Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur . von 3. Eduard Okftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Deih- und Leſebedingungen. 1. Oftensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 8 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 4 8 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird..— 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 8—————— auf 1 Monat: 1 Wet.— Pf. 1 Mer. 50 Pf. 2 Wr.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten baben für Hin⸗ und Zuruckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Sieben Tage auf einem amerikaniſchen Dampfboot. Am 31. Juli, 10 Uhr Morgens, verläßt das ſchnelle, prachtvolle Dampfboot„Oceanic“— G. Wilkens, Maſter,— die Levée, nach St. Louis be⸗ ſtimmt. Für Fracht oder Paſſage wende man ſich an 3 Bord, oder an Smith und Richfield— Agenten— Customhouse Street No. 52. New-Orleans.Ä Das war die Anzeige, die am 29. Juli 184— nebſt noch 20 ähnlichen von eben ſo vielen verſchiede⸗ nen Booten, die theils für den Miſſiſſippi, Redriver, Miiſoouri, Arkanſas, Ohio, Illinois oder gar für den Golf von Meriko beſtimmt waren, im Commer- cial Bulletin von New⸗Orleans ſtand. Gerſtäcker, Miſſiſſippi⸗Bilder. II. 1 2 Reges Leben herrſchte auf der Levée*); und Koffer und Kiſten, Hutſchachteln, Betten und aller mögliche Hausrath wurden in großer Eile nach dem Boote ge— ſchafft, aus deſſen zwei ungeheueren Schornſtbinen ſchon ſeit einer halben Stunde der dicke Qualm auf⸗ ſtieg; denn ſchon hatte die erſte Glocke geläutet und, wie der Capitän der vor der Cajüte auf und abſchritt mehren Paſſagieren verſicherte, ging der Oceanic in einer halben Stunde ab. Immer aber kamen noch neue Drays*) mit Zucker, Kaffee, Syrup, Baum⸗ wolle und grobem Salz beladen, deren Laſt faſt eben ſo ſchnell, als ſie eintraf, in dem ungeheueren Rumpf des Bootes durch die Hülfe einiger 30 Feuerleute und Matroſen verſchwand. Eine Menge kleiner Kähne ſchaukelten und glitten dabei zwiſchen den Dampfboo⸗ ten herum, und hielten ſich beſonders in der Nähe derer auf, die faſt gerüſtet zum Auslaufen waren, um die Früchte die ſie trugen, und die maleriſch in der Mitte der kleinen Boote aufgeſtapelt waren, an die *) Levée— eigentlich der aufgeworfene Damm, der New⸗ Orleaus vor den Ueberſchwemmungen des Miſſiſſippi ſchützt, dann auch der ganze Platz der Dampfboot⸗Landung ſo genannt, der am Abend von der vornehmen Welt zum Spaziergang benutzt wird. *8) Zweirädrige und durch die ganze Union gebräuchliche Gü⸗ terkarren. 3 Reiſenden theils zum Verzehren, theils zum Mitneh⸗ men in ein nördlicheres Klima zu verkaufen. Einen lieblichen Anblick gewährten dieſe kleinen, buntbemalten Kähne, von einem ſonngebräunten Spa⸗ nier, mit großem breiträndigen Strohhut und ſchwar⸗ zem Backenbart, gerudert, zu deſſen Füßen in maleri⸗ ſcher Unordnung Ananas, Apfelſinen, Feigen, Gra⸗ natäpfel, Bananen, Cocosnüſſe ꝛc. aufgeſchichtet lagen, auf denen gewöhnlich ein Papagei umherſtieg und mit lautem Rufen die Reiſenden einzuladen ſchien die ſaftigen Früchte zu kaufen, während im Stern des kleinen Bootes, an einer dünnen Kette befeſtigt, ein Affe ſich in poſſierlichen Verdrehungen ſchaukelte und gegen die Paſſagiere der verſchiedenen Boote, an de⸗ nen ſein Herr vorbeifuhr, und die ihn, um ihn zu necken, mit Fruchtſchalen und Kernen warfen, die Zähne fletſchte. 8 Zum zweiten Male hatte jetzt die Glocke geläutet, und von mehren Seiten ſtürzten in vollem Laufen Paſſagiere dem Boote zu, um es noch vor der, wie ſie glaubten, augenblicklich erfolgenden Abfahrt zu errei⸗ chen. Viele derſelben trugen wirklich ſchwere Laſten und keuchten unter dieſen, faſt mit Aufopferung ihrer letzten Kräfte, heran, wobei Einer ſogar noch ſein Schnupf⸗ tuch ſchwenkte, um ja vom Boote aus bemerkt zu werden. . 1* 4 * 4 Der Capitän wandte ſich und lächelte. Immer noch kamen beladene Karren, dem Boote neue Fracht zuzuführen, und noch nicht zwei Dritt⸗ theile des Raumes waren gefüllt; aber der Rauch ſtieg dicker und ſchwärzer aus den Schornſteinen, und das mußte ja das ſicherſte Zeichen der baldigen Abfahrt ſein. Drei Boote hatten indeſſen ſchon nach einander die Levée, ebenfalls nach St. Louis beſtimmt, verlaſ⸗ ſen, der Oceanie aber war als ein ſchnelles Fahrzeug bekannt, und viele der Paſſagiere zogen vor vielleicht, wie ſie glaubten, eine halbe Stunde zu warteu, als mit den anderen abzufahren, die ſie doch in kurzer Zeit einzuholen hofften. Jetzt läutete die dritte Glocke, laut und lange, faſt ſtets das ſichere Zeichen der Abfahrt, und wieder ſtrömten von allen Seiten neue Paſſagiere herbei, aber auch neue Güter kamen, und noch immer hielten die Kekten das Boot am Ufer befeſtigt. Capitän, wann fahren Sie ab? fragte da ein Pflanzer von Miſſiſſippi, der eben einen ſeiner Neger noch für irgend etwas in die Stadt geſchickt hatte. Well, Sir,— entgegnete der Gefragte,— ſchwer⸗ lich vor Abend,— Ihre Fracht iſt auch noch nicht angelangt. ³ Gut, gut, ſagte dieſer,'s iſt mir einerlei, ich 5 wollte es nur wiſſen; da kann ich alſo noch hinauf nach St. Charles gehn, und dort zu Mittag ſpeiſen? Ja wohl, ja wohl, entgegnete freundlich der Ca⸗ pitän; ſollte das Boot vor Abend abgehn, ſo ſchicke ich einen meiner Leute hinauf. Der Pflanzer begab ſich langſam ans Ufer und wanderte gemächlich dem Hotel zu. Kaum hatte er den Capitän verlaſſen, als ein ar⸗ mer Auswanderer, ein Deutſcher, der ſich mit ſeiner Familie im Zwiſchendeck befand, zu dieſem trat, und ängſtlich, in ſehr gebrochenem Engliſch anfragte, ob er wohl noch einmal, wenn er ſich recht eile, ans Land laufen könne, um einige für ſeine Familie unum⸗ gänglich nöthige Sachen einzukaufen, da er heut Mor⸗ gen die Glocke des Bootes habe läuten hören, und aus Furcht die Abfahrt zu verſäumen, in aller nur möglichen Eile hergerannt ſei!—. Gut, gut, entgegnete, ermüdet über die lange Rede, der Capitän, indem er ſich wegwandte— aber eilt Euch, in einer halben Stunde geht das Boot ab, und auf Euch kann ich nicht warten. Mit Windeseile flog der Mann in die Stadt, jagte von einem Platze zum andern, gab für Alles den verlangten Preis, nur um die nöthigſten Lebensmittel für ſich und ſeine Familie zu erhalten, und kehrte, 1 6 zum Tode matt, gerade nach Ablauf der halben Stunde zum Boot zurück, das er noch in demſelben Zuſtand der Ruhe fand wie er es verlaſſen hatte. Der Nachmittag kam ſo heran, und eben hatte das letzte Boot, das noch außer dem Occanic nach St. Louis fuhr, den Landungsplatz verlaſſen, mit dem jetzt wohl viele der Paſſagiere unbedingt gegangen wären, hätten ſie nicht alle ihr Paſſagiergut und Ge⸗ päck ſchon auf dieſem gehabt. So aber waren ſie ge⸗ zwungen zu bleiben, und der erſte mate oder Steuer⸗ mann erklärte jetzt Allen die ihn fragten, wann das Boot wirklich abginge, daß der Capitän am Ufer wäre, die Abfahrt jedoch ſchwerlich vor morgen früh ſtattfinden würde. Viele Paſſagiere fluchten und ſchimpften, den meiſten aber ſchien es gleichgültig, ſo ſie nur beſtimmt wußten, daß ſie noch eine Nacht bei New⸗Orleans liegen bleiben würden. Die Hitze war drückend, und wen nicht Geſchäfte dazu zwangen auszugehen, hielt ſich in der Kühle der Häuſer; die aber, welche die abgehende oder ankom⸗ mende Fracht beförderten oder empfingen, ſchlender⸗ ten mit aufgeſpannten Regenſchirmen, die glühenden Sonnenſtrahlen von ſich abzuwenden, langſam an der Levée umher. Unter den vielen, am Ufer aufgeſchichteten Waa-⸗ ren, welche die Wharfts bedeckten, befanden ſich auch Hunderte von Kaffeeſäcken, die in verſchiedenen Ab⸗ theilungen aufgehäuft, für eben ſo viele verſchiedene Boote meiſtens nach Cincinnati, St. Louis und Pittsburg beſtimmt waren. Um dieſe herum nun wa⸗ ren eine Maſſe Frauen und Mädchen, wie es ſchien emſig beſchäftigt, die etwa hie und da herausgefalle⸗ nen Kaffeebohnen aufzuleſen und in ihre kleinen Hand⸗ körbe zu werfen; in der That aber hatte die Mehrzahl derſelben kleine, ſcharfe Meſſerchen in der Hand ver⸗ borgen, und ſtach und ſchnitt, wenn ſie ſich unbemerkt glaubte, in die Säcke hinein, und füllte ihre Körbe! — Es waren faſt lauter Deutſche und Irländer. Die Leute auf den Booten aber, für die der Kaffee beſtimmt war, kannten ſchon die Schliche dieſes Ge⸗ ſindels, und fuhren dann und wann mit Peitſchen unter ſie, um ſie auseinander zu treiben; immer aber wieder, wenn auch zehnmal verſcheucht, kehrten ſie wie die Aasgeier auf ihren Raub zurück und um⸗ ſchwärmten die verwundeten Kaffeeſäcke. God damn the Dutch,*) rief da der mate des Occanic, als er wohl nach dem ſechſten fruchtloſen **) Gott verdamme die Deutſchen. Verſuch, die Weiber abzuhalten den Kaffeeſäcken ernſtlichen Schaden zuzufügen, in Schweiß gebadet S und erſchöpft an Bord zurückkehrte; Gott verdamme ſte. Ich möchte wiſſen, warum er die Deutſchen, V* Irländer und Mosquitos erſchaffen hat?— Sie ſind nur zur Plage da! Und iſt es nicht uns, die wir all Eure Arbeit thun, bei Jäſus? fragte ein Irländer in ſeinem brei⸗ ten Dialekt vom anderen Boot herüber— ſag', honey? ſind's nicht die Irish und Dutch, die Eure Straßen und Canäle graben, die Euer Land bebauen und Eure Häuſer aufrichten? Nun, Sirrah? was habt Ihr dagegen zu ſagen? Geh an Deine Arbeit, Pat! und„be damned to you,“ rief der mate vom daneben liegenden Boot und unterbrach ſo die kaum begonnene Unterhaltung, was haſt Du hier zu ſtehn und zu raiſonniren? Leb⸗ haft! lebhaft! boys, ſchafft die Sachen herein! Die Sonne neigte ſich au Untergang und reges Leben kam auf einmal in die, bis dahin faſt todten Straßen. Aus allen Gaſſen ſtrömten in bunten Gruppen Spaziergänger heraus, die den kühlen Abend auf der Levée genießen wollten; die Eis⸗ und Sherbetbuden füllten ſich mit Beſuchenden; Schaaren von farbigen, wunderhübſchen Blumenmädchen durch⸗ —— —— /) —* 9 zogen die Gruppen der Luſtwandelnden, oder ſtellten und ſetzten ſich an die Ein⸗ und Ausgänge der Wirthshäuſer, und die ganze Stadt ſchien plötzlich wie aus einem ſchweren, betäubenden Traume er⸗ wacht zu ſein. Auf dem Boote ſelbſt aber war es, als ob die Ruhe, welche die Stadt verlaſſen hatte, hier einge⸗ kehrt ſei. Nachdem das Deck gereinigt worden, wan⸗ derten die Matroſen und Feuerleute ans Ufer, und die Wache des Bootes ſchritt langſam und bedächtig auf dem Vordertheil deſſelben umher, emſig damit beſchäftigt die ſte wüthend und ſingend umſchwärmen⸗ den Mosquitos von ſich abzuwehren. Nach und nach lagerte ſich dieſe Stille auch über die Stadt; die Lichter erloſchen, die Kaffeehäuſer und Hotels wurden geſchloſſen und nur auf dem unteren Markte, dicht an der Levée, ſchimmerten noch die Lampen der Kaffee⸗ und Chocoladenſtände, die von jungen, hübſchen Mädchen— ebenfalls faſt lauter Deutſchen— bedient wurden, welche dort die ganze Nacht heißen Kaffee, Thee und heiße Chocolade, manche auch ſogar eiſiges Sodawaſſer feilhielten, und mit ihren blankgeſcheuerten, weit durch die dunkele Nacht glänzenden Kaffeemaſchinen, den ſauber mit weißen Tiſchtüchern belegten Ständen, den Back⸗ 10 werk beladenen Tellern, wie mit ihren freundlichen, lieben Geſichtern, gar angenehm gegen die ſie umge⸗ bende Ruhe und Finſterniß abſtachen. Weithin in den ſtillen Straßen antworteten die Wachen ſich auf ihre Zeichen— das Niederſtoßen des ſchweren Hickoryſtockes den ſie tragen, auf das Pflaſter— und Gruppen von Schwärmenden, oder einzelne Wanderer, halten an den Ständen, trinken ihre Taſſe Kaffee oder Thee, bezahlen ihren„Pica- vyune“— etwa 2 gute Groſchen— und ziehen lachend und erzählend zu einer anderen Straße, oder aauf einen anderen Markt, um die drückende Schwüle der Nachtluft im Freien zuzubringen, und ſich gegen Morgen erſchöpft aufs Lager zu werfen, ein Paar Stunden zu ſchlafen. Um 12 Uhr etwa kam eine Schaar Matroſen ziemlich berauſcht auf den unteren Markt, trank ihren Kaffee und lachte und ſange Höre, Tom, ſagte da der eine von ihnen endlich zu dem, der am luſtigſten und ausgelaſſenſten ſchien, mach' nicht ſolch einen Höllenlärm, oder Du kannſt die Nacht in der Calebouſe zubringen. Verdamm Deine Calebouſe, entgegnete der alſo Gewarnte, ich bin ein„Weißer“, kein verdammter Neger, und ich möchte den Mann ſehen der mich in —— 11 die Calebouſe ſtecken wollte! Hier, Mädchen, iſt Dein Geld, wandte er ſich an die Kleine, die ängſtlich ihre Taſſen zuſammenpackte, aus Furcht, einen Theil der⸗ ſelben zerbrochen zu ſehn— hier— eins, zwei, drei, vier, fünf, ſechs, ſieben Taſſen, ſo— hier iſt ein halber Dollar— biſt Du zufrieden? Sie bekommen einen Picayune heraus, entgeg⸗ nete ſchüchtern das Mädchen. Verdamm Deinen Picayune, ich will einen Kuß — na komm, ſei kein Närrchen! Laßt mich gehn, oder ich rufe die Wache. Ruf' ſie und ſei verdammt, meinen Kuß will ich doch. Er verſuchte ſie, trotz dem Zureden ſeiner Kame⸗ raden zu faſſen, aber kaum hatte das Mädchen einen lauten Hülferuf ausgeſtoßen, als ſchon Einer der Wächter, in einen groben braunen Rock eingeknöpft, mit einem helmartigen Glanzhut auf dem Kopf, an dem nach Matroſenart ein breiter, hinten weit über den Nacken hinüberreichender Rand hinlief, und vorn eine mit gelber Oelfarbe gemalte Nummer ſtand, her⸗ zuſprang, den Ruheſtörer zurückſtieß, und Frieden gebot., Vergebens verſuchten jetzt die mehr nüchternen Matroſen ihren Kameraden mit fortzuziehn, er fluchte 12 und wetterte gegen den Wächter, und verſuchte einem der Beiſtehenden einen Stock zu entreißen, um jenen niederzuſchlagen. Rrrrrrrr— ſchallte da die Schnarre, der Hülfe⸗ ruf der Wachthabenden durch die ſtille Nacht, und der „watchman“ ſprang auf den Betrunkenen zu, faßte ihn mit der linken Hand und rief: Ihr ſeid mein Ge⸗ fangener. Die Anderen zogen ſich ſcheu zurück, und waren alle in demſelben Augenblick von 10 bis 15 kräftigen und gut bewaffneten Wächtern umgeben. Der Betrunkene ergab ſich in ſein Schickſal und wurde abgeführt, während ſich die Anderen theils zerſtreuten, theils an die benachbarten Stände gingen und noch eine Taſſe Kaffee tranken oder ein Stück Kuchen aßen. Jetzt tauchten die erſten Schimmer des herannahen⸗ den Morgens im Oſten auf, und der Oceanic begann reges Leben zu zeigen! 4 Der Wächter des Bootes weckte die Feuerleute und Matroſen und während die Erſteren wieder wie geſtern ein Feuer unter den Keſſeln anmachten, wuſchen und ſcheuerten die Letzteren die verſchiedenen Decke des ganzen Bootes, daß es mit den erſten Strahlen der Morgenſonne ſchimmerte und glänzte. Das Frühſtück war verzehrt, und wieder kamen 13 noch einzelne Karren mit Frachtgütern oder Koffern und Hutſchachteln beladen, wie Paſſagiere, die hin⸗ auf nach St. Louis oder den dazwiſchenliegenden Landungsplätzen wollten; die Fruchtkähne glitten wieder wie geſtern mit leichten Ruderſchlägen zwiſchen den Booten umher, und wieder klang der Schall der großen Bootsglocke durch all das geräuſchvolle Trei⸗ ben der gewaltigen Hafenſtadt. Kleine Jungen mit Zeitungen, größere mit Früch⸗ ten, andere mit Körben voll Büchern, Novellen und Erzählungen, die Zeit auf der Reiſe zu vertreiben, junge Neger⸗ und Mulattenmädchen, die farbigen Tücher maleriſch und kokett um den wolligen Kopf geſchlungen, mit großen zinnernen Kannen, in denen ſie Süße⸗ und Butter⸗Milch zum Verkauf umhertrugen, drängten ſich über die ſchmalen Planken, die das Dampfboot mit dem Ufer verbanden, hin und her, und verſuchten ihre verſchiedenartigen Waaren an den Mann zu bringen. Zwei der Milchmädchen, eine Mulattin und eine Negerin, beide höchſtens 18 Jahr, und ſchön und ſchlank gewachſen, hatten auf dem Boot, ihres Milch⸗ verkaufes wegen, einen Wortwechſel begonnen und fuhren damit am Ufer fort. Ein Wort gab das andere, und die Mulattin ſetzte endlich,„des langen 14 Haderns müde“, ihr Milchgefäß auf die Erde, ſtreifte die Aermel in die Höh' und forderte, ſich in eine kunſtgerechte Borerſtellung bringend, ihre Gegnerin heraus.— Im Nu ſtrömten von den benachbarten Booten Matroſen und Feuerleute herbei, und bildeten einen großen Kreis uͤm die beiden Mädchen, die jetzt ernſtliche Anſtalt machlen den Kampf zu beginnen, während es'nicht an Auͤfmunterung der Umſtehenden fehlte ſie ſowohl anzureizen, als ihrem Muth und ihrer Ehrliebe zu ſchmeicheln. Die Negerin hatte ebenfalls fihre Aermek aufge⸗ ſtreift, und den erſten Angriff der Gelben muthig und glücklich zurückgeſchlagen. Das iſt recht, Mary, rief es von der einen Seite, irgend einen Namen auf das Gerathewohl errathend, das iſt recht, laß es ſie haben, drauf, drauf! wäh⸗ rend von der anderen eben ſolche ermuthigende Aus⸗ rufe als: in die Augen, Jinny, in die Augen! das war ein braver Stoß; noch einen— ſo— noch einen — auch dem zweiten Armeecorps der Amazonen Muth zuſprach! Ein Mann drängte ſich jetzt durch den Menſchen⸗ knäul, und die Mulattin am Arm faſſend, wollte er ſie hinweg ziehn. Laß ſie los, laß ſie los, ſchrien fünf Stimmen ¹ 15 zu gleicher Zeit— gleichen Kampf— gleichen Kampf — laß ſie es ausfechten! Sie iſt meine Sklavin, ſagte der Neuangekom⸗ mene entrüſtet, immer noch ſich bemühend, die bei⸗ den Mädchen auseinander zu reißen. Verdamm Euch und Eure Sklavin, rief ein rie⸗ ſenhafter Matroſe aus, ihn zurückſchleudernd, daß er das Mädchen loslaſſen mußte— geht zur Hölle, aber laßt die hier ihren Streit ausfechten. Ja! laßt ſie's ausfechten, ſchrie der ganze Haufe, und der Eigenthümer der Sklavin mußte, wollte er ſich nicht ſelbſt Thätlichkeiten ausſetzen, ſeine Sklavin ihrem Schickſale überlaſſen. Die beiden Kämpfenden hatten jetzt übrigens den Fauſtkampf aufgegeben, und ſich einander im krauſen Wollhaar und bei den Kleidern gefaßt, daß dieſe in Fetzen umherhingen; da erſah die Negerin ihren Vortheil, erfaßte die Mulattin mit beiden Händen am Hals und ſchlug dieſelbe mit ſolcher Gewalt mit ihrer eigenen Stirn an die Schläfe, daß ſie bewußt⸗ los zuſammenbrach. Look at the nigger, ſchrie da der wogende Hau⸗ fen jubelnd und jauchzend— brav gemacht, Kleine; Du biſt ein Mord⸗ Schläger; Dein Mann kann ſich gratuliren ꝛc. ꝛc.— ſcholl es von allen Seiten, und willig machte die Maſſe dem jungen Mädchen, dem die dünnen Kleider in Stücken von den entblößten Schultern hingen, Platz, um ſich nach Hauſe zu begeben und ihre Stockſchläge von der Herrin für das Zerreißen von Sachen, die eben ſo gut wie ſie ſelbſt ihrer Miſtreß Eigenthum waren, in Empfang zu nehmen, während der Herr der Mulattin dieſe auf⸗ hob, ſie auf einen der leer dortſtehenden Güterkarren warf, und dem Führer befahl, ſte nach einem beſtimm⸗ ten Platze, den er ihm nannte, hinzufahren. In zwei Minuten hatte ſich die ganze Menſchenmaſſe ver⸗ laufen, und Keiner gedachte mehr des Vorfalls. Nun ſchien aber auch der Oceanic ernſtliche An⸗ ſtalten zum Abfahren machen zu wollen, und nicht allein die Schornſteine qualmten von dickem Rauch, ſondern auch aus der„cape pipe““, der Abzugsröhre des Dampfes— ſchoß in langen Zwiſchenräumen der wweiße Dampf kräuſelnd in die klare Morgenluft hinauf. Die Glocke hatte ſchon zum zweiten Mal an dieſem Morgen geläutet, die Ketten waren eingezogen und das Boot hing nur noch an zwei dünnen Tauen; dabei arbeiteten die Räder langſam gegen den Strom, und der mate ſandte zwei Matroſen hinaus, an den im Ufer befeſtigten, eiſernen Ringen zu ſtehn, und aauf das gegebene Zeichen die Taue loszubinden. 8 8½ 17 Jetzt läutete in ſchnellen, ſchallenden Schlägen die Glocke zum letzten Mal; Alle die ſich noch, um Abſchied von Reiſenden zu nehmen, auf dem Boote befanden, ſprangen in wilder Eile zu der einzigen Planke, um auf dieſer ans Ufer zu gelangen und nicht mitgenommen zu werden; Andere, die noch am Ufer waren, eilten aufs Boot; die Taue waren losgebunden, der Pilot ſtand oben am Rad in ſeinem kleinen, mit gewaltigen Glasfenſtern verſehenen Häuschen, die beiden Matroſen liefen auf der Planke ins Boot, und ſich umdrehend halfen ſie dieſelbe mit hereinziehen, und 16 bis 20 Mann bemühten ſich, mit langen Stangen das Boot vom Ufer abzuſchieben, — jetzt war das Vordertheil frei— der Pilot zog die Klingelſchnur— der Ingenieur antwortete durch eine andere Glocke, daß er das Zeichen verſtanden habe— eine zweite Klingel ertönte, und mit lautem Puffen bahnte ſich das gewaltige Fahrzeug, hohe Wellen ſchlagend, ſeinen Weg durch die ſchnell und behende zur Seite gleitenden Fruchtboote, und ſchwebte in wenigen Sekunden frei auf dem mächtigen Strome, mit kräftigen Radſchlägen die Fluthen theilend, daß ſie hoch und ſchäumend am Buge aufſpritzten und die zurückbleibenden Boote auf den, durch die ungeheuren Räder aufgewühlten Wogen ſchaukelten. Gerſtäcker, Miſſiſſippi⸗Bilder. II. 2 18 Aber wer rennt dort in wilder Eile, Mütze und Schnupftuch um den Kopf ſchwenkend, und zur nicht geringen Unterhaltung der Umſtehenden, rufend und ſchreiend, auf der Levée hin, ruft, bis er nicht mehr rufen kann, winkt, bis ihm die Kraft fehlt noch einen Arm zu bewegen, und ſetzt ſich dann, da er ſieht daß ſich das Boot immer weiter entfernt und all ſeine Mühe, Eile und Angſt vergebens war, verzweifelnd und die Hände ringend auf den Schiffsballaſt, der am Ufer aufgeſchichtet liegt? Es iſt ein armer Deutſcher, erſt vor drei Tagen aus dem Vaterlande hier angekommen, der nach Miſſouri hinauf will und deſſen ganze Familie, eine ſchwangere Frau mit drei noch nicht erwachſenen Kindern und ihre altersſchwache Mutter, die ſie nicht allein in der alten Heimath zurücklaſſen wollte, ſich auf dem dort in nebliger Ferne mehr und mehr ver⸗ ſchwindenden Boote befindet.— Viele fragen ihn warum er ſich ſo anſtelle, Viele lachen über ihn, Ei⸗ nige bedauern ihn— er ſelbſt ſitzt, theilnahmlos und ſtarr vor ſich hinſehend, dabei— er verſteht kein Engliſch, alſo auch nicht ihre Fragen, ihren Hohn oder ihr Bedauern, das nur verſteht er, daß er allein, verlaſſen, elend in der fremden Stadt zurückge⸗ blieben iſt, und die, die ihm noch angehören und 19 an denen ſein Herz hängt, vielleicht nie— nie wie— der ſieht. Die Frau des armen Mannes ſieht unterdeſſen kaum den Abgang des Bootes und weiß ihren Mann am Ufer, als ſie, alles Andere vergeſſend, mit flie⸗ genden Haaren vorſtürzt, die Leute zu bitten auf ihren Mann zu warten! Arme Frau, es iſt das erſte Mal daß ſie auf einem amerikaniſchen Dampfboot fährt, und der Glaube daß man da etwas aus Mitleiden thue, mag ihr noch verziehen werden— ſie weiß es nicht beſſer. „Nix verſteh“, iſt die Antwort, die ſie auf ihr Flehen empfängt, mit vielleicht noch einen Fluch als Zugabe, da ſie im Einnehmen des Taues im Wege ſteht; ein deutſcher Matroſe hört endlich ihr Jammern, und läuft zum mate, ihm die Lage der Armen vor⸗ zuſtellen. Geh zum Capitän! Gott verdamm es, ich habe mehr zu thun; warum iſt der deutſche Narr nicht an Bord, iſt die Antwort, die er empfängt. Er läuft zum Capitän und erzählt ihm in wenigen Worten die Geſchichte. Zu ſpät, zu ſpät, ſagte dieſer, die Achſeln zuckend — der Mann hat Zeit genug gehabt an Bord zu kommen. 2* 20 Aber, Capitän, ſeine Frau und Kinder ſind allein auf dem Boot und können nicht engliſch ſprechen, haben auch keinen Beſchützer. Bös! bös! aber ich kann ihnen nicht helfen, ich kann nicht noch einmal umkehren und zwei Meilen zurückfahren einen Zwiſchendeckspaſſagier, der die Zeit verſäumt hat, aufzunehmen. Das Boot ſchießt mit ungeheuerer Schnelle durch die Fluthen, und der Matroſe weiß wohl daß jetzt alles Reden vergebens iſt; er geht zur Frau⸗ hinunter, und verſucht ihr mit trauriger Miene Troſt einzu⸗ ſprechen, dieſe aber läuft heulend und wehklagend zu ihren Kindern zurück, und bejammert den Verluſt ihres Mannes!— 4 Zweckmäßig wäre es vielleicht hier, eine kurze Beſchreibung amerikaniſcher Dampfboote zu geben, da ſich dieſe faſt in jeder Hinſicht weſentlich von den unſrigen unterſcheiden, und die innere Einrichtung derſelben auch wohl wenigen unſerer Leſer bekannt 4 ſein möchte.— 5 Der Amerikaner will bei allen ſeinen Arbeiten und Unternehmungen nur in möglichſter Kürze und Schnelle die größtmögliche Summe verdienen, und richtet, von dieſem Grundſatz ausgehend, Alles da⸗ nach ein. Der Bau der Dampfbote beweiſt dies ebenfalls. 21 Um den Rumpf des Bootes einzig und allein zur Verpackung von Waaren verwenden zu können, und doch nicht den Raum, wo er eine große Anzahl Paſſagiere unterbringen könnte, zu verlieren, bringt er ſeine Maſchine auf das Deck und baut über dieſe hin ein Stockwerk, das für die Bequemlichkeit von Cajütenpaſſagieren und für die Offiziere des Botes beſtimmt iſt.— Den Mitteltheil des Verdecks nimmt die Maſchine ein, wo nach dem Vordertheil oder Buge zu ſich die Keſſel befinden, von denen die kleinſten einen bis zwei, die größeren von drei bis acht führen, die in einer Reihe neben einander liegen. Der Oceanic hatte fünf Keſſel. Sehr häufig findet man auch Boote mit zwei Maſchinen, die entweder jede ein Rad treiben, oder gemeinſchaftlich an einem Rade drehen, das dann hinten am Boot angebracht iſt, und stern wheel heißt— die letzteren ſind aber nie ſehr groß. Hinter der Maſchine, und ungefähr den dritten Theil des Deckes einnehmend, befindet ſich der Raum, der für den Transport von Zwiſchendeckspaſſagieren ein⸗ gerichtet iſt, und den wir, da wir mehre Male zu dieſen hinunterſteigen müſſen, um uns zu orientiren, vorher etwas näher beſchauen wollen. Nach dem Vordertheil oder vielmehr nach dem 22 Inneren des Bootes zu, iſt dieſer Raum offen, an beiden Seiten aber laufen Reihen von Schlafſtellen hin, die von Bretern roh aufgeſchlagen, immer drei übereinander errichtet, und breit genug ſind, im Noth⸗ fall zwei Menſchen zum Lager zu dienen, die einzel⸗ nen ſind von einander durch kurze Querbreter geſchie⸗ den. In der Mitte dieſes Decks nun iſt ein ungeheue⸗ rer Ofen angebracht, der auch zum Kochen benutzt werden kann und muß, da Zwiſchendeckspaſſagiere vom Boote ſelbſt keine Beköſtigung erhalten. Dieſer iſt auch ſtets, wenn viele Paſſagiere am Bord ſind, von Kochenden umlagert, die, beſonders in den Sommermonaten, die Temperatur des Deckes oft zu einer unerträglichen Hitze ſteigern. Dort haben auch die Deckpaſſagiere ihre Koffer und Kiſten und Betten, und können thun und treiben was ſie wollen. Hinten, an beiden Seiten des Steuerruders be⸗ feſtigt, hängt eine Schaluppe oder Jolle, um ſowohl im Nothfall zum Rettungsboot, als auch zum Ein⸗ nehmen und Ausſetzen von Paſſagieren zu dienen.. Auf der Backbord Seite des Bootes— anf der linken vom Steuerruder aus— iſt gewöhnlich die Küche mit daranſtoßender Speiſekammer angebracht, in welcher ſich ein mächtiger Kochofen befindet, um znicht ſelten für 100 und mehr Cajütenpaſſagiere, wie für die Offiziere und Arbeiter des Bootes zu kochen und zu braten. Ueber dieſem Allen nun iſt die Cajüte, zu der an beiden Seiten kleine Treppen hinaufführen. Ein großer, langer Speiſeſaal bildet das Centrum derſelben, an deſſen beiden Seiten kleine Schlafkam⸗ mern mit Glasthüren von dickem gegoſſenem Glas, und jede mit zwei übereinander angebrachten Schlaf— ſtellen, hinlaufen. Nach vorn zu ſind einzelne kleine Räume für den Capitän, die Mates, Piloten, In⸗ genieure und den Buchhalter angebracht, neben denen ſich auf den meiſten Booten noch ein kleiner„bar room““— Schenkſtube— befindet, der auf dem Oceanic beſonders mit aller möglichen Sorgfalt her⸗ ausgeputzt war, indem zwiſchen den feingeſchliffenen Gläſern, mit farbigen Liqueuren gefüllten und mit bunten Vignetten verſehenen Flaſchen, Citronen, Apfelſinen, Ananas und Blumen prangten. In der. Mitte dieſes kleinen geiſtigen Heiligthums— das Ganze war höchſtens 8 Fuß breit und 6 Fuß tief— und recht in die Augen fallend, prangte eine mit weißem Papier beklebte Papptafel unter Glas und Rahm, auf der mit koloſſalen Buchſtaben die Worte No CGredit— die Paſſagiere aller weiteren Fragen über dieſen Gegenſtand enthob. 24 Die„bar“ ſowohl, als auch der Speiſeſaal der Cajüte war mit Guirlanden und Behängen von ver⸗ ſchiedenfarbigen, künſtlich ausgeſchnittenen Papieren geſchmackvoll verziert, die dem doppelten Zweck ent⸗ ſprachen, dem Ganzen ein freundliches Anſehen zu geben, als auch die Fliegen zu verhindern ſich an die Decke ſelbſt zu ſetzen. Sonſt war der Speiſeſaal nur noch mit Kupfer⸗ ſtichen aus Napoleons Kriegen, und einigen Abbil⸗ dungen von vorzüglichen Dampfbooten— worunter auch natürlich die des Oceanic— geziert. Unmittelbar hinter dieſem, und nur von ihm durch eine ſehr große, mit rothen Gardinen ver⸗ hangene Glasthür getrennt, war die„ladies Cabin“; der Einrichtung des Speiſeſaals ziemlich ähnlich, mit den Schlafſtellen an beiden Seiten, dieſe aber mit geſchmackvollen Draperien verhangen, und auch über⸗ haupt das Innere durch Kupferſtiche und Gemälde auf das Zierlichſte ausgeſchmückt, wobei noch einige große Schaukelſtühle, zur Bequemlichkeit der Damen hineingeſetzt, das Ganze vollendeten. Ein kleines Schild über dieſer aber, mit den verhängnißvollen Worten„„no admittance“ verſagte den Herren jeden Zutritt, ausgenommen ſie erhielten dazu von den Damen ſpecielle Erlaubniß. Die Decke, die über dieſe Cajüten hinläuft, iſt in der Mitte, der ganzen Länge nach, wie mit einer Kapſel verſehn, die, an der Seite aus Glasfenſtern beſtehend, das Tageslicht,überall herein läßt, und zugleich auch wieder den Boden des dritten oder ſoge— nannten„Hurricanedecks“ bildet, das mit einer groben Art Sand-Tapete belegt— damit es nicht durch die ſtets darauf herunterfallenden Funken der Schornſteine Feuer fängt— bei ſchönem Wetter den Zwiſchendeckspaſſagieren zum Sammelplatz dient, da dieſe ſich in und vor der erſten Cajüte nicht aufhalten dürfen. Auf dieſem nun und zwar vorn, faſt zwiſchen den beiden ungeheuren, eiſernen Schornſteinen, ſteht das kleine Häuschen des Piloten oder Lootſen, das rings umher mit Glasfenſtern verſehen, den am Rad Stehenden vor der rauhen Witterung zu ſchützen, dieſem zugleich die Ausſicht nach jeder Richtung hin frei läßt, und ihm erlaubt vor dem Boot jede drohende „rift““*) oder jeden gefährlichen„snag“) augen⸗ .**) Von den Ufern losgeriſſene und zuſammengeſchwemmte Stämme, die auf der Oberfläche des Fluſſes ſchwimmen. mer) Die Baumſtämme, die auf dem Grunde feſtſitzen, und nur vielleicht wenige Zoll über dem Waſſer herausragen, oft ganz unter demſelben verborgen ſind, und ſchon manches Boot, das an ſie anrannte, in Grund gebohrt haben. 26 blicklich zu bemerken und zu vermeiden. Taue laufen von dieſem Häuschen aus, gerade hinunter in das untere Deck und an der Decke deſſelben, durch höl⸗ zerne Klammern gehalten, zurück, bis zum Steuer⸗ ruder. Dieſe Taue haben einer jetzigen Verordnung nach— wenigſtens auf den meiſten Booten— Drahtſeilen Platz gemacht, da das Fahrzeug bei Feuersgefahr, indem die gewöhnlichen Seile ſogleich durchbrannten, nicht mehr regiert werden konnte, was wenigſtens durch dieſe vermieden wird.— Wir haben uns jetzt ziemlich genau das Boot be⸗ ſehen, und wollen nun in die Cajüte hinaufgehen, um dort unſere Mitpaſſagiere ein wenig in Augen⸗ ſchein zu nehmen. Ddie Zahl der männlichen Paſſagiere mochte ſich wohl auf 20 belaufen, und der größte Theil derſelben hatte ſich auf dem Vordertheil des Cajütendecks, das weit und offen der kühlen Flußluft freien Durchzug gewährte, verſammelt, die vorbeifliegende Landſchaft, die wunderlieblichen Plantagen zu bewundern. Der Pflanzer von Miſſiſſippi übrigens, der wegen des Verkaufs ſeiner Baumwolle in New⸗Orleans ge⸗ weſen war, ſaß, unbekümmert um all die Schönhei⸗ ten, die er ſchon wer weiß wie oft geſehen hatte, mit über das Geländer welches das Deck umgab geſtreck⸗ ten Beinen und las den„brother Jonathan““. Neben ihm, ſeine Füße ebenfalls auf dem Geländer, die Hände aber behaglich über dem runden Bauche gefal⸗ tet und mit zufriedenem Lächeln die vorbeifliegenden Baumwollen⸗ und Zuckerfelder betrachtend, ſaß ein kleiner wohlbeleibter Mann, der ebenfalls eine Plan⸗ tage am Atchafalaya in Louiſiana hatte, aber jetzt nach St. Louis hinauf wollte, um dort eine Erbſchaftsan⸗ gelegenheit in Ordnung zu bringen. Er unterhielt ſich mit einem jungen ſchlanken Mann, in einem einfachen braunen Ueberrock, der an einem der Stützpfeiler lehnte und mehremal über des Kleinen trockene Späße lä⸗ chelte, ſonſt aber etwas ſchwermüthig Finſteres im Blick hatte, das auch die Unterhaltung des Nachbars wohl auf Augenblicke verdrängen, aber nicht bannen konnte. Es war ein Virginier, und ſein freier, ehrlicher Blick, ſeine hohe, von dunkelem Haar beſchattete Stirn und die ſcharfgezeichneten Braunen, die ſich kühn über dem dunkelen Auge wölbten, ſtachen grell gegen das bleiche Geſicht und die niedergeſchlagenen Blicke ſeines Nachbars zur Rechten, eines ſchlanken, ſchmächtigen Mannes, ab, deſſen Züge tiefes, ernſtes Nachſinnen verriethen, während er, an den Nägeln nagend, die ſchöne Landſchaft vor ſich wenig zu beach⸗ 28 ten ſchien, und nur dann und wann den Blick vom Boden hob, ihn ſcheu über ſeine Umgebung gleiten zu laſſen. Nein, hol's der Teufel, Sir!— wie iſt überhaupt Ihr Name? wandte ſich der Kleine wieder an den Vir⸗ ginier, nach einem ſeiner gewöhnlichen Späße— ich ſelbſt heiße Simmons, und Sie? Gray, antwortete der junge Mann im braunen Rock, ſich, noch immer lächelnd, leicht verbeugend. Alſo Mr. Gray, fuhr Simmons fort, Sie mögen dagegen einwenden was Sie wollen, aber man kann den verdammten Irländern, trotz all' ihren Mißgriffen und dem Unſinn den ſie treiben, nicht bös werden. Aber, Mr. Simmons, erwiederte Gray, in der Hinſicht widerſpreche ich ihnen ganz und gar nicht; ich habe nie mehr Humor, nie mehr geſunden Ver⸗ ſtand, ja ſelbſt ſcharfen, treffenden Witz gefunden, als gerade bei den Irländern. Hören Sie nur, wie mir's vorgeſtern Abend in New⸗Orleans ging, ſagte Simmons. Ich war in ei⸗ ner Geſellſchaft und wir hatten ein wenig viel unter⸗ einander hineingetrunken, beſonders mochte mir wohl der füße Ananaspunſch nicht ſo recht bekommen ſein, kurz ich nahm meinen Hut und ging hinunter auf die Straße, um mich etwas abzukühlen.— Gut— die 4 4 † 29 friſche Luft war mir zuträglich und ich fühlte mich, nachdem ich ein Paar Straßen auf⸗ und niedergegan⸗ gen war, wieder ganz wohl. Ich wollte jetzt in meine Geſellſchaft zurückkehren, aber, hol's der Teufel, die Straßen ſehen ſich einander ſo ähnlich, daß ich das Haus wo die Geſellſchaft war, nicht wieder finden konnte. Der ſchändliche, franzöſiſche Namen war mir auch entfallen, und ich beſchloß nun, da es doch Mit⸗ ternacht vorbei ſein mußte, nach meinem Hotel, St. Charles, zurückzukehren. Weil ich aber auch zu dieſem den Weg nicht ſo ganz genau kannte,— denn ich war faſt draußen in der dritten Municipalität,— ging ich zum erſten beſten„Watchman“ und bot ihm einen Dol⸗ lar, wenn er mich nach St. Charles bringen wollte. Jist come along, hony, ſagte der mit ſolcher Bro⸗ gue, daß ich den Irländer unmöglich verkennen konnte; ich ſchlenderte alſo ruhig neben ihm her, bis er plötz⸗ lich vor einem kleinen Häuschen mit grünen Jalouſten hielt und mich bedeutete einzutreten. Aber, lieber Freund, ſagte ich ihm, das iſt nicht das Haus wo ich wohne, ich will ja nach dem St. Charles Hotel. Und ſeid Ihr es, der zu ſagen hat wo er hingehn will? frug mich da mit lauter Stimme mein bisheri⸗ ger Führer— iſt dies nicht das Wachthaus und hat Euch nicht meiner Mutter Sohn hierher gebracht? 30 Aber zum Donnerwetter, was habe ich den verbro⸗ chen, daß ich auf die Wache und die Nacht in der Calebouſe zubringen ſoll, entgegnete ich ihm halb ärgerlich, halb lachend. KArrah, ochone, rief aber jetzt wie im höchſten Grade über meine Frechheit erſtaunt, der Burſche aus. Nichts verbrochen? Habt Ihr mich nicht beſtechen wollen, Sirrah? Das war zu viel und ich fing an fürchterlich zu lachen; er nahm das aber ſehr übel und ſchob mich, ehe ich mich wieder erholen konnte, in die ſchon geöff⸗ nete Thür, wo ich augenblicklich von ein Paar Ande⸗ ren in Empfang genommen und weiter gegeben wer⸗ den ſollte.. Ich begann jetzt ernſtlich zu proteſtiren, um dem Wachthabenden die Sache auseinanderzuſetzen; zu meinem Unglück aber wurde eben eine ganze Geſell⸗ ſchaft von Trunkenbolden lärmend und ſchreiend ein⸗ geliefert. Ich habe keine Zeit jeden Spektakelmacher eine Stunde lang anzuhören, unterbrach mich dieſer kurz, fort mit ihm,— und in wenigen Minuten ſaß ich auf der harten Pritſche hinter eiſernen Gitterthüren in der liebenswürdigſten Geſellſchaft von Spitzbuben, Be⸗ trunkenen und liederlichem Pack, feſt verwahrt. 31 Und Sie brachten die ganze Nacht in der Cale⸗ bouſe zu? fragte ihn lächelnd der Virginier. Glauben Sie, die Kerle hätten mich vor neun Uhr am nächſten Morgen wieder herausgelaſſen? Der „Recorder“ aber wollte ſich todtlachen, als ich vorge⸗ führt wurde und dem Schaaf von Watchman gegen⸗ über meine Geſchichte erzählte. Ich mußte übrigens ſelbſt mit lachen und konnte nicht böſe darüber ſein; es war zu komiſch. Können Sie mir vielleicht ſagen, mein Herr, wandte ſich jetzt ein ſehr gentil gekleideter Mann an Simmons, der ihm freundlich ins Geſicht ſchaute— ob viel Wild in dieſer Gegend iſt? Sie ſcheinen hier bekannt zu ſein und ich komme eigentlich nur der Jagd wegen von New⸗York. Mir liegt beſonders daran einen Platz zu erfragen, wo es recht viel zu ſchießen gibt. Ja, mein lieber Herr, entgegnete achſelzuckend der Gefragte, damit ſieht's traurig hier unten aus; ſelten iſt's daß wir einmal einem Hirſch begegnen, und die Bären ſind faſt ganz ausgeſtorben. Aber Truthühner gibt es doch in Menge fragte der Fremde. Nicht hier unten wo der Fluß über die Ufer tritt; drüben in den Hügeln vielleicht hie und da ein Volk — ſie ſind jedoch auch ſelten. 3 . 3² Aber du lieber Gott, rief der New⸗Yorker beſtürzt aus, da habe ich ja in den Neu⸗England⸗Staaten ganz andere Berichte von der hieſigen Jagd gehört; da ſollten ja die Sümpfe hier von wilden Beſtien und Hirſchen und Truthähnen wimmeln und die Büffel am Miſſiſſippi ſtehen und ſaufen, wenn die Dampfboote vorbeiführen. Na paßt nur recht auf, rief Simmons lachend, da könnt Ihr ganz bequeme Jagd machen; es gehören aber ſcharfe Augen dazu, die Büffel am Ufer des Miſ⸗ ſiſſippi zu erkennen. Iſt denn die Jagd in Miſſouri beſſer? fragte ſehr kleinmüthig der New⸗Yorker weiter, ich hätte nicht übel Luſt eine Partie nach den Felſengebirgen mitzumachen. Da ſind Sie für dieſes Jahr auf jeden Fall zu ſpät gekommen, entgegnete der Virginier, denn wenn ich nicht irre, ſo gehen beide nach den Rocky mountains beſtimmte Geſellſchaften, die eine von Fort Smith in Arkanſas, die andere von„Independence in Miſſouri“ am erſten Mai ab. Steht bei dem Boot, rief der Capitän oben vom Hurricane⸗Deck herunter. Der Oceanic näherte ſich dem rechten Ufer, um von einer Plantage einige Paſſagiere aufzunehmen. Die kleine Schaluppe, von zwei kräftigen Matroſen 33 gerudert, tanzte in ungeheurer Schnelle über das, von den Rädern aufgeregte Waſſer hin, und landete in wenigen Minuten an einer Stelle, wo mehre Herren und Damen mit Tücherſchwenken das Boot erſt her⸗ beigerufen hatten und nun auf die Schaluppe war⸗ teten. Einige Neger brachten aus dem nahebeiſtehenden prachtvollen Wohngebäude Koffer und Hutſchachteln heraus, die Jolle landete, ein Herr und zwei Damen ſtiegen ein, das Gepäck wurde ſchnell nachgegeben und in wenigen Minuten darauf hielt ſie ſchon am Dampf⸗ boot, deſſen Maſchine ruhte und das eben anfing mit dem Strome wieder zurückzugehn. Go ahead, rief der Capitän, der von oben die An⸗ kunft der Schaluppe beobachtet hatte, dem Steuer⸗ manne zu. Im Nu war dieſe wieder an ihrer gehöri⸗ gen Stelle befeſtigt, das Boot puffte langſam den weißen Dampf in die Höhe, und erſt ſich einen Au⸗ genblick gegen die Strömung ſtemmend, flog es bald darauf mit alter Schnelle an den Ufern hin, während hinter ihm her weiße Tücher und Strohhüte den eben Geſchiedenen ein freundliches Lebewohl nachwinkten, das von der Damencajüte aus grüßend beantwortet wurde. Ein junger Mulatte ging jetzt, eine große Glocke Gerſtäcker, Miſſiſſippi⸗Bilder. II. 3 34 läutend umher, die Paſſagiere darauf aufmerkſam zu machen, daß in wenigen Minuten angerichtet ſein würde.— Die lange Tafel in der Mitte des Speiſe⸗ ſaals war gedeckt, die zweite Klingel ertönte und der Capitän, ein großer, ſchön gewachſener und höchſt einfach aber geſchmackvoll gekleideter Mann, öffnete die Cajüte der Damen und führte dieſe an das obere Ende der Tafel, zu beiden Seiten, während er ſelbſt in ihrer Mitte, den oberſten Platz, vor einem ungeheuren gebratenen Truthahn einnahm, um von hier aus den Tiſch zu überſehen und ſogleich die Wünſche eines jeden Gaſtes befriedigen zu können. Der Buchhalter, um den ſich die Herren gereiht hatten, bekleidete eben dieſe Stelle am unteren Ende, und Mulatten⸗ und Neger⸗Knaben, mit ungeheuren wolligen Friſu⸗ ren und ſchneeweißer Wäſche, warteten auf und reichten die verſchiedenen kleinen Schüſſeln um⸗ her, mit denen die ganze Tafel vollſtändig be⸗ deckt war. Nach amerikaniſcher Sitte ging die Mahlzeit ſchnell und ohne viele Worte vorüber, und gleich nachher wurde, der Sitte der Creolen gemäß, in ſehr kleinen Taſſen ſchwarzer, außerordentlich ſtarker Kaffee umhergereicht. Nach Tiſche ſaßen Simmons und Gray wieder — 35 nebeneinander auf dem„hoiler deck“¹*), und Sim⸗ mons, ſich mit größter Gemüthsruhe ſtreckend und dehnend, behauptete ſo viel gegeſſen zu haben, daß er für dieſen Nachmittag zu Allem untauglich wäre. Dem gumbo, den die Franzoſen hier unten ſo leidenſchaftlich gern eſſen, entgegnete ihm der Virginier, kann ich keinen Geſchmack abgewinnen; dies Schlei⸗ mige, Zähe ſagt nun einmal meinem nördlichen Magen nicht zu und der rothe Pfeffer beſonders, mit dem ſie ihn überladen, genügt allein, einen völlig geſunden Menſchen vor lauter Huſten erſticken zu laſſen. Ja, ja! lachte Simmons, wie ich in dieſe Ge⸗ gend zog, ging mir's gerade ſo und meine Frau durfte mir erſt lange nicht den Miſchmaſch auf den Tiſch bringen; ich habe mich aber jetzt daran gewöhnt, und vertrage den rothen Pfeffer wie Zucker. Hier mag's noch gehn, fiel ein junger Mann ein, der bleich und elend ausſah, und den vergangenen Abend betrunken auf's Boot gekommen war; aber **) Boiler deck wird auf den Dampfbooten der kleine, freie Raum genannt, der ſich vor der Herrencajüte, ganz vorn im erſten Stockwerk, unmittelbar über den boilers oder Keſſeln befindet. Des friſchen Luftzugs wegen iſt er in den heißen Monaten der angenehmſte Platz auf dem ganzen Boot. 3* 36 etwas weiter oben, in Waterlow, wo ich mich ein Jahr lang aufgehalten, hacken ſie alles mögliche Fleiſch hinein, deſſen ſie habhaft werden können; ich habe ſelbſt geſehn, daß ſie Eulen, Habichte und Raben dazu genommen haben. Allerdings eine appetitliche Zuſammenſtellung, meinte Mr. Gray. Nun, Eunlen oder Raben, verſetzte lachend Sim⸗ mons, ich habe ſo viel gegeſſen daß, wenn uns heut mit dieſem Boot etwas Menſchliches begegnet— und wundern ſollt's mich gar nicht, denn wir laufen, als wenn wir den Wind überflügeln wollten, und da drüben geht ſchon das dritte Dampfboot, das wir eingeholt haben,— ich an Schwimmen gar nicht zu denken brauche; ich ginge unter wie ein Stein. Glauben Sie, daß es mit dieſem Boote irgend eine Gefahr hat, mein Herr? fragte mit etwas ängſt⸗ lichem Ton und in gebrochenem Engliſch, aber ſehr höflich, der ältliche Herr, der erſt vor Tiſch mit den beiden Damen an Bord gekommen war. 's hat Nichts zu ſagen, lachte Simmons, wenn die Keſſel platzen, merken wir hier gar Nichts davon; denn wir ſitzen gerade darüber und kommen ſo ſchnell aus dieſer Welt, daß wir in jener wahrſcheinlich die Sache nicht einmal ſelbſt erzählen können. „ So iſt alſo wirklich die Gefahr ſo groß, wie man mir in Frankreich geſagt hat? fragte, bleicher werdend, der alte Herr. Keineswegs; unterbrach ihn freundlich Mr. Gray, es geſchieht allerdings durch den Leichtſinn vieler Capitäne und Ingenieure manches Unglück, ich befürchte dies aber nicht bei dem unſrigen, denn Ca⸗ pitän Wilkens ſcheint ein höchſt geſetzter, ernſter und verſtändiger Mann zu ſein, der nicht ſo leichtſinnig das Leben aller ihm anvertrauten Paſſagiere aufs Spiel ſetzen wird, noch dazu, da ja auch ſein eigenes dieſelbe Gefahr läuft. Ich danke Ihnen ſehr, mein Herr, für ihre freund⸗ liche Erklärung, entgegnete ihm artig der Franzoſe, ich ſelbſt will jetzt die Damen, die, wie ich Sie ver⸗ ſichern kann mit großer Angſt an Bord gekommen ſind, beruhigen. Mit dieſen Worten empfahl er ſich und wandte ſich der Damencajüte zu. Ich möchte wiſſen, ſagte Simmons, als ſich Iener entfernt hatte, ob der keinen life preserver*) **) Life preserver— Lebenserhalter— kreisförmige Kiſſen, von luft⸗ und waſſerdichtem Stoff, die nach Art der Luftkiſſen aufgeblaſen werden, zu welchem Zweck ſich an dem einen Ende derſelben eine meſſingene Schraube befindet. Sie ſind ſo geformt, daß ſie, wenn um den Leib befeſtigt, unter die Arme zu liegen kommen, und im Waſſer alſo den Körper auch nicht tieferſinken laſſen. 4 mit führt, es ſollte mich doch gewaltig wundern, wenn er ſowohl, wie die fürchterlich dicke Frau, in deren Begleitung er kam, ohne einen ſolchen„Lebens⸗ retter“ ſich hier an Bord gewagt hätte. Hat man die ſtets auf den weſtlichen Booten? fragte der Newyorker. Ei gewiß, antwortete Simmons, es gibt wenige Capitäne, die ohne ſolche Präſervative zu fahren wa⸗ gen; ich glaube jedoch nicht, daß die Madame ſo ein Ding nöthig haben wird, denn ihre 200 Pfund Fett ſollten ſie auf jeden Fall über Waſſer halten. Wenn ich der Capitän wäre, ließe ich ſie Ueberfracht bezah⸗ len; aber das Boot landet um Holz einzunehmen; ich glaube, es würde uns Allen nicht ſchaden, wenn wir einen kleinen Spaziergang am Ufer machten. Mit dieſen Worten erhob er ſich, und ging, von Mr. Gray, dem Newyorker und mehren anderen ge⸗ folgt, da das Boot gerade an einer Plantage anlegte, ans Ufer. Wood pile— wood pile,*) ſchallte da die Stimme des Mate durch das Zwiſchendeck und die Schlafſtellen der Arbeiter, die ſich in einem kleinen Raum im Rumpf des Schiffes, dicht am Steuerruder, **)„Holz einnehmen.“ 39 befanden— Wood pile, boys, wood pile,— und aus allen Ecken und Winkeln kamen Arbeiter und Paſſagiere hervorgekrochen, um das Holz, das am Ufer aufgeſchichtet lag, in das Boot zu tragen.— Unter der Zeit unterſuchte der Mate ſorgfältig alle Kojen des Zwiſchendecks, um zu ſehen ob auch alle die Paſſagiere, die nicht für die Dispenſation vom Holz⸗ tragen bezahlten, ſich demſelben unterzogen hätten. Das Paſſagegeld wird nämlich ganz hiernach ein— gerichtet, denn der gewöhnliche Preis von New⸗Or⸗ leans nach St. Louis iſt 5 Dollars, ohne Lebensmit⸗ tel und Bett, dann hat der Paſſagier mit dem Holz⸗ tragen Nichts zu thun; bezahlt er aber nur 4 oder 3 ½ Dollar— von New⸗Orleans nach St. Louis etwa 1200 engliſche oder 300 deutſche Meilen,— ſo ver⸗ pflichtet er ſich dabei jedesmal, dann, wenn das Boot anlegt um Holz einzunehmen, zu helfen die Scheite hereinzutragen und wegzupacken. 1 Die Cajüten⸗Paſſagiere haben mit dieſer Arbeit Nichts zu thun und bezahlen 20— 25 Dollars für die Paſſage— natürlich mit Koſt und Schlafſtelle. He, alter Burſche, rief der Mate einem vierſchrö⸗ tigen Geſellen zu, der ſich in eine Ecke gedrückt hatte und zu ſchlafen ſchien, indem er ihn beim Kragen faßte und ſchüttelte— tragt Ihr Holz? 40 Ne! antwortete der Gefragte kurz und bündig. Zeigt Euren Zettel(die Quittung der Paſſage, auf der für Zwiſchendeckspaſſagiere ſtets bemerkt iſt, ob ſie Holz tragen helfen oder nicht). Der alſo An— geredete brachte langſam aus einer ſeiner tiefen Ta⸗ ſchen ein Stück verkrumpeltes Papier heraus, und reichte es dem Mate hin. Höll' und Verdammniß! rief dieſer, warum ſagt Ihr denn Nein, wenn ich Euch frage ob Ihr Holz tragt? Ihr habt ja nicht dafür bezahlt! Damm your eyes, warum fragt Ihr mich denn da ob ich Holz trage, wenn ich in der Ecke ſitze und ſchlafe? Hinaus mit Euch, hinaus, und be danmed! rief der Mate ärgerlich. Nun, nun, lachte der Andere, ſich hoch aufrichtend und ſtreckend— ich komme noch zeitig genug, und ging langſam dem Vordertheil des Bootes zu, um mit Hand anzulegen. Tragt Ihr Holz hier? frug der Mate weiter, ſich an eine Gruppe deutſcher Bauern wendend, die eben von dem alten Vaterlande gekommen, wenig von dem verſtanden, was ſie dieſer fragte, und ihm durch Kopf⸗ ſchütteln zu verſtehen gaben, daß ſie entweder nicht trügen oder nicht verſtänden, was er wolle? 41 Nir komm heraus, rief der Mate ärgerlich, indem er verſuchte das Deutſche der armen Teufel nachzuäf⸗ fen— do— you— wood?*)——— und zwiſchen jedem Wort, das er langſam und deutlich aus⸗ ſprach, beſſer verſtanden zu werden, geſtikulirte er auf eine, der von ihnen verlangten Arbeit entſprechende Art. Du! was will denn der Dummrian? fragte der Eine der Auswanderer den Andern. Ich weeß Derſch werklich nich, lautete die Ant⸗ wort. Sieh nur, was er vor Faxen macht! Nich verſtehn, wandte ſich eine Frau jetzt an den Mate, indem ſie ihm das, ſo laut ſie konnte, in die Ohren ſchrie, wahrſcheinlich weil ſie glaubte, daß er es dadurch beſſer begreifen würde! Ein Deutſcher, der ebenfalls Paſſagier war, und engliſch ſprach, erklärte jetzt den Leuten was von ihnen verlangt würde, und dieſe die ſich verbunden hatten zu helfen, waren ſogleich bereit dem Ruf Folge zu lei⸗ ſten, legten ihre Lebensmittel, die ſie gerade in der Hand hielten, wieder in den großen Kaſten, der ihnen als Kleiderſchrank und Speiſekammer diente, und Ei⸗ ner von ihnen rief, während er ſeine alte, grüne ab⸗ *) Tragt— Ihr— Holz? 3 1 getragene Jacke anzog, dem Mate ein freundliches „Wir kommen gleich“— zu, das dieſer grinſend mit Yah— Yah— beantwortete!— Am Ufer, wo einige hundert Klafter Holz in lan⸗ gen Reihen und„corde““ abgetheilt— 4 Fuß hoch, 4 Fuß tief, 8 Fuß lang— aufgeſtapelt lagen, hatte der Buchhalter unter der Zeit mit einem 8 Fuß langen Maaßſtab 16 Klafter oder Corde abgeſteckt— das Boot verbrauchte in 24 Stunden zwiſchen 30 und 34 Klafter— und Paſſagiere, Matroſen und Feuerleute waren emſig beſchäftigt, die 4 Fuß langen Scheite 4 bis 5 oft von dem leichten Baumwollenholz— wenn ſie recht geübt im Aufnehmen waren, 8 bis 10 auf . einmal— auf das Boot zu tragen, wo wieder Leute ſtanden, die ſchnell das Hereingetragene gerade legten. Da das Boot ſehr viele Zwiſchendeckspaſſagiere an Bord hatte, die, faſt lauter Deutſche, erſt vor wenigen Tagen mit dem„Gladiator“ von Bremen angekommen waren und jetzt nach Miſſouri gingen, um ſich dort anzuſiedeln und von denen auch der größte Theil half, ſo ging die Arbeit ſchnell von Statten und in einer halben Stunde war jedes Stück an Bord, die Taue und Planken eingezogen, das Boot abgeſtoßen, und ſtöhnend und puffend theilte der, Oceanic“ auf's Neue die gelben Fluthen des Miſſiſſippi. 43 Dunkelheit der Nacht ſenkte ſich jetzt auf den„Va⸗ ter der Waſſer“, wie die Indianer den Miſſiſſippi nennen, herab und der Pilot hielt ſich ein wenig mehr vom Ufer entfernt, den häufig emporragenden Snags auszuweichen, während vor dem Boot, hie und da, an beiden Seiten des Ufers Feuer angezündet wurden, dem Capitän anzuzeigen, daß ſich dort, im Fall er Holz bedürfe, eine,, wood yard“(Holzplatz) befände. Es iſt dies ein Geſchäft der Neger; ſobald dieſe ein Boot kommen hören, was in ſtiller Nacht mit günſtigem Winde auf zehn engl. Meilen geſchehen kann, machen ſie ein Feuer an, und, wenn daſſelbe dann landet und Holz einnimmt, ſo bekommen ſie von ihrem Herrn, um ſie aufzumuntern, einen Viertel⸗Dollar (§ gGr.). Wie oft aber ſpringt ſolch armer Teufel wohl umſonſt von ſeinem harten Lager, das er von der ſchweren Arbeit erſchöpft geſucht hat, zündet ein Feuer an und wartet oft halbe Stunden lang der Au⸗ kunft des Bootes, bis dieſes die Stelle erreicht und— langſam vorbeifährt. Getäuſcht in ſeinen Erwartungen, löſcht er dann ſein Feuer aus, kriecht zurück unter ſeine Decke und hüllt ſich, Kopf und Alles, trotz der ſchwülen, ſchweren Luft, die ihm faſt den Athem verſetzt, in die wollene Decke, um den peinigenden Biſſen der Mos⸗ quitos nur in etwas zu entgehen. ——y Am rechten Ufer, etwa 1 ½ Meile vor dem Boot, war ebenfalls ein Feuer angemacht, aber ein glühen⸗ des Scheit wurde hin und her geſchwungen; ein Zei⸗ chen, daß dort Paſſagiere an Bord zu kommen wünſchten. Der Oceanic lief etwas näher ans Land, um die Anzahl der Paſſagiere zu erfragen— hielt— ſchickte die Schaluppe ans Ufer, die in wenigen Mi⸗ nuten Alles ſicher herübergeſchafft hatte, und weiter, unaufhaltſam weiter ging's auf dem dunkelen Waſ⸗ ſerſpiegel. In der Cajüte hatten ſich indeß die Paſſagiere auf verſchiedene Art beſchäftigt; Mr. Gray ſpielte mit einem jungen Manne Schach— Simmons aber hatte noch drei andere Mitſpieler gefunden, und be⸗ fand ſich hochſt behaglich bei einer vierhändigen Partie Eucre— einem Spiel, das einige Aehnlich⸗ keit mit unſerem„beſten Buben“ hat und ſehr häufig in Amerika geſpielt wird. Der bleiche Mann, den wir beim Abgang des Bootes neben dem alten Simmons auf dem„boiler deck“ ſitzen ſahen und der ſich Smith nannte, hatte ſich indeſſen mit dem Newyorker zu einem Spiel„Poker“*) hingeſetzt, und wohl 11 Uhr war's ehe Alle ihre Betten ſuchten. *) Ein in Amerika ſehr beliebtes Hazardſpiel, da faſt alle anderen von der Regierung unterſagt ſind. 45 Am zweiten Tag etwa ſechs Uhr Abends, näherte ſich der Oceanic der Stadt Natchez und etwa eine halbe Meile noch entfernt läutete der Capitän, zum Zeichen daß er landen würde, ſeine Glocke. Da er hier einige Ballen Baumwolle einzuneh⸗ men hatte, wurde das Boot befeſtigt, und wie Heu— ſchrecken ſchwärmte eine Unzahl von Neugieriger her⸗ bei, die kaum warteten bis die Planken ausgelegt waren, ſondern gleich da wo ſie nur konnten an Bord ſprangen, und ſich in dieſem nach allen Rich— tungen hin vertheilten. Ihnen folgten eine Menge weißer und farbiger Jungen mit Körben, in denen ſie Zeitungen, Aepfel, hartgeſottene Cier, Orangen, oder„gingerbread“— eine Art Honigkuchen— führten, wie fünf oder ſechs niedliche, in grelle far⸗ bige Stoffe gekleidete Mulatten- und Negermädchen, die in reinlichen Körben, auf ſchneeweißen Tüchern, ſehr appetitlich ausſehende Kuchen und Gebäcke an Bord brachten. Die Fracht war eingenommen, mehre Paſſagiere ausgeſtiegen, andere an Bord gekommen, und ſchon einmal hatte die Glocke zur Abfahrt geläutet— noch einmal ſchallte der laute Ton derſelben durch all das geſchäftige Treiben und geräuſchvolle Leben des Lan⸗ dungsplatzes, und was noch am Ufer war und zum 46 Boote gehörte, ſprang in gewaltigen Sätzen an Bord, um nicht zurückgelaſſen zu werden, die Neugierigen und Verkäufer aus der Stadt dagegen eilten ans Land; das Boot ſtieß ab, und verließ, hohe Wellen ſchlagend die Stadt. Hallo— ich muß hinaus, rief da eine Stimme, und unter dem allgemeinen Gelächter ſämmtlicher Zwiſchendeckspaſſagiere, drängte ſich aus den Tiefen deſſelben ein kleiner, dicker Mann in weißer Jacke, einem weißen Filzhut und mit einem auffallend rothen Geſicht hervor, Halt— halt das Boot! Der Mate ſchaute vom Vordercaſtel aus zum Ca⸗ pitän hinauf, der oben auf dem Hurricane⸗Deck ſtand und Alles mit angeſehen hatte, aber ruhig lächelnd den Noth⸗ und Hülferuf des kleinen Mannes hörte. Da er nun fand, daß dieſer keine Notiz davon nahm, alſo nicht im Sinne hatte den Mann mit der Scha⸗ luppe ans Ufer zu ſetzen, wandte auch er ſich, als ob ihn die Sache weiter Nichts anginge, ſeiner Arbeit zu, ließ die Planken an Ort und Stelle legen, die neuangekommene Fracht in den Raum hinunter⸗ ſchaffen, und das Deck fegen, während der Paſſagier wider Willen, von Einem zum Andern lief und auf das Kläglichſte abwechſelnd bat und fluchte, um ans Ufer geſetzt zu werden. Bless your soul! lieber Herr Capitän,— wandte er ſich an einen der Matroſen, der ihm mit trockenem Ernſt ins Geſicht ſah, laßt das Boot halten, ich muß, hol's der Teufel, heute Abend in Natchez bleiben, und Ihr nehmt mich ja mit einer entſetzlichen Ge⸗ ſchwindigkeit den Fluß hinauf. Haltet— haltet rief er dann wieder zum Capitän hinauf, ich gehöre nicht zum Boot, ich will ausſteigen!— Es war aber alles umſonſt; kein Menſch hatte Mitleiden mit ihm, und verzweifelnd und zur Wuth gereizt, lief er mit kleinen Schritten endlich auf dem Verdecke herum, und verfluchte den Capitän, das Boot, Natchez und ganz zuletzt ſeine eigene Dummheit, mit der er, wie er ausrief, ſeinen Fuß auf ſolch ein erbärmliches, miſerabeles Dampfboot, als der Oceanic ſei, geſetzt habe. Aber wie weit wollt Ihr mich denn eigentlich mitnehmen? fragte er endlich nach einer halbſtündigen Pauſe den Mate, der, an die Gangſpill gelehnt, ihm ruhig zuſah, wie er die ſchweren Tropfen von der erhitzten Stirne trocknete und ſich mit dem weißen Filzhut Kühlung zufächelte. is zur erſten wöod yard, antwortete dieſer äußerſt kaltblütig. Und wo iſt die erſte wood yard? fragte der 48 Kleine, ſich nach dem Sprecher umdrehend, während er in ſeinem Fächeln einhielt. Unbeſtimmt, antwortete dieſer lakoniſch. Und da ſoll ich die ganze Nacht in einem Block— haus am Miſſiſſippi zubringen, und habe kein Mos⸗ quitonetz mit? Die Beſtien freſſen mich ja auf! klagte der Kleine wehmüthig vor ſich hin.— Wohl möglich, entgegnete der Mate. Ein tiefer Seufzer war Alles, was der Entführte jetzt noch erwiederte— er hatte ſich in ſein Schickſal ergeben, und erwartete ruhig, was ſein Verhangniß noch weiter über ihn verfügen würde. Es war auch das Geſcheideſte was er thun konnte, kein Menſch kümmerte ſich mehr um ihn und in eine Ecke gekauert erwartete er mit verbiſſenem In⸗ grimm den Augenblick, wo das Boot zum erſten Mal wieder anlegen würde. Das geſchah etwa elf Uhr Abends, und er ſprang nun mit einem Satz ans Ufer um ſich ſchnell dem Gelächter der übrigen Paſſa⸗ giere zu entziehen. Simmons ſpielte wieder mit ſeinen Freunden vom vorigen Abend Eucre— und erzählte dabei Schnurren und Anekdoten, daß er die ganze Spiel⸗ geſellſchaft in einem fortwährenden Jubel und Ge⸗ lächter erhielt, wobei Alle, nach jedesmal beendigtem 49 Spiel, an den Schenkſtand gingen und tranken, was dann die verlierende Partei bezahlen mußte. Mr. Smith und der Newyorker hatten dagegen ihre Spielparthie erneuert, während Mr. Gray drau⸗ ßen auf dem hoiler deck ſtand und, die glühende Stirne gegen einen der Stützpfeiler gelehnt, hinein in den dunklen Wald ſtarrte, an dem das Boot jetzt dicht vorüberfuhr und deſſen rabenſchwarzes Dunkel von Myriaden von Feuerkäfern durchzogen und ge⸗ ſchmückt war, die wie eben ſo viele Funken durchein⸗ ander ſchwirrten und zuckten. Es mußten traurige Gedanken ſein die ihm durch den Kopf gingen, denn ſein Auge war feucht, und aus tiefbewegter Bruſt theilte ein ſchwerer Seufzer ſeine zuſammengepreßten Lippen. Gray— oh Gray! rief da die fröhliche Stimme des alten Simmons auf Deck hinaus. Wo zum Henker ſteckt Ihr denn? was macht Ihr da draußen allein in der kalten Nachtluft? Kommt, Wilſon hat verloren und muß tractiren, wir haben um ein Glas für all hands“ geſpielt, und da gehört Ihr auch dazu. Ich kann wirklich nicht trinken, Mr. Simmons, ich— habe etwas Kopfweh. Der Teufel hole Euer Kopfweh, rief Simmons Gerſtäcker, Miſſiſſippi⸗Bilder. II. 4 —— 50 dagegen, der zu ihm hinauf aufs Verdeck getreten war, kommt und trinkt wenigſtens ein Glas Limo⸗ nade, aber trinken müßt Ihr, und mit dieſen Wor⸗ ten zog er den nicht mehr Widerſprechenden an den hell erleuchteten Schenktiſch. Brandy und Zucker für mich, rief er aus, und was trinken Sie? fragte er den jungen Gray. Ein Glas Madeira, ſagte dieſer, und der Aus⸗ ſchenker beſorgte ſchnell die von allen Seiten hinzu⸗ tretenden Gäſte. Nun, Wilſon, könnt Ihr Euch revanchiren; wäret Ihr aber nicht zu gierig geweſen, und hättet Euren Aiden mitgenommen, anſtatt allein zu ſpie⸗ len, ſo müßtet Ihr es bei Gott noch gewinnen.— Was trinken Sie, Mr. Smith, und Sie, Mr.— wie iſt Ihr Name? Bloomfield, Sir, antwortete der Newyorker, ich trinke Punſch. 3 Alſo Mr. Bloomfield Punſch, und Mr. Smith ein gin cock tail.*) So! rief er wohlgefällig aus, als er, den Brandy im Glaſe ſchwenkend, den letzten Zuckerreſt von dem⸗ **) Eine Miſchung von Wachholderbranntwein, Zucker, Waſ⸗ ſer, Pfeffermünz und einer bitteren Eſſenz, die in den ſüdlichen Staaten ſo genannt wird. 51 ſelben ablöste und ſchnell austrank; jetzt aber wieder an die Arbeit, ehe wir zu durſtig werden. Sie ließen ſich am Spieltiſch nieder, während Smith und Bloomfield auch ihrerſeits das begonnene Spiel wieder aufnahmen. Mr. Gray hatte ſeinen alten Platz eingenommen. In Natchez war unter anderen Paſſagieren, ein großer, ſchlank gebauter, kräftiger Mann, in einen leichten Sommerrock gekleidet an Bord gekommen. Err hatte bis jetzt faſt noch keinen Theil an der Unter⸗ haltung genommen, und nur in einer Ecke, von Keinem faſt bemerkt, einen ſtillen Zuſchauer des Spieles, beſonders deſſen zwiſchen dem New⸗ Yorker und dem bleichen Manne, abgegeben. Er ſtand jetzt auf, und auf das Boilerdeck an Gray's Seite tretend, legte er dieſem leiſe die Hand auf die Schulter, wäh⸗ rend er ihn mit einem freundlichen„Mr. Gray“ anredete. Sir, fuhr dieſer, etwas überraſcht aus ſeinen Träumereien auf. Mr. Gray iſt, wenn ich nicht irre, Ihr Name? Sie entſchuldigen dann, fuhr er nach einer leichten Verbeugung des Angeredeten fort: wenn ich Sie hier in Etwas ſtöre, ich bin aber erſt wenige Stun⸗ den auf dieſem Boot und möchte nicht gerne, kaum 4* 1 5² angelangt, Streit anfangen, kann aber doch nicht umhin Sie auf etwas aufmerkſam zu machen, das ich ſchon ziemlich lange beobachte und über deſſen Identität ich mich erſt vollkommen überzeugen wollte.