Leihbibliothek * deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oikmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ſ jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ —¹0den angenommen. 8 3 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 8 4. für nähchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— e: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mkt. Ff. „ 3„ 2„=„„„—„ „5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 66. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſt mutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt ſſ der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 77. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtge etzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, inden Die jhnigene welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——— — ——,— Die Quäkerſtadt und Nihre Geheimniſſe. Imerikaniſche Rachlſeilen. Nach dem hinterlaſſenen Manuſcripte des Herrn K., Advokaten in Philadelphia. Von Friedrich Gerſtäcker. vierte guflage. Erſter Band. Leipzig Coſtenoble und Remmelmann. 1851. Die Entſtehung und der Zweck dieſes Buches; als Einleitung. In einer Winternacht wurde ich an das Bett eines ſter⸗ benden Freundes gerufen. Ich fand ihn aufrecht ſitzend, in ſeinen Kiſſen, bleich und zitternd; aber jene dunkelen Schat⸗ ten nicht fürchtend, die ſich dichter und dichter um ſeine Seele legten. Seine weißen Haare fielen über die blaſſe, feuchte Stirn, und ſein dunkelgraues Auge glühte von unnatürlichem Feuer, dem ſicheren Vorboten des Todes. Der alte K— war ein eeigener, wunderlicher Mann ge⸗ weſen; durch und durch Advokat, aber ohne Ruf, ohne An⸗ ſtellung, hatte er ſtill ſeine eigene Bahn verfolgt und reich⸗ lich verdient, was er zu ſeinem Lebensunterhalt bedurfte. In einer Stadt aber, wo Niemand einen Freund hat, dem nicht Geld, dem nicht Reichthum zu Gebote ſteht, war eben dieſer alte, ſtille Advokat mein Freund geweſen und jetzt ſaß ich in ſeiner letzten Stunde neben ſeinem Lager, neben ſeinem Todtenbette.. 1 X „Der Tod naht ſich,“ ſagte er, meine Hand feſt in der ſeinen haltend, mit ruhigem Lächeln—„ich fühle es— aber ich fürchte ihn nicht; meine Rechnung mit der Welt iſt ab⸗ geſchloſſen und ich gehe freudig dem Richter entgegen; wenn ich aber nicht mehr bin, dann wirſt Du in jenem Pult ein b. großes Paket, mit Deinem Namen bezeichnet, finden. Es enthält meine juriſtiſchen Erfahrungen ſeit den letzten drei⸗ ßig Jahren. Du biſt jung und freundlos, Deine Feder wird aber Dein beſter Freund werden und ich hinterlaſſe Dir dieſe Papiere, damit die Veröffentlichung derſelben Dir, wie der’* Welt von Nutzen ſein ſolle.“ 5„Sie enthalten,“ fuhr er meinem fragenden Blicke be⸗ gegnend, fort,„eine vollkommene und entſetzliche Enthül⸗ lung des geheimſten, innerſten Lebens von Philadelphia. 863 3 In dem Paket wirſt Du Verbrechen aufgezeichnet finden, die nie vor Gericht gekommen, Morde, die nie an Tageslicht ge⸗ bracht wurden; die Reſultate geheimer Unterſuchungen wirſt 3 Deu in ihnen finden, die von gerichtlichen Perſonen gehalten, aber faſt zu fürchterlich ſind, um geglaubt zu werden und doch wahr— wahr!“ — „So iſt Philadelphia nicht die reine, gottſeelige Stadt, für die ich ſie hielt?“ frug ich erſtaunt. „Schrecklich iſt's, daß ich es ſagen muß,“ ſeufzte der alte Mann,„wenn ich aber ſeine regelmäßigen Straßen, ſeine Kirchen und die frommen ihnen entſtrömenden Bewoh⸗ ner ſehe, dann denke ich an das übertünchte Grab— von Außen rein und herrlich, und inwendig Moder und Zerſtö⸗ rung. Haſt Du den Muth, ein Buch aus dieſen Papieren . 9 4 zu ſchreiben?“ „Muth?“ „Ja Muth, denn der Tag iſt gekommen, wo ein Mann nicht einmal mehr ein freies Wort reden darf, ohne daß Bos⸗ heit und Hinterliſt ihre verrätheriſchen Hände, ihre giftge⸗ ſchwollenen Häupter gegen ihn erheben. Schreibe ein Buch und habe mit ernſtem Sinn das Beſte der Welt oder irgend eine gute Abſicht im Auge, und ſieh ob nicht Schaaren von Feinden erſtehen, die ſich drängen und jagen, ihr Gift auf Dein Werk, auf Dich zu ſpritzen. Haſt Du den Muth ein Buch aus dieſen Papieren zu ſchreiben— die darin ent⸗ haltenen Verbrechen treu und wahr zu ſchildern, Dich der weiblichen Ehre anzunehmen, den Beweis zu führen, wie von dieſem Pſeudo⸗Chriſtenthume die wahre chriſtliche Lehre mit Füßen getreten wird— willſt Du die Sünde und Schande der Großen blosſtellen und ihnen den ſchaalen Flitter⸗ —— 6 ſchmuck des Laſters von den Schultern reißen! Haſt Du den Muth zu alle Dem?“ Ich konnte nur leiſe die Hand des alten Mannes preſ⸗ ſen und flüſtern:„Ich will es verſuchen.“ „Gut,“ ſagte er— haſt Du den Muth, das über⸗ ttünchte Grab zu enthüllen und den ſcheußlichen Moder zu zeigen, der in ſeinem Innern arbeitet, während die Welt ſtaunend und bewundernd ſeine äußere Pracht umſteht, dann ſollen dieſe Papiere Dein eigen ſein.“ Ich ſaß die ganze Nacht neben dem Bette des alten Mannes und ſeine letzten Augenblicke verfloſſen ihm ruhig und faſt freudig; er ging mit ſeeligem Gottvertrauen hinüber, als aber der Morgen, der neue, heitere Morgen dämmerte, drückte er zum letzten Male meine Hand und ſank in ſein Kiſſen zurück— eine Leiche. Er war mein Freund, der Freund der armen, ältern⸗ loſen Weiſe— er war ein Advokat und— ehrlich, ein Chriſt und nicht Bigot, ein Philoſoph— und kein Skeptiker ge⸗ weſen. Nach ſeinem Begräbniß empfing ich das Paket, das unter meiner Adreſſe verſiegelt lag, mit der Ueberſchrift 7 „Aufſchlüſſe über das geheime Leben und Treiben Philadel⸗ phias. Das Reſultat dreißigjähriger Erfahrungen von K-—ℳ Dies Buch iſt aus jenem Theil der Aufſchlüſſe genom⸗ men, die am innigſten mit dem jetzigen Leben Philadelphias in Verbindung ſtanden und ſo treu und aufrichtig ich es ge⸗ ſchrieben, übergebe ich es jetzt meinen Landsleuten als ein Bild des Lebens und der Verbrechen der Quäkerſtadt. Am 5. Septbr. 1844 wurde es begonnen und in zehn Nummern mit einem Erfolge veröffentlicht, der in den An⸗ nalen unſerer Literatur wohl noch nicht ſeines Gleichen ge⸗ habt hat. Seit ſeinem erſten Erſchei en wurden 40,000 Rummiern verkauft. Ob dieß nun abes kin wahres Verdienſt des Werkes ſelbſt oder den boshaften Verfolgungen einiger wenn auch machtloſer Feinde zuzuſchreiben war, mag der Leſer entſcheiden. Das Buch erſcheint jetzt geſammelt, nachdem neun Auf⸗ lagen in Heften in wahrhaft erſtaunlich kurzer Zeit vergriffen waren. Intereſſant möchte es vielleicht noch dabei für den auswärtigen Leſer ſein, wenn er erfährt, daß am 11. Novbr. 1844 ein dieſem Buch entnommenes Stück, auf dem Ches- nutstreet theatre nicht zur Aufführung kam, weil dieſelbe Rotte, die ſchon früher einmal mit charakteriſtiſcher Feigheit 8 den Autor zu ermorden gedroht hatte, jetzt erklärte, das Theater niederzubrennen, wenn das Stück gegeben würde. Der„Mayor“, der den Arm des Geſetzes zu ſchwach fand, ein Theater zu ſchützen, wo ſchon Kirchen(Neger⸗ Kirchen) durch ſolche Banden zerſtört und in Aſche gelegt waren, zog den bequemern Ausweg vor, das Stück mit der Entſchuldigung zu verbieten, daß„Aufruhr gedroht ſei!“ Montag, den 5. Mai 1845. p. S. Obgleich alle Charaktere Philadelphias hier treu und wahr geſchildert ſind— der Advokat, der von beiden Partheien beſtochen wird, der Prieſter, deſſen häusliches Le⸗ ben ſeine Kanzelreden Lügen ſtraft, der Doktor, der für Geld ein Verbrechen ausübt, wie der ſchurkiſche Kaufmann — der Falſchmünzer— der feile Redakteur— der Fence⸗ Keeper(Hehler geſtohlenen Guts) ꝛc. ꝛc., ſo hat der Autor doch keine gewiſſen, jetzt lebenden Perſonen in dieſen Blät⸗ tern angeführt, ſondern mehr die Eigenthümlichkeiten der Klaſſen gezeichnet.— 4 . Die erſte Nacht. Marie— des Kaufmanns Tochter. Erſtes Kapitel. Die Wette im Auſterkeller. „Meine Herren! ich bitte um Ihre Meinung— wie ſollen wir die Nacht hinbringen! das iſt die Frage. Sollen wir— ſollen wir den— den Teufel loslaſſen, hier in Ches⸗ nutſtraße, oder ruhig und ordentlich, wie es ehrbaren Chri⸗ ſtenmenſchen geziemt, nach Hauſe gehen? wir wollen einen Dollar werfen, was es ſein ſoll— hurrah! Gentlemen— einen Dollar wollen wir werfen; liegt der Adler oben„ ſo iſtes Brandy und Auſtern, und liegt er unten, ſo ſind's Decken und Matratzen;“ und mit den Worten entriß der kleine Mann einem der Gefährten, der ihn bis jetzt ge⸗ führt, den Arm, und warf ſich mit dem Rücken gegen einen Laternenpfahl, wo er mit über die Schultern geworfenem Mantel und ſtolzer, wenn auch etwas ſchwankender Haltung, eine würdige Stellung anzunehmen verſuchte, wͤhrend ſeine gläſernen Augen, matt und ſtier auf die Kameraden geheftet, nur zu ſehr verriethen, in welchem Grade von Trunkenheit er fich ſchon befand. „Brandy“— rief eine andere, etwas engbrüſtige Ge⸗ ſtalt aus deren großem, weißen Ueberrock ein ſehr rothge⸗ ſchwollenes Geſicht herausſchaute, das ſeinerſeits durch eine birnenförmige Naſe illuminirt wurde—„Brandy— auf jeden Fall Brandy! Brandy iſt ein Gentleman— ein wirk — irklicher Gentleman— hinterläßt keine Kopfſchmerzen am nächſten Morgen im Oberſtübchen, wie andere Leute Viſitenkarten abgeben ſich zu erkundigen, ob man die Nacht gut geſchlafen habe. Champagner— Champagner iſt ein— ein nichtswürdiger, heimtückiſcher Schurke— geht ſanft und glatt wie Oel hinunter— ganz wie Oel, oder doch beinahe ſo, und dann— hol' ihn der Henker, und dann— Wie ver⸗ dammt unregelmäßig das Pflaſter iſt— ſetzt er Einem ein wahres Pulvermagazin in den Kopf und— und— bläſt's in die Luft. Hol— hol ihn der Henker.“ „Byrnewood— hört Ihr— Byrnewood— ſchreibt an den Magiſtrat morgen und reicht eine Beſchwerde ein über dieß verdammt bergige Pflaſter— Ich— ich ſehe nicht ein, warum wir, als Bürger einer freien Republik, immer beim zweiten Schr— itt die Beine— Beine heben ſollen, als ob— als ob man auf einen Thurm ſteigen wollte.“ Damit ſuchte ſich der unzufriedene Redner einen ande⸗ ren Pfahl aus und ließ die beiden übrigen Mitglieder dieſes kleinen, ſehr ſelbſtzufriedenen Klubs neben einander auf den Steinen der ſtillen, menſchenleeren Straße ſtehen, wo ſie ebenfalls nichts weniger als nüchtern, in verſchiedenen, 13 höchſt wunderbaren und abentheuerlichen Wendungen hin und herſtrichen. Der größte der Beiden, eine edle ſchlanke Geſtalt mit feurigen, wenn auch jetzt freilich etwas erloſchenen Augen, offener Stirne, rabenſchwarzen Locken und kleinem, dunkelm Schnurrbart, den Hut kühn und unternehmend auf dem ei⸗ nen Ohr, das Halstuch locker und den Mantel, trotz der keineswegs milden Luft, halb zurück über die Schultern ge⸗ worfen, war Lorrimer, Mr. Guſtav Lorrimer, von den Frauen nicht ſelten der„ſchöne Lorrime“ genannt. Plötzlich blieb er ſtehen, drehte ſich in einer ſchnellen Wendung gegen den erſt kürzlich gewonnenen Freund, der ihn unter dem Namen Byrnewood vorgeſtellt war, und ſagte, während er ſich halb vertraulich halb Unterſtützung ſuchend auf ſeine Schulter lehnte, lachend und jubelnd: „Sieh dort— Byrnewood— zwei Kirchthürme, ſon⸗ derbare Wirkung des Mondſcheins— ſehr— ſehr ſonder⸗ bare Wirkung und— kommt Dir das nicht auch wunderlich vor, daß das ſchilderhausartige Ding da drüben über die Straße taumelt, und— und dem Laternenpfahl eins ver⸗ ſetzen will, weil er ihm— hol mich der Teufel, Byrnewood, ich glaube, weil er ihm Geſichter geſchnitten hat, der ver⸗ dammte Pfahl.“ Der alſo angeredete Gentleman machte ſich vor allen Dingen von dem Arm ſeines Freundes los, be⸗ nutzte den einen kleinen Theil ſeiner ihm gebliebenen Zeit, 14 ein kurzes ſpaniſches Solo gegen den Abſtreicher der näch⸗ ſten Thüre zu, zu tanzen, ging aus dieſem auf eine etwas unerwartete Art in die Cachuca über, und hielt plötzlich, mitten in einem Pas ein, dehnte ſich zu ſeiner vollen Größe empor und ſchaute höchſt ernſt und aufmerkſam zu der glänzenden vollen Mondesſcheibe empor, deren reines, ſilbernes Licht ſeinen ſchönen, wenn auch blaſſen von ſchwarzen Locken um⸗ wogten Zügen eine wunderbare Ruhe und Heiterkeit verlieh. Seine Augen leuchteten aber von einer eigenthümlichen Gluth, und auf einmal, den Zeigefinger der rechten Hand nachden⸗ kend an die Naſe bringend, trat er langſam zu einem ſtei⸗ nernen Treppenſtein zurück, ließ ſich auf dieſem nieder und ſagte, ſeine Blicke noch immer nicht von dem ſtrahlenden Nachtgeſtirne wendend: „Miller, der Prophet, hat Recht— die Welt— ſieh nur ein Menſch an wie der Stein wackelt— die Welt naht ſich ihrem Ende— das i*ſt ſicher!— Dort oben ſtehn zwei Monde— ſo gewiß wie irgend, etwas am Himmel.“ Die Gruppe würde einem Maler ein herrliches Bild geliefert haben. Auf dem ſteinernen Sitz die edle Geſtalt des jungen Byrnewood, den Mantel halb von den Achſeln zu⸗ rückgeworfen, den enganſchließenden, ſchwarzen Frack da⸗ gegen feſt zugeknöpft über der aeiten kräftigen Bruſt und um die ſchlanke, faſt mädchenhafte Hüfte; die Lippen freilich von der Wirkung des Weines zuſammengepreßt und farbe⸗ los, das ganze Antlitz aber mit einem ſo edlen, männlich⸗ 15 ſtolzen und doch auch wieder milden Ausdruck übergoſſen, daß ihm ſelbſt der kleine Rauſch, der in unheimlich glühen⸗ dem Feuer aus ſeinen großen, dunkelen Augen ſprach, einen eigenen, wunderſeltſamen Reiz verlieh. Vor ihm dazu die hohe, herrliche Geſtalt des ſchön en Lorrimer, der den Hut jetzt mit der Linken abnahm, wäh⸗ rend die Finger der Rechten ſpielend in den langen glänzend ſchwarzen Locken wühlten und ſein Auge halb lächelnd, halb verächtlich auf den beiden Gefährten ruhten, die mit wunder⸗ barer Innigkeit die zwei nächſten Laternen oder vielmehr Gas⸗ lampenpfähle umſchlungen hielten; von denen der Eine, Obriſt Mutchins, in ſeinem ſchneeweißen Oberrock und glänzenden Hut, und der Andere, Sylveſter J. Petriken, mit ſeiner Wachstuchmütze und dem langen Mantel, einander aufmerk⸗ ſam und faſt neugierig betrachteten und ſchon an und für ſich eine reizende und ächt komiſche Gruppe bildeten. Obriſt Mutchins Geſicht glich übrigens einem recht ſatt und voll getrunkenen Vollmond, dem eine feuerrothe Birne als Naſe in der Mitte ſaß, und zwei kleine ſchwarze Glas⸗ perlen, von einem zinnoberrothen Ring eingefaßt, als Au⸗ gen diente.— Seine Geſtalt war gedrängt, dick und unterſetzt, mit ſehr breiten Schultern und noch breiterer Taille und außerordentlich großen Füßen und Händen. Der Gentle⸗ man dagegen, der ſich mit einer gewiſſen Reizbarkeit an dem gegenüberſtehenden Pfahl angeklammert hält, zeichnet ſich beſonders durch drei verſchiedene Sachen aus— ſehr kleine 16 Figur, ſehr ſchmächtigen Körper, und außerordentlich dünne Beine; jedoch iſt ſein Kopf dagegen von einem nicht unbe⸗ deutenden umfang, ſein Geſicht aber ſehr blaß und lang und viereckig, als ob es mit Winkelmaaß und Lineal zugeſchnit⸗ ten wäre; mit gerader, dünner Naſe in nicht unbeträchtlicher Entfernung vom Munde, der ſeinerſeits durch zwei lange, parallel laufende Linien, zur Entſchuldigung für Lippen, eingefaßt erſcheint. Unter der wachstuchenen Mütze, die wie ein Deckel auf die vorſtehende Stirne paßte, ſtehlen ſich ein⸗ zelne Büſchel blonder Haare ſtraff und borſtig hervor und die Augen rollen ſtier und gläſern, in faſt regelmäßiger, kreisförmiger Bewegung in ihren Höhlen umher. Ueber dieſe Scene einſtimmiger Kameradſchaft und Glückſeeligkeit gießt aber der mitternächtige Mond ſein keu⸗ ſches, reines Licht aus einem dunkelklaren, blauen Winter⸗ himmel hernieder, und in langer, gerader Linie ziehen ſich an der gegenüberliegenden Seite die dunkelen, gleich⸗ mäßigen Schattenſtreifen hin und verſchwimmen in weiter Ferne an den koloſſalen umriſſen des Staats⸗Gebäudes, deſſe ſchlanker Thurm hinauf ſich ſtreckt gegen den heitern, ſceundlichen Nachthimmel. „Der Champagner,“ ſchluckte Petriken, indem er plötz⸗ lich ſeinen Pfahl in dem beängſtigenden Glauben umſchlang, daß dieſer ihn zu Boden werfen wolle—„der Champagner iſt markwürdig ſtark— und die Au— Auſtern— o Jeſus!“ Als Sterbliche,“ philoſophirte Mutchins—„ſind wir —— 17 auch dann und wann— wo iſt Byrnewood?“ ah da— ſitzt doch ſtill zum Donnerwetter— ſchnellem und unvorherge⸗ ſehenem Unwohlſein unterworfen— ja— Unwohlſein un⸗ terworfen. Aber Byrnewood— Alterchen; wie ſollen wir die Nacht hinbringen? Heraus mit der Sprache! War nicht die Rede vom„Teufelloslaſſen?“ Dann müſſen wir— müſſen wir aufbrechen. Bedenkt wie viele Glocken ge⸗ zogen— und wie— hol'’ den Pfahl der Henker, ich glaube, ich reiße ihn noch bei der Wurzel heraus— und wie viele Nachtwächter noch geprügelt werden müſſen.“— „Kommt— laßt uns in Smokey Chiffins Auſternkeller gehen und zu Nacht eſſen,“ ſagte Lorrimer.„Hier, Byrne⸗ wood— nimm meinen Arm und hier Petriken— hallo Mann — fallt nicht— hier den anderen und Mutchins mag ſich drüben an Dir anhaken, wir Beiden ſind doch wohl die Nüchternſten.“ Mutchins aber, der beiläufig geſagt im vorigen Jahre einer Büffeljagd beigewohnt hatte, war gerade in einem, wenn auch eingebildeten, doch ſehr heftigen Kampfe mit ei⸗ nem Sioux⸗Krieger begriffen, den er mit entſetzlichen Schreien und Ausrufungen zurückzuſcheuchen oder zu ſchre⸗ ſcken ſuchte. „Hol' Euch der Teufel,“ rief Lorrimer ärgerlich, der auf jeden Fall am wenigſten angegriffen erſchien.„Ihr wer⸗ det uns noch durch Euer unſinniges Brüllen die ſämmtoahen Werehen auf den Hals ziehen. Spaß iſt Spaß, aber nach . 2 3 — 18 zwölf Uhr in Chesnutſtreet einen ſolchen Spektakel— oh — gerade, Mutchins, haltet Gleichgewicht— einen ſolchen Spektakel zu machen, da hört der Spaß auf.— Hallo, Mutchins, laßt den Pfahl los und faßt Byrnewood unter den Arm— Brrrr, Mann, Brrrrr— ſo Kleiner, ſo iſt's recht.“ 1 Durch einige verzweifelte Anläufe und ſchlangengleiche Wendungen, gelangte der alſo Angeredete endlich glücklich an die für ihn beſtimmte Seite, und Arm in Arm, wie ebenſoviele wenn auch ſehr ungleich und geſchmacklos zuſammengeſchirrte Roſſe, taumelten ſie Chesnutſtraße entlang, dem bezeichneten Keller zu. 3 1 „Halein ſune mon telmoregen!“ Dieſe geheim⸗ nißvolle Zuſammenſtellung von Worten kam plötzlich aus der Kehle eines vierſchrötigen, baumſtarken Gentleman, der in einem großen lakirten Hut und vier oder fünf Oberröcken, und mit einem mäßigen Stück Klafterholz in der Hand, un⸗ ſerer Geſellſchaft, die ſich eben im heſten Gange befand, be⸗ gegnete. „Hallo, Sir!“ rief Petriken, plötzlich verwundert an⸗ haltend, daß die Reihe eine unfreiwillige Schwenkung und Front gegen die linke Häuſerreihe machte—„bitte noch mal das— wollen Sie!“ dabei drehte er das viereckige Geſicht der vorbeiwandernden Geſtalt zu, und bemühte ſich vergebens ſeinen Arm aus dem Lorrimers zu befreien. „Bitte, die Arie da capo— wie! Ich ſage Euch, Lor⸗ rimer, laßt mich;— ſeht Ihr denn nicht, daß das irgend ein berühmter Sänger aus London oder irgendwo anders weit her, iſt? Welch ein Pathos liegt in der Stimme— ſo voll— ſo weich. Hol' mich der Henker, wenn ich dergleichen in mei⸗ nem ganzen Leben ſchon gehört habe. Nehmt unſere ganzen Opernſänger zuſammen und die— die können— verdammt will ich ſein, wenn ſie können— unſerem geheimnißvollen Freund hier, das Waſſer nicht reichen.“ „Ihr macht Euch beſſer auf die Beine, ihr Liebchen“, ſagte der mit den Röcken und dem Klafterholz jetzt in einer etwas unterirdiſch klingenden Stimme,„wenn Ihr nicht Luſt habt, Major Scotts Theegeſellſchaft zu beſuchen.*)“ „Danke— danke herzlich,“ lachte Gus Lorrimer ſehr höflich—„anderswo eingeladen— bedauere ſehr. Aber lie⸗ ber Herr, Sie würden uns wirklich verbinden, wenn Sie uns erklären könnten, was Sie eigentlich unter jenem merk⸗ würdigen Ausruf verſtehen, mit dem Sie vor wenigen Mi⸗ nuten die Güte hatten, unſere Gehörwerkzeuge zu entzücken. Wollen Sie uns nicht das Geheimniß mittheilen?“ Der Herr mit den Ueberröcken und dem Klafterholz war indeſſen außer Gehörweite, und unſere Freunde gaben ſchon jede Hoffnung auf, etwas Näheres über dieſen intereſſanten Gegenſtand zu erfahren, als Byrnewood, der unter der Zeit mit einem entſetzlichen Schlucken gekämpft hatte, leiſe und *) Scherzhafter Ausdruck f für„auf e Wa che geſchleppt werden.“ 2* 4 20 den Athem ſo viel wie möglich anhaltend, um das Uebel zu vertreiben, ſagte: „Unſinn— macht daß wir fortkommen— der närriſche Kauz iſt der Nachtwächter— und wollte uns blos ſagen— daß es„Halbeins und ein mondheller Morgen“— wäre; doch hier iſt der Keller— vorſichtig, Mutchins— Ihr wer⸗ det den Hals brechen, wenn Ihr Euch nicht in Acht nehmt.“ Die ſteile Treppe hinunterſteigend, die in Smokey Chif⸗ fins Auſterkeller führte, wurden die Freunde augenblicklich von einem kleinen Mann in einer blendend weißen Schürze begrüßt, der beſonders dafür gemacht ſchien, ſich in all den engen und ſchmalen Ecken und dunkeln Gängen und Win⸗ keln, die der Keller enthielt, mit Leichtigkeit und ohne Ge⸗ fahr ſtecken zu bleiben, bewegen zu können, ſo ſchmal und ſcharf waren ſeine Geſichtszüge, wie Schulter und Arme und Beine. „Hallo, meine kleine Virginiablume,“ rief Lorrimer ihm entgegen.„Zeig' uns eine von Deinen Privatſchachteln und ſage, was Du zum Abendeſſen haſt.“ „Hierher, Gentlemen!“ ſagte der kleine Mann oder „Smokey“, wie er von ſeinen gewöhnlichen Gäſten faſt ſtets ſeines raͤucherigen Ausſehens wegen, getauft wurde.„Abend⸗ eſſen alſo! Schnepfen Sir— ausgezeichnet; Wildpret— —= delikat Sir— Auſtern gebacken, geroſtet, gekocht und in 4 der Schaale— Excellent, Sir— ganz friſche darunter, Sir, mit Mehl gefüttert. Nun, Gentlemen, befehlen Sie— hierher Gentlemen!“ Mit dieſen Worten verſchwand die dünne Geſtalt durch eine ſchmale Thüre in eines der kleinen, nebeneinander ge⸗ reihten Gemächer oder Privatſchachteln wie ſie Lorrimer ſcherzweiſe genannt hatte. Da aber viele von unſeren Leſern wohl noch nie eine ſolche Auſterhöhle betreten haben, wie ſie ſich in Philadelphia in großer Anzahl finden, ſo möchte es zu deren beſonderm Nutzen und Frommen nicht ganz unnöthig ſein eine kleine Charakteriſtik des„Auſterſaal's von Mr. Samuel Chiffin““ wie die Firma ſagte, und der ſich in nichts Weſentlichen von den Uebrigen unterſchied, zu geben. Durch flammende Gaslichter erleuchtet, theilte ihn ein glühender Steinkohlenofen gewiſſermaßen in zwei Hälften. Die hintere Section lag, da ſich die Lichter alle vorne befan⸗ den, in ein gewiſſes, mattes Dämmerlicht gehüllt und wurde von zwei ſich gegenüberliegenden Reihen Logen, oder Ver⸗ ſchlägen, ſogenannte„„hoxes“ begrenzt, die den Zellen eines Kloſters nicht unähnlich ſahen. Die andere Section dage⸗ gen, in Schimmer und Glanz ſtrahlend, um eben durch ihre leuchtende Herrlichkeit Kunden herunterzulocken, war mit einem ungeheueren Spiegel geſchmückt und gab den Gäſten vollkommene Gelegenheit, die verſchiedenen Grade von Trunkenheit, durch die ſie taumelten, zu beobachten. Die rechte Seite dieſes Feenpalaſtes nahm ein Auſter⸗ 22 ſtand vollkommen ein, über welchem mit großen blechernen und vergoldeten Buchſtaben, die einladenden Worte„Au⸗ ſtern— gebacken, geroſtet, gekocht und in der Schaale“ ſtanden, während gegenüber eine ähnliche Vorrichtung für die verſchiedenen Liqueure und Weine, mit blitzenden Glä⸗ ſern und Karaffen, angebracht war. Und die Geſellſchaft an dieſen Orten? Nicht ſehr aus⸗ gewählt, wie man ſich denken kann. Vier oder fünf„Gent⸗ lemen“ wie ſie ſich unter einander nannten, mit ſehr an⸗ pruchsloſen Röcken und blühenden Naſen, wärmten ſich an dem Ofen und discutirten die Tagesfragen, zwei Andere, deren Beſuche am Schenkſtand den Abend über nicht ſelten geweſen ſein mochten, knieten in einer Ecke neben einem Hund, und fluchten und ſchimpften, weil ſie ihn nicht über⸗ reden konnten, ein Glas ſehr vorzüglichen Monongahelas zu verſuchen, und ſattelartig über einem anderen Stuhl ſaß ſtill und ſchweigend ein junger Mann, vielleicht zum erſten Mal an ſolchem Ort, der die Uebrigen nicht gern den Zu⸗ ſtand merken laſſen wollte, zu dem ihn etwas reichlicher Ge⸗ nuß des ſüßen Giftes gebracht, wobei er ſich aus Leibes⸗ kräften bemühte, gerade und aufrecht zu bleiben und nüch⸗ tern auszuſehen, was, wie Jeder weiß, der komiſchte Grad von Trunkenheit iſt. Die Auſterkeller ſind eigentlich wunderliche Erfindun⸗ gen; wie in den Höhlen vor uralten Zeiten, wo Rieſen lau⸗ erten und auf allerlei Art und Weiſe arme und einſame Rei⸗ — 23 1— ſende hineinlockten in ihre Klauen, ſo liegt hier die fidele Rieſinn„die Flaſche“ im Hinterhalt, die nur zu oft den Verdachtloſen in ihre uUmarmung reißt und ihn erſt wieder verwandelt und umgeſtaltet, und taumelnd und elend hinaus⸗ ſtößt in die Welt. Was für wunderbare Geſchichten könnte die alte ſteile Treppe erzählen, die in ſolchen Auſterkeller niederführt; Geſchichten von jungen blühenden Leuten, die mit rothem vollwangigem Antlitz, und offenem freien Blick hinabſtiegen, und bleich und ſchwankend, mit gläſernen, ja niedergeſchlagnen Augen wieder hinauf taumelten; von ver⸗ ſchlungenen Reichthümern, wo hinterher Mangel und Noth ekelhaft und gefräßig die gierigen Zähne fletſchte; von zer⸗ trümmerten Hoffnungen und zernichteten Ausſichten, die Leidenſchaften endlich zu wilder bahnloſer Wuth anfachten, daß ſie ſich grimmig ſelbſt verzehren mußten. O ihr fröhlichen, glänzenden, ſchimmernden Auſter⸗ keller, mit euren Lichtern und Spiegeln, die ihr euch ſo dicht und innig an die alte„Unabhängigkeitshalle“ der Väter an⸗ ſchmiegt, welch wunderlich launige Geſchichten die alte ſteile Treppe von euch erzählen könnte. Hier in dieſem Auſterkeller eröffnen wir die erſte Scene jenes entſetzlichen Trauerſpieles, das die vorliegenden Blät⸗ ter dem Leſer ſchildern ſollen; hier zwiſchen Licht und Froh⸗ ſinn, bei dem Schall zuſammenklingender Gläſer und unter der fröhlichen Begleitung luſtiger Trinklieder, entwickelte 24 ſich aus kleinen, unbedeutenden urſachen, das erſte Glied jener Kette von Verbrechen und Blutſchuld. In einem Zimmer, klein und behaglich, durch Gas er⸗ leuchtet, durch ein leuchtendes Kohlenfeuer erwärmt, um einen Tiſch, mit den Oelikateſſen der Jahreszeit und zerſtreu⸗ ten Champagnerflaſchen beſetzt, finden wir unſere vier 1 Freunde von vorhin wieder. Ihre Fröhlichkeit war zur höchſten Stufe gediehen, Glas klang an Glas, Lieder und Anekdoten kreuzten ſich in wildem Lärm, während unſer Freund Smokey Chiffin ſtill und beobachtend auf dem ſchma⸗ len Sopha ſaß, und dem bachantiſchen Toben mit ſelbſtzu⸗ friedenem Lächeln zuſchaute. „Schön, ſchön,“ murmelte er dann leiſe vor ſich hin. „Vier Flaſchen Champagner zu zwei Dollar die Flaſche— zwei mal vier iſt acht. Ahem! Sechſe trinken ſie noch— wollen zwölfe im Ganzen ſagen, vier und zwanzig blanke Mexikaner für Abendeſſen und Alles.— Schön— ſehr ſchön— Gus bezahlt die ganze Geſchichte. Der Petriken iſt ein Schwamm*). Wie lange wird's nur noch dauern ehe Mutchins nach Karten frägt!— Wer nur dieſer Byrne⸗ wood iſt! Neues Geſicht— vielleicht auch ein Roper**). Wir werden ja ſehn— werden ja ſehn.“ „Gieb mir die Hand Gus!“ rief Byrnewood jetzt, von *) Amerikaniſche Bezeichnung für ein Schmarotzer. **) Eine Art Spieler und liederlicher Geſell, doch mehr den höheren Ständen angehörig: — ſeinem Stuhl aufſtehend und dem Angeredeten die Rechte 4 entgegenſtreckend.„Verdammt will ich ſein, wenn mir Dein 4 Geſicht nicht gefällt und— ſo kurze Zeit wir auch beiſam⸗ men ſind,— ich wollte ich hätte Dich mein ganzes Leben lang gekannt.“ Lorrimer reichte ihm freundlich ſeine Hand hinüber, und ſagte mit einer Stimme, der ſelbſt der Champagner nicht das Melodiſche, Einſchmeichelnde nehmen konnte, daß es ihm Vergnügen mache, einen ſolch ſeltnen und fidelen Vogel als Byrnewood ſei, kennen gelernt zu haben, daß er ſich Mutchins deßhalb ſehr verpflichtet fühle und hoffe, in ſeiner Geſellſchaft von jetzt an recht angenehme Stunden verleben zu können. „Hoff' es auch,“ rief Byrnewood jubelnd—„bin auch gerade in dieſem Augenblick in ſelbſtgemachten Feiertagen begriffen— müſſen bis nach Weihnachten dauern— gerade noch drei Tage bis Weihnachten und hurrah Alterchen, wir wollen mordfidel zuſammen ſein.“ „Gentle— men— ich weiß nicht, was— was eigent⸗ lich mit mir vorgeht”“— ſagte Petriken, der mit ſeinem Ellbogen auf den Tiſch, das viereckige Geſicht unterſtützte und ſtier und gläſern umherſtarrte.„Ich muß was in den Augen haben— verdammt! ich ſehe eine ganze Menge Spin⸗ nen und, weiß der Teufel was Alles, da an den Wänden— Höre Mutchins— ſiehſt Du auch ſo was!“ „a, Petriken,“ ſagte dieſer würdige Mann, während 26 ein mitleidiges Lächeln ſein rothaufgeſchwollenes Geſicht durchzuckte—„ja Petriken, das kommt daher, weil Du— weil Du getrunken haſt, Schätzchen. Uebrigens— kommt Dir's nicht ſonderbar vor, daß— es muß irgend was mit dem Gaslicht da vorgehen; mir iſt's immer, als ob ein gro⸗ ßer Pferdekäfer ſich die größte Mühe gäbe, ſein Gehirn d'ran einzuſtoßen.“ „Gentlemen!“ rief Lorrimer jetzt, ſich von ſeinen Stuhl erhebend, während er aufrecht, mit dem hochgehaltenen Glas in der Hand daſtand, und ſeine ſchlanke edle Geſtalt, das wenn auch etwas bleiche, doch ſchöne kühn geſchnittene Antlitz mit der Adlernaſe, den blitzenden Augen und ſchwar⸗ zen Locken, mit der vom dunkeln Schnurrbart überſchatte⸗ ten Oberlippe, zum größten Vortheil zeigte—„Gentlemen! füllen Sie Ihre Gläſer und hinunter mit dem edlen Trank bis zur Nagelprobe— Die Frauen!“ „Die Frauen!“ riefen die andern drei, von ihren Stühlen aufſpringend—„die Frauen dreimal hoch und hurrah!“ „Frauen“ murmelte Sylveſter Petriken halblaut vor ſich hin—„Frauen in Ewigkeit! wenn wir klein ſind war⸗ ten ſie, wenn wir Jungen ſind prügeln ſie, und wenn wir Männer ſind behexen ſie uns— ſie ſollen leben.“ „Frauen!“ philoſophirte Mutchins—„was wäre das Leben ohne ſie— ein Halstuch ohne Knoten— ein Vater⸗ mörder ohne Stärke.“— — „Sie ſollen leben!“ rief Byrnewood—„und— hol's der Henker Gus— was können wir dafür, wenn wir ſchwach ſind.“ „Schickſal— Byrnewood— nichts als Schickſal“ lächelte Lorrimer—„aber Leutchen, ich habe Euch ein klei⸗ nes Abenteuer zu erzählen— Smokey bring uns Soda⸗ waſſer— wir müſſen wieder nüchtern werden.“ „Meine Herrn,“ ſagte Petriken, ſchwerfällig in ſeinen Stuhl zurückfallend—„hat Jemand von Ihnen die letzte Nummer meiner Wochenſchrift geſehn? Weſtliche Hemi⸗ ſphere und Continental Organ? für die Ladies! Macht die folgenden Anerbietungen für Sub— ſubſcribenten Ein Modekupfer— und zwei— zwei Stahlſtiche pro Nummer — 48 Seiten— Octav— Sylveſter J. Petriken Redakteur und Verleger— Office— 209 Drayman's Gaſſe, zwei Treppen hoch. Hallo Mutchins— was hältſt Du von Ratten? 3 Obgleich nun allerdings das„Continental Organ“ mit den„Ratten“ nicht in der geringſten Verbindung zu ſtehen ſchien, ſo hatte doch für Petriken wie Mutchins—(beide gleich weit von dem Zuſtand entfernt, den man nüchtern nennt), die Idee an Ratten etwas ungemein Komiſches und ſie brachen a tempo in ein ſchallendes Gelächter aus, das ſich erſt nach einigen Minuten mit einem neuen Glaſe Cham⸗ pagner endete. „Erzähl' Deine Geſchichte— Gus!“ rief Byrnewood 28 —„erzähl' Dein Abenteuer; hol's der Böſe— das Leben iſt doch nur wie eine zerbrechliche Schaale; warum ſie nicht mit Honig füllen, ſo lang es dauert.“ Das Leben eine zerbrechliche Schaale— warum ſie nicht mit Honig füllen— Allbarmherziger Gott, hätte das Fürchterliche, was eben dieſen leichtſinnigen Knaben in we⸗ nigen Stunden erwartet, in erkennbarer— lebender Ge⸗ ſtalt vor ihm ſtehen können, mit Galle und Wermuth würde es ihm die Schaale gefüllt und Gift— heißes bren⸗ nendes Gift durch ſeine Adern gejagt haben. „Gut— mein Abenteuer alſo,“ lachte Lorrimer,„aber natürlich handelts von einem ſchönen Mädchen, von einem ſüßen, lieben, ſechzehnjährigen Kind, mit großen, blauen Augen, Wangen wie reife Phirſichen und Lippen wie ge⸗ ſpaltene Roſenknospen.“ „Gus— verdammt will ich ſein— aber das iſt eine Citation aus meiner letzten weſtlichen Hemiſphere— beim ewigen—“ „Halt den Narren ruhig, Byrnewood— Nur dieſer eine und zwar nicht unbedeutende Unterſchied iſt, daß eine reife Phirſiche nicht glüht und zittert, wenn Ihr Euere eigene Wange dagegen legt, und Roſenknospen— nicht wie⸗ der küſſen, wenn Ihr Euere Lippen darauf preßt. Sie iſt ein ſo herrliches Kind, wie je eins die Straßen von Phila⸗ delphia durchwandelte, edle Geſtalt, voll und blühend— göttliche Taille, kleine Füße und die zierlichſten Hände, die 29 ich je geſehen.— Ihr Haar— Byrnewood— verdammt will ich ſein, wenn Du Deine Augen nicht darum gäbſt, nur ein einziges Mal mit den Fingern ihre reichen, kaſta⸗ nienbraunen Locken durchwühlen zu dürfen.“ „Gut— gut— weiter— und wer iſt dies Mädchen? mach dem Geheimniß ein Ende.“ „Geduld Alterchen— nur Geduld— Gieb mir einmal das Sodawaſſer herüber— ſo—— Alſo— aber Gentle⸗ men, ich wünſche, daß Sie mir aufmerkſam zuhören, denn eine ſolche Geſchichte erfahren Sie nicht alle Tage.“ Halb nüchtern gemacht durch das Intereſſe ſowohl, das er an den Worten des neugewonnenen Freundes zu nehmen begann, wie durch das Sodawaſſer, bog ſich Byrnewood zu ihm hinüber und heftete ſeine dunkelglühenden Augen feſt auf das Antlitz Lorrimers, der ihm in nachläſſiger Stellung gegenüberlehnte, während ſich Petriken in ſeinem Stuhl hoch aufrichtete und ſelbſt Mutchins Augen für kurze Zeit ihren trunkenen Glanz verloren. „Nun ich ſehe, daß Ihr etwas Außerordentliches er⸗ wartet—“ lächelte Lorrimer—„Smokey— leg ein paar Kohlen auf das Feuer. Alſo Byrnewood, ich muß Dir nur noch vorher ſagen, daß ich ein merkwürdiges Grück bei den Damen habe, und daß— daß ich— hol's der Henker— ich weiß gar nicht, wie ich anfangen ſoll.— Doch kurz heraus damit.“ „Vor vierzehn Tagen etwa, ſchlenderte ich mit Boney 30 — mein großer Wolfshund wie Ihr wißt— gegen Abend langſam Chesnutſtraße hinunter, und überlegte mir gerade, wo ich wohl den Abend zubringen ſollte, ob im Theater, oder irgendwo in der Stadt, als ich dicht vor mir eine der niedlichſten, liebenswurdigſten Geſtalten ſah, die mir nur je unter einer ſchwarzen Seiden⸗Mantilla und einem der kleinen „Küß' mich, wenn Du es wagſt“ Bonnets, vorgekommen ſind. Ihr Gang, und der Anblick des zierlichen Knöchels, der eine Secunde unter dem langen fließenden Gewand her⸗ vorblitzte, erregte meine Neugierde, und ich ging ſchnell vor⸗ bei, um die Augen zu ſehen, die dazu gehörten. Bei Jupiter — Ihr habt noch nie in ein ſolches Geſicht geſchaut— ſo ſanft— ſo ſüß— ſo— ſo— und bei Gott ſo unſchuldig. Sie ſah zu liebenswürdig aus in dem kecken Bonnet, und mit der freien Stirn und den lieben, roſigen Wangen, die zwiſchen einer reichen Fülle von zuſammengepreßten Locken, nur zu ſchlummern ſchienen.“— „Gut Gus! wir können uns das Alles denken— ſie war ſo ſchön wie eine Houris, ſo unſchätzbar wie der Stein der Weiſen.“— „Du biſt zu ungeduldig, Byrnewood; daß ein wunder⸗ hübſches Mädchen in einer ſeidenen Mantilla ſtecke, darin liegt noch nichts ſo Beſonderes, aber das Merkwürdigſte kommt erſt noch. Wie ich dieſem wunderlieblichen Kinde in's Antlitz ſchaue, redet es mich, zu meinen unbegrenzten Erſtaunen und mit der lieblichſten Stimme von der Welt, an und— A 31 „Nannte Dich bei Namen?“ „Nein, das gerade nicht, aber wie ich nachher erfuhr, hatte ſie mich mit einem jungen Mann verwechſelt, den ſie in irgend einer Erziehungsanſtalt kennen gelernt. Natür⸗ lich benutzte ich dieſe koſtbare Gelegenheit, ging an ihrer Seite einen Theil der Chesnutſtraße entlang, und—“ „— Wurde ſehr genau bekannt mit ihr—“ unter⸗ brach ihn Byrnewood lächelnd. „Nun, Du kannſt Dir das etwa denken, wenn ich Dich mit dem kleinen unbedeutenden Umſtand bekannt mache, daß in dieſer Nacht, um drei Uhr, dieß unſchuldige Mädchen, dieſe Knospe aus einer der erſten Familien der Stadt, Hei⸗ math und Freunde und Alles das verläßt, was dieſe lieben Kinder ſonſt lieb und werth halten, und in meine— denke Dir, in meine Arme eilt.“ „Viel kann nicht an ihr ſein!“ rief Byrnewood, über deſſen Antlitz ſich ein ungläubiges verächtliches Lächeln ſtahl — Gebt mir den Champagner Petriken, Gus, ich will Dich nicht beleidigen, aber ich glaube wahrhaftig, Du biſt von irgend einem leichtfertigen Ding angeführt.“ Lorrimers Stirn zog ſich in düſtere Falten und er ſagte mit tiefer, ärgerlicher Stimme. „Zweifelſt Du etwa an meinem Wort?“ „Nicht im Mindeſten, nein; aber Gus, Du mußt doch z wahrlich geſtehen, daß die Sache ein wenig unwahrſcheinlich ausſieht—(eine Eigarre Petriken?) darf ich fragen, ob noch Jemand bei der jungen Dame war, als Du ihr jüngſt begegneteſt?“ „Ja, ein Fräulein, deſſen Namen ich vergeſſen habe; auch nicht übel, von einigen zwanzig Jahren und noch dazu ſehr gefällig, denn ſie beſorgte meine Briefe und half mir mit dem lieben Mädchen auf alle nur ſonſt mögliche Arten. „Und dieß liebe Mädchen iſt aus einer der erſten Fami⸗ lien der Stadt?“ frug Byrnewood immer noch mit verächt⸗ lich gekräuſelter Oberlippe. „Aus einer der erſten,“ beſtätigte Lorrimer, indem er ſeine Cigarre anzündete. „Und dieß Mädchen verläßt in dieſer Nacht Heimath und Freunde Deinetwegen, um in wenigen Stunden in Deinen Armen zu ruhen?“ 3 „Das wird ſie—“ und Lorrimer ſah lächelnd einer blauen Rauchſäule nach, die langſam zur Decke empor⸗ wirbelte. ¹ „Du wirſt ſie nicht heirathen?“ „Ha ha ha— nein Freundchen, das kannſt Du nicht verlangen. Ich mag die Frauen ſehr gern leiden, aber ſo weit fühl' ich mich doch nicht bei der Sache intereſſirt. Ich ſage Dir Byrnewood, eine kleine Theaterheirath iſt beſſer als zehn wirkliche.“ „Du wärſt auch wahrhaftig ein Narr, ein Mädchen zu heirathen, das ſich Dir ſo in die Arme wirft. Woher weißt Du aber daß ſie achtbar iſt! warſt Du je in ihrer Eltern 33 Haus. Wie heißt ſie! Gieb uns ein wenig Licht in der Sache.“ „Du biſt ſchlau, Alterchen, ſehr ſchlau—'cute wie die Jankees ſagen, aber doch noch nicht ſo unmenſchlich ſchlau, wie Du wohl denken magſt. Glaubſt Du, ich wäre ein ſol⸗ cher Gelbſchnabel, Dir den Namen zu nennen, jetzt— ehe ſie mein war! Nein, wahrhaftig nicht; ihr Namen könnte Dir aber ihres Vaters Vermögen bei Heller und Pfennig verkünden. Uebrigens bin ich noch nie über ihre Schwelle gekommen. Geheime Zuſammenkünfte, geheime Spazier⸗ gänge und ſelbſt ein angenommener Name ſind oft merkwür⸗ dig bequem.“ „Gus— hier iſt eine hundert Dollar Note von der Nordamerikaniſchen Bank. Ich fühle mich, wie Du ſiehſt, in Deiner Geſchichte etwas intereſſirt, und will dieſe hun⸗ dert Dollar wetten, daß jenes Mädchen, welches ſich heute Nacht in Deine Arme wirft, nicht achtbar, nein nicht ein⸗ mal mit einer der erſten Familien Philadelphias verwandt iſt, und ſich nicht höher verſtiegen haben wird, als irgend eine andere„Dame der Trottoirs.“ „Buche die Wette Mutchins— Ihr habt es gehört— Petriken; und hier Byrnewood iſt eine gleiche hundert Dol⸗ lar Note und Mutchins mag auch dieſe in Verwahrung neh⸗ 7 men, bis es entſchieden iſt. Komm mit mir und ich will Dir beweiſen, daß Du verloren haſt— Du ſollſt Zeuge er Hochzeit ſein und Deinem eignen Ehrenwort will ich die 5. 3 34 Entſcheidung unſerer Streitfrage überlaſſen, wenn Du— der Dame Namen und Stand erfahren haſt.“ 3 „Die Wette iſt angenommen und das Geld ſicher,"“ murmelte mit wichtiger Stimme Mutchins, indem er die Banknoten zwiſchen die Blätter ſeines Taſchenbuches legte —„wenn ich aber auch manches Kurioſe in meiner Zeit er⸗ lebt habe, ſo iſt das doch das Kurioſeſte, oder noch mehr ſo.”“ Während dieſem letzten Vorgang war aber ſowohl Lor⸗ rimers als Byrnewoods Nauſch ziemlich verflogen. Denn der Erſte ſchien etwas beleidigt über das bewieſene Miß⸗ trauen, von Seiten ſeines neuen Freundes, und der Undere wollte und konnte einer Behauptung keinen Glauben ſchen⸗ ken, die ihn ſelbſt ſo eng und innig betraf, da j ja auch er zu einer der angeſehenſten Familien gehörte. Lorrimer lehnte ſich jetzt über den Tiſch hinüber und flüſterte einige Worte in Sylveſters Ohr. „Verdammt will ich ſein, wenn das geht— Gus,“ war dieſes Erwiederung— augenſcheinlich eine Beantwor⸗ tung der eben an ihn gerichteten Frage—„es ſteht Zucht⸗ hausferaſe darauf, Mann!“ Lorrimer bog ſich noch einmal zu ihm nieder und voll⸗ endete ſeine frühere Bemerkung mit wenigen Sylben. „Jenun ja— wenn Ihr es abſolut wollt— alſo funf⸗ zig waren es! und Ihr— Ihr haltet unmenſchlich viel von dem Mädchen! wie! Dann muß ich mir aber einen ſchwar⸗ zen Kittel verſchaffen und— halloh— auch ein Gebetbu 8 35 darf nicht fehlen— da paſſ ich gerade dazu. Alſo drei uhr!" 5.; ·;7„ 4„Ja, ja!“ ſagte Lorrimer und wandte ſich ſchnell zu dem gluthſtrahlenden Antlitz des wohlbelerbten N Mutchins, dem er ebenfalls einige Worte in das Ohr ziſchelte. Ein wohlgefälliges Lächeln breitete ſich über die Züge des gutmüthigen Mannes und ſelbſt ſeine birnenförmige Naſe ſchien für den Augenblick Aus ruck anzunehmen. „Verdammt gute Idee das“ ſchmunzelte er.„Ich werde Euer zu nachgiebiger Onkel ſein. Eh? Ernſt, aber doch zu⸗ letz der Zärtlichkeit weichend. Ich ſegne die Ehe ein, bei Gott! ich mache den Brautführer.“ 3„Komm Byrnewood— hier iſt Geld Smockey; und Ihr Petriken und Mutchins— vergeßt die Stunde nicht.— Schlag drei Uhr; und laßt Euch der Teufel in den Weg träte. Nimm meinen Arm 9 3 Byrnewood, und nun fort.“ mich nicht im Stich, ſelbſt wenn „Hurrah für die Hochzeit— der anbrechende Tag wird ſagen wer gewonnen hat.“ Und wie ſie das Zimmer Arm in Arm verließen und einem Abenteuer entgegengingen, das, 3 iägli unter⸗ nommen, ſo wild und intereſſan nt zu werden verſprach, ſtarrte Petriken Rrer und v verblüfft nach Nautchene hinüber, und dieſer begegnete ſeinem Blick, aber mit einem Ausdrekk als ob er hätte ſagen wollen„Und wie viel giebt er Dir, Alter⸗ chen?“ 1. 3 ¾ 1 36 Ob nun Sylveſter dieſen Blick auch auf gleiche Weiſe deutete, iſt unbeſtimmt, er goß ſich aber noch ein Glas 1 Champagner ein, bedeutete ſeinen Freund, den Colonel ein” 1 Gleiches zu thun, und murmelte dann halb leiſe, wie mit 1 ſich ſelber redend: „Funfzig Dollar— Bei Gott dafür kauf' ich zwei Stahlplatten und drei Modekupfer für die nächſte Nummer der„weſtlichen Hemiſphere.“ Oekonomie iſt Reichthum und die beſte Manier Fliegen zu lernen iſt, wenn man mit Krie⸗ chen anfängt.— Nur kriechen, nur ſehr kriechen— ver⸗ dammt niedrig— aber immer kriechen. Zweites Capitel. Marie, des Kaufmanns Töchterlein. Der Vater, der auf dem Sopha ſaß, nahm ihre klei⸗ nen, zarten Finger in ſeine Hand, blickte mit Liebe und Stolz auf zu ihr, in ihr liebes freundliches Antlitz und zog ſie dann noch einmal zu ſich herab, während die Mutter, eine würdige Matrone, die ſich mit einer Hand leiſe auf die Schulter ihres Gatten ſtützte, mit der anderen dem holden Kinde das fallende Haar aus der Stirn ſtrich, das ge⸗ liebte dann an ihr eigenes Herz zog. Das milde Licht einer Aſtrallampe erhellte mit ſeinem ſanften, matten Schimmer das Gemach; der große Spiegel funkelte und glänzte über dem Kaminſims, ſchwere roth⸗ ſeidene Vorhänge ſielen über die hohen Fenſter hernieder und das Sopha, auf dem der alte Mann ſaß, der feine Teppich, die koſtbaren Stühle, die herrlichen Gemälde an den Wän⸗ den und überhaupt das ganze Aeußere des Zimmers verrieth Reichthum und Ueberfluß. 8* Der Vater, der noch immer die Hand der Tochter in der ſeinen hielt, war ein Mann in den ſechzigen, mit männ⸗ lich ſchönen, wenn auch durch die Zeit gefurchten Zügen, und ſeine dünnen weißen Locken ſchmiegten ſich um eine hohe, kühn geformte Stirn; das ſanfte blaue Auge dagegen gab dieſem Antlitz auch wieder etwas ſo Mildes und Gutmüthi⸗ ges, ja Sanftes, daß die Aehnlichkeit, ſoweit dieſe zwiſchen einem Greis und einer eben aufblühenden Jungfrau ſtatt⸗ finden kann, nicht zu verkennen war. In Schwarz gekleidet verrieth ſein ganzes äußeres Erſcheinen den reichen Kauf⸗ mann, der ſich vom Geſchäft zurückgezogen hatte und nun im Frieden ſeines eigenen Hauſes und Heerdes, alle die Freu⸗ den entſchloſſen war zu genießen, die Reichthum, Geſund⸗ heit und die Nähe ſeiner Lieben ihm gewähren konnten. Die Mutter, wie ſie neben dem holden, lächelnden Töchterlein ſtand, hätte ſich nimmer vor ihr verleugnen können; ſo fanden ſich, wenn auch durch vorgerücktes Alter etwas verwiſcht, die Züge des lieblichen Mädchens in den ihrigen wieder; während der Blick, der jetzt mit jedem Aus⸗ druck mütterlicher Liebe an dem ſchönen Kinde hing, ihrem Antlitz etwas ſo unendlich Gutmüthiges, Inniges gab, das ihr die Herzen der ſich ihr Nähernden im Sturme eroberte. * 39 „Marie— mein Mädchen; wie hübſch Du geworden biſt,“ ſagte der Kaufmann jetzt mit weicher, volltönender Stimme, während er die Hand, die er in der ſeinigen hielt, leiſe drückte. „Unſinn— Du wirſt das Kind eitel machen,“ flüſterte die Mutter, aber auch über ihr Antlitz ſtahl ſich ein leiſes ſelbſtzufriedenes Lächeln, und ihre Blicke ſchienen des Gatten Lob zu beſtätigen. Das Mädchen war in der That ſchön. Wie ſie ſo dort ſtand, in dem wohnlichen, reichge⸗ ſchmückten Gemach, und mit ihren Augen an denen des Va⸗ ters hing, glich ſie einem athmenden Bild von Jugend und Unſchuld, von Gottes eigner, ſchöpferiſcher Hand gezeichnet. Ihr Antlitz war wunderlieblich. Das kleine, etwas zurück⸗ geſchobene Bonnet ließ die reichen kaſtanienbraunen Locken in all ihrer Pracht und Fülle hervorquellen, und ſo innig und dicht ſchmiegten ſie ſich den roſigen Wangen des Mägd⸗ leins an, als ob ſie ſelber gern auf der Sammthaut ruhten und ſchaukelten. Ihre Züge waren regelmäßig, ihre Lippen voll und reif, ihr rundes Kinn mit einem verführeriſchen Grübchen geſchmückt, und ihre großen, blauen Augen ſchauten ſanft und dennoch feurig unter den langen ſeidenen Wim⸗ pern hervor. Du ſahſt in dieſe Augen und fühlteſt wie die ganze Heiligkeit und Reinheit einer jungfräulichen Seele auf Dir ruhte. Aber eben dieſer Blick verrieth auch das ganze innere Weſen des holden Kindes, er ſprach aus einem Herzen das gemacht war, in aller Schüchternheit und Hingebung Schutz und Liebe bei einem anderen Herzen zu ſuchen, von dem aber dann auch nimmer und,nimmer wieder zu laſſen, und ihm treu zu ſein im Tod und Ewigkeit hinüber. „Komm Vater— Du darfſt mich nicht länger aufhal⸗ ten,“ flüſterte jetzt die Tochter mit ihrer ſüßen, leiſen Stimme;„Du weißt wie mich Tante Emilie ſeit den letzten vierzehn Tagen, ſchon ſeit ich aus der Erziehungs⸗Anſtalt zurück bin, gebeten hat, einen Abend und eine Nacht bei ihr zuzubringen, Du weißt ja auch, wie lieb ſie mich immer ge⸗ habt hat, und wahrſcheinlich will ſie mir an meinem näch⸗ ſten Geburtstag eine Ueberraſchung bereiten. Du weißt doch Väterchen, daß ich in drei Tagen, zu Weihnachten, ſchon ſechszehn Jahr werde.“ „Willſt Du nicht lieber Deinen Mantel umthun Kind,“ unterbrach ſie die Mutter mit ängſtlicher Sorgfalt.„Die Nacht iſt rauh und Du könnteſt Dich erkälten.“ „O nein, nein, mein Mütterchen,“ lachte das ſchöne Mädchen,„ich haſſe dieſe Mäntel, ſie ſind ſo ſchwer und unbequem; der Shawl genügt vollkommen und ſchnell bin ich drüben bei Tante Emilie; es iſt ja nur zwei Straßen weit, in Thirdſtreet.“ „So mag Dich denn der alte Lewey bis an die Thüre begleiten,“ ſagte die Mutter,„und gehe mein Kind, habe aber recht Acht auf Dich, und grüße mir die Tante viel⸗ mal.“ 41 „Höre Marie, dieſe alten Jungfrauen ſind wunderbare Geſchöpfe,“ ſagte der Vater ernſtkomiſch,„nimm Dich in Acht oder ſie entlockt Diy all Deine Geheimniſſe—“ und ein leiſes Lächeln ſtahl ſich bei dem Gedanken über die Züge des alten Mannes, daß ein ſo junges, unſchuldiges Kind, ſchon überhaupt Geheimniſſe haben könne. Ein Schatten durchzuckte der Jungfrau Antlitz, ſo ſchnell, ſo düſter, daß ſelbſt die Eltern es bemerkten und der Vater erſtaunt ausrief: „Kind, was fehlt Dir! warum ſiehſt Du plötzlich ſo traurig aus? was giebt es auf der weiten Welt, das Dir Marie, einen Seufzer auspreſſen könnte?“ „Nichts Vater— Nichts—“ flüſterte das Mädchen und warf ſich an ſeine Bruſt, während ſie ihre Arme um ſeinen Nacken ſchlang— und ihn wieder und wieder küßte. „Ich dachte nur— ich— ich dachte nur an Weihnachten, und— Sie richtete ſich plötzlich empor, warf ſich an der Mut⸗ ter Bruſt, drückte Kuß nach Kuß auf ihre Lippen und rief: „Gute Nacht Mutter— morgen früh— morgen früh komm' ich gewiß wieder zurück,“ und glitt im nächſten Au⸗ genblick ſchnell aus dem Zimmer. „Iſt es nicht recht kalt heute Abend Lewey!