deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Lon 4. Ednuard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Jeſebedingungen. 4 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 8 Pänanahe s und lückänhe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zuruckgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 3— 3 für wochentlich— 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Büchen: auf 1 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Nr.— Pf. Zurückſendung lbſt zu ſt um Erſatz 7. Ausleihezeit. beſonders darau der Biü⸗ ſelb 4 5 Wmerikzaniſche Naebleilen. Nach dem hinterlaſſenen Manunſeripte des Herrn K., in Philadelphia. 8 Von 2 Friedrich Gerſtäcker. 3 Vierte Uuflage. Vierter Band. Leipzig Coſtenoble und Remmelmann. 1851. Geheimniſſe. Advokaten Viertes Caͤpitel. Das Secir⸗Zimmer. Ein ſchlanker, etwas hagerer Mann, in einen dicht an⸗ ſchließenden Oberrock gekleidet, eilte Walnutſtreet hinab. Seine Augen waren von dunkelen Braunen überſchattet, die Stirn hatte er in ernſte, krauſe Falten gelegt, und, die Hände tief in den Taſchen, das Kinn auf die Bruſt geſenkt, ſchien er ſich, während er ſchnell in der Straße hinſchritt, mit ſich ſelber ſehr angelegentlich zu unterhalten. „Herrliche Operation müßte das ſein— ganz famoſe Operation— einem Mann den Schädel abzuſägen, nach dem Gehirn zu ſehen, und den Deckel dann wieder aufzu⸗ ſetzen— ſoll in Paris geſchehen ſein.— Ha— Byrnewood — ſind Sie das! Noch Nichts von der Schweſter gehört! Bös— ſehr bös— Ihr Vater hat mir Alles erzählt— wirklich bös.“ „In der That iſt es ſchrecklich, Doctor,“ ſagte Byrne⸗ wood, während er die dargebotene Hand Me Torniquet's ergriff;—„hätte ich nur eine Spur, nur das kleinſte Zeichen 1* 8 4 dieſes entſetzlichen Geheimniſſes— ich wollte ihm, und wenn es zu meinem Tode waͤre, folgen; ſo aber iſt Alles Nacht— troſtloſe— finſtere— ſchreckliche Nacht.“ „Nun Byrnewood, nur den Muth nicht verloren, nur den Muth nicht— wird ſich ſchon noch Alles machen!“ rief der gutmüthige Doktor, indem er den Arm des jungen Mannes in den ſeinigen zog.„Aber apropos, Byrnewood — haben Sie die letzten Nachrichten über das„Leichen⸗ ſtehlen“ in London geleſen? eh! ſchauerliche Geſchichte das. Fünfe auf einmal gehangen, weil ſie in ihrem Geſchäftseifer ein wenig zu weit gegangen waren. Lebendige Menſchen als Leichen verkaufen— es iſt ſcheußlich, und ich glaube wahr⸗ haftig, daß derſelbe Unfug hier auch in unſerer guten Quäkerſtadt getrieben wird.“ Ein ſchrecklicher Verdacht ſtieg in Byrnewoods Seele auf. „Mein Gott!“ rief er aus;—„dieſes geheimnißvolle Verſchwinden meiner Schweſter, daß auch keine Spur mehr von ihr gefunden werden kann, nachdem ſie das elterliche Haus am Mittwoch Abend verlaſſen— Doktor— es iſt ein fürchterlicher Gedanke.“— Er wagte nicht, ihm Worte zu geben.— Der gemordete Körper ſeiner ſchönen Schweſter ausgeſtreckt auf dem Secirtiſch— wie glühender Stahl zuckte es ihm durch Mark und Hirn. „Unſinn! Unſinn!“ rief der Doktor, der Byrnewoods Verdacht in ſeinen Blicken las;—„kommen Sie mit mir Alterchen, ich will Ihnen eine Vorleſung über Volks⸗Leicht⸗ gläubigkeit halten. Haben Sie ſchon einmal den Namen des Signor Ravoni nennen hören?“ „Sa!“⸗ „Er kam vor etwa einem Jahr hier, Gott weiß wo⸗ her, in dieſer Stadt an. Gut— dieſer Italiener, oder Franzoſe) oder Jude, oder Türke— was weiß ich, ſetzt kaum ſeinen Fuß in das Weichbild dieſer, unſerer guten Stadt, als auch ſchon der Teufel los iſt. Er ſetzt alle Fa⸗ cultäten in Erſtaunen— wirft, was wir früher für Wiſſen und Gelehrſamkeit hielten, über den Haufen, zupft die Theologie am Bart, und macht mit einem Worte Alles was und wie er es will und für gut hält.“ „Wie aber fängt er das an?“ „Das iſt ja gerade das Geheimniß. Er kam ungebeten in unſere mediciniſchen Säle, und erwieß ſich als einen ka⸗ pitalen Wundarzt und famoſen Anatomen. Niemand wagt, ihn über ſein früheres Leben zu befragen, denn er hat etwas ſo unbeſchreiblich Kaltes, Abſtoßendes in ſeinem Auge, daß wenig Menſchen den Muth haben, ihm nur recht ernſt und feſt hineinzuſehen.“ „Sie ſprachen von ſeiner Theologie?“ „Oh Theologie oder Jurisprudenz; er kennt Alles aus dem Grunde, und ſtößt die feſteſten Beweiſe mit ſo kühner Hand um, daß alt aufgebaute Wahrheiten in ihren inner⸗ 1 ſten Grundtiefen wacklich werden. Unſere Theologen und Advokaten haſſen ihn wie den Tod.“ „Aber Sie erwähnten vorhin die Volks⸗Leichtgläu⸗ bigkeit.“ „Und will Ihnen beweiſen, daß ich Recht habe. Ein Unbekannter erſcheint in der Quäkerſtadt, kündet ſich ſelbſt als einen Arzt an, und ſiehe da, die ganze Stadt rennt Hals über Kopf, ihm ihre Leben anzuvertrauen. Wie das möglich iſt? Er verkündet, daß er Wahnſinnige heilen könne, und ehe ein Tag vergeht, hat er hundert Patienten unter ſeiner Aufſicht.“ „Und heilt er ſie?“ „Hahaha— die Häßlichen heilt er, und ſchickt ſie ihren Verwandten zurück, die Frauen aber, die hübſchen Mäd⸗ chen— hahaha—„es erfordert Zeit“ iſt die immer wieder⸗ kehrende Antwort. Ueberdieß hat er auch noch ein Lehr⸗ zimmer etablirt, wo er anatomiſche Vorleſungen hält. Bei Gott, unſere Studenten ſind ganz vernarrt in den Bur⸗ ſchen.“ „Er iſt alſo ein tüchtiger Anatom?“ „Ich habe nie einen beſſeren geſehen; will Ihnen aber ſagen, was mich an ihm ärgert. Dieſer Ravoni hat bekannt gemacht, daß er heute Morgen um zehn Uhr mehre wichtige und neue Entdeckungen der Anatomie enthüllen will. Er giebt vor, neue Urquellen des Lebens gefunden zu haben, 7 die durch das Seciren eines Leichnams bewieſen werden ſol⸗ len— das ärgert mich!“ „Weshalb?“ „Weshalb! weil ich feſt überzeugt bin, daß Alles nur Charlatanerie iſt, und daß trotz dem, ſelbſt einige unſerer beſſeren Profeſſoren Vertrauen in den Burſchen ſetzen. Dieß macht mir die Sache nur noch um ſo fataler.“ „Werden Sie der Vorleſung beiwohnen?“ „Natürlich; macht es Ihnen vielleicht auch Spaß, einen menſchlichen Körper zerlegen zu ſehen, wie! für einen Laien hat es ſicherlich viel Intereſſantes. Kommen Sie mit mir!“ Der entſetzliche Verdacht, der in Byrnewood's Seele vor wenigen Minuten erſt aufgeſtiegen war, kehrte mit aller Stärke zurück. Allmächtiger Gott— die Leiche ſeiner Schwe⸗ ſter auf einem Secirtiſch! „Ich gehe mit Ihnen,“ erwiederte er ſchnell entſchloſſen, und die beiden Männer wandten ſich jetzt in eine der ſüdli⸗ chen Straßen, wo ſie nach wenigen Minuten vor dem Hauſe Ravoni's, des großen Arztes, ſtanden. „um in das Secirzimmer zu kommen, müſſen wir uns durch dieſes Gäßchen drehen,“ ſagte Dr. Me Torniquet, und ſchritt den ſchmalen Gang entlang, öſtlich von dem gro⸗ ßen Gebäude, voran. „Apropos, Byrnewood, haben Sie ſchon meinen Hengſt, Henry Clay geſehen?“ rer 8 Ehe Byrnewood jedoch die charakteriſtiſche Frage des Doktors beantworten konnte, hatte dieſer eine niedere, ſchmale Thüre aufgeſtoßen, die zu einer Hintertreppe führte. Me Torniquet ſtieg ſeinem jungen Freunde hier ebenfalls wieder voran, da ſie ſo eng war, daß zwei Menſchen nicht häͤtten nebeneinander gehen können; in der dritten Etage aber, lief ſie in einen langen Corridor aus, der ſich an der ganzen Länge des Gebäudes hinzog, und mehre Thüren, zu den verſchiedenen Gemächern und Sälen führend, ent⸗ hielt, während ihn ein großes Fenſter an jedem Ende, mit dem nöthigen Lichte verſah. Sie durchwanderten dieſen Corridor von Oſten nach Weſten, und blieben endlich vor einer niedern Mahagoni⸗ Thüre ſtehen. „Zuerſt betreten wir den Secirſaal,“ ſagte der Doktor, als er die Hand auf die Klinke legte, und die Pforte öffnete. Dem gräulichen Neger, der, wie alle Diener Ravonis, die grüne Livree trug, und hier den Eingang bewachte, dann vertraulich zunickend, betrat er, von Byrnewood gefolgt, den inneren Raum. Es war ein langes, ſchmales Zimmer, mit hoher Decke wie ſchneeweißer Diele; und durch fünf hohe Fenſter in der weſtlichen, und zwei in der ſüdlichen Wand, ſielen die glän⸗ zenden Sonnenſtrahlen klar und leuchtend auf die kahlen, weißen Wände, und auf einige zwanzig an ihnen hingereihte, ſchmale, lange Tiſche, und beſchienen die gräßlichen, dieſem 9 Platze jedoch gehörenden Gegenſtände, die darauf geordnet waren. Ueber die Tiſche aber hingebeugt, ſtanden junge Leute, deren langes Haar und keckes, ſorgloſes Benehmen ſie als die Medicin ſtudierenden Gentlemen der Quäkerſtadt ver⸗ rieth, und hie und da lehnten Einige an beſonderen Tafeln in Gruppen zuſammen, und ſchienen ſich angelegentlich über verſchiedene intereſſante Gegenſtände zu unterhalten. Alle trugen ihre Meſſer in der Hand, eine dunkele, über die Schultern reichende Schürze, und falſche, bis zu den Ell⸗ bogen hinaufreichende Leinwandärmel, und auf jedem Tiſch lagen, widrig und entſetzlich in dem freundlichen Tageslicht, die Ueberreſte von Frauen, Kindern und Männern. Hier ſtarrte ein blutiger Körper, dort ein Arm, da ein Bein oder eine einzelne Hand dem Beſchauer entgegen, und emſig be⸗ ſchäftigt arbeiteten die Secirenden mit ihren Meſſern an dem, was geſtern noch ein Tempel Gottes geweſen, und eine Seele geborgen hatte. Hier ſtand aufgerichtet ein Kopf— die blauen Lippen getrennt, in ſcheußlichem Grinſen, die Augäpfel matt und gläſern, und die Haut des Halſes ſog ſich faul und klebrig an das Bret an, auf dem es ruhte. Wie wenige Stunden zurück, und von dieſen Lippen tönte eine Sprache, aus die⸗ ſen Augen glühte Leben und Liebe. Byrnewood ſchritt langſam durch das Zimmer, und ſchaute halb mit Staunen, halb mit Ekel auf das Ungewohnte, Ent⸗ 10 ſetzliche ſeiner umgebung, während das Geſpräch der Arbei⸗ tenden gar wunderlich ſeinem Ohre klang. „Höre Bob— dieß muß ein fideler, alter Burſche ge⸗ weſen ſein,“ rief ein junger Gentleman, deſſen aufgeſtülpte Naſe vollkommen mit ſeinem breiten Mund und dem ſchie⸗ lenden Augenpaar harmonirte;—„dieſe Lippen haben ſich zweifelsohne zu manchem merkwürdig freundlichen Grinſen verzogen. Jetzt ſehen ſie freilich nicht danach aus— puh— wie blau und trocken.“ Und er warf den Kopf des alten Mannes auf den Tiſch nieder, und trennte, die weißen Locken um ſeine Finger ſchlingend, das Fleiſch von der Stirn. „Prächtiges Mädchen muß dieß hier geweſen ſein, hat ſich gewiß mancher arme Teufel bis über die Ohren in ſie verliebt. Nun, die Verſuchung wäre jetzt minder groß— huh— wie die Augen ſo ſtier und geiſterhaft ausſehen.“ Und die Sonnenſtrahlen fielen auf den blanken Stahl, der ſich in die zarte Alabaſterhaut eingrub. „Dieſes Weibchen hier hat verdammt niedliche Schuh getragen— wette einen Dollar d'rauf,“ rief ein kleiner, hagerer Mann mit goldener Brille auf der ſcharfen Habichts⸗ naſe;—„hat ſchon Jemand einen ſolchen Fuß geſehen! und die Zehen und der Knöchel— möchte wiſſen, wer ihre Strüͤmpfe geſtrickt hat?“ „Hihihi,“ lachte ein junger Student mit Flachshaaren 11 und einer Birnennaſe;—„hihihi— ſeht einmal das an— he! gut— famos!“ Er hatte den verſtümmelten Körper einer Leiche in einer ſitzenden Stellung gegen die Wand gelehnt, und die Kniee zum Kinn heraufgezogen, wie die ausgeſpreizten Finger, mit dem Daumen gegen die Naſe gepreßt, zwiſchen die Kniee geklemmt, um dadurch jene Spott ausdrückende Pantomime nachzuahmen. „Sieht das nicht koſtbar aus!“ lachte der flachshaarige Student;—„ſitzt er nicht da, als ob er ſagen wollte: ‚ne, dießmal nicht! hohoho, und wie er die Augen dabei ſo halb zudrückt— famos bei Gott, famos!“ „Haha— hoho— hihihi!“ echote etwa ein Dutzend der Kameraden, und über die erdfahle Stirn der Leiche ſtahl ſich ein einzelner, gebrochener Sonnenſtrahl, und übergoß die bleiernen Augen und Lippen mit glühendem Golde. „Sehn Sie,“ lächelte Me Torniquet, der bis jetzt geſchwiegen, zu Byrnewood hinüber;„ſehn Sie, welche Achtung hier von dem lebendigen Staub der todten Aſche gezollt wird! tröſtlicher Anblick das, eh?“ „Führen Sie mich fort von hier, Doktor,“ murmelte Byrnewood;—„die Luft iſt geſchwängert mit Verweſung, und ich bin nicht in der Stimmung, an ſolchen Scenen Ge⸗ fallen zu finden.“ „Kommen Sie denn mit mir, Ravoni muß die Ent⸗ hüllung ſeines Geheimniſſes ſogleich beginnen, und ich ſehe, 12 daß auch ſchon einige dieſer Gentlemen bereit ſind, hinüber zu gehen.“ „Einen ſchmalen Ausgang in dem Secirzimmer öff⸗ nend, geleitete der Doktor den jungen Mann durch einen dunkelen, gegen eine andere Thüre zulaufenden Gang, aus der ihnen jetzt plötzlich ein helles, blendendes Licht entgegen⸗ ſtrömte. Sie betraten das anatomiſche Amphitheater des „Wunderdoktors“, wie ihn das Volk in Philadelphia zu nennen begann. Die leuchtenden Strahlen vieler Gasflammen fielen auf den viereckigen Tiſch Ravoni's nieder, und um dieſen, in einem Halbkreis, hoben ſich hintereinander, höher und höher ſteigend, die verſchiedenen ſmit Zuſchauern dicht gedrängten Reihen der Bänke. Eine, aus gemalten Bretern beſtehende Zwiſchenwand trennte übrigens faſt ſämmtliche Zuhörer, einige wenige, ſich dicht neben dem Tiſche befindliche, ausge⸗ nommen, von dem Lehrer, und es mochten ſich wohl zwiſchen vier⸗ und fünfhundert Studenten und Aerzte hier verſam⸗ melt haben, um den wunderbaren Enthüllungen des fremden Mannes zu lauſchen, und Zeuge ſeiner Experimente zu ſein. Bunt gemiſcht drängten ſich dabei die ernſten Mienen der Doktoren und Profeſſoren, mit dem kecken, unternehmenden Antlitz der langhaarigen Söhne Virginiens, und der oliven⸗ farbigen Jugend Alabamas und Louiſianas zuſammen. Der tollkühne Carolinier, deſſen Füße auf der Bank vor ihm ruhten, neben dem gelehrt zuſammengerunzelten Männchen 13 mit eisgrauen Haaren und goldener Brille. Der hagere Jankee und der rundgeſichtige Penſylvanier, der bleiche, junge Philadelphier und der rothbäckige Hooſier aus dem fernen Indiana. Alles ſchien ſich hier eingefunden zu haben, denn Ravoni hatte zu dieſer wichtigen Entdeckung in medi⸗ ciniſcher Wiſſenſchaft, die ganze Facultät, mit freien Ein⸗ trittskarten, geladen, und in Schaaren drängten ſie ſich des⸗ halb herbei, des wunderbaren Fremden Thaten anzuſtaunen. Schon das undurchdringlich Geheimnißvolle, das den Mann, ſeit ſeinem erſten Auftreten in der Quäkerſtadt, umgeben, die unbegrenzte Großmuth, mit der er ſich armer Studenten angenommen, die übermäßigen Honorare, die er dafür von den Reichen enthoben, das gewaltige Gebäude, das er in prachtvoll morgenländiſchem Geſchmack eingerichtet, die vie⸗ len abenteuerlichen Erzählungen, mit denen man ſich über ſein früheres Leben herumtrug. Das Alles wirkte, ihn zu dem nicht unbedeutenden Ziel der Neugierde zu machen, und es war leicht begreiflich, mit welcher Spannung man der Erfüllung ſolcher Verſprechungen, wie die gegenwärtige war, entgegen ſah. Byrnewood und Torniquet fanden Jeder einen leeren Sitz neben dem Tiſch Ravoni's, behielten aber kaum Zeit einen Blick um ſich her, auf die Menge zu werfen, als eine mit grünem Tuche beſchlagene Thür am Haupteingang, auf⸗ ſprang, und zwei rauhe, wüſte Vagabonden, mit einer Laſt auf ihren Schultern, ſchnell hereinkamen. IV. 2 14 Sie legten, was ſie trugen, auf den Tiſch, und jedes Auge konnte klar und deutlich die Umriſſe eines Leichnams erkennen, deſſen ſtarre Glieder unter den Falten eines wei⸗ ten, weißen Oberrocks verhüllt lagen. Ein leichter Schritt ward jetzt in dem engen Gange, durch welchen Me Torniquet und Byrnewood eingetreten, gehört, im nächſten Augenblick ſtand Ravoni deſſen oliven⸗ farbene Wangen ein etwas lebhafteres Roth als gewöhnlich übergoß, neben dem Tiſch, und der donnernde Beifallsruf der Menge begrüßte ihn. Ravoni ſah den beiden Männern, welche die Leiche ge⸗ bracht hatten, in's Auge. Ihre Geſichter würden ſie in ir⸗ gend einer andern chriſtlichen Gemeinde an den Galgen ge⸗ bracht haben, ſo wüſt und tückiſch ſchauten ſie d'rein. Ihre Bärte waren ſeit Tagen nicht raſirt, und langes, ſtruppi⸗ ges, fuchsrothes Haar hing über ihre Stirnen nieder, und gab ihrem ganzen Aeußeren etwas ungemein Widerliches und Abſtoßendes. Die Blicke ſcheu auf den Boden geheftet, ſchien ihnen ſchon die Gegenwart anderer, lebender Weſen, peinlich. „Von woher habt Ihr dieſen Körper!“ flüſterte Ra⸗ voni leiſe. „Aus dem„Armen⸗Mann'’s⸗ Grab“, antwortete der Größte der Leichenräuber;—„Ew. Gnaden wiſſen, s'iſt ein Grab dort, das den Doktoren gehört. Irgend Jemand, der im Armenhauſe ſtirbt und keinen Freund hat, kommt da hinein, und— der Teufel kann ihn wieder herausholen, wenn's ihm Spaß machen ſollte.“ „Wenn Ew. Gnaden mit dem Leichnam fertig ſein,“ ſagte der Kleinere in einem höchſt artigen Flüſtern,„ſo möcht' ich gern meinen Oberrock wiederhaben. Wir gruben den— Gegenſtand in der Nacht aus, und wickelten ihn hinein. Hoffen, daß er ihnen behagen wird, Sir— iſt ſeit der Zeit noch nicht wieder aufgeweſen.“ Ravoni winkte mit der Hand, und die Leichenräuber ſchlichen aus dem Saal. Jedes Auge war jetzt auf den bleichen Mann geheftet— man erwartete einen Ausbruch ſeiner hinreißenden Bered⸗ ſamkeit, irgend eine Einleitung des Geheimnißvollen, das hier dem hellen Tag eröffnet werden ſollte; aber kein Wort kam über ſeine Lippen. Schweigend begann er den Körper zu enthüllen, und vorher ein kleines Käſtchen mit Inſtru⸗ menten, das neben ihm auf dem Tiſche ſtand, überſehend, zog er langſam die Falten des weiten Rockes von dem Leichnam. Todtenſtille herrſchte. Jedes Auge erblickte die Leiche, und jedes Herz erſtarrte vor Furcht und Schrecken. Ravoni ſelbſt fuhr, bei dem fürchterlichen Anblick derſelben, erblei⸗ chend zurück. Dann war die erſte, lähmende Angſt über⸗ ſtanden, und ein wilder Schrei des Entſetzens durchzitterte das Gebäude. Dort— dort— auf dem Secirtiſch lag der Leichnam, 2* 16 und die fahlen Augäpfel ſtarrten hinauf zur Decke, aber es war nicht der„Gegenſtand“, den Ravoni und ſeine Schüler erwartet hatten. Von Kopf bis zu Füßen, über den Körper und jedes einzelne Glied, war Alles ein— ein ſchreckliches, ſchauder⸗ haftes Geſchwür— ein einziger, blutender Schorf. Ge⸗ ſichtszüge ließen ſich an dem Haupt nicht mehr erkennen, Stirn, Lippen und Wangen waren ineinander gefreſſen, die Augäpfel ſtarrten blutunterlaufen empor; der Mund glich einer modernden Höhle, und ſelbſt das Haar erfüllte Eiter und Verweſung. Es war der Leichnam eines an jener fürchterlichen Krankheit Geſtorbenen, bei deren Namen ſchon Schönheit erbleicht, und in deren Nähe ſelbſt ernſtes Wiſſen ängſtlich zuſammenſchaudert— der Leichnam eines Blatter⸗ Kranken, der jetzt, eine dunſtende Maſſe blutigen, eiternden Fleiſches, auf dem Secirtiſch vor fünfhundert lebenden, ge⸗ ſunden Weſen ausgeſtreckt lag. Jeder Einzelne in dem ganzen, weiten Raum fühlte, als ſich das erſchreckliche Schauſpiel ſeinen Augen bot, die Gefahr, die ihn bedrohte; jeder Einzelne wußte, daß er mit einem Athemzug den Tod einſaugen konnte, der von der Leiche ausgehend, die ganze Luft erfüllte. Ravoni ſtand bleich und ſchweigend; aber nicht minder ſtark drängte ſich ihm die Gefahr auf, in der er ſchwebte, und ſelbſt ſein ſtarkes Herz erzitterte. Der wilde Schrei der Angſt ſchallte durch den menſchen⸗ 17 gedrängten Raum, und dann, in einer Maſſe ſtürmte Alles— Alles der Thüre zu. Es war ein lebendes Bild pa⸗ niſchen Schrecks. Mit einem Satz flogen ſie über die Bänke, mit einem Satz zu dem Ausgang, und dann— neues Ent⸗ ſetzen— ſchien ein zweiter Schrei den erſten noch übertäuben zu wollen. Die Hauptthüre öffnete ſich nach innen, und die Menge, gegen die durch ihr eignes Gewicht verſchloſſene Pforte gedrängt, ſtand hülf⸗ und regungslos. Ravoni weilte noch immer ſtarr und ernſt, und ſchaute nieder auf den gräßlichen Leichnam. Da— mit der Kraft eines Mauerbrechers warf ſich der erſchreckte Haufe wiederum gegen die ſchwere Thür, die dieß ungeheuere Gewicht nicht zu ertragen vermochte— das Getäfel krachte und praſſelte zuſammen, die Davorſte⸗ henden wurden zu Boden gedrückt— ihr Weheſchrei miſchte ſich mit dem Angſtruf der Nachdrängenden— ein zweiter Stoß— in Splittern bröckelten die feſten Planken ausein⸗ ander, und durch den jetzt freien Gang über die Körper der zu Boden Geworfenen hinweg, bahnte ſich die Zuhörerſchaar, dem fürchterlichen Tode zu entgehen, ihren Weg. Ravoni blickte ſchweigend empor, und neben ihm, allein zurückgeblieben von den Hunderten, ſtand ein einzelner, jun⸗ ger Mann, mit langem, ſchwarzem Haar und funkelndem Auge. Es war Byrnewood Arlington. Auch er hatte die Leiche geſehen, auch er hatte das Entſetzen der Menge mit⸗ 18 gefühlt, doch ſtill und regungslos, wenn auch leichenbleich, verharrte er auf ſeiner Stelle. Der Doktor war von ſeiner Seite geflohen, Ravoni ſelbſt einen Schritt zurückgetreten; das ertödtende Gefühl aber, das noch immer auf Jenes Seele ruhte, das Geheimniß, was ihm Herz und Hirn mit dunkelen Schatten erfüllte, ließ ihn geringere Schrecken, wenn auch empfinden, doch nicht fürchten, „Ou haſt einen ſtarken Geiſt,“ ſagte Ravoni mit leiſer, flüſternder Stimme, die ſo ſüß, ſo melodiſch klingen konnte. „Du haſt einen ſtarken Geiſt.“ Er legte die Hand auf Byrnewoods Schulter, und jener eigene Zauber, jene faſt unerklärliche Gewalt, die aus ſeinen Augen ſprach, und der ſich ſchon Tauſende und Tau⸗ ſende gebeugt, zog den jungen Mann mit einem ihm ſelbſt räthſelhaften Gefühle zu ihm hin. „Ou haſt einen ſtarken Geiſt,“ ſagte Ravoni;„und bei meiner Seele— bei der Seele Ravoni's— Du ſollſt Einer der Auserwählten, Du ſollſt ein Prieſter des Glau⸗ bens werden.“ „Des Glaubens?“ echote der junge Arlington. „Des neuen Glaubens, der ſich wie ein Phönix aus der Aſche der alten Religionen, des alten Aberglaubens unſerer Zeit, erheben wird. Jenes Glaubens, der in den Herzen thronte, ehe das Schwert der Juden, das Kreuz der Chri⸗ ſten, oder der Halbmond des Propheten am Horizont der menſchlichen Seele emporſtiegen, und Peſt und Vernichtung 19 brachten, wo ſie ſich auch immer zeigten. Denn jener Glau⸗ ben, der, ſeit langen, langen Jahrhunderten begraben, die Welt mit einem Blumenſcepter regierte, der die Bewohner dieſer ſchönen Erde zu Göttern erhob, und das All mit ſei⸗ nen liebenden Armen umſchloß— jener alte, treue, herrliche Glaube, der ſoll uns unſere neue Religion, unſere neue Hoffnung des Menſchengeſchlechtes bilden.“ Die Worte des ſeltſamen Mannes klangen wild und fremdartig, aber ſein Blick, ſein ganzes Weſen übten einen unwiderſtehlichen Zauber auf den jungen Byrnewood aus. Wie von einer inneren, ihm ſelbſt unbekannten Gewalt ge⸗ trieben, ſtreckte er ſeinen Arm aus, und ergriff Ravoni's dargebotene Rechte. „In dieſer Stunde ſollſt Du das erſte Wunder ſehen,“ rief er jetzt, während ein eigner, wilder Strahl aus ſeinen Augen glühte;—„Du ſollſt Zeuge ſein, wie die Todten auferſtehen!— Komm!“ „Hohoho!“ lachte eine rauhe Stimme;„die Doktors und Studenten alle faſt aus der Haut gefahren vor Angſt, und blos wegen einem kleinen Haufen Blattern!— Neu⸗ gierig— verdammt neugierig wie das thut.“ und aus einer geheimen Thüre hervorſpringend, trat Teufelskäfer in das Licht der Gasflamme, während ſein ſcheußliches Geſicht von einem boshaften Grinſen noch mehr entſtellt wurde. 20 Byrnewood ſchrak bei dem Klang der Stimme empor, und trat auf den Pförtner zu. Teufelskäfer bemerkte ihn, und wurde leichenblaß. „Was!“ ſchrie er;—„noch ein anderer Geiſt gekom⸗ men!— hohoho— das wird ja bald eine ganze Armee werden. Da— da— da liegt der Mann mit der gebroche⸗ nen Kinnlade und mit der Zunge draußen— und hier— hier dicht vor mir, die Frau mit dem offenen Schädel, aber der hier— der—“ Mit ſeinen Krallenfingern ausgeſtreckt, wandte er den Kopf zur Seite, und ſein ganzer Körper bebte vor entſetz⸗ licher Aufregung. „Dich habe ich ſchon geſehen!“ rief Byrnewood, ſeine Hand auf den Arm der Misgeſtalt legend;—„Dich habe ich ſchon geſehen, und—“ „Ein Geiſt könnte mich nicht ſo anpacken,“ murmelte Teufelskäfer, der durch die Ueberzeugung, daß er es mit einem Lebenden zu thun habe, ſeine ganze Beſonnenheit wie⸗ dergewann;—„ich ſehe jetzt ſchon wie das iſt— die Breter ſind blos zuſammengebrochen, und er iſt nicht mit durchge⸗ fallen, das Gedächtniß iſt ihm aber weg— hohoho— na warte.“ „Ich habe Dich ſchon einmal geſehen,“ wiederholte Byrnewood flüſternd— o ſage mir— ſage mir—“ Er hätte nach ſeiner Schweſter gefragt, doch ein wildes Lachen überſchallte ſeine Worte. —— 4 21 „Haben mich ſchon einmal geſehen! ſehr möglich, jun⸗ ger Mann, ſehr möglich. Oeffentliche Charaktere, wie ich und der Präſident, können faſt alle Tage in der Woche ge⸗ ſehen werden. Und überdieß iſt mein Name ſo ungemein wunderbar, junger Mann, ſo außerordentlich auffallend— unter zehntauſenden finden Sie ihn heraus— ſo merkwür⸗ dig.— Er iſt Jones, junger Mann— weiter Nichts wie Jones!“ „Wahnwitziger,“ zürnte Ravoni, indem er auf ihn zutrat;—„wagſt Du es, meiner zu ſpotten? fort— auf Deinen Poſten, und hüte Dich, daß Jemand den Raum be⸗ tritt, auf deſſen Schwelle ich Dich geſtellt.“ Teufelskäfer zitterte unter dem Blick ſeines Auges, wie der Rabe, der den Angriff des Adlers fürchtet— lautlos glitt er zurück durch die noch halboffene Thür, und war im nächſten Augenblick verſchwunden. „Komm!“ ſagte Ravoni, als er des jungen Arlington Arm in den ſeinigen legte;„komm— Du ſollſt Zeuge des Wunders ſein.“ Zehntauſend wirre Gedanken durchſchoſſen Byrnewoods Hirn. Der Gram ſeiner Eltern, das Dunkel, das auf dem Schickſal ſeiner Schweſter lag, der holden Schweſter, deren ſüßes Engelsgeſicht noch immer, aber ſo bleich, ach ſo bleich vor ſeinen Augen emporſtieg; die Leiche jener Unglücklichen, die er an dieſem Morgen erſt geſehen? das Alles webte und wühlte, ein fürchterliches Chaos, in ſeiner Seele, aber der 22 Blick des Fremden haftete auf ihm— er fühlte das heiße Blut in ſeinen Adern, fühlte wie ihm der warme, zündende Strahl in das Herz drang, und während ſein Auge von neuen, erregteren Empfindungen brannte, rief er ent⸗ ſchloſſen: „Ich folge Dir, und wäre es zum Tode!“ Fünftes Capitel. Das erſte Mirakel des neuen Glaubens. Die dicht mit Teppichen verhangene Thüre eines hohen, domartigen Gemaches öffnete ſich geräuſchlos, und Byrne⸗ wood trat mit Ravoni in das Innere. Hoch oben aus der Wölbung brach durch die Kuppel des zeltartig verhangenen Raumes ein einzelner, greller Flammenſtrahl, und zu die⸗ ſem ſtiegen in weißen, wirbelnden Säulen die Wohlgerüche von Weihrauch und Myrrhen langſam und feierlich empor. In der Mitte des Raumes war Alles Licht— darüber hinaus, unter den dunkelen Falten der Draperieen— nur Nacht— und im leiſen, leiſen Dämmerſchein kräuſelten ſich die roſigen Wolken weiter und weiter hinauf, bis ſie oben zu einem einzigen, durchſichtigen Baldachin verſchwammen. und überraſcht blieb Byrnewood im Eingang ſtehn, denn vor ihm, von ſüßem Dämmerlichte übergoſſen, hob ſich ein Altar, weiß wie Schnee empor, und auf dem Tuche, das in langen, blendenden Falten zu Boden fiel, lag unter der Hülle eines dichten roſenfarbigen Schleiers ein ausgeſtreckter 4 24 Körper, eine Leiche, deren Umriſſe ſich deutlich durch das enganſchließende Tuch erkennen ließen. um dieſe aber herum ſtanden, von eben demſelben mat⸗ ten Lichte überſtrahlt, zwölf junge Männer— Studenten, die Ravoni aus den verſchiedenen mediciniſchen Schulen und aus den verborgenſten Winkeln der gewaltigen Stadt zuſam⸗ mengeleſen, und für ſich gewonnen hatte. Alle zeichnete die hohe Stirn und bleiche Wange aus, Aller Augen hingen mit fieberhafter, unnatürlicher Gluth an den Blicken des eintre⸗ tenden Meiſters, der gewußt hatte, ihre Seelen für ſich zu gewinnen, während er ihre Phantaſie mit wunderbaren, unbegreiflichen Bildern erfüllte und ſie glauben machte, er freite ihren Geiſt von den irdiſchen, lähmenden Feſſeln, die ihn bis jetzt gefangen gehalten und an das Kalte, Starre, Wirkliche gefeſſelt hätten, während er ihn doch immer feſter, nur immer unzerreißbarer in Banden ſchmiegte, die keine Gewalt mehr und keine Zeit brechen konnte, da ſie ſich in ihre Nerven, in ihre Fibern eingeſogen und nur mit ihrem Leben wieder zernichtet werden konnten. Schweigend führte Ravoni den jungen Arlington in den Kreis der Eingeweihten, ſchweigend reichten ihm dieſe ihre Hand, aber nur halb bewußt erwiederte er den Gruß— ſeine Blicke hafteten an dem Körper, an den Außenlinien jener ſanften, weiblichen Formen, die der Schleier deckte und auf's Neue ſtahl ſich jene, ihm ſelber unbegreifliche Furcht 2⁵ in ſein Herz, jene Ahnung, die ihm das Blut in den Adern, und den Athem in der Kehle ſtocken machte. Ravoni blickte auf die Züge der Seinigen, und dann bewegten ſich ſeine Lippen— aber er ſprach nicht. Er war im Begriff vor den Augen der ihm blind Ver⸗ trauenden, ein Wunder zu thun— er wollte vor ihren Au⸗ gen die Todte, nicht mit Maſchinerieen oder Werkzeugen von Holz und Eiſen, nicht mit geheimen Mitteln und Lat⸗ wergen, ſondern nur durch die Kraft ſeines Willens, durch den Magnetismus ſeiner Seele, erwecken, und Secun⸗ den lang überflog ihn ſelbſt ein heiliger Schauer— die Ahnung jenes Geiſterreiches, deren Pforten er höhnend im Begriff war zu berühren. Dann riß er ſich gewaltſam aus dieſen Träumen auf und mit tiefer, melodiſcher Stimme begann er ſeinen Vortrag. „Zu viel iſt bis jetzt von einem Gott geſprochen,“ wa⸗ ren ſeine erſten Worte—„zu viel iſt Gott in allen Reli⸗ gionen der Welt genannt. Wo auch immer Fanatismus ſeine Tempel erbaute, da wurde der Name Gottes durch die fau⸗ len Lippen der Prieſter entweiht.“ „Die Hindu Mutter übergiebt ihr Kind dem Ganges in dem Namen Gottes; der Wagen Juggernauts zerſchmettert Tauſende, die wahnſinnig dieſen Namen jauchzen, während der Tod ſie in eine entſetzliche umarmung hinwegreißt.“ „Die Fackel St. Bartholomäus ward in Gottes Namen entzündet, die fruchtbaren Gefilde Irlands ſind mit Blut 26 getränkt, während dieſer Name das Donnern der Musketen übertönte. Europa iſt unter dieſem Namen verwüſtet wor⸗ den— Millionen wurden hingeſchlachtet, weil ſie nicht glau⸗ ben wollten, daß die Gottheit in eine ärmliche Oblate über⸗ gegangen ſei, und der Name Gottes ward von Miethlingen und kahlköpfigen Prieſtern, über die zerſtörten Wohnungen, über ein weites Reich voll Gräber und Leichen, hinausge⸗ ſchrieen.“ „Selbſt in dieſem jungen Land des ſchönen Weſtens ſind die Kinder des Waldes— hülfloſe Weiber, Greiſe und Säuglinge, verfolgt und verbrannt worden, und zwar durch wahnſinnige Sektirer und wüthende Fanatiker, die auf die Leichen, der von ihnen Gemordeten niederſchauten, und ju⸗ belnd den Namen Gottes brüllten. Mag man auch behaupten, es war das Werk der Un⸗ wiſſenheit, des Aberglaubens, des Fanatismus— gut ſei es— aber jene Wahrheit ſteht unauslöſchbar in den Bü⸗ chern der Welt⸗Geſchichte— Dieſe Verbrechen geſcha⸗ hen im Namen Gottes. „Jetzt,“ und ſeine Stimme erhob ſich feurig und leb⸗ haft, während er ſeine Rechte über den Leichnam ausſtreckte —„jetzt— aber iſt die Zeit gekommen, wo der Mann auch, in dem Namen des Mannes wirken und ſchaffen ſoll.“ Ein wilder Beifallsruf tönte ihm von den Lippen der Begeiſterten entgegen und ſelbſt Byrnewood fühlte ſich, trotz den immer quälenderen Gedanken, die ſeine Seele erfüllten, 27 zu dem feurigen Redner hingezogen. Stets aber flog das ängſtliche Auge zurück zu der Leiche und ſtets wieder durch⸗ zuckte derſelbe fürchterliche Verdacht ſein Herz, daß der Körper ſeiner Schweſter dort von jenem Tuche bedeckt, läge. „In dem Namen und durch die Willenskraft des Man⸗ nes ſoll unſer neuer Glaube entſtehen,“ fuhr Ravoni mit erhobener Stimme fort.„Aber glaubet nicht, daß ich Gott verleugne— nein— nein— über dieſer Leiche ruf: ich die Wahrheit in Euere Herzen zurück— es lebt ein Gott— ein heiliger— ein allmächtiger Gott, und in Sonne und Himmel, in Erde und Luft webt und wirkt ſeine Allgewalt und Kraft.— Wir Alle ſind Strahlen ſeines Lichts— ſo unvernichtbar wie ſein eigner Glanz. Aber uns Alle hat er auch mit zwar geheimen, doch deshalb nur um ſo gewalti⸗ gern Kräften begabt, und glaubet nicht, daß eben dieſe Kräfte, weil ſie von Millionen nicht benutzt, ja vielleicht nicht einmal geahnet ſind, darum weniger beſtehen. Sie lie⸗ gen in uns und nur der Geiſt iſt es, der ſie aufrütteln und ins Leben rufen muß.“ „Wir Alle— von dem Sclaven bis zum Prinzen, von dem verdummten Maſchinenmenſchen bis zu dem Manne des Geiſtes, wir Alle ſind durch eine— Alles umfaſſende Sym⸗ pathie; eine unſichtbare— ja unerkennbare Gewalt, verbun⸗ den, und in ihr fließen unſere Seelen, wie die Lichtmaſſen eines Aethermeeres, zuſammen. Dieſer Einfluß, gebt ihm . 28 einen Namen welchen Ihr wollt, iſt die Atmoſphere der Seelen, das Leben und Wirken unſeres geiſtigen Weſens.“ „Aber nicht Alle erhielten einen gleichen Theil dieſer intellectuellen Kräfte— Manche ſind begünſtigt; aus dieſen erſtanden die Gelehrten, Krieger und Staatsmänner, und durch die Geſchichte des Weltalls künden ſich uns die Thaten Einzelner, die durch die Gewalt ihrer Rieſenſeelen ſich em⸗ porſchwangen über das Allgemeine, und zu denen die Menſch⸗ heit wie zu Göttern emporſchaute. Dieſe Männer waren von jener Gott athmenden Atmoſphere durchdrungen— dieſe Männer wurden Weiſe— Propheten und Reformer. Aber dieſe Männer lehrten uns auch die große Wahrheit, daß jene Seele die uns erſchaffen, auch in uns ſelbſt den Keim und die Kraft zu unſerem eignen Heil oder unſerem eignen Verderben legte. Uns ſelbſt wurde der Zügel in die Hand gegeben, das wilde Roß des Lebens zu lenken und zu leiten, und unſer Geiſt, erhaben über das uns umgebende All, ſei in ſich, in ſeiner Seele ein Gott.“ Und wie durch dieſe geheime, von dem Begeiſterten geweckte Kraft erhoben— ſprangen die bleichen jungen Leute von ihren Sitzen empor und riefen— „Du ſelbſt Ravoni— Du ſelbſt biſt ein Gott— Dein Willen drückte Dir den Stempel der Gottheit auf die Seele.“ Das Licht fiel matt und dämmernd über den hochaufge⸗ richtet ſtehenden Redner, um deſſen Lippen ein triumphiren⸗ 29. des, ſchnell unterdrücktes Lächeln zuckte, und auf die Begei⸗ ſterten und— die Leiche— „Wie Ihr Alle, Götter werden könnt— ſo bin ich ein Gott— Wie Ihr Alle in das innerſte Mark der Natur eingreifen und ihre Geheimniſſe ergründen, ihre Kräfte zu den Eueren machen könnt, als ich es gewollt und gethan habe.“ „Und Euch Ihr auserwählten Prieſter des neuen Glau⸗ bens, verbinde ich hier in einer hohen und heiligen Brü⸗ derſchaft. In Schweigen und Geheimniß wollen wir das weite Land durchſtreifen— die, die wir unſeres Vertrauens weerth halten, aus der blinden Maſſe hervorholen, und Einen nach dem Anderen heraufheben zu unſerer geiſtigen Höhe. Kein lautes Beten in buntgemalten Tempeln, kein ſchales Auspoſaunen unſerer Frömmigkeit an Straßenecken und Marktplatz, künde unſeren Weg— nein! langſam und ſchweigend, aber mächtig wollen wir für den neuen Glauben arbeiten und in dem Namen des Mannes auch die Kraft des Mannes beweiſen, und das Gute des Menſchen beför⸗ dern.“ 4 4 Wohl hatte Ravoni gewußt, aus welcher Klaſſe, aus welchem Lebensalter er die Seinigen gewählt; die enthu⸗ ſiaſtiſchen begeiſterten Jünglinge hingen an ſeinen Lippen und ſogen das ſüße Gift der Worte mit unſäglicher Wolluſt in ihre Seelen. Sie waren nicht länger die bleichen, lau⸗ ſchenden Menſchen mehr, nein ihre Augen blitzten, ihre .30 Wangen glühten— ihre Arme ſtreckten ſich ſehnend nach den Propheten aus und— 3 „Wir ſind Dein,“ jauchzten ſie in lautem, dröhnenden Jubelruf, dem lächelnd zu ihnen Niederblickenden entgegen. Einen Augenblick herrſchte tiefes Schweigen— Ravoni hob die Hand und kein Laut unterbrach die Grabesſtille— nur langſam und feierlich wälzten und drängten ſich die dün⸗ nen, duftigen Weihrauchwolken dem Lichte zu. „Ihr ſollt Zeuge meiner Macht ſein,“ rief Ravoni— „Ihr Alle ſeht hier den vor Euch ausgeſtreckten Körper— wenn dieſe Leiche zu neuem Leben erſteht, dann ſoll unſer Glauben ſeine Herrſchaft beginnen.“ Ein Murmeln der Verwunderung durchlief die Schaar. „Ich ſage Euch die Todte ſoll erſtehen,“ fuhr Ravoni, in immer begeiſterter Rede fort, und nun, mit feurigen, die Herzen entzündenden Worten, ſprach er zu den Seinen von den Myſterien des Lebens und Todes— von den geheim webenden Kräften des menſchlichen Syſtems, und überzeugte ſie durch Beweisgründe, deren Verfolgung ihr Hirn zu zer⸗ rütten drohte, wie die Seele dem Körper entriſſen, aber auch wieder durch eben dieſe Kenntniß der geheimen und mächti⸗ gen Sympathieen, demſelben zurückgegeben werden könne. Dann ging er auf die Forſchungen von Jahrhunderten, den Stein der Weiſen zu entdecken, über, entwickelte ſich über die Principien der ewigen Jugend und ſchloß mit den Don⸗ nerworten: 31 „Vor Eueren Augen ſoll der Tod dem Leben weichen; vor Eueren Augen ſoll ſich das Blut in neuen, friſchen Quellen, durch die Adern der Leiche ergießen. Es bedarf noch fünf Minuten zu der Zeit, wo die Sonne im Zenith ſteht— in jenem Augenblick wird der Leichnam erſtehen.“ Dann ſeine Arme ruhig auf der Bruſt faltend, ſchaute er ernſt und ſinnend zu der, ſich hoch über ihm wölbenden Kuppel empor, während das Dämmerlicht von dort herab, einen ſanften, milden Schein auf die olivenfarbenen Züge warf und das dunkele Auge in höherem, geiſtigerem Feuer erglühen ließ. Seine Schüler ſtanden von heiligem Schauer durchbebt; die Ahnung jener ungeheueren Willenskraft, von der ſie Zeuge ſein, ja, deren Herren ſie werden ſollten, erfüllte ihre Herzen mit einem dunkelen, unverſcheuchbaren Grauen, und ſchweigend ſtarrten ſie auf den ernſten, geheimnißvollen Mann hin, der ihnen Allen ſchon als ein höheres, überirdi⸗ ſches Weſen erſchien. Geräuſchlos nahmen die Schüler ihre Sitze wieder ein und ein junger Mann neben Byrnewood, zog ſeine Uhr heraus und folgte mit den Augen den langſam ſchwindenden Minuten. Die erſte war verfloſſen. Byrnewood ſtarrte mit herzerkältendem Entſetzen auf die verhüllte Leiche.„Träum' ich,“ murmelte er ver ſich hin —„warum hebt er nicht das Tuch von jener Geſtalt?“ 3* 32 und ſelbſt in dem Augenblick, als Ravoni die Hand nach dem Schleier ausſtreckte, wandte er entſetzt den Kopf zur Seite und barg ſeine Augen in der Hand, als ob er fürchte, in der enthüllten Geſtalt die Schweſter zu erkennen. Die zweite Minute ſchwand. Ravoni legte ſeine Hand leiſe auf das Haupt der Leiche — ſeine Lippen bewegten ſich, aber kein hörbarer Laut ent⸗ ſtrömte ihnen— Keiner der Anweſenden wagte zu athmen. Die dritte Minute näherte ſich ihrem Ende. „Zeig' uns die Leiche Ravoni!