½ 2 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uyr vis Abends 8 Ühr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 1 6 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet ird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 8 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mir Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— 8 beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Bu Werkes, ſo iſt der Leſer ſum Erſatz des 14 7. Aus Quäakerſtadt und ihre Geheimniſſe. Imerikaaniſche Machlſeiten. — Nach dem hinterlaſſenen Manuſcripte des Herrn K., Advokaten in Philadelphia. 2 Von „ 4 Friedrich Gerſtäcker. vierte Auflage. Dritter Band. 8 6— Leipzig Coſtenoble und Remmelmann. 1851. X△̈ Sechstes Capitel. Paſtor Pyne und ſeine Tochter. „Bequemes Logis hier,“ ſchmunzelte der Ehrw. Paſtor Pyne, als er ein kleines Gemach im erſten Stock betrat;— „mein Studierzimmerchen; ein wohnliches Plätzchen mit einem netten Kamin, einer Lampe auf dem Tiſch, und einem weichen, warmen Bett in der Ecke. Dieß iſt, was ich an⸗ genehm nenne,“ fuhr er mit einem zufriedenen Lächeln fort, während er mit dem Rücken dem Feuer zugewandt, die Hände unter den Rockſchößen, ſeine wohlbeleibte Geſtalt am Kamine erwärmte, und dabei zu gleicher Zeit das Zimmer mit ſelbſtgefälligen Blicke überflog.„Dieß iſt der Zufluchts⸗ ort, zu dem ſich der Feind des heidniſchen Roms zurückzieht, wenn ſeine Kanzelarbeiten beendet ſind.— Hahaha— ich bin doch wenigſtens durch eine licbende, mir treu ergebene Gemeinde geſegnet.— Die guten Leute die, wie ſie mich verehren. Ich habe übrigens auch heute mit Salbung ge⸗ predigt, mit gewaltiger Salbung— der Honigſeim und der donnernde Bannfluch glikten mir nur ſo über die Lippen. 1* 4 Weil wir aber doch gerade von Salbung reden, wie wär's, wenn ich da ein wenig Brandy verſuchte.“ Mit demſelben Lächeln auf ſeinem breiten, runden Ge⸗ ſicht, das ihm die Banknoten⸗ Zuneigung der reichen, alten Damen ſeiner Heerde gewann, und die Herzen ſämmtlicher Patent⸗Evangeliſten entzückte und bezauberte, näherte ſich der Ehrwürdige Mann einem kleinen, halbverſteckten Wand⸗ ſchränkchen, nahm eine dickbäuchige, funkelnde Caraffe dar⸗ aus hervor, und füllte ſich ein Glas voll trefflichen, öhlichen Cogniacs. Dieſes dann eine Weile vor ſich haltend, erfreute er ſich an dem im Strahl der Lampe blitzenden und ſchim⸗ mernden Purpurglanz des Feuertranks, ſchmatzte laut und wohlbehaglich die fetten Lippen zuſammen, und hob dann das Glas mit augenſcheinlichem Wohlbehagen an den halb⸗ geöffneten Mund. „Sehr guter Brandy, das,“ murmelte er nach kurzer, inhaltſchwerer Pauſe und tiefem Athemzuge, indem er Glas und Caraffe wieder in das Schränkchen zuruckſtellte—„ſehr guter Brandy das— der alte Swipes— Einer unſerer Aelteſten, ſchickte mir das Fäßchen aus Verſehen— er glaubte, es wäre Wein. Sollte bei feierlichen Gelegenheiten zum Kirchendienſt verwandt werden; nun gut, ich genieße ihn dafür— iſt eben ſo gut, als ob es die Kirche thäte, re⸗ präſentir' ich ſie denn nicht?“ Der Ehrw. Herr ließ ſich dann bedächtig in einem gro⸗ ßen, weiten Armſtuhl, neben dem Feuer nieder, und eine 5 wohlgefüllte Brieftaſche aus ſeinem Rocke nehmend, öffnete er ſie, behaglich zurückgebeugt, auf ſeinen Knieen. „unſere Capitalien ſtehen trefflich heute,“ ſagte der gute Mann dann lächelnd;„meiner Bedürfniſſe waren viele heute Morgen— heute Abend ſind ſie alle reichlich befrie⸗ digt. Dieſe Zehn⸗Dollar⸗Banknote kam von einer würdi⸗ gen alten Dame, und zwar für einen armen Mann, dem der Bahnzug die Beine zerſchmettert hatte. Eine Wittwe mit fünf kleinen Kindern und eines an der Bruſt, wird wahr⸗ ſcheinlich entzückt ſein, wenn ſie dieſe Zwanzig⸗Dollar⸗Note ſieht, die mir von einem alten Bruder unſerer Gemeinde für ſie übermacht wurde. Dieß Goldſtück iſt für den alten Mann, der von dem Gerüſte fiel. Dieſe Fünf⸗Dollar⸗Note kam mit einem Brief, der gegen den Papſt donnerte; die Unterſchrift war:„Nieder mit dem heidniſchen Papſt!— Euer Scha⸗ droe.“— Schadroe iſt ein ſehr eifriger Bruder— ſehr. und hier ſind noch funfzig, die mir zur Unterſtützung eines eifrigen, jungen Mannes gegeben wurden, der ſich mit hei⸗ liger Hingebung dem Dienſte des Herrn weihen wollte. Bei⸗ nahe hundert Dollar ſeit dem Frühſtück einkaſſirt— kein übeles Tagewerk.“ Der Ehrwürdige F. A. T. Pyne ſchmunzelte immer be⸗ haglicher, immer vergnügter vor ſich hin, und warf einige verſtohlene, faſt ſchelmiſche Blicke nach der, auf dem Kamin⸗ ſims friedlich ruhenden Bibel hinüber. Es war aber auch ein wohlthuender, freundlicher Anblick, den guten Mann „ 6 nach des Tages Laſt und Hitze, mit den Früchten ſeiner Ar⸗ beit, in Gold und Banknoten vor ſich, ausruhen zu ſehen. Wird aber das Behagen des Leſers nicht in wahre Vereh⸗ rung übergehen, wenn er erfährt, daß der arme, überfahrene Mann, und die Wittwe mit den fünf Kindern und dem Ei⸗ nen an der Bruſt, und der Arbeiter, der von dem Gerüſt heruntergefallen, und der eifrige, junge Bruder, der ſich dem Dienſte des Herrn weihen wollte, nur lebhafte Gebilde der Einbildungskraft, und von dem Feinde des heidniſchen Rom nur zu dem beſonderen Nutzen ſeiner ſelbſt, und des geheimen Wohnzimmerchens im Kloſter, erfunden waren? Dieß iſt jedoch natürlich ein Geheimniß, und ich muß vor allen Dingen darum bitten, keinen Gebrauch davon zu machen. „Ein Bischen Opium wird mir auch weiter Nichts ſchaden,“ ſagte der gute Bruder jetzt, indem er mehre kleine zuſammengefaltete Papierchen, mit darauf bezeichnetem In⸗ halt aus der Taſche nahm. Wir zum Mäßigkeitsverein Ge⸗ hörenden müſſen doch Etwas haben, um uns ein wenig zu erwärmen und aufzuregen, und wenn wir den Spiritus abſchwören, dann erfriſchen wir unſer Nervenſyſtem mit einer Kleinigkeit Opium— unſchädliches Surrogat das.“ Der Bruder erhob ſich nun von ſeinem Stuhle, und leiſe eine ſchmale Thür öffnend, die in ein Nebengemach führte, überbreitete plötzlich ein wohlgefälliges Lächeln ſeine fetten, aufgedunſenen Züge, und ſeine wäſſerigen Augen erhielten 7 vor eigenthümlicher, innerer Bewegung einen ganz ſonder⸗ bar und matt glänzenden Schein. „Sie ſchläft,“ flüſterte er dann, und leiſe hineinſchlei⸗ chend in die Kammer, ſchloß er die Thür, durch die er eben eingetreten, feſt und vorſichtig hinter ſich. Es war ein weites, geräumiges Gemach, das er jetzt betrat, mit hoher Decke und getäfelten Wänden Eine kleine Lampe brannte auf dem Tiſche, nahe zum Kamin, und warf ihr Licht voll und klar nach jener Stelle, während der übrige Theil des Zimmers in ungewiſſe Dämmerung gehüllt blieb. Aber wie auf den meiſten Zimmern des Kloſters, ſo lag auch auf dieſem ein gewiſſes düſteres, beklemmendes Etwas, das ſich der Eintretende nicht gleich erklären konnte, das ihn jedoch nichtsdeſtoweniger mit einem unbehaglichen, faſt zu⸗ rückſtoßenden Gefühle erfüllte. Schweres, eichenes Getäfel, maſſive Mahagonymeublen, eine kleine Bettſtelle von dun⸗ kelem Wallnußholz, gegen welche die ſchneeige Weiße der leinenen Ueberzüge faſt zu grell abſtach, ein verſchoſſener, aber weicher Teppich und das Kaminſims, unter dem ein erwärmendes, kniſterndes Feuer loderte, ebenfalls mit altem, wunderlichem Schnitzwerk verziert— das waren etwa die Eigenthümlichkeiten des Gemaches, die noch durch die gänz⸗ liche Abweſenheit von Fenſtern vermehrt, aber keineswegs verbeſſert wurden, denn eine ſchmale, hoch oben angebrachte und mit Glasſcheiben verſehene Oeffnung konnte kaum mit dem Namen eines Fenſters belegt werden, obgleich ſie 8 dazu beſtimmt war, bei Tage einen matten Lichtſtrahl herein⸗ zulaſſen. Nahe zum Feuer lehnte in einem weich gepolſterten, mit dunkelem Sammet überzogenen Armſtuhl, ein ſchönes, aber marmorbleiches Mädchen. Das Licht der Lampe fiel ſanft auf ihre ſchlanke, jungfräuliche Geſtalt, und umfloß die engelmilden, nur blaſſen Züge, während über die Schläfe und den Nacken hinab, volle, rabenſchwarze Locken nieder⸗ wallten. Ihre kleinen, weißen Hände waren feſt und faſt krampf⸗ haft auf dem Herzen gefaltet, und die weiten Falten des ſchneeigen, ſie wie ein Leichentuch einhüllenden Nachtkleides wurden leiſe und regelmäßig durch das ſanfte Wogen ihres Buſens gehoben. So ſehr aber glich die Schönheit des holden Weſens, das ſchlummernd in Unſchuld und Seelenreinheit mitten in der Peſthöhle der Quäkerſtadt ruhte, einem ſüßen, heiligen Traum, daß ſelbſt Altamont Pyne, von einem eigenen Schauder durchbebt zurückſchrak, als er auf das liebe, bleiche Antlitz ſeiner Tochter niederſchaute. „Mabel iſt wahrhaftig reizend,“ murmelte der fettge⸗ ſichtige Paſtor, mit ſeinen wäſſerigen Augen in ſinnlicher Gluth auf die Jungfrau hinſtarrend;—„es iſt faſt ſchade ſie aufzuwecken; doch— Bruder Teufelskäfer wird gleich kommen, und den Trank bringen— ſie darf nicht länger ſchlafen.“ „Mabel,“ flüſterte er jetzt, während ſeine Stimme ih⸗ ren ſchmeichelndſten Ton annahm;„Mabel— wache auf, mein Kind!“ Die Jungfrau bewegte ſich in ihrem Schlaf, öffnete aber die Augen nicht, nur, ſobald die gedämpften Laute des ehr⸗ würdigen Mannes ihr Ohr berührten, die Hände unwill⸗ kürlich und ängſtlich über dem Buſen zuſammenlegend, murmelte ſie wild und erſchreckt in ihrem Schlaf, als ob ſie von einem entſetzlichen Traum befangen ſei, doch mit leiſer, kaum hörbarer Stimme: „Ha— die Thür iſt verſchloſſen— ſein Schritt iſt auf den Stufen— rette mich, Allmächtiger— er kommt— mein Vater— Hülfe— wer ſchützt mich vor ihm— Vater, o habe Erbarmen— Deine Stimme lehrte mich zuerſt zu Gott bitten, und jetzt flüſtert ſie Sünde und Verderben in mein Ohr— Deine Hände falteten die meinen zuerſt zum Gebet, und jetzt— o Gott— o Gott—“ „Erwache mein Kind!“ rief der ehrwürdige Mann, während er unwillkürlich erbleichte. „Zurück, ſag' ich!“ ſtöhnte die ſchlafende Jungfrau; „zurück, oder ich ſetze mit dieſer Lampe die Bettgardinen in Brand— zurück— laß mich zur Thür— oder— ha— die Thür iſt erreicht— hu, wie kalt die Nacht iſt— meine Füße bluten— ich bin gerettet.“ „Mabel— erwache!“ rief Bruder Pyne mit finſter zuſammengezogener Stirn;—„Du ſollteſt Dich ſolchen III. 2 10 Träumen nicht hingeben— Peſt— das Ding macht mich ordentlich zuſammenſchaudern— und doch ſind ihre Lippen ſo reif wie eine Maikirſche; wo zum Henker nur Teufels⸗ käfer mit dem Tranke bleibt.“ „Oh laßt mich ein, um's Himmelswillen,“ flehte die Träumende, ihre Hände bittend emporhebend;—„öffnet Euere Thüre— er verfolgt mich— er— mein Vater, und — ich fürchte ihn mehr als das Grab.“ „Mabel— Mädchen! hör' doch mit dem unſinn auf!“ rief Paſtor Pyne jetzt in einem weniger ſanftmüthigen Ton, indem er der Jungfrau Schulter rauh und heftig ſchüttelte. Mabel öffnete langſam ihre Augen, und ſtarrte mit wildem, erſchrecktem Blick in das Antlitz des Mannes. „O thu' mir kein Leides, Vater!“ bat ſie, flehend ihre Hände zu ihm emporhebend. 8 „Dir ein Leides!“ rief Pyne, kaum im Stande den Aerger zu unterdrücken, der in ihm, während der letzten Phantaſieen der Schlafenden aufgeſtiegen war;„ rede doch nicht ſolch' närriſchen unſinn, Mabel; wer ſoll Dir ein Leides thun wollen! was legſt Du Dich denn da hin, und träumſt ſolch' verwirrtes Zeug! habe ich Dir nicht eine Heimath verſchafft, wo Du Dich von den unglücklichen und tollen Gedanken, die Dir ſeit Kurzem das Hirn ver⸗ wirrten, erholen ſollteſt! Verſcheuche jenen unglückſeeligen Traum, meine Tochter, oder räume ihm wenigſtens nicht eine ſo entſetzliche Gewalt über Dich ein.“ Bruder Pyne rückte ſich einen Stuhl zum Feuer, und ſetzte ſich neben ſeiner Tochter nieder. „Und DOu glaubſt, Vater, daß es wirklich ein Traum war!“ flüſterte das Mädchen, während ſich ein freudiges Erröthen über ihre Züge ſtahl. „Gewiß Mabel, gewiß,“ ſagte Bruder Pyne ſchnell; „was ſollte es denn auch anderes geweſen ſein; komm, gieb mir Deine Hand und ſei wieder ein gutes, braves, ver⸗ nünftiges Kind.“ Mabel reichte ihm ſchüchtern ihre Hand; als ſie aber den warmen Gegendruck von der des Vaters fühlte, rann ihr wieder derſelbe, ängſtliche Schauder durch Mark und Bein; ſie fuhr zurück, als ob ſie von einer Schlange geſtochen wäret „Ach Vater,“ murmelte ſie;—„jene Nacht— jene Nacht, in der ich aus Deinem Hauſe floh— war das Alles ein Traum!“ „Sicherlich war es nur ein Traum, mein liebes Kind, und ein recht, recht böſer,“ ſagte der ehrw. Dr. Pyne, wäh⸗ rend er der Tochter Hand wieder ergriff. „Und kamſt Du nicht in meine Kammer!— warſt Du es nicht, der— o Amächtiger, ich glaube ich würde wahn⸗ ſinnig, wollte ich jene Scene mit Worten ſchildern.“ „Bah— bah“ ſagte der Doktor wohlwollend, indem er ihre Hand leiſe mit der ſeinigen liebkoſte,„bin ich Dir nicht immer ein treuer Vater geweſen? habe ich dieß Haus 2* 12 * 8 nicht zu Deiner eigenen Bequemlichkeit gemiethet. Siehſt Du, mein Kind, Dein einſames Leben hat Dir, wenn auch wenig, aber doch etwas, das Gehirn angegriffen; ein paar Wochen Ruhe, ein veränderter Aufenthaltsort, das Leſen guter Bücher, mit der Unterhaltung Deines Vaters wird das aber bald wieder herſtellen. Hat der Aufwärter Dir noch keine Erfriſchungen gebracht!“ „Ja Vater— vor einer Stunde etwa— gerade als ich mich ein wenig, um auszuruhen, auf das Bett gelegt. Der Diener trat damals ein, und ſetzte, was er brachte, auf den Tiſch; er konnte mich auch nicht ſehen, ich aber ſah ihn, und hatte faſt den Tod vor Schreck; er ſchaut gar ſo entſetzlich aus. Weshalb haſt Du Dir nur ſolch' häßlichen Menſchen als Diener genommen, Vater!“ 4 „Was, Bruder Abigail!— o Mabel, er iſt ſonſt ein wackerer, braver Mann— ein Chriſt, wenn auch ſein Ge⸗ ſicht nicht gerade ſchön genannt werden kann. An was denkſt Du jetzt, Mabel!“ und Bruder Pyne ſtrich zärtlicher den Rücken ihrer ſammetweichen Hand. „An meine Mutter, Vater!“ flüſterte das Mädchen, während ein tiefer, tiefer Seufzer ihren Buſen hob.—„Sie iſt todt— todt— ſo lange ſchon todt; nicht wahr, Vater? und wie manche Stunde, bei Tag und Nacht, hab' ich ſchon verſucht, mir ihre Züge oder den Ton ihrer Stimme, oder 18 13 ihr Lächeln ins Gedächtniß zurückzurufen; aber vergebens — Alles— Alles iſt dunkel. „Sieh Kind, Du weißt ja, ſie ſtarb wie Du noch klein, ſehr klein warſt, und denke Dir nun, Mabel, welche Sorge und Noth Du ſeit der Zeit Deinem Vater gemacht haſt; wie er Dich aufzog im Herrn, und Dein junges Herz mit ſeinen göttlichen Lehren erfüllte. Denke an dieß, mein Kind, und dann überlege Dir wie Unrecht Du gethan, das Dach zu verlaſſen, das Dir von Jugend auf Schutz gewährte. Vergieb dieſe Thräne mein Kind, aber— ich kann mir nicht helfen.“ Der ehrw. Bruder Pyne war tief gerührt, und wenn je ſein öhliches Geſicht mit einem Ausdruck innigen Gefühles erglühte, ſo war es in dieſem Augenblick. Mabel ſah einige Secunden beklommen, verlegen zu ihm empor, und um⸗ ſchlang dann, in einem plötzlichen Ausbruch ihres Gefühls, ſeinen Nacken. „Vergieb mir, theurer Vater, vergieb mir!“ „Vater!“ echote eine heiſere Stimme, und Teufels⸗ käfer, mit einem Präſentirteller in ſeiner Hand, glitt durch die halbgeöffnete Pforte, und näherte ſich dem Licht. „Hören Sie, Bruder Pyne, hier iſt der heiße Kaffee, den Sie beſtellt haben, heiße Kuchen obendrein.“ Dabei ordnete er die gebrachten Gegenſtände auf dem weißen Tuch, das er vorher über den Tiſch breitete. „Hohoho— alſo das Mädchen fällt ihm ſchon von ſelbſt 14 um den Hals,“ murmelte er indeſſen leiſe vor ſich hin,„da werden wir die Tropfen gar nicht gebrauchen— Vater— weiter gar Nichts! ſollt' ich denn nur recht gehört haben?“ Teufelskäfer hatte ſeine Geſchäfte beſorgt und wollte ſich zurückziehen; ſchon ſtand er auf der Schwelle, als er ſich noch einmal umdrehte, und hier gerade dem auf ihm haf⸗ tenden Blicke der Jungfrau begegnete, deren Antlitz von der Lampe voll beſchienen ward. Hätte er eine Todeswunde erhalten, ſo wäre er nicht ſchneller und erſchreckter empor⸗ gefahren. Der Blechteller, den er in der Hand hielt, fiel klappernd zu Boden— wie ſeinen Sinnen nicht trauend, ſtrich er ſich verwundert die ſtruppigen Haare aus der Stirn, und mit wenigen Schritten ſtand er wieder neben dem Tiſch. Nie im Leben war Teufelskäfer aber auch ſo fürchterlich bewegt geweſen— ſein Antlitz überdeckte Leichenbläſſe, und ſein einzelnes Auge ſchien, weit aufgeriſſen im höchſten Schreck und Erſtaunen, aus ſeiner Höhle ſpringen zu wol⸗ len. Ein oder zweimal verſuchte er zu ſprechen, aber die unzuſammenhängenden Worte erſtarben ihm im Munde. „Hallo Bruder, was iſt Euch?“ frug Paſtor Pyne, den Pförtner mit unverſtelltem Erſtaunen anſtarrend,„kriegt Ihr Krämpfe!“ Teufelskäfer näherte ſich langſam dem Paſtor, dann ſtreckte er ſeinen Arm aus, und legte ſeine Hand leiſe auf die Schulter des Mädchens; ſelbſt ſeine Stimme klang wie ver⸗ 15 wandelt; ſie ſchien eine andere geworden zu ſein, und hatte all' ihre ſonſtige Heiſerkeit und Rauhheit verloren. „Ellen!“ ſagte er nun mit leiſen, flüſternden Tönen; „Ellen— biſt Du dieß, oder iſt es Dein Geiſt?“ Mabel ſtarrte in ſtummem Entſetzen zu ihm empor, und Paſtor Pyne ſtand ärgerlich von ſeinem Sitze auf, und rief erzürnt: „Was ſoll dieſe Unverſchämtheit bedeuten?“ „Oh Nichts,“ erwiederte Teufelskäfer mit ſeiner ge⸗ wöhnlichen, grunzenden Stimme;„das Mädchen hier ſah nur Jemandem ähnlich, die ich früher kannte, das iſt Alles.“ Und er ſchritt ſchnell nach der Thür. „Teufelskäfer!“ flüſterte Bruder Pyne, als er den Davoneilenden vor der Thüre wieder einholte;„ſind die Tropfen in dem Kaffee!“ „Ja ja Paſtor,“ brummte der Pförtner, mit der Hand auf der Klinke. „Schön, ſchön, Alles recht dann— und Teufelskäfer Ihr ſeid ſo gut, und ſchließt die Thür hinter Euch, nicht wahr! Ihr verſteht mich doch? ich will auch nicht gern ge⸗ ſtört ſein— und— noch Eins— wenn Ihr etwa Jeman⸗ den ſolltet rufen hören— Ihr braucht Euch nicht daran zu kehren.“ „Oh— ich brauche nicht! ſo?“ echote Teufelskäfer mit einem Ausdruck in ſeinen Zügen, den der Paſtor früher noch nie in ihnen bemerkt hatte.—„Nun, Bruder Pyne, ich * —-õ ÄCWCta— 16 will Euch Etwas ſagen,“ fuhr jener dann leiſe fort,„Ihr habt das Mädchen in Euerer Gewalt, der Kaffee iſt eben⸗ falls mit dem Nöthigen verſetzt, die Thüren werden ver⸗ ſchloſſen, und an Schreien wollen wir uns auch nicht kehren — das ſoll Alles richtig beſorgt und beobachtet werden, aber dann, Paſtor, müßt Ihr mir auch eine Frage beant⸗ worten: das Mädchen nannte Euch Vater.“ „So?“ erwiederte mild lächelnd Paſtor Pyne;„wirk⸗ lich? ich habe gar nicht darauf geachtet.“ „Ihr ſeid alſo ihr Vater nicht!“ ſagte Teufelskäfer, und derſelbe unheimliche Ausdruck zuckte wieder durch ſeine Züge. „Natürlich nicht— natürlich nicht— hahaha— nur im geiſtigen Sinne, verſteht Ihr! nur im geiſtigen Sinne.“ „Hohoho,“ echote Teufelskäfer, mit wildem, hohlem Lachen. „Hohoho,“ ſchmunzelte Bruder Pyne, auf ſeine eigene, ſelbſtzufriedene Art—„alſo Ihr haltet Euer Verſprechen!“ „Nun verſteht ſich,“ grinſte Teufelskäfer, indem er ſich der äußeren Thüre näherte.„Ihr ſeid ein hauptfideles, altes Haus— hol' mich der Henker.“ und Paſtor Pyne ſah das wilde Blitzen von des Pfört⸗ ners einzelſtehendem Auge, und ſchloß kichernd die Thür, während jenes Gelächter in einen hohlen, widernatürlichen Klang überging, das mehr wie das Stöhnen eines mit dem Tode Kämpfenden, als dem Ausbruch luſtiger Laune glich. —— 17 „Er iſt mit dem Mädchen allein, und ſie nannte ihn Vater,„murmelte er leiſe vor ſich hin, als er in dem klei⸗ nen Zimmer ſtand, in welchem ſich der ehrwürdige Mann vor kurzer Zeit mit einem Glaſe Brandy geſtärkt hatte;— „und ſie nannte ihn Vater.“ Einen Augenblick ſtand er noch, wie in tiefem Sinnen verloren, dann aber verwandelten ſich die Züge ſeines Geſichts in einen Ausdruck finſteren Haſſes; die Stirn runzelte ſich in dichten, dunkelen Falten zuſammen, das Auge glühte und ſeine ſcharfen Zähne waren feſt und ingrimmig auf einander⸗ gebiſſen. Er ſchüttelte ſeine beiden Fäuſte wild gegen die Thür, in welcher ſich der Paſtor mit ſeinem Opfer befand, und ſchien mit den krallenartigen Fingern die Luft zu zer⸗ reißen. „Hohoho,“ rief er dann, als der Plan, den er indeſſen ausgebrütet, finſter und drohend vor ihm aufſtieg—„hohoho — bin doch verdammt neugierig, wie das thun wird.“ Siebentes Capitel. Die Höhle des Kloſters. „Sieh hier Glühwurm— paß auf Muskito,“ rief er ſeine Neger an, die nickend vor dem Feuer ſaßen—„nehmt einmal das alte Schüreiſen und die Feuerzange da— ſo— die ſteckt in das Kohlenfeuer und macht ſie weißglühend. Verſtanden Ihr Höllenhunde! das Schüreiſen hat eine ſcharfe Spitze— das iſt ganz vortrefflich, ausgezeichnet dazu.“ „Jes Maſſa!“ grunzte Musquito, während ſich ſeine geſchwollenen Lippen zu einem ſcheußlichen Grinſen verzogen —„Jes Maſſa— ſoll bald heiß werden— ich nehme das Schüreiſen.“ 5 „Und ich die Zange,“ gähnte Glühwurm, als er das benannte Inſtrument zwiſchen den Eiſenſtäben des Heerdes hindurch, in die Kohlen ſchob. „Ihr ſeid ein paar Schönheiten,“ rief Teufelskäfer mit einer gewiſſen Art väterlichen Stolzes auf ſeinen beiden Sa⸗ telliten hinabſehend,„die Hölle könnte Eueres Gleichen nicht wieder liefern.“ Es war auch in der That ein intereſſanter Anblick, wie die rieſigen Geſtalten mit den widerlich verzerrten Geſichts⸗ zügen, durch das kniſternde Feuer mit rothem, unheimlichen Licht übergoſſen, vor dem Kamin kauerten, und freundlich die Zähne fletſchend, zu ihrem Herrn und Meiſter emporſchau⸗ ten. Ein Maler hätte verzweifeln müſſen, das Bild treu wiederzugeben, wäre er nicht im Stande geweſen, den auf⸗ recht ſtehenden Alp, dem ein paar gräßliche Träume zur Seite knieen, in all ſeiner Furchtbarkeit zu malen. „Muskiter— wenn Du nachher das Eiſen heiß genug haſt, dann gehe hinunter, und hole eine Parthie hanfene Seile herauf— wir könnten ſie brauchen. Und Du Glüh⸗ wurm— hältſt Deine Ohren aufgeknöpft— wirſt Du? und ſobald Du einen Schrei oder einen Angſtruf, oder nur ein Stöhnen von dem Mädchen da drinne hörſt, ſo ſpringſt Du ſchnell die Treppe hinauf und rufſt mich— ich bin im Wallnußzimmer— hörſt Du, Du ſchwarze Canaille!“ Die Lampe in ſeiner rechten Hand faſſend, eilte Teu⸗ felskäfer jetzt aus Mönch Balthaſars Vorzimmer, wie dieſer Raum genannt wurde, und glitt in der nächſten Minute ſchon, in dem langen Corxidor des zweiten Stockes hin. „Mir gefällt der alte Platz,“ kicherte er vor ſich hin, als er ſeinen Weg verfolgte,„hier bin ich geboren, und hier verbrachte ich meine ganze Lebenszeit. Keinen Freund hab' ich, ſo alt wie ich bin, gehabt— keinen, dieſe alten Mauern ſind aber meine Freunde geweſen. Ich habe mich 20 manchmal mit den Backſteinpfeilern im Todtengewölbe un⸗ terhalten, habe manchen Spaß mit dem Skelett unten im Bankettſaal gehabt, und— hahaha— die Fallthüren knar⸗ ren ordentlich vor Freuden, wenn ſie mich kommen hören. Hurrah für das Kloſter, ſag' ich— das iſt der Körper, und ich bin die Seele— Es iſt voll Winkel und Höhlen und dunkeler Ecken— gerade wie meine Natur— mir gefällt der alte Platz; kein Backſtein iſt d'rin, den ich nicht gerne hätte und wie einen Bruder liebte. Hohoho— wenn ich ein⸗ mal ſterbe, dann würde ich dem ſehr verbunden ſein, der den alten Platz in Brand ſteckte. Bin ich erſt einmal fort, dann wirds wie ein Sarg ſein, ohne Leiche. Was nutzt das Schild, wenn die Kröte heraus iſt.“ Teufelskäfer ſtand in dem Hauptgang des zweiten Stock⸗ werks, der, mit einem anderen Corridor in einem rechten Winkel zuſammenſtoßend, Lorrimers Zimmer von dem an⸗ deren Theil des Hauſes trennte. Daher konnte man das Wallnußzimmer durch eine Thüre betreten, die auf den Hauptgang, nicht weit von der Treppe entfernt, hinaus⸗ führte, oder auch in dem Corridor hingehen, bis man die Thüre von Lorrimers Beſuchszimmer erreichte, und durch dieſes dann, was mit dem gemalten, und dem Roſenzimmer in Verbindung ſtand, in das Wallnußzimmer gelangen. „Werde durch dieſe Thür in das Wallnußzimmer gehen,“ brummte Teufelskäfer für ſich hin—„der Burſche, der Byrnewood, hat mir Noth und Sorge genug gemacht, und —— —— ich muß der Geſchichte nur einmal mit etwas Beſſerem, als einer Flaſche Wein und einer Fallthür, ein Ende machen— Bin neugierig, wie— hihihi— wie das thut.“ Er betrat das Zimmer, die ſpiegelglatte Diele funkelte den Schein des Lichts zurück, das er in der Hand hielt, aber der Platz ſelbſt war öde und verlaſſen, und nur im Mittel⸗ punkt deſſelben lag ein regungsloſer dunkeler Körper. „Hohoho,“ grinſte Teufelskäfer,„vor kaum zwölf Stunden war dieſer Klumpen Fleiſch und Blut und Klei⸗ dungsſtücke, ein junger lebender Gentleman, der im nächſten Zimmer alle mögliche Capriolen machte, und wie ein Sol⸗ dat fluchte, und wie ein Paſtor Eide— einen nach dem an⸗ deren, ablegte. Jetzt, mit einer unbedeutenden Kleinigkeit von, der Teufel weiß was, in der Suppe, liegt er da— ein wirkliches Packet von Schlaf und Bornirtheit.— Ein ſehr verächtliches Ding iſt doch Menſchennatur.“ Er ließ, während er ſprach, den vollen Schein des Lichts auf die todtenbleichen Züge des jungen Byrnewood fallen, deſſen glanzloſe Augenſterne feſt und unbeweglich, aber auch todt und ſeelenlos auf der gemalten Decke hafte⸗ ten. Sein Antlitz hatte eine ſchauerlich gelbe Farbe ange⸗ nommen, ſeine Lippen waren blau und zuſammengezogen, und ein leichter, weißer Schaum ſtand ihm vor dem Mund. Einzelne Bluttropfen färbten dabei Wangen und Hände des Unglücklichen. Teufelskäfer blickte nieder auf ihn.— „Hohoho— ich verſuch's einmal,“ ſchrie er plötzlich mit einem Ausbruch wildem Gelächters—„manche wunder⸗ liche Geſchichtenhabe ich ſchon über daſſelbe Experiment ge⸗ hört, es aber noch nie probiert geſehen. Ich bin auch gerade der Mann dazu, und eben in der Laune— hohoho— ich verſuch's.“ 4 Er kniete neben dem Beſinnungsloſen hin, und wäh⸗ rend das Licht voll auf das Antlitz deſſelben fiel, beugte er ſich bis zu ſeinen Ohren nieder, und ſchrie mit lauter, höh⸗ nender Stimme: „Halloh!— Ihr da— Sir— hört Ihr!— ich will Euch lebendig begraben— hört Ihr das! ich will Euch lebendig begraben— Gott wie er ſich krümmt. Fühlt Ihr nicht ſchon, wie Euch die kalten Erdklumpen auf die Bruſt fallen! hohoho— ich will Euch lebendig begraben.“ „Ein leichtes Zittern— ein krampfhaftes Schauern zuckte durch den ganzen Körper des unglücklichen Byrne⸗ wood Arlington.— Benriff er den ſchrecklichen Sinn der ihm zugerufenen Worte! verſtand er ihre Meinung! Gott allein weiß es, aber ſeine Glieder zitterten einige Secunden wie in convulſiviſcher innerer Anſtrengung, und die Mus⸗ keln ſeines Geſichts verzerrten ſich gräßlich.“ „Gut,“ ſchmunzelte Teufelskäfer jetzt vor ſich hin,„ich will immer hingehen und Glühwurm ſagen, daß er auf mich im erſten Keller wartet, während ich bis hinunter in die un⸗ terſte Höhle des Kloſters niederſteige. Wenn das Mädchen 23 ſchreit, dann mag Muskiter pfeifen, und Glühwurm ſoll die alte Glocke anſchlagen, das hör' ich, und wenn ich unten im tiefſten Abgrund, neben dem Grab des Manns ſtände.— „Bitte um Entſchuldigung Sir, wenn ich Sie warten laſſe,“ wandte er ſich dann mit ſpöttiſcher Höflichkeit gegen den bewußtloſen Körper Byrnewoods—„bitte tauſendmal um Entſchuldigung, werde gleich wieder zurück ſein.“ Die Lampe auf den ſchimmernden Fußboden ſtellend, verließ er das Wallnußzimmer; kaum aber war der Klang ſeiner Schritte verhallt, als die in das Roſenzimmer füh⸗ renden Vorhänge ſchnell zurückgeſchoben wurden, und die ſchlanke Geſtalt eines weiblichen Weſens, mit wild aufge⸗ löſten, ihre bleichen Schläfe umflatternden Haaren, mit krampfhaft gefalteten Händen und fliegenden weißen Ge⸗ wändern hervortrat. Blaß und lautlos, wie ſie dahinglitt über den Boden, glich ſte mehr dem abgeſchiedenen Geiſt einer Verblichenen, als einem noch lebenden Weſen; aber Schreck und To⸗ desgrauen überflog ihre Züge, als ſie den regungsloſen Körper bemerkte, und ihn bei dem Licht der Lampe erkannte. „Mein Bruder— mein Bruder,“ flüſterte ſie mit lei⸗ ſer zitternder Stimme, und ſank knieend neben dem Unglück⸗ lichen nieder.— „Wehe— wehe!“ rief ſie dann, ſeine Hand liebkoſend in ihren Arm nehmend—„wehe— Du ſtirbſt, und ſtirbſt für mich— o ſprich zu mir, Byrnewood— ſprich zu mir 24 erkenn doch mich, Deine Schweſter, die Du ſtets ſo treu geliebt. O Gott!“ ſtöhnte ſie, ſeine vollen ſchwarzen Locken aus der marmorkalten Stirn ſtreichend—„er kennt mich nicht— er kennt mich nicht.“ Die Augen des Bruders ſtarrten immer noch, feſt und unverwandt zur Decke empor; er verrieth durch kein Zucken, durch keine Bewegung, daß er die Nähe der Schweſter er⸗ kannte oder ahnte; es war ein Leichnam, ein kalter, ſtarrer Leichnam, und dennoch glühte und lebte in ihm die Seele. Marie nahm ſeine kalten Hände in die ihrigen, ſie küßte ſeine bleichen, eingefallenen Wangen, ſie bat ihn mit leiſer, leiſer Stimme, aus dem Todesſchlaf, der ihn umgarnt hielt, zu erwachen, und nur ein Zeichen, ein kleines, kleines Zei⸗ „chen zu geben, daß er ſie erkenne, daß er wiſſe ſie kauere an ſeiner Seite; aber vergebens; bewußtlos und ſtarr lag der Körper, und die Augen hafteten feſt an der Decke. Während ſie dort noch betend und flehend neben dem Bruder kniete, glitt die Geſtalt einer Frau aus dem Roſen⸗ zimmer, und ſtand bald darauf an ihrer Seite. Es war die der langlockigen Betty, und dieſe ſchaute nieder auf das Elend, auf den Jammer, den Lorrimer über die Häupter dieſer Unglücklichen herbeigerufen, und ein kalter Schauer lief ihr über den Leib als ſie ſich ſagen mußte,„ich, ich bin die unſelige— teufliſche Urſache.“ „O Betty— Betty— ſie haben ihn gemordet,“ ſchrie Marie, als ſie die Frau an ihrer Seite erblickte,„ſieh— ſieh— er ſtirbt— und das meinetwegen; o allmächtiger Gott, meinetwegen.“ „Pſt Marie,“ flüſterte Betty, ihr Antlitz tief bewegt abwendend—„hörſt Du nicht ferne Schritte! ſeine Quä⸗ ler nahen, wir müſſen fort, oder wir werden entdeckt.“ „O Beſſie— führe mich zu Lorraine— um des Hei⸗ lands Willen, führe mich zu ihm;— er wird das Schreck⸗ liche nicht geſchehen laſſen. Irgend ein fürchterliches Ge⸗ heimniß lagert ſich mit ſeinen dunkelen Fittichen auf meiner Seele— aber Lorraine iſt unſchuldig. Du ſchweigſt Beſſie! Du antworteſt mir nicht?“ „Marie— ich will Dich aus dieſem Hauſe führen,“ ſagte Betty mit haſtiger Stimme, während ſie ihr Geſicht vom Lichte abwandte—„ich will Deinen Bruder retten.“— Sie bog ſich nieder zu dem Mädchen und hob ſie vom Boden empor. 1 „Er hat mich geliebt, Beſſie, er wuͤrde meinem Bru⸗ der kein Leides widerfahren laſſen. Nein— nein— eben ſo gut wollte ich von Dir Uebeles glauben, als daß ich Ver⸗ dacht auf Lorraine werfen könnte. Es herrſcht hier ein fürch⸗ terliches Geheimniß, ein Wahnſinn hervorrufender Irrthum, den ich noch nicht begreifen, noch nicht ergründen kann, aber Lorraine— Lorraine iſt unſchuldig.“ „Großer Gott, mir blutet das Herz ſie ſo reden zu hören,“ flüſterte Betty, die Unglückliche in das Roſenzim⸗ mer zurückführend—„jedes Wort, das ſie ausſtößt, iſt ein III. 3 26 Dolchſtich meiner Bruſt.— Allbarmherziger— ſie hält mich für unſchuldig.“ „Laß mich ihn noch einmal ſehen, noch einmal umar⸗ men,“ rief Marie plötzlich, ſich losreißend von der Gefähr⸗ tin, während ſie ſich wieder über die ausgeſtreckte Geſtalt des Bewußtloſen hinüberwarf—„Byrnewood— o ſprich doch nur ein einziges Wort— nenne nur ein einziges Mal den Namen Deiner Schweſter, und ſchau mir mit Deinem lieben, lieben Blick in die Augen; o Du ſtarrſt ſo entſetzlich, ſo wild zu der Decke hinauf— mir grauſt's, wenn ich Dich anſehe.“— Mit athemloſen Schweigen und gerungenen Händen hing ſie mehrere Secunden lang an dem glanzloſen Blicke des Bruders, dann aber ließ ſie traurig die Arme ſinken und ſagte wehmüthig: „Er hört mich nicht— er kennt mich nicht mehr— er athmet wohl noch, aber ſein Herz iſt todt und ſtarr. Und ich— ich bin die Urſache alles dieſes Elends— hahaha— dort ſeh' ich meinen Vater— meine Mutter— dort ſtehen ſie und blicken nieder auf den Leichnam ihres Sohnes; und jetzt— jetzt heben ſie ihre Hände, und— Allbarmherziger! — fluchen mir.— Betty— Betty! ſchütze mich vor den Bil⸗ dern, die mir wie glühende Meſſer durch Hirn und Schläfe ziſchen.“ Sie ſprang empor und ſtreckte, Hülfe ſuchend, ihre Hände nach dem Mädchen aus, dieſes aber, horchte einen Augenblick 27 mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit, und rief dann flü⸗ ſternd: „Horch— Teufelskäfer kehrt wahrhaftig zurück— fort oder wir ſind verloren; aber fürchte Nichts, ich rette Dir den Bruder.“ Und mit der Stärke, die ihr Angſt und Verzweiflung lieh, raffte ſie das unglückliche, jetzt willenloſe Mädchen in ihren Armen empor, und verſchwand mit ihr ſchnell aus dem Wallnußzimmer. Wenige Secunden nur vergingen, und Teufelskäfer ſtand auf's Neue neben ſeinem Opfer. „Komm Alterchen!“ rief er jetzt, den Körper Byrne⸗ woods wie einen Sack über ſeine eigene Schulter werfend— „komm— wir zwei Beide haben ein kleines Geſchäft mit einander abzumachen— unter drei Augen, heißt das, wo wir keine Zeugen dazu gebrauchen— komm Alterchen.“ Mit ſeiner Laſt, wenn es für ihn auch keine Laſt war, verließ er das Wallnußzimmer und ſtieg die Treppe hinab, vorſichtig dabei mit der rechten Hand die Lampe haltend. Jetzt ſtand er auswendig, an der Thür des Zechſaales, und ein grimmiges Lächeln überflog ſeine dunkelen Züge, als er wenige Secunden dem daraus hervorſchallenden Lärm und Jubel lauſchte. Doch nicht lange hielt er ſich hier auf; vor⸗ ſichtig ſchlich er in dem feuchten Gange der Halle hin und im nächſten Augenblick beſchien das flackernde Licht ſeiner 3* 28 Lampe, die maſſive ſteinerne Treppe, die hinabführte in das Todtengewölbe des Kloſters.. Und tief, tief hinab, über die breiten Stufen, unter feſt ineinandergedrängten Gewölben und Bögen hin, tief, tief hinab zwiſchen den feuchten, triefenden Wänden hindurch, ver⸗ folgte Teufelskäfer ſeine dunkele Bahn, während ſein ein⸗ zelnes Auge in all der Bosheit und Grauſamkeit glühte, welche die Seele dieſes entſetzlichen, mißgeſtalteten Körpers bildete. Nieder— über die breiten granitnen Stufen— nieder. — Der eintönige, dumpfe Schall der Fußtritte, war der ein⸗ zige Laut, der die tiefe Stille unterbrach, und nur einmal, leiſe und kaum hörbar ſtieß das unglückliche Opfer, das ſich in der Gewalt des unverſöhnlichſten Feindes befand, einen ſchwachen, ſchmerzhaften Seufzer aus. Die Treppe lief hier in eine weite, gewölbte Halle, mit glatt gepflaſtertem Fußboden aus; auf einer Seite führte eine maſſive eichene Thüre in das Todtengewölbe, und auf der anderen eine ähnliche in den Weinkeller des alten Gebäudes; dort vorne aber, in jener düſteren, ſchauerlichen Ecke, jetzt dicht, dicht vor des ſchnell dahingleitenden Pfört⸗ ners Füßen, gähnte eine andere, dunkele Schlucht, und hinein in den Bauch der Erde, führten ſchmale ſchlüpfrige Stufen zwiſchen triefenden, mit grünem Schleim überzoge⸗ nen Wänden hin, nieder in die„Grab⸗Höhle des Klo⸗ ſters.“ Ha— der alte Teufelskäfer ſchreckt zurück, und ſtarrt wild und düſter hinab in den gähnenden Raum.“ Hat der Name dieſes Platzes ſchon etwas Fürchterliches für Dich! ſträubt ſich Dir bei dem Gedanken an das, was in jener dunkelen Tiefe ruht, das wildverworrene, ſtruppige Haar empor! ſteigt kein Phantom, ſo bleich und blutig, aus jenen Schatten auf, und ſcheucht Dich zurück in grimmen, verzehrenden Wahnſinn! ſiehſt Du nicht dort die verſtüm⸗ melte Leiche, mit ihrer gebrochenen Kinnlade— mit der blutgeſchwollenen Zunge, und den aus ihren Höhlen treten⸗ den Augen! Hoho! was kehrt Teufelskäfer ſich an die Phantome, die über ſeinen Pfad, oder an ſeiner Seite dahingleiten? Verachtet und verabſcheut von den Menſchen, die er noch nie Brüder nennen durfte, und von denen er, von ſeiner Ge⸗ burt an, als der Abſchaum alles des, was je Gottes Erde betrat, angeſehen wurde; ein wandelnder, ein athmender Fluch dieſer Erde— weshalb ſollte da der alte Teufelskäfer die Geiſterwelt fürchten, die an ſeinem einzelnen, glühenden Auge vorbei tanzte. Hahaha, Teufelskäfer liebt die alten Gewölbe des Klo⸗ ſters— er liebt die Keller und Höhlen, er liebt das Lärmen der Bankettirenden im Zechſaal, und das wilde Jubeln der Verbrecher und Kehlabſchneider in den darunter liegenden Gewölben; er liebt das Mönchsſkelett wie einen Zwillings⸗ bruder, aber die Geiſter, die tollen tanzenden Spukgebilde —õ— — hahaha— die ſind zu gleicher Zeit ſein Entſetzen und ſeine Luſt. Der ermordete Mann, der immer und immer wieder mit der gebrochenen Kinnlade an ſeiner Seite liegt, und die erſchlagene Frau mit dem zuckenden Körper und dem vorquellenden Hirn, hahaha— die Beiden fingen an, mit zu Teufelkäfers Familie zu gehören; er ſchrak zurück, wenn ſie kamen, aber er hatte ſie gern, der fidele alte Bur⸗ ſche— er hatte ſie gern, und würde ſie bald um Alles in der Welt nicht entbehrt haben wollen. Aber die Grab⸗Höhle— die Grab⸗Höhle— er ſchau⸗ dert zuſammen, als er den Blick in die dunkele Tiefe wirft — er ſchaudert zurück und erbleicht. Den Geiſt des ermorde⸗ ten Mannes kann er, ja hat er Jahre lang ertragen, doch Schritt für Schritt hinunter zu gehen in die unterſte Höhle des Peſt⸗Hauſes— in der tiefſten Gruft des Kloſters zu ſtehen, ſeit langen, langen Jahren das erſte Mal wieder, und den nackten Schädel, die modernden Knochen des Er⸗ ſchlagenen zu ſchauen, das war eine ſchwere, ſchwere Auf⸗ gabe, ſelbſt für Teufelskäfers ſtarke Nerven, und für ſein ſonſt vor Nichts zurückbebendes Herz. Aber nieder, nieder in die Höhle ſteigt er, nieder mit dem neuen Opfer auf ſeinen Schultern, und die Lampe feſt und krampfhaft gefaßt in den Krallenfingern;— hinunter, hinunter, bis die dumpfe Verweſungsluft ſich verdichtet und den flammenden Docht zu erſticken droht, hinunter in die Grabes⸗Höhle— noch nie von einem Strahle des freund⸗ lichen Himmelslichts erleuchtet, und geſchwängert mit den peſtilentialiſchen Dünſten verweſender und verweſter Leichen, wo nur Wurm und Ratte ihr ekelhaftes Mahl hielten, und dunkele, rabenſchwarze Nacht liebend und feſt ihre Fittiche darüber breitete. „Hohoho,“ kicherte Teufelskäfer, als er auf der hier niederführenden, oberſten Granitſtufe, mit weit ausgeſtreck⸗ tem, die Leuchte haltendem Arme ſtand—„hohoho— hier iſt Stickluft und Dunkelheit und Modergeruch, Alles gratis zu genießen— Kinder unter zehn Jahren die Hälfte. Der Burſche da, den ich noch auf der Schulter trage, rührt und regt ſich nicht— möchte wiſſen, ob er eine Ahnung von dem hat, was wir Beiden da unten Komiſches miteinander vornehmen wollen.