Leben auf dieſen abgelegenen Stationen!“ „Und doch vertauſchte ich es gern und gleich,“ erwiederte Walker raſch.„Sieben Jahre bin ich jetzt Menſchenfänger.“ „Edles Wild,“ lächelte Mac Donald. „Edel?“ rief Walker, verächtlich die Lippen emporwerfend;„wenn Sie das Wild ſo kennten, wie ich, würden Sie den Namen edel nicht dafür mißbrauchen. Die Romantiker allerdings erzählen uns von edelmüthigen großherzigen Räubern, die nur reiche Prälaten und Miniſter plünderten, und den Armen mit vollen Händen gaben. Die Race muß aber ausgeſtorben ſein, oder findet ſich wahrlich nicht in Auſtralien, denn die nichtswürdig⸗ — 253— 3 8 ſten Mordthaten und Plünderungen ſind an der Tagesordnung, wo einmal ein Sträfling ſeine Ketten bricht.“ „Sollte wirklich kein einzig Guter unter ihnen ſein?“ lächelte Mac Donald.„Ihr Herren von der Polizei ſeid nur zu ſehr geneigt, jeden Men⸗ ſchen ſo lange, als er ſich nicht als ehrlich legiti⸗ mirt hat, für einen Schurken zu halten. Und ſelbſt in dem Falle käme er nur auf die Liſte Derer, gegen die eben noch keine Anklage vor⸗ liegt.“ „Und wenn man fortwährend mit dem Aus⸗ wurfe der Geſellſchaft verkehrt, immer nur Bei⸗ ſpiele von Schlechtigkeit vor Augen ſieht, muß da nicht der Gutmüthigſte zuletzt an der Menſchheit verzweifeln?“ rief der Lieutenant.„Erſt jetzt iſt wieder, kaum funfzehn Miles von uns entfernt, ein ſcheußlicher, nichtswürdiger Mord verübt worden.“ „Ein Mord?“ rief Mac Donald, raſch und erſchreckt. 1 „Und mit blutdürſtigſter Grauſamkeit,“ beſtätigte der Officier.„So eben bringt mir mein Burſche die Nachricht. Ein Reiſender, der vom Darling herunterkam, iſt in einer Biegung, die der Fluß dort macht, und zwar nicht von Schwarzen, ſondern * Fluß iſt von dort, wo er den Mord verübt, meh⸗ —— 254— von einem Weißen erſchlagen und beraubt wor⸗ den.“ „Und haben Sie eine Ahnung, wohin ſich der Verbrecher gewandt haben könnte?“ „Ahnung?“ ſagte Walker verwundert,„was brauch' ich dazu für eine Ahnung?— Ich ſetze ſechs von meinen Bluthunden auf die Fährte, und da müßte es mit dem Böſen zugehen, wenn wir den Mörder nicht in wenigen Tagen hätten. Mein Bote konnte ſich leider nicht aufhalten. Nur im Vorbeireiten machten ein Paar wilde Hunde auf⸗ maerkſam und er fand den unter Aeſten und Rin⸗ denſtücken ziemlich ſorgſam verſteckten Körper.“ „Aber woher vermuthen Sie, daß ein Weißer den Mord verübt?“ „Aus den einfachſten Gründen. Erſtlich iſt der Todesſtoß mit einem breiten Meſſer geführt, wie es kein Schwarzer trägt, und dann hat der Räuber das Geld und die Schuhe mitgenom⸗ men, und ſeine alten Schuhe dafür zurück⸗ gelaſſen.“ „Da begreif' ich gar nicht, weshalb er nicht das Alles in den Fluß geworfen?“ ſagte Mac Donald,„das muß jedenfalls ein ungeübter Ver⸗ brecher geweſen ſein.“ „Ich glaube kaum,“ ſagte Walker—„der 4 rere Miles entfernt, und er hätte mehr Spuren— hinterlaſſen, wenn er ihn dahin geſchafft, als wenn er ihn eben nothdürftig verſteckt, wo er war. Blieb dabei der Körper nur noch zwei Tage dort unentdeckt, ſo hätten ihn auch die wilden Hunde ſchon ſo unkenntlich gemacht, daß man nicht mehr viel damit anfangen konnte. Uebri⸗ gens ſcheint dem Mörder auch wirklich nur daran gelegen geweſen zu ſein, von dem Platze fortzukommen. Entdeckung hat er wohl gar nicht gefürchtet, da er nicht wiſſen konnte, daß ihm die ſchwarze Polizei ſobald über den Hals kommen würde. Aber den Burſchen will ich hängen ſehen, und müßte ich ein halbes Jahr dieſen Buſch durchſtöbern oder auf ſeinen Fährten bleiben. Nicht allein deshalb, ihn der verdienten Strafe zu überliefern— es iſt zur Ehrenſache geworden, einen faſt unter den Augen der Polizei verübten Mord nicht ungerächt zu laſſen.“ „Ich hoffe zu Gott, daß Sie den Thäter fin⸗ den,“ ſagte Mac Donald,„unſer Aller Sicher⸗ heit iſt ernſtlich gefährdet, wenn ſolche Burſchen frank und frei draußen herumſtreifen dürfen.“ Mac Donald ſah übrigens, daß Lieutenant Walker noch beſchäftigt und ihm die Gegenwart des Fremden vielleicht nicht angenehm war; er ſchritt daher, ſich leicht verbeugend, langſam durch einen der dort haltenden Trupps der Schwarzen hin, den Stationsgebäuden zu. Lieutenant Walker hatte allerdings noch Manches mit ſeinem Wacht⸗ meiſter zu beſprechen, und dieſer empfing jetzt ſeine Befehle, nach denen er mit ſechs von den Reitern die Straße ſtromauf ſprengte. Ein anderer Trupp wurde zur entgegengeſetzten Richtung fortgeſchickt, und nur einige Mann in den Buſch hinein beordert. Kuyunko, der nach der Schafſtation geſchickte Schwarze, war nämlich nicht zurückgekehrt, und um zu wiſſen, was aus ihm geworden, wurden ihm zwei andere Polizeiſoldaten nachgeſchickt. Der Officier blieb allein auf der Station zurück, wo er auf ſein Zimmer ging, und dort etwa eine Stunde mit Schreiben beſchäftigt blieb. Als er damit fertig war, ging er in das Familienzimmer hinüber, Herrn Powell aufzuſuchen. Auf ſein raſches Anklopfen antwortete ihm Sa⸗ rah's Stimme, und als er die Thür öffnete, trat ihm das junge Mädchen allein entgegen. „Entſchuldigen Sie die Störung, mein Fräu⸗ lein,“ ſagte der junge Officier, einen flüchtigen Blick im Zimmer umherwerfend,—„ich ſuchte Ihren Vater.“ „Er iſt mit Mutter und Lisbeth vor einer Viertelſtunde etwa nach der neuen Einfriedigung hinaufgegangen,“ lautete Sarah's etwas befangene — — 257— Antwort.