“ rief Byrnewood jetzt, ſich gewaltſam in verzweifelter Kraftanſtrengung emporraf⸗ fend, ob er gleich in der nächſten Secunde, wie vor dem Klang ſeiner eignen Stimme erſchreckt, zuſammenbebte. „Ravoni erfaßte leiſe das Tuch, und hob es langſam, langſam empor. Zuerſt wurde das Antlitz ſichtbar, dann der Nacken und Buſen, und jetzt lag der ganze Körper, weiß wie der gefallene Schnee, rein wie Gottes eigenes Licht, vor den Blicken der Staunenden— doch todt war er, todt und ſtarr und eiſig kalt. Weshalb erſtarb aber jener Schrei in Byrnewoods Kehle! welcher böſe Feind drängte den Athem zurück, der ihm die erſtarrte Bruſt hob! weſſen glühende Finger waren es, die ſich flammend auf ſeine Augäpfel preßten? Die Studenten erhoben ſich in ſtaunender Bewunderung. Es war der Leichnam eines jungen Weibes, ein Lächeln ſpielte um ihre Lippen, eine ſanfte Heiterkeit ſtrahlte aus ihren Zügen und eine Fülle goldenen, üppigen Haares ſchmiegte ſich ſchmeichelnd um den kalten Alabaſternacken des holden Weſens. Die runden Arme lagen mit den Fingern gefaltet, auf ihrer Bruſt und der, von azurnen Adern durch⸗ zogene, ſchneeige Buſen, deſſen Fülle die Mutter verrieth, ach, hob ſich nicht von dem warmen Schlage eines fühlen⸗ den liebenden Herzens, ſondern lag kalt und ſtarr, von dem matten Dämmerlicht der Halle übergoſſen. Aber ſüßere Ge⸗ ſtalt hatte nie der Pinſel eines Malers, vollkommenere For⸗ men nie der Meißel des Bildhauers erſchaffen. Und doch war ſie todt— todt— todt— das Blut ihrer Adern ſtockte— ihr Puls hatte aufgehört zu ſchlagen. Und dieſe Leiche wollte Ravoni dem Leben wiedergeben? „Erwecke die Todre,“ riefen die Jünglinge wie mit einer Stimme—„erwecke die Todte, und wir ſind Dein Ravoni, Dein für immer.“ Byrnewood ſtand, mit vorgeſtreckten Händen und weit aufgeriſſenen Augenlidern, mehr einer aus weißen Marmor gehauenen Geſtalt, als einem Lebenden ähnlich. Jene fürch⸗ terliche Angſt der uUngewißheit hatte ſeine Seele verlaſſen— es war nicht Marie— es war nicht die Schweſter, die ſtarr, eine Leiche, vor ihm lag, aber zu noch faſt entſetzlicherer Wirklichkeit hatte ſich die Phantaſie geſtaltet. Vier Minuten waren verfloſſen— kein Wort unter⸗ brach die grabesähnliche Stille— die jungen Leute dräng⸗ ten ſich bleich und lautlos wie der Leichnam, um den Altar. „Ha,“ flüſterte plötzlich Einer von ihnen—„ſiehſt Du jenen matten Schein auf der Wange?“ „Ruhe,“ gebot ein Anderer—„Ruhe— das Antlitz iſt marmorweiß— und doch— ſahſt Du jenes leiſe Wogen des Buſens!“ Es war Alles nur Spiel Ihrer Einbildungskraft, keine Farbe erwärmte die Wange, kein Athemzug hob die ſtarre Bruſt. Ravoni ſtand ſchweigend neben dem Körper des todten Mädchens; auf ſeinem Antlitz lag eine fürchterliche Ruhe, aber ſein Auge glühte von ungewöhnlicher, faſt übernatür⸗ licher Begeiſterung— Nur noch wenige Secunden blieben bis zu der beſtimm⸗ ten Zeit; hörbar faſt klopfte jedes Herz, fieberhaft ſchlug jeder Puls— Da bog ſich Ravoni leiſe zu dem ſchönen Weibe nieder— er heftete ſeinen Mund feſt— feſt auf die kalten Lippen der Leiche und rief dann ſich wieder emporrich⸗ tend, mit tiefer, aber klangvoller Stimme: „Du Todte— ſtehe auf!“ Jeder Blutstropfen hatte ſein Angeſicht verlaſſen, und auf der Stirne perlte ihm in großen Tropfen der Schweiß; aber über das alabaſterne Antlitz des Weibes ſtahl ſich ein matter, durchſichtiger Schein, neuen, jungen Lebens— der Buſen hob ſich und die kalten Lippen rötheten ſich mit ſanf⸗ ter Gluth. „Du Todte— ſtehe auf!“ rief Ravoni auf's Neue, und 3⁵ auch über ſein Antlitz ergoß ſich jetzt der inneren Aufregung höchſte, belebendſte Gluth. Des Mädchens Rechte regte ſich leiſe, und ihre langbe⸗ wimperten Lider zitterten. „Du Todte ſtehe auf— ſtehe auf!“ rief Ravoni zum dritten Mal, und hochemporgerichtet, den Arm ausgeſtreckt, die Augen funkelnd im triumphirenden Feuer ſtand er, ein dieſer Erde kaum noch Angehöriger, neben der unbedeckten Geſtalt des wunderſchönen Weibes. Der Körper aber zuckte und zitterte, der Buſen hob ſich, die Glieder bebten; ein convulſiviſcher Schauer ſchien ſich durch das ganze Nervenſyſtem der Lebloſen zu erſtrecken; mit raſcher, aber willenloſer, unbewußter Bewegung hob ſie ſich empor und lehnte auf einem Arm, und die Augen, die großen blauen Augen ſchauten erſchreckt und in ſtaunen⸗ der Verwirrung umher. „Heil— Heil Ravoni!“ jubelte die Schaar, und Byr⸗ newood, ſich mit Anſtrengung ſeiner letzten Kräfte aus dem Starrkrampf, der ihn bis jetzt umſpannt gehalten, empor⸗ raffend— drängte ſich durch die Gruppe— ſah die holde, von neuem, jugendlichen Leben durchfluthete Geſtalt, ſah die ſeelenvollen Augen, verwundert, ängſtlich auf ihn ſelbſt geheftet und ſank, mit dem krampfhaft ausgeſtoßenen Rufe „Annie!“ halb bewußtlos die Holde umſchlingend, ſein Antlitz an ihrem Buſen bergend, auf die Kniee nieder. 36 Das ſchöne Mädchen aber ſtarrte, die großen, blauen Augen in Thränen ſchwimmend, umher. „Mein Kind!“ rief ſie, ihre Hände mit einem bitten⸗ den Blicke ausſtreckend—„mein Kind— wer hat mir mein Kind genommen?“ Sechstes Capitel. Ravoni und Mabel. Es war ein Uhr, als ein eleganter, iſabellfarbener Wa⸗ gen, mit Kutſcher und Bedienten in Livree, die Straße herab raſſelte, und vor dem Hauſe Ravoni's anhielt. Die Rappen ſchäumten, und die weißen Flocken hingen ihnen auf Bruſt und Geſchirr. Sie waren auf jeden Fall übertrieben wor⸗ den, und als ſie jetzt die harten Steine mit den Vorderfüßen ſchlugen und ſcharrten, warfen ſie die ſchön gebogenen Nacken auf und nieder, und wieherten laut. Der Schlag flog auf, und Fitz Cowles ſprang heraus. Er trug einen großen Reiſeüberrock nach Art die Pekeſchen reich mit Schnüren und Quaſten verziert, und immer noch den goldbeknopften Stock. „Kommt Paſtor!“ rief er, in die Thür zurückſehend; „Ihr wißt, daß das Mädchen noch heute nach New⸗York geſchickt werden muß, da iſt alſo keine weitere Zeit zu ver⸗ lieren— ſie ſoll mich nach England begleiten,“ flüſterte er 38 dann leiſe vor ſich hin,—„muß es freilich vor Dora ge⸗ heim halten.— Kommt Paſtor!“ „Solche leichte Creaturen wie Ihr ſeid, können wohl wie eine Wieſel hin und herfahren,“ brummte eine wohl⸗ bekannte Stimme;—„wir aber, die wir im Dienſt des Herrn ergraut, wir fangen an ſachte zu gehen. Nun— hier bin ich,“ und der ehrwürdige Dr. F. A. T. Pyne ſtieg auf die Trottoirs hinunter, legte ſeinen Arm in den des Millio⸗ nairs, und ſchritt mit ihm die breite Marmortreppe, zu der Hauptthür, hinauf. Dort zog er die Klingel, ſein Antlitz hatte aber einen ſo ſanften, wehmüthig freundlichen Ausdruck angenommen, ſo chriſtlich duldend zog er die Mundwinkel herunter, ſo ergebend und vertrauend ſchlug er die Augen auf, daß er nie mehr als gerade damals das Beiwort ver⸗ diente, welches ihm die alten Damen, ſo ſie von ihm ſpra⸗ chen und ſeine Sanftmuth prieſen, nur ſo gern und mit ſo freudigem Herzen gaben—„die gute Seele“.— Sie wür⸗ den darauf geſchworen haben(wenn ſie überhaupt als Patent⸗Evangeliſten hätten ſchwören dürfen), daß er ge⸗ rade in dieſem Augenblick die Welten, ſich ſelbſt vergeſſend, mit— dem bedauernswürdigen Zuſtand der noch unbekehr⸗ ten Hindus beſchäftigt ſei. 4 In der nächſten Secunde erſchien das grimmige Geſicht des Neterſelaven in der Thür. „Avaar— ich muß mit Signor Ravoni ſprechen,“ / 8 1 39 ſagte der Dr. Pyne, und machte dieſem Klumpen von Häß⸗ lichkeit eine tiefe Verbeugung. Der Neger deutete auf die Treppe, und die Hauptthür dann wieder ſchließend, uberließ er die beiden Fremden ſich ſelbſt, ihren eigenen Weg zu ſeinem Herrn und Meiſter zu finden. Sie ſtiegen die teppichbelegten Stufen hinauf, und ſtanden an der Eingangsthüre des erſten Stockes, der nur durch ein ſehr ſchwaches Dämmerlicht erhellt war. Hier aber wären ſie beinahe über einen dunkelen, halb im Wege und vor einer der Thüren liegenden Gegenſtand geſtürzt. „Hallo Paſtor— was iſt das?“ rief Fitz Cowles, legt der alte Hexenmeiſter den Leuten hier Fußfallen?“ „Haltet Euch damit nicht auf,“ unterbrach ihn der Doktor;;—„wir dürfen keine Zeit mehr verlieren, das Mädchen zu ſehen;“ und während er noch ſprach, betraten ſie das Audienzzimmer Ravoni's. Die Nachmittagsſonne ſchien nur gebrochen durch die, die hohen Fenſter dicht ver⸗ hüllenden Vorhänge. Der Platz war düſter und ſchaurig— kein Echo gab der Schritt auf dem dicht mit Teppichen be⸗ legten Fußboden zurück. „Wir ſind allein,“ murmelte Fitz Cowles, ſich etwas ängſtlich umſehend;„Gift und Peſt, dieß einſa me Weſen macht Einem ordentlich die Haut ſchaudern— ſchwarze Decke— ſchwarze Vorhänge— ſchwarzer Teppich— brrr. Wo zum Teufel ſteckt der Wunderdoktor?“ „Er wird wahrſcheinlich bald kommen,“ ſagte der 40 Paſtor, mit ſeinem wohlwollenden Lächeln;„aber Fi, wer⸗ ther Freund, wie wäre es, wenn wir das kleine Schätzchen fortbekommen könnten, ohne daß er etwas davon wüßte!“ „Würde unmenſchlich angenehm ſein.“ „Sehr— würde alle unnützen und weitläufigen Aus⸗ einanderſetzungen erſparen, und— ha, was iſt das dort?“ Sich der weſtlichen Seite des Empfangzimmers nä⸗ hernd, war ſein Auge auf einen rothen Lichtſtrahl geheftet, der aus einer ſchmalen Oeffnung der dunkelen Falten vor⸗ ſtrömte. Ein grinſendes Lächeln zog ſich über die breiten Züge des frommen Mannes. „Hört, Fitz,“ fluͤſterte er;„ich möchte etwas darauf wetten, daß das der Eingang zum anderen Zimmer iſt—“ Er trat leiſe zu dem Vorhang, hob ihn zurück, und ſchaute hindurch, im nächſten Moment wandte er aber auch ſein fettes, jetzt freudeſtrahlendes Geſicht nach dem Millio⸗ nair zurück und ziſchelte: „Seht hier, Alterchen— ſeht hier!“ Fitz Cowles glitt ſchnell herbei, warf einen einzigen Blick hinein, und rief überraſcht: „Bei Gott!“ Durch den düſteren Eingang, eine nur matt erleuchtete Treppe herauf, hatte Ravoni die zitternde Mabel geführt, 41 die jetzt mit fröhlich klopfendem Herzen ihres Vaters Antlitz zu ſehen, an ihres Vaters Bruſt zu ruhen, und zum erſten Male in ihrem einſamen, freudloſen Leben eine Heimath zu finden hoffte. „Endlich werde ich meinen Vater ſchauen,“ ſagte ſie, mit einem ſeeligen Blick die Hände faltend. „Das ſollſt Du, mein Kind,“ antwortete Ravoni, und ſeine Stimme bebte vor innerer Bewegung;—„tritt in dieß Gemach, und in wenigen Minuten wird er bei Dir ſein.“ 3 Er ſchob ſie ſanft durch eine kleine, dicht verhangene Thür. Mabel blickte erſtaunt um ſich her. Sie war allein. Inmitten eines geräumigen Zimmers ſtand ſie, das durch eine einzelne, auf dem Mitteltiſch flammende Kerze, erhellt wurde. Nur ſchwach war dieſe zwar im Stande, den Platz zu erleuchten, doch immer hinlänglich die prächtige Aus⸗ ſtattung deſſelben, die ſeidenen Vorhänge, die koſtbaren Tep⸗ piche, die blitzenden Spiegel, die weichen Sophas und Pol⸗ ſter und reichen Vaſen und Figuren umher, erkennen zu laſſen. „Und dieß iſt meines Vaters Haus?“ murmelte die Jungfrau, und ſank in einen der ſammetüberzogenen Seſſel nieder. Sie faltete ihre Hände, und ſah erſtaunt— über⸗ raſcht umher. Ihres Vaters Haus.— Ach es war eine prachtvolle Heimath für Dich, Du Fremde, Ausgeſtoßene; aber würdeſt Du wohl alle dieſen Glanz auch nur eines 4² Blickes gewürdigt haben, hätte nicht der Gedanke an Deines Vaters Herz ihn geheiligt! 3 „Meines Vaters Haus,“— murmelte ſie wieder, und fiel dann, durch die Aufregung und Erſchütterung ermüdet, zuerſt in einen wachen Traum, der zuletzt in einen ſanften, leichten Schlummer überging. Als ſie erwachte, hatten unbekannte Hände blitzende Armleuchter und Erfriſchungen auf den Tiſch geſetzt. „Ob er bald zurückkehrt!“ murmelte ſie, und dann ſich halb herumwendend, lauſchte ſie einem leiſen Geräuſche, das ihr Ohr berührte. Es bedurfte nur weniger Secunden, um ihr Auge an das Dunkel zu gewöhnen, das den hinter ihr liegenden Theil des Gemaches beſchattete, und dann, emporſchreckend, war es ihr, als ob ſie, für einen Moment, zwei auf ſie herüberſtarrende Geſichter gewahre. „Es kann nicht ſein,“ ſagte ſie, heftig erſchreckt;„es iſt nicht möglich, es kann mein Verfolger nicht ſein,— hier wenigſtens bin ich vor ſeiner Bosheit geſichert.“ Der unterdrückte Schall eines Schrittes ward gehört— Mabel ſprang entſetzt empor; ehe ſie ſich aber nur wenden konnte, fühlte ſie die Falten ihres dunkelen Kleides faſt um ſich hergezogen, und ein heiſeres Lachen brach an ihr Ohr. „Hoho, mein Täubchen, hab' ich Dich endlich gefan⸗ gen? Pfui— Pfui Herzchen— ſchickt ſich das, ſo von Dei⸗ nem lieben Vater wegzulaufen!— ſchäm' Dich, mein Töchterchen— ſchäm' Dich!“ 43 Mabel blickte empor, und ſah in das rothe, runde Ge⸗ ſicht des Dr. Pyne, der ſeine Arme feſt um ihre Geſtalt ge⸗ ſchlungen hatte, und verzweiflungsvoll begrub ſie ihr Geſicht in den Händen, denn jetzt gab ſie Alles verloren, und glaubte ſich auf's Neue durch die Liſt des Fremden den Händen dieſes Mannes überliefert. „Komm' mein Kanarienvögelchen,“ rief Dr. Pyne, ſie feſter umſchlingend.—„Kein Sträuben hier— kein Schreien — hörſt Du?“ „Prächtig, bei Jupiter, prächtig,“ murmelte Fitz Cowles, während er ſein ſeidenes Halstuch losknüpfte, und der Jungfrau Augen und Mund damit umhüllte.„Sie ha⸗ ben einen ſehr liebevollen Vater, mein Herzchen,“ lächelte er dabei,„ſehr liebevoll— höchſt unrecht von Ihnen, ſo geradezu fortzulaufen. Werden jetzt beſſer aufpaſſen müſſen, meine Theuere— verlaſſen Sie ſich darauf.“ Er hob ſie in ſeine Arme, und trug ſie dem Eingang zu, während Dr. Pyne mit einem wohlgefälligen Grinſen folgte. „Mir iſt ungemein wohl— ganz ungemein wohl,“ ſchmunzelte er, ſeine fetten Hände zuſammenreibend;— „wenn man bedenkt, daß das theuere Kind wieder unter das väterliche Dach zurückkehrt— o Du große Güte, wie trö⸗ ſtend der Gedanke iſt.“ „Und Ihr armer Vater, mit dem gebrochenen Herzen,“ 44 kicherte Fitz Cowles, als er die ohnmächtig Gewordene durch das Empfangzimmer trug.. Sie betraten nun den dunkelen Gang wieder, und Fitz Cowles rief: „Zu dem Wagen, zu dem Wagen— einmal dort, ſo haben wir unſer Liebchen in Sicherheit.“ Die Worte waren ſeinen Lippen kaum entflohen, als ſich ſein Fuß in einem dunkelen Gegenſtand, der auf dem Boden lag, einhakte; er fiel nach vorne, während Dr. Pyne die Jungfrau im Sturze auffing, und in ſeine eigenen Arme nahm. „Kommt Fitz! wir müſſen wahrhaftig machen, daß wir fortkommen,“ ſagte er; in demſelben Augenblick fühlte er ſich aber auch bei der Kehle gefaßt, und erhielt zugleich einen gewaltigen Stoß in den Rücken. Das Mädchen ſeinen Händen entſchlüpfen laſſend, ſchrie er vor Schreck und Schmerz, laut auf. Dann aber faßten ihn zwei gigantiſche Arme an der Schulter, zu gleicher Zeit ſchlug ihm ein gewandtes Bein die Füße unter dem Leibe fort, und in der nächſten Secunde fühlte ſich der ehrwürdige Dr. Pyne Hals über Kopf die breite Stiege hinabkollern. Zwar machte er einen Verſuch, am erſten Abſatz ſeinen unfreiwilligen Rückzug aufzuhalten, doch vergebens. Er rollte und rollte, wie ein Bündel Wolle die vierunddreißig Stufen hinunter. Kaum aber unten angelangt, brauſte ein ſchwerer Kör⸗ 45 per durch die Luft, und der fromme Mann fühlte ſich durch die vollkommene Geſtalt eines ausgewachſenen Menſchen in die Seite getroffen, die mit der Schnelle eines jungen Blitz⸗ ſtrahls die Treppe heruntergeſchoſſen kam.. „O mein Gott!“ ſtöhnte Paſtor Pyne;—„was war das?“ „Was zum Teufel ſoll denn das heißen?“ ſchrie mit zorniger Stimme Fitz Cowles;—„weshalb flegelt Ihr Euch denn hier gerade vor die Treppe hin, daß andere Leute ihre Knochen über Euch brechen müſſen?“ „Und was zum Henker kommt Ihr denn wie ein fliegen⸗ der Fiſch, oder wie eine Bombe die Treppe herunter? Ich habe keinen ganzen Knochen mehr im Leibe.“ Oben an der Treppe regte und bewegte ſich eine dunkele Geſtalt, und Fitz Cowles und Pyne hörten zu ihrem unbe⸗ grenzten Erſtaunen eine rauhe Stimme, die donnernd zu ihnen hinabrief: „Hab ich Euch die Knochen durcheinander geraſſelt, Ihr eingefleiſchten Teufel Ihr? Ihr glaubtet wohl, Ihr könntet Euch mit dem Mädchen ſo ſachte davonſchleichen, eh!? und das ſchwarze Ding, was im Wege lag, war gar Nichts, eh?— hohoho— hab⸗ ich den Paſtor die Treppe hinuntergeſchüttelt? und iſt ihm der Stutzer in den Magen gefahren?— hohoho— bin doch neugierig wie das thut.“ „Kommt Paſtor— ich glaube wir gehen lieber,⸗— IV. 4 brummte Fitz Cowles;„dieſer Höllenhund ſcheint ſeine Naſe in jedes Menſchen Geſchäfte zu ſtecken— kommt.“ „O Jeſus, o Jeſus—“ ſtöhnte der Paſtor;„ich wollte hätte Euch mit ein klein wenig mehr Ma⸗ nur zu Gott, er Ich muß mir ein paar Rippen ge⸗ nier zu mir geſchickt. brochen haben.“ Aechzend und jammernd folgte Dr. Pyne dem Millionair zum Wagen zurück. Fünf Minuten ſchwanden, und, in ſeine dunkelen Ge⸗ die großen, klaren Schweißtropfen auf der wänder gehüllt, jenes Entſetzen noch in den wild Stirn, jene Aufregung, glühenden Augen, betrat Ravoni ſchweigend den Gang. Dort aber beſchien der matte, aus der oberen Licht⸗ kuppel herabfallende Strahl ein wunderlich, ſeltſames Bild. Ein Ungeheuer in menſchlicher Geſtalt kniete auf dem Boden, während ein wunderliebliches, bleiches Mädchen be⸗ wußtlos in ſeinen Armen, auf ſeinem Kniee ruhte. Sein einzelnes Auge war feſt auf ihr blutloſes Antlitz geheftet, und ſeine rauhen Hände zogen das zerriſſene Obergewand wieder über ihre Schultern. Ravoni ſtand überraſcht ſtill, und blickte verwundert und ſinnend zu dem fremdartigen Schauſpiel nieder. „Du biſt todt, Kind! Du biſt todt!“ murmelte das Thier, und eine große Thräne trat ihm in das Auge;— „und fort haben ſie Dich von mir genommen— geſtohlen 47 und verſteckt, die Hunde— die Teufel! Aber warte— Meſſer und Piſtolen will ich mir kaufen— ganze Schiebladen voll, und hineinwüthen will ich damit unter ſie, wie ein los⸗ gelaſſener Teufel. Sie ſollen ſich tauſendmal in die Hölle hineinwünſchen, die Hunde, die Beſtien! O Du biſt todt, Kindchen, Du biſt todt.“ Seine rauhe Hand ſtrich er ſanft und vorſichtig über ihre glatte Wange hinüber, als ob er ſie dadurch ſchmeichelnd in's Leben rufen wollte, und in leiſen gebrochenen Tönen murmelte er dabei:. „O Du biſt todt, Kindchen— Du biſt todt!“ Ravoni war durch das Betragen des misgeſtalteten Scheuſals gerührt; es lag etwas in der Miene, in der Stimme, in dem ganzen Weſen dieſes Wilden, das die in⸗ nerſte Seele des ſonſt ſo kalten, ernſten Mannes berührte. Leiſe ſeine Hand auf Teufelkäfers Schulter legend, flü⸗ ſterte er:. „Was bedeutet dieß?“ Teufelskäfer blickte ingrimmig empor, aber vor dem dunkelen Flammenblick Ravoni's, den er für einen Zauberer, für einen, mit höheren Mächten im Bunde Stehenden hielt, getroffen, ſchrak er ängſtlich zuſammen, und knurrte, vor⸗ ſich tig etwas zurückweichend:„ „Ja— ſeht— ich— ich träumte nicht, als ich hier wachend vor der Thüre lag, daß meine Ellen das Mädchen wäre— nicht die Idee. Und wie ich ſo da kauerte, kam 4* 48 Paſtor Pyne und ein Stutzer, und die ſchleppten, zu der Thür da heraus, das Kind, und brachte ſie hier vorbei, die Schufte.— Aber ſprang ich nicht in die Höh'? feuerte ich den Paſtor nicht treppab, und ſchickte ich ihm den Stutzer nicht zur Geſellſchaft nach! hohoho!“ „Du kennſt alſo das Mädchen!“ frug Ravoni, und ſeine feurigen Augen hefteten ſich feſt auf den, noch immer Knieenden. „Ob ich das Mädchen kenne! hoho! iſt ſie nicht das Kind des reichen Kaufmanns Livingſtone!“ Ein verächtliches Lächeln kräuſelte die Lippe Ravoni's. „Ich habe das Märchen ſchon gehört— Dr. Pyne hat mir Alles erzählt— ſie bildet ſich ein— hörſt Du! ſie bildet ſich ein, daß ſie Livingſtones Kind iſt. Teufelskäfer ärgerte der kalte Ton Ravoni's. „Iſt das auch etwa Einbildung! rief er, während er ein Paket Papiere aus ſeinem groben Oberkleide vorzog. „Sind die Schriften hier, die Alles ſo klar und deutlich wie ABC beweiſen, auch etwa Einbildung! Laßt mich ſie einmal in Livingſtones Hand geben— wäre neugierig wie das thäte.“ 3 Ravoni bog ſich langſam vor, und den Blick ſeines, für Teufelskäfer lähmenden Auges nicht von dieſem verwendend, flüſterte er: „Es iſt Alles Wahnſinn!“ und dann ruhig ſeine Hand ausſtreckend nahm er mit 49 derſelben Gewalt, die den Tiger durch den Blick des Men⸗ ſchen gebändigt hält, wenn dieſer ſeinen Käfig betritt, das Paket aus Teufelkäfers Griff. „Hier iſt Gold für Dich!“ ſagte er dann;„laſſe dieſe Papiere bei mir— ich werde Dich vor morgen nicht wieder brauchen.“ Teufelkäfers Arme ſanken erſchlafft nieder;„die Gold⸗ ſtücke fielen zu Boden. „Hört mich,“ ſtöhnte er;„hört mich— Mann oder Teufel, der Ihr ſeid— ich bin häßlich wie eine Kröte, und ich habe ſchon Leichen für Euch geſtohlen, und— und mor⸗ dete auch vielleicht für Euch, wenn Ihr mich gut bezahltet, aber— aber ich kann kein Gold für die Papiere da nehmen. Dieſes Mädchens Lebens, Vermögen und— und Name, ſteckt in dem Paket da drinen.— Gebt es mir, und ich will Euer Sclave für ewig ſein.“ Er hob flehend ſeine großen, rauhen Hände empor, a er ſprach, und ſeine heiſere Stimme zitterte und bebte wie der Ton eines Kindes. 5 Kalt und feſt betrachtete ihn Ravoni, und ein trium⸗ phirendes Lächeln überflog ſeine Züge, als er den Schauer ſah, der den Körper der Misgeſtalt überzuckte. „Dein Zweck iſt Gold!“ ſagte er langſam;„Ou ſollſt es haben— das Mädchen und die Papiere ſind mein.“ Er hob die ohnmächtige Geſtalt Mabels aus Teufel⸗ 50 käfers Armen, und war im nächſten Augenblick mit ihr, im inneren Zimmer verſchwunden. „Und ſie ſoll Eine von ſeinen Nonnen werden!“ knirſchte Teufelskäfer zwiſchen den zuſammengebiſſenen Zäh⸗ nen hindurch;„heute Abend iſt ſie rein— rein wie Gottes Engel, und morgen— morgen früh“—=— und ich bin ſein Sclave— hahaha— hier inwendig frißt's wie Gift— wie Gift und Moder— und ich— ich muß thun, was er haben will.— Warum hat er mir nicht befohlen, mir mit den eigenen Zähnen das Fleiſch vom Arm zu reißen— he! aber das Kind— das Kind zu nehmen— einen ſolchen Schmetterling in ein Spinnennetz zu werfen.— Und Gold giebt er mir— Gold— Gold— für ſie—“ Es war entſetzlich, das Arbeiten dieſer Züge— die Ge⸗ fühle und Empfindungen in dem Antlitz dieſes Ungeheuers zu betrachten, das jetzt mit glühendem Auge— geballten Fäuſten und feſt zuſammengebiſſenen Fängen da ſtand. Kei⸗ nem Menſchen der Erde, keinem wilden Thiere der Wälder wär' er im Kampf gewichen— ſelbſt die Geiſterwelt hatte für ihn ihr Schreckliches verloren, die Spukgebilde, die ewig an ſeiner Seite lagen, waren ihm zur Gewohnheit gewor⸗ den; aber Ravoni— ſeine rieſige Kraft verließ ihn, wenn er dem Mann in's Auge ſchaute— er ſah in ihm ſein Ge⸗ ſchick, dem er nicht entgehen konnte, die eiſerne Hand, die ſein Leben mit unabwendbarem Finger regiere, und er — knirſchte mit den Zähnen, aber er ſchauderte zuſammen, — 51 wenn nur die Erinnerung an jenes Weſen ſein Hirn durch⸗ zuckte. Heulend ſprang er da ploͤtzlich— aus ſeinen wilden Gedanken emporfahrend, die Stufen hinab— heulend durch⸗ rannte er den Vorſaal— riß die Thüre auf, und ſtürzte, die zwei Worte „zum Kloſter!“ ausſtoßend, die Straße hinunter. Ja— dort in die Höhle des Verbrechens, unter die dunkelen Schatten von Sünde und Verbrechen wollte er ſich flüchten, und dort ſollte ſeine Seele den Troſt finden, den der Grabwurm fühlt, wenn er in dem hohlen Todtenſchädel kauert. Nacht zu Nacht— Schuld zu Schuld— der Mör⸗ der zu ſeiner Grube. „Zum Kloſter!“ murmelte er, und ſtürmte die Straße hinab, aber der Mann mit der gebrochenen Kinnlade ſchleppte nebenher, und auch die Frau, mit dem bluttriefenden Schä⸗ del, glitt voran, und er fühlte, wie ihm bei jedem Sprung ein Tropfen heiß und lähmend auf den Fuß fiel, während der Mann achzte und ſtöhnte und winſelte. Ingrimmig lächelnd ſah aber der Flüchtende nur zu dieſen Geſtalten nieder— was waren dieſe Gebilde gegen den Gedanken, der wie glühendes Eiſen ſeine Seele brannte!—„Sein Kind in den Armen der Wolluſt und Schande.“— Fitz Cowles ſtand neben dem iſabellfarbenen Wagen. Das Stöhnen des zerquetſchten und mit Beulen bedeckten Paſtor Pyne ſchallte durch den noch offenen Schlag, und die Roſſe ſtampften ungeduldig das Pflaſter. Fitz Cowles ſtand mit einem Fuß auf dem Tritt, als ſich ſeine Stirn in düſtere Falten zog. Ein Gedanke ſchien ihn plötzlich erſchreckt zu haben— er trat zurück, und ſchaute ſinnend, die Arme ge⸗ kreutzt, die Lippen feſt aufeinander gepreßt, vor ſich nieder. „Alles iſt ſicher,“ waren ſeine flüchtigen Gedanken.— „An dieſem Morgen noch ſandte ich den alten Koffer wie meine andere Baggage unter einem angenommenen Namen nach New⸗York. Alle Welt ſpricht zwar noch von der Fäl⸗ ſchung; aber Niemand wirft auf mich Verdacht.— Rein wie der Tag ſtehe ich zwiſchen den Ariſtokraten der Quäker⸗ ſtadt. Van Gelt iſt beſeitigt— der verräth mich nicht mehr — Dim hält zwei treffliche Renner heute Nacht für mich in Bereitſchaft. Auf dieſen Pferden muß ich mit Dora ent⸗ fliehen— Peſt, daß ich die kleine Mabel nicht bekommen konnte— apropos— ſie darf ihre Juwelen nicht vergeſſen; das wenigſtens muß ich von ihr haben, und für den ſchö⸗ nen, freilich kurzen Traum, daß ſte Gräfin wird, kann ſie doch natürlich Etwas bezahlen.— Noch ſteht Alles gut— ich habe Nichts zu fürchten— fürchten!“ „Ja— während ich noch hier ſtehe und ſinne, legt am Ende dieſer— Harvey einen Plan, mich zu verderben— ha 53 — das wär' ein trefflicher Streich, die Hand eines Sheriffs auf der Schulter zu fühlen, wenn ich heut' Abend die Stadt verlaſſen wollte.„Sie ſind mein Gefangener, Sir!“ Huh, mich ſchaudert's ſchon bei dem Gedanken. Ich habe Harvey heute den ganzen Tag nicht geſehen— dieß Schweigen iſt mir peinlich— Pudel gab mir einen Wink, daß Harvey ge⸗ ſtern auf der Spur des Juden geweſen wäre— Peſt! wenn er den Schuft vor ſeinem— Tode geſehen haben könnte. Fitz Cowles erbleichte, und die Hand fuhr krampfhaft nach der Stirn. „Was zum Teufel laßt Ihr mich denn hier eine Stunde auf der Straße halten?“ knurrte der Paſtor aus dem In⸗ neren des Wagens heraus. „Fahrt in meine Wohnung, Pyne,“ flüſterte Fitz Cowles dagegen durch den Wagenſchlag,„in einer Stunde bin ich bei Euch!“ Er klappte den Schlag zu, in gleicher Zeit einen lang⸗ gezogenen Fluch des ehrwürdigen Mannes abbrechend, und murmelte, während ſeine Pferde die Straße hinasdonnerlen, leiſe vor ſich hin: „Sch will in's Kloſter— ich muß die Geheimniſſe dieſer Höhle erforſchen, und hat der Jude wirklich noch gegen Har⸗ vey hekannt, ſo werd' ich auch das, ehe die Sonne ſinkt, erfahren haben. Ha— da iſt der Narr, der Mulhill wieder.“ und mit einem breiten Lächeln auf ſeinem runden Ge⸗ ſicht, kam der würdige Major Rappahannock Mulhill die Straße heraufgeſchlendert, und balancirte auf dem Finger der einen Hand einen ungeheueren Knotenſtock, während die andere tief in den Taſchen ſeiner weiten, faltenreichen Bein⸗ kleider ſtak. Der Anzug des Majors war, wie ſich der Leſer erinnern wird, etwas auffallend. Er trug einen ſehr breiträndigen Hut mit rundem Deckel und blauen Schnuren und Quaſten, einen weißwollenen Oberrock, der vorne aufgeworfen, einen himmelblauen Frack mit Meſſingknöpfen erkennen ließ, dazu eine kirſchrothe Sammet⸗Weſte und ein Paar außerordentlich weite, bettüberzugartige Beinkleider, zu denen waſchlederne Handſchuh und Glanzlederſtiefeln das keineswegs ganz all⸗ tägliche Coſtüme vollendeten. „Wie geht’'s, Curnel! ſchöner Tag das,“ gähnte der Major, langſam herbeiſchlendernd;„verdammt langweilige Stadt hier— möchte meinen Hals d'rauf verwetten, es iſt kein Einziger heute den ganzen Tag über niederge⸗ ſchoſſen.“ „Guten Morgen, Major— apropos Major, dürfte ich Fhre Güte in einer ſehr delikaten Ehrenſache in Anſpruch nehmen! Ich habe einen Feind— er hat zu erbärmlichen Mitteln gegriffen, mir zu ſchaden, und ich bin entſchloſſen, ihn aus dem Wege zu räumen. Um dieß aber bewerkſtelligen *= 1.— 5⁵ zu können, muß ich eine der ſcheußlichſten Höhlen der Quäker⸗ ſtadt beſuchen. Ich bedarf dazu eines Freundes, der bei mir ſteht, und im Nothfall das, was an Schlägen zu beſorgen iſt, abmacht. Wollen Sie der Freund ſein?“ „Wo iſt die Diebeshöhle?“ frug Mulhill mit ſchläfri⸗ gem Blick. „Haben Sie ſchon je das Kloſter nennen hören?“ „Hier iſt meine Hand,“ rief der Major;—„aber das ſag' ich Euch gleich, Fitz— wenn nicht ein Mann dabei in's Gras beißt, ſo werde ich die Affaire für ſehr erbärmlich hal⸗ ten— verdammt erbärmlich.“ „Danke Major, danke,“ rief Fitz Cowles, die darge⸗ botene Hand ſeines Freundes ergreifend;„trefft mich in etwa einer Stunde an der Ecke der fünften und Chesnut⸗ ſtraße— bis dahin ade“ „Keine Noth— werde da ſein,“ grinſte der Major; „muß einen Hauptſpaß geben.“ Und Fitz Cowles eilte, mit finſter zuſammengezogenen Braunen die Straße hinauf, und kaute ſinnend und Unheil brütend, an ſeinem Stockknopf, während der Major, nach einer entgegengeſetzten Richtung hin, grinſend und kichernd forttrabte, und ſich ein zuſammengefaltetes, weißes Papier fortwährend an die Naſenſpitze ſchlug, wobei er ingrimmig lächelnd, murmelte: 58 holzes, und die roth glühende Sonnenſcheibe goß ihr ſanf⸗ tes Roſenlicht in maleriſchen Schattirungen über die ferne, waldige Fläche. Wüſt und öde ſah aber die Landſchaft aus; tiefe Sand⸗ ſchluchten riſſen ſich in den Boden hinein und die Strahlen des untergehenden Tagesgeſtirns, ſpiegelten ſich in dun⸗ kelen Waſſerlachen wieder, die hie und da, zwiſchen dürren Anhöhen und verkrüppelten Fichtenwuchs hin, ſichtbar wurden. 2 Das Auge des alten Mannes war auf die Straße ge⸗ heftet, die ſich vom fernen Horizont herüber, in gerader Linie dem Thore zuzog, an welchem er ſtand. Oft durch kleine Waſſercourſe gekreuzt, die mit ſteilen Bänken und ſchlammi⸗ gen Ufern den Reiſenden aufhielten, glich die Straße ſonſt einer öden Sandwüſte, und kaum ließ ſich ein troſtloſeres Bild als dieſe Gegend denken. 4 Innerhalb einer einzigen Meile zog ſich aber jener Weg oder Pfad über drei leichte Anhöhen hin, und auf dieſe, die in gleich weiter Entfernung von einander lagen, blieb der Blick des alten Mannes geheftet. Auf dem nächſten war eine von zwei ſtattlichen Roſſen gezogene Karoſſe ſichtbar, und die Sonne blitzte wieder, von dem glänzenden und funkelnden Geſchirr der Renner. Auf dem zweiten kroch, wie ein ungeheuerer ſchwarzer Käfer, der ſeinen Schlupfwinkel zu früh verlaſſen hat, ein 59 Leichenwagen daher, und die ſchwarzen Federbüſche, die ihn ſchmückten, flatterten im Winde. Ueber den letzten trabte, auf tanzendem grauen Roß, ein einzelner Reiter, und hinter ihm ſank die Sonne in ihr grünes Fichtenbett hinab. „Hm— hm“— brummte der Alte, mit der Hand die Augen ſchützend, da ihn das helle Gluthenlicht blendete— „ſechzig lange Jahre habe ich gelebt, aber dergleichen noch nimmer geſehen. Eine halbe Stunde ſtehe ich nun ſchon hier und paſſe auf, und voran kommt, wie in einem Trauerzug, jene Staatskaroſſe, hinterher, wie ein böſer Geiſt, der Lei⸗ chenwagen, und ganz hinten der einzelne, ſtille Reiter. Hm hm— wenn das nicht das Wunderlichſte, und auch Unheim⸗ lichſte iſt, was ich je geſehen habe, ſo will ich nie wieder einen Spaten in die Erde ſtecken, das iſt ſicher.“ Während der alte Mann noch verwundernd dieſe Worte vor ſich hin murmelte, kam aus dem Thor eine wohl eben ſo bejahrte Frau, in grober, wollener Tracht, und blieb, gerade ſo erſtaunt auf den ſonderbaren Zug ſchauend, neben jenem ſtehen. Indeſſen näherte ſich die Kutſche, der Leichenwagen und der Reiter mehr und mehr dem Orte; wir müſſen aber einen Augenblick den Hügel verlaſſen, und den herankommen⸗ den Wägen entgegen gehen, um zu ſehen was dieſe ent⸗ halten. In einer Ecke der dicht und weich gepolſterten Karoſſe 56 „Ein Liebesbrief von einem Mädchen, oho— weiter Nichts— blos ein Liebesbrief.“ und in demſelben Augenblick, wie ein Geſpenſt am hellen Tageslicht, ſtürmte die Misgeſtalt des Pförtners aus Ravoni's Haus, und floh,„zum Kloſter“ ſchreiend— die Straße hinab. —— Siebentes Capitel. Der Tod der weißen Eule. Ein alter Mann ſtand, mit dem Spaten in der Hand, auf dem Gipfel eines niederen Hügels, der die Gegend nach Weſten zu überſchaute, und die Strahlen der untergehenden Sonne fielen auf ſein runzelig Angeſicht und ſilberweißes Haar. Hinter ihm erhob ſich ein großes, maſſives Thor, aber die eichenen Pfoſten deſſelben waren, Jahre lang Wind und Wetter preisgegeben, dem Zuſammenbrechen nahe, und ſta⸗ chen bedeutend gegen die maſſiv ſteinerne Mauer ab, die ſich auf dem Kamm der Erhöhung hinzog, und erſt da dem Auge entſchwand, wo ſie, den inneren Theil des Platzes umſchlie⸗ ßend, in das Thal hinabſtieg. Hinter dieſer Mauer ragten düſtere Kiefern empor, und beſchatteten mit ihren immergrünen Zweigen die altergrauen, ſteilen Dächer eines ſehr antiken Gebäudes, das zwiſchen ähnen hindurchſchimmerte. Der ferne, weſtliche Horizont war eine einzige Maſſe finſteren, unheimlich düſteren Nadel⸗ 60 lehnte, in ihre warmen Pelze eingehüllt, eine ſtolze, könig⸗ liche Geſtalt. Ihre Hände waren auf dem hochklopfenden Buſen gefaltet, und ihr Antlitz geſenkt, daß die ſüßen rothen Lippen auf den Fingern ruhten. Sinnend ſtarrte ihr großes, dunkeles Auge nieder auf die Kiſſen und ernſt und entſchloſ⸗ ſen waren die ſchön geſchnittenen Braunen zuſammenge⸗ zogen. „Alles— Alles aufgeben— Grafenkrone— Rang? Alles! für— die Tugend und Livingſtone!“ flüſterte ſie dann leiſe zwiſchen den halbgeöffneten Lippen hindurch— „der Gedanke iſt bitter— aber— ich habe geſchworen— ich habe mein Wort gegeben— und es ſoll ſein,— Luhk— ich will wieder als braves, redliches Weib vor Deinen Au⸗ gen ſtehn.“ Als dieſe Gedanken ihr in wechſelnden Empfindungen und Gefühlen durch Herz und Seele wogten, bog ſich Dora Livingſtone leiſe vor und ſchaute hinaus in die öde Land⸗ ſchaft. „Wie ſonderbar ſich Alles geſtalten mußte— nur drei⸗ ßig Meilen Entfernung, und doch haben wir den ganzen Tag dazu gebraucht. Zuerſt bricht ein Rad und drei Stun⸗ den dauert es, ehe der Schaden wieder hergeſtellt werden kann; dann, Nachmittag, überholt mich Albert, und ſagt mir, daß ihm der Doktor verboten habe in einem Wagen zu fahren, und er zu Pferde folgen würde, und nun, als wir * — 61 noch durch bald dieß, bald das an der Straße aufgehalten ſind, nähern wir uns erſt dem alten Hawkwood.“ „Es iſt doch eigen— jener Leichenwagen iſt mir den ganzen Nachmittag gefolgt. Ich weiß, es iſt Nichts als Aberglauben, aber ein unwillkürlicher Schauder bebt mir durch alle Glieder, wenn meine Augen zufällig auf jenen düſteren Todesboten fallen. Ja ja,“ fuhr ſie dann wieder, ihren früheren Gedanken nachhängend fort—„ich habe den Schwur geleiſtet, und ich will ihn halten.“ Aber wieder, als ſie ſich unruhig in die Polſter zurück⸗ warf, kämpfte die alte, böſe Luſt, kämpfte ihr böſer Geiſt halsſtarrig und wild gegen die beſſeren Vorſätze an— Tu⸗ gend und Livingſtone— oder eine Grafenkrone und— Mord. Indeſſen folgte, ohne die Entfernung zwiſchen ſich und der Kutſche zu vergrößern, der düſtere Leichenwagen von einem einzelnen dunkelen Pferd, das noch dazu halb von Trauerflor umhangen war, gezogen. Der ſchwarzſammtne Ueberhang wehte zurück und ließ den, mit ſchwarzem Tuch überſchlagenen Sarg erkennen, während die letzten Gluthen⸗ ſtrahlen der Sonne auf die Silberplatte fielen, die den Na⸗ men und das Alter der Verſtorbenen trug. Der Kutſcher ſchob ſich den herunterhängenden Flor aus dem Geſicht, knallte mit der Peitſche, puffte den blauen Rauch der Cigarre höchſt ſelbſtzufrieden hinein, in die klare Toe e, und fuhr ſchnell den Hügel hinunter. . 5 62 Des rauhen Weges halber, hatte der Wagen außerge⸗ wöhnlich geſtoßen, und unten, in der am niedrigſten liegen⸗ den Stelle angelangt, ſprang der Kutſcher von ſeinem Bock herunter und murmelte: „Muß nur nachſehen, ob der Sterblichkeitskaſten keine zu argen Knuffe bekommen hat.“ Der Sarg war nur wenig verſchoben, und in das Innere des Wagens hineinrei⸗ chend, bemühte ſich der Mann ihn wieder in ſeine alte Stelle zu ruͤcken. Alſo beſchäftigt, las er die Worte auf der Silber⸗ platte, die lauteten: Dora Livingſtone, ſtarb Dec. 22. 1842. Alter, 21 Jahr— 3 Monate und 1 Tag. „Couſine von ihm,“ murmelte der phlegmatiſche Lei⸗ chenkutſcher, nach dem Reiter hinüberblickend.„Hm— ſtarb heute Morgen vor Tagesanbruch— die Platte mußte verdammt ſchnell fertig gemacht werden.— Sonderbar!— Nun meinetwegen; ich habe weiter Nichts zu thun, als den Sarg in einem der Außengebäude, ſo unbemerkt als möglich abzuladen, damit„der Schmerz der Verwandten“ nicht er⸗ regt wird— Ahem— die Dame wird ſich wohl— verſtehe ſchon— unter der Hand ſelber umgebracht haben.“ Mit dieſen halblaut gemurmelten Worten kletterte der Mann wieder auf den Bock hinauf und trieb, die Pferde durch einen kräftigen Fluch und noch kräftigeren Peitſchen⸗ 63 knall zur Eile aufmunternd, dem nicht mehr ſo fernen Ge⸗ bäude zu. Die edele Geſtalt des Reiters auf dem, ſich ungeduldig dem langſamen Ritte fügenden Thier, hielt indeſſen einen Augenblick an, und Livingſtone ſchaute zurückblickend und ſinnend auf das, den weſtlichen Horizont goldende Abend⸗ roth. Aber kein ruhiger, bewundernder Blick war es, den er dem wunderherrlichen Schauſpiel zuſandte— ſeine Ge⸗ ſichtsmuskeln zuckten, ſeine Lippen waren krampfhaft auf⸗ einandergepreßt, und die großen, blauen Augen ſtarrten wild und finſterbrütend hinüber, zu dem ſchwindenden Glu⸗ thenlicht. Nur wenige Minuten überließ er ſich jedoch ſeinen dü⸗ ſteren Gedanken. Schnell und heftig fuhr er ſich einmal mit der Hand über die todtenbleiche, ſchweißfeuchte Stirn, riß dann ſein Roß herum und wollte dieſes eben in ſchnelleren Trab ſetzen, als ein anderer Reiter, der ſeit kurzer Zeit von Livingſtone unbemerkt herangallopirt war, die Hand trich⸗ terförmig an den Mund hielt und ſo laut er konnte ſchrie: „Hallo Sir— hallo da— können Sie mir nicht ſagen, ob dieß der rechte Weg nach Hawkwood iſt?“ Livingſtone wartete auf den Fremden und antwortete dann, als dieſer an ihn hinangeritten war: „Jenes Gebäude dort, zwiſchen den Baͤumen, iſt der Platz den Sie ſuchen.“ „Verdammt froh, daß ich ſo weit bin,“ rief der Reiter, 5* 64 ein Mann etwa in den dreißiger Jahren, und mit einem ziemlich ausdrucksloſen Geſicht.„In meinem Leben hab' ich keinen ſolchen Ritt gehabt als heute, Sir. Sehen Sie, ich kam geſtern mit dem Dampfboot in New York an, fuhr, ſo ſchnell mich Dampf ſchaffen konnte, nach Philadelphia, und hörte dort zu meinem, wahrlich nichts weniger als freudi⸗ gem Erſtaunen, daß ich etwa noch dreißig Meilen im Sat⸗ tel ſitzen müßte, ehe ich den Gentleman, den ich ſuchte, fin⸗ den könnte. Wiſſen Sie vielleicht, ob ich Mr. Livingſtone in dem alten Platz dort gewiß treffe!