— Leihbibliothek dentſcher, engliſcher und afranzöſiſcher Literatr Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. 2 Lit. A. Nr. 256. LCLeih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbetannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelbe n entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe a⸗⸗ E e von mir zurückerſtattet wir 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: Auf Monat: 1 3 und 6 Bücher: nf 3 We 50 uf. 2 Wer.— Pf. Zurückſendung der Bacen⸗ auf IEa ei enen Koſten und e ißegn ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. ür beſehmdgre, Piiſene verlorene und defecte richeres branentlich ü ſo n ꝛc.) muß der beſchmutzte, ver⸗ n Werkes, ſo i Miſſiſfippi⸗Bilder. Erſter Band. Miſſiſſippi⸗Vilder, 4 Licht- und Schattenſeiten transatlantiſchen Lebens 3 von V Friedrich Gerſtäcker. Erſter Band. Zweite vermehrte Auflage. 1—=ese — Leipzig, 5 Arnoldiſche Buchhandlung. 1853. 3 9 45 Seinem lieben Freunde Herrn 1„*, 2 4 erdinand Heine Hofſchauſpieler zu Dresden *„ 1*. gewidmet. * — Inhaltsverzeichniß. Die Sklavin...... Höhlenjagd in den weſtlichen Gebirgen. Die Silbermine in den Ozark⸗Gebirgen Der Fiſchfang am Miſſiſſippi Der Oſage.. Der erkaufte Henker Der Hurricane.. Die Vertreibung der Mormonen Der Pflanzer......... Die beiden Deutſchen im Urwald...... H. —— — — Die Sklapin. Das Mail⸗ oder Poſt⸗Boot war eben von New⸗ Orleans angelangt, und über die von demſelben ans Ufer geſchobene Planke, ſtrömten in ununterbrochenem Zuge faſt alle Geſchäftsleute und Müßiggänger dern kleinen Stadt Bayon Sarah an Bord, um theils für ſie angekommene Briefe und Packete in Empfang zu nehmen, theils ihre Neugierde zu befriedigen, u3 an dem zierlich ausgeſchmückten Schenkſtande ein Glas Brandy und Eiswaſſer zu ſchlürfen. 4 Der Capitain des Poſtboots, ein kleiner Franzoſe 7 9 mit grauem Rock, ſchwarzem Filzhut und außerordent⸗ lich blank gewichsten Stiefeln, ſchien überall zu ſein, und während ihm große Schweißtropfen an der gerö⸗ theten Stirn glänzten, ſchimpfte er in fürchterlich rochenem Engliſch auf Gott und die Welt, vor⸗ züglich aber auf den Poſtmeiſter, der ihm aus ſeinem Gerſtäcker, Miſſiſſippi⸗Bilder. I. 1 2 Comptoir eben, als er kaum den Rücken gewandt, ein Packet Briefe in zu großem Amtseifer entführt, und mit hinauf auf die Poſt genommen hatte. God dam him! wetterte der kleine Mann, mit der Fauſt auf das grünbeſchlagene Pult niederſchla— gend, daß die Tinte hoch empor ſpritzte— was hat der Pflaſterſchmierer(der Poſtmeiſter hatte zu gleicher Zeit eine Apotheke und einen Kramladen, und ließ ſich gern„Doctor⸗“ nennen) in meinem Comptoir zu ſuchen? Schleppt Briefe hinauf, eh? Denkt nachher Wunder, was er gethan hat; aber wart'— Du kommſt mir wieder. 4 Cuapitain! Briefe für mich mitgekommen? fragte ein junger ſchlanker Mann, dem Erzürnten lachend bei auf die Schulter klopfend. Geht in die Hölle oder zum Quackſalber hinauf! fluchte dieſer weiter, ohne ſich nur die Mühe zu neh⸗ men, herumzuſchauen, wer ihn angeredet habe.. Hallo! was iſt wieder im Wind? lachte der junge Pflanzer— die Keſſel voll zum Zerplatzen? Dampf genug, um drei gewöhnliche Boote in die Luft zu blaſen! immer noch der Alte! Ihr Franzoſen ſeid dach ſonderbares Volk; gleich Feuer und Flamme, wie Dupont's Schießpulver! 3 Der Poſtmeiſter hat die Briefe mit hinaufge: 3 nommen, antwortete der Buchhalter ſtatt des Ca⸗ pitains. Dam him! rief dieſer, und warf die Glasthür hinter ſich ins Schloß, daß die Scheiben klirrten. Never mind, ſagte der Pflanzer, er will gern ſeine Viertel-Dollars dafür ziehen— Alles zu Onkel Sam's) Beſtem,'s iſt ein gar uneigennütziger Mann, ich kenne ihn wohl; wer einen Brief abholt, 4 muß auch eine Kleinigkeit im Laden kaufen, oder eine Schachtel Medicin mitnehmen. Als mein Vater das letzte Mal in der Stadt war, ſchwatzte er ihm eine Schachtel blutreinigender Pillen auf; glücklicherweiſe wurde zuerſt Einer von unſern Negern krank, an dem er die Dinger probiren konnte. Vater gab Scipio(er hat das Schmiedehandwerk gelernt) die Schachtel, und ſagte ihm, er ſollte das einnehmen, wenn ihm bis morgen früh nicht beſſer würde! Scipio nahm erſt die eine Hälfte von den Pillen und dann die andere, und wurde ſo krank darauf und bekam ſo heftige Schmerzen, daß er in der Nacht meinen Vater mußte rufen laſſen. Vater war jedoch nicht da, ſon⸗ dern hinüber nach Pointe⸗Coupée gefahren, und als er am andern Morgen zurück kam, fühlte ſich Scipio 8 Scherzhafter Name der Vereinigten Staaten, von den Anfangsbuchſtaben: United States, Uncle Sam. — 1* 4 ein wenig leichter, nur klagte er noch über Magen⸗ drücken. Der dumme Kerl hatte, da er keine andere Hülfe wußte, erſt die gedruckte Anweiſung, und dann, als ihm immer noch nicht beſſer wurde, die 1 5 ganze Schachtel verſchluckt, und behauptete ſteif und 4 E feeſt er hätte, gleich nach dem Deckel, merkliche Linde⸗ rung verſpürt; er wurde übrigens wieder geſund, und lbt jetzt noch. Doch ich will hingehen und ſehen, ob etwas für mich angekommen iſt. Damit trat er hinaus auf den Gang, ſtieg die Kajütentreppe hinunter und war eben über die Planke ans Ufer geſprungen, als er eine Hand auf ſeiner Schulter fühlte, und ihn eine freundliche, wohlbe⸗ kannte Stimme anredete: Hoho Ned, wohin ſo eilig, rennſt Du doch, als ob Du von einer Wahl kämſt, und die wichtigſten Neuigkeiten mitbrächteſt! Guſton! bei allen Teufeln und Engeln der vier Elemente, rief der alſo Angeredete in freudigem Er⸗ ſtaunen aus— Guſton! aber wie um des Himmels willen kommſt Du denn jetzt hierher, wo ich Dich ehrbar und feſt in Connecticut angeſiedelt glaubte; haſt Du die öſtlichen Staaten ſchon ſatt? Vollkommen, mein alter Junge, vollkommen, entgegnete Guſton— der Böſe hole die freien Staa⸗ 7 5 ten; ein Pflanzer kann nun einmal da nicht exiſtiren, wo kein Sklavenhandel iſt. Ich hatte erſt allerlei phantaſtiſche Ideen von der Freiheit und Gleichheit der Menſchen, fuhr er fort als er ſeinen Arm in den des jungen Mannes hing, und mit ihm an das Ufer hinaufſchlenderte— ich glaubte es eine Sünde, meinen„ſchwarzen Bruder,“ wie die Methodiſten ſagen, zu ſchinden und zu plagen, bat daher meinen Alten um Reiſegeld und ging nach Newyork. Von dort aus ſchrieb ich Dir, daß ich geſonnen ſei mir ein Landgut zu kaufen und mich im Norden des Staats, oder in Connecticut, zwiſchen den dort ein⸗ gewanderten gemüthlichen Pennſylvaniern niederzu⸗ laſſen. Es war damals meine Abſicht, und hätte ich es gethan, ſo ſtänden wir jetzt nicht hier auf louiſta⸗ niſchem Grund und Boden zuſammen; gerade damals lernte ich aber einen jungen Mann kennen, dem ich mich anſchloß, und deſſen intimer Freund ich wurde, ſo daß ich, da er in Geſchäften nach Europa mußte, mit ihm ging und auf dem Great Weſtern hinüber nach dem„alten Lande“ ſegelte. So biſt Du indeſſen in Europa geweſen? unter⸗ brach ihn erſtaunt der junge Pflanzer. Gewiß, nickte Guſton, in England, Irland und 1 Deutſchland; durch die erſten beiden Länder begleit et 6 ich meinen neugefundenen Freund, bis dieſer ſich plötzlich in ein irländiſches Mädchen, und zwar ſo raſend verliebte, daß er in vier Wochen Hochzeit hielt, gegenwärtig mit allen möglichen alten Squires und jungen Gentlemen nach Füchſen und Kirchthür⸗ men rennt, über alle nur außzufindende Hecken, Gräben und Mauern wegſetzt und ſich jetzt, wenn er nicht unter der Zeit den Hals gebrochen hat, ganz wohl befindet. Ich ſelbſt hatte es da bald ſatt, ging zurück nach England und ließ mich von da nach Deutſchland überſetzen. Dort hatte ich Gelegenheit das Leben der unteren Volksklaſſen, das Leben der Armen kennen zu lernen, und Ned, von dem Augen⸗ blick an bedauerte ich unſere Sklaven nicht mehr. Es muß hart ſein, die Freiheit zu verlieren und der Will⸗ kühr eines oft vielleicht zu ſtrengen Herrn preisgegeben zu werden, aber das Elend das ich dort geſehn, die Nahrungsſorgen der Unglücklichen, vor deren Augen die eigenen Kinder darben und verderben; der Froſt noch dazu im Winter, wo der Vater, der ein⸗ zige Brodverdiener, eingekerkert wird, wenn er den Jammer zu Hauſe nicht mehr mit anſchauen mochte, und in den Wald ging ein paar Zweige abz zubrechen, die Seinigen wenigſtens zu erwärmen, wenn er ſie nicht ſättigen konnte— der eingebildete förmliche 7 wahnſinnige Stolz des Adels dabei, gegenüber den unglücklichen Armen— und außerdem noch eine „geſetzliche“ Willkühr, die dem Unglücklichen mit dem vollen Pomp und Schein offenbarer Gerechtigkeit mit gierigen Händen das letzte nimmt und dem Ver⸗ nichteten in der Pracht und dem Lurus der Großen wie zum Hohn Alles das zeigt was er eben entbehren muß, nicht einmal im Stande ſeine Kinder ſo zu füttern, wie die Hunde der Großen gefüttert wer⸗ den— das Ned, füllte mich mit Ekel und Ueberdruß und ich kann Dir geſtehn, ich war froh als ich das „alte Land“ wieder hinter mir hatte. Es mag denen dort zuſagen die es ihre Heimath nennen, der Eskimo liebt ja ſeine Eisberge und Thrannahrung, aber dem für den es dieſen Zauber entbehrt, iſt es ein trauriger Aufenthalt— ich möchte dort nicht leben. Nach kurzem Aufenthalt in Deutſchland kehrte ich über Hamburg nach New⸗Orleans zurück, und bin heute, wie Du mich ſiehſt, mit dem Poſtboote heraufgekom⸗ men, um von hier zu Lande meines Vaters Planta⸗ gen zu erreichen. Das zu lernen, brauchteſt Du wahrhaftig nicht nach Europa zu gehen— lachte Ned— das weiß jedes Kind daß es unſere Neger beſſer haben als die armen Leute in Irland oder Deutſchland, hol ſie der Henker, und doch murren die Canaillen, aber heut 1 Abend bleibſt Du bei mir, und morgen früh nimmſt Du mein Pferd; Dein Alter hat Dich nun ſo lange 8 nicht geſehen, daß es auf den einen Tag auch nicht ankommen wird. Topp! rief Guſton, doch laß uns den Schatten ſuchen, die Hitze hier am Ufer iſt unausſtehlich. Du⸗ wirſt mich übrigens führen müſſen, denn ich kenne Bayou Sarah ja gar nicht wieder; kaum zehn Häuſer waren's wie ich fort von hier ging, und jetzt ſteht eine ordentliche Stadt da. Nun, die Mulattin Nelly lebt immer noch, lachte Willis, und führt ſo guten Brandy wie früher; da 83 wollen wir denn vor allen Dingen einmal einſprechen, vielleicht findeſt Du dort einige alte Bekannte. Mit dieſen Worten nahm er ſeines neugefundenen Freundes Arm wieder in den ſeinigen, und ſchlenderte mit ihm dem nahen Kaffeehauſe zu, aus dem ihnen lautes Lachen und Jubeln entgegentönte. Es war ein nicht ſehr großes, nach der Straße zu offenes Zimmer, in das ſie traten, und deſſen Hintergrund ein langer Schenktiſch ausfüllte. Der eigentliche Schenktiſch(Bar) beſtand aus einem aus gemaßertem Holze verfertigten, etwas hohen Aufſatze, über den weiße Marmorplatten gelegt 9 waren, um leicht die darauf verſchütteten Flüſſigkeiten wieder hinwegwiſchen zu können. Auf einem großen, mit weißem Tuche überdeckten Präſentirteller, ſtan⸗ den mehre Dutzend reiner Triftkgläſer, während auf einem andern dicht daneben eine gläſerne große Schale mit einem plattirten Deckel, geriebenen Zucker enthaltend, prangte, an deren Seite ſich wiederum zwei kleine Fläſchchen befanden, die feſt zugekorkt und mit einer durch den Stöpſel laufenden Federſpuhle verſehen, dazu dienten, die in ihnen enthaltenen Flüſſigkeiten(Staunton⸗Bitters und Pfeffermünze) in die Getränke zu tröpfeln, um dieſen einen pi⸗ kanten Geſchmack mitzutheilen. Hinter dem Schenk— tiſche nun waren in langer Reihe alle möglichen Arten von Getränken, Weine und Liqueure, in zierlichen, farbigen und feingeſchliffenen Flaſchen und Caraffen geordnet, zwiſchen denen Orangen und Ci⸗ tronen aufgeſchichtet lagen, was dem Ganzen einen friſchen, heitern Anſchein gab. Unter dem Schenk⸗ tiſche ſtand eine große Schüſſel mit Eis, das in Stücken en die Gläſer geworfen wurde, den Trank abzukühlen, und ein junger Mann in einer weißlei⸗ nenen Jacke und eben ſolchen weiten Beinkleidern, war emſig beſchäftigt den durſtigen Gäſten, die ſich bei der übergroßen Hitze in beträchtlicher Anzahl 10 eingefunden hatten, einzuſchenken. Ein langer Doc⸗ tor von der andern Seite des Miſſiſſippi, von Pointe⸗Coupée, ſchien übrigens beſonders thätig, ſein Glas immer wieder aufs neue zu leeren, bei welchem Geſchäft ihm denn alle Andern helfen muß⸗ ten, weil er ſchwur, daß er nicht allein trinken wollte; und immer wieder ließ er das ſeinige wie die aller Anweſenden friſch füllen, obgleich er ſich kaum 18 noch ſelbſt auf den Füßen erhalten konnte. Oft zwar verſuchte ihm Einer oder der Andere zu entſchlüpfen, aber mit Adlerblicken entdeckte und erwiſchte er die Deſerteure und ein friſches Glas war die Strafe, die ihrer wartete. Mehre, unfähig noch einen Tropfen zu genießen, ſaßen in der Ecke, als unſere beiden Freunde zur Verſtärkung anrückten, und augenblicklich von dem Doctor mit offenen Armen empfangen wurden. Willis— eh? redete er dieſen an, durſtig? im⸗ mer durſtig. Hier, Doctor, iſt ein Freund von mir, ein ge⸗ wiſſer— Ein Freund von Euch? er muß mit mir trinken. Sir, geben Sie mir Ihre Hand— ſo— ich bin der Doctor Siel von Pointe⸗Coupée, Sie müſſen von mir gehört haben. Was wollt Ihr trinken? „A* 11 Hier, Barkeeper, ſchnell hier iſt ein Mann, der durſtig iſt— ſo recht, Gläſer und Eis hinein,— mir aber kein Eis, ich will's heiß haben, heiß wie Lava, will Hitze mit Hitze curiren. Zum Henker, wem gehört denn das lange Geſicht, was da zum Fenſter hereinſtierte Kommen Sie herein Sir; was wollen Sie trinken? Danke, danke, ſagte der Neuangekommene, in⸗ dem er raſch in die Thüre trat und ſich ohne weitere Umſtände ſein Glas füllen ließ. Es war ein Mann von außergewöhnlicher Länge, der noch um mehre Zoll über den ſchon ungeheuer langen Doctor hinausragte, mit vorſtehenden Backen⸗ knochen und grauen, ſcharf und klug umherblicken⸗ den Augen, deſſen ganze Geſichtszüge aber den Yan⸗ kee nicht verkennen ließen. Ein blauer, langſchößiger Frack war trotz des heißen, ſchwülen Wetters feſt zugeknöpft, und ein hoher weißer Filzhut, den er, etwas nach hinten gedrückt, auf dem Kopfe trug, machte die lange Geſtalt nur noch länger. Seine Stiefeln waren nach der modernſten Fagon gearbeitet, und ganz neu, mochten ihn aber wohl gedrückt haben, denn auf beiden hatte er, gerade über der Zehe, mit ſeinem Meſſer einen Kreuzſchnitt gemacht, um ſeinem Fuße Raum zu gewähren; über⸗ haupt ſchien er das Bequeme zu lieben, denn er ſetzte ſich augenblicklich mit e eachſ Gemüthsruhe auf den Ladentiſch, wobei ihm ſeine Ausdehnung ſehr zu ſtatten kam, und leerte das ihm mit Wach⸗ holder und Waſſer dargereichte Glas. Gentlemen, begann jetzt der Nankee, nachdem er einige Kreuz- und Querfragen des Doctors mit ebenſo vielen andern Fragen beantwortet hatte, ich denke, wir können ein Geſchäft zuſammen machen. Ihr habt doch um Gottes Willen keine Wand⸗ uhren zu verkaufen? fragte mit komiſchem Schrecken der Doctor. Nein, nein, entgegnete lachend der Yankee, damit befaſſe ich mich nicht. Ihr Herren ſcheint Euch ſonſt nicht gerade an etwas Beſtimmtes zu binden; wandte Guſton ein, indem er dem Langen näher trat. Für diesmal doch, antwortete der Yankee, ich habe mich auf den Menſchenfleiſchhandel gelegt, und mit dem läßt ſich nicht gut ein anderer vereinigen, Vieh⸗ und Pferdehandel ausgenommen; doch habe ich meine letzten Muſtangs*) in Baton rouge*) ver⸗ kauft und nur noch ein Negermädchen von ungefähr *) Kleine indianiſche Pferde. *s) Eine franzöſiſche Anſiedelung am Miſſiſſippi. 13 15 Jahren übrig behalten, die ich heute Nachmittag um 4 Uhr in Müller's Kaffehaus ausſpielen will, um am Mittwoch wieder mit dem Mailboot nach New⸗Orleans, und von da nach meiner Heimath zurückkehren zu können. Und was koſtet das Loos? fragte Willis. Fünf Dollars,— wir wollen ſie auswürfeln! lautete die Antwort; es iſt ein capitales Mädchen, geſund und kräftig und die ſchönſte Negerin, die Ihr je geſehen habt. 3 Aber wo ſteckt denn die Dirne? unterbrach ihn der Doctor, ſchafft ſie doch einmal her, und ſieht ſie gut aus, nun ſo nehme ich drei oder vier Looſe. Sie iſt nur wenige Schritte von hier entfernt, ſagte der Yankee von ſeinem Sitze aufſtehend— war⸗ ten Sie einen Augenblick, und ich bringe ſie herüber; es wollten ſie überdies noch einige Herren hier an⸗ ſehen. Mit dieſen Worten verließ er das Schenk⸗ zimmer und kehrte bald mit einem ſchönen jungen Negermaädchen zurück. Das kurze wollige Haar hatte eine Raben⸗ ſchwärze; die Naſe war, ihrer äthiopiſchen Abkunft treu, breit gedrückt, aber klein und zierlich, und nur leicht aufgeworfen zeigten ſich die kirſchrothen Lippen, zwiſchen denen, wenn ſie ſprach, ein paar blendend weiße Reihen Zähne ſichtbar wurden, die um ſo mehr gegen die ſammetartige ſchwarze Haut und die dunklen, glühenden Augen abſtachen. Sie war nicht groß, aber ſchlank gewachſen, und ungemein zierlich gebaut, ſo daß ſelbſt der, ſeiner Sinne kaum noch halbmächtige Doctor einen Fluch ausſtieß und ſchwur, ſie wäre eine verteufelt hübſche kleine Here. Mehre Pflanzer aus der Umgegend waren jetzt noch hinzugetreten, von denen faſt Alle Looſe genom⸗ men hatten, und der Yankee führte das Mädchen wieder fort, um in St. Francisville oben, noch mehr Theilnehmer für das Würfelſpiel um ein menſchliches Weſen zu finden. Unmittelbar hinter dem Mädchen war, als ihr Herr ſie zur Schau in die Schenkſtube führte, ein junger blaſſer, aber ſehr anſtändig gekleideter Mann eingetreten, der mit geſpannter Aufmerkſamkeit den ganzen Verhandlungen horchte und zuletzt, als Jeder ein Loos nahm, ſeine Baarſchaft ebenfalls hervorholte. Unſtreitig hatte er beabſichtigt, zwei Looſe zu kaufen, denn er überzählte ſein Geld mehre Mal, es mußte aber wohl nicht zureichen, denn ſeufzend ſchob er ei⸗ nige Dollarnoten wieder in ſein ſchmächtiges, ſtark abgenutztes Taſchenbuch zurück, und löſte für fünf einzelne derſelben ein einziges Loos. — — 15 Bald darauf, als ſich der Doctor wieder nach ihm umſah, und bei Allem was im Himmel und auf Erden lebe, ſchwur, daß er mit ihm trinken oder ſich mit ihm ſchlagen müſſe, war er verſchwunden. Unterdeſſen rückte die vierte Nachmittagsſtunde heran, und eine große Anzahl von Menſchen hatte ſich vor dem eben erwähnten Kaffeehauſe verſammelt, wo ſie unge⸗ duldig den Yankee erwarteten. Endlich kam er— an ſei⸗ ner Seite ging das Negermädchen, und nicht weit von ihr entfernt, doch etwas zurück, der bleiche junge Mann. Lärmender Jubel empfing die Neuankommenden und der Doctor war der Ausgelaſſenſte und Luſtigſte von Allen.. Das Billard im großen Schenkzimmer wurde jetzt ſchnell zum Würfeltiſch hergerichtet, die Liſte der Würfelnden noch einmal verleſen und der Wirth poſtirte ſich dann mit einem Stück Kreide an die Bil⸗ lardtafel, um den Namen Deſſen, der den höchſten Wurf thun würde, aufzuſchreiben und die Zahl der geworfenen Augen dabei zu bemerken. Das Mädchen ſtand in einer Ecke auf einem zu dieſem Zwecke erhöhten Platze um von Allen geſehen zu werden, und zwei große helle Thränen hingen an ihren dunkeln, niedergeſchlagenen Wimpern. Ein Herz nur, in all dem Drängen und Treiben, * 16 fühlte ihren Schmerz und theilte ihn— es war der bleiche junge Mann, der, nur wenige Schritt von ihr entfernt, an ein Fenſter gelehnt, mit zuſammen⸗ gepreßten Lippen und für den Augenblick von Fieber⸗ hitze gerötheten Wangen, die Arme feſt ineinander verſchränkt, da ſtand, vor ſich niederſtarrte, und nur 5* dann und wann ſchnell und mit einem, die höchſte Angſt verrathenden Blicke, das große dunkle Auge zu ihr erhob. Als aber das Zeichen zum Anfang ge⸗ geben wurde, und Aller Aufmerkſamkeit ſich dem Billard zuwandte; als ſelbſt das Opfer einen Mo⸗ ment ſchüchtern und bebend aufſchaute, begegneten ſich ihre Blicke; im Nu war er an ihrer Seite und flüſterte ihr, dicht bei ihr vorbeiſtreichend zu: Muth, Selinde, Muth, Du ſollſt mein werden, und wenn ich Dich aus ihrer Mitte ſtehlen müßte. Ein mattes Lächeln überflog für einen Augenblick das thränenfeuchte Antlitz des armen Kindes, bald aber ſchwand es wieder, und traurig ſenkte ſie das Köpfchen und weinte ſtill. Das Spiel hatte unterdeſſen ſeinen Anfang genom⸗ men; dicht um das Billard gedrängt ſtanden die Theil⸗ nehmer, mit geſpannter Aufmerkſamkeit die rollenden Würfel betrachtend, um ſchnell die fallenden Augen zu zählen. 4 ℳ 17 Fünfundvierzig! rief Willis, als ſein dritter Wurf gefallen war—überbietet das, Doctor, wenn Ihr könnt. Nun ich habe fünf Looſe, und kann es ſchon eine Weile mit anſehen, entgegnete dieſer, aber einmal will ich es doch jetzt auch verſuchen. Er nahm die drei Würfel in den Becher, ſchüttelte ſie und warf drei Einer. Das iſt ein guter Anfang, rief er ärgerlich, als lautes Gelächter ihn von allen Seiten begrüßte— aber laßt nur, für dies erſte Loos werfe ich nicht mehr; könnte ja ſo nur, im günſtigſten Falle, 39 bekommen; ich will unterdeſſen eins trinken. Er trat vom Billard zurück, Andere drängten ſich hinzu und eine Zeit lang herrſchte ein geſpanntes, ängſtliches Stillſchweigen, das nur von dem Klap⸗ pern des Elfenbeins unterbrochen wurde. Der bleiche junge Mann, den Niemand im Zim⸗ mer zu kennen ſchien, trat jetzt hinzu und rief mit lei⸗ ſer, aber feſter Stimme: Mir die Würfel! Nur ſchwach war der Laut, mit dem dieſe Worte geſprochen wurden, wie ein elektriſcher Schlag aber durchzuckten ſie den Körper des jungen Mädchens, das krampfhaft emporfuhr, und mit geöffneten Lippen und angehaltenem Athem aufmerkſam dem geringſten aute horchte. Gerſtäcker, Miſſiſſippi⸗Bilder. J. 2 18 Einen Blick nur warf der Spieler auf die vorge⸗ beugt lauſchende Geſtalt, einen andern an die Decke, wie um da Hülfe zu erflehen, und dann raſſelten mit feſter Hand die entſcheidenden Würfel auf das grüne Tuch,— zwei Sechſen und eine Viere;„Sechzehn“, zählte monoton der Anſchreiber;„noch einmal“— wieder lagen dieſelben Augen— zum dritten Mal warf er die Würfel in den Becher, ſchüttelte und— drei Zweien rollten hervor.„Achtunddreißig!— ſchlecht!“ ſchrie der Ausrufer, und leichenblaß trat der Unglückliche vom Billard zurück. Ein Anderer nahm ſeinen Platz ein, und in ſich zuſammenſchaudernd hielt die Negerin kaum ihre zitternde Geſtalt aufrecht, doch ermannte ſie ſich nach wenigen Augenblicken wieder, und bat mit leiſer Stimme einen nicht ſehr entfernt von ihr ſtehenden weißen Mann um ein Glas Waſſer. Verdamm' Dich— hol' es ſelber, glaubſt Du, daß ich Dein Nigger*) bin? rief dieſer ſich unwirſch von ihr abwendend. Ohne ein Wort zu erwiedern, ſchwankte ſie zum Schenktiſch, nahm ein dortſtehen⸗ des Glas, füllte es mit dem kühlenden Eiswaſſer und trank es leer; neugeſtärkt hierdurch ſchritt ſie leichten, faſt elaſtiſchen Schrittes zu ihrem Platze zurück und barg, *) Verächtlich für negro. 19 an die Wand gelehnt, das Geſicht in ihren Händen: ſie nahm ſichtbar keinen weiteren Theil an ihrem fernern Geſchick und nur manchmal, wenn der rohe, freudige Ausruf eines glücklichen Würflers an ihr Ohr drang, ſchien eine plötzliche Angſt ihr ganzes Innere zu durch⸗ beben, und ein leichtes Zittern überflog ihre Glieder. Wol eine halbe Stunde mochte das Spiel ſo un— unterbrochen fortgedauert haben und näherte ſich jetzt ſeinem Ende, als der bleiche Mann, der ſich auf kurze Zeit entfernt hatte und dem ſo viel an dem Be⸗ ſitze des jungen Mädchens gelegen zu ſein ſchien, plötzlich zu dem Sklavenhändler wieder herantrat und ihn leiſe mit verhaltener, aber zitternder Stimme um ein anderes Loos bat.— Gut, mein Herr, ich habe gerade noch zwei, wollte ſie ſelbſt werfen, aber um Ihnen einen Gefal⸗ len zu thun iſt hier eins davon, antwortete dieſer artig— jedoch, fuhr er, ſich höflich verneigend, fort — werden Sie einſehen, daß ich eine Gelegenheit, mein Eigenthum ſelbſt wieder zu gewinnen, nicht ganz umſonſt aus den Händen geben ſollte— ich kann Ihnen jetzt das Loos nur für zehn Dollars laſſen. Mann, fuhr der Unglückliche empor, indem er krampfhaft ſeine Schulter faßte, ich habe Alles ver⸗ äußert, was ich bei mir hatte, um die lumpige 0* 20 Summe von fünf Dollars zu erſchwingen, und jetzt wollt Ihr zehn; ich habe es nicht, mein ganzes Ver⸗ mögen beſteht in ſechs Dollars. Freilich kaum bedeutend genug, ein Geſchäft an⸗ zufangen, bedauerte der Yankee, doch erinnere ich mich, daß mein Bruder Jeſaiah einſt.... Hier iſt noch ein Ring, unterbrach ihn plötzlich der Andere, indem er einen einfachen goldenen Reif von ſeinem Finger zog; er iſt das Vermächtniß meiner Mutter, aber nehmt— nehmt und gebt mir ein ande⸗ res Loos.— Er iſt das Doppelte werth, fuhr er ungeduldig fort, als er ſah, daß ihn der Nankee miß⸗ trauiſch und aufmerkſam in der Hand wog und dann betrachtete; es bedurfte jedoch keiner weiteren Betheue⸗ rung, der Sklavenhändler kannte zu gut den Werth des Goldes, um nicht augenblicklich ſich überzeugt zu haben daß der junge Mann die Wahrheit rede, und reichte ihm eins ſeiner Looſe, während er ſelbſt an das Billard trat und ſeine drei Würfe that. Das Glück war ihm nicht hold, und ruhig das Reſultat des Spiels abwartend, zog er ſich in eine Ecke des Zimmers zurück. Der Doctor hatte jetzt ſeinen letzten Wurf gethan und rief triumphirend: Sechs und vierzig! Das Mädchen iſt mein. — 21 Sechs und vierzig! beſter Wurf! ſchrie der An⸗ ſchreiber eintönig nach. Halt! ich habe noch ein Loos! rief jetzt der fremde junge Mann, und drängte ſich zur Tafel. Warum habt Ihr denn da nicht ſchon lange gewor⸗ fen? entgegnete ärgerlich der Doctor. Hatte ich nicht das Recht ſo gut wie Ihr, bis zuletzt zu warten? fragte ihn dieſer empfindlich. Meinetwegen lachte der Doctor jetzt dagegen, Ihr werft doch keine ſechs und vierzig, und hättet Eure fünf Dollars ſparen können; aber halt, rief er aus, und erfaßte den Arm des jungen Mannes, der eben würfeln wollte— die Dirne gefällt mir, ſie hat ein verdammt hübſches Geſicht— ich gebe Euch 50 Dol⸗ lars wenn Ihr zurücktretet!— Die Würfel mögen entſcheiden, rief der junge Fremde, indem er ſich von der Hand des Doctors losmachte und ihm für einen Augenblick das Blut ſo in die Schläfe trat, daß es ihm die Adern zu zer⸗ ſprengen drohte; in derſelben Minute kehrte es aber zu ſeinem Herzen zurück und ließ nicht einen Tropfen in ſeinen Wangen. Die Wirfel raſſelten und eintönig zählte der Wirth die Augen. Siebzehn!. Beim Himmel, ein guter Wurf! riefen Alle, die jetzt mit geſpannter Erwartung die grüne Tafel um⸗ ſtanden. Wieder raſſelten die verhängnißvollen Stücke Elfenbein in dem ledernen Becher. Todtenſtille herrſchte und Aller Augen hingen an der Hand des Werfenden, während das arme geängſtigte Mädchen betend in die Knie geſunken war, und ihr Geſicht mit den Händen bedeckt hielt. Ihr verhaltenes Schluchzen war das Einzige, was die grabesähnliche Stille unterbrach. Die Würfel lagen. Siebzehn! noch einmal! Verdammt! brummte der Doctor. Den dritten Wurf, den dritten Wurf! riefen Alle ungeduldig, als ſie ſahen, daß der Fremde ängſtlich ſinnend einen Augenblick einhielt. Faſt krampfhaft faßte er zweimal den Becher, jedesmal wie zuſammenſchau⸗ dernd vor dem entſcheidenden Wurf aber er konnte nicht länger warten— die halb trunkene Schaar wurde ungeduldig und wieder raſſelte der Becher; vor⸗ gebeugt umdrängten Alle das Billard, die Würfel fielen— es waren nur elf. Hurrah! jubelte der Doctor, ſich auf das Billard wälzend in widerlicher Luſt— ich habe gewonnen! Wer will trinken? ich tractire Alles was im Hauſe iſt. Müller, he! holla! hierher! füllt die Gläſer, 23 gebt Jedem ſo viel als er trinken will, ich bezahle Alles! und ſich dann auf dem Billard niederlaſſend, rief er aus: Bringt das Mädchen her, ich will ſie betrachten! Als Selinde den jubelnden Triumphruf des Doc⸗ tors hörte, wollten ſie faſt ihre Kräfte verlaſſen, und ſie wäre geſunken, hätte ſie nicht der Fremde unter⸗ ſtützt; doch jetzt ermannte ſie ſich mit wunderbarer Kraft und flüſterte nur, ehe ſie dem Befehle ihres neuen Herrn Folge leiſtete, ihrem Beſchützer leiſe zu: Fliehe, Alfons, fliehe, ehe man dich entdeckt! und trat dann feſten und ſichern Schrittes vor ihren Ge⸗ bieter, ſeine Befehle zu vernehmen. Sie iſt ein hübſches Mädchen, lallte dieſer, von heftigem Schlucken unterbrochen, indem er ſich mit dem rechten Ellbogen auf den Billardrand legte und mit gläſernen Augen zu ihr aufſah,— gut, gut — meine Renn wird ſcheel ſehen, wenn ich ihr den Nigger ins Haus bringe, aber.... Er konnte nicht vollenden; die geiſtigen Getränke, die er an dieſem Tage genoſſen hatte, gewannen durch die letzte Aufregung endlich die Oberhand, und bewußtlos ſank er aufs Billard zurück, von dem er fortgetragen und in ein Bett gelegt wurde, um ſeinen Rauſch auszuſchlafen. 24 Der Wirth nahm die Negerin in ſeine Obhut und ſchloß ſte in ein Zimmer ein, um ſie ihrem Herrn nach deſſen Erwachen zu überliefern. Indeſſen hatten einige junge Leute, unter denen ſich auch Willis befand, eifrig mit einander geflüſtert und forſchende Blicke auf den bleichen jungen Mann geworfen, den die Negerin Alfons genannt, und der theilnahmlos in einer Ecke lehnte. Sein krauſes, rabenſchwarzes Haar hing ihm in langen Locken über die bleiche Stirn herunter, ſeine Lippen waren bleich und ſeine Augen geröthet; plötz⸗ lich trat einer der jungen Leute auf ihn zu, legte ihm die Hand auf die Schulter und rief in barſchem Tone: Alfons! 8 Wie von einer Schlange gebiſſen, ſprang bei dem Klange dieſes Namens der Unglückliche empor, und ſtarrte wild umher, auf den Kreis fremder, unbe⸗ kannter Geſichter die ihn umgaben, bis ſeine umher⸗ irrenden Blicke auf denen des ihm Gegenüberſtehen⸗ den haften blieben, der ihn feſt und durchdringend betrachtete. Als ihm aber deſſen Züge klarer und deutlicher aufdämmerten, ſchlug er ſich mit der geball⸗ ten Fauſt vor die Stirn, ſtieß einen tiefen Seufzer aus, und ſank wie vernichtet auf ſeinen Stuhl zurück. Der junge Mann dagegen, der ſolche Veränderung in 4 1 — — 25 ſeinem ganzen Weſen hervorgebracht hatte, wandte ſich triumphirend zu ſeinen Kameraden und rief: Ich kannte den Burſchen, und Ihr mögt mich einen Schurken nennen, wenn es nicht ein erbärmli⸗ cher Nigger iſt. Was, ein Neger? riefen Alle, ſich um den re⸗ gungslos Daſitzenden drängend, ein Neger? und miſcht ſich zwiſchen Weiße? Hinaus mit ihm! ſchlagt ihn zu Boden, den Hund! werft ihn aus dem Fenſter! Das waren die Ausrufungen, die mit Blitzesſchnelle einander folgten, und nicht allein bei Ausrufungen blieb es, ſondern in demſelben Augenblicke fühlte ſich auch der Unglück⸗ liche von kräftigen Händen gefaßt, zu Boden gewor⸗ fen, wieder aufgeriſſen und dem Fenſter zugeſchleppt, aus dem er wenige Secunden ſpäter durch klirrende Scheiben hindagch geſchleudert wurde. Die Höhe, von der er hinunterſtürzte, betrug je⸗ doch kaum ſieben Fuß, und nur wenig beſchädigt fiel er zu Boden; ſchon aber hörte er das Rachegeſchrei der Verfolger, die nicht gedachten ihr Opfer ſo leich⸗ ten Kaufs entwiſchen zu laſſen, auf der Hausflur. Wohl ſprang er empor, und wandte das blutende Antlitz ſeinen Feinden entgegen, aber nicht Todes⸗ furcht, nein, kalter Trotz und Verachtung des Schreck⸗ 26 lichſten was ihm begegnen könnte, lag in dem Blicke, mit dem er ſeine Peiniger zu erwarten ſchien. Da ſcholl aus einem der obern Fenſter die Stimme Se⸗ linde's, die ihm, den Untergang des Geliebten vor⸗ ausſehend, in Todesangſt zurief: Flieh', Alfons, flieh'— um meinetwillen! Einen Blick warf er hinauf zu der halb aus dem Fenſter gebogenen ſchlanken Geſtalt des armen Mäd⸗ chens, einen Blick voll Liebe, Angſt und Trotz, dann aber, wie von einem neuen Gedanken durchzuckt, und ehe ihn noch der heranſtürmende Haufe erreichen konnte, floh er mit Windesſchnelle die Straße hinauf, und war bald in den ihn verbergenden Baumgruppen, welche die Stadt umgeben, verſchwunden. Taumelnd und fluchend folgten ihm wol noch einige der Nüchternſten eine kurze Strecke, gaben es aber bald auf, den ſchnell füßigen Flüchtling zu errei⸗ chen, und kehrten in das Wirthshaus zurück, indem ſie ſchwuren, dem verdammten Neger, wo er ſich nur wieder blicken ließe, Füße und Hände zu binden und ihn in die Bayon zu werfen. Guſton hatte an dem ganzen Vorgange keinen Antheil genommen und ruhig, in einem Fenſter leh⸗ nend, dem Auftritte zugeſehen; einmal zwar, gerade als der Haufen den Unglücklichen auf die Straß ————y 27 ſchleuderte, war er zuſammengezuckt, als ob er im Begriff geweſen wäre ihm beizuſpringen; hatte es aber nur ſo den Anſchein gehabt, oder er ſich eines Beſſern beſonnen, er fiel wieder in ſeine nachläſſige Stellung zurück und blieb bei dem Ganzen ein unthä⸗ tiger, ja wie es faſt ſchien theilnahmloſer Zuſchauer. Nur erſt, als die Gemüther ſich wieder beruhigt hatten und der lärmende Haufe zum erneuerten Trinken in die Gaſtſtube zurückgekehrt war, entfernte er ſich leiſe, ſelbſt nicht von Willis bemerkt, und ging nachdenkend die Straße nach St.⸗Francisville hinauf. Die Sonne war indeſſen untergegangen und tiefe Dämmerung lagerte ſich über das Thal, als Guſton den Fuß des Hügels erreichte, auf dem das Nach⸗ barſtädtchen erbaut iſt. Zu ſeiner Linken ſah er ein mattes Licht zwiſchen den Spalten eines kleinen Block⸗ hauſes hindurchſchimmern, das, wie er noch von früher wußte, von zwei Mulattinnen, Mutter und Tochter, bewohnt war. Der Gedanke fuhr ihm durch den Kopf, daß ſich dorthin der Verfolgte geflüchtet haben könne, und obwohl ſich keines klaren Zwecks bewußt, ging er ſchnell an dem ſanften Abhange des Hügels hinauf, und ſtand bald an der, von innen verriegelten Thür des kleinen Hauſes, aus dem leiſe, flüſternde Stimmen heraustönten. 28 Guſton legte ſein Ohr an eine der Spalten und unterſchied bald die tröſtende Stimme des Mädchens, die Jemandem Muth zuſprach, und dabei ſelbſt dann und wann einen recht tiefen, tiefen Seufzer ausſtieß. Guſton war überzeugt, daß der Unglückliche hier Schutz gefunden hatte, aber noch unſchlüſſig wie er ſich Eingang verſchaffen wollte, da die Inwoh⸗ nenden in ihm unmöglich einen freundlich Geſinnten vermuthen konnten, als er die Stimme der Alten hörte, die, an die Thür tretend, zu ihrer Tochter ſagte: Ich muß nur noch die Wäſche hereinnehmen die draußen hängt, ſonſt dürfte morgen früh wenig davon übrig geblieben ſein; ſetze Du indeſſen den Keſſel aufs Feuer— der arme Menſch wird Nahrung und Ruhe bedürfen. Zu gleicher Zeit wurde der große iſchwere eiſerne Riegel zurückgeſchoben und die alte Frau trat in die Thür, erblickte aber in demſelben Augenblicke den jungen Pflanzer und wollte, zurückſchreckend, dieſelbe wieder zuſchlagen, als Guſton ſchnell vorſprang und das Verriegeln derſelben hinderte.* Die Frauen ſtießen einen Angſtſchrei aus, und Alfons, der ſich matt und erſchöpft aufs Bett gewor⸗ fen hatte, ſprang erſchrocken empor und riß ein ver⸗ 8 — borgen gehaltnes Meſſer aus ſeinem Gürtel; Guſton aber hob die Hand, zum Zeichen des Stillſchweigens, half ſelbſt die Thür verriegeln, und dann einen Stuhl an den Tiſch rückend, ſetzte er ſich mit einer ſolchen Ruhe und Kaltblütigkeit nieder’, als ob nicht das Geringſte vorgefallen ſei. Mr. Guſton, rief die alte Mulattin, die ihn erſt jetzt erkannte, ganz erſtaunt aus, Mr. Guſton! wie um des Himmels willen kommen Sie wieder nach Louiſiana und in unſere Hütte? Sie wollen doch nicht dem armen Manne da....2 Sei nicht bange, Alte, unterbrach ſie der junge Pflanzer, ich habe keine böſen Abſichten, ich komme einzig und allein aus Neugierde und kann vielleicht dem armen Menſchen ſogar nützlich ſein. Wie aber konnteſt Du es wagen— wandte er ſich jetzt an den ſtumm und regungslos vor ſich hinſtierenden Qua⸗ droon—*) Dich ſo dreiſt zwiſchen Weiße zu drängen, und mit ihnen zu ſpielen und zu trinken? Ich habe nicht mit ihnen Lenrunken⸗ antwortete eintönig Alfons. 3 Gleichviel, entgegnete Guſton, Du mußteſt recht —— 1 **) Quadroon, der Abkömmling eines Weißen und einer Mu⸗ lattin. 30 gut wiſſen, welcher Gefahr Du Dich ausſetzteſt, und das ohne irgend einen Zweck oder Nutzen davon zu haben; denn wenn Du wirklich das Mädchen ge⸗ wannſt, ſo wäre ſie Dir, unter den Verhältniſſen, doch nicht gelaſſen worden. Alfons ſeußzte tief auf. Aber ſage mir, wo biſt Du her? Du biſt ſo weiß wie irgend einer von uns; ich ſelbſt würde nie einen Verdacht geſchöpft haben, daß Du von ſchwarzem Blute abſtammteſt. In welchem Verhältniſſe ſtehſt Du zu der Negerin? denn einen geheimen Grund mußt Du gehabt haben, Du hätteſt ſonſt nie etwas ſo Tollkühnes unternommen. Und was hülfe es mir und Euch, wenn ich die Geſchichte meiner Leiden erzählte? ſagte Alfons traurig, es iſt die Geſchichte Tauſender meiner Brü⸗ der, und Ihr mögt dieſelbe in all den ſüdlichen Staa⸗ ten dieſes freien, geſegneten Landes finden! O ein freies Land iſt es, fuhr er, mit beiden Händen krampf⸗ haft ſeine Schläfe ln fort. Du ſelbſt biſt doch kein Sklave? fragte, ſchnell vom Stuhle aufſtehend, der Pflanzer. Nicht ich, murmelte, traurig mit dem Kopfe ſchüt⸗ telnd, der Unglückliche; doch überzeugt Euch, fuhr er, mehre Papiere aus ſeine&Taſche hervorlangend, 31 fort— überzeugt Euch ſelbſt. Mein Vater ſchenkte mir die Freiheit; o ich glaubte es damals ein ſchönes Geſchenk, ich wurde nicht mit den andern Negerkindern, wie die jungen Mustang-Füllen, aufgezogen, ich durfte leſen und ſchreiben lernen und glaubte mich, durch die Weiße meiner Haut getäuſcht, ſo frei und glücklich wie die Amerikaner. Es war ein kurzer, aber ſchöner Jugendtraum; überall kannte man mich, wußte, daß meine Mutter eine Mulattin ſei, und der werdammte Neger“ durfte ſich an keinem Orte, wo ſich Weiße aufhielten, ſehen laſſen, ohne die ſchmerz⸗ lichſten Kränkungen und Demüthigungen zu erfahren. Mit leichtem Herzen würde ich das Land meiner Geburt verlaſſen haben, hätte nicht eine Sklavin meines Vaters— daſſelbe junge Mädchen, welches heute ausgewürfelt wurde— fuhr er mit leiſem, zit⸗ terndem Tone fort— mein Herz und meine Seele auf jener Pflanzung gefeſſelt gehalten. Selinde liebte mich wieder und Prieſterhand ſollte uns vereinigen, denn mein Vater hatte mir verſprochen ſie frei zu geben und mir zu ſchenken. Da entriß mir der Tod plötzlich das einzige Weſen, das noch einen ſchützen⸗ den Einfluß auf mich ausgeübt hatte, denn auch meine Mutter war ein Jahr vorher geſtorben, und Fremde nahmen das Eigenthum in Beſitz, das durch 8⁴ 32 unvorſichtige Speculationen, wie mir geſagt wurde, verſchuldet und verpfändet war. Ich wurde mit wenigen Dollars in die Welt hin⸗ ausgeſtoßen, und Selinde, mit andern Sklaven und Sklavinnen, da der neue Eigenthümer ſelbſt deren einige 50 aus Georgien mitgebracht hatte, an einen Sklavenhändler verkauft. Dieſer verließ Alabama und wandte ſich nach New⸗Orleans, dort für einen höhern Preis die billig eingehandelten Schwarzen zu verkaufen, was ihm auch mit allen gelang, Selinde ausgenommen, die er für ſich behalten wollte, bis er mit ihr hier nach Bayon⸗Sarah kam und es ihm einfiel, ſie auszu⸗ würfeln. Ich war ihnen von meinem Geburtsorte aus ge⸗ folgt, und hatte oft mit Lebensgefahr das Mädchen, an dem mein Herz hing, zu ſehen getrachtet; da hörte ich heute Morgen, hier eben angelangt, von dem be⸗ abſichtigten Würfelſpiele. Neue Hoffnung belebte mich, ich glaubte mich hier von Niemandem gekannt, der weißen Farbe meiner Haut vertrauend wagte ich mich in das Wirthshaus, und wendete meinen letzten Cent, ſelbſt einen Ring daran, den mir meine Mutter auf dem Sterbebette gegeben, zwei Looſe zu kaufen. Sie wiſſen das Uebrige. Der junge Mann, der mich erkannte, iſt ein Neffe meines Vaters— mein eigener Vetter. Alfons ſchwieg, die beiden Frauen aber ſaßen in der Ecke und ſchluchzten; ſelbſt Guſton war gerührt. Wie aber entgingſt Du der Aufmerkſamkeit des Sklavenhändlers? fragte er endlich nach einer Pauſe; der mußte Dich doch auf Deines Vaters Pflanzung geſehen haben. Oft genug, fuhr Alfons fort; da ich aber mit im Herrenhauſe ſchlief, und von den Sklaven ſtets als „Mr. Alfons“ angeredet wurde, hatte er nicht den lei⸗ ſeſten Verdacht geſchöpft, daß ich ſelbſt zu jener ver⸗ achteten Race gehören könne. Und was denkſt Du jetzt zu thun? fragte Guſton theilnehmend, als er ihm die ſchnell durchgeſehenen Papiere zurückgab. Was kann ich thun? hauchte leiſe der Quadroon. Sei morgen Abend wieder hier in dieſem Hauſe; ſagte Guſton aufſtehend, ich will mit dem Doctor morgen früh reden, vielleicht kann ich Dir helfen. Alfons ſchüttelte, bitter lächelnd, den Kopf. Heute iſt ſo nichts mehr zu hoffen, fuhr Guſton, mehr zu ſich ſelbſt als zu den Andern redend, fort, um 10 Uhr fährteder Doctor mit der Dampffähre nach Pointe⸗Coupée, und da wird für dieſen. Gerſtäcker, Miſſiſſippi⸗Bilder. I. 3 34 Heute Abend um 10 Uhr 2fragee Alfons hochauf⸗ horchend. Die Dampffähre geht doch bei dieſem niedrigen Waſſerſtande nicht mehr ſo ſpät in der Nacht? ſagte die alte Mulattin, ſich die Augen trocknend. Es ſind, wie ich eben hörte, Damen von Taylor's Pflanzung auf dieſer Seite des⸗Fluſſes, und die ver⸗ langen noch hinübergeſetzt zu werden, erwiederte Gu⸗ ſton; da wollen ſie den Doctor ſo lange ſchlafen laſſen und dann mitnehmen; bis dahin iſt er nüchtern und kann auf ſeine Sklavin Acht geben. Doch genug für heute Abend, unterbrach er ſich ſelbſt, ich habe viel⸗ leicht Unrecht gethan Dir ſo theilnehmend zuzuhören, da Du nach den Geſetzen des Staates, in dem wir nun einmal leben, eigentlich eher Strafe als Mitge⸗ fühl verdient hätteſt; doch wollen wir das für jetzt dahingeſtellt ſein laſſen, alſo leb' wohl, bis morgeu Abend will ich ſehen was ſich für Dich thun läßt, und halte Dich ein wenig verborgen, daß Du Deinem Vetter nicht wieder vor die Augen kömmſt, er ſcheint keinen großen Gefallen an ſeiner Verwandtſchaft zu„ finden... Schon gut, ſagte er, etwas zurücktretend und eine abwehrende Bewegung machend, als er ſah daß Alfons ſeine Hand ergreifen wollte— ſchon gut, Du biſt mir weiter keinen Dank ſchuldig, als daß ich 3⁵ Dich nicht verrathe, und dazu fühle ich nicht die min⸗ deſte Luſt. Alſo gute Nacht Alte, gute Nacht Anna; und den Riegel wieder zurückſchiebend, ſprang er von der hohen Schwelle hinunter und war bald in der Dunkelheit verſchwunden. Er hatte aber kaum die nach Bayou Sarah füh⸗ rende breite Straße wieder erreicht, und war auf die⸗ ſer einige Schritte fortgegangen, als aus dem dichten Geſtrüpp, das zu beiden Seiten des Weges wuchs, zwei dunkle Geſtalten auf ihn zuſprangen und ihn feſthielten. Schon hatte er ſein Meſſer ergriffen und wollte ſich, nichts Gutes erwartend, Bahn machen, als er Willis' Stimme erkannte, der, ihn loslaſſend, lachend aber mit unterdrückter Stimme ausrief: Zum Henker! Einen von unſern Flüchtlingen ha⸗ ben wir gefangen, aber nicht den rechten; wo um Gottes willen kommſt Du hierher? Ich wollte erſt nach St.⸗Francisville gehen, habe mich jedoch anders beſonnen, ſagte Guſton; aber was im Namen alles geſunden Menſchenverſtandes thut Ihr hier, wie Straßenräuber auf dem breiten Fahrwege? Ich glaubte wahrhaftig im erſten Augen⸗ blick, ich wäre einigen entlaufenen Negern in die Hände gefallen, und wollte ſchon anfangen, mir mit meinem Meſſer Bahn zu hauen, als ich noch glückli⸗ 3* * 36 cherweiſe Deine Stimme erkannte. Wer ſind dieſe, und was wollt Ihr Alle hier? fuhr er, erſtaunt um⸗ herblickend, fort, als er eine Menge Menſchen nahen hörte, die in wenigen Secunden an ſeiner Seite waren und in denen er die ganze Wirfelgeſellſchaft erkannte. Der lange Sklavenhändler und der Ankläger und Vetter des Entflohenen ſchienen ſie anzuführen. Still, ſagte Willis, wir wiſſen daß der freche Schuft, der ſich ſo ſchändlicherweiſe zwiſchen uns eingeſchlichen hatte, hier links am Wege bei Mutter Hoyer ſitzt, wir wollen jetzt das Haus umzingeln und den Burſchen fangen; er ſoll doch auch wiſſen, wie Peitſchenhiebe in Louiſiana ſchmecken. Wozu den armen Teufel noch einmal aufſuchen? fiel Guſton gutmüthig ein, Ihr habt ihn einmal ab⸗ geſtraft, laßt ihn laufen; er wird ſich ſo bald nicht wieder zwiſchen weiße Männer hineinwagen. Sctill, Mann, aus Dir ſpricht der Europäer, ent⸗ gegnete trocken Willis; mit ſo leichter Strafe kommt kein Neger davon wenn ich's verhindern kann. Es thut mir nur leid, daß wir ihn nicht gleich banden und in den Fluß warfen— fiel ärgerlich, doch mit unterdrückter Stimme der Vetter des Unglücklichen ein— ich konnte den Jungen nie leiden; aber kommt, wir verlieren unſere Zeit und dort ſchimmert das Licht. 37 Guſton drehte dem gefühlloſen Menſchen ver⸗ ächtlich den Rücken und wandte ſich nach der Stadt, während der Haufe leiſe gegen das kleine Blockhaus hinanſchlich, plötzlich aber, wie von einem andern Gedanken ergriffen, kehrte er ſchnell um und folgte ſeinen Freunden, leiſe dabei vor ſich hinmurmelnd: — ſie ſollen ihn doch wenigſtens nicht tödten! Wenige Schritte nur war er nach der Hütte zu⸗ rück gegangen, als es ihm ſchien als ob eine dunkle Geſtalt über den Weg glitt. Er blieb ſtehen und rief ſie mit unterdrückter Stimme an, aber keine Antwort erfolgte, und bald hatte er das Häuschen erreicht, das ſchon von den Männern geräuſchlos umzingelt war, während die nichts Böſes ahnenden Bewohner ſich noch bei dem matten Scheine der Lampe mit leiſer Stimme unterhielten und dann und wann ein Schluchzen durch die ſtille Nacht drang. Willis trat jetzt vor, und mit dem ſtarken Ende einer ungeheuein ledernen Negerpeitſche, die er unterwegs mitgenom⸗ men, an die Thür ſchlagend, verlangte er Einlaß. Einen Augenblick herrſchte Todtenſtille; erſt auf ſeine zweite Aufforderung ertönte die Stimme der Alten, die ihn ruhig bedeutete weiter zu gehen— es ſei Nacht und ſie mache keinem Fremden die Thür auf, da ſie nur zwei einzelne Frauen wären. 4. 38 Das wiſſen wir beſſer, Du verwünſchte Hexe! rief jetzt Willis mit voller Stimme, indem er mit aller Kraft einen Schlag gegen die Thür führte— öffne augenblicklich, oder wir reißen Dir Dein mor⸗ ſches Dach über dem Kopfe zuſammen. Die Uebrigen waren jetzt ebenfalls von allen Sei⸗ ten hinzugetreten, und das Haus eng einſchließend, ſchienen ſie die Drohung im wahren Sinne des Worts ausführen zu wollen, als der Riegel zurückgeſchoben wurde. Ohne das Oeffnen der Thür abzuwarten, ſprang Willis mit aller Gewalt gegen dieſelbe, und dieſe aufſtoßend, warf er ſie mit ſolcher Gewalt gegen den Kopf der Mulattin, daß die Unglückliche, von dem Schlage betäubt, beſinnungslos zurücktaumelte und niederſtürzte. 1 Laut aufſchreiend warf ſich das Mädchen über den Koörper der Mutter; ihrer jedoch wenig achtend, ſtürmte, ſo ſchnell es ihnen der enge Eingang er⸗ laubte, ein Theil der Verfolger in das Gemach, um ihr Opfer zu erfaſſen. Vergebens ſahen ſie ſich indeſſen nach ihrer Beute um, vergebens leuchteten ſie in jeden Winkel, hinter jeden Kaſten, vergebens warfen ſie ſelbſt die Betten der armen Frauen auf den Boden, den vielleicht dar⸗ unter Verſteckten zu entdecken, er blieb ſpurlos ver⸗ 39 ſchwunden, und drohend wandte ſich jetzt Willis an die arme Alte, die ſich, noch betäubt von dem Schlage, erſchöpft an die Schulter ihrer Tochter lehnte: Wo iſt der Burſche, der noch vor wenigen Mi⸗ nuten hier war? Willſt Du reden, Alte, oder ich drehe Dir den Hals um. Laßt meine arme Mutter, Herr! rief das Mäd⸗ chen, den ſchon nach ihr ausgeſtreckten Arm des wüthenden Willis zurückſtoßend— laßt ſie, Ihr habt ſte ja ſchon beinahe getödtet. Nigger! rief dieſer, ſich zornig emporrichtend, willſt Du mir ſagen was ich thun oder laſſen ſoll? und mit der Peitſche ausholend, wollte er eben das furchtlos ihm gegenüberſtehende junge Mädchen nie⸗ derſchlagen, als er ſeinen Arm von Guſton gefaßt und feſtgehalten fühlte, der ihm leiſe zuflüſterte: Du ſchlägſt das Mädchen nicht, oder Du haſt es mit mir zu thun. Was zum Henker miſcheſt Du Dich in mein Thun? fuhr Willis heftig gegen den Freund herum, aber deſſen ernſtem Blicke begegnend, ließ er den Arm ſinken und ſagte halb lachend, halb ärgerlich: wa⸗ rum iſt das dumme Ding ſo trotzig? ich wollte ihr übrigens kein Leid thun; ſie ſoll nur ſagen wo der Burſche iſt, der noch vor wenigen Minuten hier war? 40 Einen ängſtlichen Blick warf das junge Mädchen auf Guſton, um zu erforſchen ob er ſie verrathen habe, bald aber ſchien ſie dieſe Furcht aufzugeben, denn ſie ſchüttelte leiſe mit dem Kopfe und hauchte: Ich habe Niemanden geſehen. Lügen! riefen jetzt mehre Stimmen aus dem Haufen— er war hier, wir wiſſen es; ſeit wann iſt er fort? Ich habe Niemanden geſehen, wiederholte leiſe das zitternde Mädchen. Gentlemen! ſagte jetzt Guſton, ſich an die ihn dicht umdrängenden Männer wendend— Sie ſehen der Mann iſt fort, wohin? darf uns für den Augen⸗ blick ſehr gleichgültig ſein, denn wie könnten wir dem Einzelnen in der ſtockfinſtern Nacht folgen? alſo kom⸗ men Sie mit mir in die Stadt zurück und wir wollen noch ein halb Stündchen zuſammen trinken, ich trac⸗ tire; morgen haben wir vielleicht mit dem Auffinden des Burſchen mehr Glück. Wer geht mit mir? Nun ich denke, ſagte der Sklavenhändler, indem er ſich mit großer Seelenruhe von einer breiten Tafel Kautaback ein ungeheures Stück abſchnitt und in den Mund ſchob— wir gehen Alle. 8 Ja laßt uns gehen; zum Teufel mit dem Nigger, riefen Alle untereinander, und drängten ſich wieder 41 aus der Thür hinaus, um im Wirthshauſe ihr Ge⸗ lage aufs Neue zu beginnen. Guſton verließ das Haus zuletzt und das Mäd⸗ chen folgte ihm mit dem thränenden, dankbar ihm zugekehrten Blick— ſie ſah in ihm den Retter ihrer Mutter. Lachend und jubelnd wanderten die Männer der Stadt zu und erreichten bald wieder das Haus, wo Guſton, ſeinem Verſprechen gemäß, ſie auf ſeine Koſten trinken ließ, ſo viel ſie wollten. Die Unterhaltung war ſehr laut, und beſonders ſchimpfte und fluchte der Sklavenhändler auf den Entflohenen, den er verſicherte, mehr als zwanzig Mal geſehen, immer aber für einen Weißen gehal⸗ ten zu haben, als plötzlich der Doctor mit verſchla⸗ fenem, bleichem Geſicht, ſich dehnend und ſtreckend, in der Thür erſchien. Mit allgemeinem Jubel wurde er empfangen und vernahm jetzt, mit Erſtaunen über die unerhörte Frechheit des Niggers, die Erzählung Deſſen, was während er ſchlief vorgefallen war. Der Nigger l rief er endlich ganz entrüſtet aus! ich glaubte ſelbſt, er ſei einer jener dunkelhäutigen Creolen, die man oft kaum von Mulatten, viel weni⸗ d terſcheiden kann— aber Ihr 4² habt ihn doch gleich geknebelt und abgeſtraft, oder wenigſtens in Sicherheit gebracht? Etwas kleinlaut erzählte jetzt Willis, daß er ihnen entkommen ſei, ſie aber ernſtliche Nachforſchungen am andern Mor⸗ gen anſtellen wollten. Ich habe einen vorzüglichen Negerhund, fuhr er in ſeinem Argumente fort— und wenn wir den auf die Spur bringen... Pah, rief der Doctor ärgerlich, glaubt Ihr, der wird ſich lange hier in den Büſchen oder Sümpfen herumtreiben, wo ſo viel Boote am Ufer liegen? Der ſtiehlt dieſe Nacht ein's, wenn das nicht ſchon jetzt geſchehen iſt, und hat bis morgen früh wenig Spuren zurückgelaſſen, dafür ſteh' ich. Nun— tröſtetee er ſich endlich— er kommt uns vielleicht ein ander Mal wieder in den Wurf und— ich kenne den Bur⸗ ſchen jetzt.— Aber glaubt Ihr, ich ſei ein Pulver⸗ magazin, daß Ihr Euch hier Alle um mich her drängt und mich ſo trocken haltet, als ob mich ein Tropfen Spiritus verderben könnte? Heh, Wirth! etwas zu trinken! Ihr habt doch mein Maͤdchen ordentlich aufgehoben? Alles in Sicherheit, entgegnete dieſer, dem Doctor ein Glas und eine Flaſche hinſchiebend; aber Doctor, die Fährleute werden gleich zum letzten Male hinüber fahren, Punkt 10 Uhr w ill— 8 43 Mr. Taylor, ſagte der Doctor, ſein Glas halb füllend und leerend, mag zu— Graſe gehn.