— Der bleiche Mann den Sie, wenn ich nicht irre, Smith nannten, ſpielt falſch und muß den andern, der keine Ahnung davon zu haben ſcheint, ſchon um eine beirüchtliihe Summe bettogen haben. Ich ahnete ſo etwas, erwiederte Gray leiſe we ſich hin. Laſſen Sie uns ruhig wieder hineingehen und den Lauf des Spieles beobachten, bis wir ihn dabei ertappen, das Andere wird ſich dann finden. Spielen Sie Schach? fragte Gray. Ein wenig. Gut, das mag als Vorwand dienen uns an denſelben Tiſch zu ſetzen und er, uns in unſer Spiel vertieft glaubend, wird keinen Anſtand nehmen ſeine Schurkerei fortzuſetzen. Bald ſaßen beide Männer, unfern der anderen zwei, bei einer Parthie Schach, wie es ſchien höchſt aufmerkſam die Züge der vor ihnen ſtehenden Figuren berechnend, in der That aber genau, wenn es unbe⸗ merkt geſchehen konnte, die Hände dieſes Mr. Smith, —EEmEEEEE EEEE — 53 der noch bleicher und angegriffener als gewöhnlich ausſah, beobachtend. Eine halbe Stunde mochten ſie wohl vergebens ſich bemüht haben ihn zu überführen, obgleich er fortwährend ſehr verdächtig ſpielte, als Bloomfield ſagte: Nein ich ſpiele nicht mehr, ich habe geſtern Abend vierzig Dollar verloren, und heute ſchon einige funf⸗ zig; ich bin zu ſehr im Unglück, denn wenn ich wirklich einmal drei Könige oder drei Aß habe, ſo haltet Ihr ſicher vier Zehner oder vier Buben in der Hand. Noch eine halbe Stunde, erwiederte Smith be⸗ ſänftigend, vielleicht dreht ſich das Glück, denn es iſt wahr, ich habe ausgezeichnet ſchöne Karten gehalten. — Er miſchte wieder, und Gray bemerkte deutlich wie er ſich, anſtatt fünf, ſieben Karten gab, und die zwei, die ihm dann nicht gefielen, geſchickt auf ſeinen Schoos zu bringen wußte. Bloomfield hielt vier Damen und ein Aß in der Hand— er ſetzte einen Dollar. Smith zwei Dollar mehr. Bloomfield warf eine Zehn⸗Dollar Note auf den Tiſch— Smith doppelte die Summe. Bloomfield ſetzte dagegen, daß ſie beide gleiche Theile hatten und 54 ſie legten ihre Karten auf— Smith hatte vier Könige und einen Buben. Das iſt genug für heut Abend, ſagte Bloomfield und wollte eben vom Tiſch aufſtehn, während Smith ruhig ſeine Hand nach dem Gelde ausſtreckte es ein⸗ zuziehn, als Gray, der mit klopfendem Herzen dem Lauf des ganzen Spieles gefolgt war, aufſprang, ſeine Hand auf das Geld legte und ſich über den Tiſch biegend ausrief: Herr— Sie haben falſch geſpielt. Aſchfarbe überzog das Geſicht des Ertappten, aber ſeine Lippen zitterten vor Wuth und faſt ſprachlos vor verhaltenem Zorn rief er aus: Lügner— wie können Sie— Er beendigte ſeine Rede nicht, denn Gray war mit einem Satz über den Tiſch und ſchmetterte mit gewaltigem Schlage den Elenden zu Boden, deſſen Hand die verborgen gehal⸗ tenen Karten entfielen.— Im Nu war aber dieſer wieder auf den Füßen, und ein Piſtol aus der Bruſt⸗ taſche reißend, ſpannte er den Hahn deſſelben und drückte es auf Gray ab, ehe dieſer noch eine Ahnung von der ihn bedrohenden Gefahr hatte. Zu wenig Zeit war ihm jedoch zum Zielen geblieben, und die Kugel ging durch den Rockkrachen des jungen Man⸗ nes, der ſich auf's Neue auf ihn ſtürzen wollte. Der 5⁵ Mann in dem Sommerrock hielt ihn da zurück und rief aus: Halt, halt Mr. Gray, beſudelt Eure Hand nicht mit dem Schuft, laßt ihn gehn; der entläuft dem Galgen doch nicht. Aber er ſoll das ſchändlich gewonnene Geld her⸗ ausgeben,— ſagte Gray, der ſich gewaltſam wieder ſammelte, und ſeiner augenblicklichen Aufwallung zu ſchämen ſchien. Mag er's behalten und verdammt ſein, rief Bloomfield; er hat mir ein Paar lumpige Dollar ge⸗ ſtohlen, ich habe aber dafür etwas gelernt, und die Erfahrung iſt gerade nicht zu theuer erkauft.— Laßt ihn laufen; ſeine Schande iſt Strafe genug für ihn, ich möchte in dieſem Augenblick nicht für alles Geld der Welt in ſeiner Haut ſtecken. Laßt uns eins trinken, boys, rief Simmons jetzt dazwiſchen, der mit ſeiner Spielgeſellſchaft ebenfalls aufgeſprungen war, das Reſultat dieſer Verhandlun⸗ gen abzuwarten,— laßt uns eins trinken, verdamme den Schurken, der Aerger könnte uns ſchaden, wenn wir ihn nicht hinunterſpülen, ich habe ſo diesmal ver⸗ loren,— Brandy und Zucker, wandte er ſich an den Ausſchenker, und alle folgten ſeinem Beiſpiel, des fal⸗ ſchen Spielers gar nicht mehr achtend, der ſich ſtill 56 und mit verbiſſenem Grimm aus der Cajüte ent⸗ fernte.— Die Nacht fiel weiter nichts beſonderes vor, außer daß das Boot mehremal die Schaluppe ausſandte, um Paſſagiere einzunehmen oder ans Ufer zu ſetzen. Am anderen Morgen um drei Uhr landete es in Vicksburg, wo ſich eine Familie mit all ihren Habſe⸗ ligkeiten nach St. Louis einſchiffen wollte. Zwei Cajütenpaſſagiere gingen hier ab und Einer von ihnen ſuchte vergebens, wohl eine halbe Stunde lang, nach ſeinem Koffer.— Der Capitän wurde ge⸗ weckt, jeder Aufwärter ſcharf examinirt, aber keine Spur konnte von dem entſchwundenen gefunden wer⸗ den, als der Mate hinzutrat und den Eigenthümer, dem ſehr viel an dem Koffer zu liegen ſchien, fragte, ob nicht eine Meſſingplatte mit dem Buchſtaben S. oben darauf geweſen ſei. Ganz recht, rief ſchnell der Fremde, der ſich ſchon der freudigen Hoffnung hingab, ſein Eigenthum wie⸗ der zu bekommen. Nun dann will ich verdammt ſein, wenn den nicht der Schurke Smith geſtohlen hat; der iſt ans Ufer gegangen und hat ſolchen Koffer mitgenommen; es fiel mir aber weiter nicht auf, da es das einzige Ge⸗ päck war, was er bei ſich führte. 1 — 57 Und wo ging er ans Land? fragte ſchnell und ängſtlich der Beſtohlene. Etwa 10— 15 Meilen unterhalb Vicksburg auf dieſer Seite vom Fluß— es war eine ſchöne große Plantage. Und kennt Ihr den Namen des Pflanzers nicht? Ich nicht, aber vielleicht kennt ihn der Lootſe.— Und der geängſtigte Mann ſuchte den Lootſen auf, der ihm aber nur ſagen konnte, daß der Platz ſich an der Biegung des Miſſiſſippi, gerade unterhalb eines dich⸗ ten Schilfsbruches, befunden, und etwa 15 Meilen von Vicksburg entfernt liege. In Verzweiflung verließ der Arme, der wahrſchein⸗ lich mit dem Koffer Alles was er beſaß verloren hatte, das Boot, und ſchwur dem Betrüger und Dieb fürchterliche Rache. Da an der Maſchind einige Kleinigkeiten zu repa— riren waren, wurde es heller Tag, ehe der Oceanic weiter fahren konnte, und er legte dann gleich über den„wallnut hills’ wieder an, um erſt Holz einzu⸗ nehmen; ſetzte aber von dort aus mit gewohnter Schnelle ſeine Bahn fort und brauste ſchäumend ge⸗ gen die gelben Fluthen des Miſſiſſippi an. Dort kommt ein Kahn, der an Bord will, rief der Mate dem Piloten zu, indem er auf dem Boilerdeck 58 vorn aufs Geländer trat und dadurch auf das Hurri⸗ canedeck hinaufſchauen konnte— dort gerade von der Plantage aus, und ſie winken, als wenn ſie ſich die Arme ausrenken wollten. Damm it, Bill, da iſt ein anderer hinterher, rief der Pilot dem Mate zu, und, by George, in dem vorder— ſten ſitzt ein junges Mädchen und ein Mann— ruft den Capitän— ſchnell! Der Mate ſprang nach der Koje des Capitäns, der ſich eben anzog, und berichtete, was da vorzu⸗ gehn ſchien. Halt das Boot! rief dieſer, als er einen Augen— blick die beiden ſich ſchnell Vühernden Follen betrachtet hatte— legt bei! Der Lootſe klingelte und die Waſcine ruhte, das Boot durchſchnitt gleichwohl jetzt noch, obgleich nicht mehr durch Maſchinenkraft getrieben, die Fluthen mit großer Schnelle, bis es endlich der ſtarken Strömung nachgab, einen Augenblick ſtill zu ſtehn ſchien und dann langſam mit dem Strom zurückging, während der Lootſe den Bug fortwährend ſtromaufwärts hielt. Der erſte Kahn war unter der Zeit ziemlich nahe her⸗ angekommen, und wurde von einem jungen Manne gerudert, der ſeine Kräfte auf das Aeußerſte anzuſtren⸗ gen ſchien, das Dampfboot vor dem ihn verfolgenden 59 zu erreichen. In dieſem letzteren ſaß ein ältlicher Herr mit zwei Negern, die er fortwährend durch Worte und drohende Geberden mit der rechten Hand, in der er eine große Negerpeitſche hielt, anzutreiben ſchien und ſich nur dann und wann in ſeinen Bemühungen un⸗ terbrach, um ebenfalls, wie eine junge Dame, die ſich im erſten Kahne befand, ein weißes Tuch zu ſchwen⸗ ken, dem Capitän damit anzuzeigen daß auch er an⸗ Bord wolle. Sehen Sie einmal, Mr. Gray, wandte ſich der Capitän zu dem jungen Manne, der neben ihm ſtand, indem er ihm das Fernrohr reichte— ſehen Sie ein⸗ mal das grimmige Geſicht an, das der Alte im zwei⸗ ten Kahne ſchneidet; ich ſetze meinen Hals zum Pfande es ſind Liebesleutchen die da vorne im erſten Boot, und der Alte iſt mit der Hetzpeitſche hinter ihnen. Gnade Gott dem armen Burſchen wenn er ihn er⸗ wiſcht!. Sie gedenken doch nicht die jungen Leute auszu⸗ liefern? fragte Gray etwas ängſtlich den Capitän. Ich? fragte dieſer als ob über die Frage erſtaunt, nein by George nicht; wenn der Burſche nur erſt an Bord wäre, aber ich fürchte ſie erwiſchen ihn, wahr⸗ haftig ſie ſind kaum 15 Schritte von einander. Laſſen ſie uns ihnen mit der Schaluppe entgegen, 60 rief Gray, jetzt ganz hingeriſſen von der Jagd, da er ſich für die glückliche Flucht des jungen Mannes un— gemein zu intereſſiren begann. Das hilft Nichts, ich will mit dem Boot ein wenig hinüberhalten, rief der Capitän und ſprang zum Piloten hinauf, die nöthigen Befehle zu erthei⸗ len; es ſchien aber Alles nutzlos, denn beide Boote waren noch mehre hundert Schritt vom„Oceanic“, aber kaum noch zwei Ruderlängen von einander ent⸗ fernt, und obgleich der junge Mann wohl unſtreitig die ſchnellſte und leichteſte der beiden Jollen ausgeſucht hatte, fingen doch ſeine Kräfte an nachzulaſſen, wäh⸗ rend die beiden Neger, von ihrem unbarmherzigen Herrn zu immer furchtbareren Anſtrengungen ge⸗ peitſcht, ihr Aeußerſtes thaten den anderen Kahn einzuholen. Halt ein mit deinem Rudern, verdammter Dieb, rief jetzt der Alte aus ſeinem Boot herüber, was man auf dem Oceanic deutlich hören konnte; halt ein oder ich ſchieße Dich nieder; und er zog eine Piſtole aus der Bruſttaſche und ſpannte den Hahn; der junge Mann aber, mit dem Geſicht nach ihm hingewandt, antwortete nicht, ſondern blickte nur mit traurigem Blick auf das junge Mädchen, das verzweifelnd und händeringend im Stern des Bootes ſaß, und ruderte 61 mit Aufwand ſeiner letzten Kräfte fort, das jetzt kaum noch 50 Schritt entfernte Dampfboot zu er⸗ reichen, während die zweite Jolle, nur wenige Schritte hinter ihm, es jeden Augenblick einzuholen drohte. Das Dampfboot war wieder in Gang gekommen, und näherte ſich dem erſten, während die Starbord⸗ Seite deſſelben dichtgedrängt voll Paſſagiere ſtand, die mit klopfendem Herzen dem Ausgang des Wett⸗ rennens entgegenſahen; da hatte das zweite Boot das erſte erreicht, und der alte Mann trat mit der Piſtole in der Linken und der Peitſche in der Rechten nach vorne zu, um zwiſchen ſeinen Negern hindurch vom Vorder⸗ theil ſeiner eigenen Jolle in das Hintertheil der an⸗ deren zu ſpringen, als er vom Sitzbret, auf das er geſtiegen war, ausglitt und auf den Arm des einen Negers fiel, daß dieſer, ſelbſt hinterrücks überſtürzend, ſich das Ruder entſchlüpfen ließ,— das erſte Boot ſchoß vor und erreichte den Rand des Dampfboo⸗ tes— während ſich funfzig Hände zu gleicher Zeit ausſtreckten, die beiden jungen Leute an Bord zu ziehn. Go ahead*), ſchallte der Ruf des Capitäns und längſam ließ der Koloß die beiden Kähne, *) Vorwärts. der eine von ihnen leer auf dem Waſſer treibend, hin⸗ ter ſich. Stop that boat*), ſchrie der alte Mann, der ſich wieder aufgerichtet hatte, faſt athemlos vor Zorn und innerer Wuth— Halt, halt, Gottverdamm Euch, halt! Seine Flüche verhallten in der Ferne, denn jetzt ſchoß der Oceanic, von der vollen Kraft der Maſchine getrieben, auf ſeiner Bahn dahin, während der Alte wie ein Tiger mit der Hetzpeitſche über die beiden unglücklichen Neger herfiel, um ſeine ganze Wuth an den unſchuldigen Sklaven auszutoben. Faſt auf Händen getragen erreichte indeß das junge Paar die Cajüte, wo die Damen ſich ſogleich des jungen Mädchens bemächtigten, ſich um ſie her⸗ drängten, und ihr gratulirten und ſie bewillkommten, als ob ſie daſſelbe von Jugend auf gekannt hätten. Mr. Gray nahm den jungen Mann mit in ſeine eigene Koje, und gab ihm von ſeiner Wäſche, da er ſo erhitzt war, daß ihm die großen, ſchweren Tropfen fortwährend von der Stirne und den Schläfen herunter⸗ liefen; Simmons aber kam mit einem gewaltigen Glas Brandy und Zucker an, und ruhte nicht eher, bis jener es ausgetrunken hatte, trotz allen Betheue⸗ **) Halt das Boot. rungen deſſelben, daß er nie ſpirituoſe Getränke zu ſich nehme. Damn it, Mann, rief Jener aus, wollt Ihr Euch ſelbſt umbringen?— ſeid naß wie eine Katze und. mögt keinen Brandy trinken?— Gray, habt Ihr ſchon in Eurem Leben ſo was gehört? hat gerudert, daß ihm bald die Seele ausgegangen iſt, und ſich wie ein braver Kerl benommen, und will keinen Brandy trinken! Nein, nichts da, fuhr er fort, den jungen Mann beim Arm faſſend, als dieſer lächelnd einen Theil des feurigen Getränkes zu ſich genommen hatte und nun das Glas, halbgeleert, niederſetzen wollte, Nichts da, ausgetrunken! ſo— das wird wärmen, und nun will ich der jungen Dame auf den Schreck und die Angſt auch eins hinüberbringen— und mit dem geleerten Glaſe zum Schenktiſch zurückkehrend, verließ er die beiden Männer, ſeine wohlthätige Abſicht in Ausführung zu bringen. In Vicksburg war unter anderen auch ein alter Anſiedler von Miſſouri an Bord gekommen, der ſich Geſchäfte halber einige Wochen im Staat Miſſiſſippi hatte aufhalten müſſen, und nun auf ſeine Farm im Weſten von Miſſouri zurückkehrte. Er war, obgleich er ziemlich wohlhabend ſchien, 64 ganz nach Art der weſtlichen Backwoodsmen“) geklei⸗ det, und trug ſeine Kentucky Janes**) Unterkleider wie ein einfaches ledernes Jagdhemd. Das war in⸗ deß, den indianiſchen gleich, ſorgfältig ausgefranst, keineswegs aber, wie dieſe größtentheils ſind, mit Perlen oder farbigen Malereien verziert. Durch Einiges, das er äußerte, und das ſich auf zum unzertrennlichſten Begleiter gemacht, der jetzt gar nicht mehr aufhörte ihn mit Fragen über den weſtlichen Theil der Vereinigten Staaten, über den Wildbeſtand, über dortige Jagd, über die Gefahren derſelben ꝛc., zu beſtürmen. Der Farmer, der Stewart hieß, bewies übrigens eine merkwürdige Geduld, alle ſeine tauſend Fragen artig und ausführlich zu beant⸗ worten und ſchien nicht müde zu werden ihm Sachen auseinander zu ſetzen, die zehn andere Männer gar nicht gefragt hätten. Simmons hatte lange zuge⸗ 7 Jagd und Wild bezog, hatte er ſich Mr. Bloomfield hört, endlich aber wurde es ihm doch zu arg, und er ſtand auf und ging fort. **) Hinterwäldler, eine Benenung der Amerikaner oder einge⸗ wanderten Anſiedler, die nahe den weſtlichen Grenzen der Civili⸗ ſation leben. *en) Kentucky Janes oder Jeanet, ein grobes, wollenes Zeug, das beſonders viel in Kentucky gefertigt wird, und das die ameri⸗ kaniſchen Frauen häufig ſelbſt weben. * 6⁵ Nein, ſagte er zu Gray, als er dieſen vor ſeiner Koje allein und in Gedanken vertieft ſitzen ſah, wenn der Mann in dem ledernen Jagdhemd kein Methodiſt, und einer der gläubigſten von der Secte iſt, ſo will ich ein Schuft ſein— hat der Menſch eine chriſtliche Geduld; es iſt zum Verzweifeln blos zuzuhören. Ja, ja, antwortete Gray, ich habe ihn ſchon, ehe die beiden Liebesleute an Bord kamen, beobachtet, dieſer Mr. Bloomfield läßt ihn gar nicht wieder los. Der Fremde hat aber ein eigenes Lächeln um die Mundwinkel, er wird ihn wohl noch einmal tüchtig ablaufen laſſen, denn auf die Länge der Zeit kann er das ewige Fragen doch nicht aushalten, und wenn er Hiob's Geduld hätte. Hiob? fragte Simmons verwundert, Hiob iſt 140 Jahr geduldig geweſen, er hätte aber 440 leben müſſen, um ſolche Geduld zu beweiſen, wie der Mann in dem ledernen Jagdhemde heute Morgen bewieſen hat. So was iſt noch gar nicht dageweſen, der New⸗ Yorker frägt in einem fort.— Der ſchämt ſich gar nicht. Nun, Simmons, was ſagt Ihr denn zu unſerer Jagd heute Morgen, war die nicht intereſſant? Verdammt will ich ſein, wenn mir nicht der Athem ausging als der alte Schuft aus ſeinem Boot Gerſtäcker, Miſſiſſippi⸗Bilder. II. 5 66 in das andere ſpringen wollte, und hätt' ich in dem Augenblick'ne Büchſe in der Hand gehabt, ich glaube ich hätt' ihn todt geſchoſſen. Das Mädchen fiel in Ohnmacht, als die Damen ſie in die Cajüte führten, ſagte Gray. Kein Wunder, entgegnete Simmons, in dem einen Augenblick hatte ſie wenig Hoffnung mit ihrem „Sweetheart“ an Bord zu kommen und den Zähnen des Alten entrückt zu werden. Donnerwetter, führte der alte Herr eine Peitſche! 3 Mr. Dalton, ſo iſt des jungen Mannes Name, zeigte mir eine Piſtole, die er im Gürtel ſtecken hatte, erwiederte Gray.— Wie er ſagt, war er feſt ent⸗ ſchloſſen ſich in demſelben Augenblick, in dem der Alte ſein Boot betrat, eine Kugel durch's Hirn zu jagen. Und was hätte das arme Mädchen dann machen ſollen? fragte Simmons ärgerlich— lieber dem Alten das Stück Blei zukommen laſſen. Dem Vater ſeiner Braut? rief Gray verwundert. Gott verdamm ſolch einen Vater, zürnte Sim⸗ mons— er hatte ſelbſt nicht übel Luſt dem Jungen das Lebenslicht auszublaſen, wäre es ihm nicht lieber geweſen ihn lebendig zu packen— aber hol' mich Dieſer und Jener, wenn ich in der Haut der armen, — —— 67 ſchwarzen Teufel hätte ſtecken mögen die die Zeche bezahlen mußten; auf die knallte er nicht ſchlecht los, als ihm ſeine ſchon ſo ſicher geglaubte Beute plötzlich aus den Zähnen geriſſen wurde. Uebrigens, Gray, fuhr er nach einer Pauſe fort, in der der alſo Ange⸗ redete gedankenvoll vor ſich hingeſtarrt hatte— nehmt mir die Frage nicht übel, Euch fehlt auch etwas, das Euch ſchwer auf dem Herzen liegt— heraus damit — ich bin älter wie Ihr, und obgleich wir erſt kurze Zeit mit einander bekannt ſind, hab' ich Euch liebge⸗ wonnen und möchte wiſſen ob das, was Eulch be⸗ drückt, etwas iſt dem ich vielleicht abhelfen könnte. Nein, nein, lieber Freund, entgegnete Gray mit einem wehmüthigen Lächeln, indem er dem kleinen, dicken, gutmüthigen Mann herzlich die Hand ſchüt⸗ telte— es iſt Nichts— gar Nichts— ich— ich bin nur manchmal ein Thor. Hallo! Ihr wollt Abſprünge von der Fährte nachen,— rief Simmons— nein, nein, nichts da; — ich habe es wohl geſehen wie Euch, als ich Euch geſtern Abend zum Trinken in die Cajüte holte, das Salzwaſſer in den Augen ſtand; ich hätte auch noch geſtern Abend deswegen mit Euch geredet, aber die Geſchichte mit dem Lump von falſchen Spieler kam dazwiſchen. 5*% 68 Ich ſehe auch nicht ein, ſagte Gray plötzlich, ſich hochaufrichtend und aufs Neue Simmons' Hand, die er losgelaſſen hatte, ergreifend, warum ich Euch 4 V nicht das, was mir am Leben nagt und meinen Frieden vergiftet, erzählen ſollte; die Geſchichte iſt einfach und kurz, dennoch aber lang genug mich mein V ganzes Leben hindurch elend zu machen. Doch iſt hier nicht der Platz ſo etwas zu erzählen, da kommt eben wieder der New⸗Yorker— laßt uns aufs Hurricane⸗ V deck gehen. Und mit dieſen Worten ſchritt er dem „Radhaus“*) zu, und ſtieg hinauf, von Simmons gefolgt, der ſich ſchweigend neben ihm am Vordertheil des Schiffes, vor einem der koloſſalen Schornſteine, niederließ.— Einige Minuten beobachtete er tiefes Schweigen, und ſtarrte gedankenvoll nach der grünen Wildniß hinüber, die ſich an der Starbord⸗Seite 8 neben ihnen hinzog dann, nachdem er ſich einmal, und wie um ſeine Gedanken zu ſammeln, oder zu trübe Erinnerungen zu verſcheuchen, mit der flachen Hand über die Stirne geſtrichen, begann er, mehr wie mit ſich ſelber als zu einem Fremden redend: *.) Der runde Ueberbau, der die Räder der Dampfſſchiffe be⸗ deckt, und bis hinauf an das Hurricanedeck geht. An ſeiner Seite ſind kleine Tritte angebracht, um auf demſelben das obere Deck— zu erreichen. 69 Ich bin in Virginien geboren, mein Vater, ein Schotte, ſiedelte ſich aber erſt im„old dominion“ (gewöhnlich wird Virginien ſo genannt) etwa ſechs Jahre vor meiner Geburt an und lernte dort ein⸗ deutſches Mädchen kennen, das er r liebgewann und heirathete. Drei Knaben gebar ihm meine Mutter in zwölf Jahren und ſtarb im letzten Wochenbett, das Kind ſelbſt folgte ihr wenige Wochen darauf ebenfalls. Wir zwei älteſte Knaben waren nun Alles, was dem Vater geblieben war, und mit unermüdlichem Fleiß ſchaffte und wirkte er für uns, ſo daß ſich ſein Wohlſtand mit jedem Jahr vermehrte und er, der mit wenigen hundert Dollars aus dem alten Lande herübergekommen war, bald eine der ſchönſten Plan⸗ tagen in Virginien, wie einige achtzig Neger ſein eigen nannte. Kaum eine Meile von unſerem Haus entfernt— daß die Felder ſich berührten— war die Plantage eines reichen Mannes, Namens Taylor, er, ſelbſt kinderlos, eine Waiſe adoptirt hatte und wie ſeine eigene Tochter liebte. Wir waren als Kinder Spielkameraden. Der alte Taylor ſtarb, und hinterließ Alles die⸗⸗ ſem Mädchen, ſetzte es aber unter die Vormundſchaft ſeines Bruders, dem er das Kind— Cöleſte war 8 70 damals neun Jahr alt— auf dem Todtenbett anver⸗ traute. Der Bruder war eben aus Mexico zurückgekehrt, wo er, wie man ſagte, ein öffentliches Spielhaus ge⸗ halten, und dabei viel Geld, wenn auch nicht gerade auf die allerrechtlichſte Weiſe, verdient haben mochte. Er hatte einen Sohn etwa in meinem Alter, und ſein Plan war bald gemacht: Cöleſte nämlich für die⸗ ſen zu erziehn, und dadurch ſeinem Erben beide Plan⸗ tagen zuzuwenden. Dieſer Plan wurde ſpäter zur Nothwendigkeit, weil er, durch verſchiedene mißglückte Speculationen und den Bankerott mehrer Banken, faſt ſein ganzes ziemlich beträchtliches Vermögen einbüßte. Wir Kin⸗ der wuchſen unter der Zeit heran, und Cöleſte war 16, ich aber 22 Jahr, als der ſonſt ſo ſchlaue Mann erſt einſah, daß ſich zwiſchen zwei jungen Leuten ſo ver⸗ traute Verhältniſſe, wie die ſind in denen Spielkame⸗ raden zuſammen ſtehn, leicht in Liebe verwandeln * konnten. K Er nahm Cöleſte mit ſich fort nach Cincinnati, und ließ ſie dort in einem Erziehungshaus, unter dem „Vorwande ſie in weiblichen Arbeiten und Beſchäftig⸗ ungen zu vervollkommnen, in der That aber nur um uns zu trennen.— hielt um ſeine Tochter an, wobei ich jede Ausſteuer 71 Es war zu ſpät, wir wechſelten Briefe mit einan⸗ der und das, was wir früher faſt ſelbſt nicht geahnt, oder gegen einander wenigſtens nicht gewagt hatten auszuſprechen, geſtanden wir jetzt in unſeren Briefen in den feurigſten Worten. Einer dieſer Briefe kam in die Hände des alten Taylor, der ihn erbrach und ſich augenblicklich im höchſten Zorne nach Cincinnati begab, um jene Ge⸗ fühle, die er noch nicht ſo innig mit Cöleſtens Daſein verwebt glaubte, zu unterdrücken ſo lange es Zeit ſei. Wo er Furcht und Gehorſam vermuthet hatte, fand er Trotz und feſten Willen und ſah bald, daß hier nur ſtrenge Mittel eine Aenderung bewirken könnten. Er übergab die Plantage einem Aufſeher und zog nach Georgien— ich folgte. Von dort ging er nach Alabama, auch da fand ich ſeine Spur und näherte mich Cöleſten. Sein Sohn, ein widerlicher, läppiſcher Menſch, mit hellblonden Haaren und grünen Augen, der Cö⸗ leſten durch ſeine Liebeserklärungen und Zudringlich⸗ keiten faſt zur Verzweiflung brachte, war überall ihr Begleiter. Ich wandte mich an den alten Taylor ſelbſt und verſchmähte und ihm mein ſchriftliches Verſprechen gab, nie von ihm die Güter, die ihm ſo ſehr am Her⸗ zen zu liegen ſchienen, zu verlangen, ich beſaß ſelbſt genug Vermögen glücklich und unabhängig leben zu 8 können; der alte Schurke aber antwortete mir gar nicht— auf meinem Brief, weil er ſich doch wohl ſchämen mochte das ganze Vermögen Cöleſtens, von dem er, wie ich auch damals vermuthete, ſchon einen großen Theil zu ſeinem eigenen Nutzen verwandt hatte, öffent⸗ lich und ungerecht zu behalten, und zog es vor, ſich wieder heimlich mit ihr zu entfernen und zwar dies⸗ mal nach New⸗Orleans. Er hatte ſo gute Anſtalten getroffen mich über ſeine Abreiſe zu täuſchen, daß ich ihn, allen Nachfragen zu⸗ folge, in Teras vermuthen mußte, doch belehrte mich ein Brief Cöleſtens, der mich glücklicher Weiſe gerade 8 in dem Augenblick erreichte, als ich in Mobile Ueber⸗ fahrt nach Huſton nehmen wollte, über ihren jetzigen Aufenthalt. Ich änderte augenblicklich meinen Plan, und langte wenige Tage nach der Geliebten in New⸗ Orleans an. Dort wurde ich krank und zwar ſo, daß die Aerzte die mich behandelten an meinem Aufkommen zweifel⸗ ten. Wochenlang lag ich im heftigſten Fieber, das ſich faſt zum Wahnſinn ſteigerte, wenn ich in lichten Au⸗ 1 —— —— 73 genblicken daran dachte Cöleſte könnte mir entführt ja vielleicht gezwungen werden, dem Verhaßten ihre Hand zu reichen.— Endlich ſiegte meine ſtarke Natur; kaum aber war ich im Stande das Zimmer zu verlaſſen, ſo flog ich nach der Wohnung Cöleſtens.— Sie war ſchon ſeit Monaten mit ihrem Onkel abgereist, kein Menſch wußte wohin; einige glaubten nach Texas, andere nach Mexico; viele behaupteten, er ſei nach New⸗York, und wieder andere vermutheten ihn in Cincinnati. Ich reiſte jetzt nach Hauſe zurück und lebte, mich langſam von den Folgen meiner Krankheit erholend, bei meinem Vater, um ſobald ich hergeſtellt ſei, meine Nachforſchungen zu erneuen. Da kam plötzlich in die⸗ ſem Frühjahr die Nachricht in unſere Nachbarſchaft, daß der junge Taylor Cöleſten geheirathet habe und mit ſeiner Frau nach England hinüber ſei um ihre Geſundheit, die ebenfalls in New⸗Orleans gelitten habe, wieder herzuſtellen. Ddieſe Nachricht zertrümmerte plötzlich alle die ſchwachen Hoffnungen die ich bis dahin noch immer genährt, und warf mich zeriſſenem Herzens in das nichtige Treiben der Welt zurück. Ich widmete mich mit unermüdlichem Eifer den Geſchäften unſerer Plantage, da mein Vater allmälig 74 zu ſchwach wurde denſelben mit Kraft und Umſicht vorzuſtehn, und bemühte mich, in dem Schaffen und Wirken meines Berufs das zu vergeſſen, was das Glück und den Frieden meines Lebens zerſtört hatte. Im Juni ging ich Geſchäfte halber nach New⸗Or⸗ leans, wo ich gezwungen war mich ſechs bis ſieben Wochen aufzuhalten; urtheilen Sie ſelbſt über meinen Schmerz, lieber Simmons, als mir da vor wenigen Tagen eine Mulattin einen Brief einhändigt, den Cö⸗ leſte damals, als ich im fürchterlichſten Fieber lag, an mich geſchrieben, und worin ſie mir nur mit wenigen Worten anzeigte, daß ſie nach St. Louis geführt würde, und mich flehentlich bat ihr zu folgen und ſie den Händen der Verwandten zu entreißen, da ihr das Leben eine Laſt ſei, wenn ſie noch länger von der Zu⸗ dringlichkeit ihrer Peiniger gequält und gemartert wer⸗ den ſollte. Der Brief hatte mich damals nicht erreicht und jetzt, jetzt, da es zu ſpät iſt, ſchallt ihre bittende Stimme zu mir herüber und reißt mit ſtarker Hand alle die alten, halb vernarbten und noch ſo ſchmerzen⸗ den Wunden wieder auf. Und Sie wollen nach St. Louis? fragte Sim⸗ mons leiſe, der mit inniger Theilnahme der Erzählung des jungen Mannes gelauſcht hatte, indem er ſeine Hand faßte, während ſich dieſer abwandte, ein Paar — helle Thränen zu verbergen, die in ſeine Augen getre⸗ ten waren. Ja ich will nach St. Louis— ich will wenigſtens Gewißheit über das Schickſal Cöleſtens; vielleicht finde ich ſie in ihrem neuem Verhältniſſen glücklich— zufrieden, dann werde auch ich das Unvermeidliche zu ertragen wiſſen.. Er ſtützte den Kopf in die Hand und ſah ſtarr vor ſich nieder, während beide, jeder mit ſeinen eige⸗ nen Gedanken beſchäftigt, einen Augenblick ſchwiegen. Dichte Nebel hatten ſich, während die beiden Männer mit einander ſprachen, auf das Waſſer gela⸗ gert, und der Steuermann, der ſo nahe als er es wagen durfte am Ufer hin fuhr, konnte nur noch die Spitzen der Bäume erkennen, die aus dem Dunſt⸗ meere vortauchten. Macht Euch fertig zum Landen, rief der Lootſe dem Mate hinunter— der Nebel wird zu dicht und ich glaube, ich höre ein Boot den Fluß herab kommen. Ay— ay, tönte die kurze, bündige Antwort hinauf, und die entſprechenden Befehle wurden auf dem Verdecke gegeben. Der junge Dalton, der ſein Lieb der Sorgfalt aller Damen an Bord übergeben ſah, und von der 76 Güte des Herrn Gray, ſich ſeiner Wäſche zu be⸗ dienen, Gebrauch gemacht hatte, trat jetzt zu den beiden Männern und unterbrach dadurch ihr hishe geführtes Geſpräch. Ich fürchte, wir werden beilegen müſſen, redete er ſie nach einer kurzen, freundlichen Begrüßung an, der Nebel wird mit jedem Augenblick ſtärker, und gerade vor uns iſt eine ſtarke Biegung im Fluß, die ſchon vielen Booten durch Sandbänke, Snags und Zuſammenrennen mit anderen gefährlich geworden iſt. Unſer Pilot iſt ſehr vorſichtig, entgegnete Mr. Gray, und ich glaube, daß er blos aus dem Fahr⸗ waſſer heraus will, um dann entweder zu landen oder Anker— Habt Acht— ſchaut aus— ein Boot— riefen eine Menge Stimmen zugleich, und aus dem dichten Nebel, gerade vor dem Oceanic, wurden die Umriſſe eines Dampfbootes ſichtbar, das, ohne die Räder zu gebrauchen, mit dem Strome etwas von der Seite gehend, herunterkam, jetzt aber aus allen Kräften anfing ſeine Glocke zu läuten. Kaum bemerkt, näherte es ſich auch, ehe die Maſchine aufgehalten werden konnte, reißend ſchnell dem ſtromauf gehenden Boote, und einem Augen⸗ blicke athemloſen, entſetzten Stillſchweigens folgte— als — 77 das Vordertheil des Oceanic in oder vielmehr auf das des herunterkommenden Bootes einrannte— ein fürch⸗ terliches Krachen und Praſſeln, das von einem hun⸗ dertſtimmigen Wehgeſchrei begleitet wurde. 4 Die drei Männer auf dem Hurricanedeck hatten ſich an den eiſernen Stangen der Schornſteine ange⸗ halten und mit athemloſen Schweigen den Erfolg des Zuſammenrennens beobachtet, ſahen aber jetzt augenblicklich, daß, wenn für eines der beiden Boote wirkliche Gefahr vorhanden wäre, das nur für das herunterkommende ſein könne, da es, bedeutend kleiner als der Oceanic, von dieſem mit dem Vorder⸗ theil faſt ganz unter Waſſer gedrückt war und ſprangen jetzt hinunter, der Eine um ſeine Braut zu beruhigen, die Anderen aber, wenn es nöthig ſein ſollte, zu retten oder zu helfen. 3 Der Oceanie war, wie ſchon geſagt, mit dem Bugſpriet auf das Vordertheil des„Mazeppa“,— wie das andere Boot hieß, aufgelaufen, das er glücklicherweiſe nicht weiter beſchädigt, denn der Ca⸗ pitän des„Mazeppa“ hatte augenblicklich die Lucken aufreißen laſſen und gefunden, daß nur durch einen kleinen Leck etwas Waſſer einſtröme, verſuchte daher auch auf jede nur mögliche Art, ſeine Paſſagiere, die faſt alle, gleich nach dem erſten Anrennen, 78 auf das größere Boot geſprungen waren, zu be⸗ ruhigen. Simmons, der, mit Dampſſchiffen vertraut, auf den erſten Blick geſehn hatte wie die Sachen ſtanden, faßte Gray am Arm, und ihn mit ſich die Cajüten⸗ treppe wieder hinaufführend, ſagte er: Kommt, kommt, in einer Viertelſtunde ſind beide Boote wie⸗ der flott und wir wollen unter der Zeit eins trinken und die Leute da oben beruhigen; in der Cajüte iſt ja ein Heidenlärm. Mit dieſen Worten traten ſie in den Speiſeſaal des Bootes, in dem aber die fürch⸗ terlichſte Verwirrung herrſchte. Holla! rief der alte Simmons, als ſie die Thüre öffneten— was zum Teufel iſt hier los?— und er hatte wirklich alle Urſache ſo zu fragen, denn die Cajüte des Oceanic glich einem zweiten Babel, ſo ſprangen in wilder Verwirrung Amerikaner, Fran⸗ zoſen, Deutſche und Engländer durch einander, theils mit ihrem Habſeligkeiten beladen, theils nach ihren Koffern und Hutſchachteln ſuchend, um dieſe und ſich ſelbſt in Sicherheit zu bringen. Ein Bild der entſetz⸗ lichſten Angſt und Todesfurcht aber war die wohl⸗ beleibte franzöſiſche Dame, die mit dem ältlichen Herrn und noch einer anderen Dame unterhalb Natchez an Bord gekommen, und jetzt mit fliegenden 79 Haaren und todtbleichen Wangen, einen ungeheueren „life preserver“ umgeſchnallt, der aber noch unge⸗ füllt auf ihren Hüften hing, trotz ihrer ſonſtigen Schwerfälligkeit ſich durch die Cajüte ſtürzte und mit franzöſiſchem Accent und vor Angſt faſt erſtickter Sprache in einem fort ſchrie:„Blaſt mich auf, blaſt mich auf.“ Aber Mrs.,— wie iſt Ihr Name? fragte Sim⸗ mons, die Augen aufreißend. Blaſt mich auf— blaſt mich auf! ſchrie die zum Tode erſchreckte Frau. Gray, rief Simmons, der ſie erſt ein paar Se⸗ cunden ſtarr betrachtete, und dann auf einen Stuhl niederſank, während ihm vor Lachen die Thränen an den Wangen herunterliefen— Gray, das iſt mein Letztes— ich kann nicht mehr— die Dicke— die Dicke— will noch mehr— mehr aufgeblaſen ſein. Sie meint aber den„life preserver“, erwie— derte dieſer ſelbſt lächelnd. Sie will noch mehr aufgeblaſen ſein, ſchrie Sim— mons, den ein Lachkrampf zu überwältigen drohte, und der roth und aufgeſchwollen im Geſicht, auf die Stuhllehne zurückgeſunken, nicht mehr lachen konnte. Gray begann wirklich zu fürchten daß er erſticken würde, ſo blau und ſtier wurden ſeine Geſichtszüge, 80 ſo gläſern ſeine Augen. Endlich erholte er ſich wieder, ſtand auf und ſchöpfte tief Athem; zu gleicher Zeit begegneten aber ſeine Blicke aufs Neue denen der dicken Frau, der der Angſtſchweiß in großen Perlen auf der Stirn ſtand, und das Komiſche ihrer Lage überwältigte ihn aufs Neue ſo, daß er einem zweiten Anfall zu unterliegen ſchien, hätte ihn nicht Gray ſchnell gefaßt und vor die Thür geführt. Wenn ich jetzt ſterbe iſt die Frau an meinem Tode Schuld, rief er, als er ſich die Stirne trocknend nach dem Boilerdeck zu lief— ich fühle, ich muß mir etwas inwendig geſprengt haben. Der Capitän war jetzt in die Cajüte getreten, und obgleich auch er nicht umhin konnte, über die Verwirrung, die ſich überall ſeinen Blicken darbot, zu lachen, beruhigte er doch auch ſogleich die geäng⸗ ſtigten Paſſagiere, indem er ihnen heilig verſicherte, daß auch nicht die geringſte Gefahr vorhanden ſei. Unter der Zeit hatte der kleine Franzoſe ſeinen eigenen„life preserver“ in Todesangſt geſucht— jetzt war der Augenblick gekommen wo er ihn ge⸗ brauchen ſollte und das Kiſſen— das er über ſeinem Bett hängen gehabt damit er es ja nicht verlegen könne— nun, im entſcheidenden Moment, ver⸗ ſchwunden. Da warf er zufällig den Blick auf Mr. — 81 Bloomfield und erkannte ſeine eigene Rettungsma⸗ ſchine— aber ebenfalls unaufgeblaſen, um deſſen Hüften, mit der der New⸗Yorker, der ſich jetzt ganz ſicher glaubte, ruhig und jeder Gefahr trotzend, auf⸗ und abſpazierte. Was machen Sie mit meinem life preserver, Sar! ſchrie er dieſen an— habe ich deshalb das viele Geld in Nouvelle Orleans dafür bezahlt, damit Sie Ihr Leben retten ſollten? Aber, lieber Herr, erwiederte Bloomfield, der den fraglichen Artikel in dem Schlafzimmer, das er mit dem Franzoſen gemeinſchaftlich bewohnte, hängen geſehn und als Schiffseigenthum, zur Sicherheit der Paſſagiere, betrachtet hatte— aber lieber Herr, ich wußte wahrlich nicht— ich glaubte— daß— Und Sie haben ihn ja nicht einmal aufgeblaſen, fuhr der Franzoſe, jetzt ſelber lachend, fort; glauben Sie denn, daß das Zeug, ohne Luft inwendig, ſchwimmt? Ach, darum ſchrie die Dame ſo nach Jemandem, der ſie aufblaſen ſollte, rief Bloomfield verwundert. Erwähnt es nicht— Mann! rief Simmons dazwiſchen, der unterdeſſen mit Gray hinzugetreten war, erwähnt die Dame nicht, wenn Euch mein Leben und das Zuſammenhalten meiner Blutgefäͤße Gerſtäcker, Miſſiſſippi⸗Bilder. II. K 8² nur einen Cent gilt; aber kommt, laßt uns eins trinken, fuhr er fort, indem er ſich zum Schenkſtand wandte, wo der Ausſchenker emſig beſchäftigt war die Verwüſtung wieder gut zu machen, die der erſte ge⸗ waltige Stoß des Bootes unter ſeinen Flaſchen und Gläſern angerichtet hatte;— kommt hierher, alle mit⸗ einander, rief er lauter, Jeder von uns braucht einen Schluck, um das Gleichgewicht wieder ordentlich her⸗ zuſtellen.— Ich nehme Brandy und Zucker. Unter der Zeit war durch den Fleiß und die An⸗ ſtrengung der Arbeiter und Zwiſchendeckspaſſagiere der Oceanic wieder vom Mazeppa abgeſchoben und flott gemacht worden, und beide Boote lagen fried⸗ lich neben einander am Ufer, die Entfernung des Nebels abzuwarten. Aber, Capitän Duncas, fragte der Capitän des Oceanic den des Mazeppa, als ſie in der Cajüte des erſten Bootes zuſammenſaßen, während einer der Aufwärter mit der Glocke läutend im Boote herum⸗ ging, die Cajütenpaſſagiere darauf aufmerkſam zu machen, daß trotz Unfällen und Gefahren dennoch das Mittagseſſen ſogleich angerichtet ſein würde— aber, Capitän, was zum Henker triebt Ihr denn auch mit dem Strom herunter, daß man weder Maſchine noch Rad hören konnte? 8³ Ich hörte Ihr Boot kurze Zeit vorher, fiel der Steuermann ein, aber ſpäter war Alles ruhig und ich glaubte es gelandet. Es iſt einzig und allein die Dummheit einer meiner Leute daran Schuld, und ich kann nur noch nicht recht herausbekommen, wer der Thäter iſt, entgegnete lachend Capitän Duncas. Als der Nebel ſo dicht wurde, daß ich fürchtete mit meinem Boote irgendwo anzurennen, auch das Ihrige kommen hörte, rief ich meinem Mate zu, den Anker bereit zu halten; dieſer gab die dazu nöthigen Befehle und meine Deckhands“*) gingen mit allem Eifer daran ſie auszuführen. Einige machten die Ketten klar, andere trugen den Anker auf den Bord, wieder andere zogen die Kette durch die Klüſen im Bootrand, keinem von den Seehunden aber fiel es ein, den Anker an die Kette zu befeſtigen. Wie ich nun glaubte daß Alles gut und richtig beſorgt ſei, und ihr Boot im⸗ mer näher kam, der Nebel immer dichter wurde, rief ich oben vom Deck herunter:„Werft den Anker über Bord“,—„Alles hinüber“, war die Antwort, die ich empfing, und in demſelben Augenblick ſah ich auch den Dampf des Oceanic. Zwar ſtürzte *) Deckhands— Matroſen auf Dampfbooten. 4 4 6⸗ 84 ich augenblicklich nach der Glocke und läutete aus allen Kräften, es war aber zu ſpät, und iſt nur noch ein Glück, daß unſer Zuſammenrennen nicht ſchlimmer abgelaufen iſt. Doch wie ich ſehe, ſenkt ſich der Nebel, und ich will mich wieder auf den Weg machen; ich werde doch in Vicksburg einlaufen und den Leck, den mein Boot bekommen hat, ver⸗ ſtopfen müſſen, alſo Ade, Capitän, good bye, Gent- lemen, und mit dieſen Worten trat er hinüber an ſeine Cajüte, da ſich der Mazeppa jetzt zum Abſtoßen fertig machte. Auch der Oceanic ſchlang ſeine Taue wieder von den Uferbäumen, an die ſie befeſtigt waren, los, und während ſich die Paſſagiere zum Mittageſſen nieder⸗ ſetzten, verfolgte er rauſchend und ſchäumend ſeinen Weg. Die Tiſchgeſellſchaft war aber an dieſem Tage, ganz gegen die ſonſtige Art der Amerikaner, eine der luſtigſten, und viel wurde über die verſchiedenen komiſchen Situationen und Scenen gelacht, die während der befürchteten Gefahr vorgefallen waren, und die mancher der Reiſenden nun von ſich ſelber erzählte, um den Spaß zu haben, und ſei es auch auf ſeine eigenen Unkoſten, mit lachen zu dürfen. Das Boot war jetzt am Staat Louiſiana vorbei 8⁵ und hatte die Grenzlinie von Arkanſas paſſirt, das ſich in grüner Herrlichkeit am linken Ufer hinſtreckte, während die Paſſagiere nach dem Eſſen auf dem offenen Verdeck eine Zeitlang ſpazieren gingen, um ſich ſo viel Bewegung zu machen als es der enge Raum des Bootes geſtattete. Der Wind hatte ſich indeß gedreht und ſchwarze Wolkenmaſſen ballten am Horizonte zuſammen; höher und höher ſtiegen die wallartigen Dunſtgebirge, und verfinſterten bald mit ihren Schatten das freundliche Tagesgeſtirn, das vergebens gegen die dunklen Maſ⸗ ſen ankämpfte und bald von ihnen eingeholt und bedeckt wurde. 3 Ein dünner Regen ſprühte zuerſt erfriſchend in der drückenden Hitze auf das Verdeck nieder, artete dann jedoch in einen tüchtigen Landregen aus, der bald Alle in die ſchützenden Räume der Cajüte oder des Verdecks zurücktrieb.. Simmons hatte, da wie er ſagte doch nichts Anderes vorgenommen werden konnte, ſchnell wieder eine Partie Eucre arrangirt, an der diesmal ſelbſt Mr. Gray Theil nahm; auch Stewart, der Anſiedler aus Miſſouri, ſpielte mit, und zwar mit Simmons gegen Mr. Gray und den Capitän Wilkens; Mr. Bloomfield aber hatte ſich an Stewart's Seite nieder⸗ 86 gelaſſen, theils um das Spiel zu beobachten, theils ſeine unausgeſetzten Fragen an den„Backwoodsman“ zu richten, und ihn fortwährend wegen Erzählungen zu plagen, in denen ihm jener nur zu geduldig will⸗ fahrte. Simmons war ſchon mehre Male nu derben Flü⸗ chen drein gewettert, den Newyorker bittend ihr Spiel nicht jeden Augenblick zu unterbrechen, dieſer aber, unheilbar in ſeiner Leidenſchaft, ließ ſich immer nur auf wenige Minuten von ſeinem Ziele abbringen und kam endlich ſogar mit ſeiner Büchſe herbei, die er dem Miſſourier zeigte und ihn dabei frug, ob er nicht auch glaube daß ſolch ſtarke Kugel mit Beauemlichteit ei⸗ nen Büffel niederwerfen könnte. Eine kleine Kugel, richtig auf den Fleck gebracht wohin ſie beſtimmt iſt, würde ihn eben ſo ſchnell be⸗ wältigen, entgegnete ruhig der Miſſourier, indem er mit ſeinem klaren, treuherzigen Auge den Newyorker ruhig lächelnd anſah; dann nahm er ſeine Karten auf, warf einen flüchtigen Blick hinein und ſagte ſeinem Aiden hinüber: Ich helfe. Eine kleine Kugel? rief Bloomfield verwundert, eine kleine Kugel für einen Büffel, Mr. Stewart, das kann doch unmöglich Ihr Ernſt ſein. Mr. Stewart, ich wünſchte, daß Sie ein wenig —— 87 mehr aufpaſſen, fiel Simmons jetzt, nachdem die Stiche ſchnell hintereinander gemacht waren, wirklich etwas ärgerlich ein, während Mr. Gray und der Ca⸗ pitän lächelten;— wenn Sie auch nur im Mindeſten auf Ihr Spiel aufmerkſam waren, ſo mußten wir die⸗ ſen letzten Stich noch machen, und dann hatten wir einen Marſch und waren aus; ſoviel konnten Sie ſich doch wohl denken daß ich Trumpf geſpielt hätte, wenn ich's noch einmal in der Hand hielt! Ich ſetze den Fall der Büffel iſt fett, rief der un⸗ verwüſtliche Bloomfield, wie iſt es da nur im Ent⸗ fernteſten möglich, daß eine kleine Kugel die gehörige Wirkung hervorbringen könnte. Hol' der Henker doch die großen und kleinen Ku⸗ geln, fluchte Simmons, Spades iſt Trumpf, und Ihr Stewart, habt die Vorhand. Nun wartet, Mr. Bloomfield, ſagte Stewart ru⸗ hig, indem er ausſpielte, ſobald dies Spiel vorbei iſt, was keine fünf Minuten mehr dauern wird, ſo will ich Euch eine Geſchichte von meinem eingebohrten Gewehr erzählen. Wie viel Kugeln ſchoß es aufs Pfund? fragte Bloomfield. Der iſt unſer und der iſt unſer, rief Simmons, die beiden höchſten Trümpfe, die zwei ſchwarzen Buben, * 88 nach einander ausſpielend,— Eucred, by God; aber nun, Stewart, will ich Euch etwas ſagen; jetzt er⸗ zählt dem Mann da Eure Geſchichte— erſt wollen wir aber eins trinken, das der Capitän bezahlen muß — ich nehme Brandy und Zucker— und dann, Mr. Bloomfield, laßt Ihr den hier zufrieden, oder ich gebe Euch mein heiliges Ehrenwort, daß ich Euch Eure ſchöne Büchſe beſpreche, ſo daß auch nicht ein einziges Stück Blei ſo gerade wieder herauskommen ſoll, als Ihr es hineingeſtoßen habt. Es ſind jetzt zwei Jahr, begann Stewart, nachdem ſie Alle getrunken und ſich wieder an den Spieltiſch geſetzt hatten, als ich eines Tages meine Büchſe ſchul⸗ terte, um die Runde um mein Feld zu machen, da eine Maſſe Eichhörnchen dem Wälſchkorn bedeutenden Schaden zufügten. Ich hatte eine von unſern langen Büchſen, die an 180 Kugeln auf das Pfund ſchoß. Hundert und achtzig Kugeln? unterbrach ihn Bloomfield— ja, damit konntet Ihr doch weiter Nichts als Eichhörnchen, wohl kaum einen wmihßai ſchießen! Das war auch meine Meinung damals, fuhr Ste⸗ wart, ohne ſich irre machen zu laſſen, in ſeiner Erzäh⸗ lung fort; es gab aber auch zu jener Zeit weiter Nichts als Eichhörnchen in Nordkarolina; dann und wann 89 höchſtens bekamen wir einen Hirſch zu ſehn, und höchſt ſelten ſtattete uns in den Sommermonaten ein Bär, aus den Gebirgen heruntek einen Beſuch ab. Nun waren in letzter Zeit allerdings Bärenfährten in unſerer Nachbarſchaft entdeckt und der alte Burſche verfolgt worden, da er ſich aber in den vorhergehenden Tagen nicht wieder gezeigt, ſo glaubten wir natürlich Alle er hätte ſich weſtlich gewandt.— Ich ſelbſt we⸗ nigſtens würde eher des Himmels Einſturz als einen Bär in der Nähe meiner Fenz vermuthet haben. Sie wollen uns doch nicht erzählen, daß Sie mit einer Büchſe, die 180 Kugeln auf das Pfund ſchoß, einen Bären erlegt hätten? unterbrach ihn Bloomfield aufs Neue— die Kugeln ſind ja kaum größer als ein Entenſchrotkorn.— Mein Feld grenzte dicht an das Haus, erzählte Stewart weiter, ohne den Einwand zu beachten, ſo daß die Gebäude und ein kleiner Garten die ſüdliche Grenze deſſelben bildeten, während es eine gute, zehn Riegel hohe Fenze, auf den drei andern Seiten umgab. Ich war langſam, die Büchſe auf der Schulter, um die Weſtſeite herumgeſchlendert, ohne auch nur ſelbſt ein Eichhörnchen geſehen zu haben, bog dann um die Ecke und ging an der Nordſeite, mich überall vorſichtig umſchauend, hin, ohne auch hier nur die Spur von irgend etwas Jagdbarem zu finden. Schon verzweifelte ich an dieſem Nachmittag noch einmal zum Schuß zu kommen, als ichdie nordöſtliche Ecke meines Feldes, und mit ihr ein kleines Saſſafras⸗Dickicht er⸗ reichte, durch das ſich ein ſchmaler Kuhpfad hinzog, und dieſen kaum betreten, ein leiſes Rauſchen in den Blättern zu hören glaubte. Nun hatte ich meine Büchſe nur geladen, um viel⸗ leicht, wie ſchon geſagt, ein Eichhörnchen damit erle⸗ gen zu können, meine Seele dachte daher auch gar nicht an irgend etwas Größeres, das mir zum Schuß kommen könnte, doch hielt ich im Gehen an und horchte aufmerkſam dem näher und näher kommenden Geräuſch. Ich hatte den Hahn geſpannt und lag im An— ſchlag, immer aber noch entzogen die dichten Saſſa⸗ frasbüſche das Thier, welcher Art es auch ſein mochte, meinen Augen; endlich ſah ich die Spitzen der Büſche ſich bewegen— es kam näher und trat plötzlich, nicht zwanzig Schritte von mir entfernt, in den kleinen Pfad, der nach dem Hauſe zulief, und in dem ich ſtand. Und war das wirklich ein Bär? fragte Bloomfield, der mit faſt athemloſer Erwartung dem Fortgang der Erzählung gehorcht hatte, äußerſt geſpannt. Ein Bär? fragte Stewart verwundert— wie kommt Ihr gerade auf einen Bären? Es war eine von 91 meinen Kühen, die zu Hauſe ging, um gemolken zu werden. Aber was haben ſie denn da geſchoſſen? fragte Bloomfield ganz verdutzt, als Simmons laut an zu lachen fing. 3 Nun, ich werde doch meine eigene Kuh nicht todtſchießen ſollen? entgegnete Stewart, ſcheinbar über die Frage erſtaunt. Aber ſo laßt ihn doch nur ruhig in ſeiner Erzäh⸗ lung fortfahren, rief Capitän Wilkens, der ſich ſehr an der getäuſchten Hoffnung des Newyorkers zu er⸗ götzen ſchien; er muß ja noch an der ganzen öſtlichen Seite der Fenze herunter gehn, um wieder zu ſeinem Hauſe zu gelangen. Ja, fuhr Stewart fort, es war eine von meinen Kühen, was mich um ſo weniger überraſchen konnte, da die ſechſe, die meine Frau melkt, jeden Abend re⸗ gelmäßig um dieſelbe Zeit nach Hauſe kommen. Meinen Hahn alſo in Ruhe ſetzend, da ſeit vielen Wochen kein Wild an der Seite geſehen war, ging ich dann leiſe, natürlich nicht erwartend gerade jetzt noch etwas zum Schuß zu bekommen, dicht an der Fenze hin und— erreichte auch, ohne wirklich etwas zu ſehen, nach etwa zehn Minuten mein Haus. Ha, ha, ha, ha, ha, platzte der alte Simmons heraus, laßt uns eins trinken— es ſind doch Mord⸗ gewehre die kleingebohrten Büchſen! Ich bin Ihnen für Ihre Erzählung ſehr ver⸗ bunden, erwiederte, ſich kalt gegen Stewart neigend, mit höflichem, beleidigtem Ton Mr. Bloomfield⸗ und ging trotz Simmons flehentlichen Bitten, ſich nicht der feuchten Zugluft, ohne einen Schluck Bran⸗ dy im Magen zu haben, auszuſetzen, auf das Boiler⸗ deck, die Spieler von nun an ganz ſich ſelber über⸗ laſſend. Gebt mir Eure Hand, rief Simmons, Stewart's Rechte ergreifend, als Bloomfield die Thür hinter ſich ins Schloß gedrückt hatte— ich will verdammt ſein wenn Ihr's nicht hinter den Ohren habt; ich habe Euch für einen ſchafsmäßigen Hiob gehalten, aber hol's der Henker, Ihr führtet den langweiligen Burſchen auf eine köſtliche Art ab.— Ich nehme Brandy und Zucker. 4 — Selbſt Mr. Gray und der Capitän lachten herz⸗ 4 lich über die getäuſchte Erwartung Bloomfield's, und Alle ſetzten ſich wieder, in der beſten Laune von der Welt, um den Spieltiſch. Capitän! wollen Sie ſo gut ſein und einmal mit 2 dem Mann am Ufer ſprechen? fragte der Mate, indem 93 er ſeinen Kopf durch die halbgeöffnete Thür ſteckte; es iſt kaum noch eine halbe Klafter Holz da, und das am Ufer ſieht trocken und gut aus. Sie entſchuldigen einen Augenblick, meine Herren, ſagte der Capitän, als er aufſtand und ſeine Karten niederlegte, ich will nur ſehen, was das Holz koſtet und bin in wenigen Minnten wieder zurück. Das nennt der Mate gut und trocken ausſehen, rief Simmons, der mit den Anderen auf die Gallerie vor die Cajüte getreten war,— ſtundenlang gießt ſchon der Regen darauf nieder. Was für Holz iſt das? rief der Capitän vom Hurricanedeck aus, an das noch etwa hundert Schritt entfernte Ufer hinüber. Zwei und einen halben Dollar, war die paſſende Antwort. Was für Holz iſt es denn? Etwa 16 Klaftern, rief die Stimme wieder. Aber was für Holz iſt es? Ja— Ihr könnt ganz gut landen; gerade unter dem Cottonwood⸗Baum. Wir müſſen ſchon ſelber ſehen, was das für Holz iſt, rief der Capitän lachend, der Schurke verſteht meine Frage nicht, o ill ſie nicht verſtehn, und die Glockenſchnur G er einigemal ſtark am 94 Klöppel zum Zeichen daß er landen und Holz ein⸗ nehmen wollte. Wood pile— wood pile! ſchallte es jetzt durch das Zwiſchendeck, und der Mate mit ſeinen Gehülfen drangen, da es jetzt anfing dunkel zu werden, mit Laternen in die finſteren Räume des Zwiſchendecks, die keineswegs angenehm überraſchten Paſſagiere in Regen und Wind hinauszutreiben, um naſſe, trie⸗ fende Scheite Holz, auf ihren Schultern die ſteilen, ſchlüpfrigen Ufer hinunter, über eine ſchmale, glatte Planke aufs Boot zu tragen. Die Feuerleute trugen brennende Scheite ans Land und zündeten zwei gewaltige Feuer an, und Arbeiter und Paſſagiere ſtrömten hinaus ans Ufer, um ſo ſchnell als möglich die böſe Arbeit zu been⸗ digen. Ein Feuermann hatte zuerſt ſeine Laſt Holz auf der Schulter und ging mit feſtem Schritt auf dem naſſen Boden hin, deſſen klebriger Schmutz ſich an ſeine Sohlen hing; er erreichte die Planke und be⸗ wegte ſich vorſichtig einige Fuß darauf fort, aber eines der Scheite, von denen er ſieben ziemlich ſchwere trug, ſchwankte, er wollte es faſſen, rutſchte aus und ſtürzte mit ſein kacht in den unten vor⸗ beirauſchenden Strom. 1 95 Werft Aſche auf die Planken, rief der Mate— verdamm es, wo wollt Ihr alle hin? Ein Mann über Bord, riefen Mehre. Verdamm den Narren,'s iſt ſeine eigene Schuld. Lebhaft, Boys— ſchafft das Holz herein. Seht nach dem Mann, rief der Capitän oben vom Hurricanedeck herunter. Er ſchwimmt ans Land, Capitän, rief einer der Matroſen— er iſt ſchon auf dem Trockenen. 4 Der über Bord Geſtürzte hatte das Ufer wieder erreicht, konnte aber kaum durch den zähen Schle n. fort, wäre ihm nicht ein halb in den Miſſiſſippi hängender Baum zu Statten gekommen; den erfaßte er und erreichte mit ſeiner Hülfe den hohen Flußrand. Dort angekommen, wollte er auf das Boot gehn, um ſich zu trocknen— der arme Teufel hatte weiter keine Kleider als die, die er gerade trug— der Mate trat ihm aber entgegen, und rief ihm zu, erſt das Holz tragen zu helfen, nachher habe er noch Zeit genug ſich zu trocknen: Damn it,— endigte er ſeine herzloſe Zumuthung— wer hieß Euch ſolch ein Narr ſein und ins Waſſer fallen! Dort iſt das Holz, macht fort und be damned to you! Der Feuermann, durch den Unfall gerade nicht eben in die beſte Laune verſetzt, und durch die Zu⸗ 1 96 muthung empört, riß ſein Meſſer, das er, wie jeder andere Arbeiter an der Seite trug, aus der Scheide und ſchwur einen heiligen Eid, die Klinge dem Mate in den Leib zu rennen, im Fall dieſer ihn zwingen wollte in den naſſen Kleidern zu arbeiten. Der Capitän legte ſich aber auch hier ins Mittel und erlaubte nicht, daß der, ſchon durch das naſſe Bad und den Sturz mit dem ſchweren Holz, Er⸗ ſchöpfte, in ſeinem jetzigen Zuſtande zur Arbeit ge⸗ Bzwungen würde. MNehre Stunden lang trugen nun die Leute mit unermüdlichem Eifer das Holz die naſſen ſteilen Ufer hinunter, auf das Boot, wobei nur der Mate darauf zu ſehen hatte, daß ſich nicht dann und wann Einer wieder in das ſtille Verſteck des Zwiſchendecks zurück⸗ zog, aller weiteren Arbeit überhoben zu ſein. Zwar verſuchten einige der Deutſchen im Anfang ſich, etwas vom Fluß ab, in den Wald zu entfernen und dort, unter einen Baum gelagert, ruhig das Läuten der Bootsglocke abzuwarten; aber ſchärfere Aufſeher, als ſelbſt der Mate des Oceanic war, trieben ſie wieder an ihre Arbeit: die Mosquitos, die ſie in unzählbaren Schwärmen überfielen und aus der ſchwülen Sumpfatmoſphäre hinausſcheuchten. Endlich ſchallten die langerſehnten Töne der 97 Glocke;— das„Kommt an Bord“ des Mate tönte den müden Arbeitern wie Muſik in die Ohren; die Planken wurden eingezogen, das Boot abgeſtoßen und wieder keuchte der Oceanic ſtromauf. Der Regen hatte nach zehn Uhr aufgehört, und die ſchmale Mondesſichel beleuchtete, kaum hell genug, den dunkeln Strom; doch war der Pilot ein erfahrener Steuermann, der, wie er ſich ausdrückte, jeden Zoll breit im Fluß kannte, und nur etwas langſamer als bei hellem Tageslicht verfolgte das gewaltige Boot ſeine Bahn. Um elf Uhr landete es in, Napoleon“ an der Mün⸗ dung des Arkanſas, theils um Paſſagiere an Land zu ſetzen, theils mehre von dort, die den Arkanſas herunter gekommen waren, aufzunehmen. Gegen Mittag, am Vierten, ſah der Capitän und Mr. Gray, die neben dem Pilot auf dem Hurricane⸗ deck ſtanden, gerade als die weißen Häuſer von He⸗ lena in Arkanſas ſichtbar wurden, zwei Boote den Strom herunterkommen, die augenſcheinlich einen Wettlauf hielten. Beide landeten faſt zu gleicher Zeit in Helena, das eine aber nur um Paſſagiere ans Land zu ſetzen, das andere, um einige Zentner Blei auszuladen. In ungeheurer Geſchwindigkeit, um dem anderen Gerſtäcker, Miſſiſſippi⸗Bilder. II. 4 Boot, das kaum eine halbe Minute gehalten hatte, nicht zu großen Vorſprung zu gewähren, wurden die ſchweren Bleiſtangen ans Ufer geworfen, und eben kam der Oceanic heran, der übrigens nicht zu halten beabſichtigte, als das zweite Boot,„General Green“, wieder abſtieß. Da— kaum funfzig Schritte vom Ufer aber, und nicht mehr als etwa hundert vom Oceanic ent⸗ fernt, als Mr. Gray und Capitän Wilkens ſich ge⸗ rade bemühten mit dem Fernrohr bekannte Geſichter auf dem Boot zu ſuchen, füllte plötzlich weißer Qualm den Maſchinenraum— ein fürchterlicher Krach folgte, und hoch gegen den Himmel emporgeſchleudert flogen zerſtückte Leichname und Bootstrümmer. Run on side of her— run on side of her!— rief Capitän Wilkens ſchnell, laßt uns wenigſtens die Leute retten, die noch zu retten ſind, denn das Boot muß augenblicklich ſinken! Ins kleine Boot, meine Burſchen— drei von Euch— rettet, was Ihr könnt von Menſchen— aber laßt die Sachen ſch wimmen! Mit Blitzesſchnelle ſchoß der Oceanic heran, während das Waſſer um das verunglückte Boot herum von lebenden und todten Menſchen und Koffern und Trümmern wimmelte. Es war aber auch keine Zeit zu verlieren, denn diejenigen der Paſſagiere, die 99 der Exploſion entgangen waren, blieben noch immer der Gefahr zu ertrinken ausgeſetzt, da das Wrack augenſcheinlich ſank. Von der Stadt aus ſtießen jetzt ebenfalls mehre kleine Kähne, um Beiſtand zu leiſten, ab. Die Damencajüte war faſt der einzige Theil am ganzen Boot, der von der zerſtörenden Gewalt ver⸗ ſchont geblieben war, die Damen hatten ſie aber ſchon verlaſſen und auf das Hurricanedeck flüchten müſſen, denn nur noch wenige Fuß reichten ſelbſt von dieſem über die Oberfläche des Waſſers heraus, als der Oceanie dicht vorbei fuhr. Da ſank auch der vordere Theil des Bootes, und eben als den nur auf einen kleinen Raum zuſammen⸗ gedrängten Frauen eine Planke hinübergeſchoben wurde, ſchwankte das Wrack und drohte mit Allem in die Tiefe zu verſinken. Gray hatte mit klopfendem Herzen die Gefahr der ſchwachen, hülfloſen Weſen geſchaut, als er plötzlich bekannte Züge bei einem der Mädchen zu entdecken glaubte,— Cöleſte, rief er entſetzt und noch zweifelnd.— Einbleiches Antlitz hob ſich gegen das ſeine— William, rief ſie und ſtreckte Hülfe ſuchend ihre Arme nach ihm aus; da ſank das Wrack und die gelben Fluthen ſchloſſen ſich über dem Engelsantlitz. 7* 100 Cöleſte ſchrie Gray mit wildem Angſtruf und flog, ohne weiter auch einen Augenblick zu zögern, mit wildem Sprung in den noch wirbelnden Golf hinein, der ſein Lieb eben verſchlungen hatte. Die Matroſen mochten aber wohl nicht gern hinter dem Paſſagier zurückbleiben wollen; fünf von ihnen warfen die blauen Jacken ab und ſprangen nach, und mehre Secunden nun, als Körper nach Körper wieder an die Oberfläche tauchte, ließ ſich noch nicht erkennen, wer eigentlich gerettet, wer ver⸗ loren ſei in dieſem Chaos von todten und lebenden Dingen. Athemlos ſtanden die Paſſagiere des Ocea⸗ nic an Deck— da hob ſich Gray aus der Fluth— in ſeinem Arm trug er einen lebloſen Körper— es war Cöleſte, und kräftig ausſtreichend ſchwamm er gegen die Jolle an, wo er unter dem lauten Jubelruf des Oceanic an Bord gezogen wurde. Mit gleicher Schnelle rettete man noch vier andere Frauenzimmer aus der Fluth. Die anderen kamen nie wieder zum Vorſchein. Auch die kleinen Schaluppen, die vom Lande abgeſtoßen waren, zogen ſchnell und gewandt zwi⸗ ſchen den Trümmern umher, und entriſſen noch Viele dem naſſen Grabe, die verzweifelnd mit den Wellen kämpften. 101 Später als die übrigen war ein Canoe vom Ufer abgefahren und ſchoß pfeilgeſchwind zwiſchen den Trümmern einer Stelle zu, wo eine Frau mit den Fluthen rang;„save met“, gurgelte die ſchon halb erſtickte Stimme, und flehend hob ſich ein Arm; das Ungeheuer aber wollte nicht die unnütze Laſt im Canoe, ſondern ſeine Hand ſtreckte ſich nach dem Koffer aus, der neben ihr ſchwamm, und den er ins Canoe hob. Noch einmal glänzte ein weißer Arm durch die ſchmutzige Fluth und ſank dann, um ſich nie wieder zu heben; der Mann aber, der mit kaltem Blute ein hülfloſes Weſen neben ſich konnte untergehn ſehn, ohne auch nur die Hand auszuſtrecken es zu retten, trieb noch eine kurze Zeit auf dem Strome umher, mehre andere werthvolle Gegenſtände aufzu⸗ fiſchen und in ſein Canoe zu werfen, und ruderte dann langſam und, wie es ſchien, ganz mit ſich ſelbſt zufrieden, dem Ufer zu, ſeinen Raub in Sicherheit zu bringen. Aber nicht ungeſtraft ſollte diesmal der Bube ſeine Schandthat verübt haben. Vom Oceanic aus hatte der Capitän, wie mehre der Paſſagiere, Alles genau mit angeſehen und mit vor Zorn und Wuth zitternder Stimme befahl Capitän Wilkens zu landen. In demſelben Augenblick, als Jener aus ſeinem Canoe ſtieg, ſprangen auch zwei Matroſen mit den Tauen ans Ufer, befeſtigten das Boot, und der Capitän mit mehren ſeiner Leute erfaßte den Buben, um ihn den Gerichten zu übergeben. Helena hat unter allen Städten am Miſſſſſippi wohl den ſchlechteſten Ruf, und Raub und Mord fiel gerade dort nicht ſelten vor; dennoch aber waren die beſſeren Einwohner empört über das Bubenſtück, noch dazu, da es auch vom Lande aus beobachtet worden war, und der ſich wüthend zur Wehr ſetzende wurde gebunden und ſollte dem Sheriff überliefert werden. Dagegen aber widerſetzte ſich das Volk. Hängt ihn— hängt ihn! ſchrie der Haufen, Gott verdamm ihn, ein Strick iſt faſt noch zu gut für ihn,— dreht Weidenruthen und hängt ihn an den nächſten Baum! Halt! rief ein angeſehener Bürger aus dem Ort, indem er die Nächſtſtehenden zurückdrängte,— halt, laßt uns abſtimmen und ſehen, wer für und wer gegen die augenblickliche Strafe des Böſewichts iſt. Ja, ja, laßt uns abſtimmen, rief der Haufe. Gut dann, antwortete der Mann, der zuerſt ge⸗ ſprochen, wer dafür ſtimmt, den Mörder, denn anders als einen Mörder können wir ihn nicht betrachten, augenblicklich aufzuhängen, trete auf jene Seite— 103 wer dagegen ſtimmt und haben will, daß wir ihn den Gerichten übergeben, die ihn vielleicht ein Jahr ein⸗ ſtecken und dann wieder in die menſchliche Geſellſchaft hinausſtoßen, der bleibe ſtehen! Hängt ihn, hängt ihn! ſchrie das Volk, und Alle drängten ſich hinweg von dem Platz, wo ſie geſtanden hatten, einen einzigen Mann, der ruhig, wo er ſich befand blieb, ausgenommen. Ich ſtimme dafür, ihn den Gerichten zu übergeben, um ihn Geſetzen zu unterwerfen, die Ihr ſelbſt ge⸗ macht habt, rief dieſer.