“ ſagte ſie draußen zu dem greiſen, alten Neger, der in der Halle ſtand, in einem ungeheueren weißen Oberrock eingewickelt war, und eine dicke wollene Binde um den Nacken, wie die weite Pelz⸗ — 42 mütze bis tief herunter über die Ohren gezogen hatte;„es thut mir leid Lewey Dich in die Kälte mit hinaus zu neh⸗ men.“ 3 „Seegne des lieben Kindes Seele,“ murmelte der Alte in ſeinem gebrochenen Neger⸗Dialect, indem er die Haus⸗ thür öffnete.„Hab ich Sie nicht auf dieſen Armen getragen, wie Sie nur ſo hoch waren! Lewey und kalt werden— puh— den Teufel macht ſich dieſer Nigger aus Kälte, wenn er Miß Marie bedienen kann.“ „Marie ſtand auf der Schwelle ihrer Heimath, und ſah hinaus in die dunkele, ſterndurchſchimmerte Nacht; ihr Antlitz aber durchzuckte wiederum auf Augenblicke ein Aus⸗ druck der tiefſten Angſt, der bitterſten Wehmuth und ihr kleiner Fuß zitterte, als er das Haus verlaſſen ſollte. Mit flüchtigem Blick durchflog ſie die düſtere Straße, wandte ſich noch einmal um gegen das Zimmer, in dem ihre Eltern weilten, zögerte eine Secunde, flog dann zurück und ſtand im nächſten Augenblick neben den kaum Verlaſſenen. Wieder küßte ſie die Stirne des Vaters, die Lippen der Mutter, noch einmal umſchlang ſie ihren Nacken und dann, wie von einem wonnigen, entzückenden Gedanken beſeelt, floh ſie dem Ausgang zu und rief freudig: „Gute Nacht— gute Nacht— morgen kehr' ich zu⸗ rück.“ Aber auf's Neue zögerte an der Schwelle ihr Fuß und jeder lächelnde Ausdruck hatte ihr Antlitz verlaſſen; ernſt und traurig ſtand ſie, noch im Inneren der Halle und Thränen ſammelten ſich in ihren Augen. So wenigſtens be⸗ hauptete ſpäter der alte Neger. Der kleine Fuß verſagte ihr faſt den Dienſt, als er die Schwelle der Heimath überſchrei⸗ ten ſollte. Und warum trübte ſich das klare Auge? warum zitterte der kleine Fuß! ſollte er ſie nicht, wenn ſie wieder dieſe Schwelle betrat, mit fröhlichem Sprung in die Arme ihres Vaters, ihrer Mutter tragen, und das als Braut, als fröh⸗ liche, glückliche Braut und Gattin des liebſten Mannes? Würde dann nicht dieſer, jetzt von Thränen feuchte Blick, freudiger ſtrahlen, wenn er ſich mit dem ihres Gatten ver⸗ einigte, und ſie zum erſtenmal zu den Füßen ihrer Eltern ihre Verzeihung und ihren Segen erflehten? Erwartete ſie nicht ein frohes, ein glückliches Weihnachtsfeſt, wenn die Braut mit ihren Geſpielinnen froh und jubelnd die heimathlichen Räume durchflog! Weshalb ſollte ſie jetzt fürchten die Schwelle zu überſchreiten, da nur wenige Stunden ſpäter ihr Zurückkommen mit Glück und Liebe begleitet ſein würde? Wie wird die Zukunft dieſe eine Frage dem bang und ängſtlich klopfenden Herzen der Jungfrau beantworten? Sie betrat die Straße— aber ſie wagte nicht zurück zu ſehen und eilte flüchtigen Schrittes durch die dunkele, kalte Nacht. Der Himmel war klar und ſternenhell, die ſonſt ſo belebten Promenaden aber faſt ganz öde und menſchenleer. Der ſcharfe Nordwind röthete ihre Wangen und durchſchau⸗ erte ihre zarte, ſchlanke Geſtalt; doch die Sterne über ihr, 44 ſchienen ihr zuzuwinken und Muth einzuflößen, und ihr war es, als ob die guten Engel, die des Weibes erſte, reine Liebe beſchützen, freundlich auf ſie herabſchauten, von dem Glanz durchfunkelten Nachthimmel. „Thirdſtreet“ hinunter ſtanden ſie nach wenigen hun⸗ dert Schritten vor einem alten, dreiſtöckigen Haus, an der Ecke von Third⸗ und— ſtreet, mit dem Namen von„Miß E. Graham“ auf der Thürplatte. „Du brauchſt jetzt nicht mehr zu warten, Lewey,“ ſagte ſie gütig, doch wahrlich mit keinem tiefern Beweggrund als Güte, zu dem alten Neger, der ſie bis hierher begleitet hatte. „Ich werde ſelbſt klingeln und Du magſt ſchnell zurück gehn und Dich wärmen und— und vergiß nicht den Eltern zu ſagen, daß ſie mich vor morgen Nachmittag nicht zu erwar⸗ ten brauchen— Gute Nacht Lewey.“ „Gute Nacht— Miſſa Marie— gute Nacht,“ mur⸗ melte der alte Neger, indem er ſeine Pelzmütze dichter über die Ohren zog und ſich heimwärts wandte.„Das Kind iſt ein Engel,“ fuhr er dann leiſe vor ſich hinſprechend fort, „und der Herr Jeſus gebe nur, daß dieſer Nigger, ſobald er da oben einmal hinauf gelangt—(heißt das, wenn Nig⸗ gers überhaupt hineingelaſſen werden), auf eine von den Bänken nah zu Miſſa Marie kommt, daß er hübſch auf ſie acht geben und ihr aufwarten kann— Sie iſt ein Engel— heißt das, ohne die Flügel. Aber dieſe Nacht hier iſt ein bis⸗ chen kälter als irgend eine andere Nacht im Gedächtniß des — alten Gentleman, den der Taxen⸗Collecteur nie finden kann — der älteſte Einwohner in der Stadt.“ So leiſe mit ſich ſelber redend, verließ der greiſe Neger die Tochter ſeines Herrn vor der Thür ihrer Tante, mit der kleinen, zarten Hand auf dem Griff des Klingelzuges. Und zog ſie dieſe Glocke!— nein, wahrlich nicht, denn kaum war der Neger um die nicht ferne Ecke verſchwunden, als die ſchlanke, dicht verhüllte Geſtalt einer Frau, ſchwarz ge⸗ kleidet, mit einem dunkelen, langen Schleier über ihrem Antlitz, herbeiglitt und an ihrer Seite ſtand. „Oh— Betty— biſt Du das?“ rief Marie mit zit⸗ ternder Stimme—„ich fürchte mich ſo— ich weiß nicht— ach glaubſt Du nicht auch Betty, daß ich lieber wieder um⸗ kehren ſoll?“ „Er wartet Deiner,“ ſagte die fremde Frau mit leiſer, dumpfer Stimme.. Marie legte ſchnell ihre Hand auf der Fremden Arm, über ihr Antlitz flog ein plötzlicher Gluthſtrahl von Freude, Liebe und feſter Entſchloſſenheit, und im nächſten Augenblick eilten ſie flüchtigen Schrittes die Straße hinab, dem ſüd⸗ lichen Theile der Quäkerſtadt zu, und verſchwanden in der dort lagernden Finſterniß. Zu gleicher Zeit ſchlug die Uhr des„State Houſe“ die neunte Stunde.— Es war gerade vier Stunden vor der Zeit, in welcher Byrnewood und Lorrimer ihre Wette im Auſter⸗ keller abſchloſſen und zu dieſen müſſen wir jetzt zurück eilen. Drittes Capitel. Byrnewood und Lorrimer. Byrnewood und Lorrimer eilten Arm in Arm Chesnut⸗ ſtreet hinunter und der Klang ihrer Tritte ſchallte hohl und ſchaurig aus den leeren, ſchweigſamen Gebäuden von den hartgefrorenen Trottoirs wieder, während der aufſteigende Mond ihre Schatten lang hin, über die leere, öde Straße warf. 1 „Faſt ſo kalt wie die Barmherzigkeit der Menſchen,“ lachte Lorrimer, als er des Freundes Arm feſter in den ſei⸗ nigen zog—„aber weißt Du wohl, Byrnewood,“ unter⸗ brach er ſich dann plötzlich,„daß ich ungemein feſt auf den Eindruck baue und vertraue, den ein früher nicht geſehenes Geſicht auf mich macht! Das heißt, ob es mir gefällt oder nicht. Da iſt zum Beiſpiel Petrikens Phyſiognomie, was hältſt Du von der!“ „Wie meinſt Du das!“ „Nun ich kann den Charakter eines Menſchen von dem Augenblick an beſtimmen, wo ich ſein Geſicht ſehe— Petn⸗ ken alſo“— 47 „In der That, Lorrimer, ich kenne ihn zu wenig. In irgend einer Geſellſchaft wurde ich ihm zuerſt vorgeſtellt, wo er mehre alte Jungfern mit einigen nichtsſagenden So⸗ netten bezauberte. Seit der Zeit bin ich ihm nicht wieder begegnet bis an dieſem Abend, wo er mich in Chesnutſtreet anrief und in Mutchins Zimmer, in das Unitet States Hotel ſchleppte. Du weißt das Uebrige.“ „Gut, gut— ein Wort über ihn genügt. Pfiffig iſt er und gewitzt, aber— wie Mutchins kann man ihn für einen mäßigen Preis bekommen. Ich kaufe ſie alle Beide, und, bei Jupiter, die Stadt wimmelt von ſolchem Volk; für Geld ſind Unmaſſen zu haben. Petriken— der arme Teufel — ſein Geſicht verräth ihn ſchon— Kuppler und Schma⸗ rotzer. Mutchins iſt ſchon von einer anderen Art, ſo ein alter gemüthlicher Gelegenheitsmacher, aber dabei angenehm und unterhaltend. Ich abonnire gewöhnlich auf ihre Dienſte und benutze und— verachte ſie natürlich. „Deine Bemerkung lautet für dieſe würdigen Leute in der That ſchmeichelhaft genug,“ bemerkte Byrnewood trocken. „Aber ſie iſt wahr! und das Gegentheil davon biſt Du ſelbſt, denn Byrnewood, Du magſt mir's glauben oder nicht, meine Herzensmeinung iſt's, daß ich Dich von dem Augen⸗ blicke an, wo ich Dich ſah, liebgewann und Deine Freund⸗ ſchaft zu erwerben beſchloß. Deinethalben will ich auch jetzt 48 etwas thun, was ich ſonſt für keinen Lebenden, ja wahrlich für keinen Todten unternehmen möchte—“ „Und das iſt?“ unterbrach ihn Byrnewood. „Du ſollſt es erfahren.— Haſt Du je etwas in der Stadt von einem alten, wunderlichen Hauſe munkeln gehört, das von einer würdigen, alten Dame gehalten, durch die Börſen der ehrbaren Bürger dieſer frommen Stadt unter⸗ halten wird, deren Letzterer Namen man beſonders nie ohne die Beiwörter berühmt oder achtbar oder ha— ha — ha, gar fromm, ja äußerſt fromm nennen hört? So ein wunderlich ſeltſam altes Haus, wo in den langen Win⸗ ternächten der ſo gütige und liebevolle Gatte die Gattinn, der Kaufmann ſeine Hauptbücher, der Advokat ſeine Kniffe, der Prieſter ſeine Gebete vergißt! Ein wunderliches Haus, mein Alterchen, wo Wein und Frauen ihre Reize mit ein⸗ ander verſchmelzen, und wo Du zu gleicher Zeit den Honig von ſüßen Lippen und die Perle aus ſchäumendem Glaſe nippſt! Wo koſtbare, prachtvolle Gemächer die lange Nacht hindurch von dem Rauſchen der Karten, dem Klirren der Gläſer, oder dem ſüßen Liebesgeflüſter leiſe gewechſelter Küſſe wiedertönen! Ein gar wunderliches Haus, mein Burſche, wo der Teufel unter einem Deckmantel losgelaſſen, und die Sünde fett wird hinter dem Schutze ſicherer Zimmer wie undurchdringbarer Mauern!“ „Ha, ha, ha, Lorrimer, Du wirſt wahrhaftig beret — aber allerdings habe ich dumpfe Gerüchte über eben ſolch 49 ein altes, wunderliches Haus gehört, ſie aber immer nur für Fabeln und Märchen gehalten.“ „Das alte Haus iſt eine Thatſache, Freundchen, denn in ſeinen Mauern will ich heute Nacht mein Bräutchen be⸗ grüßen, und ſeine Schwelle ſollſt Du, trotz den Geſetzen und Strafen unſeres Klubs, heute Nacht noch betreten.“ „Das wäre köſtlich— herrlich. Und wie heißt Euer Klub?“ „Alles zu ſeiner Zeit, Beſter, Alles zu ſeiner Zeit; ſtehſt Du, jedes Mitglied hat das Recht, wöchentlich einmal einen Freund dort einzuführen, derſelbe darf aber unſer Klubhaus nie zum zweiten Mal betreten. Nun habe ich al⸗ lerdings in mehr als einer Hinſicht die Geſetze dieſes Klubs umgangen und es wird meinen ganzen Einfluß bedürfen, Dich heute Abend einzuſchmuggeln, aber es ſoll geſchehen, und— merke Dir, was ich ſage; Du wirſt dort einige neue Aufſchlüſſe über das geheime Leben dieſer frommen Quä⸗ kerſtadt erhalten.“ „Höre, Lorrimer,“ rief Byrnewood, als ſie ſich der Ecke der achten und Chesnutſtraße näherten,„Du ſcheinſt im Ganzen eine ziemlich gute Idee von dieſem Leben zu haben.“ „Leben— höhnte der junge Epikuräer, indem ein leich⸗ tes, ſpöttiſches Lächeln ſeine ſchönen Züge überflog—„Le⸗ ben— wie iſt unſer Leben eigentlich; ſo kurz und luſtig wele eine Champagnerperle. Heute ein wilder Jubel im hell . 4 50 erleuchteten Auſterkeller— morgen ein kleiner, gemüthlicher Pick⸗nick auf dem Kirchhof, wo ſich die Würmer ihre Meſſer und Gabeln mitbringen. Jetzt ergreifſt Du die Luſt bei den ſliegenden Locken, und im nächſten Augenblick iſt ſie Aſche.— Alles flieht und ſchwindet, Nichts iſt ſicher, Nichts bleibend — und das Ganze ein zuſammengeſchnürtes Bündel von Hoffnung und Furcht, Betrug und Vertrauen, Freude und Elend, das wir erbärmliche Sterbliche wie eines Krämers Waarenpacken durch dieſes Leben ſchleppen.— „Hurrah!“ jubelte Byrnewood—„bravo, Lorrimer, bravo.— Der ehrwürdige Guſtav Lorrimer predigt heute. Und welche Moral ziehen Ew. Ehrwürden aus alle dieſem!“ „Nur das eine Wort, Freund— Genießel genieße, bis der letzte Nerv, bis die letzte Sehne erſchlafft— genieße, bis das Auge im letzten Aufzucken bricht, bis das Blut ſtockt und fault— aber ſo lange genieße, und zuletzt—“ „Ja, ja— das entſetzliche zuletzt.“— „und zuletzt, wenn Du nicht mehr genießen kannſt, dann krieche in ein ſolch' behaglich kleines Haus, ſechs Fuß lang und zwei Fuß weit, hinein, wickele Dich warm und weich in eins der langen, weißen Tücher, ruf' die Würmer, dieſe letzten Schmarotzer an des Lebens letzten Faſern, und lade ſie ein zuzulangen und— verdammt zu ſein. Hol ſie der Teufel.“ „Haha, Lorrimer, das hätte ich nimmer in Dir ge⸗ 4 ucht.“ 5 4 „ 51 „Sage mir, Byrnewood, welches Geſchäft treibſt Du?“ e „Eigentlich eine ſehr plötzliche Frage, doch es ſei.— Ich bin der jüngſte The eilnehmer des Hauſes Livingſtone, Harvey und Comp. in Frontſtreet.“ „Und ich,“ erwiederte Lorrimer langſam und bedächtig, ich bin der jüngere und ältere Theilnehmer eines ganz char⸗ manten Engros⸗Geſchäfts auf eigene Hand. Die Firma iſt Lorrimer und Comp., der Geſchäftsplatz überall in der Stadt, und das Geſchäft ſelbſt„Vergnügen“, nichts als Vergnügen. Wein und Weiber, ſo lange dieß Herz ſchlägt. Was nun noch die Kapitalien nbetr ifft, ſo beſitze ich ein kleines Sümmchen von circa Hunderttauſend, bin unaͤb⸗ hängig von jeder Verwandtſchaft und habe die beſten Aus⸗ ſichten, noch eine Reihe von Jahren ein herrliches, ja gött⸗ liches Leben auf gleiche Art fortführen zu können. Jetzt, Byrnewood, kennſt Du mich von innen und außen, nun aber auch heraus mit einigen von Deinen Geheimniſſen, haſt Du nicht irgend eine romantiſche, intereſſante Liebſchaft, die für. „Beim Himmel!“ rief Byrnewood plötzlich erſchrocken emporfahrend, als ſie gerade unter dem Gaslicht an der Ecke der achten und Chesnutſtraße ſtanden—„den Brief hätte ich ja beinahe in den Tod hinein vergeſſen.“ „Den Brief! was für einen Brief?“ „O gerade ehe mich Petriken heute Abend anrief, oder * 4* &☛☚ 52 vielmehr geſtern Abend, wurde ein Brief in meine Hand ge⸗ ſteckt, den ich bis jetzt zu leſen vergaß. Ich kenne übrigens die Handſchrift der Adreſſe. Er iſt von einem liebenswür⸗ digen, kleinen Mädchen, das vor etwa ſechs Monaten in unſerem Hauſe halb diente, halb Geſellſchafterin war. Ein ſüßes Kind, Lorrimer— und— Du weißt, wie das manch⸗ mal ſo kommt— ſie war liebenswürdig— unſchuldig— zu vertrauungsvoll und ich— nur ein Menſch—“ „Dienſtmädchen! puh! eigentlich ein Bischen zu nie⸗ drig für Dich, mein Junge; laß uns übrigens den Brief hier bei der Gasflamme leſen.“ „Dieß iſt er.“—„„CTheurer Byrnewood— ich möchte Dich ſo gern heut Abend ſprechen. Ich bin in großer Noth. — Komm an die Ecke der vierten und Chesnutſtraße um neun Uhr. O verſäume es nicht— Du würdeſt es bis an Deinen Tod bereuen. Bei allem, was Dir heilig iſt, be⸗ ſchwöre ich Dich, komm!— Anna!““ Wie hübſch ſie ſchreibt, Lorrimer— nur das„bei al⸗ lem, was Dir heilig“ iſt ein bischen verwiſcht, wahrhaftig, ich glaube, es ſind Thränen darauf!“ „Etwas ſehr Natürliches und Gewöhnliches!“ lachte Lorrimer—„die lieben kleinen Dinger nehmen ihre Zu⸗ flucht ſtets zu dieſen Beweisgründen, wenn ſie unſerer Be⸗ redſamkeit nicht widerſtehen konnten.“ „Und dennoch— die Peſt über den Unfall— wie un⸗ glücklich meine Bekanntſchaft für das arme Kind geworden 53 iſt. Sie mußte meines Vaters Haus wegen— wegen dem Umſtand verlaſſen— es würde zu bemerkbar und— ihre Eltern ſind ſehr arm. Ich wollte doch, ich hätte ſie heute Abend ſprechen können. Nun morgen früh iſt ja noch Zeit genug. Aber jetzt, Lorrimer— welche Richtung?“ „Nach dem gemüthlichen, wunderlichen, alten Haus? in die Stadt hinunter. Aber da ſchlägt die Stadthaus⸗Uhr — Eins— bei Gott— volle zwei Stunden Zeit, unſere Wette zu entſcheiden. Da können wir erſt noch einen von meinen Freunden einen Beſuch abſtatten, und jetzt, Byrne⸗ wood, muß ich Dich auch mit unſerer ganzen Liſt bekannt machen.“ Er bog ſich zu ihm hinüber und flüſterte ihm mit der ernſthafteſten und wichtigſten Miene das Geheimniß der ver⸗ abredeten Schurkerei ins Ohr. „Verſtanden?“ „Herrlich— herrlich!“ rief Byrnewood,„hier häuft ſich Abenteuer auf Abenteuer, das wird eine herrliche Nacht werden.“ Wohl häuften ſich Abenteuer auf Abenteuer in dieſer verhängnißvollen Nacht, begrüßten aber jene Beiden ſo fröh⸗ lich und ſorglos das dämmernde Tageslicht wie jetzt den mitternächtlichen Mond, der in aller Klarheit und Pracht am reinen Firmamente ſtand? Gerechter Gott, war kein Engel— der ſie vor ihrem dunkeln Pfade warnen konnte? Nein— kein Zeichen— kein Omen ſcheuchte ſie zurück 54 und weiter— weiter wanderten ſie, ihrem dunkelen— wil⸗ den Verhängniß entgegen. Die achte Straße hinuntergehend, wandten ſie ſich Walnutſtreet hinauf, bis zur dreizehnten, und bogen hier ein, wo ſie bald vor einem kleinen, zweiſtöckigen, altmodigen Häuschen ſtanden, das ſich beſonders durch eine grüne Thür und ein auffallend großes und vorſtehendes Fenſter auszeich⸗ nete. Ein Blechſchild zwiſchen Thür und Fenſter trug die Inſchrift:„.****, Aſtrolog.“ „Ob der Alte wohl ſchon ſchläft,“ rief Lorrimer, und in demſelben Augenblick öffnete ſich, wie als Antwort ſeiner Frage, die Thür, aus der die dichtvermummte Geſtalt eines Mannes, mit dem Hut tief in die Augen gedrückt, heraus⸗ trat und ſchnell die Straße hinabeilte. 81 „Hahaha— verdammt ſchlau,“ lachte Byrnewood, „aber doch noch nicht ſo ſchlau wie er denkt. Ich ſah ſein Geſicht, es iſt der alte„Faſſ und Greif,“ der Präſident der — Bank, die, wie alle Welt ſagt, im Begriff iſt zu platzen. Der ehrbare Herr hat ſich bei den Sternen nach den Ausſichten ſeiner Bank erkundigt; aber allons— die Thüre iſt offen.— Wir wollen dieſen Vertrauten des Geſchicks— dieſen Mitwiſſer der Zukunft einmal um ſeine Meinung be⸗ fragen. Viertes Capitel. Der Aſtrolog. In einem kleinen, behaglichen Zimmer— die Wände ſauber gemalt, die Diele mit einfachem, aber geſchmackvollem Teppich bedeckt, der kleine Holzofen eine mäßige, aber ange⸗ nehme Wärme ausſtrömend, ſaß ein Mann von einigen vierzig Jahren, tief gebeugt über einem niedern, mit vielen wunderbar und geheimnißvoll ausſehenden Büchern und Manuſcripten bedeckten Tiſch. Das Licht einer hohen eiſernen Studirlampe fiel voll und ſcharf auf die Geſichtszüge des Aſtrologs, die es klar und deutlich ausprägte, während der übrige Theil des Zim⸗ mers verhältnißmäßig dunkel und ſchattig blieb. Als er aber ſo da ſaß, brütend über den wunderlich bemalten und be⸗ ſchriebenen Seiten eines ſtarken Bandes, glühten ſeine Au⸗ gen mehr und mehr in unheimlichem, leidenſchaftlichem Feuer, ſeine von dünnen, braunen Locken leicht beſchattete Stirn zog ſich in düſtere, dichte Falten zuſammen, ſeine 4 56 Augenbrauen begegneten ſich faſt unter dieſer, die Naſen⸗ löcher waren erweitert, die Lippen zuſammengepreßt und ängſtlich, und unſtät zuckten ſeine Blicke von einem Zeichen des aufgeſchlagenen Manuſcripts zu einem anderen, bis ſich endlich ſeine Pupillen ſtier aber theilnahmlos und unbeweg⸗ lich auf einen Punkt hefteten, und bewieſen, wie der ernſte Mann nicht mehr die vor ihm liegenden Blätter ſtudiere, ſondern Rath halte in den geheimſten Tiefen ſeiner Seele, in ſeinen innerſten Gedanken. Nichts aber war in dem Gemach, womit ſonſt wohl der Aberglaube die umgebungen eines Sterndeuters und„weiſen Mannes“ ausſchmückte— keine weiten, wallenden Vorhänge rauſchten, geheimnißvolle Gemächer verhüllend, von der Decke hernieder; kein blaues, flackerndes Licht beleuchtete mit grauſenhaftem Scheine eine Reihe grinſender Skelette, deren Anblick das Blut der Laien in den Adern erſtarren machte, keine hohe Mütze, kein fließendes Gewand, mit Bändern und Gurten, Todtenköpfen und wunderbaren Zei⸗ chen geſchmückt, umwallten ſeine Geſtalt. Nein, ein einfa⸗ cher, grüner Oberrock, an den Ellbogen mehr als dünn, eine geſtreifte Weſte, nicht nach neuſter, aber auch keines⸗ wegs antiker Mode, ein dunkeles Halstuch und ein einfach weißer Hemdkragen, bildete den Anzug des Aſtrologen, wie er zuſammengekauert über ſeinen Folianten brütete. Nur an den Wänden hingen in einfachſchwarzem Rahmen die Ho⸗ roſkope berühmter Männer, als Washingtons, Byrons, 57 Napoleons, und den Tiſch überdeckten eine Maſſe verſchie⸗ dener Werke, wie die des Cornelius Agrippa, Siblys, Lil⸗ lys und anderer„Mitwiſſer der geheimen Kunſt“, während ſich zu den Füßen des Mannes eine große, prächtige, ſchwarze Katze hingeſchmiegt hatte, deren glänzendes Fell und ganzes wohlbehagliches und genährtes Ausſehn die Behauptung der Nachbarn keineswegs unterſtützte, die ziemlich einſtimmig meinten, ſie gehöre den finſteren Regionen an, und ſei blos auf eine Arr Urlaub hier an die Oberwelt geſchickt. „Ich bin ein armer— armer Mann“— flüſterte der Sterndeuter jetzt, ein Blatt des Buches umwendend, das er in der Hand hielt—„und der Doktor— der Prieſter— der Advokat— Alle verachten mich, aber dennoch,“ fuhr er mit höhniſchem, bitterm Lächeln fort, während ſeine Züge einen finſtern, faſt dämoniſchen Ausdruck annahmen,„den⸗ noch hat dieſes kleine Zimmer ſie alle geſehen, alle die ſtolzen Gecken; hier ſind ſie geweſen und haben von dem armen, verachteten Manne einen Blick in ihre Zukunft begehrt. Thoren Ihr— am Tage lacht Ihr über meine Wiſſenſchaft, höhnt ſie— tretet ſie mit Füßen, und Nachts— Nachts, wenn Finſterniß Eueren Pfad bedeckt, ſchleicht Ihr leiſen Schrittes herbei und zittert und bebt vor dem Ausſpruch meiner Lippen.“ „Hier halte ich Euere Horoſkope— Sünder und Heuch⸗ ler Ihr,— das des Prieſters, der da wiſſen will, ob er ein junges, unſchuldiges Kind ſeiner Gemeinde unentdeckt und ungeſtraft verführen kann— des Advokaten, der ſich von beiden Partheien kaufen läßt; des Richters, der wegen der Folgen eines Meineids bebt— des Doktors, der ſeine Kennt⸗ niſſe der Sünde und dem Verbrechen leiht— hahaha— was für ehrbares, treffliches, gutes und frommes Volk dieſe Quäkerſtadt in ſich faßt— und Gott— Gott hält ſeinen Blitz zurück und ſchmettert nicht den Racheſtrahl nieder auf ihre ſchuldbeladenen Häupter.“ So von Seite zu Seite folgte er den Sünden und Ver⸗ brechen der einzelnen Bewohner Philadelphias; Namen, die am hellen Tageslicht den Aſtrologen nicht nennen hörten, ohne verächtlich über ihn zu lächeln und Nachts zu ihm ſchlichen und ſeinen Worten wie dem Orakel einer Gottheit 4 lauſchten. „Ha!— mehr noch und immer mehr,“ murmelte der Sterndeuter nach einer kleinen Pauſe wieder vor ſich hin, indem er ſchneller und heftiger verſchiedene Blätter des gro⸗ ßen Buches, die erſt neuerdings beſchrieben zu ſein ſchienen, umwandte— ein ſchönes, ſchwarzäugiges Weib— untreu und falſch, fürchtet die gerechte Rache des Gatten— der Redakteur der„ſchwarzen Poſt“ will mit einer Tänzerin ent⸗ fliehen und möchte wiſſen, ob er ſeinen Gläubigern in die Hände fällt— hahaha— jener Stutzer— jener Lion des Tages— wenn ſeine Anbeter wüßten, wie er ſein Geld er⸗ worben.— Er hat ein Verbrechen— ein fürchterliches Ver⸗ brechen verübt und zittert vor ſeines Ver⸗ ——— bündeten.— O fort— fort mit den entſetzlichen Bildern ſolcher Verworfenheit— das Herz ſchaudert, wenn ich die todten Blätter berühre, von denen mir das Gift tropfen⸗ weis entgegenſtrömt.“ Er ſchlug das Buch zu und ſchien im nächſten Augen⸗ blick wieder denſelben Gedanken nachzuhängen, denen er ſich im Anfang hingegeben hatte. Seine Stirn zog ſich zuſam⸗ men, ſeine Augen hefteten ſich feſt und ſtier auf die gegen⸗ überliegende Wand, die Lippen bewegten ſich ſchnell und un⸗ bewußt und die Hände ruhten krampfhaft gefaltet auf dem Einband des vor ihm liegenden Buches. und als er ſo daſaß, glitt leiſe und geräuſchlos Guſtav Lorrimer in das kleine Gemach, trat vorſichtig hinter den Stuhl des Aſtrologen und ſchaute mit ſtillem, ſelbſtzufrie⸗ denem Lächeln zu ihm nieder. „Nie— nie iſt mir ein Schickſal ſo ſeltſam, ſo dunkel vorgekommen,“ murmelte der Sterndeuter jetzt leiſe vor ſich hin—„Alles iſt Licht, nur das eine, eine ruht in tiefer— undurchdringlicher Nacht— und dennoch werden ſie kom⸗ men, heute— Beide werden kommen, aber hüte Dich, Lor⸗ rimer— hüte Dich—" „Hahaha!“ lachte eine kühne, kräftige Stimme gerade hinter ſeinem Stuhl—„alter Kniff das, ein Bühneneffekt. — O nein— Ihr habt mich nicht heraufkommen hören, Gott bewahre; keinen Laut— hahaha— ſehr gut, und der . Name dann. Brav, Alterchen, recht brav, zieht aber doch nicht; ſchon zu oft dageweſen.“ Lorrimer erbleichte übrigens dennoch, trotz ſeiner wil⸗ den Ausgelaſſenheit, ein wenig, als er den überraſchten und wirklich erſchreckten Blick ſah, mit dem ihn der Aſtrolog em⸗ pfing; ſchweigend folgte er daher auch der Einladung deſ⸗ ſelben, ſich niederzulaſſen und horchte aufmerkſam den Wor⸗ ten des ernſten Mannes, der ſich nun, nach kurzer Pauſe, faſt feierlich gegen ihn wandte und mit leiſer, aber deutli⸗ cher, wohlklingender Stimme ſagte: „Am letzten Donnerſtag gabt Ihr mir Tag und Stunde Euerer Geburt— Ihr wolltet, daß ich Euer Horoſkop ſtel⸗ len ſollte— Ihr wünſchtet zu wiſſen, als Euch ein Unter⸗ nehmen, das Ihr vorhattet, gelingen würde.— Habe ich Recht!“ „Vollkommen, mein alter Poſſenreißer— Freund, wollte ich ſagen,“ rief Lorrimer, ſich im Stuhl zurück⸗ werfend. „Poſſenreißer! Ihr möchtet Euere Meinung nach kur⸗ zer Zeit ändern, mein junger Freund. Seit dem letzten Don⸗ nerſtag habe ich mich Euerem Stern mit allem Eifer und Fleiß gewidmet, und das wunderbarſte Verhängniß ſcheint über Euerem ganzen Leben zu ruhen. Unter den günſtigſten Auſpicien geboren, muß Euch faſt Alles glücken, und doch iſt Euere Zukunft in trüben, dunkelen Schleier gehüllt.“ „Wie eine junge Katze in einen naſſen Sack,“ lachte Lorrimer, während er ſich vergebens bemühte, ein eigenes Gefühl unheimlicher Angſt zu unterdrücken, oder von ſich zu ſcheuchen. 3 „Ihr habt eine neue Bekanntſchaft gemacht,“ fuhr der Aſtrolog mit flüſternder Stimme fort,„einen jungen Mann kennen gelernt, mit langen, dunkelen Haaren, bleichem Antlitz und ſchwarzen Augenbraunen— die Sterne ſagen es, und ſie lügen nie; Euer Schickſal und ſeines iſt unzer⸗ trennlich.“ „Ja, mein Freund,“ lächelte Lorrimer,„das iſt Alles recht gut— ſehr gut; die Sterne mögen außerordentlich wahrheitsliebend ſein und Euere Prophetengabe wird eben⸗ ſowenig durch irgend etwas anderes übertroffen; aber hier iſt nur der eine unbedeutende Umſtand zu bemerken, daß ich keine neue Bekanntſchaft heute Abend gemacht, und keinen bleichen, jungen Mann mit langen, dunkelen Haaren geſe⸗ hen habe.“ „Dann iſt mein Wiſſen eine Lüge!“ rief der Aſtrolog, dem jungen Wüſtling ſcharf, aber zweifelhaft in's Auge ſchauend.—„Die Sterne ſagen, Eurer Beider Wege kreuz⸗ ten ſich heute Abend und daß Einer beſtimmt ſei, durch die Hand des Anderen Schreckliches zu erdulden.“ „Nun gut, laßt uns denn, nur des Argumentes wegen, wirklich annehmen, ich hätte dieſen geheimnißvollen, blei⸗ chen, jungen Mann kennen gelernt; was folgt daraus!“ Vor drei Tagen ſuchte ein junger Fremder meinen Rath — ſein Schickſal wie das Euere, gleichen ſich wie eine Nacht der Anderen. Irgend ein entſetzliches Verhängniß bedroht am nächſten Sonnabend, am heiligen Weihnachtsabend Euer Haupt, wer aber der Leidende, wer der Vollzieher iſt — ich weiß es nicht.“ „Und in welcher Verbindung ſteht jener Fremde mit meiner neuen Bekanntſchaft!“ Ich fürchte, daß Beide ein und dieſelbe Perſon ſind; iſt das der Fall, dann warne ich Euch bei Eurer Seelen Seeligkeit— meidet die Gemeinſchaft mit ihm, hütet Euch vor ihm.“ „Und weshalb?“ ſagte eine ſanfte, melodiſche Stimme dicht hinter dem Sterndeuter, während dieſer, wie von ei⸗ nem elektriſchen Schlage durchzuckt, zitternd— erſchreckt emporſprang und in das ruhige, milde Auge des jungen Kaufmanns blickte, der ſchweigend und ernſt ihm gegen⸗ über ſtand. „Ich warne Euch,“ rief er aber jetzt, ſeine ganze Faſ⸗ ſung und Beſinnung wieder erhaltend, indem ſeine kleinen, grauen Augen in wildem, unheimlichem Feuer glühten, und ſeine Lippen krampfhaft und fieberiſch zuckten—„ich warne Euch Beide— hütet Euch vor einander! Laßt dies Begeg⸗ nen in meinem Hauſe Euer letztes ſein, und Ihr ſeid geret⸗ tet.— Verachtet meine Warnung, oder folgt Eueren dun⸗ kelen Plänen zuſammen, und Ihr ſeid verloren— verloren für immer und ewig! Trotzige, eiſenköpfige Männer, Ihr 1 — weshalb betratet Ihr dieſe Schwelle, weshalb ſucht Ihr meinen Rath, wenn Ihr ihn, kaum gegeben, verachten und höhniſch unter die Füße treten wollt!“ Er ſah, wie die Züge der jungen Leute ein ungläubiges, mitleidiges Lächeln überflog, hierdurch aber vielleicht noch mehr erregt und gereizt, richtete er ſich hoch empor, ſtreckte beide Hände gegen die Freunde aus und, während ſeine Stimme in wachſender Leidenſchaft ſtieg und ſein Auge ſie zu durchbohren ſchien, ſo daß ſelbſt Lorrimers kühne Stirn und Wange bleichte und Byrnewood einen Schauder nicht wehren konnte, der ihm durch Mark und Glieder rann, rief er: Ihr ſpottet mein— aber bei dem lebendigen Gott, der ſeinen Willen in feurigen Buchſtaben an die unermeßliche Fläche des Firmaments gezeichnet hat— ſage ich es Euch, 5 daß in der Hand der dunkelen Zukunft der Becher des Todes mit Wermuth und Galle gefüllt iſt, und Einer von Euch ihn in kurzen drei Tagen— in drei Tagen, ihr Spötter, leeren muß. Vor meinen Augen war es Nacht— aber die Schleier lüften ſich— ſie zerreißen— in heller und blen⸗ dender Pracht brechen die Sterne hindurch und ich ſehe— Unglückliche, ich ſehe, daß in drei Tagen Einer von Euch durch des Anderen Hand— ſterben wird.“ Lorrimer erhob ſich langſam aus ſeinem Stuhl, als ob ihm die Bewegung Schmerz verurſache; ſein Antlitz war bleich, große, klare Tropfen ſtanden auf ſeiner Stirn— 64 ſeine ſtarr auf den Aſtrolog gehefteten Blicke, ſeine halbge⸗ öffneten Lippen, ſeine nach ihm ausgeſtreckte Hand bewieſen den Einfluß, welchen die Worte, trotz allen ſeinen Entſchlüſ⸗ ſen, auf ihn gehabt hatten, und ſelbſt Byrnewood preßte krampfhaft beide Hände auf das ſchnell und ängſtlich po⸗ chende Herz, als ob er damit das unheimliche Grauſen be⸗ zwingen könne, was ihn ebenſoviel durch des alten Mannes Ausſehen, als ſeine Worte beſchlich. Dieſer aber, hoch nnd ſtolz aufgerichtet, die dünnen, braunen Haare zurück über ſeine Stirne geworfen, während ſeine blitzenden Augen und weit vorgeſtreckten Hände die Aufregung verriethen, in der er ſich befand, rief mit hohler, prophetiſcher Stimme: „In drei Tagen von heute— wenn die Sonne unter⸗ geht, wird, ſo wahr ein Gott im Himmel lebt, Einer von Euch durch des Anderen Hand ſterben.“ „Und welche Todesart?“ flüſterte Lorrimer, vergebens bemüht, ſeiner Stimme die gewöhnliche Sicherheit und Fe⸗ ſtigkeit zu geben, während Byrnewood bei der Frage ſchnell den Kopf wandte und dem finſteren Manne feſt und geſpannt ins Auge blickte,„welche Todesart wird es ſein!“ „Darüber liegt Schleier und Wolke,“ ſagte der Stern⸗ deuter, während ſein Auge leer und ſeelenlos vor ſich nie⸗ derſtarrte, und die noch immer ausgeſtreckte Hand zitterte und ſchwankte, wie das vom Stuxme gepeitſchte Laub des Waldes.—„Der Tod wird den unglücklichen auf einem Fluß erreichen— aber er ertrinkt nicht— durch Feuer— aber er verbrennt nicht.“— Grabesſchweigen herrſchte mehre Secunden im Zimmer, und nur das ſchwere, convulſiviſche Athmen der Männer ward gehört. Byrnewood ſtand ſchweigend und ernſt, und ein Gefühl, deſſen er nicht Herr werden konnte, hatte ſich ſeiner Seele bemächtigt; Lorrimer aber kämpfte verge⸗ bens gegen das Grauſen an, was ihm die dunkelen Worte des Mannes eingeflößt hatten, und zitternd faſt und bleich, ſchlug er ſcheu ſein Auge zu dem ſtieren, ſeiner nicht mehr achtenden Blicke des Aſtrologen empor. „Hahaha—“ höhnte Byrnewood endlich den Zauber von ſich abſchüttelnd, mit erzwungenem Lachen—„was wir für Thoren ſind, hier den tollen Phantaſieen eines Wahnſinnigen oder Schurken zuzuhören. Woher ſoll er mehr von der Zukunft wiſſen, wie wir ſelbſt?— Eh! Lor⸗ rimer? Uebrigens Sir, da Sie ſo ſehr vertraut mit künftig zu paſſirenden Sachen ſcheinen, ſo können Sie uns auch wohl ſagen, welchem Abenteuer wir heute entgegen gehen?“ Der bleiche Mann heftete ſein Auge ſo ernſt uno ruhig auf ihn, daß der junge Wüſtling den Blick nicht ertragen konnte, und, halb unwillig über ſich ſelbſt, mit dem Fuße ſtampfte. „Das Abenteuer betrifft die Ehre eines unſchuldigen Mädchens,“ ſagte er dann leiſe—„mehr weiß ich nicht, aber ein ſchändliches Verbrechen wird begangen und wehe . 5 66 Euch— wenn Ihr nicht zurückſteht von dem Entſetzlichen — Geht zurück— trennt Euch hier— gebt Euere Pläne auf und Ihr ſeid gerettet— ſtürmt weiter auf Euerer dun⸗ kelen Bahn, und Ihr ſeid verloren.“ Was ſtieg vor Lorrimers Augen empor, daß er ſo ſtill und bleich und ſchweigend hinausſtarrte in die Leere— tauchte der Weihnachtsabend, der Fluß, der Tod vor ihm auf, in ahnungsvollem, ſchreckenerregendem Schauder! warf ſich der Schatten der kommenden Stunden über ſeine Seele? „Hallo, Lorrimer, hat Dich der Wahrſager mit ſeiner Predigt zu fürchten gemacht!“ höhnte ihn aber Byrnewood lachend;„willſt Du das Mädchen aufgeben? fürchtet ſich vor einer Eule— hahaha, was wohl Petriken ſagen würde? — und denke an Mutchins— ha ha— Gus Lorrimer fürch⸗ tet ſich vor einer Eule!“ „Das Mädchen aufgeben!“ rief Lorrimer mit fürch⸗ terlichem Fluch—„das Mädchen! nie! In dieſen Armen ſoll ſie ruhen, ehe der Tag dämmert, und weder Himmel noch Hölle mich davon zurückſchrecken. Hier iſt Dein Geld, Sir Zigeuner— Dein Krächzen verdient beim Teufel das Silber; aber jetzt fort, Byrnewood— fort von hier; mir brennt der Boden unter den Füßen.“ „Warte nur, bis ich den Herrn hier für unſere Särge bezahle,“ lachte dieſer, während er Geld auf den Tiſch warf. —„Alſo daß ſte fertig ſind bis Sonnabend Abend, Alter⸗ chen— Hört Ihr! Natürlich werdet Ihr ja doch ein paar Sargmagazine an der Hand haben, und könnt denen unſer Maas geben.— Alſo ade— auf Wiederſehen— hier oder dort.“ „Nun, Lorrimer, an's Werk.“ „Fort, fort ins Kloſter,“ jubelte dieſer, und im nächſten Augenblick ſprangen ſie hinunter über die Treppe, und durch den engen Gang hinaus ins Freie, und ſtanden wieder auf der ſtillen, ſchweigſamen Straße, unter den leuchtenden Nachtgeſtirnen, die Zeugen ihrer Sünden und Verbrechen werden ſollten. 5* —õyii Fünftes Kapitel. Dora Livingſtone. Welch' ein behaglich, ſtilles Zimmer das alte, rauch⸗ geſchwärzte Comptoir war, mit ſeinen dunkelen Wänden, ſeinem luſtig kniſternden Kaminfeuer, ſeinen rauchig grauen aber warmen Teppichen; welch' ein behaglich ſtilles Plätz⸗ chen, in dem das leuchtend grelle Gaslicht ſelbſt ein wenig mehr Manier und Beſcheidenheit annahm, und ſich leiſe hin an den alten, beſtaubten Gemälden ſtahl, die die Wände, neben Kalendern, Tabellen und Landcharten, ſchmückten; wo ein maſſives, altes Pult, mit wunderlich geſchnitzten Beinen und Schubladen, die eine Ecke, und eine ebenſo ver⸗ zierte, dunkelbraune, eichene Thür, die andere Ecke einnahm, die, mit ſchmalem, hohem Glasfenſter hinausſchaute in das geheimnißvolle Dunkel des langen, gewölbten Waarenhau⸗ ſes, in welchem Faß neben Faß voll gutem, öligem Cogniacs Seite an Seite lag, und ſich einander ganz leiſe und heimlich wunderbare und ſeltſame Geſchichten und Sagen in die Oh⸗ ren zu flüſtern ſchien. 4 Kein Laut regte ſich in dem ruhigen, freundlichen P chen, kein Wort wurde gehört, vor dem Kamine aber, den Kopf zurückgebogen, die Füße oben auf den Kaminſims etwa zwölf Zoll höher als ſich der Kopf befand, gelegt, ſaß ein junger Mann von ungefähr fünfundzwanzig Jahren, die Hände vor ſich im Schooß, die kurze Pfeife im Mund, und ſcheinbar em g damit beſchäftigt, ſeine eigene Perſon in möglichſt kurzer Zeit durch dichten, undurchdringlichen Ta⸗ baksrauch zu umgeben und zu verhüllen, während das mit Punſch gefüllte Glas an ſeiner Seite genugſam zeigte, wie wenig er jener orthodoxen Meinung entgegen war, welche die Doppelheirath zwiſchen Zucker, Citronen und Brandy nicht anerkennen will und ſogar lengnet, daß ſie einen Hauptbeſtandtheil des menſchlichen Lohlſeins hier auf Er⸗ den ausmache. Seine Geſtalt konnte gerade nicht ſchön genannt wer⸗ den, obgleich er ſchlank und proportionirt gewachſen war, ebenſowenig würde ein tailleur de Paris ſeine Kleidung ſehr modiſch gefunden haben, wenn auch ſein Frack aus dem fein⸗ ſten, ſchwarzen Tuch beſtand, ſelbſt ſein Geſicht gehörte nicht zu den nnonidenden und dennoch lag in den ſcharſgeſchnit⸗ tenen Zügen, etwas ungemein Geiſtreiches und Kluges. Die Wahrheit aber zu grſger ſo war ſein Frack an einer Stelle ein wenig zu weit, an einer anderen zu knapp, und vorzüg⸗ lich zu hoch hinauf zugekn öpft, um nur den mindeſten An⸗ ſpruch auf Eleganz machen und ar af der Südſeite von Ches⸗ 70 4 4 nutſtreet, zwiſchen den rauſchenden Seidenſtoffen der ſchönen Welt, paradiren zu können, und dann ſtach die hohe, ſchwarze Halsbinde, mit dem zwar ſchneeweißen, aber ſehr zerdrück⸗ ten Hemdkragen, zu auffallend gegen das bleiche Antlitz ab; nein, die nachläſſig zurückgeſtreiften Manſchetten verriethen eher einen Mann, der ſich den Bequemlichkeiten dieſes Lebens ergeben, und allen Modeunſinn den Commis und Handelslehrlingen überlaſſen hatte. Der dichte Tabaksrauch rollte langſam und ſchwerfällig herüber und hinüber, dann und wann aber gab er auf Se⸗ cunden das Antlitz des jungen Mannes frei und zeigte die kühne, offene Stirn, die etwas eingefallenen Wangen, eine ſcharfe Adlernaſe, dünne Lippen, mit ſarkaſtiſch bitterem Ausdruck, ein volles, beites Kinn und jene dunkeln Augen, die mit ihrem ſchimmernden Glanz den Hineinſchauenden unwillkürlich an eine Flamme ohne Gluth, an den ſchnellen, durchdringenden, aber kalten Blick der Schlange erinnerte. Die langen, glatten, ſchwarzen Haare hingen ihm ſchlicht von den Schläfen herunter, und als er ſie jetzt leicht und nachdenkend hinter die Ohren zurückſtrich, dann lang⸗ ſam das Glas von dem neben ihm ſtehenden Tiſche nahm, und einen langen, langen Zug that, murmelte er halb phi⸗ loſophirend, halb ſelbſtgefällig die folgenden abgebrochenen Redensarten vor ſich hin, deren Zwiſchenräume gewöhnlich durch das Puffen des Tabaksrauches oder das Nippen 44 34 dem dampfenden Glaſe unterbrochen wurden. würdig ausſehendes, altes Haus— in weißer Cravatte und „Sonderbare, wunderliche Welt dies— weiß nicht viel von anderen Welten, ſoviel iſt aber ſicher, würde ein Preis für die wunderlichſte ausgeſetzt— unſere könnte, nur ein Bischen zurechtgemacht und zugeſtutzt, mit Vortheil auf guten Erfolg rechnend, eingeſandt werden. Niemand — Eſel ausgenommen, rauchen Cigarren, wenn ſie je Pfei⸗ . fen verſucht haben.— Ich war auch einmal e kleiner Junge— verdammt lumpiger Geſelle, der Luhk Harvey, der damals um des alten Livingſtone Waarenhaus und Comptoir herumſpielte— undelikater Knabe— trug die Vorhemdchen hinten heraus— Bekam Tritte und Knuffe, weil er arm war— geſchah ihm recht— hol' ihn der Teu⸗ fel.— Der Alte ſtarb— Livingſtone junior wurde Hahn auf dem Hof— übernahm das Geſchäft— Capital runde hunderttauſend— Luhk Harvey wurde Commis— Fing an elegant zu werden, trug feine Kleider und— lebte natürlich tugendhaft— Verdammt wunderlicher Burſche der Luhk. — Kam im vorigen Jahr mit in die Compagnieſchaft neben „ noch einen jungen Burſchen, deſſen Vater auch ein kleines Sümmchen von etwa einmalhunderttauſend beſitzt— ſehr angenehm das— Livingſtone, Harvey und Comp.— Vor⸗ züglicher Punſch— ein Bischen zu viel Citrone— verdammt viel— Sonderbar— kommt da vor ein paar Wochen ein ehr⸗ Hoher Schulter, ins Comptoir— ſchrieb ſich von Char⸗ 72 leston, der Alte— ſprach faſt ein wenig jüdiſch— nicht viel übrigens— bringt einen Creditbrief von Grayſon, Ballen⸗ ger und Comp., blos hunderttauſend— die weiße Cravatte kriegts. Hol die Ratte in der Wand der Henker, kann ſie denn ihr Abendbrod nicht in Ruhe freſſen, wie andere Leute.— Kommt vor zwei Wochen die Nachricht, Grayſon, Ballenger und Comp. haben nie ſolchen Brief geſchrieben— Fäl⸗ ſchung— reine Betrügerei— allerliebſt das.— Heiße Kohlen auf den bloßen Kopf, ganz angenehm im Ver⸗ gleich.— Livingſtone in New⸗York— verſucht jetzt ſeit einer Woche dem Hallunken nachzuſpüren.— Muß mir eine neue Pfeife morgen kaufen— ſah neulich eine mit Judas Iſcharioth drauf.— Ehrlicher Schuft der Judas; hing ſich, wie er ſeinen Herrn verkauft hatte. Wie theuer wohl Stricke in Philadelphia werden würden, wenn ſich die alle hängen wollten, die hier ihren Gott für Geld verkauften!— Ver⸗ dammt guter Tabak. Muß übrigens jetzt zu Hauſe gehen— ſo, noch ein Schluck und dann fort. Hahaha— verdammt gute Idee von dem Colonel — großes Thier— Lion— Mann von Welt— langhaari⸗ ger Apollo.— Kam heute Abend mich zu beſuchen— roch wie eine Biſamkatze— muß ſein Taſchentuch heraus⸗ holen und mit ſeinem Reichthum prahlen— verlier einen Brief aus einem Packet Banknoten— hahaha werthvolles Schreiben das— möchte keine tauſend Dollar dafür nehmen— möchte wiſſen ob das nicht eine kleine Kohle in irgend ein Pulverfaß wirft!“ Und ſeine Pfeife niederlegend, nahm Mr. Luhk Harvey ein niedlich zuſammengefaltetes Billet⸗doux aus einer in⸗ neren Taſche ſeines Fracks, hielt es gegen das Licht, und las die Adreſſe, die in einer feinen, zierlichen Frauenhand ge⸗ ſchrieben war. „Colonel Fitz⸗Cowles— United⸗States⸗Hotel—“ prächtige Idee das, Colonel, einen ſolchen Brief zu ver⸗ lieren, wird Euch wohl in keine Verlegenheit bringen! wie! o nein, Gott bewahre— hahaha— verdammt gute Idee das. Der Gedanke ſchien ihm ſolch unendlichen Spaß zu machen, daß er ſich ordentlich ſchüttelte vor innerlichem Lachen, als er mit einem ſehr ſelbſtzufriedenen Blick in ſeinen großen Ueberrock hineinfuhr und ſelbſt, während er das Gas⸗ licht ausdrehte und die Kohlen zudeckte, mehremale in ein lautes, herzliches Lachen ausbrach, bis er, durch das dunkele Waarenhaus gehend, die Thür und mit ihr das Freie, die dunkele, ſchweigende Straße erreichte. Hahaha— lachte er, z terſthinausſchauend auf die menſchen⸗ leere Gaſſe, und dann die ſchwere Thüre hinter ſich ſchließend, mſolch ein liebes, liebes Briefchen zu verlieren, und gerade bei mir— bin nur nungitnis, ob das nicht die Hölle heitzt.— 4 74 Ich habe auch einmal geliebt— Luhk. Du warſt da⸗ mals ein ſehr großer Eſel— Korb bekommen— abgefal⸗ len— das iſt ja wohl das Wort— aber vielleicht blüht mir jetzt keine Genugthuung, wie? o nein, Gott bewahre— das Briefchen hier, das iſt ganz unſchuldig und angenehm — o ja wohl— hahahaha. Mit derartigen Gefühlen, die ſeine Geſichtszüge oft zu wilder Heiterkeit zuſammen zogen, aber dennoch bei alle dem etwas finſteres, unheimliches hatte, wanderte er Frontſtreet hinunter, wandte ſich Chesnut hinauf und hielt an der Ecke der dritten Straße einen Augenblick, um ſeine goldene Repetiruhr mit der gegenüberſtehenden Rathhaus⸗ uhr zu vergleichen. Während er noch ſo beſchäftigt war, und das Ziffer⸗ blatt ſeiner Uhr gegen das Licht des Mondes hielt, um die Zeiger beſſer erkennen zu können, kam ein kräftig gebauter Mann, in den mittlern Jahren etwa, und wohl verſehen mit Oberrock und Pelzmütze, eine Reiſetaſche in der Hand, über die Straße und blieb einen Augenblick unbemerkt oder unbeachtet hinter ihm ſtehen. „Nun Luhk, geht die Taſchenuhr recht und die Stadt⸗ uhr falſch, wie!“ ſagte gleich darauf eine freundlich herzliche Stimme und der fremde Gentleman legte ſeine Hand auf Harveys Schulter. „Oh— Livingſtone— ſind Sie das!“ rief Luhk ſich umdrehend, während er in das gutmüthige Geſicht des Freundes ſchaute.—„Seit wenn ſind Sie von New⸗York zurück!“ „In dieſem Augenblick angekommen. Uebrigens erwar⸗ tete ich nicht vor nächſter Woche hier einzutreffen, ſchrieb auch deßhalb an meine Frau einen Brief, in dem ich ihr ſagte, mich nicht in Philadelphia bis nach den Feiertagen zu erwarten. Sie wird nun freilich etwas erſtaunt ſein, mich ſo plötzlich da zu ſehen.“ „Wahrſcheinlich,“ bemerkte Luhk trocken. „Gebt mir Euern Arm Luhk und kommt mit mir zu Hauſe; ich habe Euch viel zu erzählen— aber— vor allen Dingen etwas Neues oder Beſonderes vorgefallen?“ Während nun Harvey dem älteſten Compagnon der Firma Livingſtone, Harvey und Comp., ſeine verſchiedenen, ihn intereſſirenden Neuigkeiten und Geſchäftsſachen mit⸗ theilt, können wir uns denſelben ein wenig genauer und mit Muße betrachten. Stark, breitſchultrig und kräftig gebaut, mit einer Ge⸗ ſtalt, die faſt etwas Anlage zu Corpulenz zeigte, wanderte Mr. Livingſtone mit feſtem, regelmäßigen Schritt auf den breiten Trottoirs der Straße hin. Sein Geſicht war voll und blühend, etwas ſonngebräunt und zeigte hier und da, wenn auch nur ſchwach und unbedeutend Spuren der Blat⸗ tern. Seine breite, offene Stirn ward mehremale ſichtbar, als er während des Gehens die warme Mütze von derſelben zurückſchob und ſeine ſcharfen, leichtenden Augen wurden 76 noch mehr und auffallender durch ein paar außerordentlich ſchwarze Augenbraunen hervorgehoben. Die kühngeſchnit⸗ tene Adlernaſe ſaß dabei über feinen und entſchloſſen gewölbten Lippen und das breite, etwas vorſtehende Kinn gab den Zügen einen ſolch beſtimmten Ausdruck von Energie und Feſtigkeit, daß der ganze Charakter des Mannes klar und deutlich in denſelben zu leſen geweſen wäre, hätte nicht ein ruhiges kaufmänniſches Leben, das ſeinen Fähigkeiten keinen Raum gab ſich zu entwickeln, oder ſie wenigſtens in einen ganz anderen, ruhigern Kanal lenkte, ihre Kraft ge⸗ brochen, oder wenigſtens für den Augenblick unterdrückt und umhüllt. Ein Weſen ſchlief aber unter dieſer ruhigen Hülle, das ganz verſchieden von dem jetzigen Treiben und Wirken des Mannes, nur einer Anregung bedurft, um wild und fürchterlich ins Leben zu ſpringen. Wäre er arm geboren geweſen, ſo würde wahrſchein⸗ lich ſchon früher Mangel und Noth die Federkraft ſeines Geiſtes, jene ſchlummernde finſtere Macht in ſeiner Seele erweckt haben, ſo aber in Reichthum und Ueberfluß aufge⸗ wachſen, lächelte das Glück ihm von Jugend an, und jene Kräfte, die ſich ſonſt ſo gewaltig Bahn gebrochen hätten, erſchlafften. Er war„ein wackerer Mann, ein braver Kauf⸗ mann und ein guter Bürger.“ Wir wiederholen nur die Stereotypphraſen der Stadt; und dennoch, dennoch kauerte neben dem verborgenſten Herzenswinkel dieſes gutmüthigen, wohlwollenden Angeſichts ein ſchlummernder Teufel, der 77 ſein ganzes Leben lang dort müßig und ſcheinbar todt ge⸗ legen hatte, aber nur den Ruf des Schickſals erwartete, um furchtbar zu erwachen und dieſe männliche Bruſt mit ſeinen Fängen zu zerfleiſchen. „Haben Sie Nichts über den Fälſcher erfahren können?“ frug ihn Luhk Harvey jetzt, als er ſeinen Bericht geendet hatte—„keine Spur von dem liebenswürdigen Gentleman in der weißen Cravatte finden können?“ „Er ſpielte daſſelbe Spiel in New⸗York, was er mit ſo vielem Vortheil hier beendete. Wohin ich kam, hörte ich Nichts als„Mr. Ellis Mortimer von Charleston kaufte hier Güter zu einem ſehr bedeutenden Betrag, und zwar in Kraft eines Creditbriefs von Grayſon Ballenger und Comp. Nicht weniger als zwölf en Gros⸗Geſchäfte gaben ihm zu einem faſt unbegrenzten Betrag Credit. In allen Fällen wurden die Waaren aber durch die zweite Hand in die verſchiedenen Auctionen geſchafft, und dort zu den halben Preis verkauft, während Mr. Ellis Mortimer das baare Geld einzog.“ „Und keine Spur konnten ſie von dieſem König aller Betrüger finden!“ „Keine— die ganze New⸗Yorker Policey hat Himmel und Erde aufgeboten, ihn in der letzten Woche einzufangen, aber vergebens. Ich bin endlich zu der Ueberzeugung ge⸗ kommen, daß er ſich irgendwo in dieſer Stadt umhertreiben muß und zwar mit der ganz anſtändigen Summe von circa zweimal hunderttauſend Dollar in Händen. Uebrigens kann er, meiner Meinung nach, das Geſchäft nicht allein betrieben haben, es muß eine ordentliche Bande ſolcher Schufte ſein. Morgen ſoll die Policei jeden Winkel, jede Höhle der ganzen Stadt durchſuchen. Mein Freund Fitz⸗Cowles gab mir ebenfalls einige ſehr gute Notizen, ehe ich nach New⸗ Vork ging; ihn will ich morgen früh beſonders zu Rathe ziehen.“ „Prächtiger Burſche das, jener Colonel Fitz⸗Cowles“ ſagte Luhk, als ſie die„vierte Straße“ hinabgingen—„aus⸗ gezeichneter Burſche— kleidet ſich pompös— giebt aus⸗ gezeichnete Soupers im Hotel— iſt gewiſſermaßen das Modejournal für Hüte und— ein wahrhaft gentiler Seig⸗ neur, dieſer Colonel Fitz⸗Cowles.