“ „Mein Name iſt Livingſtone,“ antwortete ruhig der Kaufmann.. Der Fremde zuckte hoch empor, und der mit Schaum bedeckte Rappe bäumte ſich, von dem unerwarteten Einzügeln erſchreckt. „Was! Albert Livingſtone, Esqr. Philadelphia⸗Pen⸗ ſylvania,'einigte Staaten von Merika!“ rief er mit unbe⸗ grenztem Erſtaunen. „Derſelbe, Sir—“ erwiederte Livingſtone. „ Nun Sir, dann habe ich Ihnen zu melden, daß ich Einer von Ihres Herrn Vaters Advokaten, Billings Smith und Charmley, London, Buchführer bin. Jetzt als beſonde⸗ rer Botſchafter hierher geſchickt, Sie zu ſprechen. Hier iſt ein Packet für Sie, Sir— das heißt„Mein Lord.“ Der überraſchte Buchführer war aus dem Sattel ge⸗ ſprungen, und näherte ſich jetzt, mit dem Hut in der Hand, dem Steigbügel des Kaufmanns, indem er ihm ein großes, mit gewaltigen rothen Siegeln verſchloſſenes Packet entge⸗ genhielt. „Ich errathe ſeinen Inhalt,“ ſagte Livingſtone mit leichten Lächeln, nahm das Packet, ſchob es vorn in ſeinen Ueberrock und zog dann ſein Taſchenbuch heraus. „Hier Sir, iſt etwas für ihre Mühe,“ fuhr er fort, dem beſonderen Botſchafter eine Rolle Banknoten überrei⸗ chend Hierauf ſeinem Roſſe die Sporen in die Seite bohrend, ſprengte er weiter und ließ den„beſonderen Botſchafter“ ganz beſtürzt in der Mitte der Straße ſtehen. Er glich einer vor⸗ trefflich ausgeführten Statue unbeſchreiblicher Verwunde⸗ rung, mit der einen Hand voller Papiergeld. Wenige Minuten ſpäter hatte Livingſtone den Leichen⸗ wagen erreicht und ein paar Worte mit dem Führer gewech⸗. ſelt, dann gallopirte er weiter und erreichte den Eingang von Hawkwood in demſelben Augenblick, als ſeine Gattin aus dem Wagen ſtieg. Hier begrüßten ihn ſeine alten Diener. „Willkommen zu Hawkwood, Mr. Livingſtone, will⸗ kommen zu Hawkwood,“ rief der alte Gärtner, der mit ſei⸗ ner Frau herbeigehinkt kam. Madame Livingſtone neigte ſich freundlich, aber kalt gegen ſie, während Livingſtone herzlich ihre Hände ſchüttelte und mit ihnen von den Zeiten ſprach, wo ſein Vater noch 66 gelebt, und er ſelbſt, ein fröhlich munterer Knabe, den Wald durchſtreifte und weder Kummer noch Sorge kannte. „Du haſt eine langweilige Fahrt gehabt, liebes Weib,“ wandte er ſich endlich, ſeine Hand auf ihre Schulter legend, an die neben ihm ſtehende Gattin. „Allerdings iſt ſolcher Aufenthalt unangenehm,“ lächelte Dora,„aber ſage mir Albert, wohin geht dieſer Leichenwa⸗ gen, der dort die Straße heraufkommt! er iſt der Kutſche den ganzen Nachmittag gefolgt.“ „Ich ſprach mit dem Kutſcher, als ich vorbeikam— Seiner Ausſage nach, iſt in einem kleinen Städtchen über Hawkwood draußen, ein armes Mädchen von guter Familie plötzlich geſtorben. Jener Mann ſchafft den Sarg zu ihrem Begräbniß dorthin, und wird in Hawkwood ein halb Stünd⸗ chen halten, um ſein Pferd zu füttern und zu tränken— der arme Teufel bat mich um die Gefälligkeit, und ich konnte ihm die kurze Raſt nicht gut verweigern.“ Während er noch ſprach, kam das Leichenfuhrwerk 8 langſam den Hügel heraufgerollt und der Kutſcher ſaß, ſehr gemüthlich ſeine Cigarre rauchend, auf dem Bock. Durch das Thor des Hofes fuhr er den inwendig gelegenen Stall⸗ gebäuden zu. Dora ſtieß einen unwilkkärlichen Schrei aus.„2h— der Sarg?“ murmelte ſie, und wandte ihren Kopf ab. „Allerdings ſieht es etwas feierlich aus,“ ſagte Living⸗ . 4 4 **½ 67 ſtone ruhig—„die Silberplatte, die den Namen trägt, wirft den Wiederſchein des Abendroths ſchimmernd zurück.“ Dora ſchauderte zuſammen und wandte ſich gegen den purpurglühenden Abendhimmel. „Wie ſchön die Sonne heute untergeht,“ ſagte ſie end⸗ lich nach kleiner Pauſe—„wie wunderherrlich die leichten Wolken da droben den lieblichen Schein in ſich einſaugen.“ „Wir werden einen ſehr ſchönen Morgen bekom⸗ men,“ erwiederte Livingſtone, und ſchaute zu ſeinem Weibe nieder. Sie begegnete dem Blick und ein unheimliches, ihr unerklärliches Grauſen erfaßte ſie, als ſie das große blaue, aber ſtiere Auge auf ſich geheftet ſah. Auf der Mauer, unter der ſie ſtanden, flatterte etwas, Beide wandten ſich raſch danach um. „Es iſt die alte, weiße Eule,“ erklärte Davidſon, der Gärtner—„dieſelbe Eule, die damals ſchon alt war, als Sie, Mr. Livingſtone, noch als ein Knabe hier umherſpiel⸗ ten.“ „Ach ja— ich erinnere mich Davidſon, aber— was fehlt dem Thier! ſieh nur wie es ſich ſträubt und wie es die Federn aufbläſt; wahrhaftig—“ Seine Worte wurden durch die Eule ſelbſt unterbro⸗ chen, die auf ein Mal eneporflatterte, mit den Flügeln ſchlug und dann, unfern von ihnen, von der Mauer herab zu Bo⸗ den ſtürzte.— „Wie ſonderbar das—“ ſagte Dora, und verſuchte zu lächeln—„ich hoffe doch nicht, daß dieß etwas Böſes be⸗ deutet?“ „Komm liebes Weib!“ unterbrach ſie Livingſtone, ohne den todten Vogel eines Blick's zu würdigen,„der Abend iſt kühl und feucht, wir wollen in's Haus gehen.“ Sie nahm ſeinen Arm und die beiden Geſtalten ver⸗ ſchwanden bald im Innern des Thorwegs, wo ſie langſam die breite, grasbewachſene Fichtenallee hinaufwanderten. Der alte Davidſon wankte aber auf die Eule zu und ſtand mit gefaltenen Händen und bleichen Wangen über ihr. „O Du lieber Gott!“ ſchrie die alte Frau an ſeiner Seite, als Herr und Madame Livingſtone ihre Ausrufun⸗ gen nicht mehr hören konnten—„o Du lieber Gott, das uUnglück, das Unglück! oh, das bedeutet Schreckliches 17 „Bedeutet!— Unſinn!“ brummte der Alte. „Was] erinnerſt Du Dich nicht mehr an den Spruch!“ ſchluchzte die Alte,„weißt Du nicht, wie ſorgfältig der alte Herr die Eule immer hegte und pflegte? Er fürchtete ſich vor der Prophezeihung— das war's. Hat er nicht immer geſagt, daß Einer der Livingſtones plötzlich ſterben müßte, wenn die alte Eule zum letzten Mal mit den Flügeln ſchlüge! was? Nun jetzt liegt ſie da, ſtill und todt wie ein Stein!“ „Uunſinn,“ wiederholte der Alte in demſelben mürri⸗ ſchen Ton, aber auch in ſeinem Antlitz zeigten ſich deutlich genug die Spuren abergläubiſcher Angſt;„Unſinn, wenn Du denn ſolch alt Weibergewäſch wiederkäuen willſt, ſo 69 thu' es auch wenigſtens ordentlich. Der alte Herr hat mir deßhalb aufgetragen, die alte Eule ſo gut in Acht zu neh⸗ men, weil„Einer der Livingſtones“ den beſten Freund oder ſeine Frau ermorden würde, wenn der Vogel ſtürbe.“ „Großer Gott ſie regt ſich!“ rief erſchreckt zurückſprin⸗ gend die Alte— es war aber nur der Winterwind, der ſpie⸗ lend die gelblichweißen Federn ſträubte und emporhob. Livingſtone ſtand mit ſeiner Gattin in der Thüre der alten Halle; die Schatten der Dämmerung lagerten ſich dich⸗ ter und dichter auf die düſtere umgebung, und weit hinten am Horizont erbleichte der letzte Glanz des ſcheidenden Tages. „Hier fand mein Vater eine Heimath,“ flüſterte Living⸗ ſtone, und blickte ernſt und ſinnend in die ſich immer ſchnel⸗ ler ſammelnden Schatten der Nacht hinaus.„Hier, den Sorgen, dem Gewühl des Stadtlebens entfliehend, begrub er ſich in den dichten Wäldern dieſes alten Sitzes, wo der Erſte unſeres Geſchlechts, der das Amerikaniſche Ufer be⸗ treten, mit all der Gewalt und Pracht eines engliſchen Ba⸗ ron's regiert hatte.“ „Du ſtammſt von Europa her, aus edler Familie? frug Dora, zu ihrem Gatten aufblickend. „Edel! edel, durch einen tauſendjährigen Stammbaum. Herrliche Ländereien und zahlreiche Vaſallen huldigten mei⸗ nen Vorfahren, als— ein Weib unſer Haus mit Schande 70 und Mord befleckte. Unter einem angenommenen Namen floh der letzte Lord unſeres Stammes zu dem ufer Ameri⸗ kas, ſein Eigenthum in England, fernen Verwandten über⸗ laſſend. Er erbaute dieſen Stammſitz und lebte und ſtarb in ſeinen Mauern. Es iſt eine lange, düſtere Geſchichte Dora, die Geſchichte meines Geſchlechts, und wenn ich an meines Vaters Seele denke, die durch fremde Sünde mit tiefem, unheilbaren Trübſinn umnachtet wurde, ſo iſt es mir im⸗ mer, als ob der alte Aberglaube der Meinigen, auch in meinem Herzen Wurzel gefaßt habe.“ „Aberglaube!“ echote Dora. „Ja Aberglaube— Mein Vater war abergläubiſch. Durch das Verbrechen, das unſer Haus geſchändet hatte, war er aus der lichten, freundlichen Welt hinausgeſchleudert, und ſeinen eigenen, düſteren Gedanken und Ideen übergeben worden. Er hatte ſich, in ſich ſelbſt, eine eigene neue Welt gebildet; aber die Erinnerung warf ihre ſchwarzen Schatten über die ſelbſtgeſchaffene. Du wirſt es kaum für möglich hal⸗ ten Dora, aber mein Vater glaubte in der That theilweiſe an eine Seelenwanderung.“ Ein leiſer Ausruf des Erſtaunens entfuhr Doras bi⸗ pen, als ſie das Feuer bemerkte, das, von dem Gedanken belebt, in Livingſtones Zügen glühte. „Durch den Verrath eines Weibes— ja ja— durch den Verrath eines Weibes— hörſt Du! ward der Stolz und die Ehre unſeres Hauſes in den Staub getreten, und mein Vater— ſein Verſtand, mochte vielleicht durch den ent⸗ ſetzlichen Fall etwas zerrüttet ſein, glaubte, daß die Seele des Vaters, den er damals begraben, ſein Haus, Glück und Unheil verkündend, umſchweben werde. Seiner Meinung nach trug jene Eule, die heute Abend todt zu unſeren Füßen niederſtürzte, den Geiſt in ihrer Bruſt.“ „Nicht wahr Dora! das waren närriſche Ideen, die mein Vater hatte; aber lange, lange Jahre hat die Eule auf dieſem alten Platze ihr Weſen getrieben, und— denke Dir nur, mein Vater glaubte auch, daß zwölf Stunden nach ihrem Tode etwas Entſetzliches unſere Familie betreffen würde.“ „Ein eigenthümlicher Aberglaube,“ ſagte Dora ſin⸗ nend,„und gab jene Idee, die näheren Umſtände des Un⸗ glücks an?“ 3 „Allerdings,“ erwiederte Livingſtone mit einem bitte⸗ ren Lächeln—„traurig iſt es aber zu ſehen, welchen Schwä⸗ chen, welchen wahnſinnigen Phantaſieen ſelbſt die ernſteſten, klügſten Männer unterworfen ſind. Du wirſt mich auslachen, Dora, wenn ich Dir jenes Unheil erzähle, das der„Todten⸗ vogel“ durch ſein eigenes Abſterben, über unſer Haus brin⸗ gen ſollte; Du wirſt mich wahrhaftig auslachen. Hahaha— es iſt zu komiſch.“ „Und das unglück?“— „War dieſes: Wenn die weiße Eule von Hawk⸗ wood ſtirbt, dann wird ein Livingſtone ſeine 72 Hände mit dem Blut ſeines Weibes färben, oder durch ihr Verbrechen, durch ihre Schande, ſeinen eigenen Tod erhalten!“ Das war die Prophezeihung. Abſurd genug, in der That!“ „und an dieſe Prophezeihung glaubte Dein Vater mit dem ganzen Ernſt ſeines Herzens!“ frug Dora, während ihre Wange erbleichte und ihr Auge ſcheu zu dem Gatten emporblickte. „Die Nacht wird kühl, liebes Weib!“ ſagte Livingſtone mit einem Ausdruck zärtlicher Sorgfalt in den Worten, „laß uns in das Haus gehen. Ja— mein Vater war wun⸗ derlich genug, ſich ſolchen Phantaſieen hinzugeben, doch ha⸗ ben ja die größten Männer ihre Schwachheiten gehabt. Cä⸗ ſar hatte ſein Geſpenſt, Napoleon ſeinen Stern und der Erbe von Hawkwood— hahaha, hat die geiſterhafte, weiße Eule.“ und als er mit ſorgloſem Lachen die Schwelle übertrat, rollte der Leichenwagen an der Thüre vorbei, dem ins Freie führenden Thorweg wieder zu. Dora ſah ihn nicht mehr, als aber der Wind den einen Zipfel der ſchwarzen Decke für einen Augenblick lüftete, enthüllte ſich der innere, leere Raum.— Der Sarg war verſchwunden. —— SCünftes Bneh. Die dritte Nacht. Die Nachegeiſter. Erſtes Capitel. Der Auswurf der Quäkerſtadt. Das Todtengewölbe des Kloſters wurde durch den Glanz zahlreicher Lichter erhellt. Gerade inmitten von vier maſſiven Backſteinpfeilern ſtand ein, aus rohen Bretern zu⸗ ſammengenagelter Tiſch, und die flackernden Kerzen ſtaken in unförmlich gearbeiteten, eiſernen Leuchtern; die feuchte Zugluft aber, die durch das unterirdiſche Gemach wehte, warf flüchtige, unſichere Schatten über die moderüber⸗ zogenen Wände, und ließ nur dann und wann die Ueberreſte von Särgen und Gebeinen erkennen, zwiſchen denen dem Beſchauer immer noch dunkele, unerforſchte Ecken und Win⸗ kel, und unheimlich düſtere Stellen, wie offene Gräber ent⸗ gegengähnten. Neben dem Tiſch, mit einer ſeiner eiſernen Fäuſte auf die Planken deſſelben geſtützt, ſtand der Pförtner des Klo⸗ ſters, den Kopf auf die rauhe, breite Bruſt, das einzelne, glühende Auge auf die Diele niedergeſenkt. Entſetzliche Auf⸗ regung arbeitete in ſeinen Zügen; ſeine Lippen waren feſt 76 und convulſiviſch zuſammengepreßt, und ſeine ſcharfen Zähne knirrſchten hörbar zuſammen. „Teufelskäfer,“ murmelte er mit ſeiner tiefen, grun⸗ zenden Stimme;„Teufelskäfer— ja— das iſt mein Name. Das Mädchen haben ſie mir wieder entriſſen, und ich will jetzt nur leben, um Geld zuſammenzuſchlagen. Peſt und Cholera! s'wird gar nicht ſo lange dauern, ſo iſt Teufels⸗ käfer ein reicher Mann.— Verdammt komiſch das, daß ſich der Jude einen Tag und eine ganze Nacht in dem Thurm⸗ zimmer verſteckt hat, ohne das ich'was davon merkte— verdammt komiſch. Ob ich ihn aber ausgeholt habe. Die Kiſte mit dem Gold und den Papieren wollte er mit mir theilen, wenn ich ihm behülflich wäre in's Ausland zu ent⸗ kommen.— Guter Menſch der— hihihi!— Alſo Beß hatte ihn da verſteckt— Canaille das.— Und der alten Frau Te⸗ ſtament iſt in der Kiſte. Was ich für ein verdammter Narr war. Schlage die Wittwe ihres Goldes wegen todt, und in dem Teſtament vermacht' ſie all' ihre Schätze dem„Kind“ ihrer Ellen und dem Kaufmann Livingſtone, wenn das Kind eben gefunden werden könnte. Und das Mädchen iſt jetzt in den Händen jenes— huh mich ſchaudert's, wenn ich daran denke.“ 4 Teufelskäfer klammerte ſeine Krallenfinger ineinander, und ſtöhnte laut. Wie innig das Herz dieſes Ungeheuers an Ellens Kinde hing. 5 Deerr Jude muß zuerſt beſeitigt werden,“ murmelte er endlich nach kurzer Pauſe;„dann iſt das Gold mein.“ Ein wildes Gelächter, aus einem benachbarten Keller kommend, übertäubte für einen Augenblick das Flüſtern des Pförtners. „Aha,“ grinſte dieſer;—„das ſind ſie, die Hunde, die Kehlabſchneider, die Canaillen. Hoho! der Jude gehört jetzt mit zu der Bande.“ Wiederum wurden ſeine Worte von dem wildtobenden Jubeln überſchallt, und dann klang aus dem verworrenen Lärm ein rohes Lied, von heiſeren, brüllenden Stimmen im ſchnell klappernden Takte abgeſchrieen, hervor: „Ein luſtiges Gelichter iſt des Kloſters wilde Schaar, Es hauſet wohl verſteckt im tiefen Grunde d'rin. Der Tag wird da zur Nacht, es bringt die Sonne nur Gefahr, Doch fröhlich geht's im Dunkel durch die Straßen hin.“ „Die Nacht iſt unſ're Arbeitszeit, auf Beute gehn wir aus, Wir ſtehlen und wir morden, thut es jemals Noth, Doch dämmert erſt der Morgen, ſchleichen wir uns ſchnell nach Haus, Und trinken dann und ſingen bis zum Abendroth. „Chor, Ihr Burſchen!“ ſchrie eine tiefe Baßſtimme. „Hurrah! hurrah! der Whiskey fließt So golden hier im Glas, So hebt die Becher denn, und gießt Hinab das heiße Naß.“ „Des Whiskeys wilder Feuerſaft Iſt's, der uns laben muß; Wir ſaugen neue Lebenskraft Aus ſeinem Flammenkuß.“ 78 „So grüßt mit voller Becher Stoß Die Freiheit— ruft mir nach: „Hier unten in der Erde Schooß, „Was kümmert uns der Tag.“ „Hier unten in der Erde Huth, „Was ſchiert uns da Gefahr? „Wir rufen Fluch der Menſchenbrut „Und Heil für unſ're Schaar.“ „Das iſt das Wahre!“ jubelte Teufelskäfer, und nä⸗ herte ſich der ſchweren Thür, die in den Diebeskeller führte, von dem Tiſche aus, mit ihren maſſiven Planken und ſtar⸗ ken Eiſenſtäben und Haspen, aber nur dunkel erkannt wer⸗ den konnte. „Heraus hier, Ihr Hallunken!“ ſchrie er, und riß die unförmlichen Riegel zurück;—„heraus Ihr Spitzbuben— Ihr Schufte— Ihr Höllenſöhne!“ Die Thüre flog auf, und eine dunſtige Wärme ergoß ſich in das Todtengewölbe; Teufelkäfers freundlicher Gruß ward aber durch das donnernde Jubelchor einiger zwanzig oder dreißig Stimmen beantwortet. „Wir rufen Fluch der Menſchenbrut, Und Heil! für unſ're Schaar!“ Und durch die aufgeriſſene Pforte wälzte ſich eine ath⸗ mende Maſſe von Lumpen, Schmutz und Verbrechen in das Todtengewölbe. Ein wilder Haufe von Vagabunden und Landſtreichern, Weſen, die in Sünde und Verbrechen aufgewachſen waren, 79 drängte ſich herzu, und ſchaarte ſich um Teufelskäfer, der in ihrer Mitte, wie der von ſeinem Höllenchor umgebene böſe Feind, grinſend ſtand. Männer, Weiber und Kinder waren es, die jener finſtere Schreckensort in einen faſt noch entſetzlicheren ausſpie, und jauchzend und jubelnd umfluthe⸗ ten ſie die Misgeſtalt ihres Wirthes. Es war der Auswurf der Quäkerſtadt. Bei Tage lagen ſie wohl verſteckt in den unterirdiſchen Gewölben des Kloſters, aber Nachts ſtrömten ſie, durch den geheimen Gang und das Pfandhaus, hinauf in die Stadt, und ergoſſen ſich hier in die menſchenbelebten Straßen, um zu betteln, zu ſtehlen, oder auch vielleicht zu morden. Es war eine entſetzliche Sammlung von Sünde und Elend, das ſich hier dem Auge bot; die ganze Bande ſtarrte von Schmutz und Lumpen, und in der That ſchienen, beſon⸗ ders in Hinſicht der letzteren, unſere Freunde ganz vorzüglich geſegnet zu ſein; denn hätte es wirklich einmal Fetzen und Lumpen geregnet, und dieß Völkchen wäre gerade im Freien geweſen, ſo würde es ſich ſchwerlich mit ſolchem Artikel haben beſſer verſehen können. In der ganzen Geſellſchaft befand ſich wenigſtens nicht ein einziges, ganzes Kleidungsſtück. Hier ſtand ein grobknochiger Vagabond, mit den Ueberreſten eines weißen Oberrocks, die an den traurigen Nachbleibſeln eines Paares geſtreifter Beinkleider befeſtigt waren; dort lehnte ein unraſirter Spitz bube in einer blauen Jacke, an der ein Aermel und zwei Ellbogen fehlten, und dann kamen 6* 80⁰ Frauen und Kinder, in Unterröcken uud Nachtkleidern— zerriſſen und ſchmutzig wie eine Wahlfahne nach einem pa⸗ triotiſchen Kampf. Und unter dieſer elenden Maſſe fanden ſich Frauen⸗ zimmer, die in ihrem zwanzigſten Jahre die Zierde eines Salons geweſen, Männer, die von ariſtokratiſchen Eltern zu Advokaten, Biſchöfen und hohen Ehrenſtellen erzogen worden. Der große Haufe war freilich im Elend geboren, durch Jammer und Hunger getauft, und von dem guten Hirten Verbrechen am Altar der Armuth, zu Sünde und Schande eingeweiht. Hier ſtanden ſie, die Heiden und Ausgeworfenen der chriſtlichen Quäkerſtadt, faulend in Sünde und Schmach, während Schiffsladungen voll Bibeln und Flanellröcke, von den frommen Miſſionsgeſellſchaften abgeſandt, auf ihrem Weg nach dem ſündhaften Hindoſtan waren. Hier ſtanden ſie, die Geſetzloſen, bis an die Lippen in Laſter verſunken, während gottſeelige Prieſter über Land und Meer eilten, um die Seelen der nackten Südſeeländer aus dem Fegefeuer zu erretten, oder die frierenden Grönländer vor den Gefahren eines ewigen Todes zu bewahren. „Hurrah für den alten Teufelskäfer!“ ſchrie die ver⸗ ſammelte Canaille;„hurrah! dreimal hurrah!“*) *) In dieſer Scene hat der Autor die verſchiedenen Ausdrücke, der in Philadelphia gebräuchlichen Gaunerſprache, ausgelaſſen, da ſie für den größten Theil ver Leſer doch ſicher ohne Intereſſe bleiben würde. 81 „Haltet Euere verdammten Mäuler!“ grunzte Teufels⸗ käfer;„oder ſoll ich ein paar von Euch lahm ſchlagen! eh! iſt etwa Jemand hier, der gerne ein Bein oder einen Arm gebrochen haben möchte?“ „Silentium Gentlemen!“ ſchrie Einer der Vagabun⸗ den, der ſich des Namens Roſt⸗Jacke ſchmeichelte;„der Eigenthümer dieſes Etabliſſements hat das Wort.“ Und mit ehrfurchtsvoller Verbeugung zog der Landſtreicher ſeinen einen Aermel etwas in die Höhe, und ſtand dann, mit herab⸗ hängenden Armen die ferneren Veiahl⸗ des gaſtfreundlichen Wirthes erwartend. „Ruhe! Ruhe!“ rief die Bande. „Laßt ſich die Ladies und die Jugend zurückziehen!“ befahl Teufelskäfer mit einer vornehmen Handbewegung. Augenblicklich geſchah es, wie er es angeordnet; die Weiber und Kinder ſchlichen zurück in den kaum verlaſſenen Keller, und der Pförtner blieb mit einigen zwanzig, rauh und wüſt ausſehenden Hallunken, die die Fenſter eines jeden Gefäng⸗ niſſes geziert haben würden, im Todtengewölbe allein. „Was ich wiſſen will, iſt das,“ nahm Teufelskäfer wiederum das Wort;„bin ich Euch ein Vater geweſen, Ihr lumpigen Hallunken Ihr! heh?“* „Ob er uns ein Vater geweſen iſt?“ echote Roſtjacke, und ſchaute ſich, wie über die Frage erſtaunt, im Kreiſe um; er will das wiſſen— er— o Jemine, iſt er uns etwa kein 82 Vater geweſen! was? Ein richtiger Papa, Jungens, ſag' ich, iſt er geweſen, ein ganz richtiger Papa.“ „Hurrah für Teufelskäfer!“ jubelten die Vagabonden und Kehlabſchneider. Teufelskäfer donnerte ſeine Fauſt auf den Tiſch. „Hab' ich Euch nicht verſteckt, wenn Euch die Polizei auf den Hacken ſaß? Hab' ich Euch nicht ſtets genug zu eſſen, nicht Ueberfluß an Getränken gegeben, he! Habt Ihr nicht den beſten Monongahela gehabt? Hab' ich Euch nicht wie Gentlemen behandelt?“ „Wie Lord's!“ rief Roſtjacke. „Wie Kampfhähne,“ ſchrie ein ſcharfnäſiger Vagabund, der unter dem Namen Schleimulme bekannt war. „Wie Ferkel im Spühlicht,“ war die claſſiſche Bemer⸗ kung eines anderen Gauners, der den oberen Theil eines Frackes trug. 8 „Wie ein Bankdirektor die Richter traktirt, die ihn verhören ſollen!“ jubelte Pumpenſchwengel, ein anderer von der Bande, indem er ſeinen Hut in ſeeliger Erinnerung der genoſſenen Freuden gegen die Decke warf, und damit ein halb Dutzend dichter Spinngewebe auf höchſt leichtſinnige und unverantwortliche Art zerſtörte. „Teufelskäfer ſoll leben!“ ſchrie die Maſſe der Vaga⸗ bonden. „Gentlemen— ſo will ich Ihnen denn die eine Frage vorlegen. Hört zu, Ihr Höllenhunde, und haltet die Mäuler. 83 Was verdient der Schurke, der nach all' meiner Mühe und Sorgfalt mit ihm, hingeht, und der— Polizei einen Floh in's Ohr ſetzt, heh?“ Ein wild⸗tobender Racheſchrei der Verſammelten be⸗ antwortete dieſe Frage. „Zum Teufel mit ihm— den Strick für ihn!— ein Meſſer durch ſeine Kehle!“ „Gentlemen!“ nahm Teufelskäfer wieder das Wort; „der Jude— der Gabriel Von Gelt iſt ſolch' ein Burſche. Was wollen wir mit ihm machen?“ „Gabriel Von Gelt!“ murmelte Roſtjacke und ſtemmte den Arm in die Seite;„habe nie viel von dem Schuft ge⸗ halten. Die Peſt über ihn; er war zu ſtolz Whiskey zu trinken.“ „und er wollte kein Schweinefleiſch eſſen.“ „Und er dünkte ſich zu gut, abgeriſſen auszuſehen!“ Große Aufregung herrſchte im Gewölbe; die Bande flüſterte leiſe zuſammen, und ihre ſchwartigen Hände riſſen unter den zerfetzten Gewändern bis dahin verborgen gehal⸗ tene Waffen hervor. „Was ſoll mit ihm geſchehen?“ frug Teufelskäfer. Die Antwort der Roſtjacke war zu gleicher Zeit bündig und beſtimmt. „Es iſt meine unmaßgebliche Meinung,“ ſagte dieß würdige Mitglied der menſchlichen Geſellſchaft,„daß dieſes Juden Kehlkopf unterſucht werden ſollte.“ Und er zog ſeine 84 Hand zugleich mit einer geſchickten— wie graziöſen Bewe⸗ gung über den eben benannten Theil des eigenen Körpers. „Schneidt' ihm den Hals ab!“ war die Antwort der Bande. „Horcht— das iſt ſein Schritt auf der Treppe!“ rief Teufelskäfer;„er kommt; aber noch vorher, meine Bur⸗ ſchen. Ich muß einen Augenblick hinauf gehen; fangt nicht mit ihm an, bis ich zurück bin; ich bringe Euch ächten Mo⸗ nongahela mit.“ „Haben die Schufte erſt Whiskey im Leibe,“ murmelte er dabei, als er ſich zum Gehen wandte,„ſo ſchlagen ſie mir todt, wen ich haben will.“ Während er durch die weſtliche Thüre des Gewölbes verſchwand, wurden die Schritte in der entgegengeſetzten Richtung immer deutlicher. „S' iſt der Jude,“ ſagte Roſtjacke, ein Murmeln der Ueberraſchung durchlief aber den Haufen, als eine ziemlich lange Geſtalt, von Kopf bis zu Füßen in Lumpen gekleidet, aus dem Schatten eines der Backſteinpfeiler vortrat, und ſich der Verſammlung näherte. Sein Haar und Bart zeigte unverkennbare Aehnlichkeit mit einer wandernden Feuersbrunſt, es war dicht und borſtig und brennend roth. Seine Haut war fleckig, und unter den ſtruppigen Augen⸗ braunen vor, flogen die kalten, ſpöttiſchen Blicke prüfend über die Menge. — 85 „Hallo Kam'raden!“ brummte Roſtjacke;„wer iſt der Burſche?“ „Ja ſehn Sie!“ antwortete für die Anderen der Fremde, mit dem richtigen Gauneraccent;„ich bin ein junger Mann im Unglück. Die Polizei iſt hinter mir her, und ich möchte mich gern bei Euch hier, Ihr Liebchen, verſtecken. Wollt Ihr mich hübſch unterſchieben! heh Alterchen?“ Es herrſchte augenblickliches Schweigen, doch richteten ſich die Blicke Aller mit unverkennbarem Verdacht auf den kecken Eindringling. „Die Parole, wenn's gefällig wäre,“ frug Roſtjacke. „O natürlich,“ antwortete ruhig der rothhaarige Va⸗ gabond; ‚Schweinefleiſch und Bohnen iſt ein ſehr gutes Eſſen; vorzüglich mit Syrup.“ Mein Name iſt Bricktop, Gentlemen; mein Vater war Straßenkehrer, und meine Mutter verkaufte Lumpen.“ Die Bande drängte ſich zuſammen, und flüſterte leiſe mit einander, Bricktop aber, der mit untergeſchlagenen Ar⸗ men und anſcheinend der gleichgültigſten Miene von der Welt neben dem Tiſche ſtand, murmelte leiſe vor ſich hin: „Gebe nur Gott, daß Dora jenes Blatt, an Livingſtone zeigt. Und dann Mabel— hier häuft ſich Geheimniß auf Geheimniß— das Mädchen iſt Livingſtones Kind; ich muß es vom Verderben retten.“ Luhk Harvey hatte ſeine gefährliche Rolle wieder über⸗ nommen, um gewiſſe Papiere den Händen des Juden zu 86 entreißen. Erſt kürzlich aus ſeiner Betäubung erwacht, wußte er, daß ſich Von Gelt nirgends anders konnte verbor⸗ gen haben, und war nun feſt entſchloſſen, das Aeußerſte zu wagen, um ſeinen Plan auszuführen. „Sie da, Sir— s'iſt Alles in Ordnung;“ rief Roſt⸗ jacke jetzt;„Eins nur fehlt noch; die Aufnahmegebühren.“ „Hier iſt ein Fuchs,“ ſchnüffelte Luhk mit ſeiner Brick⸗ topſtimme;„werde mich ſchon nicht lumpen laſſen, wenn Ihr mich nur ordentlich verſteckt.“ „Hallo Ihr da,“ ſchrie Schleimulme;„er hat Roſt⸗ jacken einen wirklichen Gelben gegeben; hurrah! jetzt können wir den ächten Likker haben.“ „Aber hört einmal Kamraden,“ murmelte Roſtjacke, während er das Goldſtück in der flachen Hand wog;„ſieht der nicht abgeriſſen aus? Jemine, er iſt ordentlich eklich. Hallo Fremder, weßwegen will Euch die Polizei kennen lernen?“ Hab' einen Marktwagen beſtohlen,“ antwortete Brick⸗ top mit mürriſcher Stimme. „Oh Ihr ſehr verächtliches Individuum Ihr,“ rief Roſtjacke entrüſtet;„einen Marktwagen zu beſtehlen; welche Gemeinheit. Werft ihn hinaus.“ 3 „Ein Marktdieb— pfui!“ rief die Bande;—„ſeh' Einer den Lump an.“ Bricktop nahm eine Borxerſtellung an, und blickte ſich mit einem drohenden Blicke im Kreiſe um. . 87 „Was zum Teufel knurrt Ihr, wie die Köter! ich habe ſchon meinen Mann unter die Erde geſchafft, und bin ein⸗ geſpunnt und verurtheilt geweſen. S'iſt kein Gelbſchnabel mehr, mit dem Ihr's zu thun habt!“ „So— das klingt ſchon beſſer!“ bemerkte Schleimulme dann, und die Bande echote„brav! gut das!“ „Ihr war't verurtheilt?“ frug Roſtjacke,„und wie kamt Ihr da wieder los?“— 4„Nun verdammt will ich ſein, wenn Ihr nicht Fragen ſtellt, als ob Ihr eben erſt auf die Welt kämet. Wie ich los kam! Nu natürlich kriegt' ich doch vom Gouver⸗ neur Pardon!“ „Ich auch!“ rief Roſtjacke. „Ich auch!“ lachte Schleimulme. „Und ich!“ ſchrie Pumpenſchwengel. „Und ich!“ echote ein vierter Gauner. „Und wir auch!“ tönte es von noch vielen Anderen aus der Bande, nach. „Hurrah! für die„verzeihende Gewalt!“ brüllte im Chor der übrige Theil der Gaunerbande. Es war jetzt an Bricktop zu fragen. „Weswegen wurdet Ihr verurtheilt?“ ſagte er, ſich an Roſtjacke wendend. „SIch hatte ein Unglück,“ erwiederte dieſer;„ich brachte aus Verſehen einen Menſchen um. Seht, es war eines Abends, auf offener Landſtraße. Ich richtete eine ganz 88.. artige Frage an ihn und er antwortete unverſchämt; es kam zu Worten und am nächſten Morgen fand es ſich, daß er ein Loch in der Kehle hatte.“ „Was frugt Ihr ihn denn eigentlich!“ brummte Luhk. „O, nichts Beſonderes,“ antwortete Roſtjacke etwas verſchämt,„es war nur nach ſeinen Vermögensumſtänden, ich bat ihn um ſein Geld oder— ſein Leben. Da er das erſte nicht geben wollte, nahm ich das letzte; aber—“ fuhr er mit einem breiten Grinſen fort—„ich fand Erbarmen— ich wurde begnadigt.“ „Und Ihr?“ wandte ſich Luhk an einen anderen Vaga⸗ bonden, „Ja ſeht,“ lächelte dieſer,„eine Geſellſchaft von unſe⸗ ren Freunden, hatte eines Sonntags weiter Nichts zu thun, und da ſtifteten wir einen Niggerſkandal an; ein oder zwei⸗ mal im Jahr, haben wir das ja immer in Philadelphia. Ich half mit, eine Negerkirche, zwei Waiſenhäuſer und ein Schulhaus niederbrennen; verdamm die ſchwarzen Schufte, wozu brauchen die's? und da ich gerade einen, irgendwo ab⸗ gebrochenen Pumpenſchwengel in der Hand hatte, ſo legte ich den, einem alten Nigger über den Kopf. Folge hiervon war— er ſtarb. Deßhalb nennen ſie mich Pumpenſchwengel.“ „Und wegen dem kleinen Unglück wurdet Ihr verur⸗ theilt?“ „Natürlich! verhört und verurtheilt, aber die Geſchwo⸗ renen und der Richter und die Advokaten ſetzten eine Bitt⸗ 89 ſchrift auf, an den Gouverneur und— weiß Gott— er be⸗ gnadigte mich. Der Henker mag aber wiſſen, wie es zugeht, ich konnte meine Hände nicht ruhig halten, und da bin ich denn wieder, um der Polizei nicht gerade in die Augen oder vielleicht gar in die Hände fallen.“ Roſtjacke blickte ſinnend im Kreiſe umher. „Hört ein Mal, Ihr Burſchen, warum könnten wir denn eigentlich keinen Gouverneur wählen, der die Polizei vetote! heh?“ „Hurrah für den Gouverneur—“ ſchrie die Bande, „der die Polizei und die Richter und Advokaten zum Teufel jagt. Noch einmal hurrah! dann hätten wir alle die Um⸗ ſtände nicht!“ und Schleimulme ſprang, von dem Gedanken entzückt, hoch empor und warf den Hut zur Decke. Roſtjacke war ſelber einmal Politiker geweſen; der alte Geiſt erwachte. Er konnte dieſe Gelegenheit unmöglich un⸗ benutzt vorübergehen laſſen, ohne ein paar Worte zu ſagen; er ſprang auf den Tiſch hinauf, und die verſammelten Hau⸗ fen der Vagabunden überſehend, rief er aus: „Gentlemen! Mitbürger! Freie Männer von Penſyl⸗ vanien!“ „Weshalb haben unſere Vorväter gekämpft und geblu⸗ tet? weshalb ſetzten ſie ſich ſtürmiſchen Tagen und kalten Nächten aus, ohne einmal ein Glas Rum im Leibe zu ha⸗ ben? War es etwa deßhalb, um dieſen Beweis menſchlicher Rechte mit dem Schwamm der Tyrannei von der Tafel der 90 Freiheit gewiſcht, die„verzeihende Gewalt“ der Conſtitution entriſſen zu ſehen! Schon der Gedanke iſt lächerlich. Gentle⸗ men— Jeder von Ihnen weiß, daß gerade deßhalb die Re⸗ volution begann. Hatte nicht General Washington, wie Sie in der allgemeinen Weltgeſchichte nachſchlagen können, bei irgend einem Negerſpektakel im Süden, einen Indianer todtgeſchlagen! Georg der Dritte, jener alte Brummbär, wollte ihm nicht verzeihen, und die Revolution, Gentle⸗ men, war die Folge jener Weigerung. Ich verweiſe Sie, wegen Einzelheiten, an die Weltgeſchichte, Gentlemen!“ „Gentlemen! Mitbürger!“ ſchrie Schleimulme.„Drei Hurrahs dem Gouverneur, der Jeden pardonnirt, was er auch gethan hat, und ohne ihn viel mit Fragen zu quälen. Er ſoll leben! hoch!“*) Das laute Jubeln der Gauner wurde durch die ſchweren Schritte eines Herbeieilenden unterbrochen, und Teufels⸗ käfer erſchien mit einem großen ſteinernen Krug in der Hand, unter den Lärmenden. „Wollt Ihr den gottverdammten Spektakel ſein laſſen?“ ſchrie er är gerlich—„hier iſt der Monongahela— gebt ihn *) Des letzten Verwaltungstages eines gewiſſen Gouverneurs, wird von den Schließern der verſchiedenen Gefängniſſe gewiß noch lange mit ehrfurchtsvoller Freude gedacht werden. An jenem Tag machte jenes Haupt der ausübenden Gewalt, das Maas ſeiner Gnade voll, und be⸗ freite eine wahre Bande von Dieben, Kehlabſchneidern und Gaunern. In einem Lauf von ſechs Jahren erließ dieſer werklich erbarmungsreicher Nich. 3 ter ſiebenhundert Begnadigungen. 91 herum; aber macht ſchnell; der Jude kommt ſchon die Treppe herunter. Hallo— Bricktop hier?“ Er trat überraſcht einen Schritt zurück, als er die Ge⸗ ſtalt ſeines abgeriſſenen Helfershelfers erkannte. „Ja ſeht— die Polizei kriegte Wind von mir—“ be⸗ gann Luhk. „Pſt— die hier brauchen Nichts zu wiſſen,“ flüſterte Teufelskäfer,„jener Jude, jener Von Gelt, hat uns ver⸗ rathen wollen. Er muß ſterben! Ihr ſollt uns helfen, ihn bei Seite zu ſchaffen, und ich—“ er vollendete, leiſe für ſich flüſternd, den Satz—„und ich werde nachher ſchon Sorge tragen, daß ich Dich ſelber früh genug aus dem Wege räume; ſo werde ich meine beiden Gehülfen los.“ „Der Jude muß ſterben!“ wandte er ſich dann wieder laut an die ihn jetzt umdrängenden. „Wie!“ frug Schleimulme. „Seht Ihr den Tiſch hier? er ſteht auf einer Falle; der Jude muß ſich auf dieſe Seite ſetzen, und Einer von uns auf die andere. Gut, ein einzelner Tritt auf den Riegel hier, ſchickt unſeren armen Schweinefeind in alle Ewigkeit hinein. Seht Ihr hier?“ Roſtjacke und die übrigen Vagabonden unterſuchten die Maſchinerie mit vielem Intereſſe. „Was wird aber aus dem, der ſie fallen läßt!“ frug Schleimulme vorſichtig. „Ihr ſeht, daß die Bank, auf welcher der ſitzt, ein paar Zoll vom Rande iſt,“ ſagte Teufelskäfer,„dagegen ſteht die andere gerade auf der Mitte der Klappe.“ „Tod dem Verräther,“ murmelte die Bande, während der ſteinerne Krug ſchnell die Runde machte,„zum Teufel mit dem Juden.“ „Wer ſoll aber der ſein, der ihm hinüber hilft!“ frug Teufelskäfer. „Wir wollen d'rum loſen,“ ſagte Roſtjacke—„dieß iſt famoſer Monongahela— werft eine Quantität Stroh⸗ halme in einen Hut, und der, der das kleinſte zieht, hat den Spaß.“ „Bravo— gut das!“ jubelte die Bande, und ihre Au⸗ gen funkelten von dem genoſſenen Feuertrank. „Hier iſt ein anſtändiger Hut, die Looſe hinein zu thun,“ rief Schleimulme, indem er die Ueberreſte eines alten Filzes vorhielt, die fruher vielleicht einmal die Farbe und Facon eines Hutes gehabt hatten. „Und hier ſind die Looſe,“ bemerkte Roſtjacke, eine Hand voll loſes Stroh vom Fuße eines der Backſteinpfeiler aufnehmend, das er dann mit ſeinem Dolche in ungleiche Längen ſchnitt. Dieſe Stücke, genau mit der Zahl der An⸗ weſenden übereinſtimmend, wurden in den Hut geworfen und auf die eine Tiſchecke geſtellt. Todtenſtille herrſchte jetzt. Einzeln, Jeder mit dem Ausdruck ſtumpfer Gleichgültigkeit in den tückiſchen Zügen, ſchritten ſie an der„Urne“ vorüber; wer ſeine Hand nach 93 den Looſen ausſtreckte, wandte den Kopf ab, zog einen der Strohhalm vor und glitt lautlos zu den Uebrigen hinüber. Luhk Harvey kam zuletzt. „Das wird intereſſant,“ murmelte er, als er ſich dem Tiſche näherte—„gebe nur der Himmel, daß jeder Andere, nur ich nicht, zu dieſem edlen Geſchäft berufen wird. Gift und Peſt, Kandidat hier zu dem ehrwürdigen Amt, eines Juden Henker zu ſein. Doch— hol's der Teufel—“ Er griff in den Hut, und nahm ſeinen Strohhalm her⸗ aus. „Gentlemen! meßt Euere Looſe!“ rief Teufelskäfer mit affektirtem Ernſt. Alle drängten ſich zuſammen— ſieben und zwanzig rauhe Hände, und zwiſchen dieſen die weißen Finger Luhks. Es entſtand eine Pauſe; man hätte eine Stecknadel können fallen hören— und dann unterbrach ein lautes Lachen die Stille.. „Miſter, mit dem rothen Bart, Euer Stroh iſt das kürzeſte!“ grinſte Teufelskäfer—„Ihr habt die Ehre!“ Für einen Augenblick ſtand Luhk wirklich, wie von jähem Schreck gelähmt. Er mußte morden, oder wurde gemordet; Teufelskäfers Auge war auf ihn geheftet und jede Hoffnung noch entfliehen zu können, umſonſt. „So will ich denn wenigſtens verſuchen, die Papiere zu bekommen,„knirſchte er zwiſchen den feſt zuſammenge⸗ IV. 7 94 biſſenen Zähnen hindurch, und mit einem kräftigen Fluch beſtätigte er ſeinen Entſchluß. „Hier kommt der Krüppel!“ ziſchelte Teufelskäfer— „hoho,“ murmelte er dann,„die Kiſte mit dem Gold, und das andere kleine Vermögen iſt mein; bin neugierig wie das thut.“ Während er noch ſprach, ließ ſich ein etwas ſchleppen⸗ der Schritt hören, und der Glanz der Lichter fiel im näch⸗ ſten Augenblick auf das lange Antlitz und den kleinen Körper des israelitiſchen Zwerges, Gabriel von Gelt. „Teufelskäfer— ich muß ſprechen mit Euch, ein Wort allein!“ ſagte er zu dieſem, als er ſich näher zu ihm hinbog; „hab ich Euch doch geſucht im ganzen Haus, und hat mich der eine Schwarze endlich hierhergeſchickt. Gottes Wunder was for große Geſellſchaft Ihr habt.“ „Apropos Gabriel!“ ſagte Teufelskäfer, den Uebrigen den Rücken zukehrend—„Bricktop da, will mit Euch vor⸗ her ein Wort über Euere Flucht reden, Kehrt Euch nicht an die Anderen.“ „Setzt Euch, wenn's gefällig iſt,“ brummte Luhk et⸗ was mürriſch.. Von Gelt ließ ſich an der einen, Luhk an der anderen Seite des Tiſches nieder. Die Bande zog ſich einige Schritte vom Tiſch zurück, und Teufelskäfer betrachtete, an einen Pfeiler gelehnt, mit augenſcheinlichem Wohlgefallen die Scene. 9⁵ Ein anderer Umſtand muß aber hier ebenfalls noch er⸗ wähnt werden. Gerade dort, wo von Gelt ſaß, lief die Wöl⸗ bung in ihrer höchſten Spitze zuſammen, darunter aber hing an einem quer vorgeſchobenen, und in den maſſiven Pfeilern ſelbſt, befeſtigten Balken, ein ſchwerer eiſerner Haken, und durch dieſen lief ein dünnes, aber feſtes Seil, das zu einer Schlinge geknotet, über dem Kopfe des Israeliten ſchwebte. Das andere Ende des Seiles reichte ſchräg zu einem der Pfeiler hinüber, an dem es durch einen anderen Haken zu⸗ rückgehalten, herniederfiel. Teufelskäfer ſtand neben dieſem Pfeiler und beobachtete das Opfer wie das Seil mit unverkennbarem Intereſſe. Luhk Harvey lehnte ſich über den Tiſch hinüber, bis ſein Geſicht das des Israeliten faſt berührte, und flüſterte dann mit ſeiner natürlichen Stimme: „Ich habe Euch nur wenige Worte zu ſagen; aber an der Beantwortung derſelben, hängt Euer Leben. Schreckt empor, gebt nur ein Zeichen der Angſt und der Ueber⸗ raſchung, und Ihr ſeid eine Leiche.“ „Vater Moſes, wos is es?“ Von Gelt's Antlitz wurde todtenbleich. Die Schlinge begann dabei ſich leiſe zu ihm herabzuſenken; Teufelskäfer hielt das andere Ende des Seils. „Seht Ihr nicht an den Blicken dieſer Raubbande, zu was ſie entſchloſſen iſt?“ „Gott der Gerechte, zu wos?“ 7* 96 8— Die Schlinge hing nur wenige Zoll über dem Haupt des Juden. „Euch zu ermorden!“ „Vater Abraham!“ ziſchte Von Gelt und erfaßte krampf⸗ haft die Tiſchplatte. „Weicht nur einen Schritt!“ flüſterte Luhk,„und ich trete auf die Feder, die die Fallthür öffnet. Ein Druck mei⸗ nes Fußes und Ihr ſeid verloren. Euer Leben hängt an einem Haar; ich allein kann Euch aus den Händen dieſer Teufel erretten.“ „Dann ſeid Ihr kaner von ihnen?“ ſtammelte Gabriel —„wenn ich Euch nu verrieth?“ „Gebt nur ein Zeichen ſolchen Vorſatzes, und kein Gott kann Euch retten.“. „Hallo da— Ihr Rothkopf— bringt das kleine Ge⸗ ſchäft zu Ende— hört Ihr?“ rief Teufelskäfer ungeduldig. „Kleines Geſchäft?