— Nehmt nicht das Geſetz in Eure Hand, Ihr Männer von Arkanſas, Ihr ſeid ſonſt nur wenig beſſer als jener Auswurf der Menſch⸗ heit, den Ihr eben verurtheilt habt. Kehrt Euch nicht an Davis— lachte ein Theil der Männer, er iſt ein Advocat und muß wohl ſo reden, wir aber wollen dieſen Fremden zeigen, daß die Ein⸗ wohner von Arkanſas nicht ſolche Schurken zwiſchen ſich dulden. Capitän Wilkens trat jetzt hinzu und verſuchte ebenfalls das Volk von ſeinem Vorhaben abzubringen, aber vergebens. Capitän, nahm der Hauptanführer derſelben das Wort, es exiſtirt hier in dieſen Sümpfen eine böſe Claſſe von Menſchen und Ihr könnt wohl denken, daß 104 Jener, der jetzt ſo bleich und niedergeſchlagen daſteht (denn er ahnt nun ſein Schickſal obgleich er erſt als Ihr im Sinne hattet ihn dem Sheriff zu übergeben, trotzte und lachte) Keiner von den Beſſeren iſt. Woll⸗ ten wir uns damit abgeben, die einzelnen Glieder die⸗ ſer Bande in unſere ſchwachen und ihrem Zwecke kei⸗ neswegs entſprechenden Gefängniſſe zu ſtecken, ſo thä⸗ ten wir wenig mehr, als dieſen Hallunken Gelegenheit zu geben uns hinterher auszulachen, denn ſchon in der erſten Nacht würde eine Bande ſeiner Freunde ihn befreien, die jetzt jedoch, am hellen Tageslicht, nicht vorzutreten wagen; hängt er aber einmal, dann haben wir Ruhe, und dem Lande ſind die Futterkoſten und Noth und Aerger erſpart; darum, boys, wandte er ſich an die Umſtehenden— an die Arbeit! Fort mit ihm, ſchrie der Haufe, und fort ſchlepp⸗ ten ſie den Miſſethäter, der jetzt, ſein Schickſal ahnend, ſich umſonſt flehend an Capitän Wilkens wandte und ihn bat, nicht zu dulden, daß er ſo gegen Geſetz und Gerechtigkeit gemordet würde. Es war aber verge⸗ bens, der Haufe ſchleppte ihn fort, und als Wilkens mit Stewart und mehren andern Cajütenpaſſagieren an Bord zurückkehrte, ſahen ſie eben wie die Menge den Verbrecher zu einem jungen Baum mehr trug als führte. Mehre kletterten jetzt an dem jungen, ſchwan⸗ —— 105 ken Stamm hinauf und bogen ihn, ſich an die Spitze hängend, durch ihr Gewicht herunter, andere befeſtig⸗ ten die Schlinge um den Nacken ihres Opfers, banden ſie an den Wipfel des Baumes, und als ſie losließen, ſchnellte der von ſeinem Gewicht befreite wieder empor — an ſeinem Stamm aber hing der lebloſe Körper des Gerichteten. Simmons ſtand auf dem Hurricanedeck, als der Capitän mit den anderen Paſſagieren zurückkehrte, und ſah von ſeinem hohen Standpunkt aus das Ganze mit an, ſchüttelte aber den Kopf und meinte, ſich ge— gen Dalton wendend: Verdammt ſchnelle Gerechtigkeit hier zu Lande, Mr. Dalton, äußerſt ſchnelle; ſpart dem Sheriff und dem Bezirk viel Umſtände, mag auch wohl ganz an⸗ genehm für die Hauptperſon ſelbſt ſein, denn alle die Quälerein von Verhören, Verurtheilen, tagelanger Todesangſt ꝛc. fallen hier weg; ich muß aber doch ge⸗ ſtehn— obgleich es vielleicht bei mir nur ein Vorur⸗ theil iſt— daß mir das gerichtliche Verfahren mehr zuſagen könnte, und ſei es auch nur, um recht ht genau zu wiſſen wie man eigentlich aus der Welt kommt! Aber was habt Ihr denn? was ſtarrt Ihr denn ſo den Fluß hinunter? wandte er ſich jetzt zu dieſem, der mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit auf ein fernes Ge⸗ 106 räuſch zu horchen ſchien und oft, ſeine ganze Sehkraft anſtrengend, den Fluß hinabblickte. Was zum Teufel habt Ihr denn? fragte er noch einmal. Mr. Simmons, ſagte der junge Mann mit halb⸗ unterdrückter Stimme, indem er ihn leidenſchaftlich am Arm faßte, Mr. Simmons, hören Sie Nichts? Hören, warum nicht? ich höre die Kerle da unten einen Heidenlärm machen, als wenn ſie jetzt zum rei⸗ nen Vergnügen einen Andern aus ihrer eigenen Ge⸗ ſellſchaft aufhängen wollten, blos um den Spaß noch einmal zu haben; nun, verdienen mögen ſie es wohl Alle miteinander— Hören Sie kein Dampfboot, das den Fluß herauf⸗ kommt?— horchen Sie— jetzt wieder? Hören Sie es nicht? fragte Dalton ängſtlich. Beim ewigen Gott, dort ſteigt der weiße Qualm hinter den Bäumen em⸗ por— ich werde verfolgt, und hier liegen wir ruhig, die Ankunft des anderen Bootes erwartend. Verzweifelnd preßte er ſich die Hand gegen die Stirn und rannte auf dem Verdecke hin und her. Da kommt der Capitän an Bord, rief Simmons — jetzt werden wir wahrſcheinlich auslaufen, und dann wette ich zehn gegen eins, daß der weiße Puffer da hinten uns nicht wieder einholt.— Da— da 107 geht ſchon die Glocke— Muth, Dalton, Muth,— Ihr habt Euch, als Gefahr nahe war, wie ein Mann betragen, verzweifelt jetzt nicht, da Ihr ein wenig wei⸗ ßen Rauch hinter den Bäumen ſeht. Der Capitän kam nun ebenfalls auf das Hurricane⸗ deck, und als er den weißen Qualm des ankommenden Bootes erblickte und Dalton's Verzweiflung ſah, faßte er den jungen Mann bei der Hand und redete ihm ernſt⸗ haft zu, guten Muths zu ſein und nicht zu verzagen. Mr. Dalton, fuhr er in ſeinen Troſtſprüchen fort, Sie haben, wie Sie mir ſagten, Gründe, ſich erſt in St. Louis trauen zu laſſen, weil ſie erſt dort Ihre Braut Ihrer Familie zuführen wollen, und ich gebe Ihnen hiemit mein Ehrenwort, daß ich ſie beide, wie wir Waſſerleute ſagen,„in good condition“ nach St. Louis abliefere und zwar ſo, daß wir dem Alten, und ſollte er wirklich, was mehr als wahrſcheinlich iſt, auf dem Boote hinter uns ſein, dennoch eine tüchtige Naſe drehen. Es läuft übrigens wie der helle Satan, und hat doch nur eine Maſchine, fuhr er fort,— während er die Augen vor den Strahlen der Sonne ſchützte und den Fluß hinunter nach dem Boote hin ſchaute, das jetzt eben, obgleich es noch manche Meile entfernt war, um eine Landſpitze ſichtbar wurde. 108 Roberts, rief er, plötzlich ſich unterbrechend, auf das Deck hinunter, nach einem ſeiner Feuerleute, einem Neger— was iſt das für ein Boot? Der Burſche kennt jedes Boot auf dem Fluß wenn er nur den weißen Rauch ſieht, wandte er ſich dann an Simmons und Dalton die neben ihn getreten waren, um durch das Fernrohr, das der Capitän ihnen über⸗ laſſen hatte, vielleicht den Dampfer zu erkennen, und zu wiſſen, ob er ein ſchnelles oder langſames Fahr⸗ zeug ſei. Kann's nicht ſehn von unten, Maſſa! rief der Neger herauf. Komm herauf denn, Sirrah, und ſag' uns Deine Meinung. Der Schwarze war in wenigen Sprüngen auf dem Hurricanedeck, und nachdem er aufmerkſam das heraufkommende Boot betrachtet und den einzelnen Puffen, die jetzt deutlicher und vernehmlicher herüber⸗ tönten, gehorcht hatte, rief er grinſend, und zwei Reihen herrlicher, weißer Zähne zeigend: Diana! Maſſa! Ich dachte es, rief Wilkens, das Deck ſtampfend. Sie iſt das ſchnellſte Boot auf dem Miſſiſſippi hauchte Dalton verzweifelnd. Und— damn her— ich will doch verſuchen, 109 ob ſie den Oceanic einholen kann, rief der Capitän und riß mächtig an der Glocke daß Alles, was noch am Ufer war, ſchnell, aus Furcht verlaſſen zu werden, aufs Boot flüchtete. Laßt die Taue los!— rief er hinunter. Stoßt ab, Leute,— ſtoßt ab und„give her hell!“-] Aber die Dame, die Gray gerettet hat? fragte Simmons den Capitän, ſie iſt noch an Bord und ſchien doch nicht die Abſicht zu haben nach St. Louis zu gehen! Lächelnd antwortete dieſer: Sie muß dann ihre Anſicht ſeit kurzer Zeit ſehr geändert haben, denn ſo viel ich eben von Mr. Gray beim Heraufkommen verſtehen konnte, ſchien ſie ſich auf einer Fahrt nach St. Louis ſehr glücklich zu fühlen und die geſunde Luft im Norden dem gelben Fieber des Südens weit vorzuziehn. Das Dampfboot ſtieß vom Ufer ab und glitt an den grünen Ufern hin. War denn die Dame ganz allein auf dem ver⸗ unglückten Boot? fragte Simmons weiter. Es ſollen noch zwei Herren mit ihr darauf ge⸗ **) Ein beliebter Ausdruck auf Dampfbooten:„Gebt ihr die Hölle!“ worunter in dieſem Sinne verſtanden wird, tüchtig zu feuern. 110 weſen ſein, der Eine iſt jedoch ſpurlos verſchwunden, und vom Anderen liegt der Kopf unter jenem Baum. Schrecklich, ſchrecklich! entgegnete Simmons ſchaudernd; ja dies ſchändliche Wettlaufen hat ſchon manch' Menſchenleben gekoſtet und ich halte es für die größte Sünde es zu begünſtigen, oder es auch nur zu erlauben. Es hat aber auch wieder, antwortete der Capi⸗ tän, ungemein viel Anziehendes das uns im Wett⸗ lauf ſelbſt Gefahr und Tod vergeſſen läßt, wo jede Herzensfaſer daran hängt, nur dem anderen Boote den Rang abzugewinnen. Ich ſelbſt tadele dieſes racing, aber ich geſtehe offen, es giebt Zeiten, wo mich nur die ungeheuere Verantwortlichkeit, die ich übernommen habe, da hunderte von Menſchenleben durch meinen Leichtſinn gefährdet würden, davon ab⸗ halten kann, mein und das Leben aller Anderen aufs Spiel zu ſetzen, um ein Paar lumpiger Bootslängen vor einem anderen Kaſten voraus zu ſein.. Ich ging einſt nach New⸗Orleans und hatte eine Dame an Bord, die nur unter der Bedingung mit mir fahren wollte, daß ich mich verbindlich machte, nie auch nur zu verſuchen einem anderen Boote den Rang abzulaufen. Ich verſprach es; wie wir aber unterhalb Bayou Tunica kamen, hatten wir doch die 111 Nacht hindurch ein Boot, das vor uns war, ziemlich eingeholt und näherten uns ihm am nächſten Morgen bedeutend; dieſes aber, ob es nun beſſer Holz bekam oder, wie mich der ſchwarze Qualm faſt glauben ließ, Fett unter die Keſſel warf, kurz es fing an ſchneller zu laufen und wir konnten von da an keinen Zoll breit mehr an ihm gewinnen. Im Anfang hatte ſich die Dame ſehr beſorgt gezeigt, und ich ihr zweimal verſprechen müſſen das Boot nicht einhohlen zu wollen, ſpäter erwähnte ſie Nichts mehr davon und gegen Abend meinte ſie lä⸗ chelnd, ſie gäbe zehn Dollar, wenn ſie an dem an— deren Boot vorbeifahren könnte. Ich hatte ein Paar Klaftern Kienholz an Bord, das für Fackeln beſtimmt war, dies ließ ich unter⸗ werfen, denn mir ſelbſt war es warm hinter dem Boote her geworden, und noch vor Dunkelwerden waren wir an ſeiner Seite und erreichten etwa zehn Minuten vor ihm New⸗ Orleans. Der Oceanic war jetzt in vollem Gang; pfeilge⸗ ſchwind ſchoß er durch die ruhige Fluth, und ſcheu tauchten die Schildkröten, die auf Baumſtämmen am Ufer im warmen Sonnenſchein raſteten, unter, der ſcheinbaren Gefahr zu entgehn, während ſich die Wellen hinter dem Boote her, hoch gegen die ſteilen Ufer aufwälzten, wie ſpielend große Stücke frucht⸗ barer Erde untergruben und in Luſt und Tollheit hochaufjubelnd verſchlangen. Die Feuerleute hatten bald alle die Diana er⸗ kannt, die ſie einzuholen verſuchte und thaten, ohne dazu angetrieben zu werden, ihr Möglichſtes, das ſchnellſte Boot des Fluſſes hinter ſich zu laſſen. Trotz aller Anſtrengungen aber und trotz der wirklich ent⸗ ſetzlichen Schnelle, mit der der Oceanic ſeinen Weg gegen die gewaltige Strömung des Miſſſiſippi ver⸗ folgte, konnte er dem hinter ihm herkommenden nicht entgehen, und näher kam der weiße Rauch und lauter und deutlicher klang das abgemeſſene Puffen, mit dem es den Dampf ſtöhnend und ächzend ausſtieß,⸗ herüber. 8 Die Paſſagiere waren mit dem Capitän in die Cajüte hinunter gegangen und fanden dort Gray in tiefen Gedanken, aber mit heiterer freier Stirn auf⸗ und abgehen. Ich nehme Brandy und Zucker, rief er Simmons entgegen, als dieſer in die Thür trat. By God, entgegnete Simmons fröhlich, das iſt ganz genau dieſelbe Idee, die ich in dieſen Augenblick gehabt habe, und ein ſteifes Glas dazu, denn mir iſt nach der ſchändlichen Hänggeſchichte ganz flau geworden. 113 Gott ſei Dank, entgegnete Gray, von der habe ich Nichts geſehn, ſo etwas läßt immer einen böſen Ein⸗ druck zurück! Und wie befindet ſich die junge Lady? fragte Ca⸗ pitän Wilkens. 5 Sie ſchläft, antwortete Gray, aber Capitän, fuhr er lächelnd fort, ich bin jetzt in Ihrer Schuld, ich habe zwar in New⸗Orleans mein Paſſagegeld für mich ſelbſt bezahlt, wußte aber dort nicht, daß ich die Reiſe in ſo lieber Geſellſchaft vollenden würde, und— Nichts da, rief Wilkens, die junge Dame iſt mein Gaſt; Mr. Gray glaubt wohl, ich laſſe mir die Leute aus dem Waſſer ziehen und nehme dann auch noch Paſſagegeld?— Wollte Gott, fuhr er ſeufzend fort, wir hätten die drei anderen armen Mädchen auch hier, die jetzt auf dem Grunde des Miſſiſſippi liegen, ich wollte ſie gern frei nach St. Louis und wieder zurück nach New⸗Orleans nehmen; leider aber be⸗ dürfen die keiner weiteren Hülfe mehr— ſie ſind auf einem Weg, wo man das Paſſagegeld— mit dem Leben bezahlt. Ich werde Sie aber jetzt auch nicht ganz nach St. Louis begleiten, Capitän, fuhr Mr. Gray fort, — die Geſchäfte, die ich in St. Louis zu beſorgen hatte, ſind beſorgt, und ich gedenke in Cairo ans Gerſtäcker, Miſſiſſippi⸗Bilder. II. 8 114 Land zu gehen, um das erſte Boot, das den Ohio hinauf geht, bis Pointe Pleaſant zu benutzen. Wenn das Boot, was hinter uns iſt, irgend einen anderen Namen als Diana führte, entgegnete Capitän Wilkens kopfſchüttelnd, ſo wollte ich ſagen, Sie könnten das in Cairo abwarten, ſo aber fürchte ich faſt, wir machen die Bekanntſchaft deſſelben früher, als es uns gerade angenehm iſt. Dennoch ſoll Mr. Dalton— aber wo zum Teufel iſt der denn eigent⸗ lich hingerathen, er war doch eben noch hier? unter⸗ brach er ſich, indem er nach dem Verſchwundenen um⸗ herſchaute. Er wird nach dem folgenden Boote ſehen, ſagte Simmons, indem er gemüthlich den Zucker in ſeinem Brandy umrührte, das Glas etwas ſchwenkte und dann durch eine geſchickte, ſchnelle Bewegung den Inhalt deſſelben dorthin ſandte, wo ſchon ſo manche ſeines Gleichen ihm voraus gegangen waren. Der Mate trat jetzt in die Cajüte und flüſterte dem Capitän etwas ins Ohr. Alle Wetter, rief dieſer auffahrend, das geht nicht — ich will mein Boot nicht in die Luft geſprengt haben! Was iſt? fragten Alle zugleich. Dalton, lachte der Capitän, beſticht unten die 115 Feuerleute und hat dem Koch ſchon zwei Fäſſer altes Fett abgekauft, das ſie zu den Feuerplätzen geſchleppt haben und unter die Keſſel werfen. Allen Reſpect, rief Simmons,— wenn der junge Brauſekopf ſo große Luſt hat ſich mit ſeiner Dulcinea in die Luft zu ſprengen, ſo muß ich doch ganz gehorſamſt danken mit von der Partie zu ſein. Ich habe wichtige Geſchäfte in St. Louis zu beſor⸗ gen und möchte nicht gerne wieder ſtückweiſe nach New⸗Orleans geſchwemmt werden, anſtatt im Miſ⸗ ſiſſippi⸗Hotel behaglich mein Glas Brandy zu trinken. Sein Sie Alle außer Sorgen, Gentlemen, ſagte der Capitän, indem er ſich nach der Thür wandte, ich will ſelbſt mit dem Ingenieur reden, daß er jede Gefahr vermeidet; ich ſehe überhaupt daß es unnütz iſt. Wir können der Diana nicht mehr entgehen und ſpäteſtens in Memphis wird ſie uns einholen, denn ich muß dort Paſſagiere ans Land ſetzen. Simmons, der dem Capitän gefolgt war, kehrte nach einer Weile wieder zurück und flüſterte etwas in Gray's Ohr, den er unter den Arm faßte und mit fortführte: Damm it, ſagte er dabei, es iſt ärgerlich— aber wahr, ich gäbe funfzig Dollar drum, wenn wir von dem Boot fortliefen; übrigens möchte ich das dem Capitän nicht wiſſen laſſen, denn ich glaube, der 8* 116 freute ſich darüber, daß ich, der ich erſt gegen den Wettlauf geeifert habe, mich jetzt dafür intereſſire. Doch ſagt mir Gray— wie kam denn CEuer Liebchen auf den unglücklichen Einfall, im Auguſt nach New⸗ Orleans zu wollen, doch wahrſcheinlich nur um dort elendiglich am gelben Fieber umzukommen. Mit kurzen Worten nur hat ſie mir ihre ganzen Verhältniſſe geſchildert, entgegnete Gray, dem alten Mann freudig die Hand ſchüttelnd. Sie iſt nicht ver⸗ heirathet, und nur ſchändliche Lügen waren es, die Taylor in unſerer Nachbarſchaft verbreiten ließ; wäre ſie es aber auch geweſen, ſie würde doch jetzt frei ſein, der alte Taylor wird vermißt und Hutchinſon's Kopf liegt in Helena. Den Körper hatte man, wie mir Ste⸗ wart ſagte, der ſich in der Geſchwindigkeit nach Allem erkundigte, noch nicht gefunden als wir abfuhren. Taylor's Abſicht war nach Matamores und von da nach Mexiko zu gehen; was der Alte dort zu thun beabſichtigte weiß ich nicht, ſeine Pläne ſind aber zu Schanden geworden und Cöleſte iſt mein.— Das erſte Boot das jetzt den Ohio hinaufgeht, fuhr er lebhafter fort, beſteige ich mit ihr; in wenigen Tagen ſind wir an Pointe Pleaſant und von dort liegt meine Plantage etwa 120 Meilen in ſüdöſtlicher Richtung im Lande drin— und, Simmons, rief er, des Alten 117 Hand ergreifend, wenn Ihr nur halb ſo viel Theil an meinem Glücke nehmt, als ich glaube daß Ihr thut, ſo beſucht mich, wenn Ihr Eure Geſchäfte in St. Louis beſorgt habt; einen Brandy kann ich Euch vorſetzen, vor dem Ihr Reſpect haben ſollt; überhaupt denk' ich, werden wir uns die Zeit ziemlich gut vertreiben. Topp, rief Simmons, indem er Gray's Hand ſchüttelte, ich komme— ich will überdies im Herbſt nach Waſhington, und da mein Sohn jetzt auf meiner Plantage am Atchafalaya iſt, kann ich ſchon einmal ein Paar Wochen abkommen. Aber hallo! unterbrach er ſich, was bedeutet das Läuten? Wahrhaftig da liegt ſchon Memphis, und da iſt auch die Diana, rief er, als er mit Gray und Stewart, der ſich jetzt zu ihnen geſellt hatte, auf die Seite des Boilerdecks hinaus⸗ trat; ich fürchte, wir bekommen hier einen Conſtable an Bord, wenn wir nicht ganz geſchwind machen daß wir wieder fortkommen. Der Oceanie, dicht unter der Stadt Memphis, die hoch oben auf dem ſteilen Ufer am Miſſiſſippi liegt, angekommen, paſſirte das erſte der beiden dort befeſtigten Wharftboote und lief an das zweite, obere an, ſchnell ſeine Paſſagiere auszuſetzen, und mehre Andere, die noch ihre Kiſten und Koffer den Berg in wilder Eile herunterſchleppten, an Bord zu nehmen, 118 während dem die Diana in demſelben Augenblicke am unteren, etwa 300 Schritte von dem andern entfernt liegenden, anlegte und Paſſagiere wechſelte. Die Cajütenpaſſagiere des Oceanic aber, und vor⸗ züglich die Damen, die den lebhafteſten Antheil an dem Schickſal des jungen, entführten Mädchens nah⸗ men, waren faſt alle auf dem Hurricanedeck, Cöleſte ausgenommen, die die Geſchichte des jungen Mäd⸗ chens erfahren hatte und nun bei ihr blieb, ſie zu er⸗ muthigen und ihr Troſt zuzuſprechen. Capitän Wilkens hatte ſein Fernrohr am Auge und beobachtete geſpannt die Paſſagiere, die von der Diana aus Land ſprangen, um die wohlgemerkte Fi⸗ gur des alten Mannes von Miſſiſſippi darunter zu entdecken, während jedes Auge theils an ſeinen Zügen theils an dem anderen Boote hing, obgleich ſich mit bloßen Augen in der Menſchenmaſſe, die dort hin und her wogte, nicht leicht eine beſtimmte Geſtalt heraus⸗ finden ließ. Die Glocke auf der Diana wurde wieder geläutet, und was nicht zum Boot gehörte ſprang ſchnell her⸗ unter, während die Feuerleute ihre Keſſelthüren, die ſie, um die Hitze herauszulaſſen, geöffnet hatten, ſchloſ⸗ ſen und durch die, über ihnen angebrachten Oeffnun⸗ gen, mit langen ſchweren, eiſernen Stangen das Feuer 119 aufſchürten, daß der Qualm oben zu den Schornſtei⸗ nen herausſtieg. Läuten Sie die Glocke, Mr. Blackheath, rief der Capitän Wilkens ſeinem Mate zu, ich glaube gar die Diana will uns den Burſchen ſelbſt aufs Boot brin⸗ gen, dort auf dem Boilerdeck ſteht gerade ſo eine Fi⸗ gur— gut— er mag überſpringen, aber— plast him— wenn er die jungen Leute ohne ihren Willen von meinem Boot nimmt— und es iſt nicht ſehr wahrſcheinlich, daß ſie gutwillig gehn werden. Be⸗ harrt der alte Tyrann dann darauf, bis St. Louis an Bord zu bleiben, ſchön, dann ſetze ich Sie, Mr. Dal⸗ ton und Ihre Entführte, in der Nacht in Kaskaskia oder irgend einem anderen kleinen Städtchen ans Ufer und nehme den Alten, während Sie ſich ruhig und gemüthlich trauen laſſen, mit nach St. Louis, wo er verſuchen mag auszufinden, an welcher Stelle ich Sie gelandet habe. Go ahead, rief er dem Piloten zu, und wieder klang die Glocke, während die Diana heranrauſchte; aber vom andern Wharftboot aus, wo ſie gelegen hatte, kam ſchreiend und rufend ein Mann geſprungen, der in aller Eile ſeinen Rock vergeſſen zu haben ſchien, denn er war in Hemdsärmeln und ſchwang die Mütze, die er in der Hand hielt und ſchrie dazu aus 120 Leibeskräften auf Deutſch: Halt, halt, um Gottes⸗ willen halt! und ein Freudenſchrei antwortete ihm vom Zwiſchendeck des Oceanic aus. Es war der Deutſche, der, in New⸗Orleans von ſeiner Familie getrennt, kaum noch hoffte ſie je wieder zu finden, den erſten ſtromauf gehenden Dampfer aber— glücklicherweiſe die Diana, denn kein anderer hätte den Oceanic eingeholt— beſtieg und gerade nur gekommen zu ſein ſchien um das Boot, das Alles enthielt was ihm auf dieſer Welt lieb und theuer war, wieder abgehn zu ſehn. Dieſer war es, dem nun die Todesangſt den Schrei auspreßte mit wel⸗ chem er d Fahrzeug, das ſchon einmal ſeines Angſt⸗ rufs nicht geachtet hatte, aufzuhalten gedachte. Stoßt ab, rief der Mate unten an Bord, als die Leute zögerten und auf den Mann zu warten wünſchten; ſtoßt ab— damn it— ſtoßt ab! Halt! rief Capitän Wilkens, der den Freuden⸗ ſchrei der Frau gehört hatte, und den Zuſammenhang vermuthete— halt! nehmt den Mann an Bord! Ay, ay, Sir,— antwortete der Mate. Noch einmal wurde das Tau geworfen und am Wharft⸗ boot befeſtigt. In dem Augenblick rauſchte und brauste die Diana vorbei. —— How are vou, Capitän Wilkens? rief ein junger, ſchlanker Mann, der oben auf dem Hurricanedeck ſtand und ſeinen Hut gegen den Angerufenen ſchwenkte, welcher freundlich den Gruß enpiederte: Es war der Capitän der Diana! Dalton drückte krampfhaft Gray's an⸗ und ſchaute mit einem ſeligen, dankbaren Blick zum Himmel, als das flüchtige Boot, ohne den gefürchteten Mann an Bord zu haben, vorbeiflog. Aller Aufmerkſamkeit wurde aber jetzt auf die Scene gelenkt, die unten, vorn am Boot ſtattfand, als der in New⸗Orleans Zurückgelaſſene an Bord ſprang und ihm dort ſeine Frau und ſeine Kinder jauchzend um den Hals fielen, ihn herzten und küßten, ihm den Schweiß von der Stirn wiſchten, tauſend und tauſend Fragen an ihn richteten und ihn dabei immer nicht zu Worte kommen ließen, weil ſie ihn immer wieder mit neuen Umarmungen und Küſſen unterbrachen. Selbſt die Feuerleute und Deckhands, meiſtens rohes, wüſtes Volk, abgehärtet gegen ſanftere Em⸗ pfindungen, lachten nicht, obgleich das Ganze in einer Sprache geredet wurde, die ſie nicht verſtanden; die reine, Alles um ſich her vergeſſende Liebe der armen Leute griff ſelbſt an ihre Herzen, und einige von 122 ihnen gingen ſogar hin und ſchüttelten dem Manne die Hand, der, kaum in dem fremden Welttheile ange⸗ langt, wie durch ein tückiſches Schickſal ſich aller Derer beraubt ſah, an denen ſein Herz hing und der jetzt Alle, Alle auf einmal wiedergefunden hatte! Der Capitän, Dalton, Gray, Simmons und Stewart traten nun zu ihm herunter und Stewart, der, da er ein geborner Pennſylvanier war, ziemlich gut deutſch ſprach, mußte ſich bei dem Manne erkun⸗ digen wo das Boot überall gehalten hatte, und ob nirgends am Ufer, diesſeit der letzten Stadt, Vicks⸗ burg, Paſſagiere an Bord hätten kommen wollen, und am Ufer gewinkt hätten? Ich weiß nicht ob welche gewinkt haben, ent⸗ gegnete der Deutſche, nur einmal kam ein Herr in einem Kahne, mit ſchwarzen Kerlen drin, angefahren und wehte mit einem Tuche und ſchrie, und ein Ame⸗ rikaner, der deutſch ſprach, meinte, der Mann wolle an Bord; wir waren aber ein wenig zu weit ab, und wie die Leute ſagten, ſo hatte unſer Capitän eine Wette gemacht in ſechs Tagen in Louisville zu ſein; er hielt auch nirgends an um Paſſagiere einzunehmen, außer da, wo er welche ans Land zu ſetzen hatte. Von Deckpaſſagieren, fuhr er fort, als er ſah, daß ihm Alle aufmerkſam zuhörten, obgleich nur Stewart ,—— 123 verſtand, was er ſagte, nahm er kein Paſſagegeld, wenn ſie nur mit Holz tragen halfen. Nun, Mr. Dalton, wandte ſich der Capitän Wilkens lächelnd an den jungen Mann, als ihm Stewart den Bericht des Deutſchen überſetzt hatte, nun ſind Sie ſicher, denn weiter kein Boot, von alle denen, die in New⸗Orleans lagen, holt den Oceanic ein, und wenn ſie mit Pech und Schwefel heizten. Am 7. ſpäteſtens ſind wir in St. Louis; wenn Ihr Schwiegervater in spe geſcheid iſt, ſo bleibt er auf ſeiner Plantage ſitzen, und will er Jemanden ärgern und peinigen, nun, ſo hat er ja ſeine Schwarzen! Der Oceanic war unter der Zeit in vollem Gang, und hinter ihm ſchwammen die Gebäude von Mem— phis mehr und mehr zuſammen, bis ſie endlich nur noch wie ein weißer Streifen durch die Dämmerung ſchimmerten, die ſich jetzt ſchnell auf den Strom lagerte. Nachdem es ganz dunkel geworden, legte das Boot noch einmal an, Holz einzunehmen, und wand ſich dann die unendlichen Krümmungen, die der Miſſiſ⸗ ſippi hier oben macht(von denen eine beſonders ſo bedeutend iſt, daß die Schiffer ſie„des Teufels Elbogen“ genannt haben, da ſte 25 Meilen im Um⸗ fang den Miſſiſſippi wieder bis auf 1 ½ Meilen zu ſeinem oberen Ufer zurückführt), den Strom hinauf, der Mündung des Ohio zu. Mr. Simmons mußte ſich aber an dieſem Abend andere Spielkameraden ſuchen, denn Mr. Gray war zu glücklich, zu ſehr dieſer Welt entrückt, um jetzt ſchon wieder an Karten, und was für Simmons noch viel ſchlimmer war, an Bandytrinken zu denken. Er ſaß vor der Damencajüte an Cöleſtens Seite, deren Hand er in der ſeinigen hielt, und liebend zu ihr hinübergebeugt ihr all ſeinen ausgeſtandenen Gram und Schmerz ſchilderte, bis die hellen Zähren in den lieben, dunkeln Augen des Mädchens ſtanden, und ſie ihm lächelnd in ihren Thränen, wie ein freundlicher Aprilmorgen, um den Hals fiel und ihn verſicherte, daß Nichts, Nichts mehr auf dieſer weiten Welt ſie von einander trennen ſollte. Jeder kleine Zufall wurde nun erwähnt, der ſich ereignet, ſeitdem ſie durch die Intriguen des alten Taylor geſchieden waren; wie Cöleſte um den Gelieb⸗ ten getrauert hatte, den ſie in New⸗Orleans krank wußte, und ihm nicht zu Hülfe eilen durfte, ja, den Platz verlaſſen mußte, um ihn vielleicht nie wieder zu ſehn, und wie ſie bangend und hoffend den Brief an ihn geſchrieben, der leider faſt zu ſpät in ſeine Hände gelangt wäre, der es aber doch auch wieder war, wel⸗ cher die Vereinigung der beiden Liebenden bezweckt und dadurch das Leben Cöleſtens gerettet hatte.— Sie beſchrieb ihm, der ihre Hand in der ſeinigen, jedes Wort von ihren Lippen ſtahl, wie ſehr ſie die Zudring⸗ lichkeit des jungen, ihr verhaßten Taylor geplagt hätte, und wie ſie gedroht habe in das Kloſter der barmherzigen Schweſtern in St. Louis zu fliehen. Dies mochte es auch wohl geweſen ſein, was den Al— ten bewog St. Louis wieder zu verlaſſen, da er viel⸗ leicht fürchtete, daß ſie ihre Drohung wahr machen möchte. Allem Anſcheine nach, wenigſtens nach den Vorbereitungen zu ſchließen die er getroffen, war er auch geſonnen geweſen, ſich wieder nach Mexiko einzu⸗ ſchiffen. Der Tod hatte indeß ſeinen ferneren Chikanen ein Ende gemacht und Zerſtörung und Unglück die vereinigt, deren Herzen in allen Schickſalen und Stür⸗ men des Lebens ſich unverändert treu geblieben waren. Dalton verlebte nicht minder ſelige Stunden mit ſeinem entführten Lieb, im Gefühl der neugewonnenen Sicherheit und Ruhe, und wohl ſelten oder nie um⸗ ſchloß die Cajüte des Oceanic vier glücklichere Men⸗ ſchen, als die waren die ſich jetzt, während das Boot ſchnell und ſchäumend an dem brauſenden Urwald vor⸗ beiglitt, in die Augen ſahen und mit ſeligem Lächeln den fragenden Blick der Liebe erwiederten. . 126 Nicht ſo romantiſch, aber darum nicht minder herz⸗ lich, war die Freude und das Glück der Familie des armen Deutſchen, und mit nicht weniger Aufmerkſam⸗ keit, als Gray von ſeines Liebchens Lippen jedes Wort erlauſchte, horchte ſein Weib der Beſchreibung ſeiner Angſt und Noth, als er verlaſſen und einſam in der gewaltigen Stadt blieb. Verzweifelnd— fuhr er in ſeiner begonnenen Er⸗ zählung fort, lief ich, als ich mich von allen Menſchen am Ufer verhöhnt und verlacht ſah, in das deutſche Wirthshaus zurück, wo wir die zwei Tage, die wir uns in New⸗Orleans aufhielten, gewohnt hatten, und ſank dort, den Kaffee und Zucker und die Milch, die ich für unſer Jüngſtes gekauft hatte, und die mich nur noch ſchmerzlicher an Euch alle erinnerte, in eine Ecke ſtellend, auf einen Stuhl nieder und ſchluchzte laut. — Es waren lauter Deutſche im Zimmer, aber nicht ein einziger hatte Mitleiden mit mir, und anſtatt mir Troſt und Muth einzuſprechen, machten ſie ihre rohen Späße über mein Unglück, und meinten lachend, daß ich nun nicht mehr für meine Familie zu ſorgen brauche, denn die bekäm' ich im Leben nicht wieder zu ſehn! Was aber Troſt und freundliche Zuſprache viel⸗ leicht nicht vermocht hätte, that die Wuth und Ent⸗ rüſtung über das ſchändliche Betragen meiner Lands⸗ 8* 8 leute; ich ſprang auf und lief nach den Dampfbooten zurück, feſt entſchloſſen, das erſte, das den Fluß hin⸗ aufgehen würde zu beſteigen und Euch zu folgen, ob⸗ gleich ich nicht einen Pfennig mehr beſaß, da all un⸗ ſer Geld hier an Bord in der großen rothen Kiſte war, und ich das Letzte was ich bei mir gehabt dafür aus⸗ gegeben hatte die Einkäufe zu beſorgen, die ich noch an jenem unglückſeligen Morgen für nöthig hielt. Es lag kein Boot am Wharft, das an demſelben Tage noch den Fluß hinaufgegangen wäre, ſie hatten alle ſchon vor dem Oceanic die Levée verlaſſen, und trauernd und mit düſteren Gedanken kehrte ich in die Wirthſchaft zurück, wo ich den„Ausſchenker“ beſchäf⸗ tigt fand die Sachen die ich eingekauft hatte, zu un⸗ terſuchen. Ich ſtellte ihm meine hülfloſe Lage vor und bat ihn die Waaren zu behalten und mir dafür ein Nachtlager zu gönnen und einen Biſſen zu eſſen zu geben. Die Sachen, waren das Doppelte werth; doch ſchien er keine Luſt dazu zu haben, ließ ſich aber end⸗ lich erweichen und gab mir einige Crakers(eine Art Schiffszwieback von Waizenmehl) und ein Stückchen Käſe, auch für die Nacht ein Bett, aber ohne Mücken⸗ netz, ſo daß mich die Mosquitos faſt umbrachten. Hungrig brach ich am nächſten Morgen wieder auf und begann aufs Neue meine Fragen nach einem Boot. Zu meinem Glück war die Diana bereit aus⸗ zulaufen, und der Capitän nahm mich, wie alle ande⸗ ren Zwiſchendeckspaſſagiere unentgeltlich mit, unter der Bedingung, beim Holztragen zu helfen. Ach Gott, ich hätte ja ſo gerne mit geheizt, wenn ſte mich nur gelaſſen hätten, um Euch recht bald wie⸗ der einzuholen, dazu waren aber Arbeiter genug da, und mit raſender Geſchwindigkeit fuhren wir den gro⸗ ßen Fluß hinauf und überholten alle Boote, die wir nur zu ſehen bekamen. O, wie klopfte mir das Herz jedesmal, wenn ich wieder den weißen Rauch vor uns aufſteigen ſah und hoffte, das ſei das rechte. Oft winkten Leute am Ufer, um unſeren Capitän zum Landen zu bewegen, ſelten aber ſandte er die kleine Schaluppe aus, und nur dann, wenn er doch einmal dicht am Lande war; er ſchien in ſehr großer Eile zu ſein und ich hätte mir wirk⸗ lich kein beſſeres Boot wünſchen können, dies hier einzuholen.— Jetzt aber habe ich Euch wieder und Nichts, Nichts ſoll uns mehr tren⸗ nen!. 3 Er nahm die Kinder dabei auf den Schooß und herzte und küßte ſie, und die Thränen liefen ihm die gebräunten Wangen hinunter. Vom vielen Erzählen ermüdet, ſuchten die Schwergeprüften endlich das harte Lager und waren bald, im Gefühle ihres Glücks, ſanft entſchlafen. Das Zwiſchendeck des Oceanic bot aber, bei der melancholiſchen Beleuchtung einer einzelnen Laterne die in der Mitte hing, einen gar maleriſchen Anblick. An beiden Seitenwänden, an denen die Schlaf⸗ ſtellen, drei übereinander, angebracht waren, lagen ſo viel Menſchen als nur irgend Raum darin hatten, und ſonderbar und eigenthümlich war der Anblick, wie aus den offenen Kojen hier ein Arm, dort ein Bein, da gar ein Kopf heraushing, und hundertſtimmiges Schnarchen und Athemholen aus allen Ecken und Winkeln her ertönte. Auch nicht genug gezimmerte Schlafſtellen hatte der Oceanic, allen Paſſagieren einen beſtimmten Platz zum Schlafen zu erlauben, und auf den Kiſten und Kaſten, die durch die Mitte des Verdecks zerſtreut umherſtanden, lagen und hingen überall ſchlaftrunkene Geſtalten, oft in den halsbre⸗ chendſten Stellungen von der Welt, dem Schlummer⸗ gott eine Stunde der Ruhe abzuſtehlen, in der ſie nur zu oft von Umherwandelnden geſtört wurden. Ganz in einer Ecke ſaßen ſogar noch, bei dem mat⸗ ten Schein eines faſt heruntergebrannten Talglichtes, zwei Männer und ſpielten Karten, und zwar mit dem lautloſen, ernſten Weſen ſolcher, deren Glück Gerſtäcker, Miſſiſſippi⸗Bilder. II. 9 130 oder Unglück an dem Lauf der bunten Blätter hängt. 4 Die Laterne war verlöſcht und nur ein matter Dämmerſchein herrſchte in dem engen, von vielen Menſchen erfüllten Raum, in dem Alles, die beiden Spieler ausgenommen, in tiefer Ruhe verſenkt lag; als ſich hinter der Kiſte des Deutſchen, von der jener unvorſichtig geäußert hatte, daß er ſein ganzes Geld in ihr geborgen habe, behutſam ein Kopf erhob, und ein Paar dunkele Augen unruhig und ſpähend einen Augenblick durch das Deck ſchweiften und dann auf⸗ merkſam und beobachtend nach den Spielenden hinü⸗ berſtarrten. Es war Alles ſtille und nur das gleichförmige Athemholen der Schlafenden oder das monotone Raſ⸗ ſeln und Klappern der gewaltigen Maſchine, wie dann und wann ein halbunterdrückter Fluch der Spieler, unterbrach die Ruhe der Nacht. Leiſe hob der Lauſchende einen Arm und verſuchte vorſichtig das Schloß, das den Deckel der Kiſte befeſtigte, befühlte das Schlüſſelloch und brachte dann, faſt geräuſchlos, eine Maſſe kleiner Schlüſſel aus ſeiner Taſche, von denen er mehre verſuchte; — endlich paßte einer— das Schloß gab nach und fiel, der zitternden Hand des Diebes entglei⸗ 131 tend, mit lautem Geräuſch auf den Boden des Decks. Geh zur Hölle!— murmelte ein neben ihm Träu⸗ mender, und ſtreckte die langen Glieder auf einer Kiſte aus, die höchſtens drei Fuß im Quadrat hatte, ſo daß der Kopf an einem Ende, die Beine am andern her⸗ unterhingen! Durch das eigene Geräuſch, wie durch den unbe⸗ wußten Ausruf des Schlafenden erſchreckt und einge⸗ ſchüchtert, ſank der Mann in ſich ſelbſt zuſammen und blieb bewegungslos. Du, da fiel was! ſagte die Frau des Deutſchen, indem ſie ihn anſtieß— ſteh lieber einmal auf. Das iſt draußen an der Maſchine geweſen, mur⸗ melte der Mann ſchon im Schlaf, ohne die Bemer⸗ kung weiter zu beachten.— Die Frau horchte noch eine Weile, da aber Alles ruhig blieb, fiel auch ſie wieder auf ihr Kiſſen zurück. Der Dieb, nachdem er faſt eine Viertelſtunde be⸗ wegungslos neben der Kiſte gelegen hatte, öffnete jetzt leiſe und vorſichtig das eiſerne Charnier, das über die Haspe ging, und den Deckel nur wenige Zoll hoch lüftend, ſchob er ſeinen Arm hinein, nach dem Silber, das er, nach des Deutſchen eigener Aeußerung, im Kaſten vermuthete, umherzufühlen.— Vergebens hatte 9* 132 er aber ſchon einen Theil der darin aufbewahrten Sa⸗ chen mit der rechten Hand durchwühlt, als ſeine Fin⸗ ger plötzlich den erſehnten Gegenſtand trafen, der in einem kleinen, ſchweren Säckchen beſtand, das den ganzen Reichthum der armen Auswanderer enthielt. Leiſe erfaßte er es und zog es ſo behutſam als möglich ſtraff, um es geräuſchlos herauszuheben, als gerade über ihm ein langer Kentuckier, der ſich ſchon mehre⸗ mal gedreht und gewendet hatte, erwachte und die Glieder dehnend, ſich, ſo weit es ihm die niedere Decke ſeiner Koje erlaubte, auf dem Elbogen in die Höhe richtete. Verdamm die harte Matratze, rief er, als er mit ſeinen Hacken gegen das Bret ſchlug, auf dem er lag — und den Zimmermann dazu, der ſeine Bettgeſtelle nicht einmal lang genug einrichtet, daß ſich ein Mann, der nur ein Paar Zoll über ſechs Fuß hat, bequem darin ausſtrecken kann!— Oh— ho,— rief er, ſich aufs Neue ſtreckend und drehend— ich wollt', es wäre Morgen! Mit Blitesſchnelle hatte der in ſeinem Raub Ge⸗ ſtörte den Arm, der die ſchon ſicher geglaubte Beute erfaßt hielt, zurückgezogen, und ſank zähneknirſchend wieder in den dunkeln Schatten der Kiſte zurück. He, Jim, rief der Lange jetzt einem der Karten⸗ ſpieler zu, wollt Ihr denn da die ganze Nacht ſitzen? es muß ſchon zwei Uhr ſein.— O, Jim— hörſt Du nicht? Geh zum Teufel! war die lakoniſche Antwort, die er empfing, und noch ſchlimmeren Gegenfluch in den Bart murmelnd, warf ſich der Lange wieder herum, um noch einmal zu verſuchen einzuſchlafen. Ich wollte Ihr läget da oben ein wenig ruhig, raiſonnirte eine tiefe Baßſtimme in der Koje unter ihm. Und warume frug der Kentuckier ſchnell, indem er ſich vorn über den Rand bog und zu ſeinem Schlafka⸗ meraden, der nnter ihm lag, hinabſchaute. Weil mir aller nur mögliche Staub und Sand, ſobald Ihr Euch da oben bewegt, in die Augen fällt! entgegnete verdrießlich der alſo Gefragte,— und ins Maul auch, rief er, ſich ſchnell aufrichtend und aus⸗ ſpuckend, als ihm während des Sprechens der, zwiſchen die Ritzen der Breter durch die Bewegung des Kentuckiers herabgeſtoßene Sand in den geöffne⸗ ten Mund gefallen war, damm it, man, könnt Ihr nicht ruhig liegen? was ſoll ich denn hier unten machen? Mund und Augen zu, antwortete ruhig der Lange, dehnte aufs Neue die gewaltigen Glieder, und war 134 bald wieder in ſeinen Träumen an den Ufern des Licking.*) Nach kurzer Zeit herrſchte die alte Ruhe im Deck und ſorgſam und ſchnell hob ſich die verborgen gehal⸗ tene Geſtalt des Diebes wieder hinter der Kiſte em⸗ por, öffnete leiſe den Deckel— ſchob den Arm hinein, ergriff das Geld, deſſen Lage er jetzt genau wußte, feſt mit der Hand, damit es ihn nicht im Herausneh⸗ men durch ſein Klimpern verrathen möchte, und mit der Linken den eiſernen Drücker haltend, um das Zu⸗ ſammenklappen an das Schloß zu vermeiden, indem er zugleich mit derſelben den Deckel unterſtützte, zog er den Arm zurück, diesmal in eiſernen Fingern den Schatz haltend und wahrend. Vorſichtig ließ er den Deckel wieder hinab, hakte das Eiſen ein und wollte eben das Schloß wieder vorhängen und zuſchließen, als eine neue Unterbre⸗ chung ihn daran verhinderte. Ich ſage— Nachbar, rief ein neben ihm auf der bloßen Erde ausgeſtreckter Mann, den der in ſo unbe⸗ quemer Lage auf der Kiſte Hängende ſchon mehremal mit den Füßen ins Geſicht geſtoßen hatte,— ich **) Ein Fluß in Kentucky, der, in einer nördlichen Richtung laufend, ſich Cincinnati gegenüber, zwiſchen den beiden Städt⸗ chen Newport und Covington in den Ohio ergießt. 135 wollte, Ihr nähmt Eure langen Spazierhölzer ein wenig mehr in Acht, oder ich beiße Euch einmal hin⸗ ein; damm your eyes, Ihr glaubt wohl, ich habe meinen Hirnſchädel hierher gelegt, damit Ihr Euch die Füße daran abputzen könnt! Wood pile— wood pile! ſchallte jetzt die Stimme des Mate durch das Zwiſchendeck. Wood pile, boys! get up here! get up!*) Dabei ging er an die verſchiedenen Kojen umher und ſchüttelte die Schlafenden, ſich wenig daran keh⸗ rend, ob der, den er weckte, verpflichtet war, Holz zu tragen oder nicht. Dehnend und gähnend erhoben ſich die meiſten Paſſagiere und rieben die ſchlaftrunkenen Augen, ihre Mützen oder Hüte ſuchend, die ſie beim Niederlegen abgenommen; denn im Uebrigen waren ſie noch alle angezogen, während der Mate die langſamſten an⸗ feuerte, ſich ein wenig zu eilen oder wie er ſich aus⸗ drückte,„„to get fixed““, immer noch mit der Laterne, die er in der Hand hielt, anderen Schlummernden dicht an das Geſicht hinleuchtend, um die zu entdecken, die ſich vielleicht, in der Dunkelheit der Nacht der Arbeit entziehen wollten. *) Holz tragen, Holz tragen, Ihr Burſchen— ſteht auf da, ſteht auf da! 136 Gar ſonderbare Geſichter ſchnitten dann die in tiefen Schlaf verſunken Geweſenen, wenn ſie, durch das Geräuſch um ſich her und das Kerzenlicht dicht vor ſich erweckt, die Augen aufſchlugen und gerade in die, keine drei Zoll von ihren Augen entfernte helle Flamme hineinſtarrten. Ein ältlicher Mann lag ebenfalls in tiefem Schlafe, ruhig die Hände auf der Bruſt gefaltet, in ſeiner Koje auf dem Rücken, als der Mate ſich über ihn beugte und ihm, wie den Andern, die Laterne dicht vor die Augen haltend, ausrief: Tragt Ihr Holz? Der Mann, ſchwerlich den Sinn der Worte ver⸗ ſtehend, aber durch den Schall derſelben erweckt, ſchlug die Augen auf, und das helle Licht dicht vor ſich erblickend, ſchrie er wild auffahrend aus Leibes⸗ kräften: Feuer! Was gibt's? rief der Mate, durch den plötzlichen Ausruf überraſcht und erſchreckt zurückſpringend.— Was zum Teufel ſchreit Ihr denn ſo? fuhr er la⸗ chend fort, als er den Andern, mit weit aufgeriſſenen Augen und geöffnetem Munde, auf beide Hände geſtützt, und wild umherſtarrend, da ſitzen ſah; kommt, Mann, kommt wieder zu Euch, es geſchieht Euch Nichts! 137 Was um Gotteswillen wollt Ihr? Tragt Ihr Holz? fragte der Mate. Und darum den Mordlärm? frug der Andere, die Augen noch weiter aufreißend. Tragt Ihr Holz? wiederholte der Mate, ohne ſich im Mindeſten aus der Faſſung bringen zu laſſen. Nein— ins drei Teufels Namen, nein! ſchrie da der Mann, der jetzt erſt, durch die vielen grin⸗ ſenden Phyſiognomien um ſich herum, zur Beſinnung ſeiner lächerlichen Lage kam, nein, und geht zur Hölle! und damit warf er ſich herum und wandte dem ſehr ergötzten Publicum die Kehrſeite zu. Wood pile! wood pile! ſagte der Mate, dem Deutſchen auf die Schulter klopfend, der ebenfalls aufgeſtanden war, jetzt aber, da er ſeine Kiſte ge⸗ öffnet fand, darauf zuſtürzte, den Deckel aufriß und mit todtbleichen Wangen und ſtieren Blicken— ach vergebens— nach ſeinem kleinen Schatz— ſeinem ganzen Vermögen griff auf das er ſeine künftige Lebensexiſtenz gegründet. Umſonſt durchwühlte er mit vor Angſt zitternden Händen die ärmlichen Sachen, ſein Geld war und blieb verſchwunden, und troſt⸗ und rathlos ſtand er, mit glanzloſen Augen die umhergeworfenen Kleidungsſtücke anſtarrend, während große Thränentropfen ihm an den bleichen Wangen herunterliefen! Wood pile, wood pile, Mann! Lebhaft— werft Eu⸗ ren Plunder hinein; damnit, hört Ihr mich denn nicht? rief der Mate, als Jener, wenig ſeiner achtend, unbe⸗ weglich auf die geöffnete Kiſte hinſtarrend, ſtehen blieb. Alles geſtohlen! murmelte er endlich leiſe vor ſich hin und ſank von Schmerz überwunden, das Geſicht mit den Händen bedeckend, auf die Kniee nieder. Was zum Teufel iſt jetzt wieder nicht recht? rief der Mate, ärgerlich fragend im Kreis umherſehend. Jemand hat all ſein Geld geſtohlen, ſagte Einer von den Leuten, der deutſch verſtand. Geſtohlen? ſchrie die gellende Stimme der Frau, das engliſche Wort„stolen“ errathend indem ſie ſich mit einem Angſtſchrei zwiſchen den Männern hin⸗ durchdrängte— geſtohlen? all unſer Geld? Jeſus Marial] kreiſchte ſie, als ſie ihre offene, durchwühlte Kiſte und ihren knieenden Mann, ein Bild ſtummer Verzweiflung, ſah, Jeſus Maria! und ſank laut heu⸗ lend an der Kiſte nieder. Wood pile— verdamm es, ſchrie der Mate.— Hinaus mit Euch— was ſteht Ihr alle hier und gafft; das Boot hat angelegt; raiſonnirt und lamen⸗ tirt nachher, tragt aber erſt das Holz herein. 139 Die Leute, welche Holz tragen mußten, gingen hinaus, der Mann aber blieb theilnahmlos neben der Kiſte liegen, während die Frau noch einmal in wilder Haſt auch den kleinſten Winkel des großen Kaſtens durchſuchte, und jedes Läppchen herauswarf. Es war umſonſt; eben ſo erfolglos blieb es, daß mehre Leute ſich an den Capitän wandten und um eine Nach⸗ ſuchung baten, die auch begonnen wurde, als das Boot wieder in Gang kam, der Dieb aber hatte ſich heimlich und ſchnell ans Land gemacht, einen kurzen Aufenthalt in den Sümpfen in einem Blockhaus, der genauen Unterſuchung vorziehend, der er ſich wahr⸗ ſcheinlich auf dem Boote ausſetzen würde. Das Viſi⸗ tiren, das überhaupt auf einem Dampfboot ein höchſt undankbares Geſchäft iſt, wo eine ſo große Menge dunkler Winkel das Wiederauffinden kleiner, geſtoh⸗ lener Gegenſtände, wenn nicht ganz unmöglich, doch höchſt ſchwierig macht, blieb erfolglos, aber ſchon brach der Tag an, ehe weitere Verſuche, den Dieb zu entdecken, als nutzlos eingeſtellt wurden. Alle Paſſa⸗ giere ſchienen auch Antheil an dem Verluſt der armen Leute zu nehmen, die beiden Spieler ausgenommen, die, ohne im Mindeſten den Lärm um ſich herum zu beachten, ja ohne nur einmal nach der Urſache deſſel⸗ ben zu fragen, einzig und allein mit ihrem Spiele 140 beſchäftigt, ſitzen geblieben waren, und nur als der Morgen mit kalter Hand die Schatten der Nacht hinwegſcheuchte, und ſich die erſten lichten Sonnen⸗ ſtrahlen durch Thüren und Fenſter des Zwiſchendecks ſtahlen, das matte, gelblich brennende Talglicht aus⸗ blieſen, um ihr Spiel bei Tageslicht fortzuſetzen. In der Cajüte aber ſammelte Simmons für die armen Leute eine Collecte, um doch wenigſtens die Betro⸗ genen im erſten Augenblick vor Mangel zu ſchützen. Der Oceanic verfolgte mit außerordentlicher Schnelle ſeine Bahn und eine Biegung des gewal⸗ tigen Stromes nach der andern erſchien, und ver⸗ ſchwand wieder. Endloſer Wald, ſchauerlich düſtere Wildniß lag an den beiden Seiten, nur hie und da durch die kleine Blockhütte eines Anſiedlers unterbrochen, der ſich in dieſer troſtloſen Einſamkeit, von aller menſchlichen Geſellſchaft faſt abgeſchnitten und der Gnade der Mosquitos überlaſſen, angeſiedelt hatte, um Holz⸗ an die den Strom befahrenden Dampfboote zu ver⸗ kaufen; obgleich weder die Bäume aus denen er es ſchlug noch das Land, auf dem ſie ſtanden, ſein Ei⸗ genthum waren, und deſſen kleine, niedere Wohnung gar unſcheinbar zwiſchen den ungeheuren Rieſenſtäm⸗ men des ſie umgebenden Urwaldes hervorſchimmerte. 141 Kaum konnte auch der Beobachter, von einem der vorbeifahrenden Boote eine Lichtung in der dichten Waldung erkennen, hätte nicht ein kleiner Platz abge⸗ ſtorbener Bäume, ein helles, graues Breterdach, das zwiſchen dieſen hervorſchimmerte, und das wie es faſt unvermeidlich ſchien, von einem der koloſſalen, ver⸗ dorrten Stämme bei dem erſten Windſtoß zerſchmet⸗ tert und vernichtet werden mußte, wie ein lichter Streifen aufgeſchichteten Holzes, dicht am Ufer hin, den Aufenthaltsort einer Familie, eines Gliedes aus der Kette menſchlicher Geſellſchaft, verrathen und den Hinüberblickenden unwillkürlich vermocht auszurufen: Was, um Gottes willen, kann Menſchen, lebendige, denkende, vernunftbegabte Menſchen, veranlaſſen, wenn ſie wirklich ſich von allen denen, die ihnen gleich ſind, entfernen und ein einſames, von aller Welt abgeſchiedenes Leben führen wollen, ſich in ſolch ſumpfigen, nur von Inſecten, Reptilien und Thieren des Waldes belebten Gegenden, wo Fieber und Seuchen wüthen, niederzulaſſen; wo der Miſſiſſippi die Ufer überſchwemmt und ſie in manchen Jahren all ihr weniges Eigenthum in ein Boot ſchaffen müſſen, um es nur den gierigen Fluthen zu entreißen und ihr mühſam aufgeſtapelter Holzvorrath, von den wilden Waſſern entführt und weggeſchwemmt, die breite Ober⸗ 8 14²2 fläche des Stromes bedeckt, ja, wo ſie nicht einmal einen trockenen Platz finden können, ihre Todten zu beerdigen. Der blaue Rauch wirbelte aus dieſen Vorpoſten der Civiliſation leicht empor, und verſchwand, von einem leiſen Wind zur Seite getrieben, in den ge⸗ waltigen Wipfeln der Baumwollenholz⸗Bäume, die die kleine Lichtung von allen Seiten einſchloſſen, 4 während dichtes Unterholz und faſt undurchdring⸗ liche Schlingpflanzen den Raum zwiſchen den unge— heuren Stämmen ausfüllten und ſo gewiſſermaßen, um das Ganze herum, eine grüne Wand bildeten.“ Der Oceanie fuhr an einer dieſer eben beſchrie⸗ benen Lichtungen vorbei, die aber erſt ganz kürzlich entſtanden zu ſein ſchien, da noch nicht einmal die rund um den Stamm herum eingehauenen Bäume abgeſtorben, auch noch kein Klafterholz aufgeſtapelt war, und nur das hell glänzende, aus friſch geſpal⸗ tenen Bretern neu gemachte Dach und einige weiße und buntgefleckte Kühe, die eine hinter der andern auf einem ſchmalen Fußpfad dicht am Ufer hingingen, die Nähe menſchlicher Weſen verkündeten. Hallo the boat! rief da eine Stimme herüber, und ein Tuch wurde auf einem Stock geſchwenkt. Wünſchen Sie zu landen? fragte der Lootſe den 8 143 Capitän, der neben ihm am Pilot⸗Hauſe ſtand und nach dem Platz, von dem die Stimme klang, hin⸗ überſchaute. Laſſen Sie das Boot ein wenig abfallen; es ſcheint ein einzelner Mann zu ſein, wir wollen ihn fragen was er will. Hallo the boat, rief die Stimme aufs Neue, ungeduldiger als vorher; der Capitän zog ein Paar Mal am Klöppel der Glocke, dem am Ufer Harren⸗ den anzuzeigen, daß er ihn gehört habe und landen wolle, und das Boot ſchnitt ſchräg hinüber, wo der Mann, noch immer das Tuch ſchwenkend, ſtand. Was wollt Ihr?— rief der Capitän jetzt, nahe genug gekommen, hinüber.. Wohin das Boot? St. Louis! 4 Ay, ay!— rief der Mann am Lande, zum Zeichen, daß er es verſtanden habe. Ihr wollt an Bord? fragte der Capitän jetzt ungeduldig. Don't you want to buy a damned good canoe?*) ſchrie dagegen der Andere, indem er die Hände trich⸗ terförmig an den Mund hob. **) Wollt Ihr nicht ein verdammt gutes Canoe kaufen? 144 Ihr wollt nicht an Bord? rief der Capitän jetzt halb erſtaunt, halb ärgerlich hinüber. Isay, don't you want to buy a damned good canoe? wiederholte der unverbeſſerliche, zehoſite Paſſagier. Geht zur Hölle! ſchrie der Capitän wüthend, indem er dem Pilot winkte weiter zu fahren. Ay, ay, rief der am Ufer, der den letzten Zuruf nicht recht verſtanden zu haben ſchien und ſich ruhig wandte, wieder in ſeine Hütte zurückzukehren. Segne meine Augen, Capitän, ſchmunzelte Sim⸗ mons, als er in die Cajüte herunterkam, warum ſeid Ihr den guten Handel nicht eingegangen? wahr⸗ haftig, das Canoe mußte wohl gut ſein, wenn Ihr deswegen über den ganzen Miſſiſſippi fuhrt, um nur davon reden zu hören! Spottet nur! lachte Wilkens, was wollt' ich aber machen; hätte ich gelandet, ſo wilre der Burſche ruhig ins Rohrdickicht gegangen und der Böſe ſelbſt würde ihn da nicht finden; bei ſolchen Gelegenheiten iſt es das Beſte gute Miene zum böſen Spiel zu machen. Glaubt Ihr denn, der Mann wollte Euch zum Narren haben? fragte Simmons verwundert. Nun was Anders? entgegnete Wilkens, ich kann 145 doch nicht denken, daß ein vernünftiger Menſch ein Dampfboot, über den ganzen Strom weg, in wirk⸗ lichem Ernſt anrufen wird, um ihm ein erbärmliches Canoe anzubieten, von dem er doch weiß, daß ich es höchſtens zu Feuerholz gebrauchen könnte! 5 Aber es war ein„damned good one““, ſchmun⸗ zelte Stewart, der hinzugetreten war. Glaubt das nicht, Capitän, rief Simmons, glaubt das nicht, dem Manne war das bittrer Ernſt, und er wäre, hättet Ihr landen wollen, in der feſten Ueberzeugung am Ufer geblieben, daß Ihr ſein Canoe zu beſehen gedächtet. Was thut neulich ein Nachbar von mir, am Atchafalaya? Der hatte mit einem An⸗ deren um eine Gallone Whiskey gewettet, daß ein Schwein, das er gerade ſchlachtete, 200 Pfund und nicht, wie der Andere behauptete, nur 180 wog und ſie waren übereingekommen, da keine Wage in der ganzen Nachbarſchaft eriſtirte, es dem zuerſt Kom⸗ menden zu überlaſſen das Gewicht zu beſtimmen, und deſſen Ausſpruch als vollgültig anzunehmen. Der erſte nun, der kam, war das Dampfboot„black hawke, das eben, wie wir, an der anderen Seite des Fluſſes hinauf wollte, und meine beiden Leute ſahen dies als einen Wink des Himmels an, nicht allein den Capitän zum Richter zu machen, ſondern Gerſtäcker, Miſſiſſippi⸗Bilder. II. 10 146 dann auch ſogleich von ſeinem Boote den Whiskey zu kaufen, da das die einzige Art war, auf die ſie dies ſo ſehr beliebte Getränk— ich meines Theils trinke übrigens Brandy lieber— bekommen konnten. Ge⸗ ſagt, gethan; mit einer wahren Wuth fangen ſie an Tücher zu ſchwenken, und da das Boot gerade nicht ſehr viel Paſſagiere an Bord hatte, und der Capitän glaubte funfzehn bis zwanzig Dollar zu verdienen, kam er herüber, landete und war nicht wenig erſtaunt blos gerufen zu ſein, um das Gewicht eines Schweins zu beſtimmen.— Zwar fluchte und ſchimpfte er, das half ihm aber nichts und er mußte, wüthend über die Frechheit oder den Unverſtand der Leute, ſeinen Weg fortſetzen, wobei ihm noch die beiden, des Whiskeys wegen in ihrer Erwartung Getäuſchten, da er ihnen keinen ablaſſen wollte, alle möglichen Ehrentitel mit auf den Weg gaben. Und waren die Leute wirklich unſinnig genug, das im Ernſt zu thun? fragte Capitän Wilkens. In ſo vollem Ernſt, als der Mann da drüben Euch fragte, ob Ihr ſein Canoe kaufen wolltet, und von dem ich feſt überzeugt bin, daß er das nächſte vorbeikommende Boot wieder eben ſo anruft! Nun dann haben die Nankees wahrlich nicht Un⸗ recht, wenn ſie ſich über uns„Weſtliche“ luſtig machen, entgegnete Wilkens, und Mr. Bloomfield wird, wenn er je wieder nach dem Oſten zurückkehrt, ſchöne Sachen von uns erzählen. Nicht ſo ſchlimm als ſie glauben, Capitän, ant⸗ wortete Bloomfield, der ſich wieder mit Stewart aus⸗ geſöhnt hatte; der Ruf, in dem die Bewohner des Weſtens in den Yankeeſtaaten ſtehn, entſpricht keines⸗ wegs dem von Schwachköpfen. Im Gegentheil habe ich immer gehört daß die Krämer und Uhrenhändler, die von Oſten aus durch alle Staaten ziehen, weniger gute Geſchäfte im Weſten als in den Mittelſtaaten machen. Allen Reſpect vor Euren Uhrenhändlern übrigens, rief Simmons; mein Vater hat mir immer geſagt, daß ein Yankee clock pedlar(Uhrenhändler) einem Mann, der ſchon in den letzten Zügen liege, noch eine Uhr aufſchwatzen würde, ja, daß ein ſolcher kein einmal betretenes Haus wieder verließe, ohne etwas von ſeiner Waare an den Mann gebracht zu haben. Nun die Clockpedlars ſind doch immer noch die ſolideſten, wandte Capitän Wilkens ein, denken Sie aber nur, wie es die Yankees mit ihren in Canvaß eingenähten, hölzernen Schinken machen, von denen ſie ganze Schiffsladungen voll verkaufen. Oder mit den aus Kienholz gedrechſelten Mus⸗ catnüſſen, lachte Bloomfield. 10* 148 Das iſt noch Alles Nichts gegen den Aufſatz, den ich hier in einer Zeitung aus Charleſton— Süd⸗ Carolina— fand, ſagte Gray„ der eben hinzugetre— ten war und die erwähnte Zeitung aus der Taſche zog, es ſcheint, als ob unſere öſtlichen Landsleute ſich auch ſtark auf die Fabrikation von Würſten legen, hören Sie nur, hier ſteht unter dem 17. Juni folgende Anzeige: „Die aus Hartford— Connecticut— erhaltenen Würſte, aus kleingeſchnittenem rothen Flanell und Kartoffeln beſtehend, mögen allerdings ſchwer zu verdauende Koſt ſein, gehen aber noch an; die jedoch, denen ſogar ein Drittel grau Papier beigemiſcht wurde, ſind ſelbſt für Hunde nicht genießbar.“ Nicht übel, entgegnete Bloomfield mit lautem Lachen in das die Andern herzlich mit einſtimmten, nicht itbel; meine Landsleute ſcheinen in der Induſtrie keine Rückſchritte zu machen, doch dafür ſtehen ſie auch im Pferdehandel den Weſtlichen nach, beſonders was die indianiſche Art, ein Pferd zu kaufen, betrifft, in welchem Geſchäftszweige ſich Arkanſas wohl beſonders auszeichnen ſoll! Nun, ich weiß nicht, ob es Miſſouri viel nach⸗ ſteht, fiel Stewart ein; es exiſtiren aber in dieſer Hinſicht bedeutende Verbindungen zwiſchen den beiden 8— 149 Staaten, und was in Miſſouri geſtohlen wird, findet in Arkanſas leichten Markt; beſonders da im letzteren Staat ſeit Kurzem keine Todesſtrafe mehr auf Pferde⸗ diebſtahl ſteht, was die Burſchen doch noch immer ein wenig in Reſpect hielt und ſie die Sache, wenn ſie wirklich etwas der Art vorhatten, zweimal bedenken machte. Wie wär's aber, unterbrach er ſich plötzlich nach Simmons hinüberſchauend, wenn wir zuſammen ein Spielchen machten; das Wetter ſieht wieder trübe draußen aus und wir können die Zeit nicht beſſer vertreiben. Von Herzen gern, fiel Simmons ein, ich habe das eben ſelber vorſchlagen wollen, erſt aber möchte ich eins trinken, denn mich ſo trocken dahin zu ſetzen, ſagt meiner Conſtitution nicht zu; alſo, Barkeeper*) — Gläſer her! Mr. Gray entſchuldigte ſich jedoch diesmal und überließ, keineswegs zu Simmons' Zufriedenheit, ſeinen Platz an Bloomfield, dem dieſer der alten Jagdgeſchichten wegen noch nicht ganz traute; Ste⸗ wart's letzte Erzählung war ihm jedoch eine Lehre geweſen, und er verlangte nicht ſogleich eine zweite Zurechtweiſung. *) Barkeeper, der Ausſchenker. 150 Das Boot ſetzte unter der Zeit mit reßßenge Schnelle ſeinen Weg fort und landete nur gegen Abend wieder um Holz einzunehmen, während die Cajütenpaſſagiere ihr Abendbrot verzehrten. Das Eſſen war beendigt, das Holz an Bord und der Oceanic durchſchnitt wieder die ſchnellſtrömende Fluth, als ein furchtbarer Lärm aus dem Zwiſchendeck her⸗ aufſchallte, der mit jedem Augenblicke zu wachſen ſchien. Hallo, rief Capitän Wilkens, was iſt da wieder vorgefallen! Weiß der liebe Gott, was auf dieſer Reiſe in das Zwiſchendeck gefahren iſt, der Lärm drinnen nimmt kein Ende; ich muß nur ſelber ſehen was ſie haben, oder es giebt noch Mord und Todt⸗ ſchlag. Mit dieſen Worten ſtand er vom Spieltiſch, an dem er ſich eben niedergeſetzt hatte, auf und wandte ſich nach der Thür, als ihm der Mate mit einem jungen Deutſchen, der aber fertig engliſch ſprach, begegnete. Capitän, begann der Mate, der verdammte Ne⸗ ger, der Koch, hat dumme Streiche gemacht und— doch der Mann hier kann's beſſer erzählen, der hat es mit angehört; fuhr er, auf den Deutſchen zeigend, fort, es wurde Alles in dutch verhandelt und da mag der Teufel verſtehn, was ſie wollen. 151 Und was wünſchen Sie? wandte ſich Capitän Wilkens artig gegen den jungen Mann, der bleich und faſt, wie es ſchien, der Sprache beraubt daſtand, was hat mein Koch gethan? Das Schändlichſte, Niederträchtigſte, was bis jetzt noch von einem Neger verübt iſt, brach endlich der verhaltene Zorn des jungen Mannes aus. Gentle⸗ men, wandte er ſich an ſämmtliche Cajütenpaſſagiere, die ſich um ihn her drängten, hören Sie mich, und ſagen Sie dann ſelbſt, was dem Buben geſchehe. Unter meinen Landsleuten, die faſt alle erſt kürz⸗ lich aus der alten Heimath gekommen ſind, in dieſem Welttheil ein neues Vaterland zu finden, iſt auch ein armes, taubſtummes Mädchen, eine Waiſe, die von armen Leuten auferzogen, dieſe als ſie auswanderten, ebenfalls nicht verlaſſen wollte und mit ihnen zog. Das Kind, denn ſie iſt kaum ſechszehn Jahr alt, folgte heute harmlos, als das Boot anlegte um Holz einzunehmen und der größte Theil der Paſſagiere am Ufer war, dem ſchwarzen Schurken, dem Koch dieſes Bootes, in die Speiſekammer, wohin er ſie durch gezeigtes Backwerk lockte, und wurde hier von dem Buben, der die Stummheit des armen Mädchens, das keinen Hülferuf thun konnte, benutzte, über⸗ wältigt.. 