— Der Sohn eines engliſchen Earls, nicht wahr?“ „So viel ich weiß, ja“ ſagte Livingſtone, dem übrigens der kalte, ſarkaſtiſche Ton, mit dem Luhk dieſe Worte äußerte, nicht recht gefallen wollte,„man ſagt es wenigſtens in der Stadt.“ „Hat Geld in Maſſe— Reichthum ohne Ende. Apro⸗ pos— woher kam er eigentlich? ſoll er nicht irgend ein Pflanzer aus dem Süden, mit Negern ackerweis, und Baumwollenfeldern wie Prairieen ſein?“ „Das iſt eine ſonderbare Frage Luhk; wollteſt du nicht eben behaupten er ſei der Sohn eines engliſchen Earls! wie verträgt ſich das mit dem Pflanzer?“ „Ja— ich glaube— hörte übrigens Beides, und Gott weiß was noch Alles. Der wahrſcheinliche Erbe einer Grafenkrone in England— ein reicher Pflanzer aus dem Südenz der Sohn eines Boſtoner Nabobs— das einzige Kind eines reichen Mexikaners; Sie ſehen, das paßt nicht recht zuſammen. Was zum Teufel iſt unſer langlockiger Freund eigentlich!“ DOh— Anſinn Luhk— Ihr wißt, daß Fitz⸗Cowles in den beſten Geſellſchaften Zutritt hat, daß er in der Quäker⸗ ſtadt gewiſſermaßen den Ton angiebt, unſere Richter und Advokaten drängen ſich um ihn und er wird ſtets Freunde genug finden, die ihm helfen ſein Vermögen durchzu⸗ bringen.“ 8 „Ausgezeichneter Mann, der Colonel Fitz⸗Cowles— ſehr ausgezeichnet,“ ſagte Luhk auf ſeine gewöhnliche trockene Art.. Die beiden Männer wanderten eine Zeit lang lautlos, jeder mit ſeinen eigenen Gedanken beſchäftigt, nebenein⸗ ander hin. „Höre Luhk,“ unterbrach endlich der Kaufmann die ſchweigſame Pauſe—„weißt du wohl, daß ich den ver⸗ heiratheten Stand für den glücklichſten in der Welt halte! Sieh mich zum Beiſpiel an. Noch vor einem Jahr, war ich ein armſeliger, elender Junggeſelle. Der Verluſt von hunderttauſend Dollaren würde mich damals der Verzweif⸗ lung Preis gegeben haben; jetzt beſitz ich ein junges, ſüßes . Weib, das mich tröſtet und mit lächelnden Lippen begrüßt; der erſte Laut ihrer Stimme— und mein ganzer Verluſt iſt vergeſſen.“ Der Kaufmann blieb unwillkürlich ſtehen; eine Thräne glänzte in ſeinen Augen, der Gedanke an ſeine junge Frau, wie ſie lieblich und einſam auf ihrem Lager ruhte, ſtieg vor ſeiner Seele auf. Er ſah ihr Lächeln, wenn. ſie erwachte und ihn erkannte— er fühlte ihren weichen, vollen Arm um 1 ſeinen Nacken, und er verſuchte— ach der Verſuch war ver⸗ gebens— die Wolluſt ihres Kuſſes zu empfinden, als ſie ihm die rothen, reifen Lippen entgegen hielt, und ſie dann heiß und liebend in den ſeinigen begrub. „Luhk— du magſt mich für partheiiſch halten,“ ſagte er dann nach kurzer Pauſe, mit ſeiner tiefen, männlichen Stimme;„aber ich glaube wahrlich, daß Gott nie ein herr⸗ licheres, beſſeres Weib geſchaffen hat, als meine Dora iſt. Sieh nur das Opfer das ſie mir brachte. Jung und blühend, kaum zwanzig Sommer alt, vergaß oder mißachtete ſie die Verſchiedenheit unſers Alters, und theilte eine arme, trübe Junggeſellenwirthſchaft.“ „Sie iſt in der That eine vorzügliche Frau!“ bemerkte Luhk— ſah dann zum Mond hinauf, und pfiff ſich irgend einen Tanz aus einer bekannten Oper. „Rein an Herz und Seele“ rief Livingſton—„und geſtehe es nur, daß wir verheiratheten Leute mehr in einer —,— 81 Stunde leben, als ihr armen Garcons in einem ganzen Jahr.—“ „Oh ja— ja wohl— Sie haben übrigens gut reden, mit ſolch ſchöner Frau. Bei Gott, wenn ich nicht fürchten müßte Sie eiferſüchtig zu machen, ich möchte behaupten, daß Madame Livingſtone die herrlichſte Geſtalt hat, die ich in meinem ganzen Leben geſehen habe.“ Harvey's Lippe zog ſich, als er ſprach, ſpöttiſch zu⸗ ſammen und ſchnell und flüchtig überflog er mit ſeinem Blick die Geſtalt des Mannes, der lächelnd neben ihm hinſchritt. „Und ihr Herz Luhk,“ ſagte dieſer—„ſo edel— ſo gut— ſo treu. Ich wollte nur, du hätteſt ſie ſehen können, als ich ſie zuerſt kennen lernte— in einem kleinen, ärm⸗ lichen Gemach, neben dem Sterbebette ihrer Mutter. Sie waren ſehr zurückgekommen— der Vater hatte vor ſeinem Tode bankerott gemacht; doch hielt ich es damals für meine Pflicht ſie zu beſuchen; ihr Vater war meines Vaters Freund geweſen, und— aber hallo Luhk— wenn ich nicht irre, ſo habe ich dich damals auch in Woodſtreet, wo ſie wohnten, geſehen; kannteſt du die Familie!“ „Miß Dora's Vater hatte mir Gutes gethan,“ ſagte Luhk, in einem ruhigen, unbefangenen Ton, ein finſteres, unheimliches Licht glühte aber in ſeinen Augen und ſeine Lippen zitterten. 1 9 ſo— nun Luhk— hier iſt mein Haus,“ rief 5 6 82 Livingſtone, als ſie vor einem prächtigen, dreiſtöckigen Ge⸗ bäude in dem„Ariſtokraten Block,“ wie jene Häuſerreihe an der Südſeite von Fourthſtreet genannt wurde, ankamen. „Glücklicher Weiſe habe ich auch meine Hausſchlüſſel mit, daß ich nicht einmal die Dienſtboten zu wecken brauche. Kommt aber einen Augenblick mit mir herauf, Luhk, ich habe noch wegen der Fälſchung mehres auf dem Herzen, dem ich erſt, ehe ich ruhig ſchlafen kann, Worte geben möchte.“ Sie traten ein in das Gebäude, wanderten in einer breiten und geräumigen Halle hin, ſtiegen die reich mit Tep⸗ pichen belegte Treppe hinauf, bis in das zweite Stockwerk, und ſtanden dort bald in Mitten der prachtvoll geſchmffften „Parlour“. Mr. Livingſtone entzündete hier, mit einigen auf dem Kaminſims gefundenen Streichhölzchen, die kleine Bettlampe, die zwiſchen koſtbar gebundenen Büchern und Heften auf dem großen runden Mitteltiſch ſtand, und winkte dem Freunde ſich auf kurze Zeit noch neben ihm niederzu⸗ laſſen. Das matte Licht der Lampe verrieth die prächtige und koſtbare Ausſchmückung des Zimmers, den glänzenden, breit⸗ gehangenen Spiegel über dem Kamin, die weichen elaſtiſchen Sophas, Ottomanen und Seſſel und die reichen ſeidenen Vorhänge, die dicht und ſchwer von drei hohen, in die Straße hinabſehenden Fenſtern niederfielen. „Komm Luhk— ſetzt Euch hier zu dem Tiſch,“ ſagte — 83 Mr. Livingſtone, während er ſich ſelbſt in einen bequemen Schaukelſtuhl zurückwarf und das Zimmer mit einem recht wohlbehaglichen, ſelbſtzufriedenen Blick überflog—„ſprecht aber nicht zu laut— meine Frau ſchläft hier nebenan und Ihr wißt, ich wollte ſie gern ein klein wenig überraſchen.— Nicht wahr Luhk, das iſt ein köſtlicher Spaß— eine ganze Woche glaubt ſie mich noch abweſend und ich bin gewiß der Letzte, den ſie heute zurückerwartete— ha haha—“ Und der Kaufmann kicherte ſtill und leiſe in ſich hinein, rieb ſeine Hände, blickte innig verjüngt nach der Flügelthür hinüber, die in das Zimmer führte, wo ſein blühendes junges Weib ſchlief, und ſchaute dann wieder halb lächelnd, halb mitleidig nach Harvey hin, als ob er hätte ſagen wollen: hr Junggeſellen ſeid doch arme, elende Wichte, ich kann Euch aber nicht helfen— wahrhaftig ich kann nicht.“ „Es wäre allerdings Schade, Madame Livingſtone jetzt aufzuwecken,“ ſagte Luhk, und heftete ſein dunkelleuchtendes Auge auf das Antlitz des ältern Compagnons, doch lag ein ſo finſterer, geheimnißvoller Ausdruck in dem Blick, daß ihm Livingſtone unwillkürlich auswich. „Jammer Schade,“ fuhr Luhk fort—„aber apropos— was die Fälſchung anbetrifft, ſo laſſen Sie mich erſt die einfache Thatſache wiederholen, damit wir darüber wenig⸗ ſtens im Reinen ſind.“ „Vor wenigen Wochen erhielten wir einen Brief von dem achtbaren Haus Grayſon, Ballenger und Comp. aus 6* 84 Charleston, worin ſie uns kund thaten, daß ſie eine bedeu⸗ tende Quantität Baumwolle von einem reichen Pflanzer— Mr. Ellis Mortimer, eingekauft hätten, und daß dieſer in vielleicht einer Woche, oder zehn, eilf Tagen, Philadelphia mit einem Creditbrief ihres Hauſes, auf hunderttauſend Dollar, beſuchen würde. Sie kündeten uns dieß an, damit wir vorbereitet ſein möchten, die Anweiſung nach Sicht zu acceptiren und auszuzahlen.“ „Gut— eine Woche ſpäter kommt ein ſehr anſtändiger und wohlhabend ausſehender Mann— giebt ſich als Mr. Ellis Mortimer zu erkennen— präſentirt ſeinen Credit⸗ brief, empfängt das Geld, und wir ſelbſt benachrichtigen Grayſon, Ballenger und Comp. von der Thatſache.“ „Dafür bekommen wir die höchſt angenehme Antwort, daß Mr. Ellis Mortimer Charleſton noch nicht verlaſſen hätte, auch jetzt gar nicht nach Philadelphia kommen, ſon⸗ dern nach London abgehen würde, da er ſeine Reiſeroute geändert habe; der Gentleman in der weißen Cravatte alſo ein Betrüger und der Creditbrief— gefälſcht wäre. Ueber der Sache hängt aber noch ein bedeutend geheimnißvolles Dunkel, denn, wenn das wirklich ein Betrüger war, wie konnte er all die Einzelheiten von Mr. Mortimers Beſuch erfahren, woher hatte er überdieß die Schrift des Charles⸗ toner Hauſes?“ 3 „Vielleicht kann ich Euch hierüber einigen Aufſchluß geben,“ ſagte Livingſtone.„In letzter Woche erhielt ich in New⸗York einen Brief von Charleston, worin mir folgende Thatſachen mitgetheilt wurden. Es ſcheint, daß in Anfang Herbſt Ballenger und Comp. einen Brief von Mr. Albert Hazelton Munroe erhielten, der ſich für einen reichen Pflan⸗ zer von Wainbridge in Süd⸗Karolina ausgab. Er hatte eine bedeutende Quantität Baumwolle zu verkaufen und wünſchte auf das Haus in Charleston zu ziehen. Sie ant⸗ worteten ihm, frugen ihn nach der Qualität ſeiner Waare und erſuchten ihn ſie zu beſuchen, ſobald er nach Charleston käme. Anfang November betrat Mr. Munroe, ein ſonn⸗ gebräunter Gentleman, wie ein nonchalanter Pflanzer ge⸗ kleidet, ihren Laden zum erſten Male und begann Unter⸗ handlung wegen ſeiner zu verkaufenden Baumwolle, was noch zu keinem Reſultat geführt hatte, als Herr Ellis Mor⸗ timer auf dem Schauplatz erſchien, ſeine Baumwolle ver⸗ kaufte und den Kreditbrief auf unſer Haus verlangte.“ „Mr. Munroe war indeſſen, durch ſein munteres, an⸗ ſpruchloſes Weſen mit all den Commis und beſonders mit den Herren Grayſon, Bollenger und Comp. ſehr vertraut geworden, ging fortwährend aus und ein im Geſchäft, und hatte dort, wie ſpäter Einer der Commis ausſagte, den Brief an unſer Haus überleſen, in welchem uns die Ankunft des Herrn Mortimer angezeigt wurde, und der, durch un⸗ verzeihliche Nachläſſigkeit Eines der Leute, offen auf dem Pult liegen geblieben war. Am Tag darauf, als dieſer Brief abgeſchickt worden, verſchwand Mr. Albert H. Mun⸗ roe plötzlich aus Charleston und ließ Nichts weiter von ſich hören noch ſehen. Grayſon und Ballenger haben ihn jetzt, der Fälſchung wegen, allein im Verdacht.“ „Sehr leicht möglich— er ſah das Schreiben, fertigte dann ſelbſt den Creditbrief aus und verfügte ſich ohne großen Zeitverluſt hierher.—“ „Jetzt aber die Folgen dieſes Betrugs— am nächſten Montag Morgen haben wir einen Wechſel von ziemlich dem— Betrag— hunderttauſend Dollar zu zahlen und das kann, bei den gegenwärtigen Umſtänden unſer Haus ruiniren und brechen, wenn wir den Schuft nicht finden und wenigſtens einen Theil des Geraubten retten. Geſchieht das nicht, ſo fürchte ich das Schlimmſte.— Ihr ſehet unſere Lage Luhk.—“ „Ja ja—“ antwortete dieſer, während er aufſtand, langſam auf den Freund zuſchritt und ihm ernſt und ſtarr in die Augen ſchaute.— Ja ja— ich ſehe Ihre Lage we⸗ nigſtens— und das in mehr als einer Hinſicht.—“ „Luhk ſeid Ihr toll geworden! was ſtarrt Ihr mich denn ſo an; ſeht Ihr etwas Beſonderes an mir, daß Ihr mich ſo genau und ſorgfältig betrachtet!“ „Ha haha“— rief Luhk mit einem krampfhaften Lachen—„ha haha— Nichts als Hörner Sir— rieſen⸗ große Hörner— weiter gar Nichts— ein koſtbares Paar— beim Teufel Livingſtone, Sie werden in gar keine Kirchthüre mehr damit hinein können, ohne ſich zu bücken— die ſind ſo verdammt groß.“ Livingſtone ſah ihn mit großen Augen und ganz ver⸗ wundert, ja halb erſchreckt an, denn natürlich war ſein erſter Gedanke, Luhk müßte plötzlich, über den Verluſt einer ſo be⸗ deutenden Summe, wahnſinnig geworden ſein; da er ſo auf einmal, und ohne den mindeſten Grund, in einem ernſten, wichtigen Geſpräch über Geſchäfte, die ihnen Beiden ſo ſehr am Herzen lagen, abbrach, und lachend in ſeine wilde Phan⸗ taſieen ausbrach. „Harvey— Luhk— ſeid Ihr toll geworden?“ frug er ihn jetzt zwar mit ruhigem, aber doch noch beſorgtem Ton. Harvey bog ſich langſam nach vorne, brachte ſeinen Mund nahe zu Livingſtones Ohr, ſo daß dieſer den heißen Athem auf ſeiner Wange fühlen konnte, und flüſterte ein einziges— kleines Wort. Wenn ein Krieger in der Schlacht die tödtliche Kugel im Herzen fühlt, ſpringt er mit einem convulſiviſchen Satz, hoch empor vom Erdboden, und ſtößt einen Schrei aus, der die Bruſt der neben ihm Stehenden mit Entſetzen erfüllt. Mit derſelben krampfhaften Bewegung, mit demſelben un⸗ artikulirten Laut von Angſt und Schrecken, ſprang Living⸗ ſtone, bei dem Schall dieſes einen Wortes, in die Höhe und ſah ſtarr in die Augen des Mannes, der es ausgeſprochen. „Harvey,“ ſagte er dann mit leiſer Stimme und zittern⸗ 88 den Lippen, während ſein klares blaues Auge in jenem furchtbaren Feuer glühte, das um ſo unheimlicher anzu⸗ ſchauen war, eben weil es ſonſt ſo blau und ſanft gar keiner ſolchen Leidenſchaft fähig zu ſein ſchien.„Harvey— du wäreſt beſſer nie geboren, als das Wort noch einmal aus⸗ zuſprechen. Damit zu ſpielen, iſt fürchterlicher als Tod — Harvey— verlaſſ' mich— ich fühle wie ich meiner ſelbſt nicht mehr Herr bin— eine Stimme höre ich in mir flüſtern, die mir zuruft dich zu morden— um Gotteswillen— ver⸗ laß mich!“ Harvey ſah ihm kühn und unverzagt ins Antlitz, wenn auch ſeine ſchwarzen, kalten Augen glänzten und ſtrahlten, und ſeine dünnen Lippen wie im Todeszucken bebten. „Hahnrei,“ rief er dann noch einmal mit kurzem, höhniſchem Lachen, und Livingſtone fuhr bleich und entſetzt Lurück. Die großen blutgefüllten Adern ſeiner Stirn drohten, ſich durch die dünne Haut zu drängen, und ſeine rechte Hand fuhr— zitternd und krampfhaft unter die Weſte an ſeine Seite, während ſein blaues Auge— großer Gott, wie gläſern es plötzlich geworden war— Harveys Geſtalt überflog, als ob er den Platz an ihr ausſuchen wolle, wo er ſie treffen und vernichten ſolle. „In die Kammer!“ rief aber Luhk jetzt gebieteriſch— „in die Kammer— und iſt ſie dort, ſo bin ich ein Lügner —„. — 89 und ein Hund und verdiene zu ſterben. Ha hnrei ſage ich und will es beweiſen. In die Kammer.“ Und in die Kammer, mit feſtem, ſicheren Schritt, obgleich ſeine ganze kräftige Geſtalt zuckte und ſchwankte, wie die von der Windsbraut umbebte Eiche, ſchritt der Kaufmann— die Thüre öffnete ſich und ſie verſchwanden im Innern. Schweigen herrſchte auf einen Augenblick im Gemach— Schweigen— grabesähnliches Schweigen, wie zwiſchen dem letzten Wort des Gebetes und dem erſten dumpfen Schall der, auf den Sarg nieder polternden Erde. In der nächſten Minute kehrte Livingſtone in ſein Zim⸗ mer zurück— ſein Antlitz aſchfarben; aber das Arbeiten ſeiner Züge verrieth den Kampf der in ſeinem Innern tobte. Der Kampf war jedoch fürchterlicher als der Tod ſelbſt, und zwar Tod in ſeiner fürchterlichſten, gräßlichſten Geſtalt. Er trieb die großen klaren Schweißtropfen aus ſeinen Poren, und das Blut aus ſeinem Antlitz, daß ein großer ſchwarzer Ring jedes Auge zu umſchließen ſchien. „Sie iſt nicht da,“ ſagte er dann, Luhks Hand erfaſſend, die er mit eiſernem Griffe preßte—„Sie iſt nicht da.—“ „Treulos ihres Mannes Bett und Ehre,“ rief Luhk jetzt traurig, während der frühere Haß in ſeinem Blick einem ſanfteren Gefühle Raum gab, als er die ſchmerzdurchwühlte Veränderung in den Zügen des Freundes erblickte—„falſch wie die Hölle— und noch ſündhafter als falſch.“ Ein Papier auf dem Mitteltiſch, halb von dem Fuß 90 der Lampe bedeckt, erregte in dieſem Augenblick die Aufmerk⸗ ſamkeit des Gatten— er ſchob die Lampe zurück und ſah ein kleines Briefchen, an ihn ſelbſt adreſſirt und zwar von der Hand ſeiner Frau. und wie er es las, kehrte das Blut zurück in ſeine Schläfe, der Glanz in ſeine Augen, und ſeine Augen glühten in plötzlich aufwallender Wuth und Verachtung. „Lügner und Hund!“ ſchrie er, während er mit einem plötzlichen Sprung den Freund bei der Kehle faßte.— „Deine Lüge war wohl berechnet— aber ſieh hier— hier — hier—“ und er ſchüttelte die Geſtalt des Widerſtand⸗ loſen wie ein gebrochenes Rohr.—„Hier iſt meines Weibes Brief— das lies— und dann ſollſt du deine eigenen faulen Worte verſchlingen. Hier hat mein braves, treues Weib, die Möglichkeit vorausſehend, daß ich plötzlich von New⸗York zurückkehren könne, mir geſchrieben, daß ſie heute Abend ihr Haus verlaſſen, und eine arme kranke Jugend⸗ freundin und Geſpielin, die auf ihrem Todtenbett liege und nach ihr verlangt habe, beſuchen werde. Lies— o lies! „Laßt meine Kehle los, oder— bei Gott— ich thue Euch ein Leides an,“ ſtöhnte Luhk mit halberſtickter Stimme, während ſich ſein Geſicht ſchon dunkel färbte.—„Living⸗ ſtone— hab Acht!“ „Lies Sir— lies das,“ knirrſchte der Kaufmann, in⸗ dem er den jungen Mann in den Stuhl nieder⸗, und den Brief in ſeine Hand drückte—„lies— und dann krieche — 91 hier aus dem Zimmer wie ein ſchurkiſcher, hündiſcher Molch, der Du biſt— lies— und morgen wollen wir zuſammen abrechnen.“ Luhk ſank in den Stuhl zurück, nahm mit bleichem Ant⸗ litz und einem rothen Fleck auf jeder Wange, da das gewalt⸗ ſam hineingepreßte Blut ſich jetzt wieder zum Herzen hinab⸗ drängte, den Brief und bog den Kopf weit nach vorne über, als ob er den Inhalt dadurch deutlicher und beſſer erkennen wolle; ſeine unbeſchäftigte Hand glitt aber indeſſen leiſe und ſchnell unter den zugeknöpften Ueberrock, während Living⸗ ſtone, hoch aufgerichtet, mit zornigem, verächtlichem Blick zu ihm nieder ſah. „Das iſt ein ſehr ſchöner Brief,“ ſagte Luhk endlich, das Schreiben Livingſtone ruhig zurückgebend—„ſehr gute Conſtruction— glaubte gar nicht, daß Dora ſo fließend . ſchreiben könnte.“ Der Kaufmann ſchaute ungewiß und erſtaunt zu dem Manne nieder, den er in dieſem Augenblick unter der Laſt ſeiner Schuld niedergedrückt zu ſehen erwartete. Er überflog Luhk's Züge mit einem ſchnellen, flüchtigen Blick und ſah dann auf den Brief nieder, den er in der Hand hielt. „Ha— das iſt nicht daſſelbe Schreihen!“ rief er plötz⸗ lich, halb erzürnt, halb erſtaunt.„Dieſer Brief iſt an Co⸗ lonel Fitz Cowles adreſſirt—“ „Der Colonel verlor ihn leider heute Morgen im Comptoir,“ lächelte Luhk mit einem Ausdruck in den Zügen, der auf das Aergſte vorbereitet ſchien.„Der Colonel iſt ein ſehr artiger Mann, ein Liebling des ſchönen Geſchlechts.— Leſ'— oh— leſ't.“— Erſtaunt und ungewiß öffnete Livingſtone den Brief, ſein ganzes Nervenſyſtem ſchien aber plötzlich wild emporzu⸗ zucken, als er die Handſchrift erkannte, und wie er den Zei⸗ len folgte— Wort für Wort und Sylbe nach Sylbe— das Gift tropfenweis eintrank, und den Sinn, den entſetzlichen, fürchterlichen Sinn begriff, wechſelte auch ſein Antlitz, wie in einem Zauberſpiegel, Farbe und Ausdruck. Zuerſt überſchoß fliegende, krankhafte Röthe die Wangen, dann wurden ſie leichenbleich, ſeine Lippen trennten ſich— ſein Auge ſchien ein matter, trüber Schleier zu bedecken, die Stirn zog ſich in ſchwarze, dunkele Falten und die Augen drängten und preßten blutunterlaufen aus ihren Höhlen hervor; dazu die ſich öffnenden Naſenlöcher— das krampfhafte Heben und Senken der Bruſt— Starb je ein Mann in ſchrecklicheren, wilderen Zuckungen, als ſie ſich hier an dem Körper des Le⸗ benden kund gaben! Er ſank ſchwerfällig in einen Stuhl, zerdrückte den Brief zwiſchen den Fingern und begrub ſein Geſicht in den Händen. „Oh mein Gott,“ ſtöhnte er—„oh mein Gott— ich liebte ſie ſo heiß— ſo innig.“ Und zwiſchen den Fin⸗ gern, die den böſen, tückiſchen Brief zerknittert hielten, drängten ſich große, klare Thränentropfen hervor, die ſchwer 8 — 93 und langſam hindurchträuften; die erſten Anzeichen eines heraufzieyenden, fürchterlichen Gewitters an einem Som⸗ mertag. Luhk Harvey ſprang empor und ſchritt mit unterge⸗ ſchlagenen Armen heftig und wild durch das Gemach— das Stöhnen des ſtarken Mannes zerriß ſein Herz.„Ich wollte zu Gott, ich hätte geſchwiegen,“ murmelte er dann leiſe vor ſich hin;„wie konnte ich denken, daß er ſie ſo liebte— und dennoch— dennoch— ich, ich habe ſie ja auch einſt ge⸗ liebt.“ „Luhk— Freund,“ ſagte Livingſtone mit zitternder Stimme, als er langſam und ernſt ſein Antlitz erhob;„kennſt Du den Ort— der— in dem Brief hier erwähnt iſt?“ „Ja— und will Sie dorthin führen,“ rief Luhk, wäh⸗ rend ſeine Züge ſchnell ihren früheren Ausdruck von Aufre⸗ gung annahmen.„Kommen Sie,“ flüſterte er dann, als das Andenken an alte Zeiten ſein Herz wieder zu waffnen begann, gegen alle weicheren Gefühle.—„Kommen Sie!“ „Könnt Ihr mir Zutritt zu dem Haus— zu dem— zu dem Zimmer verſchaffen?“ „Habe ich ihren Fährten nicht geſtern dorthin nachge⸗ ſpürt! Kommen Sie.“ Der Kaufmann ſtand langſam auf und nahm ein Paar Terzerole aus ſeiner Reiſetaſche. Sie waren klein und be⸗ quem, reich verziert und mit jenen geräuſchloſen Stechern verſehen, die das Opfer beim Aufziehen nicht erſt mit it rem ſcharfen, klirrenden Laut warnen. Er unterſuchte die Zünd⸗ hütchen und prüfte jedes Rohr. „„Lautlos und ſicher,“ flüſterte Luhk— jedes trägt ſeine einzelne— ſtarke Kugel.—“ „Wohin führt Ihr mich! nach dem ſüdlichen Theil der Stadt!“ „Nach Southwark,“ antwortete Luhr und ſchritt voran aus dem Zimmer—„nach Southwark— in die Höhle— indas Neſt— in das Peſthaus.“ Sie ſtiegen die Treppen hinab— öffneten die ſchwere Thür und ſtanden im nächſten Augenblick auf der Schwelle des fürſtlichen Hauſes in der kalten, klaren Decembernacht. — Luhk aber nahm den Arm des Freundes in den Seinigen — zeigte gen Süden, und flüſterte ihm das eine leiſe Wort ins Ohr— „Zum Kloſter!“ —— —— 4 Sechstes Capitel. Das Kloſter. Fremdartige, wunderbare Sagen haben ſich bis auf unſere Zeiten über ein Gebäude erhalten, das, ſchon lange vor der Revolution, inmitten eines Gartens ſtand, und von einer hohen Mauer, wie von dichten Kaſtanien⸗ und Buchen⸗ Alleen umgeben war. Dieß Gebäude lag am äußerſten, ſüd⸗ lichen Theil der Stadt und der Garten dazu, umfaßte mehre Acker Landes. Die Wohnung ſelbſt ſollte in alten Zeiten von einem reichen Fremden(wer! iſt nicht bekannt,) erbaut ſein, der nach ſeinen eignen wunderlichen Plänen, Geld und Ausla⸗ gen nicht achtend, das Ganze auf höchſt ſeltſame, originelle Art herſtellte. Die Fronte des Gebäudes, eine einfache, ſo⸗ lide Mauer von ſchwarzen und rothen, wie Schachfelder ge⸗ legten Backſteinen errichtet, ſah gen Süden. Eine ſchwere, von doppelten Säulen unterſtützte Saalthüre, mit wild und phantaſtiſch geſchnittenen Satyrköpfen verziert, drei Reihen tiefer, viereckiger Fenſter mit ihren kleinen Glasaugen, in 4⁴ breiten, unverhältnißmäßigen Rahmen, und der abgeflachte, ſchrägauflaufende Dachgiebel, nebſt ſeinen ebenfalls ausge⸗ ſchnitzten Giebelenden und ſeiner Reihe von wunderlich ge⸗ formten Schornſteinen— das Alles zuſammen erfüllte den Vorüberwandelnden, der die breite, dichtlaubige Allee hin⸗ aufſchaute, mit einem eignen Gefühl von Verehrung und Schauder, was noch dadurch vermehrt wurde, daß heimliche Gerüchte die Quäkerſtadt durchliefen, der reiche Eigenthü⸗ mer ſei nicht damit zufrieden geweſen, ein dreiſtöckiges Prachtgebäude über der Erde zu errichten, ſondern er habe auch noch eben ſo tief in das Innere hinein gegraben, und mit tiefen, tiefen Kellern, Gemächern und Gängen ſeine einſame Wohnung verſehen. Natürlich gab dieß zu allerlei, keineswegs ſchmeichelhaf⸗ ten Gerüchten Veranlaſſung, und hie und da munkelte man in der Stadt, daß von dem unheiligen Eigenthümer des Ge⸗ bäudes wilde, mitternächtliche Orgien gehalten würden, wo Wein ohne Maas geſpendet und Unſchuld ohne Reue ver⸗ führt würde. Verſchleierte Figuren wollte man in ſtiller Nachtzeit durch das Gartenthor haben ſchlüpfen ſehen, und Manche lebten, die zu ſchwören bereit waren, es ſeien wun⸗ derliebliche Frauen mit zierlichen Knöcheln und allerliebſten Geſichtszügen geweſen. In ſpätern Jahren wuchſen die Gerüchte, und das Dun⸗ kel, was über dieſem Orte ſchwebte wurde geheimnißvoller und undurchdringlicher. Jener zierlich und ſauber errichtete — Stall, der an dem einen Ende des Gartens ſtand, ſollte durch einen unterirdiſchen Gang mit dem Hauptgebäude in Ver⸗ bindung ſtehn, und die beiden Flügel des Gebäudes ſchauten dazu gar ernſt und bedächtig auf den engen, durch hohe Planken eingefaßten Hof hinab, den ſie halb umſchloſſen, und der auf der anderen Hälfte durch ein dichtes Eiſengitter von dem daneben liegenden Garten abgeſchnitten war. Der Eigenthümer erhielt, in Folge dieſer Gerüchte, auch natürlich allerlei Ehrennamen und Beiwörter; Manche nannten ihn einen Libertin, manche einen Aſtrolog, andere hielten ihn gar für einen Hexenmeiſter, der am Tage ſeine Gelage hielt und Nachts mit dem Teufel Umgang pflog. Wahrſcheinlich war jedoch der Erbauer niemand Anderes, als irgend ein capriciöſer Engländer, der hier ſeinen wun⸗ derlichen Launen Luft machte. Wenn aber auch der Name jenes geheimnißvollen Erbauers nicht auf die Nachweltkam, ſo hat ſich doch der des Gebäudes ſelbſt auf uns übertragen. Es war das„Kloſter“ genannt. Uebrigens ſollte dieſe Benennung auch noch anderen Quellen entſpringen. Ein katholiſcher Prieſter hatte nämlich dieſen Ort, nachdem der erſte Eigenthümer wieder in das alte Vaterland zurückgekehrt oder begraben war, in Beſitz, und wie man ſich erzählte, ſollten in jener Zeit dieſe Mauern ein Nonnenkloſter umſchloſſen haben, und Gebete und Meſſen aus ihnen emporgeſtiegen, ja jene unterirdiſchen Gemächer zu Plen benutzt geweſen ſein. 98 So lauteten die Gerüchte„das Kloſter“ betreffend, und zwar lange noch, nachdem ſich die Stadt weit hinaus über jene ſüdliche Grenze Bahn gebrochen und die Mauern niederge⸗ worfen, die Gärten und Umgebungen in enge Straßen und Gäßchen ausgelegt und zerſchnitten hatte; noch aber iſt jene Zeit kaum ſo lang verfloſſen, daß ſich einzelne Greiſe und Matronen nicht mehr jenes Gebäudes, wie es damals ſtand, erinnern und dabei erzählen ſollten, wie es nach und nach, mit kaum merklichen Veränderungen, ſein altes Ausſehen abwarf und ſich hineinſchmiegte in die es dicht umdrängen⸗ den, und wie Pilze aus dem Boden heraufwachſenden Häu⸗ ſer. Denn ſchon nach der Revolution erſtanden in all den, die Gärten umgebenden Straßen, neue, wohnliche Back⸗ ſtein⸗ und Holzhäuſer, der Klang des Hammers und der Säge ertönte dabei von den Orten her, wo noch vor weni⸗ gen Monden Blumen und Pflanzen ihre Exiſtenz verträumt hatten, und dichter und dichter umgaben Waarenhäuſer und Kaufläden das ſtille, in ſich verſchloſſene Haus, bis der frü⸗ here Eigenthümer, wäre er jetzt wieder plötzlich einmal auf dieſe Erde zurückgekehrt, ſeinen früheren Wohnort, im Aeu⸗ 8 ßeren wenigſtens, nimmermehr erkannt hätte.* In dieſem Verſuch, das alte Gebäude wieder zu finden, hätte er eine lange ſchmale Gaſſe hinaufwandern, dann einen Hof kreutzen und endlich einen Durchgang paſſiren müſſen, zu welchem wirklich einige geographiſche Ortskenntniſſe gehörten, ihn richtig zu finden und zu benutzen. Endlich, —— — 99 „ auf eine ſchmale Straße hinaustretend, in welche vier enge Gäßchen ausliefen, würde er ſein prächtiges„Kloſter“ ge⸗ ſehen haben, wie es mit einer Druckerey an der einen, einer Stereotypen⸗Gießerei an der anderen Seite einer Maſſe von kleinen, engbrüſtigen, ſpitzdachigen Reihe von Breterhäu⸗ ſern entgegenſtarrte, die alle im Begriff ſchienen, Selbſt⸗ mord zu begehen und ſich in die, vor ihnen hinſtrömenden Goſſen zu ſtürzen, während Fabriken und Wohnhäuſer und viele andere Arten von Gebäuden weit vorlehnten, und ſo trübe und traurig auf einander hinſtarrten, als hätten ſie ſich gerhe die Hände über die Straße gereicht, aber nun ge⸗ fürchtet dadurch ihren Stützpunkt aufzugeben und dann in feinem Sturze, alle zuſammen zu verſchütten. Die ſüdliche Front der Häuſer— ach wie verän dert, war allein noch ſichbar. Die Jalouſien an der einen Seite ded hüre zugenagelt und hermetiſch verſ ſchloſſen, während i der anderen das Tageslicht, durch inwendig vor geſetzte Läden, verhindert wurde einzudringen. Das halbrunde F Fen⸗ ſter inmitten des ſteilen Giebels war ebenfalls zugemauert. Dennoch hätte er den linken Flügel des Gebäudes in ziem⸗ lich gutem Zuſtand gefunden. Aber der etwa hundert Schritte entfernte Stall, was war aus dem geworden! ſtand jetzt auf benene Ruinen irgend ein wohnliches Gebäude neu erer Zeit, oder exiſtirte er noch unter jenen baufälligen Baraken, die zwiſchen ihren glän⸗ zenderen Nachbarn ihren Platz in der Straße nreihe ausfüll⸗ 7* 100 ten? Ja— noch ſtand er, aber ſeine alterſchwachen Wälle dienten, durch die Nebengebäude gehalten, einem Pfand⸗ verleiher zum geräumigen Aufenthalt, und die früheren Stellungen waren mit den von allen Theilen der Stadt herbeigeſchafften Waaren und Geräthſchaften angefüllt. Hätte unſer alter und geſpen ſtiſcher Eigenthümer dann in die das Kloſter umwohnenden Familien gleiten und den Drucker— den Factor— den Gießer um die Geſchichte jenes wunderlichen, halbverfallenen Gebäudes fragen kön⸗ nen, ſo würde ihm hier Einer geſagt haben, es ſei eine Fa⸗ brik, dort einer, es ſei ein Kloſter, da drüben ein Dritter— eine Kirche geweſen, während Andere, bei weitem der größte Theil den Kopf geſchüttelt, und ihre Unwiſſenheit geradezu eingeſtanden hätten. Im Inneren jener Wälle aber, möchte er höchſt uner⸗ warteter Weiſe Pracht und Glanz gefunden haben, der den von ihnen erzählten, faſt märchenhaften Sagen der Vorzeit in Nichts nachſtand, wenn auch das Aeußere traurig und zerfallen ausſah und die Thür auf großer, von Roſt und Grünſpahn halbzerfreſſener Meſſingplatte den geachteten und frommen Namen„Abigail K. Jones“ in ungeheueren, Schmutz gefüllten Buchſtaben trug. Wer dieſer Abigail K. Jones war, wußte freilich Nie⸗ mand, obgleich das der Eigenthümer jenes Gebäudes, ein guter Chriſt und braver Bürger, der auch einen Stuhl in der— Kirche beſaß, wo er wenigſtens einmal in jedem 10¹1 Monat das Abendmahl nahm, leicht hätte ſagen können. Doch was lag daran; Abigail K. Jones hätte allnächtlich die hölliſchen Regionen bei ſich verſammeln können, kein Wort wäre deßhalb verloren; denn wie der fromme Eigen⸗ thümer auch ſehr richtig bemerkte, als er das Miethgeld in dieſelbe Taſche ſchob, in der er einige Traktätchen über Mäßigkeit und Wohlthätigkeit trug; Abigail war ein ſehr guter— ein außerordentlich guter Miethsmann, und be⸗ zahlte was er zu zahlen hatte, bei Heller und Pfennig, und auf die Stunde. Siebentes Capitel. Die Mönche des Kloſters. Der Mond ſchien hell und klar auf die Frontſeite des alten Gebäudes nieder, während die gegenüberliegende Häu⸗ ſerreihe im tiefem, ſo viel greller dagegen abſtechenden Dun⸗ kel ruhte. Das alte wunderliche Gebäude mit ſeiner gemiſch⸗ ten, wettergebräunten Farbe, die zahlreichen Schornſteine, die wie eben ſo viele Kobolde auf dem niederen Dache zu kauern und Wache zu halten ſchienen, das ganze wilde und einſam todte Ausſehn des Hauſes, ließ den Beſchauer faſt vermuthen, Natten und Eulen ſeien die einzigen Bewohner ſeiner Gänge, und die ſtillen einſamen Gänge und Säle deſ⸗ ſelben könnten nur mit halbzerfallenen Meublen, und her⸗ unterhängenden Tapeten erfüllt und von Spinngeweben be⸗ deckt ſein.— Dumpf und dröhnend ſchlug jetzt eine tieftönende ferne Glocke die zweite Stunde, und kaum war der Laut in den wild verworrenen und in einander auszweigenden Gängen und Straßen verhallt, als zwei Männer aus einem der engen — 1 Gäßchen hervortauchten und dem vorhin beſchriebenen ein⸗ ſamen Hauſe zueilten, das in der That einſam genannt wer⸗ den konnte, obgleich es zwiſchen einer Maſſe von andern Gebäuden, ſo dicht wie Bienenzellen, und in dieſe hineinge⸗ ſchmiegt ſtand. „Höre Lorrimer,“ ſagte jetzt Einer der Beiden, Du führſt mich ja hier einen verdammten Weg, durch ein wah⸗ res Labyrinth heimlicher und verworrener Gänge— Eine Straße hinauf, eine andere hinunter, bald um dieſe Ecke, bald um jene, vorwärts und zurück; verdammt will ich ſein, wenn ich ohne den Mond jetzt wüßte, wo Norden oder Sü⸗ den iſt.“ „Pſt— Freundchen,“ ſagte ſein Gefährte,„bedenke, daß bei alle derartigen Affairen eine Vorſicht beſonders nö⸗ thig und wichtig iſt— nenne nie einen Namen, wenigſtens nicht laut. Du paſſirſt hier für meinen Freund— hörſt Du! aber warte einen Augenblick, ich muß nur erſt einmal ſehen, ob Teufelskäfer noch wach iſt.“ Die Granitſtufen zu der Thüre des alten Gebäudes hinaufſteigend, ſchlug er dreimal mit ſeinem ſchweren, gol⸗ denen Stockknopf gegen die früher erwähnte Meſſingplatte. Gleich darauf ward das Klirren einer Kette und das Zurück⸗ ſchieben mehrer großen Riegel gehört; eine innere Thüre öffnete ſich und eine tiefe, rauhe Stimme, wie der Klang eines Wetzſteins, der lange Jahre nicht eingeölt wurde, ließ ſich vernehmen. 104 „Was zum Teufel wollt Ihr?— geht Euerer Wege oder ich rufe die Wache.“— „Teufelskäfer— welche Zeit iſt's heut Abend?“ rief Lorrimer in leiſem Tone. „Mittagszeit!“ rief die Stimme, ein ganz klein wenig milder—„aber kommt herein Sir— ich wußte nicht, daß Ihr das waret— wie zum Henker hätt' ich's auch riechen ſollen— kommt herein.“ Während die Stimme dieſe Worte in wilden, kaum artikulirten Lauten vorſtieß, öffnete ſich die Thüre, und Lor⸗ rimer, den Freund an der Hand faſſend, glitt hinein. Byr⸗ newood blickte aber erſtaunt umher, als er fand, daß die erſte Thür in ein kleines, enges, kaum zehn Fuß weites Ge⸗ mach führte, das mit räuchericher Decke, nacktem Fußboden und einem großen Kamin, aus dem eine drückende Hitze in das enge Gemach überſtrömte, verſehen war. Das Licht flackerte dabei nur mit ungewiſſem, matten Schein, und be⸗ leuchtete die Geſtalt des Kloſter⸗Pförtners, der dicht vor dem Kamin, von einigen ſeiner Helfershelfer umgeben, ſtand. „Dieß iſt mein Freund,“ ſagte Lorrimer in bedeut⸗ ſamem Ton—„Ihr verſteht mich Teufelskäfer.“ „Ja—“ grunſte die alſo angeredete Geſtalt—„ich verſtehe— natürlich— aber mein Name iſt Bigail K. Jo⸗ nes, wenn es Ihnen gefällig wäre, mein beſter Freund.— Ich habe noch nie ein Individuum gekannt, das ſich eines Namens wie„Teufelskäfer“ erfreute.“ Hätte ſeine ſataniſche Majeſtät in einem Anfall von gu⸗ ter Laune und um ſeinen Erfindungsgeiſt zu prüfen, wirk⸗ lich einmal ein Inſekt erſchaffen, was nach ſeinem Namen genannt werden ſollte, ſo würde ſie keine beſſere Form und Geſtalt dazu können gewählt haben, als das gegenwärtig leibhaftig daſtehende Weſen. Jenes Inſekt, was wirklich kaum einen anderen Namen als Teufelskäferführen konnte, ſtand im vollen Lichte des hochaufflackernden Feuers, und ſtarrte ernſt und aufmerkſam in Byrnewoods Antlitz. Schwer, unterſetzt und ſcheinbar unbehülflich erſchien dieſes wunder⸗ bare Exemplar von Fleiſch und Blut, mit auffallend breiten Schultern, ſehr langen Armen und dünnen, gekrümmten Beinen. Lächerlich groß war der Kopf dieſes Geſchöpfes im Verhältniß zu ſeinem anderen Körper; lange Wülſte ſchwar⸗ zen ſtruppigen Haares fielen rauh und wild über eine unna⸗ türlich vorſtehende Stirn; eine glatte Naſe ſandte ihre lan⸗ gen und breiten Naſenflügel hinaus, wie die Flügel eines Käfers und ein ungeheuerer Mund, in dem ein paar Rei⸗ hen ſcharfer, geſunder Zähne glänzten, dicke geſchwollene Lippen, ein ſcharfes Kinn und dichte, über der Naſenwurzel ſich begegnende Augenbraunen, nebſt einem ungleichen, bor⸗ ſtenartigen Bart, vollendeten das Enſemble dieſer nichts we⸗ niger als einnehmenden Figur, und waren gerade nicht ge⸗ eignet, ſehr freundliche Gefühle für ihn zu erwecken. Ein einzelnes, dunkelglühendes und wunderlich glän⸗ zendes Auge, ſtarrte dabei blos auf Byrnewood hinüber, 106 während die Höhle des anderen leer und zuſammengeſchrunft war, wobei ſich die Augenlieder des fehlenden Organs, wie die beiden zuſammengehaltenen Enden eines Doppelvor⸗ hangs begegneten, und dem anderen Auge dadurch ein ſo viel lebhafteres, tückiſcheres Feuer verliehen. So mißgeſtaltet er aber auch erſchien, ſo gab doch der ganze Bau der Schul⸗ tern, Arme und krallenartigen Finger, die Bruſt und der übrige Körper Zeugniß von der gewaltigen Stärke des Man⸗ nes, die übrigens einzig und allein im Oberkörper ruhte. „Nun Abigail, biſt Du zufrieden?“ ſagte Lorrimer endlich, als er bemerkte, wie Byrnewood nur mit Wider⸗ willen des Pförtners Blicken begegnete.„Dieſer Herr ſage ich iſt mein Freund!“ „Wahrſcheinlich,“ grunzte Abigail.„Hier Musquito — merk' Dir den— hier Glühwurm— merk' ihn Dir— dieß iſt des Mönch's Gus Freund— Könnt Ihr Euch nicht ſchneller regen, ihr verdammten Höllenſöhne!“ Während er noch ſprach, hoben ſich von beiden Seiten des Kamins ein paar dunkele, herkuliſche Neger empor, deren Sehnen und Muskeln rieſenhafte Stärke verriethen; langſam aber jetzt dem Rufe Folge leiſtend, näherten ſie ſich auf wenige Schritte dem ihnen bezeichneten Fremden und betrachteten mit ſtumpfer Gleichgültigkeit ſeine Züge. Byr⸗ newood hatte ſich im Anfang mit Widerwillen von dem häß⸗ lichen Pförtner dieſes Heiligthums oder„Teufelskäfer,“ wie er in dem Dialekt des„Kloſters“ genannt wurde, abgewandt, 107 dieſe neu erſcheinenden Inſekten bewieſen ſich aber dafür zu intereſſant, ſie nicht eines genaueren Blickes zu würdigen, denn ſicherlich waren noch nie ſeltnere Arten von einem Musquito und Glühwurm aus der Hand des Schöpfers her⸗ vorgegangen. Ihr Anzug war einfach genug, gewöhnliche weite Bein⸗ kleider von Seegeltuch und roth wollenen Hemden; das Antlitz Glühwurms zeichnete ſich aber durch eine entſetzlich flache Naſe, eine ganz eingedrückte Stirn und einen weiten Mund(faſt hätte man Rachen ſagen können) aus, unter deſſen dicken, angeſchwollenen Lippen alle Zeichen von Kinn verſchwanden, während einzelne, eberartige Zähne daraus hervorragten. Musquito dagegen hatte zwar die⸗ ſelbe flache Naſe, denſelben zurückgeſchobenen Schädel, aber ſeine dicken Lippen waren an beiden Seiten heruntergezogen, und bildeten mit dem ſpitzen Kinne einen ſehr bemerkbaren Unterſchied gegen die faſt kinnloſe Phyſiognomie des Gefähr⸗ ten. Beide Neger ſchienen auch in der That mehr die perſo⸗ niſicirten Bilder thieriſcher Stärke zu ſein, als irgend einen Anſpruch darauf machen zu können, ſich zu dem Geſchlecht menſchlicher Weſen zählen zu dürfen. „Dies iſt des Mönches Gus Freund,“ murmelte Abi⸗ gail— oder Teufelskäfer, wie es dem Leſer gefällig iſt— „Merk' ihn Dir, Musquito— merk' ihn Dir, Glühwurm. Dieſer Mann verläßt das Haus nicht wieder, ausgenommen 108 mit ſeinem Freund Gus— verſtanden, ihr ſchwarzen Be⸗ ſtien?“ Die Neger grunſten eine Art Bejahung hervor. „Sonderbare Exemplare das, von Inſekten,“ lachte Byrnewood, mit einem etwas erzwungenen Verſuch un⸗ befangen zu ſcheinen und ſeinen Widerwillen zu verbergen —„wie Lorrimer?“ „Hierher, Kamerad,“ erwiderte dieſer, ohne die Be⸗ merkung weiter eines Blickes oder Wortes zu würdigen, in⸗ dem er den Freund bei der Hand ergriff und durch eine enge Thüre führte—„hierher— zuerſt in den Klub, und dann zu der Wette.—“ Verwundert ſich umſchauend, bemerkte Byrnewood, daß ſie jetzt in die Halle irgend eines alterthümlichen Ge⸗ bäudes getreten waren, in welche der Mond ſein bleiches Licht durch ein oben im Dache angebrachtes Fenſter ſandte, und eine breite, ſchräg aufwärts führende Treppe beſchien. „Das iſt ein wunderlicher Platz,“ flüſterte Byrnewood, während er ſeine Blicke in der Halle umherfliegen ließ und die ſonderbare Bauart betrachtete—„aber, zum Teufel, ſitzen denn die Inſekten da drinnen, fortwährend im Dun⸗ keln?“ „Ruhig, Freundchen— ruhig— das iſt die Policey des Kloſters— wo es Noth thut, augenblicklich bei der Hand; das ganze Arrangement des Platzes kann auch mit wenigen Worten erklärt werden. Leicht genug iſt es für einen Fremden— wie Du Einer biſt— ſeinen Weg herein zu finden, es ſollte ihm aber verdammt ſchwer werden, ohne Hülfe wieder hinaus zu kommen. Komm— nimm meinen Arm, Byrnewood, wir müſſen hinunter in das Klub⸗ zimmer.“ „Hinunter!“ „Verſteht ſich— hinunter, denn wir halten unſere Zu⸗ ſammenkünfte ein Stockwerk unter der Erde. Wahrſcheinlich ſind die„Mönche“, wie wir hier ſagen, aber ſchon alle ſo ziemlich angetrunken, und da kann ich Dich denn, ohne viel Gefahr bemerkt zu werden, einführen. Du magſt ſo lange dort unten bleiben, bis ich die Braut— hahaha, die Braut — zu Deinem Beſuch vorbereitet habe.“— Byrnewood indeſſen feſt am Arme haltend, führte er ihn die Halle entlang, an der breiten Treppe vorbei und in die dichte Finſterniß hinein, die dieſen Theil des Gebäudes bedeckte. „Faſſe mich feſt am Arm,“ flüſterte er dabei—„es iſt hier irgendwo eine Treppe, aber— langſam— langſam— ah, hier hab' ich ſie;— vorſichtig jetzt, Byrnewood, in we⸗ nigen Minuten ſind wir im Kreis der Mönche.“ Als ſie aber ſo langſam hinabſtiegen, die unterirdiſchen Stufen, konnte Byrnewood ein eigenes Gefühl des Schau⸗ ders und eine faſt unwillkürliche Bangigkeit, die ſonſt ſeinem Herzen fremd genug war, nicht bewältigen. Welche Gefühle jedoch hier ihren erſtarrenden, unheimlichen Einfluß auf ihn 110 ausübten, blieb ihm nicht möglich zu beſtimmen; es mochte die Dunkelheit des Platzes ſelbſt ſein, durch die ihn ein Mann führte, den er kaum wenige Stunden, und zwar kei⸗ neswegs ſehr zu ſeinem Vortheil kannte; ja die propheti⸗ ſchen Worte des Aſtrologen, die wieder unwillkürlich in ihm aufſtiegen, trugen vielleicht ebenfalls einen Theil der Schuld;— oder gar eine Ahnung?!— „Hörſt Du, wie ſie da unten toben!“ flüſterte Lorri⸗ mer—„toll und voll müſſen ſie ſich getrunken haben; doch was iſt Dir denn, Byrnewood, Du biſt ja ſo ſtill wie das Grab!“ 3 „Die Wahrheit zu geſtehen, Lorrimer, kommt mir die⸗ ſer Platz ſo öde und unheimlich vor, wie die Höhle irgend eines alten Zauberers; verdammt ſchauerlich iſt's hier.“ „Dort iſt die Thür— nun hab' wohl Acht, daß Du Dich dicht hinter mir hältſt, wenn wir in die Halle der Klo⸗ ſterbrüder eintreten; während ich dann die Mönche begrüße, kannſt Du in irgend einen leer ſtehenden Stuhl hinein⸗ ſchlüpfen und Dich in das Jubeln der Geſellſchaft miſchen, bis ich zurückkehre.“— Durch eine niedere Thüre tretend, aus der ein wilder Lärm und warmer, faſt erſtickender Wein⸗ und Tabacksdunſt hervorſtrömte, ſtieg jetzt Lorrimer, hinter dem ſich der Freund hielt, drei hölzerne Stufen hinab und ſtand im nächſten Au⸗ genblicke zwiſchen den Mönchen der Halle. mehrarmiges Licht erhellt und mit dichten, weichen Teppi⸗ chen belegt, um einen Tiſch, auf dem noch die Ueberreſte ih⸗ s bachantiſchen Mahles umhergeſtreut ſtanden und lagen, hatten ſich die Mönche des geheimnißvollen Platzes geſchaart. Mit wildem Jubelruf begrüßten ſie Lorrimer, Byrne⸗ wood glitt indeſſen, oben am Tiſch, in einen leeren Seſſel und gleich darauf näherte ſich auch ſein Führer ſchon wieder einer anderen Thür. „Bald werde ich bei Euch ſein, Ihr Mönche der Halle,“ rief er dabei, als er die enge Pforte öffnete— ein kleines Geſchäft aber ruft mich— oben im Haus— Ihr verſteht mich ſchon— allerliebſtes Mädchen— hahaha.“— „Hahaha“— echote die Bande der Tobenden und ſtieß luſtig mit den Gläſern zuſammen.“ Byrnewood warf ſeine Blicke jetzt aufmerkſam und for⸗ ſchend, aber auch vorſichtig, umher, denn das Zimmer ſelbſt, obgleich lang und geräumig, mit weichen, üppigen Teppi⸗ chen belegt und die niedere Decke mit alten, halb verſchoſſe⸗ nen und von Tabacksdampf geſchwärzten Frescobildern be⸗ malt, übte einen beengenden, wenn nicht unheimlichen Ein⸗ fluß auf den Fremden aus, der ſich an alle die wunderbaren Einzelheiten noch nicht gewöhnt hatte. Die Wände waren mit Tafelwerk bekleidet, zwiſchen denen hie und da einzelne Satyre und Faunen wie andere Ungethüme der claſſiſchen Mythologie zerſtreut knden An einem Ende des Gema⸗ ches, vom Boden bis zur Decke hinaufreichend, glänzte, in maſſivem Wallnußholz⸗Rahmen, ein ungeheuerer Spiegel und warf das Bild der tobenden Schwärmer der Mönchs⸗ halle, wie von einem durchſichtigen Schleier bedeckt, zurück. Gegenüber aber und an beiden Seiten der hier hinausfüh⸗ renden, ſchmalen Thür kündeten zwei große Gemälde— augenſcheinlich von der Hand eines ausgezeichneten Künſt⸗ lers ins Leben gerufen, die verſchiedenen Gottheiten an, denen in der Halle der frommen Brüder geopfert wurde. Das Gemälde rechts an der Thür zeigte Bachus, den fröhlichen Gott des Weines, wie er ſich eben von ſeinem Feſtgelage erhob, die Stirn mit ſchwellenden Trauben um⸗ kränzt und hoch in der Hand den mit purpurglühendem Re⸗ benſaft gefüllten Becher ſchwingend. In dem anderen Rah⸗ men ruhte auf dunkelſamtenen Lager, mit mattem, wollü⸗ ſtigem Licht übergoſſen, die liebeathmende Geſtalt einer ſchlummernden Venus, die vollen Arme über dem Haupte gekreuzt und ihre Lippen leiſe geöffnet, als ob ſie im Schlafe flüſtere. Hinter dem Stuhl des Präſidenten oder Abt des Klo⸗ ſters aber, in langer, ſchwarzer Kutte, ſtand das Ebenbild eines düſteren Mönches, in der rechten Hand ebenfalls einen goldenen Becher emporhaltend; aus dem Schatten der vor⸗ hängenden Kapuze glänzte jedoch das fleiſchloſe Antlitz eines Todtenkopfes hervor, und von dem flackernden Schein des Leuchters erhellt, war es, als ob er mit grimmiger Freude 113 die vor ihm und um ihn her jubelnde Schaar beobachte und überſehe. Und über dies Alles, über die Gemälde und den Spie⸗ gel, über das dunkele Tafelwerk an den Wänden und das ſchaurige Gerippe des geſpenſtiſchen Mönches, ſchienen und glühten die rothen Flammen des maſſiven, ungeheueren Leuchters, deſſen Körper und Gliedmaßen einem grimmen, zuſammengekauerten Satyr nachgebildet waren, dem eine Flamme aus dem Schädel emporloderte, und zwei andere aus beiden Augenhöhlen ſchoſſen, während ſeine ausge⸗ ſtreckten Hände, Licht und Gluth nach allen Seiten hinaus⸗ ſchleuderten. Das eigenthümlich tückiſche Ausſehen der mei⸗ ſterhaft gearbeiteten Figur, vermehrte nur noch das Unheim⸗ liche des ganzen Zimmers. Um die Feſttafel dabei verſammelt, deren Ueberreſte eine ſchon mehrſtündige Dauer des Mahles verriethen, ſaßen die Moͤnche der Halle, einige dreißig in Zahl, und die Flaſchen gingen im Kreiſe umher, die Gläſer wurden gefüllt und ge⸗ leert. Manche lagen aber hülf⸗ und kraftlos mit den Stir⸗ nen auf dem Tiſch; Andere ſtarrten mit gläſernen, glanzloſen Augen umher, wieder Andere waren ſelbſt ſchon niederge⸗ ſunken auf den Boden, völlig unvermögend ſich länger auf⸗ recht in ihren Seſſeln zu halten, und nur noch Einige ver⸗ ſuchten, das ſo lärmend begonnene Mahl auf gleiche Weiſe zu beenden. Aber auch deren ganzes Benehmen verkündete, zeſe tie ſie in den ſchäumenden Becher geſehen hatten und 3 8 114 wie bald ſie ihren Kameraden zu jenem Zuſtand totaler Trunkenheit folgen würden, wo matte, flackernde Sterne den Platz der Lichter eingenommen zu haben ſcheinen, wo die Flaſchen und Gläſer von ſelbſt, ganz wie aus eigenem An⸗ trieb, an zu tanzen fangen, und alle möglichen Arten von Bienenſtöcken ein wunderliches, ganz unerklärlich ſonderbar murmelndes Geräuſch in der Luft hervorbringen. Und wer waren die Mönche dieſer Halle! etwa ernſt und düſter ausſehende Männer, in langen, dunkelen, flie⸗ ßenden Gewändern; finſtere Greiſe mit Roſenkränzen an ihren Gürteln und Kreuzen in ihren Händen! Oder etwa gar blutdürſtige, verbrecheriſche Charaktere— ein wildes Gemiſch von Mördern und Räubern! Der Auswurf der menſchlichen Geſellſchaft? Nein, wahrlich nicht. Aus den Gelehrten, den Be⸗ redten und— o lache nicht— aus den Frommen der Quäkerſtadt, hatte ſich der alte, knöcherne Mönch ſeine lu⸗ ſtige Geſellſchaft zuſammengeſucht. Hier waren Advokaten aus den Gerichtshöfen, Doktoren und Notare, Richter und Kaufleute; hier auch ſaß der wohlbeleibte und ſonſt ſo de⸗ müthig⸗milde Prieſter, deſſen weiße Hände und honigſüße Worte ihn zum Ideal ſoiner Gemeinde gemacht. Hier ſaß der bleiche Literat neben dem Buchhändler und Verleger; hier ſaßen, mit aufgedunſenen Geſichtern und gichtgeſchwol⸗ lenen Händen, die reichen Handelsleute der frommen Stadt, die erſt am vergangenen Sonntag ihre Stimme in frommer Andacht aus ihrer ariſtokratiſchen Umgebung zum Herrn emporgeſandt hatten, während ſie jetzt mit denſelben, wenn auch etwas heiſer gewordenen Kehlen, wilde, gottesläſter⸗ liche Trinklieder und bachantiſche Geſänge hervorjubelten. Hier fanden ſich die wohlbekannten und hochverehrten Mit⸗ glieder von„Bibelvertheil“,„Tractätchen⸗Verein“,„Schick⸗ Flanell nach den Südſee⸗Inſeln“ und anderen eben ſo nütz⸗ lichen als zweckmäßigen Anſtalten und Geſellſchaften; hier waren achtbare Ehemänner mit erwachſenen Söhnen und Töchtern, deren vertrauende Frauen ruhig und ſanft daheim in ihren Betten ſchlummerten; hier waren hoffnungsvolle Söhne, Studenten und Commis; Alles— Alles, jedes Ge⸗ ſchäft, jeder Stand aus der ganzen frommen, gottesfürch⸗ tigen Stadt hatte hier ſeine Repräſentanten, und im wirren Chaos tobten und ſchwirrten Lieder und Flüche, Reden und Lachen toll und ordnungslos durcheinander. Während Byrnewood, mit einem Schlafenden an jeder Seite, in ſtummer Bewunderung umherſtarrte, mußte er dabei unwillkürlich der, in der That eigenthümlichen, Unter⸗ haltung der Mönchshalle lauſchen. „Richter— hallo da— Richter— Euer letztes Urtheil geſtern war kapital!