„Mr. Bale iſt, wie ich höre, mit einer zufällig im Buſche gefundenen Herde, die wir ſchon lange vermißt, raſcher, als wir erwarteten, zurück⸗ gekehrt, und Vater ging hin, ſie anzuſehn. Sie werden ihn dort ſicher treffen.“ Walker ſtand an der Thür wie unſchlüſſig, ob er gehen oder bleiben ſolle. Das Bewußtſein aber, daß dieſer Augenblick vielleicht für ihn nie wiederkehre, da ihn der morgende Tag möglicher Weiſe weit von hier fand, ließ ihn langſam von der Thür zurücktreten, und er ſagte mit faſt zit⸗ ternder leiſer Stimme: „Wenn Sie mir erlauben, der Lyuerwarte ich ihn dann hier.— Wer weiß, welchen Anſtren⸗ gungen und langen Ritten ich jetzt wieder aus⸗ geſetzt bin, und die kurze Ruhe vorher wird mir gut thun.“ Sarah neigte ſich flüchtig gegen ihn— ſie wollte antworten, aber ſie vermochte kein Wort über die Lippen zu bringen. Oft geſchieht es im Leben, daß, wenn uns irgend ein bedeutendes Er⸗ eigniß bevorſteht, die Ahnung deſſelben bewälti⸗ gend über uns hereindringt. Wie eine nahende, vor den Augen liegende Gefahr preßt es uns, wir wiſſen ſelbſt nicht warum, Herz und Bruſt zuſammen; die Pulſe hören auf zu ſchlagen, wir können nicht mehr athmen, und gewaltſam faſt Gerſtäcker. I. 17 258— muß der Geiſt zuletzt den Körper zwingen, ihm wieder zu gehorchen. So war es beiden jungen Leuten zu Muthe, als ſie allein hier einander gegenüberſtanden. Sie fühlten, daß dieſer Augenblick entſcheidend für ſie ſein müſſe. Sarah's Scharfblick war es nicht entgangen, welche Gefühle ſie, ſchon in Syd⸗ ney, wenn auch ſälbſt vollkommen unfreiwillig, in der Bruſt des Officiers geweckt, und Walker, der das junge bildſchöne Mädchen mit aller Gluth einer erſten heißen Leidenſchaft liebte, hatte die Hoffnung, ſie einſt die Seine zu nennen, trotz ihrem zuriev alleiben Weſen nicht aufgegeben. Hielt er es doch für mädchenhafte Schüchternheit, daß ſie ihm auswich, wo ſie irgend konnte, und jeder Erklärung von ſeiner Seite, die ihm ſchon mehrere Male auf der Zunge geſchwebt, mit ängſt⸗ licher Scheu faſt vorbeugte. Jetzt war der entſcheidende Moment erſchie⸗ nen; der nächſte Tag trennte ſie vielleicht wieder auf lange Monate, wenn nicht auf Jahre, denn ſeine Pflicht rief ihn bald da⸗ bald dorthin, ohne Rückſicht darauf, wohin das Herz ihn zog. We⸗ nigſtens die Gewißheit wollte er deshalb mit ſich in die Ferne nehmen, ob die Zukunft ſeine Hoffnungen und Träume erfüllen würde, oder — 25⁵59— ob er es in Verzweiflung aufgeben müſſe, das Herz der harten Schönen zu gewinnen. Von Beiden ſammelte ſich Sarah aber doch zuerſt. Ihr Gaſt durfte nicht ahnen, was in ihrem Herzen vorgehe, und mit Gewalt ihre Aufregung bezwingend, vielleicht auch in der Angſt, dem Gegner nicht Zeit zu geben, ſein Wort an ſie zu richten, griff ſie ihr Bonnet auf und ſagte freundlich: „Iſt es Ihnen recht, ſo führ' ich Sie hin⸗ aus— ich habe doch mit meiner Mutter etwas zu beſprechen.“ Sie wollte, an ihm vorbei, der Thür zuſchrei⸗ ten. Schon ſtreckte ſich ihre Hand nach der Klinke aus— draußen, das wußte ſie, war ſie ſicher. „Miß Sarah,“ rief da Walker, dem der drän⸗ gende Augenblick auch den Muth gab, ihm zu begegnen, ja der ihn ſogar zwang, die koſtbare Zeit nicht zu verſäumen,„wollen Sie mir ver⸗ ſtatten, daß ich nur wenige Worte an Sie rich⸗ ten darf?“ Er verſuchte dabei ihre Hand zu ergreifen, die ſie ihm aber ängſtlich entzog, und deutete dann mit bittender Geberde auf einen Stuhl, damit ſie ihm nicht durch ihre Flucht die Möglichkeit zum Reden benähme. Sarah zögerte einen Augenblick, aber ſie fühlte 17* — 260— auch, daß ſie jetzt unmöglich anders könne, als ihn anzuhören. Die Kniee verſagten ihr dabei den Dienſt, und ſie ſank auf den nächſten Stuhl, indem ſie mit faſt flüſternder Stimme ſagte:„Was wünſchen Sie?“ Dieſe augenſcheinliche Angſt von ihrer Seite gab ihm Muth und mit feſter, ruhiger Stimme fuhr er fort: „Miß Sarah, es kann Ihnen kaum noch ein Geheimniß ſein, wie tief ſich ſeit dem erſten Au⸗ genblicke, wo ich Sie geſehen, Ihr Bild in meine Bruſt gegraben. Bitte, unterbrechen Sie mich nicht— vergönnen Sie wenigſtens den Gefühlen, die mir ſeit Jahren das Herz beengt und es bald mit frohen Hoffnungen, bald mit quälender Angſt erfüllt haben, Raum— um Worte zu finden. Ich liebe Sie— liebe Sie mit aller der treuen, aufrichtigen Gluth, deren ein Mann fähig iſt zu lieben, und von Ihrem Ausſpruche— ob er freundlich— ob er abweiſend für mich ausfällt, hängt vielleicht das ganze Glück meiner Zukunft, meines Lebens ab.— Was mich ſelber betrifft, ſo bin ich allerdings noch gezwungen, einige we⸗ nige Jahre das wilde bewegte Leben, das ich ein⸗ mal zu meinem Berufe gewählt, fortzuführen. Begünſtigt mich aber das Glück nur ein ganz klein wenig— und an Eifer und Ausdauer von meiner — 261— Seite ſoll es wahrlich nicht fehlen, ſo ſteht mir in nächſter Zeit ein vortheilhaftes Avance⸗ ment bevor, das mich nicht allein pecuniär unab⸗ hängig ſtellt, ſondern mir auch erlaubt, mit weni⸗ gen Unterbrechungen, meinen bleibenden Wohnſitz in einer Stadt— in Sydney— zu nehmen.— Werden Sie dann mein Weib— vertrauen Sie mir das Glück, den Frieden Ihrer Zukunft, und ſeien Sie verſichert, daß Sie es in keines Andern Hände legen könnten, der es treuer, der es red⸗ licher mit Ihnen meint. Ich bin nicht von gro⸗ ßer Herkunft,“ fuhr er mit treuherziger, offener Stimme fort,„was ich bin— was ich habe, ver⸗ dank' ich mir ſelber und meinem Fleiß. Werfen Sie in die Wagſchale noch meine innige heiße Liebe für Sie, und laſſen Sie mich wenigſtens hoffen, daß ich, wenn ich zu Ihnen zurückkehre, einen freundlichen Willkommen erwarten darf.