— Lebendig begraben— verdammt neu⸗ gierig wie das thut.“ Mit dieſen Worten betrat Teufelskäfer die Stufen, und das dumpfe Echo ſeiner Schritte ſchallte hohl und unheimlich von dem feuchten Gewölbe wieder, als er tiefer und tiefer mit dem nur noch matt und unſicher glimmenden Licht hin⸗ abſtieg in die Schauerſchlucht. Ein oder zwei Mal, als der Wind mit klagendem Ge⸗ heul die enge Treppe niederrauſchte, ſchrak er unwillkürlich zurück, und lauſchte aufmerkſam und geſpannt, ja faſt er⸗ ſtaunt, den wunderlich fremdartigen Tönen, drehte ſich auch wohl um, dem Feind, den er nicht ſehen konnte, feſt und unerſchrocken entgegen zu treten; der Unglückliche in ſeinen 32 Armen gab aber in dieſem Augenblick das erſte Lebenszeichen von ſich, und verſuchte ſich auszuſtrecken. Damit beſchäftigt, ihn auf ſeiner Schulter zu halten, kicherte Teufelskäfer ſtill in ſich hinein, als er den Wind immer noch pfeifen und äch⸗ zen hörte, und verfolgte ingrimmig lächelnd ſeinen Weg. Hinab— hinab— hinab!— aber halt— war nicht der ſchwache Laut hinter ihm, wie ein leiſer Schritt auf den Stufen? Teufelskäfer verzog grinſend ſein Antlitz, als ihm der Gedanke durch das Hirn ſchoß. Hinab— hinab— hinab— die alte Wölbung nimmt ein rothes, blutiges Licht an, als die qualmende Lampe da⸗ runter hinweggleitet; die daran hängenden Tropfen glän⸗ zen, funkeln und glittern in ihrem Strahl, wie Diamanten im Flußſand.— Halt!— war jener leiſe, leiſe Klang nicht wie das Rauſchen eines Kleides weit oben auf den Stufen, über ihm! ſich halbwendend ſtarrte Teufelskäfer zurück— die Treppe hinauf, aber dichte Finſterniß umgab ihn wie mit einem weiten Trauertuch, und ſein ſcharfes Auge konnte Nichts als Nacht und Schweigen erkennen. Als Teufelskäfer ſich wandte, rückte er ſich den Körper auf ſeiner Schulter etwas rauh und derb zurecht, was dem Opfer einen tiefen Klagelaut des Schmerzes entlockte. „Oſtöhne— kleine Kinder ſtöhnen,“ brummte der Pfört⸗ ner— das hilft Dir aber gar Nichts— nicht die kleinſte Kleinigkeit.— Siehſt Du,“ philoſophirte er mit ſeinem 4 4 33 Opfer—„das Opium hat Dich ein Bischen auf den Hund gebracht— wie wir im Kloſter ſagen, und da die Sicherheit dieſer Gemeinde in Gefahr iſt, ſo ſehen wir uns genöthigt, Dir auf eine freundliche Art Gelegenheit zu geben, einige alte Bekanntſchaften zu erneuen— Was hilft das Stöhnen alſo?“ „Hallo— war das nicht ein Schritt? Peſt— ich werde wahrhaftig nervös, wie die alten Frauen ſagen; doch da iſt die Thür, die große Thür, die in dieß The— a-—ter hier führt.“ Er ſtand an der ſchweren, maſſiven, ſtark mit Eiſen be⸗ ſchlagenen Pforte. Zeit und Roſt hatten das Schloß zerſtört und das Holzwerk war, zwiſchen den einzelnen eiſernen Bändern, zerfault und bröcklich geworden. Teufelskäfer preßte ſeinen Fuß dagegen, und mit dumpfen Fall, deſſen Echo hohl und ſchaurig aufwärts dröhnte, ſtürzte ſie zurück und zu Boden. Im nächſten Augenblick über den harten Thonboden hinwegſchreitend, ſtand er in der Grabhöhle des Klo⸗ ſters. Es war ein entſetzlich wüſter Ort, voll dunkeler Pfeiler und halbvermoderter Querbalken, und gerade da, wo die Treppe hinabführte und Teufelskäfer ſich befand, ſchien die Mitte der Höhle, ſo daß von hier aus der ganze Charakter derſelben am Beſten hätte überſehen werden können, wäre nicht das Licht der Lampe durch die ſchwere Stickluft faſt erdrückt 34 worden, ſo daß nur in ungewiſſen Schatten die Nachbarwände grau und formlos emporſtiegen. Der Boden der Höhle ſelbſt, war mit allerlei altem Gerumpel, mit zerbrochenen Flaſchen und zertrümmerten Stücken Hausgeräthes wie beſäet, das größtentheils am Fuße der dicken Pfeiler aufgeſchichtet lag, und Kunde gab von den Gelagen, die in alten, alten Zeiten ſeine Bewohner gehalten. Mancher würde mit ſchauderndem Blick alle dieſe un⸗ heimlichen, dunkele Schatten werfenden Gegenſtände über⸗ ſchaut haben, Teufelskäfer aber war viel zu ſehr Philoſoph, um ſich an derlei Spukgebilde zu kehren. Er behandelte dieſe Sachen als ganz natürliche und hierher und nirgend anders hin gehörende Gegenſtände, und mit dem hochgehal⸗ tenen Lichte in der Hand, den Körper noch immer auf der Schulter haltend, ſuchte er ſich ſeinen Weg zwiſchen dem wild umhergeſtreuten Schutt. Kaum zehn Schritt mochte er jedoch vorwärts gethan haben, als ein ſchwirrender, pfeifender Laut die Stille un⸗ terbrach, und dann das Trampeln tauſend kleiner, leichter Füße auf dem weichen Grunde der Höhle gehört ward. Im nächſten Moment drängte ſich eine dunkele, unzählbare Schaar von Ratten quer über des Pförtners Pfad, und war im nächſten Augenblick auch mit demſelben Schwirren ver⸗ ſchwunden. Dann aber— vorkriechend in das von der Lampe ausgehende Licht, unter dem Gerumpel und hinter den Pfeilern vor, glitt Gewürme allerlei Art; faule, dick⸗ bäuchiche Kröten mit ihren feuchten, bunten Farben, wie glänzende Schlangen, die ſich züngelnd gegen die Störer ihres Jahre lang nicht geſtörten Friedens emporrichteten, oder in unheimlich ſchnellen Wendungen an den modernden Eichenbalken hingen. Dunkelgraue Gewebe waren von Pfei⸗ ler zu Pfeiler geſpannt, und große, giftige Spinnen ſaßen lauernd in den Ecken, und ballten ſich ingrimmig zuſammen, als der Lichtſtrahl dämmernd zu ihnen hinüberleuchtete. Teufelskäfer blieb inmitten eines etwas offenen Fleckes ſtehen, den ihm gegenüber ein aufgeworfener Erdhaufen be⸗ grenzte, und dadurch den übrigen Theil des Bodens ſeinem Blicke entzog. An beiden Seiten lagen hoch aufgethürmte Haufen alten Gerümpels, und der ſeit Jahren hier geſam⸗ melte Staub und Moder, deckte knöcheltief den ſchauer⸗ lichen Platz. Als Teufelskäfer den Körper ſeines Opfers auf den harten Thon neben die Lampe niederlegte, war es ihm wie⸗ der, als ob er ein leiſes Rauſchen höre, und ſchnell und ängſtlich fuhr er empor. „Hu!“ rief er, wie von einem plötzlichen, unheimlichen Gedanken ergriffen;—„ich möchte doch wiſſen, wo ſein Leichnam liegt; dieſer Platz muß ſich gerade unter den öſtli⸗ chen Fallthüren befinden— laß mich einmal ſehen,“ fuhr er! die Lampe über den Kopf emporhaltend, fort;„ja— ja— hier iſt der Bogen, mit der eiſernen Klappe in der Wölbung, die oben in das Todtengewölbe führt— ver⸗ 36 dammte Höhe das. Hier herum muß er etwa hergefallen ſein“— und er ſtampfte ſeinen Fuß heftig auf den feuchten Boden.. „Hm— ſonderbar— das iſt doch curios,“ fuhr er dann, ſich nach allen Seiten umdrehend, leiſe murmelnd fort;„wirklich ſehr kurios das; ſeit ſechs langen Jahren hat der Burſche hier, an meiner linken Seite, mit der Kinn⸗ lade zerbrochen und mit der Zunge heraus, gelegen, und jetzt— jetzt— jetzt kann ich ihn nirgends— nirgends ſe⸗ hen. Sehr kurios das. Hol's der Henker, ich habe den Spaten vergeſſen.“ Er blickte mit einem ſpöttiſchen Grinſen nach der re⸗ gungsloſen Geſtalt des jungen Byrnewood hinüber. „Hohoho— werden Sie mir nur nicht ungeduldig, junger Mann,“ höhnte er dieſen dann, ſich nach ihm um⸗ wendend als er der Thüre wieder zuſchritt;„ich muß noch einmal hinauf gehen und einen Spaten holen, bin aber. gleich wieder zurück— ich gebe Ihnen mein Wort darauf — ich bin gleich wieder zurück.“ Er verſchwand in der Dunkelheit, ſtand aber gleich darauf wieder neben ſeinem Opfer, und hielt einen alten, roſtigen Spaten in der Hand. „Ein Bischen altmodiſch, der hier,“ murmelte er dabei vor ſich hin;—„hatte auch ganz darauf vergeſſen daß er hier unten war, habe ihn aber damals ſelber mit herunter⸗ gebracht, als wir— s'iſt nun ſchon eine Reihe von Jahren 37 her, das Mädchen begruben, was, wie man wohl ſagen könnte, ein wenig plötzlich ſtarb. Er muß ſeit der ganzen Zeit dort an dem Pfeiler gelehnt haben. Ein Bischen roſtig — wird's aber wohl thun.“ Während Byrnewood nun, leichenähnlich und ſtill, un⸗ bewußt deſſen, was um ihn her vorging, auf dem Boden der Höhle lag, ging Teufelskäfer allen Ernſtes daran, das Grab für den Lebenden zu graben, und leiſe und heimlich kichernd und murmelnd, während er ſtillvergnügt und ſcheinbar in der beſten Laune von der Welt— ſeine Arbeit beeilte, hielt er endlich einen Augenblick ein, lehnte ſich auf den alten Griff des Spatens, und ſagte, mit ſich ſelber redend: „Ich habe ſchon meiner Zeit einen Mann draußen auf Buſchhill gehangen— ich habe Einen mit der Falle und Einen mit, hihihi, mit den Händen umgebracht, und bei einer ganzen Menge Anderer mit geholfen— ich habe Viele begraben, und oft Leichen für die Doktors geſtohlen, aber — lebendig habe ich doch noch Keinen eingeſcharrt— das iſt wahr— heißt das ohne damit etwas Beleidigendes gegen Sie ſagen zu wollen, Sir, die Sie da ſo geduldig liegen und zuhören, o bewahre. Doch ich muß arbeiten, der zähe Thon wirft ſich nicht allein heraus, ſo viel merk' ich— ah,“ ſagte er plötzlich, auf Byrnewood hinſtarrend;„ah — Sie fangen an Ihre Lage ein Wenig zu begreifen, wie!“ Ein leiſes Zittern ließ ſich auf den Lippen und an den Gliedern des Unglücklichen erkennen; ſeine ausgeſtreckten 38 Hände verſuchten ſchwach und machtlos den harten Thon zu greifen, und es war augenſcheinlich, daß er eine Bewe⸗ gung machte, als ob er ſich aufrichten wolle. „Der Thon hier gräbt ſich verdammt ſchwer,“ fuhr Teufelskäfer ruhig in ſeinem Selbſtgeſpräch fort;„oh— Sie möchten aufſtehn! nicht wahr! ja das glaub' ich, wenn ich mich in einer eben ſolchen Lage befände, möcht' es mir gerade ſo gehen. Was halten Sie übrigens von Gräberaus⸗ werfen im Allgemeinen?— ſehr niedrige Beſchäftigung das.“ Die harten Klumpen zu beiden Seiten hinausſchleu⸗ dernd, ſtarrte der Pförtner mit ſeinem gewöhnlichen, teuf⸗ liſchen Grinſen auf die bleichen Züge Byrnewoods, der nach der augenblicklichen, krampfhaften Anſtrengung wieder in die vorige Bewußtloſigkeit zurückgeſunken ſchien. Teufelskäfer fuhr in ſeiner Arbeit fort, und den Spaten mit allem Fleiß und gutem Willen führend, ſtand er bald bis zu den Knieen in der Gruft, während ſich das auf ewor⸗ fene Erdreich an beiden Seiten höher und höher thürmte. Jetzt dabei irgend ein gemeines Straßenlied mit ſeiner hei⸗ ſeren Rabenſtimme ſummend, nun innig vergnügt mit ſich ſelber plaudernd, dann wieder das hohle Echo der Gewölbe durch ein grelles, durchdringendes Pfeifen erweckend, fuhr er luſtig und regſam in ſeinem Geſchäft fort, und warf nur von Zeit zu Zeit vergnügte und ſelbſtzufriedene Blicke nach dem Opfer hinüber, als ob er ſich auf die baldige Erfül⸗ lung eines Capital⸗-Spaßes ausnehmend freue, und es „ 39 kaum erwarten könne. Bald ſtand er bis zum Gürtel in dem neuen Grabe. „Hallo!— was konnte das ſein! war mir's doch bei⸗ nahe, als ob ich hinter dem alten Pfeiler etwas athmen wörte— oder waren Sie das! nun warten Sie nur noch einen Augenblick— ich bin gleich fertig— ich thue ja mein Möglichſtes. Es iſt faſt unglaublich, wie ungeduldig der Menſch ſſt.“ Auf's Neue begann er ſeine Arbeit, wie er aber ſo halb gebeugt in dem Grabe ſtand, zuckte wieder, und zwar ſtär⸗ ker und heftiger als vorher, ein Zittern und Beben durch den ausgeſtreckten Körper des jungen Byrnewood; dann ballte ſich ſeine Hand krampfhaft gegen den feuchten Boden, und im nächſten Augenblick, während ſich ſeine Bruſt in vollen, unregelmäßigen Athemzügen hob, richtete er ſich zu einer ſitzenden Stellung auf, und ſtarrte mit wildem, er⸗ ſtauntem Blick in dem Gewölbe umher. Teufelskäfer raſtete in ſeiner Arbeit, gewahrte ſein Opfer, und brach in ein wildes, ſchallendes, mehr hyänen⸗ artiges als menſchliches Gelächter aus. Hohoho— hurrah! alſo fangen Sie an Lunte zu rie⸗ chen! merken Sie, in welcher höchſt intereſſanten Sittiwa⸗ tion Sie ſich befinden! eh? Nun das gehört ſich auch, daß Sie erfahren, was man mit Ihnen vornimmt— iſt nicht mehr als billig, beſonders wenn Sie ſich nicht weiter helfen können. Wie er nun da ſitzt, und um ſich her ſtarrt, als ob 40 er den Platz kaufen wollte.— Mit Pflaſterſteinen will ich zu Tode geworfen werden, wenn das nicht ein ſehr intereſ⸗ ſanter Anblick iſt.“ Den Spaten niederlegend, ſtieg er zu Byrnewood hinauf, und der Arme ſchauderte zuſammen, als ſich ſein Henker nahte. „Hoffe daß Sie es nicht übel nehmen, wenn wir keine Gebete beim Begräbniß haben,“ grinſte er, während ſich ſeine Züge zu einem breiten, höhniſchen Lächeln verzogen; „ja ja, junger Mann, Sie mögen ſich ſchütteln, aber in das Grab müſſen Sie hinein, und das lebend und ſtram⸗ pelnd, bei Gott!“ Teufelskäfer ſchwor bei dem Namen des Allmächtigen, und das bewies ſich ſtets als ein Zeichen ſeiner höchſten, ent⸗ ſetzlichſten Aufregung. Sein einzelnes Auge erglühte von dem Licht tückiſcher Grauſamkeit, die ſeine Seele war, und mit den krallenartigen Fingern das Opfer bei den Schultern ergreifend, ſchleppte er dieſes langſam dem Grabe zu. Byrnewoods Lippen öffneten ſich, er verſuchte zu ſpre⸗ chen— aber umſonſt— ein unverſtändlicher, unartikulirter Laut, wie aus der Bruſt eines Stummen, war Alles, was hörbar ward. Teufelskäfer ſchleifte ihn zum Grab, und ſchon hingen ſeine Füße hinab in die Gruft; es bedurfte nur noch eines Stoßes, ihn hineinzuſchleudern, als ein tiefes, hohles Stöh⸗ 41 nen ſchauerlich durch die Höhle ſchallte. Der Pförtner ſprang empor, als ob ihn ein Dolchſtoß getroffen hätte. „Da iſt er!“ rief er, Byrnewood niederſinken laſſend, auf den Boden—„da iſt er— der Andere, der mich jetzt ſechs lange Jahre verfolgt hat. Er ſtöhnt immer, wenn mir irgend etwas Böſes begegnen ſoll— da iſt er.— Ha! dort ſeh ich ihn auch— mit der zerbrochenen Kinnlade, mit der heraushängenden Zunge und— hohoho— da iſt die Alte auch, mit dem Blut, das ihr langſam, langſam aus dem Schädel quillt— hu— wie dick und ſchwarz es iſt.“ Ueber das Grab ſpringend, während ſein Auge vor ent⸗ ſetzlicher Aufregung glühte, zog er ſich, Schritt vor Schritt und langſam, nach dem etwas höher liegenden Theil der Höhle zurück. Die Geiſter der Ermordeten ſtiegen in all ihrem Grauſen und ihrer Fürchterlichkeit vor ihm auf. Während er noch ſo zurücktrat, traf ein anderes, tiefe⸗ res Stöhnen ſein Ohr, und mit den Füßen in irgend einem Gegenſtand hängen bleibend, der durch jahrelangen Staub und Moder hier bedeckt lag, ſtürzte Teufelskäfer vorn über. Schnell richtete er ſich wieder auf die Kniee, und wollte ſchon emporſpringen, als ein faſt übernatürlicher Schrei der Angſt ſeinen Lippen entfuhr. Im Fall hatte er die leichte Decke von Staub und Verweſung bei Seite geſchoben, und vor ihm lag der Gegenſtand, über den und auf den er ge⸗ ſtürzt. E ſchauriges Skelett mit auseinanderfallenden Ge⸗ . 4 42 beinen— der braune Schädel mit den leeren Augenhöhlen und fletſchenden Zähnen. Mit einem teufliſchen Weheſchrei ſprang er empor. „Das iſt er— das iſt er— das iſt der Mann, den ich durch die Falle geſtürzt habe— hier hat er ſechs lange Jahre gelegen, und jetzt will er mich ermorden.— Hu— er be⸗ wegt die Knochenfinger, als ob er mich bei der Kehle faſſen wollte; er grinſt mir ins Geſicht— hu— was für ein häß⸗ licher Leichnam. Aber er ſteht auf— ſeine Knochen raſſeln gegeneinander an— aus ſeiner gebrochenen Kinnlade läuft Blut. Zurück Du Teufel— rühre mich nicht an— zurück — ſag' ich— zurück! Ach— Das Gerippe hatte all die ſchrecklichen, fürchterlichen Bilder ſeiner Einbildungskraft zu neuem Leben aufgerufen; mit gegen das Licht gewandtem Antlitz und abwehrend vor⸗ gehaltenen Händen ſprang Teufelskäfer rückwärts, den Phantomen zu entgehen, und während der Schrei aus ſeiner tiefſten Bruſt das todte Echo der Höhle erweckte, trat er mit dem einen Fuß in die Gruft, und ſtürzte im nächſten Augen⸗ blick in daſſelbe Grab hinab, das er für einen Anderen ge⸗ graben. Kaum war er aber verſchwunden, als die Geſtalt eines Mannes hinter der einen und die einer Frau hinter der an⸗ deren Seite des nächſten Pfeilers vorſprang. „Schnell, Beß, ſchnell,“ ſchrie der Mann, den Spaten ergreifend,—„das Gegengift— ſchnell, oder Alles iſt ver⸗ 43 loren— flöße es Byrnewood ein, indeß ich dieſes Scheuſal im Grabe halte.“ 3 Luhk Harvey, deſſen kalte Schlangenaugen vor innerer Aufregung glühten und funkelten, ſtand, zu ſeiner vollen Höhe aufgerichtet, neben dem Grabe, während die lang⸗ lockige Betty, mit hochgerötheten Wangen und klopfendem Herzen ſich zu dem unglücklichen Opfer niederbeugte, und ein kleines Fläſchchen an ſeine Lippen hielt. „Hallo da— wart Ihr es, der ſo ſtöhnte!“ rief Teu⸗ felskäfer ergrimmt, während er ſein ſcheußliches Angeſicht über den Rand des Grabes erhob.„Was zum Henker ſollen⸗ derlei Narrenspoſſen überhaupt heißen?“ „Du hölliſches Ungeheuer!“ ſchrie Luhk Harvey mit einem kräftigen Fluch;—„mache nur einen einzigen Verſuch dieſer Gruft zu entſteigen, und ich ſchmettere Dir den Schä⸗ del mit dieſem Spaten von einander. Schnell Beß— das Gegengift— gieb es ihm ein, und führe ihn aus dem Keller, während ich dieſen Teufel hier im Schach halte.“ 4„Gott dem Allmächtigen ſei Dank!“ jauchzte Beß;„er erholt ſich— das Mittel wirkt; nur noch kurze Zeit halte jenen Fürchterlichen entfernt Luhk, und wir können mit ihm entfliehen.“ „Wollt Ihr! ſo! wirklich?“ rief Teufelskäfer in höchſter Wuth, während er mit ſeinen Krallenfingern den Rand des Grahes erfaßte;— dann wartet nur ſo lange, bis ich hier heraus bin; bitte, thut mir den Gefallen.“ 4* 44 Sein Auge glühte in teufliſchem Grimm, als er ſich halb emporſchwang und die Kniee gegen den Rand der Gruft ſtemmte. „Zurück Teufel! Du haſt das Grab gemacht, und Du ſollſt darin liegen,“ ſchrie Luhk, während er den Spaten in voller Wuth emporhob, und mit aller Gewalt auf des Pfört⸗ ners Schädel niederſchmetterte.„Zurück Teufel! dießmal haſt Du Deinen Stärkeren gefunden.“ Durch den Schlag betäubt, ſtürzte Teufelskäfer in das Grab zurück, und als ſich Luhk umwandte, ſah er Byrne⸗ wood zwar aufrecht, aber noch von Betty, auf deren Schul⸗ ter er ſich lehnte, unterſtützt. „Führ' ihn aus der Gruft, Beſſie,“ rief Luhk;„dieſer Teufel muß ſich bald von dem Schlag erholen, Byrnewood könnte ſonſt auf's Neue in ſeine Hände fallen.“ „Das Gegengift ſcheint ſeinen Körper— aber nicht ſei⸗ nen Geiſt gerettet zu haben,“ ſagte Betty, mit ängſtlichem Blicke den todten, unbewußten Glanz von des Unglücklichen Augen beobachtend;„aber kommt— kommt, wir müſſen hinweg von hier. Großer Gott,“ fuhr ſie dann ſchaudernd fort —„in dieſe Gruft ſtürzte Paul Weſtern; dort modern ſeine Gebeine, und hier— hier wandert lebend— ſeine Mörderin.“ Luhk ſtand, mit dem Spaten in der Hand, neben dem Grabe, und ſchaute den, im Dunkel verſchwindenden Ge⸗ ſtalten nach.. Aus ſeiner Zimmerthüre, in ſeinen gewöhnlichen Klei⸗ 45 dern tretend, hatte ihn Beß entdeckt, und ihm zugerufen, daß Byrnewood Arlington in Gefahr ſei— daß ihn Teufels⸗ käfer eben in die Grabhöhle des Kloſters hinabgetragen habe, und daß keine Zeit zu verlieren ſei, wenn er noch gerettet werden ſolle. Dem Pförtner nacheilend, holten ſie ihn noch ein, als er die untere, ſteile Treppe mit ſeiner Laſt hinab⸗ ſtieg, folgten ihm, verbargen ſich hinter einem Pfeiler, und Luhk ſtöhnte dann, ſehr zur rechten Zeit, um den wohlbe⸗ kannten Aberglauben des Pförtners zu erwecken, und durch Furcht das zu erlangen, was ſie dem Starken gegenüber, nie durch offene Gewalt erreicht hätten. Ein tiefes Aechzen tönte aus dem Grabe heraus. „Oh— Du biſt noch da! biſt Du?“ rief Luhk in neu erwachendem Zorn und Unwillen;„wie wär's, wenn ich jetzt Dein eignes Spiel mit Dir ſpielte! wie ſollt' es Dir zum Beiſpiel gefallen, lebendig begraben zu werden?“ Wie im Hohn ſtach er ein paar Spaten lockerer Erde los, und warf ſie hinunter auf den Pförtner; ein anderes Aechzen tönte daraus hervor, und Luhk machte jetzt aus dem Scherz Ernſt, indem er einen Spaten voll nach dem anderen hinabrollen ließ. „O ja— ſtöhne nur immer zu— das thut Dir gut,“ rief Luhk, ſich ſeiner neuen, entſetzlichen Arbeit mit allem Eifer widmend.„Ein ältlicher Herr, wie Du einer biſt, der ſeine müßige Zeit anwendet, andere Leute lebendig zu begraben, ſollte auf ſolche kleinen Zufälligkeiten immer 46 vorbereitet ſein. Wie ſteht's mit Thon, Teufelskäfer! noch genug in Vorrath?“ Indem er ſprach, arbeitete der Spaten rüſtig fort, und ſein Geſicht röthete ſich mit der Aufregung. Die Strahlen der Lampe fielen dabei auf ſeine ſchlanke Geſtalt und auf die nächſten Umgebungen des Grabes, während im Hintergrund Alles in tiefe, undurchdringliche Nacht gehüllt blieb. Als Luhk aber ſo dicht an der düſtern Gruft ſtand, und aus Leibeskräften die harten Schollen hinunterwarf, ſtah⸗ len ſich leiſe und vorſichtig zwei krallenartige Fäuſte aus der⸗ ſelben heraus, und fühlten forſchend am Rande herum. Luhk ſah dieſe Hände nicht, die ſich dicht neben ſeinen Füßen bewegten, ſondern ganz vertieft in ſein Rachewerk, hatte er nur Sinne und Augen für dieſes. „Hahaha,“ lachte er, als ſeine dunkelen Blicke glühten und blitzten;“ Teufelskäfer dachte wahrlich nicht an das, als er dieß Loch auswarf. Er war vorher an der Reihe— jetzt bin ich daran, und— „Nun ich wieder!“ ſchrie eine heiſere Stimme, und Teufelskäfers Antlitz, ganz von Blut überſtrömt, erſchien über dem Grab.“ „Hohoho!“ ſchrie er, als er mit eiſerner Fauſt Luhks Knöchel ergriff, und ihn, mit Anſtrengung aller ſeiner Kräfte zu Boden warf. Im nächſten Augenblick ſtand er oben, über. ihn hingebeugt, und die ſchwere Fauſt erhebend und mit 47 Blitzesſchnelle auf den Schädel des Ueberraſchten nieder⸗ ſchmetternd, rief er: „Da! nimm das, Du Schuft, und laß in Zukunft ehrliche Leute zufrieden.“ Luhk ſah den Schlag niederfahren, und verſuchte ihn abzuwehren, aber vergeblich; die harten Knöchel des Ge⸗ reizten trafen ihn unwiderſtehlich gerade über den rechten Schlaf, und wie durch das Herz geſchoſſen, zuckte er zu⸗ ſammen, und lag leblos neben dem Grabe. „Jetzt den Ring!“ jubelte Teufelskäfer, Luhks rechte Hand zum Lichte haltend;—„aha— hier iſt er am dritten Finger, und noch dazu ein recht hübſcher Ring. So! alſo er wollte ſich von dem Ring nur mit ſeinem Leben trennen? nicht übel, junger Mann— Teufelskäfer iſt gern gefällig— der Wunſch kann Ihnen erfüllt, und Sie Ring und Leben auf ein Mal loswerden.“ Sich über die lebloſe Geſtalt des Gefällten niederbeu⸗ gend, erfaßte er nun Luhks Kehle mit ſeinem eiſernen Griff, und kicherte: „Ich möchte jetzt nicht viel für Deine Augen geben, Alterchen— Jemine, wie ſie aus ihren Höhlen herauskom⸗ men;“— und mit teufliſchem Grinſen preßte er die Gurgel des Unglücklichen feſter und feſter zuſammen, bis dieſes Ge⸗ ſicht dunkelblau wurde, ſeine Augenlider ſich langſam öffne⸗ ten, und die glanzloſen Blicke grauſenerregend erſtarrten. Da ſchallte ein tiefer, dröhnender Laut, wie ferner 48 Donner, durch die Gruft; Teufelskäfer ließ im Nu ſei⸗ nen Halt fahren, und ſprang auf die Füße; mit Blitzes⸗ ſchnelle ergriff er die Lampe, und ſtürzte der Treppe zu. Hier hob er mit ſeiner faſt übermenſchlichen Kraft die ſchwere Thür wieder empor, und lehnte ſich gegen die Pfoſten. Ehe er aber die Stufen hinaufeilte, blickte er noch einmal mit höhniſchem Lächeln in die Gruft zurück, und jauchzte: „Dort liegt er neben dem Grab— hahaha— und ich habe den Ring. Neben der Gruft liegt er, und dort muß er faulen, bis ihm die Kleider ſtückenweis von den modernden Gliedern herunterfallen. Hohoho! die Würmer werden jetzt wohl nicht allerlei wunderliche Zuſammenkünfte in ſeinen Augen halten! o bewahre— o nein.— Sie werden wohl nicht das Fleiſch von dem Schädel und die bleichen Lippen abnagen, bis die Zähne ſelbſt vor lauter grimmiger Luſt grinſen und fletſchen? o Gott bewahre— es denkt gar Kei⸗ ner daran. Ha— da ſchallt die alte Glocke wieder; ich muß nach meinem würdigen Freund, dem Paſtor Pyne, ſehen.“ Das teufliſche Lächeln, was bis jetzt ſeinen Zügen etwas ſo entſetzlich Dämoniſches verliehen hatte, wich auf einmal wieder anderen, kaum weniger heftigen Gefühlen. Rache lag in dem Blick, mit dem er dem verhallenden Glockenlaut horchte— Rache— und unter dieſer kämpften ſanftere, längſt begrabene, aber noch immer nicht vergeſſene Empfindungen 49 — Liebe— und die Erinnerung weniger, glücklich verlebter Monde. Das Herz des Ungeheuers wurde ein Chaos, wo über ein wildes Gewirr von Nacht und Schrecken, ein einzelner, mildernder Lichtſtrahl fiel, und eine engelſchöne, holde Ge⸗ ſtalt aus dieſem Meere von Sünde und Verbrechen auf⸗ tauchte, die ihre Hände halb flehend, halb ſegnend gegen ihn ausſtreckte. „Ellen,“ murmelte er zwiſchen ſeinen feſt zuſammen⸗ gebiſſenen Zähnen durch;—„Ellen, es iſt verdammt lange, ſeit ich Dein Geſicht geſehen habe“— er hielt plöͤtzlich ein, während ihm ein Sturm alter Erinnerungen das Hirn durchzuckte. „Ich weiß noch Nichts davon— iſt es aber— iſt es aber, ſag' ich, dann ſoll er Zoll für Zoll ſterben, oder es lebt Niemand, der Teufelskäfer heißt— ſo viel weiß ich.“ Er floh die Treppe hinauf, und neben dem Grabe lag der lebloſe Körper des unglücklichen Luhk— während die Ratten, die bald ihr Mahl an ſeinem Fleiſche halten ſollten, hervorſchlichen aus ihren Höhlen, und ihr neues Opfer be⸗ ſchnüffelten und berochen, den gierigen Zahn aber noch nicht anzulegen wagten, weil die Glieder noch nicht erkaltet wa⸗ ren, und ſie die menſchliche Ausdünſtung und Wärme fürch⸗ teten. Neben dem Grab lag aber auch das zerfallene Gerippe des ermordeten Mannes, in Nacht und Grauſen, wie es viele lange Jahre gelegen hatte, und dichte Finſterniß 50 und faſt erſtickender Moderduft deckte mit dunkelem Mantel die Schreckniſſe dieſes Platzes. Indeſſen führte und leitete die langlockige Betty den immer noch halb bewußtloſen Byrnewood die ſteile Treppe hinauf. „Er weiß noch kaum, was um ihn her vorgeht,“ mur⸗ melte ſie, als die ſchlanke Geſtalt des armen jungen Mannes faſt ganz auf ihrer Schulter ruhte;—„die Treppen ſind dunkel und feucht— ſeine Glieder ſchwach und matt.— Großer Gott— werde ich ihn retten können.“ Schweigend führte ſie ihn aufwärts, bis ſie vor die Thüre der Zechhalle kamen; aber hier ſchienen ihn ſeine Kräfte wirklich zu verlaſſen, das reuige Mädchen jedoch ſchlang ihren Arm feſter um ſeine Hüften, und trug ihn faſt mehr, als ſie ihn führte, die breite Treppe bis in das erſte Stockwerk hinauf. 4 „Die geheime Thür liegt dort,“ flüſterte ſie vor ſich hin, indem ſie ſich dem nördlichen Ende der Halle zuwandte; „die geheime Thür, die durch das Brunnenzimmer des Klo⸗ ſters führt;— folgt er dort der ſteilen Hintertreppe, ſo er⸗ reicht er den unteren Ausgang, das ſchmale Gäßchen, die breite, offene Straße, und iſt gerettet. Ha— ich höre Teufelskäfers Schritte auf den Stufen. „Meine Schweſter, meine Schweſter,“ ſtüſterte Byrne⸗ wood.— Es waren die erſten Worte, die er wieder ſprach —„Ach— ich muß— ich muß von einem fürchterlichen 8* Traum befangen geweſen ſein. Wo bin ich? weſſen Arm hält mich umfaßt— was meint dieſe Dunkelheit?“ „Das Gegengift hat gewirkt!“ jubelte Betty;—„er erholt ſich; aber jetzt fort— fort, Sir,“ rief ſie ängſtlich, ihn zu der geheimen Thüre führend;„dort hinunter, und Ihr erreicht den Hof des Kloſters— die Pforte öffnet ſich leicht von innen; ſchnell, oder Ihr ſeid verloren; ein Augen⸗ blick Zögern kann Euch verderben.“ Byrnewood preßte ſeine Hände convulſiviſch gegen die Stirn, als ob er noch jetzt glaube, von den Nebeln eines entſetzlichen Traumes befangen zu ſein; dann aber ſchien es plötzlich, als ob ein lichter Gedanke, ein Strahl der fürch⸗ terlichen Wahrheit ſein Gehirn durchſchöſſe. „Ha!“ rief er, ſich hoch und faſt kräftig aufrichtend; „ich erinnere mich an Alles— meine Schweſter— das Gift und Du— Du warſt Eine der Schändlichen, denen meine Schweſter zum Opfer fiel. Zurück— berühre mich nicht— Dein Hauch iſt Gift, wie Deine Seele.“ 2 „Fort— fort, oder Du biſt verloren; dort die Treppe führt Dich der Rettung entgegen,“ rief in Todesangſt das Mädchen, während ſie die geheime Thür öffnete, und ihn dagegen drängte.“ „Dieſe Höhle ohne meine Schweſter verlaſſen! nie— ich will—“ „Fort— oder Alles iſt verloren; bei'm ewigen Gott! ich rette Deine Schweſter— aber flieh! flieh!“ „Du willſt ſie retten!“ „So mir Gott einſt gnädig ſei— aber fort, oder Du fällſt auf's Neue in die Hände der Mörder— ha— dort glüht das Licht von unten herauf.— Er naht, und Du und Maria— Ihr ſeid Beide verloren, wenn Du Dich jetzt nicht Dir und ihr erhältſt.“ „Ich gehe!“ rief der junge Mann plötzlich, wie von einem neuen Gedanken durchzuckt— ich gehe— aber wehe dem Verführer— die Stunde ſeiner Strafe naht, und ſein Blut waſche die Schande, waſche das Verbrechen aus. Schnellen, wenn auch immer noch ſchwankenden Schrit⸗ tes, floh er die Treppe hinab, und Betty, als ſie ſich über⸗ zeugt hatte, daß er den Rettungsweg erreichen würde— ſchloß die Thüre wieder, und trat zurück in den Corridor. Da flog in wilden Sätzen die Misgeſtalt des Pförtners, die Lampe in der kralligen Hand, die Treppe herauf, und ſtand im nächſten Augenblick vor dem Mädchen. „Nun, Du weiblicher Teufel,“ ſchrie dieſer ihr mit Unheil verkündendem Blicke entgegentretend;„haſt Du dem Burſchen zur Flucht verholfen!“ „Gott ſei Dank— er iſt frei!“ rief Betty, ihm mit funkelnden Augen und zu ihrer vollen Höhe emporgerich⸗ teten Geſtalt begegnend. Ehe Teufelskäfer aber darauf antworten konnte, krachte ein dumpfes, polterndes Geräuſch aus der Richtung her, die der Flüchtling eingeſchlagen. 53 „Hohoho,“ jubelte die Misgeſtalt, während das ein⸗ zelne Auge in hölliſchem Triumphe funkelte;„hören Sie das, mein Fräulein! der gute junge Mann muß wohl nicht durch das Brunnenzimmer, und dort liegen wohl keine alte, morſche Breter über den Brunnen hin, eh! o bewahre— nicht d'ran zu denken— hohoho— was bedeutet denn das Gepraſſel? o mein Fräulein, dieß Geſchäft macht Ihnen alle Ehre; ſehr zu meiner Zufriedenheit ausgefallen, das Ge⸗ ſchäft— hohoho— ſehr zu meiner Zufriedenheit.“ „Großer Gott— er iſt verloren,“ ſchrie Beß, wäh⸗ rend ihr Geſicht Leichenbläſſe überzog;—„aber trotz Dir — ich will ihn dennoch retten“— und mit ſchnellen Schrit⸗ ten eilte ſie der geheimen Thüre zu. „Se—hr möglich, My Lady,“ lachte Teufelskäfer, indem er ihr grinſend den Weg vertrat;„ſehr möglich— jetzt werden Sie ſich aber in Ihre Gemächer zurückziehen. Von dieſem Augenblick an, betrachten Sie ſich als Gefan- gene, mein Fräulein,“ und dann in ſeinen gewöhnlichen, höhniſchen Spott eingehend, rief er.„Geh zu Hauſe, mein kleines Mädchen— geh zu Hauſe— Deine Mutter hat Kuchen und Kaffee für Dich— ſie ruft Dich, Püppchen— haſt Du ſie noch nicht rufen hören?“ Betty kreuzte trotzig ihre Arme, und wandte ſich der breiten Haustreppe zu. „Nettes Mädchen das,“ kicherte Teufelskäfer der Fort⸗ gehenden nach;—„ſehr nettes Mädchen das— nimmt aber 54 manchmal zu viel Opium in ihren Brandy— und dann iſt der Teufel los. Betty wandte langſam ihren Kopf nach ihm um, und flüſterte, mit feſt aufeinandergebiſſenen Zähnen und Feuer fprühenden Augen einen einzigen Namen, während ſie ihre Blicke feſt auf die des Pförtners gerichtet hielt: „Paul Weſtern.“ „Was meinſt Du damit! heh! Du Höllenweib Du!“ — ſchrie Teufelskäfer, mit drohender Gebehrde auf ſie zu⸗ gehend. „Was ich meine!“ höhnte Beß, ihn mit bitterem Lachen betrachtend;—„ih nun ich meine, daß Dein Maas bald voll iſt— das Blut Paul Weſterns klebt an Deinen Händen, und — ſiehſt Du dort, Teufelskäfer,“ fuhr ſie fort, in die leere Luft hinter ihm deutend— ſiehſt Du nicht das Gerippe ne⸗ ben Dir ſtehen! ſieh! ſieh! die langen Knochenfinger greifen nach Deiner Kehle.“ Teufelskäfer ſah mit einem unwillkürlichen Schauder zurück; als er ſich wieder nach dem Mädchen umwandte, war ſie verſchwunden. „Das Ding iſt ein geborener Teufel,“ murmelte er zitternd;„aber hallo— ich muß doch einmal hinunterſehen, ob der Burſche auch wirklich den Sprung gemacht hat. Er verſchwand durch die geheime Thür, erſchien aber ſehr bald darauf mit der Lampe wieder in der Halle und kicherte: 3 5⁵ „Gerad' ſo gut, als ob ich's ſelber gemacht hätte— die Breter alle zerbrochen und hinuntergefallen— hihihi.— Aber Peſt und Verdammniß, das Mädchen— hab'ich hier meine Zeit mit Unſinn verträumt, während— Mit dumpfen, zwiſchen den Zähnen gemurmelten Wor⸗ ten ſprang er den Gang entlang, und betrat im nächſten Augenblick Dr. Pynes Vorzimmer. Achtes Capitel. Der Segen des Patent⸗Evangeliums. „Iſt es nicht wunderbar mein Kind! iſt es nicht ſehr wunderbar?“ und als er ſo ſprach, balancirte der würdige Doktor in der einen Hand den Theelöffel, während er in der anderen auf einem der weitgeſpreizten Kniee die Kaffeetaſſe hielt, und dabei fortwährend, die ſonderbaren Blicke auf das ſchöne Mädchen geheftet, mit dem Kopfe nickte. „Was iſt wunderbar?“ frug Mabel, als ſie die geleerte Taſſe auf den Tiſch zurückſtellte.— „Wenn man bedenkt,“ fuhr Altamont Pyne, das Spiel mit dem Löffel nicht unterbrechend, und den Blick nur feſter auf die Tochter richtend, fort,„wenn man bedenkt, daß man eine Beere in die Erde ſteckt, und aus dieſer, durch einen geheimnißvollen Proceß der Natur, mit der Zeit eine Taſſe Kaffee wird.“ Der ehrwürdige Mann hob ſeine Augen andächtig gen Himmel, ſenkte ſie aber gleich wieder in väterlicher Liebe auf das Antlitz der Tochter nieder. „Trink' noch ein Täßchen, meine Tochter— trink' noch ein Täßchen,“ ſagte er dann mit ganz beſonderer Salbung —„es wird Dir gut thun, wird Dich ſtärken, wird Dich erquicken,“ und wie von einem eignen, geheimen Gedanken ergötzt, rieb er fröhlich und höchſt ſelbſtzufrieden ſeine Hände zuſammen. „Mir wird ſo ſonderbar zu Muthe, Vater,“ ſagte Mabel jetzt, ſich langſam mit der weißen Hand über die Stirne ſtreichend—„in den Schläfen brennt mir's und meine Augen ſchmerzen. Ach Vater— ſollteſt Du Recht ha⸗ ben? ſollte ich wirklich wahnſinnig werden? Das Zimmer füllt ſich mit fremden Geſtalten, und mir iſt, als ob mich eine unſichtbare Hand einem fürchterlichen Abgrund zu⸗ ſchleppe.“ Ihre dunkelen Augen nahmen wirklich einen eigenthüm⸗ lichen, faſt unheimlichen Glanz an; auf ihren bleichen Wan⸗ gen zeigten ſich einzelne, purpurrothe Flecken; ihre Glieder flogen in krampfhaften Zittern und ihre Hände faltete ſie, wie von einem unbekannten Schmerz beengt, auf dem ängſt⸗ lich klopfenden Herzen zuſammen. „Vater,“ ſchrie ſie—„Vater— ich werde wahrhaftig wahnſinnig— der Boden ſinkt mir unter den Füßen— wüſte Spukgebilde umdrängen mich— Vater— Vater— zu Hülfe!“ III. Sie fiel in den Stuhl zurück, und bedeckte ihr Geſicht mit den Händen. „Dieß iſt der erſte Grad ihres Zuſtandes,“ lächelte mit wohlgefälligem Kopfnicken der würdige Mann vor ſich hin, während ſich ſein rothes, rundes Geſicht mit noch höherer Gluth färbte, und zum erſten Mal die Gefühle zu verrathen ſchien, die in ihm tobten.„Zuerſt fürchtet ſie ſich— dann fällt ſie in einen leiſen Schlummer, und dann— dann—“ Er nahm ihre weiße zarte Hand in die ſeinigen, und legte ſie liebkoſend an ſeine fette Wange.— „Ich bin bei Dir mein Kind!“ flüſterte er dann,„ich bin bei Dir, meine Tochter— habe keine Furcht— Dein Vater verläßt Dich nicht. Schlafe mein herziges Töchter⸗ chen.