“ rief von häufigem Schlucken unter⸗ brochen, ein vollgeſichtiger Advokat, während er ſich zu dem Angeredeten über den Tiſch hinüberlehnte,„berührte dabei ein wenig die Laſter unſerer Zeit— verdammt will ich ſein, wenn’s nicht wahr iſt— hahaha— Höhlen, die in der 8* 116 Stadt exiſtirten— heimlich verſteckte Schlünde des Laſters — ganz dieſelben Worte— die den ſtrengen Arm des Ge⸗ ſetzes bedürften, ſie auszurotten, hahaha— ſie zu ex— ex— hol' der Henker das Wort, zu exterminiren.“ „Wahrhaftig— akurat meine Worte,“ erwiederte der Richter, der auf die ihn Umgebenden ſchon mit einem mat⸗ ten, halb unbewußten Lächeln hinüberſtarrte.„Und doch, Liebchen, nicht halb ſo gut als Das, was Du zu Deiner— zu Deiner Frau ſagteſt— wie das Zimmer ſchwankt— zu Deiner Frau ſagteſt, als ſie Dir mit der Schauſpielerin auf die Spur kam— hahaha— Gentlemen— das war eine verdammt gute Ausflucht— verdammt gut.“ „Hallo da,“ jubelte etwa ein Dutzend von der Geſell⸗ ſchaft, laßt's uns hören— gebt's zum Beſten.“— „Ja ſeht,“ erwiederte der Richter— Bellany iſt ſo un⸗ gemein fett— ſo ſehr fett(haltet die Flaſchen einmal einen Augenblich) daß nur allein die Idee— er könne einen Lie⸗ besbrief ſchreiben, etwa— etwas ſehr Unglaubliches hat. — Aber wahrhaftig, er ſchrieb einen, und zwar an die hüb⸗ ſche Schauſpielerin, an die Madame de Flum, und— wel⸗ cher Unſinn— ließ ihn auf ſeinem Pult liegen. Natürlich fand ihn die Frau, und— großer Gott, was für eine Scene das gab, ſie ſchrie— tobte— zerraufte ihr Haar.“ „Herzchen,“ ſagte aber unſer fetter Freund—„ſei kaltblütig!— dieß iſt die Copie eines Briefes in einem ge⸗ brochenen Eheverſprechen, wo ich die Sache einer Clientin 117 vertheidigen ſoll— mein Schreiber hat die Namen verwech⸗ ſelt— weiter Nichts— bitte— thue mir den Gefallen und ſei kaltblütig.“ Seine Frau glaubte, hol' mich der Teufel, die Ge⸗ ſchichte— und ſie war auch gut— verdammt gut, für einen ſo fetten Mann wenigſtens.“ „Freunde und Brüder— was müßt Ihr thun, um— um gerettet zu werden von Tod und— von Tod und Ver⸗ dammniß!“ näſelte mit ſeiner ſcharfen, durchdringenden Stimme der Prediger, ganz in ſeinem gewöhnlichen Kirchen⸗ oder Kanzelſtyl—„Wenn wir die Sündhaftigkeit unſeres Zeitalters betrachten, wenn wir ſehen, wie täglich, ja ſtünd⸗ lich Tauſende— zum e— wi— gen Ver— der— ben hinunterfahren, ſollten wir da nicht aus der Tie—fe unſerer Seele ausrufen, wie Jonas rief aus der Tiefe der See— Gieb mir den Brandy, Mutchins—“ „Gentlemen— geſtatten Sie mir, Ihnen ein Gedicht vorzuleſen,“ murmelte jetzt eine Geſtalt, deſſen aufgedun⸗ ſenes, blaurothes Geſicht den unverbeſſerlichen Trinker ver⸗ rieth—„Es iſt— es iſt ein Gedicht— ein Gedicht auf die zehn Gebote und ich— ich ha—be es unſerem ehrwürdigen Freund da drüben,— de— dedicirt. Uebrigens, Gentlemen, liegt ein Gefühl darin, ein Gefühl, Gentlemen, daß es— wenn ich mich des Aus— des Ausdrucks bedienen darf— eine Kleinigkeit über gewöhnliche Buttermilch erhebt— Ein * 118 Duft ſchwebt durch das Ganze— ein Glanz— eine Ader — eine ſehr moraliſche Ader— Ich will das erſte Sonnet leſen— Du ſollſt den Namen Deines Herrn— verdammt will ich ſein, wenn das nicht eine Rechnung iſt— ich— ich muß das Gedicht zu Hauſe gelaſſen haben.“ „Nun den werde ich in der nächſten„ſchwarzen Poſt“ ſchön anſtreichen,“ murmelte ein eingeſchrumpfter, tückiſch blickender Redakteur, in halb unterdrücktem Ton, daß ihn der Dichter nicht hören ſollte,„den will ich anſtreichen, er müßte ſich denn ſehr honorig abfinden.“ „Willſt Du! ſo?— willſt Du wirklich?“ ſchrie der Dichter und wandte ſich in einer halben Schwenkung nach ihm um, während er, ſeiner eigenen Füße nicht ganz ſicher, einen Schlag nach deſſen Haupte führte—„Hier— nimm das— Du Kröte— Du Giftpilz Du—“ „Gentlemen— ich betrachte mich als gröblich belei⸗ digt,“ murmelte der Redakteur, während des Dichters Stoß ſeine Perücke vom Kopf riß und dieſe an's andere Ende des Tiſches ſandte—„iſt es mit der„täglichen ſchwarzen Poſt““ dahin gekommen?“ Dabei warf er ſich mit einer plötzlichen Kraftanſtrengung auf den Dichter der zehn Gebote, und Beide taumelten in engverſchlungener Umarmung zur Erde nieder. Nehmt die Perücke von meinem Teller!“ ſchrie jetzt eine ſonore Stimme aus der Richtung her, in welcher der fragliche Gegenſtand verſchwunden war.—„Perücken ſind 119 ſonſt überhaupt nicht angenehm in Auſtern— dieſe aber hier beſonders— pfui Teufel!“— Durch den Klang der Stimme anzezogen, wandte Byr⸗ newood ſeine Augen dort hinüber, und bemerkte, gerade und aufrecht, am oberen Ende des Tiſches, den von der Brüder⸗ ſchaft gewählten und anerkannten Abt. Er war ein Mann von etwa einigen dreißig Jahren, in einfach, aber glänzend ſchwarzes Tuch gekleidet, und von edler, wahrhaft adoniſcher Geſtalt. Sein dunkeles Antlitz, von dem feurig wilden Auge belebt und von ſchwarzen, weichen Locken umſchattet, kün⸗ dete dabei den regen, lebhaften, aber auch verſchmitzten und intriguirenden Geiſt des Mannes. Byrnewood bedurfte kei⸗ nes zweiten Blickes, ſich zu überzeugen, daß er den Helden der Chesnutſtraße— den ſtadtbekannten Millionair, Col. Fitz Cowles vor ſich hatte. Der eng anſchließende, moderne Anzug, die ſchwarze Atlasbinde mit der goldenen Nadel, die ganze Haltung des Mannes, Alles verrieth das Ideal der Schneider, den Traum der Schönen und den Neid der Commis — Algernon, Fitz Cowles. Er ſchien übrigens der Nüchternſte in der ganzen Ge⸗ ſellſchaft zu ſein, und Byrnewood ſah jetzt, wie er von Zeit zu Zeit ungeduldige Blicke nach der Thür warf, als ob er wünſchte, das Zimmer zu verlaſſen; und nach jedem ſolchen Blick, wie er Mönch nach Mönch in ſchwerem Rauſche nie⸗ derſinken und verſchwinden ſah, jubelte der intereſſante Co⸗ lonel in den wildeſten Lärm hinein und leerte ſein Glas mit 120 den Trunkenſten, Byrnewood bemerkte übrigens bald, daß dieß Alles nur zum Schein geſchah und der ſchöne Millionair ſeinen Wein unter den Tiſch goß. Der Lärm wurde jetzt immer wilder, immer tobender; die Trinkenden warfen mit jedem Augenblick mehr und mehr den Zwang ab, den ſie ſich vielleicht noch auferlegt hatten, und Byrnewood ſah, wie ſich in dieſem allgemeinen Aufruhr ſeine zwei früheren Freunde, Mutchins und Petriken, die er bis dahin noch nicht einmal bemerkt hatte, leiſe und vor⸗ ſichtig entfernten. „Gentlemen der Jury!“ rief jetzt der Richter—„ich mache Sie verant—“ „Vour honor— ich möchte um die Erlaubniß bitten— meinen Clienten—“ ſtotterte der Advokat. „Freunde und Brüder,“ ſchrie der Prediger—„was müßt Ihr thun, um ſelig zu werden!“ „Schickt die Auſtern hier herunter,“ brummte ein jun⸗ ger Kaufmann, deſſen Naſe mit verſchiedenen Streifen aus der Senfbüchſe geziert waren. „Das Feuer iſt in der nächſten Straße,“ tobte ein an⸗ derer Kaufmann, ſonſt, wenn nüchtern, ein Liebhaber von Feuern, wie man ſich zuflüſterte—„ſo— hier iſt die Schleuße— a hoi!“ „Gentlemen of the grand Jury— ich muß Ihnen ſagen, daß das ſündhafte, heidniſche Leben, was in dieſer Stadt unter Ihren Augen vorfällt— nicht— nicht länger gedul⸗ — O—— —Lÿÿꝛꝛꝛꝛꝛfea— 121 det werden kann. Verbrecher— Verbrecher⸗Höhlen müſſen aufgeſucht und— vernichtet werden— die Sinklöcher des — Wer zum Teufel hat mir den Sellery in's Auge gewor⸗ fen?“ „Wer goß mir den Champagner über die Cigarre!“ „Brandy— bitte um den Brandy— hol' Euch der Teufel.“ „War't Ihr es, der geſagt hat, ich hätte meinem Na⸗ men nicht mit hundert Dollar unter die— unter die Track⸗ täte⸗Geſellſchaft“ geſchrieben! eh?“ „Nein— bis jetzt noch nicht, aber nun ſage ich es!“ „Sag' das noch einmal und ich drehe Dir den Hals um!“ „Meine Freunde!“ rief der ehrwürdige Prediger da⸗ zwiſchen, indem er in die Höhe taumelte—„was muß ich ſehen hier? Verwirrung und Trunkenheit? iſt dieß ein Be⸗ tragen für ein Gotteshaus!“ Er ſah ſich mit ernſt mahnen⸗ dem, warnendem Blicke um und rief dann plötzlich—„keine Neigen— Nagelprobe Ihr Jungens, ha ha ha.—“ Außer Byrnewood befand ſich jedoch noch eine andere Perſon in dieſem Gelage, die es mit ebendemſelben nüchter⸗ nen und beſonnenen Blicke betrachtete, als der junge Kauf⸗ mann. Es war ein junger Mann, mit ſtark ausgeprägten, aber nicht uneinnehmenden Zügen, und ſein ganzes äußeres Weſen verrieth den Philadelphia⸗Advokaten. Seinen Stuhl neben Byrnewoods rückend, fing er ein Geſpräch mit dieſem 122² an, und nach mehren treffenden Bemerkungen über verſchie⸗ dene einzelne Mitglieder dieſes Klubs, ſagte er, daß er von Mutchins hierhergelockt worden ſei, der wahrſcheinlich ge⸗ hofft hatte, ihm im Faro⸗ oder am Roulette⸗Ciſch eine be⸗ deutende Summe ablocken zu können. „Faro! Roulette?“ murmelte Byrnewood ungläubig. „Was Freund!“ rief der junge Advokat, der ſich„Boyd Merivale“ nannte,„wißt Ihr nicht, daß dieß eine der ent⸗ ſetzlichſten Höhlen der Welt iſt? Es vereinigt in ſich die drei wüthendſten Laſter unſerer guten Stadt, und ich werde nie die Nacht vergeſſen, in der ich meinen Fuß zum erſten Mal über ſeine Schwelle ſetzte. „Ihr war't alſo ſchon früher hier“ „Ja, da ich aber ſehe, wie unerfahren Ihr an dieſem Orte ſeid, ſo will ich Euch die Erlebniſſe jener Nacht mit⸗ theilen. Die Nacht im„Kloſter“*). Vor ſechs Jahren, 1836, fand ich mich, in einer dun⸗ kelen, ſtürmiſchen Nacht, in einem der Zimmer dieſes Hauſes, emſig beſchäftigt die halb niedergebrannten Kohlen des Ka⸗ mins wieder aufzuſchüren und die erwärmende Flamme aus *) Es möchte hier nicht unnöthig ſein, zu bemerken, daß Meri⸗ vale dieß Haus von böſem Ruf damals nur betrat, die Spuren ſeines Freundes wieder aufzuftnden. Die Erzählung iſt übrigens wörtlich wahr.— ihnen zu locken. Auf dem breiten, altväteriſch geſchnitzten Bett, das die eine Wand des Zimmers faſt einnahm, ſchlum⸗ merte ein Mädchen, eine Jugendgeſpielin von mir, und jetzt — die Inwohnerin dieſes Bordells. Träumend und nach⸗ denkend ſtarrte ich auf die leiſe kniſternden Kohlen nieder. Es war ein Uhr und Alles todtenſtill, als ich plötzlich einen dumpfen, fernklingenden Laut zu hören glaubte. Ich fuhr aus meiner halben Bewußtloſigkeit empor, und ſtarrte wild und erſchrocken umher. Das Zimmer war faſt ganz dun⸗ kel, das einzige Licht ausgenommen, was jetzt aus mehren halbverkohlten Bränden, dann und wann aufflackerte und den Raum mit ſeinem ungewiſſen Schein erfüllte, ſo daß die hochrückigen Mahagoniſtühle, das alte Bureau und die nie⸗ dere Decke mit den wunderlich geſtalteten Eckverzierungen einen eigenen, abenteuerlichen, faſt unheimlichen Charakter annahmen.— Jetzt erloſch die Flamme wieder— Alles lag in tiefer Nacht; ich aber lauſchte ernſt und aufmerkſam. Wohl konnte ich weiter keinen Laut vernehmen, das leiſe, regelmäßige Athmen des Mädchens ausgenommen, aber ein eignes, mir die Bruſt beengendes Gefühl bemäch⸗ tigte ſich plötzlich meiner und mir war es, als ob irgendwo in meiner Nähe etwas Schreckliches, etwas Fürchterliches vorginge. Zu gleicher Zeit ſtürmte auch die Erinnerung an all die ſchauerlichen Erzählungen, die ich ſchon je über die⸗ ſen Platz gehört, auf mich ein. Vor langen Jahren hatte Paul Weſtern, ein wilder 124 vergnügungsſüchtiger, aber ſonſt herzensguter Burſche und Schulkamerad von mir, ſpäter Caſſirer der Countybank, meine Einbildungskraft mit den fabelhafteſten, entſetzlichſten Bildern dieſes Platzes, in dem ich mich jetzt wirklich und zum erſten Mal befand, genährt. Paul war, wie ſchon ge⸗ ſagt, ein wilder und toller Geſell, und mußte Philadelphia nicht ſelten, Geſchäfte halber, beſuchen. Vom Kloſter ſprach er aber als einem ſchwer zu findenden Platz, an den ſüdlichen Grenzen von Philadelphia, auf welchem ſchwarze Geheim⸗ niſſe ruhten, und in deſſen Mauern gräßliche Verbrechen be⸗ gangen wären. Drei Stockwerke ſollte es ſowohl unter, als über der Erde haben, und jedes dieſer Zimmer mit geheimen Fallthüren verſehen ſein, durch die der Verdachtloſe von ſei⸗ nem Mörder ſchnell und ungewarnt in fürchterliche Tiefen hinabgeſandt werden konnte. Im oberen Haus exiſtirte nur eine Reihe von Zimmern mit dieſen Fallen, und zwar eines über dem anderen, wie die Kammern eines Waarenhauſes, wo von oben herab, Luke über Luke bis in die unterſte, ſchau⸗ erliche Tiefe ging; alle jedoch wohl und trefflich durch Tep⸗ piche und falſches Getäfel verſteckt. Heimliche Springfedern in den Wänden, ſtanden mit anderen am Fußboden in Verbindung, und ein einziges un⸗ vorſichtiges Berühren derſelben, ſandte den Unglücklichen ſei⸗ nem finſteren Grabe entgegen, deſſen Leichnam dann, Gott weiß in welcher Tiefe, ſtill und ungeahnet liegen und ver⸗ modern konnte. 125 Als ich dieſer Einzelheiten gedachte, drängte ſich mir auch plötzlich wieder das mögliche Verſtändniß auf, zwiſchen Paul Weſtern, dem lebensluſtigen Junggeſellen und Emilie Walraven, dem Mädchen, das wenige Schritte von mir entfernt, ſo ſtill und ruhig ſchlummerte. Das Kind eines der angeſehenſten Männer in B—, von ihrem zärtlichen Vater ohne Rückſicht auf Geld und Koſten erzogen, mit faſt männlicher Charakterfeſtigkeit und edler, herrlicher Geſtalt, dabei den einnehmendſten, entzückendſten Geſichtszügen, war ſie den Verführungskünſten eines Mannes, den ſie treu glaubte, erlegen, und hatte vor etwa drei Jahren die Stadt verlaſſen, ohne daß man weiter eine Spur von ihr zu finden vermochte. Ihren Verführer kannte Niemand, doch mußte ich nach einigen hingeworfenen Aeußerungen Pauls vermu⸗ then, daß er genauer mit der Sache bekannt ſei, als irgend Jemand anderes. Nach und nach erreichten aber auch dumpfe und böſe Gerüchte über das unglückliche— ach gefallene Mädchen unſere ſtille Gegend. Eines erklärte ſie für die Geliebte eines reichen Pflanzers, der ſich jetzt in Philadelphia aufhielt, ein anderes machte ſte zur Inwohnerin eines Bordells, und dieſes— entſetzlich wie es war, tödtete ihren armen Vater. Heute verbreitete ſich jene Erzählung in der Stadt, und am nächſten Sonntag ſchon war der alte Walraven todt und be⸗ graben. Man behauptet übrigens, daß er in ſeiner Todes⸗ ſtunde Paul Weſtern, ſeiner Tochter Schande wegen, ange⸗ klagt und— ihm geflucht habe. Vermögen hinterließ er nicht, denn die letzten Jahre voll bitteren Grames hatten ihn ſeine Geſchäfte vernachläſſigen laſſen. Er ſtarb banke⸗ rolt.—. Zwei Jahre vergingen ſo, ohne daß ein Wort wieder von der armen Emilie gehört wurde, plötzlich verſchwand im Frühjahr 1836 Weſtern, nachdem er einen Beſuch in Philadelphia gemacht und mit ſich dorthin ein Capital von etwa dreißigtauſend Dollar genommen hatte. Mein Vater, der bedeutend in der Bank betheiligt war, ſandte mich in die Stadt, Nachforſchungen anzuſtellen, und hier erſchie⸗ nen nun in den Zeitungen die wunderbarſten Gerüchte über ſein Verſchwinden. Manche behaupteten er ſei nach Texas geflohen, andere wieder, er ſei ertrunken, wieder Andere woll⸗ ten ſogar wiſſen, er hielte ſich noch in der Nähe auf, und das Letztere ſchien auch mir das Wahrſcheinlichſte, denn ich glaubte zu ſeinem plötzlichen Verſchwinden den Schlüſſel zu haben, und eben dieſer Schlüſſel ruhte in der Gegenwart jenes unglücklichen Mädchens, Emilie Walraven. Nicht lange vor ſeinem Verſchwinden hatte mir Paul unter dem Siegel der tiefſten Verſchwiegenheit vertraut, daß Emilie unter ſeinem Schutz in Philadelphia lebe und von ihm unterſtützt werde. Er geſtand mir, er habe Zimmer in dem öffentlichen Haus„das Kloſter“ genannt, für ſie ge⸗ miethet. Das im Gedächtniß, eilte ich nach Philadelphia, vergebens aber durchſuchte ich lange Tage die Stadt nach —— dem entflohenen Mädchen, ebenſowenig konnte ich etwas über die Exiſtenz des Kloſters erfahren. Da befand ich mich eines Abends, als ich die Verfol⸗ gung ſchon als hoffnungslos aufgegeben hatte, im Chesnut⸗ ſtreet⸗Theater. Forreſt gab den Richelieu— auf der dritten Gallerie entſtand aber ein Lärm— ein Raufbold hatte Eine der öffentlichen Damen beleidigt und als ich, durch den Spektakel hinaufgelockt, dorthin eilte, ſah ich das, von dem rohen Buben gemißhandelte Mädchen, wie es bleich und ſtolz emporgerichtet, einen kleinen ſcharfen Dolch in der Hand, mit zornfunkelnden Augen den feigen Lärmer heraus⸗ forderte, ſeine Hand noch einmal gegen ſie zu erheben. Ich ſtand wie vom Schlage gerührt, denn das bleiche, ſchöne Mädchen war Emilie Walraven. Vorſpringend ſchmet⸗ terte ich den Frechen mit einem Schlage zu Boden, erfaßte dann ſchnell Emiliens Arm, und führte ſie, den Conſtabeln ausweichend, die ſie verhaften wellten, die Treppe hinab, wo wir bald, ſchnell und unangefochten die Straße erreich⸗ ten. Es war noch früh am Abend, keine Wagen zu finden und wir mußten gehen.— An Alles das dachte ich jetzt, als ich lauſchend in dem einſamen Zimmer ſaß— ich dachte der großen, heißen Thrä⸗ nen, die des Mädchens Augen füllten, als ſie mich erkannte — ihres wilden Flehens, als ich zu ihr von der Heimath, von ihren früheren Verhältniſſen ſprechen wollte, und wie ſie, meine Hand erfaſſend, gerufen:„Es iſt zu ſpät jetzt, zu ſpät— laßt mich um des Heilandes willen wenigſtens glück⸗ lich in meiner Schande ſein.“ Ich dachte an ihr flüchtiges Erröthen, als ich auf einen vor uns hinſchreitenden Mann wieß, deſſen Geſtalt ich, des auf der Stadt lagernden Nebels wegen, nicht deutlich erken⸗ nen konnte, deſſen Formen mir aber dennoch bekannt vor⸗ kamen, ſo daß ich faſt unwillkürlich ſagte—„Sieht jene Geſtalt dort nicht aus wie Paul Weſtern.“ Ihre Stimme war heiſer und dumpf als ſie antwortete—„ich kann ihn nicht erkennen— wer weiß, wer es iſt.“ Endlich, nachdem wir ein wahres Labyrinth von Straßen durchwandert hat⸗ ten, erreichten wir„das Kloſter“ und hier, ich hätte dar⸗ auf ſchwören mögen, glitt Weſtern ſelbſt durch die ſich vor uns öffnende Thür in das Innere des Gebäudes— obgleich ich mir ſelbſt einreden wollte, ich müſſe mich geirrt oder ge⸗ täuſcht haben. Lautloſe Stille herrſchte im Zimmer, aber wunder⸗ barer Weiſe wuchs das mich beklemmende, ängſtliche Gefühl mit jeder Secunde. Ich gedachte mit innerem Schauder des erſchrecklich— ausſehenden Thürſtehers, der uns die Pforte geöffnet, wie ſeiner beiden Helfershelfer, die uns begafft hat⸗ ten, und immer wilder und tobender wogte und kochte mir das Blut durch die Adern, während das Herz in ängſtlichen Schlägen die Bruſt zu zerſprengen drohte. Dunkele Gedan⸗ ken an Mord und Hinterhalt ſtürmten auf mich ein, und ich bereute jetzt ernſtlich, keine Waffen mit mir genommen zu haben. Das Einzige, was ich bei mir trug, war ein dün⸗ nes, ſchwankes Stöckchen, welches mir der Wirth meines Hotels, geliehen hatte, und nur wenig Hülfe konnte ich von ſolcher Wehr erwarten. Alles das drängte in beengenden, unerklärbaren Gefüh⸗ len auf mich ein, der kalte Schweiß ſtand mir auf der Stirn, und ich horchte mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit dem leiſeſten, unbedeutendſten Geräuſch, als fern— tief, tief un⸗ ten, wie aus den geheimſten Höhlen des alten, finſteren Ge⸗ bäudes herauf, wiederum ein dumpfer Laut ſchallte, als ob ein Mann, durch irgend etwas Schreckliches überraſcht, den Hülferuf verſuche auszuſtoßen, und den klaren, hellen Ton nicht über die Lippen bringen könne; und dann— allmäch⸗ tiger Gott, wie deutlich hörte ich den gellenden, ohrzerrei⸗ ßenden Schrei. „Mord! Mord! Mord!“ aber weit unten, tief, tief unter mir. Der Schrei weckte Emilie aus ihren Träumen, ſie fuhr im Bette empor und ſagte flüſternd, aber mit feſter ſicherer Stimme: „Was iſt vorgefallen, Boyd?“ 1 „Horch!“— rief ich mit vor Entſetzen zuſammenſchla⸗ genden Kinnladen—„horch!“ und wieder hervor, aus den tiefſten, innerſten Gemächern der Höhle ſchallte der dumpfe, ſchreckliche Ruf: J. 9 130 „Mord! Mord! Mord ¹“¹ lauter und ängſtlicher mit jedem Mal, und endlich verſchwimmend in ein dumpfes, un⸗ natürliches Gurgeln und Stöhnen. Im nächſten Augenblick herrſchte Grabesſtille. „Was bedeutet das!“ wandte ich mich jetzt wild und drohend gegen das Mädchen—„was bedeutete der Ruf! und ein dunkeler Verdacht beſchlich zum erſten Male mein Herz. In demſelben Augenblick flackerte auch die Flamme im Kamin wieder auf kurze Zeit empor und beleuchtete jeden Zug ihres Angeſichts; ihre dunkelen Augen blickten aber feſt und ruhig in die meinigen, und ohne eine Miene zu ver⸗ ziehen, antwortete ſie ruhig. „Beim ewigen Gott— ich weiß es nicht.“ Ihre Antwort bewieß mir wenigſtens, daß ſie Geiſtes⸗ gegenwart beſitze, wenn ſie mich auch nicht von ihrer Un⸗ ſchuldüberzeugen konnte, und ſtumm und nachdenkend lehnte ich, in die nun verglimmenden Kohlen ſtarrend, am Kamin. „Komm Boyd,“ ſagte ſie endlich, als fie aufſtand und ſich in ihr Nachtkleid hüllte.„Du mußt das Haus verlaſſen — ich dulde keinen Beſuch länger, als dieſe Stunde. Dank⸗ bar bleib' ich Dir für Deinen Schutz im Theater, aber— Du mußt zu Hauſe.“* 1 Sie ſprach ruhig und gefaßt, und wirklich erſtaunt, blickte ich zu ihr auf, ſagte aber, als dunkele Ahnungen und Befürchtungen in mir aufſtiegen, auf der öden Treppe über⸗ fallen und gemordet zu werden. 3 131 „Ich werde das Haus nicht verlaſſen— der Teufel traue den Bewohnern deſſelben.“ Emilie ſah mich verwundert an, blieb aber ruhig und gefaßt, und erwiederte: „Dann muß ich hinunter gehen und mir etwas zu eſſen holen— mich hungert.“ „ODu magſt den alten Teufelskäfer und ſeine Neger eſſen,“ lachte ich dagegen,„aber meines Vaters Sohn ver⸗ läßt dieſes Zimmer nicht, bis es Tageslicht iſt.“ Im nächſten Augenblick war ſie durch die ſchmale Thüre verſchwunden, und nur wenige Secunden noch, hörte ich ihren leiſen Fußtritt auf den Stufen. Da ſaß ich denn in einer ganz vortrefflichen und aller⸗ liebſten Situation. In einem finſteren, einſamen Zimmer um Mitternacht, unbekannt mit den dunkelen, geheimniß⸗ vollen Gängen und Windungen dieſer Verbrecherhöhle, und noch überdieß keineswegs frei von der Furcht, die junge Dame nach kurzer Zeit mit Teufelskäfer und ſeinen Negern zurückkommen zu ſehen, um mich ebenfalls abzufertigen und, als hinderlich, aus dem Wege zu räumen. Denn was konnte wahrſcheinlicher ſein, als daß die Mörder mich, gewiſſer⸗ maßen den Zeugen ihrer Schuld, da ich doch den Hülferuf gehört haben mußte, wünſchen mochten, ebenfalls un⸗ ſchädlich zu machen, damit ich ihre Schlupfwinkel nicht ver⸗ rathen ſollte. Wie leicht konnte ich da nicht durch irgend eine geheime Fallthür zur ewigen Seligkeit befördert werden. 13² Vor allen Dingen wollte ich mir jetzt etwas mehr Ge⸗ wißheit über das Innere des Zimmers verſchaffen in dem ich mich befand, und das vielleicht mein Sterbezimmer wer⸗ den ſollte; die Dunkelheit wurde mir daher drückend, und endlich gelang es meinen Bemühungen, die Flamme im Herde wieder etwas anzufachen, daß ich den Raum, der mich umgab, näher betrachten und vielleicht eine Vertheidigungs⸗ waffe oder einen Ausweg zur Flucht finden konnte. Aber das auf ſolche Art erhaltene Licht war ungewiß und flackernd, und in einem Augenblick erhellte es das Zimmer, daß ich klar und deutlich die entfernteſten Ecken erkennen konnte, und im nächſten hüllte es daſſelbe wieder in tiefe Nacht und Dunkelheit; nichts deſto weniger ſtarrte ich, jeden leuchten⸗ den Glanz ſchnell benutzend, umher und entdeckte nun die folgenden Eigenthümlichkeiten. An der rechten Seite des Kamins war ein zweites Ge⸗ mach, und die Thüre deſſelben wurde durch einen eigenen, ſonderbar geſtalteten Knopf, etwa ſo lang und noch einmal ſo dick, als ein kleiner Finger, verſchloſſen gehalten; an der anderen Seite des Kamins, dicht unter der Decke, befand ſich dagegen ein kleines, ſchmales Fenſter, vielleicht ſo groß als zwei halbe Bogen Papier auf einander geſtellt. Am hinteren Theil des Kloſters ſind nämlich gar keine Fenſter und auf ſolche Art mußte, ein natürlich ſehr mattes und unbeſtimmtes Licht in die inneren Räume gelaſſen werden. Wie viel ſolche Zimmer dort neben einander lagen, weiß ich 133 allerdings nicht, fünf oder zehn oder zwanzig; wahrſchein⸗ lich wurden ſie aber alle auf ähnliche Art erleuchtet. Gerade als ich nun zu dieſem Fenſter hinaufblickte, war es mir, als ob eine Ecke des Vorhangs zurückgebogen würde. Natürlich trug das nicht dazu bei, meine Lage angenehmer zu machen, denn ich fing nun ſchon an mir einzubilden, ich könne wirklich ein menſchliches, gegen die Scheiben gepreß⸗ tes Geſicht dahinter bemerken; da ſank die Flamme in dem Kamin wieder und Alles lag auf's Neue in tiefer Dunkelheit. Jetzt plötzlich hörte ich ein leiſes— leiſes Knarren— Was war das! das Licht flackerte wieder empor— allmäch⸗ tiger Gott, durfte ich meinen Augen trauen! der Knopf, der die Thür verſchloſſen hielt, drehte ſich langſam— lang⸗ ſam herum und verurſachte dadurch das leiſe— krächzende Geräuſch. So unbedeutend dieſer Umſtand erſcheinen mag, ſo er⸗ füllte er mich doch mit einem nicht zu beſchreibenden Entſetzen; denn was konnte dieſen Knopf bewegen, als eine menſchliche Hand!— Langſam— langſam drehte er ſich, und jetzt— ſprang die Thür mit einem plötzlichen Ruck und ſcharfem Aechzen auf.— Alles war wieder dunkel; der kalte Schweiß ſtand mir auf der Stirn.— Lag mein bewaffneter Mörder dort im Hinterhalt, um im nächſten Augenblick auf mich einzuſpringen! ich verlebte einige fürchterliche Minuten.— Endlich, meinen ganzen Muth zuſammenraffend, warf ich mich gegen die Thür und ſchloß ſie wieder, drückte den Knopf 134 zurück und drehte ihn herum, ſo feſt und ordentlich, wie nur eine Klinke zugedreht und eingeklinkt werden kann. Zum Bett dann zurücktretend erwartete ich das Reſultat— ein neues Aufflackern der Flamme und— großer Gott, ſchwö⸗ ren konnte ich darauf, oben preßte ſich ein Geſicht gegen das ſchmale Fenſter— da begann auch das Knarren von Neuem und langſam— langſam drehte ſich der Knopf wieder in der geheimnißvollen Thür, die im nächſten Augenblick zum zwei⸗ ten Mal mit demſelben Aechzen aufflog. Kaum konnte ich athmen, und regungslos lehnte ich ge⸗ gen den Bettpfoſten.— War mein Feind in jener Kammer verborgen, und ſpielte er mit mir, wie die Katze mit der Maus, ehe ſie auf ſie ſpringt! Faſt bewußtlos ſtreckte ich meinen Arm aus, und berührte den dünnen, ſchon erwähnten Stock. Wie einen Freund in der Noth zog ich ihn zu mir und prüfte, ihn in der Hand wiegend, wie großen Dienſt er mir wohl leiſten könnte, als es mir vorkam, als ob der obere Theil nicht ganz feſt an dem unteren ſäße— beim ewigen Gott, es war ein Degen⸗ ſtock, und ich nicht ganz wehr⸗ und hülflos. Einen Schlag konnte ich führen gegen den heimlichen Feind, und meine Mörder ſollten mich wenigſtens nicht blos ruhig abſchlachten dürfen. Ihr ſeht, mein Arm iſt gerade keiner der ſchwäch⸗ ſten, und es giebt wohl noch ſchlechtere Männer in einem Kampf, als Boyd Merivale iſt. Den Stockdegen alſo feſt in der Hand faſſend, ſprang ich gegen den Tapetenſchrank an, und von der geöffneten Thür aus ſtach ich mit aller Gewalt in den dunkelen Raum. Obgleich ich aber meinen Arm zu ſeiner vollen Länge aus⸗ ſtreckte, und der Stahl an achtzehn Zoll lang war, fühlte ich doch zu meinem unbegrenzten Erſtaunen keinen Wider⸗ ſtand, und traf Nichts als die leere Luft. Noch einmal ſtieß ich und noch einmal erfuhr ich daſſelbe Reſultat. Das war kein Schrank— es mußte ein Zimmer ſein, und erſtaunt, ja beſtürzt, ſchloß ich die Thüre und zog mich wiederum zurück. Gleich darauf hörte ich einen leichten Schritt und im nächſten Augenblick trat Emilie ins Zimmer, mit ihrer Bettlampe in der einen und einem kleinen Präſen⸗ tirteller, auf welchem ſich ein gebratenes Huhn und eine Flaſche Wein befand, in der anderen Hand. Ihr Benehmen war übrigens ganz unbefangen, auch ſchien ihr Antlitz ruhig und unbewegt, eben ſo alltäglich ſah das Huhn und der Wein aus. „Großer Gott,“ rief ſie aber, als ſie mir in das Ge⸗ ſicht blickte—„was iſt mit Dir vorgefallen! Deine Wangen glühen, deine Augen ſehen aus, als ob ſie ihre Höhlen ver⸗ laſſen wollten.“ „Gute Urſache,“ ſagte ich, während ich fühlte, wie meine Lippen bleich und bleiern geworden,„der verwünſchte Knopf dort hat ſich umgedreht, ſo lange Du fort biſt, und die 2 136 verteufelte Thür iſt aufgegangen, ſo bald man ſie wieder zu⸗ machte.“ „Hahaha“— lachte das Mädchen—„wäre ſie aufge⸗ gangen, wenn du ſie nicht zugemacht hätteſt!“ Dagegen ließ ſich freilich Nichts einwenden, aber ich war doch noch nicht zufrieden geſtellt. „Höre Emilie“— ſagte ich ernſthaft—„hier bin ich in einem fremden, unheimlichen Hauſe; mitten in der Nacht ſchreit eine Stimme Mord, eine Thüt ſpringt auf, ohne daß man einen Menſchen bemerkt— ein Geſicht ſtarrt mich durch das Fenſter da oben an. Natürlich muß ich unter ſolchen Verhältniſſen glauben, daß hier irgend eine Miſſe⸗ that begangen iſt. Ich will fort— aber durch alle Zimmer dieſes Hauſes ſollſt Du mir vorangehen und leuchten, wäh⸗ rend ich dicht hinter Dir, mit dieſem guten Stahl folge. Geht das Licht aus, oder bläſt Du es aus, dann freilich dauerſt Du mich, denn in beiden Fällen ſchwöre ich es Dir bei dem lebendigen Gott, durchrenne ich Dich mit dieſer Waffe.“— „Hahaha“ lachte das Mädchen hell auf und ſprang zu der Tapetenthür—„ſieh' hier das Geheimniß,“ und mit ihren kleinen, niedlichen Fingern wieß ſie auf das Schloß derſelben, oder vielmehr den Knopf hin, der mir ſo viel Sorge gemacht hatte. Allerdings fand ich nun hier eine ſehr na⸗ türliche Erklärung für den Spuk, denn die Thür war ge⸗ ſprungen und die Höhlung, in welcher die eine Schraube lief, hatte ſich erweitert, und bei mehrmaligen Verſuchen ſah 137 ich ſehr deutlich, wie ſie ſich von ſelbſt öffnen konnte, ſo daß ich zuletzt ſelbſt über meine Furcht lachen mußte. „Gut Emilie“— ſagte ich—„aber der Schrank jetzt — ich habe mit dem Degen hineingeſtochen, ſo weit ich reichen konnte, und Nichts berührt.“ „Du haſt gar argen Verdacht geſchöpft,“ lächelte das Mädchen—„und doch iſt die Sache ſo einfach— der Schrank iſt tief.— „Und das Geſicht, was auf mich nieder ſah?“ „Einbildung— Nichts als Einbildung,“ rief ſie, aber noch während ſie ſprach, bemerkte ich, wie ihr Auge ſchnell und ängſtlich nach demſelben Fenſter hinaufflog, faſt, als ob ſie ebenfalls fürchte, jene Züge zu erblicken. „Wir wollen den Schrank unterſuchen,“ ſagte ich jetzt entſchloſſen, indem ich die Thür wieder aufriß—„was haben wir hier! einen alten Mantel an einem Haken.“— Wiederum ſtieß ich mit meinem Degen hinter den Mantel, und auch dießmal traf er nur die leere, freie Luft.“ „Emilie,“ flüſterte ich—„hinter dieſem Schrank iſt ein Zimmer und du wirſt es zuerſt betreten. Erinnere dich gefälligſt an das Licht.“ 4 „Ach Gott ja— jetzt erinnere ich mich, dieſe Tapetenthür führt auch in das nächſte Zimmer”“— rief ſie lachend, ob⸗ gleich es mir faſt ſo vorkommen wollte, als ob ihr Antlitz ein wenig erbleichte— nich hatte das ganz vergeſſen, da ſie nie benutzt wird.“ 138 „Geh voran Emilie— und vergiß das Licht nicht.—₰4 Sie ſchob die Thüre zurück und glitt mit dem Licht hindurch. Ich folgte ihr, und wir ſtanden gleich darauf in einem kleinen Gemach, das, wie das vorige, mit einem ſchmalen, langen Fenſter verſehen war; ſonſt konnte ich aber auch keine andere Thür oder Oeffnung, ja nicht einmal ein Kamin bemerken; nur in der einen Ecke ſtand ein großes, maſſives Bett, deſſen Decke nicht berührt worden. Zwei oder drei altmodige Stühle befanden ſich noch im Zimmer, und von da aus wo ich ſtand, erblickte ich einen vierten, der mit ſeiner Lehne gerade über dem Fuß des Geſtelles hervor⸗ ragte. Eine kleine Sonderbarkeit in Emiliens Benehmen, die mir zwar damals nicht auffiel, an dis ich aber ſpäter zurück⸗ dachte, muß ich hier erwähnen; in dem Augenblick, wo das Licht der Lampe in das Zimmer fiel, wandte ſie ſich mit einem Lächeln gegen mich und frug, mich nach dem Fuß des Bettes führend, ob ich hier etwas Verdächtiges bemerke oder finde! 3 Strahlen der Lampe, und ſah lächelnd zu mir empor; zu gleicher Zeit hatte ich mich aber auch wieder gegen die Thür gewandt, durch welche wir eingetreten waren, und meinen Rücken daher dem Theil des Gemaches zugekehrt, welcher am weiteſten von Emiliens Stube entfernt lag. Der Um⸗ ſtand ſchien unbedeutend, aber Emilie hielt in gleicher Zeit Sie beſchattete dabei mit der Hand ihre Augen vor den — 139 c. Licht ſolcher Art, daß jener Theil zwiſchen dem Fuß des Bettes und der hintern Wand, in vollkommnem Dunkel blieb, während der übrige Raum mit faſt Tageshelle erleuchtet war. Lächelnd ſah Emilie zu mir empor, und mir deuchte, ſie habe noch nie ſo ſchön und liebenswürdig ausgeſehen, als gerade in dem Augenblick. Bei Gott, ich wollte Sie hätten ihre Augen ſehen können, wie ſie glänzten und funkelten,— und ihre Wangen— eine aufgeblühte Roſe würde erröthet ſein, ſich neben ihnen ſehen zu laſſen. Sie ſchaute ſo ſchel⸗ miſch, ſo ſüß, ſo lieb auf, daß ich mir nicht helfen konnte, ich that einen Schritt zurück, um meine Blicke beſſer an ihr weiden zu können und drückte dann einen leiſen Kuß auf ihre Lippen— Vielleicht war das ganz natürlich, aber ihre Lippen kamen mir ſo heiß wie Kohlen vor. Wieder trat ſie zu mir heran, und lächelte mit ihrem verführeriſchen Blicke zu mir empor— wieder trat ich zu⸗ rück, ihre ganze liebe Geſtalt in mich einzuſaugen und die heißen, heißen Lippen an die meinen zu preſſen, als— die Wahrheit zu geſtehen füllt mich noch bis heute die Erinne⸗ rung an jenen Augenbck mit tödtendem Entſetzen— als ich einen Klang hörte, als ob in weiter Ferne ein Baumaſt gegen einen Fenſterladen ſchlüge, und zu gleicher Zeit fühlte ich einen kalten Luftzug an meinem Rücken. Nachläſſig wandte ich mich um, die urſache zu erfor⸗ 140 ſchen, ein einziger Blick genügte aber, und beim ewigen Gott, ich flog in einem Satze von dem Schreckensort fort, denn dicht hinter mir, zwiſchen dem Bett und der Wand ſah ich, wie ſich eine teppichbelegte Stelle etwa drei Fuß im Durchmeſſer, langſam hinunterbewegte, und von der Diele abſonderte. Ich hatte mit meinem Fuß die dort, für mich natürlich, bereitete Feder getroffen, und die Fallthüre ſank.— Wie Sie ſich denken können, regte mich das fürchterlich auf, mein Herz ſchien mir im erſten Augenblick in einen Eisklumpen verwandelt zu ſein, und ich ſah bald auf die Falle nieder, bald zu Emilien auf. Deren Antlitz war aber ſtarr und leichenblaß geworden, und ſie lehnte ſich erſchüttert an den Bettpfoſten. Mit dem Stockdegen in der Hand vortretend, blickte ich jetzt in den Abgrund hinunter. Allmächtiger, wie ſchwarz und düſter gähnte es zu mir empor. Von Raum zu Raum — von Diele zu Diele hatten ſich die Fallen zurückgeſchoben, und tief— tief unten, meiner erhitzten Einbildungskraft, ſchien es in meilenweiter Entfernung— flackerte und glimmte ein mattes, bläuliches Licht, und ein murmelndes Geräuſch quoll aus der unergründlichen Tiefe herauf. Mich, den Degen in der Hand, nach vorne biegend, Fräulein Emilie jedoch dabei immer im Auge behaltend, riß ich von einem etwas vorſtehenden Nagel ein Stückchen Leinen herunter;— es war das Stück von einem Hemdärmel, dort 141 augenſcheinlich hängen geblieben, und der Teppich ſchien eingeriſſen, als ob ein Fallender ihn mit ſcinen Fingern im Sturz erfaßt hätte. Das Stück Leinen gehörte aber einer Manſchette an, und ich erinnerte mich jetzt genau, daß ich Paul Weſtern wegen eben ſolchen Manſchetten oft ausgelacht und geneckt hatte. Während ich noch das Stück in meiner Hand hielt, hob ſich die Fallthür langſam wieder, und als ich mich nach Emilie umwandte, hatte ſie ihre Stellung etwas verändert und drückte ihre ausgeſtreckte Hand gegen die ihr nächſtſtehende Wand. „Nun Emilie,“ rief ich und ging auf ſie zu,„gieb mir eine einfache Antwort auf eine einfache Frage— was zum Teufel hältſt Du in dieſem Augenblick von Dir ſelbſt?“ Bleich wie eine Leiche glitt ſie zum Fuß des Bettes zurück und lehnte wiederum in ihrer vorigen Stellung, wo⸗ bei ihre Geſtalt jenen Stuhl verdeckte, deſſen Lehne ich von der Thür aus, durch die wir eingetreten, geſehen hatte. „CTritt ein wenig bei Seite Liebchen,“ ſagte ich aber, da dieſe Bewegung unwillkürlich meinen Verdacht erregte— tritt bei Seite oder ich muß Gewalt brauchen.“ Statt jedoch meinen Worten zu folgen, ließ ſie ſich gerade auf dem Stuhl nieder und ſtierte mich mit ihren dunkelen Augen ſo ernſt und wild an, daß es mir faſt vorkam, als verwirrten ſich ſchon jetzt ihre Sinne. Meine Hand ausſtreckend, hobiich ſie von ihrem Sitz empor, und wie leblos ruhte ſie in meinem Arme. Sie war ohn⸗ mächtig geworden, und in ihr Nachtgewand gehüllt, legte ich ſie auf das Bett und unterſuchte dann den Stuhl in der Ecke. Dort lenkte ein mir bis dahin entgangener Gegenſtand augenblicklich meine ganze Aufmerkſamkeit auf ſich. Ein Frack hing über dem Sitz, ein blauer Frack mit Metall⸗ knöpfen, eine hohe Weſte lag darunter, und eine Halsbinde mit einem Hemdkragen. Ich kannte die Sachen auf den eerſten Blick, ſie gehör⸗ ten meinem Freund, Paul Weſtern. 3 „Alſo das war der Schrei,“ rief ich, mich in voller Wuth gegen die Bewußtloſe wendend, ganz vergeſſend, daß ſie ohnmächtig geworden,„das war der Ruf nach Hülfe, und Weſtern hier, im Begriff ſich niederzulegen, trat auf die Feder und war im nächſten Augenblick beim Teufel.“— Das Licht in die eine Hand nehmend, ſchleppte oder trug ich mit der anderen das Mädchen in das nächſte Zim⸗ mer zurück, wo ſie nach etwa einer halben Stunde wieder zu ſich kam. „Siehſt Du!— ſiehſt Du!“ waren ihre erſten Worte, als ſie ſich erholte,„ich konnte Nichts dafür, ich konnte es nicht hindern; meines Vaters Fluch ruhte auf ihm.“ Sie brach in ein wildes, ſchallendes Gelächter aus, und lag wahn⸗ ſinnig in meinen Armen. Ich will eine lange Geſchichte kurz machen. Wie ich die ganze Nacht wachte, am anderen Morgen aus dem Haus 4 — — entkam,(denn Teufelskäfer ahnte nicht, daß ich um die Sache wußte) und wie ich zurückkehrte in die Heimath, ohne etwas von Paul Weſtern erfahren zu haben, iſt ſo leicht ein⸗ zuſehen, als erzählt. Weshalb ich keine Unterſuchung aiſtalte. Puh— meinen Namen brandmarken, daß mich die Welt für einen Beſucher der Bagnios hielt? Etwas Alberneres hätte ich nicht vornehmen können. Und wenn ich auch in meinem Herzen überzeugt war, daß die Kleider, die ich gefunden, Paul Weſtern gehörten, wie ſollte ich das vor Gericht be⸗ weiſen, und wo hätte ich ſie überhaupt wieder bekommen können?— nein— es war ſo beſſer. Nur noch eins bleibt mir zu ſagen. 4 Nie hat man ſeit jener Nacht wieder etwas von dem unglücklichen Weſtern gehört, nie wieder von der noch unglücklicheren Emilie. Sie erſchrecken?— Wie nun, wenn Emilie Theil an dem Morde, und zwar aus Rache, gehabt hätte, wogegen Teufelskäfer(auf jeden Fall der wirkliche Mörder) es nur aus Geldſucht thun konnte. Warum dann als— Zeugen ſeines Verbrechens und— Theilhaberin des Vermögens mit ihr lange gequält ſein?— Dies iſt ein ſchwarzes Haus, Fremder, und es iſt meine Herzens⸗ meinung, daß er ſie— ebenfalls umgebracht hat. Hahaha— wir ſind wahrhaftig allein im Zimmer, der ganze Klub hat ſich entweder leiſe empfohlen, oder liegt be⸗ trunken unter dem Tiſch. Ich ſah Fitz Cowles, denn wohl kenne ich ihn, erſt kurz vorher hinausſchlüpfen, und konnte es ihm an den Augen anſehen, daß er wieder irgend einen Streich im Schilde führte. Der Prediger iſt ebenfalls fort, auch der Richter, der Advokat ſchlummert dort unter den Gebliebenen und ſo— Ihnen eine gute Nacht wünſchend, will ich mich ebenfalls empfehlen— aber— hüten Sie ſich vor den Mönchen dieſer Hallen!“ Byrnewood war allein— ſeine Einbildungskraft jedoch erregt, alle ſeine Sinne in fieberhaftem Aufruhr. Still und ſchweigend ſaß er an dem leeren Tiſch und ſtarrte in tiefem Brüten vor ſich nieder, bis er wie aus einem Traum, er⸗ ſchreckt und ängſtlich, wild umherblickend, emporfuhr. Ueber ihm ſtrömte der grimme Satyr ſein blendendes Licht aus, bis tief, tief hinein in das leuchtende Glas des fernen Spie⸗ gels und über das dunkele Getäfel, an der niederen Decke hin. Um den Tiſch herum lagen aber in den wunderbarſten und ſeltſamſten Stellungen die verſchiedenen Mönche des lu⸗ ſtigen Ordens. Manche zuſammengekauert, ernſt und allein in irgend einer entfernten Ecke, Andere lang ausgeſtreckt mit geſpreitzten Armen und Beinen, als ob ſie ſich mit dieſen ſchon auf dem Boden liegend, vor einem noch tieferen Fall hätten ſchützen wollen. Hier lehnte Einer mit bleichem, gei⸗ ſterhaftem Antlitz, in halb ſitzender Stellung an einer Trep⸗ penſtufe, und dort hing ein Vierter den Kopf wie todt und gefühllos über die Stuhllehne rückwärts; kurz über dem Boden und durch die Stube zerſtreut lag Trunkenheit in 145 ihrer wunderlichſten, ſcheußlichſten Geſtalt, von jener wacke⸗ ren Künſtlerin, der Flaſche, treu nach dem Leben gemalt. „Schauerlich aber ſtreckte über dieſe Scene bachantiſcher Unmäßigkeit, das am oberen Ende des Tiſches ſtehende Mönchsgerippe die knöcherne Hand aus, mit der es den gol⸗ denen Becher umſpannt hielt, während ſeine fleiſchloſe Stirn ſeine leeren Augenhöhlen und fletſchenden Zähne, in wil⸗ der, teufliſcher Luſt ſich an den, ihm hier gebrachten Opfern, zu ergötzen und zu weiden ſchienen. Byrnewood ſtarrte mit einem eigenen Schauer lang⸗ ſam und aufmerkſam im Kreiſe umher, und fühlte ordentlich, wie ihm das Blut mit jedem Augenblicke kälter und eiſiger durch die ängſtlich pochenden Adern rollte. Noch nie in ſeinem Leben hatte eine ſolche Empfindung ſich ſeines ganzen Weſens bemächtigt, und er erinnerte ſich mit bangem Herzklopfen einſt gehört zu haben, daß manchmal ein ſolches Zittern und Bangen von dem Ahnungsvermögen eines Menſchen her⸗ rührte, der dadurch gewarnt würde, ſich auf irgend etwas Fürchterliches und Entſetzliches vorzubereiten. „Mein Gott!“ murmelte er vor ſich hin, und der Klang ſeiner eigenen Stimme erfüllte ihn ſchon mit Beben—„wie ſonderbar mir plötzlich zu Muthe wird. Sollte das der erſte Anfall irgend einer ſchweren Krankheit ſein können! oder— iſt es die Wirkung jener eben gehörten, ſchauerlichen Erzäh⸗ lung?!— Es ſoll Ahnungen geben— Ahnungen, die einem Heann ſeinen Tod Tage, Wochen lang, vorher empfinden . 10 146 laſſen. Das iſt, fürchterlich— fürchterlicher als der Tod ſelbſt.“*— „Warum kommt Lorrimer nicht wieder zurück! 14 fuhr er dann nach kurzer Pauſe fort—„er iſt über eine Stunde fortgeblieben— was ſoll das heißen! Könnten die Worte jenes— jenes Zukunftdeuters Wahrheit enthalten?— oh, Unſinn! wie vermag Lorrimer mir zu ſchaden, wie ich ihm? — Noch drei Tage bis Weihnachten— hahaha— ich glaube bei Gott, ich werde ebenfalls verrückt— der kalte Schweiß ſteht mir ſchon auf der Stirn.“ Während er ſprach, hob er die linke Hand empor, ſie an die Stirn zu preſſen und in der Bewegung begegnete ſein Auge dem Glanz eines kleinen, einfachen Ringes an ſeinem Finger. Er küßte ihn innig— wieder und wieder. War es das Geſchenk der Geliebten!“ „Gott ſeegne ſie— Gott ſeegne ſie— Wehe dem Mann, der ſie kränken ſollte— und ach— die arme Anna. Er ſprang plötzlich von ſeinem Sitz auf, und ſchritt nach der Thür. „Ich weiß nicht, wie es kommt, aber mir iſt, als ob mich eine unſichtbare Hand durch die Zimmer dieſes Hauſes triebe, und vorwärts will ich wandern, bis ich entweder Lorrimer entdecke, oder wenigſtens die Geheimniſſe dieſer Höhle ergründe. Gott weiß es, aber mir iſt— Unſinn— ich weiß, ich bin krank,— aber mir iſt, als ob ich zu mei⸗ nem Tode ginge.“ 147 Durch die enge Thüre ſchreitend, ſtieg er leiſe die dun⸗ kele Treppe hinauf, und ſtand gleich darauf im unterſten Stockwerke des Hauſes. Der Mond warf ſeine bleichen Strahlen noch immer durch das hohe Dachfenſter über die breiten, teppichbelegten Stufen der Treppe; aber Alles im Gebäude war todtenſtill— kein Laut regte ſich, nicht ein unterdrücktes Flüſtern, kein leiſer Fußtritt wurde gehört. Den Mantel alſo feſt um die Schultern ſchlagend, ſprang er ſchnell die Treppe hinauf und erreichte, ohne von irgend Jemand bemerkt zu werden, den erſten Stock. Aber auch hier herrſchte dieſelbe Stille, daſſelbe lautloſe Schweigen; noch höher ſprang er, in immer zunehmender Angſt und Beklemmung, und ſtand im nächſten Augenblick im zweiten Stock. 4 Hier eröffnete ſich ihm ein langer Gang mit vielen, re⸗ gelmäßig in die Wände eingefügten Thüren, und eine andere Treppe führte noch immer höher hinauf; Byrnewoods Auf⸗ merkſamkeit ward aber durch einen einzelnen Lichtſtrahl ge⸗ feſſelt, der für wenige Secunden am unteren Ende der Halle zu glänzen ſchien. Schnell vorwärts ſchreitend gelangte er jedoch bald zu einer, jedem ferneren Weiterrücken ſehr hin⸗ derlichen Mauer. Er blickte nach ſeiner Linken, aber Alles war finſter wie das Grab, und er konnte die Hand nicht vor Augen ſehen; den Kopf nach der rechten Seite wendend, ſchien es ihm, da er ſich auch ſchon jetzt etwas an die Dun⸗ kelheit gewöhnte, als ob er die im Schatten verſchwimmen⸗ 10* — 11yee=ze 148 den Wälle eines langen Corridors erblickte, an deſſen Ein⸗ gang er ſtand, und deſſen fernſtes Ende durch ein, augen⸗ ſcheinlich aus einer offenen Thür ſtrahlendes Licht erleuchtet wurde. Ohne ſich einen Augenblick zu beſinnen, ſchritt er darauf zu, und ſtand bald in dem hellen Schein der flam⸗ menden Kerzen. Ehe er den fremden Raum betrat, überflog er ihn je⸗ doch mit ſeinen Blicken, und erkannte ein großes, geräumiges und prachtvoll ausgeſtattetes Gemach, das durch einen koſt⸗ bar gearbeiteten Armleuchter erhellt wurde. Es ſchien ſtill und verlaſſen, und von der Decke floß bis auf den bunten Teppich hinunter in reichen, ſchwellenden Falten ein ſchwe⸗ rer Vorhang von Damaſt, und durch das ſonderbare Gefühl, das ihn bis hierher geführt, angetrieben, betrat er das Zim⸗ mer und lüftete, ohne die weitere Einrichtung eines Blickes zu würdigen, den Vorhang. Zu ſeinem Erſtaunen öffnete ſich ihm aber hier ein an⸗ derer Raum, ſo groß als der erſte, aber wo möglich noch reicher und koſtbarer ausgeſtattet. Die Wände waren durch⸗ gängig mit herrlichen, muſterhaft ausgeführten Gemälden bedeckt, und das blaue Firmament— ſchattige, dunkele Wäl⸗ der, tobende Waſſerfälle und ſtille Seen, in denen ſich lieb⸗ liche Frauengeſtalten badeten, begegneten überall dem er⸗ ſtaunt und überraſcht umherſchweifenden Auge. Ein azurner Vorhang, mit kleinen goldenen Blättern wie überſtreut, verhing das äußere Ende des Raumes, und in einer Eckte deſſelben ſtand ein breites, maſſives Bett, deſſen ſchneeweiße Decke glatt und tadelfrei in dichten Falten über das Lager hinabhing. „Das Brautbett!