68 . deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur n Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 3 Ceih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 4 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. d 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: . der dot hentlich 25 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: — uener. auf 1 Monat: 4 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. dur beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 4 auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird Der Kunskreiter. Erzählung von Friedrich Gerstäcker. * Der Verſaſſer behält ſich die Ueberſetzung dieſes Werkes vor. Dritter Band. oeGNO Lripiig, Hermann Coſtenoble. . 1861. 24. Georgine war angekleidet und ſaß über einen Brief brütend in ihrer Stube, deren Riegel ſie vorgeſchoben hatte. Wieder und wieder las ſie das Schreiben durch, und dann, als ob ihr der Inhalt keine Ruhe laſſe, ſprang ſie auf und ging mit feſtverſchränkten Armen und raſchen Schritten in dem Gemache auf und ab. „Und wer könnte mich tadeln, wenn ich meinem Willen folgte?“ murmelte ſie dabei leiſe vor ſich hin.„Liebt das gefangene Thier nicht ſeine Freiheit und ſucht ſie wieder zu erlangen, wie viel mehr denn der Menſch, dem die Natur nicht um⸗ ſonſt den kühnen Geiſt gegeben!— Und bin ich weniger als eine Gefangene in dieſem öden, ab⸗ gelegenen Hauſe, das ich nur wie der an einen Faden gebundene Vogel verlaſſen darf, hieher zu⸗ rückzukehren, wenn es meinem Herrn gefällt, mich wieder an dem Seile einzuziehen? Gift und 6— Tod!“ zürnte ſie, und die dunklen Augen ſprühten Feuer, die Lippen preßten ſich zuſammen, und der kleine Fuß ſtampfte ungeduldig, wild den Boden. „Und jetzt gerade— jetzt kommt der Brief, wo Georg—— und ich kann nicht fort. Ohne Geld— ohne Paß, eine Frau allein mit ihrem Kinde. An den Stäben darf ich rütteln, an den Stäben, die mich halten, und meinem Zorn darf ich Luft machen, heimlich— heimlich, daß es Nie⸗ mand hört, und das iſt Georgine— das iſt die kühne Reiterin— das iſt die Frau, die ihr Schick⸗ ſal nur deßhalb an dieſen Georg Bertrand feſſelte, weil er noch kühner war, als ſie, und die ſich jetzt von ihm an den Pflug ſpannen läßt, den Acker für das tägliche Brod als Bäuerin zu lockern.“ Ein leiſes Klopfen an der Thür unterbrach ſie, und raſch den Kopf danach umdrehend, rief ſie:„Wer iſt da?“. „Ich bin's,“ ſagte die Stimme der Wirth⸗ ſchafterin, und zu gleicher Zeit verſuchte eine Hand die Thür zu öffnen, was jedoch der noch vorge⸗ ſchobene Riegel verhinderte. „Was wollen Sie?“ „Ein fremder Herr iſt da,“ laukete die Ant⸗ wort,„der erſt nach dem Herrn Baron gefragt hat und dann die Frau Baronin zu ſprechen wünſchte. Er hat mir ſeine Karte gegeben, und ich habe ihn ſo lange in das Beſuchszimmer geführt, aber es iſt dort nicht eingeheizt.“ 1 Georgine ging zur Thür, ſchob den Riegel zurück und nahm die Karte, die ſie leiſe las: „Baron Hugo von Silberglanz?“ „In des Herrn Barons Zimmer iſt es noch warm,“ fuhr dabei die Wirthſchafterin fort,„aber da hinein durfte ich ihn ja doch nicht bringen, denn da liegen immer ſo viele Papiere herum, und der Herr Baron hat's auch nicht gern.“ „Nein— verſteht ſich,“ ſagte Georgine, die Karte noch immer kopfſchüttelnd in der Hand; „ſchicken Sie mir doch das Mädchen, daß es hier ein wenig aufräumt, und gehen Sie dann zu dem fremden Herrn hinüber und bitten ihn, ein wenig zu verziehen— nachher bringen— Sie ihn hier in mein Zimmer.“ „Soll gleich beſorgt werden, gnädige Frau,“ ſagte die Wirthſchafterin, indem ſie geſchäftig nach ihrem Schlüſſelbund griff—„und doch wohl ein Bißchen Frühſtück beſorgen, wenn es ein alter Bekannter iſt?“— „Frühſtück?— ich weiß es nicht— warten Sie damit, bis ich klingeln und darnach verlangen werde— ich kenne den Herrn gar nicht.“ Die Wirthſchafterin ging, und Georgine blieb in einem eigenen Zuſtande von Zweifel und Stau⸗ nen zurück. „Baron Silberglanz?“ ſagte ſie leiſe,„iſt das nicht derſelbe fade Menſch, der mich in»es mit ſeinem zudringlichen Weſen verfolgte, und was hätte den hieher zu uns geführt? So viel ich weiß, kennt ihn Georg gar nicht— und ſollte er mich ſuchen? aber woher wüßte er, daß ich hier bin?— Ha, vielleicht iſt er ein Bekannter des Grafen Geyerſtein und bringt Aufträge oder Briefe von ihm.“„Geyerſtein,“ ſagte ſie, ſich auf ihr Sopha werfend und den Kopf in die Hand ſtützend, „dieſer räthſelhafte Menſch— ernſt und kalt in ſeinem ganzen Aeußern und doch ſo herzlich gegen Georg. Und ſollten die Beiden wirklich— doch welchen Grund könnten ſie haben, es mir zu ver⸗ „heimlichen— mir, der Frau des Einen— aber in welcher Verbindung ſtehen ſie dann zuſammen?“ Das Hausmädchen kam herein, räumte die Stube auf und verließ das Zimmer wieder, wäh⸗ rend Georgine ihren Gedanken nachhing, bis ſie durch Stimmen auf dem Gange zu ſich ſelber ge⸗ bracht wurde. Es war der Fremde, den ihr die Haushälterin zuführte. — 9 „Bitte, treten Sie nur hier ein, Herr Baron; die gnädige Frau erwarten Sie ſchon.“ „Danke, liebe Frau,“ ſagte der Fremde,„ich finde mich jetzt ſchon zurecht.“ Und es klopfte leiſe an die Thür. „Herein!“ Die Thür öffnete ſich, eine elegant gekleidete, ſehr ſchmächtige Geſtalt, die den Paletot ſchon draußen abgelegt hatte, glitt herein und ſchloß Stimme des zierlichen Männchens ſagte:„So habe ich mich nicht geirrt— Glück iſt heute meinen Augen wiederfahren, denn ſie dürfen die holde Georgine, die Königin der Amazonen, wieder ſchauen. Gnädige Frau, ich lege mich nicht nur in der leeren Phraſe Ihnen zu Füßen„— und den Worten die That folgen laſſend, hüpfte er auf Georgine zu, ergriff ihre Hand, die er an das zierliche Schnurrbärtchen drückte und ließ ſich vor ihr auf ein Knie nieder. „Herr von Silberglanz!“ ſagte Georgine, die ihn jedoch mit der noch immer gehaltenen Hand emporhob,„das iſt in der That eine Ueberraſchung — aber bitte— Sie vergeſſen, daß wir hier nicht in der Reſidenz, ſondern auf dem Lande ſind, und Sie es außerdem nicht mit der„holden Georgine“, 10 ſondern mit der Pachtersfrau, Baronin von Gey⸗ feln, zu thun haben. Ich bedaure übrigens, daß Sie meinen Mann nicht zu Hauſe treffen, dem doch jedenfalls Ihr Beſuch gilt.“ „Soll ich aufrichtig gegen Sie ſein, ſchöne Frau,“ ſagte Herr von Silberglanz, indem er aufſtand, ſich ſein rechtes Knie mit dem Hute ab⸗ wiſchte, und den angebotenen Stuhl neben Geor⸗ ginen einnahm, ohne jedoch ihre noch immer gefaßte Hand loszulaſſen,„wollen Sie mein ganzes Herz offen, ohne ein Fünkchen Falſchheit vor ſich aus⸗ gelegt haben?“ „Ich bin kein Anatom, beſter Baron,“ ſagte Georgine, ihm ihre Hand langſam entziehend,„und doch wäre es vielleicht von Intereſſe,“ ſetzte ſie lächelnd hinzu,„einmal das Herz eines ſo vollſtän⸗ dig civiliſirten Herrn genau ſtudiren zu können, wenn man nur eben auch wüßte, daß man nicht angeführt würde.“ „Göttliche Frau...“ „Ich bitte Sie ernſtlich, keine dieſer über⸗ ſchwänglichen Anreden mehr, wenn Sie wollen, daß ich Ihnen länger zuhören ſoll. Sie wiſſen, daß ich jetzt in anderen Verhältniſſen lebe— alſo, was wünſchten Sie mir zu ſagen?“ „Theuerſte— gnädige Frau,“ ſagte Herr von 11 Silberglanz beſtürzt,„Sie werfen mich nicht allein aus der ſiebenten Etage aller meiner Himmel, nein, von einem ordentlichen Khurme hinunter. Ich kam mit ſo fröhlichem Herzen.. „Das zu verlieren Sie bis jett noch keine Urſache gehabt haben.“ „Sie geben mir neue Hoffnung!“ rief von Silberglanz belebt.„So hören Sie denn— aber verrathen Sie mich nicht— daß ich keineswegs Ihres Gatten wegen— den ich gar nicht die Ehre habe perſönlich zu kennen, ſondern nur allein Ihretwegen hieher gekommen bin.“ „Meinetwegen?“ rief Georgine mit Recht erſtaunt.„Woher wußten Sie überhaupt, daß Sie mich hier treffen würden?“ „Durch Herrn von Zühbig, den Sie hier gaſt⸗ lich aufgenommen.“ „Ich dachte mir, daß der Herr nicht würde ſchweigen können.“ „Er wäre mehr als grauſam geweſen, hätte er es gethan. Aber er ſagte uns mehr— er ſagte uns, daß Sie ſich, holde Frau, nicht glück⸗ lich in Ihren neuen Verhältniſſen fühlen, und da— brach es mir das Herz; da konnte ich nicht widerſtehen, ich mußte Sie aufſuchen, mußte das ſelber von Ihren Lippen hören und Ihnen meine 12 Hülfe anbieten— im Falle Sie dieſelbe gebrau⸗ chen wollten.“ „Aber woher wußte Herr von Zühbig etwas Derartiges?“ fragte Georgine erſtaunt;„ich habe mit dem Herrn nur in Beiſein meines Mannes geſprochen, und keine derartige Klage iſt über meine Lippen gekommen.“ „Und muß dem Menſchenkenner nur Alles mit dürren Worten geſagt werden?“ fuhr Herr von Silberglanz fort,„genügt nicht oft ein unbewach⸗ ter Blick, ein halb unterdrückter Seufzer, ſelbſt eine verzögerte Antwort auf eine dahin zielende Frage?“ „Alſo aus reiner Theilnahme für mich ſind Sie gekommen?“ lächelte Georgine. Und wäre Herr von Silberglanz wirklich ſolch' ein Menſchen⸗ kenner geweſen, wie er eben beſchrieb, er hätte das halb höhniſche Lächeln, das um die Lippen der jungen Frau ſpielte, verſtehen müſſen und nicht zu ſeinen Gunſten deuten können. So aber fuhr er mit ſeiner ſüßeſten Stimme fort: „Nur Ihretwegen, holde Georgine, die ganze Reiſe; nur deßhalb, um von Ihren Lippen die Beſtätigung zu hören und Ihnen meine Hülfe anzubieten, oder das Gegentheil zu erfahren und — ſelig in dem Bewußtſein, Sie glücklich zu wiſ⸗ ſen— wieder heimzufahren.“ „Und wie g lauhen Sie, daß mein Mann eine ſolche Einmiſchung in ſeine Rechte aufnehmen möchte?“ ſagte Georgine, die indeſſen aufgeſtan⸗ den war und die Thür geöffnet hatte, ſich zu überzeugen, daß die Wirthſchafterin nicht mehr draußen ſtehe— aber der Gang war leer, und ſie nahm ihren Platz wieder ein. „Er iſt verreiſt— ich bin ihm unterwegs begegnet,“ erwiderte Herr von Silberglanz raſch, „er wird ſogar, wie ich im Dorfe unten hörte, vor drei, vier Tagen nicht wieder zurückkehren.“ „Das iſt allerdings ſo und hat ſich zufällig getroffen. Sie aber mußten doch darauf rechnen, ihn hier zu treffen.“ „Ich habe Glück, gnädige Frau,“ ſchmunzelte Herr von Silberglanz,„wirklich ganz ſchmähliches Glück, bei Allem, was ich angreife, darauf verlaſſ' ich mich ſtets, und es hat mich noch nie betrogen. Außerdem kennt mich Ihr Herr Gemahl gar nicht perſönlich, denn wenn ich Sie in*e aufſuchte, wußte ich es immer ſo einzurichten, daß er ab⸗ weſend war. Aber es hätte auch nichts gemacht, wenn ich ihn wirklich zu Hauſe fand. Um irgend eine Anrede wäre ich nicht verlegen geweſen; konnte ich mich doch den ganzen Weg hieher darauf vor⸗ bereiten, und einmal hätte ſich ſchon die Gelegen⸗ heit geboten, Sie allein zu rechen; ich wäre wenigſtens nicht eher wieder fortgegangen. So aber half mir mein altes Glück, und Sie können mir ungeſtört Ihr Herz ausſchütten.“ „Und wenn ich Ihnen nun einfach ſage, daß ſich jener Herr von Zühbig vollſtändig geirrt?“ „Dann glaube ich es Ihnen nicht!“ rief von Silberglanz ſchnell.„Ihr bleiches Antlitz, das ſonſt in Jugendfriſche und Geſundheit geröthet war, ſagt Nein. Ihre matten Augen, der wehmüthige, ſchmerzkündende Zug um den Mund, das Alles ſpricht lauter, als Sie es ſelbſt beſtätigen könnten, für meine Behauptung, und wollen Sie jetzt noocch läugnen, daß ich recht habe?“ „Und wenn Sie recht hätten,“ ſagte Geor⸗ gine bitter,„was könnten Sie mir helfen?“ „Was ich Ihnen helfen könnte?“ rief Silber⸗ glanz erſtaunt;„ich liebe Sie— ſehen Sie mich nicht ſo finſter an, göttliches Weib— ich bin rein toll vor Liebe, ſage ich Ihnen— nicht ruhen und ſchlafen habe ich können, wie ich gehört habe, Sie wären unglücklich— keinen Frieden hat's mir gelaſſen, bis ich im Wagen ſaß und zu Ih⸗ nen durfte. Und was ich Ihnen helfen kann? —— — ich habe Geld— ich bin reich— mit Geld iſt Alles zu machen in der Welt.— Was wol⸗ len Sie mehr?“ Georgine wandte den Kopf von ihm ab und⸗ biß ihre Unterlippe; ihr Stolz empörte ſich gegen die Liebeswerbung dieſes Menſchen, und doch mußte gerade er— gerade jetzt in dieſem Augen⸗ blicke ihr nahen, wo ihre Feſſeln ſie ärger drück⸗ ten als je. Sie fühlte dabei, daß ſie ihrer Be⸗ wegung nicht länger Meiſter war— ſie mußte Zeit gewinnen, und aufſtehend ging ſie zur Thür und zog die Glocke. „Was wollen Sie thun?“ rief Herr von Sil⸗ berglanz erſchreckt, denn ein ähnliches Glocken⸗ ziehen in ſolchem Moment bildete eine von den Erinnerungen ſeines Lebens, bei denen er gerade nicht mit Vorliebe weilte. „Sie ſind ſo weit gefahren,“ antwortete Geor⸗ gine ruhig,„ich kann Sie doch nicht ohne Früh⸗ ſtück laſſen.“ „Aber ich gebe Ihnen mein Wort...“ „Es iſt Alles vorbereitet— ich danke Ihnen vor der Hand für Ihr freundliches Anerbieten— laſſen Sie mir Zeit, darüber nachzudenken.“ „Aber wenn Monſieur Bertrand zurückkehren ſollte?“ 8 — 16— „Sie meinen den Baron von Geyfeln?“ „Ja— gewiß— verſteht ſich— wenn der Baron zurückkehren ſollte?“ 4 „Sie ſind ja um keine Ausrede verlegen,“ lächelte Georgine.„Frühſtück für den Herrn,“ ſagte ſie dann laut, als die Wirthſchafterin die Zim⸗ merthür öffnete—„aber was iſt denn, Sibylla, Sie haben ja geweint? „ Ach, denken Sie ſich nur das Unglück, gnä⸗ dige Frau,“ ſagte die Alte, ſich die Thränen trock⸗ nend,„den armen Tobias unten im Dorfe haben ſie eben aus dem Bache gefiſcht, in den er geſtern Abend gefallen und ertrunken iſt.“ „Den Tobias? Wer war das?“ „Ach, es war wohl ein leichtfertiger, alter Menſch, der ſich den böſen Trunk angewöhnt hatte und nicht davon laſſen wollte, und wenn man's recht bedenkt, iſt es vielleicht ein Glück für ihn und uns Alle, daß ihn der liebe Herrgott zu ſich genommen hat; wenn es nur nicht auf eine gar ſo traurige Weiſe geſchehen wäre. Und dann waren wir doch mit einander Geſchwiſter⸗Kind, und geſtern noch hat ihn der gnädige Herr aus dem Hofe ſchaffen laſ⸗ ſen, weil er im Trunke heraufgekommen war und ſich wohl unanſtändig oder unehrerbietig betragen hatte.“ 17 „Das thut mir recht leid, Sibylla,“ ſagte Geor⸗ gine,„jetzt aber ſeien Sie ſo gut und ſchicken Sie das Frühſtück für den Herrn herauf— Sie ha⸗ ben doch das blaue Zimmer heizen laſſen?“ „Ach du mein Himmel, das habe ich in dem Schreck ganz vergeſſen!“ „Dann müſſen Sie es hier hereinſchaffen. In die eiskalte Stube können wir den Herrn nicht führen.“ „Soll gleich Alles beſorgt werden!“ rief Si⸗ bylla, die in dem Augenblicke ſelbſt den armen Tobias über das Frühſtück vergaß. Im nächſten ſchoß ſie auch ſchon wieder den Gang entlang, und Herr von Silberglanz athmete freier. Ver⸗ gebens ſuchte er aber das Geſpräch auf den frü⸗ hern Gegenſtand zurückzulenken; Georgine wich ihm entſchieden aus, und bald wurden auch drau⸗ ßen wieder Schritte laut, denn die Hausmagd kam mit den beſten Speiſen, deckte den Tiſch mit zwei Couverts und blieb, auf Georginens Befehl, im Zimmer, falls noch etwas gebraucht werden ſollte, bis ihr Gaſt gegeſſen und getrunken hätte. Georgine ſelber nippte nur an einem Glaſe Wein, das Herr von Silberglanz für ſie eingeſchenkt. Erſt wie er abgegeſſen, verließ die Magd das Zimmer wieder, um das Geſchirr fortzutragen, und Georgine wandte ſich jetzt an ihren Gaſt: Gerſtäcker, Der Kunſtreiter. III. 2 18 „Herr von Silberglanz,“ ſagte ſie, und ſo kalt und ruhig ſie dabei blieb, bebte doch ihre Stimme und verrieth die Aufregung, in der ſie ſich befand,„ich muß Sie jetzt bitten, mich zu verlaſſen und heute nicht zu mir zurückzukehren.“ „Den ganzen Tag nicht— und wollen Sie meinen Tod?“ „Laſſen Sie jetzt Ihre Uebertreibungen,“ un⸗ terbrach ihn die Frau, und ihre Brauen zogen ſich finſter zuſammen.„Sollte ich noch in den Fall kommen, Ihren Beiſtand in Anſpruch zu nehmen, ſo müſſen Sie dabei wie ein Mann, nicht wie ein junger verliebter Geck handeln, und vor Allem dürfen wir hier keinen Verdacht er⸗ regen. Sind Sie in eigener Equipage gekommen?“ „Nein, mit einem Lohnkutſcher von der letzten Eiſenbahn⸗Station.“ „Deſto beſſer. Haben Sie irgend einen ver⸗ nünftigen Vorwand, ſich heute den Tag über hier im Orte aufzuhalten?“ „Vortrefflichen,“ lautete die raſche Antwort, „ich erkundige mich nach den Kornpreiſen und ſehe mir das Getreide an, kaufe auch, wenn ich es zu einem annehmbaren Preiſe bekommen kann, und adreſſire es an eine Firma in*es.“ 19 „Sehr gut. Auf wie lange haben Sie Ihren Kutſcher gemiethet?“ „Auf unbeſtimmte Zeit; ich kann ihn gleich wieder fortſchicken oder ihn und ſeine Pferde ſo lange behalten, wie und wohin ich ſie brauche. — Oh wenn ich hoffen dürfte...“ „Meinen Sie es ehrlich und aufrichtig mit mir?“ „Können Sie zweifeln, holdeſte der Frauen?“ rief Herr von Silberglanz, und ſchien nicht übel Luſt zu haben, ſich wieder auf ein Knie vor ihr niederzulaſſen; Georginens Ernſt hielt ihn aber. zurück. „Wollen Sie mir nur meiner ſelbſt, nicht an⸗ derer eigennütziger Abſichten wegen helfen?“ fuhr die Frau fort. „Aber theuerſte Georgine.“ „Antworten Sie mir klar und deutlich auf die Frage.“ „Ich beſchwöre Sie.“ „Ja oder Nein!“ „Ja denn; können Sie etwas Anderes glauben?“ „Gut,“ erwiderte die junge Frau, indem ein tiefer Seufzer ihre Bruſt hob,„ich will es wagen.“ „Befehlen Sie über mich.“ „Jetzt nicht. Thun Sie, was ich Ihnen ge⸗ ſagt habe. Beſchäftigen Sie ſich heute ausſchließlich 2* 20 mit dem Getreide in Schildheim. Morgen früh aber vor Tage ſchicken Sie Ihren Kutſcher mit dem Gepäck nach Hottweil, der nächſten Eiſen⸗ bahn⸗Station. Ich ſelber werde Ihnen heute Abend ſpät noch eine Kiſte und einen Koffer hinunter⸗ ſenden, die er mitnimmt.“ „Sie machen mich zum glücklichſten der Sterb⸗ lichen!“ rief von Silberglanz, der über dieſe raſche Wendung, wie den kaum geahnten, ſeine kühnſten Hoffnungen überſchreitenden Erfolg ſelber ſo er⸗ ſtaunt war, daß er keine Worte duun ſeine Be⸗ reitwilligkeit auszudrücken.„Und morgen?“ „Morgen früh um zehn Uhr kommen Sie wieder zu mir, das Weitere zu erfahren,“ erwi⸗ derte Georgine, die kalt und beſonnen ihren Plan überdachte.„Ich weiß nicht, wie weit ich ſelber im Stande ſein werde, bis dahin meine Vor⸗ kehrungen zu treffen.— Aber noch Eins: Nehmen Sie heute Gelegenheit, einen Spaziergang in den Wald zu machen. Dort laſſen Sie ſich die Zauber⸗ eiche zeigen und merken ſich genau den nächſten Weg dorthin. Einen Führer finden Sie überall.“ „Schön, ſehr ſchön; es ſoll Alles pünktlich ausgeführt werden; aber Ihre Pläne, gnädige Frau! Wollten Sie nur die Güte haben, mir in Etwas— in der größten Kleinigkeit, Ihre Pläne mitzutheilen, daß ich meine eigenen Maßregeln...“ „Morgen,“ erklärte Georgine beſtimmt.„Mein Kopf brennt mir; bitte, laſſen Sie mich jetzt allein, daß ich Zeit habe, mich zu ſammeln, lieber Baron.“ „Ihr Wille iſt mir Befehl!“ rief von Silber⸗ glanz, der dem lieben Baron nicht widerſtehen konnte.„Holde Georgine, Sie haben mich in Ihrer Hand— Sie können mich um den kleinen Finger wickeln— Sie können Alles, Alles mit mir machen— ich kenne Hugo von Silberglanz nicht mehr — Hugo von Silberglanz iſt ein anderer Menſch geworden— er iſt eigentlich gar kein Menſch mehr, er iſt ein Gott— er geht nicht mehr auf der Erde, er fliegt— er ſchwimmt in einem ganzen Ocean voll Wonne.“ Er hatte Georginens Hand ergriffen und be⸗ deckte ſie mit ſeinen Küſſen; aber es war kein Liebesblick, der dabei aus ihren Augen auf ihn fiel. Wieder zuckte der ſchmerzlich⸗böſe Zug um ihre Lippen, und ihm ihre Hand endlich entziehend, deutete ſie mit einer bittenden Bewegung nach der Thür. Von Silberglanz vermochte jetzt auch nicht länger ihrem Wunſche zu widerſtreben. Gern wäre er freilich noch kühner geworden, aber der Frau ernſte Haltung entmuthigte ihn wieder— 22 er mußte ihr erſt Zeit laſſen. Morgen— morgen ſollte er ſeinen Triumph feiern, und mit einem ſchmachtend ſüßen Blicke auf das von ihren Ge⸗ fühlen erregte, wirklich wunderſchöne Weib griff er ſeinen Hut auf und verließ raſch das Zimmer und das Gut. 25. Hugo von Silberglanz befand ſich, als er Geor⸗ ginen verließ, wirklich in einem außergewöhnlichen Grade von Aufregung, der nicht allein den Reizen des ſchönen Weibes, ſondern auch noch ſeinen durch ſie plötzlich überſtürzten Plänen und Geſchäften, wie all' den Verwickelungen galt, in die er dadurch gezogen werden konnte. Und was würde Baron Silberglanz' Vater dazu ſagen, wenn er von dieſem tollen Streiche des Barons Silberglanz Sohn unglücklicher Weiſe gehört hätte? Bah! das Un⸗ glück wäre zu ertragen geweſen; er war jetzt Cavalier und mußte cavaliermäßig handeln— wenn es ihm auch ein Paar Thaler koſtete— welchen Preis eroberte er außerdem nicht dabei für ſich— einen Preis, um den ihn die halbe Reſidenz beneiden würde!— Aber der Mann— wenn Monſieur Bertrand... „Zühbig hat recht!“ brummte er dabei leiſe 24 vor ſich hin, als er den Fahrweg entlang dem Dorfe zueilte;„ſie ſind keinesfalls zuſammen ge⸗ traut— nur eine wilde Ehe, wie es bei der Art Leuten ja ſo häufig vorkommen ſoll, und dieſer hochnäſige Graf Geyerſtein hat ſich die wunder⸗ ſchöne Reiterin hier in's warme und bequeme Neſt geeſetzt. Dem aber gönn' ich den Aerger, wenn er erfährt, daß Hugo von Silberglanz, der ver⸗ achtete„neugebackene Baron,“ mit ſeiner Beute durchgegangen iſt. Nur allein die Genugthuung wäre das ganze Abenteuer werth.— Und dieſe Georgine,— ein göttliches Weib— ein wahr⸗ haft göttliches Weib! Ob ſie mich nicht rein ver⸗ rückt gemacht hat mit ihren Reizen? Und wie apropos bin ich hier zur rechten Zeit gekommen — das iſt aber mein altes Glück! Glück muß der Menſch haben, ſagt mein Papa, und der Menſch hat Glück. Hm— ja ber wohin?— Und was zerbreche ich mir nden Foyf⸗ Nach Paris — wollte ich doch nach Paris, und aeh Um⸗ weg nur über hier gemacht— jetzt reiſ' ich in Geſellſchaft, und was für Geſellſchaft! Was liegt an den Paar hundert Thalern— und wenn's tauſend wären! Hugo von Silberglanz iſt nur einmal jung, und will auch ſein Leben genießen wie andere Cavaliere. Ein Geſchäft bringt die 25 ganze Sache zehnmal wieder ein.“ Und mit dem Troſte ſich, theils der Kälte, theils ſeiner ange⸗ nehmen Empfindungen wegen, die Hände reibend, eilte er in das Dorf hinein, deſſen erſte Gebäude er ſchon erreicht hatte. Durch und durch Geſchäftsmann, wurde es ihm hier nicht ſchwer, ſeine Rolle als Getreide⸗ händler zu ſpielen; aber zu wirklichen Käufen traf er, woran ihm übrigens auch nicht viel lag, keine günſtige Zeit, da Baron von Geyfeln, wie ihm die Bauern ſagten, eben deßhalb verreiſt ſei, um einen Handel für ſein und ihr Getreide— wenn ihnen der Preis nämlich zuſage— abzuſchließen. Erſt wollten ſie deßhalb einmal hören, was für Gebote er bekommen habe, ehe ſie ſich auf einen andern feſten Handel einließen— den Fall na⸗ türlich ausgenommen, daß ihnen hier ein ſehr annehmbares Gebot gemacht würde. Von Silber⸗ glanz r aber gar nicht geneigt, theuer ein⸗ zukauf und unter dieſen Umſtänden ließ er ſich nur das noch vorhandene Getreide zeigen, wog es auf einer Wage, die er bei ſich führte, und ſchrieb ſich die verſchiedenen Namen der Bauern auf, um vielleicht ſpäter doch einmal, wie er ſagte, einen Handel mit ihnen abzuſchließen. Vorher ſchon hatte er ſeinem Kutſcher die nö⸗ 26 thigen Befehle gegeben, Georginens Auftrag aus⸗ zuführen. Das verſprochene Gepäck kam auch ge⸗ gen Abend an, und am nächſten Morgen, lange vor Tage, war der Wagen ſchon unterwegs nach ſeinem Beſtimmungsorte, wobei der Kutſcher frei⸗ lich den Kopf ſchüttelte, daß er eine Kiſte und ein Paar Koffer ſpazieren fahren mußte. Der Wirth im Stern wußte indeß nicht an⸗ ders, als daß der fremde Herr— von dem der Kutſcher nur ausſagen konnte, daß er ein Baron ſei, und der ſich als„Baron Solbern“ in das Fremdenbuch geſchrieben— hier in der Gegend die Rückkunft des Herrn von Geyfeln abwarten wollte. So verging der Tag— die Nacht, und Hugo von Silberglanz, während er das neue Sonnen⸗ licht mit Jauchzen begrüßte, konnte die Zeit kaum erwarten, die ihm geſtatten würde, wieder zu Georginen zu eilen und den Lohn für ſei opferung zu ernten. Punct Zehn fand er ſich oben im Gute ein, und Georgine kam ihm, heute ein ganz anderes Weſen als geſtern, lächelnd entgegen. „Nun?“ fragte ſie,„haben Sie Ihre Getreide⸗ käufe glücklich beendet?“ 4 „Holde Georgine,“ ſagte Hugo,„reden Sie mir jetzt nicht von Getreide oder Geſchäften. Ich verſichere Ihnen, ich kann das Wort nicht hören. Sprechen Sie mir von ſich, geſtatten Sie mir, daß ich Sie anſehe, daß ich Sie an mein Herz...“ „Halt, mein beſter Baron!“ ſagte die Frau, ihn lächelnd abwehrend.„So weit ſind wir noch nicht. Haben Sie Alles beſorgt, was ich Ihnen aufgetragen?“ „Alles, bis auf's Letzte.“ „Iſt der Wagen fort?“ „Heute Morgen, zwei Stunden vor Tage.“ „Kennen Sie den Weg zur Zaubereiche?“ „Wie meine Taſche— ich bin ihn hin⸗ und hergegangen und fürchte beinahe, ich habe mich dabei erkältet— der Schnee war ſo tief.“ „Iſt Ihr eigenes Gepäck mit fortgegangen?“ „Alles, bis auf ein Täſchchen, das ich am klei⸗ nen Finger. tragen kann.“ „Vortrefflich! Sie ſind ein Muſter von Pünct⸗ lichkeit, Baron. Zur Belohnung ſollen Sie auch heute eine Spazierfahrt mit mür machen. Haben Sie Luſt dazu?“ „Bis an's Ende der Welt.“ 4 „Um Gotteswillen, nein!“ lachte Georgine. „So weit will ich Ihre Güte nicht in Anſpruch 28 nehmen; höchſtens bis zur Grenze. Zur däniſchen — iſt Ihnen das zu weit?“ 0„Zu weit— wie Sie nur ſo reden können! Aber wann brechen wir auf?— Jetzt?“ „Jetzt noch nicht. Ich muß einige Leute los⸗ werden, die mir hier im Wege ſind. Um drei Uhr heute Nachmittag wird der alte Mann„der geſtern oder vorgeſtern verunglückt iſt, unten im Dorfe beerdigt werden. Meine Wirthſchafterin und der alte Verwalter werden mit zur Leiche gehen. Um drei Uhr fahre ich von hier fort. Seien Sie um dieſe Zeit, oder bald nachher, an der Zau⸗ bereiche.“ „Aber warum ließen Sie mich meinen Wagen fortſchicken?“ „Ich nehme mein eigenes Pferd mit ,das ich nicht zurücklaſſen möchte, und komme in einem Schlitten, auf dem wir Beide Platz haben. Fürch⸗ ten Sie ſich, mit mir allein zu reiſen?“ „Georgine!“ „Gut; jetzt iſt alles Nöthige beſprochen und nun verlaſſen Sie mich. Wir dürfen keinen Ver⸗ dacht erwecken.