152 Tod und Teufel! rief Stewart und Simmons zu gleicher Zeit und— bringt den verdammten Neger um— hängt ihn— werft ihn über Bord! ſchallte von allen Lippen der entrüſteten Männer. Todesangſt und ſtarre Verzweiflung in den Zü⸗ gen, fuhr der Deutſche fort, ſtürzte das arme Kind, als der Bube ſeine viehiſchen Begierden geſättigt hatte und es frei ließ, zu ihrer Herrin und erzählte derſelben in der nur ihr bekannten Zeichenſprache das Schreckliche, während ſich der ſchwarze Schurke in der Küche ſeiner That gegen die Gehülfen rühmte. Wo iſt der Koch? fragte Capitän Wilkens ſich die Lippen beißend und mit dem Fuße ſtampfend— ver⸗ damm den Burſchen, er ſollte gehangen werden. Wir haben ihn gebunden und er liegt unten im Deck, antwortete der junge Deutſche, deſſen Name Ehrhold war. Werft ihn über Bord denn, rief Stewart, das iſt das Kürzeſte; ich will verdammt ſein, wenn der Bur⸗ ſche noch lebte, wäre ich dabei betheiligt! Ihr ſeid betheiligt, Herr! fiel ihm Ehrhold heftig in die Rede, Ihr ſeid betheiligt und jeder Weiße hier an Bord; denn ich glaube doch wahrlich nicht, fuhr er, ſich hoch aufrichtend und ſcharf umher⸗ blickend fort, das ein Gentleman hier auf dieſem 153 Schiffe iſt, der nicht ein armes taubſtummes, weißes Mädchen vor den Beleidigungen eines Negers ſchützen oder deſſen Schande rächen würde! Capitän Wilkens, fiel Simmons dieſem in die Rede, als er ſah, daß er etwas erwiedern wollte, ich habe mich neulich, als wir den Spetakel bei Helena ſahen, ſtark gegen das Lynchlaw ausgeſprochen und keineswegs gebilligt, daß das Volk das Geſetz in ſeine Hände nimmt, aber Gott ſtraf' mich, wenn ich nicht jetzt dafür ſtimme. Hängt den Schurken oder erſäuft ihn, aber bringt ihn auf eine oder die andere Art in Sicherheit, denn wenn er ungeſtraft vom Boot entflöhe, was er auf jeden Fall verſuchen wird, möchtet Ihr ſchlechten Dank bei der weißen Bevöl⸗ kerung von St. Louis einernten. Wäre es nicht beſſer ihn gebunden zu laſſen, und den Gerichten in St. Louis zu übergeben? fiel Mr. Gray ein, als er ſah, daß der Capitän zu ſchwanken ſchien; man könnte ihn ja gut bewachen, daß ſein Entfliehen auf jeden Fall verhindert würde. Am Bewahren ſollt' es nicht fehlen, meinte der Deutſche, es ſind Funfzig unten, die kein Auge von ihm wenden— aber— Ihr wollt doch wahrhaftig nicht noch lange Um⸗ ſtände mit der ſchwarzen Canaille machen? rief 15⁴4 Stewart ärgerlich dazwiſchen, verdamm den Neger! jeder Augenblick iſt Sünde den der Hund noch athmet! Ja, ja, Capitän, riefen einſtimmig faſt alle Cajüten⸗Paſſagiere, hängt ihn! Landet das Boot an irgend einen Platz und hängt ihn an den erſten Baum. Gentlemen, ſagte der Capitän jetzt, indem er ſich hoch aufrichtete, Sie haben Recht, der Burſche verdient den Tod und ſoll ſeiner gerechten Strafe nicht ent⸗ gehen; zwei Gründe aber ſind's die mich davon abhalten ihn gleich, und an Bord zu ſtrafen; der erſte und wichtigſte iſt, daß, wenn wir den Neger lynchen, ich der einzige verantwortliche Mann an Bord dafür bin, ſobald es mit meiner Bewilligung geſchieht, und wenn auch die Gerichte in St. Louis unſer Verfahren nicht ganz verdammen möchten, würde ich mich doch einer Maſſe unangenehmer Verhöre ꝛc. ausſetzen und vielleicht noch gar dabei in Strafe verfallen. Strofe? einen Neger zu hängen der ein ſolches Verbrechen verübt hat? fielen Alle verwundert ein. Abgeſehen davon, Gentlemen, fuhr der Capitän ruhig fort, habe ich noch einen andern Grund und der iſt, daß ich einige zwanzig Cajüten⸗Paſſagiere, ohne meine Offiziere und Arbeiter, an Bord führe, von * 155 denen die Erſteren für ihre Koſt bezahlt haben, die anderen dafür arbeiten, und daß dieſe alle, ich ſelbſt nicht ausgenommen, eſſen wollen. Dieſer ſchwarze Hallunke aber iſt der einzige Koch an Bord und das muß mich beſtimmen ihn, natürlich unter ſtarker Bewachung, bis nach St. Louis hinaufzunehmen, wo ihn dann die Gerichte beſtrafen mögen, und Sie wiſſen, meine Herren, daß die Bewohner von St. Louis nicht milde in ihrer Beſtrafung von Schwarzen ſind; es iſt ja kaum ein halbes Jahr her, daß ſie den Neger, der ſeinen Herrn erſchlug, lebendig ver⸗ brannten. Aber Capitän, fiel Ehrhold ein, wenn Sie den Neger frei herumgehen und kochen laſſen, wird er doch wahrhaftig die erſte Gelegenheit benutzen und über Bord ſpringen, um ans Land zu ſchwimmen, da er wiſſen muß welches Schickſal ſeiner harrt. Verdammt will ich ſein, brach Stewart los, wenn der Schurke noch zwei Minuten leben dürfte, wäre ich Capitän! Fort mit ihm iſt auch meine Anſicht, fiel Sim⸗ mons ein. Gentlemen, Sie haben alle keine Verantwort⸗ lichkeit, bemerkte Capitän Wilkens ſehr ruhig, wenn das Boot landet gehen Sie ans Ufer, ſetzen viel⸗ leicht gar nach Illinois über und werden nicht wieder geſehn; ich aber bleibe mit meinem Boot und Allem was mein iſt, eine Zeitlang ruhig liegen, und bin dann natürlich der, an den ſich die Gerichte augen⸗ blicklich halten. Mr. Ehrhold, wandte er ſich an dieſen, Sie ſcheinen mir ein vernünftiger Mann zu ſein, halten Sie alſo den ſchwarzen Hallunken die Nacht über bewacht, und Morgens mag er meinet⸗ wegen mit zwanzig Mann Wache ſein Frühſtück kochen; eben ſo Mittags⸗ und Abendbrod und übermorgen früh ſind wir in St. Louis. Gut, Capitän, erwiederte dieſer, wir wollen unſer Möglichſtes thun, macht er aber den geringſten Verſuch zu entwiſchen, ſo ſeien Sie verſichert daß er über den Haufen geſchoſſen wird. 4 Schießt ihn um Gotteswillen nicht todt, fiel Stewart ſchnell ein, das wäre eine Wohlthat für den Hallunken, nein, ſchießt ihn in die Beine, daß er nicht fort kann, aber laßt ihm nur den Hals frei, daß wir ihn nachher noch hängen können; denn nennt mich ſelbſt einen Schurken, wenn die Bürger von St. Louis die ſchwarze Canaille zehn Minuten ruhig im Gefängniß laſſen, ſobald ſie erſt einmal gehört haben was ſie verbrochen hat. Mir recht, mir recht, ſagte Wilkens, wenn ich ihn — — 157 4 nur erſt vom Boot los bin; was ſie nachher mit ihm angeben, iſt mir ganz gleichgültig! Laßt uns hinuntergehn und die Beſtie einmal anſehen, rief Simmons und Alle folgten ihm, als er die ſchmale Cajütentreppe hinunterſtieg und durch den dunkeln, von zwei Lampen ſpärlich erleuchteten Maſchinenraum, zwiſchen Baumwollenballen und Kaffeeſäcken hindurch, in das Zwiſchendeck hinein kletterte. Dort lag, an einen Pfeiler gebunden, die Kleider in Fetzen an ihm herunterhängend, mit aufgeſchwol⸗ lenem Geſicht und rothglühenden Augen, der Neger, faſt von allen Paſſagieren umgeben, die ihn nach wilder Gegenwehr gebunden und der größeren Sicher⸗ heit wegen in den hinteren Raum geſchleppt hatten. Zähneknirſchend betrachtete er die neuen Ankömmlinge. Capitän, rief Stewart aus, als ſie die ſcheuß⸗ liche, mit Blut bedeckte Geſtalt am Boden liegen ſahen— wenn Ihr den Burſchen da noch eine Mahl⸗ zeit auf Eurem Boote kochen laßt, will ich verdammt ſein, wenn ich einen Biſſen davon anrühre! Er ſieht freilich nicht ſehr appetitlich aus, ſagte Capitän Wilkens, indem er ſich mit Ekel von dem wild die Augen im Kreiſe umherrollenden Schwarzen abwandte. 158 Bindet ihm Hände und Füße zuſammen und werft ihn über Bord, das iſt mein Rath, rief Stewart. Ich glaube auch, daß es das Beſte wäre, ſtimmte Simmons bei, während die Zwiſchendeckspaſſagiere faſt einſtimmig ſeinen Tod forderten, und mit wildem Geſchrei bald verlangten ihn zu hängen bald über Bord zu werfen, bald zu landen und lebendig zu verbrennen. Ich ſtimme dennoch dafür, ihn den Gerichten zu übergeben klang da Mr. Grays klare und kräftige Stimme durch den Lärm, während der Neger mit rollenden Augen, halb Wuth, halb Furcht in den unſtäten Blicken, die Umſtehenden betrachtete, er iſt jetzt gebunden und feſt verwahrt und beſſer iſt's, er erleidet dort ſeine Strafe, denn was durch den Aus⸗ ſpruch der Richter nur Gerechtigkeit ſein würde, iſt hier Mord. Ich danke Ihnen, Mr. Gray, ſagte Capitän Wilkens, indem er dem jungen Manne die Hand ſchüttelte; es iſt das auch ganz meine Meinung und zum Beweis, daß es mir Ernſt iſt, ſollen ebenfalls von meinen Leuten abwechſelnd einige bei ihm wachen, um jeden Verſuch zu entfliehen zu vereiteln; der Bube darf ſeiner Strafe nicht entgehen, er ſoll ſie aber auch nach Recht und Gerechtigkeit erleiden. 159 Die Paſſagiere gingen jetzt wieder in die Cajüte hinauf, während Capitän Wilkens noch verſchiedene Anordnungen traf den Gefangenen zu bewahren und die Gemüther der aufgeregten Deckpaſſagiere zu be⸗ ruhigen, von denen einige Kentuckier, die erſt in. Memphis an Bord gekommen waren, den Neger ſchlechterdings über Bord werfen wollten. Mehre Frauen erboten ſich auch ſogleich, da ſie hörten daß es an einem Koche fehle, das Amt zu übernehmen, bis ſie hinauf nach St. Louis kämen, nur damit dem Neger keine Gelegenheit gegeben würde zu entwiſchen. Als die Nacht einbrach, verdoppelten die Paſſa⸗ giere die Wachen um den Gefangenen, der mit auf den Rücken gebundenen Händen, ſtumm und dumpf vor ſich hinbrütend auf der Erde lag und ſich in ſein Schickſal ergeben zu haben ſchien, denn mit gläſernen Augen ſtarrte er in das matte, flackernde Licht der Laterne, bis Mattigkeit und Erſchöpfung ihn über⸗ mannte und er in einen unruhigen Schlaf fiel. Schon färbte ſich im Oſten der Himmel mit einem etwas lichteren Grau, als der Oceanic das kleine Städtchen Cairo, an der Mündung des Ohio erreichte und aus der gelben Strömung des gewaltigen Miſſiſ⸗ ſippi in das hellere, reinere Waſſer des erſteren 160 Fluſſes einlief, um an dem Landungsplatz die Taue auszuwerfen. Das Boot lag am Ufer, die Töne der Glocke waren verſchallt, die Planken hinausgeſchoben und Mr. Gray führte ſeinen jungen Schützling die Ca— jütentreppe hinunter, von Capitän Wilkens, Sim⸗ mons, Stewart und Dalton begleitet. An der Planke aber wandte er ſich noch einmal um und nahm herz⸗ lichen Abſchied von ſeinen neugewonnenen Freunden, nochmals ſeine freundliche Einladung an Alle, vor⸗ züglich aber an Simmons wiederholend, ihn recht bald zu beſuchen und ſich ſelbſt zu überzeugen, wie glücklich und zufrieden er ſich fühle. Simmons ver⸗ ſprach es ihm auch mit Hand und Mund, und ſorg⸗ ſam führte der junge Mann das ihm theuere Weſen über die ſchmale Planke ans Ufer und zum Gaſthof hinauf, dort die Ankunft eines für den oberen Ohio beſtimmten Schiffes zu erwarten, während der Ocea⸗ nie ſich alle nur erdenkliche Mühe gab, wieder von dem zähen Schlamm des Ufers, auf das er feſtgelaufen war, loszukommen. Umſonſt arbeitete aber die Maſchine zurück, um⸗ ſonſt war die ganze Mannſchaft ohne Ausnahme auf das„lorecastle“ des Bootes gerufen, dort mit langen Stangen daſſelbe wieder in tiefes Fahrwaſſer 161 7 zurückzuſtoßen, es blieb erfolglos und wie einge⸗ mauert, ohne ſich zu rühren und zu regen, ſtak das Vordertheil in der zähen Maſſe die das Ufer bildete, und die ſo weich und nachgiebig war, daß die Stangen nicht einmal darauf hafteten und tief ein⸗ ſanken, wo ſie dann nur durch die vereinten Be⸗ mühungen von mehren ſtarken Männern wieder befreit werden konnten. Ruft die Deckpaſſagiere, ſchrie jetzt der, durch die vergeblichen Anſtrengungen wüthend gewordene Mate, ruft die Deckpaſſagiere, und Ihr da, fuhr er die Arbeiter an, drückt Euch hart dagegen— ver⸗ damm es, liegt nicht an den Stangen, als ob Ihr einſchlafen wolltet, give her hell, give her hell, boys.. Die meiſten der Dechaſſagtere gehorchten dem Rufe und lehnten ſich mit aller Kraft gegen Stangen und an das Ufer geſchobene Planken, um einen ver⸗ zweifelten allgemeinen Verſuch zu machen⸗ das feſt⸗ gerannte Boot zu löſen. There she goes! rief der Mate ermunternd, ſeid lebhaft, meine braven Burſchen, lehnt dagegen, und mit gutem Beiſpiele ſeine Worte begleitend, preßte er mit ſolcher Gewalt, indem er ſeinen rechten Fuß vor das Gangſpill ſtemmte, gegen die eine Planke, daß Gerſtäcker, Miſſiſſippi⸗Bilder. II. 11 162 es ihm die Augen aus den Höhlen zu ſprengen drohte und große Schweißtropfen an ſeiner Stirn herunter⸗ rollten.— Da brach die eine Stange, der zwölf kräftige Geſtalten etwas zu viel zugemuthet hatten, und theils durch das eigene Uebergewicht, theils durch die Nachpreſſenden geſtoßen, ſtürzten vier Männer, unter dem Aufſchrei der Uebrigen, über Bord. Der gefangene Neger hatte unter der Zeit, faſt von all ſeinen Wächtern verlaſſen, dagelegen, weil man die Mehrzahl der Männer vorne gebraucht hatte das Boot mit abſchieben zu helfen. Nur zwei jungen Bauerburſchen war die Aufſicht über den Gebundenen anvertraut geweſen, die auch keinen Blick von ihm verwendeten. Einer ſeiner Küchengehülfen ging jetzt vorüber, um am Hintertheil des Bootes von dem dort aufgehangenen friſchen Fleiſch verſchiedene Stücke zum Frühſtück abzuſchneiden, und dieſen rief er an, ihm einen Trunk Waſſer zu bringen. Der junge Mulatte kehrte in wenigen Secunden mit einem blechernen Gefäß zurück und hielt es an die Lippen des Durſtigen, während disſer den kühlen Trank begierig einſog. In dem Augenblicke erſchallte der laute Angſt⸗ ſchrei, den das plötzliche Verſchwinden von vier 4 8 163 Männern aus der Mitte der ſie Umgebenden allen Anweſenden unwillkürlich auspreßte. Die beiden Wächter ſprangen erſchrocken in die Höhe und ſtarrten nach der Gegend hin, von der das Geräuſch herkam, der Mulatte aber, den viel⸗ leicht nie wiederkehrenden Augenblick benutzend, fuhr mit dem ſcharfen Meſſer, das er in der Hand hielt, über die Stricke hin mit denen der Gefangene gefeſſelt war, und ehe die zwei, wie aus den Wolken gefal⸗ lenen Deutſchen die ſchnelle Befreiung des ihnen an⸗ vertrauten Negers begreifen, oder nur einen einzigen Schrei des Erſtaunens ausſtoßen konnten, ſprang dieſer, ſeiner Bande ledig in die Höhe, ergriff das Meſſer, das der Mulatte ihm willig überließ und ſprang mit wildem Satz, zwiſchen den aufkreiſchen⸗ den Frauen hindurch, dem Hintertheil des Bootes zu, um ſich in die dort angehangene Schaluppe zu werfen und die Stricke, mit denen dieſe befeſtigt war, abzuſchneiden oder auch durch Schwimmen das Ufer zu erreichen. Auf jeden Fall war er, wie das hoch geſchwungene Meſſer bewies, feſt entſchloſſen die wiedererlangte Freiheit auf das Aeußerſte zu verthei⸗ digen. Kaum erreichte er jedoch dicht am Steuerruder den äußeren freien Rand des Bootes, und wollte eben über das niedere Geländer in die Schaluppe hinab⸗ 11* 164 ſpringen, als ſein wild umherſchweifendes Auge dem des einen Kentuckiers begegnete, der ſich hier draußen in die kühlere Luft zurückgezogen hatte, und ſich wenig um das Arbeiten und Geſchrei am Vordertheil bekümmerte. Der Schrei der Frauen, als ſie den entfeſſelten Neger mit bloßem Stahl auf ſich einſtür⸗ men ſahen, machte ihn erſt aufmerkſam. Ehe er ſich aber ſelbſt von ſeinem plötzlichen Erſtaunen erholen konnte, war der Schwarze, drohend das Meſſer gegen ihn geſchwungen, mit kühnem Satz im Boot, ſchnitt, kaum dort angelangt, mit ſtarker Hand das eine der beiden Taue, das es hielt, entzwei und wandte ſich eben zum zweiten, als der Kentuckier, der ſchnell ſeine ganze Energie wiedererlangt hatte, wohl einſah wie hier nur raſches Handeln nützen könne. Das lange Meſſer des zur Verzweiflung Getriebenen verachtend, folgte er ſeinem Beiſpiel, um ihn nicht ſowohl mit mächtigem Sprunge nieder zu rennen und die ſcharfe Waffe unſchädlich zu machen, als auch zu gleicher Zeit zu faſſen und feſtzuhalten. Der Verfolgte bemerkte aber ſchnell die Abſicht des Feindes, und wich mit raſcher Bewegung dem gefürchteten Anpral⸗ len des Herunterſpringenden aus; dieſer verlor da⸗ durch das Gleichgewicht, glitt von dem Brete, das er zuerſt mit dem Fuße berührte, ab, fiel vorn über 2 165 und lag, dem glänzenden Meſſer ſeines ſchwarzen zum Aeußerſten getriebenen Gegners preisgegeben da. Dieſer wußte auch nur zu gut wie koſtbar die wenigen ihm gegönnten Minuten waren, und ſprang mit hochgeſchwungenem Stahl und wildem Freuden⸗ geſchrei auf den Gefallenen; im Augenblicke ſicher ge⸗ glaubten Sieges aber traf ihn, von kräftiger Hand geſchleudert, ein ſchwerer Waſſereimer gerade vor die Bruſt, und ehe er ſich, von dem unerwarteten Wurf zurückgedrängt, erholen konnte, folgte die ſchlanke Geſtalt des jungen Deutſchen, der, ſeinen Vortheil benutzend, kaum neben ihm angelangt, ſich ſeines rechten Armes bemeiſterte und ihm das Meſſer zu ent⸗ winden verſuchte. Bös und unheilbringend möchte freilich der Ausgang des Kampfes für den jungen unerfahrenen Mann geweſen ſein, denn der Neger wechſelte mit großer Gewandtheit das Meſſer aus der Rechten in die Linke, hätte ſich nicht der Kentuckier nun auch vom Fall erholt und mit dem jungen Deutſchen vereint den Entflohenen gefaßt und nieder⸗ geworfen, obgleich dieſer die noch immer freie, be⸗ waffnete Hand gebrauchte und beide Männer mit letzter ihm zu Gebote ſtehender Kraft verwundete. Mehre Deckhands aber, von dem Mate hintergeſandt, um noch eine Planke zum Abſtoßen des Bootes zu 166 holen, warfen ſich jetzt ebenfalls in die Schaluppe und mit ihrer vereinten Hülfe war bald der Verbrecher übermannt, geknebelt und mit einem Taue aufs Ver⸗ deck gehoben. Unter den Fußtritten und Stößen der Matroſen ſchleppten ihn dieſe wieder an ſeinen Pfeiler, wo ſie ihn nochmals der Obhut der Paſſagiere übergaben, während Andere, da das Boot endlich abgeſtoßen und die vier über Bord Gefallenen glücklich aus dem Schlamm und Waſſer herausgezogen waren, den Mulatten, der den Gefangenen befreit und ihm die Waffe überlaſſen hatte, vorn auf das Bugſpriet des Bootes holten und ihn dort an einen Pfeiler banden. Unter der Anleitung des Mate, der ſeine beſondere Luſt daran zu haben ſchien, hieben ſie ihn dort mit ſchwerer, ledernen Peitſche ſo lange, bis das Blut aus den aufgeriſſenen Wunden hervorſpritzte und er ſtöhnend und ohnmächtig zuſammen ſank. Die Frauen verbanden unter der Zeit die zahl⸗ reichen, aber nicht gefährlichen Wunden, die der Kentuckier und der Deutſche von dem Schwarzen empfangen hatten, und verſicherten ein Mal über das andere, daß es„ihrem Herzen gut thun würde“, den * Schurken hängen zu ſehen. Capitän Wilkens war auch jetzt heruntergekom⸗ —— 167 men und gab zweien ſeiner Leute den beſonderen Befehl, nicht von der Seite des Negers zu weichen und jeden der Schwarzen an Bord, der es wagen würde ſich ihm auch nur auf zehn Schritte zu nähern, niederzuſchlagen. Damit waren aber die Landsleute und Gefährten des Kentuckiers nicht zufrieden, und als der Capitän wieder in die Cajüte hinaufgegangen war und ſie ſich ſelber überlaſſen hatte, trat der eine von ihnen vor und redete ſeine Kameraden mit kurzen bündigen Worten an: Boys!*) rief er, der ſchwarze Hund da hat nicht allein ein armes taubſtummes, weißes Mädchen entehrt, er hat auch weißes Blut vergoſſen, und obgleich Capitän Wilkens große Luſt zu haben ſcheint, ihm wohlverwahrt mit nach St. Louis zu nehmen, ſtimme ich doch dafür daß wir ihn, gebunden wie er i*ſt, hier über Bord werfen; die Catfiſche mögen dann ſehen, was ſie mit ſeinem ſchwarzen Fell anfangen! Wart' nur noch zwei Minuten, bis die Frau hier meinen Arm zugebunden hat, rief der verwundete Amerikaner, und ich helfe; ich möchte gar zu gern *) Wörtlich: Knaben, doch mehr die freundlichen zutrau⸗ lichen Worte: meine Burſchen, Kameraden ec. 168 mit dabei ſein den Schurken in die Ewigkeit zu ſpediren. Ich glaube ſelbſt es iſt das Peſte, fiel Ehrhold ein, der Teufel traue den Gefängniſſen, es wäre doch eine Möglichkelt, daß der Schurke entflöhe! Ueber Bor⸗ mit ihm, über Bord, ſchrien zwan⸗ zig Stimmen zu gleicher Zeit und die Deckhands ſelbſt, die zur Bewachung des Verbrechers zurückge⸗ laſſen waren, bänden ihn von dem Pfeiler los. Gentlemen, ſchrie der Neger in Todesangſt, da er in den drohenden Augen der Umſtehenden wohl ſein bevorſtehendes Schickſal leſen mochte, Gentlemen, mordet mich nicht mit kaltem Blute! Hund, ſchrie der Verwundete, ihn in's Geſicht tretend, du ſcheinſt Dir verdammte Mühe zu geben unſer Blut abzukühlen, fahre zur Hölle! und dabei erfaßte er ihn mit dem linken unverwundeten Arm und verſuchte, ihn dem äußeren Rande zuzuziehen. Mord! ſchrie der jetzt das Aeußerſte Fürchtende — Mord! Capitän Wilkens, ſie wollen mich er⸗ morden. Hallo, boys, was habt Ihr vor? rief der Mate, der zwiſchen ſie ſprang, ſeid keine Narren und bringt Euch nicht in unnütze Gefahr; der Burſche ſoll ſei⸗ nem Schickſal nicht entgehen! und damit verſuchte er 169 die Hand des Kentuckiers von den Banden des Negers zu entfernen, doch deſſen Kameraden ſprangen dazwiſchen und den Mate zurückdrängend rief der Eine: Verdamm Euch,— tretet zurück da, und kümmert Euch um Eure eigenen Geſchäfte, dies iſt das unſere und wenn's Euch nicht gefällt, könnt Ihr gehen. O, Mr. Blackheath, laßt mich hier nicht wie einen Hund umbringen; ruft den Capitän! flehte der Schwarze. Wozu das lange Zögern? rief jetzt der größte Theil der Paſſagiere und Viele der Deckhands und Feuerleute, die hinzugetreten waren,— über Bord mit ihm, über Bord! Mord— Mord! ſchrie der ſich in Todesangſt Krümmende, indem er vergebens verſuchte ſeine Banden zu ſprengen, während ihn die ſtarken Arme der Kentuckier und mehrer Deutſchen zum Rande des Bootes ſchleppten. Haltet ein! rief da die Stimme des Capitäns Wilkens, der, von einem der Leute benachrichtigt, den Mord zu verhindern ſuchte, haltet ein! One=— two— three,— heavel“) ſangen in *²) Eins— zwei— drei— werft! 170 Bootsmannsart die Kentuckier, indem ſie den Körper des Verbrechers in die Höhe hoben und in Schwung brachten, und beim letzten heave, das laut und ſtark ausgeſtoßen wurde, flog der dunkele Körper mehre Schritt weit hinaus über das ſchützende Geländer und verſchwand in den ſchäumenden, gelben Wogen, die, vom Rad aufgewühlt, hinter dem Boot her⸗ tanzten.. In demſelben Augenblick hörte die Maſchiene auf zu arbeiten und das Boot fuhr nur noch, durch ſeine eigene Schwere getrieben, gegen die Wellen an, und Capitän Wilkens ſprang in demſelben Augenblicke zwiſchen die Gruppe der Bootsleute, als die dunkele Geſtalt des Negers wieder, einige zwanzig Schritt hinter dem Boot, ſich windend und krümmend auftauchte. Springt in die Schaluppe, meine Burſchen— rief er entſetzt ſeinen Deckhands zu, zehn Dollars dem, der ihn lebendig herausbringt! Keiner rührte ſich und Alle ſtarrten ſchweigend auf den Todeskampf des Schwarzen, der ſich ver⸗ gebens bemühte den Kopf über Waſſer zu halten und, durch ſeine Bande an jeder Bewegung gehindert, mit einem Angſtſchrei, der durch das in ſeinen Mund einſtrömende Waſſer halb erſtickt wurde, zum zweiten Mal ſank. Das Boot ſchien jetzt ſtill zu ſtehn oder trieb viel⸗ mehr wieder langſam mit den Wellen zurück.. Noch einmal wurde, ſchon weiter entfernt, das ſchwarze wollige Haupt des Gerichteten auf einen Augenblick ſichtbar, und ſank dann für immer in die dunkele Tiefe. Er iſt dahin!— ſtöhnte Capitän Wilkens ſchau⸗ dernd, als er ſich abwandte und das Deck verlaſſen wollte, doch der eine Kentuckier trat ihm in den Weg und ſagte, ihm die Hand auf den Arm legend: Capitän, Ihr habt Euer Möglichſtes gethan die That zu verhindern, Ihr ſeid auch von aller Verant⸗ wortung frei, ſchickt alſo, ſobald wir in St. Louis landen, nach einem Conſtable, und laßt uns vier, mich, meine zwei Kameraden und den jungen Deut⸗ ſchen hier, verhaften, Keiner kann Euch dann etwas vorwerfen und Ihr braucht auch eben unſerthalben nicht beſorgt zu ſein. Nein, ich will verdammt ſein wenn Euch ein Haar gekrümmt werden ſoll, meine braven Burſchen, rief Stewart, der, von Simmons gefolgt, hinzuge⸗ treten war; laßt Euch ruhig verhaften und nennt mich einen Lügner, wenn Ihr nur zwölf Stunden im Gefängniß bleibt. Ich kenne St. Louis; die Ein⸗ wohner dort ſind nicht die Leute, die einem Weißen 8₰ etwas geſchehen laſſen, weil er Recht und Gerechtig⸗ keit an einer ſchwarzen Beſtie geübt hat, der man die Glieder eigentlich hätte ſollen ſtückweis vom Leib reißen; ſeid unbeſorgt! Mr. Stewart, ſagte der größte der Bootsleute gutmüthig lachend, indem er ſich ein gewaltiges Stück Kautaback abſchnitt und in den Mund ſchob, wenn Keiner wegen der Geſchichte größere Sorge hat als ich, ſo leben Alle in höchſter Gemüthsruhe, denn ich bin ſchon oft in St. Louis geweſen und kenne die dortigen Verhältniſſe; überdem liegen auch einige hundert Bootsleute am Wharft, und es iſt nicht wahrſcheinlich, daß die einen Kameraden eines ver⸗ dammten Negers wegen, in der Klemme ſtecken ließen. Auch dem braven jungen Deutſchen, der mit ſeinem richtigen Eimerwurf und ſeinem muthigen Zuſpringen nachher, Jim hier das Lehen gerettet hat, gerade als ihm die ſchwarze Canaille den blanken Stahl in den Leib bohren wollte, ſoll, und wenn ſie uns Alle hängen, kein Haar gekrümmt werden, oder mein Name iſt nicht Jonathan. Mit dieſen Worten erfaßte er Ehrhold's Hand und ſchüttelte ſie kräftig, wandte ſich dann an die Umſtehenden und fragte ſie, ob Einer von ihnen einen Schluck Whiskey bei ſich hätte. 14 173 Halt!— rief Simmons— verdamm Curen Whiskey— wartet noch einen Augenblick, Mann, und ich ſchicke Euch eine Gallone vom beſten Brandy herunter, der an Bord zu bekommen iſt. Ihr habt wie Männer gehandelt und ſollt auch wie Männer trinken. Segne meine Seele! funfzig Dollar wären mir nicht ſo lieb, als daß der Schurke ſeinen Lohn bekommen hat. Capitän Wilkens war unter der Zeit wieder hin⸗ aufgegangen und begab ſich, um die Damen zu be⸗ ruhigen, in deren Cajüte, da dieſe durch die hin⸗ teren Fenſter mit Entſetzen den Todeskampf des Negers beobachtet hatten. Während der Zeit rauſchte das Boot brauſend auf flüchtiger Bahn dahin, aber trotz dem daß Alle, Paſſagiere ſowohl als Arbeiter, den Tod des Negers als gerecht und der Ordnung gemäß betrachteten, ſchien doch, wie durch Zauberei, der geſellige Ton der bis jetzt auf dem ganzen Boote geherrſcht hatte, verſchwunden, und in ſich gekehrt und vor ſich hin⸗ brütend ſaßen die meiſten der Männer, ihren eigenen Gedanken nachhängend, da. Selbſt, Simmons ſchien nicht ganz mit ſich ſelbſt zufrieden und trank mehr als gewöhnlich ſein, brandy and sugar!“ 174 Etwa zehn Uhr Morgens am 7. ſahen die Paſſagiere des Oceanic, als das Boot um eine der Landzungen bog, in der Ferne die weißen Häuſer von St. Louis, an deſſen Landungsplatz dreizehn oder vierzehn verſchiedene andere Dampfboote theils zum Ausbeſſern, theils für New⸗Orleans, den Il⸗ linois, den Miſſouri oder den Ohio beſtimmt, lagen und bald darauf fuhr der Occanic zwiſchen ſie hinein ans Ufer. Die Glocke tönte, die Taue wurden ausgeworfen, in große eiſerne Ringe am Werft befeſtigt und all das geſchäftige Treiben eines eben gelandeten Bootes begann jetzt. Hunderte von Neugierigen, Karrenführer und Laſtträger drängten ſich über die kaum ans Land geſchobene Planke an Bord, theils um Bekannte zu begrüßen, theils Zeitungen zu bekommen, Neuig⸗ keiten zu hören oder auch durch Wegführen von Waaren und Gepäck Geld zu verdienen, während die Paſſagiere alle Hände voll zu thun hatten auf ihre eigenen Sachen Acht zu geben, daß nicht ein b Karrenführer oder Laſtträger unberufener Weiſe, was keineswegs ſelten geſchieht, einen Koffer aufpackte, mit dem er dann, wenn ſich nicht gleich ein Eigenthümer dazu p* fand, gemüthlich im Gedränge verſchwunden wäre. 175 Eine Stunde lang mochte das Drängen und Treiben ſo gedauert haben und der größte Theil der Paſſagiere hatte das Boot verlaſſen; die drei Ken⸗ tuckier aber und der Deutſche blieben, ihrem Ver— ſprechen gemäß, am Bord und erwarteten geduldig den Conſtable, nach welchem Capitän Wilkens gleich nach ſeiner Ankunft geſchickt hatte. Dieſer kam endlich und dem Capitän, der ſich ver⸗ ſicherte Alles für ſie thun zu wollen, was in ſeinen Kräften ſtand, herzlich die Hand ſchüttelnd, folgten ſie dem Conſtable, der von ihrem Vergehen unter⸗ richtet, ſich freundſchaftlich mit ihnen unterhielt, und ihnen mit der Verſicherung Muth einzuflößen ſuchte, daß ſie keine acht Tage lang im Gefängniß ſitzen würden. Acht Tage lang, Mann? frachte der eine Ken⸗ tuckier verwundert, indem er ihn von der Seite an— ſchaute— acht Tage? St. Louis müßte ſich verdammt verändert haben, wenn wir acht Stunden in Haft blieben; nein, da hab' ich beſſere Hoffnungen, denn Stewart und Simmons werden ihr Möglichſtes thun, die Sache bekannt zu machen, und wird es erſt einmal bekannt, nun, dann kenne ich auch vier Leute, die frei in St. Louis umhergehen werden, und das ſind dieſelben, wandte er ſich lachend an den 176 Conſtable, die jetzt in ſo angenehmer Begleitung die Gaſtfreundſchaft der City in Anſpruch zu nehmen gedenken! Wie es der Kentuckier prophezeit hatte, ergriffen alle Bewohner von St. Louis, ſobald ſie durch die vereinten Bemühungen ſämmtlicher Paſſagiere, unter denen beſonders Stewart und Simmons ihr Mög⸗ lichſtes thaten, von den einzelnen Thatſachen in Kenntniß geſetzt waren, die Partei der Gefangenen und drangen in Maſſe zum Magiſtrat, die Befreiung derſelben zu bewirken. Dieſer aber, die Leute auf ſein Amt und auf ſeine Pflicht aufmerkſam machend, mit der er daſſelbe erfüllen mußte, weigerte ſich beſtimmt dieſelben, ehe ſie ihr richtiges Verhör beſtanden hätten, herauszugeben und bedeutete ſie, ruhig den Gang des Geſetzes abzuwarten. Den heißblutigen Bewohnern Miſſouri's aber genügte dieſer unbefriedigende Beſcheid nicht, und als es dunkelte, wälzte ſich ein Haufen von einigen hundert Mann gegen die Wohnung des Gefängniß⸗ wärters und forderte ihm, als er auf das ruhige Klopfen eines Vorangeſchickten ſeine Thür geöffnet hatte, und dieſe ſogleich von Herbeiſtrömenden beſetzt ſah, die Schlüſſel zum Gefängniß ab. Gentlemen, ſagte der Mann, ich darf Euch die 177 Schlüſſel nicht geben— Ihr könnt mich dazu zwin⸗ gen aber mein Eid verbietet mir, die mir anver⸗ trauten Schlüſſel irgend eines anderen Menſchen 1 Hand anzuvertrauen. Gut, wenn du denn gezwungen ſein willſt, ſagte eine rauhe Stimme, die einem baumſtarken, langen Kerl gehörte, der ſich, um nicht gekannt zu werden, ſchwarz gefärbt hatte, wenn Du gezwungen ſein willſt, ſo hab' Deinen Willen. Und damit holte der Halbrieſe eine kleine Piſtole aus der Taſche, ſetzte ſie dem, nicht im Mindeſten darüber erſchrocke⸗ nen Gefängnißwärter, auf die Bruſt und knurrte mit wildem Tone: Jetzt, my dear Sir, gebt die Schlüſſel heraus, und hol' Euch der Teufel! Sich aber gleich darauf etwas niederbeugend, flüſterte er dem alſo Bedroh⸗ ten vertraulich ins Ohr: Sie iſt nicht geladen, Jonny! Gut! wenn ich muß! Hier ſind ſie! ſagte dieſer ganz ruhig, indem er die verlangten Schlüſſel über⸗ reichte, aber Sie Alle, Gentlemen, werden mir be⸗ zeugen, daß ich es nur gezwungen und meines Lebens bedroht, gethan habe! Ja, ja— Ihr ſeid ein braver Kerl, ſcholl es von allen Seiten und jubelnd wälzte ſich die Menſchen⸗ Gerſtäcker, Miſſiſſippi⸗Bilder. II. 12 178 maſſe hinüber gegen die Thür des Gefängniſſes, öffnete dieſe und trug im Triumph die vier Gefange⸗ nen auf ihren Schultern, nicht allein ins Freie, ſon⸗ dern durch alle Straßen der Stadt, während ſie dabei jubelnd den Yankeedoodle ſangen und die Neger verdammten und verfluchten, daß ſich dieſe, denen die in der ganzen Stadt verbreitete Geſchichte ebenfalls bekannt geworden, ſcheu in ihre Wohnungen flüchteten und die Straße nicht zu betreten wagten. An demſelben Abend landete das Dampfboot „Red rover“ von New⸗Orleans, neben dem Ocea⸗ nic, und führte den Miſſiſſippi⸗Pflanzer, der ſeinen „Schwiegerſohn wider Willen“ verfolgte, an Bord; das junge Pärchen hatte aber die kurze Zeit ſeines Aufenthalts in St. Louis vortrefflich benutzt und ein Band geknüpft, das alle Pflanzer des gewaltigen Miſſiſſippi⸗Staates nicht wieder zu löſen vermochten. Dem gefürchteten Begegnen des erzürnten Vaters auszuweichen, waren ſie indeſſen noch an demſelben Nachmittag nach Belville in Illinois hinüber ge⸗ fahren, wo mehre Verwandte Dalton's wohnten, und vergebens wüthete der alte Mann in St. Lonis herum, den Aufenthalt ſeiner ihm entflohenen Tochter zu erkunden; Dalton's Aeltern allein kannten ihn und ſchwiegen. Als er aber auch einige Tage ſpäter 179 auf die Spur kam und den Glücklichen nach Belville folgte, war doch ſeine Tochter für ihn verloren, und wüthend, mit ſich und der ganzen Welt zerfallen, kehrte er mit dem Red Rover in der nächſten Woche auf ſeine Pflanzung oberhalb Vicksburg zurück. Gray, ſagte Simmons, als er im Spätherbſt deſſelben Jahres bei dieſem und ſeiner lieben, klei⸗ nen Frau Cöleſte im gemüthlichen Parlour ſaß— Gray, Ihr hättet dabei ſein ſollen, wie die Boys von St. Louis unſere vier Deckpaſſagiere umher⸗ ſchleppten, und aus einem Grogladen in den andern trugen. Dem Magiſtrat ſchien das auch ganz recht zu ſein, denn kein Conſtable ließ ſich blicken und der junge Deutſche, der den Miſſouri hinauf wollte, um ſich dort anzuſtedeln, ging noch zwei Tage ſpäter offen in der Stadt umher, ohne daß ihn das Gericht wieder eingefordert hätte. Was mag aber wohl mit Bloomfield geworden ſein? ſagte Gray lächelnd, indem er der Geſchichte mit dem„kleingebohrten Gewehr“ gedachte. Bald hätt' ich's vergeſſen, rief Simmons, der iſt mit Stewart auf deſſen Farm gegangen, um Hirſche und Truthühner zu ſchießen, und will, wenn 12* 180 er eine Geſellſchaft findet, eine Reiſe in die Felſenge⸗ birge machen. Und Mrs. Dalton? frug neugierig Cöleſte. Hat ſich mit ihrem Vater, deſſen einziges Kind ſie iſt, ausgeſöhnt, auch der junge Dalton, der übrigens aus einer ſehr geachteten und nicht unbe⸗ mittelten Familie ſtammt, ſcheint bei dem alten Miſſiſſippier wieder zu Gnaden aufgenommen zu ſein. Wie er mich wenigſtens verſicherte, will er, ſobald es Winter wird, ſein kleines, das rauhe Klima nicht gewöhntes Weibchen, wieder in ein milderes ihr mehr zuſagendes Land führen; das heißt: zu ſeinem Schwiegervater auf die Plantage in Miſſiſ⸗ ſippi ziehn. Jetzt aber Gray hab' ich Euch genug erzählt— Donnerwetter, mir wird der Mund ganz trocken vom vielen Sprechen. Wie wär's, wenn wir uns die Kehlen ein Bischen anfeuchteten— Ich trinke Brandy und Zucker. Jäger Stevans und ſein Hund Poppy. Eine wunderbare, traurige Geſchichte. „Ein ſchöner ſchwarzer Neufundland⸗Hund, dem Advocaten Floyd von Holmfirth gehörig, ertränkte ſich, nachdem er einige Tage vorher eine ungewöhn⸗ liche Traurigkeit gezeigt hatte, in dem Fluſſe, der dicht hinter der Wohnung ſeines Herrn vorbei fließt. Man ſah, wie er ſich ins Waſſer ſtürzte und unter⸗ zuſinken ſtrebte, indem er ſich ganz ſtill verhielt. Er wurde herausgezogen und für kurze Zeit an die Kette gelegt, kaum aber war er losgebunden, als er auch ſchon ſeinen Verſuch erneuerte und nach mehrern Wiederholungen, die ſeine Kräfte erſchöpften, gelang es ihm endlich, indem er ſeinen Kopf entſchloſſen einige Minuten unter Waſſer hielt, ſeinen Vorſatz auszuführen. Als man ihn wieder ans Ufer brachte war er todt.“ Faſt in jedem Journale ſtand vor einigen Jahren die vorhergehende Anekdote von dem wunderbaren Selbſtmord eines Hundes, und wenn ſie auch von Vielen bezweifelt wurde, ließ ſich die Thatſache doch leider nicht ableugnen. Wie aber das arme Thier zu einem Grad der Verzweiflung getrieben wurde, der in der Regel ſonſt nur bei civiliſirten Menſchen vor— kommt, iſt eine nur Wenigen bekannte rührende Ge⸗ ſchichte, die ich hier mittheilen will. Erſtes Rapitel. Die Hütte. Tief im Weſten der Vereinigten Staaten, dort wo der Miſſouri ſeine trüben Fluthen dem mächtigen „Vater der Waſſer“, dem Miſſiſſippi zuwälzt, am Fuße der ſichtengekrönten Hügel, die das niedere fruchtbare Thalland einſchließen, ſtand ein unſchein⸗ bares Hüttchen, aus rohen Stämmen errichtet, und mit geſpaltenen Bretern bedeckt. 183 Nur ſelten geſchah es aber, daß menſchliches Auge es gewahrte, oder menſchlicher Fuß— den Eigenthümer ausgenommen— es betrat, denn tief im Walde drin lag es, rings von dem mächtigen Urwald umſchloſſen, und ein kleiner kaum erkennbarer Fußpfad war das einzige, was es noch mit der übrigen Welt verband. Es war eine wild romantiſche Gegend und der Menſch wie das wilde Thier fanden dort, nicht weit von einander entfernt, ihre Lager, da ſich ein ein⸗ zelner Jäger hier angeſiedelt hatte, um ſo leichter die Jagd zu betreiben und nicht durch die lang⸗ weiligen Geſichter ſeiner Nebenmenſchen geſtört zu werden. Die Hütte ſelbſt iſt aber wohl, ehe wir zu den Bewohnern derſelben übergehen, einer kurzen Be⸗ ſchreibung werth, da durch eine gar eigene, ſonder⸗ bare Laune ihr Inneres auf die ſeltſamſte Weiſe aus⸗ ſtaffirt war. Der von den unbehauenen Stämmen eingeſchloſſene Raum mochte etwa vierzehn Fuß im Quadrat halten, wenig aber war von dem rauhen Holze inwendig zu ſehen, denn mächtige Büffelhäute hingen überall von den Wänden herunter, und den Fußboden bedeckten große, dichthaarige Bärenfelle. Die Hälfte der einen Seite nahm ein tiefes, mit Lehm ¾ 4 184 beworfenes Kamin ein, in dem ein munteres Feuer loderte; dieſem gegenüber befand ſich ein etwas erhöh⸗ tes Lager von aufeinander gelegten Wildhäuten, und zu deſſen Füßen wieder ein kleines Bett, auf dem einige abgenagte Knochen den Ruheplatz des Hundes verriethen. Ueber dem niederen Eingange lag, auf zwei mit hölzernen Zapfen befeſtigten Klammern, eine lange gezogene Büchſe, und hinter der Thüre hing die Kugeltaſche mit dem Pulverhorn, in deren breitem Ledergurt vorne ein kleines Scalpirmeſſer, hinten eine Ahle ſtak. Das einzige Hausgeräth war ein roh gezimmer⸗ ter Tiſch, der blos die Spuren der Art trug, ein eben ſolcher Stuhl, mit Bärenfell überſpannt, ein auf eine gar künſtliche Art an der Wand angebrachtes Bret, das einen hölzernen Teller, einen kleinen eiſer⸗ nen Keſſel und einen Blechbecher enthielt, und ein Stück eines hohlen Baumſtammes, das mit geſchältem Mais gefüllt in der Ecke ſtand. Noch prangte über dem Kamine eine Harpune, und mehre leere aus Hirſchhäuten gefertigte Schläuche hingen an Quer⸗ hölzern von den Balken, die ſich über die Stube hin⸗ zogen, herunter. Wer waren aber die Bewohner dieſer eigenthümlichen Wohnung? Das wollen wir im nächſten Kapitel unterſuchen. 185 Zweites Rapitel. Die Bewohner. Vor dem Kamine, auf dem erſtbeſchriebenen mit Fell überſpannten Seſſel ſaß der Herr der Hütte, ein kräftiger, rothwangiger Greis mit ſchneeweißen Haaren und blauen Augen, und war gerade beſchäftigt ſein langes Jagdmeſſer auf einem kleinen Wetzſteine zu ſchärfen. Sein Anzug war der eines Jägers. Lederne Leggins und Moccaſins hielten ſeine Beine und Füße umſchloſſen; ein weitfaltiges Jagdhemd aus dem— ſelben dauerhaften Stoffe, an den Nähten mit aus⸗ 4 geſchnittenen Franzen beſetzt, fiel über ſeine Schultern, und ein alter Filzhut, durch Sturm und Wetter in alle mögliche Facons gedrückt, bedeckte den weißlocki⸗ gen Scheitel. Der Hals war bloß, trotz des kalten Herbſtwindes, der draußen durch die entblätterten Bäume pfiff, und ein breiter, lederner Gürtel trug das Meſſer, einen kleinen Tomahawk und einen an⸗ deren Blechbecher, während eine wollene, zuſammen⸗ gerollte Decke zu ſeinen Füßen lag. Der Mann hatte ſich augenſcheinlich zur Jagd gerüſtet, und prüfte eben die Schneide des treuen Stahls, ob er gut und ſcharf, zum Gebrauch tüchtig ſei. Vor ihm aber ſaß der zweite Bewohner der Hütte, 186 nicht auf einem mit Bärenfell überſpannten Seſſel, ſondern auf ſeinem eigenen Ende, und ſchaute mit den großen gutmüthigen Augen dem Jäger unge⸗ duldig ins Antlitz.— Es war ein gewaltiger, ſchwarzer, langhaariger Neufundlandhund mit breiter Bruſt und ſchwerem, ſtarkem Knochenbau. Ueberall jedoch zerriſſen breite Narben das ſchöne, glänzende Fell des kräftigen Thieres und bewieſen wie tapfer er, an der Seite ſeines Herrn, manch gefährlichen Kampf beſtanden. Er wußte aber auch was er bei dieſein galt, und nie waren je Menſch und Hund beſſere, unzertrennlichere Freunde geweſen. Ernſthaft ſchaute er zu dem alten Jäger empor, der eben ſeine Arbeit beendet hatte, den Wetzſtein zwiſchen zwei Stämme über dem Kamin in die Wand ſteckte, und das Meſſer in die Scheide zurück ſchob. Poppy! ſagte er traulich, als er zu dem treuen Jagdgefährten hinunterblickte,— Poppy, wollen wir jagen gehen? Nun war der Hund freilich kein Puppy“) mehr, er hatte aber ſeinen jugendlichen Namen behalten und ſchien auch mit der zärtlichen Benennung ganz einverſtanden zu ſein, denn kaum hörte er die liebe⸗ *²) Puppy, ein junger Hund. 187 volle Stimme ſeines Herrn, als er den Kopf ein wenig auf die Seite legte, das Zahnfleiſch in die Höhe zog, daß die glänzenden, elfenbeinernen Fänge ſichtbar wurden, und auf eine wahrhaft gefährliche Art mit der langen buſchigen Ruthe an zu wedeln fing. Poppy? ſagte der Jäger noch einmal, haſt Du Luſt. Wau! ſagte Poppy und hob die eine breite Pfote dem Herrn aufs Knie. Wo wollen wir denn heute hingehn, Poppy? frug der Alte wieder, und legte dem treuen Thier die Hand auf den Kopf— hm? was knurrſt Du? Wollen wir einen Truthahn ſchießen eh? Du haſt keine rechte Luſt? Poppy hatte die Pfote von ſeines Herrn Knie genommen und ſah vor ſich nieder; er ſchien mit der Truthahnsjagd nicht einverſtanden zu ſein. Oder wollen wir den großen Hirſch aufſuchen, der unten im Schilfbruch ſteht? Was ſagt der Hund?. Auch das ſchien Poppy nicht zu rühren, er kratzte einmal, wie ungeduldig, mit der Pfote, und verhielt ſich dann wieder ruhig. Nun Poppy, dann weiß ich nichts Beſſeres, als daß wir in die Hügel wandern, und zuſehn, ob wir 83 188 ein Opoſſum“) finden können— das ſchmeckt eben⸗ falls nicht übel.— Hm? Poppy ſah ſeinem Herrn einen Augenblick höchſt ernſthaft ins Geſicht, als der aber kein Wort weiter erwiederte, ſtand er auf, knurrte unwillig vor ſich hin und ging auf ſein Lager, auf dem er ſich höchſt ärgerlich und mißgeſtimmt niederließ. Der Alte hatte mit ſchmunzelndem Lächeln ſeinen klugen Hund beobachtet, als dieſer aber die Augen ſchloß und von den ganzen Verhandlungen nichts weiter hören zu wollen ſchien, redete er ihn aufs Neue an. Poppy! Poppy hörte nicht. Poppy!— Ich mag kein Opoſſum! Der Hund zog das Fell am Kopfe zuſammen, als wenn er die Ohren ſpitzen wollte. Poppy, wollen wir an den Fluß gehen?— Wol⸗ len wir nachſehen, ob der Bär wieder über den Bach gegangen iſt? Im Augenblick war der Hund an ſeiner Seite und ſchaute ihn mit den großen, klaren Augen wie zweifelhaft an. Bären jagen gehn, Poppy? ſagte der Alte, und mit lautem Bellen ſprang der *) Beutelratze. 189 Hund in toller Freude an ihm empor, leckte ihm die Hände, ſetzte ſich endlich wieder nieder und heulte auf eine herzbrechende Art.. So— ſo! Das thut's, lachte Jener.— Komm, ſei anſtändig, Poppy— guter Hund— ſo recht! und dabei hing er die Kugeltaſche und Decke um, nahm die Büchſe von dem Haken herunter und trat, von ſeinem ihm jetzt folgenden Hund begleitet, vor die Thüre, die er wieder von außen mit einem vor⸗ geſteckten Zapfen ſchloß. Warte, Poppy! rief er ſeinem Hund jetzt zu, als dieſer die ihm wohlbekannte Richtung einſchlug, und dem Thalland zutrabte— warte Poppy— erſt wollen wir einmal nach dem Rauchhaus ſehen, ob Alles in Richtigkeit iſt! Damit nahte er ſich dem alſo benannten Behältniß, das aber kaum den Namen „Haus“ verdiente, denn es war mehr eine Art Ver⸗ ſchlag von, nebeneinander in den Boden getriebenen Palliſaden, die ein ſtarkes Rindendach vor Regen und Sturm ſchützte, während einige ſechzig, oben darauf gehäufte, Hirſchgeweihe die einzelnen Rinden⸗ ſtücke am Hinunterrutſchen hinderten. Eine niedere Thüre, mit einem hölzernen Zapfen feſt verwahrt, bildete den Eingang und inwendig war das Vor⸗ 1— Wrathsmagazin des eizigen Jägers.— Mehre Seiten 190 Bärenſpeck— eine Reihe geräucherter Hirſchkeulen und zwei aus Hirſchfellen verfertigte Schläuche, mit Honig gefüllt bildeten die Hauptbeſtandtheile deſſel— ben; ſonſt ſtanden noch auf dem Boden verſchiedene kurz abgeſchlagene, hohle Baumſtämme, Gums genannt, mit Mais und Salz gefüllt und an querübergelegten Stangen hingen getrocknete Kürbisſtreifen, das beſte Gemüſe der weſtlichen Staaten. Schon wollte Stevans, ſo hieß der Jäger, nach einem zufriedenem Blick in das Innere, die Thüre wieder ſchließen, als er noch einmal die Reihe Hirſch⸗ keulen überflog und ſich dann aufmerkſam zu einer der Palliſaden niederbog, augenſcheinlich emſig damit beſchäftigt, die dort gemachten Einſchnitte in dem Holz zu zählen. Eins, zwei, drei, vier, fünf, ſechs, ſieben, acht, neun— richtig— und drinnen, fuhr er, ſich wieder aufrichtend, fort— eins, zwei, drei, vier, fünf, ſechs, ſteben, acht— hm! ſagte er und ſah bedenk— lich den leeren Fleck an, wo die neunte geräucherte Hirſchkeule gehangen hatte, das iſt doch ſonderbar! Poppy! weiß das Poppy nicht, wo die neunte Keule hingekommen iſt? Poppy, der ſich ſeinem Herrn wieder angeſchloſ⸗ ſen hatte, ſchien die Frage überhört zu haben, denn 191 er war ganz in dem Anblicke eines ſonnengebleich⸗ ten Bärenſchädels vertieft, den er mit außerordent⸗ licher Aufmerkſamkeit betrachtete. Hm— wunderbar, brummte Stevans zwiſchen den Zähnen hindurch— keine Spur weiter von et⸗ was Lebendem hier, als Poppy und ich, und die Keule fort— ſollte ich mich verzählt haben?— Das iſt nun aber ſchon das dritte Mal, daß mir etwas fehlt,— Poppy, Poppy,— Du mußt beſſer auf⸗ paſſen, fuhr er, ſich zu ſeinem Hunde wendend, fort, das geht nicht länger— wenn mir wieder etwas fehlt, mach ich Dir Dein Bett ins Rauchhaus! Poppy warf einen ſcheuen Seitenblick zu ſeinem Herrn empor und ſprang dann, als dieſer jetzt die Thüre ſchloß und die Büchſe auf die Schulter hob, fröhlich vor demſelben her, dem dichten Thalland zu, die verſprochene Bärenfährte aufzuſuchen. Drittes Rapitel. Die Jagd. Als Poppy erſt einmal das Haus, im Rücken hatte, fing er gewaltig an zu wedeln; er war ein ganz ausgezeichneter Hund auf einer Fährte, und befand ſich in ſeinem Elemente ſo bald er Waldboden betrat, was nämlich jedesmal in demſelben Augen⸗ blick geſchah, in dem er ſeines Herrn Schwelle über⸗ ſchritt. Dieſer wußte aber auch die vortrefflichen Eigenſchaften ſeines Hundes zu ſchätzen und ließ ihm in allen Stücken ſeinen freien Willen, auch hatte noch Niemand gehört, daß zwiſchen Beiden ein unfreund⸗ liches Wort gewechſelt worden war; ſie verſtanden und achteten einander, und nur aus gegenſeitiger Achtung kann Liebe und Freundſchaft entſpringen. Poppy war auf einer warmen Bärenfährte und blieb manchmal ſtehen und ſah freundlich grinſend, während ex die Lefzen an beiden Seiten hob, nach ſeinem Herrn zurück, als wenn er ſagen wollte: Sind wir Beide nicht ein paar prächtige Burſchen zuſammen, und werden wir nicht einen merkwürdigen Spaß haben? Der Alte nickte aber dann blos mit dem Kopfe und lächelte: 8 So recht mein Hund— braves Thier! Es war im Herbſt, die Weißeichen trugen reife Früchte und die Bären erkletterten die Bäume, um nicht zu ſtarke Aeſte herunterzubrechen und die Ei⸗ cheln zu verzehren. Jene Gegend iſt bis jetzt noch für die Jagd eine der beſten in Miſſouri; Bären giebt es hier in ziemlicher Anzahl, bald aber werden die Armen wohl auch hier vertrieben ſein und das Land 193 ihrer Väter“ verlaſſen müſſen, um ſich von den Geiſtern der dahingeopferten Indianer in den„ewigen Jagdgefilden“ jagen zu laſſen. Poppy! ſagte der Alte plötzlich leiſe und vor⸗ ſichtig— Poppy, bleib ſtehen— ich hör was! Poppy hatte aber ein eben ſo ſcharfes Gehör und eine noch beſſere Naſe, hob dieſe daher in die Höhe, wartete einen Augenblick, ging dann zu ſeinem Herrn zurück und kratzte ihm mit der rechten Vorderpfote am Leggin herunter.— Ja mein Thier— ich weiß wohll lächelte jener und ſtreichelte den Kopf des klugen Hundes— ich hör' es auch, aber komm, ſei recht hübſch vorſichtig — heute Abend haben wir Bärenfleiſch zu eſſen. Damit ſchlichen Beide— Jäger und Hund— dem Geräuſch zu, das immer lauter und deutlicher an ihr Ohr ſchallte und ſich jetzt gar nicht mehr verkennen ließ; es war das Herunterbrechen ſchwerer Aeſte, die, wenn ſie von ihrer Höhe herniederſtürzten, weit hin durch den ſtillen Wald praſſelten. Sie erreichten bald einen kleinen trockenen Bach, deſſen ſteile Ufer die Hinanſchleichenden bis dicht unter den Baum führten, ohne daß der obenſitzende Pätz das mindeſte von ihnen entdecken konnte. Etwa funfzig Schritte vom Stamme aber hielt der Alte, gab ſeinem Gerſtäcker, Miſſiſſippi⸗Bilder. II. 13 194 Hunde ein Zeichen und richtete ſich behutſam empor, um den ſorglos Naſchenden, der auf ſeiner Höhe woohl wenig von einem ſo gefährlichen Feinde träumte, zu belauſchen. Der Bär ſtand, etwa neunzig Fuß vom Boden, auf einem ziemlich ſtarken Aſt und war eifrig bemüht, einen über ihn hinauswachſenden Zweig zu ſich herab⸗ zuziehen und durch ſein Gewicht abzubrechen; das elaſtiſche Holz widerſtand aber all ſeinen Bemühungen und er fürchtete augenſcheinlich weiter hinaus zu treten, da er ſeines ſchweren Gewichtes wegen der ſchwachen Stütze nicht recht traute. Stevans hatte den Hahn geſpannt, ſah aber, nach den ganzen Be⸗ wegungen des Thieres, daß es ſich dort oben ſehr wohl befand und noch nicht ſo bald niederſteigen würde, beeilte daher ſeinen Schuß auch gar nicht, ſondern beſchloß erſt abzuwarten, auf welche Art ſich der ſchwarze Burſche bei dem Herunterreißen des Aſtes benehmen würde. Poppy aber, der unten im Bette des Baches von alle dem Nichts ſehen konnte, wurde ungeduldig und begann ſeinem Herrn die Waden zu kratzen. Poppy! flüſterte Stevans, leiſe drohend. Poppy hatte ſich hingeſetzt und ſchwankte raſtlos von einer Vorderpfote auf die andere, horchte auch — 195 eine Weile der Warnung ſeines Herrn, bis ihm die Sache wieder zu lange dauerte und er zum zweiten Male, den Kopf weit zurückgebogen, an dem Beine des Alten herunter ſcharrte. Der Alte hob den Fuß, als wenn er treten wollte, Poppy war aber auf ſoche Weiſe nicht einzuſchüchtern, denn er wußte recht gut, daß ſein Herr nicht trat, verharrte alſo ruhig und ohne die mindeſte Furcht zu verrathen in ſeiner 1 Stellung. Der Bär hatte indeſſen eingeſehen daß der 8 Aſt, welchen er gern zu beſitzen wünſchte, auf keinen Fall abbrechen konnte, da ſein Standpunct zu gefähr⸗ lich war um viele Bewegungen wagen zu dürfen, er kletterte daher noch etwas höher, ſtieg auf den erſehn⸗ ten Zweig, der an ſeiner äußerſten Spitze eine Maſſe der herrlichſten Eicheln trug, und verſuchte denſelben einzuknicken; ſchneller aber, als er erwartet gab das Holz nach und mit genauer Noth rettete ſich Pätz auf einen Nachbaraſt, wo er jetzt höchſt ſelbſtzufrieden ſitzen blieb und ſich den Kopf kratzte. Poppy war bei dem Krachen des Zweiges hoch⸗ aufgefahren und ſchaute mit geſpannter Aufmerkſam⸗ keit auf ſeinen Herrn, aber noch immer machte dieſer nicht die mindeſte Anſtalt zum Schießen, denn der Bär zog eben den zwar eingeknickten aber doch noch nicht ganz abgebrochenen Zweig zu ſich hinüber, und ver⸗ . 1 13*. 196 Poppy! daß der Grund erbebte. Poppy hatte, gleich nach dem Schuſſe, mit we⸗ zehrte mit augenſcheinlichem Wohlbehagen die ſchwer erworbene Frucht. Jetzt riß jedoch dem Hunde die Geduld, er erfaßte die ledernen Franzen an ſeines Herrn Jagdhemd und riß mit ſolchem gewaltigen Rucke daran, daß dieſer erſchrocken ausrief: Der Laut drang zum behaglich naſchenden Bär, und aufmerkſam werdend hielt dieſer in ſeiner Mahl⸗ zeit inne, ſchaute vorſichtig nach allen Seiten vom Baume hernieder, und begann ſich weniger wohnlich auf ſeinem erhabenen Platze zu fühlen. Stevans wußte daß der rechte Zeitpunkt gekommen ſei, denn noch rührte ſich der Bär nicht, da er erſt wiſſen wollte, von welcher Seite das verdächtige Geräuſch herübergedrungen wäre; er hob ſchnell und ſicher das todtbringende Rohr, zielte einen Augenblick, und donnernd trug das Echo den Krach der Büchſe zu den Hügeln hinüber. Der Eichenzweig entglitt den Tatzen der Beſtie und ſchwankte hin und her, dieſe aber hielt ſich noch wenige Secunden in derſelben Stellung feſt, dann nickte ſte ein paar Mal nach vorn hinüber, und ſtürzte gleich darauf, mit dem Kopf zuerſt, von der ſchwindelnden Höhe herab auf den harten Erdboden, 197 nigen Sätzen das Freie erreicht und flog jetzt, vor Freude aufheulend, zu dem Baume, an deſſen Fuß ſich der zum Tode getroffene Bär in ſeinem Blute wälzte. Mit wenigen Zuckungen ſchien es dieſer aber überſtanden zu haben; er ſtreckte ſich aus und war nicht mehr. So ungeduldig nun auch Poppy immer vorher geweſen ſein mochte, ſo geſetzt und anſtändig betrug er ſich jetzt. Er leckte den Anſchuß ein wenig und legte ſich dann ruhig neben dem erlegten Wilde nieder, um abzuwarten bis es ſein Herr zerlegt habe, und bereit ſein würde es nach Hauſe zu ſchleppen.. Ein Pferd hatte Stevans aber nicht mitgenom⸗ men, da das einzige das er ſein nennen konnte, wild im Walde umherlief, und ſeit vorgeſtern Abend nicht nach Hauſe gekommen war; es währte daher bis faſt Sonnenuntergang, ehe er mit der letzten Ladung in der Heimath anlangte, wo er das Fleiſch und die Speckſeiten ins Rauchhaus hing, das Fell aufſpannte und für ſich ſelber eine Rippenwand und ein paar ganz delikate Stücken von der Keule briet. Hier Poppy, ſagte er, als er dem Hunde ein tüchtiges Stück abſchnitt und hinhielt— hier— Du haſt draußen nicht freſſen wollen, vielleicht ſchmeckt's jetzt. Es ſchmeckte aber auch jetzt nicht, denn Poppy 198 roch das Fleiſch an, ſchüttelte mit dem Kopfe und legte ſich auf ſein Lager. Stevans ſah ihn bedenklich an und frug endlich mitleidig: Biſt Du krank, Poppy? Poppy hielt es indeſſen nicht der Mühe werth zu ant⸗ worten, und war bald in tiefen Schlaf verſunken. Viertes Rapitel. Der ſonderbare Diebſtahl. Die Sonne hob ſich ſchon über die Baumwipfel, ehe Stevans am nächſten Morgen aufſtand; er wollte an dieſem Tage nicht jagen gehn— es war ein Sonntag und kochte in größter Gemüthsruhe ſein Frühſtück, verzehrte es und ſetzte ſich dann zum Feuer, um ſeine Moccaſins ein wenig auszubeſſern. Poppy hatte wieder jede Nahrung verſchmäht und der Alte warf manchen beſorgten Blick nach dem Lieblinge hinüber, der ſeiner übrigens wenig zu achten ſchien und zuſammengekauert, mit geſchloſſenen Augen da lag. Poppy, fehlt Dir etwas? frug der Alte nach einer Weile, in der er den Hund aufmerkſam betrachtet hatte— wahrhaftig er iſt verwundet! rief er plötzlich aus und ſprang von ſeinem Seſſel auf und zu jenem hinüber, um zu unterſuchen, was ihm fehle. Es war —— 199 aber keine eigentliche Verwundung, ſondern die Haare ſchienen nur an der einen Seite, wie durch einen Riß oder Schlag, abgeſchabt, und die Haut ſelbſt, beſon⸗ ders an zwei Stellen, geritzt zu ſein. Der verwünſchte Bär! ſagte der Alte bedauernd, indem er den Kopf des treuen Thieres ſtreichelte— er hat Dir alſo doch noch eins verſetzt? Ich glaubte, er wäre fertig— aber warte, Poppy— wir wollen Dich ſchon kuriren— reines Bärenſchmalz auf die Wunde, weißt Du wohl, kurirt alle ſolche Schäden. Poppy warf einen unruhigen Blick auf den Herrn, wedelte ein Bischen mit dem Schwanze, ſtand dann auf und folgte dem Hinaustretenden vor die Thür. Als Stevans ſein Rauchhaus aufmachte, galt ſein erſter Blick den geräucherten Hirſchkeulen, von denen er fürchtete daß ihm geſtern eine entwendet war, und ſchnell überflog er die Reihe. Eine, zwei, drei, vier, fünf, ſechs, ſieben? rief er mit langgedehntem Tone aus— ſieben? Poppy, ſie haben uns wahrhaftig wieder eine Keule geſtohlen— nein, das geht nicht mehr— Du mußt künftig im Rauchhauſe ſchlafen, Poppy— hörſt Du? Poppy wedelte, zum Zeichen daß er es verſtan⸗ den, ein wenig mit dem Schwanze, ſchien ſich jedoch ſonſt nicht beſonders für das Rauchhaus zu intereſſi⸗ 200 ren, denn er war wieder in tiefe Betrachtung des alten Bärenſchädels verloren, während ſein Herr auf⸗ merkſam das Rauchhaus umging und überall nachſah, ob irgend eine Palliſade locker, oder ein Stück Rinde auf dem Dache verſchoben ſei— es lag aber alles feſt, und keine einzige fremde Fährte war zu ſehen. Dieſe Nacht ſchläfft Du im Rauchhauſe, Poppy! wiederholte der Alte noch einmal— das geht nicht länger, und wenn Du etwas verdächtiges merkſt, dann machſt Du Lärm— vielleicht erwiſchen wir's doch. Geſagt, gethan.— Poppy ſchlief von dieſer Nacht an auf weichen, für ihn ausgebreiteten Fellen im Rauchhauſe und die Diebſtähle hörten auf, aber auch auf die Geſundheit des Hundes ſchien dieſe „Luftveränderung“ äußerſt günſtig gewirkt zu haben, denn ſeine Seite heilte und ſein Appetit ſtellte ſich auf eine ſehr vortheilhafte Art wieder her— er fraß was ihm vorkam, Bären⸗ und Hirſchfleiſch, ja ver⸗ ſchmähte ſogar zu Zeiten den ſonſt gründlich verachte⸗ ten Truthahnbraten nicht. Nach vierzehn Tagen etwa, in denen weiter nichts Beſonderes vorgefallen war, ſchien Poppy keine Luſt mehr zu haben ſeine neue Schlafkammer zu benutzen, denn er kam zu ſeines Herrn Lager und kauerte ſich zu deſſen Füßen nieder. Alles ſicher, Poppy? frug Stevans— Alles ſicher?— willſt Du nicht mehr draußen Wache halten? Der Hund ſchien die Frage ſeines Herrn zu ver⸗ ſtehn, er erhob ſich ein wenig und ſtrich ihm mit der Vorderpfote über die Moccaſins. Guter Hund! ſagte Stevans und ſtreichelte ihm den Kopf— vorzüglicher Hund! Beide waren jetzt einverſtanden, das Rauchhaus für dieſe Nacht ſeinem Schickſale zu überlaſſen. Wie ſtaunte aber der Jäger am nächſten Morgen, als er nach ſeinen geräucherten Hirſchkeulen ſah, und nur noch ſechſe vorfand!— Das war zu räthſelhaft. Er hatte in den letzten Tagen vier andere Hirſche erlegt, deren Keulen ebenfalls aufgehangen waren, der nächtliche Dieb zog aber die trocken geräucherten vor und rührte das übrige Fleiſch nicht an. Poppy, ſagte Stevans— die Sache wird mir bedenklich— ich muß die Nacht wachen— der Mond ſcheint und ich kann von meinem Lager aus, wenn ich die Felle zurückſchiebe, das Rauchhaus beſchießen— und Du, Poppy— aber komm hier⸗ her und laß den verwünſchten,alten Schädel liegen — und Du, Poppy, ſollſt nicht in, ſondern neben dem Rauchhauſe ſchlafen— naht ſich etwas, ſo haſt Du beſſeren Wind und kannſt es verfolgen. beſchloß, die Nacht noch einmal zu wachen, und am 202 Drei Nächte hielt Stevans hinter einander Wache — drei Nächte lang umſchlich Poppy im Monden— ſchein das Rauchhaus— aber Nichts ließ ſich ſehen; in der vierten, wo Beide, vom vielen Wachen ermü⸗ det, das Lager ſuchten, kam der Dieb wieder, und am nächſten Morgen hingen nur noch fünf Keulen da. Die Geduld eines Heiligen hätte bei ſolcher Gelegenheit nicht ausgereicht, und Stevans war nur ein gewöhnlicher Chriſt; er blieb alſo, mit der Rauchhausthür in der Hand, verwundert auf der Schwelle, oder wenigſtens auf dem Orte, wo die 3 Schwelle hätte ſein können, ſtehen und ſchwur„er wolle verdammt ſein, wenn er wiſſe, wie das zuginge.“ Poppy wußte es auch nicht, denn er ſtand dicht neben ſeinem Herrn und ſchaute ebenfalls ganz erſtaunt zu den leeren Stangen hinauf— Beide ſchüttelten höchſt verwunderungsvoll die Köpfe. Fünſtes Napitel. Die Kriegsliſt. Stevans fing nun die Sache an unheimlich zu werden— es war etwas unerklärlich Geheimniß⸗ volles in dem ganzen Weſen des Diebſtahls und er 203 anderen Morgen mit Tagesanbruch ſeinen nächſten Nachbar zu Rathe zu ziehen, dem Ganzen wo mög— lich auf den Grund zu kommen. Der nächſte Nachbar wohnte nun freilich einige zwanzig Meilen entfernt; nach jener Gegend zu hatte aber ſein Pferd geweidet und er beſchloß dies gleich bei der Gelegenheit mit aufzuſuchen, und ſo zwei Fliegen mit einer Klappe zu ſchlagen. Als er wieder im Hauſe angekommen war, nahm er die Büchſe herunter, reinigte das Schloß, goß friſches Hirſchtalg in eine dazu im Kolben ange⸗ brachte Höhlung, ſchnitt ſich ein paar neue Leggins⸗ riemen ab und ſchmolz etwas Blei zu Kugeln ein. Poppy hatte ſich indeſſen, als er ſeinen Herrn mit der Büchſe beſchäftigt ſah, vor ihn niedergeſetzt und ſchaute ihm treuherzig mit den großen dunkelen Augen zu, weil er wahrſcheinlich erwartete, daß es gleich in den Wald gehen ſollte. Das arme Thier war aber, obgleich es die ganze Nacht geſchlafen hatte, müde; die Augenlider fielen ihm nach we⸗ nigen Minuten zu, und mit weit zurückgebogenem Kopfe knickte er bald nach dieſer, bald nach jener Seite zuſammen. Geh doch ſchlafen, Poppy! ſagte der Alte, wir jagen heute nicht— Du kannſt Dich ruhig hinlegen. Poppy ließ ſich das auch nicht zweimal ſagen, ſtand auf, ſtreckte erſt das linke Hinterbein aus, und dann das rechte, kratzte ſich mit außerordentlicher Gewandt⸗ heit an der Kehle, ſtieg auf ſein Lager, drehte ſich die üblichen drei Mal herum und legte ſich nieder, um ‚„einen langen Schlaf zu thun!“ Stevans hatte indeſſen ſeine Kugeltaſche vom Haken heruntergenommen und unterſuchte den Inhalt derſelben, ob für den morgenden Marſch auch Alles in Ordnung ſei: Fünf Kugeln und eine in der Büchſe waren ſechs— das reichte drei bis vier Tage; der Krätzer, drei Feuerſteine, ein Stückchen Schwamm, etwas Werg zum Auswiſchen der Büchſe und ein Stückchen feines Leder für Pflaſter, einen Schrauben⸗ zieher, eine Truthahnlockpfeife und ein kleines Säckchen mit Salz— es war Alles in Richtigkeit, und er füllte eben noch aus einem großen Horn etwas Pulver in ſein gewöhnliches Jagdhorn, als Poppy auf ſeinem Lager unruhig wurde und leiſe zu winſeln anfing— er träumte. Hm— ſagte Stevans und ſah lächelnd nach dem Jagdgefährten hinüber, der alte Indianer, mit dem ich neulich den Bär ſchoß, meinte, wenn man einem träumenden Hunde ſein Tuch über den Kopf breite, und dieſes nachher unter den eigenen Kopf lege und 20⁵ einſchlafe, habe man denſelben Traum den der Hund eben gehabt;— ob ich's einmal mit Poppy ver⸗ ſuche? Poppy begann jetzt mit allen vier Beinen zu ſtrampeln, als wenn er irgendwo feſt ſäße und gern los wollte, und winſelte leiſe und kläglich. Ih— ich verſuch's, ſchmunzelte der Alte, nahm ſein Halstuch ab— deckte es über den Schlafenden und beobachtete genau deſſen Bewegungen. Eine ganze Weile lang lag er regungslos— nur bewies ſein ſchnellerer Athem, daß ſein Geiſt(nicht ſein Inſtinkt, denn der Inſtinkt kann nicht träumen) arbeite;— endlich fing er mit beiden Vorderpfoten an zu ſcharren, lag dann wieder eine Zeit lang ruhig, ſtrampelte auf einmal aus Leibeskräften und bewegte ſich nicht weiter. Stevans nahm leiſe das Tuch wie⸗ der von ihm, legte es ſich unter den Kopf und war in kaum fünf Minuten ebenfalls eingeſchlafen; denn ein richtiger Jäger muß die Zeit der Ruhe ſtets benutzen können, um kein Blei in den Augenlidern zu haben, wenn'’s dann ſpäter auch wieder einmal eine deſto längere Zeit gilt munter und wach zu bleiben. Die Herbſtſonne ſchien warm und freundlich auf die Hütte des Jägers nieder, in der die Bewohner ſchlummerten. 206 Sechstes Rapitel. Die Entdeckung. Es mochte zwei Uhr Nachmittags ſein, als Ste⸗ vans endlich erwachte— Poppy, der ſich in der letz⸗ ten halben Stunde vor der Hütte beſchäftigt hatte, war eben wieder zur Thür herein gekommen und lag ruhig auf ſeiner alten Stelle; Stevans aber ſetzte ſich aufrecht auf ſeinem Lager in die Höhe, und ſchaute eine ganze lange Weile, wie in tiefem Nachſinnen verloren, vor ſich nieder; dann blickte er den Hund an, ſeufzte einmal tief auf, wie in qualvoll bitterem Schmerz, ſchüttelte mit dem Kopfe und rief: Poppy! Poppy wachte, er ſchlug daher die Augen ſo⸗⸗ gleich auf und wedelte ſeinen Herrn freundlich an, dieſer aber ſchüttelte nur um ſo viel ſtärker mit dem Kopfe, und warf nach dem Hunde hinüber einen vor⸗ wurfsvollen Blick, den er feſt auf ihn geheftet hielt. Poppy ſchien ſich unter dieſem Blicke unbehaglich zu fühlen, er richtete ſich zuerſt empor, hob den Kopf ganz in die Höhe, und ſchaute langſam erſt auf die eine, dann auf die andere Seite hinüber, immer aber begegnete er wieder dem feſt auf ihm haftenden Blicke ſeines Herrn, daß er endlich, wie von einer inneren 207 3 Gewalt getrieben, aufſtand, zu dieſem hinging, ſich an ihm rieb und die herunterhängende Hand lecken wollte— Stevans zog dieſelbe jedoch zurück und wiederholte ſein mahnendes Poppy! Wau— waul klaffte der Hund und kratzte mit der Vorderpfote das Knie des Alten, als ob er hätte ſagen wollen— na! mach' keinen Spaß— das iſt häßlich! Dieſer aber ſchob ihn zurück, ließ die Füße herunter, daß er aufrecht zu ſitzen kam, und redete jetzt das aufmerkſam zuhorchende Thier auf folgende Weiſe an: 3 Poppy! ſeit vier Jahren, wo Du noch ein ganz kleines Vieh warſt, leben wir nun in inniger Freund⸗ ſchaft zuſammen— ich habe Dich nie geſchlagen, außer damals, wo Du, als wir einer Bärenfährte folgten, dem Kaninchen nachliefſt, und ſpäter einmal wieder, da Du nicht unter dem Baume weg wollteſt, auf dem die wilde Katze ſaß, und ich doch nur eine Kugel mit hatte. Haſt Du nicht immer ſatt zu eſſen bekommen? hat es Dir je bei mir an etwas gefehlt? — haben wir damals, als ich in drei Tagen kein Stück Wild zum Schuſſe bekommen konnte, nicht den letzten Biſſen redlich getheilt und nachher zuſammen gehungert?