“ murmelte Byrnewood, da er den azurnen Vorhang bei Seite ſchob; aber ein leiſer Ausruf des Erſtaunens wie der Bewunderung entfuhr ſeinen Lippen, als er den kleinen, zeltartigen Raum erblickte, der ſich hier vor ihm aufthat. Es war ein kleines, hohes Gemach, rund herum mit blaßrothen Seiden⸗Vorhängen dicht umſchloſſen, die dann oben in der Mitte, von einem goldenen Stern vereinigt und gehalten, in graziöſen Falten herabfielen, dadurch die Wände dieſes kleinen feenartigen Raumes bildend. Der Teppich leuchtete in denſelben lieblichen Farben, und ſelbſt der Sammet des Sophas harmonirte mit ſeiner umgebung. Auf dem ſchneeweißen Tuch eines kleinen, niederen, in der Mitte ſich befindenden Tiſchchens, ſtand ein mächtiges Wachslicht und goß einen matten, wollüſtigen Schein durch das Innere des zauberiſch ſchönen Platzes. Auch ein kleines Lager, mit einer Toilette am Fuß deſſelben, befand ſich in der einen Ecke, die Decke deſſelben war aber verſchoben, als ob ſich erſt Jemand vor kurzer Zeit davon erhoben hätte, und der Inhalt der Toilette ſchien ebenfalls kaum benutzt und wieder verlaſſen zu ſein. Alles dies, in ſo wunderlieb⸗ lichem Einklang zuſammen, goß einen Zauber über den Platz 1 50 aus, der Byrnewood mit einem eigenen wohlthuenden, und auch wieder ängſtigendem Schauer erfüllte. „Dies war das Ruhezimmer der Braut,“ flüſterte er dann leiſe, während er bewundernd und ſtaunend umher⸗ blickte—„es ſieht in der That wonnig genug aus; iſt ſie aber das unſchuldige Weſen, wie mich Lorrimer will glau⸗ ben machen, ſo hätte ſie beſſer in dem faulſten Winkel der Stadt, als einen Augenblick auf dieſem wollüſtigen Lager geruht.“ Halb über der einen Sophalehne lag ein Frauenkleid von einfach ſchwarzer Seide, und neugierig, eine Idee von der Geſtalt der Braut— o ſchändliche Entweihung des Wortes— zu bekommen, hob er das Kleid auf und unter⸗ uchte, es auf Armeslänge vor ſich haltend, ſeine Einzel⸗ heiten. Während er noch damit beſchäftigt war, ſchlug leiſe und dumpf der Klang von mehren Stimmen an ſein Ohr und zwar der Thüre, durch die er eingetreten, gerade gegen⸗ über. Halb noch jenen Tönen hinüberlauſchend, betrachtete er indeſſen die ganze Form und Geſtalt des Anzuges, den er in der Hand hielt, und wie ſein Blick erſt gleichgültig, dann ſchneller und ängſtlicher darüber hinflog, drängten ſich ihm die dunkelen Augen faſt aus ihren Höhlen hervor, und ſcine Wangen wurden bleich und aſchfarben, wie die einer Leiche. Dann ſchien es ihm, als ob ſich das Zimmer mit ihm im ſchwindelnden Kreiſe umherſchwinge, und er preßte ſeine Hand gegen die Stirn, wie um ſich ſelbſt zu überzeugen, daß er nicht von einem entſetzlich⸗fürchterlichen Traum befangen ſei; gleich darauf aber, Kleid und Mantel fallen laſſend, ſchritt er mit feſtem abgemeſſenen Schritt jener Seite, dem gemalten Zimmer gerade gegenüberliegend, zu. Die Stimmen wurden deutlicher— Byrnewood horchte ſchweigend; ſein Antlitz war aber noch bleicher als vorher und deutlich ließ ſich die Anſtrengung erkennen, mit der er einen unwillkürlichen Angſtſchrei, der ſeiner Bruſt entſteigen wollte, zu unterdrücken ſuchte. Die Hand ausſtreckend, ſchob er jetzt die Gardine leiſe bei Seite und ſchaute in das nächſte Gemach. Bleiſchwer fiel der Arm im nächſten Augenblick an ſei⸗ ner Seite hinunter. Ueber ſeine ganzen Züge zuckte ein wilder, verwirrter Ausdruck von Erſtaunen, Schrecken und Schmerz, und ſeine dunkelen Augen ſtarrten in unſäglicher Seelenangſt ſtier und faſt bewußtlos vor ſich nieder. Einen Augenblick lang ſchien es, als ob er den Gefühlen erliegen und zu Boden ſtürzen müſſe, gewaltſam aber unterdrückte er mit faſt mehr als menſchlicher Kraft dieſe entſetzliche und jetzt ſo gefährliche Bewegung ſeines ganzen Weſens. Krampfhaft umſchloß er ſeine Stirn mit beiden Händen, wie um ſein Hirn vor den glühenden hölliſchen Flammen zu ſchützen, die es zu verzeh⸗ ren drohten, und richtete ſich dann wieder ſtolz und hoch, feſt entſchloſſen dem Gräßlichſten zu begegnen, empor. Wie er aber noch ſo ſtill und ſchweigend, ja trotzig da⸗ ſtand, obgleich ſich ſeine Sinne im tollen Aufruhr faſt verwirren wollten, glitt, wie ein Todes⸗Omen dem j jungen Leben, die verwachſene, ſcheußliche Geſtalt des Pförtners, ſein ſchrecken⸗ erregendes Geſicht zu einem teufliſchen Grinſen verzerrt, herbei, während ſein einzelnes Auge wie eine glühende Kohle oder ein Stück rothheißen Eiſens in ſeiner Höhle leuchtete. Umſonſt war aber die augenblickliche Feſtigkeit, mit der ſich Byrnewood ermannt hatte; umſonſt war der Verſuch, der ſeinen Athem unterdrückte, ſeine Hände ballte, und den kalten Angſtſchweiß durch ſeine Poren trieb. Er fühlte, wie jener Todesſchmerz unaufhaltſam zu ſeinen Lippen ſtieg— er hätte eine Welt gegeben, ihn bezwingen zu können, aber vergebens— vergebens alle ſeine übermenſchlichen An⸗ ſtrengungen. Eiin gellender Schrei— wie der Angſtruf eines plötzlich in einen Abgrund Geſchleuderten, brach von ſeinen Lippen — er ſchleuderte den Vorhang zurück und ſchritt mit den Blicken und Gebehrden eines Wahnſinnigen in das nächſte Gemach.. Achtes Capitel. Mutter Nancy und die langlockige Betty. „Alſo haſt Du das niedliche Täubchen doch in den Käſig gelockt!“ ſchmunzelte die alte Dame, während ſie die geröſtete Semmel, beſtrichen zwiſchen den Fingern hielt— „der Thee hier iſt faſt zu ſchwach— thu noch ein wenig hinein, mein Kindchen, Jeſus nein, wer hätte nur geglaubt, daß Du das Engelsgeſichtchen ſo gleich erwiſchen würdeſt. Kocht der Keſſel, mein Herzchen! Ehe Ou fortgingſt, ſetzte ich ihn ſchon auf's Feuer und er ſollte doch jetzt eigentlich ſprudeln und ziſchen.— Erwiſchte ſie wirklich— haha ha, Betty— Du biſt ein merkwürdiges Mädchen, ein unbe⸗ zahlbarer Schatz.“ Und mit dieſen ſanften Worten arrangirte die alte Dane das Theegeſchirr auf dem, mit einem ſauberen, wei⸗ ßen Tuch bedeckten Tiſchchen, ſchenkte ſich eine Taſſe des belebenden Getränkes ein, und kicherte und lachte ganz leiſe vor ſich hin, als ob ſie und das geröſtete Brodſchnittchen da, einen wunderkomiſchen Spaß zuſammen hätten. 154 „Merkwürdig kalte Nacht, Mutter Nancy,“ rief die junge, ſchwarzgekleidete Dame jetzt, als fie ſich wie erſchöpft in einen Stuhl warf, und ihr Bonnet auf das alte Sopha legte—„Laſt genug habe ich aber mit dem kleinen Ding gehabt, Straße auf, Straße ab— eine geſeegnete Stunde lang, und die ſchwarzen und weißen Lügen*), die ich er⸗ zählen mußte— Erwähnt's nur gar nicht. „Setz' Dich, Bettychen, ſetz' Dich— ſo recht, Schätz⸗ chen, ſo recht,“ ſagte die wunderbar ergötzte Dame, wäh⸗ rend ſie das Brod zwiſchen ihren zahnloſen Kinnladen bear⸗ beitete—„und nun erzähle mir Alles haarklein, von vorne herein; ſo etwas macht uns alte Praktiker ordentlich wieder jung—“ „Welch' ein vollkommener Teufel,“ murmelte Betty, als ſie ihren Stuhl näher zum Tiſche zog—„dieſe Auſtern ſind delikat,“ fuhr ſie dann laut fort, köſtlich gebacken— doch— Mutter; habt Ihr nicht einen Tropfen vom Lebens⸗ ſaft? eh?“ „Ja, Täubchen— hier iſt der Schlüſſel vom Schrank; hole die Flaſche, Herzchen: ſo ein Bischen, blos ein Bis⸗ chen, ſchmeckt gar nicht ſo übel im Thee. Während aber das ſchlanke, ſchöne Mädchen den„Le⸗ bensſaft“ holt, wollen wir indeſſen einen flüchtigen Blick *) Schwarze und weiße Lügen, als bösartige, gefährliche, und un⸗ bedeutende, unſchädliche. 1665 auf„Mutter Perkins“, die würdige Aebtiſſin dieſes Kloſters, werfen. Wie ſie ſo da ſaß, in ihrem bequemen, hochrückigen Schaukelſtuhl, gerade und aufrecht— ihre ſtattliche Figur einfach ſchwarz gekleidet, mit der weißen, ſauberen Krauſe um den Hals, und dem Schlüſſelbund am Gürtel, da ſah Mutter Nancy gerade ſo ſtill und ehrwürdig aus, wie irgend eine alte, wackere Matrone, deren einziges Ziel es nur noch auf der Welt iſt, Seegen und Glück um ſich her zu verbrei⸗ ten, den Armen Almoſen zu geben, und an die Laſterhaften eine unbeſtimmte Quantität von Beſſerungstraktätchen zu vertheilen. Ein gutes, gemüthliches Weſen war die alte Mutter Nancy, wenn ihre Züge auch gerade nicht be⸗ ſonders für ſie einnahmen, denn eine etwas niedere Stirne, von einer ungeheueren Mütze überſchattet, eine kleine, ſpitze Naſe, die zwiſchen zwei lederfarbigen, runzeligen Wangen hervorſchaute, der tiefe Einſchnitt da, wo der Mund ſein ſollte und wo die Lippen früher geſeſſen hatten, die grauen, ſtechenden Augen und das ſcharfe, nach vorn tretende Kinn, mit einigen einzelnſtehenden, borſtigen Haaren beſetzt, bil⸗ deten die Geſichtszüge eines Geſchöpfes, auf welches ſiebenzig. lange Jahre ihre Sünden, Sorgen und Verbrechen ausge⸗ goſſen hatten, ohne die alte, würdige Dame nur ein einziges Mal in ihrer Laufbahn ſchwanken zu machen. Und ſolch' eine Laufbahn! Herr des Himmels, konnte Weiblichkeit— holde— ſüße Weiblichkeit, ſo ſchön, ſo 156 herrlich in ihrem Entfalten und Aufblühen und ihrer Reife, ſo liebenswürdig ſelbſt noch in ihrem Abnehmen, und ſo ehr⸗ würdig in ihrem Alter, konnte Weiblichkeit je ſo— ſo tief ſinken als dies! Wie viele Gräber auf all' den verſchiedenen Kirchhöfen, Gräber einſt holder, lieber Jungfrauen waren von den gichtgeſchwollenen Händen dieſes Scheuſals gegra⸗ ben, das jetzt fröhlich ſchmunzelnd in ſeinem bequemen Arm⸗ ſtuhl ſaß. Wie viele jener hintergangenen Mädchen, die fau⸗ lend an den Ufern des Fluſſes, auf entlegenen Böden von den Dachſpieren hängend— verhungernd in den Straßen gefunden waren, oder vermodernd in dem Greenhouſe*) lagen, wie viele von dieſen verdankten jenem teufliſchen Feind, der ſich hier ſchmunzelnd und gemüthlich in ſeinem Schaukel⸗ ſtuhl wiegte, ihr Elend— ihre Schande— ihr unbeweintes Grab. Die Einzelheiten des warmen, behaglichen Raumes, in dem ſie ſich befand, würden übrigens keineswegs ihre ehren⸗ werthe Beſchäftigung verrathen haben. Es war ein wohn⸗ liches, altes Zimmer mit ſauberen Wänden und ſtillen, heimlichen Ecken und Winkeln, dem ein flackerndes, kniſtern⸗ des Holzfeuer den eigenen Reiz ſtiller und bequemer Häus⸗ lichkeit verlieh; eine ganze Seite des Gemachs ſchien aber von irgend einer Art Krankheit befallen geweſen und in eine verworrene Maſſe von Simſen, Regalen und Fachen aus⸗ *) Das Haus für die unbekannten Todten. 157 gebrochen zu ſein. Ein altes Pult, das wohl wunderliche Sachen genug aus eigener Erfahrung hätte mittheilen kön⸗ nen, wäre ihm nur die Redegabe verliehen geweſen, ſtand in der einen Ecke, und eine Art Geſtell oder Aufſatz trug oben eine wohlbeleibte, runde Karaffe, die ſich dort beſondere Mühe zu geben ſchien, eine Anzahl roher Flaſchen Rekru⸗ ten, in Reihe und Glied aufmarſchieren zu laſſen. Wenig Menſchen giebt es aber in der Welt, die nicht irgend einen Liebling haben, mit denen ſie ihre müßigen Stunden betrügen können, ſei es nun ein Kind, ſei es Pa⸗ pagei oder Katze, ja in verzweifelten Fällen ſogar ein Ferkel; gerade ſo hatte Mutter Nancy ebenfalls ihr Steckenpferd, wie andere, ſonſt weniger berühmte Perſonen.— Ein alter Bullenbeißer, mit böſen Augen und ruppigem, faſt haarlo⸗ ſem Schwanz, lag zuſammengekauert zu den Füßen der al⸗ ten Dame, und ſah aus, als ob er, während den ſchlechten Zeiten irgend wo aus der dritten Hand, auf einer der Auktio⸗ nen erſtanden wäre, und man hätte darauf ſchwören mögen, daß ihn ſeine Mitbrüder und Freunde ſicher zum Bürger⸗ meiſter gewählt haben würden, wäre die hündiſche Race überhaupt jemals des Vorrechts, ihre eigene Gerichtsbarkeit auszuüben, theilhaftig geworden. Dieſes Thier nannte die alte Dame gewöhnlich bei dem abgekürzten, freundlichen Namen„Dolph“— aus Delphin entſtanden, von welchem wunderbaren Fiſch das gegenwär⸗ tige Exemplar eine getreue Copie ſein ſollte. 8 „Hier iſt der Saft, Mutter Nancy,“ rief Betty, als ſie ihren Sitz an der Abendtafel wieder einnahm—„das iſt der wahre Stoff, der wärmt und erquickt— die Auſtern — wenn ich bitten darf— auch den Pfeffer. Kein Senf da! So Mutterchen, nun wollen wir's uns recht bequem machen.“ „Aber Herzchen,“ ſagte die alte Dame und ſchenkte ſich ein Glas voll aus der Karaffe ein, die einen kleinen Zettel mit dem Worte„Brandy“ trug.—„Aber Herzchen, ich vergehe ja faſt vor Ungeduld die ganze Geſchichte, Sylbe für Sylbe von dem kleinen Täubchen, das Du heute Abend eingebracht haſt, zu hören.“ Betty war eine ſchlanke, herrliche Geſtalt von etwa fünfundzwanzig Jahren, mit rahenſchwarzem Haar und dunkelen, feurigen Augen, deren Ausdruck zu Liebe und Haß, Zorn und Rache, nur nicht zu Furcht fähig ſchienen; mit etwas gebräuntem Teint, aber, ſelbſt noch in ihrer Ver⸗ worfenheit, roſigen Wangen und ſanften, einſchmeichelnden Zügen, obgleich eine lange Laufbahn von Laſter und Aus⸗ ſchweifungen eine leichte Falte zwiſchen ihren Augenbraunen gezogen, und das Fleiſch unter den Augen etwas entfärbt hatte. „Der Brandy ſchmeckt köſtlich nach dem Marſch,“ ſagte das Mädchen, während ihr Auge, durch den ſtarken Geiſt des Getränkes aufgeregt, höher glühte.— Du weißt, Mutter Nancy, daß es jetzt etwa drei Wochen her ſind, wo Gus das Ding zuerſt gegen mich erwähnte.“— „Was für ein Ding, Herzchen?“ „Nun, daß er gern ſo ein kleines Täubchen für ſich allein haben möchte— ſo— ſo etwas Apartes, ſo etwas aus der Ariſtokratie der Quäkerſtadt heraus.“ „Ja Bettichen, das weiß ich— hier Dolph; hier iſt ein guter Biſſen für Dolph!“ „Gus verſprach mir etwas Anſtändiges, wenn ich ihm behülflich ſein wollte, und ſo unternahm ich es denn. Das Brod Mutter— bitte— Ihr wißt, ich bin in ſolchen Sa⸗ chen gerade nicht ungeſchickt.“ „Es macht Dir's keiner nach Herzchen— keiner— ruhig Dolphy— ruhig!“ „Eine Woche lang waren übrigens alle meine Beſtre⸗ bungen nutzlos, und ich konnte Nichts finden, was ſeinem Geſchmack auch nur im Mindeſten entſprochen hätte. End⸗ lich brachte er mich ſelbſt auf die rechte Spur.“ „Er ſelbſt— Jeſus— Ein Tauſendſappermenter iſt der Gus— ſeines Gleichen giebts nicht.“ Eines Tages, die dritte Straße hinaufſchlendernd, wurde er durch den Anblick eines liebenswürdigen jungen Mädchens gefeſſelt, das an dem Fenſter irgend eines reichen Kaufmanns ſaß, der ſich eben erſt vor kurzer Zeit von ſei⸗ nem Geſchäft zurückgezogen hatte. Ihr habt doch ſchon vom alten Arlington gehört! Noch ein wenig von den Tropfen, 160 Mutterchen! Gus zog alſo Erkundigungen ein, erfuhr, die junge Dame ſei eben erſt aus der mähriſchen Penſion in Betlehem zurückgekehrt, und unerfahren, unſchuldig ꝛc. ꝛc. Lorrimer gefiel das und er ſchwur, ſie müſſe die Seine wer⸗ den.“. 3 „Und Du unternahmſt alſo, ſie ihm zu verſchaffen? Butter mein Herzchen.“ 4 „Das that ich und führte es auch ſchlau genug aus! In ſchwarze Seide gekleidet, wanderte ich an einem heiteren und warmen Winterabend, vor etwa vierzehn Tagen, die dritte Straße hinunter, und Marie— das iſt ihr Name, ſtand gerade in der Thür ihres Hauſes. Ich trippelte die Stufen hinauf und frug mit den einſchmeichelndſten Tönen, ob— „Du kannſt die Dame ſpielen, wenn Du willſt Herz⸗ chen— das iſt wahrhaftig wahr.“— Ob Mr. Elmwood dort wohnte? Natürlich antwortete ſie„nein,“ während ich mich aber entſchuldigte, wußte ich ihr wiſſen zu laſſen, daß Mr. Elmwood mein Onkel ſei, ich ſelbſt gerade zum Beſuch in die Stadt gekommen wäre, und meiner Tante Haus in Spruceſtreet nur eben vor wenigen Minuten verlaſſen hätte, um meine ſo theueren Verwandten nach langer Abweſenheit wieder zu ſehen.“ „— Ganz Deine Art Kindchen, alſo auf die Manier ſchlichſt Du Dich bei ihr ein.“ „Friſch aus der Erziehungsanſtalt— ſo unbekannt mit 161 der Welt, wie ein neugeborenes Kind, fing ſich die Kleine wahrſcheinlich an für mich zu intereſſiren und verdaute meine „Weißen,“ als ob es Honig geweſen wären, und ohne den mindeſten Verdacht zu ſchöpfen. Am nächſten Nachmittag begegnete ich ihr, wie ſie flüchtigen Schrittes zu einer, we⸗ nige Straßen entfernt wohnenden Tante eilen wollte. Ich ſprach ſie an, ſchlug einen Spatziergang vor und— mit freudigem Lächeln gab ſie ihre Zuſtimmung. Nun erzählte ich ihr von mir eine lange Geſchichte meiner Leiden, wie ich Braut geweſen, und mir mein Bräutigam vor einem Monat erſt an der Auszehrung geſtorben ſei, daß er ſolch ein lie⸗ benswürdiger junger Mann mit kaſtanienbraunen Locken und klaren Augen geweſen und daß ich gegenwärtig um ihn trauere. Ich ſtreute ihr ganze Hände voll Sand in die Augen und ſie merkte es nicht; aber natürlich— ſie intereſ⸗ ſirte ſich jetzt außerordentlich für mich und es ſchmeichelte ihrer Eitelkeit und that ihrem Herzen wohl, die Vertraute einer liebenswürdigen jungen Dame geworden zu ſein, die eine kleine Liebes⸗ und Leidensgeſchichte aus dem wirklichen Leben zu entdecken hatte— Die Auſtern, Mutter, wenn ich bitten darf.“ „Alſo kurz und gut, Du arbeiteteſt Dich in ihr Ver⸗ trauen hinein, mein Herzchen?“ ſchmunzelte die Alte,„nicht ſo?— Ruhig Dolphy, ruhig— oder Dolph's Mammy gießt Dolph ein bischen heißen Thee auf den Kopf.“— „Drei Tage hintereinander, immer gegen Ahend, gingen 162 wir miteinander ſpazieren, und Ihr könnt denken, Mutter Nancy, wie ich mich indeſſen um das Herz des jungen Mäd⸗ chens wand; feſter und unzerreißbarer mit jedem Tag, und am dritten Abend glaube ich, wäre ſie für mich geſtorben.“ „Schön, ſchön Püppchen— wann aber ſprach Gus zuerſt mit ihr!— noch eine Taſſe Bettichen.“ „Eines Abends überredete ich ſie, Chesnutſtreet ein we⸗ nig mit mir hinabzuſchlendern, und Gus war, wie Ihr Euch leicht denken könnt, dicht hinter uns. Endlich ſchritt er vor⸗ bei, aber feſt entſchloſſen, auf irgend eine Art ein Geſpräch anzuknüpfen, als ſie ihm, weiß es Gott es iſt wahr, die Mühe erſparte. Denkt Euch nur, Mutter Nancy— ſie redete ihn an.“ „Ruhig Dolphy— ruhig— höre Betty— das iſt ein klein wenig zu ſtark— nein, nicht der Thee, die Geſchichte — Sie, ein ſo unſchuldig ſchüchternes Ding hätte zuerſt den fremden Mann angeredet! Frage mich doch, ob ich nicht glauben will, daß der Thee aus Krautblättern gemacht iſt.“ „Sie hielt ihn für einen Mr. Belmont, den ſie in Bet⸗ lehem geſehen hatte, er riß ſie auch nicht aus ihrem Irr⸗ thum, bis ſie vollkommen in ſeiner Gewalt war. An ihrer Seite ging er den Abend wohl eine Stunde lang Chesnut⸗ ſtreet auf und ab, und leicht genug konnte man ſehen, wie ſeine glatte Zunge und ſein frommes Geſicht gethan hatte was nöthig war. Guter Gott, das arme kleine Ding war von dem Augenblick an, ſchon in ſeiner Macht.“ 163 „Hahaha— Gusty iſt ein verteufelter Burſche— ſetze den Keſſel wieder auf, Engelchen— und nun noch einen Tropfen aus dem Fläſchchen. Wie aber, wie konnte das Kindergeſicht die Spaziergänge vor den Eltern geheim hal⸗ ten! wie Betty!“ „Nichts leichter als das,“ lachte Betty—„jedesmal, wenn ſie ausging, ſagte ſie den Eltern, ſie wolle ihre alte Tante beſuchen. Ich gab ihr nämlich gleich im Anfang zu verſtehen, unſere Freundſchaft würde viel romantiſcher ſein, wenn wir ſie geheim hielten, und mit kindiſcher Freude ging ſie darauf ein. Lorrimer erzählte ihr dabei eine herrliche Geſchichte, von einem alten, ſtarrköpfigen Onkel, der ge⸗ ſchworen hätte, er ſolle noch in ſo und ſo viel Jahren nicht heirathen, und er müſſe deßhalb ſeine Liebe zu ihr vor bei⸗ den Familien verbergen, da er, natürlich, von eben dieſem alten Onkel abhängig ſei, und ein bedeutendes Vermögen erwarte. Erſt einmal wirklich verheirathet, würde Jener aber auch, wie er ihr glauben machte, bei der Schönheit und Liebenswürdigkeit des jungen Weibes nachgeben und einwilligen. „Jetzt könnt Ihr Euch etwa die ganze Falle vorſtellen, Mutter. Wir hatten und behielten ſie in unſerer Gewalt— geſtern Abend verſprach ſie ihrer Eltern Haus zu verlaſſen, um in Lorrimers Wohnung, ihre Hand in die ſeine zu legen und des alten ſtarrköpfigen Onkels Segen zu erflehen und — hahaha— am Weihnachtsabend wollte Madame Lor⸗ 11* 164 rimer mit ihrem Mann ihren Eltern zu Füßen fallen, ihren Segen und ihre Verzeihung erflehen, und— glücklich ſein. Den Käſe, Mutter Nancy— bitte.“— „Und heute Abend hat das Mädchen der Alten Haus verlaſſen, das Kloſter betreten, was fie für Lorrimers Fa⸗ milienſitz hält, und wird in dieſer Nacht um drei Uhr verhei⸗ rathet werden! wie Beſſ?“ „Verheirathet! Unſinn— Lorrimer ſagte, er wollte den Schuft, den Petriken dazu kaufen, daß er Prieſters Stelle verſähe; Mutchins, der Spieler, iſt hier am Platz, er ſpielt den alten, vergebenden Onkel. Ihr aber, Mutter Nancy, müßt Euch ebenfalls anziehen und die gute, wohl⸗ wollende Großmutter darſtellen— die Rolle wird Euch aus⸗ gezeichnet trefflich ſtehen. Gus bezahlt auch trefflich für ſeine Zimmer— wißt Ihr wohl.“ „Ja ja— wird wohl geſchehen müſſen— Es iſt jetzt nach zehn Uhr erſt. Das Kindergeſichtchen ſchläft oben; dann vergiß nur nicht und wecke es etwa um halb drei, zum Anziehen— Ruhig Dolphy oder ich brühe Dein Köpfchen — Das iſt ein guter Hund— Nun Beſſ, mein Engelchen, ſage mir nur noch eins; haſt Du es nie bereut, das Geſchäft übernommen zu haben! eh!— das Kind iſt ſo unſchuldig, wie Du ſagſt.“— „Bereut?“ rief Betty mit flammenden Augen,„be⸗ reut! weshalb ſollt' ich bereuen! habe ich nicht daſſelbe Recht auf die Bequemlichkeiten einer Heimath, auf das 165 Lächeln eines Vaters, auf die Liebe einer Mutter, wie ſie? Bin ich nicht um alle dieſe Segnungen, um alles das, was einem weiblichen Weſen lieb und theuer iſt, ſchändlich— ſchändlich betrogen worden? Iſt dieſe unſchuldige Marie um ſo viel beſſer, wie ich damals war, als dieſer Teufel in Menſchengeſtalt mich aus meiner Heimath ſchleppte! Ich fühle mich wohl und glücklich, ja glücklich beim ewigen Gott, wenn ich ein anderes Weib hinein in denſelben faulen Abgrund reißen kann, in dem ich modern und verderben muß.“ „Ja Liebchen—“ lachte die Alte, indem ſie ihren Dolph leiſe auf den Kopf klopfte,„ich lache auch über ſolchen Un⸗ ſinn, es iſt mir aber nur des Unterſchiedes wegen, denn Du warſt ganz anders, als ich Dich zuerſt kennen lernte; wie Du noch als Emilie“— „Emilie,“ ſchrie die Andere plötzlich emporſpringend— „Du Teufel, von einem Weib, rufe mich noch einmal bei dem Namen, und ſo wahr ein Gott droben richtet und lebt, ſo wahr will ich Dich mit dieſen meinen Händen erwürgen.“ Sie ſtand mit feuerſprühenden Augen und drohend ge⸗ hobenem Arme vor der fentſetzt Zurückfahrenden; nicht lange aber dauerte die wilde, unnatürliche Aufregung, die lang unterdrückten Gefühle kämpften ſich für kurze Zeit an die Oberfläche, und die Hände vor das Geſicht preſſend, rief ſie mit weicher, krampfhaft erſchütterter Stimme: „Emilie— Deine Mutter nannte Dich ſo, wie Du an 2 4 166 ihrem Herzen ruhteſt— Emilie— Dein Vater ſegnete Dich unter dieſem Namen, ſelbſt noch an dem letzten Abend, als Du ihn floheſt und verließeſt— Emilie— ja er— der Ver⸗ räther— flüſterte lächelnd„Emilie,“ wie er die Kammer betrat, aus der er nie mehr zurückkehrte— Du weißt es Teufel— Du weißt es, Abſchaum der unterſten Hölle.“ „Nicht ſo laut— Engelchen— um Gotteswillen nicht ſo laut— beleidige mich, ſchimpfe mich Bettychen— aber nicht ſo laut—“ rief die erſchreckte und erſtaunte Alte— „ruhig Dolph— das Mädchen iſt toll— kehre Dich nicht an ſie mein Hund.“ „Ich ſehe ihn noch,“ rief die Gefallene, als ſie ihre Geſtalt zu voller Höhe erhob, und leer und blicklos in die Weite ſtarrte—„ich ſehe ihn noch, wie er ſich zum letzten Male nach mir umdrehte, und—„gute Nacht Emilie“ ſagte und lächelte— Mein Vater hatte ihm geflucht— ich lag in der Nacht an eines anderen Mannes Seite, und er glaubte ich ſchliefe— ſchliefe, wo meine ganze Seele den leiſen, auf⸗ und abwandelnden Schritten im Nebenzimmer folgte, bis ich— hahaha— bis ich das ſchrille Knarren der Fall⸗ thür hörte, und den Angſtſchrei eintrank— bis der Name Emilie— Emilie— tief, tief aus der Höhle des Todes zu mir heraufſchallte.“ „Mein Vater hatte ihm geflucht, und er ſtarb— Emilie O allbarmherziger Gott— rolle die Jahre meines Lebens zurück— löſche die Sünde aus dem Schuldbuch meiner Tha⸗ 167 ten— aus den Falten meines Gehirns— Du biſt ja all⸗ mächtig— Du kannſt es— o laß mich wieder ein Kind, ein unſchuldiges Kind werden, und wenn ich in Lumpen durch dieſes Leben kriechen ſollte, ich will nicht klagen, nein, ich will nie aufhören, Deinen Namen zu ſegnen.“ Sie fiel ſchwerfällig in ihren Sitz zurück, barg das Antlitz in den Händen und weinte bittere, bittere Thränen der Schande und Reue. „Das Mädchen hat Opium genommen,“ ſagte die Alte ruhig—„geſchieht ihr recht— habe ſie oft gewarnt, keinen Opium in ihren Brandy zu thun, ſie weiß, daß ſie's nicht vertragen kann.“ „Ob ich bereut habe, die Urſachen zu dem Verderben jenes unſchuldigen Kindes geweſen zu ſein?!“ flüſterte das Mädchen jetzt mit ſo unheimlich leiſem Ton, daß ſelbſt die Alte ſich erſchrocken emporrichtete—„Bereut? ich ſage Dir Hexenmutter, die Du biſt— das Herz brach mir faſt, als ich ſie heute Abend in dieſes Haus, über dieſe Schwelle ge⸗ leitete.“ „Was zum Teufel haſt Du's denn gethan? hier Dolphy — hier iſt ein hübſch Stückchen Käſe für den Hund.“ „Als der Verſucher zum erſten Mal zu mir trat, fand er ein Weſen das die Welt kannte, einen Kopf, ſo ſchlau und gewitzigt, als ſein eigner, und eine Seele ſo ſtark und feſt wie die ſeine; aber dieſes Kind— ſo verdachtlos— ſo rein; großer Gott— Entſetzen erfaßte mich, als ich zum * 168 erſten Mal die Ueberzeugung gewann, ſie liebe Lorrimer wirklich— liebe ihn mit aller Hingebung, mit allem Ver⸗ trauen, deſſen nur ein weibliches Herz fähig iſt.— Nie fiel ein armer hülfloſer Vogel widerſtandloſer in die Schlingen der giftigen, ihn umkreiſenden Schlange, als dieſes reine, heilige Herz in die Hände des teufliſchen Lorrimer,— und ich— ich war ſeine Helferin.“ „Ja Du— ſo viel mehr Schande für Dich, ein ſolch armes, unſchuldiges Täubchen zu verrathen. Jetzt geh' gleich hinauf mein Herzchen, und laß es wieder frei; wir ſind es hier Alle zufrieden, nicht wahr! owir werden Nichts da⸗ gegen haben, hahaha. Pfui Beſſ— ich hielt Dich für ver⸗ nünftiger, als ſolchen Unſinn zu reden; was ſoll denn noch aus Dir werden!“. „Ich werde in demſelben Abgrund vermodern, in den ſo viele tauſende vor mir geſtürzt und verdorben ſind— und dort— dort drüben im Jenſeits— ha, da ſeh' ich einen Gluthenſee, und drinnen winden und krümmen ſich— die Verdammten— hahaha.“— „Betty— Du mußt den Opium aufgeben. Gus hat Dir 500— 600 Dollar verſprochen, wenn Du ihm das Mädchen verſchaffteſt, und Du kannſt jetzt nicht mehr zu⸗ rück.“ „Ich weiß es— ich weiß es— vorwärts iſt das Wort, und wenn mich der nächſte Schritt in die Hölle ſtürzte.“ Und wiederum begrub die Unglüͤckliche ihr Antlitz 169 in den Händen und lehnte ſich ſchweigend in ihren Stuhl zurück. „Nun komm Beſſ,“ ſagte die Alte nach einer Weile be⸗ ruhigend,„komm, ſei ein gut Mädchen und geh ein wenig ſchlafen— Opium thut Dir kein gut. Du weißt es Kind, Du weißt es; ein kleines Schläfchen wird Dich aber ſtärken, und dann biſt Du wieder recht friſch und munter zur Hoch⸗ zeit. Drei Uhr— vergiß es nur nicht— komm Dolphy— Mammy muß noch einige Kleinigkeiten im Haus beſorgen— nun ſchlaf indeſſen ein Bischen, mein Kindchen.“ Neuntes Capitel. Die Braut. „Marie!“ O ſüßer— heiliger Name— ſo ſanft, ſo melodiſch, Name, bei dem Manche von uns einer Schweſter— einer Geliebten gedenken— Marie— wie ſchändlich wurdeſt Du von jenen Lippen entweiht, die Dich in leiſen, einſchmei⸗ chelnden Tönen in das Ohr der Schlummernden flüſterten. * Marie!“ Das ſchöne Mädchen regte ſich in ihrem Schlaf, und ihre Lippen öffneten ſich leiſe, als ſie das eine, eine Wort aushauchte— „Lorraine!“ „Der angenommene Name Lorrimers,“ lächelte höh⸗ niſch das Weib, das neben dem Bett ſtand.— Gus hat Ge⸗ ſchmack, ſelbſt in ſeiner ſündhaften Liebe; aber hier, wie zart, wie überlegt; ſchon der Gedanke war ihm unerträglich, aus dieſem Munde den Namen zu hören, der ihm von ſeinen Kameraden in Sünde und Laſter zugejubelt wurde. Des⸗ halb durfte ihn das Mädchen nicht Guſty, nein, ſie mußte ihn recht ſchmelzend und poetiſch„Lorraine“ nennen.“ Sich dabei über das Lager beugend, flüſterte wiederum die ſchlanke, impoſante Geſtalt der ſchönen Gefallenen, jetzt in weißen Atlas gekleidet und die vollen Rabenhaare in lan⸗ gen, quellenden Locken auf dem ſchneeigen Nacken zuſammen⸗ gehalten, leiſe und zärtlich— „Marie— erwache— es iſt Deine Brautnacht.“ Todten⸗ ſtille herrſchte in dem wunderlieblichen Raum— kein Laut ward gehört, wie das leiſe Athmen der Schläferin— Alles ruhig und ſtill. Der Schein des Wachslichts, das auf dem kleinen Tiſch, mitten im ſogenannten„Roſenzimmer“, ſtand, warf einen matten, wonnigen Glanz über die blaß⸗ rothen, ſeidenen Vorhänge, wie das letzte Gluthenlicht der untergehenden Sonne. Die Jungfrau, rein und keuſch, lag ſchlummernd auf dem kleinen Ruhebett, das eine Ecke des Gemaches oder Zel⸗ tes einnahm, und ihre Glieder waren in die leichten Falten eines weiten Nachtkleides gehüllt; die rothe, blühende Wange ruhte auf dem ſchneeweißen, entblößten Arme, während die gelöſten Locken ihres wogenden Haares Stirn und Nacken umwallten. Die halbgeöffneten Lippen verrie⸗ then aber, wie lächelnd, die dahinter lauernden Perlenzähne, und ihr jugendlicher Buſen hob ſich in leiſen, leiſen Schlägen unter dem wallenden Kleide. Sie lag da in aller aufblühenden Wonne lieblicher 172 Weiblichkeit und wie das matte Dämmerlicht über ihre run⸗ den, ſchwellenden Formen fiel, glichen ſie der quellenden, drängenden Roſenknospe, die nur noch eines Sonnenſtrahls bedurfte, um in wundervoll entzückender Blüthe auszu⸗ brechen. Roſiger aber, als ihre Wangen, ſüßer, als der Hauch ihrer Lippen, rein, wie ihre reine, keuſche Seele, auf deren unentweihten Blättern nur der eine— eine Gedanke in un⸗ austilgbaren Buchſtaben ſtand—„Liebe— Liebe im Leben, im Tode und in der Ewigkeit, war ihr Traum— der Traum der Geliebten, und in dieſem umgaukelte ſie nur die eine Ge⸗ ſtalt, nur das Flüſtern der einen Stimme hörte ſie— Er— er war ihr Traum— ihr Leben— ihr Gott, auf ihm ruhte ihr feſtes, unerſchüttertes Vertrauen, ihm war ihr Herz mit all' der rückſichtsloſen— Alles aufopfernden Zuneigung ent⸗ gegengeflohen, die ein Zeichen der erſten, heiligen Liebe, und ihre ſchönſte, herrlichſte Blüthe iſt. Und war da Irdiſches in dieſer Liebe! glühte das Fie⸗ ber ſinnlicher Leidenſchaft in ihrem jungfräulichen Blute? liebte ſie Lorrimer, weil ſein Auge glänzend, ſeine Geſtalt ſtattlich, ſeine Züge voll männlicher Schönheit waren? Nein— nein— nein— Schande den Thoren und Thörin⸗ nen, die die erſte Licbe der reinen Jungfrau mit ihren eige⸗ nen, ſinnlichen Augen betrachten. Sie liebte Lorrimer wegen etwas, das er nicht beſaß, das herzloſe Wüſtlinge nie be⸗ ſitzen können, aber ſie liebte ihn jenes ſüßen, heiligen Zau⸗ 173 bers wegen, den ihre eigene, reine Seele über ihn ausge⸗ goſſen. Sie liebte ihn als einen Traum, deſſen Ideal er war; als ein Leben, in welchem er, wie ihr guter Engel, an ihrer Seite dahinſchritt— Es war ihre erſte Liebe. Sie wußte ja nicht, daß dieß ängſtliche Klopfen des Herzens, dieſer Drang in ſeiner Nähe zu weilen, dieſe Sehn⸗ ſucht nach ſeinem Blick, nach ſeiner Stimme, dieſe Gewalt, die er über ihre leiſeſten Empfindungen ausübte, die Macht war, welche die Schlange über ihr auserſehenes Opfer be⸗ ſitzen ſoll— ſie wußte ja nicht, daß dieſes ſüße Drängen und Wünſchen nur der blinden Bewunderung der Motte glich, die dem Licht entgegenſtrebt, das ſie im nächſten Au⸗ genblick vernichten wird. und das Mädchen lag, träumend von dem Geliebten, auf dem üppigen Lager, während die ſchlanke Geſtalt der Verführerinn wie ein Engel der Nacht neben ihrem Lager ſtand und mit höhniſchem, triumphirendem Lächeln ihr zu⸗ rief— es ſei ihre Brautnacht. „Marie— erwache— es iſt Deine Brautnacht!“ Marie flüſterte den Namen des Geliebten und ſchlug die blauen, klaren Augen zu ihr empor. „Iſt er da!“ rief ſie freudig und erhob ſich von dem weichen, elaſtiſchen Kiſſen—„iſt er da!“ „Noch nicht, Liebchen, ſagte die ſchlanke Betty, das ſchöne Mädchen bei dem Aufſtehen von ihrem Lager mit faſt liebender Sorgfalt unterſtützend—„Siehſt Du, Marie, es iſt ſchon halb drei vorbei, alſo hohe Zeit, Dich anzuklei⸗ den, und komm, laß mich Dein Haar jetzt ordnen; oh, es wird wenig Kunſt bedürfen, dieſe ſeidenen Locken zu ſchmücken.“ „Iſt es nicht recht nanderbar, Betty,“ ſagte das ſchöne Mädchen, die zoße blauen Augen ernſt und dnnch⸗ denkend auf ſie heftend—“ „Was ſoll wunderbar ſein, mein Mädchen! ich ſehe Nichts, als die wunderbare Schönheit dieſer üppigen Haar⸗ fülle.“ „Daß ich ihm zuerſt in ſo ſeltſamer Weiſe begegnete, daß er mich lieben und ich zu ſeines Onkels Hauſe fliehen mußte, und daß Du, Betty, meine beſte, treueſte Freundin, ſogar das Deine verlaſſen haſt, mich hierher zu begleiten und glücklich zu machen. Iſt das Alles nicht wunderbar und ſeltſam, faſt wie wir es ſonſt nur in einem Buch leſen, ſo wild und romantiſch.“ „Ein Theil des Romantiſchen iſt aber ſchon von dem Ganzen entſchwunden,“ lächelte Betty—„der alte, ſtrenge Onkel hat endlich eingewilligt—“ „Er hat eingewilligt in unſere Verbindung, und wird Lorraine nicht zürnen!“ „Nein— im Gegentheil— ſo geht es aber immer mit den Verwandten— das kleidet Dich prächtig— wenn ſie ſo viel Schaden und Aerger angerichtet haben, wie in ihren ——„ Kräften ſtand, dann werfen ſie die Blicke fromm gen Himmel und— geben ihre Einwilligung. Und ſeine gute, alte Groß⸗ mutter— die ebenfalls hier wohnt, wie Du weißt— ſo, das iſt Recht, die Locken müſſen Dir bis hinunter auf den ſüßen, weißen Nacken fallen— die gute alte Dame ſehnt ſich ganz ungemein nach Dir. Sie half mir heute Abend Alles zu der Hochzeit vorbereiten.“ „Ach Betty— iſt es nicht recht ſchmerzlich,“ ſagte: das liebe Mädchen leiſe, während ſich ihre klaren Augen durch zwei helle Thränentropfen trübten,„iſt es nicht recht ſchmerzlich, daß Dein Albert ſterben mußte und Dich, die ihn ſo innig liebte, hier allein und freudlos zurückließ! Wie entſetzlich wäre das, wenn Lorraine ſtürbe—“ Ein tiefes, inniges Gefühl lagerte ſich über die Züge Mariens, während Betty ihr Antlitz einen Augenblick in die wallenden Locken der Jungfrau niederbog. Wollte ſie eine Thräne verbergen, oder ein— Lächeln! ſie flüſterte: „Ach— er ruht in ſeinem Grabe, aber die Erinnerung ſeiner Liebe erweckte ja gerade dieſes Intereſſe für Dich und die deinige in meiner Bruſt— Wie ſchön Dir dieſer ein⸗ fache Reif mit dem Diamant ſteht. Noch nie gab es ein Mädchen, welches die Liebe kannte und nicht treue Liebende gern unterſtuützt und für ſie gekämpft hätte. Glaubſt Du, Marie, daß ich Deine Flucht zu dieſem Hauſe gebilligt ha⸗ ben würde, wenn mein ganzes Herz, meine ganze Seele nicht für Dich dabei geſchlagen und Dein Glück gewünſcht hätte! Nein, wahrlich— So jetzt wirf das Nachtkleid ab— haſt Du Dein Brautgewand ſchon geſehen! „Mir ſcheint es faſt,“ ſagte Marie, deren Seele ſich allein mit ihrer Liebe zu Lorraine beſchäftigte— daß etwas beſonders Heiliges und Feierliches in einer Verbindung liegt, die um dieſe Stunde der Nacht geſchloſſen wird. Alles ruht in ſtillem, ernſtem Frieden— die Erde ſchlummert und der Himmel ſelbſt ſcheint über zwei Herzen zu wachen, die ſich ſo allein Alles in Allem ſind.“ Die Worte ſehen ſchlicht und einfach aus, ihre ganze Seele lag aber in dem Ton, mit dem ſie ſprach, und ihre blauen, klaren Augen glänzten von einem faſt ungewohnten, heiligen, reinen Feuer. „Komm, laß mich Dir helfen mit Deinem Anzug, iſt er nicht ſchön? ich habe der Schneiderin aber auch ſelbſt einige Winke gegeben— Lorraine wünſchte Dich in weißer Seide zu ſehen. Iſt nicht Alles vollkommen! Wie nett und knapp ſich die Falten um Deine ſchlanke Geſtalt legen— Du biſt zu ſchön, Marie, Lorrimer kann ſtolz ſein, ein ſol⸗ ches Bräutchen in ſeinem Arm zu haben.“ „Lorrimer?“ „Lorrimer!“ „Sagteſt Du nicht Lorrimer!?“ „Lorraine— wie kommſt Du auf Lorrimer!“ lächelte Betty. Wenige Minuten genügten, das ſchöne Mädchen anzu⸗ 177 kleiden und zu ſchmücken, und Marie ſtand bald darauf vor dem hohen Spiegel, während ſich hohe Gluth über ihre ſam⸗ metweichen Wangen ausgoß, als ſie die prächtige Kleidung in dem Kryſtall gewahrte. Denn dieſe, von dem matten Glanz des Wachslichtes und dem Wiederſchein der roſigen Vorhänge überſtrahlt, prangte in wirklich feenhafter Schönheit und Lieb⸗ lichkeit. „Iſt das nicht ein herrliches Kleid, Marie!“ ſagte Betty jetzt, als ſie in unverſtellter Bewunderung das ſchöne Mädchen mit ihren Blicken überflog— ſo„prachtvoll und glänzend, wie Du reizend biſt.“ „Ach welch' eine glückliche Zeit wird das werden,“ flü⸗ ſterte Marie mit leiſem Lächeln, während ſie mit tiefem Ge⸗ fühl, aber auch ſeeliger Freude in den Zügen, zu der Beglei⸗ terin emporſchaute—„Dort wird mein Vater ſitzen, und dort meine Mutter, am heiligen Weihnachtsabend. Meines Vaters graue Haare und meiner Mutter liebes, gutes Ant⸗ litz, Alles wird daſſelbe freundliche Feuer beleuchten, und Beide werden mit thränenfeuchten Augen ihr Kind, ihr ver⸗ lorenes Kind— mich, Betty, beweinen. Da— da öffnet ſich die Thür und hereinſtürzt zu ihren Füßen, ihre Knie umklammernd, ihre greiſen Locken, ihre zitternden Lippen küſſend— Lorraine und ich— ich ſein Weib und wir liegen in ihren Armen, ihre Vergebung, wie ihren Seegen in dem⸗ ſelben Augenblick erflehend.“ „Ach welche glückliche Zeit das ſein wird;— und mein I. 12 178 Bruder— auch er wird kommen, er wird Lorraine kennen und ihn lieben lernen, denn wie dieſer hat er ein edles, braves Herz. Siehſt Du das Bild nicht, Betty? Vor meinen Au⸗ gen ſteigt es in lebhaften, glühenden Farben empor, und— mein Vater— o wie er weinen wird— Freudenthränen weinen wird, wenn er das verloren geglaubte Kind wieder an ſein Herz drückt.“ Dort ſtand ſie— ihre zarten Hände falteten ſich zit⸗ ternd zuſammen, ihre Augen glühten in ſeeligem Feuer und ihr Buſen hob ſich in klopfenden Schlägen, als ſie des Vater⸗ hauſes, als ſie der Ihrigen gedachte, die ſich härmen würden über das glückliche, verloren geglaubte Kind. Betty erwiederte Nichts hierauf; wohl verſuchte ſie einige Alltags. Phraſen zu antworten, aber die Worte er⸗ ſtickten ihr in der Kehle, ſie wandte ihr Antlitz ſeitwärts und — Gott ſei Dank, ſie war noch nicht zu dem tiefſten Grade weiblicher Verworfenheit geſunken,— eine Thräne, eine heiße, brennende Thräne ſtahl ſich an ihrer Wange hinunter. Und während Marie noch mit leiſe vorgebeugtem Ober⸗ körper, wie in einem Zauberſpiegel das freundliche Bild ihrer Heimath aufſteigen und ihr zulächeln ſah, während Betty, das arme, gefallene Weib, ſich abwandte, die heißen Schmerz⸗ und Reuethränen zu verbergen, theilten ſich leiſe die ſchwe⸗ ren Vorhänge des gemalten Zimmers, und die dunkele Geſtalt eines Mannes glitt ſtill und geräuſchlos herein. Gus Lorrimer, ſchweigend und unbemerkt, ſtand in all ſeiner männlichen Schönheit unter dem Vorhang, und ſtarrte mit einem Blicke freudiger Bewunderung auf ſein ſchönes Opfer hinüber. Würden ihn ſeine Trinkkumpane und die Genoſſen ſei⸗ ner Ausſchweifungen in jenem Augenblicke wieder erkannt haben, wo er ernſt und ſinnend, ſeelen⸗ und gefühlvoll auf das ſchöne Weſen hinſchaute, das in wenigen, kurzen Mi⸗ nuten ganz ſein eigen werden ſollte! Nein, wahrhaftig nicht. Es gab aber in der That zwei Lorrimers, zwei ganz von einander verſchiedene Weſen. Das Eine war ein wilder, ſorgloſer, tobluſtiger Geſell, der ſeinen Korb Champagner mit Jedem ausſtechen, die wildeſten Renner mit der geſchick⸗ teſten Hand regieren und eine luſtige Nacht ſo weit treiben konnte, daß ſich die Nachwächter nicht ſelten genöthigt ſahen, dort anzufangen, wo er es verlaſſen und ihn immer noch ein wenig weiter brachten. Das war der wilde, lebensluſtige Gus Lorrimer. Dann aber gab es noch einen ſchlanken, jungen Mann, der, den ernſten, faſt ſchwermüthigen Ausdruck in den dun⸗ kelen, gefühlvollen Augen, ſtundenlang in das Ohr der Un⸗ ſchuld ſeine heiße Leidenſchaft mit einer Gluth und Wahrheit flüſtern konnte, die ach nur ſo ſelten ihren unheiligen, ſchänd⸗ lichen Zweck verfehlte. Ohne eine bedeutende Erziehung ge⸗ noſſen zu haben, kannte dieſer Mann jedes Blatt in dem vielblätterigen, weiblichen Herzen, und wußte die Entde⸗ ckungen zu benutzen, die das ſchöne Buch ſeinem Forſchen 12* 180 und Schauen eröffnet. Sein Blick war allein ſchon oft und in vielen Fällen der Zauber, der ihm gewiſſen Erfolg ſicherte, und nur zu häufig murmelte ſeine klangvolle, melodiſche Stimme die Schilderung von Gefühlen zu Ohren, die es nachher mit bitteren, heißen Thränen bereuen mußten, ihnen gehorcht zu haben. Dieſer Mann warf ſeine ganze Seele in jede Lei⸗ denſchaft und ſprach mit einem Weib, wie der zum Tode Verurtheilte für ſein Leben ſprechen würde. Iſt es ein Wunder, daß er nur ſelten ſeinen Zweck verfehlte? Dieſer Mann, ſo tief beleſen im weiblichen Herzen, war der innere Menſch jenes wilden, lebensluſtigen Geſellen— ees war der„Lorraine“ in dem tob⸗ und vergnügungsſüch⸗ tigen„Gus Lorrimer“. 8 Ach, Betty, iſt dieſe Liebe nicht ein ſonderbar, eigenes Geheimniß?“ rief Marie jetzt nur halb laut, und wie mit ſich ſelbſt redend.„Ehe ich liebte, war meine Seele ſtill und ruhig— ich hatte keine Gedanken, die ſich über meine ein⸗ fache Häuslichkeit erſtreckten— kein Geheimniß, das ich nicht mit jedem, mir lieben Menſchen hätte theilen mögen. Jetzt — jetzt iſt ſelbſt die Atmoſphäre verändert, die mich um⸗ giebt— die Luft, die ich einathme, iſt nicht mehr dieſelbe, die es früher war. Wohin ich gehe und ſchaue— ſein Ant⸗ litz iſt vor mir— an was ich denke, ſein Bild verläßt mich keine Secunde; in meinen Träumen ſehe ich ihn lächeln, und wenn ich erwache, ſelbſt wenn er fern— fern iſt, deucht es mir, als ob ſeine dunkelen Augen ſtets mit inniger, treuer 181 Liebe auf mir ruhten. Ach, Betty, Betty— ſage mir; wenn der Mann ſeinen Gott verehren und anbeten ſoll, darf das Weib da nicht ihre Verehrung in dem Weſen ſuchen, das es liebt. Des Weibes Religion iſt ihre Liebe.“ Und als die ſchöne Enthuſiaſtin, die fern und abge⸗ ſchloſſen von der Welt erzogen war, dieſen Gefühlen 3 in einzelnen, abgebrochenen Sätzen Worte gab, ließ Lorrimer den Vorhang leiſe nieder und trat lautlos einen Schritt nä⸗ her, während wachſende Leidenſchaft ſelbſt den Sieg über Bewunderung davonzutragen ſchien. 3 „Ach, Betty— wäre es möglich, daß ſeine Liebe je für mich erkalten, ſeine Stimme je für mich ihre Zärtlichkeit und Gluth verlieren könnte! Wird ſein Blick je aufhören kön⸗ nen, den Zauber über mich auszuüben, deſſen er jetzt ſo all⸗ mächtig Herr iſt!“ „Marie!“ flüſterte eine leiſe, fremde Stimme in ſanf⸗ ten, melodiſchen Tönen. 3 Sie wandte ſich ſchnell und halb erſchreckt nach ihr um, ſah die für ſie ausgebreiteten Arme, die theueren Züge des Geliebten, und„Lorraine“ murmelte ſie, und lehnte ſeelig und froh ihren Lockenkopf an die Bruſt des theueren Mannes. „Oh, Lorraine,“ flehte ſie endlich nach kleiner, minu⸗ tenlanger Pauſe, während ſie ſich mit einer ihrer zarten, 5 weißen Hände auf jeden Arm des Geliebten ſtützte und bit⸗ tend und ſchmeichelnd zu ihm aufſah—„oh, Lorraine, wirſt Du mich auch immer— immer lieben! 4 ————— 182 „Marie,“ antwortete er ihr, während er auf ſie nie⸗ derſchaute und den Namen leiſe und zitternd hauchte, „kannſt Du zweifeln! uUnd als er ſo über ſie hingebeugt ſtand und den Glanz ihrer reinen, ſeelenvollen Blicke trank, als er ihre zarte, zit⸗ ternde Geſtalt, in aller Hingebung heiliger Liebe an ſeinem Herzen ruhend, fühlte, da war für Secunden der ſchwarze Zweck ſeiner eigenen Bruſt vergeſſen, und in wilderem, aber auch reinerem Feuer wallte ihm das warme Blut hoch auf in Stirn und Schläfe. Sein Leben hätte er in dem Augen⸗ blick gern und freudig zu ihren Füßen aushauchen mögen. Hahaha,“ kicherte Betty vor ſich hin, die, neben dem ſchönen Paar ſtehend, dieſes mit eigenen, räthſelhaften Blicken betrachtete;„ich glaube wahrhaftig, Lorrimer fängt an ſich ebenſo in das Ding zu verlieben, wie ſie in ihn ver⸗ ſchoſſen iſt— das Milchgeſicht“— „Marie,“ unterbrach ſie die faſt feierliche Stille dann lächelnd; zu glücklich, eine gute Ausrede zu haben, dem ihr peinlich werdenden Schweigen, wie dem Zauber, der den Verführer und ſein Opfer befangen hielt, ein Ende zu ma⸗ chen;„liebe Marie, ſoll ich Dir helfen, Deine Toilette zu vollenden?“ Lorrimer wandte ſich und blickte mit zürnendem Blick auf ſie nieder, in der nächſten Secunde lag aber das vorige Lächeln wieder über ſeinen Zügen. „Marie,“ ſagte er freundlich, laß mich Dir dieß eine Mal 183 * helfen; meine Hände ſind zwar ungeſchickt in ſolchen Sa⸗ chen, aber den Ueberwurf will ich doch ſehen zu— nein, Du darfſt Dich nicht weigern, Liebchen— reichen Sie mir die Mantille, Betty—“ Es war ein prächtiges Gewand, in welches er jetzt das lieblich erröthende Mädchen hüllte; der ſchwere, blendend weiße Atlas mit ſilbernen Faden durchwirkt, und die weiten fallenden Aermel enthüllten gerade einen kleinen, kleinen Theil des runden, fleiſchigen Armes, der an Weiße mit ſeiner koſt⸗ baren Decke wetteifern konnte, an Zartheit aber ſicher den Sieg davongetragen hätte. „Wie ſchön Dich die Seide kleidet, mein Mädchen,“ lächelte Lorrimer, als er einen Schritt zurücktrat und ihre ſchlanke, bebende Geſtalt mit ſtolzem, triumphirendem Blicke überflog. „O Marie, Du mußt mir geſtatten, dieſe Schnüre hier vorne zu befeſtigen; ſieh, wenn ich auch eine etwas unge⸗ ſchickte Kammerjungfer bin, ich will verſuchen, mich zu beſ⸗ ſern. Aber bei meiner Seele, Marie, Du erſt verleihſt dem Schmuck und Putz ſeinen Glanz; iſt ſie nicht ſchön, Betty!“ „Wunderſchön!“ rief dieſe in wahrer, unverſtellter Bewunderung, die Braut betrachtend— reizend; zum Küſſen!“ „Deine Hand— Marie!“ flüſterte Lorrimer jetzt dem ſchönen Mädchen zu, das erröthend an ſeiner Seite ſtand. Mit klopfendem Herzen und leuchtendem Auge reichte 184 ihm Marie langſam die zarte, weiße Hand. Lorrimer um⸗ ſchloß die ſchlanken Finger mit ſeinen eigenen, und den an⸗ deren Arm ſanft um ihre Taille legend, zog er ihr Engels⸗ köpfchen leiſe an ſeine Schulter. Wild auf quoll das verrä⸗ theriſche Blut in ihre Schläfe, aber er bog ſich zu ihr nieder und preßte einen heißen, langen Kuß auf ihre Lippen, die ſich jetzt feſt und glühend an die ſeinen hingen, als wollten ſie nimmer im Leben wieder von ihnen laſſen. „Marie— mein eigenes, ſüßes Leben,“ flüſterte er dann mit ſeiner weichen Stimme in einem Tone, der ihr zündend bis ins innerſte Herz drang;„jetzt küſſe ich Dich als das Liebſte, was ich auf dieſer weiten Welt halte, und in wenigen Minuten will ich von denſelben Lippen den erſten Kuß meines lieben, ſüßen Weibes rauben. Zum Altar, Ge⸗ liebte— zum Altar.“ „Zum Altar,“ echote Betty, die im Anzug der Braut⸗ jungfer dem Paare folgte,„zum Altar— hahaha— ſagt lieber zur Hölle.“ Es lag etwas ſonderbar Feierliches, ja Melancholiſches in dem ganzen Aeußern des Altarzimmers. Groß und ge⸗ räumig im Ganzen, wurde es durch unſichtbare Oefen er⸗ wärmt, und maſſives, ausgebreitetes Getäfel dunkelen Wall⸗ nußholzes, das ſelbſt bis über die Decke hinüberreichte, wie der Mahagoni polirte Fußboden von jedem Teppich entblößt, gaben dem ganzen Gemach etwas Düſteres, Unheimliches. Einzelne, zerſtreut an den Wänden umherſtehende Maha. goniſtühle mit hohen Lehnen waren die einzigen ſichtbaren Meublen. Der Eingang in das Roſenzimmer wurde durch eine dichte, dunkele Gardine verhangen, und an der weſt⸗ lichen und nördlichen Wand befanden ſich zwei maſſive, alt⸗ modiſche Thüren, ebenfalls von dunkelem, düſterem Wall⸗ nußholz. In der Mitte des ſpiegelblanken Mahagonibodens aber, erhob ſich ein kleiner Tiſch oder Altar, mit blendend weißer, geſtickter Altardecke belegt; zwei ſtarke Wachslichter, in maſ⸗ ſiven, ſilbernen Leuchtern, ſtanden darauf, und warfen einen ungewiſſen, dämmernden Schein über das Gemach, und ſchimmerten und glühten wieder, in dem glänzend polirten Getäfel und dem blanken Fußboden des hochzeitlichen Saa⸗ les, der aber in ſeinem finſteren Schweigen eher einem Todten⸗ gewölbe, als einem Feſtſaal glich. Dem Beſchauer ward es unheimlich zu Muthe, und unwillkürlich ſtieg der heiße, brünſtige Wunſch in ihm auf — Menſchen— Leben in dieſen Räumen zu ſehen, daß er nicht glauben müſſe, es ſei eines jener alten, fabelhaften Spukzimmer, von denen man ſich in alten, fabelhaften Ge⸗ ſchichten erzählt, und in welchen die Geiſter der Dahinge⸗ ſchiedenen alljährlich eine Zuſammenkunft hielten, um ihr Andenken auf Erden zu erhalten. Es mochte drei Uhr, vielleicht auch noch eine halbe Stunde ſpäter ſein, als ſich die weſtliche Thür endlich öffnete, und der Prieſter, der die heilige Handlung verrichten, das 186 Paar einſeegnen ſollte, hereintrat und noch etwas ſchwankend durch das Zimmer ſchritt. In weiße, fliegende Gewänder gekleidet— die er aus dem Theater geliehen— mit einem großen, roth gebundenen Gebetbuch in der Hand, glich Pe⸗ triken, als er einen etwas ſcheuen und unſicheren Blick den Raum entlang warf, in mancher Beziehung einer gewiſſen Klaſſe von Geiſtlichen. Sein langes, eckiges Geſicht, kaum angenehm durch die etwas rothen Ringe um ſeine Augen hervorgehoben, war in eine Miene tiefſter Feierlichkeit hineingezwängt, und ſeine gläſernen Augen richteten ſich manchmal, wie probierend, zu der Decke hinauf, während er ſchweigend und lautlos ſeinen Platz neben dem Altar ein⸗ nahm. Dann kam der verſöhnte Onkel ſchwerfällig auf des Prieſters Ferſen. Er trug einen hellblauen Frack mit me⸗ tallenen Knöpfen; eine lederfarbene Weſte, geſtreifte Bein⸗ kleider und eine ungeheuere Binde, deſſen breite blau ge⸗ ſtreifte Falten ſich dicht und eng um ſeinen fetten Hals herumlegten. Sein Vollmonds⸗Geſicht glich dabei dem eines verzeihenden Onkels auf ein Haar, und er ſah gerade ſo aus, als ob er irgend einen jungen Springinsfeld von Neffen jede nur mögliche Gnade und Nachſicht wiederfahren laſſen würde. Die birnenfoͤrmige Naſe ſtach ebenfalls freundlich gegen den dunkelglühenden Hintergrund des Geſichtes ab, und ſah aus wie ein alterthümliches Stück Schnitzwerk in Zinnober ausgeſchnitten. 