— Ich habe Sie überraſcht,“ ſetzte er, ehe ſie etwas erwiedern konnte, hinzu,„mein kühner Antrag kam Ihnen zu unerwartet.— Sie verlangen Zeit — Sie wollen ſich bedenken.— Zürnen Sie mir auch nicht der Haſt wegen, mit der ich meinen Antrag jetzt betrieben.— Bedenken Sie, daß mich ſelber die mir ſo karg zugemeſſene Zeit dazu ge⸗ drängt, und geſtatten Sie mir, morgen früh das Ja oder Nein von Ihren Lippen zu hören.“ — 262— Er war aufgeſprungen, hatte ſeine Mütze er⸗ griffen und wollte raſch das Zimmer verlaſſen. Jetzt aber hielt Sarah ihn zurück. Reden konnte ſie freilich nicht gleich— kein Wort brachte ſie über die Zunge, nur der ausgeſtreckte Arm, der bittende, ängſtliche Blick befahl ihm zu bleiben, und ſchweigend, ja zitternd vor Erwartung und Aufregung gehorchte er. Endlich rangen ſich ihr mühſam die Worte los, und nur während ſie ſprach, gewann ſie wie⸗ der Bewegung und Leben, gewann ſie ihre ganze Faſſung und Ruhe wieder, wenn auch Todtenbläſſe ihre Wangen dabei färbte. „Herr Walker,“ ſtammelte ſie—„Sie haben — Sie haben mich in der That mit— mit Ihrem Antrage— überraſcht, aber— gehen Sie nicht fort— jetzt nicht fort; es muß vor allen Dingen Wahrheit zwiſchen uns herrſchen. Ihr Antrag ehrt mich— Sie ſind auch, ſoviel ich von Ihnen gehört habe, als ein braver, tüchtiger Mann bekannt, und— meine Anſprüche an das Leben beſcheiden genug, aber—“ „Miß Sarah!“ „Ich kann nie die Ihre werden.“ Walker erwiederte kein Wort. Viele Minuten lang ſtand er ihr ernſt und ſchweigend, mit bleichen, — 263— zitternden Lippen gegenüber. Endlich flüſterte er mehr, als er ſprach: „Darf ich wiſſen warum?“ „Es iſt meine Pflicht, es Ihnen zu ſagen,“ erwiederte Sarah.„In voller Aufrichtigkeit ha⸗ ben Sie mir Ihr ganzes Herz geöffnet— ich will Ihnen darin nicht nachſtehen. Ich— liebe ſchon.“ „Sie lieben? rief Walker in furchtbarer Auf⸗ regung,„und der— doch nein,“ unterbrach er ſich ſelber raſch und faſt erſchreckt,„ich habe kein Recht, weiter in Sie zu dringen, und muß Ihnen noch dankbar ſein, daß Sie ſo offen gegen mich waren. Mögen Sie glücklich— mag der Mann Ihrer Wahl auch Ihrer werth ſein, Miß Sarah; Gott iſt mein Zeuge, wenn ich auch mein eigenes Glück im Auge hatte, als ich um Ihre Hand an⸗ hielt, ſo möchte ich das nicht mit einer einzigen traurigen Stunde Ihres Lebens erkaufen.“ „Herr Walker,“ ſagte Sarah gerührt. „Es iſt vorbei,“ erwiederte der junge Mann; „mein Traum iſt aus. Ich hatte einſt gehofft, Ihr liebes Haupt vor Gefahren ſchützen, Ihren Lebenspfad ebnen zu dürfen. Es ſoll nicht ſein, und ich glaube, den Glücklichen zu kennen, dem ſolch frohes und ſchönes Loos beſchieden iſt. — Mögen Sie Ihre Wahl nie bereuen, das iſt — 264— mein heißeſter Wunſch— aber— wehe auch dem Mann, wenn er Sie täuſchen ſollte,“ ſetzte er plötzlich mit leiſer, doch furchtbar erregter Stimme hinzu, und es war faſt, als ob die Aufregung das Wort auf ſeine Lippen bannte. Er brauchte wenigſtens eine Minute, ſich zu ſammeln; dieſe genügte aber vollkommen, ſeiner überwallenden Gefühle wieder Herr zu werden, und mit voll⸗ kommen ruhiger, leidenſchaftloſer Stimme fuhr er endlich wieder fort; „Meine Pflicht bannt mich heute noch an dieſe Räume. Heute Abend oder morgen früh erwarte ich einen Theil meiner Leute zurück, die einen Mörder aufzuſpüren haben. Ich kann nicht vermeiden, Ihnen in dieſer Zeit zu nahen, aber kein Blick, kein Wort von mir wird Sie wieder an dieſe Stunde erinnern. Morgen mit dem Früheſten breche ich von hier auf— vergeſſen Sie wenigſtens bis dahin, Miß, daß ich einſt ſol⸗ chen kühnen Hoffnungen Raum gegeben.“ Sarah wollte ihm erwiedern, aber er ſtreckte wie bittend und abwehrend die Hand nach ihr aus, öffnete die Thür, die er raſch wieder hinter ſich zumachte, und— hätte faſt einen Schrei der Ueberraſchung ausgeſtoßen, denn vor ihm, kaum zwei Schritte von der Thür entfernt, ſtand Mac Donald. Ehe er aber nur ein Wort ſagen, eine Frage an ihn richten konnte, verneigte ſich der Fremde leicht gegen ihn, und ſchritt den ſchmalen Gang hinab, der zu ſeinem eigenen Zimmer führte. Walker blieb wie auf die Stelle gebannt, und ſtarrte ihm nach, als ob er einen Geiſt geſehen hätte. War Jener eben erſt in's Haus getreten, oder hatte gerade er ſeine Unterredung mit Sa⸗ rah gehört?— War er Zeuge geweſen, wie— das Blut ſchoß ihm in Strömen nach dem Her⸗ zen zurück, und er machte eine Bewegung, als ob er dem Fremden folgen wolle. Nur für einen Moment gewann aber dieſer Gedanke Raum in ihm; im nächſten ſchon wandte er ſich ab, verließ raſch das Haus, beſtieg ſein nicht weit davon auf ihn harrendes und fertig geſatteltes Pferd, und ſprengte in wilder, faſt ängſtlicher Haſt in den Buſch hinein. Mae Donald aber ging in ſein Zimmer, ſchloß die Thür hinter ſich ab, warf ſich auf einen Stuhl und ſaß dort viele, viele Minuten lang, das Ge⸗ ſicht in den Händen bergend. Kein Seufzer hob ſeine Bruſt, kein Wort kam über ſeine Lippen, kein Zucken, keine Bewegung ſeines Körpers ver⸗ rieth, daß er Leben, daß er Athem habe. Nur erſt, als er die Familie in's Haus zurückkehren hörte, ſtand er plötzlich auf, ging ein Paar Mal — 266— mit raſchen Schritten und verſchränkten Armen in ſeinem Zimmer auf und ab, und trat dann, wie von einem plötzlichen