“ echote der zuſammenſchreckende Hebräer,„Gottes Wunder, wos maint er, mit dem klanen Geſchäft?“ Luhk bog ſich langſam vor und ſeine Augen feſt auf die ſchreckdurchzuckten Züge des Juden heftend, flüſterte er einen einfachen Namen. „Ellis Mortimer!“ „Wo habt Ihr gehört den Nomen?“ frug Gabriel mit neuem Erſtaunen. „Ihr waret bei der großen Fälſchung, die das Haus 8A 97 —— 3 Livingſtone, Harvey und Co. betraf, betheiligt. Ihr ſeid auch im Beſitz gewiſſer Documente, die Algernon Fitz Cow⸗ les des verübten Verbrechens überführen müſſen. Gebt mir dieſe Documente, und die zehntauſend Dollar, die Ihr bei Euch tragt, ſollen die Eueren ſein. Was den Mord anbe⸗ trifft, nun ſo könnt Ihr ja als Kläger für den Staat auf⸗ treten; wird Euch gerade recht ſein. Gebt mir die Papiere!“ „Ehr ſterb' ich,“ ſagte Gabriel, und ſeine Glieder flo⸗ gen wie in Fieberfroſt. „Dann, beim Himmel, ſeid Ihr ein Mann des Todes — mein Fuß iſt auf der Feder!“ ziſchte Luhk. „Gut! ich willige ein,“ rief Gabriel—„hier is das Packet.“ Luhk ergriff das, auf deſſen Erlangung er ſein Leben geſetzt hatte, und verbarg die Papiere unter ſeinen Lumpen. „Hallo Rothkopf!“ rief Teufelskäfer ärgerlich, und das Seil, über dem Haupte Gabriels ſenkte ſich noch einen Zoll tiefer herunter—„was zum Henker trödelt Ihr denn ſo lange! Macht doch, zum Donnerwetter, ſchnell!“ Ein ungeduldiges Murmeln durchlief die Bande der Gauner, und Luhk ſah, daß er keinen Augenblick Zeit zu verlieren habe. „Hört Gabriel— könnt Ihr fechten oder laufen! wollt Ihr laufen, ſo iſt dort die Thüre; den Rückzug will ich decken.“ Gabriel ſprang erſchreckt empor; ſein Antlitz hatte eine 8 98 Todtenfarbe angenommen, und er ſchien die Gefahr, die ihn hier umgab, genau zu kennen. Da glitt Teufelskäfer plötz⸗ lich hinter ihn, die Schlinge öffnete er mit den krallenartigen Fingern, den Arm ſtreckte er aus, und in der nächſten Se⸗ cunde fiel die Schleife über den Kopf des Juden. Gabriel that, als er das Seil an ſeiner Kehle fühlte, entſetzt einen Sprung vorwärts, und während er vom Boden empor⸗ ſchnellte, ſtampfte des Pförtners ſchwerer Fuß auf die Feder der Klappe. Dieſe aber, mit Tiſch, Stühlen und Lichtern ſchmetterte hinab in die Tiefe. Der nächſte Augenblick begrub Alles in rabenſchwarzer Nacht. In jenem flüchtigen Licht⸗ glanz aber, der, von den hinabſtürzenden Lichtern aus, der völligen Dunkelheit voranging, erblickte Luhk ein Schau⸗ ſpiel, das mit eiſiger Fauſt in ſeine innere Seele griff, und ihm Blut und Leben zu erſtarren drohte. Er ſah über dem gähnenden Abgrund, den zuckenden Israeliten ſchweben; er ſah das Seil, das den Unglücklichen mit ertödtender Schlinge gefaßt hielt; er ſah in dieſem blitzähnlichen Lichtſtrahl das purpurgeſchwollene Geſicht, die aus ihren Höhlen tretenden Augen des Gemordeten und, einer Erſcheinung gleich, war Alles in der darauf folgenden Secunde verſchwu nden, wäh⸗ rend tiefe, undurchdringliche Nacht das Todtengewölbe unter ihrem Nebelſchleier begrub.. Das wilde Triumphgeſchrei des Pförtners miſchte ſich mit dem Jubelruf der Bande; dann ſchallte ein dumpfes Röcheln aus der Dunkelheit vor, und gleich darauf war es, 99 als ob ein feſt angeſpanntes Seil in ſeinen einzelnen Faſern riſſe. 3 „Er ſtirbt ſchwer!“ brummte Teufelskäfer durch die Dunkelheit. Ein Lichtſtrahl flammte plötzlich von der weſtlichen Thüre des Gewölbes herüber. Luhk wandte ſchnell den Blick der Stelle zu, an welcher er den Juden vermuthete; ſie war leer, und in demſelben Moment tönte aus der unteren Gruft der ſchwere Klang eines niedergeſchmetterten Körpers dumpf herauf. Zuſammenſchaudernd barg er ſein Geſicht in den Hän⸗ gen, aber eine neue Gefahr nahm bald ſeine ganze Aufmerk⸗ ſamkeit in Anſpruch. Er hörte ſchnelle Schritte, ſah den Lichtſchein ſich verſtärken und bemerkte aufſchauend, die rie⸗ ſigen Geſtalten von Musquito und Glühwurm, die mit Fackeln in den Händen herbeieilten, während zwei Schritte vor ihnen ein, in die weiten Falten eines großen, ſchwarzen Mantels Gehüllter der Fallthüre zuſtürmte. Luhk erkannte den Fremden auf den erſten Blick; finſter ſtarrte er eine Se⸗ cunde lang auf ihn hin, und zog dann unter ſeinen Lumpen, ruhig ein paar Piſtolen hervor. „Teufelskäfer— Ihr ſeid verrathen!“ ſchrie der Fremde, als er pon den Fackeln beleuchtet, neben dem Abgrund ſtand, „und dort ſteht der Verräther!“ „Hal! Fitz Cowles!“ knirſchte Teufelskäfer und ſchien, Secunden lang mit Wuthblicken die Beiden zu meſſen, un⸗ 100 ſchlüſſig, auf welchen er ſich werfen ſolle, auf den Millionair oder auf Bricktop. „Faßt ihn!“ ſchrie aber auf's Neue Fitz Cowles, während ein Ausdruck teufliſcher Bosheit und Rache ſein ſonngebräuntes Antlitz entſtellte—„faßt ihn! er hat Euere Geheimniſſe, Euere Leben verrathen.“ „Komm an, meine Zibethkatze!“ höhnte Luhk, als er den falſchen rothen Haarwulſt von ſich ſchleudernd, in jeder ausgeſtreckten Hand eine geſpannte Piſtole haltend, daſtand. „Komm an, ich will Dich mit einem neuen Parfüm beglü⸗ cken, mit Pulvergeruch, hahaha!“ Die Gauner riſſen ihre Meſſer heraus, und ſchaarten ſich ſchweigend um Luhk Harvey und ſeinen Gegner. Es war ein pittoreskes Bild; die ſchlanke, in Lumpen gekleidete Geſtalt des jungen Mannes, an einer Seite der dunkel gähnen⸗ den Schlucht, jede Hand mit der Todeswaffe bewehrt, und auf der anderen der ſtattliche Fitz Cowles, von den weiten Fal⸗ ten des Mantels umfloſſen, ein großes Bowiemeſſer hoch geſchwungen in der Rechten, während Teufelskäfer mit ſei⸗ nen Negern und der Gaunerbande, den Hintergrund bildete. Für einen Augenblick ſtand der Pförtner unſchlüſſig, dann aber gewann der Zorn über den Verrath die Oberhand. „Werft Euch auf ihn, Ihr Höllenhunde!“ ſchrie er die Krallenfauſt gegen den entlarvten Bricktop, deſſen wahre Züge er jedoch noch immer nicht erkannte, ausſtreckend, „werft Euch auf ihn, Ihr Canaillen!“ 4 101 Wie mit einer Bewegung rückte die Bande langſam vor, und ihre erhobenen Meſſer blitzten im Lichte der Fackeln. „SIch ſterbe nicht leicht, ſage ich Euch!“ rief Luhk mit feſt zuſammengebiſſenen Zähnen, ſeinen Rücken gegen einen der Backſteinpfeiler deckend,„kommt an, Ihr Bluthunde— komm an, Falſchmünzer und Schurke; ſtreckt nur eine Hand nach mir aus, und Euer Hirn ſollt Ihr an dieſen Mauern wieder zuſammenſuchen müſſen.“ „Haut ihn zuſammen Ihr Männer!“ ſchrie Fitz Cow⸗ les, heiſer vor Wuth und Grimm. Es blitzte aber eine ſo finſtere, feſte Entſchloſſenheit aus Luhks Augen, daß die Bande wirklich mehre Secunden lang ſchwankend hielt, und es war ein wackerer Anblick, den jun⸗ gen Mann zu ſehen, der allein und ſchutzlos gegen ſiebenund⸗ zwanzig Vagabunden, mit jenem modiſchen Bravo an der Spitze, das Feld behauptete, und kühn und unerſchrocken dem faſt ſicheren Tod in's Antlitz ſchaute. Einen Halbkreis um den Eingeſchloſſenen bildend, rückte die Schaar jetzt wieder, zwar langſam und ſchweigend, aber ſicher vor, während ſich Teufelskäfer leiſe hinter den Pfeiler ſchlich. Der Knall eines Piſtoles ſchallte durch das Gewölbe und dicke Dampfwolken wälzten ſich zur Decke empor. „Haha!“ ſchrie Luhk—„ich ſagt es Euch, daß ich nicht leicht ſtürbe!“ und die Geſtalt eines der Kehlabſchneider krümmte ſich in ihrem Blute am Boden.. In demſelben Moment fuhr eine rauhe Hand ſchnell um 102 die Säule herum, die krallenartigen Finger ſchlugen ſich mit eiſernem Griffe um Luhks Kehle und in einem Sprung warf ſich die ganze Bande auf den alſo Ueberraſchten. In der nächſten Secunde lag er hülflos unter den Fäuſten ſeiner Henker. „Die Gefahr iſt vorüber!“ jubelte Fitz Cowles, auf der anderen Seite des Abgrunds,„noch ein Wurf aus For⸗ tunas Becher und ich bin gerettet.“ Ein rothes, von üppig krauſem Haarwuchs umgebenes Geſicht ſtahl ſich hinter ihm, aus dem Schatten eines Pfei⸗ lers vor. „Hier iſt ein allerliebſter kleiner Familienzirkel ce la est un partie domestique, wie wir in gewöhnlichem Franzöſiſch ſagen— hahaha— wir ſind immer bei der Hand, wenn ſich's um die ſchwarze Poſt handelt.“ 2 Busby Pudel rieb ſich kichernd die Hände und ver⸗ ſchwand wieder in den, ihn verbergenden Schatten. Harvey hatte ſeine Dienſte verſchmäht, ſo ſteckte er ſich dann hinter die Polizei, ſpionirte und forſchte, bis er Harveys Plänen ziemlich auf die Spur kam, und verkaufte dann den jungen Mann an Fitz Cowles. „Hallo, hier geht's ja luſtig her!“ rief eine fröhliche Stimme in demſelben Augenblick neben dem Millionair, als ſich der kleine Redackteur der ſchwarzen Poſt wieder unſicht⸗ bar gemacht hatte. Fitz Cowles wandte ſich um und ſah das 103 runde Geſicht des Majors Mulhill, der ſich eben zwiſchen den beiden wollköpfigen Negern durchdrängte. „Ja— ja,“ flüſterte der Colonel,„ich habe den Schur⸗ ken in Sicherheit—. endlich in Sicherheit. Hinunter mit ihm, Teufelskäfer! gieb ihn den Ratten!“ Ein tiefes Stöhnen ſchallte von den Lippen des Unglück⸗ lichen, der ſich jetzt, trotz ſeinem verzweiflungsvollen Sträu⸗ ben, langſam dem Abgrund zugeſchleppt fühlte. „Bin neugierig wie das thut,“ kicherte Teufelskäfer, „hinunter mit ihm ihr Liebchen.“ Das Licht der Fackeln warf einen plötzlich aufflammen⸗ den Schein durch das Gewölbe und Fitz Cowles glaubte an den Wänden hin, dunkele Geſtalten ſchleichen zu ſehen, ehe er ſich aber von der Richtigkeit dieſer Bemerkung überzeugen konnte, trat Major Mulhill vor ihn hin, und den Zeigefin⸗ ger ſeiner rechten Hand in die Halsbinde des Colonels brin⸗ gend, ſagte er mit einem wohlgefälligen Lächeln. „Sehr modern das, ſehr! ſitzt ſie ſonſt gut?“ „Nehmt Euch in Acht— Ihr erwürgt mich!“ rief Fitz Cowles erſchrocken. Mulhills Lächeln verzog ſich zu einem breiten Grinſen. „Nun Sir, wollen Sie mir den Gefallen thun und dieß leſen?“ Er faßte den Falſchmünzer feſter und hielt ihm ein offenes Papier dicht vor die Augen—„Sehn Sie, Curnel, 's iſt blos ein Liebesbrief von einem Mädchen, hohoho!“ 104 „Was ſoll das heißen?“ ſtöhnte Fitz Cowles,„laßt mich los, oder—“ Seine Worte wurden durch einen wild gellenden Schrei, der durch das Gewölbe ſchallte, übertäubt. „Faßt ihn! greift den Mörder Paul Weſterns,“ ſchrie die Stimme eines Weibes, und die ſchlanke Geſtalt der „langlockigen Betty“ ſtand am Rand des Abgrunds, wäh⸗ rend ihr ſchwarzes, üppiges Haar über die Schultern herab⸗ fiel, und ihr großes Auge in faſt wahnſinnigem Feuer glühte. Einen Augenblick herrſcht wilde, tobende Verwirrung, Teufelskäfer ſprang von ſeinem Opfer, am Rande des Ab⸗ grunds empor, und mit ihm wandte ſich die ganze Bande dem neuen, noch unbekannten Feind zu begegnen. Aber ein wilder Schrei der Verzweiflung entrang ſich jeder Lippe, denn neben jedem der Verworfenen ſtand die Geſtalt eines breitſchultrigen Gerichtsdieners, und hinter Betty, um Mul⸗ hill und Fitz Cowles herum, und durch den ganzen Keller, drängte ſich eine drohend entſchloſſene Macht ſchwer bewaff⸗ neter Männer, die mit Piſtolen und Knütteln die Diebes⸗ ſchaar umzingelten. „Wehrt Euch— Ihr Hunde!“ ſchrie Teufelskäfer, aber zu ſpät, die Poliziſten drängten in einer unwiderſteh⸗ lichen Maſſe vor, trieben durch ihre Ueberzahl die Entſetz⸗ ten zuſammen, und in der nächſten Minute lagen ſie Alle entweder zu Boden geſchlagen, oder gebunden auf dem Schau⸗ platz ihrer Orgien. Vergebens ballte Teufelskäfer die jetzt — — 105 waffenloſe Fauſt, und verſuchte in wilder Wuth die Füße mit den Zähnen zu zerfleiſchen, die ihn niedertraten; zu Bo⸗ den geſchlagen ſah er ſich bald hülflos und gefeſſelt in der Gewalt ſeiner Feinde. Die ſo zur rechten Zeit gekommene Rettung war von Luhk Harvey aber ebenfalls nicht unbenutzt geblieben. Kaum ſeiner Henker ledig, ſprang er mit einem Satz auf die Füße, über den gähnenden Abgrund weg und erfaßte Fitz Cowles bei der Kehle. Der Falſchmünzer war leichenblaß geworden und ſeine Lippen zitterten wie welkes Herbſtlaub. „Jetzt Schurke, iſt die Stunde der Rache gekommen.“ Fitz Cowles lag, Luhk Harveys Fuß auf ſeiner Bruſt, am Boden.„Kennſt Du dieſe Papiere?“ ſchrie der junge Kauf⸗ mann, ſich zu ihm niederbeugend,„hahaha, ſiehſt Du Dich ſchon in der Gefangenzelle? fühlſt Du ſchon die warme Klei⸗ dung der Verurtheilten auf Deinem Leibe! fühlſt Du die Ketten! fühlſt Du die Peitſche! hoho!“ „Sieh! ſo eine Scene laß ich mir doch noch gefallen!“ lautete die freundlich lächelnde Bemerkung Eaſy Larkſpurs —„das iſt angenehm; das iſt tröſtend.“ „Er ſteht vor mir!“ rief Betty, ihre großen ſchwarzen Augen mit wildem Ausdruck in die Leere geheftet—„er ſteht vor mir, mit ſeinem bleichen, blutigen Antlitz; er machte mich elend, aber er ſtarb— o Gott! o Gott! ſein Todes⸗ ſchrei klingt noch in meinem Ohre— er ſtarb— aber er ſoll gerächt werden.“ 106 „Hurrah, den Galgen für mich— Du Höllenkatze Du,“ ſchrie Teufelskäfer, ſeinen Kopf emporhebend und mit einem teufliſchen Grinſen die Zähne gegen das Mädchen fletſchend, „den Galgen für mich, Du Höllenkatze!“ Er ſchlug ſeine gefeſſelten Hände zuſammen und knirſchte in wildem höhni⸗ ſchen Jubel.„Hurrah! neugierig— verdammt neugierig, wie das thut.“ Zweites Capitel. Das getäfelte Zimmer von Hawkwood. Iſt es nicht ein wunderlich, altes Gebäude, Dora?“ lächelte Livingſtone, als er mit ſeinem Weib die Schwelle eines großen Gemaches überſchritt.„Jene Halle, die wir eben kreuzten, ſah gar ernſt und ſchauerlich aus; die düſteren Gewölbe, dieß ſeltſame Schnitzwerk, jene dunkelen Stiegen. Bei meinem Leben, mir gefällt dieſer alte Herrenſitz, dieß Hawkwood; es hat ein wildes, kräftiges Ausſehen.“ „und hat auch dieß Zimmer, mit den antiken Meubeln und Verzierungen, irgend einen abenteuerlichen Namen, wie es ſonſt wohl Sitte iſt?“ lächelte Dora. „Es heißt das getäfelte Zimmer von Hawkwood. Siehſt Du? die Waͤnde ſind durch breite, ſonderbar ge⸗ ſchnitzte Eichenplatten verziert, und den Boden deckt ein weicher, wenn auch etwas verblichener Teppich. In jener Ecke ſteht ein Bett mit purpurrothen Vorhängen; und das warme, erquickende Feuer flackert und kniſtert aus einem gar koſtbar und reich verzierten und gearbeiteten Heerde her⸗ 108 var. Mir gefällt es ungemein in dem alten, getäfelten Zim⸗ mer von Hawkwood.“ Mit freundlicher Gebehrde lud er ſein Weib ein, an dem großen, viereckigen Tiſch aus Wallnußholz Platz zu nehmen, während er ſelbſt ſich ihr gegenüber niederließ. „Wir wollen erſt eine Taſſe Kaffee trinken, ehe Du Deine Kleider wechſelſt, mein Kind,“ ſagte Livingſtone nach kurzer Pauſe und mit großer Güte im Ton;„ich habe auch noch vergeſſen Dir zu ſagen, das ich durch eine, eigentlich unverzeihliche Nachläſſigkeit, meine Einladungskarten auf morgen, auſtatt heute, datirt habe, und daß Du nun, Du armes Weibchen, den ganzen, langen Abend allein zubringen mußt. Morgen ſoll es dagegen heiterer hier ausſehen. Auch mit der Dienerſchaft wirſt Du Dich behelfen müſſen; nach allen Richtungen habe ich ſie hinausgeſchickt, die verſchiede⸗ nen, nothwendigen Sachen herbeizuholen; der alte David⸗ ſon nur, und ſeine Frau, bleiben bis morgen früh zu Dei⸗ nem Befehl.“ Es lag ein ſo natürlicher Ausdruck in ſeinem ganzen Weſen, daß Dora die Sonderbarkeit früherer, einzelner Augenblicke, ganz darüber vergaß; ſelbſt ihre eigenen, fin⸗ ſteren Gedanken wurden durch dieß faſt herzliche Beneh⸗ men völlig beruhigt. „Haha,“ lächelte ſie;„ich werde doch die Einſamkeit Hawkwood's eine einzige Nacht ertragen können! überdieß bin ih durch die Fahrt ermüdet, und hoffe herrlich zu 109 ſchlafen, wenn nicht etwa gar bleiche Geiſter und Burgge⸗ ſpenſter mir hinter jenen düſteren Vorhängen ihre Aufwar⸗ tung machen ſollten.“ O Deine Träume werden ſüß und ungeſtört ſein; ich ſetze mein Leben zum Pfande,“ ſagte Livingſtone mit einem bedeutſamen Blick, der jedoch ſeinem Weibe entging. Ein leiſes Klopfen ließ ſich an der Thüre hören, und gleich darauf betrat der alte Gärtner das Zimmer. In ſei⸗ nen kangen, hageren Armen trug er aber eine formloſe Maſſe Leinwand, mit Tauen und Seilen umwunden, die beinahe wie unordentlich zuſammengebundene Seegel ausſchaute. „Squire, wo ſoll ich mit dem Packen hin?“ frug Da⸗ vidſon;„er ſieht merwürdig groß aus, iſt aber gar nicht ſo ſchwer, wie Sie vielleicht denken.“ „Was iſt das!“ frug Dora, und blickte erſtaunt zu ihrem Gatten auf.— „Nur die Scenerie unſeres Liebhabertheaters,“ ant⸗ wortete Livingſtone, ohne das Bündel weiter eines Blicks zu würdigen.„Lehnt es hinter das Bett an die Wand, Davidſon; morgen wollen wir es auspacken. Und nun, mein alter Burſche, fuhr er fort,“ ſich freundlich gegen den Gärtner wendend;„nun ſagt Euerer Hausfrau einmal, daß ſie für uns Beide ein paar Taſſen Kaffee macht, ſo gut ſie es nur immer im Stande iſt. Du weißt, Davidſon, daß mir Euer Kaffee ſtets geſchmeckt hat.“ „Und das muß ich auch ſagen!“ rief der Gärtner, freu⸗ IV. 8 dig ſeine Hände zuſanimenreibend; das muß ich auch ſagen, darin ſucht meine Alte ihren Meiſter; guten Kaffee macht ſie— Buten, ſtarken Kaffee; und Milch haben wir, nun die Kuh ſoll noch geboren werden, die beſſere Milch giebt, als unſer Weißkopf.“ 4 Mit dieſen charakteriſtiſchen Lobpreiſungen ſeiner Frau und Kuh, verließ der alte, treue Diener das Zimmer, und Livingſtone war wieder mit der Gattin allein. Das kniſternde Feuer im Heerd, verbreitete eine wohl⸗ thuende Wärme durch das Gemach, und die großen, klar brennenden Wachskerzen geben dem Zimmer etwas wohn⸗ liches, gemüthliches.. Livingſtone blickte ſtarr auf das Antlitz ſeines Weibes; ſeine Wangen waren leichenbleich, aber durch Nichts geſtörte Ruhe lag auf den kalten, regelmäßigen Geſichtszügen des Mannes. Nur das Auge, das große, blaue, ſtiere Auge ſtach unheimlich gegen das ſanfte Lächeln ab, das um ſeine Lip⸗ — pen ſpielte. Ihm gegenüber lehnte, im weichgepolſterten Schaukel⸗ ſtuhl, ſinnend den ſchönen Kopf in die Hand geſtützt, ſein Weib und ihre Blicke hafteten, in tiefen Gedanken verſunken, auf dem dunkelen Teppich, in dem ſich ihr kleiner Fuß halb begrub. Ihre großen, dunkelen Augen ſchwammen in wilder, ſchmelzender Gluth, die lächelnden Wangen färbten ſich von roſigem Hauch übergoſſen, und die ſüßen, wollüſtig ge⸗ — 111 ſchwellten Lippen ſchienen, halb geöffnet, nur Glück und Liebe zu athmen. Dora— mein Weib,— Du biſt unendliche liebens⸗ würdig heut' Abend,“ ſagte Livingſtone mit jenen tiefen, leiſen Tönen, die aus dem Innerſten ſeiner Seele zu kom⸗ men ſchienen.—„Sieh, wir ſind nun zwei Jahre zuſammen verheirathet, und Du biſt mir ein braves, gutes, treues Weib geweſen. Als einen kleinen Beweis meiner Liebe laß mich jetzt dafür dieß kleine Weihnachtsgeſchenk in Deine Hände legen. Er zog bei dieſen Worten ein allerliebſtes, goldenes 8 Schmuckkäſtchen aus ſeiner Taſche, das reich mit Juwelen beſetzt war. Dora empfing es mit einem Ausruf freudiger Ueberraſchung. „Das iſt ein königliches Geſchenk!“ flüſterte ſie dan⸗ kend, während ihre Augen mit Entzücken an der koſtbaren Arbeit hingen. 3 „und trotzdem enthält das Käſtchen ein noch werthvol⸗ leres Gut, als die Juwelen ſind, die es funkelnd umgeben,“ ſagte Livingſtone, indem er ſich von ſeinem Sitze erhob; „entſchuldige mich einen Augenblick, Geliebte, ich habe Da⸗ vidſon noch einige kleine Aufträge zu geben, ich bin gar bald mit dem Schlüſſel des Käſtchens wieder hier!“ Er verließ das Zimmer, und betrat gleich darauf den geräumigen Vorſaal, in deſſen Mitte die Haupttreppe hinab zu dem Eingang führte. Hier blieb er mit untergeſchlagenen . 8* 112 Armen, oben an den Stufen ſtehen, und ſtarrte ernſt und ſchweigend in die, durch keinen Lichtſtrahl erhellte Tiefe hinab. Nicht lange hatte er übrigens hier verweilt, als von unten heraufkommende Schritte gehört wurden. Ein leiſer Schauer rann über Livingſtones Geſtalt, und bald erſchien Davidſon oben an der Treppe, mit dem Kaffee auf einem Präſentirteller. „Ich will die Taſſen mit hineinnehmen, Davidſon, geh' Du indeſſen wieder hinab, und führe mein Pferd vor. Ge⸗ ſchäfte verlangen meine augenblickliche Rückkehr nach Phila⸗ delphia. Verliere alſo keine Zeit, mein Alter, Du haſt mich doch verſtanden?“ und das Geſchirr aus den Händen des erſtaunken Die⸗ ners nehmend, ſchritt er gegen das Fenſter zu, und ſtellte den Teller dort auf das Geſimſe nieder. Bald war der Schritt des wieder hinabſteigenden Die⸗ ners verſchallt, und Livingſtone ſtarrte bei dem bleichen Licht der Sterne, gedankenvoll auf den dampfenden Trank nieder. Ein tiefer Seufzer entrang ſich endlich der heftig wo⸗ genden Bruſt, und mit leiſem Stöhnen zog er aus einer ver⸗ borgenen, inneren Taſche ein kleines, blitzendes Fläſchchen hervor. Er hob es zum Licht, und die Finger, die es hielten, zitterten wie Herbſtlaub im Sturm. Feſt— feſt hingen 113 ſeine Augen an der funkelnden Flüſſigkeit, und zwei große, heiße Thränen ſtahlen ſich langſam über die bleichen Wangen hinunter. „Mein Weib!“ murmelte er, und in fürchterlichem Schmerz barg er das Antlitz in der Hand. Indeſſen lehnte Dora, nachläſſig zurückgebeugt, in dem weichgepolſterten Stuhl, und ſchaute ſinnend auf das Schmuckkäſtchen nieder.. Ihr Gatte hatte die Thür hinter ſich in's Schloß ge⸗ drückt, und wildtobende Gefühle von Hoffnung und Furcht, Liebe und Haß, Schande und Schaam, zogen, wie die flüch⸗ tigen Wolken vor dem Sonnenlicht, über ihr ſchönes Ant⸗ litz hin. Das Käſtchen dann auf den Tiſch ſtellend, nahm ſie aus ihrem Buſen zwei kleine Gegenſtände, und hielt ſie, wie träumend, gegen das Licht. Der eine war der ihr von Luhk Harvey gegebene Brief, der andere jenes Fläſchchen mit dem tödtlichen Gift. Welche Gedanken waren es, die ihr jetzt in raſend ſchneller Reihenfolge das Hirn durchſchoſſen! glitten nicht in blendendem Glanz all' ihre früheren Phantaſieen von Rang und Macht an ihrem inneren Geiſte vorüber? Aber auch der Leichnam ihres gemordeten Gatten tauchte mit ſeinen glä⸗ 114 ſernen Augen vor ihr auf, und dann— ihr Schwur; ihr dem einſt Geliebten geleiſteter Schwur; ſollte ſie den brechen!“ Livingſtones Schritt ließ ſich hören; mit faſt tödtlichem Schreck barg ſie Fläſchchen und Brief an dem früheren Ort, und erwartete, mit ängſtlich klopfendem Herzen, aber mit einem Lächeln auf den Lippen, den Gatten. „Hier iſt der Kaffee liebes Weib,“ ſagte Livingſtone mit unbefangenem Tone, als er eintrat, und den Präſentir⸗ teller auf den Tiſch ſtellte.„Ich mußte Davidſon wieder hinunterſchicken, und habe ihn ſelber mitgebracht. Koſte ihn Dora, ich habe zwar lange keinen Kaffee in dieſem Hauſe getrunken, kann Dir aber nichts deſtoweniger der alten Hanne Kunſt ihn zu brauen, empfehlen.“ „Iſt es nicht ſonderbar, liebes Kind, wie wenig Men⸗ ſchen wirklich guten Kaffee zu kochen verſtehen!“ Dora ſah erſtaunt zu dem bleichen Antlitz ihres Gatten empor. Wenn es etwas auf der Welt gab, was er in der That haßte, ſo war es eine alltägliche Bemerkung, beſon⸗ ders über Eſſen und Trinken; Livingſtones unbefangenes Weſen entfernte aber jeden Verdacht, und als er ſich, leicht gähnend, in einem Stuhl niederließ, und langſam die Taſſe zu den Lippen hob, folgte auch ſie ſeinem Beiſpiel, und trank, nach der langen Fahrt eine Stärkung bedürfend, die Schale bis zur Hälfte leer. In dieſem Moment glänzten Livingſtones blaue Augen weder, noch funkelten ſie, aber mit einem ſo kalten, ertödten⸗ 8 115 dem Blick waren ſie auf die Gattin geheftet, daß ſie der Klapperſchlange glichen, die ihr, in ihren Ringen gefangen gehaltenes Opfer betrachtet. „Apropos Dora, ich muß Dir noch eine intereſſante Neuigkeit melden, die ich heute Abend auf der Straße erfah⸗ ren habe. Du weißt, daß ich von edler Abkunft bin, daß Livingſtone ein angenommener Name iſt, and mein Vater große Ländereien und Macht in den Händen weitläufiger Verwandten zurückließ, als er die neue Welt betrat—“ Die Worte des Kaufmanns waren von wunderbarem Intereſſe für Dora; ſich in ihrem Stuhl emporrichtend, lauſchte ſie mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit den leiſe geflüſterten Tönen. „Ou weißt das Alles,“ fuhr Livingſtone nach kleiner Pauſe fort, heute nun habe ich Briefe bekommen, die den Amerikaniſchen Kaufmann benachrichtigen, daß der letzte jener Verwandten geſtorben, daß die Ländereien und der Titel wieder auf ihn zurückfallen, und er— „a ja!e⸗ murmelte Dora, und ihr Antlitz wurde leichenblaß;—„rede weiter, um des Heilands willen— rede weiter. Du biſt nun?“— „Der Lord von Longford!“ fuhr der Kaufmann mit ruhiger Stimme fort. Dora ſprang mit kaum unterdrücktem Schrei von ihrem Sitze auf. „Lady von Longford!“ rief ſie;„ha, meine kühnſten, wildeſten Träuche erfüllt— ſchon ſeh' ich mich als die Her⸗ 116 rin von Tauſenden; ſchon ſeh' ich mich in den glänzenden Umgebungen des königlichen Hofes, und die Grafenkrone, das Diadem ſchmückt meine Stirn.“ Ein eiſtig kaltes Lächeln ſtahl ſich über Livingſtones Züge, aber er ſprach kein Wort. „Du wirſt doch natürlich ſogleich nach England gehen, und Oeine Rechte geltend machen, Albert!“ frug Dora, ihren Sitz wieder einnehmend. 5 „Wir Beide werden bald eine Reiſe zuſammen unter⸗ nehmen, aber nicht nach England,“ flüſterte Livingſtone. „Würdeſt Du mir überhaupt rathen, meine Rechte hier, die Rechte eines Amerikaniſchen Bürgers für die erpreßten Einkünfte eines engliſchen Barons und den leeren Schall eines Titels hinzugeben?“ ſagte er dann laut. „Oeine Rechte als ein Amerikaniſcher Bürger!“ wie⸗ derholte Dora, während ein verächtliches Lächeln ihre Lippen kräuſelte;„und welche Rechte wären das! vielleicht die Er⸗ laubniß, unter einer erbärmlichen Handwerker⸗ und Krämer⸗ Ariſtokratie als eine Eins zählen zu dürfen! glänzendes Recht das!“ „Wollen wir nicht Dein Weihnachtsgeſchenk betrachten, Dora!“ frug mit ruhigem Lächeln der Kaufmann. Vor Dora's Blicken ſammelte ſich plötzlich ein leichter, durchſichtiger Nebel. War es die Aufregung, die der frohen Kunde gefolgt? Wilde Gedanken kreutzten ihr Hirn— wilde Gedanken von Nang und Macht—„die Prophezeihung iſt 117 erfüllt“— dachte ſie—„erfüllt ohne Schuld und Verbre⸗ chen— Gott wie mein Kopf mir ſchwindelt, wie meine Pulſe ſchlagen.“ Livingſtone ſaß ihr gegenüber, und hielt den Blick wie der zum Sprung fertige Tiger auf ſie geheftet. „Albert!“ rief ſie plötzlich, indem ſie ihre Hände gegen die Stirne preßte;—„wie wird mir denn! Du haſt mir dieſe freudige Kunde zu ſchnell mitgetheilt; mich ſchwindelt's — das Zimmer iſt mit fremden Geſtalten gefüllt.—„Ha!“ ſagte ſie dann, indem ſie ſich tief aufathmend die dunkelen Locken aus der Stirn ſtrich;„welch' ein Kind ich bin; aber wahrhaftig, ſo ſchnell, ſo überraſchend kam mir dieß Alles, daß mich mein Kopf ordentlich ſchmerzt.“ „Nieder Feind! nieder!“ murmelte Livingſtone mit leiſer, unterdrücktee Stimme. Sprach er mit dem Geiſte des Wahnſinns, der an den Faſern ſeines Herzens riß! „Komm Dora, laß uns Dein Weihnachtsgeſchenk be⸗ trachten,“ ſagte er dann mit lauter, wenn auch etwas hei⸗ ſerer Stimme, indem er das. Käſtchen öffnete. Dora bog ſich nach vorn, bis ihre glühende Stirn faſt die Locken des Gatten berührte. „Hahaha“— lachte ſie;„welchen Scherz haſt Du da getrieben, Livingſtone! Du verſprachſt mir Juwelen, und hier iſt nur eine Haarlocke, noch dazu von mir ſelbſt, wenn ich nicht irre.“ „Zwei Locken, mein theueres Weib,“ ſprach die tiefe 118 Stimme des Kaufmanns;—„zweie— die Oeinige und Fitz Cowles'.“ „Die meinige und Fitz Cowles’?“ echote Dora, über⸗ raſcht aufſchauend;„was ſoll das bedeuten?“ Livingſtone antwortete nur mit wenigen Sylben; ſich vorbiegend, heftete er ſeine großen, blauen Augen mit dem Ausdruck des vernichtendſten Zornes auf die Gattin, und „Das Kloſter!“ ziſchte er zwiſchen den zuſammenge⸗ biſſenen Zähnen durch. 1 Dora blickte ihm in's Antlitz, aber ihre Sinne fingen ſchon an ſich zu verwirren; vor ihren Augen tanzten in ſchwindelnden Kreiſen tolle, wilde Spukgebilde. „Kloſter?“ wiederholte ſie, ſich ſchnell auf die Lehne ihres Stuhles ſtützend;„was ſoll der Scherz?“ „Scherz?“ rief Livingſtone mit höhniſchem Lachen, „Scherz ſchändliche Ehebrecherin, nennſt Du das einen Scherz, daß ich vor zwei Nächten über das Lager hinüber⸗ gebeugt ſtand, auf welchem Du mit Deinem Buhlen in ſündhafter Liebe ruhteſt! Damals trennte ich dieſe beiden Locken, als Zeugen Deiner Schande, von Eueren Schläfen.“ Livingſtones Stimme hatte etwas fuͤrchterlich Ruhiges, als er dieſe Worte ſprach. „Iſt es noch ein Scherz’“ höhnte er, und ſeine blauen Augen glühten in unausſprechlichem Haß. Wie vermöchte aber menſchliche Sprache das wiederzu⸗ erzählen, was bei dieſen Worten in dem Herzen des ſchul⸗ 119 digen Weibes vorging. In ihren Stuhl zurückſinkend, das leichenbleiche Antlitz mit beiden Händen bedeckt, ſchien ſich das Zimmer, die Welt mit ihr zu drehen. „Wach' ich! träum' ich! mein Gehirn brennt***** Alles— Alles entdeckt*****o Schande— Schande— entſetzliche, fürchterliche Schande.“ „und Du mußt ſterben!“ donnerte jetzt des Gatten Stimme ſie an;„Du mußt ſterben. Ehe der Zeiger jener Uhr die ſiebente Stunde verkündet, biſt Du eine Leiche!“ „Vergiftet!***** vergiftet!**1*½ o jetzt— jetzt begreif' ich, jetzt fühle ich Alls!“ halb ohnmächtig ſank ſie in die Lehne zurück. Endlich, ſich in etwas wieder erholend, flüſterte ſie mit leiſer, matter Stimme. „Albert— Albert— mein Gatte— mein Freund— ich bin ſchuldig; aber ich kann dem Tod mit Freudigkeit ent⸗ gegen gehen— ich fürchte ihn nicht!“ Wilde Begeiſterung überzog für Secunden ihr Antlitz mit lebhaft roſigem Schein. Es war ein entſetzlicher Anblick für den Gatten, und wohl eine Minute lang flogen ſeine Glieder wie in Fieber⸗ froſt, aber er wankte auch nicht einen Augenblick in ſeinem Entſchluß. Sich gewaltſam emporraffend, verließ er mit feſten Schritten ihre Seite, und kehrte bald darauf mit dem Inhalt des Bündels, was der alte Davidſon heraufgebracht hatte, zurück. Zu ſeiner ganzen Höhe aufgerichtet, wieß er mit gebie⸗ 120 teriſcher Haltung auf den zu ſeinen Füßen liegenden Gegen⸗ ſtand, und rief mit ſeiner Donnerſtimme: „Sieh' hier!“ Dora blickte erſchreckt wieder dorthin, wohin ſein Finger deutete, aber ein Blick genügte— der Schrei erſtarb auf ihren Lippen. Vor ihr, vom vollen Lichtglanz des Feuers beſchienen, lag der, mit ſchwarzem Tuch überſpannte Sarg, und die Silberplatte warf die Strahlen der im Kamine flammenden Gluth zurück. Ein Blick, und ſie las den Namen, den Tag— den Tod. „Unſere Liebhabertheater⸗Scenerieen,“ murmelte Li⸗ vingſtone, während das Lächeln eines Wahnſinnigen durch ſeine Glieder zuckte.„Hahaha, heute, Madame, haben Sie Ihrem eigenen Begräbniß beigewohnt. Erinnern Sie ſich noch, wie Sie nach Hawkwood zufuhren? erſt kam Ihre Kutſche, dann der Leichenwagen mit dem Sarg der Ver⸗ ſtorbenen und dann der Haupt⸗Leidtragende, hahaha!“ Dora ſank in den Stuhl zurück; ihre Hände waren eiſeskalt, ihr Gehirn dagegen eine Maſſe lodernder Flam⸗ men, die ihr durch Augen und Stirn zu preſſen drohten. „Es iſt erfüllt— das Diadem ſchmückt mein Haupt, aber es ſind Gluthen— Höllengluthen, die es bilden; das Zimmer iſt mit Fremden gefüllt— Edeldamen und Cava⸗ 121 liere— doch großer Gott, wer— wer, ſchleuderte dieſes Flammenmeer um den königlichen Thron, wer— Allmäch⸗ tiger, mein eignes Hirn— brennt. Hülfe! Hülfe!“ Habt Ihr ſchon je einen Tiger geſehen, der mit fun⸗ kelnden Augen das hülfloſe, ſeinem Käfig übergebene Opfer anſtiert? ſo ſaß Livingſtone, und auch ſeine Augen waren kalt und höhniſch auf die dem Tode verfallene Gattin ge⸗ heftet. „In einer Stunde biſt Du eine Leiche,“ flüſterte er dann;„nicht ſchnell ſollſt Du ſterben, nicht mit klaffender Wunde und rinnenden Adern, nein ⸗Deine Seele ſoll verblu⸗ ten; tropfenweis ſoll Dein inneres Leben ſolcher Wunde entſtrömen— und ich ſelbſt, ich will mich an Deinem An⸗ blick weiden, und Dein Sterberöcheln ſoll mir die göttlichſte Harmonie ſein.“ Bleich und ſtarr ſaß das ſchöne Weib; ihre Augen wa⸗ ren halb geſchloſſen, ihre Hände gefaltet, ihr Buſen hob ſich in heftigen, unregelmäßigen Schlägen. „Dora!“ flüſterte da Livingſtone, ſich leiſe zu ihr nie⸗ derbeugend.„Die Hand des Todes liegt auf Dir, aber ich habe ein Mittel Dich zu retten; ich habe ein Gegengift, das jenen, in Deinen Kaffee gegoſſenen Saft, unſchädlich macht.“ „Und Ou willſt es mir geben!“ ſchrie Dora, aus ihrem Sitze, von neuer Lebenshoffnung durchbebt, emporſprin⸗ gend.„Du willſt mich retten?“ 122 „Dich retten?“ Vor wenigen Nächten ſtand ich an dem Bett, das Dich und Deine Schande trug. Ich lauſchte einem Wort der Reue, nur einer Sylbe, daß es Dich ſchmerzte mich verrathen zu haben. Vergebens, Du hatteſt Dich der Schande, der Schande in ihrer entſetzlichſten Geſtalt, verkauft. In jener Stunde, wo Du zu gleicher Zeit mein Herz brachſt, wie, mit dem Gift der Verzweiflung mir die Seele in Wahnſinn wandelteſt; in jener Nacht, wo alle meine Lebenshoffnungen zerſtört, vernichtet wurden, wo ich nur noch als letzte Ausſicht die Zelle eines Tollhauſes für mich offen ſah, vor deſſen umgitterten Fenſter mir das offene, mich erwartende Grab eines Selbſtmörders entgegengähnte, da warf ich meine ganze Exiſtenz, mein ganzes Athmen und Hoffen in einen Schwur. Bei der Majeſtät Gottes, bei den Schrecken jener uns unergründlichen Zukunft, bei meinem eigenen Schmerz, fürchterlicher, als irgend etwas zu Er⸗ denkendes, ſchwur ich, Dich die Qual empfinden zu laſſen, die ich damals fühlte.“ „Die Rachegeiſter hörten meinen Schwur, und mag mein Verſtand gewankt, mag meine Vernunft mich verlaſſen haben, ich behielt meinen Plan im Auge, das eine dunkele Ziel verließ mich nicht; ich war entehrt, und mir mußte Rache werden. Dora! Dora! einſt Geliebte— mein Weib! ich kann Dich retten, aber ich will nicht; ich könnte Dich dem Leben erhalten— aber Du ſollſt ſterben.“ „Livingſtone,“ ſtammelte Dora, jetzt wieder zu ihrem 123 völligem Bewußtſein gelangt.„Es iſt hart ſterben zu müſ⸗ ſen, ſo jung ſterben zu müſſen, und wenn ich auch ſchuldig bin, Du wirſt, Du kannſt mich ja nicht tödten. Schone mich, Albert, um Deiner ſelbſt willen, ſchone mich!“ Sie wußte, daß ihre Todesſtunde nahte. Scham und Reue, Alles, Alles war vergeſſen, ſie bettelte nur um ihr Leben; denn ſo langſam, den Tod mit jedem Pulsſchlag näher rücken zu ſehen, war fürchterlich. „Leben, Albert! laß mich leben,“ ſchrie ſie, und um⸗ klammerte ſeine Knie. „Und könnte jeder Blutstropfen Deines Herzens Form und Geſtalt annehmen, und um Gnade, um Erbarmen für Dich flehen, dennoch müßteſt Du ſterben. Dora, in kurzer, entſetzlich kurzer Zeit biſt Du eine Leiche.“ Er wandte ſich ab von ihr, und ein minutenlanges, kaum durch einen Athemzug unterbrochenes Stillſchweigen herrſchte. Da ſprang Dora auf, und warf ſich mit der letz⸗ ten Kraft der Verzweiflung an des Gatten Bruſt, ſeinen Nacken mit ihren Armen umſchlingend. Livingſtones Antlitz durchzuckte ein gräßlicher Schmerz. „O Gott!“ ſtöhnte er. Dieſe Arme hatten ihn in zenen ſeeligen Tagen der Liebe umſchlungen gehalten; dieſer Buſen, der ſich jetzt ſtür⸗ miſch an ſeine Bruſt preßte, hatte für ihn, ach nur für ihn einſt geſchlagen. Livingſtone zitterte. Er machte einen Ver⸗ ſuch, ſich aus ihrer umarmung zu befreien, aber vergebens. 124 Sie küßte ihn— küßte ihn mit denſelben ſchwellenden Lip⸗ pen, die in früheren Zeiten mit ſolcher Innigkeit an den ſeinen gehangen hatten. Sie küßte ihn, und er ſchauderte. Ihre Lippen brannten wie glühende Kohlen. „Leben!“ flüſterte ſie mit leiſer, heiſerer Stimme.„Le⸗ ben! o laß mich leben.“ Jetzt war der Augenblick gekommen; jetzt Mann, mit dem eiſernen Willen, entſcheidet ſich Dein Schickſal. Him⸗ mel oder Hölle lag in dieſen wenigen Secunden. Ein Ausdruck des Mitleids ſtahl ſich über ſeine Züge, aber im nächſten Augenblick ſprach auch ſchon wieder die ganze finſtere Entſchloſſenheit des Rächers aus ihm. „Weib!“ rief er,„ich habe es geſchworen; Du mußt ſterben.“ Er ſchleuderte ſie, noch während er ſprach, von ſich, und halb ohnmächtig ſauk ſie in den Lehnſtuhl zurück. „Hahaha!“ flüſterte ſie aber jetzt in einem Ausbruch wahnſinnigen Gelächters;„hahaha— das ſind wackere Roſſe, Fitz Cowles; fort— fort! mit der Nacht laſſen wir jede Gefahr hinter uns. Wie ſchön, o wie wunderſchön dort der Morgen anbricht, aber wie roth! Pſt— meine Mutter ſtirbt— Pſt— löſche die Lichter aus. Das war ihr letztes Stöhnen— Livingſtone führt mich als Braut heim; über der Leiche der Mutter ſchließen wir den Bund.— Ha, wie dunkel, wie ſchauerlich dunkel jetzt Alles iſt.— Wir ſind in der Gruft. Hülfe! ich bin noch nicht todt, Ihr begrabt mich lebendig! Hülfe! O Gott, o Gott, will Niemand dieſen Sargdeckel ſprengen! wie er mir das Herz zuſammenpreßt. Hülfe! o nur noch einmal an Gottes freies Licht, noch ein⸗ mal in die freie, wonnige Luft!“. Ihre weißen Hände falteten ſich krampfhaft auf ihrem Herzen, und Livingſtone ſtand, mit dem kalten Schweiß auf ſeiner Stirne, neben der Sterbenden. „Weh' mir!“ ſtöhnte er, als er fühlte wie Mitleiden mit der einſt Geliebten ſeine Bruſt beſchlich. Er fürchtete, daß er verzeihen möchte. Dora ſprang noch einmal empor; das ſchwache Weib war verſchwunden, und die gebieteriſche Geſtalt einer Kö⸗ nigin ſtand, mit Leichenbläſſe in den Zügen, vor dem Gatten. „Livingſtone!“ rief ſie, und die Rechte ſtreckte ſich be⸗ fehlend gegen ihn aus;„Livingſtone, Du mußt mich ret⸗ ten, ich kann, ich will nicht ſterben.“ um Liwiigſtones Lippen ſpielte ein teufliſches Lächeln. „Ich will nicht ſterben!“ rief ſie, und ihre Hand ballte ſich krampfhaft; aber der Arm zitterte, ein convulſiviſches Zucken erſchütterte ihren Körper, und ehe die Worte noch ganz ihren Lippen entflohen waren, ſtürzte ſie, eine Leiche, auf den Teppich, dicht neben dem Sarge nieder. „Das— das,“ rief Livingſtone, mit Verzweiflung in Ton und Geberde—„ſind die Ueberreſte alles deſſen, was einſt mein Weib war.“ IV. 9 Er ſank auf die Kniee nieder, und lag lange, den Kopf an den Sarg geſtützt, über den Leichnam der Gattin hinge⸗ beugt. In dieſem Augenblick ſtahl ſich ein dünner Strom rothen Blutes über die Lippen Dora's, und tröpfelte lang⸗ ſam auf den Aermel ihres weißen Kleides hinunter. Ihr ſtarkes Herz hatte ſeine Canäle geſprengt, und das wilde, ſtürmiſche Blut quoll in's Freie. Der Wahnſinnige knieete neben ſeinem Opfer; war es ein Schweißtropfen oder eine Thräne, die ſich mit dem Herzblut der Gattin miſchte! Kein Wort, kein Seufzer entrang ſich ſeinen Lippen, aber leiſe und feierlich hob er nach kurzer, fürchterlicher Pauſe, den lebloſen Körper halb empor. Der Lord von Longford, mit ſeiner Gattin im Arm. „Du haſt das Diadem errungen, Dora!