“ In den Stuhl matt und wollüſtig zurückgeſunken, blickte Mabel, mit halbgeſchloſſenen Augenlidern zu ihrem Vater empor, als ob ſie die Worte nicht verſtanden, und für kurze Zeit ſchienen ihre Kräfte dem genoſſenen Trank erliegen zu wollen, dann aber raffte ſie ſich wieder, wie erſchreckt, em⸗ por. Ihre Augen öffneten ſich weit und entſetzt, als ob ſie etwas Fürchterliches erblickten, mit einer Hand ſtützte fie ſich auf die Lehne des Stuhles, und mit der anderen— zit⸗ ternden, zeigte ſie vor ſich hinaus, in die Leere und rief: „Vater— ſieh! ſieh! dort— gerade an Deiner Schul⸗ ter ſteht das Gerippe— habe Acht— es ſchlägt das Leichen⸗ tuch um Dich her— habe Acht— O Gott, leide es doch 59 nicht, daß er ſeine Knochenfinger ſo ſchmeichelnd an Deine Wangen legt.“ 1 „Huh— das Mädchen macht Einem das Blut in de Adern erſtarren,“ rief der ehrwürdige Dr. Pyne, während er unwillkürlich von ſeinem Stuhl aufſprang und ſich um⸗ ſchaute—„Ah— jetzt fängt es an zu wirken— ſie wird wieder ſchläfrig. Wie ſchön ſie daliegt; das volle liebe Ge⸗ ſicht— ſo bleich und doch ſo wunderlieblich— dieſe Lippen — dieſer Nacken— ah— wahrhaftig ſie ſchläft ein.“ Mabels Kopf ſank leiſe auf ihre Schulter nieder, und ihre Augenlider ſchloſſen ſich. Ihr langes dunkeles Haar floß aufgelöſt über ihre weißen Schultern nieder, ihre Arme ruh⸗ ten matt auf der Stuhllehne und ſie lag ſtill und regungslos. Der ehrwürdige Dr. Pyne ſtand leiſe von ſeinem Stuhle auf, ſchmatzte einige Male ihre halb und roſig geöffneten Lippen, und ſchritt dann ſehr behaglich vor ſich hinlächelnd, mit der Uhr in der Hand, im Zimmer auf und ab. „Dieß iſt der zweite Grad der Arzney,“ murmelte er dabei leiſe und mit dem dicken Kopfe nickend—„der dritte iſt aber der ſchönſte— der herrlichſte. Jene Bläſſe wird einer lieblichen Röthe weichen, und jene Augen, wenn ſie ſich wie⸗ der öffnen, werden in leidenſchaftlichem Feuer glühen. Zehn Minuten bis zwölf— um zwölf iſt das holde Kind in mei⸗ ner Gewalt. Siebenzehnjährige Arbeit und Sorgfalt wird dann bezahlt— Noch zehn Minuten— gut, ich kann in⸗ 3* 60 deſſen an meine nächſte Jahresfeierpredigt denken, die ich am Weihnachtsabend zu halten habe.“ Mabel lag noch immer ſtill und bewußtlos, nur das leiſe, leiſe Wogen des Buſens verrieth, daß ſie lebe. „Ja ja,“ fuhr der ehrwürdige Herr in ſeinem Selbſt⸗ geſpräch fort—„ich könnte die„Anhänger des Evange⸗ liums“ damit erbauen; ich könnte von meiner wunderba⸗ ren Bekehrung, von meiner plötzlichen Beſſerung, von mei⸗ nem glanzvollen Wechſel aus Finſterniß in Licht reden.“— „Ja Brüder und Schweſtern,“ ſagte er, eine Stellung wie auf der Kanzel einnehmend—„vor ſiebenzehn Jahren war ich ein armer, elender Sünder, ſo wenig im Beſitz eines ganzen Rockes, wie des reinen Verſtändniſſes der heiligen Schrift. Jetzt Brüder und Schweſtern ſeht den Wechſel, ſeht den wundervoll göttlichen Wechſel, den das reine Patent⸗ Evangelium in mir hervorgerufen hat—(Ha— Mabel regt ſich— nur noch kurze Zeit und dieſe Augen öffnen ſich mir— mir—) ja Brüder und Schweſtern, vor ſiebenzehn Jahren war ich ein haus⸗ und heimathloſer Vagabund, die Straße am Tag mein Aufenthalt, die Straße in der Nacht mein Bett, und jetzt, geliebte Brüder und Schweſtern, jetzt ruh ich auf weichem Daun, aber ein noch weicheres Ruhe⸗ kiſſen, iſt mein Gewiſſen, Ihr Geliebten— und dieß— Alles dieß, wem verdank' ich es, wem? o Ihr leſt das Ge⸗ fühl, o Ihr leſt das Entzücken in meinen Augen— dem Gott da droben, der— ha— Mabel erwacht.“— Und ſeine hochaufgerichtete, würdevolle Stellung ver⸗ ändernd, näherte er ſich dem halbbewußtloſen Mädchen, deſſen bleiche Wangen jetzt in einem wilden, unnatürlichen Feuer erglühten, deſſen Augen ſich öffneten und erregt und funkelnd umherſchauten, deſſen Buſen ſich ſchneller hob, und deſſen ganze Geſtalt die Leidenſchaft kündete, mit der der ſchändliche Trank ihre Adern durchgoſſen hatte. Die ſinn⸗ liche Natur des Weibes, ſein Zauber zugleich wie ſein Fluch,“ war erregt, und ein athmendes, lebendes Bild der Wolluſt, ſtand ſie hochaufgerichtet vor dem in trunkener Luſt auf ſie Hinſtarrenden. „Komm— küſſe Deinen Vater,“ ſagte Dr. Pyne, dem Mädchen die Arme lächelnd entgegenſtreckend,—„ſo— das iſt ein gutes Kind— küſſe Deinen Vater.“ Mabel ſah ihm mit wildem, aber bewußtloſen Blicke in's Auge; es war klar, daß die thieriſche Natur in ihr er⸗ weckt, der Geiſt aber unterdrückt, wenn nicht gan; zerſtört ſei. Der Blick, den ſie auf den würdigen Paſtor heftete, glühte in ſinnlicher Leidenſchaft— aber es war der Blick einer Wahnſinnigen. „Das Mittel wirkt wunderbar ſchön,“ murmelte der gute Mann ſchmunzelnd vor ſich hin, während ſein volles Geſicht in höherer, leidenſchaftlicherer Röthe ſchwoll und ſeine Augen einen rothen, unheimlichen Schein annahmen. „Komm und küſſe Deinen Papa— Mabel— biſt ein 62 braves, treffliches Kind, mein Töchterchen— wirſt kommen und Deinen Vater küſſen.“— Wie eine Nachtwandlerin ſchritt ſie langſam und mit zitternden Gliedern auf ihn zu; ihr ganzes Weſen verrieth die Aufregung, die ihre Adern durchtobte— ſie ſtreckte ihre Arme aus, und küßte ſeine Lippen— huh— in ekelhaf⸗ tem Zittern begegneten ihrem Roſenmund die ſeinigen— geſchwollen und zuckend— wenn es auch eines Paſtors Lip⸗ pen waren;— aber wiederum preßte ſie die ihrigen darauf, und wieder und wieder. Sie legte ihre weiche Wange an ſein ſchwammiges Geſicht, ſie umſchlang ſeinen Hals mit ihren Armen; er fühlte, wie ihre zarten Finger mit den dünnen Locken ſeines Haares ſpielten, und wilder, unheimlicher er⸗ glühten ſeine Augen, als er feſter und feſter die ſchlanke Ge⸗ ſtalt der Tochter umſchlang. „Das iſt ein gutes, liebes Mädchen,“ flüſterte er mit heiſerer Stimme—„es wird ſich auch auf Vaters Knie ſetzen— nicht wahr mein Püppchen.“ Er zog das ſchöne Mädchen auf ſein Knie nieder und legte ſein Antlitz liebkoſend an ihren Buſen. „Was ein herrliches Ding es doch iſt,“ flüſterte er da⸗ bei leiſe vor ſich hin—„ſo einige mediciniſche Kenntniſſe zu beſitzen, und— gute Rathgeber zu haben— o wie ſüß dieſe Lippen ſchmecken, und welch ein trefflicher, ganz vorzüg⸗ licher Trank das ſein muß.—“ Und auf's Neue hing ſich der 8 5 1 63 Prieſter an die rothen, ihm entgegenſchwellenden Lippen der Jungfrau. „Hahaha!“ Dr. Pyne fuhr erſchreckt zurück, als das wahnſinnige Lachen an ſein Ohr ſchlug. „Hahaha—“ das Mädchen ſprang empor, und wäh⸗ rend ihr Antlitz— ihr Auge glühte— zeigte ſie mit krampf⸗ haft ausgeſtreckter Hand auf ſein Antlitz, und wieder ſchallte das wilde, wahnſinnige Lachen durch das Zimmer. „Hahaha!“ „Mabel— mein Kind,“ rief der Dr. Pyne erſchreckt. „Hahaha!“ ſchrie das Mädchen, während ſie ihm mit demſelben ſtieren Blick in's Auge ſtarrte. „Was mag das nur bedeuten!“ ſtöhnte der Prieſter, als er ſich die großen Tropfen Angſtſchweiß von der Stirne trocknete.„Mabel— liebes Kindchen— komm zu Deinem Vater.“ Aber das Mädchen achtete ſeiner nicht mehr— zu ihrer vollen Höhe emporgerichtet, mit blitzenden Augen, ſchwellen⸗ dem Buſen und halbgeöffneten Lippen, ſtand ſie dort, und wies mit den zitternden Armen, wie entſetzt auf ihn hin. Wie ſchön ſtand ſie da, o wie wunderſchön, und doch auch wieder wie entſetzlich, denn des Wahnſinns Licht glühte aus ihren Blicken, und dieſen üppigen Körper hatte der Geiſt verlaſſen. „Hahaha!“ * 64 8 Dr. Pyne erbleichte, das Lachen tönte wie das Hohn⸗ gelächter der Hölle. „Peſt und Gift,“ knirſchte er—„ſoll mir jetzt, nach ſiebenzehnjähriger Laſt, der Becher durch ſolchen Unſinn von den Lippen geriſſen werden! mein muß ſie ſein, und wenn ich ſie den unterirdiſchen Mächten abkämpfen müßte.“ Im nächſten Augenblick war er an ihrer Seite, und riß ſie mit wildem Griff in ſeine Arme, während ſeine heißen Küſſe ihre Lippen und Schultern beſudelten. Ein leuchtender Strahl ſchoß aber aus ihren Augen, auf ihren Wangen kämpfte der Tod mit dem Leben;— ihre Seele erwachte und rang mit der gewaltſam in's Daſein ge⸗ rufenen Sinnlichkeit. Sie riß ſich gewaltſam aus den Armen des Prieſters und bedeckte mit ihren zitternden ausgeſpreizten Händen, die von ſeinen rohen Griffen entblößten Schultern. „Verdammniß,“ tobte der Prieſter, als ſeine Lippen erbleichten und ſein Auge von wilder, thieriſcher Leidenſchaft erglühte,„dießmal biſt Du in meiner Gewalt, und ſollſt mir nicht zum zweiten Mal entgehen.“ Durch Wolluſt und Wuth faſt raſend gemacht, um⸗ ſchlang er auf's Neue die ſich ängſtlich Sträubende, die mit der Kraft der Verzweiflung ſeinem Griffe zu entgehen ſuchte und er— Sünder und Feigling der er war— hob die ge⸗ ballte Fauſt— und ſchlug die Unglückliche zu Boden. Sie lag betäubt auf dem Teppich— ihre Glieder zit⸗ terten und zuckten wie Espenlaub— ihre Wangen waren 6⁵ bleich und marmorkalt. Und er— der Schänder von Gottes Namen, der Entweiher des Heiligſten, was die Menſchen anerkennen— er— er kniete neben dem wahnſinnigen Mäd⸗ chen, hob ſie in ſeine Arme und küßte ihre eiſigen Lippen. O noch einen Verſuch Mabel— entringe Dich noch ein⸗ mal dem Buben. Mit wildem Angſtſchrei fuhr ſie, wie durch übernatür⸗ liche Kräfte beſeelt, empor, ſank aber gleich wieder auf ihre Kniee nieder, und flehte in Tönen, die einen Teufel gerührt haben müßten— „O Mutter— Mutter— rette Dein Kind!“ „Du kannſt mir jetzt nicht mehr entgehen,“ jubelte Pyne in Leidenſchaft heiſerer Stimme,„die Meine biſt Du, beim Himmel und bei der Hölle. Hoho Liebchen— Du ent⸗ flohſt aus meinem Hauſe, Du wollteſt meinen Charakter blosſtellen und brandmarken, wirklich! nun warte— wir wollen doch ſehen, wer der Stärkere iſt.“ Vor ihm zurückſchreckend, floh das Mädchen nach dem entfernteſten Winkel des Zimmers; mit zurückgewandtem Haupte aber, und über der Bruſt gekreuzten Händen, blieb ſie in dem Teppich mit dem Fuße hängen, und ſtürzte zu Boden. Ein boshaftes Lächeln überflog des Prieſters Züge. „Hab' ich Dich!“ jauchzte er, während er neben ihr niederkniete, und ſeine Augen in Faunen⸗Luſt an ihren Rei⸗ zen hingen—„hab' ich Dich? o zittere— zit—te— re mein Täubchen—“ flüſterte er, ſie liebkoſend in ſeine Um⸗ armung ziehend, als ſie hülf⸗ und widerſtandlos in ſeinem Griffe ruhte—„Du magſt um Hülfe rufen— Niemand wird Dich hören— Du magſt entfliehen wollen— die Thü⸗ ren ſind verſchloſſen— o zittere— zit—te—re!“ „Rette mich Mutter— rette mich!“ rief die Jungfrau in höchſter Seelenangſt—„rette Dein unglückliches Kind!“ „Oeine Mutter kann Dir nicht helfen, mein Täubchen,“ grinſte der Prieſter in jauchzender Luſt—„Du mußt zu Deinem Vater kommen.“ „Rette mich— rette mich Mutter,“ ſchrie Mabel. „Mein biſt Du— mein; Nichts kann Dich retten,“ höhnte der Bube.— Da plötzlich erſchlafften ſeine Arme und ſchwer und bewußtlos ſank er nieder. „Mädchen— Du riefſt Deine Mutter— und das hat Dich gerettet,“ ſagte eine rauhe, heiſere Stimme. Mabel blickte empor und ſchrie laut auf. Vor ihr, in all ſeiner Scheußlichkeit, das verzerrte Geſicht mit Blut bedeckt— ſtand Teufelskäfer, während ſeine Züge von wilder Leiden⸗ ſchaft durchtobt ſchienen, und ſeine langen Krallenfinger wie in einem gichtiſchen Krampfe zuckten. „Hier Glühwurm!— hier Muskiter!“ ſchrie er— „ſchleppt dieſen alten Braunfiſch in's nächſte Zimmer.“ Die Neger glitten geräuſchlos durch die ſchmale Thür herein, hoben die bewußtloſe Geſtalt des ehrwürdigen F. A. T. Pyne vom Boden auf, und trugen ſie in das Vorzimmer. — — 67 Teufelskäfer war mit dem ſchönen Mädchen allein. Er bog ſich, während ſie ſchaudernd zuſammenbebte, langſam zu ihr nieder, ſchlang ſeinen rauhen Arm um ihre ſchlanke, bebende Geſtalt, und hob ſie vom Boden empor. Sie ſchrie auf vor Furcht und Entſetzen; Teufelskäfer zitterte am ganzen Körper, leiſe aber über den Boden dahinglei⸗ tend, legte er ſie ſanft und vorſichtig auf das Bett. Mabels Augen drängten ſich faſt aus ihren Höhlen, doch der Pförtner trat von dem Bett zurück und betrachtete mehrere Secunden lang ſchweigend ihre engelſchönen Züge. Sein breiter Mund war feſt und krampfhaft zuſammenge⸗ preßt, und ſein einzelnes Auge glühte wie ein Stück roth⸗ heißen Eiſens. Endlich entfuhr ein lauter, gellender Schrei ſeinen Lip⸗ pen, der eher aus der Bruſt eines wilden Thieres, als aus der eines Menſchen zu kommen ſchien, und mit einem Satze ſtand er neben dem Bett— Mabel hielt ſich verloren und lag vor Schreck erſtarrt. Wieder hallte der Schrei dröhnend durch die Stube und dann, ſeine breiten Hände feſt gegen das von Schmerz durchwühlte Antlitz preſſend, wandte ſich Teufelskäfer zur Flucht und ſtürzte wie wahnſinnig durch die Thüre. 3 Neuntes Capitel. Paſtor Pyne kann lachen. Die wohlbeleibte Geſtalt des ehrwürdigen Paſtors Pyne lag auf dem Teppich des Vorzimmers, und neben ihr wachte an jeder Seite ein Neger. Teufelskäfer ſprang mit wildem Satze und fürchterlich rollendem Auge herbei, und ſtand im nächſten Augenblick neben dem bewußtloſen Prieſter; ſein Blick nahm aber et⸗ was fürchterlich Dämoniſches an, als er zu dem runden Fettgeſicht des Buben niederſchaute, und mit heiſerer Stimme flüſterte er: „Hier, Ihr Niggers— ſeht Ihr das Bett dort! werft die Decken und Matratzen herunter, und legt den Pfaffen hier auf den Strohſack— ſo— das iſt recht— das iſt recht. Nun Muskieter— bind' ihm das Bein, an dieſen Bett⸗ pfoſten; und Du, Glühwurm— hörſt Du mich? Du nimmſt das andere Bein, und bindeſt es an den anderen Pfoſten. So— nun macht's mit den Händen ebenſo— hahaha— er ſieht aus wie der Buchſtabe X im Buchſtabierbuch. 69 Die fette Geſtalt des Prieſters wurde den kurzen Be⸗ fehlen des Pförtnes gemäß in der beſchriebenen Lage feſtge⸗ knebelt, und allerdings glich ſie in etwas einer ſehr corpu⸗ lenten Nachahmung des St. Andreas⸗Kreuzes; ſein feiſte Bauch ſtand dabei wahrhaft peinlich von dem harten Lager empor, und ſeine dicken, auseinanderhängenden Lippen ge⸗ währten eine intereſſante anatomiſche Anſicht ſeines Mundes und Schlundes. „Iſt Zange und Schüreiſen glühend gemacht!“ grunzte Teufelskäfer ingrimmig ſeine Neger an. „Jes, Maſſa,“ ſagte Glühwurm, während er das Eine der Eiſen herausnahm und dem Herrn zeigte.“ „Thut's das, Maſſa?“ grinſte Musquito, während er die weißglühende Zange ebenfalls zwiſchen den Eiſenſtäben vorzog. „Wo bin ich,“ ſagte Paſtor Pyne leiſe, als er die Au⸗ gen langſam aufſchlug. „Ja ſehn Sie, Paſtor,“ kicherte der Pförtner,„ich wollte Sie gern um ein paar Kleinigkeiten fragen, und da ich bange war, daß Sie mir nicht ſchnell und gutwillig ant⸗ worten würden, ſo habe ich Sie blos ein Bischen an's Bett feſtgebunden, und mir ein paar ganz ausgezeichnete Advo⸗ katen mitgebracht.“ „Advokaten?“ echote Paſtor Pyne.„Ha, ich bin an das Bett gebunden— was ſoll das heißen? Canaille! wo ſind die Advokaten?“ 70 „Hier ſind ſie, Paſtor,“ grinſte Teufelskäfer, und die beiden Neger, jeder mit dem glühenden Eiſen in der Hand, ſtanden neben dem Bette. „Ha— Bube!“ ſchrie der entſetzte Prieſter;—„willſt Du mich ermorden!“ „O bewahre— denke nicht d'ran— wollte Ihnen nur ein paar ganz artige Fragen vorlegen; wenn Sie die aber nicht beantworten ſollten—“ „Wenn ich ſie nicht beantworten ſollte?“— „J nun, dann brenne ich Ihnen die Augen aus dem Kopfe, weiter Nichts,“ knurrte mit einem Blicke, in dem Wuth und Haß lag, der Pförtner. Paſtor Pyne ſchwieg einige Secunden— er blinzte nach den rieſigen Negern hinüber, die mit den glühenden Eiſen neben ihm ſtanden, und ein kalter Schauder zuckte ihm über den ganzen Leib. „Was wollt Ihr mich fragen!“ ſagte er leiſe. „Iſt das Mädchen im nächſten Zimmer Euere Toch⸗ ter?“ flüſterte Teufelskäfer, während er ſich, die Antwort zu vernehmen, zu ihm niederbog. „Ja,“ ſagte der Paſtor mit feſter Stimme. „Das iſt eine ſo infame Lüge, wie Ihr je über Euere Zunge gebracht habt,“ grunzte Teufelskäfer.„Nun gut— ich ſehe ſchon, wir werden ohne die Advokaten nichts Ge⸗ ſcheutes ausrichten können.— Gieb mir das Eiſen, Mus⸗ kieter!“ fuhr er, ſich zu dieſem wendend, fort, während er ihm den glühenden Kohlenſchürer aus der Hand nahm. „Teufel!“ knirſchte Paſtor Pyne mit verzweiflungs⸗ voller Anſtrengung ſich zu befreien.„Du ſollſt theuer für dieſe Frechheit büßen.“ „Sehr leicht möglich,“ grinſte der Pförtner,„gegen⸗ wärtig wollen wir aber erſt unſere Geſchäfte mitſammen ab⸗ machen. Nun Paſtor, welches Auge iſt Euch das liebſte?“ Er hielt die glühende Spitze dicht an das Sehorgan des Prieſters. „Au— oh“— ſchrie dieſer, als die Hitze ihm wie ein Meſſer durch das Hirn fuhr.—„Nimm Dich in Acht— Du brennſt mir das Auge aus.“ „Das weiß ich,“ knurrte Teufelskäfer, während ſein eigenes Auge in wilder Schadenfreude erglühte.„Hiß— s—8 s—s— hiß— s— s— s— s! Nun Paſtor— fühlt Ihr nicht ſchon das Ziſchen in den Augäpfeln!“ Wiederum nä⸗ herte ſich die Spitze dem Antlitz des Gepeinigten. „Oh— oh!“ ſchrie der Paſtor, der den Schmerz und die Angſt nicht länger ertragen konnte;„ich will antworten — ich will antworten. Nehmt die Eiſen aus dem Zimmer, und ich will antworten.“ Teufelkäfers Geſicht verzog ein grimmiges Lächeln. „Ihr wollt alſo antworten? ſo! dießmal hatt' ich Euch auf der Spannbank, nicht wahr! nun gut— ſteckt die Ei⸗ ſen in das Waſſer dort, Ihr Niggers. Nun Paſtor— was die Tochter anbetrifft—“ Paſtor Pyne wandte vorſichtig den Kopf nach den Ne⸗ gern hin, die eben dem neuen Befehle ihres Herrn gehorch⸗ ten; das ziſchende Geräuſch der, in dem Eimer erkaltenden Werkzeuge, klang wie Sphärenmuſik in ſein Ohr. „Geh zum Teufel!“ ſchrie er mit zornerfüllter Stimme; „Du magſt mich umbringen, aber ich beantworte Dir Deine Fragen nicht.“ „Oh! Ihr wollt nicht? Ih ſeht einmal an,“ rief Teu⸗ felskäfer mit ſeinem gewöhnlichen, höhniſchen Lachen.„Was wettet Ihr, Paſtor, daß Ihr ſie mir in ein paar Minuten, und noch dazu mit ganz freundlichem Geſichte erzählt— eh! Zieht ihm Schuh und Strümpfe aus— Glühwurm— hörſt Du? Pyne blickte voll unruhigen Erſtaunens zu ihm auf. „So— nun bindet ihm die Seile ein Bischen feſter um die Knöchel,“ ſagte der Pförtner, als Schuh und Strümpfe zur Erde fielen, und des frommen Mannes bloße Füße, die Zehen nach oben gekehrt, im Lichte glänzten. „So— nun Paſtor— zum letzten Male— wollt Ihr meine Fragen treu und wahr beantworten? heh! und be⸗ denkt, daß Ihr jetzt nicht zwiſchen Euere Patent⸗Evange⸗ liſten und all dem Unſinn ſteht.— Nun?“ „Ungeheuer, Du ſollſt hierfür Rechenſchaft geben,“ ſchrie der ehrwürdige Pyne, konnte aber doch nicht umhin, 73 mit Erſtaunen des Pförtners Bewegungen zu beobachten, der jetzt leiſe zum unteren Theil des Bettes glitt, und mit den Krallenfingern das Querbret neben ſeinen Füßen er⸗ faßte. „Alſo jetzt die Fragen— Paſtor! und vor allen Din⸗ gen will ich Euch zuerſt das ſagen, was ich ſelber weiß— nun ſpitzt die Ohren.— Ungefähr um Weihnachten herum im Jahr Eintauſend achthundert und fünfundzwanzig, mie⸗ thete ein Mann, Namens Dick Balthaſar, mit ſeiner Frau, Sarah Balthaſar, eine Wohnung im Hauſe der Wittwe Crank, die in der— ſtraße— nahe der—ſtraße lebte.“ Ein unwillkürlicher Ausruf des Erſtaunens entfloh den Lippen des Paſtors. 1 „War't Ihr der Mann, Dick Balthaſar— heh! war't Ihr der, oder war't Ihr es nicht?“ „Geht zum Teufel!“ ſchrie Paſtor Pyne. „Oh— ſo! ſehr gut, Paſtor— ſehr gut,“ lächelte Teufelskäfer, während er des Paſtors Fußſohlen leiſe mit den Spitzen ſeiner Krallenfinger berührt;—„dann werd' ich Dich einmal ein Bischen ſtimmen, mein kleines Piano⸗ forte— o ja— wie befinden Sie ſich, Paſtorchen?“ „Hahaha!“ ſchrie der Paſtor in einem Ausbruch krampfhaften Lachens, das von dem Kitzeln ſeiner Sohlen herrührte;—„hahaha— hohoho— oh— oh— hihihi— Oh— um Gotteswillen— laß ſein— laß ſein— huhuhu,“ und die fette Geſtalt des ehrwürdigen Mannes zuckte und III. 6 74 ſtreckte ſich, wie plötzlich von einem epileptiſchen Anfall er⸗ griffen. „Hoho Alterchen!“ höhnte Teufelskäfer, als er leiſe an den hülflos daliegenden Sohlen herniederſtrich;„kann ich Dich ſtimmen, mein kleines Clavierchen? Lachen Sie, Paſtorchen— das thut Ihnen gut, Paſtorchen— lachen Sie nur.“ „Hahaha— a!“ ſchrie der ehrwürdige Doktor immer auf's Neue, wennauch vergebliche Verſuche machend ſeine Füße dem Griffe Teufelkäfers zu entziehen;—„hohoho— hihihi— oh Gnade! Gnade!„kitzelt mich doch um Gottes⸗ willen nicht mehr!— oh Gnade— Gnade!“ „Hohoho!“ jubelte der Pförtner, ſeine Handbewegung wiederholend. „Hah— jah— jah!“ ſchrie Glühwurm, und „Yah— hah— hah— jah— hah!“ echote Mus⸗ quito, während ſich die beiden Neger die Seiten hielten, und in krampfhaftem Lachen auf den Gequälten hinüberſchauten „Um Gotteswillen!“ flehte der Paſtor hahaha— laßt mich— hihihi— nehmt Euere Finger— hahahahaha— kitzelt— kitz—elt— hihihi— „Welch' ein Schauſpiel wäre das für die freien Gläu⸗ bigen,“ kicherte Teufelskäfer, während er wie liebkoſend an den glänzenden, zarten Sohlen hinunterſtrich;— ſeh' nur Einer den Paſtor an, hat man ſchon je ſolch' Drehen und Wenden erlebt? Hahaha— wie ſchwarz er im Geſicht wird, 7⁵ und Augen kriegt er, wie Delaware⸗Auſtern. Komm mein Clavierchen. Jankee doo— del is the tune „Hahaha!“ unterbrach ihn der Paſtor. An nothing comes so han— dy— As Vankey doo— del doo— del do— 0— „Hohoho!“ ſchrie der Gepeinigte. An Jankee doo— del— dan— dy.“— Jauchzte Teufelskäfer, während er ſeine Finger eine Extratour auf den glatten Sohlen des Pfaffen ausführen ließ. „Yah— hah— hah!“ ächzten die Neger, die ſich vor Lachen auf dem Boden herumwälzten. Der Paſtor Pyne machte indeſſen wahrhaft verzweifelte Anſtrengungen, ſich von den ihn feſt umſchließenden Banden zu befreien— aber Alles vergeblich; trotz ſeinem Strecken und Sträuben fuhren ihm des kichernden Pförtners Finger⸗ ſpitzen unaufhörlich über die zarte Haut der Sohlen, und er füllte die Luft mit ſeinem erzwungenen, convulſiviſch und jetzt wahnſinnig klingendem Gelächter. Sein Antlitz nahm eine dunkele Farbe an, ſeine Augen drängten ſich faſt aus ihren Höhlen, und die Adern ſeiner Stirn lagen wie knotige Seile unter der Haut. „Hahahahaha!“ ſchrie er;„um Got—tes— wil— len — hihihihihi— Gnade— hihihi— Gnade— hahahaha!“ 6* Ein wilder, geiſterhaft klingender Schrei entrang ſich ſeiner Bruſt— dann fluchte er dem Namen ſeines Gottes, vermaledeite ſeine Peiniger und ſich ſelbſt, und ſchrie und tobte, bis ihm der weiße, giftige Schaum auf den Lippen ſtand. „Seid Ihr zufrieden?“ höhnte Teufelskäfer, noch ein⸗ mal ſeinen Worten durch ein ganz beſonderes Kitzeln Nach⸗ druck gebend. „Hohoho!“ ſtöhnte der Paſtor;—„j— a— j— a— hahaha— verdammt— hihihi— hihihihi— ja— ja— hahaha!“ „Hab' ich's Euch nicht gleich geſagt, Alterchen, daß Ihr mich lieber nicht reizen möchtet?“ bemerkte ſehr ruhig der Pförtner, indem er den Fuß des Bettes verließ;—„ſo, wollt Ihr nun meine Fragen beantworten?“ Paſtor Pyne lag ſtill und regungslos; der arme Teufel war in der That aufgerieben, und ſeine Bruſt hob ſich in ſchnellen, ängſtlichen und erſchöpften Athemzügen, Hätte Teufelskäfer ſeine Tortur nur eine einzige Minute länger fortgeſetzt, ſo würden die Patent⸗Evangeliſten ſehr wahr⸗ ſcheinlich ihren Hirten eingebüßt und der Teufel eine Seele gewonnen haben; ſo aber war er ſeiner frommen Gemeinde für dießmal noch gerettet, und lag nur, macht⸗ und kraft⸗ los, ein Bild des unausſprechlichſten Jammers und Elends, auf dem Bette; ja hätte der Papſt in dem heidniſchen Rom ſeinen grimmigſten Feind in dieſem Augenblick geſehen, er würde ihn bemitleidet, ihm verziehen haben; ſelbſt die vier⸗ 77 undzwanzig Cardinäle hätten geweint. Wie ſchrecklich aber, daß der, der auf ſeiner Kanzel dem Papſt und dem Teufel Trotz bieten, der die alten Damen ſeiner Gemeinde durch ſeine Beredſamkeit wahrhaft elektriſiren— ganze Kir⸗ chen voll„freier Gläubigen“ in einen wirklich zelotiſchen Eifer verſetzen konnte— jetzt zur Unterwerfung nicht ge⸗ zwungen— nein— gekitzelt ſein ſollte. Der Gedanke allein war ſchon demüthigend.“ Zehn lange, peinliche Minuten geſtattete Teufelskäfer dem Paſtor zur Erholung, und nie war ein beißiger Hund durch die Peitſche ſeines Herrn mehr gedemüthigt, mehr ein⸗ geſchüchtert worden, als der ehrwürdige Dr. F. A. T. Pyne durch die Fingerſpitzen dieſes misgeſtalteten Pförtners. „War't Ihr jener Dick Balthaſar, oder war't Ihr es nicht!— antworte Du alter Braunfiſch.“ „Ja,“ ſtöhnte leiſe der Paſtor. „Ihr miethetet in der Wittwe Cranks Haus, zu Weih⸗ nachten achtzehnhundert und fünfundzwanzig eine Woh⸗ nung!“ 3 „Ich that es.“ „Die Wittwe Crank hatte eine Tochter!“ „Ja!“ „Ihr Name war!“ „Ellen,“ wimmerte Paſtor Pyne. „Jetzt nennet die näheren Umſtände.“ „So hört— Ellen war, zwei Jahre früher, ehe ich zu 78 der Wittwe Crank kam, verführt worden. Ihr Verführer war ein junger Kaufmann, Namens Livingſtone. Am Weih⸗ nachtsabend, eintauſend achthundert und vierundzwanzig, gebar ſie ein Mädchen. Es wurde Ellen genannt. Wenige Tage, nachdem das Kind geboren war, trieb ſie ihre Mutter, in einem Anfall wahnſinniger Wuth, aus dem Hauſe. Das Kind behielt die Wittwe Crank. Ich glaube Livingſtone und Ellen hatten, bald nach der Geburt des Kindes, einen Streit gehabt, und der Mutter Zorn entſprang aus dem Bekennt⸗ niß der Tochter, daß ſie nicht mit ihrem Geliebten vermählt wäre. Das junge Mädchen blieb aber ein ganzes Jahr lang ſpurlos verſchwunden.“ „Ha!“ ſchrie Teufelskäfer;„wißt Ihr das gewiß!“ „ nun,“ murmelte der ehrwürdige Dr. Pyne;—„da ich erſt ein volles Jahr, nachdem ſie verſchwunden war, in der Wittwe Haus zog, ſo könnt' ich es allerdings nicht be⸗ ſchwören. Ueberhaupt habe ich ſtets Livingſtone in Verdacht gehabt, daß ihm ihr Aufenthalt nicht unbekannt geweſen ſei. Teufelskäfer lächelte grimmig vor ſich hin. „Hohoho,“ flüſterte er leiſe;—„dann bin ich der ein⸗ zige Sterbliche, der genau weiß, wo ſich Ellen das Jahr aufgehalten hat.“ „Wie ich ſchon einmal geſagt habe, ſo kam ich am hei⸗ ligen Weihnachtsabend eintauſend achthundert fünfund⸗ zwanzig in der Wittwe Crank Haus. An demſelben Abend —— kehrte Ellen zurück. Sie war in ſehr trauriger Lage; ihre Mutter empfing ſie aber mit Freudenthränen, und in der⸗ ſelben Nacht gebar ſie eine zweite Tochter.“ Teufelskäfer lehnte ſich langſam vorwärts, und neigte ſeinen Mund dicht zum Ohre des Prieſters.„Und das letzte Kind ſtarb?“ ziſchelte er mit einem Laut, der dem Paſtor bis in's innerſte Herz zuckte. „Livingſtone glaubte das wenigſtens ſtets,“ ſagte dieſer ausweichend. „Keine Lüge— Paſtor! Ein Kind ſtarb in jener Nacht— das weiß ich. War es das erſte, oder zweite!“ „Es war das Erſte!“ antwortete Dr. Pyne. Teufelskäfer begrub ſein Geſicht in den Händen, und der Paſtor hörte ihn ſtöhnen. Die Neger blickten ſich aber in ſtummem Erſtaunen an. Ihr Herr— von irgend Etwas auf der Welt gerührt! hahaha; der Gedanke war zu ko⸗ miſch, und ſie ſchüttelten ſich vor innerem Lachen. „Und was wurde aus dem zweiten Kind, Paſtor?“ frug Teufelsläfer nach kurzer Pauſe, indem er mit ſcheinbar gewaltiger Anſtrengung die Hände herabnahm, und zu dem noch immer Gebundenen aufblicktes—„was wurde aus der zweiten Tochter?“ „Ich weiß es nicht,“ flüſterte Pyne. „Du lügſt,“ ſchrie Teufelskäfer wild auffahrend;— „Du lügſt,— Du ſtahlſt das Kind, Paſtor, und Du und Dein Weib, Ihr zogt es auf, um dereinſt an Livingſtone 80 einen Halt zu haben. Kenn' ich Dich nicht— Dich fetten Hund?“ tobte er, und faßte mit immer wachſender Wuth die Kehle des erſchreckt Aufſchreienden.— Bekenne Canaille — Dein Weib ſtarb, und Du wurdeſt Prieſter— bekenne, Seelenverkäufer, oder ich würge Dich— habe ich Recht!“ „Ja— ja!“ gurgelte der Paſtor, als er die Krallen⸗ finger des Raſenden an ſeiner Gurgel fühlte. Teufelskäfer ſprang mit einem wilden Geheul empor, und floh in langen Sätzen dem nächſten Zimmer zu. Zehntes Capitel. Der Wilde vor der Jungfrau. Mit zuſammengebiſſenen Zähnen und ausgebreiteten Armen, mit blitzendem Auge und geöffneten Lippen ſtürzte Teufelskäfer dem Bette zu, auf welchem Mabel noch halb bewußtlos ruhte, obgleich die Wirkung des Tranks verraucht war. In Entſetzen fuhr ſie empor, als ſie die ſchreckliche Geſtalt gewahrte. „O ſchütze mich jetzt— mein Gott,“ flehte ſie, wäh⸗ rrend ſie ihre Arme feſt auf dem klopfenden Buſen kreuzte, und vor Furcht und Grauſen kaum zu athmen wagte;— „o ſchütze mich jetzt Du Allgütiger.“ „Komm Kind— komm!“ rief Teufelskäfer, als er ſei⸗ nen Arm um ihre Taille ſchlang, und die Zitternde ſchnell durch das Zimmer trug;„komm!“ Er blieb vor einem großen, antiken Spiegel ſtehen, ſtellte Mabel nieder, und floh dann, ſie einen Augenblick ſich ſelber überlaſſend, zu dem Tiſche, von dem er das noch brennende Licht nahm, und nun eben ſo ſchnell wieder zurück, und neben ſie trat. Wohl aber konnte ihm nicht entgehen wie ſie ſich in vollem Abſcheu von ihm wandte, als er das ſtruppige, wilde Haar aus ſeiner Stirn ſtrich. Ein Ausdruck des Schmerzes durchzuckte ſeine verzerr⸗ ten Züge, dann aber, jedes Andere über das Wichtige dieſes Augenblicks vergeſſend, rief er, auf ſein misgeſtaltetes Eben⸗ bild im Spiegel zeigend. „Siehſt Du das rothe Mal an meinem rechten Schlaf? — das Mal, wie eine Schlange geſtaltet! Siehſt Du es! Siehſt Du es! Das Mal wurde mit mir ſo geboren.“ Mabel blickte erſtaunt zu ihm hinüber; Teufelskäfer ſchlang ſeinen einen Arm um ihren Nacken, und ſtrich ihr die langen Locken von der rechten Seite zurück. „Sieh— ſieh, Mädchen,“ flüſterte er aber jetzt in höchſter Aufregung, während er auf ihr holdes Antlitz im Spiegel deutete— ſieh— ſieh hier— nicht jene ſchwarzen Augen— nicht jene rothen Lippen— nein— das Mal— das Mal— ſieh an dem rechten Schlafe das Mal.“ Mabel blickte unwillkürlich in den Spiegel, ſchreckte aber mit einem eigenen Gefühl der Ueberraſchung und Ver⸗ wunderung zurück, denn auch an ihrem rechten Schlaf, ſah ſie eine, jenem Mal ähnliche Stelle, einen dünnen, blaß⸗ rothen Streifen, der hier ihre zarte, weiße Haut entſtellte. „Das wurde mit Dir geboren, Kind— das wurde mit Dir geboren,“ ſchrie Teufelskäfer— und Du— Du biſt mein— ja Du biſt mein.“ 83 Er hielt plötzlich, wie erſchrocken inne, und fiel auf die Kniee nieder, ſetzte das Licht neben ſich, und blickte nun mit einer wunderlichen Bewegung in den ſcheußlichen Zügen, zu der wahrhaft erſtaunten Jungfrau auf. Dann, ſich bis auf den Boden niederbiegend, erfaßte er mit ſeinen ungeſtalteten Händen das ſchneeige Gewand der Jungfrau, und preßte ſeine dicken Lippen auf dieſes, wie auf ihre dünnen Schuhe; aus ſeinem einzelnen Auge aber, und aus der leeren Augenhöhle, ſtahlen ſich große, ſchwere Tropfen, und ſeine Lippen öffneten ſich, ſeine Hände ballten ſich krampfhaft, und er ſtieß einen Schrei, wie das Geheul der zur Wuth gereizten Hyäne, aus. „Gnade! Gnade!“ bat Mabel, in höchſter Angſt auf das Ungeheuer zu ihren Füßen niederblickend. Teufelskäfer ergriff ihre beiden Hände, und blickte ſchweigend und ernſt zu ihr empor. Es war ein wunderbares Bild— die Sünde knieend zu der Unſchuld Füßen. Ihre Geſtalt ſo ſüß, ſo lieb, ſo rein— die ſeinige ſo verzerrt und rauh, ſo teufliſch; der Wilde, im Herzen der Quäkerſtadt Erzogene, zu den Füßen der Jungfrau, die durch ihn Schutz gegen einen Lehrer der chriſtlichen Religion fand. „O thu' mir kein Leides!“ flehte das Mädchen, deren Herz von einem wunderbar beängſtigenden Gefühl zuſam⸗ mengeſchnürt ward. „Dir ein Leides!“ murmelte Teufelskäfer, als er ſich aus ſeiner knieenden Stellung erhob, und ſie ſanft in einen 84 Stuhl drückte.—„Mädchen, wer lebt da, der zu ſagen wagte, ich wollte Dir ein Leides thun.“ Er ſetzte ſich auf einen, der Jungfrau gegenüberſtehen⸗ den Stuhl, und das Licht beſtrahlte Beider Züge mit ſeinem matten Schein; jetzt aber ſenkte ſich zum erſten Mal ein Strahl der Hoffnung in das Herz der Unglücklichen, denn ihr war es, als ob ſie Güte und Menſchlichkeit da entdeckt hätte, wo ſie nur Wuth und thieriſche Leidenſchaft ver⸗ muthet. „Er kann mir vielleicht beiſtehen dieſem Hauſe zu ent⸗ fliehen,“ murmelte ſie leiſe vor ſich hin. „Kind— haſt Du je einen Freund gehabt!“ und als er ſprach, nahm er ihre weiße Hand zwiſchen ſeine Krallen⸗ finger.. „Nie,“ hauchte Mabel— und unwillkürlich fühlte ſie ſich, durch dieſe einfache Frage zu dem wunderbaren Weſen hingezogen.„Mein Vater hat mir Nahrung, Kleidung und Obdach gegeben, aber als Freund habe ich noch Niemanden auf dieſer weiten Welt anſehen können. Keine Mutter wiegte mich jemals lächelnd auf ihren Armen, und mein Vater— o um des Heilands willen, gieb mich nicht wieder in ſeine Hände.“ „Das Mädchen hat Erziehung,“ ſchmunzelte Teufels⸗ käfer;—„Du hatteſt alſo nie einen Freund? Du erinnerſt Dich Deiner Mutter nicht mehr! aber ĩch, Kind— ich er⸗ innere mich ihrer.“ „Du?“ „Ja Kind— ich war— ſchon vor vielen, vielen Jah⸗ ren Deiner Mutter Diener. Ich— ich— ich küßte den Boden, auf dem ſie geſtanden.— Kehre Dich nicht an mich, wenn ich ein Bischen wild rede— ich bin ein armer, ein⸗ äugiger Teufel, und Niemand kümmert ſich um mich. Aber ich will Dein Freund ſein, Kind— ich, der noch keines Menſchen— eines ausgenommen, Freund war— ich will der Deine ſein, Dein Freund, ſo lange Du lebſt und athmeſt.“ „Du?“⸗ „Ja Kind— ich— ich bin häßlich wie der Teufel— ich weiß es— für Dich aber, für Dich, Kind, habe ich ein Herz. Befiehl Du mir, die Hand um Deines Heiles willen, dort in das Feuer zu halten— befiehl mir's einmal, und ſieh, ob ich's nicht thue.“ Er ſtreckte ſeine Hand aus, als ob er ſeine Worte im Augenblick wahr machen wollte, da lenkte ein einzelner, großer Blutstropfen, der daran hing, ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich. „Ha— es iſt ihr Blut!“ ſchrie er, von ſeinem Sitze emporſpringend;—„ha, dort liegt ſie, mit dem zerſchmet⸗ terten Schädel, und das rothe Blut quillt langſam— lang⸗ ſam daraus hervor— da— dort—“ und mit wildem Blick zeigte er hinaus in einen leeren Winkel des Zimmers. „Siehſt Du es nicht, Kind— ſiehſt Du es noch nicht? und da— hier Mädchen, gerade neben mir, mit gebrochener Kinnlade, mit heraushängender Zunge, da liegt er auch— er— er, der durch die Fallthür ſtürzte.“ Er ſtürmte wild der Thüre zu, als die Spukbilder neue, entſetzliche Gewalt über ihn gewannen. Da ſammelte er ſich plötzlich gewaltſam— blieb ſtehen— ſtrich ſich mit den rau⸗ hen Händen über die Stirn, und ſagte: „Sei ruhig, Kind— fürchte Dich nicht— ich will Dein Freund, Teufelskäfer will Dein Sclave ſein. Du ſollſt Dich in Gold wälzen können— Paſtor Pyne iſt Dein Vater nicht— denkt nicht d'ran— Dein Vater hat Gold genug, daß er ſich eine ganze Straße kaufen könnte.— Ich ſage Dir, Kind— der alte Teufelskäfer iſt Dein Freund, und der, der Dich kränken will, nun der,— der hat mit einem wilden Thiere zu kämpfen, weiter Nichts.“ Er floh in langen Sätzen dem nächſten Zimmer zu, wo Paſtor Pyne noch immer auf dem Strohſack des Bettes, mit den beiden rieſigen Negern neben ſich, angebunden lag. „Da— zieht dem Burſchen die Schuh und Strümpfe wieder an, und laßt ihn laufen,“ rief Teufelskäfer;„und Du Paſtor— Du machteſt Dir in Zukunft lieber einen Spaß mit einem hungrigen Tiger, als daß Du das Kind da drinnen nur im Mindeſten wieder kränkteſt. Geht zu Hauſe, Paſtor, und kümmert Euch um Euer Geſchäft— macht den Papſt ſchlecht und ſchimpft auf Rom, das Mädchen ſoll aber zu Hauſe zu ihrem Vater, dem reichen Kaufmann Living⸗ ſtone. Ihr Geſicht iſt Beweis genug, daß Ellen ihre Mutter 87 war, und merkt Euch das, Paſtor,“ fuhr er drohend fort, indem er mit funkelndem Auge neben das Bett trat;— „legt Ihr je wieder einen Finger an das Mädchen— dann trifft Euch meine Rache, und wenn ich Euch von der Kanzel herunterholen ſollte— Euer Blut würde ich trinken, und wenn ich es in den Abendmahlsbecher vergießen ſollte.“ Er ſchloß die Thür, und ſprang in wilden Sätzen die breite Treppe hinunter. „In's Gewölbe— in's Gewölbe— jetzt muß ich nach— denken über dieſe Sachen— das Hirn ſchwindelt mir, mein Blut iſt wie Feuer. Hahaha, des alten Teufelkäfers Toch⸗ ter ſoll in ihrer Kutſche fahren, und Sammet und Seide tragen— das ſoll ſie.“ Und während er die Stufen hinunterflog, ſchallte ſein heiſeres, unheimliches Gelächter in dumpfen, ſchauerlichen Echos von den Gewölben wieder. Eilftes Capitel. Die Flucht aus dem Kloſter. Die Neger waren allein im Vorzimmer. Glühwurm ſtand an einer Seite des Kamins, und ſtarrte in das Geſicht ſeines Kameraden, der an der anderen Ecke lehnte. Mus⸗ quito aber grinſte fürchterlich, als er dem Blicke des Gefähr⸗ ten begegnete. „Hahah— jah— hahah!“— „Was for, machſt Du ſolch verdammtes Specktakel,“ frug Glühwurm mit angenommener Ernſthaftigkeit. „Mir iſt ſo ſehr wunderbar,“ gluckte das andere In⸗ ſekt mit unterdrücktem Kichern—„ſo ſehr verdammt wun⸗ derbar!“ „Ha— jah— jahha,“ lachte Glühwurm, als der Ge⸗ danke an das, was Musquito zum Lachen gereizt, plötzlich ebenfalls vor ſeinem inneren Auge emporſtieg—„Jahhahah — wenn man d'ran denkt, daß— jah hah— der Paſtor an das Bett gebunden lag— jah— hah— hah— hah!“— 89 „Wie ein rother Krebs auf dem Rücken— jah— hah— Und die freundlichen Gentlemen kicherten ganz ſeelen⸗ vergnügt in ſich hinein, und hielten ſich die Seiten, bis die Wände des Zimmers von ihrem dröhnenden Gelächter wie⸗ derſchallten. 