Entſchluß erfaßt, zu ſei⸗ ner Satteltaſche, die er feſt, wie zur Abreiſe packte. Ebenſo ſah er ſeine Waffen nach, zog die alten Schüſſe aus ſeinen Piſtolen, reinigte und lud ſie friſch, und warf ſich dann, angekleidet, wie er war, auf ſein Lager, um den eigenen Gedanken ſtill und ungeſtört nachzuhängen, bis er hinüber in das Familienzimmer gerufen werden würde. j 3 Aunnnn „ 7 4 7* 9), 4— N aiſ ſ. ℳ 2◻ 4 4 A rneee AA 4 4 7 ◻‿ꝶ 6 A 11. Capitel. ☛—— 4 M 8 1 Lieutenant Walker war indeſſen mit verhäng⸗ ten Zügeln in den Buſch hinein geritten. Wohin? wußte er ſelber kaum, und nur ſammeln wollte er ſich; ſein kaltes, ruhiges Blut wollte er wiederge⸗ winnen, ehe er, heute zum letzten Male in den Kreis einer Familie trat, in der er ja doch ſein Herz zurückließ. Der Gedanke an Flucht drängte ſich ihm freilich auf— nie, nie die wieder zu ſehen, die er ja doch nicht hoffen durfte, ſein zu nennen— aber das ging nicht. Der Fremde war Zeuge ſeiner Abweiſung geweſen— er mußte gehört haben, wie ſie mitſammen ſprachen, denn die dünne Wand konnte ihm die Worte nicht ver⸗ bergen— und dem galt es noch zu beweiſen, wie er das Feld räume.— Der ſcharfe Ritt übte bald ſeine Wirkung au — 268— den überhaupt charakterfeſten und jedem andern Schlag des Schickſals kalt begegnenden Mann, und eben hatte er wieder den Kopf ſeines Pfer⸗ des der Station zugekehrt, als dieſes die Ohren ſpitzte und laut und hell aufwieherte. Ein anderes Pferd, nicht weit im Buſche drin, antwortete, und gleich darauf kam einer ſeiner ausgeſandten Kund⸗ ſchafter auf abgehetztem Thiere durch den raſcheln⸗ den Malleybuſch, während der ſchwarze Burſche, der ſei ſchon im Sattel ſaß, mit Ann Officier erkannte. „Nun, Mabong, wie ſteht’s?— Habt Ihr ihn gefunden?“ rief Walker, ſein Pferd raſch ge⸗ gen ihn wendend. „Kuyunko hat!“ rief der Schwarze finſter— „iſt gerade ſo gezeichnet jetzt wie weißer Mann im Buſche drin.“ „So war der Mörder wirklich jener neue Hüttenwächter?“ Der Schwarze nickte nur einfach mit dem Kopfe. „Ihr ſeid ſeiner Spur gefolgt?“ „Schritt auf Schritt. Neue Schuh machen tiefe Spuren.“— „Und Ihr fandet?“ „Kuyunko todt— weißer Mann fort— aber auch Blut in der Fährte. Kuyunko hat geſchoſſen.“ . 269— „Kuyunko todt?“ rief der Officier erſchreckt— „aber Ihr ſeid der Spur gefolgt?“— „Gewiß— bis zum Fluß— viel Blut dort; durchgeſchwommen. Fanden am andern Ufer auch wieder Blut— aber nicht weiter— muß auf dem Grunde liegen. Officier ſoll jetzt mitkommen. Schwarze Polizei will den Körper ſuchen— viel⸗ leicht iſt er Gold werth.“ „Du haſt recht,“ ſagte Walker, augenſcheinlich zerſtreut, denn er hatte die letzten Worte kaum gehört,„Wir wſen dfſfe, wer der Mörder war; iſt doch vielleicht auch noch ſonſt ein Preis auf ſeinen Kopf geſetzt. Hat ihn keiner von Euch geſehen?“ frug er dann plötzlich, als ob ihn ein neuer Gedanke durchzucke. „Nein— geſehen nicht,“ lautete die Antwort. „Ihr habt dann Nuch keine Ahnung, wer es ſein könne?“ „Rothe John,“ ſagte kaltblütig, und ohne eine Miene zu verziehen, der ſchwarze Polizeiſol⸗ dat, und Walker griff ſeinem Pferde ſo raſch und plötzlich in die Zügel, daß es hoch auf⸗ bäumte. „Der rothe John?“ rief er dabei, das unter ihm tanzende und ſpringende Thier gar nicht be⸗ achtend, und nur mit eiſernem Griff und Schen⸗ keldruck bändigend;„aber wer will das behaupten, wenn Ihr ihn nicht geſehen?— Hat Kuyunko vielleicht noch gelebt?“ „Nein— war todt— aber rothe John's Schuh ſtanden bei der erſten Leiche. Schwarze Mann braucht nicht mehr.“ „Die Schuhe— es iſt wahr. Und wer kannte die Fährte?“ „Mabong!“ ſagte dieſer. „Wo iſt der Wachtmeiſter?⸗ rief der Lieute⸗ nant raſch. „Drüben am Fluß wens Burſchen ſuchen unten nach Leiche. Officier ſollte hinkommen und weiter befehlen.“ „Wie weit von biete⸗ „Fünf, ſechs Miles!— Fluß macht großen Bogen dort hinauf.“ „So komm erſt mit zum Hauſe,“ ſagte Walker. „Dein Pferd bedarf der Ruhe, und ich ſelber— muß dort erſt Jemanden ſorechen, ehe ich Dir zu den Unſeren folge.“ Langſam drehte er dabei den Kopf ſeines Pferdes wieder der Hauptſtation zu, deren Rich⸗ tung ſchon das Knallen der ſchweren„Stock“⸗ Peitſchen anzeigte. Mabong ritt, vollkommen gleichgültig, was ſein Officier weiter beſtimmen würde, und gewohnt zu gehorchen, langſam hinter ihm drein. — 271— Erſt an der Fenz, in der die Leute noch immer beſchäftigt waren, das wilde Vieh zu ſondern, und einzelne Thiere, denen das Zeichen noch nicht ein⸗ gebrannt war, mit dieſem zu verſehen, zügelte er ſein Thier ein. An der Ecke der Fenz ſtand Mr. Powell mit ſeinem Aufſeher, Mr. Bale.— Die Frauen waren ſchon zum Hauſe gegangen und kamen dem Gaſte einige Schritte entgegen. Ihre Pferde hatten die Männer nicht weit davon an den ſchwankenden Aeſten eines Malleybuſches be⸗ feſtigt. „Meine Herren,“ redete ſie Lieutenant Walker an.„Es thut mir leid, Ihnen die unangenehme Nachricht zu bringen, daß Ihr neuer Hütten⸗ wächter ſeinen Poſten wieder verlaſſen hat.“ „Alle Teufel,“ rief Bale,„da ſoll den Kerl der Henker holen; ich habe ihn erſt ſelber ein Pfund Tabak hinaufgebracht.“ „Das würde der Henker auch gewiß ſehr gern thun,“ erwiederte Walker lächelnd,„wenn er ihn eben nur bekommen könnte. Ich fürchte, er iſt, ertrunken.“ „Ertrunken?— auf der Station?“— lachte Bale.„Wir müſſen das Trinkwaſſer in Kübeln hinaufſchaffen.