“ 8„Sie werden meiner Geſellſchaft noch über⸗ „Jetzt wollen Sie mich ſchon wieder fortſchicken?? 29 drüſſig werden,“ lächelte die Frau.„Ich bitte Sie, jetzt zu gehen.“ „Ich gehorche Ihnen,“ ſagte von Silberglanz reſignirt;„alſo um drei Uhr an der Zaubereiche. Ich werde die Minuten bis dahin zählen.“ „Dann ſind Sie vollſtändig beſchäftigt. Iſt noch etwas?“ „Ja,“ ſagte von Silberglanz, entſchloſſen auf ſie zugehend und ihre Hand ergreifend.„Sie haben mich zu Ihrem Beſchützer erwählt, Geor⸗ gine; ich bin bereit, Alles daran zu ſetzen, Ihnen zu willfahren— ſeien Sie nicht grauſam!“ Er legte ſeinen Arm um ſie und wollte ſie an ſich ziehen. „Wir ſind keinen Augenblick hier ſicher, über⸗ raſcht zu werden,“ ſagte Georgine, ihn von ſich haltend; Herr von Silberglanz war aber nicht ſo leicht abzuſchütteln. „Und ſoll ich ſo lange auch ohne den kleinſten Lohn bleiben?“ drängte der Verliebte.„Geor⸗ gine— holdes, göttliches Weſen, in wenig Stun⸗ den ketten Sie Ihr Geſchick an das meine, und jetzt“— er drückte ihren Arm zurück und preßte, ehe ſie es verhindern konnte, ſeine Lippen auf die ihrigen. Georgine duldete den Kuß, dann aber ſich von — 39 ihm losmachend, rief ſie:„Seien Sie vernünftig, Baron! Sie ſetzen mich und ſich der größten Ge⸗ fahr aus, unſern ganzen Plan ſcheitern zu ma⸗ chen. Gehen Sie jetzt, es iſt genug; um drei Uhr an der Zaubereiche.“ „Um drei Uhr,“ rief Hugo, der ſie wie in einer Verzückung anſtarrte,„um drei Uhr!“ und mit Gewalt ſich losreißend eilte er, ſo raſch er konnte, in das Dorf zurück, dort ſeine Rechnung zu bezahlen, ſeine kleine Taſche zu packen, und zur beſtimmten Zeit an der bezeichneten Stelle nicht zu fehlen. Georgine blieb allein in ihrem Zimmer zurück und ſtarrte, als Herr von Silberglanz ſie ſchon lange verlaſſen hatte, noch immer ſtill und ſchwei⸗ gend vor ſich nieder; aber die Zeit für ſie war auch zum Handeln gekommen, ein Rückſchritt nicht mehr möglich, und das kühne, ſelbſtſtändige Weib gewann mit dieſem Bewußtſein auch ihre ganze Energie und Entſchloſſenheit wieder. „Frei— frei— frei!“ flüſterte ſie wie eine Beſchwörungsformel leiſe vor ſich hin,„frei bin ich wieder, wie der Vogel in der Luft, wie das wilde Roß, das die Steppe durchfliegt und der Verfolger lacht. Den Zwang habe ich abgeſchüt⸗ telt, der mir die Seele wund gedrückt und Geiſt 31 und Körper niedergebeugt hat, und ſchon fühle ich den beweglichen Boden wieder unter meinen Füßen, fühle, wie der wehende Luftzug mir die Locken um den Nacken peitſcht— ſehe die dicht gedrängte Schaar der Zuſchauer, höre ihr Jauch⸗ zen, höre ihr Jubeln und fliege im Triumph die alte Bahn dahin.— Georg wird wüthen, wenn er zurückkehrt und mich— wenn er ſein Kind nicht mehr findet, obgleich es ihm die deutſchen Geſetze zuſprechen. Weder Joſephine noch ich werde jemals wieder deutſchen Boden betreten. Und will er im Schweiße ſeines Angeſichts, in ruhm⸗ loſer Beſchäftigung und Arbeit ſein Brod hier verdienen, will er, kann er vergeſſen, was er einſt geweſen, als ich ihn liebte, dann verdient er auch nicht, daß ich je mit einem Athemzuge an ihn gedacht. Und nun an's Werk, denn nur noch wenige Stunden ſind mein!“ Und mit den Worten, als ob ſie damit Alles abgeworfen habe, was ſie bis jetzt noch gedrückt, ging ſie raſch und fröhlich daran, den einmal feſt beſchloſſenen und eingeleiteten Plan zu ihrer Flucht auszuführen. Vorbereitet war er in ſo fern ſchon lange, als Georgine ihre ganze Künſtler⸗Garderobe gepackt in rus ſtehen und dort die Weiſung hinterlaſſen hatte, 32 ſie ihr ſpäter dorthin zu ſchicken, wohin man eben die Weiſung bekommen würde. Geſtern hatte ſie dieſe ertheilt, und in wenigen Tagen konnte ihr Auf⸗ trag vollzogen ſein. Ihre, wie Joſephinens nö⸗ thigſte Kleider waren heute Morgen mit dem Wa⸗ gen des Barons abgegangen, und was ſie unter⸗ wegs brauchten, konnten ſie recht leicht und un⸗ bemerkt mit in den Schlitten nehmen. Allerdings war ihre Tour für ihr eigenes Pferd etwas ſtark, aber es mochte ſich nachher lieber wieder ordentlich ausruhen, und auf an⸗ dere Weiſe konnte ſie es doch nicht mit ſich fort⸗ führen. Joſephine wußte freilich noch kein Wort von der beabſichtigten Flucht aus ihrer neuen Heimath; ſie hätte vielleicht gegen ihre Gouver⸗ nante nicht geſchwiegen, und dieſe jedenfalls ver⸗ ſucht, die Ausführung des Planes zu hintertrei⸗ ben. War Joſephine nicht mehr da, ſo ſah ſie ſich ja natürlich auch ohne Stellung— ohne Brod; und wer verliert das gern ſo leicht? Daß Joſephine ſelber mit Freuden das alte fröhliche Leben begrüßen, daß ſie den Vater bald vergeſſen würde, davon glaubte Georgine feſt überzeugt zu ſein. Ueberdies hatte das Kind keinen eigenen Willen und mußte der Mutter dahin folgen, wo dieſe für ihr Glück und ihre Wohlfahrt ſorgen wollte. Nur etwas mußte ſie noch beſorgen, dann war ſie mit Allem fertig, und zwar von des Kindes Leibwäſche genügend für die erſte Zeit bei Seite bringen, ohne daß es Mademoiſelle Adele be⸗ merkte. Ein Vorwand, dieſe zu entfernen, war aber bald gefunden. Georg hatte in ſeiner Stube einige alte Kupferwerke, die dem Grafen Geyer⸗ ſtein gehörten, und die er deshalb ſorgfältig hü⸗ tete. Joſephine durfte die Bilder nicht beſehen, wenn er nicht ſelber dabei war. Heute erlaubte Georgine dem Kinde, hinüberzugehen und ſich die Kupferſtiche zu betrachten, bat aber die Gou⸗ vernante, dabei zu bleiben, daß ja nichts mit den Büchern geſchehe und die Erlaubniß nicht miß⸗ braucht werde. Adele wandte allerdings ein, der Herr Baron würde es vielleicht nicht gerne ſehen und böſe werden, wenn er es erführe; Madame dagegen erklärte, die Verantwortung allein auf ſich neh⸗ men zu wollen, und die Erzieherin konnte ſich natürlich nicht länger weigern, dem Befehle zu gehorchen. Die Zeit, die Beide dort verbrachten, genügte vollkommen. Georgine packte alles Näühias in Gerſtäcker, Der Kunſtreiter. III. 34 zwei große Fußſäcke und ſchrieb dann die letzten Zeilen an Georg. Der Brief war kurz und in⸗ haltſchwer; aber mit ſich im Reinen, grübelte ſie nicht lange über die Faſſung. Die Zeilen flogen auf das Papier, dann faltete ſie das Blatt zu⸗ ſammen, überſchrieb und ſiegelte es, und legte es, als Adele und Joſephine Georg's Zimmer wieder verlaſſen hatten, auf ihres Mannes Schreibtiſch. Nach dem Mittagseſſen ging ſie noch mit der. Wirthſchafterin durch die Gebäude und ordnete Einiges an, dann zu der Erzieherin auf die Stube und bat dieſe, Joſephinen warm anzuziehen, da ſie ein Stündchen mit ihr im Schlitten fahren wolle. Das war den Winter ſchon einige Male geſchehen und konnte deßhalb keinen Verdacht er⸗ regen. Joſephine ſelber freute ſich auch darauf, und mit dem Schlage drei Uhr hielt der eine Knecht, der den Auftrag dazu bekommen, mit dem kleinen leichten, mit Georginens eigenem Pferde beſpannten Schlitten vor der Thür. Georgine trug ſelber den einen Fußſack hinunter und ließ den andern dann, während ſie das Pferd hielt, von dem Knechte nachholen. Adele war noch be⸗ ſchäftigt, Joſephinen recht warm einzuhüllen, und wenige Minuten ſpäter klingelte das muntere Thier F 35 mit ſeiner leichten Laſt luſtig zum Thore hinaus und auf der glatten Straße hin, dem Walde zu. Unten im Dorfe läutete die Glocke zu dem Begräbniß des alten Tobias, dem die Wirth⸗ ſchafterin und der alte Verwalter pflichtſchuldigſt beiwohnten, und nach dem Begräbniß gingen die Leute in’s Wirthshaus, tranken noch ihr Glas und ſprachen über den Verunglückten und die Art ſeines Todes. Von Schildheim aus ſchritt Herr von Silber⸗ glanz, feſt in ſeinen Paletot eingepackt, und ein paar Pelzſtiefel, wie ſein kleines Täſchchen unter dem einen, ſeinen großen Pelz über dem andern Arm, einen ſchmalen Fußpfad entlang gerade dem Walde zu, das ihm beſtimmte Rendezvous richtig und pünktlich einzuhalten. Es war ein wundervoller Tag, der Schnee glitzerte und funkelte in dem kalten Sonnenlicht, und der hellblaue Himmel war von einem leiſen Dunſthauche nur eben matt überzogen. Das mun⸗ tere Pferd, mit dem leichten Schlitten hinter ſich, das überdies jetzt lange im Stalle geſtanden hatte, griff auch tüchtig aus, und die Kufen glitten blitzesſchnell über den hart gefrorenen, kniſternden Schnee. „Freut es Dich, Joſephine?“ fragte Georgine, 3* 36 als ſie den Waldesſaum erreichten,„ſo mit mir durch die Welt zu fahren?“ „Ach ſehr, Mama, ſehr,“ rief das Kind,„es iſt gar ſo wunderhübſch. Wäre nur Mademoiſelle Adele bei uns!“ „Und möchteſt Du lange, recht lange ſo mit mir fahren? weit, weit hinweg von hier?“ „Wenn Papa und Mademoiſelle Adele mit⸗ führen, gewiß— und wenn wir wieder hieher zurückkämen.“ „Und wenn wir nun wieder hinausführen in die Welt?“ ſagte die Frau, der dieſe Worte einen Stich durch das Herz gaben,„wenn wir nun wieder draußen luſtig unſere Pferde beſtiegen und in Glanz und Lichterpracht dahinflögen?“ Joſephine ſchüttelte das Köpfchen.„Zu Hauſe iſt's hübſcher,“ ſagte ſie,„und ich habe ſchon bei⸗ nahe vergeſſen, wie es früher war.“ „Zu Hauſe iſt's hübſcher?“ wiederholte Geor⸗ gine;„ei, ei, Joſephine, haſt Du ganz vergeſſen, wie ſtolz wir früher auf Dich waren, wie reizend Du auf dem Pferde ausſahſt, und wie geſchickt Du Deine Sachen machteſt?“ „Ja— aber ich muß jetzt lernen, viel lernen, daß ich einmal eine wackere, brave Frau werden kann,“ ſagte das Kind,„ich muß auch dem lieben Gott dankbar ſein, daß er mir eine Heimath und Eltern gegeben hat, die für meine Erziehung ſor⸗ gen. Die armen kleinen Mädchen, die da drau⸗ ßen auf den Pferden tanzen und ſpringen müſſen, haben es doch lange nicht ſo gut wie ich.“ „Wer um Gotteswillen,“ rief Georgine er⸗ ſtaunt,„hat Dir die albernen Dinge in den Kopf geſetzt?“ „Alberne Dinge, Mama?“ ſagte Joſephine er⸗ ſchreckt,„ich habe eine hübſche Geſchichte von einer armen Marie geleſen, und Mademoiſelle Adele hat ſie mir erklärt, und jetzt freue ich mich ſo darauf, daß mir Papa eine andere liebe Marie mitbrin⸗ gen will, mit der ich ſpielen und tüchtig lernen kann.“ „Und ſo ſehnſt Du Dich gar nicht wieder zu dem frühern Leben zurück, und wenn Du auch ein eigenes kleines Pferd bekämeſt?“ „Nein, Mama,“ ſagte Joſephine raſch,„ich will bei Dir, bei Papa und Mademoiſelle Adele blei⸗ ben und mit Marie recht, recht fleißig lernen. Du ſollſt ſehen, ich werde einmal ein recht gutes, braves Mädchen.“ Georgine erwiderte nichts, aber ſie preßte die Lippen feſt zuſammen, und ihr Gaul fühlte die 38 Peitſche, daß er in toller Flucht den Weg ent⸗ lang ſtob. Georgine kannte die Waldwege genau, und links abbiegend wußte ſie, daß ſie das Forſthaus umfahren konnte, die bezeichnete Eiche zu erreichen. Außerdem glaubte ſie kaum Jemanden heut im Walde zu treffen, denn bei dem Begräbniß einer ſo allbekannten Perſönlichkeit, wie der„faule To⸗ bias“, von dem ihr die alte Wirthſchafterin geſtern Abend noch viel erzählt hatte, litt ſchon die Neu⸗ gierde die Leute nicht zu Hauſe. Begegnete ſie aber auch wirklich einem oder dem andern der Forſtleute oder Holzmacher, ſo rechtfertigte das ſchöne Wetter vollſtändig eine Spazierfahrt, und Niemand hätte an etwas Anderes denken können. Georgine bog auf's Neue in die vom Forſthaus nach der ſogenannten„Zaubereiche“ führende Straße ein. Hier war wieder Bahn, da einzelne Holz⸗ ſchlitten hin und her gefahren ſein mußten. Dort vor ihr lag der ziemlich freie lichte Platz, an dem die alte ehrwürdige Eiche ſtand. Dort ſah ſie auch die dunkle Geſtalt eines Mannes, und kaum eine Minute ſpäter zügelte ſie ihr ſchnaubendes Thier neben der Stelle ein— aber Herr von Silberglanz war nicht da. Neben der Eiche, auf einer hölzernen Bank, 39 von der er den Schnee hinweggekehrt, neben ein Paar roh behauenen, mächtigen Steinblöcken, die der Volksmund als den Opferaltar der hier früher hauſenden Heiden bezeichnete, ſaß der alte Forſt⸗ wart Barthold, und ſtand ehrerbietig grüßend auf, als er die„Frau Baronin“ erkannte. „Guten Tag, Forſtwart,“ ſagte die Dame und nickte ihm zu, während ihr Blick ungeduldig den ſchmalen Pfad hinabflog, auf dem ſie den hieher beſtellten Herrn von Silberglanz erwarten mußte. „Wie geht's?— was habt Ihr da?“ „Einen Fuchs, gnädige Frau,“ ſagte der alte Mann, indem er ſeinen Ranzen öffnete, aus dem die Lunte des überliſteten Raubthieres heraushing. „Ich habe ihn heute Morgen ausgegraben, denn das iſt böſes, nichtsnutziges Raubzeug, das im Winter wie im Sommer nur in Einem fort zuſieht, wo es was zu ſtehlen findet. Wir haben unter den Menſchen auch ſolch' Geſindel, nur daß man ſie nicht immer gleich am Pelz draußen ſo gut erkennen kann, wie die da.“ „Seid Ihr ſchon lange hier, Forſtwart?“ „Nein, gnädige Frau— etwa eine Viertel⸗ ſtunde.“ „Ihr ſeid nicht vom Dorfe heraufgekommen?“ „Nein— gerade von der andern Seite aus dem Walde. Nur wie ich die Glocke unten hörte, die dem alten Tobias das Geleite zur letzten Ruhe⸗ ſtätte giebt, da ſetzte ich mich hier auf die Bank und horchte den Tönen. Es klingt ja ſo heilig und erhebend, wenn man die Glocken kann im Walde anſchlagen hören, noch dazu von einem ſolchen Platze aus, wie dieſer, wo ſie in früheren Jahrhunderten ihren Götzen Opfer ſchlachteten und von dem lieben Herrgott da oben nichts wiſſen wollten. Sonntag Morgens bin ich faſt immer hier, beſonders im Sommer, und mit dem Geläute unten, dem Singen der Vögel und dem Rauſchen des Waldes müßte das ein verſtockter Menſch ſein, der da nicht von Herzem beten könnte.“ Georgine hörte kaum, daß er ſprach. Ihr Blick ſchweifte unruhig über ihn hin und an den Stämmen der Bäume vorüber. Wenn er ſein Wort nicht hielte! dachte ſie mehr, als daß ſie es durch die halb geöffneten Lippen murmelte, und faſt unwillkürlich ballte ſich die Rechte zornig um die gehaltenen Zügel. Das Pferd ſcharrte indeſſen ungeduldig den Schnee und blies den Dampf aus ſeinen feinen Nüſtern in die klare Luft hinein. „Aber, Mama,“ ſagte Joſephine,„Du hältſt ſo lange ſtill. Wird es Deinem Fingal nicht ſchaden?“ Der alte Forſtwart, der ſeinen Blick ſchon lange ernſt und aufmerkſam auf der Kleinen hatte haften laſſen, lächelte, als er die Worte hörte. „Sieh, wie beſorgt das kleine gnädige Fräu⸗ lein ſchon um das arme Thier iſt! Das iſt recht; das zeigt ein gutes Herz, und was wir an dem geringſten Seiner Geſchöpfe thun, wird uns der Herr da oben auch wieder zu Gute halten.“ „Fahren wir jetzt wieder nach Hauſe zurück, Mama?“ fragte die Kleine, als Georgine den Schlitten langſam um die Eiche lenkte, das in der That warm gewordene Thier etwas in Be⸗ wegung zu halten. „Nein,“ ſagte die Frau,„wir beſuchen vielleicht einmal den Storchhof oder Kleinmarkſtetten.“ „So weit?“ Der Schlitten hielt wieder neben dem Forſt⸗ wart— Georgine zerbrach ſich den Kopf, wie ſie den läſtigen Menſchen entfernen könnte.. „Thätet Ihr mir einen Gefallen, Forſtwart?“ „Mit dem größten Vergnügen, gnädige Frau.“ „Ginget Ihr wohl einmal jetzt— oder ſchicktet gleich, wenn Ihr nicht ſelber gehen könnt, irgend einen der Holzmacher auf das Gut hinüber, dort zu beſtellen, daß ich möglicher Weiſe mit mei⸗ Aℳ ner Tochter nach Kleinmarkſtetten hinübergefahren 8 42 wäre und in dem Falle die Nacht nicht nach Hauſe käme, denn die Tour wäre für mein Pferd hin und zurück zu groß. Sie möchten ſich alſo nicht ängſtigen.“ „Sehr wohl, gnädige Frau— ſoll pünktlich beſorgt werden,“ ſagte der Forſtwart, ohne ſich jedoch von der Stelle zu rühren. „Nun?— iſt noch etwas „Hm— gnädige Frau— Sie lachen mich vielleicht aus, und— ich bin auch wohl ein alter Thor— aber— ich hätte auch eine Bitte an Sie— oder vielmehr an das kleine gnädige Fräulein.“ „An mich?“ ſagte Joſephine erſtaunt. „Ja,“ ſagte der alte Mann, und ſein gut⸗ müthiges, faltiges Geſicht röthete ſich leicht,„es iſt nicht viel,“ ſetzte er aber raſch hinzu,„nur bit⸗ ten möchte ich Sie, mir ein einzig kleines Mal — die Hand zu geben.“ „Gern!“ rief das fröhliche Mädchen, indem ſie ſhr Hand aus dem Muff zog und dem Al⸗ ten reichte. Der alte Forſtwart nahm ſie, ſah dabei dem Kinde recht treuherzig in die Augen, und das kleine Händchen dann an die Lippen drückend, ſagte er freundlich:„Dank, mein kleines gnädiges 3. 43 Fräulein, Dank, tauſend Dank, aber Sie glau⸗ ben gar nicht, gnädige Frau, wie wohl der An⸗ blick dieſes jugendfriſchen Geſichtchens mit den großen, hellen Augen meinem alten Herzen thut. Er erinnert mich an die Zeit, wo die beiden jungen Herren Grafen hier bei uns wohnten, und aus den Augen da iſt es mir immer, als ob der jüngſte der beiden, das liebe, herzige Kind, herausſchauen wollte. Ich habe den kleinen Bur⸗ ſchen damals zu lieb gewonnen, ihn je wieder vergeſſen zu können.“ „Welcher beider junger Grafen?“ ſagte Ge⸗ orgine, die damit das Geſpräch abzubrechen wünſchte. „Der jungen Grafen Geyerſtein.“ „Der beiden jungen Grafen? hat Geyerſtein noch einen Bruder?“ fragte Georgine in dem Intereſſe, das ſie plötzlich an der Sache nahm. „Allerdings,“ erwiderte der alte Mann, einen jüngern Bruder, und die beiden jungen gnädi⸗ gen Herren waren als Kinder hier. Der jüngſte von ihnen aber...“ „Wie hieß der?“ „Georg.“ „Georg?“ „Ja, gnädige Frau— der jüngſte von ihnen kam aber nie wieder zurück— er ſoll draußen 3 44 in der Fremde geſtorben ſein,“ ſetzte er mit einem ſchmerzlichen Seufzer hinzu,„und das Kind da, wie es mich ſo lieb und mitleidig anſieht, ge⸗ mahnt mich immer, als ob ich den jungen, lieben gnädigen Herrn wieder vor mir ſähe. Es iſt freilich eine lange Zeit her, und ich bin alt— recht alt ſeither geworden.— Aber ich ſchwatze hier und ſchwatze, wo ich den Befehl Ew. Gnaden ausfüh⸗ ren ſollte. Gott ſchütze das liebe, kleine Haupt und ſtreue ihm nur Blumen auf den Weg, geb' ihm Geſundheit, ein langes Leben und ein glück⸗ liches Alter mit Seinem beſten Segen!“ Und eine tiefe Verbeugung machend, trat der alte Mann von dem Schlitten zurück, nahm dann ſeinen Ran⸗ zen wieder auf ſo wie ſein Gewehr, und ſchritt langſam der Richtung nach dem Gute zu. „Sein Bruder!“ flüſterte Georginehleiſe und erſchreckt vor ſich hin,„ſein Bruder— und das mir ein Geheimniß, mir, der Gattin— hätte ich das ahnen können— und wenn ich nun— zu ſpät!“ ſtöhnte ſie dann, ihr umherſchweifender Blick fiel in dem Moment auf die Geſtalt des Herrn von Silberglanz, der, unter ſeiner Pelzlaſt keuchend, im Schnee herangewatet kam. Er ſchaute aber nicht nach ihr hin, ſondern den Weg zurück, und als ſie den Kopf dahin wandte, bemerkte ſie 45 noch den alten Forſtwart, der den Fremden ge⸗ ſehen hatte und jedenfalls abwarten wollte, was er hier ſuche, ſo lange die gnädige Frau noch da hielt. „Meine beſte gnädige Frau!“ rief das zierliche, im Schnee watende Männchen endlich, als er näher kam,„ich muß unendlich bedauern, wenn Sie auch nur eine Secunde auf mich gewartet haben, aber der Schnee war“— ſein Blick fiel auf Joſephine, und er blieb mitten in ſeiner Rede ſtecken—„Ihre— Ihre Fräulein Tochter?“ „Nun?“ ſagte Georgine kalt. „ Dieſe— dieſe Ueberraſchung...“ „Wünſchen Sie noch uns zu begleiten?“ „Aber, gnädige Frau, welche Frage!“ rief Herr von Silberglanz erſchreckt. „Sie werden dann hintenaufſtehen müſſen.“ „Erlauben Sie mir nur, daß ich meine Pelz⸗ ſtiefel geſchwind anziehe. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, das war ein Schnee hier herauf, daß ich beinahe ſtecken geblieben wäre.“ „Im Pfad?“ „Ich— verfehlte den Weg. Glücklicher Weiſe fand ich einen biedern Holzfäller oder Köhler, oder was er ſonſt iſt, der mich wieder zurecht⸗ wies,“ ſagte der Baron, der ſich an der Holzbank 46 den Schnee von dem dünnen Schuhwerk ſchlug und in aller Haſt ſeine Pelzſtiefel anzulegen ſuchte; „an dem Pelz hier habe ich mich beinahe todt geſchleppt,“ fuhr er dabei fort,„ich bin durch und durch echauffirt!“ „Sie werden Zeit haben ſich abzukühlen.“ „Das fürch— ja— ja, gewiß— aber der Pelz hier hält mich warm. Wer iſt übrigens je⸗ ner alte Förſter?— Der ſcheint an dieſer Stelle permanent Schildwache zu ſtehen, denn geſtern fand ich ihn ebenfalls hier.“ „Der Forſtwart,“ ſagte Georgine und drehte den Kopf nach ihm um. Der alte Barthold aber, der jetzt geſehen hatte, daß der Herr ein Bekann⸗ ter der gnädigen Frau war, wandte ſich langſam wieder und verfolgte ſeinen Weg. Herr von Sil⸗ berglanz fuhr in ſeinen Pelz. „Sind Sie fertig?“ „Vollſtändig— aber wollen Sie mir nicht geſtatten, die Zügel zu nehmen?“ „Ich fahre ſelber— geben Sie mir Ihre Taſche in den Schlitten.“ „Geht der Herr mit uns, Mama?“ fragte Joſephine. „Ja, mein Kind!“ Sie drehte halb den Kopf, der Baron war auf die Pritſche geſtiegen und 44 ſetzte ſich zurecht.„Komm, Fingal!“ Sie ſchnalzte leiſe mit der Zunge, und das Pferd, das unge⸗ duldig dieſen Augenblick erwartet hatte, flog, auf⸗ wiehernd, die ſchmale, glatte Bahn dahin durch den Wald. 26. Der Abend kam, und Mademoiſelle Adele hatte die Botſchaft Georginens durch einen der Holz⸗ macher erhalten, den der Forſtwart an ſie abge⸗ ſchickt. Sie war allein in ihrem Zimmer, aber ſie las weder, noch arbeitete ſie, wie ſie es ſonſt an ſolchen Abenden that, an denen ſie ſich un⸗ geſtört wußte. Unruhig ging ſie in dem kleinen Gemache auf und ab, trat an's Fenſter, um hinaus⸗ zuſehen, und kehrte dann wieder zum Sopha zu⸗ rück— nur, um im nächſten Augenblicke aufzu⸗ ſpringen und ihre kaum unterbrochene Wanderung von Neuem zu beginnen. Sie ſprach kein Wort dabei; ſtill und ſchweigend ging ſie mit dem Lichte hinüber in Georginens Zimmer und ſchien dort etwas Außergewöhnliches zu ſuchen, ſo ängſtlich leuchtete ſie überall umher. Der Secretair aber, wie alle Schränke waren feſt verſchloſſen, und die Schlüſſel dazu trug Georgine ſtets ſelber bei ſich⸗ Sie kehrte in ihr eigenes Zimmer zurück und begann von Neuem, was ſie ſchon am Nachmit⸗ tag gethan, die Kinderwäſche zu zählen und nach⸗ zuſehen, und hier hatte ſie ſich vorher nicht geirrt. Die verſchiedenen Stücke fehlten dutzendweiſe, und wie ſie feſt überzeugt war, ſich darin nicht zu täuſchen, überkam ſie eine unſagbare Angſt, der ſie nur noch immer keine Form, keinen Namen geben konnte. Einmal drängte es ſie, die alte Wirthſchafterin zu rufen und ihr den dunklen Verdacht mitzu⸗ theilen, der ſich ihrer bemächtigt hatte; aber was konnte die ihr helfen oder rathen!— Und doch noch war es möglich, daß ſie ſich irrte. Georgine konnte den Nachmittag, obgleich ſie ſich ſonſt nie um die Wäſche des Kindes kümmerte, doch viel⸗ leicht nachgeſehen und den fehlenden Stücken einen andern Platz angewieſen haben, und war es über⸗ haupt denkbar, daß ſie ſo, ohne Abſchied von dem Gatten... 2 Von einem plötzlichen Gedanken erfaßt, griff das junge Mädchen ein Licht auf und eilte in des Barons Zimmer, denn ſämmt⸗ liche Schlüſſel hatte ſie in Georginens Abweſen⸗ heit in Verwahrung.— Sie brauchte dort nicht lange zu ſuchen; auf dem Schreibtiſche des Barons lag ein geſiegelter Brief, deſſen Adreſſe in Geor⸗ 4 Gerſtäcker, Der Kunſtreiter. III. ginens Handſchrift an ihren Gatten, den Baron von Geyfeln lautete, und viele Minuten lang ſtand ſie ſchweigend zitternd über den verhängniß⸗ vollen Brief gebeugt, und wagte nicht einmal ihn zu berühren. Aber bald ſiegte ihr eigener klarer Verſtand über das Gefühl. Hier durfte ſie den Brief nicht liegen laſſen; der Baron fand ihn vielleicht, während fremde Menſchen ihn umſtan⸗ den, und verrieth im erſten Augenblicke der Ueber⸗ raſchung das Geheimniß Anderen. Noch war es auch wohl möglich, den Schritt der unglücklichen verblendeten Frau ungeſchehen zu machen, ſo lange Niemand darum wußte, als ſie und der Baron — kam es erſt auf die Zungen der Nachbarſchaft, ſo blieb der Friede des Hauſes zerſtört für immer. Raſch entſchloſſen nahm ſie deßhalb den Brief an ſich— er brannte wie Feuer in ihrer Hand—, ſchloß die Thür wieder und eilte auf ihr eigenes Zimmer zurück, dort zu überlegen, was jetzt zu thun ſei, wie ſie handeln ſolle. Aber ſo viel ſie hin und her dachte, Pläne aufbaute und wieder verwarf, ſie konnte nichts erſinnen. Eine genaue Adreſſe, wo er ſich in dieſen Tagen aufhalten würde, hatte Baron von Geyfeln gar nicht hinter⸗ laſſen, und wohin alſo jetzt ſelbſt einen Boten ſenden, ihn, ſo raſch ihn die Pferde bringen konnten, 51 herbeizurufen? Sie mußte warten— es blieb kein anderer Ausweg für ſie, und länger war ihr noch nie eine Nacht— länger noch nie ein Tag geworden, wie der folgende. Unzählige Male hatte ſie dabei nach dem alten Forſtwart ſchicken wollen, von dieſem vielleicht etwas Näheres zu erfahren; aber ſie fürchtete, auch da⸗ mit das Geheimniß, das nicht das ihre war, einem Dritten zu verrathen.— Und konnte nicht doch vielleicht die Frau noch zurückkehren— welchen Grund hatte ſie gehabt, ihrer ſtillen, glücklichen Häuslichkeit zu entfliehen? Unfrieden mit ihrem Gatten?— Nie war, ſo viel ſie wußte, ein har⸗ tes, unfreundliches Wort zwiſchen den Beiden ge⸗ wechſelt worden, ſo lange ſie ſich in dem Hauſe befand, und alles Andere, was ihr das Leben bei nicht zu übermäßigen Anſprüchen bieten konnte, beſaß ſie ja doch hier. Und das Kind— ihre liebe, liebe Joſephine— war ſie freiwillig mit der Mutter gegangen?— Nein, nein und zehn⸗ mal nein; ſie hatte keinen Abſchied weiter von ihr genommen, als mit einem flüchtigen Kuſſe; das Kind hatte keine Ahnung gehabt, daß die Fahrt mehr, als ihr geſagt worden, mehr als eine einfache Spazierfahrt bezwecke, und jetzt, dem Vater 4) e 52 entriſſen, wie unglücklich, wie elend würde ſich dieſer fühlen! Noch immer hoffte ſie— hundertmal den Tag ging ſie in die andere Stube, in den Hof hinab, zu horchen, und den Weg nach dem Walde zu, den ſie von ihrem Zimmer aus überſehen konnte, ließ ſie nicht aus den Augen— umſonſt. Der Abend dämmerte, jener blaue, die Nacht verkün⸗ dende Lichtſchein legte ſich auf die ſchneebedeckten Felder, die Umriſſe des Waldes verſchwammen mit dem düſtern Horizont, und nichts verkündete die Rückkehr der Entflohenen. Die Wirthſchafterin war indeſſen wieder und wieder zu der Erzieherin gekommen, Aufſchluß über das räthſelhafte Ausbleiben der„Gnädigen“ zu erhalten. Adele aber hütete ſich wohl, ſie auch nur im Entfernteſten den wahren Thatbeſtand ahnen zu laſſen. Ihrer Ausſage nach hatte Frau von Geyfeln gleich von vorn herein die Abſicht gehabt, über Nacht auszubleiben, und ihr ſogar geſagt, daß ſie ſich nicht ängſtigen ſolle, wenn ſie. den Beſuch noch ausdehne, da ſie überdies ſo lange nicht bei den alten Bekannten und Freunden vor⸗ geſprochen wäre. Joſephine beſonders wäre ge⸗ wiß nicht gern wieder ſo raſch von den dortigen Spiel⸗Kameraden weggegangen. Aber das verdorbene Mittagsbrod— und wie ſollte ſie es jetzt mit dem Abendeſſen halten?