1 Die Thüre, die auf den Gang des zweiten Stockwerks führte, öffnete ſich plötzlich und Betty glitt herein. Ihre großen dunkeln Augen glühten in begeiſterter Aufregung, und ihr langes ſchwarzes Haar hing locker über ihre Schul⸗ tern hinab. „Oe Lord Jemine,“ ſchrie Musquito in unbegrenztem Erſtaunen—„es iſt der Mädchen.“ „Schnell ſag' ich— ſchnell,“ rief Betty, als ſie ſich dem Kamine näherte—„ich muß die Hausſchlüſſel haben— niſne wartet darauf, wo ſind ſie? macht ſchnell!“ „Dort liegen ſie Miſſus,“ erwiederte Glühwurm mit einer ſpöttiſchen Verbeugung, indem er nach dem Schlüſſel⸗ bund hinwieß, das auf dem kleinen Tiſche lag,„was zum Teufel wollen Sie aber damit?“ Beſſ ergriff die Schlüſſel, und ſprang damit in das nächſte Zimmer, wo Mabel gefangen gehalten wurde. „Hallo Niggar— was heißt das!“ rief Glühwurm, und ſtarrte in Musquitos Geſicht. „Muß wohl irgend Specktakel unten ſein—“ erwie⸗ derte der andere Neger. III. 7 90 Während er noch ſprach, kam Beſſ mit dem jungen Mädchen in ihrem Arm zurück, das faſt willen⸗ und bewußt⸗ los auf ihrer Schulter lehnte und deſſen große, dunkele Au⸗ gen von einem eignen unheimlichen Feuer glänzte. „Komm mit mir,“ bat flüſternd Betty,„komm mit mir, und ich rette Dich.“ „He da Miſſus— was ſoll das heißen?“ frug Mus⸗ quito— ihr mit drohender Geberde entgegentretend.— „Pſt— pft—“ flüſterte Betty— während ſie einen bedeutungsvollen Blick auf die halbohnmächtige, in ihren Armen ruhende Geſtalt des jungen Mädchens warf—„Seht Leute— unten iſt Lärm geworden und Teufelskäfer will das Mädchen ſchnell nach dem Thurmzimmer geſchafft haben. Macht ſchnell die Thüre auf, und laßt mich mit ihr hinun⸗ ter— Aber Glühwurm, ſteh doch nicht da wie aus Holz ge⸗ hauen— ſchnell ſag' ich!“ Der heimlich verſtohlene Blick, den ſie ihnen zuwarf, ſchien die Befürchtungen der Neger zu zerſtreuen; mit einer mechaniſchen Bewegung riſſen ſie die Thüre auf. „So Glühwurm— nun ſchließe ſie zu,“ ſagte ſie, und blickte lächelnd in ſein ſcheußlich verzerrtes Geſicht hinauf, während ſie ſich in einem vertrauungsvollen Flüſtern zu ihm bog—„und wenn irgend Jemand hier heraufkommen, und nach dem Mädchen fragen ſollte, ſo müßt Ihr ſchwören, daß es ſich nicht im Hauſe befindet; verſteht Ihr mich?“ „Ja Miſſus!“ 91 „Hahaha— wir wiſſen hier, ſolche kleine Geſchäfte zu arangiren, nicht wahr Glühwurm!“ lachte ſie, als ſie noch auf der Schwelle ſtand, und die Jungfrau feſter in ihre Um⸗ armung zog—„keiner verſteht das ſo gut wie wir, eh!“ „Nu natürlich,“ kicherte der Schwarze, und Mus⸗ quito— in das Gelächter mit einſtimmend, drückte ſorgfäl⸗ tig die Thüre wieder in's Schloß. Beſſ ſtand in der Dunkelheit des Corridors, aber ein triumphirendes Lächeln zuckte über ihre ſchönen Züge. Sie fühlte das Herz des Mädchens gegen dieſelbe Hand ſchlagen, die es aufrecht hielt und unterſtützte. „Der teufliſche Plan des Paſtors und ſeiner Helfers⸗ helfer ſoll durch mich vernichtet werden,“ murmelte ſie leiſe vor ſich hin—„ich will das ſchändlich betrogene Kind ret⸗ ten— aus den Händen ihres gräßlichen Vaters retten— hierher, mein holdes Mädchen, und wir entfliehen zuſam⸗ men.“ „Wohin führſt Du mich?“ flüſterte Mabel mit ängſt⸗ licher Stimme—„o ſchütze mich vor meinem Vater— mache mit mir, was Du willſt, aber führe mich nicht unter ſein Dach zurück. Ich will arbeiten— ich will betteln in den Straßen— ich will Noth leiden und verhungern— aber gieb mich nicht wieder in ſeine Hände— ach ſchütze— ſchütze mich.“ Betty führte ſie ſchweigend die Stufen hinab; dort aber 7* lag, zuſammengekauert und zitternd, die Geſtalt eines weib⸗ lichen, in lange weiße Gewänder gekleideten Mädchens. „Steh' auf Marie— ſieh, ich bin wieder bei Dir—“ flüſterte Betty—„nimm meinen Arm, und halte ihn mit aller Deiner Stärke. Wir wollen aus dem Kloſter ent⸗ fliehen.“ Das ſchöne Mädchen erhob ſich und hing ſich an den dargebotenen Arm der Sünderin; kein Wort aber entſchlüpfte ihren Lippen— kein Seufzer hob ihre Bruſt— ſie war ſtill wie das Grab. „Ha— ich höre ſeinen Schritt auf den untern Stu⸗ fen,“ rief Betty plötzlich erſchrolken,„er kommt aus dem Gewölbe; nun ſei uns der Himmel gnädig; trägt er ein Licht in der Hand, ſo ſind wir verloren— noch ein Augenblick, und wir müſſen entdeckt werden.“ Sie preßte ihre Hand in Verzweiflung an die Stirn, nach wenigen Secunden aber ſchon entfuhr ein Ausruf der Freude ihren Lippen. „Drängt Euch dicht an die Wand— ich bedecke Euere lichten Gewänder mit dieſem Mantel.“ Sie gehorchten ſchaudernd dem Befehl, denn auf dem untern Gange wurden deutlich und abgemeſſen Teufelkäfers Schritte gehört, und langſam— langſam tönte jetzt ſein ſchwerer Fuß auf der unterſten Stufe. Kaum war hinläng⸗ licher Raum für ihn, an dem Geländer hinauf zu ſteigen, ohne die Gewänder der Mädchen zu berühren, und näher 93 kam er, näher und näher, und ſein ſchweres Athmen ſchallte dumpf und ſchauerlich, wie das Röcheln eines wilden Thie⸗ res zu ihnen herauf. Bettys Herz ſchlug faſt hörbar— noch ein Schritt, und er mußte an ihrer Seite ſein— ſie hielt den Athem an — ſein Fuß ſtand auf derſelben Schwelle, auf welcher ſie die bebenden Mädchen mit ihrem Mantel deckte; das ſchwache Licht aus dem obern Dachfenſter fiel matt auf ſein helleres Antlitz, während jener Theil der Treppe, an der Wand hin, in tiefe Dunkelheit gehüllt blieb.— Sie ſah, wie er ſich nach ihr wandte, und bedeckte ihren Mund mit den Fingern, einen faſt unwillkürlichen Schrei zu unterdrücken. Teufelskäfer blieb ſtehen— er ſtierte mit dem einen, glühenden Auge feſt und aufmerkſam in die Dunkelheit, und Betty faßte feſter und krampfhafter den ſchweren Schlüſſel der Halle, wobei mehre der andern Schlüſſel zuſammen⸗ klirrten. Sie wollte dieß als letzte, einzige Waffe gebrauchen, um vielleicht mit einem verzweifelten Schlag den Schädel des Pförtners zu treſſen, und ihn zu betäuben. Ihre Lippen waren feſt aufeinander gebiſſen, und ihr Buſen lag einen Augenblick, ſo ruhig und regungslos wie Marmor. „Das Herz iſt mir voll lauter wunderlich alberner Dinge,“ knurrte Teufelskäfer,„war mir's doch jetzt faſt gerade ſo, als ob ich Jemanden auf der Treppe hätte ath⸗ men gehört, und nun dacht ich gar, ich hörte meine Schlüſſel — was für ein thörichter Narr ich bin— zu arg⸗das.“ 94 Er verfolgte ſeinen Weg, und ſeine Schritte verhallten bald darauf oben im Gange. Betty athmete wieder freier; ein wildes Gefühl der Freude und des Triumphs durchglühte ihr Herz. Sie umfaßte die zitternden Mädchen, und mit tröſtender Hoffnung in der einſt ſündigen Seele, geleitete ſie dieſelben die ſteile Treppe hinab. „Nach wenigen Minuten,“ jauchzte ſie im glücklichen Gefühl ihres Sieges—„nur kurze Zeit und wir ſind frei— frei— frei!“— Indeſſen ſtieg Teufelskäfer langſam die Treppe hinauf und ſtand wieder vor des Mönch Balthaſar Vorzimmer. „Ich muß das Mädchen noch einmal anſchauen,“ flüſterte er dann, mit ſich ſelber redend—„muß ihr hübſches Geſicht ſehen— ſie ſoll ſich in Gold wälzen; des alten Teufelkäfers Kind ſoll in Kutſchen fahren und ſteinreich ſein— hahaha— ſolche Maſſen Goldes.“— Er betrat das Vorzimmer und ſchritt, ohne Musquito und Glühwurm, die noch immer neben dem Feuer ſtanden, zu beachten, in das andere Gemach. Leiſe hier die Thüre öffnend, glitt er hinein, ſchloß dieſe hinter ſich, und trat zu dem Lichte. „Sie ſchläft dort auf dem Bett— Ellens Tochter,“ murmelte er dann, ſeine Arme in einander ſchlingend— „manche und manche Nacht habe ich vor Ellens Thüre gele⸗ gen und Harm von ihr abgewandt— manche und manche RNacht. Kein Weſen hat noch gelebt und mich gekannt, das mir nicht geflucht hätte— das eine nur ausgenommen — und das war ſie— Ellen— das Mädchen, für das ich geſtorben wäre. Und dieß iſt ihre Tochter— hahaha— und ſie ſoll ihre Kutſche haben, und Goldſtücke, ſo viel wie Flie⸗ gen auf einem Syrupsfaß. Er ſchlich ſich einen Schritt näher zum Bett, und lauſchte mit etwas zur Seite gehaltenem Kopfe dem leiſen Athem der Jungfrau. „Sie ſchläft ſehr ſanft,“ murmelte Teufelskäfer,„ich aber, ich will zu Livingſtone gehen und ihm die Geſchichte erzählen. Dem Paſtor reiß ich das Herz aus dem Leibe, wenn er mir nicht beiſtimmt. Ich haſſe und verachte die ganze Welt— die ganze Welt haßt und verachtet mich— aber das Mädchen— nein. Die Straßen will ich hinab⸗ ſchleichen, und heimlich zuſehn, wenn ſie in ihrer ſtolzen Caroſſe fährt; in den kalten, klaren Winternächten will ich auf der Gaſſe warten und aufpaſſen, wenn ſie ganz mit Gold und Juwelen bedeckt, mit all den Reichen und Vorneh⸗ men und dem großen Kaufmann neben ſich, in's Theater geht. Und nachher will ich mich auch hineinſchleichen und mein Geſicht verſtecken, aber mein eines Auge halt' ich oben, und ſehe, wie ſich Alles um ſie drängt, und ihr Alles den Hof macht, und— dann ſteck' ich mein Geſicht in die Hände und kichere;— hohoho—„Da“— lach' ich dann—„da 4 4* 96 — da ſitzt des alten Teufelkäfers Tochter, gerade mitten zwiſchen den Großen der Quäkerſtadt.“ Er ließ den Kopf auf die Bruſt ſinken, und während ſein einzelnes Auge funkelte und glühte, verzogen ſich ſeine geſchwollenen Lippen zu einem fröhlichen, ſelbſtzufriedenen Grinſen. Im nächſten Augenblick ſchienen jedoch ſeine Gedanken einen anderen Ideengang zu nehmen. Wunderlich zuckte und flammte es über ſeine Züge, wunderlich blitzte und glänzte das einzelne Auge, feſt und nervig preßte er ſeine Finger feſt — feſter an die Schläfe, und wilde Erinnerungen drängten ſich in ſtürmiſcher Reihenfolge vor ſeinem inneren Auge vor⸗ über. Zuerſt kam das Andenken des ſchönen Weibes, das ihn einſt geliebt— ihn den Ausgeſtoßenen der Menſchheit, ihn den Teufel in irdiſcher Hülle, und ſeine Seele, als ſie von ſolch ſanften, ſüßen Gefühlen belebt wurde, ja, die Seele die⸗ ſes Ungeheuers, war in dem Augenblick ſchön.— Dann aber drängte ſich die Verachtung, der Haß einer Welt auf ſie zu⸗ ſammen;— ſeine unbekannte Geburt— ſein freudloſes Leben, der Zorn, mit dem jeder Fremde auf ihn niedergeblickt, und den er ſelbſt gegen jeden Anderen fühlte. Wie eine ſchwarze Wolke bedeckte das Andenken an alles das, was er ertragen, wie er behandelt, jeden ſanfteren Gedanken. Hätte Teufel⸗ käfers Seele in dieſem Augenblick ſichtbare Geſtalt annehmen können, ſein Körper wäre in Vergleich mit ihr ſchön gewor⸗ —— — 97 den. Entſetzlich war die Veränderung zu ſehen, die ſich in ſeinen zuckenden Wimpern, in ſeinen zitternden Lippen, kund gab. Dann kam ein wilder— wandernder Gedanke— wie ein einzelner Lichtſtrahl goß er ſich über das Chaos dunke⸗ ler, teufliſcher Leidenſchaften, das ſein Herz erfüllte. Wohl ſchwand er faſt eben ſo ſchnell, als er entſtanden, aber ſelbſt in ſeiner Kürze milderte er die ſchauerliche Nacht, die die Seele des Unglücklichen umſchattet hielt;— es war ein Ge⸗ danke an Gott. Für einen Augenblick glaubte er, daß er einen Vater im Weltall habe, daß irgend ein gewaltiges, unbegriffenes Weſen, mit einem Antlitz voll unausſprechlicher Würde und Schönheit, ſein Auge auf ihn geheftet hielt, und daß ſelbſt er— Teufelskäfer, Sünder und Verbrecher, der er war, einen Freund in dem ungeheueren All habe, und daß dieſer Freund ſein Gott ſei. Mit Blitzesſchnelle ſchwand aber dieſer Strahl, und dann, langſam und ſchauerlich, tauchten die alten Spukge⸗ bilde an ſeine Seite herauf.— Der Ermordete mit den zum Kinn gezogenen Knieen— die alte Frau mit dem blutquel⸗ lenden Schädel. Teufelskäfer konnte die Fibern der alten Frau zucken ſehen, er hörte jeden einzelnen Tropfen, wie er langſam und regelmäßig auf die Erde hinabſiel— da— jetzt fiel einer— nun wieder eine Pauſe— da— da noch 98 einer— nun auf's Neue Alles ſtill— und jetzt— jetzt quoll es hervor in voller Macht. Ha— wie roth es wurde, als es ſich langſam über die Backſteine im Kamin hinwegwälzte, huh— nun das leiſe— leiſe Stöhnen. „Sie ſind wieder bei mir,“ flüſterte er mit kaum hör⸗ barem, aber dadurch um ſo ſchauerlicherem Ziſcheln, indem er ſich den kalten Schweiß von der Stirne trocknete—„im⸗ mer bei mir— immer. Ich ſehe aber den Anderen nicht! wo iſt der Harvey! ha— da liegt er; ſteif und ſtarr neben dem Grabe— huh, wie ſeine Augen glittern. Ha! er bewegt ſich— er ſpringt auf! zurück ſag' ich— zurück! Du biſt todt Du Teufel, und kannſt mich nicht mehr ſchrecken— zurück!“ Im nächſten Augenblick hatte ihn der Anfall verlaſſen, und mit einem wilden höhniſchen Lachen blickte er ſich um. „Das iſt höchſt angenehm,“ grinſte er—„ſehr ange⸗ nehm das— thut Einem wohl, ſolcher Spaß dann und wann— huh— es ſtärkt Einen ordentlich!“ Er näherte ſich dem Bett und ſein wilder Geiſt beruhigte ſich wieder; ſein Kind ſchlief hter— ſein Kind. Tiefes Dunkel umnachtete dieſe Seite des Zimmers, auch das La⸗ ger; aber ſie ruhte ja dort. Sein Herz klopfte von wilder, aber heiliger Freude bewegt, und wieder bog er ſich nieder, den leiſen Athemzügen des ſchlummernden Kindes zu lau⸗ ſchen. 99 Alles war todtenſtill. Da beſchlich ihn zum erſten Mal eine ihm unerklärliche Angſt, und er ſtreckte ſeine Hand aus und fühlte über die Decke hinüber.— Seine Glieder zitterten.— Wieder ließ er beide Hände über die weiche Decke des Bettes fliegen, und ſprang dann mit gellendem Schreckensſchrei zurück. Einen Augenblick ſchien die Ueberraſchung wirklich ſeine Glieder gelähmt zu haben, dann aber ſtürzte er von einem Ende des Zimmers zum anderen, und ſtieß den Namen „Ellen“ wieder und wieder, mit immer erneuter Angſt und Wehmuth aus. „Ellen!“ flehte er, in ſeinem Wahnſinn das Kind mit der Mutter verwechſelnd,„wo haben ſie Dich hingebracht, Ellen?— lag ich nicht in den kalten Winternächten vor Dei⸗ ner Thüre— kämpfte ich nicht für Dich? ſag' Nell, hat es ſchon je einen ſolchen Diener gegeben, als ich Dir geweſen bin o ſo antworte doch, Nelly— ſo antworte doch— ver⸗ ſtecke Dich doch nicht vor mir, Deinem alten Teufelskäfer. Ich weiß, Du biſt irgend wohin gekrochen; Du würdeſt mich doch nicht verlaſſen!— Nell!“ Wieder ſchrie er ihren Namen, lauſchte dann einen Augenblick, und ſtürzte, als er keine Antwort erhielt, in das Vorzimmer, wo er den Neger Musquito mit der Kraft eines Rieſen an der Gurgel packte. 3 „Geſtehe Du Schuft, wohin haſt Du das Mädchen ge⸗ ſchafft?“ 100 „Maſſa!“ erwiederte der Neger, der, durch die eiſer⸗ nen Krallenfinger faſt erwurgt, kaum verſtändliche Laute herausbringen konnte;„Miſſus Beß nahm die Schlüſſel und— das Mädchen— weiter— weiter weiß ich Nichts.“ „Nigger— ich brate Dich lebendig!“ ſchrie Teufels⸗ käfer mit wildem Ingrimm.„Alſo Beß nahm die Schlüſſel und das Mädchen! ſo? Gut Canaillen; das ſage ich Euch aber, wenn ich das Mädchen nicht wiederbekomme, ſo macht Euch darauf gefaßt, daß Euch Euer ſchwarzes Fleiſch ſtücken⸗ weis von den Knochen geriſſen wird— bei Gott!“ Er ſprang in voller Wuth aus der Thüre und die Treppe hinab. Indeſſen hatte Betty mit den zitternden Mädchen ihren Weg verfolgt, und ſtand bald an der ſchmalen Thür von des Pförtners Höhle. Die Thür war nur angelehnt, zu ih⸗ rem Entſetzen bemerkte ſie aber zwei Perſonen vor dem Ka⸗ min, denen ſie allerdings jetzt nicht zu begegnen wünſchte. Es war die wohlbeleibte Geſtalt des ehrwürdigen Paſtor Pyne und der ſchlanke Millionair, Fitz Cowles, die ſich hier ſehr angenehm zu unterhalten ſchienen. „Alſo ein hübſches Mädchen, Paſtor! haha— Ihr ſeid ein alter Fuchs. Wo iſt ſie jetzt?“ „Sprecht nicht ſo laut, Fitz— ſie iſt oben; ein liebes Mädchen, mit vollen Formen und rothen Lippen— ah— Beß konnte hören, wie der Paſtor mit der Zunge ſchnalzte. 101 „Nehmt Euch in Acht, Paſtor,“ lachte Fitz Cowles; „ich ſteche Euch ſonſt aus— kaufe ſie Teufelskäfer ab, und gewinne ſie für mich allein. Uebrigens weiß ich, daß Ihr Prieſter, in dieſer Hinſicht, einen ausgezeichneten Geſchmack habt; meine Neugierde iſt auf jeden Fall erregt, und ich möchte das Mädchen wenigſtens ſehen. „Aha! ſo! nun Mühe genug hat's mich gekoſtet, ſie ſo weit und hierher zu bringen; umſonſt erhaltet Ihr ſie auch nicht aus meiner Hand— das iſt gewiß.“ Es entſtand jetzt eine mehre Minuten lange Pauſe, und Pyne und Fitz Cowles flüſterten ſehr angelegentlich zuſam⸗ men; nach einer Weile rief Fitz Cowles lachend. „Gut alſo, Paſtor— das Mädchen iſt mein.“ „Uund das Geld mein,“ ſagte der würdige Mann. „Wo aber iſt ſie!“ „Oben in meinem Zimmer— Ihr kennt es ja,“ der brave Paſtor winkte nach der Thüre zu, hinter welcher Betty ſtand. Fitz Cowles wandte ſich vom Kamine fort, und Betty wußte jetzt, daß im nächſten Augenblick die Thüre geöffnet, und ſie mit ihren Schützlingen entdeckt werden mußte; ſchnell entſchloſſen rief ſie aber den beiden Mädchen zu, nur eine Minute ihrer zu harren, drückte ſie dann in den dunkelen Theil des Ganges zurück, riß die Thüre auf, ſtürzte in das Zimmer und rief: 102 „Feuer! Feuer! der Gang brennt, rettet Euch ſo lang Ihr noch könnt—— fort.“ Sie ſprang nach der Außenthüre, während die Bei⸗ den überraſcht und erſchreckt ſtanden; in der nächſten Se⸗ eunde war der Schlüſſel im Schloß, und die ſchwere Pforte weit aufgeriſſen. „Rettet Euch!“ ſchrie Betty noch einmal— die Flam⸗ men müſſen augenblicklich dieſen Theil erreichen.“ „Sollen wir fort, Fitz!“ „Ich denke doch, es wird das Beſte ſein, Paſtor.“ Die Worte waren kaum ſeinen Lippen entflohen, als weiße Kleider vor ſeinen Augen flatterten, und zwei weib⸗ liche Geſtalten in wilden Gazellenſätzen durch die Halle flohen und das Freie erreichten. Mabel, ſelbſt zitternd vor Angſt und Schreck, unterſtützte noch die ſchwankende Marie. Beß riß den Schlüſſel wieder aus dem Schloß, folgte ihnen, ohne weiter ein Wort zu äußern, draußen aber beide Mädchen unter ihre Arme faſſend, floh ſie mit ihnen vollen Laufes die ſchmale Gaſſe entlang. „Bei Gott— das Mädchen in dem weißen Kleid war Mabel!“ ſchrie der Paſtor. „Aber zwei von ihnen trugen weiße Kleider,“ wandte Fitz Cowles ein. „Die Eine mit den langen, ſchwarzen Haaren und den glänzend ſchwarzen Augen war Mabel,“ rief Pyne, zur Thüre eilend. „Ha— iſt das wahr! die zu gewinnen, wären Tau⸗ ſende nicht zu viel; fort, laßt uns nach, der Feuerlärm war falſch.“ Nicht weit die Straße hinab, ſlatterten die weißen Ge⸗ wänder im hellen Mondenlicht. „Die ſind mein— ich hole ſie ein!“ jubelte Fitz Cow⸗ les, und ſprang ihnen nach. „und ich will gerade ausgehen, und ihnen den Weg dort abſchneiden, wo dießſelbe Gäßchen wieder in dieſe Straße hineinläuft,“ kicherte der Paſtor, und verlor auch weiter keine Zeit, ſeinen Plan auszuführen.„Hahaha,“ lachte er dabei vor ſich;—„ich brauche mich gar nicht zu übereilen; ehe ſie den langen Weg gelaufen ſind, fang' ich ſie zehnmal. Wäre doch ein Hauptſpaß, wenn ich meine kleine Mabel wieder in's Netz bekäme.“ Der Paſtor verſchwand bald um die Ecke einer etwas breitern Straße, während Fitz Cowles ihnen gerade nachlief, in demſelben Augenblick erſchien auch Teufelskäfer in der Thür des Kloſters. 1 „Hoho!“ rief er, indem er ihnen nachſtarrte;„dort gehen ſie, und— verdammt noch einmal— irgend Jemand der Jagd auf ſie macht, dahinter her.— Ha— ſie wenden in das Gäßchen ein, das, anſtatt wie ein ordentliches Phi⸗ ladelphia⸗ Gaßchen gerade auszugehen, in einem Bogen faſt um das Kloſter herumläuft, und in die linke Straße, in kurzer Entfernung wieder einmündet— hoho— jetzt weiß 104 ich was ich thue; ich klettere gerade über die Hofplanke, und ſpringe dort in den ſchmalen Gang hinunter. Die Mädchen werden angelaufen kommen, und einen ſchwarzen Klum⸗ pen im Wege liegen ſehen, den ſie wahrſcheinlich für einen Stein halten. Der ſchwarze Klumpen wird aber, wenn ſie eben vorbei wollen, in die Höhe ſpringen, die Arme ausbrei⸗ ten und ſie aufhalten. Hoho, Teufelskäfer wird ſein Kind, ſeine Tochter wieder kriegen.“ Er verſchwand in der Thüre des Kloſters. Der Mond ſchien nieder auf das ſonderbar geſtaltete Dach des alten Gebäudes, und wie Kobolde kauerten die wunderlichen Schornſteine und ſteilen Giebel, lange, dunkele Schattenſtreifen über die ergrauten Schindeln werfend, oben auf dem Gipfel. Betty verfolgte indeſſen mit ſtarkem Herzen ihre Bahn. Da war es ihr, als ob der Schall von Schritten ihr Ohr traf; ſie wandte den Kopf, und erblickte Fitz Cowles in kaum funfzig Schritt Entfernung. Sein hoher Hut und der goldglänzende Stockknopf ließ ſich deutlich im klaren Mon⸗ denlicht erkennen. In Todesangſt wandte ſie ſich in die kleine Gaſſe ab. „Hurrah!“ jubelte Fitz Cowles, als er bald nach ih⸗ nen die Ecke erreichte und die drei flüchtigen Geſtalten in nur geringer Entfernung vor ſich ſah;„das Geſicht und die Augen ſind nicht ſobald vergeſſen— bei Jupiter, ſie müſſen mein ſein.“ 10⁵ Beß wandte ihren Kopf, und ſah, wie der Verfolger mit jedem Schritte ſeine Entfernung verringerte. „Fort Mary— fort Kinder,“— flüſterte ſie—„Ihr entflieht dem Tode oder etwas noch Entſetzlicherem.“ Ihre Worte ſchienen den unglücklichen neue Kräfte zu geben; jede Ausſicht auf Rettung aber vergeblich. Fitz Cowles war dicht hinter ihnen, und ſeine Worte:„hallo, mein ſchwarzäugiges Fräulein, Du entgehſt mir nicht!“ ſchallten klar und deutlich zu ihnen herüber. Sie erreichten jetzt einen Theil der Straße, wo die eine Seite durch eine ungemein hohe Bretwand begrenzt wurde, über welche ſich die dunkelen Außenlinien des Kloſterdaches erkennen ließen. Fitz Cowles war in kaum zehn Schrit⸗ ten von ihnen. Nichts konnte ſie mehr retten, ihre Kräfte verließen ſie auch, der nächſte Augenblick mußte der Ent⸗ ſcheidende ſein. Fitz Cowles ſtieß einen Triumphruf aus, und ſprang vor, ſein Opfer zu ergreifen; er achtete nicht des ſchwarzen Klumpens, der wie ein einzeln liegender Felsblock ſich mit⸗ ten im Pfad erhob. Die Mädchen ſtürmten vorbei, und der Millionair wollte lachend ſeine ſchöne Beute erfaſſen, als ein wilder, zorniger Schrei ſein fröhliches Gelächter über⸗ täubte, die ſchwarze Maſſe ſchnellte mit Blitzesſchnelle em⸗ por, und gewann Form und Geſtalt, und Teufelskäfer ſtand vor dem überraſcht Zurücktaumelnden. ufoho⸗ mein Bürſchchen— hab' ich Dich erwiſcht! eh! SIII. 8 ſchrie er mit zornfunkelndem Auge; weshalb, zum Teufel, ſetzt Ihr hinter dem Mädchen her!“ „Zurück— oder ich ſchlage Dir den Schädel ein— zurück, Canaille— Du ſtehſt in meinen Dienſten— und gezüchtigt ſollſt Du für dieſe Unverſchämtheit werden,“— Fitz Cowles hob drohend ſeinen goldknopfigen Stock. „Gezüchtigt!“ knurrte Teufelskäfer mit wildem In⸗ grimm;„den Mann wöcht' ich ſehen, der dieſen Arm züch⸗ tigen könnte;“— und mit wahrhaft dämoniſchem Schrei warf er ſich auf den Millionair, daß Beide im ringenden, wüthenden Kampfe zu Boden ſtürzten. Durch dieſes Zwiſchenſpiel gewannen aber die flüchtigen Mädchen auch wieder Luft und neuen Muth; in vollem Lauf, immer noch von der braven Betty unterſtützt, die nur beſorgt war, die Kräfte ihrer beiden Schützlinge zu ſchonen, flohen ſie die Gaſſe entlang, und näherten ſich jetzt dem Orte, wo dieſe in die größere Straße ausmündete. „Ha— dort ſteht ein Mann an der Straßenecke,“ flü⸗ ſterte Betty erſchrocken;„wir ſind verrathen. Aber Muth, Mary— Muth Du Unglückliche— Ihr ſollt nicht in jene Höhle zurückgeſchleppt werden, ſo lange Betty noch eine Sehne hat, die Euch vertheidigen und ſchützen kann. „Es iſt mein Vater!“ flüſterte Mabel entſetzt und an allen Gliedern bebend. „Ja ja, meine liebe Mabel— es iſt Dein Vater,“ ſchmunzelte die wohlbeleibte Geſtalt des Paſtors, der aus 107 dem Schatten der Straße auf ſie zutrat.„Komm mit mir, mein Mädchen, und ich will Deine begangenen Fehler überſehen — komm mit mir zu Hauſe, mein Täubchen.“ Er näherte ſich dem Mädchen, und dieſes wollte ſich in der Angſt der Verzweiflung feſter an ihre Retterin anklam⸗ mern. Betty aber ſtieß ſie zurück, und hob ihren rechten Arm hoch empor; jede Muskel ihres ſchönen Körpers war angeſpannt und geſtählt. „O ſtoße mich nicht von Dir,“ flehte die Jungfrau. „Komm zu Deinem Papa, mein Täubchen,“ ſagte der ehrwürdige Mann, und ſtreckte ſeinen Arm aus, die ſchlanke Geſtalt der Zitternden zu erfaſſen. Da ſprang Betty auf ihn zu— ihre Augen ſprühten Feuer, und der ſchwere eiſerne Schlüſſel des Kloſters, ſchmet⸗ terte nieder auf die breite Stirn des ſchurkiſchen Prieſters. Der Schlag war ſo kräftig als unerwartet, er ſchrak zurück, taumelte, und ſtürzte ſchwerfällig zu Boden. „Nun Kinder, haltet Euch feſt an meinem Arm,“ ſchrie Betty;—„mit Gott denk' ich Euch jetzt zu retten— in einer Stunde haben wir ein Aſyl erreicht, wo kein Unrecht Euch geſchehen, keine wilde Leidenſchaft Eueren Frieden trüben kann. Sefi „Wohin Du willſt, führe mich Beſſie, wohin Du willſt— in die Hütte der Armuth und des Elends, nur nicht zurück in das Vaterhaus, das ich erſt geſtern Nacht gegen Lorraines Wohnung vertauſchte. Ich habe geträumt, Beſſie, 8* 108 aber Gott der Herr allein weiß, wie fürchterlich das Erwa⸗ chen aus dieſem Traum geweſen iſt.“ Wie Marie ſprach, wandte ſie ihr bleiches, abgehärm⸗ tes Antlitz der Führerin zu, und ihre Stimme zitterte in der Erinnerung, in dem Bewußtſein ihres gräßlichen Elendes. Betty konnte den Blick der Unglücklichen nicht ertragen, und wandte ſich ſchaudernd ab. Mabel hing ſich feſter in den Arm ihrer ſchlanken Füh⸗ rerin, und bat ſie ihre Flucht zu beeilen. „O laß uns fort,“ rief ſie;„ſieh dort meinen Vater,“ und ſie zeigte auf die noch regungsloſe Geſtalt des Nieder⸗ geſchlagenen;„o Gott, ich fürchte ihn mehr als das Grab.“ Betty ſah ſchweigend zu den beiden holden, unglück⸗ lichen Mädchen nieder, aus ihrem Herzen aber, aus dem Herzen der Gefallenen, der Sünderin, ſtieg ein heiliger, ein reiner Schwur empor, der ihre Seele läuterte, und ſie mit freiem, offenem Blick zu dem ruhigen Sternendom über ihr, emporſchauen ließ. Es war der Schwur, die beiden holden Weſen an ihrem Arme, vor Leid und Unheil zu ſchützen— es war der Schwur, ihr eigenes Leben ihre eigene Seeligkeit daranzuſetzen, mit ihnen dann⸗ſelbſt dem Leben der Sünde und Schande zu entſagen, und Alles, Alles, vor dem Throne des Allmächtigen, vor den Augen des Allerbarmers, abzubüßen. uUnd die drei Schweſtern, die Gefallene, die Verführte unnd die Unſchuldige, wanderten hin durch die dunkele, men⸗ ſchenleere Straße, auf ihrer ſtillen, einſamen Bahn. 109 Die State-house-Uhr ſchlug Eins. Zwei Männer ſchlenderten langſam eine wohlbekannte Straße im Southwark⸗Diſtrikt entlang. „Verdamm die Dirne— ſeht nur meine Stirn an; dieß Schlüſſelbartzeichen werd' ich im Leben nicht wieder los.“ „Verſchönern thut's Euer Geſicht gerade nicht, Paſtor,“ lachte der Andere;„Ihr hättet aber das Kielholen ſehen ſollen, was ich indeſſen mit dem Ungeheuer hatte. Bei Ju⸗ piter, ich habe keinen Knochen im Leibe, der mich nicht ſchmerzte. „Wie ſeid Ihr den alten Teufelskäfer überhaupt wieder losgeworden! heh Fitz!“ „Log' dem alten Schuft etwas vor— machte ihn glau⸗ ben, ich hätte das Mädchen beſchützen wollen, und derglei⸗ chen mehr. Verdammt ſonderbar, daß er ſich ſo für das Ding intereſſiren ſollte; iſt es nicht!“ „Sehr ſeltſam, wie wir auf der Kanzel ſagen, wenn die Morgenſammlung etwas dürftig ausgefallen iſt. Doch, Fitz Cowles, ich habe Euch das Mädchen verkauft, und Ihr ſollt es haben— die Folgen aber auf Euere eigenen Schul⸗ tern— wie geſagt, Teufelskäfer intereſſirt ſich für ſie.“ „O Teufelskäfer mag zu ſeinem Meiſter gehen; wann aber kann ſie mein ſein?“ „Morgen Nachmittag.“ 9H 110 „Wahrhaftig, Paſtor! Beim ewigen Gott, wenn Ihr mir dieß Mädchen bis morgen Nachmittag überliefert, ſo ſoll noch ein anderes Hundert Euer ſein.“ „Gebt mir Euere Hand darauf, Fitz— ſo mein Alter⸗ chen— der Handel wäre gemacht; und nun, mein Püpp⸗ chen,“ murmelte er vor ſich hin, während ſeine kleinen Au⸗ gen in tückiſchem Haſſe blinkten;„nun wollen wir doch einmal ſehen, wer den Charakter eines ehrwürdigen Prie⸗ ſters vor den Augen ſeiner frommen Gemeinde herunterſetzen kann, und wer ſich unr Vertheidigung Ungeheuer anſchafft? — die Dirne die— „Einen Troſt hab' ich wenigſtens,“ lächelte Fitz Cowles vor ſich hin;—„daß die Banknoten, die der alte Sünder von mir erhält, alle auf— Sandbänke ſind— hihihi.“ „Ha Fitz!“ rief Paſtor Pyne plotzlich— blendete mich das Mondenlicht, oder flattern dort hinten unſere drei Schönen?“ „Beim ewigen Gott, Paſtor— wie zum Henker kom⸗ men die hierher. „Einerlei, Alterchen,“ jubelte der fromme Mann,„das Glück iſt uns hold, und, und dießmal ſollen ſie uns nicht entgehen. Kaum einen Augenblick waren ſie im Stande geweſen, die flüchtigen Formen der Frauenzimmer zu erkennen, als dieſe um eine Ecke verſchwanden. In vollem Rennen aber nacheilend, war dort auch keine Spur mehr von ihnen zu V I 111 ſehen, trotz dem daß die Straße, wie faſt alle Philadel⸗ phia⸗Straßen, kegelbahngerade rechts und links ablief, und der helle Mondenſchein auch ſelbſt den entfernteſten Gegen⸗ ſtand klar und deutlich erkennen ließ. 1 „Wohin können ſie ſich nur gewandt haben?“ rief der ehrwürdige Dr. Pyne ganz erſtaunt;„keine andere Straße, kein Gäßchen führt hier rechts oder links ab, und ich ſehe doch auch ſonſt keine Ecke oder kein Plätzchen, wo ſie ſich ver⸗ ſteckt halten könnten. Sie müſſen in eines der Häuſer ge⸗ flüchtet ſein.“ „Wo zum Teufel findet Ihr denn in dieſer Zeit der Nacht ein Haus offen? in die Pflaſterſteine ſind ſie hinein⸗ gefahren, ſonſt wüßt ich bei Gott nicht, was aus ihnen ge⸗ worden ſein könnte.“. „Ha— hier iſt der Wittwe Smolby Haus— zehn ge⸗ gen eins, ſie ſind hier hinein. Wartet einen Augenblick und 3 ich will anklopfen. Der ehrwürdige Dr. Pyne ſtieg die wenigen Stufen hinauf, und klopfte an die Thüre des alten Gebäudes; gleich darauf öffnete ſich dieſelbe etwa einen Zoll breit, und der ſchmale Strahl eines Lichtes fiel heraus auf das Pflaſter. „Iſt die Wittwe Smolby zu Hauſe?“ frug der fromme Doctor, ſeinen ſanfteſten und humanſten Ton annehmend. „Nicht ganz, aber ihre Leiche iſt, wenn das genügt, antwortete eine rauhe Stimme aus dem Inneren des Hauſes. „Ihre Leiche?“ „Sie wiſſen alſo wohl nicht, daß die Wittwe einen Anfall von— Mördern und Dieben dieſen Nachmittag hatte? Die Leichenbeſchauer waren da— ſehr angenehme Menſchen das.“—. „Sie haben wohl Nichts von drei jungen Damen in dieſem Theile der Stadt geſehen?“ frug der eifrige Doctor mit ſeinem ſalbungsvollſten Ton. „Nun wahrhaftig!“ rief die Stimme erſtaunt,„wenn das nicht eine verdammt intereſſante Frage iſt, einen Men⸗ ſchen deßhalb mitten in der Nacht aufzuwecken. Macht ein Nadelkiſſen aus mir, und hängt mich an die Wand, daß alle alten Weiber ihre Nadeln in mich hineinſtecken, wenn ich nicht verdammte Luſt habe hinauszukommen, und Dir, Du alte Schildkröte, eins auf's Dach zu geben.“ Mit dieſen Worten, dem noch ein kräftiger, halb in den Bart gemurmelter Kernfluch folgte, ſchloß der ſich im Inneren befindende Gentleman, der etwas heftiger Natur zu ſein ſchien, die Thüre wieder.“ „Sonderbar, wie merkwürdig dieſe Stimme der des Major Mulhill glich,“ murmelte Fitz Cowles leiſe. „Das Mädchen iſt in dieſem Hauſe,“ ſagte mit mil⸗ dem Lächeln der Feind des heidniſchen Rom. „Hört, Paſtor!“ rief Fitz Cowles leidenſchaftlich;— „die Schwierigkeiten, die ſich uns in den Weg ſtellen, haben mich vielleicht eifriger auf den Beſitz des ſchönen Mädchens gemacht, als es ſonſt der Fall geweſen wäre; bis jetzt habe ich aber noch nie ein Mädchen beſitzen wollen, das ich nicht auch errang; liefert Ihr alſo dieſe flüchtige Gazelle bis morgen Mittag in meine Armen, ſo ſoll ein Hundert Dol⸗ lars mehr, keinen Unterſchied machen.“ „Vertraut nur mir,“ lächelte mit einem tückiſchen Blicke der fromme Mann;—„Ihr müßt überdieß wiſſen, daß ich ſelbſt eine kleine Bosheit auf das Fräulein habe— ſie muß— aber hallo— was liegt dort auf der Erde!“ „Nichts als ein Betrunkener, doch kommt, Paſtor, wir wollen die Straße hinabgehen, und unſeren weiteren Plan bereden.“ Und als ſie ſich von dem Platze entfernten, regte und bewegte ſich der dunkele Gegenſtand auf der Straße, und nahm, in wenigen Secunden, als er ſich im Lichte des Mondes erhob, die Geſtalt eines Mannes an. Der Mond ſchien über ein geiſterhaft erdfahles Antlitz, deſſen glaſige Augen ſtarr und glanzlos auf den klaren Himmel geheftet. waren. Ueber Stirn und Schläfe fielen lange, dunkele Locken, und ſeine eine Hand flog wie im Fieberfroſt, als er ſie lang⸗ ſam und wie unbewußt zur Stirne hob. Langſam kroch die Geſtalt auf den kalten Steinen der Straße hin, und dann, als ob ſeine Kräfte erſchöpft wären, und er nicht weiter könne, ſtieß er einen ſchwachen Schrei aus— ſein Kopf ſank auf die Bruſt herab, ſeine Arme knickten ein, und er ſtürzte ſtarr und regungslos auf das Pflaſter nieder. 114 Bettys ſcharfes Auge hatte indeſſen, gerade als ſie um die Ecke biegen wollten, die wieder erſtandenen Verfolger, denen ſie ein unglückliches Schickſal auf's Neue in den Weg warf, entdeckt; aber ihre Kräfte waren ebenfalls erſchöpft, und ſie wollte ſchon, in letzter, auf's Aeußerſte getriebener Verzweiflung ſtehen bleiben, und den gierigen Verfolgern be⸗ gegnen, als Mabel ausrief: „Dieß iſt der Wittwe Smolby Haus, aus dem mich mein Vater vor kaum zwölf Stunden ſchleppte.“ „Wittwe Smolby!“ murmelte Beß, als ein neuer Gedanke ihr Hirn durchzuckte;„ha— dort können wir viel⸗ leicht Schutz und Rettung finden— uns bleibt keine andere Wahl.“ Sie klopfte heftig an der Thür, und dieſe öffnete ſich auch, zu ihrem Erſtaunen, faſt in demſelben Augenblick, während eine rauhe Stimme herausfragte, was ſie zu ſo ſpäter Nachtzeit wollten. „Ha, Larkſpur— ſeid Ihr das!“ rief Betty, freudig überraſcht—„die langlockige Beß bittet Euch, ihr Schutz und Obdach zu gewähren— hat auch wichtige Nachrichten über den letztverübten Mord in dieſem Hauſe!“ „Was! Beß, mein Täubchen!“ antwortete Eaſy Lark⸗ ſpur, indem er die Thüre öffnete;—„und in Geſellſchaft? zwei junge Damen! oho, irgend einen neuen Plan im Werk? nun komm herein, Liebchen!“ Zum erſten Male erfaßte in dieſem Augenblick der wilde Verdacht die Seele Marie Arlingtons, daß Betty eine Sün⸗ derin, und ſie mit deren Hülfe verrathen und verkauft ſei. Wie mit eiſigen Fingern griff ihr der Gedanke in's warme Herz, und kaum vermochte ſie noch ſich aufrecht zu erhalten; das zutrauliche Weſen des Polizeibeamten mit der Freun⸗ din, ließ faſt nichts Anderes vermuthen. Wehe, was mußte dann aus ihr werden! „Treten Sie näher, meine Damen, treten Sie näher — Sie ſehen, ich vergnügte mich gerade mit einem Gläs⸗ chen Whiskeypunſch und einer feinen Havannah. Whiskey⸗ punſch iſt übrigens, meine Damen, wie Sie vielleicht ſchon Gelegenheit hatten zu bemerken, ein ausgezeichneter Trank, geht hinunter wie Oel. Ladies, ich möchte Ihnen überhaupt den Rath geben, nur einen Gentleman zu heirathen, der guten Whiskeypunſch zu machen verſteht. Sie müſſen ſich aber dabei ſehr in Acht nehmen, ihn nicht zu ſchwach zu ma⸗ chen; ſchwacher Punſch, Ladies„“ fuhr der wohlwollende Gentleman mit einem ſehr bedeutenden Anti⸗Mäßigkeits⸗ blicke fort;„ſchwacher Punſch iſt, meiner Meinung nach, das verächtlichſte Ding auf der Welt, was es giebt.“ „Larkſpur— ich muß Euch etwas ſagen. Von einem Gefährten des Mörders, habe ich genauere Nachrichten über den Mord ſelbſt, der geſtern in dieſem Hauſe verübt wurde, erhalten. Dieſe Mittheilung will ich Euch unter der Be⸗ dingung machen, daß Ihr dieſen Damen und mir, Schutz für die Nacht gewährt. „Ja ſiehſt Du, Beſſie, mich haben die Leichenbeſchauer und die Gerichte hier zurückgelaſſen, damit ich das Haus bewachen ſolle, im Fall die Schurken heute Abend noch ein⸗ mal Luſt verſpürten zurückzukommen. Meine Leute ſchlafen da drüben in den Zimmern. Möchten Sie nicht ein Glas von dieſem Punſch verſuchen! Natürlich können Sie die Nacht hier bleiben, meine Damen, da der„Mayor“ aber alle Zimmer verſchloſſen und verſiegelt hat, ſo müſſen Sie ſchon mit dem vorlieb nehmen, in dem die Leiche liegt.“ „Großer Gott, ſo iſt die alte Dame wirklich todt?“ flüſterte Mabel entſetzt. „Todt, mein Herzchen, wie die Vereinigte⸗Staaten⸗ Bank,“ bemerkte Larkſpur mit wirklich ſchätzungswerther Gemüthsruhe;„denn was Todteres habe ich in meinem ganzen Leben nicht geſehen; ſie iſt ungefähr das Todteſte, was es in der ganzen Welt geben kann.“ Beß führte die Mädchen ſchweigend die Treppe hinauf; derſelbe Schauder durchbebte aber jedes Herz, als ſie zu⸗ ſammen die Geſpenſterkammer betraten. Zwei große Wachs⸗ lichter warfen hier ihren matten Schein durch das Gemach; das maſſive Bett, mit den ſchweren Vorhängen, ſtand noch immer in der Ecke; die hochrückigen Stühle nahmen wieder ihre alten Stellungen an der Wand ein; der Spiegel zwiſchen den Fenſtern ſtrahlte den Lichtſtrahl zurück, und das Bild über dem Kamin ſtarrte noch immer in ſeiner ſchweigenden, unheimlichen Schönheit hernieder. 