“ „Und trotzdem iſt er im Fluſſe ertrunken. Seien Sie übrigens froh, daß Sie ihn los ſind. — 222— „ Es war einer der berüchtigſten und gefährlichſten Buſchrähndſcher, die den Wald bis jetzt unſichet gemacht, und hat erſt vor wenigen Tagen wieder einen Reiſenden ermordet.“ „Das iſt nicht übel,“ rief Mr. Powell,„und doch können wir Gott danken, von dem gefähr⸗ lichen Menſchen noch auf dirſe Weiſe erlöſt zu ſein.“ „Dacht' ich mir's doch, daß es mit dem Bur⸗ ſchen nicht ganz richtig wäre,“ ſagte Bale, lang⸗ ſam dazu mit dem Kopfe nickend,„aber wie in aller Welt ſind Sie ihm ſo raſch auf die Spur gekommen?“ Der Officier antwortete nicht gleich, denn ſeine Aufmerkſamkeit war gerade in dieſem Augen⸗ blicke auf die beiden an dem Malleybuſch befeſtig⸗ ten Pferde gerichtet worden, an die er auch ohne Weiteres hinanritt und ſie genau und mit Kenner⸗ blicken betrachtete. „Das ſind ein Paar tüchtige Thiere,“ ſagte er, indem ſein Auge auf dem Grauſchimmel haf. tete—„hier gezogen?“ „Der Braune, ja,“ ſagte Bale, der zu ihm herantrat, denn ſeine Pferde hörte jeder Squatter nur zu gern loben;„der Graue iſt von unten herauf.“ „Gehört Ihnen? 2 — 273 „ Mr. Mac Donald hat ihn mit aus den Anſiedelungen gebracht.“ „Mr. Mac Donald— ſo? Da iſt ein R. L. auf der Hüfte, nicht wahr?“ „Ja, aber ich kenne das Zeichen nicht, in un⸗ ſerer Gegend haben wir kein ähnliches—“ „Ich hatte einſt ein Pferd, das dieſem hier auf ein Haar glich,“ ſagte Walker, noch immer kein Auge von dem Thiere verwendend,„aber es wurde mir unter dem Leibe von einem Buſch⸗ rähndſcher erſchoſſen, und ich habe nie ein beſſe⸗ res wiederbekommen.— Sie wiſſen wohl nicht zufällig, was Mr. Mae Donald für dieſes Pferd gezahlt hat?“ „Funfzehn Pfd. Sterling mit Sattel und Zaum, wie er uns ſagt.“ „Funfzehn Pfund?— rief der Officier, ſich raſch nach ihm umdrehend. „Nun ſo ſehr billig iſt es gerade nicht,“ ſagte der Aufſeher,„und meiner Meinung nach immer ein ganz anſtändiger Preis.“ „Aber Mr. Walker, wie entſetzlich blaß Sie heute ausſehen!“ unterbrach in dieſem Augenblicke Mr. Powell das Geſpräch, indem er zu dem jun⸗ gen Officier trat und ihm die Hand auf das Gerſtäcker. I. 18 = 24— Knie legte.„Es iſt mir vorhin gar nicht ſo auf⸗ gefallen. Fühlen Sie ſich etwa nicht wohl?“? „Vollkommen, ich danke Ihnen,“ ſagte der junge Mann, deſſen Wangen ſich bei dieſer Be⸗ merkung etwas mehr färbten, obgleich er indeß kaum im Stande war, zu verbergen, daß heute etwas Außergewöhnliches in ihm vorgehe. Seine Bruſt verlangte nach Luft, und unwillkürlich faſt berührte der ſcharfe Sporn die Flanken ſei⸗ nes Thieres, auf das er jetzt für kurze Zeit ſeine Aufmerkſamkeit richtete. Als er es wieder beru⸗ higt hatte, ſtieg er ab, warf ihm den Zügel über den Nacken und wollte es der Einfriedigung zu⸗ führen; Bale litt es aber nicht, nahm es ihm ab und ſagte: „Sie branchen es doch heut' Abend nicht mehr, nicht wahr?“ „Nein— aber morgen früh—“ „Gut, dann werd' ich es ſchon verſorgen. Aber, Wetter noch einmal! wenn die Sache da draußen ſo ſteht, thäte es ja am Ende Noth, daß ich lieber gleich noch heut' Abend auf die Station hinausritte—“ „Beruhigen Sie ſich darüber vollkommen,“ verſicherte ihn Walker.„Heute Abend iſt es kei⸗ nesfalls nöthig, da die Nähe meiner Leute dort jede mögliche Gefahr abhält. Morgen früh haben Sie Zeit genug—“ „Aber wie ſind Sie auf die Spur gekommen — wie iſt Alles geſchehn?“ frug Mr. Powell. „Ich kann Ihnen das wirklich ſelber nicht ge⸗ nau ſagen, wich Walker aus. Der Bericht, den ich von meinem Boten habe, iſt nur höchſt dürf⸗ tig; morgen früh werden wir aber jedenfalls Alles ausführlich hören. Am beſten wird es wohl über⸗ haupt ſein, die Damen heute gar nicht damit zu beunruhigen.“ „Die Gefahr iſt ja, Dank Ihrer zeitigen Hülfe, vorüber,“ ſagte Mr. Poyell;„und ich glaube ſelber, daß es das Beſte iſt, darüber zu ſchweigen, bis wir wenigſtens genauen Bericht über die Sache haben. Aber jetzt kommen Sie, Sir, unſere Ar⸗ beit hier iſt beendet, und wir wollen zum Hauſe zurückkehren.“ Mr. Walker's Arm ergreifend, ſchritt er mit dieſem die Fenz entlang, als ihnen der ſchwarze Bote begegnete, wahrſcheinlich um weitere Be⸗ fehle von ſeinem Vorgeſetzten zu erhalten. Dieſer machte ſich, als er ihn ſah, raſch von Mr. Powell's Arm los, der indeſſen langſam dem Hauſe zu⸗ ſchritt, flüſterte ihm einige Worte in's Ohr, die dieſer mit einem leichten Kopfnicken erwiederte, und folgte dann ſeinem Wirth. Walker hatte ſich auch wieder vollkommen ge⸗ ſammelt. Nur als er auf’s Neue die Schwelle 48* betrat, auf der, vor ſo kurzer Zeit erſt, alle ſeine freudigen Hoffnungen und Träume für immer ver⸗ nichtet waren, fühlte er doch, daß er kaum im Stande ſein würde, die furchtbare Aufregung, die ſich ſeiner ganzen Seele bemächtigt hatte, zu be⸗ wältigen. Trotzdem, daß er ſeine Züge in die gewohnte Ruhe zwang, ſah ſein Antlitz todten⸗ bleich aus, und das Herz ſchlug ihm faſt hörbar in der Bruſt. Selbſt bei der ſchon einbrechenden Dämme⸗ rung entging auch ſein Ausſehen dem ſcharfen ſorgenden Blick der Miſtreß Powell nicht, die, als er nur das Zimmer betreten, erſtaunt zu ihm auf⸗ ſchaute und mit ängſtlicher Stimme fragte: „Um Gottes Willen, Mr. Walker, was iſt Ihnen begegnet? Sind Sie krank?“ „Sie ſehen aus wie eine Leiche,“ rief auch Lisbeth, die mit Mac Donald im eifrigen Ge⸗ ſpräch an einem der Fenſter geſtanden hatte, in⸗ dem ſie jetzt auf ihn zukam.„Iſt etwas vor⸗ gefallen?