—— Es wird aber doch beſſer ſein, ich fahre mit, ſo bringt das Mädchen herunter und laßt ſie ſich bereit halten. Ihr Bündel liegt in der Küche, ſagte der Yankee; viel hat ſie zwar nicht, aber... Ihrhr Nankees werdet auch einen Sklaven viel Plunder mitnehmen laſſen! unterbrach ihn lachend der Doctor, da müßte man Euch nicht kennen; nun wenn ſie fleißig und ordentlich iſt, kaufe ich ihr ein paar neue Fähnchen. Guſton hatte, an das Billard gelehnt, eine Zeit lang ſtarr vor ſich niedergeſehen und dem Geſpräche gehorcht; als er aber hörte, daß das Mädchen vor die Thüre geführt ward und der Doctor ſich ſelbſt zum Ueberfahren rüſtete, trat er auf dieſen zu und bat ihn einen Augenblick mit ihm zu gehen, da er ihm etwas zu ſagen habe. Der Doctor folgte und Beide ſtanden bald in der ſternhellen Nacht auf der offenen, menſchenleeren Straße, unfern des unglücklichen Mädchens, das, die Hände auf dem Rücken befeſtigt, an einem Balken, der eigentlich zum Anhängen der Pferde diente, gebun⸗ den war und an dieſen gelehnt, in ihrem dünnen weißen Kleide, traurig empor zu den goldenen Sternen blickte. 2 44 Nun was wollen Sie von mir, Sir? fragte endlich der Doctor, nur wenige Schritte vor der Sklavin ſtehen bleibend. Ich wünſchte Ihnen dies Mädchen abzukaufen, antwortete Guſton feſt und ruhig. Den Teufel auch, rief erſtaunt der Doctor, was fällt Ihnen auf einmal ein? 4 Sie gefällt mir, entgegnete in gleichgültigem Tone der junge Pflanzer. Mir auch, ſagte der Doctor lachend, und ich ver⸗ kaufe ſie nicht wieder; nein, meine Frau wollte lange ein Hausmädchen haben, und die ſcheint mir wie geſchaffen dafür; leicht, behende, hübſch und ſtark. Doctor, es kommt mir auf einige Dollars nicht an, ich möchte aber das Mädchen haben, und wenn Sie nicht einen zu horrenden Preis fordern, ſo... Neein, nein, unterbrach ihn der Doctor, mit unſerm Handel wird nichts; wenn ich das Geld nöthig brauchte, ja, dann wäre es vielleicht etwas Anderes, ich habe aber juſt geſtern einen Wechſel von tauſend Dollars bekommen, gut wie Silber, und da iſt mir jetzt das Mädchen nicht feil; fragt jedoch Weihnach⸗ ten einmal wieder nach und— ich ſtehe Euch nicht dafür, daß das Geld ſo lange ausreicht— vielleicht noch früher; nur für den Augenblick wird nichts daraus. 45 Das Mädchen hatte im Anfange, da ſie hörte wie nahe ſie die Unterhaltung anging, erſchrocken aufgehorcht und verſuchte vergebens eine Zeit lang mit ihren ſcharfen Augen die Finſterniß zu durchdrin⸗ gen, um die Züge Deſſen zu erforſchen, der ſie zu⸗ erhandeln wünſchte; da ſie das aber unmöglich fand, verfiel ſte wieder in ihre träumeriſche Stellung, wenig den Fortgang des Geſprächs und die Folgen, die es für ſie haben mußte, beachtend. Sie war daran ge⸗ wöhnt als ein Stück Waare betrachtet und verhandelt zu werden, und ihr ſchien es gleichgültig, wer von den Beiden ihr neuer Herr werde, da Alfons doch unwiederbringlich für ſie verloren war; nur zwei große Thränen traten ihr in die dunkeln Augen und fanden, von andern gefolgt, ihre Bahn die ſammet⸗ weichen Wangen der Unglücklichen hinab.— Sie konnte ſie nicht abtrocknen, ihre Hände waren ge⸗ bunden. 88. Jetzt traten auch die übrigen Pflanzer und Kauf⸗ leute aus dem Hauſe, und wanderten zuſammen dem nicht fernen Flußufer zu, um den Doctor noch auf das Boot zu begleiten. Guſton wandte ſich ab und ſchritt ſchweigend an Willis' Seite, der ihm tauſend tolle Streiche und Schwänke erzählte und ſich wenig darum bekümmerte, ob ſein Gefährte ihm zuhörte oder 46 nicht, dem kleinen Städtchen St.⸗Francisville zu, um dort zu übernachten und am nächſten Morgen ſeines Vaters Pflanzung zu erreichen. Das Schickſal der beiden Unglücklichen hatte Guſton, da er lange Zeit von den Sklavenſtaaten entfernt gelebt, wirklich geſchmerzt, und manch gut⸗ müthiger Plan, für die Zukunft der Beiden, ſeinen Kopf durchkreuzt, als er dem Doctor das Mädchen ab⸗ kaufen wollte. Da dieſer aber nicht darauf eingegangen war, ſo glaubte er das Seinige gethan zu haben und vergaß bald das Unglück von Leuten, denen er doch nicht helfen konnte. Noch hatte er nicht die Höhe des Hügels und mit ihm die erſten Häuſer des Städtchens erreicht, als er ſchon ganz in Willis' Laune einſtimmte und dieſem von ſeinen Reiſen und Wanderungen erzählte. Unterdeſſen waren die Paſſagiere, die noch nach Pointe⸗Coupée überſetzen wollten, auf der Dampffähre eingeſchifft und Selinde wurde ebenfalls an Bord gebracht, jetzt jedoch, als das Boot vom Lande abſtieß, losgebunden und ſie ſtand vorn am Bugſpriet des kleinen, breiten Fahrzeugs, ſchaute über das niedere Geländer hinab, in den dunkeln, reißenden Strom, und hing ihren trüben, traurigen Gedanken nach. 47 In der Kajüte hatte ſich indeſſen der Doctor mit noch zwei andern Pflanzern zu Taylor's Familie ge⸗ ſellt, und erzählte dieſen von den heutigen Vorfällen, während das Boot langſam am Ufer hinauflief und eben vor der kleinen Bayou, von der das Städtchen den Namen hat, vorüberfahren wollte. Geht denn der Herr nicht mehr mit, der da noch am Ufer ſteht? rief plötzlich der Steuermann, ein Deutſcher, dem Maſter des Boots zu, der unten, unfern der Sklavin, am Geländer lehnte. Nein! hat ſein eigenes Boot, war die lakoniſche Antwort, und der Ingenieur, der auch zugleich die Stelle des Feuermanns mit vertrat, gab dem Boote die ganze Kraft, um ſo ſchnell wie möglich die nächt⸗ liche Fahrt zu beenden. Das Boot erreichte jetzt die ungefähre Höhe, von der aus ſie hoffen durften die gegenüberliegende Lan⸗ dung zu gewinnen, der Steuermann ließ alſo den Bug nach der Backbordſeite abfallen, und bald zeigte das ſtärkere Rauſchen am Bugſpriet, daß es in reißen⸗ dere Strömung gerathen ſei. Langſam bewegte es ſich der Sandbank zu, die ſich in den Sommermonaten, mitten im Fluſſe von einer kleinen Inſel unterhalb ausgehend, wol zwei Meilen hinaufzieht, und welche die Fähre, um an dem gewöhnlichen Lan⸗ . dungsplatze in Pointe⸗Coupée anzulegen, umfahren mußte. Das Boot mochte kaum 300 Schritte von dem waldigen Ufer ab ſein, als von der Mitte des Stroms aus, drei Mal der Ton eines Loon“) klagend über die glatte Waſſerfläche herüberſchallte. Der Maſter ſchien die oft gehörten Töne wenig zu beachten, Se⸗ linde aber fuhr, ſchon beim zweiten Rufe, wie von einem plötzlichen Schreck durchſchauert, auf, und lauſchte mit verhaltenem Athem dem dritten. Wenige Minuten war Alles ſtill, und dann ſchallten wieder dieſelben drei wehmüthigen Rufe des menſchenſcheuen Waſſervogels zu ihr herüber, während ſie mit vorge⸗ beugtem Oberkörper und weitgeöffneten Augen die Finſterniß zu durchdringen ſuchte, wie um den Urhe⸗ ber dieſer Töne zu entdecken. Der Loon ſchreit recht kläglich heut Abend, rief der Steuermann. Ja, wir bekommen Regen, ſagte der Maſter, in⸗ dem er einen prüfenden Blick nach oben warf. Der Himmel ſchien aber ſeine Wetterprophezeihung nicht zu rechtfertigen, denn kein Wölkchen umhüllte die *) Loon(Waſſertruthahn), eine Art Taucher, der ſich in großer Anzahl in den ſüdlichen Gewäſſern Nordamerikas, beſon⸗ ders auf dem Miſſiſſippi, aufhält. 8. 49 Myriaden Sterne, die in glühender Pracht von dem dunkelblauen Firmament herniederſchimmerten. Das Boot durchſchnitt jetzt, in die Nähe der Sandbank, und dadurch in etwas ſtilleres Waſſer kommend, mit größerer Schnelle den Strom, während der Loon noch zwei Mal in kurzen Zwiſchenräumen ſeinen Ruf ertönen ließ, aber ſchwieg, ſobald die Fähre heranrauſchte. Halte ſtromauf! rief der Maſter jetzt dem Steuer⸗ mann zu, Du rückſt dem Sande zu nahe. So— das wird genug ſein! Sie liefen von da an ziemlich geſchwind in ganz todtem Waſſer an der Sandbank hinauf und näherten ſich mehr und mehr der Spitze, als der Steuermann ausrief, er ſähe etwas Schwarzes vorn auf dem Waſ⸗ ſer, das einem Kahne gliche. Ich kann nichts erkennen! rief der Maſter, ſeine Augen anſtrengend und ſich vorn überbiegend. Kommt hierher, es muß ein losgeriſſenes Boot ſein, was dort auf den Sand getrieben iſt; wenn wir unſere Jolle mit hätten, könnten wir es fangen. Schändlich! rief der Maſter ärgerlich, die Bur⸗ ſchen, die hinter uns mit dem Ruderboote kommen, werden es jetzt finden; wir dürfen aber nicht näher hinfahren, ſonſt bleiben wir ſitzen. Gerſtäcker, Miſſiſſippi⸗ Bilder. I. 4 50 Sie waren unterdeſſen in gleiche Höhe mit dem dunkeln Gegenſtande gekommen, der ſich wirklich als ein Kahn auswies, aber nicht als ein leerer, ſondern ein einzelner Mann ſaß darin und ruderte, etwas vor dem Boote, auf daſſelbe zu, als ob er dicht an dem⸗ ſelben vorüberfahren wollte. In demſelben Augen⸗ blicke ließ ſich auch der Loonruf, doch ganz in der Nähe und äußerſt leiſe hören. Habt Acht! Ihr kommt unter die Fähre! ſchrie der Maſter, vom Verdeck aus, dem einſamen Ruderer zu, der jetzt faſt auf Kahnlänge herangekommen war; die Warnung wurde aber nicht beachtet und 4 Se⸗ linde“— rief der fremde Mann da leiſe herüber. In dem Augenblicke berührte auch ſein Kahn die Dampf⸗ fähre und mit einem Sprunge lag das Mädchen an der Bruſt des Geliebten, glitt aber, wohl wiſſend, daß dieſer ſeine Arme jetzt nöthiger brauche, als ſie zu umfaſſen, behende in den Stern des Boots, und daſſelbe mit einem kurzen, dortliegenden Ruder abſto⸗ ßend, trieb der kleine Nachen, ehe ſich die Fährleute nur von ihrer Ueberraſchung erholen konnten, ſchnell in das Fahrwaſſer des Dampfers. Halt! verdamm Euch! Hülfe! haltet ſie! riefen der Maſter und Steuermanr zu gleicher Zeit, und Erſterer ſprang, mit Hintanſe, e der Furcht für “ — 51 4 ſeine Gliedmaßen, mit einem Satze vom Steuer auf das untere Deck hinunter, um das Entkommen des Boots zu verhindern; aber zu ſpät, ſchon verſchwand es in der dichten Finſterniß und deutlich hörten ſie, wie es, von kräftigen, regelmäßigen Ruderſchlägen getrieben, ſchnell über die Fläche des Stromes dahin⸗ ſchoß. Was ſchreit Ihr denn ſo, als ob Ihr am Spieße ſtäckt? rief der Doctor, als er jetzt mit den andern Männern aus der Kajüte kam— iſt das nicht ein Höllenlärm.... Die Negerin iſt fort! rief der Maſter. Was iſt ſte? ſchrie der Doctor, und war mit wenigen Schritten an der Seite des ſelbſt zum Tode erſchrockenen Maſters, der ſeinem Steuermanne nur ſchnell zurief, das Boot zu wenden und ſtromab den — Flüchtigen zu folgen, und dann dem Doctor mit we⸗ nigen Worten den ganzen Vorfall erzählte. Fluchend und tobend aber ſprang dieſer zum Steuer, bot dem Steuermann zehn Dollars, wenn er die Entflohenen wieder einhole, und vertrieb ſich dann die Zeit damit, daß er, auf⸗ und abgehend, überdachte, wie er die Beiden, wenn er ſie erſt wieder eingefangen hätte, züchtigen wollte. Der Maſter war indeſſen auch zu ihm herangetre⸗ 4* 52 ten und den Doctor in ſeinem Eifer und ſeinen Geſti⸗ culationen unterbrechend, rief er ihm zu, einen Au⸗ genblick ruhig zu ſein, denn er glaube er höre Ruder⸗ ſchläge. Sie horchten jetzt mit geſpannter Aufmerkſamkeit und vernahmen deutlich das regelmäßige Einſchlagen von Rudern in das Waſſer; es konnten aber nicht die Flüchtlinge ſein, denn es kam von Bayou Sarah herüber und der Steuermann brach endlich das Schweigen, indem er verſicherte, daß es das Segel⸗ boot wäre.* Gut, rief der Maſter, die wollen wir doch bei unſerer Jagd zu Hülfe rufen, es müßte dann mit dem Böſen zugehen, wenn wir das Pärchen nicht einfin⸗ gen, ehe es Waterlow erreichen kann. Und die Hände trichterförmig an den Mund haltend, ſchrie er mit kräftiger Stimme ſein„Boot a hoy⸗y!“ über die ru⸗ 4 4 hige Stromfläche hinüber. 5 Schon ſein zweiter Ruf wurde von drüben beant⸗ wortet, und bald tönte auch auf ſein langſam und deutlich ausgeſtoßenes: Kommt herüber! ein befrie⸗ 4 digendes Ay— Ay! zurück. Die Dampffähre ſchoß unterdeſſen mit bedeutender Schnelle an der Sandbank hin, gleichwol immer ſich etwa 150 Schritte von ihr entfernt haltend, um nicht 53 aufzulaufen, und aufmerkſam beobachteten die Män⸗ ner den zwiſchen ihnen und der Bank liegenden Waſ⸗ ſerſtreifen, da ſie nicht ohne Grund vermutheten, daß der Entflohene eher verfuchen würde, ihnen unter dem Schutze der Nacht zu entgehen, als ſich auf ſeine eigene Kraft zu verlaſſen und die Mitte des Stroms zu ſuchen, wo ihm, wenn entdeckt, auch nicht die mindeſte Hoffnung auf Entrinnen geblieben wäre. Schon hatten ſie ſich auf wenige hundert Schritt der kleinen Inſel genähert, als der Maſter plötzlich des Doctors Arm faßte und gerade ſich gegenüber über die Waſſerfläche herausragte, ausrief: Dort ſo wahr ich ein Chriſt bin; ſeht Ihr dort? Wo? wor rief der Doctor, der nur das dunkle Boot mit den Augen geſucht hatte. Dort der weiße Punkt— rief der Maſter— das Kleid des Mädchens! und ohne eine weitere Antwort abzuwarten, ſprang er mit einem Satze an das Steuerrad, und das Boot ſchnell wieder ſtromauf wendend, führte er es gerade auf den weißen Punkt zu. Der Flüchtige war aber hier allerdings in der Hoffnung angelaufen, unter dem mehre Fuß hohen, ſteilen Sandufer unbemerkt liegen zu bleiben und, wenn die Fähre vorbeigefahren wäre, ſchnell die nach der Sandbank deutend, die hier etwa drei 3— 54 Mitte des Stroms zu erreichen, wonach er dann, ſtromab, bald aus dem Bereiche augenblicklicher Ver⸗ folgung kommen konnte. Jetzt haben wir ſie, rief der Maſter aus, als er ſich, etwas näher rückend, wirklich überzeugt hatte daß es die Flüchtigen waren; hier iſt das Waſſer tief und ich müßte mich ſehr irren, wenn wir nicht an den Burſchen dicht hinanlaufen könnten; auf alle Fälle wollen wir's verſuchen! Die armen Flüchtigen befanden ſich unterdeſſen in einer gar mislichen Lage, denn in der That hätte d die nicht ſehr tief im Waſſer gehende Dampffähre gerade an dieſer Stelle an ſie heranlaufen kö b In dieſem kritiſchen Augenblicke verließ aber d der Schule des Unglücks Geſtählten die ſo nöthige Geiſtesgegenwart nicht; mit raſchen Ruderſchlägen flog er, etwa funfzig Schritte, ſeinen Verfolgern gerade entgegen, und als dieſe ſchon, in der Hoffnung ihn bald in ihrer Gewalt zu haben, laut aufjubelten, der Doctor ſogar ein Tau zurechtlegte, um den „damned nigger“, wie er ſich ausdrückte, zu knebeln, ſchoß dieſer plötzlich, einen ſchmalen Streifen ſeichten Waſſers benutzend, der ſich zwiſchen zwei langen Sandzungen hinzog, in ſeinem kleinen Boote rechts von der Fähre ab, die gleich nachher, durch das nur 5⁵ wenige Zoll tief gehende Boot irre geführt, in zu ſeichtes Waſſer kam und auflief. Im nächſten Augenblick waren die Flüchtigen in der Alles umlagernden Finſterniß verſchwunden. Da ſchallte plötzlich ein nahes, deutliches Halloh! herüber und das angerufene, von Bayon Sarah kommende Segelboot, lag wenige Augenblicke ſpä⸗ ter neben dem auf dem Sande ſitzenden Dampffähr⸗ boote. Halloh! rief noch einmal der im Stern des erſte⸗ ren behaglich hingeſtreckte Creole— was flucht Ihr Das iſt der Doctor, nicht wahr? Beauvais! rief dieſer, Euch ſendet uns der Himmel! 3 Wohl durch Euer Beten erweicht? lachte Beau⸗ vais. Kommt ſchnell heran, nehmt uns auf; mein Ne⸗ germädchen iſt mir hier vom Boote weg durch den weißen Nigger geſtohlen und vor kaum drei Minuten ſind ſie erſt fort, wir müſſen ſie einholen. Kommt herein denn, ſchnell! rief der Creole, das Boot an die Fähre anlenkend— und wenn meine vier Burſchen den bleichen Schurken nicht in zehn Minuten haben, ſo will ich mein Lebenlang keinen denn hier ſo gottesläſterlich durch die ſtille Nacht? „ 4 56 chend fort, das würde mir ſo ſauer werden als Euch, wenn Ihr dem Brandy entſagen ſolltet. Mit unglaublicher Schnelle verließ das Segel⸗ boot, das den Doctor, den Maſter und den andern Pflanzer aufgenommen, die geſtrandete Fähre, und flog der Mitte des Stromes zu, um die Flüchtigen einzuholen. Ich höre das Ruder, rief der Maſter, der, die Hände hinter die Ohren haltend, einen Augenblick gelauſcht hatte, ich höre das Ruder deutlich, gerade unter jenem hellen Sterne. So— noch ein wenig eechts, rief er, als Beauvais ſchnell ſeinen Lauf danach anderte— ſo— jetzt ſind wir auf der Spur; nun, meine Burſchen, ſtreckt Euch! Das Boot berührte kaum die Waſſerfläche und hoch auf ſpritzte der weiße Schaum am Bugſpriet. Unterdeſſen war Alfons nicht müßig geweſen; große Schweißtropfen perlten ihm an der, durch die übermäßige Anſtrengung des Ruderns erhitzten Stirn, und lange war kein Wort zwiſchen den Liebenden gewechſelt; jetzt brach Selinde das Schweigen unf flüſterte leiſe und bebend: *) Lieblingsgericht der Creolen. Gumbo*) mehr anrühren, und Doctor, fuhr er la⸗ — 1— . 57 Ich habe Dich verrathen, Alfons, mein weißes Kleid zeigte den Verfolgern unſer Verſteck; o wie bin ich unglücklich! Mein armes Mädchen, tröſtete ſie Alfons, ohne einen Augenblick in ſeiner Arbeit nachzulaſſen, be⸗ ruhige Dich, ich entgehe ihnen dennoch; wäre nur das Segelboot nicht; ich hörte aber wie ſie es an⸗ riefen, und ich fürchte, wir werden landen und uns im Sumpfe verbergen müſſen. Ich möchte ihnen nicht gern auf dem Waſſer in die Hände fallen. Aber ſie müſſen uns hören, Alfons, ſeufzte das Mädchen, die böſen Ruder knarren ſo, das tönt g. weit über das Waſſer; ich höre das Boot ebenfa hinter uns. Ich habe nichts um die Ruder zu umwickeln, jeder Augenblick den ich verzögere bringt uns dem gewiſſen Verderben näher, ſprach leiſe Alfons. Mein Kleid hat uns verrathen, mein Kleid mag uns retten, lächelte das Mädchen unter Thränen hervor, riß das dünne Zeug in Streifen herunter und legte es unter die Ruder. Geräuſchlos glitt jetzt das Boot über die ruhige Waſſerfläche, und leiſe betend ſank die ſchlanke Geſtalt des armen Kindes im Stern des kleinen Boots nieder. Verdamm die Hunde! rief der Doctor, als die 58 Neger einen Augenblick raſteten und Alle aufmerkſam aber vergebens horchten, um aufs neue einen Ruder⸗ ſchlag der Entflohenen zu hören, Nichts rührt ſich mehr. — Dort unten treibt ein Flatboat“), rief der Doctor, vielleicht haben die Leute darauf etwas von den Flüch⸗ tigen geſehen. Sie ſteuerten, als kein Laut weiter gehört ward, ſchnell auf das unbehülfliche Fahrzeug zu, das ſie auch gar bald erreichten, und der Doctor rief es ohne Weiteres an:. Habt Ihr ein Boot geſehen? Etwa hundert Schritte an uns vorbei ruderte Einer. Welche Richtung? Mehr nach dem Lande zu. Wer ſaß darin? Weiß nicht, rief der Flatboatmann. Ihr ſucht einen weggelaufenen Sklaven? Ja wohl, Freund! antwortete Beauvais; woher wißt Ihr das? Gut! ich denke, Ihr ſeid auf der vechten Fährte; der Burſche, der hier hinunterging, hatte die Ruder umwickelt, kam mir gleich verdächtig vor. *) Große Waarenboote, die mit der Strömung den Fluß hin⸗ untergehen. 59 Sie ſind es! ſchrie der Doctor; jetzt tapfer, meine Burſchen, ſtreicht aus! Ihr ſagtet, ſie hielten ſich nach dem Lande zu? frug der Maſter noch einmal zurück, als das Segel⸗ boot von dem Flatboat hinwegſchoß. Ja! lautete die Antwort, und zum dunkeln Ufer hin, aber immer noch in etwas die Strömung be⸗ nutzend, eilten die Verfolger dem Unglücklichen Al⸗ fons nach, der ſich wirklich näher dem Lande zuge⸗ wendet hatte, um im Nothfall das ſchützende Dunkel des Waldes zu erreichen. Mehre Minuten war das Segelboot ſo im wah ren Sinne des Worts über die Stromfläche fortge ſprungen, als der Maſter, der im Vordertheile kauerte und aufmerkſam über den Waſſerſpiegel hinſchaute, in die Höhe ſprang und ausrief: Dort ſind ſie, ich ſehe das Boot! Hurrah, meine Burſchen, greift aus! ſchrie der Doctor, und Ihr, Maſter, gebt mir Euer Meſſer, ich will dem bleichen Nigger einmal zeigen, was es zu bedeuteu hat, in Louiſiana einen Neger zu ſtehlen. Der Angeredete griff auch, ohne weiter ein Wort zu erwiedern, unter ſeine Weſte, holte ſein langes Jagdmeſſer hervor und reichte es dem Doctor, der es aus der Scheide riß und jubelnd ſchwang. s aus der Scheide riß ſchwang 2* 8* 60 Alfons hatte mit faſt übermenſchlicher Anſtrengung ſeine Bahn verfolgt, als er aber die Ruderſchläge der Verfolgenden immer näher und näher kommen hörte und nun einſah, daß er ſelbſt nur noch eine kurze Zeit das ſeine Kräfte überſteigende Rudern würde aushal⸗ ten können, wandte er ſich näher zum Ufer. Hatte er den Wald einmal erreicht, ſo war alle Verfolgung im Dunkel und ohne Hunde unmöglich gemacht. Da— als Alfons ſeine letzten Kräfte anſtrengte, das Werk zu vollenden, als er die Verfolger ſchon dicht hinter ſich ſah— brach ihm das rechte Ruder und ſein Boot flog herum. Beauvais und der Maſter erkannten augenblick⸗ lich, daß der Flüchtling in ihren Händen ſei, und ſtießen ein Freudengeſchrei aus. Der Erſtere wandte ſich nur noch an den Doctor und rief dieſem ermah⸗ nend zu: Bringt ihn nicht um! als das Boot auch ſchon an das andere hinanſchoß und jener mit erhobe⸗ nem Meſſer jubelnd hinüberſprang. Er ſollte aber ſeinen Triumph nicht lange genießen; 3 Alfons, wohl wiſſend, daß für ihn alle Hoffnung veerſchwunden ſei, und feſt entſchloſſen, nicht lebendig in die Hände ſeiner Peiniger zu fallen, war, mit dem Ende des abgebrochenen Ruders in der Hand, das er — — da, ſtarr und feſt zum Himmel emporſehend, dann ſen, als der Doctor zuerſt wieder nach Bayon Sarah 1nn verſank. Beauvais, der im Begriff war dem Doctor zu folgen, würde ein gleiches Schickſal mit dem Erſtern getheilt haben, hätte nicht der Maſter, der ſich wohl hütete in den gefährlichen Bereich des Ruders zu kommen, eine Piſtole gezogen und ſie ſchnell und beſonnen auf den frei Daſtehenden abgedrückt. 3 Beim Krach des Gewehres zuckte der Schwerge⸗ troffene zuſammen, das wiedererhobene Ruder entfiel ſeiner Hand und für einen Augenblick ſtand er aufrecht ſtöhnte er„Selinde!“ und ſank rückwärts in die Flut. Alfons! rief das Mädchen mit herzerſchütterndem Schrei, und folgte mit Gedankenſchnelle dem Sinken⸗ den, aber Beauvais, dies noch zur rechten Zeit ge⸗ wahrend, ſprang in das kleine Boot und das weiße flatternde Unterkleid erfaſſend, ehe es verſchwand, zog er mit Hülfe ſeiner Leute die Ohnmächtige an Bord zurück. Vierzehn Tage waren nach dieſem Abend verfloſ⸗ 62 hinüberfuhr, ſich aber dort ſehr mäßig h Geſchäfte ſchnell beſorgte und dann wiede nach Pointe⸗Coupée fahren wollte. Er ſah ſeh aus und eine breite, noch nicht ganz zugeheilte Narbe zog ſich über ſeine Stirn. Als er dem Flußufer zuſchritt, um das Fährboot zu erreichen, das eben anlandete, hörte er ſeinen Namen rufen, und ſich umwendend, erkannte er Gu⸗ ſton, der ihm winkte und bald an ſeiner Seite war. tun Doctor, wie geht's? fragte er dieſen, die ihm entgegengeſtreckte Hand ſchüttelnd, was macht die Stirn? Das muß ein hölliſcher Schlag geweſen ſein! War's auch, Guſton, war's auch; warf mich nieder wie ein Stück Holz; der Hund hat aber ſeine Bezahlung bekommen. 4 Er ſoll über Bord gefallen und ertrunken ſei 12 fragte Guſton, den Doctor von der Seite fixirend. 8 VVerdammt will ich ſein, wenn ich weiß wie et fortgekommen;; als ich ihn zuletzt ſah, ſtand er noch feſt genug auf der Ruderbank, um mich mit dem ſcharfkantigen Holze zu Boden zu ſchlagen, aber der brave Maſter... Ihr geht mit nach Pointe⸗Coupée, nicht wahr? unterbrach er ſich plötzlich ſelbſt. Der Maſter ſoll ihn erſchoſſen haben, behaudten 63 die Neger— wie mir geſagt wurde, fuhr Guſton, die Zwiſchenfrage nicht beachtend, fort. Die Neger wiſſen nichts und können kein Zeug⸗ niß vor Gericht ablegen; ich wollte übrigens, ich hätte an jenem Abend Euern Vorſchlag angenommen und Euch das Mädchen überlaſſen; ich wollte, ich hätte es! Nun, ſeid Ihr nicht mit ihr zufrieden? Ich nehme mein Wort ſelbſt jetzt noch nicht zurück— wenn auch nicht mehr aus derſelben Urſache als neulich. Leider— fuhr der Doctor ärgerlich heraus— habe ich ſie heute morgen begraben laſſen. Begrabene frug Guſton, erſtaunt einen Schritt zurücktretend; begraben? das junge kräftige Mädchen? Lieb wär mir's, ich hätte weder ſie noch den nich würdigen langen Yankee je mit Augen geſehenz Dirne koſtet mich ein ſchmähliches Geld, und dann legt ſich der kleine weibliche Teufel hin und wird krank. Erſt glaubte ich, ſte wollte mich nur zum Nar⸗ ren haben und ließ ſie auf Anrathen meiner Frau züchtigen, ſie mukſte aber nicht und wurde zuletzt ohn⸗ mächtig; nun ließ ich ſie in ein Krankenhaus bringen und gab ihr eine alte Frau zur Pflege;;z ich mochte ſie doch nicht gern verlieren, ſie war wenigſtens ihre fünft undert Dollars werth. Da ſetzt ſich der ſchwarze ſich 31 Racker in den Kopf nichts mehr zu eſſen, legt ſich hin und liegt da und rührt ſich nicht. 8 Umſonſt ging ich ſelbſt zu ihr und verſuchte Alles, ſie wieder zur Vernunft zu bringen, umſonſt drohte ich ihr mit den fürchterlichſten Strafen, und ließ ihr wirklich, nur um ihr zu beweiſen daß es mein Ernſt ſei, einige Hiebe geben, es blieb vergebens; ſie ließ Alles ruhig mit ſich anſtellen und geſtern Mittag, als ich zu ihr ging, um noch ein Mal zu verſuchen, ob ſtärkere Drohungen vielleicht einen größern Einfluß auf ſie haben möchten, richtet ſie ſich plötzlich auf ihrem Bette in die Höhe, ſchwatzt allerlei dummes Zeug von Alfons, Vater und Mutter und fällt um — ſie war todt. 3 Sch wollte doch Ihr hättet ſie mir damals über⸗ een, ſagte Guſton, nachdenkend und verſtimmt vor niederſehend— dann wandte er ſich raſch von dem Doctor ab, und ſchritt langſam nach Bayou Sarah zurück. Höhlenjagd in den weſtlichen Gebirgen. 3 „An einem klaren, bitterkalten Nachmittag des Monats Februar, als die Sonne, von dünnen Ne⸗ belſchleiern umzogen, nicht Kraft genug hatte die ſchneidende Luft, die aus den nordweſtlichen Prai⸗ rien herüberwehte, zu mildern, und ſelbſt an den fließenden Waſſern, etwas in Arkanſas ſehr Unge⸗ wöhnliches, ein ſtarker Eisrand hing, kletterten an den ſteilen Abhängen, welche die Quellen des„Spirit creeks““ einſchließen, drei Männer über die rauhſten und unwegſamſten Stellen hinweg, die in der ganzen Gegend nur geſunden werden konnten, und obgleich oft kurze Strecken offenen, ebenen Bodens vor ihnen lagen, umgingen ſie doch ſtets dieſe, und ſuchten wieder die ſchroffſten, wildeſten Wände aus, an Gerſtäcker, Miſſiſſippi⸗Bilder. I. 5 2 66* denen abgebrochene Felsblöcke, und toll und bunt durcheinander geworfene Steinmaſſen ihr Fortſchreiten faſt zu einer Unmöglichkeit machten. Die drei Jäger— denn andere Leute konnten in ſolchem Fels⸗Chaos Nichts zu ſuchen haben— hielten ſich auch einige hundert Schritt von einander entfernt, aufmerkſam dabei den Boden und die Pflan⸗ zen, über dem und an denen ſie hingingen, unterſu⸗ chend, und nur ſehr langſam bewegten ſie ſich vorwärts. Da lenkte plötzlich der Ruf des am tiefſten Dahinklet⸗ ternden— eines Indianers—(die andern beiden Jäger waren Weiße)— die Aufmerkſamkeit ſeiner Gefährten dorthin, und ſie ſtiegen, auf ſein ihe und ſeine Bewegungen, die ihnen zeigen ſollten daß er Etwas gefunden habe, zu ihm hinab, ſeine Ent⸗ deckung zu unterſuchen. Der Indianer war noch ein junger, rüſtiger Mann, etwa 30 Jahre alt und ſchlank, aber kräftig gebaut, wenigſtens verrieth der nackte Arm, den er aus ſeiner wollenen Decke hervorſtreckte, um den Andern das Zeichen zu geben, außerordentlich ſtarke Sehnen und Muskeln. „Seine Beine waren mit ledernen Pagins, ſeine Fuße mit Moccaſins aus eben dem Stoff bekleidet, ſein Jagdhemd aber, aus dünnem, buntfarbigem 67 Cattun leicht zuſammengeheftet, wurde eigentlich nur noch durch den Gürtel gehalten, denn in Streifen hing es ihm von den Schultern herunter. Sein Kopf war bloß, und die ſchwarzen, langen Haare hingen ihm über Stirn und Schläfe herab, auch zeigte ſein Ge⸗ ſicht keine der ſonſt bei ſeinem Volke ſo gebräuchlichen, entſtellenden Farben, ſondern nur ſeinen eigenen dun⸗ kelen, kupferfarbenen Teint, aus dem ein Paar feurige Augen kühn hervorblitzten. Auf der linken Schulter lag ihm die lange Büchſe, und ſein Gürtel hielt, unter der Decke, Meſſer, Tomahawk und einen Blechbecher. Seine beiden Gefährten waren auf ähnliche Art wie er gekleidet, nur trugen ſie lederne Jagdhemden, die Decken feſt zuſammengerollt auf dem Rücken, und der Eine von ihnen, ein ſchlanker, hochgewach⸗ ſener Mann, deſſen blondes Haar den Nordländer verrieth, hatte eine rauhhaarige, aus dem Fell eines Waſchbären roh zuſammengeheftete Mütze tief in die Stirn gedrückt, während ſein Kamerad, dem eine 5 kurze, deutſche Büchſe an einem Riemen über e Schulter hing, eine wollene gewebte Mütze Kopfbedeckung führte. An den rauhen Weg gewöhnt, ſprangen ſie mit Leichtigkeit den ſteilen Abhang, von Fels zu Fels, hinunter, und waren bald an des Indianers Seite, 5* 68 der, als er ſah, daß ſeinem Ruf Folge geleiſtet wurde, ſich feſt in ſeine Decke einhüllend ſte erwartete. Als ſie aber den Platz wo er ſtand, erreichten, ſtreckte er wieder ſeine eine Hand aus der Umhüllung hervor und rief, auf den Boden um ſich herum, und viele abgebiſſene kleine Büſche zeigend: Der Bär liebt den Saſſafras, denn er macht ein weiches Lager— wenn das Wetter warm wird, führt eine Fährte von hier zu dem Bach hinunter. Wenn wir's nicht unter der Zeit vereiteln, Leſ⸗ keh! rief der ſchlanke Jäger, indem er aufmerkſam die Zeichen, die den nahen Aufenthaltsort eines Bär verriethen, muſterte. Wo ſteckt aber der ſchwarze Burſche? er muß ſeinen Eingang hier irgendwo in der Nähe haben, und doch ſehe ich keine Höhle. Wah! ſagte der Indianer, als er auf ein Loch zeigte, das gerade da wo er ſtand, ſenkrecht in den Boden hinein lief und kaum groß genug war, einem ſtarken Mann den Eingang zu verſtatten. Und wie kämen wir da hinunter? fragte der Deutſche, indem er ſeinen Kopf dicht an die Oeff⸗ nung hielt und hinabzuſchauen verſuchte. Hol's der Henker, es ſcheint tief zu ſein und iſt ſtockfinſter drunten.— Mit dieſen Worten warf er einen klei⸗ nen Stein hinein, und deſſen hohles Klatſchen —— —— 69 und Plätſchern verrieth, daß er in Waſſer gefal⸗ len ſei. Waſſer unten? rief der Engländer, indem er ſich vorbeugke und lauſchte,— wahrhaftig, und etwa 20 Fuß tief?— hol mich der Böſe, wenn ich da ein⸗ ſteige, und läge das fetteſte Bärenfleiſch dorten, das je in den Wäldern von Arkanſas ſich von Eicheln nährte. Da wird aber auch kein Bär ſein, denn ſo dumm ſind die alten Burſchen doch nicht, ſich ein naſſes Lager zu wählen, wo es ſo viele trockene im Ueberfluß giebt. Der Bär iſt ſchlau, erwiederte Teſſakeh, indem er nochmals einen Stein hinabwarf, und dabei dem Laute horchte— ſehr ſchlau; er weiß den Platz zu finden, wo er ſicher und trocken liegt, aber der weiße Nann hängt mit ſeinen Augen an den Wolken, wenn er ſeine Füße betrachten ſollte— hat er den Zweig abgetreten, auf dem er ſteht? Wahrhaftig, rief Redham, indem er einen kleinen verdorrten Saſſafraszweig, der dicht am Rande der Oeffnung lag, aufhob und betrachtete; den muß der Bär hergeſchleppt haben, und das iſt ein ziemlich ſicherer Beweis, daß er darin ſteckt; aber wir werden ihn da unten ſchwerlich beläſtigen— Stück für Stück könnten wir ihn auch nur, wenn wirklich erlegt, herauf ſchaffen, und ich glaube, wir müßten uns ſelber ebenſo hinunterſchicken. Ohne weiter etwas zu erwiedern, ſchaute Teſſakeh einen Augenblick ſcharf umher, und ſtieg dann zu einem jungen, ſchlanken Hickory⸗Stamm hinauf, der, einige 50 Schritt über ihnen am Berge, gerade und ſchlank, wohl 40 Fuß hoch und nur einige Zoll ſtark, in die Höhe ſtieg, fällte denſelben mit wenigen Schlä⸗ gen ſeines Tomahawks, daß er dicht neben den zwei andern Jägern niederſchlug, befreite ihn von den Ae⸗ ſten, die er jedoch noch einige Zoll vom Stamm daran ließ, um einen Haltpunkt für die Füße zu bilden, und hob dann mit des Deutſchen Hülfe, der bald begriff zu welchem Zweck der junge Stamm benutzt werden ſollte, die ſchnell fabricirte Leiter in die Höhle hinab.* Da der Stamm länger als nöthig war, nahmen ſie ihn noch einmal heraus, ſchlugen etwa 8 Fuß von dem unteren, glatten und aſtloſen Ende ab, und hat⸗ ten ſich nun, wenigſtens in dieſen Schacht, einen Eingang gebildet. Nun, Redham, wollt Ihr nicht mit hinunter? fragte der Deutſche, als er ſeine Decke und Kugel⸗ taſche abwarf, und das Pulverhorn mit einem kleinen Riemen dicht an ſeinem Körper befeſtigte— wir wer⸗ ℳ4 ————— —— 71 den vielen Spaß haben, und es wäre wirklich ſchade, wenn Ihr hier ſo ganz allein— Ich gönne Euch all den Spaß, Werner, den Ihr Euch da unten machen könnt, ich gönne ihn Euch von ganzem Herzen; unterbrach ihn Redham, indem er Feuer anſchlug.— Geht nur hinab und bringt mir wenigſtens noch vor Abend ein Stück von dem Bären herauf, H ich bin wirklich hungrig, und wir haben unſer letztes Fleiſch ſchon heute Morgen verzehrt. Ich will indeſſen ein gutes Feuer unterhalten und den Eingang bewachen. Teſſakeh hatte ebenfalls ſeine Decke abgeworfen und ein kurzes, dickes Stück Wachslicht, roh aus den gelben Zellen eines wilden Bienenſtockes zuſammen⸗ geknetet, aus ſeiner Kugeltaſche genommen, während Werner ein ähnliches, aber bedeutend längeres, aus ſeiner Decke herauswickelte. Der Indianer gürtete dann ſein langes Jagdmeſſer feſter, und legte die Büchſe nahe zum Feuer nieder, das ſchon, von Redham's geſchickter Hand erweckt, hoch empor⸗ loderte. So ſoll ich allein meine Büchſe mitnehmen? ſprach Werner, als er ſah, wie ſich Teſſakeh bereit machte, ohne die ſeinige den Weg anzutreten. Teſſakeh hat ein langes Rohr, und wenn der * 72 Ladeſtock herausgezogen wird, iſt ſie 4 Fuß länger, erwiederte der Indianer. Nun, wenn dieſe Höhle ſo eng iſt als die vorige, in die wir zuſammen hineinkrochen, lachte Werner, ſo möchte die meinige zum Wiederladen ebenfalls zu lang ſein; aber vorwärts, Teſſakeh, vorwärts! wir wollen dieſem guten Mann hier oben zeigen, daß wir uns nicht vor einem tiefen Loch und Waſſer im Grunde, fürchten— iſt ein Bär darin, ſo haben wir heut Abend Fleiſch, und das iſt ein Gegenſtand, den wir höchſt nöthig brauchen. Mit dieſen Worten wollte er, die Büchſe auf den Rücken gehangen, zuerſt hinab. Teſſakeh hielt ihn aber zurück und ſagte, als er auf die Mündung der Waffe zeigte, mit dem Kopf ſchüttelnd: Weiße Mann hat das ſichere Ende— Teſſakeh wird vor⸗ anſteigen und hat mein Bruder dann unten noch Luſt, ſo mag er ſein Wachslicht dem Bären zuerſt zeigen. Ohne weiter eine Antwort abzuwarten, ließ er ſich dann in die Oeffnung hinab, und war in weni⸗ gen Augenblicken verſchwunden, während Werner ſchnell ſeinem Beiſpiele folgte. Redham hatte nur noch Zeit ihm zuzurufen: Habt Acht, Werner, habt Acht; ſchießt nicht, 73 wenn Ihr nicht Eurer Sache gewiß ſeid, und bedenkt, daß die Kugel in ſolcher Höhle außerordentlich leicht und ſchnell aus dem Lauf fährt, verdammt ſchwer aber wieder mit einer gehörigen Ladung hineinzubrin⸗ gen iſt, beſonders wenn man dabei eine verwundete Beſtie abzuwehren hat. Werner nickte ihm noch einmal zu, rief ihm ein fröhliches„viel Vergnügen“ zurück, und verſchwand ebenfalls in der engen Höhlung, aufmerkſam auf ſeine Büchſe achtend, daß dieſe nicht, unvorſichtig getragen, ſich von ſelbſt entladen möchte. Mit Leichtigkeit kletterten die beiden Männer an dem Stamme nieder, und bald ſtand Teſſakeh am Fuße deſſelben im Waſſer, das er vorher unterſuchte und nicht tiefer als 6 bis 7 Zoll fand. Werner war an ſeiner Seite, und ihre Lichter emporhaltend, die einen matten Schein umher warfen, beſchauten ſie forſchend den Raum, in dem ſie ſich befanden. Es war eine Art Gewölbe, etwa 9 Fuß hoch und 16 bis 18 Fuß weit, nach den Seiten zu abgedacht, wo ſo⸗ wohl oben, etwa 5 Fuß vom Boden, als unten im Waſſer, ein Seitenzweig der Höhle in den Berg hin⸗ einlief. Teſſakeh erklomm mit Hülfe Werner's die obere Oeffnung, und dort Spuren von Bären und anderen 74 wilden Thieren findend, kroch er darin weiter, um zu erfahren, ob der Bewohner der Höhle ſich in dem trockenen oder naſſen Gange einquartirt habe. Wer⸗ ner mußte zurückbleiben, da er ohne andere Hülfe den engen, hoch vom Boden gelegenen Eingang nicht mit der Büchſe erreicht haben könnte, und ſtand, bis über die Knöchel im kalten Waſſer, in einer keineswegs⸗ angenehmen Stellung. Endlich, nach langem Harren, als ihn der Froſt ſchon zu ſchütteln anfing, erſchien Teſſakeh wieder am Eingang des oberen Ganges und verſicherte, derſelbe liefe ſo eng und ſpitz aus, daß unmöglich ein großer Bär ſich darin aufhalten könne; der alte Burſche müſſe deshalb auf jeden Fall den tie⸗ fer liegenden naſſen Weg gewählt haben, um zu ir⸗ gend einem andern trockenen Platze zu gelangen. Höchſt unbehaglich aber ſah der Eingang zu der zweiten, muthmaßlichen Höhle aus, denn wenn auch der Gang etwa 20 Zoll hoch ſein mochte und einen Menſchen bequem hindurch gelaſſen hätte, ſo war er doch 5— 7 Zoll tief mit Waſſer gefüllt, und dunkel gähnte die ſchwarze Oeffnung den beiden Jägern ent⸗ gegen.* Ein Bär iſt darin, brach endlich Teſſakeh das Schweigen, nachdem Beide bedenklich den Eingang einige Minuten lang betrachtet hatten,— ein Bär 75 iſt darin, will aber mein Bruder ſein Leben daran ſetzen, das Thier in ſeiner wohlverwahrten Feſtung anzugreifen? Es iſt kalt, der Hirſch ſucht die Eicheln, die an der Südſeite der Berge liegen, und Redham iſt ein großer Jäger— er wird Fleiſch haben, ehe die Sonne wieder im Mittag ſteht. Es iſt wahr, Teſſakeh, ſagte Werner, nachden⸗ kend den gefährlichen, unbequemen Eingang betrach⸗ tend— wir ſind aber einmal hier und aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach können wir auch, mit ein wenig Ausdauer, die Beſtie finden und erlegen; willſt Du mir alſo folgen, wenn ich vorangehe und Bahn breche, oder hier warten?— denn verſuchen muß und werd' ich es! Mein Bruder iſt brav und mag den Verſuch wa⸗ gen, wenn er aber ſeinen Kopf wendet, wird er, wo er auch ſei, in die Augen Teſſakeh's ſehen, ant⸗ wortete der Indianer, und ohne weiter ein Wort zu verlieren, kniete Werner im Waſſer, dicht an der Oeffnung der Höhle nieder und leuchtete hinein. Kein beſonderes Hinderniß ſchien ihm entgegen zu ſtehen und die Büchſe, den Lauf nach vorne, auf der linken Schulter mit der linken Hand, in der er das Licht trug, haltend, legte er ſich auf den rechten Elbo⸗ gen nieder und kroch langſam in die ſchmale Mündung, 76 von Teſſakeh gefolgt, der ſich, da er ſeine Flinte zu⸗ rückgelaſſen hatte, leichter fortbewegen konnte. Wohl ragte nur Werner’s Kopf und der linke Arm mit der Schulter aus dem Waſſer hervor, und er war genö⸗ thigt die Schnüre des Pulverhorns zwiſchen die Zähne zu nehmen, un dieſes trocken zu halten, doch verfolgte er muthig und unerſchrocken ſeinen gefährlichen dun⸗ keln Weg und erreichte, nachdem er etwa 30— 40 Schritt auf ſolch unbequeme Art fortgekrochen war, zwar ganz durchnäßt und vor Froſt zitternd, aber doch wohlbehalten, den trockenen Theil der Höhle, die ſich hier in die Höhe zog und in drei verſchiedenen Mün⸗ dungen auslief. Teſſakeh war in demſelben Augen⸗ blick, als er ſich erhob und den offenen Raum betrat, an ſeiner Seite und ſchüttelte ſich wie ein Hund, der eben dem Waſſer entſtiegen iſt; dann vorſichtig mit ſeinem Lichte umherleuchtend, betrachtete er mit vieler Aufmerkſamkeit den weichen Boden, in dem eine Unmaſſe verſchiedener Fährten eingedrückt waren, und wandte ſich nun lächelnd zu dem weißen Freunde, der ſeinen Gürtel abgelegt hatte, ſein Jagdhemd aus⸗ zog und ausrang und ſeine Büchſe unterſuchte, ob ſte nicht, trotz aller Vorſicht, durch eine unbeachtete Bewegung feucht geworden wäre. G Die Jäger haben oft die Höhle gefunden, aber b 77 mein Bruder und Teſſakeh waren nie unter ihnen; ſte haben ihre Feuer am Eingange angezündet, aber bis hierher hat keiner einen Funken getragen; ſie ſind wie der Wolf, der das Lager des ſchlafenden Jägers umſchleicht— ſie wittern das aufgehangene Wild, aber ſie fürchten den Blick des Menſchen.. In welcher von den drei Höhlen mag die Beſtie nur ſtecken? frug Werner, indem er das ausgerungene Jagdhemd wieder anzog und den Gürtel, mit dem Meſſer darin umſchnallte— ſie ſehen eine wie die andere aus und ſcheinen, holt's der Henker, alle drei gleich unbequem. Teſſakeh hatte unterdeſſen ſeine Beobachtungen fortgeſetzt und jetzt auf eine breite Fährte zeigend, die in die linke Oeffnung hineinlief und wo die eingehen⸗ den Spuren in die der ausgehenden eingedrückt waren, rief er, indem er genau die Tapfen beleuchtete und die Knöchel ſeiner rechten Hand darauf hielt, um die Größe des Feindes danach zu erkennen: Hier! und die gebogenen Finger der Rechten, nach dem Maß der Fährte geſpreizt, ſeinem Came⸗ raden entgegenhaltend, fuhr er fort: Er iſt groß und ſchwer, ſeine Ballen ſind tief eingedrückt und er wird ſchlafen! Nun, wenn er ſchläft, Teſſakeh, entgegnete Wer⸗ ner, der jetzt mit ſeinen Zurüſtungen fertig geworden war und eben ein neues Zündhütchen aufſetzte, um ſeines Schuſſes gewiß zu ſein— dann haben wir leichtes Spiel, und es wird mehr Mühe koſten den alten Burſchen an's Tageslicht zu ſchaffen, als ihn zu erlegen. Aber, fuhr er fort, indem er ſein Licht vom Boden aufnahm, wir dürfen keine Zeit mehr verlieren, Redham wird da oben ſchreckliche Lange⸗ weile haben, und ich hätte doch gerne, daß wir noch zum Abendeſſen ein tüchtiges Stück Fleiſch am Feuer braten ſähen. Zum Abendeſſen? ſagte Teſſakeh lächelnd— unſer Bruder wird die Sonne wieder über die Gebirge kommen ſehen, und immer noch am Feuer liegen und unſer warten. Die Höhle iſt eng, und hart werden wir arbeiten müſſen, ehe wir die Laſt hinauf ſchaffen können. Das ſind ſchlechte Ausſichten, murmelte Werner für ſich hin, dem die naſſen Kleidungsſtücke, die Teſſakeh gar nicht zu beachten ſchien, eben nicht be⸗ haglich am Körper ſaßen— hier iſt aber kein anderer Weg als vorwärts, friſch darauf zu denn— je län⸗ ger wir hier zögern, deſto ſpäter kommen wir zu Ende — und nun, Teſſakeh, go ahead! Will mein Bruder mir die kurze Büchſe anver⸗ trauen und meiner Fährte folgen? fragte der Indianer ſtehen bleibend. Nein, nein, ſo war es nicht gemeint, entgegnete dieſer, ich krieche voran und verdammt will ich ſein, wenn Du Furcht bei mir ſpüren ſollſt; nein, wenn mir auch für einen Augenblick die Ausſicht auf ein langes Faſten nicht recht behagen wollte, ſo war das keineswegs aus Furcht oder ſonſtiger Beſorgniß!— Hab Acht auf das Licht, das wir im Hellen bleiben, und nun— mit Gott! Bei den letzten Worten hatte er ſich dem Eingang der linken Höhle genähert und kroch, die Büchſe vor ſich her ſchiebend, das Licht in der linken Hand hal⸗ tend, vorwärts, von Teſſakeh gefolgt, der, als er Jenen entſchloſſen ſah den engen Raum zuerſt zu be⸗ treten, kein Wort weiter erwiederte und ganz zufrieden damit ſchien, daß der junge Mann die größte Gefahr freiwillig und gern übernahm. Die Höhle war im Anfang ſo geräumig, daß beide Männer wenigſtens auf den Knieen fortkriechen konnten, nach etwa 50 Schritten aber wurde ſie mit jedem Fuß, den ſie vorrückten, niederer und der obere Theil ſenkte ſich zuletzt bis auf 12 Zoll herab, ſo daß Werner, der eine kräftige, ſtarke Bruſt und breite Schultern hatte, kaum hindurch konnte; dennoch preßte er vorwärts, da er im weichen Grunde ſah, daß der Bär ebenfalls durch dieſen Engpaß gekommen war, und erreichte wieder einen, um einige Zoll höhe⸗ ren Theil. Hier aber ſtellte ſich ihnen eine neue Schwierigkeit entgegen, denn obgleich die Höhle ge⸗ rade aus und weiter in den Berg hinein lief, öffnete ſich doch dicht vor ihnen eine brunnenartige Kluft, die wenn auch nicht breiter als der Gang, in dem ſie fortgekrochen waren, doch wohl fünf Fuß lang und Gott weiß wie viele tief ſein mochte, denn Werner, obgleich er auf Armeslänge ſein Licht hinunter hielt, konnte Nichts als dichte Finſterniß erkennen. Hört mein Bruder den Bär? fragte Teſſakeh leiſe, als er bemerkte, daß Jener ſich nicht weiter beweg⸗ Nein, aber eine Schlucht iſt hier flüſterte der Deutſche, von der ich gerne erſt wiſſen möchte, wie tief ſie iſt, ehe ich mich hinüber wage; ich weiß frei⸗ lich nicht auf welche Art, denn ich kann den Boden nicht ſehen und habe auch keinen Stein hier zum Hinabwerfen.. Auch keine Kugeln in der Taſche? erwiederte lakoniſch der Indianer. Recht, Teſſakeh, an die dachte ich nicht, fünfe werde ich hier unten nicht verſchießen, erwiederte Werner, und nahm zu gleicher Zeit eine derſeben aus 81 einer kleinen, mit einer Klappe verſehenen Taſche im Jagdhemd, die er in die Schlucht fallen ließ. Dieſe mußte aber wohl einige dreißig Fuß tief ſein, denn lange dauerte es, ehe der dumpfe Fall in's Waſſer heraufſchallte. Durch den Erfolg keineswegs beruhigt, brummte er: Hallo— das ſind böſe Ausſichten, denn wenn ich auch wirklich durch Anklammern an beiden Seiten hinüberkomme, wie zum Henker wollen wir den Bären zurückbringen? Ich weiß in der That jetzt nicht, was ich thun ſoll. Vorwärts, wenn es irgend möglich iſt, erwiederte Teſſakeh; es iſt ſchwer, einen Vogel zu wiegen wenn er in der Luft ſchwebt: wenn Teſſakeh das Blut des erlegten Wildes ſieht, wird er auch wiſſen wie es an's Tageslicht gebracht werden kann! Gut, wenn Du meinſt, ſagte Werner, ich bin dabei, Du ſollſt es aber zu verantworten haben, wenn all' unſere Mühe und Arbeit umſonſt war. Mit dieſen Worten preßte er, die Büchſe ſich um den Hals hängend, beide Elbogen und Kniee gegen die rauhen Wände der Höhle, und, faſt in der Luft ſchwebend, den tiefen Abgrund unter ſich, in den ihn das Nachlaſſen einer Sehne geſtürzt haben würde, vorſichtig Zoll für Zoll fortrückend, erreichte er den andern abgeriſſenen Theil oder vielmehr die Fort⸗ Gerſtäcker, Miſſiſſippi⸗Bilder. I. 6 — ſetzung des Ganges, die ſo eng war, daß er ſich kaum umdrehen konnte, den Weg zu beſehen, den er zurück⸗ gelegt hatte. Ohne auf den Indianer zu warten, den er hinter ſich glaubte, kroch er weiter und folgte der Fährte, die auch hier deutlich im nicht ganz harten Boden abgedrückt war, wohl auf 100 Schritt, als er plötzlich einen leiſen, winſelnden Ton zu hören glaubte, der nicht weit von ihm entfernt aus dem Theil der Höhle, der vor ihm lag, her tönte. Er lauſchte und vernahm deutlich den leiſen, wimmern⸗ den Laut, den der Bär, an ſeinen Tatzen ſaugend, im Winterſchlafe hören läßt. Teſſakeh, flüſterte er jetzt, den Kopf zurückwen⸗ dend— da der Gang etwas geräumiger wurde— Teſſakeh, ich höre den Bären. 1 Keine Antwort ward ihm von ſeinem Begleiter— dichte Finſterniß lag hinter ihm. Teſſakeh, rief er lauter, da er glaubte, daß der Indianer noch etwas weiter zurück ſei, und wieder lauſchte er, die antwortende Stimme ſeines Gefährten zu hören;— nur das ferne Winſeln des Thieres unterbrach die todtenähnliche Stille, und mißmuthig warf er ſich für einen Augenblick ausruhend, auf die linke Seite, um zu überlegen, ob er ſeinen Weg allein fortſetzen und den Kampf wagen oder wieder 8³ umkehren ſolle, um zu ſehen, ob ſeinem Kameraden ein Unglück zugeſtoßen ſei. Hm! murmelte er zuletzt leiſe vor ſich hin, wär' er in die Schlucht gefallen, ſo hätte er um Hülfe ge⸗ rufen, und iſt er auf der andern Seite geblieben, um mir zu überlaſſen, allein mit dem ſchwarzen Burſchen fertig zu werden, wohl, ſo will ich ihm doch zeigen, daß ich ihn nicht dazu brauche eine Büchſe abzudrücken; der Bär kann nicht mehr thun als mich freſſen. Mit dieſem Troſte, der etwas unläugbar Ver⸗ nünftiges hatte, begann er ſich wieder nach vorn zu bewegen und näherte ſich mehr und mehr dem Winſeln, das jetzt immer deutlicher wurde. Die Höhle war zwar nicht mehr ſo ſehr eng, aber eine ſolche Maſſe Tropfſtein hing überall an den Wänden herunter und ragte aus dem immer ſteiniger werdenden Boden hervor, daß das Vorrücken unge⸗ heuer erſchwert wurde und Werner's Kniee und Elbo⸗ gen fürchterlich ſchmerzten. In dieſem Theil der Höhle hingen auch eine Maſſe Fledermäuſe an den Hinterbeinen von der Decke herab, und hielten hier ihren Winterſchlaf, oft durch das etwas zu nahe unter ihnen weggehende Licht aufgeſtört und beunruhigt, was ſie durch einen ſchrillen, ziſchen⸗ den Laut kund thaten. Wenig aber beachtete der 6* — 84 kühne Jäger dieſelben, und war eben im Begriff ſich um eine kleine Biegung der Höhle zu drehen, hinter der der Bär unfehlbar liegen mußte, als er dicht vor ſich, etwas zu ſeiner Rechten und zwar ſo, daß wenn er vorbeikroch, er ſie faſt berühren mußte, eine auf⸗ gerollte, ungeheure Klapperſchlange liegen ſah, die, durch ſeine Nähe geſtört, die kleinen blitzenden Augen öffnete, aber, durch das Licht geblendet, augenblicks wieder ſchloß und der Kopf zurückbiegend, aus deſſen zuſammengepreßtem 11 die ſpitzige, doppelte Zunge dann und wann hervorzuckte, den Schwanz erhob und die warnende Klapper ertönen ließ. Werner fuhr unwillkürlich zurück, und war un⸗ ſchlüſſig was er thun ſolle, denn obgleich er die Schlange nicht fürchtete, war ihm doch i ähe nichts weniger als erfreulich, noch dazu, da er nicht wagen durfte ſie zu ſchießen, weil es in dem niederen Raume eine Unmöglichkeit geweſen ſein würde wieder zu laden. 8 Als er noch unſchlüſſig da lag, ſah er zu ſeiner ungemeinen Beruhigung das Licht Teſſakeh's ſich langſam nähern, und bald war der Indianer dicht bei ihm und frug warum er zögere. Werner machte ihn durch wenige Worte mit ſeiner Lage bekannt. Zeigt ſie die Fänge? flüſterte leiſe der Indianer. 8⁵ Nein— aber ſie hat gewarnt. Sie iſt wie ein hound auf der Fährte eines Bären! Sie warnt, aber wenn der Feind naht, zieht ſie ſich zurück— mein Bruder mag dreiſt an ihr vorbeikrie⸗ chen, ſie wird ihre Augen ſchließen und ſchlafen. Werner folgte, obgleich höchſt ungern, dem gegebe⸗ nen Rath und vorſichtig die Büchſe voranſchiebend, war er bald an der Seite der Schlange, die mehrere Male die kleinen Augen zu öffnen verſuchte und ſtärker und drohender klapperte. Jetzt lag er dicht neben ihr, und obgleich er ſich feſt an die entgegengeſetzte Wand ſchmiegte, war doch der Raum ſo eng, daß ſein rechter Arm faſt die zuſammengerollte Geſtalt des Feindes berührte. Langſam zog er die Kniee herauf und ſtreckte ſich weiter nach vorn, da öffnete die Schlange auf's Neue die Augen und dicht vor ſich die helle Flamme erblickend, ſperrte ſie weit, mit zum Sprunge zurück⸗ gebeugtem Kopf, den Rachen auf, in dem, weiß und glänzend, die giftgefüllten Fänge an beiden Seiten der ſpielenden Zunge lagen, während ihre Augen in grünem Feuer funkelten. Entſetzt riß Werner das Meſſer aus der Scheide, in demſelben Augenblicke aber fühlte er Teſſakeh's Arm auf ſeiner Hüfte und deſſen Tomahawk ziſchte, 86 mit ſicherer Hand geführt, zur Schlange inſber die ſich in ihrem Blute wand. 1 Zwar wußte Werner daß ſie jetzt unſchädlich war, dennoch ſchauderte er, als ſie in ihren letzten Todes⸗ zuckungen ſich in dem engen Raume umherſchnellte, und ihre kalten Schuppen ſeine heiße Wange berührten. Mit raſcher Hand drückte er ſie von ſich, Teſſakeh aber erfaßte den zuckenden Körper und ſchnitt ihm bedächtig die Klappern ab, die er an ſeinem Gürtel befeſtigte. Das beendigt, wollte Werner ſeinen Weg fort⸗ ſetzen, als er ſich plötzlich durch die Hand Teſſakeh's gehalten fühlte, der ihm leiſe zuflüſterte: Hab' Acht— ich höre kein Winſeln mehr— der Bär iſt erwacht und ſeine Augen ſind offen.— Wenn is windet, wird er ſich hören laſſen, aber der Nanch unſerer Lichter zieht zurück. Wahrhaftig, Du haſt recht, Teſſakeh, erwiederte Werner, der alte Burſche muß aufgewacht ſein und wird eben kein freundliches Geſicht ſchneiden, wenn er die Lichter ſieht. Die verwünſchte Schlange hatte meine Aufmerkſamkeit ſo in Anſpruch genommen, daß ich gar nicht mehr an den Bären dachte— Du warſt gerade— Hst, rief der Wilde die Hand erhebend, ich höre den Bären— er wird unruhig! 