117 Die Geſpenſterkammer war dieſelbe wie früher, aber auch wieder nicht dieſelbe. Vor dem Kamin bedeckte eine dicke Kruſte geronnenen Blutes die Heerdſteine, ſelbſt die Luft ſchien von dem beengenden Dunſt menſchlichen Blutes geſättigt, und in der Mitte des Raumes, von dem vollen Strahl der Wachslichter beleuchtet, ſtand ein offener Sarg. Entſetzlich deutlich ließen ſich dabei alle die Außenlinien der darin ruhenden Geſtalt erkennen, die erkalteten, auf der Bruſt gefalteten Hände, wie die, das Leichentuch in die Höhe preſſenden Zehen; nur über den Kopf war ein dichtes, wei⸗ ßes Tuch gedeckt. Der zertrümmerte Schädel war ein zu gräßlicher Anblick für Lebende. Und dennoch war es faſt noch ſchauerlicher jenes Tuch zu ſehen, und mit krankhafter Einbildungskraft das Ungewiſſe immer noch wilder und un⸗ heimlicher auszumalen. Dort lag ſie— ihr Gold vergeſſen— ihr Blut kalt und eiſig, ihre Glieder marmorſtarr; neben ihrer Leiche aber ergriff Betty die Hand der zitternden Jungfrau, führte ſie, während eine eigene, fliegende Röthe ihre Wange färbte, vor das Bild jener holden Frau, und rief, mit der ausge⸗ ſtreckten Hand darauf hindeutend: „Sieh— ſieh Mabel— das war Deine Mutter. Du biſt Livingſtones Kind, und dieß Haus, mit Allem was es enthält, iſt das Deine. Das Deine durch das Teſtament jener Frau, die ſtarr und kalt in ihrem Sarge ruht. Sieh zu dem Antlitz Deiner Mutter auf, die liebend und freund⸗ 118 lich zu Dir niederblickt; kniee nieder Mabel, und danke Dei⸗ nem Gott, daß er Dir nach der langen Nacht, die Dein Le⸗ ben bedeckte, endlich den freudeſtrahlenden Morgen hat tagen laſſen.“ Und während Mabel halb betäubt von dem eben Ge⸗ hörten daſtand, und es nicht faſſen, nicht begreifen konnte, wandte ſich Betty an Marie, ergriff dieſer Hand, und flü⸗ ſterte, vor ihr niederknieend, mit leiſer, vor innerer Bewe⸗ gung faſt erſtickter Stimme: Nun höre auch Du das dunkele Bekenntniß, was ich Deinem Ohre vertrauen muß. Ich, ich war die Urſache Deines Verderbens, ich war die rechte Hand des Verführers, ich war ſein Werkzeug, und verkaufte mich ihm, Körper und Seele, ſeine ſchwarzen Pläne auszuführen. Ich war es, die Dich aus Deiner ſtillen Heimath, die Dich zu Schmach und Elend lockte, und an Dir habe ich ein Ver⸗ brechen begangen, wie es die Hölle ſelbſt nicht ſchwärzer auf⸗ weiſen könnte.“ „Höre dieß Bekenntniß, und höre auch meinen feſten Entſchluß. Stoße mich von Dir, tritt mich, fluche mir— o fluche mir, aber lebend weiche ich nicht von Deiner Seite. Du willſt nicht zu Deines Vaters Haus zurückkehren; ich will für Dich arbeiten— betteln, wenn es ſein muß; laß mich wenigſtens einen Theil meines Verbrechens durch ein Leben voll Treue und Liebe in Deinem Dienſte, tilgen. Fluche mir, Marie— thue mit mir, wie ich es ach ſo reich⸗ 119 lich verdient habe; aber Dein Sclave bin ich von jetzt an durch dieſes Leben, und mein Verbrechen mag mit blutigen Thränen, wenn nicht getilgt, doch gemildert werden.“ Vergebens wäre es die Gefühle zu beſchreiben, die bei dieſem Geſtändniß Maria's Herz durchtobten.— Wie be⸗ wußtlos ſtarrte ſie zu der knieenden Sünderin nieder, ja ſie ſpielte ſelbſt mit dem langen, rabenſchwarzen Haar derſelben, dann aber brach ſie in ein lautſchallendes, wahnſinniges La⸗ chen aus und ſchrie, krampfhaft emporzuckend: „Lorraine!— Lorraine! hahaha— er wird dennoch zurückkehren— er wird mein ſein. Lorraine! Lorraine!“ Zwölftes Capitel. Das Gold das Teufelskäfer verdient. Langſam und ſchweigend ſtieg Teufelskäfer die Kloſter⸗ treppe hinauf. Die Lampe, die er in ausgeſtreckter Hand hielt, warf einen ungewiſſen, flackernden Schein über ſeine Züge, die jetzt noch beſonders durch heftige, innere Bewe⸗ gung verzerrt und erregt ſchienen. Ein wildes Feuer glühte aus ſeinem Auge, und ſeine Zähne hatten die eigene Ober⸗ lippe blutig gebiſſen, daß das helle Blut in klaren Tropfen ihm über das ſpitze Kinn hinabrieſelte. Langſam und ſchweigend ſtieg Teufelskäfer, mit dem Lichte in der Hand, die breite Kloſtertreppe hinauf. Er ſprach kein Wort, aber entſetzliche Gedanken arbeiteten in ſeinem Hirn. Vor einer Stunde, ja, da war ſein Herz bis zu menſchlichen Gefühlen erweicht worden, ein Kind hätte den Wilden leiten, ihn mit einem Worte regieren können, und das Wort, ein freundliches Wort zu Ellens Tochter. Jetzt hatten ſie das Mädchen geſtohlen, die Tochter aus ſeinen Armen geriſſen, und Teufelskäfer war wieder er ſelbſt 121 in all ſeiner Furchtbarkeit. Wie eine ſchwarze Wetterwolke aus den faulen Fluthen des todten Meeres, ſo ſtieg der Geiſt des finſteren Haſſes und Ingrimms gegen das ganze Men⸗ ſchengeſchlecht ſchwarz und drohend aus der Seele dieſes Un⸗ geheuers empor. „Ha!“ rief er, als er jetzt plöͤtzlich auf der Treppe ſte⸗ hen blieb—„der Leichnam des Mannes liegt noch unten, neben dem Grab— den muß ich erſt begraben— ja— der muß zuerſt unter die Erde.“ Er wandte ſich und ſtieg die Treppe wieder hinab. „Begraben will ich ihn, ei verſteht ſich, und wenn der harte Thon auf ſein weißes Geſicht fällt, dann will ich lachen, hohoho; dann denk ich an den Preis, der oben meiner war⸗ tet. Hohoho, das ſchöne Weib, mit den rothen Lippen und den ſchwarzen langen Locken.“ Er hob ſeine linke Hand zu dem Licht der Lampe em⸗ por, und ein dämoniſches Lachen ſchallte von ſeinen Lippen. „Hoho— Niemand ſieht wohl den Ring hier, an mei⸗ nem kleinen Finger! eh! er iſt faſt zu eng, und ich konnte ihn nur auf's oberſte Glied drücken. Sieht ihn denn Je⸗ mand? Möchte wiſſen, ob ihn der Todte ſieht, wenn ich ihn gegen ſein glaſiges Auge halte, und ihm dabei erzähle, was ich dafür als Preis bekomme.“ Wieder dröhnte daſſelbe Lachen aus den Gängen zu⸗ rück, und Teufelskäfer hob die Lampe, in einem Ausbruch kaum bezähmbarer Freude, hoch empor. IIl„ 9 122 „Ja, ja— ich will ihm die kalten Augenlider ausein⸗ anderpreſſen, und den Ring gegen die gefrorenen Augäpfel reiben—,Luhk Harvey’ will ich dann rufen, ‚Luhk Harvey, mein alter Knabe, warſt immer ein fideles Haus, als Du noch lebteſt, und jetzt, da Du todt biſt, kauft mir Dein Ring noch ſolchen Preis.“ Jetzt will ich alſo erſt die Leiche begra⸗ ben, und dann, dann geh' ich hinauf, und koſte die rothen Lippen des jungen Weibes, die da oben beinahe vor Unge⸗ duld ſtirbt, mich wieder zu ſehen.“ Mit innerlichem, faſt convulſiviſchen Lachen ſtieg er in die Grabhöhle des Kloſters hinab— und viele Minuten lang herrſchte tiefe, durch Nichts unterbrochene Stille; da leuchtete endlich die flackernde Lampe wieder auf der Treppe, und Teufelskäfer ſprang ſchnell und haſtig die Stufen herauf, während ſein ſcheuer Blick, oft zur Seite und rückwärts ge⸗ worfen, ganz beſondere, wilde Bewegung zu verrathen ſchien. „Hohoho!“ lachte er dann laut und höhniſch vor ſich hin—„hohoho— s'iſt ja faſt wie ein Räthſel, wie ein wun⸗ derlich gutes Räthſel.“ Sein Auge blitzte vor unbändiger, triumphirender Schadenfreude. „Hohoho,“ grinſte er dann,„ich weiß ſchon, wie es gekommen iſt; der Burſche hat ſich wieder erholt, und hat aus dem Keller kriechnwoll en; da er aber nicht wußte, wo er war, ſo iſt er in das offene Waſſerloch gefallen, und wurde unten hin, wie eine todte Ratte oder Katze, oder irgend ein anderes Vieh, weggeſchwemmt. Wenn ich ihn nur hätte ſehen können, wie er in dem unterirdiſchen Kanal ſtrampelte und ſchluckte.“ In voller Luſt hob er ſeine rechte Hand und ſtrich ſich damit die ſtruppigen Haare aus der Stirn. Der Fingerring glänzte im Licht. „Hohoho— die ſüße junge Dame, mit den reifen rothen Lippen; die ſollt ich doch eigentlich nicht länger war⸗ ten laſſen. Wie ungalant, Teufelskäfer! Hurrah— der Ring iſt an meinem Finger und der Preis iſt mein. Das ſchöne Weib iſt verkauft und gewonnen. Hohoho!“ Höhniſch lachend ſtürmte er die Treppe hinauf, und ſtand im nächſten Augenblick auf dem Corridor des erſten Stockwerks, vor der Thüre des Zimmers, in welcher am vorigen Abend Livingſtone ſein verbrecheriſches Weib beob⸗ achtete. Das Licht emporhebend, legte er ſein Ohr lauſchend an das Schlüſſelloch und horchte für einen Augenblick, mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit. Seine Züge verzerrten ſich zu einem grimmigen Lächeln — ſein Auge funkelte in glühender Sinnlichkeit. Wehe Dora— wehe Du ſtolze furchtloſe Dora, warum trotzteſt Du nicht eher dem Tod, als der entſetzlichen Leidenſchaft, die aus dem Blicke dieſes Ungeheuers ſpricht? Das hohe Zimmer war voller Schatten; die Schatten des reich und koſtbar verhangenen Bettes, die Schatten der 9* 124 hochrückigen, wunderlich geſchnitzten Stühle, die Schatten des antiken Toiletttiſches, Alle legten ſich dunkel und ſchwei⸗ gend über die Erde hin, und die kleine matte Lampe, die auf dem Mitteltiſch brannte, ſandte ihr mildes Licht hinüber auf die prachtvollen Gardinen und gegen die blitzende Gra⸗ fenkrone, und gegen den Sternenkranz hinauf. Dazu kni⸗ ſterte und glühte das Feuer ſo recht ſtill und heimlich in dem eiſernen Roſt und enthüllte durch ſein unregelmäßiges und plötzliches Aufflackern oft neue Stellen und Winkel des alter⸗ thümlichen Gemaches, die bis jetzt in tiefer Verborgenheit und Nacht gelegen hatten. Zwiſchen all den Schatten und Gluthſtrahlen aber, ruhte hingegoſſen in einem weichgepolſterten Lehnſtuhl, die ſchlanke Geſtalt des ſchönen Weibes. Dora Livingſtone ſaß neben dem Tiſch— ihr Antlitz lag in ihrer Hand, und ihre quellenden Locken fielen ihr auf Hals und Schulter, verwor⸗ ren und maleriſch über die enganſchließende männliche Tracht hernieder. Sie war ſehr ſchön, die ſchlanke, liebeathmende Frau, mit ihren funkelnden Augen und ihren ſchwellenden Formen; aber ihre Wangen waren bleich und ein hochrother Fleck auf jeder derſelben, verrieth die fieberhafte Aufregung, in der ſich ihr Buſen in ſchnellen Schlägen hob. Stunden lang hatte ſie ſo geſeſſen, und zwar mehr wie eine Verbrecherin, die mit dem anbrechenden Morgen die Vollziehung ihres Todesurtheils, als die Mörderin, die ihr 125 Opfer erwartet. Und jetzt als das ſtille, ernſte Schweigen ihre Seele beengte, drängten ſich in wilder ungeordneter Reihenfolge, Gedanken und Erinnerungen wirr und ver⸗ worren durch das Hirn der Sinnenden. Zuerſt ſtieg, wie ein bleicher mahnender Geiſt, aus dem Grabe geſandt ſie zu warnen, das Bild ihrer Mutter, das Bild ihrer eigenen, ſchuldloſen Jugendzeit herauf, und ſie gedachte der Tage, wo ſie noch fromm und rein, eine un⸗ ſchuldige Jungfrau, zum Himmel emporblicken konnte. Die Hand, die ihre Wange ſtützte, zitterte, ihre Lip⸗ pen erbleichten; und wurden eiſig kalt. In herzbeengendem Schreck emporfahrend, fielen ihre ängſtlich umherſchweifen⸗ den Augen auf die Vorhänge des prachtvollen Bettes, und die Bilder wechſelten, die Tage ihrer Schande, ihres Ver⸗ brechens ſtiegen vor ihr empor. Mit dieſen beſchwor jedoch ihr ſtarker Wille zugleich das Ziel herauf, an das ſie ihre Seligkeit geſetzt; Macht und Glanz, und jener hohe Rang, nach dem ihr Ehrgeiz ſtrebte. War es aber ein Spiel ihrer erhitzten Phantaſie, oder kleidete eine dunkele Ahnung jene erſehnten Geſtalten in Lei⸗ chengewänder und ſcheußliche Todrenmasken, aus denen ihr die leeren Augenhöhlen höhniſch entgegengrinſten? ſie barg ſchaudernd ihr Geſicht in den Händen. Da— horch— da ſchlug der Schall eines Trittes an ihr Ohr. Sie ſprang empor— Erleicht⸗ und flüſterte:„das iſt er— der Mörder.“ 126 Sie lauſchte in athemloſer Angſt den Schritten— ſie näherte ſich der Thür— der Wandernde blieb ſtehen— aber nein— er ging vorüber. Es war der Schritt Eines der Zecher aus dem unteren Saale. Dora nahm ihren Sitz wieder ein und athmete freier. So ſaß ſie wohl eine halbe Stunde, bis ihre Gedanken in ſanfteren, beruhigendern Traumbilden verſchwammen, und ſie in einen leiſen Schlummer fiel. Kaum hatte jedoch der Gott des Schlafes ſeine Arme feſt um ſie geſchlungen, als in tollen Schreckbildern die Züge der Todten vor ihren Augen emportauchten— ein Sarg ward, durch aus den Wolken ragende Hände, auf den Flügeln des Sturmes vor ihr hergeführt, und das blutige Angeſicht Luhk Harveys hob ſich langſam daraus hervor, und ſtarrte dro⸗ hend, mahnend auf ſie hin. In Todesangſt ſprang ſie em⸗ por— der kalte Schweiß perlte auf ihrer Stirn, und mit feſt gegen die Augen gepreßten Fingern blieb ſie in der Mitte des Zimmers ſtehen, als ob ſie aufzublicken, und den wirk⸗ lichen Spukgeſtalten, die ihre Phantaſie in's Leben gerufen, zu begegnen fürchtete. Horch— jetzt klang ein ſchwerer Schritt auf dem Gange, dicht vor ihrer Thür.— Sie ſtand, ohne ihre Stellung zu verändern, wie an den Boden gewurzelt. „Er iſt es,“ ſtoͤhnte ſie mit unhörbarem Hauch, und im nächſten Augenblick ſtand Teufelskäfer vor ihr im Ge⸗ 127 mach, und ihren jetzt aufblickenden, entſetzten Auge glühten ſeine, von der Lampe beleuchteten, in hölliſchem Triumph verzerrten Züge entgegen. „Es iſt geſchehen,“ flüſterte Dora. „Lady— ſeht hier den Ring,“ ſagte Teufelskäfer, ſich dabei langſam dem ſtolzen Weibe nähernd.„Es iſt geſchehen, meine gute Dame— hier iſt der Ring, und nun—— das Gold.“ „Er iſt todt,“ flüſterte Dora, und ihre Augen glühten in unheimlichem Feuer—„ich habe geſiegt.“ Sie ſchlug ihre Hände krampfhaft zuſammen, und ſtand einen Augenblick wie ein ſchönes Marmorbild. „Ja Lady— mauſetodt; und die Ratten, die flinken, luſtigen Geſellen, haben ſchon angefangen, auf ſeinem Leich⸗ nam herumzuſpielen.“ Teufelskäfer rückte der ſtolzen Schön⸗ heit einen Schritt näher, und heftete auf ſie ſeinen gierigen Blick. „Ich habe geſiegt— Rang und Macht ſind mein; kein Feind bedroht meinen Pfad, kein Schatten liegt auf meiner Zukunft; ein Diadem wird meine Stirn umſchließen und unter den Erſten werde ich ſtehen, am königlichen Hof. Mor⸗ gen brech ich und Livingſtone nach Hawkwood auf— er kehrt nie zurück, und in einem, in einem einzigen Monat bin ich — Dora Livingſtone— des Schuhmachers Enkelin— Lady Dora Dalvaney von Lyndeswold. „Aber der Lohn, gute Dame, der Lohn!“ 128 Das ſtolze Weib ſchrak bei der heiſeren Stimme empor und begegnete dem glühend auf ihr haftenden Blicke Teufels⸗ käfers. Seine breiten Hände waren auf der Bruſt gekreuzt, und mit etwas vorgebeugtem Haupte, ſchaute er gierig zu ihr empor. Der Blick ſprach Bände. Sie zuckte unwillkürlich zuſammen, trat einen Schritt zurück, und ſagte dann mit leiſer, bebender Stimme, wäh⸗ rend ſie den Arm mit abgewandtem Antlitz ausſtreckte: „Den Ring!“ 3 „Hier iſt er, Lady!“ rief Teufelskäfer, und ſein Blick ſog in trunkenen Zügen die Schönheit des holden Weibes ein. Dora ſah einen Augenblick in tiefem Sinnen auf den Ring hernieder. „Es war meiner Mutter Ring,“ flüſterte ſie—„ich ſteckte ihn“— und ihre Stimme zitterte—„ich ſteckte ihn an demſelben Abend an ſeinen Finger, als ich ihm verſprach ſein Weib zu werden— er ſollte das Pfand meiner Treue ſein.“ Mit einer heftigen Aufregung ſprach ſie dieſe Worte, und wie von Geiſterhand verwiſcht, entſchwanden all' ihre Träume des Stolzes und Ehrgeizes, und fürchterliche Reue marterte ihre Seele. „Ich gab ihm dieſen Ring, während ſein Auge an dem meinen, ſeine Lippe an der meinen hing, und jetzt— großer Gott— jetzt habe ich ihn ermordet.“ Im gräßlichſten Seelenſchmerz, den Ring noch immer 129 in der einen, ausgeſtreckten Hand, während ſie mit der an⸗ deren ihr Antlitz bedeckte, ſtand das ſonſt ſo ſtarke, uner⸗ ſchrockene Weib, und zitterte wie ein Blatt im Herbſtwind. Den Lohn gute Dame— den Lohn,“ flüſterte Teufels⸗ käfer, ergriff ihren ausgeſtreckten Arm mit ſeinen Krallen⸗ fingern, und drückte ſeine wüſten Lippen in heißem Kuß auf die zarte, weiße Hand, die den Ring hielt. Sie ſchreckte wie ein ſcheues Reh empor, und wollte ſich ihm entziehen, aber nur feſter klammerten ſich die Eiſen⸗ finger um den zarten Arm; aus dieſem Griff war keine Ret⸗ tung zu hoffen. Hoho, gute Dame,“ grinſte der Pförtner—„Ihr habt den Handel ſelbſt gemacht— Ihr habt Euch mir, ſchwarze Augen und rothe Lippen, für den Ring verkauft, und glaubt Ihr, mein holdes Dämchen, daß ich ein ſo gewaltiger Narr wäre, mich auf ſolche Art um meinen Lohn betrügen zu laſſen? Hohoho— Teufelskäfer will das— Gold, was ihm verſprochen iſt.“ „Laß mich los,“ flüſterte Dora mit leichenbleichem An⸗ geſicht, während ſie vergebens bemüht war, ihren Arm von ſeiner Hand zu befreien,„laß mich frei dieſes Zimmer, die⸗ ſes Haus verlaſſen, und ich will Dich mit Gold belohnen, wie Du es noch nie getraͤumt haſt. Ich will Dich zum reichen Mann machen.“ „Hohoho,“ kicherte Teufelskäfer,„hier iſt ein ſchlan⸗ kes Weib, mit Lippen wie Kirſchen, mit einem Blick wie ein Hirſch, Wangen wie Phirſiche, Augen wie Diamanten hinter einem Juweliersfenſter, und dieß verlangt, ich ſoll Alles das aufgeben, und blos für Gold— hahaha— lächer⸗ lich!“ Doras Augen funkelten und glühten plötzlich, von einem Gedanken der Rettung beſeelt. An Teufelkäfers Schulter vorbeiſchauend, gewahrte ſie ihren, über einen Stuhl ge⸗ worfenen Mantel und dicht daneben, auf einem kleinen Tiſche, lagen die beiden geladenen Piſtolen, die ſie mit in's Kloſter gebracht hatte. Konnte ſie dieſe erreichen, dann blieb ihr noch Hoffnung, dem Ungeheuer Trotz zu bieten. Teufelskäfer bemerkte die höhere Gluth, die ihre Wan⸗ gen durchgoß, und die eine kleine Hand auf's Neue an ſeine Lippen preſſend, umſchlang er mit dem anderen Arm ihre Taille. „Mir ſchwindelts,“ murmelte leiſe flüſternd Dora, und ſtreckte ihre Arme aus, als ob ſie ſich vor dem Fallen ſchützen wollte, während ſich ihr Auge, wie in tödtlicher Ermattung ſchloß. „Hoho, mein Liebchen wird ohnmächtig,“ kicherte Teu⸗ felskäfer, ihre Geſtalt in ſeinem Arme auffangend—„ſehr ſchön das von meinem Liebchen— ſehr vernünftig; iſt eine gentile Art, ja zu ſagen— wahrſcheinlich!“ Mit ihrem Kopf auf ſeiner Schulter, ſchwankte ſie dem Stuhle zu, auf dem ihr Mantel lag, und Teufelskäfer trug ſie mehr, als er ſie führte, dort hin. Hier aber trat er lang⸗ 131 ſam wieder einen Schritt zurück und ihre üppigen Formen mit lüſternem Blicke überfliegend, murmelte er, leiſe und ſtill vor ſich hinlächelnd. „Wunderhübſch liegt ſie da— ſehr ausgezeichnet hübſch; den Kopf ein wenig zurückgebogen, die Augen zu und die rothen Lippen halb von einander. Und die weißen Zähne und die Geſtalt, ſo weich und ſo voll; Teufelskäferchen, das iſt Alles— Alles Dein.“ „Hallo!“ rief er dann nach kurzer Pauſe, als er eben wieder auf ſie zutreten wollte;„meine Schönheit erholt ſich — legt ſich noch ein Bischen auf den Tiſch, ſo?“ Wie halb bewußtlos hob Dora langſam und ſchwer⸗ fällig den einen Arm auf den Tiſch und ſtarrte, leiſe ihre Augen öffnend, wie verwundert und betäubt umher. „So alſo eine ganz kleine Ohnmacht auf eigene Hand,“ kicherte Teufelskäfer mit ſcheußlichem Grinſen;„muß nur einmal ihre Lippen koſten, habe lange genug gewartet.“ Seine Hand auf ihre Schulter legend, bog er ſich lang⸗ ſam nieder, und der Schatten ſeines Geſichts verdunkelte ſchon ihre engelſchönen Züge, ſeine Lippen waren nur noch wenige Zoll von den ihrigen entfernt; ſie fühlte den heißen Athem des Ungeheuers auf ihrer Wange, aber ihre Hand glitt leiſe auf dem Tiſche hin. Jetzt hatte ſie die treuen Waf⸗ fen erfaßt, mit wilder Kraft ſtieß ſie den Pförtner zurück, und als ſich Teufelskäfer ſchnell nach ihr wandte, ſtand ſie in der Mitte des Zimmers, während ihr Auge Feuer ſprühte, ihr langes, dunkeles Haar aufgelöſt um ihre Schulter flat⸗ terte, und ſie mit jeder Hand eine grimme Piſtole dem Un⸗ gethüm entgegenhielt. „Nun Teufel trotze ich Dir,“ rief ſie mit triumphiren⸗ dem Blicke,„ein geladenes Piſtol in jeder Hand, bahne ich mir meinen Weg aus dieſer Höhle. Wage es, mir nur einen Schritt näher zu treten, und Du liegſt eine Leiche, in Dei⸗ nem Blute.“ Teufelskäfer ſchrak vor der unerwarteten Bewegung zurück und bedeckte, wie ganz zu Boden geſchmettert, ſein Geſicht mit den Händen. „Hahaha,“ tönte Dora's höhniſches Lachen in ſein Ohr —„halt ich Dich Bluthund jetzt in meiner Gewalt?! Unge⸗ thüm, wo iſt jetzt Dein Muth? Zurück und laß' mich vor⸗ bei, oder ich drücke ab.“ Und mit tödtlichem Ziel richtete ſie das geſpannte Piſtol auf ſeine Bruſt. Teufelskäfer aber hob ſein Geſicht zu ihr empor; jeder Zug ſeines ſcheußlichen Antlitzes, war durch einen Ausdruck teufliſcher Schadenfreude und höhniſchen Ge⸗ lächters verzerrt. „Hohoho, was für ein ſüßes Liebchen Ihr ſeid— nu natürlich— ſein Sie doch ſo gut, ſchießen Sie mich mit den Piſtolen da todt— bitte— thun Sie mir den Gefallen— würde mir höchſt unangenehm ſein, wenn Sie es nicht thä⸗ ten— So— das iſt ein liebes Kindchen— drücken Sie doch. Wie Schade aber, daß die kleinen Sappermenter keine 133 Kugeln mehr im Bauche haben. Hohoho— weshalb blieben ſie denn mit dem Mantel unten im Zimmer, bis ich einer hübſchen Frau den Weg hier herauf gezeigt hatte, eh? Ich zog die Kugeln nicht heraus— o Gott bewahre; wer zum Teufel ſagt nur, daß ich das gethan hätte— hohohohoho!“ Dora's Antlitz überzog Leichenbläſſe— die Piſtolen entfielen ihren erſtarrenden Händen, und matt und kraftlos ſanken ihre Arme nieder. „Alles iſt verloren—“ ſtöhnte ſie. „Das iſt die Wahrheit! jubelte Teufelskäfer, und mit Blitzesſchnelle ſprang er vor und ergriff die Waffen. „Hohoho mein Kindchen, huͤb' ich Dich diesmal ange⸗ führt? die Piſtolen ſind geladen, aber Ihr, ſchöne Dame, bekommt ſie nicht wieder, mein Ehrenwort darauf, Herz⸗ chen, das Ehrenwort eines Gentleman.“ „Thöͤrin die ich war,“ rief Dora ſich von ihm abwen⸗ dend, und die geballten Hände krampfhaft gegen die Stirne preſſend,„o daß ich ihm eine Kugel durch das ſchwarze Herz gejagt hätte.“ „Nun mein Püppchen auf die Knie nieder, und um Gnade gefleht!“ ſchrie Teufelskäfer, und richtete mit zorn⸗ funkelndem Geſicht eine der Piſtolen auf ihre Bruſt—„auf die Kniee nieder, oder ich ſchieße.“ „Schieß!“ trotzte Dora, und ihre Wangen rötheten ſich in höherem Feuer—„ſchieß, und ich will Dir danken,“ 134 ſie kreuzte ihre Arme, und ſchaute dem Wilden mit kühnem, unverzagten Blick in's Auge. „Aechte Courage— merkwürdig ſtarkes Herz, rief Teufelskäfer in unwillkürlicher Bewunderung—„aber komm Herzchen; Du biſt den Handel eingegangen, und ich habe mich jetzt lange genug durch Narrenspoſſen abhalten laſſen. Jetzt für den Lohn!“ Er legte die Piſtolen auf die Erde, und wie der Pan⸗ ther auf ſeine Beute, ſo flog er in wildem Sprunge auf fie zu und ſchlang ſeine ſehnigen Arme um das ſchlanke Weib, während ſein von brennender Gluth durchtobtes Antlitz an ihrer Wange ruhte, und ihre ſüßen Lippen ſeinen wider⸗ lichen Kuß ertragen mußten. In fürchterlichem Entſetzen emporfahrend, entrang ſie ſich faſt ſeiner umarmung, aber in der nächſten Secunde fühlte ſie ſich nur feſter, wie von eiſernen Klammern um⸗ ſchloſſen, und einem Vogel gleich, der in den Fängen der Schlange flattert, ſank ſie, ſich ſträubend, auf die Kniee nieder, und über ihr hin bog ſich die ſcheußliche Form des Pförtners. Sie war verloren— da, noch einmal ihre Kräfte zu letzter Anſtrengung emporraffend, ſprang ſie auf, und ein Name, ihrer faſt ſelbſt unbewußt, ein Name ſtieg zu ihren Lippen, wie ihn nur frühere, glückliche Zeiten gekannt hat⸗ ten. 13⁵ „Luhk!“ ſchrie ſie und warf ihre Arme Hülfe ſuchend empor—„rette mich— rette mich Luhk!“ und als ob ihre Stimme die Todten erweckt hätte, ſo glitt die geheime Thür zurück, und Luhk Harvey, in ſeiner Hand ein brennendes Licht, ſein Antlitz bleich und mit Blut bedeckt, auf ſeiner Stirne, nahe zum rechten Schlaf, eine breite, klaffende Narbe, mit dem langen ſchwarzen Haar wild und unordentlich über ſeine Schläfe hängend, die kal⸗ ten, ſchlangenartigen Augen aber in hoher Aufregung fun⸗ kelnd, erſchien in derſelben Thür, durch welche er in der vori⸗ gen Nacht den Gatten an das Bett des verbrecheriſchen Wei⸗ bes geführt hatte. „Luhk— rette mich— rette mich!“ ſchrie Dora, nicht ahnend, daß der Mann, den ſie verrathen, neben ihr ſtand und ihre Noth ſah. Mit niedergebeugtem Haupte gewahrte aber Teufels⸗ käfer einen fremden Lichtſtrahl vor ſeinem Auge— er hob den Kopf und gewahrte vor ſich die bleiche, regungsloſe Ge⸗ ſtalt ſeines Opfers. Mit heulendem Fluch ſchleuderte er die Frau von ſich und ſchrie: „Verdammt! ob ſich der Schuft nicht wieder erholt hat!“ Er wollte emporſpringen, doch Luhk war ſchneller als er; mit einem Satz ſtand er neben den Piſtolen, ergriff 136 die eine und ſchlug ſie Teufelskäfer mit vollem Schwunge ge⸗ gen die Stirn. Deſſen Schädel echote den Schlag wie ein Stück Metall auf dem Ambos, fluchend ſprang aber trotzdem der Pförtner empor, wieder aber ſenkte ſich die ſchwere Waffe, wieder klang derſelbe Schall durch das Zimmer, und das Ungeheuer fiel ſchwer und beſinnungslos zu Boden. Dora hob ſich auf ihre Kniee empor und ſchaute in ſprachloſem Erſtaunen umher. Schlank und hochaufgerichtet, das Licht noch immer in der linken Hand, ſtand Luhk Harvey vor ihr und ſah mit ernſtem, kummervollen Blicke zu ihr nieder. „Sein Geiſt kommt, mich an meine Schuld zu mahnen,“ flüſterte ſie, und ein Schauer rann ihr über den ganzen Leib. „Oh Dora— Dora,“ ſagte in dieſem Augenblick die ruhige, tiefe Stimme Luhk Harveys, die um ſo unheim⸗ licher, mahnender tönte, da ſie ſo ganz von ſeiner ſonſtigen ſcharfen, beißenden Rede verſchieden war—„o Dora, nim⸗ mer dachte ich damals, als ich Dich in all' Deiner jungfräu⸗ lichen Lieblichkeit an meine Bruſt drückte, und Seligkeit von Deinen Lippen ſog, daß ich je Zeuge einer Scene, wie dieſe hier, ſein ſollte. Dora, die ich ſo heiß, ſo innig geliebt, nie⸗ dergeworfen auf den Boden dieſes verpeſteten Sündenzim⸗ mers;— ihre Ehre— ihr Körper, der Preis eines kaltblü⸗ tigen Mordes. O Dora, Dora— Du hüätteſt mir dieſe Schande erſparen können.“ 137 Luhk Harveys Züge hatten ihren ganzen früheren ſo ſtrengen Ernſt verloren, eine milde Wehmuth lagerte auf ihnen, und noch während er ſprach, ſtahlen ſich leiſe zwei große Thränen an ſeinen Wangen herunter. „Dein Körper der Preis eines kaltblütigen Mordes.“ „Mord!“ echote Dora in unüberwindlichem Entſetzen. „Ja— Mord!“ erwiederte Luhk, mit derſelben ſo un⸗ natürlichen ruhigen Stimme,„Mord— ich behorchte Dei⸗ nen Plan unten, hinter der Thür jenes dunkelen Zimmers, ich ſah Dich eintreten und hörte— hörte, wie Du um mein Blut handelteſt. O Dora, ich habe nach Rache gedürſtet, wenn ich daran dachte, wie Du damals meine junge Liebe geknickt und mit Füßen getreten— aber nie— nie dacht' ich, daß ich noch ſolchen Schmerz, ſolch bitteres Leid Deinet⸗ halben erdulden ſollte. Das Meſſer des Meuchelmörders hätte mein Herz nicht mit tieferer Pein treffen können, als Dich jetzt hier und ſo wiederzufinden.“ Er barg ſchluchzend ſein Geſicht in den Händen. Dora ſchwieg— ſie ſenkte ihr Haupt nieder auf ihren Buſen und verharrte in ihrer knieenden Stellung; der Ring entfiel ihrer ſchlaff herunterſinkenden Hand. Luhk kniete neben ihr nieder und hob den Goldreif vom Boden auf. Dieſen Ring gabſt Du mir, als Du zuerſt verſprachſt die Meine zu ſein,“ ſagte er mit zitternder Stimme— III. 10 „damals war er der Zeuge unſerer Liebe— jetzt iſt er der Zeuge Deiner Schmach.“ Dora ſchauderte zuſammen, die milden, vorwurfsvollen Töne des einſt geliebten Mannes, erfüllten ihr Herz mit un⸗ ſäglich bitterer Reue. Sie hob ihr Antlitz empor, und ſchaute mit bittendem Blicke zu ihm auf— eine eigene, lang vergeſſene, lang ver⸗ nachläſſigte Rührung ergriff ihr Herz. „Luhk,“ flüſterte ſie, in wunderbarem Abſtand mit ihrer ſonſt ſo befehlenden Stimme; Luhk, wenn Du mich je geliebt haſt, ſo nimm die Piſtole dort vom Boden, und ſetze ſie mir an die Stirn. Ich bin rettungslos verloren— Tod wäre mir jetzt Seegen. Schweigen herrſchte viele Secunden lang in dem matt erleuchteten Zimmer. Dora dachte, wie glücklich ſie an Luhks Seite hätte werden können, und in Luhks Seele ſchwebte ihr früheres Bild in all ihrer Jugendreinheit und Unſchuld, und er fühlte, wie lieb, wie heilig ſie ihm hätte einſt ſein kön⸗ nen, die jetzt gefallen und entehrt vor ihm kniete. „Fluch dem Schickſal, das uns trennte, rief er, ſeine Hände in bitterem Schmerze faltend. „Ein fürchterlicher Abgrund trennt uns jetzt— ich bin verloren— für immer verloren!“ ſchluchzte Dora, und heiße Thränen, die erſten Thränen der Reue rieſelten an ihren Wangen hernieder. 139 Dora, noch winkt Dir eine Hoffnung, eine ſchöne, herr⸗ liche Hoffnung,“ rief Luhk, während ſich ſeine bleichen Züge in höherer Begeiſterung färbten;„verſprich mir, daß Du aller unheiligen Liebe entſagen, daß Du von nun an Deinem Gatten ein treues Weib ſein willſt, und ich ſchwöre Dir bei dem dreieinigen Gotte, Dich dann in Deiner Laufbahn zu ſchützen und ſchirmen.“ O der Ton— die flehende Bitte des verſchmähten Ge⸗ liebten. Dora konnte dieſen Worten nicht widerſtehen, in all der Schönheit eines neugeborenen Herzens, eines reinen, heiligen Vorſatzes hob ſie Augen und Hände gen Himmel und flüſterte: „Ich verſpreche es“— und Thränen erſtickten ihre Stimme. „Dann zähle auf mich, und ich ſchütze Dich von nun an mit meinem Herzblut. Einen Augenblick herrſchte tiefes, heiliges Schweigen, und der Charakter des Platzes, in dem ſie knieten, des Weibes Schuld, des Liebenden Rache, Alles war vergeſſen in dieſem einen, frommen, reinen Entſchluß, dann hob ſie Luhk leiſe vom Boden auf, und hüllte ihre verkleidete, jetzt zit⸗ ternde Geſtalt in den weiten Mantel. Ihr Ehrgeiz aber, wie ihre kecke, faſt männliche Entſchloſſenheit hatte ſie zu⸗ gleich verlaſſen, und bis in die Schläfe hinauf erröthete ſie, als er ihr die kleine Sammetmütze auf die Locken drückte. 10* Weibliche Sittſamkeit und Beſcheidenheit hielt auf's Neue Einzug in ihrem Herzen. Luhk verſchwand in dieſem Augenblick durch den gehei⸗ men Eingang, kehrte aber gleich darauf wieder zurück, und ihr ein verſiegeltes Papier überreichend, ſagte er. „Du brichſt morgen früh nach Hawkwood auf, ver⸗ ſäume um Gotteswillen nicht, dieſe Zeilen Deinem Gatten zu geben.“ Dora verbarg das Papier in ihrem Buſen, und dann begegneten ihre großen Augen dunkel, wie die Mitternacht, und ſtrahlend wie der junge Morgen, dem feſt auf ihr ruhen⸗ den Blicke des einſt geliebten Mannes. „O Dora, alle meine Rachepläne ſind geſchwunden; bis zu dieſem Augenblick habe ich eigentlich nie gewußt, wie lieb Du mir geweſen.“ „Und ich wollte Dich morden!“ ſagte Dora, innerlich zuſammenſchaudernd;„o Luhk, ich bin zu ſchlecht— zu bös als daß Du nur zu mir niederblicken ſollteſt. Ich bin— wie mich das Wort faſt erſtickt— eine Ehebrecherin.“ „Laß die Vergangenheit,“ entgegnete ihr Luhk feier⸗ lich;„Dein Schwur, Dein Verſprechen hat Dich auf's Neue dem Leben, der Liebe wiedergegeben, und Du wirſt wieder glücklich ſein.“ Blinde, die ſie waren; während ſie in dem einſamen Zimmer, Hand in Hand ſtanden, und mit thörichten Herzen 141 eine ſchönere Zukunft aufbauten, umwob ſie das Schickſal mit ſeinen Unglücksfäden, und zeigte mit höhniſchen Blicken und eiſernem Finger hinüber auf den morgenden Tag. Und in derſelben Stunde ſtand in einſamer Kammer der Gatte, und miſchte das tödtliche Gift, das morgen das blühende Weib in eine kalte, ſtarre Leiche verwandeln ſollte, und wäh⸗ rend er mit entſetzlich geſchickter Hand die Stoffe verband, lachte er ſtill und grimmig:„Morgen, mein Herzchen, morgen!“ „Fort, Dora, fort aus dieſem Schreckensort!“ rief Luhk.— Sie wandten ſich der Thüre zu, und der Elende, am Boden ſtöhnte. „Ha— ich vergaß die Schlüſſel!“ flüſterte er, und ſprang zu der bewußtloſen Geſtalt des Pförtners zurück; „hier ſind ſie; in wenigen Augenblicken biſt Du frei.“ Gleich darauf ſtanden fie an dem äußerſten Eingang des Kloſters; vergebens aber ſuchte Luhk den ſchweren Schlüſſel, der die Thüre ſchloß— er fehlte am Bunde, doch die Riegel zurückſchiebend, ſah er, daß die Pforte ſonſt nicht verſchloſſen war. Sie ſtand in der Thür, den Mantel um ihre Schultern, und die Mondesſtrahlen fielen auf ihr bleiches Geſicht. „Geh— und geh mit Gott,“ ſagte Luhk, und ſchob ſie leiſe hinaus.“ „und gehſt Du nicht mit mir!“ bat ſie leiſe, als ſie 142 ſah, wie er auf der Schwelle zögerte.„Dir droht in dieſen Mauern Gefahr, vielleicht der Tod.“ „Noch liegen mir andere Geſchäfte ob; ich muß die Un⸗ ſchuld ſchützen, und ein Verbrechen beſtrafen; geh' Dora, und erinnere Dich Deines Schwures. Er drückte ſie leiſe an ſich, ſchloß die Thüre, und ſtand allein in dem düſteren Gemach. Die Neger ſchliefen neben dem Kamin, und das matte Gluthenlicht der Kohlen erfüllte den kleinen Raum mit einem eigenen, wunderlichen Schein. Luhk näherte ſich dem Feuer, und preßte ſeine Hand gegen die Stirn— ſeine Wunde ſchmerzte. „Die Welt würde mich einen Narren ſchimpfen, daß ich ſo handelte,“ flüſterte er leiſe vor ſich hin;„es iſt wahr — ſie trat meine Liebe mit Füßen, ſie entehrte ihren treuen Gatten, ſie erhandelte von jenem Buben mein Blut, aber Gott allein weiß, welchen Zauber das Auge, das wir einſt geliebt, welche Muſik die Stimme, der wir einſt mit Wonne gelauſcht, auf unſere Seelen ausübt. Aber— meine Sinne — verwirren ſich— der Blutverluſt hat mich— hat mich betäubt— mir wird ſo ſchwindlich— ſo wunderbar zu Muthe— großer Gott!“— Er wandte ſich die Thüre wieder zu erreichen, die in das Innere des Gebäudes führte, dort aber verließ ihn die Kraft, die nur durch ſeine gewaltige, geiſtige Aufregung bis jetzt in Thätigkeit geblieben war; vor ſeinen Augen wurde es ſchwarz, ſein Hirn durchzuckte ein wilder Schmerz; er breitete, im Verſuche ſich aufrecht zu halten, ſeine Arme aus, und ſtürzte, mit einem Weheſchrei auf den erbleichen⸗ den Lippen, hülflos zu Boden.“— Eine halbe Stunde verfloß, und Teufelskäfer ſtand über die leblos ausgeſtreckte Form des jungen Mannes hin⸗ gebeugt. Er betrachtete das bleiche Antlitz deſſelben mit wild funkelndem, tückiſch blitzendem Auge. Seine eigenen, mit Blut befleckten Züge, nahmen einen Ausdruck grenzenloſen Haſſes und Ingrimms an. 4 „So ſo, Miſter! Sie halfen alſo dem Frauenzimmer⸗ chen entwiſchen, eh 2“ ziſchte er zwiſchen den Zähnen durch, während er ſeinen Fuß auf die Bruſt des Bewußtloſen ſetzte, „ich hätte verdammte Luſt mein Meſſer ein Bischen an ihrer⸗ Gurgel zu verſuchen. Wie ſie wohl ausſehen müßten, mit einem kleinen Luftloch in der Kehle!“ Er nahm bei dieſen Worten ein altmodiſches, ſpaniſches Meſſer aus der Bruſttaſche ſeines groben Kleides. Die lange, blitzende Klinge flog auf, als er eine kleine Feder berührte, und ſich bis dicht nieder zu dem Regungsloſen biegend, hielt er ihm die ſcharfe Schneide an die nackte Kehle, und ſpielte mit tückiſch behaglichem Lächeln darüber hin. „Will nur wiſſen, wie nahe ich gehen kann, ohne ihm die Luftröhre zu treffen, hohoho.“ 4 144 Teufelskäfer war ein gewaltiger Philoſoph, er kauerte ſich neben dem Unglücklichen nieder, und ſetzte mit un⸗ gemeiner Gemüthsruhe und recht ſtillvergnügtem Kichern ſeine gefährlichen Experimente fort, bis er endlich den harm⸗ loſen Scherz überdrüſſig wurde, und ſeine Stirn ſich in fin⸗ ſtere, drohende Falten zuſammenzog. Seine Hand faßte den Griff des Meſſers feſter, ſeine Finger ſpannten ſich krampfhafter darum, und er knirſchte zwiſchen den Zähnen durch: „Ich muß dem ein Ende machen— ſoll eine Probe von dieſer Kurzwaare bekommen. Schlägt mich mit dem ſchwe⸗ ren Piſtolenkolben über den Schädel! ſo?“ Der Stahl zuckte empor, und Luhk ſchien verloren; da plötzlich ſchien ein anderer Sturm von Gedanken auf ſeine Seele einzuſtürmen; ſein blitzendes Auge ſtarrte gerade vor ſich hin, und das Meſſer, ſeiner Hand entfallend, zitterte mit der Spitze in der eichenen Diele. „Nelly,“ murmelte er leiſe—„Deine einzige Hoffnung liegt hier!“ er zeigte auf den Körper des bewußtloſen Luhk. „Hier, hier liegt Deine Hoffnung, Dein Reichthum— dieſer Mann kann Alles in Ordnung bringen. Er kann Dich unter die Reichen und Vornehmen der Quäkerſtadt als Li⸗ vingſtones Tochter einführen— Niemand anders kann das. — Ha— ich ließe mich lieber lebendig verbrennen, als daß ich ein Haar ſeines Hauptes verletzte. 14⁵ Sich niederbiegend, hob er den beſinnungsloſen Luhk in ſeinen Armen empor, und zog ihn ſorgfältig, wie eine Mut⸗ ter ihr Kind, die Treppe hinauf in ſein Zimmer, wo er ihn vorſichtig auf das Bett legte, und dann wie wahnſinnig die Stufen wieder hinab ſtürmte. Wenige Minuten ſpäter glänzte und ſchimmerte ſeine Lampe von den Pfeilern des Todtengewölbes wieder. Feuchte Schwaden zogen durch den Schreckensort, die Luft war wie von Peſthauch geſchwängert, Teufelskäfer blickte ſich aber ſehr behaglich und ſelbſtzufrieden in dem dun⸗ kelen Raume um, als ob er die Maſſen von aufgeſchichteten Särgen und Gebeinen überſchaue, und ſich ihrer Anzahl freue. Dann betrachtete er ſich die maſſiven, unförmlichen Pfeiber, und dann, das Licht von einer Wand zur andern ſchießen laſſend, war es ordentlich, als ob er ſo ein heim⸗ liches, nicht zu beſchreibendes Behagen fühle, wenn er die großen, dunkelen Schattenſtreifen über die feuchten Mauern und modernden Särge konnte hinübergleiten ſehen. „Beinahe hätt' ich's vergeſſen,“ murmelte er ſtill vor ſich hin, als er ſeinen misgeſtalteten Körper auf dem naßkalten Erdboden niederließ.