187 Ebenſo ſchweigend nahm der verzeihende Onkel ſeine Stellung neben dem Geiſtlichen ein. Dann kam, in feierlich⸗ſchwarzer Kleidung, die hoch⸗ verehrte Großmutter des Bräutigams, die in einer ſolchen Aufregung war, die Braut zu ſehen, daß ſie ganz freundlich und vergnügt herantrippelte und nach allen Seiten hinüber⸗ nickte. Der kleine Henry quatre war übrigens ziemlich ver⸗ ſchwunden, und mit der Hülfe eines glänzend ſchwarzen Seidenkleides und einer hohen, thurmähnlichen, aber ſchnee⸗ weißen Haube ſah ſie ganz matronenartig und ehrwürdig aus. Wäre es nicht eines etwas ſcheuen, unſicheren Seiten⸗ blicks wegen geweſen, ſo hätte man ihr in die Arme fallen und ſie küſſen mögen, ſo ſehr ähnelte ſie einer jener lieben guten, alten Seelen, die in Familien ſtets Unheil anſtiften und Traktätchen und kalte Lebensmittel an die Armen ver⸗ theilen. Die Großmutter rauſchte leiſe an die linke Seite des Prieſters, und in dieſer Stellung blieben ſie ſchweigend etwa fünf Minuten, die Ankunft des Bräutigams und der Braut erwartend. Zehntes Capitel. Die Vermählung. „Höre Mutchins, mein Junge,“ ſagte Petriken endlich mit einem Ton, der noch immer die Nachwirkung der Flaſche verrieth—„wie gefall' ich Dir, eh? reizend! iſt das die rechte Phyſiognomie! gut! nicht! Wenn einmal meine Wo⸗ chenſchrift nicht mehr gehen ſollte, dann denk' ich, werde ich in allem Ernſt Prediger. Weshalb ſoll ich nicht eben ſo gut eine neue Religion erfinden können, wie ſo viele Hunderte, ja Tauſende vor mir. Ueberhaupt iſt das ja auch einmal ſo; wenn ein Mann zu gar nichts Anderem mehr taugt, ſo kann er ſtets Narren genug finden, die eine neue Kirche auf⸗ bauen helfen, und einen Heiligen aus ihm machen.“ „Nun, glaubſt Du, daß ich den Onkel ehrwürdig ge⸗ nug vorſtelle,“ flüſterte Mutchins, während er den einen Vatermörder aus den Tiefen der Binde wieder heraufholte, in die er zurückgeſchlüpft war.„Verdammt gut, daß Du mich noch zur rechten Zeit wieder daran erinnerteſt— der Teufel wäre los geweſen, wenn wir Gus hätten ſitzen laſſen. Was ſag' ich aber nur? eh! etwa ſo halb von der Seite, wie zu mir ſelbſt—„ach wie ſchön ſie iſt,“ und falle ihr dann um den Hals?“ „Das wäre ein Bischen zu maſſiv,“ ſagte Petriken, während er ſein Flachshaar zurückſtrich—„Du mußt ſie nur bei den Fingerſpitzen nehmen und dann zurückfahren, als ob ihre Schönheit Dein Herz erweichte und überraſchte. Nachher kannſt Du ausrufen: Gott ſegne Dich, mein Kind, Gott ſegne Dich—“ als ob Deine Gefühle bei Dir die Ober⸗ hand gewönnen.“ „Gott ſegne Dich— Gott ſegne Dich,“ ahmte Mut⸗ chins nach—„nun das wird ſchon gehen; ich bin ja ſonſt nicht auf den Kopf gefallen. Uebrigens fange ich ſchon an, mich für ſie zu intereſſiren. Nun Tantchen, meine theuere verehrte Verwandte, was zum Henker wirſt denn Du an⸗ geben!“ „Vielleicht krieg ich ein paar Krämpfe,“ ſagte die alte Dame, während ſich ihre vergelbten Wangen zu einem Lä⸗ cheln zuſammenrunzelten, das ihre Feinde ein teufliſches Grinſen genannt haben würden.„Vielleicht werde ich eine Kleinigkeit hyſteriſch, vielleicht auch nicht. Lieber Gott, ich zittere ordentlich vor Sehnſucht, meine ſüße, ſüße Enkelin in die Arme zu ſchließen— eh Petriken? zittere ich nicht?“ „Pſt,“ flüſterte dieſer—„ſie ſind im nächſten Zimmer — mir war es, als ob ich einen Kuß hörte— ah— da kommen ſie— verdammt— ich kann die Heirathsſeierlich⸗ keit nicht finden.“ Kaum hatte er die Worte, leiſe und unterdrückt ausge⸗ ſtoßen, als Lorrimer, an ſeinem Arm die holde Braut, das Zimmer betrat und gegen den Altar vorſchritt. Betty ging an Mariens Seite und blickte mit einem verſtohlenen, be⸗ deutungsvollen Lächeln zu den verkleideten Hochzeits⸗Gäſten hinüber. „Neffe— ich vergebe Dir— Gott ſegne Dich mein Kind— Gott ſegne Dich— ſeid glücklich— ſeid recht glück⸗ lich mit einander.“ Und als ob ihn ſeine Gefühle übermannt hätten, drückte Mutchins das Geſicht in ein großes, rothes Taſchentuch, unter deſſen weiten Falten er ſeinen Mund mit einem neuen Stück Taback verſah. „und iſt dieß meine Enkelin! iſt dieß das theners⸗ her⸗ zige Mädchen. O wie lieb ich es haben werde, nicht wahr, Enkel! o wie lieb, wie lieb. Du gutes Kind, wie geht es Dir denn?“ Der Prediger begrüßte die Braut mit einer tiefen Ver⸗ beugung. Ueber Mariens Antlitz flog aber ein tiefes Erröthen, als ſie von den ihr zwar fremden, aber durch den Geliebten theuer gewordenen Leuten, mit ſolcher Güte und Freundlich⸗ keit empfangen wurde; einen ganz anderen Eindruck machte dieſe Zärtlichkeit jedoch auf Lorrimer— Ekel und Widerwil⸗ 191 len gegen die Verbündeten rief ſie in ihm hervor, und mit ärgerlichem Blick winkte er dem Geiſtlichen, die heilige Hand⸗ lung zu beginnen. Auf folgende Art geſchah es. Hand in Hand ſtanden Lorrimer und Marie vor dem Altar; und die Brautjungfer neben der zitternden Braut, ihr leiſe Troſt und Beruhigung zuflüſternd. An der rechten Seite des Predigers befand ſich Mutchins, ſein rothes, run⸗ des Geſicht in die möglichſt feierlichſten Falten gelegt, wäh⸗ rend an der Linken jene Geißel der Stadt, die ſchäußliche Aebtiſſin des„Kloſters“ mit übereinander gelegten Armen und grinſenden Lippen ruhig und ſelbſtzufrieden die Züge und Geſtalt der Braut betrachtete. Mit tiefer, etwas heiſerer Stimme begann nun Petri⸗ ken die Ceremonie der proteſtantiſchen Episcopal⸗Kirche. Jetzt blieb keine Hoffnung mehr für die Braut— keine.— Betrogen— gefangen ſtand ſie im Begriff den Händen ihres Räubers, und des Mörders ihrer Ehre, an jenem unheiligen Altar überantwortet zu werden. Ihre leiſen, flüſternden Antworten vereinigten ſich mit den tiefen, melodiſchen Tö⸗ nen des Geliebten, und die ganze Feierlichkeit näherte ſich ihrem Schluß. 3 „Ihr iſt jede Hoffnung abgeſchnitten!“ murmelte Betty, und ſelbſt über ihr Antlitz flog ein flüchtiges Gefühl des Mitleids—„ſie iſt den Armen der Schande verkauft.“ und in dem Augenblick, als die Braut in all ihrer Lieb⸗ lichkeit und Schönheit, mit niedergeſchlagenen Augen und 192 hochklopfendem Herzen daſtand, während ihre Lippen zitternd, die für ſie jetzt ſo fürchterlichen Worte des heiligen Dienſtes murmelten; in demſelben Augenblick, als Lorrimer mit einem Blick, in welchem ſich freudiger Triumph und wilde, kaum bezwingbare Leidenſchaft zeigte, zu ihr niederſchaute— da ſchallte aus dem nächſten Zimmer ein Schrei, ſo voll von Pein und Entſetzen, ſo voll von fürchterlichſter Todesangſt, daß die Hochzeitsgäſte ſtarr und erſchreckt ſtanden und kaum zu athmen wagten. Das Buch entfiel Petrikens zitternder Hand, Mutchins erbleichte, und die Alte fuhr mit unverſtellter Angſt zurück, während Betty an den Boden wie feſtgezaubert ſtand. Marie aber, die arme Marie, wurde bleich wie ein Leichentuch— ihr Arm ſank machtlos zur Seite und ſie fühlte, wie ihr das Herz in der Bruſt erſtarrte. Nur Lorrimer allein blieb furchtlos und unerſchrocken, und wandte ſich der Richtung zu, von welcher die unwill⸗ kommene Störung herübergetönt; aber ſelbſt er zuckte mit Staunen und Entſetzen zurück, als er dorthin ſeine Blicke warf. In unſicherem, ſchwankendem Gange, mit leichenblei⸗ chem Angeſicht, um das die langen, ſchwarzen Haare wie Trauerflöre wallten, und mit Augen, großer Gott— Augen, in denen eine ganze Hölle zu glühen ſchien, ſchritt der ver⸗ laſſene, faſt vergeſſene Freund, ſchritt Byrnewood auf den Altar der Sünde zu. Er wollte ſprechen— ſeine Lippen bewegten ſich, aber das Wort ſchien ihm in der Kehle zu quellen; endlich, mit wilder, faſt verzweifelter Kraftanſtrengung, mit einer Stimme, deſſen Klang das Herz der Hörer erſtarren machte, rief er das eine Wort: „Marie!“ Die Braut wandte ſich langſam um; aus ihrem Antlitz war jeder Blutstropfen gewichen, ihre blauen Augen hefte⸗ ten ſich aber im nächſten Moment ſtier auf den Eintretenden, und mit dem Ausruf: „Mein Bruder!“ wollte ſie ſich ihm entgegen werfen, doch plötzlich zurückbebend, blieb ſie zitternd wenige Secun⸗ den ſtehen, und ſank dann matt und ſchwer in Lorrimers Arme. Kein Laut regte ſich— Alles war ſtill und ſchweigſam wie im Grab. Der Fremde aber ſtand hochaufgerichtet, und überflog die Hochzeitsgeſellſchaft mit einem Blick, der fie Alle— Alle ſcheu und verlegen, ja entſetzt die Augen zur Erde ſenken ließ— ſelbſt Lorrimer wandte den Kopf und wagte, von der Bedeutung des Augenblicks übermannt, kaum zu ath⸗ men. Jener aber, trat noch einen Schritt vor und flüſterte, feſt in Lorrimers Antlitz ſtarrend. „Meine Schweſter!“ und dann, als ob jedes weitere Wort unnöthig, ja unmöglich ſei, hob er, während wilde keidenſthafken ſeine bleichen Züge durchzuckten, die krampf⸗ . 13 194 haft geballte Fauſt drohend gegen das Haupt des Verführers empor. „Dein Name—“ rief Lorrimer jetzt, als er die halb⸗ ohnmächtige Geſtalt der Unglücklichen in Bettys Arme legte —„Dein Name iſt Byrnewood— Dieſe Dame heißt Marie Arlington— hier muß ein Irrthum ſtattfinden. Die Dame iſt nicht Deine Schweſter.“ „Mein Name!“ ſagte der Andere mit einem froſtigen Lächeln—„frage jenen bleichen Schuft dort, wie ich heiße — Er ſtellte mich Dir am vorigen Abend mit meinem vollen Namen vor— er iſt Byrnewood Arlington, Du vergaßeſt oder überhörteſt ihn; aber gedenken ſollſt Du ſeiner, ſo lange Du lebſt, Bube, ja und— Teufel der Du biſt— ſelbſt noch in jener Welt, wenn Du das kleinſte Haar auf dem Haupte dieſes Engels krümmſt.“ Lorrimer trat entſetzt zurück, das ganze Schreckliche ſeines Irrthums ſtürmte mit voller, überzeugender Gewalt auf ihn ein; in dieſem Augenblick aber, während das un⸗ glückliche Mädchen beſinnungslos in den Armen ihrer Ver⸗ führerin lag, während Mutchins und Petriken, wie die alte Aebtiſſin der Höhle, in ſtummer, zitternder Angſt ſtanden, glitt eine verwachſene, ſcheußliche Geſtalt lautlos hinter Byrnewood Arlington heran. Das grimme Geſicht Teu⸗ felskäfers glühte für eine Secunde im Glanz der Wachslich⸗ ter, dann fiel eine ſchwere Hand mit langen Drachenkrallen 195 auf jeden Docht und das Zimmer lag von mitternächtiger Finſterniß bedeckt. Das ſchnelle Trampeln von Füßen wurde gleich darauf gehört, und Byrnewood, das Schrecklichſte nur für die Schweſter fürchtend, ſprang vor, um dieſe wenigſtens den Händen ihrer Räuber zu entreißen, in demſelben Moment fühlte er ſich aber auch von zwei ſtarken Armen umfaßt, und mit rieſenhafter Stärke hoben ihn dieſe, als ſei er nur ein Kind, vom Boden empor, und ſchleuderten ihn dann im be⸗ täubenden Falle zu Boden nieder. „Hahaha!“ lachte eine rauhe Stimme—„die Pfiffe kennen wir— nicht ſo lange Bigail dabei iſt, ne mein Bürſchchen, haͤhaha.“ „Ein Licht— Teufelskäfer,“ rief eine Stimme aus der Mitte des dunkelen Zimmers heraus. Gleich darauf flackerte ein mattwehendes Licht in den Händen des zwerghaften Pförtners und beleuchtete den Platz. Still und regungslos ſtand Gus Lorrimer in der Mitte des Zimmers, ſeine Arme über die Bruſt gekreuzt, während die finſter und kreus zuſammengezogene Stirn allein noch den Kampf verkündete, der in den wenigen Minuten vollkomm⸗ ner Finſterniß, ſein Inneres durchtobt hatte. Er war mit ſich einig.— „Es iſt ein entſetzliches Mittel— doch ein ſicheres—“ murmelte er leiſe vor ſich hin, als er den Blicken des frühern Freundes, jetzt ſeines grimmigſten Feindes begegnete, der eben 5 13* vom Boden aufgeſprungen war, wohin ihn die eiſerne Gewalt des liebenswürdigen Mr. Abigail K. Jones geſchleudert hatte. „Fort mit Dir Teufelskäfer,“ rief er dann laut, bog ſich aber gleich darauf zu ihm nieder und flüſterte—„warte da draußen, und ſieh', daß Musquito und Glühwurm bei der Hand ſind—“ Jetzt Sir habe ich ein Wort mit Ihnen zu reden,“ und während er ſprach, wandte er ſich lächelnd und ruhig zu dem Bruder des Mädchens, deſſen Verderben er mit der Offenheit und Luſt eines vollkommenen Wüſt⸗ lings, wie mit der Bosheit eines Teufels beſchloſſen und bewerkſtelligt hatte. Noch halb betäubt von dem ſchmerzhaften Fall, ſtand Byrnewood blaß und ſchweigend, und betrachtete den Buben mit feſtem, durchdringenden Blick; im Verſuch aber, ſeine Gefühle, ſeinen Ingrimm zu bemeiſtern, preßte er ſeine Zähne ſo krampfhaft gegen die Unterlippe, daß zwei klare Tropfen Blutes an ſeinem Kinn hinabträufelten. „Sie werden mir zugeſtehen müſſen, daß dieß ein ganz eigener Fall iſt—“ fuhr Jener dabei mit vollkommener Ruhe und Selbſtbeherrſchung fort—„einer, der wenigſtens einige Ueberlegung erfordert. Wollen Sie mir daher zehn Minuten geheime Unterredung geſtatten!“ 4 „Sie ſind ſehr gütig,“ rief Byrnewood mit verächt⸗ lichem Lächeln—„Hier ſteht ein Mann, der ein Verbrechen begeht, für das die Hölle ſelbſt keinen Namen hat, und dann — anſtatt vor dem, an dem er ſo fürchterlich ſündigte, zu⸗ rückzubeben, bittet er ihn ganz artig um zehn Minuten Un⸗ terredung.“ „Es iſt Ihr eigenes Intereſſe meiner Bitte zu willfah⸗ ren,“ erwiederte Lorrimer ſo ruhig und gefaßt, als ob er nur geſagt hätte—„ſchenke mir noch einmal ein, Byrne⸗ wood.“ „Wahrſcheinlich werde ich mich fügen müſſen,“ erwie⸗ derte Byrnewood—„ſind aber dieſe zehn Minuten verfloſ⸗ ſen, ſo wiſſe, daß da kein Feind in der Hölle iſt, den ich nicht lieber an mein Herz drücken würde, ehe ich noch ein Wort mit einem Mann, mit einem— hahaha— mit einem Mann wie DOu wechſelte— Meiner Schweſter Ehre mag in Deiner Gewalt ſein, bedenke aber, daß Du das kleinſte Unrecht, das Du ihr thuſt, mit Deinem Leben, mit Deinem Herzblut büßen mußt. „Sie geſtatten mir alſo die zehn Minuten und geben mir Ihr Wort, daß Sie während dieſer Zeit Ihren Sitz be⸗ haupten und geduldig alles das anhören wollen, was ich Ihnen ſagen werde? Sie nicken mir Ihre Zuſtimmung! gut— ſo folgen Sie. Nur wenige Schritte von hier iſt ein kleines, angenehmes Zimmerchen; das letzte in dieſer Reihe von Gebäuden, wo wir unſer Geſchäft ruhig beſprechen können.“ Er öffnete die weſtliche Thür des Wallnußzimmers, und ging einen ſchmalen Gang voran, und eine kleine Treppe von 198 wenigen Stufen hinauf und ſtand gleich darauf vor einer niederen Thür, die den Gang hier gewiſſermaßen abſchloß. Das Licht hielt er dabei fortwährend in Armeslänge von ſich und verwandte keinen Blick von dem hinter ihm Her⸗ ſchreitenden, als ob er nicht recht gewiß wäre, daß dieſer einmal plötzlich auf ihn zuſpringe und ihn von hinten nie⸗ derſtoße. „Meine Bibliothek— Sir,“ rief Lorrimer jetzt, als er die Thüre aufſtieß und ein kleines, längliches Gemach be⸗ trat, das etwa zwanzig Fuß lang und halb ſo breit ſein mochte.„Ein ruhig, ſtilles Plätzchen, wo ich mich manch⸗ mal mit einem Buch beſchäftige. Dort iſt ein Stuhl Sir— bitte, ſetzen Sie ſich.“ 3 Dem Winke Folge leiſtend, ließ ſich Byrnewood auf einen Stuhl, der am weiteſten von der Thür entfernt war, dicht an der Wand nieder, und überſchaute mit einem Blicke das ganze Innere des Gemachs. Es war klein und unan⸗ ſehnlich, mit Gefachen an den langen Seiten deſſelben hin, welche alle Arten von verſchieden und oft wunderlich genug gebundenen Büchern trugen, wobei die beiden anderen, ſich gegenüber ſtehenden Wände mit moderner Tapete bekleidet waren, die keineswegs zu dem altmodiſchen und auch ſchon theilweiſe abgenutzten Teppich paßten, der den Boden be⸗ deckte. 4 An der Byrnewood entgegengeſetzten Seite, ſtand ein breites, unförmliches Sopha, faſt wie ein Bett geſtaltet, 199 und in der Mitte erhob ſich ein kiſtenartiger, maſſiv aus⸗ ſehender Tiſch, der mit den Füßen am Boden befeſtigt zu ſein ſchien. Das ganze Zimmer hatte ein trübes, unfreundliches Ausſehen, was noch durch die Abweſenheit der Fenſter und die faſt zu ſichtbare Abgenutztheit der wenigen Meublen er⸗ höht wurde. Nicht einmal ein Kamin war vorhanden, wäh⸗ rend die Luft— kalt und fröſtelnd einen ungeſunden, dum⸗ pfigen Geruch hatte, wie wenn das Gemach ſelbſt, ſeit Jah⸗ ren weder beſucht noch geöffnet geweſen wäre. Das Licht auf den einzeln ſtehenden Tiſch ſtellend, warf ſich Lorrimer nachläſſig in das Sopha und winkte Byrne⸗ wood näher herbei zu rücken, der aufſtand, ſeinen Stuhl bis dicht neben den Tiſch zog, und ſich dann, das bleiche Antlitz halb mit der Hand verborgen, auf dieſen ſtützte, während er ſeinen geſpenſterhaft ſtieren, faſt wahnſinnigen Blick auf den Verbrecher heftete. Der aber, lehnte mit der unbefangenſten Miene von der Welt, ein Knie über das an⸗ dere geworfen, in der einen Ecke, und trommelte mit den Fingern auf den alten Damaſt ſeines Sitzes. „Sie werden wenigſtens eingeſtehen, daß ich meine Wette gewonnen habe,“ ſagte er endlich mit höhniſch lächelndem Ton, während er dem glühenden Blicke des Bru⸗ ders begegnete. Byrnewood zuckte empor, hob ſich halb von ſeinem Sitz, wie im Begriff, auf den Wüſtling einzuſtürmen, ſank 200 dann aber wieder, ſich ſeines Verſprechens erinnernd zurück, faltete die Arme feſt über der Bruſt zuſammen und ſagte mit faſt unnatürlicher Ruhe. „Zehn Minuten Sir, habe ich verſprochen Alles anzu⸗ hören— Alles— was Sie mir ſagen werden. Fahren Sie fort— aber— aber gehen Sie nicht zu weit— ich bin nur ein Menſch.“ „Akkurat halb vier uhr,“ bemerkte Lorrimer, ruhig nach ſeiner uhr ſehend,„zwanzig Minuten vor vier Uhr endet unſere Unterhaltung— Sehr gut— alſo hören Sie meinen Vorſchlag.— Geben Sie mir Ihr Ehrenwort— und ſchwö⸗ ren Sie mir, daß Sie, wenn Sie dieſes Haus verlaſſen ha⸗ ben, das tiefſte Stillſchweigen in Bezug auf Alles beobach⸗ ten wollen, was Sie hier geſehen haben! verſprechen Sie mir das, und ich will Ihnen mein Wort geben, daß in einer Stunde vor Tagesanbruch Ihre Schweſter Ihnen folgen, und Ihres Vaters Haus wieder rein und unſchuldig, wie ſie dieſe Schwelle betreten hat, erreichen ſoll. Sind Sie damit einverſtanden?“ „Sehen Sie dieſe Hand!“ rief Byrnewood, während ein leiſes, aber heftiges Zittern, der kaum unterdrückbaren Leidenſchaft ſeinen ganzen Körper durchzuckte—„ſehen Sie dieſe Flamme! ehe ich dieſe Mauern verlaſſe, ohne meine— ohne meine Schweſter— ohne Marie— rein und unſchul⸗ dig— hörſt Du! eher wollte ich dieſe kräftige, geſunde Hand in die Flamme dieſes Lichtes halten, bis das Fleiſch ſchwarz 201 und verbrannt den Knochen entfiele— Haſt Du Deine Ant⸗ wort!“ „Entſchuldigen Sie, Sir,“ ich ſprach nicht von intereſ⸗ ſanten anatomiſchen Experimenten, ſo unterhaltend die auch ſonſt an und für ſich, für die Zuſchauer wenigſtens, ſein mögen, ich wünſchte nur ein Gegenverſprechen zu machen.“ „Ein Gegenverſprechen?“ „Ja— ein Gegenverſprechen— o ja— dieſes melo⸗ dramatiſche Naſenrümpfen ſteht Ihnen ganz gut— doch zur Sache.— Was habe ich mit dem Mädchen gethan, daß Sie, wie jeder andere junge Mann in der Stadt, nicht gethan hätten. Wer war es, der ſo willig in den Scherz, mit der falſchen Heirath einging, als ich ihn im Auſterkeller er⸗ zählte! wer verhöhnte den Aſtrologen, als er— etwas bornir⸗ ter Mann— mich warnte, von meinem Vorhaben mit dem Mädchen abzuſtehen? Ich bemerke mein Herr, daß Sie ſich etwas getroffen fühlen, und es freut mich, wenn Sie ein⸗ ſehen, wie wahr und richtig meine Aeußerungen waren. Sie werden bei dem Worte Gegenderſprechen„jetzt nicht mehr ſo die Naſe rümpfen.“ „Marie— Marie,“ ſtöhnte Byrnewood und preßte ſeine Hände feſt und krampfhaft gegen die heißen, thränen⸗ leeren Augen—„Marie, war ich es, der Deine Ehre auf das Spiel ſtellte, als ich die Wette mit jenem Mann ein⸗ ging? war ich es, der ihn zu Deinem ſicheren Verderben an⸗ reizte. O habe ich Dich deshalb geliebt, wie nie ein Bruder ſeine Schweſter liebte, habe ich deßhalb Tag und Nacht an⸗ Dein, und nur an Dein künftiges Glück und Leben gedacht, daß Du jetzt— jetzt dieſem— Teufel zum Opfer fallen ſollteſt! Marie— ich mag ſchlecht— ich mag leichtſinnig, ich mag ſo tief geſunken ſein, vielleicht wie Jener, aber die Liebe für Dich war ohne Fehler, war ohne Flecken, und jetzt Marie— jetzt!—“ Er ſchwieg, und ſchnell und krampfhaft hob ſich die, von den fürchterlichſten Gefühlen gequälte Bruſt. 2 Lorrimer ſah ſchweigend zu ihm hinüber, und dann, ein kleines Federmeſſer aus ſeiner Taſche nehmend, begann er mit der ruhigſten und gefaßteſten Miene von der Welt, und wie aus lieber langer Weile, ſeine Fingernägel zu ſchnei⸗ den. Er glich gerade einem jener reichen Müſſiggänger, die eben geſpeiſt haben, und nun ganz und gar nicht wiſſen, wo ſie den Nachmittag zubringen ſollen. „Apropos Byrnewood,“ ſagte er dann nach einer klei⸗ nen Weile, ſeine Arbeit betrachtend,„iſt es nicht wunderbar — jene kleine Geſchichte mit Anna meine ich— ob ſie wohl einen Bruder hat!“ er richtete bei dieſen Worten ſeine Blicke feſt auf den Unglücklichen. „Byrnewood zuckte bei dem Namen, wie von einer Schlange gebiſſen, zuſammen. „Dürfte ich wohl fragen,“ fuhr Lorrimer höhniſch lächelnd fort,„welchen Weg Sie einſchlagen ſollten, wenn 203 Sie dieſes Haus⸗jetzt ohne Ihre Schweſter verließen? Sie ſchweigen; nun ich denke mir ſo, da würde nachher ſogleich eine Klage auf„Entführung eingereicht werden, mit einem tauſend gerichtlichen etceteras; dieſer Platz würde, das Oberſt zu unterſt gekehrt, um das Mädchen wieder zu finden, und Ihr gehorſamer Diener hier, könnte ſich nur darauf gefaßt machen, ein kleines Zimmerchen im Zuchthaus zu beziehen. Intereſſante Ausſichten das. Weshalb betrachten Sie Ihre Hand ſo aufmerkſam?“ „Sie haben Ihre Ausſichten, ich habe die meinigen,“ lächelte Byrnewood;„ich dachte gerade daran, wie lange es noch dauern würde, bis dieſe rechte Hand mit Ihrem Herz⸗ blut gefärbt wäre.“ „Puh— puh— ſolche Reden ſind kindiſch— gehen Sie auf meinen Vorſchlag ein?“ „Sie baben meine Antwort gehört.“ „Und Sie wollen mir Nichts verſprechen, wenn ich Ihnen das Mädchen nicht gleich, und rein überantworte?“ „Nichts— einem Schurken und Feigling,“ ziſchte Byrnewood zwiſchen ſeinen feſt geſchloſſenen Zähnen hin⸗ durch.“ „Gut— es iſt überhaupt Zeit, daß ich die mir läſtige Maske abwerfe,“ rief Lovrimer, während er ſich mit halb ärgerlich, halb höhniſch triumphirendem Blicke aufrichtete. — „und glauben Sie, daß ich unter irgend einer, von Men⸗ ſchen zu erfüllenden Bedingung, dieſe ſchöne Beute meinen Händen würde haben entſchlüpfen laſſen! Hahaha— Thor der Sie find, Schwur auf Schwur hätten Sie häufen können, bis der Athem den beſchwerlichen Dienſt verſagt, trotz all den Schwören aber wäre das Mädchen mein! Lerne mich als den kennen, der ich bin. Nicht als den bloßen Schlemmer und Wüſtling, wie Du ſie zu tauſenden in dieſer guten Stadt findeſt, nicht als den albernen Mode⸗ narren, für den Du mich vielleicht bisher gehalten, nein als den Mann der Luſt,“ und bedenke, was Alles in die⸗ ſen wenigen Worten verborgen liegt. Andere Leute haben Talente, die bald auf dieſen bald auf jenen Punkt im Leben, bald auf kaufmänniſche, bald auf gelehrte Beſchäftigungen hingelenkt werden; die meinigen, und ich ſchmeichele mir, deren bedeutende zu beſitzen, richteten ſich, von Reichthum und Unabhängigkeit begründet, auf Luſt und Vergnügen, was klar und deutlich herausgeſagt,— Frauen meint. Die Mittel, ihre Liebe mir zu erringen, ihre Schön⸗ heit zu genießen und ihr Verderben zu verachten, iſt mein Studium— mein einziges Studium geweſen, von der Zeit an, wo ich dem Knabenalter entwachſen; und ſollte ich jetzt in dem herrlichſten, in dem intereſſanteſten Abenteuer, das ich je beſtanden, durch irgend einen Menſchen, durch einen Knaben faſt noch, gehindert und aufgehalten werden? 205 Wäreſt Du der Mann, mir dieſe Blume, um deren Erwerb ich ſo viel auf's Spiel geſetzt, ſo viele Mühe gehabt, wieder zu entreißen! Ha, Du biſt ſo ſtark und gewaltig, daß Du davon ſprichſt, Deine Hand in meinem Blute zu röthen? Du ſchwatzeſt hier Unſinn, den die Jungen auf der Gallerie ausziſchen würden, wenn ſie ihn von einem Sta⸗ tiſten hörten, und biſt, bei all Deinen großprahleriſchen Worten— mein Gefangener.“ „Oein Gefangener!“ echote Byrnewood, ſich langſam aufrichtend. „Bleiben Sie ruhig, mein Herr!“ ſagte Lorrimer jetzt mit ſchneidender Kälte—„zwei Minuten von jenen zehn ſind noch nicht verfloſſen; ich habe Ihr Ehrenwort, daß Sie ſich ruhig verhalten wollen. Ja, mein Gefangener. Was! dachten Sie nur für einen Augenblick, daß ich Ihnen geſtat⸗ ten würde, dieſes Haus zu verlaſſen, wenn Sie es in Ihrer Gewalt haben, die ganze Stadt gegen mich in Aufruhr zu bringen? Sie wiſſen recht gut, daß ich durch dieſen Streich den Geſetzen des Staates verfallen bin. Sie wiſſen, daß Zuchthaus— die Verachtung der albernen Menge— Armuth und Schande mein Loos würden, ſo bald ich ergriffen und vor Gericht geſtellt werden ſollte und— hahaha, Sie halten mich trotz dem noch für einen ſo entſetzlichen Narren, dem ſelber Thor und Thür zu öffnen, der mich auf ewige Zeiten zu Grunde richten könnte. Nein Sir— Sie ſind mein Ge⸗ fangener.“ * „Ihr könnt mich morden,“ rief Byrnewood empört, „aber ich habe es dennoch in meiner Gewalt zu vergelten; ich kann ſchreien— mein Hülferuf wird die Nachbarſchaft erwecken und Euer Schlangenneſt, Euere Drachenhöhle, wird erſtürmt und die geheimen Scheußlichkeiten den Augen der Menge preißgegeben werden.“ „Schrei— rufe— bis Dir die Kehle berſtet, wer würde es hören! Weißt Du wie viel Fuß Du über der Ober⸗ fläche der Erde ſtehſt! kennſt Du die Stärke dieſer Mauern! weißt Du, daß Du Dich im oberen Thurmzimmer des Klo⸗ ſters befindeſt! Verſuche Deine Stimme— o bitte— es würde mir unendlichen Spaß machen, hier irgend Jemand Hülfe, oder Mord, oder Feuer, ja auch hurrah für einen der politiſchen Candidaten rufen zu hören.“ Byrnewood ſank langſam in ſeinen Stuhl zurück, und zum erſten Mal ſchlich ſich langſam und peinigend der Ge⸗ danke in ſein Herz, daß er wirklich, mit Leben und Tod, in der Hand des Wüſtlings ſei. „Weiter— weiter— fahren Sie fort,“ flüſterte er leiſe—„die jetzige Stunde iſt die ihrige— die meine wird kommen.“ „Nicht eher bis es mir gefällt, ſie herbei zu rufen,“ hohnlachte Lorrimer, ſich jetzt hoch und ſtolz aufrichtend; „Blinder Thor der Du biſt, in tauſend Formen und Ge⸗ ſtalten umgiebt Dich hier Tod und Vernichtung und Du weißt— Du ahnſt es nicht. Du kannſt auf ihn treten, ihn einathmen und trinken, ihn mit der Berührung eines Fingers zu Diy rufen, und erfährſt ſeine ſchreckliche Berührung erſt dann, wenn es zu ſpät iſt.— Byrnewood erhob ſich jetzt ebenfalls langſam und mit augenſcheinlicher Mühe von ſeinem Sitz und flüſterte mit heiſerer, ſchmerzerſtickter Stimme:„Thu' was Du willſt mit mir— thue Dein Schrecklichſtes aber— um des Hei⸗ lands willen— habe Erbarmen mit meiner Schweſter!“ „Sie iſt in meiner Gewalt“— höhnte Lorrimer lächelnd, als er auf die Angſt erfüllten Züge des Unglück⸗ lichen ſchaute—„ſie iſt in meiner Gewalt.“ „Dann bei dem ewigen Gott, biſt Du in der meini⸗ gen,“ ſchrie Byrnewood und warf ſich mit wildem Tiger⸗ ſprung auf den überraſcht Zurückſchreckenden, dem er mit convulſiviſcher Kraft die Eiſenfinger um die Kehle ſchlang.— „Und Ou biſt in meiner Gewalt— hahaha, wie Du ſchwarz wirſt— ſträube Dich— ſträube Dich; Du biſt mein— mein— und bei der ewigen Gerechtigkeit, Du ſollſt ſterben wie ein Hund.“ Lorrimer ſchien in der That verloren; der plötzliche Angriff des zur Verzweiflung Getriebenen hatte ihn über⸗ raſcht und unter dem Griff, denn Byrnewood hing an ſeiner Kehle, wie der Ertrinkende an dem rettenden Holz, das ſich ihm bietet, ſchwankte der Wüſtling wie ein Trunkener hin und her, während ſich ſeine ſchönen männlichen Züge unna⸗ 208 türlich verdunkelten und die Augen weit und entſetzlich aus ihren Höhlen traten. Schon ſchien ſein letzter Augenblick gekommen, da flog die ſchmale Thür plötzlich auf, herein⸗ ſtürmten mit ſcheußlichem Grinſen die beiden rieſigen Neger und von einem, ſcheinbar ohne die geringſte Anſtrengung ge⸗ gebenen Fauſtſchlag, ſtürzte der unglückliche junge Mann leb⸗ und bewuſtlos zu Boden. „Hallo Musquito— hallo Glühwurm— das war Hülfe in der Noth,“ ſagte Lorrimer, einen Schritt von dem Niedergeſchlagenen zurückſpringend.„Peſt und Gift— er meinte es gut— hat die Zeichen ſeiner Finger bei Gott an meiner Kehle zurückgelaſſen— aber jetzt Leute— merkt Euch den Mann!“ „Jah Maſſa— ich thue—“ grinſte Musquito, ſeine gräulichen Lippen zu einem teufliſchen Lächeln verziehend— „Dieſer Nigger merkt ſich aber ſelten Jemanden, ohne daß irgend was nachher paſſirt.—“ „Maſſa Guſty will nicht daß das Stück Menſchenfleiſch da, aus dieſem Zimmer geht, ah!“ rief Glühwurm, während ſeine ſcharfen Zahnreihen hinter den beiden geſchwollenen Fleiſchmaſſen, die bei ihm die Stelle der Lippen verſahen, ſichtbar wurden—„ſetze den Fall er will doch hinaus— ſetze den Fall dieſer Nigger legt ſeinen Knöchel wohl nicht auf ſeinen Kopf ha— ha— ha— hat Glühwurm keine Fauſt! Skito haſt Du ſchon je dieſes Kind einen Ochſen niederſchlagen ſehen! hah— hah— hah—“ 209 „Ihr Beiden wacht dieſe Nacht hier vor der Thüre,“ ſagte Lorrimer, während er auf der Schwelle ſtand—„laßt ihn nicht fort, wenn Euch Euer Leben lieb iſt— verſteht Ihr?“ und während er noch ſprach winkte er den Negern die Stube zu verlaſſen, drehte den Schlüſſel im Schloß her⸗ um und verſchwand in dem Gang, den er vorher mit Byrne⸗ wood gekommen, und der zurück in das Roſenzimmer führte. Wenige Minuten ſpäter war es, als Byrnewood, wie aus einem ſchweren Traum erwachend, emportaumelte und mit weißen, bleiernen Lippen, faſt noch bewußtlos und wie durch eine höhere Macht getrieben, murmelte. „Am Weihnachtsabend wird— wird Einer von Euch, durch des anderen Hand ſterben— das Leichentuch iſt ge⸗ woben— der Sarg gezimmert;“ und von den wild und raſend auf ihn einſtürmenden Gefühlen übermannt, ſank er, als er ſich allein ſah und die Erinnerung des Vergangenen ihn durchzuckte, ohnmächtig nieder auf das Sopha. Eilftes Kapitel. Teufelskäfer. „und ich fürchte mich doch nicht,“ ſage ich Euch—„ich fürchte mich doch nicht— Sechs lange Jahre, Tag und Nacht hat er an meiner Seite gelegen, mit ſeiner gebrochenen Kinnlade und ſeiner heraushängenden Zunge— ſechs lange Jahre, und nicht ſo viel fürchte ich mich, trotz alle dem.— Denn dort liegt er ſchon wieder, da links vom Feuer. Sieht er nicht eklich aus! pfui— ein häßlicher Chriſt— ſeht nur ſeine Kniee an, wie er ſie hinaufgezogen hat bis unters Kinn— und die Augen erſt— das eine liegt ganz draußen auf der Backe— und die Kinnlade, ganz zerquetſcht und die Zunge— ſchwarz und dick zwiſchen den Zähnen vor— pfui— was ein ekelhafter, häßlicher Leichnam.“ „Manchmal kann ich ihn ſtöhnen hören; aber auch nur manchmal, ſonſt liegt er immer ſtill; das habe ich aber ſchon gemerkt, wenn mir irgend etwas Böſes paſſiren wird, dann ächzt und ſtöhnt das Ding.“ „Gerade wie ich ihn niederſchlug, ſo liegt er jetzt vor mir— Wh— iss— wh— iss, kam er die Falle herunter, drei Stockwerk hoch— drei richtige Stockwerk und— Peſt und Gift— warum hatt' ich die unterſte Klappe nicht auf; er ſiel auf die Diele, etwas breiartig zwar,— war aber nicht todt.“ 1 „Er ſprang wieder auf— gerade wie er dort liegt— in ſeinen Hemdärmeln, mit gebrochener Kinnlade und die Zunge heraus— puh— wie häßlich er ausſah, und wie er ſtöhnte, ich denke aber ich hämmerte ihn nieder—. die Fauſt hier iſt keine Kleinigkeit.— Krach— krach ging die eiſerne Feder an der letzten Falle und der Körper ſtürzte, weiß der Teufel wohin— mich kümmerts nicht. Wenn ich ihn aber auch ſomit bei Seite und aus dem Wege ſchaffte, ſo kam er doch ſchon in derſelben Minute wieder zurück und drückte ſich neben mich; und er geht nicht fort— ſeit der Zeit iſt er da⸗ geblieben— ſechs lange Jahre, und ich fürchte mich doch nicht.“ „Ob ich ſchlafe oder wache, s'iſt Alles eins— er bleibt da— da— immer an meiner linken Seite, wo ich gar kein Auge zum Sehen habe, und doch— doch ſehe ich es, und brauche den Kopf nicht zu wenden.“ Was ich damals für ein verdammter Narr war, ihn kalt zu machen— und nicht einen Cent hatte er in den Taſchen— wenn ich nur daran denke, läuft mir die Galle über, und dort liegt er, dort, dort, mit der gebrochenen 14* 212 Kinnlade und den Augen— puh— ich fürchte mich doch nicht— nicht ſo viel— da muß es ärger kommen— Kin⸗ derei das.“ Das Licht von dem flammenden Kohlenfeuer zuckte über das enge Gemach des Pförtners. Dicht vor dem Roſt, eng zuſammengekauert, die Füße hinaufgezogen, und die großen unförmlichen Hände um die Kniee herumgefaltet, während der Kopf auf der Bruſt ruhte und das Geſicht, von dem Feuer erhitzt und erröthet, von großen, perlenden Schweiß⸗ tropfen durchzogen wurde, ſaß Teufelskäfer, die linke leere Augenhöhle der Erde zugekehrt, als ob er vollkommen klar und deutlich damit ſehen könnte, während ſein anderes, ge⸗ ſundes Auge ſo viel glänzender zuckte und glühte, daß es ihm endlich wie ein einzelner Feuerſtrahl unter den finſteren Braunen hervorſchoß. Die Erregung des Mannes war fürchterlich und zu⸗ gleich widerlich anzuſehen; die großen Tropfen fielen ihm einzeln an den heiß gerötheten Wangen herunter, das ſtrup⸗ pige wilde Haar hing ihm unordentlich und wirr über Schläfe und Stirn, die dünnen Lippen bis unter die breiten Naſenflügel zurückgezogen, legten zwei Reihen gelber ſcharfer Zähne blos, die feſt und ingrimmig zuſammengebiſſen waren, und ſein ganzes Antlitz hatte ſich zu wilder, ſcheußlicher Grimace verzerrt, in der Angſt, Zorn, Furcht, Wuth und ückiſche Bosheit ſchnell und ſchauerlich miteinander wech⸗ ſelten. 213 Aber ſchrecklicher noch faſt als ſein Körper war ſeine Seele. In einem Bordell geboren, dem Laſter und der Sünde entſprungen, hatte er, von Jugend auf nichts an⸗ deres als Scenen der Schande und des Verbrechens vor ſich, ſeit frühſter Kindheit eine Atmoſphäre von Schmach und Fluch eingeathmet. Für ihn exiſtirte das Wort gut nicht in der Welt. Seine Welt— ſein Geburtsplatz, ſeine Hei⸗ math in Jugend und Alter, ſeine einzige Lebensbühne war das Bordell geweſen. Keine Mutter hatte je ein Wort der Liebe zu ihm geſprochen— kein Vater hatte ihn je auf ſeinem Arm getragen.— Schweſtern— Brüder— Freunde— er hatte Nichts von alle dieſen gekannt, ſelbſt ohne einen Namen war er auf die Welt geſchleudert, denn ſein gegenwärtiger war der ſtehende Name des Kloſterpförtners geweſen, den er umſonſt ſich anzueignen verſuchte, daß der Spottname ſeiner Kindheit vergeſſen werden möchte. Abigail K. Jones mochte er ſich ſelbſt nennen, die Uebrigen kannten nur den Teufelskäfer. 4 Sein entſetzlicher Blick aber— ſeine Mißgeſtalt— ſeine ſchwarze Seele, Alles das ſchien ſich zuſammen in ſein Ge⸗ dächtniß zu drängen, ſobald das Zauberwort„Teufelskäfer“ geſprochen wurde und er fühlte dann, wie er mit Menſchen Nichts gemein habe, wie er abgeſondert von der Race ſtehe und eine wilde Beſtie— eine Schlange— ein Wurm— ein Teufel— Alles— Alles ſei, nur kein Menſch. Daſſelbe faſt inſtinktartige Vergnügen was gute 214 Menſchen fühlen, wenn ſie irgend einem Andern eine Wohl⸗ that, eine Freundſchaft erzeigt haben, daſſelbe Vergnügen erwärmte und kitzelte die Nerven Teufelkäfers, wenn er irgend eine recht fürchterliche, grauſame That verüben konnte. Er machte ſich Nichts aus dem Mord, er liebte den Mord we⸗ nigſtens nicht des Mordes wegen, nein er ſehnte ſich nur danach das Blut leiſe, leiſe niedertröpfeln zu hören oder das Todeszucken, den letzten convulſiviſchen Krampf des Ster⸗ benden zu beobachten, ſein letztes Röcheln, den ſichern Vor⸗ boten des ſcheidenden Lebens zu hören. 1 Jahre lang hatte dieſer wachſende und wachſende Trieb in ſeiner Bruſt gearbeitet, ohne ſich Luft machen zu können, und erſt der Mord, der vor ſechs Jahren ſeine Hände zum erſten Mal mit menſchlichem Blute färbte, riß weit die Pforten ſeiner Seele auf und öffnete nun auch dieſem Ver⸗ brechen die Bahn. Seit jener Nacht hatte ihn aber der An⸗ blick ſeines Opfers nicht verlaſſen. Der verſtümmelte Körper lag ſtets an ſeiner linken Seite, ob er ſchlief oder wachte; ſeit jener Zeit aber war auch das wilde Verlangen in ihm erzeugt, eine andere Leiche neben die erſte zu ſchaffen; denn er glaubte wenn es zweie wären, ſo würde vielleicht das Schreckniß der erſten in ihrer ganzen Scheußlichkeit ver⸗ wiſcht oder doch verringert werden. Er wollte ſich deßhalb mit den Phantomen neuer Opfer umgeben, wozu ihm bis jetzt nur noch die Gelegenheit gefehlt hatte, und er hoffte in der Anzahl ſeiner Verbrechen nicht allein den ihn jetzt 215 peinigenden Gedanken zu entgehen, ſondern ſogar eine ge⸗ wiſſe Genugthuung, ja Zufriedenheit zu empfinden. Dieſer Mann, der keinen Gott kannte, keinen Teufel fürchtete, deſſen ganze Exiſtenz bis jetzt eine fortwährende Kette von Sünden und Verbrechen geweſen, dieſer Auswurf der Hölle war es, der Byrnewood Arlingtons Leben in ſeiner Macht hielt. „Es iſt bald Morgen,“ knurrte er vor ſich hin—„der Burſche müßte eigentlich'was zu eſſen haben— ein klein Bischen zu trinken vielleicht.— Nun— ſetze den Fall ich ſchickte ihm ein gekochtes Hühnchen und eine Flaſche Wein hinauf.— Natürlich ſetzt er ſich um zu eſſen an den Tiſch— ich kann den Teller ja auf die eine Seite ſtellen, und wenn er— hi— hi— hi— wenn er ſich in den Stuhl ſetzt und mit dem Fuß an die Feder kommt— was folgt daraus! er fällt und thut ſich weh.— Setze den Fall er trinkt den Wein?— drei Stockwerk und unten die Klappe— böſer Burzelbaum das— trinkt den Wein— wird er verrückt und weiß Nichts mehr von ſich.— Sehr wunderbarer Wein das— bekam ihn von dem Ooktor der manchmal her kam— bringt Niemanden um, macht ſie nur ein wenig zweifelhaft— der Mann mit dem Poker*) iſt gar Nichts dagegen. Hallo, wer iſt da?“— *) Scherzhafter Ausdruck für den, durch übermäßigen Genuß ſtarker Getränke herbeigeführten Wahnſinn. 216 „Ich bins' Bigail,“ rief eine Frauenſtimme und die ſtattliche Geſtalt der ſchönen Betty, mit einem dunkelen Shawl über ihre Brautjungferkleidung geworfen, nahte ſich dem Licht.„Ich habe eben Lorrimer verlaſſen— er iſt bei dem Mädchen, und ſchickt mich, Euch zu fragen, ob Ihr den jungen Mann auch gut im Auge behaltet?“ „Als ob ich auch noch daran erinnert werden müßte!“ grinſte Abigail mit ſeiner heiſeren Stimme.„So macht er's aber— immer und ewig befehlen und die Leute umher⸗ ſchicken.— Nun, Du kannſt Dich wohl auch ein Bischen nützlich machen, eh? So trag dem jungen Bengel einmal eine Flaſche Wein und ein gekochtes Huhn hinauf— wird ſchön hungrig ſein.“ „Soll ich das Huhn und den Wein ſelbſt beſorgen?“ frug Betty, ihre Blicke feſt auf die Misgeſtalt heftend.“ „Was, zum Teufel, ſiehſt Du mir ſo in's Geſicht! heh! Nein— das ſollſt Du nicht, ſelbſt beſorgen, ich werde Dir's⸗ holen. Warte hier, bis ich zurückkomme; und laß mir Nie⸗ mand herein ohne die Parole—„Welche Zeit in der Nacht?“ und die Antwort—„Mittag“, Du weißt ja ſchon.“ Und als er brummend und mit ſich ſelber redend das Zimmer verließ, ſtand Beß hoch aufgerichtet und ſinnend vor dem Feuer, ihr Antlitz durch, wie es ſchien, trübe und peinliche Gedanken verfinſtert; dann lispelte ſie leiſe und zürnend: „Irgend etwas Böſes iſt wieder im Werk— ich habe 217 mich doch zwar zu Schande, aber nicht zu— Mord ver⸗ kauft.“— Ein heimliches Klopfen ward an der Thür gehört. Den Riegel zurückſchiebend und die Kette aushebend, öffnete Betty die innere Thür und blickte durch eine der Spalten in der äußeren, grünen Jalouſieenthür auf die Fremden. „Wer iſt da!“ flüſterte ſie mit unterdrückter Stimme. „Ha ha ha— lachte Einer der Männer,„s'iſt Beß, mein Liebchen— welche Zeit in der Nacht, Herzchen 144 „Mittag— Du Narr,“ antwortete die junge Dame, während ſie die äußere Thüre ebenfalls öffnete.—„Wer iſt der Fremde! Dein Freund Luhk!“ Ja ja, Beſſy, meine Taube,“ erwiederte Luhk, als er die Höhle, von dem Fremden gefolgt, betrat.—„Haſt Du Teufelskäfer nicht ſagen hören, ob meine Stube geheitzt und in Ordnung iſt? Alles zu recht! ſo! und Karten oben, Beß! Dieſer Herr hier und ich, möchten gerne ein gemüth⸗ liches Spielchen zuſammen machen. Apropos, wo iſt Fitz Cowles, den wollen wir noch gern dazu haben. Haſt Du ihn etwa heute Abend geſehen, Liebchen?“ „Oben iſt er, wie gewöhnlich,“ erwiederte Betty mit einem bedeutungsvollen Lächeln—„verſchleierte Dame“— verſtehſt Du, Luhk! das iſt etwas, was über Deine Begriffe geht.“ Der Fremde, eine hohe, ſtattliche Geſtalt, hatte ſeinen 218 Mantel dicht um ſich her gewickelt— jetzt flüſterte er, einen Schritt vortretend, dem Gefährten leiſe und mit durch den Ueberwurf halb erſtickter Stimme zu. „Luhk— ich bin bereit— in das Zimmer— hinauf, hinauf!“ und ohne ein Wort weiter ſchritt Luhk voran, während ſich gleich darauf der leichte Schall ihrer Schritte auf den weichen Teppichen des Ganges verlor. Betty konnte Nichts von des Fremden Geſichtszügen zu ſehen bekommen; nur einmal, als er am Kamin vorbeiſchritt, hatte ſie der Blick ſeiner in düſterem Feuer glühenden Augen getroffen, und wie entſetzt war ſie vor der dunkeln Gluth derſelben zurückgefahren. „Das iſt ein ſonderbares Auge für einen Menſchen, der blos Karten ſpielen will;“ ſagte ſie dann ſinnend, als die Beiden ſchon lange das Gemach verlaſſen hatten;„es ſah 3 eher aus, als ob es einem Manne gehörte, der ſchon die ganze Nacht mit dem Teufel geſpielt, und ſeine arme Seele dabei verloren hätte. Großer Gott, welch' ein böſes Auge für eine ſo dunkele Nacht.“ „Hier iſt das gekochte Huhn und der Wein!“ rief Teufelskäfers heiſere Stimme, als er ſich mit einem großen Präſentirteller in den breiten Händen dem Kamine wieder näherte.„Bring' es dem Burſchen hinauf, Beß— er wird hungrig ſein, und— und hörſt Du Mädchen, ſetze den Teller auf die am weiteſten von der Thür entfernte Ecke des Tiſches.“ 3 219 „Irgend eine beſondere Urſache dafür?“ „Hol' Dich der Böſe— kannſt Du's nicht thun, ohne erſt lange zu fragen? s'iſt nur eine Idee von mir. Die Flaſche iſt ihr Gewicht an Gold werth.— Kriegt ſolchen Madeira nicht alle Tage— armer Teufel— wird ſicher halb verhungert ſein.“— „Gut, gut, ich will's ihm hinauftragen,“ ſagte Betty lachend und nahm die Lebensmittel aus des Pförtners Hand, aber— hol's der Henker, Abigail, da mir's gerade einfällt, warum konnteſt Du es denn nicht eben ſo gut beſorgen? Du wirſt faul auf Deine alten Tage.“ 1 3„Alſo paß auf, Mädchen,“ brummte Teufelskäfer, da Betty durch die Thür verſchwand,„vergiß nicht, daß Du den Teller auf die Seite vom Tiſch ſetzeſt, die am weiteſten von der Thür entfernt iſt— blos eine Idee von mir— alſo die am weiteſten von der Thür— hörſt Du!“ „Die Feder und die Flaſche,“ ſchmunzelte Teufelskäfer, als er ſeinen Sitz am Feuer wieder einnahm;„es kommt mir auch beinahe ſo vor, als ob ich nachher Luſt hätte, die Treppe hinaufzukriechen und zuzuſehen, wie es ihm be⸗ kommt— hihihi. Die Neger ſind zwar oben— aber das ſchadet Nichts— Vielleicht heult er, oder ſtöhnt, oder treibt ſonſt ſpaßhaften Unſinn. Guſty hat mir freilich nicht geſagt, das zu thun, aber ich weiß ſchon, der grinſt ſo breit wie irgend Einer, wenn das Ding geſchehen iſt. Ich muß wahr⸗ haftig ſehen, wie die Geſchichte wirkt; zu komiſch das— 220 die Feder und der Wein— Ich gehe hinauf nnd horche ein Bischen an der Thür. Ob das Mädchen wohl was gemerkt hat?“ Er ging mit ſeinen Gedanken beſchäftigt, ſchnell in dem kleinen Zimmer auf und ab, und rieb ſich, wie durch eine gute Idee erfreut, die rauhen, ſchwieligen Hände ſo recht ſtill⸗ vergnügt zuſammen, während ſein einzelnes Auge ein eige⸗ nes, belebtes Feuer annahm. Dabei ſchüttelte er ſich or⸗ dentlich vor innerlicher Luſt, und ſeine Lippen und ledernen Wangen zuckten in einem verſuchten Lachen convulſiviſch und krampfhaft. „Armer Burſche!“ kicherte der mitleidige Teufelskäfer dabei in ſich hinein—„armer Burſche wird auch frieren— ich könnte ihm ein Bischen Feuer hinaufbringen, ich könnte“ — er blieb plötzlich ſtehen und lachte ſo laut, daß ſeine Stimme weit hinaufſchallte durch Gang und Treppe; bis hinauf in das öde, einſame Gebäude.„Ich könnte ja das einmal ver⸗ ſuchen— hahaha— wie das wohl thäte.“ Die Thüre eines Schrankes, dicht neben dem Kamin, öffnend, zog er aus deſſen Inneren eine kleine eiſerne Koh⸗ lenpfanne hervor, wie ſie Hausfrauen oft zu allerlei Zwecken benutzen, ſetzte dieſe dann dicht vor das Kamin in das helle Licht der Flammen hin, betrachtete ſie ſehr aufmerkſam, und lachte dann wieder ſo innig und ſelbſtzufrieden in ſich hinein, daß die ganze ſcheußliche Geſtalt zitterte und bebte, und ihm die hellen Thränen über die Backen herunter liefen. Sein 221 Geſicht hatte ordentlich etwas Gutmüthiges angenommen; der Ausdruck eines trunkenen Schlemmers, der einem Bett⸗ ler einen Pfennig zuwirft, war gar Nichts dagegen. „Ein kleines Bischen Kien jetzt,“ murmelte er nun und zog einen alten Sack zum Feuer, in dem das Gewünſchte verborgen lag—„ein klein Bischen Kien und ein ganz klein Bischen Holzkohle— macht ein kapitales Feuer— fetter Kien und Holzkohle— hahaha— der arme Teufel wird frieren— nun ein Licht— alle Wetter, wie der Kien flackert.“ Er wartete nur wenige Secunden, daß ſich der Kien und die Kohlen ordentlich entzünden konnten, und wie ſie erſt in dunkelen, maſſenhaften Rauch emporqualmten und ſich dann leiſe züngelnd ein heller, lichter Strahl daraus hervorſtahl, da erfaßte er ſchnell den Griff der Pfanne, hob ſie plötzlich vom Boden, und ſtürzte aus dem Gemach die Treppe des Gebäudes hinauf, als ob ſein eigenes Leben von der Eile abhinge, mit der er ſeinen Plan in Ausführung brächte. Als er aber höher und höher die Treppe hinauf⸗ ſtürmte, und die kleine Flamme zur hellen Gluth angefacht war, brachte er, die Pfanne von Seite zu Seite ſchwingend, bald ſeine teufliſche Geſtalt in ihrem rothen Feuerſchein, bald ſchien es, als ob ſie allein durch eine einzige dunkele Hand, mit langen Drachenfängen, deren Knochen wie knotige Taue aus der Haut zu brechen ſtrebten, umkrallt und im Sturme hinaufgeführt würde. 222 „Hallo— ich wußte nicht, daß Mönch Luhk in ſeinem Zimmer ſei,“ murmelte er, als er einen Augenblick vor einer maſſiven Thüre hielt;„da iſt ein Lichtſtrahl durch ſein Schlüſſelloch, und ich höre Stimmen drinnen.— Bah— einerlei— die Kohlen brennen; bin doch neugierig, wie das thut?“ — Und die Treppe hinauf verfolgte er ſeine Flucht, die Flamme dabei fortwährend von Seite zu Seite ſchwingend, während er immer und immer wieder in ſich hineinkicherte —„verdammt neugierig, wie das thun wird— hihi hi— verdammt neugierig.“ Immer noch ſtahl ſich der matte Strahl durch das Schlüſſelloch jener maſſiven Thür. Im Inneren derſelben beſchien er aber ein hohes, geräumiges Gemach mit hohen, getäfelten Wänden, gemalter Decke und reich und koſtbar hergeſtellten Meublen. Auf dem großen, runden Tiſch, der mit Büchern, Karten und Weingläſern bedeckt war, ſtand eine einfache Studirlampe, deren zu helles Licht durch ein mattgeſchliffenes Glas gedämpft wurde, und in ihrem Schein, neben dem Feuer, das luſtig im Kamine loderte, ſtanden zwei Männer, einander feſt und ernſt in's Antlitz ſchauend. Die kalten Schlangenblicke des Einen hatten ſich feſt auf die ſonn- und wettergebräunten Züge des Anderen ge⸗ heftet, und gar wunderlich und unheimlich ſtarrten ihm aus deſſen Angeſicht die zwei blauen, aber in gar wildem Feuer glühenden Augen entgegen. „Luhk— nach dem Zimmer— nach dem Zimmer!