87 Beide Männer lauſchten ein Paar Minuten, aber Todtenſtille herrſchte und kein Laut war vernehmbar, Werner jedoch ſah nach ſeiner Büchſe, ob das Zünd⸗ hütchen noch richtig ſaß und das Korn nicht verſchoben und glänzend ſei, reinigte das Viſir von dem Lehme, der ſich hineingeſetzt hatte, und rückte, von ſeinem Gefährten gefolgt, wieder leiſe vor. Da tönte ein leiſes Brummen an ſein Ohr und gleich darauf trat, aus der dichten Finſterniß der Höhle, die dunkele Geſtalt des Bären hervor, deſſen Augen wie ein Paar glühende Kohlen im Lichte funkelten. Brummend zog er die Luft ein und hob die Naſe, um die Natur der neuen Ankömmlinge zu erforſchen; obgleich aber der Luftzug zurück ging und er nicht recht die Witterung von ſeinen Feinden be⸗ kommen konnte, waren ſie ihm doch zu nahe, als daß— er nicht hätte Unrath merken ſollen, und ſchnaubend und blaſend zog er ſich wieder zurück, ehe Werner Zeit hatte, den immer beweglichen Kopf des ſchwarzen Geſellen auf's Korn zu nehmen. Beide Jäger wußten, daß jetzt der Augenblick zum Handeln gekommen war, und ſchoben ſich lautlos über den rauhen Boden hin, der zurückweichenden Beſtie nach, die ſie auch bald wieder erreichten und zwar, wie Werner zu u Entſetzen bemerkte, am 88 Ende der Höhle, die hier wohl ſo geräumig wurde, daß er ſich auf ſeinen Knieen emporrichten konnte, aber auch nirgends mehr einen Ausweg als da bot, wo ſie mit ihren Körpern dem zum Aeußerſten getrie⸗ benen Bären jeden Weg zur Flucht abſchnitten. Wah, ſagte Teſſakeh, als er ſich neben Werner aufrichtete, der ſich eben bemühte, das Korn ſeiner Büchſe mit dem funkelnden Auge des unruhigen Thieres in eine Richtung zu bringen. Wah! ein bequemer Wigwam, aber ein ſchlechter Kampfplatz,— und dann die Richtung von Werner's Büchſe bemerkend, flüſterte er dieſem zu: Schieß' nicht nach dem Kopf; wenn Du fehlſt ſind wir Beide verloren, die Beſtie iſt nicht einen Augenblick ruhig— ziel auf den Bruſtknochen, wenn auch die Kugel das Herz nicht trifft, ſo wird ſich der tödtlich Verwundete zuſammenkauern und uns weniger gefährlich ſein— aber warte! ich will den Schwarzen einen Augenblick ruhig halten und nun möge mein weißer Bruder ſchnell zielen und gut treffen! Kaum hatte Nah dieſe Worte beendet, als er täuſchend den Ruf des Hirſchkalbes nachahmte. Hoch⸗ aufhorchend richtete ſich der Bär, als er den ſchrillen, unerwarteten Laut hörte, or, und in demſelben Moment donnerte auch maſſive Gewölbe den 89 Krach der Büchſe nach. Wie von einem elektriſchen Schlage aber getroffen und ehe noch der Rauch von der Mündung des Rohres fortziehen konnte, ſtürzte ſich der Bär auf den Schützen, dem nicht einmal Zeit blieb, die Büchſe hinzuwerfen und ſein breites Meſſer zu ziehen, ſondern, zurückgeſchleudert durch die fürch⸗ terliche Gewalt und Kraft des Unthiers, traf er mit dem Kopf an die Felſenwand neben ſich und brach bewußtlos zuſammen. Teſſakeh jedoch der, auf dem Bauche liegend, die ſcharfe Klinge in der Hand, unter dem Rauch hinweg das Anprallen des Verwundeten noch zur rechten Zeit bemerkte und wohl vermuthete, daß der Bär weniger eine feindliche Abſicht, als den Wunſch das Freie zu erreichen habe, ſchmiegte ſich dicht an den Boden, und ſtieß mit dem ſcharfen gezückten Stahl nach der her ihn hinwegſetzenden und gleich darauf im Dunkel der Höhle verſchwindenden Beſtie. A Werner war zwar durch den Schlag betäubt wor⸗ den, erholte ſich aber augenblicklich wieder; doch konnte er ſich nicht wo er war, denn rabenſchwarze Nach. Da hörte er das Anſchlagen eines Meſſers an den Feuerſtein und das Bewußtſein ſeiner ihm zurück. Teſſakeh, rief er, unſere Lichter? 90 Wenn ſie der Bär nicht mitgenommen hat, müſ⸗ ſen ſie neben uns liegen, antwortete lakoniſch der Indianer, aber mein Geſicht iſt naß und ich ſchmecke Blut. Teſſakeh's Stoß iſt ſicher und der Bär wird nicht zurückkehren, um zu ſehen ob der Feind in ſeinem Lager ruhe. Er hatte unterdeſſen etwas Schwunm entzündet, riß ein Stück von ſeinem Jagdhemd herunter und bald leuchtete ihnen wieder eine freundliche Flamme entgegen. Sie unterſuchten nun den Platz, wo er ge⸗ legen hatte und fanden dicke, ſchwarze Blutstropfen bis zu der Stelle, wo ihn Teſſakeh verwundete, und von dort aus das Blut überall in der Höhle umher⸗ geſpritzt; der Indianer war ganz bedeckt davon. Wer⸗ ner wollte jetzt erſt die Büchſe wieder laden, Teſſakeh rhinderte ihn aber daran. Deer Schuß war gut, ſagte er, und wenn das Blut nicht gleich floß, öffnete ihm mein Meſſer den Weg; wir werden nicht weit zu ſuchen brauchen. 4 Warum Hanteſtd Du aber Dein Licht aushelläſe 91 und der Schlucht hindehnt, ſo wird der ſchlanke Nann am Feuer draußen die Sonne auf⸗ und untergehen ſehen, ehe wir zu ihm zurückkehren können. Verwünſcht! rief Werner, an das habe ich gar nicht gedacht— wenn er dort ſteckt, ſo ſind wir einge⸗ ſperrt hier. Ha! mir iſt's jetzt ſchon, als ob die Luft dichter würde— komm, Teſſakeh, laß uns eilen, mir iſt nicht wohl, bis ich weiß was wir zu fürchten haben. Lautlos krochen die beiden Männer nun den Weg, den ſie gekommen waren, zurück und erreichten, ohne auf den Bär geſtoßen zu ſein, die Schlucht, immer aber bewies das dicke, geronnene Blut in ihrem Wege daß er, ſchwer verwundet, nicht mehr weit konnte ge⸗ flohen ſein. Es wäre doch ſchändlich, murmelte Wernen. Ader jetzt hinter dem Indianer zurückkroch, wenn er unten in der Schlucht läge, da hätten wir den ganzen Spaß mſonſt gehabt, denn der Henker ſoll mich holen, wenn ich ihm freiwillig da hinunter folge! Wah, rief Teſſakeh, der mit Werner's Licht in der Hand, da er das ſeinige, als das kürzeſte, noch aufſparen wollte, einen Angenbin in die Schlucht hinunter geleuchtet hatte und jetzt gegenüber dahin ſah, von wo ſie mit Lebensgefahr herüber gekommen waren, — Wah! 92 4 Liegt er unten? frug der Deutſche haſtig. Ich wollte er läge, murmelte der Indianer vor ſich hin, unſere Lichter werden niederbrennen und wir werden hungern und durſten, aber nicht die andere Seite der Schlucht erreichen. Aber, Teſſakeh, was iſt denn im Weg? warum ſollen wir nicht die andere Seite erreichen? frug Wer⸗ ner ängſtlich, indem er ſich bemühte, an des Indianers Seite heranzukriechen und die Urſache ſeiner Furcht zu ſehen. Dieſer ſchmiegte ſich dicht an den Felſen an und ſein Licht über die Schlucht haltend, daß ſich die Strahlen an der andern Seite brachen, nef er: Hier iſt die Schlucht, aber wo iſt der Ausgang? Einen Schreckensruf ſtieß jetzt ſelbſt der ruhigere Deutſche aus, als er den gegenüberliegenden Gang ſo mit dem Körper des wahrſcheinlich verendeten Bä⸗ ren ausgefüllt ſah, daß auch nicht die geringſte Aus⸗ ſicht blieb hinüber zu kommen, ohne in die Schlu zu ſtürzen, da nicht ein Zoll breit feſter Boden dort war, auf den ſich Hand oder Arm hätte ſtützen können. Teſſakeh, brach endniheee das peinlich wer⸗ dende Stillſchweigen, hier können wir nicht liegen bleiben, und von Redham dürfen wir auch keine Hülfe erwarten, da er kein Licht weiter hat und nie im Dun⸗ keln den Weg durch das Waſſer finden oder wenn er 4 4 — 93 ihn wirklich fände, antreten würde, wären auch ſechs Menſchenleben damit zu retten— und verdenken kann ich's ihm nicht, denn mir hat es mit dem Lichte ge⸗ graut.— Hier aber wird unſere Lage mit jedem Au⸗ genblick ſchwieriger, denn unſere Lichter brennen nie⸗ der, ſo will ich denn mit Gott den Verſuch wagen. Kann ich mich neben dem Bären nicht in die Höhle zwängen und ſtürze ich in die Schlucht, dann ſieht es freilich traurig aus und wir ſind ein Paar Lebendig⸗ Begrabene, gelingt es mir aber, dann will ich den alten Burſchen ſchon aus dem Wege rücken. Der Indianer erwiederte kein Wort, und Werner legte ſeine Büchſe und Pulverhorn ab, zog die noch immer naſſen ſchweren Leggins aus, um Nichts zu haben, was ſeine Bewegung hindern konnte, und wieder wie früher, Elbogen und Knie gegen beide Seitenwände der Höhle preſſend, ſchwebte er über der dunkeln Schlucht und erreichte in wenigen Minuten die andere Seite. Vergebens aber ſuchte er hier den ſchweren, unbehülflichen Leichnam des erlegten Bären zu bewegen und ſich Eingang zu verſchaffen; regungs⸗ los lag das Ungethüm da den ganzen Raum voll⸗ kommen ausfüllend, und noch im Tode ſeinen Mör⸗ dern ſchrecklich. Mit aller Kraft, die ihm die Natur verliehen und die die Todesangſt noch ſteigerte, machte er jetzt mit dem rechten Arm einen letzten Verſuch, weil er den linken nicht von dem Felſen wegnehmen durfte, indem er fürchten mußte, den Anhaltepunkt zu verlieren. Da glitt ſein rechter Fuß von einem der hervorſtehenden Tropfſteinzacken ab; die Stütze vermiſſend, rutſchte der Körper nach, und unfehlbar wäre er in die Tiefe geſtürzt, hätte er nicht noch zur rechten Zeit mit beiden Händen den Felſen gefaßt und ſich am Rande der Höhe gehalten. Wenig Troſt bot ihm das freilich und ſchien nur den gewiſſen Sturz um wenige Minuten zu verzögern, denn lange hätte er es in der Lage, ſeine Kräfte ſchon von Hunger und Anſtrengung erſchöpft, nicht aushal⸗ ten können, Teſſakeh aber, ſeine Gefahr mit ſchnellem Blick überſehend, rief ihm zu, ſich nur noch wenige Minuten zu halten, er hoffe ihn zu retten— und dann das Licht auf die Erde, an den Rand der Schlucht ſetzend, daß es nicht ausgehe und ſie in völlige Fin⸗ ſterniß begrabe, begann er den Uebergang über die Kluft, jedoch— durch Werner's Unfall gewarnt— rückwärts. Es gelang ihm auch, an der Seite des Bären ſeine beiden Beine hineinzupreſſen. Hierdurch war er wenigſtens vor dem Hinunterſtürzen geſichert und arbeitete nun mit der Kraft der Verzweiflung, — 95 ſeinen Körper, der bei weitem ſchlanker und geſchmei⸗ diger als der des Deutſchen war, neben den des Bä⸗ ren einzuzwängen. Die Höhle war fürchterlich eng und die verendete Beſtie ſtark und dick, dennoch gelang es ihm, nach mehren Minuten faſt übermenſchlicher Anſtrengung, und bald fand er ſich an der andern Seite des Erleg⸗ ten. Faſt eben ſo ſchwierig jedoch war es jetzt, dieſen von der Stelle zu bewegen und nach ſich hin zu zie— hen, denn nicht ein Augenblick blieb ihm zum Ausru⸗ hen, wenn er ſeinen Gefährten retten wollte. Doch kam ihm jetzt der vorragende Tropfſtein ſehr zu Stat⸗ ten, gegen den er ſeine Füße ſtemmte und das ſchwere Thier an ſich zog. Der Schweiß floß in Strömen an ihm herab und eben hielt er, nur um Athem zu ſchöpfen, einen Au⸗ genblick inne, da tönté die matte Stimme Werner's an ſein Ohr, der ihm verſicherte, daß er ſeine Lage keine halbe Minute mehr aushalten könne. Muth, Muth, rief Teſſakeh, das Thier bewegt ſich und mein Bruder wird in kurzer Zeit frei athmen können,— Muth! und mit erneueter Kraft verſuchte er den Koloß zu rücken. Da gab er etwas nach— jetzt noch etwas— einen friſchen Halt nahm er, und nun zog er die lebloſe Geſtalt des erlegten Feindes 96 wohl einen Fuß lang zu ſich hin. Mit Blitzesſchnelle preßte er ſich jetzt wieder an dem Leichnam vorbei und erfaßte mit ſeiner Rechten das Handgelenk Werner's. Schwing' Dich herauf— nur einmal, daß ich den Gürtel faſſe, rief er ihm zu. Werner war es aber nicht vermögend und hauchte nur: Ich kann nicht mehr— ich muß los laſſen. Seine Kräfte waren geſchwunden— und Teſſakeh ſah es; keine weitere Zeit deshalb mit Worten verlie⸗ rend, ließ das Gelenk des Weißen gehen, ſchnitt mit ſchneller Hand ein Loch in das Fell des Bären, in das er mit der Linken hineingriff, um einen feſten An⸗ halt zu haben, bog ſich dann hinunter und faßte mit der andern in Werner's Gürtel. Dieſer fühlte kaum ſeine Arme, die ihm zu erſtarren drohten, durch die kräftige Hülfe erleichtert, als er zu einem letzten Ver⸗ ſuch noch einmal die Sehnen anſtrengte— er hob ſich und lag bald, durch den Indianer unterſtützt, mit dem Oberkörper in der Höhle. Weiter konnte er nicht hinein, denn der Leichnam des Bären verſperrte noch immer die Oeffnung, aber in dieſer Stellung vermochte er wenigſtens etwas auszuruhen und brauchte nicht mehr zu fürchten in den Abgrund zu ſtürzen. Teſſakeh begann unterdeß auf's Neue ſeine Verſuche den Bär zu einem geräu⸗ migeren Platze zu rücken.“ Endlich gelang es ihm und Werner ſchwang ſich nun ganz hinauf. Beide Männer waren aber zum Tode erſchöpft und beſonders lag der Deutſche, nicht allein durch körperliche Anſtrengung, ſondern auch durch Seelenangſt abgeſpannt, faſt beſinnungslos wohl eine halbe Stunde lang neben dem Indianer. Teſſakeh, der zwar ſelbſt, wenigſtens für eine kurze Zeit der Ruhe bedurfte, war der Erſte der ſich wieder erholte, und ſeinen Gefährten ermunternd, warnte er ihn davor, ſich dem Gefühle der Er⸗ ſchöpfung zu ſehr hinzugeben. Unſer Weg iſt lang und beſchwerlich, ſagte er, und mein Bruder wird nicht lange mehr den nagenden Hunger aushalten— möchte er das Fleiſch roh eſſen? Vor der Höhle lodert ein Feuer, und ein warmes Lager ladet uns zu Ruhe und Erholung ein. Hier iſt die Luft feucht und Finſterniß wird uns in kurzer Zeit umgeben— unſere Lichter ſind niedergebrannt! Werner, der ſelbſt einſah, wie wenig ſie zaudern durften, wenn ſie nicht ihren Weg in völliger Dun⸗ kelheit ſuchen wollten, wo er nur mit Grauſen an die mit Waſſe gefüllte Höhle dachte, ermannte ſich und durch di vereinten Anſtrengungen Beider ſchafften ſie Gerſtäcer, Miſſiſſippi⸗Bilder. I. 7 98 jetzt die ſchwere, unbeholfene Fleiſchmaſſe, indem Werner ſchob und Teſſakeh zog, mehr nach vorne, wo die Höhle ſich eine kurze Strecke lang ſo erweiterte, daß ſie doch aufrecht ſitzen konnten. Hier nun verließ der Indianer den Weißen, der mehr als er der Ruhe bedurfte, und kroch zu der Schlucht zurück um Jenes abgelegte Kleidungsſtücke, die Büchſe und die Lichter von der andern Seite herüber zu ſchaffen. Das Licht war faſt niedergebrannt, doch hatte er ſelbſt noch ein kurzes Stück aufbewahrt, das ihnen bei ihrem weiteren Fortgange leuchten ſollte, und ſchnell kehrte er zu dem Deutſchen zurück, um das ſchwierige Geſchäft, den unbehülflichen Körper des Bären in dem engen Raum fortzubewegen, zu beendigen. 5 Werner ſchlug nun zwar vor, ihn abzuſtreifenund— blos die Keulen und Rippen, in das Fell geſchlagen, mit hinauf an's Tageslicht zu nehmen; davon wollte aber Teſſakeh Nichts wiſſen und behauptete, nicht ganz ohne Grund, daß ſte des niederen Platzes wegen den Bär in eben der Zeit an den Ausgang der Höhle ſchaffen, als abſtreifen und zertheilen könnten. Wie aber wollen wir ihn hinauf bringen? wandte Werner ein, es wird uns nachher Nichts übrig bleiben, als das jetzt verſchobene Geſchäft mitten im Waſſer . 4 3 vorzunehmen; wir alle Drei könnten das ſchwere Unthier ſelbſt unzerlegt unmöglich zu Tage fördern. Miein weißer Bruder ſoll ſehen, wie leicht wir unſere Beute in Sicherheit bringen, und er wird ſagen: Teſſakeh hat Recht; erwiederte der Indianer, und ohne weiter ihre Zeit mit Unterhandlungen zu verlieren, begannen ſie ihre Arbeit, nachdem Werner erſt wieder ſeine Leggins angezogen und befeſtigt hatte. 3 Langſam, ſehr uenſ ſie vor, doch er⸗ reichten ſte nun den aumigeren Theil der Höhle und waren bald, ohne auch nur weiter ein Wort zu wechſeln, dort wo das Waſſer begann und wo ſie, um wieder zum Tageslicht zu gelangen, erſt ihren Weg durch daſſelbe verfolgen mußten. Bis hierher hatte ihnen auch ihr Wachslicht ge⸗ treulich ausgehalten, jetzt aber war es niedergebrannt, flackerte noch einmal hell auf und verlöſchte.— Dichte Finſterniß umgab die Jäger, und einige Minu⸗ ten lang wagte Keiner ein Wort zu ſprechen; endlich brach Teſſakeh das Schweigen und ſagte: Es iſt gut! wir würden das Licht doch müſſen zurückgelaſſen ha⸗ 4 F denn mein Bruder hat nicht drei Hände, daß er kuitt zweien den Bären zieht und mit der dritten die Leuchte hält— wir wollen an die Arbeit gehen. 7* Aber hol's der Teſſakeh, in das dunkle mit Waſſer gefüllte Loch hier, noch dazu bei gänzlicher Finſterniß einzutauchen, iſt doch wahrhaftig keine⸗ Kleinigkeit, entgegnete etwas niedergeſchlagen der Deutſche. Beſann ſich mein Bruder die Felswand zu er⸗ faſſen, als er im Begriff war in die Schlucht zu ſtürzen? fragte der Indianer. Beſinnen? Da warauch Zeit zum Beſinnen, lachte Werner, was hätte ie 1 thun wollen? Und was will m uu r hier Anderes thun? Mein Ohr iſt en ſcht den Tönen des weißen Mannes. 3 Du haſt dacht, Teſſakeh, ſagte Werner etwas beſchämt, jetzt wie immer; doch damit Du ſiehſt, daß ich es wieder gut machen will, ſo laß mich vorangehen — ſo— hier ſteht meine Büchſe— wirf ſie nicht um, wenn Du vorbeigehſt, ich will ſie ſpäter nachho⸗ len. Jetzt müſſen wir uns freilich in Acht nehmen unſern Weg nicht zu verfehlen. Die Höhle iſt gerade und es führt kein Seit? ⸗ zweig ab, ſagte der Indianer, es wird meinem Bru kein Raum gelaſſen ſein, vom rechten Pfade abzuwet chen und bald wird uns das erwärmende Feuer 9 „ſchlanken Mannes’ entgegenleuchten. 101 Werner war vorangekrochen, und ſeinen Weg fühlend, zog er mit Teſſakeh's Hülfe den Bären in's Waſſ er. Dunkle, rabenſchwarze Nacht umgab die beiden Männer und ihre Lage, in einer engen, nicht zwei Fuß hohen Höhle, zum dritten Theil mit Waſſer gefüllt, gehörte keineswegs zu den beneidenswerthen, doch waren Beider Herzen in den freien Wäldern unter immerwährenden Gefahren und Entbehrungen geſtählt, und ohne einen Klagelaut ſetzten ſie langſam aber ſicher ihren Weg fort. So unangenehm übrigens der Aufenthalt im Waſſer war, ſo viel leichter ließ ſich auch die Laſt darin fortbewegen, die ihnen faſt gar keine Schwie⸗ rigkeit mehr machte, und nach kaum viertelſtündiger Anſtrengung glänzte ihnen, zum Lohne ihres kräftigen Ausharrens, das liebe Tageslicht von oben, durch die enge ſchornſteinähnliche Oeffnung herab, entge⸗ gen, als ſte am Fuße des als Leiter dienenden Stam⸗ mes ankamen. Hallo! ſchrie Werner aus voller Kehle und hielt die Hände trichterförmig an den Mund, daß der Schall ſo viel lauter emporſtieg. Hallo da oben! In demſelben Augenblicke faſt verdunkelte ſich auch der Eingang und die fröhliche Stimme Red⸗ 102 ham's rief herunter: Soll mich der Teufel holen, wenn ich nicht froh bin, daß Ihr endlich da ſeid— ich glaubte ſchon Ihr wolltet da unten wohnen bleiben. Nicht einen Augenblick länger, als nöthig, rief Werner, indem er mit der Gewandtheit einer Katze an dem rauhen Stamme hinaufſtieg und bald das heitere Sonnenlicht begrüßte— aber Hallo! rief er noch einmal aus und zwar diesmal vor Erſtau⸗ nen, denn um ein gewaltiges Feuer herum lagerten fünf kräftige backwoodsmen*)— Pferde wieher⸗ ten, Hunde ſchlugen an und die Männer ſprangen empor, ihn zu bewillkommnen. Schnell kletterte er heraus aus dem finſtern Loche und ſtand hochaufathmend wieder in Gottes freier, herrlicher Natur. Teſſakeh war faſt in demſelben Augenblick an ſeiner Seite und beide Männer ſahen ſich eben ſo ſchnell von allen Andern umringt, die ihnen herzlich die Hand ſchüttelten und wiſſen woll⸗ ten, wie die Jagd abgelaufen ſei, denn der Indianer ſowohl als der Deutſche waren mit Blut faſt überzo⸗ gen. Werner aber hob ſich auf die Zehen, und über *6) Hinterwäldler, der gebräuchliche Name für die, den fernen Weſten bewohnenden Jäger und Landleute. 103 die Schultern der ihn Umgebenden nach dem Feuer hinſchauend, wo er einige delicate Hirſchrippen und gewaltige Stücken ſaftigen Truthahnfleiſches braten ſah, ſchob er die ihn im Wege Stehenden bei Seite, zog, ſich am Feuer niederlaſſend, ſein Meſſer heraus, und begann nun vor allen Dingen den Lebensmitteln zuzuſprechen, indem er mit vollen Backen verſicherte, daß er, bis er nicht ſeinen wüthenden Hunger geſtillt habe, ſtumm wie ein Fiſch ſein würde. Lachend folgten die Uebrigen ſeinem Beiſpiel und erſt nach einer vollen Viertelſtunde, als Alles am Feuer Bratende rein verzehrt war und friſche Stücke wieder, auf friſche Hölzer geſpießt, eine zweite Mahlzeit ver⸗ ſprachen, löſte ſich das Band ſeiner Zunge, und einen Becher heißen Kaffees leerend, den Redham für ihn gekocht hatte, begann er den hochaufhorchenden Män⸗ nern ihre beſtandenen Mühſeligkeiten und Gefahren zu ſchildern und ihnen zu erzählen, wie ihm Teſſakeh zweimal das Leben gerettet habe. Damit reichte er dem braunen Sohn der Wildniß, der an ſeiner Seite noch ſehr behaglich an einem Truthahnknochen nagte, die Rechte hinüber und drückte die fettige Hand des Indianers, die dieſer ſich nicht erſt Mühe gab abzu⸗ wiſchen, warm und herzlich, indem er ſagte:. Teſſakeh, Du haſt mich Dir auf ewig verpflichtet 104 und es ſoll nicht meine Schuld ſein, wenn ich es nicht einmal mit einem gleichen Liebesdienſt zu ver⸗ gelten ſuche. Mein weißer Bruder ſpricht gut, antwortete der alſo Angeredete, indem er ſeine Hand wieder aus der 3 des Deutſchen nahm und in ſeiner Beſchäftigung fortfuhr— es iſt aber nicht die erſte Fährte, der wir zuſammen gefolgt ſind, und ſoll nicht die letzte ſein. Wo Teſſakeh am Abend ſein Lager aufſchlägt, wird das Rindendach immer zwei Männer vor dem Regen ſchützen. Teſſakeh und ſein weißer Bruder ſind eins! Und haben denn Eure Lichter ausgereicht? frug Redham, hol's der Henker, Ihr ſeid ja über achtzehn Stunden in dem Loche geweſen. Aus ſind ſie gegangen und in der Dunkelheit mußten wir uns durchquälen, entgegnete Werner; ich ſage Euch, Redham, die Finſterniß war ſo dicht da unten, daß man mit einem Meſſer kaum durch⸗ ſtoßen konnte, und dazu die Waſſerparthie— Brrr — mich ſchauderts jetzt noch, wenn ich daran denke daß ich noch einmal durch muß, um meine Büchſe zu holen. 8 Habt Ihr denn den Bär dicht unter dem Eingang? fragte Einer der Jäger. Er liegt an dem Stamme, der hinunterreicht. — 105 Was zum Henker lagern wir denn hier und ſchauen in's Blaue? rief ein Anderer— wenn kaum hundert Schritte von uns entfernt ſo herrliche Bären⸗ rippen zu finden ſind!„‚Give us a lift, my lads!““ fuhr er fort, indem er aufſprang und vom Halſe ſeines Pferdes, das weanige Schritte davon ruhig graſte, einen langen Strick losband, der um denſelben be⸗ feſtigt war. Werner mag noch einmal hinunter gehn und das Seil hier um den Leib des Bären befeſtigen — er iſt doch einmal naß— und während er dann ſeine Büchſe holt, fördern wir den alten Burſchen zu Tage! Gut, rief Werner, ich bin's zufrieden, hat aber Keiner von Euch ein Licht mehr? denn lieber mache ich doch die Partie im Hellen, da ich überdem nicht weiß, ob ich die Oeffnung im Dunkeln wieder finden könnte. Hier iſt ein Licht, rief Einer der hinzugekomme⸗ nen Jäger, indem er eine ſtarke Kerze aus ſeiner Decke herauswickelte— und wenn Ihr Geſellſchaft haben wollt, ſo begleite ich Euch. Danke, danke, ſagte Werner, als er das Licht anzündete und ſich der Höhle näherte, das wäre un⸗ nöthig und Ihr würdet Euch ganz zwecklos durch⸗ näſſen; der Weg iſt kurz und ich lege ihn ſchnell zurück — werft mir nur das Ende der Leine herunter. 106 Damit verſchwand er wieder in dem engen Loch und gab bald darauf das Zeichen zum Aufziehen; Teſſakeh jedoch, der fürchtete, daß das einfache Seil von dem bedeutenden Gewichte reißen möchte, ließ noch ein anderes hinab, das Werner auf ſeinen Ruf unter den Vordertatzen um den Leilader Biſtie ſchlang, und mit vereinten Anſtrengungelj und unter dem ermunternden Zuruf und dem fröhkichen Jauchzen der Jäger lag bald die ſo mühſam erworbene Beute neben dem Feuer, laut knurrend und bellend von der Meute Hunde begrüßt, die ſich ſchnoppernð um ben Erlegten herumdrängten und ihn beleckten. Bald darauf, nach⸗ dem die aus dem Stegreif verfertigte Leiter wieder hinabgelaſſen war, die ſie, um den Bär bequemer zu Tage zu fördern, hatten herausnehmen müſſen, erſchien auch Werner mit ſeiner Büchſe und fand in den ſchmorenden Bärenrippen den, wenn auch etwas ſchwachen Lohn für die überſtandenen⸗Gefahren; jedoch war er ſowohl als Teſſakeh der Meinung, daß ſie, und wenn zwanzig Bären darin ſteckten, in die Höhle nicht mehr hineingingen, denn es wäre, wie der Indianer gar nicht unrichtig bemerkte: Zu viel Mühe und zu wenig Fleiſch. Die Siſbermine in den Ozarkgebirgen. Der Donner rollte dumpf und drohend über den hohen Gipfeln der Ozarkgebirge hin, ſchmetternd ſein Echo fodernd, aus den dunklen Schluchten und die Nebel niederpreſſend in die engen, ſchroff in die Hänge geriſſenen Thäler. Der Blitz ziſchte dabei grell und flammend an den Felſen nieder, der ganzen wilden Landſchaft mit dem falben Lichte des ſcheidenden Tages eine eigene, unheimliche Beleuchtung gebend, und der Regen raſſelte in Strömen auf die dicht belaubten Eichen und Hickorys nieder, von dem durſtigen Boden aber aufgeſogen ehe er das tiefliegende Bett des kleinen Flüßchens„Hurricane“ nur erreichen konnte, in dem das Waſſer ſelbſt jetzt nur in einzelnen kleinen Lachen ſtand. ——— —õ—————ÿÿy Da klommen, als das Gewitter gerade den höch⸗ ſten Punkt erreicht zu haben ſchien, und Schlag auf Schlag, von vielfältigem Echo verdoppelt, in den Schluchten dahin raste, zwei Jäger, in große, weiße wollene Decken gehüllt, die die ganze Figur, faſt bis auf die befranzten Moccaſins hinunter, bedeckten, an den ſteilen Seitenwänden nieder, welche den Hurri⸗ cane von ſeinen Quellen bis dahin, wo er ſich in den Mulberry ergießt, umgeben, und hielten nicht eher, als bis ſie ſich auf dem unterſten, teraſſenförmigen Vorſprung befanden, von dem aus ſie das ſteinige Bett des Fluſſes, das dicht in die ihn ſtarr und ſteil umgebenden Felſen eingezwängt liegt, überſehen konnten. Hol der Henker den Sturm, brach endlich der Aeltere von ihnen das Schweigen, indem er ſtehen blieb, und ſeine D eß zrrückſchlagend, das mit Leder bedeckte Schloß ſeiner Büchſe unterſuchte, ob es auch noch trocken und wohlverwahrt ſei— er tobt ja heute wiſchen den alten Stämmen, als ob er den ganzen Wald mit der Wurzel ausreißen wollte; ich bin herz⸗ lich froh, daß wir den Fluß erreicht haben, denn mir ſinken die Glieder faſt von dem ſchnellen Marſch, und die ſcharfen Steine haben mir Moccaſins und Füße zerriſſen. 109 4 Alſo Du weißt ſicher? fragte der Jüngere, deſſen Name Thom ſon war, ſeinen wohl um zehn Jahre. älteren Cameraden— daß Du auf der richtigen Fährte biſt? und daß die Spanier dieſen Weg eingeſchlagen haben? Ich ſah heute Morgen mit Tagesanbruch ihr Wachtfeuer unten an dem kleinen Schilfbruch, etwa 1 1 ½ Meile von hier, und hörte die Glocken ihrer Maulthiere, antwortete Preſton. Und wie viel Männer glaubſt Du, daß zu dem Zuge gehörten? fragte der Andere bedenklich. Ich habe Dir ſchon geſagt, entgegnete der Aeltere mürriſch, daß, ſo oft dieſe Fremden nun ſchon hier geſehen worden ſind, nie mehr als zwei Männer von 8 der Mündung des Hurricane aufwärts gingen, obgleich acht oder neun, gewöhnlich am Ausfluß des Hurricane, die Rückkehr der beiden Erſtgegangenen erwarten. Ich kann aus der ganzen Geſchichte noch nicht recht klug werden, antwortete Thomſon kopfſchüttelnd, und lieb wär' es mir, wenn Du mir jetzt einmal reinen Wein einſchenkteſt und Alles, was Du davon weißt, erzählteſt; denn da wir das Abenteuer zuſam⸗ men beſtehen wollen, möchte ich doch auch nicht gerne im Dunkeln tappen. Gut, erwiederte ſein Camerad, der Regen hat ziemlich nachgelaſſen; ſo wollen wir denn zum Waſſer hinunter gehen und dort unſer Lager aufſchlagen; bei einem guten Feuer und gehörig gebratenen Stück Hirſchfleiſch erzählt ſich die Sache viel beſſer, und aufrichtig geſagt, werden wir wohl zum morgenden 1 Tage unſere Kräfte noch etwas gebrauchen. Es fängt auch ſchon an recht dunkel hier unten zu werden, und wir möchten das ſchwache Licht nöthig haben, um ſchnell das naſſe Holz in Brand zu bringen. Damit, und ohne die Antwort ſeines Gefährten abzuwarten, klomm er einen ſchmalen Hirſchpfad, der an den Fluß hinunter führte, abwärts und ſtand bald, von Jenem gefolgt, an dem ſteinigen Bett des Hurricane, und zwar gerade da, wo dieſer in einer Biegung, und in Folge einer unterirdiſchen Quelle, ein kleines Becken von tiefem, obgleich gegenwärtig durch den Regen etwas getrübtem Waſſer enthielt. Das Gewitter ließ jetzt nach; weit im fernen Norden verhallte der Donner, und an vielen Stellen ſchaute der blaue, azurne Himmel durch die weißlich grauen Wolkenſchleier, die, von einem friſchen Süd⸗ DOſttwwind gejagt, in langen, wehenden Streifen über das Thal hinweg zogen. Wenig aber ſchienen ſich die beiden Männer des —— 111 ſchönen Abends zu erfreuen, ſondern waren nur eifrig bemüht ein Feuer anzumachen, um ſowohl bei der erwärmenden Glut Schutz gegen die, keineswegs milde Nachtluft zu finden, als auch einige Stücken rohes Hirſchfleiſch, das Preſton in einem frich abge⸗ ſtreiften Felle umhängen hatte, zum Abendeſſen zuzu⸗ bereiten. Thomſon ſchlug jetzt Feuer an, und entzün⸗ dete einen, wohl mit Pulver eingeriebenen Lappen, während Preſton kleine trockene Spähne herbeibrachte, die er mit ſeinem Tomahawk aus einem umgeſtürzten, verdorrten Baume herausgehauen hatte; in we⸗ nigen Minuten flackerte, durch vereintes Blaſen und Schwenken erweckt, eine ſchwache Flamme empor, die ſchnell und ſorgſam durch nachgelegte Stücke ge⸗ mehrt, bald zur hohen, erwärmenden Glut empor⸗ loderte. Die Jäger hingen nun ihre Decken zum Trocknen an in den Boden geſtoßene Stangen, ſammelten von den umherliegenden, oft ſchon halb verfaulten Stäm⸗ men einige Rinde, die ſie auf die Erde breiteten, um nicht auf dem naſſen Boden liegen zu müſſen, ſteckten dann dünn geſchnittene Scheiben Hirſchfleiſch auf zugeſpitzte Hölzer nahe an die glühenden Kohlen, und ſuchten die Zeit, in welcher das Fleiſch briet, zu be⸗ nutzen ſich ſelbſt ein wenig zu trocknen und auszuruhen. Gürteln, welche die Jagdhemden zuſamme mitt der es am Kragen, an den Aermeln und an allen Nähten beſetzt war. Sie trugen lederne Leggins oder 112 Beide Männer waren in einfache, dunkelblaue Jagdhemden, aus grobem wollenen Zeug verfertigt, ekleidet, doch hatte der Jüngere noch eine Art Gar⸗ tur von kurzen hellgelben Franſen an dem ſeinigen, Kamaſchen und Moccaſins, und in ihren ledernen Per ſtaken die breiten, langen Bärenmeſſer.— Preſtons Kopf war mit einem alten, abgetragenen Filzhut bedeckt, während Thomſom ein hellfarbiges Tuch feſt um die Schläfe gebunden hatte, daß ſein dunkles, lockiges Haar ſich oben hindurchdrängte. Ihre langen Büchſen, mit darüber hinhängenden Kugeltaſchen, hatten ſie an einen jungen Baum ge⸗ lehnt, und warfen ſich nun ſelbſt, müde und matt von der gehabten Anſtrengung, auf die Rindenſtücke ans Feuer, daß die verdunſtende Feuchtggkeitihres Anzuges in dichten Dampfwolken von ihnen emporſtieg. Nun Preſton, begagn Thomſon nach einiger Zeit, nachdem er ſich eines der mit Fleiſch beſteckten Hölzer hingenommen, von den rohen Stücken die gargekoch⸗ ten, dünnen Streifen abgeſchnitten hatte, und das Uebrige wieder zum Feuer zurück ſteckte; rücke mit Deiner abſonderlichen Grzühiung ainal heraus, 3 7 — — — 113 nenne die Gefahren und ſage den möglichen Gewinn, dann werde ich Dich auch wiſſen laſſen, ob ich mit von der Parthie bin oder nicht. Wiſſen laſſen— Parthie ſein oder nicht? fragte verwundert der alſo Angeredete, indem er ſich auf einem Elbogen emporhob und den jüngeren Camera⸗ den ſtaunend anſchaute— ſind wir denn hier in Sturm und Ungewitter hergekommen, damit Du jetzt noch zweifelhaft wäreſt, was Du thun oder laſſen ſollteſt, und vielleicht nur noch darauf warteſte ine etwas weniger günſtige Beſchreibung des Ganzen zu hören, um wieder ruhig heimzukehren und mir allein die Entdeckung zu überlaſſen, an die ich, wie Du weißt, nun einmal mein Leben geſetzt habe? Nun, nun, lachte Thomſon, nur nicht ſo hitzig, heraus mit der Sprache, Du weißt, ich bin gewöhn⸗ lich der Letzte der einen einmal gefaßten Beſchluß wieder aufgiebt; alſo klar und deutlich denn— was haben wir zu hoffen? damit wir ſchnell und kräftig unſere Maßregeln treffen können. 1 Geſprochen wie ein Mann, antwortete der Aeltere, wieder in ſeine behagliche, ruhende Stellung zurück⸗ gleitend, und nun erfahre denn auch Alles, was ich von dem ganzen geheimnißvollen Leben und Treiben der Spanier weiß, denen ich jetzt ſchon Jahrelang Gerſtäcker, Miſſiſſippi⸗Bilder. I. 8 —yõõõõõõ nachſpüre. Aber noch nie hat ein Fuchs einen Hound*) mehr zum Narren gehabt und öfter von der Fährte abgebracht, als dieſe verwünſchten Sennores mich, der ich ihnen nicht weniger treu und gierig ge⸗ folgt bin. Du weißt, daß ſchon ſeit Jahren die Cherokeſen von einer Silbermine geſprochen haben, die ſich irgendwo an den Waſſern des Hurricane befinden und 3 5 außerordentlich reichhaltig ſein ſolle; nie aber konnten alle nur. enkliche Verſprechungen auch nur Einen von ihnen bewegen, den Platz genauer zu beſchreiben, da nach ihren iebe der Tod auf dem Verrath ſtand, trotz dem, daß doch Keinem von ihnen das Geheimniß mehr etwas nützen konnte. Einige Spa⸗ nier aber müſſen im Beſitz deſſelben ſein, denn ſchon ſeit langen Jahren(ſeit drei Jahren beobachte ich ſie ſelber) kommen mehre, in lange, mexikaniſche Mäntel gehüllte Geſtalten, mit drei oder vier Maulthieren an die Mündung des Hurricane, wo der größte Theil derſelben in dem faſt undurchdringlichen Dickicht, von dem der Fluß ſeinen Namen hat, lagert, während zweie mit den Thieren den Berg an der linken Seite des Fluſſes hinaufſteigen, auf der zweiten Teraſſe von **) Braken. 115 oben fortziehen, dort den„„flat mountain““ oder die, mehre hundert Schritte breite, offene Stelle am Ab⸗ hang des Berges durchſchneiden, dem kleinen Rohr⸗ dickicht gegenüber, das etwa eine Meile von hier den Fluß hinauf liegt, ſich wieder ins Thal wenden, ihre Maulthiere in dem Rohrdickicht ausgehobbelt(mit zuſammengebundenen Vorderfüßen) laſſen, und dann die Mine aufſuchen, die, Gott weiß wo, aber irgend⸗ wo, in dieſer Gegend liegen muß, denn nach 24 Stunden ſchon kehren ſie gewöhnlich mite ſchwerbe⸗ ladenen Thieren zu ihrer Geſellſchaft zurück, und ſind dann wieder für 12 Monate gelſchwunden.— Drei Jahre nun paſſe ich ihnen ſchon auf und habe, wenn ſie fortzogen, mit unermüdlicher Sorgfalt ihren Spuren nachgeforſcht, beide Seitenwände des ganzen Flußbettes von oben bis unten durchwühlt, faſt keinen Stein unumgewendet liegen gelaſſen, als ob ſämmt⸗ liche Bären von Arkanſas nach Würmern geſucht hät⸗ ten, und— Alles vergebens. Vom Schilſdickicht aus waren ſie mehre hundert Schritte bergan geſtiegen, hatten ſich aber dann ſo zwiſchen den Felſen und dem Geſtein gehalten, daß jede Spur verſchwand und mein Auge, ſonſt keineswegs eins der ſchlechteſten, ihrer Spur nicht weiter zu folgen vermochte. Zwei IJahre hintereinander machte ich ſolch vergebliche Ver⸗ 8* 116 ſuche, und zu meiner Schande muß ich's geſtehen, daß mich auch eine von den Nachbarn erweckte Furcht abhielt, meinen Nachforſchungen den gehörigen Erfolg zu ſichern. Dieſe erzählen den finſtern Spaniern nämlich viele ſchauerlich klingende Geſchichten nach, daß ſie, zum Beiſpiel, um ihr Geheimniß zu bewah⸗ ren, Menſchenblut nicht geachtet haben ſollen, und einſt einen einſamen Jäger, der ſie zufällig bei ihren Arbeiten überraſchte, ermordet hätten, und andere dergleichen ſchreckliche Geſchichten. War ich allein, ſo übermannte mich ſtets unwill⸗ kürlich eine faſt weibiſche Furcht, wenn ich ſolchen Mordes gedachte, und ſcheu blickte ich dann wohl umher, hinter jedem vorſpringenden Felſen oder um⸗ geſtürzten Baumſtamme die geſpannte Büchſe eines der dunkeläugigen Schufte vermuthend. Jetzt iſt das etwas anders; wir ſind unſerer zwei und ſie ſind zwei; finden wir den Platz, wo ſie graben, und ſie entdecken uns und zeigen ſich feindſelig, wohl, ſo ſchießen unſere Büchſen ſo ſicher als die ihrigen, viel⸗ leicht noch ſicherer— nehmen ſie aber Vernunft an, deſto beſſer, mich verlangt nicht nach Menſchenblut, und es wird genug Silber für uns alle Viere vorhan⸗ den ſein; aber wiſſen muß ich den Platz, und um⸗ ſonſt will ich nicht Jahrelang damit vergeudet haben mʃ☛ 1 5 117 ihren Spuren nachgeſchlichen zu ſein, ohne meinen Zweck erreicht zu haben. Preſton ſchwieg und ſchaute ſinnend, über ſeinen Plänen brütend, in die zuſammenfallenden Kohlen, während Thomſon einige Minuten ebenfalls tiefes Schweigen beobachtete, und mit ſeinem breiten Jagd⸗ meſſer allerlei Figuren vor ſich in die Erde grub; endlich wandte er den Kopf halb zu ſeinem Gefährten herum und frug, während er dabei die Spitze ſeines Meſſers auf den ledernen Leggins reinigte und ſich damit die Zähne ſtocherte: Wann wollen wir aufbrechen? Sobald der Mond aufgeht, und das geſchieht ein Viertel nach zwölf, lautete die Antwort; dann müſſen wir dem Laufe des Fluſſes, ſtromaufwärts, folgen, bis wir an das Schilfdickicht kommen, und dort daſſelbe umlauern, bis die Spanier, mit dem edlen Metalle beladen, zu ihren Thieren zurückkehren. Sie werden den Weg oft machen müſſen, und unſerer Schlauheit iſt es jetzt anheim geſtellt, das Ganze friedlich, das heißt unbemerkt— oder feindſelig— wenn entdeckt, abzumachen. Hunde haben ſie nicht mit ſich, von dieſen iſt alſo keine Entdeckung zu fürch⸗ ten, und finden wir den Platz, ſo ſind wir gemachte Leute. beſtecktes Holz vor ſich hinpflanzend, welchem Bei⸗ Gut, rief Thomſon, aufs Neue ein mit Fleiſch ſpiele diesmal ſein ernſterer Jagdgefährte folgte, gut — ich bin dabei— es iſt w— und Gefahr, und die Hoffnung auf u zheren Gewinn; da widerſteh' ein Anderer. Wir wollen uns nur noch tüchtig ſtärken und ein halb Stündchen ſchlafen, denn wer weiß wie wir's nöthig haben werden; kommt dann der Mond, ſo haben wir wieder Kräfte und ertragen, was uns in den Weg kommt, leichter und mit friſcherem Muth. Schweigend beendeten die beiden Männer ihre Mahlzeit, ſchürten dann das Feuer auf, das, von dürrem Holze genährt, hoch emporloderte, hüllten ſich in ihre Decken und verſuchten ihre Körper zu den bevorſtehenden Anſtrengungen auszuruhen. Der jüngere war bald ſanft eingeſch lafen, und ſein tiefes, regelmäßiges Athmen bewies, wie wenig er die Gefahr, der er entgegen ging, kannte, oder wenn er ſie kannte, wie furchtlos er ſie erwartete. Der Aeltere wickelte ſich zwar auch in ſeine Decke und ſchien, den Kopf auf ein Stück faulen Holzes gelegt, zu ſchlummern, ſeine Augen aber waren und blieben geöffnet, und ſinnend ſchaute er hinauf zu den Myriaden von Sternen, die oben vom dunkeln 119 Nachthimmel friedlich und freundlich auf ihn herab⸗ funkelten. Endlich erhellte ſich an den öſtlichen Bergkuppen der Himmel— der Mond mußte gleich erſcheinen; da hob ſich Preſton von ſeinem harten Lager, dehnte und ſtreckte die Glieder, weckte ſeinen Cameraden und ging dann zum nur wenige Schritte entfernten Waſſer, ſich Geſicht und Hände darin zu baden, um mit klaren Augen und hellem Verſtande den gefährlichen Weg anzutreten. 2 Thomſon ſprang auf und folgte ſeinem Beiſpiel; Beide wickelten dann ihre Decken zuſammen und hingen ſie ſich über die Schulter, nahmen ihre Büch⸗ ſen, ſchütteten friſches Pulver auf die Pfanne und waren ſo gegen Alles, was ihnen entgegentreten mochte, gerüſtet. Sollen wir nicht lieber im Thale hingehen? fragte jetzt Thomſon, als er ſah, daß Preſton an einigen ſteilen Felsſtücken hinaufkletterte, um eine der Teraſſen zu erreichen— wir haben auf jeden Fall beſſeren Weg und können ſchneller fortkommen; denn, hol's der Henker, ſo in der Nacht zwiſchen den ſchar⸗ fen Steinen mit zerriſſenen Moccaſins umherzuklettern, iſt eine verteufelt böſe Sache; meine Füße brennen mich ſchon jetzt wie Feuer. 0 Wir müſſen uns aus eben dem Grunde zwiſchen den Felſen halten, aus dem die Spanier den rauheren Weg gewählt haben alle Fährten zu vermeiden; bleiben wir unbemerkt, ſo ziehen wir uns leiſe und vorſichtig zurück, und erregen nicht den Verdacht der Fremden, die ſicher, wenn ſie auch nicht den Thalweg einſchlagen, doch hinunterſpüren, ob ſie keine verrä⸗ theriſchen Fußſpuren dort entdecken können. Mit rüſtigen Schritten, ohne weiter ein Wort laut werden zu laſſen, ſtieg der Aeltere jetzt voran, und Thomſon, wohl einſehend daß der erfahrenere Camerad Recht habe, folgte, dann und wann nur, wenn er gerade auf einen recht ſpitzigen Stein getre⸗ ten war, ſeinem Schmerz mit einem halb unterdrückten Fluche beſchwichtigend. 1 Eine kleine Stunde mochten ſie ſo langſam fort⸗ geſtiegen ſein, der Mond goß freundlich, vom hohen Himmel herab, ſein ſilbernes Licht durch den Wald, als Preſton anhielt und nach vorne deutend, ſeinem Cameraden zuflüſterte, daß dort das Schilfdickicht ſei, und er den Klang eines Glöckchens zu hören glaube. Klar und deutlich drang auch jetzt der feine, reine Ton einiger kleinen Schellen durch die ſtille Nacht und die Männer hielten, um ſich über ihr weiteres Vorſchreiten zu berathen. 121 Sind ſie denn auf der rechten oder linken Seite des Fluſſes? fragte Thomſon leiſe ſeinen Cameraden, der aufmerkſam dem Schall der Glocken horchte, um zu wiſſen, wie viel Thiere ſie diesmal mit ſich führten. An der rechten, flüſterte Preſton zurück, wenig⸗ ſtens gingen jedesmal an dieſer ihre Fußſpuren hinauf, aber, unterbrach er ſich, horch doch einmal, wie viele Glocken du hörſt— das bimmelt ja untereinander herum, als wenn es fünf oder ſechs wären. Mit geſpannter Aufmerkſamkeit lauſchten jetzt Beide dem vermiſchten Klange, der aus dem Thale zu ihnen heraufdrang, bis Thomſon endlich das Schweigen brach und leiſe vor ſich hinmurmelte, daß er vier verſchiedene Glocken gewiß höre. Und mir iſt's, als wären's fünf, erwiederte eben ſo leiſe Preſton. Nun, zum Teufel, ſo laß es zehne ſein, entgegnete unmuthig Thomſon, wir ſind einmal hier und auf ein paar Spanier mehr oder weniger wird es jetzt auch nicht ankommen; wir ſtehen hier auf Onkel Sams eigenem Grund und Boden, und haben die Fremden, im Fall ſie uns entdecken ſollten, böſe Abſichten, nun ſo mögen ſie ſich's ſelber zurechnen, wenn wir mit unſerem Blei freigebig ſind.— Aber was haſt Du denn da? fragte er, ſich unterbrechend, ſeinen Came⸗ raden, der ſich dicht niederbog, und den Boden genau zu unterſuchen ſchien. Eine Spur, ſo wahr ich lebe, und von einem beſchuhten Fuß, rief Preſton, ſie müſſen hier hinauf gegangen ſein. Pſt, flüſterte Thomſon, ſeinen Arm ergreifend und feſthaltend, ich höre Schritte. In geſpannter Erwartung horchten Beide jetzt auf, und deutlich und immer näher kommend, klang das Geräuſch eines langſam bergan ſteigenden Man⸗ nes zu ihnen her. Lautlos ſchmiegten ſie ſich an die Erde auf der ſie ſtanden, hinter einige, zerſtreut umherliegende Fels⸗ ſtücke und erwarteten die Geſtalt die, in einen braunen, langen Mantel gehüllt, den Kopf mit einem breiträn⸗ digem, ſchwarzen Filzhut bedeckt, langſam die Teraſſe, an deren Rande die zwei Jäger lagen, erklomm, dort ſtehen blieb, ſich etwa fünf Minuten lang vorſichtig umſchaute, nach allen Himmelsrichtungen hinhorchte, und dann einen leiſen, aber vernehmlichen Ruf, den Ton der Eule nachahmend, dreimal ertönen ließ. Er wurde einmal, aus dem Rohrdickicht heraus, beantwortet und darauf war Alles wohl eine halbe Stunde lang ſtill wie im Grab; dann ſcholl derſelbe „ 123 Ruf wieder aus dem Thale herauf. Die Schildwache, denn etwas Anderes konnte die hochaufgerichtete, dunkle Geſtalt, die an einem Stamm lehnend dem geringſten Laut zu horchen ſchien, nicht ſein, antwor⸗ tete wie das vorige Mal, ſtieg dann den Weg den ſie gekommen wieder hinunter, und nach wenigen Minu⸗ ten, als ihre Schritte in der Entfernung verhallt waren, lag die ganze Gegend ſo einſam und verlaſſen, als ob ſie noch nie von einem menſchlichen Fuß ent⸗ weiht worden wäre. Wohl noch eine Viertelſtunde blieben die beiden Männer in ihrem Verſteck, dann aber, als Alles ſicher zu ſein ſchien und ſie glauben konnten daß ſich die Fremden wieder entfernt hätten, hob Thomſon den Kopf, ſchaute einen Augenblick in das, von dem jetzt gerade über ihnen ſtehenden Monde erhellte Thal, und wandte ſich gegen ſeinen älteren Cameraden, der indeſſen ebenfalls aufgeſtanden war und wiederum nach dem Schloß ſeiner Büchſe ſchaute, ob durch das Niederlegen des Gewehres das Pulver nicht von der Pfanne gefallen ſei. Nun Preſton? was hältſt Du von der Erſcheinung? mir gefiel ſie gar nicht; ich hatte einmal große Luſt vorzuſpringen und dem langen Burſchen das Meſſer in die Kehle zu ſtoßen— es wäre Einer weniger geweſen! 3 124 Das würde ſo unbeſonnen als thöricht geweſen ſein, entgegnete mit halbunterdrückter Stimme der Angeredete, und hätte unſern ganzen Plan nicht allein verderben, ſondern uns auch der Rache ſämmtlicher * brauner Schurken preisgeben können. Nein— mir iſt es jetzt klar geworden— die Burſchen müſſen mit ihrer Beute im Thale herabkommen, und zwar im felſigen Bett des Bergſtromes ſelbſt, ſonſt hätte ich in früheren Jahren ihre Spuren gefunden, und dieſer ense Geſelle war nur hier oben hergeſtellt, um ſie vor irgend einer Ueberraſchung von unten her zu ⁴ ſichern, während ſie indeſſen ihre Laſt zum Sammel⸗ platz brachten, dort Alles nachher bequem zuſammen aufladen zu können. Wir haben aber jetzt keine Zeit mehr zu verlieren, denn wer weiß ob ſie den Weg noch mehr als einmal machen, und finden wir ſie nicht beim Graben beſchäftigt, ſo daß ich mir den Platz genau merken kann, ſo hilft unſer ganzer Zug Nichts! 1. Sie können aber doch unmöglich all das beſte Erz in der Nacht finden, und werden ſicher ihre Arbeit noch nach Tagesanbruch fortſetzen; antwortete Thomſon. Was ſie am geſtrigen Tage erbeutet haben, ſchaffen ſie jetzt in Sicherheit und vernichten wieder alle Spuren, die * 125 ſie hinterlaſſen könnten; entgegnete Preſton, nein, nein, auf Tagesanbruch dürfen wir nicht warten, überdieß ſcheint es, als ob ſie Verrath ahnten, was der Poſten zur Genüge beweiſt. Komm alſo ins Thal hinunter, wir ſchleichen durch den Schilfbruch, wo ſie ſchwerlich eine Wache zurückgelaſſen haben, und folgen leiſe dem Lauf des Fluſſes.— Finden wir ſte bei der Mine beſchäftigt, ſo merken wir uns den 8 Platz und entfernen uns wieder ſo ſchnell und leiſe als möglich, denn ich vermuthe nicht ohne Grund, daß ſie diesmal in ſtärkerer Anzäahl als gewöhnlich da ſind; laſſen ſie dann, was ſie geſammelt haben mit fortnehmen,— wenn ſie das nächſte Jahr wieder kommen, ſollen ſie's ſchwerer finden ihre ledernen Felleiſen zu füllen als bisher; das Silber müßte denn haufenweis in den Bergen vorkommen. Die Jäger ſtiegen jetzt vorſichtig in das enge Flußthal hinab, und krochen Schlangen gleich in den nicht ſehr dicht ſtehenden kleinen Schilfbruch hinein, aufmerkſam dabei auf das Geringſte achtend was ihnen Gefahr oder Entdeckung drohen konnte. Aber keine Wache war bei den Maulthieren, die ruhig weideten und die Anſchleichenden gar nicht zu becchten ſchienen, zurückgelaſſen, und hochaufathmend erreichten ſſe wieder den offenen Wald oberhalb des Schilfes, * wo Preſton ſchnell weiter eilen wollte, als ihn Thom⸗ ſon am Arme hielt und frug, ob ſie nicht lieber das Silber erſt aufſuchen ſollten, was die Spanier ſchon irgendwo hierher getragen haben? Geh zum Henker mit Deiner Thorheit, entgegnete mürriſch Preſton— nicht wahr, die Zeit hier mit Kinderſpielen verſäumen, um eine Sache aufzufinden, die wir nicht einmal anrühren dürfen ohne augenblick⸗ liche Entdeckung fürchten zu müſſen— komm, komm, wir können jeden Augenblick den wieder zurückkehren⸗ den Schuften begegnen, und es wäre doch zu wün⸗ ſchen, daß wir ſie eher hörten, ehe ſie von unſerer Nähe eine Ahnung hätten. Mit dieſen Worten machte er ſich von Thomſon's Hand los und glitt mit unhörbarem Schritt über die runden, glatten Kieſel des Flußbettes, von ſeinem Cameraden eben ſo geräuſchlos gefolgt, wie zwei, den Gräbern entſtiegene, dunkle Schatten der Unterwelt. Wohl eine Meile mochten ſie ungeſtört und un⸗ unterbrochen ihren Weg fortgeſetzt haben, ohne auch nur das Geringſte zu vernehmen was die Nähe leben⸗ der Weſen hätte verrathen können, als ſie plötzlich, dicht vor ſich, Stimmen hörten, und kaum noch Zeit behielten ſich in den Schatten einer unaeßügten Platane 61 werfen, ehe fünf dunkle Geſtalten, mit 3 kleinen Säcken auf den Rücken, die übrigens dem 127 gebückten Gehen der Männer nach zu urtheilen ein bedeutendes Gewicht haben mußten, ihnen gerade entgegen kamen und lautlos, von einem großen Steine auf den andern tretend, dem Schilfbruch zu⸗ wanderten. Als ſie nur noch wenige Schritte von dem Ver⸗ ſteck der Jäger entfernt waren, blieb der Führer ſtehen und richtete einige Worte in ſpaniſcher Sprache an die ihm Folgenden; gleich darauf aber ſetzte er wieder ſeinen Weg fort, und war bald mit ſeinen Begleitern an einer Biegung des Hurricane hinter einer Felsecke verſchwunden. Verſtandeſt Du, was der lange Schuft da in den Bart murmelte? fragte Thomſon ſeinen neben ihm liegenden Gefährten. Niicht ein Wott, entgegnete dieſer, es iſt das erſte Mal, daß ich ſpaniſch reden höre; komm aber ſchnell, wir dürfen keinen Augenblick verlieren, viel⸗ leicht können wir die Mine noch entdecken ehe Jene zurückkehren, denn hol's der Teufel, es ſind ihrer doch mehr als ich dachte, und die Burſche führen ſcharfe, lange Meſſer. Schnell und leiſe verfolgten Beide wieder, wohl noch an 4000 Schritte, den Lauf des kleinen Stro⸗ 128 H mes, als Preſton, der voranging, plötzlich ſtehen blieb, und auf mehrere Hacken und Hämmer deutete, die zerſtreut, gerade in einem ausgetrockneten Theil des Flußbettes, umherlagen. Dal beim Himmel! rief er, krampfhaft Thom⸗ ſon's Schulter erfaſſend, der neben ihn getreten war, wir ſind im Neſt. Und was iſt das Dunkle dort, was da unter dem Buſche liegt? fragte Thomſon, indem er, mit vorge⸗ ſtrecktem Oberkörper der fraglichen Stelle näher trat und ſich niederbog, den Gegenſtand der ſeine Auf⸗ merkſamkeit erregt hatte zu erkennen. Aber mit einem Rufe des Schreckens und Erſtaunens ſprang er zurück, denn nur wenige Zoll von den ſeinigen entfernt, blitzten ihm die dunkeln Augen eines Mannes ent⸗ gegen, der auch in demſelben Augenblick mit gezoge⸗ nem Meſſer auf die Füße ſprang, und einen lauten Nothruf ausſtieß. Teufel! ſchrie Preſton, der bei der erſten Bewe⸗ gung des Fremden ſein Meſſer ebenfalls aus der * Scheide geriſſen hatte, Teufel! und ſprang von der Seite auf den Spanier los. Gar verderblich würde aber der Sprung für ihn geweſen ſein, hätte nicht zufällig die Büchſe, die er in der linken Hand hielt, den ſichern Stoß des Angegriffenen abgewandt, dem ** 129 in demſelben Augenblicke das breite Meſſer des Jägers in der Bruſt ſaß, daß er aufſchreiend zu Boden ſtürzte; im Falle ſelbſt aber riß er noch eine Piſtole aus dem Gürtel und brannte ſie auf den von ihm zurück Schreckenden ab. Wohl fehlte die Kugel den, für welchen ſie be⸗ ſtimmt war; doch zerſchmetterte ſie die linke Hand ſeines neben ihm ſtehenden Cameraden, die dieſer eben erhoben hatte, um den Feind mit einem Kolben⸗ ſchlage unſchädlich zu machen. Machtlos ſank Thomſon's Arm, und ſeine Büchſe raſſelte in die Steine nieder; doch wie ein Tieger flog er auf den zum Tod Getroffenen zu, und ſtieß dem ſchon Verſchiedenen dreimal noch die breite Klinge in die Bruſt, bis Preſton ſeinen Arm faßte und ihn zurückzog. Fort, fort, rief dieſer, laß den, der hat genug, aber bald werden uns die Teufel auf der Fährte ſein — fort! ich möchte nicht um alle Silberminen der Welt mit ihren fünf Meſſern Bekanntſchaft machen! Ich bin verwundet, flüſterte jetzt, mit verbiſſenem Schmerz, Thomſon, meine Hand iſt zerſchmettert. Beſſer die Hand, als der Kopf, knirrſchte Preſton, die Büchſe vom Boden aufhebend und ſeinem ver⸗ ſtümmelten Cameraden hinreichend; komm!