“ flüſterte er endlich leiſe;„aber Würmer ſind's, die ich um Deine Stirne kriechen ſehe; Du haſt Deine Ländereien gewonnen; aber ſie beſtehen in einem einzigen, engen Grab!“ Er ließ ſie langſam zurück auf den Teppich gleiten, und hob ſich ſchweigend empor. Einen Blick noch warf er auf die Leiche, und ſchritt dann ſchnell und heftig die Treppe hinab, wo er in der, nur von einer düſter brennenden Lampe erhell⸗ ten Halle ſtehen blieb. „Davidſon!“ rief er mit ſeinem gewöhnlich kalten, doch freundlichen Ton. * Die Geſtalt des alten Mannes erſchien durch eine Sei⸗ tenthür, „Davidſon!“ ſagte Livingſtone, dem Alten einen Brief überreichend;„beſteige mein Pferd— reite nach Philadel⸗ phia zurück, und übergieb in meinem Geſchäft an Mr. Har⸗ vey dieſen Brief. Hörſt Du!“ „Heute Abend noch, Squire?“ frug der alte Diener erſtaunt. Ein bitteres Lächeln überflog Livingſtones Züge;„er nennt mich Squire,“ dachte er,„und ich bin ein Lord!“ „Heute Abend noch,“ fuhr er dann laut fort;„die Sache iſt dringend— zu beſtellen haſt Du weiter Nichts, und hier — hier Alter, iſt etwas für Deine Mühe.“ Er drückte dem treuen Diener eine ſchwere Börſe in die Hand, und winkte dem Dankenden ſtill zurück. Schweigend lehnte er ſich dann an den ſteinernen Pfeiler der Thüre; ge⸗ duldig harrte er, bis Davidſon zu dem ſo unerwartet ſchnel⸗ len Ritt warme Kleider angelegt und von ſeiner Frau Abſchied genommen; ſchweigend lauſchte er den mehr und mehr ver⸗ hallenden Hufſchlägen des Pferdes, und dann erſt ſtieg er langſam, mit feſt gegen die Stirn gepreßten Händen, die breiten Stufen wieder hinauf, in das getäfelte Zimmer von Hawkwood zurück. 9* Drittes Capitel. Hurrah für den Galgen! „So iſt's recht; das iſt ein außerordentlich gemüthlicher Familienzirkel. Da ſind wir ja Alle miteinander, ſeelenver⸗ gnügt und unmenſchlich luſtig. Ladies und Gentlemen, Sie werden entſchuldigen, wenn ich nicht gebührendermaßen die Honneurs mache und Ihnen einige Erfriſchungen anbiete, aber Sie ſehn, meine Handgelenke tragen dieſe allerliebſten Armbänder, und da kann ich ſie denn nicht ſo beſonders ge⸗ brauchen.“ 3 Mit dieſen, ſehr freundlichen Bemerkungen und Ent⸗ ſchuldigungen, ſah ſich Teufelskäfer milde lächelnd im Kreiſe um. „Alſo Sie, Mr. Fitz Cowles waren ein Falſchmünzer ſo? Jemine was für ein böſer junger Mann, Wechſel zu verfälſchen; o ſchämen Sie ſich, ſchämen Sie ſich, junger Mann. Was für ein böſes Beiſpiel für Andere.“ „Wie befinden Sie ſich Peggy Grud, eh? die Leute ſagen, Sie müſſen einen Sprung von der Leiter machen, 129 weil Sie ſich der alten Frau Gehirn beſehen hätten. Gott was für eine ſündhafte Welt das iſt. Hahaha— und Mönch Luhk hier. Pfui, pfui Luhk— Sie ſind mir ein ſchöner Pa⸗ tron; machen ſolche Streiche und führen Ihre guten Freunde auf's Eis. Haben einen alten, ehrwürdigen Freund wie mich, in ſolchen Lumpen zum Beſten? ſpielen Maskerade in einer rothen Perrücke!“ „Hurrah für den Galgen und Zuchthaus, ſag' ich. Welche müſſen hängen, und welche können ſitzen— hurrah!“ Durch die auf dem Mitteltiſch ſtehende, eiſerne Lampe, wie durch das traulich im Kamin flackernde Kohlfeuer er⸗ leuchtet, hatte des Pförtners Stube heute, durch ſechs Per⸗ ſonen belebt, ein keineswegs ſo düſteres Ausſehn als ge⸗ wöhnlich. Von gar verſchiedenen Gefühlen ſchienen aber eben die jetzigen Inſaſſen deſſelben bewegt zu ſein, und wäh⸗ rend ſich einige derſelben, voller Verzweiflung hingaben, glänzte in den Blicken Anderer wieder Triumph und befrie⸗ digte Rachgier. Schweigend und allein ſaß an einer Seite des Kamins Fitz Cowles, ſein Geſicht gegen die Feſſeln gepreßt, mit de⸗ nen ſeine Handgelenke umſchloſſen waren, während er die Füße feſt auf das Querholz des Stuhles geſtemmt hielt und die Stirn an die Kniee drückte. Ein vollkommneres Bild von Hoffnungsloſigkeit, Scham und Verzweiflung, ließ ſich nicht denken. Ihm gegenüber, an der anderen Seite des Kamins bil⸗ 130 deten drei, uns ebenfalls bekannte Geſtalten, eine andere Gruppe; es waren die drei würdigen Perſonen der Mutter Nancy, Peggi Grud's und Teufelskäfers. Die alte Wirthin des Kloſters ſaß mit den gefeſſelten Händen auf ihrer Bruſt gekreuzt, während das Licht über ihr verwittertes Antlitz ſchien und jeder ſcharfe, tückiſche Zug, in unbeſchreiblicher Wuth und Bosheit hervortrat. Peggy Grud ſchaukelte ihren Körper hin und her, rang die Hände und ſchien ſich ganz der tröſtlichen Ausſicht auf ihr baldiges Schickſal hinzugeben. Teufelskäfer dagegen, deſſen einzelnes Auge mit all der gewohnten Schadenfreude, mit all ſeinem entſetzlichen Hohn und Grimm unter dem ſtruppigen Haar hervorfunkelte, ſaß zuſammengekauert auf einer kleinen kurzen Bank und ſchaute, die Zähne fletſchend und boshaft lachend, von einem der Ge⸗ fangenen auf den anderen. An dem Mitteltiſch dagegen, hatte Major Rappahan⸗ nock Mulhill, eine kleine deutſche Pfeife rauchend, und Luhk Harvey, in ſeinen Bricktop⸗Lumpen, Platz genommen. „Ihr könnt mir Nichts beweiſen!“ ſchrie Mutter Nancy jetzt mit ihrer ſcharfen, keifenden Stimme, und warf die kleinen ſtechenden grauen Augen halb ängſtlich, halb trotzig von Einem zum Andern.„Ihr könnt mir gar Nichts bewei⸗ ſen; ich bin eine achtbare Wittwe und halte ein anſtändiges Haus.— So— nun macht einmal etwas dagegen!“ „Sehr gut!“ bemerkte Major Mulhill mit einem 8 131 anerkennenden Kopfnicken—„ſehr gut ausgedrückt, werthe Freundin; und was ſind Ihre Ideen über gegenwärtige Ver⸗ hältniſſe, Miß Grud!“ „Och, Whilaluh!“ ſtöhnte die Verbrecherin,„och— wenn man d'ran denkt, daß eine ordentliche Frau, ja und eine brave Frau, angeklagt wird, ihre Herrin todtgeſchlagen zu haben! och och! will denn Niemand eine Flinte nehmen und mich todtſchießen und außer dem Weg begraben?“ „Nun Fitz Cowles, Curnel, eh! hab' ich meine Sache gut gemacht?“ lächelte der würdige Major zu dieſem hin⸗ über. Fitz Cowles hob den Kopf nicht empor, aber ein bitte⸗ rer Fluch ſtahl ſich zwiſchen ſeinen feſt zuſammengebiſſenen Zähnen hindurch. 3 „Wozu brauchen wir zu ächzen und zu ſtöhnen,“ grinzte Teufelskäfer.„Ein paar von uns müſſen brummen, und ein paar dürfen hängen. Hurrah!'s iſt ja blos ein Sprung und ein Ruck, und wir ſind todt wie die Heringe. Ich habe auch ſchon meinen Mann gehangen— der Troſt bleibt mir.“ „Setze den Fall, Ihr haltet eine kleine Rede über die⸗ ſen Punkt,“ bemerkte gütig lächelnd Major Mulhill, oder Eaſy Larkſpur, wie es dem Leſer gefällig iſt.„Wir warten doch hier Alle auf unſeren Rechtsherrn Tallowdocket, der Euch beiſtecken ſoll; können unſere Zeit daher gar nicht beſſer anwenden, als Euch zuzuhören. Peggy Grud genießt dabei ebenfalls die Annehmlichkeit Euerer Geſellſchaft, denn da ich . 13² ſie zu dem morgenden Verhör gerade hier vorbeizuſchaffen hatte, ſo ließ ich ſie vorhin oben, um das Gelaufe nicht ſo oft zu haben. Alſo losgedrückt, Bruder Teufelskäfer, laßt uns Euere Erfahrungen über das Hängen hören. Teufelkäfers Erzählung. „Hurrah, das Hängen ſoll leben. S'iſt nur ein Sprung und ein Ruck und man geht, wie aus einer Kanone geſchoſ⸗ ſen, in's ewige Leben hinüber. Hurrah! das Hängen ſoll leben. Es thut meinem Herzen ordentlich gut, ſo ein paar Pfähle mit einem Querbalken und einen Strick d'ran zu ſehen. Hurrah, das Hängen ſoll leben. Es können kaum fünf Jahre her ſein, da hing ich einen Menſchen. Geht mir doch mit Eueren Hunde und Katzen hängen; nun ja, s'iſt auch Spaß, was iſt's aber gegen einen Menſchen. Hohoho, den baumeln und ſtrampeln zu ſehen, das iſt der Spaß, das iſt die Sahne von der Milch. Es war an einem ſchönen, warmen Junimorgen, wo ich engagirt worden, dem Deputy Sheriff ein kleines Ge⸗ ſchäft abzunehmen, und der Schließer hatte mir die Zelle gezeigt, aus der ich den Gefangenen abholen ſollte. Es war verdammt dunkel; ein Bischen Licht ſchien zwar durch das ſchmale Fenſter, es machte aber nicht ſehr hell und in einer Ecke von dem Loche ſaß ein junger Mann mit einem merkwürdig blaſſen Geſicht, und krauſen, dunkelen Haaren. 133 Er ſaß in der Ecke und hatte die Kniee bis unter das Kinn hinaufgezogen; wie Fitz Cowles da, hihihi! „Stehn Sie auf junger Mann!“’ ſagt' ich,„Sie haben einige Kleinigkeiten zu beſorgen!“ Er hob den Kopf und fuhr erſchreckt empor, denn ſehen Sie, ich bin gerade ſo nicht übermäßig hübſch, und damals beſonders, ſah ich ganz merk⸗ würdig grimmig aus. Der Marſchall hatte mir ein paar Ellen ſchwarzen Flor gegeben, um das Geſicht hinein zu wickeln, und für mein eines Auge war ein kleines Loch hin⸗ eingeſchnitten. „Komm mein Herzchen,' ſagt' ich, denn ich war nicht ein Bischen ſtolz, ‚komm, wir wollen die Kleinigkeit ge⸗ ſchwind abmachen, dann ſind wir fertig damit.“ „Ich habe den Capitain nicht ermordet,“ ſagt' er, ‚vor Gott ſchwör' ich es, und wenn es mein letztes Wort wäre, ich bin unſchuldig an ſeinem Blut.“ Sehn Sie, er war verurtheilt, weil er den Kapitain eines Schiffes ſollte todtgeſchlagen haben. Uebrigens herrſchte bedeutender Zweifel über die Sache, doch war's ein armer Teufel und ein Fremder, da glaubten denn der Richter und die Geſchworenen, es wäre das Geſcheiteſte was ſie machen könnten, ihn zu hängen, da es ja überdieß noch zu fürchten ſtand, daß er im nächſten Winter keine Arbeit kriegte. „Komm Herzchen,“ ſagt' ich, und band ſeine Hände, ſieh, ich bin zwar gerade keine Schönheit, aber das Ge⸗ ſetz ſchickt mich her(und ich legte einen beſonderen Druck 134 auf das Wort) das Geſetz, das ſich Aller gleich annimmt, und nie beſtochen werden kann. Komm' Herzchen!“ Ich band ihm die Hände, und führte ihn aus der Zelle. Der Narr murmelte aber die ganze Zeit nichts wie Unſinn von ſeiner Mutter und Schweſter, doch dauerte es nicht ſehr lange, ſo ſtanden wir unter dem Thore des Gefängniſſes. Es war kühl an dem Morgen und, der Teufel weiß wie es kam, aber es ſchauderte mich doch ein Bischen, wenn ich das blaſſe Geſicht des Knaben anſah, denn er konnte höchſtens neunzehn Jahr alt ſein. Das kam aber von dem Nordwind. Lange dauert' es auch nicht, ſo hatt' ich ihm das weiße Jäck⸗ chen angezogen, und dann führte ich ihn in's Freie. Hurrah, was war das für ein Anblick. Soldaten mit bunten Röcken und blitzenden Waffen, reihten ſich alle um einen Karren herum, auf dem ein langer Kaſten und ein Prieſter ſtand. 4 1 „Was iſt das?“ ſagte Charles, denn ſo hieß er, ‚„was iſt das! „O,“ ſagt' ich,„das iſt der blaue Himmel, und da drü⸗ ben liegt Buſhhill, und dort ſind die Fairmount⸗Waſſer⸗ werke, und die kleinen Dinger, die hier herum ſingen, das ſind Vögel, und— „Aber das Ding da, auf dem Karren?“ frug er. „Das iſt auch ein Vogel, ein ſchwarzer, ſo eine Art Krähe, die über Deiner Leiche beten wird, Charles. Das iſt ein Paſtor; denn ſiehſt Du, Du wirſt gehangen, höͤrſt Du! gehangen heute noch, jetzt, gehangenz und die Soldaten dort, und der Paſtor und ich, wir machen die Tief⸗ betrübten beim Begräbniß.“ In meinem Leben hab' ich keinen ſolchen Burſchen ge⸗ ſehn. Seine Lippe war wie Eiſen und ſein dunkeles Auge zuckte und blinzte nicht. ‚Aber das dort— das auf dem Karren?“ ſagte er, und deutete nach jener Richtung— ‚jener Kaſten?“ „O das Charles?“ lachte ich, und half ihm hinauf, ‚das iſt weiter Nichts, wie Dein Sarg— ſetz' Dich und nimm einen Stuhl!“ Er ſetzte ſich auf den Sarg, und murmelte immer noch von ſeiner Mutter und Schweſter, die irgendwo in einem fremden Lande wohnten, ich nahm aber die Zügel, zog dem Pferd richtig eins über, und dann fingen die Soldaten an zu marſchieren, der Karren rumpelte über die Steine, und der Prieſter begann, ungemein ehrbar und ernſt auszuſehen. Drum derum, drum derum, drum, drum, drum, raſſelten die Trommeln den Todtenmarſch und Schuylkill und die ſechſte Straße hinunter, nach Buſhhill zu. Charles ſaß auf dem Sarg und ſtöhnte,„o meine Mut⸗ ter! o meine Schweſter Anna, o Gott, o Gott!“ „Fluchen Sie nicht, mein junger Freund,“ ſagte der dicke Paſtor, ‚„wiſſen Sie nicht, daß das Sünde iſt, und daß die, ſo fluchen, dafür im ewigen Feuer brennen müſſen?“ 136 „Paſtor,“ ſagt' ich, und drehte mich ſchnell nach ihm herum, ‚was werden Sie denn heute Mittag eſſen?“ „Lammbraten und—“ er hielt plötzlich ein und wurde feuerroth. Wußt' ich denn nicht, daß er die ganze Zeit an ſein Mittageſſen dachte? Hurrah!“ rief ich, als der Karren auf den Gipfel eines kleinen Hügels kam, der die weite Strecke vor uns überſehen ließ— ‚hurrah Charles, ſieh einmal dort hin!“ Charles blickte auf und ſtöhnte. Was denkt Ihr, was ſich vor ihm ausbreitete! eine gewaltige, dunkele Volks⸗ maſſe, die ſich weit über Buſhhill hinausdehnte, und aus deren Mitte ein ganz allerliebſter Galgen vorragte. Die heiße Sonne brannte uns jetzt gerade auf die Köpfe, die Trommeln wirbelten ihr Drum derum, dum dum dum, die Karrenräder klapperten und quitſchten, und wir Dreie ſaßen ganz behaglich in der Mitte. Der Mann der gehangen wer⸗ den, der Prieſter der über ihn beten und ich, der den Kno⸗ ten machen ſollte. Die Volksmenge ſah uns jetzt und drängte ſich gegen den Karren. ‚Dort— dort iſt er!“ ſchrie eine Frau, die ihr Kind auf dem Arm trug. ‚Wo! wo!’ rief ein Mann, der ſechzig Meilen blos deßhalb zu Fuß gekommen war, und der ſich jetzt mit aller Gewalt durchdrängte. 1. Im Leben hab' ich ſo viel Volks noch nicht zuſammen geſehen. Ueber den ganzen Buſhhill hinüber, vom alten Hoſpital an, wo die Leute früher am gelben Fieber ſtarben, 137 bis nach Fairmount hinauf, überall drängte ſich Kopf an Kopf, und das Fluchen und Schwören, Lachen, Schimpfen und Schreien nahm gar kein Ende. ‚„Sei gutes Muth's Charles,“ ſagte ich dann, und gab dem armen Teufel zur Ermunterung einen kleinen Stoß in die Seite, ‚ſei guten Muths, das Geſetz iſt ein prächtiger alter Burſche; ſorgt väterlich für ſeine Kinder; dort iſt ein ſtarkes Seil und ein wackeres Stück Holz für Dich— paßt wie angegoſſen.“ Wie ich noch ſprach, ſtürzte das alte Pferd, das uns zog, mitten in der Straße todt nieder. Weiß der Teufel, ich glaube, es ſchämte ſich auf ſolchem Gange betroffen zu werden. Das Volk jauchzte, ſchrie und tobte, und ich ſchulterte den Sarg, nahm Charles unter den Arm, machte eine ein⸗ ladende Bewegung gegen den Paſtor, und fort gings wieder links und rechts, links und rechts, dem Galgen zu. ‚„Der Herr iſt gütig und barmherzig,“ flüſterte der Pa⸗ ſtor—,ſein Wort iſt Gnade und Liebe.“— „Wenn das iſt, warum hängen ſie mich denn!“ rief Charles, als er unerſchrocken und ſchnell vorwärts ſchritt— „daheim in England wartet eine liebende Mutter, eine zärt⸗ liche Schweſter auf mich; ſehnend ſehen ſie meiner Rückkunft entgegen, und hier— hier, werd' ich hinausgeführt und gehangen wie ein Hund— ja, wie ein Hund.“ Er wieder⸗ * 138 holte die Worte und knirſchte dabei in ohnmächtigem Trotz mit den Zähnen. Das Volk ſchrie und tobte wieder. Weshalb weiß ich nicht; s'iſt aber ſo etwas Lebendiges, ſo etwas Erquickendes in dem Anblick, einen Menſchen lebendig zum Galgen gehn zu ſehn, daß ich mir nicht helfen konnte, ich ſchrie auch, that mit den Sarg auf der Schulter, einen Luftſprung, und rief,Hurrah, der Galgen ſoll leben— Vivat hoch!“ Jeſus, wie das Volk mit einſtimmte, und was es für einen Specktakel machte. 9 Charles ſprach kein Wort weiter und ſchritt bis zum Fuß der Leiter, ohne auch nur noch einmal mit den Augen zu blinzen. War aber das nicht ein koſtbarer Anblick für uns da oben, heh! Da ſtand der Marſchall mit ſeinem dicken, rothen Geſicht, und der Paſtor, in weißer Cravatte und ſchwarzem Anzug, und ich, Teufelskäfer, der Scharfrichter, mit dem Flor über dem Geſicht, und der arme Teufel, den wir hängen wollten, mitten drinn, in einer weißen Jacke und mit den ſchwarzen, krauſen Haaren über der leichen⸗ blaſſen Stirn.* Hurrah!’ rief ich, wie verdammt hübſch das ausſieht. Nur Muth Charles; ſieh einmal das Volk an, wie es her⸗ geſtrömt iſt, Dich hängen zu ſehen, ſieh einmal die Soldaten mit Federbüſchen und Bajonetten, und die Frauen mit den Kindern auf dem Arm, und dahinten die Zelte mit dem Rum und Kaffee und Kuchen. Hurrah Alterchen, s'iſt eine merk⸗ würdig große Kaffeegeſellſchaft, Du wirſt ihnen Allen aber was anhängen. Was hilft das Stöhnen und Aechzen nach Mutter und Schweſter, Unſinn, Charles, jetzt haben wir mehr zu thun.“ Das Volk heulte und tobte. Es war beinahe halb zwölf Uhr, und die Leute fingen an ſich zu langweilen. „Zehn Minuten fehlen noch bis zur beſtimmten Zeit,“ ſagte der Marſchall, und der Paſtor trat an Charles heran, klopfte ihn auf die Schulter und flüſterte: ‚Blick' hinauf, mein Freund, Gott iſt allbarmherzig. Laß uns beten!“ Und dann knieten wir Alle nieder; ich auch mit; und der Paſtor ſagte ein kurzes Gebet her, über die Gnade Got⸗ tes, und ſchwatzte was von Wittwen und Waiſen, und den armen unglücklichen Teufeln, die kein ſolch gutes Evange⸗ lium hätten wie wir, und keinen ſo ſtarken Galgen, und während er noch ſprach, ſah ich zwei Gentlemen, mit merk⸗ würdig pfiffigen Geſichtern langſam die Leiter heraufkriechen und über den Rand des Schaffottes gucken. Ich kannte ſie gut genug, hatte manche Leiche für ſie geſtohlen. Es waren Docktors, die auf den Körper des ge⸗ hangenen engliſchen Knaben warteten.— Der Paſtor ſchnitt das Gebet kurz ab, und wir ſtanden Alle wieder auf. „Komm Charles, hab' keine Angſt weiter,“ ſagte ich dann, und bracht' ihm den Knoten gerade hinter dem Ohre an, damit er im Falle das Genick brechen möchte—, ſo 140 Charles,'s wird gleich vorüber ſein, das Bischen Hals iſt ſchnell zugedreht und nachher vergißt Du auch die dummen Gedanken an Mutter und Schweſter.“ „Burſche,“ murmelte er, ‚Du biſt ehrlich; hier nimm das— es iſt Alles was ich Dir geben kann, und trage es mir zum Andenken.“ Und er winkte mir, das geſtreifte Tuch, was er um den Nacken getragen, zu behalten. Es war verdammt heiß, wie ich aber das Tuch nahm, lief's mir eiskalt über den ganzen Rücken. ‚Die Zeit iſt verfloſſen!“ rief der Marſchall— das Volk tobte; die Doktors kamen eine Sproſſe höher herauf, und der Paſtor ſchnalzte mit der Zunge, als ob er unmenſchlich hungrig wäre. „Ein Glas Waſſer,“ flüſterte Charles leiſe, doch mit eiſenfeſter Stimme. Ein blauäugiger, blondlockiger Knabe weard, auf der Schulter eines Mannes, bis zum Schaffot emporgehoben; er hielt ein Glas in der Hand. „Gott ſegne Dich mein Kind!“ ſagte Charles, und möge nie eine liebende Mutter und Schweſter daheim ver⸗ gebens auf Dich warten, wenn Du im fremden Land von fremden Menſchen gemißhandelt und gemordet wirſt.“ Er nahm das Glas Waſſer, ſah es einen Augenblick ſtarr an, blickte dann auf zu der Sonne, zu dem blauen Himmel und über die zahlloſe Menſchenmenge, und ſagte 141 dann mit einem Ton; den ich im Leben nicht vergeſſen werde:. Ich bin unſchuldig,“ und dabei goß er ſo kaltblütig wie möglich, das Waſſer gerade auf's Schaffot nieder. „Dieſe Tropfen werden vertrocknen,“ rief er dann mit lauter, donnernder Stimme, ‚aber mein Blut wird an Euerer Erde haften, ſo lange jene goldene Sonne hernieder⸗ ſcheint.“ „Die Zeit iſt verfloſſen,“ ſagte der Marſchall, ich drückte ihm die weiße Mütze über die Augen und— Jemine, wie er mich anſah, als er nun wußte, er kriegte von Himmel und Erde nichts weiter zu ſehen. Er ſtand in der Mitte des Schaffottes— der Strick war um ſeinem Nacken. Das Volk hielt den Athem an; kein Laut wurde in dem ganzen wogen⸗ den und drängenden Menſchenmeer gehört. Miitt einem Tritt ſtieß ich die Stütze fort, die Klappe raſſelte nieder und dann, hohoho, dann hing zuckend und ſtrampelnd und tretend der Körper eines Mannes in der Luft, und die Zunge— ſchwarz wie eine Kohle, ſtreckte ſich gerade unter der weißen Mütze vor. Einen Laut that's, als ob man eine Flaſche mit Waſſer umkehrte und Alles herausgurgeln ließe, nachher noch einen Ruck, und dann zitterte der Körper des armen Teufels wie Espenlaub. Das Volk ſtieß einen lauten Schrei aus; es war ein orhentieches Geheul, als ob der Fairmount⸗Damm losge⸗ 410 * 142 brochen wäre, und nun zitterte der Körper noch einmal, aber viel ſtärker als das erſte Mal. Vielleicht hatt' er den Schrei gehört, vielleicht wunderliche Dinge in der anderen Welt geſehen; wer weiß es. 1 Dreißig Minuten ließen wir ihn hängen, und dreißig Minuten fluchte und ſchrie und tobte das Volk. Wie ich aber endlich die Leiche losſchnitt, da ging der Spaß erſt recht an. Ein ordentlicher Genuß war's, die Doktors zu ſehen, wie ſie den Körper in den tannenen Kaſten warfen, und wie der Paſtor hierhin und der Marſchall dort⸗ hin lief, und wie die Soldaten nachher, mit Teufelskäfer in der Mitte, abmarſchierten, damit dieſem ja kein Leid's ge⸗ ſchehen ſollte. Hohoho— dieſem Individuum war's damals wie einem König zu Muthe. 8 Und nachher, wie ich mich umdrehte und ſah das Volk den Galgen niederreißen und Splitter und Spähne mit fort⸗ ſchleppen, daß ſie die nachher ihren Familien zeigen und prahlen könnten, ſie hätten einen Menſchen hängen geſehen. Hohoho. An demſelben Abend ſah ich des armen Teufels Leiche auf einem Secirtiſch auseinander geſchnitten, und die alten Doktors krochen wie Wölfe um den Tiſch herum, und hat⸗ ten Meſſer und Stücken Fleiſch in den Händen. Einer von dieſen kochte ſich den Schädel aus, ſetzte ihn in einen Glaskaſten und klebte den Zettel daran: * 143 „Dieß iſt der Schädel Charles— des Piraten!“ „Hurrah, der Galgen ſoll leben! ſag' ich,'s iſt nur ein Sprung und ein Ruck, und man geht wie mit Dampf in die ewige Seligkeit über*).“ „Das nenn ich eine ungemein gute Geſchichte,“ ſagte Major Mulhill und bließ dichte, einander raſch folgende Rauchwirbel in das flackernde Licht der Lampe.„Bravo, Teufels käfer, bravo, und erlauben Sie mir dabei zu bemer⸗ ken, daß Sie ganz in Kurzem ſelbſt Gelegenheit bekommen werden, dieſe außerordentlich ſchätzenswerthen Anſichten auf ihre eigene, liebenswürdige Perſon in Anwendung bringen zu können. Jetzt ſeh' nur Einer den einäugigen, ſtruppigen Schuft an, ſieht er nicht aus wie der wahrhafte Böſe?“ Fitz Cowles hob ſein Antlitz aus den gefeſſelten Händen empor. „Kommt her, Mulhill!“ ſagte er mit heiſerer Stimme —„ich habe Euch etwas zu ſagen.“. Eaſy Larkſpur ſtand auf und ſchritt dem Kamin zu, wo er ſich in der nächſten Minute neben dem Falſchmünzer niederließ, und deſſen ernſtdringenden Reden horchte. „Möchtet Ihr vielleicht etwas von dem Mädchen hö⸗ ren? flüſterte Teufelskäfer ſich Luhk nähernd. *) Die einzelnen Momente dieſer Epiſode ſind treu dem Leben ent⸗ nommen. 10* 144 „Von dem Mädchen! von Mabel!“ rief Luhk, über⸗ raſcht emporſpringend,„wo iſt ſie?“ „Das iſt die Frage!“ entgegnete Teufelskäfer höchſt kaltblütig.„Wahrſcheinlich wiſſen Sie doch, daß ſie Living⸗ ſtones Tochter iſt; die Papiere, die Sie mir hier vorlaſen, beſtätigten die Zweifel, und die Höllenkatze, Betty, hat wohl dasübrige erzählt, eh?“ „Wo iſt dieß Mädchen?“ frug Luhk, und ſein Auge glühte von ungewöhnlichem Feuer, ſeine Hand faßte krampf⸗ haft die Schulter des gefeſſelten Pförtners. „Hohoho!“ lachte dieſer,„glaubt Ihr, ich erzähle ſolche Geſchichten mit ſolchen Armbändern an den Fäuſten? möchte wiſſen, wie das thut? Nehmt mir die Eiſen ab, gebt mir eine Stunde Freiheit, und ich führe Euch zu der, Stelle, wo Ihr für das Mädchen kämpfen könnt; ja ja Luhk — kämpfen für ſie.“ Luhks Antlitz wechſelte in Gedankenſchnelle von Bläſſe zu Röthe, unverkennbar tobten die widerſtrebenſten Leiden⸗ ſchaften in ſeinem Inneren, und mehre Secunden lang ſtand er, unfähig ſich zu bewegen, regungslos ſtill. Endlich war ſein Plan gefaßt. „Hört Larkſpur!“ rief er, dieſen würdigen Stellver⸗ treter des Geſetzes zuwinkend, und mit ihm aus des Pfört⸗ nersſtube in die Halle des Kloſters tretend. Hier erkannte er bei dem matten Licht einer einzelnen, mit einer Glaskup⸗ pel bedeckten Lampe, die gebundenen Geſtalten von einigen 8 145 —— 4 dreißig Perſonen, Männer, Frauen und Kindern, die in verſchiedenen Stellungen über den Teppich ausgeſtreut lagen, während aus dem Keller herauf das Gelächter und Singen Zechender tönte. „Hier liegt unſere Beute!“ lächelte Larkſpur, als er mit wohlgefälligem Blick die Reihen der Elendenpüberflog, „und da unten, da ſitzen meine Greife; die vorgefundenen Fäſſer ſcheinen ihnen ganz vorzüglich zu munden.“ „Larkſpur, ich muß mit Euch über Etwas, was mir ſehr am Herzen liegt, reden,“ ſagte Luhk;„dieſer Teufels⸗ käfer iſt Herr eines Geheimniſſes, das für mich und Living⸗ ſtone von äußerſter Wichtigkeit iſt. Dieß Geheimniß kann aber nur durch ſeine, etwa ſtündige Befreiung erlangt wer⸗ den.“— „Was!“ unterbrach ihn Larkſpur mit höchſt beleidig⸗ tem Blicke,„was! wollten Sie, daß ein ganz beſonderer Vice⸗Sheriff des geſtrengen Herrn„Mayor“ einen Gefan⸗ genen entſchlüpfen laſſen ſollte? Junger Mann, haben Sie ſich in ſpirituöſen Getränken oder grünen Erbſen übernom⸗ men!“ „Bin neugierig, wie das thut! hohoho!“ ſchrie eine wohlbekannte Stimme aus des Pförtners Zimmer. Luhk ſtieß die Thüre auf, und ſah Teufelskäfer, deſſen Arme befreit waren, deſſen Feſſeln am Boden lagen, die Hände über dem Kopf ſchwingend, in der Mitte der Stube umhertanzen. „Wo iſt Fitz Cowles, Du Teufel?“ ſchrie Luhk. „Fort!“ jubelte der Pförtner;„wir fanden jenes Bur⸗ ſchen Schlüſſel am Boden; er ſchloß meine, und ich ſeine Ketten auf. Seht nur vorn aus der Thür; hohoho— ver⸗ dammt neugierig, wie das thut.“ „Gift und Tod!“ knirſchte Luhk, durch die Hauptthür das Freie ſuchend—„Du ſollſt mir und Deiner Strafe ſo leicht nicht entgehen.“ „Ich bin ruinirt— total in allen Boden hinein ruinirt!“ winſelte Larkſpur, während ſein fettes Geſicht einen Aus⸗ druck des höchſten Schmerzes annahm.„O allbarmherzige Güte, o allbarmherzige Güte, o wenn ich nur eine Frau und funfzehn unerzogene Kinder hätte, um das Mitleiden des Volkes für einen unglückſeligen Viceſheriff zu erregen.“ Sein Haar in wildem Grimm zerraufend, ſprang er durch die Hauptthür ebenfalls in's Freie, und ließ, Teu⸗ felskäfer gar nicht weiter beachtend, dieſen in der Mitte des Zimmers allein und frei zurück. „Nun Mädchen— jetzt zu Dir!“ ſchrie der Pförtner, ſich mit ſchneller Bewegung die ſtruppigen Haare aus der Stirn ſtreichend.„Erſt muß ich Luhk wieder einholen, und dann ſoll ſie ſich in Livingſtones Reichthum wälzen— Neu⸗ gierig wie das thut! das wird's aber thun; hohoho, das wird's thun!“ 4 Hat nun ſchon Jemand in ſeinem himmliſchen Leben etwas dergleichen geſehen?“ winſelte Peggy Grud—„die 147 machen ſich frei und ſchneiden uns nicht auch los? o Whil⸗ laluh ochone ochone!“ „Junge Frau, weßhalb ſollt' ich mein ſehr anſtändiges Haus verlaſſen!“ frug Mutter Nancy mit boshafter Hart⸗ näckigkeit.„Hier hab' ich gelebt, und hier will ich ſterben! Hihihi; hab' ich denn nicht die Banknote geſehen, die Lark⸗ ſpur von Fitz Cowles bekam! das waren wenigſtens tauſend Dollar.“ Während ſie noch ſprach, füllte ſich das Zimmer mit den Gerichtsdienern, die jetzt durch das Geräuſch angelockt, aus den Kellern des Kloſters heraufgeſtiegen kamen. Viertes Capitel. Die Jeſuskapelle. Durch die Straßen von Southwark eilte flüchtigen Laufes die dunkele Geſtalt eines Mannes. Kein Mantel ſchützte ihn vor der ſchneidend kalten Luft, die dichte Wol⸗ ken zuſammengeballt hatte, und nun eiſige Schneeflocken in Wirbelſtürmen auf die Erde hinabſchleuderte, kein Hut hielt ſeine wirren Locken zuſammen, die ihm toll die Schläfe um⸗ flatterten. Es war Fitz Cowles; ſeinen Wärter, den würdigen Major Mulhill hatte er beſtochen, und dann, wie Mutter Nancy ganz richtig geſehen hatte, von dieſem befreit wor⸗ den. Jetzt galt es aber die Stelle zu erreichen, wo der treue Mulatte mit den Pferden ſeiner harrte; dann hinüber nach Camden, nach Hawkwood; Dora entführt und erſt in Bur⸗ lington von der ſchnaubenden Lokomotive auf Sturmes⸗ ſittichen davongeführt, lachte er jeder weiteren Verfolgung. Aber halt— war das nicht, dort hinter ihm, der Schritt eines Mannes! 149 Fitz Cowles blieb lauſchend ſtehen, und lehnte ſich er⸗ ſchöpft an einen der Laternenpfähle. Er konnte Nichts hö⸗ ren— ſtill und lautlos war die Straße, und nur der Wind pfiff heulend um die Ecken, nur der Schnee peitſchte nieder auf die hartgefrorene Erde. Knirſchend vor Wuth ſtampfte der Fälſcher den Boden, zornige Flüche murmelte er zwiſchen den zuſammengebiſſenen Zähnen hindurch. „Peſt und Tod!“ ziſchte er;„von ſolch' tölpiſchem Schuft verhöhnt, betrogen zu werden: durch ſo plumpe, erbärmliche Liſt gefangen. Aber— hahaha— dem rothen Gold können ſie nicht widerſtehen— Hunde die Ihr ſeid, jetzt trotze ich Euch— nur wenige hundert Schritt von hier harren meine Pferde, und einmal im Sattel, dann klefft und knurrt hinterher; mein iſt der Sieg und mein die Frucht und Erndte.“ Die naſſen Haare aus der Stirn ſtreichend“ warf er noch einen Blick zurück in die düſtere, menſchenleere Straße, die er gekommen, und ſetzte dann, nicht mehr in vollem Lauf, aber doch eilenden Schrittes ſeine Flucht dem Orte zu fort, wo er Endymion mit den Pferden zu finden hoffte. Kaum hatte er jedoch den eben noch eingenommenen Stand verlaſſen, als eine andere Geſtalt um die nächſte Ecke glitt, dem Flüchtigen einen Augenblick nachſchaute, und dann ſchnell und geräuſchlos folgte. 150 „Der große Golly! wo nur Maſſa bleibt!“ rief eine kleine, ſchlanke, in einen mächtigen Mantel gehüllte Perſon, die, die große Pelzmütze weit über die Ohren hinabgezogen, die Hände tief unter den Falten des warmen Kleidungsſtücks verborgen, an der Ecke der—ten und—ten Straße auf⸗ und abwandelte. Unter dem linken Arm trug der Kleine eine ſchwere Reitpeitſche, an den Stiefeln klirrten ein paar ſil⸗ berne Sporen, und unfern von ihm ſtanden im Schatten eines hohen, düſteren Gebäudes, deſſen ſchlanke, ſpitz zu⸗ laufende Fenſter das Bethaus verkündeten, zwei ſtattliche Roſſe, mit den Zügeln an einem ſogenannten„Rack“ oder Gerüſt befeſtigt, das hier aufgeſtellt war, die Pferde der Sonntags zur Betverſammlung Kommenden zu halten. Unſer kleiner Bekannter, Dim der Creole, hatte hier, in dem fürchterlichſten Unwetter, ſchon mehre Stunden auf den Gebieter vergebens geharrt, und war endlich abgeſtiegen, um ſich durch Hin⸗ und Herlaufen die faſt erſtarrten Glieder zu erwärmen. „Der große Golly, wo Maſſa nur bleibt? Dim wird fürchterlich böſe werden, wenn er nicht bald kommt. Dim wird fluchen und ſchimpfen. Dim muß wahrhaftig Maſſa abdanken, kann ihn nicht länger gebrauchen; behandelt dieß Kind zu ſchlecht, zu unter dem Hund. Dim wird in die Zeitung ſetzen laſſen, er braucht einen Maſter, Maſter ſollen ſich melden und Probe regieren— hahaha, Dim wird merkwürdig eigen ſein— aber, bei Golly, da kommt Je⸗ mand!“ „Dim! biſt Du das!“ rief die wohlbekannte Stimme ſeines Herren ihm ſchon aus der Ferne entgegen. „Hier Maſſa, gewiß iſt's Dim, aber großer Golly, wie ſieht Maſſa aus— keinen Hut, kein Stock, und kein—“ „Wo ſind die Pferde?“ frug haſtig Fitz Cowles;— haſt Du meinen Oberrock mitgebracht, wie ich Dir befohlen; welche Zeit iſt's? nun zum Teufel, warum antworteſt Du nicht?“ „Golly! Maſſa frägt ſiebenmal auf eins,“ ſtöhnte der Mulatte erſchreckt;„Pferde ſind dort im Schatten, Mantel auch, zehn Uhr wenigſtens; Dim antwortet, Maſſa muß nur— „Fort denn, ſo hab' ich keinen Augenblick mehr zu ver⸗ lieren. Triumph— der Sieg iſt mein!“ Er ſprang über die Straße hinüber, zog ſchnell den dort für ihn auf dem Pferde liegenden Rock über, nahm den Zügel vom„Rack“, und ſchwang ſich in den Sattel. Als er aber eben dem ungeduldig ſchnaubenden Thier den Hacken geben wollte, glitt eine dunkele Geſtalt dicht vor ihn hin, richtete ſich plötzlich hoch auf, und dem Pferde in den Zügel fallend, ſchrie Luhk's Donnerſtimme: „Halt Verräther! Du biſt mein, und meiner Rache verfallen— nieder mit Dir in den Staub!“ „Tod und Hölle!“ knirſchte Fitz Cowles, dem feurigen Renner beide Hacken in die Flanken ſtoßend, und es mit ſtarker Hand zurückreißend;—„ſendet Dich der Böſe mir überall zum Verderben! Fort von mir— dießmal kamſt Du zu ſpät.“— Und das ſich bäumende Thier mit kräftiger Hand bändigend, wiederholte er ſein Anſpornen, daß es, ſich auf den Hinterbeinen aufſtellend und wild ſchnaubend, zum Sprunge anſetzte, den vor ihm Stehenden niederriß, und in wüthenden Sätzen die Straße entlang flog. Dim folgte in der nächſten Secunde. Aber nicht weit ging ihre Flucht; als Luhk höhniſch lächelnd wieder emporſtand, hörte er den Fall eines, auf den Boden niederklappernden Stahles, und kaum noch hundert Schritte gerannt, bäumte ſich des Fälſchers Pferd hoch auf, und ſchlug ſchnaubend mit den Vorderbeinen die Luft. Verge⸗ bens trieb es der Falſchmünzer mit Hackenſtoß und Fluch zu neuem Rennen, es drehte und wirbelte ein paar Mal im Kreiſe umher, und brach dann, den Reiter weit über ſich hinwegſchleudernd, zuckend zuſammen. Ehe ſich Fitz Cowles aber von dem Sturze erholen konnte, ſtand die drohende Geſtalt ſeines Feindes über ihn hingebeugt, und mit einer Hand des Zitternden Schulter er⸗ faſſend, hielt er ihm mit der anderen eine geſpannte Piſtole gegen die Stirn. „Sieh Bube, Du biſt jetzt in meiner Gewalt; wie einen Hund könnte ich Dich todtſchießen; wie einen räudi⸗ gen, niederträchtigen Hund, der Du biſt. Aber nein, nicht auf ſolche Art will ich meine Hand mit Deinem Blute beſu⸗ deln; Du ſollſt ſterben wie ein Mann; aber ſterben mußt Du, oder dieſe eigene Hand verdorrte, ehe ſie das Rachewerk an Dir ausüben könnte. Komm!“ „Was wollt Ihr thun?“ frug Fitz Cowles, der von Luhks Hand emporgerüttelt, in die Höhe ſprang;„was wollt Ihr mit mir?“ „Hier ſind zwei Piſtolen— wähle! und denke, daß ich als Livingſtones Rächer Dir entgegentrete.“ „Hier auf offener Straße ein Duell?“ „Die Kapelle dort iſt ſtets offen; das Licht brennt hell genug, die Piſtolenläufe erkennen zu können. Wähle, ſage ich Dir, Bube der Du biſt, oder ich ſchmettere Dich mit dem Kolben zu Boden.“ „Gut denn,“ knirſchte Fitz Cowles zwiſchen den zu⸗ ſammengebiſſenen Zähnen durch;„gut— ich will mich mit Dir ſchlagen. Komm! die nächſte Viertelſtunde entſcheide, wer von uns Beiden lebe. Komm; ſei es über ein Schnupf⸗ tuch, nur in Armeslänge, aber die Kugel möge Dir den prahleriſchen Schlund ſtopfen; Tod und Verderben über Dich!“. Er ergriff ſchnell eine der Piſtolen, und ſchritt zurück, auf die Kapelle zu. Dieſe öffnend, trat er von Luhk gefolgt hinein, und Dim, der indeſſen mit vieler Mühe ſein Pferd wieder eingezügelt, und zu ſeinem unbegrenzten Erſtaunen Maſſa's Renner, mit einer tiefen, klaffenden Wunde in der 154 Seite verwundet gefunden, kam eben noch zur rechten Zeit, um zu ſehen, wie Teufelskäfer ſich die Hände reibend, vor der Thüre auf⸗ und abſprang, und leiſe und innig vergnügt kicherte: „Hohoho! meine beiden Freunde, Mönch Fitz und Mönch Luhk, wollen ſich hier drinnen, im katholiſchen Ge⸗ bethaus, ſchießen— hohoho— verdammt neugierig wie das thut. „Möge uns Gott verzeihen!“ ſagte Luhk, indem er gegen den kleinen Altar vorſchritt,„daß ich ſeine Kapelle mit dem Blute eines Schurken und Feiglings beſudele— „Den Feigling in Deine eigenen Zähne zurück!“ knirſchte Fitz Cowles, die Thüre hinter ſich ſchließend. „Stelle Dich und ſieh, ob ich Dich dieſe Unverſchämtheit nicht mit Deinem eigenen Blute zahlen mache.“ Ueber dem Altare hing eine kleine, zinnerne Lampe, und ihr mattes Licht goß einen bleichen, ungewiſſen Schim⸗ mer über das Gotteshaus aus, aber zwei unangezündete Wachskerzen ſtanden in großen, eiſernen Leuchtern noch auf. dem Altar, und Luhk brannte dieſe an der Flamme der Lampe anm. Es wax ein ſchmales, nicht übermäßig hohes Gebäude zund das bunte Glas der ſpitz zulaufenden, gothiſchen Fen⸗ ſter, warf den Strahl der Kerzen in einem matten Wieder⸗ ſchein zurück. Den Altar deckte ein ſchneeweißes Tuch, und die ſchmalen hölzernen Bänke nahmen größtentheils den in⸗ neren Raum ein, nur dicht unter der Lampe, vor dem auf⸗ geſtellten Kreutze, an dem der Heiland blutete, war ein freier Platz geblieben, und zu dieſem ſchritt Fitz Cowles, und ſchaute, mit wüthendem Haß in den Blicken, zu der ihn höhniſch betrachtenden Geſtalt des jungen Kaufmanns hinüber. „Wir wollen über den Altar hinüberkämpfen,“ brach Luhk endlich das minutenlange Stillſchweigen;„Deine Ver⸗ brechen verdienen über Gottes Altar, vor dieſem heiligen Kreuz beſtraft zu werden.“ „Hahaha, Mönch Luhk— Ihr verdient den Namen, laßt aber zum Teufel jetzt die Peſſen und beginnt; meine Zeit iſt gemeſſen; was ſoll unſer Zeichen ſein?“ Luhk nahm ſchweigend einen Brief aus der Taſche, und riß einen ſchmalen Streifen davon ab; dann das Papier mit den Fingern einknickend, ſchüttete er aus einem kleinen Horn, das er aus der Taſche nahm, ein wenig Pulver hinein, und befeſtigte dieß dicht unter dem brennenden Docht auf dem Wachs, ſo daß es die Flamme im nächſten Augenblick er⸗ greifen und entzünden mußte. Wenn dieſes Pulver aufblitzt, dann laß einen Jeden Acht auf ſein Leben haben!“. „Es ſei!“ murmelte Fitz Cowles, und unterſuchte das 6 156 Zündhütchen ſeiner Waffe. Sobald das Pulver fängt, feuere ich;— bei Gott!“ Wenige Secunden lang ſtanden ſich die beiden Feinde ernſt und ſchweigend gegenüber. Kaum fünf Schritt waren ſie von einander getrennt. Fitz Cowles' Antlitz hatte dabei eine leichenhafte Farbe angenommen, und nur die verzwei⸗ felte Lage, in der er ſich befand, ließ ihm keine weitere Wahl, als zu kämpfen, oder der Rache ſeines Feindes ein wehrlos Opfer zu fallen. Luhk dagegen ſtand feſt und uner⸗ ſchüttert, ſein ruhiger Blick haftete auf dem Verbrecher, und ein höhniſches Lächeln umſpielte ſeine Lippen, als er die Angſt ſah, die aus jedem Zuge ſeines fahlen Angeſichts leuchtete. Immer tiefer brannte der Docht, und jetzt— jetzt er⸗ griff die Flamme das Papier, welches das Pulver umſchloſſen hielt. Fitz Cowles' Körper überflog ein heftiges Zittern. „Im nächſten Augenblick mag ich beim— Teufel ſein,“ murmelte er, und Luhk richtete ſich hoch empor, und rief: „Bube Deine letzte Stunde hat geſchlagen! 