— Kam die Gnädige noch nach Hauſe oder nicht, und wenn ſie kam, mußte ſie doch etwas War⸗ mes zu eſſen finden! Mademoiſelle Adele rieth ihr, Thee bereit zu halten, was ohne große Umſtände geſchehen konnte, und das Zimmer der gnädigen Frau heizen zu laſſen— bliebe ſie dann noch aus, ſo ſchadete es weiter nichts. Das geſchah, aber die Frau kehrte nicht zurück. Es ſchlug acht Uhr drüben an der kleinen Glocke, die ſich über der Verwalterſtube befand. Die Gouvernante, die keine Ruhe in ihrer Stube hatte, war wieder in das dunkle Zimmer getreten, von dem aus ſie den Hof überſehen konnte.— Da klingelte ein Schellengeläute in den Hof, und ihre zitternden Kniee verſagten ihr faſt den Dienſt, ſie aufrecht zu halten. Wer es war, konnte ſie freilich nicht mehr erkennen, aber der Schlitten hielt unten am Portal, und gleich darauf hörte ſie Schritte auf der Treppe und eine Kinder⸗ ſtimme. Hatte ſie ſich geirrt?— war Georgine zurück⸗ gekehrt?— das Herz ſchlug ihr, daß es die Bruſt zu ſprengen drohte, und ſie wußte kaum, wie ſie 54 Die Haushälterin leuchtete mit dem Lichte den Heraufkommenden voran. „Na, das iſt ſchön, Herr Baron, daß Sie heute Abend gekommen ſind,“ ſagte ſie dabei,„aber Ihr Zimmer habe ich nicht heizen laſſen. Wir erwar⸗ teten Sie ja erſt morgen— aber das von der gnädigen Frau iſt warm— und die gnädige Frau wird wohl erſt morgen wiederkommen.“ Meine Frau iſt nicht zu Hauſe?“ ſagte ruhig, aber erſtaunt die tiefe Stimme Georg's. „Nein— zum Beſuche nach Kleinmarkſtetten, mit dem gnädigen Fräulein.“ „Mit Joſephinen 2“. Mademoiſelle Adele trat in den Schein des Lichtes. Es war der Baron ſelber, der zurückge⸗ kehrt, und während ſich ein tiefer Seufzer ihrer Bruſt entrang, trat ſie auf den Baron zu. Sie hatte ihre ganze Ruhe und Feſtigkeit wiederer⸗ langt. „Ah, Mademoiſelle, guten Abend!“ rief Georg ihr entgegen,„meine Frau iſt mit Joſephinen aus⸗ geflogen, wie ich höre, und hier bringe ich Ihnen die kleine verſprochene Geſpielin für Joſephine— ich werde ſie ſo lange unter Ihren Schutz ſtellen müſſen.“ Die Kleine drückte ſich ſchüchtern an ihren 5* Begleiter an, Adele aber, freundlich auf ſie zu⸗ gehend und ſie küſſend, ſagte:„Sei uns will⸗ kommen, mein liebes Herz, in Deiner neuen Hei⸗ math. Deine kleine Spielgefährtin iſt freilich nicht da, aber ſie wird bald wiederkommen, und Du wirſt dann ein liebes, braves Schweſterchen an ihr finden und ſollſt Dich recht bald wohl und zufrieden bei uns fühlen.“ „Komm, Marie,“ ermunterte ſie auch Georg, „fürchte Dich nicht vor der Dame, ſie wird Dir eine zweite Mutter werden und Dich lieb haben. Das Kind hat im Schlitten geſchlafen,“ entſchul⸗ digte er es dann gegen die Erzieherin—„und eben erſt erwacht, erſchrecken es die fremden Geſichter.“ „Das wird ſich bald geben,“ erwiderte das junge Mädchen freundlich;„ich dürfte Sie auch wohl bitten, Herr Baron, es ſelber in mein Zim⸗ mer zu führen, daß es die Scheu erſt ein ganz klein wenig ablegt. Wir wollen dann ſchon bald recht gute Freunde werden.— Ach, Mamſell, nicht wahr, Sie ſorgen gleich dafür, daß der Herr Baron ſeinen Thee und die Kleine ein warmes Süppchen bekommt, nach der langen kalten Fahrt?— Wir brauchen kein Licht weiter— meine Thür iſt offen.“ 8 „Ja wohl— ei gewiß— du meine Güte, daran hatte ich gar nicht gedacht!“ rief die alte gute Mamſell geſchäftig,„das ſoll gleich beſorgt werden, und ein delicates Süppchen will ich ſelber gleich dem armen kleinen Würmchen kochen. Lieber Gott, das herzige Dingelchen muß ja ganz erfroren ſein im Schlitten!“ Und ihr Licht noch empor⸗ haltend, daß Georg und Adele mit dem Kinde durch das dunkle Zimmer ihren Weg finden könnten, eilte ſie raſch wieder über den Gang hinüber, der Küche zu, alles Nöthige ſelber anzuordnen. Georg überlief es dabei wie mit Fieberfroſt — ein bittender Blick der Gouvernante hatte ihn getroffen— und er fühlte, es war etwas Außer⸗ gewöhnliches vorgefallen. Raſch trat er in das Zimmer, und wie nur die Wirthſchafterin weit genug entfernt war, ſie nicht mehr hören zu kön⸗ nen, ſagte er leiſe und dringend in franzöſiſcher Sprache:„Was iſt geſchehen, Mademoiſelle? ver⸗ hehlen Sie mir nichts.“ „Sie müſſen Alles wiſſen, aber— laſſen Sie das Kind nichts merken,“ bat die Gouver⸗ nante zurück.—„Seit geſtern iſt Ihre Gattin mit Joſephinen fort— dieſen Brief hat ſie für Sie zurückgelaſſen. Gehen Sie in das Zimmer Ihrer Gemahlin und leſen Sie dort die Zeilen — wenn ich Marie zu Bette gebracht habe, werde 2* ich hinüberkommen, mich zu erkundigen, was morgen mit ihr werden ſoll.“ Mit dieſen Worten gab ſie ihm den Brief, und Georg mußte ſich gewaltſam zwingen, ſeiner Sinne bei der Schreckensbotſchaft Meiſter zu bleiben. Aber die Gouvernante hatte recht. Das Kind durfte von dem Ungeheuren, was hier vorgefallen, nichts erfahren— nicht bei ſeinem Eintritt in dieſes Haus, wo ſich dem kleinen Kopfe jedes gehörte Wort nur ſo viel ſchärfer und unvergeß⸗ licher eingeprägt hätte. Ruhig nahm er den Brief, den er, ohne ihn auch nur anzuſehen, in die Bruſt⸗ taſche ſchob, ſagte dann der Kleinen freundlich gute Nacht und verließ, mit einem Blick auf die Gouvernante, das Gemach. Wie er aber in das Zimmer ſeiner Frau kam, wußte er ſelber kaum. Dort warf er ſich in einen Stuhl, erbrach den Brief, auf dem die Adreſſe: „An Herrn Baron von Geyfeln“ ſtand, und las die wenigen Zeilen, die er enthielt. Sie lauteten: „An Herrn Baron von Geyfeln! „Schon dieſe Ueberſchrift nimmt meiner Hand⸗ lung jedes Bittere, das ſie ſonſt für mich haben könnte.— An Herrn Baron von Geyfeln— der Name iſt mir ſo fremd, wie der Mann es mir 58— geworden, der ihn trägt. Seit Du die Bahn ver⸗ laſſen, Georg, in der ich Dich bewundern und lieben lernte, ſeitdem mußte ich mich zwingen, in Deiner Nähe auszuharren— und that es nur des Kindes wegen, dem ich Mutter bin und bleiben werde. Deine Geſetze begünſtigten Dich, daß ich nicht meinem Willen gleich von Anfang an folgen konnte. Ich habe jetzt Sorge getragen, daß ſie nicht mehr im Stande ſein ſollen, mich zu erreichen. Folge mir, wenn Du kannſt, als Baron von Geyfeln, und reclamire das Kind, das mein iſt, im vollen Sinne des Wortes. Doch Du wirſt klug ſein und nicht einmal den Verſuch machen, von dem Du von vorn herein wüßteſt, daß er erfolglos bleiben würde.— Kehre zu Deiner frühern Kunſt zurück, und ich will mit Freuden in Deine Arme fliegen; verharre bei Deinem thatenloſen Leben und wir ſind für immer geſchieden. „Suche nicht meinen jetzigen Aufenthalt zu erforſchen; wenn Du ihn ſelbſt fändeſt, ich bin und bleibe für Dich verloren. Mein Kind aber werde ich einem Glück entgegenführen, das es unter Deiner Führung nimmer hätte erreichen können. Lebe wohl! Georgine.“ 59 Georg, der den Brief wieder und wieder durch⸗ geleſen hatte, hielt ihn noch in der Hand und ſtarrte darauf nieder, als die Haushälterin mit der Magd in's Zimmer kam und das beſtellte Abend⸗ brod brachte. Georg faltete den Brief zuſammen und ſteckte ihn in die Taſche, und die geſchwätzige Alte hätte gern ein Geſpräch mit ihm angeknüpft, er wehrte ſie aber unter dem Vorgeben ab, müde zu ſein, verzehrte ſein Abendbrod ſchweigend und fragte nur dann und wann die Wirthſchafterin, die ſich indeſſen im Zimmer zu ſchaffen machte, nach verſchiedenen, höchſt gleichgültigen Sachen. Die Mamſell erzählte ihm dabei natürlich, daß, gleich nachdem er fort geweſen, auch Beſuch ge⸗ kommen wäre: ein fremder Herr, der ihn hätte ſprechen wollen. „So?— in der That?“ ſagte Georg ruhig, „wie hieß er?“ „Ja, das weiß ich wahrhaftig nicht. Er gab mir ſeine Karte, aber der Name ſtand mit ſo winziger Schrift darauf, daß ihn meine alten Augen nicht mehr leſen konnten. Es war aber ein Baron.“ „So?— und wie ſah er aus?“ „Ein kleiner, ſehr zierlicher Herr war es, ſehr hübſch und ſauber angezogen, mit einem kleinen — 690. ſchwarzen Schnurrbärtchen und ſolchen ſchwarzen Locken. Er war am nächſten Morgen noch ein⸗ mal da, hat aber dann wohl nicht länger warten können, und da wir an dem Nachmittage— ach, das wiſſen der gnädige Herr ja auch noch nicht, daß der alte arme Tobias ertrunken iſt.“ „Tobias?— wer iſt Tobias?“ „J, der alte arme Teufel unten aus dem Dorfe— er war noch am Abend vor Ihrer Ab⸗ reiſe hier oben, und hatte wohl ein Glas zu viel getrunken, denn ſonſt habe ich ihn nie frech oder unverſchämt geſehen, und Ew. Gnaden ließen ihn dann vom Hofe jagen.“ „Der iſt ertrunken?“ „Er iſt von hier aus nicht wieder in's Dorf gekommen. Ob er den Weg verfehlt hat, oder was ſonſt die Urſache war, Gott allein weiß es, aber am nächſten Morgen fiſchten ſie ihn aus dem Bache unten auf, und geſtern Nachmittag haben wir ihn begraben— und ſolch' eine ſchöne Leiche, wie der arme alte Menſch noch gehabt hat!“ „Der— iſt— todt,“ ſagte langſam und ſinnend Georg,„wunderbar!“ 4 „Ach, du lieber Gott!“ meinte die Haushäl⸗ terin,„abkommen konnte er ja ſchon; zu was nütze war er doch nicht mehr auf der Welt, und Hunger und Kummer hätte ihn ſo vielleicht bald unter⸗ gebracht; aber es thut Einem doch immer in der Seele weh, wenn ein Chriſtenmenſch auf ſolche Art, eigentlich wie ein ander Stück Vieh auch, ſeinen Tod findet, wenn es auch nicht einmal ein Ver⸗ wandter geweſen wäre.“ Georg hörte ſchon gar nicht mehr, was ſie ſprach.—„Sind noch Briefe oder Zeitungen für mich gekommen?“ „Briefe— ja, ich weiß es wirklich nicht. Der Poſtbote war da, die werden aber dann wohl bei Ew. Gnaden im Zimmer liegen.“ „Haben Sie den Schlüſſel!“ „Den hat das Fräulein.“ „Dann bitten Sie das Fräulein, mir Alles, was etwa für mich angekommen wäre— und auch meinen Schlüſſel mit herüberzubringen.“ „Ja wohl, Herr Baron.— Iſt der Thee etwa nicht heiß genug?“ „O, vortrefflich— ich bin nur abgeſpannt heute Abend und kann nicht viel genießen— ich werde mich ein wenig auf das Sopha legen.“ Die Wirthſchafterin hatte Takt genug, dies als ein Zeichen zu nehmen, daß ſie ſich entfernen könne, und ſie verließ das Zimmer, in dem Georg allein mit ſeinen Gedanken, und vor Ungeduld ſich bald verzehrend, zurückblieb.— Und die Gouver⸗ nante kam noch immer nicht— aber ſie hatte das Kind zu beſorgen, und eine volle Stunde mochte vergangen ſein, ehe er ihren Schritt hörte. Gleich darauf trat ſie ein und legte einige Briefe und Zeitungen auf den Tiſch. Georg war aufgeſtanden und ging ihr entgegen. „Mademoiſelle,“ ſagte er, die Hand nach ihr aus⸗ ſtreckend,„nehmen Sie vor allen Dingen meinen herzlichſten Dank für die zarte Weiſe, in der Sie in dieſer Sache gehandelt haben, und nun, bitte, ſetzen Sie ſich und erzählen mir mit kurzen Worten Alles, was Sie wiſſen.“ Während die Gouvernante der Einladung folgte, blieb Georg erwartungsvoll am Tiſche ſtehen. „Ich habe nur meine Schuldigkeit gethan,“ ſagte das junge Mädchen, leicht dabei erröthend, „werde Ihnen ſelber, Herr Baron, aber wenig Auskunft geben können— ich durfte nicht nach⸗ forſchen, denn ohne etwas damit gut machen zu können, hätte ich die Aufmerkſamkeit der Leute nur unnöthiger Weiſe und vor der Zeit darauf gelenkt.“ „Sie hatten recht— vollkommen recht.“ „Der erſte Verdacht ſtieg in mir auf, als ich eine bedeutende Lücke in der Kinderwäſche bemerkte, nachdem die gnädige Frau mit Joſephinen eine an⸗ gebliche Spazierfahrt unternommen hatte. Auch eine Anzahl ihrer Kleider fehlte— dann fand ich den Brief in Ihrer Stube— denn Angſt und Ungewißheit ließen mich danach ſuchen, und ich nahm ihn an mich.“ „Ich bin Ihnen dankbar dafür— aber wer glauben Sie, der mir weitere Auskunft geben könnte— oder haben Sie ſelber einen Verdacht? Es war ein Fremder hier.— Wie ſah er aus?“ „Ich habe ihn gar nicht geſehen; aber gleich nach Ihrer Abreiſe kam er, und obgleich er nur zweimal hier oben im Gute war, fürchte ich faſt, daß er der Sache nicht fern ſteht. Unſer Haus⸗ mädchen hat ihn wenigſtens zu der Zeit, als Ma⸗ dame fortfuhr, zu Fuß, mit ſeinem Pelz auf dem Arm, in den Wald gehen ſehen.“ „Und welchen Weg nahm er?“ „Darüber kann ich Ihnen keine Auskunft geben. Der alte Forſtwart aber hat die letzte Botſchaft der gnädigen Frau— daß ſie am vorigen Abend nicht nach Hauſe kommen würde, hereingeſchickt. Möglich, daß der ſie im Walde getroffen hat und etwas Näheres weiß.“ „Der Forſtwart— Gott ſei Dank, da iſt ein 64 Faden, an den ich anknüpfen kann. Georgine fuhr im Schlitten?“ „Ja, mit ihrem eigenen Pferde beſpannt.“ „Es iſt gut— ich danke Ihnen; gehen Sie jetzt wieder zu Ihrer kleinen Schutzbefohlenen und ſeien Sie ihre Mutter— ſtehen Sie überhaupt meinem ganzen Hauſe vor, bis— ich ſelber wieder zurückkomme.“ „Sie wollen doch nicht heute Abend noch...“ „Nein,“ unterbrach ſie Georg ruhig;„erſtlich wäre es nicht möglich, im Dunkeln einer Spur zu folgen, und dann würde das auch Aufſehen erregen. Morgen früh reite ich fort— meine Frau in Kleinmarkſtetten abzuholen— das genügt den Leuten. Sobald ich kann, ſchreibe ich Ihnen meine Adreſſe— wenn ich nicht ſelber indeſſen wieder⸗ komme. Lange bleibe ich auf keinen Fall aus, es müßten mich denn ganz unvorhergeſehene Hinder⸗ niſſe zurückhalten. Schlafen Sie wohl, Made⸗ moiſelle, und ſeien Sie verſichert, daß ich Ihnen nie vergeſſen werde, wie wacker Sie mir in dieſer ſchweren Zeit beigeſtanden haben.“ „Schlafen Sie wohl,“ ſagte das junge Mäd⸗ chen ſchüchtern, und im nächſten Augenblicke ſchloß ſich die Thür wieder hinter ihr, während Georg 65 noch wohl eine Stunde im Zimmer auf und ab ſchritt, ehe er ſein eigenes Lager ſuchte. Am nächſten Morgen war Georg wieder mit Tagesgrauen auf und ging ſelber in den Stall hinunter, zu ſehen, daß ſein Reitpferd ordentlich gefüttert und dann ihm vorgeführt würde. Das geordnet, ſchickte er einen Boten in das Forſthaus, dem alten Forſtwart zu ſagen, er möge auf ihn warten, bis er hinauskäme, und ging wieder in ſeine eigene Stube hinauf. Dort ſah er flüchtig die eingegangenen Briefe durch, wozu er ſich geſtern Abend keine Zeit genommen, trank den ihm ge⸗ brachten Kaffee und blätterte nach, bis das Pferd ausgefreſſen hatte, in den neben ihm liegenden Zeitungen. Er las wohl, aber er wußte nicht, was er las, ſeine Gedanken waren fern von da, und den Kopf in die Hand geſtützt, ließ er das Blatt wieder ſinken und ſtarrte finſter vor ſich nieder. Endlich ſprang er ungeduldig auf und ſah nach der Uhr— es war noch zu früh— eine halbe Stunde mußte er dem Pferde noch Zeit gönnen, denn es hatte vielleicht einen langen Ritt vor ſich. Er ordnete indeſſen ſeine Briefſchaften, verſah ſich mit Geld und warf ſich dann noch einen Augenblick auf's Sopha. Die vor ihm liegende „Zeitung hatte er dabei bewußtlos mit der Hand Gerſtäcker, Der Kunſtreiter. III. 5 66 zuſammengeballt, und leiſe murmelte er:„Joſephine — meine arme Joſephine“— da fiel ſein Blick plötzlich auf einen Namen, der, größer gedruckt als die übrige Schrift, ſchon mit dem Zuſatz „Circus“ ſein Auge feſſelte und alle weiteren Ge⸗ danken in ſich verzehrte. Die Worte lauteten: „Circus Royazet. „Noch nie hat der Circus in Altona in ſol⸗ chem Flor geſtanden, wie in der gegenwärtigen Saiſon. Es haben einzelne Directionen vor⸗ treffliche Geſellſchaften gehabt, mit ausgezeichneten Mitgliedern, deren einzelne zu den beſten zählten, aber noch nie, wir wiederholen es, war ein Director im Stande, ſolche Kräfte an einem einzigen Abende zu vereinigen, wie der jetzige. Royazet hat den Circus zu einer Art Pantheon der Reitkunſt erhoben, in welchem er ſelbſt auf der oberſten Stufe thront, rings umgeben von den glänzendſten Koryphäen ſeiner Kunſt. Ein Abend im Circus heißt jetzt ſo viel, als ein Abend des Vollgenuſſes, ja, faſt des Ueber⸗ maßes. Künſtler, welche ſonſt die Zierden der Reitbahn ausmachen, rangiren hier in zweiter Reihe und gewähren dem Zuſchauer die merk⸗ würdige Gelegenheit, den Unterſchied zwiſchen 67 Meiſterſchaft und Vollkommenheit wahrzun ehmen. Ein Kranz reizender, kunſtgewandter Damen reiht ſich an die männlichen Größen an, und der unübertreffliche Clown Mühler, die Perle des frühern berühmten und jetzt aufgelöſten Circus Bertrand, iſt, um das Maß vollzumachen, dieſer Walhalla ausgezeichneter Künſtler ge⸗ wonnen worden— ja, andere Kräfte ſind ihm noch verſprochen, die, wenn möglich, dieſen Kranz von Genüſſen noch gipfeln und erhöhen ſollen. Royazet ſelber bildet aber ſtets den Glanzpunkt des Abends, und gleichviel, welche Künſte der Equilibriſtik neben und um ihn ſich entfalten — er iſt und bleibt ſtets der oberſte Meiſter, und wir glauben das Publicum um ſo mehr auf dieſen, ſich ihm jetzt noch bietenden Genuß aufmerkſam machen zu müſſen, da der Circus nur noch wenige Tage in unſerer Stadt ver⸗ weilen wird, um einem ehrenvollen Rufe nach Petersburg zu folgen. Ganz enorme Garantien ſollen dem Künſtler dort geleiſtet ſein 1 Georg hatte mit immer wachſender Spannung dieſe prahleriſche Anzeige wieder und wieder ge⸗ leſen. Royazet— ſein alter Rival in mehr als einer Hinſicht, in Altona— der alte Mühler dort 5 68 wieder engagirt, wohin ihm Karl jedenfalls voran⸗ gegangen. Sollte Georgine— Altona lag unter däniſcher Gerichtsbarkeit außerhalb der deutſchen Geſetze, und Petersburg— wenn ſie ihm ſein Kind nach Rußland entführte!— Er barg das Antlitz einen Augenblick in die Hand, aber es war auch wirklich nur ein Moment, in dem ihn die Sorge um die Tochter überwältigte. Schon im nächſten war er wieder er ſelbſt, und Hut, Handſchuhe und Reitpeitſche aufgreifend, verließ er das Zimmer gerade, als der Verwalter zu ihm die Treppe heraufwollte, ihm anzuzeigen, daß ſein Pferd ge⸗ ſattelt wäre. „Lieber Schönle,“ ſagte Georg,„ich will jetzt nach Kleinmarkſtetten hinüber, habe aber auch noch andere Geſchäfte in der Nachbarſchaft dort, und es iſt möglich, daß ich mit meiner Frau erſt in einigen Tagen zurückkomme. Einen erhaltenen Brief zu beantworten, muß ich aber einen Boten fortſchicken, und da wir unſere Leute jetzt noth⸗ wendig brauchen, werde ich einen von den Burſchen aus der Förſterei, den Forſtwart oder wen ſonſt ſchicken.— Laſſen Sie den alten Braunen heraus⸗ führen, den alten Sattel auflegen und das Pferd dann, ſo bald Sie können, zum Forſthauſe hinauf⸗ ſchicken. Verſtanden?“ 69 „Sehr wohl, Herr Baron!“ ſagte der alte Verwalter,„ich dächte aber, denen im Forſthauſe ſchadete es auch nichts, wenn ſie ihre Beine auf Gottes Erdboden ſetzten, ſtatt ſie über einen Sattel hinüber zu hängen.“ „Das dauert mir dann zu lange,“ erwiderte Georg.„Thun Sie nur, wie ich geſagt habe. Sonſt iſt nichts Beſonderes vorgefallen?“ „Nicht das Geringſte, Herr Baron. Wir ha⸗ ben wacker gedroſchen in der Zeit; Dünger iſt gefahren, die Umzäunung am Garten ausgebeſſert, und jetzt ſind nur noch die Holzfuhren zu machen, zu denen der Förſter ein wenig drängt. 4 „Er hat recht. Es iſt auch die höchſte Zeit, daß das Holz von dem Schlag fortkommt— alſo auf Wiederſehen, Schönle. Beſorgt mir das Alles gut; in einigen Tagen ſpäteſtens bin ich wieder da.“ Mit dieſen Worten war er die letzten Stufen der Treppe hinuntergegangen, legte ſeine Sattel⸗ taſche auf, ſchnallte den Plaid daran feſt, griff ſeinen Zügel auf, ſchwang ſich in den Sattel und trabte aus dem Hofe, die Straße nach dem Walde einſchlagend. 70 So harteden trefflichen Reiter aber auch der Schlag im erſten Augenblicke getroffen, daß ihm ſein Kind, ſein liebes Kind geraubt worden, ſo feſt, ruhig und ſicher fühlte er ſich wieder, als er erſt einmal im Sattel ſaß. Mit gutem Muth, durch eigene Kraft die Liſt der Frau noch aus⸗ gleichen zu können und zu Schanden zu machen, trabte er den Weg entlang, und wenn es ihn auch manchmal drängte, das Pferd, den wackern Rappen, der ihn trug, zu raſcherem Tempo an⸗ zuhalten, verſagte er es ſich doch, weil er eben nicht wußte, ein wie weiter Ritt noch heute vor ihm lag, und er ſein treues Thier zu ſchonen dachte. So erreichte er das Forſthaus und fand hier den Forſtwart Barthold ſchon ſeiner harrend, mit der Flinte auf dem Rücken, vor der Thür. Wie er den Herrn anreiten ſah, kam er grüßend auf ihn zu, Georg aber, aus dem Sattel ſpringend, warf ſeinem Pferde den Zügel über den Nacken und ſagte zu dem Alten: „Guten Morgen, Barthold; kommt nur mit, ich begleite Euch ein Stück— ich habe etwas mit Euch zu reden.“ „Gern, gnädiger Herr,“ erwiderte der Alte, — anzuweiſen.“ „Ich weiß ſchon— ich will auch nicht zum Förſter,“ ſagte Georg, und ſchritt langſam den Waldweg entlang, bis ſie aus Sicht des Forſt⸗ hauſes waren. Hier blieb er ſtehen, und ſich gegen Barthold wendend, fuhr er fort:„Ihr ſeid neulich meiner Frau hier begegnet, als ſie im Schlitten die Straße nach Kleinmarkſtetten fuhr, nicht wahr?“ „Ja, Ew. Gnaden.“ „Kennt Ihr den Herrn, der mit ihr im Schlit⸗ ten ſaß?“ „Sie war allein— das heißt, mit dem Fräu⸗ lein Tochter.“ „Allein?“ rief Georg überraſcht. „Allein, meine ich, als ſie vom Gute an die große Eiche kam,“ beſtätigte der Alte,„und von dort ſchickte ſie mich mit einem Auftrage nach dem Gute zurück.“ „So habt Ihr Niemanden geſehen, der bei ihr war?“ fragte Georg enttäuſcht, denn auf den Forſtwart hatte er ſeine ganze— ſeine letzte Hoſffnung geſetzt. „d doch,“ erwiderte der alte Mann.„Wie 72 ich ſchon ein Stück fort war, kam ein Herr un⸗ ten vom Dorfe den Weg herauf und ſtieg hinten auf den Schlitten, und dann fuhren ſie zuſammen fort. Ich blieb noch eine Weile ſtehen, weil ich glaubte, es wäre der gnädigen Frau vielleicht nicht angenehm, hier im Holze allein mit einem fremden Herrn zuſammenzutreffen. Als ich aber ſah, daß es ein Bekannter war, ging ich meiner Wege.“ „Und ſo kennt Ihr den Herrn gar nicht?“ „Nein, Ew. Gnaden— ich weiß nicht, wie er hieß,“ ſagte der Alte etwas erſtaunt, denn das unruhige Weſen des Barons fiel ihm auf. „Der Name thut nichts zur Sache,“ rief Georg ungeduldig,„ich meine nur, ob Ihr nicht wißt, wie er ausſah— ob Ihr ihn wieder kennen würdet.“ „Gewiß— an dem Tage habe ich ihn frei⸗ lich nur von Weitem und ganz flüchtig geſehen; den Tag vorher aber kam er ſchon einmal zur Eiche, die er ſich wohl neugierig betrachten wollte, obgleich er ihr kaum einen flüchtigen Blick zugewor⸗ fen und von meiner Erklärung gar nichts wiſſen mochte. Es fror ihn ein wenig an den Füßen.“ „Wie ſah er aus?“ „Ein zierliches, geſchniegeltes Männchen, ſtädtiſch und ein Bißchen fremdländiſch angezogen, mit einem kleinen ſchwarzen Schnurrbärtchen und einer 73 Brille auf, obgleich er noch gar nicht ſo alt ſein kann, um ſchwache Augen zu haben.“ „Und Ihr kennt ihn genau genug, ihn mir zu bezeichnen, wenn Ihr ihn wieder ſehen würdet?“ „Ich kenne ein Stück Wild wieder, wenn es mir nur einmal flüchtig über den Weg geſprungen iſt, wie viel mehr denn ſolch' ein wunderliches Menſchenkind, dem ich Auge in Auge gegenüber⸗ geſtanden habe!“ „Gut— habt Ihr Luſt, Barthold, mich auf einer Tour zu begleiten?“ 4 „Ich, gnädiger Herr? gewiß!— aber wohin?“ „Gleichviel— rüſtet Euch, auf ein paar Tage auszubleiben. Für Lebens⸗Unterhalt braucht Ihr nicht zu ſorgen; nehmt nur etwas reine Wäſche mit.“ „Ein Hemd und ein paar Socken ſtecke ich in den Jagdranzen.“ „Nein— den laßt zu Hauſe; auch Eure Flinte, die wir nicht brauchen werden, denn das Wild, das wir ſuchen, fangen wir lebendig.“ „Soll ich da vielleicht einen Schwanenhals oder ein Tellereiſen mitnehmen?“ 3„Nein,“ lächelte Georg,„auch das iſt nicht nöthig, es geht auf keine Witterung. Ich werde jetzt mit Euch zum Forſthauſe zurückkehren. Apro⸗ pos, könnt Ihr reiten?“ — 14 „Reiten? ja— es ſoll gerade nicht hübſch ausſehen, wenn ich auf einem Pferde ſitze,“ ſetzte er gutmüthig hinzu,„und ſie haben mich ſchon ein paar Mal deßhalb ausgelacht, aber ich hänge feſt, Trab oder Galopp, und herunter bringt mich keins.“ „Deſto beſſer— es wird vom Gute aus ein Pferd für Euch heraufgebracht werden. Aber eine Bedingung habe ich zu ſtellen— könnt Ihr ſchwei⸗ gen?“ „Sehe ich aus wie eine Plaudertaſche?“ ſagte der alte Mann ernſt. „Gut— ich glaube es Euch. Kein Menſch erfährt ſpäter, wo wir geweſen— hört Ihr?—, was wir dort gethan— auch nicht was ich vor⸗ hin über den Fremden mit Euch beſprochen.“ „Kein Wort, Ew. Gnaden,“ ſagte der Alte, der zu ahnen begann, um was es ſich hier handle. „Das Bißchen Wäſche ſtecke ich dann einfach in die Taſche.“ „Ihr könnt es mir nachher in meine Sattel⸗ taſche geben.“ „Ew. Gnaden wollen dem Schlitten folgen?“ „Ja— wißt Ihr genau, welchen Curs er genommen?“ „Die gnädige Frau ſagte, ſie wolle nach Klein⸗ 75 markſtetten, der Herr aber hat an dem Morgen ſeinen Wagen leer mit ſeinem Gepäck nach Hott⸗ weil geſchickt.“ „Wißt Ihr das gewiß?“ „Unten im Krug haben ſie ſo geſagt, und der Kutſcher ſoll geſtern Abend ſpät wieder leer durch's Dorf gefahren ſein, wie mir einer der Holzmacher heute Morgen erzählte.“ „War es ein herrſchaftliches Geſchirr 2“¹ „Wohl nur ein Lohnkutſcher von Haidedorf.“ „Gut— wir dürfen aber trotzdem keine Zeit verlieren. Beſtätigt ſich das, ſo können wir viel⸗ leicht, wenn wir ſcharf zureiten, die Station noch erreichen, ehe der Schnellzug eintrifft. Das Pferd muß oben ſein; jedenfalls iſt es da, ehe Ihr Eure Sachen zuſammenhabt.