— in Gerſtäcker, Miſſiſſippi⸗Bilder. h. 9 4 130 fünf Minuten iſt's zu ſpät; und mit ſchnellen Schrit⸗ ten eilte er, von Thomſon, der die Nähe der Gefahr erkannte, gefolgt, eine kurze Strecke im Flußbett fort, und ſprang dann an der rechten Thalwand in die Höhe, um vielleicht noch vor den Verfolgern den Gipfel des Berges zu erreichen, und dann an der andern Seite deſſelben, unter dem Schutze der Nacht leichter die Flucht zu bewerkſtelligen. Die zerſchoſſene Hand vorn in der Bruſt gebor⸗ gen, blieb Thomſon, ſeinen Schmerz verbeißend, dicht an jenes Seite und in wenigen Minuten waren Beide in der Dunkelheit des Waldſchattens ver⸗ ſchwunden; in demſelben Augenblicke aber raſchelten die Büſche und fünf finſtere Geſtalten brachen durch die Sträuche auf den, eben von den Flüchtigen ver⸗ laſſenen Wahlplatz. Einen Schreckensruf ſtießen ſie aus, als ſie den Leichnam ihres gemordeten Cameraden erblickten, und ſpähende Blicke ſandten ſie umher, die Thäter zu ent⸗ decken und ihrer Rache zu opfern; da mahnte eine ſchnelle, gebieteriſche Geberde ihres Führers zum Schweigen, und wie eben ſo viele, aus dunklem Marmor gehauene Figuren, ſtanden die Männer, ohne auch nur zu athmen, da, und lauſchten hinein in den ſtillen, in heiliger Ruhe ſie umgebenden Wald. 131 Einen Augenblick herrſchte Todesſchweigen, da ſcholl das Krachen eines dürren Aſtes an ihr Ohr— da noch einmal, und mit lautem Freudenruf— wie Hunde, die die Nähe ihres fliehenden Feindes, des Panthers, wittern— ſprangen die fünf kräftigen Männer an der faſt ſteilen Felswand, die das enge Thal einſchloß, hinauf und folgten, mit Blut⸗ und Rachgier in den Blicken, der Richtung, in der ſie das Geräuſch gehört hatten. Schon hatten die beiden Flüchtigen, 82 durch— einen Fehltritt und Sturz des verwundeten Thomſon die Verfolger auf ihre Spur gebracht, die ſechſte Teraſſe erreicht, und eilten in langen Sätzen einem Kaſtaniendickicht zu, das dunkel vor ihnen lag, als ſie die Schritte des Schnellſten ihrer Feinde hinter ſich hörten. Preſton riß gerade noch zur rechten Zeit ſeinen Gefährten in eine kleine Schlucht hinein, die eine Quelle, dort dem Felſen entſpringend, gebildet hatte, und neben der, kaum zwei Schritte von ihnen entfernt, ein dunkler Abgrund ſie angähnte, aus welchem die Spitzen eines langwüchſigen Hickory emporſtarrten, als eine lange, dunkle Geſtalt an ihnen vorbei ſprang, und dem Dickicht zueilte. Dieſer folgte raſch eine zweite und dritte, und ſchon hatten die beiden letzten den Rand der Teraſſe erklommen und 132 wollten dieſelbe Richtung nehmen, als der Eine von ihnen, ob aus Zufall oder durch den Inſtinct, der ihm ſeinen Feind verrieth, getrieben, nach dem dunkeln Platze, der die beiden Verfolgten barg, und der ihm verdächtig ſcheinen mochte, zuſprang und aufmerkſam darauf hin ſchaute. Der Mond trat gerade hinter einer dünnen Wolke hervor, und der glänzende Büchſenlauf mußte die Verſt i verrathen haben, denn ein, durch die Ueberraſchung ausgepreßtes„ha“ entfuhr den Lippen des Spaniers. Es war aber ſein letzter Laut, denn Preſton, als er ſah daß ſie entdeckt waren, hatte ruhig die Büchſe heraufgenommen und angelegt, und bei dem Krach des Gewehres zuckte auch der ſicher Ge⸗ troffene zuſammen und ſtürzte mit ſchwerem Fall⸗ zwiſchen die Steine nieder. Mache den andern Schuft kalt— ſchnell oder er entflieht, rief er jetzt ſeinen Gefährten zu, der bleich und athemlos neben ihm am Felſen lehnte. Nimm mein Gewehr— ich kann es nicht mehr heben, hauchte dieſer, und reichte ihm die Büchſe, die Preſton in fieberhafter Aufregung ergriff, um auch den andern Feind unſchädlich zu machen; doch dieſer trat hinter eine ſtarke Eiche, die ihn ſchützend bedeckte, und ſein Ruf brachte in wenigen Minuten die Andern zur Stelle zurück, die durch den Krach der Büchſe in ihrem Laufe aufgehalten, jetzt mit wilder Freude dem Zeichen Folge leiſteten. Aber Preſton war indeſſen nicht müßig geweſen, und hatte, da er ſah daß ſich der Spanier außer dem Bereich ſeiner Büchſe hielt, Thomſon's Gewehr hin⸗ geſtellt, das ſeinige wieder geladen, und ſchüttete gerade Pulver auf die Pfanne, als die dunkeln Schat⸗ ten der Verfolger ſichtbar wurden, wie ſie ſchnell durch die umhergeſtreuten Felsſtücke und Stämme einher⸗ glitten. Mit wenigen Worten beſchrieb der Zurückgeblie⸗ bene den Schlupfwinkel ihrer Feinde und zeigte ihnen das neue Opfer, das durch Preſton's ſichere Hand gefallen; aber nur ein lauter, wilder Schrei der Rache, bei dem die beiden Verfolgten unwillkürlich zuſammen zuckten, war die Antwort, und wie Tieger warfen ſich die Spanier auf ihre Beute. Preſton lag im Anſchlag und der Erſte, der, in der linken Hand eine Piſtole, in der rechten ein Meſſer, kaum zehn Schritte von ihm entfernt, hinter einem Felsſtück auf ihn anſprang, fiel, durch das Herz geſchoſſen, nieder; ſeine Büchſe dann wegwerfend, ergriff er die ſeines Cameraden und legte mit Blitzes⸗ ſchnelle auf den Nächſten an— aber harmlos berührte 134 ſein Finger den Drücker! wohl ſchnappte der Hahn, und die Funken flogen in die geöffnete Pfanne hinab, doch das Pulver war ihr beim Sturz entfallen und erfolglos klappte der Stein gegen den Stahl. In dem Augenblicke ſchoß ein ſcharfer Blitz hinter einem dicht neben ihm liegenden Fels hervor und mit zer⸗ ſchmettertem Haupte ſank Preſton auf ſeinen Came⸗ raden zurück. Da ſprang dieſer, mit Zuſammenraffen ſeiner letzten Kraft und gezücktem Meſſer unter der Leiche vor und vertheidigte ſich, Verwundung und Gefahr verachtend, mit wilder Verzweiflung gegen die drei auf ihn anſtürmenden Feinde; doch ein Kolbenſchlag machte ihn taumeln und während er noch verſuchte ſich mit der linken, zerſchmetterten Hand anzuklammern, ſtürzte er mit dumpfem Fall und lautem Angſtſchrei in die tiefe, gähnende Schlucht an ſeiner e Seite hinab. Drei Tage waren vergangen, als ein Jäger aus den Anſiedlungen am Hurricane der Spur eines Hirſches folgte, und Unmaſſen von Aasgeiern eine der Teraſſen umkreiſen ſah. Aus Neugierde, um zu ſehen was für ein Wild dort den Raubvögeln zur Beute gefallen ſei, näherte —— 135 er ſich dem Platz und fand auf dem Berge ein, und in der Schlucht, durch die Geier geleitet, ein zweites Gerippe, nicht weit aber von dem erſten entfernt ein friſches Grab, und auf demſelben, als Grabſtein, einen breitrandigen, ſchwarzen Filzhut, mit einem langen Meſſer auf dem ſchnell aufgeworfenen Hügel feſtgeſpießt. Wohl eilte er, ſo ſchnell er vermochte, in die Anſiedlungen zurück und brachte ſchon am nächſten Morgen alle Nachbarn die er auftreiben konnte, auf den Wahlplatz, um von hierzaus die leicht errathenen Thäter zu verfolgen und zu beſtrafen; vergebens aber blieben ſie, mit dem Scharfſtnn der Indianer, Tage⸗ lang auf der Fährte der Maulthiere; die ſchlauen Spanier hatten ſich, und Alles was ihnen gehörte auf Canoes in Sicherheit gebracht, und nur Einen mit den Laſtthieren ins Land geſchickt um die Verfol⸗ ger, die ſie nach kurzer Zeit vermuthen mußten, irre zu leiten. Dieſer hatte dann die Thiere verkauft und war, ohne daß Jemand auf ihn achtete, ſp verſchwunden. Seit dieſer Zeit hat zwar Keiner gewagt, jene Gebirge, wo ihn die Grenzbewohner erwartete, auch die Si b 136 den dort Wohnenden entdeckt, und vergebens haben bis jetzt die Jäger ein Geheimniß zu ergründen ver⸗ ſucht, um das zu bewahren ſchon ſo viel Blut ver⸗ goſſen wurde. Der Fiſchfang am Miſſiſſippi. Am Ufer des Miſſiſſippi, im weſtlichen Teneſſee, ſtand am Rande einer kleinen, kaum begonnenen Lichtung, eines der unſcheinbaren, niederen Block⸗ häuſer, die überall, roh aus unbehauenen Stämmen aufgeführt, im weſtlichen, noch nicht ſtark bewohnten Theile von Nordamerika gefunden werden. Der Anſiedler, ein junger Mann Namens Dehart, hatte ſick waree ee. ſeeiner Verheirathung , wo ym die Bevölkerung zu dicht wurde, an das Ufer des Miſſiſſippi nach Teneſſe zu⸗ rückgezogen, und nur darum das geſündere Klima des älteren, bergigen Staates gegen den ungeſunden Bo⸗ den des neuangebauten, ſumpfigen Landſtriches ver⸗ tauſcht, um, wie tauſend Andere an demſelben Stro⸗ me, Klafterholz aus den gewaltigen Stämmen, welche die Thäler füllten, zu hauen und es dann an die —— vorbeifahrenden Dampfboote zu verkaufen, ohne eigentlich, genau genommen, mehr Recht auf das Holz welches er ſich zueignete, zu haben, als der Kaiſer von China oder irgend eine andere, unbekannte Herrlichkeit. Er hatte übrigens, mit den Geſetzen ſeines Vater⸗ landes bekannt, dort eine kleine Hütte oder„ein Haus“, wie er's nannte, errichtet und fällte munter drauf los, was ihm, unter dem Rechte der Anſiede⸗ lung,— preemption right— auch Niemand ver⸗ wehren konnte; obgleich es in der That keineswegs ſeine Abſicht war den Fieber erzeugenden Landſtrich längere Zeit zu bewohnen, als er gebrauchen würde eine hinlängliche Summe mit dem darauf wachſenden Holze zu verdienen, und ſich dann nach einer beſſeren, geſünderen Gegend zurückzuziehen und Ackerbau zu treiben. 1— Das niedere Blockhaus umgab ein Streifen urbar gemachten Landes, mit Mais bepflanzt, und am Ufer lagen lange Reihen hochaufgeſtapelten Klafterholzes. Herrſchte aber auch in der kleinen Rodung eine tiefe Stille, die nur durch die fernen, regelmäßigen Artſchläge der im Holze arbeitenden Sklaven(Dehart beſaß deren ſechſe) unterbrochen wurde, ſo war ein deſto regeres Leben in dem kleinen Hauſe ſelbſt, durch 139 deſſen aus Lehm aufgeführten Kamin ein dünner, blauer Rauch emporwirbelte. G 8 Dort ſaßen in höchſt gemüthlich heiterer Sti mung drei Männer um das Kamin herum, in wel⸗ chem ein kleines Feuer kniſterte, das übrigens keines⸗ wegs der Kälte wegen angezündet ſein mochte, denn es war im April und ſehr warm. Mitten aber in der züngelnden Flamme ſtand ein runder, eiſerner Keſſel, vor dem ein unterſetzter, wohlbeleibter Mann, deſſen hochrothes, durch vieles Lachen noch mehr erhitztes Geſicht ihn kaum als einen Inſaſſen dieſer Gegend erkennen ließ, gar oft den Deckel abhob, um ſich von den Fortſchritten des Inhalts zu überzeugen. Ihm gegenüber ſaß auf einem abgeſägten Holz⸗ klotze die lange, dürre Geſtalt eines Mannes der, in eine weiße, dünne Jacke und in Nanking„Unausſprech⸗ liche“ gekleidet, furchtbar von den ihn umſchwärmenden Mosquitos geplagt ſchien, ſo daß ihm nicht ein Augenblick der Ruhe blieb und er, ſeine langen Arme fortwährend umherwerfend, unermüdet verſuchte die läſtigen Peiniger von ſich abzuwehren und zu ver⸗ ſcheuchen. Zwiſchen dieſen Beiden ruhte auf einem beque⸗ men, wenn auch roh gearbeiteten Lehnſtuhl, ein alter, ſilberhaariger Mann, der Vater des jungen 140 Oehan, und ſchaute wohlgefä ällig, ſcheinbar in tiefſter Seele recht mit ſich ſelbſt zufrieden, in die züngelnde Flamme die den Keſſel umſpielte. Vater Dehart, rief jetzt der kleine Dicke, deſſen Name Magnus war, das Waſſer beginnt zu kochen und wir können mit dem beſten Willen nicht länger auf Eueren Sohn warten. Ich, für meinen Theil, habe einen Durſt, der nicht mehr zu bändigen iſt, und ſehe überhaupt gar nicht ein, warum John nicht ſchon lange hier ſein könnte; es iſt kaum drei Meilen bis zum andern Haus und ſeit 10 Uhr Morgens iſt er fort. Mir auch recht, entgegnete der Alte, laßt uns unſern stew*) zurecht machen, und wenn er unter der Zeit nicht kommt, gut! mag er ſehen wo er was fin⸗ det! Aber, Mettel, Ihr kratzt Euch ja die Seele aus dem Leibe! wandte er ſich jetzt lachend an den Langen, deſſen Kampf mit den ihn in Schaaren umſchwärmen⸗ den Mosquitos ſeinen höchſten Punkt erreicht zu haben ſchien; Euch muß ſo ſüßes Blut durch die Adern fließen, daß es ein wahres Feſt für die armen, aus⸗ gehungerten Thierchen iſt davon zu koſten! *) Stew, ein ächt arkanſiſches Getränk aus heißem Waſſer, Whiskey, Nelkenpfeffer, Zucker und Butter bereitet. 3 nehmt aber nur eine Hand voll, das Zeug bleibt 141 Hol' der Böſe das ſüße Blut! rief Mettel ärger⸗ lich, indem er ſich derb an die Waden ſchluß einige der läſtigen Inſecten, die ihn dort mit heſon rer Wuth angegriffen hatten, zu erlegen; die wünſchten Dinger haben ſo verdammt ſpitze Geſtch daß ſie Einem gleich den ganzen Kopf in das Fleiſch ſchieben. Ich weiß übrigens gar nicht wie es zugeht, daß ſie es Alle auf mich ebgeſehen haben; Guch Beide rührt faſt keines an. 1 Wir ſind alt und zäh! ſchmunzelte der Greis, da nehmen ſie mit Euch vorlieb. Wo habt Ihr denn das Material zum stew? fragte Magnus, der Whiskey und Zucker iſt hier, wo aber finde ich das Andere? Butter müßt Ihr aus dem Butterfaß nehmen und b laßt die Milch ein wenig ablaufen, ſagte der Alte; meine Schwiegertochter iſt nun ſchon acht Tage bei ihrer Schweſter unten, und da geht Alles ein wenig junggeſellenhaft hier oben zu,— ſo— das wird etwa genug ſein;— der Nelkenpfeffer ſteckt da oben über dem Kamin in einer Spalte,— dort in dem abgeſchnittenen Schilfe, wo der Stöpſel darauf iſt— Einem ſonſt immer in der Kehle ſtecken. Magnus that wie ihm gerathen, goß die gehörige „ 142 8 Quantität Whiskey in das kochende Waſſer, warf 5 ee kleine Handvoll Nelkenpfeffer, ein Paar Hände vooll zucker und etwas Butter, dem Ganzen einen milde Beigeſchmack zu geben, hinzu, rührte Alles wohl durcheinander und dann, einen Blechbecher von einem ſchmalen Bret über dem Kamine herunterneh⸗ mend, ſchenkte er denſelben voll mit der dunkeln Maſſe bis zum Rande. ſagte Mettel, als Jener raſch das zu I heißgewordene Blech von den Lippen nahm 39 vom Stuhle aufſpringend, die Luft einſog. Proſit! das dacht' ich mir— iſt mir bis jetzt noch jedes Mal ſo gegangen; aber durch Schaden wird man klug— ich laſſe meines erſt kalt werden. Und damit begann er auf's Neue ſeinen Kampf mit den ihn umſummenden Mosquitos. Durch Schaden wird man klug? ſo? ſagte, durch den Spott geärgert, Magnus, ſeinen Becher ſtark blaſend und nach 1 ettel hinüberſchielend, nun, dann will ich Euch einen guten Rath geben, dann ſucht Euch für heute Abend eine andere Schlafſtelle, als unter meinem Mosquito⸗Netz, denn verdammt will ich ſein, wenn ich mit Euch eine zweite Nacht darunter zubringe. Nun? frug Mettel verwundert, lieg ich nicht die ganze Nacht ſtill wie ein Stück Holz? rühr' ich mich auch nur ein einziges Mal? laſſ' ich mich nicht auf eine wahrhaft grauſenerregende Weiſe von den kleinen Beſtien ausſaugen, ohne mich zu bewegen, ja, nusee ich nur unter den ſchmerzhafteſten Biſſen derſelben? Ich liege ruhig wie ein Todter, ich bin ein Martyr! Und mit weſſen Blut ſind die Mosquitos, die Morgens im Innern des Netzes ſitzen, gefüllt, als mit dem meinigen? was habt Ihr ſonſt an mir auszuſetzen?. An Euch nichts, aber an Euren Beinen! rief Magnus, wo ſteht es denn auch geſchrieben, daß überhaupt Morgens Mosquitos im Innern des Netzes ſitzen müſſen? Hat aber ſchon Jemand ſo ein Paar Beine, wie Ihr an Eurem Cadaver habt, geſehen?— mein Mosquito⸗Netz iſt für vernünftige, geſetzlich lange Gliedmaßen eingerichtet und nicht für einen Menſchen berechnet, deſſen Füße ſo weit von ſeinem Leichnam entfernt ſind, daß er es nicht einmal an demfelben Tage erfährt, wenn ſie ihm kalt werden. Glaubt Ihr denn, die Mosquitos können den Ein⸗ gang nicht finden, wenn Ihr Eure beiden langen 2oaenatie dem Netz vorſtreckt, daß es wohl ſechs Zoll vom Boden auf in die Höhe ſteht? Meettel wollte eben darauf antworten, als die —— 5. H draußen anſchlugen und der junge Dehart in die Thür trat.* Hallo! rief dieſer, als er die drei Männer ſo eemmſig beſchäftigt, den Keſſel zwiſchen ſich und die Blechbecher in der Hand, daſitzen ſah, hallo! da bin ich wohl ſchon zu ſpät gekommen? Ihr ſcheint mir ja ſehr fleißig zu ſein! Eben noch zur rechten Zeit, Jonny! meinte der Alte; komm, nimm Dir einen Becher und rücke einen Stuhl her! 2 Stuhl? fragte John, ſich überall im Hauſe um⸗ ſehend, wo habt Ihr denn noch einen Stuhl? Ah ſo, es ſind nur zwei da, nun, ſchadet Nichts, da ſteht der Salz⸗gum,) ſetz Dich darauf und hilf uns den Keſſel leer trinken. 3 Danke, Vater, ſagte der junge Dehart, indem er ſeine an einer langen Stange befeſtigte Harpune von der Wand nahm, ich will gleich wieder fort; gebt mir nur einen Becher voll von Eurem Getränk, es riecht gar ſo gut! Wo wollt Ihr denn fiſchen gehen? fragte Magnus begierig, indem er von ſeinem *) Ein gewöhnlicher Ausdruck der we Amerikaner für ein Behälter oder Gefäß, aus einem hohlen Baumſtamme verfer⸗ tigt, da ſich vorzuglich die ſogenannten gum⸗Bäume dazu eignen. —.— 45“ Der Fluß iſt ſeit geſtern Abend 15 Zoll geſtiegen, erwiederte der junge Dehart; das Waſſer hat nun eben angefangen durch den kleinen Canal, der eine halbe Meile von hier das Ufer durchſchneidet, in den Sumpf zurückzulaufen, da kommen ſtets Unmaſſen von Buffalo⸗Fiſchen herein und ſtrömen in Schaaren ins niedere Land. Ihr ſollt ſehen, in dem ſchmalen Canal durch den ſie müſſen, vergeht kaum eine Minute, in der nicht die rothe Floſſe eines der fetten Burſchen aus dem ſchmutzig gelbem Waſſer des Fluſſes emportaucht! Wollt Ihr mit, ſo macht Euch ein Paar ſcharfe Ruder, dann können wir's zuſam⸗ men verſuchen. Hol' mich Dieſer und Jener, wenn ich nicht mit⸗ gehe, rief Magnus, ſeinen Becher, der ſich unter⸗ deſſen abgekühlt hatte, mit einem Zuge leerend; ich habe zwar die Jagd auf buffalos(Büffel) verſchwo⸗ ren, aber nicht auf Fiſche! Wo ſind die Ruder laßt uns lieber gleich aufbrechen. Oho, Ihr ſeid ja plötzlich in gewaltiger Eile, lachte John, jetzt will ich aber auch erſt meinen Trank in aller Gemüthsruhe leeren.— Tom mag in⸗ deſſen die nöthigen Ruder machen, dann wollen wir augenblicklich an die Arbeit gehen.— Und ſich zur Thüre wendend, rief er einem der Neger, der eben Gerſtäcker, Miſſiſſippi⸗Bilder. I. 10 mit einem holzbeladenen Karren zum Hauſe kam, zu, zwei Ruder zum Fiſchſchlagen zu machen, was aus eben ſo vielen roh geſpaltenen Bretern in wenigen Minuten geſchehen war. Mettel hatte ſich unterdeß mit regem Fleiß an das dampfende Getränk gehalten und ſtand jetzt ebenfalls auf, um mit den Männern die Jagd zu verſuchen, während der alte Dehart ruhig ſitzen blieb und den Fiſchern verſicherte, daß er einen andern Keſſel voll, wenn ſie zurückkämen, bereit halten wolle. Gut geſagt, Alter, rief Magnus, indem er ſein Ruder ſchwang, gut geſagt; haltet was Naſſes be⸗ reit, denn wenn wir die Fiſche bringen, dürfen ſie nicht auf dem Trockenen liegen bleiben. Aber nun kommt, und wer die meiſten ſchlägt, ſoll den erſten Zug thun dürfen. Und ſich wieder das Maul verbrennen, wandte 3 Mettel ein, als er den andern Beiden aus der Thür folgte.— Das Waſſer des Miſſiſſippi ſtrömte in den Sumpf zurück, da ſeine Ufer höher als das, wenige hundert Schritte zurückliegende Land ſind; ſteigt daher der Fluß ſo, daß er faſt die Höhe derſelben erreicht, ſo macht er ſich erſt durch einige kleine ſogenannte Slews,— die eigentlich weiter nichts als durch den 147 Fluß ſelbſt ausgewaſchene Canäle ſind,— Bahn und füllt die unermeßlichen Sümpfe des niederen Thales, nur einen einzigen, ſchmalen Streifen trockenen Lan⸗ des, dicht an ſeinen Ufern hin, laſſend, bis er auch dieſen oftmals überſteigt und die Anſiedler nöthigt, in ihren Häuſern, die meiſtentheils drei bis vier Fuß hoch von der Erde errichtet ſind, manchmal für mehre Wochen Zuflucht zu ſuchen; ja, oft ſogar den Schutz ihrer Boote und kleineren Fahrzeuge in Anſpruch zu nehmen, um ſich in dieſen, mit ihrem wenigen Haus⸗ geräth Meilen weit mit dem Strom hinuntertreibend, auf die erſten Hügel, die ſie erreichen können, zu retten. Zahlloſes Vieh geht bei dieſen Ueberſchwem⸗ mungen zu Grunde und von ſeinem Platz wegge⸗ ſchwemmtes Klafterholz bedeckt den Fluß, während nicht ſelten ſelbſt ein, ſeinen Stützen entriſſenes Block⸗ haus zwiſchen den Stämmen und Trümmern auf der Oberfläche des angeſchwollenen Rieſenſtromes dahin⸗ treibt. Die Maͤnner erreichten endlich, dicht am Ufer hin⸗ gehend, den nicht ſehr entfernten Platz und kamen, nachdem ſie noch etwa zweihundert Schritte in's Innere, an der Slew hingekrochen waren(denn an Gehen war dort, zwiſchen den dichten Schlingpflan⸗ 10* 148 zen gar nicht zu denken), zu dem flachſten Platz des Canales, wo ſie ihre Beobachtungen begannen. Hatte ſich aber Mettel ſchon im Hauſe über Mos⸗ quitos beklagt, ſo lernte er hier erſt einſehen, daß die frühere Plage gegen die jetzige nur Spielerei ge⸗ weſen ſei, denn wie raſend umſchwärmten ſie die Fiſcher, die ruhig und bewegungslos daſtehen muß⸗ ten; zu Hunderten flogen ſie auf ein Mal in die Ge⸗ ſichter der Gepeinigten. Magnus! flüſterte Mettel leiſe, als er mit aus⸗ geſpreizter Hand durch die Luft griff, dieſelbe dann ſchnell ſchloß und zuſammenpreßte, während er dem, ſelbſt auf das Fürchterlichſte Gemarterten, die wie⸗ der geöffnete hinhielt, in der etwa zehn der kleinen Peiniger zerdrückt lagen.— Magnus, iſt das hier eine Gegend für einen vernünftigen, lebenden, Athem holenden Menſchen? Glaubt Ihr nicht, daß wenn ſich Jemand hier eine Viertelſtunde lang, nein, nur zwei Minuten unbeweglich herſtellen würde, ſeine Haut wie ein Haarſieb ausſehen müßte? O Magnus! ich bin in ſchlimmen Plätzen geweſen,— in den Sümpfen von Kentucky ſind auch Mosquitos, aber, du großer Gott, das ſind ja nur Kinder gegen— Ein Fiſch, rief Magnus, der trotz Mettel's Je⸗ remiade und den ihn ſelbſt umſchwärmenden Inſer⸗ — —— —-õ—— —— 149 ten aufmerkſam die Oberfläche des Waſſers, auf der jetzt für einen Augenblick eine rothe Floſſe empor— tauchte und ſogleich wieder verſchwand, beobachtet hatte; der Augenblick hatte aber genügt und die Harpune, von John's kräftiger Hand geſchleudert, durchbohrte den Fiſch, der umſonſt ſich von dem mit Widerhaken verſehenen Eiſen loszuarbeiten verſuchte. Mit dem Seile, das von der Harpune aus an der Stange hinauflief und um des Werfenden Hand⸗ gelenk befeſtigt war, zog er ihn an's Ufer, ſchnitt ſeine Waffe mit dem Meſſer wieder frei und erwartete einen zweiten, der, kaum erſchienen, auf ähnliche Weiſe in Sicherheit gebracht wurde. Die Fiſche bleiben aber alle in der Mitte, klagte Magnus, und von hier aus kann man ſie doch un⸗ möglich mit dem kurzen Ruder erreichen. Ja, Ihr müßt in's Waſſer, da iſt weiter kein Rath, lachte John, es iſt auch für Euch das Beſte, denn da laſſen die Mosquitos doch wenigſtens Eure Füße in Ruhe. 3 Mit größtmöglicher Schnelle befolgte Mettel die⸗ ſen guten Rath, und ſchien nicht übel Luſt zu haben, ganz unterzutauchen, um ſeinen Peinigern zu entgehen, eine ſo tiefe Stelle ſuchte er ſich aus; Magnus hin⸗ gegen trat blos bis über die Kniee in die Fluth und 150 erwartete, wie ſein Camerad und Leidensgefährte, mit erhobenem Ruder das nächſte unglückliche Schlacht⸗ opfer. Da ſchwankte dicht neben ihnen ein junger, aus dem Waſſer hervorragender Baumwollenholzſchößling, von dem Anſtoßen eines ſchweren Fiſches an die Wur⸗ zel deſſelben erſchüttert;— mit geſpannter Erwartung ſtanden die Männer für einen Augenblick faſt athem⸗ los, als plötzlich die rothe Floſſe ſichtbar wurde und beide Ruder mit aller nur möglichen Gewalt auf den ſorglos Umherſchwimmenden niederſchmetterten. Nun that allerdings Mettel's Schlag dem Armen wohl ſehr wenig, denn nicht recht wiſſend wie er das Ruder eigentlich halten müſſe, ſchlug er mit der fla⸗ chen Seite auf das Waſſer herunter, daß es weit umherſpritzte; Magnus jedoch traf mit der ganzen Schärfe das Rückgrat des Fiſches, und den Schlag ſchnell wiederholend, ehe jener, durch den Streich betäubt, Zeit gewann wieder zu ſich zu kommen, brachte er ihn auf den Rücken und warf ihn trium⸗ phirend ans Ufer. Mettel, durch Erfahrung belehrt, zielte das nächſte Mal auch beſſer, und dreizehn Fiſche hatten die drei Männer ſchon, in Zeit von einer Stunde mit Rudern und Harpunen erlegt, als auf ein Mal der Zug der⸗ 151 ſelben aufzuhören ſchien, denn in einem ſehr langen Zwiſchenraume ließ ſich auch nicht ein einziger blicken. Die Mosquitos wurden dagegen immer ärger und ein dünner, feiner Regen, der zu fallen an⸗ fing, ſchien ihre Wuth noch zu vermehren, ſo daß Magnus ſelbſt zu klagen begann und verſicherte, in ſeinem Leben noch nie ärger von den verwünſchten Blutſaugern geplagt worden zu ſein. Da regten ſich plötzlich die jungen, aus dem Waſſer hervorragenden Schößlinge von allen Seiten, und„aufgepaßt“, rief John, als er mit der Harpune zum Wurfe ausholte. In demſelben Augenblick plät⸗ ſcherte auch das Waſſer an fünf verſchiedenen Stellen, und überall tauchten die rothen Floſſen empor. Auf Magnus kam nur einer zu und weit ausho⸗ lend ſchlug er, ſich vorbiegend, nach dem gerade an ſeiner rechten Seite vorbei defilirenden Fiſch hinüber, während zu derſelben Zeit zwei andere an Mettel's beiden Seiten hin wollten, die dieſer nun mit einem Doppelhieb zu erlegen gedachte. Schnell und gewandt ſchlug er links auf den unſchuldigen Buffalo und zwar mit ſolcher Kraft hinab, daß dieſer augenblicklich mit dem weißen Bauche an die Oberfläche kam; ohne ſeine Beute aber auch nur eines Blickes zu würdigen, X gegen Magnus hinwandte und ſein zweiter, eben ſo 15² behielt er das andere Opfer im Auge, das ſich jetzt kräftiger Streich bedrohte deſſen Haupt. Man ſagt, wenn der Pfeil vom Bogen, wenn die Kugel aus dem Rohre iſt, dann lenken oft böſe Geiſter die Vernichtungsboten, welche menſchliche Kräfte nicht mehr zurückhalten können— ſo war es mit dem Ruder. Die zu große Schnelle, mit der Mettel ſeinen zweiten Schlag zu führen gedachte, hatte ihm nicht Zeit gelaſſen die Haltung ſeines Ruders zu beobach⸗ ten, das ſich in ſeiner Hand, als er den Fiſch traf, etwas drehte; beim zweiten Niederhauen faßte die Luft in die mit aller Kraft ſchräge herabkommende beutegierige Waffe, und ihr eine ganz andere Richtung als die beabſichtigte gebend, landete die ſcharf zuge⸗ hauene Kante auf dem breiten, mit Nanking bekleide⸗ ten Rücktheil des armen Magnus, der, unähnlich den Fiſchen, welche nach dem Schlag an die Oberfläche kamen, mit einem gewaltigen S Schrei und Sprung in dem gelben, undurchſichtigen Waſſer ſpurlos ver⸗ ſchwand. Aber gedankenſchnell tauchte er wieder empor und Ruder und Fiſch im Stich laſſend, mit beiden Händen den ſchwergetroffenen Theil haltend, floh er ans Ufer und nahm ſich erſt hier Zeit nach Mettel, 153 der, ein Bild des Schreckens und der Verwunderung 5 mit wieder emporgehobener Waffe und geöffnetem Munde im Waſſer ſtand, zurückzuſchauen. Nur John behielt ſeinen Gleichmuth bei, warf den Fiſch, den er gefangen hatte ans Ufer und ſchleuderte dann das Eiſen in den von Mettel's erſtem Schlage getrof⸗ fenen, deſſen weißer Bauch, mit dem Strome weiter treibend, eben noch ſichtbar war, um auch dieſen in Sicherheit zu bringen. Dann wandte er ſich ruhig an Mettel, dem er zurief: So iſt's Recht, trefft Alles was lebt! Verdammt will ich ſein, brummte Magnus, wenn ich mich dann wieder neben ihn ſtelle, denn daß ich leichter wie ein Fiſch zu treffen bin, kann ein Kind einſehen. Magnus, ſagte Mettel, noch ganz erſtaunt und veerwirrt— da wollte ich ja gar nicht hinſchlagen, aber es war wahrhaftig, als ob das Ruder eine ganz beſondere Malice auf Euer Rücktheil gehabt hätte, denn es zog ſich ordentlich mit aller Gewalt dort hin. 5 Magnus ſchien übrigens keineswegs durch Met⸗ tel's Entſchuldigungen zufrieden geſtellt, doch Dehart beruhigte ihn und ſchlug vor, zum Hauſe zurückzukeh⸗ ren und ihre Beute in Sicherheit zu bringen, da ſte ja auch überdieß genug Fiſche hätten und die Mos⸗ quitos wahrhaft unerträglich würden. Seine beiden Gefährten waren vollkommen damit einverſtanden. Wir ſind aber doch nun einmal naß, fuhr John weiter fort, und da wollen wir denn im Waſſer bis an den Miſſiſſippi hingehen, wo wir noch vielen Fiſchen begegnen und großen Spaß haben werden. Mit dieſen Worten trat er ſelbſt in die Slew und zwar zwiſchen Mettel und Magnus, da der Letztere dem Ruder des Anderen unter keiner Bedingung wieder nahe kommen wollte. Langſam, mit gehobenen Waf⸗ fen, wateten ſie nun in der trüben, undurchſichtigen Fluth dahin, bekamen aber keinen Fiſch zu ſehen, bis Magnus nahe am Einfluß in den Strom an einen 9 3 derſelben ſtieß, der ſich augenblicklich wandte und zum Fluß zurück wollte. Da— mit wüthenden Strei⸗ chen, plätſchernd und Wellen werfend, ſtürzten die beiden mit Ruder Bewaffneten über ihn her, immer entging er jedoch ihren Schlägen und näherte ſich ſchon ganz den kleinen Büſchen, die dicht am Ufer des Miſſiſſippi wuchſen und den Eingang der Slew über⸗ hingen, als Mettel in ein, dort wo der Canal ſo flach war am allerwenigſten vermuthetes Loch gerieth und plötzlich untertauchte. Zu gleicher Zeit aber ſauſte nicht verlaſſen. 155 auch Dehart's Harpune über ihn hinweg, der bis jetzt, der beiden Männer wegen keinen ſichern Wurf wagen konnte, und ſie durchbohrte den Fiſch in dem⸗ ſelben Augenblicke, als dieſer im Begriff war den tiefen Strom, der ihn vor allen weiteren Nachſtellun⸗ gen geſichert haben würde, zu erreichen. Als Mettel wieder ans Tageslicht kam, zappelte und ſchlug der gefangene Fiſch an der Leine und war bald ans Ufer gezogen; Magnus aber, durch Mettel's unfreiwilliges Bad ganz zufrieden geſtellt, hatte ſeine gute Stimmung wieder gewonnen und Alle kehrten, zwar naß wie die Katzen, aber doch heiter und guter Dinge zu Dehart's Hauſe zurück, dort dem verſpro⸗ chenen Trank Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, während John einen Negerknaben nach der Slew zurück⸗ ſchickte, um ihre Beute mit einem Kahn nachzuholen. Am nächſten Tage wollten die drei Männer nun zwar ihren Fiſchfang wiederholen, der Strom war aber in derſelben Nacht wohl um zehn Zoll geſtiegen und fuhr auch fort zu wachſen, bis der Miſſiſſippi endlich die Ufer überſchwemmte und das Waſſer nur noch durch die vier Fuß hohen Blöcke, auf denen das Gebäude ruhte, abgehalten wurde in die Stube zu laufen. Dehart's konnten elf Tage lang ihr Haus N L Hierät war denn auch, wenigſtens für dieſes Frühjahr, der Fiſchfang beendet, denn ſobald der Fluß wieder anfängt zu. fallen, und ſei es nur um einen halben Zoll, ſo kehren alle Fiſche, die in die Sümpfe gezogen ſind, um dort ihre Nahrung nach⸗ zugehen, in deſſen Ufer zurück; ihr Inſtinkt ſagt ihnen, daß ſie, wenn ſie länger zögern, leicht auf dem trockenen Lande zurückgelaſſen werden könnten, und nur wenige von ihnen halten ſich dann noch in dem niederen Lande eine kurze Zeit auf, ehe ſie den, dem Flußbett wieder zuſtrömenden Waſſern folgen. an den Füßen und mit einer grauen, runden Filzmütze Der Oſage. Wei weit im fernen Weſten von Miſſouri, an der Grenze des Oſagen⸗Gebiets, wo nur erſt wenige der kühnen Pionniere, die den zurückweichenden oder vielmehr zurückgetriebenen Indianern auf dem Fuße folgen, ihre Blockhütten aufgeſchlagen hatten und jagten und fiſchten, und ſich dabei ein klein wenig Mais zogen— gerade ſoviel als ſie unumgänglich haben mußten, um nicht ohne Brod zu ſein; da, wo ſogar jetzt noch der Elk oder Rieſenhirſch ſeine Fährten dem fetten Boden der Flußthäler eindrückt, oder die weite, endloſe Prairie durchſtreift, zog eines Morgens ein weißer Jäger, die Büchſe auf der Schulter, das Meſſer an der Seite, in der gewöhnlichen Tracht der „Hinterwäldler“, nur mit Schuhen anſtatt Moccaſins auf dem Kopfe, leiſe und vorſichtig durch den dichten Wald, der ſich hier und da in kleinen offenen Stellen lichtete und die Ausſicht auf ſchmale, mit hohem Gras bewachſene Prairien oder Steppen gewährte. Es war ein wunderlieblicher Maimorgen, wohl noch etwas friſch, die Sonne aber, die ſchon über die Baumwipfel herüberſchaute meinte es gut, ſandte ihre warmen Strahlen durch das dichte Laubwerk der Bäume und trocknete den Thau, der in ſchweren, großen Tropfen an den Grashalmen hing. Der Jäger war ſchon den ganzen Morgen um⸗ hergeſtrichen; aber obgleich er mehre Hirſche in dem thauigen Gras geſpürt und ihren Fährten eine Zeit⸗ lang gefolgt war, obgleich er ſelbſt ein Paar prächtige Böcke*) mit ſchon recht ſtattlichen Anſätzen von Ge⸗ weihen, geſehen hatte, war ihm doch noch keiner zum Schuß gekommen und vergebens ſtrengte er ſeine Augen an, vergebens ſchaute er forſchend umher, ja kroch er ſelbſt mehr als er ging über das feuchte Laub hinweg, es wollte Nichts ſeinen Pfad kreuzen, und unmuthig ließ er ſich endlich auf einem umgefallenen Baumſtamm nieder, um auszuruhen und ſeine Jagd **) Die amerikaniſchen Hirſche, die mehr zum Damm⸗ als Rothwild gehören, werden Böcke und Doen genannt. 159 dann, in der Richtung nach Hauſe zu, fortzuſetzen, uls er in weiter Entfernung einen Schuß hörte. Er lauſchte lange und aufmerkſam, konnte aber Nichts weiter wahrnehmen und lehnte ſich nachläſſig an einen Aſt des Stammes auf dem er ſaß, hinaus⸗ ſchauend auf einen langen ſchmalen Steppenſtreifen, der ſich weit hinein in die dunkle Waldung dehnte und von weißblumigen„„Dogwood““-Bäumen und ſchlanken, hoch über dieſelben hinausragenden Eichen eingefaßt war. Kaum aber zehn Minuten mochte er ſo gelegen und die liebliche Landſchaft betrachtet haben, als da, wo ſich der Wald zu vereinigen ſchien und die Prairie umſchloß, ein Hirſch aus dem Dickicht brach und⸗ vollen Laufes gerade auf ihn zu kam. Schnell ſprang er empor, und machte ſich fertig ſeine Beute in Empfang zu nehmen, die, wie es ſchien, ſorglos angeſetzt kam; als ſich aber der Bock, denn ein ſolcher war es, näherte, erkannte das ge⸗ übte Auge des Jägers bald daß er nicht mehr ganz geſund, ſondern angeſchoſſen ſei, und das Langſame ſeiner Bewegung nicht von einem Gefühle der Sicher⸗ heit, ſondern von Schwäche und Mattigkeit her⸗ rühre. Nichtsdeſtoweniger blieb er im Anſchlag liegen, 160 und als ſich ihm das verwundete Thier auf etwa ſechszig Schritte genähert hatte, pfiff er es an. Es ſtutzte— hielt— und brach im nächſten Augenblick, von der ſichern Kugel getroffen, zuſam⸗ men. Ruhig blieb er auf ſeinem Standpunkt ſtehen, lud wieder und trat dann zu dem Gefallenen, um ihn abzuſtreifen, als er durch die Prairie einen Indianer, mit einem andern geſchoſſenen jungen Hirſch auf den Schultern, in vollem Laufe der Fährte des verwun⸗ deten Thieres folgend, ankommen ſah. In einem kurzen Trab, kaum wie es ſchien die Laſt achtend die er trug, näherte er ſich, warf, als er den Erlegten erblickte, ſchnell ſeine Beute von den Schultern und begann, ohne auch nur im Geringſten den weißen Jäger zu beachten, den Hirſch von ſeiner Haut zu befreien. Aber lieber Freund, ſagte der Abkömmling der Europäer, es ſcheint Euch ſehr gleichgiltig zu ſein, wer den Hirſch geſchoſſen hat, ſo Ihr nur die Haut bekommt, nicht ſo? Ich ſollte doch denken, daß ich auch einiges Recht dazu hätte, denn ohne mein Stück Blei möchten Eure Finger wohl ſchwerlich von ſeinem Blute roth geworden ſein! Hierher gucken! ſagte der rothe Sohn der Wäl⸗ e —— —— 161 der, auf die Keule zeigend, in der vier kleine Wun⸗ den, von Rehpoſten herrührend, ſichtbar waren, und ohne ſich im Mindeſten in ſeiner Arbeit ſtören zu laſſen.— Mir! fuhr er dann in ſeinem gebrochenen Engliſch fort, indem er ſich mit dem Stiel ſeines Scalpirmeſſers auf die Bruſt klopfte— mir erſt ge⸗ ſchoſſen, nachher weißes Geſicht— mir Haut— weißes Geſicht Fleiſch; und mit bewunderungswür⸗ diger Schnelle beendete er ſein Geſchäft des Abſtrei⸗ fens, während der Weiße dabei ſtand und nicht übel Luſt zu haben ſchien, dem wilden Geſellen mit Büchſenkolben oder Meſſer beſſere Sitte zu lehren. Dieſer jedoch behielt ihn von der Seite immer ſcharf im Auge und beobachtete, wohl ſolchen Vorſatz ver⸗ muthend, jede ſeiner Bewegungen. Er war kräftig und ſtark gebaut und die Farben mit denen er bemalt, der Schmuck mit dem er behangen war, kündete den Krieger an, den manche ehrenvolle Narbe über Bruſt und Schultern, als ihm die wollene Decke bei der Arbeit herunterrutſchte, gerade als keinen Feigling bezeichnete. Endlich war er fertig, zog ſeine Decke wieder über die Achſeln, hing das eben abgeſtreifte Fell um, hob ſich auf daſſelbe noch den erſtgeſchoſſenen Hirſch, ergriff dann ſein Schrotgewehr, und dem Weißen ein Gerſtäcker, Miſſiſſippi⸗Bilder. J. 11 flüchtiges„Good bye“ zurufend, ſchritt er ſchnell und, wie es ſchien, nicht im Mindeſten durch ſeine Bürde beläſtigt, dem Dickicht zu, in dem er wenige Minuten darauf verſchwand. Halb lachend, halb ärgerlich ſah ihm der Weiße noch eine Zeit lang nach, dann aber war es, als ob der Zorn für einen Augenblick die Oberhand gewin⸗ nen wollte; er ſtampfte heftig mit dem Fuß auf den Boden und machte eine Bewegung, dem Indianer in vielleicht keiner ganz freundlichen Abſicht zu folgen, doch mochte er ſich wohl eines Beſſeren beſinnen, blieb ſtehen, ſah eine kurze Zeit vor ſich nieder auf den abgeſtreiften Hirſch, und brach dann in ein helles Gelächter aus. Hol' ihn der Böſe, rief er endlich, als er ſein Meſſer aus dem Gürtel nahm und neben dem Wild⸗ pret niederkniete— größere Unverſchämtheit iſt mir in meinem Leben noch nicht vorgekommen— kühles Blut— ächt Indianiſch! Aber laß ihn zum Henker gehen, er hat mir doch das Wildpret gelaſſen; iſt üb⸗ rigens ſehr ungewiß, ob ich ſelbſt das hier hätte, wenn ihm das andere nicht ſchon Mühe genug machte. Während er die letzten Worte ſo vor ſich hin in den Bart murmelte, trennte er die Keulen und den Rücken vom Vordertheil, ſtand dann auf und ging —— 163 zu einem jungen Hickory, von dem er einen Streifen Rinde abſchälte, ſich das Fleiſch damit umzuhängen. So, fuhr er dann in ſeinem Selbſtgeſpräch fort, als er die Büchſe ſchulterte und dieſelbe Richtung ein⸗ ſchlug die der Indianer genommen hatte— ſo, da habe ich doch wenigſtens ein Stück Fleiſch und komme nicht leer nach Hauſe; der Onkel wird aber ſchön lachen, wenn ich die Haut nicht mitbringe.— Ver⸗ damm' den Burſchen! ich wollte doch ich hätte ihn nicht ſo bereitwillig fortgelaſſen!— Nun, er läuft mir wieder ein Mal über den Weg, dann ſoll er mir für die Haut nachzahlen müſſen; und noch lange vor ſich hin brummend zog er dem Hauſe ſeines On⸗ kels zu. Dieſer, ein alter freundlicher NYankee,*) der vor etwa fünf Jahren von Connecticut nach St. Louis gekommen war und ſich erſt ſeit etwa zehn Monaten ſo weit im fernen Weſten niedergelaſſen, hatte dies natürlich aus keiner andern Urſache gethan, als um mit den Indianern Handel zu treiben und ihnen ihre Felle ſo billig wie möglich abzunehmen, hingegen ſeine Waaren, die ſie von ihm, aus Mangel eines *) Eingeborene Amerikaner der Vereinigten Staaten, aus dem Nord⸗Oſten. 11* 164 anderen Händlers in der Nähe, kaufen mußten, ſo hoch als möglich anzuſchlagen. Dennoch hatte er, trotzdem daß er bei dem Handel ſchon viel Geld ver⸗ dient und die armen, unwiſſenden Indianer oft, ja faſt bei jedem Geſchäft übervortheilte, dieſe durch ſein immer freundliches, gemüthliches Weſen(er war, ganz unähnlich den Yankee's, ein kleiner, dicker Mann, und alle kleinen dicken Männer ſind gemüthlich) ſo für ſich eingenommen, daß ſie gern und willig mit ihm verkehrten und ſich nie, ſelbſt nicht bei ihren hef⸗ tigſten Streitigkeiten die keineswegs ſelten vorfielen, feindlich gegen ihn benahmen. Er trieb, wie alle dieſe Kaufleute oder beſſer Krämer, an den Indianiſchen Grenzen, ja ſelbſt in den weſtlichen Anſiedelungen, faſt nur Tauſchhandel und gab für Felle und geräuchertes, oft auch friſches Fleiſch, für Pelze und gegerbte Häute, für Bärenöl und Honig, wieder ſolche Waaren, deren die In⸗ dianer bedurften, als: Pulver und Blei, Decken, Eiſenwaaren(wie Tomahawks und Meſſer), Büchſen, Zinnober, Glascorallen ꝛc. ꝛc.; ſein Haupthandel be⸗ ſtand aber in dem verbotenen Whiskey,*) den er um ſo theuerer an die Indianer abließ, da dieſe wußten **) Maisbranntwein. Tom. 165 daß es ihm durch das Geſetz von ſeinem großen Häuptling verboten war, ihnen das„fließende Feuer“ weder zu ſchenken noch zu verkaufen. Er hielt auch aus dem Grunde die Fäſſer unter dem Hauſe vergra⸗ ben, obgleich er in dieſem abgelegenen Theil des Staates wenig Nachſuchung zu fürchten hatte. Der Alte ſaß vor der Thür ſeines kleinen Waa⸗ renlagers und ſchaute behaglich rauchend einem Volk großer ſchwarzer Truthühner(aus Ciern der wilden auferzogen) zu, die um ihn herum die zerſtreuten Körner und Saamen aufpickten, als den kleinen Fußpfad entlang, der aus dem Walde gerade auf ſein Haus zuführte, unſer ſchon vorher eingeführter Indianer ſchnellen Schrittes daher kam, und tief Athem holend ſeine Laſt zu den Füßen des Yankee's abwarf. Hallo Tom, rief dieſer, dem Wilden die Hand entgegenſtreckend, haſt wacker getragen! Nun was bringſt Du? zwei Felle und ein Stück roh Fleiſch? — bäh! iſt das die ganze Jagd? Gut— ſetze den Fall, Ihr geht— nehmt Flinte — kriecht durch Büſche— kriecht durch die Prairien auf Bauch— weit— weit— ſchleicht an Hirſch — ſetze den Fall, Ihr ſchießt nichts! erwiederte 166 Wohl möglich! lachte der Alte, ich müßte mich auch gut ausnehmen, wenn ich im naſſen Graſe auf dem Bauche herumkriechen wollte— nein— nein; ich bin übrigens nie ein Jäger geweſen und das einzige Große, was ich je geſchoſſen habe, war bei St. Louis eine von meines Schwagers Kühen, als wir ein Mal Nachts mit der Fackel eine Feuerjagd machen wollten. Der Indianer verzog den Mund zu einem breiten Lachen. 8 3 Euer Schwager wird recht Freude gehabt haben, 8 fuhr er nach einer kleinen Pauſe wieder ganz ernſtlich fort. Ja! Er ſchwur, ich dürfe nie wieder eine Büchſe anrühren, ſo lange ich mich in der Nähe ſeiner Kühe und Schweine befände— nun ich war damit zufrie⸗ den— aber Tom, was führt Dich zu mir? was willſt Du für Deine Felle haben? ſoll ich denn das 4 Fleiſch auch behalten? Guter fetter Bock, ſagte Tom, den Hirſch herum⸗ drehend, daß der Alte den breiten Rücken ſehen konnte, — nicht ſo breit wie Ihr! fuhr er grinſend fort, aber viel breit, ſehr viel breit. Nun gut, komm! trag es hier in den Laden, da 8 kann ich Dir gleich was Du dafür haben willſt 167 geben, erwiederte Jener und ſchritt ihm voran in das kleine Gebäude, während der Indianer ſeine Schrot⸗ flinte auswendig daran lehnte und ihm mit ſeiner Beute folgte. Drinnen angelangt, legte er Alles auf den Laden⸗ tiſch und begann dann zwiſchen den Waaren, die überall zur Schau aushingen, umherzublicken, als ob er ſich Etwas ausſuchen wollte. Nun Tom, was willſt Du heute Morgen haben? fragte ihn endlich der Alte; heraus mit der Sprache. Wenig Pulver, wenig Blei, wenig Meſſer, wenig Tabak und viel Whiskey! ſagte Tom. Whiskey? pfui Tom, verwies ihn jener, Du weißt, ich darf keinen Whiskey verkaufen und möchte nicht, um alle rothen Felle die in Miſſouri herumlau⸗ fen, Unannehmlichkeiten, ſolch verbotenen Handels wegen, haben. Tom, Du willſt mich nur auf die Probe ſtellen! Ich ein guter Indianer! betheuerte Tom, die Hand auf die Bruſt legend, ich ein ſehr guter In⸗ dianer— habe weißen Mann lieb, thue Alles für weißen Mann, gehe in die Kirche; ich ein ganz guter Indianer! Aber weißt Du wohl, widerlegte ihn der Händler, daß kein guter Indianer Whiskey anrührt? daß die 168 guten Indianer ihn alle verſchmähen, und daß nur die Böſen, Nichtsnutzigen das Feuerwaſſer trinken? Ich kein guter Indianer— ich ein verdammter Schurke! entgegnete Tom höchſt ernſthaft. Ja, wenn das iſt, lachte der Alte laut auf, da muß ich wohl herrücken, und ſchmunzelnd ſchenkte er dem Indianer ein volles Glas ein, das dieſer mit einer gar freundlichen Miene leerte. Kaum war Tom mit ſeinem erlegten Wilde in das Haus getreten, als der Neffe des Yankee's, eben derſelbe Jäger, dem Tom an dieſem Morgen ſo ohne Weiteres den Hirſch abſtreifte, am Hauſe erſchien. Er hatte den Indianer erkannt und warf fluchend ſein Hirſchfleiſch von der Schulter, als er deſſen Plunt⸗ am Hauſe lehnen ſah. Warte Schurke, murmelte er für ſich hin, Du ſollſt doch wenigſtens Deinen nächſten Schuß fehlen, dafür will ich ſorgen, und wenn ich kein Fell habe, magſt Du, auf dieſe Ladung Pulver wenigſtens, auch keins mit heim bringen. Damit ſchlich er ſich leiſe an die Flinte hinan, zog mit ſeinem Kretzer ſchnell den oberſten Pfropfen heraus und ließ ſich die Schrote in die Hand laufen; damit aber noch nicht zufrieden, nahm er den andern Pfropfen ebenfalls und ſetzte einen neuen auf, daß —— ———— 169 ſich ja kein Schrot in jenem hätte verhalten und doch vielleicht noch tödten können, lehnte dann die Flinte wieder an ihre alte Stelle und trat, als ob er eben käme, zu den Männern in den Laden. Tom hatte ſeine Einkäufe beſorgt, ſteckte, was er für ſeine Jagdbeute erhalten, in die Kugeltaſche die an ſeiner rechten Seite hing, ſetzte nochmals das Glas an, das er ſchon zum zweiten Male leer getrun⸗ ken, und ſog die letzten Tropfen heraus, trat dann vor die Thür, ergriff ſeine Flinte und war im Begriff, nach kurzem Gruß den Weg zu ſeinem Dorfe einzu⸗ ſchlagen, als die Truthühner ſeine Aufmerkſamkeit erregten, die eben, durch einige ihnen vorgeworfene Maiskörner herbeigelockt, die Köpfe Alle zuſammen auf einem Punkt hielten und dadurch ein herrliches Ziel boten. Tom bemerkte es und lächelnd auf ſie anſchla⸗ gend, rief er zum alten. Kaufmann zurück: Ich ſehr froh— ſolchen Schuß draußen im Wald! Und ich wette einen Dollar Du triffſt keinen! rief der junge Mann, der die Gelegenheit ſchnell ergriff ſich an dem Indianer zu rächen. Ich keinen Dollar haben, antwortete Tom ganz ruhig;— alte Mann aber hat Otterfell von mir— groß Otterfell— werth ein Dollar und ein halb 170 Dollar— Ihr wettet ein Dollar und ein halb Dollar dagegen— ich treffen viel— viel von denen da! Topp! rief jener, hier ſind meine anderthalb Dollar— und verlierſt Du, ſo zahlt mir Onkel das Otterfell! Gut, ſagte der Indianer und zog den Hahn ſeiner Flinte auf, um nach dem Pulver zu ſehen. Der Alte wollte Einwendungen dagegen machen, denn er hielt es gar nicht für möglich daß der Indianer fehlen könne, und fürchtete ſein Neffe werde das Geld wirklich bezahlen müſſen, doch gab ihm dieſer ſchnell einen Wink und leicht beruhigte er ſich, als er den wahren Stand der Sache ahnte.— Den Indianer anzuführen hielt er für nicht mehr als recht. Tom hatte ſich unterdeſſen überzeugt daß das Pulver in der Pfanne trocken und in gutem Zuſtande ſei, legte alſo an, zielte und— drückte ab. Bei dem ſo nahen Schuß(kaum 30 Schritte von ihnen entfernt) flatterten die Truthühner erſchreckt empor und zer⸗ ſtreuten ſich; keines von allen aber fiel oder gab nur das mindeſte Zeichen daß es verwundet ſei. Tom ſtand wie verſteinert und ſchaute bald ſeine Flinte, bald die Hühner, bald die beiden Männer an; der Jüngere aber ſprang und jubelte und lachte und geberdete ſich wie toll; endlich, als er wieder 171 zu Worte kommen konnte, rief er, immer noch mit vor Lachen halb erſtickter Stimme: Guter Tom, guter Tom, wo iſt Dein ein Dol⸗ lar und ein halber Dollar für das Otterfell? o, guter Tom! und wieder begann er zu tanzen und zu ſprin⸗ gen; Tom aber war ſehr kleinmüthig und meinte, ſeine Decke feſt um ſich herumziehend: Tom zu viel Whiskey— nicht gut! macht Kopf ſchwer und Hand zittern— Tom keinen Whiskey mehr trinken! und damit trollte er in ſeinem ſchwe⸗ benden Gang dem Walde zu, in dem er bald darauf verſchwand. Vierzehn Tage mochten nach dieſem Vorfall etwa vergangen ſein, als eines Nachmittags, wo die beiden Weißen, Onkel und Neffe, gerade wieder zuſammen vor der Thür des Waarenhauſes ſaßen, Tom denſel⸗ ben Weg daher geſchlendert kam; er trug dies Mal einen ganzen Pack zuſammengebundener getrockneter Felle, ſowohl von Hirſchen als Ottern und ſah ordentlich und ehrbar aus, doch verfinſterte ſich ſein Geſicht ein wenig als er den jungen Mann erblickte; er mochte wohl an den Schuß denken. Die beiden Weißen begrüßten ihn aber herzlich, er lehnte, wie das vorige Mal, ſeine Flinte auswendig an's Haus, und ging nach kurzem Geſpräch mit dem 172 Alten in den Laden, dort den neuen Handel abzu⸗ ſchließen. Er ſchien die Truthühner, die ebenfalls wieder auf dem Platze umherliefen, gar nicht zu bemerken; kaum aber waren die Beiden durch die Ladenthür ver⸗ ſchwunden, als der Zurückgebliebene von ſeinem Sitze aufſprang, und in wenigen Secunden mit dem Kretzer aus dem dicht daneben ſtehenden Wohnhaus zurück⸗ kam. Leiſe ſchlich er wie damals an die Flinte, zog ſchnell die Ladung Schrot heraus, verbarg den Kretzer und ſetzte ſich dann wieder ruhig auf ſeinen Stuhl, das Ende des Handels und das Erſcheinen des In⸗ dianers zu erwarten. Dieſer ließ auch nicht lange auf ſich warten; er hatte heute wenig Waaren gebraucht und faſt Alles in baarem Gelde bezahlt genommen, ſchien übrigens wenig Luſt zu haben ein Geſpräch mit den Beiden anzuknüpfen, ſondern ergriff ſeine Flinte und ſagte ihnen ein kurzes Eebewohl. Holla, Tom! rief ihm der junge Mann nach, willſt Du denn heute Dein Glück nicht wieder mit einem Schuß verſuchen? Tom hat nicht ſo viele Dollar! entgegnete kopf⸗ ſchüttelnd der Wilde, indem er ſtehen blieb und nach 173 Jenem zurück ſah; die weißen Männer verſprechen Feuerwaſſer, fuhr er ernſthaft fort, da ſchießt India⸗ ner Alles was vorkommt— Großes und Kleines, Männchen und Weibchen; Indianer liebt Feuer⸗ waſſer. Vor fünf Schneen waren Ottern viel da— ſehr viel— große Ottern und fett— jetzt rothe Mann kann fünf Fallen ſtellen und fängt eine.— Ottern gehen, wo weiße Geſicht kommt— Indianer auch!— Indianer iſt arm! Bah, bah! rief der Jüngere lachend. Du haſt wohl ſelbſt heute Morgen wieder einen tüchtigen* Schluck Whiskey genommen, und fürchteſt zu fehlen. Nein, ſagte Tom, die Hand auf die Bruſt legend, nicht angerührt— nicht mit Fuß! Du ſchwankſt aber doch ſo? fuhr Jener, um ihn zu reizen, lachend fort. Ich ſchwanken? ſagte Tom entrüſtet, gut, ich will ſchießen, will weißem Geſicht zeigen, ich nicht ſchwanken? Gut! hier iſt mein Dollar, ſagte der Weiße, das Geld auf einen umgehauenen Baumſtamm legend. Und hier iſt meiner, ſagte Tom, nicht viel Geld ein Dollar— mir gleichgiltig. Oho, wenn Du ſo mit Geld prahlſt, hier ſind fünf Dollar, anſtatt einer; ſetzeſt du dagegen? 174 Daß ich kein Truthahn treffe? frug vorſichtig der Indianer. Gewiß, war die Antwort, triffſt Du Einen oder mehrere, ſo habe ich verloren. Gut! entgegnete Tom und langte, ohne weiter ein Wort zu verlieren, noch vier andere Dollar, die er eben für ſeine Felle erhalten hatte, aus der Kugel⸗ taſche und legte ſie zu den anderen, nahm dann eine Handvoll Mais aus einem dicht dabei ſtehenden Futtertrog und warf es den Truthühnern hin, trat etwa zwanzig Schritt zurück, zog den Hahn auf, ne und beim Schuß— faatterten vier, zum Tode getroffenen, am Boden und lagen nach wenigen Secunden ſtill und leblos. 4 Mit weitgeöffnetem Munde ſtarrten die beiden Weißen auf das Verderben hin, das Tom's Flinte nicht allein an ihren Truthühnern, ſondern auch in ihrer Börſe angerichtet hatte. Der Alte erholte ſich aber zuerſt wieder, und fing an in allem Ernſt gegen den Erfolg des Schuſſes zu proteſtiren. Wenn irgend eine Rothhaut— wie er ſich in vol⸗ len Zorn hineinarbeitend rief— über ſeine Truthüh⸗ ner oder ſein ſonſtiges Eigenthum wetten wollte, ſo konnte ſte das in Gottes Namen thun, wer ihm aber ſein Geflügel, auf dem eigenen Hofe, und gewiſſer⸗ G 175 9 maßen unter der eigenen Naſe fortſchoß, der mußte auch für die Folgen ſtehen, und den Schaden den er angerichtet hatte mit baarem Gelde erſetzen.