— kannſt Du etwas dagegen einwenden? Poppy hatte indeſſen jeden anderen Fleck in der Stube, nur nicht ſeines Herrn Geſicht betrachtet, und ſchien ſich keineswegs wohl und behaglich zu fühlen, ja er blickte ſogar einmal wehmüthig nach der Thür hinüber, wie wenn er ſagen wollte:„könnt ich nur hinaus!“ Obgleich die Thür offen ſtand, rührte er ſich doch nicht von der Stelle— er hatte ein böſes Gewiſſen. Poppy! fuhr der alte Mann nach kurzer Pauſe fort— Poppy! Du biſt ein undankbarer, ſchlech⸗ ter Hund— Du haſt mein Vertrauen mißbraucht, Dich in meine Liebe eingeſchlichen und jetzt ſtiehlſt Du.— Ja, Poppy, Du ſtiehlſt— ſiehſt Du das loſe Bret hier in der Kaminecke? Da kriegſt Du Nachts hinaus— Du leugneſt, fuhr er entrüſtet fort, als Poppy, faſt wie unſchuldig, aufſtand und den bezeichneten Fleck beroch— Du leugneſt? So höre denn, was ich, den Rathe jenes Indianers zu Folge, heute von Dir geträumt habe. Kaum hatte ich das Tuch, das Deinen Traum aufgefangen, unter dem Kopfe, als ich auch einſchlief und mich in dem⸗ ſelben Augenblicke auf eine mir unbgreifliche Art, mit dem halben Körper, und zwar den Kopf nach außen, in jene Kaminecke eingeklemmt fand, aus der ich mich mit unendlicher Anſtrengung befreite; meine 209 Seite ſchmerzte mich, als ich den Boden erreichte, nichtsdeſtoweniger lief ich aber, und zu meinem Er⸗ ſtaunen auf allen Vieren, an die Thür des Rauch⸗ hauſes, und zog hier, anſtatt wie gewöhnlich mit der Hand, den vorgeſteckten Zapfen mit den Zähnen heraus. Poppy— ich ſchäme mich faſt wieder zu erzählen, was ich dort gethan habe. Ich ſtieg auf den Salzgum, zerrte eine der geräucherten Hirſchkeulen von der Stange und trug ſie vor die Thür, ſteckte den Zapfen wieder, wie er früher geweſen war, vor, und trug die Keule, da drüben bei der umgeſtürzten Roth⸗ eiche, ins Dickicht. Seufzend hielt der alte Mann hier in ſeiner Er⸗ zählung einen Augenblick inne, und nickte vorwurfs⸗ voll mit dem Kopfe nach Poppy hinüber; dieſer aber hatte nirgends Ruhe, er warf ſich von einem Beine aufs andere, ſah bald in dieſe, bald in jene Ecke, kratzte ein paar Mal mit der Vorderpfote die Erde (ein Fußboden war in der einfachen Wohnung nicht gelegt) und blinzte mit ſehnſüchtigen Blicken nach der offenen Thure hin, getraute ſich aber dennoch nicht den Raum zu verlaſſen.— Dort, fuhr der alte Jäger melancholiſch fort, indem er ſich mit der flachen Hand zwei große Thrä⸗ nen aus den Augen ſtrich— dort legte ich mich mit Gerſtäcker, Miſſiſſippi⸗Bilder. II. 14 beiden Händen— mir kam's vor als ob ich Pfoten hätte— drauf, und nagte das Fleiſch von dem Knochen— verſcharrte dann das übriggebliebene unter dem Laub und Moos, und kehrte durch das Loch im Kamin hier ins Zimmer zurück, wo ich, um meine ſchändliche That zu verheimlichen, das Bret, welches die Oeffnung von innen verſtellte, wieder vorſchob, dann auf mein Lager ging, mich hier einige Male auf eine höchſt eigenthümliche Art herumdrehte und niederlegte.— Hierbleiben! Poppy! rief er jetzt mit lauter Stimme dieſem zu, der ſich durch mehrfache Wendungen näher und näher an die Thüre gebracht hatte und nun im Begriffe war ſich dem ihm unange⸗ nehm werdenden Geſpräche zu entziehen— hierbleiben, Poppy, ſchämſt Du Dich, Du ſchlechter, undank⸗ barer Hund? aber warte— erſt wollen wir den Be⸗ weis Deiner Schuld finden— komm mit mir zu Deinem Verſteck. Damit nahm er Büchſe und Kugeltaſche(denn ein richtiger Jäger geht ohne ſein Gewehr nie zehn Schritte von ſeinem Hauſe fort) und bedeutete durch eine gebieteriſche Geberde dem Hunde zu folgen; Poppy aber, der wohl ſchon aus den verſchiedenen Zeichen ſeines Herrn, die Kaminecke betreffend, Ver⸗ dacht geſchöpft haben mochte, merkte kaum welche 211 Richtung jener einſchlug, als er die Ohren ſenkte, den Schwanz zwiſchen die Beine nahm und ſehr kleinlaut hinter drein ſchlich. Zweimal blieb er unter⸗ wegs ſtehen und ſah ſehnſüchtig nach dem Hauſe zurück, Stevans gab aber genau auf ihn Obacht, und vergebens ſuchte er ſich deſſen Aufmerkſamkeit zu entziehen. Endlich gelangten ſie zu dem Platze, auf welchem Stevans im Traume die Knochen verſcharrt hatte— dort lag der Baum, hier war die alte Wurzel mit dichtem Gebüſch von Saſſafras und Saſſaparilla durchwachſen, und dicht unter dem Stamme(Stevans ſchob mit der Büchſe die Blätter und das Moos bei Seite) lagen die Beweiſe des Diebſtahls— die Ueberbleibſel der entwendeten Keulen. Hätte Poppy in dieſem Augenblicke durch ein Aſtloch kriechen können, er würde es mit dem größten Vergnügen gethan haben, ſo demüthig, ſo erbärm⸗ lich war ihm ums Herz; er ſah ſich entdeckt, über⸗ führt und wußte daß der Blick ſeines ſonſt ſo guten Herrn jetzt in Zorn und Aerger auf ihn geheftet war. — Poppy hielt ſich in dieſem Augenblick unſtreitig für den unglücklichſten Hund in Miſſouri. Mit geſenktem Kopfe, ſchlotternden Beinen und halb geſchloſſenen Augen, wehmüthig in das helle 14* 212 Laub vor ſich hinſtierend, ſtand er eine lange Weile und erwartete die Strafworte oder wohl gar die Züchtigung ſeines Herrn.— Zu ſeiner Verwunde⸗ rung erfolgte aber Nichts von alle dem,— der alte Stevans ſah ihn nur eine Weile recht ſcharf und wehmüthig an, ſchulterte dann ſeine Büchſe und wanderte ſchweigend in den Wald. Poppy trabte traurig hinterdrein. Es ward Nacht und Beide lagerten unter den ausgebreiteten Aeſten einer Eiche— aber die frühere Freundſchaft war zwiſchen ihnen vernichtet— Poppy wollte zwar einmal wieder den zerriſſenen Faden an⸗ knüpfen, doch wehrte Stevans ihn ab und ſagte: Geh fort— Du biſt ein Wolf! und er hätte ihn nicht ſchlimmer ſchelten können, denn er verabſcheute auf der Welt nichts mehr, als einen Wolf— Poppy aber ging traurig zurück und legte ſich, weit vom Feuer und ſeinem Herrn fort, unter einen Baum. Siebentes Rapitel. Die Strafe. Am nächſten Morgen marſchirte Stevans mit Tagesanbruch weiter, und erreichte, etwa um zehn Uhr, den Miſſouri. Sein Plan war im Anfange 213 eigentlich grauſamer Art geweſen; ſo ſehr er ſeinen Hund früher geliebt, um ſo ſchmerzlicher hatte ihn das Hinterliſtige ſeines Charakters gekränkt und er beabſichtigte im Anfange ihn todt zu ſchießen, konnte es aber doch nicht über ſich gewinnen, ſondern wollte ihn lieber zur nächſten Anſiedlung nehmen und dort verſchenken, obgleich er wohl wußte, wie ſchwer es ſein würde den Hund am Zurückkehren zu hindern. Als er noch ſo da ſaß und wehmüthig, unentſchloſſen vor ſich hinſtarrte, hörte er eines der Dampfboote den Fluß herunterkommen, die dann und wann hinauf⸗ gehen, um theils die Jäger der Felſengebirge eine Strecke ins Innere des Landes zu befördern, theils die Felle und Pelze der Fallenſteller, wie die Produkte der Landleute nach St. Louis zu ſchaffen. Wenige hundert Schritt von dort, wo er ſaß, legte das Dampfboot an, um mehre Klaftern Holz einzuneh⸗ men, die hier von dem nicht ſehr entfernt wohnenden Anſiedler geſpalten waren. Stevans ging darauf zu. Hallo, Alter— Ihr habt da einen wunderſchö⸗ nen Hund!— rief Einer der Paſſagiere, ein blond⸗ haariger, ſchlanker Mann— wollt Ihr ihn nicht verkaufen?. Verkaufen? ſagte Stevans— nein— im Leben 214 nicht— wenn Ihr ihn aber haben wollt, und mir verſprecht ihn weit mit fort zu nehmen und— gut zu behandeln— fuhr er nach einem Seitenblick auf Poppy fort, der ſehr niedergeſchlagen neben ihm ſtand,— dann— mögt Ihr ihn nehmen. Wirklich? frug erſtaunt und überraſcht der Fremde, dem das herrliche, langhaarige Thier beſonders ge⸗ fiel— nun, ich gehe mit dem nächſten Schiffe von New⸗Orleans nach England— iſt Euch das weit genug? Nehmt ihn, ſagte Stevans und wandte ſich ab; in dieſem Augenblicke ſchallte die Glocke vom Boot herüber, das abſtoßen wollte, der Engländer band dem ſich nicht widerſetzenden Thiere ſchnell ſein Schnupftuch um den Hals und zog es an Bord, und gleich darauf ſtießen ſie vom Lande. Poppy hatte ſich bis dahin, durch ſein böſes Ge⸗ wiſſen gedrückt und durch das ſchweigſame Betragen ſeines Herrn geängſtigt, höchſt leidend verhalten, als er aber die Entfernung zwiſchen ſich und ſeinem bis⸗ herigen Schützer immer größer werden ſah, dämmerte ihm auf einmal eine Ahnung ſeines Schickſals, und er heulte und bellte wie in alten Zeiten, wenn er den Gebieter zur Jagd aufforderte. Dem konnte das weiche Herz des Jägers, dem der Abſchied von ſeinem Hunde ſo ſchon ſo unendlich weh gethan, nicht wider⸗ ſtehen— er drehte ſich um und rief: Poppy— mein Hund— komm hier!— und laut aufheulend vor Freude und Luſt wollte Poppy dem Rufe Folge leiſten; ſein neuer Herr mochte aber ſo etwas vorausgeſehen haben und das arme, ſich aus allen Kräften ſträubende Thier lag im nächſten Augenblicke an einer Kette. Poppy! Poppy! rief mit tiefem Seelenſchmerz der alte Jäger— Poppy's Geſtalt verſchmolz aber ſchon in weiter Ferne, ſein Ruf drang nur noch wie ein leiſer Windhauch herüber, und das Dampfboot ſchnaubte und ſtöhnte den Strom hinab. 8 Achtes Rapitel. Die Verfolgung. Vier Tage ſpäter galloppirte ein Reiter in leder⸗ nem Jagdhemd, mit der Büchſe auf der Schulter, das Pferd abgehetzt und todtmüde, durch St. Louis, der Dampfbootlandung zu, warf ſich dort aus dem Sattel und frug einen der am Waſſerrande haltenden Karrenführer nach dem Dampfboot„Nellow Stone““. Geſtern nach New⸗Orleans, ſagte der Mann, lud ſein letztes Faß Mehl auf und trieb in die Stadt; 216 der Reiter aber ſtand wohl eine ganze Stunde lang am Ufer des breiten Miſſiſſippi und ſchaute der wild dahinſtrömenden Fluth nach— dann ſtieg er langſam wieder auf ſein Pferd und ritt, ohne St. Louis weiter eines Blickes zu würdigen, langſam in den Wald zurück. Beſchluß. Der Schluß iſt bald erzählt— Poppy wurde nach England gebracht und von ſeinem neuen Herrn, da er auf der Reiſe aus Gram und Seekrankheit ent⸗ ſetzlich mager geworden, mit unendlicher Liebe und Freundſchaft gepflegt. Poppy ſah das auch recht gut ein und hielt viel auf den neuen Gebieter, nahm aber ſonſt an nichts Theil, fraß was man ihm gab, und lebte den Herbſt und Winter hindurch ſo ruhig und zufrieden in England, als nur ein armer, aus ſeinem Vaterlande geriſſener Hund leben konnte. Wie aber das Frühjahr mit ſeinen neuen Blüthen und Knospen kam, wie nach dem langen Winterſchlaf die Natur in friſcher, neukräftiger Luſt erkeimte, wie die Schwalbe zu den Häuſern zurückkehrte, und er dabei der heimiſchen Waldvögel gedachte,— als Alles grünte und blühte, als die Vögel zwitſcherten und die zah⸗ men Truthähne zu balzen anfingen,— ach da brach 217 dem armen Poppy das Herz— er dachte an ſeinen Wald— an die jetzt friſchgrünenden, herrlichen Büſche— an den Silberbach, der neben dem Hauſe hinſprudelte; er dachte an die Jagden bei der Salz⸗ lecke, wo er ſo manche Nacht mit ſeinem Herrn ge⸗ wacht hatte— er dachte an das freie, ſchöne Wald⸗ leben, wie viel blauer der Himmel dort, durch die grü⸗ nen Bäume betrachtet, ſei, wie viel heller die Sterne funkelten, wenn man zu ihnen durch das dichte Laub emporſah,— er dachte an die Fährten der wilden Thiere, an die Kämpfe mit Bär und Panther und das Herz brach ihm— er wurde melancholiſch— nahm den Schwanz zwiſchen die Beine und ging, im wahren Sinne des Wortes, wie begoſſen umher. Einmal fürchtete ſein Herr ſogar, Poppy ſei toll geworden und ſetzte ihm eine Schaale mit Waſſer hin — Poppy ſoff jedoch, denn er trank überhaupt gern. Vergebens brachten ihm aber die Kinder, die das große, gutmüthige Thier liebgewonnen hatten, aller⸗ lei Näſchereien.— Ja— er fraß ſie, blieb aber trau⸗ rig und niedergeſchlagen. Da empfing eines Tages ſein Herr, der noch immer mit Amerika in Verbin⸗ dung ſtand, eine Kiſte von St. Louis, öffnete ſie— Poppy ſaß daneben— und nahm nach einander eins— zwei— drei— vier— fünf— ſechs— ſie⸗ 218 ben— acht— neun geräucherte Hirſchkeulen heraus. Das war zu viel— alte wehmüthige Erinne⸗ rungen beſtürmten das Herz des Hundes— er dachte des früheren Herrn wie lieb der ihn gehabt— wie ſchändlich er ihn betrogen, wie fürchterlich er dafür gebüßt hatte, und ſchnell entſchloſſen einem Leben ein Ende zu machen, das ihm qualvoll und unerträglich wurde, ſtürzte er ſich in den hinter dem Hauſe vorbei⸗ fließenden Strom. Das Uebrige, zu ſchmerzlich es noch einmal zu wiederholen, iſt ja jetzt durch alle Zeitungen bekannt geworden; nur ſei noch dies hier bemerkt, daß er der gierigen Fluth, leider todt, wieder entriſſen wurde und ein ehrliches Begräbniß erhielt. Armer Poppy— im fremden Lande liegſt Du nun, in fremder Erde, und ein einziger Fehltritt war es, der Dich aus der Heimath trieb. Aber Dein Herr? was wurde aus Deinem armen alten Herrn?— Still und einſam kehrte der zu ſeiner Hütte zurück, und viele Monate lang blieb die Büchſe unberührt und unbeachtet auf den beiden Pflöcken über der Thüre liegen. Der alte Stevans war krank gewor⸗ den, ein hitziges Fieber hatte ihn aufs Lager gewor⸗ 4 4* 5 219 fen, das er nur dann und wann verließ, um zum nahen Bach zu kriechen und ſich einen Trunk friſchen Waſſers zu holen. Woche nach Woche lag er ſo ſtill und allein auf ſeinem einſamen Lager und die Krankheit zehrte an ſeinem Mark— aber die Krankheit nicht allein — auch der Gedanke an den letzten Freund den er auf eine ſo traurige, ſchmerzliche Weiſe verloren, — und wenn ihn dann die Erinnerung an ver⸗ gangene Zeit überkam, und er fühlte wie er nie wieder im Leben einem anderen Weſen ſeine Liebe, ſein Vertrauen ſchenken könne, da war es denn oft daß er glaubte nun ſei die Welt auch hinter ihm ab⸗ geſchloſſen, und es wäre weit beſſer um ihn, er ſtrecke ſich aus, wo er gerade liege und ſchlafe den langen, den letzten Schlaf der Erde. Aber er wurde wieder geſund— die ſtarke unver⸗ dorbene Natur blieb auch dießmal Sieger und nur das ſtille Weh nagte ihm noch am Herzen— ließ ihn ſich kaum freuen daß er wieder erſtarkt, wieder geſund ſei— wie aber das Frühjahr mit ſeinen neuen Blüthen und Knospen, kam, wie nach dem langen Winterſchlaf die Natur in friſcher, neukräͤf⸗ tiger Luſt erkeimte, wie die Schwalben zu der Hütte zurückkehrten und Alles grünte und blühte,— 220 als die Vögel zwitſcherten und die wilden Truthühner draußen zu balzen anfingen— da wurde es dem alten Manne zu weh, zu einſam in der ſonſt ſo freundlichen Hütte. Seine Büchſe reinigte er vonm Roſt und Staub, ſein Jagdgeräth holte er wieder 28 hervor, ſein Pferd ſattelte er und weit, weit gen Weſten zog er, den fernen Praierieen zu. Alles aber, was er aus der früheren Wohnung mitnahm in die neue Heimath, war ein Bärenfell, das er zuſammen⸗ gerollt hinten am Sattel führte— daſſelbe Bärenfell, das er damals erbeutet, als er zum letzten Mal mit ſeinem Hunde Poppy gejagt. Eine gerichtsſcene in Arkanſas. Am erſten Montag des Monats September, im Jahre 1841, hielt ein einſamer Reiſender vor dem niederen Wirthshauſe des kleinen Städtchens Eliſa⸗ bethtown am Ufer des Whiteriver in Arkanſas; und den Zügel ſeines müden Pferdes über das vor der Thür befindliche rack*) werfend, trat er zum Hauſe, aus dem ihm wilder Jubel und tolles Jauchzen ent⸗ gegen ſchallte. Neugierig, was dies rege Leben in dem ſonſt ſo unſcheinbaren Landſtädtchen zu bedeuten habe, wandte er ſich an einen alten Farmer, der eben, mit einer Flaſche in der einen und einen Zinnbecher in der anderen Hand ihm entgegentrat und ihn mit **) Ein auf zwei Pfählen ruhendes Geſtell mit Zapfen ver⸗ ſehen um die Zügel der Pferde daran zu hängen. freundlichen Worten einlud, hinein zu kommen und einen Schluck zu trinken. Von Herzen gern, mein lieber Herr, entgegnete verbindlich der Fremde, ihm die dargereichte Hand derb ſchüttelnd; aber ſagt mir, was wollen alle dieſe Menſchen hier? es iſt ja ein Zuſammenlauf, als ob Einer gehängt werden ſolle. Das nun wohl nicht, Fremder, ſchmunzelte der Farmer, ihm einen tüchtigen Schluck aus der Flaſche in den Becher füllend und darreichend, das nun wohl nicht, Ihr habt aber nicht weit vorbeigeſchoſſen, denn ſo was Aehnliches iſt's; wir haben Gerichtstag und's wird bald losgehn— es dauerte nur ſo lange bis ſie die Jury— die zwölf Geſchworenen— aus⸗ geſucht hatten, denn Den wollte der Advocat nicht und den Andern wollte der Advocat wieder nicht, und da zerrten ſie ſich eine lange Weile herum, bis Jeder ſeine geſetzlichen Sechſe ausgeſtoßen, dann mußten ſie nehmen, was kam, und nun ſind ſie ſo weit, daß ſie anfangen können; ich bin nur ſchnell hinübergeſprungen und habe den Jungens was zu trinken geholt— Durſt haben ſie immer. Und darf man der Sache nicht mit beiwohnen? frug der Reiſende mit vielem Intereſſe, indem er den geleerten Becher dankend zurück gab. — 223 Beiwohnen dürfen? wiederholte der Alte ver⸗ wundert, beiwohnen? J zum Henker, Fremder, wo kommt Ihr denn her, da Ihr nicht wißt, daß man in Arkanſas Allem beiwohnen kann, es mag nun ſein was es will? Ihr könnt doch wahrlich nicht— Es iſt kaum ein Monat, daß ich, von England kommend, in New⸗Orleans landete, und da dürfen Sie ſich wohl nicht wundern, wenn mir die Sitten und Gebräuche hier noch ein wenig fremd ſind. Ahem, nickte der Amerikaner, ja dann begreife ich's— kommt aber nur mit mir und ich will Euch Alles erklären, Ihr hättet Euch keinen beſſeren Füh⸗ rer wünſchen können. Was für ein Fall wird heute verhandelt? frug der Fremde noch einmal ſtehen bleibend; haben Sie Criminal⸗Gericht hier? Criminal? das will ich meinen; es iſt Einer unſerer Nachbarn, der verklagt iſt, einige von den hier überall frei im Walde herum laufenden Schwei⸗ nen eingefangen und mit ſeinem Zeichen verſehen zu haben. d Seinem Zeichen wie verſteh' ich das? Nun ſeht, da doch jeder Anſiedler eine Menge Vieh, als Rindvieh, Pferde, Schweine und Schafe herumlaufen hat, und manchmal eins oder das andere 224 Monate lang nicht zu ſehen bekommt, ſo würde eine Verwechſelung und Umtauſchung des gegenſeitigen Eigenthums unvermeidlich ſein, wenn nicht jeder Farmer wieder ſein beſtimmtes Zeichen hätte, an dem er ſein Eigenthum leicht erkennen könnte. Dieſe nun ſind aber ſehr verſchieden— Mancher brennt die 3 Anfangsbuchſtaben ſeines Namens den Thieren auf die Hüfte, die üblichſte und gewöhnlichſte Art iſt aber die Ohren mit irgend einer gewiſſen ‚mark““ zu ver⸗ ſehen— entweder ein Loch ins rechte oder ins linke Ohr, oder einen Schlitz ins eine, ein Stück aus dem andern, oder zwei Löcher in eins u. ſ. w. Hat ein Anſiedler ſich für ein ſolches mark beſtimmt und bei ſeinem Viehe eingeführt, ſo zeigt er es beim Friedens⸗ richter an, und dieſer trägt ſie ein; von nun an gehört Alles, was ſo bezeichnet im Walde herum⸗ läuft, ſein und kein Anderer hat mehr Recht ein ſolches Thier einzufangen, zu ſchießen oder gar zu ſchlachten. Und der Angeklagte hat ſich ein ſolches Vergehen zu Schulden kommen laſſen? fragte der Fremde. Etwas Aehnliches lachte der Alte; er ſoll die Ohren einiger Schweine, welche den ſeinigen ähnlich waren, ſo verändert haben, daß ſie von dieſen nicht 8 mehr unterſchieden werden konnten. Obgleich er nun Seerſtäcker, Miſſiſſiyvi⸗Bilder II. 225 das fragliche Vieh mit dem ſeinigen nach Hauſe getrieben hat und dabei von den Eigenthümer deſſel⸗ ben, der es zufällig perſönlich kannte, geſehen wurde, ſo leugnet er doch Stein und Bein ſie gezeichnet zu haben, und das ſoll eben heute unterſucht werden. Aber kommt, fuhr er ſich unterbrechend fort, wir ver⸗ ſäumen ſonſt den Anfang, und dabei wandte er ſich, ohne weiter ein Wort zu verlieren, von dem Fremden ab und ſchritt dieſem voran, einem kleinen, ſehr unſcheinbaren Häuschen zu, das er ihm als„unſer Gerichtshaus“ vorſtellte. Es bedurfte aber allerdings der Verſicherung eines Eingeborenen, um den Eng⸗ länder davon zu überzeugen, das dies das Gerichts⸗ haus ſei. Es war ein niederes, etwa 24 Fuß langes und 20 Fuß breites, aus rohen unbehauenen Stämmen aufgeführtes Gebäude, deſſen Spalten man zwiſchen den Blöcken mit Lehm und kleingehacktem Stroh aus⸗ gefüllt hatte, um den Luftzug abzuhalten. Ein roh aus demſelben Material aufgeführtes, ungeheueres Kamin nahm faſt ganz die eine Seite deſſelben ein, und dichter blauer Rauch, der aus ihm emporwir⸗ belte, verrieth das gewaltige Feuer, das, trotz der keineswegs rauhen Witterung, in ſeinem nen oderte.. 3 Und iſt das wirklich ein öffentliches Gebäude? frug der Fremde verwundert. Nun, ſagte der Alte ſchmunzelnd, indem er ſtehen blieb und ſich nach ſeinem Gefährten umſah, iſt's nicht ein ſtattliches Haus? Ich habe ſtattlichere geſehen! lachte dieſer. Die Stämme ſcheinen alt und halb verfault, und es ſollte mich gar nicht wundern, wenn es der ganzen darin verſammelten, und zwar, wie es ſcheint, ſehr zahl— reichen Geſellſchaft, einmal über dem Kopfe zuſam⸗ menſtürzte. Nun, heute wohl noch nicht, erwiederte ganz ernſthaft der Alte,'s iſt aber wahr, es ſieht faſt ein wenig gefährlich aus, beſonders auf der einen Ecke, die ſich da ſo windſchief hinüberbiegt. Aber warum gebraucht Ihr denn nur, um Got⸗ teswillen, ein ſolch erbärmliches Neſt, das eher einer aufgeſtellten Rattenfalle als einem Staats⸗Gebäude gleicht, zu Eurer Gerichtsverſammlung? Hier ſind doch noch viele andere und bedeutend beſſere Häuſer, die ſich weit eher zu ſolch wichtiger Handlung geeig⸗ net hätten.. Das ſind lauter Privatwohnungen. Seht Ihr aber dort den freien Platz, wo die zugehauenen Balken liegen? das wird das neue Courthaus— ich 227 habe es ſelbſt in Akkord genommen; die Witterung war aber bis jetzt zu ſchlecht, doch hoffe ich, ſoll es in vier Wochen fertig da ſtehen, heißt das die Wände. — Dies alte, verfallene Neſt aber— die Methodiſten gebrauchten's früher zu ihrem Verſammlungs⸗ und Bethaus— hat ſich, da es Niemand anders haben mochte, der Staat ausgebeten, und jetzt ſteckt's ge⸗ 4 ſtopft voll von Advocaten.— Wären nicht zu gleicher Zeit ſo viele Nachbarn von mir dabei, ſo ſollt's mir — unter uns geſagt— ganz recht ſein, wenn es zuſammenbräche— es wäre kein großer Schaden. Mit dieſen Worten trat er dicht an die Thür und ſtieß 8 um Einlaß zu erhalten, mit dem Fuße an die⸗ ſelbe. Der Fremde, welcher glaubte er könne nicht öffnen, weil er in beiden Händen etwas trug, ſprang hinzu ihm zu helfen, fand aber bald, daß dies leichter gedacht als gethan ſei, indem die Thüre nur inwendig durch einen vorgeſteckten Pflock zugehalten wurde; gar bald aber ward dieſer hinweggezogen und die beiden Männer befanden ſich wenige Secunden darauf im ſogenannten Gerichtszimmer. Es war ein großer breiter Raum, der das ganze Innere des Hauſes einnahm; mit einer viereckigen Oeffnung, die ein Fenſter vorſtellen ſollte, in der Rückwand eingehauen; möglich iſt es, daß die frühe⸗ 15* ren oder erſten Bewohner vielleicht ſogar einmal den kühnen Gedanken gehegt, Glasſcheiben dahinein ſetzen zu laſſen, das war jedoch nie zur Ausführung gekommen und der untere Theil deſſelben mit Bretern vernagelt, der obere aber, des beſſeren Lichts wegen, offen gelaſſen. In der Mitte des Gemaches, an einem großen viereckigen Tiſche, auf zwei langen Bänken, ſaßen die Advocaten und der county clerk— Schreiber— nach dem Kamine zu aber auf einem Stuhle, mit dem Rücken zum Feuer gewandt, der Richter. Nun meine Jungen, hier bring' ich etwas zu trinken, rief der Hereintretende mit ſeiner freundlich⸗ ſten Stimme, indem er Flaſche und Glas in die Höhe hob; aber ein, von verſchiedenen Ecken herſchallendes Pſt— Pſt— Pſt machte ihn ſtutzen, und der Richter bemerkte ruhig:„die Sitzung hat begonnen.“ Gut! wenn das iſt, da müſſen ſie warten, ſagte mit größter Gemüthsruhe und ohne ſich außer Faſ⸗ ſung bringen zu laſſen, der Alte, während er das ſtarke Getränk— es war, der Ausſage des Ver⸗ Luite nach, ächter Monongahela— unter eine der änke ſchob. Der Richter ſtand jetzt auf und Todtenſtille herrſchte in der Verſammlung. Iſt die Jury vollſtändig vorhanden? frug er mit lauter Stimme, und ein zwölfſtimmiges„Ja!“ ant⸗ wortete ihm von der andern Seite des Hauſes, die Frage war aber nicht unnütz geweſen; denn die Zu⸗ hörer hatten ſich, wahrſcheinlich um Alles beſſer hören zu können, ſo weit vorgedrängt, daß von den zwölf Geſchworenen, die eine niedere Bank an der gegenüberliegenden Wand des Hauſes einnahmen, kaum die Haare ſichtbar blieben. Gentlemen, ich muß Sie erſuchen den Raum vor der Jury frei zu geben, bat ſie jetzt der Richter freund⸗ lich und begann, als dies mit einigem Geräuſch be⸗ werkſtelligt war, ſeine Anrede an das Gericht der Geſchworenen: Gentlemen of the Jury, Sie ſind hierher berufen und beeidigt worden, daß Sie in vorliegender An⸗ klage nach Ihrem eigenen Gewiſſen und Ihrer feſten redlichen Ueberzeugung Recht und Urtheil ſprechen ſollen; keine parteiiſche Rückſicht aber, kein Wohl⸗ wollen für den einen, oder Haß gegen den anderen Theil, darf in Ihrem Herzen Raum finden. Bedenken Sie das und urtheilen Sie recht! Er wollte ſich nach dieſen wenigen Worten wie⸗ der niederſetzen, fand aber, daß ein junger Burſche, von etwa vierzehn bis funfzehn Jahren, ganz gemüth⸗ lich die Lehne ſeines Stuhls an ſich gezogen hatte und mit einem kleinen Taſchenmeſſer emſig bemüht war, den einen, roh ausgedrechſelten Knopf der ſich auf der linken Seite der Rücklehne befand, abzuſchnitzeln; der rechte war ſchon früher, wohl durch eine andere geſchäftige Hand, auf gleiche Art abhanden gekommen, und ſeinem Auge für Symmetrie wahrſcheinlich der eine Knopf im Wege geweſen. Ruhig verharrte der Richter einige Secunden in ſeiner Stellung, da aber der junge Mann keine Notiz von ihm zu nehmen, oder ihn gar nicht zu bemerken ſchien, ſagte er endlich ganz freundlich: Wenn Sie den Knopf herunter haben, bitte ich, daß Sie mir den Stuhl wieder überlaſſen! Der Burſche ward durch dieſe höfliche Anrede doch ein wenig außer Faſſung gebracht, noch dazu, da ein leiſes Kichern die ganze Verſammlung durch⸗ lief, und, bis hinter die keineswegs unbedeutenden Ohren erröthend und freundlich grinſend, ſchob er mit der Linken den verlangten Stuhl, auf welchem der Knopf noch an einem faſt gefährlich ausſehenden, dünnen Zapfen feſtſaß, vor und zog ſich, mit der anderen Hand das Meſſer in die Taſche ſchiebend, höchſt verlegen rückwärts, und zwar direkt in den Kamin zurück, wo er nur durch das ſchnelle Zugreifen 231 von den dabei Stehenden vor einer, vielleicht bedeu⸗ tenden Verletzung geſichert wurde. Das Gelächter hatte aufgehört, der„Judge“ wieder Platz genommen und der Staatsanwalt ſtand auf, die Klage gegen den Miſſethäter vorzu⸗ tragen. Gentlemen of the Jury! wandte er ſich ebenfalls an die zwölf aufmerkſam zuhorchenden Männer— lauter Farmer oder Handwerker aus dem Bezirk— es iſt meine ſchmerzliche Pflicht einen Bürger dieſes countys, einen, der hier Jahre lang den Schutz der Geſetze genoſſen und treulich und brüderlich mit Ihnen gelebt hat, ja ich könnte ſagen, einen Bruder aus Ihrer Mitte, eines Verbrechens, ja, Gentlemen of the Jury, ich wiederhole das Wort, eines Ver⸗ brechens anzuklagen, das um ſo betrübender, um ſo Abſcheu erregender iſt, je ſeltener es, Dank den redlichen, gemeinnützigen Geſinnungen der Bürger von Arkanſas, vorkommt. Dieſer Mann hat das unbedingte Vertrauen, das wir in dieſen Wäldern gezwungen ſind walten zu laſſen, auf eine um ſo ſchmählichere, ſtrafenswürdigere Art übertreten, da er auch noch dabei verſuchté die Geſetze, die das Eigenthum des Bürgers ſchützen ſollen, zu dem Deck⸗ mantel ſeines Betrugs zu benutzen. Er hat das 23² Zeichen, mit dem die Schweine ſeines Nachbars, des ehrenwerthen Mr. Stevenſon— und gibt es einen beſſern Nachbar als Mr. Stevenſon iſt?— verändert, ſchändlicher Weiſe dem ſeinigen ähnlich gemacht und verſucht, ſie zu ſeinem Hauſe zu treiben, damit ſie dort ſich an das hingeworfene Futter gewöhnen, in der Nähe deſſelben bleiben und zuletzt als ſein Eigen⸗ thum angeſehen werden ſollten. Gentlemen of the Jury, ich habe keinen Namen für dies Verbrechen— es iſt ſchlimmer als Mord— es heißt den Freund mit dem Bruderkuß bethören und ihm heimlich ein Meſſer ins Herz ſtoßen; aber ich ſehe ſchon die gerechte Entrüſtung in Ihren Augen leuchten, Gentlemen of the Jury— die zwölf Ge⸗ ſchworenen ſahen ſich ſeitwärts verſtohlen an, wahr⸗ ſcheinlich um daſſelbe zu bemerken— ich ſehe den Zorn über ſolchen Verrath an Freundſchaft und Nach⸗ barſchaft in Ihren Zügen glühen, und ich weiß daß Sie den ſtrafen werden, ſtrenge ſtrafen werden, der es gewagt hat, ſich in Ihre Mitte mit ſolch treuloſem Herzen einzuſchleichen. Gentlemen of the Jury, ich könnte die Gelegen⸗ heit benutzen, dadurch meiner Sache den Sieg zu ſichern, wenn ich Sie noch darauf aufmerkſam machte, wie eben dieſer ſelbe Mann ſchon früher im Nachbar⸗ 233 county, unweit St. Francisville, verklagt wurde, eine ihm nicht zugehörende Kuh erſchoſſen und ver— zehrt zu haben, und daß man ſpäter unter den Die⸗ len ſeines Hauſes eine große Menge von Schweine⸗ borſten und Zeichen vergoſſenen Blutes fand; ich will es aber nicht thun; ich halte es nicht für nöthig; der Beweis gegen ihn liegt zu klar am Tage, und ich baue auf die Gerechtigkeit der Anklage. Strafe— harte— harte Strafe treffe ihn, und er ſoll nicht ſagen dürfen daß er ungerecht leide. Gentlemen of the Jury, ich erlaube mir Ihnen meine Zeugen vorzuführen! Auf einen Wink von ihm trat ein junger, ſehr dünner Mann vor, der verlegen den großen, abge⸗ tragenen Filzhut in der Hand herumwirbelte, und zum Schreiber hingewieſen wurde, den Eid abzu⸗ legen. Die Formel ward ihm ſchnell vorgeſagt, er mußte die Bibel küſſen und trat nun vor den Advocaten, die an ihn gerichteten Fragen zu beantworten. Dies war einer der Hauptzeugen; der Sohn des Mannes, dem das geraubte Eigenthum gehörte, und er erzählte, nachdem er die erſten Antworten über Namen und Wohnort überſtanden hatte, mit ziem⸗ licher Geläufigkeit, wie Netley— der Verklagte— ſich viel in der Gegend, wo ihre Schweine ſich ge⸗ wöhnlich aufhielten, zu ſchaffen gemacht, und daß er beſonders mehre Male mit ſeiner Frau daſelbſt geſehen worden ſei. Netley hatte zwar immer auf die, an ihn gerichtete Fragen geantwortet, daß er eben ſelber Vieh habe und es ſuchen wolle, Zeuge habe aber nie, weder ein Schwein noch ein anderes Thier, das dem Verklagten gehöre, in der Nähe ſeines Hauſes ge⸗ ſehen. Auf die Frage welcher Zeichen ſich ſein Vater an dem Viehe bediene, antwortete der junge Mann„ein Schlitz im linken und ein Loch im rechten Ohr“. Und das Zeichen des Verklagten? frug der Advo⸗ cat weiter. Ein Stück aus dem linken und zwei Löcher im rechten Ohr, war die Antwort. Als er ſich jetzt entfernen wollte, bat der Advocat des Verklagten, ein noch junger Mann, mit vieler Artigkeit um die Erlaubniß, dem Zeugen auch zwei Fragen vorlegen zu dürfen. Dies geſtattet, frug er den Sohn des Klägers„ob er unter ſeinem Schwur behaupten könne, daß Netley ihm das Zeichen an ſei⸗ nem Vieh, und zwar zu ſeinen Gunſten verändert habe?“ 1 Die Antwort war ‚„nein!“ 235 „Ob er ferner unter ſeinem Schwur behaupten könne, daß Netley in einer bösartigen Abſicht den Wald nahe bei ſeines Vaters Haus durchſucht habe?“..— Die Antwort war ebenfalls„nein!“ Der Advocat, Mr. Woolſey, ſetzte ſich darauf wieder nieder, und der Staatsanwalt vernahm nach und nach etwa zehn Zeugen, die zwar Alle gegen den Verklagten ſprachen, dennoch aber nichts Be⸗ ſtimmtes beweiſen konnten. — Mr. Woolſey ſtand jetzt auf und machte die Jury darauf aufmerkſam, daß ſein Gegner, der„ſehr geſchätzte und geſcheidte“ Staatsanwalt Wellerton zwar verſucht habe, ihnen— den Männern der Jury — einen heilſamen Abſcheu gegen ein ſolches Ver⸗ brechen, als er ſeinem Clienten zur Laſt lege, einzu⸗ flößen, daß es ihm aber bis jetzt nicht gelungen wäre, ihm auch nur das entfernteſte, von ſeiner Seite bös⸗ lich Begangene, zu beweiſen und daß er— Mr. Woolſey— die feſte Ueberzeugung hege, die Jury werde, ihrem ſtets richtigen Urtheil getreu, ſich nicht blos durch eine pomphafte Anklage verleiten laſſen, einen ihrer Mitbürger unſchuldig zu einer entehrenden Strafe zu verdammen. Auch er rief jetzt ſeine verſchiedenen Zeugen auf, 1 die nacheinander ausſagten,„daß ſie Netley ſtets als einen rechtlichen Mann gekannt, daß ſie nie etwas Böſes von ihm gehört hätten, und daß er, wie ſie wüßten und hiermit beſchwuren, überall im Thalland zerſtreute Schweine herumlaufen gehabt, und ſie ſelbſt ihm oft geholfen, ſolche einzufangen und einzutreiben.“ Mr. Woolſey nahm darauf noch einmal das Wort, legte der Jury ans Herz, ja ſich nicht allein vom Schein beſtimmen zu laſſen,„da ſie ſelber nicht wüßten, wie leicht einmal eine falſche Anklage gegen ſie erhoben werden könnte“ und ſchloß ſeine Rede mit folgenden Worten: Gentlemen of the Jury, ich bin überzeugt, daß Ihre Herzen ſchon lange für meine Clienten geſtimmt haben, aber auch Ihr Verſtand, auch Ihre feſte Ueberzeugung muß daſſelbe thun, wenn ſie die Be⸗ weisgründe betrachten, die ihn verdammen ſollen? Daß er in der Nähe von dieſes oder jenes Man⸗ nes Haus nach ſeinen Schweinen geſucht hat? Gentlemen of the Jury, wer von Ihnen hat das nicht gethan? Daß er fremde Schweine mit den ſei⸗ nigen zu Hauſe getrieben? wer von Ihnen hatzauch das nicht gethan? Wer fand ſein Vieh im Wald draußen mit dem ſeines Nachbars vermiſcht, und war nicht, mit wenigen Ausnahmen, genöthigt, die — 237 ganze Heerde zu treiben, um die zu bekommen, die er wünſchte? Die Anklage, die ſchon einmal, nach Ausſage meines Herrn Collegen, gegen meinen Cli⸗ enten ſoll erhoben worden ſein, übergehe ich ganz; daß es blos eine Anklage war und nicht bewieſen. ward, zeugt ſchon für Mr. Netley, überdies ſind die Männer von Arkanſas zu aufgeklärt, als daß ich ihnen noch zu ſagen brauchte, ſie dürften in dieſem Fall ihn nicht verurtheilen, weil er ſchon früher ein Mal einer unerwieſenen Sache wegen verklagt ſei— das wäre lächerlich; nein, Gentlemen of the Jury, Ihr eigener Verſtand, Ihre eigene Ueberzeugung mag ent⸗ ſcheiden und ich zittere nicht für meinen Clienten! Er ſetzte ſich wieder nieder und der Staatsanwalt nahm noch einmal das Wort, erklärte, ſein ‚„ſehr geſchätzter College hätte zwar recht ſchön geſprochen, er kenne aber das geſunde Urtheil der Gentlemen of the Jury zu gut, um nicht zu wiſſen, daß ihm das in einem Falle wenig helfen würde, wo der Beweis ſo klar am Tage läge wie hier, und er überlaſſe hiermit, ſo ſchmerzlich es ihm auch ſei, den Verklagten ſeinem Schickſal.“. Da er geendet hatte, erhob ſich der Richter noch ein Mal und ſich an die Jury wendend, machte er dieſe darauf aufmerkſam, daß ſie nach Recht und 238 Gewiſſen urtheilen ſollten, wobei er ihnen aus dem Geſetzbuch, das aufgeſchlagen vor ihm auf dem Tiſche lag, die Strafe vorlas, die ſie dem Verklagten aufer⸗ legen müßten, im Fall ſie ihn ſchuldig fänden, und die in drei Monat bis zwei Jahr Zuchthausſtrafe und Zahlung der Koſten beſtand. Aber, ſchloß er ſeine Rede, ſollte ſich die Jury nicht verſtändigen können, ſollte irgend ein Punkt vorkommen, der die Entſcheidung des Urtheils ſchwankend machte, ſo daß es ſich bald auf dieſe, bald auf jene Seite neige, dann, fuhr er mit erhobe⸗ ner Stimme fort,„ſei dies zu Gunſten des Angeklag⸗ ten, damit wir eher einen Schuldigen frei⸗ geben als einen Unſchuldigen verdam⸗ men!“ Noch herrſchte tiefes Schweigen, und die Jury machte ſich eben fertig, ihrem Berathungsorte— ein kleines Nebenhäuschen— zuzugehen, um ſich dort allein zu beſprechen und das Urtheil zu fällen, als ein lautes und fröhliches„Well, how do you like it?“— Nun, wie gefällt's Euch— den jungen Engländer aus ſeinem Sinnen aufſtörte. Dieſen blickte ſich ängſtlich um, weil er vielleicht fürchtete, daß die⸗ ſer laute an ihn gerichtete Ausruf ſeines neuen Freundes, Störung erregen und für ihn unange⸗ 239 nehme Folgen haben könnte; als er aber ſeine Augen dem alten Farmer zuwandte, ſah er dieſen ſchon ganz vergnügt mit der ſchnell ergriffenen Whiskeyflaſche daſtehen, und ihm freundlich zunickend ein nochmali⸗ ges„how do you like it?““ entgegen rufen. Da ſich jetzt Alles frei durch einander bewegte und lachte und erzählte, ſo ging auch der Fremde auf den Amerikaner zu, bezeugte ihm ſeine große Zufrieden⸗ heit über das Ganze und bat ihn zu gleicher Zeit ihm noch über mehre Sachen Aufklärung zu geben. Ja, Mann, von Herzen gern, rief dieſer lachend, hier ſind aber eine Menge durſtiger Seelen— Trinken Sie eins Judge? wandte er ſich, kurzabbrechend an den Richter, fuhr aber, auf deſſen dankende, verneinende Bewegung fort— Menge, durſtiger Seelen, die erſt befriedigt werden wollen, nachher ſteh' ich gern zu Dienſten. Der Becher ging jetzt ſchnell im Kreiſe herum, und der größte Theil der Zuhörer ſchlenderte dem nahen Wirthshaus zu, um ſich dort nach dem langen Verhör— es hatte über vier Stunden gedauert— etwas zu ſtärken und zu erholen. Dieſen folgten die beiden Männer, der alte Far⸗ mer und der Engländer, und geriethen bald, des eben verhandelten Falles wegen, in einen hitzigen Streit, 240 da der Amerikaner behauptete, die Jury müſſe den Angeklagten freiſprechen, während der Engländer vom Gegentheil überzeugt war und Jenem verſicherte, er wollte, für ſeine Perſon, Hals und Kragen daran ſetzen, daß dieſer Netley ſchuldig wäre. Nun wir werden ja hören, ſchmunzelte der Alte, bis dahin gehen wir hier ein wenig hinein und trin⸗ ken einen„toddy“, das ſtärkt und heizt zu gleicher Zeit. Die beiden Männer traten an der Schenhktiſch, das Verlangte zu bekommen, und der Engländer unterhielt ſich indeſſen ganz vorzüglich, die mannig⸗ faltigen Gruppen zu beobachten, die ſich überall ſei⸗ nem Auge boten. Schon der Laden ſelbſt war etwas Neues und höchſt Intereſſantes für ihn. An und für ſich klein, enthielt er doch, wie es alle dieſe, mitten im Walde gelegene Kaufmanns⸗ laden thun, ein Weniges faſt von Jedem, was nur im arkanſaniſchen Handel exiſtirte. Auf der Erde waren Pflugſcharen, Spaten, Hacken, Sägen, Ketten, Fäſſer mit Nägeln und alle Arten von Eiſen⸗ und Stahlwaaren aufgeſtellt, wäh⸗ rend leichtere Ketten, Sättel, Zäume, Seile, Glas⸗ perlen und andere gangbare Sachen an jedem nur 241 irgend dazu benutzbaren Platz angebracht hingen; im erſten Gefach ſtanden große Kaſten mit Kautaback, kleinere mit Collins berühmten Aerten, ſogar niedere Kiſtchen mit Mandeln und Roſinen— denn die Hin⸗ terwäldler lieben auch etwas Gutes— dann Stahl⸗ mühlen, Kaffeemühlen, Packete mit Meſſern u. ſ. w. Ueber dieſen kamen die feineren Sachen, als Tücher und Kattune, fertig gemachte Kleider, Hüte und Mützen; an der rechten Wand aber war für den Hausſtand geſorgt; denn gleich über den langen ſchmalen Kiſten, die hier mit fertigen Schuhen und Stiefeln auf dem Boden ſtanden, hingen alle nur erdenkliche Gefäße von Blech, beſonders Becher mit Henkeln für die Jäger, dann Kaffeekannen, Reibeiſen, Bratpfannen, und hinter der Thür war das große Lager der guß⸗ eiſernen Waaren von Pittsburg, welches ſo über die Vereinigten Staaten verbreitet iſt, daß man im Newyork⸗Staat einen Topf kaufen und in Arkan⸗ ſas, ja im indianiſchen Territorium, einen Deckel dazu bekommen kann. Der Wirth und Händler aber, der ſich ſchon etwa funfzehn Jahre mit die⸗ ſem Geſchäft in Arkanſas abgegeben hatte, und es ganz vorzüglich verſtand mit den Leuten umzugehen, wanderte lachend und erzählend hinter dem Ladentiſch auf und ab, bald hier einem eine Flaſche hinſchiebend, Gerſtäcker, Miſſiſſippi⸗Bilder. II. 16 bald dort einem anderen ein Stück Kautaback ab⸗ ſchneidend, während ein Arbeiter, der ſonſt in ge⸗ wöhnlicher Zeit Land für ihn urbar machte und Bäume umhieb, heute, als einem geſchäftigen Tag, in den Laden berufen worden war, um dort eine hülfreiche Hand zu leiſten, und jetzt bald Kaffee, bald Zucker abwiegen, bald Salz ausmeſſen oder Whis⸗ keyflaſchen anfüllen mußte, wobei er mehre Male genöthigt war in ein kleines Seitengebäude zu laufen, das eigentlich das Waarenhaus des Händlers bildete, und in das den Engländer die Neugierde ebenfalls hineinzog. Dort ſah es ſchon etwas großartiger aus; Kaffee⸗ und Salzſäcke waren in einer Ecke aufgehäuft, wäh⸗ rend ſich an den Wänden hin, theils leere, theils volle Whiskey⸗ und Syrupfäſſer reihten, über wel⸗ chen ein ganzer Himmel voll geräucherter Hirſchkeulen, Schinken und Speckſeiten hing; über dieſen aber lagen wieder auf den Querbalken, die den obern Theil des Hauſes durchzogen, auf gekreuzten Bretern, Bären⸗, Hirſch⸗ und Waſchbär⸗, auch einige Otter⸗ felle, und auf der andern Seite aufgeſchichtete Wachs⸗ und Talgtafeln.. Die Männer traten wieder in den Laden zurück, und der Fremde bezeugte ſeine Verwunderung über 8 82. 243 die ungeheure Menge geiſtigen Getränks, welches die Leute hier in Arkanſas zu ſich nahmen, da keiner ein Glas, ſondern immer gleich eine Flaſche oder ein Quartmaß, das eben ſo viel enthielt, ver⸗ langte. Ja, lachte der alte Farmer, das hat wohl ſeinen Haken— Johny hier, mit dem gebogenen Daumen über die Schulter nach dem Wirthe zeigend— darf keinen Whiskey im Einzelnen ausſchenken, wenn er ihn aber beim Quart verkauft, ſo iſt das natürlich nicht im Einzelnen, d. h. beim Glas, und die Leute können trinken was ſie wollen, das andere laſſen ſie ſtehen, ſauer wird's nicht und umſonſt hat Johny auch nicht den Trichter auf dem Faſſe! Aber wollen wir nicht lieber zum Gerichtshaus zurückgehen? frug der Fremde jetzt, ich bin doch neu⸗ gierig wie der Fall wird entſchieden werden! Iſt ſchon geſchehen, fiel ihnen ein Anderer in die Rede, der eben von dort anlangte; die Jury kam gerade von ihrer Berathung zurück! Und das Urtheil? frugen Alle, neugierig herbei⸗ drängend. 3 Nicht ſchuldig! Seht Ihr, lachte der Farmer, ich wußt's wohl, ttten nicht Beweiſe genug gegen ihn; übrigens, 16* unter uns geſagt, trau' ich dem Burſchen ſelber nicht ſo recht, und bin geſonnen tüchtig aufzupaſſen; er⸗ wiſch' ich ihn aber auf einem faulen Pferde, dann kann er ſich gratuliren. Es iſt wahr, fuhr er nach einer kleinen Weile fort, indem ſie das Wirthshaus oder vielmehr den Laden, verlaſſen hatten, und langſam auf einem aus⸗ gehauenen Waldwege dahin ſchlenderten, es iſt wahr, es lebt hier in der Gegend viel Geſindel; die alten Staaten haben uns einen großen Theil ihrer Hefe hierher geſandt, damit wir ſehen könnten wie wir mit dieſen Pack fertig würden; aber es iſt doch ein möglicher Fall daß der Mann unſchuldig ſein kann, und auf einen bloßen Verdacht hin dürfen wir Keinen verurtheilen. Aber wie gefällt Ihnen unſer Gerichts⸗ weſen? kurz und bündig, nicht wahr? Ein wenig zu bündig faſt; die Freiheiten, die man ſich mit dem Judge— Ha, ha, ha, lachte der Alte, Sie meinen den Jungen? ja du lieber Gott, das junge Volk wächſt hier im Walde auf; ein Gerichtstag, eine Betver⸗ ſammlung, oder einer unſerer gewöhnlichen frolics, ſind faſt die einzigen Gelegenheiten, wo ſie ein Dutzend Menſchen beiſammen zu ſehen bekommen; d werden ſie denn natürlich ein wenig unge 245 ſonſt ſind ſie aber gut und fleißig, und das iſt Alles was wir hier im Walde brauchen. Kann denn Jeder, wenn er auch fremd iſt, zu dieſer Jury genommen werden? fragte der Engländer. Ei bewahre! entgegnete Jener, nein, er muß hier im County angeſiedelt ſein, wenn er aber nur einen Fuß breit Landes hat, ſo gehört er mit dazu; doch wie wär's wenn wir umkehrten? es ſollte heute noch eine Schlägerei verhandelt werden; die Fälle ſind gewöhnlich intereſſant. Von Herzen gern, entgegnete der Fremde, als ſie ſich wandten und jetzt wieder, am Wirthshaus vorbei, den Weg nach dem Courthauſe einſchlugen, was aber machen jene Männer dort an dem Feuer? die ſcheinen ja emſig beſchäftigt! 'S iſt Mittag vorbei, erwiederte der Farmer, und da die meiſten von ihnen zehn, ja funfzehn Meilen entfernt wohnen, ſo müſſen ſie ſich ihr Eſſen ſelber herrichten; doch wir wollen ein wenig näher gehen! Zum Feuer tretend, fanden ſie die Meiſten ſchon geſättigt umhergelagert, Viele aber waren noch be⸗ ſchäftigt bei einem gewaltigen glühenden und flackern⸗ den Holzhaufen theils Stücken Fleiſch oder Käſe an einem Stecken über die Gluth zu halten und zu ſchmo⸗ ren, um aus dem letzteren ein ſogenanntes welch rabbit zu bereiten, theils Blechbecher auf die Kohlen zu ſetzen, mit einer heißen Taſſe Kaffee den Geſchmack des fetten Fleiſches, das ſie vielleicht ohne Brod hatten verzehren müſſen, hinunter zu ſpühlen. Das Völkchen war übrigens luſtig und guter Dinge und überall verriethen noch halbvolle oder auch ſchon ganz geleerte Blechbecher wie vortrefflich ſie die Zeit bis jetzt benutzt hatten. Aber ſagt einmal, lieber Freund, begann der Fremde endlich, noch einmal ſtehen bleibend und auf das niedere Land um ſich her zeigend, iſt denn der Platz hier nicht fürchterlich ungeſund? Man ſieht keinen Hügel, keinen Berg, Alles flach und, obgleich jetzt trocken, doch ſcheinbar ſumpfig— werdet Ihr hier nie krank? Krank? i nun, was man ſo krank nennt, ent⸗ gegnete der Amerikaner, wohl ſelten, ein Bischen kaltes Fieber möchte Alles ſein, was dann und wann die hier Wohnenden abſchüttelt; haben ſie das aber überſtanden, ſo ſind ſie immer wohler wie vorher. Und in welchen Monaten graſſirt dies haupt⸗ ſächlich? Am ſchlimmſten wohl im Sommer, doch bindet es ſich eigentlich an keine Zeit, wir haben auch dann 4 und wann im Winter kleine Anzeichen davon. 247 Daß ſich Gott erbarme, unterbrach ihn, mit etwas fremdartigem Dialekt, ein hinzutretender Mann, der die letzte Rede gehört hatte— es war ein Deutſcher — daß ſich Gott erbarme, hol' Euch Amerikaner doch der Böſe. Ihr bleibt Euch überall gleich, und wenn Ihr Euer ganzes Leben lang die Wahrheit redet, ſobald Euch Einer über die Geſundheit des Landſtrichs fragt, in dem Ihr lebt, lügt Ihr wie ge⸗ druckt. Kleine Anzeichen? mein lieber Herr, wandte er ſich an den Fremden, es giebt kein ungeſunderes Loch auf Gottes weiter Welt, als dieſe Sümpfe— acht Monate im Jahr ſtehen ſie unter Waſſer und im Juli und Auguſt, wo dieſe Maſſe von Feuchtigkeit auftrocknet, iſt es ſo ungeſund hier, daß die Fröſche und Schlangen das kalte Fieber kriegen; Ihr könnt ſie im Laub ſchütteln hören, und der Mann hier redet von kleinen Anzeichen! Der Amerikaner lachte! Seht Euch nur ein Wenig zwiſchen den Menſchen um, unter denen Ihr Euch befindet, wie blaß und elend ſie ausſehen, und wie alle Augenblicke hie und da Einer nach ſeinen Fingernägeln ſchaut, ob nicht die Anzeichen des Fiebers bald kommen. Hol' mich Dieſer und Jener, wenn hier fünfe unter der ganzen Menſchenmaſſe ſind, die kein kaltes Fieber haben! 248 Hoho— rief der Farmer— Ihr übertreibt! Uebertreiben? Wilkens, ſeid aufrichtig und ſagt, ob man die Beſchreibung des Fiebers hier über⸗ treiben kann? Um Gottes Willen, lachte Jener, ſo arg iſt's doch noch nicht! Nun wie arg ſoll's denn werden? Ihr verlangt wohl, daß es Euch aus Euren Schuhen herausſchüt— teln ſoll? und das thut's jetzt ſchon, wenn Ihr ſie nicht recht feſt bindet; aber darin ſeid Ihr Euch Alle gleich, Männer und Frauen. Sei die Gegend wie ſie wolle, kommt ein Fremder zu Euch, ſo iſt's immer „ziemlich geſund“.— Wie ging mir's voriges Jahr, ehe ich mich hier drüben anſiedelte? Da kam ich aus den Red River Bergen nach Oiltrove Bottom herun⸗ ter; der unermeßlich reiche Boden ſagte mir zu, nur geſiel mir das bleiche Ausſehn der Bewohner nicht recht, und auf alle meine Erkundigungen konnte ich nichts Genaues über den Geſundheitszuſtand erfahren. Eines Abends, die Sonne war am Untergehen, komme ich in eine Hütte, wo eine Frau allein am Kamin ſaß, die vor Froſt ſchüttelnden Hände— es war im Auguſt— über die Gluth haltend und am ganzen Körper bebend, vor der ſie erfaſſenden Krank⸗ heit. Kaum konnte ſie die wenigen Begrüßungsworte 249 hervorſtammeln, ſo klapperten ihr die Kinnladen. Ich betrachtete ſie mitleidig eine Zeit lang, endlich frug ich:„Es iſt wohl hier recht kränklich in der Niederung?— „Hie— ie— ie—ier n— ich—t“, ſagte ſie, wäh⸗ rend ihre Zähne wahrhaft lebensgefährlich zuſammen⸗ ſchlugen und ich nur Angſt hatte, ſie würde die Zunge dazwiſchen bekommen, die unrettbar verloren geweſen wäre,„a— a— a— b-— er“, fuhr ſie fort,„da wei— ei — ei—t—er hin— in in— ein ein— ein!“ Da hört doch Alles auf! Die beiden Männer lachten und der Amerikaner antwortete: Nun ja, geſund iſt's hier freilich nicht, die Fieber ſetzen beſonders den Fremden ſehr zu; man gewöhnt ſich aber an Alles! Nicht ans Schütteln! meinte der Deutſche. Doch wir wollen zum Verhör zurück gehn, es wird ſonſt zu ſpät. Es hat ſchon lange angefangen! verſicherte Jener und alle Dreie ſchritten ſchnell dem nicht ſehr ent⸗ fernten Hauſe zu. Die Thür ſtand offen und-mit Mühe erhielten ſie noch einen Platz, von dem ſie Alles überſehen konnten. Der Fall war, daß zwei Anſiedler mit einander 250 Streit bekommen hatten, und nun ſollte der Eine eine drohende Bewegung gegen den Andern gemacht haben, der dieſer aber, nicht geſonnen den gefürch⸗ teten Schlag abzuwarten, mit einem ſo zeitgemäßen und zweckmäßigen Stoße begegnete, daß der Ge⸗ troffene bewußtlos zu Boden ſtürzte.— Mehre Männer waren dabei geweſen und Einer von dieſen zur Grand Jury*) berufen, mußte alſo die Klage anhängig machen; der Geſchlagene hätte nie ge⸗ klagt. Der auf ſolche Weiſe Beſchuldigte nun, gegen welchen der State's attorney eben wieder eine don⸗ nernde Vernichtungsrede gehalten, daß ein gerade hinzu Kommender kaum anders glauben konnte, als der Verklagte müſſe wenigſtens Raub und Mord begangen haben, hatte ſich ebenfalls einen Advocaten für die gewöhnlichen Gebühren der Advocaten(fünf Dollar) genommen, und dieſer befand ſich eben jetzt in der Mitte ſeiner glänzenden Vertheidigungsrede. Leider mußte er freilich dem Whiskey an dieſem Morgen ein wenig zu ſtark zugeſprochen haben, denn *) Grand Jury, ein Gericht von Geſchworenen gewählt, die unter ihrem Eid Alles in Unterſuchung bringen müſſen, was, ihres Wiſſens nach im County, ſeit der letzten Gerichtszeit ge⸗ ſchehen war und von dem ſie gehört oder das ſie geſehen haben. 251 ſein Geſicht glühte und ſeine Zunge war ſchwer; ſonſt hielt er ſich aber noch kräftig genug auf den Füßen. Gentlemen of the Jury, fuhr er fort, als er den eben Eintretenden, der Unterbrechung wegen, einen grimmigen Blick zugeworfen— Gentlemen of the Jury, Sie ſind gewiß die Letzten, die einen Bürger von Arkanſas verdammen wollten, weil er eine Beleidigung gerächt hat! Wer iſt unter Ihnen Gent- lemen of the Jury, der nicht daſſelbe gethan, wer unter Ihnen, der nicht in ähnlichem Fall daſſelbe thun würde? O, mein Client iſt ſicher— Sie ver⸗ dammen ihn nicht, Sie können ihn nicht ver⸗ dammen, die beleidigten Menſchenrechte würden ſonſt zum Himmel empor ſchreien. Nein, Männer von Arrkanſas, die Zeiten ſeien fern, wo das freie Recht des Bürgers, die Selbſtvertheidigung, geſchmälert würde; die Zeiten ſeien fern, wo ein Gericht von zwölf Mitbürgern einem Freund Strafe auferlegen ſollte, weil er das vertheidigt hat, was Jedem das theuerſte und liebſte ſein muß— ſeine Ehre. Gent- lemen of the Jury, mein Client hat nur ſeine Pflicht gethan, und ſie ſollten ihn darum ehren, nicht ihn verdammen! Auf dieſe Art fuhr er mit immer wachſender Begeiſterung fort zu reden, bis ſeine Gründe und Kräfte endlich erſchöpft waren. Er rief jetzt ſeine Zeugen auf; die Stimmung der Zuhörer wurde aber eine ſehr heitere, als die Ein⸗ zelnheiten des Kampfes und die Urſache des Streites, der um ein Stückchen Kautaback begonnen hatte, zur Sprache kam, wie Dieſer behauptete, er hätte ihn unter dem Ohr, und Jener, er hätte ihn über dem Ohr getroffen, wie ſich der Eine auf das ſchnelle Hinſtürzen, der Andere auf einen blauen Fleck bezog. Der Richter mußte mehre Male des lauten Ge⸗ lächters wegen, Ruhe gebieten. Die Jury ging endlich hinaus, kehrte aber ſehr bald wieder zurück und die „beleidigten Menſchenrechte“ hatten nach des Ver⸗ theidigenden Worten, vollkommen Urſache zum „Himmel zu ſchreien“; denn der Verklagte war zur Bezahlung der Koſten und einem Dollar Strafe verurtheilt. Jener ſchien aber die„Männer von Ar⸗ kanſas mit Verachtung zu ſtrafen; denn er ging, da überdies ſchon die Sonne auf den Wipfeln der Bäume ruhte, dem Wirthshaus zu und vollendete mit dem Whiskey, was er am Vormittag begonnen hatte, Vergeſſenheit alles Aergers zu ertrinken. Der Engländer beabſichtigte an demſelben Abend noch über Whiteriver zu ſetzen um im Oiltrove⸗ V 1 253 bottom zu übernachten, und ſein Pferd am Zügel führend, ſchlenderte er in Begleitung des Deutſchen und Amerikaners dem ſteilen Flußufer zu, die Fähre zu erwarten, die eben wieder vom jenſeitigen Ufer abſtieß. Die drei Männer waren übrigens in heftigem Argumentiren begriffen; denn dem Engländer wollte das Recht der Selbſtvertheidigung, wie es jener Advocat ausgelegt, gar nicht in den Kopf, und er frug endlich: Warum beſtraften ſie denn den Mann, wenn das Geſetz vorhanden iſt? Weil er nicht beweiſen konnte, daß Jener nach ihm geſchlagen, ja nur ernſtlich habe nach ihm ſchlagen wollen, erwiederte der Amerikaner, wäre das geſchehen, ſo hätte er Nichts zu befürchten gebraucht. Ja in der Hinſicht haben ſie hier zu Lande ſon⸗ derbare Geſetze, lachte der Deutſche. Sonderbar? frug der Amerikaner verwundert, ſonderbar? habt Ihr denn die etwa in Deutſchland nicht? dürft Ihr nicht, wenn Euch Jemand einen Lügner heißt oder gar Hand an Euch legt, was übrigens nicht ſchlimmer iſt, den Schlag erwiedern? J bewahre, entgegnete Jener, die Strafe behält ſich das Geſetz vor! 254 Der Amerikaner ſchüttelte ungläubig den Kopf. — Ihr dürft nicht einmal den Schlag erwiedern, den Ihr bekommt frug er endlich halb erſtaunt, halb zweifelnd. Nein! ſag' ich Euch, Mann, nein— wenn wir Genugthuung haben wollen, ſo müſſen wir— den Geſetzen nach— den Beleidigenden verklagen. Und in dem Lande leben noch Menſchen! rief der Amerikaner erſtaunt aus, da lob' ich mir Arkan⸗ ſas. Geht zum Henker mit Euren alten Ländern; beleidigt mich hier Einer, ſo bin ich der Letzte, der nach Hülfe ruft— laß den ſchreien, der angegriffen hat, er wird bald Urſache dazu haben, und ſchlägt mich Einer, nun ſo verſuche ich meine Fäuſte ſo lange an ihm, bis er„genug“ ruft. Doch— was geht's mich an, ich will mich nicht drüber ärgern; iſt's Denen recht, die da wohnen, gut! aber— dort landet die Fähre, unterbrach er ſich, und wenn Ihr noch heute Abend Williams Haus erreichen wollt, ſo müßt Ihr ſcharf reiten— Ihr könnt übrigens nicht fehlen, es iſt das erſte zweiſtöckige links. Damit dem jungen Manne herzlich die Hand ſchüttelnd, welchem Beiſpiele der Deutſche folgte, kehrten ſie wieder zum Städtchen zurück, während der Engländer ſein Pferd und ſich der Fähre, die nur aus einem ſchmalen Boot, 25⁵ von zwei Ruderern fortbewegt, beſtand, anvertraute und bald darauf am andern Ufer des Fluſſes in dem dicken Schilfbruch, der ſich bis ins Waſſer hinein⸗ drängte, verſchwand. Es mochten acht Monate nach dieſem Tage ver⸗ floſſen ſein, als derſelbe junge Europäer ſich von New⸗ Orleans aus, auf ſeinem Wege nach Teras befand, um theils in Houſton alte Bekannte aufzuſuchen, theils auch ſelbſt einmal das vielgeprieſene und gerühmte Land kennen zu lernen. Das Dampfſchiff„Cuba“ flog mit zauberhafter Schnelle den breiten, angeſchwollenen Strom hinab, und eben hatten ſie die letzten menſchlichen Woh⸗ nungen an der Mündung des Miſſiſſippi, Häuſer im Schlamm auf Pfählen erbaut, wie das im Waſſer ſchwankende Schilf, das die ſcheinbaren Ufer bildete, hinter ſich gelaſſen und fuhren hinaus in den ſchönen blauen merikaniſchen Golf, als der junge Mann, der müßig auf dem Deck umherſchlenderte und die Geſich⸗ ter der vorn am Bugſpriet verſammelten Deckpaſſa⸗ giere, mehr der langen Weile als eines ſonſtigen Zweckes wegen, muſterte, eine bekannte Phyſiogno⸗ mie unter ihnen zu entdecken glaubte. Es war ein verſchmitztes, ächt amerikaniſches Geſicht, deſſen graue, lebhafte Augen Alles forſchend beobachteten, 256 und auch mehremale den ſeinigen, gerade nicht zu⸗ fällig, zu begegnen ſchienen. Immermehr glaubte der Engländer überzeugt zu ſein, den Mann ſchon ein⸗ mal irgendwo geſehen zu haben, oder ihn gar zu ken⸗ nen, und ging endlich auf ihn zu und ſprach ihn, ſich entſchuldigend, deshalb an. Dieſer ſtreckte ihm aber ſogleich ganz freundlich und zutraulich die Hand entgegen und verſicherte ihm, daß er ihn augenblicklich wieder erkannt habe. Aber wo— ich entſinne mich wahrhaftig nicht! Mein Name iſt Netley, lachte der Amerikaner, ich war in Unterſuchung in Eliſabethtown, als Sie dort durchkamen— die alberne Geſchichte mit den Schweinen, Sie erinnern ſich wohl noch? Ach— Mr. Netley, rief der Engländer, dem jetzt der ganze Vorfall wieder klar und deutlich vor Augen ſtand, als er den Verklagten auf derſelben Bank mit ſeinen Advokaten hatte ſitzen ſehn.— Gefällt's Ihnen denn nicht mehr in Arkanſas? wollen Sie noch weiter weſtlich? J, gefallen hat's mir ſchon in Arkanſas, entgeg⸗ nete Netley, einen flüchtigen Blick umherwerfend ob ſte allein wären, aber die dumme Geſchichte wurde noch ein Mal aufgerührt und— — 257 Das war ja ſchon Alles abgemacht, ehe ich den Ort verließ, ſagte der Engländer verwundert. Nun ja, fuhr Netley fort, doch wie geſagt, ſie rührten's wieder auf. Es fanden ſich einmal in der Nähe meines Hauſes ein paar Schweinsohren mit einem verkehrten Zeichen daran, Gott weiß welcher Hund ſie mir zugeſchleppt hatte, und da ſchloſſen die Nachbarn gleich aufs Schlimmſte. Als ſie übrigens nichts beweiſen konnten, redeten ſie von— Lyn⸗ chen, fuhr er mit noch leiſerem Tone fort, und da hielt ich es doch fürs Beſte mich einmal in Teras umzuſehen; ich bin ein wenig eilig von Hauſe fort und habe ſelbſt meine Frau und Kinder noch dort laſſen müſſen, doch ſo viel leichter finde ich jetzt einen paſſenden Platz für uns, und kann ſie ſpäter abholen. Oder nachkommen laſſen, fiel lachend der Eng⸗ länder ein. Nun ja, auch das, ſchmunzelte Netley, es iſt bequemer. Aber ſagt mir einmal aufrichtig, Netley, frug ihn der Fremde jetzt, indem er ihm zutraulich die Hand auf die Achſel legte, wie war es damals mit der alten Geſchichte?— mit dem Zeichenverändern meine ich — die Jury ſprach Euch frei, aber ſagt mir— unter uns— ſeht, wir ſind jetzt ſchon faſt auf teja⸗ 17 Gerſtäcker, Miſſiſſippi⸗Bilder. II. 258 niſchem Gebiet, Nichts zu ſehn, als Himmel und Meer, ſelbſt die letzten Häuſer der Vereinigten Staaten ſind verſchwunden— nicht wahr, die Schweine hattet Ihr umgezeichnet? Sir? fragte Netley, halb mit beleidigtem Chr⸗ gefühl, ich ſchwur, daß ich's nicht gethan! Ja, Ihr ſchwurt, und kamt frei— ich dachte aber damals— Nun hört, lachte Netley vor ſich hin, den Eng⸗ länder am Handgelenk faſſend und zu ſich ziehend— es iſt wahr, wir ſind jetzt ſo gut wie in Texas, und mir iſt's einerlei, ob ſie's einmal in Arkanſas erfahren, oder nicht; ja im Gegentheil,'s iſt mir jetzt noch lieber, ärgert ſie's doch. So hört denn nochmals, ich habe nicht falſch geſchworen, würde nie ſolche Sünde auf mein Gewiſſen laden und möchte nicht, daß Ihr ſo böſe von mir dächtet, und ich ſchwör's Euch noch⸗ mals zu, ich habe die Schweine nicht gszeichnet, aber— fuhr er, ſich vertraulich lächelnd zu ihm über⸗ biegend fort, ich— habe ſie gehalten und meine Frau hat's gethan. geben, die einſame Hütte aufgeſchlagen hatte und Der Fluch. Im Weſten der vereinigten Staaten von Nord⸗ amerika, wo der Arkanſas den geſchmolzenen Schnee der Felſengebirge dem Miſſiſſippi zuwälzt, lebte an deſſen Ufern, unfern der Cadron⸗Mündung, und ſchon vor langen, langen Jahren, ein junger Back⸗ woodsman, der, dem Charakter ſeiner ganzen Race folgend, hier mitten im Wald, von Indianern um⸗ ſein kleines Feld ſo ruhig und furchtlos bebaute, als ob er ſich inmitten der Civiliſation und im Schutz der Geſetze befände. 