“ Und ohne weiter eine Antwort abzuwarten, ſchritt Georg raſch zum Forſthauſe zurück, wenn auch der Förſter nicht da⸗ war, doch ſeine Frau davon in Kenntniß zu ſetzen, daß er den Forſtwart auf einen oder zwei Tage in Geſchäften mit ſich nehme. Barthold hatte indeſſen in wenigen Minuten ſeine geringen Vorbereitungen getroffen; bald dar⸗ auf kam auch das Pferd, auf dem einer der Knechte heraufgeritten war, und ſehr zum Erſtaunen der Frau Förſterin, die ſich den ganzen Tag verge⸗ 6 bens den Kopf darüber zerbrach, trabte Barthold hinter dem Herrn von Geyfeln in den ſtillen Wald hinein. Bis ſie die Stelle erreichten, wo ſich die ver⸗ ſchiedenen Wege theilten, ſprach auch Georg kein Wort, und kehrte ſich nur manchmal nach ſeinem Begleiter um, zu ſehen, wie er im Sattel ſaß. Der alte Mann hing allerdings in etwas wun⸗ derlicher Art auf dem Pferde, aber er hatte nicht zu viel von ſich gerühmt, wie er behauptete, daß er wenigſtens feſtſäße. Georg fühlte ſich darüber auch bald beruhigt und ließ ſein eigenes Thier etwas ſchärfer austraben, bis er es an dem drei⸗ armigen Wegweiſer zum erſten Male einzügelte. Hier ſchieden ſich die Wege; eine gewiſſe Spur war aber nur ſchwer noch zu erkennen, da Holz⸗ und andere Fuhren die friſche Schneebahn ſchon mit ihren verſchiedenen Geleiſen durchzogen und gekreuzt hatten. Eine kurze Strecke indeß langſam auf dem Wege nach Hottweil fortreitend, fand Georg bald die zarten, feingeſchnittenen Hufe von Georginens Pferde ſeitwärts von der Bahn im Schnee abgedrückt, wo der Schlitten wahrſcheinlich einer ihm begegnenden ſchweren Fuhre ausgewichen war, und die Zügel, ohne ein Wort weiter zu reden, wieder aufgreifend, ſchlug er den frühern ſcharfen Trab wieder ein, dem das alte und ſtei⸗ fere Arbeitspferd kaum zu folgen vermochte. Die Station erreichten ſie auch in der That bei guter Zeit, und wohl noch eine Stunde vor Ankunft des Zuges. Kurze Nachfrage genügte, Georg zu überzeugen, daß er ſich auf der richtigen Spur befände. Das Pferd, das Barthold geritten, übergab er dann einem der Leute dort, es im Dorfe einzuſtellen, bis er zurückkehre; ſein eigenes, in zwei dazu geborgte Decken eingehüllt, wurde in einen der glücklicher Weiſe vorhandenen Pfer⸗ dekaſten geführt, und als der Zug heranbrauſte, nahm er die Reiſenden und das ſchon bereit ge⸗ haltene Pferd auf, und ſchnob davon, auf ſeiner ſchmalen eiſernen Bahn, den heißen Athem in die froſtige Winterluft ingrimmig hinausblaſend. 27. In Altona herrſchte ein reges Leben, und der alte Forſtwart Barthold ſ chritt ſtaunend an Georg's Seite durch die menſchengedrängten Straßen. Das war eine Stadt— das war ein Treiben und Schieben durcheinander, und was für koſtbare Waaren überall— der Alte wäre am Liebſten vor jedem Schaufenſter ſtehengeblieben, immer Neues anzuſtaunen und zu bewundern.— Und aus dieſem Gewimmel von Menſchen, wo es, wie bei einem Bienenſchwarm, herüber⸗ und hinüber⸗ fuhr, ſollte er den einzelnen Fremden herausſuchen, den er draußen im Walde geſehen? Der Kopf ſchwindelte ihm, und er ging die erſten Stunden wie in einem Traume herum.„ Georg, der ihn begleitete, befand ſich ebenfallss in furchtbarer Aufregung— freilich aus einen andern Grunde— und mußte ſich Mühe geben, wenigſtens die äußere Faſſung zu bewahren. Hatte * 79 er doch ſein nächſtes Ziel, den wahrſcheinlichen Aufenthalt ſeines Kindes, ſeiner Joſephine jetzt erreicht— aber wo ſie finden in der großen Stadt — und wenn gefunden, wie ſie dann ſich retten? Geſtern Abend war er, aber zu ſpät, um noch irgend welche Nachforſchungen anzuſtellen, mit ſeinem Begleiter in Hamburg eingetroffen, und heute Morgen hatte er vergebens auf der Polizei in Altona angefragt, ob zwei Damen, eine Frau von Geyfeln und eine Frau Georgine Bertrand, angemeldet wären— man wußte dort noch nichts von ihnen. Den Namen des Entführers kannte er ja nicht. In der Nähe des Circus durfte er auch nicht wagen, ſich— wenigſtens am Tage— blicken zu laſſen, denn er blieb dort zu ſehr der Gefahr aus⸗ geſetzt, von einem ſeiner früheren Leute, vielleicht gar von dem alten Mühler oder Karl, erkannt und verrathen zu werden. Georgine wäre in dem Falle augenblicklich gewarnt worden und ſein ganzer Plan vernichtet, jede Ausſicht auf Erfolg zerſtört geweſen. Da wurde, als er eben nach Hamburg hinüberwollte, dort den Abend abzuwarten, ſeine Aufmerkſamkeit auf große Zettel gelenkt, die ein junger Burſche an den Ecken anklebte. Ein Holz⸗ ſchnitt oben darüber— einen Reiter zeigend, der “ — 80 mit ſieben Pferden dahinflog— ließ keinen Zweifel, zu welcher Vorſtellung, und Georg trat, zitternd vor Angſt und Erwartung hinan, den geſuchten und doch gefürchteten Namen ſeines Weibes— ſeines Kindes darunter zu finden— und er hatte ſich nicht geirrt. Der Name Georgine Bertrand ſtand allerdings nicht auf dem Zettel, aber die pomphafte Ankündigung eines neuen Gaſtes, einer Madame Georgette mit ihrer Tochter Mademoiſelle Georgette, ließ ihm faſt keinen Zweifel, daß Frau und Kind ſchon an dieſem Abend, wenn auch. unter anderm Namen, im Circus wiederauftreten würden. Vorſichtig ſuchte er jetzt Georgettens Wohnung zu erfragen, aber die Auskunft, die er darüber erhielt, machte ihn wieder irre, denn dieſe lautete dahin, daß Madame Georgette, die neue berühmte Kunſtreiterin, in Royazet's eigener Wohnung ab⸗ geſtiegen ſei und ein Quartier bezogen habe, und der Mann, der ihm dieſe Auskunft gab, ſetzte aus freien Stücken hinzu, es hieße in der Stadt, Monſieur Royazet habe ſelber geäußert, die Dame ſei ſeine ihm beſtimmte Braut. Wer dann hatte Georginen entführt? Royazet ſelber? Die Beſchreibung des Mannes, die der alte Forſtwart gab, paßte nicht dazu, auch ſollte 81 Royazet, wie er hier leicht erfragen konnte, Altona die letzte ganze Woche mit keinem Schritte ver⸗ laſſen haben. Die Unruhe, hierüber Gewißheit zu erhalten, peinigte ihn zuletzt ſo, daß er beſchloß, über Tag auf gut Glück hin die Stadt zu durchſtreifen, viel⸗ leicht hier zufällig dem Entführer zu begegnen und ihn dann zu zwingen, ihm Rechenſchaft zu geben. Einmal freilich ſchoß ihm der Gedanke durch's Hirn, Royazet ſelber aufzuſuchen und von ihm ſein Kind, wenn nicht im Guten, mit Gewalt zurück⸗ zufordern; aber ſtanden ſie hier nicht unter däni⸗ ſchem Geſetz, und war Frau wie Kind nicht mit Leichtigkeit außer ſeinem Bereich gebracht, wenn er den langſamen Gang der Geſetze hätte zu Hülfe rufen wollen? Royazet war außerdem ſein Feind, noch von früherer Zeit her, und auf einen Bei⸗ ſtand von ſeiner Seite nicht zu rechnen— und doch blieb das ſeine letzte Hoffnung, wenn alles Anndere fehlſchlug. Heute Abend wollte er ſelber den Circus be⸗ ſuchen— unkenntlich machte er ſich leicht auf nicht auffällige Weiſe durch einen breiträndigen Hut, eine Brille und einen um das Kinn geleg⸗ ten Shawl, und dort konnte er mit eigenen Augen Gerſtäcker, Der Kunſtreiter. III. 6 ſehen, in wie weit ſeine Befürchtungen gerecht⸗ fertigt ſeien. Bis dahin litt es ihn aber nicht, die Zeit ruhig und geduldig abzuwarten, ſein Blut kochte und wallte in den Adern, und Straße auf und ab— nur die unmittelbare Nähe des Circus ängſtlich meidend— zog er mit ſeinem auf dem ungewohnten Steinpflaſter ſchon lange müde ge⸗ wordenen alten Begleiter her und hin, ſich ſelber nicht einmal ganz klar dabei, was er mit dem Entführer anfangen ſolle, wenn er ihn wirklich träfe. Aber auch dieſe Sucht mußte er endlich als durchaus hoffnungslos aufgeben, denn Barthold leiſtete ihm darin nicht einmal die Dienſte, die er von ihm erwartet hatte. Durch die ganz ähn⸗ liche Kleidung ſo vieler Tauſende nämlich fort⸗ während getäuſcht, hielt er bald Den, bald Jenen für den Geſuchten, und brachte Georg dadurch ein Paar Male ſo in Verlegenheit, daß er froh war, durch irgend eine Entſchuldigung von fälſch⸗ lich angeredeten Perſonen wegzukommen. Sein Quartier hatte er in Hamburg bezogen und dort ſein Pferd eingeſtellt, und dahin begab er ſich endlich wieder mit dem Forſtwart, den einbrechenden Abend und die Stunde der ange⸗ kündigten Vorſtellung abzuwarten. Der Abend kam, und Georg, in einen alten 83 Mantel gehüllt, nahm für ſich und den Forſtwart zwei Sitze auf dem dritten Platze, um dort keinerlei Gefahr ausgeſetzt zu ſein, erkannt zu werden. Und mit welchen Gefühlen wohnte er dem Be⸗ ginne dieſer Vorſtellung bei— mit welcher furcht⸗ baren Pein war er Zeuge ihres weitern Ver⸗ folges! Barthold hatte im Anfange die Zuſchauer ge⸗ nau muſtern müſſen, ob er den Fremden aus dem Walde hier wieder erkenne, aber ohne Erfolg. So ſicher er geglaubt, ſich auf ſein Auge verlaſſen zu können, ſo verwirrt ſah er ſich hier in dieſer neuen, ihm völlig fremden Welt, mit tauſend Geſichtern um ſich her, die alle in einer Kleidung ſteckend, auch für ihn alle den einen Stempel in Ausdruck und Form zu tragen ſchienen. Er konnte den, den er ſuchte, nirgends finden. So wie aber die Vorſtellung begann, wurde Georg's Aufmerkſamkeit vollſtändig auf dieſe ge⸗ lenkt— er hatte alles Andere in dem einen Ge⸗ fühl vergeſſen, ſein Kind wiederzuſehen— ſeine Joſephine, und eine unſagbare Pein ſchoß ihin durch's Herz, als er ſich dachte, wie. Und die Muſik begann. Der Poſſenreißer er⸗ ſchien, mit ſeinen eklen Gliederverrenkungen die Zuſchauer zu beluſtigen, und Barthold hätte ein 3. 6* — — 834 Jahr daſitzen können, ehe er in der buntbemal⸗ ten wie gelenkloſen Geſtalt mit ihren widernatür⸗ lichen Bewegungen den ſonſt ſo ſteifen, ernſten „Schwiegervater vom Gut“ wiedererkannt hätte. Georg wandte ſich in Ekel von ihm ab. Jetzt ſchmetterten die Trompeten; jetzt wichen die Menſchen in dem ſchmalen Eingange zurück — einige däniſche Offiziere und andere Cavaliere, die ſich dorthin, der Damen des Circus wegen, poſtirt hatten— und herein auf ihrem eigenen Pferde, in Licht und Glanz ſtrahlend, das Antlitz ordentlich in Freude und Triumph, in wilder, unge⸗ bändigter Siegesluſt leuchtend, flog— Georgine. Und ſie war ſchön, dieſe Königin der Ama⸗ zonen, ſchön wie das flammende Meteor, das ſei⸗ nen Gluthenſtreifen pfeilſchnell durch den dunklen Himmel zieht; ſchön wie das zuckende Nordlicht, das mit ſeinen Feuerſtrahlen die kalte Winter⸗ nacht erhellt. Ihre Augen flammten, ihre ganze Geſtalt hob ſich, und wie das Publicum erſt in ſtaunender Bewunderung dieſe plötzlich auftauchende, leuchtende Erſcheinung angeſtarrt, ſo brach plötzlich das Eis, das es bis dahin wie gebannt gehalten, und donnernder, nicht endender Applaus grüßte ſie beim erſten Betreten ihrer neuen Laufbahn wieder. 8 Dieſer Beifallsſturm ſchien den Körper des wirklich wunderſchönen Weibes ordentlich zu durch⸗ zucken, ſchien ihn emporzutragen mit ſich ſelbſt. Kaum berührten ihre Fußſpitzen den Sattel, über dem ſie mehr ſchwebte, als daß ſie auf ihm ſtand, und während höhere, faſt glühende Röthe ihr Antlitz färbte und ihre Augen leuchteten, während die Locken im ſcharfen Luftzuge flatterten, und das Pferd ſelber, das ſie trug, einen Theil der Begeiſterung mit zu fühlen ſchien, brach ſich der ſtürmiſche Applaus, wie das regelmäßige Branden einer See, immer wieder und wieder Bahn, und übertäubte ſelbſt die ſchmetternde Muſik. Barthold hatte ſie erkannt— gleich auf den erſten Blick, denn dieſe Züge, einmal geſehen, waren nicht ſo leicht wieder vergeſſen. Er blickte auch Georg ſchüchtern und erſtaunt von der Seite an. Deſſen todtenbleiches Antlitz verrieth aber nur zu deutlich, was in ihm vorging, und er wagte nicht, ihn auch nur mit einem Laut, mit einer Bewegung zu ſtören. Die Tour war vorüber— wieder und wieder mit tobendem Beifallsjauchzen gerufen, zog ſich die ſchöne Reiterin zurück, und ein Paar der Clowns zeigten jetzt ihre Künſte. „Mademoiſelle Georgette!“ verkündete der 86 Mann in hohen Reiterſtiefeln und mit einer langen Peitſche in der Hand, der mitten in der Arena ſtand, den neuen Namen, indem er ſeine Waffe demonſtrirend und mit einer Verbeugung gegen den Eingang neigte. Georg's Blut ſtockte; die Lichter flimmerten ihm vor den Augen, der ganze Circus drehte ſich mit ihm, und krampfhaft faßte er ſeines Nachbars Arm, ſich an dieſen zu halten. Aber dieſe Schwäche, die ihn überkam, dauerte kaum länger, als ſie gebraucht hatte, ihn zu bewältigen. Er war wie⸗ der er ſelbſt, und ſah jetzt, wie ſein Kind geſchmückt und aufgeputzt auf einem kleinen muntern Ponny in die Arena ſprang und den Rundlauf begann. Wenn es aber auch das Publicum täuſchte, dem Vaterauge konnte die ſtark aufgetragene Schminke das veränderte Ausſehen des Kindes nicht ver⸗ bergen. Joſephine ſah leidend aus; ihre Augen lagen tief in den Höhlen, und ſtatt des fröhlichen Lächelns, das ſonſt in ſolchen Augenblicken ihre Züge be⸗ lebte, trugen ſie das deutlich auffallende Gepräge von Angſt und Zaghaftigkeit. Ihr Blick flog nicht frei umher, ſondern haftete an der Mähne des Pferdes, und ſie ſchien ſich erſt in etwas zu ſam⸗ meln, als ſie den Circus einige Male umritten hatte. Das Publicum verhielt ſich dabei ſtill. Die kurz vorher bewunderte glänzende Erſcheinung der Mutter hatte es zum Theil verwöhnt, zum Theil empfand es aber auch wohl die unverkennbare Angſt des Kindes mit und fühlte ſich unbehaglich dabei. Die Muſik wurde lebendiger, der Takt ſchneller, das Pferd, gewohnt, den Lauten zu ge⸗ horchen, flog raſcher mit ſeiner kleinen Reiterin da⸗ hin, und während Joſephine die früheren Stel⸗ lungen und Bewegungen auf dem dahinſchnauben⸗ den Thiere auszuführen verſuchte, erkannte Georg mit peinlichem Schmerz die Angſt und Unſicherheit, in der ſie ſich befand. Da trat neben Royazet Georgine in den Gang, zwiſchen die Schaar der dort eingedrängten Zu⸗ ſchauer, und wie das Kind vorbeipaſſirte, rief ſie ihm einige Worte der Ermunterung zu. Die Auf⸗ merkſamkeit der Kleinen wurde aber dadurch von ihrem Pferde abgelenkt, und gerade als ſie Georg wieder gegenüberkam, verlor ſie das Gleichgewicht und mußte, um nicht zu ſtürzen, vom Pferde ſpringen. Im Publicum herrſchte eine Todtenſtille, nur auf dem dritten Range lachte eine Anzahl trunke⸗ ner Matroſen, und einer ſchrie in ſeinem Platt⸗ deutſch: Nehmt doch die Deeren weg, die kann ja 8— 88 nicht hopſen! Einer von den Hanswurſten ſoll hereinkommen! Ein Theil lachte; Joſephine aber hatte im Nu wieder das Pferd am Zügel; der Bereiter ſprang hinzu, ihr zu helfen, das geduldige Thier ſtand, und von Neuem umflog ſie den Circus. Da wurden Reifen und Guirlanden hereinge⸗ bracht, über und durch die ſie ſpringen ſollte. Georgine ſtand noch immer im Eingange, mit kei⸗ ner Ahnung, wie nah ihr Gatte ſei— Joſephine machte, als ſie an ihr vorüberflog, eine bittende Bewegung und zeigte auf die Reifen, daß dieſe entfernt werden ſollten. Wie ſie wieder vorüber⸗ kam, ſchüttelte Georgine mit dem Kopfe und lächelte dazu.. Einige der Clowns ſprangen jetzt mit anderen dazu angeſtellten Dienern auf den Rand der vordern Galerie, die Reifen auszuhalten und dem Kinde das Springen durch Auf⸗ und Niederheben ſo viel als möglich zu erleichtern. Joſephine aber gab, obgleich das Pferd ſchon drei⸗ oder viermal die Runde darunter durchgemacht hatte, noch immer nicht das Zeichen, daß ſie bereit zum Vol⸗ tigiren ſei. Da endlich wurde das Publicum un⸗ geduldig; es wünſchte dieſen„Schulübungen“, 89 wie Einige meinten, ein Ende gemacht zu ſehen, und Georgine, dadurch gereizt, gab den Leuten einen Wink, die Reifen auszuhalten. „Springl rief ſie dabei der Tochter zu,„Du haſt es ja tauſendmal gethan!“ Der Clown, der den erſten Reif hielt, zog ihn nochmals zurück, denn er ſah, daß Joſephine nicht fertig wurde— den zweiten mußte ſie aber be⸗ achten und kam glücklich hindurch, eben ſo durch den dritten. Das Publicum applaudirte, froh, dem jungen Mädchen einigen Muth machen zu können. — Wieder wurden einige Reifen aus ihrem Be⸗ reich gehoben, denn das Kind hatte auf’s Neue einen Fehltritt auf dem Sattel gemacht; aber ſie gewann das Gleichgewicht wieder, ſtand feſt, bog ſich zum Sprunge wieder und flog hindurch. War es nun Ungeſchicklichkeit des Haltenden oder ihre eigene Schuld, es ließ ſich das nicht in der Schnelle, mit der das Ganze vorwärts ging, beſtimmen. Joſephine blieb aber mit dem Fuße an dem Reifen hangen— der Clown ließ ihn los, ſie nicht vom Pferde zu reißen; doch ehe ſie wie⸗ der feſten Fuß faſſen konnte, ſchnellte der elaſtiſche Reifen zwiſchen ſie und den Sattel, und ſeitwärts abgedrückt, ſtürzte ſie nach außen auf den Rand der Baluſtrade. 90 Wohl ſtreckten ſich eine Menge Arme nach ihr aus, ihren Fall zu brechen. Joſephine ſelber war aber auch gewandt genug, die größte Gefahr ſchon ſelber zu vermeiden. Den fremden Armen dabei ſcheu entgleitend, ſprang ſie in die Arena zurück, neigte ſich beſchämt gegen die lautlos zu ihr nie⸗ derſchauenden Menſchen und verſchwand dann, an ihrer Mutter vorüber, in den Gang. Unmöglich wäre es, die Gefühle zu ſchildern, die bei dieſer Scene Georg's Herz zerſchnitten, und einmal drängte es ihn ſchon, durch die Zu⸗ ſchauer hin mitten in den Circus zu ſpringen, ſein Kind aufzugreifen und mit ihm zu entfliehen. Er mochte auch eine Bewegung dahin gemacht haben, denn Barthold hielt ihn plötzlich erſchreckt am Arme feſt. Er ſelber fühlte aber auch das Wahnſinnige eines ſolchen Unternehmens, hier in dem fremden Lande aus der Mitte der in Roya⸗ zet's Dienſten ſtehenden Leute, in Gegenwart Georginens, die ihn augenblicklich erkannt hätte, etwas Derartiges zu verſuchen. Es hätte ſeine letzte Hoffnung vernichten müſſen. Aber er ver⸗ mochte auch nicht länger dieſen Anblick zu ertra⸗ gen, und Barthold's Arm faſſend, zog er ihn mit ſicch fort, hinaus in's Freie. Der alte Forſtwart folgte willenlos, obgleich . —— 91 das Alles ſo viel Reiz und Zauber für ihn hatte, daß er wohl noch gern eine Weile länger dage⸗ blieben wäre. So verdutzt war er aber auch zu⸗ gleich über das prachtvolle Erſcheinen ſeiner frü⸗ hern Herrin und ihrer Tochter— der gnädigen Frau Baronin mit der kleinen Joſephine— und ſo wenig konnte er ſich in ſeinem ſchlichten Ver⸗ ſtande das Ganze zuſammenreimen, daß ihm ſel⸗ ber vom vielen Denken wirr im Kopfe wurde. Er legte das freilich der furchtbar lärmenden Muſik zur Laſt, von der ſie gar nicht weit geſtan⸗ den hatten, und ſeine Ohren gellten ihm noch davon, als ſie ſchon eine Strecke die dunkle Straße entlang geſchritten waren. Unterwegs wurde kein Wort zwiſchen ihnen gewechſelt. Stumm und ſchweigend ſchritten die beiden Männer nebeneinander her, drängten ſich durch das Gewühl am hamburger Berge, kreuzten die ſtillere Promenade, die Hamburg und Altona von einander ſcheidet, und wanderten dann noch eine Strecke durch enge Straßen mit„baumhohen“ Häuſern, wie der Forſtwart bei ſich dachte. Barthold, ſo gut er im Walde draußen zu Hauſe war, ſo völlig aus ſeiner Sphäre fühlte er ſich hier, und wenn er ſich dort etwas auf ſeine Orts⸗ kenntniſſe zu Gute that, mußte er ſich hier ge⸗ 92 ſtehen, daß er wie ein Kind von der Führung ſeines Begleiters abhängig ſei. Eine Straße glich ihm vollſtändig der andern, und bogen ſie jetzt rechts und dann links ab, ſo hätte er Zehn gegen Eins wetten wollen, daß ſie genau denſelben Weg zurückmachten, den ſie gekommen wären. Sehnſüchtig bemerkte er indeſſen auf ihrem Wege eine Menge hellerleuchteter Fleiſchläden und Bäckerſtände, und drehte ein Paar Male verlangend den Kopf danach um. Es war auch kein Wunder; Georg in ſeiner Aufregung hatte den Tag noch keinen Biſſen über ſeine Lippen gebracht, und dabei ganz vergeſſen, daß der Alte keineswegs geiſtig ſo bewegt ſei, ſeinen Hunger ebenfalls darüber zu vergeſſen. So vertieft. Georg aber auch in ſeinen eigenen ſchmerzlichen Gedanken ſein mochte, ſo entging ihm doch nicht das zeitweilige Zögern des Alten an ſolchen Stellen, und er ſagte endlich, als ſie wie⸗ der einmal einen ähnlichen Ort paſſirt waren, ohne anzuhalten:„Ihr ſeid wohl hungrig, Bart⸗ hold?“ „Hm— da einmal gerade die Rede davon iſt,“ meinte der Alte,„ſo hätte ich allerdings nichts dagegen, wenn ich mir ein Stück Brod und Fleiſch kaufen könnte. In der Eile aber, in der wir daheim fortgingen, habe ich ganz vergeſſen, auch nur einen einzelnen Schilling einzuſtecken.“ „Armer Barthold!“ ſagte Georg gerührt,„habe ich Euch doch ganz vergeſſen! Aber wartet nur noch wenige Minuten; wir haben gleich unſer Nachtquartier erreicht, und dort wollen wir alle Beide ordentlich eſſen. Wir haben es alle Beide nöthig, denn wir brauchen Kräfte für den mor⸗ genden Tag.“ 4 „O, ich kann's ſchon eine Weile aushalten, wenn's ſein muß— nur— da. wir hier ſo be⸗ quem vorübergingen, dachte ich.. „Wir haben es dort noch bequemer. Seht Ihr den von vielen Laternen beleuchteten Plätz, auf den wir zugehen? Dort ſind wir jetzt zu Hauſe. Hättet Ihr ſelber dahin den Weg gefunden.“ „Im Leben nicht— ich weiß auch nicht— hier zwiſchen den hohen Häuſern wird es mir ſo ſchwül und eng. Ich komme mir vor wie ein Vogel im Bauer, und wenn ich hier bleiben müßte— ich glaube, ich ſtürbe in der erſten Woche vor Sehnſucht nach einem Baume.“ „Aber wir haben Bäume heute genug geſehen.“ „Ja, leider Gottes,“ ſeufzte der alte Mann, „und die armen Dinger haben mich auch genug gedauert. In Reihen aufgepflanzt, ſtehen ſie wie 8 5 4 4. die Soldaten, dürfen keinen Zweig über die Linie hinausſtrecken, wenn ihnen nicht das widerſpänſtige Glied weggeſchnitten werden ſoll, und ſtatt der freien Himmelsluft, die gern von oben zu ihnen möchte, aber nicht kann, bekommen ſie Steinkohlen⸗ qualm und allen möglichen andern Dunſt und Stank zu athmen. Und nun erſt ſo ein armer Baum mit einer flammenden Gaslaterne neben ſich, wie muß dem zu Muthe ſein! wie elend, wie gedrückt muß er ſich fühlen! Die Bäume ver⸗ langen in der Nacht ſo gut ihre Ruhe, wie der Menſch und das Thier, und kann ſo ein Baum ſchlafen, wenn ihm die neugierigen Flammen fort⸗ während zwiſchen die Aeſte hineinleuchten und Wagengeraſſel und Menſchenſtimmen ununter⸗ brochen das Rauſchen ſeiner Wipfel übertäuben? — Es iſt nichts mit den Bäumen in einer Stadt, und wie ein Reh kein Reh mehr bleibt, wenn man's in einen Kaſten mit Gitterſtäben ſteckt und nothdürftig füttert, das arme Ding am Leben zu erhalten, ſo ſind meiner Meinung nach das hier, was wir heute geſehen haben, auch keine Bäume mehr, ſondern nur grüne Verzierungen, die ſich das Menſchenvolk da aufgeſtellt. Ich kann mir auch nicht denken, daß ein ſolcher Baum im Stande iſt zu wachſen— es iſt gegen die Natur, und ſein Laub wird im Sommer auch dürftig und ſtaubbedeckt genug ſein. Was iſt da ſolch eine. ganze Allee gegen einen einzigen Baum im freien ſchönen Walde?— gegen meine alte Eiche?“ Der Alte hätte noch ruhig eine Weile ſo fort⸗ geſchwatzt, obgleich Georg, mit ſeinen Gedanken ſchon wieder weit zurück, nicht einmal die Worte hörte, die er ſprach; aber ſie erreichten jetzt den freien Platz, auf dem ihr Höôtel lag, und Georg bog links danach ein und betrat gleich darauf mit dem Forſtwart die unten gelegene Reſtauration. Fühlte er doch ſelber das Bedürfniß, den abge⸗ ſpannten Körper auszuruhen und zu ſtärken, und Barthold war ordentlich heißhungrig nach irgend etwas Genießbarem geworden. Der große Saal war noch ſchwach beſetzt, füllte ſich aber bald mit nach und nach eintreffenden Gäſten, und Georg nahm an einem kleinen Tiſche Platz, beſtellte bei einem raſch herbeiſpringenden Kellner ein compactes Abendbrod für ſie Beide und hing indeſſen ſeinen eigenen trüben Ge⸗ danken nach. Barthold wußte ſich beſſer zu beſchäftigen und nahm einſtweilen das vor ihn hingelegte Rund⸗ ſtück oder Brod in Angriff, dem knurrenden Magen nur wenigſtens etwas zu bieten. Dann betrachtete 96 er ſtaunend das geräumige, prachtvoll eingerichtete und hell erleuchtete Local, das ſeinem Begriff von einer„Stube“ auch nicht im Entfernteſten entſprach. Das ganze Forſthaus daheim war nicht einmal ſo groß und geräumig, und auf dem Gute ſelber nicht die Hälfte der Pracht an Hausgeräth, Ta⸗ peten und Beleuchtung. Was für ein ſchmähliches Geld mußte das Alles koſten, und wie reich, wie ſteinreich der Mann ſein, dem das gehörte! Dann intereſſirten ihn auch die fremden Holzarten, die er hier ſah, und er würde dieſe näher unterſucht haben, wäre nicht in dem Augenblicke das Eſſen gekommen. O, wie ſüß das duftete! und der alte Forſtwart hatte im Nu alles Andere darüber ver⸗ geſſen. Der Saal füllte, ſich indeſſen mehr und mehr, und dem Forſtwart wollte nur das nicht dabei ge⸗ fallen, daß Keiner den Andern grüßte und Leute ſich manchmal dicht neben andere hinſetzten, ohne auch nur ſo viel wie„guten Abend“ zu ſagen. Georg hatte eine Flaſche Wein bringen laſſen und ſchenkte dem Alten ein— und wie vortrefflich ſchmeckte das!— er trank ein Glas nach dem andern. Mehr und mehr Menſchen kamen und beſetzten die ihnen nächſten Tiſche. Barthold unterließ dann nie zu grüßen, erhielt aber kaum ein Kopfnicken als Antwort— nicht einmal die Hüte ſetzten die groben Menſchen ab! Das Eſſen ſchmeckte ihm aber trotzdem, und Georg war lange damit fertig, als er noch immer fleißig Meſſer und Gabel handhabte. Mehr und mehr Gäſte kamen herein; an dem nämlichen Tiſche, an dem Georg und der alte Forſtwart ſaßen, hatten ſchon neben ihnen vier oder fünf andere Gäſte Platz genommen. Georg ſah ſie gar nicht; vor ſeinen Augen ſchwebte nur die unglückliche bleiche Geſtalt des Kindes, das, ſeiner Heimath entriſſen, mit einer ſolchen Mut⸗ ter in das wilde Leben hinausgeſchleudert worden war, und Plan nach Plan baute er auf, wie er ſich ihm nahen, wie er es retten ſolle. Der alte Forſtwart trat ihn auf den Fuß; er litt es, bis es ihn ſchmerzte, dann zog er den Fuß zurück, ohne weiter darauf zu achten. Bart⸗ hold aber fühlte unter dem Tiſche vorſichtig weiter nach dem ihm entzogenen Gliede, und wieder fühlte Georg die ſchwere Sohle des Alten auf ſeinen Zehen. Erſtaunt ſah er zu ihm auf und bemerkte jetzt erſt, daß der Alte, über ſeinen Teller gebeugt und auf der Gabel ein großes Stück Beeſſteak, ihm einen bedeutungsvollen Blick zuwarf und dann Gerſtäcker, Der Kunſtreiter. III. 7 98 ſeitwärts nach einem jungen Manne ſchielte, der, den Hut auf dem Kopfe, eine viereckige Lorgnette in's rechte Auge gekniffen, im Stuhle zurückgebeugt, dicht neben Barthold ſaß und die Weinkarte muſterte.. Georg wußte im erſten Augenblicke nicht, was der Alte wollte; daß dieſer aber irgend eine über⸗ raſchende Entdeckung gemacht haben mußte, ließ ſich nicht verkennen. Dem Blicke folgend, den er noch immer von ihm ſelber auf den Fremden fallen ließ, ſchoß da plötzlich der Verdacht in ihm auf, ob das vielleicht der Fremde ſei, den er den ganzen Tag geſucht und der ihm alſo zufällig hier in den Weg gelaufen. Eine Verſtändigung mit Barthold war aber an dem Tiſche ſelbſt nicht möglich; er ſtand deßhalb auf, gab dem Forſtwart ein leiſes Zeichen, ihm zu folgen, und ging nach der andern Seite des Saales hinüber. Barthold verſtand im Augenblicke, was er wollte— blieb noch eine kurze Zeit ſitzen, und ſtand dann ebenfalls auf. Der Fremde ſah ihn über die Weinkarte an und rückte ſeine Lorgnette ſchärfer in's Auge; der Alte aber drehte ſich langſam von ihm ab und ſtand wenige Secunden ſpäter neben Georg. „Was habt Ihr, Barthold?