„Der Doctor hat ja ge⸗ ſtern Abend nach mir geſchickt; der, für den ich immer die Leichen ſtehle.— Muß früh am Morgen gehen; er be⸗ zahlt gut, und ich mag das Geſchäft leiden. Hohoho, ſolch' ein luſtiges, fideles Geſchäft mitten in der Nacht, über die alten Kirchhofsmauern zu kriechen, und mit dem Spaten in 146 der Hand, ein neugemachtes Grab wieder aufzureißen, den Sargdeckel einzuſtoßen, und dann den ſtarren Leichnam, mit dem langen weißen Tuche und den feuchten Erdflecken darauf, langſam hervorzuzerren. Hohoho, ſolch' ein luſtig, ſideles Geſchäft, wenn man den Körper in einen alten Rock ein⸗ wickelt, oder in einen Kaffeeſack ſteckt und zu dem Doktor ſchleppt, der nachher mit ſeinen Federmeſſern und Sägen und Bohrern d'ran herumarbeitet, hohoho, ſolch' ein fide⸗ les, luſtiges Geſchäft das, das Leichenſtehlen.“ Die Lampe dann auf die Erde neben ſich ſtellend, zog er die Ueberreſte eines alten Sarges herbei, rückte dieſe, ſo bequem es gehen wollte, unter ſeinen Kopf, und lehnte ſich dann, grinſend und innerlich lachend, dagegen, während ſein Auge mit höhniſchem Grimm das über ihm lagernde Dunkel zu durchdringen ſchien. Bald aber erſchlafften ſeine Sehnen, ſein Kopf ſank zurück, ſein Auge ſchloß ſich, und Teufelskäfer, von den Anſtrengungen der Nacht ermattet, ſchlief. Sein Körper ſchlief, doch ſein Geiſt arbeitete und kämpfte, und ſeine Seele umkrallte mit furchtbaren Bildern ein Traum, der ihm den kalten Angſtſchweiß auf die Stirn trieb, und mit Beben und Entſetzen ſein Herz erfuͤllte. Das aber was er ſah— die Phantome, die vor ſeinem inneren Blick emporſtiegen, war es eine Kundſchaft der an⸗ dern Welt! war es ein Prophetenruf, der ſeine Donnerworte in das Herz des Sünders ſchmetterte?“ Dreizehntes Capitel. Teufelkäfers Traum. Als er zuerſt die Augen ſchloß, tauchten in wilden Schatten die Bilder der, von ihm Gemordeten, vor ſeinem Geiſte auf; der Mann mit der gebrochenen Kinnlade und der geſchwollenen Zunge; die alte Frau mit dem bluttriefen⸗ den Schädel. Und ſie ſtreckte ihren dürren Arm aus, preßte ihre bleichen Lippen feſt an ſein Ohr, und ziſchelte„Mord! Mord!“ während der Erſchlagene ſich ebenfalls zu ihm drückte, und ſeine kalte, klebrige Zunge an ſeine Wangen legte. Hu wie ihn ſchauderte. Dann wechſelte ſein Traum— er ſah ſich von dichtem, dunſtigem Nebel umgeben, und durch die ſchwüle, drückende Luft ſeegelten langſam und feierlich große, ſchwarze Saͤrge dahin, und die Sterne flimmerten durch Todtenſchädel, und die Sonne ſandte ihr rothes Gluthenlicht über eine Wildniß neugemachter Gräber, die gähnend und ſchauerlich eine weite unabſehbare Fläche erfüllten. 148 Dann nahm die Sonne die Geſtalt eines grinſenden Todtenkopfes an, und wie Irrlichter umflackerten ſie die Sterne; der blutrothe Halbmond aber diente einem rieſigen Sarge, der wie ein Höllenſchiff vorbeibrauſte, zum Segel, und wild hinterher ſtürmten, in lange, wehende Grabtücher eingehüllt, die Kometen. Jetzt war es ihm, als ob er durch eine end⸗ und bahn⸗ loſe Oede hinweggeriſſen, Räume durchflöge, wo weder Fuß noch Auge haften konnte; der Athem fehlte ihm, Nacht um⸗ florte ſeine Blicke. Da plötzlich, in nicht geahntem Glanz ſah er noch weit, weit vor ſich, aber mit jeder Secunde näher rückend, eine prachtvolle, in Glanz und Schönheit ſtrah⸗ lende Stadt. Mit Gedankenſchnelle trug ihn ſein wilder Flug hinein, mitten hinein in die regſame Menſchenfluth, in das geſchäftige Treiben und Schaffen der Menge. Langſam aber die breiten, prachtvollen Straßen durch⸗ wandernd, ſtieg plötzlich ein gewaltiges, koloſſales Gebäude, mit himmelanſtrebenden Marmorſäulen und kühn gewölbtem Dome vor ihm auf, und neben dieſem, das noch im Bau begriffen ſchien, da es hier und da einzelne Gerüſte umgaben und fleißi he Arbeiter darum beſchäftigt waren, neben dieſem Meiſterwerk der Architektur, erhob ſich ein kleines, zwei⸗ ſtöckiges Backſteingebäude, mit einem ſchmalen, ſpitzigen, altmodiſchen Thürmchen, kaum bis zur Hälfte ſeines rieſi⸗ gen Nachbars, des Marmorpalaſtes, emporreichend. Dieß kleine Haus ſchien in Verfall, ſein Dach war abgeriſſen, die 149 Fenſter bedeckten roh davorgenagelte Breter, und auf einer Seite hatten ſchon geſchäftige Hände die Backſteine hinabge⸗ worfen und fortgeräumt. Teufelskäfer blieb verwundert vor dem kleinen Hauſe ſtehen, und rief, die Hände zuſammenſchlagend: „Hallo da— ich muß in der Quäkerſtadt ſein; iſt denn das nicht das alte„State⸗Houſe“. und noch während er ſprach, glitt aus den Reihen der prunkenden Herren und Damen, die die Straße füllten, eine graue, geiſterhafte Geſtalt mit bleichen Zügen und dunkelen, ſchattigen Augen hervor, und ſagte mit einer Stimme, die dem ängſtlich Lauſchenden bis in das innerſte Mark zitterte: „Es iſt das alte„Statehouſe“, ja— es iſt die alte unabhängigkeits⸗Halle. Die ſtolzen Herren der Quäker⸗g ſtadt haben aber die Gebeine ihrer Väter um rothes Gold verkauft, ſie haben Wittwen und Waiſen geplündert, und den Namen ihres Gottes beſchimpft und geſchändet. Schweiß und Blut der Armen haben ſie in Mörtel und Mauerſteine verwandelt, und ſie ſetzen jetzt ihren Schandthaten die Krone auf, ſie reißen die alte Halle der Freiheit und Unabhängigkeit nieder, und erbauen aus deren Ruinen einen königlichen Palaſt.“ „Hallo!“ rief Teufelskäfer überraſcht;„da haben wir auch wohl einen König hier, eh!“ „König?“ echote der Geiſt in ernſtem, traurigem Ton; „ſiehſt Du jene ſtolzen Karoſſen, die durch die volksgedrängten 9 15⁰ Straßen rollen! ſiehſt Du die blitzenden Geſchirre und die goldſtrotzenden Livreen?“ „Gewiß ſeh' ich ſie,“ rief der Pförtner auf ſeine rauhe Art;„die vielen Pferde und die Männer d'rauf in kleinen Affenjäckchen; was ſoll denn das eigentlich heißen?“ „Es ſind die Großen und vornehmen Müſſiggänger— die Edelleute der Quäkerſtadt. Ja die Edelleute— dort fährt ein Herzog, und da ein Graf, und hier ein Prinz. Dieſer Palaſt iſt für die Wohnung des Königs beſtimmt, und Freiheit und Unabhängigkeit ſind vom Thron geſchleu⸗ dert. Aus den Ruinen der„Independence⸗Hall wächſt der Sitz künftiger Tyrannen empor.“ Teufelskäfer waldte ſich überraſcht nach dem geiſter⸗ haften Nachbar um, zißſe aber floß in Nebel, aus dem er entſtanden ſchien, wieder zuſammen, und er ſelbſt ſchlen⸗ derte jetzt, mit einem unbeſchreiblichen Wohlbehagen das Ganze überſehend, durch die menſchenwogenden Gaſſen zwecklos umher. Da ſtand er plötzlich vor einer prachtvollen, zwiſchen Marmorſäulen emporſteigenden Kirche, die ſich aus der Mitte eines weiten Kirchhofs erhob; und um ſie her, in lan⸗ gen, unabſehbaren Reihen, ſtanden dichtgedrängt prachtvolle Grabmäler und Mauſoleen mit weißen, unſcheinbaren Denkſteinen und ſtillen, verſunkenen und vergeſſenen Hügeln untermiſcht. Teufelskäfer betrachtete ſich die Kirche einige Augen⸗ blicke mit ganz beſonderem Intereſſe, als zu ſeinem unbe⸗ grenzten Erſtaunen eines der Grabmäler, gar nicht weit von ihm entfernt, aufſprang, und durch die Oeffnung eine Lei⸗ chentuch umhüllte Geſtalt, von dem hellen Sternenlicht be⸗ ſchienen, emporſtieg. Sie hob die Hände wie flehend gen Himmel, und das lange, weiße Gewand flatterte im Wind. Plötzlich wandte ſie ſich, und ſchwebte langſam und ge⸗ räuſchlos auf den Hinüberſtarrenden zu, und als dieſer ſich, in tollem Entſetzen wenden und fliehen wollte, öffneten ſich alle— alle Gräber des unendlich weiten Raumes, und aus jedem ſtieg die eingehüllte Leiche empor, ſo daß in wenigen Minuten der Platz mit ſchauerlich wehenden Gewänderm er⸗ füllt und belebt war. und heran kamen ſie, ſtill und lautlos, heran zu der niedern Kirchhofs⸗Mauer, ihre weißen Hände vorn auf den Leintüchern gekreuzt, ihre bleiernen Augen ernſt und ſtarr vor ſich hin gerichtet, ihre modernden Stirnen mit einem Diadem von Würmern geziert. Heran kamen ſie, und glitten über die Mauer hinüber — heran kamen ſie, ein Zug ſcheußlicher Verweſung, und vorwärts ſchwebten ſie, vorwärts, und miſchten ſich unter die fröhlich jubelnde Menſchenſchaar, daß ihre weißen Grab⸗ gewänder zwiſchen Seide und Atlas und wehendem Feder⸗ ſchmuck rauſchten, und ihre hohlen Augen ſich dicht zu den geſundheitſtrotzenden Wangen der Lebenden niederbogen. 152 Teufelskäfer ſah, wie ſie ſich in unabſehbar langer Reihe herbeidrängten, wie ſie mit den gekreuzten Händen und ſtieren Blicken lautlos durch die Menge ſchwebten, und mit Entſetzen fand er, daß ſie keins der übrigen, fröhlichen Menſchenkinder bemerkte. Alles wogte in lauter, geräuſch⸗ voller Luſtigkeit wild durcheinander, und lachte und ſcherzte, und ahnte nicht, daß ernſtmahnende Todtenaugen jeder ra⸗ ſchen, jugendkräftigen Bewegung folgten, daß wehende Lei⸗ chendecken ſich ihren koſtbaren Kleidern und Stoffen an⸗ ſchmiegten. O welch' fürchterliche Angſt prägte ſich in den kalten Zügen der Todten aus, als ſie ſahen, daß Niemand ihre Gegenwart entdeckte; wie ſchauerlich bewegten ſich ihre blauen, lautloſen Lippen, wie mahnend hoben ſie, ach um⸗ ſonſt, die dürren, knöchernen Arme empor. 1 „Was zum Henker ſoll denn das eigentlich bedeuten?“ ſchrie Teufelskäfer, dem es anfing, in dem tollen, ſpukhaften Treiben unheimlich zu werden.„Ihr guten Leute, ſeht Ihr denn die Todten nicht zwiſchen Euch? Liebe Lady, da hin⸗ ter Ihnen ſteht ja eine Leiche! hallo Gentleman— Sie gehen ja ganz dicht neben einem Gerippe. Bei Gott, alle Kirchhöfe ſchütten ſich in die Straßen aus.“ Teufelskäfer ſchrie und tobte in ihm ſelbſt unerklärlichen Entſetzen, und näher und näher drängten ſich von allen Sei⸗ ten die Verblichenen, und dichter und unabſehbarer wurde ihre Menge. 153 „Laß ſie gehen,“ rief da plötzlich wieder die vorige Stimme, dicht an ſeiner Schulter; die Todten ſteigen em⸗ por ſie zu warnen— aber ſie kennen ſie nicht— es ſind ihre Freunde, ihre Brüder, ihre Schweſtern, ihre Lieben, aber in ihrer Blindheit ſehen ſie ſie nicht— ihre Strafe erwar⸗ tet ſie.“ „Ihre Strafe!“ rief Teufelskäfer erſchreckt;„was zum Henker heißt denn das eigentlich! ſprecht doch deutlich— wollt Ihr?“ „Siehe!“ rief der Geiſt und deutete auf eine ſchwarze, gewitterſchwangere Wetterwolke, die am Nachthimmel em⸗ porſtieg, und in Flammenſchrift glühende Buchſtaben trug, die er nicht leſen konnte. „Ha!“ ſchrie er, von einem eigenen Schauer durch⸗ bebt;„was ſoll das heißen! was bedeutet das?“ „Der Engel des Gerichts ſchreibt mit flammender Hand ſeine Worte auf die Tafel des Firmaments,“ tönte die Stimme zurück.„Der letzte Tag der Quäkerſtadt iſt ge⸗ kommen! „Wehe über Sodom!“ Und der Traum wechſelte. Hinauf ſah er ſich gehoben, auf die Zinne eines gewaltigen Tempels. Um ihn war Nacht, Finſterniß und Schweigen. Er ſchaute ſich um, und III. 11 ein neues Wunder entfaltete ſeine Schrecken vor den Blicken des Staunenden. Um die koloſſalen Mauern und Pfeiler des mächtigen Baues hob ſich die ſchwarze, ſchäumende Fluth, und nur gen Weſten hin zeigten ſich in kühnen Umriſſen die Gebäude einer Rieſenſtadt, die in unabſehbaren Häuſermaſſen gen Norden und Süden drängte. Immer tobender preßten ſich die brauſenden, mit hellem Schaum gekrönten Wellen in einander. Da glitten ſchnell und geräuſchlos, unzählige offene Särge herbei über die kochende Fluth, und tanzten auf den Wogen, und ſanken und ſtiegen mit den ſchäumenden. Und in jedem Sarg, in ihr weites, flatterndes Grabtuch gehüllt, mit einem Schen⸗ kelknochen als Ruder in der Hand, ſaß eine Leiche, und zu ihren Füßen ſtand ein kleines, flackerndes Lämpchen, das wie ein Irrlicht in wildem Zickzack die bewegte, dunkele Waſſerwüſte durchflog. Teufelskäfer ſchrie laut auf, vor unendlichem Behagen und dämoniſcher Fröhlichkeit.„Hohoho!“ jubelte er, wie luſtig und wild die Särge da durcheinanderſchießen, und wie ſich die bleichen Geſtalten ſo freundlich zunicken, hohoho! welch' ein fröhliches Wettrennen auf der munter tanzenden Fluth; hurrah für die luſtigen Todten!“ Und wie er noch ſo darauf hinſchaute, und in toller Ausgelaſſenheit ſeinen wilden Jubelruf hinüberſchrie, bilde⸗ ten ſich die ſchauerlichen Nachen in zwei Reihen; die bleichen 155 Todten ließen ihre langen Grabgewänder als Fahnen wehen, um die Schädel ſchwangen ſie die Rückenknochen, und unter dem Heulen und Brauſen des Sturmes, unter dem Leuchten der Blitze und dem grimmig und ſchauerlich grollenden und praſſelnden Donner glitten ſie, mit reißender, entſetzlicher Schnelle einander entgegen, und jetzt, zwiſchen den bäumen⸗ den Wogen, jetzt unter den ziſchenden Spritzwellen krachten und donnerten ſie gegeneinander. Jeder Sarg drängte kämpfend zur Seite ſeines Gegners, und die Todten, ſich hinausbiegend über die Ränder ihrer Boote, erfaßten ein⸗ ander mit den Knochenfingern, und ſchmetterten die ge⸗ ſchwungenen Knochen auf die hohlen, dröhnenden Schädel der plötzlich erſtandenen Feinde nieder. Ha— wie die Grabtücher flatterten, und die Lichter zuckten und ziſchten, wenn ſie nieder unter die Wogen ſan⸗ ken, und mit welchem fürchterlichen Stöhnen Leiche gegen Leiche kämpfte. Teufelskäfer ſprang und jauchzte, und ſchlug vor Ent⸗ zücken die breiten, ſchwartigen Hände zuſammen. Da fühlte er ſich gefaßt und emporgehoben; der Tempel brach unter ihm zuſammen, und hinweg über die kochende, tobende Fluth trug ihn die unſichtbare Geiſterhand hinüber, hinüber zu der weiten, prachtvollen Stadt. Die Nacht ſchwand, heller Sonnenſchein lagerte ſich auf den blitzenden Wellen— näher und näher kamen die glänzenden Häuſermaſſen; da— gerade unter ihm, auf dem 41* nur noch ſanft wogenden Strom, glitt aus der ganzen, wil⸗ den Menge von Särgen, ein einzelner dahin, und der ſtarre, verhüllte Körper wandte die bleichen Züge dem fröhlichen, heitern Sonnenlichte entgegen, während ſeine glanzloſen, bleiernen Augen feſt auf dem hellklaren Himmelsdom geheftet waren. „Hohoho!“ grinſte Teufelskäfer;—„das iſt Lorri⸗ mers Leiche, hoho wie kalt und ſtarr Guſty im Sarge liegt.“ und während ſein höhniſches Lachen über die Waſſer⸗ fläche dahinſcholl, richtete ſich der Leichnam ſtaunend empor — das Grabtuch wehte, und im ſchauerlichen Echo tönte aus ſeiner hohlen Bruſt das Gelächter nach. „Hurrah!“ jauchzte Teufelskäfer;„hurrah! die luſti⸗ gen Todten.“ Weiter— weiter riß ihn die unſichtbare Geiſterhand, und er ſtand auf's Neue in den Straßen der weiten Stadt. Dieſe aber ſchien öde und verlaſſen von Lebenden; keine fröhliche Menſchenmenge drängte ſich in den ſonnigen Räu⸗ men; Furcht und Entſetzen hielt ſie in ihren Häuſern, den König in ſeinem Palaſt, den Bettler in ſeiner Hütte zurück. Aber herauf und hinab wogte in dichten Fluthen die Maſſe der Todten; herüber und hinüber glitten ſie mit ihren blei⸗ chen Schädeln und weißen, fliegenden Gewändern, mit ihren gekreutzten Knochenhänden und glanzloſen, traurigen Augen⸗ höhlen. Teufelskäfer drängte ſich hindurch, durch dieſe verhüll⸗ 1⁵7 K ten Geſtalten; ihn kümmerte nicht mehr der ſtiere Blick noch ihr unheimliches Schweigen; er fing an ſie gewöhnt zu wer⸗ den, und als dort hingehörige Weſen zu betrachten. Da öffneten ſich die weiten Pforten des Palaſtes, und heraus in glänzendem Prunk und unbeſchreiblicher Pracht wälzte ſich der Krönungszug des Gewaltigen, mitten hinein zwiſchen die geiſterhaften Schatten und Geſtalten. Von allen Häu⸗ ſern und Gebäuden wehten Banner und flatterten Fahnen, aus allen Thüren ſtrömten geputzte Männer und Frauen, alle Plätze überſchwemmte die Volksmenge; auf den Ruinen der Independence⸗Halle ſtand ſie, und ſchaute hinüber auf den huldreichen Monarchen und auf das vom Winde geho⸗ bene Stadtbanner, die Krone und Kette im rothen Felde, und auf die blitzenden und funkelnden Soldaten mit ihren, im Sonnenſchein glitzernden Bajonetten und Waffen und auf die Bannerträger und Herolde und auf die Prieſter und Hofleute. Aber ſie ſahen nicht die bleichen Todtengeſtalten, die ſich ſchweigend zwiſchen ſie drängten, ſie ſahen nicht das Meer den Kirchhöfen entſtrömter Leichen, das ſich ausgoß in alle Straßen der Stadt. Teufelskäfer allein ſah es, und er lachte, daß ihn die Seiten ſchmerzten, und fortwährend Thränen dem einem glühenden Auge entquollen. „Weshalb lachſt Du!“ ſagte ein alter, ſilberlockiger Mann, der neben ihm ſtand, und ſich verwundert nach ihm umſchaute;„weißt Du nicht, daß die Freiheit heute begra⸗ ben wird! dieß iſt ihr Leichenzug.“ 158 „Hohoho,“ ſchrie Teufelskäfer—„deßhalb lach' ich ja gerade— ſieh nur die Kette und Krone und dann nachher die alte Unabhängigkeitshalle— hohoho!“ Der alte Mann zog ihn zu ſich auf die Seite; unter ſeinem Arme trug er ein zuſammengerolltes Paket. „Ich bin ein Alterthumsforſcher,“ ſagte er mit leiſer, wehmüthig klingender Stimme;„ich ſammele die Reliquien der Vergangenheit.“— „Aha— ſo eine Art Antiquar und Rumpelkrämer!“ frug Teufelskäfer. „Sieh' hier!“ flüſterte der Alte wieder;„hab' Acht aber, daß Dich Niemand ſieht— es könnte Dich Dein Leben koſten.— Sieh hier!“ Er drückte ein abgenutztes Stück Zeug in die Hand des Pförtners. Teufelskäfer betrachtete es mit einigem Intereſſe, rollte es auf, und öffnete ſeine weiten Falten dem freundlichen Licht der Sonne. Es war ein altes Banner; ein altes Ban⸗ ner mit dreizehn rothen Streifen und neun und zwanzig weißen Sternen, die auf blauem Felde ſchimmerten. „Hohoho!“ kicherte Teufelskäfer;„das iſt ja die me⸗ rikaniſche Flagge.“ „Das war die Amerikaniſche Flagge.“ „War!“ echote Teufelskäfer. „War die Amerikaniſche Flagge, ſag' ich, es giebt kein Amerika mehr. In jener Halle ward es geboren, und wuchs 159 auf in männlich kräftiger Schöne; aber ſeine vorgeblichen Freunde vernichteten es. Prieſterthum, Sclaverei und Ver⸗ rätherei waren ihre Mörder, und ich, jetzt ein armer, alter Mann, muß wie ein Dieb heimlich durch die Straßen ſchlei⸗ chen, weil ich eine Reliquie aus alten, heiligen Zeiten ent⸗ deckt habe, und bei mir trage— dieſe einſt vergötterte, jetzt verbotene Flagge. Der Alte beugte ſein Haupt nieder, und Teufelskäfer, in wild ausbrechendem Jubel jauchzte wild und gellend: „Hurrah für das rothe Banner, mit der goldenen Krone und Kette!“ Der alte Mann barg die Flagge unter ſeinen Mantel, und ſchlich leiſe fort.— und weiter, weiter wälzte ſich der gewaltige Zug, Prie⸗ ſter und Laien, die Großen der Stadt, und ihre goldbetreß⸗ ten, kriechenden Höflinge— weiter, weiter, und rauſchende Muſik und fröhliches Hurrahſchreien tönte ſchauerlich und unheimlich aus der Maſſe bleicher Leichen empor, die unge⸗ ſehen, ungeahnet, mitten im hellen, freudigen Sonnenlicht dahinſchritten. Horch— da ſchallte ein hohler, dumpfer Laut, ein fer⸗ ner Poſaunenſchall an das Ohr der erſchreckt Haltenden und ängſtlich Lauſchenden, der König an der Spitze des Zuges erbleichte, und die Kniee der Hofleute bebten und verſagten ihnen den Dienſt— ein Schauder rann durch den ganzen Zug, und jedes Auge blickte entſetzt zu dem dunkler und 160 dunkler erglühenden Himmel empor. Da zerriß plötzlich ein einziger, furchtbarer Angſtſchrei die Luft— jede Bruſt ſtieß ihn aus, von jedem Auge waren die Schuppen gefallen, und ſie ſahen die Leichen, zwiſchen denen ſie wandelten; ſie ſahen die bleichen Schreckgeſtalten, die an ihrer Seite dahinglitten, und wußten, der Tag des Gerichtes war gekommen, in Furcht und Entſetzen— wußten, daß ihre letzte Stunde geſchlagen hatte. Und nun ſchrieen ſie zu dem Gott um Gnade, den ſie bis jetzt verachtet und verleugnet, raſſelnd ſtürzten Waffen und Gewappnete zu gleicher Zeit zu Boden, und ein Weheruf ſtieg zu dem Himmelsdom empor. Aber hindurch, zwiſchen die Maſſe der Knieenden, laut⸗ und ge⸗ räuſchlos hindurch, glitten die Leichen, in ihren langen, flie⸗ genden Grabgewändern. Teufelskäfer ſchaute erſchreckt empor, denn aus den qualmenden, ziſchenden Wolken glühten und leuchteten die zuckenden Blitze; dunkel, ſchauerlich dunkel ward das Fir⸗ mament, wilde, geiſterhafte Stimmen heulten ihre Schmerz⸗ akkorde durch die Finſterniß, und ein Feuerwirbel, aus den Wolken niederreichend, erfaßte in ſeinem entſetzlichen Stru⸗ del die Maſſen der Lebenden und Todten, und riß ſie im gräßlichen Kreistanz hinauf, hinauf, immer hinauf dem Tage des Gerichts, der Strafe entgegen. Teufelskäfer ſah Alles, und blieb unverletzt; eine un⸗ ſichtbare Hand trug ihn über dieß Meer von zuckenden Kör⸗ pern hinweg, hinweg über die im fürchterlichſten Kampfe 161 wogende und klaffende Erde. Er ſah das Toben, er hörte das Praſſeln und Stürzen, als Tempel gegen Tempel ge⸗ ſchleudert im grunderſchütternden Schalle zuſammenbrach, über ihm ballte ſich in immer drohenderen, neue Stürme ge⸗ bärenden Maſſen, das Wolkenheer zuſammen, und glühender als je flammte die Schrift auf dem finſteren Grunde: Wehe über Sodom! „Blicke hinab,“ rauſchte da wieder die Stimme des Geiſtes zu ihm nieder;„blicke hinab und ſiehe die Ruinen der, dem Gericht verfallenen Stadt. Tempel und Paläſte ſtarren mit ihren zerſchmetterten Bewohnern zu dem Him⸗ mel empor, dem ſie ſo lange getrotzt. Die Schuld von Jahr⸗ hunderten iſt endlich gefühnt. Das Blut, das ſo lange um Rache ſchreiend aus der, Gott höhnenden Stadt emporge⸗ ſtiegen, iſt endlich zu ſeinen Ohren gedrungen. Blicke hinab auf die Ruinen des vernichteten Philadelphia, und mit den Engeln des Gerichts miſche Deine Stimme, und rufe Wehe! Wehe über Sodom!“ Daͤertes Bgoh. Der zweite Tag. Ravoni der Zauberer. Erſtes Capitel. Gott iſt gerecht. Die Nacht näherte ſich ihrem Ende, aus dem dunkelen Nachthimmel ſchienen aber noch hell und klar die flimmern⸗ den Sterne hernieder; es mochte eine Stunde bis Tagesan⸗ bruch ſein. Zwei Scenen ſind es übrigens, die wir zu ein und der⸗ ſelben Zeit beleuchten müſſen; auf zwei verſchiedenen Stel⸗ len der Quäkerſtadt ſpielt unſer Drama zu gleicher Zeit wei⸗ ter. Es iſt das Zimmer eines geheimnißvollen Fremden, den die Stadt einen Zauberer nannte,— und die Hütte der Ar⸗ muth und des Elends. Wir wollen zuerſt den Schleier von der Wohnung des Zauberers ziehen. Es war eine Stunde vor Tagesanbruch, Freitag Mor⸗ gen, den 23ten December, als zwei Männer langſam in einer der größten Straßen, ziemlich im Herzen der Stadt, dahinſchlenderten. Eine einzelne Lampe erleuchtete die Trottoirs, und ge⸗ 166 rade vor einem hohen, dunkelen Gebäude hielten ſie, wo der ganze Raum, der ſich außer dem Lichtkreis des Laternen⸗ pfahles befand, in tiefe, undurchdringliche Finſterniß, die beſonders dem nahenden Morgen voraus geht, gehüllt blieb. „Paſtor— glaubt Ihr an einen Gott?“ frug plötzlich der Eine von ihnen, deſſen Zunge ſchwer war, und deſſen Stimme vom vielen Trinken heiſer und rauh tönte.⸗ „Ja ſeht Fitz Cowles, die Wahrheit zu geſtehen, ſo habe ich gerade über dieſen Glauben ſo viel, ſo ſehr viel ge⸗ predigt, daß mir jetzt wahrhaftig entfallen iſt, was meine eigene Meinung darüber war.“ Und mit einem wohlwollenden Lächeln blickte der ehr⸗ würdige Dr. Pyne auf das dunkele Antlitz Fitz Coles' hin⸗ über. „Ganz betrunken,“ lächelte er dabei leiſe vor ſich hin —„ganz betrunken— ſieht den Himmel für einen Scheer⸗ beutel an; für einen Oudelſack.“ „Paſtor, ich wünſche dieß nur deßhalb zu bemerken,“ erwiederte Fitz Cowles, indem er ſich vergebens bemühte, ſeinen Stand auf einem beſonderen Steine zu behaupten— „weil ich ihn gern— gern genannt haben möchte, um— hört zu, Ihr verdammte fette Haut Ihr— genannt haben möchte, um bei ſeinem Namen zu ſchwören, wie ich ver⸗ dammt ſein will, wenn ich nicht das Mädchen mein nenne, ehe ein anderer Tag über— über meinen— Kopf weg⸗ geht.“ 167 Fitz Cowles ſtieß mit ſeinem goldbeknopften Stock ge⸗ gen den Lampenpfoſten und der ehrwürdige Mann, der ne⸗ ben ihm ſtand, ſchien ſich ganz abſonderlich an der Scene zu ergötzen. „Sehr guter Wein das, den wir in dem Keller da tran⸗ ken— eh Fitz!“ „Hol' Euch und den Wein der Teufel— ich rede nicht von dem Wein, ich rede von dem Mädchen.“ „Oh— von dem Mädchen, ſo!? und Sie möchten ſie haben?“ „Grinſt nicht ſo verdammt, Paſtor— oder ich ſchlage Euch nieder. Will ſie haben! verſteht ſich, will ich ſie haben, und das— ehe eine— ehe eine andere Sonne über mei⸗ nen—“ „Hut weggeht,“ fuhr der Paſtor mit breitem Grinſen fort. „Kopf weggeht— Ihr alter Sünder Ihr— Hallo— was iſt das für ein Neſt hier! für ein ſteinernes!“ Fitz Cowles bog ſich zurück und betrachtete, ſeinen koni⸗ ſchen Hut auf den Stock hängend, etwas ſchwankend und ungewiß zwar, aber doch neugierig das Haus, das neben ihnen emporſtarrte. Es war ein altmodiſches, antikes Gebäude, drei Stock⸗ werk hoch, mit einer maſſiven Hallenthür in der Mitte und uUnmaſſen von Fenſtern in beiden Flügeln. Die hellgelb an⸗ geſtrichene Außenſeite wäre aber allein ſchon genügend gewe⸗ ſen, die Aufmerkſamkeit irgend eines, die Quäkerſtadt Durch⸗ wandernden zu erregen, da das Auge nur einzig und allein, durch die entſetzliche Monotonie immer und immer wieder⸗ kehrender Backſteinhäuſer ermüdet wird. Den, der ſein Haus blau oder gelb oder weiß anſtreicht, halten die Nachbarn ge⸗ wöhnlich, wenn nicht für ganz wahnſinnig, doch wenigſtens für bedeutend verſchroben. Hierzu kamen noch einige andere Eigenthümlichkeiten, die dieſen Wohnort allerdings von vielen andern der Stadt unterſchieden, denn die Fenſter zum Beiſpiel, wenn auch ſonſt zahlreich genug, waren ſchmal, und ſämmtlich mit wei⸗ ßen Läden feſt und dicht verſchloſſen. Das gänzlich flache Dach ſtach dabei ebenfalls gegen die Nachbarhäuſer ab, und die maſſiven Marmorſtufen, die zu dem Haupteingang hin⸗ aufführten, verriethen, durch ihre ausgetretenen Höhlungen, den jahrelangen Gebrauch. Das Gebäude wurde an beiden Seiten durch ein ſchma⸗ les Gäßchen begrenzt, in welche der matte Strahl der Lampe nicht einzudringen vermochte. „Das nenn' ich eine ehrwürdige Bauart,“ lallte Fitz Cowles, nicht ohne bedeutende Schwierigkeit ſeine aufrechte Stellung behauptend.„Was zum Henker, Paſtor, wird denn eigentlich darin getrieben?“ Paſtor Pyne lächelte wohlmeinend, und erwiederte mit mildfreundlicher Stimme: 169 „Dieß Haus wird zu den verſchiedenen Zwecken benutzt, Fitz Cowles;— erſtens—“ „O zum Teufel mit Eueren„erſtens,“ Ihr ſteht jest nicht auf der Kanzel.“ — Iſt es ein Tollhaus,“ fuhr Dr. Pyne flüſternd fort. „Ach!“ rief Fitz Cowles mit einem ſchwerfälligen Kopf⸗ nicken. „Dann iſt es eine Anatomie,“ lächelte der fette Paſtor. „Eine was!“ rief der trunkene Millionair. „Und zuletzt noch die— Höhle eines Zauberers— beendete Pyne, mit großer Feierlichkeit die Aufzählung der verſchiedenen Eigenſchaften. „Hallo!“ brach Fitz Cowles mit einem Fluche aus— „was Ihr nicht ſagt— Und wer iſt denn dieſer dreifache Wundermenſch heißt er Schmidt oder Müller oder Schultze!“ „Haben Sie ſchon je in Chesnutſtreet einen bleichen, ha⸗ geren Mann beobachtet! ſchlank und wohlgeformt zwar, aber mit etwas vorgebeugter Haltung? Er trägt einen ſchwarzen Ueberrock, reichlich mit Pelz beſetzt, und langes, ſchlichtes Haar. Sein Geſicht iſt gelb wie eine Guinea, aber er hat ein Auge wie ein Engel der Nacht. Kennen Sie den Mann?“ Fitz Cowles hob ſeinen Stock ſinnend an die Lippen und lehnte ſich, um ſicher ſtehen zu können, an den Lampen⸗ pfahl. ³ „Läßt er ſich nicht Sennor, oder Don oder ſonſt was Aehnliches nennen?“ AII. 12 170 „Derſelbe! alſo eben dieſer gelbhäutige, dunkeläugige Gentleman iſt der Wundermann; der Arzt Wahnſinniger, der Anatom und Zauberer.“ „Peſt und Stockknöpfe— wie wär's denn, wenn ich mich bei dem guten Mann einmal anmelden ließ! wird mir ſehr angenehm ſein, ſeine werthe Bekanntſchaft zu machen. Läßt er ſich jetzt wohl ſprechen?“ Dr. Pyne hob ſeine Hand an die Stirn empor, ver⸗ harrte ein paar Secunden in dieſer Stellung, und ſagte dann ſinnend,„ich muß dieſen läſtigen Burſchen los zu wer⸗ den ſuchen— er könnte mir hinderlich ſein.“ „Hören Sie Fitz Cowles,“ fuhr er dann laut fort, „wir müſſen uns für heute trennen; morgen Nachmittag iſt das Mädchen in Ihrer Gewalt— hier iſt meine Hand da⸗ rauf. Gute Nacht!“ und er ſchritt ſchnell und ohne weiter ein Wort zu äußern, die Straße hinab. „Verdammt kaltblütig das,“ murmelte Fitz Cowles, als er dem Davoneilenden zuerſt mit einem trunkenen Blicke nachſchaute, und dann den Lampenpfahl in entgegengeſetzter Richtung verließ—„Hahaha,“ kicherte er dabei in ſich hinein—„gelbe Haut— funkelnde Augen eh! morgen Nachmittag in meiner Gewalt— hurrah!“ Im nächſten Augenblick verſchwand der Millionair in der, auf der Straße lagernden Dunkelheit, und ſchnell und vorſichtig glitt die fette Geſtalt des Prieſters wieder herbei, 171 der einen Augenblick an den unteren Stufen der breiten, niederen Treppe hielt, und dieſelbe dann ohne weiteres Zö⸗ gern hinanſtieg. Er zog die Klingel.— Lange, lange mußte er warten, endlich ward das Umdrehen des⸗Schlüſſels im Schloſſe ge⸗ hört. Ein kleines Gefach ſchob ſich zurück, eine dunkele Hand ſtreckte ſich heraus, und Dr. Pyne nahm ein kleines Stück grüner Pappe aus der Taſche, deſſen geheimnißvolle Zeichen er erſt einen Augenblick betrachtete und es dgnn in den Griff der Hand legte, die alsbald wieder verſchwand. Nach dießmal nicht langer Pauſe, öffnete ſich endlich die Thür, und ein Neger, in grüne Livree gekleidet, winkte dem Paſtor, einzutreten. Gleich darauf fand ſich Dr. Pyne am äußerſten Ende einer langen, dunkelen Halle, die durch eine in der Mitte herabhängende Lampe erleuchtet ward. An der entgegengeſetzten Wand waren die breiten Stufen einer tep⸗ pichbelegten Treppe ſichtbar. Der Neger ſchloß die Thüre wieder und ſtand dann, ſeine Arme auf der Bruſt kreuzend, ſtill und regungslos wie eine Bildſäule, vor dem Paſtor. „Iſt Dein Meiſter zu Hauſe?“ frug Dr. Pyne. Der Neger antwortete nicht. „Verdamm den Nigger,“ brummte der Paſtor,„er muß bei ſeinem Namen genannt werden, ſonſt iſt er ſtumm —„Avaar— ich möchte den Signor Ravoni ſprechen.“ Der Stumme winkte der Treppe zu, und ging dann 12* 172 ſelbſt langſam voran, öffnete oben angelangt, geräuſchlos eine Thür und zog ſich, als der ehrwürdige Mann des Zau⸗ berers Höhle betreten hatte, leiſe und unbemerkt zurück. Es war ein geräumiges Gemach, die maſſiven Wände mit ſchweren Sammetfalten behangen, deren düſtere Ein⸗ förmigkeit auf einer Seite durch einen koloſſalen Spiegel in breitem Goldrahmen, unterbrochen wurde. Die Decke war ebenfalls dunkel gemalt, und der Fußboden mit weichem Teppich belegt, gab das Echo keines Schrittes wieder. Vor dem Spiegel, neben einem kleinen, mit ſchwarzem Tuch bedeckten Tiſch, ſaß ſchweigend und regungslos Signor Ravoni. Das Licht der Lampe ſiel matt und ungewiß über ſeine gebräunten Züge und ſein dunkeles Gewand, und mit der weißen, zarten Hand ſchrieb er in fremden Charakteren einzelne Worte auf eine vor ihm aufgerollte Pergamenttafel, während das lange, dünne Haar ihm nachläſſig über Nacken und Schultern herabfiel. Er hob den Kopf langſam von dem Manuſcript empor und ſeine funkelnden Augen hefteten ſich feſt auf den eintretenden Prieſter. „Wer iſt es, der eine Unterredung mit dem Signor Ravoni ſucht!“ ſagte er mit tiefer, hohltönender Stimme. Es lag etwas ſo unbeſchreiblich Finſteres, Unheimliches in dem ganzen Weſen des Mannes, daß Dr. Pyne unwill⸗ kürlich ſeine ihm ſonſt ſtets zu Gebote ſtehende Faſſung verlor, und einige Secunden wie beſtürzt, ſtillſchwieg, endlich aber dieſen, ihm peinlich werdenden Schauer abſchüttelnd, trat 173 er hinan zu dem Signor und legte die grüne Karte, die er von dem Neger zurückerhalten, auf den Tiſch. „Dieſes ward mir vom Dr.— gegeben“(er nannte den Namen eines berühmten Arztes der Quäkerſtadt).„Er iſt Einer Ihrer Freunde und Schüler und ſagte mir, daß Sie ein Meiſter in der Behandlung Wahnſinniger wären.“ „Sie ſuchen alſo den Rath des Signor Ravoni!“ unterbrach ihn die Stimme des Signor. „Ich habe eine Tochter,“ fuhr der ehrwürdige Dr. Pyne fort, und Ravoni winkte ihm, ſich niederzulaſſen, während er ſelbſt, ſeine Wange in die Hand geſtützt, den Glanz ſeines durchdringenden Auges feſt auf das Antlitz des Prieſters hef⸗ tete, und ſchweigend ſeiner Erzählung lauſchte. Ihre unterredung mochte eine halbe Stunde gedauert haben, als der Paſtor die Feder von dem Tiſche nahm, und einige Zeilen auf einen ſchmalen Papierſtreifen niederſchrieb. „Dieß wird genügen,“ lächelte er dabei mit einem ſei⸗ ner Faunenblicke—„ordnet dieß Geſchäft, und das Geld iſt Euer.“ Ein Ausdruck der Verachtung zuckte um die Lippen Ravoni's. „Es ſoll geſchehen,“ ſagte er, als er ſich von ſeinem Sitze erhob. Die Thüre ward plötzlich aufgeriſſen, und ein lautes Gelächter ſchallte an ihr Ohr. „Hohoho Doktor— ich will jetzt die Leiche ſtehlen,“ 174 ſchrie eine rauhe Stimme,„bin apart dazu hergekommen, die Leiche zu ſtehlen.“ Gut war es für Dr. Pyne, daß er bei dem Schall dieſer Stimme erſchrocken hinter den Tiſch zurückſprang, denn in der Mitte des Zimmers ſtand Teufelskäfer, der Pförtner des„Kloſters,“ während jeder Zug ſeines ſcheußlichen An⸗ geſichts verzerrt und verzogen, und ſein eines Auge in wil⸗ dem, faſt wahnſinnigen Feuer zu glühen ſchien. „Solche Träume habe ich gehabt,“ ſchrie er—„ſolche Träume von Tod und Hölle, daß ich jetzt einen Mann, blos des Spaßes halber, todtſchlagen könnte. Sagtet Ihr nicht Doktor, ich ſollte eine Leiche ſtehlen! Bei Gott— ich könnte heute Nacht einen ganzen Kirchhof plündern.“ Ravoni's Braunen zogen ſich im Zorn zuſammen. „Bringt mir der Tag einen Trunkenen oder Wahn⸗ witzigen!“ murmelte er in ſeinem fremdartigen Accent, in⸗ dem er ſich erſtaunt gegen den Eindringling wandte; dann aber mit ausgeſtrecktem Arm auf dieſen zugehend, rief er zürnend und ergrimmt: „Sclave! wie darfſt Du es wagen, dieſe Schwelle un⸗ gerufen zu übertreten!“ Sein Auge glühte, ſeine Stirn legte ſich in düſtere Fal⸗ ten, ſeine Lippen zitterten wie in innerer Aufregung, und umſonſt verſuchte Teufelskäfer dem feſt auf ihm haftenden Blick zu trotzen; es lag für ihn eine magnetiſche, ihm unbe⸗ kannte, aber nichts deſtoweniger unwiderſtehliche Gewalt in 17⁵ dieſen dunkelen Augen. Er fühlte wie ſeine Willens⸗ und Körperkraft ihn verließ. „Auf Deine Knie,“ flüſterte in leiſen, aber durchdrin⸗ genden Tönen Ravoni—„auf Deine Kniee— Hund! Bin ich nicht Dein— Herr!“ Der Blick dieſer Augen haftete auf dem Ungeheuer, Teufelskäfer ſchritt zitternd auf ihn zu und ſchmiegte ſich heulend zu ſeinen Füßen nieder, und dort, ſeine Knöchel mit beiden kralligen Händen umfaſſend, hing er an dem dunke⸗ len Glanz jener funkelnden Sterne, die ſein Herz mit unſäg⸗ licher Angſt und Furcht erfüllten. Und dieß Alles, wo ein einziger Schlag ſeiner Eiſenfauſt den Mann, der jetzt ein Gott vor ihm ſtand, leblos und vernichtet hätte zu Boden ſchmettern können. Es war ein eignes, ergreifendes Schau⸗ ſpiel; der Sieg des Geiſtes, über die rohe Körperkraft. Als Teufelskäfer knechtiſch zu den Füßen des geheim⸗ nißvollen Fremden lag, verließ Paſtor Pyne geräuſchlos das Zimmer. „Trotze mir noch einmal ſo,“ zürnte mit leiſer Stimme Ravoni,„und ich nehme Dir die Kraft, ohne meinen Wil⸗ len zu handeln, ja zu denken. Mein Wille ſoll der Deine— Deine thieriſche Kraft die meine ſein.“ „Meiſter,“ winſelte Teufelskäfer—„mache mit mir was Du willſt— beſiehl mir Leichen zu ſtehlen oder ein Haus anzuzünden, oder einen Mann bei hellem Tage, mit⸗ ten auf der Straße niederzuſtoßen, und ich thue es.“ — 176 Ravoni lächelte und winkte dem Kriechenden aufzu⸗ ſtehen. Unſer Weg führt uns jetzt zu dem Haus des Mangels und Selbſtmordes. Wir kehren zu dem Unglücklichen zurück, den wir, auf den Steinen der Straße ausgeſtreckt, vor der Wittwe Smolby Haus verließen. Es war etwa eine Stunde vor der Scene, die wir in den nächſtfolgenden Zeilen beſchreiben wollen. Zwei Nachtwächter, in große, wollene Ueberröcke ein⸗ gehüllt, lehnten an einer der breiten Steintreppen in der menſchenleeren Straße. Ihre Unterhaltung drehte ſich, wie ſich das von ſchläfrigen Nachtwächtern nicht anders erwar⸗ ten ließ, um Politik. „Höre Smeldyke,“ ſagte der Eine, der eine gewaltige Pelzmütze trug—„was hältſt Du von dem Tarif! Glaubſt Du nicht, daß das halbe Unglück in Amerika davon her⸗ kömmt?“ „Weiß nicht genau, Worlygut,“ antwortete der An⸗ dere, der ſich von dem Erſten eigentlich nur durch einen merkwürdig alterthümlichen Hut unterſchied;„mir kommts aber vor, als ob wir kein Glück gehabt hätten, ſeit die Na⸗ tionalbank zerſtört wurde. Alles iſt ſeit der Zeit verkehrt ge⸗ gangen und— Du magſt mir's nun glauben oder nicht, aber an demſelben Tag wo es ausbrach, machte mir meine 4 177 Frau ein Präſent mit ein paar Zwillingen. Das iſt mir ſonſt im Leben noch nicht paſſirt, und da ich arm bin und über⸗ dieß ſchon ſechs Kinder hatte, ſo war der Spaß gerade nicht ſo unmenſchlich groß.“ „Was hatte denn die Nationalbank damit zu thun!“ frug die Pelzmütze—„nein Smeldyke, der Tarif iſt's, der uns hier ſo mitſpielt; war nicht der Tarif auch die Urſache vom Floridakrieg, wo die Seminolen Indianer die Bahama⸗ bank anſteckten!