“ flüſterte ſeine Stimme jetzt heiſer und mit kaum unterdrückter Heftigkeit. „Er iſt ruhig,“ murmelte Luhk für ſich hin—„ich habe ihn eine verdammt lange Strecke die Kreutz und Quer ge⸗ führt— er muß ſich jetzt ſelbſt beherrſchen können, und— zum Zurückgeheniſt's zuſpät.“ Seine Hand ausſtreckend, nahm er eine kleine Blend⸗ laterne vom Kaminſims und ſchritt leiſe durch das Zimmer; die Thüre eines ſchmalen Tapetenſchrankes dann öffnend, winkte er Livingſtone näher zu treten. 4 „Sehen Sie, dieß iſt eigentlich ein etwas geräumiger Schrank,“ lächelte er— zog ſeinen finſteren Begleiter hinein und ſchloß die Thür, daß ſie ſich im nächſten Augenblick in dichte Finſterniß gehüllt fanden;„die Rückwand deſſelben iſt übrigens nichts Geringeres, als ein Theil der Wand des nächſten Zimmers— reichen Sie mir Ihre Hand— ſie zit⸗ tert nicht, bei Gott— fühlen Sie den Riegel? er iſt klein, aber er öffnet uns jenes Zimmer—“ Während Livingſtone, ohne eine Sylbe zu erwiedern, ernſt und ſchweigend neben ihm ſtand, zog Luhk den Riegel zurück— eine leiſe Berührung noch, und ſie mußte aufflie⸗ gen; Luhk konnte das ſchwere Athmen des Kaufmanns hö⸗ ren, und die Hand, die er berührte, wurde kalt wie Eis. In dem Augenblick, ob durch Zufall oder mit Willen, ließ Luhk die Klappe der Blendlaterne aufſpringen, und das 7 Licht derſelben voll und klar auf das Antlitz des Freundes fallen. Er war auf einen wilden, entſchloſſenen Ausdruck ge⸗ faßt geweſen, aber zuſammenzuckte er vor plötzlichem Schreck, denn wie das Angeſicht einer Leiche ſo bleich, ſo geiſterhaft ſah er den Mann neben ſich ſtehen. Die feſt zuſammenge⸗ preßten Lippen färbte ein blauer Schein, als ob er ſchon Tagelang im Grabe gelegen, und die ſtieren Augen richteten ſich ſcharf und durchdringend auf den Gefährten. „Nun Luhk— Du ſiehſt, ich bin ruhig,“ flüſterte er leiſe, während ein grimmes Lächeln ſeine Züge durchzuckte —„ich— bin— ruhig.“ Luhk ſchloß langſam die Laterne, berührte den Riegel, und mit einem ſchwachen Knarren öffnete ſich die geheime Thür. „Horch!“ ziſchelte Luhk— als das dunkele Zimmer vor ihnen lag—„horch!“ und mit feſt angehaltenem Athem, ohne eine Muskel ſeines Körpers zu bewegen, lauſchte Livingſtone ſchweigend dem geringſten, unbedeutendſten Laut; ein ſchwaches Säu⸗ ſeln, als ob ein Weib im Schlafe tief aufathmete, ſchlug an ſein Ohr. Luhk fühlte, wie der Kaufmann zuſammenfuhr und wie von einem plötzlichen Schlage getroffen, ſchwankte. „Gieb mir die Blendlaterne,“ flüſterte er jetzt,„die Piſtolen habe ich— das Zimmer iſt dunkel, doch kann ich die Außenlinien des Bettes erkennen. Er drückte mit feſtem Griffe Luhks Hand, verbarg vor⸗ ſichtig das Licht und betrat mit geräuſchloſem Schritt das dunkele Zimmer. Luhk blieb in dem Verſchlag mit angehaltenem Athem zurück. Mehre Secunden lang ließ ſich nicht ein Laut verneh⸗ men; es waren Stunden für den Lauſcher— kein Fußtritt — kein Athmen, nicht einmal das Rauſchen der Bettgar⸗ dinen ward gehört— Alles war ſtill und ſchweigend, wie das Grab.— Luhk lauſchte— er bog ſich vor aus dem Raum, der ihn umſchloſſen hielt, und ſtarrte in die undurchdringliche Finſterniß; aber vergebens— nicht die Umriſſe eines Stuhls — eines Sophas oder des geringſten Gegenſtandes konnte er unterſcheiden. Ja— faſt gegenüber erhob ſich etwas Ho⸗ hes, deſſen Außenlinien heller als das Uebrige der Umgebung zu ſein ſchien—„das iſt das Bett,“ dachte Luhk und wieder horchte er, ohne zu athmen, Secunden nach Secunden. Alles war ſtill und dunkel. Da— da hörte er ein leiſes— gurgelndes Geräuſch— wie es wohl aus der Kehle eines Ertrinkenden kommen konnte — jetzt war es vorüber. Nun noch einmal— und ein plötzlicher Lichtſtrahl füllte das ganze Gemach. Zwölftes Capitel. Das Thurmzimmer. „Marie iſt in ſeiner Gewalt— in der Gewalt jenes herzloſen Teufels— und ich— ich— kann keine Hand zu ihrer Hülfe heben. Eine einzelne Mauer mag mich von ihr trennen; in einem Zimmer fleyt die Schweſter um Erbar⸗ men, und in dem anderen liegt der Bruder— hört ihr Fle⸗ hen— hört ihr Jammern, und— großer Gott, kann nicht helfen.“ „Ha— die Thür iſt verſchloſſen und ich höre das ſchwere Athmen der Neger da draußen.“— „Manche Erzählungen— manche Legenden habe ich von einem Ort der Qual in jener Welt geleſen, aber könnte ein Teufel eine ſolche Hölle wie dieſe erfinden!“ Er warf ſich auf das Sopha und bedeckte ſein Geſicht mit den Händen. Die Lampe brannte dabei düſter und ſchwach, und warf ein mattes, ungewiſſes Licht durch das Thurmzimmer. Byrnewood lag in ihrem Schatten— ſeine Glieder ausgeſtreckt auf dem Lager, ſeine krampfhaft ge⸗ 227 ſpreitzten Finger über ſein Antlitz gedrückt; aber kein Zittern ſeines Körpers, kein Schluchzen, kein konvulſiviſch ſchweres Athmen verrieth die Seelenqual, die ihn durchwühlte— er lag ſtill und ruhig, und ſeine weißen Finger nur ſchienen ſich mehr und mehr in ſeine Schläfe eingraben zu wollen. Das Schweigen des Zimmers wurde durch das leiſe Oeffnen der Thür unterbrochen— er hörte es nicht— Betty trat vorſichtig, mit dem Huhn und Wein in der Hand, ein; ſie glitt über den Teppich und eilte zu dem einzeln ſtehenden Tiſch; ſie ſah aber ſehr blaß aus, und ihr langes, dunkeles Haar fiel unordentlich über ihren Nacken herunter; ihr gan⸗ 4 zes Weſen und Betragen verrieth die Unruhe und Angſt, die ſie beſtürmte. „Er ſchläft,“ murmelte ſie, während ſie die Erfri⸗ ſchungen auf dem Tiſche ordnete—„ſetze ſeinen Teller auf die am weiteſten von der Thure entfernte Seite des Tiſches, was wollte das Ungeheuer damit! Ha— es kann irgend eine Feder auf der Seite verborgen liegen, die er berühren ſoll— ich warne ihn. Und dann die Flaſche”“— Sie ſagte, ſie wollte Byrnewood warnen, und dennoch zögerte ſie am Tiſch, ſtellte die Teller jetzt auf dieſe, dann auf jene Seite, während wilde, glühende Röthe bald ihr Geſicht überflog, bald wieder einer um ſo mehr abſtechen⸗ deren Bläſſe Raum gab, und die mit einander in ihrer Bruſt kämpfenden Empfindungen verrieth, während ſie da⸗ . 15* 228 bei ängſtlich forſchende Blicke auf die ausgeſtreckte Geſtalt des unglücklichen jungen Mannes warf. Dieſer war jedoch ſo weit vom Schlafen entfernt, wie der auf dem Rad Gemarterte; er lag regungslos, aber ſein Geiſt arbeitete unter den fürchterlichſten Qualen, und vor ihm ſtieg in Noth und Gefahr das Bild ſeiner Schweſter auf, wie ſie flehend und Erbarmen ſuchend vor dem erbar⸗ mungsloſen Böſewicht kniete und weinend die Hände rang. Endlich näherte ſich das Mädchen ſchnell und mit lautloſen Schritten dem Unglücklichen, warf noch einen ſcheuen Seiten⸗ blick nach der halb offen ſtehenden Thür, und legte ihre Hand leiſe auf Byrnewoods Schulter. „Ich komme, Euch vor Gefahr zu warnen,“ flüſterte ſie in ſein Ohr. Byrnewood blickte erſtaunt empor, das Mädchen aber bemerkend, wandte er ſich mit Zorn und Abſcheu von ihr ab. „Zurück!“ murmelte er zwiſchen den zuſammengebiſſe⸗ nen Zähnen—„zurück— ſchon Deine Berührung iſt Peſt; Du warſt eines von den Werkzeugen jenes Buben— Du haſt meiner Schweſter Ehre verrathen.“ „Ich komme Euch zu warnen,“ fluſterte Betty mit flammenden Augen;— dort ſtehen Erfriſchungen— ſeht Ihr die Flaſche Wein? Bei Gefahr Eueres Lebens, trinkt Nichts— „— als richtig guten Brandy,“ grunzte die rauhe Stimme Teufelskäfers dicht an ihrer Schulter;„flüſſiges 229 Höllenfeuer für immer, das iſt der Stoff, mein Männchen, hahahaha!“—. Mit demſelben Schreck und Staunen ſprang Byrne⸗ wood empor, als ſich Betty umwandte, während ihre Augen feſt auf die des eben Gekommenen geheftet waren. Teufelskäfer, ſcheußlich grinſend, mit dem glühenden Kohlenbecken, das er jetzt wieder umherzuſchwingen begann, ſtand vor ihnen; ſein einzelnes, glühendes Auge ruhte aber auf dem Mädchen mit einem Ausdruck wilder Schadenfreude und boshaften Zornes, das ſich nur dann und wann in ein tückiſches, höhniſches Lächeln verwandelte; endlich rief er mit einer gewiſſen angenommenen Leutſeeligkeit: „Du kannſt gehen, Beſſie, mein Täubchen, dieſe Ge⸗ ſellſchaft hier bedarf Deiner nicht länger. Seht Ihr, mein geehrter Mitbürger,“ wandte er ſich dann an Byrnewood; „Euer ergebener Diener glaubte, daß Ihr hungrig ſein könntet, und er hat Euch zu eſſen geſchickt— er glaubte, daß Ihr frieren. würdet, und er hat Euch Kohlen gebracht, die Euch wärmen ſollen— Du darfſt Dich wirklich zurück⸗ ziehen, Beſſie, mein Kindchen.“ Er nahm ſie an der Hand, und führte ſie höchſt artig zu der Thür, dort aber heftete er ſeinen Blick mit einer ſolch' tückiſchen Wildheit auf ſie, daß ſelbſt das kühne Mädchen davor zurückbebte. „Du hätteſt die ganze Brühe ausgeſchüttet— eh!“ ziſchte er ihr dann ins Ohr, während er ſie aus dem Zimmer 230 ſchob, und fuhr dann laut fort:„Geh lieber zu Hauſe, meine Tochter; Deine Mutter wartet mit dem Thee auf Dich— So nun Miſter will ich Ihnen ein Bischen Feuer machen.“ „Feuer!“ echote Byrnewood, ich ſehe kein Kamin.“ „Hihihi, das iſt Alles, was ſie davon wiſſen,“ ant⸗ wortete Teufelskäfer, das Becken von Seite zu Seite ſchwin⸗ gend—„Sie halten auch wahrſcheinlich die Dinger da für Bücher— gucken ſie einmal näher hin; die Wände ſind nur wie Bücher gemalt, hihihi— das haben die alten, wunder⸗ lichen Burſchen gethan, die früher hier gehauſt; kein Ka⸗ min, eh! was iſt denn das hier?“ 3 Er öffnete zwei Klappen eines falſchen Bücherſchrankes, etwa in der Mitte der gegenüberliegenden Wand, und ein kleiner, freundlicher Kamin, weiß übertüncht, und frei von Aſche, wie überhaupt von Spuren, daß er jemals benutzt geweſen ſei, kam zum Vorſchein. Niederknieend beſchäftigte ſich Teufelskäfer damit, das Becken in den Kamin zu pla⸗ ciren, während die halb geſchloſſenen Klappen ihn faſt ganz dem Auge Byrnewoods entzogen. „Falſche Buchreale an beiden Seiten?“ murmelte dieſer vor ſich hin—„was ſoll das bedeuten? ihr Anblick in der ungewiſſen Beleuchtung betrog mich— ſollten ſie geheime Ausgänge verbergen?“ „Flackert ganz behaglich,“ kicherte Teufelskäfer jetzt vor ſich hin, während er ſeine Hände über der Gluth wärmte, 231 „ganz ausnehmend behaglich. Ein allerliebſtes Feuer das — und welch' ein netter Herd— ich werde meinen Mauer⸗ meiſter aber abſchaffen müſſen— ließ ihn kommen, s'iſt noch gar nicht ſo lange her— ſollte mir den Herd zurecht machen, mauert mir der Schuft den Schornſtein zu. Hat nun je ein Menſch ſo etwas gehört— mauert den Schornſtein feſte zu — wie ſoll's nun ziehen!— Hieraus folgt— der junge Gentlemen wird ſich nicht ſo ganz unvernünftig wohl fühlen im Zimmer— Kohlendampf— beſonders Holzkohlendampf — wirkt manchmal ſtörend auf junger Leute Nervenſyſtem, wie unſer Doktor ſagte— hihihi— er könnte ja doch ſter⸗ ben— wunderbarere Dinge ſind ſchon vorgefallen— es wäre doch möglich— Bin neugierig, wie das thut.“— Er näherte ſich nun Byrnewood mit demſelben teufli⸗ ſchen Grinſen in den Zügen, hatte aber kaum den Platz, wo jener noch immer bewußtlos ſtand, erreicht, als er mit dem Ausdruck unverkennbaren Schrecks und Entſetzens wieder zurückfuhr. „Sehen Sie dort,“ flüſterte er dann ſchnell und heiſer, Byrnewoods Arm ergreifend—„ſehen Sie nur einmal eine Minute dort hin— nein dort— da— ja— das iſt recht, da— da an meiner linken Seite. Nun ſagen Sie mir ein⸗ mal ganz aufrichtig— liegt dort nicht ein todter Mann, mit der Kinnlade gebrochen und der Zunge heraus! Nicht etwa daß ich mich fürchtete, aber ich möchte nur wiſſen, 232 woran ich wäre. Sehn Sie ſich den Fleck einmal genau an, ich will ganz ruhig ſtehen bleiben.“ „ Sch ſehe Nichts als den Teppich,“ erwiederte Byrnewood, dabei mit einem eigenen gemiſchten Gefühl von Abſcheu und Widerwillen, das wunderlich geſtaltete Weſen neben ſich be⸗ trachtend, das wild und eifrig auf die von ihm bezeichnete Stelle hinſtierte—„ich ſehe Nichts als den Teppich.“ „Sie ſehen alſo keinen todten Mann, mit den Knieen bis an die Bruſt heraufgezogen, und mit heraushängender Zunge!— hm— das iſt wunderbar— ich hätte darauf ſchwören wollen, er läge da— ſo häßlich und ekelhaft als je— Nun auch gut— alſo junger Mann, da ſind Lebens⸗ mittel;— erfriſcht Euch ein wenig.— Genug da, zu eſſen und zu trinken, und— er deutete auf den Herd— dort iſt auch ein behaglich warmes Feuerchen. Gute Holzkohlen— hm— bin neugierig, wie das thut,“ murmelte er dann vor ſich hin, ſchloß die Thüre hinter ſich, und ſtand gleich darauf in dem ſchmalen Gang, an der niederen Treppe, die zu dem Thurmzimmer führte. Die kräftigen Geſtalten der Neger, Musquitos und Glühwurms, lagen hier ausgeſtreckt, und ihr ſchweres Ath⸗ men verrieth, daß ſie auf ihrer Wache ſchliefen; einen Au⸗ genblick noch an der Thür des Thurmzimmers lau⸗ ſchend, drehte er langſam den Schlüſſel im Schloß herum, und ſchob ihn dann in ſeine geräumige Taſche. Sorgſam ſchritt er jetzt über die ausgeſtreckten Geſtalten der Wächter 233 hin, und fuhr mit der Hand leiſe über das Getäfel, in ge⸗ rader Richtung mit dem Eingang. „Die Feder— hahaha,“ kicherte er dann vor ſich hin, „ich habe ſie gefunden— Die Buchſchelfe verbergen keinen Gang zwiſchen der Wand hin, o nein, Gott bewahre— keine kleinen, niedlichen Plätzchen, wo ein junger Menſch ſeine Gebete ſagen und Nüſſe eſſen kann— o nein, Gott bewahre— hahaha— jetzt bin ich nur neugierig, wie das thut.“ Ein großes Gefach glitt, als er die Feder berührte, zu⸗ rück, und Teufelskäfer verſchwand in dem geheimen Gang, der zwiſchen den gemalten Buchrealen und der maſſiven Wand des Thurmes, wie jenes einſame Zimmer im weſtlichen Flügel des Kloſters gewöhnlich genannt wurde, hinführte. Unterdeſſen ſchritt Byrnewood Arlington in ſeinem einſamen Gefängniß, mit verſchlungenen Armen und auf den Boden gehefteten Augen, unruhig auf und ab; das krampfhafte Arbeiten ſeiner bleichen Züge verrieth aber hin⸗ länglich, was in der gemarterten Bruſt des armen jungen Mannes vorging. 1 „Meine Schweſter in ſeiner Gewalt!“ knirrſchte er leiſe zwiſchen den feſt zuſammengebiſſenen Zähnen hin⸗ durch—„noch geſtern war ſie rein und ſchuldlos wie ein Engel im Himmel, und heute— heute— großer Gott, ich fühle, wie meine Sinne ſich verwirren, wie mein Verſtand dem Schrecklichen erliegt. Ich hier Gefangener und ſie— 234 ſie in der Gewalt jenes Buben— während ſie ihre Arme vielleicht Hülfe ſuchend nach mir ausſtreckt.“ Aus dem glühenden Kohlenbecken verbreitete ſich indeſſen eine angenehme, wohlthuende Wärme über das Gemach, und zerſtörte den kalten, feuchten Duft, der ihm bis jetzt etwas ſo Schauerliches, Kellerartiges gegeben hatte. „Und wir ſind Kinder zuſammen geweſen,“ fuhr Byr⸗ newood fort, und ſtützte ſich ſinnend mit ſeinem rechten Arm auf den Tiſch, der die Erfriſchungen trug—„auf dieſen Armen habe ich ſie getragen, wie ſie noch ein Säugling war — ein liebes— liebes goldlockiges Engelsköpfchen, das mir lachend und ſtrampelnd die kleinen Händchen entgegenſtreckte. Und dann, wie ſie das elterliche Haus verließ und in die Penſion ging— wie weh that es damals meinem Herzen, mich von ihr zu trennen— ſo fröhlich, ſo unſchuldig, ſo leichten Herzens flog ſie damals in's Leben. Drei Jahre ſchwanden— ſie kehrte in das Vaterhaus zurück; ihre Seele rein und klar wie das Auge, in dem ſich ein Himmel ſpie⸗ gelte— ſie kehrte zurück, ihre Eltern,— ihren alten Vater, ihre Mutter mit ihrem Anblick zu beglücken, und— Gott der Gnade— iſt entehrt— entehrt durch einen Buben, wie ihn die Erde noch nicht trug. O ich kannte die Bedeutung des entſetzlichen Wortes nicht, bis zu dieſem Augenblick— entehrt.“ Er warf ſich auf das Sopha, und bedeckte ſein Antlitz mit den Händen— 4 „Und ich— ich— Elender, der ich war, verrieth und hinterging ebenfalls ein armes Mädchen, weil ſie arm— weil ſie abhängig war. Allmächtiger, hat auch ſie einen Bruder, der ſolchen Jammer für ſie duldet! Meine Strafe iſt gerecht, aber was hat Marie gethan— oh wen hätte ſie je, wen könnte ſie je gekränkt haben?“ Er ſchwieg wiederum, und während ſein Gedächtniß mit peinlicher Trauer das Bild der holden Schweſter in lieblicher, wonniger Unſchuld und Herzensreinheit herauf beſchwor, und jeder Gedanke, jeder Pulsſchlag ihn zurückführte in die glückliche, ſeelige Jugendzeit, fühlte er, wie mehr und mehr eine wohlthuende Wärme das Gemach durchſtrömte; und ſein Blut leichter und freier durch die Adern rollte. So lag er viele— viele Minuten lang, ganz verſunken in einem wirren Gewühl von Gedanken und Empfindungen; plötzlich aber ward er aus ſeinen finſteren Träumen durch ein ſchmerzhaftes Gefühl, das ſeine Schläfe durchzuckte, und plötzlich und unerwartet ihn faſt ſeiner Sinnen zu berauben drohte, aufgeſtört. Faſt eben ſo ſchnell wechſelte dieſer Ein⸗ druck aber auch, und wie mit einem neuen, wilden Feuer fühlte er ſeine friſch belebten Adern durchgoſſen. Ihm war es, als ob er fliegen könne, ſo leicht, ſo frei fühlte er ſich und tief aufathmete er, als ob er das fremdartige, ſeelige Gefühl in vollen Zügen eintrinken wollte. Doch nur einen Augenblick dauerte dieſer Zuſtand, in der nächſten Minute ſchon fühlte er das ſchmerzhafte Stechen in den Schläfen 236 ſtärker als zuvor— der Athem wurde ihm ſchwer— ein ſchwarzer Flor verdichtete ſich vor ſeinen Augen, und er fiel, in dem Verſuch aufzuſtehen, wieder zurück auf die Kiſſen. „Was iſt mir!“ rief er dabei mit halb erſtickter Stimme —„mir preßt eine Hand die Kehle— ich kann die eiſernen Finger in den Adern fühlen— mein Herz— wehe— es verwandelt ſich in Eis, und jetzt— jetzt brennt es wieder wie Feuer der Hölle— das Blut kocht mir in den Ge⸗ fäßen.“ Er ſprang mit krampfhafter Anſtrengung auf die Füße, und ſeine Hände hefteten ſich convulſiviſch um ſeinen Hals, als ob er ſich von dem Griffe des eingebildeten Weſens, das ihn gefaßt hielt, befreien wollte; aber ſeine Nerven hüllten ſich in Nacht, und wie ein Trunkener ſchwankte er über den Boden dem Tiſche zu. Sein Antlitz hatte dabei eine unna⸗ türliche Leichenfarbe angenommen, während wilde, zuckende Strahlen von Röthe es dabei, wie fernes Wetterleuchten am Nachthimmel, überflogen. Die großen ſchwarzen Augen drängten ſich faſt hervor aus ihren Höhlen, und ſeine halb geöffneten Lippen zeigten die feſt und krampfhaft aufeinan⸗ dergebiſſenen Zähne. Wie das hin⸗ und herwogende Fluthen der See aber, ſo war er ſich in dieſem Augenblicke ſeiner ganzen Umgebung, ſeines ganzen Zuſtandes klar bewußt, während im nächſten ſchon wieder Alles wild und toll mit einander verſchwamm. „Mein Gott, mein Gott!“ ſchrie er in einem dieſer 237 wechſelnden Licht⸗Momente,„ich ſterbe— ich ſterbe; mein Athem kommt ſchwer— meine Adern erſtarren— ha, ſie brennen— ſie brennen.“ Selbſt in dieſem fürchterlichen Zuſtande bemerkte er, als er die Augen zur Decke emporwarf, wie ein Theil deſſen, was er früher für Bücher gehalten, zurückglitt, und dort einen dunkelen, finſteren Raum hinter der Glasthüre ließ, als oeb ſich ein Fenſter in ein Gewölbe hinaus geöffnet hätte. Sich hiervon abwendend, wollte Byrnewood das Sopha wieder erreichen, da erfaßte ihn auf's Neue, jener nicht zu beſiegende Schwindel, und er taumelte gegen den, dem falſchen Heerde gegenüberſtehenden Bücherſchrank an. Ein neues Schreckniß begegnete hier ſeinem Blick. Ein entſetzliches Geſicht mit einem einzelnen, flammen⸗ den Auge, weitem, rachenartigem Mund, Eber⸗Zähnen und ſtruppigen, wild verworrenen Haaren erſchien oben, wie der Kopf des böſen Feindes, hinter dem Glas; und zwar ſo gänzlich allein und abgeſchieden wurde es in dem dahinter befindlichen leeren und dunkelen Raum ſichtbar, daß es aus⸗ ſah, wie ein ſcheußliches Bild in einen Ebenholz⸗Rahmen gefaßt; obgleich man die Muskeln der Teufelslarve konnte arbeiten ſehen, die bläulichen Lippen ſich zu einem höhni⸗ ſchen Grinſen verzogen, und die platte Naſe ſich feſt und blutigelartig gegen, die es von dem Zimmer trennende Glas⸗ tafel preßte. „Hohoho!“ ſchallte das Lachen, wie der Triumphruf des hölliſchen Feindes, hohl und dumpf dahinter hervor— hohoho— die Holzkohlen, die Holzkohlen— bin doch neu⸗ gierig, wie das thut— hohoho.“— Byrnewood ſtand hochaufgerichtet und ſchweigend, während das ſeine Nerven ertödtende Gefühl für kurze Zeit nachließ, und ſein Herz ruhiger ſchlug; das Fürchterliche ſeiner jetzigen Lage drang ſich ihm aber in dieſem Augenblick in ſeiner gräßlichſten Wahrheit und Wirklichkeit auf. Er mußte durch das, den Holzkohlen entſtrömende Gas ſterben — das Zimmer, zu dieſem Zweck feſt und luftdicht verwahrt, ließ ihm keine Ausſicht auf Rettung— er war verloren. „Ha!“ rief er da, von einem plötzlichen Gedanken ergriffen— ich kann die Gluth löſchen— ich kann die Koh⸗ len erſticken;“ er ſprang mit einem plötzlichen Satze dem Herde zu— aber im Sprunge ſelbſt, verließ ihn die kaum wieder gewonnene Kraft— er taumelte wie ein Trunkener umher, und ſtürzte dann ſchwerfällig zu Boden, dort mit ausgeſtreckten Händen den Teppich erfaſſend und ſich feſt hineinkrallend. „Es wirkt! es wirkt!“ jubelte Teufelskäfers Stimme, als ſich ſeine verzerrten Geſichtszüge zu einem grimmigen Lächeln zuſammenfurchten—„hahaha— er liegt— er kann nicht wieder auf— der Tod hat ihn beim Schopf.— Wie hübſch er ſtrampelt— huh, wie er austritt.“ 3 Ein wilder— gellender Schrei ſchallte in dieſem Au⸗ genblick, wie aus weiter Ferne, an Byrnewoods Ohr. Der 239 Ruf einer weiblichen Stimme, der flehende Jammerruf nach Hülfe, rief wie mit zauberhafter Berührung den Unglücklichen aus der halben Beſinnungsloſigkeit empor, die, hätte er ſich ihr noch wenige Minuten hingegeben, ſeinen Tod zur Folge gehabt haben mußte. „Das war meiner Schweſter Stimme!“ ſchrie er, em⸗ porſpringend, wie von neuen Kräften belebt—„ſie iſt in des Wüthrichs Klauen— ich will ſie retten— ich muß ſie retten.“ „Hihihi!“ lachte Teufelskäfer, daß ihm die Thränen in das eine, glotzende Auge traten—„die Schweſter dort und der Bruder hier— zu viel Spaß an einem Tag— bin neugierig, wie das thut.“ Byrnewood ſtürmte gegen die Thür— vergebens— ſie war feſt verſchloſſen und ſpottete ſeines Anlaufs— jede Hoffnung vernichtet; er mußte ſterben— ſterben, während ſeiner Schweſter Stimme Hülfe flehend in ſein Ohr drang, und ſein Mörder ſich jubelnd an den Qualen des Opfers weidete— ſterben, mit all ſeinen Racheſchwüren gegen das Haupt jenes Buben unerfüllt— ſterben durch keinen plötz⸗ lichen Schlag, durch keinen ihm ins Herz geſtoßenen Stahl — durch keine wohlthätige Kugel— nein, langſam— lang⸗ ſam erſticken— den Tod herbeiſchleichen ſehen, lauernd— langſam, aber ſicher— fürchterlich ſicher. Wieder überſchlich ihn jene fürchterliche Mattigkeit, jener qualvoll ſtechende Schmerz in Herz und Stirn; er ſank 240 in die Knie, ſtützte ſich einen Augenblick mit den Händen auf den Teppich, und fiel dann rückwärts matt und kraftlos nieder, während ſich ſeine ſtieren Augen glanzlos und gläſern auf die niedere Decke hefteten, und ſeine Arme ſchlaff aus⸗ geſtreckt neben ihm ruhten. „Hülfe— Hülfe!“ murmelte er leiſe, während ein ſchwaches Gurgeln in der Kehle verrieth, wie nahe er ſeiner Auflöſung ſei.„Hülfe— Hülfe!“ „Schlaf Kindchen, ſchlaf! braves Söhnchen das,“ jauchzte Teufelskäfer und ſchlug vor Freuden ſeine breiten, ſchwartigen Hände zuſammen.„Ein Tröpfchen aus der Flaſche noch— das würde gut thun— o der vortreffliche Wein, „und dann— greift nur ein klein Bischen weiter mit der rechten Hand— nur ein kleines Eckchen; dort iſt auch keine Feder, nicht wahr? o Gott bewahre— nicht die Spur von einer Feder— hahaha.“ Und Byrnewood konnte fühlen, wie ein eigenes mattes, aber wohlthuendes, ſchmerzſtillendes Gefühl ſich über ſeinen Körper leiſe ſtahl.— Das Klopfen ſeiner Schläfe hörte auf, — ſein Athem wurde leichter— ſein Herz wechſelte nicht mehr in ſo fürchterlich ſchnellem Uebergang von eiſiger Kälte zu Fieberhitze, ſein Blut drängte ſich nicht mehr wie ge⸗ ſchmolzenes Blei durch ſeine Adern, aber die glaſige Haut vor ſeinen Augen ſchien ſich zu verdichten, und er konnte fühlen, wie einzelne Sehnen in ſeinem Körper erſchlafften und andere wieder ſich mit einer eigenen, ſonderbaren, aber 241 keineswegs ſchmerzhaften Empfindung feſter anſpannten. Er war im Begriff, ſanft und leicht in einen tiefen— in ſeinen letzten Schlaf zu ſinken. Das matte, auf dem Tiſch nur noch düſter flackernde Licht, warf ſeinen ungewiſſen Schein auf die Schreckensſcene. Dort ſtand noch das Huhn und der Wein unberührt, und dieß, wie die falſchen Buchreale,— der ſauber gemalte Ka⸗ min, das Alles gab dem Zimmer einen Anſchein von fried⸗ licher Ruhe und Behaglichkeit. Aber auf dem Teppich zitterte in ſeinem letzten Kampf der Körper des unglücklichen jungen Mannes, und gegen das kleine Fenſter preßte ſich die ſcheuß⸗ liche Fratze ſeines Mörders, und das einzelne glühende Auge trank in unſäglicher Wolluſt die Todes⸗Qualen des Ster⸗ benden. „Nur ein klein Bischen weiter mit der Hand— noch ein Bischen— o nur ein kleines Eckchen noch— bitte bitte fällt nachher keine drei Stockwerk hinunter— o Gott bewahre— ſobald er einmal an die Feder kommt. Hahaha, er liegt aber ruhig— wird wohl vorbei ſein; hat mir den beſten Spaß verdorben— er tritt auch gar nicht mehr— aber hallo— Donnerwetter, er iſt wieder auf den Füßen.“ Mit dem letzten Kampf, den die ſtarke Natur des jun⸗ gen Mannes gegen Tod und Wahnſinn kämpfte, ſprang er noch einmal wild und convulſiviſch empor; brennender Durſt derrer ſeine Zunge und halb bewußtlos ergriff er die Flaſche, . 16 die er an die Lippen hob, und den Wein in ſchnellen Zügen hinabtrank. „Hat gar kein Opium d'rinn und anderes Zeug, hihihi — o Gott bewahre— nicht die Probe— wie er nur tau⸗ melt— ſchade d'rum, er verſchüttet das Meiſte. Verdammt will ich ſein, wenn ich nicht glaube daß er wieder lebendig wird.“ Byrnewood blickte mit momentan zurückkehrender Be⸗ ſinnung im Zimmer umher; der vergiftete Wein ſchien ſein Syſtem gewaltſam aufzurütteln, und er fühlte, daß er nur noch wenige lichte Secunden ſein eigen zu nennen habe— die vorüber, und er konnte nicht länger den erſtickenden Dämpfen widerſtehen. Da fiel ihm noch ein Mal das ver⸗ zerrte Angeſicht des Pförtners ins Auge, der mit wechſeln⸗ dem Intereſſe jede ſeiner Bewegungen beobachtete. Der Ge⸗ danke fuhr ihm durchs Hirn, gegen jenes Fenſter zu ſprin⸗ gen und mit der, dann von dort einſtrömenden friſchen Luft, einem qualvollen Zuſtand ein Ende zu machen. „Allmächtiger ſchütze mich— daß ich meine Schweſter rette,“ ſchrie er und wandte ſich gegen das Fenſter; wie er ſich aber zum verzweifelten Sprunge zurückbog, berührte ſein Fuß einen, vom Boden etwas vorſtehenden Gegenſtand. Einem Nagel glich er, der nicht vollkommen eingetrieben wor⸗ den, und in derſelben Secunde wich auch der Boden unter ſeinen Füßen, und während er entſetzt einen Schritt zurückthat, ver⸗ wandelte ſich das halbe Zimmer in einen gähnenden Abgrund, 243 und die Lampe ſtürzte im langen, langen Fall, hinab in die dunkele Tiefe, während ſich dichte Finſterniß über dem Schreckensort lagerte. Zu gleicher Zeit aber ſtrömte aus die⸗ ſem Schlund ein kalter erquickender Luftſtrom empor und vernichtete im Augenblick die Wirkung des ſchädlichen Gaſes; Byrnewood fühlte, wie der Tod ſeine Hand von ihm abzog. Doch eine andere— fürchterlichere Gefahr drohte ihm.— Er ſtand am Rande des Abgrunds— noch betäubt von den giftigen Dämpfen, noch taumelnd von den Schwaden, die ihn vor wenigen Secunden dem Erſticken nahe brachten, und ſie zu vermeiden, wurde gerade ſein Verderben. Er wollte von der gähnenden Kluft zurückſpringen— ſchwankte— taumelte— trat fehl und— ſtürzte— mit einem ſchreck⸗ lichen Mark durchſchneidenden Schrei in die dunkele Tiefe hinab. Gott ſchütze die arme Marie. Wie der Schrei des Unglücklichen ſo hohl, ſo ſchauerlich von den getäfelten Wänden des Thurmzimmers wieder⸗ hallte.— „Bin neugierig, wie das thut,“ jauchzte Teufelkäfers Stimme durch die Dunkelheit—„hinunter— hinunter— hinunter— hahaha, blos drei Stockwerk hoch, und eine Treppe— hinunter— hinunter— hinunter— wie das nur thut! hahahaha!“— Von dem Zimmer noch durch das Fenſter getrennt, preßte Teufelskäfer ſein Ohr gegen die Scheibe und lauſchte, 244 ob er das Todesſtöhnen des Verſcheidenden nicht etwa hören könne. Ein leiſes Winſeln tönte von dort herauf, und für einen Augenblick war es ihm auch, als hörte er eine Thür ſchnell auf und zu machen; dann wieder klang es wie das dumpfe und unterdrückte Murmeln verſchiedener Stimmen, und nun war Alles ſtill. Leiſe jetzt hinter dem Getäfel des Thurmzimmers vorgleitend, ſtieg er noch einmal über die ruhig ſchlafenden Neger hin, und ſchlich die Treppe hinunter, in das„Wall⸗ nußzimmer.“ Das ruhte aber in tiefer Dunkelheit, und ge⸗ räuſchlos über den glatten Boden eilend, erreichte er den Vorhang, der dieſes Gemach von dem Roſenzimmer trennte, und ſchob denſelben mit einer vorſichtigen Bewegung ſeiner krallenartigen Finger zurück. „Ich wollte blos ein Licht,“ kicherte er hier, als er mit einem Blick das Innere des kleinen, prächtigen Ge⸗ maches überflog, und ſeine ganze Geſtalt ſich vor innerlichem, unterdrücktem Lachen ſchüttelte,„aber hier iſt ein Licht, und ein allerliebſter Anblick noch dazu in den Kauf.“ Er verſchwand im Inneren des Gemaches, und kehrte nach wenigen Secunden mit einem brennenden Licht, in das Wallnußzimmer zurück. „Erſtaunlich wunderbarer Umſtand das,“ lachte er dabei ſtill vor ſich hin, während er über die den Schein wiederſtrah⸗ lenden Mahagoni⸗Bohlen dahinſchritt—„erſtaunlich wun⸗ derbar— der Bruder fiel in dem Zimmer, und die Schwe⸗ ſter in dem, und ungefähr zu gleicher Zeit— ſehr wunderbar das— ſonderbare Welt dieß. Müſſen aber doch einmal ſehen, was aus dem Bruder geworden, die Schweſter iſt gut auf⸗ gehoben— Holzkohle und Opium— hahahaha—“ Im nächſten Augenblick ſtand er wieder vor dem Thurm⸗ zimmer, wo die Neger noch immer ruhig und ungeſtörtſchliefen, und ihre wild verzerrten Züge bei dem flackernden Licht, das der Pfoͤrtner in der Hand trug, einen noch viel widerlicheren, graſſeren Ausdruck annahmen. Teufelskafer lauſchte vorher aufmerkſam mehre Secun⸗ den lang, aber kein Laut unterbrach die grabesähnliche Ruhe des Thurmzimmers. Er öffnete die Thür— ſchritt über den Teppich hin und ſtand am Rand des Abgrunds, der ſich durch die fallende Klappe gebildet hatte. „Hinunter! hinunter!“ lächelte er ſehr ſelbſtzufrieden —„drei Stockwerk und unten der Abgrund—“ er bog ſich weiter mit dem Lichte vor—„jede Klappe iſt offen— eins — zwei— drei— das iſt ſicher genug— aber da unten— da ſchimmert ja wohl etwas Weißes— ſchrie nicht übel— recht hübſche Stimme, hihihi; aber verdammt böſer Fall das, Lorrimer wird lachen— wird ihm gerade recht ſein.“ Niederknieend ſtreckte er den rechten Arm mit dem Licht ſo weit als möglich von ſich, und ſchaute dabei mit der größ⸗ ten Aufmerkſamkeit hinunter, während ſein Auge in wilder, ſataniſcher Freude glänzte. „Nichtig abgefahren, ſeine Freunde zu beſuchen— das iſt ſicher— kein Stöhnen— kein Aechzen mehr— der Spaß iſt vorüber.“ Sich aus ſeiner knieenden Stellung wieder aufrichtend, trat er zu dem falſchen Kamin hin, und fühlte dort vor⸗ ſichtig mit den Händen an den gefalzten Seiten deſſelben hinunter, wo ebenfalls ein verſteckter Ausgang ſich öffnete. Mit beſonderer Genauigkeit beleuchtete Teufelskäfer die verſchiedenen zuſammengepaßten Eichenplatten, und ſagte dann leiſe murmelnd: „Iſt heute noch nicht offen geweſen; führt auch mit einem ganz bequemen kleinen uUmweg in das Wallnußzimmer hinunter— ſehr bequem das, hätte der Narr es nur ge⸗ wußt.“ Gleich darauf trat er wieder vor die Thür des Zimmers, zu den beiden Negern, die er jetzt, das Licht in der einen, den Schlüſſel in der anderen Hand, mit einigen kräftigen Fußtritten begrüßte. „Steht auf, Ihr faulen Hallunken,“ ſchrie er,„auf mit Euch und wahrt Euere Augen, oder ich pflücke ſie Euch aus den holzköpfigen Schädeln und füttere die Hühner da⸗ mit.“ Glühwurm ſtand langſam auf, und Musquito öffnete die Augen und ſtarrte den Pförtner gähnend an. 247 „Hört Ihr mich— Ihr Höllenſöhne! habt auf Eueren Gefangenen acht, und ſeht, daß er nicht entwiſcht; er ſchläft zwar jetzt, aber der Teufel traue— paßt auf! ſag' ich, paßt auf!“ In der nächſten Minute ſtand er wieder vor dem Vor⸗ hang des Roſenzimmers, und ſchob dieſen zurück, während ſein eines Auge in boshafter, teufliſcher Freude erglühte. Er hob das Licht hoch in der Hand und ſtarrte ſchweigend durch den halb geöffneten Eingang, als ob ſich dort das herrlichſte, köſtlichſte Schauſpiel ſeinen Blicken geboten. Und während er noch ſo ſtand, und das volle Licht der Kerze über ſein entſetzliches Antlitz fiel, kauerten in der Dunkelheit, am entgegengeſetzten Ende des Zimmers, zwei Figuren, und die öſtliche Thür des Gemaches war nur an⸗ gelehnt, als ob eben erſt Jemand dadurch eingetreten wäre. Zweimal wandte ſich Teufelskäfer— es war ihm, als ob der Klang halbunterdrückten Athmens, ſein Ohr getrof⸗ fen hätte, jedes Mal aber verbarg ſein eigener Schatten die beiden Geſtalten. „Ein ordentliches Bild das,“ kicherte er nun, wie er wieder durch den Vorhang des Roſenzimmers ſchaute— „ein kleines, hübſches Mädchen und ein prächtiger Junge— hahaha!“ Er verſchwand hinter den Gardinen, ſein halb unter⸗ drücktes Lachen wurde aber immer noch gehört; ſchien er 4 ſich über das Geſehene gar nicht wieder zufrieden geben zu können. Die Stille des Roſenzimmers unterbrach jetzt der Schritt eines Mannes, der leiſe und vorſichtig, an der Seite eines ſchlanken Mädchens, durch den dunkelen Raum ge⸗ ſchlichen kam. 4 „Eile! und rette Deiner Schweſter Ehre,“ flüſterte eine ſanfte— klangvolle Stimme. Der Mann trat ſchnell vor— warf den Vorhang zuruͤck und ſtarrte in den inneren Raum. Das Entſetzen jenes einen— ſchweigenden Blickes hätte durch eine Ewigkeit von Freuden nicht verwiſcht werden können. Dreizehntes Capitel. Die Tod⸗Suünde. „Mein Bruder willigt ein, Lorraine! o Dank— Dank.“. „DOein Bruder billigt unſere Verbindung, Geliebte.“ „Wie entdeckte er nur, daß unſere Vermählung heute Abend vollzogen werden ſollte!“ „Wie es ſcheint, hatte er unſere Spaziergänge mit Betty bemerkt. Das erweckte zuerſt ſeinen Verdacht. Er be⸗ wachte Dich mit all der Liebe eines Bruders, und folgte heute Abend Deinen und Bettys Spuren in dieſes Gebäude. Dennoch war es nicht ganz gewiß, daß Du es auch wirklich geweſen, die meines Onkels Haus betreten. „Und die ganze Nacht wachte er draußen im Freien? o Lorraine iſt er nicht ein treuer Bruder!“ „Endlich, als er ſeinen Verdacht nicht länger unter⸗ drücken konnte, klingelte er, weckte die Bedienten, ſtürmte, d als die Thüre geöffnet wurde, wild die Treppe hinauf, und erreichte ſo das Zimmer, wo wir uns befanden. Nachdem 250 * ich ihm Alles erklärt hatte, verſtand er ſich dazu, unſere Heirath bis Weihnachten geheim zu halten, hat übrigens jetzt das Haus verlaſſen, da er Dich ſicher in den Händen derer weiß, die Dich lieben. Morgen, meine Marie, wenn Du Dich von den Folgen des plötzlichen Schrecks erholt ha⸗ ben wirſt— morgen ſoll uns dann des Prieſters Hand auf ewig verbinden. Und am heiligen Abend knieen wir Hand in Hand vor unſerem Vater, und flehen um ſeinen Segen. Einen Kuß, mein holdes Lieb, und ich laſſe Dich für heute allein— gute Nacht, meine Marie—“ und er bog ſich leiſe über das ſchöne Mädchen, das auf dem Sopha, in ihr leichtes Nachtkleid eingehüllt, lehnte, hinüber. Sanft legte er ſeinen rechten Arm um ihren Nacken, bog zu gleicher Zeit ihr Köpfchen zurück, daß ihre reichen, üppigen Locken über ſeinen Arm fielen, und blickte nieder in ihr ſchönes, hold erröthendes Antlitz, in ihre liebend zu ihm aufgeſchla⸗ genen Augen, auf ihre halbgeöffneten, purpurſüßen Lippen. Ein Kuß— lang und heiß, und die Lippen der beiden Liebenden ſchienen in dem Gluthkuß aneinander geſchmolzen zu ſein. Die auf dem Tiſch flammende Wachskerze warf ihr mil⸗ des Licht durch das, wie mit Roſenhauch übergoſſene Ge⸗ mach, und beleuchtete dieß lebendige Bild von Jugend und Leidenſchaft. Lorrimers ſchlanke Geſtalt, in dem einfach ſchwarzen 251 Anzug, ſtach auffallend gegen des holden Mädchens weißes, fließendes Gewand ab, und während ſie von ſeinem Arm umſchlungen, halb an ſeinem Herzen ruhte, ihr Antlitz von den dunkelen Locken des Geliebten halb verſteckt lag, und ihre Hände leicht auf ſeinen Schultern ruhten, begegneten ſich ihre Blicke und verſchwammen in dem einen, ſüßen, ſüßen Gefühle glücklicher— unnennbarer Seligkeit. Es war für die Jungfrau ein Augenblick der höchſten, reinſten Liebe, und der Wüſtling ſelbſt vergaß, von der Nähe des engelgleichen Mädchens gerührt, in jenem heiligen Kuß auf Secunden ſeinen teufliſchen Plan. „Marie,“ ſagte Lorrimer jetzt, während ſein ſchönes, männliches Geſicht freudige Gluth überzog, und er wieder leiſe an ihre Seite niederglitt—„ach wärſt Du mein— wir flöhen zuſammen aus dieſer herzloſen Welt, in ein freundlich ſtilles Thal, und vergäßen Alles— Alles— nur nicht uns und unſere Liebe.“ „Wir würden eine Heimath ſo ſtill und friedlich ſuchen, wie ſie dieß Buch beſchreibt,“ flüſterte Marie, während ſie ihre Hand auf Bulwers Claude Melnotte legte—„ich fand den Band auf dem Tiſch und las darin, als Du eintratſt— ach es iſt ſo ſchön, ſo gefühlvoll geſchrieben— nicht wahr, Du haſt es geleſen?“ „Wieder und wieder geleſen, mein Lieb— und habe es aufführen ſehen, unzählige Male.„In die Heimath, in der die Liebe ihre Gebete flüſtern könnte, ſollte dieſe Hand Dich führen,“ murmelte er, die erſten Strophen jener be⸗ rühmten Beſchreibung des Como⸗Sees wiederholend. Und dennoch Marie, iſt das ja nur Roman, geſchöpft aus dem Hirn des Dichters— ein Bild, ſo ſchön wie ein Lichtſtrahl und— eben ſo ſchnell verſchwunden. Aber ich könnte Dir von einem wirklichen See, von einem wirklichen, dem ähn⸗ lichen Thal erzählen, was ich im letzten Sommer ſah, und wo Liebe in ewiger Jugend und Friſche wohnen würde.“ „O erzähle— erzähle,“ bat Marie und hing mit freu⸗ diger Spannung an den Blicken des Geliebten. „Hinter jenem ſchönen Thal von Wyoming, das ſo hoch geprieſen, ſo oft beſungen iſt, liegt eine hohe, weit hinaus⸗ zweigende Gebirgskette mit dichten, düſteren Waldungen bedeckt. Eines Tages im letzten September, da der Sommer noch in aller Pracht und Herrlichkeit auf Wald und Fluren thronte, fand ich mich, als ſich die Sonne ſchon ihrem Un⸗ tergange neigte, auf einem der höchſten Gipfel jener Ge⸗ birge, im wilden, buſchigen Holz. Ich hatte den ganzen Tag gejagt, meine Gefährten ſchon früh am Morgen ver⸗ laſſen und nun, da die Nacht heranrückte, verfolgte ich den ſchmalen Pfad, der auf der Bergeskuppe hin führte.“ Lorrimer ſchwieg einen Augenblick, und blickte ſtill und liebend in das Antlitz des holden Mädchens, deſſen Züge von dem höchſten Intereſſe belebt, von leichter Röthe übergoſſen, ihm zugewandt waren. Jetzt aber ſtieg auch wieder mit alter, finſterer Gewalt ſeine hölliſche Abſicht in ihm auf, ſeiner 253 Leidenſchaft zu fröhnen, und die holde Blume an ſeiner Seite zu zertreten. In dem ſtillen Blick, als er die Schönheit des holden Weſens in gierigen Zügen eintrank, ordnete er ſeinen Plan. Während er die Einbildungskraft des unſchuldigen Kindes mit ſeiner Erzählung beſchäftigte und erregte, wollte er in ſteigender Gluth die ſinnliche Natur des Weibes er⸗ wecken, und waͤhrend ihr Blut ſchneller und heißer die Adern durchflog, wenn ihr Herz höher und heftiger klopfte, in noch ungekannten, und deßhalb ungefürchteten Gefühlen, wenn ihre Augen in wachſender Leidenſchaft erglänzten, dann ſollte ſie hülflos in ſeine Arme ſinken, und wie der bezauberte Vo⸗ gel der lauernden Schlange zur Beute fallen. „Gewalt! ha— das ſind Werkzeuge wild aufgewach⸗ ſener Kinder, die des Weibes Herz nicht kennen,“ ſo waren ſeine Gedanken, während er mit einem milden Lächeln an dem aufmerkſamen Antlitz des holden Mädchens hing,„ich weiß ſtärkere, gefährlichere Waffen— nicht Gewalt— nicht Drohungen, nicht Hinterliſt ſoll mir mein Ziel mehr errei⸗ chen helfen; mein Opfer ſei das Werkzeug ſeines eigenen Verderbens; freiwillig muß es mir in die Arme ſinken.“ Er nahm die Hand der Jungfrau, und mit glühend und immer glühender werdendem, auf ſie geheftetem Blick, fuhr er in ſeiner Erzählung— in ſeinem Plane fort. „Die Sonne ſank, und dunkler und dunkler wurde es im Walde. Um mich her ſtanden gewaltige Bäume, mit rie⸗ ſigen Zweigen und verkrüppelten Stämmen, die Kunde 254 gaben von den Stürmen eines Jahrhunderts. Mein Pfad führte mich über mooſige Steine, und unter dem dichten Laubdach der Eichen hin, dann und wann aber ſchoſſen noch aus dem fernen Weſten rothe Strahlen, wie goldene Pfeile nach den Wipfeln der Stämme herüber; zuletzt hörten auch dieſe auf, das Firmament nahm bleichere, düſtere Farben an— einzelne Sterne begannen zu blinken, und es war Nacht.“ „Da verlor ich meinen Pfad, wußte nicht, wohin ich mich wenden ſollte und gerieth in das wildeſte Dickicht der Berge, verwickelte mich in verworrene Weinreben und Schlingpflanzen, ſtürzte über niedergebrochene Aeſte und Stämme, trat in Fels⸗ und Erdſpalten, und glaubte ſchon in dem wüſteſten Gewirr der Einöde übernachten zu müſſen, als ich eine etwas ſteile Erhöhung des Gebirgsrückens empor⸗ kletterte, und mich nun plötzlich auf einer ungeheueren Fels⸗ platte fand. Dieſe ſchien die unten lagernde Tiefe zu über⸗ ſchauen, während ſie auf drei Seiten von rauſchendem, wehendem Wald der ſie wie eine Feen⸗Laube umgab, um⸗ ſchattet war. Im Oſten ſtieg aber der Mond empor und erleuchtete mit ſeinen ſilbernen Strahlen den ungeheueren Horizont. Weit über Wald und Berg, weit über Schlucht und Fels, gewährte dieſer Ort eine volle, ungeſchmälerte Ausſicht, auf das wundervolle Wyoming⸗Thal.“ „Der Mond glühte am Himmel, Maria, das Firma⸗ ment ſpannte ſich wie eine weite blaue, gold⸗ und ſtern⸗ durchwirkte Oecke, von keiner einzigen Wolke getrübt, darüber aus, und unter ſeinen Strahlen lag ein Meer von Blättern; tief hinten in weiter Ferne ſtiegen die Dächer und Thürme eines kleinen friedlichen Städtchens empor, und wie ein Sil⸗ berbanner über ein dunkeles Tuch gebreitet, wand ſich ein glaͤnzender, heller Strom mit ſeinen ſchimmernden Fluthen durch die herrliche Landſchaft.“ „Wie reizend.“ Und als die Worte den Lippen des ſchönen Mädchens entflohen, drückte Lorrimers Hand glühender die ihre und ſein linker Arm ſtahl ſich leiſe um ihre Taille. „Ich ſtand von dem Anblick wie bezaubert, und vergaß faſt, daß ich ohne Schutz und Obdach inmitten einer Wild⸗ niß auf ödem Felſen ſtand. Unbekannt mit den Bergpfaden gab ich aber dennoch die Hoffnung nicht auf, irgendwo das Feuer eines auslagernden Jägers zu erblicken, und ich wandte mich ab von dieſem herrlichen Panorama, um viel⸗ leicht nach Weſten zu, ein fernes Licht zu erſpähen. „Nie werde ich den Anblick vergeſſen, der ſich hier meinen Blicken bot, als ich das Laub und die Zweige zurückbog und von dem weſtlichen Rande der Platte hinüberſchaute.“ „Dort— unter mir, tief hineingeſchmiegt, ſelbſt in die Gipfel der Gebirge, lag ein ſtiller See, deſſen Cryſtallen⸗ Waſſer, Wald und Sternenhimmel in reiner Pracht zurück⸗ funkelten. Er mochte kaum eine Meile lang und vielleicht 256 halb ſo breit ſein, aber an allen Seiten hob ſich ſteil und majeſtätiſch der finſtere Urwald empor, und wie Wein in einem Becher, lag jener ruhige See in der Umarmung des dunkelen Waldſaums; und als der Mond jetzt höher und höher ſtieg, ſah ich wie ſich die Nachbarſtämme dicht und liebend hinüberbogen, und leiſe, leiſe mit ihren hinabhängen⸗ den Zweigen die ſilbernen Fluthen küßten— o Marie es war ein ſeeliger Anblick.“ 8 „Lorrimer,“ ſagte Marie und ihre ganze Seele lag in dem Blick, ſo rein, ſo unſchuldsfromm ſchaute ſie zu ihm empor, aber auch ſo ergriffen war ſie von dem Bilde das der Ge⸗ liebte vor ihr entfaltete, und Lorrimers linke Hand wand ſich inniger und feſter um die ſchlanke Geſtalt und ruhte auf ihrem Herzen, dicht— dicht unter dem klopfenden, wogen⸗ den Buſen. „Ich ſah nieder auf jene wunderliebliche Waſſerfläche, mir war es aber auch, als ob der ſtille Friede, die heilige Einſamkeit dieſes Platzes, in meine Bruſt zöge; ſie hob ſich höher und freier; das Rauſchen und Schwanken der Wipfel über mir tönte mir immer heiliger, immer geheimnißvoller in das Ohr— im blendenderen reineren Licht glühte der Mond, dunkler und klarer wurde der Himmel, goldener glänzten die Sterne, und von dem Geiſte der Natur beſeelt, die ſich hier in ihrer wonnigſten Herrlichkeit ausbreitete, rief ich entzückt und ſeelig:„Hier— hier iſt die Heimath 257 der Liebe! der reinen, der makelloſen Liebe— hierher muß ſie, aus dem Gewühl der Städte, aus dem wilden Gedränge der Menſchen fliehen, und hier, unter dem Schatten der Felſen und endloſen Wälder— unter dieſem Himmel, der hier nie menſchliches Elend beſchien, neben jenem See, der wie eine Perle in ſeiner grünen Blätterlage ruht— hier in dieſem, der Welt verborgenen, entrückten Thal, hier iſt das Aſyl, wo ſich zwei liebende Herzen leben, wo ſie einan⸗ der Alles— Alles ſein können.— Eine Heimath für die Liebe, wie ſie Engel für einander empfinden.“ Enger und inniger preßte Lorrimers Hand gegen den ängſtlicher und erregter ſchlagenden Buſen der Geliebten, den nur die dünnen Falten des Nachtkleides von ihr trennten. Hier neben dieſem See, wenn ich mir je die Liebe eines treuen Herzens erringen kann, hier fern von den Sorgen und der trockenen, nüchternen Wirklichkeit des Lebens, will ich wohnen; hier will ich mit den Mitteln, die das Glück in meinen Schoos warf, keinen Tempel, keinen Palaſt, nein eine Hütte, eine ſtille friedliche Heimath erbauen, deren Dach, wie die Hoffnung in der Wildniß, aus dem grünen wogenden Meer des ſie umſchattenden Waldes emporſteigen ſoll.“ „Und liebe ich Dich nicht, Lorraine, wie nur ein ſterb⸗ liches Herz lieben kann, und iſt nicht Deine Liebe rein und ſanft wie die Waſſer jenes friedlichen Bergſee's! Dort wollen wir wohnen Lorraine, dahin wollen wir ziehen, und 17 ſelbſt die ruhige Wirklichkeit des Lebens wird uns dann ein ſchöner, mährchenhafter Traum deuchen, deſſen ewiges Fort⸗ träumen aber, gerade unſer ſchönſtes, unſer herrlichſtes Glück iſt. Oh Maria— mein theures Lieb, da— als ich dort, auf jenem Felſen ſtand, als ich auf jenen ſtillverborgenen See niederſchaute, da wurde es mir klar vor meiner Seele.— Du, Deine liebe holde Geſtalt zog damals wie ein ſchöner, ahnungsvoller Traum vor meinem inneren Geiſte vorüber, und mit prophetiſchen Säuſeln flüſterten mir die rauſchen⸗ den Zweige zu, daß ich in der kalten gefühlloſen Welt, in jener unfruchtbaren Wildniß von Herzen, die ſich auf dem Markte dieſes Lebens fremd und gleichgültig begegnen und verlaſſen— ein— ein Herz finden würde, deſſen Gefühle fleckenlos— deſſen Treue unveränderlich, deſſen Liebe mein ſein würde. Ja Marie, in jenem Augenblicke ahnte ich, daß ich einſt durch Dich, durch Deine Liebe glücklich— ſeelig werden würde.“ „Und damals wußteſt Du doch noch Nichts von mir; ach ſage Lorraine, liegt nicht in eben dieſer Liebe ein wunder⸗ bares, wohl unergründliches Geheimniß, das das Herz drängt und treibt, und in ahnendem Flüſtern ihm die Liebe verkündet, die es einſt empfinden ſoll, wenn wir es, während dem Flüſtern auch noch nicht ſo recht verſtehen und begreifen können.