“ zurück. „Wer?— der Fremde von Schildheim?“ „Derſelbe, den ich an der Eiche getroffen habe, und der dann am nächſten Tage mit in den Schlitten geſtiegen iſt.“ „Seid Ihr deſſen ganz gewiß?— Ihr habt Euch heute ſo oft geirrt.“ „Alles, was ich gegeſſen habe, ſoll mir zu Gift werden, wenn das nicht der Rechte iſt,“ verſicherte Barthold.„In dem irre ich mich aber nicht; das Geſicht iſt nicht zu vergeſſen, und überdies hat er mich auch wieder erkannt.“ „Ihr glaubt wirklich?“ „Wenigſtens iſt ihm mein Geſicht bekannt vor⸗ gekommen, denn er hat mich ein Paar Male durch ſein viereckiges Glas, das er ſich vor's Auge klebte, betrachtet. Sehen Sie, Herr Baron, er dreht auch jetzt den Kopf wieder nach mir um. Das iſt der Burſche, und ein ſchlechtes Gewiſſen hat er oben⸗ drein.“ Der alte Barthold hatte ſich dieſes Mal nicht geirrt; es war in der That Baron von Silber⸗ glanz, der, in der verdrießlichſten Laune von der Welt, dort am Tiſche ſaß und die Weinkarte muſterte. Daß er allerdings dem, welchem er von 3 7*½ „Das iſt er!“ flüſterte der Forſtwart raſch — 100 Allen am letzten zu begegnen wünſchte, ſo unver⸗ hofft in's Garn gelaufen war, ahnte er noch nicht; des alten Forſtwarts Geſicht und Kleidung war ihm aber in der That aufgefallen. Er mußte das Geſicht in letzterer Zeit irgendwo geſehen haben; das weiße Haar beſonders machte ihn ſtutzig— doch wo? Er beſann ſich darauf, konnte aber nicht gleich die richtige Umgebung für ihn finden. Jetzt ſtand der andere Fremde auf, der mit am Tiſche ſaß— auch deſſen Geſicht war ihm bekannt— jetzt folgte ihm der alte Jäger, und die Beiden ſprachen da hinten mit einander— er ſah ſich nach ihnen um und begegnete ihren auf ihm haf⸗ tenden Blicken. Sie ſprachen von ihm, und im Nu, während ihm das Lorgnon aus dem Auge fiel und ſein Blut zum Herzen zurückfloh, kam ihm die Erinnerung an alle Beide— kam ihm das Bewußtſein der Gefahr, in der er ſich befand. Das war der alte Jäger aus dem Walde bei Schildheim— der Andere Monſieur Bertrand— der Baron von Geyfeln— wo um Gotteswillen hatte er ſeine Augen gehabt, daß er ihn nicht gleich erkannte? Und raſch die Weinkarte hin⸗ legend, dachte er jetzt nur daran, ſich ſo raſch als irgend möglich zu entfernen, etwaigen unange⸗ nehmen Erörterungen am Liebſten aus dem Wege 101 zu gehen. Ein flüchtiger Blick dort hinüber über⸗ zeugte ihn auch raſch, daß er ſich keineswegs geirrt. Georg, als er ſah, daß er aufſtand, bewegte ſich durch die, dort glücklicher Weiſe gedrängt ſitzenden Gäſte der Thür zu, jedenfalls in der Abſicht, ihm den Weg abzuſchneiden. Wenn er dieſe vorher erreichen konnte— ſein Paletot hing dicht da⸗ neben— ſo war er ſicher. Baron von Silberglanz dachte in der That in dem Augenblicke gar nicht daran, daß er„Cava⸗ lier“ ſei, was er ſonſt ſelten vergaß. Sein ein⸗ ziger Gedanke war„Flucht“, und während er ſich ſo wenig auffällig als möglich Bahn durch Kellner und Gäſte machte, murmelte er leiſe und ängſtlich vor ſich hin:„O ja— weiter fehlte jetzt gar nichts mehr, der ganzen Geſchichte noch die Krone auf⸗ zuſetzen— weiter gar nichts! Daß mich auch der Teufel plagen muß, gerade noch heute, den letzten Abend, dieſem verzweifelten Menſchen in den Weg...“ Er ſtreckte den Arm nach dem neben ihm hangen⸗ den Paletot aus; mit der Linken hatte er ſchon die Thürklinke gefaßt, als er eine Hand auf ſeinem Arm fühlte und eine ruhige tiefe Stimme an ſeiner Seite ſagte: „Auf ein Wort, mein Herr.“ 102 „Ja— bitte recht ſehr— guten Abend,“ er⸗ widerte Herr von Silberglanz raſch und verlegen. „Bitte, Barthold, holt mir doch einmal meinen Hut dort— vom Tiſche da drüben. Ich ſtehe gleich zu Ihren Dienſten.“ „Ich muß um Verzeihung bitten— ich bin in großer Eile.“ „Sie haben Zeit,“ erwiderte Georg ruhig, „überhaupt iſt es beſſer, daß das, was wir mit einander abzumachen haben, mit ſo wenig Auf⸗ ſehen als möglich geſchieht.“ „Ich begreife nicht, mein Herr— Sie irren ſich wahrſcheinlich in der Perſon. Ich bin Baron von Seltendorf.“ „Ich kenne Ihren Namen gar nicht,“ erwiderte vollkommen kaltblütig Georg.„Der Name thut auch hier nichts zur Sache, wo wir uns bloß an die Perſon zu halten haben.— Ich danke, Bart⸗ hold. Wartet hier, bis ich wieder zurückkomme.“ „Aber was wünſchen Sie?“ „Da Sie ſo in Eile ſind, werde ich Sie ein Stück begleiten. Was wir mit einander zu ſprechen haben, bedarf überdies keiner Zeugen. Herr Baron, ich ſtehe zu Dienſten.“ „Schön— ſehr ſchön,“ ſagte von Silberglanz verlegen, indem er ſeinen Paletot anzog und ſich 103 in dieſem Augenblicke nach Paris oder London oder in irgend eine andere, ſehr entfernte Gegend. wünſchte.„Wenn es Ihnen denn gefällig iſt...“ Georg machte eine auffordernde Bewegung für ihn, voranzugehen; von Silberglanz, ſich jetzt mit einem tiefen Seufzer der Nothwendigkeit fügend, gehorchte, und wenige Minuten ſpäter ſchritten die beiden Männer draußen am Baſſin des Jungfern⸗ ſtieges, von Niemandem weiter geſtört, dahin. „Herr Baron,“ brach Georg endlich das, für Jenen ſchon drückend werdende Schweigen,„es iſt zwiſchen uns Beiden nicht weiter nöthig, große Umſchweife zu machen, und das Beſte wird ſein, einfach und raſch zur Sache zu kommen. Ich weiß nicht, ob Sie mich kennen, obgleich ich es faſt vermuthe.“ „Ich habe in der That nicht die Ehre...“ „Nun gut denn— ich bin derſelbe Mann, den Sie früher unter dem Namen Georg Bertrand kennen lernten, und Madame Georgine, die Sie aus Schildheim mit ihrem Kinde entführten, iſt meine Frau.“ „Mein Herr— ich gebe Ihnen mein Wort...“ „Halt!— Sie ſind Cavalier,“ unterbrach ihn Georg raſch,„bedenken Sie, was Sie ſprechen, 104 und verpfänden Sie Ihr Wort nicht an eine— Lüge.“ 3„Herr Baron...“ „Davon mehr nachher,“ erwiderte Georg kalt. „Jetzt verlange ich Antwort— aufrichtige, un⸗ umwundene Antwort: Wo haben Sie mein Weib gelaſſen?— Wo befindet ſie ſich jetzt und— was war Ihre weitere Abſicht mit ihr?— Glauben Sie dabei nicht, mich durch leere Ausflüchte durch irgend ein Märchen zu täuſchen. Ich will die Wahrheit von Ihnen, und wenn ich— doch genug,“ brach er, ſich gewaltſam faſſend, in ſeiner Drohung kurz ab,„wir ſtehen hier nicht allein auf deutſchem Boden, ſondern Sie ſind auch ge⸗ zwungen, mir Genugthuung zu geben, und daß ich mir dieſe verſchaffen werde, darauf gebe ich Ihnen mein Wort. Alſo beantworten Sie mir einfach und ehrlich meine Frage. Sie können Ihre Sache dadurch nicht verſchlimmern, ſondern nur verbeſſern. Wo iſt Georgine und ihr Kind jetzt— in weſſen Schutze?“ „Herr Baron,“ ſagte von Silberglanz, in dem Gedanken an ein Duell mit wirklich geladenen Piſtolen innerlich erbebend, indem er zugleich ein⸗ ſah, daß alles weitere Läugnen fruchtlos ſei,„ich — ſehe vollkommen ein, daß Ihr Zorn gerecht⸗ 1⁰⁵5 fertigt iſt— ich geſtehe, daß ich gefehlt habe, und werde...“ 3 „Davon ſpäter— bitte, kommen Sie zur Sache,“ unterbrach ihn Georg kurz.„Wo wohnt Georgine— wo— wohnen Sie?“ „Laſſen Sie mich ausreden,“ bat von Silber⸗ glanz, der ſich überdies zwingen mußte, ſeine Gedanken zuſammenzuhalten.„Sie haben das Recht, eine Erklärung zu fordern, und ſo weit, als ich ſie Ihnen leiſten kann, ſoll ſie Ihnen werden. Für alles Uebrige muß ich Sie aber in der That bitten, ſich an— Ihre Frau Gemahlin und— Herrn Royazet zu halten.“ 4 „Royazet?“ ſagte Georg ſchnell,„ſo haben Sie für ihn...“ „ Bitte, mißverſtehen Sie mich nicht,“ erwiderte von Silberglanz, ſchon bedeutend beruhigt, als ihm Georg weit kaltblütiger zu ſein ſchien, wie er ihn gefürchtet haben mochte.„Wollen Sie mich die ganze Sache einfach erzählen laſſen, wie ſie iſt? Vielleicht finden Sie auch dann, daß ich weit weniger ſchuldig bin, als Sie jetzt zu glauben ſcheinen.“ „Reden Sie,“ ſagte Georg ruhig,„aber hoffen Sie nicht, mich zu täuſchen.“ „Ich denke nicht daran,“ erwiderte von Silber⸗ 106 glanz;„um Ihnen aber einen klareren Ueberblick über Alles zu geben, muß ich etwas weiter aus⸗ holen. Wollen Sie mich geduldig anhören?“ „Ja.“ „Ich wohne in***. Ein Freund von mir hatte eine Reiſe in dieſes Land gemacht, kam zurück und erzählte mir, daß er Sie und— Ihre Frau Gemahlin dort in ſtiller Einſamkeit gefunden.“ „Herr von Zühbig,“ ſagte Georg, während ein verächtliches Lächeln um ſeine feſtgeſchloſſenen Lippen zuckte. „Erlauben Sie mir, daß ich nur dann Namen nenne, wenn es dringend nöthig iſt. Er ſagte mir— jener Freund nämlich—, daß ſich Madame Ber— daß ſich Frau Baronin von Geyfeln entſetzlich unglücklich fühle, und gab mir dabei deutlich zu verſtehen, daß— daß ich— daß ſie geäußert habe— ich— ich ſei ein alter Freund von ihr — oder ſie hege Zutrauen zu mir,“ ſetzte er raſcher hinzu, als er bemerkte, daß ihn Georg erſtaunt anſah. „Woher kennen Sie meine Frau?“ fragte er ruhig. 4 „Ich— ich hatte das Vergnügen, ſie in**s einige Male zu ſehen.“ „Und Georgine hätte Ihrem Freunde zu ver⸗ ſtehen gegeben, daß Sie ihr helfen ſollten, aus ihrer unglücklichen Lage zu kommen?“ „Das war der Sinn.“ „Sonderbar! meine Frau hat mit Herrn von Zühbig keine drei Worte geſprochen, die ich nicht gehört hätte. Sie war nur beim Abendbrod ge⸗ genwärtig, und ich habe in der Zeit das Zimmer nicht verlaſſen. Ueberhaupt drehte ſich das Ge⸗ ſpräch, ſo viel ich mich erinnere, nur um ganz gleichgültige Dinge.“ „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort als Cavalier, daß ich nur unter dieſer Vorausſetzung gewagt habe, der Dame meine Dienſte anzubieten.“ „Gut— fahren Sie fort; die Sache iſt über⸗ haupt unweſentlich, und wir verlieren Zeit.“ „Ich konnte nicht denken,“ fuhr Herr von Silberglanz fort,„daß mir Herr von— daß mir mein Freund eine Unwahrheit geſagt habe, denn als ich nach Schildheim kam und Sie zufällig verreiſt fand...“ „War das in der That zufällig?“ „Ich kann den höchſten Eid darauf ablegen— Sie zufällig verreiſt fand, beſtätigte mir die Frau Baronin durch ihr ganzes Benehmen nicht allein, nein, auch deutlich mit Worten, daß ich mich nicht geirrt, und— bat mich, ſie zu begleiten.“ 2 — 39 108 „In der That?“ flüſterte Georg leiſe zwiſchen den feſt zuſammengehaltenen Zähnen durch. „Es änderte allerdings meinen ganzen Plan. Ich war auf einer Reiſe nach Paris begriffen.“ „Von am über Schildheim?“ „Geſchäfte hatten mich genöthigt, den Umweg zu machen,“ log von Silberglanz,„aber den Bitten einer Dame konnte ich keine Weigerung entgegen⸗ ſtellen.“ „Und Sie entführten ſie?“ „Will ich aufrichtig ſein, Herr Baron,“ ver⸗ ſicherte der kleine Mann verlegen,„ſo— wurde lichh von ihr entführt, denn die— gnädige Frau ordnete Alles ſelber an, beſtimmte Zeit und Ort, ſorgte für Geſchirr und Alles, und ich— hatte eigentlich weiter nichts zu thun als mitzufahren — ja, wenn ich Alles zuſammenrechne, ſo habe ich bis zu dieſem Augenblicke auch in Wirklichkeit nichts weiter gethan, als daß ich eben mitgefahren bin, wobei mir die gnädige Frau als einzige Ver⸗ günſtigung geſtattete— die Paſſage zu zahlen.“ „Und das Kind?“ „Baron, ich gebe Ihnen mein Chrenwort,“ rief Herr von Silberglanz raſch,„ich hatte keine Ahnung davon, daß uns das gnädige Fräulein begleiten ſollte. Ja, ich war im höchſten Grade überraſcht und be— und erſtaunt darüber. Im Schlitten ſaß ich dabei hinten auf der Pritſche bei neun Grad Kälte, auf der Eiſenbahn ſetzte ſich Frau von Geyfeln mit ihrer Tochter in ein Da⸗ men⸗Coupé, wohin ich ihr nicht folgen durfte, und endlich in Altona angekommen...“ „Nun? fahren Sie fort.“ „In Altona angekommen,“ ſagte Herr von Silberglanz, und es war augenſcheinlich, daß er über dieſen Theil ſeiner Erzählung nicht gern mit der Sprache herausrückte, denn wenn es ihn auch in den Augen des Gatten entſchuldigen mußte, ſo ſchien er ſich doch„als Cavalier“ der Rolle 4 etwas zu ſchämen, die er dabei geſpielt— aber er durfte nicht ſchweigen, und fuhr deßhalb etwas verlegen fort:„in Altona angekommen, entließ mich Frau von Geyfeln mit freundlichem Dank und— quartierte ſich ohne Weiteres bei Mon⸗ ſieur Royazet ein, den ſie jedenfalls ſchon von früher her kennen mußte.“ „Sie täuſchen mich nicht?“ „Ich habe nicht den geringſten Grund dafür, irgend welche Rückſicht auf die Dame zu nehmen, da ſie nicht die geringſte auf mich genommen hat. Nach Allem, was ich geſehen und erlebt, war ich ihr nur ein Werkzeug, das ſie benutzte, ſo lange 110 ſie es brauchte, und es dann— bei Seite warf. Sie werden es daher erklärlich finden, mein beſter Herr Baron, wenn ich es nicht für gerechtfertigt halten würde, daß Sie nach Allem, was Sie jetzt gehört, und was, wie Sie mir feſt glauben mögen, die reine lautere Wahrheit iſt, noch von mir Sa⸗ tisfaction verlangen ſollten. Ich würde dabei wahrhaftig auf das Unſchuldigſte von doppel⸗ ten Ruthen gepeitſcht. Es iſt mir außerdem ſchon ſehr unangenehm, Ihnen das Alles erzählen zu müſſen, und ich thue es allein in der Ueberzeugung, Ihnen es einmal ſchuldig zu ſein— und dann auch auf Ihre Discretion rechnen zu können.“ Baron von Silberglanz würde ſich noch weit mehr, als es ſchon der Fall war, gedemüthigt ge⸗ fühlt haben, hätte er den Ausdruck von Verach⸗ tung ſehen können, den Georg's Züge annahmen. Schweigend ſchritt dieſer eine Zeit lang neben ihm her, endlich ſagte er, ohne auf die letzte Anrede ein Wort zu erwidern: „Folgte das Kind der Mutter willig?“ „Im Anfange, ja,“ antwortete von Silberglanz raſch, denn er fand eine große Beruhigung darin, daß ſein Begleiter auf etwas Anderes überſprang; in der Frage lag überhaupt für ihn nicht das geringſte Compromittirende,—„das junge Fräulein 111 ſchien zu glauben, daß die Reiſe nur eine gewöhn⸗ liche kurze Spazierfahrt ſei.“ „Und nachher, als ſie erfuhr, um was es ſich handle?“ „Ich konnte nicht deutlich verſtehen, was ihr die gnädige Frau ſagte. Es war kurze Zeit vor⸗ her, ehe wir die Eiſenbahn⸗Station erreichten, und Sie werden ſich erinnern, daß ich auf der Pritſche ſaß. Aber die Kleine weinte dann und bat die Mama, ſie nicht mitzunehmen. 44 „Das that ſie?“ „Ja, wahrhaftig. Ich erbot mich auch, als ich das bemerkte, die junge Dame ſicher wieder nach Hauſe zurückbegleiten zu laſſen, die gnädige Frau antwortete mir aber gar nicht auf den Vor⸗ 3 ſchlag.“ „Und ſind Sie ſpäter nicht mehr mit ihr zu⸗ ſammengetroffen?— Haben Sie verſtanden, was ich Sie fragte?“ 1 „Ich?— ja— vollkommen, ſehr werther Herr. Ich— muß geſtehen, ich ſuchte noch einige— wenigſtens einmal, wollte ich ſuchen, ihr zu nahen, was aber in ihrer Wohnung nicht möglich war. Die Leute dieſes Monſieur Royazet ſind ein außer⸗ ordentlich rohes und ungebildetes Volk. Ich wußte mir dann heute Morgen Zutritt zu einer der Pro⸗ 112 ben zu verſchaffen; aber auch ohne den geringſten glücklichen Erfolg. Frau von Geyfeln behandelte mich wie einen vollſtändig fremden Menſchen.“ „Und Joſephine?“ „Ihre Fräulein Tochter— ja— ſie war auch in der Probe. Das arme Kind wollte erſt nicht reiten— ſie fürchtete ſich jedenfalls und weinte, aber die gnädige Frau waren ſehr böſe, und es ging nachher recht gut, ja, ich kann wohl ſagen, vortrefflich.“ „Und Ihre Abſicht jetzt?“ „Meine Abſicht?— Hamburg morgen früh mit dem Schnellzug wieder zu verlaſſen, um nach Paris zu gehen. Ich habe dort ſo dringende Geſchäfte, daß ein verſäumter Zug den Verluſt eines Vermögens nach ſich ziehen könnte,“ rief von Silberglanz ſehr raſch. 4 „Ich will Sie nicht aufhalten,“ ſagte Georg kalt.„Nach Allem, was ich von Ihnen gehört habe— und ich glaube, daß Sie die Wahrheit ſprechen, denn Ihr Hierſein beſtätigt es ſchon, ſind Sie genug mit der traurigen Rolle beſtraft, die Sie geſpielt haben. Aber, bitte, geben Sie mir Ihre Karte.“ „Meine Karte,“ ſagte von Silberglanz, der 8 bei dem Anfang der Rede neue Hoffnung ge⸗ ſchöpft hatte, erſchreckt,„ich— ich bedaure ſehr. ich habe gar keine bei mir.“ „Ich bitte Sie um Ihre Karte,“ wiederholte Georg kalt und ruhig.„Sie werden mich nicht glauben machen wollen, daß eine Perſönlichkeit wie Sie auch nur einen Schritt aus dem. Hauſe ohne Karte gehe. Ich werde Sie dieſer Sache wegen, wenn ſich in der That Alles ſo verhält, wie Sie ſagen— nicht weiter beläſtigen. Ver⸗ hält es ſich aber nicht ſo, dann müßte ich doch ſuchen näher mit Ihnen bekannt zu werden. Ich bitte um Ihre Karte, oder ich begleite Sie bis in Ihre Wohnung.“ „Ich weiß wahrhaftig nicht, ob ich mein Etui eingeſteckt habe,“ ſagte von Silberglanz in äußer⸗ ſter Verlegenheit.„Sie können ſich feſt darauf verlaſſen, daß ich Ihnen kein falſches Wort ge⸗ ſagt habe.“ „Bitte, ſehen Sie nach...“ Der Baron fand, daß er den Mann nicht los⸗ wurde, ohne ihm zu willfahren. Flucht war un⸗ möglich— der gewandte Kunſtreiter hätte ihn in wenigen Sätzen eingeholt. Er blieb ſtehen und ſuchte erſt eine Zeit lang in allen den Taſchen, in denen er genau wußte, daß das Etui nicht ſtak. „Wenn ich Ihnen nun vielleicht meinen Na⸗ Gerſtäcker, Der Kunſtreiter. III. 8 114 men aufſchriebe,“ bemerkte er dabei, als letzte Hoffnung auf Ausflucht. „Ich muß und will Ihre Karte haben,“l lau⸗ tete die unerbittliche Antwort, und von Silber⸗ glanz brachte endlich das verlangte Etui zum Vorſchein. „Ah, wahrhaftig— da iſt es doch— ich werde Ihnen gleich...“ „Bitte, erlauben Sie es mir,“ ſagte Georg ruhig, nahm ihm das Etui aus der Hand, und wählte ſich ſelber eine Karte aus, von der er überzeugt war, daß es keine fremde, erhaltene ſei. Sie ſtanden gerade unter einer der zahlrei⸗ chen, hell brennenden Gasflammen, und er las den Namen laut: „Baron Hugo von Silberglanz“, „ſagten Sie mir nicht vorhin, daß Sie Selten⸗ dorf hießen?“ „Ich?“ erwiderte verlegen von Silberglanz, —„wohl kaum— die Namen klingen ſo ähnlich — Sie haben ſich vielleicht verhört.“ „Möglich— noch Eins. Kann man leicht in Royazet's Wohnung gelangen?“ „Es iſt ganz unmöglich,“ verſicherte der Baron ſchnell.„Sie müßten denn vorher durch einen ganzen Saal ſeiner Bereiter und— und Tänzer - 115 14 hindurch. Ihre Frau Gemahlin iſt mit Fräulein Tochter in dem hinterſten Theile der Wohnung einquartiert, und zwar drei Etagen hoch.“ „Es iſt gut.— Herr Baron, wie Sie mirjetzt gegenüberſtehen, fühlen Sie jedenfalls ſelbſt am Beſten; es bedarf keiner weiteren Worte. Ich hatte Anfangs im Sinne, Sie nicht ſo leicht zu entlaſſen, aber ich ſehe, daß ich von Ihnen keine weitere Satisfaction verlangen kann. Gehen Sie; das aber ſchwöre ich Ihnen zu, begegne ich Ihnen noch morgen, nach Abgang des erſten Aäge hier in Hamburg oder Altona, ſo befehlen zie Ihre Seele Gott.“ „Wenn ich den Zug verſäumte, würde ich einen Extrazug nehmen, von hier fortzukommen,“ rief. von Silberglanz raſch.„Ich bedaure unendlich, Ihnen in dieſer böſen Sache...“ Georg drehte ſich kalt von ihm ab und ſchritt die Straße wieder zurück, dem Hôtel zu, den Ba⸗ ron ſich ſelbſt und ſeinen eigenen, nichts weniger als angenehmen Gefühlen überlaſſend. 28. Am nächſten Morgen erhob ſich Georg früh von ſeinem Lager, auf dem ihn der Schlaf die ganze lange Nacht geflohen hatte. Unzählige Pläne entwarf er dabei, aber nur um immer wieder zu fühlen, daß ſie unausführbar wären, und keine Ruhe im Zimmer findend, kleidete er ſich an, nach Altona zurückzugehen. Dort wollte er einen däniſchen Advocaten als letzte Zuflucht aufſu⸗ chen, ihm den ganzen Fall erzählen und ſehen, was er von ihm für Hülfe erhoffen durfte. Konnte der ihm nicht helfen, dann beſchloß er, Gewalt zu brauchen. Wie das geſchehen könne, wußte er freilich nicht, aber er vertraute auf ſich und ſeine Kraft; für das Uebrige ließ er den Himmel ſorgen. Den alten Forſtwart konnte er jetzt natürlich nicht mehr gebrauchen. Er ließ ihn im Höôtel zurück, ſchrieb ihm deſſen Adreſſe genau auf und rieth ihm dann, an den Hafen hinunterzugehen 4 9 und ſich die Stadt anzuſehen, bat ihn aber, um Mittag jedenfalls wieder zurückzuſein, da er nicht wüßte, was bis dahin vorfallen möchte. Dann ging er, aus alter Gewohnheit, zu dem Stalle, in dem er ſein Pferd ſtehen hatte, nach dieſem zu ſehen, ob es ordentliche Pflege habe, und darüber beruhigt, ſchritt er langſam und recht ſchweren Herzens nach Altona hinüber. Es war noch früh, und obgleich er in Ham⸗ burg ſelber ſchon den beſten und geſchickteſten Advocaten Altona's erfragt, konnte er dieſen doch noch nicht ſehen. Der Herr hatte ſeine Sprech⸗ ſtunde von zehn bis zwölf Uhr— vorher nahm er Niemanden an. Der Advocat wohnte ganz in der Nähe des Circus, und obgleich Georg nicht zu fürchten brauchte, zu ſo früher Stunde irgendwelchen von den Leu⸗ ten zu begegnen, vermied er doch die allernächſten, Reſtaurationen und ging in eine andere Straße, um in einem dortigen Café ſein Frühſtück zu nehmen und Zeitungen zu leſen, bis die anberaumte Stunde ſchlug. Zeitungen zu leſen— lieber Gott! er über⸗ flog die Blätter; die Buchſtaben tanzten ihm vor den Augen, die Zeilen ſchwammen durch einander, und er vergaß den Platz ſelbſt, wo er ſaß. Nur 118 eine Ankündigung feſſelte wieder und wieder ſeinen Blick— die von Royazet, in der er dem Publicum verkündete, daß er nur noch drei Tage in Altona verweilen und unabänderlich am nächſten Montag die Stadt verlaſſen würde, um mit ſei⸗ ner Geſellſchaft nach Petersburg zu gehen.— Nach Petersburg— das Wort ſchon gab ihm einen Stich durch's Herz, und unruhig ſprang er auf und trat an's Fenſter. Aber dort gingen viele Menſchen vorbei, von denen manche hereinſahen; faſt unwillkürlich trat er wieder zurück und ver⸗ brachte die Zeit in einer Unruhe, die an fieber⸗ hafte Qual gränzte. Und, o, wie langſam rückte der Zeiger vor— noch keine Zeit war ihm ſo lang geworden, wie dieſe wenigen Stunden, die er in dem Café ver⸗ brachte! Endlich war es Zehn— noch fehlten Minuten daran, aber auch dieſe mußten ja end⸗ lich vergehen— und würde ihm der Rechtsgelehrte Troſt und Hülfe geben?— Wenn nicht, ſo hilf Dir ſelbſt, flüſterte da der alte Trotz in ihm, und mit dem feſten Entſchluſſe knöpfte er ſeinen Paletot bis oben hin zu, drückte ſeinen Hut in die Stirn und wollte eben, als die große Wanduhr die erſten Schläge der zehnten Stunde that, das Zimmer verlaſſen, als draußen auf der Straße luſtig ſchmet⸗ 119 ternde Muſik erſchallte und die Leute von den Fenſtern zuſammenliefen. Was iſt das?“ fragte er, ſtehen bleibend, den Kellner, dem er eben ſeine Zeche bezahlt hatte und der ihm beim Anziehen ſeines Paletots be⸗ hülflich geweſen war. „O, bloß die Kunſtreiter,“ antwortete der junge Burſche,„ſie halten ihren Umzug, weil heute wie⸗ der große Vorſtellung iſt.“ Georg ſchlug das Herz, als ob es ihm die Bruſt zerſprengen wollte, aber er beſaß Gewalt genug über ſich, das dem Fremden nicht merken zu laſſen. „So?“ ſagte er, während der Kellner die Augen ſchon draußen auf der Straße hatte, nichts von dem Schauſpiel zu verſäumen;„dann werde ich mir das erſt von hier mit anſehen. Ziehen ſie lange herum?“ „Eine oder zwei Stunden manchmal, bis ſie durch die ganze Stadt ſind.“ „Und kommen ſie nachher hier noch einmal vorbei?“ „Nein, zurück kommen ſie durch die andere Straße da drüben, damit ſie ſich ſo viel wie mög⸗ lich überall zeigen. Sehen Sie, das da vorn iſt die neue Dame, die geſtern zum erſten Male geritten iſt— die kann's! Royazet wird ſie heirathen. Sie ſoll ihrem Manne davon gelaufen ſein, nur um hieher zu kommen.“ Georg fühlte, wie alles Blut ſein Angeſicht verlaſſen hatte; die Aufmerkſamkeit des Kellners, wie aller im Zimmer befindlichen Gäſte war aber in dieſem Augenblicke einzig und allein auf die Straße gerichtet, und Georg trat zu einem der Seitenfenſter. Vor dieſem ſtand ein grünes Draht⸗ gitter, ſo daß man wohl hinausſehen konnte, aber von draußen völlig unbemerkt blieb, und vor ihm vorbei, kaum zwanzig Schritt entfernt, bewegte ſich der ganze Zug. Voran ritt die Muſik, wie immer, aufgeputzt in grelle Uniformen mit buntgefärbten Federbüſchen und rieſigen Epauletten; hinter dieſen, die einen luſtigen Reitermarſch ſpielten, kam der Herr des Zuges, der berühmte Royazet, und an ſeiner Seite, ſiegesſtrahlend und Glück und Triumph in den hellen Zügen— ritt ſein Weib.— Aber er ſah ſie kaum— nur einen flüchtigen Blick warf er auf die Treuloſe, von der er ſein Herz ſchon lange losgeriſſen. Sein Blick ſuchte das Kind, ſein armes, geraubtes Kind, und als er ſie nicht mit unter den Erſten des Zuges fand, durchzuckte ihn ein plötzlicher Strahl von Hoffnung. War 121* ſie zu Hauſe geblieben— befand ſie ſich nicht * beim Zuge, dann war es möglich, in dieſer Zeit unbemerkt, wenigſtens ungehindert, zu ihr zu ge⸗ langen, und während der Zug⸗.. Auch dieſer Plan fiel, kaum aufgebaut, zu Trümmern— dort ritt ſie— ſeine liebe, liebe Joſephine, ſein Kind, an dem ſein Herz mit allen Faſern blutend hing— dort, aufgeputzt mit buntem Flittertand, der ihm nie ſo ſchaal, ſo entſetzlich vorgekommen war, wie eben jetzt— die bleichen Wangen geſchminkt, die Augen niedergeſchlagen— eine gebrochene, halbwelke Blume, mit Farbe übermalt. Das andere kleine Mädchen an ihrer Seite lachte und ſprach mit ihr, aber ſie antwortete ihm nicht; ihr Auge hing an der Mähne des Ponny's, den ſie ritt— ihre Gedanken waren weit, weit fort von hier. Mit Georg war plötzlich eine wunderbare Ver⸗ änderung vorgegangen. Sein Auge haftete wohl noch auf dem Zuge, aber er ſah ihn nicht mehr;⸗ ſah nicht die faden Späße, die der, wie früher, dahinterherreitende Clown— der alte Mühler— mit der Stadtjugend trieb, ſah nicht das Volk, das lärmend, ſchreiend vorbeidrängte. Er blieb ſtill und regungslos am Fenſter ſtehen, bis die letzten Reiter vorüber waren und ſich die Zuſchauer 7 122 wieder dahinter ſchloſſen. Dann drehte er ſich langſam um, verließ das Local und ſchritt auf die Straße hinaus, wo er ſtehen blieb und ſich umſah. Eine zweiſpännige Droſchke kam eben den Weg langſam daher gefahren. Er winkte, und der Kutſcher hielt neben ihm. „Nach Hamburg— Hötel de l'Europe.