“ „Puh! unſinn— ich ſage Dir, es iſt die National⸗ bank.“— „Du— komm' mir hier nicht mit Deinen Puh's, ich bin nicht der Mann, der ſich bepuhen läßt, und noch dazu von ſo Einem wie Du biſt. Nun— was haſt Du dagegen zu ſagen?“ Die Fauſt ballend, bewegte ſich Smeldyke mit einer keineswegs freundlichen Miene auf ſeinen Kameraden zu, und es war, da auch Worlygut eine nichts weniger als friedlich geſinnte Stellung annahm, jede Ausſicht auf einen Kampf zwiſchen dieſen beiden würdigen Beamten des Friedens und der Ruhe, als ihre Aufmerkſamkeit plötzlich auf ein tiefes Stöhnen hingelenkt wurde, das aus der Mitte der Straße zu kommen ſchien. Schweigend näherten ſie ſich dem dort halb bewußtlos Hingeſtreckten; ſein Antlitz war auf die Straße gepreßt und 178 ſeine langen, dunkelen Haare flatterten ihm, von dem kalten Nachtwind bewegt, wild um die Schläfe. „Hallo Männchen— aufgeſtanden! ſchönes Liebchen biſt Du,“ rief Smeldyke, dem Widerſtandloſen auf die Füße helfend;—„ſehr ſchönes Liebchen, hier mitten auf der Straße zu Bett zu gehen.“ „Ja— ſehr ausgezeichneter Menſch das,“ ſtimmte Worlygut bei;—„kann's noch zu was bringen. In un⸗ ſeren neuen Washingtoniſchen Zeiten, ſteigen ſolche Genies — machen Congreßleute aus Söffeln, und je größer der Söffel, deſto beſſer das Congreßmitglied. Beneidenswerther Menſch das.“ Mit dieſen freundſchaftlichen Bemerkungen verſetzte der würdige Smeldyke dem halb Bewußtloſen einen kräftigen Stoß in die Seite, und Worlygut bearbeitete ſeine Bruſt und Rippen auf ähnliche Art. „Nun! ſtumm etwa keine Gefühle die auszuſprechen ſind?“ „Marie!— ich rette Dich— rette Dich dennoch!“ murmelte der Fremde, indem er ſeine Augen öffnete, und wild umherſtarrte. Die bleichen Mondesſtrahlen ſielen auf die leichenartigen Züge des jungen Byrnewood Arlington. „Marie— Jod liegt auf meinem Pfad, aber ich will Dich retten!“ ſchrie er, und entwand ſich dem Griffe der Wächter;—„ich muß Dich retten!“ und mit einer Schnelle, die jede Verfolgung als hoffnungslos erwieß, 179 ſprang er die Straße hinab und ſchrie, während er die Arme wie hülfeſuchend empor zum Himmel ſtreckte, laut und jam⸗ mernd den Namen: „Marie!“ „Nun bei Gott!“ rief Smeldyke;—„der nimmt's kaltblütig!“ „Lump der!“ bemerkte Worlygut:—„Narie wird ſeine Frau heißen, die er wahrſcheinlich zu Hauſe geprügelt hat.— Ja apropos, Smel, mein Burſche— was hältſt Du überhaupt von der Nationalbank!“ Den Namen der Schweſter in die ſtille Nacht hinaus⸗ rufend, die Sinne in ſieberhafter, hirnerſchütternder Auf⸗ regung, die auf ſeinem Herzen wie die Hand eines Todten auf der Bruſt eines Lebenden lag, ſtürmte Byrnewood Ar⸗ lington durch die menſchenleeren Straßen. Er wußte nicht wohin er floh, Wahnſinn aber glühte aus ſeinen Augen und Feuer in ſeinen Adern. Unſichtbare Hände ſchienen ihn vorwärts zu treiben, und hätte ein Ab⸗ grund zu ſeinen Füßen gegähnt, mit Wolluſt würde er ſich hineingeſtürzt haben. 3 So toll und wild, mit den Händen nach eingebildeten Phantomen haſchend, tobte er durch die Stadt, und Zeit und Raum ſchien gleich vergeſſen und misachtet. Kaum eine halbe Stunde war er aber noch auf ſolche Art weiter geraſt, als er plötzlich, an der Ecke einer breiten Straße ſtehen blieb, und ein Schwindel ihn für den Augen⸗ blick zu Boden zu ſchleudern drohte, doch hielt er ſich noch, mit faſt übermenſchlicher Anſtrengung aufrecht, und jetzt— in dieſem Momente war es, als die ſchädliche Wirkung des Giftes wie ein Schleier von ihm fiel, und er, ähnlich einem aus fürchterlichem Traum Erwachten, dort ſtand. Erſtaunt ſtarrte er umher; die Wirkung des Giftes war vernichtet, aber mit ihr auch jede Erinnerung an die entſetzlichen Begebenheiten der letzten achtundvierzig Stunden. Er blickte auf zu dem funkelnden Sternenhimmel, und ſein Verſtand war zurückgekehrt, wenn er ſich aber auch nur das Geringſte aus der letzten Vergangenheit zurückrufen wollte, in ſein Gedächtniß, ſo ſchien Alles Nacht und Traum. Solche Wirkung übte der von Teufelskäfer gereichte Trank. Er zerſtörte das Gedächtniß. Es giebt Leute, die ſich nie an das erinnern können, was ſie in, ja ſelbſt vor der Trunkenheit gethan; bei dieſen übt der Wein dieſelbe Kraft aus. So mit jenem Gift; es erregte die Sinne— es konnte zu Wahnſinn, ja einen Menſchen dazu treiben, ſeinen beſten Freund zu ermorden, die Wirkung aber einmal über⸗ ſtanden, blieb Nichts— Nichts als Nacht.. „Ich habe einen fürchterlichen Traum gehabt,“ murmelte Byrnewood, als er, die Hände krampfhaft gegen die Stirn gepreßt, an der Ecke eines hohen Backſteingebäudes lehnte, 181 und ſich erſt mit Gewalt wieder ſammeln mußte, um ſeinen Weg langſam, und immer noch nicht wiſſend wohin, fort⸗ zuſetzen.„Ich muß zu viel Wein getrunken haben— Thor der ich war— ha— ja— ich erinnere mich— ich ging mit Lorrimer— Lorrimer! Ja— wir tranken— tranken viel, und jetzt renne ich hier durch die Straßen wie ein dem Irren⸗ haus Entſprungener. Ich habe meinen Hut verloren— mein Haar iſt beſchmutzt und verwirrt— pah— es iſt zu arg, ſich dem Trunke auf ſolche Art hinzugeben.“ Er knirſchte vor Aerger und Reue mit den Zähnen. „Es war in der That ein entſetzlicher Traum— Marie entehrt— gräßlich— ja— ja; und wer war doch ihr Ver⸗ führer! ich glaube wahrhaftig Lorrimer ſelbſt— mir ſchwin⸗ delt es, will ich daran zurückdenken, aber Gott ſei gedankt, daß es nur ein Traum war.“ Die Thüre eines kleinen Holzgebäudes ward plötzlich aufgeriſſen, und die Geſtalt einer Frau ſtürzte auf die offene Straße. „Hülfe! Hülfe!“ ſchrie ſie in den fürchterlichſten Tö⸗ nen der Noth;—„Mord iſt in dieſem Hauſe— Hülfe! Hülfe!“ Sie bemerkte Byrnewood, ſprang auf ihn zu, und er⸗ faßte in größter Herzensangſt ſeinen Arm. „um des Heilands Willen, Fremder!“ ſchrie ſie, wäh⸗ rend die ſchneeweißen Haare ihrer Haube entfielen, und wild 182 um ihre Schultern flatterte;„um des Heilands Willen— kommt mit mir!“ Und ehe er nur ein Wort zu erwiedern vermochte, zog ſie ihn in das Haus, durch einen engen Vorſaal und zu dem Fuß einer Treppe, und von wo herab ihm der Schein eines Lichts entgegenſtrömte. „Schnell— ſchnell, oder wir kommen zu ſpät!“ ſchrie die alte Frau, während ſie, ſeinen Arm noch immer nicht loslaſſend, die Treppe hinauf eilte.—„Sie ſehen, Sir, ich bin nur eine arme Frau, und etwa vor ſechs Wochen ver⸗ miethete ich den oberen Theil meines Hauſes an den armen David. Er war ein Zimmermann, und meinte es auch wahrſcheinlich recht gut, hatte aber Unglück, und vor einem Monat, ſtarb ſeine Frau. O kommen Sie, Sir, wir ſind ſonſt wahrhaftig zu ſpät da. O mein Gott, daß ſo etwas in meinem Hauſe paſſiren mußte.— und nachher, Sir, ver⸗ führte irgend ein Bube, ich wellte, ich hätte den Schuft hier, ſeine Tochter, und heute Abend ging der arme David aus, und— o Gott— o Gott!“ Sie ſtanden oben an der Treppe, und das Licht ſtromte ihnen aus der offenen Stubenthür voll entgegen. Byrne⸗ wood ſchaute hinein, und das Blut erſtarrte ihm in den Adern. In dem Zimmer wachte Mangel und Selbſtmord am Todtenbett der Unſchuld. Ehe jedoch Byrnewood den Platz des Todes betritt, 183 müſſen wir in unſerer Erzählung einige Stunden zurück⸗ gehen; dieſe Epiſode mag dabei zugleich der Welt einen Blick dahin geſtatten, wie in der Quäkerſtadt Gerechtigkeit geübt wird, und wie ſich dem reichen Betrüger die Thore des Gefängniſſes öffnen, während Mangel und Noth den armen, ehrlichen Arbeiter zu Verzweiflung und Selbſtmord treiben. Die„State Houſe“ Uhr hatte gerade achte geſchlagen, als ſich in die fröhliche, geputzte Schaar, die Chesnutſtreet füllte, eine hagere, abgeriſſene Geſtalt ſtahl, und traurig und niedergeſchlagen hin und her ſchritt. Die Nacht war bitter kalt, eine einzige dünne Jacke aber, und überall geflickte Beinkleider, bildeten ſeinen ganzen Anzug. Der unraſirte Bart entſtellte dabei die fahlen, ein⸗ gefallenen Wangen noch mehr, und das unheimlich funkelnde Auge lag ſo tief unter den ſtarken Augenbraunen und in den dunkelen Höhlen, daß die Vorübergehenden, denen zufällig ſein Blick begegnete, ſcheu zur Seite wichen, und ſich noch mehremale unruhig nach ihm umſahen. Auf ſeiner Stirne ſtand in unverkennbarer Schrift der Mangel, in ſeinen Blicken lauerte der Wahnſinn. Auf und ab wanderte er in der kalten Nacht; er ſchaute von Seite zu Seite, ob er ein Herz, ein einziges finden könne, das Mitleiden mit ihm fühle; aber kein Erbarmen lag in den Zügen, die ſein Auge traf. Schön geputzte Frauen, die in die Oper wanderten, reiche Kaufleute, aus ihren Comptoiren heimkehrend, fromme Prieſter ihren Kir⸗ chen zueilend, ihr Antlitz ſo mild und engelfromm, ihr Herz ſo voll heftiger Feindſchaft gegen den Papſt und das heid⸗ niſche Rom; dieſe waren Alle, Alle da; aber Mitleiden für den Unglücklichen, der halb verhungert und frierend die Straße durchzog— Mitleid ließ ſich in keiner Miene leſen. „Kein Brod— kein Feuer!“ murmelte der Hand⸗ werker, als er mit finſterem Blicke zu dem Nachthimmel em⸗ porſchaute;—„zwei Tage— zwei lange Tage kein Brod und kein Feuer! Ich könnte es ertragen, ja— aber großer Gott, mein Kind— mein Kind!“ Mit dem zerriſſenen Aermel trocknete er ſich eine Thräne von der zitternden Wange. „Gott!“ rief er ingrimmig, als er die Fauſt gen Him⸗ mel ballte;—„giebt es einen Gott! iſt er gerecht! warum haben dieſe Leute denn warme Kleider und warme Stuben, und ich, ich der ich ſo gerne arbeiten möchte, muß hungern und frieren.“ Verzeihung, Ihr frommen Seelen, Verzeihung für die Blasphemie dieſes Unglücklichen, der Hunger iſt aber ein grimmiger Skeptiker, ein arger Zweifler. 5 „Zwei Tage ohne Wärme, ohne Nahrung!“ ſtöhnte er. Da entrang ſich plötzlich ein Ausruf freudiger Ueberra⸗ ſchung ſeinen Lippen; eine prachtvolle Karoſſe, von zwei edlen Rennern gezogen und mit buntem Wappen auf dem Kutſchenſchlag, rollte vorüber. Es bedurfte nur eines Au⸗ 185 genblicks, und der Handwerker ſprang darauf zu, und ſchwang ſich hinten auf den Bedientenſitz, während im Innern der Kutſche ein ältlicher, ſehr wohlwollend und freundlich ausſehender Gentleman, allein und behaglich in die Ecke ge⸗ drückt, ſaß. Und fort trabten die Pferde, bis ſie ein gro⸗ ßes, ſtattliches Gebäude, in dem ariſtokratiſchen Theile der Quäkerſtadt erreichten. Der wohlwollende Gentleman ſtieg hier aus und verſchwand, nachdem er James, dem Kutſcher, die Sorgfalt für die Pferde noch beſonders an's Herz gelegt hatte, in dem Hauſe. „Der machte vor drei Tagen bankerott,“ ſagte der Handwerker, als er, von der Kutſche herabgeſprungen, die palaſtähnliche Wohnung des Mannes mit bitterem Lächeln betrachtete.„Hahaha— die Bank, deren Präſident er war, brach vor vierzehn Tagen. Er iſt der Präſident jener ge⸗ brochenen Bank, und hat ſeine Kutſche und Pferde, ſeine Diener und ſeinen Wein. Ich hatte ſechshundert Dollar in derſelben Bank, und kann jetzt keine Kruſte Brod auftreiben, meinen nagenden Hunger damit zu ſtillen. Iſt das die Ge⸗ rechtigkeit?“ 4. Und mit demſelben bitteren Lachen ſtieg er die breiten Marmorſtufen, vor des Bankpräſidenten Palaſt, hinan. „Noch einen Verſuch will ich machen,“ flüſterte er da⸗ bei;—„noch einen Verſuch, und wenn auch der fehlſchlägt, dann— ha, Gott wird mein Kind ſchon ſchützen, und was III.. 13 186 mich anbetrifft— nun das Armenhaus wird mir ja wohl ein— Grab geſtatten.“ Die Thür des Bankpräfidenten war nur angelehnt— der Handwerker öffnete ſie leiſe. O dieſe Pracht, die ihm von dort, aus allem was ſich dem Auge bot, entgegen⸗ ſtrömte; ſolch' koſtbare Meublen, ſolche Gemälde und Tep⸗ piche und Vorhänge— „Und das iſt der Präſident der gebrochenen Bank?“ Mr. Job. Johnſon, der Präſident der Bank, welcher vor erſt ſehr kurzer Zeit mit einer Million fallirt hatte, ſaß in der Mitte des kleinen, aber brillant eingerichteten Gemaches, an einem Tiſchchen und ſchrieb. Es war ein gar behaglich und ſelbſtzufrieden ausſehender Mann, mit einem runden Geſicht und kleinen, grauen Augen, mit kurzem Nacken, weißer Cravatte und anſehalichem Leibesumfang. Kurz Job. Johnſon Esgr. war Einer der guten Bürger, die nicht unbeträchtliche Summen zu Traktätchengeſellſchaften unterſchreiben, und in der Kirche gern mit einem prachtvoll ausgepolſterten Stuhl prahlen. Er bemerkte des Handwerkers Eintreten nicht, ſondern hatte ſich gerade, wie es ſchien, in einen Stuhl geworfen, und notirte, bei dem Scheine der Aſtrallampe, einige Be⸗ merkungen in ſein Taſchenbuch. „Zwanzig Dollar für die Geſellſchaft der Bibelverbrei⸗ tung zu Rom, redete er mit ſich ſelber.„Gute Idee das, kommt in alle Patent⸗Gospel⸗Zeitungen.— Zweihundert Dollar für Juwelen— meine Frau iſt wirklich etwas ver⸗ ſchwenderiſch.— Funfzig Dollar für zerbrochenes Ameuble⸗ ment; verdank' ich meinem Sohn Robert, dem Studenten — böſer Junge das. Eintauſend Dollar für einen Flügel— kapitaler Flügel für meine Tochter Corinne.— Ha— wer iſt da! was wollt Ihr!“ Der Handwerker nahm den Hut ab, und näherte ſich dem Tiſche. Es war ein wunderbarer Abſtand, der unraſirte Proletarier und der wohlwollende Bankpräſident; an einer Seite Mangel und Elend, an der anderen Reichthum und Ueberfluß; hier ein Antlitz, in das der Hunger ſeine fürch⸗ terlichen Zeichen gegraben hatte, und dort volle, ſchwam⸗ mige Backen, die Zeugen von Wildpret und Turtleſuppe. „Was wünſchen Sie?“ „Kennen Sie mich, Mr. Joneſon! Ich bin John Davis.“ „Ah— ich erinnere mich; Sie deckten mir im letzten Sommer ein Haus mit Schindeln.— Hm, Sie ſind— Sie ſind etwas mager geworden.“ Des Handwerkers Lippe zitterte. „Ich ſah im vorigen Sommer allerdings etwas beſſer aus,“ flüſterte er;„aber Mr. Joneſon— ich habe mich an Sie gewandt, um zu erfahren, ob— ob mir wohl noch—. wohl noch eine Hofſnung bleibt, jemals einen Theil meines Geldes aus der***** Bank zu erhalten?“ 43* 188 „Keinen Cent,“ ſagte der Bankpräſident, nahm ſeine Uhr heraus, und ſpielte mit den Petſchaften. „Ich habe hart für das Geld gearbeitet, Mr. Joneſon, im Winter gefroren, im Sommer, in der Sonnenhitze ge⸗ glüht— für das Geld, Mr. Joneſon.“ „Mein guter Mann, Sie reden da mit mir, als ob ich etwas an der Sache ändern konnte,“ ſagte Mr. Joneſon, und betrachtete höchſt aufmerkſam das Siegel, in welches das Motto eingravirt ſtand:„Alles für die Bibel.“ „Ich bin jetzt ohne Arbeit, Mr. Joneſon,“ fuhr der arme Mann mit ſo leiſer, zitternder Stimme fort, daß es einen Stein hätte erbarmen müſſen;—„mein Geld iſt aus⸗ gegeben; mein Kind liegt auf dem Todtenbett.“ „Aber was kann ich dafür, mein guter Mann! es thut mir herzlich leid, daß Ihr Kind krank iſt, wie kann ich das aber ändern?“ ſagte der Bankpräſident mit kalter, ſchneidender Höflichkeit. „Ich habe weder Brod noch Medicin für meine Toch⸗ ter,“ hauchte Davis, während ein wildes, unnatürliches Feuer aus ſeinen Augen blitzte;—„in ihrem Zimmer iſt ſeit zwei Tagen kein Feuer geweſen.“ „Arbeitet!“ brach der wohlwollende Mann kurz ab. „Wo?“ und Davis ſtreckte ſeine dürren Hände mit einem Blick, in dem Verzweiflung glühte, gegen ihn aus. „Irgendwo— irgend etwas— Sie wollen doch nicht behaupten, daß ein tüchtiger Arbeiter, wie Sie ſind, in un⸗ 189 ſerer guten Stadt Philadelphia keine Arbeit bekommen könnte?“ „Zwei lange Wochen bin ich vergebens danach umher⸗ gelaufen, und habe jetzt keine Brodrinde mehr.“ „Gut denn, wo iſt Ihr Credit? Sie wollen mir doch nicht ſagen, daß ein fleißiger Handwerker, der Sie ſind, oder wenigſtens ſein ſollten, keinen Credit in dieſer unterneh⸗ menden Stadt hätte!“ „Wir haben kein Schuldgefängniß,“ erwiederte John mit mattem Lächeln;—„kein armer Mann kann in unſeren Zeiten etwas geborgt bekommen.“ „Ja mein guter Mann, es thut mir ſehr leid, daß un⸗ ſere Bank gebrochen iſt, und ihren Verpflichtungen nicht nach⸗ kommen konnte; es thut mir auch ſehr leid, daß Sie Ihr Bischen Geld gerade dabei mit verlieren mußten, ſehr leid, aber— Sie ſehen— ich— ich bin— ich habe noch einige Geſchäfte zu beſorgen, und muß ausgehen.“ Der wohlwollende Bankpräſident erhob ſich von ſeinem Sitz, ſchob die Uhr in die Taſche zurück, zog ſeinen großen Ueberrock an, und ſchritt der Thüre zu. Davis ſtand, als ob er in den koſtbaren Teppich hinein⸗ gewachſen wäre; er machte einen Verſuch zu ſprechen, die Zunge klebte ihm aber am Gaumen, ſeine Lippen zitterten dabei, und die hageren Finger preßten ſich krampfhaft an ſeine Bruſt. „Kommen Sie, mein guter Mann— ich bedauere Sie, ich kann Ihnen aber nicht helfen— unſere Kirche muß ſchon begonnen haben, und Sie werden einſehen, daß ich die nicht verſäumen darf.“ Davis ſchritt auf den wohlbeleibten Bankpräſidenten zu. „Sehen Sie, Mr. Joneſon,“ ſagte er mit heiſerer, von innerer Aufregung erſtickter Stimme;„meine Hände ſind durch ſtete, ununterbrochene Arbeit, hart wie Knochen ge⸗ worden.— Sehen Sie dieſe Finger, wie krumm und hornig ſie ſind. Nun denn, Mr. Joneſon, ſechs lange, lange Jahre habe ich für die ſechshundert Dollar gearbeitet, wie kein Sclave arbeitet, und warum?! ich wollte meinem Weib in unſerem Alter eine Heimath ſichern, ich wollte mein Kind „was Ordentliches lernen laſſen. Dieſes Geld legte ich im letzten Sommer in ihre Hand, Mr. Joneſon. Sie verſpra⸗ chen mir, es ſicher für mich anzulegen, und jetzt Sir, jetzt — iſt mein Weib ſchon ſeit einem Monat geſtorben, mein Kind liegt auf dem Todtenbett, und hat keine Rinde zu na⸗ gen, keinen Tropfen Medicin zu nehmen. Ich komme jetzt und verlange mein Geld, und Sie ſagen mir nur— die Bank iſt gebrochen! Eine einzige Frage will ich noch an Sie thun, Mr. Joneſon—“ Seine Stimme zitterte, und er hob die Hand wenige Secunden vor die Augen. „Wollen Sie mir etwas Geld borgen, um mir Brod und Holz zu kaufen!“ „Aber Davis— Sie verlangen zu viel— wirklich zu 191 viel,“ erwiederte der wohlbeleibte Bankpräſident, indem er ſich der Thüre einen Schritt weiter näherte. „Wollen Sie,“ rief Davis, ſeine Stimme nur mit mächtiger Anſtrengung mäßigend, denn die Noth des Augen⸗ blicks drohte ihm einen Angſtſchrei auszupreſſen;—„wollen Sie mir nur einen Dollar leihen!“ „Davis, Davis,“ lächelte der wohlwollende Mann kopfſchüttelnd, während er mit ſeinen gichtiſchen Händen das Silber in der Taſche klingen ließ, ſehen Sie,„lieber Mann, was ſollte denn aus mir werden, wenn ich allen ſol⸗ chen Forderungen willfahren wollte— ich wäre morgen ein Bettler.“. Er ſchritt ſchnell über die Schwelle, und verſchwand in dem dunkelen Vorſaal. 4 „Tom!“ ſchallte noch, nach wenigen Secunden, ſeine Stimme,„wenn Jemand nach mir fragen ſollte, ſo kannſt Du ſagen, daß ich in die Amerikaniſche Patent⸗Evangelium⸗ Geſellſchaft gegangen ſei. Und höre— ſage James, daß er zwölf Uhr heute Abend vorfährt. Einer der Direktoren giebt eine Geſellſchaft, und ich muß dort ſein. Und wenn der Mann da drinn fortgeht, dann kannſt Du hinter ihm zu⸗ ſchließen.“ Nach dieſen Worten ſchritt der Bankpräſident langſam aus der Hauptthür des Gebäudes, und wanderte im nächſten Augenblick die breite, menſchenbelebte Straße hinab. John 192. Davis ſtand aber, mitten in dem prachtvollen Zimmer, ſchwei⸗ gend und regungslos, wie eine aus Stein gehauene Geſtalt, „Kommt Miſter, da der Gentleman fort iſt, könnt Ihr Euch ja wohl auch ſachte trollen,“ ſagte eine rauhe Stimme. John Davis ſah ſich um, und erblickte einen roth⸗ geſichtigen, fetten Bedienten in Livree, der ſehr unzweideutig nach der Thüre zeigte. Ohne ſeinen Hut aufzuheben, der den ſtarren Fingern entfallen war, verließ John langſam das Haus. Unterdeſſen erreichte Job Joneſon Esg., ſehr behaglich vorwärts ſchlendernd, die Ecke der ſechſten und Chesnut⸗ ſtraße, wo die Außenlinien des State⸗Houſes gegen den ſternhellen Nachthimmel emporſtiegen. Eine Hand wurde hier leiſe auf ſeine Schulter gelegt. Joneſon wandte ſich ſchnell um, und ſah einen unterſetzten, etwa dreißigjährigen Mann, deſſen nachläſſige Kleidung und rothe Naſe ſeine Profeſſion verriethen. Er war Gerichts⸗ diener der wohllöblichen Juſtitia. „Bitt' um Verzeihung, Sir— Ihr Name, Joneſon, Sir! ſoll morgen ein Fall vor Gericht kommen, und Sie werden hiermit aufgefordert, als Zeuge zu erſcheinen! Hier iſt die Subpoena.“ Joneſon ſtreckte ſeine Hand aus, das Papier in Em⸗ pfang zu nehmen, als die Geſtalt des John Davis ruhig zwiſchen ihn und den Haltfeſt trat. „Und ich,“ donnerte er dabei den erſchreckt zurück⸗ 193 bebenden Präſidenten an;—„ich fordere Dich ebenfalls auf, Dich Job Joneſon, morgen früh, mit Tagesanbruch, vor dem Gericht des allmächtigen Gottes dort oben zu er⸗ ſcheinen.“ Und er hob die eine ſeiner dürren Hände zum klaren Nachthimmel empor, während die Andere auf des jetzt zit⸗ ternden Bankpräſidenten Schulter ruhte. Joneſon bebte unter der Berührung— ſie war wie heißes Blei auf der bloßen Haut. „ Ich werde dort ſein,“ flüſterte Davis, und er zeigte mit ſeinem ausgeſtreckten Finger hinauf zu den funkelnden Sternen;—„morgen mit Tagesanbruch— vor den Schranken des Allmächtigen.“ Der Bankpräſident bedeckte in unwillkürlichem Schau⸗ der ſeine Augen mit der Hand, und als er nach wenigen Secunden wieder emporblickte, war der Wahnſinnige ver⸗ ſchwunden. Wir wollen Job Joneſon Esgq. bis Tagesanbruch am Freitag Morgen den dreiundzwanzigſten December, ver⸗ laſſen. Byrnewood Arlington ſtand auf der Schwelle des Armen. Der erſte Gegenſtand, der ihm hier in die Augen fiel 194 war der Körper eines über zwei Stühle hinwegliegenden Mannes, deſſen Arme matt und ſchwerfällig niederhingen, und mit den hageren Fingern den rauhen Breterboden be⸗ rührten. Ein dünnes, faſt heruntergebranntes Talglicht, auf eine grüne Glasflaſche geſteckt, ſtand auf dem niedern Tiſch von Fichtenholz. Das flackernde Licht fiel über das Antlitz des Mannes. Es war bleich und ſtarr, die Lippen ſtanden getrennt, und die untere Kinnlade hing ſchlaff nie⸗ der. Byrnewood that einen Schritt vor, und noch einmal rann dieſer kalte Schauder durch ſeine Adern. Die Kehle des Mannes war durchſchnitten, und das Hemd mit großen Blutflecken bedeckt. Byrnewood ſchrak vor dem Anblick zurück, als der ſcharfe, gellende Schrei einer Kinderſtimme an ſein Ohr ſchlug. „Sehen Sie,“ ſagte die alte Frau, indem ſie auf eine Wiege in der Ecke des Zimmers deutete;„das Würmchen wurde vor etwa drei Monaten geboren, und ich nahm mich, ſo lange die Mutter krank war, ſeiner an; Gott im Him⸗ mel, ich wußte ja damals nicht, daß dem armen Mädchen ſelbſt das Brod fehlte— und es noch dazu Mutter!“ „Die Mutter?“ hauchte Byrnewood, als eine plötz⸗ liche, ihm faſt unerklärliche Aufregung ſein Inneres zu durchzucken ſchien,—„wo iſt ſie?“ „Dort— hinter Ihnen,“ ſagte die alte Frau. Byrnewood wandte ſich ſchnell um, und bemerkte in einer anderen Ecke des Zimmers, ein ärmliches Bett, über welches ein weißes Leintuch geworfen war. Unter dem Lei⸗ nentuch ließen ſich aber die Umriſſe eines menſchlichen Kör⸗ pers erkennen. Die Arme lagen lang ausgeſtreckt, und die Zehen der ſtarren Füße ſtanden gerade empor. Byrnewood näherte ſich dem Lager; ſein Antlitz hatte eine Aſchfarbe angenommen, und der kalte Schweiß hing in großen Tropfen auf ſeiner Stirn. „In der vorletzten Nacht,“ ſagte die alte Frau, wäh⸗ rend ſie ebenfalls zum Bett trat;„ging das arme Kind, krank wie es war, auf die Straße, ihn— den Schurken, zu finden, aber—“ Byrnewood ſtöhnte ſo laut, daß die Alte erſchrocken zu ihm aufſchaute, dann kniete er leiſe neben dem Bett des Todes nieder. Das Tuch verbarg noch die Züge des Mäd⸗ chens— er ſtreckte ſeine Hand danach aus. Seine weißen Finger zitterten wie Espenlaub. Er hob die Decke empor, und ſtarrte auf das Antlitz der Todten. Ein Blick war genug. Mit einem wilden Schrei des Entſetzens ſtürzte er zurück, und lag einen Moment wie vom Schlage gerührt, leblos dort, und dann, als ob die Furien mit ihren Flammengeißeln auf ſeinen Ferſen folgten, ſprang er empor, und ſtürmte, die Hände vor die Stirn ge⸗ preßt, mit demſelben, ſchauerlich tönenden Weheruf die Treppe hinab und aus dem Haus. 1 196 Die alte Frau ſtand ſtarr vor Erſtaunen, und Minu⸗ ten vergingen, ehe ſie ihre Sprache wieder gewann. „O mein Gott— mein Gott!“ rief ſie dann,„wozu iſt ſo viel Elend auf der Welt nöthig? wozu, wozu! ach Du lieber Gott, was red' ich da!— und ſie— ſo jung, ſo ſchön— o Jeſus, o Jeſus!“ „Und wie befindet ſich unſer Patient?“ ſagte eine leiſe, flüſternde Stimme. Die Frau wandte ſich erſchreckt um; der Signor Ravoni ſtand vor ihr, ſeine ſchlanke Geſtalt mit einem weiten, pelz⸗ verbrämten, dunkelen Gewand bekleidet, während eine große Diamantnadel das ſchwarze Atlastuch, das ſeinen Nacken umgab, vorne zuſammenhielt und eine kleine, ebenfalls dun⸗ kele Pelzmütze ſein Haupt bedeckte. Seine großen, dunkelen Augen waren aber, trotz dem freundlichen Lächeln, das die Mundwinkel umſpielte, ſo feſt und durchdringend auf die Matrone geheftet, daß dieſe nur ſcheu und zitternd dem Blick begegnen konnte. „Und wie befindet ſich unſere junge Patientin?“ „Todt— ach du lieber Gott— todt!“ rief die alte Frau und deutete weinend auf das Lager hin. „Todt!“ echote der Signor überraſcht,„und das hier,“ fuhr er, auf den Leichnam des Mannes zeigend fort—„was bedeutet dieſer Anblick?“ „Ja ſehn Sie Doktor Rabe, als ich vor kurzer Zeit bei Ihnen war und Sie bat, das arme Mädchen hier zu be⸗ 197 ſuchen, denn ich hatte ſchon oft gehört, daß Sie gütig ſind und den Armen gerne helfen, da wußt' ich nun freilich nicht, wie's mit dem armen Davis ſtand, ach du lieber Gott— Und die ganze Zeit waren Sie hierher gekommen, ohne daß er's erfuhr, wie Sie wiſſen— denn er war ſtolz, merkwür⸗ dig ſtolz für einen armen Mann, und ſagte immer, er könnte den Gedanken nicht ertragen, daß ihm ein Doktor aus blo⸗ ßem Mitleiden helfen ſollte, und ſo— was wollt' ich denn gleich ſagen. Ja ſo— ja die ganze Zeit hatte Davis auf Brod gewartet, und heute Nacht—“ „Durchſchnitt er ſich aus Verzweiflung die Kehle!— das iſt alſo Euere fromme Quäkerſtadt?“— ein verächt⸗ liches Lächeln kräuſelte die Lippen des Signor Ravoni, „durchſchnitt ſich die Kehle, weil er kein Brod für ſein Kind zu erlangen vermochte! ſollte man glauben, daß ſo etwas in dem frommen proteſtantiſchen Philadelphia geſchehen könnte!“ „Ach Du lieber Gott, und wenn ich tauſend Jahre alt würde, den Blick vergeß' ich im Leben nicht, den ſie mir geſtern Abend zuwarf, ehe ſie ſtarb, und die Worte, die ſie dabei ſprach,„Miſſus Wilſon’ ſagte ſie, und die hellen Thrä⸗ nen ſtanden ihr in den großen, blauen Augen,„die harte Brodrinde auf dem Tiſche dort, iſt Alles, was ich ſeit zwölf langen Stunden zu eſſen gehabt habe,“ ſie war zu ſtolz ge⸗ weſen ein Wort zu ſagen, bis ſie im Sterben lag.“ „Eine edle Seele wohnte in jenem lebloſen Körper,“ 198 murmelte Ravoni—„und die Medicin, die ich Euch geſtern brachte?“ „Ich gab ſie ihr zu trinken, aber Du lieber Gott, es war zu ſpät— ſie ſtarb eine Stunde darauf.“ „Sie ſtarb eine Stunde darauf!“ echote Ravoni, und ſeine Züge überflog ein eignes, bedeutungsvolles Lächeln. „Vor kaum einer halben Stunde ſtarb ſie in meinen Armen,“ fuhr die alte Frau fort—„und dann, es kann kaum zehn Minuten her ſein, da kam ihr Vater, der arme John Davis herein, wie ich ſie gerade auslegte, und der guckte ſeinem Kind einen Augenblick ins Geſicht, und dann, o mein Gott, o mein Gott! dann ſchnitt er ſich die Kehle, von einem Ohr bis zum anderen durch und fiel, wie ein Stück Holz, auf die beiden Stühle nieder.“ „Er iſt noch warm,“ murmelte Ravoni, ſeine Hand auf des todten Mannes Antlitz legend—„entſetzliche Ver⸗ zweiflung ſpricht aus dieſen Zügen. Alſo eine Stunde, nach⸗ dem ſie den Trank genommen, ſtarb ſie?“ „Vor einer Stunde,“ wiederholte die Alte—„und was für eine hübſche Leiche es iſt! ach ſehen Sie nur die Haare— wie Gold— und ſolch ein Mündchen!“ Sie hatte bei dieſen Worten das Leichentuch aufgeho⸗ ben, und Ravoni ſtarrte nieder auf die bleichen, engelſchö⸗ nen Züge des lebloſen Mägdleins. Der Tod hatte ihr keinen ſeiner Schrecken auf die bleiche marmorne Stirn geprägt— 199 ſie lag dort, als ob ſie ſchlummerte, und ſelbſt die Wangen hatten noch nicht gänzlich ihre ſanfte Röthe verloren. Ravoni kreuzte ſeine Arme und blickte ſchweigend auf die Leiche nieder. Seine Augen glühten aber von einem eig⸗ nen, wunderbaren Ausdruck belebt, und ſeine dünnen Lip⸗ pen zitterten, von eben dieſer Empfindung erregt. „Wittwe— Ihr ſeid arm— habt Euch aber gütig gegen dieſen unglücklichen Mann und ſein Kind benommen,“ flüſterte er endlich mit leiſer, doch freundlicher Stimme, „hier iſt Geld für das Begräbniß dieſes Selbſtmörders— die Beſtattung des Mädchens werde ich ſelbſt beſorgen.“ Die Wittwe war eben im Begriff darauf zu antworten, als ein verworrenes Getön von Schritten und Ausrufungen zu ihnen heraufſchallte, dann hörten ſie, wie die Hausthür plötzlich aufgeriſſen wurde und eine tiefe Stimme rief: „Hallo da— iſt Jemand zu Hauſe hier!“ „S' iſt der Nachtwächter,“ ſagte die Wittwe, und trat oben an die Treppe,„ſind Sie das, Mr. Thomſon!“ „Ja wohl, Wittwe,“ erwiederte die Baßſtimme,„hier iſt ein Mann in ſeinem Wagen krank geworden— er kommt eben aus einer Geſellſchaft— wenn er nicht gleich Hülfe bekömmt, ſo iſt's zu ſpät— er hat wahrſcheinlich einen Schlaganfall oder ſo etwas.“ „Sehen Sie, der Herr hat wohl ein Bischen zu viel Wein getrunken, heute Abend,“ fiel eine andere etwas dün⸗ nere Stimme ein,„und da iſt's ihm ſchlecht bekommen.“ 200 Dann ward der Schall heraufſteigender Menſchen ge⸗ hört, und wenige Minuten ſpäter erſchien des Nachtwäch⸗ ters grauer Ueberrock in der Thür, dem ein Mann in Livree über die Schulter blinzte. Zwiſchen dieſen befand ſich der Körper des ſo plötzlich Erkrankten, der ſtöhnte und ſich ſträubte, als ſie ihn auf die Erde legten. Das Licht, das für einen Augenblick auf ſeine Züge fiel, beſchien das Antlitz des Bankpräſidenten Job Joneſon. „Jeſus!“ ſchrie der Livreebediente plötzlich,„ob das nicht der Mann iſt, den ich geſtern Abend bei meinem Herrn fortgeſchickt habe;— ob er ſich nicht die Kehle durchgeſchnit⸗ ten hat.“ Der Nachtwächter ſah ſich etwas erſchrocken nach dem Selbſtmörder um und brummte dem halb flüſternd die Worte in den Bart—„verdammter Narr.“— Nachtwächter ſind große Philoſophen.“ Indeſſen lag mitten in dem ärmlichen Zimmer, ſeinen feinen Rock durch den Schaum befleckt, der ihm von den Lippen tropfte, ſein ſonſt rothes Geſicht in eine dunkelglü⸗ hende Purpurfarbe verwandelt, Job Joneſon, der Bank⸗ präſident. Seine Augen waren blutunterlaufen, und ſeine gichtgeſchwollenen Hände faßten krampfhaft das, mit einzel⸗ nen Blutstropfen befleckte Vorhemd. „Kann keiner von Ihnen etwas für ihn thun?“ ſagte der Mann in Livree—„s'iſt mein Maſter.“ „Ich fürchte jede Hülfe kommt zu ſpät,“ entgegnete . 201 Ravoni, ſich über den Körper des Bewußtloſen hinüberbie⸗ gend—„ein Aderlaß wäre vielleicht noch das Einzige.“ Die Worte waren kaum geſprochen, als ſich Joneſon mit konvulſiviſchem Zucken auf ſeine Knie emporraffte und wild umherſtarrte. „Wo— wo—“ murmelte er mit halb erſtickter, röcheln⸗ der Stimme—„wo— bin— ich— ha!“ ſchrie er, als ſein Blick plötzlich auf den geiſterhaften, entſetzlichen Leich⸗ nam des Selbſtmörders fiel—„ha!“ ſchrie er, und fuhr mit beiden Händen nach ſeiner eigenen Kehle—„vor— vor Gottes Richterſtuhl— mit— Tages— an⸗ bruch.“— Mit dieſen, faſt ſchreiend ausgeſtoßenen Worten, ſtürzte er, eine Leiche, rücklings zu Boden. Er hatte dem Rufe des Selbſtmörders Folge geleiſtet— er war gegangen, ſeinem bleichen Ankläger vor Gottes Throne zu begegnen. Gott iſt gerecht! Der geſetzliche Räuber lag neben dem Unglücklichen, den er um ſein Alles betrogen hatte; der wohlbeleibte Bankprä⸗ ſident, der dem Verhungernden vor kaum zehn Stunden einen einzigen Dollar verweigert hatte, um ſich Brod zu kaufen, lag neben dem Opfer ſeines geſetzlichen Betrugs — Gott iſt gerecht! Und der zitternde Lichtſtrahl fiel über die beiden Leichen — über die des Klägers und über die des Verklagten, wie auf die Gruppe der ſchweigend umherſtehenden, und in dem III. 14 202 kalten, ſarkaſtiſchen Blicke des Italieners, in dem gleichgül⸗ tigen Geſicht des Nachtwächters und den glotzenden Augen des Livreebedienten, wie in den runzeligen Zügen der alten Frau, in allen lag gleiches Grauen und Entſetzen. Hinter ihnen aber ſtand das niedere harte Lager, und darauf ruhte, von dem weißen Leichentuch bedeckt, der Kör⸗ per des unglücklichen, ſchändlich verrathenen Mägdleins. Der gute und gerechte Gott hat einen Schleier zwiſchen unſere Augen und die Schatten der Ewigkeit gebreitet— wir vermögen der Seele des Bankpräſidenten nicht bis zu dem Richterſtuhl des Allgerechten zu folgen— doch erwartet ihn dort ſeine Strafe; zu dort empor, ſteigen die Thränen der Waiſen und die Flüche der durch ihn unglücklich gewor⸗ denen. Aber noch hunderte wie er, durchwandeln die Stra⸗ ßen der Quäkerſtadt, und auf ihren breiten, fettigen Geſich⸗ tern liegt ein wohlgefälliges, ſelbſtzufriedenes Lächeln, wenn ſie der Summen gedenken, die ſie, durch ſchurkiſche Geſetze be⸗ günſtigt, den Armen entriſſen. Doch laßt ſie wandern— ihrer Strafe entgehen ſie nicht.. Gott iſt gerecht! Der Nachtwächter und der Livreebediente trugen den Körper des todten Mannes wieder in den Wagen hinunter. „Wie verdammt ſchwer der Alte iſt,“ brummte der Erſtere, als er den lebloſen Leichnam durch die Wagenthür drängte. 203 „Wer zum Teufel wird mir jetzt meinen Lohn zahlen?“ fluchte der Andere, hinten aufſpringend. Der Kutſcher, der auf ſeinem Bock geſchlafen hatte, er⸗ wachte durch das Geräuſch und rief— „Hallo Tom— blos ein gewöhnlicher Anfall, oder iſt er abgefahren?“ „Abgefahren, James.“ „Ne!“ ſagte Jener ganz erſtaunt—„verdammt gut, daß er mich geſtern wenigſtens bezahlt hat— Hurrah!“ Und er ließ die feurigen Roſſe die Peitſche fühlen, und fort flogen ſie, der Wohnung des Bankpräſidenten zu, um ſeiner Frau und den Kindern die Leiche zu bringen. Als der Wagen in weiter Ferne verſchwunden war, rollte ein anderes Fuhrwerk langſam die Straße herauf und hielt vor dem Hauſe der Wittwe. Ein Pferd zog es nur, und keineswegs kam es in ſeinem Aeußeren der prächtigen Ka⸗ roſſe des Bankpräſidenten gleich. Kein buntes Wappen ſchimmerte an ſeiner Seite, keine buntſcheckige Livree trug der Kutſcher. Es war ein Leichenwagen, und der ſchwarz gekleidete Führer deſſelben, dem dichte Florſtreifen das Ge⸗ ſicht verhüllten, ſtieg vorſichtig von dem hohen Bock her⸗ unter. „Es wird bald Tag ſein,“ murmelte er mit heiſerer Stimme—„und ich muß mich eilen— ſehr ſchöner Sarg das—“ Er warf noch einen Blick auf den ſilberverzierten Sarg, 14* 204 den die zurückgeſchlagenen Falten des ſchwarzen Leichen⸗ tuches erkennen ließen, und verſchwand dann in dem Haus des Todes. Ravoni und die alte Frau ſtanden neben der Leiche des Mädchens. „Ich ſelbſt werde für das Begräbniß des Mädchens Sorge tragen,“ ſagte der Arzt und drückte Gold in die Hand der Frau. Während er aber noch ſprach, glitt auch ſchon die Ge⸗ ſtalt eines faſt ganz in Trauerflor gehüllten Mannes, zwi⸗ ſchen die Beiden und hüllte, ihre breiten Hände ausſtreckend, den ſchlanken Körper feſter in die Falten des Lakens. „Was ſoll das heißen?“ rief die alte Frau mit er⸗ ſtaunten Blicken—„ich weiß nicht— was ſoll denn das eigentlich bedeuten!“ Der Mann in dem Trauerflor hob das todte Mädchen ſchweigend in ſeine Arme und wandte ſich der Thüre zu während Ravoni der Wittwe entgegen trat. „Was ſoll das heißen?“ rief die Alte in gellenden, zür⸗ nenden Tönen,„warum nehmt Ihr die Leiche aus dem Haus?“ „Frau— glaubſt Du, daß ich der Todten ein Leides zufügen würde!“ flüſterte Ravoni, und heftete ſeine dunke⸗ len Augen mit ſolch wunderſeltſam, ernſten Ausdruck auf das Antlitz der Frau, daß dieſe zitternd und erſchreckt zurück⸗ wich und wie abwehrend ihre Hände nach ihm ausſtreckte. . 4 20⁵ Worin lag die Macht dieſes Mannes! In vergangenen Jahrhunderten würde ihn die Welt einen Magier genannt haben, jetzt erklärte man ſeinen oft unerklärlichen Einfluß durch die Kräfte des Magnetismus. „Seid Ihr zufrieden!“ frug der Signor mit einem freundlichen, einſchmeichelnden Lächeln. „Ja— ja,“ ſtöhnte die alte Frau—„ver— verlaſſen Sie mich nur, um— um Gotteswillen!“ Der Mann mit der Leiche in ſeinen Armen ſchob den Flor von den Augen zurück und Teufelkäfers häßliche Züge wurden bei dem ſchwachen Schein des faſt niedergebrannten Lichtes ſichtbar. „Verdamm den Mann,“ murmelte er leiſe—„ich glaube bei Gott, er iſt ein eingeborener Teufel; wenn ich in ſeiner Nähe bin, kommt's mir immer vor, als ob ich gar keinen eignen Willen hätte. Gefällt mir nicht, wie die Sachen jetzt gehen.