“ 1 Höher färbte ſich das Roth ihrer Wangen und inniger 259 und feſter ſchlang ſich der Arm um die reizende kaum noch widerſtrebende Geſtalt. „Und dort Marie— in jenem ſtillen, friedlichen Thale, dort wollen wir ein Aſyl ſuchen, dorthin wollen wir fliehen, ſobald der Prieſter ſeinen Seegen über uns geſprochen, und wenn der Sommer mit ſeinen Knospen und Blüthen das ſaftgrüne Laub wieder aus den Zweigen treibt, und das Moos um See und Pfad mit friſcher, lebendiger Farbenpracht deckt— dann ſoll auch dort für uns eine Heimath er⸗ richtet ſein— errichtet an der leiſen Abdachung, die ſich ſanft hinab zum Waſſer zieht, wo uns die Vögel aus rauſchenden Wipfeln ihr Morgen⸗ und Abendlied flöten und die Sonne ihren erſten Strahlengruß ſendet.“ Dort Marie in friedlich ſtiller Hütte, von dem mit Blumen geſchmückten Gärtchen, von wilden und rankenden Reben umgeben, dort Marie, wo Dir der Ouft Deiner ſelbſt⸗ gezogenen Blüthen und Knospen in balſamiſchen Wohlge⸗ rüchen entgegenweht, dort wollen wir weilen— dort wollen wir glücklich ſein. Ein kleines Segelboot liegt dann zu unſerem Dienſt bereit, und über die ſpiegelglatte Seeesfläche, wenn die Sonne ihre letzten Strahlen auf ſeine Fluthen ſendet, und der Mond höher und höher ſteigend, verſchwiegen und freundlich auf ſeine Tiefe hinabblickt, trägt uns der tanzende Kahn, und aus dem wolkenreinen Himmel—“ „Ach Lorraine, Wolken mögen aufſteigen, und Stürme — und Winter wird kommen.—“ 17* „Was kümmert uns der draußen robende Winter, wenn es ewiger Frühling in unſeren Herzen iſt.— Laß ihn kom⸗ men mit ſeinem Schnee und Eis, ſeinen Fröſten und Hagel⸗ ſchauern. Neben dem freundlich kniſternden Heerd— mit einem Buch, deſſen Seiten uns die Prüfungen zweier Herzen ſchildern die, wie wir, einander Alles waren, und durch Ge⸗ fahr und Tod einander treu bliehen, wie wir— werden wir ſitzen— Hand in Hand, unſere Herzen von einem Gefühl bewegt, und ſchnell, oh nur zu ſchnell, werden die langen, ſonſt ſo freudloſen Winterabende entgleiten. Siehſt Du nicht dort das Feuer Marie! wie fröhlich unſere Augen in ſeinem Scheine glühen. Mein Arm iſt um Dich geſchlungen — meine Wange an die Deine gelegt, unſere Hände in ein⸗ ander gefaltet und Dein Herz— o Marie wie ſanft, wie liebend ſein Schlagen an meinem Herzen tönt.“ „Oh Lorraine— warum iſt Sorge und Kummer auf dieſer Welt, wenn ſchon zwei Herzen den Himmel mit ihrer reinen Liebe auf die Erde zaubern können?“ „Oder es kann auch ſein, Maria“— und ſein Blick wurde glühender, ſein Arm umſpannte ſie enger, während ſeine Stimme zu einem leiſen, durchdringenden Flüſtern herabſank—„es kann auch ſein, daß, während wir bei un⸗ ſerem Winterfeuer ſitzen— ein lächelndes Kind— o erröthe nicht, mein Weib— ein lächelndes Kind ſchlummernd an Deinem Buſen ruht.—“ „Oh Lorraine“— flüſterte fie, und barg ihr Antlitz an ſeiner Bruſt, während ihre langen Locken auf Hals und Nacken wie ein dichter, verhüllender Schleier hinab fielen, während Lorrimer enger und enger ihre zarte Geſtalt mit ſeinen Armen umflocht, und zu dem zitternden Mädchen mit einem Blick ſtolzen Triumphes niederſchaute. Der Wüſtling fühlte, wie ihr Herz in wilderen, leiden⸗ ſchaftlicheren Schlägen klopfte— er fühlte, wie ihr Buſen ſich ſchneller und heftiger hob, und als er die dichten, üppi⸗ gen Locken mit leiſer Hand zur Seite ſchob, ſah er, daß ihre Wangen in wildem, fieberiſchen Feuer glühten. „Sie iſt mein,“ dachte er, und das düſtere Lächeln, das ſeine Züge durchzuckte, gab ihnen einen kalten, teufliſchen Ausdruck. Im nächſten Augenblick hob Maria ihr glühendes An⸗ geſicht von ſeiner Bruſt; aber ſie ſchaute ſich mit furchtſam, ſchüchternem Blicke um— ihr Athmen war ſchwer und be⸗ klommen— ihre Wangen brannten in Fiebergluth— ihre blauen Augen ſchwammen in dichtem, faſt undurchſichtigen Nebel. Ihr war es, als ob ſie ohnmächtig niederſinken müßte, und einen Augenblick lag ſie halb bewußtlos in Lor⸗ rimers Arm, während ein ſüßes nicht zu beſchreibendes Ge⸗ fühl ſie beſchlich, und ihr das Blut faſt in den Adern ſtocken machte, um es in der nächſten Secunde mit ſo viel wilderem Feuer durch die Adern zu treiben. Lorrimers Antlitz ſchien vor ihr in einem Aetherſtrahl zu ſchwimmen, und das matte Licht des kleinen Gemachs verwandelte ſich in ein Gluthen⸗ meer, das plötzlich und unaufhaltſam auf ſie einzudrängen drohte. Leiſes— ſüßes Murmeln, wie liebe Stimmen in einem ſanften Traum, erfüllte ihr Ohr.— Ihr Athmen kam nicht mehr ſchnell und ſchwer, ſondern die Bruſt hob fich in langſamen, heißen Schlägen, und ihr Buſen, von Lorrimers Arm umſchloſſen, drohte die leichte Umhüllung in wildem heftigen Klopfen von ſich zu ſtoßen. „Sie iſt mein,“ jubelte Lorrimer in ſeinem Innern, und daſſelbe düſtere Lächeln durchzuckte ſeine Züge, als er ernſt und ſchweigend, aber mit durchdringendem Blicke, auf ſie niederſchaute. „Oh Lorraine,“ rief ſie jetzt, mit halb erſtickter Stimme, als ſie fühlte, wie ein eigener, ſüßer Rauſch ſich ihres ganzen Weſens, ihres ganzen Seins, bemächtigte.—„Oh Lor⸗ raine— rette mich— rette mich!“ Sie erhob ſich zitternd, ſtreckte die Arme wie Hülfe ſuchend, zu dem Geliebten empor, und ſtand wie an dem Rande eines fürchterlichen Abgrundes, in den ſie fürchten müßte, mit dem nächſten Schritt zu ſtürzen. „Dir droht keine Gefahr, meine Marie,“ fluſterte Lor⸗ rimer, als er ihre ſinkende Geſtalt in ſeinen Armen auffing— „was könnte Dich ängſtigen?“ Er ſpielte mit den dunkelen, wallenden Locken auf ihrem Nacken und drückte die bebende Geſtalt feſter und feuriger an ſich. „Sie iſt mein!“ triumphirte er dann heimlich mit 263 wild glühendem Lächeln— ſie iſt mein— ihre Sinne flam⸗ mern, ihr Blut kocht; die Erzählung in meinem Arm, weckte jede in ihr ſchlummernde Leidenſchaft. Sprich nur von Gewalt— hahaha.— Sie ruht an meiner Bruſt, als ob ſie dort ſterben wollte.“ Immer heftiger, immer ſchneller hob ſich ihr Buſen, ihre Pulſe ſchlugen und glühendes Feuer ſchien ihre Adern zu erfüllen. „Marie— mein Leben— Dir droht keine Gefahr— ſieh mich an Geliebte— Ich bin ja bei Dir und ſchütze Dich gegen Alles— gegen Jeden.“ Ihre bebende, ihm jetzt gewiſſe Geſtalt von ſeiner Bruſt hebend, haftete er ſeine dunkelen Augen auf die matten, in Thränen ſchwimmenden Blicke, und löſte mit leiſer liebkoſen⸗ der Hand ihr Nachtkleid von der Schulter. In demſelben Moment aber, ſchien eine Ahnung der Gefahr, in des Wüſtlings Nähe, dem reinen ſchuldloſen Herzen des Mädchens zu dämmern; wild aufſchreiend und mit den zitternden weißen Händen das Gewand über dem ſchneeigen Buſen zuſammenziehend, entriß ſie ſich ſeiner Um⸗ armung und zu der fernſten Ecke des Zimmers flüchtend, rief ſie: „Lorraine, Lorraine! o rette mich— rette mich!“ „Aber Marie— Dir droht keine Gefahr.“ Er näherte ſich, während er ſprach, dem zitternden Mädchen, das mit ängſtlich nach ihm zurückgewandten 264 Haupte, mit Händen und Armen feſt über der Bruſt ge⸗ kreutzt, neben den roſigen Vorhängen niedergekauert war, und mit Blicken der Furcht und des Entſetzens zu ihm auf⸗ ſah.. Lorrimer ſchritt auf ſie zu— er war ſeines Opfers ge⸗ wiß geweſen, und hatte nicht geträumt, ſolcher plötzlich er⸗ wachenden Angſt in dem Weſen zu begegnen, das ſchon hülf⸗ los in ſeinen Armen, an ſeiner Bruſt ruhte; wie er aber vor⸗ trat, ſtahl ſich auch eine ſichtbare, fürchterliche Verände⸗ rung über ſeine Züge. Sein Angeſicht färbte faſt unnatür⸗ liche Röthe, und die Adern der Augen füllten ſich mit dickem, rothen Blut. Er zitterte, wie er über den Teppich dahin⸗ ſchritt, und ſeine Bruſt ſchlug unter der weißen Atlasweſte, als ob ihm der Athem— die Luft fehle. Gott ſchütze jetzt das arme Mädchen. Ein Blick in ſein Angeſicht, in ſeine Blut unterlaufenen Augen ließ ſie ihr Schickſal leſen. „Marie— Dir droht keine Gefahr,“ murmelte er mit leiſer, durch Leidenſchaft heiſer gewordene Stimme, als ſie ſeinen Arm entſetzt zurückſtieß.„Laß mich Dich vom Boden heben.“ „Rette mich, o Lorraine rette mich,“ bat ſie nur flehen⸗ der, und klammerte ſich jetzt an den faltigen Vorhang an. „Von was ſoll ich Dich retten, Marie!“ flüſterte er mit einer faſt unnatürlich ſanften Stimme, als ob er damit den aufſteigenden Zorn ſeiner Bruſt, der ſchon aus ſeinen 9 Augen zu ſprühen begann, beſänftigen wollte—„vor wem ſoll ich Dich ſchützen?“ „Vor Dir ſelbſt!“ ſchrie ſie, in einem Tone des Ent⸗ ſetzens—„vor Dir ſelbſt: Oh Lorraine, Du liebſt mich, Du wirſt mir kein Leides thun wollen— oh rette mich vor Dir ſelbſt.“ Mit der noch ungeweckten ſinnlichen Natur der Jung⸗ frau ſpielend, hatte aber Lorrimer den Vulkan in ſeiner eigenen Bruſt entzündet. Während er ihre Hand in der ſeini⸗ gen, ſeinen Arm um ihre Hüfte geſchlungen hielt und das heiße, heftige Klopfen des reinen Buſens fühlte, da ſchien ihm Nichts— Nichts in den feuchten Augen den hingeben⸗ den Mädchens zu glänzen, als Sieg, leichter, lächelnder Sieg. Widerſtand! Bitten! Thränen? auf dieſe war er nicht gefaßt, und der in ſeiner Seele aufgerüttelte Feind verlangte ſein Recht. Der Wüſtling war zu weit gegangen, um wieder zurück zu können, und ſtand jetzt vor dem nieder⸗ gekauerten Mädchen, deſſen Glieder in unſäglicher Angſt flogen und zuckten, ein Bild teufliſcher— entſetzlicher Sinn⸗ lichkeit. Wie ein Gewitterſchauer war plötzlich und fürchterlich dieſe Verwandlung in ſeinem ganzen Weſen vor⸗ gegangen; ſeine Geſtalt hob ſich hoch und ſtolz, ſeine Hände ballten ſich, und ſein lockiges Haar hing ihm wild und un⸗ ordentlich um die Schläfe. Ein boshaftes Lächeln finſterer Entſchloſſenheit überflog ſeine Züge, und in ſeinen Augen glühte eine ganze Hölle von Leidenſchaften. 266 „Das iſt Unſinn,“ flüſterte er mit leiſem ärgerlichen Ton.„Steh' auf Marie— Du glaubſt doch nicht, daß ich Dir ein Leides thun möchte?“ Er bog ſich nieder ſie aufzuheben, ſie bebte aber vor ſeiner leiſeſten Berührung zurück, als ob ſchon das Gift ſeiner Nähe ſie erſchrecke. „Marie— ich wünſche, daß Du Dich erhebſt!“ Seine geballten Hände bebten, als er ſprach, und Zor⸗ nesröthe färbte ſeine Schläfe. „Oh Lorraine,“ rief ſie, und warf ſich vor ihm auf ihre Kniee nieder—„o Lorraine— Du kannſt mich nicht kränken wollen— das biſt Du ſelbſt nicht, der jetzt mit mir ſpricht— Du würdeſt nicht ſo zornig und finſter zu mir niederſchauen, Deine Stimme könnte nicht ſo rauh und befehlend klingen, wenn ſie meinen Namen rief. Du biſt es nicht Lorraine, den ich ſehe; es iſt— wehe mir— es iſt ein böſer Geiſt.“ Sie ſah es war ein böſer Geiſt, der vor ihr ſtand, und dennoch hob ſie bittend— um Erbarmen bettelnd, die Arme zu ihm empor. Armes, reines, unſchuldiges Herz— ſie war ſich ſelbſt nicht klar was ſie fürchtete. Nicht die Verachtung der Welt— die kannte ſie ja noch nicht— nicht die Schande ſelbſt— die ihr nur in ungewiſſen Ahnungen vorſchwebte, nicht die ſcheußliche Sünde, wie ſie die menſchliche Ge⸗ ſellſchaft mit ihren Millionen Augen und Zungen fürchtet und verabſcheut, ſo daß ſie die Schuld des Mannes, ſelbſt 267 auf ſein unglückliches Opfer mit überträgt. Nein Marie glaubte in der ſinnlich erwachten Leidenſchaft des theueren Mannes einen böſen Feind erſtanden zu ſehen, der nicht ſo⸗ wohl ihre Unſchuld vergiften, ſondern ſogar die Liebe zer⸗ ſtören wollte, die ſie für Lorraine fühlte. Und nicht für ſich ſelbſt— nein für Jenen fürchtete ſie das Verbrechen, das ſchon aus den blutdurchſchoſſenen Augen, aus dem ganzen Weſen des Geliebten auf ſie niederglühte. 3 „O Lorraine— um des Heilands willen rette— rette mich.“ 1 Sie faßte ſeine Hand und riß ſie mit zitterndem Bangen an ihre Lippen und ihre Bruſt. „Marie— dieß iſt Wahnſinn,“ rief dieſer, und entriß ihr mit rauher Gewalt die Hand, im nächſten Augenblick aber riß er ſie mit kräftigem Griff vom Boden empor und hob ſie— die vergebens ſich Sträubende in ſeine Arme. „Marie— Du— biſt mein!“ ziſchte er in ihr Ohr und ihr Angſtſchrei klang ſchauerlich von den prachtvollen, im ſanfteſten Roſenlicht erglühenden Vorhängen wieder. Ein leiſes heiſeres Lachen, wie ein Knurren faſt, ward in dieſem Augenblick im Eingang gehört, und die widerliche Geſtalt des Teufelskäfers ſchlich mit lautloſen Schritten in das Gemach— ſtahl die flammende Kerze von dem Tiſch und verſchwand mit demſelben teufliſchen Kichern wie er gekommen. 268 „Die Falle— die Flaſche— die Kohlen, für den Bru⸗ der— hihihi— und für die Schweſter— hahaha— der hübſche Teufelskäfer— der beſorgt das.— Bigail hat Nichts geſehen— o gar Nichts— Gott bewahre— huhu — da iſt Holzkohle Nichts dagegen.“ Er verſchwand, und das Roſenzimmer lag in Nacht und Dunkelheit. Dunkelheit! da war ein Kampf— ein Schrei— ein Gebet.— Dunkelheit. Ein Fluch und ein Stöhnen, das ſich miſchte.— Dunkelheit. Ein wilder Schrei um Erbar⸗ men— ein Name, in wahnſinniger Verzweiflung gerufen. Dunkelheit— wieder Kampf und wildes Fluchen— und dann lag Nacht und Stille, wie die des Grabes, auf dem Verbrechen der Quäkerſtadt. In irgend einem alten Buch von geheimnißvollen Mär⸗ chen und Legenden, die, das Schreckliche mit dem Roman⸗ tiſchen vermiſchend, zugleich ihre Bedeutung, ihren tiefen Sinn haben, las ich eine abenteuerliche Sage. Oben im blauen Aether— weit, weit über der Erde mit ihren Sünden und Sorgen, erhaben, hängt eine un ge⸗ heuere Glocke— ſterblichen Augen verborgen, und nur von Engelhänden geläutet, wenn eine Todſünde auf Erden be⸗ gangen. Dann aber, wie die letzte Poſaune des Gerichts, kün⸗ den die ſchmetternden, gewaltigen Töne des Erzes dem Ver⸗ brecher, daß er ein Ausgeſtoßener iſt von Gottes Gnade, 269. und daß hoffnungsloſe Verzweiflung— in alle Ewigkeit ſein Loos— ſein Lohn ſei. Traf der Klang jener unſichtbaren Glocke vernichtend des Wüſtlings Ohr, als er in Dunkelheit und Schweigen neben dem Opfer ſeiner Lüſte ſtand? Wenn in den Büchern des letzten Tages nur ein nie zu verzeihendes Verbrechen niedergeſchrieben— ſo ward in dieſer Nacht, in dem Roſenzimmer des Kloſters, von dem Buben verübt, der jetzt zitternd neben dem lebloſen, bewußtlos auf den weichen Teppich hingeſtreckten Körper der ſchändlich Verrathenen ſtand. Mehre Minuten lang herrſchte tiefe, ſchweigende Nacht — dann zuckte plötzlich ein Lichtſtrahl durch das Roſen⸗ zimmer, und boshaft, ſich an dem Schauſpiel weidend, war Teufelskäfer wiederum zurückgekehrt, und ſtand in dem Ein⸗ gang des Wallnußzimmers. Faſt in demſelben Augenblick raffte ſich Lorrimer empor, und ſtürmte, mit blutunterlaufenen Augen und bleichem Antlitz wild an des Pförtners Seite vorbei in das gemalte Zimmer, während ſich diefer umdrehte, und den Raum eben⸗ falls verlaſſen wollte. Wie von einer Schlange geſtochen, fuhr er zurück. „Todt! todt! und doch wieder zu Leben gekommen?“ ſchrie er entſetzt, und ſein einzelnes, brennendes Auge heftete ſich im ſtummen Schreck auf den Eingang des Wallnuß⸗ zimmers; im nächſten Augenblick jedoch ſchon ſetzte er mit 270 ſchneller, ängſtlicher Bewegung das Licht auf den Tiſch und floh in bleicher Angſt aus dem Zimmer, während die Vorhänge, die das Roſenzimmer von dem Wallnußzimmer trennten, wenige Secunden hin und herrauſchten, und dann ein geiſterbleiches Geſicht, mit fliegender Röthe auf der Stirn und blauen, düſteren Ringen um den Augen, zwiſchen den roſigen Falten ſichtbar werden ließen, das mit einem Blick das Innere des Gemaches überflog, dem kein Sterblicher hätte zweimal begegnen mögen.— Es war der ſtiere Blick einer Leiche. Vierzehntes Capitel. Das verbrecheriſche Weib. Der Kaufmann ſtand, die Blendlaterne in hoch geho⸗ 6 bener Hand neben dem Bett, deſſen Umriſſe von ihrem Strahl erleuchtet waren, während der Raum hinter ihm in tiefer Nacht und Finſterniß lag. Lange ſeidene, azurne Vorhänge fielen in ſchweren, rei⸗ chen Falten bis auf den weichen Teppich hernieder, und ver⸗ ſchloſſen das Innere des Lagers den Blicken des Lauſchen⸗ den, während der leiſe, ſanfte Laut, das ruhige Athmen eines ſchlummernden Weibes, ſäuſelnd und ſtill in ſein Ohr klang. Livingſtone trat vor; wenn aber auch, in der Art wie er die Laterne hielt, ſein Antlitz im Dunkeln blieb, ſo ließ ſich die Erregung ſeines ganzen Weſens leicht aus dem Zit⸗ tern ſtiner Glieder erkennen, und in dem Verſuch ein Stöh⸗ nen und einen Schmerzruf gewaltſam zu unterdrücken, ent⸗ rang ſich ein gurgelnder Klang ſeiner Kehle, wie das letzte Todesröcheln eines Sterbenden. Mit flüchtigem Blick überflog er das ganze Aeußere des 272 prachtvollen Bettes— die azurnen Seidenmaſſen, den Kranz von golddurchwirkten Sternen, die ſich oben in einer Gra⸗ fenkrone vereinigten und von dieſer zuſammengehalten wurden, — das Alles ſtieg plötzlich und gewaltſam wie ein dunkeler, entſetzlicher Traum vor ſeiner Seele auf. Neben dem Bett ſtand ein kleiner Tiſch mit blendend weißem Tuch überdeckt, und die ſilberne Scheide eines gro⸗ ßen, breiten Bowiemeſſers glänzte im Licht, und zog des Kaufmanns Augen auf ſich. Er legte die Piſtole, die er in der Hand hielt, auf den Tiſch, und nahm das Meſſer in die Höhe. Die Scheide war von maſſivem Silber— die Klinge ſelbſt, vom trefflichſten Stahl. Der Griff, wie die Scheide, trug, nahe zum Knopf, einen einfachen Namen„Algernon Fitz Cowles“, und auf der blankpolirten Klinge ſtand in einem Kranz von mattge⸗ ſchliffenen Blumen das ausdrucksvolle Motto der ſüdweſt⸗ lichen Raufbolde: „Fremder— hab Acht auf Klippen:“ Schweigend unterſuchte Livingſtone die Schneide der ge⸗ fährlichen Waffe. Sie war ſcharf wie ein Raſiermeſſer und mit der im Lichte blitzenden Spitze, nach Art der türkiſchen Dolche, zurückgebogen. Der Kaufmann faßte den Griff des Stahls, und ſchritt, die Laterne wieder hoch emporhaltend, vor zum Bette. „Sein eigenes Meſſer,“ ziſchelte er zwiſchen den Zäh⸗ nen durch,„ſoll auch den Weg in ſein eignes Herz finden.“ 273— Mit der Spitze der Klinge ſchob er leiſe die Vorhänge zurück, und der rothe Strahl zuckte hinein in die lichtblauen Falten des Himmelbettes, einen kleinen Theil deſſelben ent⸗ hüllend. Mehre Secunden verfloſſen, aber Livingſtone ſchien faſt zu fürchten, den Blick in das Innere zu werfen, denn er wandte im Anfang das Antlitz ſcheu zur Seite, und daſſelbe gurgelnde Geräuſch tönte in ſeiner Kehle; endlich— endlich hatte er Kraft gewonnen— feſter faßte er in ſeiner Hand das Meſſer, — höher hob er die Leuchte, und ſtarrte hinein auf das Bild, das ihm das Zeugniß ſeiner Schande— ſeines Elendes ge⸗ ben ſollte. Ihr Haupt tief hineingeſunken in das dauni ige Kiſſen, ſchlummerte ein ſchönes, reizendes Weib— die leichte Decke verhüllte, aber verrieth auch die üppigen, vollen Formen ihres Körpers, und das rabenſchwarze Haar fiel leicht und in aufgelöſten Locken über den weißen Nacken, über den vol⸗ len, halbenthüllten, ſchneeigen Buſen, der ſich leiſe und wollüſtig in dem ſanften Scheine des Lichtes hob. Sie lag auf ihrer Seite, mit der Wange auf einem ihrer runden, ſchöngeformten Arme, während der andere entblößt und nachläſſig auf der gewirkten Decke ruhte; aber unter dem Nacken hin und über dem leiſen W Wogen der ſüßen Bruſt, die der Wohnort reiner Gedanken und weiblicher— treuer Ge⸗ fühle hätte ſein ſollen, ſchmiegte ſich eine kleine, dunkele J. 18 274 Hand, reich mit koſtbaren Ringen bedeckt und preßte die Alabaſter⸗Haut des ſchönen Weibes. Es war ein eigener Anblick für einen Mann, deſſen ganze Freude und Seeligkeit dieſer Welt, deſſen ganzer Friede, in dieſes Weibes Bruſt verſchloſſen gelegen hatte, und dennoch, dennoch ſtand Livingſtone ruhig und ſchweigend und ſtarrte nieder auf die halb von ſeiner Gattin Locken überſchattete Hand. Eine nur unbedeutende Bewegung der Laterne warf auch den Lichtſtrahl über den andern Theil des Bettes, und dort lag, tiefe Ruhe in den dunklen, ſonngebräunten Zü⸗ gen, ein ſchlafender Mann, deſſen langes dunkles Haar ſich mit den Locken der Geliebten miſchte. Sie ſchlummerten zuſammen, ſchlummerten in ihrer Schande, und der Rächer ſtarrte nieder auf ihr Antlitz, wäh⸗ rend ihre Herzen ahnungslos ſelbſt noch unter dem über ihnen gezückten Stahl, ſchlugen. „Weib— Dein Schlaf ſoll lang und ſchwer ſein,“ und als er die Worte leiſe und durch die feſt zuſammengebiſſenen Zähne hervormurmelte, hob er in ſchneller, entſchloſſener Bewegung den Stahl, und ſenkte die Spitze langſam und ſicher nieder auf den wogenden Buſen ſeiner Gattin; ſo nahe — ſo dicht, daß ein etwas ſtärkerer Herzſchlag, ein tieferer Athemzug, die ſammetne Haut der ſcharfen Schneide müßte entgegengetrieben haben— Da flüſterte das verbrecheriſche Weib leiſe in ihrem Schlafe: 275 — „Algernon— eine Grafenkrone— Reichthum— Macht—“ Wieder hob der Gatte das Meſſer, und dießmal mit zornig dräuenden Blicken. „Such Deinen Algernon im Grabe!“ knirſchte er mit convulſiviſchem Lächeln, während ſeine blauen, klaren Augen in ertödtendem Feuer glänzten,„laß die Grafenkrone auf Deinen nackten Schädel gedrückt werden— Dein Reichthum wird ein Sarg, Deine Macht, hahaha, werden Moder und Fäulniß ſein.“ Die Hand war gehoben zum Todesſtoß, aber mochte die Erinnerung an ſchöne, ſeelige, ach— vergangene Zeiten ſein Herz ergreifen, daß die Liebe, die er für das angebetete Weſen bis jetzt gehegt, im letzten, entſchei⸗ denden Augenblick ſeine Sehnen erſchlaffte— ſeine Hand zitterte aber— er wandte das Antlitz ab, und zwei große — heiße Thränen rollten langſam ſeine Wange hinab. „Algernon!“ flüſterte Dora—„wir ſuchen eine Hei⸗ math.“ 3 „Im Grabe!“ Und der Dolch hob ſich jetzt ſchnell und drohend— ein Moment blitzte er in dem rothen Schein des Lichts und dann fuhr er raſch und geräuſchlos, von feſter, kräftiger Hand getrieben, hinab. Iſt jener ſchneeige Buſen roth von dem vorſprudelnden 18* 276 Lebensquell, ſind jene Pulſe zerſchnitten! ward jenes falſche Herz getroffen? Der Stoß eines ſtarken Armes, über Livingſtones Schulter hinweg, lenkte die bewaffnete Hand zur Seite und das Meſſer ſank bis an den Griff in das Kiſſen, kaum eines Haares Breite von Doras Wange entfernt; ſelbſt jetzt noch berührte das kalte Silber ihren Schlaf, und eine lange Locke, durch den ſcharfen Stahl von Doras Haupt getrennt, lag neben ihr auf dem Kiſſen. Livingſtone wandte ſich ſchnell und zornig nach dem Störer um, und ſchaute in die kalten, glänzenden, aber wunderbar bewegten Augen ſeines Freundes Luhk Harvey. „Zurück Sir!“ rief Jener mit leiſer Stimme und zuck⸗ ender Lippe—„zurück— dieſe Stelle iſt mein— ich brauche weder einen Zeugen meiner Schande, noch meiner Rache.“ „Hahaha!“ höhnte Luhk, ſich ſo dicht nach vorne bie⸗ gend, daß ſeine Augen denen des Gatten dicht begegneten. „Iſt das eine Rache für ein ſolches Verbrechen!“ „Luhk— ich warne Dich noch einmal— laß mich mit meiner Schande und Rache allein.“ „Schande— Rache— hahaha— Heimlich ſeid Ihr — heimlich und ſchändlich betrogen, und wollt den unge⸗ heueren Betrug jetzt mit einem einzigen ſchunsriloſen Stoß bezahlen?“ „Luhk— Du haſt Recht,“ flüſterte Livingſtone, wäh⸗ 277 rend eine plötzliche, entſetzliche Ruhe ſich über ſein ganzes Weſen zu lagern ſchien.„Das Verbrechen wurde im Ge⸗ heimen— lang in Vorbereitung, fürchterlich in ſeiner Aus⸗ führung,— verübt und ſo ſoll auch die Strafe ſein. Sie ſoll den Tod ſehen, ſeine langſame Ankunft fühlen, ſie ſoll wiſſen, wie er ſeine Fänge einzeln aber ſicher in ihren Adern ſchlägt, und dann erfahren, wie alle Hoffnung vergebens iſt, während meine Stimme ihr in das Ohr donnert:„Dora — Du ſtirbſt durch mich— rufe— rufe nach Hülfe— der Tod iſt kalt und eiſig— ich könnte Dich retten, ich, Dein Gatte, aber ich will nicht— ſtirb, Ehebrecherin— ſtirb!“ „Algernon!“ murmelte Dora, halb aus ihrem Schlaf erwacht—„eine kalte Hand preßt ſich gegen meine Wange.“ „Sie erwacht,“ flüſterte Luhk—„der Dolch— die Laterne.“ Mit Gedankenſchnelle riß Livingſtone den Stahl aus dem Kiſſen, wo er die blühende Wange ſeines Weibes ge⸗ kältet hatte, während Luhk in ſchneller Bewegung die La⸗ terne faßte und ihre Blende ſchloß, was die Kammer wieder in tiefe, undurchdringliche Finſterniß hüllte. Der Gatte ſtand regungslos, wie aus Stein gehauen, und ſelbſt Luhk wagte nicht zu athmen, als Dora jetzt mit erſchreckter und leiſer Stimme fragte: „Algernon— erwache— hörteſt Du nicht den Schall 4 von Stimmen hier im Zimmer!?— dicht neben dem Bett— 278 Pſt— horch— konnte das der Traum geweſen ſein?— Algernon!“ „Was iſt, Dora?“ frug eine ſchläfrige Stimme,„ich bin müde— was giebt's? was haſt Du mit dem Traum?“ „Ich wurde eben durch den Klang von Stimmen er⸗ weckt— ein Lichtſtrahl flammte durch das Zimmer, und mein Gat— das heißt Livingſtone, ſtand neben dem Bett — und eine kalte— eiskalte Hand berührte meine Wange.“ „Haha— ſehr gut das— wirklich romantiſch. Weißt Du, Dora, daß ich auch geträumt habe! mir war's, als ob ich in dem Parlour bei Dir— das heißt bei Euch, oben im zweiten Stock ſäße, als der alte Burſche hereinkam und den Zettel las, den Du ihm unter die Lampe geſchoben haſt. Hahaha— hörſt Du zu? mir kam es vor, als ob er wäh⸗ rend dem Leſen die ſchönſte ſaftgrüne Farbe annahm, und nachher eine Kleinigkeit in's Gelbe hinüber ſpielte—“ „Pſt— hörſt Du nicht Jemanden athmen im Zim⸗ mer?“ „Unſinn! Dora, Du biſt nervös. Schlaf Liebchen, und ſtöre Deine Ruhe nicht um alle Träume der Welt.— Gute Nacht, Dora!“ Luhk zog den Freund vorſichtig zurück aus dem Zimmer in ſein anſtoßendes Gemach; wo er, als er leiſe und ge⸗ räuſchlos die falſche Thüre geſchloſſen, ſtill und herzlich in ſich hineinkicherte. „Wenn ſie noch lange ſo fortgefahren wären, hätte ich laut herausplatzen müſſen. Nein die Idee iſt zu gut. Der Mann im Dunkeln neben dem Bett, in welchem ſich ſeine Frau und ihr Schatz Träume erzählen, in denen er ſelbſt die Hauptrolle ſpielt.“ Livingſtone lehnte ſich ſchweigend und erſchüttert an den Kaminſims; ſeine Bruſt hob ſich aber unter den krampfhaft wilden Schlägen des gemarterten Herzens. Wohl eine Vier⸗ telſtunde verharrten ſie, Jeder in ſeiner zuerſt angenomme⸗ nen Stellung, und die lautloſe Stille unterbrach kein Wort — kein Flüſtern; endlich ſagte Livingſtone, während ſich ein tiefer Seufzer ſeiner männlichen Bruſt entrang: „Alles— Alles hätte ich ertragen können— Worte der Reue von ihren Lippen— plötzliche Angſt über die Schmach, die ſie auf mein Haupt häuft— aber dieſe ruhige, entſetzliche Vertrautheit mit dem Laſter—“ „Man gewöhnt ſich an Alles“— lächelte Luhk. „Luhk, ich ſage Dir, der Becher iſt voll zum Ueber⸗ laufen, ich will ihn aber bis auf die Hefen leeren.— Und an dem Buſen habe ich geruht,“ fuhr er dann im ſchmerz⸗ lichen Sinnen wieder in ſeine alte Stellung ſinkend, fort— „ijene Armen haben liebend ſich um meinen Nacken geſchlun⸗ gen— und jetzt— Ha Luhk— Du magſt mich für wahn⸗ ſinnig halten, doch ich weiß es— ich weiß, was es iſt; der Geiſt der Rache— der Vergeltung legt ſich rubig, aber ſicher um mein Herz. Sie hat mich entehrt, und lieſt Du etwas in meinen Zügen, das wie Vergebung ausſieht?!“ Nein wahrhaftig— nicht viel, doch komm, Living⸗ ſtone, wir wollen fort— dieß iſt kein Platz und keine Zeit für Euere Rache.“ „Gleich— gleich— nur noch einmal muß ich hinein.“— „Hinein! weshalb! was wollt Ihr thun!“ „Komm!“ ſagte der Kaufmann, und ſchlich leiſe, den Freund an der Hand, zu dem kaum verlaſſenen Gemach zurück. „Alles ruhig!“ flüſterte Luhk—„die können ſchlum⸗ mern, während der Tod an ihrem Bette Wache hält. Peſt, wie der Burſche ſchnarcht.“ Eine lange Pauſe entſtand jetzt, und kein Wort, kein Athmen entſchlüpfte des Mannes Lippen, kein Seufzer ver⸗ rieth die in ſeiner Bruſt verſchloſſene Qual. „Livingſtone,“ flüſterte Luhk endlich—„wo ſeid Ihr! Hol's der Teufel, Mann, ich höre Euch ja nicht einmal Athem holen; das Licht mag ich nicht öffnen, ſie könnten wieder aufwachen.“ Livingſtone trat leiſe zu ihm hinan, nahm ihm ſanft die Laterne aus der Hand, öffnete die Blende, und glitt noch einmal zu dem Bett, aber ein Lächeln überflog ſein Antlitz als er das Meſſer auf das Tiſchchen wieder niederlegte, und dort aus einem kleinen Arbeitskörbchen eine Scheere nahm, mit der er, ohne weiter ein Wort zu äußern, eine Locke von Algernons Schlaf trennte. Zu gleicher Zeit nahm er das, durch 281 den Dolch abgeſchnittene Haar ſeines Weibes, und wandte ſich ab, das Zimmer zu verlaſſ en. 8 Luhk ſchob noch ſchnell die Piſtole, die auf dem Tiſche zurückgeblieben war, in ſeine Taſche. In dem eigenen Zim⸗ mer wieder angekommen, wandte er ſich jetzt aber ernſtlich beſorgt zu dem Freund, und ſagte mit einem ängſtlichen Sei⸗ tenblick auf deſſen leichenblaſſe Züge. „Bei Gott— Livingſtone— ich glaube, Ihr werdet wahnſinnig— was ſollen die Locken!— puh— Ihr müßt nächſtens eine Zwangsjacke haben.“ „Weißt Ou, Luhk?“ ſagte dieſer, ihn näher zu ſich ziehend, während er ihm mit einem Blick ins Auge ſtarrte, der allerdings Jenes Verdacht zu rechtfertigen ſchien.„Weißt Du, daß ich das nicht aus eigenem Antriebe gethan habe? Pſt Mann— leiſer— leiſer,— der Teufel ſtand neben dem Bett und flüſterte mir ins Ohr, dieſe Andenken ſo ſüßer Stunde mitzunehmen; und dann Luhk— dann“ — ſeine Stimme ſank zu einem heiſeren Ziſchen herab — wieß er mit der eiſernen Hand auf die letzte Scene, in der meine Rache triumphiren wird. Auf ihren Knieen ſoll ſie um Gnade betteln, Luhk— ja ja auf ihren Knieen— und tödte— tödte— tödte ſteht dort in blutiger Flammen⸗ ſchrift vor meinen Augen— dort— dort— und dort— Siehſt Du es nicht, Luhk?“ Er zeigte wild und ſtier nach den verſchiedenen Him⸗ 282 melsgegenden hinaus, und Luhk wußte, daß er neben einem Wahnſinnigen ſtänd. So unerſchütterlich der junge Mann nun auch in ſeiner eigenen Rache und ſeinen Vergeltungsplänen geweſen, ſo betrachtete er den Freund doch mit faſt brüderlicher Liebe, und als ſich ihm die ſchreckliche Ueberzeugung anfing aufzu⸗ dringen, daß jener wirklich ſeines Verſtandes beraubt ſei, be⸗ lebte ein tiefes Gefühl ſeine ſonſt ſo ſtrengen, kalten Züge, und mit leiſer, überredender Stimme bat er den Unglückli⸗ chen, den Ort ſeiner Schande, ſeines Grames zu verlaſſen. „Komm Livingſtone— laßt uns gehen! wir haben ſchon länger hier geweilt, als recht war.“. „Aber ich habe die Andenken, Luhk— ich habe ſie ſicher”“— flüſterte der Kaufmann, während wilde, trium⸗ phirende Gluth aus ſeinen Augen ſchoß.—„Und ſiehſt Du die Worte dort in der Luft?— Ha jetzt verändern ſie ſich — und der Name Dora— Dora— Dora ſteht in Blut⸗ ſchrift— in entſetzlicher. Komm, Luhk, laß uns eine kleine Whiſtparthie arrangiren; wir ſind ja unſerer vier— Dora und ich— und Du und Fitz Cowles.— „Ich bin's zufrieden,“ ſagte Luhk, ihn zu beruhigen, in ſeine Phantaſie, eingehend—„ich bin's zufrieden— kommt— wir wollen Alles herrichten.“ Ah Ou biſt ſchlau— Luhk— Du biſt ſchlau— aber Du ſollſt mich nicht betrügen,“ lächelte der Unglückliche, während ein lichter Augenblick ſeinen Zügen für kurze Zeit das Stiere, Schreckliche nahm. Hier ſtehen wir an der Schwelle jener Kammer— wir wollen meines Weibes Schlafgemach verlaſſen. Glaubſt Du daß ich den Verſtand verloren! ſehe ich aus wie ein Wahnſinniger! Ich weiß gut genug, daß heute Abend kein Whiſt geſpielt wird— aber pſt, Luhk— ſiehſt Du es dort, da— ganz oben in der Luft? Ha— es iſt die Scene meiner Rache, in Blut von des Teufels Hand gemalt. Dort, Luhk, dort. Hu, wie roth es wird, und überall in feurigen, zuckenden, flammen⸗ den Buchſtaben ſteht Dora! Dora! Dora!“ Es war ein 3entſetzliches Schauſpiel, den ſtarken Mann zu ſehen, wie er mit ausgeſtreckten Armen und weit geöffneten Blicken wild hinaufſtarrte in die Luft, wo Einbildungskraft in tollen Schatten die Scenen ſeiner künftigen Rache herauf⸗ beſchwor, während ſeine blauen Augen ſich ſtierer und glanz⸗ loſer auf den leeren Raum hefteten. „Kommt Livingſtone,“ ſagte Luhk, ihn leiſe der Thüre zuführend—„wir wollen fort.“ „Fort— und dort ſchläft Dora— mein junges Weib — die Mutter meiner Kinder. Was glaubſt Du wohl, Luhk, was ich Dir am vorigen Donnerſtag noch geantwortet haben würde, wenn Du geſagt hätteſt, Livingſtone, heute, über acht Tage wirſt Du ein Zimmer in einem Bordell, und Dein Weib in eines Anderen Armen ſchlafend verlaſſen! Doch das ſchadet Nichts, Luhk— es wird ſich Alles finden — denn dort— dort— ſteht ſie mir vor mir, in blutiger Farbe— jene letzte Scene meiner Rache— und darüber in den blendenden, glühenden Buchſtaben Dora— Dora— Dora! Und während das junge Weib ruhig auf ihrem Bette der Schande ſchlummerte, führte Luhk den Kaufmann aus dem Zimmer und aus dem Hauſe. Funfzehntes Capitel. Bruder und Schweſter. * Todesſchweigen herrſchte im Roſenzimmer; für einen Augenblick ſtarrte das bleiche, unheimliche Geſicht durch die Vorhänge, und dann ſchritt Byrnewood Arlington langſam über den Teppich. Denkt Euch das Antlitz Lazarus', wie er eine Leiche, in ſeinem Grabe lag— Verweſung und Moder in den vergelb⸗ ten Zügen, das Siegel des Todes auf ſeinen eingepreß⸗ ten Augen— die Wangen verfallen, die Lippen blau und trocken. Denkt Euch den Leichnam, auf das Wort des Herrn die ſtieren, glanzloſen Augen öffnen, wie das Blut gewalt⸗ ſam in die erſchlafften Adern zurückgedrängt wird, und wie Tod und Leben mit einander kräftig um den matten, hülf⸗ loſen Körper ſtreiten— denkt Euch das Bild, und dann blickt hinüber nach dem unglücklichen Byrnewood Arlington, und ſeht wie ähnlich ſein Antlitz, dem Eines eben vom Grabe Erſtandenen iſt— ſeht ſeine Züge, in denen noch die Verweſung ihren freſſenden Finger eingegraben zu haben 286 ſcheint, und vor deſſen Augen der Schatten des Todes, der ſeine Sinne ſo feſt umſpannt hielt, noch nicht wieder ge⸗ wichen iſt. Byrnewoods Blick war ſtier vor ſich auf den Teppich geheftet, denn dort— dort— hingeſtreckt, beſinnungs⸗ und regungslos lag Marie Arlington zu des Bruders Füßen. Er ſank ſtill auf die Knie nieder. Er nahm ihre kleine weiße Hand, jetzt marmorkalt, in die ſeinige; er ſtrich die aufgelöſten Locken aus ihrer bleichen Stirn zurück; ihre Augen waren wie im Tode geſchloſſen, ihre Wangen zwar bleich, doch mit einem hecktiſch glühen⸗ den Fleck im Mittelpunkt. Byrnewood ſtieß aber keinen Schrei aus— er äußerte keine Sylbe, nicht der Drohung, der Rache oder der Ver⸗ zweiflung, ſchweigend nur umhüllte er mit dem weiten Nacht⸗ gewand die holde Geſtalt, ſchweigend nur bog er ſich nieder zu ihr, und drückte einen leiſen— leiſen Kuß auf die kalte, weiße Stirn. „Meine Schweſter!“ rief er endlich, während er mit wild verworrenem Blicke, wie ſein nur halbbewußt, umher⸗ ſchaute—„meine Schweſter.“ Und empor hob er die leichte Geſtalt vom Boden, und preßte Kuß nach Kuß auf die ſüßen, bleichen Lippen. Keine Thräne tröpfte von ſeinen Wim⸗ pern, kein Seufzer hob ſeine Bruſt— kein Wort des Zornes verrieth das Gefühl, das in ſeinem Inneren tobte. „Meine Schweſter!“ flüſterte er dringender, und zog ſie feſter, inniger an ſeine Bruſt. Ein leichtes Erröthen, das ſich über ihre Wangen und Schläfe ſtahl, kündete das zurückkehrende Bewußtſein. Marie öffnete langſam die Augen, und blickte Secunden lang, er⸗ ſtaunt und faſt unbewußt ihrer ſelbſt umher. Wohl eine Minute verging, ehe ſie fühlte, daß ſie in Byrnewoods Armen läge. „O Bruder,“ lispelte ſie jetzt— nicht heftig und erſchreckt, nein mit leiſer, bebender Stimme, deren ſanfteſte Accente aber in ihrem Zittern die Verzweiflung kündete, die das Herz der Unglücklichen erfaßt hatte—„o Bruder— verlaß' mich— verlaß' mich. Ich bin Deiner Sorgfalt nicht mehr werth— ich bin— ich bin bös, Bruder Byrnewood — ſehr bös— o Allmächtiger— ich bin verloren.“ „Marie,“ flüſterte Byrnewood, ihren Bemühungen, ſich von ihm loszumachen, widerſtrebend, während ihm Schmerz und Gram die Stimme zu erſticken drohte— „Marie,“ ſprich nicht ſo— ich— ich— Er konnte nicht weiter, ſein Angeſicht ſank an ihre Bruſt, und die Thränen, um die er ſo lang gefleht und gerungen, kamen endlich. Er weinte. „Nicht um mich dieſe Thränen, Bruder— nicht um mich,“ ſagte ſie jetzt mit derſelben gebrochenen Stimme— „ich bin ein entehrtes Ding— Bruder— nicht würdig 288 mehr der kleinſten, unbedeutendſten Thräne. Laß mich los, Byrnewood— widerſtehe mir nicht— die Stärke der Ver⸗ zweiflung iſt in dieſen Armen— nimm Deine Arme von mir, und laß mich nicht länger Deine reine Nähe entweihen.“ Es lag etwas ſchrecklich Ernſtes, etwas Fürchterliches in der kalten Ruhe, mit der ſie dieſe Worte ſprach. Sie war nicht länger das zitternde Kind, deſſen Engelsangeſicht die Unſchuld ihres reinen Herzens bekundet; nein, eine neue. Welt hatte ſich demſelben erſchloſſen. Aber keine Welt voll 1 grünender Bäume, voll Silberbäche und Blumen— nein, ein Chaos von Aſche und modernden Ruinen, ein ſengender Himmel oben, eine verdorrte Einöde unten, lag vor ihr und 4 eine Wildniß von dunkelen, giftigen Nebelſchleiern umſpannte V dieſes Bild des Elends und des Jammers. Sie war aus der Jungfrau, ein Weib geworden, aber der Mehlthau lag auf ihrer Seele für immer. Das Verbre⸗ chen hatte nicht allein ihren Körper mit Schande gebrannt⸗ markt, ſondern auch, wie die krankhafte Wärme des Treib⸗ 3 hauſes, die Blüthe ihrer Seele zu plötzlicher unnatürlicher Reife getrieben. Es war die Reife zu früher Erfahrung. In ihrer innerſten Seele fühlte und empfand ſie es, daß ſie entehrt, daß ihre Berührung ſchon Schande ſei, und ihr Aufenthalt unter den Reinen und Schuldloſen, müſſe ein Spott, ein Vorwurf für ſie werden. Ach— ſie litt ſchuld⸗ los, aber dennoch war ſie elend— elend. „Laß mich los Bruder!“ rief ſie und befreite ſich mit der Stärke einer Wahnſinnigen von ſeiner umarmung— „Ich bin der Schande verfallen— Du biſt rein— o rühre mich nicht an— laß mich, laß mich— meinem Schickſal— o meide— meide meine Nähe.“ Sie entfloh aus ſeinen Armen und ſank, zuſammen⸗ kauernd in einer Ecke des Roſenzimmers nieder, während ſie ihre Hände abwehrend gegen den Bruder ausſtreckte, als fürchte ſie ſeine leiſeſte Berührung. „Marie!“ rief Byrnewood da, mit ſo herzlicher, lie⸗ bender Stimme, wie ſie in ihren geheimſten Herzenstiefen, aus den Tagen der Kindheit wiederhallte—„Marie— wende Dich nicht ſo von mir ab— o komm zu mir Marie — komm zu mir, zu Deinem Bruder.“ Die Worte, der Blick, die zitternde Bewegung ſeiner, für ſie ausgebreiteten Arme, wirkten wie ein Zauber auf das arme Mädchen. Sie hob ſich raſch und leidenſchaftlich em⸗ por, und warf ſich ſchluchzend an die Bruſt des Theueren. Während aber dunkele Gedanken der Rache ſein Herz durchtobten, drückte er ſie nur liebkoſender, inniger an ſich, und in dem Augenblick des Schweigens, theilten ſich lang⸗ ſam die in das gemalte Zimmer führenden Vorhänge, und Lorrimer erſchien wiederum auf dem Schauplatz. Von Reue erfaß, hatte er in wahnſinniger Eile die Scene ſeines Ver⸗ brechens verlaſſen. Während ſeine Bruſt aber von tauſend einander widerſtrebenden Gefuhlen zerriſſen wurde, verſuchte er umſonſt die in ihm erwachende Stimme zu übertäuben, I. 19 290 das Andenken an ſein namenloſes Verbrechen— zu vertil⸗ gen. Es war vergebens, eine unbezwingbare Angſt trieb ihn zurück zu ſeinem Opfer, und er ſtand aufs Neue im Roſen⸗ zimmer. Es war ein wunderbarer Anblick, den Bruder dort mit der Schweſter im Arm knieen zu ſehen, und dennoch gab der Verführer durch keinen Blick, durch keine Miene ſein Er⸗ ſtaunen, oder ſeinen Schreck zu erkennen. Eine heftige Gemüthsbewegung hatte des Wüſtlings Seele erfaßt, als er, von Bruder und Schweſter unbemerkt in dem Eingang ſtand, und mit leeren, bewußtloſen Blicken auf ſie hinüberſtarrte— Sein Antlitz hatte ſeine Farbe ver⸗ loren, ſeine weißen Lippen zitterten vor innerer Erregung und ſeine Hände griffen wild und ungewiß in die leere Luft, als ob er mit einem unſichtbaren Feind kämpfe. Ein einziges Wort der Erklärung, wird die folgende Scene dem Leſer deutlich machen. Von Geſchlecht zu Geſchlecht war der männliche Theil von Lorrimers Familie, plötzlichen, wildausbrechenden Phan⸗ taſieen, ja oft halb wahnſinnigen Anfällen unterworfen ge⸗ weſen, die ſo ſchnell und ungeahnt kamen, wie ſie in ihrer Dauer fürchterlich und entſetzlich waren. Stets folgten ſie einem Uebermaaß von Freude, Aerger, Schmerz oder Lei⸗ denſchaft, und vom Vater auf den Sohn, ſeit ſeine Vorfah⸗ ren mit dem Stifter von Penſylvanien hier herüberkamen, 291 hatte ſich dieſer vorübergehende Wahnſinn, als ein fürchter⸗ liches Erbtheil fortgepflanzt. Lorrimer war ihm erſt einmal in ſeinem Leben, an ſei⸗ nes Vaters Sarg, unterworfen geweſen, jetzt aber, als er niederſtarrte auf den knieenden jungen Mann, der die halb bewußtloſe Geſtalt der Schweſter in ſeinen Armen unter⸗ ſtützte, fühlte er, wie es ihm ſiedendheiß nach Herz und Hirn hinaufſtrömte, und er wußte, wie im nächſten Augenblick wild und unaufhaltſam der Geiſt des Wahnſinns über ihn kommen, und in wirren— kaum geregelten Worten ſeinen Lippen entſtrömen würde. Da hob Byrnewood die Rechte drohend empor zu dem Gott, dem er jetzt den Schwur ſeiner Rache brachte, und ſein ganzer Körper zitterte, als er, mit der fürchterlichſten Erregung, ſichtbar in allen ſeinen Bewegun⸗ gen, und mit lauter, wenn auch noch zitternder, unge⸗ wiſſer Stimme ausrief: „Höre mich Gott, zu dem ich jetzt mit dieſer Hand, mein Herz, meine Seele erhebe— höre mich— höre mei⸗ nen Fluch, den ich auf das Haupt, auf das verbrecheriſche Haupt jenes Buben hinabſchleudere.“ „Byrnewood,“ flehte das Mädchen, ihr Antlitz an ſei⸗ ner Bruſt verbergend—„Byrnewood— fluche ihm nicht. — Das unrecht iſt geſchehen, aber Bruder— Bruder— lenke keinen Fluch auf ſein ſchuldiges Haupt.“ „Ich bin fündhaft, o Gott,“ fuhr jedoch dieſer, ohne 19* ihre krampfhafte Bitte zu beachten, fort— ich bin von den⸗ ſelben Laſtern vergiftet, die ſein Herz mit ihren teufliſchen Krallen umſpannt halten— aber höre mich dennoch, All⸗ mächtiger, denn der Schwur, mit dem ich meinen Arm zu Dir erhebe, müßte den ſchwärzeſten Feind der Hölle reinigen. Ich bin der Rächer meiner Schweſter Schande! Sie war rein und ſchuldlos— ſie vertraute und wurde betrogen, aber hier— vor Dir ſchwöre ich, ſie zu rächen.“ „Komm da, was da wolle, mag Gefahr oder Tod ſich in meinen Pfad werfen, durch Armuth und Macht— durch Krankheit und Noth— das ſei mein einziger Zweck in die⸗ ſem Leben— ſein Tod. Er ſterbe durch dieſe Hand— er falle von dieſem Arm, und bei Deinem Namen, bei dieſer Hand— bei dem Feind, der ſich tückiſch in ſeine Seele niſtete, ſchwöre ich es— mein ſei die Rache und ſein Blut— ſein Leben mir, mir, mir verfallen.“ Während er mit immer wachſender Leidenſchaft und Heftigkeit dieſe Worte ſprach, und die Stimme hohl und geiſterhaft aus den Tiefen ſeiner Bruſt zu kommen ſchien, hatte das ſchöne Mädchen ſeinen Nacken umklammert, und verſuchte mit wildem Schmerzesſchrei ſein Antlitz an ihre Bruſt zu preſſen und den Fluch von des— ach immer noch geliebten Mannes Haupt abzuwenden. Für den Augenblick gelang ihr dieß, und Lorrimer hatte indeſſen ſtill und bleich— keiner Bewegung mehr fähig, —— krampfhaft die Falten des Vorhangs in der Hand, unter dieſem geſtanden und den Worten ſeines Feindes gelauſcht— da gewann jene wilde— entſetzliche Begeiſterung bei ihm die Oberhand— er ſtreckte, wie auf ein vor ihm ausgebrei⸗ tetes Bild deutend, den Arm nach vorn, und ſagte mit tie⸗ fer— klangloſer Stimme: „Dort— dort dehnt ſich ein weiter Fluß vor mir aus — ſeine ſchimmernden Wogen ſind mit den letzten rothen Strahlen der untergehenden Winterſonne übergoſſen— ſie arbeiten gegen die breiten Werfte einer volkreichen Stadt an— weit dort hinten ſind Thürme und Dächer— alle— alle erglühend im Schimmer jener letzten Sonnenſtrahlen. Aber ha— die Wellen werden Blut— Blut— Blut— Alles roth— der Himmel flammt— dunkele Wolken wäl⸗ zen ſich vorüber— alle in Blut getränkt— fort— vorbei — Alles— Alles in Blut.“ „Und dort— dort iſt der Tod— ich ſehe ihn, wie er im Winkel liegt und höhniſch mir entgegenlächelt, er wartet auf mich— dort unten am ufer des Fluſſes, und hinunter muß ich— eine unſichtbare Hand ſtößt mich weiter— wei⸗ ter— weiter.“ „Ha— welch ein herrlicher Tod! drüben die Stadt, die fröhliche, muntere, alte Stadt und die Wellen, die bluti⸗ gen ſteigen höher und immer höher, ha! Hinauf mit Euch, hinauf gegen den blutigen Himmel. Da— da ſpült und 294 waſcht— es iſt nur Farbe— ſie geht herunter— Trug iſt's und Schein.“ „Zurück— ich will nicht ſterben, Du ſollſt mich nicht untertauchen in dieß rothe, ſchauerliche Grab— zurück. Iſt Deine Rache noch nicht geſättigt? mußt Du Dich auch noch an meinen Qualen weiden! Muß Deine Hand meine Kehle preſſen, während Dein Fuß mich zurück in die blutigen Wo⸗ gen tritt? Fort— fort— ich will nicht ſterben.“ „Hahaha,“ lachte die rauhe Stimme des Teufelskäfers, als ſeine ſcheußliche Geſtalt mit den beiden Negern im Ein⸗ gang des Wallnußzimmers erſchien.„Hier geht's luſtig zu — Das Mädchen muß iym fortgeholfen haben. Hol mich der Teufel, da ſteht er— der andere Dings da mit der Schwe⸗ ſter daneben, hihihi— und Guſty raſt ein klein Bischen, ganz auf eigene Rechnung— Komm her Glühwurm— hier Musquito, kommt her, Ihr Liebchen, und beſorgt mir den kleinen Familienzirkel.“ Im nächſten Augenblick wurde das Roſenzimmer der Schauplatz eines eignen wunderbaren Bildes. Byrnewood war bei dem erſten Anblick des Feindes emporgeſprungen, und hatte bis jetzt halb überraſcht— halb erſtaunt den wilden Phantaſien des Wüſtlings gelauſcht, der jetzt, mit einer Hand noch den Vorhang erfaßt, mit der anderen in die leere Luft greifend, zurückzuſchrecken ſchien, vor irgend einem entſetzlichen Anblick; als ob er am Rande des blutſtrömenden Fluſſes ſtände, der höher und höher ſtei⸗ gend, ihn zu verſchlingen und fortzureißen drohte. Marie Arlington kauerte in halb knieender Stellung neben ihrem Bruder, und hatte in ſtummem Beben und Staunen, ihre Blicke auf das Wahnſinn durchzuckte Antlitz des Verführers gerichtet, während am Eingang des nächſten Zimmers, Teufelskäfer ſichtbar wurde, wie er in grimmer Freude über die Scene, ſeine beiden herkuliſchen Helfershelfer herbeiwinkte, ſich ihrer Beute zu verſichern. Das Schweigen dauerte aber nur einige Secunden, denn Byrnewood bog ſich zum Sprung zurück, und wäh⸗ rend Lorrimer aufs Neue von dem finſteren Geiſt erfaßt, ausrief:„Laß mich los— laß mich los— ich will nicht ſterben— ich trotze Dir—“ ſchrie ihm der Bruder des ge⸗ fallenen Opfers mit donnernder Stimme entgegen: „Die Stunde Deines Todes iſt gekommen— Deine eigene Schuld malt Dir den blutigen Strom— ſtirb von der Hand Deines Rächers— ſtirb!“ Er ſprang vorwärts, und Marie ſtieß einen Schrei der Verzweiflung aus— er ſprang vorwärts und ſeine Feuer ſprühenden Augen, ſeine gierig ausgeſpreizten Finger, zeug⸗ ten von der Größe ſeiner Wuth; aber während er ſich vom Boden hob, während im nächſten Augenblick der Verräther hülflos in ſeinem Griffe geweſen wäre, ſchallte dicht hinter ihm des Teufelskäfers höhniſches Lachen, und in der näch⸗ ſten Secunde ſah er ſich in der Gewalt der rieſigen Neger, aus deren gigantiſchen Armen kein Entkommen zu hoffen war. „Schöne Geſchichten fallen hier vor,“ höhnte jetzt Abi⸗ gail lachend von Einem zum Anderen ſehend—„Einer, der's ein Bischen zu gut mit einem Mädchen gemeint hat, ſteht da und hält Reden nach gar Nichts hin— das Mäd⸗ chen kniet, als ob ſie auf ihre eigene Fauſt Kirche halten wollte— und der andere Dings da— haltet ihn feſt Ihr Höllenhunde— legt eine kleine Handlung von Schwüren und Donnerwettern an, und verkauft ſeine Flüche um gar Nichts — Das nenn ich eine angenehme Theegeſellſchaft.“ „Was heißt das Alles— Teufelskäfer!“ rief Lorrimer mit ſeiner gewöhnlichen Stimme, als ihn der Zauber wie ein Traum verlaſſen, deſſen Bilder er ſich nicht einmal mehr entſinnen konnte.„Was heißt dieß Alles— ha— Byrne⸗ wood— Marie— ich weiß— Du biſt ihr Bruder! nicht ſo 7 „Ich bin ihr Rächer!“ rief Byrnewood, während er mit der Kraft der Verzweiflung— aber vergebens— ſich zu befreien ſuchte—„ich bin ihr Rächer und— Dein Rich⸗ ter— Innerhalb dreier Tage ſtirbſt Du von dieſer Hand.“ „Hahaha,“ lachte Teufelskäfer—„Da iſt mehr, als ein Gentleman, der bei der Kleinigkeit ein Wort drein zu reden hat— Wie beſinden Sie ſich junger Herr, eh? Haben 297 Sie ſchon einmal ſolchen Madeira getrunken?— Sie werden ſich wohl ſjetzt nicht ſchlafen legen— o Gott bewahre— nein, nicht im Mindeſten. Und wir können auch nicht mit Ihnen anfangen, was wir wollen, o nicht d'ran zu denken — Gott bewahre— Hahaha— Bin doch neugierig, wie das thut!“ Ende des erſten Bandes. Druck von Otto Wigandd. 4 — . 3 6 1. ) 4 n—