1 Das Pulver blitzte auß, und der Knall zweier Piſtolen ſchallte hohl durch das Gebäude. „Als ſich der Pulverdampf verzog, ſtanden ſich beide Feinde noch gegenüber, aber Luhk's Kugel hatte Fitz Cow⸗ les' Oberkum zerſchmettert, und der Falſchmünzer wankte, und hielt ſich nur mit Mühe an der Altarplatte aufrecht. Seine eigene Kugel war ganz dicht an Luhk's Wange 157 vorbei, in den Körper des gekreuzigten Heilands einge⸗ drungen. Fitz Cowles ſchwankte; aber ehe noch Luhk ſeinen ſcheinbaren Sieg benutzen konnte, ermannte er ſich wieder, raffte ſeine ganze Kraft zuſammen, und riß das bis jetzt ver⸗ borgen gehaltene Bowiemeſſer unter der Weſte vor. Er wußte nur zu gut, er mußte ſiegen, oder er war verloren, denn an ſeiner Perſon fanden ſich nicht allein die vollſtändigen Beweiſe ſeiner Schuld, ſondern auch Alles was er noch an Vermögen beſaß, wäre mit dieſen Papieren in die Hände ſeines ärgſten Feindes gefallen. Luhk hatte ſeinen eigenen Stahl, als er ihn dem Pferd in die Bruſt geſtoßen, loslaſſen müſſen, und dadurch verloren; Fitz Cowles war ein Meiſter in Führung jener fürchterlichen Waffe, des Bowiemeſſers, und der unglückliche junge Mann ſchien ver⸗ loren, denn mit feſt aufeinandergebiſſenen Zähnen, und Tod und Verderben ſprühenden Blicken ſchwang der Fälſcher die ſchwere Waffe hoch empor, und ſchrie mit heiſerem Lachen: „Fahre zur Hölle, Hund!“ Aber Luhk erbebte nicht, ſein Haß gegen den vor ihm ſtehenden Feind war zu groß. Hätte er ſelbſt durch die Flucht ſich retten können, er würde es verſchmäht haben, und nur die Piſtole ſchnell am Lauf faſſend, hob er den gewichtigen Kolben empor, und erwartete feſten Fußes und mit nicht zuckenden Wimpern den heranſpringenden Feind. Der Aürde Augenblick mußte den ungleichen Kampf entſcheiden, 11 1 158 da ward die Thüre aufgeriſſen, und des treuen Dim Stimme ſchrie:. „Rettet Euch— Maſſa— rettet Euch!“ * Fitz Cowles warf nur einen Blick zur Seite, und über⸗ ſah dann im Nu, wie ihn hier allein ein ſchneller Entſchluß vor neuer Gefangenſchaft und ſicherem Verderben bewahren konnte. Das Meſſer alſo nach der Bruſt des ihn erwartenden Feindes ſchleudernd, daß Luhk kaum dem ſonſt tödtlichen Wurfe entgehen konnte, ſprang er, den Schmerz des ver⸗ wundeten Armes nicht achtend, vielleicht nicht einmal em⸗ pfindend, über die gepolſterten Lehnen der Sitze hinweg, ſtieß mit einem, kräftigen Tritt das niedere Fenſter hinaus, daß es klirrend draußen auf's Pflaſter ſtürzte, und folgte dann mit Gedankenſchnelle dem hinausgebrochenen. Luhk bemerkte zum Glück noch zeitig genug die Be⸗ wegung des Buben, und entging dem nach ihm geſchleu⸗ derten Stahl durch einen raſchen Seitenſprung, dadurch ge⸗ wann aber auch der Flüchtige mehre Schritte Vorſprung, und hatte ſchon das Fenſter erreicht, ehe jener nur ſeine Abſicht ahnen konnte, kaum ſah er aber, daß er entfliehen wollte, als er auch die abgeſchoſſene Piſtole von ſich warf, das Meſſer ergriff, und dem Verbrecher folgend, ausrief: „Ou biſt mein, Verräther, und flöhſt Du an's Ende der Welt, ich folgte Dir!“ Fitz Cowles würde ſeine Flucht auch ſchwerlich ſo glück⸗ lich beendet haben, denn das Eintreten des Fenſters raubte 15⁵9 ihm zu viel Zeit, und Luhk war nur noch wenige Schritte mit der ſcharfen Waffe hinter ihm, als ſich die Diener des Geſetzes in das Mittel ſchlugen. „Hallo da Miſter!“ ſchrie ein breitſchulteriger Poligei⸗ diener, der indeſſen von der Seite herbeigeſprungen war, und Luhk eine geſpannte Piſtole entgegenhielt;„zurück da, oder ich ſchicke Euch einen Streifen Tageslicht durch's Hirn!“ zu gleicher Zeit erfaßte ihn ein Anderer am Rockſchooß, und dadurch aus dem Gleichgewicht gebracht, trat er fehl und ſtürzte zwiſchen die Sitze hinein. In demſelben Augenblick erreichte Fitz Cowles das Freie. „Hahaha!“ lachte der eine Polizeidiener, der nun glaubte, einen wundergeſcheuten Streich gemacht zu haben; „hahaha, mein Canarienvogel, haben wir Dich erwiſcht? Jeſus, wie lumpig der Kerl ausſieht, keinen ganzen Fetzen am Leibe.“ „Ich bin der Kaufmann Harvey 1“¹ ſchrie Luhk;„laßt jenen Verbrecher nicht entwiſchen. „Kaufmann Harvey! ih s'iſt die Möglichkeit!“ lachte ein Anderer;„merkwürdig ſchöne Garderobe für einen Kauf⸗ mann— Modehändler wahrſcheinlich, neue Mode von England herüber gekommen! eh!“* „Jener Bube wird entwiſchen, und auf Eueren Kopf falle dann die Verantwortlichkeit!“ ſchrie Luhk wüthend, indem er vergeblich ſuchte, ſich den kräftigen Fäuſten der 11* 160 Haltefeſte zu entwinden, die ihn mit eiſernen Griffen gefaßt hielten.“ „Nun meine kleine Lumpenſammlung!“ lachte der Eide wieder;„hier kommſt Du mir nicht fort, bis Dich Eaſy Larkſpur geſehen hat; was den Anderen betrifft, ſo hab' weiter keine Angſt um den, draußen ſtehen noch genug, und ſchwerlich iſt er weit gelaufen.“ Luhk ſah, daß jeder Widerſtand vergeblich war. In Bricktops Kleidern oder Lumpen vielmehr, die er bis jetzt nicht Zeit gehabt abzuwerfen, hatten ihn die Gerichtsdiener, die ihn ſonſt nicht kannten, auch eigentlich für weiter Nichts, als einen der entſprungenen Vagabunden halten können, und ſeine einzige Hoffnung blieb nur noch die, daß Fitz Cow⸗ les ebenfalls in die Hände der Verfolger gefallen ſei, und er ſelbſt ſchnell vor Eaſy Larkſpur geführt, und von dieſem würdigen Manne in Freiheit geſetzt werden konnte. Sie banden ihm die Hände ſchnell auf den Rücken, und verließen das Gotteshaus, ſich wenig um die darin herr⸗ ſchende Unordnung und die brennenden Lichter bekümmernd. Es war ja eine katholiſche Kapelle, und dieſe der guten, gottesfürchtigen, proteſtantiſchen Quäkerſtadt, ohnedieß ein Gräuel. Als aber die Männer mit ihrem Gefangenen das Freie betraten, ſahen ſie ſich vergeblich nach dem anderen Flüchtling um. Die aufgeſtellten Wachen hatten ihn zwar aus dem Fenſter ſpringen ſehen, aber ſeiner nicht habhaft werden können; er war in dem dunkelen Schatten der Straße verſchwunden, und nur Dim, der Mulattenknabe, nebſt ſeinem Pferd in die Hände der Wächter gefallen. 2 Weit oben, dem mehr angebauten Theile der Stadt wieder zuwandernd, verſchwammen die Figuren der Ge⸗ richtsbeamten, mit ihren beiden Gefangenen, ſchon in der Dunkelheit der Nacht, als ſich leiſe und vorſichtig die Mis⸗ geſtalt Teufelkäfers an die Schwelle des verlaſſenen Gottes⸗ hauſes ſtahl. „Hohoho!“ lachte dieſer ſtill in ſich hinein;„Fitz Cowles entſprungen, und Mönch Luhk gefangen, hohoho— neugierig wie das thut. Aber Ellen!“ ſchrie er dann plötz⸗ lich, wie ſich beſinnend,„Ellen! ſie in der Gewalt jenes Zauberers? Gift und Tod, Luhk muß wieder frei werden, und dann, hohoho— dann wird dieſer junge Mann hier wohl einem alten, ſchwarzäugigen Hexenmeiſter den Spaß nicht verderben! o Gott bewahre— oh nicht dran zu den⸗ ken. Hohoho!“ Und mit ſich ſelber redend, und heftig dabei geſtikulirend, folgte Teufelskäfer in langen Sätzen den Wachtleuten. — 6 Fünftes Capitel. Ravoni's Tempel. Weiße, durchſichtige Weihrauchwolken ſtiegen kräuſelnd und ſpielend in hohen, luftigen Säulen zur Decke empor, von wo herab ein ſanftes, vielen farbigen Lampen entſtrö⸗ mendes Licht ſeine gemilderten, wunderlieblichen Strahl über das prachtvoll decorirte und geſchmückte, zeltartige Gemach ausgoß. Wie ein Feenmärchen mußté aber dem plötzlich Ein⸗ tretenden die Pracht und der Glanz erſcheinen, der hier von allen Seiten auf ihn eindrang. Im Mittelpunkt des Zeltes, um einen weißen Marmor⸗ altar, lagen im weiten Kreiſe, auf koſtbaren, orientaliſchen Teppichen, Gruppen von wunderholden, phantaſtiſch geklei⸗ deten Mädchen und im inneren Zirkel, dicht um den Altar geſchaart, knieten die zwölf auserleſenen Jünger des neuen Propheten, der mit ſeinem letzten Wunder, mit der Er⸗ weckung jenes todten Mägdeleins, die enthuſiaſtiſche Schaar für immer ſein eigen gemacht hatte. v 163 Ravoni ſtand, in lange, ſchwarze Gewänder gehüllt, im innerſten Kreis, den linken Arm ſinnend auf den Mar⸗ mor geſtützt, und überſchaute mit ſtolzem, triumphirenden Blick das Werk ſeines Geiſtes, ſeines Willens, die ehr⸗ furchtsvoll vor ihm im Staube knieenden Geſtalten der Männer, die wonnigen, über weiche Kiſſen wollüſtig hinge⸗ goſſenen Formen der ſchönſten Weiber. Alle— Alle hielt er ſein eigen— ein Blick ſeines Au⸗ ges, ein Wink ſeiner Hand war genug, Gehorſam zu fordern und zu erzwingen, dem Ausſpruch ſeines Mundes lauſchten ſie wie einem Orakel. Und womit hatte er ſolche Gewalt über dieſe, ihm oft an Geiſtesfähigkeiten gleich ſtehenden, ja ihm vielleicht überlegenen Weſen erreicht! womit hatte er ſeinen Willen zu dem ihren gemacht, womit leitete und ver⸗ blendete er ſie, daß ſie Alles, Alles vergaßen, an dem ſonſt ihre Seele gehangen, und bereit waren ihm zu folgen, wohin er ſie führe, auszuführen was er ihnen befahl, und ſogar im Begriff ſtanden, als Apoſtel eines neuen, von ihm ge⸗ gründeten Glaubens in die Welt zu eilen, und Haß und Verfolgung, Hohn und Spott zu ertragen, um den Willen dieſes merkwürdigen Mannes zu erfüllen?— Wer kann es ſagen? Aehnliche Beiſpiele haben ſich unter allen Völkern der Erde gezeigt, und zeigen ſich noch jetzt, beſonders in den vereinigten Staaten des freien Ame⸗ rika faſt in jeden Jahre; oft von den wahnſinnigſten, hirn⸗ verwirrteſten Poſſen umgeben, wo der, der ſie mit kaltem ½ 164 Blute betrachtet, nicht begreifen kann, wie vernünftige, nur mit dem gewöhnlichen Verſtand begabte Menſchen, blind und toll einem über Nacht erſtandenen Propheten anhängen, und im Namen Gottes Sachen glauben können, die ſie, noch vor wenigen Tagen, vielleicht ſelber kaum für möglich ge⸗ halten hätten. So war es mit den Milleriten, ſo mit den Mormonen, ſo mit tauſend Anderen, und New⸗York, Pen⸗ ſylvanien, die Neuenglandſtaaten, Miſſouri und Illinois, die Propheteninſel im Miſſiſſippi und unzählige Plätze, lie⸗ fern dazu die verſchiedenſten und nur zu traurigſten Beweiſe. Ravoni, mit ausgezeichneten Kenntniſſen, beſonders in der Medicin begabt, hatte ebenfalls in faſt unglaublich kurzer Zeit das Vertrauen der Quäkerſtadt für ſich gewonnen, und der Haufe, der in den vielen, außerordentlichen Kuren, die ihm geglückt, und durch das Geheimnißvolle der ganzen um⸗ gebung des fremden Mannes beſtochen, einen Wunderthäter, einen Zauberer zu ſehen glaubte, hatte bald das Gerücht ſeiner Thaten, um das Tauſendfache vermehrt, in die Welt geſandt. Aus allen Theilen des Staates ſtrömten ſie jetzt herbei die Gläubigen, theils den ſonderbaren Mann ſelbſt zu ſehen, der ſo Großes geleiſtet, theils um Hülfe zu erflehen. Durch den Aufruf den er erlaſſen, das er Wahnſinnige heile, war er beſonders ſchnell mit allen Theilen des Staates in Verbindung getreten, nur konnte es Manchem der Unbe⸗ fangenen nicht entgehen, daß ihm die Kur junger, ſchöner Mädchen am wenigſten gelang, wenigſtens hatte noch keins derſelben ſeine Wohnung wieder verlaſſen, und nicht einmal ſie zu ſehen war den trauernden Eltern geſtattet, wenn ſie nach langen Monaten kamen, ſich nach der Beſſerung der ihnen Theueren zu erkundigen.„Die Aufregung könne auf's Neue nachtheilige Folgen auf ihren kaum geneſenden Zuſtand haben“, war die Antwort, und trauernd zogen ſie, dem ern⸗ ſten Manne die geliebte Tochter noch recht dringend empfeh⸗ lend, wieder heim zu den Ihrigen. Wohl hatte Ravoni Urſache, mit ſtolzem Lächeln die Geſtalten der ihn Umgebenden zu überfliegen. Hier waren die Schönheiten Amerikas aus Hütte und Palaſt verſam⸗ melt; die ſchlanke Tochter des alten Virginiaſtaates, von reichen Eltern dem Doktor Ravoni übergeben, die wonnige Form der heißblütigen Georgierin, das liebliche Kind Caro⸗ linas, die glühende Creolin aus Louiſiana, die ſanfte Schön⸗ heit einer Tochter der Britteninſel, die ſchwarzäugige Mexi⸗ kanerin, die blondlockige, blauäugige Deutſche, alle— alle waren hier, und ihre Eltern hofften indeſſen auf ihren rei⸗ chen Plantagen, in den Prachtgebäuden der Städte oder in den ſtillen Farmerwohnungen des Landes auf die baldige Geneſung des theueren Kindes, während das, Sinn und Verſtand durch die Kunſt dieſes Teufels nur auf einen Punkt hingelenkt, ein Mitglied ſeines Harems, ein abhängiges Ge⸗ ſchöpf ſeines Willens geworden war. Und Mabel! das engelſchöne, unglückliche, verfolgte Mädchen, war auch ſie in die Klauen dieſes Geiers gefallen? 166 ſollte auch ihr Geſchick fortan willen⸗ und ſeeelenlos dem Manne gehören, der mit hölliſcher Schlauheit ſein Netz über ihre Sinne zu werfen wußte, und die Umgarnte, Wi⸗ derſtandsunfähige gefeſſelt in ſeinen Banden hielt? „Du biſt eine Waiſe,“ hatte er, über ihr Lager ge⸗ beugt, ihr zugeflüſtert, als ſie nach langer Ohnmacht ver⸗ zweiflungsvoll zu neuem Leben erwachte, und ſich verrathen und verkauft in den Händen jenes Mannes glaubte, den ſie mehr als den Tod fürchtete.„Du biſt eine Waiſe, in dieſer weiten, weiten Welt haſt Du keinen Freund, keinen Schützer mehr. Jener Bube, der Dich erzog, erzog Dich ſeinen Lü⸗ ſten; jener Traum, von einem reichen, angeſehenen Vater der Deiner liebend harrt, iſt ein Traum, ein Hirngeſpinſt Deiner, dem Wahnſinn nahen Phantaſie, ein heraufbeſchwo⸗ renes, verkörpertes Bild von Hoffen und Sehnen, Du biſt eine Waiſe— Keinen Freund haſt Du auf dieſer weiten, kaltherzigen Welt; aber ich, Kind, ich will Dein Freund, ich will Dein Schützer ſein. Von dem, dem ſie bis jetzt vertraut, ſo fürchterlich ver⸗ rathen, von Allen zurückgeſtoßen und gekränkt, warf den er⸗ ſten Lichtblick in des armen Mädchens freudloſe Exiſtenz, das Weſen dieſes ihr fremden Mannes. Sanft und gütig haftete ſein Auge auf dem ihren, der leiſe Druck der Hand, der väterliche Kuß, mit dem er ihre Stirne berührte, das ganze Abenteuerliche, Wunderbare ihrer umgebung, jener Glanz, 167 den ſie früher nie geahnt, dieſe zarte Rückſicht, mit der ſie früher nie behandelt worden, das Alles wirkte wie lähmend, wie betäubend auf ihre, noch immer von dem genoſſenen Trank ergriffenen Sinne, und halb bewußtlos ſank ſie ſchluchzend an die Bruſt des ſie liebevoll Tröſtenden. Wer war die bleiche,, wunderliebliche Jungfrau, auf deren vollen, üppigen Formen der glühende Blick Ravoni's ſo feſt, ſo ſinnend ruhte! ihr bleiches Antlitz wurde von rabenſchwarzen, ſchwellenden Locken umwallt, ihre ſchmel⸗ zenden Augen tranken in langen Zügen das ſüße Gift aus den Blicken des Befchwörers, und mit immer mächtiger in ihr erwachender Gewalt fühlte ſie ſich zu dem Weſen hinge⸗ zogen, das ſich zuerſt freundlich ihrer angenommen, zuerſt herzlich und liebend zu ihr geſprochen hatte. Es war nicht Liebe, was ſie für den ernſten Mann empfand, wie ſie die Jungfrau an die Lippen des Jünglings, das Kind zu dem Herzen des Vaters, die Schweſter an die Bruſt des Bruders zieht, es war eine heilige, reine Liebe, deren Ueſprung ſie ſich ſelber nicht erklären konnte, deren Exiſtenz ſie aber em⸗ pfand, begriff, und deren ganzes Weſen ſie mit einem zu zau⸗ beriſch⸗ſüßen Gefühl durchſtrömte, als daß ſie ernſtlich darauf hätte denken ſollen, ihm zu widerſtreben. Die dunkelen Augen Ravoni's hafteten auf der Jung⸗ 168 frau, und leiſe murmelte er vor ſich hin:„Sie ſoll meine Prieſterin ſein— hier unter dem Balſamduft der Blüthen und heiliger Weihgerüche, hier in dem Tempel meines neuen Glaubens, wo ihr junges Herz von dem Unbegreiflichen be⸗ fangen, mit jedem Athemzuge meiner Macht und Herrſchaft mehr verfällt, hier will ich ſie einweihen, zu ihrer neuen, künftigen Prieſterſchaft. Für die Welt ſei ſie fortan verlo⸗ ren, jener boshafte Pfaffe hat keine Rechte auf ſie, die Pa⸗ piere, die ſie für die Tochter Livingſtones erklären, ſind in meiner Gewalt, ſie iſt mein— mein— mein! Das Mäd⸗ chen Mabel iſt geſtorben, und aus der Aſche, wie ein junger Phönix dem Lichte zuſtrebend, ſteigt die blühende, wonnige Iſolie hervor. „Iſolie,“ flüſterte er dann,„Iſolie komm zu mir; die Stunde naht, die Dich einweihen ſoll in die Geheimniſſe unſeres Glaubens, die Stunde naht, die Dich zu einer Höhe erheben ſoll, die Du früher nie geahnt, die Du jetzt noch nicht begreifſt.— Iſolie komm zu mir; ich bin es der Dich ruft, Dein Freund!“ Und während er noch ſprach, hob ſich leiſe und wie im Traum das ſchöne Mädchen empor, ſtrich ſich das wallende Haar von der bleichen Stirn, und glitt geräuſchlos an die Seite Ravoni's. Dieſer aber legte ſeinen linken Arm um ihre Hüfte, und die Rechte gegen die, ſeinen Worten har⸗ renden Schüler ausſtreckend, richtete er ſich, mit ſtolzem, triumphirenden Blick die Schaar überfliegend, hoch empor, als ein Schrei, wie das Geheul einer wüthenden Hyäne, den Weihrauch erfüllten Dom durchbebte. Jedes Auge wandte ſich nach dem entfernten Eingang, und dort fiel der Licht⸗ ſtrahl auf eine ſcheußliche Misgeſtalt, die, mit tief zwiſchen den Schultern ſitzendem Haupt, mit den langen Armen und krallenartigen Fingern, mit geöffnetem Rachen und feſt zu⸗ ſammengebiſſenen Fängen, über denen ein einzelnes, roth⸗ unterlaufenes Auge glühte, herbeigeſtürzt kam. Ravoni kannte den Feind, und wuße, daß jetzt die Zeit gekommen, die ſeine ganze Macht und Gewalt über den Thiermenſchen in Anſpruch nahm. „Das Mädchen!“ ſchrie Teufelkäfers Stimme, als ſich der Pförtner durch die Zurückweichenden Bahn brach, und auf den Altar zueilte;„das Mädchen— Zauberer— Teufel! gieb mir das Mädchen, oder— oder—“ 3 Seine Zähne knirſchten Rache ſchnaubend zuſammen, der weiße Schaum hing an ſeinen geſchwollenen Lippen, und mit wildem Blick ſtarrte er auf den gefürchteten Mann hin, ohne es jedoch zu wagen, dem Auge Ravoni's zu begegnen. Derſelbe Schauder vor der ſcheußlichen Misgeſtalt erfaßte alle die knieenden und gelagerten Gruppen der Eingeweihten und bebend wichen ſie vor der ſchnaubenden Geſtalt des Wil⸗ den zurück, dieſen vor dem unerſchrocken ihm Stand halten⸗ den Beſchwörer und dem zitternden, in ſeinem Arm ruhen⸗ den Mädchen, allein zurücklaſſend. „Gieb mir das Mädchen!“ ſchrie Teufelskäfer, und hob drohend den Arm auf, um ſich mit Gewalt zu erzwin⸗ gen, was ihm in Güte verweigert wurde. Schon ſprang er vor, ſchon zitterte ein leiſer Angſtruf von den Lippen der erſchreckten Mädchen,— als ihn der Blick des Mannes traf, zu dem er bis jetzt wie zu einem Gott emporgeſchaut hatte. Wohl machte er einen Verſuch, des Zaubers Herr zu wer⸗ den, der mit lähmender Gewalt ſein Inneres ergriff, aber es war vergebens; mit eiſernen Fingern erfaßte er, wie im grimmigen Schmerz ſeine eigene Bruſt, und dann brach er zuſammen, warf ſich vor dem höhniſch auf ihn niederlä⸗ chelnden Mann zu Boden, und winſelte, die rechte Hand bittend zu ihm erhoben. „Gieb mir das Mädchen, Zauberer! gieb mir das Mäd⸗ chen— laß ſie mit mir gehen, und ich will Zeitlebens Dein Sclave ſein, ich will für Dich ſtehlen, brennen, morden— ich will Alles— Alles thun, was Du beſiehlſt, aber nur— nur gieb mir das Mädchen, und Du ſollſt mich treten und peitſchen und mishandeln dürfen. „Sclave!“ zürnte Ravoni, und ſtreckte befehlend die Rechte gegen ihn aus;„weißt Du daß der, der ungerufen dieſe Schwelle überſchritt, ſein Leben verwirkte! Weiche von hinnen, oder Du verläßt dieſe Räume nicht anders wieder, als eine Leiche!“ „Betrüger!“ ziſchte jetzt hinter ihm eine leiſe, höhnende Stimme;„Gaukler und Schuft, übergieb dieſes Mädchen meinen Händen, oder ich will Dich die heilſame Lehre em⸗ 171 pfinden laſſen, die Richter Lynch*) landſtreicheriſchen Va⸗ gabunden einprägt. Ravoni blickte erſtaunt nach dem neuen Störer ſeines Friedens, und ſah die kalten, ſchlangengleichen Augen Luhk Harvey's, der jetzt wieder ſeine gewöhnliche Kleidung an⸗ gelegt hatte, drohend auf ſich zuſchreiten. „Komm Du prahleriſcher Wunderdoktor und Markt⸗ ſchreier— laß die Jungfrau frei, und wenn Du nur ein Haar ihres Hauptes gekränkt haſt, ſo ſollſt Du mit Deinem Blute dafür büßen.“ Er ſtreckte ſeinen Arm nach dem Mädchen aus, Iſolie ſchrak jedoch vor der Berührung zurück. Vergebens ſuchte aber jetzt Ravoni jenen Zauber ſeines Blicks auf den zornglühenden Jüngling auszuüben, den die⸗ ſer über den wilden Geiſt des halbthieriſchen Pförtnes beſaß; höhniſch lächend begegnete das Auge des jungen Kaufmanns dem ſeinigen, und er ſah, daß ihm hier andere Waffen den Sieg erringen mußten. „Fſolie iſt frei!“ flüſterte er mit ſeiner melodiſchen Stimme in angenommener Ruhe;„tritt näher, und nimm ſie.— Mädchen, willſt Du mit dieſem Manne gehen!“ Ein Ausdruck tiefen, innigen Gefühls durchglühte Luhks Züge, als er auf das wunderholde Antlitz des ſchönen Mäd⸗ chens niederblickte. *) Das Lonch⸗ oder willkürliche Strafgeſetz Amerika's. 172 „Mabel!“ rief er;„Deines Vaters Wort übergab Dich meinem Schutz; vor Gott hab' ich einen heiligen Schwur gethan, Dich vor Leid und Harm zu ſchirmen, ſo weit es dieſer ſchwache Arm vermöchte.— Komm mit mir Mabel; Dir droht Gefahr an dieſem Orte, Gefahr, ſchlim⸗ mer als Tod!“ Während ſich die leiſen, bittenden Laute zum Ohr der Jungfrau ſtahlen, glitt Teufelskäfer über den Teppich hin, und blickte, ſanft an ihrem Kleide zupfend, mit flehendem Blick zu ihr empor. „Komm Kind!“ murmelte er;„komm, Du ſollſt Dich in Gold und Schätzen wälzen, Du ſollſt Sammt und Seide tragen— komm Kind— dieſer Mann iſt ein Zauberer— ein Teufel— flieh' ihn, o um Deiner ſelbſt willen, flieh' ihn.“ „Geh Iſolie— geh— und verlaß Deinen Freund!“ ſagte Ravoni, und zog leiſe ſeinen Arm zurück. Iſolie ſtand frei und allein vor dem Altar, und mit ängſtlichem, halb ſchüchternem, halb bittendem Blick ſchaute ſie umher, als ob ſie nicht wiſſe, ob ſie fliehen oder bleiben ſolle. Zuerſt fiel ihr Auge auf Teufelkäfers Misgeſtalt, und eine Erinnerung an vergangene Scenen ſchien in ihr auf⸗ zudämmern, dann erblickte ſie Luhk Harvey, und ein leichtes Lächeln flog über ihre Züge. „Vertraue mir, Mabel!“ rief der junge Mann;„auf X dieſer Welt will ich nichts Heiligeres kennen, als Dich vor Harm zu bewahren.“ „Ich will mit Dir gehen,“ flüſterte ſie;„führe mich zu meinem Vater— führe mich fort—“ die Worte erſtar⸗ ben plötzlich auf ihren Lippen, ihre Augen begegneten denen Ravoni's, die mit einem unbeſchreiblichen Ausdruck von Schwermuth, Liebe und Schmerz auf ihr hafteten, und von der eigenthümlichen Gewalt durchbebt, die der Betrüger gewußt hatte über ſie zu gewinnen, ſank ſie, die Arme gegen ihn ausſtreckend, an ſeine Bruſt. „Mit Dir!“ flüſterte ſie, ihre zarten Hände auf ſeine Schultern legend;„mit Dir, von nun an ewig!“ In dem Augenblick nahm Ravoni's Antlitz einen faſt überirdiſchen Ausdruck an; auf die holde, an ſeinem Herzen ruhende Jungfrau niederblickend, ſtrahlte ſein Auge von triumphirendem Feuer, ein Lächeln ſtahl ſich über ſeine dun⸗ kelen Züge, und er rief mit leiſer, melodiſcher Stimme. „FIſole— von Gott Erwählte— Prieſterin des Altars, Dein Name ſoll ſegnend von den Lippen der Millionen ge⸗ nannt werden. Du haſt gewählt, und Heil und Frieden ſei fortan Dein Loos.“ Im jubelnden Chor ſtimmte die Schaar der Enthuſia⸗ ſten ein, und die Mädchen drängten ſich herzu, die neuge⸗ wonnene Schweſter in ihren Bund aufzunehmen. Da, während Ravoni mit kaltem Lächeln die Hand gegen den jungen Kaufmann ausſtreckte, und ernſt und höh⸗ IV. 12 niſch ſprach:„Sie hat gewählt!“ während Luhk das Antlitz erſchüttert in den Händen barg, und wie von tiefem Schmerz übermannt, zitternd und verzweifelnd daſtand, glitt die Misgeſtalt des Pförtners mitten hinein in die lächelnde Schaar der Mädchen, und ſeine Hand lag geballt unter dem groben Obergewand, das in bedeckte. „Sie hat gewählt!“ wiederholte Ravoni, mit dem⸗ ſelben ruhigen, triumphirenden Lächeln;„ſie hat“— In ſeiner Rede blickte er über Luhk's Schulter hinweg in den hinter dieſen ſich befindenden, hohen Spiegel, an der gegenüberliegenden Seite des Tempels, und die Worte er⸗ ſtarrten auf ſeinen Lippen, denn über ſeinem eigenen Haupt erblickte er eine rauhe Hand, und das in die Krallenfinger geklammerte, nach dem Herzen Iſolies gerichtete Meſſer. Einen Blick in das Glas, und Ravoni warf ſich vor, aber ein heiſeres Lachen, mit einem Weheſchrei gemiſcht, ſchallte durch den luftigen, weihrauchdurchwebten Dom. Das Meſſer war tief bis zum Griff, mit aller Kraft eines eiſenſtarken Armes, zwiſchen die Schultern Ravoni's eingetrieben, und der Betrüger fühlte, wie ſein Leben ge⸗ troffen, ſeine Laufbahn beendet ſei. Er brach lautlos zuſammen, und Teufelskäfer, mit ſchallendem Hohngelächter ſeine blutige Hand emporſtreckend, ſchrie jubelnd: 4 „Mädchen, ich habe Dich gerettet! hohoho!“ 175 Luhk fing die ohnmächtig Niederſinkende in ſeinen Ar⸗ men auf, und wollte ſie auf eines der Lager tragen, aber der Pförtner der, da er das Auge des für ihn ſo fürchterlichen Mannes nicht mehr auf ſich haften ſah, ſeine ganze Beſin⸗ nung und Wildheit wiedererlangt hatte, rief ihm mit unter⸗ drückter doch dringender Stimme zu: „Fort— fort mit dem Kind— rettet Euch und ſie— ich decke den Rückzug— huh wie die Schufte raſen werden, wenn ſie erſt ein Bischen zur Beſinnung kommen;“ und mit ſchnellen Schritten folgte er dem jungen Mann, der der War⸗ nung augenblicklich gehorchte, dem Eingang zu. Jetzt ſchien aber auch der lähmende Schreck gebrochen, der bis dahin die Sinne und Glieder der Anweſenden vor dem Unerhörten, noch nicht Begriffenen erfaßt hatte. Ein wilder Schrei der Angſt und Wuth dröhnte aus der ganzen verſammelten Menge wieder, und dann ſtürzte ſich die Schaar, das Blut ihres Meiſters zu rächen, auf den Mörder. Teufelskäfer war aber nicht der Mann, der vor einem ſolchen Angriff gezittert hätte. Ein Blick deſſen, den er als einen böſen, mächtigen Feind fürchtete, würde ihn in den Staub geworfen haben, während er dagegen dem Angriff, und ſei es ſolcher Uebermacht, mit Verachtung entgegen ſah, da er ſie als Menſchen, wie er ſelbſt war, kannte, und daher nicht fürchtete. 12* 176 „Zurück!“ ſchrie er, und ſein teufliſches Lachen ſchreckte die auf ihn Eindringenden faſt ebenſo ſehr, als der hoch ge⸗ hobene, noch blutige Stahl, den er mit den Krallenfingern umfaßt hielt.„Zurück, Ihr kleffenden Hunde— zurück, oder ich ſchneide Euch die bleichen Geſichter auseinander, daß Euch das Lachen und Heulen vergeht— zurück! Glaubt Ihr, der alte Teufelskäfer fürchte ſich vor Dingen, die Fleiſch und Blut und Knochen haben? hohoho. Warum macht der Prahler dort die Augen jetzt nicht auf, heh! um ehrliche Leute damit zu ſchrecken. Will zaubern, und kann nicht einmal zehn Zoll kalten Stahl vertragen!— hohoho! — wollte eine Nonne aus dem Kinde machen, nicht wahr! eine von ſeinen Nonnen!— Nein, bei Gott nicht, ſo lange der alte Teufelskäfer ein Meſſer und einen Arm hatte. Hoho— da liegt der Zauberer, und krümmt ſich und zuckt wie ein Narr; wo ſind ſeine Augen jetzt? hohohoho!“ Vergebens machten die Unbewaffneten, Ueberraſchten mehre Verſuche, den verzweifelten Mörder zu erfaſſen und zu vernichten, wie auch die Entführung ihrer Prieſterin zu verhindern, Teufelskäfer bewachte mit untäuſchbarer Auf⸗ merkſamkeit jede ihrer Bewegungen, und deckte jauchzend und höhnend den Rückzug des jungen Kaufmanns, der das holde Mädchen im linken Arm, Fitz Cowles Meſſer mit der Rechten gefaßt, den Ausgang erreichte, die Treppe hinabfloh, den dort wachenden Neger mit dem blanken Stahl in die Flucht trieb, und die Hauptthüre aufriß. In der nächſten Secunde war Teufelskäfer an ſeiner Seite, und einmal die freie Straße erreicht, durfte aus Ra⸗ voni's Haus Keiner eine Verfolgung wagen. Sechstes Capitel. Wie ſich Teufelskäfer den Gerichten entzieht. „Was zum Henker fürchtet Ihr Euch denn, Ihr Nig⸗ gers,“ brummte der Kloſterpförtner, während er ſeine Hel⸗ fershelfer von der Seite anblinzte;„bin ich nicht wieder in meinem eigenen Haus— heh! bin ich nicht in meinen eige⸗ nen vier Wänden?“ „Aber Maſſa— die Polizei iſt auch oben!“ murmelte Musquito. „Und die Nachbarſchaft will Gevatter ſtehen,“ fiel Glühwurm zähneklappend ein—„De Lord, wie ſie oben toben!“ Lautes Schreien vermiſchter Stimmen, wie das dumpfe Andonnern gegen ſchwere Thüren, das hie und da durch lautes Praſſeln und Hurrahrufen unterbrochen wurde, klang die Treppe herab. „Kommt Niggers!“ ſagte Teufelskäfer—„folgt mir!“”“ Jeder mit einer Lampe in der Hand, ſchlichen ſie hinter ihrem 179 Herren her, der ſchweigend in dem langen, dunkelen Gange hinſchritt. Einen Augenblick hielt er aber an der Thüre des„Zech⸗ ſaales,“ und blickte hinein. Das Licht der Lampen ſandte ſeinen flackernden Schein über die Geſtalt des Mönchſceletts, das oben an der Tafel ſtand, und dieſe war mit wild durch⸗ einander geſtreuten Flaſchen und Gläſern, mit den Ueber⸗ reſten des letzten Kloſterfeſtes, bedeckt. Ein eigner, düſterer Ausdruck zuckte über Teufelkäfers Antlitz, als er den alten, liebgewonnenen Raum überſchaute, aber kein Wort kam über ſeine Lippen; ſein einzelnes Auge glühte und funkelte, und ſeine Zähne waren feſt aufeinander gebiſſen. Langſam und ſchweigend ſtieg er zum Todtenge⸗ wölbe hinab. „Dieſe alten Pfeiler und Gewölbe ſind die einzigen Freunde, die ich je gehabt habe!“ murmelte Teufelskäfer und ſtarrte dabei die Neger mit ernſtem, faſt wehmüthigen Aus⸗ druck in den kaum menſchenähnlichen Zügen an—„die wa⸗ ren mir treu, das andere Pack hat ſich wenig um mich be⸗ kümmert.“ Glühwurm ſtarrte in dumpfen Staunen den Kamera⸗ den an. Es lag etwas in dem ganzen Weſen ihres Herrn, das die beiden Söhne Afrika's nicht begriffen. „Seht einmal her, Ihr Niggers!“ ſagte Teufelskäfer nach kurzer Pauſe—„'s wäre beſſer, wenn wir den Leich⸗ 180 nam des Juden ſo ſchnell wie möglich unter die Erde brächten, ich denke daher, wir begraben ihn. Da das Pack da oben aber ſchon an den Thüren reißt, und zu einem ordentlichen, anſtän⸗ digen Begräbniß nicht viel Zeit bleiben wird, ſo kommt ein⸗ mal her, ich will Euch was Neues zeigen—“ Sein Blick ruhte an einem behauenen Felsblock, der neben dem nächſten der Backſteinpfeiler lag und leiſe murmelte er vor ſich hin: „Verdammt neugierig, wie das thun würde!“ „Was zum Teufel meint Maſſa!“ grunzte Glühwurm. „Seht Ihr, der Stein hier der iſt etwa vier Fuß im Durchmeſſer,“ fuhr Teufelskäfer, halb mit ſich ſelber redend, fort—„'S muß ein Stück von dem Grund des Kloſters geweſen ſein. Verſteht Ihr verdammten Wollköpfe nun was ich meine! Setze nun den Fall, Ihr wälzt den Stein bis an die Fallthür und laßt ihn in die Höhle hinunterfallen, glaubt Ihr dann nicht auch, daß der todte Jude beträchtlich breit gedrückt wird? Iſt das nicht viel bequemer, als lange graben und ſchaufeln?“ Die Neger grinſten ſich einander an und das Todtenge⸗ wölbe des Kloſters ſchallte von ihrem lauten Gelächter wie⸗ der. „Hahaha— was für eine verdammt gute Idee!“ Wildes Praſſeln und das Krachen zerbrochener Thüren ſchallte die Treppe herunter, dem gleich darauf lautes Ju⸗ beln und Schreien folgte. 181 „Hallo Ihr Nigger— der Leichnam muß verſteckt wer⸗ den, ehe die Polizei kommt; ich will hinunter gehen und ihn gerade unter die Klappe ſchleppen, und wenn ich das Zeichen gebe, ſo laßt das Steinchen herunter. Verſteht Ihr mich?“ „Ja Maſſa!“ riefen die beiden Inſekten einſtimmig. Teufelskäfer ergriff eine der Lampen und ſtieg haſtig hinun⸗ ter, während die Neger ihre rieſigen Körperkräfte auf das Aeußerſte anſtrengen mußten, den koloſſalen Stein auf den gewünſchten Fleck zu ſchaffen. Das Licht warf ſeine phantaſtiſchen, unheimlichen Schat⸗ ten über die ſteile Treppe, als Teufelskäfer haſtig hinab⸗ eilte. „Sonderbar—“ mürmelte er dabei,„verdammt ſon⸗ derbar; ich ſehe keinen von ihnen, den Mann nicht, mit der gebrochenen Kinnlade und die Frau mit dem blutigen Schä⸗ del. Ha— hier iſt die alte Grabhöhle wieder, mit ihrem Leichengeruch und ihren Pfeilern und Balken und Gewölben. Hier hab' ich mich herumgetummelt, wie ich noch ein klei⸗ ner, häßlicher Teufel war, und habe Sachen geſehen, die anderer Menſchen Blut in Eis verwandelt hätten, und hier — hohoho.“— Ueber altes Gerumpel und zerbrochene Sargſtücken hin⸗ weg, kletterte Teufelskäfer in dem düſteren Aufenthalt, wäh⸗ rend die Ratten in ihre Höhlen ſchoſſen, und Schlangen und anderes Gewürm langſam aus ihren Schlupfwinkeln vor⸗ * 182 krochen, und verwundert zu dem ungewohnten Glanz des Lichts emporſtarrten. „Ich muß beinah in der Mitte ſein!“ flüſterte Teufels⸗ käfer leiſe vor ſich hin—„hier ungefähr— ha!— da iſt er,“ und zurückfahrend, blieb er plötzlich wie eingewurzelt ſtehen, während eine dunkele Schaar von Ratten, in ihrem ekelhaften Mahl geſtört, nach allen Richtungen hinaus⸗ ſtoben. In dem vollen Licht der Lampe lagen die verſtümmel⸗ ten Ueberreſte eines menſchlichen Körpers. „Ha! Gabriel Von Gelt, Du liegſt ruhig genug hier — ruhig wie ein Lämmchen;“ ſchmunzelte Teufelskäfer, während er nach dem Gewölbe über ſich blickte.„Siehſt Du wohl? gerade durch die Klappe gefallen, gerade herunter wie ein— Stein. Als er noch ſprach, fiel ein bleicher Lichtſtrahl aus der über ihm geöffneten Klappe herab, und warf ſeinen matten Schein über die Stelle, auf welcher Teufelskäfer ſtand. Dieſer zerrte den Leichnam bei Seite und ſtellte die Lampe, einige Fuß davon entfernt, auf die Erde. Die Luft war ſchwer und dumpf, das Licht flackerte und drohte zu verlöſchen, ſeine Arme aber faltend, ſtand Teufelskäfer, in dem von oben herabſchießenden Lichtſtrahl ernſt und ſchweigend; ſein langes, ſtruppiges Haar hing ihm wild über Stirn und Schläfe herab, und ſeine zuſammengepreßten Lip⸗ 183 pen, ſein düſter blickendes Auge, verrieth den feſten, uner⸗ ſchütterlichen Einfluß. Das ſchwere Wälzen des Steines ſchallte dumpf und hohl zu ihm herunter. „Ha— das Mädchen ſoll ſich in Gold wälzen, Sammet und Seiden Kleider tragen und eine Lady ihr ganzes Lebe⸗ lang ſein— hoho— des alten Teufelskäfers Tochter, mit dem rothen Schlangenzeichen am rechten Schlaf. Hohoho, Luhk hat die Papiere geleſen und der wird Alles in Ordnung bringen, Paſtor Pyne glaubt ebenfalls, es wäre das erſte Kind, wenn er mir auch das Gegentheil verſicherte— heute noch hat er's vor Luhk betheuert. Hohoho, des alten Teu⸗ felkäfers Tochter zwiſchen der Ariſtokratie der Quäkerſtadt.“ Wieder ſchallte das dumpfe Wälzen des ſchweren Stei⸗ nes in das Gewölbe nieder; der Felsblock näherte ſich mehr und mehr dem Rande und der Pförtner lächelte ingrimmig in ſich hinein. „Hallo Niggers— ſeid Ihr ſo weit!“ ſchrie er mit lautgellender Stimme. „Ja Maſſa!“ ſchallte die Antwort herunter. „Laßt ihn fallen!“ ſchrie Teufelskäfer— und es ent⸗ ſtand eine kleine Pauſe. Das Licht glühte über ſein Antlitz, das von einem eigenen, unheimlichen Lächeln erhellt wurde. 1„Lebewohl Nell!“ ſagte er leiſe. Dann ſchallte und ziſchte ein ſchweres, gewaltiges Ge⸗ räuſch durch die Luft— ein fürchterlicher Schlag, der die Grundveſten des Gebäudes erzittern machte, und nachher war Alles ruhig; der einzelne Strahl nur fiel noch durch die Nacht, und ruhte auf der rauhen Oberfläche eines maſſiven Felsblocks, der ſich tief, tief in die harte Erde eingegraben hatte. „Hallo Maſſa! tönte die rauhe Stimme Musquitos herunter—„hat das da den Juden ein Bischen auseinan⸗ der gedrückt?“ Kein Wort— keine Sylbe kam als Antwort zurück. Haha, Teufelskäfer war wahrſcheinlich hinter einen der alten Pfeiler gekrochen und kicherte nun, und ſchüttelte ſich vor innerlichem Lachen, daß der Körper des Juden ſo präch⸗ tig verborgen wäre. Teufelskäfer hatte ja manchmal ſolch wunderlichen Humor. Plötzlich, wie der Feuerſchrei in ſtiller Nacht, dröhnte erſt dumpf, dann immer lauter und näher kommend, das Rufen und Toben einer lärmenden Menſchenmaſſe in die finſtere Gruft hinunter. Jetzt waren ſie auf der Treppe, und im nächſten Augenblick füllte ſich die Todtenhöhle des Klo⸗ ſters mit einer, Fackeln und Waffen ſchwingenden Schaar. „Hurrah— hurrah! wir haben ihn, er iſt unſer! hier unten muß der Mörder ſtecken! beſetzt die Treppen! ſchlagt ihn nieder, wenn er entfliehen will!“ und jubelnd ſtürmte die Menge, zum Entſetzen der unheimlichen Bewohner, nach allen Richtungen hin, durch das düſtere Gewölbe.— Verge⸗ bens— ſie fanden ihn nicht. „Halt!“ rief da eine wohlbekannte Stimme,„hier muß er ſtecken, hier— hinter dem Felsblock!“ und Eaſy Lark⸗ ſpur, in der einen Hand eine Fackel, in der anderen eine Piſtole haltend, drängte ſich zwiſchen der wieder zuſammen⸗ getretenen Menge durch. „Hallo da, Miſter, kommt heraus von da, oder ich ſchieße;— kommt heraus ſag' ich!“ Keine Antwort erfolgte; Teufelskäfer lag, dicht zu⸗ ſammengekauert, dort hinten, und er wartete nur den Au⸗ genblick, ſich wie ein Panther aus dem Hinterhalt, auf ſeine Feinde werfen zu können. „Kam'raden— haltet Euch dicht zu mir;“ ſagte Lark⸗ ſpur und ſah ſich nach einigen ſtämmigen Helfershelfern um —„ich will mich nur einmal über den Stein hinüberbiegen und ſehen, wo der Racker liegt.“ Sein nicht unbedeutendes Gewicht jetzt zu dem des Felsblocks hinzufügend, lehnte ſich Larkſpur, ſo weit als möglich, vorne über und verharrte, Piſtole ſowohl als Fackel voraus gehalten, eine Zeitlang in dieſer Stellung; — dann kroch er wieder zurück und ſah ſeine Untergebenen im Kreiſe, der Reihe nach an. Sein Geſicht, das noch vor wenigen Secunden einem gluühenden Vollmond geglichen, hatte Leichenbläſſe überzogen; der kalte Schweiß ſtand ihm auf der Stirn, und ſeine Augen ſahen ſtier und gläſern aus. „Bei Gott!“ rief er endlich mit einer Stimme, die 186 ſelbſt ſeinen rauhen Genoſſen bis in's innerſte Mark drang —„den Anblick mag ich nicht zweimal im Leben haben. Unter dem Felsblock ſteckt ein Kopf vor, brrrr— mich ſchauderts bei dem bloßen Gedanken.— Aber Gentlemen,“ fuhr er nach kleiner Pauſe mit heiſerem Flüſtern fort— „unſer Gefangener iſt uns entwiſcht— das iſt ſicher!“ Soehstes Bgeh. Dritter Tag. Der heilige Abend. Erſtes Capitel. Die Heimath. Ahoi! Aus dem Maſtkorb ruft eine Stimme, hinaus in die dämmernde Nacht— Ahoi— Land— Land am weſtlichen Horizont— Land! Ja Land, nach langer, nach ſtürmiſcher Fahrt; Land, nach Blut und Verbrechen, nach Mord und Verderben, Land! Und weiße Tauben, mit grünen Blättern in den Schnä⸗ beln, ſchweben und ſtreichen herbei durch die Luft, und Früchte und Blumen wiegen ſich und ſchaukeln, auf den leiſe ſchwel⸗ lenden Wogen. Im Oſten dämmert der Morgen und die Sonne, in roſiger, goldener Pracht ſteigt empor. Aber ha— was deu⸗ tet das! wo weiße Tauben leichtbefiedert ſchwebten, da krei⸗ ſe jetzt ſchwarze, düſtere Rabenzüge einher; ſie krächzen ihre monotonen Laute und ihre Schnäbel ſind mit Blättern, aber nicht grünen, Hoffnung kündenden, nein mit gelben, herbſtlichen Blättern gefüllt, und ſchwarze, dunkele Bluts⸗ tropfen fallen hernieder. IV. 13 Die Früchte und Blumen, die der Ocean trug, ver⸗ wandeln ſich in grinſende Todtenſchädel, und ſchäumend kocht und ziſcht das gährende Waſſer in einzelnen, zuckenden Spritzwellen auf, gegen das Schiff. Aber lauter und lauter tönt der Ruf aus dem Maſt⸗ korb: „Land an dem weſtlichen Horizont— Land!