— Er ſchien dabei nicht übel Luſt zu haben dem In⸗ dianer den eben gewonnenen Satz wilklich ſtreitig machen zu wollen; der aber, der indeſſen, und ohne weiter auf den Zorn des kleinen Mannes zu achten, ſeine Flinte nun ruhig wieder geladen hatte, ſchritt langſam auf den alten Baumſtamm zu, und erſt als der Kleine in der That Miene machte ihm den Weg zu vertreten, wandte er den Kopf nach ihm um. Aber in dem einen Blick der gar ernſt auf den Weißen fiel lag, ganz dem bisher gezeigten Charakter des Wilden entgegen, ein ſolcher Lavaſtrom voll Zorn, Haß und Rache, daß der Händler erſchreckt einen Schritt zurücktrat, und dem Oſagen ruhig gewähren ließ. Im nächſten Moment leuchtete wieder das alte gemüthliche Lächeln aus den Augen des Wilden— ohne weiter eine Miene zu verziehen, ging er zum Baumſtamm, ſchob leiſe zählend die zehn Dollars, einen nach dem andern in ſeine Kugeltaſche, und warf dann ſeine Flinte wieder über die Schulter. Als er ſich aber zum Fortgehen rüſtete, wandte er ſich noch ein Mal zu den Männern und ſagte freundlich: Setze den Fall, Ihr wolltet ſchießen noch ein 176 2 Mal— heut in acht Tage ich wieder hier— aber, fuhr er vertraulich fort, als er ſich dem jungen Manne etwas mehr näherte— wenn ich komme zu weiß Ge⸗ ſicht, ich immer zwei Schuß Schrot in der Flinte — ſetze den Fall, weißer Mann zieht einen heraus — gut— noch genug drinn vor andern Schuß! Good bye! Der erkaufte Henker.. Eben verkündete im fernen Oſten ein blaſſer Streifen am bewölkten Firmamente den nahenden Tag, als ein einzelner Reiter auf ſchäumendem Roſſe an der Gartenthür des Ferry⸗Hotels in Pointe⸗ Coupée in Louiſiana hielt, und mit donnerndem Klopfen und lautem Ruf die ſchläfrigen Bewohner zu erwecken verſuchte. Endlich öffnete ſich die grlüne, auf die Gallerien führende Thür des Hauſes und der Wirth ſteckte den Kopf heraus. Wer lärmt denn da vorn, als ob es heller Mittag wäre, rief er; glaubt Ihr daß Leute, die um zwei Uhr zu Bette gehn, auch um vier Uhr gewöhnlich wieder aufſtehen? Seid Ihr es, Röttken? frug der Reiter, indem er ſich aus dem Sattel ſchwang und den Zügel ſeines Gerſtäcker, Miſſiſſippi⸗Bilder. J. 12 178 ſchnaubenden Thieres an einen, durch die Latten ra⸗ genden kleinen Zweig befeſtigte. Macht auf, ſchnell— ich habe Eile und muß gleich wieder fort. Wer zum Henker ſeid Ihr denn überhaupt? frug Röttken wieder, ohne die Thür weiter aufzumachen, denn der Wind zog kalt und unfreundlich aus dem Nordweſten hernieder; glaubt Ihr, ich kenne die ganze Anſiedlung an der Stimme? Nun, lachte der draußen, Ihr ſeid der Sache diesmal ziemlich nahe gekommen, zum Henker gehöre ich auch mit, und überhaupt geht den Henker mein Beſuch heute Morgen beſonders an, denn ſeinetwegen kam ich her,— ich bin der Conſtable! Oh, Bedford, Ihr ſeid's— rief der Deutſche, nun wartet, ich mache den Augenblick auf, will mir nur erſt etwas überwerfen! Damit zog er ſich für kurze Zeit zurück, erſchien aber gleich wieder an der Thüre und öffnete die bei⸗ den, inwendig vorgelegten Riegel. Guten Morgen, Röttken! ſagte der Eintretende und ſchüttelte die dargebotene Hand; guten Morgen! ſchließt mir aber vor allen Dingen erſt einmal Euren Schenkſtand auf.— Der unfreundliche Morgenwind hat mich auf eine merkwürdige Art ausgetrocknet. Was führt Euch denn in aller Welt vor Tagesan⸗ *☛ 3 1799 „ bruch hierher? frug Röttken erſtaunt, indem er dem ihm Folgenden voran ins Haus ſchritt und dort ein Licht anzündete.„„ Das ſollt Ihr baldeerfahren, entgegnete; der Con⸗ ſtable, vor allen Dingen erſt etwas zu trinken, dann ſchickt augenblicklich Euren Hausknecht zur Wache an die Fähre und Kähne hinunter und laßt ihn dieſelben, außer er wird abgelöſt, mit keinem Schritt verlaſſen. Halloh— hinter wem ſeid Ihr wieder her? frug Röttken verwundert, indem er die in den Schenkſtand führende Thüre nufſchloß und Floſchen uund Gläſer herausholte. Ein fürchterlicher Mord iſt geſtern Nbend ge⸗ ſchehen, fuhr Bedford fort; Banigct, oben in Pointe⸗ Coupée, gerade über Morgan's Plantage, Ihr kennt ja den Platz, hat ſeine junge hübſche Frau mit der Art erſchlagen und iſt entflohen.. Höll' und Teufel! rief Rötten⸗ benafir zu ihm aufſchauend— Glücklicher Weiſe, erzählte der Conſtahge weiter, ritt Einer der dort wohnenden Creolen noch ſpät am Abend vorbei, und das Schreien und Jammern der Kinder, das er an der Straße, obgleich die Wohnung wohl zweihundert Schritte. abwarts liegt, hören konnte, machte ihn aufmerkſäam,— er hing r — 4 — 2180 . Pferdes Zügel über die Fenz, ging durch das kleine Baumwollenfeld, zwiſchen der niederen Hütte und dem Fahrweg, und öfftiete die Thüre.— Ihr kennt Luizot, er iſt ein großer, ſtarker Mann, aber er ſchwur mir's zu, daß er bei dem Anblick, der ſich dort ihm bot, vor Entſetzen in die Kniee geſunken ſei. Das Feuer im Kamin brannte„hell, und neben ihm, von der rothen flackernden Gluth beleuchtet, ſtand mit bleichem Antlitz der Mörder; das. ſchwarze, lockige Haar wild um ſeine Schläfe flatternd— in der Hand noch, wohl bewußtlos, die Art, mit der er den tödtlichen Streich geführt; zu ſeinen Füßen aber, das blaſſe ſchöne Antlitz von Blutflecken entſtellt, die langen rabenſchwarzen Logken mit dem rothen Lebensſtrom getränkt, und die Stirn weit klaffend geſpalten, lag ſein Weib, während ſich die Kinder, von Todesfurcht und Angſt getrieben, in einen Winkel geflüchtet hat⸗ ten und den kleinen Raum mit ihrem Zetergeſchrei erfüllten. 2 Banizet hörte das Eintreten des Freundes nicht, ſah ihn ſekbſt nicht; ſtarr nur hafteten ſeine Augen an der lehkoſen Geſtalt des gemordeten Weibes und ein geiſterhaftes Lächeln ſtahl ſich über ſeine Züge. Da rief Luizot ſetnen Namen, und wie von einer We getroffen, ſprang er empor; die Art entfiel 4 181 ſeiner Hand, ſeine Blicke richteten ſich auf die offene Thür und die Geſtalt des Mannes, und in dem Moment ſchien auch das ganze Schreckliche ſeiner That wie ſeiner Lage auf einmal vor ihm aufzuſteigen. Mord! Mord! ſchrie er, daß ſelbſt die Kinder, einen Augenblick, von den nicht mehr irdiſch klingen⸗ den Tönen erſchreckt, ſtille ſchwiegen, und floh mit einem Satz in die benachbarte Kammer und von da ins Freie. Luizot verſuchte ihm zu folgen, vielleicht mehr in der Abſicht ihn zu tröſten als zu fangen, aber es war nutzlos; in den Baumwollenfeldern vermochte er ihn nur eine kurze Strecke im Auge zu behalten, bis er die Fenz erreichte, welche Morgan's Zucker⸗ plantage umſchließt und wo er in dem dichten Rohre augenblicklich verſchwand. Luizot ging jetzt zu dem Hauſe zurück und nahm die Kinder von dem Schrek⸗ kensorte mit ſich fort zu ſeiner eigenen Wohnung, weckte aber unterwegs an mehren Orten die Nachbarn, erzählte das Vorgefallene und forderte ſie auf, Hilfe zu leiſten.— Hilfe? Die arme Frau bedurfte keiner Hilfe mehr, aber Rache wollten die Männer, und der größte Theil von ihnen durchſtreift jetzt in allen Rich⸗ tungen die Felder und den Sumpf, während Einer zum Richter herunter ſprengte und unterwegs alle die Pflanzer, welche Kähne am Ufer hatten, aufforderte, dieſelben zu bewachen. Zu gleichem Zweck iſt ein Bote bis hinauf nach Fiſcher's Laden geſandt und ich will hinunter bis Waterlow; alſo, habt Acht auf Eure Kähne hier, denn es iſt ſogar wahrſcheinlich, daß der Burſche bis hierher durch die Felder geflüchtet iſt, und hier unten entweder Eueres, oder eins von Taylor's Booten zu benutzen gedenkt. Nun, tragt keine Sorge, verſicherte Röttken; mein Hausknecht ſoll mit der Doppelflinte am Ufer halten, ſich aber wohl in Acht nehmen dem Hund den Hals nicht zu beſchädigen, damit Ihr ihn noch bequem hängen könnt. Das wäre alſo abgemacht, entgegnete der Con⸗ ſtable und leerte ſein zweites Glas Brandy, jetzt muß ich aber fort; übrigens mag ſich Einer von Curen Männern immer ein wenig rüſten, denn wir brauchen viele Leute um ihn aufzuſtöbern, da er die Sümpfe oder Felder noch nicht verlaſſen haben kann. Wie ich höre, wollen Morgan und Beauvais ihre ſämmtlichen Sklaven aufbieten und vielleicht beweg' ich Taylor hier unten auch noch dazu, wenn ſich der verdammt geizige Burſche überhaupt bewegen läßt; dann können wir eine richtige Jagd anſtellen; alſo ade, macht Eure Sachen gut und paßt gehörig auf. Damit trat er wieder vor die Thür, ſchwang ſich in den Sattel und 183 1 galoppirte auf ſeinem kleinen Mustang den breiten Fahrweg entlang, welcher ſich zwiſchen den eingefenz⸗ ten Feldern und dem Miſſiſſippi am Fluß hinunter zog, der etwa eine Meile tiefer liegenden Plantage des alten Taylor zu. Röttken folgte indeſſen den gegebenen Anweiſun⸗ gen, und der Hausknecht, ein geborner Elſaſſer, der nun freilich noch keine Flinte in der Hand gehabt hatte, hier aber als Wachtpoſten für tüchtig genug befunden wurde, trat eben in die Thüre um nach den Booten hinab zu gehn, als Einer der Neger, die im Hauſe mit arbeiteten, an den Wirth heran glitt und ihm zuflüſterte: Maſſa— Maſſa— da— über Straße weg— Mann ſchleichen— weiße Hoſen! Der Teufel auch! rief Röttken. Weißt Du das gewiß, Scipio? Ich ſicher! ſagte dieſer— gerade dort an Ecke. An Deinen Poſten, Gottlieb, ſchnell! rief Rött⸗ ken, indem er ſeine Büchsflinte ergriff. Iſt's der Schurke, ſo ſoll er nicht lebendig fort; aber dort kommen wahrhaftig auch ſchon die Creolen gut, jetzt haben wir ihn ſicher!— Du, Scipio, ſchleichſt Dich an der Levée*) hin! Hier! nimm den alten *) Der aufgeworfene Damm am NMiſſiſſippi. wo möglich das andere Ufer zu erreichen und wenig⸗ 184 Säbel und hau' dem Kerl in die Beine, wenn Du nahe genug kommſt; und Du, Gottlieb, bleibſt hier hinter dem kleinen Buſch liegen oder hinter dem alten Stamm dort, wo Du die Boote beſchießen kannſt— Du haſt doch ſchon geſchoſſen? Gottlieb grunzte: ich werde doch ſchießen können! Gut, kommt er zum Boot, ſo rufſt Du ihm zu, ſich zu ſtellen, und thut er's nicht— Feuer! aber auch in die Beine— ſchont des Schurken Hals. Ich will indeſſen ganz offen auf der Straße hinunter⸗ gehn und pfeifen, als wenn ich von gar nichts wüßte — bis ich ihm den Weg abgeſchnitten habe— alſo ans Werk! Scipio war ſchon katzenartig, mit einem gewal⸗ tigen alten Cavallerieſäbel in der Hand, fortgekro⸗ chen und auch Gottlieb hatte ſeinen Platz einge⸗ nommen; die Creolen aber hielten einen Augenblick neben der Kirche, bei einem ihrer Bekannten, um dieſen wahrſcheinlich zur Theilnahme aufzufordern. Banizet— die Geſtalt, welche das ſcharfe Auge des Negers über die Straße hatte gleiten ſehen— ſchlich indeß dicht am Waſſerrande, unter dem Schutze einiger dort angeſchwemmten Stämme, den Booten zu, die, wie er wußte, nie angeſchloſſen lagen, um 185 ſtens der augenblicklichen Gefahr des Gefangenwer⸗ dens zu entgehen. Daß der Eigenthümer der Boote gewarnt war wußte er, denn er hatte das Pferd des Conſtables auf der Straße hinab galoppiren hören; er hoffte aber ihn noch nicht vorbereitet zu finden, und näherte ſich ſchnell den an der großen Fähre angehangenen Kähnen, dabei gleichwohl das Ufer und den über ihn hinausragenden Damm ſcharf im Auge behaltend. Da ſah er wie ſich etwas hinter einem der Stämme bewegte— es war Gottlieb, der, um bequemer zu ſitzen, in ſeinem Verſtecke herumrutſchte und dabei die Flinte hoch emporhielt, damit ſie nicht etwa von ſelber losgehen möchte.— Zu gleicher Zeit vernahm er das Pfeifen des Deutſchen auf der Straße und wußte ſich augenblicklich entdeckt. Nur ein raſcher Entſchluß konnte ihn retten, und ſeine Verfolger nicht mit Un⸗ recht alle unterhalb der Boote vermuthend, ſchlich er ſchnell und geräuſchlos auf ſeiner Bahn fort, ließ ſich, von einer alten Baumwurzel bedeckt, leiſe in das Waſſer und bewegte ſich langſam bis an die Boote hinan. Wohl ſah er ein, daß es nicht möglich gewe⸗ ſen wäre, unter dieſen Verhältniſſen eins zu entfüh⸗ ren, watete daher hinter ihnen hinauf bis zur Fähre, paſſirte ſie ebenfalls und kroch nun gerade über der⸗ 186 ſelben ans Land. Seine einzige Rettung lag jetzt darin, die ihn verbergenden Felder und den Sumpf dahinter wieder zu erreichen, denn die Flucht über den Strom war ihm für den Augenblick abgeſchnitten, er kauerte ſich alſo hinter eine, dort am Ufer aufge⸗ ſetzte halbe Klafter Holz nieder, ſtrich mit den Händen das Waſſer aus den Haaren und Kleidern, zog ſogar ſeine Stiefeln aus, um auch dieſe von dem Waſſer zu befreien, welches darin geſammelt, ihn auf der Flucht zu ſehr gehindert haben würde, und war eben mit allen Vorrichtungen fertig, als er die Hufſchläge der herangaloppirenden Creolen vernahm. Daß es ſeine Verfolger waren wußte er, und es galt nun das Aeußerſte zu wagen, oder gefangen zu werden. Mit gewaltigem Sprung ſetzte er, gleich beim Anlauf über einen dort liegenden Stamm hinweg und rannte die ſteile Uferbank hinauf. 3 Gottlieb, mit der Flinte in der Hand, hatte nun zwar aufgepaßt, aber keineswegs auf dieſer Seite den Verfolgten vermuthet, und erſchrak ſo über das plötzliche Auftauchen des Flüchtigen, daß ſein Finger unwillkürlich den Drücker berührte und der Schuß in die Luft ging. In demſelben Augenblick erreichte Banizet den Kamm des niederen Dammes und ſah ſieben oder acht 187 Reiter in geſtreckter Carriere, durch den Schuß zur wildeſten Eile angeſpornt, kaum hundert Schritt von ſich entfernt heranſprengen; aber nicht minder nahe war ihm Gottlieb, der jetzt, ſeinen Fehler wieder gut zu machen und gar nicht an das zweite, noch ge⸗ ladene Rohr denkend, mit gehobenem Flintenkolben herbeieilte. Von beiden Seiten bedrängt, blieb ihm keine Wahl, als die zehn Fuß hohe Fenz, welche den Weg entlang lief, zu überklettern und ohne ſich zu beſinnen durchmaß er mit wenigen Sätzen den Fahr⸗ weg und klomm an den über einander gelegten Stangen katzenſchnell empor. Aber auch die Creolen ſprengten heran und Scipio mit ſeinem Säbel war kaum noch zwei Schritte von ihm, als er ſich auf den oberſten Riegel ſchwang. Unter ihm brach das morſche Holz zuſammen, doch ſtürzte er in das Innere der Einfriedigung, und floh im nächſten Au⸗ genblicke durch eine etwa hundert Schritt breite Wieſe, die am anderen Ende ein eben ſolcher Zaun von den dahinter liegenden Feldern trennte. Zwar wurden, als er den offenen Raum durchlief, mehre Piſtolen nach ihm abgefeuert, glücklich erreichte er aber die zweite Fenz und hatte auch dieſe ſchon erſtiegen, als wieder ein Schuß fiel und der Flüchtling einen wilden Schmerzensſchrei ausſtieß. Es war Röttken's Büchſe — 188 geweſen. Dieſer, der eben auf dem Kampfplatz an⸗ langte, als Banizet über den eingefenzten Raum ſprang, hatte nicht eher zum Schuß kommen können, bis jener ſich, an der ſteilen Fenz emporkletternd, einen Augenblick ſtille halten mußte. Seine Kugel ſaß. Der Verwundete entkam aber doch in das da- hinter liegende Feld und war in wenig Augenblicken zwiſchen den Baumwollenſtauden verſchwunden. Der Tag begann indeß zu dämmern und ein feuch⸗ ter, dünner Nebel legte ſich auf das niedere Land der Anſiedelung, bis er ſich immer mehr verdichtend, bald in ſchweren undurchſichtigen Maſſen auf der Ober⸗ fläche des Stromes ruhte und, von den einzelnen Windſtößen nicht getrennt, faſt wie ein ganzer, in ſich ſelbſt zuſammenhängender Körper fortgeſchoben zu werden ſchien. Die Creolen waren ſämmtlich von den Pferden geſprungen, befeſtigten dieſe an der Fenz und wollten eben dem Flüchtigen folgen, als ein großer gelber Hund, von der Brakenart, heulend auf einer Fährte unterhalb des Hauſes über die Fenz ſprang, zum Rande des Waſſers lief, dieſem aufwärts bis da, wo Banizet wieder ans Ufer gekrochen war, folgte, hier an dem aufgeſchichteten Holz einen Augenblick ſtehen blieb, dann die Spür ſeines Herrn, denn Alle erkann⸗ — 2 — 189 ten ihn für Banizet's Hund, annahm und im Begriffe war durch die Fenz, die er nicht überſpringen konnte, zu preſſen, als ſich Scipio in demſelben Augenblick, da er mit halbem Leibe hindurch war, auf ihn warf. Es gelang ihm auch das aus allen Kräften dagegen ankämpfende und wild um ſich beißende Thier, mit Hilfe einiger Anderen, die ſchnell ſeine Abſicht errie⸗ then, zu halten und eine Leine, die Röttken aus dem Hauſe holte, um ſeinen Hals zu befeſtigen. Yah— yah— yah— lachte der Neger ſtill in ſich hinein, als der Hund endlich ein wenig ruhiger wurde. Jetzt keine Noth mehr— eigene Hund findet am Beſten eigenen Herrn— Maſſa, Hund halten— Scipio legt Fenz nieder; und damit beeiltaeer ſich, als er mehre der Creolen um den Hund beſchäftigt ſah, der immer noch ſein Beſtes verſuchte ihren Händen zu entgehen und der Spur des Herrn zu folgen, die ein⸗ zelnen Fenzſtangen auseinander zu legen, um einen Durchgang zu bilden. Bald war das geſchehen, ſchnell die innere Einfriedigung durchſchritten, wo das treue Thier den es an der Leine Führenden, faſt im Laufe hinter ſich her zog und an der zweiten Fenz wieder von Zweien gehalten werden mußte; jetzt aber witterte es den Fleck, auf den ſein Herr niedergeſprungen und der mit deſſen Blute benetzt war. Es blieb ſtehen— 190 8 beroch die Fenz und dann die Erde— nachher die mit Blut benetzten Gräſer und Blätter,— hob den Kopf in die Höhe und ſtieß dann ein ſolch klagendes wildes Geheul aus, daß ſelbſt die Creolen ſich ſchaudernd anſahen und Keiner ein Wort zu ſprechen wagte. Nicht lange aber dauerte bei dem treuen Thier dieſer Ausbruch des Schmerzes; in raſtloſer Eile folgte es jetzt, ſo ſchnell es ihm die Leine verſtattete, der Fährte des Entflohenen, durch das lange Baum⸗ wollenfeld bis zu der Stelle, wo es vom Sumpf be⸗ grenzt wurde, auch hier noch watete der Hund, hie und da die im Waſſer ſich verlierende Spur an her⸗ untergebrochenen Aeſten und im Sumpfe umherge⸗ ſtreuten Stämmen wieder erkennend, weiter vorwärts, bis er endlich zu tieferen Stellen(einer der unzähligen natürlichen Lagunen, aus denen der größte Theil jenes Landſtrichs beſteht und die ſich oft zu kleinen Seen aus⸗ dehnen) kam, und dieſe nicht durchſchwimmen wollte. Vergebens ſuchte er mit regem Eifer am Ufer hin und her, oft einhaltend und durch kurzes Geheul und Gebell ſeinen Herrn ſcheinbar zur Antwort auffordernd, im⸗ mer kehrte er aber wieder zu der Stelle zurück, wo dieſer das tiefere Waſſer betreten und ſich einen Durch⸗ weg gebahnt hatte. Vergebens blieben alle Verſuche, den Hund zum Durchſchwimmen dieſer Waſſerfläche 191 zu bewegen; er witterte ſeinen grimmen Feind, den Alligator, und der Inſtinkt ſagte ihm, daß er ret⸗ tungslos verloren ſei, ſobald er ſich dieſem Preis gebe. Diable! fluchte Einer der Creolen(es war der Bruder der gemordeten Frau), ſollen wir hier durch ſolch ſchmalen Waſſerſtreifen aufgehalten werden und uns die ſichere Beute entgehen laſſen? Höll und Teu⸗ fel, nein, den Schurken muß ich hängen ſehen, und wenn ich ein ganzes Jahr lang zwiſchen allen Alliga⸗ toren Louiſianas umherwaten müßte; ich trage den Hund hindurch, wer folgt mir? Alle Creolen, ſelbſt Röttken, zeigten ſich bereitwil⸗ lig, Gottlieb aber und Scipio zogen vor am Ufer zu bleiben und der Letztere meinte ſehr ruhig: Alligator— geſcheidtes Vieh— mag nicht wei⸗ ßen Mann— Nigger und junge Ferkel ſein Leibeſſen? Gottlieb war dabei ſehr zufrieden, in dem Schwar⸗ zen einige Geſellſchaft zu finden, denn es würde ihm, wie er dieſem offen geſtand, höchſt unbehaglich zu Muthe gewiſen ſein, zwiſchen all den langen ſchwar⸗ zen, umherſchwimmenden ‚Beeſtern“ allein zu bleiben, jener Creole aber nahm den Hund, der ihn kannte, auf die Arme und durchſchritt, von den Anderen ge⸗ folgt, die etwa gürteltiefe Fluth. Wohl ſchwammen Maſſen gieriger Alligatoren in 3 dem warmen ſtehenden Waſſer des Sumpfes herum, ſcheu wichen ſie aber vor den ſich ihnen nähernden Weißen zurück. Nur einmal, als der Hund, durch den ihn Tragenden etwas gedrückt, winſelte, wandten ſich mehre der kühnſten und größten und folgten den Männern, die jedoch bald das Ufer erreichten. Dort ließen ſie den Hund wieder auf die Erde und in we— nigen Secunden hatte dieſer auch die Fährte ſeines Herrn auf's Neue gefunden, der er winſelnd und am Seile zerrend folgte. Sie brauchten nicht weit mehr zu ſuchen, kaum zweihundert Schritte vom Rande des Waſſers, auf einem umgeſtürzten Stamm, den Rücken an eine junge Cypreſſe gelehnt, halb in dem grauen, wehen⸗ den Moos, das von den benachbarten Bäumen herab⸗ hing, verborgen, ſaß der Unglückliche und erwartete ruhig ſeine Verfolger. Kaum erblickten ihn dieſe, als ſie den Hund frei gaben, der jauchzend auf ſeinen Herrn zu und an ihm hinaufſprang; der Arme konnte ja nicht ahnen, daß er gerade durch ſeine Treue der Verräther deſſelben geworden. Schlechter Dank und Gruß aber erwartete ihn hier; mit dem linken Arm umfaßte Banizet, der ſchnell erſah auf welche Art ſeine Feinde ihn überholt hatten, das ihn liebkoſende Thier und ſtieß ihm mit 3 193 der rechten Hand dreimal ſein kurzes Meſſer ins Herz. Zuſammenzuckend winſelte der arme Pluto in ſeines Herrn Arm, leckte noch einmal die Hand, die ihm den Todesſtoß gegeben, und fiel, als jener ihn frei⸗ ließ, leblos und ſchwer zur Erde nieder. Das Meſſer blinkte jetzt auf's Neue in des Creo⸗ len Hand und ſchon hob er es, ſein eigenes Herz damit zu treffen— feige Todesfurcht aber ſenkte die Waffe und widerſtandslos ließ er ſich von den frühe⸗ ren Freunden, ſeinen grimmigſten Feinden jetzt, er⸗ greifen und binden. Röttken's Kugel war ihm durch den linken Ober⸗ ſchenkel gegangen und vom Blutverluſt erſchöpft hatte er nicht weiter gekonnt, doch die Hoffnung gehegt, ſeine Verfolger durch den ſumpfigen, mit Waſſer ge⸗ füllten Boden, der nur hier und da kennbare Spuren zurückließ, zu täuſchen. Gottes Hand lag aber auf ihm und ſein treuſter Freund mußte das Mittel wer⸗ den, das ihn den Händen der Gerechtigkeit über⸗ lieferte. Der Bruder der Ermordeten ſtimmte nun zwar dafür ihn, um weiter keine Umſtände mit ihm zu ha⸗ ben, augenblicklich an Ort und Stelle zu hängen, das wollten aber die Anderen nicht zugeben, Röttken be⸗ ſonders ſchien jetzt Mitleiden mit dem Armen zu füh⸗ Gerſtäcker, Miſſiſſippi⸗Bilder. I. 13 G 1 — —— —— 194 len, verband ſeine Wunde und ſprach ihm Muth ein. Widerſtandslos ließ dieſer Alles mit ſich geſchehen; nur als ſie ihn aufgehoben hatten und forttragen wollten, bat er die Männer einen Augenblick einzu⸗ halten und ihn ſeinen Hund noch einmal ſehen zu laſſen.— Es waren die erſten Worte, die er ſprach; ſelbſt bei dem Vorſchlag, ihn an derſelben Stelle auf⸗ zuhängen, hatte er keine Silbe erwiedert, ſondern nur ſtarr vor ſich niedergeſehn. So etwas Ernſtes und faſt Unheimliches lag aber in dieſer Bitte, daß Alle ſchweigend und augenblicklich gehorchten und ihn auf den Stamm, auf welchem er eben geſeſſen hatte, zurückgleiten ließen. (Starr und ſprachlos betrachtete er jetzt einige Minuten lang das ſchöne Thier, das ausgeſtreckt und mit Blut bedeckt zu ſeinen Füßen lag, dann bog er ſich hinunter— ganz hinunter zu ihm, bis ſein Mund die Schulter deſſelben berührte, drückte einen langen Kuß auf den erkalteten Leichnam und flüſterte leiſe: Du warſt mein letzter Freund! Zwei Thränen glänzten in ſeinen großen ſchwarzen Augen, er ſchien ſich aber plötzlich der Schwäche zu ſchämen, richtete ſich an dem Stamm in die Höhe, ſah Alle im Kreiſe an und ſagte: Meſſieurs, ich bin bereit! — 195 Abwechſelnd trugen ihn jetzt die Männer, erſt durch die Lagune und ſpäter, von Scipio und Gott⸗ lieb unterſtützt, über das trockene Land, dem Miſ⸗ ſiſſippi zu und lieferten ihn endlich ohnmächtig, denn die übergroße Aufregung und Anſtrengung, wie die ſchmerzende Wunde hatten ihn betäubt, den Händen des Gefangenwärters und Vice⸗Sheriffs, eines Deutſchen, Namens Fritz Haydt, mit dem Bedeuten aus, dieſen beſſer zu bewahren, als die früheren Gefangenen, die er faſt regelmäßig hatte entwiſchen laſſen. Flucht war jedoch von Banizet nicht zu be— fürchten, ſeine Wunde würde ihn allein ſchon daran verhindert haben, darum ſchloß ihn ſein Kerkermeiſter auch nicht weiter an, ſondern verwahrte nur ſorgfältig die ſchwere eichene Thür, die zu ſeiner vergitterten Zelle führte.* Erſt zwei Monate ſpäter fiel der Gerichtstag und der Gefangene mußte indeſſen geduldig ſeinem Schick⸗ ſal entgegenſehn; Weniges aber ſprach, als endlich der entſcheiderde Tag heranrückte, im Verhör zu ſeinen Gunſten. Eiferſucht war es die ihn, ſeiner Ausſage nach, zu dem fürchterlichen Verbrechen antrieb, ungegrün⸗ deete Eiferſucht, aber in blinder Leidenſchaft wollte er ſie ſchuldig wiſſen und hatte an ſenem unſeligen 13* 5 196. Abend, ſpät aus der nur wenige Meilen entfernten Schenkwirthſchaft heimkehrend, geglaubt, eine dunkle Geſtalt über die Fenz klettern zu ſehen. Vom Wein erhitzt ſtürmte er in das Haus, fand in dem Er⸗ ſchrecken, das ſein tobender Eintritt der armen Frau verurſachte, das Bekenntniß ihrer Schuld und ſchlug ſte mit der unglücklicher Weiſe in der Stube lehnenden Art zu Boden. Das Gericht der Geſchwornen fand ihn einſtim⸗ mig für„ſchuldig“ und verurtheilte ihn,„am Halſe aufgehangen zu werden, bis er todt, todt, todt ſei!“ Durch die ganzen Vereinigten Staaten von Nord⸗ Amerika it 85 das wich beliche Amt des eh iſs⸗ genommen er hat einen Vice⸗ oder Deput⸗ Sherif wie es hier der Fall war, dem dann das Geſchäft des Aufhängens übertragen wird. Fritz Haydt aber, noch in dem alten europäiſchen Glauben erzogen daß ein Menſchenleben, auf gewaltſame Weiſe und obrig⸗ keitlichen Befehl genommen, die Hände des den Befehl Ausführenden unehrlich mache, ſah mit Ent⸗ ſetzen dem dritten Tag entgegen, und Manche wollten behaupten daß er ſchon Pläne gemacht, den Gefange⸗ nen, deſſen Wunde jetzt vollkommen geheilt war, entwiſchen zu laſſen, einzig und allein, um das Urtheil 197 nicht ſelbſt an ihm vollſtrecken zu dürfen; als aus den Atchafalaya⸗Anſiedlungen herunter ein Krämer oder Pedlar, mit ſeinem grünlakirten zweiſpännigen Wagen angefahren kam, und vor dem Ferry⸗Hotel hielt, dort ſowohl zu übernachten, als auch an die vielen Gäſte, die ſich der am nächſten Tage ſtattfin⸗ denden Hinrichtung wegen verſammelt hatten, ſeine Waaren abzuſetzen. Sein Name war Wolf. Da er Fritz Haydt ſeit langen Jahren kannte, 3 ging er noch vor dem Abendeſſen zu dieſem in ſeine kaum dreihundert Schritte vom Hotel gelegene Woh⸗ nung, das Gerichtshaus, hinüber, um ihn zu beſuchen und ein wenig mit ihm zu plaudern, fand ihn aber hr niedergeſchlagen und erfuhr bald die Urſache ſeiner etrübniß. Funfzig Piaſter gäb' ich drum, ſagte der Deputy⸗ Sheriff und ſchlug mit der Fauſt auf den Tiſch, funfzig harte Piaſter, wenn ich Jemanden fände, der mir den Dienſt abnehme. Vorausbezahlt? frug Wolf und ſah ihn mit zweifelndem Blicke an. Vorausbezahlt!— hier auf der Stelle, rief Haydt, dem bei dieſen Worten neue Hoffnung zu dämmern ſchien. Wolf— Gold⸗Wölfchen wollt Ihr mit einem einzigen Knoten funfzig harte Piaſter verdienen? 198 Werden ſie mich aber laſſen? frug Wolf zwei⸗ felnd, da könnte ja doch Jeder kommen. Jeder kann kommen! unterbrach ihn mit unge⸗ duldiger Haſt der kleine Vice⸗Sheriff, Jeder kann kommen, und wenn der Gottſeibeiuns käme und wollte es ſich zum beſonderen Vergnügen machen, den Mann zu hängen, ſo hätte das Gericht Nichts dawider— Wölfchen! er ſoll ja nur gehangen wer⸗ den,— wer ihn hängt iſt ganz egal. Ich weiß aber nicht, fuhr Wolf überlegend fort; es iſt Einem doch ein ganz eigenes Gefühl, wenn man einen Menſchen umbringen ſoll! Aber Ihr bringt ihn ja gar nicht um, Wölfchen! bat Fritz Haydt weiter, das Gericht bringt ihn um das Gericht hat ihn ſchon umgebracht, nur mit der Urtheilsſpruch— Ihr ſteht blos auf der Leiter und macht eine Schleife; wenn nun die heilige Juſtiz in dieſe Schleife eines Menſchen Kopf hineinſteckt, da könnt Ihr doch Nichts dafür! Ja, das möchte noch gehn, ſagte Wolf, aber nachher die Stütze unten wegzuziehen— daß die Klappe niederfällt— ich weiß nicht, das iſt mir gar zu ſchauerlich. 2 Ihr braucht Eure Hand nicht dran zu legen, redete ihm Haydt zu, das könnt Ihr mit dem Fuße 3 199 thun und— es iſt gerade wie beim Strick, beſter Wolf; Ihr habt ja den Verbrecher nicht da oben hingeſtellt, das fällt doch immer wieder auf die Richter zurück! Nun meinetwegen! rief Wolf endlich, wenn man ſich nachher wieder wäſcht, wird's eben ſo gut ſein! Ihr willigt alſo ein? frug Haydt. Hier iſt meine Hand, ſagte Wolf. Topp! ſchrie der Kleine und lief augenblicklich zu ſeinem Koffer, aus dem er die funfzig Dollars her⸗ ausnahm und dem Krämer einhändigte. Aber mein längerer Aufenthalt hier in Pointe⸗ Coupée,— wandte dieſer ein— die lange Wirths⸗ (ehnung— Bezahle ich, unterbrach ihn Haydt, das ſoll wei⸗ ter kein Hinderniß ſein. Ihr könnt auch vielleicht noch in dieſer Zeit gute Geſchäfte mit Eurem Handel machen. Alle Einwohner von Bayou Sarah und St. Francisville drüben, alle Pflanzer vom Fauſſe⸗ riviere und Waterlow, wie aus der Pointe⸗Coupée⸗ Anſtedlung und den Atchafalaya⸗Niederlaſſungen werden ſich morgen hier einfinden. Gut! unſer Handel iſt geſchloſſen, erwiederte Wolf, ſchlug noch einmal ein und half Haydt nach⸗ 200 her ein Paar Flaſchen Rothwein leeren, die dieſer aus einem Kiſtchen unter ſeinem Bette vorholte. Nach dem Abendeſſen ſetzten ſie ihr Gelage fort, der Deputy⸗Sheriff mußte dem Krämer aber ſein Wort geben, keine Sylbe ihres Vertrags gegen irgend Jemand, den Ober⸗Sheriff ausgenommen, zu er⸗ wähnen. Hell und klar brach der andere Morgen an; eine ungeheuere Menſchenmaſſe hatte ſich, der Execution mit beizuwohnen, in und um dem Hotel aus der ganzen Nachbarſchaft verſammelt, und betrachtete ſich indeſſen den Galgen, der etwa funfzig Schritte vom Gerichtshaus, unfern eines kleinen maſſiven Gebäu⸗ des ſtand, das in früheren Zeiten, als die noch jenen Landſtrich bewohnten, zu einem Pulver haus benutzt worden war. Endlich ſchlug die beſtimmte Stunde— es war eilf Uhr— und aus dem Gefängniß herab führten zwei Sklaven den Verurtheilten dem Schaffote zu. Dicht hinter dieſem gingen der Ober⸗ und Deputy⸗ Sheriff, vom Conſtable und mehren anderen Ge⸗ richtsperſonen gefolgt, und ein Gemurmel der Ver⸗ wunderung durchlief die Menge, als ſich auch der Krämer zwiſchen ihnen ſehen ließ; noch ahnte aber Niemand den geſchloſſenen Handel. Der Zug erreichte 201 indeſſen den Fuß des Galgens, und der Verurtheilte, von dem zu ihm getretenen katholiſchen Geiſtlichen unterſtützt, hatte ſein letztes Gebet gehalten, als er, indem er die Leiter betreten wollte, den Krämer dicht hinter ſich ſah und erſtaunt ſtehen blieb. Was wollt Ihr? frug er dieſen leiſe, aber mit deutlicher, feſter Stimme. Wolf zögerte verlegen einige Secunden, das Blut⸗ ſchoß ihm in Strömen nach dem Geſicht und er ſtot⸗ terte einige unzuſammenhängende Worte. Fritz Haydt trat aber in dieſem Augenblick vor und erklärte, daß „Monſieur Wolf befugt ſei, ſein(des Sheriffs) Amt für heute zu verſehen und daß der Ober⸗ Sheriff ſeine Eiinwilligung dazu gegeben habe.“ Wolf zog dann, wihrend Banizet's Geſicht leichenblaß wurde, den verhängnißvollen, ſchon zurechtgemachten Strick aus der Taſche und folgte dem langſam Voranſteigenden, die Execution zu vollziehen. Doch weshalb länger bei dieſem ſchauerlichen Bilde verweilen? Der Urtheilsſpruch wurde vollſtreckt und der Leichnam nach einer Stunde wieder abge⸗ nommen und beerdigt, Wolf aber ging mit dem De— puty⸗Sheriff in deſſen Zimmer, um dort nach glück⸗ lich vollbrachter Arbeit, alle unangenehmen Gefühle, die ſich ſeiner etwa bemeiſtern mochten, zu vertrinken. 20⁰²2 Nicht ſo ruhig nahmen übrigens die Zuſchauer— größtentheils Creolen oder Amerikaner und Franzoſen aus dem gegenüber liegenden kleinen Städtchen Bayou Sarah, die Sache auf. Alle waren empört, daß ſich ein Menſch für Geld— für erbärmliche funfzig Dol⸗ lars(denn durch den Ober⸗Sheriff ſowohl, als Fritz Haydt ſelber, war die Thatſache bekannt geworden) dazu hergeben könne einen Anderen, und wenn er vom Geſetz verurtheilt ſei, umzubringen. Zuerſt traten ſie zuſammen und ſchimpften und fluchten über den feilen Schuft, und debattirten ſich ſo nach und nach in immer größere Aufregung hinein, bis endlich Einer den Vorſchlag machte, den käuflichen Henker zu züchtigen. Verdamm ihn, rief ein Creole in ſeinem gebrochen nen Engliſch— wenn ein Mann ſein Geſchäft hat— wenn ein Mann vom Gericht dazu befugt iſt, anderem Menſchen Strick um den Hals zu legen, ſo laß ich gelten— aber damn him— Schurke nimmt Geld— verdient tüchtige Schläge! Schläge? unterbrach ihn Einer der Bayon Sara⸗ her, Schläge? wenn das auf unſerer Seite vorge⸗ fallen wäre, ſo hinge der Schurke jetzt ſchon, wenn auch nicht an demſelben Galgen, denn ein Verbrechen hat er nicht begangen, aber an dem nächſten Aſt den 203 man finden könnte, und ich denke, der eine große Nuß⸗ baum dort wäre ſtark genug ein Dutzend ſolcher ver⸗ maledeiten Krämerſeelen zu tragen. Macht's mit ihm, wie wir neulich mit dem Neger, der nach ſeinem Herrn ſchlug— gerade unten im Thal wo wir ihn fingen wurde er in die Höhe gezogen— damn him— er hängt noch und ſo lange ſich der Wind nicht dreht, mag er auch hängen bleiben. Wir wollen abſtimmen, rief ein langer Doctor aus Pointe⸗Coupée. Wozu das? ſchrie es von allen Seiten, iſt ein Einziger hier, der dagegen ſtimmt, den käuflichen Schurken zu hängen? Alles ſchwieg. Gut denn— fort mit ihm, tobte die Maſſe— wir haben der betrügeriſchen Krämer genug hier in Louiſiana, fort an den Baum mit dem Schurken— laßt ihn erſt ein Weilchen zappeln und dann mag er ſich zu dem legen, mit dem er ſein Sündengeld ver⸗ dient hat!⸗ An den Galgen mit ihm, überſchrie jetzt wieder ein anderer Theil die früheren— Banizet war ein braver, tüchtiger Kerl, ehe er den ſchändlichen Mord 8 verübte— das Querholz iſt nicht ſchlechter durch ihn geworden! 204 Nein, an den Baum! riefen die Anderen. Den Krämer zu hängen waren alle einig, das wohin war noch der einzige ſtreitige Punkt. Und wo hielt ſich indeſſen die Hauptperſon aller dieſer Verhandlungen auf? wo war der gute„Mon⸗ ſieur Wolf“, wie ihn Fritz Haydt genannt hatte! Nicht ahnend, welches Gewitter ſich über ſeinem unglücklichen Haupte zuſammenziehe, hatte er eben mit dem kleinen Deputy⸗Sheriff die zweite Flaſche beendet und tanzte ſeelenvergnügt durch den ſoge⸗ nannten„Weidegrund“ dem Hotel zu, vor deſſen Thüre, dicht am Ufer des Miſſiſſippi ſein Todes⸗ urtheil von mehr als zweihundert Menſchen ſo gut als unterzeichnet wurde. Röttken begegnete ihm an der Hinterthür und zog ihn, da gerade jede Seele vor das Haus geſtrömt war, um dort der Verſamm⸗ lung beizuwohnen, in das Zimmer ſeiner Frau, das er augenblicklich hinter ſich ſchloß. Aber Mr. Röttken— um Gotteswillen, was machen Sie denn mit mir? warum ſchließen Sie mich ein? lallte der Krämer mit ſchon ziemlich ſchwerer Zunge; geben Sie mir lieber etwas zu trinken, ich bin merkwürdig durſtig. Und wißt Ihr was Euch droht? frug Röttken, ſich dicht zu ihm hinüber beugend— wißt Ihr, was ——— 2⁰⁵ jene Menſchenmenge, die Ihr dort durch das Fenſter könnt ſtehn ſehen— geht nicht zu weit hin, daß Euch Niemand erblickt— was jene Menſchenmenge über Euch beſchloſſen hat? Nun? frug Wolf, und ſeine Kinnlade ſenkte ſich bedeutend. Euch am Halſe aufzuhängen, bis Ihr todt, todt, todt ſeid— ſie ſind nur noch nicht recht einig darüber, ob an den Galgen oder an den Nußbaum! was wür⸗ det Ihr vorziehen? 3 Mr. Röttken, ſtammelte der zum Tode Erſchreckte, dem die Ausführung einer ſolchen That keineswegs unwahrſcheinlich erſchien, indem derartige Gewalt⸗ ſtreiche, beſonders in der letzten Zeit, ziemlich häufig vorgefallen waren; Sie ſcherzen wohl? o, ſehen Sie nicht ſo ernſthaft dabei aus— Madame Röttken— 1 Gott— wäre es denn wirklich wahr, aber— Sie werden,— Sie werden mich doch nicht ausliefern? ach um Gotteswillen, kann man denn nicht nach dem Conſtable ſchicken? Wenn ich mich nicht ganz in den Gerichten irre, meinte Röttken kopfſchüttelnd— ſo ſind Richter ſowohl als Conſtable ſchon um dieſe Zeit eine be⸗ deutende Strecke von hier entfernt und übernachten heute Abend, Gott weiß wo, nur um von einer Sache 8 206 Nichts zu hören, der ſie doch nicht ſo leicht Einhalt thun können, vielleicht nicht einmal gerne wollen— denn, hol's der Teufel, Wolf, es war ein erbärmli⸗ cher Streich von Euch, da für die paar lumpigen Thaler den Henker zu machen; ich hätte wahrhaftig ſelbſt nicht übel Luſt— Ach beſter Mr. Röttken— bat der jetzt ganz nüchtern gewordene Krämer in Todesangſt— ſie kom⸗ men— retten Sie mich— machen Sie mich dann ſchlecht, ſchlagen Sie mich, treten Sie mich— ich hab' es verdient— aber— liefern Sie mich den Menſchen nicht aus— und damit warf er ſich auf die Kniee und verbarg ſein Geſicht in den von dem breiten Bett herniederhängenden Decken. Er hatte recht gehört, die Berathung war been⸗ digt und die Maſſe wälzte ſich in das Haus und um die Gebäude herum, und ſchreiend und tobend riefen ſte nach Röttken und dem Krämer. Retten Sie mich um Jeſu Chriſti Willen, flehte der Israelit in Todesnoth auf ſeinen Knieen, und verſuchte Röttken's Hand zu ergreifen.— Retten Sie mich, wenn Ihnen Ihr eigenes Seelenheil am Herzen liegt— ach Madame Röttken, Sie wollen mich doch nicht hier mit kaltem Blute mor⸗ den ſehn? 207 Wo iſt der Krämer? Heraus mit dem Krämer! tobte der Haufen. Retten Sie mich, flüſterte der Unglückliche mit verhaltener, zitternder Stimme; verlaſſen Sie mich nicht, wenn Sie nicht Gott in Ihrer letzten Stunde verlaſſen ſoll. Röttken— Vater— rette den Mann! bat die Frau, Du wirſt doch nicht zugeben daß ſie ihn aus Deiner Stube ſchleppen? Wo iſt der Krämer— heraus mit dem Hund! ſchrie jetzt dicht unter den Fenſtern die Menge. Pack ihn in das Bett, Emilie! flüſterte der Deutſche ſchnell ſeiner Frau jetzt zu— pack ihn gut weg — nimm aus dem einſchläfrigen Bett dort noch die ſchmale Matratze und lege ſie auf die unſrige, hinter die kann er ſich legen und ſich an ſie andrücken— dort werden ſie ihn auch nicht vermuthen, ich will indeſſen ſuchen, die Bluthunde auf eine falſche Fährte zu bringen! Engel— Retter! lallte der Krämer und wollte ſeine Hand ergreifen— dieſer aber ſtieß ihn von ſich.— Fort, rief er, mit unterdrückter Stimme. Spart Euren Dank— ich thu's nicht gern, denn— Gott verzeih mir die Sünde— aber— ich glaube, ich möchte Euch ſelber hängen ſehn! K 208 Damit trat er hinaus vor die Thür, um weiter keinen Verdacht zu erregen und die tobenden Männer zu beruhigen, die jetzt wie eine wogende Fluth das Haus umrasten und den Israelit verlangten. Wo iſt er— Röttken— gebt ihn heraus— damn it, es kann Eunch ſonſt ſelber ſchlecht gehn, wenn Ihr gemeinſchaftliche Sache mit ihm macht— liefert ihn aus oder wir durchſuchen Euer ganzes Haus und ſtecken es an, wenn wir den Schurken finden. Zum Henker noch einmal, rief Röttken, der ſeine Leute kannte— ſteckt es doch an, wenn Ihr's wagt; dem Erſten aber, der ſich mit einem Brande naht, ſchieß ich eine Kugel vor den Kopf— was zum Teu⸗ fel weiß ich von dem Krämer? Ihr habt doch Alle⸗ geſehn daß er gleich nach der Erecution zu dem De⸗ puty⸗Sheriff gegangen iſt— da werdet Ihr ihn wahrſcheinlich finden. Fritz hat guten Wein und es ſollte mich gar nicht wundern, wenn— Hinüber in's Courthouſe, tobte die Menge— hinüber zu Fritz— hurrah— hurrah! Und hinüber ſtrömten ſie in unaufhaltſamer Fluth, einen Akt der Gerechtigkeit, wie ſie es nannten, auszuüben und den in ihrer Meinung Schuldigen für ſeinen Frevel büßen zu laſſen. — 209 Röttken eilte jetzt ſchnell ans Waſſer, um zu ſehen ob die Boote frei wären, vorſichtig genug aber waren an dieſen Wachen ausgeſtellt, um dem, dem Tode Geweihten jeden Verſuch zur Flucht abzuſchneiden, ja es vertheilten ſich ſogar ſchon einige Poſten um ſämmtliche Fenzen, die das Hotel und das daran grenzende Gerichtshaus umgaben, und umzingelten dadurch förmlich den Platz. Jede Ausſicht auf Flucht war abgeſchnitten, denn daß die einmal Gereizten ſelbſt nicht Röttken's Zimmer verſchonen würden, wenn ſie den Krämer nirgends anders fanden, war vorauszuſehen; Röttken kehrte daher ziemlich nieder⸗ geſchlagen zu ſeiner Frau zurück und theilte ihr ſeine Befürchtungen mit. Hier könnt Ihr nicht bleiben, wandte er ſich zu⸗ letzt an den Krämer, der leichenbleich und mit ſtieren Augen dem Bett entſtieg; es hülfe Euch auch Nichts. Ich glaubte im Anfang, es ſei mehr ihr Plan geweſen Euch zu erſchrecken als wirklich zu hängen, wie aber jetzt die ganzen Maßregeln getroffen ſind, ſo unterliegt es keinem Zweifel mehr daß ſie es auf Euer Leben abgeſehen haben; ein Fuchs könnte nicht mehr hin⸗ durch ſchlüpfen— und ich fürchte, es bleibt uns kein Ausweg, als an die Gnade des Haufens zu appel⸗ liren! N Gerſtäcker, Miſſiſſippi⸗Bilder. I. 14 210 Gnade? ſchrie entſetzt der Krämer— Gnade? Hätten Sie die Wolluſt geſehen, mit der ſie den Ne⸗ ger drüben aufhingen, wie ſie dabei jubelten und tanz⸗ ten; hätten Sie wie ich geſehen, wie daſſelbe ameri⸗ kaniſche Volk vor etwa einem Jahr einen Mulatten in St. Louis verbrannte;— wären Sie dabei gewe⸗ ſen, wie ich es war, als ſie den Pferdedieb in Teneſſee an einen Baum banden und zum Ziel für ihre Büch⸗ ſenkugeln machten, Sie würden nicht von Gnade reden, nicht an Gnade denken— der Panther übt eher Gnade, wenn er vierzehn Tage gefaſtet hat und ein Lamm fängt, der Wolf eher, der halbverhungert in eine Heerde einbricht— Herr Röttken— retten Sie mich— Sie wiſſen noch einen Ausweg. Sie müſſen noch einen wiſſen— es iſt ja nicht möglich, daß ich auf ſolch' elende, ſchreckliche Art ſterben ſoll—! Er hielt die Hände vor das Geſicht und ſchluchzte laut. Röttken— bat deſſen Frau— kannſt Du ihn nicht in der Ciſterne verbergen? Der Krämer horchte hoch auf. Ja bei Gott, rief der Wirth— an die hab' ich nicht gedacht— dort drinnen ſuchen ſte Euch ſchwer⸗ lich, aber ſte iſt halb voll Waſſer— Wolf, könnt Ihr ſchwimmen? In meinem Leben hab' ich's nicht verſucht, ant⸗ wortete dieſer zitternd. Nun es lehnt eine Stange drin, an die könnt Ihr Euch halten, ſagte Röttken; das Waſſer iſt acht Fuß tief, ich habe es erſt heute Morgen gemeſſen; wir wollen nach einer Weile die Pferde tränken und ich denke ich kann, ohne Verdacht zu erregen, drei Fuß herauslaſſen. Aber ſchnell, das Hurrahgeſchrei drüben kündet ihr Wiederkommen an, ſchnell, ehe es zu ſpät wird, und klammert Euch nur an die Stange an, die wird Euch über Waſſer halten; wenn es dunkelt, er⸗ lös ich Euch wieder! Wie ſoll ich Euch je danken! ſchluchzte der Krämer. Fort, fort, keine Redensarten mehr, hinein in's Waſſer und laßt die Stange nicht los. Aber wenn es zu tief iſt? frug Wolf ängſtlich. Ihr kennt das alte Sprichwort, entgegnete Rött⸗ ken. Was hängen ſoll erſäuft nicht, das mag Euch tröſten. Damit trat er zuerſt vor die Thür, um ſich zu ver⸗ ſichern, daß kein unberufener Zeuge den Verfolgten gewahren möchte; Niemanden aber als die um das Hotel herum poſtirten Wachen konnte er ſehen, und dieſen verbarg eine junge Pfirſichbaum⸗Anpflanzung den Ort, wo die Ciſterne ſtand. 14* 4 212 8 Die Ciſterne war ein großes, rundes und hohes Gefäß, nach Art der Feuerfäſſer gearbeitet, von etwa acht Fuß oben wie unten im Durchmeſſer, circa ſechs⸗ zehn Fuß Höhe und zur Hälfte mit Waſſer gefüllt, ſtand aber nicht eingemauert in der Erde, ſondern frei, dicht neben dem Haus im Garten, durch ſtarke, eiſerne Reifen umſchloſſen, mit einem Hahn unten daran, das Waſſer leicht herauslaſſen zu können, und war nur mit einzelnen, loſe darüber hingelegten Bretern bedeckt, um dem Waſſer die Luft nicht zu entziehen und dieſes zu verderben. Eines dieſer Breter hob Röttken jetzt, da das Haus höher als die Ciſterne ſtand, und er den oberen Rand derſelben, wenn er ſich über die Gallerie bog, gerade mit der Hand erreichen konnte, in die Höhe, Wolf ſchlüpfte darunter durch, und die Stange, von der ſein Retter geſprochen hatte, mit den Händen er⸗ greifend und daran niederrutſchend, ließ er ſich bis an den Hals in das keineswegs kalte Waſſer hinab. Es war auch die höchſte Zeit geweſen, denn kaum hatte Röttken wieder die Thüre ſeiner Stube hinter ſich ins Schloß gedrückt, als die Menge heranſtürmte und, ohne erſt um Erlaubniß zu fragen, das ganze Haus von oben bis unten hin durchſchwärmte, den Entflo⸗ henen oder Verſteckten zu finden. Kein Kamin, kein 213 Schornſtein wurde vergeſſen; unter das, auf vier Fuß hohen Backſteinſäulen gebaute Haus krochen ſie nach allen Richtungen, die Ställe, die Küche, die Vorraths⸗ kammer, die Negerwohnungen, Alles, Alles ward auf das Genaueſte unterſucht; ſelbſt die Betten in Röttken's Stube entgingen nicht, wie dieſer richtig vorhergeſe⸗ hen hatte, der allgemeinen Viſttation. Es war aber umſonſt, der Krämer blieb verſchwunden, denn an die mit Waſſer gefüllte Ciſterne dachte Niemand. Hol's der Henker, Röttken, meinte endlich ein Sattler von St. Francisville, den die Anderen„Kapi⸗ tän“ nannten, Ihr müßt den Burſchen gut verſteckt haben, oder er kann ſich unſichtbar machen. Verdammt will ich ſein wenn ich weiß, auf welche Art er fort iſt; bei Fritz ſteckt er auch nicht, da leg' ich einen Eid drauf ab, jeden Winkel haben wir durchſucht, ſelbſt die Ge⸗ fängniſſe hat er aufſchließen müſſen. Aber das iſt ge⸗ wiß, zum Vorſchein ſoll er wieder kommen, denn wir gehen nicht vom Platze weg, bis er da iſt! Nun, ſagte Röttken, dann richten Sie ſich nur auf eine lange Zeit ein; ich glaube nicht, daß Der Louiſtana oder wenigſtens den Feliciana⸗ und Pointe⸗ Coupée⸗Pariſh je wieder mit ſeiner Gegenwart be⸗ ehrt, er hat ein Haar darin gefunden— aber— Hollah— was iſt das? rief der Kapitän, auf⸗ merkſam werdend, plätſcherte nicht etwas in der Ci⸗ ſterne? Der Hund wird doch nicht— Ich habe einen jungen Alligator darin, entgegnete Röttken mit ſeltener Geiſtesgegenwart. Einen Alligator? ſagte der Kapitän und ſah den Deutſchen forſchend an. Röttken, Röttken, wenn der Schuft in der Ciſterne ſtäke— Seid ihr unklug, zürnte, ſich ärgerlich ſtellend, der Wirth, es ſind acht Fuß Waſſer darin! Gebt mir eine Stange, rief der Sattler, irgend ein Stück Schilf oder Latte! Ja eine Latte, eine Stange, dort eine von den Fenzſtangen, ſchrien Mehre aus dem Haufen, die ſich um die Sprechenden gedrängt hatten— wir wollen in die Ciſterne gucken. Nun Ihr glaubt doch wahrhaftig nicht daß ein Menſch unter Waſſer leben kann! rief der Deutſche, jetzt ernſtlich beſorgt, daß ſie den Schlupfwinkel des Unglücklichen entdecken möchten. Gebt mir die Stange, Ihr ſollt Euch überzeugen, wie tief das Waſſer iſt, und damit ſtieg er auf die Brüſtung, welche die Andern umſtanden. Klettert nicht her⸗ auf, Kapitän, es iſt Alles morſch und verfault hier oben, rief er dabei dieſem zu, der im Be⸗ griff war, ihm zum Rande des Waſſerbehält⸗ 215 niſſes zu folgen, Ihr könnt Hals und Beine brechen! Kümmert Euch nicht um meinen Hals, lachte der Sattler, erſt will ich ſehn, ob nicht dort etwa ein Hals drin ſteckt, den wir hier draußen brauchen. Nun denn, ſo kommt und ſeid verdammt! fluchte Röttken und hob das Bret in die Höhe, unter wel⸗ chem hindurch der Krämer in die Ciſterne geſtiegen war. Mit ihm erreichte der„Kapitän“ zu gleicher Zeit den Rand und ſie ſchauten hinab,— aber unten herrſchte Todtenſtille, nicht das Mindeſte war auf der glatten Waſſerfläche zu ſehen, und nur die Stange lehnte noch wie früher in dem Behältniſſe; Röttken ſah den Amerikaner voll ſtummen Entſetzens an. Euer Alligator ſcheint auf dem Boden zu ſitzen, ſagte der Kapitän, indem er auf die trübe Fluth niederſchaute. Ja! hauchte Röttken und behielt kaum Stärke genug ſich oben an der Ciſterne feſtzuklammern, als der Kapitän, ihn anblickend, ſein plötzliches Er⸗ bleichen bemerkte und gerade noch zur rechten Zeit hinunter ſprang, den Sinkenden aufzufangen. Was zum Teufel, rief er dieſem zu, was fehlt Euch denn, Ihr werdet ja ſo blaß wie eine Leiche, he Wilkins— Long— George— helft mir doch— bei Allem, was heilig iſt, Röttken wird ohnmächtig! 216 Laßt's nur gut ſein! bat dieſer, mir iſt ſchon beſſer ich bin den ganzen Tag nicht recht wohl geweſen, es war nur ein Augenblick;— aber kommt— kommt, wir wol⸗ len einmal trinken— mich dürſtet— kommt nur mit mir! Die Männer begleiteten ihn an den Schenkſtand und tranken mit ihm, wollten dann aber unbedingt auf ihre Poſten zurückkehren, doch hatte ſich jetzt das Blut der meiſten ſchon abgekühlt, ſie fluchten und ſchimpften nur noch gehörig auf den Krämer, deſſen Verſchwinden ihnen unbegreiflich blieb, brachen ſeinen Wagen auf und zerſtreuten und zerſtörten den größten Theil ſeiner Waaren, traten aber dann doch, freilich erſt ſpät, theils auf der Fähre ihren Rückweg nach Bayon Sarah, theils auf ihren kleinen Mustangs, den Fluß hinab oder hinauf, den Heimweg an. Lange ſchon war der letzte Hufſchlag verklungen und das Plätſchern der ſich weiter und weiter entfer⸗ naenden Ruder verhallt, Todtenſtille lagerte auf der ſtillen Anſtedlung und nur der eintönige Ruf des Loon ſchallte von der gegenüber am Fluſſe liegenden Inſel wie leiſe Todesklage herüber, aber immer noch ſaß Röttken vor ſeinem Hauſe, auf der Gallerie die den Strom überſchaute, und ſtarrte mit leichenähnlichem Antlitz und glanzloſen Augen auf die breite, trübe Waſſerfläche des Miſſiſſippi. —— 217 Anderthalb Stunden vergingen ſo, ſein Weib bat ihn mehre Male in das Haus zu kommen— er rührte ſich nicht, antwortete auf keine ihrer Bitten. Endlich ſcholl der hohle Laut in das Boot geworfener Ruder zu ihm herauf, die Fährleute waren zurückgekehrt und kamen jetzt, Segelſtange und Ruder tragend, in die Gartenthür. Wie Röttken dieſe erblickte, ſtand er auf, winkte ihnen und ſagte düſter: Kommt, wir wollen einen Leichnam begraben! Mit wenigen Worten machte er nun die Männer mit dem fürchterlichen Schickſal des Unglücklichen bekannt und zog mit ihrer Hilfe den lebloſen Körper des Armen aus der Ciſterne. Seine Hände waren feſt geballt, ein Krampf mußte ihn unfehlbar ergriffen oder der Schlag ihn gerührt haben; leiſe aber und jedes Aufſehen vermei⸗ ddeend, trugen ſie ihn durch das Baumwollenfeld Zurück in den Sumpf, und verſcharrten ihn in einem ſchnell aufgeworfenen Grabe. Funfzig Dollars mit hinein? frug Scipio, als ſie den Leichnam ausgeſtreckt hatten. Willſt Du das Sündengeld? wandte ſich Röttken legen ihn. Ich— Maſſa— nein by golly, rief der Schwarze, ich nicht anrühren, und wenn's fünftauſend wären. 