“ „Aengſtigen Sie ſich nicht meinetwegen, mein Fräulein,“ lachte der junge Mann, ſich jetzt ge⸗ waltſam zuſammennehmend, indem er die Damen achtungsvoll grüßte.„Ich fürchte, ich habe mich in der letzten Woche doch ein wenig zu ſehr an⸗ geſtrengt, und dieſen Nachmittag plagte mich hef⸗ — 277— tiger Kopfſchmerz. Der iſt jetzt vorüber, und morgen hoff' ich wieder ſo friſch und wohl zu ſein als je.“ Mac Donald heftete ſeinen Blick, während er mit den Damen ſprach, lange und forſchend auf ihn, ſchlug ihn aber zu Boden, als er dem des Officiers begegnete, und wandte ſich ſeufzend von ihm ab, dem Fenſter zu. Der ſchwarze Polizei⸗ ſoldat kam gerade auf das Haus zu, warf einen forſchenden Blick auf den Fremden, den er am Fenſter ſah und verſchwand in der Thür. „Mr. Walker hat den Kopf voll von ſeinen Geſchäften,“ entſchuldigte ihn jetzt Mr. Powell, „da müßt Ihr ihm ſchon etwas nachſehn. Wenn er mehr zu Ruhe kommt, wird er ſich auch wohler und behaglicher fühlen. Aber komm, Sarah, ſpiel' uns etwas, bis Licht und Eſſen ge⸗ bracht wird, das wird uns Alle zerſtreuen. Hören Sie gern Muſik, Mr. Walker?“ „Sehr gern,“ erwiederte der junge Mann. „Es iſt das einer der Genüſſe, die wir armen Wald⸗ menſchen faſt das ganze Jahr entbehren müſſen; um ſo freudiger begrüßen wir ihn aber, wenn er uns einmal geboten wird.“ „Wird aber dann faſt mehr zum Schmerz, als zum Genuß,“ warf Mac Donald ein. — 278— „So hören Sie Muſik nicht gern?“ frug Mrs. Powell raſch und erſtaunt. „Mißverſtehen Sie mich um Gottes Willen nicht,“ rief Mac Donald;—„es giebt kaum einen Menſchen, deſſen Herz mehr an jenen lieben Melo⸗ dien hängt, die ſeine Wiege umtönten, als gerade mich— keinen, dem es länger verſagt worden wäre, ſich ſolchen Genuſſes zu erfreun. Jedesmal aber, wenn mir nach ewig langen Zwiſchenräumen dieſe Wohlthat wird, liegt meine ganze Jugend wieder wie im lachenden Frühling um mich her, und es iſt dann, als ob es mir das Herz zerreißen müßte vor Wemuth und vor ſüßer Luſt.“ Walker's Blicke hafteten, während Mac Donald ſo ſprach, feſt und forſchend auf den ſeinen, und erſt als Sarah, ohne weiter ein Wort zu erwie⸗ dern, ſich zu dem Inſtrument ſetzte und mit leiſem, aber geübtem Finger ihre heimiſchen und ſchotti⸗ ſchen Weiſen ſpielte, ließ auch er ſich an dem nächſten Fenſter nieder, griff das ihm nächſte Buch auf, in dem er gedankenlos blätterte, und lauſchte den weichen lieben Tönen. Zum Leſen war es allerdings ſchon faſt zu dunkel geworden, nichtsdeſtoweniger feſſelte das Buch bald ſeine Aufmerkſamkeit. Es war das Exemplar der Lallah Rockh, und ſein Finger hatte zufällig das allerdings außergewöhnliche Kugel⸗ — 3 279— das er aufmerkſam und neu⸗ loch daran geſpürt, Vergaß er doch faſt darüber gierig betrachtete. die Melodie. „Nicht ſo ernſt— nicht ſo ernſt, liebes Kind!“ ermahnte da die Tochter Mrs. Powell.„Spiel' uns etwas Heiteres.— Dein home, sweet home weckt der trüben Erinnerungen zu viele für Alle hier, und hör' nur, wie ſtill es im Zimmer ge⸗ worden!“ 298 „Sie werden ſich die Augen verderben, Mr. Walker,“ ſagte Ned, der jüngſte der Söhne, Wet neben dem Lieutenant am Fenſter lehnte.„ an ich Abends leſe, verbietet es mir Mutter jjedes: mal.“— mi „Ich leſe nicht,“ ſagte Walker, während Sapah zu einer andern und raſchern Weiſe präkudirle 3 —„nur das Buch hier fiel mir auf, da 3 eine Oeffnung hat, als ob eine Kugel bineingeſchlagen wäre. Haben Ihnen die Buſchrähndſcher ehimat in's Zimmer geſchoſſen, Mr. Powell ²¹ ur „Das Buch iſt„ Lisbeth—„dem iſt die Piſtole auf dui gihf losgegangen und glücklicherweiſe in die telj taſche hinein..“. 63, „In der er die Bücher hatte?“ frug raſch der Lieutenant. 1 ahlik 1 3 ” N 8 N VN V 4 9 8 — 4 4 — — — 280— „Ja, denken Sie nur, das war doch glücklich!“ lachte das junge Mädchen. Sarah aber griff raſcher in die Taſten, und mit neckiſchen, munteren Tönen ſpielte ſie eine jener heiteren alten ſchottiſchen Weiſen, die an wunder⸗ barem Melodienreichthum mit unſeren Deutſchen Volksliedern recht gut wetteifern können, und ſich im Munde des Volkes auch bis auf die neueſte Zeit friſch und lebendig erhalten haben. „Die Piſtole hatte dann glücklicher Weiſe eine ſehr ſchwache Ladung,“ ſagte Walker, das Buch wieder auf das Fenſter zurücklegend,„daß die Kugel in der kurzen Enfernung nicht tiefer eingedrungen iſt.— Ja, ja, unſer Leben hängt oft nur an einem Haar, und gut für uns, daß wir der Zu⸗ kunft Schleier nicht lüften können!“ Die in das Zimmer tretenden Dienſtleute unterbrachen hier das Geſpräch wie die Muſik, indem ſie den Tiſch deckten und die Speiſen auf⸗ trugen. Licht wurde ebenfalls gebracht, obgleiche drauße ueein des ſcheidenden Tages—— den beiden Gä⸗ ſten ſetzte ſich um die für den Buſch reich genug bedachte Tafel. Das Geſpräch drehte ſich hier meiſt um gleich⸗ gültige Gegenſtände, und Georg, der erſt ſpät zu Tiſche kam, da er noch bei der friſch eingebrachten — 281— Herde aufgehalten worden, hatte mit dem Vater Manches über dieſe zu verhandeln. Außerdem war auf einer der entfernteren Stationen, wie ein eben angekommener Schäfer gemeldet hatte, der Katarrh(Rotz) ausgebrochen, und Anordnun⸗ gen mußten getroffen werden, um dem ſo raſch als möglich vorzubeugen. Als die Speiſen abgetragen waren, ſchickte Mr. Powell ſeinen jüngſten Sohn fort, Mr. Bale zu rufen, dieſem noch einige Aufträge zu geben, und als Ned die Thür öffnete, ſtand der ſchwarze Poliziſt davor und verlangte mit ſeinem Officier zu ſprechen. Walker ſtand augenblicklich auf, kehrte aber ſchon nach kaum einer halben Minute zurück und trat zu den beiden jungen Damen, die am Clavier ſtanden und ſich mit Mac Donald unterhielten.. Was es aber auch geweſen ſein mochte, was ihm bis jetzt die Seele bedrückt, und das ſonſt ſo. raſche Wort auf den Lippen zurückgehalten, es ſchien mit einem Male verſchwunden, getilgt aus ſeinen Zügen, aus ſeiner Erinnerung. Selbſt Mr. Powell, obgleich ihn jetzt ganz andere Dinge durch den Kopf ſchwirrten, entging dieſe plötzliche glückliche Veränderung in dem ganzen Weſen ſei⸗ nes Gaſtes nicht. „Nun,— haben Sie ihn erwiſcht?