“ Es war Weihnachts⸗Abend. Nur noch wenige Stunden hatte die Sonne auf ihrer kurzen Winterbahn zurückzulegen, und leichte, weiße Wolken zogen, von einem ſcharfen Nord⸗ oſtwind getragen, über den heiterblauen Himmel dahin. Es war kalt, bitter kalt, und der hungernde Proletarier ſchlich frierend an den Häuſern dahin, während fröhliches Schlittengeläut die Straßen erfüllte und die ſchneebedeckten Wege mit jubelndem Leben füllte. In dieſer Nacht, vor achtzehnhundert und zwei und vierzig Jahren, wachten die Schäfer bei Betlehem, in dieſer Nacht ward der Heiland geboren, und in dieſer Nacht wirkt und glüht ein eigenes, geſchäftiges Leben durch die ſonſt ſo ſtille, ruhige Quäkerſtadt. Die Reichen halten ihre Feſte, die Tiſche der Armen zeigen Ueberfluß und Wohlleben, und die Dach⸗ und Heimathloſen hungern und ſtehlen. In dieſer Nacht wird die Stadt, die William Penn in 1 191 Hoffnung und Ehre gründete, deren Wurzeln tief in den Boden der Wahrheit und des Friedens ihre Sproſſen trieb, deren Zweige aber in Aufruhr, Verrath, Mord und Unge⸗ rechtigkeit keimten und Früchte trugen, ſingen und beten und ihre Dankopfer zu dem Throne des Höchſten empor ſen⸗ den. Gott ſegne den heiligen Abend. „Seit vierundzwanzig Stunden iſt weder Speiſe noch Trank über dieſe Lippen gekommen. Drei Tage und drei Nächte bin ich das Spiel wilder, wahnſinngebärender Träume geweſen. Mein Hirn brennt, meine Pulſe glühen, aber Nacht— Nacht liegt auf dem Vergangenen, und vergebens ſtreb' ich und mühe ich mich ab, den fürchterlichen Schleier zu zerreißen.“ Die Arme feſt auf der Bruſt verſchlungen, ſchritt Byr⸗ newood Arlington in dem Parlour ſeiner Eltern unruhig hin und wieder, und blieb endlich, die heiße Stirn feſt gegen die kalte Glasſcheibe gepreßt, an dem Fenſter ſtehen, und blickte ſtarr und verzweifelnd in die von geputzten Menſchen durchwogte Straße hinab.* Sein Vater, bleich und abgehärmt, ſtand ſchweigend an den Kaminſims gelehnt, und ſeine Mutter ſaß zurückgebeugt im Schaukelſtuhl; die ſilberweißen Locken aber, die ſich un⸗ ordentlich über ihre Stirn hervorſtahlen, das gläſerne Auge, 13* 192 das ziellos über den Teppich hinſchweifte, die zitternden Lippen und Hände, die fahlen, todtenbleichen Wangen, ga⸗ ben nur zu deutliche Kunde von dem zehrenden Gram, der an ihrem Herzen nagte. „Luhk Harvey hat den ganzen, ſchändlichen Plan mei⸗ nen Blicken enthüllt,“ flüſterte Byrnewood—„heute Mor⸗ gen noch durchſuchte ich jenes ſcheußliche Kloſter von oben bis unten; kroch in alle Schlupfwinkel und Verſtecke dieſer Peſthöhle, doch vergebens, keine Spur war von Marie zu finden. Luhks Verdacht— meine eigenen, dunkelen Erin⸗ nerungen— alle treffen auf ihn, den Verräther zuſammen, verflucht aber ſei der Trank, der mein Gedächtniß zerſtörte, verflucht die Hand, die ihn reichte. Nur dann und wann noch, wie in grauen Nebelſtreifen, gleiten ungewiſſe, ver⸗ ſchwimmende Bilder an meiner Seele vorüber;— es ſind Scenen, vor denen das Blut ſtockt, wenn ſie Wahrheit ent⸗ hielten.“ „Byrnewood,“ ſagte der alte Mann mit leiſer Stimme, „ich werde wahnſinnig, wenn ich dieſe Zweifel noch lange ertragen muß; zwei Tage und zwei Nächte ſchlaflos, in Ver⸗ zweiflung und Todesangſt hingebracht, kann ich nicht län⸗ germehr. Gott habe Erbarmen mit mir, es wird zu viel für einen alten, ſchwachen Mann, wie ich bin. „Den ganzen Tag habe ich ihn geſucht,“ murmelte Byrnewood,„vergebens— vergebens. Hat er die Stadt verlaſſen? Aber Gott ſei ihm gnädig, wenn ich ihn finde; vor ihr, auf den Knieen ſoll er Gnade erbetteln, er ſoll—“ Lautes fröhliches Schlittengeläut drang von der Straße herein. Byrnewoods Auge glühte— ſeine Lippen öffneten ſich. Ein prächtiger Schlitten, von zwei kräftigen Rennern gezogen, bog um die nächſte Ecke, und während der auf der Britſche ſtehende Neger luſtig mit der langen Peitſche knallte, ſaß ein junger, ſchöner Mann, nachläſſig gegen das weiche Büffelfell zurückgelehnt, im Inneren des, eine Muſchel bil⸗ denden Schlittens. „Er iſt's!“ ſchrie Byrnewood, und ſeinen Hut ergrei⸗ fend, flog er in wilden Sätzen auf die Straße, dem davon⸗ eilenden Geläute nach. „Er iſt's?“ echote Mrs. Arlington, indem ſie das ſor⸗ genmüde Haupt erhob, und ſeit langen Stunden das erſte Wort wieder ſprach.„Was meint Byrnewood damit!“ „Gott der Allmächtige allein weiß es!“ ſtöhnte der Kaufmann und trat, ſich die ſtille Thräne abtrocknend, zum Fenſter;„aber es kann kein neues Elend ſein, denn das, was uns bis jetzt betroffen, iſt ſo gräßlich, ſo entſetzlich, daß ich nichts Schlimmeres mehr fürchte.“ Als der Kaufmann Arlington noch ſo, mit auf das Fenſterbret geſtützter Hand hinausſchaute in die Straße, hielt ein von zwei Pferden gezogener Miethswagen an der Thür, und der Kutſcher, ein wohlbeleibter Gentleman, deſſen Corpulenz noch durch einen kleinen Kleiderladen von Ober⸗ 194 röcken um ein Bedeutendes erhöht wurde, ſtieg vom Bock und ließ die Tritte herunter. Eine ſchlanke, ſchwarz geklei⸗ dete Dame, mit einem dichten Schleier verhüllt, ſtieg aus, und ſchritt die Stufen zu Arlingtons Hausthüre hinauf. Während der alte Mann noch darüber nachſann, wer die fremde Dame wohl ſein könne, öffnete der weißköpfige Neger Lewey die Thür und ſagte: „Maſſa, hier iſt Dame, wünſcht ſehr viel mit Ihnen zu ſprechen. Herr Moſes, vielleicht iſt's von Kind Marie— Himmel ſegne es— wer weiß.“ Der alte treue Neger hatte noch nicht ausgeredet, als die Dame das Zimmer betrat, und auf Mr. Arlington zu⸗ ſchritt. Sie war von Kopf bis zu Füßen ſchwarz verſchleiert, und nur die dunkelglühenden Augen drangen durch die dichte Hülle, und hafteten an dem Antlitz des Kaufmanns. „Ihr Name iſt Arlington—“ ſagte die fremde Dame, mit leiſer, flüſternder Stimme—„Ihre Tochter, Marie.“— Mr's Arlington erhob ſich bei dem Wort von ihrem Sitz und Beide lauſchten mit ängſtlichem, athemloſen Still⸗ ſchweigen. „Ihre Tochter Marie,“ fuhr die ſchwarzgekleidete Ge⸗ ſtalt mit kaum verkennbarer Erregung fort,„iſt ſeit drei Tagen abweſend.“— Kein Laut trennte die Lippen des Kaufmanns, aber die Mutter rief mit leiſer, zitternder Stimme—„Gott ſegne Sie— Sie bringen mir Nachricht von meinem Kind!“ 195 „Sie lebt?!“ fuhr jetzt auch Arlington auf, als ob erſt in dieſem Augenblick eine eigene, ihm ſelbſt unerklärliche Er⸗ ſtarrung ſeinen Körper verlaſſen hätte.„Sie lebt? ſie iſt wohl! o ſagen Sie ſchnell Madame, peinigen Sie nicht noch länger die Herzen von alten Leuten, die überdieß ſchon kaum das Entſetzliche eines ſolchen Verluſtes ertragen konnten.“ „Fürchten Sie nicht für Ihrer Tochter Leben— ich will Ihnen Ihr Kind zurückbringen, doch nur unter einer Bedingung.“— „Schnell— o ſchnell, unter welcher?“ riefen beide Eltern dringend und flehend. „Daß Sie Ihre Tochter nicht um die Gründe ihrer Abweſenheit befragen, bis ſie ſich vollkommen erholt hat Ihre Fragen beantworten zu können.“ „Wir verſprechen das, o Gott, von Herzen gern, aber wo iſt ſie!“ „Hier draußen in meinem Wagen“— ſie konnte nicht vollenden, denn in wilder Haſt floh Arlington der Thüre zu, riß dieſe auf und rief:„Mein Kind! mein Kind!“ Aber erſchreckt prallte er zurück, denn auf der Schwelle ſtand eine, in tiefe Trauerſchleier gehüllte Geſtalt, doch ſo ſtill, ſo unbeweglich, daß ſie, wäre es nicht ihrer wehenden Gewänder wegen geweſen, eher einer, aus ſchwarzen Mar⸗ mor gehauenen Statue, als einem menſchlichen Weſen glich. „Meine Heimath!“ flüſterte ſie—„meine Heimath!“ und ſolch innige Rührung, ſolch peinlicher Schmerz lag in 196 dem Ausdruck dieſer wenigen Worte, daß ſich die Fremde erſchüttert abwandte, und Vater und Mutter mit dem Aus⸗ ruf„Mein Kind!“ ſie in ihre Arme ſchließen wollten. Aber Marie ſtreckte abwehrend ihre Hand gegen die Eltern aus. „Zurück Vater! zurück Mutter!“ rief ſie in Tönen, die den fürchterlichſten Seelenſchmerz verriethen—„ich bin Eue⸗ rer kleinſten Liebe nicht werth— ich bin ein armes, gefalle⸗ nes Weſen, Vater— ich bin beſchimpft— Mutter— bin — entehrt!“ Als ob ein Blitzſtrahl aus heiterem Himmel vor ihnen eingeſchlagen, ſo ſchrak Arlington zurück, und mit leiſem Weheſchrei ſtreckte die Mutter die Hand gegen die Tochter aus und echote die Worte„entehrt— o Allbarmherziger, entehrt.“ „Vor drei Tagen,“ ſagte Marie, und ihre Augen rich⸗ teten ſich kalt und ſtier auf den Teppich—„vor drei Tagen überſprang ich dieſe Schwelle, ein fröhlich, ſorgloſes Kind; in roſigen Träumen ſpiegelte ſich mir eine Zukunft von Glück und Seligkeit. Jetzt iſt der Traum vorbei und— in die Erde möcht' ich ſinken vor Scham— ein Weſen kehr' ich zurück, das zu berühren ſchon die Guten ſchaudern muß.“ Sie ſchritt, mit geſenktem Haupte ſchweigend an ihren Eltern vorüber, der Parlourthüre zu; Niemand hielt ſie auf, es war als ob die Kunde des Entſetzlichen die Herzen und Glieder der Eltern mit einem Schlage gelähmt hätte. 197 Da wandte ſie ſich noch einmal um, ſah die regungsloſen, ſchmerzdurchbebten Geſtalten der Eltern, blieb ſtehen, brei⸗ tete die Arme aus und flog mit dem Angſtruf: „Meine Mutter— mein Vater!“ zu den Füßen der Mutter nieder, und umklammerte ihre Knie. „Mein Kind, mein armes, armes Kind!“ rief die Mutter und fiel weinend auf den Nacken der Tochter; dieſe aber wieß zitternd die umarmung zurück, ſprang wieder empor und rief, ſich mit den zarten Fingern die langen, dun⸗ kelen Locken aus der leichenbleichen Stirn ſtreichend. „Nein— nein— ich darf nicht— ich bin deſſen nicht werth. Für immer bin ich verloren. Ach es war ein kurzer, ſeliger Traum; das Erwachen iſt mehr als Tod. Hier— hier, glaubt ich an ſeiner Seite Euere Kniee zu umfaſſen— under— Der Allmächtige ſchütze mich vor Wahnſinn. Heute iſt heiliger Abend und ich kehre zurück, aber— wehe mir, wehe Euch— entehrt— entehrt!“ In ihren Händen verbarg ſie das Antlitz und ſchritt, leiſe ſchluchzend durch die halbgeöffnete Thüre des Parlours in das Zimmer. . Sein Weib unterſtützend, von der noch immer dicht verſchleierten Geſtalt der Fremden begleitet, folgte Arling⸗ ton der Tochter. Kaum hatten ſie aber das Zimmer erreicht, als ein lautes, fröhliches Lachen, von der Halle hertönend, an ihr Ohr ſchlug. „Hahaha, beſter Freund, das iſt wahrhaftig nicht recht, mich bei ſo göttlichem Wetter von ſo intereſſanter Fahrt ab⸗ zuhalten; das und blos einer fixen Idee willen, blos eines Misverſtändniſſes oder einer Verwechſelung wegen.“ Die Fremde hatte kaum Zeit gehabt Marie, die bei den Tönen der Stimme erſchreckt emporgefahren war, in ihren Schleier einzuhüllen, und in das eine, durch den Vor⸗ hang dicht verhangene Fenſter zu ziehen, als ſich die Thüre auch ſchon öffnete, und Byrnewood Arlington und Guſtav Lorrimer das Zimmer Arm in Arm betraten. Gar ſchauerlich ſtach dabei das bleiche, verſtörte Antlitz des jungen Kaufmanns, gegen das volle, blühende Aeußere des Wüſtlings ab, der, den Herrn und die Frau des Hauſes bemerkend, dieſen eine tiefe, achtungsvolle Verbeugung machte.. „Mr. Wilmot— das iſt ja wohl Ihr Name, bitte mich zu entſchuldigen, aber dieſer junge Gentleman beſtand da⸗ rauf, daß ich das Vergnügen Ihrer Bekanntſchaft genießen ſollte. Phantaſiert von einer Schweſter— redet von Ver⸗ brechen und Verrath, und ich begreife wirklich nicht, wie—“ „Hier ſteht mein Vater und meine Mutter,“ unter⸗ brach Byrnewood Arlington ſeine Rede,„mein Vater hat keine Hoffnung als die, die an ſeiner Tochter Leben hängt, meine Mutter keinen Gedanken, als nur für deren Frieden, für deren Glück. Wollen Sie in ihrer Gegenwart ſchwören, daß Sie den Ort nicht wiſſen, wo meine Schweſter verbor⸗ gen gehalten wird!“ 199 Lorrimers Antlitz überflog eine leichte Bläſſe, aber ſeine ganze Faſſung ſammelnd, rief er endlich mit ſpöttiſchem Lachen: „Mehr noch, junger Mann, mehr noch als das will ich ſchwören; daß ich zum Beiſpiel Ihre Schweſter in mei⸗ nem ganzen Leben nicht geſehen, ſie nie geſprochen habe, ge⸗ nügt Ihnen das!“ und Lorrimer ſchaute mit lächelndem, unbefangenen Blick in das Auge, des ihn zweifelnd und ver⸗ wirrt anſtarrenden jungen Mannes. „Vater!“ rief Byrnewood,„der Schleier, der über dem Furchtbaren liegt, wirkt ſich dichter und dichter; der Traum, von dem ich umgarnt, drei Tage in halbem Wahn⸗ ſinn zugebracht, wird mit jedem Augenblick unauflösbarer. Dieſer Mann kann und muß das Geheimniß brechen, das auf mir, das auf meiner Seele liegt. Lauſche nun dem Schwur, den ich ihm vorſagen werde, und ſpricht er ein falſches Wort, ſo möge eines Vaters, einer Mutter Fluch ſein Haupt treffen und ihn blutig und beſchimpft in ein frühes Grab ſenden.“ „Aber Byrnewood,“ flüſterte der alte Mann,„Deine Schweſter“— „Laßt mich enden—“ flehte der Sohn—„mein Le⸗ ben, mein Verſtand hängt an den Worten dieſes Mannes. Schwörſt Du denn bei dem Glauben an Deine einſtige Selig⸗ keit, daß Du Nichts von meiner Schweſter, Marie Arling⸗ 200 ton weißt, daß Du ſie nie geſprochen, ihr nie ein Leides gethan?“. „Ich ſchwöre es!“ ſagte die ruhige, kecke Stimme Lorrimers. „Dein Antlitz erbleicht nicht, Deine Zunge zittert nicht—“ ſtöhnte Byrnewood—„es muß ein Traum gewe⸗ ſen ſein— doch noch Eins, und ich habe geendet. Wenn Du die Unwahrheit geſprochen, willſt Du, daß dann auf Dein eignes Haupt die Verachtung der Menſchen, der Zorn des Himmels herabſchmettere, der hier und dort den Mein⸗ eidigen erwartet!“ Er hob ſeine Hand empor und blickte ſtarr und feſt in Lorrimers Auge. Eine Secunde lang ſtockte dieſes Antwort, dann aber erwiderte er mit lachendem Munde: „Ich will es! Sind Sie nun zufrieden?“ Während er noch ſprach, theilten ſich die Fenſtervor⸗ hänge und hervor trat, bleich und zitternd, aber immer noch engelſchön, von ihren ſchwarzen Trauerkleidern um⸗ wallt, Marie hervor. „Meine Schweſter!“ ſchrie Byrnewood, mit beiden Händen Stirn und Schläfe preſſend, als ob er ſich überzeu⸗ gen wolle, ob er wache oder träume,„mein eigene— theuere Schweſter.“ Es war Alles was er ſagen konnte, die lange vermiß⸗ ten Thränen quollen ihm in die Augen, und mit erſtickter Stimme ſchloß er die Geliebte an ſein Herz. r 201 „Nun Sir—“ rief er plötzlich, ſich wieder gegen den Verführer wendend,„kennen Sie dieſes Mädchen 774* Marie näherte ſich ihm, und mit gegen ihn ausgeſtreck⸗ ten Händen während ein leiſes, ſanftes Roth ſich über ihre Wange ſtahl, flüſterte ſie— „Lorraine!“ „Da haben Sie den Beweis,“ lächelte Lorrimer mit kalter Höflichkeit; die junge Dame kennt nicht einmal mei⸗ nen Namen.“ „Lorraine!“ ſtöhnte Marie und blieb erſtarrt, und mit einem Ausdruck fürchterlicher Angſt in den Zügen, vor ihm ſtehen; auf ſeinem Angeſicht aber, lag ein kalter, abſtoßen⸗ der Hohn, und mit verſchlungenen Armen wandte er ſich halb von ihr ab. Marie ſtrich ſich in Todesangſt das wallende Haar aus der Stirn; ihre Hände zitterten krampfhaft, ihre ganze Ge⸗ ſtalt bebte, und als jetzt in vernichtender Klarheit das ganze Fürchterliche ihrer Lage, der teufliſche Verrath deſſen, den ſie vergöttert, auf ſie einſtürmte, da konnte ihr Herz dem Schmerz, der mit einem vernichtenden Schlage alle ihre Hoffnungen begrub, nicht länger wiederſtehen, und mit einem wilden, gellenden Angſtſchrei brach ſie bewußtlos zu⸗ ſammen. „Wenn Ou unwahr geſprochen, wenn Du eine Lüge beſchworen haſt, willſt Du dann, noch vor Sonnenuntergang . heute Abend, eines gewaltſamen, blutigen Todes ſterben!“ ſchrie Byrnewood jetzt in dem, wenn auch noch von der Wirkung des Tranks befangen, die Ueberzeugung immer klarer aufſtieg, daß Lorrimer der Verführer ſei. „Ja, ja!“ rief der Libertin, ſeinen Stiefel von dem Arm des ohnmächtigen Mädchens befreiend, die darüber hingefallen war—„in alle Ewigkeit, ja— nun bitte ich mich aber auch mit allem weiteren Unſinn zu verſchonen, denn ich uß wirklich geſtehen, daß ich es müde bin, ſort⸗ während— „Einen gewaltſamen und blutigen Tod ſollſt Du dann ſterben!“ gellte plötzlich der Schrei einer weiblichen Stimme an ſein Ohr— die Vorhänge rauſchten und öffneten ſich, ein Strahl rothen Sonnenlichts glühte über die Scene, und die Fremde, den Schleier von den bleichen, noch immer ſchönen Zügen zurückgeworfen, die Hand hoch erhoben, ſchritt feſt und ſchnell auf den erſchreckt zurückweichenden Wüſt⸗ ling zu. „Einen gewaltſamen und blutigen Tod ſollſt Du dann ſterben. Hört mich— hört mich Alle,“ fuhr Betty, mit funkelndent Augen und erhohener Stimme fort, indem ſie wie eine Furie der Rache vor dem jetzt zum erſtenmal erbleichen⸗ den Verbrecher ſtand. „Dieſer Mann lockte Marie Arlington aus ihrer Hei⸗ math; rein und unſchuldig, engelgleich wie ſie war, ent⸗ ehrte er ſie, und ich, ich das Werkzeug ſeines Verbrechens, ich klage ihn an und ſchleudere hier den Sündenlohn meiner 203 Schande, das Judasgeld, um das ich mich verkauftzn vor die Füße des Meineidigen nieder. „Allmächtiger Gott!“ rief der alte Mann,„welch ent⸗ ſetzliches Geſtändniß iſt dieß!“ „Unſer Kind entehrt,“ wimmerte die Mutter. „Weitere Verſtellung iſt unnütz!“ höhnte Lorrimer, ſich ſtolz emporrichtend, mit kaltem, verächtlichen Lächeln. „Ihre Tochter war ſchwach und thöricht, und ich— nur ein Mann.“ Byrnewood ſchritt auf ihn zu und legte ſeine Hand leiſe auf des Verführers Schulter. Seine Stimme klang unna⸗ türlich ruhig. „Es giebt nur zwei Wege, dieſes Verbrechen gut zu machen—“ flüſterte er—„ich gebe Ihnen die Wahl. Wol⸗ len Sie—“ der Ton erſtarb ihm in der Kehle, und verge⸗ bens rang er einige Secunden nach Faſſung, endlich fuhr er, eben ſo leiſe wie er begonnen, fort—„wollen Sie mei⸗ ner Schweſter Ihre Hand reichen?“ Der alte Mann bezwang den Haß und die Vexachtung, die in ihm aufgeſtiegen, und ſtöhnte nach kurzer Pauſe— „Heirathet mein Kind und bewahret es vor Schande und Schmach. Ihr könnt ein Verbrechen damit ſühnen, für das die Erde keinen Namen hat.“ Keine Ahnung von Tod und Vergeltung ſtieg in dieſem Augenblick vor der Seele des Wüſtlings auf. Nur der eine Gedanke kreuzte ſchnell und höhniſch ſein Hirn— Er ſollte 4 ——— —— 204 gezwungen werden das Mädchen zu heirathen, das er ver⸗ führt hatte! Ha, er konnte ſchon das ſpöttiſche Lachen aller ſeiner Freunde hören, er ſah im Geiſt ihren mitleidigen, verächtlich bedauernden Blick. „Ja ſehen Sie, meine Herren,“ ſagte er mit eiſiger Kälte und Höflichkeit, während er ſich dem Eingang zu bewegte,„dieſe Sache iſt allerdings— unangenehm, aber — ich— ich bin gar nicht geſonnen, je zu heirathen, und dann auch— unſere Familien paſſen wohl nicht recht zu einander. Ich habe die Ehre mich freundlichſt zu empfehlen.“ Er glitt mit dieſen Worten aus der Thür, und ehe ſich die Umſtehenden von ihrem Erſtaunen erholen konnten, tönte ſchon wieder das luſtig klingelnde Schellengeläute an ihr Ohr und der Schlitten fuhr in reißender Schnelle die Straße hinab. „So mag denn das andere Mittel ſeinen Lauf haben!“ ſchrie Byrnewood Arlington—„Nein— haltet mich nicht, Vater, Mutter; laß meinen Arm frei, denn bei dem leben⸗ digen Gotte ſchwör' ich's, nicht eſſen und nicht trinken will ich, nicht ſchlafen und nicht raſten, bis ich der Schweſter Schande in dem warmen Herzblut jenes Verräthers ausge⸗ waſchen habe. = Zweites Capitel. Der Fremde. Die Nachmittagsſonne ſchien hell und warm in das kleine, wohnliche Vorzimmer eines der Privatgebäude in —ſtreet. Meublen und Vorhänge, Alles beſprach Reichthum und Eleganz, ohne ſich jedoch der überladenen Prunkſucht zu nähern, die das Auge blendet, und den Blick vergebens jene ſtille Behaglichkeit herbeiwünſchen läßt, die nur Ein⸗ fachheit gewähren kann. Zwei Thüren ſetzten das Zimmer auf der einen Seite mit dem Corridor, auf der anderen mit den inneren Gemä⸗ chern, und zunächſt mit dem Arbeitscabinet des Bewohners in Verbindung, an deren letzterer ein ſchlanker, in Hellblau und Silber gekleideter Neger lehnte, und augenſcheinlich dem von dort heraustönenden Geräuſche lauſchte. Kopfſchüttelnd flüſterte dieſer endlich leiſe, indem er über den weichen Teppich zu ſeinem Sitze an einem Seiten⸗ tiſch wieder hinſchlich, und dort die kaum niedergelegte Zei⸗ tung aufnahm:„Maſſa iſt heute merkwürdig unruhig, läuft IV. 14 206 auf und ab wie ein Poſtbote. Sollte mich wundern, wenn der Teufel nicht bald wieder irgendwo los wäre. Was giebt's denn eigentlich heute Neues in Philadelphia— heh! Hallo da„Wunderbares Verſchwinden von Miß Arlington — Arlington— wo ſtehen denn die Morde! Hallo!„Die alte Madame Smolby von ihrem Dienſtmädchen todtge⸗ ſchlagen— übrigen Helfershelfer entflohen.— Schöne Ge⸗ ſchäfte das— geht gut hier im Lande zu.“ 6 Ein heftiges Reißen an der Klingel ſtörte den jungen Mann aus ſeinen intereſſanten Nachforſchungen auf, und ſchnell die Zeitung niederwerfend, eilte er nachzuſehen, wer mit ſolcher Ungeduld Einlaß begehre. Eine dicht in einen großen, faltigen Mantel gehüllte Geſtalt glitt ſchnell, als die Thüre kaum geöffnet war, herein, und dieſe vorſichtig wieder hinter ſich ſchließend, was keineswegs zur Beruhigung des etwas erſchreckt zurücktre⸗ tenden Negers gereichte, eilte der Mann der Stube zu, und warf hier den Mantel von den bis jetzt verborgen gehaltenen Geſichtszügen. „Jemine!“ ſchrie der Schwarze, und ſprang hoch em⸗ por;„Colonel Fitz Cowles!“— Wohl aber hatte er Urſache erſtaunt und überraſcht auf den ſo geheimnißvollen Beſuch zu blicken, denn der ſonſt ſo ſchöne, jugendkräftige Colonel, das Muſter der eleganten Welt, der Neid aller jungen Stutzer und Modenarren, glich 207 jetzt eher einer, dem Grabe eben entſtiegenen Leiche, als einem lebenden Menſchen. Sein Antlitz war bleich und an vielen Stellen von Blut befleckt, ſein ſchwarzes Haar hing ihm in langen, ſtraffen Streifen über die Schläfe herunter, und den rechten Arm trug er in einer Schlinge. „Jemine!“ rief der Neger noch einmal;„Maſſa Cow⸗ les ſieht ja aus, als ob er ii mit dem Teufel ſelber geſchla⸗ gen hätte.“ 8 „Du kannſt recht haben, Bob— iſt Dein Herr zu Haus?“ flüſterte Fitz Cowles mit heiſerer, unterdrückter Stimme. „Ja Maſſa— in ſeinem Zimmer, aber ſehr unruhig, ſehr bedeutend unruhig.“ Der Colonel warf den Mantel zur Erde, und wollte der gegenüberliegenden Thüre zueilen, als ihm der Neger erſchrocken in den Weg ſprang, und bei Himmel und Erde ſchwor, ſein Herr bringe ihn um, wenn er Jemanden unan⸗ gemeldet hineinlaſſe. „Geh zum Teufel!“ ſchrie Fitz Cowles, indem er den ihm Entgegentretenden zurückſchleuderte;„jetzt hätt' ich Zeit zu ſolchen Poſſen!“ und die Thüre aufreißend, ſtürzte er in heftigſter Aufregung in das daranſtoßende Gemach.— 14* 208 Das Licht einer Aſtrallampe, die auf einem mit Bü⸗ chern und Manuſcripten bedeckten Tiſche ſtand, beleuchtete das kleine, aber elegante, ja koſtbar eingerichtete Studier⸗ zimmer des Fremdenz denn nur unter dieſer Benennung war der Gentleman, der jetzt ſinnend am Kaminſims lehnte und in die Gluth hineinſtarrte, in Philadelphia bekannt. Die angeſehenſten und einflußreichſten Männer der Stadt, Bankdirektoren und Richter gingen bei ihm aus und ein, täglich kamen Briefe und Packete mit gewichtigen Siegeln, jeden Tag ſandte er ſolche, oft mit beſonderen Courieren und geheimen Botſchaftern, nach den Hauptſtädten der union, aber Niemand, Niemand wenigſtens aus dem Volk, kannte ſeinen Namen, wußte woher er kam, oder vermochte überhaupt eines der verſchiedenen Gerüchte als beſtimmt an⸗ zugeben, die ihn bald für einen geheimen engliſchen Ge⸗ ſandten und Lord, bald für einen canadienſiſchen Staats⸗ mann, oder gar für einen mexikaniſchen Prinzen hielten. Sinnend hlickte er in die Gluth des Kamins, als plötz⸗ lich die Thüre aufgeriſſen ward, und Fitz Cowles, bleich und blutbedeckt auf der Schwelle erſchien. Der Fremde richtete ſich erſtaunt empor, und ſtarrte den Eintretenden an, der halb ſcheu, halb trotzig auf der Schwelle ſtehen blieb. „Juan Larode!“ brach jener endlich das wohl minu⸗ tenlange Schweigen;„Juan Larode und zu dieſer Stunde? 8* 209 Darf ich fragen, was mir die Ehre Ihres Beſuchs ver⸗ ſchafft!“ „Sicherlich Sir,“ erwiderte Fitz Cowles, durch den kaltſtolzen Empfang empört;—„ſicherlich Sir— in letzter Nacht wurde ich wegen Fälſchung verhaftet— Fälſchung an dem Haus Livingſtone, Harvey und Co.— die Summe hunderttauſend Dollar. Ich entfloh den Schergen, und habe eine Nacht und einen Tag, verwundet und zum Tode matt, ihre Wachſamkeit getäuſcht und umgangen.“ „Sie ſind ſchuldig?“ frug der Fremde, indem er den Blick ſeines kalten Auges auf den Fälſcher heftete. Fitz Cowles nickte ſchweigend mit dem Kopf. „Was haben Sie mit dem Geld gethan?“ „Es iſt ſicher in New⸗York— ich ſandte es geſtern morgen an eine erdachte Adreſſe, um es ſelber dort in Em⸗ pfang zu nehmen.“ „Nun Sir, was geht das mich an! was kümmern mich Ihre Verlegenheiten!“ erwiderte der Fremde, Fitz Cowles mit einem faſt verächtlichen Blicke meſſennd.. „Gefängniß— Ketten— die Peitſche— Alles be⸗ droht mich. Sie müſſen mich retten.“ „Ich muß Sie retten?“ höhnte Jener;„und worauf gründen Sie dieſes muß!“ „Die Antwort iſt einfach. Seit zehn Jahren habe ich aus Ihrer Hand bedeutende Summen empfangen; Sie wa⸗ ren es, der mich in New⸗Orleans aus den Fängen der ——— Gerichtsbeamten, Gott weiß auf welche Art, befreite, als ich wegen der kleinen— Affaire in Verlegenheit kam. Drei⸗ mal ſogar haben Sie mir bedeutende Gefahren überſtehen helfen, und mir bis zum letzten März ſogar eine regelmäßige Penſion von viertauſend Dollare gezahlt— „Und was weiter?“ frug der Fremde mit beißendem Ton. „Auf Ihre vergangenen unterſtützungen gründe ich meine jetzige Forderung.“ „Juan Larode— Sie werden unverſchämt,“ rief der Fremde, während ein höheres Roth ſeine Wangen färbte; „dort iſt die Thür, gehen Sie in's Gefängniß oder zum— Teufel— was kümmert's mich.“. „Juan Larode?“ echote Fitz Cowles, während ſeine Augen Feuer ſprühten;„alter Mann, wagen Sie es, mich auf ſolche Art, mit meiner Mutter Namen zu beleidigen? Ja— ja— ich will in's Gefängniß, ich will Ketten und Peitſche ertragen, aber nicht Fitz Cowles ſollen die Zeitun⸗ gen von Nord bis Süden als Falſchmünzer brandmarken; nein bei Gott, der Name—“ „Baſtard einer Sclavin!“ unterbrach ihn donnernd der Greis;„wagſt Du es, mir zu trotzen?“ „Nicht ſo zornig, Vater!“ ziſchte Fitz Cowles mit höhniſchem Lächeln. Hier iſt meiner Mutter Heirathskon⸗ trakt, den Sie mir ſelbſt vor vier Jahren gaben.“ Der Fremde ließ ſich wieder nachläſſig in ſeinen Stuhl * 211 niederſinken, und ſtarrte dann, Verachtung und Haß in den dunkelen Zügen auf den Sohn hinüber, der trotzig und keck dem Blick begegnete. Nie war die Aehnlichkeit der beiden Männer auffallender geweſen, als gerade in dieſem Moment. „Hoho Sir!“ höhnte endlich der Fremde, indem ſein Antlitz eine boshafte, teufliſche Freude überflog;—„hoho Sir— ſeid ſelbſt ſo ſehr erfahren im Fälſchungsweſen, und konntet Euch durch eine erbärmliche, er dichtete Urkunde äffen laſſen! Glaubt Ihr, Juan Larode, jenes Document hätte ich in Euere Hände gegeben, wenn es ächt geweſen wäre! Da ich Euch als Spion benutzte,— ja fahrt nur em⸗ por, und ballt die Fäuſte, als Spion, da mußte ich Euch, um vor Verrath geſichert zu ſein, durch die Bande geſetz⸗ licher Verwandtſchaft an mich feſſeln. Ich wußte, Ihr würdet Eueren Vater nicht hintergehen— hahaha— Eueren Vater!“. Fitz Cowles wurde leichenbleich— das höhniſche Lachen griff ihm mit eiſeskalten Fingern in das heiße Herz. „Baſtard!“ flüſterte er, und barg das ſchaam 3 und wuthglühende Antlitz in den Händen. Der Fremde blickte höhnend zu ihm nieder, und mur⸗ melte leiſe: „In das Gefängniß mit Dir, dort wirſt Du mir nicht länger beſchwerlich fallen.“ Fitz Cowles blieb lange in ſeiner niedergebeugten Stel⸗ 212 lung; endlich hob er den Kopf langſam empor, und ſagte mit ehrerbietig, demüthiger Stimme: „Sir, ich will gehen und mein Geſchick ertragen, aber — wollen Sie mir nicht vorher eine kleine, unbedeutende Frage beantworten? Erinnern Sie ſich des in gelbes Papier eingebundenen Packets, mit den drei großen, ſchwarzen Siegeln!“ Fitz Cowles Stimme klang ruhig und mild, aber ein teufliſcher Sinn lag in dem Blick, den er aus ſeinen ſchwar⸗ zen Augen auf den Fremden ſchoß. Dieſer erhob ſich raſch, und wurde leichenblaß. „Was wiſſen Sie von dem Packet!“ ſagte er mit an⸗ genommer Kälte;„ein einziges Mal ausgenommen, haben Sie es nie geſehen, und damals auch nur in meiner Gegen⸗ wart und feſt verſiegelt.“ „Guten Abend, Vater,“ ſagte Fitz Cowles, und ſchritt gegen die Thüre zu; ich werde Ihnen nicht mehr be⸗ ſchwerlich fallen.“ „Halt da Sir!“ rief der Fremde;„einen Augenblick!“ Und einen Seitenſchrank öffnend, nahm er, aus einer ſorgfältig verſteckten Schublade, ein großes, in gelbes Pa⸗ pier eingeſchlagenes Packet, das mit drei ſchwarzen Siegeln verſchloſſen war. „Ha— es iſt ſicher!“ murmelte er, während Fitz Cowles lächelnd an der Thüre ſtehen blieb. 213 „Sicher! hahaha!“ höhnte der Filſcher;—„guten Abend, Vater!“ Mit ſchnellem Griff riß der Fremde die großen Siegel herunter— faltete den Einſchlag auseinander, und ent⸗ deckte— ein Packet zuſammengeſchlagener— weißer Pa⸗ piere. „Hahaha— ich dachte doch, daß der Tag kommen möchte, wo mir dieſe Briefſchaften dienlich ſein könnten— falſche Schlüſſel und falſche Petſchafte! hahaha!“ Der ſtolze, ſtarke Mann ſtand wie vernichtet— an jenen Briefen hing ſeine Ehre, hing ſein Leben, und ſie wa⸗ ren jetzt in den Händen eines Mannes, der ihn als ſeinen ärgſten Feind haſſen mußte. Ein ſchneller Entſchluß ſtieg in ihm auf— ſeine Lippen zitterten, ſeine Wimpern zuckten, aber er bezwang die innere Bewegung und flüſterte, ſich mit der einen, krampfhaft geballten Fauſt auf den Tiſch ſtützend: „Tretet her zu mir, Juan Larode!“ Furchtlos näherte ſich Fitz Cowles dem Tiſch, und ſchaute hier finſter und trotzig dem bleichen Mann in das düſter⸗drohende Angeſicht. 3 „Ihr habt jene Briefe!“ „Ich habe ſie!“ antwortete der Fälſcher;„und Sie wiſſen, Vater, daß es gerade nicht angenehm für Sie ſein würde, die darin enthaltenen Neuigkeiten als„wunderbare 214 Entdeckungen“ in den Zeitungen veröffentlicht zu ſehen— hahaha!“ Das Lachen erſtarb in einem Angſt⸗ und Schmerzens⸗ ſchrei. Mit einem gewaltigen Griff ſeines eiſenſtarken Ar⸗ mes erfaßte der Fremde des Fälſchers Kehle, und drückte ihn* in die Kniee nieder. „Nun Bube!“ knirſchte er, den rechten Arm dabei zum Schlage erhebend;—„geſtehe, wo Du dieſe Papiere verborgen hältſt, oder Du ſtirbſt, wie ein Hund, von mei⸗ ner Hand.“ „Die Briefe—“ ſtöhnte Fitz Cowles, und ſeine Augen drängten aus ihren Höhlen, Stirn und Schläfe färbten ſich in unnatürlicher Röthe. Der Baſtart lag, unter der Hand ſeines Vaters, dem Erſticken nah— 3 „Die Briefe—“ ſtöhnte er endlich— gab ich— einem Freund, um ſie aufzu— bewahren— oder— wenn ich ge⸗ fangen, oder— gemordet werden ſollte, einem Freunde von Ihnen— als Geſchenk zu übermachen. Haha— die Adreſſe iſt ſchon geſchrieben— der dort iſt— der glückliche Empfänger.“ Mit verzerrtem Lachen wieß er auf ein, über dem Ka⸗ minſims hängendes Portrait, und wie von einem elektriſchen Schlage getroffen, fuhr der Fremde entſetzt zurück. „Steh' auf Juan Larode!“ ſagte er dann nach einer Weile, während ihn Fitz Cowles mit höhniſch lauerndem Blicke betrachtete;—„ich will Dich vor Gefängniß und Peitſche retten— ich gebe Dir mein Wort!“ „Ihr haltet mich verborgen, bis der erſte Sturm vorüber iſt, und ich den Staat verlaſſen kann?“ „Du biſt ſicher!“ flüſterte der Fremde. Drittes Capitel. 8 Der Auſterkeller. Um den gluthentſendenden Ofen des Auſterkellers hatte ſich eine zahlreiche Geſellſchaft, theils mit Trinken, Singen, Fluchen und Zanken beſchäftigt, verſammelt, während Smo⸗ key Chiffin, der Herr dieſes unterirdiſchen Auſterelyſiums, hinter dem Schenktiſch ſtand, und den wie Bienen zu⸗ und abſchwärmenden Gäſten heißen Whiskey und anderen Punſch, wie alle möglichen übrigen Getränke verabreichte. „Schlittenbahn, Gentlemen, Schlittenbahn!“ rief der kleine Wirth, in freudigem Eifer hin⸗ und herfahrend;„das iſt die Zeit für heißen Whiskeypunſch! Wie ſagen Sie! Brandy! Brandy für dieſen Gentleman, John! Was be⸗ fehlen Sie zum Souper! Hirſchbraten— Truthahn? Sherrywein, Sir! Flaſche Porter, John.— Herrliche Schlittenbahn, Gentlemen; habe nie beſſere geſehen!“ Der Keller war lauter Leben und Regſamkeit. Smokey Chiffin ſchwelgte in einem Meer von Wonne. Wohin er auch ſah— in die Verſchläge, an den Schenkſtand, um den 217 Ofen herum, überall hatten ſich dichte Schaaren von Gäſten geſammelt, und Teller klapperten, Gläſer klirrten und Stöpfel flogen nach allen Richtungen. Zwei kleine Geſtalten wanderten Arm in Arm in dem Keller hin und her, den freien Raum zwiſchen dem Spiegel und Ofen dabei zum Spatziergang benutzend. „Ja ſeht, Busby— die Sache hat nur ſchon zu viel Specktakel gemacht,“ ſagte Einer der Beiden. Ich könnte Euch freilich einige koſtbare Notizen geben— koſtbare ſag' ich Euch—“ und er kaute auf ſehr geheimnißvolle Art an dem kleinen, ſpitzen Knopf eines kränklich ausſehenden, ſpaniſchen Röhrchens, während er Pudel mit einem ſeiner, bei ihm ſo charakteriſtiſchen, nichtsſagenden Blicke an⸗ blinzte. „Man könnte einen koſtbaren Artikel daraus ſchreiben, „genaue Erzählung der Einzelheiten der Entführung, von einem Freunde beider Familien“, das Blatt ginge raſend, allez avec un furie, wie wir im gewöhnlichen Franzöſiſch ſagen. Kommt Alterchen, rückt heraus mit Eueren Reich⸗ thümern; die ſchwarze Poſt wird's Euch lohnen.“ „Ja ſeht— ich könnte das— koſtbaren Stoff hab' ich, erwiderte Petriken mit einer ſehr nachdenkenden Miene, aber Pudel, Ihr habt meine Hemisphere in Euerer heutigen Nummer zu ſchauderhaft mitgenommen, zu ſchauderhaft⸗ Denkt nur, zwei Platten,„das todte Rothkehlchen“ und „die brennende Niggerkirche“, und Alles für den entſetzlich 218 billigen Preis von zwei Dollar pro Jahr— Officin 209— Draymann's Gäßchen— zwei Treppen hoch— o Pudel, das war nicht recht.“ „Hemisphere heruntergemacht!“ ſagte Pudel, ſeine Fußſpitze mit außerordentlicher Aufmerkſamkeit betrachtend; „Oh unſinn, Petriken, gebt mir die Einzelheiten, und ich widme Euch anderthalb Spalten; ich ſchicke eine Ankündi⸗ gung in die Welt, daß den Leuten die Augen übergehen ſol⸗ len, ich will ſchwören, daß Ihr der geſcheuteſte, talentvollſte 3 Schriftſteller Amerika's ſeid, und daß Ihr zu Mitarbeitern nur die phantaſiereichſten, berühmteſten Auroren der Welt nehmt!“ „Wolltet Ihr das wirklich!“ „Mein Ehrenwort darauf!“ rief Pudel, ſeine im Af⸗ fekt etwas verſchobene Perücke wieder arangirend;„alle die verdammten Lügen, die Euere Feinde in Umlauf gebracht haben, will ich zu Boden ſchmettern—“ „Jedes Genie hat ſeine Feinde,“ warf Petriken be⸗ ſcheiden ein, während er ſeine Stiefel leiſe mit dem Geiſt von einem Spatzierſtock klopfte.„Ich kann nicht verlangen von den Uebrigen, von Byron, Shelly, Schufflebottom ausgenommen zu ſein. Kennt Ihr Schufflebottom! Einer meiner vorzüglichſten Mitarbeiter.“ „Verlaßt Euch d'rauf, mein Alterchen, gebt mir nur die Einzelheiten jener Entführung, und paßt dann auf, wie 219 ich der Chriſtenheit Sand in die Augen ſtreue. Seht Petri⸗ ken, es gehört in dieſer guten Stadt—“ Ehe Pudel ſeine Rede vollenden konnte, trat die vier⸗ ſchrötige, in einen grauen Oberrock geknüpfte Geſtalt Eaſy Larkſpur's zwiſchen ihn und den kleinen Hemispheren⸗Mann. Er heftete ſeine Augen mit einem Ausdruck der höchſten, zornigſten Verachtung auf den Redakteur der ſchwarzen Poſt. „Biſt Du das Ding, das die ſchwarze Poſt heraus⸗ giebt?“ frug er aber dann erſt mit wirklichem Erſtaunen im Blick, als er die kleine, ſpindeldürre Geſtalt des Zitternden betrachtete.„Biſt Du das kleine, ſchiefbeinige, ſtulpnaſige Ding, das ſie Pudel nennen?“ Dieſe Anrede war nun weit davon entfernt ſchmeichel⸗ haft zu ſein, Pudel wechſelte auch in unglaublich kurzen Zwiſchenräumen die Farbe von Todtenbläſſe zu hoher Röthe, denn in Larkſpur's Augen las er etwas, das in ſeiner Bruſt den Wunſch aufſteigen ließ, eine anſtändige Entfernung von zwei bis drei Meilen möglich zu machen. Er ſah ſich vor⸗ ſichtig nach der Kellerthüre um. „Biſt Du das ſehr verächtliche Ding, das ſich neulich in dem erbärmlichen Lügenblatt über meine Perſon luſtig gemacht hat! heh!“ brummte Larkſpur, und ſchüttelte ſeine gewaltige Fauſt vor der Naſe des Erbebenden. „Oh, das war ich nicht— das war Jemand anders,“ ſtotterte der kleine Redakteur,“ „So! wirklich! Jemand anders? Du kleines Stück Menſchenfleiſch Du, Du Ueberbleibſel der Schöpfung“— Larkſpur wurde roth im Geſicht—„Du— Du Pudel!“ „Sir!“ ſtammelte Busby—„Sie irren ſich wahrlich in der Perſon—“ „Lügen hilft Dir Nichts mehr— Du mußt geprügelt werden, und ich muß das Geſchäft beſorgen.“ Damit zupfte er, als Zeichen ſeiner grimmigen Ver⸗ achtung, den nicht Widerſtrebenden ein paar Mal bei der Naſe, und ohrfeigte ihn dann nach Herzensluſt mit der fla⸗ chen Hand. Der kleine Redakteur konnte endlich die immer dichter fallenden Schläge nicht mehr ertragen, und ſprang der Thüre zu, Larkſpur erwiſchte ihn aber bei der Perrücke, und als Pudel ſich ſeinem Griffe entzog, behielt er die Tro⸗ phäe in der Hand. „Was zum Teufel— der Kerl trägt eine Perrücke!“ ſchrie der würdige Mann in unbegrenztem Erſtaunen, wäh⸗ rend er die Maſſe krauſen Haares zur Erde ſchleuderte, daß das Innere wie ein Teller oder Spucknapf dem Lichte zuge⸗ wendet liegen blieb.„ Schallendes Gelächter dröhnte durch den Keller. Smo⸗ key Chiffim zerkaute in aller Geſchwindigkeit eine Serviette, und die Gentlemen um den Ofen herum hielten ſich, im wah⸗ ren Sinne des Wortes, die Seiten. Pudel ſtand in der Mitte des Kellers mit dem nackten Kopf, auf dem nur kur⸗ zes, borſtenartiges, rothes Haar wuchs, gar de⸗ und weh⸗ müthig zur Erde niederblickend, während Laxkſpur, ihm 221 gegenüber, mit außerordentlicher Fertigkeit Tabacksſaft in den lockigen Hirndeckel des Dichters ſpritzte. „So mein Burſche— jetzt verſuch' das noch einmal,“ höhnte der würdige Major Mulhill⸗Larkſpur, dem Tabacks⸗ ſaft noch eine Handvoll Nußſchalen beifügend—„und nun nimm Deinen Haarwuchs und verſchwinde, oder, wir laſſen das Recept noch einmal machen“, wie die Doktors ſagen.“ Mit zornfunkelndem Blick ſtarrte er auf den armen Redakteur hin, und dieſer bückte ſich, ergriff die Perrücke, drückte den Hut tief in die Stirn und ſtürmte die Keller⸗ treppe hinauf. „Bei Gott!“ murmelte er aber dabei, während er ſei⸗ nen Haarwuchs mit Sudder und Nußſchalen in die Taſche drückte,„das iſt niederträchtig! verdammt will ich ſein, wenn das nicht himmelſchreiend iſt.“ Petriken ſtand in dem Keller, und lauſchte mit augen⸗ ſcheinlichem Aerger dem rohen Lachen der Anweſenden. „Er ſah in der geſchwoll'nen Ratte Sein ganz leibhaftig Ebenbild.