218 4 8 Das Grab war ſchnell vollendet, ſchwere Stämme und Aeſte wurden nachher oben drauf gewälzt, und bald kreiste nur die Eule einſam und allein über dem öden verlaſſenen Platz. Oft frugen nach dieſer Zeit dort einkehrende Gäſte Röttken, ob er den Krämer nicht wieder geſehen habe, er antwortete aber nie auf dieſe Frage und war lange Zeit nach jenem Vorfall ſtill und in ſich gekehrt. Am nächſten Tage ſprang der Keſſel eines nach New⸗Orleans gehenden Dampfbootes, und da ſich der Verſch wundene ſpäter nie wieder ſehen ließ, ja nicht einmal durch Andere ſeinen Wagen und ſeine Pferde zurückverlangte, hieß es bald allgemein, er ſei auf das Boot geflüchtet und dort von ſeinem Sthit⸗ ſal ereilt worden. Der Wagen blieb unbenutzt ſtehn und die Pferde liefen frei auf den dortigen Weiden herum, bis im nächſten Jahr ein anderer Krämer, der ebenfalls Wolf hieß, oder wenigſtens vorgab ſo zu heißen, ſich als Erbe meldete und Beides, da ihm Niemand wider⸗ ſprach oder ſich überhaupt um die Suche kümmerte, in Beſchlag nahm. Der Hurricane“). Am Fuß der Ozark⸗Gebirge, dort, wo ſich die ſchroffen, felſigen Klippen weit hineinſtrecken in die dicht mit Laubholz bewachſenen Niederungen, nicht weit vom Ufer des Mulberry entfernt, der ſchäumend und brauſend gegen die ſcharfen Eiskanten antobte, mit denen der ungewöhnlich ſtrenge Winter ihn ein⸗ zuhemmen gedachte, wanderten zwei weiße Jäger, in ihre wollenen Decken gehüllt, den Fluß entlang und ſchienen einen Platz zu ſuchen, an dem ſie auf die andere Seite überſetzen konnten. Zwei kräftig ausſehende Geſtalten waren's, wie ſie ſo mit den Büchſen auf der Schulter dahin ſchritten, und die zierlich ausgefranſten Leggins, die feſt an⸗ **) Hurricanes heißen jene Orkane, die auf dem Strich, auf welchem ſie dahinbrauſen, Alles vernichten und niederſchmettern. Sciie richten oft fürchterliche Verheerungen an. 220 ſchließenden und ſorgſam beſohlten Moccaſins bewie⸗ ſen, daß ſie ſich den Sitten der Wälder angepaßt hatten und nicht zu jenen„Landjägern“ gehörten, die beſonders in damaligen Zeiten ſchon anfingen, die weſtlichen Theile des Staates zu durchſtöbern, um die beſtgelegenſten Länderſtrecken auszufinden und anzukaufen, oder doch wenigſtens in Beſchlag zu: nehmen. Bill! rief endlich der Eine von ihnen, indem er ſtehen blieb, unſer Suchen hilft weiter Nichts— Du ſiehſt ich hatte Recht; der Fluß dehnt ſich hier zu breit, um noch einen Baumſtamm darüber hinlie⸗ gend zu finden, und wollte ich wirklich mit meinem kleinen Tomahawk an die Arbeit gehen und eine dieſer am nächſten zum Uferrand ſtehenden Platanen fällen, ſie würde nicht ausreichen. Ohnedem ſteigt dort hinten ein ſchweres Unwetter herauf, und ich glaube, es wäre gerade kein Fehlgriff, wenn wir Anſtalten träfen dieſe Nacht beſſer hinzubringen als die vorige; es wird bitter kalt werden. Aergerlich bleibt's doch! erwiederte unmuthig Bill dem Bruder, daß wir die Schlucht da drüben heute Abend nicht mehr erreichen ſollen, denn erſtens fänden wir dort in einer der zahlreichen Höhlen ein herrliches Nachtquartier, und dann wollt' ich auch gern nach 8 — einem Bären umher ſpüren; ſicher liegen dort einige im Bau. Das Waſſeer iſt nur zu verteufelt kalt um 3 durchſchwimmen zu können, und mit dem Unwetter wird's auch wohl ſeine Richtigkeit haben, alſo— ans Werk; hier liegen alte Bäume genug, und ein Rindendach wird leicht gebaut ſein. Es liegen mir hier faſt zu viel Bäume, erwie⸗ derte Tom, ſich dabei überall umſchauend, die noch ſtehenden ſcheinen überdieß morſch und faul; ich lagere nicht gern in ſo unheimlicher Nähe, Du weißt, welche Geſchichte uns der Vater einmal darüber erzählte. Thorheit! lachte Bill, können wir einen beſſeren Lagerplatz finden? Der kleine Bach führt ſein ſchnell⸗ fließendes Waſſer gerade hier vorüber, Holz liegt im Ueberfluß dicht herum, der junge Baumwuchs wird herrliche Zeltſtangen geben, und die Rinde dort iſt ausgezeichnet zu einem Dache. Tom machte weiter keine Einwendungen; die Stelle ſah zu einladend aus, und bald waren Beide emſig beſchäftigt eine rohe Lagerſtatt, für dieſe Nacht wenigſtens, zu errichten, die ihnen gegen das immer mehr und mehr heraufziehende Unwetter Schutz bieten ſollte. Unter ſo geübten Händen ging die Arbeit übrigens leicht von ſtatten, und die nächſte halbe Stunde fand Beide neben den an die Gluth geſteck⸗ ten Fleiſchſcheiben, unter ihrem ſchnell hergerichteten Dache. Es iſt ſonderbar wie kalt es plötzlich wird, brach Tom endlich das Schweigen; ſieh nur, das Waſſer im Blechbecher iſt ſchon hart gefroren und der Wind hat ſich ganz nach Nordoſt gedreht; bläſt auch ver⸗ wünſcht ſcharf. Laß ihn blaſen! gähnte Bill, ſich feſt in ſeine breite Decke einhüllend; ich bin müde und will ſchla⸗ fen, gute Nacht, Tom— leg' noch ein paar Aeſte nach, ehe Du Dich ebenfalls einwickelſt, und wer morgen früh zuerſt aufwacht, weckt den Anderen. Mitternacht war vorüber und das Feuer ziemlich niedergebrannt, die beiden Brüder ſchliefen aber ſanft und feſt und der eiſige Nordwind, der über die mit Schnee bedeckten Bergkuppen ins Thal ſtürmte, konnte ihren Schlummer nicht ſtören. Schwere Wolken⸗ maſſen hatten ſich jedoch jetzt, von verſchiedenen Seiten heraufſchwellend, geſammelt; finſter drohend hingen ſie über dem ängſtlich rauſchenden Wald, und leiſe ſchwankend ſchüttelten und neigten die gewaltigen Bäume ihre blattloſen Wipfel, wie in banger Ahnung des nahenden Sturmes. Da leuchtete ein greller Blitzſtrahl aus dem ſchwarzen Firmament hernieder 223 und ein ſchmetternder Schlag folgte faſt augenblicklich dem Vernichtungsboten. Eines jener fürchterlichen Wintergewitter war im Anzug, und heulend raste der entfeſſelte Orkan durch die engen Schluchten der Gebirge daher Bill! rief Tom, entſetzt emporſpringend, Bill, ſteh' auf, wir dürfen nicht liegen bleiben,— ſieh, wie die alten Stämme wanken und— hörſt Du dort? Da kracht ſchon einer nieder. Hallo! entgegnete Bill, ſchnell munter die Decke abwerfend,— hat's uns erwiſcht? He, Tom, halte das Dach— verdammt will ich ſein, wenn's der verwünſchte Nordweſter nicht mit fortnimmt! Seine Beſorgniß war nicht ganz ungegründet ge⸗ weſen, denn in demſelben Augenblick jagte ein ſo jäher Windſtoß durch die gegenüberliegende Schlucht daher, daß er das Lager in einem Nu halb abdeckte und glühende Kohlen und Funken weit hinein in die dunkle Nacht trieb. Wieder zuckte ein Blitz her⸗ nieder und der Donner übertäubte den heulenden Sturm. Da ſchien es plötzlich, als ob die Erde aus ihren Angeln wiche, und die Fugen krachten, in denen ſie zuſammengebalten würde.— Aus weiter Ferne kam es d yer, erſt undeutlich, mit dumpfem Praſſeln, wir cauſendfacher Kanonendonner, dann näher und 6 8 4 4 4 4 ö 4 . 224 näher tobend, in wildem entſetzlichem Schmettern und markerſchütternden Schlägen. Allmächtiger Gott, eine Hurricane! ſchrie da Tom erſchreckt auffahrend, denn in demſelben Augenblick raste der Orkan heran. Die Rieſenſtämme, die Jahrhunderten getrotzt, neigten ſich wie dünnes Rohr, und in einem, Herz und Seele betäubenden Schlag brach der ganze Wald, von der Hand des Höchſten gemäht, zuſammen. Weiter wüthete die Windsbraut, weiter in entſetzlicher Schnelle; Meilen breit warf ſie die hundertjährigen Eichen wie Binſen zu Boden, Meilen lang bahnte ſie ſich, verwüſtend und zerſtörend, ihren zielloſen Pfad, aber Schweigen, grabesähnliche Stille folgte ihrem Zug und herrſchte über dem wild durcheinander geworfenen Baumchaos; kein Lüftchen regte ſich mehr, und die Todesruhe nach dieſem gräß⸗ lichen Aufruhr der Elemente durchzuckte das arme Menſchenherz mit faſt noch ängſtlicheren Schauern, als es ſelbſt in dem fürchterlichſten Toben der Winds⸗ braut empfunden hatte. Bill war wie durch ein Wunder, ſelbſt der ge⸗ ringſten Beſchädigung entgangen; dicht an einen gewaltigen, ſchon darniederliegenden Stamm ange⸗ ſchmiegt, diente eine über dieſen fortſtürzende Eiche nur zu ſeiner Rettung, indem ſie die überall nieder⸗ 225 ſchlagenden kleineren Aeſte und Bäume von ihm abhielt; jetzt aber, ſobald die erſte, dringendſte Gefahr vorüber war, rief er in die Höhe ſpringend, ängſtlich und von banger Beſorgniß erfüllt, nach dem Bruder. Tom!— Bruder Tom! antworte doch— Tom! Großer Gott— hätte Dich denn ein ſo fürchterliches Schickſal ereilt! Nein— wohl ihm, wenn das ſein Loos geweſen wäre— er lebte noch— und ſeine matte Stimme ſchallte aus nicht gar weiter Entfernung an das ängſtlich lauſchende Ohr des Jägers. Allerbarmer! ſchrie aber dieſer, als er ein paar im Wege liegende Stämme ſchnell überſprungen hatte und nun, mit einem flammenden Kienbrand in der Rechten, vor dem Geſuchten ſtand; Allerbarmer! wiederholte er in faſt wahnſinnigem Schmerzruf und verhüllte ſich ſein Geſicht mit der Hand, denn neben ihm, bleich wie eine Leiche, mit beiden Schenkeln unter dem zerſplitterten und in die Erde gewühlten Stamm einer ungeheuren Eiche begraben, lag ſein Tom, ſein Bruder, der Geſpiele ſeiner Jugend, der Liebling ſeines Herzens. Es iſt recht kalt! flüſterte der Unglückliche und ſchaute bittend zu dem Jäger in die Höhe, der, Gerſtäcker, Miſſiſſippi⸗Bilder. I. 15 226 ſcheinbar jeder weiteren Bewegung unfähig, wie aus Stein gehauen neben ihm ſtand— es iſt recht kalt; Bill, kannſt Du nicht ein wenig Feuer herbringen? Dieſe Worte löſten die erſtarrende Rinde, die das Herz des faſt Bewußtloſen umſpannt hielt. Bruder! ſchrie er, Bruder! und ſtürzte jammernd auf den verſtümmelten Körper des Geliebten nieder. Du thuſt mir weh, Bill! bat dieſer, mein Arm ſchmerzt— und es iſt ſo kalt. Warte— Du ſollſt Feuer haben— ſchnell in wenigen Secunden! rief Bill jetzt, raſch emporſprin⸗ gend, bleib nur noch einen Augenblick liegen, ich hole Kohlen und dann helf' ich Dir auf— nur eine Minute Geduld! und in wilder Haſt floh er zu dem noch lodernden Lagerfeuer zurück. Ach, er ſah nicht das matte, ſchmerzliche Lächeln, das ſich über die Züge des Unglücklichen ſtahl, als er dieſen bat„Geduld zu haben“. In wilder Eile raffte er an Kohlen und Bränden Alles auf was er erfaſſen konnte; Jagdhemd und Hände verſengte die Gluth — er achtete es nicht und flog zurück zur Seite des Bruders; dürre Aeſte lagen dort im Ueberfluß umher und in wenigen Minuten loderte ein helles, erwär⸗ mendes Feuer neben dem Stamme empor, unter deſſen Rieſenlaſt der Arme lebendig begraben lag. 6 8 4 227 Bill überſah jetzt mit ſchauderndem Blick das ganze fürchterliche Elend und in faſt wahnſinniger Anſtrengung warf er ſich an den Baum, den Hun⸗ derte von Menſchen nicht hätten lüften können und verſuchte mit einzelner Kraft das Unmögliche. Bill! bat Tom da leiſe, komm hierher— komm, gieb mir Deine Hand— ſo— das iſt Recht— und nun, Bill— haſt Du mich recht lieb? Ein krampfhafter Druck von des Bruders Hand beantwortete dieſe Frage,— reden konnte er ja nicht, mit Gewalt zurückgepreßte Thränen hatten jeden Laut erſtickt. Willſt Du mir dann eine Bitte erfüllen? bat Tom ſchmeichelnd, den Widerſtandsloſen leiſe zu ſich herniederziehend. Eine Bitte? flüſterte Bill, eine Bitte? was könn⸗ teſt Du bitten, das ich Dir nicht erfüllen würde, wenn es in meinen Kräften ſtände? Verſprichſt Du mir, ſie zu erfüllen? Was haſt Du? frug ängſtlich erſtaunt der Jäger. So nimm Deine Büchſe, bat Tom, und— mache meinem Leiden ein Ende! Tom! ſchrie Jener, entſetzt aufſpringend. Mache meinem Leiden ein Ende! flehte bittend der Unglückliche. Bill! Bruder, wenn Du mich je 15* 228 geliebt haſt, ſo beweiſe es jetzt— laß mich hier nicht langſam und qualvoll verſchmachten. Ich will Dich retten und koſtete es mein eigenes Leben, rief Bill, noch heute Abend kehr' ich mit Hülfe zurück. Das iſt nicht möglich! erwiederte traurig den Kopf ſchüttelnd der Arme. Die nächſte Anſiedlung i*ſt, in gerader Richtung, wenigſtens funfzehn Meilen von hier entfernt; der Weg aber, den Du einſchlagen müßteſt, um all die Klippen und Abhänge zu um⸗ gehen, iſt zwanzig— und kämſt Du wieder— bräch⸗ teſt Du funfzig Leute mit Dir— was könnten ſie mir nützen?— Meine beiden Schenkel ſind zerſplittert und der nächſte Arzt wohnt in jenem Hunderte von Meilen entfernten Flecken, Little Rock, nach dem wir kaum die Richtung wiſſen.— Bill! willſt Du mich hier tagelang liegen und nachher elendiglich umkom⸗ men ſehen? Fordere mein eigenes Leben, Tom, und Du ſollſt es mit Freuden haben, aber verlange nicht ſo Schau⸗ derhaftes von mir; noch muß Rettung möglich ſein — ich habe meinen Tomahawk— ich kann dieſen Baum zerhacken— ich kann— Vermagſt Du ſolche Wunden zu heilen? unter⸗ brach ihn Tom und deutete mit der Hand auf ſeine 4 Schenkel,— es war ein fürchterlicher Anblick und der Bruder ſank zuſammenſchaudernd auf die Kniee nieder. Ich kann Dich nicht morden! ſtöhnte er leiſe. Und nennſt Du das Mord? O, Bill! fuhr er mit verbiſſenem Schmerze fort, ſ ollteſt Du nur die Qualen ahnen, die ich jetzt ausſtehe, Du würdeſt Erbarmen haben— würdeſt mich nicht umſonſt bitten laſſen. Ich will Dir die Büchſe geben— mache mich nicht zum Brudermörder, ſtöhnte Bill. Mein rechter Arm iſt ebenfalls gebrochen; ich kann nicht— ſelbſt wenn ich wollte! Tom! ſchluchzte der ſtarke Mann, indem er ſich neben dem Bruder niederwarf, was verlangſt Du von mir? Was thateſt Du neulich mit Neſtor, als ihm der Bär die Weichen aufgeſchlagen hatte? Ich erſchoß ihn! Es war Dein Lieblingshund! Bill antwortete nur durch Schluchzen. Und hatteſt Du ihn lieber als mich? frug Tom jetzt, faſt vorwurfsvoll. O, warum folgt' ich nicht Deiner Warnung, als wir geſtern Abend an dieſen unglückſeligen Platz ka⸗ men? warum vermied ich nicht die abgeſtorbenen 230 Bäume, die uns drohend überall umſtanden— wa⸗ rum— Bill! unterbrach ihn der Unglückliche, willſt Du mich von meiner Qual befreien? Ich will, weinte der Arme am Halſe des Bruders. Lange und innig hielten ſich noch die Beiden umſchloſ⸗ ſen, als aber Tom endlich verſuchte ihn leiſe von ſich zu drücken, klammerte ſich jener nur noch feſter an ihn an. Da dämmerte im Oſten der Tag, die Sonne be⸗ ſchien das Chaos der wild übereinander geſtürzten Baummaſſen. Laß uns ſcheiden, flüſterte Tom, ſei ein Mann! Freundlich drängte er jetzt den Bruder von ſich und dieſer ſtand auf. Wohl denn— es ſei! rief er, ich ſehe, Du haſt Recht— Rettung iſt nicht möglich; ich weiß auch, ich hätte in gleichem Falle von Dir daſſelbe begehrt— und Du hätteſt mir es ebenfalls nicht verweigert.— Bete noch einmal zu Gott— und— bete auch für mich— daß er mir den Brudermord vergebe— Bill ſchwankte fort um die Büchſe zu holen, kehrte aber nach wenigen Minuten mit feſtem, ſicherem Schritte zurück. In der Linken das Gewehr, ſchwang er ſich mit der Rechten über die zerſtreut umherliegen⸗ —Bü=ͤ— — 231 den Stämme, und ſtand gleich darauf neben dem freundlich zu ihm empor Schauenden. Ich bin bereit, lächelte dieſer jetzt, zittere nur nicht — und Gott lohne Dir den treuen Dienſt— leb' wohl! Er reichte ihm mit abgewandtem Geſicht die linke, geſunde Hand. Bruder! rief im fürchterlichſten Seelenkampf der Gemarterte und ſank noch einmal an ſeine Bruſt. Noch einmal hielten ſie ſich krampfhaft umſchlungen, da bat Tom leiſe: Zögere nicht länger! und mit ra⸗ ſchem Sprunge war der Jäger auf den Füßen, riß die Büchſe an den Backen und— lag im nächſten Augen⸗ blicke ohnmächtig neben der Leiche des Erſchoſſenen. Was bleibt nun noch zu erzählen? Soll ich be⸗ ſchreiben, wie er erwachte und Aſt nach Aſt auf den Leichnam des Bruders häufte, damit Wolf und Pan⸗ ther nicht den gierigen Zahn an die geliebten Ueber⸗ reſte legen konnten; wie er fortwankte und Monate lang, von Freunden gepflegt, in wilder Fieberphan⸗ taſie mit dem Tode rang? Nein, genug des Schmerz⸗ lichen. Nicht lange mehr peinigte ihn Nachts in wil⸗ den Träumen das blutbedeckte Antlitz des Bruders, daß er mit lautem Angſtſchrei vom Lager empor⸗ ſprang und fliehen wollte— auf einem Streifzug gegen marodirende Indianer der Creek⸗Nation machte 232 eine mitleidige Kugel ſeinem Leben ein Ende und die Freunde begruben ihn dort, wo er fiel. Aber ſein An⸗ denken hat ſich in jener Gegend noch erhalten, und wenn der Jäger am Abend ſein Lager aufſchlägt und ängſtlich den prüfenden Blick zu den Rieſenſtämmen emporwirft, die ihn überall drohend umgeben, dann öffnet ihm wohl, und ſei er ſonſt der R ſte und Wil⸗ deſte der Schaar, ein ſtilles Gebet die ippen, und er flüſtert leiſe: „Gott bewahre mich vor dem Schickſal des armen Tom.“ * Uor der Thür eines kleinen Blockhauſes, deſſen Inneres zu einem Waarenlager und Laden einge⸗ richtet war, hatte ſich ein halbes Dutzend Männer, Jäger und Landleute, verſammelt und ſchien in einem ſehr hitzigen Streit, über Kirche und Politik, begrif⸗ fen, den beſonders Zwei von ihnen mit beſonderem — Eifer fortführten. Keiner von dieſen wollte nachgeben und drohende Worte waren ſchon Beiden entflohen, als ein alter grauhaariger Mann zwiſchen ſie trat und 3 den Jüngeren, während er ihm freundlich die Hand 5 auf die Achſel legte, mit ſich hinweg zu führen ver⸗ h ſuchte.— Kommt Greenford, ſprach er leiſe, laßt I den Zank ſein, Ihr erntet keine Ehre dabei ein und überdies hat ja Jeder ſeine beſonderen Meinungen. . 6 234 Ich bin nicht ſtreitſüchtig, entgegnete der junge Mann leicht beſänftigt— möchte auch Keinem wehe thun— es iſt aber perdamnn hart,„daß man es ruhig Welt, ſelbſt / unſerer Geſetze für ſich und ihre Familien genießen! Auf Eurem Grund und Boden? fiel der Mor⸗ mone ſpöttiſch ein— den Schutz Eurer Geſetze! Wem gehört denn dies Land, als den wahren Gläu⸗ bigen? den Heiligen, den Höchſten? Hat uns nicht Gott ſchon in alten Zeiten die Erde als Eigenthum verſprochen, und ſollen wir jetzt irgend einem Staate für die erbärmliche Scholle die wir bewohnen, Dank ſchulden? Hol' Euch der Henker mit Euren Prahlereien! entgegnete ihm trotzig der junge Miſſourier,— Schlangen und Eidechſen! Ihr möchtet Euch wohl gerne zu Herren der Erde und uns andere Ungläubige zu Euren gehorſamen Sklaven machen! Peſt! aber Ihr kennt die Miſſourimänner noch nicht, und wenn Ihr Eure Hände noch ſo feſt in den Boden, den Ihr bewohnt, eingeklammert hättet, ſo giebt's dennoch Mittel Euch Recht und Sitte zu lehren, ſobald Ihr die Geſetze nicht anerkennt, die der Staat Euch und uns vorgeſchrieben hat! Der Staat! lachte wieder höhniſch der Mormone — was iſt der Staat? ſeht Ihr die dünnen, weißen Wolken da oben? Der Ewige haucht ſie an und ſie vergehen— blau und rein iſt der Himmel— ſo iſt es mit Eurem Staat. Bauet und pflügt nur Eure Ländereien, plagt Euch nur im Schweiße Eures An⸗ geſichts— das iſt gut ſo— die Heiligen werden die Ernte halten und bald im Beſitz der Güter ſein, die ihnen von Gott und Rechtswegen zukommen. Der Bube droht, rief Greenford und riß ſich von des Alten Hand los— verdammt will ich ſein, wenn ich nicht glaube, daß dieſe heuchleriſchen Schurken irgend einen tückiſchen Plan im Hinterhalt haben und wir die Schlangen hier im Buſen nähren! Schurken nennſt Du unſere heilige Gemeinde? rief aber auch jetzt im höchſten Zoͤrn der gereizte Mormone. Schurken? Fluch Dir und Deinem Stamm, auf den ich dieſes Schimpfwort zurückſchleudere. Aber Geduld, nur noch kurze Zeit Geduld, denn die letzten Cage ſind vor der Thür und die Heiligen werden 236 vom Himmel herabkommen Euch zu vertilgen!— Ausgerottet ſollt Ihr werden— Alle, die Ihr hier in Sünde und Schmach den wahren Gott verläſtert, und ein fürchterliches Blutbad wird die Ungläubigen Miſſouris von der 5 fegen, daß ihre Namen nicht einmal mehr in ſpäteren Zeiten gehört werden ſollen! Er wäre noch lange in ſeiner Zorn⸗ und Buß⸗ predigt fortgefahren, aber Greenford, ſeiner ſelbſt nicht mehr Meiſter, ſchleuderte Alle die ſich ihm in den Weg ſtellten zurück, riß ſeinen Rock herunter und ſprang mit wildem Satz auf den zürnenden Redner zu, um ihn für die Läſterung ſeines Gottes und Vol⸗ kes zu züchtigen. Der Mormone, keineswegs ein Schwächling, und wie der junge Miſſourier im Walde auferzogen, bebte nicht vor dem Anſtürmenden zurück, ſondern empfing ihn, ſeine begeiſterte Stellung ſchnell mit der eines kampfgeübten Borxers vertauſchend, feſten Fußes, die wüthend nach ſeinen Schläfen und Augen geführten Stöße eben ſo ſchnell und gewandt parirend und kräftig und geſchickt wieder zurückgebend. Der Miſ⸗ ſourier hatte aber ſchon zu lange den mühſam verhal⸗ tenen Groll gegen die Feinde ſeines Glaubens und ſeines Staates genährt, und mit unerſättlichem Haß erneuerte er, zehnmal zurückgeſchlagen, eben ſo oft 237 ſeinen Angriff, bis die Kräfte des Feindes endlich ermatteten, dieſer einen wohlgezielten Stoß ſeines, faſt zur grenzenloſeſten Wuth getriebenen Gegners nicht mehr kräftig genug pariren konnte, und von deſſen Fauſt getroffen, beſinnungslos zu Boden ſtürzte. Halt, rief aber jetzt der Alte, als ſich der junge Mann in blinder Rache auf den gefallenen Feind ſtürzen wollte— halt, Greenford!— Ihr wollt Euch doch nicht an Einem vergreifen, der machtlos zu Euren Füßen liegt?— Ihr mögt das in Kentucky geſehen haben, fuhr er milder, aber immer noch ver⸗ weiſend fort, da der junge Mann beſchämt von ſeinem beſiegten Feinde zurücktrat, um den ſich jetzt die Nach⸗ barn verſammelten und ihn ins Leben zurückzurufen verſuchten— es iſt aber hier in Miſſouri nicht Sitte und ſchickt ſich auch, ſollte ich denken, für einen ordentlichen Mann nicht! Nun laßt's nur gut ſein, Stevenſon, bat der junge Farmer, indem er dem Alten die Hand hinüber⸗ ſtreckte— es war nur ſo ein flüchtiges Gefühl, das mich trieb, an dem Schurken meir Sohlleder zu ver⸗ ſuchen—'s iſt aber» eyr, ich dachte nicht gleich daran, daß er da lac, doch hol ihn der Henker— ſteht er wieder ar and läßt die verdammten gottes⸗ läſterlichen Relen nicht, ſo beginne ich auf's Neue 238 mit ihm— dann halt ich ihn aber aufrecht, bis ich ganz mit ihm fertig bin. Ich wollte, Ihr hättet den Streit nicht gehabt, unterbrach ihn Stevenſon jetzt, halb ärgerlich, halb beſorgt,— die Mormonen ſitzen uns hier dicht auf dem Halſe, ſind dabei ſo feindſelig wie möglich gegen uns geſinnt, und halten zuſammen wie die Kletten, da ſollt's mich denn gar nicht wundern, wenn dieſer Kampf noch recht böſe, häßliche Folgen mit ſich führte; denn daß der da, dem Ihr das ganze Geſicht zerſchlagen habt, die Sache nicht ungerächt ruhen läßt, davon könnt Ihr überzeugt ſein. Mag er zum Teufel gehn— ich fürchte ihn nicht, rief Greenford— er hat das geläſtert, was uns Allen das Heiligſte iſt, überdies böſe, unheimliche Drohungen ausgeſtoßen; da müßte man ja oben am Nordpol geboren ſein, wenn man bei ſolchen Reden kaltes Blut behalten könnte. Der Mormone hatte ſich indeſſen wieder von ſei⸗ ner Betäubung erholt, ſchien aber für heute den Streit nicht weiter fortſetzen zu wollen, ſondern ging zu ſeinem Pferde, das angebunden an einem nahen Baume ſtand, warf ſich hinauf und ſprengte, ohne den Blick zurückzuwenden, mit verhängtem Zügel waldeinwärts. 239 Mehre Minuten ſchon war Roß und Reiter in dem Waldesdunkel verſchwunden, und noch immer ſtanden die Männer unbeweglich auf ihren Plätzen, und ſtarrten ihm in tiefen Gedanken verſunken nach, bis endlich Greenford das Schweigen brach und ſeinen Rock anziehend und die Kugeltaſche wieder umhängend, die er vor dem Kampf abgeworfen hatte, ausrief: Da reitet der Schurke, der hier an einem der Bäume für ſeine gottesläſterlichen Reden zu hängen verdiente,— verdammt will ich ſein, wenn es nicht eine wahre Schande iſt, auf Onkel Sam's eigenem Grund und Boden von einem Volke verachtet und verſpottet zu werden, das ſchon aus den öſtlichen Staaten fliehen mußte, weil die Bürger dort ihre Betrügereien und Schlechtigkeiten nicht länger dulden wollten! Es iſt nicht ſo arg, beruhigte Stevenſon den Erzürnten, und meiner Meinung nach mehr eine heilige Schwärmerei als böſe Abſicht, die ſie zu die⸗ ſen, oft leichtſinnig, ja ſchlecht ſcheinenden Hand⸗ lungen verleitet. Blind glauben ſie Alles, was ihnen ihr Prophet und Gott, dieſer Joe Smith, ſagt und als unmittelbar empfangene Offenbarung ausgiebt, und halten ſich als die Auserwählten des Herrn zu ————— 240 mehr berechtigt, als wir armen Verblendeten hier im Sinne haben ihnen zuzugeſtehn! Was können wir aber machen, wandte Greenford ein, wenn ſie ſich mit Gewalt ein Recht verſchaffen, das ſie zu beſitzen feſt überzeugt ſind?— Vergebens haben wir uns ſchon mehre Male an die Regierung gewandt und dieſe auf die Gefahr aufmerkſam ge⸗ macht, der wir bei feindſeligen Abſichten dieſer Schwärmer ausgeſetzt wären; ſte glaubt ſie jetzt, da ſie erſt kürzlich von ihren alten Wohnorten vertrieben wurden, eingeſchüchtert und verträglich geſinnt— Ihr werdet nächſtens das Gegentheil erleben, wenn Blutvergießen und Gewaltthaten eine friedliche Schei⸗ dung unmöglich gemacht haben. Ja, ja! ich ſtimme ganz mit dieſen Anſichten überein, bekräftigte ein alter, ſonngebräunter Jäger, der bis jetzt, auf ſeine Büchſe gelehnt, ruhig und ſcheinbar theilnahmlos ſowohl dem Kampfe zugeſchaut als den ſpätern Verhandlungen gehorcht hatte.— Ich war in„Independence“, wie wir ſie von dort ver⸗ trieben, und weiß, was ſie Alles unter dem Deck⸗ mantel ihres Glaubens und ihrer Religion gewagt haben.— Nichts war ihnen heilig, als die Ausfüh⸗ rung jener Pläne, die ſie ihrem Ziele näher brachten, und theils durch Gewalt, theils durch Liſt hatten ſie 241 ſich ſo feſt in unſerer Mitte eingeniſtet, daß es die ganze Kraft des County bedurfte ihrem nachtheiligen Wirken Einhalt zu thun. Peſt und Gift! und da ſchicktet Ihr ſie uns hier⸗ her? nicht wahr— um ſie nur dort los zu werden wmahrhaftig ächt chriſtlich, fiel Greenford bitter lachend ein. Und was ſollten wir anders mit ihnen machen? ſie vertilgen?— Hättet Ihr Eure Hände dazu herge⸗ geben, Greenford, das Blut von Leuten zu vergießen, die einen andern Glauben haben als Ihr? sampfte ungeduldig mit dem Fuße. abeoer ſo ihren 2 aun fen ſollen. Fort mit ihnen— ich Tage hören zu müſſen, daß jetzt bald der ju nahen würde, an welchem die„Heiligen des Herk in ihre alten Rechte eingeſetzt und die ungläubigen Kinder der Sünde und Verdorbenheit in Verbannung und Schmach geſchleudert werden ſollen. Ich hab' es ſatt, von unſern Gräbern reden zu hören, aus denen V 9 jener„geiſtige, die Erde ausfüllende Tempel“ erſteigen ſoll!— Wer, zum Henker, ſteht uns denn dafür, Gerſtäcker, Miſſiſſippi⸗Bilder. I. 16 daß es nicht in dieſen Tagen dem alten Smith einmal einfällt, einen Kreuzzug gegen ſeine ungläubigen Nach⸗ barn zu predigen, und was hilft es uns ſpäter, wenn wir mit abgeſchnittenen Kehlen unter dem Raſen lie⸗ gen, daß unſere Landsleute den Tod ihrer gefallenen Brüder rächen und die geſtohlenen Weiber aus Ge— fangenſchaft und Schande befreien! Fort mit ihnen, ſag' ich fort! Schickt ſie weſtlich zu den Indianern, mit denen mögen ſie ſich herumſchlagen und die Roth⸗ häute bekehren, oder doch wenigſtens ſo beſchäftigen, daß ſie uns für's Erſte an den Grenzen mit ihren Ein⸗ fällen verſchonen. Air g Mrſachen? unterbrach ihn Argerlich der — hol's der Henker, Stevenſon, was Meſteht Ihr denn eigentlich unter gegründeten Urſa⸗ chen? Sollen ſie uns erſt am hellen Tage überfallen und unſere Weiber fortſchleppen? ſollen ſie uns die Häuſer niederbrennen und die Felder zerſtören? Gift und Schlangen! ſtehlen ſie nicht ſchon von unſern Feldfrüchten, was ſte heimlich bekommen können? ſchlachten ſie nicht jedes Stück Vieh der„Ungläubi⸗ Rann, — — 243 gen,“ das ſich unglücklicher Weiſe auf ihren Beſitzun⸗ gen verläuft, und ſchwören die, zu dem ſchändlichen Stamm der Daniten Gehörenden, den ſie erſt kürzlich gebildet haben, nicht, von ihrem Propheten ſelbſt da⸗ zu aufgemuntert, die gräßlichſten Meineide, ehe ſte einen von ihrer Schaar verrathen? Nein, Ihr, Ste⸗ venſon und Harvard und Ihr Anderen alle, die Ihr Euch Männer Miſſouris nennt,— Schimpf und Schande iſt's, daß wir es ſo lange geduldet haben, und Zeit wär' es, das ſchmähliche Joch abzuſchütteln, ehe es uns unter ſeiner Laſt erdrückt.— Die öſtlichen Staaten lachen uns aus, wenn ſie in ihren Zeitungen die faſt unglaublichen aber wahren Berichte über die Anmaßungen des mormoniſchen Sectengeiſtes leſen, und ſpötteln nicht mit Unrecht daß es ausſähe, als ob die alten, kräftigen Pioniere Miſſouris Büchſe und Meſſer mit dem Gebetbuche vertauſcht hät⸗ ten, und ſtaͤtt dem Panther an der Salzlecke aufzu⸗ lauern, die Erſcheinung der lieben Engelein vom Him⸗ mel erwarteten. Pfui— pfui!— wir müſſen uns bald vor den Kindern ſchämen. Nun ich denke, Ihr werdet nicht lange über Man⸗ gel an Urſachen zu klagen haben, meinte kopfſchüttelnd der andere Jäger, Harvard; nach Allem, was ich je von den Mormonen geſehen habe, ſo ſind ſie gerade 16* nicht feige, und der Burſche, der da mit wundgeſchla⸗ genem Geſicht und vor Zorn und Wuth glühenden Augen fortſprengte, könnte uns leicht in einigen Ta⸗ gen mehr von ihnen auf den Hals ziehen, als ſich ge⸗ rade mit unſerer Sicherheit und Behaglichkeit vertra⸗ gen möchte. Laßt ſie kommen, die Hunde! rief Greenford, den Kolben ſeiner langen Büchſe auf die Erde ſtoßend, laßt ſie kommen, wenn ſie uns auch an Zahl überle⸗ gen ſind— Höll' und Teufel— ich ſehne mich or⸗ dentlich danach, mir an einem von ihren verfluchten Körpern den Platz auszuſuchen, wo das Herz ſitzen muß, um das Tageslicht hindurchſcheinen zu laſſen! Greenford! rief Stevenſon verweiſend, Ihr macht es ſchlimmet als die, die Ihr tadelt! Nein, Gott ver⸗ hüte daß es zum Blutvergießen kommen ſollte; aber aufrichtig geſtehen muß ich's, mit dabei wär' ich auch, wenn wir die Großprahler und Frömmler verjagen dürften! Doch kommt, Kinder— es wird ſpät und wir haben noch vier Meilen bis nach Hauſe, alſo gute Nacht— und Ihr, Harvard, wenn Ihr Luſt habt, ſo machen wir morgen früh die verabredete Bärenjagd— die Fährte bekommen wir friſch in dem kleinen Bache, der etwa eine Viertelmeile von meinem Hauſe vorbei⸗ ſtrömt, ſeit den letzten acht Tagen iſt der alte Burſche 245 dort jede Nacht durchgekommen; aber mit Tageslicht geht's fort! Und wo treffen wir uns? frug Harvard dagegen. An der Platane, von der wir neulich die beiden wilden Katzen herunterſchoſſen, rief Stevenſon zurück, warf den Zügel ſeines Pferdes dieſem über den Nacken, ſprang in den Sattel und nach einem herzlichen Gutenacht-Gruß ritten die Männer ihren verſchiede⸗ nen Wohnungen zu, den eben noch ſo belebten Platz ſeiner tiefen, ſtillen Einſamkeit überlaſſend. Erſt nach Sonnenuntergang erreichten die beiden Reiter, Stevenſon und Greenford, das Haus des Erſteren, aus dem ihnen ſchon in weiter Ferne, da ſte einen kleinen Hügel hinabritten und die kleine Lichtung, welche die Hütte des alten Mannes umgab, überſehen konnten, der Glanz des hellen Feuers ent⸗ gegenſchimmerte, und freudiges Hundegebell begrüßte ſie, als ſie ſich endlich dicht am Hauſe von den Pferden ſchwangen, welche des Alten Söhne, ein Paar kräftige Burſchen von ſechzehn und achtzehn Jahren, ſogleich in Anfang nahmen. Laßt ſite nur nicht wieder in den Wald, rief der Alte, und gebt ihnen ein gutes Futter, bringt auch einen halben Buſchel Mais mit ins Haus, wenn Ihr wieder zurückkommt, den Ihr nachher ſchälen 4½ und einſacken müßt; wir wollen morgen früh unſer Glück mit dem Bären verſuchen. Halloh! rief Jim, der Aelteſte, da geh' ich mit. Meinetwegen, lachte der Alte, Einer von Euch mag gehen, der Andere muß aber das Haus hüten, wir dürfen in dieſen Zeiten die Frauen nicht ganz ohne Schutz laſſen. Mit den Worten trat er in die Thür und ängſt⸗ lich eilte ihm ſein Weib entgegen. Was iſt geſchehen— Stevenſon— warum dürft Ihr die Frauen nicht ohne Schutz laſſen? ſeid Ihr doch ſchon ſo oft Alle auf die Jagd geritten und Du haſt nie daran gedacht— Aengſtige Dich nicht, erwiederte gutmüthig lächelnd Stevenſon, Greenford hier hat einen Streit mit einem Mormonen gehabt, der ſpäter gerade nicht in der freundlichſten Stimmung ſchied,— es hat aber nichts zu ſagen, es war ein ehrlicher Kampf— Mann gegen Mann— und der Beſtegte darf ſich nicht beklagen. Aber, Greenford, flüſterte Anna, des Alten Toch⸗ ter, ein liebliches, blühendes Mädchen von neunzehn Jahren und die Braut des jungen Pioniers, indem ſte an dieſen herantrat und ihm ſchmeichelnd die dunk⸗ len Locken aus der Stirn ſchob, Du haſt ſchon wieder Streit geſucht, und mir doch ſo feſt verſprochen Dich 247 zu mäßigen und das wilde, trotzige Weſen abzulegen — Du wirſt uns noch Alle einmal recht unglücklich machen! Laß es gut ſein, Anna! bat der Jäger, ich konnt' es wahrhaftig nicht ändern— der ſchlechte Burſche verhöhnte faſt Alles, was uns heilig iſt, und— Du weißt, ich habe nicht das ruhigſte Blut— mir lief die Galle über— doch will ich 3c beſſern— ich will jedesmal, ſollte ich wieder in Händel gerathen, an Dich denken und— wenn's nur irgend möglich iſt, recht ruhig und ehrbar werden! Rührt Euch, Ihr Frauen— rührt Euch! rief jetzt der Alte dazwiſchen, ſetzt Eure Töpfe und Keſſel zum Feuer, denn wir ſind gewaltig hungrig; nachher könnt Ihr ſchwatzen ſoviel's Euch beliebt, und Du, Anna, magſt uns gleich etwas mehr Tei rode auf morgen früh anmengen und ſpäter wenn wir einmal auf der Fährte des alten Burſchen ſind, den wir mit Sonnenaufgang zu jagen und unſere Schweine von dem gefährlichen Feinde zu befreien gedenken, ſo kann es wohl vorfallen, daß wir, ſo wir ihn morgen nicht finden, Abends im Walde bleiben 8lq ☚ vergiß auch nicht ein tüchtiges Stück Speck dazu zu ſtecken, denn Harvard wird ebenfalls dabei ſein und — häng' ihn— der verläßt ſich ſtets auf ſeine Büchſe 248 und nimmt nie einen Biſſen zu eſſen mit. S' iſt uns ſchon oft ſo gegangen, daß wir draußen lagen und nicht ein Maulvoll zu beißen und zu brechen hatten. Wann habt denn Ihr und Harvard die beiden wilden Katzen geſchoſſen? frug jetzt Greenſord, ich hörte doch, wie Ihr ihm dadurch dem Baum be⸗ zeichnet.„ Ja, das iſt eine ſonderbare Geſchichte, lachte der Alte, doch Dom, Du haſt ſie ſchon wenigſtens dreimal gehört, wandte er ſich jetzt, kurz abbrechend, zu dem jüngſten Sohne— Du kannſt indeſſen immer ein wenig Holz zum Feuer tragen— es ſitzt ſich behag⸗ licher, wenn es recht hell im Zimmer iſt.— Alſo Harvard und ich gingen vor etwa acht Tagen am Wolfscreek hinauf, und die Hunde waren ſchon lange Truthühner, der dort herum den ganzen ir ſie plötzlich, nicht ſo gar weit ent⸗ . 1 euehanna die Rüden hetzten, die auch bellend und jauchzend den wohlbekannten Tönen zuflogen. Wir folgten, ſo ſchnell uns unſere 4 n dereanh,n vernahmen bald das Aufflattern der ſchwer n Thiere in die Baumwipfel des Thallan⸗ ddees, wie das freudige Gekläffe der ſie verfolgenden und bewachenden Hunde. Nichts Anderes erwartend, 249 als ſie in den höchſten Bäumen, hinter den Stämmen verſteckt und an die dicken Aeſte angeſchmiegt zu fin⸗ den, wie es ſo gewöhnlich ihre Art iſt, kamen wir mit gehobenen Büchſen heran; Ihr mögt aber über unſer Erſtaunen urtheilen, als wir, gerade da wo der Bach bei den zwei umgeſtürzten Bäumen den Weg durchſchneidet, unſeren alten Hector, der ſonſt kaum noch mit den anderen Hunden fortkommen kann, emſig beſchäftigt fanden, einen koloſſalen Truthahn, den neidiſch knurrend drei der jüngeren Hunde umſtan⸗ den, auf den Weg zu ſchleppen, damit wir ihn ja nicht verfehlen ſollten. Uns Beiden war die Sache uner⸗ klärlich, denn äußerſt ſelten fällt es, wie Ihr wohl ſelber wißt, vor, daß ein Hund ſelbſt ein im Neſte ſitzendes Huhn überraſcht, und wir konnten uns daher auf keine Weiſe erklären, wie dieſes alte, ſteife Thier den großen, ſchönen Hahn, der wohl an zwanzig Pfund wiegen mochte, überliſtet oder eingeholt haben konnte, denn daß er ihn eben erſt gefangen war ganz klar, da er ſogar noch, als wir zu ihm kamen, mit den Flügeln zuckte. Nun, ſagte Harvard und nahm ihn am Nacken in die Höhe, wir wollen uns hierüber nicht lange den Kopf zerbrechen; der Truthahn iſt da und der Alte hat ihn erwiſcht— auf welche Art iſt gleichgül⸗ 4 tig; ich will ihn aber indeſſen hier oder irgendwo aufhängen, daß wir ihn wiederfinden wenn wir erſt aus dem anderen Gange noch einen oder zwei her⸗ ausgeſchoſſen haben— unſer Fleiſch zu Hauſe geht auf die Neige, und ich möchte gern ein Paar der fetten Burſchen mit heim nehmen. Damit ſchauten wir Beide aufwärts, um irgendwo nahe bei der Hand zwei, dicht neben einander ſtehende kleine Zweige zu ſnden, den Kopf des Truthahns dazwi⸗ ſchen hineinzuhängen, als wir, kaum zwanzig Fuß vom Boden, auf einer alten verdorrten Platane, die dicht neben uns am Rande des Baches ſtand, eine wilde Katze erblickten, die ruhig und lauernd, an b einen der verdorrten, ziemlich ſchwachen Aeſte ange⸗ ſchmiegt, mit ihren großen, funkelnden Augen wild und zornig auf uns herabſah, weil wir ſie von ihrer Beute verjagt hatten; nämlich es war jetzt außer allem Zweifel, daß die Katze und nicht der Hund den Truthahn gefangen haben mußte. Schnell hob ich die Büchſe, um die tückiſche Beſtie herunterzuholen, Har⸗ vard aber hielt mich zurück und einen Stein aufhebend, ſagte er: Laßt mich machen, wenn ich den morſchen Aſt treffe, auf dem ſie ſitzt, ſo muß ſie fallen und unſere Hunde können ſich einen Spaß mit ihr machen. Da ich wußte daß er ein ausgezeichneter Stein⸗ 251 werfer war, und die Hunde, durch mein raſches Zielen aufmerkſam gemacht, heulend den Baum um⸗ ſprangen, der ihnen ihren grimmigſten Feind vorent⸗ hielt, nahm ich meine Büchſe wieder herunter, und in demſelben Augenblicke traf auch, von Harvard's ſicherer Hand geſchleudert, der Stein den Aſt, der, überhaupt ſchon morſch und faul, ganz wie mein Camerad vorhergeſehen hatte, von dem plötzlichen Wurf und dem Zuſammenzucken des Thieres herunter⸗ brach. Aber die Katze kam nicht mit, ſondern um⸗ klantmerte noch im Stürzen, und kaum mehr zwei Fuß von den Hunden entfernt, die ſie alle ſchon mit offenen Rachen und athemloſem Schweigen in fieber⸗ hafter Aufregung erwarteten, den Stamm, an wel⸗ chem ſie mit Blitzesſchnelle in die Höhe lief. Wer beſchreibt da unſer Erſtaunen, als wir, ihr mit den Augen folgend, noch eine zweite gewahrten, die oben, faſt in der äußerſten Spitze der Platane kauerte. Harvard machte nun zwar den Vorſchlag, eine Art von hier zu holen, denn es iſt gar nicht weit, ich traute aber den Beſtien nicht recht. In Kentucky haben wir einmal eine wilde Katze, die wir ebenfalls durch das Fällen einer Eiche zu erwiſchen gedachten, über ſechs Stunden mit den Hunden gehetzt, ehe wir ſte wieder aufbäumen konnten, und mußten ſie nach⸗ 252 her immer noch ſchießen; ich rief ihm alſo kurz zu die rechte zu nehmen, während ich die linke beſorgte, und bei unſeren Schüſſen, die ſo zu gleicher Zeit fielen, daß ſie hier im Hauſe nur einen einzigen Knall gehört haben, ſtürzten die Beſtien zwiſchen die Hunde hinein, die ſich nun eine Güte thaten und nicht eher ruhten, bis ſie die beiden Thiere in Gott weiß wie viele Stücken zerriſſen hatten. Noch über Vieles plauderten die Männer zuſam⸗ men und erzählten ſich Jagdabenteuer und Anekdo en, bis die einfache Mahlzeit bereitet und der Tiſch Febea war, wo dann die alte Mrs. Stevenſon ſie bat,„ihre Stühle herumzurücken und zu eſſen was da wäre!“ Sie ließen ſich auch nicht lange nöthigen; das warme, in kleinen Kuchen gebackene Maisbrod, der ſaftige, gebratene Speck und die dünnen Schnitte Hirſchfleiſch, mit einem Becher guter Buttermilch hinuntergeſpült, mundeten vortrefflich und das all⸗ mälige Verſchwinden ſämmtlicher Lebensmittel war der beſte Lobſpruch für der Frauen Kochkunſt. Nach dem Eſſen wurde eine andere Schüſſel voll Brod, die unterdeſſen gebacken war, nebſt mehren Stücken Speck und Hirſchfleiſch in einen Sack geſteckt; der junge Stevenſon ſchälte den Mais für ihr Pferde⸗ futter auf den nächſten Tag aus, und der Alte und — 253 Greenford ſahen nach ihren Büchſen, daß dieſe auch in guter Ordnung wären und ihnen nicht im entſchei⸗ denden Momente einen Streich ſpielten. Wir werden wohl ein paar Kugeln gießen müſſen, meinte Greenford endlich, ich habe nur noch fünfe im Ganzen!. Das ſind zweie mehr als mir, nachdem ich gela⸗ den, übrig bleiben, erwiederte der Alte, iſt aber auch Blei genug zum umherſchleppen. Wenn wir nach neun Schüſſen nicht ſo viel Fleiſch haben, als unſere Pferde tragen können, dann dürfen wir immer die Jagd an den Nagel hängen. In meiner Taſche iſt auch noch ein halbes Dutzend, ſagte der junge Stevenſon, und ich will zufrieden ſein, wenn ich zweie davon verſchießen kann. Jetzt iſt's aber Zeit zum Zubettegehen, Kinder, rief der Alte, wir müſſen morgen früh heraus— habt Ihr denn eine Matratze oder ſo etwas für Greenford? Gebt Euch um mich keine Mühe, entgegnete die⸗ ſer, ich liege hier weich genug und meine Vorberei⸗ tungen ſollen bald getroffen ſein. Damit hüllte er ſich in ſeine Decke, ſchob den Sattel, den er als Kopfkiſſen benutzen wollte, ans Kamin und bewies bald durch ſein ruhiges, regelmäßiges Athemholen, daß er aller⸗ dings keines weichen Lagers bedurfte, um ſanft und — 254 ſchnell einzuſchlummern. Seinem Beiſpiele folgten die Uebrigen, die ſich in ihre Betten— alle in demſelben Zimmer— niederlegten, nachdem der jüngere Steven⸗ ſon die Kohlen im Kamine noch mit Aſche bedeckt hatte, um am nächſten Morgen ſchnell und leicht Feuer machen zu können. Beim erſten Hahnenſchrei waren alle munter, die Pferde wurden gefüttert, eine kleine Mahlzeit von kal⸗ tem Maisbrod, heißem Kaffee und gebratenem Speck ſchnell eingenommen, und ehe die Sonne die Gipfel der höchſten Bäume vergolden konnte, erreichten die drei Männer, von ihren fröhlich nebenherſpringenden Hunden begleitet, den bezeichneten Platz, von welchem ihnen ſchon die grüßende Stimme Harvard's entge⸗ genſchallte. Brav, Alter! Ihr habt mich nicht lange warten laſſen— bin kaum gekommen.— Und den Jungen auch mitgebracht? das iſt ſchön— nun, wir wer⸗ den überdies nicht lange zu ſuchen brauchen bis wir die Beſtie einholen, ich habe ſie eben am Bache ge⸗ ſpürt. Sie iſt richtig wieder hinüber und es war Alles was ich thun konnte, meine Hunde vom Fol⸗ gen abzuhalten— ſie ſchienen ſo hitzig wie rother Pfeffer. 8 8 Damit ritt er an die Freunde heran und ſchüttelte 25⁵ ihnen die Hand, während ſeine Hunde ſich knurrend und mit hochgehobenen Schwänzen(um ihre gänz⸗ liche Gleichgültigkeit über die Mehrzahl der anderen auszudrücken) aber doch ein wenig mit ihnen wedelnd, da ſie die alten Jagdgenoſſen, in deren Geſellſchaft ſte ſchon mancher Fährte gefolgt waren, erkannten, zwiſchen dieſelben hineindrängten. Ruhig, ihr Hunde— ruhig, Leihk— ſchäm' dich altes Vieh— Frieden da zwiſchen euch! rief Stevenſon und lenkte ſein Pferd unter ſie— es bedurfte aber ſchon weiter keiner Beruhigung; dem Stolz und Selbſtgefühl der erſten Begegnung war genügt, und ſpielend und kläffend ſprangen ſte in wenigen Minuten mit einander herum. geber den Plan der Jagd hatten ſich die Männer bald verſtändigt, und zu der Stelle zurückreitend wo Harvard die Fährte an dieſem Morgen gefunden, witterten die Hunde kaum die erſt vor wenigen Stunden hinterlaſſene Spur, als ſie kläffend und bellend derſelben folgten und bald den Lauf des Baches verlaſſend, mit den Jägern dicht auf den Ferſen, ihren Weg gegen eine Reihe von ſteilen Hügeln einſchlugen, die ſich von Norden nach Süden hinabzogen. 4 Hört nur, Harvard, rief der alte Stevenſon, als ſte, eine kleine Prärie benutzend um weniger durch das dichte Unterholz der Waldung aufgehalten zu werden, neben einander hinſprengten, hört nur, wie Eure beiden Hounds“) immer vorneweg ſuchen— es ſind mir die liebſten Hunde auf einer Hetze! Ja, ſo lange die Hetze dauert, entgegnete Har⸗ vard, ſein Thier etwas mehr an des Alten Seite lenkend, beginnt aber erſt einmal der Kampf, dann lob' ich mir Euren Leihk.— Hol's der Henker, der Hund hat ordentlichen Menſchenverſtand— er packt die Beſtie hinten an den Keulen, und wenn ſie ſich umdreht und mit der Tatze ausholt, iſt er ſchon drei oder vier Schritte fort, wo er ſich hält, bis der Schwarze wieder Ferſengeld giebt! Nun, Eure Hounds ſind doch auch nicht gerade zu biſſig, wenn's an den Mann geht! lachte Ste⸗ venſon. Zu biſſig? verdamm die Canaillen, bei der letz⸗ ten Hetze rührten ſie den Bär, wie er ſich endlich ſtellte, gar nicht an und bekümmerten ſich nicht mehr um ihn, als ob er ein abgebranntes Baumende ge⸗ weſen wäre; ich will mit meiner nächſten Kugel vor⸗ beiſchießen, wenn ſie nicht, während ſich meine beiden jungen Hunde mit ihm auf Tod und Leben herum I 8) Braken. 257 ſchlugen, eine friſche Hirſchfährte annahmen und in zwei Minuten ſpäter, Gott weiß, wo waren; aber Halloh! ſie müſſen die Fährte verloren haben, rief er, es iſt ja Alles ruhig. Die Prärie verlaſſend und etwas weiter links den Wald wieder betretend, aus dem ſie noch vor wenigen Secunden die Stimmen der verfolgenden Hunde ge— hört hatten, erreichten die Männer bald den Platz, wo die Meute, ſuchend, und leiſe winſelnd in toller Verwirrung hin⸗ und herlief; faſt in derſelben Minute ſprengten auch der junge Stevenſon und Greenford auf den Platz. Unſtreitig hatte ſich hier der Bär eine lange Zeit herumgetrieben und ſeine Fährten mehre Male ge⸗ kreuzt, denn ſelbſt die älteren Hunde waren irre ge⸗ worden und Leihk ſetzte ſich endlich, zur Verzweiflung getrieben, nieder und heulte, den Kopf in die Höhe haltend, auf eine jämmerliche Weiſe. Schäm' Dich, Vieh! ſchäm' Dich! rief der alte Stevenſon ärgerlich, iſt das eine Manier für einen verſtändigen Hund, die Naſe in die Luft zu halten, wenn er ſie auf der Erde haben ſollte— aber. Har⸗ vard— was hat das Thier?— ſeht nur, wie es den Kopf hebt und umherdreht, meiner Seel', Harvard — es windet! Pätz iſt doch nicht hier in der Nähe zu Gerſtäcker, Miſſiſſippi⸗Bilder. 1. 17 258 Bett gegangen? und dennoch! ſeht den Hund an! ich wette ein Pfund von Dupont's beſtem Schieß⸗ pulver, daß er den Bär wittert. Das wäre ein Hauptſpaß, grinzte der alte Jäger, ſich hoch im Sattel aufrichtend; bekommen wir einen jumping start*), ſo haben wir die Beſtie in einer Stunde, das iſt ſicher, und— bei Allem, was da lebt— Leihk wittert etwas; der Hund iſt zu klug, die Luft nach gar Nichts einzuſchnüffeln, überdies hat er den beſten Wind. Leihk ſchien aber jetzt auch mit ſich ſelber einig zu ſein, denn langſam und mit hochgehobenen Pfoten verließ er die übrigen Hunde und folgte vorſichtig und behutſam einer kleinen Lichtung im Holze, bald links, bald rechts hinüberwindend. Die anderen Rüden, ſchon daran gewöhnt ſeiner Leitung zu folgen, umſprangen ihn bald, mit den Naſen auf dem Boden, und Harvard's Hounds fan⸗ den hier plötzlich die verlorene, ſo lange vergebens geſuchte Fährte wieder, die ſie mit fröhlichem Winſeln und Kläffen beibehielten und dem ruhigeren Schweiß⸗ *) Wenn der Bär in ſeinem Lager von Hunden überraſcht und dicht verfolgt wird, was immer eine ſchnellere Jagd hoffen 34 läßt, als das lange Verfolgen der kalten Fährte. 259 hund vorauseilten, der jetzt, da er ſeine Anzeigen beſtätigt fand, eben ſo ſchnell hinterher ſtürmte. Dicht auf ihren Ferſen hielten ſich in raſchem Galopp die vier Jäger; aber kaum mochten ſie eine halbe Meile von da, wo Leihk zuerſt den Bären ſpürte, zurückgelegt haben, als die erſten der Meute ein wildes Geheul ausſtießen; gleich darauf ſahen die ſchnell herbeiſprengenden Männer die dunkle Ge⸗ ſtalt des in ſeinem Bett überraſchten, und jetzt flüch⸗ tig davon eilenden Feindes in den Büſchen ver⸗ ſchwinden. 6 Wenn er aber auch in raſender Schnelle durch das Dickicht brach, und zwar mit der Naſe auf dem Boden, damit die vielen, ihm im Wege liegenden Schlingpflanzen über ihn hinwegglitten; wenn er ſich auch mehre ſteile Abhänge mit gänzlicher Nichtachtung ſeiner eigenen Knochen und Gliedmaßen hinabſtürzte: zu dicht waren die ſchnellen Hunde hinter ihm, und kaum zwei Meilen konnte er, nach ſeinem erſten Auf⸗ ſpringen, durchrast haben, als ihn die nachhetzenden Rüden in einer kleinen Schlucht, überall von ſteilen Felſen umgeben, ſtellten. Die vier Jäger waren bis jetzt dicht zuſammen geblieben und der junge Stevenſon wollte auch dies⸗ mal— als Harvard, dem Getobe der Hunde zu, . 17 260 eine gerade Richtung einſchlug— dem erfahrenen Jäger folgen, ſein Vater verrannte ihm aber den Weg und brach, ihm ein Zeichen gebend zu folgen, etwas links ab. Greenford ſchloß ſich den Beiden an. Der alte Stevenſon kannte jede Schlucht, jede Bergkuppe im ganzen Walde und zog daher den einige hundert Schritte weiteren, aber zugänglicheren Weg dem näheren vor, um mit den Pferden dicht an die in die Enge getriebene Beſtie heranzukommen, da in der geraden Richtung, welche Harvard verfolgte, der Boden zu rauh und ſteinig war. Dieſer fand auch bald, daß er mit dem Pferde unmöglich weiter vorwärts konnte; als er daher auf der Kuppe eines Hügels angekommen war, in deſſen Nähe der Kampf zu toben ſchien,— denn dicht unter ſich hörte er das Bellen und Anſchlagen der Hunde — ſprang er aus dem Sattel und lief in vollem Rennen, mit der Büchſe in hochgehobener Hand, dem Wahlplatze zu; kaum aber mochte er hundert Schritte zurückgelegt haben, als er ſich an einer ſteilen, mit kleinen, lockeren Steinen bedeckten, abſchüſſigen Bergſeite fand, an deren Fuße der Bär mit mächtigen Schlägen die Hunde zurückzutreiben verſuchte. Die Gefahr, in der er ſchwebte, bemerkend, wollte er ſich nun im Laufen ſtemmen, doch die bröcklige Steinmaſſe 261 gab unter ſeinen Füßen nach, ein paar dürre Büſche die er ergriff, brachen von ſeinem Gewicht, die Büchſe entfiel ſeiner Hand und entlud ſich im Stürzen und mitten in den Knäuel der Kämpfenden hinein, rannte oder fiel vielmehr der zum Tode erſchreckte Jäger, unter dieſen Verhältniſſen ſein Verderben vor Augen ſehend. Was aber ſein Unglück zu befördern ſchien, war ſeine Rettung, denn das von den Hunden arg be⸗ drängte Thier, welches den Schuß hörte und den ſcheinbar in grimmiger Wuth und Kampfgier auf ſich losſtürmenden Feind gewahrte, machte, dieſer neuen Gefahr zu entgehen, einen letzten, verzweifel⸗ ten Verſuch zur Flucht und ſprang, ſich für einen Augenblick den Hunden entreißend, wenige Schritte an der gegenüberliegenden, eben ſo ſteilen Felswand hinauf. In demſelben Moment fielen zwei Schüſſe, der zum Tode Verwundete, dem die eine Kugel das Rückgrat zerſchmettert hatte, während die andere ſein Herz durchbohrte, hielt wenige Secunden zu⸗ ſammenzuckend in ſeinem Lauf ein, und ſtürzte dann 4 zwiſchen die wild aufjubelnde Meute zurück, unter der ſich eben mit vieler Mühe, aber außerordent⸗ licher Geſchwindigkeit, Harvard hervorgearbeitet hatte. Wenige Minuten darauf war der Bär verendet, 262 und keuchend, mit heraushängenden Zungen, lagerten ſich die erſchöpften Hunde um ihn her, während Leihk die Kugelwunden leckte und ſich dann, als ob er wiſſe wer das beſte Recht auf ihn habe, neben ihn ſetzte. Jetzt traten auch die beiden Stevenſons und Greenford heran und begrüßten lachend den armen Harvard, der mit ernſt⸗komiſchem Geſicht ſich die Glieder rieb und an dem Hügel hinauf zurückſah, von dem herab er mit ſo ganz unfreiwilliger Schnelle und Kühnheit zum Kampfe geeilt war. Der junge Stevenſon ſchlug nun zwar vor das Fleiſch aufzuhängen und zu verſuchen, ob ſie nicht einen zweiten auftreiben könnten, keiner der Uebrigen ſtimmte ihm aber bei, denn erſtlich behauptete der Alte, daß es ihnen ſehr ſchwer werden würde eine andere warme Fährte in einem Umkreiſe von fünf Meilen aufzufinden, und dann trieb auch Greenford nach Hauſe, denn, wie er verſicherte, war's ihm in der letzten halben Stunde gar nicht mehr heimlich im Walde geweſen. Alſo wurde der Bär geviertheilt und bald darauf trabten die Männer, ſich nicht einmal Zeit nehmend eine Mahlzeit zu kochen, der nicht über fünf Meilen entfernten Wohnung des alten Steven⸗ ſon wieder zu. 263 Harvard hatte ſich ſchnell über ſeinen Unfall ge⸗ tröſtet und lachte jetzt ſelbſt recht herzlich über die ſonderbare Figur, die er geſpielt haben mußte, als er ſo ganz unfreiwillig bergab tobte, was der Alte, der gerade zur rechten Zeit am Eingange der Schlucht angelangt war um das Ganze überſehen zu können, nicht komiſch genug beſchreiben konnte. Greenford jedoch war einſylbig und ritt ſchweigend nebenher. Auf dieſe Weiſe hatten ſie den größten Theil des Weges zurückgelegt und erreichten eben eine kleine Anhöhe, die kaum noch eine Meile von Stevenſon's Haus entfernt war und von der man eine weite Strecke Landes überblicken konnte, als ſich der junge Green⸗ ford plötzlich hoch im Sattel aufrichtete, mit ſtarker Hand ſein Pferd auf die Hinterbeine zurückriß, und während er den Uebrigen mit erhobener Hand zu⸗ winkte, einige Secunden in dieſer Stellung verharrte. Nun, Greenford— was iſt Euch? Ihr werdet ja ſo weiß wie ein Schneeball— was habt Ihr— was ſtiert Ihr da fo gerade vor Euch hinaus? ief der alte Stevenſon. Hörtet Ihr den Schuß?— ſeht Ihr den Rauch dort? frug der junge Jäger mit leiſer, kaum hörbarer Stimme, aber zitternden Lippen und krampfhaft zuckender Geſtalt. 