“ „Sehr wohl.“ „Du bekommſt doppeltes Fahrgeld, wenn Du mich ſo raſch dahinbringſt, als Deine Pferde laufen können.“ „Soll ein Wort ſein,“ ſagte der Mann ver⸗ ggnügt. Georg ſtieg ein, und fort raſſelte der Wagen über das Pflaſter. Die Pferde liefen vor⸗ trefflich, und in verhältnißmäßig kurzer Zeit hat⸗ ten ſie den beſtimmten Platz erreicht. Georg, der ſchon vorher dem Kutſcher das Fahrgeld gegeben, ſprang aus dem Wagen und ſtand wenige Secunden ſpäter im Stalle, neben ſeinem Rappen. „Den Sattel— den Zaum!“ war Alles, was er ſagte, als einer der Stallleute dienſtfertig hex⸗ beiſprang, ihm zu helfen. Er nahm das Geſchirr aber nur aus ſeiner Hand und legte es ſelber dem Pferde an.— Er ſelber ſchnallte auch den Gurt und befahl dann, als er Alles in Ordnung wußte, den eAregi das Pferd vor das 8 Haus zu führen. „Wollen der Herr Waron ausreiten?“ ſagte einer der geſchäftig herbeieilenden Kellner. „Ja, bitte, laſſen Sie mir aus meinem Zim⸗ mer die Reitpeitſche und den Plaid herunterholen, die zuſammen auf dem Fauteuil liegen.“ „Sehr wohl; Charles, Reitpeitſche und Plaid für den Herrn Baron— auf dem Fauteuil Nr. 21.“ Der junge Burſche flog die⸗Treppe hinauf und war wenige Minuten ſpäter mit den verlangten Sachen wieder unten. Georg feſtigte den zuſam⸗ mengeſchnallten Plaid an ſeinem Sattel, nahm die Reitpeitſche mit ihrem ſchweren, bleigefüllten Griff, faßte den Zügel und flog im nächſten Aigen⸗ blicke die Straße hinunter. Sein wackeres Thier brauchte er auch nicht anzutreiben, denn durch den vollen Tag, den es im Stalle geſtanden, war es ſchon ungeduldig und raſtlos geworden. Aber er wollte es auch nicht vor der Zeit anſtrengen, um ſeine Kräfte zu ſcho⸗ nen. Ueberdies durfte er, ſobald er in die engen Straßen einbog, nicht ſo raſch reiten, und ſein Thier deßhalb einzügelnd, trabte er, ſo ſchnell er hier noch vorwärts rücken konnte, ſeinem Ziele entgegen. Bald hatte er Altona erreicht, und um ja den günſtigen Moment nicht zu verſäumen, ritt er augenblicklich dem Circus zu, dem Zuge dort, wenn er etwa ſchon auf dem Rückwege wäre, zu begegnen— aber noch war Alles ſtill. Ein Briefträger, den er anredete und nach der Caval⸗ cade fragte, ſagte ihm, daß er die Kunſtreiter vor kaum zehn Minuten dort irgendwo rechts hinun⸗ ter gehört hätte. Wo ſie jetzt wären, wüßte er nicht, aber jedenfalls müßten ſie hier wieder vorbei. Georg wartete nicht darauf; er hielt der be⸗ zeichneten Richtung zu, und heftete ſeine ganze Aufmerkſamkeit dabei nur auf die abzweigenden Straßen, nicht in dieſen irre zu werden und ſei⸗ nen Weg im entſcheidenden Augenblick zu ver⸗ fehlen.. Sein Plan war gefaßt; ernſt und ruhig ritt er im Schritt die Straße nieder, dann und wann haltend, ob er die laute Blechmuſik durch das Geraſſel der Wagen und das Gelärm der leben⸗ digen Stadt nicht hören könne. Noch ließ ſich kein derartiger Laut unterſcheiden, als er aber wieder eine Straße entlang geritten war, kalt und umſichtig dabei jedes mögliche Hinderniß er⸗ ſpähend, und eben wieder um eine Ecke bog, ſchlu⸗ 4125 gen die fernen Klänge der Trompeten deutlich an ſein Ohr. Faſt unwillkürlich zügelte er ſein Thier ein, den willkommenen Tönen zu lauſchen— deutlich unterſchied er die Richtung, näher und lauter wurde der Lärm— es war kein Zweifel mehr, ſie kamen gerade auf ihn zu. Das aber lag nicht in ſeinem Plane, mit dem er feſt mit ſich im Reinen war; aber er dachte auch nicht daran, ſich zu übereilen. Ruhig er⸗ wartete er das Näherkommen des. Zuges, ſein Herz klopfte dabei faſt hörbar in der Bruſt, ſein Geſicht war aſchenfahl geworden, aber keine Mus⸗ kel regte ſich, und erſt als er die voran reiten⸗ den Trompeter nach ſich einbiegen ſah, lenkte er ſein Pferd in eine kleine Gaſſe hinein, die hier ſchräg abbog und ihn vollſtändig verdeckt hielt. Dort ließ er den Zug, der wieder dem Cir⸗ cusplatze zuhielt und jedenfalls ſeinen Rundritt vollendet hatte, vorüber, und ſchon klangen die Trompeten, da der Schall durch eine neue Bie⸗ gung der Straße gebrochen wurde, wie aus wei⸗ ter Ferne, als das Pferd den leichten Schenkel⸗ druck des Reiters fühlte. Der Zeitpunkt war gekommen, in dem er han⸗ deln mußte, und ein trotziges Lächeln zuckte zum * 126 erſten Male wieder ſeit langer Zeit um die feſt zuſammengepreßten Lippen des Mannes. Das Pferd bog in einem leichten Trab in die Hauptſtraße ein, und eben konnte er noch die Letzten des Zuges, die Clowus, erkennen, die mit dem Volke ihre Späße trieben. Mühler war der Tollſte von Allen. Aber nicht dieſen fürchtete er mehr, denn wenn er ihn auch erkannte, was that's? Ehe er die vorn im Zuge Reitenden war⸗ nen konnte, war ſein Plan ſchon gelungen— oder mißglückt, und mit der Gefahr, der er ſich aus⸗ ſetzte, wuchs ihm auch der Muth. So kaltblütig hielt er jetzt in ſcharfem Trabe auf die voranzie⸗ hende Cavalcade zu, als ob es ſich nur um einen Spazierritt handle, und mit raſchem Zlicke ſich dabei orientirend, war er auch ſicher, keinen Zoll breit ſeiner Bahn zu vergeben. Der Zug war gerade in eine der Hauptſtraßen der Stadt eingebogen, die direct auf den breit und hoch aufgeführten Circus des Monſieur Roya⸗ zet zuführte; von Weitem ließ ſich ſchon das aus neuen Brettern aufgeſtellte Gebäude mit ſeinem ſchräg zulaufenden ſpitzen Dache erkennen. Georg überſah das Alles; er hatte ſein Ter⸗ rain an dieſem Morgen genau recognoscirt. Feſt hielt er ſein Thier im Zügel und lenkte jetzt um 12* den Menſchenſchwarm herum, der die Hanswurſte lachend und jauchzend umtobte. Allerdings hatten ſich ſchon einige Reiter dem Zuge heute Morgen angeſchloſſen— meiſt Neu⸗ gierige, die ihn eine kurze Strecke begleiteten und dann wieder, durch das Schauſpiel ermüdet, da⸗ von abbogen. Die zu den Kunſtreitern gehören⸗ den Perſonen intereſſiren ſich aber natürlich für jedes Pferd, das ſie ſehen, beſonders wenn es von edler Race iſt, und der alte Mühler machte keine Ausnahme davon. Mitten in ſeinen Sprün⸗ gen und Neckereien, bei denen er rechts und links mit ſeiner klappernden Holzpritſche Schläge aus⸗ theilte, haftete ſein Auge an dem Pferde und fuhr erſchreckt von ihm empor zum Reiter. Den Rap⸗ pen konnte er nicht verkennen, und der leiſe Schreckensruf entfuhr ſeinen Lippen:„Beim Teu⸗ fel— Georg!“ So geſchickt Mühler auch bisher gewußt hatte, trotz allen ausgetheilten Hieben, Angriffen auf ihn ſelber zu entgehen und die Lacher auf ſeiner Seite zu behalten, ſo ganz aus aller Faſſung brachte ihn die plötzliche Erſcheinung des Mannes, den er von allen auf Erden in dieſem Augenblicke am meiſten fürchtete. Er hatte in der That alles Andere um ſich her in dem einen Angſt⸗Gedanken 128. vergeſſen, was der Mann jetzt mit Georginen beginnen würde. Die mußte er warnen, und er ſprang nach ſeinem Ponny, fühlte ſich aber auch in demſelben Augenblicke wieder zurückgeriſſen, denn drei oder vier Jungen hingen an ſeinen Schößen und hielten ihn jauchzend feſt. Wie der Blitz fuhr er freilich mit ſeiner Pritſche herum, aber die Jungen waren durch die früher erhaltenen Hiebe ſchon gewitzigt worden, und ſich feſt an ihn drängend und ihn mit ihren Armen umfaſſend, gaben ſie ihm keinen Raum, ſie ordent⸗ lich zu treffen. Das half ihnen indeß nicht viel, denn die anderen Clowns ließen ihren Kameraden nicht im Stiche. Von beiden Seiten ſprangen ſie zu, und ſo derb hagelten diesmal die Prügel auf die ihnen verlockend genug zugedrehten Rücktheile, daß die Bande, ſehr zum Ergötzen des übrigen Publicums, heulend und ſchreiend auseinanderſtob. Mühler war aber dadurch in ſeinen Bewegungen gehemmt worden, und Minuten vergingen, ehe er ſeinen Ponny wieder erreichte. In zitternder Haſt warf er ſich auf deſſen Rücken, und ſeine Flanken mit den Hacken bearbeitend, ſprengte er den Zug entlang, Royazet die gefährliche Nähe ſeines Nebenbuhlers zu melden und Georginen zu warnen. 129 Lange vorher aber hatte Georg's wackerer Rappe ſeinen Herrn am Zuge hinaufgetragen. Die Blicke des Vaters ſuchten dabei und fanden das Kind, und wenige Secunden ſniler war er an deſſen Seite. Joſephine hatte an dem Morgen vengcbens ihre Mutter gebeten, ſie nicht mit auf die Straße zu nehmen. Bitten wie Thränen blieben gleich erfolglos: ſie mußte, denn ſie ſollte ſich wieder an das luſtige Reiterleben gewöhnen und nicht allein daheimſitzen, zu denken und zu grübeln und zu weinen. Natürlich gehorchte ſie,— wie ſie ihr kleines munteres Thier aber beſtiegen hatte, ſo ſaß ſie noch, die Blicke an der Mähne deſſelben haftend, das Antlitz bleich, der ganze kleine Kör⸗ per zitternd, und die Gedanken waren weit von da. Nicht an den glänzenden Umzug dachte ſie, an die ſchmetternde Muſik und das gaffende Volk, ſondern an die freundliche Heimath im Walde dort— weit von hier— an den Vater, dem ſie entriſſen worden und an dem ihre ganze Seele hing, an ihre liebe, freundliche Erzieherin, die ſich jetzt ihretwegen ſorgen und um ſie weinen würde. Und konnten ſie je erfahren, wo ſie ſei?— und wenn das, würde die Mutter ſie je wieder frei⸗ Gerſtäcker, Der Kunſtreiter. III. 9 laſſen aus dieſem Leben, deſſen ganze Qual ſie erſt am geſtrigen Abend durchgekoſtet? Raſche Hufſchläge neben ihr weckten ſie aus ihren Träumen, und eine hohe, dunkle Geſtalt warf ihren Schatten über ſie hin. „Joſephine!“ flüſterte eine ſo wohlbekannte Stimme an ihrer Seite. Staunend, erſchreckt ſah ſie auf, und wie ihre Hand faſt unwillkürlich, und mehr um ſich zu halten, als aus einem andern Grunde, den Zügel faßte, rief ſie:„Vater— Du— Du hier?“ „Willſt Du mit mir gehen?“ „Wohin Du mich führſt!“ „So komm— raſch— ſpring herüber!“ rief der Mann, vor innerer Bewegung kaum fähig, die Worte über die Lippen zu bringen. „Den Teufel auch— der Alte!“ ſchrie es da, und Georg ſah, ehe Joſephine im Stande war, ihre Sinne ſo weit zu ſammeln, daß ſie begriff, was ihr Vater von ihr wollte, wie ſich einer der Reiter durch die Uebrigen drängte.— Es war Karl, der in dieſem Augenblicke frei aus dem Zuge, mit verhängten Zügeln nach vorn ſprengte. „Spring!“ bat der Vater in Todesangſt, denn keine Secunde war zu verlieren—„ſpring zu mir; ich faſſe Dich!l““ 131 „Halt! was geht da vor!“ riefen Andere der Schaar, die Georg nicht kannten; Joſephine ſaß noch immer regungslos, nicht fähig, ſich zu be⸗ wegen, aber Georg war nicht der Mann, den ein⸗ mal gefaßten Sieg aus Händen zu geben. Sich im rechten Steigbügel niederbiegend, faßte er ſein Kind mit dem rechten Arm um den Leib, und noch während er ſie emporhob, fühlte der Rappe den eingeſtoßenen Sporn, der ihn nach vorn trieb. Frei an ſeinem Arm hing bei dem zerſten Satze des Pferdes das Kind in der Luft, aber ſchon ſaß der Reiter wieder eiſenfeſt im Sattel, und während er die willenloſe Kleine in ſeinen linken Arm warf, und der Rappe, das Feuer aus dem Straßenpflaſter ſchlagend, den Zug entlangflog, faßte ſeine Rechte die bleibeſchwerte Peitſche feſt und ſicher, ſich ſeine Bahn frei zu hauen, wenn ihm kein anderer Ausweg blieb. Links hinüber konnte er nicht; keine Straße bog hier ab, und hinter dem Zuge wälzte ſich der dichte Menſchenſchwarm— alſo voraus, und mit Gedankenſchnelle flog er hin. Da ſchoß Karl an Royazet's Seite. Dieſer, durch das Getöſe betäubt, das die dicht vor ihm reitenden Trompeter machten, hatte von dem, was hinter ihm i im Zuge vorging, noch keine . 9* 132 Ahnung— als plötzlich des erſchreckten Burſchen Stimme in ſein Ohr dröhnte:„Dort iſt Georg Bertrand! er entführt das Kind!“ „Georg? um Gott!“ ſchrie Georgine, erſchreckt emporfahrend, und die herandonnernden Hufe beſtätigten ſchon die kaum geſprochenen Worte. Im Nu aber hatte Royazet ſeinen Zügel aufge⸗ griffen, und dem eigenen Thiere beide Hacken in die Flanken bohrend, flog er mit ihm wie ein von der Sehne geſchnellter Pfeil dem Feinde entgegen. In dem Moment brauſte Georg heran, und aus dem Wege ſtob Alles vor dem Raſenden. „Halt!“ donnerte ihm Royazet zu, und wie er, faſt durch die Luft fliegend, an Georg's Seite war, griff ſeine Fauſt nach Joſephinens Kleid. Da traf die ſchwere, bleigefüllte Peitſche den aus⸗ geſtreckten Arm, daß er gelähmt zur Seite ſank, und der Rappe ſchnob mit einem Satze vorbei. Den Verfolger war er deßhalb freilich noch nicht los, denn Royazet brauchte die andere Hand nicht für den Zügel; ſein Thier, von faſt ſo edlem Blute, als das, welches ſeinen Gegner trug, flog, nur von den Schenkeln geführt, herum, den Rap⸗ pen einzuholen, aber der hatte ſchon eine Pferde⸗ länge Vorſprung, und wie ein Wetter ſauſte er dahin. 133 „Halt da— halt!“ ſchrie Polizei, die dort im Wege ſtand, und ſprang vor, dem Pferde nach⸗ dem Zügel zu greifen— wieder ſank die Peitſche, und mit einem Schmerzensſchrei fuhr der Dienſt⸗ befliſſene zurück. Ein Schiebkarren fuhr quer über die Straße— der Mann ließ ihn fallen und floh zur Seite; einem Vogel gleich ſchnellte der Rappe darüber hin, der graue Araber, den Royazet ritt, blieb dicht an ſeinen Ferſen. Wagen kreuzten ihren Weg, aber die beiden, der leiſeſten Führung gehorchenden Pferde fanden kein Hinderniß, das ſie nicht überwunden hätten. Wie ein Blitzſtrahl ſchoß der Rappe über den Boden, wie der Schein, der dem Blitze folgt, folgte ihm der Graue, und beide Pferde ſchienen den Boden, aus dem ſie die hellen Funken ſchlugen, kaum zu berühren.— Aber der Araber war dem Rappen nicht gewachſen, und ſelbſt wenn er ihn eingeholt, fühlte Royazet recht gut, daß er allein dem Vater das Kind nicht wieder entriſſen haben könnte. Doch ſeine Ehre als Reiter ſtand hier auf dem Spiele, und weiter und weiter jagte er ſein ſchnaubendes Roß. Der rothſeidene Mantel, den er dabei trug, ſchlug ihm Wind— wild wehten ſeine Haare hinterdrein, denn das Federbaret hatte ihm der 134 tolle Ritt ſchon lange entführt. Aber ſeine Hacken trafen des arabiſchen Hengſtes Flanken; mit Stimme und Schlag feuerte er ihn an— zu mehr, als er zu leiſten vermochte— den Rappen einzuholen. Wie in Erz gegoſſen, ſaß dagegen Georg im Sattel. Sein dicht an ſeine Bruſt geſchmiegtes Kind im Arm, das dunkle Auge in Siegesjubel blitzend, die Rechte mit der Peitſche bewehrt, ſo flog er dahin, ſein Thier ſich ſelber überlaſſend, wie eine Erſcheinung an den entſetzt zur Seite Prallenden vorbei, bis Deutſchlands Grenze, die Linie, die Altona von Hamburg ſcheidet, zwiſchen ihm und ſeinem Feinde lag. Noch ließ er ſeinem wackern Thiere den Zügel, bis er die nächſte Häuſerreihe faſt erreicht. Jetzt wußte er, daß er auf deutſchem Grund und Boden war, und nicht länger brauchte er zu fliehen.— Wollte ihn ſein Verfolger erreichen, hier hielt er ihm Stand, und mit dem Willen faſt parirte er ſein Pferd, das ſo, in voller Flucht, ſich auf den Hinterbeinen hob, herumflog und wie angegoſſen ſtand.— Aber Royazet war klug genug, dem zum Aeußerſten Getriebenen nicht auf ſein eigenes Terrain zu folgen. Die Gränze bildete für ihn das letzte Ziel der Verfolgung, und dort ſein Pferd ſo raſch und ſicher parirend wie Georg, lenkte er es zurück, 135 und war wenige Minuten ſpäter, beſchämt, beſiegt, zwiſchen den Häuſerreihen Altona's verſchwunden. Ein triumphirendes Lächeln zuckte um Georg's Lippen— aber es war nur ein Moment. Die Gegenwart nahm ihn genug in Anſpruch— das Andere lag dahinten. Raſch ſchnallte er den Plaid von ſeinem Sattel, denn ſein wilder Ritt ſowohl, wie die wunderliche Tracht des Kindes, das er vor ſich trug, erregte die Aufmerkſamkeit der ruhigen, an ſo etwas nicht gewöhnten Bürger Hamburgs — Neugierige begannen ſchon ſich um ihn zu ſammeln. Ohne Zögern hüllte er die Kleine in den weichen Plaid, nahm ihr das Baret vom Haupte, das er darunter barg, verdeckte ihr ge⸗ ſchminktes Antlitz und trabte dabei ſchon wieder ſcharf dem nächſten Thore zu. Aus Sicht den Leuten, und er war vergeſſen. In der Stadt ſelber konnte der auf ſchweiß⸗ bedecktem Thier Vorübertrabende nur flüchtige Aufmerkſamkeit erregen; die Leute dort hatten auch zu viel mit ſich ſelber zu thun, ſich noch um An⸗ ere, Fremde zu bekümmern. So gewann er ohne weiteres Hinderniß ſein Hötel, ſprang vom Pferde, das er dem Hausknechte übergab, es raſch in den Stall zu führen und abzureiben, und trug ſein Kind, noch eingehüllt in den Plaid, die breite Treppe ſelbſt hinauf. Das Stubenmädchen erſtaunte allerdings, als ihr der Auftrag wurde, ſo raſch als möglich Kinder⸗ kleider für die Kleine herbeizuſchaffen, dort aber war das leicht. In einer halben Stunde hing Joſephine, Freudenthränen weinend, in einem dunkeln, warmen Kleide an ihres Vaters Halſe, und ſchon der Abendzug, der Hamburg verließ, führte ſie mit dem Vater und dem alten er⸗ ſtaunten, aber ſeelenglücklichen Barthold der Hei⸗ math wieder zu. 29. Wolf von Geyerſtein ſaß allein in ſeiner Stube, den Kopf in die Hand geſtützt, und vor ihm lag ein offener Brief Georg's: „Tauſend und tauſend Dank für Deine brü⸗ derliche Liebe, mein Wolf!— Du haſt recht— meine Stellung hier, nach dem Vorgefallenen, iſt, wenn auch nicht unhaltbar, doch höchſt drückend. Durch jenen Herrn von Zühbig, wie Du aus meinen früheren Briefen weißt, und durch des alten Mühler trunkene oder ſeines Neffen boshafte Schwatzhaftigkeit iſt mehr unter die Leute gekom⸗ men, als ich im Anfange ſelbſt vermuthete. Das Gerücht, was ich früher geweſen bin, hat Boden gefaßt, und die Gutsnachbarn ziehen ſich von mir A zurück, vermeiden mich wenigſtens, ſo viel es geht, und ich werde ſie nicht aufſuchen.“ „Meine ganze Seligkeit iſt jetzt mein Kind, das ich glücklich dem ihm ſelber furchtbaren Leben 1338 entriſſen habe. Auch mit deſſen Mutter bin ich im Reinen. Georgine weigerte ſich auf meinen erſten Brief, in eine Scheidung zu willigen, und wollte es nur unter der Bedingung, daß ihr Jo⸗ ſephine zurückgegeben würde. Durch ihre Flucht hat ſie ſich aber ſelber jedes geſetzlichen Schutzes beraubt, und außerdem ſcheint ihr auch der Wunſch, jene Verbindung mit Royazet zu ſchließen, den Schritt erleichtert zu haben. Wir ſind geſchieden, die Papiere darüber werde ich in nächſter Zeit bekommen, und frei von allen Banden, die mich bis dahin an das alte Leben ketteten, will ich von nun an meine Bahn beginnen.“ „Für Dein Anerbieten, mich nach Ungarn auf das dort für mich angekaufte Gut zu ſetzen, nimm meinen heißen Dank. Du haſt ſchon mehr für mich gethan, als ſelbſt ein Brud er für den andern thun kann, aber— ich will Dich aller weitern Sorge für mich entheben. Ich habe einen andern Plan für mich, der mich mir ſelber wieder⸗ geben ſoll. Will es Gott, ſo ſehen wir uns der⸗ einſt noch froh und fröhlich wieder, und dann kann ich der Mutter auch getroſt in's Auge ſchauen.“ 1 „Ich will nach Amerika. Es wird mir von meinem kleinen Kapital etwa ſo viel übrig blei⸗ . 1399 ben, mit meinen Begleitern hinüberzukommen. Ich habe ein Kind angenommen— eine Waiſe — als Joſephinens Geſpielin, die mit unendli⸗ cher Liebe an der neuen Schweſter hängt. Von allen meinen Sachen nehme ich nur den Rappen mit, der mir mein Kind befreit— aber nur bis zu Dir. Mag er Dir von jetzt an ſo treu die⸗ nen, als er mir gedient.“ „Alles Weitere mündlich. Ich komme auf der Durchreiſe nach**s, um Dich, Du treues Herz, noch einmal zu ſehen und Dir ſelber für Alles, was Du an uns gethan, zu danken. Wahr⸗ ſcheinlich folge ich dieſem Briefe unmittelbar; denn wie Du mir ſchreibſt, wird der neue Pachter ſchon in acht Tagen eintreffen, und es iſt Alles hier ſo geregelt und in Ordnung, daß dem alten Ver⸗ walter das Gut auf die kurze Zeit ohne die ge⸗ ringſte Sorge anvertraut werden kann. Ich bin gerade dabei, ihm das Inventar zu übergeben.“ „Es grüßt und küßt Dich bis dahin Dein Georg.“ „P. S. Da Du mich nach dem Namen des traurigen Individuums fragſt, das meine Frau zu ihrer Flucht benutzte, ſo ſchreibe ich ihn Dir. — Er nennt ſich Baron Hugo von Silberglanz.“ — 140 Wolf hatte den Brief wieder und wieder ge⸗ leſen. Er war aufgeſtanden und ging mit ra⸗ ſchen Schritten in ſeinem Zimmer auf und ab. „Er darf nicht fort!“ flüſterte er dabei,„nicht nach Amerika! Es iſt das letzte Herz, das hier noch mir gehört— wir gehen zuſammen fort von hier— nach Ungarn. Brennt doch der Boden auch mir unter den Füßen. Gott ſei Dank, daß er kommt— beſprochen iſt ſo etwas beſſer, als geſchrieben, und er wird— er könnte nicht von mir gehen— wüßte er nur den tauſendſten Theil von dem, was ich um ihn hier leide,“ ſetzte er mit leiſer, kaum hörbarer Stimme hinzu. Mit dem Entſchluſſe, ſeine Stellung hier auf⸗ zugeben und die Stadt ſelber, die ſo viele trübe Erinnerungen für ihn barg, zu verlaſſen, kam auch plötzlich Ruhe über ihn. Er ordnete ſeine Papiere und ließ ſich dann bei dem Fürſten mel⸗ den. Der Fürſt war aber auf die Jagd gefahren und wurde erſt am nächſten Abend zurückerwar⸗ tet. Die Lakaien ſchlenderten müßig im Schloſſe herum und zählten vor lauter Langerweile die Fenſterſcheiben. Karl, der Burſche des Rittmeiſters, hatte in⸗ deſſen mehr Beſchäftigung, denn ihm war der Auftrag geworden, zwei Zimmer für Gäſte her⸗ 141 zurichten, mit allem Nöthigen zu verſehen und ordentlich durchwärmen zu laſſen, da der Beſuch jeden Augenblick eintreffen konnte. An dem Abend war Soirée bei Herrn von Zühbig und Graf Geyerſtein ebenfalls eingeladen worden— der ſich aber entſchuldigen ließ. Gegen Abend, als er durch die Stadt ging, traf er den Baron zufällig auf der Straße. „Aber lieber, beſter Freund,“ ſchoß dieſer auf ihn zu,„zu meinem unendlichen Leidweſen höre ich eben, daß Sie uns heute Abend Ihre unſchätz⸗ bare Gegenwart grauſamer Weiſe entziehen wollen. Meine Frau iſt ganz untröſtlich darüber.“ „Das bedaure ich in der That,“ ſagte der Rittmeiſter kalt,„unaufſchiebbare Geſchäfte ver⸗ hindern mich indeß, da ich in nächſter Zeit wieder länger abweſend ſein werde.“ „Sie wollen wieder auf Urlaub gehen?“ fragte Herr von Zühbig raſch, und innerlich frohlockte er dabei über die friſch aufgefangene Neuigkeit. „Ja,“ erwiderte der Rittmeiſter, der den Grund nicht ahnte, weßhalb ſich der Baron in ſolcher Weiſe dafür intereſſirte. „Auf Ihre Güter?“ „Wahrſcheinlich— apropos, haben Sie lange nichts von Ihrem Freunde Baron Hugo von Silberglanz gehört?“ „Von meinem Freunde?“ ſagte Herr von Zühbig, dem dieſes Epitheton in Verbindung mit ſich und im Munde des ſtolzen Grafen eben nicht angenehm war,„ich weiß gerade nicht, daß Baron Silberglanz zu meinen ſpeciellen Freunden ge⸗ hörte. Es iſt ein ſeelenguter Menſch und einmal in die Geſellſchaft eingeführt, ſo daß man ihn nicht gut umgehen kann, aber...“ „Wenn Sie ihn wiederſehen ſollten, und ich wäre vielleicht nicht hier,“ ſagte der Graf,„bitte, ſo grüßen Sie ihn doch von mir.“ „Von Ihnen?“ „Ja, er wird ſchon wiſſen, was es zu bedeu⸗ ten hat.“ „Zu bedeuten hat?“ wiederholte der Baron immer erſtaunter,„ich gebe Ihnen mein Wort...“ „Ihr Wort?“ fragte der Graf, ohne ihn aus⸗ reden zu laſſen,„geben Sie das nicht auch manch⸗ mal leichtſinnig, Herr Intendant?“ „Ich will nicht hoffen,“ ſagte Baron von Züh⸗ big raſch, aber doch mit einem etwas unbehag⸗ lichen Gefühl, das ihm ſein Gewiſſen in dieſem Augenblicke aufdrängte.—„Haben Sie— haben Sie etwas mit Silberglanz gehabt?“ „Ich?— nicht das Mindeſte— ich kenne den Baron gar nicht,“ ſagte Graf Geyerſtein gleichhe gültig.„Der Baron hat, wie ich erfahre, ein kleines Abenteuer gehabt, das er Ihnen aber wohl leider nicht ausführlich erzählen wird.“ „In der That? Sie machen mich unendlich neugierig!“ rief Baron Zühbig geſpannt.„Sie würden mich ſehr verpfllihten, wenn Sie dann die Gnade haben wollten.. „Thut mir leid, Herr Baron, nichti im Stande zu ſein, Ihnen darin zu willfahren; ich bin auch nur oberflächlich davon unterrichtet. Vielleicht kann Ihnen Ihr Orakel darüber Auskunft geben.“ „Mein Orakel, hahaha! Herr Graf, Sie ſpre⸗ chen heute in lauter Räthſeln. Wen verſtehen⸗ Sie unter meinem Orakel?“ „Fräulein Francisca von Zahbern.“ „Hahahaha!“ lachte Baron von Zühbig, aber das Lachen kam nicht recht aus ſeinem Herzen, denn er fühlte, daß Graf Geyerſtein mehr wußte, als er eigentlich ſollte— ja, was noch ſchlimmer in dieſem Augenblicke war, mehr als er ſelbſt.— „Sie ſind göttlich, Graf, aber— furchtbar bos⸗ haft! daß Sie die arme Zahbern zu einem Orakel machen wollen. Kommen Sie— beichten Sie— wir gehen dort in den Keller hinunter und trin⸗ ken eine Flaſche Wein“— und damit faßte er den Grafen unter den Arm, ihn mit ſich fortzuziehen; „die Geſchichte von Silberglanz dürfen Sie mir gar nicht vorenthalten. Sie haben mich damit auf die Folter geſpannt.“ „Es iſt grauſam, Sie darauf liegen zu laſſen, Herr Baron,“ ſagte der Graf ruhig,„aber ich werde dazu gezwungen ſein. Den ausführlichſten Bericht kann Ihnen jedenfalls Herr Hugo von Silberglanz ſelber geben, und Sie müſſen ſich auf den vertröſten. Ich bitte, daß Sie mich ent⸗ ſchuldigen— ich habe Eile.“ „Sie wollen in der That nicht einen Augen⸗ blick mit mir...“ „In der That nicht— guten Abend, Herr Baron,“ und der Graf neigte ſich leicht, während er ſich von Herrn von Zühbig abdrehte und die Straße hinunterſchritt. Herr von Zühbig blieb in einer höchſt unbehaglichen Stimmung zurück. Graf Geyerſtein ſuchte indeſſen den Kriegs⸗ Miniſter von Ralphen auf, dieſem ſein Anliegen vorzutragen; Se. Excellenz mußte aber gerade in eine Seſſion und ließ den Grafen bitten, morgen früh Punkt zwölf Uhr wieder zu ihm zu kommen, da er ihm überdies etwas mitzutheilen habe. So ließ ſich denn für heute nichts weiter thun, 145 und der Graf verbrachte den Abend damit, ſeine Briefſchaften zu ordnen, alte Correſpondenz zu verbrennen, wichtige zu verſiegeln und einige noth⸗ wendige Briefe außerdem zu ſchreiben. Am nächſten Morgen war er wieder früh auf und ſetzte ſeinen Burſchen Karl in nicht geringes Erſtaunen, als er ihm befahl, ſeine Koffer herbei⸗ zuholen und ſämmtliche Kleidungsſtücke zu reini⸗ gen, ſo wie zum Packen bereit zu halten. Karl ſchüttelte heimlich mit dem Kopfe, denn das paßte nicht zu dem erwarteten Beſuche. Er war aber ein zu guter Diener, weiter zu fragen, und ging an ſeine Arbeit. „Wann kommt der erſte Zug?