1 Seine Frau(eine jener ſanften ſchlanken Geſtala ten, die, der ganzen Welt unbekannt, wie liebliche Blumen im Walde blühen und welken), ſeine alte Mutter und ſeine zwei Kinder, William, ein Knabe von acht, und Clara, ein Mädchen von zwei Jah⸗ 1* 7 9 ſoolch Leben, und da auch die Seinen keine ſolche 260 ren, bildeten den ganzen kleinen Familienzirkel. Sein aus wenigen Ackern Land beſtehendes Feld, wo er etwas Mais zu Brot und Pferdefutter zog, war bald beſtellt, und die übrige Zeit hatte er ſeine Büchſe auf der Schulter, und manche Hirſchhaut, manches Fell voll Bärenfett oder Honig, brachte er in ſeinem leichten Kanoe nach dem damals nur aus wenigen Häuſern beſtehenden Little Rock, dort ſich Pulver und Blei, Salz, Kaffe und Zucker, ſowie die nöthigſten Klei⸗ dungsſtücke für Frau und Kinder einzukaufen. Obgleich er aber auch Nichts für ſich ſelber fürch⸗ tete, und Kraft und Muth genug in ſich fühlte, den wilden Männern zu trotzen, mit denen er übrigens auf ziemlich freundſchaftlichem Fuße lebte, ſo beſchlich doch manchmal bange Sorge um die Lieben ſein Herz, wenn er, von der Jagd hinweg gelockt, fern von Haus im Walde übernachten mußte, und dabei der nur zu häufigen Mordthaten dachte, die ſogar erſt kürzlich wieder von herumſtreifenden Banden verübt worden waren. Endlich gewöhnte er ſich freilich an Furcht zu hegen, ja nicht einmal daran zu denken 2 ſchienen, ſo hütete er ſich wohl ſie erſt darauf auf⸗ merkſam zu machen. Monat nach Monat verging Koabei, ohne daß ihm das Mindeſte Verdächtige begeg⸗ 8 261 net wäre, und wie wir ja dann, ſobald wir eine Ge⸗ fahr verſchwunden glauben, dreiſter und zuverſichtlicher werden, ſo hielt er bald das, was ihn bis dahin mit banger Sorge erfüllt hatte, für eitel Grille und Tand und gab ſich nun, ſein Herz jeder weiteren Angſt abſichtlich verſchließend, um ſo eifriger der Jagd hin, die ihm in dem wildreichen Walde guten Ertrag ſicherte. Da traf er eines Tages, mit ſeinem Hunde durch den Wald ſchlendernd, eine ganz friſche Bärenfährte; der Hund folgte langſam, und etwa drei engliſche Meilen der Spur nachgehend, ſah er den Bär emſig beſchäftigt, mit den Vordertatzen das Laub unter einer Weißeiche wegzuſcharren, um die darunter ver⸗ borgenen ſüßen Eicheln zu erlangen. Er hatte jedoch das Krachen eines dürren Zweigs, auf den der Jäger unvorſichtig getreten, gehört, ſtellte ſich auf die Hinterbeine, und mit der rechten Vordertatze an dem Stamme der Eiche feſthaltend, ſicherte er auf⸗ merkſam umher. Obgleich nun Wilſon eigentlich noch nicht recht in Schußnähe war, wußte er nur zu gut daß die geringſte Bewegung ſeine Beute verſcheuchen würde; er hob alſo leiſe die Büchſe, zielte ſicher, und die Kugel fuhr der Beſtie in den Leib, ſank aber durch die 262 lange Entfernung und traf zu tief. Der Bär ſtürzte zwar und ſtöhnte kläglich, doch ehe ihn noch der Hund erreichen konnte, raffte er ſich wieder in die Höhe und verſchwand bald, von dieſem verfolgt, hinter den ſteilen Bergen. Langſam nur konnte Wilſon der undeutlichen Fährte über den unebenen felſigen Boden folgen, doch ſah er bei dem verlorenen Blute und der Farbe deſſelben, daß das Thier ſchwer verwundet ſei und nicht mehr lange aushalten könne. Wie groß war nun ſein Erſtaunen und ſeine Wuth, als er endlich ſeine Beute erſah, einen Indianer aber ſchon ruhig beſchäftigt fand, die losgeſchnittenen Fettſeiten in das abgeſtreifte Fell einzuwickeln, während ſein eigener Hund, ſein treuer Ponto, todt zu deſſen Füßen lag. In wenigen Sätzen war er an der Seite der Roth⸗ haut und faſt ſprachlos vor Wuth fragte er den Indianer: Wer tödtete meinen Hund? Iſt der graue Falke ein Lamm, daß ihn die 34 ihne eines Hundes ungeſtraft zerfleiſchen ſollten? fragte mürriſch der dunkele Jäger. Der graue Falke ſollte einen Weiberrock anziehen und mit den Frauen gehen, wenn ſie das Wild heim⸗ tragen; er iſt wie ein Aasgeier, der auf die Beute 263 des Jägers wartet, knirſchte Wilſon und faßte krampf⸗ haft den Griff ſeines Meſſers. Wer hat dem weißen Mann den Weg in unſere Jagdgründe gezeigt? knurrte der graue Falke— wäre Euer Hund jenſeit der Alleghani's geblieben, mein Tomahawk hätte ſein Hirn nicht gefunden— bah— es iſt nur ein weißer Hund, und während er noch ſprach, berührte ſein Moccaſin verächtlich den Körper des treuen Thieres. Da hielt ſich aber auch der Jäger nicht länger, und ehe der Wilde im Stande war einen Arm zu be⸗ wegen oder ſich dem ſo raſchen Angriff zu entziehen, fühlte er ſich ſchon im Griff des markigen Weißen und flog, von der Erde emporgeriſſen, hinweg über den Körper des Bären, daß er auf den dahinter liegenden ſpitzen Steinen zuſammenbrach. Aber ſchneller zuckte nicht der Blitz aus den dun⸗ keln Wolken, als der Krieger wieder auf den Füßen war, den Tomahawk ergriff und ihn nach der Stirn Wilſon's ſchleuderte. Die ſcharfe Waffe riß dieſem die Mütze vom Haupte, aber noch ſchärferer Stahl blinkte in der Hand des grauen⸗Falken, der ſich jetzt wie ein Tiger auf den, ſich deſſen nicht verſehenden Wilſon warf und ihm das Meſſer zwei Mal in den Leib ſtieß, ehe dieſer die eigene Waffe ziehen konnte. K 1 8 Wilſon, von viel kräftigerm und ſtärkerm Kör⸗ perbau als der Andere, faßte ſeinen Feind trotz der tödtlichen Wunden in die Arme, hob ihn vom Boden und ihn mit dem linken Arme feſt haltend, rannte er ihm ſein breites Jagdmeſſer drei Mal bis ans Heft unter dem Arm in die Bruſt und warf dann den Sterbenden auf die Leiche ſeines Hundes. Aber auch über ihn kam eine Schwäche und Mattigkeit, die ihm bald nicht mehr erlaubte aufrecht zu ſtehen. Das Blut quoll ihm in rothen Wellen unter dem Jagd⸗ hemde vor, und an den Fuß einer Fichte ſinkend, lag er eine Weile, faſt bewußtlos beide Hände auf die Wunden gepreßt, aus denen der dunkle Lebensſtrom langſam zwiſchen ſeinen Fingern durchrann. Noch einmal kehrte das Bewußtſein zurück, er verſuchte ſich aufzurichten, vermochte es aber nicht, und fühlte, daß ſein Ende nahe war; er wollte beten, aber ſeine Gedanken verwirrten ſich. Noch einmal rief er ſein Weib— ſeine Kinder— ſank dann zurück und hauchte mit ihren theuren Namen ſein Leben aus. Es wurde Abend, und ängſtlich ſah die Gattin oft zur Thür hinaus durch das kleine Feld, ob der 1 noch nicht heimkehre von der langen Jagd, 4 1 g 6 26⁵ denn er hatte keine Decke mitgenommen, und die Nacht war kalt und rauh! Die alte Mutter ſaß am Kamin, die Hände im Schooße gefaltet, und blickte ſtarr in die Gluth hinein, während die kleine Clara zu ihren Füßen ſpielte und ihr blondes Lockenköpfchen liebkoſend an der Großmutter Knie ſchmiegte, die dann, ohne die Augen vom Feuer zu wenden, ihre linke Hand auf des Kindes Kopf legte und mit den Fingern durch die krauſen Löckchen fuhr. Ich weiß nicht, Mutter, begann die junge Frau, mir iſt es heute Abend ſo ſonderbar zu Muthe. Wilſon iſt doch ſchon oft Abends ausgeblieben, aber nie war mir's ſo beklommen, ſo unheimlich wie ge⸗ rade heute. Der Wind blies heute Nachmittag recht ſtark, es wird ihm doch wohl durch ſtürzendes Holz kein Unglück zugeſtoßen ſein? Ich wollte, er wäre da; wo auch nur William bleibt, die paar Kolben Mais zu holen nimmt er ſich gar lange Zeit. Nun, er wird wohl kommen, ſagte die Alte, wer weiß, ob ihn nicht eine Fährte ein Stück weit in den Wald hineingelockt hat, und da möchte es wohl dunkel werden ehe er zurückkehrt; bereite lieber das Abendeſſen; das Herumlaufen wird ihn hungrig gemacht haben. 266 William kam jetzt mit dem Mais aus dem Felde, fütterte das Pferd und trat dann in die Stube, wäh⸗ rend ſeine Mutter die Pfanne mit dem Maisbrot auf die Gluth ſetzte und den Deckel derſelben mit leben⸗ digen Kohlen belegte. Komm William, rief ſie ihm zu, bringe mir noch ein wenig Holz zum Haus, ehe es ganz dunkel wird, und lege auch die beiden heruntergefallenen Stangen auf die Fenz, daß mir nicht wieder die Kühe herein⸗ ſpringen, wie letzte Nacht, wo ſie uns unſern beſten Salzſack zerkaut haben. Es wurde jetzt völlig dunkel; die junge Frau ſetzte ihr Spinnrad auf die Seite, ſteckte die voll⸗ geſponnenen Spulen in eine der Spalten in die Wand und trat dann noch einmal in die Thür, um den geliebten Mann vielleicht zu erſpähen. Glücklich war ſie, daß ſie die Fichte nicht ſchauen konnte, an deren Fuße ihr Gatte, bleich und ver⸗ blutet, ausgeſtreckt lag. Es war eine dunkle Nacht; der Himmel hatte ſich umzogen, und ſchwere Wolkenmaſſen rückten ſchwärzer und ſchwärzer aus Weſten über den grünen Fichtenwald herauf. Komm, Mutter, ſagte endlich William, wir wollen eſſen, Vater kommt heute Abend nicht mehr, 267 es iſt ja ſo dunkel draußen, daß man ſeine Hand nicht vor Augen ſehen kann, und wäre er auch jetzt nur noch eine halbe Meile entfernt, er müßte liegen bleiben.. Blas doch einmal das Horn, bat die Mutter, es ſchallt weit, und wenn er es hören kann kommt er gewiß. Du haſt recht, ich dachte nicht an das Horn, rief Anna, nahm es ſchnell aus der Ecke, und ſich in die Thür, gegen die Richtung ſtellend, nach der ſie ihren Mann vermuthete, blies ſie mehre ſtarke, abge⸗ brochene Töne, die weit hinaus in die todtenſtille, dunkle Nacht ſchallten. Als die Töne verklungen waren, horchte Anna lange, die antwortende Stimme ihres Gatten zu hören, und wieder und wieder tönte das Horn, als Ruf dem Geliebten. Er kam nicht, und unzufrieden und geängſtigt ſetzten ſich die beiden 8 Frauen mit William zu Tiſche. Am Morgen deſſelben Tages, an welchem der Häuptling und Wilſon jenen ſo bös endenden Streit hatten, wanderten drei junge Indianer die Ufer des Cadron hinunter, um ihren Vater, den grauen Fal⸗ ken, an einem bezeichneten Platze zu treffen. Angekommen an Ort und Stelle, zündeten ſte ein Feuer an, und bald ſtaken lange Hölzer, an denen breite Stücken Hirſchfleiſch befeſtigt waren, um die Flamme herum, den Hungrigen ein leckeres Mahl verſprechend! Sieh, wie dort die Aasgeier jenem Thale zuflie— gen, ſprach einer der Jäger, ich will hingehen und ſehen, ob vielleicht ein Panther einen Hirſch über⸗ liſtet, oder ob des grauen Falken Büchſe den Geiern eine Mahlzeit bereitet hat. Er nahm ſein Gewehr aus dem Graſe und verſchwand bald im Dickicht. Das Fleiſch war gar, und ſchon hatten die Brü⸗ der ihre Mahlzeit beendigt, als der Aelteſte zurück⸗ kehrte, einen friſchen Scalp an ſeinem Gürtel, und ſeine Leggins und Moccaſins voll Blut. Seine Blicke kündeten Entſetzliches. Die beiden Brüder ſprangen wild aus dem Graſe empor, und ihre Büch⸗ ſen ergreifend, folgten ſie dem Voranſchreitenden, ohne auch nur einen Laut von ſich zu geben oder eine Frage zu thun. Um eine Felsecke biegend, bot ſich ihren Blicken das Schlachtfeld jener zwei Unglück⸗ lichen dar. Wah! ſchrien beide, in gleicher Zeit zurück⸗ ſchreckend. Es war ein fürchterlicher Anblick, ein ent⸗ ſetzlicher Flecken in der wunderſchönen Natur, und ſelbſt die Sonnenſtrahlen, welche die blutige Gruppe S 269 beleuchteten, vermehrten das Schauderhafte, als ſie ſich in den großen Pfützen geronnen Blutes abſpie⸗ gelten. Der zuerſt Gekommene hatte ſeinen Vater von der Leiche des Hundes genommen und aufrecht gegen den Stamm einer kleinen Eiche geſetzt, den Weißen aber ſcalpirt, der ein Stückchen von dem Andern entfernt lag und auf den die Aasgeier, von den näherkommen⸗ den Indianern verſcheucht, ſich ſchon wieder nieder⸗ gelaſſen hatten, ihre ekelhafte Mahlzeit zu verzehren. Langſam und feierlich begannen die Brüder ih⸗ ren Todtentanz um den Erſchlagenen, prieſen in wilden Geſängen ſeinen Muth im Kampfe, ſeine Liſt auf der Jagd, und endeten damit, blutige Rache dem Hauſe des Mörders zu ſchwören. Mit ihren Toma⸗ hawks gruben ſie nun ein flaches Grab, legten die Leiche ihres Vaters nebſt Schießbedarf und Büchſe hinein, und bedeckten das Ganze mit etwas Erde und ſchwe⸗ rem Holze, das ſie herbeiſchleppten, die Wölfe zu verhindern die Leiche wieder auszuſcharren. Die Urſache des Kampfes wurde ihnen nicht ſchwer zu errathen; der erlegte Bär, der erſchlagene Hund, der Tomahawk, der, von der Hand des Häuptlings geſchleudert, in einer Fichte ſaß, die Fußtapfen, wo ſie gerungen hatten, die Meſſer⸗ 270 wunden an beiden Leichnamen, ließ die ſcharfſinni⸗ gen Söhne der Wildniß bald Alles ziemlich genau beſtimmen; aber Rache, furchtbare Rache wurde der Familie des Unglücklichen gelobt, deſſen einſt ſo ſtar⸗ ker Arm, jetzt von Aasgeiern benagt, die Sahidachen nicht mehr beſchützen konnte. Dieſes beendigt, brachen ſie auf, der Aelteſte voran, die andern beiden in ſeinen Fußtapfen fol⸗ gend, nur Ein Ziel im Herzen— den Wigwam des bleichen Geſichts— nur ein Gefühl aus den dun— keln Augen blitzend, das der furchtbarſten Rache. Düſtere Wolkenmaſſen lagen aber im Weſten aufgethürmt und wuchſen höher und höher; die Sonne ſank und ſchwarze Nacht lagerte ſich auf die Wälder. Noch aber waren die dunklen Geſtalten mit ihren Gedanken von Rache und Zerſtörung zu weit von dem erſehnten Ziel, um Hoffnung zu haben, es in dieſer Nacht zu erreichen, denn dichte Finſterniß machte jedes Vorſchreiten in dem mit dornigen Schlingpflanzen und wilden Weinreben durchwach⸗ ſenen Walde zur Unmöglichkeit, da ſie nicht einmal mehr der Richtung folgen konnten, in der die Hütte liegen mußte. Ein Feuer war angezündet, und ſchon lagerten die Krieger ſchweigend an der praſſelnden Flamme, — 271 jeder mit ſeinen eigenen düſteren Gedanken beſchäf⸗ tigt, als der deutliche klare Ton eines Horns durch die faſt lautloſe, gewitterſchwangere Luft drang. Alle verſtanden die Abſicht des Zeichens, und ein teufliſches Lächeln durchzuckte ihre dunklen Ge⸗ ſichter, als ſie, die Büchſen ergreifend, dem Laute folgten, der den geliebten Gatten zurückrufen ſollte. Clärchen war ſchon lange bei ihren Spielen am Kamine ſanft eingeſchlafen, und lag, dicht an die große weiße Katze angeſchmiegt, die ſich behaglich knurrend an ihre Seite drückte, auf der Erde, das Köpfchen auf einen der kleinen, weißen Arme gelegt. Obgleich aber der Truthahn ſaftig gebraten, und Hirſchfleiſch und Honig ſonſt eine Lieblingsſpeiſe der ganzen Familie war, wollte doch heute kein Biſſen den beiden Frauen ſchmecken, nur William haute tap⸗ fer ein und meinte, Vater ſei ſchon ſo oft im Sturme draußen geweſen und es wäre ihm nichts paſſirt, er werde alſo diesmal auch morgen früh wieder heim⸗ kommen. 1 Was man wünſcht hofft man, und die Frauen ließen ſich gern durch den Kleinen tröſten; dennoch ging Anna verſchiedene Male vor die Thür, blies einzelne Töne auf dem weit ſchallenden Horn, den Geliebten zurück zu rufen, und horchte dann auf⸗ merkſam, ach vergeblich, in die finſtere Nacht hinein. Der Sturm hatte jetzt ſeinen höchſten Punkt erreicht. Grelle Blitze zuckten durch den ſtöhnenden Wald und rollender Donner ſchmetterte ſein Siegeslied dazwiſchen. Die alte Frau hatte Clärchen vom Boden aufgehoben, das ruhigſchlafende Kind auf das Bett⸗ chen gelegt und leiſe zugedeckt, und trat eben zur Lampe, ſie ein wenig heller brennen zu machen, als draußen geklopft wurde. Der Vater kommt, ſchrie William, ſprang zur Thür, zog den Pflock heraus, riß dieſelbe auf, und — taumelte mit geſpaltenem Haupte zurück in die Arme ſeiner lautaufſchreienden Mutter. Wie Schatten ſchlüpften jetzt drei dunkle Geſtal⸗ ten in das Haus, und alle Schreckniſſe einer india⸗ niſchen Metzelei begannen. Die zarte, ſchmächtige Form der jungen Frau, von dem Streich eines To⸗ mahawk zu Boden geſchlagen, wurde vor das Kamin geſchleppt und dort mit teufliſcher Fertigkeit ſcalpirt, während der Zweite die Alte erfaßte und, ohne ſich erſt Mühe zu geben, ſie zu tödten, eben die Haare der vor Schrecken erſtarrten alten Frau um ſeine Hand wickeln wollte, als dieſe den Dritten der Unholde erſpähte, der das noch ſanft ſchlummernde Kind vom 273 Bette zog. Den Händen ihres Henkers entſpringend, ſtürzte ſie mit der Kraft der Verzweiflung auf den überraſchten Wilden, entriß ihm das Kind, und es ſich an die Bruſt drückend, flehte ſte den Unmenſchen um Erbarmen an. Der hungerige Panther, wenn das erjagte Hirſchkalb unter ſeinen Fängen klagt, zeigt daſſelbe Mitleiden.— Der größte der Räuber, mit der Linken das Kind packend, und die ſchwache Frau mit der Rechten zurückſtoßend, daß ſie taumelnd in die Ecke flog, ſchwang das hülfloſe, ſchwache Geſchöpf einmal in der Luft herum und ſchmetterte dann den blonden Lockenkopf gegen die rauhen Balken des Hauſes, daß Blut und Gehirn die Mörder beſpritzte. Die Großmutter war aufgeſtanden und ſah den ſchrecklichen Tod ihres Lieblings, aber das furchtbare Schauſpiel betäubte ſie nicht, ſie richtete ſich hoch auf und ſah ſo geiſterhaft dabei aus, daß ſelbſt die fühlloſen Wilden im erſten Augenblicke entſetzt einen Schritt zurücktraten. Da, die dürre Hand empor hebend, ſprach ſie in der Sprache der Chike⸗ ſaws:. Möge der große Geiſt Euch zeichnen und die wil⸗ den Thiere Eure Leiber zerreißen und Eure Knochen umhertragen; mögen die Aasgeier ſich an Eurem Gerſtäcker, Miſſiſſippi⸗Bilder. II. 18 8 274 Fleiſche ſättigen, und die Wölfe ihr Nachtmahl an Euren Gliedern halten! Die Tomahawks der Brüder waren geſchwungen, aber Aberglauben lähmte ihre Arme, ſie ſahen in der armen alten Frau, welcher der fürchterliche Tod von Allen, an denen ihr Herz noch hing, den Verſtand geraubt hatte, ein überirdiſches Weſen, eine, gewiſſer⸗ maßen dem großen Geiſte Verwandte. Mit Entſetzen flohen ſie von dannen, ſelbſt den Scalp des jüngſten Kindes zurücklaſſend. Die Großmutter hatte jetzt aber für nichts weiter Sinn als für ihren Liebling. Sie nahm das Kind auf, küßte es, trug es in der Stube herum und rief ihm die ſüßeſten Schmeichelworte zu. Komm Liebchen, ſieh mich nicht ſo ſtarr an, ſchlaf mein Püppchen— wie biſt Du ſo blutig im Geſicht — komm, ich will Dir eine Geſchichte erzählen und Dich einſchläfern, und wenn Du aufwachſt, kommt Dein Vater. Vater?— ja wenn Dein Vater eben hier geweſen wäre, Liebchen— Sieh nur, die Mutter i*ſt auch müde, ſie liegt dort auf der Erde und ſchläft, und der Bruder auch.— Eia popeia— und ſie ſchaukelte und wiegte den Leichnam des kleinen Lieb⸗ lings auf den Knien, ihn oft bittend, ſie nicht ſo ſtarr anzuſehen, und ein gutes Kind zu ſein und zu ſchlafen. 275 Einer der hölzernen Stühle war im Handgemenge in das Feuer gefallen und loderte hell auf; die Flamme züngelte erſt an den unterſten Balken des Kamins, der dürr und ausgetrocknet von der immer⸗ währenden Nähe des Feuers war, ergriff ihn endlich und fraß weiter und weiter, mit ihrem gluthrothen Lichte das ſchreckliche Schauſpiel beleuchtend. Der eine Theil des Hauſes ſtand ſchon ganz in Flammen, und noch immer wiegte die, ſich um nichts als ihren kleinen Leichnam bekümmernde Frau die Ueberreſte ihrer Enkelin in der Erwartung, daß dieſe die im Todeskampf weit geöffneten Aeuglein ſchließen möge. Immer näher kam die Flamme, die ſchon den Leichnam der Frau ergriffen, und ihre Kleider ent⸗ zündet hatte. Die Hitze wurde unerträglich. Komm Liebchen,'s iſt warm hier, Dich ſchwitzt, ſteh nur wie naß Du biſt, oder iſt das Blut?— es ſieht ſo roth aus, laß uns ein wenig vor die Thür zu den Kühen gehen, dann kommt Mutter und melkt ſie und der Bruder hält die Kälber. Spielend traͤt ſie mit dem Kinde in den faſt zu Tageshelle erleuchteten Hof, und hinter ihr ſtürzten die obern Balken des Hauſes ein, verrammelten den Eingang und ſandten Millionen von Funken gegen den dunkeln Nachthimmel. 18* 276 Die Alte bemerkte es gar nicht, ſie ſchaukelte und wiegte und ſang alte Lieder dazu, und als das Haus niedergebrannt, das Feuer verlöſcht war, als der kalte Nachtwind ihr ſcharf und ſchneidend durch die nur dünn bekleideten Glieder fuhr und der Leichnam in ihren Armen immer eiſiger wurde, ſchlich ſie damit vor Froſt zitternd, zu den noch glühenden Balken der Hütte, kauerte dort mit ihrer Laſt nieder und begann auf's neue ihren monotonen Schlafgeſang. So fand ſie andern Morgens die Sonne, als ſie über das grüne Blättermeer emporſtieg und den Schauplatz dieſer fürchterlichen That beleuchtete. Zur ſelben Zeit glitt auch ein kleines Canoe, von einem einzigen Manne gerudert, über den Fluß. Es war ein Freund Wilſon's, der am vorigen Abend wenige Meilen den Fluß hinaufgefahren war, und eben zurückgekehrt, die eingeäſcherte Hünte ſeines Freundes ſah. Er ruderte ſogleich hinüber, zu ſehen ob er viel⸗ leicht noch Hülfe leiſten könnte, und fand Tod und Wahnſinn auf die furchtbarſte Weiſe zwiſchen halb verbrannten Leichen vereint. Leicht errieth er die Thäter, denn ſchon manches Haus, manche Familie war durch die, auch ihrerſeits oft von den Weißen gereizten und mißhandelten Indianer vernichtet worden. 277 Er packte die alte Frau, die ſich ruhig alles ge⸗ fallen ließ was er mit ihr vornahm, ſo lange er nur das Kind nicht anrührte, das ſie, wie ſie ihm leiſe ſagte gern einſchläfern möchte, nebſt der Kindesleiche in das Canoe und fuhr damit den Fluß ungefähr vier Meilen hinunter, wo eine Schweſter der Gemordeten und ein Bruder ihres Mannes bei dem Vater der erſtern lebten. 0 Ungefähr dreißig engliſche Meilen über Arkanſas Poſt ergießt ſich ein kleiner Fluß in den Arkanſas, der, obgleich er an der Mündung unbedeutend aus⸗ ſieht, doch Hunderte von Meilen durch ein herrliches, fruchtbares Thal, an beiden Seiten durch ſteile, fichtengekrönte Berge begrenzt, dahin ſtrömt, und deſſen Wälder in früheren Zeiten von Wild wimmel⸗ ten. Auch jetzt noch ſchreitet manch ſtattlicher Hirſch durch den Fichtenwald, und der wilde Truthahn wiegt ſich Nachts in den hohen gewaltigen Eichen des Thals; ja der liſtige Panther treibt ſogar dort noch ſein Unweſen und ſchleicht ſich, in tückiſchem Hinter⸗ halt lauernd, der argloſen Beute nach, die ſeine Nähe nicht eher ahnt, bis ihm die todtbringenden Fänge die warmen Lebensadern öffnen. ☛ 7 7 5 278 An einem Arme dieſes Fluſſes lagerte im Früh⸗ jahre nach den Begebenheiten, die ich im letzten Kapitel erzählte, eine Schaar von Indianern aus dem Stamme der Chocktaws, und ein eigenes Bild lieferten dieſe bunt geſchmückten indianiſchen Grup⸗ pen, die ſtets das Lager belebten. Hier zogen Männer mit ihren Büchſen und Hun⸗ den, ja noch manche von ihnen mit Bogen und Pfeilen bewaffnet, zur Jagd aus, dort ſchafften andere das erlegte Wild herein und hingen es auf, von Allen waren die Frauen geſchäftig, die Beute abzuſtreifen, die Felle aufzuſpannen und zum Trock⸗ nen aufzuhängen, das Fleiſch zu räuchern, Bären⸗ fett auszulaſſen und in eigens dazu bereitete Hirſch⸗ felle zu füllen. Zuweilen ſah man auch wohl einen Haufen von Männern, Frauen und Kindern hinaus⸗ ziehen, die Männer mit ihren Tomahawks und Bei⸗ len, die Frauen mit hölzernen Trögen verſehen, um einen in der Nähe gefundenen wilden Bienenbaum umzuhauen, den Honig in den Trogen zum Lager zu nehmen und dort wie das Bärenfett in Häute zu füllen, und luſtig war es dann anzuſchauen, wie die kleinen, halbnackten Geſtalten der Jungen und Mäd⸗ chen, wenn der Baum ſtürzte, mit geſchäftiger Eile den mit faulem Holze unterhaltenen Rauch vor die ff. 43 279 Oeffnung, die den Ein⸗ und Ausgang der Bienen bildete, hintrugen, ja und dort unterhielten, trotz mancher, vom Rauch nicht vertriebenen ärgerlichen Biene, die den ſcharfen Stachel tief in ihr Fleiſch ein⸗ grub. Oder wenn ſie, im Fall die Bienen im erſten Augenblick zu bösartig waren, wie dies manchmal bei recht reichhaltigen Stöcken der Fall iſt, in jauch⸗ zender Luſt von den kleinen rachſüchtigen Feinden ver⸗ folgt, die Flucht ergriffen, und dann, um die Läſtigen los zu werden, mit keckem Sprunge durch die dickſten Büſche ſetzten, oder oft, wenn es nahe beim Waſſer war, ſich hineinſtürzten und untertauchten. Doch nicht alle gehörten zum Stamme der Chock— taws: drei Fremdlinge, von der andern Seite des Arkanſas, weilten unter ihnen. Es waren die drei Söhne des grauen Falken welche ſich, die Rache der weißen Nachbarn der gemordeten Familie fürchtend, in dieſe wilden Berge zurückgezogen hatten. Waren ſte aber auch im Allgemeinen freundlich mit dem fremden Stamme, ſo hielten ſie ſich doch lieber zu⸗ ſammen und jagten faſt ſtets allein. So wanderten ſie auch eines Morgens an der Südſeite der Hügel entlang, als die beiden Hunde, die ſie bei ſich hatten, aus einem Dickicht einen unge⸗ heuern Panther aufjagten. Doch ehe ihm einer von 8 8 2 ¹ — 280 ihnen eine Kugel zuſenden konnte, war das Thier außer Schußweite, und von den Hunden verfolgt, verſchwunden. Gleichen Schritt mit der Jagd zu halten, war nun wohl nicht möglich, doch behielten die Jäger die Richtung bei, alles kleinere Wild ver⸗ ſchmähend, und horchten nur den Lauten der Rüden, die ſie dann und wann, bald entfernter, bald näher, wie ſich gerade die Jagd wandte, hören konnten. Endlich gegen Abend, als die Sonne nur noch die oberſten Wipfel der Bäume vergoldete, die Staare ſchon ihren Ruheplätzen zuflogen und hier und da ein ſchwerfälliger Truthahn in die Zweige einer Fichte hinaufflappte, hatten die Hunde den Panther geſtellt und bellten und heulten gegen den Baum der ihnen den Feind verbarg. Faſt ganz erſchöpft von der ungeheuern Anſtren⸗ gung, kamen zwei der Jäger zuerſt auf den Platz. Der Aelteſte legte an, um zu ſchießen, aber von dem Laufen zitterte ihm die Hand— er machte einen zweiten Verſuch, und mußte abſetzen. Der andere, der den Panther ſchon Miene machen ſah vom Baume herunterzuſpringen, fürchtete eine Verlän⸗ gerung der Jagd, wo nicht gar den Verluſt des ſo mühſelig verfolgten Thieres, hob ſchnell die Büchſe und ſchoß. „& 281 Der Panther, ſchwer getroffen, fiel vom Aſte, auf dem er ſtand, blieb aber mit den Vordertatzen daran hängen und machte mehre vergebliche Ver⸗ ſuche, ſich wieder hinaufzuſchwingen, da bekam er die Kugel des Aelteſten, ließ los und ſtürzte herunter, wo er augenblicklich von den Hunden bedeckt wurde, die ihn ſchon lange, mit den Vorderpfoten am Baume aufgerichtet, heulend erwartet hatten. Aber das zähe Katzenleben war nicht ſo bald entflohen, als ſie der Sturz vielleicht glauben machte. Kaum von den Hunden berührt, erfaßte die Beſtie den einen und zerriß ihn im wahren Sinne des Worts, konnte aber dennoch nicht den andern abſchütteln, der ſich feſt eingebiſſen hatte und die Krallen, die ihm das Fleiſch durchwühlten, nicht achtete. Die Jäger, nicht willens, ohne auch nur einen Verſuch zu wagen, ihren letzten und beſten Hund einzubüßen, ſprangen in einem Augenblicke, hoch die Meſſer in der Hand, hinzu, den Panther den Todesſtoß zu verſetzen. Dieſer, die neuen Feinde gewahrend, befreite ſich mit einer furchtbaren Kraftanſtrengung von dem Hunde, der zu erſchöpft war, wieder anzufaſſen, und nur machtlos nach ihm ſchnappte, und warf ſich, ohne Zeichen von Furcht oder Flucht, mit Mord⸗ und Kampfluſt im Blicke auf die Jäger, die, feſt den An⸗ lauf erwartend, ihm die Meſſer vorhielten. Wohlmoch⸗ ten die kurzen Klingen in das Fleiſch eindringen, aber der Wuth der Beſtie und ihrem böſen Geſchick konn⸗ ten ſie nicht entgehen. Vom Stoße der Meſſer empor⸗ geriſſen, richtete ſie ſich auf die Hinterläufe und wie⸗ der vorſtürzend, ſchlug ſie mit einem Hiebe ihre gewaltigen Tatze den Leib des Einen der Brüder auf, daß er laut heulend zurücktaumelte, dann ſich auf den andern werfend, erfaßte ſie ihn und wollte auch ihn zerreißen, aber die Kräfte wichen, nur im Todeskampf noch packte ſie die Kehle des Unglück⸗ lichen, und beide ſtarben ringend und ſich in ihrem Blute wälzend. Der Jüngſte kam gerade noch zur rechten Zeit, den einen Bruder todt, den andern ſterbend zu ſehn. Da traf der Gedanke an den Fluch der alten Wahn⸗ ſinnigen ſein Herz mit erkaltendem Schlag. Manitou! ſchrie er, während die Büchſe ſeiner Hand entfiel— Manitou das iſt Bannwort der vom Geiſt Beſeſſenen— wehe uns— Manitou zürnt und wir ſind Nanabozhos Reich verfallen. Leichenfarbe überzog bei dieſen Worten das Ge⸗ ſicht des Verwundeten— er ſtöhnte tief— ſtreckte ſich, und war nicht mehr. Die Sonne ſank und tiefe Dämmerung lag auf 283 den ſtillen Wäldern; die Nacht fing ihr Reich an, denn nicht wie hier, wo wir den ungeheuern Ocean im Weſten haben und ſtundenlang die Finſterniß mit dem ſcheidenden Tage ringt, iſt es in den Wäldern öſtlich der Felſengebirge; die Sonne, kaum ver⸗ ſchwunden, ſcheint ihre Strahlen an ſich zu ziehen, und tiefe Nacht folgt ſchnell der untergegangenen. Der junge Krieger trug die Leichen ſeiner beiden Brüder dicht zuſammen, legte eine von ihren wolle⸗ nen Decken über ſie hin, häufte ſo viel Holz als er zuſammenſchleppen konnte, neben und auf ſie, die Raubthiere wo möglich abzuhalten, und floh den Platz. Er dachte an die wahnſinnige alte Frau und wagte nicht, bei den Opfern ihres Fluchs die Nacht zuzubringen. So lange es ihm noch der ſchwache Tagesſchim⸗ mer erlaubte, eilte er wie ein gehetztes Wild durch den Wald, ſtürzte aber bald, von den Anſtrengungen des Tages und dem Entſetzen dieſes Abends ermattet⸗ und betäubt, bewußtlos nieder. Er mochte mehre Stunden gelegen haben, als das Heulen der ſich um ihre Beute verſammelnden Wölfe ihn erweckte. Er hob ſich leiſe auf ſeine Ell⸗ bogen und lauſchte den ſchauerlich wilden Tönen. 3 Ein alter Wolf ſchien der Führer der Bande zu ſein, 284 ein tiefer, langgezogener, klagender Ton ſchallte erſt allein durch den Wald und verſtummte dann für einen Augenblick, in welchem Todtenſtille herrſchte— wieder derſelbe Laut— leiſe, dann ſtärker, klagender — und jetzt das ganze Chor in ſolch wilder, raſender Melodie, daß der Whip poor will erſchrocken in ſeinem Nachtgeſange ſchwieg, die aufgeſcheuchte Eule in langſamen Kreiſen um den Platz herumflog und weiter hinweg ſich einen ruhigern Ort ausſuchte, ihre Geſellſchaft durch faſt nicht minder ſchauerliche Töne als die der Wölfe zuſammenzurufen. Der Sohn der Wälder kannte aber die Lebensart dieſer Thiere zu gut, um auch nur im entfernteſten ſeiner eigenen Sicherheit wegen beſorgt zu ſein; im Ge⸗ gentheil flößte ihm die Nähe lebender Weſen in dieſem Augenblicke mehr Troſt als Grauſen ein, und lange noch lag er, und lauſchte den bald tiefen, bald höher und höher ſchwellenden Tönen. Sein treuer Hund war ihm gefolgt und legte ſchmeichelnd die Schnauze auf ſeine Schulter; der junge Krieger wandte ſich zu dem braven Thiere, das ſein Beſtes verſucht hatte den Feind zu bezwingen, und klopfte ihm den Nacken. Laut aufſchreiend ſchrak aber der Hund zurück und kroch dann, gleichſam Ab⸗ bitte für das Zurückfahren von der liebkoſenden Hand 285 des Herrn zu thun, winſelnd und mit dem Schwanze wedelnd zu ihm hin. Die Krallen des Panthers hatten das arme Thier ganz zerfleiſcht. Das Geheul der Wölfe hörte jetzt auf, ſie hatten den Platz erreicht, wo die Leichen lagen. Den Hund fanden ſie zuerſt und grimmig biſſen ſich die wilden Beſtien um die Leichname, da jeder anpacken, keiner aber loslaſſen wollte. Der Indianer lehnte am Baume, als der Kampf der Beſtien durch die ſtille Nacht zu ihm herüber klang— der Gedanke, um was ſie jetzt kämpften— daß ſie die Leichen gefunden, vielleicht jetzt ſchon die Körper unter dem Holze hervorgezerrt, ihr Mahl begonnen— der letzte Fluch der alten Frau— Alles, Alles ſtürmte mit ver⸗ einter Kraft auf ihn los. Die Scalplocke hob ſich auf ſeinem Kopfe, er ſprang auf und floh in wilden Sätzen durch den dichten Wald, wohin? galt ihm gleich, nur fort, fort von den, an ſo Schauderhaftes mahnenden Tönen. Endlich, zum Tode erſchöpft ſank er nieder. Es war Alles ſtill wie im Grabe. Er rollte ſich in ſeine Decke und war bald entſchlafen; doch auch im Traume hob die Alte wieder die Hände empor, ſprach die Worte des Fluchs über ihn, und hohnlachte über das Schickſal ſeiner Brüder. Es war einer jener wunderlieblichen Herbſtabende in der Zeit, die im nördlichen Theile von Amerika „der indianiſche Sommer“ genannt wird, und die gewöhnlich nach den Aequinoctialſtürmen bis Ende November, in den ſüdlichern Staaten oft noch bis tief im Dezember hinein dauern. Zwar konnte der Herbſt ſich nicht mehr verleugnen, die reifen Eicheln fielen überall raſchelnd in das trockene Laub, die Saſſafrasblätter bekamen jene feuerrothen und hell⸗ gelben Flecke, die ein Zeichen des baldigen Abſterbens ſind. Der wilde Wein hing in ſchweren, blauen Trauben von den ſchlanken gewaltigen Eichen herun⸗ ter, und die Muskadine⸗Beeren, überreif abgefallen, bedeckten den Boden.. Eben ſank die Sonne in das grüne Blättermeer, als vier Reiter an einem kleinen Bache am Fuße einer gewaltigen Rotheiche hielten. Der Erſte, ein hoher ſtattlicher Mann, wie die Uebrigen in ein Jagdhemd, Leggins und Moccaſins gekleidet, trug ungleich den Andern eine blaue ſchot⸗ tiſche Mütze ohne Schirm, weiß, grün und roth um den Rand herum gewürfelt, unter der das ſchnee⸗ weiße Haar in einzelnen ſtarken Locken hervorſchaute und dadurch dem ernſtfreundlichen Geſicht einen milden Ausdruck gab. Die Büchſe vor ſich auf den 287 Sattelknopf legend, wendete er ſich zurück zu den Gefährten und ſagte: Ddiies ſcheint ein guter Platz zu ſein, das Waſſer iſt klar; dort jener umgeſtürzte, trockene Baum wird herrliches Brennholz liefern, dieſe dichte Eiche den Thau abhalten, und ſollte es die Nacht noch regnen, ſo find hier Büſche genug, in wenigen Minuten unſere Decken aufzuſpannen und ein behagliches Lager zu machen. Gut, Stevens! Du haſt ein richtiges Auge für dergleichen, ſagte ein kleiner, wohlbeleibter ältlicher Mann, der wie die übrigen jetzt vom Pferd ſtieg und Sattel und Decke herunternahm; lieber wär's mir freilich, ich hätte auf der verdammten Hetze nicht meine Whiskeyflaſche zerbrochen. Was fingen wir jetzt aber an, wenn wir keine Lebensmittel mitge⸗ nommen hätten, wie Ihr alle wolltet, he? jetzt könn⸗ ten wir Saſſafrasblätter kauen und Eicheln freſſen, mit ein paar ſauern Weintrauben dazu. Ein recht geſundes Eſſen, wie der botaniſche Apotheker in Paduka ſagen würde— ne; mein Bärenſpeck und Brod wird mir nicht übel ſchmecken! Er zog bei dieſen Worten einen langen Sack unter der Decke hervor, der an beiden Seiten gefüllt war, um bequemer auf dem Pferde zu liegen, ging „ 288 dann zu einer kleinen jungen Eiche, bog ſie herunter und hing den Sack daran— So fügte er hinzu— jetzt ſollen die verdammten Hunde mir nicht wieder, wie das letzte Mal, meinen Speck herausſtehlen, Dein Pluto, Stevens, iſt doch ein niederträchtiges Vieh, erſt holt er mir den Speck, und wie ich ihn wieder haben wollte, legt ſich die Kröte mit beiden Pfoten darauf und knurrt mich an! Die Proviſionen waren indeſſen alle aus dem Bereich der Hunde gebracht, die Sättel und Decken an den Fuß der Eiche geſchafft, um als Kopffiſſen und Betten zu dienen; den Pferden die Vorderbeine ſo gebunden, daß ſie nur kleine Schritte machen konnten, und die Holzſtücke aus den Schellen die ſie umhängen hatten, genommen, daß dieſe wieder laut tönend den Jägern den Aufenthalt ihrer Thiere am nächſten Morgen anzeigen konnten. Die Geſellſchaft machte ſich nun in aller Eile daran, Holz genug zuſammenzutragen, um ſowohl ihr rohes Fleiſch etwas zu braten, als auch ein behagliches Feuer die ganze Nacht hindurch zu unterhalten, und bald loderte eine freundliche Flamme höher und höher empor, bis ſie züngelnd die niederhängenden Zweige der Eiche ſchwärzte und dörrte. Einer der beiden jungen Leute, ein von der Sonne * 289 verbrannter, ſchwarzlockiger Burſche, mit ſchnee⸗ weißen Zähnen und feurigen Augen, kam kbenfalls zum Feuer und warf ſich auf ſeine Decke. Er trug ein ledernes, gefranztes Jagdhemd, und in einem indianiſchen, mit Perlen verzierten Gürtel ſtak ſein Meſſer und Tomahawk, den er jetzt her⸗ auszog und neben ſich in den Baum ſchlug. Ich wollte die Hunde wären da, die Canaillen machen das ganze Revier rebelliſch, ſagte er ärger⸗ lich; ſchon ſeit wir hier ſind, höre ich ſie nach dem Fluſſe zu, in dem Rohre; ſie müſſen eine Katze oder einen Fuchs haben, ſie kommen immer wieder auf denſelben Fleck zurück— wahrhaftig, ſie haben es geſtellt, rief er plötzlich, ſprang wieder auf und lauſchte, die linke Hand trichterförmig an das Ohr haltend, lange dem kurzen Geheul und ſcharfen Gebell der Hunde. Henry, wollen wir hingehen? wandte er ſich dann ſchnell zu dem vierten der Jäger, einem braunhaarigen, blauäugigen, kräftigen jungen * Manne, der, ebenfalls den Tönen horchend, an der Eiche lehnte. Gott bewahre, fiel der alte Stevens ein, lehrt die verdammten Hunde auch noch Unarten; wiſſen die Beſtien erſt einmal, daß Ihr jeden Quark herunter⸗ ſchießt, den ſie Euch auf die Bäume jagen, ſo können Gerſtäcker, Miſſiſſippi⸗Bilder. II. 19 290 wir die Bärenjagd nur ganz aufgeben und hinter Opoſſums, wilden Katzen und Waſchbären herlaufen. Laßt ſie ein paar Stunden unter dem Baume heulen und dann will ich das Horn blaſen; ein Stück Fleiſch verſchmäht keiner von ihnen. Stevens hat recht, ſagte der alte Harper, den Rackern iſt es nur um den Spektakel zu thun, hör' nur wie ſie heulen; verdammt will ich ſein, wenn wir nicht den halben Tag morgen reiten müſſen, ehe wir auf warme Fährte kommen— blas das Horn, Henry, es liegt gleich hinter Dir. Der junge Mann, der ſich wieder ruhig nieder⸗ gelegt hatte, ergriff das gewaltige Stierhorn, das zu dem eben erwähnten Gebrauch bearbeitet war, und blies mehre langgehaltene laute Töne. Einen Augenblick waren die Hunde todtenſtill, dann aber, als wenn ſich ihre Zahl verdoppelt hätte, entſtand ein ſolch mörderliches Jammern unter ihnen, daß alle viere laut auflachten. Henry warf das Horn wieder hinter ſich und fing an dem Beiſpiele Harper's zu folgen, der ſchon emſig beſchäftigt war, dünn geſchnittene Scheiben Fleiſch auf einem langen Holze nahe ans Feuer zu ſtecken, und darunter mehre Scheiben Mais⸗ brot zu legen, den heruntertröpfelnden Saft aufzu⸗ fangen. 291 Stevens und James oder Jim, wie er kurzweg genannt wurde, waren ihrerſeits auch nicht faul, und in einer halben Stunde ſtanden die jungen Bäume, an denen die Lebensmittel gehangen hatten, viel gerader. Nach und nach ließen ſich auch die Hunde ſehen, eine ſchöne kräftige Race, ſieben an der Zahl, die wedelnd und freundlich grinſend die Zähne fletſchten. Fleiſch war keins für ſie da, denn die Jäger hatten den ganzen vorhergehenden Tag nichts geſchoſſen. Am Morgen wollten ſie ſich nicht durch Schießen die Bärenjagd verderben, und gegen Abend, als ihnen noch ein ſtattlicher Hirſch zum Schuſſe kam, fehlte ihn Harper. Der größte der Hunde, ein Halbwolf von braungrauer Farbe, an Kopf und Geſtalt, ſelbſt mit den glühenden Augen, genau wie ein Wolf, nur ohne deſſen buſchigen Schwanz, ſchmiegte ſich ſchmeichelnd an den alten Stevens an, der zurückge⸗ lehnt, mit dem Kopfe auf ſeinem Sattel lag. — Nun Pluto? Alter? fragte dieſer, freundlich dem ſchönen Thier in die treuen Augen blickend. Das kluge Geſchöpf hörte aber kaum die liebevolle Stimme ſeines Herrn, als es ſpielend die rechte Tatze auf ſeine Bruſt legte und ihm, ehe es der Alte verhindern konnte, das ganze Geſicht beleckte. Na komm, pfui, 19* leg' Dich, ſchämſt Du Dich nicht, Pluto, ſo groß und ſo ungezogen! Ach, viele Scham hat er nicht, ſagte Harper, frag' nur Mrs. Williams, die hat ihn ſchön auf dem Striche. Neulich will ſie Seife kochen, ſucht all ihr altes Fett zuſammen und ſtellt es vor die Thür, um es in den Keſſel zu thun, und wer wird gerade kom⸗ men, das Fett ſehen und mit der Hälfte deſſelben auskratzen, als eben dieſer verſchämte Pluto? Doch das iſt recht, Jim, gib den Hunden ein Stück Brot, die armen Teufel müſſen auch'was zwiſchen die Rippen kriegen, morgen früh wird's ſchon wieder friſche Zufuhr geben. Donnerwetter, am Tironia ſind doch Bären. Aber da fällt mir ein Kinder— habe ich Euch denn ſchon die Bärengeſchichte erzählt, wie ich in den hohlen Baum fiel? Noch nicht? gut, die ſollt Ihr hören und dabei lernen, wie Geiſtesgegenwart Einen manchmal aus der Patſche reißen kann. Sie lagerten ſich jetzt Alle, der erwarteten Ge⸗ ſchichte zu horchen, denn Harper war in der ganzen „Range“ als der beſte Erzähler und kurzweiligſte Geſellſchafter bekannt. Dieſer aber rückte ſeine Decke ein wenig zurecht, wechſelte ſein Priemchen, richtete ſich auf den einen Ellenbogen auf, und trat nun vor allen Dingen einen der ihm nächſten Hunde in die 293 Rippen(die ſich alle zwiſchen ihn und das Feuer ge⸗ lagert hatten) daß er laut aufſchrie und ſich mit den übrigen etwas weiter entfernte. So, ihr Beſtien! rief er dabei, glaubt ihr, das Feuer ſei blos euretwegen da, und wir nur hier hinten, eure faulen Knochen gegen den Wind zu ſchützen? fort mit euch! Pluto hatte ſeine ſpitze Schnauze auf ſeines Herrn Knie gelegt und ſah, als Harper die andern Hunde vertrieb, mit den großen, treuen Augen fragend zu ihm auf, doch als der alte Stevens ihn leiſe beruhigend auf den Kopf klopfte, nahm er wieder ſeine alte Stellung ein, während er durch ein kurzes Bewegen ſeines Stumpfſchwanzes die Abſicht zu wedeln anzeigte. Alſo, hob Harper jetzt an, von wegen der Geiſtesgegenwart, ſind es nun wohl funfzehn Jahre = und ich war damals noch ein junger, rüſtiger Kerl— als unſerer fünf von Vincennes, aus dem Wabaſh, in einem Canoe hinuntergingen, über den Ohio fuhren und uns nun in dem ſo berühmten Jagdgebiete von Kentucky befanden. Es gab Wild die Fülle, und die Bären liefen herum wie bei uns die Schweine; nach einigen Tagen alſo, die wir dort am Ohio gejagt hatten, gehe ich eines Morgens— 294 es war im Winter, im Februar und bitter kalt— ſachte im Walde hin, und ſehe nicht weit von mir einen hohlen Baum, mit einer großen Oeffnung oben drin. Blitz! denk' ich, der Baum ſieht gerade ſo aus, als wenn er zum Winterquartier eines der fetten Schwarzen gemacht ſei— ich gehe hin, beſeh' ihn auf allen Seiten und finde deutliche Spuren, daß Bären daran auf⸗ und abgeklettert ſind; ſo denke ich bei mir, Du willſt einmal hinaufklettern und hinein⸗ riechen, riecht's nach Bären, ſo holſt Du Hülfe und dann werfen wir Feuer hinein, und iſt nichts drin, ſo brauchen wir die Zeit nicht damit zu vertrödeln. Ich klettere mit Hülfe eines jungen Baums, der dicht daneben ſtand, hinauf und komme mit dem Kopfe auf die Oeffnung. Es riecht ſtark nach Bären, aber dicht darüber hatte der Stamm noch eine andere Höhlung — ich ſteige alſo noch weiter hinauf, auch in die meine Naſe zu ſtecken. Da trete ich unvorſichtig auf den Rand der erſten; ein Stückchen faules Holz bricht, ich falle, und rutſche, wie eine Kugel in den Büchſenlauf, ſanft aber pfeilgeſchwind in den hohlen Baum hinunter. Unten glücklich angelangt, war aber meine erſte Sorge mich nach meiner Unterlage zu erkundigen, denn nicht ganz wohl ward mir bei dem Gedanken, 29⁵ mit einem Bären den engen Raum zu theilen; ich wurde jedoch in dieſer Hinſicht bald beruhigt, denn weiches, faules Holz war Alles auf dem ich ſtand, und in das ich bis über die Knöchel eingeſunken war. Das Innere des Baums überzeugte mich jedoch, daß er entweder einem Bär zum Aufenthalt diene, oder erſt ganz kürzlich gedient habe; der ſcharfe Geruch war erſtlich gar nicht zu verkennen, und der Stamm ſelbſt ſchien inwendig ſo glatt und nett ausgekratzt und geſcheuert, daß er ſich faſt wie gehobelt anfühlte. Als ich mir nun Alles ordentlich beſehen hatte, wollte ich meinen Rückzug antreten; wer aber beſchreibt mein Entſetzen, als ich fand, daß meine Abfahrt allerdings ſehr leicht geweſen, zum wieder Hinaufklettern aber auch die Krallen und Stärke eines Bären gehörten. Den Augenblick will ich meinem ärgſten Feind nicht gönnen. Kalter Angſtſchweiß brach über meinen ganzen Leib aus, und ich kauerte mich dumpf brütend nieder, zu überlegen, was ich thun könne. Zu ſchreien und zu toben wäre Unſinn ge⸗ weſen, es war kein Haus in einem Umkreiſe von wenigſtens achtzig bis neunzig engliſchen Meilen, ausgenommen an der andern Seite des Ohio, und nur blindes Ungefähr hätte einen meiner Jagdgefähr⸗ ten hierher führen können. Noch dazu hatten wir erſt den Tag vorher verabredet, den Fluß weiter hinunter zu gehen, und die Andern konnten nur glauben, ich ſei vorangegangen, während ich hier elendiglich ver⸗ ſchmachten mußte. Der Gedanke an Verhungern durchfuhr mich wie ein Blitz, ich ſprang auf und ver⸗ ſuchte aufs neue mit der Stärke der Verzweiflung, die ſteile Höhe hinanzuklimmen, aber vergebens, ich fand keinen Halt, und der Stamm, der freilich oben enger wurde, war unten, wo ich mich befand, zu weit, meinen Rücken dagegen zu ſtemmen und mich vielleicht auf die Art in die Höhe zu arbeiten— ich fiel zurück. Wilde Gedanken von Selbſtmord gingen mir durch das Hirn, und ein wahrer Troſt war mein Meſſer, das ich an der Seite fühlte; ich wußte doch, daß ich gegen Verhungern geſchützt war. Als ich noch ſo ſinnend und die Hände krampf⸗ haft gefaltet daſaß, war es mir, als höre ich etwas ſich draußen am Baume bewegen und ankrallen. Ich hielt den Athem an und lauſchte— es war am Baume, und wie mir ſchien, etwas höher, als ich mich befand— ich wollte ſchreien, doch in dem Au— genblicke verdunkelte ſich die Oeffnung über mir, dichte Finſterniß umgab mich, aber der Gedanke drängte ſich mir auf: es iſt der Bär, der in ſein Bett zurück⸗ 297 kehrt, das er, wie Ihr wißt, um dieſe Jahreszeit oft verläßt, um zu trinken. Was jetzt thun? mit ihm um mein Leben käm⸗ pfen?— es war kaum des Kampfes werth— doch riß ich das Meſſer aus der Scheide und erwartete den langſam und behaglich Herunterſtei⸗ end lung war wohl an die dreißig Fuß tief), der wohl nicht ahnen mochte, welche Geſellſchaft er unten fände. Als er aber tiefer kam, erwachte in mir eine andere Idee— ich ſtieß das Meſſer in die Scheide zurück, und gerade, wie er dicht über mir war(Ihr wißt, er geht ſtets mit dem Hintertheile zuerſt in einen hohlen Baum), klammerte ich mit verzweifeltem Griffe beide Hände in das dicke Fell an ſeinen Hüf⸗ ten und erfaßte, um ganz ſicher zu ſein, den kurzen Schwanz mit den Zähnen— ich ſtak an ihm wie ein Blutegel. Was der Bär damals gedacht hat, als er auf ſolch ſonderbare Weiſe in ſeinem eigenen Hauſe empfangen wurde, kann ich nicht ſagen; das weiß ich aber, daß er im erſten Schrecken nicht ſchlecht in das faule Holz einkratzte, als er mit den gewaltigen Tatzen ausfuhr und ſich mit ungeheuerer Kraftan⸗ ſtrengung und in wilder Eile den Weg hinaufar⸗— beitete, den er erſt eben ſo behaglich und mit ſich ſelbſt zufrieden heruntergekommen war. Meine einzige 298 Angſt war nur, daß ſeine Kräfte ausgehen möchten, das hatte aber keine Noth, hinauf ging's wie ein Räderwerk, und kaum ſah ich mich oben wieder mit dem Kopfe im Freien, als ich meine Zähne und Hände öffnete, den Bären befreite und mich ſelber an dem Rande der Oeffnung anklammerte, um nicht zum zweiten Male hinunter zu fallen, denn der Bär wäre wahrlich nicht ſo ſchnell wieder zu meiner Hülfe gekommen. Wie Gottes Donner fuhr er an der Eiche hinunter, und ehe ich mich noch recht feſtſetzen und überzeugen konnte, daß ich wirklich oben, wieder in freier Luft und gerettet ſei, war die Beſtie ſchon im Dickicht verſchwunden. Und da habt Ihr Euch nicht einmal bei ihr be⸗ danken können? lachte Stevens. Bedanken? nein? brummte Harper— der Racker war in unmenſchlicher Eile, ja wahrhaftig, nicht einmal um ſah er ſich, wen er da eigentlich im Schlepptau gehabt— übrigens hätte ich mich auch ohnedies in der Geſchwindigkeit mündlich nicht be— danken können, denn als wir oben anlangten, hatte ich das ganze Maul voller Haare. Unter Lachen und Erzählen verging der übrige Theil des Abends und es wurde endlich Zeit ſich niederzulegen. Henry und Jim trugen noch ein paar 299 tüchtige Klötze in die Flamme, ſchoben die Kohlen zuſammen und holten ihre Zinnbecher voll Waſſer von dem nahen Bache, um, wenn ſie in der Nacht einmal trinken wollten, nicht barfuß dorthin gehen zu müſſen, zogen dann ihre Leggins oder Kamaſchen und Moccaſins aus, deckten dieſelben auf ihre Büch⸗ ſen, die ſie neben ſich legten, rollten ſich in ihre Decken und waren bald, wie die beiden Alten, in tiefen Schlaf verfunken. Mit Tagesanbruch weckte der alte Stevens die Schläfer, denn ſie wollten heute eine tüchtige Jagd machen, und hatten am vergangenen Tage viele Zeichen von Bären gefunden; die Gegend, an deren Marken ſie lagerten, war überdies als vorzüglicher Jagdgrund berühmt. Reges Leben kam jetzt bald wieder in die Gruppe; das Feuer wurde zuſammengeſchürt, daß die Funken hoch in die graue Morgenluft hineinſtoben, Geſichter und Hände im kalten Bache gebadet und die einfache, frugale Mahlzeit zurechtgemacht. Viel gab es freilich nicht zum Frühſtücken; ein kleines Stück Fleiſch per Mann und ein ſehr kleines Stück per Hund; Brod war gar nicht mehr da. Na, ſagte Harper lachend, wenn wir heute die Büchſen nicht gerade halten, können wir heute Abend die Gürtel ein paar Löcher einſchnallen; es hat aber auch wieder ſein Gutes, unſere Hunde werden laufen wie die wahren Teufel, das viele Freſſen drückt ſie, Gott ſei Dank, nicht ſehr. Unter der Zeit waren die beiden jungen Leute ſchon nach den Pferden gegangen, deren Glocken man noch ganz in der Ferne hören konnte, und kamen bald mit den vier Ponies zurück. Die Sättel und Decken wurden ihnen aufgelegt und Jeder ſchüttete noch einmal friſch Pulver auf die Pfanne, ehe er aufſaß. Ein Stoß ins Horn verſammelte die Hunde, die freudig heulend an den Pferden in die Höhe ſprangen, mit tobender Ungeduld dem endlichen Auf⸗ bruch entgegenſehend. Der Jagdgrund auf dem ſie ſich befanden, lag im Staate Arkanſas, unfern des Miſſiſſippi, auf einer Landzunge, von zwei Flüſſen gebildet, dem Tironia und Big Creek, die ſich ſpäter in den Miſſiſſippi er⸗ gießen. Dichte, faſt undurchdringliche Rohrdickichte bedecken einen Theil dieſes Grundes, aber dann iſt auch wieder offener Wald da, wo zwar viel umgeſtürzte und halb und ganz verfaulte Bäume beim erſten Anblick das Reiten faſt unmöglich zu machen ſcheinen, ſobald aber erſt einmal die Hunde laut werden, fliegen die kleinen Pferde mit ſolcher Leichtigkeit durch die dickſten was unſere Meute kann; und der alte Mann, der, indem 301 Büſche und über die größten Stämme hinweg, daß der Reiter faſt weiter nichts zu thun hat, als ſich vor den wilden Weinreben und Schlingpflanzen in Acht zu nehmen, die, wenn er nicht ordentlich aufpaßt, ihn gar manchmal vom Pferde reißen. Wie Harper geſagt hatte, mußten die 3 Jäger mehre Meilen weit reiten, ehe ſie auf eine warme Fährte kamen. Plötzlich wurde Pluto unruhig, er durchlief eine kleine offene Stelle im Walde mehre Male, roch an Bäume, über alte Baumſtämme hin, blieb plötzlich ſtehen, hob den Kopf gerade in die Höhe und heulte laut und lange. Die andern Hunde verſammelten ſich um ihn und ſuchten emſig, plötzlich brach er kurz ab, lief an einen ungeſtürzten Baum, ſprang hinauf, lief den Stamm entlang bis an die Wurzel, ſprang dort hinunter, heulte einmal laut auf und flog dann ſchnell wie ein abgeſchoſſener Pfeil, aber lautlos, auf der gefundenen Fährte fort. Deſto lebendigerw urden dafür die Braken, die in ungeheuern Sätzen dem Führer bellend und heulend folgten. Ahoi— ho, ahoi! meine braven Burſchen, rief der alte Stevens, die Hunde ermunternd, und richtete ſich hoch im Sattel auf. Die Fährte iſt warm, ſo wahr ich Stevens heiße; jetzt wollen wir ſehen er dieſes rief, ſeinem Pferde die Ferſen(den linken mit einem Sporn bewaffnet) in die Seite ſtieß, ſchien um zwanzig Jahre jünger zu werden. Wie die wilde Jagd flog die rüſtige Schaar durch den dichten Wald, oft dabei die Hunde mit lautem Zurufe antreibend. Immer ſchneller und tobender wurde die Hetze, der Bär floh durch den offenen Wald, die ganz undurch⸗ dringlichen Rohrdickichte zu erreichen, doch der Alte, ſeine Abſicht merkend, ſchnitt ihm den Weg ab und kam gerade noch zu rechter Zeit, ihn wieder in das etwas offenere Holz zu treiben. Durch dornige Schlingpflanzen, durch moraſtige, weiche Stellen, über umgeſtürzte Bäume und alte Stämme ging die Jagd in toller, wilder Eile, und oft mußte Stevens ganze Strecken lang auf dem Sattelknopfe liegen, um nicht hinuntergeſtreift zu werden. Endlich hatte das gehetzte Thier das Dickicht, nach dem es trachtete, gewonnen, aber die Hunde, vorzüglich Pluto, waren ihm zu nahe auf den Ferſen, und Pätz beſchloß, ſich auf einer Eiche ein wenig auszuruhen. Wüthend umſprangen die Hunde den Fuß des Baums, oft vor Bosheit über den entgangenen Feind in die Rinde der Wurzeln beißend; nur Pluto kag. ein kleines Stück vom Baume ab und betrachtete 303 ruhig mit ſeinen großen, klugen Augen den gefange⸗ nen Feind, der ſich da oben, wo ſich die erſten Aeſte theilten, recht behaglich feſtgeſetzt hatte. Stevens kam zu derſelben Zeit an die äußere Grenze des Rohrdickichts. Am Bellen der Hunde hörte er augenblicklich, daß der Bär aufgebäumt ſei, ſprang deshalb vom Pferde und verſuchte ſich zu Fuß durch das Rohr einen Weg zu bahnen; in dem Au⸗ genblicke fiel ein Schuß, und gleich darauf vernahm ſein ſcharfes Ohr den Schmerzensſchrei mehrer Hunde. Hölle und Teufel, rief der alte Jäger, hat denn der Böſe ſchon einen von den Jungens vor mir auf dem Platze? und wieder drang der Klageſchrei eines Hundes an ſein Ohr. Mit aller Kraft, die ihm zu Gebote ſtand, drängte er ſich da durch das Dickicht und ſtand zur ſelben Zeit auf dem Kampfplatz, als Jim von der andern Seite herzuſprang. Der Bär, durch eine erhaltene Kugel gelähmt, konnte nicht fort, vertheidigte ſich aber ritterlich gegen die Hunde, von denen einer ſchon verendet, ein anderer von ſeiner furchtbaren Tatze zum Tode getroffen war; doch hatte ſich noch ein fremder Hund des Kampfes angenom⸗ men und focht tapfer und brav. Pluto, der den Bär bisher mehr geneckt und beſchäftigt als ernſtlich ange⸗ griffen hatte, fuhr jetzt, als er die aufmunternde 304 Stimme ſeines Herrn hörte, mit wahrer Wuth auf ihn zu und ſuchte ihn an der Gurgel zu faſſen. Das gehetzte und verwundete Thier ſtand auf den Hinter⸗ füßen, die ſtruppigen Haare alle aufgerichtet, die Ohren zurückgelegt, den Rachen mit der lechzenden Zunge offen, die weißen, blutigen Zähne zeigend, und ſeine dunkeln, rothunterlaufenen Augen traten faſt aus ihren Höhlen. Mit einem Schlage der rechten Tatze ſchlug er hier, mit der andern dort einen der Hunde zu Boden und erfaßte dann den treuen Pluto in ſeine gewaltige Umarmung, daß das gepeinigte Thier laut aufſchrie. Der alte Stevens hatte ruhig ſeine Büchſe ſchuß— fertig gehalten, bei der erſten Gelegenheit der Beſtie eine Kugel durchs Hirn zu jagen, aber immer noch fürchtete er, einen der Hunde zu treffen; als er aber ſeinen treuen Pluto in ſolcher Gefahr ſah, konnte er ſich nicht mehr halten, warf die Büchſe fort, riß das Meſſer aus der Scheide und eilte ſeinem Hunde zu Hülfe. Der Bär that einen gewaltigen Schlag nach dem greiſen Jäger, der ihn, hätte er er ihn recht getroffen, aller weitern Jagden überhoben haben würde, der Alte war aber darauf vorbereitet und ſprang behende zur Seite, konnte jedoch nicht verhindern, daß ihm — 3⁰⁵ die Beſtie den Aermel des Jagdhemdes aufriß und den Arm nicht gerade ganz leicht verwundete. Das zur Verzweiflung gebrachte Thier verſuchte einen zweiten Anlauf, aber Jim's Meſſer fuhr ihm durchs Herz, ſtöhnend ſtürzte es nieder und verendete unter den wüthenden Biſſen der Hunde. Jetzt kamen auch Harper und Henry, gerade zur rechten Zeit, die letzten Zuckungen des Erlegten mit anzuſehen, und erſtaunten nicht wenig, noch eine fünfte Perſon zu finden, die Stevens und Jim bis dahin ganz überſehen hatten. Es war ein Indianer, der, auf ſeine Büchſe ge⸗ lehnt, ruhig dem Kampfe zuſah, und gar nicht that, als ob ihn die Sache etwas anginge. Sobald der Bär verendet war, hatte ſich auch der fremde Hund dem rothen Sohne der Wildniß wieder zugeſellt; ein großes, ſchlankes Thier mit klaren, dunkeln Augen; ungeheure Narben aber, die faſt den ganzen Körper bedeckten und von denen einzelne ſelbſt noch bluteten, entſtellten es auf das ärgſte, und gaben ihm ein wildes widerliches Anſehn. Nun bei Gott, rief Harper verwundert, der Burſche iſt als Zuſchauer mit auf die Hatz gekom⸗ men; hatteſt Du kein Stückchen geſchliffenen Stahls bei Dir, guter Freund, den Hunden ein wenig Gerſtäcker, Miſſiſſippi⸗Bilder. II. 20 306 beizuſpringen und der Beſtie das Sterben zu er⸗ leichtern? Der Indianer ſchwieg, zeigte aber auf ſeinen linken Arm, den er in ein Stück Hirſchhaut einge⸗ ſchlagen trug. O Du biſt verwundet? ſprach Stevens mitleidig näher tretend; biſt Du geſtürzt oder hat Dich ein Thier verwundet? Die Krallen des Catamount“) ſind lang und ſeine Fänge ſcharf; der große Geiſt hält ihn in den Zweigen verborgen und ſtürzt ihn auf Die, welche er verderben will; aber Te⸗neſch⸗ma⸗ ka iſt ein Mann und hat zwei Arme, ſprach der Indianer und ſtarrte wild vor ſich nieder. Sei guten Muths! tröſtete ihn da der alte Ste⸗ vens, das heilt wieder; indeß komm mit in meine, nur wenige Meilen von hier entfernte Wohnung, dort können wir uns, bis wir wieder geheilt ſind, ausruhn, denn mit dem Jagen wird's doch wohl für eine Weile vorbei ſein. Mein weißer Bruder ſpricht gut, ich werde ſeinen Wigwam ſehen, antwortete der Wilde und ſchloß ſich mit ſeinem Hunde dem Zuge an, der ſich des ſchlech⸗ *) Eine kleine Art Panther. 307 ten Weges halber nur ſehr langſam durch die Wild⸗ niß bewegen konnte. Unterwegs wurde wenig geſprochen, mühſam mußten ſie ſich mit ihrer Laſt den Weg durchs Rohr hauen, bis ſie den offenen Wald erreichten und hier die Pferde fanden und beluden, auch konnten ſie dann nur langſam vorrücken. Als ſich aber die Wolken am weſtlichen Himmel ſchon anfingen roth zu färben, kamen ſie endlich an das Ufer des Miſſiſſippi, und ein kleiner Fußweg brachte ſie bald den Strom hinauf zu Stevens' Wohnung, von welcher der dünne, gen Himmel wirbelnde hellblaue Rauch ſichtbar wurde. Noch mehre hundert Schritte von der Hütte ent⸗ fernt, ſchallte ihnen ſchon das freudig begrüßende Geheul der zurückgelaſſenen Hunde entgegen, und die mitgeweſenen ſprangen freudig bellend und wedelnd an den Pferden empor, ihre Freude zu be⸗ zeigen, gingen knurrend, mit emporgehobenem Schwanze an dem fremden Hunde, der demüthig daherſchlich, vorbei, und zogen dann in vollem Ren⸗ nen den Geſpielen entgegen. Jim und Henry halfen, am Hauſe angelangt, mehren Knaben die Laſt von den Pferden nehmen und ins Rauchhaus tragen, welche dann auch die 20* 308 Pferde beſorgten und fütterten. Stevens, Harper und der Indianer waren ins Haus getreten. Eine junge Frau, Henrys Weib, ſtand hier an einem großen Spinnrade, das ſie mit der rechten Hand drehte, während ſie in der linken die ſchneeige Baumwolle hielt, und, je nachdem ſie den Faden länger zog oder nachließ, mehre Schritte zurück und wieder vortrat. Die Ankunft der Männer unterbrach jedoch ihre Arbeit, ſie ſtellte das Rad zurück, nahm einen kleinen rothbackigen Jungen, der zu ihren Füßen ſpielte, vom Boden auf und ging grüßend ihrem Manne damit entgegen. In der Ecke zuſammengekauert ſaß eine alte Frau, die den Eintritt der Neugekommenen gar nicht zu bemerken ſchien, ihr Kopf und ihre Hände zitterten, und mit den glanzloſen Augen ſah ſie theilnahmlos vor ſich nieder. Te⸗neſch⸗ma⸗ka, der einen durchdringenden, unruhigen Blick auf die Frau geworfen hatte, trat jetzt zum Feuer, der Alten gerade gegenüber, dieſe aber hob in demſelben Moment den Kopf, Beider Augen begegneten ſich. Wie von einer Natter geſtochen, ſprang dä der In⸗ dianer einen Schritt zurück, ohne die Augen von denen der Wahnſinnigen abwenden zu können, die, ſich höher 309 und höher aufrichtend, endlich in ihrer vollen Größe daſtand. Einen Moment ſchien Schrecken und Erſtau⸗ nen in ihrem Antlitz vorzuherrſchen, doch plötzlich nahmen ihre Züge den Ausdruck finſtern Zorns und gräßlicher Wuth an, die blauen Lippen zitterten, die kraftloſen, vorgeſtreckten Hände bebten fieberhaft, und die faſt erloſchenen Augen nahmen einen neuen, über⸗ irdiſchen Glanz an, als ſie, unter den grauen Brauen hervorfunkelnd, ſich auf den Indianer richteten, der entſetzt den linken, verwundeten Arm wie abwehrend gegen ſie ausſtreckte. Endlich öffneten ſich ihre Lippen und mit tonloſer, doch deutlicher Stimme rief ſie aus: Gott— Gott ſelbſt hat Dich in die Hände der Rächer geliefert, Du biſt ihnen verfallen— ſtirb! und leblos ſank ſie in Stevens Arme, der, über ihren Anblick erſchreckt, hinzuſprang. Ha! das iſt einer der Mörder meines Bruders und Deiner Schwägerin, Henry! ſchrie da Jim und riß das Meſſer aus der Scheide— Hund, Deine Stunde hat geſchlagen, und in wilder Wuth ſtürzte er gegen den Indianer, der aber, ſeiner wenig achtend, die Blicke noch immer, wie durch Zauberei gebannt, auf die alte Frau geheftet hielt. Bald wäre ſein Schickſal entſchieden geweſen, doch Stevens warf ‿ 310 ſich dazwiſchen und hielt den Arm des jungen Man⸗ nes auf. Halt, James, rief er dabei, der Indianer iſt mein Gaſt! Hat er unſere Verwandten ermordet, wie ich ſelber nicht mehr zweifle, ſo verfolg' ihn und räche Dich, wenn er uns verlaſſen hat, aber nicht in meinem Hauſe, das er, von mir eingeladen, betrat. Stevens wandte ſich jetzt zu dem Wilden, der ſich, was auch ſeine Gefühle ſein mochten, ſtolz aufrich⸗ tete, legte ſeine Hand auf deſſen Arm und ſagte: Sitz nieder und iß und ruhe Dich aus bis morgen früh— Deine Hand iſt roth von dem Blute meiner theuerſten Verwandten, dieſe alte Frau ward wahn⸗ ſinnig durch Dich, und ich glaube, Dein unerwartetes Erſcheinen hat ſie jetzt getödtet; Du kennſt und ehrſt das Geſetz der Blutrache— doch das der Gaſtfreund⸗ ſchaft iſt heiliger— Du biſt ſicher. Der Indianer ſchien hierin nichts Außerordentliches zu finden, er ließ ſich ruhig am Feuer nieder und legte ſelbſt ſeine Waffen von ſich, um deſto beſſer ausruhen zu können. Nur einmal warf er noch einen flüchtigen Blick auf die übrigen Männer, und ein trotziges Lä⸗ cheln zuckte um ſeine Lippen, als er ſah, mit welchem Grimm ihn die beiden jungen Leute betrachteten; verächtlich wandte er ihnen den Rücken. 