264 Nun, haben wir denn nicht eben auch geſchoſſen? wandte Harvard kopfſchüttelnd ein, und der Rauch— Iſt meine Wohnung, knirſchte Jener, krampfhaft mit der Rechten ſeine Büchſe umklammernd, als wenn er die Eiſenfinger in den Lauf preſſen wollte; dort liegt, oder dort lag mein Haus— die Mormonen ſind in der Anſtedlung! Und ohne nur eine Antwort der Gefährten abzuwarten, ergriff er das Fleiſch, das über ſeinen Sattel zu beiden Seiten herunterhing, ſchleuderte es vom Pferde, und dieſem die Hacken in die Seite bohrend und mit feſter Hand den Zügel ergreifend, ſprengte er in ſo raſendem Galopp den ſteilen Hügel hinunter, daß die Zurückbleibenden ent⸗ ſetzt ihre Thiere anhielten und in jedem Augenblicke fürchteten, den Tollkühnen Hals und Beine im un⸗ vermeidlichen Sturze brechen zu ſehen. Der erreichte aber glücklich den Fuß deſſelben und war mit Gedan⸗ kenſchnelle im Dickicht verſchwunden.. Der alte Stevenſon hatte jedoch indeſſen auch nicht müßig da gehalten und er ſowohl als Harvard ent⸗ ledigten ſich ſchnell ihrer Laſt, die Jim, wie ihm ſein Vater mit wenigen Worten zurief, zum Hauſe nach⸗ bringen ſollte, während die beiden Männer ebenfalls, zwar etwas vorſichtiger als der junge Greenford, doch auch ohne Zeitverluſt, dem Vorangeeilten in gerader 8 1 —jjjñ½jõüù mI 265 Richtung, nach des alten Stevenſon's Wohnung zu, folgten. .3 Jim ſah ſich nun kaum allein, als er einen Au— genblick auf ſeinem Pferde hielt und die ihm über⸗ laſſenen Fleiſchſtücken mit prüfenden, überlegenden Blicken betrachtete. Er ging augenſcheinlich mit ſich ſelbſt zu Rathe, ob er dem Befehle ſeines Vaters gehorchen, oder den Anderen folgen ſollte. Da ſchallte aus dem Thale herauf ein Schuß, und der entſchied augenblicklich die Handlung des jungen Hinterwäld⸗ 6 lers. Anſtatt ſein Pferd mit der Jagdbeute zu belaſten und langſam nach Hauſe zu ziehen, erfaßte er eben⸗ falls das auf der linken Seite ſeines Thieres hängende Fleiſch und warf es mit kräftigem Ruck über die rechte zu dem andern hinab, ſtieß ſeinem alſo erleichterten und freudig aufwiehernden Pferde, das ſchon unwil⸗ lig geſtampft hatte als es ſich von den übrigen ver⸗ laſſen ſah, die Hacken ein und ſprengte, ganz dem Beiſpiele des vorausgeeilten Vetters folgend, in wil⸗ der Haſt der eigenen Wohnung zu. SGrrexnford durchflog indeſſen in raſender Schnelle die Strecke, die ihn von Stevenſon's Hauſe trennte — ein niederhängender Aſt riß ihm ſeine Mütze von Kopfe— er achtete es nicht— unter einer Weinrebe dahin ſauſend, ergriff dieſe die auf ſeinem Rücken mit 266 dünnem Baſt befeſtigte Jagddecke— einen leiſen Fluch nur ſtieß er aus und ſtärker preßte er die Seiten des. ſich auf das Aeußerſte anſtrengenden Thieres, das jetzt, als es einen ſchmalen, zu des alten Mannes Hauſe hinführenden Fahrweg erreichte, auf dieſem dahin⸗ brauſend kaum den Boden zu berühren ſchien. Da ſchimmerten ihm von ferne die hellen Schin⸗ deln des kleinen Hauſes entgegen, das ſein Liebſtes auf dieſer Welt in ſich faßte, und ſchon wollte er, da Alles ruhig und friedlich zu ſein ſchien, ſeinem gepreß⸗ ten Herzen mit einem fröhlichen„Gott ſei Dank“ Luft machen, als er in nicht großer Entfernung— nur ſeitwärts von der Wohnung— mehre Schüſſe fallen hörte. Zwei Minuten darauf hielt er auch mit dem ſchnaubenden, zitternden Roß vor der bekannten Thür — aber— allmächtiger Gott!— Verderben und Zerſtörung ſchien überall zu herrſchen und mit ſtieren, weit aufgeriſſenen Augen ſtarrte er, ſelbſt keines Ge⸗ dankens, keiner Bewegung fähig und das Aergſte fürchtend, die ſonſt ſo freundliche, jetzt wüſt und öde ausſehende Wohnung an. Da erſchien plötzlich die ſchlanke, ehrwürdige Geſtalt von Anna's Mutter in der Thür und, den jungen Mann erkennend, rief ſie aus: O, rettet— rettet meine Tochter. Wo war das einzige Wort, das der Unglückliche * im fürchterlichſten Entſetzen ausſtoßen konnte, als wie⸗ der ein Schuß fiel und die alte Frau, ſelbſt ſprach⸗ los vor innerem Seelenſchmerz, nur eine ſtumme, flehende Bewegung nach jener Gegend zu machen konnte. Keine Sylbe erwiederte der Jäger, aber der Rappe fühlte den Sporn, und zur Seite geriſſen, mit wil⸗ dem Sprunge einige im Wege liegende Baumſtämme überfliegend, trug ihn das, durch den raſenden Reiter faſt zu gleicher Wuth aufgereizte Thier, der geraub⸗ ten Geliebten nach. Der am geſtrigen Tage von dem jungen Green⸗ ford beſiegte Mormone, war mit Zorn und Wuth im gifterfüllten Herzen hinweggeeilt, feſt entſchloſſen die ihm widerfahrene Beleidigung fürchterlich zu rächen. Da, noch mit ſich ſelbſt berathend, auf welche Art er dies am beſten bewerkſtelligen könnte, begegnete ihm der Prophet Joe Smith ſelbſt, der mit einigen ſeiner Anhänger, aus der ſchon erwähnten Geſellſchaft der Daniten, gerade von einem Gerichtstag des benach barten Diſtricts kam, wohin er wegen mehrfach ver⸗ übter Diebſtähle der Seinigen citirt, und trotz dem beharrlichen Leugnen ſeiner Genoſſen, trotz ſeinem ei⸗ genen Meineid, der vorliegenden kräftigen Beweiſe 268 wegen mit bedeutender Strafe belegt, und überdies bedroht worden war, daß das Gericht ſeine Eide un⸗ terſuchen wolle„ und ihn, ſo er es gewagt habe falſch zu ſchwören, das Zuchthaus bedrohe. Mit den Zähnen knirſchend hörte er den Bericht des gemißhandelten Bruders, der, um ſeiner Rache gewiß zu ſein, ihm erzählte, wie eine Mehrzahl ihn zu Boden geworfen und geſchlagen und dabei dro⸗ hende, recht gottesläſterliche Reden gegen ihn, den Propheten ſelber, wie gegen die heilige Religion der ſie huldigten, ausgeſtoßen habe. Zitternd vor verhaltener Wuth ſtand die kräftige Geſtalt dieſes merkwürdigen Mannes; ſeine Fäuſte ballten ſich, ſeine Zähne knirſchten, aber er gewann augenblicklich die ganze, ihm ſo ſchnell zu Gebote ſte⸗ hende Gewalt über ſich ſelber wieder, und mit zum Himmel aufgeſchlagenen Augen, mit emporgereckten Armen ſchien er plötzlich in ein tiefes, brünſtiges Ge⸗ bet verſunken, während deſſen ſich ſeine Geſichtszüge glätteten und ſeine Mienen eine faſt friedliche, ruhige Heeiterkeit annahmen. Zwei Minuten mochte er ſo geſtanden haben, während deren keiner ſeiner Begleiter ein Wort zu ſprechen wagte; da auf einmal überflog ein triumphi⸗ rendes Lächeln ſeine dunklen Züge— ſeine Augen 269 blitzten— die ganze Geſtalt hob ſich, und wie von einem Gott begeiſtert rief er aus: 8 Zum Kampf— zur Rache! Die Hand der Ge⸗ rechten ſchmettere Vernichtung nieder auf die Häupter der Gottloſen— der Herr der Heerſchaaren wird die Kinder Zions beſchützen und ſeine Heiligen werden Sieger bleiben. Fluch denen die den Stamm verach⸗ ten, den der Herr auserwählt hat, aber ſiebenmaligen Fluch und fürchterliche Strafe denen, die ihre Hand an die Lieblinge des Höchſten legen! In jubelndem Triumphgeſchrei ſtimmten ſeine Be⸗ gleiter ein und in fröhlicher Haſt flogen ſie auf ſchnel— len Pferden, von dem Propheten abgeſandt, zu den benachbarten Glaubensgenoſſen, um augenblicklich auf friſcher That die Schuldigen zu ſtrafen, und die Ungläubigen zu überführen wie ſchnell die Rache der Heiligen einer erlittenen Beleidigung folge. Noch in derſelben Nacht verſammelten ſie ſich in einer unbewohnten Hütte an der Straße nach St. Louis, und der Prophet hielt eine Rede voll glühen⸗ der Begeiſterung, in der er ſie aufforderte am wahren Glauben feſtzuhalten, und mit ſtarker Hand die Feinde deſſelben zu züchtigen. Fürchtet nicht die Schaaren der Feinde, rief er unter Anderem, fürchtet nicht ihre Drohungen, mit 5 denen ſie Euch einſchüchtern wollen; laßt ſie ihre Truppen ſammeln— ihre Bajonette werden ſtumpf werden, wenn ſie die Luft berühren die uns umgiebt, und ihre Kugeln ſchmelzen, ehe ſie das Rohr verlaſſen. Glaubt Ihr, Jene könnten den Sieg davon tragen, wenn der Herr mit Euch ſicht? Glaubt Ihr, die Schaaren der Sünder vermöchten Euch zu unterjo⸗ chen, wenn die Engel ſelbſt in Euren Reihen kämpfen? Fort zum Sieg! und Rache und Beute lohne Eure That. Ein wilder Wahnſinn mußte den Geiſt des tollen Prieſters umnachtet haben, der in entſetzlicher Ver⸗ blendung die Seinigen einem Kampf mit einer ihnen unzählige Male überlegenen Macht entgegentrieb, aber die bisherige grenzenloſe, faſt unverzeihliche Nachſicht des Staates mit ſeinem und der Seinigen Treiben, da der Gouverneur ſowohl als die Geſetzge⸗ bung von Miſſouri mehr eine religiöſe Schwärmerei als wirkliche Bosheit und Schlechtigkeit in allen Ver gehungen dieſes Frömmlers ſah, hatte ihn kühn gee macht und in wildem Trotz, der durch die gemachten bitteren Erfahrungen noch nicht gedemüthigt war, glaubte er mit dem Beiſtand des Himmels und der Engel, die er für ſeine feſten Bundesgenoſſen ausgab, das Reich Zions erweitern“ und die„Heiligen des 271 letzten Tages“ zu den alleinigen Herren der Erde, oder wenigſtens für jetzt zu denen Miſſouris machen zu können. In derſelben Stunde nun, da Stevenſon's, Green⸗ ford und Harvard zur Jagd aufbrachen, rüſteten ſich dieſe„Männer der guten Sache“, wie ſie ſich nannten, um eine vermeinte Beleidigung an Unſchuldigen zu rächen, die kaum davon reden gehört, und Schrecken und Verwirrung in eine Anſiedelung zu tragen, in welcher bis jetzt nur Ruhe und Frieden geherrſcht hatte. 4 Ihr erſter Zug war zu dem Hauſe Greenford's, weil der gemißhandelte Mormone dieſen als den Haupträdelsführer bezeichnete. In aller Stille wurde Feld und Wohnung deſſelben umzingelt, indem ſie den jungen Mann auf ſeinem Eigenthum zu finden hofften; in ihrer Erwartung aber getäuſcht, erbrachen ſie das Haus und zündeten es, aus Wuth daß ſie nicht einmal etwas des Forttragens Werthes darin gefunden hatten, an, ihren Haß ſogar ſo weit trei⸗ bend, daß ſie Feuer unter die Fenz legten, um auch die Umzäunung ſeiner Felder zu vernichten und, für dieſes Jahr wenigſtens, ſeine Ernte zu zerſtören. Von hier aus theilten ſie ſich, und die größere Hälfte zog nach Stevenſon's Wohnung, auf den ſie ebenfalls 272 erbittert waren, weil er ſich ihren Anmaßungen ſtets feſt und ſtark entgegengeſtellt und ihre Drohungen verlacht hatte. Auch dieſen nicht zu finden ſteigerte ihre Wuth immer mehr; ſie brachen, die flehenden Bitten der Weiber nicht beachtend, in ſein Haus ein, warfen alles Geräth und Geſchirr hinaus, zertrümmerten, was zertrümmert werden konnte und wollten eben den Feuerbrand auch in dieſe friedliche Hütte werfen, als ſich das junge Mädchen dem Propheten, der in dem Augenblick mit ſeinem anderen Trupp herankam, entgegenwarf und ihn flehentlich bat, nicht das Ob⸗ dach ihrer alten Aeltern zu zerſtören. Der Bube, durch die Reize der Jungfrau ent⸗ zündet, befahl ſeinen Leuten im Namen des Herrn einzuhalten, legte aber zu gleicher Zeit ſeine Hand auf die Schulter des zitternden Mädchens, erhob ſie mit emporgehobener Rechte in den Rang der„Cypri⸗ ſchen Heiligen“, da ſie werth wäre, eine„Kammer⸗ ſchweſter der Mildthätigkeit“ zu werden, und rief zweien ſeiner Helfershelfer zu, ſich derſelben zu be⸗ mächtigen und ſie auf ein Pferd zu nehmen. Vergebens ſträubte ſich das hülfloſe Weſen und rief wild nach Rettung, vergebens zürnte die alte, von Allen verlaſſene Frau Fluch und Verderben auf 273 die Häupter der Nichtswürdigen herab;z das Mädchen, in der Fauſt der kräftigen Männer ſchwach und wider⸗ ſtandsunfähig, ward auf ein Pferd gehoben, auf welches ſich hinter ſie, der Ankläger und die Urſache dieſes ganzen Ueberfalls ſchwang, und fort ging's in ſcharfem Galopp, den eignen Anſtedelungen zu. Mehre der Nachbarn hatten ſich aber indeſſen, durch den jüngſten Stevenſon aufgerufen, geſammelt * und ſtürmten mit Büchſe und Meſſer dem Orte der Gefahr zu, um die Ruheſtörer mit kräftiger Hand zurückzutreiben; doch war die Uebermacht der Mor⸗ monen zu groß, und obgleich die kühnen Miſſourier, mit dem Knaben Tom an der Spitze— der ſich in wilder Todesverachtung auf die Buben warf, ſeine Schweſter zu befreien— ihr Aeußerſtes verſuchten, 3 obgleich ſie mehre der Feinde verwundeten, wurden ſte doch bald zurückgeſchlagen und konnten nur zähne⸗ knirſchend den Siegenden nachſehen. So ſtanden die Sachen, als Greenford auf ſchäumendem Roſſe der Spur der ſich Zurückziehenden folgte und bald die unter den Hufen ihrer Roſſe aufwirbelnde Staubwolke gewahrte. 3 O, uur jetz halte noch aus, rief er, in unſäg⸗ licher Aufregung den Hals ſeines wild dahinbrauſen⸗ den Renners klopfend, nur noch wenige Minuten halte Gerſtäcker, Miſſiſſippi⸗Bilder. J. 18 274 aus, mein treues Thier, bis ich des Schurken Herz getroffen der mein Lieb geſtohlen, dann magſt Du mit oder über mir zuſammenbrechen; nur bis dahin noch zeige Deine alte, ſo oft erprobte Kraft. Näher und näher kam er jetzt dem, ſich in ſchnel⸗ lem Trabe fortbewegenden Zuge, ſchon konnte er die einzelnen Pferde, die einzelnen Menſchen erkennen, und dort— dort— mitten in der Schaar glänzte das weiße Kleid des geraubten Mädchens. Einen Schrei der Angſt und Freude ſtieß er aus und die hochgeſchwungene Büchſe in der Fauſt, da er, aus Furcht ſeine Braut zu treffen, nicht wagen durfte zu ſchießen, folgte er mit wildem Herausforderungs⸗ ruf den ſich beſtürzt nach ihm umſchauenden Feinden. Niicht hundert Schritte mehr war Greenford von der Geliebten entfernt, die ihn erkennend, flehend und Hülfe ſuchend ihre Arme ausbreitete, noch ein⸗ mal trieb er mit bewaffneten Hacken das treue Thier zu größerer Anſtrengung; deſſen Kräfte aber waren erſchöpft, und gerade jetzt, ſo nahe ſeinem Ziele, als ſich der wilde Reiter im Sattel hob, den Sprung über einen im Wege liegenden, umgeſtürzten, unge⸗ heuren Baumſtamm zu wagen, ſtürzte das ermattete Thier und ſchleudert im gewaltigen Satze den jungen Mann weit über ſich hinweg auf die Straße. 275 Wildes Hohngelächter ſchallte triumphirend aus der Mitte der Mormonen, als ſie den Fall ihres Feindes beobachteten; da erkannte der Bube, welcher die jetzt ohnmächtige Anna vor ſich auf dem Pferde trug, den jungen Jäger, der ſich mit Mühe unter dem Pferde hervorarbeitete. Die bewußtloſe Geſtalt des Mädchens in ſeinen linken Arm lehnend, riß er mit der Rechten eine Piſtole aus dem Gürtel und ver⸗ ließ die Schaar der Freunde, das Rachewerk zu voll⸗ enden und ſeinen Feind zu vernichten; es war aber ſeine letzte Bewegung, denn faſt in demſelben Augen⸗ blicke durchbohrte eine Kugel den Schulterknochen ſeines Pferdes, daß es zuſammenbrach, als eine zweite ſein Hirn zerſchmetterte, und mit geſchwunge⸗ nen Büchſen und brennender Kampfbegier in den zornfunkelnden Augen ſtürzten gleich darauf die drei Jäger aus dem Dickicht auf die Feinde. Dieſe, der geringen Anzahl Trotz bietend, rüſte⸗ ten ſich ſie zu empfangen, zu gleicher Zeit aber wur⸗ den auf dem Wege die früher zurückgeſchlagenen und jetzt wieder herbeieilenden Anſiedler ſichtbar, und doch nun den Zorn der auf das Aeußerſte gereizten Miſ⸗ ſourier fürchtend, wandten ſich die Mormonen, von ihrem Propheten dazu aufgefordert, zur Flucht und waren bald— von den Männern nicht weiter ver⸗ 18* 276 folgt, die ſich um das ohnmächtige Mädchen und den ſchwerverletzten jungen Mann ſammelten— im Dickicht verſchwunden. Nur nach und nach erholte ſich das arme, zum Tode erſchreckte Kind wieder und die beiden Brüder hoben ſie in Harvard's Sattel, der ſie ſorgſam und vorſichtig zum Hauſe zurückführte. Auch Greenford, durch den fürchterlichen Sturz an vielen Stellen des Körpers verwundet und an allen Gliedern wie gelähmt, konnte nur mi Mühe auf des jungen Stevenſon's Pferd zu deſſen Hauſe zurückreiten, wo ihn ein heftiges Fieber wochenlang an ſein Lager feſſelte. Das ganze Land war aber jetzt in Aufruhr und Alles griff zu den Waffen um die Mormonen, die ſich übrigens nach dieſen Vorfällen eine Zeit lang ſehr ruhig verhielten, zu vertreiben oder zu vernichten; doch verhinderten die älteren, beſonneneren Männer einen gewaltſamen, eigenmächtigen Angriff auf die Stadt der„Heiligen“, der auch vielleicht für die ge⸗ ringe Zahl der Landleute von üblen Folgen hätte ſein können. Mehre Geſandte aber, unter ihnen Harvard, wurden nach St. Louis geſchickt, um ſowohl Bericht über den gewaltſamen Einfall und Friedensbruch der Secte abzuſtatten, als auch den Gouverneur zu ernſt⸗ 277 lichen Maßregeln gegen dieſe Schwärmer zu ver⸗ anlaſſen, welche die Bewohner von Miſſouri unter keiner Bedingung länger in ihrer Nähe dulden wollten. Der ganze Staat war über die ſchändliche Ge⸗ waltthat entrüſtet und der Gouverneur ſandte endlich, drei Wochen nach dem eben erzählten Vorfalle, eine bewaffnete Macht gegen die Ruheſtörer, um ſie mit Güte oder Gewalt aus dem Staate zu vertreiben und ihnen im indianiſchen Gebiete einen Platz anzu⸗ weiſen. Greenford hatte ſich indeſſen wieder vollkommen von den Folgen ſeines Sturzes, wie der damaligen Aufregung erholt und war gerade beſchäftigt, mit Hülfe der hinzugerufenen Nachbarn ſein neues Haus aufzurichten und im nächſten Monat Hochzeit und Einzug zu halten, als die kriegeriſche Muſik der ſich nähernden Truppen an ihr Ohr ſchlug und Alle, Haus und Aerte im Stich laſſend, den lang erſehn— ten Lauten entgegeneilten. Herzlich wurden die Sol⸗ daten von den Anſiedlern begrüßt und in jeder Hütte Vorbereitungen getroffen, nicht allein den Willkom⸗ menen ſo viel Bequemlichkeiten, als ihnen ihre Lage erlaubte, zu bieten, ſondern auch den Zug am näͤchſten Tage zu begleiten und die Militärmacht, im Fall die 278 Mormonen ernſtlichen Widerſtand wagen ſollten, mit kräftiger Hand zu unterſtützen. In Stevenſon's Hauſe waren die jungen Leute emſig mit Kugelgießen beſchäftigt, während die Frauen buken und brieten. Ich wollte aber doch Ihr ginget endlich einmal mit Euren Löffeln und Zangen fort und ließet uns ungeſtört am Feuer, zürnte zuletzt die alte Frau, es iſt ja doch meiner Seel', als ob Ihr Euch auf einen jährigen Kriegszug rüſtetet. Greenford, Ihr müßt ſchon über funfzig Kugeln gegoſſen haben! Eben die dreiundſtebenzigſte, Mutter, lachte der junge Mann, ich höre aber jetzt auf, all mein Blei iſt verbraucht. 8 Wozu nur dieſe entſetzliche Menge Kugeln? es kommt doch nicht zum Fechten! entgegnete Anna, obgleich ſie ihren eigenen Worten nicht recht traute und beſorgt dem Geliebten ins Auge ſah. Wer weiß! rief Greenford dagegen, mit vor Kampfluſt funkelnden Augen, mir wär's zum Bei⸗ ſpiel wahrhaftig kein Gefallen, wenn die Mormonen „ohne Weiteres— Greenford! bat flehend das Mädchen, haſt Du mir nicht verſprochen?— Nun ja, Anna, ſagte der junge Jäger, ihr gut⸗ 279 müthig lächelnd die Hand reichend, ich weiß ja wohl — ſoll ich aber etwa den Buben nicht zürnen, die Dich mir entführen wollten? Hat denn jenen Mann nicht ſchon die fürchter⸗ lichſte Strafe erreicht? verſcharrtet Ihr nicht ſeinen blutigen Leichnam im Walde? fragte bebend die Jungfrau. Ja, ja, rief Greenford, es war ein verdammt guter Schuß von Harvard— und kam ſehr zur rechten Zeit— nun, Anna— ich hege auch keinen Groll weiter gegen die Schurken— aber— fuhr er, die Kugeln in ſeine Ledertaſche ſchüttend, fort, aber— Du möchteſt doch gern das Blei nach ihren Köpfen verſchießen, nicht wahr, Junge? lachte der alte Stevenſon dazwiſchen, nun, laß es gut ſein, Anna, wir werden keinen unnützen Streit und Kampf ſuchen, das verſprech' ich Dir, aber fort müſſen die Ruhe⸗ ſtörer, denn ſo lange ſie im Lande leben wird kein Friede. Dieſe Daniten rauben und plündern auf eine wirklich ſchauderhaft freche Weiſe und das„Waaren⸗ haus des Herrn“, das ſie in Far Weſt errichtet haben, birgt einen wahren Schatz geſtohlener Gegenſtände. Doch auch ohne den Namen Dan's ſind dieſe Frömm⸗ ler eine Peſt, ſowohl für unſere conſtitutionellen Gerechtſame, als auch für die Ruhe und den Frieden 280 unſerer Familien. Wir haben ſchon genug deseligie oͤſen Unſinns hier mit ne heriſtn⸗ Quäkern, Bap⸗ tiſten und wie ſie alle heißen mögen— alſo fort, fort mit dieſen Frömmlern, die das Wort Gottes auf der Zunge und Gift und Zwietracht im Herzen tragen. Im„Lager der Heiligen“ herrſchte indeſſen Angſt und Verwirrung, denn keineswegs waren ihnen die kriegeriſchen Vorbereitungen ihrer gekränkten Nach⸗ barn unbekannt geblieben, und ausgeſandte Kund⸗ ſchafter kehrten mit der nichts weniger als ermuthi⸗ genden Nachricht zurück, daß eine große Truppenzahl in die Anſiedlungen, und zwar wie es ſchien mit feindſeligen Abſichten, eingerückt wäre. Zum erſten Male wieder, ſeit ſie ſich in dieſem ziemlich abgelegenen Landſtrich niedergelaſſen hatten, ſchien den Verblendeten die Möglichkeit vor Augen zu treten, von den Ungläubigen und Gottloſen be⸗ ſiegt und vertrieben zu werden, und Angſt und Ver⸗ zweiflung trat an die Stelle des ſonſtigen ſtolzen Trotzes; da ſchritt der„Prophet“ unter ſie und ihren Kleinmuth bemerkend, warf er ihnen mit Don⸗ nerworten ihren Unglauben, ihre Wankelmüthig⸗ keit vor. 281 In unzähligen Beweiſen hat Euch der Herr ſeine Gnade und ſeinen Schutz kund gethan, ſchloß er endlich ſeine begeiſterte Rede, ſein heiliges Waaren⸗ haus iſt gefüllt! Ihr habt Eure Feinde gezüchtigt und geht jetzt einem neuen, dem letzten Siege ent⸗ gegen, denn in ſtiller Nacht ward mir die Kunde, daß morgen die heiligen Schaaren uns mit ihren himmliſchen Waffen zu Hülfe eilen und den Feind 1 ſchlagen werden— dann aber hält keine enge Grenze mehr die Glieder unſeres Glaubens zuſammen, dann umſchließt kein fremdes, unheiliges Geſetz mit dro⸗ henden, höhniſchen Worten unſere Städte— frei und unbegrenzt fliegen unſere Prediger in die Welt hinaus und das All ſoll Euch, als den Glaubens⸗ rettern der einzig wahren Religion, huldigen. Mit tauſend Fragen wurde der Prophet jetzt von den Seinigen beſtürmt, um etwas Näheres über die Erſcheinung der Engel und die ſo ſehr nöthige Hülfe von oben zu erfahren; dieſer verwies ſie jedoch auf die in ſeiner Verwahrung befindlichen, mit heiligen Hieroglyphen beſchriebenen Platten, welche er unter dem Beiſtand und der Anleitung des Höchſten überſetzt und dadurch das Schickſal ſeines Volkes vorausgeſehen habe; für den nächſten, entſcheidenden Tag aber befahl er ihnen einzig und allein, eine Bruſtwehr 282 von zolldicken Planken um das Lager her aufzu⸗ führen. 8 Von zolldicken Planken? entgegnete Einer aus dem Stamme der Daniten verwundert, aber, Herr, das wäre ja kaum ein Schutz gegen den Pfeil eines Indianers, wie ſoll er die Kugeln der Feinde ab⸗ halten? Ungläubiger, zürnte der Prophet, bekehre Dich und baue auf den Höchſten— die Wunder von Jericho werden ſich wiederholen— das Heer der Engel wird unſere Schaar umſchweben und im Harniſch der Gerechtigkeit liegt allein unſere Stärke! Bedürfen die Krieger des himmliſchen Königreichs eines kräftige⸗ ren Schutzes? Glaube, durch Glauben erſchuf der Herr das Weltall und durch Glauben werden wir ſiegen. Seinen Befehlen wurde gehorcht; Alles, was eine Art oder einen Hammer ſchwingen konnte, legte Hand ans Werk, und in zauberhafter Schnelle ſtieg eine vier Fuß hohe Bruſtwehr empor, die das„Lager der Heiligen“ von allen Seiten umzog. 3 Dicht daneben erhob ſich das große, backſteinerne Gebäude, das größtentheils zum Waarenhaus des Herrn beſtimmt war, aber auch zu gleicher Zeit mehre Gemächer für die„Kammerſchweſtern der Mildthätig⸗ keit“ und die„Kloſterheiligen“ enthielt, während ſich 283 die„Cypriſchen Heiligen“— drei verſchiedene Frauen⸗ orden, größtentheils nur darum errichtet, um eine ſchändliche Unſittlichkeit zu heiligen— in einem anderen Gebäude befanden. In dieſem Hauſe wurde der ſogenannte„Schatz des Höchſten“ bewahrt, der 3 in all den Gütern und Waaren beſtand, welche die Daniten ſich heimlich oder öffentlich zueignen konnten, und nicht Unrecht hatte der alte Stevenſon wenn er behauptete, daß Raub und Plünderung in faſt un⸗ glaublich ſchneller Zeit dieſe Räume mit allen nur erdenkbaren Gegenſtänden, werthvoll oder gering, gefüllt hatte. Wie ſich aber am andern Morgen der Himmel im Oſten röthete und die goldene Scheibe endlich langſam und glühend am klaren, wolkenloſen Fir⸗ mamente emporſtieg, verſammelten ſich die„Krieger der heiligen Sache“ in ihrem von den dünnen Planken umgebenen Lager, und erwarteten unter Gebeten und ermuthigenden Reden des Propheten das Nahen der Feinde. - Da raſeelte in der Ferne ein kurzer, herausfor⸗ dernder Trommelſchlag, und Trompeten und Hörner ſchmetterten den wilden Kriegsruf darein, ſo daß 1 ſelbſt die, jetzt mit wirklicher Inbrunſt die Engel 3 herabflehenden Mormonen einen Augenblick ihre 284 Geſänge und Gebete verſtummen ließen und in athem⸗ loſem Schweigen den drohenden Tönen lauſchten. Das feſte, freudige Vertrauen aber, das ihr Führer und Prophet bewies, die unerſchütterliche Sicherheit, mit der er das baldige Nahen der himmliſchen Hülfs⸗ truppen verkündete und der klare, faſt triumphirende Blick, mit welchem er die Seinigen überſchaute, gab auch dieſen größtentheils das alte Gefühl der Sicher⸗ heit und der frohen Hoffnung zurück. Näher und näher kam indeſſen die kriegeriſche Muſik der heranrückenden Schaaren, und aus dem Walde heraustretend beleuchtete die Morgenſonne die blitzenden Bajonnette der Soldaten, hinter denen, auf ihren kleinen, rauhhaarigen, indianiſchen Ponies, Hunderte von dunklen, in Jagdhemden und Leggins gekleidete Geſtalten ſichtbar wurden, die, die Büchſen auf den Schultern, die Meſſer an der Seite, wild und zornig nach den verſchanzten Feinden hinüber⸗ blickten, in ein lautes Gelächter aber ausbrachen, als ſie der dünnen Breterwand anſichtig wurden, welche die Vorſorge des Propheten zum Schutz der Seinigen errichtet hatte. Der Offizier der Schaar jedoch, eine kräftige, ſchlanke Geſtalt, band als Zeichen der friedlichen Annäherung ein weißes Tuch an einen Zweig und , — 7 28⁵ ritt, von zwei Soldaten begleitet, an die Bruſtwehr heran, um den Mormonen das über ſie ausgeſprochene Urtheil: die Anführer auszuliefern, augenblicklich und ohne die geringſte Gegenwehr den Staat zu verlaſſen und ſich nach den indianiſchen Gebieten zu verfügen— kund zu thun und ſie außzufordern die Waffen zu ſtrecken. Voll Trotz und Hohn war aber die Antwort von des Propheten Lippen, und drohend warnte er den jungen Soldaten vor den ſchrecklichen Folgen, die es für ihn und die Seinigen haben müſſe, wenn er wagen wolle Hand an auch nur den Geringſten der Auserwählten des Herrn zu legen. Der Offizier zuckte die Achſeln und wandte ſich, um mit gewaffneter Hand die Befolgung ſeiner Befehle zu erzwingen; noch einmal aber kehrte er mitleidig zu den Verblendeten zurück, machte ſte auf ihre ver⸗ theidigungsloſe Lage aufmerkſam und beſchwor ſie, ihr Leben nicht aus Trotz und Eigenſinn zu opfern, ſondern der Uebermacht zu weichen und ihn nicht zu Maßregeln zu zwingen, deren Erfüllung ſeinem Herzen wehe thun müßte. Verächtlich wies ihn der Prophet zurück und verkündete, zum Himmel empor zeigend, die nahe Ankunft der Beſchützer und Rächer. Mitleiden mit der grenzenloſen Verſtocktheit dieſes Schwärmers 286 bewegte die Bruſt des jungen Soldaten, als er lang⸗ ſam den Seinigen wieder zu ritt, und noch immer konnte er ſich nicht entſchließen den Befehl zum Angriff zu geben, ſo lange ihm die Hoffnung blieb ohne Blutvergießen ſeine Sendung zu erfüllen. Durch den Mund eines ehrwürdigen alten Mannes wurden daher auf's Neue gütige Vorſtellungen ver⸗ ſucht, es blieb aber vergebens; die Mormonen, durch die Nachſicht der Feinde, die ſie für Furcht hielten, ermuthigt, ſtimmten jubelnde, herausfordernde Sie⸗ geslieder an, und der Offizier ſah ſich genöthigt den Verblendeten zu zeigen, daß er im Stande ſei ſich mit kräftiger Hand Gehorſam zu erzwingen. Die Trommeln wirbelten, die Trompeten ſchmet⸗ terten und an beiden Seiten ſchloſſen ſich jetzt die Jäger und Landleute dem, in dichten Colonnen vor⸗ rückenden Centrum an. Immer noch war kein Schuß gefallen und etwa funfzig Schritte vor der Verſchanzung commandirte der Führer wiederum Halt, den Feinden die letzte Gelegenheit zu verſtatten, die milden ihnen vorge⸗ ſchriebenen Bedingungen anzunehmen. Joe Smith beharrte aber in ſeinem feſten, unerſchütterlichen Trotz, wozu er ſelber auch wohl die gegründetſte Urſache hatte, da der Staat ſeine Auslieferung beſonders 287 verlangte, doch war der Glaube der Heiligen, ſelbſt der Daniten, ſchon bedeutend durch das ſchnelle Heranrücken der Truppen wankend geworden, da ſie ſich vergebens an dem klaren, reinen Himmel nach einer Gewitterwolke umgeſchaut hatten, die Tod und Verderben in die Reihen der Feinde ſchleudern oder wenigſtens in ihrer Umhüllung die verſprochene und verheißene„Engliſche Verſtärkung“ mit ſich führen ſollte. Still und ruhig blieb die Natur und kein Lüftchen regte ſich, das dem Rauſchen eines Engelflügels hätte gleichen können. In dieſem kritiſchen Moment, wo die Mormonen, auf der einen Seite von ihrem Führer angefeuert, auf der anderen von den glänzenden Bajonetten und den keineswegs freundlichen Geſichtern und Blicken der Anſiedler bedroht, zwiſchen Ergebung und Widerſtand ſchwankten, näherte ſich, mit einer Spitzhacke in der Hand, der alte Stevenſon, der den rechten Flügel an⸗ führte, dem backſteinernen Waarenhaus und rief la⸗ chend ſeinen Söhnen und dem jungen Greenford zu, heranzukommen und ihm zu helfen. Hol's der Henker! rief er fröhlich, indem er die aufgefundene Hacke in der Hand ſchwang, die guten Leute reden da drüben ſo viel hin und her, daß Einem 288 ordentlich die Zeit lang währt.— Kommt Jungens, wir wollen uns indeſſen die Zeit vertreiben und die Wände hier einhacken— nieder mit dem Neſt! Ich habe ſo eine Ahnung, daß Mancher da drinnen alte, bekannte Sachen wiederfinden wird! Mit dieſen Worten näherte er ſich dem Gebäude und war eben, weit ausholend, im Begriff den erſten Schlag zu führen, als plötzlich auf dem flachen Dache eine weiße, verſchleierte, von fliegenden Gewändern umhüllte Geſtalt emportauchte, drohend die Arme ge⸗ gen den Greis ausſtreckte, der in ſtummer Verwunde⸗ rung die Hacke ſinken ließ, und mit hohler Stimme rief: Halt ein, Unglücklicher! Die Hand, die ſich gegen dieſes Haus des Herrn erhebt, wird verdorren ehe der Schlag geführt iſt— alſo ſpricht der Höchſte durch meinen Mund und alſo hat es ſein heiliger Prophet verkündet. Eine abergläubiſche Scheu durchſchauerte die Her⸗ zen der Umſtehenden und ſelbſt Greenford blickte wild und unruhig im Kreiſe umher; der alte Stevenſon war jedoch der Erſte der ſich wieder ſammelte, und um die Geſtalt beſſer betrachten zu können einige Schritte zurücktrat, während Mormonen ſowohl als Soldaten für den Augenblick ihre gegenſeitige Stel⸗ · 289 lung zu vergeſſen ſchienen und den Ausgang der Scene erwarteten, die, wie ſie wohl fühlten, für beide Theile entſcheidend ſein mußte. Stevenſon, zwiſchen Gefahren aufgewachſen, und nicht geſonnen ſich jetzt durch ein verſchleiertes Frauen⸗ zimmer ſchrecken zu laſſen, überſah ſchnellen Blicks die Lage der Dinge; die Spitzhacke aber mit der linken Hand ergreifend, denn ſo ganz traute er dem Frieden doch nicht, rief er fröhlich der verhüllten Geſtalt zu: Sieh hier, mein gutes Mädchen, ich will gerade nicht ſagen daß Du gelogen haſt— die Sache kommt mir aber etwas unwahrſcheinlich vor; ich bin übrigens ein alter Mann und werde meine Gliedmaßen ſo nicht mehr lange gebrauchen können, daher will ich den einen, den linken Arm einmal dran wagen alſo— mit Gott! Und bei dem letzten Ausruf das Werkzeug in der Linken um ſeinen Kopf ſchwingend, hieb er mit kräftig geführtem Schlag auf die Ecke des Gebäudes, daß der zerbröckelte Backſtein weit umherſpritzte. Hallo! rief er jetzt einhaltend und ſeine Hand mit anſcheinender Verwunderung betrachtend— ſie lebt noch? Ei, da nehmen wir's doppelt; und mit beiden Händen die ſchwere Hacke raſch emporhebend ſchlug er, unter dem rauſchenden Beifallsgejubel der Seini⸗ Gerſtäcker, Miſſiſſippi⸗Bilder. I. 419 gen, mit kräftiger Gewandheit auf den weichen, we⸗ nig widerſtehenden Backſtein ein. Die heilige Schweſter war gleich nach dem erſten, mit glücklichem Erfolge geführten Streich verſchwun⸗ den, und mit wildem Jauchzen ſtürzte ſich jetzt der größte Theil der Anſiedler, Alles als Werkzeug be⸗ nutzend, was ihnen unter die Hände kam, auf das verhaßte Gebäude, deſſen Mauern eingeſchlagen und die Güter herausgeſchleppt wurden. Nur die Solda⸗ ten ſtanden ſtill und finſter unter den Waffen und ſchauten dem Treiben des Landvolkes zu, das, Büch⸗ ſen und Meſſer bei Seite werfend, als ob ihnen von Seiten der Feinde auch nicht die geringſte Gefahr drohen könne, wirklich in dieſem Augenblick nur daran zu denken ſchien das Gebäude ſo raſch als möglich der Oeffentlichkeit preis zu geben, und die darin von den Feinden aufgeſpeicherten Waaren zu Tag zu fördern. Es dauerte auch gar nicht lange ſo kamen ſie, wie beim Ausgraben eines Hamſterbaues, auf die einge⸗ ſchleppten und aufgeſpeicherten Güter und ein förm⸗ licher Jubel brach unter dem Volk aus, als ſie hier eine Maſſe Gegenſtände zu ſehen bekamen, die ſie kannten, und deren rechtmäßige Eigenthümer ſie anzu⸗ geben wußten. 4 Als die Mormonen nun die Zerſtörung ihres 291 Waarenhauſes ſahen, ohne daß eine himmliſche Ein⸗ miſchung, die, ihrer Anſicht nach, doch hier ſehr am Platze geweſen wäre, erfolgte, ſtreckten ſie die Waffen und übergaben die Anführer den Händen des Militärs. Nun hatte zwar der Staat die Abſicht, dieſe unruhigen Köpfe in die Nähe gleicher Genoſſen, der Indianer, zu ſchaffen, doch beſchloſſen die Mor⸗ monen einſtimmig, wieder über den Miſſiſſippi zurück, nach Quincy in Illinois auszuwandern, da ihnen, wie ſie behaupteten, von jener Gegend Schutz und freundliche Aufnahme zugeſichert worden wäre. Den Miſſouriern war ihr künftiger Aufenthaltsort ziemlich gleichgültig, ſo ſie nur von ihnen befreit wur⸗ den und ſie überließen es den Einwohnern von Illi⸗ nois, mit ihren neuen Nachbarn fertig zu werden. Joe Smith wurde mit den übrigen Anführern nach St. Louis geführt, entwiſchte aber bald darauf aus ſeiner Haft und ſchloß ſich den Seinigen wieder an; ſpäter aber anderer Vergehungen wegen aufs Neue vor Ge⸗ richt gefodert und eingekerkert, ſollte ihn hier ein weit traurigeres Loos treffen als der Staat wohl je über ihn verhängt haben würde. Ein wilder Haufe geſetzloſer Amerikaner ſtürmte das Gefängniß und ermordete den Prieſter und Heili⸗ gen der Mormonen und der Stamm wanderte ſpäter 19 292 aus, über den Felſengebirgen drüben eine neue Hei⸗ math zu ſuchen— und zu finden. Dort haben ſie ſich jetzt am großen Salzſee, un⸗ fern der Sierra Nevada niedergelaſſen, aber von dem ſtarren Führer befreit, der oft den blinden Fanatis⸗ mus der Schaar zum Böſen gelenkt zu haben ſcheint — auch dort in der Wildniß der Verſuchung enthoben zum Beſten der Heiligen ihre Nachbarn mehr als „Werkzeuge“ denn irgend etwas anders anzuſehn,— ſcheinen ſie jetzt einen förmlichen Staat gegründet zu haben und zu blühen und zu wachſen— die Nach⸗ richten wenigſtens, die von dort zu uns herüberge⸗ drungen ſind, lauten vortrefflich und künden ihr Ge⸗ deihen. 8 Der Pflanzer. Es was im Oktober 1840; die Sonne ſtieg aus den dunklen Schatten der Niederungen empor, die das öſtliche Ufer des Miſſiſſippi bilden. Der Spottvogel ſchaukelte ſich in den Tulpenbäumen der Gärten, und 4 Schaaren von munter flatternden Seidenſchwänzen be⸗ 3 rauſchten ſich an den lockenden Beeren des Chinabau⸗ mes; mächtige ſchneeweiße Reiher ſegelten mit lang⸗ ſamem Flügelſchlage dicht über der Oberfläche des Stromes hin, oder ſtanden in ernſter Beſchauung auf einem im Waſſer liegenden Baumſtamm, das Erſchei⸗ nen eines kleinen Fiſches abzuwarten. Die Natur feierte ihren Sabbath— nicht ſo der Menſch. 1 Auf der Straße, die am Miſſiſſippi hin zwiſchen dem hochaufgeworfenen Schutzdamm und den Pflan⸗ liegt, wanderte, aus dem Atchafalaya⸗Anſied⸗ herunterkommend, ein Zug Negerſklaven, 294 4 Männer, Frauen und Kinder, in doppelter Reihe und von einem mit Stieren beſpannten Wagen gefolgt, 1 der das Gepäck der Schwarzen führte. Zwar waren dieſe nicht gefeſſelt, nicht einmal mit Stricken an ein⸗ ander gebunden; aber zu jeder Seite des Zuges ritten zwei, mit geladenen Doppelflinten bewaffnete Aufſe⸗ her, und auch der Führer der Caravane trug nicht al⸗ lein Büchſe und Meſſer, ſondern auch noch zwei ge⸗ waltige Sattelpiſtolen im Gürtel.— Die Neger ſchie⸗ nen dieſe ernſten Umgebungen aber wenig zu achten; lachend und ſingendſchritten ſie neben einander her und voertrieben ſich die Zeit mit Erzählungen und Poſſen. Wear es Gleichgültigkeit gegen das Gewohnte 1 was ihnen bevorſtand, war es der leichte, dieſer Rage überhaupt eigene Sinn, der ſie nur mehr den frohen, arbeitsfreien Augenblick erfaſſen ließ, was kümmerte ſie die Zukunft— ſie waren Sklaven; kein Plan, den ſte ſelber faſſen, kein Ziel, dem ſie ſelber zuſtreben konnten nützte ihnen etwas, aber der Moment war der ihre, und der durfte nicht ungenützt, ungenoſſen vorübergehn— er kuhxte ihnen nie wieder und mor⸗ gen vielleicht ſchon krümmten ſie ſich auf's Neue untn der Peitſche des herzloſen Wächters. Je höher indeſſen die Sonne ſtieg, deſtonl wurde es auch auf der Fahrſtraße, u 295 ſich die Neger von Creolen und amerikaniſchen An⸗ ſiedlern auf ihren kleinen feurigen Muſtangs überholt, die einige Worte mit dem Führer wechſelten, die Sklaven einen Augenblick muſterten, an ſich vorbei defiliren ließen und dann mit verhängtem Zügel, dem Laufe des Stromes folgend, auf das Gerichtshaus von Pointe⸗Coupée zuſprengten. Dort hatte ſich indeſſen der größte Theil der Pflanzer aus dem ganzen Pariſh verſammelt, um der Verſteigerung des„beweg⸗ lichen und unbeweglichen“ Eigenthums eines erſt kürzlich am„great bend“ verſtorbenen Franzoſen beizuwohnen, und der Verkauf begann bald darauf unter den üblichen Formalitäten mit der Pflanzung, den Gebäuden und dem„wilden Lande“ des Ver⸗ blichenen. Indeſſen langten auch die Sklaven, eins unddreißig an der Zahl, am Orte ihrer Beſtimmung an und wurden von den Aufſehern theils einzeln, theils in Familien zur Beſichtigung aufgeſtellt. Die leichtſinnige Fröhlichkeit der Neger hatte ſich jetzt verloren; die ernſte Bedeutung der nächſten Stunde, die über ihr künftiges Schickſal entſcheiden mußte, ſchien ſich ihnen aufzudringen und man hörte unter den Unglücklichen nur dann und wann ein leiſes Flüſtern. Mit ängſtlicher Scheu flogen ihre Blicke . von einem zum andern der ſie prüfend betrachtenden e d 296 Käufer, um im Voraus aus deren Mienen zu leſen, welches Loos ihrer harre, wenn dieſer oder jener ſie erſtehen ſollte. Endlich gab der Sheriff das a Zeichen zum Be⸗ ginnen und ein kräftiger Neger, mit breiten, gut⸗ müthigen Geſichtszügen und wahrhaft herkuliſchen Armen ward zuerſt vorgeführt; ihm folgte ein junges, kränklich ausſehendes Weib mit hohlen Augen und eingefallenen Wangen, die ein Kind an der Hand führte und einen Säugling auf dem Arme trug. Nero, las der Richter aus dem Auktionsver⸗ zeichniß ab, Nero, männlicher Sklave, fünfund⸗ dreißig Jahre alt, von kräftigem Körperbau und ge⸗ ſunder Leibesbeſchaffenheit, ſeines Handwerks ein Schmied, weiß auch beſonders gut mit der Art um⸗ zugehen; Maria, ſeine Frau, achtzehn Jahre, vor⸗ züglich brauchbar im Baumwollenfeld; Scipio, Kind der Beiden, drei Jahre alt— Säugling weib⸗ lichen Geſchlechts. Verkauft Ihr nicht den Mann allein, Richter? rief ein Pflanzer aus Feliciana Pariſh; die Frau ſieht verdammt dünn aus!— Die Unglückliche preßte ihr Kind an die Bruſt und ſchaute mit ängſtlichem Blicke im Kreiſe umher, und der Mann griff nach ihrer Hand, als fürchtete er von ihr geriſſen zu werden. 297 Nein, erwiederte der Richter, die Familien wer⸗ den nicht getrennt. Und mit einem tiefen, aus inner⸗ ſter Seele kommenden Athemzug erleichterte ſich das Herz der Armen. Sechshundet Dollars! ſagte ein Creole vom Falſe River. Sechshundert funfzig. Siebenhundert. Achthundert. Tauſend! rief ein kleiner runder Mann mit ge⸗ müthlichem Antlitz, der eben erſt in die innere Ein⸗ friedigung des Gerichtshofes hereingeritten und noch nicht einmal vom Pferde geſtiegen war, der aber den eben unter dem Hammer befindlichen Sklaven kannte. Tauſend Dollars! wiederholte der Sheriff, als eine augenblickliche Pauſe entſtand; Gentlemen, tau⸗ ſend Dollars— der Mann iſt allein zwölfhundert werth! Tauſend und funfzig! bot ein baumlanger Mann in blauem Frack und Nankingbeinkleidern. Der Neger warf einen flehenden Blick auf den kleinen Dicken, den dieſer auch zu verſtehen ſchien, denn er nickte dem Sheriff zu und rieff Funfzig mehr! Maſter Turnbull, ſagte der Lange leiſe, indem 298 2* er zu ihm trat— überbietet mich nicht weiter und wir werden nachher wegen des Mannes ſchon Handels einig werden. Meint Ihr? ſo? fragte Turnbull ihn von der Seite betrachtend; wollt die Leute trennen, eh? ſeid wohl ein Sklavenhändler? Das iſt mein Geſchäft, antwortete der Lange; alſo laßt mich bieten, und wenn ſie mir zugeſchlagen ſind, ſo wollen wir uns ſchon, wie geſagt, wegen dem Schmied vertragen. Zwanzig mehr! rief er jetzt, ſeine Stimme erhe⸗ bend und von Turnbull wegtretend. Hundert mehr! rief Turnbull und die Augen der beiden Sklaven glänzten vor Freude. Geht zum Teufel murmelte der Sklavenhändler und ſchritt auf die andere Seite, um die nächſtfol⸗ genden Neger zu betrachten. Zwölfhundert und zwanzig! rief der Sheriff. Zwölfhundert und zwanzig zum erſten, zum zweiten und— zum— dritten! wiederholte er und ſchlug bei dem letzten Wort mit ſeinem Stock auf das Ge⸗ länder. Mr. Turnbull, ſie ſi nd die Ihrigen. In än gſtlicher Spannung hatten die beiden Neger das Zuſchlagen des Verkäufers erwartet, jetzt aber eilten ſie voll freudiger Haſt auf ihren neuen Herrn händler kaufte zwei ganze Familien, die 299 zu, denn Turnbull war als der gutherzigſte Mann im ganzen Pariſh bekannt, faßten ſeine Hände, küßten und drückten ſie und geberdeten ſich wie Kin⸗ der, die ein neues Spielzeug erhalten haben. Ich fürchtete ſchon Maſſa möchte nicht kommen! ſagte Nero, während er auf's Neue die Hand ſeines jetzigen Herrn ergriff und dann das kleine feurige Thier, auf dem dieſer ritt, ſtreichelte. Fort mit Euch, fort! rief Turnbull, ſich ärgerlich ſtellend, packt Euch! Hol's der Henker! Ihr reißt einem ja faſt die Kleider vom Leibe. Aber, Nero, geh mit Deiner Frau hier nebenan in das Wirthshaus und laßt Euch zu eſſen geben; ſagt nur: für Turn⸗ bull! mit wandte er ſich der Verſteigerung zu, die 39 wieder begonnen hatte, und die Sklaven, glücklich einen ſo guten„Maſter“ erhalten zu haben, eilten, ſeinem Befehle Folge zu leiſten. Die Verſteigerung ging jetzt ruhig ihren Gang, urnbull erſtand noch einen Knaben von zwölf und ein Mädchen von ſtebenzehn Jahren, deren Eltern erſt kürzlich geſtorben waren, den er eren für vier⸗, die letztere für ſechshundert Dollars, und der C Sklaven⸗ eer ſich äußerte, nach Kentucky führen wollte. Unter dieſen war ein ſechszehnjähriges, faſt weißes Mäd⸗ 4 300 chen, die Tochter einer Mulattin, für die ihm mehre Pflanzer eine anſehnliche Summe boten; er behaup⸗ tete aber, im Norden noch einen viel beſſeren Preis für die ſchöne Südländerin erhalten zu können, und wandte ſich, die niedergeſchlagenen Sklaven ſeinen Aufſehern übergebend, nach der eben wieder anlan⸗ denden Fähre, um nach Bayou Sarah und von da mit einem dortliegenden Dampfboot den Miſſiſſippi hinauf zu fahren. Warum ſteht denn Hawthorn ſo mürriſch dort, Turnbull? fragte dieſen ein junger Pflanzer aus der Nachbarſchaft; er hat gar nicht mitgeboten und ich habe ihn ſchon ein paarmal recht tief anſſenſten ſehen. Am erſten Montag im November ſoll e Eigen⸗ thum ebenfalls verſteigert werden, erwiederte Turnbull mitleidig, da mag's ihm wohl hier ſonderbar um's Herz werden, wenn er denkt, wie ihm in vier Wochen daſſelbe bevorſteht. Er hat ſich in zu viele Speku ula⸗. tionen eingelaſſen und kann ſeine Schulden nicht be⸗ zahlen; 3 mir thut's leid um ihn, auch um die präch⸗ Das iſt’s nicht was ihm am Herzen nagt! unter⸗ bracß ihn ein zu ihnen tretender Creol lez er er hat mir's 4 301 eben vertraut: die Cholera iſt auf ſeiner Pflanzung ausgebrochen, und wie er ſagt, ſind ſeit vorgeſtern Mittag bis heute früh, wo er von Hauſe fortritt, ſchon ſiebzehn geſtorben. Teufel! riefen die Männer erſchrocken. Ja! ja!'s iſt kein Spaß, betheuerte der Creole, er ſollte auch eigentlich gar nicht ſo unter andern Menſchen herumgehen; der Böſe traue, er kann ja doch auch angeſteckt werden. Nun, das fehlte uns hier noch zu den ſchlechten Zeiten! ſagte Turnbull kopfſchüttelnd; ein Bischen Cholera unter den Negern, damit wir unſer Eigen⸗ thum recht ſchnell los werden, dann können wir mit den Freiwilligen nach Teras gehen; eine Büchſe und ein Pferd werden wir ja wohl noch übrig be⸗ halten. Aber da kommt Hawthorn, er ſoll uns ſagen ob er die Sache für gefährlich hält. Der Mann von den ſie ſprachen war von ſchlan⸗ ker, faſt ſchmächtiger Geſtalt, mit bedeutend vorſte⸗ henden Backenknochen und grauen, lebhaften Augen, die keine fünf Sekunden auf einer Stelle hafteten, ſondern in immerwährendem Kreislauf von einem der Verſammelten zum andern flogen. Aber ſchwere Sorge ſchien auf ſeinem Herzen zu laſten und ſein Geſicht war bleich, ſeine Haare und ſein ganzer Anzug nicht 3⁰². geordnet. Leicht grüßend, wollte er an den Männern vorüber gehen, als Turnbull, der abgeſtiegen war und ſein Pferd am Zügel führte ihm in den Weg trat. He, Hawthorn, was iſt mit Euch vorgegangen, ſeit ich Euch nicht geſprochen? Ihr ſeht gar nicht mehr aus wie ſonſt. Bless my soul, Mann! Ihr müßt Euch einen konträren Wind nicht gleich ſo zu Herzen nehmen; wer weiß ob er nicht morgen ſchon aus einer beſſern Ecke bläst! Turnbull, erwiederte der Pflanzer, indem er des freundlichen Tröſters Hand ergriff, ein Mann kann viel Unglück ertragen, und ſelbſt das Schrecklichſte, wenn es in ſeiner ganzen Furchtbarkeit auf uns ein⸗ dringt, wird den Starken nicht leicht zu Boden werfen; kommt es aber nach und nach— tropfen⸗ weiſe, immer wieder denſelben Fleck verwundend, dann beugt es nicht mehr den Geiſt, dann vernichtet es die Spannkraft der Seele, und das Herz bricht welk und matt zuſammen. Muth, Hawthorn, Muth! rief Turnbull, wir leben in einem Lande wo raſche Glücksfälle nichts Seltenes ſind; eine einzige gute Spekulation kann Euch wieder ſo reich machen als früher, und reicher. Miit mrr iſt's aus! ſagte der Amerikaner kopf⸗ ſchüttelnd; ſchon ſeit fünf Jahren verfolgt mich das Unglück. Damals begann es zuerſt mit dem Miß⸗ wachs der Baumwolle; gut, Euch Allen ging es nicht beſſer; im nächſten Jahr aber brannte mir, wahr⸗ ſcheinlich durch einen Neger angezündet, die Cotton⸗ Gin) ab und mit ihr faſt die Hälfte meiner Ernte; 1837 raubte mir die Viehſeuche den größten Theil meiner Heerden; im folgenden Jahre verſuchte ich die Spekulation mit Texas, kaufte dort dreihundert Maulthiere, wurde, wie Ihr wißt, von den Cu⸗ manches überfallen und beraubt, und rettete nur durch ein Wunder meinen Scalp. Im vorigen Jahre ließ ich mich verleiten, mein Geld in der„Conſolidated Bank⸗“ anzulegen, die gleich darauf ihre Zahlungen einſtellte. Durch Alles dieß nicht gebeugt, hoffte ich wenigſtens, mit dem Verkauf meiner Sklaven die Gläubiger berfriedigen zu können und als ehrlicher Mann dazuſtehen; da bricht dieſe Seuche— mein Sohn, der Arzt, fürchtet ſogar, es ſei die Cholera— unter ihnen aus, und Gott weiß, ob ich nicht in acht Tagen ein— Bettler bin! Er ſchwieg und Turnbull ſah ihm mitleidig ins Geſicht.— *) Baumwollenreinigungsmaſchiene. 304 Wenn Ihr nun aber Eure geſunden Sklaven in einen andern Pariſh ſchafftet, daß dieſe der Seuche aus dem kämen? Darf ich's denn? erwiederte Hawthorn; ſie, wie all mein Eigenthum ſind zum Verkauf ausgeſetzt, und Ihr wißt ſelbſt, daß ich jetzt kein Recht mehr habe über ſie zu ſchalten. 4 Ich will einmal mit Euch hinüber reiten, ſagte Turnbull nach einer Pauſe peinlichen Stillſchweigens, ich will's ſelbſt einmal mit anſehen. Was nützt das? erwiederte Hawthorn, Ihr könnt nicht helfen und— ſetzt Euch der Gefahr aus, ange⸗ ſteckt zu werden. Ich begleite Euch dennoch, ſei's auch nur, um mich ſelber zu überzeugen, ob auch den benachbarten Anſiedlungen Gefahr droht. Aber wen bringen ſie 3 denn da? der Verkauf ſcheint noch nicht vorüber. Sein Ausruf galt einem, man könnte faſt ſagen in Ketten gehüllten Neger, der eben von dem Deputy⸗ Sheriff herbeigeführt wurde. Es war ein aufgefange⸗ ner Mulatte, deſſen Herr nicht ausgemittelt werden konnte. Er ſelbſt behauptete frei zu ſein, vermochte ſich aber in keiner Hinſicht auszuweiſen und ſollte nun im Namen des Staates an den Meiſtbietenden verkauft werden. Die Ketten waren ihm angelegt, weil er 30⁵ ſchon dreimal, trotz allen Vorſichtsmaßregeln, aus verſchiedenen Gefängniſſen entkommen war und das letztemal den Schließer faſt erſchlagen hatte. Jeder⸗ mann ſcheute ſich ihn zu kaufen, und vergebens bot ihn der Sheriff lange für die niedere Summe von zweihundert Dollars aus. Ein Pflanzer aus der Nähe von Neworleans, der zufällig anweſend war, entſchloß ſich endlich ihn zu nehmen und auf ſeiner Zuckerplan⸗ tage zu verwenden. Er erſtand ihn für zweihundert und einen Dollar. Bei mir kann er nicht entwiſchen, lachte dieſer, er müßte denn den See durchſchwimmen, und da halten meine Alligatoren ſchon Wache— prächtige Beſtien in der Hinſicht. Sie haben mir freilich ſchon drei Sklaven zu Schanden gebiſſen, von denen einer ohne Bein und zwei ohne Arme mit genauer Noth entka⸗ men, den Uebrigen war's aber eine Warnung; es ginge keiner bis an den Gürtel ins Waſſer und wenn er ſeinem Vater das Leben retten könnte.— Doch wie bekomme ich den Burſchen nach Waterlow? Dart habt Ihr gleich eine Gelegenheit, ſagte Ei⸗ ner; da kommt der kleine Franzoſe, der fährt den Brod⸗ wagen zurück; in den könnt Ihr ihn hineinlegen. Das iſt eine gute Idee! rief der Pflanzer von Neworleans, und den Sklaven an einem Ende der Gerſtäcker, Meiſſiſſippi⸗Bilder. J. 20 306 Kette haltend, führte er ihn dem Wagen zu, der eben, mit einem einzigen mageren Pony beſpannt, vorbei⸗ raſſelte. Hallo!— Ihr im Wagen da—— Monsieur? Könnt Ihr meinen Sklaven mit nach Waterlow nehmen und dort bei G. Pleuvier abgeben? Impossible, rief der Fuhrmann, der Wagen iſt gedrängt voll und nicht Raum mehr für einen Hund, viel weniger für einen ausgewachſenen Neger und an⸗ derthalb Zentner Ketten! Wie wär's, wenn wir ihn hinten anſchlöſſen? meinte der Pflanzer, er braucht ja nicht zu fahren; richtig abliefern werdet Ihr ihn doch? Gertainement! lachte der Creole, ſchließt ihn hin⸗ ten feſt, dann kann er mit ſchieben helfen; wenn er aber ans langſame Gehen gewöhnt iſt, ſo thut mir's leid mich nicht beſonders nach ſeiner Bequemlichkeit richten zu können; ich habe Eile und da wird er ſchon ein Bischen laufen müſſen! Wie weit iſt's denn? fragte der Pflanzer. Nur ſechs Meilen, ich fahre es in anderthalb Stunden.. O, wenn's nicht weiter iſt, meinte jener; dabei werden ihm die Gelenke zugleich ein wenig geſchmei⸗ 307 dig. Ohne weitere Umſtände ward der Unglückliche jetzt herausgeführt, mit Hülfe zweier großer Vorhän⸗ geſchlöſſer an das Hintertheil des leichten, mit einer Leinwand überſpannten Wagens befeſtigt, und in kur⸗ zem Trab, dem ſich der Gefeſſelte, wollte er nicht ge⸗ ſchleift werden, fügen mußte. Nur mit der Erleich⸗ terung daß er wenigſtens den größten Theil ſeiner Ketten auf dem Karren ſelbſt liegen hatte, fuhr der Creole mit ſeinem armen Schutzbefohlenen am Ufer hinunter. Turnbull und Hawthorn hatten ſich indeſſen über⸗ ſetzen laſſen und ritten durch Bayon Sarah und St. Francisville, beides kleine blühende Städtchen, der noch etwa ſechs Meilen entfernten Plantage des Letzte⸗ ren zu. 8 Dort aber ſah es traurig und öde aus; alle Ar⸗ beiten waren eingeſtellt, die Hecken niedergeriſſen, die Fenſter der Wohngebäude offen, als ob die Bewoh⸗ ner ausgezogen wären. Die Pferde weideten im Gar⸗ ten, traten die Blumen nieder und benagten die Obſt⸗ bäume. Die ſonſt ſo liebliche Pflanzung glich mehr einem von Räubern überfallenen und geplünderten Platz, als der friedlichen Niederlaſſung eines Louiſtana Landwirths.— Hie und da ſtanden die Neger in Gruppen beiſammen und unterhielten ſich mit einan⸗ 20- 308 der, ſchienen ſogar die Ankunft ihres Herrn nicht zu beachten, nur Einer trennte ſich von den Uebrigen, kam auf die beiden Reiter zu und blieb vor Haw⸗ thorns Pferd ſtehen. Nun, Hannibal, fragte dieſer, wie ſteht's? geht es beſſer mit den Kranken? In den letzten drei Stunden ſind vier geſtorben und William und Cöleſte liegen in den letzten Zügen, erwiederte der alte Sklave eintönig und mit tiefem Schmerz; ich bin ſelber nicht wohl! fuhr er nach kur⸗ zer Pauſe fort, an Hannibal wird die Reihe nun wohl auch bald kommen! Entſetzlich! rief Turnbull.