“ rief ihm der Graf nach. „Wohek Ew. Gnaden?“ „Von Berlin.“ „Ah ſo— der wird jetzt herein ſein, oder doch gleich kommen. Da unten hör' ich ſchon die Droſchken— er muß ſchon da ſein.“ „Es iſt gut.“— Wolf trat an's Fenſter, und Karl ging hinaus, ſeine Aufträge auszuführen. Eine lange Reihe von Droſchken kam die Straße daher, die eingetroffenen Fremden in die verſchie⸗ denen Höôtels zu fahren.— Eine davon lenkte nach ſeiner Thür zu und hielt. Ein Mann in einem Gerſtäcker, Der Kunſtreiter. III.. 10 grünen Rocke ſaß neben dem Kutſcher vorn auf dem Bocke— er ſah herauf— es war der alte Forſtwart Barthold von Schildheim, und Wolf flog nach der Thür, den Bruder zu begrüßen. „Karl! Karl!“ „Gnädiger Herr!“ „Hinunter— die Gäſte ſind da— ſchnell das Gepäck herauf!“ Rafche Schritte nahten von der Stiege her, Wolf trat in ſein Zimmer zurück, in der erſten Begrüßung nicht von Fremden geſtört zu werden, und wenige Minuten ſpäter lagen ſich die Brüder in den Armen.. „Gott grüß' Dich, Georg— Gott grüß' Dich tauſendmal, und herzlich willkommen hier bei mir! Wo ſind die Kinder 2 9 „Mein guter, guter Wolf!— ſie kommen nach; der alte Barthold bringt ſie mit ihrer Erzieherin die Treppe herauf.“ „Den Alten haſt Du von Schildheim entführt?“ „Ja— nur bis hieher. Ich mußte Jemanden des Pferdes wegen bei mir haben, und er weiß mit Pferden beſſer umzugehen, als ich ihm zugetraut. Du haſt wohl Jemanden, den Rappen vom Bahn⸗ hofe abholen zu laſſen 2 3 „Gewiß! Nun mache es Dir bequem und ruhe 147 Dich aus! Wir haben viel, ſehr viel mit inms 8 zu beſprechen.— Karl— wo ſteckt der Burſche. wieder? Karl, daß die Kinder mit der jungen Dame gleich ihr Zimmer bekommen— es iſt Alles in Ordnung, Georg; ich habe auch eine Frau, eine ganz tüchtige Perſon beſorgt, damit die Klei⸗ nen für die Zeit ihres Aufenthaltes hier ordent⸗ liche Verpflegung haben.— Ein Junggeſelle iſt ſonſt nicht darauf eingerichtet.“ „Wir wollen Dir nicht lange zur Laſt fallen.“ „Davon ſpäter— und nun erſt her zu mir,“ ſagte er, indem er die Thür ſchloß, dann auf den Bruder zuging und ihn umarmte und küßte und wieder küßte.—„Du armer, armer Georg, was haſt Du leiden, was haſt Du ertragen müſſen, und doch bei alledem ſo brav, ſo wacker Dich ge⸗ halten! Jetzt biſt Du wieder der Unſere. Du darfſt Jedem frei in's Auge ſchauen, und— wir tren⸗ nen uns auch jetzt nicht mehr.“ „Mein braver Wolf!“ rief Georg, ihn feſt an ſich preſſend,„Du treues, brüderliches Herz!— Ueber meine Pläne ſprechen wir nachher. Doch, was fehlt Dir? Du ſiehſt verändert aus, ſeit ich Dich nicht geſehen.“. „Nichts— ein leichtes Unwohlſein.— Und wie geht es Deinem Kinde, Deiner armen kleinen 10* 148 Joſephine— meiner Nichte? Sie wird uns Beiden wohl fortan gehören müſſen.“ „Du willſt auch nach Amerika?“ rief Georg erſtaunt. „Nein, das nicht,“ lächelte Wolf,„aber Deine Pläne wirſt Du den meinen ſchon fügen müſſen, aus Liebe zu mir. Doch Deinen Kinderraub mußt Du mir ausführlicher, als es durch den Brief geſchehen, erzählen. Merkwürdig, daß nichts davon in den Zeitungen ſtand.“ „Das Ganze ging zu raſch,“ lächelte Georg, „und Royazet wäre der Letzte geweſen, es bekannt zu machen. Er mag außer ſich genug geweſen ſein, daß bei ſeinem prunkenden Zuge ein anderes Pferd ihn überbieten konnte. Meinen Rappen aber holt keines von ſeinen Thieren ein.— Ich ſah, wie Georgine erbleichte, als ich vorüber⸗ brauſte— die Falſche— keine Ader meines Her⸗ zens ſchlägt mehr für ſie; mag ſie dem Leben bleiben, dem ſie ſich geweiht. Das Alles aber erzähle ich Dir ausführlich, wenn wir heute Abend ſtill und traulich beiſammenſitzen. Du biſt doch nicht beſchäftigt?“ 3 „Mit keinem Gedanken, ich gehöre Euch; und nun zu den Kindern, daß wir die begrüßen!“ Und ſeines Bruders Arm ergreifend, wollte Wolf 149 eben mit ihm das Zimmer verlaſſen, als Karl, ein ſehr bedenkliches Geſicht ziehend, die Thür öffnete und herein meldete: „Herr Rittmeiſter, halten zu Gnaden, eine Dame iſt draußen, die nach Ihnen fragt.“ „Eine Dame?— nach mir?“ rief ſtaunt, des Bruders Arm loslaſſend,„da ein Irrthum.“ „Nein; ſie fragte nach dem Herrn Rittmeiſter von Geyerſtein.“ „Eine junge Dame?“ „Halten zu Gnaden, nein; ſie iſt ſchon in den Jahren, ſieht aber ſehr vornehm aus.“ „Und haſt Du nicht nach ihrem Namen gefragt?“ „Sie wollte ihn nicht nennen. Ich ſollte dem Herrn Rittmeiſter nur ſagen, eine Dame wünſche ihn zu ſprechen.“ „So geh' allein Porgn, 49. ich folge Dir gleich nach,“ ſagte„Gott weiß, wer es iſt! Ich werde keineswegs lange aufgehalten werden. Wir frühſtücken dann zuſammen.“ „Mach, daß Du bald kommſt,“ erwiderte Georg, indem er durch die ihm bezeichnete Thür ver⸗ ſchwand. Karl blieb noch einen Augenblick ſtehen. „Alle Wetter,“ dachte er bei ſich,„der Herr ſieht genau ſo aus wie der famoſe Kunſtreiter, n ohl 150 Monſieur Bertrand, und mein Herr und er duzen ſich?“ „Nun, auf was warteſt Du?“ „Halten zu Gnaden!“ rief Karl erſchreckt,„ſoll ich ſie hereinführen?“ Es ſieht hier freilich ein wenig wild aus, 1 die beſſeren Zimmer ſind beſetzt. Wenn ſie einen Junggeſellen beſucht, muß ſie fürlieb nehmen, wie ſie es findet. Bitte ſie, näher zu treten.— Apropos, den Jäger, der mit— dem Herrn ge⸗ kommen, bringe mir gut unter, und ſorge dafür, daß es ihm an nichts fehlt. Wenn Alles in Ord⸗ nungjiſt, ſoll er herauf zu mir kommen; ich will mit ihm ſprechen. Noch Eins— der Johann muß dann gleich auf den Bahnhof, um ein Pferd dort abzuholen.“ „Sehr wohl! 34 Karl vericuenſduch. die Thür, die ſich bald darauf wieder öffnete, undreine Dame trat herein und giig auf Wolf zu. „Enädige Frau,“ ſagte dieſer,„Sie haben ge⸗ wünſcht.. 2 Die Danno ſtand mitten im Zimmer und ſah ihn lächelnd an. „Heiliger Gott!“ fuhr Wolf erſchreckt empor. „Mutter— Du?“ 151 „Das war eine Ueberraſchung, nicht wahr?“ ſagte die alte Dame, indem ſie ihre Arme lieb⸗ koſend um das an ſie geſchmiegte Haupt des Sohnes legte.„So habe ich es mir ausgedacht und mich lange, lange ſchon darauf gefreut.“ Karl öffnete in dieſem Augenblicke die Thür ein wenig, denn es war ihm, als ob ihn ſein Herr gerufen hätte, ſchloß ſie aber auch augen⸗ blicklich wieder, als er die Gruppe bemerkte, un murmelte nur leiſe vor ſich hin:„Sonderbar ſonſt iſt mein Herr mit allen Leuten, die zu ihm 4 kommen, ganz erſchyecklich kalt und kurz ange⸗ bunden, und heute fällt er Allen um den Hals— doch was geht'snmich an!“ „Aber was führt, Dich jetzt hieher zu uns?“ rief Wolf, indem ir ſeine Mutter zum Sopha führte.„Keine Sylbe haſt Du davon in Deinem letzten Briefe erwähnt.“ „Komme ich Dir ſo ungelegen, mein Kind?“ „Nie glücklicher, wie jetzt,“ rief Wolf;„ſo lieb Du mir auch immer biſt, fröhlicher begrüßt hätte ich nie Deine Ankunft.“ „In der That?“ lächelte die alte Dame,„und was iſt heute Morgen ſo Beſonderes vorgefallen? Apropos, da draußen ſtanden Koffer; iſt Jemand zu Dir gekommen, oder willſt Du verreiſen?“ 152 „Beides— wenn auch nicht gleich, da ich Dich jett hier habe.“ „Aber, Wolf, Wolf,“ ſagte die alte Daun⸗ ihn mit wachſender Unruhe betrachtend—„was fehlt Dir?— biſt Du krank geweſen?— Deine Wangen ſind bleich und eingefallen; Deine Augen liegen tief in ihren Höhlen und haben das Feuer nicht mehr, das ſie früher hatten. Iſt etwas vorge⸗ fallen?— Laß mich's wiſſen, Wolf— ſonſt,“ ſetzte ſie herzlich hinzu,„war ich ja doch immer Deine Vertraute.“ „Vorgefallen iſt allerdings etwas, lieb' Müt⸗ terchen,“ ſagte Wolf, der ihre Aufmerkſamkeit von ſich abzulenken wünſchte,„aber nichts, was mich niederdrücken könnte. Ein leichtes Unwohlſein hat mir vielleicht für den Augenblick die ſonſt leben⸗ digere Farbe genommen— weiter nichts.“ „Nein, mein Kind,“ ſagte aber die alte Dame, denn das Mutterauge ſah ſchärfer, als das der Anderen,„das iſt mehr, als ein leichtes Unwohl⸗ ſein. Du warſt entweder ernſtlich krank, Wolf, oder irgend ein geheimer Kummer nagt Dir am Herzen. Du kannſt mich nicht täuſchen.— Habe ich Dein Vertrauen verloren, Wolf?“ „Nein, liebe Mutter, gewiß und wahrhaftig nicht, und Du ſollſt ſpäter Alles erfahren, was 153 geſchehen, aber nicht jetzt— nicht in dieſem Augen⸗ blick, wo ich Dir nur Freudiges zu verkünden habe. Erſt ſage mir aber, wo Du abgeſtiegen biſt.“ „Im Ruſſiſchen Hofe. Ich wollte Niemandem zur Laſt fallen. Ralphen's hatten mich allerdings in früherer Zeit gebeten, wenn ich einmal wieder nach*es käme, ihr Haus als das meine zu be⸗ trachten, und es ſind liebe, gute Leute; ich habe es aber doch vorgezogen, ein Hötel zu wählen. Bleibe ich länger hier, was recht leicht möglich iſt, ſo quartiere ich mich vielleicht bei Dir ein— wenn Du mich nämlich haben willſt.“ „Gute Mutter!“ „Es iſt mir in der letzten Zeit,“ fuhr die alte Dame fort,„recht weh und einſam zu Hauſe ge⸗ worden. Ich weiß eigentlich ſelber nicht, wie es kam, aber— Alles ſchien mir wie ausgeſtorben um mich her, und alte trübe Gedanken gewannen mit jedem Tage, ſo viel ich mich auch gegen ſie wehrte, mehr Gewalt über mich. War es die Wiederkehr des Jahrestages, an dem uns Georg damals verlaſſen,“ ſetzte ſie leiſe und ſchmerzlich hinzu,„ich kann es nicht ſagen, aber eine Sehn⸗ ſucht ergriff mich nach Dir, mein Wolf, nach meinem einzigen Kinde, das mir noch geblieben, der ich endlich nicht länger widerſtehen konnte. War es 154 eine Ahnung, Wolf?— Haſt Du vielleicht gerade in der Zeit gefährlich krank gelegen, ohne Deine Mutter ein Wort davon wiſſen zu laſſen und ſie an Dein Lager zu rufen?“ „Nein, liebe Mutter,“ ſagte Wolf mit vor in⸗ nerer Bewegung erſtickter Stimme, denn ihn drängte es, den Sohn wieder an das Herz der Mutter zu führen.„Ich nicht, aber dennoch hat Dich Deine Ahnung nicht getäuſcht. Ein Anderer lag ſchwer krank danieder, wenn auch nicht an Körper, doch an Geiſt, und iſt jetzt vollſtändig und froh ge⸗ neſen. Mutter— liebe Mutter— biſt Du ſtark genug, eine recht große Freude zu ertragen?“ „Wolf!“ rief die alte Dame, und Leichenbläſſe deckte in dem einen Moment ihre Züge— ich — ich kenne nur eine große Freude in der Welt. — Wolf,“ fuhr ſie fort, indem ſie mit zitternder Hand des Sohnes Arm ergriff,„weißt Du— weißt Du von Georg?“ „Er lebt,“ ſagte Wolf leiſe, die Mutter dabei umfaſſend. „Er lebt? Gott ſei ewig gelobt, und ſeinen Segen auf Dein Haupt, mein Kind, für dieſe Kunde— und— geht es ihm gut?“ „Ja, Mutter— er— wird kommen— hie⸗ her.“ 2 155 „Hieher? wann, Wolf— wann?“ „Bald— recht bald. Er hat viel gelitten und ertragen, aber die früheren Fehler auch be⸗ reut und abgebüßt— wirſt Du ihm verzeihen?“ „Fragſt Du das die Mutter? Vater im Him⸗ mel, meine ganze Seele drängt hin nach dem ver⸗ lorenen Kinde. O, er iſt hier, Wolf, quäle mich nicht länger; ich bin ſtark— ich bin kräftig. Die Freude tödtet nicht, da es die langen Jahre der Schmerz, der bitter nagende Schmerz nicht vermochte. O, laß mich hin zu ihm!“ „So raſch geht es nicht, Mutter,“ lächelte Wolf unter Thränen, indem er mit Gewalt nach Faſſung rang.„Ich will ihn rufen laſſen; er ſelber hat ja noch keine Ahnung von Deiner Nähe. Bleibe indeſſen hier— ich bin bald wie⸗ der bei Dir.“ „Und Du kehrſt bald zurück?— mit ihm?“ „Noch weiß ich ja nicht, ob ich ihn gleich finde — aber heute noch ſollſt Du ihn ſehen— ge⸗ wiß. Sammle Dich, Mütterchen, bis dahin. Du wirſt große Freude an ihm haben, denn er iſt ein wackerer, braver Mann geworden in der Zeit.“— Und ſelber zitternd vor Freude und ängſt⸗ licher Erwartung verließ Wolf das Zimmer, den Bruder auf dieſes Wiederſehen vorzubereiten. * * 156 Alles, was ihn ſelber drückte und beengte, hatte er auch vergeſſen, vergeſſen in dem einen frohen Gedanken, den Bruder— die Mutter wieder ver⸗ einigt, glücklich, zufrieden zu ſehen. Das Andere lag Alles entfernt, und mit dem Gefühl der eige⸗ nen Kraft, dem Bewußtſein, gut und treu ge⸗ handelt zu haben, hob ſich ihm die eigene Bruſt froh und leicht, und er empfand das reinſte, ſchönſte Glück dieſer Welt: im eigenen Entſagen eine gute, edle That gethan zu haben. Doch wer könnte mit Worten dieſes Wieder⸗ ſehen ſchildern— die Seligkeit, die jetzt die He zen dieſer guten Menſchen füllte! Georg lag v. der Mutter auf den Knieen, ſeine Arme um ſie geſchlagen, ſein Antlitz an ihrem Herzen bergend, und während ſie das liebe Haupt wieder und wieder küßte, fielen heiße Freudenthränen in in die dunkeln Locken des Sohnes. Wolf war Zeuge dieſes erſten ſeligen Augen⸗ blickes, dann aber verließ er leiſe das Zimmer, die Glücklichen nicht zu ſtören, und als er wieder, Joſephinen an der Hand, zurückkehrte, ſaß die Mutter neben ihrem wiedergefundenen Sohne, ihre beiden Hände feſt um ſeine Rechte geſchloſſen, als ob ſie ihn ſich jetzt feſthalten und wahren wolle für alle Zeiten; ſie ſchaute in ſeine treuen klaren 157 Augen und wurde nicht ſatt ihn anzuſehen und die lieben Laute ſeiner Stimme zu hören. Was er ſprach, verſtand ſie freilich nicht, die Töne verſchwammen ihr wie ferner Glockenklang vor den Ohren, aber ſie hatte ihn wieder— ſie hielt ſeine Hand, ſie hörte ſeiner Stimme Muſik, und jeder ihrer Athemzüge war ein Dankgebet zu Gott. Und da die Enkelin— zitternd fuhr ſie von ihrem Sitze empor, und Joſephine, ſchüchtern halb, halb ahnungsvoll dem ſüßen, ungekannten Klange. des Wortes Großmama entgegenlauſchend, glitt zu ihr hin, die Hand der ihr noch fremden Dame zu küſſen, und fühlte ſich von ihren Armen um⸗ ſchlungen, fühlte ſich emporgezogen zu ihr und geherzt und geküßt, und weinte ſtill jett e an der 3 neuen Mutter Bruſt. 1 Wie aber nur der erſte Frendenrauſch vorliher 4 war, da faßte ſich Georg zuerſt, und mit kurzen Worten, kein Hehl der Mutter gegenüber haltend, ſchilderte er ihr klar und einfach ſein früheres Leben, ſein verzweifelndes Herz, den kindiſchen Trotz, der ihn in eine falſche, wilde Bahn ge⸗ worfen, bis ſeines Bruders treue Liebe ihn daraus errettet und ihn ſich ſelber wiedergegeben habe. Dann beſchrieb er ſein Leben auf Schildheim, wie 158 er dort gekämpft und gerungen, die Seinen mit ſich emporzuheben aus ihrer frühern Lage, und wie ihm das mißglückt. Der Gattin Flucht dann beſchrieb er— ſeine Verzweiflung bei dem Ver⸗ luſte des Kindes, und wie er, zum Aeußerſten getrieben, das Aeußerſte auch gewagt, es ſich zu retten. Jetzt ſei er frei— das frühere Leben liege wie ein Traum hinter ihm; ein neues aber zu be⸗ ginnen, brauche er friſchen und freien Boden, wo⸗ nichts ihn an die früheren Ketten mahne, die er getragen. Das durchzuführen, fühle er die Kraft in ſich, und ſei das Ziel, das er ſich geſteckt, auch weit, er hoffe es zu erreichen, und ſich ſelbſt dort wiederzufinden. Die Mutter horchte ſeinen Worten wie einem Märchen. Das Bild, welches er vor ihr entrollte, lag ihrem eigenen Leben und Wirkungskreiſe ſo fern, daß ſie nicht halb es faßte und begriff. Durch Alles das aber ſchimmerte nur immer das eine ſelige Gefühl, den Sohn wieder zu haben, den verlorenen, und während ſie die Enkelin an ihre Bruſt geſchmiegt hielt, lauſchte ſie Georg's Wor⸗ ten wie frohen Sagen einer andern Welt. Wolf indeſſen, der Einzige, der klar und ru⸗ hig das Ganze überſchaute, und für ſie Alle ſchon 159 gedacht, gehandelt, ließ den Bruder ſeine Erzäh⸗ lung ungeſtört beenden, ließ ihn von ſeinen Plä⸗ nen, ſeinen Hoffnungen ſprechen, und als er ge⸗ endet, legte er ihm und der Mutter mit klaren, einfachen Worten den Plan vor, den er ſich ſel⸗ ber für ſie ausgedacht. Nach Schildheim konnte und ſollte Georg nicht mehr zurück, in Ungarn aber, einem fernen, rei⸗ chen Lande, hatte Wolf in Gemeinſchaft mit ſei⸗ ner Mutter, die damals freilich noch nicht ahnte, zu welchem Zwecke, eine große prächtige Beſitzung billig angekauft. Dorthin wollten ſie Alle ziehen — dort ſollte die Mutter, im Kreiſe der Ihrigen, ihr Leben wieder friſch erblühen ſehen, und dort fand auch Georg die neue Heimath weit beſſer, als in dem fernen, überſeeiſchen Lande, das ſie auf's Neue nur getrennt und das kaum geknüpfte Band zerriſſen hätte. Georg wollte ſich dagegen ſträuben: es drängte ihn, ſelbſtſtändig aufzutreten und ſeine Lebens⸗ bahn mit eigener ſtarker Hand erſt aufzubauen und feſt zu begründen— aber die Mutter ließ ihn nicht — des Kindes wegen ſchon, das ſie umſchloſſen hielt. „Das haſt Du mir geſchenkt,“ ſagte ſie, un⸗ ter Thränen lächelnd, ſeine Hand gefaßt,„das 160 darfſt Du mir nicht wieder nehmen, wenn Du Dich ſelber zum zweiten Male vom Herzen der Mutter reißen könnteſt. Ihr Männer denkt vor Allem nur an Euch, wo aber dieſes arme Kind und die kleine Waiſe, deren Du Dich angenom⸗ men, und von der Du mir erzählt, eine Mutter wiederfinden ſollen, das fällt Dir gar nicht ein.“ „Und wenn ich nun daran gedacht hätte?“ rief Georg,„wenn ich Dir heute nicht allein den Sohn, nein, auch die Tochter brächte für Dein ſpätes Alter?“ Die Mutter und der Bruder ſahen erſtaunt zu ihm auf, Georg aber ſprang von ſeinem Sitze empor und verließ das Zimmer, und nach weni⸗ gen Minuten zurückkehrend, führte er an ſeiner Hand die Erzieherin ſeines Kindes, Adele, herein, die ſchüchtern und erröthend der alten Dame gegenübertrat. „Wenn ich Euch folge,“ ſagte er dabei,„ſo ſei es nur mit dieſer Bürgſchaft für unſer aller künftiges Glück. Adèle de Solère, aus einem alten, edlen franzöſiſchen Geſchlechte, deren Groß⸗ vater mit Karl dem Zehnten aus Frankreich ver⸗ bannt wurde und ſeine Enkelin, die Waiſe, in der Fremde zurückließ, iſt meinem Kinde nicht allein eine ſo treue Mutter geworden, und Joſephine hängt mit ſo herzlicher Liebe an ihr, ſie hat auch in der ſchweren letzten Zeit mir ſo treu und auf⸗ opfernd zur Seite geſtanden, daß weder ich noch meine Joſephine uns je wieder von ihr trennen können.“ Die alte Dame war bewegt von ihrem Sitze aufgeſtanden, und dem jungen, in ihrer Verlegen⸗ heit gar ſo lieben Mädchen entgegentretend, ſagte ſie freundlich:„Und wollen Sie, mein liebes Kind, wirklich Ihr Leben an das dieſes unruhigen, wil⸗ den Geiſtes feſſeln? wollen Sie meiner Enkelin eine Mutter, wollen Sie mir eine Tochter ſein?“ „Gnädige Gräfin!“ ſtammelte Adele verwirrt. Die alte, ſonſt ſo ſtolze Dame aber, ihr Herz von dem Glücke erweicht, das eigene, lang' beweinte Kind wiedergefunden zu haben, ſchloß ſie freund⸗ lich in die Arme, und an der Bruſt der Mutter, ſchluchzend in Glück und Jubel, hing Adele. „Herr Rittmeiſter haben befohlen,“ ſagte Karl, der in dieſem Augenblicke die Thür öffnete und, über die neue Umarmung betroffen, mitten in ſeiner Rede und der Thür ſtecken blieb. „Was giebt's?“ ſagte Wolf,„was haſt Du?“ „Herr Rittmeiſter haben befohlen,“ fuhr Karl raſch und etwas beſtürzt empor,„daß der Alte in dem grünen Rock zu Ihnen heraufkommen ſollte, Gerſtäcker, Der Kunſtreiter. III. 11 wenn er unten fertig wäre. Er ſteht vor der Thür.“— „Unſer alter Forſtwart Barthold von Schild⸗ heim, den uns Georg von dort mitgebracht,“ rief Wolf raſch,„Du kennſt Ihn ja, Mutter.“ „Gewiß; es iſt noch ein Stück aus der alten Zeit.“ „Er ſoll noch⸗warten,“ ſagte Wolf. „Zu Befehl, Herr Rittmeiſter.“ „Halt!“ rief Georg,„bitte, laß ihn herein— er gehört mit dazu, und in dieſem ſchönſten Augen⸗ blicke meines Lebens darf mir der alte Mann nicht fehlen, der noch mit treuem Herzen an dem wilden Knaben hängt.“ „An welchem Knaben?“ fragte Wolf erſtaunt. „An mir,“ erwiderte Georg,„aber er kennt mich nicht; laß ihn jetzt zu uns kommen, denn in der rauhen Schale ſteckt ein wackerer Kern.“ Wolf winkte ſeinem Diener, und wenige Se⸗ cunden ſpäter trat, den Hut verlegen in der Hand herumdrehend, der alte Mann in's Zimmer und blieb an der Thür ſtehen. „Kommt hieher, Forſtwart,“ ſagte Wolf,„ich freue mich, Euch hier und wohl zu ſehen.“ „Gnädigſter Herr Graf ſind gar zu gütig,“ ſagte der Alte, der Aufforderung Folge leiſtend. „Meine Mutter dort will Euch guten Tag ſagen.“ „Die gnädigſte Frau Gräfin auch hier?“ ſtot⸗ terte der Alte, während ſein Blick erſtaunt und verwirrt von ihr zu den beiden Söhnen hin⸗ überflog. „Kennt Ihr mich noch, Barthold?“ fragte die alte Dame,„es iſt eine lange Zeit, daß wir uns nicht geſehen haben.“ „Werd' ich Sie nicht kennen, gnädigſte Frau Gräfin!“ ſagte der alte Mann, indem er auf ſie zuging und die ihm gereichte Hand ergriff und küßte.„Ihr lieber Anblick thut meinen alten Augen wohl und bringt die alte, langverfloſſene Zeit wieder lebendig herauf.— Aber— wie iſt mir denn?“ ſetzte er hinzu, und wieder fiel ſein Blick von Wolf auf Georg,„ſo hatte ich es mir eigent⸗ lich wohl oft gedacht, aber...“ „Was habt Ihr Euch gedacht?“ „O, nichts, gnädigſte Frau Gräfin!“ rief der Alte beſtürzt,„nur alberne Gedanken von mir, wie es mir oft geſchieht, daß ich die Jahre ver⸗ wechſele und mich manchmal um ein Menſchen⸗ alter dabei verrechne. Halten Sie es mir zu Gute.“ „Wir ziehen nach Ungarn, Barthold,“ ſagte 11* —=———— Wolf,„hättet Ihr Luſt, Schildheim zu verlaſſen und uns zu begleiten?“ „Nach Ungarn— ſo? Es ſoll ein ſchönes, reiches Land ſein, mit prächtigen Wäldern und weiten Steppen, wie ich oft gehört— aber da⸗ heim— ich habe ſo viele alte Bekannte in mei⸗ nem Walde ſtehen, daß ſich das Herz wohl ſchwer von ihnen losreißen würde. Wenn der Herr Graf aber befehlen...“ „Von Befehlen iſt keine Rede, Barthold,“ ſagte Wolj;„es müßte Euer freier Wille ſein.“ „Wollt Ihr nicht mit uns gehen, Franz?“ ſagte Georg, ihn ruhig und lächelnd anſehend. „Franz?“ rief der alte Mann faſt erſchreckt, indem er den Redenden groß anſah.„Franz? lieber Gott, ſo hat mich nur Einer genannt, vor vielen, langen Jahren, und der.. „Den kennt Ihr nicht mehr, oder wollt ihn nicht mehr kennen?“ fragte Georg gerührt. „Den will ich nicht mehr kennen?“ rief Barthold, beſtürzt die Hände faltend,„großer Gott, wie iſt mir denn?— die Frau Gräfin hier und der Herr Graf und Sie— wie zwei junge Eichen von demſelben Stamme!“ „So habt Ihr mit dem Georg ſo lange ge⸗ lebt," ſagte dieſer herzlich,„und doch nicht ge⸗ neckt. Alter Franz, wollt Ihr mit uns gehen?“ „Bis an's Ende der Welt!“ ſchrie der Alte, dem die großen, hellen Thränen über die Backen liefen, indem er des jungen Grafen Hand ergriff und mit ſeinen Küſſen bedeckte,„bis nach Amerika und Auſtralien, und zu den Menſchenfreſſern, wenn's ſein muß! Guter, lieber Gott! nehmen Sie's nicht ungnädig, Herr Graf, aber das Herz iſt mir über und über voll, und ſolche Freude hatte ich mir nicht mehr gedacht. Der kleine Georg— ſo hat er doch Wort gehalten und iſt wiedergekommen— und wie ſich meine Vögel erſt freuen würden, wenn ich es denen noch erzählen könnte!“ „Ihr ſollt es nun erzählen, Barthold,“ ſagte freundlich Wolf,„wenn auch nur Euren Vögeln. Ihr mögt morgen wieder nach Hauſe reiſen, um Briefe von mir an den Verwalter und Eure Sachen gleich in Ordnung zu bringen. Jetzt geht zu Karl und laßt Euch Euer Frühſtück geben. Nachher ſprechen wir weiter.“ Wolf mußte heute für Alle denken; die Freude, einander wieder zu haben, hatte ſelbſt den ſonſt ſo ernſten und gefaßten Georg betäubt, daß er merkt, daß er derſelbe kleine wilde Burſche, ſei der damals auf Euch geritten und Euch bös ge⸗ 166 ſich, wie in einem Traume, nur noch dem Glücke hingab, der Mutter wieder zu gehören. Wäüährend aber die alte Dame jetzt, Adelens Hand in der ihren und mit der Rechten Joſephi⸗ nen an ſich preſſend, auf dem Sopha ſaß und ſich erzählen ließ, und auch die kleine Marie herüber⸗ gerufen worden war, nicht allein und verlaſſen in dieſem allgemeinen Glücke zu ſein, ging Wolf in ſein Schlafzimmer, ſich anzukleiden, um zur beſtimmten Zeit beim Kriegs⸗Miniſter einzutreffen. Um zwölf Uhr war er dorthin beſchieden worden, und es blieb ihm gerade noch Zeit, die Ralphen'ſche Wohnung bis dahin zu erreichen. 30. Als Wolf die breite, teppichbelegte Treppe hinaufſtieg, murmelte er leiſe vor ſich hin:„Zum letzten Mal!— Wie viel leichter iſt mir jetzt, da ich das Alles abgeſchüttelt habe! Melanie— es war ein ſchöner Traum, aber auch nichts weiter — ſie hat kein Herz, ſonſt hätte ſie nicht ſo ſich von mir losreißen können. Fort damit! In wenigen Wochen liegt das Alles nur noch in der Erin⸗ nerung“— und raſch die letzten Stufen hinauf⸗ ſpringend, bat er einen der herbeieilenden Diener, ihn bei Sr. Excellenz zu melden. Der Bediente erſuchte ihn, ihm nur zu folgen, . da Se. Excellenz ſchon nach dem Herrn Rittmeiſter gefragt hätten. Er führte ihn aber nicht nach des Miniſters Arbeitszimmer, ſondern nach Melanie's Gemächern und klopfte hier an, ehe Graf Geyer⸗ ſtein eine Einwendung dagegen machen konnte. „Herein!“ 168 Der Diener ſteckte den Kopf in die Thür und meldete:„Der Herr Graf von Geyerſtein ſind eben gekommen und laſſen anfragen, ob Excellenz...“ „Soll hereinkommen!“ rief die fröhliche Stimme des alten Herrn,„wollen die Sache gar nicht ſo förmlich machen.“ Der Diener warf die Thür weit auf, und ſeinen Helm im Arm, ſtand im nächſten Augen⸗ blicke Graf Geyerſtein auf der Schwelle von Me⸗ lanie's Zimmer, die ſich bei ſeinem ehrfurchts⸗ vollen Gruße verlegen halb von ihrem Sitze erhob. „So, das iſt recht, lieber Geyerſtein,“ ſagte die alte Excellenz, ihm herzlich die Hand reichend, „daß Sie ſo pünktlich Wort halten. Ich habe Ihnen heute auch eine angenehme Kunde zu bringen.“ 8 „Der Kanzleibote ſteht auch noch im Vorſaale, Excellenz,“ erinnerte der Diener. „Lieber Gott, auch den hatte ich ganz vergeſſen!“ rief der Kriegsminiſter, unwillig mit dem Kopfe ſchüttelnd,„den muß ich erſt abfertigen— aber das iſt gleich geſchehen. Bleiben Sie nur einen Augenblick hier bei meiner Tochter— ich bin gleich wieder da und bringe Ihnen dann auch die Papiere mit.