311 Die Frau, welche bis jetzt vergeblich verſucht hatte, die Großmutter in's Leben zurückzurufen, ging nun an einen rohen Schrank, nahm allerlei Lebensmittel heraus und brachte ſie dem Indianer. Sie ſchauderte, als ihr Auge dem forſchenden Blicke des rothen Krie⸗ gers, den er feſt auf ſie gerichtet hielt, begegnete, und ſetzte ihm ſein Eſſen hin, das er gierig verſchlang. Er wickelte ſich dann in ſeine Decke, ſtreckte ſich aus und war oder ſchien wenigſtens bald eingeſchlafen. Damals, als Wilſon's Freund die Alte zwiſchen den Ruinen fand, brachte er ſie den Fluß hinunter zu ihrer andern Tochter, derſelben jungen Frau, Henry's Weib, die eben noch dem Indianer Speiſe und Trank reichte und dem die große Aehnlichkeit derſelben mit jener Frau die er erſchlug, auffiel. James Wilſon, der Bruder jenes unglücklichen Mannes, der vom„grauen Falken“ getödtet wurde, war ſpäter mit dem alten Stevens zu ſeinem Vetter, dem jungen Henry Woodsworth, an den Miſſiſſippi gezogen, wo dieſer ein großes Stück Land beſaß, das er mit ſeiner Frau, Stevens Tochter zu bewirthſchaften wünſchte. Leicht ließen ſich die Beiden überreden ihm dahin zu folgen, denn der Boden war trefflich, die Jagd vorzüglich, und der alte Stevens wollte ſich nicht gern auch von ſeiner zweiten Tochter trennen, 31² da er die erſte auf ſolche fürchterliche Weiſe verloren hatte. Die Mutter aber, deren Verſtand ſeit jener Schreckensnacht nie mehr zurückkehrte, lebte bewußt⸗ und harmlos in den Tag hinein. In der erſten Zeit hatte ſie oft nach ihrem Klärchen gefragt, doch auch das kürzlich vergeſſen, bis der Anblick der ihr ſo wohl erinnerlichen Geſichtszüge des einen der Mörder ſie aus ihrer Lethargie gewaltſam emporriß. Wie eine, dem Verlöſchen nahe Lampe flackerte ihr Lebenslicht noch einmal hoch und wild empor— in klaren Schreckensbildern ſtand die Vergangenheit grell und fürchterlich vor ihrer Seele, dann aber erſtarb auch der letzte ſchwache Funke— ſie brach zuſammen und als ſie ihre Enkel auf das Bett hinüber trugen, war die Seele ihrer irdiſchen Hülle entflohen. Der alte Harper erwachte am nächſten Morgen zuerſt, zog ſich an und trat zum Kamin, die Gluth aufzuſchüren. Es war noch dunkel, und vorſichtig hob er die Beine, um den, wie er glaubte, ſchlafenden Indianer nicht zu treten, bückte ſich zum Feuer nieder, blies einige von den Kohlen an, legte feingeſpaltenes trockenes Cypreſſenholz darauf und bald loderte eine erwärmende, die Stube erhellende Flamme empor; dann erſt drehte er ſich um— der Indianer aber war verſchwunden. . 313 Höll' und Teufel, rief er da aus— der Burſche hat ſich aus dem Staube gemacht, es mochte ihm wohl hier nicht ganz geheuer ſein. Was? fort? riefen James und Henry zugleich, und waren im Augenblick angezogen an Harper's Seite. Ja, hier iſt das leere Neſt, ſagte der alte Harper; das kann uns aber gerade lieb ſein, hier im Haus hätten wir ihm doch nichts thun dürfen, ja ihm ſogar noch eine anſtändige Zeit zum Vorſprung geſtatten müſſen, jetzt aber, da ſich der rothe Schurke ſo feig und heimlich auf die Socken gemacht hat, wollen wir doch einmal ſehn, ob wir nicht noch pfiffiger und ſchneller ſind, als dieſer Bluthund. Du James ſpürſt nun einmal nach, in welcher Richtung er in den Wald iſt, ſieh doch gleich mit an den Fluß hinunter, ob er vielleicht gar das Canoe gefunden hat? Wir beiden, Henry, füttern indeß die Pferde und meinen Hals ſetz' ich zum Pfande, daß wir die ſcalpluſtige Beſtie noch vor Sonnenaufgang eingeholt haben. James kehrte bald wieder zurück und berichtete, das Canoe liege noch wohl verſteckt auf ſeinem Platz, der Indianer ſei aber denſelben Weg zurück, den ſie geſtern gekommen waren, da er die Spur bis an eine alte, vom Blitz getroffene Eiche verfolgt habe. 314 Was gilt die Wette, rief Harper, der pfiffige Hallunke läuft zu demſelben Platze, wo wir geſtern den Bär erlegten; er weiß, daß wir ihm mit Hun⸗ den folgen werden, und daß dort die Beſtien ſeine Spur verlieren müſſen oder ſich nicht mehr darum be⸗ kümmern mögen; dort wart' nur, Dir mach' ich doch noch einen Strich durch die Rechnung! Das Horn tönte durch die ſtille Morgenluft, und heulend ſtimmte die ganze Meute, vierzehn an der Zahl, mit ein. Stevens trat jetzt hinaus zu den Männern und ſagte, James Hand ergreifend: Jungens, befleckt Eure Hände nicht mit dem Blute des rothen Diebes; bringt ihn lebendig, und wir wollen ihn den Gerichten übergeben; Ihr habt das Recht ihn umzubringen, aber bedenkt, es iſt Menſchenblut und macht böſe, böſe rothe Flecken; ich möchte nicht, daß ſie Einer von Euch auf dem Gewiſſen hätte! Haſt Recht, Alter, rief Harper— lebendig bringen wir ihn; auch ich mag meine Hände nicht mit dem Schurken beſchmuzen, wenn ich aber ſelig ſterben ſoll, ſo muß ich die Rothhaut hängen ſehen. Geht jetzt mit Gott, ſagte der Alte, noch einmal die Hände der jungen Leute drückend, geht mit Gott, 315 ich will zu Hauſe bleiben und die alte Frau begraben, ich darf Louiſe nicht mit der Leiche allein laſſen. Hurrah, meine braven Burſchen, rief jetzt der alte Harper den Hunden zu, nachdem er noch einmal kräftig ins Horn geſtoßen hatte, hurrah, heute giebt's hohe Jagd! Unterſteh' ſich aber einer von euch und ſehe ſich nach was Anderm als dem rothen Spitzbuben um, und du Hektor vorzüglich, heute ſollſt du einmal deine Künſte zeigen. Es bedurfte aber für die Hunde gar keiner be⸗ ſonderen Aufmunterung, denn wenn auch vielleicht keiner von ihnen daran gedacht hätte einer menſch⸗ lichen Fährte zu folgen, da ſie früher nie dazu benutzt worden waren, ſo witterten ſie kaum die Spur des fremden Hundes, als ſie auch, mit geſträubten Haa⸗ ren und kleffend und heulend vorausbrachen, daß die Jäger ihnen in dem dichten Unterholz und Rohr kaum folgen konnten. Der Indianer, von der Schreckgeſtalt der alten wahnſinnigen Frau verfolgt, floh indeſſen in wilden Sätzen durch das Dickicht. Wie es der alte Harper vorausgeſehn, ſo kreuzte er auch dabei den Platz, wo der Bär geſtern erlegt worden war, weil er dadurch jede Spur zu vernichten glaubte; die nachſetzende Meute blieb aber auf den Fährten des fremden 316 Hundes und ſchon konnte er ihr Nahen in dem bre⸗ 8 chenden Rohr und Buſchwerk hören. Er hielt und horchte und ein Schauer durchzit⸗ terte ſein Gebein, das waren die Laute der nach⸗ ſetzenden Meute; er kannte ſie nur zu gut, ſie heulten auf ſeiner Fährte und er wußte, daß Flucht jetzt un⸗ möglich ſei. Vielleicht hätte er aber dennoch einen möglichen Rettungsweg verſucht— der Menſch hängt am Leben und ſchleudert es nicht gern nutzlos bei Seite; abergläubiſche Angſt jedoch, die ihn glau⸗ ben machte, ſein Schickſal müſſe jetzt entſchieden werden— Maniton ſelbſt ſei es, der ihn in jenes Haus geführt, damit das Wort der Wahnſinnigen in Erfüllung gehe, lähmte ſeinen Arm und machte ihn zu jeder ſelbſtändigen That unfähig. Nur die Büchſe geſpannt und das Meſſer loſe in der Scheide, erwartete er den erſten Anlauf der Todesboten. Hektor war den übrigen weit voraus, und in wilder Wuth kam er angeſetzt, des Indianers Kugel fuhr ihm aber, ſchon auf zwanzig Schritt Entfer⸗ nung, in die Eingeweide, und winſelnd brach er zu⸗ ſammen. Näher und näher kam der Reſt der Hunde, er wollte wieder laden, aber ſein linker Arm war über Nacht ſo geſchwollen, daß er ihn gar nicht mehr gebrauchen konnte. Er lehnte ſich, das bloße Meſſer * 317 in der Fauſt, mit dem Rücken gegen einen Baum, und erwartete den Angriff. Dort kamen ſie in wilden Sprüngen, ein weiß⸗ und braungefleckter voran, näher und näher. Sein armer Hund floh ängſtlich zwiſchen die Füße des Herrn, dort, bei dem ſelbſt Schutzbedürftigen Schutz ſuchend; der Indianer fühlte auch, daß der eigene Hund ſeinen Untergang beſchleunigte, aber es war das einzige, das letzte Weſen das ihn liebte, und er vermochte nicht es von ſich zu ſtoßen. In blinder Wuth ſtürzten die erſten der Meute jetzt heran, ſie verlangten nicht nach dem Menſchen, ſie wollten das Blut des Hundes, der ſich mit allen Zeichen des Entſetzens in den treuen Augen hinter ſeinem Herrn zu verbergen ſuchte. Der erſte fiel von des Jägers ſcharfem Stahl, der zweite, der dritte brach auf ihn ein. Te⸗neſch⸗ma⸗ka holte aus, zum immer erneuten Todesſtoß. Da erfaßte einer der Rüden ſeinen Hund und rang mit ihm auf der Erde— der Indianer wollte über ihn hinwegſpringen, ſein Fuß aber blieb in dem lebendigen Knäuel hängen— er ſtürzte und war im nächſten Moment von den herbeifliegenden Beſtien erfaßt— erwürgt und zerriſſen. Harper, James und Henry ſprengten in demſel⸗ ben Augenblicke heran, warfen ſich von den Pferden 318 und trieben mit Kolbenſtößen die Hunde von ihrem Opfer— aber zu ſpät. Schaudernd wandten ſie ſich von dem ſchrecklichen Anblick, ſchwangen ſich wieder auf ihre Pferde und ritten langſam ihrer Wohnung zu. Der Fluch der Wahnſinnigen war erfüllt; ſchrecklich hatten die rothen Söhne der Wälder ihre furchtbare That ge⸗ büßt und ihre Gebeine waren in den Wäldern zerſtreut. Im Herbſte des Jahres 1840 jagte ich dort am Tironiafluſſe, und mit meinem Begleiter, einem gebräunten, ſchlanken Amerikaner an dem Rohr⸗ dickicht hinunterreitend, fanden wir einen ganz von Kugeln durchlöcherten Schädel. Es war der Te⸗ neſch⸗ma⸗ka's. Mein Jagdgefährte, der Sohn Henry Woodworth's, erzählte mir damals jene Begeben⸗ heit. Nachdem die Wölfe und Geier ihr Werk be⸗ endet, hatten die jungen Leute, wenn ſie dort herum jagten, den Schädel des unglücklichen Te⸗neſch⸗ma⸗ka zum Ziel genommen, ſich im Büchſenſchießen zu üben. Ich grub mit meinem Tomahawk ein Loch und verſcharrte ihn. 1 Dr. Middleton. E⸗ war ein kalter, doch freundlicher Nachmittag des Monats Februar, als ein einzelner Reiter aus dem, noch damals nicht ſehr bedeutenden Städtchen V= in Illinois herauskam, und die breite Straße durch die Prairie verfolgte.— Es war ein junger Mann, von ungefähr ſieben bis achtundzwanzig Jahren, mit gutmüthigen, dunkelen Augen, von deſſen Kleidung übrigens gar nichts zu ſehen war, da er, der Sitte jener kalten Gegenden gemäß, ſich in einen gewaltig großen weißen Flanellüberrock ganz eingeknöpft hatte, ſo daß nur die hellen Augen mit dem oberen Theil eines Paares, durch den kalten Nordweſtwind gerötheter Wangen zwiſchen dem auf⸗ geſchlagenen Kragen des Rockes und unter dem Schutze einer feinen, dunkelbraunen Otterfellmütze, 4 hervorſahen. 320 Der untere Theil der Beinkleider war ebenfalls in ein großes Stück blauen Flanells eingeſchlagen, der unter dem Knie von grünen Strumpfbändern zuſammengehalten wurde und dadurch eine Art Ka⸗ maſchen bildete. Ein einfacher, eiſerner Sporn war an ſeinen rechten Hacken geſchnallt, und auf der linken Schulter trug er eine der langen, ſehr ſchön gearbeiteten Kentuckier Büchſen, durch welche die Bewohner jener Gegenden den Ruf ſolcher ausge⸗ zeichneten Schützen erlangt haben. Der Reiter ſchien jedoch, trotz dem Gewehre, gar nicht zur Jagd ein⸗ gerichtet zu ſein, indem weder Kugeltaſche noch Pul⸗ verhorn an ihm zu ſehen war, ſondern er trabte ſcharf auf ſeinem kleinen rauhhaarigen Poney die hartge⸗ frorene Straße entlang, die häufig an ſeiner Seite und vor ihm auffliegenden Prairiehühner keines Blickes würdigend.— Er hatte vor ſich einen ein⸗ zelnen Reiter bemerkt und verſuchte nun dieſen ein⸗ zuholen, um den langweiligen Weg durch die ein⸗ förmige, und ſo weit das Auge ſchauen konnte, mit dürrem, gelben Graſe bedeckte Prairie, durch ange⸗ nehme Geſellſchaft erträglicher und intereſſanter zu machen. 4 Es war ein trauriger Anblick, dieſe ungeheuere, gelbe wogende Fläche. Im Oſten ſchienen dunkele, 321 und durch die einzeln hervorbrechenden Sonnen⸗ ſtrahlen ganz ſchwarz ausſehende Wolkenmaſſen, auf dem Horizont des Grasmeeres zu lagern, denen hie und da durchſchimmernden Stellen des blauen, in das Grüne ſpielenden Himmels, einen nur noch wilderen, traurigeren Anſtrich gaben; kalt und ſchnei⸗ dend kam der ſcharfe Nordweſt über die weiten Flächen von den großen Seen herunter, und ſelbſt die Strahlen der Mittagsſonne vermochten nicht den froſtigen Reiter zu erwärmen, der ſein kleines, munteres Pferdchen immer zu erneuerten Sprüngen antrieb, um ſich durch den etwas hohen Trab deſ⸗ ſelben ein wenig warm ſchütteln zu laſſen. Er hatte endlich den vor ihm Reitenden eingeholt, und hielt an deſſen Seite ſein Poney ein wenig an, um gleichen Schritt mit dem behaglich forttrabenden Thiere des Anderen zu halten. Wie geht's Doktor, wie geht's? rief dieſer, ihn erkennend, habt Euch auch in der Kälte nach der Stadt gemacht? Wetter noch einmal, der Nordweſter ſchneidet Einem durch Mark und Bein.— Aber wartet nur, lange hält's nicht mehr an, ſeht Ihr die dunkeln, langen Streifen dort in den Wolken? ſie gehen alle von Oſten nach Weſten, das bedeutet Schnee oder Regen, und dann läßt auch die Kälte etwas nach. Gerſtäcker, Miſſiſſippi⸗Bilder. II. 21 322 Ich will's hoffen! rief der junge Mann, dem Andern die Hand zum freundlichen Gruße hinüber⸗ reichend, die dieſer herzlich ſchüttelte. Aber ſagt mir, Smithfield, friert Ihr denn gar nicht? mir zieht, hol's der Teufel, die Kälte durch den dicken Flanell⸗ rock durch, daß mir die Knochen im Leibe klappern, und Ihr ſitzt da im bloßen Halſe ſo gemüthlich auf Eurem Pferde, als ob wir Auguſt ſtatt Februar ſchrieben, und der Wind links anſtatt rechts her käme. Der alſo Angeredete war ein freundlicher alter Mann, mit ſchneeweißen Haaren, die kurz und kraus unter dem alten, abgetragenen Filzhut hervorſahen. Er trug ein dunkelblaues, wollenes, mit gelbrothen Franzen beſetztes Jagdhemd, eben ſolche Beinkleider, doch ohne die Franzen, und grobe, gelbe, ſelbſtge⸗ machte Schuhe. Das weiße, reine Hemd ſtand vorn, trotz der bitteren Kälte, offen und zeigte den von der ſcharfen Luft dunkelroth gefärbten Hals, bloß. Aus dem, durch einen braunen, ledernen Gürtel zuſammen⸗ gehaltenen Jagdhemd ſah der hölzerne Griff eines gewöhnlichen Meſſers hervor, ſonſt trug er keine Waffen!— Er ſah freundlich zum Doktor hinüber und antwortete: 5 Ihr ſitzt zu viel in der Stube, Doktor, zu viel hinter dem warmen Ofen, wenn Ihr dann einmal 3²23 hinausgeht, packt Ihr Euch ein, daß die Naſe kaum 3 vorguckt, und jedes kalte Lüftchen jagt Euch einen Schauer durch Mark und Bein! Ja, ja, Doktor, wäre unſer liebes Land hier nicht ſo flach, daß der im Sommer verdunſtende Regen die ſchädlichen Fieber erzeugte, Ihr ſolltet verdammt wenige von den Land⸗ leuten unter Eure Patienten zählen. Aber apropos Doktor, was haltet Ihr von der nächſten Wahl? Ihr kommt ein gut Theil im Lande herum, und hört wie die Leute darüber denken, glaubt Ihr nicht daß wir's durchſetzen? es wäre doch eine Schande, wenn unſer alter Hickory*) nicht durchſchlagen ſollte. Gebt Cuch zufrieden, Smithfield, die Whigs kommen auf keinen grünen Zweig, wir haben das Ruder einmal in den Händen und werden es nicht ſo ſchnell hergeben, wenigſtens nicht ohne einen ordent⸗ lichen Kampf.— Das Volk iſt zu vernünftig und hat Jefferſon's Lehren noch zu ſehr im Kopf, ſich von den Whigs den Kopf verdrehen zu laſſen; unſer County iſt auf jeden Fall für Van Buren, und ich hoffe, auch der Staat. Das iſt mir ſehr lieb zu hören, denn da drinn im *), Hickury, das zäheſte Holz in den Vereinigten Staaten, daher ein Lieblingsſymbol der Jackſoniſchen Parthei, und ſpäter überhaupt der Demokratiſchen. 21* ι 324 Städtchen prahlten die Kerle ſo verdammt viel von ihren Whigs⸗Siegen, und von dem nun glücklich zu Stande gebrachten„aus dem Felde ſchlagen“ der De⸗ mokraten, daß ich ſelber eigentlich gar nicht wußte woran ich war⸗'s iſt aber doch nur Marktſchreierei. Ich bringe übrige Aihn auch eine Stimme mehr mit, als das vorige⸗ mein Junge iſt jetzt alt genug zum Stimmen, und der iſt ein Demokrat mit Leib und Seele; es iſt auch ſein Glück, er dürfte mir ſonſt nicht im Hauſe bleiben.— Aber ſagt mir ein⸗ mal, Doktor, ich dachte immer, Ihr jagtet gar nicht, und jetzt ſeh' ich, tragt Ihr ſolch kapitale Büchſe auf der Schulter. Blitz noch einmal, das Gewehr muß ich ſchon irgendwo geſehen haben— iſt es aus der Stadt? F Nein, heut Morgen, als ich beim Büchſenſchmied drinnen war, mir ein paar Kugeln zu meiner Piſtole zu holen, bat mich der, dies Gewehr mit zu meinem Hauſe zu nehmen, und Sean John Singers mit erſter John Singers 2 ct 9s doch; manche Nacht hab' ich mit John und dem Gewehr da ſchon draußen im Wald gelegen, manche, manche Nacht, und jetzt weiß ich auch, warum ich die Büchſe nicht gleich wie⸗ der erkannte, John hat den Meſſingbeſchlag unten 325 abnehmen laſſen und rauhes Eiſen dafür daran ge⸗ nommen. Es iſt auch viel beſſer; ich hab's ihm immer geſagt, das Meſſing ſcheint zu weit im Walde, beſon⸗ ders wenn ſich die Sonne drin ſpiegelt, da iſt Eiſen viel zweckmäßiger, oder blau angelaufener Stahl, wie der Deutſche da drüben an ſeinem Stutzen hat. Es iſt doch kurioſes Volk, die Deutſchen, unſere lan⸗ gen Büchſen wollen ihnen gar nicht zuſagen und ſchleppen ſich da mit ihren kurzen Dingern herum. Wahr iſt's, die kleinen Stutzen ſchießen wie der Teu⸗ fel, wenn man ſie nur ſtillhalten könnte, nehme ich aber ſo ein Schießeiſen an die Backe, ſo kann ich das Korn auf funfzig Schritt kaum auf einen Büffel i Viſier halten.— Da ſah ich, noch nicht ſo gar la her, einen Deutſchen, der hatte einen Riemen an d Büchſe, und erſt glaubt' ich immer, das Leder müſſe ihm hölliſch im Wege ſein, wenn er damit ſchnell durch die Büſche wollte, und fragte ihn, warum er den Riemen dran behielte, da zeigte er mir, wie er damit ſchießt, und, hol' mich Dieſer und Jener, es iſt probat;— er wirft den Streifen Leder um das kußerſte Ende des linken Ellbogen, biegt dann den Arm krumm, daß die Hand faſt bis ans Schloß zurück⸗ Büchſe liegt wie angeſchloſſen; ich 326 Einfall. Doch was dieſe Büchſe anbelangt, ſo kann ich Euch aller weiteren Mühe überheben; John Singers wohnt nur eine halbe Meile von meinem Hauſe, und mein Jim muß dort jeden Morgen vor⸗ bei, wenn er in die Schule reitet. Der kann ſie ihm morgen früh mitnehmen, denn ich komme auf jeden Fall noch heute Abend zu Haus, und wenn ich bis zwölf Uhr reiten ſollte. Da thut Ihr mir einen großen Gefallen, denn aufrichtig geſagt, hat mir das ſchwere Stück Eiſen ſchon bald die Schulter eingedrückt. Ich ſah's, ich ſah's, lachte der Alte, gleich wie ich Euch zuerſt erblickte; die Art ſchon, wie Ihr das ſchöne Stück hieltet, verrieth Euch als einen Nicht⸗ 4 Whenen Mir aber fehlt ordentlich etwas, wenn ich 4 1 keine Büchſe auf der Schulter habe, ſo bin ich dran gewöhnt. Doch, Doktor, ein Dienſt iſt des andern werth, wenn Ihr mir dafür eine andere Gefälligkeit thun wollt, ſo ſpare ich morgen einen Ritt von dreißig Meilen, und zwar von meinem Haus nach Eurem Städtchen. Ich habe dort an den Kaufmann Roſen⸗ berg('s iſt ein Deutſcher) dieſe hundertfünf Dollar zu bezahlen, morgen iſt der Termin abgelaufen, und Ihr thätet mir einen großen Gefallen, wenn Ihr 34s das Geld für mich mitnähmet; ißi Euch aber eine 1 327 Quittung geben, ich traue dem Kerl nicht recht, er hat mir ſo eine krumme Naſe und ſchwarzes krauſes Haar;— der kleine Deutſche der neben mir wohnt, ſagt auch allerlei von ihm;— wollt Ihr? es wäre mir ſehr lieb!— Mit dem größten Vergnügen, lieber Freund, das Geld ſoll richtig beſorgt, und die Quittung genau ausgeſtellt werden; ich traue dem Kaufmann ſelbſt nicht recht, denn ſein Kammerad, der vor ſechs Jah⸗ ren mit ihm nach Indiana kam, hat ihm, als ſie ſich neulich zankten, ſo viel Schlechtes nachgeſagt, daß ich mich in ſeiner eigenen Seele ſchämte. Doch wie dem auch ſei, die Quittung muß er geben, und dann hat's keine weitere Gefahr. Nun denn, hier in dem Taſchenbuch iſt's, ſagte Smithfield, indem er dem jungen Mann ein kleines, abgegriffenes, braunledernes Taſchenbuch aufs Pferd hinüber reichte, laßt's nur darin ſtecken, rief er, als der Doktor die Banknoten herausnehmen wollte, um ihm das Taſchenbuch zurückzugeben, ich brauch' es jetzt doch nicht, und Ihr könnt mir's ſpäter einmal wieder zurückgeben. Aber Doktor, fuhr er fort, als er die Büchſe vor ſich auf den Sattelknopf legte, habt Ihr denn kein Pulver bei Euch? ich trage nicht gern ein ungeladenes 328 Gewehr, und werde auch wahrſcheinlich noch ein paar Hirſche zu ſehen bekommen, ehe es Nacht wird. Ja, Pulver hätte ich wohl, aber keine Kugeln, ich habe mir ein Viertelpfund für meine Piſtolen mit⸗ genommen, denn das Pulver, das Roſenberg ver⸗ kauft, iſt wirklich unter aller Kritik, und doch läßt er ſich das Pfund mit einem Dollar bezahlen! Nun, eine Kugel hab' ich ſelbſt noch in der Taſche; ſie iſt von meiner Büchſe und paßt, wenn ich nur ein ſtarkes Pflaſter nehme, ganz vortrefflich in John's Reifel, er hat oft meine Kugeln geſchoſſen, die ſeinigen ſind aber für meine Büchſe etwas zu ſtark. Mit dieſen Worten hielt er ſein Poney an, ſtieg ab, und ſuchte aus der tiefen Taſche ſeiner Bein⸗ kleider die Kugel heraus. Der Doktor war auch abgeſtiegen und trat zu ihm, während er, den Zügel ſeines Pferdes um den rechten Ellbogen geſchlungen, gewaltig an zu ſpringen und ſtampfen fing, um die halb erſtarrten Füße wieder etwas zu erwärmen. 1 Ihr habt aber kein Ladmaß, Smithfield, ent⸗ gegnete er dieſem, als er ihn um das Pulver bat. Schad't Nichts, ſchüttet mir nur das Pulver über die Kugel hier in die flache Hand, daß ſie eben davon bedeckt wird— halt! nicht ſo ſchnell— ſo— 4 8 —ſ 329 das wird ungefähr genug ſein. Seht, fuhr er fort, nachdem er das Zündloch ſorgfältig mit dem kurzen Ende einer Prairiehuhnfeder, die zu dieſem Zweck in einem eigens dazu gebohrten Loche im Kolben ſaß, verſtopft hatte, ſeht, mit dieſem Stückchen Leder paßt die Kugel ganz herrlich, und nun, ſagte er, als er ſie langſam, aber kräftig, mit ruhiger Hand in den Lauf hinunter ſchob, will ich den Bock ſehen, der ſich mir auf achtzig oder hundert Schritt in den Weg ſtellt. Die beiden Männer waren wieder aufgeſeſſen und etwa noch drei Meilen, ſich einander Geſchichten erzählend und über die Begebenheiten des Tages redend, zuſammen fortgeritten, als ſich der Weg theilte, und der junge Doktor ſein Pferd anhielt. Hier müſſen wir ſcheiden, rief er, herzlich dem Alten die Hand hinüberbietend; mich drängt's nach einer warmen Stube, und wenn ich mich nicht recht bald durch Reiten erwärmen kann, ſo kehr' ich bei Mansfield's im erſten Hauſe ein und bleibe dort die Nacht. Nun lebt wohl, rief der Alte ihm, noch einmal freundlich hinüberwinkend, zu, als er den linken Weg einſchlug, während der Doktor ſein Pferd auf den Pfad, der mehr nördlich lief, einlenkte— lebt wohl, und die nächſte Woche, wenn Wahltag dort oben iſt, komme ich hinauf und hole meine OQuittung. Gut, rief der Doktor henüber, dann müßt Ihr aber auf jeden Fall bei mir einkehren und über⸗ nachten. Sie waren unter der Zeit ſchon nahe an hundert Schritt von einander entfernt, riefen ſich noch ein freundliches„Good bye“ zu und trabten jeder auf dem ebenen, hartgefrorenen Wege luſtig weiter. Smithfield hatte noch faſt zwanzig Meilen zu reiten, bis er zu ſeiner Farm kommen konnte, und ſtachelte daher mehrere Mal das kleine, muntere Thierchen mit ſeinem langen Sporn, daß es nach einzelnen hohen Sätzen, im ſcharfen Paß und mit bewundernswerther Schnelle über die Ebene dahin eilte. Die Sonne mochte noch etwa drei Viertelſtunden hoch ſein, als er ſich einem kleinen Hölzchen näherte, das ſich in langen dunkelen Streifen am Horizont hinzog, und die erſte Grenze einer jener großen Prairien ausmachte, die ſich ſüdlich von den Seen durch das ganze Land, faſt bis zum Ohiofluß hinun⸗ ter erſtrecken. 4 Am Rande der Waldung angekommen, ließ er ſein Pferd einen ruhigen Schritt gehen und ſeine 331 Augen aufmerkſam durch den offenen Wald an beiden Seiten der Straße ſtreifen, um einen vielleicht arglos äſenden Hirſch zu entdecken und zu erlegen, und ein gut Stück Wildpret davon mit zu Hauſe zu bringen. An einem kleinen Dickicht, etwa eine halbe Meile von der Prairie, angekommen, wo die Straße, einer Gruppe umgeſtuͤrzter Bäume auszuweichen, ein Biegung machte, hörte er plötzlich dicht am Wege das Locken einer Truthenne, und ſchnell hielt er ſein Pferd an, um zu erſpähen wo dieſe eigentlich ſei, als nicht funfzehn Schritte von ihm entfernt ein hell— leuchtender Blitz aus dem niederen Buſchwerk heraus⸗ zuckte, ein lauter Krach folgte und hochaufſpringend im Sattel ſtürzte der zum Tode getroffene alte Mann, vom ſcheu zur Seite ſpringenden Pferde hinunter, auf den harten Boden. Noch einmal hob er ſich krampfhaft in die Höhe, fiel zurück, ſtreckte ſich und verſchied, während ſein warmes Herzblut in dunkelen Strömen über das blaue Jagdhemd hinaus, in die Wagengleiſe des Fahrwegs ſtrömte. Das Pferd, ſcheu gemacht, flog in vollem Rennen den Weg entlang, ſeinem heimathlichen Stalle zu. Wohl fünf Minuten mochte der alte Mann ru— hig gelegen haben; das Blut hatte aufgehört zu 332 fließen und ſtand, hartgeronnen, in der Straße. Sein Geſicht nahm die ſtarre Leichenbläſſe des Todes an, während die weitgeöffneten Augen ſtier hinauf ſchau⸗ ten zum blauen, mit leichten Dunſtſtreifen durch⸗ zogenen Himmel, als ob ſie da oben Hülfe ſuchen oder Rache herabzürnen wollten auf den Mörder. Da bewegten ſich die dicht an der Straße ſtehenden Büſche, und ein kleiner, ſehr bleich ausſehender Mann, ſchnell und ſcheu umherblickend, ſchlüpfte ins Freie. Er war in ein ledernes Jagdhemd und Leggins gekleidet, trug an den Füßen ein paar ſtarke, grobe Schuhe, und eine Mütze von Fuchsfell auf dem Kopf; ſein Geſicht aber, durch Pockennarben etwas gezeichnet, verrieth in furchtbarer Schnelle alle die gewaltigen Leidenſchaften, als befriedigte Rache, Furcht, Trotz und Hohn, die ihm einen faſt über⸗ natürlichen Schein von Grauſen verliehen. In der Hand hielt er eine lange, ſchwere, nicht gezogene Büchſe, einen ſogenannten„smooth bore rifle““, der das tödtliche Blei eben verſandt hatte. Leiſe und ſchnell glitt er, faſt geräuſchlos, zur Leiche hinan, und bog ſich, mit kalter Schadenfreude im Blick, über das greiſe, ſtiere Antlitz des alten Jägers, dem ſelbſt der ſchmerzhafte ſchnelle Tod nicht alles Guthmüthige und Sanfte aus den Zügen hatte wiſchen können. Du wirſt mein„smooth bore““ nicht mehr ver⸗ höhnen und ſagen, daß es eine Waffe für Kinder ſei— es hat diesmal ſein Ziel getroffen— gerade durch's Herz, murmelte er leiſe für ſich hin, als er den Leichnam bei der linken Schulter aufhob— und wahrhaftig durch und durch— Glück zu— mein Blei verräth mich wenigſtens nicht, wenn ſie den Körper finden; jetzt aber das Geld her, alter Burſche; und mit emſiger ängſtlicher Haſt fing er an, den Körper ſeines Schlachtopfers zu befühlen, um das erwartete Geld, welches er bei dem Alten vermu⸗ thete, zu finden, da er Morgens in der Stadt gehört hatte, daß dieſer eine gewiſſe Summe mit zu Hauſe nähme.— Aber kein Geld war zu ſehen, und immer wüthender, immer eifriger durchſuchte er die ſchon zehnmal betaſteten Stellen von Neuem; öffnete ſogar die Klappe im Kolben der Büchſe um zu ſehen, ob der alte Mann ſeinen Schatz vielleicht dort verbor⸗ gen habe— doch umſonſt. Hölle und Verdammniß, rief er aus, als er, ſich emporrichtend, wüthend ſeine Mütze auf die Erde ſchleuderte und den Boden ſtampfte, für Nichts— für gar Nichts den alten Sünder kalt gemacht! aber 334 es iſt nicht möglich, unterbrach er ſich wieder, er muß es bei ſich haben, und von Neuem begann er ſeine ſchreckliche Arbeit und durchſuchte noch einmal alle Stellen, an denen er nur das verborgen geglaubte Geld vermuthen konnte; es war vergebens, und zähneknirſchend und erſchöpft ſetzte er ſich endlich, um auszuruhen, auf einen der umgeſtürzten Bäume. Die Gefahr, der er ſich blosſtellte, hier bei dem Leichnam geſehen und gefangen zu werden, verdrängte jedoch bald alle anderen Gedanken. Er ſprang auf, trat an den Körper hinan, und hob die Büchſe, die im Sturz dem alten Manne ent⸗ fallen war, vom Boden auf. Der Schuß iſt durchgegangen, knirſchte er ſtill vor ſich hin, und wenn ich des alten Narren Büchſe losſchieße, mögen die Leute, die ihn finden, glauben, er habe durch einen unglücklichen Zufall ſich ſelbſt erſchoſſen; das iſt ſchon oft vorgefallen— hol's der Teufel, es wäre zu arg, wenn ich kein Geld bekäme, und dann auch noch gehangen werden ſollte! Mit dieſen Worten ſchoß er die Büchſe in die Luft ab, legte ſie neben den Alten, und zwar ſo, daß es eine Wahrſcheinlichkeit haben konnte, als ſei ſie durch einen unglücklichen Zufall von ſelbſt losge⸗ gangen, erfaßte ſeine eigene Waffe und Mütze und 335 floh in den Wald, wo er, etwa eine Viertelmeile von dort, ſein Pferd angebunden hatte. Das beſtieg er, und lenkte es, da jetzt ſchon tiefe Dämmerung auf der Erde lagerte, in vollem Rennen nördlich, um ſich ſo bald als möglich in einem Wirthshaus zu zeigen und dadurch allen etwaigen Verdacht von ſich zu ent— fernen. Mansfield's Haus war das erſte das er, als es ſchon vollkommen dunkel war, erreichte, und eben wollte er darauf zureiten und rufen, als er einen Jungen, mit einem Pferd das er in der benachbarten Quelle getränkt hatte, nach dem Stalle zu gehen ſah. Weſſen Pferd iſt das? fragte er den Knaben, als er dicht an ihn herankam. Doktor Middleton's, Sir,— antwortete dieſer. Doch wer ſeid Ihr? Ein Reiſender, erwiederte kurz der Gefragte, trabte auf der befahrenen Straße jetzt dem nur noch zwei Meilen entfernten Wirthshaus zu und trat, von Niemandem weiter bemerkt, in den kleinen Laden eines niederen Blockhauſes, der zugleich als Schenk— ſtube diente. Kaum eine halbe Stunde mochte der Mörder ſein Schlachtopfer verlaſſen haben; noch rang die Finſter⸗ niß mit dem Licht und bemühte ſich den ſchrecklichen 336 Ort mit Nacht zu umhüllen, während einige Aas⸗ geier, durch den Geruch des Blutes herbeigelockt, ſich in den oberſten Wipfeln der benachbarten Bäume ſchaukelten, um mit dem erſten Frühlicht ihr ekel⸗ haftes Mahl zu beginnen, als zwei Reiter in kurzem Trabe denſelben Weg herkamen, den der unglückliche Smithfield vor kaum einer Stunde hier ſo ſchrecklich beendet hatte. An der Stelle angekommen, flogen die beiden Pferde mit wildem Satze zur Seite und zitterten ſchnaubend und ſtöhnend vor Furcht und Enſetzen am ganzen Leibe. Die Männer waren gute Reiter, den⸗ noch hätte das Plötzliche des Sprunges ſie faſt aus Sattel und Bügel gehoben, und ſchnell, ſelbſt etwas erſchrocken, zügelten und beruhigten ſie die ſtampfen⸗ den und trampelnden Thiere wieder. Woh— oh— oh!— Du nichtswürdige Beſtie, kannſt du nicht ſtille ſtehn, wenn ich dir's ſage? rief zornig der eine der Reiter, ein junger, ſchlanker Mann, der ſich alle mögliche Mühe gab, das Thier das er ritt, zu beruhigen; höre Tom, da muß ein todtes Pferd im Wege liegen, das iſt das einzige, was meinen Alten hier ſo ſpringen machen kann; er iſt ja ſonſt ſo geduldig wie ein Lamm. Nun, mein Brauner muß vorbei; rief ſein Be⸗ 337 gleiter, der breiter und kräftiger als der erſte gebaut, den Deutſchen in der Ausſprache nicht verleugnen konnte, indem er aufs Neue dem ſich bäumenden Thier den beſpornten Hacken in die Seite ſtieß und es vorwärts trieb. Aber vergebens waren alle Ver⸗ ſuche der beiden Reiter, an dem, von den Pferden gefürchteten Platze vorbei zu kommen. Hol' mich der Teufel! rief da der größte der Bei⸗ den, deſſen Name William Preſton war, wenn ich nicht ſehen will, was eigentlich dort im Wege liegt, — und mit dieſen Worten ſtieg er vom Pferde ab, warf den Zügel ſeinem Begleiter zu und trat dem verhängnißvollen Platze näher, während der Deutſche, den Jener mit Tom angeredet hatte(ſein Name war Thomas Vollheim), ruhig halten blieb, den Erfolg der Unterſuchung abzuwarten.— Mit einem wilden Ausruf des Schrecks ſprang der junge Preſton aber zurück, als er, beim letzten Schimmer des ſcheidenden Tageslichtes, die bleichen Züge einer menſchlichen Leiche erkannte. Komm hierher Tom, rief er entſetzt aus, während er ſich über den Körper bog, um womöglich noch die Geſichtszüge des Erſchlagenen zu erkennen— großer. Gott, es iſt der alte Smithfield. Der Deutſche war mit einem Satz vom Pferde, Gerſtäcker, Miſſiſſippi⸗Bilder. II. 22 338 knüpfte die Zügel beider an den herunterhängenden Aſt einer Eiche, und trat mit innerem Schauder aber feſtem Schritt an Preſtons Seite. Was ſollen wir jetzt thun, rief dieſer aus, als ſein Kamerad ſchweigend und ernſt neben ihm ſtand und die bleichen Geſichtszüge des alten Mannes be⸗ trachtete, wollen wir zu meinem Hauſe, das nur fünf Meilen entfernt iſt, oder zur Stadt zurück und die Gerichte holen? Ich glaube, das letzte iſt das beſte, erwiederte Vollheim, aber um aller Heiligen willen, wie iſt nur das Schreckliche geſchehen?* Es wird zu dunkel, wir können Nichts mehr er⸗ kennen, rief Preſton, laß uns hier dicht daneben ein Feuer anmachen, beim Schein deſſelben wollen wir Alles näher unterſuchen und uns bereden was wir thun ſollen; aufrichtig geſagt, wird's mir auch ein wenig ſchauerlich hier im Dunkeln, und ich bin doch wahrlich ſonſt gerade nicht furchtſam. Ohne ein Wort weiter zu ſagen, ſchlugen die Männer jetzt Feuer, und bald loderte, von dürren Blättern und trockenem Holze genährt, eine helle Flamme empor, die durch große Stücke herunterge⸗ 6 brochener trockener Aeſte unterhalten, bald den ganzen Schreckensplatz mit faſt Tageshelle beleuchtete. 339 Die beiden Männer machten ſich jetzt vereint daran, zu unterſuchen auf welche Art der alte Mann umgekommen ſei. Sieh hier, Tom, ſagte Preſton, der neben ihm niedergekniet war und ſich über ihn hinbog, die Kugel iſt ihm in die rechte Seite hineingegangen, und wahrhaftig— ſein eigenes Gewehr iſt abge⸗ ſchoſſen. Mit dieſen Worten hob er die Büchſe, die der Gemordete an John Singers hatte beſorgen wollen, vom Boden auf, und betrachtete ſte genau. Ja, in der That, fiel Vollheim ein, der hinzu⸗ getreten war— ſollte der Alte vom Pferd geſtürzt ſein und ſich ſelbſt erſchoſſen haben? das wäre doch ſonder⸗ bar; er war ſolch ausgezeichneter Reiter. 1G — Höre, Tom, fuhr Preſton fort, das kommt mir ſehr unwahrſcheinlich vor; ſieh nur, wie ſeine Kleider, in Unordnung ſind! Ich fürchte, ich fürchte der alte Mann iſt ſchändlich ermordet und hat vielleicht Geld bei ſich gehabt.— Der Schuß muß gleich tödtlich geweſen ſein, und— wahrhaftig die Taſche in ſeinen Beinkleidern iſt umgekehrt— ſiehſt Du dort, und hier— und hier, rief er, ſich nieder eugend, und nahe zum Feuer die ziemlich eennſ Fußſpuren im weichen Boden betrachtend— hier hat ein Mann 22* 340 mit kräftigem Tritt den Boden geſtampft— ſte müſſen doch wohl mit einander gerungen haben. Mit ängſtlicher Spannung beobachtete und unter⸗ ſuchte Preſton jetzt die kleinſten Umſtände, die er bei der ſchwankenden Beleuchtung erkennen konnte, und die ihn vielleicht auf eine Spur des Mörders leiten ſollten; denn daß ein Mord hier geſchehen ſei, war dem ſcharfſichtigen Mann jetzt außer allem Zweifel, während der Deutſche nachdenkend und traurig die Ueberreſte des biederen, alten Mannes, der von Allen die ihn kannten geliebt und geachtet war, be⸗ trachtete. Höre, Bill, brach er endlich das lange Schwei⸗ gen, das Geſcheidteſte, was wir thun können iſt, daß wir ſo ſchnell uns unſere Pferde tragen, zurück⸗ reiten, und den Conſtable und die Gerichte hierher holen. Es iſt ein ſchändlicher Mord hier verübt, und auf jeden Fall können wir bis morgen früh, wenn es Tag wird, Spuren fluden, die uns vielleicht zur Entdeckung des Mörders führen. Du haſt recht, Tom, Du haſt recht, und wir müſſen das ſo ſchnell als möglich thun, denn ſiehſt Du wie ſich der Himmel umzieht? Wir bekommen Schnee, ſo gchiß wie ich hier ſtehe, und dann bleibt der Mörder unentdeckt, wer weiß ſogar, ob ſich das 341 Wetter bis morgen früh hält. Wir müſſen heut Nacht noch mit Fackeln hierher zurück, die Schandthat darf nicht verborgen bleiben. Aber ſollen wir den Leichnam hier ſo unbedeckt zurücklaſſen, daß ihn die Wölfe viel⸗ leicht finden und die alten ehrwürdigen Glieder um⸗ herzerren? und gleichwohl möchte ich ihn auch nicht anders legen, damit die Gerichte ihn ſehen können, wie wir ihn gefunden haben! Höre, Bill, ich will Dir etwas ſagen, bemerkte ruhig der Deutſche, Du findeſt auch im Dunkeln den Weg nach der Stadt zurück, reite ohne mich und ich will hier bei der Leiche Wache halten; wittern die Wölfe etwas Lebendiges, ſo hat es keine Gefahr mit ihnen.. Aber fürchteſt Du Dich nicht mit dem Leichnam allein zu bleiben, Tom? fragte innerlich ſchaudernd ſein Begleiter. Ich habe ja ein gutes Feuer, und die paar Stun⸗ den vergehen ſchon; wenn Ihr Euch recht dazu haltet, könnt Ihr um zwei Uhr ungefähr wieder da ſein, erwiederte der Deutſche, und ohne auch nur weiter eine Antwort abzuwarten, begann er große Stücke Holz zum Feuer hinzuſchleppen, das bald wirbelnd und Funken ſprühend aufloderte. Der junge Preſton war ganz mit dem Entſchluß 34²2 Vollheims einverſtanden, warf ſich augenblicklich auf ſein Poney und ritt in ſcharfem Trabe den Weg wieder zurück, den er erſt vor kurzer Zeit gekommen war, während Vollheim ſeinem Pferde Sattel und Decke abnahm, ſie neben das Feuer, aber ſo legte, daß die Flamme zwiſchen ihm und dem Leichnam blieb, und ſich dann ruhig, in tiefem Nachdenken, darauf hinſtreckte. Zwar fiel er, nach mehrſtündigem Sinnen, in einen unruhigen Schlummer, aber oft fuhr er, wahr⸗ ſcheinlich durch ein beängſtigendes Traumbild empor⸗ geſchreckt auf, und zuſammenſchaudernd, als er ſich der wahren Verhältniſſe in denen er ſich befand, erinnerte, ſuchte er dann durch ſtarkes Aufſchüren des Feuers und neues Hinzuwerfen mächtiger Blöcke ſeine Gedanken zu zerſtreuen und ſo viel Helle als möglich um ſich her zu verbreiten. Nach Mitternacht begannen auch einige Wölfe, die das Blut wittern mochten, zu heulen, und kamen näher und näher, den Platz in weiten Kreiſen um⸗ ziehend, doch ſcheuten ſie die Nähe des Menſchen und wagten ſich nicht in den Bereich des Feuers. Endlich, als ſeine Taſchenuhr ſchon auf drei Viertel auf drei Uhr wies, hörte er die längſt erſehn⸗ ten— Männer, die ihn von ſeinem trau⸗ rigen Poſten ablöſen ſollten. 343 Genau war die Unterſuchung, die ſie beim Schein einiger mitgebrachten Fackeln anſtellten, und ſie thaten endlich den einſtimmigen Ausſpruch, daß der Todte ſchändlich niedergeſchoſſen und dann beraubt ſei. Die Kugel war durch und durch gegangen und konnte daher nicht gefunden werden, um durch die Größe derſelben etwa die Büchſe, aus der ſie geſchoſſen, i verrathen, doch zeigte die Wunde, daß es ziemli ſtarkes Blei geweſen war. Als ſie noch den Platz unterſuchten, fand Preſton 8 dicht bei dem kleinen Dornendickicht, in welchem der Mörder gelegen hatte, ein Pulverhorn, mit den roh eingeſchnittenen Buchſtaben P. M. M. D. Keiner der Männer kannte das Horn, noch konn⸗ ten ſie die Meinung der Buchſtaben enträthſeln. Vollheim trat jetzt hinzu, und aufmerkſam die Buch⸗ ſtaben betrachtend, fragte er Preſton, wie der Vor⸗ name des Doktor Middleton ſei? Paul, ſagte dieſer, doch warum? Allmächtiger Gott, murmelte der Deutſche vor ſich hin, der Name ſtimmt, aber der Mann kann doch ſo Schreckliches nicht verübt haben. Wer? der Doktor?ufrug Preſton raſch— lächer⸗ lich, der und Jemanden meuchlings ermorden? eben ſo leicht wollte ich glauben, mein eigener Vater ſei's 344 geweſen; nein, nein, das iſt Tollheit, was ſollten auch die beiden Buchſtaben M. D. meinen, das iſt doch unbedingt der Namen. Paul Middleton, Medicinae Doctor, las Voll⸗ heim mit eintöniger, nachdenklicher Stimme. Unſinn, Unſinn, ſchrie Preſton dazwiſchen, und doch— doch habe ich den Doktor geſtern Rachmittag, bald nach dem alten Smithfield, die Stadt verlaſſen ſehen, und wenn ich nicht ganz irre, trug er eine Buüchſe auf der Schulter— Gott, es wäre ja zu ſchreck⸗ lich— die arme Frau— die alte Mutter!— Er ſetzte ſich auf einen der umgeſtürzten Bäume nieder und ſtützte den Kopf, in tiefes Nachdenken verſunken, in die Hand. Komm, Preſton, rief Vollheim, laß uns der Spur nachgehen, Du biſt ja faſt ſo gut wie ein Schweißhund auf einer Fährte, vielleicht ounen wir dadurch auf den rechten Mann. Eine Wache wurde jetzt bei der Leiche gelaſſen, ein Anderer nach der Famile des Unglücklichen ge⸗ ſandt, dieſe davon in Kenntniß zu ſetzen, damit ſie den Leichnam nach ihrem Hauſe holen laſſen könnten, und die Männer fingen nu an, Jeder mit einer Leuchte verſehen, ſorgſam der Spur des Mörders im weichen Boden zu folgen, was übrigens gar langſam 345 ging, da die Schatten welche die Fackeln warfen, der Erde eine ſehr ungewiſſe Beleuchtung gaben. Endlich, als es ſchon im Oſten zu dämmern. anfing, erreichten ſie den Platz wo Jener ſein Pferd beſtiegen, und folgten nun mit größerer Leichtigkeit und Schnelle den Huftritten des Pferdes. Der Himmel hatte ſich die Nacht hindurch dicht umzogen, drohende Wolkenmaſſen waren von Nord⸗ weſten ſchwarz und finſter heraufgerückt, und gerade als die Männer in der Ferne des Friedensrichters Mansfield Haus erkennen konnten, auf das die Spuren geradezu hinführten, die überdies jet einen wenig betretenen Weg einliefen, fing es an zu ſchneien und verſtärkte ſich ſo, daß, noch ehe ſte des Richters Haus erreicht hatten, ſchon eine weiße Decke die Fährte ihren Blicken entzog, was alles weitere Spüren unmöglich machte. Ein Glück iſt's, rief einer der Geſchworenen, daß wir noch ſo zur rechten Zeit der Spur folgten; ein paar Stunden ſpäter, und wir würden nicht mehr gewußt haben, ob nach Norden oder Süden zu gehen. Preſton erwiederte Nichts;— er war niederge⸗ ſchlagen und in ſich gekehrt; dies ſonderbare Zu⸗ ſammentreffen von Umſtänden, das auf des Doktors ſonſt ſo redliches Betragen Argwohn warf, machte ₰½△ 346 ihn ſehr betrübt, denn er war in deſſen Familie faſt wie zu Hauſe, und gleichwohl konnte er nicht anders handeln, als er gehandelt hatte. Jedoch belebte ihn noch immer die Hoffnung, daß der Doktor zu ſolcher That ganz unfähig ſei und ſie ſchon die Spur des wirk⸗ lichen Mörders in Mansfield's Haus finden würden. Als ſie das doppelte Blockhaus des Friedens⸗ richters erreichten, wurde gerade das Frühſtück auf⸗ getragen, und dieſer nöthigte die Männer ſogleich, zu ihm einzutreten und einen Biſſen zu eſſen, da ſie früh ausgeritten ſein müßten, jetzt ſchon bei ſeinem Hauſe zu ſein. Er rief dem Mädchen in der Küche zu, noch mehr Schweinefleiſch zu braten und Eier in die Pfanne zu ſchlagen, wie auch einen guten, ſtarken Kaffee zu brauen, und trat dann zu ſeinen frühen Gäſten in die Stube. Richter, ſagte da Preſton, nachdem die erſten freundlichen Begrüßungen vorüber waren, iſt Jemand die Nacht bei Euch geweſen? Ja— Doktor Middleton— warum? Die Männer warfen ſich einen bedeutenden Blickzu. Habt Ihr etwas Außerordentliches an ihm be⸗ merkt? frug einer der Geſchworenen jetzt weiter. Nicht wahr, er war fröhlich, wie immer? frug Preſton ſchnell dazwiſchen. 347 Außergewöhnliches? wiederholte langſam der Richter, ohne die letzte Frage zu beachten, Außer⸗ gewöhnliches? nein, und doch ſchien er mir etwas unruhig zu ſein;— ſeine Frau iſt krank, wie er ſagte, und er ritt mit Tagesanbruch dieſen Morgen fort; ich habe ihn nicht einmal mehr geſehen. Gott, Gott, wenn es wahr wäre, ſtöhnte Pre⸗ ſton, und warf ſich erſchöpft auf einen Stuhl. Aber Männer, was habt Ihr, was iſt geſchehen? rief jetzt der Friedensrichter, ſelbſt beunruhigt, und mit kurzen, klaren Worten, erzählte ihm Preſton Alles, von dem Augenblick an wo ſie den Körper fanden, bis zu der Stelle, wohin ſie ſeine Spur verfolgt hatten; zeigte ihm das Pulverhorn mit den verhängnißvollen Buchſtaben und rief einen der Männer zum Zeugen auf, der dem alten Smithfield ſelbſt am vergangenen Morgen hundertfünf Dollar in guten Ohio⸗, Indiana⸗ und Illinois⸗Banknoten gegeben hatte; aber Gott verdamm mich, rief er, als er geendet hatte, und wenn er's mir ſelbſt ſagte, daß er's geweſen iſt, der den alten Mann erſchoſſen hat, ſo würde ich's nicht glauben; nein, beim Himmel nicht. Der Richter Mansfield, ein ehrwürdiger, alter Mann, der den Doktor ſeit ſeiner früheſten Jugend 348 gekannt hatte, wurde leichenblaß, als er die fürch⸗ terliche Anklage hörte; wenn er jedoch auch glaubte, daß es ein Irrthum ſein müſſe, konnte er dennoch dem Verlangen des einen der Geſchworenen, der augenblicklich auf einen Verhaftsbefehl antrug, nicht entgegen handeln, und ſandte den Conſtable, einen jungen Mann der bei ihm wohnte, in ihrer Be⸗ gleitung fort. Preſton wollte nicht mit nach des Doktors Hauſe gehen, der Richter bat ihn aber ſelbſt es zu thun, denn wie er ſagte, ſo hoffte er noch immer, daß das Ganze auf einem unglücklichen Zuſammentreffen von Umſtänden beruhen und der wirkliche Mörder entdeckt würde. 3 Es mochte zehn Uhr ſein, als Preſton, Vollheim, die drei Männer aus dem Städtchen V. und der Conſtable das Haus des Doktors erreichten. Judith, ein junges, irländiſches, rothwangiges Mädchen, das in des Doktors Hausweſen die grö⸗ beren Arbeiten beſorgte(da ſeine Frau ſtets ſchwäch⸗ lich war und ſeit einigen Monaten ſogar ſchon krän⸗ kelte), die aber mehr wie eine Freundin des Hauſes, als ein Dienſtmädchen behandelt wurde, öffnete ihnen die Thür und ſchien nicht wenig erſtaunt, ſo viele Manner zu ſo früher Tageszeit eintreten zu ſehen. 349 Preſton war der letzte, und ein leichtes Erröthen flog über Antlitz und Nacken des hübſchen Kindes, als ſie ihre Hand in die dargebotene Rechte des jungen Mannes legte, das aber ſchnell einem andern Ge⸗ fühle, dem der Beſorgniß, Platz machte, als ſie das bleiche, trübe Ausſehen des jungen Preſton gewahrte, der ein gerngeſehener Gaſt im Hauſe und ihr keines⸗ wegs gleichgültig war. Iſt der Doktor zu Hauſe, Judy? fragte dieſer ſie mit einem ſo ernſtwehmüthigen Geſicht, daß Judy ganz vergaß die Frage zu beantworten, und ängſtlich einen nach dem andern der Männer anblickend, ausrief: Um Gotteswillen, was iſt denn geſchehen? Mr. Preſton, Ihr ſeht ſo ſonderbar aus— und die Männer hier alle, der Conſtable? was iſt denn nur um aller Heiligen willen vorgefallen? Laß nur Judy— ich erzähle Dir Alles nachher, ſag' nur jetzt ob der Doktor zu Hauſe iſt, wir wollen ihn gern um etwas fragen? fuhr der junge Mann ernſthaft fort. Er iſt oben, ſagte das Mädchen eingeſchüchtert, aber tretet leiſe auf, fuhr ſie fort, als ſie ſah daß die Männer ſich alle anſchickten dem jungen Preſton zu folgen, Mrs. Middleton iſt recht unwohl, und erſt gegen Morgen ein wenig eingeſchlafen. 350 Doktor Middleton, nichts ahnend von den ſchreck⸗ lichen Vorgängen des letzten Tages, ſaß allein in ſeinem Studierzimmer, als die Männer zu ihm ein⸗ traten, und überzählte gerade das Geld, das ihm der arme Smiethfield geſtern gegeben hatte, um es, wenn er ausginge, dem Kaufmann, der nur wenige hundert Schritt von ſeinem Hauſe entfernt wohnte, hinzu⸗ bringen. Freundlich bot er dem jungen Preſton, wie meh⸗ ren Andern, die er kannte, die Hand, und bat ſie, ſich niederzulaſſen; Preſton hielt aber ſeine Hand feſt in der ſeinigen und ſagte, ihm ernſt und ängſtlich ins Auge blickend: Doktor, der alte Smithfield iſt geſtern Abend ermordet worden! Ermordet? um Gottes willen! rief der Doktor, wahrhaft erſchreckt über das Entſetzliche, da er ja ſelbſt noch den Alten erſt ſpät Nachmittags verlaſſen hatte. Der eine der Männer, der mit den Anderen in voriger Nacht aus V. geholt worden, war unter dieſer Zeit an den Tiſch getreten und rief jest ernſt und drohend aus: ¹ Das iſt das Geld, das ich dem alten Smithfield geſtern Morgen ſelbſt ausgezahlt habe; das iſt das 351— Taſchenbuch, in das er es ſteckte und hier iſt ſelbſt der rothe Faden, mit dem er es vor meinen Auden zuband? 4 Doktor Middleton, Ihr ſeid mein Gefängerer, ſagte der Conſtable, der jetzt hinzutrat, und dem vor Staunen und Schreck Sprachloſen die Schulter mit der Hand berührte, zum Zeichen, daß er Beſitz von ihm nehme! 95 Aber— um Gotteswillen, Leute— Preſton Vollheim— Douglas— Ihr glaubt doch nicht— großer Gott, träume ich denn?— Ihr glaubt doch nicht, daß ich den alten Mann erſchlagen und dann beraubt habe? Eine fürchterliche Pauſe entſtand, dann aber rief Preſton laut und des Doktors Hand ergreifend: Nein, nein Doktor, ſoll mich der Teufel holen, wenn ich's glaube, nein, und wenn's der liebe Gott ſelber ſagte, Ihr könnt das— Ihr könnt das nicht gethan haben. Ich dank Euch, Preſton, ſagte der Doktor, und drückte dieſem die Hand herzlich, ich dank' Euch, ich wußte wohl, daß Ihr wenigſtens mich kennen mußtet. Doktor, es iſt ein hartes Amt was ich habe, fiel der Conſtable, faſt gerührt, ein, Ihr wißt aber 35² — es iſt meine Pflicht, und Ihr müßt mit mir gehen! Gott, meine Frau! murmelte der arme Mann⸗ vor ſich hin, als er jetzt zuerſt an ſeines geliebten Weibes Schwäche und Reizbarkeit der Nerven dachte, ſie überlebt das nicht, wenn ſie es erfährt. Laßt ſein, Doktor, fiel Preſton beruhigend ein, Eure Unſchuld muß an den Tag kommen, und wenn Ihr auch ein paar Tage vom Hauſe weg ſein müßt, ſo braucht Eure Frau doch darum immer noch nicht zu wiſſen wo Ihr ſeid Geht mit Gott, und Voll⸗ heim und ich wollen hier bleiben, Eurer Mutter die Sache auseinanderſetzen und ſie, wo möglich, be⸗ ruhigen. Alle hielten das für das Beſte, und ſelbſt der Doktor fürchtete in dieſem Augenblick, nicht Herr genug ſeiner Gefühle zu ſein, um von ſeiner Frau und Mutter Abſchied zu nehmen, ging ſelbſt in den Stall hinunter, legte den Sattel auf ſein Pferd, und war in wenigen Minuten mit ſeinen Begleitern auf dem Weg nach V. begriffen, um dort in das Ge⸗ fängniß geführt werden und die Unterſuchung abzu⸗ warten.. Aber die Hoffnung des jungen Preſton, die Un⸗ ſchuld des Doktors bald begründet zu ſehen, ging 353 nicht in Erfüllung; immer ſtärker und gefährlicher wurden die Beweiſe gegen ihn. Der Büchſenſchmied ehatte bezeugt, daß er zu ihm gekommen ſei, um Kugeln für ſeine Piſtolen zu bekommen, daß er aber in einem Papier Pulver bei ſich gehabt habe, was er (der Büchſenſchmied) wiſſe, da er es ihm noch ein⸗ mal in gröberes Papier eingeſchlagen habe, indem das andere, dünnere anfing, ſich durchzuſcheuern. Er hatte dann, als er hörte daß eine Büchſe für John Singers da ſei, ſich ſogleich erboten ſie mitzu⸗ nehmen, und zwar unter dem Vorwand, daß er Singers auf jeden Fall in einigen Tagen ſehen würde — die Büchſe war abgeſchoſſen bei der Leiche ge⸗ funden.— Der Kaufmann, der dem alten Smith⸗ field das Geld ausgezahlt hatte, was dieſer für ge⸗ liefertes, eingeſalzenes Schweinefleiſch von ihm be⸗ kam, legte einen Eid ab, daß dieß daſſelbe Geld, das er dem Ermordeten gegeben, wie daſſelbe Taſchen⸗ buch ſei, in das es dieſer hinein gethan habe.— Das Pulverhorn trug die Anfangsbuchſtaben von des Dobktors Namen, und obgleich dieſer hartnäckig leug⸗ nete daſſelbe jemals geſehen zu haben, ſprachen doch die anderen Beweiſe zu ſtark gegen ihn, da er noch dazu frei eingeſtand, den alten Mann einige Meilen von der Stadt eingeholt zu haben und bis an die Gerſtäcker, Miſſiſſippi⸗Bilder. II. 23 354 Theilung der Straße in ſeiner Begleitung geritten zu ſein. 1 Unglücklicher Weiſe verhinderte der, ſo ſehr zur Unzeit gefallene Schnee die genauere Unterſuchung der Fußtapfen, und trotz des Doktors ſteten Be⸗ theuerungen ſeiner Unſchuld, ſtand ſeine Sache ſehr ſchlecht. Auf den 23. war der Gerichtstag, der über das Schickſal des Unglücklichen entſcheiden ſollte, ange⸗ ſetzt worden. Die Jury kam zuſammen und das Verhör be⸗ gann. Middleton's Advokat vertheidigte ihn warm, rief ſeine ganze Nachbarſchaft als Zeugen für ſein untadelhaftes Betragen gegen Jedermann auf, wies auf ſein ganzes früheres Leben zurück, auf das freundliche Verhältniß, in dem er ſtets mit dem alten Smithfield geſtanden hatte; es war umſonſt, die Jury zog ſich zurück, berieth ſich kaum zehn Minuten mit einander über den Fall, deſſen Beweiſe faſt zu klar und überzeugend da lagen, und ſprach ihr „Schuldig“. 4 Der Doktor ſank ohnmächtig auf ſeinen Stuhl zurück, als er das ſchreckliche Wort hörte.„ Es war am Nachmittag des 24., als Preſton bleich und niedergeſchlagen in der unteren Stube von 3⁵⁵ Doktor Middleton's Wohnung ſaß; vor ihm ſtand Judith, und aus ihren rothgeweinten Augen tropften noch immer klare Thränen die, jetzt recht blaß und abgehärmt ausſehenden Wangen hinunter. Geht, geht, Mr. Preſton,— ſagte ſie mit faſt gebrochener Stimme, indem ſie ſich von ihm ab⸗ wandte, was helfen mir Eure ſchönen Worte; Ihr ſeid auch einer von denen, die den armen Herrn ge⸗ fangen fortführten, und wenn die arme Frau oben ſtirht, was geſchehen wird, ſobald ſie das Todes⸗ urtheil ihres Mannes erfährt, das wir ihr doch nach⸗ her nicht mehr verheimlichen können, dann braucht Ihr mich nur nie wieder Eure Judith zu nennen; mir wird überhaupt das Herz wohl auch brechen,— und das arme Mädchen weinte bitterlich. Aber Judith, iſt es denn meine Schuld? habe denn ich anders handeln können, als ich gehandelt habe, ja, konnte ich auch nur eine Ahnung haben, als wir den Leichnam fanden, daß— daß der Ver⸗ dacht auf den guten Doktor fallen könnte? 5 Und Ihr glaubt wohl auch, daß er es gethan hat? fragte Judith, ſich ſchnell nach ihm herum⸗ drehend. Nein, bei Gott, Mädchen, Du biſt zu hart gegen mich; der da oben weiß es, daß ich gern Alles, was 23 3⁵6 in meinen Kräften ſteht, thun würde, dem armen, guten Doktor zu helfen, der, wie ich feſt überzeugt bin, unſchuldig iſt— obgleich ich nicht einſehen kann, wie die Beweiſe alle ſo ſchrecklich richtig zuſammenpaſſen. Wollt Ihr Alles thun was in Euren Kräften ſteht, Bill? wollt Ihr Alles das thun, den armen Doktor zu retten? rief Judith jetzt, die kleine Hand auf den Arm des ihr theueren Mannes legend, und ihn dabei recht kindlich bittend, aus den großen, blauen Augen anſchauend. Was haſt Du nur, Mädchen? was um Gottes⸗ willen kann ich nur thun? das unglückſelige Schuldig iſt ausgeſprochen und am 26. ſoll das Urtheil voll⸗ zogen werden! Hört mich, fuhr Judith bewegt fort,— er ſitzt in dem kleinen Gefängniſſe in V.— ſeine arme Mutter war geſtern bei ihm, ihn noch einmal zu ſehen und ihm Troſt einzuſprechen, ſeine Frau ringt hier im Haus mit dem Tode; die Wahrheit, ſobald ſie dieſelbe erfährt, muß ſie umbringen, der Doktor ſelbſt iſt Euer Wohlthäter, Euer Freund geweſen, übermorgen, übermorgen Mann, ſoll er ge⸗ hangen werden! 3 Aber Judith, bat der, über die Leidenſchaftlichkeit des ſonſt ſo ruhigen Mädchens erſtaunte Mann 357 Still— unterbrecht mich nicht— Ihr könnt vor Sonnenaufgang morgen früh in der Stadt ſein— geht zu ihm, beredet ihn zur Flucht und ſeid ihm dazu behülflich. Er wird, er muß fliehen!— Ihr könnt nicht ſagen daß es unmöglich iſt ihn zu befreien, fuhr ſie fort, denn Ihr ſelbſt habt mir früher ſchon einmal geſagt, daß das Gefängniß ſchlecht ſei und ein Gefangener leicht daraus entwiſchen könnte, wenn nur die hinteren Balken mit einer feinen Säge durch⸗ geſchnitten würden— hier iſt Alles, Säge und Feilen, der Deutſche, Vollheim hat es mir verſchafft, und hier, fuhr ſie leiſer und erröthend fort— ſind auch funfzig Dollar; es iſt Alles, was ich mir ſeit langen Jahren geſpart habe— ich— hatte es zu einem anderen Zweck beſtimmt; aber gerne gäb' ich noch zehnmal ſo viel, wenn ich es hätte, um den guten Herrn zu befreien, und die arme liebe Frau vom Tode zu retten. Aber der Gefangenwärter! Judith, warf Preſton halb unſchlüſſig ein. Der Doktor hat ihm Frau und Kind vom Ner⸗ venfieber gerettet und nie einen Cent dafür genom⸗ men;— er darf ihn zwar nicht ſelbſt fortlaſſen, aber er wird ihn auch nicht ſo ängſtlich bewachen, und Ihr ſeid jung und gewandt, der alte Mann braucht 358 das ſo nicht zu merken.— Hier iſt das Werkzeug, — fuhr ſie ruhiger und mit faſt zärtlicher Stimme fort, geht mit Gott, und wenn Ihr den armen Mann befreit habt, wenn er glücklich nach Teras entkommt, und wir ihm dahin folgen, ſo— ſo— Nun, Judith? frug Preſton ſanft, das hübſche, bis unter das Halstuch erröthende Mädchen bei der Hand nehmend; doch dieſe konnte nicht antworten; in vollem Schluchzen warf ſie ſich dem, ſie liebend umfaſſenden jungen Mann an die Bruſt und floh dann, ſich wieder von ihm losreißend, wie ein ge⸗ hetztes Reh hinweg. Preſton war gewonnen. Es war ja auch ſelbſt, trotz allen Beweiſen und Zeugniſſen, ſeine feſte Ueberzeugung, daß der Doktor unſchuldig ſein mußte, und mit leichtem Herzen machte er ſich auf den Weg nach der Stadt, um Judith's und auch ſeinen üdenen Wunſch zu erfüllen. Aber Hinderniſſe fand er da, wo er ſie am we⸗ nigſten vermuthet hatte. Nachdem er am nächſten Morgen Zutritt zum Doktor erlangt und ihn von ſeinem Plan in Kennt⸗ niß geſetzt hatte, erklärte dieſer feſt und beſtimmt, den Kerker nicht zu verlaſſen, ja ſogar den Wächter zu rufen, wenn er das Geringſte hören würde, was 359 darauf hinzielen könnte ihn, gegen den Willen des Geſetzes, zu befreien. Es leben jetzt viele gute Menſchen, ſchloß er ſeine Behauptung, die, ſelbſt wenn ich den ſchimpf⸗ lichen Tod erleide zu dem ich verurtheilt bin, feſt an meine Unſchuld glauben werden, entfliehe ich aber, ſo wird Keiner mehr daran zweifeln daß ich wirklich die ſchändliche That, die man mir zur Laſt legt, begangen habe, und tauſend Tode will ich lieber ſterben, als mit dieſem Verdacht beladen, in fremden Landen frei zu leben. Nein, Preſton, ich fliehe nicht, mein Leben ſteht in Gottes Hand, und ſoll ich auf ſo ſchreckliche Weiſe enden, ſo geſchehe ſein Wille; Er allein weiß, ob ich einer ſolchen That fähig war! Preſton verließ ihn tief erſchüttert; er verſuchte zwar noch ihn mit Hoffnungen zu tröſten, er ſelbſt aber konnte nicht an ſie glauben, und niedergeſchla⸗ gen, und nicht wiſſend wohin ſeinen Weg zu wenden, ritt er langſam, dem Poney die Zügel überlaſſend, in die Stadt hinein. Wenige hundert Schritte von dem Wirthshaus entfernt, wo er ſein Pferd hatte füttern laſſen, war ein anderes, und lautes Zanken, Lachen und Singen ſcholl ihm aus der geöffneten Thür entgegen; ſchlecht aber ſtimmte der rauhe Lärm und die wilde Fröhlich⸗ 360 keit zu den Gefühlen, die jetzt ſeine Bruſt beſtürmten, und er wollte eben vorbeireiten, als Vollheim in die Thüre trat und ihm zuwinkte, einen Augenblick hereinzukommen. Er warf den Zügel ſeines Pferdes über ein vor der Thür angebrachtes Reck und trat, leiſe dem Freund die gehabte Unterredung und den Erfolg derſelben mittheilend, in die ziemlich ſtark beſetzte Wirthsſtube. Ich wußte es, ich wußte es, entgegnete Vollheim — er iſt unſchuldig und würde nicht wie ein Ver⸗ brecher fliehen wollen; das kleine Mädchen ließ jedoch nicht nach, und ich mußte ihr die Werkzeuge ſchaffen. Lieb iſt mir's aber, recht ſehr lieb, daß ſich der Doktor gleich bleibt,— er iſt ein Ehrenmann, und ich gäbe meinen linken Arm darum, wenn ich ihn retten könnte. Lautes Lachen und Geſchrei machte bald jede etwas leiſe geführte Unterredung unverſtändlich, und ſie traten an den Schenktiſch zwiſchen die Gäſte, welche die Stube erfüllten. Es waren größtentheils Fremde, die angekommen waren der Hinrichtung bei⸗ zuwohnen, und ſich jetzt nuür von dem, morgen zu erwartenden Schauſpiele unterhielten.. Es durchſchnitt Preſtons Seele, ſo von dem Ende eines ihm theueren Mannes, den er wie einen Bruder 361 liebte, reden zu hören, und eben wollte er, nachdem er ſich kaum Zeit genommen hatte ein Glas Brandy und Waſſer hinunter zu ſtürzen, um ſeine faſt erſchöpften Lebensgeiſter wieder etwas aufzufriſchen, dem Gedränge entweichen, als ihm, gerade in der Thür, ein Mann entgegentrat, der dem hitzigen Getränk ein wenig zu viel zugeſprochen zu haben ſchien, und ihn wie einen alten Bekannten begrüßte und anredete. Ich ſage, Preſton, wie geht's Euch— hab' Euch ja ſo lange nicht geſchaut, hol' mich der Teufel, ich bin ordentlich froh, daß ich Euch wieder ſehe, Ihr ſeid ein verdammt guter Kerl! und dabei machte er Miene, ſeinen wiedergefundenen Freund zärtlich zu umarmen. Was? Meßworth? fragte Preſton, keineswegs, wie es ſchien, durch das plötzliche Wiedererkennen des Betrunkenen angenehm überraſcht, indem er ſich dieſen mit der linken Hand etwas entfernt hielt. Wo kommt denn Ihr ſo plötzlich her? ich glaubte Euch in Teras. Bin auch da geweſen, alter Burſche, rief Meß⸗ worth, indem er ſich, da ſie jetzt gerade vor der Hausthür angelangt waren, auf einen Baumſtamm ſetzte, der vor der Thüre lag, bin auch da geweſen 362 2* und erſt heute Morgen hier angelangt, da ich in St. Louis hörte, daß ein guter Freund von mir, der Doktor Middleton, gehängt werden ſollte; Gott ver⸗ damm ihn, wer hieß ihn Leute todtſchießen! Auf Wiederſehn! rief Preſton, und wandte ſich gegen ſein Pferd, um dem Manne zu entgehn, der ein liederlicher Burſche war und früher in V. ge⸗ wohnt hatte, vor ſechs Monaten aber nach Texas gegangen war, und nun ſeinen früheren Wohnort, vielleicht alter Anhänglichkeit wegen, wieder auf⸗ geſucht hatte. Dieſer aber, der wohl ſo etwas ahnen mochte, ſprang auf, faßte Preſton am Arm und rief aus: Nein alter Burſche, nein, ſo entkommſt Du mir nicht, wir müſſen erſt einmal zuſammen trinken; haben ſo lange nicht zuſammen getrunken, und ich ſpüre einen fürchterlichen Durſt; das weiß der Böſe, ich bin jetzt immer ſo trocken im Hals, und das Waſſer iſt ſo erbärmlich ſchlecht hier! Preſton bemühte ſich von ihm los zu kommen, als Jener plötzlich nach dem Pulverhorn griff, was dieſer trug(daſſelbe, das er an jenem unglücklichen Tage im Gebüſch gefunden hatte), und ausrief: Höll' und Verdammniß, wie kommt denn Ihr zu meinem Pulverhorn? 