“ Er ſtieg langſam die Treppe hinab, und als der Leich⸗ nam der Mutter aus dem Zimmer verſchwand, erwachte das ſchlummernde Kind in der Wiege und ſtieß einen leiſen Schrei aus. „Hier iſt Gold für den Säugling,“ ſagte Ravoni und verließ dann, ſeine Arme auf der Bruſt kreuzend, das Haus. Das Raſſelnodes Leichenwagens, der langſam die 206 Straße hinabrollte, ſtörte ihn aus ſeinem Nachdenken auf. „Ha— ich muß die morgende Scene vorbereiten,“ murmelte er, als er auf die, von dem matten Schimmer des anbrechenden Tages übergoſſene Straße trat—„jetzt zu Hauſe, jetzt zu Ravoni's Orgie.“ Zweites Capitel. Die Folgen des genoſſenen Giftes. Der Tag dämmerte in Oſten, als ein bleicher, junger Mann die Marmorſtufen eines ſtattlichen Gebäudes in der dritten Straße ſchwankend hinaufſtieg, und ſich dann gegen den einen Steinpfeiler der Thüre lehnte, während ſeine ganze Geſtalt, wie im heftigen Fieberfroſt zitterte. Der Tag dämmerte, matt rothe Strahlen ſchoſſen am Horizont empor, und kalte, weiße Wolken, hoch durch die Lüfte ſegelnd, ſogen den erſten Kuß der aufſteigenden Sonne. Der Mann, der an dem Pfeiler lehnte, hob ſein Antlitz aus den weißen, kalten Fingern empor, ſtrich ſein langes Haar von der hohen Stirn zurück, und ſtarrte finſter und ſtier hinauf zu dem ſtrahlenglühenden Morgenhimmel. „Es iſt Alles nur ein toller, wahnſinniger Traum— ich weiß es, ich weiß es, nur eine zur Verzweiflung treibende, lebhafte Einbildungskraft, und dennoch, dennoch— dort oben, in der neblichen Luft ſehe ich ihre ſchlanke Geſtalt— o wie ſtarr und eiſig. Das Leichentuch weht um ihre erſteiften 208 Glieder— die Farbe der Verweſung deckt ihre Wangen; ihre Augen ſo leer— ſo glanzlos, haben immer noch für mich einen Strahl, der mir bis in's tiefſte, innerſte Leben dringt, und ich— ich bin ihr Mörder! Ihr Kind wird leben, meinen Namen zu verfluchen. In ihrer letzten Stunde wandte ſie ſich, Hülfe ſuchend, zu mir; mein Name war vielleicht auf ihren Lippen, als ſie ſtarb.“ Er preßte ſeine Hände auf's Neue gegen die brennenden Augen und ſchwieg. Bittere Reue hatte das Herz Byrne⸗ wood Arlington's erfaßt. In jener Stunde war die Geſtalt des armen, abhängigen Mädchens vergeſſen, und nur das Herz, das treue Herz des ſo ſchwer gekränkten, ſo ſchändlich betrogenen und verlaſſenen Weſens, ſtieg vor ſeiner Seele auf, und mahnte ihn an ſeine Schuld. In Byrnewood's Bruſt ſchlug ein edles Herz. Darin, daß er einem armen, abhängigen Mädchen die Ehre ſtahl, war er nur dem allgemeinen Ladies⸗ und Gentlemen⸗Geſetz der frommen Quäkerſtadt gefolgt. Ein reiches Mädchen, die Tochter eines angeſehenen, geachteten Hauſes verführen? ſchrecklich,— entſetzlich das, ein Verbrechen für das die Sprache keinen Namen hat. Aber ein armes Mädchen, eine Dienſtmagd gar— o das iſt etwas ganz anderes, das iſt jagdbares Wild für die feinen Herren der großen Welt, und die ſchönen und vornehmen Damen hören dergleichen wohl, aber— zucken nur lächelnd mit den Schultern. Die beſſere Seele erwachte in dieſem Augenblick in 209 Byrnewood Arlington, ſie erwachte und trat auf für die Jungfrau, die er betrogen und verführt. Hätte in dieſem Augenblick ſein Leben die Unglückliche der Erde und Unſchuld wiedergeben können, mit Freuden hätte er es zu ihren Füßen niedergelegt. Er befand ſich vor dem Haus ſeiner Eltern; durch die betäubende Wirkung des Tranks, den er genoſſen, aber glaubte er, daß nur eine Nacht verfloſſen ſei, ſeit er dieſe Schwelle verlaſſen habe. Er nahm den Schlüſſel aus ſeiner Taſche, und ſtand im nächſten Augenblick in der dunkelen Halle, in der er leiſe und geräuſchlos hinſchritt; aber eine ſonderbare Angſt er⸗ faßte ſein Herz, und unwillkürlich drängten ſich ihm, wie ſchauerliche Ahnungen, die im Kloſter verlebten Scenen, wenn auch nur mit ſchwachen und kaum erkennbaren uUm⸗ riſſen, in's Gedächtniß zurück. „Ich will an meiner Schweſter Zimmer gehen; iſt ſie zu Hauſe, dann iſt Alles Wahnſinn und toller Traum.“ Er ſchritt an dem Parlour vorüber, als der Klang leiſer, zuſammen flüſternder Stimmen, ſeine Aufmerkſamkeit erregte. Langſam die Thüre öffnend, ſchrak er faſt wieder zurück, denn ein Lichtſtrahl ſchoß ihm daraus entgegen. Vorſichtig trat er ein, und blickte erſtaunt umher. Die Aſtrallampe ſtand brennend auf dem Mitteltiſch, und die Ueberreſte eines Kohlenfeuers glühten im Kamin. Zwei Geſtalten ſaßen auf dem Sopha, ein alter Mann . 210 und eine ältliche Dame. Sie ſaßen, ihre Hände auf den Knieen gefaltet, und ihre Augen feſt auf den Teppich gehef⸗ tet. So vertieft waren ſie aber in ihre Gedanken, daß ſie nicht einmal aufblickten, oder des Eintretenden Gegenwart bemerkten. Byrnewood ſtand, wie durch Angſt und Entſetzen an die Stelle gefeſſelt; kaum konnte er in dem, von Sorge und Gram niedergedrückten alten Mann, kaum in der hohläugigen Frau, deren ſilberweiße Haare ſich unordent⸗ lich unter ihrer Mütze hervordrängten, ſeine Mutter, ſeine theuere Mutter wiedererkennen. Er trat einen Schritt weiter vor, und ſah, wie der Mutter Augen rothgeweint waren, und wie des Greiſes Lip⸗ pen, in fortwährend zitternder Bewegung, zuckten und bebten. Sie glichen Beide Leuten, die lange Tage und Nächte an dem Krankenbett eines geliebten Kindes gewacht hatten, ohne nur ein einziges Mal ihre Kleider zu wechſeln, oder eine Stunde dazwiſchen zu ruhen. Byrnewood trat noch einen Schritt weiter vor, und jetzt ſahen ſie ihn, und ſprangen mit einem leiſen Schrei des Schrecks und Erſtaunens empor.— O welche Hoffnung, Furcht und Pein lag in dem einen Ausruf, in dem einen Blick. Mehre Secunden herrſchte tiefes Schweigen. Die drei 211 Menſchen ſahen einander mit gleichen Gefühlen von Angſt und Erwartung in die Augen. „Marie!“ hauchte endlich der Vater, und alle weitern Worte erſtickten in ſeiner Kehle. Er ſtand mit zitternd aus⸗ geſtreckten Händen und bebenden Lippen vor dem Sohn. „Marie!“ echote Byrnewood mit hohler Stimme. „Vater— hier liegt irgend ein dunkeles Geheimniß verbor⸗ gen. Iſt fie krank! oder— oder“— und ſeine Lippen er⸗ bleichten—„oder iſt es möglich, daß ſie— daß ſie geſtor⸗ ben! laßt mich nicht länger in dieſer gräßlichen Ungewiß⸗ heit— ſagt mir Alles, und wenn es das Schrecklichſte wäre.“ „Weißt Du nicht, Byrnewood, daß Deine Schweſter ſeit vorgeſtern Abend verſchwunden iſt?“ frug langſam und mit leiſer Stimme der alte Kaufmann. „Seit vorgeſtern Abend?“ wiederholte Byrnewood überraſcht;„wahrlich Vater, als ich— als ich Dich geſtern Abend verließ, war ſie in Deinen Armen.“ „Geſtern Abend?“ ſagte Mrs. Arlington in unbe⸗ grenztem Erſtaunen. „Byrnewood, von was redeſt Du?“ rief der Kauf⸗ mann— biſt Du ſelbſt nicht volle ſechsunddreißig Stunden entfernt geweſen?“ Byrnewood antwortete nicht, ſondern ſchwankte zu dem Sopha, und begrub dort ſein Geſicht in den Händen. Alle Kräfte ſeiner Seele und ſeines Geiſtes auf den einen Punkt —— 212 geworfen, verſuchte er ſich die Erlebniſſe der letzten ſechsund⸗ dreißig Stunden in das Gedächtniß zurückzurufen. „Dacht' ich ſolchen Augenblick zu erleben!“ rief der Vater, die Hände im tiefſten Schmerz zuſammenfaltend;— „dacht' ich an dieß, als ich Tag und Nacht wirkte und ſchaffte wie ein Galeeerenſclave, um meinen Kindern ein Vermögen zu hinterlaſſen, wenn ich einſt todt und begraben ſei! dacht' ich damals, daß Marie— Marie, für die ich mich ſo lange, lange Jahre gemüht, mir auf ſolche Art ent⸗ riſſen werden ſollte! Und dennoch, dennoch, dieſe Ungewiß⸗ heit iſt ſchrecklicher, als die ſchrecklichſte Wahrheit ſelbſt.“ „Denkſt Du noch des fröhlichen Lachens, als ſie vor zwei Abenden über dieſe Schwelle hüpfte? ‚ich komme mor⸗ gen— morgen zurück!“ rief ſie.“ Die Mutter ſchwieg, und brach in Thränen aus. Es giebt Sachen, die mit Worten beſchrieben werden können, aber nicht einer Mutter Liebe, nicht einer Mutter Furcht. Was war Mrs. Arlington vor ſechsunddreißig Stunden? Eine blühende Matrone, mit geſundem Antlitz und freundlich und liebevoll ſtrahlenden Augen. Was iſt ſie jetzt? Eine alte, ſchwache Frau, mit eingefallenen Wangen und hohl liegenden Augenhöhlen, ihr Hirn durch tauſend und tauſend ſchmerzhafte Gedanken durchzuckt, ihr Herz durch Gram und Sorge um lange, lange Jahre gealtert, Einer Mutter Liebe ſpricht ihr Gefühl nicht durch Worte aus, aber es liegt im Glanz des Auges, im Lächeln des 213 Mundes; einer Mutter Schmerz kündet ſich aber ebenfalls in der gefurchten Stirn, in der erbleichten Wange, in dem glanzloſen Auge und in der zitternden Lippe— es iſt die Sprache des Grames, der ſich tief in das innerſte Herz ein⸗ gefreſſen hat. „Vater— Mutter!“ rief Byrnewood, von ſeinem Sitz emporſpringend;—„ein ſeltſames Geheimniß preßt mir mein Hirn. Ich bin entweder das Opfer einer fürchter⸗ lichen Phantaſie, oder es erwartet mich— uns Alle, eine Wirklichkeit, die noch entſetzlicher als der Tod ſelbſt iſt. Sogar in dieſem Augenblick, gleiten Formen und Geſtalten vor meinem inneren Auge vorüber, deren Schleier ich nicht wagen darf gegen Euch zu lüften. Du weißt, Vater, wie ich Marien liebe, wie ich ſie ſtets geliebt habe— Du weißt, wie ich gern und freudig mein Leben für ſie hingäbe— ſo vertraue mir denn jetzt die Entwickelung dieſes Geheim⸗ niſſes. Wenige Stunden länger müſſen ſie froh und glück⸗ lich wieder in Euere Arme zurückführen, oder— dieſen fürchterlichen Verdacht, der mich jetzt wahnſinnig zu machen droht, beſtätigen.“ „Aber ſage auch Du mir, Byrnewood,“ rief Mr. Ar⸗ lington,„wo Du ſelbſt in dieſen ſechsunddreißig Stunden geweſen biſt! wo—“ „Frage mich nicht— frage mich nicht—“ bat der Sohn mit bebender Stimme.„Um Mariens Willen frage 214 mich nicht weiter— in wenigen Stunden kehre ich zurück, und dann ſollt Ihr Alles erfahren.“ Mit dieſen Worten floh er aus dem Zimmer, und der alte Mann blickte in das Auge ſeiner Gartin, die mit thrä⸗ nenden Wimpern, aber ſchweigend zu ihm aufſchaute. Kein Wort wurde gewechſelt, kein Laut des Schmerzes kam über ihre Lippen. Sie duldeten, während noch jeder Ton des geliebten, ach verlorenen Kindes in ihre Ohren klang, noch jeder Zug des holden, lieblichen Mädchens vor ihren Augen ſchwebte; ſie duldeten, aber ſchwiegen. Und dennoch, in aller Bitterkeit ihres Schmerzes, tauchte nie auch nur ein leiſer Gedanke an der Tochter Schande in ihnen auf. Sie konnte das Opfer irgend eines unglücklichen Zufalls geworden ſein, konnte ſich in den, ihr fremden Windungen der Straßen verloren haben, ja ſie konnte verunglückt und begraben, fern, fern von Vater und Mutter liegen; aber daß die Stimme der Sünde ſie von ihrer Heimath verlockt habe, daß ihre jungfräuliche Seele entehrt ſein könne, der Gedanke kam nie in ihre Herzen. Gott, in ſeiner Gnade, hielt vielleicht dieſen Tropfen der Pein aus ihrem faſt ſchon überſchäumenden Schmerzens⸗ becher zurück. Es war ſchrecklich genug für ſie zu glauben, daß ihr Kind verloren ſei, wie hätten ſie die Furcht ertragen können, ihr Kind entehrt wiederzufinden.“ Byrnewood floh die Treppe hinauf, in ſein Zimmer; die Morgendämmerung ſtahl ſich durch die ſein Fenſter ver⸗ 21⁵ hängenden Gardinen. Wie ſein Herz ſchlug, als er die Schwelle überſchritt. Vor ſechsunddreißig Stunden hatte er dieſen Raum, ein kräftig geſunder, fröhlicher Mann ver⸗ laſſen, und jetzt kehrte er, ſein Hirn mit tauſend, faſt wahn⸗ ſinnig machenden Zweifeln und Hoffnungen erfüllt, zurück. Auf ſeinen Schreibtiſch zugehend, öffnete er einen der oberen Schubladen, und nahm ein kleines Mahagoni⸗Käſt⸗ chen heraus. Dieſes ſchloß er ebenfalls auf, und ſchob etwas, das ſie enthielten, ſorgfältig unter ſeine Weſte, dann kniete er auf den Teppich nieder, und hob die Rechte, wie ſchwörend, zur Decke empor. Sein Antlitz war aſchfarben und ſeine Augen nicht er⸗ hoben, aber ſie ſtarrten mit dem Ausdruck finſterer, fürch⸗ terlicher Entſchloſſenheit, vor ſich hin. Seine weißen Lippen bewegten ſich, aber kein Klang, nicht das leiſeſte Flüſtern wurde hörbar. Der erſte, rothe Strahl der freundlichen Morgenſonne überglühte ſeine bleiche Stirn; dann ſtand er langſam vom Boden auf, nahm einen anderen Hut und Mantel, ſchritt geräuſchlos die Treppe hinab, und verließ das Haus. Es war Sonnenaufgang am Freitag Morgen, den drei⸗ undzwanzigſten December. „Am Weihnacht⸗Abend wird Einer von Euch durch des Anderen Hand fallen!“ Die Prophezeihung 216 — zuckte durch Byrnewood's Hirn, als er ſeines Vaters Haus verließ. Wo er ſie aber, und von wem er ſie gehört; wer dieſer Andere ſei! das Alles war Nacht und Schatten vor ſeiner Seele. Die Hand gegen die Stirn preſſend, eilte er die Straße hinab. 6 Drittes Capitel. Die Prieſterin Ravoni's. In dem Zeitraum einer Stunde ereigneten ſich drei, für unſere Erzählung wichtige Vorfälle. Die Statehouſe Uhr ſchlug neun und der Wagen des fürſtlichen Kaufmann's Livingſtone ſtand mit den ungedul⸗ dig ſtampfenden Roſſen vor dem Haupteingang des Gebäu⸗ des. Der Kutſcher, in grauer Livree mit ſchwarzen Auf⸗ ſchlägen, ſaß oben auf dem Bock, und der ebenſo gekleidete Bediente ſtand neben dem weit geöffneten Kutſchenſchlag, die Ankunft ſeiner Herrſchaft erwartend. Es war neun Uhr und aus der Hauptthür trat der Kaufmann mit ſeiner Gattin. In ein prachtvolles Reiſege⸗ wand von dunkelgrünem Tuch gekleidet, das ſich eng um ihre vollen, üppigen Formen legte, hing Dora an ihres Gatten Arm, während ihre Augen in einem faſt ungewöhn⸗ lichen Feuer erglühten und ihre Wangen die Farbe der Roſe trugen. Sie ſah, als ſie ſo leichten Schrittes die breiten Marmorſtufen hinabhüpfte, unendlich ſchön und reizend aus III. 15 218 und ein Zauber lag auf jeder ihrer Bewegungen, der alle Herzen im Augenblick für ſie gewann. Der Kaufmann hatte ſich übrigens, als er ſein Weib zum Kutſchenſchlage führte, halb von ihr abgewandt und ſein Geſicht war faſt gänzlich durch den heraufgeſchlagenen Rockkragen und die tief nieder gezogene Pelzmütze verſteckt, nur ſeine großen, blauen Augen funkelten mit ihrem kalten Strahl daraus hervor, und durchzuckten das Herz der Schuld⸗ bewußten, als ſie dieſem Blick einmal begegnete, mit einem ihr faſt unbegreiflichen Schauder und Grauen. „Wie reizend,“ ſagte ſie endlich, mit ihrem ſo ein⸗ ſchmeichelnden, freundlichen Lächeln,„wie reizend iſt dieſer Tag, Albert.“ „In der That reizend,“ erwiederte Livingſtone, wäh⸗ rend er ſich wieder von ihr wandte und hinaufblickte zu dem klaren, nur von einzelnen, kleinen Wolken durchſegelten Winterhimmel,„wir haben ſchon viele ſolch reizende Tage geſehen, Dora, mögen wir noch viele— viele mehr er⸗ leben.“ Ein wunderbar unheimliches Lächeln ſpielte um ſeine Lippen, als er dieſe Worte ſprach. „Haſt Du denn unſere Freunde nach Hawkwood einge⸗ laden!“ frug Dora, als ſie in den Wagen ſtieg. „Verlaß Dich auf mich, Dora, wir werden auf dem alten Platz angenehme Geſellſchaft finden,“ ſagre Livingſtone mit erzwungener Heiterkeit;„aber apropos liebes Kind, Du —.,— wirſt etwa eine Stunde allein fahren müſſen, ich habe noch, ehe ich die Stadt verlaſſen kann, eine kleine Geſchäftsſache zu beſorgen, werde Dich aber gar bald zu Pferde wieder einholen.“* Ohne eine Antwort abzuwarten, ſchloß er leiſe die Thüre, winkte dem Kutſcher, der Wagen raſſelte über die ſchallenden Steine hinweg, und Livingſtone ſtand allein vor der Thüre ſeines Hauſes. „Wie iſt mir denn!“ murmelte er, als er ſeine Hand leiſe an die Stirne preßte,„welcher Autor erzählt doch gleich von jenem engliſchen Lord, der lebensſatt und herzenskrank, ſeine müßigen Stunden damit kürzte, dem eigenen Begräb⸗ niß zu folgen? Hahaha— kaum noch hab' ich vierundzwan⸗ zig Stunden zu leben, und vertreibe mir indeſſen die Zeit damit, mein eigenes— und ein anderes Grab zu graben.“ Jenes kalte, unheimliche Lächeln ſpielte wieder um die Lippen des Kaufmanns, und er ſchritt die vierte Straße, ſeinem Waarenhaus zu, hinauf. Die Statehouſe Uhr ſchlug neun, und zwei kleine Ge⸗ ſtalten wanderten vor der Independence Halle auf und ab. Um ſie herum ſtanden die rieſigen Bäume, die damals ihre Schatten auf die Helden der Revolution geworfen, als dieſe die Erklä⸗ rung ihrer Freiheit unterzeichnet, und ſtreckten ihre laubloſen Arme zu dem kalten Winterhimmel empor. Aufeiner Seite des 15* 220 Spaziergangs war Walnutſtreet, mit einer Reihe pracht⸗ voller Gebäude, die die Stelle des früheren Gefängniſſes einnahmen, und auf der anderen drängte das alte Statehouſe ſeinen ſchlanken Thurm in das roſige Sonnenlicht empor. Und auf und ab an dieſer Stelle wanderten, Arm in Arm und mit ſchnellen Schritten, in höchſt eifrigem Geſpräch begriffen, die zwei kleinen Männer. Der Eine trug einen hohen Hut und einen kurzen Ueberrock, der ſo feſt und dicht bis oben an den Hals um die fette Geſtalt zugeknöpft war, daß er den Beſchauer unwillkürlich an einen, in eine Ser⸗ viette hineingekneteten Pudding erinnerte. Unter dieſem Rock aber vor ſtreckten ſich ein paar kleine Beine, die einmal ge⸗ ſehen, nie wieder vergeſſen werden konnten. An den Knieen vereinigt, waren ſie an den Füßen volle zwölf Zoll von ein⸗ ander entfernt, und man hätte einen Mann achtzig Jahr in einem Kohlenbergwerk vergraben, und ihm nachher die Beine, ganz getrennt von dem kleinen Körper zeigen kön⸗ nen, er würde ſie auf den erſten Blick wieder erkannt haben. Wer hätte je Busby Pudels Beine vergeſſen können? Der andere kleine Mann trug einen hellen Ueberrock und eine glänzende Ledermütze, aber auch ſein bleiches, vier⸗ eckiges, ausdrucksloſes Wachspuppengeſicht wäre nicht zu verkennen geweſen. Wer konnte dieſe großen auſterförmigen Augen ſehen und nicht überzeugt ſein, ſie gehörten Sylveſter J. Petriken? und dort wanderten ſie auf und ab, der Redakteur der —'y———Q—O—Z—;—⸗QO˖—ᷣ;⸗----— — ——— ——ñ⏑⏑—:——ꝛ:˖n— 221 „täglichen ſchwarzen Poſt“ und der Eigenthümer des„Maga⸗ zins.“ Pudels Phyſiognomie ſah aus wie eine Meerkatze, die einer Elſter ein Geſicht ſchneidet, und Petriken glich einem alten, ernſthaften Orang Outang, der ſich in tiefe Gedan⸗ ken verloren hat. Der Eine von dem Unrath der Stadt ge⸗ mäſtet, der Andere von literariſchem Raube lebend. Der Eine ein Bravo im geiſtigen Sinn, der Andere ein Plagia⸗ rius, der Eine mit der Feder in Gift getaucht, der Andere mit der Scheere ſeine Exiſtence erhaltend; ſo wanderte dieß würdige Paar auf und ab vor dem alten Gebäude, dieſe treuen Ritter der Schande und Gemeinheit, dieſer Fluch der Preſſe, dieſer Abſchaum der literariſchen Welt. Pudel, der Kuppler der ganzen Stadt, von jedem Einzelnen für wenige Dollar und eine Flaſche Wein zu kaufen, und Petriken der Miethling nur des einen Libertins, Guſtav Lorrimer's, deſ⸗ ſen Preis je nach den Geſchäften von einem Abonnement ſeines Magazins bis zu dem Preis einer aus zweiter Hand gekauften Stahlplatte ſtieg. „ ulſo Sir,“ rief Petriken mit ſeinem krankhaften Lächeln,„ſehen Sie, daß meine nächſte Nummer etwas Ausgezeichnetes liefern wird? Morgen früh verſammeln ſich alle Gelehrten des Landes in meiner Officin, um die Sache zu bereden. Ja Sylveſter Petriken wird der Fo⸗ cus Amerikaniſcher Literatur werden.“ „Und wird man Busby Pudel's Namen nicht durch das ganze Land ſchallen hören? die Nachwelt ſoll ihn ver⸗ 222 ehren, und jetzt noch ungeborene Millionen ihm huldigen. Ha Petriken, iſt das nicht ein erhebendes Gefühl! Der Name Pudel an die Säule der Unſterblichkeit geſchrieben, neben Shakespeare— und dann der Name Petriken.“ „Wir wollen unſere Namen vereinigen!“ rief der kleine Sylveſter,„Hurrah! Petriken und Pudel, eine Art Sia⸗ meſiſche Zwillingsbrüderſchaft des Geiſtes— Ensemble the chose, wie wir im gewöhnlichen Franzöſiſch ſagen.“ Die kleinen Männer ſchüttelten ſich einander kräftig die Hände und ſtanden ſtolz und hochaufgerichtet, ein paar wür⸗ dige Repräſentanten des Abſchaums der Quäkerſtadt⸗Lite⸗ ratur. Plötzlich fuhr Petriken empor. „Wahrhaftig, da kommt Lorrimer und Mutchins,“ rief er aus, und ſah nach dem Statehouſe zu, und wenige Secunden darauf ſtand die ſchlanke, ſtattliche Geſtalt des ſchönen Gus Lorrimer, mit dem vollgeſichtigen Mutchins an ſeinem Arm hängend, neben ihnen. „Haha— Pet' mein Kleiner, wie gehts?“ rief Lorri⸗ mer, als ein leichtes Lachen ſeine männlichen Züge überflog —„He Pet, wer iſt dieſer Dings da?“ wandte er ſich dann ſeinen Schnurbart ſtreichend, und mit unterdrückter Stimme an den Kameraden, während er mit einem etwas verächt⸗ lichen Blick zu dem Kämpen der ſchwarzen Poſt nieder⸗ blickte—„wer iſt der Gentleman mit dem hohen Hut und den Entenbeinen?“ —.q ——yx— ,,— —.q ——ʒʒ ,,— 223 „Hihihi!“ rief der kleine Redakteur, der dieſe Neben⸗ bemerkung gehört hatte—„ſind ſehr ſpaßhaft dieſen Mor⸗ gen— Ich bin Pudel, Sir Busby Pudel, von der— ſchwarzen Poſt,“ und der kleine Mann näherte ſich mit einer ſpringenden Verbeugung dem Libertin. „Oh— Sie alſo ſind der Pudel?“ ſagte Lorrimer, ihn mit halbgeſchloſſenen Augen betrachtend.„Kommt Pe⸗ triken, kommt Mutchins, ich habe Euch etwas zu ſagen. Alſo das iſt der Pudel von der ſchwarzen Poſt? Bei Jupiter er ſieht ganz ſo aus, wie ein angezogener Affe auf einer Stra⸗ ßenorgel.“ Und den Arm der beiden Genannten erfaſſend, wan⸗ derte er die breiten Trottoirs hinunter, und überließ Pudel ſeinen eigenen, angenehmen Ideen. „Gut,“ murmelte Busby—„ſehr gut, wenn ich den Burſchen aber nicht über kurz oder lang ſo anſtreiche, daß ihm die Jungen auf der Straße nachlaufen, ſo will ich nicht Pudel heißen. Und was dieſen Petriken anbetrifft, ſo will ich verdammt ſein, wenn ich nicht jetzt gleich zu Hauſe gehe und ſeine Weſtliche Hemiſphere heruntermache. Leute die mich beleidigen, dürfen ſich auch über die Folgen nicht wun⸗ dern; in der Hinſicht bin ich ein wahrer Indianer.“ „Mutchins, Petriken— ich habe einen kapitalen Spaß für Euch,“ rief Lorrimer, als er ſich lachend von Einem zum Anderen ſeiner Begleiter wandte;„ſeht Ihr Mutchins, 224 und Ihr Pet— aber, Peſt! Mann— was fehlt Euch— Ihr werdet ja ſo weiß im Geſicht wie ein Tiſchtuch!“ Petriken ſtand wie durch ein plötzliches Entſetzen in den Boden gewurzelt. Kein Wort entſchlüpfte ſeinen Lippen, aber regungs⸗ los, wie die Bäume an ſeiner Seite, deutete er mit ausge⸗ ſtreckter Hand nach Walnutſtreet hinüber. „Sieh— ſieh—“ rief nun aber auch Mutchins, und folgte der angegebenen Richtung mit den, faſt aus ihren Höhlen ſpringenden Augen—„bei Gott Lorrimer, das iſt ein Anblick für Euch!“ Lorrimer ſah nach Walnutſtreet hinüber, und in dem⸗ ſelben Augenblick durchzuckte auch ein eiskalter Schauer ſei⸗ nen ganzen Körper. Er ſtand ſtarr vor Erſtaunen. Konnte er ſeinen Augen trauen? Ja— ja— dort vor ihm, langſam auf demſelben Trottoir heraufkommend, war die Geſtalt von Byrnewood Arlington. Byrnewood Arlington, den er in der vorvorigen Nacht in den Händen Teufelkäfers gelaſſen und dem er nie geglaubt hätte, je wieder unter den Lebenden zu begegnen. Lorrimers Antlitz wechſelte mehre Secunden lang von Leichenbläſſe zu fieberhafter Röthe, und ſeine Bruſt hob ſich hoch und ängſtlich. Endlich ermannte er ſich wieder. „Ueberlaßt mir die Sache,“ flüſterte er ſchnell und leiſe ſeinen ſchweigenden Gefährten zu,„und— hört Ihr? leugnet Alles!“ Kaum blieb ihm Zeit dieſe Warnung zu geben, als 225 Byrnewood heranſchritt. Lorrimer erſchrak, als er die wilde Gluth bemerkte, die aus ſeinen Augen zuckte. „Ich habe einige Worte mit Ihnen zu reden,“ ſagte Byrnewood leiſe zu Lorrimer, als er ihn zuerſt wohl eine halbe Minute feſt und durchdringend, aber wie es ſchien im⸗ mer noch zweifelnd, betrachtet hatte. Seine Stimme klang hohl und geiſterhaft. „Ich muß um Entſchuldigung bitten Sir,“ enkgegnete ihm mit ſehr artiger aber kalter Verbeugung der junge Wüſt⸗ ling—„Sie ſcheinen aber auf jeden Fall im Vortheil zu ſein— ich habe nicht die Ehre Sie zu kennen?“ „Mich nicht zu kennen!“ echote Byrnewood—„war ich nicht geſtern in Ihrer Geſellſchaft!“ „Nicht daß ich wüßte,“ lächelte mit einem leichten Achſelzucken Lorrimer. „Mr. Petriken hier ſtellte mich Ihnen vor— und zwar in dem Zimmer dieſes Herren da—“ er zeigte, während er ſprach, auf Mutchins hinüber. „Pet— habt Ihr mir geſtern dieſen Herren vorge⸗ ſtellt?“ frug Lorrimer, wie im höchſten Erſtaunen. „Nie“— ſtammelte der bleiche Seelenverkäufer. „Und verdammt will ich ſein, wenn ich Sie ſchon in meinem ganzen Leben einmal geſehen habe,“ polterte Mut⸗ chins heraus, waͤhrend er ſich mit einer nicht wenig bramar⸗ baſirenden Miene den oberſten Knopf an ſeinem Oberrock einhakte. Byrnewood preßte für einen Augenblick ſeine flache Hand an die Stirne. „Ich erinnere mich der Einführung,“ ſagte er dann leiſe—„ich erinnere mich, in Ihrer Geſellſchaft durch die Straßen gegangen zu ſein, und dann iſt Alles Nacht— Nacht— Nacht!“ „Verlaſſen Sie ſich darauf mein Herr!“ erwiederte Lorrimer, ſeine Hand leiſe auf Byrnewood's Schulter legend, „verlaſſen Sie ſich darauf, daß Sie das Opfer irgend einer krankhaften Phantaſie ſind. Ich gebe Ihnen hiermit mein heiliges Ehrenwort, daß ich Sie früher in meinem ganzen Leben nicht geſehen habe.“ „und Ihr Name iſt Lorrimer?“ „Wahrhaftig— das iſt er— aber ha— kreiſt dort oben nicht ein weißköpfiger Adler?“ und er deutete, aufmerk⸗ ſam über die Häuſer hinwegſehend, mit ſeinem Stocke auf⸗ wärts nach den Wolken. „Wollen Sie mir Ihr Ehrenwort geben, daß Sie auch niemals meine Schweſter geſehen haben!“ fuhr Byrne⸗ wood fort, während aufs Neue, jene wilden, verworrenen Erinnerungen an ſeiner Seele vorüberglitten. „Ihre Schweſter!“ echote Lorrimer mit meiſterhaf⸗ tem Erſtaunen—„mein lieber Herr, Sie richten ſonder⸗ bare Fragen an mich; aber es ſei, ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich nie Ihre Schweſter, noch ſonſt ein Glied — — Ihrer Familie, meines Wiſſens nämlich, geſehen habe. Ihr Name iſt?!—“ „Arlington,“ antwortete der Bruder mit feſtem Blick —„Byrnewood Arlington.“ „Habe den Namen ſchon gehört, kannte aber nie die Familie. Bei Jupiter, das muß ein Adler ſein, dort oben.“ Byrnewood trat einen Schritt näher und blickte feſt und ſtarr in die dunkelglänzenden Augen des Wüſtlings. „Jetzt den letzten Verſuch,“ murmelte er und wieder⸗ holte dann in langſam und feierlicher Stimme die Worte der Prophezeihung. „In drei Tagen— wenn die Sonne untergeht, wird, ſo wahr ein Gott im Himmel lebt, Einer von Euch durch des Anderen Hand ſterben!“ „Haben Sie, Sir— haben Sie noch nie in Ihrem Le⸗ ben dieſe Worte gehört?“ Lorrimers Wange erbleichte nicht, ſeine Augen ſenkten ſich nicht zu Boden; er hob ſeinen Spazierſtock an die Lip⸗ pen und erwiederte gleichgültig: „Nie— aber halt— ich glaube doch wohl— ich muß ſie in Bulwer oder Dickens geleſen haben.“ „O Wahnſinn— Wahnſinn!“ murmelte Byrnewood und preßte ſeine Hände convulfiviſch gegen die Stirn—„ich muß wahrhaftig das Opfer eines fürchterlichen Traumes ſein— entſchuldigen Sie mich Gentlemen,“ fuhr er dann mit zitternder Stimme fort,„es iſt eine tolle Phantaſie, 228 die ſich meiner bemächtigt hat— ein Traum, ein wilder, unnatürlicher Traum.“ Und mit dieſen Worten verfolgte er, geſenkten Hauptes und die Augen feſt auf die Erde geheftet, ſeinen Weg. „Bei Gott, Lorrimer,“ rief Petriken, ſich dem jungen Libertin, der regungslos der fortſchreitenden Geſtalt des Un⸗ glücklichen nachblickte, nähernd—„das war kapital durch⸗ geführt.“ „Den habt Ihr koſtbar ablaufen laſſen,“ lachte Mut⸗ chins,„aber Leutchen, wir müſſen uns in Acht nehmen; wegen dem Milchgeſicht iſt ein Heidenlärm in der Stadt ge⸗ worden.“ Lorrimer ſagte kein Wort, Petriken wollte ihn wieder anreden, aber ein finſterer, drohender Blick ſcheuchte ihn zu⸗ rück; lautlos verließ er die Gefährten, und ſchritt ſchnell und unbekümmert um Alles was ihm begegnete, Chesnut⸗ ſtreet hinab. Seine edle Geſtalt, ſein männlich ſchönes Geſicht lenkte manchen Blick ſtiller Bewunderung auf ihn; aber dieſe hoch⸗ ſchlagende Bruſt— dieſes glühende Auge— o wie wenig ahnten die holdſeligen Damen, die dem intereſſanten Mann nachſchauten, welche Hölle in ſeinem Buſen kochte. Weihnacht⸗Abend— der Fluß— der Tod— Alles glitt in warnenden, erſchütternden Gebilden vor ſeinen Au⸗ gen vorüber. Alles in düſtere, faſt undurchdringliche Nebel — — —— — +—— 229 gehüllt, aber Alles gleich ſchrecklich, gleich Herz und Seele erkältend. Die Statehouſe⸗uhr ſchlug neun, und ein leichter Wa⸗ gen hielt vor dem Haus der Wittwe Smolby; ein Neger ſaß auf dem Bock; gar wunderbar ſtach aber die prachtvolle grüne Livree, die er trug, gegen ſein widriges, wahrhaft teufliſches Angeſicht ab, in dem ſich die großen, glotzenden Augen hin und herwälzten. Ein ſchlanker, in einen weiten und etwas phantaſtiſchen Pelz gekleideter Mann, ſprang heraus, und klopfte an die Thüre, wobei ſein Gewand, wie ſein olivenfarbenes Antlitz mit den großen, feurigen Augen die Aufmerkſamkeit einiger müßigen Nachbarinnen in nicht geringem Grade erregte, ja ſelbſt die in der Nähe ſtehenden Ladenzünglinge ſahen, an die trockene Wirklichkeit Philadelphia's gewöhnt, in dem ganzen Weſen des Mannes etwas ſehr Geheimnißvolles und Außer⸗ ordentliches. Die Thüre der Wittwe Smolby Haus wurde augen⸗ blicklich geöffnet, und eine ſehr ſchwere Stimme frug nach dem Verlangen des Klopfenden. „Was iſt los?“ ließen ſich die etwas heroorgeſpruder⸗ ten Laute vernehmen, als ein dickes, rothes Geſicht in der Thürſpalte erſchien;„iſt der Präſident geſtorben, oder hat 230 er blos nach Eaſy Larkſpur geſchickt, um einen ausländiſchen Geſandten aus ihm zu machen!“ Es war augenſcheinlich, daß Eaſy Larkſpur, in einem heftigen und erbitterten Kampf mit einer Bowle Whiskey⸗ Punſch, ſchwer verwundet worden; ſeine Zunge war ſehr bleiern, und ſeine Augenlider konnten nur mit unverkenn⸗ barer Mühe von einander gehalten werden. „Ich wünſche die junge Dame zu ſprechen, die geſtern Abend in dieſem Hauſe Schutz geſucht,“ ſagte Ravoni, in ſeinem mehr gebietenden als bittenden Tone. „Das wünſchen Sie! ſo! wirklich? ih ſehn Sie ein⸗ mal— und welche junge Dame denn zum Beiſpiel? Beß und das blauäugige Mädchen, die ſind ſchon eine Stunde nach der alten Frau Begräbniß zuſammen fortgegangen, und das ſchwarzäugige Kindchen ſitzt oben allein in der Stube, und ächzt und ſtöhnt wie der Nordwind durch ein Schlüſſel⸗ loch. Sehn Sie, ich ſelbſt, ich bin hier gelaſſen, um—“ „Die Dame oben iſt dieſelbe, die ich zu ſehen wünſche,“ erwiederte Ravoni;—„ſagt' Ihr, daß ich ihr eine Botſchaft von ihrem Vater bringe.“ „Das können Sie ihr eben ſo gut ſelber mittheilen,“ brummte Larkſpur;—„ſehe gar nicht ein, wozu ich meinen Senf auch noch dazu zu geben brauchte. Kommen Sie herein, Fremder. Na hören Sie, bei dem Begräbniß hätten Sie mit dabei ſein ſollen. Gerade mit Sonnenaufgang wurde es los⸗ 8 231 gelaſſen, und nicht die Probe von einem Prediger war dabei — Giminy, meine Wenigkeit und des Leichenbeſchauers Vice⸗Leichenbeſchauer ſpielten die Hauptleidtragenden. Ob wir aber geſtöhnt haben?— na, das mußte man hören, das beſchreibt ſich gar nicht.“ Die Thüre wieder ſchließend, führte Larkſpur Ravoni durch das vordere Zimmer, an den Fuß der Treppe. „So, Sir— nun zwei Treppen hinauf, vorne heraus, finden Sie die junge Dame, und— hören Sie einmal, oben ſind vier wahnſinnige Katzen und ein Papagei, die alle los und ledig herumkriechen; wenn Sie die ſehn ſollten, ſo thun Sie mir den einzigen Gefallen, und treten Sie eine oder ein paar davon. Was ich von den Beſtien in der letzten Nacht erduldet habe, das kann ſich die Einbildungskraft vielleicht denken, aber zu Papier ließ ſich's unter keiner Bedingung bringen— die Canaillen. Ruhig, ſeelenruhig ſaß ich hier geſtern Abend, und trank meinen Punſch, aber phiß— miau ſpit— phiß ging's in einem fort, und in die Haare fuhren ſie mir, und kein Wort hatt' ich geſagt, nicht einen Sterbenslaut über die Zunge gebracht.“ Ravoni ließ den braven Mann in der Mitte ſeiner ge⸗ rechten Entrüſtung ſtehen, und fand ſich wenige Minuten ſpäter vor der Thüre des ihm beſchriebenen Zimmers. „Jetzt alſo zu dieſer Wahnſinnigen,“ murmelte er, als er leiſe die Thür öffnete;„die ſich in den Kopf geſetzt hat, ſie ſei nicht das Kind ihres Vaters— hahaha.“ 232 Er glaubte Eine ihrer Sinne völlig Beraubte zu fin⸗ den, und betrat die Kammer; kaum hatte er aber das In⸗ nere derſelben mit flüchtigem Auge überflogen, als er er⸗ ſtaunt zu dem wunderlieblichen, unerwarteten Bilde empor⸗ ſchaute, das ſich hier ſeinem Blick entfaltete. In dem, durch die ſchweren, rothen Vorhänge gemil⸗ derten, roſigen Licht, ſaß ein reizendes, junges Mädchen, ganz weiß gekleidet, und ihre Hände wie betend ineinander gefaltet, während die faſt durchſichtig weiße Haut durch rabenſchwarze Locken, die voll und üppig über Schläfe und Nacken herniederfielen, begrenzt wurden. Ihre Augen waren geſenkt, und die langen, ſeidenen Wimpern ruhten anf ſeder Wange. „Und dieß iſt die Wahnſinnige?“ flüſterte Ravoni; „bei meinem Leben, ſie gleicht eher einem wunderherrlichen Heiligenbilde, als einem menſchlichen, irdiſchen Weſen.“ Mabel ſchlug die Augen langſam empor, bis ſie auf dem liebevoll zu ihr niederſchauenden Bilde über dem Kaminſims hefteten und flüſterte leiſe: „Meine Mutter!“ Ein leiſes Geräuſch lockte ihre Aufmerkſamkeit zur Seite, und zuſammenſchaudernd ſah ſie die glühenden Blicke des fremden Mannes auf ſich geheftet. „Erſchrick nicht, mein Kind,“ ſagte dieſer mit ſeiner leiſen, melodiſchen Stimme;„ich komme, Dich zu Deinem Vater zu führen.“ 233 „Zu meinem Vater! nie— nie— Ehe ich zu ſeiner Thüre zurückkehrte, wollte ich mir mein Brod auf der Straße betteln— eher wollt' ich—“ „Nein— nein,“ unterbrach ſie Ravoni;„ich ſpreche nicht von dem Heuchler, der Dich ſo ſchwer beleidigt, ſon⸗ dern von Deinem wirklichen Vater.“ Und wie ſo ſanft und mild betonte er mit den klangvoll und innig klingenden Lau⸗ ten das Wort Vater. Der Anweiſung, die er am vorigen Abend von Pyne erhalten hatte, getreu, übergab er jetzt den Händen des überraſcht zu ihm aufſchauenden Mädchens einen, von dem Paſtor ſelbſt geſchriebenen Zettel. „Ha!“ rief ſie, als ſie die Zeilen zum Licht emporhielt, „es iſt eine Botſchaft meines Vaters:—, Mabel— mein theueres, ſo lang vermißtes Kind, aber jetzt für immer mein eigen, vertraue Dich ohne Furcht dem Ueberbringer dieſes Schreibens, er wird Dich in die Arme Deines Vaters füh⸗ ren— Livingſtone.““. „d ſeelige Botſchaft, Sir— ich bin bereit— o kom⸗ men Sie, kommen Sie!“ rief das ſchöne Mädchen mit Freude ſtrahlenden Augen, und ſtreckte ihre Hände zu dem Fremden aus.. „Wie! ohne Hut oder Mantel?“ lächelte Ravoni; „ſehnſt Du Dich ſo nach Deinem Vater, Kind!“ O Sir, mein Herz ſchlägt freier, ſchon bei der Nen⸗ III. 16 nung ſeines Namens; führen Sie mich zu ihm— o führen Sie mich.“ Einen alten, abgetragenen Mantel ergreifend, der einſt die Schultern ihrer Mutter bedeckt hatte, folgte ſie dem ſelt⸗ ſamen Mann zu der Thür, und über Ravonis Züge, legte ſich ein leiſes, bedeutungsvolles Lächeln. „Und dieß iſt die Wahnſinnige, die Du meiner Sorge anvertrauen wollteſt, frommer Paſtor?“ murmelte er dann leiſe vor ſich hin—„haha— Du haſt Deinen Schatz in des Löwen Rachen geſchoben.“ unten angelangt, öffnete er die Thüre des Wagens, half der Jungfrau hinein, rief dem Neger ein einziges Wort in fremder Sprache zu, und dahin rollten ſie, über die rau⸗ hen, donnernden Pflaſterſteine. Larkſpur ſchaute in wirklich trunkenem Erſtaunen aus der Vorderthüre des Hauſes. „Na— da hört Alles auf,“ ſagte er endlich mit lal⸗ lender Zunge;—„kommt her, nimmt mir das Mädchen vor der Naſe weg, und ſagt noch nicht einmal:„Danke.“ ₰ ſo wollt' ich denn doch, daß mich irgend ein alter Neger als Lehrling beim Holzſägen annähme, wenn das nicht bei⸗ nah ein Bischen zu dicke iſt.— Ne— ſo'was iſt noch gar nicht da geweſen. Nun meinetwegen— ich muß jetzt vor allen Dingen wieder den alten Major Rappahannock Mul⸗ hill herausſtecken, und heute Abend— hohoho— werden 23⁵ wir da nicht die Mörder der alten Frau in ihrem eigenen Reſte überraſchen? Beſſie hat mir wohl gar Nichts weiter erzählt, eh! o nein— o Gott bewahre— hohoho!“— Indeſſen rollte der Wagen weiter und weiter, und Ra⸗ voni ſaß ſchweigend dem ſchönen Mädchen gegenüber, deſſen Herz ein eigenes, unheimliches Gefühl beſchlich, als die dunkelen, großen Augen ſo feſt auf ihr hafteten. Ihr war es, als ob ſie bis in ihre Seele dringen könnten. „Sie ſolle die Prieſterin Ravonis werden,“ murmelte der bleiche Mann. Und endlich— endlich werde ich meinen Vater ſehen— werde eine Heimath finden,“ jauchzte die Jungfrau mit freudig gefaltenen Händen. „Hier findeſt Du Deinen Vater— Deine Heimath.“ uUnd als Ravoni ſprach, hielt der Wagen vor einem hohen, düſteren Gebäude. Mit klopfendem Herzen ſprang Mabel heraus, in freu⸗ diger Eile flog ſie die Stufen hinan, und als ſie die Thüre langſam öffnete, theilten ſich auch ihre Lippen zu einem jauchzenden Dankesruf, und ſie betrat— die Höhle des Italieners. 16* 236 Ravoni warf noch einen triumphirenden Blick in das heelle, ſtrahlende Sonnenlicht zurück, ehe er ihr folgte, und wiederholte dann, indem ſeine Augen in wahrhaft dämoni⸗ 3 ſcher Freude glühten: „Tritt ein, und dieſer Raum begrüße Dich als Ravo⸗ nis Prieſterin.“ Ende des dritten Bandes. — “ 54 “ druaanunauuuuanuuuurrwnEVV 13 14 15 16 17 18