“ 2 169 „Welche Papiere, Excellenz?“ „Werden ſchon ſehen— daß Du mir indeſſen nicht plauderſt, Melanie!“ Und der Tochter mit dem Finger drohend, verließ der alte Herr das Zimmer. „Wollen Sie nicht Platz nehmen, Herr Graf?“ ſagte Melanie leiſe. Graf Geyerſtein nahm, ohne ſeinen Helm ab⸗ zulegen, ſich leicht verneigend, einen Stuhl der jungen Dame gegenüber. „Ich hoffe nicht, daß ich ſtöre, Comteſſe.“ Melanie verneinte durch eine Bewegung. „Dann möchte ich den mir vergönnten Augen⸗ blick zugleich benutzen, mich Ihnen— vielleicht auf längere Zeit— zu empfehlen.“ „Sie wollen wieder auf Urlaub gehen?“ ſagte Melanie, und ein eigenes, wehes Gefühl ergriff ihr Herz. „Dieſes Mal nicht,“ ſagte Graf Geyerſtein ruhig,„der Zweck meines Beſuches bei Sr. Excel⸗ lenz iſt, ihn darum zu bitten, mein Entlaſſungs⸗ Geſuch aus»sssſchen Dienſten bei dem Fürſten zu befürworten. Ich habe im Sinne, den Dienſt für immer zu quittiren.“ „In der That?“ ſagte Melanie ruhig—„um ſich auf Ihre Güter zurückzuziehen?“ 1⁰0 „Ja, Comteſſe— mit meiner Mutter. Die Gräfin Geyerſtein hat mich heute Morgen durch ihre Ankunft überraſcht. Ich habe eine Beſitzung in Ungarn gekauſt, die ich ſelber zu bewirthſchaften gedenke.“ „Mit Ihrer Mutter?“ rief Melanie erſtaunt. „Finden Sie das ſo außerordentlich, Comteſſe? Wir haben ſo lange getrennt gelebt, daß wir Beide das Bedürfniß fühlen, von jetzt an einander näher zu ſtehen.— Meine Familie wird von da an auch das Einzige ſein, auf das ich angewieſen bleibe.“. Melanie neigte leiſe das Haupt, erwiderte aber nichts.— Sollte die alte, ſtolze Gräfin Geyerſtein ein ſolches Verhältniß billigen können? Sollte ſich der Graf ſelber ſo weit vergeſſen, jener— Frau die Hand zu reichen?— Die Gedanken tauchten in ihr auf, ohne daß ſie ſich ſelber Rechenſchaft zu geben wußte. Das Geſpräch überhaupt wurde ihr peinlich— ſie wünſchte, daß ihr Vater zurück⸗ komme, und mehr um die drückend werdende Stille zu unterbrechen, als eine Antwort zu erhalten, ſagte ſie nach einer Pauſe:„Sie hatten noch ein anderes Gut, wenn ich nicht irre, Schildheim?“ „Allerdings, Comteſſe.“ „Es ſoll reizend gelegen ſein.“ 171 „Hat Ihnen vielleicht Herr von Zühbig eine Beſchreibung davon geliefert?“ fragte Graf Geyer⸗ ſtein plötzlich mit ſo kalter und ſcharfer Betonung, daß Melanie überraſcht, faſt erſchreckt zu ihm aufſah. „Ich wußte nicht,“ ſetzte ſie raſch hinzu,„daß Ihnen ſchon die Erwähnung jenes Gutes ſo un⸗ angenehm war; ich würde es ſonſt vermieden haben.“ „Comteſſe,“ ſagte Graf Geyerſtein, ſich lang⸗ ſam von ſeinem Stuhl erhebend,„ich weiß nicht, auf welche Art Sie in den Beſitz meines Geheim⸗ niſſes gelangt ſind— ſogar ehe ich ſelber im Stande geweſen war, es Ihnen zu enthüllen, denn ich hatte keine Ahnung, daß Sie es mit ſolcher Strenge beurtheilen würden.“ „Herr Rittmeiſter!“ rief Melanie erſtarmtt „Wie dem aber auch ſei,“ fuhr Wolf bewegt und ernſt fort,„ich habe mir keinen Vorwurf zu machen. Was jugendlicher Leichtſinn verbrach, hat der Mann gebüßt und gut gemacht, ſo viel in ſeinen Kräften ſtand.“ „Herr Graf,“ ſagte Melanie ruhig,„ich hoffe nicht, daß Sie mir gegenüber eine Entſchuldigung des Geſchehenen für nöthig halten, wie ich eben ſo darauf verzichte, die Triebfedern zu erfahren, 172 welche Sie zu handeln zwangen, wie— Sie eben nun einmal gehandelt haben.“ „Nein, Comteſſe,“ ſagte der Rittmeiſter, wäh⸗ rend auch der letzte Blutstropfen ſeine Wangen verlaſſen hatte,„meine Worte ſollen, ſelbſt Ihnen gegenüber, keine Entſchuldiguug enthalten. Wie ich gehandelt habe, ich konnte nicht anders, ich hätte denn das igene Herz, das Herz der Mutter zerfleiſchen müſſen. Mir blieb nur die Wahl, mich von meinem Bruder loszuſagen und ihn rettungs⸗ los auf der eingeſchlagenen Bahn zu Grunde ge⸗ hen zu laſſen, oder ihn mit ſtarker hülfreicher Hand zu faſſen und mir, der Mutter— der Welt zu erhalten. Ich habe dabei gehandelt, wie ich es mit meiner Ehre, mit der Ehre meines Na⸗ mens vereinbarlich hielt— daß ich Sie dadurch verloren, Melanie, ſchmerzt mich tief, nicht allein meinet⸗— nein, auch Ihretwegen; aber ſelbſt um dieſen Preis, um den ich mein Leben ſelber gerw und freudig in die Schanze ſchlagen würde — ſebſt um dieſen Preis möchte ich das, was ich 3 gethan, nicht ungeſchehen machen.“ „Von Ihrem Bruder?“ ſagte Melanie, die den letzten, leidenſchaftlichen Worten des Mannes mit immer wachſender Spannung gelauſcht— „Sie ſprechen in Räthſeln, Herr Graf. Ich habe 173 keine Ahnung gehabt, daß Ihnen überhaupt ein Bruder lebt.“— Graf Geyerſtein ſah die Sprechende groß und erſtaunt an.„Gnädige Comteſſe,“ ſagte er,„für eine bloße geſellſchaftliche Redensart iſt Ihr Er⸗ ſtaunen zu wahr— wenn aber nicht— was dann noch konnte Sie bewegen, mich ſo zurück⸗ zuweiſen— woher wußten Sie dann von einer — entehrenden Verbindung, in der ich mit jener Kunſtreiter⸗Geſellſchaft geſtanden?“ „Aber was— was hat Ihr Bruder mit den Kunſtreitern zu thun?“ fragte Melanie, durch das ernſte, ſtolze Benehmen des Grafen nur noch ver⸗ wirrter gemacht. „Entweder Sie ſpotten meiner,“ entgegnete Graf Geyerſtein bewegt,„und kein Augenblick wäre unglücklicher dazu gewählt geweſen, als der jetzige, oder ein eigenes Verhängniß hat uns Beide verwirrt. Antworten Sie mir ehrlich, Comteſſe Melanie— es ſoll die letzte Frage ſein, die ich in dieſem Leben an Sie ſtelle— wußten Sie nicht, daß Georg Bertrand mein Bruder ſei?“ „Georg Bertrand?“ hauchte Melanie, in To⸗ desſchreck die Hände faltend,„ſo wahr ich einſt ſelig zu werden hoffe— nein.“ „Welch' anderes Geheimniß flößte Ihnen denn —164 ſolche Verachtung gegen mich ein, Comteſſe?“ ſagte der Graf ruhig—„aber ich habe nicht danach zu fragen,“ brach er kurz und bitter ab.„Daß ich, der Graf Geyerſtein, der Adjutant des Fürſten und Officier, den Kunſtreiter als meinen Bru⸗ der anerkannte, daß ich ihn jenem Leben, in das ihn ſein jugendlicher Leichtſinn geworfen, entzog,, daß ich ihn nach Schildheim brachte, freilich in der vergeblichen Hoffnung, auch ſeine Frau einem geregelten Leben zu gewinnen— und heute nun geerntet, wo ich geſäet, heute den Sohn wieder an das Herz der Mutter legen konnte und ſeinem Haupte ihren Segen gerettet habe, das hielt ich für mein Verbrechen Ihnen gegenüber— das einzige, deſſen ich mich ſchuldig weiß, und damit werde ich mich jetzt von einem Stande zurückziehen, dem ich, wie ich bis heute glauben mußte, Ih⸗ rer Meinung nach nicht mehr mit Ehren ange⸗ hören konnte.“ „Graf Geyerſtein!“ rief Melanie, und ihre ganze Geſtalt zitterte, ihr Auge hing in Schmerz und Angſt an den bleichen, ernſten Zügen des jungen Mannes. Dieſer aber fuhr ruhig fort: „Eine große und ſchwere Laſt wäre von mei⸗ ner Seele genommen, wüßte ich, daß dem nicht ſo ſei.— Doch wie auch immer, Comteſſe, leben — 175. Sie wohl, und vielleicht bringt Ihnen einmal eine ſpätere Zeit die Ueberzeugung, daß der Mann, der es gewagt hatte, ſelbſt Ihren Beſitz zu er⸗ hoffen, deſſen vielleicht nicht würdig geweſen ſei— nie aber ſeiner ſelbſt unwürdig gehandelt haben konnte. Leben Sie wohl— ich ſehe, meine Nähe iſt Ihnen peinlich; ich werde die Rückkunft Sr. Excellenz im Vorſaal erwarten.“ Er verbeugte ſich vor der jungen Gräfin und wollte ſich ſo verabſchieden; da aber hielt ſich Me⸗ lanie nicht länger. „Graf Geyerſtein!“ rief ſie, die Arme nach ihm ausſtreckend,„Wolf!— können Sie mir ver⸗ zeihen?“ „Melanie!“ hauchte der Graf, in freudigem Schreck zu ihr aufſchauend; die Jungfrau aber, ihrer ſelber nicht mehr mächtig, wankte auf ihn zu, und ihr Haupt an ſeine Bruſt legend, während Wolf in jubelndem Entzücken ſie an ſich preßte, flüſterte ſie: „Wie tief und unverdient habe ich dieſes edle, treue Herz gekränkt!“ „Charmant!“ rief in dieſem Augenblicke die lachende Stimme des alten Herrn, der gerade in der Thür erſchien.„Da mache ich mir drüben die bitterſten Vorwürfe, daß ich den Grafen ſo 176 lange warten und ſich langweilen laſſe, und in der Zeit hat der meine eigene Tochter beim Kopf und antichambrirt auf die Art nach Herzensluſt. Was machen Sie da, Geyerſtein?“ „Excellenz!“ „Er hat mich gebeten, Väterchen,“ ſagte da Melanie, unter Thränen lächelnd, während ſie ihre Stellung nicht verließ und nur etwas den Kopf gegen den Vater wandte,„doch ſein Fürſprecher zu ſein, daß Du ihm ſeine Entlaſſung aus eeeſchen Dienſten bewilligteſt. 3 „Das ſieht beinahe ſo aus,“ lachte der Kriegs⸗ Miniſter,„und Entlaſſung aus dem Dienſte? Was⸗ fällt dem Herrn Major denn jetzt auf einmal ein, den Dienſt zu quittiren, in dem er ſich als Rittmeiſter ſo lange Jahre wohlbefunden?“ „Major?“ rief Graf Geyerſtein, erſtaunt den Kriegs⸗Miniſter anblickend, der ein großes, mit einem mächtigen Siegel petſchirtes Couvert in der Hand und ihm lachend entgegenhielt. „Da auf dem Ding,“ rief er dabei,„ſteht we⸗ nigſtens die Ueberſchrift groß und breit, dem Ma⸗ jor Grafen Wolf von Geyerſtein, von des Fürſten eigener Hand geſchrieben. Den Herrn Major werde ich jetzt aber auch um eine Erklärung bitten und beſonders fragen müſſen, ob er ſeine Warte⸗ zeit nicht beſſer anzuwenden weiß, als anderer Leute Töchter die Köpfe zu verdrehen?“ „Excellenz,“ ſagte der junge Mann, in einem wahren Taumel von Glück und Seligkeit, ohne jedoch die noch immer an ihn geſchmiegte Melanie aus ſeinem Arm zu laſſen,„ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich in dieſem Augenblicke ſelber nicht weiß, wo mir mein eigener Kopf ſteht— ich bin zu glücklich, zu ſelig, Sie auch nur...“ „Um Deinen Segen zu bitten, Papa!“ flüſterte Melanie, ſich ihm entwindend und zum Vater eilend, an deſſen Hals ſie flog.„Ich war ein böſes— böſes Kind, Papa, und habe viel, gar ſehr viel gut zu machen; aber,“ ſetzte ſie mit herz⸗ lichem Tone hinzu, indem ſie dem Ueberglücklichen die Hand entgegenſtreckte,„auch eine ganze Lebens⸗ zeit vor mir, es zu vollbringen.“ „Dann nehmt von ganzer Seele meinen Segen,“ ſagte der alte Herr gerührt.—„Sie, Graf, war ich gewohnt, ſeit langen Jahren als mit zum Hauſe gehörig zu betrachten, und daß Sie die letzten Monate ſich dem ſo entfremdeten, hat mir weh gethan. Die Sache hattet Ihr Beiden mitſammen⸗ auszumachen, und nur die Pläne, die Eure Mama — aber alle Teufel, weiß denn die Mutter ſchon um dieſes Bündniß, das die beiden kriegführen⸗ Gerſtäcker, Der Kunſtreiter. III. 12 ——g—V 173 den Mächte auf einmal mit einander geſchloſſen haben?“ Melanie ſchüttelte den Kopf. „Gut,“ lachte der alte Herr ſtill vor ſich hin, „dann kann ſie ſich die Neuigkeit gleich ſelber holen, denn das iſt ihre Stimme draußen. Und nun, Herr Major, bitte ich mir auch aus, daß Sie mich nicht den ganzen Tag hier mit dem Patent in der Hand ſtehen laſſen. Sie ſcheinen ſich keinen Pappenſtiel daraus zu machen.“ „Beſter Vater!“ „Ahem, da bekomme ich gleich auch einen neuen Titel. Schön, werde augenblicklich Gebrauch da⸗ von machen.— Frau von Ralphen,“ wandte er ſich in dem Moment zu der eben eintretenden Excellenz, die mit einem Briefe in der Hand das Zimmer ihrer Tochter betrat und überraſcht ſchien, den Grafen Geyerſtein hier zu finden.„Ich habe die Ehre, Ihnen hier Herrn Major von Geyer⸗ ſtein vorzuſtellen, der Sie durch mich erſuchen läßt, ihm für heute Abend ein gutes Souper herzu⸗ richten und ihm in Zukunft eine gnädige liebevolle Schwiegermutter zu ſein.“ „Eine Schwiegermutter?“ rief die alte Dame, im höchſten Erſtaunen von Einem zum Andern blickend—„Melanie!“ „Meine liebe, liebe Mutter!“ flüſterte Melanie⸗ an der Mutter Bruſt,„ich habe ihn ja immer geliebt— und bin ſo glücklich jetzt— ſo her⸗ zensfroh!“ „Aber, liebes Kind,“ ſagte die alte Excellenz beſtürzt,„das iſt— Herr Graf, Sie entſchuldigen — eine Wendung, auf die ich in der That nicht gefaßt war. Graf Selikoff ſchreibt mir ſo eben, daß er Dich um Deine entſcheidende Antwort bittet, da er in wenigen Tagen hier wieder eintreffen will.“ „Nun, da iſt ja noch gar nichts verſäumt,“ lachte Herr von Ralphen gutmüthig—„da kann er's ja noch immer bis dahin erfahren.“ „Aber, Melanie!“ rief Frau von Ralphen. „Haſt Du dem Grafen Selikoff ein Verſprechen gegeben?“ „Nein, Papa.“ „Oder ihm Hoffnungen gemacht?“ „Nie,“ ſagte Melanie mit feſter Stimme, ihrem Vater dabei offen in's Auge ſchauend. „Bon!“ ſagte der alte Herr, ſich vergnügt die Hände reibend.„Der Selikoff iſt ein herzens⸗ guter und ganz geſcheidter Menſch, mit dem man recht angenehmen Umgang haben kann, und hätte ihn Melanie zu ihrem Gatten gewählt, 12* 2 180 nun, ſo würde ich mich dem gefügt haben, denn meinem Kinde will ich keinen Zwang anthun. Wie die Sache aber jetzt ſteht, iſt mir der neuge⸗ backene Major lieber, und daß auch Du ihm eine freundliche Mutter ſein wirſt, dürfen wir von Dir erwarten.“ „Aber ich begreife gar nicht.. „Nachher, Mütterchen, ugere bat Melanie, während Graf Geyerſtein auf ſie zuging und ehr⸗ furchtsvoll ihre Hand an ſeine Lippen zog—„der Graf ſelber begreift es noch nicht, und ihm bin ich vor allen Anderen eine Erklärung ſchuldig, dann kommſt Du und Papa auch daran. Nicht wahr, Ihr laßt mich einen Augenblick mit ihm allein?“ .„Ja, wenn wir hier aus dem Zimmer ge⸗ worfen werden, Mütterchen, dann müſſen wir wohl gehen,“ lachte Herr von Ralphen;„und ob mir der verzweifelte Menſch nur den Brief aus der Hand genommen hätte,“ ſetzte er hinzu, indem er das Schreiben mit komiſchem Zorn auf den Tiſch warf. 1 Und das Alles hier wollte die Mutter noch einmal beginnen, ihr Gatte aber nahm ihren Arm in den ſeinen, und mit einem freundlichen„Macht's —* 181 kurz, Ihr Beiden, und Sie, Major, kommen dann zu mir hinüber,“ zog er die noch immer halb Widerſtrebende lachend aus der Thür und mit ſich in ſein Arbeitszimmer, dort den glücklichen Bräutigam zu erwarten. 31. Bei Herrn von Zühbig war großes Diner zur Geburtstagsfeier der gnädigen Frau. Geladen waren: Herr Geheimer Medicinal⸗ rath von Zädnitz mit Gemahlin, Herr General von Schoden mit Fräulein Euphroſyne von Scho⸗ den, Herr Geheimer Finanzrath von Eitelbrand mit Gemahlin und Tochter, Fräulein Francisca von Zahbern, Herr Baron Hugo von Silberglanz, Herr Gerichts⸗Aſſeſſor Freiherr von Helmersdorf. Das Diner war verzehrt, die Diener ſchafften Schüſſeln und Weinflaſchen hinaus, die Damen und Herren hatten ſich in einen benachbarten Sa⸗ lon begeben, wo Kaffee ſervirt wurde, und wäh⸗ rend ſich die Gäſte hier in kleinen Gruppen ab⸗ ſonderten, gelang es dem Geheimen Medicinal⸗ rath von Zädnitz endlich, wonach er ſchon lange geſtrebt, den Baron Hugo von Silberglanz in einem Knopfloch zu erwiſchen. 1 183 „Aber, mein Herr Baron,“ rief der etwas ausgetrocknete Herr, indem er ſein ſcharf mar⸗ kirtes Geſicht in ein ſüßliches Lächeln zog, „man wird Ihrer ja gar nicht habhaft, und ich habe mir bis jetzt die größte, wenn auch immer vergebliche, Mühe gegeben, Ihnen auch nur ein⸗ mal für einen Moment beizukommen.“ „Herr Geheimer Medicinalrath, ich ſtehe ganz zu Ihren Dienſten,“ ſagte unſer alter Freund, Hugo von Silberglanz, mit einer tiefen Verbeu⸗ gung,„Sie haben nur zu befehlen.“ „Zu bitten, Verehrteſter, zu bitten, nämlich um einige Data über Ihre franzöſiſche Reiſe.— Ach Paris, Baron— es giebt doch nur ein Paris!“ „Da kommen Sie uns zu Hülfe, mein lieber Medicinalrath,“ ſagte Fräulein von Zahbern, die an ſeiner Seite ſtand.„Aus dem Baron iſt aber nicht ſo viel herauszubekommen. Wiſſen Sie, daß ich ihn in Verdacht habe, in Paris unter die Freimaurer gegangen zu ſein?“ „Ich glaube ſchwerlich, daß er dazu in Pa⸗ ris wird Zeit gehabt haben,“ lächelte die Frau Geheime Medicinalräthin, eine volle üppige Ge⸗ ſtalt, neben der ihr Gatte ſich in den Falten ſei⸗ nes Fracks zu verlieren ſchien. 8 184 „Allerdings nicht, gnädige Frau,“ ſagte von Silberglanz, ſich verneigend,„ich war ſehr be⸗ ſchäftigt dort, wenn auch nicht in der Weiſe, wie Sie zu glauben ſcheinen. Aber auch Fräulein von Zahbern thut mir unrecht, denn ein ſo ſchlech⸗ ter Erzähler bin ich doch wahrhaftig nicht.“ „Mein lieber Silberglanz,“ nahm aber auch Herr von Zühbig gegen ihn Partei, indem er ſeine kleine Geſtalt mit dem vom genoſſenen Weine ſeligen Geſicht zwiſchen die Gruppe ſchob.„Die Damen haben vollkommen recht— ganz ausſchließ⸗ lich. Sie ſind eine Sphinx, eine wahre ſteinerne Sphinx, und da wir Sie jetzt hier eingefangen und feſt haben, mache ich den Vorſchlag, Sie nicht eher wieder frei zu geben, als bis Sie uns Ihr Abenteuer aus Schildheim gebeichtet haben.“ „Aber, Baron, ich bitte Sie um tauſend Got⸗ teswillen,“ flüſterte leiſe und erſchreckt Hugo von Silberglanz. „Thut mir leid, hilft Ihnen aber nichts,“ lachte von Zühbig, der ſich gerade in einer Stim⸗ mung befand, alle leichteren Hinderniſſe des menſch⸗ lichen Lebens als gar nicht beſtehend zu betrachten. „Machen Sie keine unnöthigen Schwierigkeiten, Freund, Sie ſitzen einmal in der Falle.“ „Bravo! bravo!“ rief fröhlich in die Hände ————— 3 185 ſchlagend Fräulein von Zahbern, die ſich heute ſchon den ganzen Tag in ausnahmsweiſe froher und heiterer— ſelbſt harmloſer Stimmung befand — etwas, das ſich von der jungen Dame nicht immer ſagen ließ.„Da in die Ecke wollen wir ihn ſetzen laſſen, Herr von Zühbig, und dann Wache bei ihm ſtehen, bis er auch das Letzte ge⸗ beichtet hat.“ „Aber was iſt das mit Schildheim?“ fragte die Frau Medicinalräthin.„Iſt das nicht das Gut, das der Gräfin Geyerſtein gehört und da oben irgendwo an der ſchwediſchen oder norwe⸗ giſchen Gränze liegt?“ „Daſſelbe, Verehrteſte,“ ſchmunzelte von Züh⸗ big,„und unſer leichtfertiger Baron hat da, wie ich fürchte, ein Paar abnorme Abenteuer beſtan⸗ den, von denen es ſeine Beſcheidenheit jetzt nicht erlaubt, Rechenſchaft zu geben.“ „Ein Paar gleich,“ ſagte die Frau Geheime Medicinalräthin, und ſollte ihm ſeine Beſchei⸗ denheit dabei wirklich im Wege ſtehen? Die iſt ſonſt Ihr Fehler nicht, nicht wahr, Baron?“ „Gnädige Frau,“ erwiderte von Silberglanz etwas piquirt,„es thut mir leid, Ihnen diesmal widerſprechen zu müſſen, denn meine Beſcheiden⸗ heit verbietet mir allerdings, verſchiedene Aben⸗ 8 4 186 teuer zu erwähnen, und dieſe nicht allein, ſon dern auch meine Discretion.“ „Aber Herr Baron,“ klagte Fräulein von Zah⸗ bern,„Sie machen uns dadurch ja nur noch im⸗ mer neugieriger.“ „Seien Sie nicht ängſtlich, mein gnädiges Fräulein,“ beruhigte ſie von Zühbig mit einer entſprechenden Handbewegung,„ſeine Discretion erſtreckt ſich niicht bis auf Hölderlein's Keller, und dort hat er er mir ſchon, gleich geſtern nach ſei⸗ ner Ankunft, und trotz dieſer entſetzlichen Dis⸗ cretion ein offenes Bekenntniß der Haupt⸗Data wenigſtens abgelegt...“ „Aber dabei auf die Ihrige gerechnet, Baron.“ „Ohne Vorbehalt, Freundchen,“ ſchmunzelte von Zühbig gnädig den kleinen Mann an, nohne den geringſten Vorbehalt.“ „Aber Sie werden doch nicht...“ „Erzählen, daß Sie die göttliche Georgine Bertrand wirklich entführt, und ſie jetzt, ein zwei⸗ ster Aeneas, auf Naxos haben ſitzen laſſen? Gott bewahre,“ lachte von Zühbig,„das wäre in der That indiscret.“ „Ich will doch nicht hoffen,“ miſchte ſich hier etwas raſch Frau von Zühbig in das Geſpräch. „Daß er ſo glücklich war?— allerdings,“ lachte ihr Gatte,„aber das Intereſſanteſte verſchweigt er grauſamer Weiſe.“ „Aber, Baron, ich bitte Sie ernſtlich.“ „Bſt! Freundchen, jeder ſolcher, der Geſellſchaft vorenthaltene Punkt iſt ein Raub, den wir an ihrer Unterhaltung, alſo an ihrer ganzen Exiſtenz begehen, und ſollte einen Platz im Criminal⸗Ge⸗ ſetzbuche finden, wenn überhaupt Gerechtigkeit in der Welt wäre.— Er verſchweigt nämlich, was geſchehen iſt, als er mit dem betrogenen und ge⸗ kränkten Gatten wieder zuſammentraf.“ „In der That?“ rief Fräulein von Zahbern, jetzt ganz Ohr. „Und etwas muß da vorgefallen ſein,“ fuhr von Zühbig erbarmungslos fort. „Lieber Zühbig,“ ſagte von Silberglanz ent⸗ ſchloſſen,„Sie mögen mich als einen indiscreten oder vielmehr zu vertrauensvollen Freund kennen gelernt haben, aber daß ich ein Prahlhans ſei, kann mir Niemand vorwerfen.“ „Alſo Sie haben ſich duellirt?“ fragte Fräu⸗ lein Francisca raſch.„Gott! wie ſchrecklich!“ „Sie ſehen, mein gnädiges Fräulein, daß ich noch geſund vor Ihnen ſtehe,“ bemerkte von Sil⸗ berglanz. „Und Monſieur Bertrand iſt eben ſo geſund ——— 9ℳ- 188 davon gekommen,“ kaute der Geheime Medicinal⸗ rath mit ſeiner breiten Stimme und einem ver⸗ gnügten Grinſen. „Aber woher weißt Du das?“ ſagte ſeine Frau. „Woher, mein Schatz?— als ob ein Mann in meiner Stellung nicht Alles wiſſen müßte!“ „Alles?“ lächelte die Frau Geheime Medi⸗ cinalräthim und warf ihrem Gatten einen ſpöt⸗ tiſchen Snbtic zu. „Alles, mein Kind,“ beſtätigte ihr Mann, „und daher weiß ich denn auch, daß eben dieſer Georg Bertrand vor etwa drei Wochen drei ganze Tage lang im Hauſe des Grafen Geyerſtein war und dort mit ſeinem Kinde gewohnt hat.“ „Mit ſeiner Tochter?“ rief von Silberglanz raſch. „Mit ſeiner Tochter. Sie ſcheinen auch in der Familie näher bekannt.“ „Aber, Herr Medicinalrath,“ rief Fräulein von Zahbern,„davon ſollten wir in der Reſidenz gar nichts erfahren haben?“ „Daß es Ihnen entgangen iſt, mein gnã⸗ diges Fräulein, wundert mich ſelber,“ bemerkte der Geheime Medicinalrath;„aber ſeine Abreiſe ſtand mit der der Gräfin Geyerſtein in genaueſter ₰. 6 — Verbindung, denn ſie ſind— in einem Wagen zuſammen abgereiſt.“ „Und davon haben Sie uns die ganze lange Zeit kein Wort geſagt?“ „Dann hat ihn auch die alte Gräfin mit auf ihre neuen ungariſchen Güter genommen,“ rief von Zühbig,„und dahin iſt denn auch jedenfalls vor acht Tagen das junge Ehepaar nachgereiſt.“ „Aber in welcher Verbindung könnte Georg Bertrand mit ihnen ſtehen?“ fragte die Geheime Medicinalräthin;„Francisca, das müßten Sie uns eigentlich herausbekommen. Sie ſind ja mit der alten Excellenz von Ralphen Ein Herz und Eine Seele, und Melanie...“ „Ich habe ſeit dieſer Verbindung keinen Fuß wieder in das Haus geſetzt,“ ſagte Fräulein von Zahbern, den Kopf ſtolz zurückwerfend. „Ein neues Räthſel,“ rief der Geheime Me⸗ dicinalrath,„und die ganze Stadt behauptete, es ſei einzig und allein Ihr Werk geweſen.“ „Dann thut mir die ganze Stadt zu viel Ehre an,“ erwiderte Fräulein von Zahbern kalt.„Me⸗ lanie hat den Grafen Geyerſtein nur genommen, weil ſie ſich Hoffnungen auf Selikoff gemacht hatte und dieſe zuletzt doch wohl nicht haltbar fand. Sie mochte nicht als alte Jungfer ſterben.“ „Sehr vernünftig von der jungen Dame,“ bemerkte der Geheime Medicinalrath mit einem bedenklichen Blicke auf Fräulein von Zahbern, der aber von dieſer glücklicher Weiſe nicht be⸗ merkt wurde. „Apropos Selikoff,“ ſagte von Silberglanz, der bei der neuen Wendung des Geſpräches eine Laſt von ſeinem Herzen gewälzt fühlte. Als ich damals abreiſte, hieß es ja, daß er nur nach Petersbutg ginge, um einige Geſchäfte dort zu ordnen.“ „Das hieß damals ſo,“ ſagte Frau von Zädnitz; „ſeit ſich die Sachen hier aber ſo geändert haben, wird er ſchwerlich wiederkehren.“ „Gnädige Frau möchten ſich darin doch viel⸗ leicht irren,“ erwiderte Fräulein von Zahbern, und ein eigener triumphirender Blick ſchoß dabei nach dem Baron Silberglanz hinüber, von dem er je⸗ doch total abprallte.„Ich weiß aus ganz ſicherer Quelle, daß Melanie von Ralphen keinen Ein⸗ fluß auf ſein Herkommen oder Wegbleiben hat, und daß er alſo, trotz Comteſſe von Ralphen's Heirath, und ſehr unbekümmert darum, in etwa vierzehn Tagen wieder hier eintreffen wird.“ „Ei, ei, mein gnädiges Fräulein,“ ſchmunzelte von Zühbig,„ſollen wir da vielleicht veranlaßt — ¼,— ——ᷣ—ᷣ—ᷣ—ᷣ—ᷣ—ᷣ—— 191 werden, andere zarte Bande als Magnet zu be⸗ trachten, die ihn hieher ziehen könnten? Selikoff hat Ihnen einmal, ehe er ſich ſo ganz nach Ralphen's hinzog, entſetzlich die Cour gemacht.“ „Nein, da thun Sie Fräulein von Zahbern unrecht, Herr Baron,“ rief der Geheime Medici⸗ nalrath, ihre Partei ergreifend,„diesmal iſt das gnädige Fräulein nicht allein vortrefflich unter⸗ richtet, ſondern intereſſirt ſich auch aus vollkom⸗ men uneigennützigen Abſichten für den jungen Ruſſen. Allerdings iſt dieſer über ſeine ſich früher geſetzte Zeit ausgeblieben— wahrſcheinlich hat er nicht früher nach*es zurückkehren können— jetzt weiß ich aber beſtimmt, daß er in vier⸗ zehn Tagen wieder hier eintreffen wird, um— der Reſidenz ſeine junge Frau vorzuſtellen.“ Fräulein von Zahbern ſah vor ſich nieder und flüſterte:„Nun, mein Herr Medicinalrath, ſo weit iſt die Sache denn doch eigentlich nicht.“ „Allerdings, mein gnädiges Fräulein— Par⸗ don, wenn ich Ihnen widerſpreche. Die Trauung wird am 17. dieſes Monats mit der jungen Fürſtin Orlikoff vollzogen werden.“ Fräulein Francisca wurde leichenblaß; im näch⸗ ſten Moment aber auch ſchon zog ſich ein höh⸗ niſches Lächeln um ihre Lippen, und ſie erwiderte: * „Der Herr Geheime Medicinalrath geruhen zu phantaſiren, die Braut ſoll er ſich wohl im Vor⸗ beigehen aufgeleſen haben.“ „Bitte um Entſchuldigung,“ entgegnete von Zädnitz mit der boshafteſten Gefliſſenheit,„er hat um ſie nach alten Rechten und Gebräuchen ge⸗ worben— wahrſcheinlich, um Comteſſe Ralphen zu beweiſen, daß er nicht um eine gute Partie verlegen zu⸗ſein braucht— und die junge Vürſtin ſoll eine der erſten Partien in Petersburg ſein.“ „Es iſt eine boshafte Erfindung von Ihnen,“ ſagte Fräulein von Zahbern, indem ihr Antlitz eine faſt dunkle Färbung annahm und ihre Augen wie ein Paar Brillanten leuchteten. „Dann habe ich auch wahrſcheinlich dieſen Brief gefälſcht,“ ſagte der Geheime Medicinalrath, indem er ein Couvert aus der Taſche und ſorgfältig und ſehr langſam ein zierliches Billet aus dieſem nahm. Höchſt vorſichtig und umſtändlich faltete er es da⸗ bei auseinander, indeß Fräulein Francisca wie auf Nadeln neben ihm ſtand und ſich augen⸗ ſcheinlich alle Gewalt anthun mußte, es ihm nicht aus den Fingern zu reißen. Der Geheime Me⸗ dicinalrath ſah das auch recht gut, wenn ſein Auge aauch nicht nach ihr hinüberflog, und ein leiſes Lächeln zuckte ihn dabei um die dünnen Lippen. 4 4 4 uu ſſſſſffiſffnniſſſſſſſſſſſſſſſſss-ſſſſſſſſ 12 13 14