— Hawthorn gab keine Antwort und ſtarrte trockenen Auges, düſter und wild vor ſich nieder. Da öffnete ſich die Thür eines kleinen Wohnge⸗ bäudes, das im Mittelpunkt der Negerhütten lag, und zwei breite Särge wurden von zwöl Negern die kleine Treppe, die zu der Hausthür hinauf führte, herunter getragen. Dem Zug ſchloſſen ſich die umherſtehenden Neger an, und Alle, Hannibal ausgenommen, der neben ſeinem Herrn blieb, verſchwanden bald in einem kleinen Magnoliengebüſch, das die eine Seite der Pflanzung begrenzte. Und warum nur zwei Särge? fragte Hawthorn 309 nach einer Pauſe, in welcher Turnbull mit unheim⸗ lichem Grauſen den Leichen nachſtarrte. Die Zeit iſt zu kurz, Maſſa, für jeden Einzelnen einen Sarg zu zimmern. Sie ſterben zu ſchnell; unſere ſieben Zimmerleute, die wir noch haben, zweie liegen ja auch ſchon in jenem Hügel, mußten in den letzten Tagen überdieß ſcharf genug arbeiten; es geht aber zu raſch, ſie kommen nicht nach. Gut, gut! ſagte Hawthorn, und winkte unge⸗ duldig mit der Hand, macht's wie Ihr wollt, mir iſt's recht— wär' ich auch zur Ruhe! Wollt Ihr nicht einmal mit in mein Hoſpital? wandte er ſich dann an Turnbull, es iſt der Mühe werth einen Blick hinein zu werfen; wenn ich die Kranken einer ganzen Stadt in Verwahrung hätte, könnt's nicht ſchlimmer ausſehen. Ich habe meines Aufſehers Haus dazu geräumt, und dieſen in meine Wohnung ge⸗ nommen. Danke, danke! ſagte Turnbull, angſtlich einen Schritt zurücktretend, man ſoll ſich doch nicht unnütz in Gefahr begeben; die Krankheit iſt anſteckend und ich möchte ſie nicht gern nach Hauſe tragen; wer kommt aber dort geritten? Es iſt einer von meinen Negern, erwiederte Haw⸗ thorn, mein Aufſeher ſollte ihn heute Morgen auf 310 die benachbarte Plantage nach Lebensmitteln ſchicken, ich ſehe, er kehrt mit den Körben zurück. Der Sklave kam auf ſeinen Herrn zugeritten und warf die leeren Körbe vom Pferde. Wie ſo, Scipio? fragte dieſer erſtaunt, warum bringſt Du das Beſtellte nicht? Wollten Nigger auf keine Plantage laſſen! ſagte der Angeredete in zornigem Ton— war auf jeder, bei Lobkins, Whartons, Heckmann, Sajer und wie ſie Alle heißen, ſagten, Nigger ſolle zum Teufel gehen, er brächte die Peſt mit! Das dacht' ich! ſeufzte Hawthorn. Ich reite wie⸗ der mit Euch zurück, Turnbull, wandte er ſich raſch zu dieſem; ich muß mich zerſtreuen; bliebe ich einen Tag unter den Meinigen, ich würde wahnſinnig! So kommt! ſagte dieſer, der nicht ungern die gefährliche Nähe der Kranken mied, vielleicht giebt's noch Mittel und Wege Euch zu helfen; ein rechter Mann darf nicht verzagen, ſo lange er noch ein Pferd hat auf dem er reiten, und einen Kopf mit dem er ſpekuliren kann. Kommt mit mir zu den Meinigen, Ihr könnt Euch da ein wenig erholen und vielleicht erſchöpft ſich indeſſen die Krankheit hier, auf jeden Fall entgeht Ihr ſelber der Gefahr. Schweigend wandten die Männer ihre Pferde 311 auf die Straße zurück und überließen den Platz ſeiner ſchauerlichen Oede und Einſamkeit; ehe ſie aber die Lichtung noch verließen und den Wald betraten, hörten ſie die wilden Klagegeſänge der Neger, die ihre Freunde und Verwandten in die Gruft ſenkten. Es iſt ein eigenes Gefühl, das ſelbſt den Kühnſten, Unerſchrockenſten ergreift, wenn er ſich einer Gegend nähert, in der eine anſteckende Krankheit wüthet und wo der Tod heimtückiſch aus dem Hinterhalt bricht und ſein Opfer ergreift, ehe es die Nähe des Fürch⸗ terlichen ahnt. Mancher wird ſich mit trotzigem Herzen und unverzagtem Sinn den Reihen ſtarrender Bajo⸗ nette entgegen werfen, ſein Fuß zögert aber, wenn er das Land betreten ſoll auf dem die Peſt ihre entſetz⸗ liche Ernte hält; er würde den Feind, dem er ins Auge ſchauen könnte, mit friſchem Muth angreifen — hier aber, wo er den Tod in jedem freundlichen Handdruck, in jedem Athemzug vermuthen muß, wendet er ſich und flieht den fluchbeladenen Ort. So war es mit den Bewohnern des Pariſh Weſt⸗Feli⸗ ciana; Keiner betrat mehr die Pflanzung des unglück⸗ lichen Hawthorn, und als die Todesnachrichten immer ſchreckenerregender eintrafen, als zuletzt die Nachricht kam, daß die Leichen unbeerdigt auf ihren Lagerſtätten lägen, wurde ein wirklicher Cordon gezogen. 31² Vier Wochen ſpäter, zu Ende des Monats Okto⸗ ber, hatten ſich eben mehre Männer an der Landung von Bayou Sarah verſammelt, um die Ankunft des Packetboots von Neworleans zu erwarten, als ein junger Pflanzer aus der Nachbarſchaft herbeiſprengte und ſein Pferd einem dortſtehenden Neger zum Halten gab. Es war der nächſte Nachbar Hawthorn's, und Alle umdrängten ihn mit Fragen nach dem Schickſal des ſo ſchwer Geprüften. Er hat vollendet! ſagte dieſer traurig im Kreiſe umherblickend. Was? todt? riefen Alle, wie aus einem Munde. Todt! wiederholte der Pflanzer; ich komme eben von dem Orte, wo Eine der noch geſunden Skla⸗ vinnen an jedem Morgen die Nahrungsmittel holte — an jedem Morgen weniger— und hörte das Entſetzlichſte. Vorgeſtern ſtarb der letzte ſeiner männ⸗ lichen Sklaven, ſein treuer Hannibal, der ſich noch, ſtets mit den Kranken beſchäftigt, unglaublich lange aufrecht gehalten. Hawthorn, deſſen Sohn ebenfalls bis dahin jeder Anſteckung entgangen war, konnte den Verluſt des treuen Dieners nicht überleben und— ſchoß ſich heute Morgen, wie mir das Mädchen er⸗ zählte, eine Kugel durch den Kopf. Fürchterlich! riefen Alle. — 313 Sein Sohn, ſagte die Negreſſe, ſei der Ver⸗ zweiflung nahe und m e ſich jetzt die brrerſin Vorwürfe, daß er keinen andern Arzt beigezogen. Gehangen ſollte der Burſche werden! rief Turn⸗ bull, der eben hinzu gekommen war; lange hab' ich's dem Alten geſagt, der Burſche verſtehe nichts. Nein, da mußte er an den Niggern herumquackſal⸗ bern, bis er ſie Alle glücklich unter der Erde hat. Wenn ich einer von den Gläubigern wäre, ſollte er ſeinem Schickſal nicht entgehen. Was denken denn dieſe überhaupt jetzt zu thun? wie ſteht es mit dem Verkauf am nächſten Montag? Gott weiß es! erwiederte ihm ein Kaufmann von Bayou Sarah; ſeit die Peſt dort wüthet, hat Niemand wieder an den Verkauf gedacht. Ich ge⸗ höre auch mit zu den Gläubigern, aber ſeit etwa vierzehn Tagen haben wir das Wachen aufgegeben. Im Anfang behielten wir die Plantage gut im Auge, weil wir nicht ohne Grund vermutheten, Hawthorn möchte ſich und die Neger nach Teras oder ſonſt wohin in Sicherheit bringen. Das iſt nun freilich nicht mehr zu befürchten, und obgleich ich viel Geld dabei verliere, thut mir der arme Teufel doch leid! Und wo iſt ſein Sohn, der Doktor? fragte Turnbull. Er ſoll, erwiederte der Pflanzer, nach des Vaters Selbſtmord ſein Pferd beſtiegen haben und fortge⸗ ſprengt ſein, Niemand wiſſe wohin. Wir müſſen morgen auf jeden Fall einmal hin⸗ aus? rief Turnbull nach kurzem Bedenken. Das geht nicht länger, wir können es vor Gott und der Welt nicht verantworten, die wenigen Menſchen, die noch dort ſind, ohne Rettung und Hülfe zu laſſen. Die Krankheit muß ſich erſchöpft haben. Ich gehe nicht mit, betheuerte der Pflanzer; heute Morgen konnte ich, als der Wind gerade von dort herüber blies, die Leichen riechen— mir graust's bei dem bloßen Gedanken daran! Ich gehe auch nicht! ſagte der Kaufmann, ich habe bei der Sache ſchon genug eingebüßt, will nicht auch noch mein Leben wagen! Alle hatten einen Vorwand oder ſagten gerade heraus, daß ſie ſich vor Anſteckung ſcheuten, und Turnbull mußte ſeinen menſchenfreundlichen Plan aufgeben, da er allein nichts hätte ausrichten können. Wie ſah es aber indeſſen auf der Plantage aus, die von Jedem gemieden, dem böſen Geiſt verfallen ſchien? Oede Stille herrſchte dort, die Aasgeier umkreisten in engen Zügen eine der niedern Neger⸗ hütten und flogen in die benachbarten Bäume, von 315 dort aus, mit lüſternen Augen den Platz betrachtend, wo ihrer, ohne die Latten welche die Eingänge ver⸗ ſperrten, ein herrliches Mahl gewartet hätte.— Jetzt ſank die Sonne hinter den Wipfeln der Magno⸗ lien in ihr grünes Bett, düſterer und unheimlicher wurde es auf der verlaſſenen Anſiedlung, und hie und da glitzerte ſchon ein matter Stern von dem blauen Himmelsgewölbe nieder— als ſchnell, aber vorſichtig, aus verſchiedenen Richtungen, fünf Neger, in dunkle Decken gehüllt, auf dem Platz erſchienen und ſich Hawthorns Wohnhaus näherten. An der Hinterthüre angekommen, ſchlug einer derſelben mit ſeinem Meſſer an eine alte blecherne Kaffeekanne, die dort ſcheinbar nachläſſig hingeworfen war, und wiederholte das Zeichen fünfmal, ehe ſich die Thür öffnete, aus der, ganz im Anzug der weſtlichen Backwoodsmen, mit ledernem Jagdhemd, Leggins, Moccaſins, Büchſe und Meſſer, Hawthorn heraustrat, und einen Augenblick auf der Schwelle ſtehen bleibend, ſcharf umherblickte. Alles ſicher, Hannibal, fragte er dann, ſich zu einem der eben Gekommenen wendend. Ja, Maſſa! erwiederte der treue Sklave, es hat jetzt keine Noth mehr, im Dunkeln wagt ſich nun gar Niemand auf dieſen verrufenen Platz. Aber es iſt Zeit zum Aufbrechen! 316 Und haſt Du Boote beſorgt, iſt der Weg durch die Magnolienſchlucht frei? trafſt Du Deine Vor⸗ ſichtsmaßregeln, im Fall wir Jemanden begegneten? Alles beſorgt, Maſſa! erwiederte Hannibal mit großer Selbſtzufriedenheit, der junge Gentleman hält —bei den Booten mit William und Scipio und noch ſechs Andern, und wir Uebrigen ſind genug unſer ganzes Gepäck zu transportiren, denn das, was wir in der letzten Nacht in den Sumpf ans Ufer des Miſ⸗ ſiſſippi ſchafften, liegt ſicher und wir können es einla⸗ den wenn wir daran vorbei rudern. So laß uns eilen, mein Burſche! ſagte Hawthorn lächelnd, indem er dem alten Sklaven freundlich die Schulter klopfte. Es ſoll Dein Schade nicht ſein, Hannibal, daß Du mir ſo treu und eifrig dienſt— 4 Euer aller nicht. Aber jetzt fort! die Minuten ſind * koſtbar, wir haben noch einen langen Weg vor uns. 4 Auf ſeinen Wink eilte Hannibal nach dem verlaſ⸗ ſenen Hauſe zurück, ſchloß die Thüre auf und rief ei⸗ 4 nige Worte hinein. Gleich darauf ward es in den ſcheinbar öden Räumen lebendig, ein wirres Getöſe voon Stimmen ſchallte daraus hervor und eine Menge Neger, Männer, Weiber und Kinder drängten ſich ubelnd ins Freie! Halt da! rief Hawthorn lachend, indem er abweh⸗ * 317 rend den Arm emporhob, die Todten dürfen keinen ſolchen Spektakel vollführen, daß den Lebenden kein Aergerniß gegeben werde. Frieden, Kinder, bis wir in Teras ſind! dann ſollt Ihr jubeln und ſpringen, jetzt haltet mir Ruhe. Hannibal und Nelſon werden Euch die Sachen zeigen, die zu den Booten getragen werden müſſen, und bleibt hübſch im hartgetretenen Fußpfad, daß die Spuren nicht am Rande ſichtbar ſind! Mit regem Eifer gingen die Schwarzen ans Werk und in kurzer Zeit hatte jeder ſeine Laſt aufgeladen; das Zeichen wurde gegeben und der Zug ſetzte ſich in Bewegung. Dicht an der weſtlichen Grenze von Hawthorns Plantage begann ein kleines Dickicht von immergrü⸗ nen Stechpalmen und prachtvollen Magnolien, das ſich wohl drei Meilen lang an den beiden Seiten ei⸗ ner tiefen Schlucht hinzog, die einen kleinen Bach dem niederen Thallande und durch dieſes dem Miſſiſſippi ſelber zuführte. In dieſer Schlucht hin, und durch die dicht mit Rohr bewachſene Niederung, führte ein ſchmaler Fußſteg zu einer kleinen, ſeit langer Zeit nicht mehr bewohnten Blockhütte, in der früher einmal ein Mord vorgefallen und die deshalb von den Bewoh⸗ nern verlaſſen war. In dieſe Hütte hatte der umſich⸗ 318 tige Hannibal die in voriger Nacht zum Ufer geſchaff⸗ ten Waaren bringen laſſen, und jetzt ſchlich er ſich leiſe den Weg entlang, von den Laſtträgern gefolgt, die geräuſchlos und ſchnell hinter ihm her ſchritten. Es war eine herrliche Nacht zu ſolchem Unternehmen; trü⸗ ber, feuchter Nebel verhüllte wie mit einem dichten Schleier die Sterne, von denen nur ſelten einer ſich durch die feuchten Dünſte Bahn brach, und fern rol⸗ lender Donner verkündete ein nahendes Gewitter. Hawthorn folgte Anfangs dem Zug mit der Büchſe auf der Schulter, drängte ſich aber jetzt an den langſam vorwärts ſchreitenden Negern hin durch die Büſche, um an der Spitze der Schaar noch einige An⸗ ordnungen mit Hannibal zu treffen, als dieſer plötzlich ſtehen blieb und mit vorgeſtrecktem Finger auf etwas Weißes im Gebüſch zeigte. There! flüſterte er mit kaum hörbarer Stimme, ſchießt, Maſſa, ſchießt auf den weißen Fleck; der ge⸗ hört nicht in den Wald hier! Wer da? rief der Amerikaner und trat, die Büchſe im Anſchlag, mit geſpanntem Hahn einen Sthun vor. Wer dar oder ich ſchieße. 3 Einen Augenblick ſchien die Geſtalt noch unſchlſ⸗ zu ſein was ſie thun ſolle, die Gefahr war aber zu dringend um lange zu zögern, und mit feſten Schrit⸗ 319 ten trat ſie auf Hawthorn zu und ſtellte ſich ihm ge⸗ rade gegenüber. Rally! rief dieſer überraſcht, was führt Euch hierhari Der erdacht, daß nicht Alles mit Euch ſo ſei, wie das Gerücht ging! antwortete der junge Mann. Hawthorn, Hawthorn, Ihr habt ein ſchändliches Spiel geſpielt, und Euch zur Strafe hat mich Gott hierher geſandt! Höll' und Teufel! rief Hawthorn zähneknirſchend, Euer Bundesgenoſſe, der ſaubere Morris hat wohl den Plan entworfen mir hier aufzulauern? Was be⸗ kommt Ihr als Lohn? Wohl ſtand ich früher zu dieſem Zweck in Morris Dienſten, antwortete Rally, ſich hoch aufrichtend, aber jetzt weiß er nichts von meinem Thun; aus eige⸗ nem Antrieb begab ich mich hierher; ich ahnte die Schändlichkeit. Glaubt aber nicht der gerechten Strafe zu entfliehen, und erntet dann den Fluch den Ihr ge⸗ ſäet habt! Meint Ihr? ſagte Hawthorn mit verbiſſenem ner von ihm wandte, meint Ihr b genug Euch jetzt ſo fort zu laſſen, cht in alle Welt ausſtreutet? Peſt! hfür einen verdammten Narren halten! Ihr müßt 320 Wagt es mir zu nahen! rief der junge Mann und riß eine Piſtole aus dem Gürtel. Im ſelben Augenblick umſchlang aber auch Hanni lmit eiſer⸗ nem Griff von hinten ſeinen Arm, und tz des heftigſten Sträubens und Haätferufens ſah ſich der Ueberliſtete in wenigen Minuten gebunden und ge⸗ knebelt. Schreibt das Eurer Thorheit und Keckheit zu! ſagte Hawthorn, als er ſich von ihm wandte um wieder an die Spitze des Zuges zu treten. Ihr werdet jetzt auf jeden Fall die Reiſe bis zur Grenze von Teras mitmachen und dann vielleicht klüger werden. Zweifle ſehr! ſagte Hannibal mit einem heim— tückiſchen Blick auf den jungen Creolen. An was? frug Hawthorn, ſich ſcharf umdrehend. Daß— daß er klüger wird, antwortete der Schwarze zögernd, übergab den Gebundenen zwei ſeiner Getreuen und eilte Hawthorn nach. Sie erreichten jetzt die Niederung; der hei Sommer hatte aber, mit Ausnahme einiger t efer Stellen die wie kleine Seen durch ſchmale Arme mit einander in Verbindung ſtanden, d np ausge⸗ trocknet, und ohne bedeutende ug ſetzten ſie ihren Weg fort, bis ſie zu hängenden Weiden des Flußufers kamen. Der tief tönende Nuf * .. einer Eule ſchallte ihnen von dort entgegen, Hannibal antwortete mit den täuſchend nachgeahmten Lauten des„„Whip poor will“, und gleich darauf trat der junge Doktor Hawthorn aus dem Dickicht, und be⸗ grüßte freudig die Kommenden. Alles in Richtigkeit? fragte ſein Vater, ſich nach den Booten umſehend. Alles! entgegnete der Doktor; es ging vortreff⸗ lich, kein Menſch hat uns bemerkt oder ahnt über⸗ haupt nur, daß wir noch über der Erde wandeln. Einer doch! ſagte ſein Vater, den bringen wir aber geknebelt. Kennt Ihr ihn? rief der Doktor. Gewiß, es iſt Rally, der junge Creole. Höll' und Teufel! Der Spion, deſſen fluchwür⸗ diger Wachſamkeit wir es allein zu danken haben, daß wir nicht ſchon vor vierzehn Tagen das Land verlaſſen konnten— Morris' Geſchöpf! und was gedenkt Ihr mit ihm zu thun? Ihn bis zur Grenze von Texas mitzunehmen, ſagte der alte Hawthorn. Oder weſen ein Stück Wegs! murmelte Hannibal. ſich. Soll mir des Schurken Bewa⸗ chung anvertraut werden? fragte er lauter. M ah es wie Du willſt! erwiederte Hawthorn, Gerſtäcker, Miſſiſſippi⸗Bilder. I. 21 zu den Booten hinuntergehend; halte ihn nur ſo, daß er uns nicht verrathen kann! Ai, ail lachte der Neger, und auf ſeinen Wink trugen einige der Schwarzen den, ſich aus allen Kräf⸗ ten ſträubenden Gefangenen, in das kleinſte der Boote hinunter. Bindet ihm die Füße feſt! ſo! ſagte Hannibal. Nun zu Schiffe, wir müſſen vor Tagesanbruch an dem andern Ufer in Sicherheit ſein, alſo wenigſtens noch funfzehn Meilen ſtromauf rudern. Darum raſch, my boys, raſch! Mit regem Eifer legten ſich die Schwarzen, vier junge Männer, in die Ruder, und bald darauf lagen ſie, im Schatten einiger gewaltiger Baumwollenbäume, unter dem kleinen gefürchteten Häuschen. Auf das gegebene Zeichen trat Hawthorn’s Aufſeher, der hier bei den Waaren gewacht hatte, ans Ufer, und nach dem Austauſch weniger Worte begann das Laden der Boote. Darauf zogen ſie, von einem friſchen Süd⸗ wind begünſtigt, die Segel auf und glitten, ſo nahe wie möglich am Ufer um die Käfs Strömung zu vermeiden, den Miſſiſſippi hinauf. Hannibal hatte mit vier Negern die ausge⸗ wählt, das kleinſte Boot genommen, und in dieſes den Gefangenen gelegt, der noch immer, feſt gebunden 323 8 und geknebelt, ſich nicht zu rühren vermochte. Vermöge der Schnelligkeit ſeines Fahrzeugs hätte der Neger wohl vorauf ſein können, abſichtlich aber ließ er das breite, kurze Segel ein wenig flattern, blieb eine Taulänge hinter den Uebrigen zurück und hielt etwas mehr in den Strom hinaus. Das ſtärkere Plätſchern am Bug verrieth bald, daß das kleine Boot jetzt gegen die ganze Waſſermaſſe anarbeite, und nachdem er das Segel wieder ſtraff angezogen, daß es jeden Lufthauch der von dem Golf von Meriko herauf wehte, faßte, berührte er die Schulter ſeines Gefangenen, der in ſcheinbarer Theilnahmloſigkeit auf den Boden des Fahrzeugs lag. Maſſa Rally! ſagte der Sklave, und ein teufli⸗ ſches Lächeln überflog ſeine dunkeln Geſichtszüge, Maſſa Rally, erinnert Ihr Euch wohl, wie Ihr Hannibal im letzten Frühjahr in Bayon Sarah bin⸗ den und prügeln ließet, weil er nicht Wache ſtehen wollte, während Ihr der Frau Eures Freundes Geſellſchaft leiſtetet? Ihr hattet damals freilich eine andere Ausrede: der„damned nigger“ war un⸗ verſchämt geweſen, ſollte ſogar gedroht haben, und das forderte Strafe. Mein Maſter war ja nicht da und Ihr wußtet die Geſetze auf Eurer Seite. Der Weiße biß ingrimmig die Zähne auf einan⸗ 21 324 der und hob das Auge finſter fragend zu der über ihn hingebeugten dunklen Geſtalt empor— einen Au⸗ genblick war es als ob er reden wollte, dann aber ſank er wieder in ſeine frühere Stellung zurück und der Neger der ihn lauernd beobachtet hatte, fuhr fort:— Erinnert Ihr Euch dann auch noch wie Ihr, vier Wochen ſpäter auf meinen Bruder mit Entenſchrot ſchoſſet, weil er, obgleich in Bayoun Sarah von jedem Kinde gekannt, ohne Paß hinüber gekommen war und ſich durch die Flucht auf ſeine Plantage zurück, einer vierundzwanzigſtündigen Haft entziehen wollte? Ihr hattet ebenfalls die Geſetze auf Eurer Seite; was kümmerte es Euch, daß der arme Teufel Monate lang unter Schmerzen das Lager hüten mußte. Erin⸗ nert Ihr Euch an das Alles? Der Gefangene ſah mit ſcheuem, wildem Blick zu der dunkeln Geſtalt empor, die ſich mit immer drohen⸗ derem Ausdruck über ihn hinbog, rührte ſich aber nicht. Gut! fuhr Hannibal mit unterdrückter Stimme fort, Ihr habt das ſicher nicht vergeſſen und der Tag ſei geſegnet, an dem ich meinen armen Bruder rächen kann.— Befehlt Eure Seele Gott, denn Ihr lebt keine Viertelſtunde mehr. Mik immer ängſtlicherem Herzklopfen hatte der Geknebelte den drohenden, Unheil verkündenden Worten des Negers gelauſcht, aber noch geglaubt, er werde die, ihm für kurze Zeit gegebene Macht nur dazu benutzen, dem Weißen ſeinen Grimm und Haß ins Antlitz zu werfen. Jetzt aber, da er vor ſeinen entſetzten Blicken das Schrecklichſte auftauchen ſah, als ihm eine fürchterliche Ahnung ſeines Schickſals dämmerte, verſuchte er mit der Kraft, die nur Ver⸗ zweiflung giebt, ſeine Banden zu ſprengen und ſich zu befreien. Hannibal aber hatte das vorher geſehen, die Stricke waren unzerreißbar, und nach einigen Minu⸗ ten nutzloſer Anſtrengung ſank der Unglückliche, kalten Todesſchweiß auf der Stirn, in ſeine vorige Lage zurück. Alles vergebens! lachte Hannibal, indem er ein friſches Stückchen Kautaback in den Mund ſchob; ans Werk, ihr Burſche! fort mit ihm! wir müſſen wieder in ſtilleres Waſſer zurück, ſonſt verlieren wir die Uebrigen; ich kann ſchon jetzt nicht mehr ihre Segel erkennen. Helft ihm über Bord! Die Neger befolgten ſchnell, und wie es ſchien mit freudigem Eifer, den gegebenen Befehl; der Unglückliche wurde trotz ſeines Sträubens aufgehoben, hing einen Augenblick ſchwebend in ihren kräftigen Fäuſten und flog dann, von einem lauten a⸗ hoy⸗y“ des Führers begleitet, in die hochaufſpritzende und über ihm zuſammenſchlagende Fluth. 326 Hannibal hatte indeſſen das Segel losgebunden, daß es im Winde flatterte, der Kahn, nicht mehr ſtromauf getrieben, hielt in ſeinem Laufe inne, und aufmerkſam beobachteten die Neger wie der Ertrinkende wieder auftauchte, unterſank und noch einmal empor⸗ kam. Als ſich aber die trübe Fluth auch dießmal über ihm ſchloß, ergriff Hannibal ohne weiter ein 4 Wort zu äußern, das Steuerruder und mit geſchwell⸗ teem Segel flog das leichte Boot, von einem ſcharfen Südwind getrieben, dem Ufer zu und glitt an dieſem ſchnell und geräuſchlos hinauf. Der Morgen dämmerte ſchon, als die Flüchtlinge an der Mündung eines kleinen Fluſſes anhielten, der unterhalb Tunica in den Miſſiſſippi fällt. Hier iſt der Platz, ſagte Hannibal, der jetzt wieder zu ſeines Maſters Barke geſegelt war; wenn wir den Tag über beilegen wollen, findet in dieſen Dickichten keine Seele unſern Verſteck. Morgen Nacht können wir dann den Atchafalaya erreichen, ausladen und die Reiſe zu Land fortſetzen, ehe die furchtſamen Creolen es gewagt haben die„Peſthöhle“, wie ſte unſere Plantage in der letzten Zeit getauft, zu betre⸗ ten. Was ſie für Augen machen werden, wenn ſie die todten Kühe in der Hütte finden! Gut! erwiederte Hawthorn, wir wollen Deinen — 327 Rath befolgen, aber die Wachtpoſten nicht vergeſſen. — Haſt Du den Gefangenen auch ſicher verwahrt? Sicher! erwiederte Hannibal und glitt mit ſeiner kleinen Barke zuerſt in die Flußmündung. Fünf Wochen nach dieſem Vorfall erhielt Turnbull folgenden Brief aus Texas. „. Texas, 4. Dezember 1840. My dear Sir!— Da Sie der einzige Mann in Louiſiana ſind, deſſen Meinung mir nicht gleichgültig iſt, fühle ich mich gedrungen Ihnen eine kurze Erklä⸗ rung meines ſcheinbar unrechtlichen Betragens zu ge⸗ ben, die mich zum Theil in Ihren Augen rechtfertigen, oder doch wenigſtens das Urtheil mildern wird, das Sie bereits in Ihrem Herzen über mich gefällt haben. Sie wiſſen in welch' verzweiflungsvoller Lage ich mich befand, daß ich auf dem Punkte ſtand, durch öf⸗ fentlichen Verkauf Alles zu verlieren, was mir zu mei⸗ nem Leben und einſtigen Fortkommen unumgänglich nöthig war; ich ſah mich am Rande eines Abgrundes, aus dem mich eigene Energie allein nie wieder hätte hervorreißen können. Ich mußte die Mittel zum Wir⸗ ken, zur Thätigkeit behalten, und dieſe war ich im Begriff durch die Habgier meiner Gläubiger, beſon⸗ 328 ders jenes Morris, zu verlieren. Von den Spionen derſelben umlagert, blieb mir kein Ausweg als ein Mittel zu erſinnen, Freund wie Feind von meiner Plan⸗ tage zurückzuſchrecken, und das konnte nur durch eine Krankheit geſchehen, die ſcheinbar fürchterliche Ver⸗ wüſtungen unter meinen Sklaven anrichtete, während mich die Furcht der dortigen Aerzte vor der Seuche, begünſtigte, meinem eigenen Sohn die Heilung der vermeintlichen Peſt zu überlaſſen. Leicht bewog ich meine treuen Neger mir beizuſte⸗ hen; denn gelang mein Plan, ſo konnten Alle in mei⸗ nem Beſitz bleiben. Ich hatte ſie ſtets gerecht und gü⸗ tig, ja väterlich behandelt, wogegen bei einer öffentli⸗ chen Verſteigerung ihr Schickſal ganz ungewiß war und ſie, die größtentheils durch Familienbande verket⸗ tet ſind, auf jeden Fall auseinandergeriſſen worden wären. Hannibal war mir in dieſer Sache beſonders nützlich; ſein kluger Kopf leitete die ganze Verſchwö⸗ rung. Leere Särge wurden in Bereitſchaft gehalten, und ſobald ſich ein Fremder auf der Pflanzung zeigte, Anfangs unter feierlichem Gepränge, ſpäter mit dü⸗ ſterem, unheilverkündendem Schweigen begraben, wozu die Weiber ihre Todtengeſänge heulten. Bald erreichten wir unſern Zweck; die Nachbarn zogen einen Cordon, um ſich vor Anſteckung zu wahren, und wir 329 lebten von der Zeit an ziemlich ſicher. Den Verdacht aber noch zu verſtärken, tödteten wir ein paar Kühe und hielten die Aasgeier davon ab, ſo daß Einer, der ſich dem Platze näherte, den Verweſungsgeruch un⸗ fehlbar wittern und glauben mußte, es ſeien die un— beerdigten Leichname der ſo ſchnell hinter einander Verſchiedenen. Unſer Plan glückte; wir ſchifften uns ein, ſegelten den Miſſiſſippi hinauf, lagen während des erſten Ta⸗ ges in einem Schilfbruch, der uns und unſere Kähne barg, verſteckt, erreichten in der zweiten Nacht den At⸗ chafalaya, und fuhren nun dieſen, ohne weiter eine Entdeckung zu befürchten, hinunter. Unfern des mexi⸗ kaniſchen Golfes ſollten wir Maulthiere finden, mit deren Hülfe wir die Reiſe zu Lande fortzuſetzen gedach⸗ ten. Vergebens harrten wir aber einen ganzen langen Tag auf die verſprochenen Laſtthiere, ſie kamen nicht, wohl aber ein Dampfboot, das uns auf eine viel leich⸗ tere und ſchnellere Art an das Ufer des erſehnten Lan⸗ des trug. In Huſton angekommen, wanderten wir frohen Muthes weiter ins Innere, und jetzt ſchallt ſchon von allen Seiten der Artſchlag meiner Neger und das Praſſeln der überwundenen Stämme.— Terxas iſt noaoch ein junges, kräftiges Land, und mit den Mit⸗ 330 teln, die mir gegenwärtig zu Gebote ſtehen, habe ich die beſten Hoffnungen, in kurzer Zeit wieder ein wohl⸗ habender Mann zu ſein und nach und nach meine Schulden bezahlen zu können, ohne dabei ſelbſt an den Bettelſtab zu kommen— Erinnern Sie ſich auch nur Ihrer eigenen Worte, lieber Herr— ein rechter Mann darf nicht verzagen, ſo lange er noch ein Pferd hat auf dem er reiten und einen Kopf mit dem er ſpeculiren kann—“. Noch nenne ich Ihnen meinen Aufenthaltsort nicht, obgleich ich nicht beſorge einen meiner Gläubi⸗ ger hier zu ſehen. Ich will es erſt zu was Tüchtigem gebracht haben, dann ſollen ſie aber von dem alten Hawthorn hören, und ich hoffe, wir werden noch in ſpäteren Zeiten, ſei es in Teras oder in Louiſiana, manches Glas Brandy zuſammen trinken und man⸗ ches freundliche Wort mit einander wechſeln. In herzlicher Freundſchaft indeſſen Ihr verſtorbener und wieder erſtandener William Hawthorn. lernt und liebgewonnen hatten. Die beiden Deutſchen im Arwald. Im October 1840 hatten zwei Deutſche von Little Rock in Arkanſas aus, einen nordweſtlichen Cours eingeſchlagen, um ſich an dem kleinen Flüßchen „Cypreß“(ungefähr 50 Meilen von Little Rock ent⸗ fernt), eine Strecke Land zu beſehen, das ihnen zum Verkauf angeboten und dabei bedeutend gelobt und geprieſen war. 3 In Amerika kommen aber die Leute aus aller Herren Länder zuſammen, und Charaktere vereinigen ſich dort, die ſich im alten Lande ſelten oder nie ge⸗ funden, und wenn gefunden, nie vertragen haben würden. So auch unſere zwei Reiſende, ein Apothe⸗ ter und ein Schneider, die ſich in der fremden Stadt, von lauter Amerikanern umgeben, ſelbſt noch wenig oder gar nicht mit der Sprache vertraut, kennen ge⸗ Der Schneider war ein leidenſchaftlicher Jäger und kaufte ſich, um recht jagdmäßig angezogen zu ſein, in Little Rock ein paar Moccaſins(dünne hirſchlederne Halbſtiefel) und Leggins(Kamaſchen), auf die er mit nicht geringem Wohlbehagen bald über die eine, bald über die andere Seite ſeines Pferdes herunter ſah; nichts in der Welt hatte ihn aber bewe⸗ gen können, ſeinen hellblauen, ſehr elegant ausge⸗ ſtatteten Frack abzulegen, mit dem er den Leuten auf dem Lande zu imponiren hoffte, indem er wohl wußte, wie koſtbar Tuchkleider im Weſten von Amerika ſeien und wie ſelten ſich der Backwoodsman ſo hoch ver⸗ ſteigt, einen feinen Tuchrock zu kaufen; dazu trug er einen hohen ſchwarzen Filzhut, aber loſen Hemd⸗ kragen, weil er, wie er ſich ausdrückte, im Walde „ungenirt“ ſein wollte. Ueber die Schulter hing ihm eine engliſche Doppelflinte mit deutſcher Jagdtaſche, doppeltem Schrotbeutel, Pulverhorn mit Patentla⸗ dung und Zündhütchenaufſetzer— Alles neu. 1 Sein Gefährte war einfach, aber jagdmäßig angezogen. Er trug einen d roock und eine braune Fellmütze, wie ie gewöhnliche Bein⸗ und Fußbedeckung, ja er hatte nicht ein al ein paar Sporen angeſchnallt, die einen weſentli hen Theil von des Schneiders Ausſtaffirung machten. 8 8 333 H Auch er hatte übrigens eine Doppelflinte und deut⸗ ſches Jagdzeug, ſchien aber wenig die Aufmerkſamkeit zu theilen, mit der ſein Kamerad fortwährend bald auf die Straße hinaus, bald hoch in die Bäume ſchaute, um entweder einen Bär oder einen Truthahn zu entdecken, indem bis jetzt ſeine Meinung geweſen war, daß das Zeug doch in Unmaſſe im Walde herumlaufen müſſe. Der Apotheker ſchien mehr auf der Erde umher zu ſuchen und den Pflanzen ſeine Aufmerkſamkeit zu ſchenken, wegen deren er ſchon unzählige Male vom Pferd geſtiegen war, um ſie theils zu betrachten, theils mit der Wurzel auszugraben und in eine lange blecherne Kapſel, eine Art Herbarium, zu legen, die er in ſeiner Jagdtaſche ſtecken hatte.— Sie waren am vorigen Tage von Little Rock ausgeritten und bei zwei jungen Männern, einem Deutſchen und einem Ruſſen, übernachtet, die ſich erſt vor wenigen Wochen dort an der Straße angekauft und niedergelaſſen hatten. 3 Dolle, ſagte der Schneider plötzlich, ſeinen Ge⸗ fährten anredend, welcher in einer Strecke von neun engAſchen Meilen, die 6 bis jetzt zurückgelegt, wohl nigwanzig Mal vom Pferde geſtiegen war,— mich Joſeph, wenn Ihr nicht mehr an 334 * der Straße wie auf dem Pferde ſeid, Ihr verſcheucht ja das ganze Wild, was wir treffen könnten, mit Eurem ewigen Auf⸗ und Abſteigen! Aber, du lieber Gott, ſagte der alſo Angeredete, wir ſind ſchon wer weiß wie viele Meilen geritten, und haben noch nicht ein einziges Stück Wild, ja nicht einmal ein Eichhörnchen oder einen Vogel an der Straße geſehen. Es kann aber doch jeden Augenblick kommen, entgegnete der Andere hitzig; treten wir nicht mit je⸗ dem Schritt mehr in den Urwald ein und können j jene Dickichte, die wir da vor uns ſehen, nicht ganze Schaaren von Bären enthalten; aber aufrichtig geſagt, fuhr er fort, als Dolle wieder aufgeſtiegen war und ſie langſam neben einander herritten, ich habe mir den Urwald ganz anders gedacht, dis Bäume ſind ja nicht ſtärker und größer, als bei uns im Walde auch, und die paar Schlingpflanzen, die ich bis jett ge⸗ ſehen habe, doch kaum der Rede werth. Ja wir ſind aber auch in den Hügeln, Burg, entgegnete der Apotheker, und noch dazu in ſehr dür⸗ ren, unfruchtbaren Hügeln, wo die Bäume nicht ſo beſonders ſtark und groß werden— aber wahrhäſti — was iſt denn das da vor uns? Wo— wo fragte der Schneider, indem er wie 33⁵5 8 elektriſirt zuſammenfuhr und mit den Sporen, an die er nicht gedacht hatte, den Bauch des Pferdes be⸗ rührte, das, einen verzweifelten Satz machend, ſeinen Reiter unfehlbar abgeworfen haben würde, hätte nicht dieſer mit wahrer Todesverachtung ſeine Flinte fallen laſſen und ſich um den Hals des Pferdes ge⸗ klammert, wobei er ſeine Hacken glücklicher Weiſe ſo hoch heraufbrachte, daß die Sporen an die Satteldecke zu liegen kamen und das Poney nicht weiter beun⸗ ruhigten, welches augenblicklich, da es keineswegs bösartiger Natur und gerade ſeiner Sanftmuth wegen in Little Rock von ihm ausgeſucht war, ſtillſtand und ſeinem Reiter erlaubte, ſich wieder im Sattel feſt zu ſetzen. Aber Burg, Ihr werdet mit Eurem Gewehr noch ein Unglück anrichten, wenn ihr es ſo fallen laßt, rief Dolle erſchrocken, indem er ſein Pferd zurückriß— es iſt ein Wunder, daß es nicht los ging: der Lauf iſt noch dazu gerade nach mir zu gedreht! Die verdammten Sporen, rief Burg, ſich wieder im Sattel aufrichtend und vorſichtig, die Hacken nach jußen, die Steigbügel ſuchend— das iſt nun ſchon das dritte Mal, daß es mir ſo geht, es bleibt nur ein Glück daß ich ſo feſt ſitze, jeder Andere in meiner Stelle wäre ſicher heruntergeflogen. — 4 ———— Sagt lieber, es iſt ein Glück, das Euer Pferd ſolch ein Schaf iſt und ſtehen bleibt! ich bitt Euch, ſeht einmal Euren Bucephalus an, er iſt wahrhaftig eingeſchlafen! Komm! rief Burg, dazu mit der Zunge ſchnal⸗ zend, indem er dem Pferd mit der geballten Fauſt auf den Hüftknochen ſchlug, ſich aber wohl hütete, ihn mit den Sporen zu berühren, komm! glaubt übrigens ja nicht, Dolle, daß der Racker ſchläft wenn er die Au⸗ gen zumacht, er ſinnt nur wieder auf neue Sprünge, um mich aus dem Sattel zu bekommen. Nun, ſo lange der Sattelknopf hält, lachte Dolle, ſo lange hat's keine Noth— warum ſteigt Ihr aber nicht ab und nehmt Eure Flinte wieder auf, oder wollt Ihr ſie liegen laſſen, bis wir auf dem Rüchweg vor⸗ beikommen? Heißt mich Joſeph, 8 Burg ängſtlich lächelnd wenn ich nicht der verdammten Sporen wegen bange bin, herunter zu ſteigen; es iſt ſonderbar, aber ich mag mich drehen und wenden, wie ich will, ich bin immer mit dem Hacken gerade da, wo ich nicht ſein ſollte. 75 Doolle war unter der Zeit, gutmüthig genug, ab⸗ 1 geſtiegen und hatte ihm das verlorene Gewehr ge⸗ reicht, das Burg dankend annahm, und langſam ſetz⸗ ten beide ihre Pferde wieder in Bewegung. Aber zum Henker, rief Burg,— jetzt fällt mir erſt wieder ein, warum mein Pferd ſo ſprang; was hattet Ihr mir denn zu zeigen? war's ein Hirſch oder ein Bär? ich habe Nichts geſehen! Die eigenthümliche Schlingpflanze, die ſich dort am Baum hinaufzog, antwortete Dolle ſehr ruhig! Und wegen einer erbärmlichen Schlingpflanze ein Aufhebens zu machen, als ob wunder was zu ſehen wäre, rief Burg ärgerlich— ich glaubte ſchon, es liefe ein Bär oder gar ein Panther über die Straße. Nun wir wollen jetzt dafür deſto eifriger unſeren Weg verfolgen entgegnete Dolle, ſein eigenes Thier zu einem kurzen Trab antreibend, ſein Gefährte konnte ihm aber dabei kaum nachkommen, denn die Flinte war ihm beim Anhalten ungemein im Weg. Sie hatten den Abhang der dividing ridge ſthei 1 lenden Bergrückens) erreicht, wo der Weg ſich vSn. dentlich ſteil in's Thal, nach den Waſſern des Fourche la Fave hinunterzog, und Burg hielt ſein Pferd auf dem Gipfel an und bemerkte gegen ſeinen Gefährten, indem er auf dem abſchüſſigen Pfad hindeutete— Dolle, heißt mich Joſeph, wenn ich meinen Hals hier riskire und auf dem Pferd ſitzen bleibe— hier ſteig ich ab und führe es; das ſieht ja gerade aus, als ob man an einer Mauer hinunter reiten wollte. Gerſtäcker, Miſſiſſippi⸗Bilder. I. 22 Dolle gab weiter keine Antwort, ſondern that, wovon jener redete, und nahm ſein Pferd am Zügel, trat aber an Burgs Pferd und bat dieſen, ihm ſeine Flinte zu geben, bis er abgeſtiegen ſei, es könnte doch ein Unglück geben. Burg war es herzlich gern zufrieden, und kam mit ungemeiner Vorſicht, und zwar ohne das Pferd dies⸗ mal mit den Sporen zu kitzeln, auf die Erde, knickte aber, dort angelangt, augenblicklich zuſammen, als er mit ſeinen unbeſohlten Moccaſins auf einen ſcharfen Stein, und zwar aus dem einfachen Grunde trat, weil nichts Anderes als ſcharfe Steine da lagen. Au! rief er, indem er ſich den Fuß hielt— die verteufelten Steine ſind gar zu eckig hier! Wer hieß Euch aber auch Moccaſins anziehen, ſagte Dolle ärgerlich, indem er voran den Berg hin⸗ unter ging; Ihr ſeid Euer Lebtag gewohnt geweſen, rindslederne— kalbslederne unterbrach ihn Burg,— meinetwegen kalbslederne Stiefeln zu tragen, und jetzt kommt Ihr mit dem dünnen Zeug an, wo's Einem gerade iſt, als ob man gar Nichts an den Füßen hätte. Burg entgegnete Nichts, folgte aber langſam und verbiß ſeinen Schmerz, wenn er auf einen gar zu kan⸗ tigen Stein traf und dann rettungslos in die Knie ſank; dabei rutſchten ihm die Sporen fortwährend, da — ———- 339 die Moccaſins keine Hacken haben, unter den Fuß und er war ſchon zweimal recht ernſtlich gefallen; unten am Berg aber, wo er ſich ſelbſt recht empfindlich wehe that, indem er in ſeinem eigenen Sporn hängen blieb, hielt er fluchend an und, indem er ſich niederbeugte, die ſcharfen Eiſen abzuſchnallen, rief er wüthend: Nein! und wenn ich in meinem Leben nicht wieder reiten ſoll, aber meine eigenen Glieder will ich mir doch nicht mit ihnen zerſtoßen! fo— ſagte er, als er ſie in die Jagdtaſche ſchob— ſo, da ſteckt bis ich euch wieder herausnehme, und das wird ſchwerlich geſche⸗ hen, ehe ich ein paar vernünftige Stiefeln am Fuß habe. Die beiden Reiter waren wieder aufgeſtiegen und verfolgten den breiten Fahrweg, der ſich von nun an im Flußthal hinzog und weiter keine Schwierigkei⸗ ten bot. Nachmittags erreichten ſie den kleinen Fluß, ließen ſich überſetzen und erkundigten ſich nun hier, nachdem ſie etwas zu Mittag gegeſſen und ihre Pferde gefüt⸗ tert hatten, nach dem Weg an die Cypreß, zu dem Platze eines Farmers Dennis, derſelbe, deſſen Land ſie in Augenſchein nehmen wollten. Well, ſagte der Fährmann, eine ſtarke, unterſetzte Figur, indem er, als Beide wieder aufgeſtiegen wa⸗ 22* 340 ren, vor die Thüre trat und mit der Hand an ſeiner Fenz hinaufzeigte, well— wenn Sie den Weg finden wollen, ſo müſſen Sie hier an der Fenz hinauf reiten und dann da oben an der Ecke den Weg verlaſſen und wieder an der Fenz bleiben, bis an die andere Ecke, von da an ſind die Bäume erſt ganz friſch gezeichnet, und wenn Sie ſich auf dem kleinen Fußpfad halten, können Sie gar nicht fehlen.. Die Reiter dankten und folgten der Weiſung des Mannes, fanden die friſchen Baumzeichen und den Fußpfad, und mußten nun Einer hinter dem Anderen herreiten, da der Steg ſo ſchmal wurde und Büſche und Sträucher überall über ihn hinüber hingen. Hallo! rief Burg, als ſein hoher Filzhut von einem kleinen Aſt erfaßt und herunter geworfen wurde, Hallo— die verdammten Bäume ſollten ſich lieber ganz über den Weg drücken, ich habe ſo ſchon ſeit einer Viertelſtunde mit der Naſe auf dem Sattelknopf gelegen und im erſten Augenblick, wo ich mich auf⸗ richte, iſt auch mein Hut unten; aber ſagt mir ein⸗ mal, Dolle, wo führt denn der Weg hin, der Wald wird immer dichter und hier iſt ja kaum noch eine Spur zu erkennen! Ja, lieber Burg, ſagte der Angeredete, indem er hielt und, ſelbſt ein wenig zweifelhaft, um 341 ſchaute, da fragen Sie mich zu viel, es muß aber wohl der rechte Weg ſein, denn wir haben doch keinen anderen links oder rechts abgehen ſehen. Nun, ich will's wünſchen, ſeufzte Burg, fange aber doch an mich nach Menſchen zu ſehnen. Der Himmel ſieht mir auch ſo verdächtig aus, weiter fehlte nun gar nichts, als daß wir auch noch einen tüchtigen Regen bekämen und uns dann verirrten— Brrrr— fuhr er ſich ſchüttelnd fort— die Nacht im naſſen Walde mit meinem dünnen Frack. Schweigend ſetzten ſie, jeder mit ſeinen eigenen Betrachtungen beſchäftigt, ihren Weg fort und er⸗ reichten den Scheidungsgipfel der Fourche la Fave und„Cypreß“⸗Waſſer, auf dem der Pfad über rauhe gebrochene Steine und durch dichte Hickory⸗ und Eichen⸗Dickichte eine Strecke hinführte, und ſich dann wieder, einen ſteilen Abhang hinunter, in's Thal der Cypreß hinein zog. Dolle! ſagte Burg als ſie einen Augenblick auf dem Gipfel hielten und das weite Thal überſchauten, das dunkelgrün und ſchaurig in der nahenden Däm⸗ merung und von ſchwarzen Wolkenſchichten über⸗ hangen, vor ihnen lag, Dolle, ich wollte, wir könn⸗ ten irgendwo blauen Rauch aufſteigen ſehen, dieſes ernſte Schweigen ſagt meiner Conſtitution gar nicht 342 zu; ich fühle mich unbehaglich; der Wald iſt auch wie ausgeſtorben— ſollte das nun ein Menſchenkind glauben, daß wir von heute früh ſeit Tagesgrauen im Urwalde ſind und noch kein Stück Wild, keinen Truthahn, ja nicht ein Eichhörnchen geſehen haben, ſei es auch nur zu verſuchen, ob unſere Flinten los⸗ gingen; ich glaube wahrhaftig, ein Menſch könnte hier in der Wildniß mit größter Bequemlichkeit verhungern. Ich würde es doch vorziehen Blätter und Rinde. zu eſſen, ehe ich es ſo weit kommen ließe, fiel Dolle kopfſchüttelnd ein— die Ausſichten ſind aber, hin⸗ 3 ſichtlich eines Nachtquartiers, ſehr ſchlecht, denn unten 1 im Thal iſt's ſchon dunkel und hier oben auch nicht mehr ſo recht hell! Meiner Berechnung nach müſſen wir ſchon wenig⸗ 4 ſtens zehn Meilen geritten ſein, ſeit wir des alten Amerikaners Haus verlaſſen haben, ſagte Burg be⸗ 4* theuernd. 83 Ja, und ſieben ſollten es nur bis zum nächſten Hauſe ſein, bemerkte Dolle, indem er mit banger Beſorgniß auf ſeine Taſchenuhr ſah, die leider ſeine Furcht, der einbrechenden Nacht wegen, nur zu ſehr beſtätigte, kommt, Burg, fuhr er fort, indem er ab⸗ 1 ſtieg und ſein Pferd den ſteilen Berg hinunter führte, laßt uns machen, daß wir fort kommen./ „— 343 Burg kam diesmal ohne Dolle's Hülfe herunter, und hinkte fluchend und jammernd und über ſeine Füße klagend, hinter dem Anderen her, bis ſie am Fuß des Berges wieder aufſaßen und nun im ſcharfen Trabe an einem kleinen Bache, deſſen Lauf der Weg ſtromauf folgte, hinritten.— Immer dunkler wurde es dabei und immer drohender ballten ſich von allen Seiten ſchwere Wetterwolken zuſammen, die eine rauhe, unfreundliche Nacht fürchten ließen; die beiden Reiter trieben jedoch ihre kleinen Pferde immer ſtärker an, bis ſie endlich bei einem Durchgang durch den Bach den Pfad wie Burgs Hut verloren.— Zwar fanden ſie den letzteren nach angeſtrengtem Suchen wieder, der erſtere war und blieb aber mit Dunkelheit bedeckt, und außer allem Zweifel war es jetzt, daß ſie ret⸗ tungslos die Nacht im Walde zubringen mußten. Ich will doch lieber einmal ſchreien, ſagte Burg, und ehe Dolle etwas erwiedern konnte, kreiſchte er ſo fürchterlich und ohrenfellerſchütternd auf, daß jener entſetzt zurückſprang und ihn um Gotteswillen bat, 1 aufzuhören. Wer, zum Teufel ſoll denn hier Euer Gequietſche hören? ruft laut oder gar nicht. Aber ich kann ja nicht lauter ſchreien, rief der Schneider ärgerlich, ich habe einen Fehler im Halſe. ———— ÿõÿõ———— —— — — 344 Nun, dann will ich's einmal verſuchen, ſagte Dolle und ſchrie aus Leibeskräften fünf oder ſechs Mal, aber Niemand antwortete ihm, nicht einmal das Echo hielt es der Mühe werth, und ſehr kleinlaut begannen die beiden Maͤnner eine Berathung zu halten, was aus ihnen eigentlich die Nacht über werden ſolle. Hier im Thal bleib ich nun einmal auf keinen Fall, ſagte Dolle, hier iſt's ſo öde und ſchauerlich, und die Bäume ſehen alle aus, als ob ſie Einem je⸗ den Augenblick auf den Kopf fallen wollten. Aber oben auf dem Berge zieht's ſo, wandte Burg ein, und ich in meinem dünnen blauen Frack— Wer hieß Euch auch den Lappen anziehen um auf Reiſen zu gehen, und warum nahmt Ihr das Aner⸗ bieten des Deutſchen, wo wir geſtern Abend übernach⸗ teten, nicht an, als er Euch ſeinen Mantel borgen wollte? erwiederte ärgerlich der Apotheker,— gut, bleibt hier unten im Thal, ich gehe auf den Berg, da ſehe ich doch wenigſtens was vorgeht. Mit dem Sehen war es übrigens nicht ſo ganz. richtig, denn es wurde ſtockdunkel, und ein feiner Regen begann naß und kalt auf die beiden unglückli⸗ chen Wanderer herunter zu träufeln. 1 Dolle machte jetzt, wirklich Anſtalten den Berg wieder zu erſteigen, während ihm Burg, der keines⸗ 345 wegs beabſichtigte allein im dunkeln Thal zurückzu⸗ bleiben, ſeufzend und über ſeine Füße klagend, die ihm in den ſcharfen Steinen wund geworden waren, folgte, doch rückten ſie nur langſam vorwärts, da ſie ihre Pferde führen mußten und jeden Augenblick in Dornen und Schlingpflanzen hängen blieben. Ihr beklagtet Euch ja heute, daß Ihr nicht genug Schlingpflanzen hättet, ſagte Dolle, als Burg gerade in ein Dickicht gerathen war und vergebens in den dornigen Ranken nach ſeinem ewig verlorenen Filz⸗ hut ſuchte, ich ſollte doch denken, Ihr hättet deren hier gerade ſatt— Nun, weiter fehlte mir gar nichts, klagte Burg mit weinerlicher Stimme, als daß Ihr auch noch an zu ſpotten fangt; heißt mich Joſeph, wenn ich noch eine heile Stelle an meinen Händen habe, und von den Füßen will ich gar nicht mehr reden, die habe ich aufgegeben; wenn ich wieder nach Little Rock komme, werde ich mir wohl müſſen beide Beine abnehmen laſſen. Nach Little Rock kommen? klagte Dolle jetzt, ach! wenn wir nur erſt oben auf dem Berge wären, an Little Rock wollen wir noch gar nicht denken! Nun, ſagte Burg, der ſeinen Hut wieder gefun⸗ den und aufgeſetzt hatte; was da oben auf dem Berge 346 ſo viel Großes und Schönes ſein wird, weiß ich wahrhaftig nicht, ich wünſche mir weiter nichts, als daß wir erſt wieder herunter wären! Dolle mochte im Ganzen Burgs Meinung ſein und erwiederte nichts, ſondern kletterte ſtumm und verdroſſen an der ſteilen Bergwand hinauf, deren Gipfel endlich Beide, müde und matt, erreichten. Das dünne Sprühen war jetzt in einen richtigen Regen ausgeartet, der ſie total durchnäßte. Burg er⸗ klärte, ſein Hut, ſein Herz und ſeine Füße wären ſo weich wie Butter, und Dolle band ſein Pferd an einen Strauch und ſetzte ſich unter einen Baum, um wenigſtens etwas geſchützt zu ſein. Ihr werdet Euch erkälten, Dolle, ſagte Burg, wenn Ihr Euch ſo in's naſſe Gras ſetzt— brrrr, ich mag mich gar nicht anfaſſen, ich bin ſo feucht; und mein armer Frack, ſeufzte er, indem er wehmüthig die Hände faltete und zu Boden ſah. Wenn nur wenig⸗ ſtens ein Stall hier wäre, wo man das Pferd hinein thun könnte, fuhr er endlich fort— ich werde doch hier nicht die ganze Nacht ſtehen und den Zaum halten ſollen? Warum bindet Ihr es nicht auch an— da iſt ja ein Baum dicht neben Euch, antwortete mürriſch Dolle. 347 Burg ſtreckte den Arm mit dem Zaum aus, um den Rath zu befolgen, ſprang aber mit einem Schmer⸗ zensſchrei zurück und rief, die eine Hand ſich mit der anderen haltend: Donnerwetter, an dem Baum ſind Spieße! Es wird eine Akazie ſein, meinte Dolle ſehr trocken. Herr Dolle, ich verbitte mir alle Bemerkungen, ſagte, im höchſten Grade aufgebracht, jetzt der Schnei⸗ der— wenn ich Sie nicht als einen todten Menſchen betrachtete, denn Ihr naſſer Sitz muß Ihnen jeden⸗ falls eine tödtliche Erkältung zuziehen, ſo würde ich mich noch härter darüber äußern; ich aber nehme Gott und die Welt zum Zeugen, daß ich hier auf eine niederträchtige Art behandelt werde, und wenn mein 1 Tod erfolgt, der faſt unausbleiblich erfolgen muß, n 1 * ſo bin ich ſchändlich— hinterliſtig gemordet. Aber um Gottes willen, Mann, wen klagt Ihr denn ſolch' fürchterlicher Sachen an? ſind wir denn nicht ſelber Schuld daran? fragte Dolle. Wir?— Ich? entgegnete verwundert der Schnei⸗ der— glaubt Ihr, ich wäre in dieſe Wildniß mit meinem blauen Frack eingedrungen, wenn ich voraus⸗ geſetzt hätte, daß kein menſchliches Weſen darin exi⸗ ſtire? Hat nicht der verrätheriſche Fährmann von 348 ſieben Meilen geſprochen, und ſind wir nicht wenig⸗ ſtens ſtebzehn geritten und gewandert, und ich ohne Halstuch, mit Moccaſins an den Füßen, die ich an⸗ gezogen habe, um recht leiſe auftreten zu können, und jetzt gäbe ich meinen blauen Frack darum, wenn ich ſchreien könnte, daß mich die ganze Nachbarſchaft hörte,(wenn dieſer wüſte Platz überhaupt eine Nach⸗ barſchaft hat). So ſetzt Euch doch nur, ſagte Dolle, Ihr wollt doch nicht bis morgen Früh um ſechs Uhr da ſtehen bleiben und philoſophiren? Morgen früh um ſechs Uhr, murmelte der Schnei⸗ der düſter vor ſich hin, werde ich in einen Eiszapfen verwandelt an einem dieſer Bäume lehnen, denn ich fühle, wie mein Herzblut ſchon gefriert,— ach lieber Dolle, fuhr er weicher fort, ich bin ſtets ein guter Menſch geweſen, ich habe Keinem wiſſentlich etwas zu Leide gethan, und jetzt muß ich hier ſo elendiglich, ſo ganz erbärmlich umkommen! Hallo! rief Dolle aufſpringend, jetzt habe ich einen guten Einfall, wir wollen uns in die Sattel⸗ decken wickeln und die Sättel hier unter den Baum legen und uns darauf ſetzen. 4 Der Einfall kam von Gott, jauchzte Burg, wäh⸗ rend er zu ſeinem Pferde ſprang und mit zitternden — —-—— 349 Händen am Sattelgurt deſſelben nach der Schnalle ſuchte, die er endlich fand und bald an Dolle's Seite, in die Decke eingewickelt, auf dem Sattel ſaß, um hier, frierend und ſchüttelnd, den Anbruch des jungen Tages zu erwarten. Aber nicht lange hielten die beiden Unglücksge⸗ fährten das Sitzen aus, denn wie in Fieberfroſt flogen ihre Glieder, und ſie waren genöthigt, ſich Bewegung zu machen, um nicht wirklich zu erſtarren. Der Apotheker ſprang wie toll um den Baum herum, dem Schneider thaten aber die Füße ſo fürch⸗ terlich weh, daß er es der ſcharfen Steine wegen, nicht wagte, und ſich nur einen etwas ebenen und weichen Platz ausſuchte, auf dem er fortwährend von einem Bein auf's andere hüpfte, auch ein paar Mal zu pfeifen verſuchte, um ſeinem Gefährten glauben zu machen daß er ſich behaglich fühle, es blieb aber immer nur bei einem verunglückten Verſuch. Endlich dämmerte im fernen Oſten der erſte Strahl des neuanbrechenden Tages; der Regen hatte gegen Morgen nachgelaſſen und hie und da ſchaute ein Stückchen des klaren Himmels durch die wehenden Nebelſchleier hervor. Burg war, trotzdem daß er durch und durch naß ſein mußte, gegen den Baum gelehnt, etwas einge⸗ ——B— — — 350 ſchlafen, als Dolle plötzlich das Krähen eines Haus⸗ hahns zu vernehmen glaubte; er horchte, und wahrlich, von fern herüber ſcholl der entzückende Ruf, der die Nähe menſchlicher Wohnungen, eines Feuers und einer Taſſe Kaffee verkündete. Burg, Burg! rief er, dieſen ſchüttelnd. Sieben Ellen, ſagte, noch im Schlafe, der alſo Angeredete— reichlich! Burg! zum Henker mit Euren Ellen; dort kräht ein Hahn! 8 Ein Hahn? rief Burg, der jetzt erſchrocken die Augen aufſchlug, und gar bald wieder die traurige Lage, in der ſie ſich befanden, begriff, ein wirklicher Hahn? Ja— horcht nur! Da wieder— und da drüben noch einer! Und warum ſitzen wir denn hier noch? rief Burg, wie toll in die Höhe ſpringend,— etwa um zu ſehen, wie ſich die Landſchaft bei Morgenbeleuchtung aus⸗ nehmen wird? he? warum fliegen wir denn nicht?— ach allmächtiger Gott, unterbrach er ſich da plötzlich, mir ſind ja die Glieder wie gelähmt und die Füße ganz geſchwollen und naß wie die Schwämme— na die Doktorrechnung will ich ſehen und die Viſiten; der kann ſich gleich auf acht Wochen bei mir einmiethen! 351 Von freudigen Hoffnungen bewegt, ſattelten jedoch jetzt Beide ihre Pferde wieder, was übrigens faſt eine halbe Stunde dauerte, da es das erſte Mal in ihrem Leben war, daß ſie dieß Geſchäft ſelbſt beſorgten und Burg beſonders ſteif und feſt behauptete, der Sattel⸗ knopf gehöre hinten hin, da er ſich ſehr deutlich erin⸗ nere, daß er ſich geſtern an dem breiten Ende feſtge⸗ halten habe. Nach mehreren Verſuchen jedoch brachten ſie es zu Stande, führten ihre Pferde, die geduldig, an dergleichen gewöhnt, die ganze Nacht dageſtanden hatten, den Berg hinunter, fanden den geſtern Abend verlorenen Weg wieder, und erreichten nach einem ſtündigen Ritt, naß und erſtarrt das erſehnte Haus, wo ſie von dem alten Farmer freundlich aufgenommen und bewirthet wurden. Burg aber war mehr todt als lebendig, und keine Macht der Erde hätte ihn an dem Tage herausbringen können, um das Land zu beſehen, wegen dem er einige fünfzig Meilen geritten war. Er ſchwur, er habe mehr von dem Lande geſehen als ihm lieb ſei, und wolle in einer Stadt leben und ſterben; das Landleben ſei einmal nicht für ihn gemacht, und die Jagd in Arka ſas ſo erbärmlich, daß es ſich nicht der Mühe eine Flinte mit hinaus zu nehmen. Dolle beſah nun die Farm, aber ar hatte die Landparthie eine üble Wirkung hervorgebracht, und am nächſten Tage kehrten Beide, von einem Führer begleitet, der ſie bis an den breiten, ausgehauenen Weg bringen mußte, nach Little Rock zurück, wo es Burgs erſtes Geſchäft war, die Moccaſins, in denen ſeine Füße ſo fürchterlich gelitten hatten, in ganz kleine Stücke zu ſchneiden, und ſich dann in's Bett zu legen und Thee zu trinken, von den entſetzlichen Strapazen, die er erduldet, auszuruhen. Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig. „ Iſſſ dlaaua ll Luuluuaurlaasaauauazu lluaun ſſnnfſnſſſiſſſſſſIIſſſſfſſſſſſſſſiſffſſſſiſſſe „ 9 10 11 12 13 14 15 16 1⸗