“ Da fühlte er eine Hand leiſe auf ſeine Schulter gelegt, und ſich danach umwendend, erblickte er Lorrimer neben ſich. „Der Teufel iſt in die Quäkerſtadt gefahren, mein Burſche,“ flüſterte dieſer mit ſchneller, unterdrückter Stimme; „der wahrhaftige Teufel. Die Sache iſt ruchbar geworden, der Bruder verfolgt mich, und was das Gefährlichſte bei der Sache iſt, jener Luhk Harvey hat ſich derſelben angenommen. IV. 15 222 Ich ſah ihn eben in ſehr eifrigem Geſpräch mit mehren, ver⸗ dammt verdächtig ausſehenden Perſonen. Nichts iſt wahr⸗ ſcheinlicher, als daß vielleicht noch heute etwas geſchieht, ſich meiner zu bemächtigen. Wir müſſen die Stadt ver⸗ laſſen, Petriken, wenigſtens ſo lange bis der erſte Sturm vorüber iſt.— „Stadt verlaſſen?“ ſtammelte Petriken, indem er lei⸗ chenbleich wurde—„laßt nur um Gotteswillen kein Wort von meinem„Paſtorſpielen“ fallen, Lorrimer— ich wäre verloren. Wo wollen wir aber hin? Alſo iſt's doch ruchbar geworden. Ich wollte zu Gott, Ihr hättet das Mädchen in Frieden gelaſſen.“ „Das Mädchen gelaſſen?“ höhnte Lorrimer, während ſein Auge glühte, und ſeine Wange eine höhere Röthe über⸗ flog—„beim ewigen Gott, das Mädchen war liebenwürdig und reizend; ihr Auge ein ſchmelzendes Blau, ihre Lippen wie zwei lebende Rubinen. Ich liebe nun einmal reizende Mädchen. Marie Arlington hatte meine Sinne gefeſſelt— ich warb um ſie und gewann ſie— jetzt gilt's, den Folgen zu begegnen. Wir müſſen, wie geſagt, die Stadt verlaſſen, bis der erſte Sturm vorüber iſt; am letzten Fährboot, das heute Abend nach Camden hinübergeht, treffen wir uns.“* Er wandte ſich lachend dem Eingang zu, aber das La⸗ chen erſtarb in einem leiſe gemurmelten Fluch, denn zwiſchen ihm und der Thür ſtand der Bruder Marie Arlington's, ſein. Antlitz bleich, und ſeine dunkelen Augen ſo feſt und ſtarr, ſo unheilverkündend auf ihn geheftet. „Hier in dieſem Keller,“ flüſterte er mit kaum hör⸗ barer Stimme,„verkündeteſt Du prahlend meiner Schwe⸗ ſter Schande— Du ziſchteſt in meine Ohren Deinen ſchänd⸗ lichen Plan, und ich ſaß ruhig dabei; der Becher war in meiner Hand, das Lächeln auf meiner Lippe, während ich dem Verderben der Schweſter lauſchte. Hier, in dieſer Höhle des Laſters ſollſt Du mir jetzt Genugthuung für die Schande geben, die Du auf mein Haupt und die Häupter der Mei⸗ nen gehäuft haſt. Hier ſoll meiner Schweſter Ehre gerächt werden, und in Deinem Blut will ich Ihr Elend aus⸗ waſchen.“* 1 Seine Stimme war fürchterlich ruhig, und während die Zechenden ſich erſtaunt um die Beiden ſammelten, und Pe⸗ triken in eine dunkele Ecke ſchlich, ſtand Lorrimer in der Mitte des Kellers, und ſtarrte über Byrnewoods Schulter in den großen Spiegel, der das eine Ende des Kellers zierte. „Du mußt Dich mit mir ſchlagen,“ ſagte Byrnewood, als er ihm zwei Piſtolen entgegenhielt—„wähle Deine Waffe.“ „Mich mit Dir ſchlagen?“ echote Lorrimer mit klang⸗ loſer, faſt unbewußter Stimme—„hahaha— Chiffin— was habt Ihr ſolch' tolle Bilder in Euerem Keller!— Zum Hen⸗ ker, Smokey, glaubt Ihr, daß Ihr mich mit ſolchem Un⸗ ſinn zu fürchten macht!— Seht— ſeht dort— wer malte 15* 224 den breiten Strom mit den blutrothen Wellen! wer malte jene Gluthen ſprühende, untergehende Sonne! und mein eigenes Haupt, wie es unter die Fluthen ſinkt, und die Hand, die meine Kehle umſpannt hält, und den Fuß, der mich hinabtritt in die ſchäumende Fluth? Wer hat es gewagt, jene Geſtalten zu malen?“ Mit ausgeſtreckter Hand deutete er auf den Spiegel, und wandte ſein erdfahles Geſicht von Seite zu Seite, wäh⸗ rend ſeine Lippe zitterte, und das Auge in wildem, unheim⸗ lichem Feuer glänzte. Jene Viſion hatte wieder in all' ihrer Furchtbarkeit ſeine Seele umnachtet;— Weihnachtsabend, der Fluß, der Tod, ſtanden in all' ihren Schrecken vor ſeinem inneren Auge. „Auf dieſer Stelle ſollſt Du für Dein Verbrechen Rede ſtehen!“ rief der Bruder, und ſchritt auf den Wuſtling zu. „Ha Feigling— ſchweigſt Du? glaubſt Du mich durch ſolch' thörichtes Fratzenſpiel meinem Vorſatz untreu zu ma⸗ chen? Gut! können Worte Dich nicht zu einem Schatten von Männlichkeit emporrütteln, ſo nimm den entehrenden Schlag.“ Mit der geballten Fauſt traf er Lorrimer's Bruſt, und erfaßte ihn dann an der Kehle. Erſtaunt umherblickend, machte ſich dieſer aber von dem Griffe des Wüthenden frei, und rief dann, als ſeine Blicke wieder auf den Spiegel fielen: 22⁵ „Thor Du— ſieh— mein Antlitz verwandelt ſich auf jenem Bilde in das Deine— meine Hand iſt es, die Dich in ihrem Griffe hält— mein Fuß, der dich höhnend dem Verderben entgegen ſendet.— Ich mich mit Dir ſchlagen?“ flüſterte er dann plötzlich, während die frühere Bläſſe wie⸗ der von der Röthe der Geſundheit verdrängt wurde;„mein Freund— hab' ich doch die Schweſter verführt— weshalb ſollt' ich den Bruder erſchießen?“ Uud mit mitleidigem Lächeln ſchob er Byrnewood aus ſeinem Pfad, und ſprang die Kellertreppe hinauf. Der Bruder ſtand einem Träumenden gleich, und ſtarrte auf die ihn ſtaunend umgebende Menge, während der Schall luſtig klingender Schlittenſchellen von der Straße herabtönte. Der Laut weckte ihn aus ſeiner augenblicklichen Betäubung; er verbarg die Piſtolen an ſeiner Bruſt, und folgte in raſender Eile ſeinem Opfer. Der kalte Wind durchzog ſeine leichtgekleidete Geſtalt, er fühlte es nicht— die fröhlich luſtwandelnde Menſchenſchaar, die Chesnutſtreet auf⸗ und abſtrömte, blickte erſtaunt hinter ihm her, wie er mit flatternden Haaren und brennenden Augen dem Schlitten nachtobte— er achtete es nicht. Er hatte weiter keinen Gedanken, als den Verräther zu finden und zu ſtrafen;— ſein Herz klopfte in fieberhaften Schlägen — aber es ſchlug nur nach Rache— ſein Hirn brannte— ſeine Glieder zitterten vor innerer Anfregung, aber nur dem ———— 226 einen Ziele ſtrebte ſein ganzes Sein und Weſen zu, dem einen Gedanken nach Blut und Rache. So tobte er Chesnutſtraße hinab— die Menge wich ihm aus; die geſchmückte Schöne und der aufgeputzte Stutzer, der ernſte Kaufmann und das an ſeiner Mutter Hand luſt⸗ wandelnde Kind, ſchraken Alle entſetzt zurück. „Ein Wahnſinniger!“ flüſterten ſie, als er an ihnen vorbeigeraſt war. An den Marmorhallen der Bank, wo die Hoffnungen Tauſender begraben lagen, hielt ihn ein Haufen abgeriſſener, lärmender Knaben auf, die, zuſammengefaltete Zeitungen in der Luft ſchwenkend, mit gellendem Schreien ihre Waare ausboten. Ein Name weckte ihn aus ſeiner halben Betäu⸗ bung, und machte ihn ſtutzen. „Die Verführung von Marie Arlington, mit einem Portrait“, tägliche ſchwarze Poſt blos einen Cent.“ „Die Schande ſeiner Schweſter in den Spalten eines Blattes, das in anſtändiger Geſellſchaft kaum genaunt wer⸗ den konnte.— der Gedanke war Feuer und Gift für Byrne⸗ wood's Seele. Der Schlitten war längſt ſeinen Blicken entſchwunden, und die Hände vor die Stirn gepreßt, ſtand er einen Augen⸗ blick, vor Schmerz und Gram faſt verzweifelnd, ſtill, als eine Hand ſeine Schulter berührte. Gut Byrnewood, daß ich Dich treffe,“ flüſterte Luhk's Stimme;„aber um Gott, wie ſiehſt Du aus! Menſch, Du 1 gleichſt eher einem Todten, als einem Lebenden. Doch komm — wir haben keine Zeit zu verlieren, ſiehſt Du dort? dort biegt Petriken eben um die Ecke, er eilt dem Fluſſe zu— wir dürfen keine Minute mehr verſäumen, wenn wir den Buben noch faſſen wollen. Lorrimer und Petriken haben im Sinn zuſammen zu entfliehen. Woher ich das weiß? Lark⸗ ſpur überhörte den Plan. Wir haben zwar noch keinen Ver⸗ haftsbefehl für ihn, aber Peſt und Gift, er darf uns dennoch nicht entgehen. Deine Schweſter ſoll und muß gerächt wer⸗ den.“ „Aber nicht durch die Geſetze!“ rief Byrnewood, ſich hoch emporrichtend;„ich habe es geſchworen, und ich will meinen Schwur halten, ſelbſt wenn es mein eigenes Ver⸗ derben wäre. Durch meine Hand ſoll er ſterben, durch meine Hand werde Marie gerächt!“ „Ha beim ewigen Gott!“ rief Luhk;„dort biegt Lorri⸗ mers Schlitten um die Ecke— er hält vor ſeiner Wohnung — jetzt iſt er uns gewiß. Komm Byrnewood, komm, ich ſetze meinen Hals zum Pfande wir fangen ihn, ſobald er den Grund und Boden des nächſten Staates betritt.“ Und den Arm des Freundes in den ſeinigen ziehend, eilte er mit dieſem ſchnellen Laufes die Straße hinab. Viertes Capitel. Sonnenuntergang am Weihnachts⸗Abend. Das warme Gluthenlicht der untergehenden Sonne, die nur manchmal hie und da durch kleine, aber ſchwere Schneewolken verdunkelt wurde, ſtrömte nieder auf den Hügel der Walnutſtreet, über das Werft und den breiten, blitzenden und funkelnden Delaware. Einzelne Müſſiggänger ſtanden und plauderten vor den Thüren der Hotels, und hie und da ſchlenderten einzelne Gruppen am Waſſerrande hin, und ſchauten der eben abge⸗ ſtoßenen Dampffähre nach, die ihren Weg durch die Waſſer des Oelaware, dem fernen Jerſey⸗ufer zupflügte. Plötzlich, als gerade die Sonne wieder hinter einer Wolkenwand verſchwunden war, kamen eilenden Laufes zwei Geſtalten Walnutſtreet herunter, und ſprangen durch den Schnee, der Fährbootlandung zu. In wenigen Minuten erreichten ſie den Rand des Werfts, und blickten jetzt, mit einem Ausdruck finſteren Misvergnügens in den Zügen, der davoneilenden Fähre nach. 229 „Verdammt!“ knirſchte der Größte der Beiden, eine ſchlanke, ſtattliche Geſtalt, zwiſchen den Zähnen hindurch; „wir haben das Boot verſäumt!“ Mit dem leiſe gemurmelten Fluch auf den Lippen, blickte er zurück, als ob er einen Verfolger fürchte, und ſtampfte dann ingrimmig den Fuß auf die Planken der Landung. Sein Begleiter, ein kleiner, in einen weiten Ueberrock eingeknöpfter Mann, der ebenfalls unter der wohlpolirten Glanzmütze zurück nach Walnutſtreet blickte, ſchien aber noch ängſtlicher das weiter und weiter entſchwindende Boot zu betrachten. „Beim Teufel, Gus, wir ſind zu ſpät gekommen,“ flü⸗ ſterte auch er endlich;„wär's aber nicht beſſer wir gingen wieder zu Hauſe! mir will das gar nicht behagen, ſo ganz 5 öffentlich hier ſtehen zu bleiben.“ „Ich verlaſſe Philadelphia heute Abend!“ rief Lorri⸗ mer, und wenn ich an's andere Ufer ſchwimmen müßte. Der nächſte Morgen findet mich beim ewigen Gott nicht mehr in der Quäkerſtadt.— Sagt einmal, lieber Freund, iſt es nicht möglich, noch vor Nacht nach Camden überzu⸗ ſetzen?“ Die Anrede galt einem ſonn⸗ und wettergebräunten Mann, deſſen breite Schultern und muskuloͤſe Arme in eine blaue Matroſenjacke eingeknöpft waren, während ein Glanz⸗ hut ſein krauſes Haar bedeckte. „Dort geht die letzte Fähre, Miſter;“ ſagte der Fiſcher, 230 „ich habe aber ein kleines Boot gleich hier unten liegen, das Euch in gar keiner Zeit hinüberbrächte.“ „Schnell! hier iſt ein Dollar!“ rief Lorrimer—„und rudert Ihr uns hinüber, daß wir den New⸗Yorker Zug noch treffen, ſo ſollen's fünfe werden.“ Wenige Minuten vergingen, bis Petriken und der Fi⸗ ſcher im Boote ſaßen, während Lorrimer noch einen Augen⸗ blick am Werfte ſtehen blieb. „Weihnachts⸗Abend!“ murmelte er dabei, und ſein Auge glühte von einem eigenen, wunderlichen Feuer— „Weihnachts⸗Abend— ſo lebe denn wohl, Quäkerſtadt, lebe wohl für manchen, manchen Tag— wer weiß, wann wir uns wiederſehen.“— Er ſprang in das Boot, und ſetzte ſich in den Stern, oder das Hintertheil deſſelben, neben Petriken. „Nun paſſen Sie auf, Gentlemen, wie bald wir drü⸗ ben ſein werden;“ rief der alte Fiſcher mit fröhlichem La⸗ chen, und war im Begriff vom ufer abzuſtoßen, als er von zwei anderen Männern angerufen wurde, deren Näherkom⸗ men Petriken ſchon ſeit einigen Minuten mit beſonderer Aufmerkſamkeit beobachtet hatte. Der Eine von ihnen war ein hoher, etwas ſchmächtig gebauter Quäker, deſſen breit⸗ rändiger Hut ſein Angeſicht ziemlich verdeckte. Er trug die braune, dieſer Sekte eigenthümliche Kleidung, Oberrock, Weſte und Beinkleider, nebſt Ueberzieher, Alles von dem⸗ ſelben, einfarbig ehrwürdigen Stoff. Der Andere hatte eine Art Mantel bis feſt unter das Kinn zugeknöpft, eine etwas ſchäbige, abgetragene Pelzmütze, bis tief in die Augen ge⸗ zogen, und das Geſicht ſonſt noch, ob der Kälte oder Zahn⸗ ſchmerzen wegen, in ein ſchwarzſeidenes Tuch eingebunden. Zwiſchen dem aufgeſchlagenen Rockkragen und der Pelzmütze ſtahlen ſich einzelne dünne, weiße Locken hervor. „Freund!“ ſagte der Quäker mit ſanfter, ruhiger Stimme;„ich würde Dir ſehr verbunden ſein, wenn Du mich mit nach Camden hinüber nehmen könnteſt.“ „Und ich,“ rief die ſchrille Stimme ſeines Begleiters, gebe Euch fünf Dollar, wenn Ihr mich ſchnell genug hinüber⸗ ſchafft, den New⸗York⸗Zug noch zu erreichen.“ „Kommt Gentlemen, kommt!“ rief freudig der alte Fiſcher; mein Boot ſoll nur ſo hinüberfliegen— kommt— nun denn— Gleichgewicht gehalten— ſo— ahoi!—“ Das Boot ſchoß vom Werft; der alte Fiſcher ſaß in der Mitte, Lorrimer und Petriken im Stern und die beiden Letzgekommenen im Bug des Bootes. Mehre Minuten blieben Alle ernſt und ſchweigend, und nur das einförmige Schlagen der Ruder und das Aechzen derſelben in den Ruderlöchern unterbrach die Stille. Lorri⸗ mer war mehre Male im Bergriff ſeinen Begleiter, der erſt jetzt wieder etwas aufzuleben begann, anzureden, aber ein eigenes, ihm ſelbſt unerklärliches Gefühl, beengte ihm die Bruſt, und lautlos ſtarrte er wieder vor ſich nieder. „Kannſt Du mir nicht ſagen, Freund,“ frug der Quäker 232 endlich, ohne ſich jedoch umzuſehen, indem er mit ausge⸗ ſtrecktem Arm nach der dichten Wolkenſchicht hinüberdeutete, „kannſt Du mir nicht ſagen, ob dieſe plötzliche Finſterniß von jenen dunkelen Maſſen herrührt, oder ob wir in der That ſchon Sonnenuntergang haben?“ „Sonnenuntergang!“ echote Lorrimer, wild in ſeinem Sitze auffahrend;„wer redet von Sonnenuntergang!— ah — entſchuldigen Sie mich, Sir,“ fuhr er fort, als ihm das Unſchickliche ſeiner eigenen ſchroffen Anrede einfiel, und er zu dem jetzt halb ihm zugewandten Quäker blickte;„ich glaubte irrthümlich, Sie hätten mich angeredet. Aber ſagt auch mir, Fiſcher, iſt die Sonne wirklich ſchon unter, oder weilt ſie noch hinter jener ſchwarzblauen Wand!“ „Es ſind wohl noch zehn Minuten bis Sonnenunter⸗ gang, junger Herr,“ erwiederte der Fiſcher. Lorrimer wandte ſein bleiches Antlitz mit einem ſonder⸗ bar wilden, trotzigem Ausdruck dem Jerſey⸗ufer zu; ſeine Zähne waren feſt aufeinandergebiſſen, und ſein Auge glühte in unnatürlich düſterem Feuer. „Ha“— murmelte er vor ſich hin,„das Boot ſchleicht wie eine Schnecke; könnt ich nur erſt wieder feſten Grund und Boden unter den Füßen fühlen.— Hallo Petriken, Ihr ſitzt ja da, als ob Ihr aus Stein gehauen wäret. Weshalb ſprecht Ihr denn gar kein Wort, Mann?“ „In der That, Gus;“ erwiederte ihm der Kleine, mit aneinanderſchlagenden Zähnen;„iſt mir's gar nicht wie 233 Geſpräch und Unterhaltung zu Muthe; s'iſt verdammt kalt auf dem Fluß, und der Wind ſchneidet Einem wie mit Meſ⸗ ſern durch Mark und Bein.“ Tiefes Schweigen herrſchte wieder; das Boot glitt leicht, wie ein dem Element angehöriges Weſen, über die Oberfläche des Stromes hin, und ſtrich jetzt an der Inſel vorbei, die hier dem prächtigen Delaware entſteigt. Der ſchmale Canal, der ſie nun noch vom Jerſey⸗ fer trennte, war bald durchſchnitten; im Weſten lagen die dichtgedräng⸗ ten Häuſermaſſen der ungeheueren Stadt, mit ihren Thür⸗ men, Dächern und Maſtſpitzen. Lorrimer hatte das Haupt auf die Bruſt geſenkt, und ſtarrte ſinnend vor ſich nieder— er dachte an ſeine eigene Heimath, an ſeine Mutter, an das Engelsangeſicht ſeiner Schweſter, wie ſie jetzt ſeiner gedenken, ihn herbeiwünſchen würden, und dann kam die Erinnerung an Marie, die Ver⸗ rathene, Entehrte, in all' ihren Schrecken über ihn, fürch⸗ terlich und entſetzlich, wie ein Leichentuch über ein Roſenbeet gebreitet. „Wollte Gott, wir hätten das Ufer erreicht,“ flüſterte er leiſe;„all dieſe Gedanken ſchwinden, ſobald ich die Mutter⸗ erde wieder unter den Füßen fühle. Die Wolken theilten ſich im Weſten, und die ſinkende Sonne formte in kühnen, gewaltigen Conturen roth glü⸗ hende, glanzdurchgoſſene Kuppen, Thürme und Geſtalten, und auch über die Waſſer ſtrömte ſie ihren fluthenden Roſen⸗ ſchein. Nie hatte der Himmel ſo wundervoll, der Fluß ſo reizend, die Stadt ſo ſchön, ſo heimathlich für ihn ausgeſehen. Das Boot landete. Mit einem Ausruf des Entzückens ſprang Lorrimer empor. Der volle Glanz der Sonne fiel über ſein männlich ſchönes Angeſicht— ſein Auge war voll Leben, ſeine ganze Geſtalt hob ſich höher und kräftiger, von dem neuen Gefühle der Sicherheit durchſtrömt, und in den wundervollen, vor ihm ausgebreiteten Anblick verſunken. „Haha,“ murmelte er in halblautem Ton—„haha— am Weihnachtsabend, bei Sonnenuntergang,„ſoll Einer von Euch durch des Anderen Hand ſterben“— der Schatten iſt von meiner Seele gewichen, die Prophezeihung iſt falſch. Er blickte auf die maſſiven Gebäude der Hafendämme hinüber. Als er aber noch ſo, mit ausgebreiteten Armen und lächeln⸗ dem Munde daſtand, zog ein am Boot vorbeiſchwimmender Gegenſtand ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich. Es war eine, halb von ſchneeweißem Haar umgebene Pelzmütze, und während ein Ausruf des Erſtaunens ſeinen Lippen entfuhr, wandte er ſich um, gegen das Innere des Boots. Das Blut in ſei⸗ nen Adern erſtarrte zu Eis.* 3 Dort— dort— nur wenige Fuß von ihm henr, hinter dem alten Fiſcher, begegnete ſein Blick einem dunkel⸗ drohenden Auge, das in vernichtendem Haß auf ihn hinüber⸗ ſtarrte; dort ſah er eine hochemporgerichtete Geſtalt mit bleichem Antlitz und langen, wehenden Locken. Der alte Mann mit den ſilberweißen Haaren war verſchwunden, 1 und der Rächer, Byrnewood Arlington, ſtand an deſſen Stelle. 4 3 Lorrimer warf nur einen Blick hinüber, und ſah den ausgeſtreckten Arm, ſah die weiße Hand und ſah das Piſtol, das ſie auf ſein Herz gerichtet hielt. „Zurück!“ ſchrie er;„Du darfſt mich nicht morden— die Prophezeihung iſt falſch— ha!“ „Im Namen Marie Arlington's— ſtirb!“ tönten die langſam feierlichen Worte des Rächers. Der Knall eines Piſtols ſchallte dumpf dröhnend über die Waſſerfläche hin, eine dünne, blaue Rauchwolke ſtieg empor— im nächſten Augenblick ward ſie vom Winde zur Seite geweht. Lorrimer ſtand, mit krampfhaft emporge⸗ ſtreckter Hand, mit todtenbleichen Wangen und gläſernen Augen wenige Secunden aufrecht, und ſtürzte dann, mit einem leiſe gemurmelten Namen auf den Lippen, in den Boden des Bootes nieder. „Marie!“— das Wort entrang ſich im Todesſtöhnen ſeiner Kehle, während ſein Kopf auf die harte Planke des Sitzes ſank; ein dicker Blutſtrom quoll aus ſeiner Bruſt. Nit einem Schrei des Entſetzens ſprang aber der Fi⸗ ſcher und Petriken empor, während der Quäker freundlich ſeine Hand auf die Schulter des kleinen, zitternden Redak⸗ teurs legte, und mit ſeiner milden Stimme ſagte: „Du wirſt mir einen großen Gefallen erzeigen, Freund, wenn Du mit mir zurück nach Philadelphia gehſt; es leben 236 Manche in der guten Stadt, die Dich gern d'rüben zu be⸗ halten wünſchten.“ „Luhk Harvey!“ ſchrie Petriken auf's Neue entſetzt, und ſeine Kniee zitterten, daß er ſich wieder niederſetzen mußte. 2 In dem Boot kniete Byrnewood Arlington, des Er⸗ Ermordeten Haupt in ſeinem Arm. Sein Auge glühte in wahnſinnigem Feuer, jeder Zug aber zitterte in wilder, jubelnder Freude, und mit einem Triumphruf ſtreckte er die blutige Hand der ſcheidenden Sonne entgegen. „Haha,“— jauchzte er—„hier iſt Blut— heißes, quellendes Herzblut. Iſt das das Murmeln einer Quelle? iſt es das Flüſtern des Zephyrs? iſt es der Sang einer Nach⸗ tigall? nein, nein— aber dennoch klingt es in mein Ohr wie Sphärenmuſik, denn es iſt das quillende Blut, das Todesſtöhnen des Verräthers.“ „Marie— Schweſter, ſchändlich, bübiſch Betvogene, Du biſt gerächt, Du biſt glänzend gerächt, und über dem Blutſtrom meines Opfers möcht' ich den Jubelgeſang hinaus⸗ ſchallen laſſen in die Welt, daß er zum Himmel emporſteige und künde:„ſo zahlt ein Bruder ſeiner Schweſter Schuld!“ Beſchluß. In tiefem, laubigen Waldesdunkel bog ſich die zarte, ſchlanke Geſtalt eines holden Mädchens zu der klaren, ſpru⸗ delnden Quelle nieder, die unter der Wurzel einer alten, rieſigen Eiche hervorquoll; ſie ruhte auf dem ſchwellenden, dunkelgrünen Moos, während ſich die dichten Zweige und Blüthen der Büſche, zu einem ſchwankenden, duftenden Dach über ihrem Haupte bildeten und den Platz, mit dem lieblichen Mägdlein darin, einer Elfengrotte ähnlich machten. Sie bog ſich zur Quelle nieder, aber nicht mit Glas oder Becher in ihrer Hand, ſondern mit dem Kelch einer aufgeblühten Lilie, die ſie leiſe, leiſe in die cryſtallne Fluth tauchte. Dieſe Waſſer, ſo rein und hell, ſpiegelten die Züge eines wunderlieblichen Angeſichts wieder, den Glanz mild⸗ blauer Augen, den üppigen Reichthum ſchwellend brauner Haare. Während ſie noch in den lebendigen Spiegel hinab⸗ ſchaute, ſtahl ſich ein einzelner, leuchtender Sonnenſtrahl durch das dichte Blättergewölbe und zitterte auf dem Antlitz der Quelle. IV. 16 238 „ Das liebe Kind ſtarrte lang und ſinnend auf den golde⸗ nen Gottesboten nieder, der mit ſeinem holden Strahl dem zauberiſchen Plätzchen neue Schönheit verlieh, und dann zuckte ein Lächeln ihr um. den ſüßen, feingeſchnittenen Mund und lagerte ſich ſchmeichelnd in den Grübchen der ſammt⸗ weichen, wenn auch blaſſen Wangen, aber es war ein trau⸗ rig, ſchmerzerfülltes Lächeln, ein Lächeln wie der Sonnen⸗ blick, der über die Gräber von Schönheit und Jugend gleitet. Plötzlich hob ſie ſich aus ihrer knieenden Stellung em⸗ por, ſteckte die Lilie an ihren Buſen und folgte leichten Schrittes den Windungen eines ſchmalen, moosbewachſenen Fußpfades, der um die Wurzeln altergrauer Bäume herum, über teppichartige Grasflächen und unter dichten ſchattigen Zweigen dahin führte, bis ſie endlich, auf dem Gipfel eines kleinen, Eichen gekrönten Hügels ſtehen blieb und das dichte Gewirr von Zweigen und Schößlingen zurückbiegend, auf einen ruhigen, glänzenden Waſſerſpiegel hinabſchaute, der in den Buſen der Gebirge hineingeſchmiegt, unter den über⸗ hängenden ſchwankenden, trinkenden Aeſten und Büſchen der Nachbarſtämme, unter dem Schutz der Höhen, wie ein Kind an dem Herzen der Mutter zu ſchlummern ſchien. Das holde Weſen blickte hinaus auf dieſes wonnige Bild, das ſich wie ein lieblicher Traum vor ſeinen Augen entfaltete, aber ernſte Wehmuth überſchattete die engelſchö⸗ nen Zuge, als ob die Erinnerung der Vergangenheit ſchwer und ſcmerslic auf ihrer Seele laſte. 8 Inmitten eines freundlich ſtillen Gärtchens, der auf der leiſen Abdachung des zum See niederführenden Hügels lag, ſtieg ein von hohen laubigen Waldbäumen umſchattetes Wohnhaus maleriſch empor. Weinreben ſchlängelten ſich an den hohen, luftigen Fenſtern empor, Blumen und Blüthen ſproſſen auf den duftenden Beeten, und auf dem ſpitzen Gie⸗ beldach flatterten und girrten muntere Taubenpaare. Das junge Mädchen ſtand ſchweigend ſtill, und ihr Auge ruhte lange, lange auf der freundlichen, vor ihr ausgebrei⸗ teten Landſchaͤft; ach es war wie der Traum einer glücklichen, von der Hand der Liebe errichteten und geheiligten Heimath. Warum entrang ſich ein ſo ſchwerer, ſchmerzlicher Seufzer der Bruſt des ſchönen Mädchens? Langſam und mit geſenktem Haupte wollte ſie ihren Weg zum See hinunter verfolgen, als leichte Schritte im benachbarten Geſträuche hörbar wurden. Sich gegen den Wald wendend, erblickte ſie zwei weibliche Geſtalten, die auf dem breiten Kiesweg daher geſchritten kamen, der, von dem flachen Lande heraufführend, dem Hauſe zulief. Eine liebliche Jungfrau geleitete die, ſich auf ihren Arm ſtützende Matrone. Beide waren in tiefer Trauer, und wan⸗ derten langſam dem Hauſe zu, das ſie, wie es ſchien, erſt jetzt bemerkt hatten. Im nächſten Augenblick wurden ſie das in helle Gewänder gekleidete Mädchen gewahr, und kamen mit ſchnelleren, freudigeren Schritten heran. „Wir haben in dem dichten Walde unſeren Weg ver⸗ 16* 240 loren, Miß;“ ſagte die ältliche Dame, indem ſie freundlich grüßend näher trat,„in Geſellſchaft unſerer Freunde ver⸗ ließen wir an dieſem Morgen das Wyoming⸗CThal, die friſche Luft dieſer Berge zu genießen; da wir jene jedoch auf irgend eine Art verfehlt haben, ſo müſſen wir Sie, mein Fräulein erſuchen, uns den Weg zu bezeichnen, der uns der großen Fahrſtraße wieder zuführt.“ Die weißgekleidete Maid gab keine Antwort, ihr Auge hing mit ſtummen Staunen an den holden Geſichtszügen der fremden Jungfrau. Langſam ſchritt ſie auf dieſe zu, er⸗ faßte ihre beiden Hände und überflog mit wildem, ängſt⸗ lichen Blicke jeden Zug ihres wunderſchönen Angeſichts. So ſtanden ſie, die beiden holden Weſen, zwei Bilder von Jugend und Liebreiz, einander gegenüber, und die Ma⸗ trone blickte verwundert und doch auch lächelnd von der Einen zur Anderen hinüber.***** Die hellen Sonnenſtrahlen und die warme, erquickende Sommerluft, ſandten Licht und Wärme in das freundliche, von Reben beſchattete Landhaus, wo in einem kleinen ein⸗ fach, aber behaglich und geſchmackvoll eingerichteten Gemach, ein junger Mann ſinnend in einem weiten, bequemen Sor⸗ genſtuhl lehnte, während ſeine Arme feſt auf der Bruſt ge⸗ faltet waren. Seine hohe bleiche Stirn, ſtach noch um ſo mehr gegen das glänzend rabenſchwarze Haar ab, das in dichten Maſ⸗ ſen bis über ſeine Schultern niederſiel, und ſein großes, —— 241 dunkeles Auge hing mit einem Ausdruck gedankenvoller Schwermuth, an den vor dem Fenſter ſchaukelnden und wehenden Blättern und Blüthen. Endlich richtete er ſich, wie aus einem Traum erwa⸗ chend, empor, ſtrich ſich mit der Hand ein paar Mal über die Stirn, als ob er die trüben, peinlichen Gedanken ver⸗ ſcheuchen wollte, und nahm dann das Zeitungsblatt, das neben ihm ausgebreitet auf dem Tiſche lag. Sein Auge ruhte hier auf vielen bekannten, ja befreundeten Namen, und die Erinnerung freudiger und fürchterlicher Stunden war es, die ſeine Stirn heute in ſo finſtere Falten gelegt, ſeinen Au⸗ gen einen ſo unheimlich düſteren Ausdruck verliehen. Die Zeitung war datirt:„Philadelphia, Juni— 1843. Unter den Annoncen ſtanden folgende: „Auf dem„Great Weſtern,“ der geſtern Morgen von New York abſegelte, befand ſich auch unſer ſehr geachteter Landsmann, Luhk Harvey, Esgr. von der Firma Harvey und Arlington, früher Livingſtone, Harvey u. Co. Seine junge Frau iſt die Tochter des verſtorbenen Albert Living⸗ ſtone, der mit ſeiner Gattin, bei einer plötzlichen ausgebro⸗ chenen Feuersbrunſt zu Hawkwood, auf ſo traurige Art um⸗ kam. Manche unſerer Leſer werden ſich wohl noch der eigen⸗ thümlichen, faſt romantiſchen Umſtände erinnern, welche in Miß Iſolie Livingſtones Jugendjahre verflochten waren. In ihrer Kindheit aus den Armen des Vaters geſtohlen, wurde ſie erſt nach ſiebenzehn Jahren, durch die gütigen und uner⸗ müdlichen Bemühungen unſeres wackeren Predigers, des ehrwürdigen F. A. T. Pyne, erkannt und ihrer Heimath zurückgegeben. Mr. Harvey Luhk geht jetzt nach England, um dort ein bedeutendes Vermögen in Empfang zu nehmen, das ſeiner jungen Frau ſeit Kurzem, nebſt dem alten Ralg ihres Stammhauſes, zugefallen iſt. Im nächſten Jahre keh⸗ ren ſie wieder nach Amerika zurück.“***** Bor einer enthuſiaſtiſchen Verſammlung der Ame⸗ rikaniſchen Patent⸗Evangeliums-⸗Geſellſchaft, wurde dem ehrwürdigen Dr. Pyne, der innige, tiefgefühlte Dank aller Anweſenden für die treffliche Rede zu Theil, die er über die Ungerechtigkeiten und Sünden des Papſtes in Rom ge⸗ halten. Wie wir gehört haben, ſo wird dieſer ausgezeichnete und würdige Geiſtliche in Kurzem die vollſtändige Geſchichte ſämmtlicher Päpſte, von ihrem Entſtehen bis zu jetziger Zeit, herausgeben.“* —„Der Bubo, der jene beträchtlichen Fälſchungen lei⸗ tete, durch welche verſchiedene Häuſer in Charleston, New Orleans und New York ſo bedeutende Summen verloren, wurde geſtern Abend, nachdem er viele Monate lang auf unbegreifliche Weiſe die Gerichte umgangen, entdeckt, arre⸗ tirt und unter der Bewachung der Polizei in Ketten nach New York abgeführt. Wie es ſich jetzo ausweißt, ſo iſt es Niemand Geringeres, als jener berüchtigte Algernon Fitz Cowles, der ſeit etwa zwei Jahren eine ſo bedeutende Rolle in Chesnutſtreet ſpielte.“***** 3 * —„Sonderbare Gerüchte ſind, jene neue, geheime Secte betreffend, im Umlauf. Sie ſollen ſich die„Brüder der geheiligten Urne“ nennen, und von dem damaligen Char⸗ letan und Wunderdoktor Ravoni gegründet ſein, welcher Letzterer, als er die Bürger unſerer guten Stadt ſo lange mit ſeiner Irrenanſtalt und anderen Marktſchreiereien zum Beſten gehabt, auf ſo räthſelhafte Art aus der Stadt ver⸗ ſchwand.* —„Peggy Grud, zu der Strafe des„Mordes zweiten Grades“ verurtheilt, wurde geſtern von unſerem menſchen⸗ freundlichen Gouverneur begnadigt.“***** —„Mrs. Nancy Perkins, eine achtbare Wittwe, die zurückgezogen, im ſüdlichen Theile der Stadt lebte, iſt geſtern einer ſchweren Anklage wegen, die von ihr böswillig geſinnten Perſonen ausging, zum letzten Mal verhört. Sie wurde von dem Gericht der Geſchworenen jedoch gänzlich —„Die Leiche eines Frauenzimmers wurde am letzten Donnerſtag auf dem Kirchhof zu L—. in dieſem Staate, neben dem Grabe des Mr. Walraven, eines früher ſehr ge⸗ achteten, jetzt aber ſchon ſeit längeren Jahren verſtorbenen Bürgers, gefunden. Das unbekannte Frauenzimmer war in tiefe Trauer gekleidet, ihr Haar ſehr ſchwarz und ihr Ge⸗ ſicht verrieth Spuren früherer, nicht unbeträchtlicher Schön⸗ heit. Da ſich keine Freunde fanden, die ihren Leichnam be⸗ anſpruchten, ſo wurde ſie auf dem Kirchhof des County Armenhauſes begraben.“***** Tief unten in einer Ecke des Blattes, und unter einer Maſſe von anderen, unbedeutenden Anzeigen verſteckt, fand ſich das folgende, inhaltſchwere Poſtſcript: —„So eben, ehe das Blatt die Preſſe verläßt, hören wir, daß ſich Einer unſerer angeſehenſten Geiſtlichen ein ſchändliches, unverzeihliches Verbrechen hat zu Schulden kommen laſſen. Da der Fall ſehr bald vor Gericht gebracht werden wird, ſo enthalten wir uns hier aller Einzelheiten. Es genügt zu ſagen, daß das Opfer die Tochter eines der wohlhabenſten Kaufleute Philadelphias, und der herzloſe Verführer unſer ehrwürdiger Doktor F. A. T. Pyne, Autor verſchiedener Werke über die Laſter und Verbrechen 8 der Päpſte, iſt.“** Während der junge Mann ernſt und ſinnend auf das vor ihm ausgebreitete Papier niederſtarrte, wurde die ſtille Ruhe des Zimmers plötzlich durch das leiſe Oeffnen einer Thüre unterbrochen. Eine wunderliebliche junge Frau glitt mit geräuſchloſem Schritt herbei, und ſtahl ſich leiſe hinter den Stuhl ihres Gatten. In vollen üppigen Locken lag ihr das braune Haar auf der alabaſternen Weiße des Teints, und mit den treuen, unſchuldsfrommen Augen ſchaute ſie freundlich lächelnd zu einem kleinen, fröhlich ſtrampelnden Kinde nieder, das in ihrem Arme ruhte. „Byrnewood,“ liſpelte die ſanfte Stimme ſeines Weibes. 245 Er hob den Kopf empor und blickte in die holden Au⸗ gen der geliebten Gattin, auf das fröhliche Lächeln des klei⸗ nen, freundlichen Kindes. „Annie!“ flüſterte er, und ein Strahl unendlicher Liebe leuchtete über ſein bleiches Angeſicht. Er ſtand von ſeinem Sitze auf, aber das Lächeln war verſchwunden, jene ernſten Gedanken umſchatteten auf's Neue ſeine Seele. Er wandte ſich von ſeinem Weibe ab und ſchritt der Kammer zu, aus der er nie ohne fieberhaft glü⸗ hendes Auge und düſter gefaltete Stirne zurückkehrte. „Oh Byrnewood, meide heute nur jenen Raum,“ bat die leiſe flehende Stimme ſeiner Gattin.„Nie hab' ich das auf ihr ruhende Geheimniß zu erforſchen geſucht, nie ihre Schwelle überſchritten, aber das weiß ich, daß Du nie ſo ernſt, ſo finſter biſt, als wenn Du auch nur einen Augen⸗ blick in ihr geweilt. Betritt heute das Zimmer nicht, Byr⸗ 4 newood, ich bitte Dich darum.“ „Heute, mein herziges Weib, meine theure Annie, zum letzten Male,“ flüſterte Byrnewood, während er den Schlüſ⸗ ſel aus ſeiner Taſche nahm und in das Schlüſſelloch ſteckte; „von morgen an verſpreche ich Dir, ſoll mich dieſes Zimmer nie mehr ernſt, nie mehr traurig ſtimmen.“ Mit ſchmerzlichen Lächeln dem treuen Weibe zunickend, öffnete er die Thür, betrat das Zimmer und zog dieſe hinter ſich wieder zu. Es war ein ſchmaler, langer Raum, mit einem einfachen Teppich, einem kleinen Tiſch in der einen 2⁴6 Ecke und einem hohen Spitzfenſter, das nach dem See hinausging. Durch die halb geſchloſſenen Gardinen ſtahl ſich der warme Sonnenſchein, wie die kühle Luft, und das Auge weilte mit Wohlgefallen auf den dunkelen Baumgruppen, die ſich leiſe, leiſe über den wunderhellen Spiegelſee hinüber⸗ bogen. Der Thüre gegenüber, an der Mitte der Wand, floß ein langer, ſchwerer Vorhang von dunkelem Sammet bis zur Erde nieder. Vyrnewood trat gerade vor dieſen hin, und mit den Armen feſt auf der Bruſt verſchlungen, ſchien ſeine Seele plötzlich von wilden, erregenden Gefühlen be⸗ ſtürmt zu werden; ſein Auge funkelte, ſeine Wangen glüh⸗ ten, und die Lippen bewegten ſich zitternd. „Ha— wohl gedenk' ich der Stunde“— murmelte er dumpf vor ſich hin—„dort— dort ſtand ich, und vor mir und rings umher ſchauten das unbewegliche Antlitz des Rich⸗ ters, die ernſtſtrengen Züge der Geſchworenen, und die ſtie⸗ ren Blicke der gaffenden Menge auf mich nieder. Ich ſtand vor meinem Schickſal.“ „Und dort waren auch die ſchlauen Advokaten; ha— ſie hatten ſich lange Reden ausgedacht, pfiffige Wendungen und Ausflüchte erſonnen. Hahaha, wie ich ſie Alle erſchreckte und in Verwirrung brachte.“ „Sagt„nicht ſchuldig“ flüſterte mein Advokat. O ich wußte was er wollte, ich kannte ſeinen Plan, und lachte ſtill in mich hinein. Er wollte mich von Galgen oder 247 Zelle mit der erbärmlichen Entſchuldigung vorgeblichen Wahnſinns befreien. Ich wahnſinnig, während meine Seele ſo feſt wie meine Verzweiflung, meine Hand ſo ſicher und treu wie die Waffe war, die ſie fuͤhrte“— „Schuldig oder nicht ſchuldig?“ winſelte der Clerk. „Schuldig!“ ſchrie ich, und ſprang empor, daß meine Advokaten vor Schreck und Ueberraſchung zuſammenbrachen. „Schuldig vor Gott! Ich bin angeklagt, jenes Mannes Blut vergoſſen zu haben.— Ich habe ihn gemordet; ja, wie ein Hund ſollte er ſterben, und ſo iſt er geſtorben. Ich hatte eine holde, eine unſchuldige Schweſter, Gentlemen, mein ſilberhaariger Vater hatte eine reine, eine unverdor⸗ bene Tochter. An dem Glück dieſer Tochter hing das Leben, hing die ganze Seeligkeit ihrer ſie mehr als ſich ſelbſt lieben⸗ den Mutter. Ja ja, Gentlemen, dieſe Tochter war die ganze Freude und Hoffnung dreier Menſchen, eines Vaters, einer Mutter und eines Bruders, und jeder von dieſen hätte mit Freuden ſein Leben für ſie hingegeben.“ „Ein Wüſtling kam, und lockte fie aus ihrer Eltern Hauſe. Er wurde zum Meineidigen, ſie zu verrathen— und er verrieth ſie. Hintergangen, entehrt kehrte ſie in ihr Vaterhaus zurück.“ „Und glauben Sie, daß das Mädchen keinen Bruder hatte, ihre Schmach zu rächen? Sie hatte einen Bruder— er verfolgte den Verbrecher; er überholte den Buben auf ſei⸗ ner feigen Flucht, und den Allmächtigen anrufend, ſeinen 248 Arm zu ſtählen und die Kugel zu lenken, exſchoß er den Verräther, während dieſer jubelnd nach vollbrachter Schand⸗ that es noch wagte, mit freiem, offenen Blick gen Himmel zu ſchauen. Nicht ſchuldig? hoho, ich bin ſchuldig, ich bin der Mörder, ich erſchoß den Verräther, und wieder würde ich ihn vernichten, könnte er ſein verhaßtes Antlitz noch ein⸗ mal auf dieſer Erde zeigen!“ „Jetzt Gentlemen, verurtheilen Sie mich, wenn Sie dürfen— jetzt führt mich zum Tode, wenn Ihr es vor dem Allgerechten da oben verantworten zu können glaubt.“ „Hiermit ſchließe ich meine Vertheidigung, an dieß ſetze ich Ehre und Leben. Er entehrte meine Schweſter, und er ſtarb.“ „Oh, wie das Jubelgeſchrei durch die Hallen tönte: „nicht ſchuldig!“ ich war frei. Während dieſem wilden Selbſtgeſpräch zog Byrnewood den ſchweren Vorhang zurück, und ein lebensgroßes Bild wurde ſichtbar. Es war das Gemälde von Guſtav Lorrimer, die Copie eines früher für ihn ſelbſt gefertigten Portraits. Zufällig hatte Byrnewood dieſes Bild in der Werkſtätte eines berühmten Künſtlers geſehen und angekauft. Da war daſſelbe männlich ſchöne, kecktrotzige Geſicht, daſſelbe dun⸗ kele Auge, die gekräuſelte Lippe mit dem kleinen Schnurr⸗ bart, die wallenden, braunen Locken. Hier, in dem freund⸗ lichen Sonnenlicht glänzte das Bild, und ſtrahlte in friſcher, lebendiger Farbenpracht, während der ſchöne Gus Lorrimer V im Grabe, ſechs Fuß tief unter der grünen, blühenden Erde lag und moderte. Der Rächer wußte, daß er recht gethan, daß ihn weder Gott noch die Menſchen des vergoſſenen Blutes halber für ſchuldig halten konnten, aber dennoch hatte der eine Gedanke ſeine Seele bis jetzt nie verlaſſen. Wo er auch weilte, wo er auch ging, war Lorrimer's Antlitz an ſeiner Seite. Im ſtillen Walde, in dem Gewühl der volkreichen Stadt, das Phantom verließ ihn nicht, und er fand jetzt ein eigenes, ſchmerzliches unheimliches Vergnügen darin, das Bild ſeines Opfers zu betrachten. Er hatte der Schweſter Schande ge⸗ rächt, aber das Andenken jener Scenen, von denen er im Kloſter, in ſeines Vaters Haus, in den Straßen der Quä⸗ kerſtadt, am Ufer des breiten Stromes Zeuge geweſen, lag wie ein Schatten auf ſeiner Seele. Während Byrnewood Arlington noch das Bild in ern⸗ ſtem Sinnen betrachtete, öffnete ſich leiſe die Thür, und drei Perſonen traten ein. So vertieft war er aber in ſeinen Schmerz, in ſeine Erinnerung, daß er weder das Erſchließen der Pforte, noch die Schritte der Nähertretenden vernahm. Die alte Dame mit dem jungen Engelsgebild, und das ſchöne Mädchen mit den braunen, üppigen Locken, glitten unbe⸗ merkt, ungeahnt an des Mannes Seite. „Ha!“ rief dieſer plötzlich, als er ſich nach ihnen um⸗ wandte,„Marie— hab' ich Dich nicht gewarnt, jemals dieſe Schwelle zu betreten?“ übertäubt. Alle drei erblickten das Bild, und alle drei ſan⸗ ken knieend zur Erde nieder. „Mein Kind!“ rief die alte Dame, und rang in un⸗ ſäglichem Schmerz ihre Hände. „Mein Bruder!“ ſeufzte die ſchöne, ſchwarzgekleidete Juugfrau, und barg ihr Antlitz in den zitternden Fingern. Das weißgekleidete Mägdlein aber hob leiſe flehend die zarten Hände zu dem Bild empor; in ihren ſanften Augen ſchwamm ein unausſprechliches Gefühl, über ihre Wangen legte ſich fliegende Röthe, ihre Geſtalt bebte, und ihre ganze Seele ſchien dem Gemälde zuzuſtreben. Ein einziges Wort entrang ſich dabei den leiſe geöffne⸗ ten Lippen, ein einziges, kaum verſtändlich geflüſtertes Wort, aber es klang wie der Sterbeſeufzer eines gebrochenen Herzens— „Lorraine!“ Ende des vierten und letzten Bandes. Druck von Otto Wigand in Leipzig. Seine Worte wurden von einem wilden Schmerzſchrei —— 04 8 8