363 Preſton und Vollheim zuckten beide bei dieſer Frage, wie von einem Blitzſtrahl getroffen, zuſam⸗ men und wechſelten einen Blick des Staunens und der Ueberraſchung; doch Meßworth ließ ſich dadurch nicht irre führen, ſondern fuhr eifrig fort: Ja, mein Pulverhorn, und wenn Ihr Euch auch beide hier ſo verwundert anſtaunt, als ob Ihr Euch in Eurem Leben noch nicht geſehen hättet; es iſt mein Pulverhorn; hab' ich's nicht dem Schuft, dem Curneales, kurz vorher, ehe ich wegging, 4*) geborgt, und hat ſich der„son of a gun“*) wohl je wieder bei mir blicken laſſen, ſo daß ich mir, wie ich eins brauchte, erſt ſelbſt wieder eins machen mußte? Aber, erwiederte Preſton, faſt ſeiner Sprache beraubt, in halb freudiger, halb ungläubiger Ueber⸗ raſchung, ſeid Ihr deſſen auch ganz gewiß, daß dies das Eurige iſt, und daß Ihr es an Curneales gege⸗ ben habt? Ob ich gewiß bin? hol's der Teufel, ſteht denn da nicht deutlich mein Name und der Ort meiner Geburt darauf?— da ſeht ſelbſt, P— Philipp— *⁴)„Sohn eines Gewehrs“, ein beliebter Ausdruck der weſt⸗ lichen Amerikaner. 364 M— Messworth— aus M— Milford in D— Delaware! Na! wem gehört es denn ſonſt? überdem koſtet mich das Horn 1 ½ Dollar, denn der Deckel unten iſt, wie mir der deutſche Krämer, dem ich's abgekauft habe geſagt hat, gutes Silber! Preſton ſtand einen Augenblick rath⸗ und thatlos, ſo heftig ſtürmten die verſchiedenartigſten Gefühle und Empfindungen auf ihn ein, doch der beſonnenere Vollheim reichte dem Trunkenbold 1 ½ Dollar und bat ihn, ihm das Horn zu laſſen, da er es eingehan⸗ delt und an Preſton vertauſcht hätte, damals aber nicht wußte, daß der Mann der es ihm verkaufte, kein Recht daran habe. Meßworth, ſehr zufrieden mit dem baaren Gelde das er in der Hand hielt, betheuerte in einem fort, daß er ſich nichts aus dem Horn mache, und daß ſie es behalten könnten, nur wollte er ſie um ſo eher in die Wirthsſtube haben, um mit ihnen das eben ein⸗ genommene Geld zu vertrinken, doch machten ſie ſich von ihm los, ſprangen auf ihre Pferde und waren bald, Vollheim voran, vor der Stadt in der offenen Prairie. Victoria, rief Vollheim, als ſie die letzten Häuſer im Rücken hatten, Victoria, wir ſind auf der Spur! Aber wohin nun, fragte Preſton, um eben dieſen— 36⁵ Curneales zu finden, wer kann jetzt wiſſen, wo der ſteckt?— und wenn er dann leugnet? Komm nur mit mir, rief Vollheim, im höchſten Grade luſtig und froh, komm nur mit mir, ich weiß wo der Vogel ſein Neſt hat; wir wollen aber an des Doktors Hauſe vorbei, und dort können wir mit wenigen Worten den armen Frauen Troſt und Hoff⸗ nung einſprechen. Jetzt erzählte er dem Freunde, wie er am vorigen Abend noch dieſen Curneales geſehen und geſprochen habe, und wie ſich derſelbe in einer Schenke, etwa fünf Meilen von dem Hauſe des Doktors entfernt, aufhalte, in der er ſchon ſeit längerer Zeit ſein Weſen treibe, und ſich faſt einzig und allein mit der Jagd beſchäftige; dabei finſter und in ſich gekehrt umher⸗ gehe und faſt mit keinem Menſchen rede. Nach des Wirthes Ausſage wartete er einzig und allein auf einige funfzig Dollar, die ihm ein Kaufmann in V. ſchuldig war, um, ſobald er dieſe bekommen habe, nach Teras zu gehen und ſich dort anzuſiedeln. In ſcharfem Trabe ritten die beiden Reiter leich⸗ ten Herzens und voll von freudigen Hoffnungen auf der gefrorenen Prairie hin, und erreichten Nachmit⸗ tags das Haus des Richters Mansfield, um noch einmal genau nachzuforſchen, ob an dem Abend jenes — 366 Unglücks weiter kein verdächtiger Menſch dort geſehen worden ſei. Niemand konnte ihnen aber die geringſte Auskunft ertheilen und Middleton war das einzige lebende Weſen, das ſich gezeigt hatte; da erinnerte ſich plötzlich der kleine Stalljunge noch, einen Frem⸗ den, nachdem es ſchon dunkel war, geſehen zu haben, deſſen Geſichtszüge er jedoch nicht hatte erkennen können; nur war ihm, wie er ſich ausdrückte, die Stimme ſehr bekannt vorgekommen. Der Richter war zu ihnen getreten und meinte, leiſe den Kopf ſchüttelnd, d 1s möchte dem armen Doktor wohl ſchwerlich etwas helfen. Doch Richter, doch platzte jetzt Preſton heraus, der ſeine Ungeduld nicht mehr länger mäßigen konnte, ſeine Unſchuld kommt noch an den Tag, wir ſind auf der Spur des Mörders! und nun erzäͤhlte er ihm ausführlich die Begebenheit mit dem Pulverhorn und den Verdacht, der auf jenen Curneales gefallen wäre. Mit klopfendem Herzen und gerötheten Wangen hörte der alte Mann dem Berichte zu, und mehr und mehr verklärte ſich ſein Auge. Ja, rief er endlich aus, der gute Gott lebt noch und wird die Unſchuld nicht verderben laſſen; der Mörder wird ergriffen und der arme, ſo hart Ge⸗ 367 prüfte frei und gereinigt vor ſeinen Mitmenſchen daſtehen. Aber Richter, fuhr Preſton fort, mein Pferd iſt faſt todt, ich bin ſeit geſtern Morgen kaum von ſeinem Rücken gekommen, und— Nehmt mein beſtes Reitpferd, Preſton, unter⸗ brach ihn der alte Mann, nehmt es und reitet, daß es zuſammenbricht, aber fangt mir den Schurken und verſucht ihn zum Geſtändniß zu bringen, ich aber will Euch einen„warrant“ für ihn ſchreiben und den Conſtable mitſchicken, dann bringt ihn mir nur hierher; mein Jim ſoll nnter der Zeit einen Brief nach der Stadt bringen, der die Hinrichtung ver⸗ ſchiebt, bis ich dort eintreffe, und ich ſelbſt will nach des Doktors Hauſe gehen, die Frauen zu tröſten, die wahrlich des Troſtes bedürfen. Der alte Mann traf dieſe verſchiedenen Anord⸗ nungen ſchnell hinter einander, während er ſelbſt, in der Hoffnung, den Doktor zu retten, den er wie einen Sohn liebte, um zwanzig Jahre verjüngt erſchien. Preſton, Vollheim und der Conſtable aber galoppirten raſch dem bezeichneten Wirthshaus zu, indem ſie einen näheren Weg, als den an des Dok⸗ tors Wohnung vorbei, einſchlugen. Die Sonne war untergegangen und die Schatten 368 der Nacht begannen ſchon ihr Reich, als die Reiter am Rande eines kleinen Gehölzes das Haus gewahr⸗ ten, aus deſſen einzigem kleinen Fenſter ſich die melancholiſchen Strahlen eines Talglichtes hervor⸗ ſtahlen.. Dort angelangt, übergaben ſie die Pferde einem jungen Irländer, der das Amt eines Hausknechtes verſah, mit dem Auftrag, ſie etwas abzukühlen und ihnen dann erſt den Mais vorzuſchütten, und traten in den kleinen, rings umher faſt ganz mit verſchieden⸗ artigen Waaren verſtellten Kaufladen. Iſt Curneales hier? fragte Preſton den Verkäu⸗ fer, der gemüthlich auf dem Ladentiſch ausgeſtreckt, nicht mehr Notiz von ſeinen neueingetretenen Kunden zu nehmen ſchien, als daß er ihnen ein kurzes„how d'y do“(wie geht's) zurief. Curneales— ja— drüben im andern Haus, Ihr könnt ihn aber jetzt nicht ſehen,— er ſchläft, er hatte ein wenig zu viel getrunken, und da mochte ihm wohl der Kopf ein Bischen ſchwer geworden ſein— er ſchläft ſchon ein paar Stunden. 4 Wir müſſen ihn aber ſehen, entgegnete kurz und bündig der Conſtable und ſchritt voran; doch Voll⸗ heim hielt ihn am Arm zurück und bat ihn, Preſton und ihn ſelbſt zuerſt hineingehen zu laſſen, weil ſie 369 ſpäter durch ſein plötzliches Erſcheinen des Mannes böſes Gewiſſen zu ſeinem eigenen Verräther zu machen hofften. Jener war damit einverſtanden, und die beiden Freunde traten in das kleine Blockhaus, das von dem anderen, in welchem ſich der Laden be⸗ fand, nur durch einen Zwiſchengang getrennt, durch ein gemeinſchaftliches Dach aber mit ihm verbunden war. Die Frau des Händlers ſtand am Kamin und war mit ihrem Abendeſſen beſchäftigt, und auf einem Bärenfelle, am Feuer hingeſtreckt, lag Curneales, als Kopfkiſſen einen alten ſpaniſchen Sattel benutzend, auf dem er, um weich zu liegen, ſeine Fuchspelzmütze mit der linken Hand hielt. Er ſchlief aber nicht, ſon⸗ dern richtete ſich beim Eintritt der beiden Männer halb auf und ſtarrte ſie wild an, als er die in ihnen erkannte, welche die erſte Anzeige des verübten Mordes gemacht hatten. Curneales— nahm Preſton nach den gewöhn⸗ lichen Begrüßungen das Wort— ich möchte Euch gern etwas zeigen, wollt Ihr wohl einmal hierher zum Feuer kommen? Der alſo Angeredete ſtand ſtill und mürriſch auf und fragte brummend: Was Teufel bringt Euch noch ſo ſpät her, einen Chriſtenmenſchen in ſeiner Ruhe zu ſtören? Gerſtäcker, Miſſiſſippi⸗Bilder. II. 24 370 Kennſt Du dies? fragte Preſton fetzt ſchnell und laut, dem unruhig Umherblickenden das gefundene Pulverhorn dicht vor die Augen haltend, daß dieſer kaum einen Schrei unterdrücken konnte, und beſtürzt einen Schritt zurücktrat, während er mit der rechten Hand krampfhaft unter ſein Jagdhemd nach dem Herzen fuhr. In dieſem Augenblick legte ihm der, von ihm unbemerkt eingetretene Conſtable die Hand auf die Schulter und ſagte ruhig und feſt: Ihr ſeid mein Gefangener. Aber wie ein Blitzſtrahl zuckte ein breites, ſchwe⸗ res Jagdmeſſer in der Hand des Mörders, und mit kühnem Sprunge, wild um ſich ſtoßend, benutzte er die erſte Ueberraſchung ſeiner Feinde und flog mit einem Satz aus der offen ſtehenden Thür. Sein Triumph war aber nur von kurzer Dauer, denn von dem Fauſtſchlag des kräftigen Händlers getroffen(der an der Thüre die ganze Verhandlung gehört und ge⸗ ſehen hatte, und keinen Augenblick zweifelte, daß er irgend etwas ſehr Schlechtes müſſe begangen haben), taumelte er zurück, und wurde augenblicklich von den drei ihm dicht folgenden Männern gefaßt, und trotz ſeiner verzweifelten Gegenwehr, niedergeworfen und gebunden. Knirſchend und ſchäumend wüthete er wohl in 8 371 den Händen ſeiner Rächer, doch Preſton's Arme hielten ihn wie eiſerne Klammern umfaßt, und endlich einſehend, daß alle Gegenwehr unnütz war, verhielt er ſich ruhig und lag wie todt auf dem Boden. Auf alle an ihn gerichtete Fragen antwortete er aber nur mit den ſchrecklichſten Flüchen, und ſchwur, daß ſie dieſe Mißhandlung theuer büßen ſollten. Ueber eine Stunde wohl ließen ſie ihre Pferde ruhen und füttern, dann aber trieb Preſton die Unge⸗ duld und er konnte es nicht mehr im Zimmer aus⸗ halten. Er bat Vollheim, dem Conſtable in der Be⸗ wachung des Gefangenen beizuſtehen, und ihn in das Gefängniß abzuführen, warf ſich wieder auf ſein Pferd und ſprengte, ſo ſchnell ihn das Thier zu tragen vermochte dem Hauſe des Doktors zu. O, mit wie viel freudigern Gefühlen flog er jetzt dem erſehnten Ziele entgegen. Bald ſchimmerten ihm, als er in die offene Prairie hinauskam, die Lichter der ſonſt ſo freundlichen Wohnung entgegen, in der, ſeit dem traurigen Vorfall, nur Schmerz und Gram ihr ſchreckliches Lager aufgeſchlagen hatten, und ſtärker trieb er den Gaul, daß dieſer ſchäumend mit ihm über die weite Fläche dahinbrauste. Endlich hatte er das Thor erreicht, ſprang aus dem Sattel, und den 24* 372 Zügel ſeines zitternden, dampfenden Pferdes dem Knechte zuwerfend, trat er in die ihm von Judith geöffnete Hausthür.— Aber der kräftige Körper des jungen Mannes vermochte nicht länger ſich gegen die übertriebenen Anſtrengungen zu ſtemmen; ſeine Knie zitterten, ſeine Pulſe ſtockten, und da ihm Judith entgegen kam, hatte er kaum noch Kraft genug, auszurufen:„er iſt unſchuldig, wir haben den Mörder“, als er bleich und zum Tode erſchöpft, zuſammenbrach und ohnmächtig zu den Füßen des erſchrockenen Mädchens niederſtürzte. Er ſtirbt, er ſtirbt, ſchrie dieſe, und warf ſich, alles Andere als die Gefahr des geliebten Mannes vergeſſend, auf ihn, und ſuchte ihn emporzurichten, o heilige Mutter Gottes, er ſtirbt unter meinen Händen, und ich, ich habe ihn getödtet. Leiden⸗ ſchaftlich umfaßte ſie unter heftigem Schluchzen den lebloſen Körper und ſank halb bewußtlos neben ihm nieder. 8 Mansfield, der ſelbſt herübergekommen war die Frauen zu tröſten, und ſie auf die neue, freudige Hoffnung vorzubereiten, trat jetzt hinzu, und ſeinen und der Dienſtleute vereinten Bemühungen gelang es endlich, den zum Tode Erſchöpften wieder ins Leben zurückzurufen. —— 4 373 Sie trugen ihn auf ein Bett, wo er ſich langſam erholte; kaum aber war er wieder zu ſich gekommen und erkannte die Gegenſtände und Menſchen, unter denen er ſich befand, als er aufſpringen wollte; Mansfield jedoch hielt ihn mit ſtarker Hand zurück und gebot ihm, ſich ruhig zu verhalten. Ich muß fort! rief Preſton, ich muß fort, nach der Stadt, laßt mir des Doktors ſchnellſtes Pferd ſatteln, aber eilt Euch, eilt Euch, an jedem Augen⸗ blick hängt das Leben des Mannes. Nein, ſagte der Richter, das wäre Thorheit, Euch jetzt in dieſem Zuſtande fortzulaſſen, Ihr ſeid ja ſo ſchwach, daß Ihr kaum Euren Arm rühren könnt! O, ich bin ſtark wie ein Bär! rief Preſton ängſt⸗ lich dazwiſchen, aber laßt mich nur fort, wenn Euch mein, wenn Euch des Doktors Leben lieb iſt; der Doktor iſt unſchuldig, wir haben den Mörder; o ich muß, ich muß fort. Und wenn Euch unterwegs die Schwäche wieder übermannt, und Ihr ohnmächtig vom Pferde ſtürzt, wer ſoll dann in V. ein Wort von dem erfahren, was Ihr jetzt ſo ſehr dort hin zu berichten wünſcht? Nein, ein geſunder, kräftiger Mann ſoll den Ritt machen, und das zwar auf meinem eigenen Pferd und noch in 374 dieſer Stunde, aber weder Ihr noch ich. Wir wollen hier bleiben und die Frauen zu dieſem Glückswechſel vorbereiten, denn es iſt lange, ſeit die Armen eine ſo freudige Stunde erlebt haben. Preſton ſah ein, daß er wirklich zu erſchöpft war, den neuen Ritt auszuhalten, und ſchon zehn Minuten ſpäter flog mit klappernden Hufſchlägen ein Reiter über die gefrorene Steppe, der einen Brief des Rich⸗ ters nach V. trug, in welchem dieſer verſprach, den wirklichen Mörder des alten Smithfield am nächſten Morgen dorthin abzuliefern. Preſton mußte jetzt Alles ganz ausführlich erzäh⸗ len, und die alte Mutter Middleton's, die nun auch, da des Doktors Frau, von neuen Hoffnungen belebt etwas eingeſchlummert war, herunter kam, fiel betend auf die Knie nieder, und dankte mit brünſtigem Herzen dem Höchſten, nicht für die Unſchuld ihres Sohnes, an die hatte das Mutterherz ſtets geglaubt, nein, für die Entdeckung derſelben, und Iudith reichte mit einem unausſprechlich ſanftem Blick dem jungen Mann die Hand hinüber, die dieſer freudig an ſeine Lippen drückte. 3 Was braucht es der weiteren Worte; die Freude des Wiederſehens der guten Menſchen zu ſchildern, als der Doktor, von ſeinen Richtern freigeſprochen 375 und ehrenvoll entlaſſen, wieder in ihre Arme eilte; es wäre doch vergebens. Aber noch lange fühlte er die Nachwehen des ſchrecklichen Verdachtes, der auf ihm, wenn auch nur kurze Zeit, geruht hatte, und ein heftiges Fieber warf ihn nieder; doch genas er und ſeine Frau wieder vollkommen. Obgleich er nun aber von ſeinen Nachbarn faſt auf Händen getragen wurde, die Alles, was nur in ihren Kräften ſtand, thaten, um ihren damaligen Verdacht wieder gut zu machen und den Doktor für die vielen Leiden die er ausgeſtanden, zu entſchädigen, ſo konnte er doch nie vergeſſen daß er von denen, die er ſtets als ſeine Freunde geliebt, für einen Mörder und Räuber gehalten und als ſolcher verdammt worden war, und er zog das nächſte Jahr, trotz den Bitten des alten Mansfield, der ſein Möglichſtes that ihn zurückzuhalten, über den Miſſiſſippi nach Miſſouri. Kaum iſt es wohl nöthig zu bemerken, daß noch eine zweite kleine Familie mit ihm nach dem fernen Weſten auswanderte, und daß William Preſton mit ſeiner jungen Frau viel dazu beitrugen, dem ſchwer⸗ geprüften Manne das Leben in den ſtillen Waldungen der neuen Heimath leicht und angenehm zu machen, ſo daß er bald im Kreiſe dieſer guten Menſchen „ 376 vergaß, wie er einſt früher verkannt und ausge⸗ ſtoßen war. Vollheim folgte, einige Jahre hvaters den beiden Familien, und erwarb ſich in kurzer Zeit durch Blei⸗ minen die er auf ſeinem Lande fand, und die er ſelbſt bearbeiten ließ, wie durch mehre Schmelzöfen die er anlegte, ein ziemlich bedeutendes Vermögen. Curneales, in das Gefängniß zu V. abgeliefert, geſtand den Mord, entwich aber vor dem Tage der Hinrichtung, und zwar, wie man behaupten wollte, durch Meßworth's Hülfe; doch konnte dieſem nichts bewieſen werden, und er ſelbſt hielt ſich auch nur noch wenige Tage nach Curneales Flucht in jener Gegend auf. Wie man glaubte, war Curneales weſtlich geflohen. —— Die dicke Wittwe. Jo muß den Leſer mit mir nach der fernen Hauptſtadt von Arkanſas, nach Little Rock nehmen, das, am ſüdlichen Ufer des Arkanſasfluſſes gelegen, zu der Zeit, in welcher unſere Erzählung ſpielt, aller⸗ dings noch ein kleiner unbedeutender Ort war, beſon⸗ ders aber in den letzten Jahren ſehr gewachſen iſt, und ſeine Grenzen immer mehr in den dichten, es eng umſchließenden Urwald hineingedrängt hat. Oeffent⸗ liche Gebäude ſind jetzt errichtet, ſtattliche Häuſer aus Block⸗ und Bretterhütten aufgeſtiegen, und kaum gleicht es noch dem früheren kleinen halb Indianiſchen Flecken, der aus Wigwams und Shanties“) gemiſcht, den erſten Grund, den Saamen der ſpäteren City bildete. **) Wigwam heißt das Indianiſche Zelt oder Wohngebäude; Shantie, die erſte aus rohen Brettern oder Stämmen aufge⸗ ſchlagene Hütte des Hinterwäldlers. — 378 Nicht ſo ſtattlich nahm ſich Ae R vor etwa dreizehn Jahren aus; bei Regenwetter mußte man damals noch in dem Theile der Stadt, der jetzt zu den belebteſten gehört, Fuhrten durch, oder ſchmale ſchlüpfrige Bretter über ſchäumende Bäche hin ſuchen, und Pflaſter kannte ein Theil der Bewohner vielleicht nur aus der Erinnerung. Die Stadt beſchränkte ſich damals auf wenige, mit dem Fluß gleichlaufende Straßen, und einzelne Backſteinhäuſer dienten den dann und wann mit Hirſchhäuten oder Wildpret her⸗ einkommenden Jägern zum Gegenſtand des Staunens und der Bewunderung. Zu jener Zeit war es auch, wo Handwerker die glänzendſten Geſchäfte in der jungen Anſiedlung machen konnten, denn faſt Alle, die ſich dort niederge⸗ laſſen, hatten es gethan, um allerdings ſchnell Geld zu verdienen und reich zu werden, aber keineswegs— um zu arbeiten. So gab es z. B. nur einen einzigen Schuſter dort, der wirklich neues Schuhwerk verfer⸗ tigte; er war ein Mulatte, und verdiente ungemein viel Geld; Zimmerleute fanden lohnende Beſchäf⸗ tigung, Schneider und Schloſſer ſchienen unbezahl⸗ bar ꝛc. ꝛc.; kurz, wer wirklich arbeiten wollte,⸗brauchte die Hände auch keine Secunde lang müßig in den Schooß zu legen. 379 Damals kam, auf gut Glück und mit eigentlich keiner weiteren Hoffnung, als ſein nothdürftiges Brod zu finden, ein kleines Schneiderlein, Namens Julius Meier, nach Little Rock, und wanderte einen ganzen Tag lang trübſelig und mit hungrigem Magen in der Stadt herum. Seinen letzten Cent hatte nämlich die Dampfbootpaſſage in Anſpruch genom⸗ men, und er getraute ſich nicht Jemanden anzuſpre⸗ chen, da er— ſeiner ſpäteren Ausſage nach—„die Polizeidiener nicht kannte, die wahrſcheinlich zwiſchen den anderen Menſchen herumliefen und ebenſo wie dieſe ausſähen.“ Hunger thut aber weh, lange hielt er das nicht aus, und ſein gutes Glück führte ihn zu einem anderen Deutſchen, der zwar auch noch nicht lange in Amerika, doch mit den Sitten und Ge⸗ bräuchen des Landes ſchon etwas beſſer bekannt und vertraut geworden war. Charles Fiſcher, wie dieſer hieß, wußte ſich denn vor allen Dingen in Beſitz der ganzen Lebensgeſchichte unſeres kleinen Schneiders zu ſetzen, die allerdings einfach genug war und keines großen Ausmalens bedurfte. Meier, der mit einem Auswandererſchiff, der„Hoffnung,“ von Bremen nach New⸗York gekommen, hatte ſich ſchon in Bremen einer Geſell⸗ ſchaft angeſchloſſen, die eine große gemeinſame An⸗ * — 380 ſiedlung zu gründen beabſichtigte, war von New⸗York aus mit dieſer nach dem weſtlichen Theile von Teneſſee gegangen, dort mit den Uebrigen bald darauf zu der Ueberzeugung gelangt, daß ſie ſammt und ſonders mit ihrem Landkauf betrogen waren, und ſpäter, als die ganze Geſellſchaft nach allen Richtungen hin, und Jeder ſein eigenes Glück verfol⸗ gend, auseinanderſtiebte, auf das erſte beſte Dampf⸗ boot geſprungen, das an dem nächſten Holzplatz an⸗ legte, und dieß, nach Little Rock beſtimmt, trug den jungen Abenteuerer raſch und ſicher ſeiner nächſten Beſtimmung entgegen. Sobald Charles Fiſcher erſt einmal wußte, woran er mit dem kleinen Landsmann war,— den er ſchon deshalb liebte, weil er mit ihm genau eine Größe hatte— ſchaffte er auch bald Rath zu Arbeit und Unterkommen, und Meier, fleißig und ehrlichen Gemüths, gab ſich dieſer mit ſolchem Eifer hin, daß er nicht allein gar bald Summen verdiente, wie er ſte nie, auch nicht in ſeinen kühnſten Meiſterträumen für möglich gehalten, ſondern nach Verlauf von wenigen Monaten ſogar ſchon eine eigene Werkſtatt anlegte, und dort zuſchnitt und ſchneiderte, daß es eine Luſt war. Fiſcher hatte ihm allerdings gewaltig zureden und Muth einſprechen müſſen, denn die alten Vor⸗ 381 urtheile wurzelten noch viel zu gewaltig in ihm; er wollte es ſich anfangs gar nicht einreden und ſich nicht überzeugen laſſen, wie ein ſo unbedeutendes kleines Licht, das in Deutſchland in ſeiner ehren⸗ werthen Profeſſion kaum ausgelernt, hier ſchon flugs und frei Meiſter werden und ſelbſt Geſellen halten könne, ohne auch nur Jemandem ein gut Wort darum zu geben, oder gar um eine Erlaubniß einkommen zu müſſen. Auch ging es eben mit dem Zuſchneiden noch nicht ſo ausgezeichnet, es war das etwas, was er früher nie ſelber betrieben, und jetzt aus ſich ſelbſt heraus und an den Körpern ſeiner Kunden ſtudiren mußte, von denen denn auch Einige etwas rückſichts⸗ los behaupteten, die angefertigten Kleider paßten ihnen nirgends, wie oben auf den Schultern, und hingen den Trägern mehr wie zu ihrer eigenen als dieſer Bequemlichkeit am Leibe herum. Das gab ſich aber Alles;„es iſt noch kein Meiſter vom Himmel gefallen,“ ſo lautete Meiers eigenes Troſtſprüchlein — ſeine Kunden mochten ſehn wo ſie ſelber Troſt fanden— und da er, mit nur noch einem Schneider zur Concurrenz, immer mehr Arbeit und dadurch auch mehr Uebung bekam, ſo beſſerten ſich ſeine Verhält⸗ niſſe von Tage zu Tage. 38² Es dauerte gar nicht lange, ſo war Meier ein, nach ſeinen Begriffen, förmlich reicher Mann gewor⸗ den, und mit ſeiner Taſche voll Silber fing er bald, freilich etwas zu früh, eine andere Lebensweiſe an. Er nahm ſich eine Negreſſe als Haushälterin in ſein Logis, die bald durch auffallend gute Kleidung und ſonſtigen Schmuck bewies, ihre Stellung ſei nichts weniger als dürftig; dabei ſpielte er und gewöhnte ſich die dort überhaupt üblichen ſtarken Getränke an, kaufte ſich Schießzeug und fing an Tagelang im Walde herum zu laufen, wodurch er, als ganz natür⸗ liche Folge ſolchen Treibens, ſeine Arbeit und ſeine Kunden vernachläſſigte. Ewig konnte ein ſolches Leben aber nicht fort⸗ beſtehen, und der Schatz, der dem kleinen Verſchwen⸗ der unerſchöpflich geſchienen, ging nur zu bald auf die Neige. Nun machte er Schulden, und ſuchte ſich dadurch ſo lange als möglich über Waſſer zu halten, wie aber auch das nicht mehr ging, und die vorſich⸗ tigen Amerikaner dem liederlichen Handwerker nicht mehr borgen wollten, da mußte er endlich doch wieder an ſeinen Arbeitstiſch zurück, und ſeufzend griff er wieder nach Nadel und Zwirn, nach Scheere und Bügeleiſen. Wie das jedoch gar manchmal im irdiſchen Leben 383 geſchieht, daß wir arme Sterbliche in troſtloſer Ver⸗ blendung den richtigen Moment verſäumen, und dann erſt ganz urplötzlich aus Leibeskräften an zu rudern fangen, wenn die Stromſchnelle unſeren Kahn ſchon erfaßt hat, und mit fürchterlicher Kraft dem gähnenden Waſſerſturz entgegenreißt, ſo fand auch Meier jetzt, erſt zu ſeinem Erſtaunen, dann zu ſeinem Schrecken, daß die Verhältniſſe in Little Rock keineswegs noch ſo ſtanden wie damals, als er ſeine künſtleriſche Lauf⸗ bahn begonnen. Es waren noch zwei ‚Kleidermacher für Herrn“, Gott weiß aus welchem Winkel der Ver⸗ einigten Staaten, eingetroffen, und da dieſe gerade mit dem Fleiße arbeiteten, den Meier in erſter Zeit an den Tag gelegt, ſo ließ ſich denken, wie die meiſte Kundſchaft auf ſie überging, die ſie auch eher verdien⸗ ten als„der kleine liederliche Dutchman“ welchen ehrenvollen Beinamen Julius im Laufe der Zeit in der Stadt bekommen hatte. Meier war in Verzweiflung; wo blieb nun ſeine Ausſicht auf einen anſtändigen Erwerb, wie konnte er hoffen, mit den„paar lumpigen Kunden“ auch nur ſeine nothwendigſten Lebensbedürfniſſe zu beſtreiten, vielweniger denn einen Lurus zu befriedigen, der ihm ſchon zur anderen Natur geworden war. Der Hang zum Spielen und Trinken ließ ſich nämlich nicht 384 ſogleich wieder ausrotten, und Meier, anſtatt um ſo eifriger ſeinem Geſchäft obzuliegen, und nun den weit ehrenvolleren Verſuch zu machen, durch Fleiß und Geſchicklichkeit den Platz wieder zu erkämpfen, den er in früherer Zeit behauptet, dachte auf andere Mittel, und ſann und ſimulirte, was da zu thun und wie zu helfen ſei. So geſchickt nun aber Julius Meier auch mit der Nadel umzugehn wußte, ſo ungeſchickt bewies er ſich da, wo es galt, eine geiſtige Fähigkeit zu entwickeln, und ſein ſtundenlanges vor ſich Hinbrüten und an den Nägeln kauen, hatte weiter keinen ſichtlichen Erfolg, als daß er nach Verlauf von ein oder zwei Stunden gewöhnlich aufſprang, ſeinen Hut ergriff und ſpornſtreichs in die kleine bretterne Schenkſtube rannte, die Charles Fiſcher vor einigen Monaten aufgebaut, und mit den verſchiedenen dahinein gehö⸗ renden Weinen und Liqueuren verſehen hatte. Hier aber erfreute und ſtärkte ſich Meier nicht blos an den geiſtigen Getränken— denen er übri⸗ gens jede Gerechtigkeit wiederfahren ließ— ſondern auch an der geiſtigen Unterhaltung ſeines Freundes Charley oder Scharleh, wie ihn Amerikaner und Deutſchen am liebſten kurzweg nannten, und hatte auch heute, als an einem Sonn⸗ und Feiertage, eben 385 ſein drittes Glas Mint Julep) vor ſich ſtehn, wäh⸗ rend Charley dicht daneben auf dem Schenktiſch ſaß, mit den Hacken leicht gegen dieſen antrommelte und Vankee doodle pfiff. 4 Charley, ſagte da Meier endlich, nach einer ziemlich bedeutungsvollen Pauſe, in welcher er nur langſam an dem Strohhalm geſogen, und unver⸗ wandt auf die blitzenden Eisſtücke und feuchtkühlen Pfeffermünzblätter vor ſich niedergeſtiert hatte, Char⸗ ley— ich muß, weiß es Gott, meine Zahlungen einſtellen; baar Geld iſt rar, und Julius Meier wird ſich für inſolvent erklären— Julius Meier weiß wenigſtens kein Mittel weiter, einer ſonſt fürchter⸗ lichen Nothwendigkeit zu entgehn. Fiſcher hörte urplötzlich mit Pfeifen auf, ſah Meier etwas verdutzt an und ſagte eine ganze Weile gar Nichts, dann fuhr er wieder fünf oder ſechs Töne in dem gählings abgeſchnittenen Liede fort, brach wieder ab und frug dann endlich, indem er ſich ſoweit auf dem Ladentiſch herumſchob, daß er volle Fronte gegen den Trinkenden machte, mit dem er gerade allein im Zimmer war: **) Mint Julep, ein in Amerika beliebtes Getränk, aus Rum oder Cognak, Zucker, Eis, grüner Pfeffermünze und Waſſer beſtehend, das aus dem Eis heraus gewöhnlich mit einem Stroh⸗ halm geſchlürft wird. Gerſtäcker, Miſſiſſippi⸗Bilder. II. 25 8 Fürchterliche Noihwemigta zu entgehn?— hm — und die wäre? Daß mich Andere für inſolvent erklären, erwie⸗ derte Meier ohne dabei den Mund vom Strohhalm zu nehmen, mit dem er eben die letzte Neige aus dem Glaſe ſog. Hm!l ſagte Charley wieder, und machte, in ſeine alte Stellung zurück rutſchend, eine Achtelwendung rechts— hm, da ſiehts wohl windig aus? Meier, da ſieht's wohl ſehr windig aus— und er begann mit nur erhöhtem Eifer ſein Extraconcert wieder. Charley hatte auch alle Urſache, über dieſe, aller⸗ dings ſchon gefürchtete Entdeckung, beſtürzt zu ſein, denn Meier ſchuldete ihm eine keineswegs unbeträcht⸗ liche Summe, auf die er bei einem beabſichtigten Hausbau ſehr ſtark gerechnet bade War der Schnei⸗ der wirklich ohne alle Mittel, o ſah er auch gar keine Möglichkeit zu ſeinem di zu kommen, denn daß Meier nicht ſobald wieder anfangen würde ordentlich zu arbeiten, dazu kannte er den kleinen, einmal erſt liederlich gewordenen Burſchen ſelbſt zu gut. 3 Sehr windig, ſagte Meier, übrigens ganz ruhig und reſignirt, nachdem ſich nur der erſte Trommel⸗ und Pfeifen⸗Tuſch in etwas gelegt hatte, ſtürmiſch 387 ſogar, Charley, ſtürmiſch mit Regen und Hagel, wie im Kalender ſteht, und keine Ausſicht. Und Mrs. Broadly? frug Charley, und blinzte nach dem jungen Freunde hinüber, Mrs. Broadly, Meier? weißt Du, daß die erſt neulich wieder vier⸗ tauſend, ſage viertauſend Dollar in baarem harten Silber geerbt hat?— ich habe die Kiſten ſelber geſehn. Wird aber meiner Mutick Sohn kein Gutes thun! murmelte Meier düſter vor ſich hin— die Inſolvenz hängt mir wie ein Sofokles Schwert an einem Haar über dem Haupte— ſelbſt die dicke Wittwe wird mich nicht vor ihr retten— ſie hat ein Herz von Marmel⸗ ſtein. Julius Meier gebrauchte, wenn er mit Charles Fiſcher privatim von Mrs. Hoſtannah Broadly ſprach, gewöhnlich den, wenn auch bezeichnenden, doch vielleicht etwas zu familiären Ausdruck der „dicken Wittwe.“ Meier, ſagte der Fiſcher plötzlich, und kam wieder, mit der Achtelwendung links, in volle Fronte— ich habe eine Idee! Meier war erſtaunt darüber, und bekundete dieſe Empfindung durch ein überraſchtes„Ach“, das faſt unwillkührlich ſeinen Lippen entfloh. Fiſcher ließ ſich 25*†. 388 aber nicht irre machen; in ſeinem Hirn hatte ſich wirklich ein Ideengang entwickelt, der in möglichſter Schnelle zum Durchbruch zu kommen drohte; den Finger an der Naſe, ſaß er auch nur wenige Secun⸗ den ſchweigend da, und fuhr dann mit leiſem aber feſtüberzeugtem Kopfnicken fort: Ja, ja, Meier, die dicke Wittwe kann und muß Dein Glück machen, aber Klugheit gehört dazu, Intelligenz, Meier; ſei klug wie die Tau— nein, ſei unſchuldig wie die Tauben, aber klug wie die Schlangen,— die dicke Wittwe liebt Dich, Meier — ſie fühlt ſich zu Dir hingezogen. Aber zäh iſt ſie wie ein Mackintoſch, brummte der Schneider mürriſch, und ſtand auf, um ſich ein viertes Glas Mint Julep zurecht zu machen— zäh wie ein warmer Gummiſchuh— iſt die dicke Wittwe— es wird ihr nie einfallen, auch nur ein einfaches erbärm⸗ liches Hundert Dollar für einen Fremden herzugeben; — der unglückſelige Geldkaſtenſchlüſſel iſt continuir⸗ lich verlegt. Hm! ſagte Fiſcher wieder, und lächelte ſtillver⸗ gnügt vor ſich hin, das ſricht ungemein für die Um⸗ ſicht der Frau, Meierchen, ganz ungemein ſpricht das dafür— einem Fremden ſoll ſie auch gar Nichts geben, nicht die Probe ſoll ſie einem Fremden geben, 389 aber ihrem— Bräutigam wird ſie ihre Baarſchaft doch nicht verſchließen? Ihrem Bräutigamse ſagte der Schneider, und drehte ſich erſchreckt nach Fiſcher um— ich ſoll doch nicht etwa die dicke Wittwe heirathen? Fiſcher lachte laut auf, antwortete aber nicht gleich, denn im Grunde wär's ihm ganz egal geweſen, ob Meier die dicke keifende Wittwe geheirathet hätte oder nicht, ſo er nur zu ſeinem Gelde kam, und da⸗ durch auch vielleicht die Ausſicht gewann, einen künf⸗ tigen vortrefflichen und zahlungsfähigen Kunden an dem Schneider zu behalten. So viel ſah er aber doch ein, Meier würde ſich unter keiner Bedingung gutwillig dazu verſtanden haben, den Bund der heili⸗ gen Ehe mit der Frau zu ſchließen, und da er über⸗ dieß urſprünglich einen ganz anderen Plan gehabt, ſo ſäumte er denn auch nicht länger, dieſen, und zwar jetzt mit vorſichtig gedämpfter Stimme, dem Freunde mitzutheilen. Der Plan beſtand aber wirklich in nichts Ge⸗ ringerem als einem fingirten Eheverſprechen, das, allen Ernſtes gemacht, jeden Falls im Stande ſein würde, der reichen Wittwe eine hinlängliche Summe abzulocken, wenigſtens die Schulden des kleinen Schneiders abzuzahlen. Fiſcher ſtellte ihm dabei mit 390 Indianiſcher Beredſamkeit vor, wie ſorgenfrei er dann ein neues Leben beginnen, und die alte Kund⸗ ſchaft leicht und ſicher wieder gewinnen könne, ohne fortwährend von ſeinen Gläubigern gedrängt, und ſeines eigenen Daſeins nicht froh zu werden. Aber die Wittwe? ſagte Meier, bedenklich mit dem Kopfe ſchüttelnd— gieb dem Teufel den kleinen Finger und er hat bald den Ellbogen. Der traue ein Anderer— verſprech ich der einmal die Ehe, dann bin ich auch geliefert; die heirathet mich, ich mag wollen oder nicht. Das laß meine Sorge ſein, ſagte Fiſcher lachend, da müßte ich ſo lange Jahre umſonſt in Little Rock geſteckt haben, wenn ich nicht wüßte, wie man der alten Schachtel Farbe bedient. Nein, Meierchen, die kann Dich gar nicht heirathen, wenn ſie auch wollte — ſie darf nicht. Aber weshalb?— mündig iſt ſie doch, weiß es Gott! Ja, wohl, zweimal und drüber, wo aber iſt denn, wenn man fragen darf„ ihr Mann geblieben, heh? wo ſteckt Mr. Broadly? Broadly? nun das weiß doch die ganze Stadt, daß der auf der Santa Fee Reiſe vor ſechs oder ſieben Jahren mit der ganzen Caravane von den Cumanches überfallen und umgebracht wurde. Ich dächte die Ge⸗ 391 ſchichte wäre bekannt genug, denn Mrs. Broadly iſt nicht die Frau, die etwas derartiges verſchwiegen hielte. Mir hat ſie das Alles, und noch dazu mit der größten Umſtändlichkeit, wohl mehr als zwanzigmal erzählt; ich kann's auswendig. Und wo ſind die Beweiſe von dem Tode ihres Mannes? 4 Beweiſe, ei die hat ſie bis jetzt noch nicht erhalten können; die wilden Rothfelle ſtellen ja doch auch keine Todtenſcheine aus. Gut, das war nur was ich wiſſen wollte, ſagte Fiſcher ſchnell, darauf habe ich meinen Plan gebaut. Du haſt weiter vor der Hand Nichts zu thun, als ihr eine förmliche Liebeserklärung, oder noch beſſer, einen regulären Heirathsantrag zu machen, und das Andere findet ſich dann von ſelber. Einen Korb riskirſt Du auch nicht dabei; allerdings würde die Wittwe, wenn ſie Dich nicht kriegte, auch nicht ſterben, und eben ſo gern die meiſten Anderen nehmen, denn aus Liebe heirathet die nicht mehr. Den Grund weiß aber auch ganz Little Rock, und uns kann's eben ſo lieb ſein, wenn wir nur damit das erreichen, was wir erreichen wollen. Den Grund? ſagte Meier verwundert, nun was hat ſie denn noch für einen Grund? wenn ihn ganz 392 Little Rock kennt, ſo gehör⸗ ich wo anders hin— ich weiß kein Wort davon. 3 Ei, ſie will nicht mehr„die dicke Wittwe“ heißen, lachte Fiſcher, und deshalb um jeden Preis einen Mann, und mit dieſem einen feſten Namen bekommen. Ein anderer heirathet ſie nicht mehr, ſo viel wird ſte ſich ſelber allenfalls denken können, deshalb nimmt ſie einfach dich— Mrs. Meier klingt im ſchlimmſten Fall doch immer beſſer als„die dicke Wittwe,“ und— genau genommen, iſt es auch vielleicht der letzte Ausweg, den verhaßten Namen je los zu werden. So redete der eloquente kleine Schenkwirth dem Freunde noch lange und dringend zu, bis Meier, obgleich nach mancher Bedenklichkeit, nach manchem ängſtlichen Zweifel, endlich einwilligte, und zuletzt ſogar noch die kleine Nebenbedingung ſtellte, daß 8 Fiſcher auf ſeine Rechnung, wenn ja Mrs. Broadly ihre großmüthige Laune bekommen ſollte, 100 Dol⸗ lars mehr ſetzen möge als ſie wirklich betrüge, damit er ſelber in Zeit der Noth einen Zehrpfennig übrig behalte. Und jetzt, darüber einig, holten ſich die bei⸗ den würdigen kleinen Leute eine rundbäuchige Flaſche chten Madeiras, aus einem ſonſt ſorgfältig verwahrt gehaltenen Schrein, ſetzten ſich damit in eine ſtille Ecke, und lachten und tranken, und ſchwatzten und 393 kicherten mit einander, bis die Sonne weit hinter den grünen Baumwipfeln hinuntergeſunken war, und weißer milchliger Nebel in ſchweren, drängenden Schichten auf dem Strom lag. Am nächſten Tag erſchien Julius Meier, der ſich in letzter Zeit mehr und mehr vernachläſſigt, und ſelten nur Mittag das rotherhitzte Geſicht mit den verſchlafenen Augen aus dem Fenſter geſteckt hatte, um nach dem Stand der Sonne die etwaige Zeit zu beurtheilen, zum Erſtaunen ſeiner Nachbarn ſchon um ſieben Uhr Morgens im Kaiſeraugenblauen Frack mit goldglänzenden Knöpfen, mit neuer Weſte und Cravatte, neuen Stiefeln und Unausſprechlichen, neuen Handſchuhen, neuem Hut und neuem Taſchen⸗ tuch, kurz ſo blank und glänzend, ſo neu und eben erſt aus der Schachtel genommen, wie das gefirnißte Schild, das er ſich in beſſeren Tagen für ſchweres Geld angeſchafft, und auf welchem, in allerdings etwas gezwungener Stellung, zwei nach der aller neuſten Mode gekleidete Herrn, der eine im Chamois⸗ Frack, der andere im dunklen Ueberrock, und mit Locken, die ſich, nach der Ausſage der Hinterwäldler, „wie Schweineſchwänzchen“ drehten, mit der einen Hand die Spazierſtöcke an die Lippen und mit der anderen den Hut hielten. 394 Vor allen Dingen ging er zu Charles Fiſcher, wo er mit dieſem frühſtückte und deſſen Einladung ſehr gerne folgte, ſich in einer neuen Flaſche Madeira „friſchen Muth“ zu trinken, dann— doch das iſt Geheimniß geblieben. Man hat ihn wohl zwei oder dreimal an dem Tage in das Haus der Wittwe gehn ſehn, auch trug ſein Geſicht, ſelbſt wenn er heraus- kam, vorzüglich aber wenn er hineinging, den Aus⸗ druck ernſter und würdiger Feierlichkeit. Am Nach⸗ mittag— denn Mittags hatte er dort gegeſſen— mußte Mr. Fiſcher mit zu Mrs. Broadly, und die bei verſchloſſenen Thüren gehaltene Conferenz dauerte wohl über eine Stunde, am nächſten Morgen aber ging ſchon das Stadtgeſpräch, der kleine liederliche Dutchman werde die alte reiche Wittwe Broadly— natürlich nur aus Liebe— heirathen, und nachher das Arkanſas Hotel in Frontſtreet pachten. Woher das die Leute wußten? lieber Gott, wer hat je den Urſprung eines Stadtgeſprächs ergründet — wie bei einer zerbrochenen Fenſterſcheibe in einer wohlorganiſirten Haushaltung, iſt kein ſterblicher Menſch der Thäter geweſen; die Geſchichte„-muß ſchon vorher einen Sprung gehabt haben,“'s iſt von ſelber gekommen.— Das Stadtgeſpräch auch— von irgend Jemand iſt es irgendwo erzählt, und irgend 395 Jemands Schweſter hat es dann irgend Jemandes Bekanntem mitgetheilt, von dem es wieder irgendwo anders, aber ebenfalls nur als Gerücht, in irgend eine andere Geſellſchaft gebracht wird und nun wie ein Lauffeuer, nach zwanzig verſchiedenen Richtungen zugleich hinausſtiebt. So viel war übrigens gewiß, Charley Fiſcher ging ein paar Tage mit einem ganz verklärten Ge⸗ ſichte herum und Meier hatte wieder Geld im Ueber⸗ fluß, ſchien jedoch keineswegs geſonnen, deſſen freudige Eriſtenz durch zu vieles Schuldenbezahlen zu ſehr anzugreifen und abzunutzen. Julius Meier hatte wirklich um Mrs. Broadly Hand angehalten und zugleich die Genugthuung gehabt, nichts weniger als einen Korb zu bekommen. Mr. Fiſcher mußte Zeuge dieſer rührenden Verlobung ſein, und der Verlauf der Angelegenheiten war in der That ſo, wie ihn der umſichtige kleine Charley vor⸗ ausgeſagt. Die Dame ging, nach einigen ſcherzhaft gegebenen und mit einem Kuß beſiegelten Vorwürfen, ohne weiteres Zögern auf Zahlung ſämmtlicher Schulden ein und die Trauung wurde auf den erſten Montag im nächſten Monat, als ob die Sache eine Gerichtsſitzung geweſen wäre, feſtgeſetzt. Der erſte Montag im Juni kam nun allerdings 396 und Mrs. Broadly prangte, wie eine Sonnenroſe, in gelbem Atlas und Myrthenzweigen. Alle ihr vis-à-vis wohnenden jungen Damen, die ihre Fenſter auch ſchon den ganzen Morgen belagert gehalten, hätten mit dem größten Vergnügen einen Dollar Entree bezahlt, um nur Dame Broadly eine einzige Viertelſtunde in vollem Putz und Staat zu ſehn— und oh, wie die ſchelmiſchen Dinger nachher gelacht haben würden,— aber Gott bewahre, ſämmtliche Gardinen waren niedergehangen und die Neugie⸗ rigen nur dann und wann im Stande einen nuuchtigen Schatten, der ſtets wie ein lichter gelber Strahl an ihren Augen vorüber zuckte, zu erkennen. Ihre Er⸗ wartung wurde dabei auf das Peinlichſte geſpannt, da die beſtimmte Stunde und dann noch eine und noch eine verlief, ohne daß ſich ein Bräutigam hören und ſehen ließ. Der Rouleaurzipfel, der gerade die Ausſicht nach der ſtromablaufenden Straße gewährte, lüftete ſich jetzt auch immer häufiger, dann und wann wurde ſogar der untere Theil eines hochrothen Antlitzes ſichtbar, und die Ungeduld der Dame hatte ſicher ihren Scheitelpunkt erreicht, als endlich Meier, in für einen Bräutigam höchſt ungewöhnlichet Haſt herbeieilte, raſch in das blitzesſchnell geöffnete Haus verſchwand, und die Lauſcher draußen, als er eben⸗ — 397 falls gar nicht wiederkehrte, ſo zur Verzweiflung brachte, daß die Damen faſt einſtimmig erklärten: nun aber auch keinen Augenblick mehr mit der alber⸗ nen Heirath verſäumen und die Fenſter verlaſſen zu wollen,— es blieb aber bei der Erklärung, es ging trotzdem keine von ihrem Poſten. Wie aber würden ſie erſt geſtaunt haben, hätten ſie das Innere des kleinen Gemaches überſchauen können, in dem jetzt, in der einen Ecke des Sophas eine Dame in gelbem Atlas, hochroth vor Zorn und Aufregung lag und einen ſchon über die Maßen zer⸗ knitterten Brief noch immer mehr zuſammenballte und knetete, während ihr gegenüber, aber ſo geſtellt, daß er den großmächtigen runden Mahagonitiſch zwiſchen ſich und der Erzürnten behielt, Julius Meier ſtand, und leichenbleich in ſeinen Zügen ein eigenes Gemiſch von Angſt und ſtörriſcher Hartnäckigkeit trug. Und der Brief?— lautete alſo: „J. Meier, Esgr.“ „Sie ſtehen im Begriff ein Verbrechen zu begehen — Sie wollen die Frau eines Anderen heirathen— wiſſen Sie was Ihnen droht, wenn Sie den Schritt wiſſentlich thun?— das Zuchthaus. Mrs. Broadly lebt und zwar als Gefangener in Santa Fee, aber es ſind Vorkehrungen getroffen, ihn auszulöſen, ja es 398 kann ſein, daß er ſchon jetzt unterwegs iſt, in die Arme ſeiner Gattin zu eilen, und Sie?— „Hüten Sie ſich, ich warne Sie als Freund— auch Ihre dem Verderben entgegeneilende Braut habe ich gewarnt; noch iſt es Zeit— die nächſte Stunde ſieht Sie vielleicht ſchon dem Geſetz oder der Rache eines gekränkten Gatten verfallen.“ „Wichtige Gründe zwingen mich, meinen Namen enoch zu verſchweigen, bald wird dus nicht mehr nöthig ſein, bis dahin nenne ich mich einfach Ihren Retter.“ Und dem Wiſch können Sie Glauben ſchenken, mein Herr? frug die Dame und ſchleuderte das geballte Papier dem verlegen daſtehenden Bräuti⸗ gam nach dem Kopfe, ſolchem anonymen Plunder geben Sie Gehör und mein Wort gilt Ihnen Nichts? Aber beſte Mrs. Broadly?— Ruhig Sir! zürnte majeſtätiſch die Schöne, Sie vermehren nur den Abſcheu, den ich anfange gegen das ganze falſche Geſchlecht der Männer zu fühlen. Was gedenken Sie zu thun?. Beſte Mrs. Broadly, ſtotterte Meier jetzt ver⸗ legen, da er, ſo auf die Spitze getrieben, ſeine Abſicht 399 unumwunden herausſagen ſollte,— ich weiß wirklich nicht— Sie— Sie werden es erklärlich finden— Sechs Jahr Zuchthaus— wenn nun doch Ihr vor⸗ ehrter Herr Ge— A Genug— genng Sir— ich weiß jetzt mehr als meiner ſchwachen Geſundheit gut ſein wird, ſtöhnte Madame und barg einen Augenblick ihr Antlitz in dem weiß battiſtenen Taſchentuch, verlaſſen Sie mich — ich bitte Sie. Doch noch eins— ſchwören Sie mir vorher, Sir, daß nur die Furcht, mein ſeeliger Mann könne noch leben, Sie eine Verbindung auf⸗ ſchieben läßt, von der Sie mir noch vor wenigen Tagen ſagten, ſie allein bouns das Glück Ihres Lebens begründen. MNrs. Broadly, ſagte Meier verwirrt, denn ſo 1 echt war er doch nicht, daß er ſein Seelenheil ſo ohne weiteres auf eine reine Lüge verſchworen hätte, — Sie werden doch wahrhaftig nicht glauben, daß ich— —- Schwören Sie, Sir, rief mit gebieteriſcher Stimme die gelbſeidene Braut— oder beim Himmel, ich muß Sie für einen ſchändlichen nichtswürdigen Heuchler halten, den Gottes Rache vielleicht durch meine eigene ſchwache Hand erreichen könnte.— Sie ſprang auf und machte einen ſchnellen ent⸗ 400 ſchloſſenen Schritt gegen den kleinen Mann, während dieſer, das Schlimmſte von der überhaupt gereizten zornigen Frau fürchtend, in aller Beſtürzung, wie der Hund, der ſich näher zu ſeinem Herrn drängt, um den gedrohten Schlägen zu entgehen, dicht auf ſie zu trat, ihre Hand ergriff und mit leiſer, wie vor innerer Bewegung zitternder Stimme flüſterte: Hoſtannah— und ſo konnteſt Du Deinen Julius verkennen? nein— das war kein Ernſt, der Dir aus den lieblichen Augen blitzte; nur prüfen— prüfen wollteſt Du Deinen Bräntigam. Aber ſteh, rein wie Gold habe ich die Probe ü erſtanden, ich bebe nicht vor den zürnenden Worten zurück, denn ich fühle, daß wenige Monate— o wären es Wochen, Tage, Stunden— Dir beweiſen werden, ob mein Herz eines falſchen Gedankens, ähig ſei. Sende einen Boten nach Santa Fee unden venn er zurückkehrt und uns die Trauerkunde— nein, was ſag ich, nicht die Trauer⸗, die Freudenkunde bringt⸗ die mich zum Ziele meiner Wünſche führt, dann Hoſiannah, dann ſollſt Du ſehen, wie ſehr, wie ungerecht Du das Herz Deines Julius gekränkt, dann ſollſt Du reuig dem die Arme öffnen, den Du jetzt mit kaltem Wort, aber umſonſt, von Dir zurückzuſtoßen ſuchſt. Genug, genug, antwortete die Dame, doch mit — 2 401 einem, für die feurige Anrede allerdings etwas kalten Ton. Ich will Ihren Betheuerungen glauben; in dem Fall werden Sie aber auch keine Einwendung machen können, wenn ich Sie bitte, vorläufig dieſe wenigen Zeilen zu unterſchreiben.— Sie trat raſch an ihr Pult und warf mit flüchtigen Zügen einige Punkte auf ein Blatt Papier— fürchten Sie nichts, Sir, es enthält kein anderes Wort, als was Sie mir eben feierlich verſicherten,— ich bitte um Ihren Namen. Meier zögerte, aber hier war an kein Entrinnen mehr zu denken, zitternd ergriff er die Feder und Julius Meiers Autograph ſtand im nächſten Augenblick unter einem Verſprechen, das vor allen Gerichtshöfen der Vereinigten Staaten als feſt bindend angeſehen wurde. So Sir, ſagte die Dame ruhig, als Meier die Feder fallen ließ und wieder zurücktrat— jetzt ver⸗ laſſen Sie mich— ich will mich umkleiden— Sie werden begreifen, daß mein Anzug keine Ihnen gün⸗ ſtige Gefühle in mir hervorrufen kann. Hoſiannah! flüſterte vorwurfsvoll der Schneider. Schon gut! unterbrach ihn eintönig Madame, und Meier fand ſich gleich darauf, halb nach eigenem Antriebe, halb dazu gedrängt, auf dem Vorſaal, von Gerſtäcker, Miſſiſſippi⸗Bilder. II. 26 4 wo aus er, ſo ſchnell ihn ſeine Füße trugen, Fiſchers kleinem Schenkſtand zueilte. Hier aber gewann er ſeine fröhliche Laune bald wieder; dem Zauberkreis der Geliebten enthoben, kehrte bald der alte Leicht⸗ ſinn zurück. Die beiden kleinen Burſchen tranken und lachten bis in die ſinkende Nacht hinein, und waren ganz kreuzfidel mit einander. Für den nächſten Morgen blieb ihm aber doch eine Ueberraſchung aufgeſpart; Mrz Broadly war nämlich verſchwunden, und das einzige, was den theilnehmenden Nachbarn auch nur die geringſte Spur der Richtung geben konnte, die ſie genommen, war das, aber ebenfalls unbeſtimmte Gerücht, es habe ein Boot, von zwei Männern gerudert, und irgend einen dunklen Gegenſtand im Stern, mit dämmernden Tage den Landungsplatz verlaſſen und ſei ſtromab gegangen. Meier fühlte ſich dadurch, er wußte ſelbſt eigentlich nicht recht weshalb, beunruhigt — es lag etwas ſo Geheimnißvolles in dieſer ſtillen Abbreiſe. Doch— wie dem auch ſei, was kümmerte es ihn; der Weg nach Santa Fee lag viele hundert Meilen durch öde Wildniß und ein einzelner Bote wäre gar nicht im Stande geweſen ihn zu erreichen, ja würde es nicht einmal ſelbſt um den reichſten Lohn gewagt haben, denn ſeine Gefangennahme von den 403 Wilden, vielleicht gar ſein Tod blieb unvermeidlich; die regelmäßigen Caravanen gingen aber erſt wieder im nächſten Jahr und zwar Ende Mai ab, und kehrten frühſtens im Herbſt— alſo noch volle achtzehn Monat Zwiſchenzeit— zurück. Bis dahin konnte ſich viel ändern und Meier hatte überhaupt Grund zu vermuthen, daß er bis dahin wenig mehr in Little Rock zu ſuchen habe. So vergingen acht Tage; das was im Anfang dieſer Woche faſt ausſchließlich das Stadtgeſpräch gebildet, war beinahe ſchon in Vergeſſenheit gerathen und Julius Meier, der allerdings Fiſcher's For⸗ derungen befriedigt, das übrige zur Tilgung ſeiner Schulden beſtimmte Geld aber wohlweislich zurück⸗ gehalten hatte, lebte herrlich und in Freuden und wußte ſich ſogar auf eine oder die andere Art— Charley Fiſcher konnte wenigſtens gar nicht begreifen wie— neuen und keineswegs ſchwach benutzten Credit zu verſchaffen. Da traf ihn eines ſchönen Nachmittags— o er ſaß ſo ſeelig bei Georgs im Garten und bewunderte ſeine blank gewichſten Stie⸗ feln— wie ein jäher Blitz aus heiterem Himmel, nichts anderes als ein ganz freundlicher Brief der „dicken Wittwe,“ die ihn einlud ſie doch„dieſen Abend zu beſuchen.“ — 26* 404 Wo war die Frau wieder hergekommen? kein 4 Dampfboot hatte angelegt, Niemand ſie eintreffen ſehen, aus den Wolken konnte ſie doch bei Gott nicht 1 gefallen ſein. Und was bedeutete dieſer halb myſte⸗ 4 rieuſe, halb zärtliche Inhalt? CGharley Fiſcher ſchüttelte ebenfalls bedeutend mit dem Kopfe, als er, was ohne Zögern geſchah, von dem eigenthümlichen Falle in Kenntniß geſetzt wurde; eine Wahl blieb dem kleinen liederlichen Schneider V aber gar nicht, hingehn mußte er und er machte ſich endlich, aber gerade mit ſo ſchwerem Herzen auf den Weg, als ob er ſich hätte— der Gedanke kam ihm unwillkürlich und ließ ſich nicht abweiſen— einen 2 Zahn wollen ausnehmen laſſen. Fiſcher hatte an dem Abend gerade zahlreiche Geſellſchaft, ein Dampfboot von Fort Gibſon, das am nächſten Morgen in aller Früh wieder nach New⸗Or⸗ leans abging, war eben eingetroffen und ein Theil der Paſſagiere trank und plauderte, während ein anderer Proviſtonen einkaufte, um ſich die Zeit über im Zwiſchendeck zu beköſtigen. Um zehn Uhr kehrten aber die letzten wieder auf ihr Boot zurück und Char⸗ ley wollte eben den eiſernen Haspen von innen vor die Thür legen, der ihn für die Nacht von der Außenwelt abſchloß, als Jemand dieſe haſtig 4 405 aufriß und Meier, erſchöpft und bleich zu ihm eintrat. Er ließ den Freund auch nicht lange über das was ihn bedrückte im Dunklen, half ihm nur erſt die Thür wieder und diesmal ordentlich verwahren und erzählte nun mit raſchen doch halblaut geflüſterten Worten, wie die Wittwe zurückgekehrt ſei und ihren Bruder, einen Friedensrichter von Gott weiß wo her mitgebracht habe, der nicht allein auf jener unglück⸗ ſeligen Tour nach Santa Fee betheiligt und Zeuge geweſen war, wie Mr. Broadly von einem Cuman⸗ che⸗Krieger getomahawkt und ſcalpirt worden ſei, ſondern auch einen Brief von einem, ebenfalls geret⸗ teten Freund beſitze, welcher ſich auf jenen Vorfall bezog und den Tod des„armen Broadly“ noch ganz beſonders und umſtändlich erwähnte. Was jetzt thun?— Beide zweifelten keinen Augenblick daß Mr. Broadly dieſe ganze Geſchichte — vielleicht ſelbſt mit dem Bruder— erfunden hatte, doch wie ihr das beweiſen?— es wäre nicht möglich geweſen, und der kleine Schneider rannte mit langen Schritten und auf dem Rücken gefalteten Händen, verzweiflungsvoll im Zimmer auf und ab. Charley rieth ihm endlich ganz einfach, in den ſaueren Apfel zu beißen und die Wittwe zu heirathen. 406 Meier ſchwur aber„lieber den Tod mit einem Male zu erleiden, als zu Tode gequält werden zu wollen“. Er kannte die Wittwe gut genug um zu wiſſen, was er von einer Che mit ihr hoffen durfte. Dazu kam aber auch noch ein anderer Grund, den er dem Freunde jetzt ebenfalls mittheilte; er hatte in den nächſten Tagen, gleich nach dem Verſchwinden der Wittib, wo er noch für ihren erklärten Bräutigam galt, und ſelber ſteif nnd feſt glaubte, ſie würde gar nicht wieder, wenigſtens ſobald nicht, zurückkehren, bedeutende Schulden auf ihren Namen gemacht, da ihm auf den ſeinigen kein Menſch mehr etwas borgen wollte. Wehe ihm, wenn die Sache an den Tag kam, während er ſelber durch der Ehe Band in den Hän⸗ den dieſer Frau und ihr auf Gnade und Ungnade überliefert war. Da die Sache ſo ſtand, blieb kein langes Schwan⸗ ken räthlich; Fiſcher rieth ihm ſelber ſich ſo bald als möglich aus dem Staube zu machen, und da glück⸗ licher Weiſe der morgen mit Tagesanbruch abgehende Dampfer die beſte Gelegenheit zur Flucht bot, ſo ſäum⸗ ten die beiden Verſchworenen denn auch nicht länger mit den Vorbereitungen, die ſie wohl noch eine Stunde vor der nöthigen Zeit beendeten. Fiſcher ging dann, als die erſte Glocke das Zeichen zum Bereithalten der — — 407 Paſſagiere gegeben, an Bord und ſchaffte Meiers Gepäck hinunter. Dort traf er zufälliger Weiſe den Capitän— denn die Capitäne ſind ſonſt ſelten ſo früh auf den Booten munter— der auch ungemein freundlich war und ſich mit ihm, ganz gegen ſonſtige Gewohnheit in ein langes Geſpräch einließ. Fiſcher mußte dieß endlich abbrechen, da die zweite Glocke ſchon zum ungeſäumten Anbordgehen der Paſſagiere mahnte, er entſchuldigte ſich daher damit, daß noch Jemand, der auf dem ‚Roaring River“ Paſſage zu nehmen gedenke, oben auf ihn warte und eilte raſch in ſeine gar nicht weit entfernte Wohnung zurück. Kaum war er oben hinter den Häuſern ver⸗ ſchwunden, ſo ſchritten,— aber ohne Gepäck— eine wohlbeleibte Lady und ein langer Herr, von einem Cajütenjungen des Dampfboots gefolgt, raſch an die Landung nieder, über die breite, wohlgeſtützte Plan⸗ kenbrücke an Bord und die Cajütentreppe hinauf, wo ſie in eine der zahlreichen Thüren verſchwanden. Zum dritten Mal tönten jetzt die gellenden Schläge der Glocke über den ſtillen, noch neblichen Strom. Am öſtlichen Horizont wurde der erſte goldige Strei⸗ fen, das erſte Aufblitzen des erwachenden Sonnen⸗ gottes, ſichtbar, und wer ſich noch, zum„Roaring 408 River“ gehörend, am Ufer befand, flog ſo ſchnell ihn ſeine Glieder trugen dem keuchenden, ſchnaubenden, puffenden, aber trotzdem ruhig vor ſtarkem Taue lie⸗ genden Boote zu. Auch von ,Fiſchers Grocery“ eilten raſch zwei Männer hinab, von denen der eine einen kleinen Koffer, der andere einen Reiſeſack und eine Ledertaſche mit dickem eiſernen Bügel trug. Der erſte von dieſen war Charley Fiſcher, der zweite Julius Meier. So, Meier! ſagte Fiſcher als ſie die Planke eben erreicht hatten, nun mach daß Du fortkommſt, weiter kann ich nicht mit, ſonſt geht am Ende das Boot fort und ich ſitze drauf. Er ſetzte den Koffer auf den breiten Gangweg, der rund um das Fahrzeug lief, und wiſchte ſich den Schweiß von der Stirn. Ach, Mr. Fiſcher, bitte kommen Sie doch noch einen Augenblick herauf, bat da der Capitän, der eben auf das Boilerdeck hinaustrat. Wir müſſen erſt ein Glas zuſammen trinken— Sie haben noch wenigſtens fünf Minuten Zeit. Das Boot geht nicht gleich ab? frug Fiſcher, noch immer mißtrauiſch. 4 Auf keinen Fall ſo lange Sie an Bord ſind, lautete die beruhigende Antwort und Fiſcher„fühlte“, 4 11 409 wie er zu Meier ſagte,„keine Objection weiter“. Er ſprang raſch die ſchmale Treppe hinauf, während die Cajütendiener mit dem Gepäck folgten, und der Capi⸗ tän öffnete ihnen ſelbſt die Thür. Meier aber, der jetzt voranging, hätte beinahe einen gelinden Schlagfluß bekommen, denn vor ihm,— wachte er denn oder äffte ihn irgend ein teufliſcher Traum— dicht vor ihm ſtand— im gelben rauſchenden Atlas, das freundlich lächelnde Geſicht von einem großen blü⸗ henden Myrthenkranz geſchmückt, den dicken rothen Hals mit einer ſchweren golbenen Kette umſchlungen, Hoſiannah Broadly, die Sonnenroſe; neben ihr aber, im feierlich ſchwarzen Frack mit weißer Weſte und Halsbinde, den Hut in der Hand und ein ſchweres Buch unter dem Arm, Mr. Jonathan Halo⸗ way, der Friedensrichter aus Montgomery County und Bruder der ehrſamen holden Braut. Fiſcher, der Meiern auf den Hacken folgte, hatte indeſſen kaum einen Blick auf die Geſtalt der Dame geworfen, als er raſch zurückfuhr und eben wieder die Treppe hinunter wollte, hier aber dem Capitän begeg⸗ nete, der ihm freundlich unter den Arm griff, vom Wet⸗ ter und dem Klima an zu reden anfing und ihn halb lachend, halb plaudernd, ſeinem Griff jedoch keinen Moment entſagend, in die Cajüte zog. 410 Was ihn übrigens am meiſten in Erſtaunen ſetzte, war die merkwürdige Unbefangenheit, mit der er ſowohl als auch Meier empfangen wurde; man ſchien ſie ſchon lange erwartet zu haben. In Zweifel ſollten ſie aber keinen Augenblick gelaſſen werden, denn der Capitän des Roaring River wußte Charley kaum ſo weit in Sicherheit, daß dieſer nicht wieder aus der Cajüte entſchlüpfen konnte, als er auch mit einer ehr⸗ furchtsvollen, aber lächelnden Verbeugung gegen die holde Braut ſagte: 4 Mr. Broadly, wie ich nur noch kurze Zeit die Ehre haben werde Sie nennen zu können, auf den Wunſch dieſes Gentleman, der mich geſtern Abend darum bat, Ihre Trauung anſtatt in der Stadt oben hier an meinen Bord feiern zu dürfen— Meier ſah erſchreckt zu ihm auf, der Capitän aber, ohne ſich irre machen zu laſſen, fuhr eben ſo ruhig und freundlich fort:— bin ich mit um ſo mehr Vergnügen eingegangen, als es mir, zugleich mit Mr. Charley Fiſcher, die Gelegenheit bot, ein Zeuge der feierlichen Handlung ſein zu können. Ihre Güte, meiner hierauf an Sie gelangten Einladung zu folgen, berechtigt mich alſo zu der Hoffnung, daß Sie den Wünſchen des jungen ſehnſüchtigen Bräu⸗ tigams keine weiteren Schwierigkeiten in den Weg „, 411 legen werden, und ich glaube, daß wir, da überdieß meine Zeit drängt und mein Boot ſpäteſtens in einer Virtelſtunde unter Dampf ſein muß, ohne Zögern zum Beginn der feierlichen Handlung ſchreiten kön⸗ nen. Mr. Meier— die Dame bedarf Ihres Ar⸗ mes— Mr. Fiſcher— auf dieſe Seite wenn ich bitten darf. So, mein guter Mr. Haloway, ich denke, wir können beginnen. Meier ließ ſich wie eine künſtlich gemachte, aber etwas gelenklahme Gliederpuppe bewegen, wohin es die Spieler eben für gut fanden; er hob die Hand, ſchrieb ſeinen Namen, ſagte ein„lautes vernehmliches Ja“ und fiel ſeiner„jungen Frau“ aſo auf Co⸗ mando um den Hals, ließ es ſogar ruhig geſchehen, daß ihm Mr. Haloway die ſchwere geldgefüllte Leder⸗ taſche abſchnallte und dieſe Mr. Broadly überreichte — er war zur willenloſen Maſchiene geworden. Erſt da, als er mit ſeiner„Gattin“ das Boot verlaſſen ſollte und ihm nun all das Elend einfiel, das ſeiner warte, da knickte er in die Kniee und fing bitterlich an zu weinen; Mr. Meier wußte aber beſſer was ſich ſchickte; zwiſchen den feixenden Cajütenwärtern hin, die leicht genug errathen hatten was hier vorging, verließ ſie, den unglücklichen Gatten im 412 Schlepptau, raſch das Boot, während Mr. Haloway bei der Bagage blieb und den Nachtrab bildete. Nun, Mr. Fiſcher! ſagte der Capitän und wandte ſich lächelnd an den würdigen kleinen Mann, zu was haben Sie Appetit, Brandy, Whiskey, Rum—. Mr. Fiſcher ſtand gerade ſo da wie Einer, der mitten in der Nacht in ſtockfinſterer Stube aufwacht, ſeinen Namen rufen hört, und nun um's Leben nicht im Stande iſt, die Thür zu finden. Bitte, Mr. Fiſcher—— Capitän Bowley— ſtotterte der Schenkwirth. Mr. Charley Fiſcher— wiederholte in ſpöttiſcher Ehrfurcht den Amerikaner. Gehn Sie zum Teufel Sir! platzte aber Fiſcher, der nun endlich merken mußte, daß ihr Plan ver⸗ rathen und ſie auf das Entſetzlichſte geprellt waren, heraus, drückte ſich den Filz feſt in die Stirn und ſprang mit flüchtigen Sätzen die Cajütentreppe hinunter über die Planken ans Ufer. Er hätte in dem Augenblick Gott weiß was darum gegeben taub zu ſein, um nur das verwünſchte Gelächter nicht hören zu müſſen, das hinter ihm drein ſchallte.. t 4¹³ Und Meier? Einen vollen Monat hielt er das Glück ſeiner Ehe aus, einen vollen Monat ertrug er Herzeleid und Ohrfeigen im Hauſe und Spott und Gelächter auf der Straße— einen vollen Monat litt und duldete er wie ein an den Marterpfahl geſchmiedeter Indiani⸗ ſcher Häuptling, ohne Klage, ohne Murren; ſeinen Grimm nur dann und wann, wenn es ihm ja einmal gelang einen Augenblick Ruhe zu erſtehlen, in Maſſen von Brandy und Mint Julep erſäufend. Eines Mor⸗ gens aber war er verſchwunden; die ganze Nacht über hatte Licht in Mr. Meiers Stube gebrannt und dieſe wahrſcheinlich mit immer wachſenden Grimm des rückkehrenden Gatten geharrt, aber— der kehrte nicht wieder.— Kein Dampfſchiff war abgegangen, kein Kahn wurde vermißt und doch blieb er ver⸗ ſchwunden, nach allen Richtungen flogen Boten aus — in allen Zeitungen ſtand das treu geſchilderte Bild des Verräthers, ſelbſt Charley Fiſcher wurde, jedoch ohne den gehofften günſtigen Erfolg, peinlich verhört— es war Alles vergebens. Meier hatte ſich, ohne Geld, ohne Wäſche, nur mit dem was er gerade zufällig auf dem Leibe trug, dem ſtürmiſchen Meer des Lebens auf's Neue über⸗ laſſen— das, was ihm bevorſtand, däuchte ihm, 414 ſelbſt in ſeiner düſtern Ungewißheit doch nicht ſo ent⸗ ſetzlich, als das, was er hier wirklich litt, und als nach dem Verlauf von Wochen und Monden immer noch keine Kunde von dem Entwichenen einlief, da mußte endlich ſelbſt der letzte Zweifel ſchwinden, daß „der kleine liederliche Dutchman“ glücklich entkommen ſei. Mr. Meier aber hieß wieder nach wie vordem — die dicke Wittwe. Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig. —. 2——