“ rief er, — 282— indem er begierig, das Nähere zu erfahren, zu ihm aufſchaute. „Wen, Vater?“ frug raſch und neugierig Marie; „iſt etwas vorgefallen?“ „Vorgefallen?“ lachte Mr. Powell,„dieſer Mr. Walker fängt mir hier mit ſeinen ſchwarzen Ge⸗ ſellen meine Hüttenwächter fort— was nachher aus meinen Herden wird, iſt ihm ganz einerlei.“ „Ihre Hüttenwächter?“ ſagte Mac Donald, nicht im Stande, das Intereſſe zu verbergen, das er an der Sache nahm. „Unter dieſem harmloſen Aushängeſchild,“ ſagte Walker lächelnd,„hatte ſich nämlich einer der be⸗ rüchtigtſten Buſchrähndſcher eingeſchlichen, dem meine Leute glücklich auf die Spur kamen, der ſogenannte„rothe John“— Haben Sie von ihm gehört, Mr. Mac Donald?“ „Allerdings— und Sie haben ihn gefan⸗ gen?“ „Wenigſtens unſchädlich gemacht.“ „Großer Gott, Powell,“ ſagte Miſtreß Po⸗ well,„hab' ich denn nicht recht, wenn ich behaup⸗ tete, daß wir hier von Gefahren überall umringt ſind. Auf der eigenen Station einen der gefährlichſten Buſchrähndſcher, und Schwarze genug, um uns jeden Tag, der ihnen gerade paſſend iſt, zu über⸗ fallen!“ — 283— „Aber das müſſen Sie uns erzählen,“ bat Lisbeth, indem ſie zu Walker trat und ſchmeichelnd ſeinen Arm ergriff.„Solche Geſchichten hör' ich für mein Leben gern.“ „Ja, mein Fräulein,“ erwiederte der junge Officier, die Achſeln zuckend,„es thut mir wahr⸗ lich leid, Ihnen damit nicht dienen zu können. Das Nähere darüber weiß ich ſelber noch nicht. Bis jetzt iſt mir nur das Reſultat bekannt, und ich erwarte erſt morgen früh meinen Wachtmeiſter mit dem ausführlichen Bericht.“ „Da können Sie auch Gott danken, Mr. Mac Donald, daß der ſchreckliche Menſch unſchädlich gemacht iſt,“ rief Lisbeth, ſich an dieſen wendend, „denn wenn Sie morgen früh in den Buſch ge⸗ ritten wären, hätte Ihnen der am Ende aufge⸗ lauert, und Sie hinterrücks erſchoſſen.“ „Morgen früh?“ ſagte Sarah überraſcht— Sie wollen fort?“ „Nur auf einige Zeit, mein Fräulein,“ er⸗ wiederte leicht erröthend der Angeredete—„wenn ich wirklich einen paſſenden Platz für mich hier in der Nähe finden will, muß ich Anſtalt treffen, danach zu ſuchen, oder mich darauf gefaßt machen, daß mir Andere zuvorkommen.“ Walker's Blick haftete, während er ſprach, feſt auf ihm, und wieder ſchien es faſt, als ob jeder ₰— 284—— Tropfen Blutes ſeine Wangen verlaſſen habe. Be⸗ neidete er den Nebenbuhler um ſein Glück? Die Bewegung ſchwand aber auch faſt ſo raſch, wie ſie gekommen, und er ſagte: Darin hat Mr. Mac Donald vollkommen recht, denn ich ſelber weiß, daß mehrere Squatter des Adelaide⸗Diſtricts dieſe Gegend im Auge haben, und mit der Ausführung ihrer Pläne eben⸗ falls nicht lange zögern werden. Das Erſte, was man von ihnen gewöhnlich erfährt, iſt die Beſitz⸗ nahme des gefundenen Weidegrunds mit einer Herde.“ „Aber das wollen wir jetzt nicht wiſſen,“ bat Lisbeth;—„eine recht wunderbare Buſchrähndſcher⸗ Geſchichte ſollen Sie uns erzählen. Sie haben es mir überdies ſchon lange verſprochen, und auf einmal werden Sie fort, und ich um die ganze Geſchichte ſein.“ „Das ſollen Sie nicht,“ lachte Walker;„habe ich Ihnen das Verſprechen gegeben, ſo halte ich es auch, und überhaupt wird Ihnen Allen wohl die letzte Flucht des berüchtigten Jack London noch unbekannt ſein— oder hat Ihnen Mr. Mac Donald das vielleicht ſchon erzählt?— Soviel ich weiß, war er kürzlich in Melbourne, und kennt ſie jedenfalls.“ „Ich kenne ſie allerdings,“ erwiederte lächelnd 4 — 285— Mac Donald,„aber laſſen Sie ſich dadurch nicht abhalten. Den Damen hier iſt ſie fremd, und wird ſie jedenfalls intereſſiren.“ „Flucht?“ ſagte jetzt Mr. Powell;„ich denke, ſie haben ihn wieder eingefangen?“ „Allerdings ſoviel ich weiß— aber vorher war er doch ausgebrochen und zwar, wie man glaubte, um an Bord eines kleinen amerikaniſchen Schoo⸗ ners die Colonieen zu verlaſſen. Das war indeß ein Irrthum, oder möglich auch, daß das Fahr⸗ zeug an der Küſte ſtrandete;— doch ich will der Erzählung nicht vorgreifen. „Weshalb Jack London zur Deportation ver⸗ urtheilt war, weiß ich nicht— die Urſachen er⸗ fahren wir hier in den Colonieen ſelten, immer nur die Geſetzvollſtreckung. Soviel mir bekannt, lautet ſeine Strafe auf lebenslänglich, oder doch auf ſo viele Jahre, daß es dem ziemlich gleich kommt. Die Gerüchte über ihn klangen nun ſehr verſchie⸗ den. Einige wollten ihn zu einem Rinaldo Ri⸗ naldini machen, der, als er ſchon vor einiger Zeit einmal den Buſch angenommen, großen Edelmuth gezeigt und die wilde Bande, die ihn zu ihrem Hauptmann ernannt, gewaltig im Zaume gehalten habe; Andere ſchrieben ihm wieder alle möglichen Greuelthaten und Verbrechen zu— man wurde nicht recht klug daraus, und er wird ſelber wiſſen, * — 286— was an der Sache Wahres iſt. Was mich be⸗ trifft, ſo glaube ich, daß er, wenn auch zu den Schlauſten, doch nicht gerade zu den Schlimmſten gehörte. Jedenfalls hat er ſeine Strafe durch irgend ein ſchweres Verbrechen verdient, er wäre ſonſt nicht deportirt worden. Entkommen und wieder eingefangen, wobei er ſich auf eine allen unbegreiflich thörichte und kecke Weiſe wieder hin⸗ ein zwiſchen ſeine Feinde nach Melbourne wagte, legte man ihn das letzte Mal in Eiſen und ſandte ihn nach Van Diemensland zurück. „Dort in Gelb und Grau, der ſchlimmſten Sträf⸗ lingstracht, arbeitete er mit ſeinen übrigen Ge⸗ noſſen und Leidensgefährten in ſchweren Ketten an den Werften von Eagleshawk Neck— einer ſchma⸗ len Halbinſel, von wo aus Flucht bis dahin für unmöglich gehalten worden. Die ſchmale, nur wenig hundert Schritte breite Landzunge, die jenen Platz mit dem übrigen Lande verbindet, iſt nämlich nicht allein durch bewaffnetes Militair, ſondern auch noch durch eine Kette rieſiger Dog⸗ gen bewacht, durch die hier ein Flüchtling nicht unzerriſſen kommen könnte, während die See gerade dort von Haifiſchen wimmelt, und alle Weißen, die bis jetzt den ſchmalen Seearm durchſchwimmen wollten, rettungslos von dieſen Hyänen der Tiefe gefaßt und zu Grunde gezogen wurden. In — 287— einer ſtürmiſchen Nacht nun wurde, während ein Orkan die See zu Schaum peitſchte, und die Wäch⸗ ter möglicher Weiſe auch veranlaßte, in ihrer Auf⸗ merkſamkeit etwas matter zu werden, verſuchte Jack London ſeine Flucht. Der Wind war ihm in ſo⸗ fern außerordentlich günſtig, als er mit großer Heftigkeit gerade von den auf der ſchmalen Land⸗ zunge angefeſſelten Hunden auf ihn zuwehte, dieſe ihn alſo nicht vorher wittern konnten. Seiner Eiſen wußte er ſich zu entledigen, und er kam glück⸗ lich zu dem ſpitzen, mit Büſchen bewachſenen Hügel, der nach den Hunden zu in ſchroffer Wand ablief. Der oben ſtehende Poſten, der ſich jeden⸗ falls in ſein Schilderhaus zurückgezogen hatte, bemerkte ihn nicht, die Laternen aber, die an ein⸗ gerammelten Pfählen um die Hundehütten her hell brannten, mußten ihn jedenfaus, ſobald er ſich auf die vollkommen beleuchtete chroffe Wand⸗ wagte, dem unten am Hauſe ſtehende Poſten ver⸗ rathen. Das aber hielt ihn nicht ab; die Doggen lagen in ihren Fäſſern, welche ihnen als Hütten dienten; nur eine an der li en Seite war munter und ſaß knurrend im Regen draußen. „Indeſſen ſcheint es, daß er von ſeinen Wäch⸗ tern daheim ſchon vermißt war, denn von dieſen hatten ſich einige aufgemacht, um die Poſten zu — 288— alarmiren. Möglich, daß er ihre Stimmen hörte, oder die Verfolgung fürchtete, denn noch ehe ſich der letzte Hund in ſein Faß zurückgezogen, glitt er von der ſchroffen Wand nieder, und ſprang gerade auf das nächſte Faß zu, in dem einer der grimmen Wächter auf der Lauer lag. Das war in ſofern richtig, als er es hier im ſchlimm⸗ ſten Falle ſicher nur mit einem Hunde zu thun hatte. Der unten ſtehende Poſten ſchlief aber nicht, wie der Flüchtling vielleicht gehofft, ſondern ſah ihn ſchon von dem Felſen niedergleiten. Glücklicher Weiſe für ihn machte er aber nicht gleich Lärm, ſondern zielte erſt ſorgfältig auf den Niederklettern⸗ den, und drückte dann ab— aber ſein Gewehr verſagte. Jetzt erſt ſchrie er laut die Hunde an; ain dieſem Augenblicke war der Sträfling aber auch ſchon an dem ihm nächſten Faſſe, an dem er voorüberſprang, als die Dogge darin ſeine Schritte hörte und mit wüthendem Gebell herausfuhr,— die andere, die noch draußen geſeſſen, ſchlug eben⸗ falls an. Der Flüchtling wäre auch verloren ge⸗ weſen, hätte ſich nicht das ihm nächſte Thier im Herausfahren an dem Pfahle, an dem es angeſchloſ⸗ ſen lag, mit der Kette verwickelt. Die andere Schildwacht, dadurch aufmerkſam gemacht, ſchoß jetzt wohl ihr Gewehr auf ihn ab, fehlte aber, und — 293— ſeines Körpers zuckte, nur ſein Geſicht war mar⸗ morbleich geworden. 5 „Ein geduldiger Gefangener wenigſtens,“ ſagte Sarah, der, ſie wußte ſelber kaum weshalb, plötz⸗ lich ein wildes Weh die Bruſt durchſchnitt;— „oh, thun Sie die Eiſen fort, mir grauſt, wenn ich ſie ſehe.“ Faſt unwillkürlich trat ſie dabei einen Schritt vor, als ob ſie ſelber die Feſſeln von den zuſam⸗ mengelegten Händen entfernen wollte. „Jack London,“ rief da Walker mit blitzenden Augen und ausgeſtrecktem Arm auf den Gefan⸗ genen deutend, alias Murphy, alias Bridol, alias Mac Donald, der vogelfrei erklärte Buſchrähnd⸗ ſcher von Van Diemensland, der Flüchtling von Eagle Hawk Neck, der Hauptmann der in den Hindmarſch⸗Sümpfen zerſtreuten Bande ſteht vor Ihnen— wollen Sie noch, daß ich ihm die Feſſeln löſe?“ 7 Heiliger 1 während die Ande furchtbare Entdeck und keiner Bewegung, keines ſchienen.—„Mac Donald, reden Sie— verthei⸗ digen Sie ſich— werfen Sie ihm die Lüge in's Geſicht!“— Walker zuckte wie von einer Kugel ge allmächtiger Gott!“ rief Sarah, ren ſtarr vor Entſetzen über die ung kaum zu athmen wagten, Willens fähig troffen 8 — — 294— uſammen und wurde bleicher faſt als ſein Ge⸗ Aener Mac Donald aber ſprach kein Wort; wie er die Aerme ausgeſtreckt hatte, die Feſſeln zu empfangen, ſo ſtand er noch, ſtill und regungs⸗ los. Nur ſein Blick ſuchte Sarah’'s Auge. Sa⸗ rah begegnete dem Blick, ſah Mac Donald wohl eine halbe Minute ſtarr an— ſtreckte die Arme nach ihm aus, und ſank mit einem lauten Auf⸗ ſchrei ohnmächtig zu Boden nieder. 1 Leipzig, Druck von A. Edelmann. . 8 8 ſffffffnf 16